„ 5 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmann in Gießen, 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ. eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 9 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. D„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . . 5 . 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch daſür zu ſtehen haben. S———— Alhum. Jibliotheh dentſcher Originalromant. Herausgegeben von J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. Dritter Band. Frau von Staöl. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Fruu von Stasl. Pingraphiarher Rnmau von Amely Bölte. Drilter Band. Prag, 1859. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Inhatt. ——— Seite Erſtes Capitel Der Aufenthalt in Coppet..... Zweites Capitel. Benjamin Conſtant de Rebecque. 22 Prittes Capitel. Der erſte Geſandte in der neuen Republik 36 piertes Capitel. Das neue Paris.. 50 Fünftes Capitel. Schuld und Sühne....— 65 Sechſtes Capitel. Madame de Monteſſon.... 178 Siebentes Capitel. Paris im Jahre 1800.... 28 † Achtes Capitel. Die erſte Verbannung... 12122 Ueuntes Capitel. Drei Monate in Weimar. 146 Behntes Capitel. Der hyperboräiſche Eſel. 168 Elftes Capitel. Ein Abend bei Henriette Herz.. 182 Zwölftes Capitel. Die Reiſe nach Rom. 106 Preizehntes Capitel. Der Haß Napoleon's. 208 Pierzehntes Capitel. Prinz Auguſt in Coppet 224 Funfzehntes Capitel. Der ſieche Held.. 249 Sechzehntes Capitel. Die Flucht.. 2269 Siebzehntes Capitel. Die Adler in den Tuilerien 283 Achtzehntes Capitel. Der letzte Lebenstraum 293 Frun von Stasl. Dritter Theil. Erſtes Capitel. Der Aufenthalt in Coppet. Auf den Arm ihres Gatten gelehnt, wandelte Ma⸗ dame Necker langſam unter den hohen Ulmen auf und ab, welche die nach Coppet führende Straße zu beiden Seiten einfaßten. Die ſich neigende Sonne ſandte eben ihre letzten Strahlen auf die Erde herab, und tauchte damit die ſchneeigen Häupter der Alpen in Purpurgluth, während die untere Landſchaft, ſchon halb verſchleiert durch die Abendnebel, ſich mehr und mehr dem Blicke entzog. Ein leiſer Seufzer ſtahl ſich über die Lippen des ehe⸗ maligen Miniſters. Seine Gedanken hatten ſich in weite Ferne verloren, während ſein Auge träumeriſch über die prachtvolle Scene glitt. Er gedachte ſeines Kindes. Hier herrſchte der Friede, in dieſer glücklichen Abgeſchiedenheit 1 1859. III. Frau von Stasl. III. 10 athmete alles die tiefſte Ruhe; wo ſie weilte, läutete viel⸗ leicht gerade jetzt die Sturmglocke zu Brand und Mord. Er hatte in den letzten Tagen keine Briefe erhalten. Die Urſache dieſes Schweigens konnte darin liegen, daß ſie Paris bereits verlaſſen, oder auch, daß neue Unruhen den Lauf der Poſten und Couriere hemmten. Gern hätte er das Erſtere als wahrſcheinlich angenommen. Sie in ſeiner Nähe, unter ſeinem Schutze zu wiſſen, wäre ihm eine große Beruhigung geweſen, doch wollte er ihr nicht zureden, einen Ort zu verlaſſen, der bei ihr ſo vielfache Intereſſen wach rief, während das Landleben wie Gift auf ſie wirkte. Die ſich ſteigernde Gefahr hatte ſie jedoch ſelbſt ſchon auf den Gedanken geführt, den Schauplatz der Greuel verlaſſen zu müſſen. Ihr Gatte war abweſend, ſie ſah ihrer Entbin⸗ dung entgegen, das war Grund genug, um einen geſicherten Aufenthalt zu ſuchen. Bis jetzt waren noch keine Frauen als Opfer der Revolution gefallen; doch konnte Niemand verbürgen, daß eine ſolche Rückſicht ferner Beſtand haben werde, und die geringe Vorſicht, welche ihre Schritte begleitete, ſetzte die Tochter Necker's vorzugsweiſe den Angriffen aus. Indem ſolche und ähnliche Gedanken in der Seele des geprüften Mannes aufſtiegen, gewahrte ſein Auge am fernen Ende der Allee einen Reiſewagen, welcher den Weg nach dem Landhauſe einſchlug. Freudig leuchtete ſein Auge 1 4 —— —— — — c* 11 auf, während er ſeine Schritte anhielt und ſeine Gattin darauf aufmerkſam machte. Madame Necker zitterte bei der Entdeckung. Er⸗ mattet lehnte ſie ihr bleiches Haupt auf die Schulter ihres Gatten, während ſie die rechte Hand duf ihr Herz drückte. Ihre zunehmende Schwäche machte ſie empfindlich gegen die leiſeſte Gemüthsbewegung und dem Gedanken, ihre Tochter zu umarmen, miſchte ſich jetzt die Ahnung bei, daß es ihr letztes Zuſammenleben ſein würde. Hatte ſie ihr auch nie den erſten Platz in ihrem Herzen gegönnt, ſo blieb ſie doch immer ihre Mutter, und in dem Augenblicke, wo ſie an eine letzte Trennung dachte, ſchwanden alle klein⸗ lichen Nebenrückſichten, und das Herz allein redete warm die Sprache der zärtlichſten Zuneigung, wie ſie auf dieſer Erde nicht reiner beſteht, als zwiſchen Eltern und Kind. Das Poſthorn ließ ſich jetzt mit einem muntern Liede vernehmen, aus dem Wagen hervor bog ſich ein Kopf, ein lautes Halt! wurde vernommen und eine Minute darauf lag Frau von Stgél ſchluchzend an der Bruſt ihres Va⸗ ters. Lebhaft, wie jeder Schmerz, äußerte ſich auch bei ihr jede Empfindung des Glückes, und ſuchte nach einem beredten Ausdrucke. Vor der Thüre des Landhauſes ſpielte ihr kleiner Knabe, welcher die Mutter beinahe vergeſſen hatte, wie in ſo zartem Alter das leicht geſchieht; doch ihre Liebesworte 1* 12 riefen bald in ſeinem Gedächtniſſe den Ton einer Stimme zurück, der aus keinem andern Munde auf gleiche Art an das Herz eines Kindes appelliren kann. Die Freude des Wiederſehens wirkte faſt überwälti⸗ gend auf eine Frau, welche ſo lebhaft empfand, ſo glühend . zu lieben vermochte. Der Ausdruck des Glückes in dem f Geſichte ihres Vaters erhöhte noch das eigene, ſie küßte ſeine Augen, ſeine Hände und ließ es ihm empfinden, daß der Ehrgeiz, der Ruhm und alle ſonſtigen Leidenſchaften dieſer Welt, neben der Liebe, welche ſie für ihn hegte, zu einem Nichts zuſammenſchmolzen. Madame Necker hatte ſich zurückgezogen und kehrte erſt nach mehreren der Ruhe gewidmeten Stunden, auf einige Minuten zu dem Gatten und der Tochter zurück, deren Lebhaftigkeit ſie nicht zu ertragen vermochte. * Indeſſen hatte Frau von Staöl ihrem Vater die orgänge in Paris geſchildert und ihm die Scenen der eptembertage mit Worten gemalt, welche einem Pinſel gleich kamen.— Traurig ſchüttelte Necker ſein Haupt. Hatte es dahin kommen müſſen! Wunderbar war es ihm, daß ſie Narbonne und Montmorency gerettet und er fragte ſich, ob es in Folge der Prophezeiung Cazotte's geſchehen, oder ob dieſer wirklich der Zukunft in das Auge zu ſehen vermocht. So eifrig der Briefwechſel mit ſeiner Tochter auch unterhalten 13 war, ſo blieb doch ſo manches jetzt zu berichtigen und zu fragen, ſo viele Lebensſchickſale hatten eine ſo plötzliche Wendung genommen, daß es in den erſten Tagen nur Fragen von ſeiner Seite gab, deren Beantwortung ſeiner Tochter nicht minder wichtig waren. Frau von Staöl hatte Paris in großer Aufregung verlaſſen, und die Nachrichten, welche ſie ſeitdem von dort⸗ her erhielt, die traurige und ungewiſſe Lage ihrer nächſten Freunde, ließen ſie auch jetzt noch zu keiner Gemüthsruhe kommen. Ein längeres Unwohlſein, die Geburt ihres Kindes, trugen dann vielfach dazu bei, den Sturm in ihrem Innern zu beſchwichtigen und eine gewiſſe Reſignativn herauf zu beſchwören, welche, nach ſo langer fieberhafter Aufregung, faſt unheimlich auf ſie wirkte. Der Winter hatte ſich eingeſtellt. Schnee deckte die Berge. Mit troſtloſem Blicke maß ihr Auge die kalte Landſchaft, welche ſich wie Eis auf ihr Herz legte, und ihre Seele mit jenem Ennui erfüllte, von dem ſie ermattet die Flügel hängen ließ. Ihre Hoffnungen für Frankreich waren zertrümmert, Thränen entſtürzten ihren Augen, ſo oft ſie daran zurück⸗ dachte, was ſie erwartet und was ſie verloren. Jene Con⸗ ſtitution, für die ſie geſchwärmt, was war ſie nun?— Ihre Freunde, deren Ruhm ſie getheilt, lebten im Elend; 14 Paris, das Ideal aller Städte, blutete unter Robespierre. Die Sache der Freiheit war zu einer Sache des Schreckens geworden. „Was bleibt mir nun, was mache ich mit meinem Leben?“ fragte ſie ſich heimlich und fühlte tief und ſchmerz⸗ lich, wie zerriſſen das ihrige geworden, weil es der geſunden Baſis des Familienglückes entbehrte. Eine tiefe Melancholie bemächtigte ſich ihrer. Necker forderte ſie auf, in der Umgegend einen geſelli⸗ gen Kreis zu bilden; doch alle Zirkel, die ſie hier beſuchte, ſtimmten ſie nur trauriger. In Genf lebte Madame Rillet, welche ihre Jugendzeit in Saint Ouen als Fräulein Huber mit ihr getheilt; ſeitdem hatten ihre verſchiedenartigen Lebensbeziehungen ſie noch weiter von einander getrennt, und Jeder weiß, wie peinlich es iſt, alten Bekannten innerlich entfremdet gegenüber zu ſtehen. Sie war dem Frauenleben in ſeinen gewöhnlichen Beziehungen entfremdet, ſie konnte den Intereſſen, welchen es gewidmet iſt, nicht jenen Antheil abgewinnen, den das Herz allein zu verleihen vermag, wenn es den Mittelpunkt unſerer Lebensbeziehungen bildet. Einmal gewöhnt dem Geiſte zu huldigen, und allem was er ſchafft, mit reger Theilnahme zu folgen, ſah ſie mit traurigem Blicke dem kleinen Sorgen und Schaffen zu, das andere Frauen, als Gattinnen und Mutter be⸗ ſchäftigt. Die Heuchelei, zu welcher ſich ihr Geſchlecht außerdem noch herabließ, die Unwahrheit, mit der ſie ihre Denk⸗ und Empfindsweiſe verſtecken, ſcheuchte ſie zurück. Sie konnte es nicht verſtehen, daß man ſich ſeiner Gefühle ſchäme. Sie ſchätzte nur das Wort, welches der unmittelbare Ausdruck des Seelenzuſtandes war; ſie verkehrte mit den Männern, als wären es Frauen, trat ihnen offen und grade entgegen, und feſſelte ſie durch das Erkennen einer Individualität, die nicht ſcheinen wollte, was ſie nicht war. Die Frauen wiederum nahmen Anſtoß an dieſer ihnen fremden Art zu ſein, und tadelten ihr Betragen als einen Mangel an Sitte. Frau von Stasl gewahrte es, daß ſie mißfiel, und es betrübte ſie und machte ſie traurig; denn ſie wünſchte geliebt zu ſein. Aendern konnte ſie daran nichts; deſſen war ſie ſich bewußt.—„C'est ma nature anisi,“ ſagte ſie, und dieſe umzuformen, ſtand nicht in ihrer Macht. Sie blieb wahrheitsliebend bis zur Indiscretion, und verheim⸗ lichte ſo wenig, was ſie ſelbſt bewegte, noch was Andere ſchmerzte oder erfreute. Sie hatte in den letzten ſechs Jahren ihre Feder gänzlich ruhen laſſen; denn die politiſchen Ereigniſſe dräng⸗ ten alle literariſchen Intereſſen in den Hintergrund, und ſobald ſie das lebendige Wort zur Mittheilung ihrer Ge⸗ danken benutzen konnte, wählte ſie das ſchriftliche nicht. Jetzt, in ihrer Einſamkeit, griff ſie wieder zu ihrer Feder. —— — ——— 16 Eine eifrige Correſpondenz mit ihren Freunden ent⸗ ſchädigte ſie zunächſt für die Trennung von ihnen. Nar⸗ bonne hielt ſich in London auf, und bemühte ſich, die Intereſſen Frankreichs dort zu vertheidigen. Arm und flüchtig, öffneten ſich ihm dennoch die bedeutendſten Kreiſe, For und Grey, Erskine und Granville ſahen ihn häufig an ihrer Tafel, und Frau von Staöl bemühte ſich, aus der Ferne auch jetzt noch, wie in Paris, ihren Einfluß auf ihn zu üben und ſeine Schritte zu lenken. Die Verurtheilung des unglücklichen Königs von Frankreich verurſachte ihr einen tiefen Schmerz, und un⸗ aufhörlich ging ſie mit ihren Freunden zu Rathe, wie er zu reiten ſei.— Narbonne hatte ſich erboten, unter Zu⸗ ſicherung freien Geleites nach Paris zu kommen und ſeine Vertheidigung zu übernehmen; als man ihn damit zurück⸗ wies, verfaßte er dennoch eine Rechtfertigung Ludwig's XVI. und übergab ſie dem Drucke. Frau von Staöl, von gleicher Geſinnung geleitet, ſchrieb eine Vertheidigung der Königin Marie Antvinette, und übergab ſie anonym der Oeffentlichkeit. Jeder errieth die Verfaſſerin, auch ohne ihren Namen, und bewunderte das Herz, dem ſolche Worte entſtrömten, um eine Frau zu rechtfertigen, von der ſie nur Uebles erfahren hatte. Ge⸗ kränkte Eitelkeit überwindet man nicht leicht. Frau von Staöl kannte auch in dem Bezug kein böſes Gefühl, ſie 17 rächte nie eine Beleidigung, ließ nie einen Unglücklichen darum leiden, weil er ihr in ſeinen glücklichen Tagen weh gethan. Wer litt, für den ſprach ſogleich ihr Herz, und jede andere Empfindung mußte ſchweigen. So wenig Narbonne durch ſeine Schrift den König rettete, ſo wenig förderte Frau von Stasl durch die ihrige die Losſprechung Marie Antoinetten's und beide mußten auf dem Richtplatze bluten. Als dieſe Nachricht nach Coppet gelangte, trauerte die Familie Necker ſo wahr und n aufrichtig, als ob ihnen theure Angehörige entriſſen worden. Sobald der Geſundheitszuſtand es Frau von Stasl ge⸗ r ſtattete, unternahm ſie im Frühling 1793 ſelbſt einen Ausflug t⸗ nach England und verſuchte ihren Einfluß auf Pitt und Fox e geltend zu machen; aber mit eben ſo geringem Erfolge. Ihre Mutterpflicht rief ſie wieder nach Coppet zu⸗ F rück. Von nun an füllte ſich die Schweiz mehr und mehr mit Flüchtigen aller Farben, ſo, daß ihre Einſamkeit ihr t, durch das gemeinſame Leid weniger fühlbar ward. Doch e, blieb es immer Leid, womit man ſich trug. Die Tage der h Hoffnung, der Freude waren dahin, mit düſterm Blicke te ſchaute man in die Zukunft, und ſelbſt der Gedanke eines u endlichen Sieges der Freiheit hatte ſeinen Reiz verloren, e ſeit der Weg dazu mit Blut gedüngt war. n Selbſt wenn ſich jetzt ein befreundeter Kreis zuſammen⸗ fand, ſo konnte man nicht mehr heiter ſein, wie ehemals, 18 noch beſaß man den Muth, eine geiſtreiche Unterhaltung zu führen. Die phrygiſche Mütze und die Kokarde hatten den franzöſiſchen Eſprit verſcheucht. Herr von Narbonne mußte England wieder verlaſſen, und in der Schweiz eine Freiſtätte ſuchen. Noth und Mangel knüpften ſich an ſeine Schritte, muthlos irrte er umher.— Der Günſtling des Glückes konnte ſich nicht leicht an eine Laune des Schickſals gewöhnen, die ihn ohne Obdach ließ, und erſt, als er dem jungen Herzog von Chartres begegnete und Zeuge war, wie er in Luzern muthig ſeine Lehrerſtelle antrat, hob ſich ſein Muth und er beſchloß, gleich ihm, der Widerwärtigkeit ungebeugt in das Angeſicht zu ſchauen. Auch Mathieu von Montmorench traf jetzt ein und verweilte in der Nähe von Frau von Stasl, bis er die Nachricht aus Paris erhielt, daß ſein einziger Bruder ver⸗ urtheilt ſei. Er eilte, ihn zu retten, doch kam er ſchon zu ſpät. Indem nun Jeder für das eigene Leben oder für das ſeiner Freunde zitterte, konnte Niemand dem Andern ein Tröſter ſein, am wenigſten aber konnte es Frau von Stasl, welche ſo leicht gebeugt war und nur Thränen hatte, um ein unabwendbares Geſchick zu beweinen; nicht aber ihm zu trotzen verſtand. Vergeblich verſuchte Necker ſie aufzurichten und durch s ein öl, um hm 19 ſein Beiſpiel zu ermuntern, ſich in das Unabänderliche zu fügen! Das Leben blieb ihr todt und leer, ſobald ſich keine Wünſche an ihre Zukunft knüpften. Selbſt der Ruhm hatte ſeinen Reiz verloren, wenn er nicht in Frankreich ihre Stirne ſchmücken ſollte. Es ging ihr wie dem Schau⸗ ſpieler, der vor leeren Bänken ſpielen ſoll, all ihrem Thun und Laſſen fehlte der Sporn, ſelbſt das Wort erſtarb ihr auf der Lippe, in Ermangelung eines geeigneten Hörers. Mit Betrübniß empfing ſie Narbonne bei ſich in Coppet. Er war für ſie ein glänzender Stern geweſen, deſſen Aufgang ſie mit wachſamem Blicke gefeiert, deſſen Untergang ihre Seele nun mit ſtillem Leid erfüllte. Sie hatte nicht Glauben genug, um bei jeder Fehlſchlagung auszurufen, was geſchehen iſt, hat ſein ſollen, und ſo miſchte ſich denn noch das Mißbehagen in ihre Stimmung, es hätte manches eine andere Wendung nehmen können, wenn ſie ihren Freund mit beſſerem Rathe geleitet. Ihre Vertheidigung der Königin war anonhm er⸗ ſchienen; ebenſo veröffentlichte ſie jetzt eine Reihe Aufſätze über den Frieden, und über den innern Frieden, welche ſelbſt Fox, dem Narbonne ſie überſandte,“ öffentlich pries. Dieſe Arbeiten beſchäftigten ſie; aber ſie füllten ihr Herz nicht aus. Sie hatte es lange ſchon erkannt, wie Villemaine. 20 verfehlt ihr Leben durch ihre Sehnſucht nach Ruhm und Auszeichnung war, wodurch ſie das ſtille Glück nicht zu erſetzen vermochte, das die Frau in der Familie finden ſoll. So vft ſie auf ihre Mutter blickte, hob ein Seufzer ihre Bruſt; denn eine ſolche Liebe zu empfinden und erwiedert zu ſehen, wie ſie ſie für ihren Gatten hegte, mußte ihr eine ſtets unerfüllte Hoffnung bleiben.— Selbſt ihre Kinder konnten ihr nicht die Freude gewähren, welche eine Mutter empfindet, die in dieſen theuren Gegenſtänden die Aehn⸗ lichkeit mit dem geliebten Gatten ſucht, und ſie mit doppelter Wärme an ihre Bruſt drückt, weil ſie ihm gehören. Sie durfte dieſe ſtolze Befriedigung nie empfinden, nie erwarten, durch Verhältniſſe beglückt zu werden, an die ſich nicht der höchſte Maßſtab legen ließ. Die Geſundheit von Madame Necker wurde indeſſen immer beunruhigender, und die Aerzte gaben endlich wenig Hoffnung für ihre Geneſung. Durch ihren feſten, religiöſen Glauben geſtärkt, ſah ſie ihrem Tode muthig entgegen und ſchloß mit heiterer Miene ihr Auge. Dieſes ſtille Krankenbette, dieſes ſtille Scheiden, wirkte nicht günſtig auf Frau von Stasl, die keine Empfindung in ſich verſchließen, nichts in ſich durchzukämpfen ver⸗ mochte.— Ein Schmerz, den ſie nicht laut äußern durfte, verurſachte ihr phyſiſches Unbehagen. Necker war tief gebeugt durch den Verluſt einer Gattin, nd zu ll. hre ert ine der ter ter Sie en, der ſen nig ſen ind rkte ung er⸗ fte, tin, 21 die er ſo hoch ſchätzte, ſo innig liebte, und lange und ſchmerzlich betrauerte er ſie. Frau von Stasl wünſchte aufrichtig ihm Erſatz für dieſe Lücke zu bieten, und ſich ihm jetzt doppelt anzuſchließen; zugleich aber erkannte ſie die Unmöglichkeit, in die Fußſtapfen ihrer Mutter zu treten, und fühlte nun erſt deren hohen Werth.— Ihr Auge war auf Paris gerichtet, dort weilte ſie mit ihren Gedanken, während ſie an der Seite ihres Vaters wandelte, und mit unruhiger Sehnſucht jedem kommenden Tage entgegenſah, mit der Hoffnung auf ein Etwas, dem ſie keinen Namen zu geben wußte. Herr von Staöl war abermals in Paris als Geſandter accreditirt worden. Zwei Monate nach dem Tode Ludwig's XVI. traf er dort ein, der einzige Geſandte einer fremden Macht, welcher in dieſer Schreckenszeit Frankreich betrat. Beſorgt für ſeine Sicherheit, opferte er gleich bei ſeiner Ankunft den Armen des Diſtrikts 3000 Franken; dennoch blieb der Boden unter ſeinen Füßen unſicher, und ſo gern er ſeinen Aufenthalt verlängert, und Frau von Staöl zu ſich berufen hätte, ſo ſiegte doch das Bedenken ſeiner perſönlichen Sicherheit, und nach wenigen Wochen wandte er Frankreich eilig den Rücken. Erſt nach dem Sturze Robespierre's wagte er auf ſeinen Geſandtſchafts⸗ poſten zurück zu kehren. Zweites Capitel. Benjamin Conſtant de Rebecque. In keiner Stadt der Schweiz fanden die Emigrirten eine ſo wenig freundliche Aufnahme, als in dem kleinen Städtchen Lauſanne. Die Jugend dieſes Ortes war von einem ſolchen republikaniſchen Freiheitsſchwindel ergriffen, daß ſie jede gemäßigte Anſicht nicht nur verwarf, ſondern den Träger einer ſolchen auch noch mit Zeichen der Nichtachtung ſtrafte. In dieſe ſeine Vaterſtadt kehrte jetzt im Herbſte 1794 Benjamin Conſtant de Rebecque zu einem Beſuche bei ſei⸗ nen Verwandten zurück. Sein Vater, General in hollän⸗ diſchen Dienſten, war bei Dole geſtorben. Der junge Re⸗ becque war im Auslande erzogen, hatte die Hochſchule in Edinburg beſucht, darauf in Göttingen und in Erlangen ſtudirt, die Philoſophie Kant's eingeſogen, und ſich eine . 6 rten inen von ffen, dern ichen 794 i ſei⸗ llän⸗ Re⸗ le in ngen eine 23 vielſeitige Bildung erworben. Seine Familie war nach dem Edict von Nantes aus Frankreich entflohen; er war als Calviniſt aufgewachſen und, obwohl in der Schweiz geboren, ſeinem Herzen nach Franzoſe geblieben. Er kehrte jetzt eben von dem kleinen Hofe in Braunſchweig zurück, wo er als Kammerjunker der regierenden Herzogin ſeit einem Jahre angeſtellt lebte und ſich großer Gunſt er⸗ freute.“ Obgleich erſt ſiebenundzwanzig Jahre alt, war er doch ſchon vielfach gereift. Seine hohe, ſchlanke Geſtalt, der enthuſiaſtiſche Blick ſeines großen blauen Auges, das immer den Wolken zugerichtet war, ließen ſeine Erſchei⸗ nung für bedeutend gelten.— Sein blondes Haar, das er nach deutſcher Studenten Weiſe bis auf die Schultern herab trug, gab ihm daneben etwas von dem einfach kind⸗ lichen Weſen des Jünglings, der noch unerfahren in das Leben tritt und hinter jedem Berge ein neues Glück ver⸗ muthet. Leicht von jedem Eindrucke hingeriſſen, hatte er früh ſchon ſeinem Herzen Feſſeln angelegt, die abzuſtreifen ihm der Muth fehlte.— Mit der Familie Hardenberg ſpäter am Hofe zu Braunſchweig bekannt geworden,** bezauberte * Revue des deux mondes 1835. ** Westminster Review. ihn die Nichte des Fürſten und da ſeine Neigung Erwie⸗ derung fand, ſo bauete er kühn auf die Zukunft und ver⸗ lobte ſich heimlich mit der ſchönen, in glänzenden Verhält⸗ niſſen lebenden jungen Dame, ohne zu bedenken, wie ſchwer es ihm fallen würde, ein ſolches Verſprechen zu löſen. Sie ahnte nicht, welche Feſſeln er ſchon trug und hoffte auf ſeinen und ihren guten Stern. Nicht ſo bald hatte Conſtant de Rebecque den heimi⸗ ſchen Boden betreten, als ihm von allen Seiten der Name des berühmten Necker und ſeiner nicht minder berühmten Tochter genannt wurde, und der natürliche Wunſch in dem hochſtrebenden jungen Manne erregt ward, dieſen ausge⸗ zeichneten Perſonen bekannt zu werden. Durch Madame Necker de Sauſſure, die Couſine der Frau von Stasl, ver⸗ ſchaffte er ſich bald eine ſolche Einführung. Erwartungs⸗ voll wanderte er an einem ſchönen Septembermorgen, ſeinen Empfehlungsbrief in der Taſche, die Straße nach Coppet zu. Necker befand ſich um dieſe Stunde in ſeinem Arbeits⸗ zimmer, wo er den ganzen Tag leſend und ſchreibend zubrachte, und wollte nicht geſtört ſein. Als Frau von Staöl der Beſuch gemeldet wurde, ſtand ſie eben traurig am Fenſter, und ſchaute in die Ferne hinaus, ohne daß ihr Auge dort etwas ſah. Ihre Sehnſucht allein leitete ihren Blick in das Weite. 25 Narbonne hatte ſie eben verlaſſen. Er war der Trä⸗ ger ſchlimmer Nachrichten geweſen, welche ſeine eigene Hoffnungsloſigkeit noch würzte. Dabei hatte ſie zugleich wahrgenommen, wie wenig ſie, die Freundin, ihm noch galt, ſeit ihm Vermögen und Stellung fehlten.„Welche Männer!“ ſagte ſie kopfſchüttelnd, als er gegangen.— „Statt uns Frauen eine Stütze zu ſein, ſind wir es, die ſie tragen müſſen. Sie nehmen unſere Dienſte an, als ob es unſer Lebenszweck wäre, ihre Intereſſen zu fördern, und vergeſſen, daß wir bei aller ſcheinbaren Uneigennützig⸗ keit, im Grunde unſeres Herzens den ſtillen Wunſch bergen, für unſere Leiſtungen mit ein bischen Liebe gelohnt zu wer⸗ den. Armes Geſchlecht! Ueberall kommtdie verwundbare Seite zum Vorſchein.“ Die großen, leuchtenden Augen durch die langen Wimpern halb verſchleiert, den Ausdrucktiefer Melancholie in den Zügen, trat ſie dem jungen Fremden entgegen und begrüßte ihn. Ueberraſcht blieb er vor ihr ſtehen. Er hatte ſich von der Verfaſſerin der Briefe über Rouſſeau ein ganz an⸗ deres Bild entworfen. „Sie kommen aus Deutſchland,“ redete ſie ihn mit ihrer tiefen, wohlklingenden Stimme an.„Sie haben aus dem Born deutſcher Philoſophie getrunken; aber daneben auch monarchiſchen Prinzipien huldigen gelernt. Man 1859. III. Frau von Stasl. III. 2 26 kennt unſern Rouſſeau dort noch wenig, das Capitel der Menſchenrechte iſt jenen Träumern noch ein unerſchloſſe⸗ nes Buch. Meine Trauer wird Ihnen daher unverſtänd⸗ lich ſein. Für mich giebt es keine Hoffnungen auf Glück, welche nicht mit der Freiheit Frankreichs, mit einer conſti⸗ tutionellen Verfaſſung, mit der Anerkennung des droit de l'homme verknüpft wären. Die Sturmglocken von Paris haben jetzt allen meinen Wünſchen das Grablied geſungen.“ Sie ging nach dieſen Worten aufgeregt einige Male im Zimmer auf und ab. Conſtant folgte ihr während deſſen mit ſeinen klaren Augen und ſuchte das wunderbare Weſen dieſer Frau zu faſſen. „Wir haben den Begebenheiten in Frankreich nicht gleichgültig zugeſehen,“ nahm er endlich das Wort.„Ich ſelbſt nehme den größten Antheil an Allem, was dort vor⸗ geht; denn ich betrachte es wie mein eigentliches Vaterland, ich bin meiner innerſten Geſinnung nach Franzoſe. Und ich ſage auch heute noch: Gottlob! daß ich es bin. Die kleinen deutſchen Staaten konnten mich nicht für ſich gewinnen, — denn ich fand dort Alles klein und eng zugeſchnitten. Um groß zu empfinden, muß man einem großen Volke an⸗ gehören und der Menſchheit gegenüber eine Rolle ſpielen.“ „Und das können Sie nur in Frankreich,“ ſagte ſie, — vor ihm ſtehen bleibend, und ihn mit ihrem ſtrahlenden er 1d⸗ ale ren zu icht Ich or⸗ nd, Und Die nen, ten. en ſie, den Auge jetzt voll in das Angeſicht ſchauend. Wie betroffen ſenkten ſich ſeine Lider vor dem wunderbaren Glanze dieſer Sterne.„In Frankreich, wie es war, nicht wie es iſt. — Ich wünſchte es Ihnen, daß Sie es gekannt hätten in ſeiner Glorie, ſeiner Größe, ich wünſchte, Sie wären Zeuge geweſen von der mächtigen Bewegung eines Volkes, das den Muth gefaßt hat, ſeine Feſſeln abzuwerfen, mit alten Traditionen zu brechen, um einen neuen, glorreichen Auf⸗ ſchwung zu nehmen. Ach! dieſe Zeit wird nicht wieder kommen!— Sie hätten es ſehen ſollen, welche Spannung durch alle Schichten der Geſellſchaft lief, wie Jeder an dem großen Werke mit thätig ſein wollte, wie Jeder nur meinte, zum Beſten Aller da zu ſein. Und nun, und nun?— Wohin hat zu viel Widerſtand dies arme Volk getrieben!“ „Das iſt ein Uebergang,“ erwiederte Conſtant de Re⸗ becque und erhob ſich nun gleichfalls.„Die Geſchichte geht ja nie die gerade Bahn, bald nach der einen Seite hin und bald zur andern— überſchreiten wir das rechte Maß, und lernen erſt von unſern Uebergriffen, wo wir uns hätten ſollen genügen laſſen.“ „Sie ſprechen wie ein Philoſoph,“ erwiederte Frau von Stasl, ihn mit ſteigendem Intereſſe muſternd.„Das rechte Maß iſt die Vernunft, der Uebergriff die Leidenſchaft. — Ich bin in einer Schule aufgewachſen, wo man der 2 3 28 Letzteren eine Macht einräumte, deren Früchte man unter Robespierre gereift hat. Sie wuchſen auf in einem Lande, wo die Kritik der reinen Vernunft ihre Syſteme gründete. — Wir Beide gehen daher von den entgegen geſetzten Punkten aus und doch möchte ich wetten, Herr von Re⸗ becque, daß, was die Theorie uns Beiden lehrte, in der Praxis uns auf demſelben Wege finden wird. Verbotene Früchte ſchmecken ſtets ſo ſüß!“ „Und laſſen dennoch einen bittern Nachgeſchmack.— Es iſt ſo ſchön, die Tugend lieben und das Laſter haſſen; es iſt ſo ſchön, für alles Große, Edle ſich begeiſtern, und ſchöner noch iſt, an einen Halbgott glauben. Sie wiſſen nicht, wie herrlich man in Deutſchland träumt!— Dort giebt es eine ideale Welt, für welche man den Boden unter ſeinen Füßen mit Freuden in die Schanze ſchlägt. Dort iſt zu denken die erſte Menſchenpflicht.— Sie müſſen Deutſchland kennen lernen.— Schon des Contraſtes hal⸗ ber wird es für Sie von Intereſſe ſein.“ Sie ſeufzte tief. „Wie beneide ich Sie darum, daß Sie ſo warm em⸗ pfinden können,“ ſagte ſie wehmüthig.—„Obgleich noch jung, habe ich doch ſchon viel erfahren, viel gelitten und ſo manche Täuſchungen erlebt. Nur das Eine bleibt: die ewig ungeſtillte Sehnſucht nach einem namenloſen Glücke. — So oft ich es mir nahe wähnte und meine Hand es ter de, te. ten Ke⸗ der ene en; und ſſen ort nter ort ſſen hal⸗ em⸗ noch und die ücke. d es faſſen wollte, ſo oft entſchlüpfte es mir wieder.— Jetzt hoffe ich nicht mehr darauf, in mir iſt Nacht, meine Illu⸗ ſionen ſind geſchwunden,— mein Leben ſcheint ohne In⸗ halt,— mein Herz iſt arm!“ Thränen füllten dabei ihre Augen. Conſtant ſtand bewegt auf und erfaßte ihre Hand. Sie reichte ſie ihm unbefangen und ließ ſie in der ſeini⸗ gen ruhen. „Ihre Thränen beweiſen, wie reich dies Herz noch immer iſt,“ ſagte er warm.„Wie rein muß es empfinden, wenn es vergangenem Glücke ſolche Perlen nachweinen kann.“ Ein Strahl ihres großen Auges antwortete ihm hierauf. Verlegen wollte er ſeine Hand zurück ziehen. Sie aber hielt ſie feſt und ſagte zutraulich: „Um ſich kennen zu lernen, bedarf man einer Stunde oder zehn Jahre.“— Ich glaube Sie zu ver⸗ ſtehen und es iſt meine Natur ſo, freimüthig zu äußern, wie mir die Leute ge⸗ oder mißfallen. Ich fühle es, daß Sie mir viel ſein können, denn Sie beſitzen Alles, was mir fehlt, Hoffnung, Glauben, Begeiſterung. Fachen Sie damit den erſtorbenen Funken in meiner Seele wieder an. * Ihre Worte. 30 Werden Sie mein Freund.— Verſuchen wir es, was wir einander ſein können.“ Verwirrt, überraſcht, geſchmeichelt, drückte Herr von Rebecque die ſchöne Hand, welche noch in der ſeinigen ruhte, an ſeine Lippen, und ſuchte indeſſen nach einer Ant⸗ wort. Was ſollte er erwiedern?— Ihm war eigenthüm⸗ lich zu Muthe. Die geiſtvollſte, bedeutendſte Frau des Jahrhunderts bot ihm, dem unbekannten jungen Manne, ihre Freundſchaft an, das war ein Triumph, den ſeine Eitelkeit feierte, und dennoch ſagte ihm ein Etwas, daß er damit eine neue Feſſel anlege, welche die bereits getragenen noch gewichtiger machte.. Bei Tiſche wurde er Necker vorgeſtellt. Die Unter⸗ haltung war ſehr belebt, und gab ihm Gelegenheit, den ſeltenen Geiſt ſeiner neuen Freundin zu bewundern. Man ſprach über die gewöhnlichen Tagesfragen, die neueſten Vorgänge in Frankreich, den Krieg gegen die verbündeten Mächte, die Lage der Emigrirten und die vermuthliche Lö⸗ ſung dieſer Zuſtände. Dazwiſchen erkundigte ſich Necker nach den deutſchen Univerſitäten, der Politik Preußens und Oeſterreichs und den Sympathien der Jugend, in deren Händen die Zu⸗ kunft der Staaten ruhte. Herr von Rebecque wußte ihm über Alles Rede zu ſtehen und dabei manches Witzwort ter⸗ den tan ſten ten hen und Zu⸗ ihm oort 31 einzuſtreuen, das Frau von Staöl entzückte und Necker ein beifälliges Lächeln entlockte. Mehr geiſtreich als tief, von einem ſanguiniſchen Temperamente getragen, jedem Eindrucke offen, und ohne den Ernſt der Geſinnung, welcher ſchädliche Einflüſſe fliehen lehrt, war er der Mann des Augenblickes, der mit beweg⸗ lichem Sinne das Glück im Fluge haſchte, und ſeiner Flüch⸗ tigkeit nicht grollte. Offen und mittheilend gab er gern alle ſeine Lebens⸗ verhältniſſe Preis. Er erzählte von ſeiner Jugend, ſeinen Studien, ſeinem Leben auf den engliſchen und deut⸗ ſchen Hochſchulen. Nur ſeinen Aufenthalt in Braunſchweig überging er, als weniger gewichtig und wich allen darauf bezüglichen Fragen geſchickt aus. Als Necker's Auge jetzt zufällig auf einen kleinen gol⸗ denen Reif an ſeiner linken Hand fiel, wurde er verlegen, und bald darauf war dieſe verrätheriſche Feſſel von ſeinem Finger verſchwunden. Benjamin Conſtant empfahl ſich durch ſeinen Ge⸗ burtsort und ſeine Religion ganz beſonders der Gunſt Necker's und perſönliches Wohlgefallen ſteigerte noch dieſe vorgefaßte gute Meinung, ſo daß er ihn wie einen alten Bekannten behandelte. Es wunderte ihn daher nicht, als Frau von Stasl beim Abſchiede äußerte, Conſtant möge, ſo lange er in der Schweiz weile, Coppet als ſeine zweite 32 Heimath anſehen. Sie würde ihm ein eigenes Zimmer einrichten laſſen. Dieſe Art der Gaſtfreiheit war damals freilich nicht ungewöhnlich, und im Hauſe Necker's ſtets mit beſonderer Rückſicht geübt worden. Der junge Rebecque erwiederte auf dieſe gütigen Worte nur: daß es ihm ſchwer ſein würde, unter ſolchen Umſtänden der Schweiz wieder Lebewohl zu ſagen. „Deſto beſſer!“ erwiederte Frau von Staöl und ſandte ihm einen Blick nach, welcher den Zuſatz enthielt, daß ſie ihn gern als ihr Eigenthum betrachten würde. Die Sterne waren ſchon heraufgezogen, als der junge Mann Lauſanne erreichte. Unmuthig warf er ſich auf ſein Lager und konnte keine Ruhe finden. So oft er das Auge ſchloß, ſtand das junge Weib vor ihm, ſah ihn mit ihren Feueraugen an und ſagte:„Wir wollen verſuchen, was wir einander ſein können.“ Ihm ſchwindelte vor dieſem Glücke. Er gedachte ſeiner erſten Liebe, wie zaghaft er damals dem kaum herangewachſenen Mädchen ſich genaht und mehr durch Blicke, als durch Worte, ihr ſeine Zuneigung verrathen hatte. Er rief ſich das Glück jener Tage zurück; doch ach! es erſchien ihm wie kindiſches Träumen.— Dann ſtand die ſchöne, elegante Frau vor ihm, welche er im Har⸗ 33 denberg'ſchen Hauſe kennen gelernt;— vor ihr war das beſcheidene Bild ſeiner erſten Liebe in den Staub geſunken cht und die Glut ſeiner Empfindungen, geſteigert durch ſeinen er Ehrgeiz, hatte ihn geſpornt, ſich eine Neigung zu gewinnen, die er durch einen Verrath erkaufen mußte. en Zu dieſen noch ungelöſten Verhältniſſen ſollte ſich en jetzt ein Freundſchaftsbündniß geſellen, das zu warm ge⸗ ſchloſſen ward, um auf der Baſis gewöhnlicher Rückſichten nd ſtehen zu bleiben. elt, Indeſſen— was konnte er daran ändern? Den Muth der Wahrheit beſaß er nicht. Er litt ige von ſeiner eigenen Feigheit, ſein Kopf warf ihm dieſe Un⸗ würdigkeit vor, doch ſein Herz ſündigte darum nicht weni⸗ nte ger. Er konnte das Wort nicht über die Lippen bringen, das das eine ihm theure Frau kränkte und kränkte ſie darum an doppelt. ein Er kehrte am dritten Tage nach Coppet zurück.— Frau von Stasl fand die Zeit zu lang, für einen Freund, der ihre Freundſchaft werth achtete, wie ſie wollte, daß als man ſie ſchätze.— Mit einer Wolke auf ihrer Stirn em⸗ und pfing ſie ihn. ung„Jamais je n'ai été aimé comme j'aime,“? ſagte ück; ſie ihm vorwurfsvoll. nn 32. * Ihre Worte. 34 Er mußte von jetzt an immer genau vorher beſtim⸗ men, an welchem Tage und zu welcher Stunde er wieder⸗ tehren wolle, und dieſe Gebundenheit war ihm ſo neu als läſtig.— Er ſeufzte darüber, doch vermochte er ihr mit keinem Nein entgegen zu treten.— Sie äußerte ſo viel Freude über ſeine Gegenwart, ſein Umgang, ſeine Unter⸗ haltung gewährten ihr ein ſo großes Vergnügen, daß er den warmen Aeußrrungen ihres Beifalls nicht entgegen ſetzen konnte, er würde weniger begehrt ſich freier und glücklicher fühlen. Briefe aus Braunſchweig forderten ihn zur Rückkehr auf. Er beantwortete ſie mit Ausflüchten, halben Ent⸗ ſchuldigungen, und Verſprechungen, die zu erfüllen ihm am nächſten Tage der Muth gebrach.— Wie konnte er Frau von Stasl ankündigen, daß er ſie verlaſſen wolle, während ſie ihm täglich verſicherte, daß ſeine Gegenwart ihrem Leben neuen Reiz verleihe! Er begann ſein Werk über die Religionen? zu ſchrei⸗ ben, wozu die Unterhaltungen mit Necker und ſeiner Toch⸗ ter ihn ſtets aufs Neue anregten,— beſonders da der Erſtere ſelbſt mit dieſem Gegenſtande beſchäftigt war.— Mit Unruhe ſah er zugleich der nächſten Zukunft entgegen. — Unmöglich konnte er dies Leben auf die Länge fortfüh⸗ *Biographie Universelle. 35 ren. In ſeinem Alter auf dieſe Weiſe ruhen, war ein Ver⸗ gehen gegen ſich ſelbſt.— Er mußte ſich eine Stellung zu gewinnen, ſeine Zukunft zu ſichern ſuchen. So oft er aber die Unterhaltung hierauf führte, gerieth Frau von Stasl in eine Aufregung, die jedes Verſtändniß unmöglich machte und ihn ſchließlich zu den leidenſchaftlichſten Verſicherungen hinriß, daß jedes andere Intereſſe ſtets dem Wunſche nach⸗ ſtehen müſſe, in ihrer Nähe zu leben. So wie er ſie verließ, legte ſich eine ſolche Lüge wie ein Alpdrücken auf ſeine Seele. Unmuthig, verſtimmt, verſprach er ſich, bei der nächſten Zuſammenkunft alle Schranken nieder zu reißen, und dieſe Entſchlüſſe endigten ſtets mit der gleichen Niederlage. So kam der Winter 1795 heran. Drittes Capitel. Der erſte Geſandte in der neuen Republik. Es war im März des Jahres 1795, als Herr von Stasl abermals als Geſandter nach Paris zurück kehrte, der einzige Repräſentant einer fremden Macht, welcher die neue Regierung anzuerkennen beauftragt wurde. Das Directorium, durch ſein Erſcheinen auf das Höchſte geſchmeichelt, bewillkommnete ihn mit der größten Auszeichnung. Man wies ihm, dem Präſidenten gegen⸗ über, einen Armſtuhl in ihrer Verſammlung an, und em⸗ pfing ihn, als er eintrat, mit dem republikaniſchen Du und einem brüderlichen Kuß. Solche Zärtlichkeit von Seiten dieſer Männer, welche meiſtens den untern Schichten der Geſellſchaft angehörten, war ihm peinlich zu ertragen. Mit halb verlegener Miene lieh er ſich einer Umarmung, welche ſeinem Geſchmacke ſo 37 gar nicht entſprach und gewahrte zu ſeinem Glücke nicht, welche lächerliche Figur er unter ihnen ſpielte. Er war mit dem Entſchluſſe hergereiſt, ſich in die Umſtände zu fügen, nur um in Paris leben zu können. Der Aufenthalt in Stockholm behagte ihm ſo wenig, wie der geringe Aufwand, welcher ihm dort zu Gebote ſtand. Er liebte den Luxus und verſchwendete gern. Da er kein eigenes Vermögen beſaß, ſo konnte er, entfernt von ſeiner Gattin, dieſer Neigung nicht mehr fröhnen und wünſchte darum ſehnlichſt, auf ſeinen Poſten zurück zu kehren. So wie er Paris erreichte, ſchrieb er ſogleich an Frau von Stasl und theilte ihr mit, daß ſie jetzt mit völliger Sicherheit ihr Hotel beziehen könne. In großer Aufregung eilte ſie mit dieſem Briefe zu ihrem Vater. „Du kannſt mich nicht begleiten und ich werde Dich hier nicht einſam zurück laſſen,“ ſagte ſie. „Du wirſt es,“ erwiederte Necker mit ſanftem Ernſte und ſchloß ſie an ſein Herz.„Ein Jeder muß mit dem Pfunde wuchern, das ihm verliehen iſt und Dein Geiſt be⸗ darf eines größeren Schauplatzes, um ſich zu entfalten, als Coppet ihn Dir bieten kann. Du biſt für die große Welt geboren und findeſt Dich nicht in kleine Verhältniſſe und enge Geſichtskreiſe. Darum folge Deiner Beſtimmung, mein Kind! Ich bin in dem Alter, wo die Einſamkeit 38 eine Wohlthat iſt und aus der Ferne werde ich gern mit⸗ genießen, was Dir Schönes und Großes begegnet.“ Sie konnte jedoch nicht gleich zu einem Entſchluſſe kommen.— Unruhig wanderte ſie im Zimmer auf und ab, bis Benjamin Conſtant kam. Ohne ein Wort der Vorbereitung hielt ſie ihm das Schreiben ihres Gatten entgegen und heftete ihr Auge feſt auf ihn, während er es las. „Sie werden alſo nach Paris zurück kehren,“ ſagte er, und eine Centnerlaſt hob ſich von ſeiner Bruſt bei dem Gedanken an die nun wieder gewonnene Freiheit. „Und weiter haben Sie mir kein Wort darauf zu ſagen?“ fragte ſie, während ihre Bruſt hörbar flog. Er ſah verlegen zur Erde. Als ſie immer noch fortfuhr, ihr Auge fragend auf ihn gerichtet zu halten, faßte er ſich endlich und erwiederte: „Daß mich die Trennung ſchmerzt, bedarf ja keiner Worte, Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie entbehren werde; doch, wozu klagen, wenn das Unvermeidliche ſich naht!“ „Unvermeidlich!“ rief ſie, unmuthig die Lippen auf⸗ werfend, während der aufſteigende Zorn ihre Naſenlöcher ſchwellte.„Unvermeidlich iſt nur, was uns das Schickſal ſendet und nicht, was wir aus eigenem Willen wählen.— Wir Beide ſind frei und beſitzen Geiſt genug, um uns über Vorurtheile erheben, um Hinderniſſe beſiegen zu können. — tit⸗ das feſt te dem zu auf rte: iner och, auf⸗ cher ckſal über nen. 39 Wo das Wollen iſt, da iſt auch die Macht. Dem Kühnen gehört die Welt.— Wer die Umſtände zu beſiegen ver⸗ ſteht, für den giebt es keinen Gebieter als die Neigung. — Ich bin nur eine Frau, aber— ich könnte viele Männer an Muth übertreffen.“ Herr von Rebecque antwortete ausweichend. Er ſuchte ihren Zorn durch Verſicherungen ſeiner Anhäng⸗ lichkeit zu beſchwichtigen und vertraute ihr, daß ſeine Ver⸗ hältniſſe ſchon lange eine Reiſe nach Braunſchweig erfor⸗ derten, doch die Unmöglichkeit, ſich von ihr zu trennen, habe ihn ſtets vermocht, um Aufſchub nachzuſuchen, jetzt nun ſei er froh, durch ihren Entſchluß ſich aller weiteren Bedenklichkeiten überhoben zu ſehen. Sie wurde durch dieſe Entgegnung nicht befriedigt. Eine heftige Scene folgte.— Er ſollte offen mittheilen, was ihn beſtimme, nach Braunſchweig zu gehen. Das konnte und wollte er nicht. Er hatte ſeine dortigen Be⸗ ziehungen ſtets in das tiefſte Dunkel gehüllt, und wünſchte dieſen Schleier um keinen Preis zu lüften. Frau von Stasl forderte, daß er ſie nach Paris begleite. „Warum der Meinung der Welt trotzen, warum Herrn von Stasl Veranlaſſung geben, ſich über mich zu beklagen,“ ſagte er. 40 „Ihr Ruf würde wenigſtens keinen Makel dadurch erhalten!“ erwiederte ſie bitter. Er ſtellte ihr vor, daß er als ihr Begleiter in ein Verhältniß der Abhängigkeit zu ihr träte, das ſein Selbſt⸗ gefühl verletze. Ein Mann müſſe durch ſich ſelbſt etwas ſein und nicht einer Frau ſeine Exiſtenz verdanken. Er wolle den Fürſten von Hardenberg, welcher jetzt gerade in Baſel ſei, um den Frieden zwiſchen Frankreich und Preu⸗ ßen zu ſchließen, aufſuchen, und durch ſeine Gunſt irgend einen Poſten zu erhalten ſuchen. „Einen Poſten, der Sie von mir entfernt? Nein, Conſtant, Sie dürfen, Sie ſollen den nicht ſuchen.— Ihr Geiſt, Ihre Kenntniſſe ſichern Ihnen überall eine Laufbahn. Wollen Sie reich ſein? Ich gebe Ihnen mein ganzes Vermögen und werde dankbar aus Ihrer Hand ein Schärflein davon annehmen. Eine Frau erniedrigt ſich durch eine ſolche Abhängigkeit nicht.“ Conſtant ahnte, welche Antwort ſie erwartete und ſah verlegen zur Erde. Er war von den peinlichſten Gefühlen bewegt. Als er das Auge wieder erhob, begegnete es dem ihrigen, das mit dem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes auf ihm ruhte. Zerknirſcht fiel er ihr zu Füßen, drückte ihre Hände mit den zärtlichſten Worten an ſeine Lippen und ſtürzte dann plötzlich aus dem Zimmer. Ueberraſcht blickte Frau von Stasl ihm nach. rch ein bſt⸗ was e in reu⸗ end kein, eine mein d ein ſich d ſah ihlen dem auf ihre und 41 Eine Stunde verging und er kam nicht wieder, da brachte ein Bote ihr einen Brief, von dem nächſten Dorfe datirt. Conſtant ſchrieb ihr darin, daß es ihn beſchäme, einer ſolchen Freundin nicht ſein ganzes Leben widmen zu können; er bitte ſie, ihn deshalb nicht aus ihrem Herzen zu verſtoßen, und ihm zu geſtatten, von ihr geführt, in Paris ſeine politiſche Laufbahn beginnen zu dürfen. Er reiſe noch heute ab nach Deutſchland, um deſto ſchneller dort mit ihr zuſammen treffen zu können. Sie ſchlug die Hände vor das Geſicht, als ſie geleſen. Ein heftiger Schmerz wühlte in ihrer Bruſt; ein Thränen⸗ ſtrom erleichterte ſie endlich. Als ſie ſich gefaßt, ſandte ſie ihm einen Boten nach. Dieſer fand ihn nicht mehr. Er war nach Lauſanne zurück gekehrt. Sie ſchrieb ihm dorthin, daß ſie ihn vor ſeiner Abreiſe noch einmal ſehen, noch einmal ſprechen müſſe. Seine Erwiederung lautete, daß ſein Wagen bereits beſtellt, ſein Koffer gepackt ſei. Sie ließ anſpannen und fuhr ſelbſt in die Stadt. Als ſie vor ſeinem Hauſe hielt, waren die Läden ſeiner Fenſter geſchloſſen und damit die Antwort ertheilt. Den⸗ noch ließ ſie ſich hinauf führen und trat in das wüſt aus⸗ ſehende Gemach. Alles lag noch umher, wie er es verlaſſen hatte. Alles ſprach hier von ihm und brachte ihr die Er⸗ innerung der verlebten Tage vor die Seele. Sie ſchloß 3 1859. III. Frau von Stabl. III. 42 die Thüre, ſetzte ſich und ſann ſtill dem Vergangenen nach.— Zerriſſene Briefe, Papierſtreifen lagen auf dem Bo⸗ den umher. Sie nahm ſie auf und ſuchte die Handſchrift zu erkennen. Es waren deutſche Charaktere, die ſie nicht zu entziffern vermochte. Die zierlichen und doch feſten Schriftzüge konnten nur von einer jugendlichen Frauenhand ſo ſchön geformt werden.— Unterzeichnet waren ſie mit franzöſiſchen Lettern„Hardenberg.“ Zitternd ſteckte ſie dieſe Stückchen Papier in den Buſen ihres Kleides und eilte aus dem Zimmer. Hardenberg! Den Namen hatte er ihr oft genannt; aber in anderer Beziehung. Die Vorbereitungen für ihre Abreiſe beſchäftigten ſie zum Glück in den nächſten Tagen. Als endlich der Augenblick erſchien, wo ſie von ihrem Vater ſcheiden ſollte, fehlte ihr der Muth, ihm Lebewohl zu ſagen.— Necker war mit den Jahren corpulent gewor⸗ den, er konnte ſich wenig Bewegung machen und Alles deutete an, daß er kein hohes Lebensalter erreichen würde. Dazu hatte der Verluſt ſeiner Gattin ihm eine Wunde ge⸗ ſchlagen, welche wohl vernarben, aber nicht heilen konnte. In einem Bosquet ſeines Gartens ſtanden ihre irdiſchen Ueberreſte beigeſetzt. Hierher richtete er täglich ſeine Schritte und ſprach in ſeinen Gedanken mit ihr. Frau von Stasl führte ihren Vater an dieſen Ort, F ——-„—— um ihm hier ein letztes Lebewohl zu ſagen. Ihre Kinder ſollten ſie nicht begleiten. Sie legte ſie ihrem Vater an dem Grabe ihrer Mutter an das Herz und bat ihn, ſie in deren Sinne für ſie zu erziehen. Laut weinend ſtürzte ſie dann in ihren Wagen, deckte die Hände vor das Geſicht und ſah nichts mehr. Raſch rollte ſie ſo dem Orte ihrer Beſtimmung zu. Wenn wir nach langer Abweſenheit den Ort wieder betreten, wo unſere Wiege geſtanden, ſo machen wir die Erfahrung, daß das Bild, welches davon in unſerer Er⸗ innerung lebt, ſeine Farben verloren hat und in den Rah⸗ men, den wir dafür mitgebracht, nicht paſſen will. Sind wir es, die mit andern Augen ſehen, oder haben die Gegenſtände eine andere Geſtalt angenommen, das wiſſen wir nicht zu ſagen; nur das Eine ſteht feſt, wir gehören nicht mehr in die Umgebung. Als Frau von Staöl die Thürme von Paris erblickte, netzten Freudenthränen ihr Auge. Sie hätte jeden Vor⸗ übergehenden begrüßen, jeden Fremden an ihr Herz drücken mögen. Die Häuſer, die Straßen waren noch dieſelben, nur daß ſie andere Namen trugen. Die Wappen waren ver⸗ ſchwunden, das Wort Citoyen drückte Alles aus. Der Lurus war zu einem Laſter geworden, die Einfachheit be⸗ wies die Geſinnung. 3* 44 Herr von Staöl trat ſeiner Frau im ſchwarzen Frack entgegen, ohne irgend ein Abzeichen ſeines Ranges. Sie erkannte ihn kaum wieder in dieſer bürgerlichen Tracht. Gleich am folgenden Tage fuhr ſie mit ihm zu Barras nach Grosbois, wo dieſer empfing. Hier ſah ſie nur Toi⸗ letten nach griechiſchem Muſter, mit einem ſo tiefen Aus⸗ ſchnitte, daß ſie davor erröthete. Dazu lauter dunkle Köpfe, nirgends Puder, das Haar kurz geſchnitten à la victime oder gelockt à la Pitus. Sie fiel mit ihrem Anzug in dem Maße auf, daß ſie einſah, ihn ändern zu müſſen. Als der Diener ſie meldete, hieß es: Le Citoyen ambassadeur Stal et son 6pouse. Das klang ihrem Ohr abſcheulich. Ihre Vorliebe für das Proit de l'homme hatte ſich nie ſo weit erſtreckt, um für ſich die Benennung der Bürgerin Stasl, oder der Citoyenne Ambassadrice zu begehren. Mit einer ſolchen Anrede verband ſich dann ſogleich ein gewiſſer Ton von Vertrau⸗ lichkeit, welcher in der guten Geſellſchaft nie Geltung findet und ihr aus alter Gewohnheit mißfiel. Die feinen Sitten waren verſchwunden, man ſprach ſchlecht und ſchrieb noch ſchlechter. Doch mußte ſie ihr Mißfallen darüber ſorgfältig verhehlen. Barras war jetzt ein mächtiger Mann, ihn mußte ſie in ihr Intereſſe ziehen, um ihren Freunden die Rückkehr nach Frankreich zu erleich⸗ rack Sie ras oi⸗ lus⸗ nkle la 45 tern. Sie ſprach mit ihm über dieſe Möglichkeit und re⸗ dete mit der ihr eigenthümlichen Wärme zu Gunſten Derer, welche litten. Barras ſelbſt gehörte, ſeiner Geburt nach, dem Adel an, verbarg aber ſorgfältig dieſen Urſprung, der ihm nur Nachtheil bringen konnte.— Doch blieben ihm von ſeiner erſten Erziehung die feineren Formen des geſelligen Um⸗ gangs, deren er ſich auch nicht entledigte. Lächelnd hörte er die warme Lobrede auf die emigrir⸗ ten Freunde der berühmten Frau. „Sie legen erſt Feuer an ein Haus und wollen dann die Bewohner vor den verzehrenden Flammen bewahren,“ ſagte er lachend.“ „Helfen Sie mir nur und es ſoll mir einerlei ſein, ob Sie mich der Inconſequenz anklagen oder nicht,“ ſagte ſie bittend. So leichten Kaufes erhielt ſie jedoch nicht, was ſie wünſchte. Das Directorium war der Schmeichelworte be⸗ reits gewöhnt. Der alte Adel kitzelte damit das Ohr der Parvenus um entweder Güter zu retten, oder irgend einen Vetter einzuführen und ſo hörte man denn gegenüber der Bourgviſie eine Sprache, welche ſonſt nie an Höfen geredet wurde, und als Ausdruck der Unterwürfigkeit dort * Allonville. 46 weniger verletzte als hier, wo der kriechende Eigennutz ſich te ihrer bediente, um ſeine kleinen Zwecke zu erreichen. u Der feine Ton der Unterhaltung war gänzlich ver⸗ ſchwunden, man ſprach ſchlecht und ſchrieb noch ſchlechter; 6 die Tagespreſſe war in einem Style abgefaßt, der ſie wahrhaft entſetzte. 6 Da es jetzt keinen Hof und keine Geſandten gab, ſo hatte Herr von Stasöl auch nicht zu repräſentiren. Er 2 ſpielte viel und brachte ſeine Abende bei Mademoiſelle d Contat zu. Seine Gattin ſah ihn nur ſelten. Schon d daran gewöhnt, ſich ſelbſt überlaſſen zu ſein, lebte ſie, wie früher, der Politik und dem Wohle ihrer Freunde. Sie öffnete ihren Salon und bot damit die erſten Zuſammen⸗ künfte, welche einen Schatten deſſen zeigten, was das ge⸗ ſellige Leben vor der Revolution geweſen war. Doch zog ſie zugleich viele der jetzigen Machthaber an ſich, theils um Einfluß auf die Politik des Tages zu gewinnen, theils um die Rückkehr ihrer emigrirten Freunde zu bewirken. Ihr Charakter als Frau wurde dabei gefährdet, man nannte ſie eine Intrigantin;— doch wenn hätte ſie je eine perſönliche Rückſicht walten laſſen, ſo bald ein Zweck ihr vor Augen lag, den ihr Herz gewählt hatte! Talleyrand war aus England verwieſen und hielt ſich jetzt in Amerika auf. Durch ihren Einfluß auf Bar⸗ ras erhielt ſie für ihn die Erlaubniß zur Rückkehr.— Zit⸗ ſich e e ſie ſo elle hon wie Sie ten⸗ ge⸗ zog um Ihr ſie liche igen hielt Zar⸗ Zit⸗ 47 ternd vor Vergnügen ſetzte ſie ſich an ihren Schreibtiſch, um ihm dieſe erfreuliche Nachricht zu melden. In Bezug auf Narbonne war ſie weniger glücklich. Er lebte im Canton Glarus in großer Abgeſchiedenheit und duldete alle möglichen Entbehrungen, dem ungeachtet wollte er Frankreich nicht wieder ſehen, ſo lange es einer Regierung unterworfen war, welche er haßte und verachtete. Vergeblich bemühte ſich Frau von Stasl, ſeine Anſicht in dem Bezug zu ändern; vergeblich ſetzte ſie ihm aus einan⸗ der, daß er durch ſeinen Einfluß an einer beſſeren Geſtal⸗ tung der Dinge arbeiten könne; er blieb dabei, auf ſolchem Grunde kein Gebäude aufrichten zu wollen, weil es nur über ſeinem eigenen Haupte zuſammen brechen würde. Die Damen Beauharnais und Tallien hatten eben⸗ falls einen Empfangsabend feſtgeſetzt; die Theater gewan⸗ nen wieder Intereſſe und, wie früher, fand Frau von Stasl vielfache Gelegenheit, ihren Geiſt glänzen zu laſſen und ſich ihres Uebergewichtes bewußt zu werden.— Trotz dem fühlte ſie ſich nicht glücklich. Von Woche zu Woche hatte ſie ſeit ihrer Ankunft der Rückkehr Benjamin Conſtant's entgegen geſehen und ihre Ungeduld kannte keine Grenzen, als er immer wieder Aufſchub verlangte, ohne genügenden Grund für dieſe Verzögerung angeben zu können.— Sie rang mit ver⸗ 48 zweifelten Entſchlüſſen, ſie war oftmals auf dem Punkte, ihm nachreiſen zu wollen. Doch, kann man die Freund⸗ ſe ſchaft, die dem Andern keine Rechte mehr einräumen will, durch Bitten und Vorwürfe an ſich feſſeln? Ihr Kopf ſagte ihr, wie unmöglich das ſei, doch ihr gr Herz widerſprach dem ſtets mit übertönender Stimme. Sie hatte es erfahren, wie viele Beziehungen zu dem Leben te dem Manne höher gelten, als ſeine Freundſchaft für eine Frau, und wie leicht er ihre Nähe entbehren kann, wenn ſein Ehrgeiz, ſein Eigennutz, oder irgend eine andere Lei⸗ denſchaft der Art Anſprüche an ihn macht,— ſie hatte es ſeufzend dulden müſſen, daß man für ſie keine Feſſeln brach, und ſie lieber eine Ehe eingehen ließ, die eine bloße Geſell⸗ ſchaftsſache war, als ihr eine Stellung einräumte, der ſie ſich in jedem Bezug gewachſen glaubte. Sie hatte das ge⸗ duldet und verziehen und war dieſen Männern eine treue Freundin geblieben. Aber— ſollte ſie immer wieder aufs Neue die Probe ablegen, wie gern ſie ſich ſelbſt vergeſſe, wenn es dem Andern förderte? Täglich ſchrieb ſie an Herrn von Rebecque und mahnte ihn an ſein Verſprechen. Mit glühenden Farben ſchilderte ſie ihm, wie tief ſie ſeine Wortbrüchigkeit empfinde und wie troſtlos es für ſie ſei, nicht zu ihm eilen zu können, um ihm durch das lebendige Wort fühlbarer noch zu machen, kte, nd⸗ ill, ihr me. ben eine en Lei⸗ 49 welche Wunde er ihrem Frieden, ihrem Glücke ge⸗ ſchlagen.— Solche Epiſteln erregten bei dem Empfänger die peinlichſte Stimmung. Gefeſſelt durch eine wirkliche Nei⸗ gung, wurde es ihm ſo ſchwer ſich loszureißen. Und den⸗ noch übte Frau von Staöl eine Gewalt über ſeine Phan⸗ taſie aus, die ihn faſt gegen ſeinen Willen zu ihr zog. biertes Capitel. Das neue Paris. An einem heißen Auguſt⸗Morgen erreichte Benjamin Conſtant de Rebecque, nach einem Umweg durch die Rhein⸗ provinzen und Holland, endlich die berühmte Hauptſtadt der franzöſiſchen Republik. Erwartungsvoll ſah er ſeiner Ankunft entgegen. Bei den Barrieren angelangt, verließ er die Poſt, und wanderte langſam den ihm bezeichneten Weg, um den erſten Eindruck ungeſtört in ſich aufzunehmen. Paris zu ſehen, war damals noch eine Begebenheit für einen jungen Mann. Neugierig betrachtete er die Häuſer und die Menſchen. Da kam ein Karren des Weges, auf welchem zwanzig Gensd'armes ſaßen, welche man zum ichtylae führte. Schaudernd wandte er ſich von dieſem greulichen Zuge ab. amin hein⸗ ſtadt einer Poſt, 1den is zu ngen ſchen. anzig ihrte. e ab. 51 Es waren die alten Sbirren der Cohorte des Fou⸗ quier⸗Tinville, welche ſich mit den Aufrührern des 1ſten Prairial verbündet hatten. Gut ausſehende junge Leute durchliefen die Straßen, bewaffnet mit Säbeln und Piken, und trieben die Arbeiter vor ſich her, welche an dem An⸗ griff der Convention Theil genommen. Man führte Ka⸗ nonen durch die Straßen. Paris glich einem Schlachtfelde nach der Bataille. In der höchſten Aufregung erreichte Benjamin Con⸗ ſtant das Hotel der Frau von Staöl.— Der fremde Diener hatte ſeinen Namen nicht recht verſtanden, ſie ahnte nicht wer eintreten würde und begrüßte ihn mit einem lauten Schrei der Ueberraſchung, des Schreckens und der Freude. Sie wiederholte ihm ihre Einladung, ſeine Wohnung in ihrem Hauſe zu nehmen. Conſtant bat ſie, von dieſem Anerbieten keinen Gebrauch machen zu dürfen. Da Herr von Stasl ihn gar nicht kenne, ſo müſſe es ihm unangenehm ſein, einen fremden jungen Mann als Familienglied betrachtet zu ſehen.— Sie ſchmollte über ſeine Weigerung und muſterte ihn mit miß⸗ trauiſchen Blicken. Der Name Hardenberg ſchwebte auf ihren Lippen, doch zögerte ſie noch ihn auszuſprechen. Ihr bangte vor ſeinem Klange.— Am Abend war Empfang bei ihr; da lernte er Suard, Morellet, Lacretelle, Laharpe, den geiſtreichen Lauraguais, 52 Caſtellane, Choiſeul und viele andere bedeutende Männer kennen.— Ihm ſchwindelte, als er ſein Lager ſuchte, von Allem was er erlebt, erfahren, geſehen.— Am folgenden Morgen fuhr Frau von Staöl mit ihm zu Barras und empfahl ihren Schützling der Berück⸗ ſichtigung des mächtigen Mannes; darauf ſtellte ſie ihn den Damen ihrer Bekanntſchaft vor. Herr von Staöl befand ſich in Paſſy. Als er nach einigen Tagen von dort zurückkehrte, fand er den neuen Hausgenoſſen. Kalt begrüßte er ihn und zeigte keine Art von Intereſſe an einem Gaſte, den ſeine Gattin ſo ſichtlich auszeichnete.— Verlegen ſtand Benjamin Conſtant ihm gegenüber.— Als er ſich mit Frau von Staöl allein befand, bat er ſie, ihn in Gegenwart Anderer mit weniger Aufmerkſamkeit zu behandeln. Sie ſah ihn darauf einige Minuten lang mit ſprachloſem Erſtaunen an.— „Sie wollen mich die Lüge lehren, welche Euch Männern an meinem Geſchlechte ſo gut gefällt,“ ſagte ſie dann halb traurig, halb bitter;„doch, vergebliches Be⸗ mühen! Ich bin die Tochter meines Vaters und will, es koſte was es wolle, vor Allem wahr bleiben.— Meine Freundſchaft für Sie werde ich nicht verleugnen.“ Conſtant ſchwieg, wie immer, wenn er ſie mißver⸗ gnügt oder betrübt ſah. Er hatte nicht den Muth ſie un änner „von l mit erück⸗ e ihn nach neuen e Art htlich r.— er ſie, mkeit lang Euch te ſie 3 Be⸗ ll, es Reine ßver⸗ e un⸗ glücklich zu machen, und beruhigte ſie feige mit Worten und Verſicherungen, an die er ſelbſt nicht glaubte. Sie führte ihn hinaus nach Saint Brice zu Mar⸗ montel, welcher durch die Revolution ſein Vermögen und ſeine Einnahme verloren hatte, und in ſeinem Alter mit Sorge auf ſeine junge Familie blickte, welche er kaum vor Mangel zu ſchützen verſtand. Es gewährte Frau von Staöl ein großes Vergnügen, ihrem jungen Freunde dieſe Plätze zu zeigen, wo ſie einſt geweilt und mit ihm von den ent⸗ ſchwundenen Zeiten zu reden, welche ſo reich an Hoffnung und an Ruhm geweſen.— Marmontel freuete ſich herzlich ſie wiederzuſehen, und ſchilderte ihr warm die Jahre der Sorge, welche er indeſſen, ſo nahe dem Schauplatze des Schreckens, hier verlebt. So manche ihrer gemeinſamen Freunde hatten traurig geendet. Schaudernd hörte ſie die Einzelheiten der Schickſale, welche ſie getroffen. Auch von Condorcet war die Rede, und wie der geiſtvolle, bedeutende Mann, wel⸗ cher eben ſein ſchönes Werk über den Fortſchritt des menſch⸗ lichen Geiſtes beendet, von Robespierre verfolgt, an Gift habe enden müſſen.— „Wir Dichter ſind arm in unſern Erfindungen, wenn wir ſie mit den wunderbaren Verknüpfungen menſchlicher Schickſale vergleichen, welche das wirkliche Leben bietet,“ ſagte Marmontel gedankenvoll. 54 Herzlich ſchieden ſie. Am folgenden Tage war Herr von Stasl noch ernſter und ſchweigſamer, als gewöhnlich. Conſtant faßte den Muth ihn anzureden und in ein Geſpräch zu ziehen; doch vergebliches Bemühen! Als er ihn nach den politiſchen Neuigkeiten fragte, erwiederte er: in dem Ami du citoyen ſtehe nur die eine Nachricht, daß der Bürger⸗Benjamin Conſtant das Déjeüner à la fourchette von Frau von Staöl ſei. Damit verließ er das Zimmer.— Conſtant blickte ihm verwirrt nach.— Schweigend ſaßen die Zurückgebliebenen einander gegenüber. Keines von Beiden wagte das erſte Wort.— Endlich ſprang Conſtant auf, wollte ſeinen Hut ergreifen und aus dem Zimmer eilen; doch die Hand der Frau von Staöl legte ſich auf ſeinen Arm und hielt ihn zurück. Wie immer, gab er auch heute ihren Bitten nach. Ein neues Leben hatte für Frau von Stasl begonnen. Sie wollte ihrem jungen Freunde den Weg zu jenem Ruhme bahnen, den ſie ſelbſt nicht erringen durfte, ſie wollte ihn mit ihrem Ehrgeize in die politiſche Laufbahn ſtürzen und ſeine Erfolge dann für ſich mitgenießen. Sie führte ihn zu Madame Tallien und Madame Beauharnais, der Tante der künftigen Kaiſerin, welche Beide, gleich ihr, einen ausgezeichneten Kreis bei ſich em⸗ pfingen. Der junge Deutſche, oder wenigſtens doch ganz — ter en och en en tin on int er on ie n. m ſie n ne he 55 deutſch ausſehende, junge Mann, mit dem langen blonden Haare, und dem offenen, von Begeiſterung leuchtenden Auge, gefiel, und bald fühlten ſich viele geneigt, einen ſol⸗ chen Protegé unter ihren Schutz zu nehmen, um durch ſein Talent in der politiſchen Welt eine Macht zu gewinnen.— Frau von Stasl ließ ſich indeſſen ihre Rechte auf ihn nicht ſtreitig machen. Sie glaubte in ihm endlich den Freund gefunden zu haben, dem ſie ſich ganz hingeben, dem ſie jedes Opfer bringen, und von dem ſie dafür als Er⸗ widerung eine treue, ſich nie verleugnende Zuneigung er⸗ warten durfte. Seine deutſchen Ideen, ſeine philoſophi⸗ ſchen Syſteme, ſein Enthuſiasmus, und ſein einfaches naives Weſen, bezauberten ſie. Warum konnte ſie ihm nicht ſchon früher begegnet ſein! Weder die Religivn, noch Familienrückſichten ſtellten ſich bei ihm einer dauernden Verbindung entgegen, und an ſeiner Seite hätte ihr jenes Glück geblüht, das ſie für das höchſte und ſchönſte erkannte: eine Ehe mit einem geliebten Manne.„Ich werde meine Tochter zwingen, ſich aus Neigung zu verheirathen,“ ſagte ſie oft, wenn ſie ſeufzend an ihr verfehltes Leben dachte. Indeſſen,— war denn wirklich auch ſchon jede Hoff⸗ nung darauf für ſie verloren? Herr von Stasl würde nicht angeſtanden haben, eine Ehe gelöſt zu ſehen, ſobald man ihm für die Gattin eine angemeſſene pecuniäre Entſchädigung geboten hätte. Außer⸗ 56 dem war er bejahrt und kränklich und wenig geneigt ſeiner Geſundheit die nothwendige Rückſicht zu ſchenken; ſein Lebensziel war daher kurz geſteckt. Doch, durfte Frau von Stasl eine ſolche Möglichkeit der Löſung ihrer beſtehenden Verhältniſſe in Anregung bringen? Benjamin Conſtant wich jedem Geſpräche aus, das auf ſolche ernſten Beziehungen hindeutete, und ſo erwartete ſie denn von der Steigerung ſeiner Neigung für ſie eine Erklärung, welche ihr Herz ſehnlichſt herbei wünſchte. Indeſſen leitete ſie ſeine Schritte auf der Bahn, welche ſein Ehrgeiz und ſeine Beifallsliebe ſuchte, und freute ſich ſeiner Erfolge. Mit dem Herbſte kehrte auch Talleyrand zurück, und eilte, ihr ſeinen Dank auszuſprechen. Er hatte ſeinen Weg über Hamburg genommen, wo Frau von Genlis als Emigrirte weilte, und brachte Frau von Stasl Nachrichten über das dortige Leben ihrer jetzigen Nebenbuhlerin und vormaligen gefeierten Heldin. Die Liebesabenteuer, welche ihn außerdem dort beſchäftigt, überging er aber mit Schweigen. Sie war noch bei der Toilette, als Talleyrand ſich bei ihr melden ließ, nach der Mode der Zeit empfing ſie ihn bei dieſer Beſchäftigung. Mademoiſelle Olive kleidete ſie an, während ſie zwiſchen ihren Fingern einen kleinen 57 grünen Zweig hin und her rollte. Wie alle lebhaften Perſonen, bedurfte ſie dieſes Spieles der Hände, um ihrer körperlichen Unruhe dadurch einen Ableiter zu geben.— Vor ihrem großen Spiegel ſtehend, unterhielt ſie ſich auf das Lebhafteſte mit ihm, als plötzlich die ſchöne Madame Récamier, in einem weißen Kleide, eintrat, und ſich auf ein hellblaues, mit Gold bordirtes Sopha niederließ. Talleyrand hatte ſich bei ihrem Eintritte erhoben, um ſie zu begrüßen und blieb jetzt bewundernd vor ihr ſtehen.— Unbefangen plauderte die ſchöne Frau einige Minuten mit Frau von Stasl, und beredete mit ihr, wie ſie ihren Tag zubringen wollten. Dann verſchwand ſie leiſe, wie ſie gekommen. „Wie bezaubernd ſchön iſt dieſe Dame,“ rief Talley⸗ rand ihr nach. „Sie iſt ein Engel!“ erwiederte Madame de Stasl warm.„Ich habe ſie erſt kürzlich kennen gelernt, bei Ge⸗ legenheit des Verkaufes von meines Vaters Haus, das ſie für ſich erſtanden.— Sie benahm ſich dabei ſehr ſchüchtern, ſie fürchtete meinen Geiſt, und es koſtete mir Mühe, bis ich ſie mir eroberte. Jetzt aber iſt ſie mein.— Wir lieben uns zärtlich.— Sie bewohnt das Schloß Clichy und iſt wenig in Paris; denn ſie fürchtet die große Welt.— Dort aber ſieht ſie einen Kreis angenehmer Leute, zu denen auch Lucian Bonaparte gehört, deſſen Herz ß völlig gewonnen 1859. III. Frau von Stasl. TII. 4 58 hat. Aber welches Herz könnte auch einer ſo reizenden Perſönlichkeit gegenüber kalt bleiben?“ „Das meinige hoffentlich,“ erwiederte Talleyrand ſchalkhaft.„Die Frauen verurſachen uns ſo viel mehr Leid, als ſie uns Freude gewähren, daß ſie uns wirklich mehr zur Strafe als zur Freude geſchaffen ſcheinen— außer, wenn ſie einen Geiſt beſitzen, wie Sie.“ Frau von Stasl ließ dies Compliment unbeachtet und empfahl der Protection des erfahrenen Politikers ihren neuen Schützling. „Sie wollen, daß ich ſo uneigennützig ſei, Jemanden das Wort zu reden, der ſich Ihrer perſönlichen Gunſt er⸗ freut?“ ſagte er mit feinem Lächeln. „Sie verlangen doch nicht, daß ich Ihren Antheil für meine Feinde von Ihnen begehre?“ fragte ſie lachend. „Gut denn. Aber wie kann ich ihm dienen?“ „Indem ſie ihm lehren, die Umſtände geſchickt zu ſeinem Vortheil zu benutzen.“ „Sie ſind eine gefährliche Frau,“ erwiederte er; „denn ſie durchſchauen meine Politik, wie Sie ſonſt auch mein Herz durchſchauten.“ „Bis Sie die Thüre dazu verſchloſſen,“ unterbrach ſie ihn lachend;„denn Sie ſahen ein, daß der Zuſchauer zu viel darin entdecken könne.“ „Ah! die ſchönen Zeiten!“ ſagte Talleyrand, mit — er it 59 ſeiner weißen Hand die glatte Stirne bedeckend.„Jetzt wird man alt und— wird nicht mehr geſucht.“ „Das iſt nicht Ihr Ernſt. Sie ſehen wahrlich nicht aus, wie Jemand, der den Freuden des Lebens zu ver⸗ zichten beabſichtigte. Aber ſagen Sie mir, wie gefällt Ihnen das republikaniſche Paris? Welchen Eindruck ver⸗ urſacht es Ihnen?“ „Bürgerin Stasl, ich finde den Ton etwas grob und die Sprache etwas roh und derb. Man glaubt mitunter in die Küche ſeines Hotels hinabgeſtiegen zu ſein.“ „Man redet wenigſtens eine ſehr verſtändliche Sprache, eine Sprache, die ſehr viel ausdrückt, man be⸗ dient ſich keiner glatten Worte, keiner unnützen Wendun⸗ gen. Buffon würde über ſeinen geputzten Styl lachen, wenn er ihn mit dieſer einfachen Redeweiſe vergliche.“ Auf dieſe Art lächelte und ſcherzte man über das republikaniſche Frankreich, und eine Geſellſchaft junger Cavaliere, welche ſich die Incrohables nannten, zogen ſogar öffentlich umher und ſpotteten der Sitten und der Tracht des neuen Bürgerthums. Frau von Staöl hatte jetzt nicht mehr zu repräſen⸗ tiren, es gab keinen Hof, es gab keine Geſandtſchaften, das Wappen von ihrem Wagen war verſchwunden, und die Bürgerin der Republik hatte allem Luxus entſagt. Ihrem Geſchmacke wollte ſich dieſe neue Art zu leben nicht ganz 4* 60 anpaſſen; indeſſen fügte ſie ſich auch dieſer Bedingung, ſo⸗ bald das droit de'homme, mit dem ſie ſich immer noch trug, auf keinem andern Wege erreicht werden konnte. Benjamin Conſtant war jetzt ihr beſtändiger Be⸗ gleiter, ſie hing ſich an ihn mit allen ihren Wünſchen und Hoffnungen und baute auf ihn das Glück ihrer Zukunft, wie das des gegenwärtigen Augenblickes. Sie nahm gewiſſermaßen Beſitz von ſeinem Talente und wucherte damit. Dadurch fühlte er ſich in vielem Be⸗ zug gefeſſelt und eingeengt. Machte er einen Verſuch, ſich dieſem Einfluß zu entziehen, ſo wurde ſie heftig, und über⸗ ſchüttete ihn mit einer Fluth von Vorwürfen und Thränen. Er hätte ihr entfliehen mögen und konnte ſie doch nicht entbehren. „Jamais je n'ai 6té aimé, comme j'aime,“ ſagte ſie ihm eines Tages mit tiefer Traurigkeit und von dem ſtillen Vorwurf, der in ihrem Blicke lag, weit mehr gerührt, als von den heftigen Worten ihrer Leidenſchaft, ſtand er auf dem Punkte, ihr ſein Geheimniß zu verrathen. Vor ihr hinkniend und ihre ſchönen Hände an ſeine Lippen ziehend, ſagte er:„Wollte der Himmel, ich hätte Ihnen mein ganzes Herz bieten dürfen!“ „Dürfen!“ wiederholte ſie.„Wie ſoll ich das ver⸗ ſtehen, Conſtant!“ rief ſie in höchſter Aufregung.„Ich bitte Sie. Machen Sie mich nicht raſend mit ſolchen 61 halben Worten, mit Andeutungen, welche mir den Verſtand koſten könnten!“ Statt ſeine angefangene Rede fortzuſetzen, beruhigte er ſie wieder, als er den Zuſtand ſah, in welchen ſein erſtes Wort ſie verſetzt hatte. So verging der Sommer. Benjamin Conſtant ar⸗ beitete an ſeinem Werke: les effets de la terreur, und gah ſein Buch der Reactions politiques heraus. Immer mächtiger wurde er jetzt von dem politiſchen Strome mit fortgeriſſen, unter der Leitung von dem ſeltenen Geiſte dieſer Frau, die ihn als Werkzeug ihres Ehrgeizes benutzte. Das Jahresfeſt der Conſtitution fand ſtatt; es war die Conſtitution des Jahres III der Repu⸗ blik, welche man Frankreich bot und ganz Paris war in Bewegung und Aufruhr, als dies Palladium der nativ⸗ nalen Freiheit öffentlich abgeleſen wurde. Unmöglich konnte Benjamin Conſtant kalt bleiben, wo er ein ganzes Volk in Flammen ſah, und leicht ward es Frau von Stasl, ihn zu bereden, jetzt öffentlich aufzu⸗ treten und ſeinen Namen bedeutend zu machen. So ſchrieb er denn drei Briefe in die öffentlichen Blätter, gegen das Decret gerichtet, welches zwei Dritttheil der Convention in das neue nationale Repräſentativſyſtem aufnehmen ſollte. Dieſe Briefe erregten ein ungeheures Aufſehen. Jeder wollte den Verfaſſer kennen lernen, jeder ihn bei 62 ſich eingeführt ſehen, die ſchönſten Damen bewarben ſich um ſeine Gunſt und boten ihm ihre Protection an. Dieſer Beifall öffnete ihm die Augen. Er erkannte, daß er eine Sache vertheidigte, welcher er feindlich war, und dieſer erſte Fehlgriff auf ſeiner politiſchen Laufbahn, war ihm eine Lehre, ſich künftig ſtets der größten Vorſicht zu befleißigen. Er hatte es erfahren, wie ſchwer es iſt, das einmal Geſagte zurück zu nehmen, und wie beſchämend zugleich, ſich wegen eines Fehlgriffes gelobt zu ſehen. Der unbekannte junge Mann hatte ſich jetzt einen Namen erworben.— Er durfte nicht länger als der be⸗ ſcheidene Günſtling neben Frau von Staöl auftreten. Sie freute ſich ſeines Erfolges und doch ſchmerzte es ſie mit⸗ unter auch, wenn der Gedanke in ihr aufſtieg, daß er ihrer jetzt weniger bedürfe. Sie folgte ihm im Geiſte auf allen ſeinen Schritten. So oft er ſich entfernte, entließ ſie ihn mit der Frage nach der Stunde ſeiner Rückkehr, und erwies er ſich unpünktlich, ſo fand er ſie von Ungeduld und Schmerz verzehrt, die ſchönen Augen in Thränen gebadet. Dieſe Abhängigkeit machte ihn oft ungeduldig, doch konnte er ſich davon nicht befreien. Sie wünſchte vor dem Winter ihren Vater zu be⸗ ſuchen, ihre Kinder wieder zu ſehen, und ſie vielleicht mit nach Paris zurück zu bringen, im Fall Necker ihre Nähe nicht entbehrte. — — — E⸗ it he 63 „Wollen Sie mich auf dieſer Reiſe nach Coppet be⸗ gleiten?“ fragte ſie Benjamin Conſtant. Er ſah ſie erſtaunt an. „Ich?“ fragte er endlich.„Was würde die Welt, was würde Herr von Staöl zu ſolcher Reiſegeſellſchaft ſagen, und wie ſollte ich Ihrem Vater, wie Ihren Kindern entgegen treten, wenn ich den Ruf ihrer Mutter unter⸗ graben hätte?“ „Eine ſolche Antwort dictirt der Kopf, das Herz hat keinen Theil daran,“ ſagte ſie unmuthig und trat an das Fenſter.„Eine Frau führt nie Rechnung über ihre Schritte, wenn ſie ſie einen Weg führen ſollen, den ſie gern geht.“ Seine Antwort hatte ſie tief gekränkt. Sie faßte ſeine Handlungsweiſe nicht. Er war ihr zugethan, ſie konnte nicht zweifeln, daß ihre Nähe ihn feſſelte und den⸗ noch ſchien er den Gedanken, ihr Schickſal an das ſeinige zu ketten, zu fliehen. Sie ſeufzte ſchwer. Immer das gleiche Loos, immer wieder begegnete ſie einem Manne, der ſchwach und wankend, nicht den Entſchluß faſſen konnte, ihr anzugehören und auch nicht den mit ihr zu brechen. Phodre wurde zum Beſten von Mademoiſelle Contat gegeben, mit dreifachen Preiſen. Conſtant ſaß in der Oper neben Frau von Staöl, während ihr Gatte den Abend hinter den Couliſſen zubrachte und glänzende Geſchenke austheilte, die ſie bezahlte. Täglich nahm Paris jetzt an 64 Lurus zu, täglich mehrten ſich die Feſte, die Equipagen, der Glanz. Die Frauen herrſchten wieder. Am 4. Oetober hörte Frau von Stasl zum erſten Male den für ſie ſo un⸗ heilvollen Namen Napoleon, und bald darauf ſchrieb dieſer an ſeinen Bruder Joſeph:„Eine jede Frau ſollte ſechs Monate in Paris zubringen, um zu wiſſen, welche Gewalt ſie beſitzt und was man ihr ſchuldig iſt.“ Es war ſchwer ſich von Paris in einem ſolchen Mo⸗ mente zu trennen; doch gab Frau von Stasl dem Wunſche ihres Vaters nach und ging. Fünftes Capitel. Schuld und Sühne. Wenn wir auf die Vergangenheit zurückblicken, ſo ſehen wir als Markſteine auf unſerm Lebenswege eine Reihe von Irrthümern hingeſtellt. Staunend fragen wir uns, was unſern jetzt ſo klaren Blick damals verſchleierte, und der Zweifel ſteigt in uns auf, ob wir die Gegenwart je richtig zu würdigen vermögen. So lange das Leben mit warmem Hauche auf uns einwirkt, wird in unſerer Bruſt das Echo vernehmbar ſein, und vergeblich wollen wir deſſen Stimme übertönen! Beſonnen und dadurch gerecht ſind wir nur dann, wenn wir zu richten haben, ohne perſönlich betheiligt zu ſein; die eigene Sache aber kann man nur parteiiſch verfechten. Als Frau von Staöl am Morgen nach ihrer Rückkehr von Coppet noch unangekleidet in ihrem Zimmet beim 5 66 Frühſtücke ſaß, trat Mathien von Montmorench bei ihr ein. Mit lauter Freude begrüßte ſie den ihr ſo theuren Freund, dem ſie mit ſo warmer Zuneigung anhing. Er war der Held ihrer ſchönſten Jugendträume geweſen; von ſolchen Erinnerungen ſagt eine Frau ſich niemals los. Sie war glücklich, ihn wieder in ſeinem Vaterlande, in den gewohnten Verhältniſſen und in ihrer Nähe zu wiſſen.„Sie fehlten meinem Leben, Montmorench!“ ſagte ſie, ihm ihre ſchöne Hand reichend, und ihr großes Auge voll und zärtlich auf ihn richtend.„Iſt Frankreich auch nicht geworden, was es unſern Wünſchen nach werden ſollte; ſo hat es doch viel gewonnen. Große Mißbräuche ſind abgeſtellt, die Menſchenrechte ſind anerkannt, und das Geſetz iſt für Alle da. Das ſind Fortſchritte auf dem Wege der Humanität, die wir nicht aus den Augen ver⸗ lieren dürfen, wenn die Mängel unſerer Conſtitution uns unangenehm berühren.“ „Sprechen wir davon nicht!“ erwiederte Montmo⸗ rench mit einer abwehrenden Bewegung der Hand, wäh⸗ rend ein Schauder ihn durchrieſelte.„Ich habe meinen einzigen Bruder auf dem Schaffot endigen ſehen; das ver⸗ gißt ſich nicht.— Auf jedem Schritte begleitet mich die Erinnerung an dieſe Scene, die Straßen von Paris ſind in meinen Augen mit Blut gedüngt, ich mag keine Con⸗ ſtitutivn, die mit der Guillotine geſchrieben wurde, ich — 8— 8 — —— 68b Sv S S ie d 4⸗ 67 mag keine Menſchenrechte, welche ſich durch Mord geltend machten.— Mein vergangenes Leben war ein Irrthum; dieſen zu bereuen will ich den Reſt meiner Tage aufwenden.“ Vergeblich bemühte ſie ſich, ihn zur Theilnahme an den politiſchen Begebenheiten zu bewegen. Sein Auge blieb todt, wenn ſie von ihren Hoffnungen, in Bezug darauf ſprach; ſie entzündete in ihm kein Intereſſe daran, wie warm ſie ſich auch verwendete.— Nur wohlthätigen Anſtalten ſollten ſeine Kräfte gewidmet ſein, nur der Sühne wollte er leben. Traurig ſah ſie ihn an.— Das war nicht mehr der jugendliche Held, welcher ſo ſchön für Menſchenglück zu ſchwärmen wußte, der ſeinen Namen, ſein Vermögen, ſein ganzes Ich dem Wohle Frankreichs ohne Zandern hin⸗ gegeben!— Wie ſchnell war dieſer ſchöne Traum ge⸗ ſchwunden!— Im beſten Mannesalter, kräftig und ſchön, zeigte er die Reſignation eines Greiſes. Ein Leben ohne Hoffnung, ohne Wünſche, iſt ſchon das Vorſpiel des Nichtſeins. Bewegt wandelte ſie einige Male im Zimmer auf und ab, während ſie dieſen Gedanken Raum gab. Schwere Seufzer entſtiegen ihrer Bruſt.— Es koſtet Kampf, von den Gefährten einer Lebensepoche ſcheiden zu müſſen, die in unſerer Seele tiefe Wurzeln geſchlagen hat. Sie fragte ſich, ob auch ſie nicht an Hoffnungen ärmer geworden, ob 68 auch ſie nicht zu wünſchen aufgehört!— Doch ſie wartete die Antwort, vor der ihr bangte, nicht ab.— Aengſtlich klammerte ſie ſich an den Halm, den ihre Hand noch faſſen konnte, aus Furcht vor einem Nichts der Exiſtenz, vor einem Leben ohne Zweck. Ihr blieb nichts zu bereuen, nichts zu beklagen; denn nur die Rolle des Souffleurs war ja ihr Theil geweſen. Bewegt ſchieden ſie. Jeder fühlte, daß er von jetzt an das nicht mehr in dem Andern lieben könne, was ihm ſelbſt als das höchſte galt, daß ſie ſich gegenſeitig ſchonen, dulden, und die Vergangenheit als Baſis für die freund⸗ lichen Empfindungen der Gegenwart benutzen mußten. Sie ſah nach der Uhr, als er ſich entfernt. Die Stunde war herangekommen, wo ſie Benjamin Conſtant erwartete und er erſchien noch immer nicht. Ungeduldig zählte ſie die Minuten. Sie bedurfte ſeiner heute mehr, als je. Der Eindruck, welchen Montmorench in ihrer Seele zurück gelaſſen, war ſo lähmend, daß ſie ſich an ſeinem friſchen, hoffnungsreichen Weſen erholen wollte. Mit ihm konnte ſie von einer glänzenden Zukunft träumen; ohne ihn fühlte auch ſie die Nachwirkung ſo vieler Täu⸗ ſchungen. Er blieb lange über die beſtimmte Zeit aus. Als er endlich erſchien, ſtellte ſie ſich in ihre Lectüre vertieft, und beachtete ihn nicht. Dadurch gereizt, ſagte er:—„Sie 69 bedürfen meiner heute nicht. So will ich wieder gehen. Es thut mir nur leid um die ſchöne Zeit, die ich auf mei⸗ nem Wege zu Ihnen verloren.“ Eine heftige Scene war die Folge. Conſtant beklagte ſich über den Zwang, welchen ſie ihm auferlege; über ihr Mißtrauen, das von jedem Schritte Rechenſchaft fordere. — Sie brach in Thränen aus, und er war, wie immer, beſiegt. Doch die harten Worte, mit denen er ſie gekränkt, blieben geſagt, er konnte ſie nicht zurück nehmen, ſie konnte ſie nicht vergeſſen. Das Schlimmſte bleibt, wenn eine ſolche Grenze einmal überſchritten iſt, daß eine Wieder⸗ holung der gemachten Vorwürfe nicht ausbleibt. Unvorſichtig, wie immer, hatte ſie ihre Thüre nicht verſchloſſen, und inmitten dieſer Scene trat nun plötzlich Herr von Stasl ein. Verwundert ſah er ſeiner Gattin verweinte Augen, verächtlich den jungen Mann an, welcher ihm beſchämt gegenüber ſtand, und keine Worte zu ſeiner Entſchuldigung finden konnte. „Da Ihre Unterhaltung Frau von Staöl nur wenig Vergnügen zu bereiten ſcheint, ſo wäre es wohl am beſten, wenn ſie unſer Haus nicht ferner beſuchten,“ ſagte er mit höflicher Kälte. Conſtant richtete ſich nach dieſer Anrede ſtolz auf, ergriff ſeinen Hut und verließ das Zimmer. Frau von Stasl ſandte ihm einen bittenden Blick 70 nach; doch ohne Erfolg.— In Verzweiflung darüber, ihren Freund auf dieſe beleidigende Art verwieſen zu ſehen, wandte ſich ihr Zorn jetzt gegen ihren Gatten. „Ich weiß nicht, mein Herr, was Sie berechtigt, ſich auf dieſe Art in meine Privatbeziehungen zu miſchen,“ ſagte ſie ſtolz.„Ich dächte, daß es meine Sache wäre, Freunde, deren Unterhaltung mir nicht zuſagte, abweiſen zu laſſen; nicht aber die Ihrige mir hierin vorzugreifen. Sie haben Herrn von Rebecque ſchwer beleidigt und ich verlange von Ihnen, daß Sie deshalb ſeine Verzeihung einholen.“ „Ein junger Abenteurer, welcher ſich als Schmarotzer in mein Haus drängt, ſteht mir nicht auf dem Fuße gegen⸗ über, meine Worte meſſen zu dürfen,“ erwiederte Herr von Stasl kalt.„Von Ihnen aber, Madame, begehre ich, daß Sie einen Namen vor der Welt unbefleckt erhalten, welchen Ihre Kinder tragen werden. Können Sie als Gattin dieſe Pflicht nicht üben, ſo werden Sie doch als Mutter dazu im Stande ſein, ſich den Geſetzen der Con⸗ venienz und der Schicklichkeit zu unterwerfen, welche die Welt einmal aufgeſtellt hat.“ „Sie machen mir Vorwürfe, welche alles Grundes entbehren,“ ſagte ſie kalt. „Ohne weitere Erörterungen über dieſen Punkt, iſt ſchon der Augenblick ein hinreichender Beleg für meine 2 —„—— —— — — 71 Behauptung. Die Gattin des ſchwediſchen Geſandten em⸗ pfängt einen ganz unbekannten Menſchen zu jeder unge⸗ wohnten Tageszeit, und hat mit ihm die heftigſten Scenen, welche die Diener an den Thüren belauſchen können. Das ſcheint mir hinreichend. Sie haben von jeher Unvorſich⸗ tigkeiten, welche der Welt zu reden gaben, für eine Tugend gehalten, und ich ließ manches ungerügt hingehen, weil die politiſchen Begebenheiten mich zu ſehr in Anſpruch nahmen; jetzt aber bleibt mir die Muße, Ihre Ehre zu wahren, die auch die meinige iſt, ſo lange Sie meinen Namen tragen.“ „Eine Ehre, die mein Vater mit meinem halben Vermögen bezahlt hat; ich dächte, wir wären damit quitt, mein Herr.“ „Nicht ganz,“ erwiederte er kalt. „Und was verlangen Sie noch?“ „Daß Sie dieſen Conſtant nicht mehr empfangen.“ „Dann dürfte ich wohl, in Bezug auf Ihre Freun⸗ dinnen, ähnliche Bedingungen ſtellen?“ fragte ſie ſpöttiſch. „Nein,“ ſagte er mit eiſiger Ruhe.„Ein Mann hat eine von der Frau verſchiedene Stellung in der Welt.— Ich darf der Meinung trotzen, Sie müſſen ſich ihr unter⸗ werfen.“ „Und wenn ich das nicht will?“ „So tragen Sie die Folgen; denn ich bin der Herr 72 dieſes Hauſes, und die Bedienten haben Fäuſte, jeden un⸗ gerufenen Gaſt hinaus zu werfen.“ Damit erhob er ſich und ging, ohne eine Miene zu verziehen, aus dem Zimmer. Frau von Stasl ſank vernichtet zur Erde. Es währte lange, bevor ſie die Faſſung gewann, ihrer Jungfer ſchellen und ſich ankleiden zu können. Als ſie mit ihrer Toilette fertig war, verließ ſie, zu Fuß, ihr Hotel, um nicht dahin zurück zu kehren. Als Benjamin Conſtant ſpät Abends nach Hauſe kam, ſagte man ihm, daß eine Dame auf ihn warte, die ſich nicht habe abweiſen laſſen. Erſchreckt eilte er die Treppe hinauf und in ſein Zimmer. Bei ſeinem Eintritt erhob ſich Frau von Staöl und trat ihm mit furchtſamer Miene entgegen. „Um Gottes willen!“ rief er mit halber Stimme und ſchloß dabei ängſtlich die Thüre, um jeden Lauſcher abzu⸗ wehren;„um Gottes willen, was führt Sie hierher?“ Sie theilte ihm das Vorgefallene mit. „Und Ihr Entſchluß?“ fragte er ängſtlich. „Ich rechne auf Sie,“ erwiederte ſie zaghaft. „Auf mich!“ rief Conſtant wie ein Verzweifelnder und ſchlug die Hände vor ſein Geſicht;„auf mich!!— Aus Barmherzigkeit, nehmen Sie das Wort zurück. Noch * 1 te n te ſe ie nd nd u⸗ er och iſt es Zeit, noch ſteht Ihr Hotel Ihnen geöfſnet. Ver⸗ lieren Sie den Angenblick nicht. Die Minuten ſind ge⸗ zählt. Bedenken Sie Ihre Kinder. Bedenken Sie Ihren alten Vater und welchen ehrenwerthen Namen Sie tragen.“ Er beſchwor ſie bei allem, was ihr heilig ſei, einen ſo ge⸗ wagten Schritt nicht zu thun, der ſich dann nie zurück nehmen laſſe. Sie hörte ihm mit trauriger Miene zu. „Wenn Sie mich von ſich weiſen, gut, ſo finde ich in einem Hotel Aufnahme,“ ſagte ſie mit einer Miene, die ihn zittern machte. Was er auch verſuchte, ſie wollte ſeinen Vorſtellungen kein Gehör geben. „Meine letzte Lebenshoffnung ſind Sie,“ wiederholte ſie ihm.„Ich ſoll Sie in meinem Hotel nicht empfangen. Gut denn! So ſehe ich Sie an einem andern Orte. Herr von Stasl kannmichentbehren; ich aber kann Sienichtentbehren.“ „Sie können unmöglich in dieſem kleinen Logis Ihren Aufenthalt dauernd nehmen wollen!“ warf er ein. „Es bietet Ihnen ja nicht die geringſte Bequemlichkeit!“ Sie warf jetzt den erſten Blick auf die Umgebung. Ein Lächeln flog dabei über ihre Züge.„Ich ſehe wohl, daß Ihre Räumlichkeit Ihnen nicht geſtattet, Ihre Freunde bei ſich zu empfangen,“ ſagte ſie dann. „Gut alſv. Sie können und wollen nicht hier ver⸗ weilen; ſo kehren Sie jetzt in Ihr Hotel zurück. Ich hole Ihnen einen Wagen. Noch kann es ohne Aufſehen ge⸗ 5 1859. III. Frau von Stasl. III. 74 ſchehen. Morgen ſuchen Sie eine Wohnung ihren Ver⸗ hältniſſen entſprechend; ſobald Sie dort ſind, ſenden Sie zu mir und ich ſuche Sie auf.“ Er warf ſich ihr zu Füßen und bat ſie flehend, ſeinen Wünſchen nachzugeben. Sie ſah ihn mitleidig an. „Ich gehe,“ ſagte ſie;„aber allein.“ Damit ſtand ſie auf und verließ das Zimmer. In unbeſchreiblicher Angſt blieb Conſtant zurück. Sein Lager blieb unberührt. Raſtlos wanderte er auf und ab und ſah mit Grauen dem kommenden Morgen entgegen. Nach dem Hotel des ſchwediſchen Geſandten gehen und fragen, ob Frau von Stasl dort ſei, das wollte er nicht.— Die Schwelle dieſer Wohnung konnte er nicht wieder betreten. Er hoffte immer noch, daß ſie einen Entſchluß be⸗ reuen würde, deſſen Folgen für ihren Ruf ihm deutlich vor Augen ſtanden. Der Tag verging ihm unter den wechſelnden Gefühlen der Furcht und der Sorge. Schon fing er an, ſich zu ſchmeicheln, die Urſache ihres Schwei⸗ gens beruhe in der Rückkehr zu ihrem Gatten und ihrem Ausharren bei ihm. Da überbrachte man ihm ein Billet von ihr, worin ſie ihn zu ſich entbot.— Sie bat ihn, keinen Anſtoß daran zu nehmen, daß ihre Adreſſe unver⸗ ändert ſei; er würde jedoch durch eine andere Thüre zu ihr gelangen, wie bisher, indem ſie von dem Hotel, das ihr gehöre, Beſitz genommen und Herrn von Stasl nur ein 75 Appartement darin überlaſſen habe, wo er jetzt gänzlich für ſich wohne und ſein eigener Herr ſei. Von den ſeltſamſten Gefühlen bewegt, eilte Conſtant, ihrer Aufforderung Folge zu leiſten. Er konnte ihr keinen Vorwurf machen. Sein Herz ſagte ihm, daß ſie ihm Opfer bringe, die er nicht zu vergüten vermöge, und er erkannte dies in ruhigen Augenblicken um ſo mehr, weil ſie eigentlich die größte Urſache hatte, mit ihm unzufrieden zu ſein. Welche andere Frau würde es ertragen haben, daß er die Opfer annahm, welche ſie ihm brachte, ohne ihr ſeine Hand zu bieten und ſie mit ſeinem Namen ſchützend zu vertreten. Er fühlte mit Beſchämung, zu welchen Deu⸗ tungen ſein Betragen Anlaß gab. So wenig auffallend die Trennung von ihrem Gatten auch ſtattgefunden hatte, ſo bemächtigte ſich doch das Ge⸗ rücht ſchnell dieſer Veränderung ihrer häuslichen Verhält⸗ niſſe und ſchminkte die Urſache dazu mit tauſend Erfin⸗ dungen aus. Ihr Name war bald in jedem Munde, und leider nicht ungeſtraft. Sie gehörte der Oeffentlichkeit an und mußte es dulden, die verſchiedenartigſten Berichte über ſich in die Welt geſandt zu ſehen.— Ihr Ehrgeiz litt dabei. Sie hatte ein unermeßliches Opfer gebracht, und durfte nicht einmal über die Folgen klagen, vor denen Conſtant ſie ſo beredt gewarnt.— Sie ſchwieg alſo darüber, und lieh ſich 5* 76 mehr noch, als zuvor, den politiſchen Angelegenheiten, und den Erfolgen ihres Freundes. Marmontel ward jetzt in den Rath der Alten gewählt und kam daher nach Paris zurück. Befangen trat ſie dem langjährigen Freunde ihres Hauſes entgegen.„Zürnen Sie mir nicht!“ redete ſie ihn an und Thränen entſtürzten ihren Augen.„Ich bedarf es, Jemand zu haben, der mein Leben mit mir theilt, deſſen Intereſſen die meinigen ſind. G'est ma nature ainsi.— Ich kann nicht allein einen Weg wandeln. Wollte der Himmel, daß ich es könnte! Aber ich kann es nicht. Ich bin nicht geſchaffen wie Andere. Wenn ich ein Glück ſehe, und ſoll es mir verſagen, weil die Convenienz und menſch⸗ liche Satzungen es ſo wollen, ſo iſt mir das unmöglich. Gott hat mir ein Herz gegeben, das mächtig ſchlägt. Wo es gebietet, muß ich folgen. Es hat mich zu mancher guten That hingeriſſen, die ich, mit Vergeſſen meiner ſelbſt, voll⸗ bringen mußte; wenn es nun einmal begehrt, daß ich ihm auch für mich einen Willen thue, ſo darf ich auch nicht Nein ſagen.“ Marmontel drückte ſie väterlich an ſein Herz.„Ich bedaure Sie; aber ich tadele Sie nicht,“ ſagte er.„Wer ſtark empfindet, wird ſtets hier und da ein wenig zu weit gehen. Darüber mache er ſeine Rechnung mit Dem ab, welcher ihm dieſe Natur gab.“ 77 So überraſchend wie Marmontel ſich in den Rath der Alten berufen geſehen, ſo unerwartet ſah er ihn auch wieder aufgelöſt und ſich nach Saint Brice zurück verwieſen, wo er bald darauf ſtarb. Moreau befehligte die Armee des Rheins, Bonaparte die in Italien und Frau von Stasl begleitete die beiden jungen Helden mit aufmerkſamen Blicken, auf ihrer glor⸗ reichen Bahn. Die freie Preſſe brachte alle Nachrichten von daher vor das Publikum, es war des Nenuen ſo viel zu erzählen und zu berichten, daß der Tag nicht hinreichte um ſeinen Anforderungen zu genügen. Conſtant war Mitglied des Club Salm geworden, welcher eine Oppoſition gegen das Directorium bildete. Bald darauf wurde er Secretair dieſer Geſellſchaft, welche er im Grunde, mit Hülfe von Frau von Stasl, beherrſchte. Sie wünſchte nun, auch Talleyrand einen ihm entſprechenden Poſten zu verſchaffen, und ihrem gemeinſamen Bemühen gelang es, ihn zum Miniſter der auswärtigen Angelegen⸗ heiten ernennen zu laſſen. Dafür wünſchte er, ihn dann Bonaparte zu empfehlen. Dieſer jedoch war ſchon durch ſeine Reden im Club Salm gegen ihn eingenommen, wo er mit glänzender Beredtſamkeit gegen alle Erbrechte auftrat und überhaupt einen Ton anſtimmte, welcher dem künftigen Herrſcher von Frankreich bedenklich war und ſeine Dienſte ablehnen ließ. Sechstes Capitel. Madame de Monteſſon, die heimliche Gemahlin des Herzogs von Orleans, empfing in ihrem Hotel in der Rue Mont Blanc, an der Ecke der Rue de Provence, einen Kreis der bedeutendſten Perſonen von Paris, zu denen auch Herr von Talleyrand gehörte. — Hier lernte dieſer Joſephine Beauharnais kennen und hier auch entſtand in ihm die Idee zu deren Verheirathung mit dem General en chef der Armée d'Italie. Frau von Stasl hatte lange ſchon aus der Ferne den Ruhm des jungen Helden bewundert und lebhaft gewünſcht, ihn kennen zu lernen. Bei Madame de Monteſſon wurde ihr dieſe Gelegenheit geboten. Talleyrand hatte ihr mitgetheilt, daß ſie ihn an einem beſtimmten Abend dort treffen würde und ſie verfehlte nicht, ſich einzufinden. Leicht erregt durch jede neue Bekannt⸗ 79 ſchaft, beſonders wo, wie hier, ihre Einbildungskraft ihr Spiel treiben und ihr den Helden in den glänzendſten Far⸗ ben zeigen konnte, ſah ſie in athemloſer Erwartung dem Augenblick entgegen, wo ſie ſich in die Geſellſchaft begeben würde. Sie hatte ihre Toilette beſonders einfach gewählt, weil man ihr geſagt, daß der junge General den Schmuck nicht liebe. Sie trug ein Kleid von weißem Atlas mit ſchönen Spitzen garnirt, Bruſt und Arme entblößt und durch das kurz gelockte Haar eine Binde von rothem Sam⸗ met, mit echten Perlen umwunden. „Wie ſchön geſchmückt!“ ſagte Talleyrand, ſie bewun⸗ dernd betrachtend.„Wenn ich mir nur ſchmeicheln dürfte, daß es für mich geſchehen!“ „Sie wünſchen das nicht, Talleyrand. Sie würden durch eine ſolche Aufmerkſamkeit nur in Verlegenheit ge⸗ rathen. Ihr Herz iſt viel zu groß, als daß es ſich zum Geſchenke an eine Dame eignete.“ „Sagen Sie, daß es der liebenswürdigen Frauen zu viele giebt, um nur die Einzigen zu bewundern,“ verſetzte er, mit artigem Lächeln gegen den Kreis. „Geſetzt, wir wären auf der See, und ſollten Schiff⸗ bruch leiden; wem würden Sie im Augenblicke der Gefahr die Hand zur Rettung bieten?“ „Nicht Ihnen, car vous nagez si pien, Madame.“ 80 Eine Antwort der Art bezauberte Frau von Stasl. Dieſe Gewandtheit, ſich aus jeder Verlegenheit zu ziehen, und zwar mit Vortheil, bewunderte ſie um ſo mehr, weil ſie ihr ſelbſt abging. Alle Perſonen, welche viel und gut ſprechen, und ſich ſelbſt gern hören, entbehren dieſe Fein⸗ heit der Erwiederung. „Sie ſind unwiderſtehlich, ſobald Sie es ſein wollen,“ ſagte ſie und nahm ſeinen Arm, um in dem nicht großen Gemache auf und ab zu gehen, bis der Erwartete erſcheine. Es war lange nach Mitternacht, als er eintrat. Aufmerk⸗ ſam folgte ihm Frau von Stasl mit dem Auge, während er die Wirthin begrüßte. Sie hatte ein ganz anderes Bild von dem Helden in ihrer Seele getragen und mußte ſich erſt von ihrer Ueberraſchung erholen, ehe ſie ihm mit Faſ⸗ ſung entgegen treten konnte.— Sie hatte ihn ſich weniger klein vorgeſtellt. Sein etwas verlegenes, unbeholfenes Weſen nahm ſich in einem Salon ſchlecht aus.— Er lieh ſich der höflichen Anrede der Wirthin mit einer Miene der Ueberlegenheit, die ihr mißfiel.— Auf dem Schlachtfelde nur war er an ſeinem Platze. Viele Perſonen drängten ſich bereits un ihn. Tal⸗ leyrand verließ den Arm von Frau von Stasl und ſich Bonaparte nahend, flüſterte er ihm zu, die Tochter Necker's wünſche ihn kennen zu lernen. U——— 81 „Je n'aime pas les femmes qui se mélent de po- litique,“ ſagte er kurz. „In einem Lande, wo man ihnen die Köpfe ab⸗ ſchlägt, möchten ſie doch auch gern wiſſen, warum es ge⸗ ſchieht,“ erwiederte Talleyrand lächelnd. Bonaparte ließ ſich darauf zu ihr führen. Frau von Staöl hatte ſeine Worte überhört. Statt ſeiner Bewunderung, begegnete ſie ſeinem Vorurtheile.— Das verſtimmte ſie. Er redete ſie damit an, wie leid es ihm gethan, ihren Vater auf ſeiner Reiſe nicht kennen gelernt zu haben, ob⸗ wohl er ihn in Coppet aufgeſucht. Herr Necker ſei verreiſt geweſen. Sie antwortete ihm ohne Geiſtesgegenwart. Alles, was ſie ihm hatte ſagen wollen, war aus ihrem Gedächt⸗ niß entſchwunden, ſo wie ſie erfuhr, daß er ſie nie bewun⸗ dern, nie lieben würde. Eine tiefe Traurigkeit ſenkte ſich damit auf ihre Seele.— Sie konnte ſich nicht anders ge⸗ ben als ſie war, und wenn er ihrem Geiſte nicht huldigen, der begabten Frau die ihr gebührende Anerkennung nicht zollen wollte, ſo fühlte ſie wohl, daß ſeine Nähe ſie nur kränken, ſie ſich gegenſeitig nur abſtoßen würden. So war ſie denn in der erſten Stunde ihrer Bekannt⸗ ſchaft innerlich mit ſich einig über die unter ihnen mögliche Beziehung, und bekämpfte nun, mit Hülfe von Benjamin 82 Conſtant, alle ſeine Fortſchritte auf dem Wege zu einer Macht, welche das Gebäude ihrer Hoffnungen völlig zer⸗ trümmern ſollte. Sie mußte es erleben, daß aus dem Worte Citoyen, das ihr immer noch der Ausdruck der anerkannten Rechte des Menſchen blieb, die demüthigende Benennung von Un⸗ terthanen wurde; ſie mußte es erfahren, daß trotz aller donnernden Reden ihres Schützlings, das Erbrecht wieder eintrat, welches die Verdienſte des Vaters dem Sohne zu⸗ kommen läßt; ſie mußte von Stufe zu Stufe den Weg zu dem alten Régime mitmachen und für alle Opfer und An⸗ ſtrengungen, dieſen Maßregeln entgegen zu arbeiten, nur Unbill und endlich gar Verbannung erfahren, Verbannung aus einem Orte, der für ſie die einzigen Elemente zum Leben enthielt. Entfernt von Paris vegetirte ſie nur und ihre Thränen folgten dem langſamen Verlaufe von Tagen, die das tiefſte Ennui verzehrte. Frau von Stasl begegnete Bonaparte jetzt öfter in Ge⸗ ſellſchaft, während er ſeine Expedition nach Aegypten vorberei⸗ tete, doch ſuchte ſie ſeine Nähe nicht mehr. Sie fürchtete ihn bereits. Die kurze Art von Fragen, mit welchen er ſeine Unter⸗ haltung würzte, ſtieß ſie ab. Sie nannte es eine Vocation naturelle pour l'état de Prince und einen Verſtoß gegen die gute Sitte, von dem Andern über ſeine Verhältniſſe eine Auskunft zu fordern, die er nicht freiwillig geboten. 83 Sind Sie verheirathet? Wie viel Kinder haben Sie? Wann ſind Sie angekommen? Wann reiſen Sie ab?— Wer hatte ein Recht, auf dieſe Art mit einem Bürger der Republik zu reden? Sie warf es Talleyrand vor, daß er ihn nicht auf⸗ merkſam auf ſolche Ungeſchicklichkeiten mache; doch, wie immer, wenn er nicht antworten wollte, entging er ihr mit einer feinen Wendung. Die Welt hatte aufgehört davon zu reden, daß Herr von Stasl nicht mehr in den Gemächern ſeiner Frau er⸗ ſchien, und Benjamin Conſtant hatte es überwunden, Vor⸗ würfen und Anſpielungen zu begegnen, welche ihn auf die Folter ſpannten.— Am meiſten wurde wohl Necker durch dieſe Vorgänge betrübt, welche ſeinen bürgerlichen Ideen von Reſpectabilität ſo gänzlich entgegen waren. Indeſſen, der einmal gethane Schritt ließ ſich nicht wieder zurück nehmen und ſo bemühte er ſich denn, ſeine Tochter zu beruhigen und ſie mit den beſtehenden Verhältniſſen zu⸗ frieden zu ſtimmen. Da die Schweiz mit einer Invaſion bedroht wurde, ſo verließ Frau von Stasl im Monat Januar 1798 Paris, um zu ihrem Vater nach Coppet zu eilen. Necker ſtand noch auf der Liſte der Emigrirten und Todesſtrafe bevrohte einen Emigrirten, welcher in einem von franzöſiſchen Trup⸗ pen beſetzten Lande angetroffen wurde. 84 Sie verſuchte Necker zu bereden, ſeinen Aufenthalt zu verlaſſen, doch ſchlug er ihre Bitte ab. „In meinem Alter,“ ſagte er,„muß man nicht in der Welt umherirren.“ Er wollte ſich nicht von dem Grabe ſeiner Gattin trennen. Wie ſie ihn während ihres Lebens nie verlaſſen, ſo wollte er ihr auch im Tode nahe bleiben. Es war ein herrlicher Wintermorgen, als die Nach⸗ richt einlief, die Franzoſen nahten. Frau von Stasl trat mit ihrem Vater auf den Balcon des Schloſſes hinaus, von wo ſie die lange Allee überſahen, und harrte ihrer An⸗ kunft. Die Luft war ſo rein, der Himmel ſo blau, das Waſſer des Sees ſo hell, daß ſich die hohen Häupter der Alpen darin ſpiegelten. Aus der Ferne tönte der Schlag der Trommeln zu ihnen herüber, und füllte Frau von Stasl mit Sorge für das Leben ihres Vaters. In dem Momente, als die franzöſiſchen Truppen die Grenze überſchritten, bemerkte ſie, daß ein Offizier ſich aus den Reihen entfernte und auf das Schloß zuritt. Zitternd erwartete ſie ſeine Ankunft. Das Directorium hatte ihn beauftragt, Herrn Necker zu ſagen, daß ihm eine Sauvegarde bewilligt ſei. Es war der ſpätere Marſchall Suchet, welcher dieſe Nachricht über⸗ brachte, und ſich dabei auf das Freundlichſte und Verbind⸗ lichſte äußerte. u — b N 85 Frau von Stasl war nun beruhigt über ihres Vaters Schickſal, doch folgte ſie ſorgend den Vorgängen in der Schweiz. Die erſte Schlacht ſollte bald darauf ſtatt finden. Obgleich Coppet dreißig Meilen von Bern entfernt liegt, ſo trug das Echo der fernen Berge den Donner der Kano⸗ nen zu ihnen herüber, und erfüllte ſie mit Entſetzen. Kaum wagte ſie zu athmen, ſo lange es anhielt und mehr noch als ſie litt Necker bei einem Kampfe, den Frankreich, das Land ſeiner Wahl, gegen ſein kleines Vaterland führte. Die Franzoſen konnten die ſchweizer Truppen zurück werfen, aber die Schweiz nicht beſiegen, denn der Wille eines ge⸗ ſammten Volkes, wie klein es auch ſei, macht es unüber⸗ windlich. An dem berühmten 18. Brumaire kehrte ſie nach Paris zurück. Während ſie auf der letzten Station die Pferde wechſelte, erzählte man ihr, Barras ſei ſo eben, von Gensd'armen geführt, nach ſeinem Landhauſe zu Grosbois vorbei paſſirt. Auf dem ganzen Wege hörte ſie nicht mehr die Nationalverſammlung nennen, ſondern nur den Na⸗ men Bonaparte. Kaum in ihrem Hotel abgeſtiegen, trat Benjamin Conſtant bei ihr ein. „Unſere Sache iſt verloren!“ ſagte er und ſetzte ſich mit niedergeſchlagener Miene ihr gegenüber.„Dieſer Corſe lenkt Alles nach ſeinem Wunſch und Willen.“ 86 „De ce petit homme reden Sie mir, im Augenblicke des Wiederſehens?“ fragte ſie gekränkt. „Ich weiß, daß Sie Ihr Vaterland mehr lieben als ſich und mich,“ erwiederte er verlegen. „Doch würde es mich nicht beleidigt haben, wenn Sie Frankreich einen Augenblick um meinetwillen vergeſſen hätten,“ erwiederte ſie vorwurfsvoll. Nachdem er ſie beruhigt, bat ſie ihn endlich ſelbſt um Mittheilung alles Vorgefallenen und beklagte jetzt faſt, ſo lange in Coppet geblieben zu ſein, in der Meinung, daß ihre Gegenwart manches habe ändern können. „Wir werden uns der Macht beugen müſſen,“ ſagte er,„oder das Schickſal von Barras theilen.“ Ein Schauder durchrieſelte Frau von Stasl bei dem Gedanken. Das Phantome von Ennui, welches ſie ſtets verfolgte, ſtieg in furchtbarer Größe vor ihr auf. Den⸗ noch fühlte ſie, daß ſie der Sache der Menſchheit nicht un⸗ getreu werden könne, nicht ungetreu werden dürfe, daß ſie mit ihrem letzten Athemzuge das Droit de Phomme ver⸗ theidigen müſſe.— In dieſem Sinne ſprach ſie ſich auch jetzt gegen Conſtant aus, und die hohe, ſchöne Begeiſterung, welche ſie dabei durchglühte, wehte ihn aufs Neue mit je⸗ nem warmen Hauche an, der ihn immer wieder an ſie feſ⸗ ſelte, er mochte dieſem Reize zu widerſtehen verſuchen, wie er wollte.— Mit ſeinem Herzen gehörte er Fräulein von 1——— 87 Hardenberg; mit ſeinem Geiſte liebte und bewunderte er Frau von Stasl.— Wie bezaubernd ſie war, ſchildert uns in dieſer Zeit K. G. von Brinkman an Caroline von Wolzogen. Paris, 7. October 1798. „Nur eine Franzöſin habe ich kennen gelernt, vor der ich mich ehrfurchtsvoll in den Staub beuge, aber dieſe Eine gehört unſtreitig ihrem Jahrhundert eigenthümlicher an, als ihrer Nation. Brauche ich Ihnen wohl noch die Frau von Stasl zu nennen? Sie wiſſen, wie groß mein Enthuſiasmus ſchon für die Schriftſtellerin war, als Menſch iſt ſie mir eine noch ſeltnere Erſcheinung und als Franzöſin völlig unerklärbar. Das Nationalgepräge ſchö⸗ ner Formen, das die unbedeutendſten Weiber dieſes Volks oft ſo angenehm zu charakteriſiren pflegt, möchte ich der Stasl in ihrem ganzen Thun und Weſen, in ihrer äußern Exiſtenz überhaupt faſt gänzlich abſprechen. Und wo ihr Geiſt dieſes Gepräge franzöſiſcher Eigenthümlichkeit am unverkennbarſten an ſich trägt, zeigt er uns auch vielleicht einen weniger treuen Abdruck ihres innern Selbſt. Sie iſt ſo wenig ſchön, daß man dieſen Ausdruck ſchon ſchmei⸗ chelhaft nennen möchte; aber ihre Seele beherrſcht alle Züge ihres Geſichtes mit einer ſolchen Lebendigkeit des Ausdruckes und aus ihren großen Augen glüht ein ſo geiſtreiches Fener, daß man den ſeinigen kaum mehr traut, 88 wenn man ſie noch ſo aufmerkſam betrachtet und wenn man ihr eben ſo aufmerkſam zuhört, iſt an keine Unparteilichkeit mehr zu denken. Ihre Unterhaltung kommt unleugbar dem Ideal ſehr nahe und die Leichtigkeit und Gewandtheit ihrer Ge⸗ dankenverbindung wie ihrer Organe iſt dabei unübertreff⸗ lich. Ihr Geſpräch iſt immer inhaltreich und doch nie vorbereitet. „Blitze des Genies bei den tiefſinnigſten Gegenſtän⸗ den, Wetterleuchten eines anmuthigen Witzes, um jeden augenblicklichen Einfall zu benutzen, eine ſo reine und ſo helle Beredtſamkeit, daß die vielfachen Kenntniſſe nur durch⸗ ſchimmern, nie abſichtlich beleuchtet ſcheinen und endlich ein unerſchöpflicher Vorrath von Ideen, die auf die glücklichſte Weiſe ihrem Genius bei dem erſten Wink zu Gebote ſtehen — geben ihr bei Wettkämpfen dieſer Art eine Ueberlegen⸗ heit, welche ſelbſt die geübteſten Sprecher unter den Fran⸗ zoſen ihr nicht ſtreitig machen werden. Bewundert von Seiten ihres Verſtandes und ihrer Talente muß ſie allge⸗ mein werden, aber was Jeder, der ſelbſt mehr als Kultur hat, ſchon aus ihren Schriften ahnt, daß nur tiefere Be⸗ dürfniſſe des Herzens ihrem Geiſte eine ſo edle Schnell⸗ kraft ertheilen— darüber läßt ihr Umgang dem auf⸗ merkſamen Beobachter keinen Zweifel mehr übrig.— „Während die Liebe in allen ihren ſeligen Umwand⸗ W 63— ¹ 89 lungen das zartfühlende Weib veredelt und beglückt, ward ihr emporſtrebender Genius von dem Sturmwinde der Revolution ergriffen und von dieſem Augenblicke an laſſen ſich alle ihre Handlungen kaum mehr als der reine Ab⸗ druck ihres urſprünglichen Charakters anſehen.“ So wie nun die Macht Bonaparte's mit jedem Tage mehr Raum gewann, ſo wie ſeine Thaten die Einbildungs⸗ kraft mehr und mehr gefangen nahmen und das Urtheil beſtachen, um ſo heftiger ereiferte ſich die Oppoſition, eine Gegenrevolution herauf zu beſchwören und die Gefahren zu ſchildern, welche die Sache der Freiheit lief. Das Organ dieſer Partei war Benjamin Conſtant, der Geiſt, welcher aus ſeinen Reden ſprach, war der der Frau von Staöl. Er gab eine Geſchichte der Revolution von 1660 heraus, deren Tendenz großen Anſtoß erregte. Außerdem bereitete er eine Rede vor, welche die Morgen⸗ röthe des neuen Despotismus ſchildern ſollte. Dieſer Gegenſtand war ganz dem Sinne ſeiner Freundin entſpre⸗ chend und obwohl ſie die daraus entſpringende Gefahr für ſich ahnte, ſo wollte ſie doch um keinen Preis des ſchönen Triumphes ihres Schützlings aus dieſer Rückſicht verluſtig gehen. Sie war ſeit längerer Zeit ſchon mit Joſeph und Lucian Bonaparte bekannt geworden. Der Erſtere war ihr ſogar innig befreundet. Er theilte das Vorurtheil ſeines Bru⸗ 1859. III. Frau von Stasl. III. 6 ¹ 90 ders gegen geiſtreiche Frauen nicht, ihre Anſichten von der Freiheit, von den Rechten der Menſchen, ſtritten nicht mit den ſeinigen und beeinträchtigten nicht ſeine Lebensplane, er gab ſich daher gern dem Reize ihrer Unterhaltung hin und brachte die angenehmſten Stunden in ihrem Hauſe zu. Der Tag, an welchem Benjamin Conſtant ſeine Rede halten ſollte, rückte indeſſen näher. Am Vorabend hatte Frau von Staöl einen Kreis von Freunden um ſich ver⸗ ſammelt, von denen die meiſten, müde der politiſchen Un⸗ ruhen und der Verfolgung, gern zufrieden waren, wenn die Regierung ſie unbeeinträchtigt ließ, mochte ſie auch walten wie ſie wollte. Heiter, geiſtvoll, angenehm unter⸗ hielt man ſich, angeregt von einer Wirthin, welcher es ſo leicht ward, den zündenden Funken ſprühen zu laſſen. Sinnend betrachtete Conſtant die Geſellſchaft. Ge⸗ dankenvoll ruhte ſein Auge auf ſeiner Freundin, welche ſo lebhaft unterhielt und ſo befriedigt ausſah, wie er ſie lange nicht geſehen. Plötzlich erhob er ſich, nahte ſich ihr und flüſterte in ihr Ohr:„Sehen Sie dieſen Kreis ausgezeichneter Perſo⸗ nen, welche Ihren Salon ſchmücken, wenn ich morgen die Rede halte, verlaſſen ſie Sie Alle; bedenken Sie das.“ „Man muß ſeiner Ueberzeugung folgen,“ ſagte ſie, voll Eifer für die gute Sache, der ſie zu dienen glaubte. Einem ungewiſſen Erfolge wollte ſie die eigene Exiſtenz u d n 9 6 it — er it nd ede tte er⸗ ln⸗ nun uch er⸗ ſo 91 opfern; doch nur, weil ſie die Folgen dieſes Schrittes nicht richtig erwog.— Allein gegen den Strom zu ſchwimmen vermag Niemand, ohne der Märtyrer ſeiner Sache zu werden. Sie warf Bonaparte den Fehdehandſchuh hin und er nahm ihn auf. Benjamin Conſtant hielt ſeine Rede. Frau von Staöl hatte an dem Tage eine kleine Mit⸗ tagsgeſellſchaft geladen. Als die fünfte Stunde ſchlug, kam ein Billet mit der Entſchuldigung eines Gaſtes, bald folgte ein zweites, und endlich blieb ihr Niemand übrig, ihr Mahl mit ihr zu theilen, als Conſtant ſelbſt. Schweigend ſaßen ſie einander gegenüber. So ſehr ſie ſich bemühte, ſo ſchwer fiel es ihr, die Verſtimmung zu verbergen und der in ihr aufſteigenden Sorge keine Worte zu leihen. Sie fühlte, daß ſie nicht berechtigt ſei, den An⸗ dern empfinden zu laſſen, was ſie litt. Joſeph Bonaparte wurde von ſeinem Bruder mit Vor⸗ würfen überhäuft, daß er das Haus einer Frau beſuche, die ſolche Geſinnungen hege. Seitdem wagte er es nicht mehr, bei ihr zu erſcheinen und ſein Beiſpiel war das all⸗ gemeine Wahrzeichen. Selbſt jene Perſonen, welche ihre Geſinnungen bis dahin getheilt hatten, ſprachen nun laut ihren Tadel gegen ſie aus und mißbilligten, was ſie einſt gut genannt. Man zürnte ihr, die Urſache zu ſein, daß 6* 92 Talleyrand zum Miniſter erhoben worden, während man zugleich das Haus dieſes Miniſters eifrig beſuchte und ſeinen Handlungen Beifall zollte. Dieſe Inconſequenz that Frau von Stasl weh. Zum erſten Male lernte ſie jetzt ein Gefühl der Bitterkeit kennen, das ihr bis dahin fremd geweſen. Nicht das Schickſal, ſondern die Ungerechtigkeit der Menſchen rief es hervor. Bei ihrem großen Bedürfniß, ſich auszuſprechen, wurde es ihr unendlich ſchwer, die ſie beſtürmenden Gefühle zurück zu halten, und die Folge dieſer Anſtrengung war, daß ihr Zuſammenſein mit Benjamin Conſtant höchſt pein⸗ lich wurde. Beide waren verſtimmt, und klagten ſich ge⸗ genſeitig als die Urſache ihres Unglücks an, ohne es ge⸗ ſtehen zu wollen. Der Polizeiminiſter Fouché ließ Frau von Stasl erſuchen, vor ihm zu erſcheinen, und theilte ihr mit: daß der erſte Conſul ihr die Rede Benjamin Conſtant's zu⸗ ſchreibe. Beweiſe lagen nicht vor; allgemeine Betrach⸗ tungen über die Freiheit und die Rechte der Völker, ohne alle perſönlichen Anſpielungen, waren kein Verbrechen. Sie erwiederte dies und die Richtigkeit dieſes Ein⸗ wandes erkennend, rieth ihr Fouché, Paris auf kurze Zeit zu verlaſſen, damit die Sache in Vergeſſenheit gerathe. Niedergeſchlagen kehrte ſie in ihre Wohnung zurüc. So war ſie denn verbannt, verbannt von einem Orte, den nan und um en, ſal, or. en, ihle ar, ein⸗ Fin⸗ Zeit rück. den 93 ſie ſo ſehr liebte, verbannt aus eigenem Willen. Verlaſſen von ihren Freunden, von der Geſellſchaft eine Ausgeſtoßene, konnte ſie das Schmerzliche dieſer Lage nur dadurch bewäl⸗ tigen, daß ſie den Schauplatz floh, wo man ſie ſo beleidigte. Traurig wanderte ſie in ihren Gemächern auf und ab. Sie brauchte ihre Thüre nicht zu verſchließen. Sie war ohnehin allein.— Niemand ſuchte ſie mehr, kein Gaſt wünſchte länger einen Platz an ihrem Tiſche. Sie meinte ihrer Ueberzeugung gefolgt zu ſein und doch fühlte ſie nicht jene Seelenruhe, welche das Bewußt⸗ ſein giebt, unſern Grundſätzen Alles geopfert zu haben. Die Urſache davon wollte ſie nicht erforſchen, denn eine leiſe, leiſe Stimme flüſterte ihr ſehr wahrſcheinlich zu, daß nicht die Sache allein ihr diesmal ſo ſehr am Herzen gele⸗ gen, als vielmehr deren Träger und daß der Haß gegen die Tyrannei durch die Perſon des erſten Conſuls für ſie vertreten war. Langſam ſchlichen ihr die Stunden.— Sie wollte einen Entſchluß faſſen und ſie konnte es nicht. Sie erwar⸗ tete Conſtant, um ihn zu Rathe zu ziehen. Unruhig blickte ſie nach der Uhr. Schon war die Stunde da, wo ſie ihn erwartete und noch immer zeigte er ſich nicht. Was hielt ihn heute ſo lange zurück? Wollte auch er ſie fliehen, weil die Uebrigen ſie verließen? 94 Da hörte ſie im Vorzimmer einen männlichen Tritt. Sie horchte, es war nicht der des Erwarteten. Mathien von Montmorency trat ein. „Ich höre, daß Ihnen Unangenehmes widerfahren, in Folge jener Rede von Benjamin Conſtant,“ ſagte er, „und möchte wiſſen, wie es Ihnen geht.“ „Alſo Sie fürchten nicht, die von Allen Gemiedene aufzuſuchen!“ rief ſie unter hervorſtürzenden Thränen und ſchon erleichtert durch die Theilnahme dieſes treuen Freun⸗ des, berichtete ſie ihm das Vorgefallene. Er hörte ſie ruhig zu Ende. Obgleich er ihre Anſichten nicht mehr theilte, ihr Ver⸗ fahren nicht billigte, ſo konnte er darum nicht minder auf ihre Empfindungen eingehen und ſie beklagen. Er hatte ihr ſeine Hand nicht bieten dürfen. Hätte er es gekonnt, wie ganz anders würde ſich ihr Schickſal geſtaltet haben! — Weil er ſich deſſen bewußt war, ſo fand er nie ein Wort des Tadels für ſie und die ihr einſt gelobte treue Freundſchaft verleugnete er bis zu ſeinem letzten Lebens⸗ hauche nie. Er verſuchte jetzt, ſie zu beruhigen und ihr das Vor⸗ übergehende dieſer Ungnade des erſten Conſuls augenſchein⸗ lich zu machen.„Begleiten Sie mich auf einige Wochen — +-—.—„—— itt. ene nd un⸗ er⸗ auf tte mt, en! ein eue ns⸗ or⸗ in⸗ hen 95 auf mein Landgut,“ ſagte er;„indeſſen wird der Sturm ſich legen und Sie kehren mit friſchem Muthe nach Paris zurück.“ Sie ſah ihn gerührt an. Mit einem ſolchen Freunde war das Leben immer noch ſchön. Seine Nähe ſchon würde ihr Troſt bieten, der Gedanke, nicht ganz verlaſſen zu ſein, ſie aufrichten. Sie nahm ſeinen Vorſchlag an. Als er ſich wieder entfernt hatte, trat endlich auch Conſtant ein. Er war in ſehr gereizter Stimmung. Daß man eine Frau für ſeine Handlungen verantwortlich machte, verdroß ihn, daß man ſie für gefährlich hielt und ihn, als wäre er bei der ganzen Sache unbetheiligt, überging, kränkte ſeine Eitelkeit. Er ſprach ſich hart darüber aus, ohne zu überlegen, daß er Gift in eine offene Wunde träufelte. Leichenblaß und athemlos wanderte Frau von Staöl mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, während er ſich auf dieſe Weiſe rückſichtslos ausſprach. Endlich hielt ſie ihre Schritte an und blieb vor ihm ſtehen.— Sie maß ihn mit funkelnden Blicken. Dann ſchilderte ſie ihm in einem Strom von Worten die Grauſamkeit ſeines Beneh⸗ mens, einer Frau, die ohnehin ſchon unglücklich ſei, noch durch harte Worte zu kränken, eine Frau, die ihm ihr ganzes Leben widme, die ihm jedes Opfer bringe, das ſei⸗ nem Glücke förderlich ſei, mit ſolchem Undanke zu lohnen. 96 In ihrem Zorne warf ſie ihm zum erſten Mal die Halbheit ſeines Betragens vor, ſchilderte ihn in ſeiner Unſchlüſſig⸗ keit, in ſeiner Schwäche, hielt es ihm vor, daß ſie um ſeinetwillen mit ihrem Gatten gebrochen und ihrem Rufe einen Makel gegeben, während es in ſeiner Macht geſtan⸗ den, ihre Ehre unangetaſtet zu laſſen. Der Wahrheit dieſer Anklage vermochte er nichts ent⸗ gegen zu ſetzen und wie immer, wenn man das Unrecht fühlt, vertheidigte er ſich durch neue Anklagen, die ſie em⸗ pört zurück wies, weil ſie unbegründet waren. Der Zorn ſteigerte ſich von beiden Seiten.— Immer harter wurde ihr Kampf, immer ſtärker die Ausdrücke, welche ihrem Haſſe genügen ſollten; es war diesmal an keine Beſänftigung, keine Ausgleichung zu denken. Stunde um Stunde ver⸗ ging in dem nutzloſen Streite, und endlich des Wortgefech⸗ tes müde, lief Benjamin Conſtant aus dem Zimmer und ſtürzte wild in die Straße hinaus.— Frau von Stasl blieb ohnmächtig zurück. Kaum in ſeiner Wohnung angelangt und mit ſich allein, ſo kam ihm die Reue. Er konnte keiner Frau weh thun. Er begriff ſein Betragen nicht. Er ſuchte nach Gründen, um es vor ſich ſelbſt zu rechtfertigen. Langſam verſtrichen ihm unter ſolchem Bemühen die Stunden der Nacht.— In aller Frühe war er auf und auf dem Wege zu ihr.— In ihrem Hotel war noch Alles verſchloſſen.— n 97 Ein Spaziergang durch die Straßen ſollte ihn erfriſchen und ihm den Muth geben, vor ihr zu erſcheinen. Nach einer Stunde einſamer Wanderung erſchien er wieder vor ihrer Thüre. Der Portier ſah ihn überraſcht an.—„Madame est partie,“ ſagte er, verwundert daß Conſtant nichts da⸗ von wußte.—„Abgereiſt!“ wiederholte dieſer und legte die Hand an die Stirn, als müſſe er ſich ſammeln, das Wort zu verſtehen. Siebentes Capitel. Paris im Jahre 1800. Die civiliſirte Welt begrüßte das neue Jahrhundert mit regen Erwartungen.— Man ſtand mit ſeinem Be⸗ ginn einem Wendepunkte der Geſchichte gegenüber und ſtrebte nie zuvor gekannten Zielen nach. Die geiſtige Entwickelung der Völker Europas hatte in den letzten fünfzig Jahren ungeheure Fortſchritte ge⸗ macht. Die deutſche Philoſophie durchdrang die Gemü⸗ ther mit der Idee einer Perfectibilität des Menſchen⸗ geſchlechtes, und verlieh damit den Seelenfähigkeiten einen neuen Sporn. Das Wort Perfectibilität, bis dahin unge⸗ braucht, wurde erſt jetzt, um die Sache zu bezeichnen, der Sprache zugegeben. Wollte man den auf dieſe Art neu erfundenen Worten nachſpüren, ſo würde man eine Ueberſicht der Cultur⸗ 99 geſchichte gewinnen, die zu verfolgen nicht unintereſſant wäre. Frankreich hatte ſeine politiſchen Träume ausge⸗ träumt. Der Freiheitsſchwindel hatte ſich gelegt, Ruhe und Mäßigung traten an deſſen Stelle und der mit Blut gedüngte Boden trieb neue Reiſer. Eine Sehnſucht nach Genuß erwachte in allen Gemüthern. Die Künſte und Wiſſenſchaften erhoben ſich aus ihrem Schlummer, und die Literatur begann neue Blüthen zu treiben. Göthe hatte ſeinen Werther geſchrieben. Alle Jour⸗ nale von Paris erwieſen ſich unerſchöpflich in Lobeserhe⸗ bungen über dies eigenthümliche Geiſtesproduct, und das Intereſſe an deutſchen Zuſtänden wurde rege. Die Leiden des jungen Werther rührten und begeiſterten das junge Frankreich, und verleiteten manchen unglücklichen Jüng⸗ ling, ähnliches Mißgeſchick zu ſuchen und wirkliches oder eingebildetes Leid zu ſeinem Lebensſchickſale zu machen. Schiller's Räuber waren über die Bühne gegangen, das Ueberſchwängliche in Tugend wie in Laſter, im Guten wie im Böſen wurde damit Mode;— der Enthuſiasmus berechnete nicht die Conſequenzen, man erbauete ſich an ſchönen Worten, Wallenſtein wurde bereits in Berlin für die Bühne einſtudirt. Friedrich von Gentz gab ſeinen Bericht über die Finanzen Englands heraus, und das Journal von Paris vom Jahre 100 Eins war unerſchöpflich in Beſprechungen über dies für Frankreich ſo merkwürdige als intereſſante. Frau von Stasl hatte in der Einſamkeit von Coppet dieſem Erwachen der Belles lettres mit regem Intereſſe zugeſehen. Sie machten ihr eigentliches Lebenselement aus, ſie war unter ihrem Einfluſſe aufgewachſen, ihre Kindheit hatte ſich von ihren Blüthen genährt, ſie konnte daher das Langgewohnte nicht gut mehr entbehren, und fand das Daſein arm ohne dieſen geiſtigen Duft. Grobe Erfahrungen hatten ihren Muth gebeugt, ihr Herz gedrückt, und in ihrer traurigen Stimmung fand ſie nur Troſt und Erheiterung in ihrer Beſchäftigung mit der Literatur. Sie ſchrieb und las viel. Mit dem neuen Jahre wollte ſie die Frucht ihres Fleißes dem Drucke über⸗ geben und legte darum jetzt noch die letzte Feile an ihr Werk; denn der Styl, das hatte ſie von den Schriftſtellern des achtzehnten Jahrhunderts gelernt, vermag allein einem Buche wahren und dauernden Werth zu verleihen. Sie hatte ſich ein ernſtes Thema gewählt. Sie be⸗ handelte den Fortſchritt des Menſchengeſchlechtes auf geiſtigem Gebiete, nachgewieſen durch die Producte der Literatur, und ſie folgerte daraus die von dem Schöpfer beabſichtigte Vollkommenheit, als Ziel und Streben für Alle; ſie erörterte damit die Frage der Perfectibilität. Mit ernſtem Muthe hatte ſie ſich dieſer Aufgabe ge⸗ 101 widmet, um ſich dadurch innerlich zu erheben und von ihrem Mißmuthe zu heilen.— Seit die Geſellſchaft von Paris ſie ſo ſchnöde verlaſſen, hatte ſich eine Art Bitterkeit ihrer bemächtigt, welche ihr ſelbſt weh that; denn ſie konnte ihrer Natur nach nur Wohlwollen empfinden und die Liebe der Menſchen zu gewinnen ſuchen, und dieſe Liebe,— was war ſie, wie hatte ſie ſich bewährt— ſo fragte ſie ſich jetzt.— Wie hatte man ſie geſucht, mit welchen Schmei⸗ chelworten ſie begrüßt, mit welchen Lobeserhebungen ihr Talent gerühmt, um ſie, auf einen Wink vom erſten Con⸗ ſul zu verlaſſen, und ihr vorbei zu gehen, als habe man ſie nie gekannt. Freundſchaft und Liebe waren demnach bloße Namen nur; denn was man wirklich ſchätzte und bewunderte, konnte man unmöglich ſo leichten Kaufes opfern; die Schwäche ſolcher Treuloſigkeit ohne Scham vor der Welt zur Schau zu tragen, blieb ihr ein Räthſel. Die Erfahrungen ihres Vaters, in Bezug auf den Un⸗ beſtand der öffentlichen Meinung und der Volksgunſt, hatten ihr nicht zur Lehre gedient;— denn Jeder will nur dem vertrauen, was er ſelbſt erlebt hat. Wir werden nur weiſer durch das, was wir in uns ſelbſt überwunden und nicht durch die Erlebniſſe Anderer. Mathieu von Montmoreney verſuchte es, in dieſen Tagen herber Prüfung, ihren Sinn durch die Religion 102 milder zu ſtimmen.— Sie ſollte den Finger Gottes in Allem erkennen, und ſich in Demuth ihm beugen; ſie ſollte einſehen, wie unwichtig es ſei, von den Menſchen geſchätzt zu werden, ſobald man nur ſeiner Liebe gewiß ſei.— Sie hörte ſeine Worte; ſie lächelte ihm dankbar zu, wenn er ſich bemühte ihr den Weg zu zeigen, auf dem er ſelbſt den Frieden gefunden; aber ſie beherzigte nicht, was er zu ihr ſprach. Das Leben pochte noch zu heftig an ihre Pforten, als daß ſie den Segen der Reſignation zu begreifen ver⸗ mocht hätte. Sie konnte ſich nicht entſchließen, das Leid als eine ſegensvolle Prüfung hinzunehmen; ſie wollte glücklich ſein, und zwar durch die Bedingungen, welche in ihr dazu lagen, und nannte es Abſicht der Schöpfung, daß es der Menſch ſei. Der Aufenthalt in Coppet, das Zuſammenleben mit ihrem Vater, die Freude an ihren Kindern, brachten ihr keine innere Ruhe. Wie ein bleiches Geſpenſt verfolgte ſie der Gedanke an die erlittene Demüthigung, und jeder neue Morgen entriß ihr neue Klagen des Unmuthes, be⸗ netzte ihr Auge mit neuen Thränen, welche ihr gekränktes Herz ſie vergießen ließ.— Sie konnte ſich nicht finden in den Gedanken, daß man ſie ausgeſtoßen, daß man ſie verlaſſen habe. Sie fragte ſich wieder und wieder, ob es denn auch wahr ſei, ob nicht ein unglücklicher Traum ſie 103 täuſche, und rang, bei jedem innern Ja, die Hände wie eine Verzweifelnde. Raſtlos verfolgte ſie der Gedanke daran. Wo ſie auch weilte, verließ er ſie nicht und ein inneres Muß gebot ihr, ihre Stellung in der Geſellſchaft wieder zu er⸗ obern. Necker ſah mit Betrübniß dieſe traurige Stimmung ſeiner Tochter, und ſann vergeblich auf Rath zur Abhülfe. Was ließ ſich dabei thun, was konnte er ändern? Benjamin Conſtant hatte die Trennung von ihr nicht lange ertragen. Schwach, wie immer, eilte er ihr nach. Sie empfing ihn kalt.— Seine Worte der Reue, ſeine Betheurungen, die ſein Bewußtſein Lügen ſtrafte, führten ſie irre und ſie verzieh ihm; denn was das Herz wünſcht, das glaubt es, ach! ſo gern! Sie fühlte ſich überdem ſo allein, ſo vereinſamt, ſie bedurfte es ſo ſehr, Jemand in ihrer nächſten Nähe zu haben, auf den ſie einwirken konnte, der gewiſſermaßen das Inſtrument ihrer Zukunftsträume wurde, mit dem ſie träumen, hoffen, wünſchen konnte. So nahm ſie ihn denn gern wieder auf. Sein Amt als Secretair beim conſtitutionellen Club geſtattete ihm freilich keine lange Entfernung; er hatte ſeine politiſche Laufbahn dort begonnen, war als Redner mit Glück aufgetreten, und durfte nun ſeine Stellung nicht verſcherzen. Er ſchlug ihr daher vor, mit ihm zurück zu 104 kehren. Ihre Stellung in der Geſellſchaft ließ ſich auf eine ſehr einfache Weiſe wieder gewinnen, es bedurfte dazu nur einer Ausſöhnung mit Herrn von Staöl, und die Gemahlin des ſchwediſchen Geſandten ſtand unverzüglich im Mittelpunkte der erſten Geſellſchaft. Dieſe Ausſöhnung war ſo leicht bewerkſtelligt: Ees war in Paris bekannt, daß Herr von Stasl von Gläubigern beläſtigt wurde und ſich häufig in großer Geldverlegenheit befand. Früher durfte er auf den rei⸗ chen Schwiegervater Rechnung machen und durch deſſen Namen die läſtigen Mahner beſchwichtigen; ſeit er aber von ſeiner Gattin getrennt lebte, ſtellte ſich ein anderes Verhältniß ein.— Niemand vertrauete ihm jetzt mehr und die Folge war, daß er den Glanz und die Annehmlichkeit ſeines Hauſes ſchwinden ſah und den gewohnten Luxus entbehren mußte. Dieſe Lage empfand er drückend und es ließ ſich daher mit Recht vermuthen, daß er die ihm gebotene Hand zur Verſöhnung mit Vergnügen annehmen würde. Warum aber ſollte Frau von Stasl ſie ihm nicht bieten, da ihr perſönlicher Vortheil es heiſchte, und ſie durch ihre Entfernung von Paris ſo unendlich viel ent⸗ behrte, worauf ſie Werth legte. Warum alſo nicht den kleinen Preis eines erſten Wortes für einen ſo großen Gewinn zahlen? Warum nicht ſo leichten Kaufes die be⸗ deutende Poſition in der Pariſer Welt wieder gewinnen? ———„—, — — ———+———,— —,—— 105 Benjamin Conſtant ſetzte mit Recht voraus, daß unter den obwaltenden Umſtänden, die kleinſte Annäherung von Seiten ſeiner Gattin, Herrn von Stasl gefügig finden würde.— Kehrte Frau von Staöl nach Paris zurück, um, wie früher, die Stellung einer Geſandtin von Schweden einzunehmen, ſo mußte der erſte Conſul ſie empfangen, und ihr mit gebührender Artigkeit begegnen und Niemand hatte dann ferner noch Urſache ihr Haus zu fliehen, Nie⸗ mand durfte es wagen, in ihr den Geſandten einer frem⸗ den Macht zu kränken. Er ſchrieb ihr von Paris aus, nach ſeiner Rückkehr dahin, einen langen Brief und ſetzte ihr mit vieler Wärme alle dieſe Gründe auseinander:„Die Geſetze der Geſell⸗ ſchaft ſind ſtärker als der Wille des Menſchen,“ ſchloß er.„Der Stolz der Unabhängigkeit beugt ſich endlich vor der Nothwendigkeit und den Umſtänden. Vergeblich iſt es, nur dem folgen zu wollen, was unſer Herz begehrt; früher oder ſpäter müſſen wir dennoch den Geboten unſerer Vernunft folgen. Ich kann Sie unmöglich länger in einer Stellung zu der Welt ſehen, welche mich in Ihrer Seele kränkt, und die außerdem noch ein ſtiller Vorwurf für mich iſt. Sie ſind es mir, Sie ſind es ſich ſelbſt ſchuldig, dieſem Kampfe ein Ende zu machen.“ Sie warf dieſe Zeilen, nachdem ſie ſie geleſen, un⸗ 1859. III. Frau von Stasl. III. 7 106 muthig zur Erde. Er wollte das Demüthigende ihrer Lage nicht mit ihr theilen, das ſchien ihr klar. „Ich werde dieſem Kampfe ein Ende machen, aber auf meine Weiſe,“ ſagte ſie.—„Nimmermehr würde ich mich der Demüthigung unterziehen, mir von Herrn von Stall eine Stellung zu erbetteln, welche ich ihm einſt ohne Be⸗ dauern vor die Füße geworfen habe. Nie ſoll das ge⸗ ſchehen! Nie.— Durch mich ſelbſt muß ich mir den Platz wieder gewinnen, den mir ein Wort des erſten Conſuls ge⸗ raubt hat.— Paris hat mich einmal bewundert, es hat ſich einmal vor dem Klange meines Namens gebengt! Mag es wiederum dieſem Zauber unterliegen! Ich bin zu alt, um mich zu beugen; ich bin zu alt, mit erborgtem Glanze mich zu ſchminken! Ich fühle meinen Werth zu ſehr, um mir das zu erbetteln, was ich als ein Recht for⸗ dern darf. Man ſoll meinen ſeltenen Geiſt bewundern, man ſoll mich auf's Neue ſuchen! Dieſen Triumph will ich feiern, oder keinen! Gelingt mir das nicht, ſo beſitze ich weniger Verſtand, als ich bei mir voraus geſetzt und bin es werth, mich in der Menge zu verlieren, bin es werth, überſehen zu werden.“„ Nach dieſem Selbſtgeſpräche eilte ſie an ihren Arbeits⸗ tiſch und war mit doppeltem Eifer an dem Werke thätig, durch das ſie dieſen Sieg zu erringen gedachte. Der Winter ſchwand darüber hin. 107 Mit dem nahenden Frühling 1800 kehrte ſie plötzlich ganz unverhofft nach Paris zurück, wie es hieß, um den Druck ihres Buches zu überwachen. Sie ſuchte Niemand bei ihrer Ankunft auf. Einſam blieb ſie in ihrem Hotel, erwartungsvoll dem Tage entgegen ſehend, wo ihr Werk ausgegeben und das Publikum darüber richten würde. Mit Benjamin Conſtant ſprach ſie kein Wort von ihren Erwartungen; denn auch er ſollte durch den Erfolg überraſcht werden, wie die Uebrigen. Seinen Vorwürfen, daß ſie ſeinen Rath unbeachtet gelaſſen, begegnete ſie nur mit einem traurigen Lächeln und ſchmerzlichen Kopfſchütteln. „So wenig kennen Sie mich, Conſtant,“ ſagte ſie ihm.„So wenig verſtehen Sie den Unterſchied, um ſeiner offiziellen Stellung willen eine Beachtung zu finden, welche die Convenienz gebietet; oder die Auszeichnung zu genießen, welche das perſönliche Verdienſt, der eigene Ruhm und das Talent erheiſcht. Ich bedauere Sie, daß Sie glauben konnten, mir würde das genügen!“ Talleyrand kam einige Tage darauf zu ihr.— Ver⸗ wundert fragte ſie ihn,„was ihn in das Hotel einer Dame führe, welche das Mißfallen ſeines Gebieters in dem Grade erregt habe, um alle ihre Freunde zu verſcheuchen? Wer mit dem Strome ſchwimme, dürfe nicht bei ihr ge⸗ ſehen werden, ſie bewundere daher ſeinen Muth.“ „Erſtrecken Sie dieſe Bewunderung nun auch noch auf 7* 108 die Macht, der ich diene, und wir leben auf dem beſten Fuße mit einander,“ ſagte er mit ſeinem feinen Lächeln. Sie ſah ihn überraſcht an. War er vielleicht nur gekommen, ihr dieſe Klugheit an die Hand zu geben?— Hatte Napoleon ihn vielleicht an ſie abgeſandt?— Sie erklärte ihm, daß ſie nicht einlenken würde, und er ſchied unbefriedigt. Am folgenden Tage beſuchte ſie Joſeph Bonaparte. Er hielt einen Brief von ſeinem Bruder in der Hand, den er ihr verlegen hinreichte, und in ſeiner Gegenwart zu leſen bat. Er lautete: Den 19. März 1800. „Herr von Stasl lebt, wie ich höre, im größten Elend, während ſeine Frau alle Annehmlichkeiten des Reichthums genießt. Wenn Du fortfahren ſollteſt, ſie, während ſie in Paris lebt, zu ſehen, ſo wirke wenigſtens dahin auf ſie ein, daß ſie dem armen Manne einen Jahr⸗ gehalt von 1000 oder 1200 Franken monatlich ausſetze.— Wie weit man bei uns gekommen iſt!— Ich habe nichts dawider, daß man Frau von Staöl beurtheile, wie man einen Mann beurtheilen würde; dann darf man aber auch nicht vergeſſen, daß ein Mann mit einem großen Vermögen und einem berühmten Namen es ſich nicht verzeihen darf, n 109 ſeine Frau im Elende ſchmachten zu laſſen, noch bei der Welt dafür Entſchuldigung findet.““ Dunkle Zornesröthe überzog ihre Wangen, während ſie mit den Augen dieſe Zeilen durchlief. „Ihr Herr Bruder iſt ſehr gütig, ſo großen Antheil an meinen Privatverhältniſſen zu nehmen,“ ſagte ſie, ihm den Brief zurückreichend, mit ſpöttiſchem Lächeln.„Ich bitte Sie, ihm zu bemerken, daß der Geſandte von Schwe⸗ den von ſeinem Könige eine hinreichende Summe em⸗ pfängt, oder, wenn nicht, empfangen ſollte, um ſeinen Unterhalt damit beſtreiten zu können, ſobald er ſeine Aus⸗ gaben zu beſchränken weiß; und ſicherlich iſt es nicht meine Pflicht, Feſte, an denen ich nicht Theil nehme, und Ga⸗ lanterien, die ſeinen Jahren ſchlecht anſtehen, meine Börſe zu leihen. Uebrigens danke ich ihm dafür, mich als Mann beurtheilen zu wollen; da Niemand ableugnen kann, daß die Herren uns an Geiſtesgaben und Verſtand im Allgemeinen überlegen ſind, ſo kann es mir nur ſchmeichelhaft ſein, in deren Reihen zu treten. Daß ich dem Herzen nach eine Frau geblieben bin, beweiſt meine Empfindlichkeit gegen Mißwollen und Verfolgung, und jede Anfeindung, die mir es fühlbar macht, wie ſehr mein Geſchlecht der Anlehnung und des Schutzes bedürftig * Memoiren von Joſeph Bonaparte. 110 iſt. Wenn ich nun aber an Talent einem Manne gleich komme, ſo iſt damit noch nicht geſagt, daß Herr von Stasl zu mir in der Beziehung einer Frau ſteht, und auf mich angewieſen iſt, daß ich ihn erhalte. Auf dieſe Weiſe laſſen ſich die natürlichen Beziehungen nicht umgeſtalten, ſelbſt wenn das allmächtige Wort eines erſten Conſuls von Frankreich daran rüttelt.“ „Ich beklage meines Bruders Verſtimmung gegen Sie,“ erwiederte Joſeph,„und beklage ſie um ſo mehr, weil ſie mir das Vergnügen verkümmert, Sie zu ſehen. Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie ſchätze, wie ſehr ich Ihren Um⸗ gang liebe! Ihm nicht zu mißfallen, muß ich mit meinen Beſuchen bei Ihnen zögern, aus Furcht, ſonſt ein gänz⸗ liches Verbot herbeizuführen. Sie ſollten ſo freundlich für mich ſein, mir dieſe Pein zu erſparen. Sie ſollten Ihre Freunde bedenken, und wie ſie durch Ihre Beharr⸗ lichkeit leiden.“ „Was kann ich thun?“ rief ſie lebhaft aus.„Es iſt meine Natur einmal, wahr zu ſein.“ „Lenken Sie ein! Meſſen Sie Ihre Aeußerungen über ihn! Sagen Sie irgend ein gutes Wort, das ihm hinterbracht werde, und die Wirkung alter, ſchlimmer Aeußerungen neutraliſire!“ „Dann müßte ich gegen meine Ueberzeugung ſprechen und das kann ich nicht; dann müßte ich unwahr ſein.“ 3⸗ iſt en m er 111 „So ſchweigen Sie wenigſtens.“ „Das wird ihm nicht genügen; denn er will von mir bewundert ſein und bewundern kann ich ihn nicht. Allen Reſpect vor ſeiner Kunſt als Feldherr, aber als Geſetzgeber und Beherrſcher Frankreichs iſt er mir anti⸗ pathiſch.“ „Sie kennen ihn nicht! Lernen Sie ihn kennen.“ „Wie iſt vas möglich, da er mir ausweicht, mich ab⸗ ſichtlich vermeidet, wo er nur kann.“ „Wir werden ein Zuſammentreffen veranſtalten. Um Ihrer Freunde willen, benutzen Sie es zu einer Aus⸗ ſöhnung.— Sie dienen Frankreich nicht, indem Sie Ihre Abneigung äußern, und ſchaden ſich, wie Sie uns be⸗ trüben.“ „Einem ſolchen Freunde ſchlägt man keine Bitte ab,“ ſagte Frau von Stasl gerührt und reichte ihm die Hand. „Ich muß Sie jetzt doppelt lieben, ſeit Ihr Herz mir dieſen warmen Antheil bezeigt.“ Noch einige andere Bekannte erſchienen, um ihr in ähnlicher Weiſe zu rathen.„Es koſte ſo wenig, den erſten Conſul für ſich zu gewinnen und der daraus erwachſende Vortheil ſei ſo groß, daß ſie blind ſein müſſe, den eigenen Nutzen zu verkennen,“ ſagte man ihr. Sie erkannte die Richtigkeit dieſer Gründe, ſie hätte gern klug handeln mögen, aber ſie konnte es nicht über ſich gewinnen. 112 „Ich bin nicht mehr in dem Alter, wo man eine neue Anſicht der Dinge gewinnt,“ erwiederte ſie.„Ich habe mein vierunddreißigſtes Jahr zurückgelegt, und meine Erfahrungen verleihen mir das Doppelte an Alter. Ich bin überdem die Tochter meines Vaters. C'est ma nature ainsi aufrichtig zu ſein. Seinem Ruhme, der Ehre ſeines Namens bin ich es ſchuldig, meine politiſchen Anſichten nicht meinem perſönlichen Vortheile zu opfern. Was ich auch thue, wie ich auch handle, ſo muß eine innere Ueber⸗ zeugung mich beſtimmen. Solcher Wahrheit des Cha⸗ rakters wird ſelbſt ein Feind noch Achtung zollen. Man fürchtet mich nur, weil man mich nicht gewinnen kann.“ Benjamin Conſtant hatte ſchweigend dieſen Verhand⸗ lungen zugehört. Als er ſich endlich mit ihr allein befand, ſagte er verſtimmt: „Es iſt ein Unglück, wenn Frauen ſich um die Politik bekümmern. Wie ruhig und angenehm könnte Ihr Leben ſein; wie heiter und froh könnten Ihnen Ihre Tage im Schvoße Ihrer Familie dahin fließen, ohne dieſe unweib⸗ liche Leidenſchaft, eine Rolle ſpielen zu wollen.“ Keine Antwort erfolgte. Unbeweglich ſaß Frau von Staöl ihm gegenüber, ausdruckslos firirte ihr Auge die Gegenſtände, ohne ſie zu ſehen. Erſchreckt eilte Conſtant auf ſie zu und ergriff ihre Hände. Sie waren von einer eiſigen Kälte. Alles Leben ſchien aus ihr entflohen. 113 Bei ſeiner Berührung erwachte ſie, wie aus einem Traume. Sie ſtieß ihn zurück und ſagte mit tonloſer Stimme: „Was wollen Sie von mir, Herr von Rebecque? Sie haben mir Alles geſagt, was ſich ſagen läßt.— Wir ſind mit einander fertig. Gehen Sie!— Was wollen Sie hier noch?“ Sie ſtand auf mit der Abſicht, das Zimmer zu ver⸗ laſſen; aber ihre Füße trugen ſie nicht. Sie wankte. Er verſuchte ſie zu unterſtützen; aber noch ehe er ſie erreicht, ſank ſie leblos zu ſeinen Füßen hin. Außer ſich beugte er ſich über ſie und rief ſie mit den ſüßeſten Namen. Sie hörte ihn nicht. Endlich ſchellte er und als der Diener erſchien, gab er Befehl, daß ihre Kammerfrau ſie entkleide und auf ihr Bett lege. Noch einmal verſuchte er darauf, ſeine Stimme zu ihrem Herzen reden zu laſſen. Eine abwehrende Bewegung hieß ihn ſchweigen, und die großen Thränen, welche ſich jetzt unter den langen dunkeln Wimpern hervorſtahlen, zeigten ihm, wie wenig der Moment ſich zu einer Erklärung und Ver⸗ ſöhnung eigne. Mit zerriſſenem Gemüthe entfernte er ſich und eilte in ſeine Wohnung, wo er ſich einſchloß. Mehrere Tage blieb Frau von Stasl, nach dieſem Auftritte, in ihrem Zimmer. Sie aß nicht, ſie ſprach nicht und war für Niemand zu Hauſe. Auch Benjamin 114 Conſtant wurde nicht vorgelaſſen. Er ſchrieb ihr. Seine Briefe blieben unbeantwortet. Außer ſich, ohne Nachricht von ihr zu ſein, verſuchte er es endlich, ſich den Zutritt zu ihr zu erzwingen. Es gelang ihm in ihr Zimmer zu dringen und zu ihren Füßen hinſtürzend, bedeckte er ihre Hände mit heißen Küſſen der Reue. Sie ſah ihn weh⸗ müthig vorwurfsvoll an und hatte nicht das Herz ihn zurück zu weiſen. Er wollte ſich zu entſchuldigen beginnen. — Sie ſchloß ihm den Mund und gebot ihm Schweigen. „Kein Wort, das mich an das Vergangene erinnert!“ ſagte ſie ernſt.—„Da wir nun einmal ſo mit einander ſtehen, ſo wollen wir lieber von gleichgültigen Dingen reden.“ Sie reichte ihm den Mercure de France hin, den Fontanes damals redigirte. Er enthielt einen offenen Brief von Chateaubriand an Frau von Stasl gerichtet, worin er ihre Anſichten zu bekämpfen verſuchte. „Der junge Mann wird ſich durch dieſen Aufſatz und das Eingehen auf meine Anſichten einen Namen machen,“ ſagte ſie.„Ganz Paris wird heute von ihm ſprechen. Der religiöſe Ton, den er anſtimmt, iſt uns neu geworden; der Zeitgeiſt neigt ſich dieſer Richtung zu. Er wird damit Beifall ernten und Anhänger finden. Seine Schwärmerei entſpringt überdem aus wirklicher Ueber⸗ zeugung, und die Wahrheit verfehlt nie, uns zu intereſſiren, auch wenn ſie nicht mit unſeren eigenen Anſichten über⸗ 115 einſtimmt.— Ich bitte Sie, ſuchen Sie ihn auf und ſagen Sie ihm, daß ich ihn kennen zu lernen wünſchte. Ich intereſſire mich für ihn.“ Auf dieſe Weiſe ging das für Beide ſo peinliche Wiederſehen ohne eigentliche Verſöhnung vorüber. Wenige Tage darauf zeigten die Buchhändler das neue Werk der Frau von Stasl über die Literatur an. In dieſem Buche war nun weder von Napoleon noch von ſeiner Politik die Rede; es ſtand überhaupt in keinem Bezug zu ihm, es behandelte rein wiſſenſchaftlich die Cultur des menſchlichen Geiſtes und ſtellte als deren Blüthe die Belles-lettres auf. Das Aufſehen, welches dieſes Werk erregte, war daher ungeheuer.“ Die Zeit erwies ſich noch kärglich an productivem Talente, es war das erſte bedeutende Buch ſeit der Revolution, und dieſes Buch hatte eine Dame zum Verfaſſer. Alle Journale be⸗ ſchäftigten ſich damit, alle Schriftſteller eilten, es zu beur⸗ theilen, in allen Geſellſchaften war nur von Frau von Staöl die Rede, die Bewunderung für die geiſtreiche Ver⸗ faſſerin erwachte in neuer Größe und ganz Paris beſchäf⸗ tigte ſich auf einige Zeit nur mit ihr.— Wagen nach Wagen fuhr bei ihrem Hotel vor, alle jene Perſonen, welche ſie einſt zuerſt verlaſſen, ſie zuerſt verleugnet hatten, * Journal de Paris. 116 kehrten nun auch zuerſt zu ihr zurück. Mit bitterm Lächeln ſah ſie dieſem Eifer zu. Sie empfing Niemand. Ihre Diener hatten den Befehl erhalten, jeden Beſuch mit der Nachricht abzuweiſen: daß ſie am Montag Abend für Gäſte zu Hauſe ſei. Sie war neugierig, zu erproben, wie hoch ſich die Zahl ihrer Freunde bis zum Montag ſteigern würde.— Sie wollte ihren Triumph mit dieſer ihrem Herzen traurigen Genugthuung feiern. Nur die ſchöne Madame Récamier war in dieſen Befehl nicht mit eingeſchloſſen.— Sie allein hatte den Muth gehabt, als Jeder ſie floh, ſie aufzuſuchen* und dieſen ſchönen Zug der Herzensgüte vergalt Frau von Stabl mit der treueſten Anhänglichkeit und Zuneigung. Sie liebte Madame Récamier nicht, weil ſie ſchön, ſon⸗ dern weil ſie gut war. Napoleon hatte indeſſen ſeinen Umzug von dem Luxem⸗ burg nach den Tuilerien bewerkſtelligt. Immer mehr ſtieg ſein Anſehen, reiften in ihm ſeine hochfliegenden Pläne! Nur von ihm ſollte künftig die Rede ſein, nur mit ihm ſollte ſich die Welt beſchäftigen, und jetzt fiel es der Preſſe ein, von einem Buche über die Literatur und die Perfecti⸗ bilität des Menſchengeſchlechtes zu reden, und alle Ge⸗ müther durch einen Stoff in Aufregung zu bringen, der * Ducheſſe d'Abrantes. 117 ſeinem Ruhme ſo fern lag und ſich außerdem durch eine Frau geltend machte, die er um jeden Preis ignorirt wiſſen wollte.— Ungeduldig ſah er der ſteigenden Popu⸗ larität ſeiner Feindin zu.— Aendern konnte er daran nichts. Seine Macht, ſein Anſehen reichten dazu nicht hin. Verbieten konnte man ihr Buch nicht; ihr den Aufenthalt in Paris deshalb unterſagen, eben ſo wenig. So mußte man den tollen Schwindel der Pariſer ruhig vorübergehen laſſen. Der Montag Abend, den Frau von Stasl für den Empfang ihrer Freunde feſtgeſetzt, war indeſſen heran⸗ gekommen. Die Gemächer ihres Hotels waren hell er⸗ leuchtet; die Dienerſchaft ſtand an den Thüren bereit. Sie ſelbſt, in ein hellgrünes Atlasgewand mit einer Schleppe gekleidet, das kurz geringelte Haar mit einem Bandeau und Federn geſchmückt, die ſchönen vollen Arme mit langen Handſchuhen, die bis über den Ellenbogen reichten, bedeckt, ſaß erwartungsvoll neben der Thüre zum Vorzimmer und horchte auf das Rollen des erſten Wagens. Benjamin Conſtant ſtand vor ihr. „Wenn wir nur darum an Erfahrungen reicher wer⸗ den, um unſer Vertrauen zu den Menſchen vermindert zu ſehen, ſo wäre das kürzeſte Leben eigentlich das wünſchens⸗ wertheſte,“ bemerkte er. „Der Meinung bin ich nicht,“ ſagte Frau von Stasl 118 heiter.—„Wir lernen uns an dem genügen laſſen, was das Leben uns bieten kann; mit andern Worten, wir werden weiſe durch die Erfahrung. Nach ſo langer Ent⸗ behrung einer Geſelligkeit, wie ich ſie liebe, bin ich heute Abend wahrhaft beglückt, meine alten Freunde um mich zu ſehen, und frage nicht, warum ſie kommen, noch warum ſie mich verlaſſen.— Was man entbehren mußte, lernt man erſt recht ſchätzen. Eine Unterhaltung in einem Pariſer Salon, iſt für mich der höchſte Genuß des Daſeins. Die Frühlinge meines Lebens ſind meine in Paris verlebten Winter. Je compte mes printemps par mes hivers.— Mir iſt heute zu Muthe, als erwachte ich zu neuem Glücke.“ Bald füllten ſich ihre Räume an und ſie gewahrte mit Vergnügen, daß alle bedeutenden Namen der Haupt⸗ ſtadt unter ihren Gäſten waren und ſie als die gefeierte Heldin des Tages die allgemeine Huldigung empfing. Was ſie hatte erreichen wollen, das war demnach erreicht, und der Ruhm auf's Neue an ihre Schritte geheftet. Sie lächelte befriedigt. Alle Salons der Hauptſtadt ſtanden ihr jetzt geöffnet, man wünſchte ſie bei jeder Geſellſchaft gegenwärtig zu ſehen, wo ſie ſich zeigte, folgte ihr jedes Auge, jede nur mögliche Aufmerkſamkeit wurde ihr gezollt. Sie ſchwelgte in dieſem mühſam errungenen Triumphe; eine Laſt fiel damit von ihrer Bruſt. „—.—— ——— 119 Der Frühling war indeſſen immer weiter vorgerückt, der Sommer ſtand nahe und die Pariſer Geſellſchaft löſte ſich auf, um das Landleben zu genießen. Auch Frau von Staöl mußte daher von dieſem Schauplatze ihres Glückes ſcheiden. Heiter kehrte ſie nach Coppet zu ihrem Vater zurück, wo ſie eintraf, während die franzöſiſche Armee die Alpen überſtieg, und Truppenzüge die friedlichen Thäler der Schweiz beunruhigten. Wenn ſie jetzt an ſchönen Sommerabenden auf dem Balcon des Schloſſes ſtand, die ruhige Landſchaft ſich in dem klaren See ſpiegelte, die Gipfel der Berge mit ihren ſchneebedeckten Hänptern ſo groß und ernſt auf ſie herab⸗ ſahen, ihre Kinder im Parke ſo fröhlich ſpielten; dann kam ein Gefühl der Beſchämung über ſie, daß ſie ihr Glück in Dingen ſuchte, deren Nichtigkeit ſie erkannte, und die es ihr dabei nie gewährten. Vergeblich aber verſuchte ſie, der inneren Unruhe los zu werden! Es blieb ihr dieſe namen⸗ loſe Sehnſucht und dies Unbefriedigtſein, welches ſie ſuchend und irrend durch das Leben jagte und erſt im Tode Ruhe finden ließ. Heilige und Märtyrer ſind die gleiche Bahn gegan⸗ gen, mit der Hoffnung, im Himmel Erſatz zu finden, für die Mängel ihrer irdiſchen Exiſtenz.— Die gleiche Sehn⸗ ſucht lebt in vielen Herzen, nur iſt die Bahn verſchieden, auf welcher ſie ihr Ziel in's Auge faßte. 120 Mit lebhaftem Intereſſe folgte ſie den Siegen Bona⸗ parte's, immer hoffend, daß ſie zu Niederlagen werden möchten, die ihn ſtürzten und ihrem theuren Frankreich eine neue Freiheit brächten. Vergebliches Wünſchen. Die ſchönen Sommertage ſchwanden indeſſen ſchnell dahin und im November 1800, ſo wie das geſellige Leben in Paris auf's Neue begann, kehrte auch Frau von Stasl in die Hauptſtadt Frankreichs zurück. Der Friede war noch nicht geſchloſſen; aber durch die Siege Moreau's ſchon vorbereitet. Die ehrgeizigen Abſichten des erſten Conſuls durchſchaute jedoch noch Niemand, und ſeine An⸗ hänger hofften noch das Beſte für ihr Vaterland. In heiterer Unterhaltung mit einigen Freunden ver— nahm Frau von Stasl eines Abends einen ſtarken Schuß, deſſen Urſache keiner zu entziffern vermochte. Es war das Loslaſſen der Höllenmaſchine. Erſt am nächſten Tage erfuhr ſie deren Zweck und auch deren Fehlſchlagung und beſaß leider die Vorſicht nicht, ihr Bedauern zu verhehlen.— Aeußerungen der Art rächten ſich. Sie wurden dem erſten Conſul hinter⸗ bracht und er vergaß ſie nie. Da ihre Stellung in der Welt jetzt von ihren litera⸗ riſchen Erfolgen abhing, ſo fuhr Frau von Stasl eifrig fort, ihr Talent geltend zu machen. Sie ſchrieb jetzt an ihrer Delphine— Die geſelligen Beziehungen nahmen ſie —+—— — — —,—+„e— —— — — en——— en ch en 121 aber zu ſehr in Anſpruch, um raſch mit ihrer Arbeit fort⸗ fahren zu können, und ſie rechnete daher auf den kommen⸗ den Sommer, und die Muße in Coppet. Der Winter verging ihr auf dieſe Weiſe höchſt an⸗ genehm. Der erſte Conſul beſuchte ſie freilich nie und Talleyrand eben ſo wenig; dagegen waren alle Fremden von Auszeichnung bei ihr eingeführt, und die Diplomaten fremder Mächte liebten ihre Geſellſchaft vorzugsweiſe. Häufig hielt ſie ſich auch in dem reizenden Landhauſe Mor⸗ fontaine bei Joſeph Bonaparte auf und Lucian lud ſie zu ſeinen glänzenden Feſten. Napoleon allein bewies ſich ſtets gleich rückſichtslos, trotz aller Vorliebe ſeiner Brüder für die geiſtreiche Frau. Eines Tages traf ſie ihn beim General Berthier. Sie war auf das Begegnen vorbereitet worden; denn man hoffte eine Ausgleichung und hatte es darum herbeizuführen geſucht. Vergebliches Bemühen! Frau von Stasl wollte nicht demüthig vor ihn hintreten, von ihm mit Bewunde⸗ rung angehört werden, und er hatte für Niemand eine ſolche Empfindung übrig. Seine Aeußerung, daß er nicht den Geiſt einer Frau ſchätze, ſondern die Zahl der Kinder, welche ſie dem Vaterlande geſchenkt, verletzte ſie auf das Tiefſte. Jede freundliche Beziehung zu einem ſolchen Manne war fernerhin unmöglich für ſie. 1859. III. Frau von Stasl. III. Achtes Capitel. Die erſte Verbannung. Die Ge vohnheit legt uns allen ein Binde um das Auge. Wir wandeln am Rande eines Abgrundes und ſehen ihn nicht; wir ſtehen von unſerer Geburt an dem Tode gegenüber, ohne unſre Aufmerkſamkeit darauf zu richten. Am Abhange eines Gletſchers, wo die Schnee⸗ lawine über unſerm Haupte drohend hauſt, am Fuße eines Kraters, wo ſtündlich ein glühender Lavaſtrom unſere ſtille Hütte verzehren kann, ſuchen wir vorzugsweiſe unſern Aufenthalt. Wir lieben es, der Gefahr nahe zu ſein, viel⸗ leicht um Angeſichts ihrer und unſerer Sicherheit mit erneuertem Gefühle des Glückes bewußt zu werden. Frau von Staöl war ſich bewußt, daß das Schwert über ihrem Haupte hing, und nur von dem ſeidenen Faden gehalten ward, mit dem die öffentliche Meinung den S 8 as nd em ee⸗ es lle rn el⸗ nit ert en 123 Gebieter Frankreichs noch zügelte. Deſſen ungeachtet ver⸗ ſchmähte ſie es, durch irgend eine, dem Gebote der Klugheit entſpringende Rückſicht, die ihr drohende Gefahr abzu⸗ wenden. Sie wußte es, daß Napoleon von Allem unterrichtet war, was bei ihr vorging, daß er, mit Fouché's Ohren, allen bei ihr geführten Geſprächen zuhörte, daß er, mit ſeines Polizeiminiſters Hülfe alle ihre Correſpondenzen verfolgte,“ daß ſie nichts that, ſagte oder ſchrieb, das ihm nicht berichtet ward; und dennoch zügelte ſie ihre Zunge nicht.— Sie war eine Frau, und ſie benutzte dies Vor⸗ recht der Frauen, ungeſtraft reden zu können: Allein Napoleon ließ eine ſolche Berechtigung des weiblichen Geſchlechtes nicht vorwalten.— Der große Mann war klein genug, der Welt zu zeigen, daß er eine Frau fürchte. In Frankreich haben die Salons und die geiſtreichen Damen, welche darin glänzen, von jeher einen bedeutenden Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten gehabt. Dies war Napoleon nicht unbekannt. Frau von Staöl verkehrte mit den angeſehenſten Staatsmännern Frankreichs, ſie verſammelte um ſich, was nur irgend Geiſt oder Talent beſaß, und Napoleon machte die Bemerkung, daß Zeder, * Memoiren des Kammerdieners Conſtant. 124 welcher ihr Haus beſuche, ſtets mit einer geringeren Mei⸗ nung von ihm von dort zurückkehre. Er konnte ihr nicht nachweiſen, worin dieſer üble Einfluß beſtehe, ſonſt würde er nicht gezögert haben, ſie ſogleich dafür zu ſtrafen; er wußte nur, daß dem ſo ſei, und es war natürlich, daß er eine Kraft, die ihm ſchadete, aus dem Wege zu räumen oder zu vernichten ſtrebte. Eine Frau hatte ihm den Fehdehandſchuh hingeworfen und— er nahm ihn auf. Es war bei den gegenwärtigen politiſchen Verhält⸗ niſſen Frankreichs ganz unmöglich für Frau von Stasl, an dem Staatsleben Theil zu nehmen; denn wo die Stimme eines Einzigen entſcheidet, kann Niemand Einfluß üben, der dieſem Einzigen nicht nahe ſteht. Sie mußte daher den Begebenheiten als Zuſchauer zuſehen, und das Einzige, worin ſie ſich verſuchen durfte, war, die Zurückberufung ihrer emigrirten Freunde zu bewirken. Fouché hegte das Prinzip, jede unnöthige Strenge zu vermeiden, und trotz dem, daß er Frau von Staöl mit Spionen umgab, und ihre Briefe erbrach, erzeigte er ſich ihr auf jede Art gefällig, vielleicht nur, um ſie in deſto größere Sicherheit einzuwiegen. Mancher arme Emigrirte erhielt daher jetzt durch ihre Vermittlung die Erlaubniß zur Rückkehr, und es machte ſie glücklich, auch Narbonne auf die Liſte der ſo Bevorzugten ſetzen zu können und ihn, —— c—— 3———— —— —— — — = 8 — 125 nach langer Trennung, wieder auf dem heimiſchen Boden zu begrüßen. Sie ahnte damals freilich nicht, daß er einſt in die Dienſte ihres Feindes treten und ihn auf ſeiner Sieger⸗ bahn mit ſeinem Geiſte zur Seite ſtehen würde!— Solche herbe Erfahrung blieb ihr noch aufgeſpart. Im Herbſte 1801 kehrte ſie, wie gewöhnlich, nach Paris zurück, um hier, im Zenith ihres Ruhmes als Schriftſtellerin und geiſtreiche Frau, ihren Salon auf's Neue der glänzenden Welt der Hauptſtadt zu öffnen.— Alle Männer von Bedeutung ſchaarten ſich hier ſogleich um ſie, alle Fremden von Auszeichnung wurden bei ihr eingeführt; vorzugsweiſe aber ſuchten ſie noch alle ſolche auf, welche einen heimlichen Groll gegen den erſten Conſul hegten, und ihm ſeinen Adlerflug beneideten, der hier und dort die eigenen ehrgeizigen Abſichten durchkreuzt hatte. Zu denen, welche ſich aus dieſem Grunde an ſie ſchloſſen, gehörte auch Bernadotte, der künftige König von Schweden, welcher es damals vorgezogen hätte, Kaiſer von Frankreich zu ſein. Mit ihm wurde ſie daher bald auf das Innigſte befreundet; denn ſie begegneten ſich auf dem einen Punkte, die ſtill gehegte Abneigung gegen Napoleon. Herr von Chateaubriand hatte ſeinen Genius des Chriſtenthums erſcheinen laſſen, und dadurch einen be⸗ deutenden Namen gewonnen. Frau von Stasl freute ſich 126 dieſes Erfolges. Sie kannte den kleinlichen Neid nicht, der nur die eigene Geltung ſucht, und keinen neben ſich duldet, und jedes andere Talent darum zu verkleinern ſucht.— Im Garten des Herrn blühen viele Blumen; die Roſe braucht die Nelke nicht zu ſcheuen, denn jede iſt von eigen⸗ thümlicher Schönheit, und kann nicht verglichen werden. So auch nahm ſie es mit dem poetiſchen Talente. Trotz der ihr entgegengeſetzten Richtung Chateau⸗ briand's, ſchätzte ſie ſeine Arbeiten ganz außerordentlich, und ſprach ihm warm ihre Bewunderung aus.„Die Echo langweilen mich,“ ſagte ſie, wenn davon die Rede war, daß irgend ein Product des Geiſtes nicht in ihrem Sinne verfaßt ſei.— War es nur geiſtreich, zeugte es nur von Talent, ſo war es ihr auch genehm, und erntete leb⸗ haften Beifall. Sie beſaß die glückliche Fähigkeit, jedes Talent in ſeiner Eigenthümlichkeit auffaſſen und würdigen zu können, und es fiel ihr nie ein, ihm eine Bahn vor⸗ zeichnen zu wollen, die ihm nicht gemäß war. Benjamin Conſtant mußte ſie dieſen Winter ent⸗ behren. Als ihr Freund, ſprach und ſchrieb er in ihrem Sinne, und erregte dadurch das Mißwollen Napoleon's; die Folge war, daß er ſeine Stelle als Secretär beim conſtitutionellen Club einbüßte. Ungerecht, wie immer, eilte er in ſeiner erſten Auf⸗ wallung zu Frau von Stasl, um ſie als die Urſache ſeines ——„——— 127 Unglücks anzuklagen, und ihr zu melden, daß er nun un⸗ verzüglich nach Beutſchland abreiſen würde, um dort ſein Glück zu ſuchen. „Sollte ich Sie etwa beredet haben, aus Eigennutz feig Ihre Geſinnung zu verleugnen?“ fragte ſie ihn ernſt. Dieſe Antwort beſchämte ihn. Doch war der Auf⸗ enthalt in Paris ihm für den Augenblick verleidet, und ſo reiſte er denn wirklich ab. Frau von Staöl hielt ihn nicht zurück. Sie war nun ſchon daran gewöhnt, ihn in ſeinem Zorne davon laufen zu ſehen, und erwartete auch jetzt ſeine dann uner⸗ wartet erfolgende Rückkehr. Daß er ſich auf lange Zeit von ihr trennen würde, glaubte ſie nicht; denn ſie fühlte ganz richtig, wie wenig er ſie entbehren konnte. Sein ſchwankender Sinn bedurfte eines ſtarken Geiſtes, wie den ihrigen, um ihn zu leiten und vor jenem Schwanken zu bewahren, daß den Mann, als Träger einer Geſinnung, um das Vertrauen und die Achtung ſeiner Mitmenſchen bringt. Wohl iſt es menſchlich, zu irren, wohl iſt es menſch⸗ lich, eine neue und beſſere Ueberzeugung zu gewinnen; doch darf ſie auf keinem andern Erdreich ſich anbauen, als in dem der Mann emporgewachſen in der öffentlichen Mei⸗ nung.— Wie ein Baum wohl oftmals neu zu grünen vermag und von Sturm und Ungewitter zerſchlagen, neue 128 Reiſer ſetzen kann, doch nie neue Wurzeln in die Erde hinein zu treiben vermag; ſo auch kann der Charakter des Mannes ſich nur aus einer Geſinnung aufbauen. Frau von Staöl ſchrieb ihm häufig. Inmitten des glänzenden Geſellſchaftslebens vergaß ſie des abweſenden Freundes nicht.— Die Bande, welche ihn in Deutſchland feſthielten, und ihm Erſatz boten, waren ihr freilich unbe⸗ kannt, und ſo bemitleidete ſie ihn unverdient. Mit den Lerchen wollte ſie zu ihrem Vater eilen, und ihn glücklich machen durch den Bericht des Guten, das ihr geworden. Da berichtete ihr der Arzt, daß Herr von Staöl durch einen Anfall vom Schlagfluß getroffen, ver⸗ laſſen und ohne weibliche Pflege in ſeinem Hotel ſich befinde. „Oh mein Gott! mein Gott!“ rief ſie mitleidsvoll und eilte zu ihm. Er litt; das war ihr genug, um zu verzeihen, was ſie trennte.— Er war krank und bedurfte der Hülfe; wie konute ſie da noch irgend einer Unbill gedenken! Sie fand ihn in bedauernswerthem Zuſtande. Eine theilweiſe Lähmung machte ihn hülflos, und von ſeiner Umgebung gänzlich abhängig; während eine Wieterholung des Schlaganfalls ihn mit einem ſchnellen Ende bedrohte. Sie berieth mit dem Arzte, was für ihn zu thun ſei, kein Opfer war ihr zu groß, keine Mühe zu ſchwer, wenn ſie ihm nur Linderung gewährte. d—— 8 8 —* 80 129 Die Bäder von Aix in Savoyen ſollten verſucht werden; vielleicht, daß dieſe warmen Quellen ſeiner Läh⸗ mung abhalfen. Sogleich ließ ſie einen bequemen Reiſewagen für den Kranken einrichten, verſah ihn mit allen möglichen Be— dürfniſſen, ſo daß er liegend darin fortgebracht werden konnte, und ſagte ihrem lieben Paris Lebewohl, um an der Seite des kranken Mannes, in langſamen Tagereiſen, dem traurigen Ziele zuzueilen. Herr von Staöl erkannte lebhaft dieſe Güte, und drückte ihr ſeine Dankbarkeit durch Blick und Wort aus, ſo weit ſein Zuſtand es geſtattete.— Er fühlte in ſeinem Herzen mit Beſchämung, wie wenig er dieſe Güte ver⸗ diente; denn er hatte ſich nie bemüht, ihre Zuneigung zu gewinnen und ihr ein Freund zu ſein, dem ihr Glück theuer ſei. Die feurigen Kohlen brannten ihn daher, ohne daß ihre Güte im mindeſten es wollte. Nur langſam rückten ſie auf ihrem Wege vor; denn das längere Fahren ermüdete den Kranken. Als ſie das kleine Städtchen Poligni erreichten, das an der Grenze lag, ſtellte ſich ein zweiter Schlaganfall ein und mit dieſem erloſch der ſchwache Lebensfunke auf immer. Herr von Staöl hatte aufgehört zu ſein. Tief erſchüttert ſtand Frau von Staöl am Sarge des unglücklichen Mannes, den ſie ihren Gatten genannt. 130 Sie hatte ihn nicht retten, ſein Leben nicht erhalten können. Sie nahm ihren Weg nun nach Coppet und über⸗ raſchte Necker mit der Leiche ſeines Schwiegerſohns, welche dort beigeſetzt wurde. Frau von Staöl konnte den Verluſt ihres Gatten nicht betrauern; dennoch ſtimmte ſie ſein Tod auf einige Zeit ſehr ernſt. Das Abbrechen von be⸗ ſtimmten Verhältniſſen läßt immer eine gewiſſe Lücke zurück, welche wir erſt innerlich durch ein richtiges in das Auge faſſen deſſen, was war und was iſt, ausfüllen müſſen. Indem ſie noch damit beſchäftigt war, das Be⸗ wußtſein ihrer jetzigen Freiheit in ſich zu erwecken, trat Benjamin Conſtant plötzlich bei ihr ein. Ueberraſcht blieb er vor ihr ſtehen, als er ſie in der ſchwarzen Trauer⸗ kleidung erblickte. „Ich bin Wittwe!“ entgegnete ſie ihm auf ſeinen fragenden Blick und erſtaunte ſelbſt vor vem Klange dieſes Wortes, das ſie in Bezug auf ſich überraſchte. Ihre Ehe war ſo wenig eine Ehe zu nennen geweſen, daß ſie ſich kaum noch in ein Verhältniß zu Herrn von Stasl zurück⸗ denken konnte, welches den Namen ſeiner Wittwe recht⸗ fertigte. Benjamin Conſtant ſah ſie mit verlegener Miene an und ward roth. Es war jetzt die letzte Scheidewand zwi⸗ ſchen ihnen gefallen. Er ſchlug das Auge zu Boden, beſorgt — ——, —„——0 S N +—, — Sd W—— 131 daß ſie in ſeiner Seele leſen möchte, was er ihr ſo ſorg⸗ fältig zu verheimlichen ſuchte. Sie ſah ſeine Verwirrung. Traurig ruhte ihr Auge einen Augenblick auf ihm; dann fing ſie von gleichgültigen Dingen zu reden an.— Die politiſchen Ereigniſſe intereſſirten ſie noch immer gleich lebhaft. Sie ſchrieb an Joſeph Bonaparte in Bezug darauf: Coppet, den 9. October 1802. „Der Friede mit England iſt die Freude der Welt; die meinige iſt, daß Sie ihn geſchloſſen haben, und daß Sie in jedem Jahre eine neue Gelegenheit finden, um von der ganzen Nation geſchätzt und geliebt zu werden. Sie haben die wichtigſte Unterhandlung in den Annalen Frank⸗ reichs geleitet. Dieſer Ruhm iſt ohne Beimiſchung. Ein allgemeiner Beifall erwartet Sie; die Bedingungen werden vortrefflich ſein; wären ſie es weniger, ſo würde dieſer Friede ſo viel Einfluß auf das innere Wohl Frankreichs haben, daß es Ihnen tauſend Gelegenheiten böte, um Ihren Geiſt und Ihre Klugheit zu zeigen, weil, auf dieſem Grunde, ſo viele Handelsintereſſen zu bevorworten ſind, daß Sie noch weit mehr Aufſehen durch dieſen Frieden, als durch den von Lüneville erregen werden. „Verzeihen Sie es mir, wenn ich mich bei einer ſo wichtigen Begebenheit mit Ihrem perſönlichen Wohl be⸗ ſchäftige; ich gewöhne mich nach und nach daran, die 132 größten Ereigniſſe nur in Bezug auf Sie zu meſſen, und es befriedigt mich, meinen Geiſt in meiner Liebe zu Ihnen zu concentriren. Ich denke ſchon mit Vergnügen an Alles, was wir dieſen Winter von Ihnen ſprechen werden. „Der erſte Conſul muß ſehr glücklich ſein; Sie dienen ihm auf Ihrem Wege, und Ihre außerordentliche Güte gewinnt alle Herzen für Ihre Erfolge. „Adieu: Reiſen Sie der größten, der glänzendſten Begebenheit Ihres Lebens entgegen; ſeien Sie geſegnet durch die Freundſchaft, deren Wünſche wohl diejenigen aufwiegen, welche.....(unleſerlich)..... Ich wünſche Ihnen den Ruhm und mir Ihre Freundſchaft; bei dieſer Theilung wird der Vortheil noch auf meiner Seite ſein. Stasl. „Ich bitte Sie, mich Madame Julie zu empfehlen; ich wünſche ihr Glück und freue mich, daß ſie den Namen des Friedensſtifters trägt, welchen man n Ihnen ſo allge⸗ mein beilegt.“ Sie nahm jetzt wieder ihre literariſchen Arbeiten vor, und beſchäftigte ſich namentlich mit einer letzten Durch⸗ ſicht ihrer Peihre, welche im Laufe des Winters er⸗ ſcheinen ſollte. Sie wagte nicht, mit dem kommenden Herbſte nach Paris zurück zu kehren und den Druck zu überwachen; denn man hatte ihr geſchrieben, der erſte ſ M——* ſ 1 e 133 Conſul habe geäußert, es würde gut für ſie ſein, nicht dahin zu kommen, und ein ſolches Wort von ihm deutete hinreichend an, was er im Sinne trug. Traurig ſtand ſie auf dem Balcon des Schloſſes und ſchaute nach Frankreich hinüber, wo jetzt ein ſo reges, bewegtes Leben herrſchte, das ſie ſo gern getheilt hätte. Sollte ſie es wagen, ſollte ſie dennoch nach Paris gehen, und ſich einer möglichen Ausweiſung ausſetzen?— Sollte ſie den Winter einſam in Coppet verleben, wo ſie ſo wenig Befriedigung fand? Der Präfect von Genf hatte bis jetzt noch keinen Befehl erhalten, ihr einen Paß zu verweigern, der Weg nach der Hauptſtadt ſtand ihr demnach offen; nur fehlte ihr der Muth ihn zu betreten. Sie beſchloß endlich das Erſcheinen ihrer Delphine abzuwarten. Die Aufnahme dieſes Buches ſollte ihr erſt die in Paris für ſie herr⸗ ſchende Stimmung kund thun, ehe ſie wagte, dort zu erſcheinen. In banger Erwartung verſtrichen ihr langſam die Tage. Necker ſelbſt litt nicht wenig davon mit. Er liebte ſeine Tochter ſo ſehr, daß es ihn tief ſchmerzte, ihr etwas entzogen zu ſehen, an dem ſie Freude fand, und er trug ſich ſelbſt mit allerlei Plänen, um Napoleon zu bewegen, von ſeinen ſtrengen Maßregeln gegen ſein Kind abzuſtehen. So bejahrt er auch war, und ſo beſchwerlich ihm eine Reiſe geweſen ſein würde; ſo war er doch bereit, nach Paris 134 aufzubrechen und perſönlich mit dem erſten Conſul für ſie zu ſprechen. Indeſſen rückte der Herbſt vor, und der Tag erſchien, an welchem Delphine dem Publikum übergeben wurde. Sowie das Buch bekannt wurde, war ganz Paris erfüllt davon, man ſprach in allen Salons nur darüber, wurde in jedem Café nur deſſen erwähnt, brachten alle Zeitungen in ihren Spalten nur Berichte darüber. Mit zitternder Haſt griff Frau von Stasl nach dem erſten ihr zukommen⸗ den Blatte. Es war der Mercure de France, von Laharpe redigirt, der ihr in die Hände fiel. Aber ach! ſtatt über das Buch zu ſchreiben, ſchrieb er über die Verfaſſerin. Entſetzt lief ihr Auge über die Zeilen. Er ſprach ihr zuerſt alle Leidenſchaft ab, und ſchloß:„Regardez la! elle est grosse, grasse et forte; sa figure est enlu- minée de trop de sauté.“— Was hatte ihre Geſtalt mit ihrem Buche zu thun? Wie konnte ſich die Kritik mit ihrer Perſon beſchäftigen. „Welche Gemeinheit!“ rief Frau von Staöl außer ſich und zog durch ihre lauten Schmerzenstöne das ganze Haus herbei. Vergeblich ſprach Necker ihr Troſt zu, ver⸗ geblich verſicherte ihr Benjamin Conſtant, daß ſolche bös⸗ willige Beſprechung eines Buches auf Niemand Eindruck mache und den Werth des Werkes in keines Vernünftigen Auge herabſetze. Keine Troſtgründe beſchwichtigten die 135 Arme. Grade was über ihre Perſönlichkeit, über ihren Charakter, ja über ihre Lebensverhältniſſe geſagt ward, kränkte ſie am tiefſten, tiefer vielleicht, als wenn man ein⸗ fach über ihr Buch ein Verdammungsurtheil geſprochen hätte. Sie fühlte ſich in tiefſter Seele dadurch verletzt, ihr war zu Muthe, als müßten die Steine ſie anſehen, ſie bemitleiden und ſich für ſie erheben. Indeſſen fehlte es auch an Tadel nicht. Man klagte ſie an, die Religion in ihrem Buche verleumdet, den Zwei⸗ kampf empfohlen und der Eheſcheidung das Wort geredet zu haben, und verdammte das Buch als unmoraliſch.“ Nur wenige Stimmen erhoben ſich zu ihrer Vertheidigung und dieſe wenigen wurden von der Maſſe überſtimmt. Lalande ſcheute ſich nicht, von dem Beau roman der Ma⸗ dame de Staöl zu reden, und Sueur widmete ihr einen langen Artikel voll des wärmſten Lobes. Doch dieſe ein⸗ zelnen Stimmen verhallten. Das Buch wurde verboten, wurde ſogar in Leipzig verboten, und von dem Kurfürſten von Sachſen jedes Exemplar mit einer Strafe von hundert Thalern belegt.— Das war zu viel! Das hatte ſie nicht erwartet! Necker hatte das Buch ſeiner Tochter, bevor ſie es dem Drucke übergab, geleſen, und es gebilligt. Um ſo * Jvurnal de Paris. 136 ſchmerzlicher empfand er jetzt dieſe Angriffe.— Er war daher geneigt, die Schuld dieſer ernenerten Feindſeligkeit des erſten Conſuls ſich ſelbſt, und nicht dem Roman ſeiner Tochter zuzuſchreiben. Er hatte ſein Schwanenlied ge⸗ ſungen, wie Frau von Staöl es nannte, und dieſes war betitelt: Pernières vues de politique et de finances.— Napoleon war mit dem Sinne dieſes Buches unzufrieden und äußerte, daß Frau von Staöl ihren Vater über den jetzigen Zuſtand Frankreichs falſch berichte. In höchſtem Zorne dictirte er dem Conſul Lebrun einen Brief an Necker, welcher ſeinen Unwillen auf das unumwundenſte ausſprach, damit ſchloß: daß Frau von Staöl nun nicht ferner würde in Paris verweilen dürfen.— Sie war daher auf ihr Exil noch vor dem Erſcheinen ihrer Delphine vorbereitet geweſen.— Dennoch traf ſie die Gewißheit deſſen, was ſie gefürchtet, jetzt auf das ſchmerz⸗ lichſte. Nicht in Paris zu leben, hieß für ſie auf alle Freuden des Daſeins verzichten; dort lebte man, während man ſonſt exiſtirte. Sie entſchloß ſich nun, den Winter in Genf zuzu⸗ bringen. Doch, was konnte ihr Genf bieten?— Sie ließ ihre Gäſte Comödie ſpielen, Charaden aufführen, ſie ver⸗ ſammelte die dort verweilenden Fremden und eine große Zahl von Engländern um ſich; ſie declamirte, ſie las ihnen vor, und erregte das lebhafteſte Erſtaunen, doch ſie ſelbſt ———— v— — 7 W 137 hatte keinen Genuß von dieſer Geſelligkeit, als den der befriedigten Eitelkeit.— Eine Unterhaltung, wie ſie ſie liebte, konnte man nur in der Hauptſtadt Frankreichs führen, und dieſe Unterhaltung war für ſie der höchſte, einzige Lebensgenuß. Als der nächſte Herbſt kam, glaubte ſie ſich von Na⸗ poleon vergeſſen. Man ſchrieb ihr von Paris, daß er mit ſeiner Expedition nach England ganz beſchäftigt ſei und ihrer kaum mehr gedächte. Dieſen Moment wollte ſie daher benutzen, ſich der Hauptſtadt zu nähern. In Maffliers, einem kleinen Landhauſe, zehn Meilen von Paris, nahm ſie ihren Aufenthalt. Hier gedachte ſie den Winter zuzubringen, ihre Freunde bei ſich zu ſehen und dann und wann ein Theater oder eine Kunſtſammlung von hier aus zu beſuchen. Zwei Monate hatte ſie ſchon ungeſtört in dieſem Landhauſe verlebt und begann nun mit größerer Zuverſicht um ſich zu ſchauen und ſich des Gelingens ihres Planes zu freuen; als dem erſten Conſul hinterbracht wurde, der Weg nach Maffliers ſei mit Wagen und Menſchen bedeckt, welche zu Frau von Stasl eilten. Ohne Zweifel rührte dieſe Mittheilung von Frau von Genlis her, welche ihre Rückkehr nach Paris und einen Jahrgehalt einer Corre⸗ ſpondenz mit Napoleon verdankte, welche ihn von Vielem in Kenntniß ſetzte, was er ſonſt nicht erfahren hätte. Eine 9 1859. III. Frau von Staöl. III. 138 Nebenbuhlerin zu dulden, deren literariſcher Ruhm den ihrigen weit überſtrahlte, konnte einer eitlen Frau nicht zugemuthet werden, und ſo ergriff ſie denn die Gelegenheit die Vielbeneidete zu entfernen. Frau von Stal erhielt nun durch einen ihrer Freunde die Nachricht, daß ein Gensd'armes ihr den Befehl über⸗ bringen würde, Frankreich zu verlaſſen.— Anfangs konnte ſie die Wahrheit dieſer Mittheilung kaum glauben, ſo be⸗ fremdend ſchien es ihr, daß eine Dame ſolcher Willkür Preis gegeben ſein ſolle.— Sie glaubte, daß Napoleon vor den Augen der Welt kaum den Muth haben könne, eine Frau von ihrem Range ſo zu behandeln; ja, daß er es nicht würde eingeſtehen wollen, wie ſehr er ſie fürchte. Doch vermochte ſie ſich nicht lange über ſeine wirkliche Abſicht zu täuſchen. Sie ließ ihren Wagen vorfahren und entfloh zu Madame de la Tour, welcher ſie durch Regnault de Saint Jean d'Angely empfohlen war. Sie kannte dieſe Dame kaum. Sie fand ſie in ihrem Landhauſe, umgeben von einer Geſellſchaft ihr faſt fremder Perſonen, denen ſie nicht verrathen wollte, welche Sorge an ihrem Herzen nagte.— Bei jedem ungewohnten Geräuſche fuhr ſie zitternd empor, die Farbe auf ihrem Geſichte wechſelte mit jeder Minute, ſie hörte kaum was man ſprach und ihre Antwort verrieth, daß ſie dem Gegenſtande des Geſpräches en cht eit de 2 ite 139 nicht gefolgt war.— Wie, wenn der Gensd'armes, mit dem man ihr gedroht, ihr hierher nachfolgte?— Wie, wenn er ſie vor Aller Augen abführte? Froh, endlich dieſes Zwanges los zu ſein, erreichte ſie ihr Zimmer. Aber Ruhe fand ſie auch hier nicht. Sie öffnete das Fenſter und horchte, ob nicht der Hufſchlag eines Pferdes durch die ſtille Nacht vernehmbar ſei; ſie erwartete mit jeder Minute, den Boten des Tyrannen ein⸗ treffen zu ſehen. Sie ſchrieb an Joſeph Bonaparte und ſchilderte ihm den ganzen Umfang ihrer traurigen Lage. Sie ſagte ihm, daß ſie ja nur einen Zufluchtsort zehn Meilen von Paris für ſich geſucht und daß ſie weiter nichts begehrt. Sie bat ihn um ſeine Fürſprache, bat ihn, vor Allem zu verhindern, daß das fürchterliche Wort Ver⸗ bannung über ſie ausgeſprochen werde; denn einmal ver⸗ urtheilt, hielt die Zurücknahme ſchwer. Ihre Tage vergingen in ängſtlichem Harren. Madame Recamier, von einer Reiſe nach England zurückgekehrt, lud ſie ein, zu ihr nach Saint Brice zu kommen. Sie nahm ihren Vorſchlag dankbar an, ohne zu ahnen, wie ſehr ſie ihrer Freundin dadurch ſchade. Die angenehmſte Geſellſchaft war hier verſammelt und noch einmal gab ſie ſich ganz dem Reize dieſer bezaubernden Unterhaltung hin. Talma begegnete ſie dort. Er las ihr eine Scene aus Othello vor. Frau von Stasl ſagte ihm, daß er nur mit 9* 3 140 der Hand durch ſeine Haare fahren und die Augenbrauen zuſammenziehen dürfe, um der Mohr von Venedig zu ſein. Madame Récamier ſang mit ihrer bezaubernden Stimme, und Frau von Staöl ſpielte eine Scene aus Romeo und 3 Julie, oder auch ſtellte Hagar in der Wüſte vor, wobei Madame Récamier die Rolle des Engels übernahm. Die Wirkung, welche ſie durch ſolche lebenden Bilder hervor⸗ brachte, war unbeſchreiblich. Den Ausdruck der Verzweif⸗ lung, des Schmerzes, gab ſie mit einer ſo ergreifenden Wahrheit, daß Alle hingeriſſen wurden. Ihr langes, ſchwarzes Haar, ſeiner Bande entlaſſen, hing aufgelöſt über Schulter und Nacken herab. Ihr dunkles Auge leuchtete mit überirdiſchem Glanze, während es den Aus⸗ druck verzweifelnder Mutterliebe annahm. Jeder Blick hing gefeſſelt an ihrem Mienenſpiele, jedes Auge folgte aufmerkſam der geringſten ihrer Bewegungen. Ohne ſchön zu ſein, war ſie in ſolchen Augenblicken hinreißend 3 ſchön, und man konnte es verſtehen, wie ſie, ohne alle körperlichen Reize, die größten Leidenſchaften einzuflößen vermocht hatte. j Mehrere Tage verſchwanden ihr auf dieſe Weiſe wie in angenehmem Rauſche, ſo plötzlich und überraſchend fühlte ſie ſich ihren alten Freuden hingegeben und dem Kreiſe ihrer Freunde einverleibt. Da Niemand von ihrem Exil ſprach, ſo fing auch ſie an, das Wort zu vergeſſen ₰—— S 141 und ſich einzureden, Napoleon habe darauf verzichtet ſie zu ſtrafen. Man täuſcht ſich leicht über eine Gefahr, ſobald keine Symptome uns ihr Nahen verrathen. Beruhigt kehrte ſie endlich nach ihrem Landhauſe zurück, in der Meinung, daß er ihr nur, um ihr Furcht einzuflößen, habe drohen wollen. Heiter ſetzte ſie ſich mit mehreren Freunden zu Tiſche. Der Gartenſaal bot eine Ausſicht auf die Landſtraße und auf das Eingangsthor. Es war ein heller Septembertag; Himmel und Erde leuchteten unter dem Strahl einer hellen Sonne und das Geſicht der Wirthin glänzte nicht minder heiter, in dem Gefühle ihrer neuen Sicherheit. Vergnügt überblickte ſie den kleinen Kreis ihrer Freunde, und erfreute ſich ihres heiteren Geſpräches. Eben ſchlug die vierte Stunde. Da zeigte ſich ein Mann in grauem Kleide am Gitterthore und wünſchte Einlaß. Er war zu Pferde. Kaum hatte Frau von Staöl einen Blick auf ihn geworfen, ſo kannte ſie ihr Schickſal. Entſetzt fuhr ſie empor. Er begehrte ſie zu ſehen. Sie verließ ihre Gäſte und begab ſich zu ihm in den Garten. Die Blumen dufteten ſo ſchön, die Sonne leuchtete ſo hell. Sie hielt ihre Schritte an und gab ſich einen Augenblick der Betrachtung 142 hin, wie verſchieden die Wirkung der Natur auf das Ge⸗ müth von der ſei, welche die Geſellſchaft auf uns hervor⸗ bringt. Der Mann im grauen Kleide nahte ihr jetzt und ſtellte ſich als den Commandanten der Gensd'armerie von Verſailles vor; um ſie nicht zu erſchrecken, habe er ſeine Uniform nicht angelegt. Er zeigte ihr darauf einen Brief, Bonaparte unterzeichnet, welcher den Befehl enthielt, daß ſie ſich vierzig Meilen von Paris zu entfernen habe, und zwar binnen vierundzwanzig Stunden, jedoch mit aller Achtung zu behandeln ſei. Frau von Stasl zitterte und behielt mit Mühe ihre Faſſung. „Ein ſolcher Befehl paßt für Verbrecher; aber nicht für eine Dame meines Standes, nicht für eine Frau, welche einen Haushalt aufzulöſen und ihre Kinder mit ſich zu führen hat. Begleiten Sie mich auf drei Tage nach Paris, mein Herr, damit ich meine Vorbereitungen treffe.“ Er verbeugte ſich einwilligend. Sie kehrte nun zu ihren Gäſten zurück, entſchuldigte ihre Abreiſe, beſtellte ihren Wagen und ſtieg mit dem Offiziere und ihren Kindern ein. Bedauernd ſahen ihre Freunde ihr nach.— Wann würden ſie ſie wiederſehen? Bei dem Landhauſe von Madame Récamier ließ ſie ihren Wagen halten und ſtieg aus, um ihre Freundin zu 143 ſehen. Sie traf hier den General Junot, welcher verſprach, ſeinen ganzen Einfluß bei Napoleon zu ihren Gunſten geltend zu machen. Eitles Verſprechen! Frau von Stasl hatte in Paris ein neues Haus ge⸗ miethet, in der Hoffnung, es den Winter bewohnen zu können, welches ſie jetzt, in Begleitung des Gensd'armen, zum erſten Mal betrat. Traurig durcheilte ſie die Ge⸗ mächer, in welchen ſie frohe Tage mit ihren Freunden zu verleben gehofft. Jeden Morgen erſchien hier ihr Gens⸗ d'armes und erinnerte ſie an die Abreiſe und jeden Morgen begegnete ſie ihm mit der Bitte um einen Tag Aufſchub. — Sie wollte noch einmal alle ihre Freunde ſehen, noch einmal in dieſen Räumen mit ihnen froh ſein, bevor ſie von Paris und damit von allem Glücke ſchied. Joſeph Bonaparte verſuchte am Tage vor ihrer Ab⸗ reiſe abermals ſeinen Bruder zu bereden, eine Maßregel zurück zu nehmen, die, gegenüber einer Frau, ſeiner un⸗ würdig ſchien; doch vergebliches Bemühen. Seine liebens⸗ würdige junge Gattin eilte zu Frau von Staöl und forderte ſie auf, einige Tage bei ihnen in Morefontaine zuzubringen, eine Einladung, welche ſie unter den obwal⸗ tenden Umſtänden mit wahrer Erkenntlichkeit annahm. Ihr älteſter Sohn Auguſt begleitete ſie dahin.— Indeſſen, wie dankbar ſie ſich ihren freundlichen Wirthen auch ver⸗ pflichtet fühlte, ſo konnte ſie in einer Geſellſchaft nicht 144 mehr froh ſein, welche ihr den Zwang auflegte, die bittern Gefühle, welche an ihrem Herzen nagten, verhehlen zu müſſen, und ſo ſchied ſie denn nach Verlauf von drei Tagen von dieſem gaſtlichen Hauſe, wo ſie früher ſo manche frohe Stunde verlebt hatte. Aber, wohin jetzt ihre Schritte lenken?— Nach Genf zurück kehren, wo die Einförmigkeit der Geſellſchaft ſie erdrückte, und Jeder ihr auch ſchweigend zurief: Du biſt zu uns zurückgeſchickt!— Ihr Stolz wollte ſich dieſer Demüthigung nicht unterwerfen.— Sie hatte den Schwei⸗ zern gegenüber ſtets geäußert, daß Frankreich ihr Vaterland ſei, und daß ſie ihnen um keinen Preis angehören möge; Frankreich hatte ſie jetzt ausgeſtoßen, wie, wenn die Schweiz ſie nun auch verleugnete? Nach Deutſchland wollte ſie darum gehen. In Deutſchland war ihr Name bekannt, in Deutſchland ehrte man ihren Vater, die alten Fürſtenhäuſer würden ſie dort mit Auszeichnung empfangen. Sie bat Joſeph, anzufragen, ob ſie Preußen beſuchen dürfe, er eilte nach Saint Cloud, während ſie in einem kleinen Gaſthof, zwei Meilen von Paris, ſeine Antwort erwartete. Sie lautete bejahend. Jo⸗ ſeph ſandte ihr Empfehlungsbriefe nach Berlin und wünſchte ihr auf die herzlichſte Weiſe eine glückliche Reiſe. Damit war das letzte Wort geſprochen. Sie mußte jetzt gehen. 145 Benjamin Conſtant begleitete ſie auf ihrer Reiſe. zu Traurig lehnte ſie ihr Haupt in die Ecke ihres Wagens en zurück und bedauerte innerlich jeden Schritt der Pferde, he welcher ſie von Paris entfernte. Nie wurde wohl eine Reiſe weniger freudig angetreten!— Erſt in Chälons 6 gelang es Conſtant— par son étonnante conversation? ft ſie aus ihrer Apathie aufzurichten. In Metz erheiterte ſie u die Gegenwart eines Herrn Villers ein wenig;— dennoch er konnte ſie Paris nicht vergeſſen, ſich nicht an den Gedanken gewöhnen, fern von dort leben zu ſollen. * Ihre eigenen Worte. Reuntes Capitel. Drei Monate in Weimar. Frankfurt, den 3. Dec. 1803. Frau von Stasl an Herrn von Chateaubriand. „Ah! mon Dieu, my dear Francis, von welchem Schmerze fühle ich mich beim Leſen Ihres Briefes verzehrt. Schon geſtern war mir dieſe ſchreckliche Nachricht durch die Zeitungen zugekommen, und Ihr herzzerreißender Be⸗ richt ſollte ſie darauf mit blutigen Lettern meinem Gedächt⸗ niſſe vermachen. Können Sie mir von verſchiedenen Meinungen über die Religion, über die Prieſter reden? Giebt es zwei Meinungen, wenn es nur ein Gefühl giebt? Ich habe Ihren Brief mit heißen Thränen geleſen. My dear Francis, rufen Sie ſich die Zeit zurück, wo Ihre Freundſchaft für mich ihren Höhepunkt erreicht hatte; 03. 147 vergeſſen Sie dabei nicht der Momente, wo Ihnen mein ganzes Herz gehörte, und ſagen Sie ſich dann, daß dieſe ſelben Gefühle, nur in höherem Grade, noch im Grunde meiner Seele für Sie herrſchen. Ich liebte, ich bewunderte den Charakter der Frau von Beaumont; ich kannte keinen großmüthigeren, dankbareren, liebevolleren. Seit ich in die Welt trat, war ich in ſteter Beziehung zu ihr geblieben, und ſelbſt inmitten mancher Widerwärtigkeiten hörte ich nie auf, mich im Grunde zu ihr hingezogen zu fühlen. Mon cher Francis, geben Sie mir einen Platz in Ihrem Leben. Ich bewundere Sie, ich liebe Sie, ich liebte die⸗ jenige, welche Sie betrauern. Ich bin eine treue Freundin, ich werde Ihnen eine Schweſter ſein. Mehr denn je werde ich Ihre Anſichten ehren: Mathieu, der ſie theilt, iſt gütig wie ein Engel gegen mich, bei allem was mich Uebles trifſt. Geben Sie mir neue Veranlaſſung Sie zu ſchonen, laſſen Sie mich Ihnen nützlich ſein, oder Ihnen Angenehmes erweiſen. Hat man Ihnen geſchrieben, daß ich vierzig Meilen von Paris verbannt bin. Ich will dieſe Zeit zu einem Ausflug nach Deutſchland benutzen; aber im Früh⸗ ling kehre ich nach Paris zurück, wenn ich darf, oder weile wenigſtens in ſeiner Nähe, oder auch in Genf. Laſſen Sie uns dann irgend wo zuſammentreffen. Fühlen Sie nicht, daß mein Geiſt und meine Seele die Ihrige erfaſſen, fühlen Sie nicht, daß wir uns ähnlich ſind, trotz der Verſchiedenheit? 148 „Herr von Humboldt hat mir vor einigen Tagen geſchrieben und Ihres Werkes mit einer Bewunderung gedacht, welche Ihnen von einem Manne ſeines Verdienſtes und ſeiner Anſichten ſchmeicheln muß. Doch, darf ich Ihnen in dieſem Augenblicke von Ihren Erfolgen reden? Sie liebte jedoch dieſe Erfolge, ſie legte Werth darauf. Fahren Sie fort, den Ruhm desjenigen zu vergrößern, der ihr ſo theuer war. Adieu, mein lieber Frangois. Ich werde Ihnen von Weimar, in Sachſen, ſchreiben. Ant⸗ worten Sie mir dahin, adreſſirt an M. M. Desport, Banquier.— Welche herzzerreißende Worte finde ich in Ihrem Briefe? Und dieſer Entſchluß, den armen Saint Germain zu behalten! Sie werden ihn einmal in mein Haus führen. „Noch einmal ein zärtliches, ein ſchmerzliches Lebe⸗ wohl.“ N. de Stasl. Frau von Staöl fand ſich wieder Erwarten längere Zeit in Frankfurt durch die Krankheit ihres jüngſten Kindes, eines kleinen Mädchens von fünf Jahren, feſt⸗ gehalten.. Das Jvurnal de Paris enthielt die Nachricht, daß ſie Paris verlaſſen habe, mit der Bemerkung, der Zweck ihrer Reiſe ſei, in Berlin eine neue Auflage ihrer Delphine zu veranſtalten, mit einer Vorrede, welche Abſicht und „„e —— — 7— — — ——„——————, —— en ing tes ich n uf. der Ich ut⸗ ort, in int ein be⸗ ere ſten eſt⸗ veck ine 149 Inhalt des Buches rechtfertigten. Benjamin Conſtant wurde als ihr Begleiter genannt, und als Verfaſſer einiger Broſchüren und einer Ueberſetzung Kant's aufgeführt, dont la doctrine est au-dessus de la portée de l'esprit humain, hieß es. In demſelben Momente hielt Friedrich Schlegel jeden Sonntag⸗Morgen Vorleſungen in Paris, und ſuchte das Publikum mit dem Geiſt der deutſchen Wiſſenſchaften bekannt zu machen; es blieb ihm, nach dieſer Ankündigung zu urtheilen, ein noch weites Feld für ſeine Mittheilungen über deutſche Literatur und Philoſophie übrig. Frau von Stasl erhielt aber auch andere Zeitungs⸗ blätter nachgeſandt, welche ihrer Reiſe in weniger anſtän⸗ digen Ausdrücken erwähnten und mit Verleumdungen ſchloſſen, bei denen ihr das Herz ſtill ſtand. Sie mußte aus dem Becher des Lebens den Honig und den Wermuth trinken; von beiden war ihr ein übervolles Maß beſchieden. Wer die goldene Mittelſtraße verſchmäht, darf ſich nicht wundern, wenn er auf Pfade geräth, wo ſein Fuß ſich wund ritzt. In Deutſchland war der Name der Frau von Stasl ſchon lange mit Auszeichnung genannt und ihre Schriften mit Bewunderung geleſen worden. Schon im Jahre 1795 ſchrieb Sophie la Roche an Wieland: 150 „Sagen Sie mir, würde es Sie freuen, der Madame de Stasl, Tochter von Necker, reflexions sur la paix zu leſen, welche ſie neben dem Stricken ſchrieb und Pitt und der franzöſiſchen Nation dedicirte?— Und ſoll ich Ihnen Zulma mittheilen, Fragment eines ſehr intereſſanten Werkes, von eben dieſer außerordentlichen Frau? Da ſie über den Einfluß der Leidenſchaften auf unſer Glück ſchrei⸗ ben wollte, machte ſie natürlich den Verſuch zuerſt mit dem Artikel Liebe und Zulma erſchien. Ich bekenne, mich freut es, die Werke von Vater, Mutter und Tochter zu beſitzen, und alle drei perſönlich zu kennen.“ Man war in Weimar bereits auf ihre Ankunft vor⸗ bereitet und erwartete ſie mit Ungeduld, während eine ſo traurige Veranlaſſung ſie in Frankfurt feſthielt. Es war die erſte deutſche Stadt, in welcher ſie ſich aufhielt und die Sorge um das Leben ihrer kleinen Tochter Albertine trug nicht bei, ihr den Eindruck angenehmer zu machen, den die Stille des Ortes, der Klang der fremden Sprache, die Sehn⸗ ſucht nach Paris und ihren Freunden in ihr hervorrief. Die Aerzte ſprachen in jener Zeit ſelten nur franzöſiſch und dadurch entſtand eine Schwierigkeit ſich mitzutheilen, u eine ſorgende Mutter lebhaft fühlte. Täglich kamen Briefe von Coppet, mit Rath und Troſt, und ärztlichen Vorſchriften von ihrem Doctor in Genf. Necker begleitete mit ſeinen Gedanken ſeine Tochter, d d a r me ain itt ten ſie rei⸗ em nich or⸗ ſo war die rug die hn⸗ rief. und ch und r in 151 wo ſie auch weilte, und theilte mit ihr jede Sorge, wie jede Freude. Sie ſchrieb von hier an ihn: „Was würde eine Mutter werden, welche für das Leben ihres Kindes beſorgt iſt, ohne das Gebet? Dieſe Lage würde zur Entdeckung der Religion führen, wenn man ſie bis dahin auch noch nicht gekannt hätte.“— Sie athmete erſt wieder auf, als der Arzt jede Gefahr überſtanden erklärte. Die Tage hatten ſich indeſſen verkürzt, der Schnee deckte mit kaltem Tuche die Erde, und alle Schrecken des Winters ſtellten ſich ein. Mühſam ſetzte ſie endlich ihre Reiſe fort, froh, wenn jeder Tag ſie um wenige Meilen auf ihrem Wege förderte und ſie ihrem Ziele um etwas näher brachte. Benjamin Conſtant war kein Fremder auf dieſem Boden. Er hatte dieſe Gegenden früher ſchon durchreiſt, mit leichterem Herzen freilich, und einem Ziele, das ihn mit glänzenden Hoffnungen winkte. Jetzt blickte er mit umdüſterten Auge auf dieſen öden Fluren, und ſchien der Gegenwart nicht froh zu werden. Es lag etwas Unſtätes in ſeinem Blicke, eine gewiſſe Aengſtlichkeit hatte ſich ſeiner bemächtigt, ſeit ſie dieſen Boden betraten, die Frau von Stasl auffiel. Ihr leuchtendes Auge ruhte forſchend auf ihm.— Er 152 bemerkte es, und ſuchte durch eine angefangene Unter⸗ haltung ihre Gedanken von ihm abzulenken. Da er wußte, was ſie vorzugsweiſe intereſſirte, ſo gelang es ihm mei⸗ ſtens immer, ſie in eine Unterhaltung zu ziehen, ſo oft es ihm daran gelegen war, und dann ſprach ſie wiederum ſo ſchön, ſo hinreißend, daß auch er ſeinen eigenen Gedanken entſagen mußte, um an ihren Lippen zu hängen. Frau von Staöl wünſchte Deutſchlands Dichter kennen zu lernen und nahm darum ihren Weg nach Wei mar. An die Ufer der Ilm hatten ſich damals die Muſen geflüchtet, um dem kleinen Lande einen Glanz zu verleihen, mit dem es über die Welt leuchten ſollte. Aus allen Theilen der Erde pilgerte man bereits hierher, um an dieſem Schreine zu opfern. An einem düſtern Abend erreichte ſie das Städtchen, das keine Laterne erleuchtete, außer der an ihrem Reiſe⸗ wagen befindlichen, und richtete ſich in dem nicht allzu⸗ bequemen Gaſthof ein. Schon in der Stunde ihrer Ankunft lief das Gerücht von Haus zu Haus, die berühmte Frau ſei endlich da, und beim Erwachen des nächſten Morgens war es der erſte Gedanke eines Jeden, wie und wo man ihr begegnen würde. So begierig man war, ſie zu ſehen, zu kommen, aus Furcht, in der fremden Sprache nicht beſtehen. ſo wenig begehrte man gleichwohl ihr entgege 153 Frau von Staöl war dem Hofe zu Weimar dringend empfohlen und gleich nach ihrer Ankunft wurde ſie zur Tafel geladen und mit allen Ehren eines ausgezeichneten Gaſtes überhäuft. Nach dem Mahle ſtellte ihr der Herzog perſönlich ſeinen Schiller vor.— Forſchend ruhte das Auge der berühmten Frau auf dem Geſichte des deutſchen Gelehrten, während ſie ihm mit ſtolzem Selbſtbewußtſein entgegen trat. Seltſam ſtach ihre ſtarke Geſtalt, akler⸗ wegens rund von Fleiſch,? gegen den hagern, bleichen Dichter, mit den markirten Zügen ab, welche ſeinen, dem Höchſten zugewandten Sinn ausſprachen, während die be⸗ fremdende Erſcheinung vor ihm ſichtlich der Erde angehörte. Als ſein helles, blaues Auge ihrem glühenden Blicke begegnete, ſchlug er es faſt erſchreckt vor dieſem blendenden Strahle zu Boden. Mit ihrer ſchönen, tiefen Stimme redete ſie ihn jetzt in einer Sprache an, die ihm nicht geläufig war, und nur durch ihre klare Betonung der Worte und ihr Mienenſpiel ihm verſtändlich ward. Aufmerkſam lieh er ihr ſein Ohr, während ſeine hohe gedankenvolle Stirne noch gedanken⸗ voller ausſah. „Setzen Sie ſich zu mir,“ ſagte ſie, und winkte ihm, neben ihr Platz zu nehmen,„ich kenne Sie ſchon lange, * Frau von Stein. 1859. III. Frau von Staöl. III. 154 wir ſind alte Bekannte und c'est ma nature ainsi alle begabten Männer als meine Freunde zu behandeln. Ich bin nach Deutſchland gekommen, um mich mit Ihrer Phi⸗ loſophie bekannt zu machen. Ich möchte Ihren Kant, Ihren Fichte kennen lernen. Erzählen Sie mir von ihnen! Wem geben Sie den Vorzug? Wen ſtellen Sie höher?“ Schiller fand es ſchwierig, auf dieſe ſich häufenden Fragen zu antworten. Dennoch ſah er ſich ſehr bald in ein lebhaftes Geſpräch gezogen, und in philoſophiſche Discuſſionen vertß welche in dieſen Räumen vielleicht nie zuvor gehört waren. Erſtaunt horchte der Hof von ferne auf den Gang einer ſo ſeltſamen Unterhaltung!— Immer lebhafter wurden beide Theile, immer lauter erhob Frau von Staöl ihre ſchöne Stimme, und ließ deren metallreichen Klang auf das Ohr der Hörer wirken. Plötz⸗ lich aber ſprang ſie, wie von einem raſchen Impuls ge⸗ leitet, von ihrem Sitze auf, und ſchritt mit ihrem kühnen, feſten Gange auf den Herzog zu, wobei ihr weißes Atlas⸗ gewand mit ſeiner langen Schleppe hinter ihr herrauſchte. Verwundert ruhten aller Blicke auf ihr und warteten der zu kommenden Dinge. „Ich höre ſo eben, daß Monſieur Göthe in Jena iſt,“ ſagte ſie lebhaft,„und nachdem ich Monſieur Schiller gebeten mir ihn vorzuſtellen, erwiedert er, dies ſei un⸗ möglich, weil er nicht nach Weimar zurückkehren würde, te. der na ller n⸗ 155 und meinen Beſuch dort erwarte. Iſt dies in allem Ernſte deutſche Etikette, Sire?— Iſt es an Ihrem Hofe Sitte, daß die Damen den Herrn auf ſolche Weiſe huldigen?— Wenn ſo, dann freilich muß ich mich dieſer befremdenden Convention fügen.“ Der Herzog blickte verlegen auf Schiller, um in deſſen Mienen die Beſtätigung dieſer Anklage zu leſen und erwiederte nach augenblicklicher Ueberlegung:—„Ihre Wünſche, Madame, werden von allen Perſonen, die mir nahe ſtehen, geehrt werden; es wirp Göthe ſchmeichelhaft ſein, daß Sie ihn kennen lernen wollen, und ich ſelbſt werde ihn morgen von ſeinem Glücke in Kenntniß ſetzen!“ Durch dieſe Antwort beruhigt, ließ Frau von Stoöl es ſich gefallen, die Unterhaltung auf ein anderes Gebiet gelenkt zu ſehen, und damit endigte dieſer für Weimar merkwürdige Tag. Am folgenden Morgen ließ Schiller ſich bei ihr melden, um ihr Wieland vorzuſtellen, deſſen Perſönlichkeit ihr einen ſehr angenehmen Eindruck verurſachte. Indeſſen ſchickte der Herzog einen Expreſſen an Göthe ab, um ihn zur Rückkehr nach Weimar zu bewegen; doch, was dieſer früher ſchon gegen Schiller geäußert, wiederholte er auch jetzt in ſeiner Antwort an den Fürſten, nur in ehrerbieti⸗ geren Ausdrücken:„um die berühmte Frau zu genießen, müſſe er téte-à-téte mit ihr ſein, und werde darum 10 156 eine Privatwohnung im Loderiſchen Hauſe für ſie ein⸗ richten.* Dieſe Antwort wagte der Herzog ihr nicht mitzutheilen und meldete Göthe lieber als krank, worauf Frau von Stasl ihren Aufenthalt zu verlängern beſchloß. War Weimar auch nicht Paris, ſo bot ſich hier doch ihrem Geiſte mancherlei Anſprache und es blieb ihr ſo vieles zu erfragen, daß ſie immer noch Stoff zu den leb⸗ hafteſten Debatten fand. Schiller ſchrieb an Körner:„Sie iſt das gebildetſte und geiſtreichſte weibliche Weſen, und wenn ſie nicht wirk⸗ lich ſo intereſſant wäre, ſo ſollte ſie mir auch ganz ruhig hier ſitzen. Du kannſt aber denken, wie eine ſolche ganz entgegengeſetzte, auf dem Gipfel franzöſiſcher Cultur ſtehende, aus einer ganz andern Welt zu uns herüber⸗ geſchleuderte Erſcheinung, mit unſerem deutſchen und vol⸗ lends mit meinem Weſen contraſtiren muß. Die Poeſie leitet ſie mir beinahe ganz ab; und ich wundere mich, wie ich jetzt nur noch etwas machen kann. Ich ſehe ſie oft und da ich mich noch dazu nicht mit Leichtigkeit im Franzöſiſchen ausdrücke, ſo habe ich wirklich harte Stunden. Man muß ſie aber ihres ſchönen Verſtandes, ihrer Liberalität und *Schiller an Körner. — M S S S S 157 ihrer vielſeitigen Empfänglichkeit wegen hochſchätzen und verehren.““* Indeſſen Frau von Stasl dieſe Triumphe feierte, empfing Benjamin Conſtant einen Brief, der ihn ſehr in Verlegenheit ſetzte. Fräulein von Hardenberg ſchlug ihm darin vor, ihn in Weimar zu beſuchen, um ſeine groß⸗ müthige Beſchützerin kennen zu lernen. Daß dieſer Be⸗ ſchützerin ihre Exiſtenz unbekannt war, unbekannt bleiben mußte, hatte er ihr nicht mitgetheilt und befand ſich jetzt in der äußerſten Verlegenheit, wie er dieſer Anmeldung ausweichen ſollte. Einmal in Deutſchland, ſchien es ſo natürlich, daß er die Dame ſeines Herzens aufſuchte, von der andern Seite aber konnte er keinen Vorwand finden, um Frau von Staöl jetzt zu verlaſſen, wo ſie ſeiner, ihrer Unkenntniß der deutſchen Sprache halber, ſo nothwendig bedurfte. Er ſeufzte ſchwer. Es war eine peinliche Lage, in der er ſich befand. Tauſend Banden ketteten ihn an die geiſtreiche Frau, ſie war von ſo großer Güte für ihn, ihre Stellung in der Geſellſchaft, die ihr erwieſene Ehre, alles ließ ſie ihn theilen und zum Danke ſollte er ſie immer nur täuſchen und hintergehen!— In dieſer Rolle wollte ſeine Eigen⸗ liebe ſich ſelbſt oft nicht gefallen. * Schiller an Göthe. 158 Nach mehreren unruhig verlebten Tagen ſchrieb er an Fräulein von Hardenberg, daß ſeine Ungeduld, ſie wieder zu ſehen, ſich nicht beſchwichtigen laſſe und er auf dem Punkte ſtehe zu ihr zu eilen. Damit war ihrem Be⸗ ſuche zuvorgekommen, doch nun ſollte er ſeine Worte auch zur Wahrheit machen und das war freilich minder leicht. Unter welchem Vorwande konnte er dieſe Reiſe antreten? Er ſann und ſann. Da er jetzt, wo die Politik ſchwieg, wieder ernſthaft mit ſeinem Werke über die Religionen beſchäftigt war, ſo glaubte er, dies zum Vorwande nehmen zu können.— „Ich muß auf einige Tage nach Göttingen gehen,“ ſagte er zu Frau von Staöl,„um dort einige Werke durchzu⸗ gehen.“ Sie ſah ihn mit ihren klugen Augen groß an. „Wäre es dazu nicht noch Zeit, während wir in Berlin ſind?“ fragte ſie mit forſchendem Blicke. „Würde ich mich dann jetzt von Ihnen entfernen wollen?“ erwiederte er empfindlich.„Verdiene ich dies Mißtrauen, mit welchem Sie alle meine Schritte be⸗ wachen?— Verdiene ich es, daß Sie überall einen Grund ſehen, an meiner Zuneigung für Sie zweifeln zu wollen? — Haben ſo viele Jahre unſerer Bekanntſchaft noch nicht hingereicht, Sie von meiner dauernden Anhänglichkeit zu überzeugen, welche mich, was auch vorgefallen ſei, ſtets — 159 mächtig zu Ihnen zurück führt, und mich alle Unbill ver⸗ zeihen läßt, ſobald ich Sie nur wieder ſehe.“ „Ich finde, daß Sie ohne jegliche Veranlaſſung dieſe Scene herbeiführen,“ verſetzte Frau von Stasl groß und ernſt.„Vertrauen verdient Vertrauen. Ich geſtatte Ihnen den vollen Einblick in mein Herz, Sie kennen die Motive aller meiner Handlungen. Kann es Sie Wunder nehmen, Benjamin, wenn meine Freundſchaft für Sie mir das Recht geben will, gleich tief in Ihre Seele zu blicken?“ „Gewiß nicht,“ verſetzte er, von dem ſanften Tone ihrer Stimme gerührt,„gewiß nicht, Germaine. Doch Vertrauen wünſchen und Mißtrauen hegen, ſind zwei ſehr verſchiedene Dinge. Einem Manne geziemt es nicht wohl, von jedem ſeiner Schritte Rechnung ablegen zu müſſen, ſelbſt nicht an die Frau, welche er am höchſten ſchätzt. Es kränkt ihn, beleidigt ihn, wenn ſie es fordert.“ „Gut denn! So gehen Sie, Conſtant, und ich frage nicht weiter nach dem Warum Ihrer Reiſe.“ Dankbar küßte er ihre Hand und verließ ſie mit er⸗ leichtertem Herzen, um ſeinen Platz auf der Poſt zu ſichern. Er fühlte ſein Unrecht. Traurig und wehmuthsvoll ruhte ſein Auge während des ganzen Abends auf ihr.— Sie war kaum vierzehn Tage in Weimar, war noch ganz fremd in dieſem Orte und er konnte ſie verlaſſen, der er ſo tief verſchuldet war. Es ſchien ihm, als ſei es unmöglich, 160 ſich von ihr zu trennen. Schiller und Wieland waren gekommen, ein lebhaftes Geſpräch wurde geführt, die glän⸗ zende Beredtſamkeit ſeiner Freundin bezauberte ſein Ohr. Wie, wenn er dieſe Stimme nie mehr hören ſollte! Die Arme gekreuzt, lehnte er an der Thüre, und ſchaute traurig auf die Gruppe vor ihm. Der Diener meldete ihm jetzt, daß es Zeit ſei, ſich auf die Poſt zu begeben. Er zog ſeine Uhr aus der Taſche und fand, daß ſie die ihm beſtimmte Stunde erreicht hatte.— Empört warf er ſie auf die Erde und trat ſie mit Füßen.* „Warum das?“ fragte ihn Wieland verwundert. „Sie iſt meine Feindin, denn ſonſt hätte ſie mir die Minute nicht gezeigt, welche mich von hier abruft.“ Wie in Verzweiflung umarmte er Frau von Stasl und ſtürzte aus dem Zimmer. „Die Luft in Deutſchland bekommt ihm nicht,“ ſagte dieſe ſcherzend, während ihr Auge ihm befremdet folgte. „Er iſt zu alt für eine Sturm⸗ und Drangperiode und ſpielt, wie mir ſcheint, eine Comödie mit ſich ſelbſt.— Da er das Weihnachtsfeſt mit ein paar alten Manuſeripten verbringen will, ſo mag er beim Scheiden wohl empfinden, wie viel er hier verläßt; indeſſen, er hat es ſo gewollt und muß nun auch ſein Ziel im Auge halten.“ * Frau von Stein an ihren Sohn. —— 1 S —— 161 Dieſe kleine Scene wurde ſchnell in der kleinen Stadt bekannt und viel beſprochen. Auch Göthe hörte davon und wurde täglich neugieriger, die wunderbare Frau zu ſehen, von welcher Schiller ihm ſchrieb, daß ſie aus einem Stück, und daß kein fremder, falſcher und pathologiſcher Zug an ihr ſei. Er entſchloß ſich endlich gegen Ende December auf einen Tag nach Weimar zu kommen. Frau von Stasl war auf ſeinen Beſuch vorbereitet und empfing ihn mit mehr Kälte, wie ſie ſonſt zu zeigen gewohnt war, denn trotz ſeines Unwohlſeins fühlte ſie ganz richtig, daß ſein guter Wille ſchon lange ſo viel über ſeine Geſundheit ver⸗ mocht hätte, um ihr entgegen zu eilen. Sein geringer Eifer, ſie aufzuſuchen, ſtimmte ſie kalt. Göthe ſprach ſehr gut franzöſiſch und trat ihr ohne Befangenheit entgegen. Schon durch die vielen Berichte ſeiner Freunde mit ihrem Aeußeren vertraut, überraſchte es ihn nicht mehr ſie ſo wenig ſchön zu finden. Bald waren ſie in einem eifrigen Geſpräche begriffen, während deſſen ſie einen kleinen grünen Zweig zwiſchen ihren ſchönen weißen Fingern hin⸗ und herwand, eine Gewohnheit, von der ſie nicht mehr laſſen konnte. Sie verſtändigte ſich weit beſſer mit ihm, als wie mit Schiller, deſſen Idealphiloſophie, die nach ihrer Meinung zur Mhſtik und zum Aberglauben führte, ihr eine entſetzliche Scheu einflößte. Sie wollte 162 alles mit ihrem Geiſte durchdringen, alles erklären, ein⸗ ſehen, ausmeſſen, ſie ſtatuirte nichts Dunkles, Unzugäng⸗ liches, und wohin ſie nicht mit ihrer Fackel leuchten konnte, das war für ſie nicht vorhanden.* Göthe wurde mit jeder Minute mehr für ſie einge⸗ nommen und verſprach beim Abſchiede, nächſtens nach Weimar zurück zu kehren und dort bis zu ihrer Abreiſe zu verweilen; wenn ſie jetzt ſeiner Einladung folge und auf einige Tage zu ihm nach Weimar komme, wo er ſie mit einem Gaſt bekannt zu machen gedenke, der alles über⸗ bieten werde, was ſie noch in Deutſchland geſehen, und ſie tiefer in das myſteriöſe Reich des Menſchengeiſtes blicken laſſe, als alle Philoſophie von Kant und Fichte es zu thun vermöge. „Aber wer kann das ſein?“ fragte ſie ſo erſtaunt, als verwundert.„Von wem können Sie reden?— Sie haben keinen Caglioſtro oder Saint Germain aufzuweiſen, ſo viel ich weiß?“ „Nein; aber Beſſeres— einen wirklichen Geiſt, ein unkörperloſes Etwas, eine echte deutſche Spukgeſtalt ſollen Sie dort mit Ihren eigenen wunderſchönen Augen ſehen.“ „Aber wo finde ich dies namenloſe Weſen, wo hauſt es, wo geht es um.— In dieſem Lande der Mährchen * Göthe an Schiller. 1 —„—— — ein llen n mſt hen 163 und Sagen möchte ich wohl auch die Stätten ſehen, wo ihre Geſpenſter ſich anſiedeln.“ „Aus dieſer Rückſicht habe ich Ihnen eine Wohnung in einem Hauſe eingerichtet, wo ein Männchen, wie unſere Dichter es ſchildern, allnächtlich ſein Weſen treibt und ſich Ihnen perſönlich vorzuſtellen die Ehre haben wird.— Wollen Sie den Gaſt nicht ſcheuen?“ „Keineswegs!— Ich freue mich auf ſeine Bekannt⸗ ſchaft und komme nun ganz beſtimmt.“ „Alſo, was Sie mir ſelbſt nicht gewährten, das erreiche ich durch einen Spuk,“ ſagte er, ſich lächelnd empfehlend. Aber ſei es, daß Frau von Stasl ſich eines zu ge⸗ funden Schlafes erfreute, ſei es, daß der Geiſt ſich vor der berühmten Fremden fürchtete, deren Sprache er viel⸗ leicht nicht verſtand; genug, er ließ ſich während ihres Aufenthaltes in Jena nicht blicken und ſie erzählte bei ihrer Rückkehr, daß nur deutſche Augen deutſche Geſpenſter zu ſehen vermöchten, denn der Glaube verſetze ja Berge. Schiller nahm ſolche Aeußerungen nie gut auf.— Er verſtand keinen Scherz und keine Art von Raillerie; er ſah in Allem gleich eine perſönliche Anſpielung und wurde empfindlich, wo er hätte lachen ſollen.— Allein, zu lachen verſtand er nicht. So äußerte er denn auch jetzt in höchſtem Zorn über Frau von Staöl, weil ſie ſich 164 gerühmt, die deutſchen Geſpenſter liefen vor ihr davon:— „das wundere ihn gar nicht, denn ſelbſt Satan's Geſelle würde mit der nichts zu ſchaffen haben mögen.“* Göthe ſtellte ſich in ein beſſeres Verhältniß zu ihr. Er geſtand ein, daß er einen ſo bedeutenden Geiſt noch nie in einer Frau geſehen und eben ſo wenig für möglich gehalten hätte. Ihre Wärme, ihr glühender Enthuſiasmus berührten ihn wohlthätig, er nährte ſich gern von einer ſolchen Flamme, und wurde dadurch wieder für den Um⸗ gang edler Frauen gewonnen, wie Frau von Stein rühmte. Faſt ein Monat verſchwand indeſſen, bevor Göthe ſich wieder in Weimar einrichtete und die berühmte Fremde bei ſich empfing. Ihre große Lebhaftigkeit, ihr beſtändiges Fragen, Streiten, Bekämpfen der Meinungen Anderer, ermüdete auch ihn mitunter; denn er fühlte nur zu deutlich, wie vergeblich es ſei, ſich gegenſeitig überzeugen zu wollen, wenn man von ſo verſchiedenen Punkten ausgehe. Conſtant war indeſſen plötzlich wieder eingetroffen und ſein Verſchwinden, wie ſein Erſcheinen, beſchäftigte die Leute in dem kleinen Orte auf das Lebhafteſte, um ſo mehr, weil er ein gewiſſes myſtiſches Dunkel über dieſe Reiſe verbreitete. Frau von Stasl, welche ſeine Abweſenheit ſtets entbehrte, empfing ihn mit warmer Herzlichkeit. * Erinnerungen von Henriette Herz. elle ihr. noch lich nus iner lm⸗ nte. öthe mde iges rer, 165 Verlegen ſaß Conſtant ihr gegenüber; denn die Lüge wohnte abermals auf ſeiner Lippe. „Sie haben mich vermißt, mon cher Benjamin, ich weiß es,“ redete ſie ihn an.„Wo Sie ſich auch befinden, ſo finden Sie doch Niemand, der Ihnen meine Stelle erſetze. Iſt dem nicht ſo?“ Er konnte hierauf wenigſtens mit aller Wahrheit be⸗ jahend antworten. Fräulein von Hardenberg hatte ihn mit ihrem Myſticismus gelangweilt und ihm endlich ein wahres Heimweh nach ſeiner geiſtreichen Freundin ein⸗ geflößt. Er liebte Jene, um ſich an ihrem Herzen auszu⸗ ruhen;— es zog ihn zu Dieſer zurück, um ſeinem Geiſte eine friſche Spannkraft zu verleihen. „Ich wünſche einen Abend anzuſetzen, wo ich meinen Freunden vorleſe,“ ſagte Frau von Stasl,„und es iſt mir doppelt lieb, Sie hier zu wiſſen, weil Ihr Urtheil bei der Auswahl eines Stückes maßgebend für mich iſt. Was ſoll ich wählen?“ „Spielen Sie ihnen Lady Macbeth vor; oder ſeien Sie Julie, die Sie ſo unübertrefflich vorſtellen,“ er⸗ wiederte er. „Wenn es keine Frauen in Weimar gäbe! Dieſe aber betrachten mich ohnehin ſchon mit ungünſtigem Auge. Weil ſie ſelbſt ſo wenig ſind, ſo gönnen ſie mir meinen 166 Geiſt nicht. Ach! Benjamin, gäbe es mehrere meines Geſchlechtes mit dem Grade meiner Bildung, mit einem mir analogen Verſtande, wie ganz anders würde es um die Männer ſtehen!— Die Geſellſchaft der Frauen hat in Paris jenen Geiſt der Converſation geſchaffen, welcher ſo unnachahmlich, ſo verführeriſch, ſo entzückend iſt. Der Einfluß, welchen wir auf Euer Geſchlecht ausüben, iſt unberechenbar! Hier aber— verſtehen die Frauen ihre Stellung nicht, hier verſuchen ſie es nicht einmal, durch ihren Geiſt, durch ihren Tact, durch ihre Liebenswürdigkeit zu herrſchen.— Hier wählen ſie nur Männer, um Mütter zu ſein und vergeſſen, daß ſie mit ihrem Geiſte ihrem Vaterlande Bürger erziehen ſollen.“ „Sie dürfen ſich durch ihr Mißwollen nicht ſtören laſſen,“ erwiederte Conſtant.„Sobald der Fuchs eine Traube nicht erreichen kann, findet er ſie ſauer.“ „Das Wort haben Sie von mir gelernt, Conſtant,“ ſagte Frau von Stasl lächelnd. „Wollen Sie mich darum tadeln, wenn ich die Perlen aufzuleſen verſtehe?“ Sie ſah ihn zärtlich an. Von Woche zu Woche ſchob Frau von Stasl ihre Abreiſe hinaus und aus einem Beſuche von Tagen wurden Monate. Man zeichnete ſie bei Hofe aus, die Herzogin Mutter ſah ſie häufig bei ſich, Concerte und Feſte wechſelten nes em um hat cher Der ihre uch keit tter rem ren eine i,“ len ihre den gin lten 167 und immer mehr gewöhnte man ſich an die befremdende Erſcheinung, welche in ihrer Bedeutendheit jeden Nimbus verſchmähte, den der Schein und die Heuchelei zu verleihen vermag. Worin ſie ſich am weſentlichſten von andern Frauen unterſchied, das war die grade Offenheit ihres Weſens, und was ihr eigenes Geſchlecht am meiſten an ihr ſcheute, das war das Wort der einfachen Wahrheit auf ihrer Lippe. Johannes von Müller traf jetzt ein, auch dieſen wünſchte ſie noch kennen zu lernen und verſchob wiederum ihre Abreiſe. Schiller wollte darüber faſt ungeduldig werden.— Auf eine kurze Zeit hatte er es ertragen, ſich in ſeinem eigentlichen Weſen durch dieſe fremde Erſchei⸗ nung beirren und ſtören zu laſſen; aber auf die Dauer verſtimmte es ihn, aus ſeiner erträumten Welt mit ſo vielem Geiſte in die Wirklichkeit zurückverſetzt zu werden, das ſein Wort: Die Erde iſt für mich nicht da— ſchwach dem gegenüber verhallte. Wie alle Idealiſten, vertrug er keinen Widerſpruch, und wurde reizbar, ſo wie man ſeinen Standpunkt nicht anerkannte; und dazu wollte und konnte Frau von Stasl ſich nicht verſtehen. „Je marche avec des sabots sur la terre quand on veut me forcer à vivre dans les nuages,“ ſagte ſie lächelnd, nach einem lange Streite mit ihm, als er aufgeregt von ihr geſchieden war. 168 Nach ihrer Abreiſe ſchrieb Frau von Stein an ihren Sohn: „Ich glaube, Frau von Stasl hat Göthe das Be⸗ dürfniß beigebracht, wieder etwas gebildetere Frauen bei ſich zu ſehen, als bisher es ſeine Umgebung war.“ Behntes Capitel. Der hyperboräiſche Eſel. Noch lagerten Winternebel auf der Hauptſtadt Preu⸗ ßens, als Frau von Stasl Berlin erreichte. Joſeph Bonaparte hatte ſie auch für dieſe Stadt mit den beſten Empfehlungen verſehen und namentlich an den Geſandten, Monſieur la Foreſte, geſchrieben, daß er ihr den Auß⸗ enthalt möglichſt angenehm machen möchte; denn des erſten Conſuls Unwille vermochte ſeine perſönliche Freundſchaft nicht zu vermindern. Frau von Staöl ward ſogleich nach ihrer Ankunft dem Hofe vorgeſtellt und mit großer Auszeichnung em⸗ pfangen. Die ſchöne Königin Louiſe trat ihr mit all ihrer Grazie entgegen, und ſagte in ihrer liebenswürdigen Weiſe: „Nespère, Madame, que vous me croyez trop bon goüt pour n'étre pas flattée de votre arrivée an e⸗ bei eu⸗ eph ten 169 à Berlin.* II y a longtemps que je vous ai admirée et j'ai 6té impatiente de faire votre connaissance.“ Auch der König bemühte ſich, in ſeiner lakoniſchen Weiſe artig zu ſein. Trotz ihrer Schwärmerei für eine Conſtitution und eine freie Regierung, wurde Frau von Staöl in dem Grade von dem preußiſchen Hofe einge⸗ nommen, daß ſie äußerte:„Berlin 6tait un des pays les plus heureux de la terre et les plus 6clairés.“ Sie lernte den Prinzen Auguſt kennen;— vor Allem aber nahm der Prinz Louis Ferdinand ſie durch ſein ſchönes ritterliches Weſen für ſich ein. Seine Wärme, ſein Enthuſiasmus entzückten ſie; wie ſie ſelbſt, ſuchte auch er les émotions qui peuvent agiter la vie; wie ſie ſelbſt, haßte er Bonaparte, nicht nur als Uſurpator, ſon⸗ dern wegen des moraliſchen Todtſchlages, womit er die⸗ jenigen, welche ſein Haß traf, ohne daß ſein Arm ſie erreichen konnte, durch Verleumdungen vernichtete.„Je lui permets de tuer, mais assassiner moralement, c'est là ce qui me révolte,“* ſagte er. *„Ich hoffe, Madame, daß Sie mir Geſchmack genug zutrauen, um durch Ihre Ankunft in Berlin geſchmeichelt zu ſein. Ich habe Sie lange bewundert, und mit Ungeduld Ihrer perſönlichen Bekannt⸗ ſchaft entgegen geſehen.“ **„Ich erlaube ihm zu tödten; aber moraliſchen Todtſchlag zu üben, das empört mich.“ 1859. III. Frau von Stasl. III. 11 170 Die gelehrte Welt, damals ſo reichlich in Berlin vertreten, drängte ſich bald um ſie und das bewegte Leben einer Hauptſtadt nahm ſie nach allen Seiten hin in An⸗ ſpruch. Bald ward es bekannt, daß die berühmte Fremde ſich in Berlin befinde, und Jeder wollte ſie nun kennen lernen, Jeder ihr vorgeſtellt ſein. Das geiſtreiche Berlin beſaß auch damals ſchon ſeine Coterien, ſeine Theetiſche, und gebildete Frauen, deren Lebensaufgabe es war, einen kleinen Kreis angenehmer Menſchen um ſich zu verſammeln. Die Hofgeſellſchaft lebte jedoch ganz getrennt von dieſer Sphäre, und nur die Prinzen ſuchten hier einzeln Zutritt in dieſen Geſellſchaften zu gewinnen. Das Haus des Buchhändlers Sander bot einen ſolchen Vereinigungspunkt; ein anderer fand ſich bei der ſchönen und geiſtvollen Henriette Herz, und außerdem empfingen Nicolai und Kotzebue alle ausgezeichneten Fremden bei ſich. In dieſen Kreiſen wurde Frau von Staöl nun auch bekannt, und fand dadurch Gelegenheit, nach allen Seiten hin mit den gebildetſten Leuten der Hauptſtadt Preußens in Berührung zu kommen. Kotzebue ſtand im Zenith ſeines Ruhmes. Er war vor nicht langer Zeit aus Sibirien zurückgekehrt, hatte ſeine Reiſe veröffentlicht und dies hatte ihn zum gefeierten Helden des Tages erhoben. Seine Stücke wurden außerdem 171 mit großem Beifall gegeben; er war der Scribe ſeiner Zeit und ſein Talent verdiente die ihm gezollte Aner⸗ kennung. Er bewohnte in der Jägerſtraße eine zweite Etage, und lebte auf ſehr anſtändigem Fuße, wozu ein Geſchenk des Kaiſers Paul, das aus dreihundert Bauern beſtand,* ihm die Mittel an die Hand gab.— Seine Wohnung war der Sammelplatz aller Fremden, und bot die ange⸗ nehmſte Gaſtlichkeit dar. Hierher lenkte denn auch Frau von Stasl ſehr bald ihre Schritte. Sie liebte die Bühne vorzugsweiſe, und ſpielte ſelbſt ſehr gern. Sie hatte in Weimar wieder fleißig Deutſch getrieben und war ſchnell dahin gelangt, einer Vorſtellung folgen zu können. Die ihr unverſtänd⸗ lichen Scherze mußte man ihr erklären und herzlich lachte ſie dann mit, ſobald ſie ſie verſtand. Den Verfaſſer ſo vieler komiſchen Scenen kennen zu lernen, und ſeine Stücke von Iffland geſpielt zu ſehen, war einer ihrer Haupt⸗ wünſche bei ihrer Ankunft in Berlin.— Sie ſandte daher unverzüglich Benjamin Conſtant mit einem Billet an ihn ab und erwartete nun ungeduldig den Beſuch des be⸗ rühmten Bühnendichters. Schon am nächſten Morgen fuhr ſeine ſtattliche * Memviren von Friedrich Laun. 1* 172 Equipage vor und Herr von Kotzebue wurde gemeldet.— Mit einem unwillkürlichen Ah! der Ueberraſchung trat Frau von Stasl bei ſeinem Eintritt einen Schritt zurück. — Sie hatte, wie das ſo häufig geht, ſich ein ſo ganz anderes Bild von dem berühmten Bühnendichter ent⸗ worfen, und ſtand nun vor einem Manne, deſſen Geſichts⸗ züge, den Ausdruck der Schlauheit ausgenommen, durchaus unbedeutend und ausdruckslos waren. Sie bat ihn, Platz zu nehmen, und hoffte nun, durch den Witz ſeiner Unterhaltung für dieſe Enttäuſchung ent⸗ ſchädigt zu werden. Doch weit gefehlt! Kotzebue gehörte zu jenen in ſich gekehrten Menſchen, welche nur dem Pa⸗ piere gegenüber in Witz und Laune überſprudeln; im Verkehr mit der Welt jedoch ſchweigſam, einſilbig und wenig heraustretend ſind. Somit blieben denn ihr allein les frais de la conversation überlaſſen. Ihren directen Fragen mußte er jedoch Rede ſtehen, und ſie zögerte nicht, Auskunft über die verſchiedenartigſten Dinge von ihm zu begehren.„Kann ich Ihnen in irgend einer Art gefällig ſein, Madame?“ fragte Kotzebue im Laufe der Unterhaltung. „Gewiß, Monſieur,“ erwiederte ſie fein,„wenn Sie mir recht oft das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft gönnen wollen.“ „Sie ſind ſehr gütig. Aber auch in anderer Weiſe, ck. nz t8⸗ us rch nt⸗ rte im ein 173 auch ohne perſönlich zu profitiren? Ich bitte, befehlen Sie über mich.“ „Ich möchte gern Tieck kennen lernen, der ſo vor⸗ trefflich leſen ſoll. Er iſt bisweilen in Berlin, wie ich höre. Und Auguſt Wilhelm Schlegel, von dem man mir ſagt, daß er die Andacht am Kreuze nach Calderon irgend⸗ wo vorlieſt.“ „Leider kann ich Ihnen beide Herren nicht vorſtellen; denn ſie gehören zur neupoetiſchen Schule, welche ich in einem von mir gegründeten Blatte zu ſtürzen ſuche,“ er⸗ wiederte er bedauernd. „Alſo Krieg, offener Krieg!“ rief Frau von Stasl. „Das gefällt mir! Das iſt etwas Lebendiges. Man greift an, man vertheidigt ſich und kommt zu neuen Reſultaten. Darf ich aber fragen, um was es ſich dabei handelt? Darf ich die Urſache der Fehde kennen?“ „Sie werfen uns vor, auf dem Boden der Wirklichkeit zu ſtehen, während ſie die Poeſie in das Bereich ſchöner Träume verſetzt wiſſen wollen. Sie beabſichtigen, eine romantiſche Schule zu gründen.“ „Ah! Iſt dem ſo, dann trete ich auf Ihre Seite, Monſieur,“ rief Frau von Stasl lebhaft.„Auch ich werde mich nie mit jenen Luftgeſtalten befaſſen, welche in Oſſian's Nebeln hauſen, und aus einer Welt zu uns herüber kom⸗ men, welche unſer Auge nicht geſehen hat. Wie und wo 174 kann ich dieſen Herrn begegnen; denn kennen möchte ich ſie demungeachtet.“ „Bei Madame Bernardi, wo Auguſt Wilhelm Schlegel wohnt, findet ſich dieſe Clique zuſammen, und nur eines Winkes von Ihnen bedarf es, Madame, um dort eingeführt zu werden.“ „Allein Iffland, den finde ich doch bei Ihnen, Monſieur?“ „Ganz gewiß, wenn Sie mir das Vergnügen ge⸗ währen wollen, einen Abend bei mir zuzubringen, ſo treffen Sie ihn und den Capellmeiſter Rhigini dort an.“ „Dann müſſen Sie mir auch über Fichte noch Rede ſtehen. Fichte wünſchte ich beſonders kennen zu lernen, um in den Geiſt ſeiner Philoſophie einzudringen. Sie müſſen mir Ihre Anſichten über ihn mittheilen.“ „Damit bin ich freilich nicht ſo vertraut, wie mit der Bühne,“ verſetzte Kotzebue lächelnd.„Wer ſelbſt producirt, findet nicht ſo viel Muße, um allen neuen Erſcheinungen in der Literatur folgen zu können. Dafür möchte ich Ihnen aber empfehlen, meinen hyperboräiſchen Eſel zu leſen. Er wird Sie belehren, auf welchem Standpunkte ich ſtehe und was ich bekämpfe.“ „Das iſt ja ein entſetzliches Wort! Und ſein Sinn?“ „Die Hyperboräer opferten dem Apollo Eſel, an deren Sprüngen er Gefallen fand.— Eben ſo ergötzt ſich 175 die Welt an den ſinnloſen Phraſen unſerer Gegner, deren unverſtändlicher Jargon von ihnen Poeſie genannt wird. Friedrich Schlegel hat in ſeiner Lueinde dieſen Unſinn in eine Form gebracht, und der Literatur ein Denkmal geſetzt, das ſie beſchämt. Mein hyperboräiſcher Eſel iſt ſeine Strafe dafür. Man muß poetiſche Gerechtigkeit üben, Madame.“ „Sie ſind ein ſtrenger Richter,“ ſagte Frau von Stasl verwundert.„Es iſt bei Ihnen alſo tout comme chez nous.— Jeder glaubt die Wahrheit gefunden zu haben und haßt den, der ihm das beſtreiten will. Die Philoſophie wird hoffentlich weiſer ſein. Die Philoſophen ſind hoffentlich Brüder, und ſuchen gemeinſam nach dem Lichte.“ „Einer muß es doch immer zuerſt finden und was wird dann aus den Uebrigen?“ Als er ſich entfernt hatte, ließ Frau von Stasl Ben⸗ jamin Conſtant rufen und bat ihn, ihr gleich den hyper⸗ boräiſchen Eſel zu beſorgen und Auguſt Wilhelm Schlegel um ſeinen Beſuch zu bitten. Das gefürchtete Thier erſchien in Geſtalt eines kleinen Büchleins von achtundfünfzig Seiten, und enthielt in Form eines Dramas einen Angriff auf die Lucinde, dieſen ver⸗ pönten Roman Friedrich Schlegel's, der die Emancipation des Fleiſches predigte. Sie mußte daher erſt dieſe leſen, bevor ſie jenes begreifen konnte und dazu bedurfte ſie eines 176 Lehrers.— Indem ſie die Bücher betrachtete und darüber nachſann, wen ſie erwählen ſolle, ſie ihr zu verdolmetſchen, ließ ſich Auguſt Wilhelm Schlegel melden. Schmiegſam, mit dem Weſen und Anſtand eines Stutzers, trat er ein und verbeugte ſich tief vor der be⸗ rühmten Frau. Dieſe war aufgeſtanden und ihm einen Schritt entgegen getreten, um ihm ihren Dank für die Erfüllung ihrer Bitte auszuſprechen. „Sie haben mich zum glücklichſten Sterblichen ge⸗ macht,“ ſagte er, betheurend ſeine Hand auf die Bruſt legend.„In dies Auge zu blicken, deſſen Gluth einen Himmel verſpricht, iſt ein Gewinn, den ein halbes Leben nicht theuer genug bezahlt. Ich habe Ihre Delphine ge⸗ leſen, und die Verfaſſerin anbeten gelernt.— Darf ich heute die Hand, welche ſo ſchöne Worte ſchrieb, ehrfurchts⸗ voll an meine Lippen führen?“ Frau von Stasl bewilligte ſeine Bitte, etwas ver⸗ wundert über die ſteife Art, mit welcher der deutſche Gelehrte franzöſiſche Galanterie übte. Sie bat ihn, Platz zu nehmen und fragte ihn dann zuerſt nach Fichte und ſeiner Philoſophie.— Er hätte lieber von ſich und ſeinen Werken geſprochen, doch, da die Dame es ſo begehrte, ſo bemühte er ſich, ihr mit all ſeiner Beredtſamkeit ein Bild von deſſen Anſichten zu entwerfen. Sie hörte ihm auf⸗ er es e⸗ ie —— S S M — N S 6 8 S 8 f⸗ 177 merkſam zu, unterbrach ihn mit manchen Fragen und ſchien ſchließlich mit ihm zufrieden zu ſein. „Sie haben eine ſchöne Gabe Ihre Gedanken in Worte zu kleiden, Monſieur Schlegel,“ ſagte ſie,„ich habe Niemand in Deutſchland geſprochen, deſſen Unterhaltung mir gleich ſehr zugeſagt hätte, und, wenn Sie ſich die Mühe geben wollen, ſo können Sie mich noch über Vieles belehren. Ich verſtehe Sie ſehr gut und Ihre Art, die Dinge zu beleuchten, gefällt mir. Wie, wenn Sie mich auf meiner Reiſe begleiteten? Ich ſuche Jemand, der meinem älteſten Sohne als Gouverneur zur Seite ſtehe. Wenn Sie eine ſolche Verpflichtung übernehmen wollten, ſo wäre der Gewinn doppelt groß für mich, durch den perſönlichen Vortheil Ihres Umganges.“ „Es iſt mir unendlich ſchmeichelhaft,“ ſagte Schlegel überraſcht,„und nichts könnte dem Glücke gleichen, in Ihrer Nähe zu leben; doch muß ich meinen literariſchen Arbeiten zu viel Zeit zuwenden, um Ihrem Sohne nützlich ſein zu können. Ich bin mit einer Ueberſetzung Shakeſpeare's beſchäftigt, die mir, wie ich hoffe, einen Namen machen ſoll; darauf möchte ich nicht gern verzichten.“ „Die Zeit dazu bleibt Ihnen völlig, Monſieur. Zwei bis drei Stunden täglich wäre alles, was meine Kinder Ihnen koſten könnten. Es wird Ihnen außerdem jede Rückſicht gewidmet werden, die ein geehrter Gaſt 178 meines Hauſes beanſpruchen kann.— Das Einzige, was mir in Bezug auf meinen Sohn bei deſſen Gouverneur beſonders am Herzen liegt, iſt: qu'il ait fait'amour et ne le fasse plus.*“ Dieſe Bedingung glaube ich indeſſen bei Ihnen erfüllt zu ſehen. Sie kennen die Welt und das Leben und haben abgeſchloſſen.“ Schlegel wurde ſichtlich verlegen und zögerte mit der Antwort. „Freilich mögen Sie ſo urtheilen, Madame, mit Bezug auf meine Heirath; dennoch— ein Mann in mei⸗ nen Jahren, der ganz frei iſt— verſprechen möchte ich Ihnen in dieſer Hinſicht nicht gern etwas.“ „Gut denn,“ ſagte, Frau von Stasl lächelnd,„ſo laſſen wir den Punkt für jetzt unerörtert, und Sie denken der Sache nach. Wollen Sie einſtweilen jeden Morgen eine Stunde mit mir leſen, ſo werden Sie mich aufrichtig verbinden und können dann, während Sie mich näher kennen lernen, auch beſſer beurtheilen, ob Ihnen mein Umgang Erſatz für das gewährt, was Sie in Berlin zurück laſſen.“ „Völligen, zweifeln Sie daran nicht,“ rief Schlegel lebhaft,„mein Bedenken hat einen ganz andern Grund— ich bin erſt Schriftſteller und dann Menſch. Einſtweilen * Allonville, S. 312. as eur ſen s 179 werde ich mich glücklich ſchätzen, Sie mit dem bekannt zu machen, was unſer Deutſchland Ihnen bieten kann, und bitte, nur Zeit und Stunde zu beſtimmen, wenn ich Ihnen aufwarten ſoll.“ „Morgen um zehn Uhr, wenn ich bitten darf; ich wünſche den hyperboräiſchen Eſel mit Ihnen zu leſen, den ich allein, wegen den darin enthaltenen Anſpielungen, nicht verſtehen kann.“ „Wie, den hyperboräiſchen Eſel?“ rief Schlegel überraſcht.„Das Buch meines Antagoniſten.— Wie kommen Sie darauf, Madame?“ „Der Verfaſſer hat es mir empfohlen, und ich möchte doch gern ſehen, um was es ſich bei Ihren literariſchen Fehden handelt. Warum man Krieg führt?“ „Es iſt Neid, nichts als Neid,“ rief Schlegel warm. „Aber, wir haben uns zu rächen gewußt. Dieſe frivolen Comödien, ohne Ernſt, ohne Inhalt, ohne den geringſten Dialog, welcher die moderne Cultur repräſentirte, begei⸗ ſtern das Publikum für den Verfaſſer und machen ihn zum Helden des Tages. Das darf nicht ſein: Wir werden ihn vernichten; wir müſſen ihn vernichten.“ „Das würde mir leid thun, denn er unterhält mich angenehm und ich lache gern,“ ſagte Frau von Stasl. „Wenn dem ſo iſt, wenn dieſe trivialen Comödien 180 Sie unterhalten können, dann ſchweige ich,“ erwiederte Schlegel empfindlich und verabſchiedete ſich. „Sonderbar!“ ſagte Frau von Stasl kopfſchüttelnd, als er das Zimmer verlaſſen hatte. Trotz dem, daß ſie den Geiſt, welcher ſolche Feindſeligkeit eingab, nicht billigen konnte, unterhielt es ſie, und, der Fehde nachzuſpüren, wohin ſie jetzt ging, fragte ſie ſtets, ob die neue oder die alte Poeſie vertreten ſei. So oft ſie aber bei ſich empfing lief alles bunt durch einander, und die bitterſten Feinde ſtanden ſich plötzlich gegenüber.— So ſchrieb ſie denn nach einer ſolchen Geſellſchaft an Wieland: Berlin, den 31. März 1804. „Ja, mein lieber Vielande, hier bin ich in Berlin, inmitten einer bewegten Geſelligkeit, doch im Grunde meines Herzens die Sehnſucht nach dem angenehmen Leben in Weimar mit mir tragend. Man hat mich hier ſehr zuvorkommend empfangen; aber es bleibt keine Zeit, um ſich zu ſehen und ſich zu kennen, und die völlige Trennung der beiden Geſellſchaften, der des Hofes und der der Ge⸗ lehrten, verleiht der erſteren eine bisweilen höchſt ermüdende Frivolität. Man ſpricht hier franzöſiſch, man macht hier franzöſiſche Calembourgs, und ich, die kein Deutſch ver⸗ ſteht, ſehne mich nach Ihrem Humor im franzöſiſchen Sprechen, weil ich überzeugt bin, daß Deutſchland dabei rte nd, ſie gen en, die ing nde enn in, nde ben ehr um ng He⸗ nde ier er⸗ hen bei 181 nicht gewinnen kann, wenn es unſere Pariſer Grazie nach⸗ ahmen will. „Ich habe die Gelehrten geſehen: Fichte, Ancillon, Spalding und Schlegel intereſſiren mich unter dieſen am meiſten. Ich habe Kotzebue und Schlegel in daſſelbe Zim⸗ mer gebracht, wie man es von einer Fremden erwarten kann, welcher die Privatſtreitigkeiten unbekannt ſind, und ich habe Schlegel geſagt, daß er ein Unrecht begehe, nicht an Ihnen, aber an ſich ſelbſt, wenn er die bekannteſten literariſchen Größen Europas angriffe. Wie ſehr bedaure ich jene Zeit, wo zwiſchen den Gelehrten und den Schrift⸗ ſtellern Deutſchlands noch ein Wetteifer herrſchte. Noch einmal: man muß Franzoſe ſein, um ſich Beleidigungen zu ſagen; man muß dem Lande angehören, wo alles ſich vergißt. „Ich kann hier nichts vornehmen, als mit Schlegel Deutſch zu leſen, ſeit er ſo gütig geweſen iſt, mein Lehrer ſein zu wollen. Die Ueberſetzungen, die Studien, alles geht unter bei vier Einladungen par jour. Man verſichert mir jedoch, daß der Monat Juni ruhiger ſein werde. „Sagen Sie mir, daß Sie mich noch lieben, und daß Sie mein Leben immer noch mit Ihren Wünſchen und Ihrer Freundſchaft beſchützen. Ich habe Ihrer verführe⸗ riſchen Herzogin geſchrieben, wie Sie ſie nennen, und Mademoiſelle de Goechhauſen hat drei Mal Nachricht von 182 mir erhalten, mit dem Zuſatze, Ihnen von mir zu ſprechen. Hat Sie es gethan? „An Göthe habe ich noch nicht geſchrieben. Sie nennen ihn meinen Liebling, ohne zu bedenken, daß ich Ihnen mehr geneigt ſein muß, weil Sie liebefähiger ſind, als er. Adieu, adieu; geben Sie mir Ihren poetiſchen Segen, er iſt mir lieber als der von Capuzinern und Idealiſten. Adieu! N. de Stasl.“ Elftes Capitel. Ein Abend bei Henriette Herz. Frau von Staöl hatte das Rez⸗de⸗Chauſſée eines Hauſes an den Ufern der Spree bezogen, das ſie an die Quais der Seine erinnerte, und darum auf Minuten in die glück⸗ liche Täuſchung verſetzte, als befände ſie ſich in dem ihr ſo theuren Paris. Eines Morgens, als ſie noch in feſtem Schlummer verſunken lag, weckte ihre Jungfer ſie mit der Nachricht, der Prinz Louis Ferdinand halte zu Pferde unter ihrem i 183 Fenſter, und wünſche mit ihr zu ſprechen. Es war noch nicht um die achte Stunde. In höchſtem Erſtaunen über dieſe ungewöhnlich frühe Zeit ſeines Beſuches, erhob ſie ſich ſchleunigſt, um an das Fenſter zu treten und mit ihm zu ſprechen.— Der Prinz nahm ſich vorzüglich gut auf dem Pferde aus. Die friſche Morgenluft, ſowie eine gewiſſe Auf⸗ regung, erhöhten heute noch den Adel ſeiner Miene. Frau von Stasl ließ ihr Auge mit Vergnügen auf ſeiner ſchönen ritterlichen Geſtalt ruhen, während er ſie begrüßte. „Ich muß Ihnen mittheilen,“ begann er,„daß der Herzog von Enghien auf dem Gebiete Badens aufgehoben und vor eine Militär⸗Commiſſion geſtellt worden iſt, um vierundzwanzig Stunden nach ſeiner Ankunft in Paris füſſilirt zu werden. Ich bin außer mir darüber.“ „Welche Geſchichte!“ antwortete ihm Frau von Stasl.„Sehen Sie nicht ein, mein Prinz, daß die Feinde Frankreichs die ganze Sache erfunden und in Umlauf geſetzt haben?“* „Wenn Sie an dem, was ich ſage, zweifeln,“ er⸗ wiederte der Prinz,„ſo werde ich Ihnen den Moniteur ſenden, worin das Urtheil enthalten iſt.“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Sporen, * Pix années d'exil par Madame de Stasl. 184 mit einer Miene, welche Rache oder Tod ausſprach, und galoppirte davon. Frau von Stasl zog ſich gedankenvoll vom Fenſter zurück. Eine Viertelſtunde darauf brachte ein Diener die Nummer des Moniteurs, worin die Nachricht enthalten war, mit einem Billet vom Prinzen, das folgendermaßen lautete: „Der Louis von Preußen Genannte ſendet Frau von Stasl das verſprochene Blatt, und freut ſich, ihr heute bei der Herzogin von Kurland zu begegnen.“ Er ſchrieb auf dieſe Weiſe aus Empörung über die dem königlichen Blute angethane Schmach. Frau von Staöl überzengte ſich nun von der Wahr⸗ heit ſeiner Mittheilung.— Aufgeregt wanderte ſie in ihrem Zimmer auf und ab und redete laut mit ſich ſelbſt, um ihrem Unwillen Luft zu machen. Noch voll von dieſer Begebenheit, kleidete ſie ſich endlich an, um zu der Herzogin von Kurland zu fahren, wo ſie zum Mittagseſſen ge⸗ laden war. Das Diner beſtand heute nur aus wenigen Per⸗ ſonen.? Sie traf, außer dem Prinzen Louis Ferdinand, Johannes Müller und Henriette Herz, deren ſchön gehaltene * Erinnerungen von Henriette Herz. nd ie en au hr 185 Erſcheinung ihr den angenehmſten Eindruck verurſachte.— Man ſprach lange nur von dem unglücklichen Herzog von Enghien; und erſt nach Tiſche, als Prinz Auguſt und noch einige Herren erſchienen, wurde die Unterhaltung heiterer. Frau von Stasl redete jeden Gaſt darauf an, daß er ihr etwas über die Philoſophie Fichte's mittheilen möge, die ſie zu verſtehen wünſchte.— Dies war oftmals unbe⸗ quem und oft am unrechten Orte begehrt, denn in heiterer Geſellſchaft erörtert ſich ein ſo ernſter Gegenſtand nicht leicht; noch läßt er ſich mit wenigen Worten erſchöpfen. Als Prinz Auguſt ſie heute begrüßte, fragte er ſie daher in ſcherzhaftem Tone: ob ſie denn nun ſchon glücklich in den Beſitz der ganzen Fichte'ſchen Philoſophie gelangt ſei? „Oh! j'y parviendrai!“ antwortete ſie mit großer Ent⸗ ſchiedenheit, zugleich aber auch mit einer Schärfe des Tones, welche bewies, daß ſie die Meinung des Fragenden wohl verſtanden hatte. Da ſie wußte, daß Henriette Herz ſehr befreundet mit Auguſt Wilhelm Schlegel war, ſo benutzte ſie die Ge⸗ legenheit, ihr mitzutheilen, daß ſie den Wunſch hege, dieſen Herrn als Lehrer ihrer Kinder mitzunehmen, und nicht er⸗ gründen könne, was ihn abhalte, ihren Vorſchlag anzu⸗ nehmen, da ſie bereit ſei, jede ihr geſtellte Bedingung zu erfüllen. „Vous avez quelque ascendant sur lui!“ ſagte 1859.— Frau von Stasl. III. 12 186 ſie im Laufe des Geſpräches zu ihr.„Ich will ja nichts von ihm, als daß er meinen Sohn und meine Tochter im Deutſchen unterrichte, alle übrige Zeit ſoll ihm bleiben! Er ſchützt die Ueberſetzung Shakeſpeare's vor; aber ich ſehe die Nothwendigkeit nicht ein,“ rief ſie mit großer Leb⸗ haftigkeit,„den engliſchen Dichter eben in der Hauptſtadt Preußens zu bearbeiten? Reden Sie ihm zu, daß er einen Entſchluß zu meinen Gunſten faſſe.“ Allerdings war Schlegel nicht durch den engliſchen Dichter an Berlin gefeſſelt, ſondern durch eine Berliner Dame; Schlegel hing mit zärtlicher Freundſchaft an Sophie Bernardi, geborne Tieck, nachherige Frau von Knorring. Sobald Frau von Stasl dies erfuhr, bat ſie Henriette Herz, daß ſie Schlegel und ſeine Freundin eines Abends zu ſich einladen möge, damit ſie die letztere kennen lerne.— Sophie Bernardi ſprach nun aber kein Wort Frarzöſiſch, eine Unterhaltung war daher für beide Damen eine Unmöglichkeit, und das Peinliche ihres Beiſammen⸗ ſeins im Voraus empfindend, ſträubte ſich Henriette Herz, den Wunſch der berühmten Fremden zu erfüllen. Frau von Stasl ließ ſich jedoch nicht zurückweiſen und ſo wurde denn ein Tag feſtgeſetzt, wo das Begegnen ſtatt finden ſollte. „Je la verrai parler!“ rief Frau von Stasl mit ihrer überwältigenden Lebhaftigkeit, und ſah ungeduldig 187 der Stunde entgegen, wo ſie die von Schlegel bewunderte Dame kennen lernen ſollte. Henriette Herz hatte eine größere Geſellſchaft dazu geladen, um die Abſicht der Frau von Staöl möglichſt zu maskiren; indeſſen wäre es ein Wunder geweſen, wenn Sophie Bernardi dieſe nicht dennoch errathen hätte. Denn kaum begann ſie ein Wort an Schlegel zu richten, ſo rief Frau von Staöl dieſen auf das Lebhafteſte mit einem: qu'est-ce qu'elle dit an,? und da er hinter ihrem Stuhle ſtand, ſo konnte er nicht umhin, ihr das Geſagte zu über⸗ ſetzen. Dabei verfuhr er denn aber aus Treue höchſt treulos. Hatte Sophie Bernardi irgend etwas geſagt, das Frau von Staöl mißfallen konnte, ſo gab er etwas Anderes dafür. Dies erregte dann in der Geſellſchaft ein Lächeln und Henriette Herz fürchtete endlich, daß Frau von Staöl dies bemerken und befremdlich finden möchte. Um daher einer möglich größeren Unannehmlichkeit vorzu⸗ beugen, benutzte ſie eine Gelegenheit, dem trügeriſchen Dolmetſcher in ſcherzendem Tone das Handwerk zu legen. Sophie Bernardi behauptete nämlich, die franzöſiſche Sprache ſei eine durchaus unmuſikaliſche und darum für den Geſang im mindeſten nicht geeignet; Schlegel aber überſetzte auf das qu'est-ce qu'elle dit? der Frau von * Erinnerungen von Henriette Herz. 12* 188 Stasl der Anderen eine Aeußerung, welche einen Lobſpruch auf das melodiſche Element der franzöſiſchen Sprache nicht unähnlich ſah, worauf Henriette Herz den Ueberſetzer be⸗ richtigte und ſomit den Fragen der Frau von Staöl ein Ende machte, die ſich darauf in der That, hinſichtlich der Sophie Bernardi, mit dem voir parler begnügte. Frau von Stasl gab während ihres Aufenthaltes in Berlin an jedem Freitag eine Soirée, wozu ſie jedesmal nur drei Damen einlud.? Häufig befand ſich Henriette Herz unter dieſen und auch an ihrem letzten Geſellſchafts⸗ abend war dies der Fall. Die Wirthin hatte außerdem noch die Herzogin von Kurland und Frau von Berg ge⸗ laden und die Unterhaltung war äußerſt belebt, angeregt, und geiſtreich. Beſonders liebenswürdig erwies ſich Prinz Louis Ferdinand, welcher ſogar ſo freundlich war, ſich zu erbieten, ſeinen Flügel zu Frau von Staöl bringen zu laſſen und am nächſten Freitag den Gäſten vorzuſpielen. Doch— der Menſch denkt und Gott lenkt.— Der nächſte Freitag ſollte Frau von Stasl ſchon nicht mehr in Berlin ſehen.— Ihr Aufenthalt erreichte ein plötzliches Ende durch die Nachricht von der Krankheit ihres Vaters. Nur ſechs Wochen hatte ſie in der Haupt⸗ ſtadt Preußens zugebracht, als dieſe ſchmerzliche Botſchaft * Leben von Henriette Herz. e⸗ 189 ſie traf und mit einem Male allen ihren Plänen ein Ziel ſetzte. Die deutſche Philoſophie war augenblicklich ver⸗ geſſen, der hyperboräiſche Eſel bei Seite geworfen, die vielen neuen Beziehungen abgebrochen, und ſchleunigſt wurden ihre Koffer gepackt und ihre Rückreiſe nach Coppet angetreten.— Sie ahnte noch nicht, welcher Schlag ſie bereits getroffen, ſie lebte noch der Hoffnung, und gab ſich dieſer um ſo unbedingter hin, je mehr die Sorge ſie zur Furcht aufrief. Erſt als ſie Weimar erreichte, wurde ihr durch einen zweiten Brief die volle Wahrheit bekannt. Entſetzlich war der Ausbruch ihres Schmerzes, Verzweiflung ſprach aus ihren Worten, ihren Thränen, ſie hatte Krämpfe und Convulſionen, ſie ſchrie und tobte und war im eigentlichen Sinne des Wortes zum Raſendwerden traurig. Weimar, den 29. April 1804. Frau von Stein an ihren Sohn: „Frau von Stasl kam eher wieder von Berlin zurück, als Göthe ihren Brief beantworten konnte, weil ihr Vater indeſſen geſtorben iſt. Sie iſt im eigentlichen Sinne des Wortes zum Raſendwerden traurig, hat Krämpfe, ſchreit unter Thränen. Es iſt betrübt, daß zu all den außer⸗ ordentlichen Gaben, die ihr die Natur verlieh, ſie ihr nicht 190 auch ein wenig Weisheit gab. Die iſt ihr ganz verſagt. Wilhelm Schlegel hat ſie als Hofmeiſter ihres Sohnes mitgebracht. Morgen geht ſie von hier ab nach Coppet.“ Sich zu faſſen war ihr ganz unmöglich. Der Schmerz hatte ſie ſo durchaus überwältigt, daß ihr phyſiſches Un⸗ behagen der Seele keine Beruhigung geſtattete. Wilhelm Schlegel und Conſtant ſaßen ihr im Wagen gegenüber und verſuchten alle möglichen Troſtgründe, doch vergebliches Bemühen! Sie fühlte, daß Niemand ſie ſo lieben würde, wie ihr Vater ſie geliebt hatte, daß Niemand ſo ſorgend, vertrauend und rathend ſie ferner auf allen Lebensſchritten begleiten würde, wie er es gethan hatte, und die fürchterlichſte Einſamkeit, die Einſamkeit des Herzens, ſtellte ſich wie ein graues Schattenbild vor ihre Seele. Ein Tag, ein einziger Tag noch, flehte ſie, um noch einmal ihn ſehen, noch einmal ſeine liebe Stimme hören zu können, um in ſeinem Auge zu leſen, daß er den Schmerz ſeines Kindes gewahre und bedaure; aber dieſer eine Tag — wer hätte ihn im Laufe ſeines Lebens nicht für ſich erbeten und nicht das fürchterliche Nein gehört! Zum erſten Male flößte ihr das grauenerregende Schweigen des Grabes Schrecken ein, zum erſten Male zitterte ihre unruhige, bewegliche Seele vor ſolcher Stille, es S. erz n⸗ en och nd len te, des hre och cen erz ich 191 ſolcher Einſamkeit. Ihr Auge richtete ſich dabei ſuchend auf die Natur um ſie her, um in ihr etwas zu entdecken, das ihrem Schmerze ein analoges Bild biete; ſie betrachtete die Bäume des Waldes in ihrem Schmucke, in dem lieb⸗ lichen Grün des Maies, und beneidete ſie um das ſich in ihnen erneuernde Leben, das über ein Jahrhundert ſie fortträgt. Und dem Menſchen, deſſen Geiſt Zeit und Ewigkeit umfaßt, ſollte eine ſo kurze Spanne gewährt ſein, die kaum hinreicht, das Gute zu erkennen, nicht aber um es zu erfaſſen! Bettina an Göthe's Mutter: „Diesmal hat ſie mir's recht gemacht, Frau Rath; warum ſchickt ſie mir Göthe's Brief nicht? Ich hab ſeit dem 13. Auguſt nichts von ihm und jetzt haben Pir ſchon Ausgang September. Die Staöl mag ihm vieBei ver⸗ kürzt haben, da hat er nicht an mich gedacht. Eine be⸗ rühmte Frau iſt was curioſes, keine andere kann ſich mit ihr meſſen, ſie iſt wie Branntwein, mit dem kann ſich das Korn auch nicht vergleichen, aus dem er gemacht iſt. So Branntwein kitzelt auf der Zung' und ſteigt in den Kopf, das thut eine berühmte Frau auch; aber der reine Weizen iſt mir doch lieber, den ſäet der Säemann in die gelockerte Erd', die liebe Sonne und der fruchtbare Gewitterregen 192 locken ihn wieder heraus, und dann übergrünt er die Felder und trägt goldene Aehren, da giebt's zuletzt noch ein luſtig Erntefeſt; ich will lieber ein einfaches Weizenkorn ſein, als eine berühmte Frau, und will auch lieber, daß er mich als tägliches Brod breche, als daß ich ihm wie ein Schnaps durch den Kopf fahre. Jetzt will ich Ihr nur ſagen, daß ich geſtern mit der Stasl zu Nacht gegeſſen habe in Mainz; keine Frau wollt' neben ihr ſitzen bei Tiſch, da hab' ich mich neben ſie geſetzt; es war unbequem genug, die Herren ſtanden um den Tiſch und hatten ſich alle hinter uns ge⸗ pflanzt, und einer drückte auf den andern, um mit ihr zu ſprechen, und ihr in's Geſicht zu ſehen; ſie bogen ſich weit über mich; ich ſagte:„Vos adorateurs me suffoquent,“ ſie lachte. Sie ſagte, Göthe habe mit ihr von mir ge⸗ ſprochen; ich blieb gern ſitzen, denn ich hätte gern gewußt, was er gogt hat, und doch war mir's unrecht, denn ich wollt' lieber, er ſpräch' mit Niemand von mir, und ich glaub's auch nicht— ſie mag nur ſo geſagt haben; es kamen zuletzt ſo viele, die alle über mich hinaus mit ihr ſprechen wollten, daß ich's gar nicht länger konnte aus⸗ halten; ich ſagt ihr:„Vos lauriers me pösent trop fort sur les 6paules.“— Und ich ſtand auf und drängt' mich zwiſchen den Liebhabern durch. Da kam der Sismondi, ihr Begleiter, und küßt' mir die Hand, und ſagte, ich hätte viel Geiſt, und ſagt's den Andern, und ſie repetirten es 193 wohl zwanzig Mal, als wenn ich ein Prinz wär'; von denen findet man auch immer alles ſo geſcheut, wenn es auch das Gewöhnlichſte wäre. Nachher hört' ich ihr zu, wie ſie von Göthe ſprach; ſie ſagte, ſie habe erwartet, einen zweiten Werther zu finden, allein ſie habe ſich geirrt, ſowohl ſein Benehmen wie auch ſeine Figur paſſe nicht dazu, und ſie bedauerte ſehr, daß er ihn ganz verfehle. Frau Rath, ich wurde zornig über dieſe Reden, ich wandt' mich an Schlegel und ſagt' ihm auf Deutſch: die Frau Staöl hat ſich doppelt geirrt, einmal in der Erwartung und dann in der Meinung; wir Deutſchen erwarten, daß Göthe zwanzig Helden aus dem Aermel ſchütteln kann, die den Franzoſen ſo imponiren, wir meinen, daß er ſelbſt aber noch ein ganz anderer Held iſt. Der Schlegel hat Unrecht, daß er ihr keinen beſſern Verſtand hierüber bei⸗ gebracht hat. Sie warf ein Lorbeerblatt, womit ſie geſpielt hatte, auf die Erde; ich trat darauf und ſchubſte es mit dem Fuße auf die Seite und ging fort.— Das war die Geſchichte mit der berühmten Frau; hab' Sie keine Noth mit Ihrem Franzöſiſch, ſprech' Sie die Fingerſprache mit ihr, und mach' Sie den Commentar dazu mit Ihren großen Augen; das wird imponiren; die Stasl hat ja einen ganzen Ameiſenhaufen Gedanken im Kopf, was ſoll man ihr noch zu ſagen haben? Bald komm ich nach Frankfurt, da können wir's beſſer beſprechen.“ Als ſie den Bergen der Schweiz nahten, zeigte ihr Conſtant auf den Höhen eine Wolke, welche ſich in der Geſtalt eines rieſenhaften Mannes auf eine Felſenſpitze gelagert hatte und mit dem ſinkenden Abend in Nacht zerfloß. Frau von Stasl hielt es für ein ihr vom Himmel geſandtes Zeichen, ſie nahm es für ein Symbol von dem Leben ihres Vaters, deſſen Daſein jetzt ebenfalls eine ewige Nacht ihrem Blicke verhüllte. Herzzerreißend erſchien ihr Jammer, als ſie Coppet erreichte und die Räume betrat, die er bewohnt, wo Alles ſie an ihn erinnerte, wo Alles von ihm zu ihr ſprach. Hier ſollte ſie ohne ihn jetzt weilen, deſſen Liebe ſie hier ſo warm umgeben und der ihr dieſen Aufenthalt allein zu beleben vermocht hatte. Bis zum letzten Augenblicke ſeines Daſeins hatte er ſich ſorgend mit ihr beſchäftigt, während ſeiner neuntägigen Krankheit hatte er nur ihren Namen genannt, und um ſie geſorgt, nur die größte Unruhe über ihre Zukunft ausgeſprochen und es bereut, ſeine letzte Schrift veröffentlicht und dadurch ein Exil für ſeine Tochter hervorgerufen zu haben, daß ſie jetzt doppelt ſchwer em⸗ pfinden mußte, wenn in Coppet nur noch die Gräber ihrer Eltern ihr ein Willkommen boten. Mit zitternder Hand hatte er noch im heftigſten Fieber an den erſten Conſul geſchrieben und ihm verſichert, daß Frau von Staöl keinen Theil an der Herausgabe dieſes Buches gehabt, 195 daß ſie vielmehr gewünſcht, es möge nicht im Druck erſcheinen. Das Wort eines Sterbenden beſitzt eine überzeugende Kraft! Die letzte Bitte eines Mannes, welcher eine ſo große Rolle in Frankreich geſpielt, und der, als eine Gnade, die Rückkehr ſeines Kindes in ihr Heimathland erfleht, ſchien nicht wohl eine abſchlägige Antwort erfahren zu können. Mit dieſer Hoffnung hatte Necker ſein Auge geſchloſſen. Als ſeine Tochter jetzt dieſen Schritt ihres Vaters erfuhr, dankte ſie ihm mit Thränen für ſeine liebende Sorge, die ihr den Weg nach ihrem theuren Paris mit ſeinem letzten Athemzuge zu bahnen bemüht geweſen war. Sie konnte es nicht glauben, daß der erſte Conſul einer ſolchen Bitte ein taubes Ohr leihen würde. Als ſie nun aber erfuhr, daß der Brief ihres Vaters ihn kalt ge⸗ laſſen, da lächelte ſie bitter über die Thorheit ihrer Er⸗ wartung, daß der Haß eines Napoleon vor dem Tode eines Menſchen ſchweige. 196 swölftes Capitel. Die Reiſe nach Rom. Es iſt ein ſchmerzliches Gefühl, in einer Umgebung zu weilen, wo alle Gegenſtände uns an den Verluſt einer uns theuren Perſon erinnern. Wie wir auch kämpfen mögen gegen unſern Kummer, ſo reichen alle Gründe der Vernunft nicht aus, wo die Gewohnheit mit ihrer mäch⸗ tigen Stimme ſpricht. Wir reden mit dem Todten, wo unſer Herz ſich warm der Gegenwart zuwenden ſollte und wir gebieten unſeren Gefühlen nicht. Das Ordnen ihrer Angelegenheiten hatte Frau von Staöl auf einige Zeit Zerſtreuung gewährt. Sie wurde dadurch gewaltſam aus ſich ſelbſt herausgeriſſen und dem Poſitiven zugewendet; ſie mußte gezwungen ihre Gedanken von dem Gegenſtande ihrer Trauer entfernen. Bis zu dem Tode ihres Vaters hatte er alle Geſchäfte für ſie beſorgt und jede damit verbundene Unannehmlichkeit von ihr fern gehalten. Es war ihr daher eine ganz fremde Aufgabe, die Verwaltung der bedeutenden Capitalien zu übernehmen, welche jetzt als Vermögen ihr zufielen; außer⸗ dem, daß Frankreich ihrem Vater immer noch die zwei Millionen ſchuldete, welche er zur Zeit der Revolution dem Staate vorgeſtreckt. 8 er er h⸗ id n e te it de 197 So wenig gemäß ihr auch dieſe Art von Geſchäften waren, ſo nahm ſie ſich doch vor, dieſe Pflicht Niemand ſonſt zu übertragen, und allein für das ihren Kindern zu hinterlaſſende Vermögen einzuſtehen, das unverkürzt ihnen zufallen ſollte. Mit großer Umſicht widmete ſie ſich dieſer Aufgabe. Man ſollte von ihr nicht ſagen, daß ihr großer Verſtand ſie nicht befähigt, auch den praktiſchen Erforderniſſen des Lebens nachzukommen. Sie mußte ihren Kindern den Vater erſetzen und ſie wollte es. Ihr Sohn, Auguſt, dem Jünglingsalter nahe, war bis dahin ganz der Leitung des Großvaters überlaſſen ge⸗ weſen.— Sie hatte nun ſeine Erziehung zu leiten, ſeine Studien zu überwachen. Der Unterricht, welchen Schlegel ihm ertheilte, genügte zu ſeiner Ausbildung nicht, und da ſie Paris jetzt nicht bewohnen durfte, ſo zog ſie einſtweilen nach Genf, wo gute Schulen und Lehrer aller Art ihr zu Gebote ſtanden. Dieſe Pflichten und Beſchäftigungen waren ihrer Stimmung günſtig, dies Sorgen und Denken für Andere wirkte wohlthätig auf ſie, und beförderte ihre innere Ruhe. — So lange ſie in dieſer fortwährenden Thätigkeit blieb, ſo lange dieſe dringenden Anforderungen der Außenwelt an ihre Thüre klopften, vergaß ſie ihres Schmerzes und fühlte eine gewiſſe Befriedigung in dem Gedanken, den 198 Wünſchen des ihr ſo theuren Verſtorbenen entſprechend zu handeln, und ſeiner Billigung gewiß zu ſein. Dies innere Bewußtſein that ihr wohl und verlieh ihr neue Kräfte. Endlich aber war Alles geordnet, Advocaten und Gerichte drängten ſie nicht mehr und es wurde ſtille um ſie herum. Ihre Kinder lagen ihren Studien ob, Schlegel arbeitete mit ihnen, oder auch für ſich, Benjamin Conſtant las die Zeitungen, warf ſehnſuchtsvolle Blicke zu den Wolken hinauf, die für ihn alle nach Paris zogen, und blätterte in Schiller und Göthe, um vielleicht, wie Schlegel durch Shakeſpeare, durch die Ueberſetzung eines deutſchen Dichters einen Namen zu erwerben; denn ſeine Eitelkeit bedurfte des Beifalls, er konnte das Leben nicht ertragen, das ohne Handlung an ihm vorüberging, er mußte ſeine Rolle ſpielen, und als Schauſpieler auf der politiſchen Bühne ſeine Lorbeeren ernten. Frau von Stasl konnte durch ſeine Nähe nicht ge⸗ tröſtet und beruhigt, ſondern nur unterhalten und aufgeregt werden.— Er hatte die Sprache in ſeiner Gewalt, er ſtritt mit ihr, ſtellte Paradoxen auf und ließ ſie wieder fallen und dieſe Gymnaſtik des Geiſtes zerſtreute ſie Beide auf Stunden. Ein Buch in die Hand zu nehmen, war ihr jetzt noch unmöglich.— So oft ſie ſich lebhaft bewegt fühlte, ſo oft ein Schmerz, ein Kummer ſie traf, befand ſie ſich außer 199 Stand, ihre Gedanken auf etwas zu richten, das damit in keinem Bezug ſtand. So auch jetzt.— Sie ſchlug Seite nach Seite um und wußte nicht was ſie las. Nur ſchreiben konnte ſie in ſolcher Stimmung. Aber auch dazu gebrach ihr jetzt der Muth. Ihr Vater konnte nicht mehr leſen, was ſie ſchrieb, konnte ſich nicht mehr freuen, wenn ihr Name rühmend genannt wurde; er allein hatte dieſen wahren, warmen Antheil an ihr genommen, ohne ihn fühlte ſie ſich verlaſſen und allein. „Warum klagen Sie über Einſamkeit?“ fragte ſie Conſtant.„Iſt Ihnen denn die Freundſchaft nichts! Bin ich denn nicht da, um den Sonnenſchein, wie den Sturm mit Ihnen zu theilen, ſtehe ich Ihnen nicht zur Seite, um mich Ihrer Erfolge zu erfreuen? Gilt mein Beifall Ihnen ſo wenig, daß Sie, ihn zu gewinnen, nicht ſchreiben können? — Iſt Ihre Muſe ſtumm, ſobald ſie vor mir ihre Zither ertönen laſſen ſoll?“ Frau von Staöl ſchüttelte wehmüthig ihr Haupt. „Nur ein Vater vermag rein und uneigennützig zu lieben,“ ſagte ſie traurig;„nur er konnte ſich wahrhaft an meinen Erfolgen freuen! Sie, Benjamin, mit aller Freundſchaft für mich, ſind darin allen Männern gleich, daß die Selbſt⸗ liebe im Cataloge Ihrer Leidenſchaften die erſte Stelle einnimmt.“ Damit verließ ſie das Zimmer. 200 Betroffen ſah Benjamin Conſtant ihr nach. Er mochte wohl fühlen, daß ſie nicht ſo ganz Unrecht hatte. Freilich wäre er der erſte Mann geweſen, welcher ekner Frau den Ruhm gegönnt hätte, durch ein Talent zu glänzen, in irgend einer Wiſſenſchaft etwas zu leiſten und Frau von Staöl kannte ihn genug, um keine ſolche Aus⸗ nahme von ihm zu erwarten. Man ſchildere den Schmerz nicht, wenn man behaupte, daß man den Tod dieſem peinlichen Gefühle vorziehen würde, ſagte ſie oft; denn um wie kleiner Dinge wäre nicht die gleiche Verſicherung gegeben worden? Aber Ar⸗ muth, Blindheit, jedes Unglück, das den Menſchen treffen könne, nannte ſie gering, ſobald ihr Vater ihr dabei zur Seite ſtehe, und keine Lage des Lebens ſchien ihr, ohne ihn, noch begehrenswerth.— Verzweiflung hatte ſich ihrer bemächtigt; denn Verzweiflung iſt das Gefühl gänzlicher Hoffnungsloſigkeit auf irgend ein zu kommendes Glück. Ihre Geſundheit litt. Ein Arzt wurde gerufen und erklärte, daß nur Ver⸗ änderung des Ortes, ein anderes Klima, andere Menſchen, andere Gegenſtände, ihren Schmerz zerſtreuen, und ihren Nächten Ruhe geben könnten. Er rieth daher eine Reiſe nach Italien und einen Winteraufenthalt in Rom, deſſen Kunſtſchätze, hoffte er, ſie aus jener Apathie ziehen würden, welche der Schmerz, wenn er dauernd iſt, nach ſich zieht.— er zu nd 18 en ire lr⸗ en ur ne rer her 201 Sie mußte ſich dieſer Anordnung fügen; doch beſtand ſie darauf, nicht früher von Coppet ſcheiden zu wollen, bis ſie eine Biographie ihres Vaters abgefaßt habe, welche der Welt zeigen ſollte, welche Tugenden er beſeſſen, aus welchen Beweggründen er gehandelt, was er als Gatte und Vater geweſen, und wie ſehr er ſeine Tochter geliebt. Nach Vollendung dieſer Aufgabe war ſie bereit, eine Reiſe zu unternehmen, welche ſie ohne Hoffnung und ohne Freude, mit dem Gedanken an ihren Tod, antrat. Wie ein irrender Geiſt wanderte ſie in den Nächten umher. Um dieſer ſich ſteigernden Aufregung ein Ziel zu ſetzen, rieth ihr der Arzt den Gebrauch des Opium, den ſie ſeit dem Augenblicke leider! nie wieder aufgeben konnte. Auguſt Wilhelm Schlegel hatte ſich ſchnell bei ihr eingewohnt.— Seine Aufmerkſamkeiten für die geiſtreiche Frau waren ſo ausgeſucht, ſein Lob ihres Talentes ſo überſchwenglich, daß Benjamin Conſtant ſich im Stillen des Argwohnes nicht erwehren konnte, der deutſche Ge⸗ lehrte wünſche ihr mehr noch zu ſein, als ein Freund und Lehrer ihrer Kinder. Der Augenblick war indeſſen für das Anbauen eines näheren Verhältniſſes höchſt ungünſtig. Ihre Trauer war ſo tief, daß ſie ſeine Bemühungen als einen Ausdruck ſeines Mitleids hinnahm, und in dieſem Sinne ſie ihm dankte. Der älteſte Sohn der Frau von Stasl reifte bereits 1859. III. Frau von Stasl. III. 13 202 zum Züngling heran und ſtand ſeiner Mutter wie ein Freund zur Seite; auch behandelte ſie ihn ſo und forderte bei allen Vorkommniſſen ſeinen Rath und ſeine Billigung. Seine unbegrenzte Liebe lohnte ihr dies Vertrauen. Die Sommermonate waren auf dieſe Weiſe langſam verſtrichen. Benjamin Conſtant hatte ſie benutzt, eine Ueberſetzung von Schiller's Wallenſtein zu beginnen. Wäh⸗ rend ſie an der Biographie ihres Vaters arbeitete, und in den Morgenſtunden daher ſeiner nicht bedurfte, konnte er ſich ungeſtört dieſer Aufgabe widmen. Mit verweinten Augen erſchien ſie dann am Mittage in ihrem Familienkreiſe. Die Erinnerung der vergangenen Tage, das Aufzeichnen jeder einzelnen Aeußerung der Liebe, aus den letzten Lebenstagen ihres Vaters, ließ den Quell ihrer Thränen immer auf's Neue ſtrömen. In demſelben Cabinette des Schloſſes in Coppet, wo Necker gearbeitet, an dem Fenſter, wo ſein Schreibtiſch geſtanden, verzeichnete ſie dieſe Erinnerungen. Von hier aus überſah ſie das kleine Gehölz, wo ſein Grabmal auf⸗ gerichtet war, ſowie die lange Allee, wo er ihr bei jedem Scheiden ein letztes Lebewohl zuwinkte, und ſein weißes Taſchentuch noch in weiter Ferne ihr ſeine letzten Grüße nachſandte. Sie entſann ſich hier des vergangenen Herbſtes, wo ſie an einem Abend an dieſem nämlichen Platze ihm zur —— in ier ßes wo ur 203 Seite geſeſſen, und vielleicht in momentaner Vorahnung ihres Verluſtes, ihm die Frage geſtellt hatte, was aus ihr werden ſolle, wenn ſie jemals ohne ihn zu leben gezwungen ſein würde? „Mein Kind!“ hatte er mit gebrochener Stimme erwiedert,„Dieu mésure le vent aux brebis dé- pouillées. „Ach!“ ſagte ſie ſich jetzt.„Dies Leid iſt mir nicht erſpart worden; ich bin ohne Vaterland und ohne Vater⸗ haus; das Grab meiner Eltern iſt meine einzige Heimath.“ Aber ſo tief ihr Kummer auch war, nie machte er ſie theilnahmlos, nie vergaß ſie ihrer Freunde, und wurde gleichgültig gegen das, was ſie betraf.— So ſchrieb ſie an Madame Récamier, als dieſe ihr Vermögen verloren atte: Genf, den 17. November 1804. „Ach! meine liebe Juliette, welchen Schmerz hat mir dieſe entſetzliche Nachricht verurſacht; wie verwünſche ich mein Exil, daß mir nicht geſtattet, zu Ihnen zu eilen und Sie an mein Herz zu drücken! Sie haben Alles ver⸗ loren, was das Leben leicht und angenehm macht; wären Sie aber auch noch mehr geliebt, noch intereſſanter, wie Sie ſind, es hätte Sie dennoch getroffen. Ich werde an Herrn Récamier ſchreiben, ihm zu ſagen, wie ich ihn be⸗ klage und ehre. Aber, ſagen Sie mir, hieße es träumen 204 Sie dieſen Winter hier zu ſehen?— Wenn Sie ſich ent⸗ ſchließen könnten, drei Monate in einem kleinen Kreiſe zuzubringen, wo man Sie auf Händen trüge; doch auch in Paris geſchieht Ihnen das Gleiche. Enfin, wenigſtens nach Lyon, oder an die Grenze meiner vierzig Meilen, komme ich Sie zu ſehen, zu umarmen, und Ihnen zu ſagen, daß ich für Sie mehr Zuneigung hege, als für irgend eine Frau der Welt. Ich weiß Ihnen zum Troſte nichts zu ſagen; außer, daß man Sie jetzt noch mehr lieben und ſchätzen wird, und daß die ſchönen Züge Ihrer Großmuth und Wohlthätigkeit durch Ihr Unglück erſt recht gekannt ſein werden. Ohne Zweifel ſind Ihre Ver⸗ hältniſſe für Sie nicht mehr das, was ſie waren; dennoch, könnte ich beneiden, wen ich liebe, ſo würde ich Alles hin⸗ geben um Sie zu ſein. Eine Schönheit, die in Europa nicht ihres Gleichen hat, ein fleckenloſer Ruf, ein ſtolzer und großmüthiger Charakter, welche Quellen des Glückes noch in dieſem Leben, od l'on marche si dépouillé. „Theure Juliette! Möge unſere Freundſchaft ſich befeſtigen; möge ſie nicht nur von großmüthigen Dienſten, die Sie mir erwieſen, ſich nähren, ſondern durch einen fortgeſetzten Briefwechſel, ein gegenſeitiges Bedürfniß des Austauſches, eines gemeinſamen Lebens. Chére Juliette, Sie könnten mich nach Paris zurückkommen laſſen, denn Sie ſind ſtets eine allmächtige Perſon, und wir werden nt⸗ eiſe in ens en, zu für ſte ehr er erſt er⸗ , opa lzer ckes ſic ten, nen des tte, enn den 205 uns alle Tage ſehen; und da Sie jünger ſind als ich, ſo werden Sie mir die Augen ſchließen, und meine Kinder werden Ihre Freunde ſein. Meine Tochter hat heute über meine und Ihre Thränen geweint. Chère Juliette, dieſer Luxus, welcher Sie umgab, hat uns zur Annehmlichkeit gedient; Ihr Vermögen iſt das unſrige geweſen, und ich fühle mich ruinirt, weil Sie nicht mehr reich ſind. Glauben Sie es mir, man iſt noch glücklich, wenn man ſo geliebt wird. „Benjamin will Ihnen ſchreiben; er iſt ſehr bewegt. Mathieu de Montmorency ſchreibt mir einen ſehr rühren⸗ den Brief über Sie. Theure Freundin, möge Ihr Herz inmitten ſo vielen Schmerzes ruhig ſchlagen. Hélas! weder der Tod noch die Gleichgültigkeit Ihrer Freunde droht Ihnen, und das nur ſind ewige Wunden. Adieu, lieber Engel, Adieu! Ich küſſe Ihr liebes Geſicht mit Ehrfurcht.“ Am 25. October 1804 hatte Frau von Stasl endlich die nachgelaſſenen Papiere ihres Vaters völlig geordnet und übergab dieſe, mit ihrem Berichte über ſeinen Cha⸗ rakter und ſein Privatleben, dem Drucke; dann eerſt brach ſie nach Italien auf. Sie hatte bis dahin keinen Sinn für die ſchönen Künſte bewieſen. Die Muſik ausgenommen, welche ſie leidenſchaftlich liebte, war ſie gleichgültig gegen Alles, 206 was nicht den Geiſt in Anſpruch nahm. Zetzt erſt, unter dem milden Himmel des glücklichen Italiens, ſollte ſie zu andern Anſchauungen übergehen, und mit dem Auge ge⸗ nießen lernen. Eine neue Welt der Anſchauung ging ihr damit auf; ein neues Leben begann für ſie. Sie beſuchte, von Schlegel, Benjamin Conſtant und ihren Kindern begleitet, Rom und Neapel.— So traurig geſtimmt ſie ihre Reiſe auch angetreten hatte, ſo über⸗ wältigend wirkte das Nene der Scene auf ſie und entriß ſie gewaltſam ihren Erinnerungen. Die ſchönen Künſte verfehlten ihre Macht nicht.— Paris, die Politik, die Sehnſucht ihres vereinſamten Herzens, alles Vergangene, aller Schmerz der Gegenwart, verlor ſich bei dem An⸗ ſchauen des vielen Schönen, welches die Jahrtauſende hier aufgehäuft.— Sie athmete eine andere Luft, ſie hörte eine andere Sprache, die vergangenen Jahrtauſende redeten mit ihr, und lenkten ihren Blick in die weiteſte Ferne. Sie traf in Rom den jugendlich blonden Canova, den ſie früher ſchon in Paris bei ſich empfangen hatte, ſie traf die beiden Humboldt's, Eliſe von der Recke, eine Menge Ge⸗ lehrter und Künſtler aus allen Gegenden der Erde, und ſchließlich hatte ſich auch Sophie Bernardi aus Berlin noch eingefunden, vielleicht nur, um nachzuſehen, ob der geiſtreiche Schlegel ſeine Flamme für ſie unter den Glut⸗ augen der intereſſanteſten Frau der Welt, wach zu erhalten ter zu ge⸗ ihr ind rig er⸗ riß nſte die ne, Un⸗ ier rte ten ne. ſie die He⸗ ind lin der ut⸗ ten 207 vermocht habe. Ob ſie eine Täuſchung erfuhr, ob ſeine Treue die Probe nicht beſtanden hatte, geſtand ſie nur ſich ſelbſt ein. Joſeph Bonaparte hatte Frau von Stasl auch hier⸗ her mit Empfehlungen verſehen, um ihren Aufenthalt ſicher und angenehm zu machen; ſie wurde daher auf das Zuvorkommenſte empfangen.— Bald ward ihr Haus der Sammelplatz aller Perſonen von Auszeichnung und in⸗ mitten der glänzenden Geſellſchaft leuchtete ihr Geiſt wie ein heller Stern und belebte alles, was ihr nahte. Ihr Talent zum Improviſiren, ihre Gabe der De⸗ elamation, des Vortrags von Rollen, das Alles erwachte hier zu neuer Blüthe und wie in einem fortwährenden Rauſche befangen, theils durch den ihr gezollten Beifall und durch die gewonnene Bewunderung; theils durch den ihr neuen Enthuſiasmus für die Künſte genährt— vergaß ſie ſich ſelbſt und was ihrem Leben an eigentlichem Glücke fehlte, und ihr Schmerz ſtand eine Weile ſtill. Was ſie hier erlebte, geſtaltete ſich in ihr zu einem Kunſtwerke, und„Corinna,“ ein Buch, das jedem Leſer bekannt iſt, war die Frucht ihres Aufenthaltes in Rom. 208 Dreizehntes Capitel. Der Haß Napoleon's. Reich an Erinnerungen kehrte Frau von Stasl im Sommer 1805 aus Italien zurück und wählte abermals Coppet zu ihrem Aufenthalte. Die Zeit hatte ihren mil⸗ dernden Einfluß geübt. Sie hatte es lernen müſſen, der ewig wachen Fürſorge ihres Vaters zu entbehren, ſie hatte ſich daran gewöhnen müſſen, daß ſein Auge ſie nicht mehr auf allen ihren Schritten begleitete, daß ſein Beifall ſie nicht länger ſpornte. Wehmuth allein erfüllte jetzt noch ihre Seele, als ſie Coppet betrat und in ſeinem Zimmer den Platz leer fand, wo er ſo oft mit zärtlichem Blicke und troſtreichem Worte ſie willkommen geheißen. Indem ſie die gewohnten Stätten betrat, indem die alten Beziehungen ſich wieder anknüpften, kehrten ihre Gedanken freilich auch häufiger in die Vergangenheit zu⸗ rück und weilten bei dem Geſchiedenen; doch läuterten ſich ihre Empfindungenzugleich mehr und mehr von jener Selbſt⸗ ſucht, welche bei einem Verluſte nur ſich bedauert. An die Stelle der Trauer trat die Dankbarkeit für ſo viele empfangene Liebe, für das viele gewährte Glück der ent⸗ ſchwundenen Jahre, und erwärmte ihr Herz mit einer neuen, edleren Flamme. Um ihrem Schmerze nicht auf's Neue im s der tte ehr 209 nachzuhängen, begann ſie jetzt eifrig an ihrem Romane, Corinna, zu ſchreiben. Dieſe Beſchäftigung, nebſt dem Unterrichte ihrer Kinder, den ſie zum Theil ſelbſt leitete, füllte ihre Morgenſtunden aus, während der Nachmittag und Abend ihren Freunden gehörte. An Gäſten fehlte es ihrem Hauſe nicht; das Jedem die gaſtlichſte Aufnahme zu Theil werden ließ. Der Name von Frau von Staöl war bereits weit und breit bekannt. Jeder Fremde, deſſen Fuß nur entfernt in ihr Bereich kam, ſcheute den Umweg über Coppet nicht, um die berühmte Frau zu ſehen. Der Sommer und Herbſt führte daher einen beſtändigen Wechſel von Fremden zu ihr, und nur die Wintermonate brachten jene Einförmig⸗ keit, welche dem Bewohner der Städte ſo läſtig iſt. Um dieſer Stille zu entgehen, ſiedelte ſie, ſo wie die Wege für den Reiſenden unfahrbar wurden, nach Genf über. Die Geſelligkeit dieſer Stadt bot ihr keinen Gewinn; denn die ſtrengen Republikanerinnen mißachteten ſie und ihre Prüderie wurde durch das offene Weſen der genialen Frau zurückgeſchreckt. Ihre Anſichten des Wohlanſtän⸗ digen waren einſeitig und ſtrenge, der Ton der Pariſer Salons klang ihnen befremdend, die Gewohnheiten des dortigen Lebens erregten ihnen Anſtoß. Den Vorurtheilen Anderer Conceſſionen zu machen, ward Frau von Staöl unmöglich. Ihr Wahlſpruch 210 war:„fais ce que dois, advienne que pourra.““ Sie kannte keinen anderen Maßſtab für ihr Thun und Laſſen als ihre Neigung und ihren Geſchmack, und wollte keine Beſchränkung von Perſonen dulden, welche ihr geiſtig ſo wenig ebenbürtig waren. Dieſer Stolz machte ſie unbe⸗ liebt. Wer nicht mit der Menge geht, wird ſie gegen ſich haben; und dann iſt ſie ein gefährlicher Opponent. Die ſchönen, ſtrengen Genferinnen beſuchten die Ge⸗ ſellſchaften der Frau von Stasl; aber nur um bittern Tadel an der Wirthin zu üben, die vorlas, declamirte, Comödie ſpielte, kurz Alles aufbot, um ſich ſelbſt und An⸗ dere ſo angenehm, wie nur möglich, zu unterhalten. Weil ſie dieſe Talente nicht beſaßen, darum ſollte jene ſie nicht vor ihnen üben. Der ewig rege Geiſt der Frau von Stasl trieb auch ihre Umgebung an, einen höhern Maßſtab an die eigenen Kräfte zu legen. Die geiſtige Atmoſphäre, in der man ſich bewegte, wirkte vernichtend auf ein ſchwaches Gemüth; wer aber mitzugehen vermochte, der ſah ſich gefördert. Dies war auch der Fall mit Auguſt Wilhelm Schlegel, deſſen Energie und Schwung ſich ſteigerte, ſeit er zu der bedeutenden Frau in Beziehung getreten war, welche es ver⸗ *Thue was du kannſt und dann komme was da will. ie en ne be⸗ ich e⸗ en te n⸗ en. ſie en an th; gel, der er⸗ 211 ſtand, ſchlummernde Talente zu wecken, verborgene Schätze zu heben. Waren keine Gäſte da, ſo trug Jeder am Abend vor, was er am Tage gearbeitet, und hörte das Urtheil der Zuhörer. Dieſer Austauſch ſpornte und förderte. Auch„Corinna“ wurde in einzelnen Capiteln dem kleinen Kreiſe vorgeleſen, und mit Beifall und Staunen angehört. Jeder erkannte in der Heldin die Verfaſſerin, wie ſie ſelbſt zu ſein wünſchte, und zum Theil auch war; die Schönheit ausgenommen.— Die Kämpfe des eigenen Herzens, ſo wie deſſen Täuſchungen, ihre Liebe zum Ruhme, ihre Stellung zu der Welt, die Schwäche der Männer, das Alles trat hier idealiſirt in ſchöner künſtle⸗ riſcher Form zuſammengefaßt vor den Hörer hin, und machte ihn oft in ſeinem Urtheil im Beiſein der doppelt betheiligten Verfaſſerin verlegen. Benjamin Conſtant vor Allem, erkannte ſich nur zu häufig in Lord Nelvil wieder, ohne es jedoch laut zuge⸗ ſtehen zu wollen. Ein eigenthümlich unbehagliches Gefühl beſchlich ihn dann oft. Er richtete ſein Auge mitunter forſchend auf Schlegel hinüber, ob auch er die bezeichnete Perſon errathe; dieſer jedoch ſchien nur die künſtleriſche Darſtellung in das Auge zu faſſen, ohne ſich um die Quelle, aus der der Stoff hervorgegangen, zu bekümmern. In beredten Worten ſprach er ſeinen Beifall gegen die 212 Verfaſſerin aus und prophezeite ihr einen Ruhm, wie ihn noch vor ihr keine Frau erworben. Schlegel ahnte freilich nicht, wie tief innerlich Benjamin Conſtant ſich an dem Werke betheiligt fühlte und ermahnte ihn daher oft, in ſein Lob mit einzuſtimmen;— aber das war vergebliches Bemühen. Er ſchwieg beharrlich, weil er ſich innerlich verletzt fühlte, ſelbſt ohne es ſich mit Be⸗ ſtimmtheit einzugeſtehen. Das Bild ſeiner Schwäche trat ihm bei dieſer Schilderung Lord Nelvil's ſo deutlich vor die Seele, daß er eine Art Erbitterung gegen Frau von Stasl empfand, deren er vergeblich Herr zu werden ſich bemühte. Seine gekränkte Selbſtliebe ließ ſich durch nichts beſchwichtigen. Um ſich von dieſer drückenden Empfindung frei zu machen, begann er ſeinerſeits einen Roman zu ſchrei⸗ ben, welchen er Adolphe benannte.“ In dieſem ſchilderte er ſeine Seelenkämpfe, und machte aus ſich das Opfer einer von ihm unerwiederten Liebe; doch, trotz allen Be⸗ mühens, die ganze Schuld eines drückenden Verhältniſſes auf die Heldin zu wälzen, erblicken wir auch hier abermals einen ſchwachen Charakter, der das Eine will und das Andere nicht laſſen kann.— Ihm ſelbſt aber blieb es ver⸗ borgen, wie ſehr ähnlich ihm ſein männlicher Doppel⸗ * Dieſer Roman erſchien 1816. 243 gänger wurde, und er genoß, während er ſchrieb, des ſtillen Triumphes ſeiner völligen Rechtfertigung auf dem Papiere. Unter mancherlei kleinen Reibungen zwiſchen ihm und Frau von Staöl ſchwand der Winter, und mit dem Frühlinge brach ſie von Genf auf, um ihr liebes Frankreich wieder zu ſehen. Sie war von Paris noch immer exilirt; doch durfte ſie vierzig Meilen von der Hauptſtadt entfernt wohnen, und in dieſem Bereiche ſuchte ſie jetzt einen Aufenthaltsort, um den Druck ihres Buches zu überwachen. Ihr älteſter Sohn, Auguſt, den ihr Vater ganz erzogen hatte, und der ihm im Aeußern, wie dem Charakter nach ſehr ähnlich war, beſuchte die polytechniſche Schule; von ihm brauchte ſie ſich auf dieſe Weiſe nicht ganz zu trennen, er konnte ſie wöchentlich beſuchen und eine Fahrt nach Paris durfte auch ihr Niemand verſagen; denn eine ſo ſtrenge Aufſicht herrſchte an den Thoren der Stadt nicht, um ſie bei ihrer Ankunft zurückzuweiſen. Fouché haßte ja alle unnöthige Strenge. Bonaparte, im Zenith ſeiner Macht, hatte von einer Frau, welche ſich jetzt noch dazu nur mit Literatur beſchäftigte, wenig zu fürchten und ſei⸗ nem perſönlichen Haſſe lieh er ſich wenigſtens das Mal nicht ſo weit, um Maßregeln der äußerſten Härte zu er⸗ greifen. Zuerſt ließ ſich Frau von Stasl nur in Auxerre nieder; 214 nachdem ſie hier einige Zeit unbeachtet gewohnt, ver⸗ ſuchte ſie Rouen, und, als immer noch kein Schritt gegen ſie erfolgte, um ihrer Annäherung an die Haupſtadt vorzu⸗ bengen, wagte ſie es, Paris wieder etwas näher zu kommen und in Auberge en ville ihren Aufenthalt zu nehmen, wo ihre Freunde ſie bequemer und öfter aufſuchen konnten, als eine weitere Entfernung es ihnen zu thun geſtattet hätte. Hier ſah ſie Mathien de Montmorench bei ſich, hier kam ihre ſchöne Freundin, Madame Récamier, zu ihr, hier überließ ſie ſich wieder dem ganzen Zauber des Pariſer Geſellſchaftslebens. Auguſt Wilhelm Schlegel erblickte ſie jetzt zum erſten Male ganz in ihrem Elemente.— Alle Erinnerungen ihrer glücklichen Tage wachten wieder in ihr auf, alle Träume ihrer Kindheit erſtanden vor ihr. Das Glück, deſſen Ahnung ſie in ſich trug, trat mit neuem Hoffnungsglanze vor ihre Seele, der Ruhm, nach dem ſie einſt ſo lebhaft gedürſtet, erfüllte wieder mit ganzer Sehnſucht ihre Bruſt. Wie, wenn das Erſcheinen ihrer Corinna ihre ſtolzeſten Träume verwirklichen ſollte? Täglich, ja ſtündlich konnte ſie jetzt Nachricht von ihren Freunden aus Paris erhalten, zu jeder Minute war es ihr geſtattet, mit ihren Bekannten zu verkehren, auf dem Balcon ihres Landhauſes ſitzend, blickte ſie die Straße entlang und erſpähte, wer ſie mit ſeinem Beſuche über⸗ —— S V S er S 8 3 — —— 215 raſche. Mit einem Gefühle der Wonne nahm ſie dieſe Veränderung ihrer Lage hin und baute auf das errun⸗ gene Gute die Hoffnung noch größerer Vergünſtigungen. War ſie Paris ſchon ſo nahe gerückt, ſo würde ſich endlich auch kein Hinderniß mehr bieten, dort ganz wieder heimiſch zu werden. „Ah! Conſtant!“ ſagte ſie eines Tages, als ſolche Gedanken lebhaft vor ihre Seele traten,„die Zukunft wird mich endlich doch noch für ſo vieles Leid, für ſo manche Entbehrungen entſchädigen! Ich denke mir es ſo ſchön, mit meiner Corinna zugleich in mein liebes Paris einzuziehen, und den Eindruck meines Buches auf das Publikum mit eignen Augen zu ſehen.“ „Es giebt dort kein Capitol!“ ſagte er ſpöttiſch; „man krönt dort keine Dichterinnen, nur Helden gewinnen den Lorbeer.“ „Der Beifall meiner Freunde wird mich krönen; ich werde mein Lob in ihren Mienen leſen, und glücklich ſein; ſie werden mich meines Talentes wegen lieben, und ihre wachſende Zuneigung wird mir die ſchönſte Lorbeerkrone reichen.“ „Daran zweifle ich,“ erwiederte er. „Warum das?“ fragte ſie verwundert. „Weil Corinna, trotz ihrer Triumphe, am gebroche⸗ nen Herzen ſtarb,“ erwiederte er hart. 216 „Das ſagen Sie mir, Benjamin!“ rief Frau von Stasl leidenſchaftlich.„Das machen Sie mir zum Vor⸗ wurfe?— Fühlen Sie denn nicht die Unwürdigkeit ſolcher Sprache, einer Frau gegenüber, die Ihnen hätte ihr ganzes Glück verdanken mögen, und weil ſie es nicht konnte, ſich Troſt ſuchte, wo ſie ihn zu finden vermochte! Sie ſind grauſam!“ „Sie kennen ſich ſelbſt nicht, Germaine!“ erwiederte Conſtant mit ungewöhnlichem Ernſte.„Sie ſuchen die Urſache Ihres unſtäten Sinnes, Ihres nach Glück lech⸗ zenden Herzens, in dem Mangel eines beſtimmten, un⸗ auflöslichen Bandes, das ſie aus Neigung an einen Mann knüpfe; und Sie irren. Die Ehe iſt ein Zuſtand der Ruhe, und die Ruhe haſſen Sie. Die Ehe führt alle Empfindungen in ein gewiſſes Maß zurück, und Sie lieben nur das Ueberſchwengliche; die Ehe fordert eine gegenſeitige Berückſichtigung, während Sie den Mann Ihrer Wahl zu Ihren Füßen ſehen und ihn beherrſchen wollen. Dieſes Joch fürchtet ein Jeder. Sie haben mich, den jüngeren Gefährten, auf die Bahn des Ruhmes geführt, Germaine, ich habe Ihren Geiſt bewundert, ich bin durch Ihre Unterhaltung bezaubert worden, und ſo oft ich es auch verſucht habe, mich von Ihnen zu entfernen, ſo hat es mich immer wieder zu Ihnen zurückgezogen, und immer auf's Neue habe ich Sie ſuchen müſſen, die ich on er te! 217 fliehen wollte. In dieſem Kampfe ſind meine ſchönſten Jahre entſchwunden, daß ich Sie Ihnen opferte,— wollen Sie es mir zum Vorwurfe anrechnen?— Glauben Sie es mir, es war beſſer für uns Beide, daß keine un⸗ auflösliche Feſſel uns band, das wir einander frei gegen⸗ über ſtanden. An einander gekettet, wäre aus dem Muß unſeres Zuſammenlebens vielleicht der Haß emporge⸗ wachſen, während jetzt, wenn die Jahre der Leidenſchaft geſchwunden ſind, ein ſchönes Freundſchaftsverhältniß für den Abend unſeres Lebens bleibt.“ „Bleibt, Conſtant? Wer aber ſagt mir, daß Sie mir bleiben?“ rief Frau von Stasl leidenſchaftlich aus. „Iſt nicht Alles im Leben dem Wechſel unterworfen?— Wer ſteht mir dafür, daß auch Sie nicht neue Beziehungen finden, daß auch Sie ſich nicht von mir entfernen und was dann?— Durch die Gewohnheit ſo vieler Jahre an Sie gekettet, bleibe ich dann einſam zurück, mit dem troſtloſen Gefühle des Verlaſſenſeins!— Dieſen Zuſtand habe ich ſtets, wie den größten Fluch, gefürchtet, und ihn im Voraus durchgekoſtet, indem ich ihn in meiner Corinna geſchildert. Für eine Frau giebt es kein Glück als in der Ehe. Sie muß eines Freundes gewiß ſein, ſie muß eine Beziehung im Leben kennen, die keinem Wechſel unter⸗ worfen iſt, ſie muß auf dieſer kleinen Erde, wo alles 1859. III. Frau von Stasl. III. 14 218 wechſelt, irgendwo ihren Anker werfen! Wer ſteht mir jetzt dafür, daß Sie mich nicht verlaſſen, Conſtant?“ „Ich ſelbſt,“ erwiederte er mit ungewiſſem Tone,— „Ich ſelbſt, Germaine.“ Sie maß ihn einen Augenblick nachdenklich mit ihrem großen, klugen Auge. „Sie ſelbſt?“ wiederholte ſie dann gedehnt.—„Wenn Sie für ſich ſelbſt verantwortlich ſein können!— Ich habe Ihretwegen den Tadel der Welt hingenommen, Ben⸗ jamin, ich habe das Glück, Sie um mich zu haben, mit man⸗ cher Thräne erkauft, um die meine Kinder vielleicht einſt noch mit mir rechten werden— ich habe meinem herrlichen Vater manche trübe Stunde durch meine Beharrlichkeit verurſacht, und— werde vielleicht noch die bittere Er⸗ fahrung machen müſſen, daß ich auf Sand gebauet.— Eine Ahnung ſagt mir, es ſeien mir noch bittere Stunden durch Sie aufbehalten.“ „Warum dies Mißtrauen?“ rief Conſtant verlegen. „Worauf begründet es ſich?“ „Auf Ihren Charakter, Benjamin, Sie bedürfen, um feſt zu ſtehen, eines Anhaltepunktes, einer Stütze. Sie ſind ein Kind des Augenblickes, jeder neue Eindruck reißt Sie hin, Sie können für ſich ſelbſt nicht verantwortlich ſein; ſeit unſerer Rückkehr aus Italien finde ich Sie über⸗ dem unendlich verändert! Was fehlt Ihnen?“ tzt un Ich en⸗ an⸗ inſt hen keit den en. um Sie eißt lich per⸗ 219 „Aufrichtig geſagt, Germaine, Sie haben mich durch den Charakter des Nelvil beleidigt. Ich verdiene eine ſolche Schilderung nicht.“ „Warum ſich in einem ſolchen Bilde erkennen, wenn es Sie nicht trifft?“ fragte ſie lächelnd.„Sie ähneln ihm nur, wenn Sie ihm gleichen wollen.“ Er wußte darauf keine Antwort zu finden, und ſuchte nach einer Ausflucht, welche er endlich darin fand, ihr vor⸗ zuwerfen, daß ſie Auguſt Wilhelm Schlegel ihm vorziehe. Sie lachte laut.„Dann haben Sie ſich wenigſtens einen Nebenbuhler ausgeſucht, der die Künſte zu Hülfe ruft um mir zu gefallen,“ erwiederte ſie, auf Schlegel's gemachte Toilette anſpielend, die ihm geckenhaft ſtand und Frau von Staöl zu mancherlei Scherzen Veranlaſſung gab. Ein Be⸗ ſuch unterbrach ſie bei dieſem Theile ihrer Unterhaltung und ließ ſie ſobald nicht wieder darauf zurückkommen. Der jugendliche Oehlenſchläger ließ ſich melden, und mit Ver⸗ wunderung erblickte Frau von Stasl einen Dichter aus dem fernen Norden vor ſich, mit dem ihre Bekanntſchaft mit der Dichterin Friederike Brun aus Kopenhagen, ſie zum erſten Male bekannt gemacht. Auf das Herzlichſte hieß ſie ihn willkommen und for⸗ derte ihn auf, ſie auf ſeiner Reiſe durch die Schweiz in Coppet aufzuſuchen und einige Zeit bei ihr zuzubringen. „Sie müſſen auch Schlegel kennen lernen,“ ſagte ſie, 14* 220 mit einem lächelnden Blick auf Conſtant, welcher deſſen Eiferſucht zum Gegenſtande hatte.„Herr von Rebecque wird vielleicht ſo gütig ſein, ihn zu rufen.“ Schlegel erſchien und wurde von Frau von Staöl auf eine Weiſe vorgeſtellt, welche ihr Bemühen verrieth, ihn hervor zu heben, denn ſeine Eitelkeit hätte es nicht ertragen, als der Lehrer ihrer Kinder in ihrem Kreiſe aufgenommen zu werden, das fühlte ſie, und ließ es ſich darum angelegen ſein, jedem Gaſte ſogleich ſeine Verdienſte um die Literatur und ſein Talent als Schriftſteller zu nennen, bevor ihm die Verpflichtungen bekannt wurden, welche er ihr und ihren Kindern gegenüber zu erfüllen verſprochen.— Ihre Großmuth, ſowie ihr gutes Herz, ließen es nicht zu, daß die kleinliche Anſicht der Welt an Schlegel rächen ſollte, was er ihr und ihrem Hauſe Gutes und Nützliches erwies. Corinna ging nun aus der Preſſe hervor, und wurde ausgegeben. Mit athemloſer Ungeduld erwartete Frau von Staöl den Eindruck dieſes Buches auf das Publikum, und die Früchte, welches es ihr dem Kaiſer gegenüber reifen würde.— Sie ahnte nicht, wie trügeriſch ihre Hoffnungen ſich erweiſen ſollten! Höchſt peinlich wurde ſie daher überraſcht, als die Nachricht einlief, ein neues Exil bedrohe ſie, und als der Jahrestag, welcher ihr ihren unvergeßlichen Vater geraubt hatte, den erneuerten Befehl brachte, von Heimath und uf hn en, ten en tur hm ind hre daß lte, rde rau ber hre die der ubt und 221 Freunden noch einmal ſcheiden zu ſollen. Sie konnte es lange nicht glauben, daß dieſe Botſchaft Wahrheit ſei. Wie eine Verzweifelnde nahm ſie dieſen neuen Schlag des Schickſals hin. Händeringend wanderte ſie in ihren Gemächern auf und ab, und fand vor Schluchzen keine Worte, um ihren Schmerz auszudrücken. Wenn ſie nicht in Paris ſein durfte, wenn ſie ſich dort nicht des Beifalls ihrer Freunde und Zeitgenoſſen erfreuen ſollte, ſo hatte das Leben keinen Reiz mehr für ſie, ſo fühlte ſie ſich geiſtig ertödtet. Man beging an ihr eine Ungerechtigkeit, und ſie hatte keine Waffe zu ihrer Vertheidigung. Eine Frau fühlt in ſolchen Fällen auf das Schmerzlichſte ihre Abhängigkeit. Grade ihrer Schwäche halber erwartet ſie es, ſich von den Männern beſchützt zu ſehen, und es kränkt ſie in ihrem tiefſten Innern, wenn dieſe die ihnen verliehene Macht mißbrauchen. Napoleon war jetzt ſo groß, die Welt lag ihm zu Füßen, wie konnte es ſeinen Ruhm beeinträchtigen, wenn Paris ſich eine kleine Weile mit einer Frau beſchäftigte, weil ſie ein gutes Buch geſchrieben hatte? Doch, Vernunft und Recht müſſen ſchweigen, wo die Macht gebietet. Ihre Klagen rührten den nicht, der dies Schickſal über ſie verhängt hatte; ihre Thränen ließen ihn kalt. Sie ſah ſich genöthigt Frankreich zu verlaſſen und 222 wiederum in Coppet ihren Aufenthalt zu nehmen. Mit ſchwerem Herzen, mit Klagen und Thränen, fügte ſie ſich dieſer Nothwendigkeit. Wie oft war ſie jetzt ſchon hierher zurückgekehrt und jedes Mal mit wie verſchiedenen Empfindungen! Schlegel und Conſtant begleiteten ſie, der letztere mit niedergeſchlagener Miene; denn er ſchied ungern von Frankreich, das auch er als Heimath betrachtete, das auch ihm in vielem Bezug eine Lebensnothwendigkeit war. „Ich möchte noch wieder zurückkehren,“ ſagte Frau von Stasl, als ſie die Grenze des franzöſiſchen Gebietes erreichten, und warf einen ſehnſüchtigen Blick auf das Land zurück, von dem ſie jetzt ſcheiden ſollte, das ſie auf lange, wer konnte wiſſen, ob nicht auf immer, hinter ſich ließ.„II V a comme une jouissance physique dans la resistance à un pouvoir injuste,“ fügte ſie hinzu. Aber wie hier widerſtehen? „Frankreich trauert, indem ſeine Muſe ihm den Rücken wendet,“ ſagte Schlegel mit jenem emphatiſchen Tone, den er ſich als öffentlicher Redner angewöhnt hatte.„Es iſt die höchſte Schmeichelei, daß ein Napoleon durch Sie ſo ſehr verdunkelt wird, um Sie aus ſeiner Nähe entfernt zu wünſchen.“ „Ich werde jetzt nicht mehr ſingen,“ ſagte Frau von it d tit on ich au tes as uf la ber den 223 Staöl traurig.„Das Lied der Nachtigall ſchweigt, wenn ſie eine Gefangene wird. Ich bin es durch mein Exil.“ „Und Andere ſind es mit,“ ſagte Conſtant gereizt. „Hätten Sie Napoleon gelobt, ſtatt ihn zu tadeln, ſo ſäßen wir jetzt vergnügt in Paris.“ „Und ich hätte meine Geſinnung meinem Vortheile gevpfert und meine Selbſtachtung eingebüßt. Wünſchen Sie, daß ich ſo handelte?“ „Von den Frauen verlangt man nur, daß ſie liebens⸗ würdig ſind und uns Männern gefallen wollen,“ erwie⸗ derte Conſtant leicht hin.„Die ernſteren Geſchäfte des Lebens werden wir ſchon allein beſorgen.“ Frau von Staöl richtete ihr Ange auf Conſtant, ſein Blick begegnete dem ihrigen und er ſah zu Boden. Sie betrachtete ihn noch eine Minute, während er beſchämt ihr gegenüber ſaß; dann wandte ſie ſich, ohne ein Wort mehr zu ſprechen, von ihm ab, und fing mit Schlegel ein anderes Geſpräch an. 224 hierzehntes Capitel. Prinz Auguſt in Coppet. Der Friede war geſchloſſen. Europa ſeufzte auf und blickte mit erneuter Hoffnung auf deſſen Segnungen. Die Krieger eilten heim, ſich im Schvoße ihrer Familien von dem erlittenen Ungemach auszuruhen und die Geſellſchaft bildete ſich zu nenen Vereinen. Prinz Auguſt von Preußen benutzte dieſe Zeit zu einem Umweg über Coppet, um Frau von Staöl, die er in Berlin kennen und ſchätzen gelernt hatte, in ihrer eigenen Häuslichkeit zu begrüßen. Ganz unerwartet traf er bei ihr ein. Seit ihrer Rückkehr nach der Schweiz war Frau von Stasl eifrig mit einem großen Werke über Deutſchland be⸗ ſchäftigt geweſen, das bedeutende Vorſtudien erforderte. Ihr erſtes Capitel war geſchrieben und ſie ſtand im Be⸗ griff es Schlegel und Conſtant zur Prüfung vorzuleſen, als der Prinz ſich melden ließ; mit einem vergnügten Ah! der Ueberraſchung ſtand ſie auf, um dem hohen Gaſte entgegen zu eilen. Nicht förmlich, ſondern mit ganzer Herzlichkeit empfing ſie ihn. Prinz Auguſt ſtand damals noch im ſchönſten Mannesalter, ſeine Uniform kleidete ihn vortreff⸗ lich und es lag überhaupt etwas Ritterliches, Cavalier⸗ — 225 mäßiges in ſeinem Weſen, das einen angenehmen Eindruck verurſachte, wogegen Frau von Stasl nicht unempfindlich war. Sie ſprach mit ihm von Berlin, von ihrem dortigen Aufenthalt und den vielen gemeinſamen Bekannten, denen ſie, bei der Eile ihrer Abreiſe, kaum ein freundliches Ab⸗ ſchiedswort zu ſagen vermocht hatte, und die doch alle warm in ihrer Erinnnerung lebten. Sie hatten nicht lange beiſammen geſeſſen und von der Vergangenheit und Gegenwart, von Berlin und Paris geplaudert, als die Thüre ſich öffnete und eine reizende Frauengeſtalt herein ſchwebte. Furchtſam und erröthend blieb ſie ſtehen, als ſie den fremden Gaſt erblickte; ſchon wollte ſie mit ſchüchterner Verſchämtheit ſich der Thüre wieder zuwenden, als Frau von Stasl, mit einem heimlich triumphirenden Blick auf den Prinzen, ſie zurück hielt und ſie an die Hand nehmend, den Gaſt um die Erlaubniß bat, ihm ihre Freundin, Madame Récamier, vorſtellen zu dürfen. Dieſer Name war dem Ohre des Prinzen nicht fremd; denn die ſeltene Schönheit ſeiner Trägerin hatte ihn bereits durch ganz Europa bekannt gemacht. Um ſo mehr fand er ſich von ihrer Erſcheinung überraſcht, die ſo gar nicht dem Bilde glich, das er ſich von ihr entworfen. Dieſe mädchenhafte Schüchternheit bei einer Frau, welche an die Triumphe ihrer Reize gewöhnt war, über⸗ 226 raſchte ihn. Dieſe Furchtſamkeit, wo Alles ſie zum Selbſt⸗ bewußtſein aufrief, konnte er ſich nicht erklären. Wie bezaubert blieb er vor ihr ſtehen.— Ihm war zu Muthe, als ob er vor dieſem lieblichen Weſen hätte hin⸗ knieen und es anbeten mögen. Mühſam faßte er ſich und verbarg, was in ihm vorging. „Das Glück will mir wohl,“ ſagte er endlich.„Nach den Mühſalen des Krieges wollen mir Geiſt und Schön⸗ heit, in ihrer edelſten Form, Erſatz bieten. Wie ſoll man dieſer Vereinigung widerſtehen?“ „Bleiben Sie bei uns, Sire,“ rief Frau von Stasl. „Ergeben Sie ſich unſerer Pflege und verſuchen Sie, ob ſie Ihnen Erholung biete.“ „Gewiß die ſchönſte,— aber— auch die gefähr⸗ lichſte,“ erwiederte der Prinz, mit einem bedeutſamen Blick auf Madame Récamier, die ihn mit lieblicher Unbefangen⸗ heit anblickte. Er blieb, nicht Tage nicht Wochen, ſondern Monde, und glaubte ſich niemals von hier losreißen zu können. Es war nicht das geſellige Leben in Coppet, nicht die be⸗ zaubernde Unterhaltung ſeiner Wirthin, was ihn hier feſt⸗ hielt, ſondern die Schönheit ihrer Freundin. Mehr und mehr fühlte er ſich von dieſer gefeſſelt, bis er bereit war, ihrem Beſitze Alles zu opfern.— Aber auch mit dieſem Allen konnte er den gewünſchten Sieg nicht erreichen. Ma⸗ 227 dame Récamier war viel zu fromm, um in eine Scheidung von ihrem Gatten zu willigen und viel zu tugendhaft, um ohne Geſetz und Kirche dem Prinzen angehören zu wollen. Sie nahm ſeine Huldigungen hin, ohne dabei von ihrer Würde oder Lieblichkeit einzubüßen; ſie ſah ihn zu ihren Füßen und hob ihn mit der Anmuth eines Engels empor, ohne daß ihre Miene Kampf oder Schmerz verrieth, und ohne daß ihre Eitelkeit den hochgeſtellten Freier zu feſſeln wünſchte. Sie freute ſich, daß er ſie liebte, und lohnte ihm mit einer gewiſſen demüthigen Dankbarkeit da⸗ für, daß er ſie ſo liebenswürdig fand.— Frau von Staöl freute ſich, ihre Juliette ſo bewundert zu ſehen, und liebte doppelt den, der ihre Freundin verehrte.— Man hat es oft bezweifelt, ob Frauen einer aufrich⸗ tigen Freundſchaft fähig ſind. Frau von Stasl lieferte den Beweis, daß eine ſolche Empfindung in dem weiblichen Herzen einen Raum findet.— Sie bedauerte ſtets lebhaft, nicht ſchön zu ſein; denn ſie wußte wohl, wie leicht das Aeußere beſticht, wie leicht es Liebe erwirbt, und nicht aus Eitelkeit, ſondern um geliebt zu werden, begehrte ſie dieſen Vorzug.— Dennoch beneidete ſie ihn nie; ja ſie duldete die ſchönſte Frau der Erde neben ſich, zog ſie faſt mit Ge⸗ walt in ihren Kreis, hob ihre Vorzüge immer noch mehr an das Licht, und freute ſich aufrichtig, wenn ſie Beifall fand. Ihr edles, großes Herz war aller kleinlichen Ge⸗ 228 fii⸗ unfhig;;die Mißgunſt blieb ihr ſo fremd wie der Ha Monate verweilte Prinz Auguſt in Coppet, un⸗ ermüdlich in ſeiner Bewerbung um die ſchöne Frau; doch immer mit gleich geringem Erfolge. Frau von Genlis hat dieſe Epiſode zu einem Roman benutzt, Mademoiſelle de Clermont genannt,? den ſie nach Coppet verlegt, in das Bereich einer Nebenbuhlerin, die ihr Neid bis an das Ende ihres Lebens verfolgte. Madame Récamier ſchied endlich aus dieſem Kreiſe und ſowie ſie ſich entfernt hatte, nahm auch der Prinz Ab⸗ ſchied, um in dem Geräuſche der Welt ſeine Liebe zu ver⸗ geſen. Frau von Stasl ſelbſt begab ſich hierauf nach Wien, um ihre Studien zu ihrem Werke über Deutſchland zu vollenden, und widmete die Wintermonate dieſer Aufgabe. Benjamin Conſtant ging mit ihrem älteſten Sohne Auguſt nach Paris, wo er ſeine Ueberſetzung des Wallenſtein vorlas.“ Man hat ihr vorgeworfen, daß ſie die deutſche Lite⸗ ratur nur oberflächlich gekannt habe; doch war dem nicht ſo. Erwies Schlegel ſich gleich als ein nützlicher Rath⸗ * Chateaubriand, Mémoires. * Memvoiren von Morellet. ſe b⸗ zu e. 229 geber bei ihrer Arbeit und ſtimmte ſie auch manchen ſeiner Anſichten bei, ſo blieb ihr Urtheil im Ganzen doch ein ſelbſtſtändiges. Sie las jeden Morgen regelmäßig einen Band durch und kannte ſeinen Inhalt dann vollkommen, wie ſich auch aus ihren Geſprächen darüber erwies, die allerdings dann ihre Anſichten darüber noch läuterten und vervollſtändigten. Dieſe ernſte Beſchäftigung und ein angenehm geſelli⸗ ges Leben, wirkten wohlthätig auf ſie und trugen zu ihrer innern Beruhigung bei. Sie hatte den Winter ohne be⸗ deutende Stürme zugebracht, ſie war in Wien auf das Artigſte aufgenommen worden, ſie hatte neue angenehme Be⸗ ziehungen gefunden und heiter kehrte ſie jetzt nach Coppet zu⸗ rück, wo ihre Freunde aus Paris ſie bald darauf aufſuchten. Mit Madame Récamier hatte ſie während der Zeit einen lebhaften Briefwechſel unterhalten, deſſen Inhalt von ihrer Seite ſo warm, ſo herzlich, ſo der unmittelbaren Em⸗ pfindung entſprang, das er ein ſchöneres Document für ſie liefert, als alle ihre Werke zuſammen. Zetzt waren die Freundinnen wieder beiſammen und genoſſen gemeinſam die ſchönen Sommertage, wobei noch oft von ihnen des Prinzen Auguſt und ſeiner Liebe gedacht wurde. Zum Herbſte fanden ſich Hausfreunde ein, welche die trüben Monate mit ihnen verlebten. Baron Voigt aus Altona befand ſich unter dieſen und verkürzte ihr die Win⸗ 230 tertage durch die Lectüre ernſter Bücher, zu denen auch Nathan der Weiſe gehörte. Oehlenſchläger fand ſich jetzt ebenfalls wieder ein. Auf ſeiner Rundreiſe war er endlich in Coppet angelangt, und ſogleich von Frau von Staöl veranlaßt worden, mit allem Gepäck zu ihr auf das Schloß zu ziehen. Freundlich und lachend trat ſie ihm hier entgegen und lud ihn ein, einige Wochen bei ihr zuzubringen.“ Scherzend bemerkte ſie, wie viel beſſer er jetzt franzöſiſch ſpreche, als bei ſeinem erſten Beſuche in Auberge en ville und ſie wiederholte ihm dabei einige ſeiner damaligen Aeußerungen, die ihm ſelbſt jetzt ſehr poſſierlich klangen und ihn zwangen, auf ſeine Koſten mit zu lachen. Hehlenſchläger fand jedoch bald, daß er ſich ihr gegen⸗ über der deutſchen Sprache bedienen konnte, die ſie vollkom⸗ men gut verſtand; aber nicht gern ſprach. Ihr Sohn Auguſt drückte ſich dagegen völlig geläufig darin aus und ihre jetzt halberwachſene Tochter Albertine ebenfalls. Der junge Däne fand ſich bald ganz heimiſch in Cop⸗ pet. Die Geſellſchaft ließ ihm keinen Wunſch übrig und die behagliche Eleganz des Lebens gefiel ihm ungemein. Der berühmte Hiſtoriker Sismonde de Sismondi und der Graf de Sabran trafen jetzt auch noch ein; ſo wurde denn * Ochlenſchläger's Briefe. tzt ich l oß en ſch lle en ind m ein. der enn 231 der häusliche Kreis immer belebter, je mehr man ſich auf das Zimmer zu beſchränken Urſache fand. Oehlenſchläger verhielt ſich dabei meiſtens ſchweigſam. G'est un arbre, sur lequel il eroit des tragédies, ſagte Sismondi eines Tages über ihn zu Frau von Stasl, eine Aeußerung, welche dem jungen Poeten ſehr wohl gefiel. Schlegel behandelte ihn kalt, vielleicht weil ſein Talent ihm noch nicht der Beach⸗ tung werth ſchien. Er ritt alle Tage, um ſich eine Motion zu machen, eine Stunde auf einem zahmen Pferde ſpazieren. Einſt wollte man ihm ein unbändiges geben; er weigerte ſich, es zu reiten. Frau von Stasl neckte ihn. Benjamin Con⸗ ſtant erbot ſich darauf, das Roß zu reiten, nur um Schle⸗ gel zu beweiſen, daß keine Gefahr dabei ſei. Es war eine Demüthigung, die er ihm gönnte. Die ganze Geſellſchaft ging in den Thorweg hinunter, um Zeuge dieſes Vorganges zu ſein, bei dem Jeder Partei nahm. Conſtant beſtieg das Pferd und galoppirte von dan⸗ nen. Aller Augen folgten ihm dabei; kaum aber war er eine Strecke Weges geritten, ſo wurde er in einen naſſen Graben geworfen und das Pferd lief davon und kehrte in ſeinen Stall zurück. Höchſt beſchämt fand er ſich bei der Geſellſchaft wie⸗ * Es iſt ein Baum, auf dem Tragödien wachſen. 232 der ein, um von Schlegel mit tiefem Mitleid, das ihm wie bitterer Hohn klang, empfangen zu werden.— Unmuthig ging er auf ſein Zimmer.— Die Zurückbleibenden folgten ihm mit Lachen und Scherz.— Der junge Oehlenſchläger war hingeriſſen von dem Geiſt, Witz und der Liebenswürdigkeit ſeiner Wirthin. Er hatte nie eine ähnliche Frau geſehen und bewunderte, mit der Empfünglichkeit ſeines Alters, ihr ſeltenes Genie. Sie freute ſich ſeiner Hingabe, wie man ſich an einer Blume erfreut; denn die Begeiſterung für menſchliche Vollkom⸗ menheit iſt die ſchönſte Blüthe eines reinen Gemüthes. Der ſchweigſame, ernſte Nordländer horchte aufmerk⸗ ſam, ſobald ſie ſprach, und ſtaunte immer aufs Neue über das Treffende und Pikante ihrer Aeußerungen, wodurch ſie zu einer ſo angenehmen Geſellſchafterin wurde. Wo ſie ſich zeigte, mußte Jugend und Schönheit vor ihr zurück ſtehen, ſo völlig umſtrickte ihre geiſtvolle Unterhaltung alle Männer. Sie war reich, ſie war gaſtfrei, und thronte, nach ſeiner Meinung, wie eine Königin, wie eine Art Fee in ihrem Zauberſchloſſe, wohin die Männer ihr nachzogen, um von ihr beherrſcht zu werden.“ Ihr Zepter war der kleine Blätterzweig, welchen der Bediente jeden Tag neben ihr *Dehlenſchläger's Briefe. ig en Er it ie me rk⸗ ber ſie ſie lle in um ine ihr 233 Couvert legte, weil er ihr zum Spiel ihrer Hände eben ſo nothwendig war, wie Meſſer und Gabel zum Genießen der Speiſen. Im Spätherbſte traf auch Zacharias Werner eines Tages unerwartet ein, mit einer großen Schnupftabaksdoſe in der engen Weſtentaſche, mit vielem Schnupftabak in den Naſenlöchern und mit tiefen Verbeugungen. Oehlen⸗ ſchläger freute ſich, daß er nicht beſſer franzöſiſch ſprach, wie er ſelbſt und lachte über ſeine Mißverſtändniſſe. Dabei bewunderte er ſeine Schriften, wenn gleich nicht mit jenem Enthuſiasmus, den Frau von Staöl dafür hegte, und ſo ſchloſſen ſich beide vertraulich einander an und machten täglich weite Promenaden nach allen Richtungen hin. Eines Tages trat Frau von Stasl in das Zimmer, als Beide eben ſehr lebhaft ſprachen. Sie fragte wovon die Rede ſei.„Ich ſchelte auf Werner,“ ſagte Oehlen⸗ ſchläger.„Ich habe ihm meinen Plan zu meiner Tragödie mitgetheilt und jetzt will er mir den ſeinigen vorenthal⸗ ten. Iſt das nicht arg? Iſt das redlich zu nennen?“ „Ah,“ antwortete ſie ganz ernſthaft und zurechtwei⸗ ſend—„c'est une autre chose, vous étes encore jeune; vous avez besoin de vous former.“ Ohne ihr zu antworten kehrte Oehlenſchläger ihr ſchnell den Rücken und verließ das Zimmer. Vergeblich erwartete ſie ſeine Rückkehr. Als ſie endlich einen Diener 1859. III. Frau von Stasl. III. 15 234 nach ihm ſandte, hörte ſie, daß er einpacke, um abzureiſen. — Ihre Worte hatten ihn beleidigt. Jetzt begab ſie ſich ſelbſt zu ihm in ſein Zimmer und ſuchte ihn durch Verſicherungen ihrer Achtung und Freund⸗ ſchaft zu beſchwichtigen.— Seine Eitelkeit war gekränkt. Sie hatte noch nichts von ihm geleſen und er ließ ſich end⸗ lich überreden zu bleiben, bis ſein Aladdin und Hakon Jarl angekommen ſeien, und ihr ſeine Begabung als Dichter vor das Auge geführt hätten.— Er hatte Beide verſchrie⸗ ben, und als das Packet wenige Tage darauf eintraf, wurde er durch das ihm warm ertheilte Lob ganz wieder verſöhnt, und dachte nicht weiter an ſeine Abreiſe. Er wollte den Winter in Italien zubringen; Frau von Stal ſtellte ihm vor, daß es beſſer ſei, bei ihr zu blei⸗ ben und Italieniſch zu lernen und dann im Frühling, wenn er der Sprache mächtig ſei, über die Alpen zu ſteigen. Was man gern thut, davon läßt man ſich leicht überzeugen. So blieb er denn willig bei ihr und zog mit ihr und all ihren Gäſten nach Genf, wo er Unterricht im Tanzen nahm,“ um mit den ſchönen Genferinnen zu walzen, was er nicht verſtand. Diners und Soupers folgten hier einander, theatra⸗ liſche Vorſtellungen fanden ſtatt, Frau von Stasl decla⸗ * Oehlenſchläger's Briefe. 5 — M — V 235 mirte und las vor, und wieder einmal ſtaunten die pedan⸗ tiſchen Frauen der Republik den glänzenden Kometen an, deſſen Lauf ſie nicht zu faſſen vermochten und darum ſeinen Vorübergang mit Kopfſchütteln begleiteten. Benjamin Conſtant hatte ſeine Ueberſetzung des Wallenſtein jetzt endlich völlig zu Stande gebracht. Er hatte dieſe Tragödie nach dem Muſter Racine's bearbeitet und war nun ungeduldig, ſeine Production beurtheilt zu ſehen, denn es wurmte ihn, neben Schlegel in den Schat⸗ ten zu treten, ſeine Eitelkeit duldete es nicht, unbeachtet zu bleiben und da er kein productives Talent beſaß, ſo mußte er ſich in ſeiner Verbannung damit tröſten, der Bearbeiter eines Schiller'ſchen Dramas zu werden. Es wurde daher ein Abend feſtgeſetzt, an welchem er ſie den verſammelten Freunden vorleſen durfte. Das Lob, welches ihm zu Theil ward, ſchien ihm viel zu kühl. Er vergaß, daß es kein eigenes Product ſei, welches man richten ſollte, und daß man in der andern Sprache immer wieder den Meiſter ſelbſt zu beurtheilen hatte. Die Anerkennung, welche ihm zu Theil ward, ge⸗ nügte ihm daher nicht, und mißvergnügt blickte er die Ge⸗ ſellſchaft an. Es iſt eine ſchlimme Stellung für einen Mann, neben einer berühmten Frau eine untergeordnete Rolle zu ſpielen. Conſtant hatte bei ſeinem erſten Auftreten in Paris zu viel 15* 236 Aufſehen erregt, war dann als Redner zu ſehr bewundert worden, um jetzt befriedigt zu ſein, wenn ihm auf dem Felde der Literatur, das ſein Fach nicht war, ein Körnchen Weihrauch zufiel. Je länger man jetzt über das Drama ſprach, je mehr wurde es ihm verſtändlich, daß er es eigent⸗ lich nicht geſchrieben hatte, und ſeine Enttäuſchung wuchs. Schon lange hatte er ſich innerlich verſtimmt gefühlt, und nur mit Mühe ſeinen Mißmuth verborgen gehalten. Dieſe Vorleſung aber brachte ihn plötzlich zu einein Ent— ſchluſſe. Frau von Stasl hatte keine Ahnung von dem, was in ihm vorging. Sie war beſchäftigt mit der Probe zu einer muſikaliſchen Aufführung, und bemerkte ſeine Ent⸗ fernung nicht gleich. Die herrliche Muſik von Schulz, zu den Geſängen der Racine'ſchen Athalie, ſollte zum Abſchiede noch einmal das Ohr Oehlenſchläger's erfreuen, den dieſe Herzenstöne des Nordens, wie er es nannte, ſo unendlich tief bewegten! Es entging ihr daher, daß Conſtant nicht gegenwärtig war, und als er auch während des Abends nicht wieder erſchien, hielt ſie ſeine Abweſenheit für eine Laune, die ihn oftmals überfiel. Ganz mit Oehlenſchläger beſchäftigt, dachte ſie nicht einmal varan, nach ihm zu ſenden. Als die Gäſte alle ge⸗ ſchieden waren, wünſchte der nordiſche Dichter noch von as zu t⸗ zu de ſe ich cht ds ne cht on 237 den Freunden des Hauſes ein Stammblatt zu beſitzen, und ſo ſchrieb ſie ihm denn in ſein Album: Nintroduis pour la premiére fois le frangais dans ce livre; mais bien que Göthe l'ait appelé une langue perfide, jrespère, mon cher Oehlenschläger, que vous croirez à mon amitié pour vous et à ma vive estime pour l'auteur d'Axel et Valborg.* Herzlich ſchieden ſie dann von einander, um ſich nach vielen Jahren nur durch Zufall und ganz flüchtig noch einmal wieder zu ſehen. So führt uns das wechſelvolle Leben zuſammen, ſo trennt es, was eben erſt ſich gefunden, und fort und fort ſtehen wir zwiſchen Erinnerung und Hoffnung getheilt. Als auch am nächſten Tage Benjamin Conſtant un⸗ ſichtbar blieb, ließ Frau von Stasl fragen, was ihn in ſeinem Zimmer feſt halte, und erfuhr als Antwort: daß er nirgends aufzufinden ſei und daß er ſein Bett dieſe Nacht ganz unberührt gelaſſen habe. Verwundert hörte ſie dieſen Bericht. Sie ſann nach, was vorgefallen, ſie wiederholte ſich, wovon in den letzten * Zum erſten Male erſcheint durch mich die franzöſiſche Sprache in dieſem Buche; aber, obgleich Göthe es eine treuloſe Sprache genannt hat, ſo hoffe ich doch, mein lieber Oehlenſchläger, daß Sie an meine Freundſchaft für Sie glauben, ſowie an meine Achtung für den Ver⸗ faſſer des Axel und Walborg. 238 Tagen die Rede geweſen ſei; aber nirgends wollte ſich ein Aufſchluß finden. Sie konnte durchaus nicht verſtehen, warum er ſich entfernt habe, noch wohin er gegangen ſei. Boten wurden überall nach ihm ausgeſandt, doch ohne Erfolg.— Sie ſchrieb an Frau von Récamier, an Herrn von Montmorench, ob er zu ihnen gegangen ſei, ſie ließ in Paris Nachforſchungen anſtellen; doch Niemand wußte ihr etwas über ihn mitzutheilen. Er blieb wie verſchwunden. Indeſſen zog ſie wieder in Coppet ein und hoffte hier eines Tages von ihm überraſcht zu werden; doch vergeb⸗ liches Harren! Eine unendliche Traurigkeit bemächtigte ſich ihrer. Was konnte ihn veranlaßt haben, auf dieſe Art von ihr zu ſcheiden, die ſie ſeinem Glücke jedes Opfer brachte?— Sie begriff ihn nicht. Ihre Arbeit blieb jetzt wieder ihr einziger Troſt bei dem Verſchwinden des langjährigen Freundes. Indem ſie ſich dieſer mit allem Ernſte widmete, fand ſie allein noch Vergeſſenheit und Ruhe. Das Peinlichſte für ſie blieben dann immer die Nächte, denen ihre Aufregung den Schlum⸗ mer raubte, und wo keine Beſchäftigung ihre Gedanken von dem ablenken konnte, was ſie zu vergeſſen bemüht war.— So mußte ſie denn wieder und wieder zu dem Mittel grei⸗ fen, daß ihr eine künſtliche Ruhe verſchaffte, ſo mußte ſie das Gift nehmen, das ſie einem frühen Ende zu⸗ ührte. ei 239 Der Frühling war faſt unbemerkt an ihr vorüber geſtrichen. Schon fing ſie an, Conſtant wie einen Todten zu betrauern. Da erzählte ihr zufällig ein Bekannter, daß er auf der Reiſe von Luzern nach Interlaken Herrn Benjamin Conſtant de Rebecque in Begleitung einer Dame geſehen und geſprochen habe. Dieſe Nachricht traf Frau von Stasl zu unerwartet. Es war ihr zu Muthe, als zerriſſe etwas in ihrer Bruſt und ohnmächtig ſtürzte ſie zur Erde nieder. Als ſie ihre Beſinnung zurück erhielt, war der Aus⸗ druck ihres Schmerzes wahrhaft fürchterlich, ſo daß ihre Umgebung für ihr Leben zu zittern begann. Er lebte, während ſie um ihn trauerte; er lebte, um ſie zu hintergehen! — Das war mehr, als ſie zu ertragen vermochte.— Die⸗ ſer Gedanke brach ihr Herz. Sie beſtellte ihren Wagen, bat Schlegel, Sorge für ihre Kinder zu tragen, und fuhr weg, ohne zu hinter⸗ laſſen, wohin ſie ginge, oder wenn ſie wiederkehren würde. Sie konnte auch eigentlich nichts darüber beſtimmen; denn das Ziel ihrer Reiſe lag nur dunkel noch vor ihr. Sie wollte ihn aufſuchen, wo er auch ſei und dies Wo ließ ſich noch gar nicht beſtimmen. Sie ſchlug denſelben Weg ein, welchen jener Fremde ihr bezeichnet hatte, ohne eine Spur von dem Geſuchten zu finden. Nach mehreren Tagen erreichte ſie endlich in der 240 Dämmerung des Abends Interlaken. Das ſchneeige Haupt der Jungfrau war ſchon von Wolken umhüllt, im Weſten miſchten ſich noch einzelne Purpurſtreifen am Horizonte, die Luft war, trotz des Sommertages, kühl und der Ort ſo einſam, als ob kein fremder Fuß ſich hierher verirre. Frau von Stasl hüllte ſich in einen warmen Shawl und wanderte allein durch die Straßen. Sie hatte keine beſtimmte Urſache zu vermuthen, daß ſie den treuloſen Freund hier finden würde und dennoch ließ ein Etwas ihr keine Ruhe, ſuchend irrte ihr Auge umher, als müſſe ſie ihn in jedem Vorübergehenden erkennen, ihn hinter jedem Baumſtamme hervortreten ſehen. In einer niedern Gartenwohnung brannte Licht und erleuchtete durch die noch offenen Fenſter die Straße. Sie nahm den Weg darauf zu, ſie wußte nicht warum. War es Ahnung, war es Schickſal, genug, es zog ſie eine Macht dahin, die über ſie gebot. Ein Herr und eine Dame ſaßen im Zimmer ſich ge⸗ genüber an einem Tiſche. Sie ſchienen in ein Geſpräch vertieft zu ſein. Plötzlich ſtand die Dame auf, nahte ſich ihm, lehnte ſich auf ſeine Schulter und hauchte zärtlich einen Kuß auf ſeine Stirne. Ein tiefer, gellender Schrei vor ihrem Fenſter ſchreckte ſie plötzlich auf, ſo daß ſie zuckend zuſammenfuhr. Der Herr war geiſterbleich vor dem Klange dieſer Stimme ge⸗ 241 worden und blickte entſetzt und verwirrt um ſich.— Dann faßte er einen plötzlichen Entſchluß und eilte hinaus. Er fand Frau von Stasl ohnmächtig unter ſeinem Fenſter liegen. Durch den Schrei gelockt, eilten mehrere Perſonen aus dem Hauſe herbei, man hob die fremde Dame auf und da Frau von Stasl ſich nach ſolchen Gemüthserſchüt⸗ terungen ſchnell wieder zu erholen pflegte, ſo ſtand ſie auch jetzt nach wenigen Minuten mit vollem Bewußtſein wieder aufrecht da. Mit einem langen, ſchmerzlichen Blicke maß ſie Con⸗ ſtant.„Alſo hier waren Sie, Benjamin,“ ſagte ſie mit ihrer tiefen, klangvollen Stimme.„Alſo hier mußte ich Sie ſuchen und in ſolcher Geſellſchaft Sie finden? Ach! Wohl ahnte es mir, daß Sie eines Tages ſo treulos von mir ſcheiden würden!“ „Laſſen Sie mich Sie in Ihre Wohnung führen, Germaine,“ erwiederte er, tief bewegt von ihren Worten, mit halber Stimme.„Dort erkläre ich Ihnen Alles. Ich bitte Sie, folgen Sie mir.“ Er bot ihr ſeinen Arm und ſich auf ihn ſtützend, ſchritt ſie langſam ihrem Hotel zu. Sie ſprachen auf dem Wege nicht. Beide waren bemüht, ſich zu ſammeln und zu überlegen, was dem Andern vorzuwerfen ſei. Conſtant 242 ſann auf neue Rechtfertigung und neue Ausflüchte und dieſe zu finden, war diesmal nicht leicht. Unbefriedigt ſchieden ſie endlich von einander, als die Nacht ſchon weit vorgerückt war. Er fühlte, daß Frau von Stasl nicht zu überzeugen, daher nicht zu täuſchen ſei. Sie wollte nicht glauben, daß Graf Hardenberg ihn zum Beſchützer ſeiner Nichte aufge⸗ rufen habe, um ſie auf einer Badereiſe zu begleiten, und daß er ihr dieſe Reiſe verheimlicht, weil er überzeugt ge⸗ weſen, daß ſie ihm aus Eiferſucht ihre Einwilligung dazu verſagen würde. Aber auch die Dame, welche Conſtant in dem Garten⸗ hauſe zurück gelaſſen hatte, war über dieſes Abenteuer ſehr beſtürzt zurück geblieben. Er forderte bei ſeiner Nachhauſe⸗ kunft von ihr, daß ſie ſeine Ausſage beſtätige, daß ſie jedes Begegnen mit Frau von Staöl, ſo lange dieſe ſich hier aufhalte, vermeide und ſelbſt, im Fall er ſie bei ihrer Ab⸗ reiſe begleite, ſich ruhig dieſer Maßregel füge und gedul⸗ dig ſeiner Rückkehr harre. Sie brachte eine ſchlafloſe Nacht zu. Lange vor Conſtant war ſie am Morgen angekleidet und auf dem Wege zu Frau von Stasl, ohne ihn von ihrer Abſicht in Kenntniß zu ſetzen. Sie ließ ſich als Frau von Rebecque melden und wurde angenommen, denn Frau von en⸗ iſe⸗ des ier b⸗ ul⸗ det rer on 243 Staöl war eben ſo begierig, die Fremde zu ſehen, wie dieſe nach einer Zuſammenkunft mit ihr verlangt hatte. Bleich und ernſt ſtand die blonde Deutſche ihr gegen⸗ über.“ Mit vor Bewegung zitternder Stimme bat ſie ſie, ihr zu ſagen, warum Conſtant ſich fürchte, ihr mitzutheilen, welche Rechte ſie auf ihn habe. „Rechte!“ rief Frau von Stasl und wurde roth und bleich.„Rechte!— Mon Dieu—“ ſie verſtummte. Sie fühlte es zu peinlich, daß ſie keine Rechte auf ihn hatte. „Ich ſoll Ihnen verſchweigen, daß ich ſeine Gattin bin,“ fuhr die Andere fort. „Gattin!“ rief Frau von Stabl.„Unmöglich!— Was wäre denn ich?“— Sie zitterte. „Hier der Beweis!“ ſagte die Fremde, den Trauring vorzeigend.„Am 5. Juni wurden wir verbunden.“ „Entſetzlich!“ rief Frau von Stasl.„Entſetzlich. Wie kämen Sie dazu, ihm anzugehören, da er mein ſeit langen Jahren iſt, und auch mein bleiben ſoll.“ „Sie wollen ihn mir nicht laſſen?“ „Nimmermehr!— Welche Anſprüche haben Sie an ihn? Seine Liebe? Die gehörte mir ſeit Jahren.— Das Wort der Kirche? Dem gegenüber habe ich, ich— * Westend-review. 244 Ach! Entſetzlicher Verrath!— Wie konnten Sie ihn mir entreißen?“ „Es wird mir plötzlich Alles klar, Alles!“ ſagte die Andere.—„Seine Unſchlüſſigkeit, ſein ſcheinbarer Wan⸗ kelmuth— Alles, Alles.— Ich kannte ihn, bevor ſein Auge Sie je erblickte, ich hatte ſein Wort, bevor Sie ſeine Stimme je vernahmen.— Jahr nach Jahr verging und immer noch ſchob er den Augenblick hinaus, wo er mir an⸗ gehören wollte. Jetzt endlich kommt er, löſt er ſein mir Pge Wort— um mich aufs Neue zu verlaſſen.— Den Schimpf ertrage ich nicht. Lieber endige ich mein Leben hier zu Ihren Füßen; mit dieſem Vorſatze kam ich zu Ihnen, entweder iſt er mein, oder ich höre auf, Ihnen im Wege zu ſtehen.“ Mit dieſen Worten ergriff ſie raſch ein neben ihr ſtehendes Glas, ſchüttete etwas hinein und verſchluckte es, bevor Frau von Stasl ſie daran verhindern konnte. „Unglückliche, was haben Sie gethan!“ rief dieſe ent⸗ ſetzt aus und eilte auf ſie zu, um ihr den Trank zu entrei⸗ ßen; doch war es ſchon zu ſpät. „Sie ſind von Ihrer Nebenbuhlerin befreit!““ rief die Unglückliche reſignirt und ließ ſich in den Stuhl ſinken, mit der Erwartung eines nahen Todes. * Westend-review. mir die an⸗ ein ine ind an⸗ nir ein ihr es, nt⸗ rei⸗ rief en, 245 In dem Moment ſtürzte Conſtant athemlos in das Zimmer. „Was iſt hier vorgefallen?“ rief er mit irrem Blicke und ließ ſein Auge von der Einen auf die Andere gleiten, um in ihren Mienen zu leſen. „Schafſen Sie Hülfe, einen Arzt herbei!“ rief Frau von Stasl außer ſich.„Sie hat Gift genommen! Sie ſtirbt! Um Gotteswillen, Eile!“ Wie ein Wahnſinniger ſtürzte Conſtant auf dieſe Nachricht fort. Schnelle Hülfe wurde geſchafft und brachte zum Glücke noch Rettung. Die unglückliche Frau ward einem Leben erhalten, das ihr leider wenig frohe Tage brachte. An der Seite eines ſo unbeſtändigen Man⸗ nes blühte ihr kein Glück. Beruhigter und milder geſtimmt nach dieſer entſetz⸗ lichen Kataſtrophe waren jetzt alle Drei zur Nachgiebigkeit geneigt, und Frau von Stasl, gütig wie immer, wenn ihr Herz ſprach und ihre Leidenſchaft ſchwieg, beklagte wahr⸗ haft die arme Frau und verſicherte ihr aus eigener, freier Eingebung, daß ſie ſie nicht in ihren Rechten kränken würde, daß Conſtant ihr angehören ſolle, ſoweit ſie ſelbſt ihn an ihrer Seite feſtzuhalten im Stande ſei. Mit dieſem Troſte ſchied ſie von ihr und kehrte, nachdem ſie auch Conſtant ein verſöhnendes Lebewohl gewünſcht, allein nach Coppet zurück. 246 Traurig langte ſie hier an, küßte ihre Kinder und ſchloß ſich dann in ihrem Zimmer ein. Dieſe Reiſe nach Interlaken bildete einen Abſchnitt in ihrem Leben. Sie hätte eine Wandelbarkeit der Nei⸗ gung leicht verziehen, denn ſie kannte das menſchliche Herz und wußte, daß der beſte Wille deſſen Schläge nicht immer zu regeln vermag; darum auch baute ſie auf keine Neigung, welche nicht ein Gebot der Pflicht zugleich mit feſſelte. Aber Verrath— Verrath an ihrem heiligſten Gefühle, Verrgth, wo ſie auf Treue baute, Verrath, wo ſie ſich die ſicherſten Rechte auf eine aufrichtige, dauernde Freundſchaft erworben, das war eine zu herbe Erfahrung. Dieſe Prü⸗ fung hielt ſie nicht aus. Sie rüttelte an ihrem Glauben an die Menſchen. Und dennoch, trotz ſeines unwürdigen Benehmens, konnte ſie den Mann nicht haſſen, der ſich auf dieſe Weiſe an ihr vergangen.— Eben ſo wenig konnte ſie ihn ver⸗ achten.— Sie kannte ſein Naturell, ſie war überzeugt, daß er ſelbſt am meiſten dabei litt, dieſen Verrath begangen zu haben, ſie beklagte ihn aufrichtig und bemitleidete ſeine Schwäche! Die Lüge im Herzen, war er ihr während ſo vieler Jahre mit offener Stirn entgegen getreten, und ſie hatte ——— —— 247 ihm geglaubt!— Sie war ſelbſt ſo nahr wie konnte ſie ahnen, daß der Andere ſie mit falſchen Worten täuſche! Sie mochte ihn nicht wieder ſehen. Gott! Gott! ſchenke mir Vergeſſenheit! betete ſie, um des nagenden Wehs los zu werden. Da pochte es leiſe an ihrer Thüre. Sie hörte es nicht. Es pochte wieder und wieder. Sie wurde aufmerk⸗ ſam. Es war eine ſpäte Stunde. Mitternacht war vor⸗ über. Sie öffnete endlich mit eigener Hand. Da ſtand Benjamin Conſtant geiſterbleich, mit ver⸗ ſtörter Miene vor ihr. „Unglücklicher! Sie hier!“ rief Frau von Stasl ent⸗ ſetzt aus. Er ſank zu ihren Füßen. „Sie verzeihen mir, oder ich hauche hier meinen Geiſt aus! Sie ſchenken mir Ihre Freundſchaft wieder, oder ich habe genug gelebt!“ rief er leidenſchaftlich aus. „Um Gottes willen! laſſen Sie mich in Ruhe!“ rief Frau von Stasl empört.„Ich habe genug durch Sie gelitten.— Ihr Anblick ruft alle Schmerzen wieder wach. Bleiben Sie jetzt bei ihr, an die ſie die Pflicht kettet.“ „Nicht ohne Ihre Verzeihung, Germaine. Nicht ohne ein Wort von Ihnen gehört zu haben, das mich tröſte, das mich in meinen eigenen Augen weniger haſſenswerth erſcheinen laſſe; nicht ohne einen Blick von Ihnen erhalten zu haben, meinem Herzen ſeine Schläge wieder gebe und mir den Muth zu leben neu verleihe.— Hier auf meinen Knieen bleibe ich vor Ihnen, Germaine, hier, bis Ihre Hand mich aufhebt und hier ſterbe ich, wenn Sie ſich unverſöhnlich von mir wenden!“ „Ich haſſe Sie ja nicht, Conſtant,“ ſagte Frau von Stasl, leiſe weinend;„ich verbiete Ihnen mein Haus ja nicht; ich will nur erſt vergeſſen lernen, wie ſchwer Sie mich gekränkt haben und dann— dann— Ihnen meine Hand zur Verſöhnung reichen.“ Sie brach in lautes Schluchzen aus und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. Conſtant ſchleppte ſich zu ihr hin, er drückte den Saum ihres Kleides an ſeine Lppen, und nannte ſie mit tauſend ſüßen Namen; auch ſeine Thränen floſſen.—„Gehen Sie jetzt!“ bat ſie ihn weich. „Ich kann nicht mehr!— Ich vergebe Ihnen!“ fügte ſie leiſe hinzu. „Gott ſei Dank!“ rief er wie neu belebt, küßte ihre Füße und ſtürzte fort.— Sie ſah ihm nach. War es eine Erſcheinung geweſen, oder hatte ſie ihn wirklich ge⸗ ſehen? — oon Sie eine 249 Fünfzehntes Capitel. Der ſieche Held. Ein junger Mann aus einer angeſehenen Familie erregte durch das Gerücht ſeiner glänzenden Waffenthaten, durch den Contraſt ſeiner Jahre mit ſeinem wankenden Schritte, durch die bleiche Farbe ſeines edelſchönen Ge⸗ ſichtes und den Zuſtand ſeines Leidens, bei den Damen der Stadt Genf das lebhafteſte Intereſſe. Wunden, auf dem Feldzuge in Spanien gewonnen, bedrohten ihn mit einem frühzeitigen Tode. Lange war er dadurch auf ein ſchweres Siechbett feſtgehalten worden, und erſt ſeit Kurzem ſah man ihn mit ſchwacher Hoffnung auf ſeine endliche Geneſung von dieſem erſtehen. Theilnehmend horchte Frau von Stasl auf den Be⸗ richt ſeiner Lebensſchickſale und ſeines jetzigen Leidens.— Prüfend fragte ſie ſich dabei, ob er ſeine körperlichen Schmerzen gegen die ihrem Herzen auferlegten tein austauſchen würde, und eine leiſe Stimme in ihrer B flüſterte ihr dabei zu, daß er immer noch, im bg jungen Rocca, man lobte ihn, man ſchenkte ihm Theil⸗ nahme; und ſie?— Ihr Leid ahnte Niemand, nur die ſtille Mitternacht war die Vertraute ihrer Klagen. 1859. III. Frau von Stasl. III. 16 ihr, der Bevorzugte ſei.— Man eeun n. 250 8 Für eine Frau iſt es eine Demüthigung, verrathen und verlaſſen zu ſein, und das Mitleid, welches ſie dafür beanſpruchen kann, thut ihr weh. Sie konnte vece aber nicht vergeſſen; ihr Herz blutete fort. Eines Tages, als ſie allein über die Straße ging, ſah ſie den kranken jungen Mann, der ſo große Aufmerk⸗ ſamkeit erregte, langſamen Schrittes in der Sonne auf und ab ſchlendern. Sie blieb ſtehen und blickte ihm ge⸗ dankenvoll nach. „Er iſt noch ſehr jung,“ ſagte ſie leiſe zu ſich ſelbſt, und eine Thräne trat ihr in das Auge,„und ſoll dem Leben, das ihm noch ſo Vieles bieten kann, entſagen?“ Als er ſich jetzt umwandte und wieder an ihr vor⸗ überſchreiten wollte, hielt ſie ihn auf, legte ihre Hand auf ſeinen Arm, ſah ihn mitleidsvoll mit ihren ſchönen dunkeln Augen an, und ſagte weich mit ihrer tiefen, klangvollen Stimme: „Hoffen Sie, armer Leidender; Gott iſt groß. Ihre Jugend kann noch Vieles überwinden, Ihre Wunden werden vernarben und ſind dann Ihr Schmuck. Wo aber das Herz in ſeinen innerſten Tiefen verletzt iſt, da allein bringt keine Zeit Heilung, da allein iſt Alles unwieder⸗ bringlich verloren. Tröſten Sie ſich damit, daß es nich größere Leiden giebt, als die Sie drücken.“ 3 — ——— —„ u 251 Damit wandte ſie ſich von ihm ab und ging weiter; der Kranke aber blieb wie an den Platz gefeſſelt ſtehen, und ſah ihr nach, bis ſie ſeinem Auge entſchwunden war. Das war ſie, ſprach eine Stimme in ſeiner Bruſt, das konnte nur ſie ſein, nur ſie konnte ſo ſprechen, nur ſie ihn mit dieſem Blicke anſchauen. Ihre Worte klangen immer noch in ſeinen Ohren fort. Wachend, träumend, hörte, ſah er nur ſie. Kopf und Herz waren nur von ihr erfüllt, er kannte nur den einen Wunſch noch, ihr wieder zu begegnen, nur die eine Hoffnung noch, ihre Stimme zu hören, an ihrem Blicke wieder ſich zu ſonnen, wie er ſo theilnahmsvoll, ſo un⸗ glücklich auf ihm geruht. Seine Gedanken waren nur bei ihr; mit ſeinen Be⸗ kannten ſprach er nur von ihr, er wollte von ihnen wiſſen, warum ſie nicht glücklich ſei, er wollte ihren Kummer kennen, er wollte leben, um ihn zu ſtillen.— Sein ganzes Denken, Wünſchen, Hoffen bezog ſich ſeit jenem Tage nur auf ſie. „Aber was können Sie, ein Kranker, ihr leiſten?“ fragte man ihn.„Was können Sie mit ihr ſprechen?— Sie hat für nichts Sinn, als für die Politik und für die Literatur, was können Sie dieſer Frau ſein, die nur geiſti⸗ ger Anregung bedarf; was können Sie ihr durch Ihren Umgang bieten?“ 16* 252 „Ein Herz, das warm für ſie ſchlägt.“ „Wer ſagt Ihnen, daß ihr an dieſem Herzen liegt?“ „Sie iſt unglücklich und bedarf des Troſtes der Liebe. Je laimerai tellement qu'elle finira par m'épouser,“ antwortete Rocca halb unwillig über die ihm entgegen⸗ geſetzten Hinderniſſe. Man lachte über dieſe Anmaßung und hinterbrachte Frau von Stasl dies Wort des Leidenden. Sie hörte es wehmüthig an. Wenn ſeine gedrückte Seele hierin einen Troſt fand, warum ihn ihm nicht ge⸗ währen? Sie war ja ſelbſt ſo unglücklich, war des Leidens ſo müde;— ihr Leben war ſo einſam, ſo verarmt, und ſie begriff es wohl, wie man in ſolchen Momenten der Ver⸗ einſamung auch nach einem Strohhalm greifen könne. „Wir haben einen Anknüpfungspunkt, gegenſeitiges Leid,“ erwiederte ſie und ließ ihm ſagen, daß ſie ihn erwarte. Zitternd vor Glück erſchien der junge Offizier. Ein neues Leben ſtrömte durch ſeine Adern, ſeit er ſie ſah, ſein Puls hob ſich, er fühlte, daß er geneſen müſſe. Mit inniger Freude gewahrte Frau von Staöl dieſen Eindruck.— Wie konnte ſie gleichgültig dagegen ſein, das Daſein eines Andern zu verſchönern, wie unempfindlich bleiben, während ſie durch ihren Blick, durch ihr Lächeln noch zu beglücken vermochte! in h, en as ich In 253 „Das Glück iſt eine ſo ſeltene Blume,“ ſagte ſie, „mag ſie ihm durch mich blühen!“ Mit friſchem Muthe ſetzte ſie jetzt ihr Werk über Deutſchland fort. Seit ihr Herz ſich an einer neuen Flamme erwärmte, konnte ſie wieder thätig ſein, und der Lauf des Winters ſah der Vollendung ihres Buches entgegen. Um den Druck zu überwachen, wünſchte ſie die ihr ſo unheilbringende Nähe von Paris abermals zu ſuchen, abermals die ihr geſteckte Grenze von vierzig Meilen zu überſchreiten. Gefährliches Beginnen! So begab ſie ſich denn im Frühling 1810 nach Frankreich und nahm ihren Aufenthalt in dem alten Schloſſe von Chaumont⸗ſur-Loire, welches der Cardinal d'Amboiſe, Diane de Poitiers, Catharina de Medicis und Noſtradamus vor ihr bewohnt hatten.— Der gegenwärtige Eigenthümer dieſes romantiſchen Gebäudes befand ſich in Amerika, und bei ſeiner Rückkehr ſiedelte ſie dann nach dem Landgute Foſſeé über, das ihnen eine bequeme Räum⸗ lichkeit, aber ſonſt nur geringe Annehmlichkeit bot. Frau von Récamier beſuchte ſie hier, und erheiterte ihre Einſamkeit durch ihre warme Freundſchaft. Sowie Frau von Stasl den franzöſiſchen Boden betrat, war ihre Stimmung eine ganz andere. Man hätte glauben mögen es übe ſelbſt die Luft ſchon einen Einfluß auf ſie aus, ſo 254 ganz verſchieden ſchaute ſie um ſich. Oder war es der Gedanke nur, auf heimiſchem Boden zu ſtehen, keine Ver⸗ bannte, keine Verwieſene zu ſein, was ſie ſo angenehm berührte? Die Nachbarſchaft des Schloſſes Foſſé bot wenig Annehmlichkeiten, die Entfernung von Paris erlaubte nur ſelten einem Freunde, ſie aufzuſuchen und ſo blieb man denn auf den häuslichen Kreis für die geſellige Unter⸗ haltung beſchränkt. Man trieb Muſik, man ſang vereint, Madame Récamier begleitete auf der Harfe, ein italieni⸗ ſcher Geſanglehrer auf der Guitarre und Frau von Staöl und ihre Tochter fügten ihre Stimmen hinzu, wobei oft das ganze Dorf ſich zum Zuhören verſammelte. Ein heimlicher Ausflug nach Paris konnte in dieſer Entfernung von der Hauptſtadt mitunter eingeflochten werden. Ihre geſchäftlichen Verhandlungen mit ihrem Buchhändler machten perſönliche Beſprechungen mitunter ſogar nothwendig. Eines Tages, als ſie eben bei deſſen Wohnung vor⸗ fuhr, trat ihr hier plötzlich Benjamin Conſtant entgegen. Freude und Ueberraſchung malten ſich in ſeinem Blicke, während ſein Auge forſchend in ihren Mienen ſpähte, welches Empfanges er gewärtig ſein könne. Frau von Staöl bot ihm mit ihrer liebenswürdigen ig 11 f6 ft n. ke te, 255 Offenheit die Hand.„Sie ſind glücklich, hoffe ich,“ ſagte ſie,„das iſt die Hauptſache.“ „Ohne Sie? Unmöglich!“ rief er leidenſchaftlich aus.„Wie die Blume der Sonne bedarf, ſo bedarf ich des Lichtes Ihrer Augen, der Funken Ihres Geiſtes, um mich meines Lebens zu erfreuen, um die Thätigkeit meiner Seele aufzurufen.— Ich kann ohne Sie nicht länger leben!“ „Und Ihre Frau?“ „Sie iſt hier und weiß es, daß ich Sie ſuche.“ Er folgte ihr in das Haus. Er beſtand darauf, ſich unter die Räder ihres Wagens werfen zu wollen, wenn ſie ihm nicht geſtatte, ſie zu begleiten. So ließ ſie es denn endlich zu. „Sie ſind thöricht,“ ſagte ſie;„aber was kann ich dagegen thun, als es ruhig geſchehen laſſen?— Gomment se fächer contre d'autres que ceux qu'on aime?“ „Das iſt ein hartes Wort!“ rief Benjamin Conſtant, und ſah ſie überraſcht an. „Aber ein wahres, hoffe ich; und wenn nicht wahr, wenigſtens verdient,“ verſetzte ſie. Nach beendigtem Geſchäfte wünſchte ſie einen Beſuch bei Henriette Mendelsſohn abzuſtatten, an der ſie, als nahe mit Schlegel befreundet, innigen Theil nahm. Dieſe 256 wohnte in der Rue Richter,? in einem Gartenhauſe, und erzog eine Anzahl kleiner Mädchen aus den erſten Familien. In dieſe ſtille, ſchattige, abgelegene Wohnung begab ſie ſich jetzt, begleitet von Conſtant, um mit der geiſtvollen, ſinnigen Erzieherin einige Stunden zu verbringen. Dieſes abgeſchloſſene Leben, die Reſignation, welche in dieſem Berufe lag, das milde, klare Weſen der Bewoh⸗ nerin dieſer kleinen, von Reben umſchatteten Räume, machte einen eigenthümlichen Eindruck auf eine Frau, deren ganzer Lebensgang immer der Außenwelt zugewendet geweſen war, und die bei allem Suchen nach Glück, es nie zu finden vermocht hatte. Sie ſprach heute wenig. Sin⸗ nend und traurig ſaß ſie da, mit ernſten Gedanken an ihre nächſte Zukunft. Conſtant bot Alles auf, um ſie zu erheitern. Aber ſeine Conversation étonnante blieb dies Mal ohne Wirkung. Als ſie hinaus gingen, drang er in ſie, ihm mitzu⸗ theilen, was ſie verſtimme. „Sie fragen noch?“ ſagte ſie vorwurfsvoll.„Ich bin heimathslos, gehöre nirgends hin auf dieſer Erde, und Niemand gehört mir an, Niemand theilt mein Geſchick, * Varnhagen von Enſe, Denkwürdigkeiten. 257 trägt mit mir Freud und Leid. Ich ſterbe an der Ein⸗ ſamkeit meines Herzens.“ Sie wollte ihm Lebewohl ſagen, aber er ließ es nicht zu. Nichts konnte ihn davon abhalten, ſie zu begleiten, mit ihr zc Foſſé zurück zu kehren und dort einige Zeit mit ihr zu verbringen. Sie nahm vieſen Vorſchlag ohne Freude an und gab nur ſeinem dringenden Verlangen dabei nach. Am 23. September corrigirte ſie den letzten Druck⸗ bogen ihres Werkes über Deutſchland. Mit wahrer Freude fügte ſie⸗dieſem das Wort Fin hinzu; ſo wenig ahnte ſie damals, welche neue Verfolgungen es ihr koſten würde. Sie entwarf heiter eine Liſte der hundert Perſonen, denen ſie es zuzuſenden gedachte, ſandte dieſe an ihren Buch⸗ händler, und reiſte darauf mit ihren Freunden nach dem Gute des Herrn von Montmorench, fünf Meilen von Blois entfernt, ab. Glücklich durch das Wiederſehen dieſes ihr ſo theuren Freundes, wanderte ſie mit ihm im Schatten des prächtigen Waldes, welcher ſein Schloß umgab, freute ſich des herrlichen Wetters, weilte bei den Spuren ge⸗ ſchichtlicher Erinnerungen, an denen der Ort, durch die Schlacht von Fretteval, zwiſchen Philipp Auguſt und Richard Löwenherz, ſo reich iſt, und gab ſich ganz der ruhigen, ſanften Stimmung hin, welche dieſe Umgebung in ihr erzeugte. 258 Herr von Montmorency ſprach zu ihr von der End⸗ lichkeit aller Dinge, von der Kürze dieſes Erdenlebens, von der Nothwendigkeit der Selbſtdisciplin, und einem Leben in Gott; er redete mit einer ſo warmen Theilnahme ihr zu, ſein Auge ruhte ſo innig auf ihr, während die Worte der Ueberzeugung warm von ſeinen Lippen floſſen, daß ſie endlich ſelbſt meinte, überzeugt zu ſein.— Ein glücklicher Friede zog in ihr Herz ein! Als ſie in das Schloß zurückkehrten, ging ſie auf ihr Zimmer und ſchrieb an Bonaparte: „Sire, „Ich bin ſo frei, Ihrer Majeſtät mein Werk über Deutſchland zu überſenden. Wenn Sie ſich die Mühe geben, es zu leſen, ſo glaube ich, werden Sie darin einen des Nachdenkens fähigen Geiſt entdecken, den die Zeit gereift hat. Sire, zwölf Jahre ſind verfloſſen, ſeit ich Ihre Majeſtät nicht geſehen habe und verbannt bin. Zwölf Jahre des Unglücks mildern jeden Charakter, und das Schickſal lehrt denen die leiden die Reſignation. „Auf dem Punkte, mich einzuſchiffen, bitte ich Ihre Majeſtät um eine halbe Stunde Unterhaltung. Ich glaube Ihnen etwas für Sie Intereſſantes mittheilen zu können, und aus dieſem Grunde bitte ich Sie, mir vor meiner Abreiſe dieſe Gunſt zu bewilligen. 259 „Ich erlaube mir in dieſem Briefe nur die eine Sache: Die Erklärung der Gründe, weshalb ich den Con⸗ tinent verlaſſe, im Fall Ihre Majeſtät mir nicht die Er⸗ laubniß geben, in einem Landhauſe ſo nahe bei Paris leben zu können, daß meine Kinder ſich dort aufhalten können. „Die Ungnade Ihrer Majeſtät wirft auf die Per⸗ ſonen, welche ſie trifft, einen ſo üblen Schein in Europa, daß ich keinen Schritt gehen kann, ohne die Wirkungen zu ſpüren. Die Einen fürchten, ſich zu compromittiren, indem ſie mich ſehen, die Andern halten ſich für Römer, indem ſie dieſe Furcht beſiegen. Die einfachſten geſelligen Be⸗ ziehungen werden zu Dienſten, welche ein ſtolzes Gemüth nicht annehmen kann. „Unter meinen Freunden ſind einige, welche mein Schickſal mit unglaublicher Großmuth getheilt haben; doch habe ich dabei die innigſten Gefühle an der Noth⸗ wendigkeit, mit mir in der Einſamkeit zu leben, ſcheitern ſehen, und ſeit acht Jahren theilt ſich mein Leben zwiſchen der Furcht Opfer aufzuerlegen, und dem Schmerze ſie gebracht zu ſehen. „Es iſt vielleicht lächerlich, dem Beherrſcher der Welt das Detail meiner Eindrücke zu geben; doch was Ihnen die Welt unterworfen hat, Sire, iſt Ihr alles beherr⸗ ſchendes Genie. In Bezug Ihrer Kenntniß des menſch⸗ 260 lichen Herzens, begreifen Ihre Majeſtät deſſen höchſte, wie deſſen zarteſte Seiten. „Meine Söhne haben keine Laufbahn vor ſich, meine Tochter hat ihr dreizehntes Jahr zurückgelegt; in wenigen Jahren will ſie etablirt ſein; es wäre Egoismus von mir, ſie zwingen zu wollen, ihre Jugend in den abgelegenen Orten zu verbringen, wo ich zu leben verdammt bin. Auch von ihr müßte ich mich alſo trennen. „Dies Leben iſt daher nicht zu ertragen, und auf dem Continente kenne ich dagegen keine Abhülfe. Welche Stadt könnte ich wählen, wo die Ungnade Ihrer Majeſtät nicht ein unwiderſtehliches Hinderniß für das Fortkommen mei⸗ ner Kinder, wie auch für meine perſönliche Ruhe würde? „Ihre Majeſtät wiſſen wahrſcheinlich nicht, welche Furcht die meiſten Behörden vor den Exilirten hegen, und ich könnte Ihnen in dem Punkte Dinge mittheilen, welche ſicher nicht auf Ihren Befehl geſchehen ſind. „Man hat Ihrer Majeſtät geſagt, ich bedaure Paris um des Muſeums und um Talma's willen: dies iſt ein angenehmer Scherz über das Exil, d. h. über das Unglück, welches Cicero und Bolingbroke für das Unerträglichſte erklärt haben; aber, wenn ich die Meiſterſtücke der Kunſt liebe, welche Frankreich den Eroberungen Ihrer Majeſtät verdankt, wenn ich jene ſchönen Tragödien liebe, das Bild des Hervismus, dürfen Sie mich deshalb tadeln, Sire? ——,——— is in ck, ſte nſt tät id 261 „Das Glück jedes Individuums geſtaltet ſich der Natur ſeiner Anlagen gemäß; und wenn mir der Himmel Talent verliehen hat, beſitze ich nicht Einbildungskraft, welche den Genuß der Künſte und des Geiſtes nothwendig macht? „So viele Menſchen fordern von Ihrer Majeſtät reelle Vortheile aller Art! Warum ſollte ich erröthen, für mich die Freundſchaft, die Poeſie, die Muſik, die Gemälde, dieſe ganze ideale Welt zu begehren, deren ich mich er⸗ freuen kann, ohne mich von der Ehrerbietung zu entfernen, welche ich dem Monarchen von Frankreich ſchuldig bin.“ Der Kaiſer Napoleon las manchmal des Morgens bei ſeinem Frühſtück Romane, oder eine andere Production der Literatur des Tages, und warf, was ihm mißfiel, ſo⸗ gleich in das Kamin neben ſich; das gleiche Schickſal erfuhr auch das ihm von Frau von Staöl überſandte Buch über Deutſchland.“ Kaum hatte er eine halbe Stunde darin geleſen, ſo opferte er es den Flammen und während es hell emporloderte, ertheilte er den Befehl, ſogleich zum Buchhändler zu ſenden und die ganze Auflage in gleicher Weiſe zu zerſtören; der Verfaſſerin aber zu verkündigen: daß ſie binnen drei Tagen über die Grenzen Frankreichs ℳ * Memoiren des Kammerdieners Conſtant. 4. Band. 262 hinaus ſein müſſe.— Dies war die Antwort auf ihren in ſo milder Stimmung abgefaßten Brief. Welch ein neuer unerwarteter Schlag für die ſchon ſo vielfach verfolgte Frau! Man wagte kaum ihr dieſe unangenehme Neuigkeit zu verkündigen. Als es dennoch geſchehen mußte, theilte ihr Freund, Herr von Montmorench, ihr das Vorgefallene ſo ſchonend wie möglich mit. Sie brach in bittere Thrä⸗ nen aus. Ihre letzte Hoffnung war verloren! Sie gab ſich kleinmüthig ſelbſt auf. Was blieb ihr nun noch zu hoffen übrig? Sie kehrte nach Foſſé zurück, wo Gensd'armes ſchon das Haus umſtellten. Auch ihrer Manuſcripte wollte man ſ i 6 E d Z v ſich noch bemächtigen, um ſicher jede Spur ihrer Arbeit zu vernichten. Vergebliches Bemühen!— Sie überlieferte 5 ihnen eine ſchlechte Abſchrift und rettete das Ganze. Wohin jetzt ihren Fuß ſetzen, als nach Amerika, dem Lande der Freiheit. Schiffe lagen zur Abfahrt bereit, es 9 bedurfte nur einiger Tage der Vorbereitung, um die Reiſe vi anzutreten und um dieſe ſuchte ſie nun nach. Der kurze 5 Aufſchub wurde ihr bewilligt; dabei ihr aber die Häfen genannt, in denen ſie ſich einſchiffen durfte, und damit ve ihre eigentliche Abſicht verhindert, den Weg über England L zu nehmen.— Ohne dieſen Anhaltepunkt, ohne das pi 263 Wiederſehen ihrer dortigen Freunde, hatte ſie nicht den Muth, die andere Hemiſphäre aufzuſuchen und da ihr nur Amerika oder Coppet blieb, ſo wählte ſie endlich das letztere. Sie kehrte dahin zurück, nicht mehr eine Geduldete, ſondern eine Verfolgte. Es lag von jetzt an Gefahr darin, ihr befreundet zu ſein, die Ungnade des Beherrſchers von Frankreich traf ſchwer den Verwegenen, der ihr wohlwollte. Sie wagte nicht einmal einen Tiſchgaſt einzuladen, ohne die Sorge, ihn dadurch ſeiner Stellung zu berauben. Dieſer Gedanke, daß ihre Nähe unheilbringend ſei, laſtete vor Allem ſchwer auf ihr, ja, verfolgte ſie wie ein Fluch. Sie verbrachte den Winter traurig. Auch ihre Arbeit fehlte ihr jetzt; denn mit welchem Muthe konnte ſie eine literariſche Thätigkeit ſuchen, nach den Erfahrungen der neueſten Zeit?— Sie fühlte ihre Kräfte gelähmt, die Flügel ihres Geiſtes ſanken, ihren Nächten fehlte der Schlaf und das einzige Mittel ihren Zuſtand zu erleichtern, ihrem thränenden Auge einen ſcheinbaren Schlummer zu gewähren, beſtand in dem ſtarken Gebrauche des unheil⸗ vollen Opiums. Schlag auf Schlag traf ſie von jetzt an und beugte ſie immer tiefer. Zuerſt traf der Befehl ein, daß Schlegel die Schweiz verlaſſen ſolle, weil der Kaiſer ſeine Anſichten über die Literatur nicht billige, denn er habe die Phädra des Euri⸗ pides der des Racine vorgezogen. 264 Das klang lächerlich; doch welchen andern Grund konnte man anführen, ſo lange man den wahren nicht nennen konnte, ſeine Anhänglichkeit an die Familie der Frau von Stasl?— Sie mußte alſo den Freund auf⸗ geben, an deſſen Nähe ſie ſeit acht Jahren gewöhnt war, ſie mußte ihn in einem Augenblicke aufgeben, wo ſie ſeinen Verluſt doppelt ſchmerzlich empfand! Mathien von Montmorench kam nun an die Reihe. Er war nicht der Mann, ſeine Freundin in ihren ſchlimmen Tagen zu verlaſſen, ſchon verſchiedene Male hatte er einige Zeit bei ihr zugebracht, jetzt wieder eilte er nach Coppet und ein Verbannungsurtheil wurde ſeine Strafe. Nichts konnte Frau von Staöl darüber beruhigen, ihren groß⸗ müthigen Freund auf dieſe Weiſe geſtraft zu ſehen. Sie ſtieß laute Töne des Schmerzes aus, und war der Ver⸗ zweiflung nahe. Um die nagende Pein ihrer eigenen Ge⸗ danken zu beſchwichtigen, blieb ihr endlich nichts übrig, als der Genuß des Opiums, welcher momentane Ver⸗ geſſenheit bot. Als ſie wieder zu ſich ſelbſt kam, ſich ihrer Lage wieder bewußt wurde, ſuchte Herr von Montmorench ihr die Ruhe mitzutheilen, welche er durch den Glauben an die Hand Gottes in allen Dingen gewannz doch, das Gebet bewies ſeine heilende Kraft nicht an ihrem Weh. Der Gedanke, daß ein Freund für ſie leiden mußte, war n ge et t ß⸗ e er= ig, er⸗ age ihr das eh. var 265 ihr unerträglich, das Leben ſelbſt ward ihr unter dieſem Eindrucke eine Bürde. Ein Brief von Madame Récamier, der ihre nahe Ankunft in Coppet verkündete, erfüllte ſie, ſtatt mit Freude, mit Schrecken. Wie, wenn auch ſie noch, durch dieſe Handlung der Freundſchaft, der kaiſerlichen Ungnade verfiele! Sie beſchwor ſie bei ihrer Ankunft, nicht in Coppet zu verweilen; vergebliches Bemühen.— Die Freundin wollte nicht an ihrer Thüre vorübergehen, und unter ſtrö⸗ menden Thränen, welche die Angſt vor den Folgen dieſes Schrittes Frau von Stasl erpreßte, empfing ſie Madame Récamier in den Mauern dieſes Schloſſes, das ihre An⸗ kunft ſo oft wie ein Freudenfeſt begrüßt hatte. Schon in der Frühe des nächſten Morgens eilte Madame Récamier weiter; doch damit war nichts ge⸗ wonnen, ſie wurde verurtheilt, ſie wurde von Paris verbannt. „Madame de Stasl,“ ſagte der Präfect von Genf, „führt ein angenehmes Leben in ihrer Heimath; ihre Freunde und Bekannte aus der Ferne kommen, ſie aufzu⸗ ſuchen; der Kaiſer will das nicht leiden.“ Sie hatte nie ein Wort des Lobes über Napoleon veröffentlicht; das war ihr Vergehen; ſie konnte damit auch jetzt noch ſich ſelbſt und ihren Freunden die Freiheit geben, und ſie verſchmähte es, es zu thun. Das verdiente 1859. III. Frau von Stasl. III. 17 266 Strafe. Wie arg mußte ſie ihn haſſen, um nicht mit dem Preiſe ihre Freiheit erkaufen zu wollen! Man ſchlug ihr vor, wenigſtens die Geburt des Königs von Rom zu beſingen, aber auch dagegen weigerte ſie ſich mit den Worten, ſie wiſſe weiter nichts darüber zu ſagen, als daß ſie ihm von ganzen Herzen eine gute Amme wünſche. Napoleon wollte ſie um jeden Preis zu dieſer De⸗ müthigung zwingen und ihre Beharrlichkeit gab ihm immer neue Maßregeln der Verfolgung an die Hand.— Die Welt beugte ſich vor ihm, und dieſe Frau wagte es, zu widerſtehen! Exil auf Exil folgte; Ungnade traf den, der ſich ihr nahte. Wer nicht für mich iſt, iſt wider mich, wer Frau von Staöl aufſucht, iſt mein Feind, hieß es. Gensd'armes bewachten die große nach Coppet führende Allee, um jeden Gaſt anzuhalten und ſeinen Namen zu verzeichnen, Niemand konnte endlich noch wagen, zu ihr zu gehen, ſie ſah die Zeit kommen, wo ſie mit ihren Kindern völlig allein ſein würde, eine Gefangene in ihrem Schloſſe. Ihre Einbildungskraft ſtellte ihr die ärgſten Schreckbilder vor, ſie malte ſich aus, daß man auch dieſe ihr endlich entreiße, und ſie zuletzt das Schickſal von Marie Stuart erleiden laſſe.— Sie fühlte es, ſie mußte entfliehen, und ſie wollte auch entfliehen, aber wohin? In dieſer trüben Zeit, die ihr leidenſchaftliches Tem⸗ 267 perament, das keine Ergebung kannte, noch trüber geſtaltete, blieb ihr nur eine Quelle, aus der ſie Troſt ſchöpfte;— die der Anbetung nahe kommende Liebe des kranken, bleichen Rocca, der ſich bei ihrem erſten Begegnen vorgeſetzt, durch die Gewalt ſeiner Zuneigung die ihrige zu erzwingen. Er ließ ſich durch keine Furcht abhalten, bei ihr zu verweilen, er war entſchlyſſen, ſie aufzuſuchen, wenn auch Alles ſie floh; er gelobte es ſich, mit ihr jedes Schickſal zu theilen, ſei es ſelbſt das Schaffot.— Sie ſchüttelte wehmüthig das Haupt bei ſolchen Betheurungen. „Sie wollen, was Sie nicht können,“ ſagte ſie,„der Gewalt gegenüber müſſen Sie unterliegen, jede Stunde, jede Minute kann Ihnen den Befehl bringen, mich zu fliehen, und dann?“ „Geben Sie mir ein Recht bei Ihnen zu bleiben,“ bat er flehend,„ſetzen Sie mich in die Lage, im Augen⸗ blicke der Gefahr den Agenten des Tyrannen den Buch⸗ ſtaben eines Geſetzes entgegen halten zu können, das mir die Pflicht auferlegt, in Noth und Tod Ihnen ſchützend zur Seite zu ſtehen.“ Sie verſtand ihn und ſchwieg, überraſcht von dem Gedanken.— Doch die Sorge gänzlichen Verlaſſenſeins, das Gefühl der Einſamkeit, das ſie zu allen Zeiten ihres Lebens ſo ſchwer gedrückt hatte, das Bedürfniß geliebt zu ſein, das ſich jetzt, wo ſie von allen ihren Freunden getrennt 1 268 war, noch dringender geltend machte, vermochten ſie endlich, ſeinen dringenden Bitten nachzugeben. Neue Verlegen⸗ heiten wurden dadurch herbeigeführt, manche unangenehme Conflicte boten ſich dar; doch ein Freund für alle Fälle war ihr geſichert und dieſe Ueberzeugung that ihr wohl und ließ ſie den Muth faſſen, nach England mit ihren Kindern zu gehen, auf einem Umwege freilich, der durch keine der Napoleon befreundeten Staaten führte. Frau von Stasl an Madame Récamier. „Ich ſage Ihnen Lebewohl, theurer Engel meines Lebens, mit aller Zärtlichkeit, deren meine Seele fähig iſt. Ich empfehle Ihnen Auguſt, möge er Sie ſehen und mich wiederſehen!— Sie ſind ein himmliſches Geſchöpf. Wenn ich in Ihrer Nähe gelebt hätte, würde ich nur zu glücklich geweſen ſein;— das Schickſal reißt mich fort. Adieu.“ Mit dieſen Zeilen ſchied ſie von ihrer Freundin, um ſie erſt unter der Reſtauration wieder zu ſehen. S 8 16 e hl en es ſt. ich nn ich m 269 Sechzehntes Capitel. Die Flucht. Reiſen iſt ein trauriges Vergnügen, ſoll es nur als Mittel dienen, um Erinnerungen zu bannen. Iſt die Seele nicht offen, ſich den Eindrücken hinzugeben, ſo drängt ſich das Gefühl unſeres Wehes nur um ſo lebhafter uns auf, und leiht den Gegenſtänden jene düſtere Färbung, welche vereitelte Hoffnungen, begrabene Wünſche, dem Gemüthe zurück laſſen. Von Land zu Land, von Ort zu Ort, eilte Frau von Staöl, ohne daß ihre Stimmung ſich hob. Ihr Weg führte ſie über Wien nach Moskau, ſie durchreiſte ihr ganz fremde, faſt unwegſame Gegenden, ſie beſuchte die alte Czarenſtadt, und das glänzende Petersburg, fand überall die zuvor⸗ kommendſte Aufnahme, überraſchte auch hier durch ihren ſeltenen Geiſt; doch, was ſich immer weiter von ihr ent⸗ fernte, war die Ruhe, war das Glück. Die Flüchtige, Verfolgte, nährte jetzt auch noch in ihrem Innern einen Wurm, der verzehrend an ihr nagte. Zum erſten Male in ihrem Leben trug ſie ein Geheimniß mit ſich herum, zum erſten Male verbarg ſie eine Empfin⸗ dung, machte ſie ein Hehl aus einer Handlung.— Es wurde ihr ſchwer, ſich dies abzugewinnen, und nur der 270 Gedanke an den berühmten Namen, den ſie trug, konnte ihrem Ehrgeize dies Opfer abfordern. Sie reiſte in Begleitung einer erwachſenen Tochter. Dieſe durfte das Verhältniß zu Rocca nicht ahnen. Ein Sohn, der das Mannesalter erreicht hatte, ſaß ihr gegenüber.— Wie hätte ſie dieſem geſtehen mögen, daß ihr Bevürfniß nach Liebe, ihre Sehnſucht nach dem Glücke einer aus Neigung geſchloſſenen Ehe ſie vermocht habe, ein ſolches Band mit einem ihr nicht ebenbürtigen ganz jungen Manne zu ſuchen? Selbſt Schlegel mußte ſie dieſen Umſtand ſorgfältig verbergen, damit nicht ſein Neid den armen Rocca treffe, für das Verbrechen, durch die Macht ſeiner unbegrenzten Liebe ſie ſich erobert zu haben. Während ſie nun in ihrer nächſten Nähe ſo peinliche Beziehungen ertragen mußte, und ihre Worte, ja ihre Mienen zu überwachen genöthigt war, damit ſie ſich durch keine unbeſonnene Aeußerung verrathe; gewahrte ihr Auge in der Ferne den Fortſchritt der franzöſiſchen Armeen, welche ihren Spuren beinahe folgten, und ſie auch hier im höchſten Grade für ihre Sicherheit beſorgt machte, ſo daß ſie unſchlüſſig war, ob ſie von Moskau nach Conſtantinopel oder nach Petersburg gehen ſollte. Aus Sorge für ihre Tochter beſchloß ſie das letztere, — c———6 r e n e he re ge n, im aß pel 271 und ließ hinter ſich die durch Rauch und Flammen verzehrte Stadt zurück. Auch Petersburg berührte ſie nur flüchtig. Sie konnte dieſen eben aufblühenden Ort nur mit Trauer ſehen; denn ihre Phantaſie malte ſich ihn zerſtört durch franzöſiſche Waffen und die Greuel eines Krieges, den Frankreich mit dem Leben ſeiner Söhne viel zu theuer bezahlte. Schweden, das Vaterland ihres Gatten, bot ihr ein ruhigeres und ſichereres Aſyl und ſo eilte ſie denn, nach einem Aufenthalte von vierzehn Tagen, von Petersburg nach Stockholm, wo ſie ſich ſeit lange zum erſten Male in Sicherheit fühlte. Sie war mit Bernadotte innig befreundet, ſie theilte mit ihm die Liebe zu Frankreich, und beklagte mit ihm den Jammer und das Leid, welches ihr Vaterland, unter dem Scepter des Uſurpators, über Europa gebracht. Ihr Herz blutete bei der Niederlage der franzöſiſchen Armee, deren traurige Ueberreſte jetzt, ein Bild des Elends, mühſam die Heimath zu gewinnen ſuchte. Sie ſchrieb hier in Stockholm ihren Aufſatz über den Selbſtmord, welchen ſie dem Kronprinzen von Schweden widmete. Mit dem Frühling 1813 ging ſie nach England, als eben ein Waffenſtillſtand zwiſchen Napoleon und den ver⸗ 272 bündeten Mächten geſchloſſen war. Der Kaiſer befand ſich in Dresden, und noch ſtand es ihm frei, ſich Beherrſcher von Frankreich zu nennen, mit einem Gebiete, das bis an den Rhein ſich erſtreckte, und das Königreich Italien mit⸗ umfaßte. Nur Englands Beiſtimmung zu einem ſolchen Vertrag war noch zu bezweifeln. Frau von Stasl landete im Juni an Albions grünen Küſten. Sie fuhr von Harwich bis London, eine Strecke von ſiebenzig Meilen, wie durch ein gelobtes Land; ſanfte Hügel wechſelten mit fruchtbaren Ebenen, durch die ſich längs des ganzen Weges Landhaus um Landhaus mit ſchönen Gärten und Parks hinzogen. Wohlſtand ſprach aus Allem, was ihrem Auge begegnete. Nirgends zeigte ſich eine Spur von Verfall. Nirgends eine Hütte des Elends, oder eine in Lumpen gekleidete Geſtalt; ſelbſt die Thiere auf dem Felde theilten dies allgemeine Wohlſein. Und dieſem Lande ſprachen die franzöſiſchen Journale, indem ſie es mit Frankreich verglichen, und ſeine Schulden⸗ laſt hervorhoben, alle Lebensfähigkeit ab. Frau von Staöl hatte von jeher die engliſche Con⸗ ſtitution bewundert, und lernte ſie jetzt, während ihres Aufenthaltes, durch die gewonnenen Reſultate noch höher ſchätzen. Sie machte ſich mit allen öffentlichen Inſtitn tionen bekannt, ſie wohnte den Gerichtsſitzungen bei, ſie hörte den Parlamentsverhandlungen zu, und Alles was ſie ½ 8 273 ſah und hörte, nahm ſie immer mehr für das Land und ſeine Bewohner ein. Sie nannte deſſen Verfaſſung un beau monument de l'ordre social, daß die Vorſehung den Engländern nicht beſchieden haben könne, damit es von andern Völkern angeſtaunt und bewundert, ſondern auch nachgeahmt werde. In England hat die öffentliche Meinung eine furcht⸗ bare Macht, und ſie allein iſt die wirkliche Beherrſcherin des Landes. Popularität wird darum der Götze, durch den der Einzelne ſeine Perſon zur Geltung bringt, und der Wetteifer weckt oft ungeahnte Kräfte.— Der Enthuſias⸗ mus eines ganzen Volkes für die That eines Einzelnen, der ſtürmende Beifall der Menge, der Jubelruf der Tau⸗ ſende entzückte Frau von Staöl.— Wie man Nelſon zu Grabe trug, wie man Wellington begrüßte, war für ſie das Ideal des dem Ruhme gezollten Beifalls. „Ah! quelle enivrante jouissance que celle de la popularité!“ rief ſie aus, und glaubte, daß es kein ſchöneres Glück geben könne, als ſo gefeiert zu ſein. Sie fand eine glänzende Aufnahme.— Man ſtaunte ſie wie ein Wunder an, und war entzückt von ihrem Geiſte. Ihr Intereſſe für die Politik wurde ihr hier nicht zum Nach⸗ theile angerechnet. Die Frauen dieſes Landes haben ſich von jeher an dem betheiligt, was die Männer in Anſpruch nahm, und ihren Einfluß in der Geſellſchaft durch ihr 274 lebhaftes Intereſſe an dem Wohl und Weh ihres Vater⸗ landes geltend zu machen geſucht.— Hier alſo befand ſich Frau von Stasl an ihrem Platze; hier wurde ſie von den Frauen geſucht, von den Männern geſchätzt, und keine Stimme erhob ſich, um ihre Geiſtesrichtung als unweib⸗ lich zu verſchreien. Sogar Schlegel hatte früher oftmals darüber geklagt, daß in ihrem Salon zu viel von Politik die Rede ſei, während ſein Intereſſe einzig der Literatur zugewendet blieb; ſie beklagte daher, daß er in Stockholm bei Berna⸗ dotte zurückgeblieben war, und bei ihrem Triumphe in England nicht gegenwärtig ſein konnte, um ſein Unrecht zu erkennen. Kaum hatte jedoch ihre Seele, durch dieſe erfriſchenden Eindrücke, eine neue Schwungkraft zu gewinnen begonnen, als ein herber Kummer ſie traf, und ſie gänzlich vernichtete. Ihr zweiter Sohn, der in Schweden zurück geblieben war, hatte dort ſein Leben in einem Duell eingebüßt.— Dieſer neue Schlag traf ſie zu ſchwer.— Sie liebte ihre Kinder auf das Zärtlichſte und konnte es nicht ertragen, ein junges, zu ſo ſchönen Hoffnungen berechtigtes Leben durch Tod zerſtört zu ſehen. Wie immer, war ſie auch jetzt o alle Kraft, dem Unglück gegenüber, und ſuchte Linderung gegen den nicht zu ertragenden Seelenſchmerz durch täubung. Ihr klarer Verſtand verwarf dieſe Schwä S 275 zürnte ſich ſelbſt darüber, daß es ihr an moraliſcher Kraft gebrach, zu kämpfen und den Schmerz durch ihren Willen zu beſiegen; und dennoch konnte ſie nicht widerſtehen, das oft erprobte Medicament zu ergreifen. „II n*y a qu'un seul malheur dans la vie,“ ſagte ſie bei dem Verluſte ihres Sohnes;„la perte d'un objet qu'on aime.“ Am 31. März 1814 waren die Allürten in Paris eingezogen, der Kaiſer von Rußland und der König von Preußen an der Spitze ihrer Truppen. Ganz Frankreich ſah ſich bald darauf von Fremden überſchwemmt. Frau von Stasl durfte jetzt wagen, dahin zurück zu kehren, ſie durfte ihr ſo theures Vaterland wieder ſehen, das ſie aber leider gebeugten Geiſtes und unter ſo traurig veränderten Verhältniſſen wieder begrüßen ſollte. Sie hatte ihren Aufenthalt in England dazu benutzt, ihr Werk über Deutſchland heraus zu geben, das ſie als Manuſcript auf der ganzen Reiſe mit ſich geführt. In⸗ mitten des Waffengetöſes konnte es die Aufmerkſamkeit nicht erregen, welche ihm ſpäter zu Theil ward, und ſie mußte ſich einſtweilen mit der Genugthuung zufrieden ge⸗ ben, es gerettet zu haben. Sie landete in Calais. Zehn Jahre war ſie nun von dieſem Boden verwieſen geweſen, zehn lange Jahre! Freudigen Herzens ſetzte ſie ihren Fuß an das Land, mit 276 dem Bewußtſein, daß es jetzt wieder ihre Heimath ſei, mit dem Gedanken an die frohen Tage, welche ſie hier verlebt, und jetzt noch wieder hier verleben konnte!— Sie hoffte wieder! Aber bald ſollten peinliche Empfindungen dieſen erſten Rauſch der Freude dämpfen. Sie gewahrte gleich am Ufer preußiſche Uniformen und fand die Stadt ſelbſt von den Fremden eingenommen. Das ſchmerzte ſie tief. Galt es gleich die Demüthigung ihres perſönlichen Feindes, ſo konnte die Schmach ihres Vaterlandes ſie keinen Triumph über ihn feiern laſſen. Tief beklagte ſie Frankreichs Geſchick, mit der Ueberzeugung im Herzen, nur durch den fremden Tyrannen habe es in eine ſolche Lage verſetzt werden können, der ſeine angebo⸗ renen Beherrſcher es nimmer ausgeſetzt hätten, wie groß auch ſonſt ihre Schwäche geweſen. Das Herz mit dieſen Gedanken beſchwert, ſetzte ſie ihren Weg fort. Indem ſie nun Paris näher kam, ſtei⸗ gerte ſich dieſes peinliche Gefühl noch durch den Anblick der fremden Truppen, die aus allen Ländern Europas hier ver⸗ ſammelt waren. Sie campirten um die Kirche von St. Denis, wo die Aſche der Könige von Frankreich ruhte und entweihten dieſen geheiligten Grund durch ihre vaterlän⸗ diſchen Hymnen.— Welche Töne auf dem Grabe eines heiligen Ludwig! 277 Sie erreichte endlich die Thore von Paris; aber, wachte ſie, oder hielt ein unglücklicher Traum ſie gefangen? So fragte ſie ſich, als ſie durch die Straßen fuhr, wo es von Fremden wimmelte, als ob es kein Frankreich mehr gäbe; wo ſie den Louvre und die Tuilerien von Auslän⸗ dern beſetzt fand und die Demüthigung erfuhr, dem Geſetze dieſer Fremden unterthan zu ſein. „J'ai un chagrin rongeur sur cette France, que j'aime plus que jamais,“ ſagte ſie in ihrem Exil.„Je sens distinctement, que je ne puis vivre sans cette France.“ Und jetzt war ſie in dieſem Frankreich, war ſie, was mehr noch iſt, in dieſem Paris, das ſie ſo hoch pries, und ſeufzte, das es ihr nicht gewährte, was ſie ſich davon ver⸗ ſprochen; denn ſie war zu aufrichtige Patriotin, um dieſe Demüthigung ihres Vaterlandes nicht lebhaft zu em⸗ pfinden. Sie beſuchte, um ſich zu zerſtreuen, die Oper; hier fand ſie die Treppe mit ruſſiſchen Schildwachen beſetzt und im ganzen Saale bemerkte ſie kein ihr bekanntes Geſicht. Sie beſuchte das Theater Frangais, wo man den Fremden die Tragödien von Voltaire und Racine zum beſten gab, und fand auch hier nur Fremde. Kein franzöſiſcher Offi⸗ zier betrat dieſe Plätze, keine franzöſiſche Uniform ließ ſich, ſo lange die Alliirten in Paris verweilten, an dieſen Orten 278 des Vergnügens blicken. Traurig wanderten die alten Militärs in Civilkleidern umher, unwillig, daß ſie den vaterländiſchen Boden nicht vor dieſer Invaſion zu bewah⸗ ren vermochten. Frau von Stasl hatte den Kaiſer Alexander in Peters⸗ burg mehrmals geſprochen. Sie freute ſich, ihn jetzt in Paris wieder zu begrüßen und nahm die erſte Gelegenheit dazu wahr. Noch ganz erfüllt von den Segnungen der engliſchen Conſtitution, ſagte ſie zu ihm, daß ſie ſeinen Un⸗ terthanen Glück wünſche, ohne eine ſolche Garantie des Ge⸗ ſetzes, von ihm ſo trefflich regiert zu werden. Er ertheilte ihr darauf die bekannte Antwort: „Je ne suis qu'un accident heureux, Madame.“? Sie blickte nun auch nach ihren alten Freunden umher, nach den Gefährten beſſerer Tage, nach den Theilnehmern ihrer glücklichen Zeiten.— Was war aus ihnen Allen geworden? Benjamin Conſtant hatte ſich ruhig in Göttingen ver⸗ weilt, während ſie flüchtig die Welt durcheilte, und ſich dort ernſtlich den Studien zu ſſeinem großen Werke über die Religionen gewidmet. Seit ihm die Möglichkeit be⸗ nommen war, zu Frau von Staöl wandern zu können, deren wunderbarer Geiſt ihn immer wieder mit magiſcher *Ich bin nur ein glücklicher Zufall, Madame. —— 1 1 c 279 Gewalt nach ſich zog, wenn er eben gemeint hatte, dieſem Einfluſſe entrückt zu ſein; ſeit er gezwungen geweſen war, ferne von ihr zu verweilen, fand er in ſeinem häuslichen Leben Genüge, und verbrachte ſeine Tage in heiterem Um⸗ gange, den ihm die kleine Univerſitätsſtadt und der Verkehr mit Männern, wie Villers, Görres, Kreutzer und Heyne boten.“ Hier verfaßte er denn inmitten der Trümmer der großen Armee, Angeſichts der unglücklichen, verſtümmelten Soldaten, welche nach der Niederlage bei Moskau die ruhige Stadt durchzogen, beim Donner der Kanonen von Leipzig und Bautzen, ſein berühmtes Werk, l'esprit de conquéte et'usurpation betitelt, das ſo großes Auf⸗ ſehen in damaliger Zeit erregte. Ueber Frau von Staöl waren ihm während deſſen nur die Nachrichten zugekommen, welche die Zeitungen ent⸗ hielten; denn das Geheimniß der Poſt wurde nicht geehrt, ihre Briefe erbrach man, ſie wußte das und verlor dadurch das Vergnügen ſich mitzutheilen. Außerdem auch war durch ihr Verhältniß zu Rocca eine gewiſſe Kluft zwiſchen ſie getreten. Sie wollte auch ihm nicht geſtehen, daß ſie den jungen, unbedeutenden, kran⸗ ken Mann in ihrer verlaſſenen Lage als Stütze und Freund * Westend-review 280 an ſich gefeſſelt habe, ihr helles Auge erkannte die für ſie demüthigende Seite des Verhältniſſes und ſie beſorgte, daß er zwiſchen den Zeilen leſen möge, was ſie ihm zu ver⸗ heimlichen wünſchen mußte. Wie vielen Kampf, wie viele ſchwere Stunden koſtete ihr dieſe Verbindung, ohne ſie darum vor dem Ennui zu bewahren, das ſie ſo ſehr fürchtete, und ſie wie ein ſchwar⸗ zer Schatten durch ihr ganzes Leben verfolgte. So wie Benjamin Conſtant erfuhr, daß Frau von Staöl nach Paris zurückkehren würde, brach auch er auf, eilte nach Coppet, um ihren älteſten Sohn Auguſt von dort abzuholen und zog mit ihm über Brüſſel, im Gefolge Ber⸗ nadotte's, in die Hauptſtadt Frankreichs ein. Wenige Tage darauf, am 21. April 1814, erſchien von ihm in dem Journal des Débats ein Aufſatz über die Reſtauration, deſſen leitende Idee die Neutralität der Kö⸗ niglichen Gewalt war, wodurch er den Grundſtein zu der von jetzt an ſich bildenden Oppoſition im Parlamente legte. Seiner Thätigkeit war von jetzt an ein friſches Feld geboten, ein neues Leben begann für ihn, ſein Enthuſias⸗ mus erwachte und Schrift und Wort bezeugten, mit welchem Feuer er für den Ruhm und die Ehre Frankreichs glühte. In dieſer Stimmung kam er eines Morgens bei Frau von Staöl an, als ſie noch mit ihrer Toilette beſchäftigt war und eben ihr Haar ordnen ließ. — 281 Tief bewegt ſah ſie ihn wieder. Er hatte ſich ſehr verändert, ſeit ſie ſich nicht geſehen; aber auch ſie war nicht mehr dieſelbe geblieben. Wenn gleich die Zeit äußerlich auch nicht ſolche Spuren zurück gelaſſen hatte, wie es bei ihm der Fall war, ſo war ſie dafür innerlich deſto mehr gebengt worden. Herr von Rebecque zählte jetzt 47 Jahre, ſtand alſo im beſten Mannesalter, ſein Kopf war dabei kahl, ſein Haar grau und ſein Auge, das einſt ſo hell und hoffnungs⸗ voll nach oben geblickt, lag tief in den Höhlen begraben. Nur ſein Enthuſiasmus war ihm geblieben und mit dieſem blickte er Frankreichs neuer Zukunft froh entgegen;— in dieſem Punkte auch begegneten er und Frau von Stasl ſich noch einmal, bevor das Leben ſie für immer von ein⸗ ander ſchied. Sie ſelbſt ſtellte ihm jetzt den ernſten, bleichen Rocca vor, von deſſen Daſein Benjamin Conſtant jetzt zum erſten Male Kunde erhielt. Der kranke, junge Mann maß ihn mit einem langen forſchenden Blicke, den dieſer in demſel⸗ ben Geiſte erwiederte; doch ſprach keiner von ihnen laut ſeine geheimſten Gedanken aus. Auch Herrn von Montmoreney begegnete Frau von Staöl in Paris wieder, wo er ſeit längerer Zeit unter po⸗ lizeilicher Aufſicht lebte. Den treubewährten Freund ihrer Jugend, der ſich unter allen Verhältniſſen erprobt, fand ſie 1859. III. Frant von Stasl. III. 18 282 auch jetzt in ihm; trotz ihrer immer mehr auseinander gehenden politiſchen Anſichten, litt dies Gefühl kein Wan⸗ ken und Jeder ließ den Andern ungeſtört die Bahn wan⸗ deln, welche die eigene Geſinnung bedingte. Montmorench zog nach Gent zu Karl X., um der Ueberbringer der Auf⸗ träge der Royaliſten zu ſein; Frau von Staöl aber nährte ihre alten Grundſätze einer politiſchen Freiheit und wirkte zu deren Realiſirung mit unermüdetem Eifer fort. Madame Récamier war, ſeit ihrem Exil, auf einer Reiſe begriffen geweſen, von der ſie noch nicht zurückgekehrt. Frau von Staöl ſchrieb an ſie: Paris, 20. Mai 1814. „Ich ſchäme mich, ohne Sie in Paris zu ſein, theurer Engel meines Lebens: theilen Sie mir Ihre Vorſätze mit. Wollen Sie, daß ich Ihnen bis Coppet entgegen gehe, wo ich vier Monate zu verbringen gedenke? Nach ſo vielem Leid beruht meine ſüßeſte Hoffnung darauf.“ Narbonne allein ſollte ſie von allen ihren nächſten Freunden vermiſſen. Seit längerer Zeit ſchon in die Dienſte Napoleon's getreten, war er Gouverneur von Raab geworden, und in Torgau 1813 am Typhus geſtorben. Die Reſtauration machte indeſſen bedeutende Fort⸗ ſchritte und Frau von Stasl träumte aufs Neue von einem conſtitutionellen Königthume.— Trotz ihrer wankenden Geſundheit gab ſie ſich mit ganzem Eifer dieſen Hoffnun⸗ v — c— 283 gen hin, während Benjamin Conſtant mit aufgehobenem Finger daſtand, warnend vor jedem Uebergriff, mahnend, belehrend, drohend. Seine journaliſtiſche Thätigkeit war jetzt unglaublich groß, ſeine Arbeitskraft mehrte ſich in dem Grade, wie die Schwierigkeiten ſich häuften. Siebzehntes Capitel. Die Adler in den Tuilerien. Die verbündeten Mächte hatten Paris verlaſſen. Faſt lautlos, wie ſie gekommen, waren ſie auch geſchieden, kein vergoſſenes Blut bezeichnete ihre Spur, ihr Einzug wie ihr Abzug ſteht in den Annalen der Geſchichte als unvergleich⸗ lich da.— Man konnte die Beſiegten für die Sieger halten.— Frau von Staöl hatte ſich nach einem kurzen Aufent⸗ halte in Coppet, mit dem Herbſte nach Paris gewandt, wo jetzt alles Fremdartige verſchwunden war. Mit frohen Hoff⸗ nungen ſah ſie dem Winter entgegen, bezog in der Rue Royale ein ſchönes Haus und öffnete ihren Salon der glänzenden Welt der Hauptſtadt. Trotzdem, daß ihre Ge⸗ ſundheit litt, wollte und konnte ſie der Geſelligkeit nicht 18* 284 entbehren; ſie bekämpfte darum ihr Leiden aus allen Kräf⸗ ten und verhehlte ihrer Umgebung ihr Uebelbefinden, deſſen Umſichgreifen in ihrer äußern Erſcheinung nicht ſichtbar war.— Man hatte ſie nie krank geſehen und glaubte daher auch nicht, daß ſie es jetzt ſei. Die Hitze, die Kälte, der Wechſel der Jahreszeiten hatten nie Einfluß auf ſie geübt. — In keiner Art war ſie genöthigt geweſen, ihrer Geſund⸗ heit jemals Sorge zu widmen. Ihre geiſtige Beweglichkeit machte ſogar das Spazierengehen für ſie überflüſſig.— Nervenſchwäche kannte ſie nicht und glaubte darum auch nicht daran. Sie hatte überhaupt keine Nachſicht mit kör⸗ perlicher Schwäche.„Naurais pu étre malade comme une autre,“ ſagte ſie,„si je n'avais pas vaincu la na- ture physique.?* Indeſſen, vermochte ſie es auch, dem Kränkeln durch ernſtes Wollen vorzubeugen, ſo konnte ſie der Krankheit doch nicht dadurch ſteuern, die jetzt an ihr zehrte. Schlaf⸗ loſe Nächte beſiegt kein Wille. Sie befand ſich jetzt inmitten einer neuen Welt in dieſem Paris, das ſie ſo lange eht hatte. Ein Bour⸗ * Ich hätte krank ſein können, wie Andere, wenn ich nicht die phy⸗ ſiſche Natur beſiegt hätte. —„* N 285 bon ſaß auf dem Throne und vernichtete langſam alle ihre ſchönſten Träume. Feſte fanden ſtatt; denn wo wäre eine Geſellſchaft reicher, müßiger Leute, welche nicht in Zuſammenkünften Erholung ſuchte, die der Luxus und die lange Weile erſon⸗ nen! Frau von Stasl hatte in dieſe glänzende Welt ihre einzige Tochter zu führen, welche ſie etablirt wünſchte. Albertine von Stasl ſollte eine Wahl aus Neigung treffen und wurde Herzogin von Broglie. Ihr Sohn Auguſt, ein ernſter, junger Mann von vortrefflichem Charakter, hielt ſich nicht immer in Paris auf, denn ihm ſagte das ſtille Leben in Coppet beſſer zu. Rocca wohnte und lebte mit ihr; doch ohne öffentlich an ihrer Seite zu erſcheinen. Er duldete dies Incognito, das ſie ihm auferlegte, um ihren Kindern nicht zu geſtehen, welcher Schwäche ſie ſich ſchuldig gemacht. Der bleiche, kränkliche Mann ſpielte die Rolle eines Hausfreundes; die WVelt betrachtete ihn dabei mit einem argen Lächeln.— Sie ließ es geſchehen. Sie war ſich keines Unrechtes bewußt, und ſeine Liebe, die ſie mit warmem Hauche in allen trüben Stunden tröſtete und neu belebte, war ihr mehr werth, als dieſe ſtummen Fragezeichen. Madame Récamier war jetzt in Paris eingetroffen. Von jeher eine Freundin der Bourbons, die ihr frommer Sinn als die von Gott eingeſetzten rechtmäßigen Beherr⸗ „ 286 ſcher Frankreichs betrachtete, wurde ihr Haus der Sammel⸗ platz der Royaliſten. Frau von Stasl theilte die Anſichten ihrer Freundin in dieſem Punkte nicht; aber ihre Achtung vor jeder wah⸗ ren Ueberzeugung geſtattete ihr nicht, ihr anders entgegen zu treten, als mit dem warmen Worte ihrer eigenen Ueber⸗ zengung. So wirkte denn Jede auf ihre Weiſe und ließ die Andere gewähren, ohne daß ihre Freundſchaft dadurch litt. Bald ſollte dieſe jedoch eine neue Probe zu beſtehen haben. Benjamin Conſtant, bis jetzt ein treuer Anhänger der conſtitutionellen Partei, deren Intereſſen er ſeit fünf⸗ zehn Jahren verfochten hatte, erſchien plötzlich nicht mehr in den Abendzirkeln bei Frau von Stasl und man fragte ſich verwundert, wohin er ſich gewendet?— Verlegen wich er ſelbſt allen Fragen aus. Doch das Gerücht ſchwieg nicht und belehrte Frau von Stasl gar ſchnell über die Urſachen ſeiner Abtrünnigkeit. Eine glühende Leidenſchaft für ihre ſchöne Freundin hatte ſich plötzlich ſeiner bemächtigt.— Der ernſte Mann mit dem kahlen Scheitel ſchwärmte wie ein Jüngling für eine reizende Frau und lebte nur noch von ihren Blicken. Er hatte ſie ſeit vielen Jahren gekannt, ohne daß ſein Herz für ſie geſchlagen, und jetzt, wo der Ernſt des Lebens ihn gereift, wo manche Erfahrungen ihn zur Ueberlegung auf⸗ riefen, vergaß er plötzlich die ganze Welt, um zu ihren M S e W— S c S 287 Füßen zu ruhen und nach ihren Winken zu handeln.— Sein Haß gegen die Bourbons ging in ſeiner Leidenſchaft für Madame Récamier unter, ſeine Schmähſchriften gegen Napoleon athmeten nur noch ihren Geiſt. Frau von Stasl ſah ihren früheren Schützling ungern auf dieſem Wege.— Seine Liebe hätte ſie ihm nicht beſtrit⸗ ten, doch ſeinen Abfall von ihrer Partei konnte ſie ihm nicht hingehen laſſen. Sie ſtrafte ihn dafür, indem ſie ihren Banquier beauftragte, ihm ferner keine Zahlungen auf ihren Namen zu leiſten. Dieſe Beſchränkung nahm er mit großem Unwillen auf. So kam das Jahr 1815 heran. Am 6. März, in aller Frühe des Morgens, hinter⸗ brachte man Frau von Staöl, daß ihr Feind, Bonaparte, an der Küſte von Frankreich gelandet ſei. Entſetzlich war dieſe Neuigkeit für ſie! Sie erkannte ſogleich die Folgen dieſer Begebenheit, ſie meinte die Erde müſſe ſich unter ihren Füßen öffnen und ſie verſchlingen vor ſeinem Nahen, ſo fürchterlich war ihr der Gedanke ſeiner Rückkehr. Sie wollte beten, aber ihre Lippe verſtummte. Ihre Phantaſie malte ihr alle Schrecken der Hölle und brachte ihr Bilder vor die Seele, vor welchen ſie erbebte. Sie war ohne Faſſung, ohne Ruhe, und die furchtbare Angſt dieſer Tage, die Ge⸗ 288 müthserſchütterung, welche ſeine Ankunft ihr verurſachte, gaben ihrer Geſundheit den Todesſtoß. Sie eilte zu Madame Récamier. Die Stunde der Gefahr und des Schreckens ließ ſie vergeſſen, was in der letzten Zeit trennend zwiſchen ſie getreten. In ihrer Furcht vor Napoleon fanden ſich die Freundinnen wieder. Sie traf Madame Récamier mit einem Briefe von Benjamin Conſtant beſchäftigt, der ihr in dieſer Minute überbracht worden war. Er lautete folgendermaßen: „Verzeihen Sie, wenn ich die Gelegenheit benutze, um Sie zu beläſtigen; doch iſt mir ſie zu angenehm. Mein Schickſal wird in fünf bis ſechs Tagen entſchieden ſein; denn obwohl Sie es, um Ihren Antheil an mir zu verrin⸗ gern, lieber nicht werden glauben wollen, ſo bin ich dennoch überzeugt, daß Marmont, Chateaubriand, Lainé und ich die vier am meiſten von der Gefahr bedrohten Männer in Frankreich ſind. Es iſt daher ganz ſicher, daß ich, wenn wir ihn nicht beſiegen, in acht Tagen entweder verbannt oder flüchtig, entweder in einem Kerker oder füſilirt bin. Schenken Sie mir alſo während dieſer zwei bis drei Tage vor der Bataille ſo viel Sie können an Zeit und Stunden. Sollte ich ſterben, ſo wird es Ihnen wohl thun, mir dieſe Freundlichkeit erwieſen zu haben, im andern Falle aber Sie betrüben, daß mir dieſe letzte Bitte von Ihnen verweigert worden. Mein Gefühl für Sie iſt mir das Leben; ein —— 289 Zeichen der Gleichgültigkeit trifft mich tiefer, als es in vier Tagen mein Todesurtheil wird thun können.— Und wenn ich fühle, daß die Gefahr das Mittel iſt, um von Ihnen ein Zeichen des Antheils zu gewinnen, ſo empfinde ich nur Freude.— Sind Sie mit meinem Artikel zufrieden ge⸗ weſen und haben Sie gehört, was man darüber ſpricht?“* „Pauvre Benjamin!“ ſagte Frau von Staöl, indem ſie ihrer ſchönen Freundin das Billet zurück gab.„Er hat den Kopf verloren über ſeiner Leidenſchaft für Sie, die ich ganz wohl begreife, mon ange. Aber, was wird aus uns?— Warten wir es ab?— Fliehen wir?— Mon Dieu! Mon Dien!“ Ihre ſchöne Freundin ſuchte ſie zu beruhigen. Die Royaliſten glaubten nicht an die Möglichkeit der Rückkehr Napoleon's, und ſie theilte deren Anſicht. Darum auch rührte ſie die Sorge nicht, welche Conſtant in Bezug auf ſeine Sicherheit ausſprach, und ſie benutzte ihren Einfluß auf ihn, um ihn immer weiter in den Ausdrücken ſeines Haſſes gegen den zurückkehrenden Kaiſer zu treiben. Frau von Stasl vermochte es nie, der Zukunft ohne Befürchtungen entgegen zu ſehen; wie hätte ſie alſo jetzt ſich Hoffnungen hingeben können, die aller Begründung entbehrten?— Sie ahnte nur Unglück und durchlebte es * Chateaubriand's Memoiren. 290 im Voraus in der Erwartung, unterſtützt von ihrer glühen⸗ den Phantaſie. Drei Tage vergingen in der peinlichſten Sorge. End⸗ lich, am 9. März, ging das Gerücht, der Telegraph von Lyon habe keine Nachricht gebracht, weil eine Wolke ihn verdunkelt; ſie begriff leicht, woraus dieſe Wolke beſtanden. Sie zitterte.— Sollte ſie vor der Gefahr entfliehen? Denſelben Abend begab ſie ſich nach den Tuilerien, um Ludwig XVIII. ihre Aufwartung zu machen. Sie fand ihn ſcheinbar heiter und gefaßt, doch entging ihr die Sorge nicht, welche ſich hinter der ruhigen Miene verſteckte. An den Wänden der Tuilerien prangten noch die Adler Napoleon's, ſie hatten ihm zu manchem Siege vor⸗ geleuchtet und ihre Ahnung ſagte ihr, daß ſie ihm noch nicht treulos geworden. Sie fuhr von dort in eine Geſellſchaft, um zu hören, was man im übrigen Paris erwarte, fürchte, hoffe. Hier gab man ſich ſcheinbar der heiterſten Unterhaltung hin und belächelte ihre Angſt. Eine der Damen ſagte ſpöttiſch zu ihr: Quoi! Madame, pouvez-vous craindre que les Frangais ne se battent pas pour leur roi légitime, contre un usurpateur?“ * Wie, Madame, können Sie fürchten, daß die Franzoſen ſich nicht für ihren legitimen König gegen einen Uſurpator ſtreiten werden. 291 Sie verſtummte vor ſolchem Worte. Wie ſehr ſie auch Napoleon haßte, ſo konnte ſie die einfältige Anſicht nicht theilen, daß eine Armee, welche er ſiegreich in ſo vie⸗ len Schlachten geführt, den Ruhm dieſer Jahre vergeſſe, und ſich plötzlich für das Prinzip der Legitimität begeiſtere. Eben ſo wenig glaubte ſie an die Möglichkeit eines conſtitutionellen Königthums und lächelte der Verſuche Napoleon's, als er damit Paris zu täuſchen bemüht war. Quiconque est loup, agisse en loup, G'est le plus certain de beaucoup, ſagte ſie kopfſchüttelnd, als man ihr den Vorſchlag machte, jetzt zu ſeiner Partei überzugehen.— Wer ihm dienen wollte, ſolle ihm ſein Schwert leihen, war ihr Rath, um die fremden Armeen von den Grenzen des Vaterlandes entfernt zu halten und ſich durch dieſen Patriotismus die Achtung Europas wieder zu gewinnen. Sie dachte zu groß, um auch jetzt einem perſönlichen Intereſſe Raum zu geben und blickte mit Verachtung auf die Männer, welche wankend und ſchwankend, bald einem Bourbon, bald einem Napoleon dienten. Auch Benjamin Conſtant ſollte es zu ſeinem Leid⸗ weſen erfahren, wie wenig er der Leitung dieſer Frau ent⸗ behren konnte. Als es nun endlich hieß, Napoleon ſei in Paris angekommen, da ergriff ihn ein paniſcher Schrecken, er dachte nur noch an ſeine perſönliche Sicherheit; der Muth, 292 mit dem er ſich vor Madame Récamier geſchmückt, war Selbſttäuſchung geweſen, der Gefahr gegenüber zitterte er feig und eilte, um ſein bedrohtes Leben zu ſichern, zu dem amerikaniſchen Geſandten, Mr. Crawford, ihn um eine Zu⸗ fluchtsſtätte anzuflehen. Dieſer verhalf ihm zur Flucht, aber kaum über die Thore von Paris hinaus, ergriff ihn die Reue, er mußte den Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft wiederſehen, er konnte die Entfernung von ihr nicht ertra⸗ gen und kehrte in ſein Verſteck zurück. Hier fand ihn der General Sebaſtiani auf und über⸗ redete ihn, ſeine Unterſtützung der neuen Regierung zu leihen, und Benjamin Conſtant war ſchwach genug, die Stelle eines Staatsraths von Napoleon anzunehmen. Was half es ihm, daß er gleich darauf dieſen Schritt bereute?— Er hatte ihn vor der Welt gethan, er konnte ihn nicht zurück nehmen, er ſchämte ſich, Frau von Stasl zu begegnen, er ſchämte ſich, Madame Récamier in das Auge zu blicken, wie ein Wurm nagte dieſer Vorwurf an ſeinem Leben, Vergeſſenheit zu finden ergab er ſich dem Spiele. Achtzehntes Capitel. Der letzte Lebenstraum. Die hundert Tage waren vorüber, Napoleon hatte am fünften Juli 1815 ſeine Abdankung unterzeichnet, und war mit dem Bellerophon nach St. Helena abgereiſt. Frau von Staöl hatte dieſen wechſelnden Begebenheiten aus der Ferne zugeſehen. Trotz ihres Haſſes gegen Napoleon, konnte ſie es Frankreich nicht verzeihen, den fremden Truppen das Ueberſchreiten ſeiner Grenzen geſtattet zu haben; ſie trauerte über dieſe ihrem Vaterlande neu zu⸗ gefügte Demüthigung. Ein Jahr des Verſuches hatte ſie belehrt, was ſich von einem Bourbon erwarten laſſe. Der Egoismus Lud⸗ wig's XVII., welcher nur ſeine eigene Bequemlichkeit ſuchte, und darüber hinaus nichts kannte, war ihr zuwider ge⸗ worden. Sie hoffte von dieſer neuen Reſtauration wenig für ihr Vaterland, und hoffte um ſo weniger, weil die Fremden ſie Frankreich unter ihren eigenen Bedingungen vetroyirt hatten; ſo ließ ſie denn der Abzug ihres größten Feindes faſt kalt, und traurig ſah ſie den kommenden Zeiten entgegen. Der Sommer war unter dieſen Begebenheiten ver⸗ gangen; der nahende Winter fand ſie wieder in Paris, 294 in der Rue Royale, in einem prächtigen Hotel, mit einer glänzenden Einrichtung; der ſie kaum noch froh werden ſollte. Benjamin Conſtant fand ſie nicht mehr dort. Nach⸗ dem er, im Namen der Kammer, ſich des ſeiner unwürdigen Auftrages entledigt, die Gnade der fremden Mächte anzu⸗ flehen, war er, um ſeiner eigenen Beſchämung zu entflie⸗ hen, nach England gegangen, wo er ſeinen Roman Adolph und ſeine Memoiren der Hundert Tage herausgab.— Armer Conſtant! Er war ein Spielwerk der Umſtände geworden und hatte den Glauben an ſich ſelbſt eingebüßt. Niedergedrückt durch die Ausſicht, daß er wahrſcheinlich nie mehr den Boden Frankreichs betreten würde, verſuchte er eine Rechtfertigung ſeines Thuns zu ſchreiben, und dieſe, nebſt der Protection von Decazes, verſchafften ihm endlich die Erlaubniß zur Rückkehr nach Paris. Frau von Stasl beklagte ihn; dieſem Bedauern miſchte ſich aber auch ein Gefühl des Unwillens bei; ſie erkannte, wie ſehr ſie ſich in ihm getäuſcht, wie wenig er die Tugenden beſeſſen, mit denen ihre Einbildungskraft ihn geſchmückt, daß ſie aus ihm gemacht, was ſie aus ihm zu machen gewünſcht, und nun, ſeit er das von ihr gelie⸗ hene Kleid abgeſtreift, ſtand der gehaltloſe, ſchwankende Mann in ſeiner ganzen Schwäche ihr gegenüber. Ihr graute, wenn ſie es ſich ausmalte, wie jede Zu⸗ 295 kunft auf dieſe Weiſe unſere Vergangenheit zu überſchatten vermöge und wie das Licht der Wahrheit uns um ſo manche angenehme Erinnerung ärmer mache. In ihren ſchlafloſen Nächten blieb ihr viel Zeit zum Nachdenken, und dieſe ſtillen Stunden führten ſie zu man⸗ cher neuen Einſicht. Sie betete viel; nicht mit auswendig gelerntem Worte; ſondern mit den Gedanken an das ewig Unvergängliche aller erſchaffenen Dinge. Sie hatte ſich nie mit der Metaphyſik, nie mit Klügeleien über die Re⸗ ligion, nie mit Abſicht und Zweck des Schöpfers bei Er⸗ ſchaffung ſeiner Welt abgegeben.—„Naime mieux l'oraison dominicale que tout cela,“ ſagte ſie. Sie liebte das Leben, ſie wünſchte nicht davon zu ſcheiden, ſie ſah dem Tode nicht mit Reſignation in das Auge. Mancher ſchwere Seufzer enthob ſich ihrer Bruſt, während ſie dem Fortſchritte ihres Uebels zuſah.„Arme menſchliche Natur!“ ſagte ſie.„Ach! das Leben, das Leben! Was ſind wir? Unſer Daſein gleicht dieſen Go⸗ belin⸗Tapeten, welche auf ihrer ſchönen Seite nicht das Gewebe zeigen, während der Rücken alle Fäden bloßlegt. Das Geheimniß unſeres Erdenlebens beſteht in dem Zu⸗ ſammenhange unſerer Fehler mit dem was wir leiden. Ich habe nie ein Unrecht begangen, welches nicht zu irgend einem Unglücke für mich geführt hätte.“ Sie bereute jetzt vielleicht, daß ſie des Schmerzes nie 296 in ſich ſelbſt hatte Herr werden können; aber ach! zu ſpät, zu ſpät! wie jede Reue. Sie meinte, daß es der Schrecken der Hölle nicht in der Religion bedürfe; denn noch nie ſei durch ſie ein Menſch gebeſſert worden; aber Urſache und Wirkung begreifen, das bewahre vor mancher Thorheit.— Ach! Es hatte ſie nicht davor bewahrt! Sie fühlte das um ſo tiefer und ſchmerzlicher, ſeit ſie ſchwer an den Folgen ihrer Nachgiebigkeit gegen ſich ſelbſt zu leiden hatte. Rocca wich faſt nicht von ihrer Seite. Er las ihr vor, er tröſtete, er erheiterte ſie, und ſeine Liebe umgab ſie mit einer Sorge, welche ſie ſtets mit neuem Danke er⸗ kannte.— Ihre Kinder, ſo ſehr ſie ihr anhingen, hatten ihr Leben vor ſich, an das ſich neue Intereſſen, neue Hoffnungen für ſie knüpften; Roeca dagegen fand ſeine Welt in ihrer Nähe. So vieles hatte das Leben ihr genommen, ſo manchen ihrer Freunde hatten die Umſtände ihr entriſſen; dieſen Einen wenigſtens hatte ſie ſich gerettet, dieſer Eine blieb ihr unverloren. Ihre geſelligen Beziehungen waren wieder angeknüpft, ſie empfing einen großen Kreis von Bekannten, ſie ſah die ausgezeichneten Fremden bei ſich, welche die Hauptſtadt Frankreichs nach der zweiten Reſtauration aufſuchten und —————— 297 Niemand ahnte, wie viel ſie dabei innerlich ſchon litt, ſo ſehr blieb ſie Herrin ihrer ſelbſt; ſo wenig geſtattete ſie ſich, die Kränkelnde zu ſpielen. Sie hatte ihre Leidenſchaften nie zu unterdrücken ver⸗ mocht; um ſo mächtiger zügelte ſie dafür jeden körperlichen Schmerz. Nach den durchwachten Nächten ſtand ſie ſpät auf und empfing erſt gegen Abend. Erſchöpft ſaß ſie früh in ihrem Zimmer, der bleiche Rocca ihr gegenüber; mit halbgeſchloſſenen Augen hörte ſie ihm zu, während er ihr Briefe und Zeitungen vorlas. „Sie ſind erſchöpft,“ unterbrach ſie ihn bisweilen, „hören Sie auf, es greift Sie an.“ „Ich fühle keine Ermüdung, ſo lange ich bei Ihnen bin,“ erwiederte er mit einem Blicke der Zärtlichkeit, der ihr die Thränen in das Auge lockte. „Rocca, wenn ich Sie verlieren ſollte!“ rief ſie aus und blickte ihn mit einer ängſtlichen Miene an, die den halb ausgeſprochenen Gedanken fortſetzte. Er ſchüttelte ungläubig ſein Haupt.—„Was mich belebt hält den Tod fern,“ ſagte er heiter.„Ein un⸗ ſterbliches Feuer durchglüht mich.“ Sie ſeufzte.—„Hätte ich Sie früher gefunden!“ rief ſie leiſe vor ſich hin. Eine ſchöne junge Frau trat in das Zimmer. 1859. III. Frau von Stasl. TII. 19 298 „Entſchuldige, daß ich ſtöre, liehe Mama!“ ſagte ſie. „Im Vorzimmer wartet ein Herr, den Du haſt abweiſen laſſen, weil man Dir ſeinen Namen nicht richtig genannt hat und er keine Karte bei ſich führte. Er hat ſich gegen mich, als ich an ihm vorüberging, beklagt, und ich bin überzeugt, daß es Dir leid thun würde, ihn nicht geſehen zu haben.“ „Wer iſt es denn?“ fragte Frau von Stasl ungeduldig. „Oehlenſchläger.“ „Ah! Iſt er es!— Jedenfalls werde ich mich freuen ihn zu begrüßen.— Bitte! Lade ihn auf dieſen Abend ein und entſchuldige mich, daß ich ihn nicht gleich empfangen kann. Neun Jahre machen einen Unterſchied im Leben. Damals durften meine Freunde mich zu allen Stunden aufſuchen; jetzt— muß ich die Stunde ſuchen, wo ich ſie empfangen kann. Ach! Die arme menſchliche Natur!“ „Es wird beſſer werden,“ ſagte Rocca tröſtend.„Mit dem kommenden Frühling werden Sie ſich erholen.“ „Laſſen wir das, Rocca.— Meine Tochter ſieht heute ſehr gut aus, nicht wahr?— Sie iſt glücklich, hoffe ich. Ich habe ihr ein anderes Lebensloos geſchaffen, wie das, was mir zu Theil ward. Ich habe ſie gewarnt vor dem Ruhme und vor der Politik; ſie ſollte mir in keiner Art nachahmen, in keiner Art meinem Beiſpiele folgen. Was ich gelitten, wünſchte ich nicht in ihr noch wiederholt zu 299 ſehen. Nai assez de moi en moi, et je veux qu'on me renvoie autre chose que ma voix.— Man muß ſeine Kinder für das Leben erziehen, und ſie nicht täuſchen wollen. Ich habe ihnen in allen Stücken nur die Wahr⸗ heit geſagt und ſie in nichts betrogen. Um glücklich zu werden, mußten ſie auf einem feſten Boden ſtehen, und ihre Zukunft klar in das Auge faſſen. Sie mußten nur das Mögliche wollen und es mit den beſten Mitteln zu erſtreben ſuchen. Ich habe ihnen darum aus meinen Feh⸗ lern kein Geheimniß gemacht und ihnen die daraus her⸗ vorgehenden ſchlimmen Folgen gezeigt. Das hat die beſte Wirkung hervorgebracht. Meine Offenheit rührte ſie. Si vous aviez des torts, non-seulement jen serais mal- heureuse, mais j'en aurais des remords, ſagte ich ihnen.— Ich habe das Exil nicht ertragen können, ich habe ihnen kein Beiſpiel des Muthes und der Reſignation gegeben; dies Unrecht konnte ſich ſtrafen.— Zum Glück leide ich jetzt nur noch ſelbſt dafür, und ich bete, daß es dabei bleiben möge. Ach! Rocca, wie traurig iſt es, wenn unſere Leidenſchaften unſere beſſere Einſicht verdunkeln und uns wiſſentlich auf falſchen Wegen wandeln laſſen. Und doch geht es uns häufig ſo, und kein Verſtand und keine Einſicht bewahrt uns davor. Pauvre nature hu- maine!“ 10* 300 „Sie konnten das nicht ändern,“ erwiederte Roeca, „es war Ihre Natur ſo.“ Er tröſtete ſie auf dieſe Weiſe mit ihren eigenen Worten. Sie nahm das nicht an. „Seiner Natur folgen, iſt Schwäche.— Ich hätte mich opponiren ſollen. Rouſſeau hat mich auf dem Ge⸗ wiſſen. Nun iſt es zu ſpät. Doch bin ich nur ſchwach, nie böſe geweſen, ich habe nur das Gute gewollt und Nie⸗ mand geſchadet, als mir ſelbſt; das iſt mein Troſt.“ „Die Natur hatte Sie vorzugsweiſe begabt und mußte Ihnen darum auch geſtatten, keiner Regel unterworfen zu ſein. Ich möchte nicht, daß Sie den andern Frauen glichen.“ Sie ſeufzte. Als Oehlenſchläger am Abend im Salon erſchien, fand er Frau von Staöl von einer glänzenden Geſellſchaft um⸗ geben und Niemand ahnte, daß die Wirthin des Hauſes ihre ganzen Kräfte zuſammen nahm, um während einiger Stunden hier ihre Rolle durchzuführen. Mit Mühe drängte ſich der nordiſche Dichter bis zu dem Sopha durch, wo ſie, ihrer Gewohnheit gemäß, mit einem Turban auf dem Kopfe, ſaß und eine lebhafte Unterhaltung führte. „Ah! Oehlenſchläger!“ rief ſie, ihm die Hand rei⸗ chend, mit lachender Miene aus,„Sie haben mir doch Ihr jüngſtes Kind mitgebracht? Sie erſcheinen doch nicht als Stiefvater?“ ——— 301 Der ſteife Nordländer konnte ſich nicht gleich in dieſe unbefangene Weiſe ihn zu begrüßen finden; ſie that als ob er ſie nur geſtern erſt verlaſſen hätte, während er den langen Zeitraum nicht ohne einige Feierlichkeit zu über⸗ ſpringen vermochte. Er ſah ſie verwundert an. „Sprechen Sie! Sprechen Sie! Damit ich höre, ob Ihr Franzöſiſch nicht verlernt iſt,“ rief Frau von Stasl. „Wir wollen Sprichwörter aufführen. U faut renoner la phrase interrompue.“ Sie ſtellte ihn darauf Alexander von Humboldt vor, dem er vor zehn Jahren ſchon einmal in Berlin begegnet, und nun hier ſo unerwartet wieder fand. Bald darauf begrüßte ihn Auguſt Wilhelm Schlegel.“ Doch war in dem Gedränge keine fortgeſetzte Unterhaltung möglich. Frau von Stasl lud Oehlenſchläger auf den folgenden Tag zum Mittagseſſen ein. Unſer Dichter konnte an dieſem Tage ſeine Schuhe nicht finden und ſtellte ſich daher, ſtatt um ſechs, erſt gegen ſieben Uhr ein. Man hatte ſchon zu ſpeiſen angefangen, als er eintrat. Um einen kleinen runden Tiſch ſaß Frau von Stasl mit ihrer Tochter, der Herzogin von Broglie, und zwei ältern Damen. Ein Platz für Oehlenſchläger war leer geblieben.— Während dieſer die ſchon abgetragenen Schüſſeln einzubringen ſuchte, machte * Oehlenſchläger's Briefe. 302 ihm Frau von Stasl das Compliment, er habe ſeinen Namen im Norden berühmt gemacht.„Was iſt der Nor⸗ den gegen die Erde!“ erwiederte er in Anſpielung auf ihren Ruf. Sie erkundigte ſich nach Werner und planderte heiter über das Vergangene und Gegenwärtige, über die neuen Productionen der Literatur, die Erfolge ihrer beiderſeitigen Bekannten, bis zur Stunde des Aufbruchs. Rocca und Schlegel erſchienen nicht. Voltaire's Tancred wurde an demſelben Abend ge⸗. geben, Frau von Stasl rieth Oehlenſchläger, das Stück zu ſehen,* dem ſie ſelbſt nicht beiwohnen konnte, weil ſie den Beſuch von Henriette Mendelsſohn erwartete, deren gebundene Stellung im Hauſe des Generals Sebaſtiani, als Erzieherin von deſſen Tochter, nicht häufig ſolche Ent⸗ fernung geſtattete. Ein Leben der Selbſtverleugnung, der Reſignation, bei vielem Geiſte und einem gebildeten Verſtande, war Frau von Staöl, ihrer Natur nach, wenig begreiflich, und nur durch ihre Phantaſie gewann ſie einen Schlüſſel zu einer ſolchen Exiſtenz.— Aber warum, fragte ſie ſich, warum der Welt entſagen, warum auf ihre Freuden ver⸗ zichten, ohne eine äußere Nothwendigkeit? * Ohlenſchläger's Briefe aus Paris von 1816. 303 Henriette Mendelsſohn war jetzt zum katholiſchen Glauben übergetreten; Beweis genug, daß ſie in dem erwählten Berufe ihr Glück nicht fand und es auf andern Wegen ſuchte. La grace viendra, hatte der Prieſter ihr ermuthigend zugerufen, als ſie den alten Glauben abſchwor, ſie vertraute ſeiner Stimme, und trat muthig über; aber, die Gnade kam nicht. Zweifel und Unruhe trieben ſie hin und her. Frau von Stasl hatte ſie lange nicht geſehen und wollte jetzt über dieſen Punkt mit ihr reden.— Sie nahm Theil an ihrem Geſchicke. Ihr gutes Herz ertrug es nicht, daß ſie einſam in ſich die Zweifel nähren, bei ihrem ſtillen Wirken innerlich alles Friedens, aller Freude entbehren ſollte und ſie hoffte, daß die offene Mittheilung deſſen, was ſie drückte, ſchon eine Erleichterung für ſie ſein werde. So widmete ſie ihr denn dieſen Abend. Täglich mehr fühlte Frau von Stasl jetzt das Sinken ihrer Kräfte. Wie ſehr ſie ſich beherrſchte, ſo war dem Willen nicht alles möglich, und wohl mochte ſie dann aus⸗ rufen: Pauvre nature humaine! Wie ſie ſelbſt früher öfter geſagt: man zwinge die Natur, und im Galopp holt ſie uns ein; ſo ging es ihr auch jetzt damit. Es kam die Stunde, wo ſie weichen mußte, wo ſie mit aller Anſtrengung ihre Schwäche weder bekämpfen noch verbergen konnte. Die Aerzte ſtanden rathlos da.— Die warmen Lüfte Piſas hatten keine Linderung gebracht, die geſtörte 304 Organiſation ließ ſich nicht wieder in das rechte Geleiſe treiben. Sie konnte endlich die Anſtrengung nicht mehr machen, im Salon am Abend zu erſcheinen, ſie mußte darauf verzichten, ihre Freunde zu empfangen; ſie mußte in ihrem Zimmer und oft in ihrem Bette bleiben. Chateaubriand ſuchte ſie eines Morgens auf und war überraſcht zu hören, daß ſie ihr Lager nicht mehr ver— laſſen könne. Noch einige Tage zuvor hatte er bei ihr geſpeiſt, und ihr Krankſein nicht geahnt.— Jetzt empfing ſie ihn bei verſchloſſenen Fenſtern, durch die der Tag nur ſpärlich ſeinen Schein ſendete. Halb aufgerichtet, von Kiſſen unterſtützt, ſaß ſie in ihrem Bette und ſtreckte ihm, mit der alten Herzlichkeit, die jetzt abgemagerte Hand ent⸗ gegen.* Es war ſo düſter im Zimmer, daß er Anfangs kaum entdecken konnte, wo die Kranke ſei. Als er ihr ganz nahe getreten, gewahrte er auf ihrer Wange die hohe Röthe eines verzehrenden Fiebers, das nicht mehr zu hemmen war. Ihr ſchönes Auge traf ihn ſelbſt in dieſer Dämme⸗ rung mit ſeinem Strahle und freundlich ſagte ſie: „Bon jour, my dear Francis. Ich leide; aber das verhindert mich nicht, Sie zu lieben.“ Er nahm ihre Hand und preßte ſie gerührt an ſeine * Chateaubriand's Memoiren. 305 Lippen; denn er fühlte wohl, daß er ſie nicht oft mehr ſehen würde. Als er aufſah, bemerkte er, daß ſich an der andern Seite des Bettes eine bleiche Geſtalt bewegte, welche einem Schatten glich; und als er näher hinſah, entdeckte er, daß es Rocca ſei. Die Wangen hohl, die Augen getrübt, die Züge verzerrt von Gram, die Geſichtsfarbe grau, blickte der arme Mann ſtarren Auges auf ſeine kranke Freundin und ſchien, durch die Sorge um ſie, dem Leben ſchon nicht mehr anzugehören. Keine Silbe kam über ſeine Lippen. Stumm erwiederte er den Gruß des Gaſtes mit einer leichten Bewegung des Hauptes, ſtand dann auf und verſchwand aus dem Zimmer, ohne daß man ſeine Schritte vernahm. Einem Schatten gleich ſchwebte er vorüber, mit einem bedeutſamen Blick auf die Kranke, welchen dieſe zurück gab. Vielleicht wollte er ſie warnen, ihr Fieber nicht durch lebhaftes Geſpräch zu verſtärken; wenigſtens deutete Chateaubriand es ſo. „Sie müſſen ſich ſchonen,“ ſagte er zu der Kranken. „Sie müſſen Sorge für Ihre Geſundheit tragen; ſchon um Ihrer Freunde willen ſind Sie ſich das ſchuldig!“ Sie lächelte ſanft, und nickte ihm mit den Augen zu. „Ich kann nicht,“ ſagte ſie.„Ich bin mir ſtets gl eich geblieben, lebhaft und traurig; j'ai aimé Pieu, mon pére et la liberté.“ 306 „Gott wird Sie uns noch lange erhalten; denn er weiß, wie wenig wir Sie entbehren können,“ erwiederte Chateaubriand. „Ah! My dear Francis! Es wäre hart, mit einem ſolchen Schatz von Liebe in ſeinem Herzen aus dem Leben ſcheiden zu müſſen.— Ich möchte nicht von Albertine ge⸗ trennt ſein; weder hier noch dort.— Ah! Eine Tochter! Sie begreifen nicht, wie man an einer Tochter hängt, theurer Francis!“ „Denken Sie an die Möglichkeit einer Gefahr?“ fragte er, wie verwundert.„In Ihrem Alter? Bei Ihrer Geſundheit?“ „Warum nicht?— Mon pére m'attend sur l'autre bord.— So oft ich an Gott denke, kann ich den Gedanken an meinen Vater nicht davon trennen. Ich habe Schlegel gebeten, Alles was ich darüber empfinde, niederzuſchreiben. — Man kann nicht wiſſen, was ſich ereignet. Ich ſuche mir den Uebergang vom Leben zum Tode vorzuſtellen, und bin überzeugt, daß die Güte Gottes ihn uns erleichtert. Unſere Ideen verwirren ſich, unſere Schmerzen hören auf; — und wir ſind nicht mehr. So ſtelle ich mir es vor!— Mit einem letzten Gedanken an Alle, die wir lieben, ſind wir auch ſchon dort! Iſt dem nicht ſo?“ „Denken wir daran nicht,“ ſagte Chateaubriand be⸗ 307 ruhigend, und entfernte ſich, um ſie nicht zu ermüden, mit dem Verſprechen, ſie bald wieder zu ſehen. Wenige Tage darauf erhielt er von ihr eine Ein⸗ ladung zum Mittageſſen. Er traute ſeinen Augen kaum. Hatte ſie ſich ſo ſchnell erholen können?— Das war kaum möglich. Als er erſchien, fand er ſie nicht im Salon. Wie alle Kranke, hatte auch ſie Momente, wo ſie ſich über ihren Zuſtand täuſchte, und ganz wohl zu ſein meinte. In ihrer nächſten Umgebung ahnte noch Niemand die Gefahr; denn ihr lebhafter Geiſt, der jeden Augenblick, wo das Fieber nachließ, mit reger Theilnahme für Alle war, führte ihre Freunde irre. Madame Récamier richtete über Tiſche die Frage an Herrn von Chateaubriand, was er von dem Befinden ihrer Freundin halte; darauf erwiederte er ausweichend, denn er vermuthete ſelbſt noch nicht, daß er ſie bereits zum letzten Male geſehen habe. Die Kranke hatte ihre Wohnung gewechſelt, ſie war Rue neuve des Mathurins gezogen; aber ohne durch dieſe Veränderung zu gewinnen. Kein Schlummer ſtellte ſich ein und täglich mehr fühlte ſie die Abnahme ihrer Kräfte. Ihre Hand konnte bereits keinen leſerlichen Buchſtaben mehr vorzeichnen, ihr Geiſt keinen klaren Gedanken mehr faſſen;— ſchwächer und ſchwächer regte ſich das Leben in ihr. 308 Ihre Kinder ſaßen um ihr Lager; ein dankbarer Blick der Liebe lohnte ihre treue Liebe. Der bleiche Rocca hielt ſein Auge wie bewußtlos auf ſie geheftet, matt drückte ſie ſeine Hand noch, als wolle ſie ihn über ihren Verluſt zu tröſten ſuchen, den er, das fühlte ſie lebhaft, nicht zu überwinden die Kraft haben würde. Benjamin Conſtant, die Arme über die Bruſt gekreuzt, ſtand, einem Marmorbilde gleich, in einiger Entfernung von ihrem Lager. Seit er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß hier von einem Scheiden auf immer die Rede ſei, war ſeine Leidenſchaft für Madame Récamier ver⸗ ſtummt, ſein Ehrgeiz erloſchen;— er ſchrieb nicht mehr, er redete nicht mehr, das öffentliche Leben ging ihm nichts mehr an, die politiſche Welt hatte ihr Intereſſe für ihn verloren. Der Schmerz ließ jede andere Empfindung ver⸗ ſtummen. Der nahende Tod ſeiner Freundin rief alle ſeine beſſeren Gefühle wach. Indem er Frau von Stasl auf immer verlieren ſollte, erkannte er erſt was ſie ihm geweſen war, und glaubte, ohne ihren Beifall nichts mehr leiſten zu können. Stumm und ſtarr ſtand er ihr gegen⸗ über und zählte in ſeinen Gedanken die Jahre auf, ſeit er ſie gekannt, ſeit ſie mit warmer Freundſchaft ihn geleitet und gefördert hatte.— Und nun ſollte er für immer ohne ſie leben!— Mit Mühe faßte er ſich, um einen lauten Ausbruch ſeines Schmerzes zurück zu halten. 309 Dem Tode gegenüber fühlte er das Unrecht ſeines Lebens mit nagender Pein. Madame Récamier ſaß in einem Armſeſſel in der fernen Ecke des Gemaches, das Geſicht mit den Händen bedeckt und Benjamin Conſtant hatte keinen Blick für die ſchöne Frau. Anguſt Wilhelm Schlegel erſchien von Zeit zu Zeit, mit leiſem Schritt und der flüſternden Frage: wie es gehe?— Dies war die einzige Unterbrechung der laut⸗ loſen Stille, in der nur des Zeigers Schritt den Fortgang der Zeit angab. So kam die ſtille Mitternacht heran, und damit hatte die Kranke zu athmen aufgehört. Fromm ver⸗ trauend war ſie hinüber gegangen, mit der Hoffnung, neben dem himmliſchen Vater auch den eigenen Vater wie⸗ der zu finden und ſich auf's Neue in ſeiner Liebe zu ſonnen. Gebrochenen Herzens ſchauten ihre Kinder ihr nach. Wenn ein talentvoller Menſch die Erde verläßt, ſo iſt das ein Verluſt, den die Welt mit empfindet. Die ſeltene Blüthe der Victoria Regina zählt nach Jahren, nicht nach Tagen. Die Roſen hatten eben abgeblüht, als ihre Leiche in Coppet, in einem ſchwarz behangenen Wagen, begleitet von Schlegel und Auguſt von Stasl, anlangte, um in das Mauſoleum, neben ihren Vater, beigeſetzt zu werden. Sie hatte dies Gebäude ſelbſt errichten laſſen. Es war ———— — 310 von ſchwarzem Marmor mit einem Basrelief über der Thüre, deſſen Zeichnung ſie ſelbſt angegeben. Weinend kniete ſie darauf am Sarge ihrer Eltern, welche ihr vom Himmel die Hände entgegen reichten. Wie oft hatte ſie in dem Bosquet gewandelt, wo es ſtand, wie oft in trau⸗ rigen Stunden hier Troſt geſucht, wie oft einſam hier gebetet! Jetzt ſollte ſie nun für immer hier Ruhe finden. Die Municipalität von Coppet trug den Sarg, als einen Beweis der Liebe und des Reſpectes; der ganze Rath von Genf folgte. Der Herzog von Noailles hatte ſich von ſeinem Gute Rolle, das in der Nähe lag, nach Coppet begeben, und alle Freunde und Verwandte von nah und fern ſtrömten ebenfalls herbei, ihr dieſe letzte Ehre zu erweiſen. Am Sarge wurde eine Predigt von Necker vorgeleſen, die Alle tief ergriff durch den Gedanken, daß der eigene Vater die Beiſetzung ſeines Kindes mit begehe. Hierauf wurde ihr letzter Wille verleſen, welcher die Bitte an ihre Kinder enthielt, ihre Ehe mit Rocca der Welt bekannt zu machen und den kleinen Knaben, welchen ſie aus dieſer Ehe beſaß, als Familienmitglied aufzunehmen. Erſtaunt hörten die Umſtehenden dieſe Clauſel. Ben⸗ jamin Conſtant wurde todtenbleich; ſein Auge leuchtete, er ſah den armen Rocca eine Minute lang herausfordernd an, dann fiel ſein Blick auf den Sarg und mit einem * 311 tiefen Seufzer verließ er das Gemach und blieb einige Zeit lang wie verſchollen. Rocca dagegen war gänzlich theilnahmlos geblieben. Er hatte ſie verloren; was gingen ihm ferner noch die Dinge an, welche ſich auf dieſe Welt bezogen?— Er reiſte nach der Provence zu ſeinem Bruder ab und ſtarb kurze Zeit darauf. Auguſt von Staöl ward Beſitzer von Coppet. Hier lebte er ſtill und ernſt dem Wohle der Menſchheit, bis ein früher Tod ihn hinraffte, und der durch ſeine Mutter ſo berühmt gewordene Name mit ihm erloſch. Natura la fece e poi ruppe la stampa. Endr des dritten und letſten Cheils. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. ——— —,— ————————— — 12. —