= = * —4 Leihbibl deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * — — * Pibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. Erſter Band. Frau von Stasl. I. Prag, 1859. Kober& Markgraf. Grüher: J. L. Kober) Fruu von Stutl. —— Pingraphischer Buman von Amely Bölte. Erſter Band. Prag, 1859. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Miß Polly van Spckel in Philadelphia 7 ur Grinnerung des srhünrn, dus wir nit rinandyr grarhrn, dys Cranrigrn, das mir mit vinander urrrht Dresden, 3 den 15. Juli 1858. der Verfaſſerin. ———————————— Inhatt. ——— Erſtes Capitel. Der Tod Ludwig's XV. Zweites Capitel. Der Salon Necker Prittes Capitel. Ein Abend im Theater Viertes Capitel. Der Beſuch im Krankenzimmer Fünftes Capitel. Das Geneſungsfeſt Sechſtes Capitel. Voltaire in Paris Siebentes Capitel. Die Lorbeerkrone Achtes Capitel. Beſuch bei Rouſſeau Ueuntes Capitel. Die erſte Comödie Zehntes Capitel. Der Doctor Tronchin Elftes Capitel. Das Landhaus in Saint Ouen Zwölftes Capitel. Der bürgerliche Miniſter Preizehntes Capitel. Die Gouvernante Lonis Philipp's Seite 20 36 49 67 90 128 150 167 381 4199 Erſtes Capitel. Natura la fece e poi ruppa la stampa. Der Tod Ludwig's XV. Dicke Wolken hingen über Paris. Ein feiner Staub⸗ regen verdichtete die Atmoſphäre und hüllte alle Gegen⸗ ſtände in ein graues Gewand ein. Das erſte Maigrün ſproßte, die prächtigen Bäume in den Gärten der Tuilerien hoben ſtolzer ihre Häupter, während unter dem träufelnden Regen Blatt um Blatt aus ihren Zweigen hervorſchoß, und ſie mit jeder Stunde reicher bekleidet erſcheinen ließ. Heute erfreute ſich jedoch kein Auge an dieſem neuen Schmucke, keines Müßigen Fuß lenkte den Schritt hierher und kein warmer Sonnenſtrahl ſtahl ſich vom trüben Him⸗ mel herab, um die Feuchtigkeit von den jungen Blättchen hinweg zu küſſen. 1859. I. Frau von Stasl. I. 1 Auf den Straßen von Paris war es einſam; denn nur die Nothwendigkeit konnte heute Veranlaſſung werden das ſchützende Dach zu verlaſſen. Die Neugierde, ſonſt eine ſo ſtarke Gebieterin, erhob gegen ein ſolches Unwetter ſchwach ihre Stimme, und nur der Einzelne wurde durch ſie verlockt ſich hinaus zu wagen, um Nachrichten einzuho⸗ len über das Befinden Ludwig's XV., welcher in Verſailles ſo gefährlich krank lag, daß ſchon in allen Kirchen Gebete für ſeine Seele zum Himmel ſtiegen. Erwartungsvoll ſah ganz Frankreich dem Momente entgegen, wo es von einem Könige befreit ſein würde, wel⸗ cher es an den Abgrund geführt hatte, und nichts konnte dem Jubel verglichen werden, womit dieſe Botſchaft, als ſie endlich eintraf, die Bevölkerung von Paris erfüllte. Alle Rückſichten des Schicklichen wurden aus den Augen geſetzt, ſelbſt das Geſetz verlor ſeine Macht vor dieſer all⸗ gemeinen Stimme: Das Volk lachte, wo es wenigſtens der Form nach trauern ſollte. „Das Kornmagazin des Königs iſt zu ver⸗ miethen“ ſtand mit großen Buchſtaben an der Halle geſchrieben, und jeder Vorübergehende hielt ſeine Schritte an, um den arti⸗ gen Scherz zu bewundern. Sein Nachfolger, ſo hoffte man, werde nicht Wucher Ko ſah aU lär un Fr nu wi Lu Br zeh wi S — de tre ſol U 11 nn treiben mit dem dringendſten Bedürfniß des Volkes, die den Kornpreiſe mußten fallen, das Brod wohlfeil werden. Man nſt ſah mit friſchem Muthe der nächſten Zukunft entgegen. ter Madame Dubarry war abgereiſt, es gab keinen Pare rch aux cerfs mehr, Tugend und Unſchuld durften nicht ho⸗ länger beſorgen ein Raub der Willkür zu werden, Sitte lles und Geſetz mußten aufs Neue ihre Rechte geltend machen. ete Freude herrſchte, wohin man blickte. Während das Volk ſich mit ſolchen und ähnlichen nte Gedanken trug, während der Arme wie der Reiche hoff⸗ el⸗ nungsvoll in die Zukunft blickte, während ganz Frankreich, nte wie von einer Laſt befreit, neu Athem ſchöpfte, beſtieg als Ludwig XVI. einen Thron, deſſen Grundpfeiler auf einem lite. Boden ruhten, den Voltaire und die Philoſophen des acht⸗ gen zehnten Jahrhunderts zu einem lockeren Erdreich aufge⸗ a wühlt hatten, wo er zu ſeiner Sicherheit der feſteſten der Stützen bedurfte. Dieſe zu finden, war ihm nicht verliehen. Die Menge ahnte nicht, um was es ſich handelte; der Eirzelne, durch den Schein der Dinge getäuſcht, be⸗ trachtete, wie immer, nur ſeine perſönliche Lage, und aus ind ſolchen Einzelnen beſteht das große Publikum. ti Nur der Denker, der Philanthrop und der Staats⸗ mann prüften mit ernſtem Blicke die wirkliche Lage der her Dinge und maßen ihre Tragweite ab;— da ſtellte ſich 1 S——— ——————. 12 denn ein Defizit der Hoffnung heraus und die Furcht ge⸗ wann Raum. Zu denen, welche die Lage Frankreichs bei dem Tode Ludwig's XV. auf dieſe Weiſe einer Prüfung unterwarfen, gehörte ein Fremder, dem es gelungen war, durch kluge Benutzung der mercantiliſchen Verhältniſſe in wenigen Jahren ein bedeutendes Vermögen zu erwerben. Um rich⸗ tig ſpeculiren zu können, hatte er ſich genau mit dem Zu⸗ ſtande der Finanzen und der Hülfsquellen des Staates bekannt machen müſſen, und dieſe Kenntniß befähigte ihn jetzt, mit ernſtem Blicke die Gegenwart zu muſtern und bei ſich zu überlegen, welcher Mittel es bedürfen würde, um den Schatz wieder zu füllen. Indem er Zahl um Zahl an einander reihte, ahnte er nicht, wie eng ſein perſönliches Schickſal an jede Null geknüpft ſei. Was er jetzt als ein Spiel betrieb, um eine müßige Stunde auszufüllen, was er flüchtig auf das Papier warf, um ſein Talent daran zu prüfen, ſollte einſt das Auge von ganz Europa auf ſich ziehen und der Wendepunkt ſeines Schickſals werden. Der Fremde, welchen wir bei der Thronbeſteigung Ludwig's XVI. mit einer Rechentafel in der Hand beſchäf⸗ tigt finden, ſtand noch in ſeinem beſten Mannesalter. Er war aus Genf gebürtig, wo die Familie Necker in nicht bemittelten Verhältniſſen lebte. Für den Kaufmannsſtand erzogen, war er als junger Mann nach Paris gegangen un eit eir ſic m la La H Ve cht and en und hatte hier in dem Geſchäfte des Banquiers Phéluſſon eine Anſtellung gefunden, zu der ſich ſpäter noch das Amt eines Repräſentanten ſeines Vaterlandes geſellte, ein weder bedeutender noch einträglicher Poſten. Der junge Necker hatte indeſſen ſchon anderweitig für ſich zu ſorgen gewußt. Er war ein vortrefflicher Rechen⸗ meiſter und die Zeitumſtände begünſtigten ſeine Specu⸗ lationen. Sein Wohlſtand wuchs und bald war er in der Lage, einer ſchönen jungen Landsmännin, Mademviſelle Curchot, ſeine Hand bieten und ſie als Gattin in ſein Haus führen zu können. Dieſe junge Dame war die Tochter eines Schweizer Pfarrers, eines ſtrengen Calviniſten und beſaß als ganzes Vermögen nur die ihr von ihrem Vater ſelbſt ertheilte vortreffliche Erziehung. Sie hatte Kenntniſſe und eine wiſſenſchaftliche Bildung, wie ſie ſelten Frauen erwerben. Wie ein Knabe erzogen, war ſie fähig dem Ernſte des Lebens zu begegnen, welcher ſie aufrief, für ihren eigenen Unterhalt Sorge zu tragen. Sie ſtand einige Zeit lang einer kleinen Schule in ihrem Vaterlande vor; dann fand ſich die Gelegenheit, als Geſellſchaftsdame zu einer reichen Frau in Paris zu gehen, und hier lernte ſie den jungen Necker kennen und lieben. Mit tauſend Freuden zog ſie daher als glückliche Frau in ſein Haus ein. Eine neue Welt tauchte in dem glänzenden Paris vor ihr auf. Aber welch eine Welt? In den ſtrengen Grundſätzen erzogen, womit die Calviniſten der kleinen Republik ſich hervorthaten, ſah ſie mit Staunen, wie viel man ſich in der Hauptſtadt Frankreichs erlaubte, wie vieles man ſich, um zum guten Tone zu gehören, erlauben mußte, und ging darauf mit ſich ſelbſt zu Rathe, was ſie in ſich zu ändern vermöge, um in dieſer ihr ſo fremden Geſell⸗ ſchaft zu gefallen. Unbekannt mit den Pariſer Sitten, beſaß ſie keine der Annehmlichkeiten einer jungen Franzöſin. Weder ihr Benehmen, noch ihre Art ſich auszudrücken, kündigte eine Frau an, die in der Schule der Kunſt erzogen iſt. Ihrem Putze fehlte es an Geſchmack, ihrer Haltung an Leichtigkeit, ihrer Höflichkeit an einnehmender Grazie, kurz, ihr Geiſt und ihr Benehmen hatten zu viel Zurichtung, um ſich mit Anmuth zu zeigen. Deſto vortheilhafter und ihrer würdiger zeichneten ſie Sittſamkeit, Offenheit und Güte des Herzens aus. Eine tugendhafte Erziehung und ein gründlicher Unterricht hatten die trefflichen Anlagen ihrer Seele in reichem Maße ausgebildet. Ihre Empfindungen waren untadelig, doch verſtand ſie ſie nicht anmuthig in Worte zu kleiden. Alle Grazie ging ihr ab. Regelmäßigkeit war die Richtſchnur ihrer Pflichten. üb die au Un ve te ris en nen viel eles ſue, ſell⸗ eine ihr eine rem eit, eiſt mit her in ren ete 15 Alles an ihr war abgemeſſen, abgezirkelt; ſelbſt im Scherze überſtieg ſie nie eine gewiſſe Grenze, man fühlte überall die Methode hindurch, ſie behielt den Ton einer Lehrerin auch im Salon noch bei. Sie bemerkte es unangenehm, wie ſehr ſie in ihrem Weſen gegen andere junge Frauen ihres Alters abſtach und vermochte es doch nicht zu ändern. Sie hätte Ande⸗ ren gefallen mögen, nur um ihrem Gatten deſto mehr zu gefallen. Es war ihr ein peinlicher Gedanke fürchten zu müſſen, daß ſein Auge entdecken werde, wo es ihr fehle. Eifrig bemühte ſie ſich daher, liebenswürdig, freundlich, un⸗ terhaltend zu ſein, damit auch er ſie ſo finde; leider aber verrieth ſich auch dies Bemühen dem Auge des Anderen und— ließ ihn kalt. Ihr Wohlſtand wuchs; ſie bezogen ein Hötel und wünſchten Umgang. Necker ſelbſt war nicht der Mann einen Kreis zu bilden. Für den Handel erzogen, fehlte ihm allgemeine Bildung. An die geheimnißvollen Ope⸗ rationen der Bank gewöhnt und in die Berechnungen der Handels⸗Speculationen vertieft, kannte er die Welt wenig, ging mit wenigen um, fand keine Zeit zur Lectüre, und war von Allem, was nicht in ſein Fach ſchlug, nur ober⸗ flächlich unterrichtet. Aus Klugheit und Eigenliebe zeigte er ſich daher zurückhaltend im Geſpräche und vermied es, ſeine Meinung zu äußern, ſobald von Gegenſtänden die Rede war, welche er nicht inne hatte. Dieſe Zurückhal⸗ tung nahm man für Stolz; doch war es nur eine feine Klugheit, welche ihm rieth zu ſchweigen, wo er ſeinen Aus⸗ ſprüchen nicht vertrauen durfte. Madame Necker wünſchte ihrem Gatten, nach den ernſten Beſchäftigungen auf ſeinem Bureau, einen ange⸗ nehmen geſelligen Verkehr in ihrem Salon zu bieten.— Ihr Geſchmack führte ſie dabei auf Gelehrte und Künſtler; allein dieſe für ſich zu gewinnen, war nicht leicht. Eine ſchöne junge Frau findet allerdings Gelegenheit, mit Männern bekannt zu werden; doch ſind dieſe geſellſchaft⸗ lichen Beziehungen nicht immer ausreichend, um einen Um⸗ gang für ſich daraus zu wählen und bei dem ſteifen, pedan⸗ tiſchen Weſen der jungen Schweizerin ſchien dies erſt doppelt ſchwierig zu ſein. Sie beſaß bis jetzt nur einen perſönlichen Bekannten, den Akademiker Thomas, welchen ſie gleich bei ihrer An⸗ kunft in Paris in dem Hauſe ihrer Beſchützerin kennen gelernt hatte. Dieſer Thomas war in ſeinem Weſen eben ſo formell, wie ſie ſelbſt und zu dieſem fühlte ſie ſich daher vorzugsweiſe hingezogen. Ihm geſtand ſie eines Tages 3½ ihre Sorge. Daß ſie bildend und veredelnd auf ihren Gatten ein⸗ zuwirken, daß ſie ihn durch einen geeigneten Umgang zu heben und zu fördern wünſchte, erhielt ſeinen völligen a G e—, —„—— 17 Beifall und gern verſprach er ihr eine Stütze zu ſein, um ihren Zweck zu erreichen. So oft er eine Einladung erhielt, bat er um die Er⸗ laubniß einen Freund mitbringen zu dürfen, und bald genug fehlte es dem Hauſe nicht mehr an Gäſten. Madame Necker jubelte. Aber nur in der Stille für ſich. Sie mißtraute zu ſehr ihrem Tacte, um ſich ein Wort, einen Ausdruck, ein Lächeln zu erlauben, das nicht das Reſultat der Ueberlegung, ſondern das Werk des Angenblickes war. Sie nahm ſich vor, alle Kräfte aufzubieten, um ihr Haus den ausgezeichnetſten Männern angenehm zu machen; aber nicht ihrer ſelbſt willen faßte ſie dieſen Vorſatz. Ihr Gatte ſollte glänzen, das war ihr Wunſch; ihm wollte ſie durch dieſe Umgebung einen Nimbus verleihen, welcher ihn über ſich ſelbſt täuſchen, und aus dem Banquier endlich einen Schriftſteller machen ſollte. Sie war in dem Bezug eine Lady Macbeth in gutem Sinne. Unerſchöpflich war ſie in ſeinem Lobe. Was er ſagte, that, vornahm, erhielt durch ſie einen Commentar, der auch ſeinen geringſten Handlungen eine Glorie verlieh. Sie wollte, daß man ihn ſchätzte, verehrte, liebte, wie ſie ihn liebte, und war unermüdlich in ihrem Bemühen, der Welt eine gleiche Anſicht beizubringen. Necker ließ ſie gewähren. Schweigend nahm er ihre Huldigungen hin, und duldete es gelaſſen, daß ſeine blü⸗ hende junge Frau ihm Altäre erbaute. Es iſt bequem ſich loben zu laſſen. Madame Necker kannte das Geheim⸗ niß eine glückliche Ehe zu führen und beutete ihr Wiſſen in ſeinem ganzen Umfange aus. Indem ſie Alles in Be⸗ zug auf ihren Gatten dachte und empfand, und ihn zum Mittelpunkte ihres Lebens machte, wurde ſie ihm unent⸗ behrlich und förderte auf jede Weiſe ſein Glück. Sie lehrte ihn an ſich glauben und bis dahin nicht geahnte Kräfte in ſich finden; ſie überzeugte ihn, daß er jegliches Talent beſitze, und nur zu wollen brauche um es ſich dienſtbar zu machen; und die Folge bewies die Macht ihrer Liebe und ihres Vertrauens. Seinen Gäſten gegenüber bewies ſich Necker ſteif und kalt. Seine Gattin bemerkte es und ſuchte den Fehler durch doppelte Höflichkeit wieder gut zu machen. Da die Unterhaltung ihr gänzlich überlaſſen blieb, ſo koſtete es ihr oft große Mühe das Geſpräch rege zu erhalten und wenn es ſtockte, ſo verrieth ihre Unruhe und ihre ängſtliche Miene wie peinlich ihr das war. Necker jedoch ſchien weder ihre Verlegenheit, noch ihre Anſtrengung zu bemerken, und darin fand ſie immer noch einen Troſt, wenn ſie mißmuthig die Anklage gegen ſich ſelbſt erheben wollte, daß es ihr an Geiſt und an Lebendigkeit fehle, um den zündenden Funken unter ihre Gäſte zu werfen. lü⸗ em m⸗ ſen Be⸗ um nt⸗ icht zer es acht und hler die ihr en iene ihre noch ſich gkeit fen. 19 Ihre Vorſicht ließ ein raſches Wort nie zu. Ein kleines Töchterchen war ihnen nach dem erſten Jahre geboren. Zagend blickte die junge Frau auf ihren Gatten, ob ihm mit einem Mädchen gedient ſei.— Gott hat ſie uns gegeben, ſagte er, und drückte das kleine Weſen mit dankbarer Miene an ſein Herz. Es ſollte ihr einziges Kind bleiben. Gehegt, gepflegt, geliebt, wuchs die Kleine kräftig und geſund empor, ein Spielzeug des Vaters, nach des Tages ernſten Mühen.— Immer größer wurden ſeine Zahlen, immer ſchwieriger ſeine Rechnungen, und in eben dem Maße erfreute ihn dann, wenn er ſeine Bücher geſchloſſen, das unſchuldige Geplauder ſeines Kindes. Nicht nur das eigene Vermögen, das zu Millionen angewachſen war, überrechnete er noch; die größeren Capitalien forderten auch einen größeren Maßſtab für deren ſichere Verwerthung und die Politik gewann eine Stimme in ſeinen finanziellen Operationen.— Als Ludwig XV. ſtarb, hing das Wohl Frankreichs ſchon mittelbar mit ſeinem eigenen Wohle zuſammen, und indem Necker jetzt bei der Thronbeſteigung des neuen Regenten alle Verhältniſſe noch einmal überblickte, alle Zahlen noch einmal aufſummirte, war ſein perſönliches Intereſſe bei dieſer Aufgabe wach, und das Schickſal Frankreichs mittel⸗ bar mit ſeinem eigenen verwebt. Zweites Capitel. Der Salon Necker. Madame Necker empfing ſeit einiger Zeit jeden Freitag einen kleinen Kreis von Freunden bei ſich, zu denen mehrere der bedeutendſten Männer ihrer Zeit ge⸗ hörten. Heute zum erſten Male war ihr Salon leer geblieben, und erwartungsvoll richtete ſich jetzt ihr Auge der Thüre zu, in der Hoffnung, noch einen verſpäteten Gaſt eintreten zu ſehen. In dem großen Kamine, der die Mitte des Zimmers beherrſchte, loderte eine helle Flamme, trotz dem Frühlings⸗ grün, das draußen ſproßte. In der Nähe des Feuers, die Hände auf den Rücken gelegt, ſtand Herr Necker und unterhielt ſich eifrig mit⸗Baron Grimm, deſſen feine Züge und geſchminkte Wangen, neben der hofmänniſchen Haltung ſeltſam gegen die kurze, derbe, etwas gewöhnliche Geſtalt * „——— „ 1— rs, ige ng 21 des ehrlichen Genfers abſtach. Was heute ganz Paris beſchäftigte, hatten auch ſie ſich zum Thema ihres Ge⸗ ſprächs gewählt, die Nachricht von dem Tode des Königs Ludwig XV. hatte auch ihr Ohr erreicht, und Beide be⸗ leuchteten mit ernſter Theilnahme den Zuſtand des armen Frankreichs am Schluſſe dieſer langen und verderblichen Regierung, von Friedrich dem Großen ſcherzhaft das Reich der drei Cotillons benannt.“ Madame Necker nahm heute wenig Theil an der Unterhaltung, ja, gegen ihre Gewohnheit ſchien ſie ihr kaum ein aufmerkſames Ohr zu leihen. Sie ſaß in ihrem weiten, weichen Armſtuhle bequem zurückgelehnt, und ſpielte mit ihrem Fächer, ihn bald öffnend, bald ſchließend, bald wieder ſchützend der Flamme entgegen haltend. Man las auf ihrem Geſichte, daß ihre Gedanken ihr eigenes Spiel trieben und ſie von dem entfernten, was um ſie her vorging. Neben ihr, auf einer kleinen hölzernen Fußbank,** ſaß ihr einziges Kind, ein kleines Mädchen von acht Jah⸗ ren, und ſchnitt aus weißem Papier allerlei Figuren aus. Sie hatte ihren Platz ſo gewählt, daß die Lehne des Arm⸗ ſtuhles ſie faſt verdeckte und den Blicken ihrer Mutter * Memoiresde la Du Barry. Band 2. S. 42. ** Mémoires de Madame Necker de Saussure. entzog, der ſie das Spiel ihrer Hände verbergen zu wollen ſchien. Ein Lächeln der Befriedigung ruhte auf den Zü⸗ gen des Kindes. Während ihre vollen friſchen Wangen ſich noch höher färbten, ſprang ſie jetzt plötzlich von ihrem Sitze auf, und rief freudig aus:„Da, ſieh nur, Papa! Nicht wahr, das gleicht dem kleinen Abbé Raynal auf ein Haar! Du hätteſt ihn erkannt, auch wenn ich Dir nicht geſagt, wen es vorſtellen ſollte?“ Freundlich wandte ſich Necker nach dem kleinen Mäd⸗ chen um, alle Schärfe und Härte verſchwand aus ſeinen Zügen, während er die Papierfigur in ſeine Hand nahm und treuherzig ſagte:„In der That! liebe Germaine, das iſt ja ein allerliebſtes Perſönchen, und gleicht es unſerm Freunde auch nicht, ſo gleicht es doch der ganzen ſaubern Sippſchaft, die ſchlimmer noch iſt, als er. Ich wünſchte nur, wir hielten dieſe Herren ſo feſt in unſerer Hand, wie ich jetzt dies papierne Abbild halte.“ Madame Necker war aufmerkſam geworden. Sie hatte ſich aufgerichtet, ſo daß ihr Haarputz, der thurmartig aufgebaut mit Federn und Schleifen geſchmückt war, jetzt über die Lehne des Stuhles hervorragte. Mit mahnender Stimme und vorwurfsvollem Tone rief ſie:„Germaine! Was erlaubſt Du Dir? Wie konnteſt Du die intereſſante Unterhaltung der Männer durch dieſe Spielerei ſtören!“ „Laß ſie!“ ſagte Herr Necker entſchuldigend.„Sie llen Zü⸗ gen rem pa! ein icht äd⸗ nen hm das erm ern ſchte wie Sie rtig jetzt nder ine! ante „Sie bedurfte es, daß Jemand ihre Freude theile und da kam ſie natürlich zu ihrem Vater.“ Das kleine Mädchen richtete ihre großen ſchwarzen Augen mit einem dankbaren Blick auf Herrn Necker und ſetzte ſich dann leiſe wieder auf ihren Platz. Sie wußte, dies ſei das beſte Mittel, den Unwillen ihrer ſtrengen Mutter zu beſchwichtigen. „Unſere Unterhaltung iſt leicht wieder angeknüpft; denn ſie behandelte einen leichten Gegenſtand,“ bemerkte Grimm ſcherzhaft, und warf dabei einen Blick in den Spie⸗ gel über dem Kamin, wo ihm ſein Bild, von zwei Arm⸗ leuchtern hell überſtrahlt, entgegenſchien.„Wir ſprachen von Madame Dubarry und deren künftigen Schickſalen.“ „Sie verzeihen! wenn ich dieſen Namen lieber nicht hier genannt hörte,“ ſagte Madame Necker kalt.„Sie kennen dieſe Schwäche ſchon an mir, lieber Baron. Sie wiſſen ſchon, daß eine ehrliche Schweizerin es nie lernen wird, das Loos der Frauen von philoſophiſchem Stand⸗ punkte aus zu betrachten. Ich kann mich zu dieſer Höhe nicht aufſchwingen, ich bekenne das gern, ich bin von mei⸗ nem Vater dazu viel zu ſtrenge, viel zu kleinbürgerlich erzogen, wenn Sie wollen. Was Sie hier in der guten Geſellſchaft une femme philosophe nennen, würde bei uns mit einer unehrlichen Frau abgefertigt werden. Und —————— nun gar eine Dubarry! Hinge es von mir ab, ſo würde ich die Exiſtenz einer ſolchen Perſon ignoriren!“ Grimm lächelte fein. „Was würde man nicht thun, um Ihnen zu Willen zu handeln,“ bemerkte er, ſich gegen Madame Necker ver⸗ neigend.„Doch, dürfen wir Männer ſchweigen, wo die Geſchichte redet? Auf ihren Tafeln wird in großen Lettern verzeichnet ſtehen, daß Frankreich ein halbes Jahrhundert lang einer Chateauroux, Pompadvur und Dubarry ge⸗ horchte, und wenn wir jetzt dieſe Namen nennen, ſo geſchieht es nur um zu berechnen, welches Elend zarte Frauenhände über dies arme Land gebracht. Aber wenn es Ihr Ohr beleidigt, ſo ſchweigen wir davon.“ „Behütei“ warf Madame Necker ein.„Ich bin nicht gleichgültig gegen die Leiden des armen Frankreich, das mir eine zweite Heimath geworden iſt. Wollen wir ſeine Wunden heilen, ſo müſſen wir deren Urſachen nach⸗ forſchen und ſie aus dem Wege zu räumen wünſchen. Doch das Privatleben gewiſſer Damen, die dabei betheiligt ge⸗ weſen, brauchen wir nicht zu erörtern. Jede Berührung mit dem Unreinen läßt in unſerer Seele einen kleinen An⸗ hauch zurück.“ „So ſpricht die ſtrenge Calviniſtin, welche alle Lei⸗ denſchaft und alle Liebe dem Gebote der Pflicht unterthan wiſſen will.— Vor ihnen hätte kein St. Preur Gnade n 2 ürde illen ver⸗ die ttern ndert ge hieht ände Ohr bin reich, wir nach⸗ Doch t ge⸗ rung An⸗ Lei⸗ than nade 25 gefunden, trotz dem, daß doch auch Ihre Bibel ſagt: wer viel geliebt, dem ſei guch viel 6 Madame Necker erröthete leicht und ſchlug das Auge nieder. Nach einer augenhliclichen Sammlung richtete ſie jedoch, ganz wie zuvor, ihr blaues Auge ruhig zu Grimmempor und ſagte mit ihrer gewöhnlichen kalten Ruhe:„Mein lieber Baron! Die Flamme eines reinen Herzens würde auch vor mir ihre Geltung finden. Ich bin nicht kalt; nur beſonnen bin ich. Ich liebe meinen Gatten, wie mein beſ⸗ ſeres Ich; er iſt meine Vorſehung auf Erden, ſein Beifall, ſeine Zuneigung ſind mein höchſtes Gut, und all mein Sinnen iſt darauf gerichtet mir es zu bewahren. Das macht mich aber nicht gleichgültig gegen meine Freunde. Nur ein kaltes Herz kann nicht für Andere fühlen; das meinige iſt aber nicht kalt, es iſt von der ſchönſten Flamme durchglüht, und käme ein St. Preux, ſo möchte er ſich gern darin ſonnen. Die Freundſchaft hat, wie die Liebe, ihre heiligen Rechte.“ In dem Augenblicke öffnete ſich die Thüre des Salons, und mehrere Gäſte traten unangemeldet ein. Der Erſte von ihnen, ein kleines, rundes Männchen mit einer blon⸗ den Stutzperrücke und tiefliegenden blanen Augen, eilte mit raſchen, kurzen Schritten durch das Zimmer, verbeugte ſich vor Madame Necker und ergriff darauf die Hände der kleinen Germaine, drückte ſie herzlich und hauchte einen 1859. I. Frau von Stasl. I. 2 —— ——— 7 — ————,—— — Kuß auf die Stirne des Kindes, das an dieſe trauliche Be⸗ grüßung gewöhnt ſchien. „Wie ſpät!“ rief ihm Herr Necker entgegen.„Ich glaubte ſchon, Sie wären nach Verſailles berufen worden, lieber Raynal, um des ſterbenden Königs Gewiſſen erleich⸗ tern zu helfen.“ „Die Beichte würde ihn gereut haben; denn ich hätte ihm die Abſolution vorenthalten,“ rief dieſer lachend.„Die Majeſtäten wiſſen ſchon, an wen ſie ſich zu halten haben. Aber trotzdem, daß man mich nicht nach Verſailles berufen, bin ich den ganzen Tag für den König thätig geweſen, damit ich morgen ſein Scheiden aus dieſer Welt mit allen Einzelheiten in meinem Blatte ſchildern kann. Er hat ein ſehr tragiſches Ende genommen; faſt ein zu tragi⸗ ſches für einen einzigen Sterblichen! Die Vorſehung hätte füglich zwei Sünder mit dem abfertigen können, was ſie dieſem einen zu Theil werden ließ. Aber Dinge, die ge⸗ ſchehen ſind, kann man nicht ändern. Er hat ſein Gutes nun einmal genoſſen und ich beneide es ihm nicht.“ „Was haben Sie denn alles erfahren?“ fragte Herr Kecker. „Wenig und viel, wenn Sie wollen. Es hielt ſehr, ſehr ſchwer, ſich authentiſche Nachrichten über ſeinen Zuſtand zu verſchaffen. Bei einem Fürſten geht alles durch zu viele Hände, man kann das trübe Waſſer endlich nicht von 0 e Be⸗ „Ich orden, rleich⸗ hätte „Die haben. rufen, weſen, ſt mit tragi⸗ hätte as ſie ie ge⸗ Gutes Herr t ſehr, uſtand rch zu t n 27 dem hellen unterſcheiden, bis ein Befehl an den Stallknecht ergeht, iſt er ſchon halb vergeſſen. Madame Helvetius, der Abbé Morellet und noch einige meiner Freunde gingen nach Sevres, um dort zu ſpeiſen und damit der Quelle der Neuigkeiten näher zu ſein; denn die Couriere, welche ſtündlich in Verſailles abgefertigt wurden, hielten dort an, um die Pferde zu wechſeln. Ich wurde aufgefordert, ſie zu begleiten, und hätte mich faſt dazu entſchloſſen, wenn ich nicht endlich eingeſehen, daß die Entfernung zu zeitrau⸗ bend für mich ſei. Und dann iſt ihr Gewinn nicht groß geweſen. Mademviſelle Eſpinaſſe, die auch dort war, be⸗ gegnete mir vorhin, und wußte nicht mehr von der Sache als ich. Ich wünſchte ihr Glück— ſowie uns Allen— daß wir endlich von dieſem Frauenregiment erlöſt worden, aber ſie wollte davon nichts wiſſen. Mit einer höchſt trübſeligen Miene erwiederte ſie mir:“ Mein lieber Abbe! Es kann noch viel ſchlimmer werden! Ich lachte ſie aus. Welch eine Phantaſie müſſen Sie haben, ſich dieſe Möglichkeit auszumalen, gab ich ihr zurück. Das wäre doch keinem Manne eingefallen, ſo etwas nur zu denken.— Die Aermſte ſieht auch alles ſchwarz!“ „Und Sie ſehen es roth!“ ſagte Necker, ihn ſchelmiſch mit dem Ange meſſend. „Memoiren des Abbé Morellet. S. 25. 28 „Warum auch nicht! Beweiſt doch der Gang meines eigenen Lebens, daß ich recht geſehen. Denken Sie nur an meine Lage, als ich in der Kirche Saint Sulpice an talten Wintermorgen früh um ſechs Uhr für acht Sous eine Meſſe leſen mußte,“ um nur nicht zu verhungern. Was wäre da aus mir geworden, ohne die Hoffnung auf die Zu⸗ kunft! Sagen Sie ſelbſt, lieber Necker, ob ein Menſch dieſe Lage hätte ertragen können, ohne dies innere Ver⸗ trauen auf beſſere Tage. Hoffnung iſt mein Lebens⸗ element!“ „Nun, nun! lieber Raynal,“ erwiederte Necker mit ernſtem Humor,„Sie fanden doch auch noch einige andere Mittel, um Ihren Zuſtand erträglich zu machen, als bloß die Hoffnung.“ „Was wollen Sie! Noth kennt kein Gebot,“ ſagte dieſer, ſeine buſchigen Augenbraunen zuſammen ziehend. „Das iſt kein ganz chriſtlicher Grundſatz, wie mir ſcheint,“ erwiederte Necker lachend. „Wer in das Waſſer fällt, darf nicht erſt fragen, welche Hand ihn wieder herausziehen ſoll,“ ſagte der Abbé heiter.„Da mir die Lebenden meinen Unterhalt ſo ſpär⸗ lich reichten, ſo mußte ich mich an die Todten wenden, und das iſt es doch, worauf Sie hindeuten wollten; am Ende * Raynal. Biographie Universelle. leines nur ce an s eine Was Zu⸗ enſch Ver⸗ bens⸗ rmit ndere bloß ſagte nd. e mir ragen, Abbé ſpär⸗ t, und Ende 29 war es auch nur ein Spottgeld, dieſe 60 Franken, wofür ich einen ſolchen Sünder in heiliger Erde beſtatten ließ. Sind Sie der Meinung nicht auch?“ „Freilich war es wenig,“ erwiederte Necker, dem dieſe Unterhaltung mit dem Aöbé Vergnügen zu machen ſchien; „freilich war es wenig; und doch war es genug, um Sie Ihres Amtes verluſtig zu machen.“ „Das war noch das Beſte, was es mir einbrachte; denn ſeitdem bin ich doch ein ganz anderer Mann gewor⸗ den,“ erwiederte der Abbé, ſeine Perſon mit befriedigtem Blicke meſſend.„Hätte man mich nicht meines Amtes entſetzt und die Kirche dadurch einer ihrer beſten Stützen beraubt, ſo wäre ich nicht der Herausgeber des Mercure de France geworden und hätte keine Geſchichte der Philv⸗ ſophie* geſchrieben. Die Welt ſollte alſo der Kirche dafür danken, daß ſie mich ihr zur Verherrlichung unſeres aufge⸗ klärten Jahrhunderts zurückgegeben.— Aber die Welt iſt undankbar, ſie ſchätzt ihre großen Männer ſtets erſt nach ihrem Tode und auch dann noch nicht einmal. Betrachten wir Ihre freie Schweiz, was hat ſie für ihre Helden ge⸗ than. Verewigt irgend ein Monument den großen Tag bei Morgarten, erblicken Sie irgendwo den Namen eines * Lhistoire philosophique von Abbé Raynal, Paris 1770. — 7 3 30 Walter Fürſt und Tell ehrenwerth verzeichnet. Auch Du, mein Brutus! kann ich Ihnen in Bezug hierauf zurufen, und ich glaube nicht, daß Sie ein Wort zu Ihrer Vertheidi⸗ gung finden.“ „Wenn nicht ich, gewiß doch meine Frau;“ ſagte Herr Necker ſcherzend.„Sie wird ohne Zweifel ein gutes Wort für ihr Vaterland bei Ihnen einlegen. Laſſen wir ihr dieſen kleinen Triumph, auf den ich für mich gern verzichte.“ Madame Necker hörte dieſe Bemerkung ihres Gatten nicht. Der mit Abbé Raynal eingetretene große ernſte Mann war, nachdem er ſich vor der Dame des Hauſes verbeugt, neben deren Stuhle ſtehen geblieben und hatte eine Unterhaltung mit ihr angeknüpft. „Ich hatte die Hoffnung ſchon aufgegeben, Sie heute noch zu begrüßen, Thomas,“ redete Madame Necker ihn mit halbleiſer Stimme an, während ſie unmerklich die Farbe wechſelte. „Es wäre das erſte Mal, wo ich freiwillig auf das Vergnügen Verzicht geleiſtet hätte, mich in Ihrer Geſell⸗ ſchaft zu befinden,“ verſetzte der Angeredete mit der ihm eigenthümlichen, emphatiſchen Betonung der Worte. Ein Lächeln der Befriedigung glitt bei dieſer Aeuße⸗ rung über die kalten Züge von Madame Necker; ſchnell aber war es wieder verſchwunden und hatte dem Ausdruck 31 ihrer gewöhnlichen Höflichkeit Platz gemacht. Mit ruhi⸗ ger Unbefangenheit erwiederte ſie nun: „Ich weiß Ihre Güte für mich zu erkennen, mein lieber Thomas. Indeſſen war es wohl natürlich, zu ver⸗ muthen, daß jene Neugierde, welche ſo viele heute hinaus⸗ lockte, um nach den Courieren zu ſpähen, auch Sie dazu ver⸗ leitet hätte; beſonders da unſere Freundin, Madame Geoffrin, von der Partie war. Um ſo angenehmer bin ich durch Ihren Eintritt überraſcht worden. Sie haben demnach nicht in Sövres geſpeiſt, wie ich ſehe?“ „Sicherlich nicht,“ rief Thomas ernſt.„Es galt mir ziemlich gleich, ob ich den Tod des Königs eine Stunde früher oder ſpäter erfuhr und das Sterben eines Menſchen iſt für mich eine ſo ernſte Sache,— beſonders wenn eine ſo furchtbare Verantwortlichkeit auf ihm laſtet, wie auf dieſem Könige,— da ßich unmöglich einen Gegenſtand leichtfertiger Unterhaltung daraus entnehmen konnte.“ „Sie ſprechen aus, was ich ſelbſt empfand,“ verſetzte Madame Necker beiſtimmend.„Auch mich bewegt dieſer Tod zu ernſten Betrachtungen. Es iſt eine traurige Sache, daß unſere Erziehung ſo wenig darauf berechnet iſt, uns die Selbſtbeherrſchung zu lehren, welcher der Geiſt bedarf, um ſeinen Neigungen zu gebieten. Wohin führt uns das? Wollen habe ich wohl; aber Vollbringen des Guten finde ich nicht, ſagt die Bibel. Dieſer arme König wollte aber 32 auch nicht einmal. Er war der Spielball ſeiner Umge⸗ bungen, ließ alles unbekümmert geſchehen und führte Frank⸗ reich an einen Abgrund. Wie ſoll ſein Nachfolger es retten!— Nur ein Wunder könnte, meiner Meinung nach, hier ausreichen und Wunder geſchehen ja leider nicht mehr.“ „Wir müſſen das Beſte hoffen,“ entgegnete Thomas ernſt.„Iſt Frankreich auf der einen Seite geſunken, ſo hat es auf der andern dafür Rieſenfortſchritte gemacht. Die Wiſſenſchaft hat ein weites Feld gewonnen, wir ſind reich an bedeutenden Talenten, wir können Männer auf⸗ weiſen, deren Werke ſich würdig allen Zeitaltern gegenüber ſtellen.— Die Nachwelt wird mit Staunen auf das zu⸗ rückblicken, was wir geleiſtet, ſo wie die Mitwelt jetzt ſchon den Theilhabern der großartigen Enchklopädie den gerech⸗ ten Tribut zollt. Wir dürfen das nicht überſehen, ver⸗ ehrte Freundin; wir dürfen nicht das Auge ſchließen für die Vortheile unſerer Zeit, welche der großen Keime ſo viele birgt.“ „Dafür raubt ſie uns ein Weſentliches, den Glauben an die Hand Gottes in der Geſchichte. Die Wiſſenſchaft kann dem Volke nicht erſetzen, was die Philoſophie ihm entzogen hat; denn ſie dringt nicht bis in die Herzen ein, ſie erreicht die niedern Schichten der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft nicht. Täuſchen wir uns auch darüber nicht, mein vortrefflicher Freund!“ ſchon erech⸗ „wer n für me ſo auben ſchaft e ihm nein, eſell⸗ mein „Die Bildung kann eine allgemeine werden und ſie wird es werden,“ verſetzte Thomas beſtimmt.„Die Früchte, welche die Civiliſation reift, ſind für Jeden vor— handen. Warten wir ihr Reifen ab. Die Völker werden nur das, was ihre Regierungen aus ihnen machen wollen und endlich machen müſſen. Rouſſeau hat ſeinen Contrat social und ſeinen Emil nicht vergeblich geſchrieben. Man wird einſehen, daß Armuth und Anarchie zwei Dioscuren der Geſellſchaft ſind, welche man am beſten dadurch be⸗ kämpft, daß man dem Volke Schulen giebt.“ Die laute Luſtigkeit hinter ihnen unterbrach ſie hier. Die kleine Germaine hatte ſich auf den Zehen hinter den runden Abbs geſchlichen und einen langen Papierſtreifen an ſeine Perrücke befeſtigt. So wie der lebhafte Mann nun in ſeinem Geſpräche mit Herrn Necker den Kopf be⸗ wegte, ſpielte dieſer weiße Anhang auf ſeinem ſchwarzen Kleide herum und verurſachte den lauten Ausbruch der Fröhlichkeit des kleinen Schalks. Madame Necker ſah nicht ſogleich was hier vorge⸗ fallen war, ſie hörte nur das fröhliche Lachen des Kindes und rief ernſt mahnend zu ihr hinüber: Germaine! Betroffen ſchwieg die Kleine, unterdrückte ihr Kichern und verſteckte ſich hinter den breiten Rockſchößen ihres Vaters. „Entſchuldigen Sie den unpaſſenden Scherz meiner 34 Tochter, Herr Abbé!“ ſagte Madame Necker jetzt und erhob ſich, um den weißen Schmuck von deſſen Haar ab⸗ zulöſen.„Die Lüfte Frankreichs müſſen einen eigenthüm⸗ lichen Einfluß üben. In meinem Vaterlande wagt kein Kind eine ſolche Neckerei an einem ernſten Manne zu üben. Ich entſinne mich nie, daß auch nur der Gedanke einer ſolchen Verſuchung in mir aufgeſtiegen wäre. Darum begreife ich nicht, wie meine Tochter dazu kommt; denn an guten Lehren fehlt es ihr wahrlich nicht und was eine ſtrenge Erziehung thun kann, ihren Geiſt zu wecken und ihr Bewunderung für die begabten Männer einzuflößen, welche ſie das ſeltene Glück genießt in dem Hauſe ihres Vaters zu ſehen, das geſchieht gewiß. Mein iſt die Schuld alſo nicht, wenn Sie an ſolchen Früchten meine Mühe nicht erkennen.“ „Die Weisheit kommt nicht vor den Jahren,“ ſagte Herr Necker, freundlich auf ſein Kind blickend, deſſen große leuchtende ſchwarze Augen vertrauungsvoll zu ihm auf⸗ gerichtet waren.„Du verlangſt zu viel von ihr. Dafür rächt ſich ihre durch und durch geſunde Natur mit dieſen kleinen Scherzen, die unſer guter Abbé ſeiner jugendlichen Freundin nicht übel deuten wird.“ Raynal reichte dem Kinde die Hand, die ſie, wie zur Verſöhnung, ergriff und mit Wärme an ihre Lippen drückte. 35 Madame Necker wiegte mißbilligend ihr hochfriſirtes Haupt.„Dies ewig überwallende Herz!“ ſagte ſie leiſe, ſo daß ihre Worte nur Thomas verſtändlich waren,„wie ſoll das je Beſonnenheit lernen?— Was Rouſſeau über die Rechte der Natur ſagt, widerſpricht ſich an meinem Kinde. Wollte ich dieſe nicht durch frühe Gewöhnung dazu zwingen, mit dem Kopfe die Schläge dieſes raſch bewegten Herzens zu regeln, ſo würde ſie vielleicht einſt durch zügel⸗ loſe Leidenſchaftlichkeit ſehr unglücklich ſein. Sie verſtehen mich in dieſem Bemühen, ich weiß es.— Sie haben eine ſo ſchöne Geſchichte der Frauen geſchrieben, ſo ſchön gezeigt, was wir zu allen Zeiten waren und wiederum ſein ſollten, und uns das Maßvolle in allen Dingen dadurch ſo dringend anempfohlen; möchte ich nun wenigſtens meinem Kinde lehren können ſo zu werden, wie es Ihrem Ideale entſpricht.“ „Dazu wird ſie nur dem Beiſpiele zu folgen brauchen, das ſie in Ihnen vor ſich hat,“ verſetzte Thomas mit ge⸗ meſſenem Tone, der dem Sinne ſeiner Worte wenig ent⸗ ſprach. Doch entgingen ſie dem Ohre, für das ſie be⸗ ſtimmt waren, nicht. Drittes Capitel. Ein Abend im Theater. Madame Necker war ſehr ſpät aufgeſtanden. Eine einfache Haube von dichtem Mouſſelin bedeckte ihr Haupt, ein Mantel von demſelben Stoffe hing über ihre Schul⸗ tern und verhüllte faſt ihre ganze Geſtalt; ſo angekleidet ſaß ſie vor dem Kamine ihres Boudvirs und nahm ihr Frühſtück ein, das aus einer Taſſe Chocolate beſtand. Während ſie damit beſchäftigt war, bereitete ihre Zofe alles Erforderliche, um das ſchöne blonde Haar ihrer Herrin zu einem mächtigen Toupet aufzubauen, ein Un⸗ ternehmen, das Zeit, Mühe und Geſchicklichkeit erforderte. Eben hörte man von der nahen Kirche die zehnte Stunde. Madame Necker horchte auf und folgte mit ihren Gedanken den Schlägen der Uhr. Eine leichte Wolke ſammelte ſich dabei auf ihrer Stirne. Es war ſo Eine aupt, chul⸗ leidet ihr and. Zofe hrer Un⸗ erte. hnte mit ichte r ſo ganz ihrer Gewohnheit entgegen, die goldene Morgen⸗ ſtunde im Bette zu verbringen, daß ſie vielleicht ſelbſt nicht begriff, wie ein ſolcher Fall ſich hatte ereignen können. Gewiſſenhaft in der Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten, war die größte Pünktlichkeit ihr erſtes Geſetz, und nichts vermochte ſie vor ſich ſelbſt zu entſchuldigen, ſobald ſie in ihrem Hauſe nicht mit gutem Beiſpiele voranging. Nur ein Gebot der Nothwendigkeit konnte ſie zwingen, den ganz geregelten Gang ihres Lebens zu unterbrechen, und dieſe Nothwendigkeit hatte ſich ihr in dem Befinden ihres Gatten geboten, den ein leichtes Unwohlſein an das Bett feſſelte. Ihre Sorge um ihn verſcheuchte dann ſogleich den Schlaf aus ihren Augen und ihre bleiche Miene ver⸗ rieth, daß ſie gewacht. Der geiſtige Hauch, von dem ihr ganzes Weſen durchdrungen war, ruhte heute faſt verklä⸗ rend auf ihrem edlen, ſchönen Angeſichte. Sie warf jetzt forſchend einen Blick nach dem Fenſter hinüber, wo ihre kleine Tochter Germaine, ganz nach der Mode friſirt und gekleidet, ſo grade und aufrecht ſaß, als wäre ſie eben erſt den Händen eines Corporals entlaufen. Vor ihr ſtand ein Tiſch, auf dem eine Sammlung von Kupferſtichen ausgebreitet lag. Achtſam hob das Mädchen ein Blatt nach dem andern mit ihren rothen, fleiſchigen Händchen empor, betrachtete es lange, und legte es darauf nach der andern Seite hinüber. Zetzt war ſie zu dem letzten 38 gekommen, auch dies wurde nun den übrigen beigeſellt und darauf die ganze Sammlung in eine koſtbare, grün mit Gold gezierte Mappe gelegt. Während ſie dieſe ſchloß, ſagte ihre Mutter, die ihr zugeſehen: „Nun, wie haben Dir dieſe Chineſiſchen Anſichten gefallen, mein Kind?“ Germaine lachte hell auf. „Sie ſind ſehr, ſehr drollig, liebe Mama „Gewiß ſind ſie das; doch haben ſie auch ihren großen Werth.“ „Wenn Du es mir nicht übel nimmſt, liebe Mama, ſo möchte ich ſagen: daß der König nicht hätte hundert⸗ tauſend Thaler dafür ausgeben ſollen. Man würde doch ſchönere Bilder dafür haben ſtechen können.“ „Das iſt eine Sache des Geſchmackes, mein Kind. Dem Kaiſer von China erſcheinen ſie ganz ſicher unver⸗ gleichlich und er würde ſie gegen keine anderen vertauſchen mögen.— Du weißt, daß die Miſſionäre der Geſellſchaft Zeſu ſie gezeichnet haben und daß ſie hier in Frankreich, auf die Bitte des Kaiſers von China, geſtochen ſind. Sie ſtellen die Hoffeſte zu Pekin vor, machen uns mit den dor⸗ tigen Ceremonien bekannt und zeigen uns die Schlachten und Siege des Kaiſers. Keine Beſchreibung würde uns ein nur halb ſo anſchauliches Bild von ihren Sitten und Gebräuchen liefern, als dieſe Kupferſtiche.— Sie lehren 1 1 N 7 Kind. unver⸗ uſchen lſchaft kreich, Sie n dor⸗ achten e uns n und lehren 39 uns viel und, wie ich Dir ſtets geſagt, es kommt das Geld in gar keinen Betracht, ſobald es ſich um eine Wiſſenſchaft oder um irgend eine Erweiterung unſerer Kenntniſſe han⸗ delt.— Alles, was die Welt uns bietet, iſt der Vergäng⸗ lichkeit unterworfen; Roſt und Motten zehren daran, wie die Bibel ſagt. Nur der Schatz unſerer Kenntniſſe iſt ein unzerſtörbarer, es iſt unſer einziges unvergängliches Gut. Darum ſprich mir nicht von dem Gelde, welches das Stechen dieſer Bilder gekoſtet, ſobald ſie zu Deiner Beleh⸗ rung beitragen.“ „Sie waren aber für China beſtimmt und nicht für mich, Mama. Wenn ſie mich auch belehren, ſo kann das Gleiche nicht der Fall ſein in dem Lande, wo ſie gezeichnet worden ſind.“ „Darin ſtimme ich Dir bei, mein Kind.“ „Und dann gefällt es mir auch nicht, daß das arme Papier eine Lüge aufnehmen mußte! Wie böſe würde ich ſein, wenn man mir das zumuthete. Wie konnte der Kaiſer befehlen, daß auf dieſen Blättern ſeine Schlachten ohne Todte oder Verwundete abgemalt würden! Werden ſeine Unterthanen ihn denn darum nicht verachten, liebe Mama?“ „Man verehrt den Kaiſer wie eine Gottheit. Sein Wort iſt unfehlbar.“ „Es ſieht höchſt komiſch aus, liebe Mama, dieſe 40 kleinen Männer mit ihren langen Zöpfen ſo unverſehrt in W der Bataille daſtehen zu ſehen, als wären ſie von Eiſen.“ „Iſt Dir denn der ſchöne Stich der Kupfer nicht auf⸗ der gefallen? Monſieur Cochin hat ein Meiſterwerk daran de geliefert, das ſeinen Namen unſterblich machen wird. 1 Uebrigens, mein liebes Kind, haben dieſe Kupfer für Dich * noch einen ganz beſonderen Werth, und darum auch habe e ich ſie Dir nur vorgelegt. Du weißt, daß Ludwig XV. ſie Deinem vortrefflichen Vater mit der ſchmeichelhaften ſo Botſchaft zugeſandt hat: er möge ſie als einen Beweis der der Anerkennung ſeiner großen Verdienſte annehmen, die er V. ſich um die Oſtindiſche Compagnie erworben.“ Präge Dir der 1 das gut ein.— Es iſt ein großes Glück für Dich, einen ſo ausgezeichneten Vater zu haben!“ 6 „Ich weiß das, Mama,“ erwiederte das kleine Mäd⸗ ze chen, den Kopf mit Selbſtbewußtſein hebend.„Der König war aber kein guter Mann, der konnte mir meinen Vater nicht loben.“ lie „Doch, doch, Germaine,“ ſagte Madame Necker ein⸗ 5 fallend.„Ludwig XV. war nicht böſe; er war nur ſchwach. 4 Das Volk nennt ihn den bien aimé.“ „Du haſt mir geſagt, Mama, nur das Lob habe im S * Correspondance de Grimm et de Diderot. 2. B. S. 482. W bo 41 Werth, wo wir den Lobenden achten. Wer ſchwach iſt, den ſchätzen wir aber nicht?“ „Freilich nicht im Allgemeinen, Könige machen in⸗ deſſen eine Ausnahme; denn ihr Wort iſt maßgebend auch für Andere, ihr Urtheil wird leicht das Allgemeine und oft leihen ſie der Stimme nur Worte, welche im BVolke für ein Verdienſt ſpricht. Wir dürfen daher im Könige nicht ſo ſehr den Menſchen ſehen, als die hochgeſtellte Perſon, der das Amt verliehen iſt, Gerechtigkeit zu üben. Wenn einſt die Geſchichte erzählt, welche Auszeichnung Deinem Vater zu Theil geworden, ſo fragt die Nachwelt nicht, ob der Fürſt ein guter und achtbarer Mann war, aus deſſen Händen er diefe Kupferſtiche erhielt; ſondern ſie iſt über⸗ zeugt: daß jener Herr Necker, dem dieſe Anerkennung ſeiner Verdienſte gezollt ward, ohne Zweifel einer ſolchen Auf⸗ merkſamkeit werth war, und dieſe Ehre ſeines Namens wird dadurch auch Dein Erbtheil.— Siehſt Du nun ein, liebe Germaine, weshalb Du auf das Lob dieſes ſchwachen Königs Werth zu legen haſt?“ „Ja, Mama!“ ſagte das Kind kleinlaut. „Du ſcheinſt nicht überzeugt zu ſein, mein Kind.“ „Ich ſehe ein, daß Du Recht haſt; doch verurſacht mir dies Lob meines armen Vaters aus ſolchem Munde immer noch keine Freude.“ „Vielleicht wenn Du älter wirſt, ändert ſich das. 3 1859. I. Frau von Stasl. I. 42 Du kannſt Deinen Vater freilich nie zu hoch ſtellen, ſo groß iſt ſein Verdienſt. Kein Lob genügt, wenn es ihn wahr bezeichnen ſoll. Aber genug davon. Sage mir nun, mein Kind, wie Dir das Stück geſtern Abend gefallen hat?“ „Vortrefflich, Mama!“ „Ich dachte es wohl. Dein Vater wünſchte darum auch ſo beſonders, daß ich Dich hinführen möchte, und ich mußte ſeinen Bitten nachgeben, ſo ungern ich ihn auch verließ. Es wird jetzt nur noch ſelten gegeben und wir fürchteten, es möchte nicht wiederholt werden; wenigſtens nicht ſobald. Du biſt alſo befriedigt?“ „Außerordentlich, liebe Mama?“ „Haſt Du denn in Zémire und Azor wohl die Schöne und das Thier erkannt?““ „Es ſchien mir viel Aehnlichkeit damit zu haben.“ „Erinnerſt Du Dich noch genau des hübſchen Mähr⸗ chens in dem Magazin für Kinder?“ „Ganz genau! Ich werde das nie vergeſſen.“ „Weißt Du noch, wie viele Thränen Du, als Du es laſeſt, dem Schickſale des armen Thieres geweiht haſt?“ „Es that mir auch gar zu leid, Mama! Das arme, arme häßliche Thier! Es konnte doch nichts dafür, daß es ſo häßlich war.“ „La Belle et la Bste par Madame la Princesse de Beaumont. rü en, ſo es ihn ir nun, hat?“ darum und ich n auch nd wir igſtens ohl die en.“ Mähr⸗ Du es ſt? ß arme, daß es kumont. „Ich ſagte Dir geſt 43 ern nicht, was Du im Theater ſehen würdeſt, um Dir den erſten Eindruck nicht zu verder⸗ ben. Marmontel hat das Mä aus Freundſchaft für ihn mußten w hat die Muſik dazu geliefert. ward, hatte es einen ungeheuern Man rief nach den erſchien jedoch nicht, mit der Prinzeſſin vo ſetzte ihn in große Verlegenheit. vor dem Könige wurde es es ſehen. hrchen in Scene geſetzt, ſchon ir hineingehen. Grétry Als es zuerſt aufgeführt Erfolg, ganz Paris wollte 1Verfaſſer. Marmontel weil er ſeine Autorſchaft eigentlich n Beaumont theilen mußte. Das zerfloß dabei in Thränen.“ „Ichhabe geſtern auch meine Thränen abernichtſe Auch in Fontainebleau geſpielt, und der ganze Hof geweint, liebe Mama. Du ſollteſt hen, weilich weiß, wie unangenehm ſie Dir ſind, beſonders in Gegenwart fremder Menſchen.“ „Es freut mich, mein Kind, wenn Du Dich bemühſt, meine Wünſche zu erfüllen. ZJe häufiger Du Dich anſtrengſt, Deine Gefühle äußerlich zu beherrſchen, Dir gelingen, Dich auch inne zu machen. bewegt hat.“ „Ich habe rührte?“ „Ich glaube es. Der häßliche Azor beſitzt eine Güte 3* je beſſer wird es rlich von den Eindrücken frei Sage mir nun aber auch, was Dich ſo tief ſchon darüber nachgedacht.“ Und iſt es Dir gelungen, zu ermitteln, was Dich 44 des Herzens, die ihn wahrhaft ſchön macht, ſo daß Nie⸗ mand ihm zu widerſtehen im Stande iſt. Der Verfaſſer will uns daraus die Lehre ziehen laſſen, daß endlich nichts ſo ſehr die Menſchen gewinnt, als das Gutſein.“ „Und gut und ſchön ſein war bei den Griechen daſ⸗ ſelbe, mein Kind. Nahmen Jene es nun auch in ande⸗ rem Sinne, ſo bleibt das Reſultat daſſelbe: daß die Schönheit eines edlen Herzens jede andere Eigenſchaft über⸗ ſtrahlt. Es liegt alſo eine hohe und ſchöne Moral in der Fabel, die Du Dir gut einprägen mußt.“ „Ich werde ſie nicht vergeſſen, Mamg. Es that mir zu leid, den guten, lieben Azor ſo unglücklich zu ſehen und ich hätte es Zémiren nie verziehen, wenn ſie nicht endlich, von ſeiner treuen Anhänglichkeit gerührt, ihm ihr Herz zugewendet hätte. Es iſt doch nichts ſo ſchön in der Welt, als wenn uns Jemand ſo recht, recht lieb hat! Ich will mich nun recht bemühen auch ſo gut zu werden, Mama, damit Du mich dann auch ſo ſchön findeſt, wie Zémire den Azor fand, und mich an Deine Bruſt drückſt und mir liebkoſeſt.“ Germaine hatte die letzten Worte mit vor Bewegung zitternder Stimme geſprochen. Jetzt brach ſie in lautes Schluchzen aus, ſtürzte auf ihre Mutter zu und verbarg ihr Haupt in deren Schooß. Madame Necker ſah ihrer Tochter mit zuſammenge⸗ zog ſei hal des mit dar klit Vo ten ter do mi un ſch nic bir liel kle da 45 Nies zogenen Augenbrauen zu. Es ſchien ihr unangenehm zu faſſer ſein, dieſe leidenſchaftliche Aufwallung nicht vermieden zu ichts haben. Sie bemühte ſich, ſie aufzurichten, nahm den Kopf des Kindes zwiſchen ihre feinen weißen Hände und ſah ſie daſ⸗ mit ihren klaren blauen Augen halb ernſt, halb traurig an; ande⸗ dann ſagte ſie mit gedämpfter Stimme und leiſe durch⸗ ß die klingendem Vorwurfe: iter„Iſt das meine gute Tochter? Sind das die guten in der Vorſätze, welche Germaine Necker noch vor wenigen Minu⸗ ten an den Tag legte, als ſie mir erzählte, daß ſie geſtern Abend im Theater ihren Thränen geboten, um ihrer Mut⸗ n ter keinen Kummer zu machen?“ nblich, Germaine ſchluchzte unter dieſem Zuſpruche nur Herz doppelt laut.. Welt,„Mein Kind! Meine Tochter! Iſt es Dir nicht h will möglich, Dich zu faſſen? Sage mir, was Dich ſo plötzlich und ſo tief bewegt, damit ich Dich verſtehe.“ 6mire„Du liebſt mich nicht, Mama,“ rief die Kleine mit ſchmerzlichem Tone aus.„Ich weiß es, Du liebſt mich d mir u nicht. Du kannſt nur das Vollkommene lieben und ich egung bin viel zu unbeſonnen, um Dir gefallen zu können. Du liebſt nur meinen Papa und er liebt Dich; aber die arme lautes nen Papa aber erbarg kleine Germaine liebt Niemand. Darum will ich ſo gut zu werden ſuchen, wie das häßliche Thier, damit Du mich nenge⸗ dann endlich um meiner großen Güte willen lieben mußt.“ 46 „Du biſt mein Kind, Germaine, biſt mein einziges übe Kind!“ ſagte Madame Necker mit derſelben ruhigen Faſ⸗ Thr ſung und demſelben leiſen kalten Tone der Stimme.„Du ger biſt, nach Deinem Vater, mein theuerſtes Gut.— Euch nige Beiden gehört mein Leben an, zwiſchen Dir und ihm theilt r ſich meine Zeit, ſobald er mich entbehren kann, bin ich nur er 3 für Dich da. Mein höchſter Wunſch iſt: ihm in Dir eine die Tochter zu erziehen, die ſein Stolz und ſeine Freude ſei. pier Je mehr Du ſtrebſt, mir dies Ziel erreichen zu helfen, je m theurer wirſt Du Deiner Mutter ſein. Darum— nimm Bej Dich zuſammen, mein Kind!“ „Ich will ja gern, will alles thun, was Du wün⸗ 3 ſcheſt, meine Mutter, nur mußt Du mich dann auch lieb Da haben, wie Zémire den Azor lieb hat.“ den „Du mußt die Zuneigung Anderer nicht nach äußern wer Zeichen wägen, mein Kind; denn das iſt trüglich.“ abg „Habe mich lieb, Mutter!“ bat die Kleine. nur „Ich habe Dich lieb, Germaine; aber auf meine ma Weiſe,“ ſagte Madame Necker ruhig.„Sieh, was man ruh Dir auf der Bühne vorſpielt, iſt auf Effect berechnet, man Dei will die Herzen damit rühren und erweichen; das paßt Stt aber für unſer häusliches Leben nicht, Du darfſt Deinen wir Maßſtab daran nicht legen. Wir Frauen brauchen den Va Männern gegenüber Ruhe und Beſonnenheit, um unſere Th Würde zu behaupten. Wollte ich mich jedem Gefühle iges Du uch Reilt nur eine ſei. je mm ün⸗ lieb ßern eine man man paßt inen den ſere ühle 47 überlaſſen, und heute Thränen des Schmerzes, morgen Thränen der Freude vergießen; ſo würde Dein verſtändi⸗ ger Vater mich bald weniger achten und endlich auch we⸗ niger lieben. Du ſiehſt das ein, mein Kind.— Weil ich nun aber wünſche, daß Du eines Tages ebenſo glücklich werdeſt, wie ich es bin, daß Du eines Tages gleichfalls die Liebe und Achtung eines Deinem Vater ähnlichen ver⸗ dienſtvollen Mannes gewinnen möchteſt; ſo geht mein Be⸗ mühen dahin, Dir die dazu nothwendige Eigenſchaft der Beſonnenheit anzuerziehen, und da ein gutes Beiſpiel beſſer wirkt, als alle Vorſchrift, ſo darfſt Du mich, Deine Mutter, nie anders, als vollkommen ruhig und gefaßt erblicken. Das Wohlanſtändige, das Maßvolle, werde ich nie aus den Augen ſetzen und vielleicht wird Dir zur Gewohnheit werden, was die Einſicht allein Deinem Naturell nicht abgewinnen konnte. Wenigſtens hoffe ich es.— Und nun ſei mein gutes Kind, trockne Deine Thränen und mache Deiner Mutter Freude!— Der Segen Gottes ruht ja auf den guten Kindern.— Setze Dich wieder an Deinen Tiſch und ſchreibe in Dein Buch, was Du von dem Stücke von geſtern noch im Gedächtniſſe haſt. Marmontel wird heute mit uns ſpeiſen, wie Du weißt, Dein guter Vater hofft wohl genug zu ſein, um an unſerm Mahle Theil nehmen zu können und wie ſehr wird es ihn dann freuen, wenn ſeine Tochter mit einem bedeutenden Dichter 48 über ſein Werk zu ſprechen verſteht. Willſt Du Deinem guten Vater dieſe Freude machen?“ Die Bruſt des Kindes flog noch convulſiviſch; ſie konnte das Schluchzen noch nicht ganz unterdrücken, ihr dunkeles Auge hing mit dem Ausdruck unbeſchreiblichen Wehs an ihrer Mutter, während ſie ihre Thränen zu trock⸗ nen bemüht war. Niedergeſchlagen kehrte ſie endlich auf ihren Sitz am Fenſter zurück und begann die geforderte Arbeit. Madame Necker beruhigte ſich, als ſie ſie beſchäftigt ſah und nahm ſich vor, ſolche Ausbrüche des Gefühls auf jede nur mögliche Weiſe zu vermeiden. Daß ſie damit die Wunde nicht heilte, welche ihre ſtrenge Pflichterfüllung dem warmen Herzen ihres Kindes geſchlagen, begriff ſie nicht, denn ſie geſtand der Natur keine Art von Vorrecht zu, welche eine gute Erziehung nicht zu bewältigen vermochte. Für ſie war der Menſch dem Marmorblocke gleich, dem die Hand des Künſtlers erſt Geſtalt und Form verleiht. Wenn ſie den Meißel alſo nur geſchickt brauchte, ſo mußte ſie die Reſultate erreichen, welche ihrer Seele als Ideal aller Pä⸗ dagogik vorſchwebten. Der Morgen des Lebens braucht aber vor Allem Liebe, die warm dem Herzen entquillt, die den kleinen Erdenbür⸗ ger ſanft an das Leid gewöhnt und die erſten Thränen des Schmerzes aus ſeinem Auge hinwegküßt. mel lan Un ihr dur Sie täg daf Ar; er, ent hat s auf it die dem nicht, t zu, pchte. die Venn e die Pä⸗ iebe, bür⸗ des Biertes Capitel. Der Beſuch im Krankenzimmer. Ein ernſtes Unwohlſein hatte Madame Necker ſeit mehreren Wochen auf das Krankenlager geworfen, und nur langſam erholte ſie ſich, nachdem die Gefahr überſtanden. Ungeduldig ſah ſie jedem kommenden Tage entgegen, ob er ihr nicht die Kräfte bringe, deren ſie ſo nothwendig be⸗ durfte, um ihrem Hauſe in gewohnter Weiſe vorzuſtehen. Sie wußte, daß ihr Gatte ſie empfindlich entbehrte, daß ſie täglich und ſtündlich von ihm vermißt ward; ſie wußte, daß ſie ihren Freunden fehlte und immer noch mahnte der Arzt zur Ruhe, Pflege und Geduld, immer noch begehrte er, daß ſie ſich keiner Sorge hingebe, daß ſie allen Pflichten entſage, bis auf die Eine, ganz ſich ſelbſt zu leben. Madame Necker ſeufzte bei dieſen Zumuthungen. Sie hatte ſich ſtets der beſten Geſundheit erfreut, und konnte es 50 kaum ertragen, in ihrer Schwäche irgend einem Auge ſicht⸗ bar zu werden. Die Krankheit hatte ihre ohnehin zarte Geſichtsfarbe zu faſt durchſichtiger Bläſſe geſteigert, ihr klares blaues Auge ſchien größer geworden, ihre feinen Züge waren markirter. Auf einer Chaise longue hingeſtreckt, den Kopf in die zarte weiße Hand geſtützt, ſah ſie gedankenvoll vor ſich hin. Da öffnete ſich leiſe die Thüre, und den Kopf erſt vorſchiebend zu ſehen ob ſie auch ſchlafe, erſchien die kurze, gedrungene Geſtalt Necker's. „Wie geht es?“ fragte er herzlich. „Beſſer!“ erwiederte ſie freundlich.„Du ſollſt mich nun nicht mehr lange vermiſſen.“ „Pſt“ ſagte er abwehrend.„Davon iſt nicht die Rede. Aber Du ſelbſt wirſt nun nicht mehr ſo einſam hier zu ſein brauchen. Wir dürfen Dich unterhalten, ich und Deine Freunde. Thomas iſt unten; darf er herauf kommen?“ „Ich glaube, es wird mich nicht angreifen ihn zu ſehen.“ „Gut! So ſende ich ihn Dir. Er weiß viel Neues.“ „Ach! Das iſt es nicht, was ich begehre. Nur was Du vornimmſt, womit. Du beſchäftigt biſt, das möchte ich wiſſen. Du ſchweigſt?“ von kleid Es Gat ihm gebi wele biete Dir erhe woll viele kom ſein welc nen den Spr nun find Fret dere mich t die nſam t, ich erauf n ze es.“ was te ich 51 Necker legte lächelnd den Finger auf den Mund. „Ich ſoll immer noch nicht erfahren, was der König von Dir gewollt, ob er Dir angetragen, eine Stelle zu be⸗ kleiden, ob Du ſeinen Vorſchlag angenommen haſt?— Ach! Es iſt unbeſchreiblich hart für eine Frau, grade dann ihrem Gatten nicht zur Seite ſtehen zu können, wenn das Schickſal ihm endlich die Stellung anweiſt, welche ſeinen Verdienſten gebührt;— wenn endlich eine Laufbahn ſich ihm eröffnet, welche einen ſeinen Kräften angemeſſenen Wirkungskreis bietet! Wie froh wäre ich geweſen, grade jetzt Alles mit Dir theilen zu können; ich hätte Dich nach ernſter Arbeit erheitern, Dich bei Schwierigkeiten tröſten und aufrichten wollen. Und hier liege ich, nicht nur hülflos; ſondern der Hülfe bedürftig.— Wenn ich bedenke, wie ich Dir ſo vieles verdanke, wie all mein Glück nur von Dir allein kommt, wie groß meine Schuld gegen Dich iſt und ewig ſein wird, und nun ſoll ich nicht einmal Dir zeigen können, welch ein treues, theilnehmendes Herz Du an mir gewon⸗ nen?— Das kränkt mich zu tief, zu tief! Höre nicht auf den Arzt, Necker! Ich bitte Dich, höre nicht auf ihn! Sprich mit mir! Vertraue mir. Der Mittheilung bedarf nun einmal der Menſch, und wo wollteſt Du Jemand finden, dem Du vertrauen könnteſt, wie mir? Geh nicht zu Fremden mit Deinen Sorgen, gewöhne Dich nicht in eine an⸗ dere Bruſt auszuſchütten, was nur bei mir treu bewahrt iſt.“ 52 „Da ſiehſt Du nun, wie meine Gegenwart Dich auf⸗ regt,“ ſagte Herr Necker ſanft, und legte ſeine Hand, wie beruhigend, auf die ſchöne hohe Stirn ſeiner Gattin.„Nur noch wenige Tage Geduld, und Du ſollſt Alles erfahren, ſollſt meine Sorgen theilen wie zuvor und wie ich hoffe, auch meine Freuden. Indeſſen beſtrebe ich mich Deiner würdig zu handeln. Ich hoffe, daß Du mit mir zufrieden ſein wirſt.“ „Necker!“ rief ſeine Gattin und ſah ihn mit einem Blicke der rührendſten Liebe an, während ſie ſeine Hand von ihrer Stirne entfernte und leicht auf ihre Lippen drückte. „Ich verdiene ſo viel Güte nicht! Es geht Dir alſo gut? Du biſt zufrieden?“ „So weit man es je iſt, wenn man etwas Rechtes leiſten will. Aber— wo iſt Germaine?— Marmontel iſt im Salon und wartet auf ſie. Sie haben ein Geheimniß mit einander.“ „Sie iſt in ihrem Zimmer. Es wird ihr ſchwer ſo ruhig zu ſein, wie ich es von ihr fordern muß; darum ſandte ich ſie hinüber. Es betrübt mich oft, Necker, daß meine Erziehung nicht die Früchte trägt, welche ich erwar⸗ tete. Ich kann die Natur des Kindes noch gar nicht be⸗ ſiegen.“ „Ich bitte Dich das auch gar nicht zu wollen, meine Liebe. Deine Tochter iſt das Ebenbild ihres Vaters, tägl wür Jed völl Frü wir beg an Ma vor es dur Gef zu öfte in wer Unt einem Hand rückte. gut? echtes nontel imniß ver ſo arum „daß rwar⸗ ht be⸗ meine ters, 53 täglich mehr erkenne ich mein eigenes Bild in ihr; Du würdeſt mir alſo ein ſchlechtes Compliment machen, wenn Du Dich beklagteſt, daß ihr Naturell Dir nicht gefiele. Jedem Baume wächſt ſeine Rinde. Gewähre ihr nur völlige Freiheit und Du wirſt erleben, daß ſie die ſchönſten Früchte trägt.— Aber— auch über dieſen Punkt ſprechen wir jetzt nicht weiter. Adien.“ Er hauchte einen Kuß auf ihre Stirne und verſchwand. Wenige Minuten darauf trat Thomas ein. Ernſt begrüßte er die Freundin, drückte ehrfurchtsvoll ihre Hand an ſeine Lippen, und rückte dann einen Stuhl neben ſie. „Wie lange haben wir uns nicht geſehen,“ begann Madame Necker die Unterhaltung.„Schon war ich darauf vorbereitet, die letzte Reiſe antreten zu müſſen. Gott hat es gnädig noch hinaus geſchoben.“ „Herr Necker hat mir aufgetragen, Sie zu erheitern, durch hübſche Stadtgeſchichten zu zerſtreuen, und jedes ernſte Geſpräch zu vermeiden. Geſtatten Sie mir, ſeinen Wunſch zu erfüllen, damit mir vergönnt ſei, Ihr Krankenzimmer öfter betreten zu dürfen. Ich habe es ſchmerzlich empfunden in dieſer Zeit, wie fern ich Ihnen ſtehe, indem ich keine Sorge für Sie übernehmen durfte. Gönnen Sie mir wenigſtens jetzt den Troſt, der Erſte zu ſein, der ſich Ihrer Unterhaltung widmen darf;“— ſagte Thomas mit mildem Ernſte. 54 Eine Pauſe entſtand. Madame Necker war zum erſten Male in ihrem Leben um eine Antwort verlegen. Sie zupfte an der himmelblauen Decke, welche über ihre Füße geworfen war, und ſtützte ihr Haupt wie erſchöpft auf ihre Hand. „Haben Sie Vorträge in der Akademie gehalten, während ich krank war?“ fragte ſie dann. „Nichts von Bedeutung,“ entgegnete er.„Der Ver⸗ luſt von Madame Geoffrin wollte erſt verſchmerzt ſein, wie ich mich auch zu faſſen ſuchte, ſo konnte ich doch meinen Geiſt nicht zwingen, mit derſelben Wärme ein mir fern liegendes Intereſſe zu verarbeiten. So habe ich denn der Zeit anheimgeſtellt, das für mich zu thun, was mein Wille nicht vermochte und einſtweilen meinen ganzen Fleiß darauf verwendet, an den Erinnerungsblättern thätig zu ſein, welche d'Alembert und der Abbé Morellet mit mir ihrem Ange⸗ denken widmen.“ „Darf ich dieſe leſen?“ „Es wird mir ſchmeichelhaft ſein ſie Ihnen zu Füßen zu legen, ſobald ſie abgedruckt ſind.“ „Der Tod unſerer Freundin wird eine bedeutende Lücke in unſerem Kreiſe zurücklaſſen; beſonders da uns auch Mademoiſelle d'Espinaſſe fehlt; deren Geiſt und Liebens⸗ würdigkeit ein Muſter für uns Alle war. Denn wer ver⸗ ſteht nun noch die Unterhaltung zu führen, wie ſie ſie zu füh wir ſo1 geg lich das anh Me Me ſchi Erſ ner ver ſoll eine ber wot üßen tende auch bens⸗ ver⸗ ie zu führen verſtand?— Wer kann ſo anregend, aufmunternd wirken, wie ſie es that!— Sie iſt unerſetzlich!— Und iſt ſo unglücklich geſtorben, ſagt man?“ „Freilich! Es heißt, daß ſie ſich einer Neigung hin⸗ gegeben, die keine Erwiederung gefunden.“ „Das iſt mir unbegreiflich!— Wie, könnte ſie wirk⸗ lich ſo wenig weiblich empfunden haben? Sollte nicht bloß das Gerede der Welt ihr dieſe unverzeihliche Schwäche anhängen?“ „Ich glaube, daß es keine bloße Vermuthung iſt. Man hat Beweiſe dafür. Uebrigens iſt es nicht das erſte Mal, daß ſich ihr Herz ſo verirrte. Man ſpricht von ver⸗ ſchiedenen unerwiedert gebliebenen Verhältniſſen der Art.“ „Unmöglich!“ rief Madame Necker mit aufrichtigem Erſtaunen. „Warum unmöglich?“ fragte Thomas.„Uns Män⸗ nern begegnet das Gleiche ja ſo häufig, daß wir recht wohl verſtehen können, auch eine Frau wende ihr Herz ohne Vorbedacht uns zu.“ „Und die Neuigkeiten, welche ich von Ihnen erfahren ſollte?“ erwiederte Madame Necker, um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, die ſie weniger perſönlich berührte. „Neuigkeiten ſo viel, daß ich mich nur beſinnen muß, womit ich anfangen will.— Da iſt Gluck und Piccini, 56 welche, nach wie vor, ihre muſikaliſche Fehde fortführen, und da unſere junge Königin Marie Antvinette natürlich der deutſchen Muſik zugethan iſt und ihr den Sieg gewinnen möchte; ſo fehlt es nicht an Intrignen und allerlei Ver⸗ ſuchen, um dieſer oder jener Seite die Zahl der meiſten Anhänger zu ſichern. In der Akademie, in den Cafés, in den literariſchen Verſammlungen iſt nur davon die Rede.— Man fürchtet, Gäſte bei ſich zu ſehen, um nicht Veran⸗ laſſung zu Streitigkeiten zu bieten. Unſer geſelliges Leben iſt augenblicklich ganz dadurch geſtört. Man fragt, iſt er Gluckiſt, iſt er Picciniſt, und beurtheilt ihn dem entſpre⸗ chend. Unſer Freund Marmontel hat ſich dem letzteren zugewendet, und ſteht nun immer auf dem qui vive. Am beſten, man vermeidet davon zu ſprechen; denn die Erbitte⸗ rung hat ſchon den höchſten Grad erreicht, beſonders ſeit die Armide zur Aufführung kommt.“ „Die Sache iſt alſo Ernſt geworden.— Das thut mir leid. Dergleichen Reibungen laſſen, auch wenn die Urſache verſchwunden, noch einen Nachhall in der Seele der Betheiligten zurück.— Jetzt erzählen Sie mir auch etwas Heiteres.“ „Dann muß ich von Voltaire anfangen, der uner⸗ ſchöpflich, wie immer, in witzigen Einfällen iſt. Er wünſcht außerordentlich, nach Paris zu kommen, und hofft, daß man Ludr achtz kurzi Tra aus bis geles zu er hat, Mat es v in T dieſe Geſe pulv und tete, und 185 57 man ihm zureden werde, die Reiſe zu unternehmen. Ludwig XVI. wird ihn nicht verhindern.“ „In ſeinem Alter! Er muß jetzt bald ſeinen vierund⸗ achtzigſten Geburtstag feiern?“ „Trotzdem iſt er ſo friſch wie der jüngſte Mann. In kurzer Zeit hat er drei Broſchüren geſchrieben, und zwei Tragödien beendigt. Er will ſeine Irene und Alexis durch⸗ aus in Paris aufführen laſſen. Neulich hat er ſie in Ferney bis zwei Uhr Nachts vordeclamirt und ſich dann zu Bette gelegt, um nach ſieben Stunden Schlaf friſch und munter zu erwachen. Was ſagen Sie dazu?“ „Es iſt bewundernswürdig, wie der ganze Mann.“ „Aber hören Sie nun, was er uns kürzlich zugeſandt hat, um es in den Courier de[Europe drucken zu laſſen.— Man würde doch augenblicklich an dem Stil erkennen, daß es von Voltaire entworfen iſt: Ludwig XV. ſpeiſte eines Abends im kleinen Kreiſe in Trianon; die Unterhaltung betraf die Jagd, und von dieſer ging man zu dem Schießpulver über; Einer von der Geſellſchaft machte die Bemerkung, es ſei das beſte Schieß⸗ pulver aus einer Zuſammenſetzung von Salpeter, Schwefel und Kohlen bereitet. Der Herzog von la Balliére behaup⸗ tete, zum Bedarf der Kanonen gehöre ein Theil Schwefel und eben ſo viel Kohle, mit fünf Theilen Salpeter, aufgelöſt 1859, I, Frau von Stasl. I. 4 58 in gut filtrirtem, gut evaporirtem und gut kriſtalliſirtem Nitrum. „Wie drollig,“ ſagte der Herzog von Nivernois,„daß wir jeden Tag im Parke von Verſailles Rebhühner ſchießen, daß wir manchmal auch Menſchen ſchießen, oder uns auf der Grenze erſchießen laſſen, ohne zu wiſſen, womit man uns tödtet.“ „Ah! ſo geht es uns ja mit allen Dingen dieſer Welt,“ erwiederte Madame de Pompadour;„weiß ich doch nicht, woraus das Roth gemacht iſt, womit ich meine Wangen ſchminke, und ich würde ſehr in Verlegenheit ge⸗ rathen, wenn ich erklären ſollte, wie die ſeidenen Strümpfe auf meinen Füßen gemacht ſind.“ „Es iſt doch ſchade,“ ſagte der Herzog de la Vallière, „daß Seine Majeſtät uns das Pictionaire Eucyclopé. dique confiscirt haben, wofür wir 100 Louis gezahlt hatten; darin ſtand die Antwort auf alle unſere Fragen geſchrieben.“ Der König vertheidigte ſeine Conſiscation. Man hatte ihm geſagt, daß die 21 in-folio Bände, die auf dem Toilettentiſche jeder Dame zu finden, dem Staate ſehr ge⸗ fährliche Dinge enthielten, und er hatte darum ſelbſt prüfen wollen, was an der Sache wahr ſei, bevor er das Leſen des Buches geſtattete. Gegen das Ende der Mahlzeit ſchickte er einen Pagen 59 ab, um eine Ausgabe des gefährlichen Werkes zu holen; mit Mühe ſchleppten drei Diener die 21 großen Bände erein. Man ſchlug Puder auf und fand, daß der Herzog von la Vallire Recht gehabt hatte; Madame de Pompa⸗ dour las nach, welcher Unterſchied zwiſchen der Pariſer Schminke und jener ſei, deren die Damen von Madrid ſich bedienten, daß die erſtere mehr Cochenille, die zweite mehr Safran enthalte. Sie ſah, wie man ihre Strümpfe wirkte; und das Verfahren dabei ſetzte ſie in die höchſte Verwunderung. „Welch ein ſchönes Buch!“ rief ſie aus.„Sire, Sie haben dieſen Reichthum der nützlichſten Kenntniſſe nur unterſchlagen, um ihn allein zu beſitzen, und der einzige Gelehrte in Ihrem Königreiche zu ſein.“ Jeder wollte etwas aus den Bänden erfahren, man ſtürzte ſich darauf, wie die Söhne des Lykomedes auf die Koſtbarkeiten des Ulyſſes.— Alles fand man darin;wer einen Prozeß führte, konnte ſchon ſein Urtheil leſen. Der König fand alle Vorrechte ſeiner Krone.„Aber wahr⸗ haftig,“ ſagte er,„ich begreife nicht, warum man mir ſo viel Böſes von dem Buche geſagt hat.“ „Nur darum,“ verſetzte der Herzog von Nivernvis, „weil es vortrefflich iſt. Gegen das Unbedeutende oder Mittelmäßige erhebt man ſich nicht. Wenn die Frauen 4* ———— 7 60 einer fremden Dame feindlich entgegen treten, ſo kann man überzeugt ſein, daß ſie ſie überſtrahlt.“ Während deſſen blätterte man immer fort in den Büchern und der Graf C.... ſagte ganz laut:„Sie ſind zu glücklich, Sire, daß es unter Ihrer Regierung Männer gab, welche ſo viele Kenntniſſe beſaßen und ſie der Nach⸗ welt übermachten. Alles findet ſich hier, von der Kunſt eine Stecknadel zu machen bis zum Gießen der Kanonen, von dem Kleinſten bis zum Größten. Danken Sie Gott, daß er in Ihrem Reiche Männer geboren werden ließ, um dem Weltall zu dienen. Die übrigen Völker werden dieſe Encyllopädie kaufen oder nachdrucken müſſen. Nehmen Sie mir alle meine Güter, Sire; aber ich bitte Sie, laſſen Sie mir meine Enchklopädie.“ „Man ſagt aber doch,“ erwiederte der König,„daß dies nützliche und vortreffliche Werk voller Fehler ſei.“ „Sire,“ erwiederte Graf C....,„es fanden ſich heute auf Ihrem Tiſche zwei ſchlechte Schüſſeln, von denen wir nicht aßen; doch haben wir ſehr gut ſoupirt. Sollte man nun die ganze Mahlzeit aus dem Fenſter geworfen haben, um dieſer zwei Schüſſeln willen?“ Der König ſah die Macht dieſer Gründe ein. Jeder erhielt ſein Eigenthum zurück. So endigte dieſer glück liche Tag. Aber der Neid und die Unwiſſenheit waren damit nich Sch gun ſie! lage von geer wiet es L Erf Es verſ die Ner an erw zu ſ ich Nach⸗ Kunſt nonen, Gott, ß, um ndieſe vorfen Jeder glück⸗ damit 61 nicht aus dem Felde geſchlagen; die beiden unſterblichen Schweſtern ſetzten ihren Schrei, ihre Cabale, ihre Verfol⸗ gungen fort; die Unwiſſenheit iſt ſo reich an Mitteln, wo ſie bekämpfen will.— Was war die Folge? Das in Frankreich verbotene Werk erlebte vier Auf⸗ lagen im Auslande und brachte den Fremden eine Summe von achtzehnhunderttauſend Thalern ein.“— „Vortrefflich!“ ſagte Madame Necker, als Thomas geendet und das Blatt, aus dem er den Aufſatz geleſen, wieder eingeſteckt hatte.—„Und doppelt vortrefflich, wenn es von Ihnen vorgetragen wird.“ „Sie ſind zu gütig, an mir zu loben, was zu den Erforderniſſen meiner Stellung gehört.“ „Und Turgot hat ſein Amt wirklich niedergelegt?— Es iſt ein Anderer an ſeine Stelle geſetzt?“ „Davon weiß ich nichts, oder darf ich nichts wiſſen,“ verſetzte Thomas lächelnd.—„Ihr Arzt verlangt, daß die Politik Ihnen fern bleibe, weil ſie zu aufregend für eine Nervenkranke ſei. Darum ſendet man einen Akademiker an Sie ab, die Wiſſenſchaft regt nicht auf; ſie beruhigt.“ „Es iſt irgend etwas vorgegangen, ich weiß es,“ erwiederte Madame Necker bewegt.„Der König hat Necker zu ſich entbieten laſſen. Ich entſinne mich deſſen genau, ich weiß, daß es kein Gebilde meiner Phantaſie iſt, ich 62 weiß es, daß er ſich angekleidet hat, um vor Seiner Majeſtät zu erſcheinen. Doch weiter geht mein Gedächtniß nicht. Hier verwirren ſich meine Erinnerungen.— Und Niemand will mir nun ſagen, wie ſeine Audienz abgelaufen iſt.— Lieber Thomas! Wiſſen Sie kein Mittel mich recht ſchnell geſund zu machen, damit man nicht länger mir vorent⸗ halten dürfe, was zu erfahren mein ganzes Herz mich drängt.“ „Ich bin in der That ſo glücklich, Ihnen hier dienen zu können,“ erwiederte dieſer ſcherzend.„Es iſt ein Wunder⸗ doctor angekommen, Mesmer nennt er ſich, welcher mit der Spitze ſeines Fingers, oder, wenn es Ihnen beſſer ge⸗ fällt, mit den Tönen ſeiner Harmonika auf Sie wirkt, und Ihnen jede beliebige Krankheit giebt oder nimmt,— wie Sie wollen.“ Dieſer Herr hat ſchon in Deutſchland viel Aufſehen erregt. Hier ſchadet es ihm, daß er ſo wenig Geiſt, ſo wenig Einbildungskraft zeigt. Selbſt als Wunder⸗ doctor kann man jetzt in Paris nicht mehr ſein Glück ma⸗ chen, ohne hervorſtechende perſönliche Eigenſchaften.“ „Worauf begründet er denn ſeine Wunderkraft,“ fragte Madame Necker.—„Wenn er keine Verſuche an * Correspondence littéraire de Grimm et Diderot. B. 4. Seite 218. bel die dienen nder⸗ er mit nt,— chland wenig under⸗ ck ma⸗ . raft,“ he an B. 4. 63 mir macht, die mir ſchaden können, ſo ließ ich ihm gern an mir ein Wunder verrichten.“ „Seine Anſicht iſt: daß es ein noch unbekanntes materielles Etwas giebt, welches auf unſere Nerven wirkt; — dieſem Grundſatze zufolge, findet dann auch eine Wechſel⸗ wirkung ſtatt, ſowohl unter belebten als unbelebten Kör⸗ pern;— es giebt eine Anziehungskraft, dem Magnet ähn⸗ lich, auch unter uns.— Dieſen thieriſchen Magnetismus, deſſen geheime Wirkung er entdeckt, wendet er nun zur Heilung von Krankheiten an. Nach welchen Grundſätzen er hierbei verfährt, mag er Ihnen ſelbſt erklären, wenn er an Ihnen eine Probe ſeiner Kunſt ablegt. Noch muß ich Ihnen aber bemerken, daß er in Paris ſehr viele Perſonen entdeckt hat, auf welche er keine Wirkung zu üben im Stande iſt, und ich beſorge ſehr, daß er auch Sie unter dieſe Zahl rechnen werde.“ „Warum beſorgen Sie das?— Warum iſt grade Paris ſeinen Kuren nicht günſtig?“ „Weil der Strom des Lebens uns hier zu mächtig mit ſich fortführt; man giebt ſich nicht leicht einer Em⸗ pfindung hin, läßt ſich nicht leicht von ſeinen Einbildungen beherrſchen.“ „Und darauf, meinen Sie, beruhte die ganze Kunſt dieſes Doctors?“ „Ich bin davon überzeugt. Dann iſt noch der Prinz ——— 64 Gonzaga angekommen, mit ſeiner Gemahlin, der berühmten Improviſatrice Corilla, welche in Rom gekrönt worden iſt. — Sie können denken, welches Aufſehen ſie in der Geſell⸗ ſchaft erregt. Alles drängt ſich um ſie, will ſie kennen und hören.— Unſer Freund Marmontel iſt vor Allen von ihr hingeriſſen.“ „Ich hoffe, daß ſie Paris nicht ſobald verlaſſen wird, denn ich möchte ſehr gern, daß meine Tochter eine Probe dieſes Talentes ſähe.— Es iſt mir überhaupt ſehr daran gelegen, Germaine mit ausgezeichneten Frauen bekannt zu machen, damit ſie Muſter vor ſich ſehe, denen nachzuſtreben ihr Sporn ſei. Ohne ein Ziel, ſcheint uns der Pfad, den wir wandeln, oft gar lang und dürftig; die bloße Pflicht iſt zu ernſt für das Naturell meines Kindes.“ „Sie wollen Ihre Tochter für den Ruhm erziehen und iſt dieſer nicht auch eine Leidenſchaft?“ „Doch eine edle, werden Sie zugeſtehen.“ „Und zugleich eine ſehr gefährliche; denn ſie nährt ſich mehr, wie jede andere, von dem Beifall der Menge.“ „Ich möchte wenigſtens gern verhindern, daß ſie, wie die Frauen in Paris, mit dem Kopfe liebe und mit dem Herzen denke. Der neapolitaniſche Geſandte hat dies von uns geſagt, wie Sie wiſſen.“* * Memoiren von Grimm. B. 4. z ihn ſehr wür er ſ ſo: fuhr Ror vor. daß Ma wor nich leiſt beit durc ſchot dem von 65 „Ich entſinne mich deſſen; aber ich glaube nicht, daß er auch von Ihnen dabei hat reden wollen.“ Madame Necker erröthete leicht.— „Und wie geht es unſerm Rouſſeau?— Haben Sie ihn kürzlich geſehen?“ „Er iſt nicht in Paris; er iſt in Ermenonville, und ſehr hypochonder, wie man ſagt. Das Gerücht geht, es würden ſeine Bekenntniſſe erſcheinen und zwar in Holland; er ſelbſt leugnet es aber und behauptet, wenn dem ſo ſei, ſo müſſe Jemand ihm das Manuſcript entwendet haben. — Der Doctor le Bogue de Presle, ſein warmer Freund, fuhr neulich zu ihm hinaus auf das Land. Als er nach Rouſſeau fragte, kroch dieſer mühſam aus dem Keller her⸗ vor. Le Bogue de Presle machte ihm Vorwürfe darüber, daß er in ſeinem Alter dieſe häuslichen Geſchäfte nicht Madame Rouſſeau überlaſſe?„Was wollen Sie?“ ant⸗ wortete er ihm.„Wenn ſie hinunter ſteigt, ſo kommt ſie nicht wieder herauf?“ „Der arme Mann! Könnte man ihm nur etwas leiſten! Nur auf irgend eine Art zu ſeiner Bequemlichkeit beitragen! Aber er weiſt jede Hülfe zurück.“ „Und was mehr iſt, man verſtimmt ihn, macht ihn durch ein Erbieten oft ernſtlich böſe. Wir müſſen ihn alſo ſchon ſich ſelbſt überlaſſen.“ „Wird die Nachwelt uns aber dafür nicht richten? 66 Der Fernſtehende ſieht die Schwierigkeiten nicht, welche hemmend unſeren Weg verſperren.“ „Es liegen der Beweiſe zu viele vor, um uns zu rechtfertigen!— Jetzt aber iſt die Stunde abgelaufen, welche man mir vergönnte bei Ihnen zuzubringen.— Ich will dieſe Zeit nicht überſchreiten, damit man die Erlaub⸗ niß, Sie zu ſehen, nicht zurücknehme.“ Er verbeugte ſich und ging. Madame Necker ſah ihm gedankenvoll nach. Fünftes Capitel. Das Geneſungsfeſt. Herr Necker wünſchte die Geneſung ſeiner Gattin feſtlich zu begehen. Der Tag, welcher ſie zum erſten Male dem Kreiſe ihrer Freunde zurückführen würde, ſollte mit einer Feier bezeichnet werden und ihr den wohlthuenden Ein⸗ druck verurſachen, wie viel ſie ihrer Familie, wie viel ſie auch ihren Bekannten ſei. Jeder hatte ſich bemüht, eine kleine Aufmerkſamkeit für ſie zu erſinnen; vor allem aber war es Germaine, welche die Stunde nicht erwarten konnte, wo ihre Mutter in den mit Blumengewinden geſchmückten Salon treten würde, um hier von ihr begrüßt zu werden. Weiß gekleidet, das dunkele Haar mit einer Roſenguirlande geſchmückt, ſtand ſie ſeit einer Stunde da und zählte die Minuten bis zum Eintritte der Geneſenen.— Sie hielt ein weißes Blatt in der Hand, auf dem ihr dunkeles Auge 68 von Zeit zu Zeit ruhte, als ſuche es die darauf geſchrie⸗ benen Worte dem Gedächtniſſe noch recht genau einzuprä⸗ gen. Marmontel, Grimm und Thomas ſtanden in einer Fenſterniſche und unterhielten ſich.— Sie waren geladen, an dem Mittagsmahle Theil zu nehmen, während die übrigen Gäſte ſich erſt ſpäter einfinden ſollten. Herr Necker hatte ſich in das Zimmer ſeiner Gemah⸗ lin begeben, um ſie herüber zu führen. Auch er trug eine kleine Ueberraſchung für ſie im Sinne, welche er ihr jetzt allein mittheilen wollte. Mit feierlicher Miene trat er bei ihr ein, vergaß aber, ſowie ſein Auge auf ſie fiel, was er hatte ſprechen wollen und blieb verſtummend vor ihr ſtehen. Sie war zum erſten Male nach ihrer Krankheit in voller Toilette und hatte für ihren Anzug eine Farbe gewählt, die ſie ſonſt nie trug. Carmoiſin ſteht Blondinen nur dann, wenn ihr Teint makellos iſt. Die faſt durch⸗ ſichtige Weiße der Haut, welche der lange Aufenthalt in geſchloſſenen Räumen bei Madame Necker hervorgerufen, brachte jetzt die vortheilhafteſte Wirkung hervor, ihr blaues Auge ſtrahlte dabei ſo klar, ſie ſah ſo heiter und belebt aus in dem beglückenden Gedanken, mit Heute wieder in ihre alten Rechte einzutreten, als Vorſteherin des Hauſes, als Mittelpunkt ihres geſelligen Kreiſes, daß ihre Erſchei⸗ nung einen faſt bezaubernden Eindruck hervorrief. „Wie ſchön Du biſt!“ ſagte Herr Necker endlich, in⸗ chrie⸗ uprä⸗ einer aden, d die mah⸗ eine jetzt at er was ihr kheit arbe inen rch⸗ t in fen, aues elebt er in ſes, chei⸗ in⸗ 69 dem er mit dem Auge die hohe, faſt königlich vor ihm da⸗ ſtehende Geſtalt ſeiner Gattin maß.„Die Krankheit hat Dir in dem Bezug wenigſtens nicht geſchadet.“ Sie legte ihre beiden Hände auf ſeine Schultern und ſah ihm liebevoll in das Auge. „Das währt alles nur eine kurze, kurze Zeit; darum wünſche ich, daß Du an mir nicht nur liebeſt, was ver⸗ gänglich iſt, mein einziger Freund; ſondern auch was uns dauernd verbinden kann. Ich muß die Freundin Deiner Seele, muß ein Wiederhall von Deinem beſſeren Selbſt ſein; wenn ich mit Vertrauen in die Zukunft blicken ſoll.“ „Das biſt Du mir, ſo wahr ich lebe!“ ſprach Necker ernſt.„Ich kenne an Dir nur den einen Fehler, daß Du uns Andern nie vergönnen willſt, das ſchöne Vorrecht des Verzeihens auch an Dir zu üben.? Wer unſerer Nach⸗ ſicht dann und wann bedürftig iſt, gewinnt dadurch in un⸗ ſerer Liebe.“ „Das iſt ein hartes Wort, mein Freund. So müßte ich denn, um Dir mehr noch zu gefallen, erſt weniger voll⸗ kommen ſein?— Wie leicht wär' mir das Spiel! Doch dieſer erſte kleine Schritt gethan, wo ich auf einen Zoll von dem rechten Pfade mich verirrte, und wie ſchwer dann * Notice sur le caractère et les écrits de Madame de Staöl. B. 1. S. 20. 70 gleich die Rückkehr. Ich kenne mich. Mit leichtem Sinn das Leben zu erfaſſen, vermag ich nicht; das, was ich bin, das bin ich ganz. So laß mich denn der Tugend ange⸗ hören und Dir und ihr mit ganzem Sinn mich weih'n.— Du fährſt nicht ſchlecht dabei, das glaube mir, mein Freund.“ „Als ob ich das nicht wüßte, mein theures Weib! Auch war der Tadel mehr ein halber Scherz. Jetzt aber, Dir zu zeigen, wie ſehr ich Dich entbehrt, nimm Platz und laß mich Dir erzählen, wie hoch das Schickſal mich geſtellt und was ich ohne Deinen Rath hab' unternehmen und leiſten müſſen. Der König hat mich rufen laſſen und mir die Verwaltung der Finanzen anvertraut.“ „Das ahnte mir,“ rief Madame Necker jubelnd aus. „Ganz Frankreich, ja, die Welt ſieht jetzt auf mich und fordert von mir, daß ich dieſes Landes Retter werde. Ich fühle die Verantwortlichkeit ſo ſchwer, wie nur ein Mann ſie fühlen kann und das Gewicht davon laſtete auf meinen Schultern nebender Sorge für Dein Leben. Es war eine böſe, böſe Zeit! Gottlob! Nun wird es beſſer gehen, nun wird es Tag vor meinem Blicke.“ „Und was haſt Du vorgeſchlagen, welche Verände⸗ rungen haſt Du getroffen,“ rief Madame Necker aufgeregt und ergriff die Hand ihres Gatten, die ſie zwiſchen ihren beiden feſthielt. L ——„—— 71 „Siehſt Du, wie ſehr auch jetzt noch dieſe Nachricht Dich ergreift und ſpannt, wie recht ich hatte, Dir ſie vor⸗ zuenthalten,“ ſagte Herr Necker ernſt.„Du ſollſt jetzt alles, alles wiſſen, alles erfahren, was geſchehen iſt; nur heute nichts mehr davon. Heute gieb Dich der Freude hin. Heute lebe dem Gedanken, daß Dein Ehrgeiz für mich ſeine Befriedigung gefunden, daß meinen Kräften ein weiter Schauplatz geboten iſt, auf dem ich beweiſen kann, ob wirklich die Talente in mir ſchlummern, welche Du mir zugetraut!“ „Nur das Eine ſage mir: Iſt der König mit Dir zufrieden?— Wie behandelt er Dich? Wie benimmt er ſich?“ „Vortrefflich, muß ich ſagen. Ich bin ein Ausländer, bin ein Proteſtant;— ich hatte hier keinen Poſten noch bekleidet, mein Amt war einzig die Vertretung meiner klei⸗ nen Schweiz; es waren daher große Vorurtheile zu be⸗ ſiegen.“ „Um ſo größer auch die Ehre für Dich!“ „Um ſo ſchwieriger auch meine Stellung, meine Liebe. Aber, dem Himmel ſei Dank, bisjetzt geht alles gut. Alle Welt iſt meines Lobes voll. Der öffentliche Credit ſteigt, der Zuſtand der Finanzen wird täglich beſſer, jedes neue Edict ſtößt neue Mißbräuche um, wir wüthen mit Feuer und Schwert gegen die ſeit Jahrhunderten an⸗ 72 gehäuften Unordnungen in der Verwaltung. Ich habe eine neue Adminiſtration für Berri eingerichtet, welche ein ungeheures Aufſehen erregt. Ganz Paris iſt davon voll. Du wirſt jetzt viel von Deinem Gatten reden hören. Mache Dich aber darauf gefaßt, mich auch vielfach tadelnd genannt zu finden. Es giebt kein Licht ohne Schatten, und, je heller die Sonne leuchtet, um ſo ſchwärzer iſt es in ihrem Rücken.“ „Ich bin ſprachlos, Necker, ſprachlos gegenüber ſo vielem Glücke! Dich ganz erkannt zu ſehen, das war mein höchſter Wunſch.“ „Du nennſt es ſo; ich möchte dies Geſchenk des Him⸗ mels nicht an ſo äußerliche Bedingungen knüpfen; vor Allem aber nicht an den Beifall der Menſchen, an die Stimme der öffentlichen Meinung. Wie bald wird dieſe uns treulos. Wie wenig darf man darauf bauen!“ „Nicht einem wahren Verdienſte, wie Du es beſitzeſt.“ „Auch dieſem, meine Liebe!— Aber,— folge mir jetzt in den Salon. Unſere Freunde erwarten Dich und ſchon zu lange haben wir ihre Ungeduld, Dich zu begrüßen, auf die Probe geſtellt.“ Er bot ſeiner Gattin den Arm. Langſam und ge⸗ dankenvoll lieh ſie ſich ſeiner Führung. An der Thür des Salons hielt Necker ſeine Schritte an und pochte leiſe.— Sogleich öffneten ſich beide Flügel⸗ abe ein ll. nd en, in ein m⸗ or die eſe 7 ir nd n, e⸗ te ⸗ 73 thüren, wie durch einen Zauberſchlag und inmitten eines Laubdaches von blühendem Geſträuche ſtand Germaine ihrer Mutter gegenüber, reichte dieſer ein Bouquet der ſchönſten Roſen entgegen und ſang dazu die folgenden von Marmontel für ſie gedichteten Verſe, nach einer Melodie aus dem Barbier von Sevilla. Heiter genoß ich der glücklichen Tage, Bis das Unglück an meine Pforte klopfte. Theure Mutter! Zeugin Deiner Schmerzen, Nannte ich das Leben nur noch eine Strafe. Die würdigſte der Mütter ward mir zu Theil, Vom Himmel empfing ich damit die ſchönſte der Gaben, So wache denn, Geſchick! über ihrem Heile, Damit ich ſeine Gunſt nicht bitter finde. Für mich ſelbſt acht' ich den Schmerz nur geringe, Und nehme willig ſeine Bürde hin; Allein die Eltern, die ich verehre und liebe, Sie leiden zu ſehen zerreißt mir das Herz. Wir tragen in uns den Keim ſo vieler Uebel, Die immer nur aus weiter Ferne drohen; Ach ſollte denn der Tugend nicht gewährt ſein, Daß ſie als Lohn ſich der Geſundheit freue? Man ſagt uns, daß ſie in den Hütten wohne, Und des beſcheidenen Lvoſes Begleiterin ſei. Allein in ihr haſt, Himmel, du vereint Den reinſten Geiſt mit dem gefühlvollſten Herzen. 1859. I. Frau von Stasl. I. —— 6 4 Von meinen demüthigen Bitten gerührt, Hat der Himmel ſie von ihren Leiden befreit. Dieſer Moment, ach! ſchien mit neuem Leben Die Nacht meines Kummers zu erhellen. Ich bin dadurch belehrt wie ſchwach uns Liebe macht, Und habe gelernt in dieſes Unglücks Schule. D'rum bete ich zu Gott, er möge mich bewahren Vor Prüfungen, die meine Kräfte überſteigen. Herr Necker fügte dieſen Verſen hinzu: Du warſt Zeugin von dem Schmerze meines Vaters, Nichts kann mich von meiner Gattin trennen, ſagte er mir. So kann denn ein Augenblick Euch Beide mir rauben, Darum flehe ich Dich an um Sorge für Dich. Moi, qui ggutais la vie avee délice, Pans un instant j'ai connu le malheur. Belle Maman, témoin de ta douleur, Nai dit: Pour moi la vie est au supplice. En me donnant la plus digne des mères, Ciel! tu m'as fait le plus beau des présents; Daigne veiller sur ses jours bienfaisants, Ou tes faveurs me seront trop amères. Oui, je erains moins la douleur pour moi-mẽme, X tous ses traits je suis prẽte à m'offrir. Les plus grands maux c'est ceux qu'on voit souffrir, N des parents qu'on revère et qu'on aime. 75 De mille maux l'essaim nous accompagne, Mais, Sont-ils fait pour un étre accompli? Ah! d'un objet de vertus si rempli Que la santé soit au moins la compagne. Dans les hameaux on nous dit qu'elle habite Et qu'elle suit la douce obseurité, De la nature en sa simplicité, Jamais Maman n'a passée la limite. Des purs esprits l'essence est impassible; Ma moère a droit à cet heureux destin. Ciel! n'est-tu pas réuni dans son sein Un esprit pur avec un coeur sensible. Un Pieu touché de mon humble prière, A fait cessé le mal, qui m'accablait. Dans ce moment, hélas! il me semblait Qu'un jour nouveau me rendait la lumibre. Pai reconnu combien mon àme est tendre A quelque chose ainsi malheur est bon. Dieu! Gardez-moi de pareille legon, Je n'aurais pas la force de la prendre. Herr Necker fügte noch dieſen Vers hinzu: De mon papa voyez l'amour extreme; Rien, m'art-il dit, ne peut nous désunir, Un seul instant pourrait tout me ravir Ah! par pitié, prenez soin de vous-méme. 76 Madame Necker hatte aufmerkſam bis zu Ende ge⸗ hört. Ihr ſchönes helles Auge war dabei abwechſelnd von ihrem Gatten auf ihr Kind und endlich auch auf die im Hintergrunde verſammelten Freunde hin gerichtet ge⸗ weſen.— Jetzt neigte ſie ſich zu ihrer Tochter herab, hauchte einen Kuß auf deren Stirne und flüſterte: Gott ſegne Dich, meine Germaine!— Dann reichte ſie ihren Gäſten beide Hände entgegen und begrüßte ſie mit einigen verbindlichen Worten. Marmontel, deſſen warmes Herz ſtets überwallte, drückte ihre durchſichtige weiße Hand innig an ſeine Lippen und ſagte unter hervorquellenden Thränen: „Gottlob! daß Sie uns wieder gegeben ſind! Nach ſo vielen Verluſten hätte dieſer letzte mich wahrlich nicht mehr ſtark genug gefunden, ihn zu überleben.— Unſere Geoffrin dahingegangen, Mademvoiſelle de lEſpinaſſe fort, konnte uns das Schickſal doch nicht auch Sie noch nehmen!“ „Wir wollen uns heute nicht rühren, wir wollen uns freuen, mein guter Marmontel!“ ſagte Necker.—„Kom⸗ men Sie! Die Mahlzeit iſt eben angekündigt. Laſſen Sie uns zu Tiſche gehen und bei einem guten Glaſe Rhein⸗ wein Vergeſſenheit des Vergangenen, Genuß der Gegen⸗ wart trinken.— Thomas, bieten Sie meiner Frau den Arm, Sie, guter Marmontel, führen Ihre kleine Braut, Germaine Necker, und ich folge mit Baron Grimm, der mir ſo warm zugethan iſt, als wäre ich ſeine Geliebte.“ 77 Der feine Weltmann, dem dieſer Scherz galt, lächelte.—„Sie haben wenigſtens einen recht treuen Lieb⸗ haber an mir, mein lieber Necker, dem Sie den Mangel an Jugend und Schönheit um dieſer Eigenſchaft willen wohl verzeihen können.“ „Sie ſind ein echter Cupido; Sie tragen die Binde vor den Augen und ich folge Ihrem Beiſpiele. Die Freund⸗ ſchaft darf ſo wenig hell ſehen, wie die Liebe.“ Lachend nahmen Beide ihre Plätze an der Tafel ein und der Wirth ſorgte, daß die Gäſte heute keinem ernſten Geſpräche folgten. Madame Necker ging freundlich auf alle Scherze ein und ließ manches lockere Witzwort durch⸗ ſchlüpfen, dem ſie ſonſt mit einer ſtrengen Miene zu be⸗ gegnen pflegte.„Unſer Freund Raynal fehlt uns,“ be⸗ merkte Herr Necker.„Er konnte leider nicht ſo früh hier ſein, wie er wünſchte, weil er uns einige Gäſte zuzuführen beabſichtigte, deren Erſcheinen meiner Frau eine angenehme Ueberraſchung ſein ſollte. Wir werden ihn im Salon finden, hoffe ich.“ Aber kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als der Genannte unangemeldet in das Zimmer trat und ohne Weiteres ſeinen noch unbeſetzten Stuhl an der kleinen Tafel einnahm. „Bitte! Laſſen Sie ſich nicht ſtören;“ rief er.„Meine Leute warten ruhig im Salon, bis ich wiederkomme. In⸗ 78 deſſen kann ich noch ein wenig mit Ihnen plaudern und genießen, was übrig iſt.“ „Es iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie uns den Abend durch ſeltene Gäſte verſchönern wollen, mein lieber Abbé, und ich erkenne Ihre Abſicht d dankbar;. ſagte Madame Necker verbindlich.„Doch iſt es mir ſchon Glück genug, mich in dem gewohnten Kreiſe meiner bewährten Freunde zu befinden; es bedurfte des Zuſatzes kaum.“ „Sie werden, hoffe ich, mit mir zufrieden ſein,“ ſagte i ſchmunzelnd. „Darf man denn nicht erfahren, wen zu begrüßen uns beſchieden iſt?“ „Wenn Sie es zu wiſſen wünſchen— erfahren müſ⸗ ſen S Sie es ohnehin in wenigen Minuten— Mesmer iſt hier und mit ihm ſeine berühmte Somnambüle.“ „Sie i“ rief Madame Necker überraſcht. „Nein, nein. In allem Ernſt. Ich hörte, daß Sie ſehr begierig ſeien, eine Probe dieſer Zauberkunſt zu ſehen und ſparte mir den guten Biſſen auf heute für Sie auf.— Bereiten Sie ſich vor, die unerhörteſten Entdeckungen in der Geiſterwelt zu machen, von Allem, was im Himmel und auf Erden den Menſchen noch verborgen war, an die⸗ ſem Abend Kunde zu erhalten, das Zukünftige vor Ihrem Blicke zu ſehen. Bereiten Sie ſich vor!“ „Sie haben in der That ſehr richtig gerathen, mein lie ſe ſel ni c und uns ein gte lück eten gte ißen nüſ⸗ — hen in mel ie⸗ em 79 lieber Abbé; nichts konnte mir Erwünſchter ſein, als die⸗ ſen vielberedeten Mann von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen. Wie ſieht er aus. Beſchreiben Sie ihn mir.“ „Es iſt ein kleiner blonder Herr, deſſen Aeußeres nichts von ſeinem göttlichen Wiſſen verräth; aber ſtille Waſſer ſind tief.“ Indeſſen dieſe Unterhaltung im Speiſezimmer geführt ward, ſaß der Gegenſtand derſelben, in ernſtes Nachdenken vertieft, in dem Geſellſchaftszimmer der Madame Necker und ließ ſein Auge, wie abweſend, von Gegenſtand zu Ge⸗ genſtand gleiten. Seine Begleiterin, ein bleiches junges Mädchen, mit kohlſchwarzem Haare und dem geiſterhaften Blicke eines überreizten Nervenſyſtems, ging unruhig auf und ab. Endlich blieb ſie vor einem Ecktiſche ſtehen, auf dem, neben dem Fächer von Madame Necker, ein kleines Taſchenbuch lag. Sie entfaltete den Erſteren, hielt ihn gegen das Licht und bewunderte die echt chineſiſche Arbeit; dann widmete ſie auch dem kleinen Portefeuille ihre Auf⸗ merkſamkeit. Sie zog den Stift heraus, der den Elfen⸗ beindeckel zuſammenhielt, und blätterte darin. Die Seiten waren beſchrieben, ſie mußte, um zu leſen, dem Lichte näher treten. Von zierlicher Frauenhand fand ſie bemerkt: heute, an meinem Geburtsfeſte, muß ich jedem meiner Freunde auf eine andere Weiſe ausdrücken, wie dankbar ich die mir 80 bewieſene Theilnahme erkannt habe.* Außerdem habe ich noch eine beſondere Anſpielung auf das zu machen, was in dieſen Monaten vorgegangen iſt, zum Zeichen, daß ich mich auch während meiner Krankheit mit dem Wohl und Weh eines Jeden von ihnen beſchäftigt habe. Nun folgten die Namen der Perſonen mit den Bemerkungen, welche ſich im Laufe der Unterhaltung einſchalten ließen.— Die junge Dame las aufmerkſam alles durch und ein eigenthümliches Lächeln ſpielte dabei um ihren Mund. Sie war lange damit beſchäftigt und legte das Buch erſt wieder aus der Hand, als ein Geräuſch an der Thüre das Eintreten neuer Gäſte verkündete. Madame Necker kehrte eben aus dem Speiſezimmer zurück, gefolgt von den Herren und ihrer kleinen Tochter, welche der Mutter zur Seite blieb. Sie begrüßte zuerſt den harrenden Wunderarzt, den ſie mit einigen ſchmeichelhaften Worten willkommen hieß; dann wandte ſie ſich zu ſeiner Gefährtin, nahm jedoch dazwiſchen den Augenblick wahr, ihren Fächer nebſt dem Taſchenbuche, welches ſie vor der Mahlzeit hier abgelegt, in die Hand zu nehmen. Ein ſchlauer Blick der Franzöſin begleitete ſie dabei.„Herr Dr. Mesmer will die Güte haben, uns an Ihnen eine Probe ſeiner Kunſt zu geben, Mademviſelle,“ redete ſie darauf das Mädchen an, das ſich verneigend, *Morellet, Memviren. ich in ich beh die ige an 81 mit demüthigem Blicke erwiederte:„Ich ſchätze mich glück⸗ lich, Madame, berufen zu ſein, dem Lichte der Wahrheit zu dienen und freue mich, daß mir dadurch die Gelegenheit ward, einer der geiſtvollſten Frauen Frankreichs gegenüber zu ſtehen.“ In dem Augenblicke wurde der Prinz Gonzaga ge⸗ meldet und mit ihm trat ſeine Gemahlin, die berühmte Corilla, ein. Madame Necker wandte ſich nun dieſen neuen Gäſten zu, denen ſie, in der Abſicht ſich recht geſchickt zu benehmen, faſt linkiſch entgegentrat. Die Leichtigkeit, mit welcher eine geborne Pariſerin ſich in ihrem Salon bewegt, erwirbt ſich nicht, ſie muß angeboren ſein; trotz aller angewandten Mühe, trotz aller Vorbereitungen, konnte Madame Necker im Augenblicke ſehr oft den richtigen Ton nicht treffen.— Die Erſcheinung der Improviſatrice im⸗ ponirte ihr noch überdem.— Die ſchöne Fürſtin trug ein Kleid von ſchwerem weißem Atlas, nach griechiſchem Schnitt gemacht und unter der Bruſt nur mit einem goldenen Gür⸗ tel gehalten; ihr ſchwarzes lockiges Haar zierte ein dichter grüner Blätterkranz; die vollen Arme waren von keinen Handſchuhen bekleidet und nur mit einer einfachen golde⸗ nen Spange geſchmückt. Ein liebliches Lächeln umſpielte den ſchönen Mund, als ſie der Wirthin mit freundlichen Worten für ihre Einladung dankte.„Der Vortheil iſt ganz auf meiner Seite,“ erwiederte Madame Necker,„und 82 mein Freund Marmontel, der ſo gütig den Vermittler ge⸗ ſpielt, kann meines beſonderen Dankes gewiß ſein. Ge⸗ ſtatten Sie mir, Fürſtin, Ihnen meine kleine Tochter vor⸗ zuſtellen, welche über das, was ſie von Ihrem Talente gehört, ſo erſtaunt iſt, daß ſie den Schlaf nicht mehr finden kann. Germaine, küſſe der Frau Fürſtin die Hand.“ Corilla reichte dem Kinde anmuthsvoll ihre Rechte, auf die Germaine ihre vollen Lippen drückte.—„Wie ſchön Sie ſind!“ rief ſie dann aus, mit leuchtenden Augen zu der ſchönen Frau hinaufſehend.„Ach! könnte ich ſein, wie Sie, wie ſehr würde ich dann meinen Eltern gefallen. Wenn ich auch noch ſo viel lerne, ſo werde ich doch nie einen ſo bezaubernden Eindruck hervorbringen!“ „Kind, Kind! welche Aufwallung!“ ſagte Madame Necker beſchwichtigend. „Laſſen Sie das Mädchen gewähren,“ bat Corilla und legte freundlich ihre ſchöne Hand auf das Haupt des Kindes.„Sie giebt ſich noch warm den Eindrücken hin, wie ſchön iſt das und wie bald verlernen wir dieſe Fähig⸗ keit, wenn das Leben mit ſeinem Ernſt uns erſt in die Schule genommen hat. Sind unſere Illuſionen einmal hin, iſt es auch mit unſeren Wünſchen aus und langſam ſchleichen unſere Tage dann an uns vorüber. Möge dieſe Zeit ihr lange noch fern bleiben!“ „Und auch Ihnen,“ fiel Marmontel ein.„Der kleine — 83 Gott darf auch Ihre Fackel ſobald nicht ſinken laſſen, Prinzeſſin.“ „Ein Dichter, wie Sie, ſollte das gleich in einen Vers kleiden,“ bemerkte der Prinz Gonzaga. „Wenn mich die Gegenwart Ihrer Frau Gemahlin nicht ſchüchtern machte, würde ich es mir zum Vergnügen machen, Ihrem Wunſche zu entſprechen; aber ſo“— er zuckte lächelnd mit den Achſeln. „Wenn das Sie abhalten ſollte, würde ich mich ent⸗ fernen,“ ſagte Corilla, und machte Miene ſich abzuwenden. „Nein, nein, ſo war es nicht gemeint, Fürſtin. Soll⸗ ten Sie auch weniger günſtig von mir urtheilen, ich werde es dennoch verſuchen. Sollten Sie mein ſchwaches Talent auch belächeln, ich werde Ihnen dennoch eine Probe davon ablegen.“ Und er begann: „L'amour est un enfant, qni vit d'illusion, La triste vérité détruit la passion; Il veut qu'on le séduise et non pas qu'on l'éclaire. Voilà de son bandeau la cause et le mystère.“ „Vortrefflich!“ rief der Prinz und Corilla zugleich und die Uebrigen vereinigten ſich zu demſelben lobenden Ausſpruche.— Die Geſellſchaft war indeſſen gewachſen, man plauderte hier und dort, die Fremden wurden dieſem und jenem Gaſte vorgeſtellt. Germaine aber blieb heute nicht, wie es ſonſt der Fall war, an der Seite ihrer Mutter. 84 — Sie konnte ſich von der ſchönen Corilla nicht losreißen, wie bezaubert folgte ſie deren Blicken, und ließ ſich in Aus⸗ rufungen der höchſten Bewunderung gehen. Man las es auf ihrem Geſichte, daß der glühende Wunſch ſie beſeelte, dieſer Frau ähnlich zu werden und daß des Kindes Seele von Ehrgeiz entbrannte, gefeiert, bewundert, gelobt zu ſein, wie es Corilla geſchah. Solche Momente laſſen oft einen tiefen Nachhall in der Seele zurück, und gewiß können wir annehmen, daß die„Corinne der Frau von Stasl“ an dieſem Abend in der Seele von Germaine Necker entſtand. Sie hatte bis jetzt von ihrer Mutter immer gehört, daß dem Geiſte alles möglich ſei, daß der Geiſt alles be⸗ herrſche, daß geiſtreich zu ſein, das höchſte Glück des Lebens ausmache.— In Verfolgung dieſes Zieles war der Lohn ihres Strebens der Beifall der Menſchen, vielleicht auch deren Bewunderung, und wie viel leichter gewann die Schönheit Beides, wie flogen ihr alle Herzen entgegen, ohne daß es der Mühe und Anſtrengung bedurfte, die An⸗ dern für ſich zu gewinnen. Madame Necker hatte indeſſen ein Geſpräch mit Thomas begonnen, während Mesmer am fernen Ende des Zimmers die junge Dame, welche ihn herbegleitet, durch Bewegungen ſeiner Hand in einen magnetiſchen Schlaf verſetzte.— In hoöchſter Erwartung ſahen ihm alle zu, 85 und endlich verſtummte jeder Mund. Eine feierliche Stille herrſchte.— Da bückte ſich Mesmer zu dem Ohr des Mädchens nieder und forderte ſie auf, ihm zu ſagen, womit die Dame des Hauſes in ihren Gedanken beſchäftigt ſei. „Sie iſt unzufrieden mit ſich, daß ſie ihren Gäſten nicht all das Verbindliche geſagt, was ſie hat ſagen wollen.“ „Und was verhinderte ſie daran?“ fragte Mesmer. „Die Umſtände.“ „Können Sie mir ſagen, was ſie hat ſagen wollen, oder was ſie geſagt hat?“ „Ich will es verſuchen!“ Und langſam und mit großen Pauſen, als ſuche ſie ſich zu entſinnen, berichtete ſie genau jedes von Madame Necker geſprochene Wort, hinzu⸗ fügend, was ſie habe ſagen wollen; aber durch Umſtände verhindert worden ſei zu äußern. Allgemein war das Erſtaunen über dieſe Mittheilung. Thomas blickte ſeine ſchöne, bleiche Freundin verwun⸗ dert an.„Iſt es denn wahr, was ſie ausſagt?“ fragte er ſie leiſe.„Hat dieſe Perſon in der That Ihre geheimſten Gedanken errathen, ohne daß Sie ihr den Schlüſſel dazu geliehen?“ „Ich kenne ſie ja gar nicht, ſehe ſie in dieſer Stunde zum erſten Mal in meinem Leben und weiß ſo wenig von ihr, wie ſie von mir;“ verſetzte Madame Necker mit vor innerer Bewegung leiſe zitternder Stimme.„Ich bin auf 86 das höchſte überraſcht. Ihre Ausſagen ſind mir ſo räthſel⸗ haft als wunderbar. Sollte denn wirklich mit dem Suſpen⸗ diren der körperlichen Thätigkeit die Seele eine Kraft ge⸗ winnen, in das Verborgene zu ſchauen und, was die Men⸗ ſchenbruſt in ihrer tiefſten Tiefe birgt, mit hellſehendem Blicke durchdringen?“ „Mir wäre eine ſolche Macht etwas Unheimliches;“ erwiederte Thomas ernſt.„Auch könnte ſie Gutes nie ſtiften. Wie ſchauerlich müßte es ſein, der eigenen Gedanken nicht mehr Hüter ſein zu können; einen heimlichen ſtillen Zeugen auch bei dem zu haben, was wir ſonſt jedem Auge verborgen wähnten.— Nicht mit ſich ſelbſt allein zu ſein, der Gedanke könnte mich von Sinnen bringen.“ „Man braucht es nur nicht zu denken, und der Zeuge, den man nicht ſieht, iſt auch für uns nicht da,“ ſagte Raynal in ſeiner luſtigen Weiſe.„Unſer Nachbar Bacon meint ja, es ſei die Einſamkeit nur für ſolche eine ange⸗ nehme Sache, welche entweder ganz Thier oder ganz Engel wären; und da der größte Theil des Menſchengeſchlechtes ſo ein bischen von Beiden in ſich vermeint, ſo wäre für dieſe ein unbekannter Geſellſchafter in einſamen Stunden keine ſo ſchlimme Sache.— Nur müßte man dann auch noch die Macht beſitzen, dieſen unſichtbaren Freund anrufen zu können, damit wäre unſer Glück vollkommen gemacht.“ — — M 1 87 „Das hieße mit andern Worten Geiſter beſchwören,“ erwiederte Thomas. „Das heißt in moderner Weiſe;“ ſagte Raynal. „Die Hexe von Endor ließ nur die Todten heraufſteigen, und mit dieſen wollen wir Enchyklopädiſten keine Gemein⸗ ſchaft pflegen. Wir ſind Kinder des Augenblickes und alle Geiſter, welche wir zu beſchwören wünſchen, ſind abweſende Freunde und Bekannte, mit denen wir ein vertrautes Wort reden möchten. Ich will aber doch verſuchen, ob die Perſon mir auch meine Gedanken errathen kann,“ fügte er hinzu, indem er Mesmer näher trat und dieſem etwas zuflüſterte. Eine Pauſe der Erwartung entſtand. Endlich begann die Schlafende mit langſam feier⸗ lichem Tone: „Abbé Raynal überlegt, was er morgen in dem Cvurier von Paris über Doctor Mesmer und mich Scherz⸗ haftes erſcheinen laſſen will.“ „Beim Höchſten, ſie hat nicht Unrecht!“ rief Raynal betroffen.„Ich habe in der That daran gedacht. Nun, Marmontel, verſuchen auch Sie Ihr Glück. Hören wir aus dem Munde der Seherin was in dem Herzen unſeres Dichters vorgeht.“ Mesmer ſprach mit der Somnambüle. Nach wenigen Minuten erwiederte ſie: „Herr Marmontel iſt ſehr mit ſich zufrieden, daß er 88 ſogleich einen ſo ſchönen Vers über die Blindheit des Liebes⸗ gottes verfaßt und dadurch der berühmten Corilla bewieſen hat, auch er könne Improviſator ſein, ſobald es ihn locke als reiſender Minſtrel aufzutreten.“ Aller Augen richteten ſich auf Marmontel, der ver⸗ legen den Blick abwandte und ſich vergeblich bemühte, das Lächeln feſtzuhalten, mit dem er ſo eben noch umhergeſchaut. „Das hat getroffen?“ ſagte Raynal boshaft.„Wie wäre es nun aber, wenn wir auch in dem Herzen meiner kleinen Freundin zu leſen ſuchten?“ fügte er hinzu, ſich zu Germaine Necker wendend, und deren Hand ergreifend.— „Mir ſcheint dies der ſicherſte Weg, um zu erfahren, ob Sie wirklich meine kleine Frau zu werden gedenken, oder nicht?“ Das Mädchen lachte.„Fragen Sie ſie nur!“ bat ſie ihn leiſe.„Ich möchte gern wiſſen, was ſie mir ſagen wird.“— Raynal befolgte ihren Wunſch. Erwartungs⸗ voll hing ihr Auge nun an dem Munde der ſcheinbar Schlafenden. „Germaine Necker,“ ſagte ſie,„brennt vor Begierde bewundert zu werden, gleich der Fürſtin Gonzaga. Sie dürſtet nach Ruhm, ſie iſt neidiſch auf die Schönheit; darum wird ſtets das Glück ſie fliehen und ein frühes Grab ihrem glühenden Herzen den Frieden geben, den ſie im Leben nie zu finden beſtimmt iſt.“ W+ 89 „Genug!“ rief Necker und trat mit drohender Miene einen Schritt vor.„Das iſt zu ernſt für den Scherz. Kein Wort mehr.“ Er zog ſein Kind an ſeine Bruſt und umfing ſie, als wollte er mit ſeinen Vaterarmen ſie be⸗ ſchützen vor all dem Weh, womit ſie bedroht war.— Thomas bot Madame Necker den Arm, und führte ſie, einer Ohnmacht nahe, in das anſtoßende Zimmer. Alle Gäſte brachen auf; Mesmer blieb allein noch mit ſeiner Schlafenden zurück, die jetzt ſchnell erwachte und ſich mit ihm entfernte. 1859. I. Frau von Stasl. I. Sechstes Capitel. Voltaire in Paris. Die Februarſonne ſandte ihr ſilbernes Licht auf die Erde herab, und erleuchtete mit mattem Scheine die dü⸗ ſtern Straßen des alten Paris. Herr Necker hatte im Miniſterium gearbeitet und kehrte jetzt, zu einer unge⸗ wöhnlich frühen Stunde nach Hauſe zurück; ſeine Gattin erwartete ihn daher noch nicht.— Sie ſaß in ihrem Ca⸗ binet, wo Niemand am Morgen ſie ſtören durfte, beſchäf⸗ tigt mit dem Unterrichte ihrer Tochter, als ein raſcher Männerſchritt ſie nöthigte, ihr Ohr zu leihen; erwartungs⸗ voll blickte ſie nach der Thüre, um zu ſehen, wer ſo unge⸗ ſtüm hier einzudringen wage, als dieſe ſich öffnete, und die kurze, derbe Geſtalt Necker's darin erſchien. Fragend ſah ſeine Gattin ihn an, mit einem Blicke, deſſen angſtvoller Ausdruck nach irgend einer ſchlimmen Urſache ſeines Er⸗ S c——. 91 ſcheinens ſpähte; aber ſein Lächeln, und das heitere Spiel ſeiner Mienen beruhigte ſie bald.— Munter rief er ihr entgegen: „Denke Dir, Voltaire iſt angekommen!— Er hat es gewagt, bei ſeinem hohen Alter die Reiſe hierher zu unternehmen.— Die ganze Stadt iſt in Aufruhr.— Seit ſiebenundzwanzig Jahren war er nicht hier. Die Erſcheinung eines Geſpenſtes, eines Propheten, eines Apo⸗ ſtels, hätte nicht mehr Erſtaunen und Verwunderung er⸗ regen können, als ſeine Ankunft.— Wie ein neues Wunder begrüßt man ihn. Die Gerüchte von einem bevorſtehenden Kriege, die Klatſchereien des Hofes, die Streitigkeiten der Geiſtlichkeit, ſelbſt die große Fehde zwiſchen den Gluckiſten und Picciniſten; alles, alles tritt davor in den Hintergrund. Der Stolz der Enchklopädiſten beugt ſich vor dem Patriar⸗ chen von Ferneh, die Sorbonne zittert vor ihm, das Par⸗ lament wagt nicht zu reden, die Literatur hebt ſtolz ihr Haupt, und ganz Paris iſt auf den Füßen, ſeinem Abgotte zu huldigen, der, wie kein Held des Jahrhunderts, ſich verehren und bewundern läßt.“ „Alſo wirklich hier!“ rief Madame Necker angenehm überraſcht.„Man ſprach ſchon lange davon. Es hieß, * Correspondance de Grimm et de Diderot aus dem Jahre 1778. 6* 92 daß er zu kommen wünſche, nur ſolle man ihn bitten. Nun es freut mich unſerer Tochter willen; denn ohne Zweifel iſt dies doch ſeine letzte Reiſe, und gern ſeh ich es, daß ſie den berühmten Mann noch kennen lerne, bevor er uns und der Welt entriſſen wird.“ „In fünf Tagen hat er, bei dieſem kalten Wetter, die Reiſe von Ferneh hierher zurückgelegt. Für einen Mann von vierundachtzig Jahren will das viel ſagen;“ erzählte Herr Necker weiter, während Germaine, ganz Ohr, den Kopf auf beide Hände ſtützte, und die Worte von den Lippen ihres Vaters zu leſen ſchien.„Er iſt zwei Tage nach Madame Denis von dort abgereiſt und hat ſie in Fontainebleau ſchon wieder eingeholt. Darauf hat er denſelben Abend noch ſeine Tragödie vorgeleſen, iſt erſt um zwei Uhr zu Bette gegangen, und nach ſiebenſtündigem Schlafe friſch und munter, als wäre ihm nichts begegnet, wieder aufgeſtanden. Als Madame Veſtris heute in aller Frühe ihm einen Beſuch machte, um ſich mit ihm über die Rolle der Irene zu beſprechen, welche ſie übernehmen ſoll, ſagte er zu ihr:„Ich bin die ganze Nacht ſo mit Ihnen beſchäftigt geweſen, Madame, als ob ich nur zwanzig Jahre zählte.“ Er bleibt doch bis an ſein Ende derſelbe loſe Schalk.“ * Grimm Correſpondance. S. 166. —— —,—+, ———— — 93 Madame Necker bewegte ihr Haupt mit leichter Miß⸗ billigung.„Immer ſich gleich,“ ſagte ſie.„Voltaire bleibt Voltaire bis zum letzten Hauche und ich fürchte, er wird uns eine Lücke hinterlaſſen, die wir dennoch ſchmerzlich fühlen.“ „Trotz aller Anzeichen der beſten Geſundheit, will er durchaus krank ſein, das iſt das Luſtige bei der Sache,“ fuhr Necker fort.„Sagt man ihm ein Wort über ſein gutes Ausſehen, ſo ſpeit er Feuer und Flammen.“ „So werde ich mich ſehr hüten, ihm etwas Lobendes darüber zu ſagen;“ erwiederte Madame Necker.„Es iſt mir nur lieb, daß Du mich deshalb gewarnt haſt.— Aber nun ſage mir auch noch wo er wohnt, und wenn Du glaubſt daß ich ihn aufſuchen ſoll.“ „Er iſt im Hotel des Marquis von Villette abge⸗ ſtiegen.— Man ſagt mir, dieſer habe dem Dichter ein Cabinet eingeräumt, das dem Boudvir einer Liebesgöttin gleiche. Du thuſt am beſten ihn gleich heute dort aufzu⸗ ſuchen. Es iſt noch früh genug dazu; und Du weißt, er iſt ſo beweglich, daß man ihn faſſen muß, wie und wo man kann, will man verhüten, daß er unſern Händen ganz entſchlüpfe.“ „Du willſt mich nicht zu ihm begleiten, Necker, wie es ſcheint?“ „Es iſt mir leider nicht möglich,“ erwiederte dieſer 94 bedauernd.„Schon um Dir die Nachricht zu hinterbringen, mußte ich mich in einer Arbeit unterbrechen, die mir wichtig war. Es iſt eine zu ſchwere Zeit.— Frankreichs Wohl und meine Ehre ſtehen auf dem Spiele. Kann ich der Welt nicht beweiſen, daß ich zu dem Poſten, welchen mir der König anvertraut, ganz eigentlich befähigt bin, ſo trifft der Tadel ihn und mich zugleich und für uns Beide iſt das Spiel verloren. In ſo ernſtem Momente muß ich die Freuden der Geſelligkeit ſchon Dir allein überlaſſen. Viel⸗ leicht aber willigt Voltaire ein mit uns zu ſpeiſen. Die Stunde der Mahlzeit bleibt mir wenigſtens doch frei, und herzlich freuen würde ich mich, wollte er mir auf die Art die Freude gönnen ihn wieder zu ſehen.“ „Ich werde Deinen Auftrag ausrichten,“ verſetzte Madame Necker. „Du wirſt ihn Dir gewiß gewogen finden, da Du es warſt, welche den Vorſchlag machte, ihm auf gemeinſame Koſten eine Statue zu errichten.“ „Und welchen Brief erhielt ich darauf!— Wer hat wohl jemals ein ſolches Bild von ſich entworfen, wie unſer Voltaire damals.“ „Das thut nichts. Es ſchmeichelte dennoch ſeiner Eitelkeit, und Du kannſt überzeugt ſein, daß er ſich des Umſtandes zu Deinen Gunſten entſinnet;“ verſetzte Necker der Thüre zuſchreitend.„Wir werden übrigens noch — ——.—— 95 manchen Spaß mit ihm erleben; denn die Geiſtlichkeit hat ſich vorgenommen, ſein Hierſein zu benutzen, um ſeine Seele zu retten.— Zeder will nun der Bevorzugte ſein, ſeinen Namen durch die Bekehrung des Patriarchen von Ferney auf ewige Zeiten berühmt zu machen. Ein Prieſter hat ſchon den tollen Einfall gehabt, ſich dieſen Morgen unbemerkt in ſein Zimmer zu ſtehlen, als Voltaire noch im Bette lag, und ſich dort auf ſeine Knie werfend, hat er im bibliſchen Stile ihm zugeſchrien: Im Namen Gottes, höret mich! Ich bin der Bock für Eure Sünden, ich bin berufen Eure Schuld auf mich zu nehmen; aber dann beichtet mir auch ohne Aufſchub, und zittert, daß der Augenblick Euch nicht ungenutzt entfliehe, ꝛc.— „Unſer Dichter befand ſich in dem Augenblicke grade in der allerheiterſten Laune und fragte daher ganz gelaſſen: wer ihn hierher geſandt habe? Wer ſonſt, als der lebendige Gott! lautete ſeine Antwort.— Nun denn, mein Herr Prieſter, ſo bitte ich um Ihr Beglaubigungsſchreiben, ſagte er ganz ernſthaft. Dieſe einfache und natürliche Frage verwirrte den armen Mann in ſolchem Grade, daß Vol⸗ taire endlich Mitleid mit ſeiner Verlegenheit empfand und ihn durch ſanften Zuſpruch zu beruhigen ſuchte. Schließ⸗ lich ſandte er ihn mit der Weiſung fort, daß er ihm eine Beichte ablegen würde, wenn er zu einer paſſenderen Zeit zu ihm komme.— Nach dieſem Anfang kann man beur⸗ 96 theilen, welche Schritte die Herren thun werden, um das ewige Wohl des Patriarchen zu erzwingen.“ „Das überſteigt doch alle Begriffe,“ rief Madame Necker aus. „Nun, er wird ſich ſchon zu vertheidigen wiſſen, ſo leicht wird man mit ihm nicht fertig,“ ſagte Herr Necker, und nahm Abſchied. Als er die Thüre hinter ſich geſchloſſen, ſchellte Ma⸗ dame Necker, beſtellte den Wagen und befahl ihrer Jungfer ſie anzukleiden. „Haſt Du überlegt, was Du Voltaire antworten willſt, wenn er Dich eines freundlichen Wortes würdigt?“ fragte Madame Necker ihre Tochter, als ſie mit ihrem Anzuge fertig war. Germaine zögerte mit der Antwort. Sie ſtand vor dem Spiegel und ſchob und bog an ihrem runden Roſahütchen, das auf ihrer hohen Friſur künſtlich befeſtigt war und das rothe, volle Geſicht des Mädchens auf das Unvortheilhafteſte erſcheinen ließ. Als ihre Mutter jetzt zu ihr trat, und das feine weiße Antlitz zu ihr beugte, ſtellte ſich ein unvortheilhafter Gegenſatz heraus. Das Mädchen brach in Thränen aus. „Was fehlt Dir, mein Kind?“ fragte Madame Necker, ſie verwundert mit ihren klaren Augen meſſend. „Ich finde mich ſo häßlich, Mutter;“ erwiederte dieſe, ihr Schluchzen unterbrechend.„Du haſt mir geſagt, daß 97 ich ſchöner werden würde, ſo wie ich heranwachſe. Aber nun ſieh nur ſelbſt. Schon reicht mein Kopf bis zu Deinem Kinn hinauf, ich bin kein kleines Mädchen mehr, und bleibe doch ſo plump und dick und gewöhnlich ausſehend, als ob ich auf einem Dorfe geboren wäre. Wie mag das nur zugehen?“ „Du biſt für Dein Alter groß, Germaine; demunge⸗ achtet aber noch ein Kind zu nennen. Dein Geſicht iſt das eines Kindes. Ich hatte in meinem dreizehnten Jahre ſo volle, runde Backen wie Du.“ „Warum bin ich Dir nicht ähnlich, Mutter? Warum iſt meine Farbe nicht zart und blaß, wie die Deinige?— Du biſt ſo ſchön, ſo anziehend! Voltaire wird ſich wun⸗ dern, daß Deine Tochter Dir ſo ganz und gar un⸗ ähnlich iſt.“ „Er wird Dein Aeußeres wenig beachten, mein Kind, wenn Du ihm durch Deinen Geiſt beweiſt, daß Du für ein Mädchen Deines Alters, ſchon hübſche Kenntniſſe er⸗ worben und ſchon Verſtändniß für ſein großes Talent ge⸗ wonnen haſt.— Voltaire ſelbſt war nie ſchön, war viel⸗ mehr auffallend vernachläſſigt von der Natur, bei ſeinem Geiſte konnte man aber leicht ſein Aeußeres vergeſſen. Es hängt ja nur von Dir ab, daß ein Gleiches bei Dir der 98 Fall ſei. Folge mir nun und gieb Dich nicht wieder einem ſo unverſtändigen Mißmuthe hin.“ Germaine hauchte auf ihr Taſchentuch, hielt es über die Augen, und ſtieg dann mit ihrer Mutter hinab in den Wagen. Das Hotel des Marquis von Villette war nicht ſehr entfernt von ihnen; es bildete das Eckhaus der Straße Baune und des Quais, welcher den Namen Voltaire's trägt, und lag dem Pavillon de Flore, im linken Flügel der Tuilerien, den Ludwig der XVI. bewohnte, faſt grade gegenüber.* Madame Necker befahl ihrem Diener anzufragen, ob Voltaire zu Hauſe ſei und Beſuch annehme.— Als die Antwort bejahend erfolgte, ſtieg ſie aus, und ließ ſich von dem Portier durch einen Entreſol in die erſte Etage hinauf⸗ führen, von wo er ihr den Weg durch einen ſchmalen und finſtern Corridor anwies; an deſſen Ende ſich eine kleine Thüre befand, welche zu dem von Voltaire bewohnten Zimmer führte. Sie klopfte und ſogleich erſchien der Dichter ſelbſt, und bat ſie einzutreten. „Sie müſſen es verzeihen, Madame Necker, daß ich * Das Morgenblatt von Cotta, Jahrgang 1818. Nr. 232. Sit bin lich der m ie n 99 Sie in dieſem trou de rien* empfange,“ redete er ſie ver⸗ bindlich an;„aber den Söhnen der Muſen iſt ja gewöhn⸗ lich nicht verliehen, wohin ihr Haupt legen, glücklich alſo derjenige, welchem wenigſtens eine ſolche ſchützende Höhle zu Theil ward.“ Madame Necker verbarg mit Mühe ihr Erſtaunen, als ſie ſich in dem Boudoir der Liebesgöttin umſah, das allerdings nur den allergeringſten Comfort bot. „Wo Sie weilen, da ſieht man Ihre Umgebung nicht,“ erwiederte ſie dann mit dem gewinnendſten Lächeln. „Ich war ſo glücklich in dem Gedanken Sie wieder zu ſehen, daß ich verſuchen mußte ohne meinen Gatten bei Ihnen einzudringen, der leider durch die Pflichten ſeines Amtes gebunden iſt, und ſeinen liebſten Wünſchen oft ent⸗ ſagen muß.“ „Ja, ja, ich weiß, er kehrt ein wenig aus in jenem Augiasſtall, den man die Staatswirthſchaft nennt, und bahnt ſich mit ſeinen guten Abſichten einen niedlichen Fuß⸗ pfad zur Hölle,“ verſetzte Voltaire lachend.„Ich war nie ſo weiſe oder ſo toll, vor den Thüren anderer Leute kehren zu wollen, begreife daher auch nichts von dem dabei zu empfindendem Vergnügen. Doch muß der Spaß groß ſein, * Morgenblatt 1818. 100 weil ſo viele ihn ſuchen. Herr Necker iſt zufrieden, nicht wahr?“ „Er hegt die beſten Hoffnungen des Gelingens und ſo lange dieſe ihn begleiten, wandelt er muthig den dorni⸗ gen Pfad“——— „Und ſäet Spreu! ha ha ha!“ „Das wollen wir nicht wünſchen,“ ſagte Madame Necker lächelnd. „Dann laſſen Sie uns mit der Bibel reden: Wollen habe ich wohl; aber Vollbringen des Guten finde ich nicht. Iſt Ihnen das recht?“ „Ich muß mir den Spruch gefallen laſſen.“ „So, ſo. Alſo getroffen.“ „Sie ſollten meinen armen Gatten aber lieber be⸗ klagen, als der Urſache ſpotten, die ihn von Ihnen fern hält.“ „Behüten mich die Götter, daß ich auf ſolche Art an dieſes Reiches Wohl und Weh mich verſündige!“ rief Voltaire mit Pathos aus.„Aber nehmen Sie Platz!— Es iſt ja Einerlei, welche Rolle man übernehme, auf dieſer großen Lebensbühne, denn der letzte Act bleibt immer blutig, machen Sie es wie Sie wollen. Mit einer guten Verdauung kann man aber gar vieles überſtehen und erreichen, ſobald man ſein Ziel im Auge behält und ſtets bedenkt, es ſei nichts ſo wichtig, als daß man ſich gut am ſtet mu ſo i lan M läß ver me kar me fre eir m e⸗ 101 amüſire“ und ſich wohl befinde.— Denn, wie geſagt— Le dernier act est toujours sanglant.** Ich habe mich ſtets bemüht, dieſen Anſichten entſprechend zu leben, und muß ich demungeachtet mein Todesurtheil vollzogen ſehen, ſo iſt es wenigſtens nicht meine Schuld.“ „Bei Ihrer herrlichen Geſundheit iſt der Fall noch lange nicht zu fürchten,“ bemerkte Madame Necker, ihrem Vorſatze ungetreu, ſein Ausſehen unbeachtet zu laſſen. „Das iſt eine Blindheit, welche Sie mit vielen theilen, Madame,“ verſetzte Voltaire gereizt.„Dies trou de rien läßt freilich zu wenig Sonne herein, um Ihrem Auge zu verrathen, welche Spuren der Griffel der Zeit auf meinem Geſichte zurückgelaſſen, und dies bischen Körper iſt der⸗ maßen von Kleidern verhüllt, daß ich es ſelbſt kaum finden kann. Von meinem Ausſehen kann natürlich wenig die Rede ſein, ſo lange man die größte Mühe hat, nur etwas mehr von mir zu entdecken, als meine Stimme.“ „Sie werden nun doch einige Zeit bei uns verweilen,“ fragte Madame Necker, um die Unterhaltung wieder auf einen andern Weg zu leiten und ſeinen Unmuth zu be⸗ ſchwichtigen. * Voltaire, Correspondance, B. 5. Tout est égal dans ce monde, pourvu qu'on se porte bien et qu'on s'amuse. ** Voltaire, Correspondance, Band 3. 102 „Ein Mann, der täglich ſterben kann, darf nicht von kommenden Tagen reden, Madame. Nur ſo viel Zeit gönne mir der Senſenmann noch, um meiner Seele einen Reiſepaß zu beſorgen, damit ſie nicht nackend und bloß an den Pforten der Ewigkeit, wie eine Vrttlerin, ſtehe.“ „Für Sie tritt Ihr Jahrhundert auf,“ ſagte Ma⸗ dame Necker verbindlich. „Ja, ja; das weiß man ſchon. Après moi le dé- luge. Bin ich nicht da, um für Voltaire, den Menſchen, Sorge zu tragen, ſo wirft man ihn auf den erſten Dünger⸗ haufen, den Hunden zur Mahlzeit. Dem muß ich vor⸗ beugen. Darum will ich noch beichten und eine Abſolution bekommen; will mich noch in den Freimaurerorden auf⸗ nehmen laſſen, und ſchließlich noch meinen Platz in der Akademie einnehmen; ſind dieſe drei Punkte in Ordnung, dann glaube ich nicht, daß der heilige Petrus mir den Himmel verſchließen kann, es müßte denn mit dem Teufel zugehen.“— Er lachte. „Sie nehmen die Sache wenigſtens nicht ernſt,“ ſagte Madame Necker.„Darf ich hoffen, daß Sie, trotz dieſer wichtigen Geſchäfte die Zeit finden, mit uns zu ſpeiſen? Mein Gatte bittet ſehr darum.“ „Ihre Wünſche ſind mir Befehl, Madame, beſonders wenn ſie ſich den meinigen verbinden,“ ſagte Voltaire, unruhig aufſpringend; denn ſein lebhaftes Naturell geſtattete 103 ihm nicht lange auf demſelben Fleck zu weilen.„Ich werde die Gelegenheit auch überdem gern benutzen, Herrn Necker meinen Leichnam zu empfehlen.— Die Prieſter wären im Stande, mich als Vogelſcheuche in ein Kornfeld zu ſetzen, und von mir zu begehren, ich ſollte ſelbſt die Taube ſein, die aus den Wolken herab ihr Wohlgefallen äußerte.“ „Das ſollen ſie nicht,“ rief Germaine Necker auf⸗ ſpringend, und unter ſtrömenden Thränen des Dichters Hände an ihre Lippen ziehend.„Das ſollen ſie nicht. Mein Vater wird das nie geſtatten, und ließe er es zu, ſo würde ich mit meinen eigenen Händen Sie begraben, und Roſen auf Ihr Grab pflanzen.“ „So gefällt mir die Jugend!“ rief Voltaire, während ſeine kleinen tiefliegenden Augen vor Vergnügen blinzelten. „Das iſt brav gedacht!— Madame Necker, ſolche Geſin⸗ nung macht Ihrer Erziehung Ehre. Wenn Ihre Tochter ſo fortfährt, wird ſie einſt auch ein ſo anerkennendes Schrei⸗ ben erhalten, wie jener Matroſe im Namen des Königs von Herrn Necker erhielt.“ Es wird darin heißen, ſie hat * Auf Befehl des Königs ſchrieb Necker an einen Matroſen: Braver Mann! Seit vorgeſtern weiß ich durch den Intendanten, welche muthige That Sie am 31. Auguſt vollbracht und habe geſtern dem Könige darüber berichtet; in ſeinem Auftrage drücke ich Ihnen ſeine Zufrieden⸗ heit aus, und biete Ihnen 1000 Franken und eine Penſion von 300 104 Voltaire begraben, dafür unſern allergnädigſten Dank; ſie hat ihn mit ſeiner langen Lockenperrücke, ſeinen Spitzen⸗ manſchetten, und all ſeinen ſchönen Kleidern beſtattet, und uns den traurigen Anblick eines Leibes entzogen, der erſt am jüngſten Tage von einigem Werthe ſein wird und bis die Trompete ruft, iſt noch eine lange, lange Zeit. Bis dahin ruhe er und erhole ſich und ſammle, was er ſein genannt, um zu einigem Umfange zu erſtehen, und ein ge⸗ wiſſes Embonpoint zu erreichen, welches ein Zeugniß für ihn ablege, daß er etwas vor ſich gebracht.— So aner⸗ kennend wird man Ihrer gedenken, Mademoiſelle, wenn Sie ſich meiner annehmen und mir behülflich ſind, mich eben ſo gut zu verpuppen, wie jeder andere Schmetterling. — Für Ihre gute Abſicht aber ſchon hier der wärmſte Dank von Ihrem ganz ergebenſten Voltaire.“ Er reichte dem Mädchen ſeine lange magere Hand, welche breite Spitzenmanſchetten umhüllten, und verlegen nahm Germaine den Druck derſelben hin. „Meine Tochter theilt meine Bewunderung für Sie,“ nahm Madame Necker das Wort, um dem Mädchen zu Hülfe zu kommen.„Sie können ſich nicht wundern, wenn Franken an. Fahren Sie fort Andern beizuſtehen, wo Sie können, beten Sie für unſern guten König, der brave Leute liebt und ſie belohnt. Unterzeichnet— Necker, Finanzdirector. ſie M br 105 ſie von dem Eindrucke hingeriſſen iſt, den der Anblick eines Mannes wie Sie, auf ein ſo junges Gemüth hervor⸗ bringen muß.“ „Sie machen mich ſtolz, Madame, ſtolz und traurig zugleich; denn welche Ausſichten eröffnen ſich mir, wenn ich in die ſchwarzen, leuchtenden Augen Ihrer Tochter blicke, und— von dieſen erwachenden Hoffnungen gleich wieder ſcheiden ſoll!— O! Launiſche Göttin des Glückes! Mußteſt Du mir dies junge Herz erwärmen, damit es, einer indiſchen Wittwe gleich, auf meinem Grabe opfere!— Mußte ich dieſe junge Hälfte finden, in dem Augenblicke, wo meine alte Hälfte zu ſeufzen und zu girren aufhören ſoll?— Welch einen Schwiegerſohn hätten Sie in mir gefunden, Madame!— Verzeihen Sie nur, daß die Natur mich nicht länger befähigt auf das Glück der Ehe Anſpruch zu machen.“ „Gewiß bedaure ich das, in meinem Intereſſe und in dem Frankreichs,“ verſetzte Madame Necker mit immer gleicher Haltung, welche durch keinen der ſonderbaren Aus⸗ fülle Voltaire's zu ſtören war;„aber wie ungern werden wir einem Namen entſagen, den unſere Lippe ſo lange mit der höchſten Bewunderung ausſprach, und den unſer Ohr nie hören kann noch hören wird, ohne daß die ſtolze Freude uns bewegt, ein Vaterland mit dem Träger deſſelben zu 1859. I. Frau von Stasl. I. 7 106 theilen.“ Sie ſtand bei dieſen Worten auf und machte Miene ſich ihm zu empfehlen. „Sobald meine Irene aufgeführt ſein wird, komme ich zu Ihnen,“ ſagte Voltaire, vergnügt ſeine Hände rei⸗ bend.„Ich muß den Schauſpielern die Rollen einſtudiren, damit nur etwas daraus werde.“ „Wir ſehen der Vorſtellung mit der größten Erwar⸗ tung entgegen,“ erwiederte Madame Necker. „Das iſt es eben, was ich fürchte.— Man vergißt meine Jahre und verlangt immer noch, daß ich etwas leiſte. Das iſt ſehr ungerecht.“ „Ihre Schöpfungskraft erfreut ſich einer ewigen Jugend, das iſt uns längſt bekannt; und das Gegentheil haben Sie uns immer noch nicht bewieſen,“ ſagte Madame Necker lächelnd. „Es ſoll geſchehen, ſo wahr ich Voltaire heiße; warten Sie nur die Aufführung meiner Tragödie ab;“ verſetzte Voltaire lachend, und bot ihr ſeinen Arm, um ſie durch den dunkeln Corridor zu führen.„Obwohl ſchöne Augen Licht in jede Nacht ſenden,“ bemerkte er im Gehen,„ſo können Ihre blauen Sterne doch am Tage dieſen Orcus nicht erhellen!— Man muß an dieſe Dunkelheit gewöhnt ſein, um hier zu ſehen.“ Er verbeugte ſich tief und zog 107 ſich zurück, während die äußere Thüre ſich hinter den Damen ſchloß, die ihren Wagen wieder beſtiegen und dem Bois de Boulogne zufuhren. Madame Necker ſaß ihrer Tochter eine Weile ſtumm gegenüber, bis ſie die Straßen hinter ſich hatten und das Raſſeln der Wagen aufhörte. „Du biſt unzufrieden mit mir, Mutter!“ begann Germaine dann, und richtete ihre großen Augen bittend zu ihrer Mutter empor. „Und mit Recht, wie mir ſcheint,“ erwiederte dieſe mit feſter Betonung der Worte.„Wohin ich Dich auch führe, ſtets findeſt Du Veranlaſſung zu irgend einer Scene und zu einem Thränenerguß. Muß Dich denn alles rüh⸗ ren?— Iſt es Dir denn gar nicht möglich, erſt zu er⸗ wägen, ob auch wirklich eine Veranlaſſung vorhanden iſt zu einem ſolchen Ueberfluß von Empfindung?— Germaine! Germaine! Wie ſoll das mit Dir enden!— Auf dieſem Wege kommſt Du zu keiner Ruhe und zu keinem Glücke;“ fügte Madame Necker mit dem Ausdrucke wirklichen Schmerzes hinzu. „Ich bin troſtlos, Mutter!“ erwiederte das Mädchen traurig und küßte die Hand der Zürnenden.„Glaube mir nur wenigſtens, daß ich die beſten Vorſätze hege, kommt aber der Augenblick, ſo— ich weiß nicht wie es 7* 108 zugeht— aber es iſt nun einmal nicht anders;— ſo thue ich ganz das Gegentheil von Allem, was ich mir vor⸗ genommen.— Und ich möchte Dir ſo gern Frende machen;— Ach! So gern!“ „Dem ernſten Willen iſt alles möglich!“— ſagte Madame Necker immer noch unzufrieden. „Dann müßte es mir gewiß gelingen, vernünftig und beſonnen zu ſein, wie Du,“ verſetzte Germaine weh⸗ müthig,„denn wie gern möchte auch ich verehrt und be⸗ wundert ſein!— Glaubſt Du denn, daß es mir angenehm iſt, vor Voltaire geweint zu haben! Du haſt mir ja ſtets geſagt, daß der Patriarch von Ferney keine Thränen leiden könne und immer nur lache. Wie ſehr muß ich ihm nun mißfallen haben!— Ach! Mutter! Lehre mich doch zu ſein, wie Du biſt!“ „Dann weine nicht mehr ohne Veranlaſſung,“ ſagte dieſe ſtreng.„Eingebildetes Leid verdient Deine Thränen nicht.— Es giebt des wirklichen Unglücks genug, wir brauchen, um unſere Theilnahme zu erregen, nicht Gebilde unſerer Phantaſie herauf zu beſchwören;— ſuche Dich nicht ſelbſt zu rühren, wo die Sache Dir nicht nach dem Herzen greifen kann. Rechte mit Dir ſelbſt über Deine Gefühle.— Der Geiſt ſoll, wie über ſeine Worte, ſo auch über ſeine Empfindungen wachen; denn unſer Gott iſt e 109 ein Richter der Gedanken, und was im tieſſten Grunde Deiner Seele ſich bewegt, liegt ſeinem Auge offenbar.— Darum, beherrſche Dich! Wache über Dich!— Laß Deine Thränen nie mehr für eine Lüge fließen; weihe ſie allein der Wahrheit.“ „Ich will es, Mutter! Verzeihe mir nur diesmal.“ „Das iſt bereits geſchehen; denn wo Du fehlſt, er⸗ hebt ſich gleich die Selbſtanklage, ich, Deine Mutter, trage irgendwie die Schuld Deines Thuns; denn Gott hat eine große Verantwortlichkeit auf das Haupt der Eltern gelegt, und will uns ſtrafen in den kommenden Geſchlechtern, für jede Sünde der Unterlaſſung, wie des Leichtſinns.— Sieh!— So iſt denn die Folge Deines Thuns, daß hier in meiner Bruſt ein Kläger ſich erhebt, der mir den Frieden raubt.— Ich habe darum lange nachgeſonnen, wie und wo ich möglicher Weiſe doch gefehlt in dem, was ich für Dich nach beſter Einſicht zeither gethan und endlich hat es mir erſcheinen wollen, als ſei vielleicht ein wenig zu viel Theorie bei Deiner Erziehung angewendet, und zu wenig praktiſche Erfahrung beigemiſcht. Du ſollſt das Leid der Menſchheit ferner nicht mehr einzig aus Be⸗ ſchreibungen erkennen, Du ſollſt mit Deinen Augen ſehen, wie viel des Unglücks und des Schmerzes es auf Gottes ſchöner Erde giebt, das wir als Chriſten lindern ſollen. 110 Das Mitleid iſt die ſchönſte Blüthe, welche einem weib⸗ lichen Herzen zu entſproſſen vermag;— ich möchte ſie in dem Deinigen nicht ertödten, mein Kind, ſie ſoll viel⸗ mehr wachſen und gedeihen, nur auf dem rechten Wege. — Weine mit dem Weinenden, ſo viel Du willſt.— Im Leiden wie im Tröſten reifen wir dem Himmel zu, und Engelaugen ſchauen uns von Oben an und legen Beiden Balſam auf das Herz.“ Siebentes Capitel. Die erſte Lorbeerkrone. Der Carneval des Jahres 1778 bot für Paris das heiterſte Leben; Feſtlichkeiten folgten einander. Die Mas⸗ ken zogen in buntem Gemiſche in den Straßen umher. Der Hof nahm an den Luſtbarkeiten Theil, ſo weit es die Etikette erlaubte und die Prinzen der königlichen Familie ſo wie die junge Königin ſelbſt, geſtatteten ſich manche Freiheit und manchen kleinen Scherz, der ihnen ſonſt, bei dem gemeſſenen Gange ihres Lebens, nicht vergönnt war. Madame Necker hielt ſich gänzlich fern von dieſen Vergnügungen. So hoch auch die Stellung ihres Gatten ſie gehoben, ſo wenig beeiferte ſie ſich, in dem Bezug Vor⸗ theil davon zu ziehen. Es genügte ihr, zu wiſſen, in wel⸗ chem Anſehen der Name ſtand, den ſie trug, und wie rühm⸗ ich er überall genannt wurde. Sie theilte ihre Freude P 112 darüber mit den Freunden ihres Hauſes, welche ihrem Gatten warm anhingen und unter dieſen war beſonders Grimm ſein lebhafter Verehrer. Dieſer konnte Necker, in ſeinem Sinne, nie hoch genug ſtellen und äußerte laut ſeine Befriedigung, ihn zum Wohle Frankreichs ſo thätig zu ſehen. Ein Freund, der uns mit reger Theilnahme auf dem Wege des Ruhmes folgt, ohne daß ein kleinlicher Neid dabei in ſeiner Seele aufſteigt, ſeltenes Glück! Necker er⸗ freute ſich dieſes Vorzugs und fühlte ſich dadurch gehoben und getragen, auch wenn die Wellen hoch gingen. Während ihr Gatte, durch die Umſtände genöthigt, ſeiner Familie nur wenig angehören konnte, benutzte Ma⸗ dame Necker die Zeit, um deſto eifriger an der Ausbildung ihrer Tochter zu arbeiten und ihr namentlich jene praktiſche Anſchauung des menſchlichen Lebens zu verſchaffen, welche, wie ſie hoffte, die Leidenſchaftlichkeit ihrer Gefühle mäßigen und ſie auf den engen Pfad der Sitte führen würde. Sie hatte zu dieſem Zwecke allen Freuden der Geſelligkeit ent⸗ ſagt und ſich ganz der Einrichtung eines Hospitals“ gewid⸗ met, in welchem Germaine, ſowie es vollendet ſein würde, das Siechthum in jeder Geſtalt erblicken und endlich auch dem Tode in das Angeſicht ſchauen ſollte. Sie hoffte von * Dies Hospital war in Saint Sulpice. dieſ nich der auf aus gekc Geſ und um oftr vers nich ſie! ihr kleit und zu wä: n U —— — v— —— 113 dieſer Lehre viel, ja Alles für ihr Kind und verſäumte nichts, um ſie ihr ſo eindringlich wie möglich zu machen. Germaine blieb daher jetzt öfter allein, als es ſonſt der Fall geweſen war und ihr lebhafter Geiſt verfiel dadurch auf die n Beſchäftigungen, um die Zeit auszufüllen. Kinderſpiele kannte ſie nicht und hatte ſie nie gekannt. Die Puppe war ihren erſten Lebensjahren keine Gefährtin geweſen. Siegar mit Büchern aufgewachſen und hatte, als mechaniſchk Fertigkeit, nur mit der Feder umgehen gelernt. So hielt ſie ſich denn auch jetzt zu die⸗ ſer gewohnten Gefährtin. Sie las und ſchrieb und recitirte oftmals laut, was ſie auf das Papier geworfen. Damit vergingen ihre Tage. Madame Necker ſtörte ſie darin nicht. Sie hielt dieſe Selbſtbeſchäftigung für ſehr nützlich, ſie glaubte ſie dem Gange ihrer Entwickelung förderlich, ſie hoffte, daß ſie ſie zum Nachdenken führen ſollte. Alle Erziehung, Endziel nicht Selbſterziehung iſt, ſchien ihr eine nutzloſe Mühe. Eines Morgens überraſchte der Abbé Raynal das kleine Mädchen im Wohnzimmer vor dem Spiegel ſtehend und laut declamirend. Sie hatte angefangen eine Komödie zu ſchreiben und übte ernſthaft die Rolle der Heldin ein. „Ganz allein?“ rief er ihr zu.„Ich glaubte, wären zwei Perſonen im Zimmer. Was machen S St denn hier?“ 114 Germaine wurde ſehr verlegen und verbarg ſchleunig das Manuſcript in ihrer Hand. „Sie werden vor Ihrem alten Freunde doch kein Geheimniß haben?“ ſagte er zutraulich.„Zeigen Sie mir immerhin, was Sie hier einſtudirten. Iſt es Ihre eigene Arbeit, deſto beſſer! Dann kann ich Ihnen vielleicht mit meinem Rathe nätzlich dabei zur Hand gehen.“ Dieſer letztere Grund ſchien die Schüchternheit des Mädchens zu überwinden. Sie faßte allen ihren Muth zuſammen und reichte dem Abbé ihr Heft hin. „Ah!“ rief er, als er hineingeblickt.„Ein vollſtän⸗ diges Manuſeript! Eine ganze Komödie! Hören Sie, meine kleine Freundin, ich ſtecke das zu mir und gehe es zu Hauſe ſorgfältig durch. Vielleicht können wir Ihrer Mutter zum Geburtstage eine kleine Ueberraſchung damit bereiten.“ „Ach! Wenn das möglich wäre!“ rief Germaine hochroth vor Freude.„Es würde mich ſo glücklich machen, wenn ſie mit mir zufrieden wäre!“ „Iſt ſie denn das nicht immer?“ fragte der Abbeé. „Leider nein! Sie hat auch keine Urſache dazu. Ich ſinne daher immer, was ich thun kann, um ihr zu zeigen, wie ſehr ich ſie liebe. Ich habe mir darum ſchon rechte Vorwürfe gemacht, den Mr. Gibbon nicht geheirathet zu haben.“ ver ſok lar ihr im for unig kein Sie Ihre eicht des Nuth ſtän⸗ Sie, he es hrer amit taine chen, lbbé. Ich igen, echte 115 „Was? Den feiſten Engländer?“ fragte Rahnal verwundert. „Nun ja, den! Es iſt ja gleichgültig, wie er ausſieht, ſobald er meinen Eltern nur gefällt, und Beide hatten ihn ſo gern und entbehrten ihn ſo ſehr, als er in ſein Vater⸗ land zurückkehrte. Hätte ich mich alſo ſchnell entſchloſſen, ihn zu heirathen, ſo wäre er bei ihnen geblieben und für immer. Das fiel mir aber leider erſt ein, als er ſchon fort war,“ fügte ſie kleinlaut hinzu. Der Abbeé brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Nein, nein! meine kleine Freundin, das laſſen Sie Ihr Gewiſſen nicht beſchweren,“ ſagte er dann, und ſtrei⸗ chelte ihr freundlich die Wange.„Ein ſolches Opfer be⸗ gehren Ihre Eltern nicht und ein klein, klein wenig älter müſſen Sie doch auch noch werden um es zu bringen.— Sagen Sie mir aber jetzt, ob ich Ihre Mutter bald hier erwarten darf, oder auf Ihre kleinen Schultern alles das legen muß, was ich an ſie auszurichten habe.“ „Sie iſt nach Saint Sulpice gefahren und kommt erſt zum Mittagseſſen zurück.“ „Nun denn; ſo hören Sie. Wir werden morgen Abend die Aufführung der Irene haben; es wird aber ein ſolches Gedränge ſein, daß ſie eine halbe Stunde früher hinfahren muß, als ſonſt, um nichts von den Begrüßungs⸗ feierlichkeiten zu verlieren. Ich komme eben von Voltaire 116 und bin daher genau unterrichtet. Marmontel hielt mich nur unterwegs ſo lange auf, ſonſt wäre ich ſchon vor einer Stunde hier geweſen. Er hatte einen Brief von Voltaire in der Taſche, den er mir durchaus vorleſen wollte. Der Schalk ſchreibt ihm darin: ohne ſeinen Beliſarius läge das Jahrhundert im Kothe und er glaubt das und fühlt ſich dadurch geſchmeichelt. Sie kennen das Buch, er hat es Ihnen ja, koſtbar gebunden, verehrt und ich bin der Mei⸗ nung, wenn er es nicht geſchrieben hätte, ſo würden Sie es eben ſo gut haben thun können.“ „Ich finde es nicht ſo leicht, ein Buch zu ſchreiben, als ich mir es dachte, bevor ich den Verſuch machte,“ er⸗ wiederte Germaine ſehr ernſt. „Sehr wahr und ſehr vernünftig geſprochen, meine kleine Freundin,“ ſagte Raynal, zufrieden mit ſeinen kleinen Augen blinzelnd.„Sie werden alle Tage geſcheidter und machen mich ganz ſtolz auf Sie.“ Germaine warf ihm einen dankbaren Blick zu. „Ich freue mich ſehr, wenn Sie mich loben,“ ſagte ſie, „und möchte dann erſt recht verſuchen, es auch zu ver⸗ dienen.“ „Das iſt immer der Fall, wenn Sie mir ein freund⸗ liches Geſicht machen,“ ſagte Rahnal herzlich.„Wir alten Herren haben es gern, wenn die Jugend uns wohl will und wäl von dad kleit ein aud der bise dier wir mei ma nah beſt der ſein eilt aus nich ner rire Der das ſich es kei⸗ Sie ine nen und ſie, e nd⸗ ten 117 und unſere Jahre nicht an uns rächt. Wir bedürfen ihrer, während ſie uns entbehren kann. „Doch nicht ganz,“ fiel Germaine ein.„Wir müſſen von Ihnen lernen.“ „Das freilich wäre der rechte Gang der Welt und dadurch ſtänden wir gleich auf dem rechten Flecke, meine kleine Germaine; aber es iſt ſeit langer Zeit ſchon alles ein wenig verſchoben auf dieſer Erde und ſo kommt es denn auch, daß Jeder durch ſich ſelbſt klug werden, Niemand von der Erfahrung des S Nutzen ziehen will. Das bischen guten Rath, womit wir dem kommenden Geſchlechte dienen könnten, wird daher, als überflüſſig, verachtet 3 wir lernen endüich ſchweigen. Das iſt der Lauf der Welt, mein Kind.“ „An mir ſollen Sie aber keine ſolche Erfahrung machen, mein guter Abbé!“ rief Germaine warm und nahm ſeine Hand zwiſchen ihre beiden.„Sie müſſen mir alles ſagen, was mir zu wiſſen gut iſt; denn Sie ſind mein beſter Freund!“ „Und Sie meine allerbeſte kleine Freundin,“ ſagte der alte Herr zutraulich, nahm des Mädchens Kopf zwiſchen ſeine beiden Hände, hauchte einen Kuß auf ihre Stirn und eilte dann, ihr in der Thüre noch einen Gruß zunickend, aus dem Zimmer. So wie er ſich entfernt, ſuchte Germaine Papier und Federn und ſchrieb nieder, was er ihr für ihre Mutter auf⸗ getragen hatte. Bei ihrem erregbaren Gemüthe, das von allen Eindrücken leicht fortgeriſſen wurde, vergaß ſie ſchnell, was nur flüchtig ihr Ohr berührte und ſie weiter nicht tief bewegte; darum hatte ihre Mutter ihr zum Geſetze gemacht, in allen kleinen Beziehungen des praktiſchen Lebens, wo es ſich um Tag und Stunde handelte, das Papier zu ihrem Gedächt⸗ niſſe zu machen. Als ſie mit ihren Notizen fertig war, nahm ſie ein Buch zur Hand und las bis zur Rückkehr ihrer Mutter. Herr Necker hatte ſich entſchloſſen, einen Tag zu feiern und ſeine Gemahlin und Tochter in das Theater zu begleiten, um der Vorſtellung der Jrene beizuwohnen. Es war das ſechſte Mal, daß ſie über die Bühne ging, ohne daß der Verfaſſer bis dahin einer Vorſtellung hätte bei⸗ wohnen können, ſo ſehr war er von den Proben erſchöpft und endlich gar auf das Krankenlager geworfen worden, von dem er nur erſt eben wieder erſtanden. Ganz Paris wollte jetzt ſeine Geneſung feiern. Man hatte veranſtaltet, daß er der erſten Sitzung in der Akademie beiwohnen und dann von dort ſeinen Weg nach dem Theater fortſetzen ſollte. Madame Necker war durch ihre Freunde genau von der Stunde ſeiner Abfahrt unterrichtet und hatte ſich mit Ger⸗ maine in der Gegend des Louvre ein Fenſter geſichert, von wo aus ſie den berühmten Dichter konnte vorbeifahren ſehet bege abzu entg Mer Bou hatt war Zeit Arn gleie Jub nich ſchm jeder vier Her Jah zum viell Arb entl uf⸗ llen vas gte; llen um ar, ehr zu zu hne bei⸗ pft von Ute daß nn te. der er⸗ on ren 1¹9 ſehen. Herr Necker beabſichtigte, ſich in die Akademie zu begeben und von dort aus Frau und Tochter zum Theater abzuholen. Erwartungsvoll ſahen Beide dem Augenblicke entgegen, wo der Wagen Voltaire's durch die dicht gedrängte Menſchenmenge langſam ſich Bahn brechen ſollte.— Alle Boutiquen waren heute geſchloſſen, alle Blouſenmänner hatten ihre Arbeit verlaſſen und kein Gamin von Paris war an dieſem Tage zu Hauſe geblieben. Die große zurückgeſchlagene Kutſche hatte ſchon längere Zeit vor der Thüre gehalten, als Voltaire endlich, auf den Arm des Marquis von Villette geſtützt, heraustrat. So⸗ gleich flogen alle Mützen in die Luft und ein allgemeiner Jubelſchrei ertönte. Der Dichter ſah ſehr angegriffen aus; doch hatte er nicht unterlaſſen, ſich der Feier des Tages entſprechend zu ſchmücken. Er trug ſeine große Lockenperrücke, welche er jeden Morgen ſelbſt zu kämmen gewöhnt war und die ſeit vierzig Jahren unverändert ſein Haupt bedeckte; der ſchöne Hermelin, den ihm die Kaiſerin von Rußland vor einigen Jahren geſandt, diente ſeinem Carmoiſin⸗Sammtkleide zum Beſatz und ſeine langen Spitzenmanſchetten waren vielleicht noch länger als gewöhnlich und von der feinſten Arbeit, wie ſie die Point dAlencon nur lieferten. Langſam bewegte ſich der Wagen die enge Straße entlang, dem Louvre zu;— hier waren alle Thore, alle 120 Zugänge bereits von Menſchen dicht gedrängt, deren Jauchzen, bei ſeinem Erſcheinen, zu einem lauten Jubel⸗ ſchrei überging. Die Herren der Akademie kamen ihm bis in den erſten Saal entgegen, eine Ehre, welche ſie nie zuvor einem ihrer Mitglieder erzeigt; ja, deren ſelbſt kein fremder Prinz ſich je zu rühmen gehabt. Man wies ihm den Platz des Directors an und bat ihn einſtimmig, dieſe Stelle, die ſonſt durch das Loos beſtimmt wird, auf ihren Wunſch einzunehmen.* Voltaire empfing dankbar dieſe Aufmerkſamkeit und hörte mit vieler Sammlung einer Vorleſung d'Alembert's zu, welche dem Lobe Boileau's galt. Als die Sitzung beendigt war, wurde er von vielen ſeiner Freunde begrüßt und unter dieſen trat auch Necker an ihn heran und bot ihm treuherzig ſeine Rechte. „Sie haben mich heute mit an Ihren Siegeswagen ſpannt,“ bemerkte er lächelnd.„Als Triumphator ziehen ie ein und aus, ein Cäſar des Jahrhunderts.“ „Ich muß zufrieden ſein, da Sie, mein Cato, für mich auferſtanden ſind,“ verſetzte Voltaire raſch; denn ſchon drängte man ihn von einer andern Seite. Als er den alten Louvre verließ, glich ſein Weg bis zu den Tuilerien in Wahrheit einem Triumphzuge. 9 e — S * Correspondance littéraire. 121 Die ungeheure Ausdehnung des Prinzenhofes füllte eine dichtgedrängte Menſchenmaſſe; ebenſo voll von Zuſchauern war die große Terraſſe des Gartens, wo die ſchönſten Damen es nicht verſchmäht hatten, ſich aufzuſtellen und mit ihren Taſchentüchern ihrem Lieblinge Beifall zu win⸗ ken. So wie ſein Wagen ſich nahte, verdoppelte ſich das Entzücken, Jeder wollte ihn ſehen, Jeder ihm ſeine Stimme vernehmbar machen; auf dem ganzen Wege bis zum Thea⸗ ter waren alle Fenſter bis zum Dache hinauf beſetzt, wo nur irgend ein menſchlicher Fuß Raum gewinnen konnte, hatte ein Neugieriger den Platz für ſich zu benutzen gewußt; ja ſogar an die Räder ſeines Wagens klammerte man ſich an, um einen Blick auf den gefeierten Dichter zu werfen. So wie Voltaire im Theater ſeinen Platz zwiſchen Madame de Villette und ſeiner Nichte, Madame Denis, eingenommen hatte, erſchien Herr Brizan mit einer Lor⸗ beerkrone, welche die Erſtere der Damen dem Dichter auf das Haupt ſetzte. Voltaire jedoch war damit nicht einver⸗ ſtanden, er nahm den Kranz augenblicklich wieder ab und kein Beifallklatſchen, kein Zurufen der Menge, konnte ihn bewegen, ſich auf's Neue damit zu ſchmücken. Alle Damen hatten ſich bei ſeinem Eintritt erhoben und Madame Necker und ihre Tochter verfehlten nicht, dieſem Beiſpiele zu folgen. „Wie glücklich muß Voltaire heute ſein,“ flüſterte 1859. I., Frau von Stasl. I. 8 122 Germaine ihrer Mutter zu.„Ich möchte auch ſo gekrönt werden! Aber das iſt wohl ganz unmöglich!“ „Der Wille verſetzt ja Berge,“ erwiederte Madame Necker. Indeſſen füllte ſich das Theater immer mehr und mehr, die Corridore waren ſogar gedrängt voll, Jeder wollte den Dichter ſehen und die Zuſchauer im Parterre erſtickten faſt unter dem Gedränge. In der königlichen Loge hatte ſich der Hof eingefunden, Marie Antvinette mit ihren Damen, ehrte mit ihrer Gegenwart dieſe Vorſtellung des Sophokles ihrer Zeit. Ihr blau mit Silber durch⸗ wirktes Kleid, die Straußfedern und Diamanten auf dem hohen Toupet, hoben die jugendliche ſchöne Erſcheinung der Königin auf das Vortheilhafteſte und wohl verdiente ſie beachtet zu werden, als ſie ſich jetzt mit liebreizendem Lächeln über den Rand der Loge neigte, um den Dichter zu grüßen. Doch hatte Niemand heute Zeit, ihr einen Blick zu ſchenken. Die Luft verfinſterte ſich förmlich unter dem Wogen der Menge, die Lichter verſandten nur noch falben Schein; und immer noch dauerte der Freudentaumel fort, immer noch hatte der allgemeine Enthuſiasmus ſich nicht Genüge gethan. Mehr als 20 Minuten vergingen auf dieſe Weiſe, ohne daß die Schauſpieler im Stande waren, ſich Gehör zu verſchaffen.— Endlich beruhigte ſich das Publikum und lieh das Ohr der Vorſtellung. und mar Vol Pub The des zu b dab von mag Got Stit 123 Irene wurde nie vollkommener gegeben, als heute und der lebhafteſte Beifall lohnte die Spieler. Als der Vorhang fiel, erneuerte ſich der Applaus und man rief nun den Dichter mit aller Anſtrengung heraus. Voltaire trat vor und verbeugte ſich dankend gegen das Poblikum. In demſelben Momente ſtieg inmitten des Theaters, wie durch Zauber, ein Piedeſtal mit der Büſte des Dichters empor, alle Schauſpieler reihten ſich darum, ſie zu bekränzen und zu krönen. Der Name Voltaire's erklang dabei von allen Seiten, und jede Art von Lob, jeder Ausdruck von Bewunderung, den das menſchliche Herz zu erſinnen ver⸗ mag, ward gehört. Hier wenigſtens mußte der Neid ſchweigen. Madame Veſtris trat nun vor und richtete an den Gott dieſes Feſtes die folgenden Verſe: Aux yeux de Paris enchanté Regois en ce jour un hommage Que confirmera d'age en àage La sevère postérité. Non, tu n'as pas besoin d'atteindre au noir rivage Pour jouir de[honneur de l'immortalité. Voltaire, regois la couronne Que l'on vient de te présenter; Il est beau de la mériter Quand c'est la France qui la donne. Der Sinn dieſer Zeilen entſprach der allgemeinen Stimmung, das Publikum ſchrie„encore“ und Madame 8 124 Veſtris ſah ſich genöthigt ſo oft zu wiederholen, bis die Menge die Verſe auswendig wußte. Man ſah es Voltaire an, daß er erſchöpft war. In ſeinem Alter hält es ſchon ſchwer, eine ſolche Aufregung zu ertragen und ſein bleiches Geſicht verrieth, wie mühſam er ſich aufrecht hielt.— Doch konnte er unmöglich un⸗ empfindlich ſein gegen den Ruhm, der ihm zu Theil ward; das verriethen ſeine glänzenden Augen und der faſt weh⸗ müthige Zug um ſeinen Mund. Als er auf den Gang hinaus trat, fand er alle Damen in zwei Reihen aufgeſtellt, ſo daß er durch ihre Mitte ſeinem Wagen zuſchreiten mußte. An der Thüre hielt man ihn abermals feſt. Das Volk rief: Fackeln her: Wir alle wollen ihn ſehen. Mit Mühe erreichte er ſeinen Wagen. Jetzt aber ſprangen ſeine ungeſtümen Verehrer auf den Tritt, um ſeine Hand zu küſſen. Man bat den Kutſcher, langſam zu fahren, damit man ihn begleiten könne und unter„Vive Voltaire!“ und„Er hat Oedipe, Merope, Zaire verfaßt,“ folgte man ihm bis zum Pont Royal. Voltaire hatte ſich erſchöpft in die Ecke des Wagens zurückgelehnt und die Augen geſchloſſen. Ueberſättigt von den Eindrücken dieſes Tages, beſaß er die Fähigkeit nicht länger, ſich ihnen hinzugeben.„Es iſt zu viel!“ ſagte er leiſe und hielt ſeine Hand über die Augen. ihm mach Trit Weg Ihre Neck und was und väte holer Krat gab. chen Kint ſie 2 gew Nec Bei und 8 die In gung hſam un⸗ ard weh⸗ alle ihre hüre her: einen ehrer t den leiten dipe, Pont gens von nicht te er 125 Als er vor dem Hötel de la Villette vorfuhr, war ihm hier bereits eine Equipage zuvorgekommen. Dieſe machte der ſeinigen jetzt Raum und ſo wie ſein Fuß den Tritt des Wagens verließ, traten ihm zwei Damen in den Weg und hielten ſeine Schritte an. „Gönnen Sie meinem Kinde die Freude, Ihnen auch Ihren Lorbeer überreichen zu dürfen,“ redete Madame Necker den Dichter an, während Germaine ein Knie beugte und ihm den Kranz entgegenhielt.„Sie hat heute erlebt, was ſie nie vergeſſen wird; denn ſolche Momente ſtehen einzeln da, ſie wiederholen ſich nicht.“ „Sie wiederholen ſich nicht!“ ſagte Voltaire weich und hob das Mädchen zu ſich empor, um ſie mit einem väterlichen Kuß an ſein Herz zu drücken.„Sie wieder⸗ holen ſich nicht!“ fügte er dann matt hinzu;„darum, kein Kranz mehr für mich. Dieſer bleibe Der, die ihn mir gab.“— Damit ſetzte er die Lorbeerkrone auf des Mäd⸗ chens Haupt. Ein leiſer Schrei entfuhr der Lippe des Kindes, als ſie ſich ſo gekrönt ſah; zitternd vor Glück wollte ſie Voltaire's Hand ergreifen, dieſer war jedoch noch bleicher geworden und drohte umzuſinken. Raſch ſprang Herr Necker zu, ſtützte ihn mit ſeinen kräftigen Armen und unter Beihülfe des Dieners trug man den Dichter in das Haus und auf ſein Zimmer. Madame Necker hatte während der Zeit mit ihrer 126 Tochter den Wagen beſtiegen und erwartete hier ruhig die Rückkehr ihres Gatten. Germaine trug immer noch die Lorbeerkrone auf ihrem Haupte und ſchaute mit Augen umher, welche von einem ungewöhnlichen Feuer leuchteten. „Du magſt dies Begebniß als eine Vorbedeutung nehmen,“ begann ihre Mutter jetzt,„daß das Schickſal Deinem Geiſte einen größern Wirkungskreis anbahnen will, als er uns Frauen gewöhnlich beſchieden iſt.— Dir iſt jede Gelegenheit geboten, Dich zu entwickeln, Du ſiehſt die bedeutendſten Muſter vor Dir, es liegt alſo nur an Dir, zu wollen, Du brauchſt nur den Muth zu haben, um das Höchſte zu erſtreben und Du haſt es erreicht.“ Germaine maß ihre Mutter mit einem fragenden Blicke.— Dann ſeufzte ſie tief auf.—„Wenn ich nur ein Knabe wäre!“ ſagte ſie dann kleinlaut. „Warum das?“ fragte Madame Necker verwundert. „Dann würde es mir ſo leicht, den Weg des Ruhmes zu gehen; denn ich brauchte dazu nur den Fußſtapfen be⸗ deutender Männer zu folgen.— Aber für ein Mädchen iſt Alles ganz anders. Ich weiß gar nicht, was für ein Ziel ich mir da ſtecken ſoll. Sage mir, Mama, welcher Frau möchteſt Du am liebſten, daß ich ähnlich würde?“ Madame Necker fand auf dieſe Frage nicht ſogleich eine Antwort. „Keiner, mein Kind!“ ſagte ſie dann.—„Was vor un höl die dert. mes be⸗ niſt Ziel Frau leich 127 uns war, genügt mir nicht für Dich. Wir müſſen immer höher auf der Leiter menſchlicher Vollkommenheit klimmen. So möchte ich denn, daß Du eine Sproſſe erſtiegeſt, auf die ſich noch keine Frau gewagt hat. Es gilt den Verſuch.“ „Es iſt doch ſehr ſchwer, einer Vollkommenheit nach⸗ zuſtreben, die man nie geſehen hat.“ „Du kannſt ſie Dir aber denken!“ „Ja, wie Corilla und Voltaire; doch kann ich Beiden nicht ähnlich werden.“ Sie ſeufzte.„Meinſt Du nicht, Mama, daß ich mir Madame de Genlis zum Beiſpiel nehmen könnte? Sie ſchreibt doch ſehr ſchön!“ „Das allein genügt nicht; man muß daneben auch perſönlich Achtung und Bewunderung verdienen. Die Frau darf ſich nie von der Dichterin trennen, mein Kind.“ „Und iſt das ihr Fall?“ „Du ſollſt ſie kennen lernen und dann ſelbſt urtheilen; bis dahin frage mich nicht weiter über ſie.“ Indem trat Herr Necker aus dem Hauſe. Damit war für heute die Unterhaltung zwiſchen Mutter und Toch⸗ ter abgebrochen;— raſch fuhr man der eigenen Wohnung zu und Germaine Necker eilte ſtill in ihr Zimmer und hing den Lorbeerkranz über ihrem Lager auf, wo bald holde Träume ſie umgaukelten. Achtes Capitel. Ein Beſuch bei Rouſſeau. Germaine Necker verbrachte die Nacht unruhig und träumend. Mit grauendem Tage erwachte ſie und eilte, ſich an ihren kleinen Schreibtiſch zu ſetzen, um an dem Manuſcripte zu arbeiten, welches der Abbé Raynal ihr mit einem Billete zugeſandt, das ſie ermunterte ihr Werk noch einmal achtſam durchzugehen.— Mancher verſtohlene Blick auf ihren Lorbeerkranz unterbrach ſie bei dieſer Beſchäftigung, und mancher ſtille Seufzer folgte dieſem Fluge ihrer Gedanken.— Wo andere Mädchen ihres Alters unter Lachen und Tändeln die Blumen pflücken, welche auf ihrem Wege blühen, und keine Sorge kennen, außer der Vorbereitung für die Stunden ihres Unterrichtes;— ſchweifte ihr Blick ſchon weit hinaus über das große Ganze des Menſchen⸗ lebens, und ſuchte für ſich die Huldigung der Menge.— jet Fe lac ger tvi He du de eir tr fri ſie al nd te, em erk nz lle d ge ck — 129 Wo andere Mädchen träumen, von einem Manne ge⸗ liebt zu werden; da begehrte ſie die Bewunderung von Vielen.— Doch nur in der Beſchränkung liegt das Glück. Peitſchenknallen und Schellengeläute unterbrach ſie jetzt in ihrem Sinnen. Sie ſtand auf und eilte an das Fenſter. Schnee deckte die Dächer, und auch die Straßen lagen unter einer dicken weißen Schichte; trotz der vor⸗ gerückten Jahreszeit konnte die junge Königin Marie An⸗ toinette ſich noch einmal das ſo beliebte Vergnügen ihres Heimathlandes geſtatten und die Bewohner von Paris durch eine Schlittenfahrt in Erſtaunen ſetzen. Eben nahte der glänzende Zug und Germaine Necker öffnete das Fenſter ein wenig, um ſich nichts davon entgehen zu laſſen. Vorauf kam ein Schlitten, der die Form eines großen Bienenkorbes trug, und von zwei geflügelten Genien ge⸗ tragen wurde; in dieſem ſaß die ſchöne Königin. Die friſche Luft hatte ihre Wangen geröthet, vergnügt blickte ſie umher, und freute ſich über jedes heitere Geſicht, das aus der Ferne an ihrer Luſtbarkeit Theil nahm.— Ihr ſtolz emporgetragenes Haupt deckte ein weißer Hut, an dem drei große weiße Straußfedern wallten; um ihre Schultern hing ein Pelz von blauem Sammet, mit Hermelin beſetzt.— Der Schlitten ſelbſt war ebenfalls mit blauem Sammet ausgelegt, Decken von demſelben ———————————— 130 Stoffe hingen als Draperien über ſeine Wände, mit Sticke⸗ reien von Gold geziert, während das Strohgeflechte mit bunten Blumen durchwunden war.“ Zwei prächtige weiße Roſſe zogen dieſe feenhafte Equipage, gezügelt an goldenem Gebiſſe, das Geſchirr von blauem Sammet mit goldenen Schellen. Wie ſpielend flogen ſie mit ihrer leichten Laſt dahin, weit öffneten ſie ihre Nüſtern, gleichſam als wüßten ſie, wie prächtig ſie heute anzuſchauen. Germaine Necker hatte nie etwas Aehnliches geſehen, wie bezaubert hing ihr Auge an der ſchönen Königin, und freudig aufjauchzend ließ ſie das Fenſter los und klatſchte vor Vergnügen mit den Händen. Aber ſchon zog der nächſtfolgende Schlitten ihre Auf⸗ merkſamkeit auf ſich. In dieſem ſaß der Schwager der Königin, der Graf von Artvis. Er hatte Roſa mit Silber gewählt und ſeinem Schlit⸗ ten die Form einer Muſchel gegeben, während er ſelbſt einen Pelz von ſchwarzem Sammet trug, von reichem Pelzwerk verbrämt und ein Barett, das dieſem Anzuge entſprach. Der ſchlanke junge Mann ſah wahrhaft könig⸗ lich in ſeiner geſchmackvollen Kleidung aus und manche * Memoiren von Madame Dubarry, Band 5. 131 ſchöne Frau folgte ihm verſtohlen mit den Augen nach; doch ſind ſolche Blicke gefährliche Verräther. Der Hoſſtaat der Königin, ſo wie der des Prinzen, folgte nun, und zwar mit entſprechendem Glanze, doch ſtanden ſie hinter ſolchen Vorgängern zurück und erfreuten ſich nur geringer Aufmerkſamkeit. Germaine Necker ſchloß nun eilig das Fenſter und eilte an das Kamin, um ſich zu erwärmen. Zu ihrer großen Ueberraſchung gewahrte ſie jetzt ihre Mutter, welche ſchon eine Weile hinter ihr geſtanden, ohne daß ſie ſie bemerkt hatte. „Nicht wahr, eine ſolche Schlittenfahrt iſt ein hübſches Vergnügen,“ fragte Madame Necker ihre Tochter und ſah ihr dabei tief in die Augen.„Dieſe Schneedecke, welche der Himmel ſo ſpät noch auf die Erde legt, zum Schluß eines ohnehin ſo ungewöhnlich kalten Winters, ladet zu Luſtbarkeiten ein, über die man weinen möchte, ſo weh thun ſie dem hungernden und frierenden Volke, deſſen Leiden ſie gleichſam Hohn ſprechen.“ „Die Königin wird das nicht wiſſen,“ erwiederte Germaine.„Sie ſieht ſo gut und freundlich aus; abſicht⸗ lich würde ſie das Volk nicht kränken wollen.“ „Sie iſt gut und freundlich, darin haſt Du Recht; aber ſie kennt das Volk nicht, es iſt ihr fremd, ſie iſt zu jung und zu leichten Sinnes, um Theil nehmen zu können 132 an den Leiden und Sorgen, die ſie ſelbſt nie empfunden hat. Es iſt nicht ſo leicht, ſich in die Lage von Perſonen zu verſetzen, deren Lebensſchickſal mit dem unſrigen gar nichts gemein hat und ſchwerer noch, für die Menſchheit im Allgemeinen zu empfinden. Dazu gehört ein weiter Geſichts⸗ kreis und ein großes Herz; oder auch die Schule des Lei⸗ dens.— Wenn das Unglück an unſere Pforte klopft, dann lernen wir mit zu empfinden, was das Lvos Anderer Herbes hat.“ „So wird Marie Antoinette es wohl nie lernen,“ verſetzte Germaine unbefangen.„Sie iſt jung und ſchön und dazu eine große Königin. Wie glücklich muß ſie ſein!“ „Die glänzende Lage bedingt nicht das Glück, mein Kind! Der Schein darf Dich nicht blenden. Wie mancher ſchwere Kummer birgt ſich unter einer glänzenden Hülle.“ „Aber wo iſt das Glück denn ſonſt, Mama, wenn es da nicht wohnt, wo die Menſchen ſo ſchön ausſehen, und ſo fröhlich dem Vergnügen nachjagen.“ „In unſerer Arbeit, meine Tochter, in unſerm Streben finden wir es allein. Auf keinem andern Boden gedeiht dieſe ſeltene Blume. Wir müſſen etwas leiſten, das Andern Freude bringt, indem es uns ſelbſt befriedigt; wir müſſen für das Wohl unſerer Mitmenſchen thätig ſein, das nur iſt Glück.“ „Es iſt aber recht ſchwer und recht mühſam, eine 8 /0) S—„ 2 —c c ce——— — 133 Arbeit zu vollenden,“ ſagte Germaine, mit dem ſtillen Gedanken an ihr Manuſcript. „Wo wäre auch ſonſt das Verdienſtliche der Sache!“ fragte ihre Mutter zurück.„Woher käme uns die Befrie⸗ digung nach vollbrachter Arbeit, wenn ſie nicht durch die Schwierigkeit hervorgerufen würde, welche ſich auf dem Wege uns entgegenſtellt. Die Bibel ſagt: Arbeite und bete!— Sobald wir den Wahlſpruch über die Thüre unſeres Hauſes ſetzen, bleibt das Glück nicht draußen.“ Germaine ſah ſinnend vor ſich hin. „Die Fürſten können aber keine Arbeit verrichten,“ ſagte ſie dann,„ſo können ſie alſo nie eigentlich glücklich ſein?“ „Das Wort Arbeit läßt eine weite Bedeutung zu, mein Kind. Wie es die Bibel verſteht, meint es eben ſo gut Pflicht, und Pflichten kann Jeder erfüllen, der König wie der Bettler. Wenn wir das Wohl unſerer Mitmenſchen zu fördern ſuchen, wenn wir den Anforderungen des Lebens zu genügen bemüht ſind, ſo arbeiten wir.— Jeder muß ſeiner Stellung entſprechend, mit ſeinem Pfunde wuchern. So iſt z. B. für den König der Luxus, die Pracht, eine Pflicht; während ſie dem Privatmanne als unnütze Ver⸗ ſchwendung angerechnet wird.“ „Die Königin that alſo Recht, dieſe glänzende Schlitten⸗ partie anzuordnen?“ — —,—————— 2 134 „Sie that in dieſem Augenblicke Unrecht; denn das Volk ſchreit nach Brod, und wird erbittert, wenn es ent⸗ behren ſoll, während der Hof verſchwendet.— Man darf keinem Darbenden auf die Art den Ueberfluß vor das Auge bringen.— Dein trefflicher Vater ſitzt im Cabinette des Königs, und rechnet, wie er das Budget der Ausgaben mit der Einnahme in Uebereinſtimmung bringe; denn der Staat gleicht darin dem Hauſe, daß es einer weiſen Ein⸗ theilung bedarf, damit die Jahreseinnahme alle Bedürfniſſe decke.— Er hat mir indeſſen die Verwaltung ſeines ganzen Vermögens übertragen, ein Vertrauen, wodurch er mich auf das Höchſte ehrt; denn wenigen Frauen wird es zu Theil, wenige nur ſind gute Rechenmeiſter.— Ich lege um ſo mehr Werth auf mein Amt, weil ich ſelbſt Deinem Vater kein Vermögen zugebracht habe, und dann die gewöhnliche Folge iſt, daß wir mit dem neugewonnenen Gute prunken und praſſen wollen. Gottlob! Das iſt nicht mein Fall.— Dein Großvater war Prediger in Genf, wie Du weißt, und erzog mich, ſeine einzige Tochter, mit der höchſten Sorgfalt.— Meine Kenntniſſe, meine Bildung waren mein einziges Gut, ich kam damit nach Paris, um mir hier eine Exiſtenz zu gründen.— Dein Vater bot mir ſeine Hand und ich ſchätzte mich nur zu glücklich, das Loos eines ſo herrlichen Mannes theilen zu dürfen.— Wenn ich nun alles aufbiete ihm zu beweiſen, daß ich es auch zu verdienen ſtre dar wie Er ma 135 8 ſtrebe, ſo iſt das nur ganz billig.— Ich habe Dir das Alles ſchon manchmal erzählt, meine Tochter,“ ſchloß Ma⸗ f dame Necker,„aber ich glaube es Dir nicht oft genug e wiederholen zu können, um Dir den Werth einer guten 6 Erziehung recht eindringlich zu machen.“ n„Du warſt aber auch ſchön, Mutter,“ ſagte Ger⸗ r maine kleinlaut. Madame Necker erröthete über dieſe Bemerkung ihres e Kindes. n„Das iſt Sache des Geſchmackes,“ erwiederte ſie 5 dann,„und wenn Dein Vater auch vielleicht Anfangs mein , Aeußeres berückſichtigt hat, ſo vergißt ſich das ſpäter gar bald, und lange ſchon denkt er nicht mehr daran. Glaube r es mir, die Liebe, wie die Freundſchaft, bedarf in ihrer e Dauer der geiſtigen Uebereinſtimmung und ruht nur feſt n auf dem guten Grunde gegenſeitiger Achtung.“ 2„Die Achtung iſt aber ſ ſo warm, Mutter!“ Madame Necker's Stirne umwölkte ſich leicht, und ihr fein geſchnittener Mund zog ſich feſter zuſammen. Nach einer kleinen Pauſe der Ueberlegung erwiederte ſie dann: „Du darfſt das feine, rückſichtsvolle Betragen meiner o kalt und die Bewunderung Freunde nicht in die Wagſchale legen, gegen den lauten Jubel, womit man Voltaire folgt. Der Beifall der Menge iſt überdem ein ſchwankender, wie die Geſchichte Dir be⸗ 136 weiſt.— Das wahre Verdienſt ſucht ihn nicht. Es erhebt ſich über ſolchem Scheine.— Sieh, meine Tochter, es lebt in Paris in dieſem Angenblick ein Mann, deſſen Verdienſte weit die eines Voltaire überragen, und dennoch ſitzt er allein in ſeinem Dachſtübchen und denkt und dichtet für die Unſterblichkeit.“ „Du meinſt Rouſſeau, Mutter!“ rief Germaine lebhaft. „Wohl meine ich ihn, mein Kind! Du haſt nur zu richtig gerathen. Und ſieh hier, welch ein Herz dieſer große Mann hat. Lies dieſen Brief von ſeiner Hand! Er iſt an ſeine alte Amme gerichtet. Thomas hat ihn mir gebracht und Du magſt ihn aufbewahren, und daran lernen, welche ſchöne Zierde die Dankbarkeit für erwieſene Wohlthat iſt. — Nach meinem Gefühle, liegt darin die höchſte Seelen⸗ ſchönheit, die höchſte Tugend.“ Germaine hatte indeſſen begierig nach dem Blatte gegriffen, entfaltete es und las: Montmorench, den 2. Juli 1761. Dein Schreiben, meine liebe Jacobine, iſt zur Erhei⸗ terung meines Herzens in dem Augenblicke angelangt, wo ich mich außer Stande befand darauf zu antworten. Ich benutze geſchwind einen ungetrübten Augenblick, um Dir für Dein Andenken, und Deine Liebe, die mir ſtets habe daß nicht weni ner 1 für wie Du Deir Her als ſchö Unt Ro 1 bbt bt ſte er die ine ei⸗ vo ir 157 ſtets theuer ſein wird, zu danken. Ich, für mein Theil, habe nie aufgehört Deiner zu gedenken und Dich zu lieben. Oft habe ich in meinen Leiden zu mir ſelbſt geſagt, daß, wenn meine gute Jacobine mich in meiner Kindheit nicht ſo ſorgfältig verpflegt hätte, ich in ſpäteren Jahren weniger gelitten haben würde. Glaube es mir, daß ich nie aufhören werde, an Dei⸗ ner Geſundheit und Deinem Glücke den zärtlichſten An⸗ theil zu nehmen, und daß es ſtets eine wahre Erquickung für mein Herz ſein wird, von Dir ſelbſt zu vernehmen, wie es Dir ergeht. Gott befohlen, meine liebe und gute Jacobine! Von meiner Geſundheit erwähne ich nichts, damit Du Dich nicht betrübſt; der gütige Gott erhalte Dir die Deinige und überhäufe Dich mit allen Segnungen, die Du Dir wünſcheſt. Dein getreuer Jean Jacques, der Dich von ganzem Herzen umarmt. Rouſſeau. „Wie herzlich das klingt!“ rief Germaine bewegt, als ſie geendigt. „Nicht wahr, dieſe einfachen Worte ſind unendlich ſchön, weil ſie eine ſo herrliche Empfindung ausſprechen. Und nun kleide Dich an, mein Kind, um mit mir zu Rouſſeau zu gehen.“ 1859. I. Frau von Stasl. I. 9 138 „Zu Rouſſeau!“ rief Germaine, als traue ſie ihren Ohren nicht.„Das iſt Dein Scherz, Mutter!“ „Mein voller Ernſt.— Ich wünſche Dir die Ge⸗ legenheit zu geben, Dich zu überzeugen, daß ein wirkliches Verdienſt nicht immer des Prunkes der Anerkennung bedarf. — Ich habe lange ſchon geſonnen, wie ich es anſtellen könnte ihn zu beſuchen; denn er will der Neugierde nicht zur Unterhaltung dienen.— Damit er uns nicht abweiſe, wollen wir in der einfachen Tracht meines Vaterlandes er⸗ ſcheinen; die kleine Liſt dürfen wir uns ſchon erlauben.— Ich ſende die Bonne jetzt gleich zu Dir, um Dich anzu⸗ kleiden; ſchließe indeſſen Deine Papiere ein.“ Sie entfernte ſich. Germaine blieb noch einige Mi⸗ nuten in derſelben Stellung und ſah, wie abweſend, ihrer Mutter nach. Dann erſt beſann ſie ſich, daß hier kein Säumen gälte und eilte, der ihr hinterlaſſenen Weiſung Folge zu leiſten. Sorgfältig faltete ſie den Brief Rouſſeau's zuſammen, drückte ihn dann ehrfurchtsvoll an ihre Lippen, bevor ſie ihn in ein kleines Käſtchen, zu andern koſtbaren Andenken der Art, legte; dann erſt ſuchte ſie die zerſtreuten Blätter ihres Manuſcriptes zuſammen und ſchloß auch dieſe ein. Madame Necker hatte es unterlaſſen ihren eigenen Wagen zu beſtellen, um ihr Incognito deſto ſicherer zu bewahren. Gleich an der Ecke der Straße ſtanden Lohn⸗ kut den nen das ſan iſt; zuj Sc Si ter ihr ren nen zu hn⸗ 139 kutſchen, von dieſen winkte ſie eine herbei und ſtieg mit ihrer Tochter ein. Nach der Straße Platrière heiſchte ſie dem Kutſcher zu, ohne ihm die Wohnung näher zu bezeich⸗ nen. Dort angekommen, ließ ſie halten und ſuchte ſelbſt das Haus zu finden, wo der berühmte Mann wohnte. Eine enge Hinterpforte führte auf einen dunkeln Flur, wo das Auge nur mit Mühe eine Stiege entdeckte. Lang⸗ ſam ſtiegen ſie dieſe hinauf.— „Wenn er nur zu Hauſe iſt,“ flüſterte Germaine im Hinaufgehen.„Es würde mich zu unglücklich machen ihn nicht zu finden.“ „Rege Dich nur nicht auf,“ mahnte ihre Mutter. „Zeige ihm vor allen Dingen nicht, daß Du weißt, wer er iſt; denn ſonſt iſt Alles verfehlt. Nimm Dich nur diesmal zuſammen.“ In der fünften Etage hielt Madame Necker ihre Schritte an. Hier wohnte der Verfaſſer der neuen Helviſe. Sie ſah ſich um, welche Thüre zu dem Gemache des Dich⸗ ters führen möchte. Schon griff ihre Hand nach einer vor ihr befindlichen Schelle; da hörte ſie fingen. Sie horchte. Die Töne gehörten einer Männerſtimme an, die weder voll noch angenehm klang und etwas zitterte; doch war die Intonation vollkommen rein. Es ſchien ein 9* 140 traurig melancholiſches Lied zu ſein, das ſich mehrere Male wiederholte, bis endlich alles ſchwieg. Jetzt klopfte Madame Necker, aber ſo leiſe, ſo be⸗ hutſam, daß ihr eigenes Ohr es kaum vernahm. Sie wartete eine Weile auf ein Herein!— Als es aber nicht erfolgte, griff ſie muthig nach der Klingel. Jetzt erſchallte ein Schritt zu ihr herüber,— er nahte,— eine Thüre wurde geöffnet. Germaine hielt ſich, zitternd vor Erwartung, an dem Arme ihrer Mutter. Ein Mann erſchien jetzt in der halb offenen Thüre; als er zwei Damen erblickte, zog er höflich ſeine Mütze und grüßte. „Wohnt hier nicht ein Herr Rouſſeau, der Noten abſchreibt?“ fragte Madame Necker ganz kalt. „Ja, Madame,“ erwiederte der Angeredete.„Ich bin es ſelbſt. Was wünſchen Sie von mir?“ „Man hat mir geſagt, daß Sie vorzüglich gut copiren, Monſieur, und dabei doch nicht theuer ſind, ich möchte Sie daher erſuchen, einige Sachen für mich abzu⸗ ſchreiben.“ „Treten Sie näher!“ erwiederte Rouſſeau höflich. Madame Necker folgte ihm hierauf durch ein kleines düſteres Zimmer, das eine Art Vorgemach bildete, in ſeine Wohnſtube. Hier lud er ſie ein, in einem Armſeſſel Pla Ger ſehr dan arbe Mu Pla zu von in d und Au und alte ein der ſie ale be⸗ es er em u⸗ es in ſel 141 Platz zu nehmen, und rückte neben dieſen einen Stuhl für Germaine.— „Da ich nicht beſtändig in Paris lebe, Herr Rouſſeau, — wie Sie an meiner Kleidung ſehen— ſo würde es mir ſehr lieb ſein, wenn Sie mir ſogleich dienen könnten.“ „Ich habe in dieſem Augenblick wenig zu thun, Ma⸗ dame, und werde daher mit Vergnügen ſogleich für Sie arbeiten. Was wünſchen Sie copirt zu haben.“ Madame Necker überreichte ihm nun eine Rolle mit Muſikalien, die ſie bisher in der Hand gehalten hatte. Rouſſeau nahm ſie ihr ab, bat ſie, ruhig auf ihrem Platze zu verweilen, und ihm, während er ſie durchſähe, zu geſtatten, ſich zu bedecken. Darauf ſetzte er ſich unfern von ihnen an einen Tiſch und entfaltete die Notenblätter. Madame Necker benutzte dieſen Augenblick, um ſich in dem Gemache umzuſehen. Drei alte Armſeſſel, verſchiedene andere alte Stühle, und ein Schreibtiſch, bildeten das ganze Ameublement. Auf dem Tiſche lagen einige Bücher, einige Muſikalien und einige trockene Pflanzen. Ueber dem Kamine hing eine alte ſilberne Uhr; neben dem Feuer ruhte eine Katze. Die Wände zierten ein Dutzend Anſichten der Schweiz und einige ſchlechte Kupferſtiche. Unter dieſen fiel ihr Friedrich der Große auf, und als ſie aufmerkſamer hinblickte, fand ſie am Rande des Bildes, von Rouſſeau's eigener Hand 142 geſchrieben: Er denkt wie ein Philoſoph und handelt wie ein König.“ Germaine war dem Auge ihrer Mutter auf dieſer Rundſchau gefolgt und jetzt hielten Beide bei der Perſon des Dichters an.— Seine Geſtalt war nicht imponirend, er hatte eine mittlere Größe und eine breite, gewölbte Bruſt.— Seine Züge konnte man regelmäßig nennen; doch trugen ſie den Stempel des Gewöhnlichen. Seine Augen, welche jetzt auf den Muſikalien hafteten und dann wieder flüchtig zu dem Beſuche hinüberglitten, waren klein, rund und lebhaft. Die buſchigen Augenbrauen gaben ihnen etwas Hartes und Düſteres, welches dann wieder durch den überaus fein geſchnittenen, reizenden Mund ge⸗ mildert ward.— Sein Lächeln hatte etwas ſo trauriges und dabei zugleich ſo liebliches, daß es einen eigenen Zauber über ſeine Züge verbreitete und unwiderſtehlich zu ihm hinzog. Seine Kleidung beſtand aus einer Mütze von Baum⸗ wolle, die nicht ſehr ſauber ausſah und mit einem Bande geſchmückt war, das einſt feuerroth geweſen ſein mußte. Dazu trug er eine Flanellweſte unter ſeinem Pelze, dunkel⸗ braune Beinkleider, graue Strümpfe und alte nieder⸗ getretene Schuhe. * 1 pense en philosophe et se conduit en roi. mit dieſ und eine dan eine hab wie eſer ſon end, lbte en; eine ann ein, ben der ge⸗ ges nen lich um⸗ nde ßte. kel⸗ er⸗ 143 Rouſſeau war indeſſen mit der Durchſicht der ihm mitgebrachten Muſikſtücke fertig geworden. Er hatte unter dieſen eine Melodie aus dem Pevin du village entdeckt und dadurch mißtrauiſch geworden, wandte er ſich jetzt mit einem ſtreng forſchenden Blicke zu Madame Necker. „Kennen Sie den Componiſten dieſes Liedes, Ma⸗ dame?“ fragte er ſie ſcharf. „Ohne Zweifel!“ erwiederte ſie ruhig.„Er hat einen zu bekannten Namen, als daß ich ihn nicht gehört haben ſollte; perſönlich aber iſt er mir nie in den Weg getreten. Er hat ſehr hübſche Sachen componirt und auch herrliche Bücher geſchrieben. Iſt er Ihnen vielleicht be⸗ kannt, oder gar verwandt?“ Rouſſeau wollte darauf etwas erwiedern, plötzlich aber unterbrach er ſich. Wahrſcheinlich fürchtete er, durch das Umgehen der Wahrheit, ſich einer halben Lüge ſchuldig zu machen, und ſchwieg darum lieber ganz, ſtatt aller Ant⸗ wort die Angen niederſchlagend und bedeutſam lächelnd. „Wir Mütter danken jenem Herrn Rouſſeau übrigens ſehr viel,“ nahm Madame Necker auf's Neue das Wort. „Er hat uns die Berechtigung erworben, unſere Kinder ſelbſt nähren zu dürfen, und uns damit eine unſerer ſchön⸗ ſten Pflichten geſichert. Das iſt ein Gewinn, den wir nie genug preiſen könnon.“ Rouſſeau ſah Madame Necker hierauf mit einem 144 Blicke an, in welchem ſich ſeine ganze Seele malte. Ein himmliſches Lächeln verklärte zugleich ſeine Züge. Sie fühlte wohl, daß ſie den Punkt bei ihm getroffen, wo er für jedes Lob empfindlich war. Während dieſes kleinen Vorganges war eine Frau von vielleicht einigen vierzig Jahren in das Zimmer ge⸗ treten. Sie verbeugte ſich mit gezierter Höflichkeit vor den fremden Damen, und nahm dann, vhne ein Wort zu ſagen, an der andern Seite des Tiſches, vor dem Rouſſeau eben geſeſſen, Plat Es war Thereſe, das Factotum Rouſſeau's, welche die Rolle der Dienerin und der Herrin zugleich ſpielte. Madame Necker empfand keine Theilnahme für dies Geſchöpf und nur mit Mühe beherrſchte ſie ihre Mienen ſo weit, um nicht zu verrathen, wie unangenehm ihre Er⸗ ſcheinung auf ſie wirke. Um die Unterhaltung wieder aufzunehmen, fragte ſie jetzt: was ſie für das Copiren der Muſik zu entrichten haben würde. „Sechs Sous die Seite, Madame,“ erwiederte Rouſſeau.„Das iſt der gewöhnliche Preis.“ „Wünſchen Sie, daß ich Ihnen darauf etwas im Wraus zahle?“ fragte ſie höflich.„Sie haben die Aus⸗ lagen, Sie müſſen das Papier einkaufen.“ „Madame, ich bin Gott ſei Dank in einer Lage, um R un in Bie er e⸗ es en ſie en 145 ſo viel beſtreiten zu können,“ erwiederte Rouſſeau lächelnd über ihre Fürſorge.„Es geht mir weit beſſer, wie es Ihnen ſcheinen mag, denn ich beziehe eine kleine Rente 3 „Und könnteſt noch viel mehr beziehen,“ fiel Thereſe hier ein,„wenn Du Dir bezahlen ließeſt, was Dir die Oper ſchuldig iſt.“ Dabei zuckte ſie übelgelaunt mit den Achſeln. Rouſſeau antwortete hierauf nicht. Er ſchien nicht den Muth zu haben, mit ſeiner Haushälterin ſtreiten zu wollen. Seit ihrem Eintritte hatten ſeine Mienen über⸗ haupt einen ganz anderen Ausdruck angenommen und eine gewiſſe Niedergeſchlagenheit ſich ſeines Weſens bemächtigt. Er rückte unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her, endlich ſtand er auf und bat, das Zimmer auf einige Augenblicke verlaſſen zu dürfen.„Meine Frau wird Ihnen ſo lange Geſellſchaft leiſten,“ ſagte er, indem er durch eine kleine Glasthüre verſchwand. Sowie er ſich entfernt hatte, ergriff Thereſe ſogleich das Wort: „Madame,“ ſagte ſie,„ich muß Sie bitten, Herrn Rouſſeau zu entſchuldigen, er iſt krank, das iſt ſehr, ſehr unangenehm.“ Madame Necker erwiederte ihr, es ſei jede weitere 1 146 Entſchuldigung überflüſſig, indem Ronſſeau ſelbſt ſie ſchon beanſprucht, ſie möge ſich daher beruhigen. „Bedürfen Sie meiner, Herr Rouſſeau!“ ſchrie ſie nun mit lauter Stimme, wahrſcheinlich um ihre Sorgfalt bewundern zu laſſen. „Nein, nein!“ erwiederte er und kehrte bei dieſer Antwort auch ſchon in das Wohngemach zurück. „Madame,“ wandte er ſich hier gegen ſeinen Beſuch, „ich muß Sie bitten, Ihre Noten andern Händen anzu⸗ vertrauen; denn ich fühle mich, zu meinem Bedauern, zu leidend, um ſo ſchnell und ſo pünktlich für Sie arbeiten zu können, wie Sie es wünſchen müſſen, da Sie Paris viel⸗ leicht ſehr bald wieder verlaſſen.“ Madame Necker bat ihn ſich nicht zu beunruhigen, ihre Abreiſe ſtehe noch nicht ſo nahe bevor, und ſei es ihr gleich angenehm, dieſe Geſangſtücke bald zu beſitzen, ſo wolle ſie doch lieber einen kleinen Verzug dulden, als ſie andern Händen anvertrauen, welche ſich weniger geſchickt beweiſen möchten. Damit erhob ſie ſich um ſich zu entfernen. Rouſſeau begleitete ſie höflich bis an die Thüre, wo ſie mit einem kalten Gruße von Thereſen Abſchied nahm. Schweigend ſtieg ſie mit ihrer Tochter die Treppe hinunter und winkte ihren Kutſcher herbei.— Kaum hatte ſich der Wagen hinter ihnen geſchloſſen, als Germaine pn ie lt 147 das Geſicht in ihre Hände begrub und laut zu ſchluchzen anfing. „Der arme, arme Mann!“ jammerte ſie.„Er will die Noten abſchreiben für 6 Sous die Seite. Das bricht mir das Herz. Mein Vater muß mir Geld für ihn geben, ich will es ihm hintragen. Ich will ihm alles geben, was ich habe; meine Kleider, meinen Schmuck, Alles, Alles.— Ich mag auf keinem weichen Stuhle mehr ſitzen, wenn Rouſſeau ſolche garſtige harte Seſſel zu ſeinet Bequem⸗ lichkeit hat.— Nein, das iſt entſetzlich! Das ſollte der König nicht leiden.“ Die Mutter ließ ſie ſo eine Weile fortſprechen, dann unterbrach ſie ſie. „Germaine, jetzt beſinne Dich!“ ſagte ſie ruhig.„Ich habe es vorausgeſehen, daß Dich die Lage Jean Jacques Rouſſeau's tief bewegen würde, und ich bin zufrieden, daß Du Dich ſo weit beherrſcht haſt, nicht vor ihm Deinen Gefühlen freien Lauf zu laſſen.— Aber— was ſollen nun alle dieſe Klagen, dieſe Ausrufungen? Wer keine Hülfe will, wie kann man dem Hülfe bringen?— Seine Größe iſt es ja eben, daß er das verſchmäht, was man ihm bietet, und nichts annimmt, als den Lohn ſeiner Ar⸗ beit!— Wollte er ſich unterſtützen laſſen, ſo wäre manchem großen Könige der Nachruhm nicht zu klein, ein Wohlthäter Rouſſeau's geweſen zu ſein, wenn dieſer Rouſſeau ſeine 148 Wohlthaten annehmen wollte.— Der Verfaſſer des Emil und des Contrat social will das aber nicht, kann das nicht einmal wollen, ohne einen Schatten auf ſeine Geſin⸗ nung zu werfen.“ „Und ſo darbt er,“ fiel Germaine wehmüthig ein. „Wie leidend, wie unglücklich er ausſah! Ach! Nie, nie werde ich dieſen Beſuch bei Rouſſeau vergeſſen!— Bei allem Sinn für das Schöne, doch das Schöns in ſeiner Umgebung ſo ganz entbehren zu müſſen! Ich habe mir eine Dachſtube immer als etwas ſehr poetiſches gedacht. Man iſt darin dem Himmel um ſo viel näher, wir hören das Geräuſch der Menſchen nicht, ſtehen ihrem Thun und Treiben ſo viel ferner, wir finden uns ſo traulich und allein. So dachte ich es mir, wenn man davon erzählte. Und nun,— wie ſah es ſo ganz anders aus!“ „Es wird Dir häufig noch begegnen, meine Tochter, daß die Gebilde Deiner Phantaſie die harte Wirklichkeit bei weitem übertreffen, und jedes neue Licht der Wahrheit dieſes Lebens, Dir mit der Wahrheit eine Täuſchung nimmt. Das iſt nun einmal ſo.— Gewöhne Dich an den Gedanken: es iſt nicht alles Gold, das glänzt; es iſt nicht alles Glück, das Glück uns ſcheint;— und was Du jetzt Entbehrung nennſt, wird doch nur der vermiſſen, der darein auch den Preis des Lebens ſetzt.— Der Güter Größtes aber iſt: im Geiſt zu leben, und was wir denken, den noc auf ich, auf Lor nen Ge 149 den kommenden Jahrhunderten als koſtbares Vermächtniß 3 il noch zu hinterlaſſen.— Mir war es leider nicht beſchieden, 63 auf dieſem Wege mir Unſterblichkeit zu ſichern; doch, hoffe 33 £ ich, ſoll es mir dafür vergönnt ſein, mein einziges Kind auf einen Pfad zu führen, wo es mit leichter Hand nach Lorbeerkronen greifen kann.“ Germaine antwortete darauf nicht. Sie ſchien ſin⸗ 5 nend die Worte ihrer Mutter zu beherzigen, und in ihren Gedanken die Möglichkeit zu ermeſſen, ſie zu verwirklichen. * So erreichten ſie das Haus. n d d e. — — Ueuntes Capitel. Die erſte poematiſche Arbeit. Die Sonne ſandte ihre glühendſten Strahlen auf die Erde herab. Die Bewohner von Paris flüchteten ſich vor ihrem verſengenden Brande; auf den Straßen war es einſam, und die Bäume in dem Garten der Tuilerien boten, in ihren weit reichenden Schatten, kaum hinreichen⸗ den Schutz. Selbſt die Betriebſamkeit legte heute ermattet die müden Hände in den Schooß. Der Hof befand ſich in Verſailles, die junge Königin unterhielt ſich mit ihrer kleinen Schweizerwirthſchaft; Lud⸗ wig der XVI. nahm ſeine Schloſſerarbeit vor.— Wo Alles feierte, konnte auch Necker ſich eine kleine Erholung geſtatten, und um ſo lieber gewährte er ſich dieſe jetzt, wo das Land noch mit tauſend Reizen geſchmückt war. Seine kleine Villa in Saint Ouen zu beſuchen, war das ein gu ort mo hi het ſic S ſie 151 ihm in dieſem Jahre nur ſelten verſtattet geweſen, wäh⸗ rend in früherer Zeit jeder Sonntag ihn dort im Kreiſe ſeiner Freunde gefunden. Heiter lud er jetzt ſeine nächſten Bekannten ein, mit ihm auf ein paar Tage die Freuden des Landlebens zu theilen und gern folgten ſie ſeiner Auf⸗ forderung. Er ſelbſt eilte ihnen jedoch, von Grimm und Raynal begleitet, voraus, um Gattin und Tochter durch ſeine unerwartete Ankunft zu überraſchen. Madame Necker war keine Freundin ländlicher Ein⸗ ſamkeit. Sie hielt jede Minute für verloren, welche ihrem Geiſte nicht neue Nahrung zuführte und ſie in ihrem Wiſſen bereicherte.— Das Leben in und mit der Natur, das nur Hingabe und Empfindung fordert, ſchien ihr daher ein müſſiger Zeitvertreib zu ſein, den ſie ſich nie aus Nei⸗ gung gewährte.— So hatte ſie denn auch jetzt nur die Pflicht ihrem Gatten hierher vorausgeführt, um die An⸗ ordnung eines kleinen Familienfeſtes zu leiten, womit man ihn morgen überraſchen wollte. Sie ſtand am Fenſter und ſchaute nach dem Abend⸗ himmel empor, den eben die ſchönſte Purpurgluth eines herrlichen Sonnenunterganges ſchmückte.— Sie wunderte ſich, daß ihr Gatte ſo ſpät ausblieb, und ihre hohe weiße Stirne gegen die kalten Fenſterſcheiben drückend, horchte ſie, ob noch kein Wagen rolle. Thomas, der ſie herbegleitet hatte, um ihr Beiſtand 152 zu leiſten bei den Vorbereitungen des Feſtes, trat eben in das Zimmer. Bleich und ernſt, wie immer, kam er mit gemeſſenen Schritten näher, und ſtellte ſich neben ſie. Aus dem Garten ſchallte eben die Stimme Ger⸗ maine's hell und fröhlich zu ihnen herauf, und bald darauf erblickten ſie ſie, in vollem Laufe einem jungen Mädchen ihres Alters nacheilend, das ſich vor ihr zu verſtecken ſchien. „Ein ſo großes Mädchen und ſie ſpielt noch wie ein Kind,“ bemerkte Madame Necker mißbilligend. „Ihrem Alter nach iſt ſie das auch noch,“ verſetzte Thomas,„und wenn auch ihr Verſtand früh gereift iſt, ſo iſt ihr Herz doch jung geblieben. Ich freue mich, daß Sie meinem Rathe gefolgt ſind, ihr in dieſer Mademviſelle Huber eine Gefährtin zu geben. Der Menſch will auch für die Empfindung der Freundſchaft gebildet werden und was wir jung nicht zu lernen beginnen, das erwerben wir nachher nimmermehr.— Ich habe Germaine nie ſo glück⸗ lich geſehen, als an dem Tage, wo Sie ihr das junge Mädchen zuführten!“— „Leider iſt das wahr genug, mein Freund!“ ſagte Madame Necker mit einem leiſen Seufzer. „Und warum leider?“ fragte Thomas verwundert. „Daß ich's nur bekenne,“ verſetzte Madame Necker nun mit halbem Lächeln,„ich war an jenem Tage eifer⸗ ſüchtig auf mein eigenes Kind.— Ich habe ſie für mich erzo muf ſellſ hab dieſ it r⸗ f n n. te ie le d ir e te er — 153 erzogen, habe mich ihrer Erziehung gänzlich gewidmet und muß nun ſehen, daß ſie ſich von mir wendet, und die Ge⸗ ſellſchaft dieſer kleinen Fremden der meinigen vorzieht.“ „Sie, eiferſüchtig?“ ſagte Thomas verwundert, als habe er nur dies eine Wort vernommen.„Wenn Sie dieſer Empfindung Raum geben können, was würden Sie an meinem Flatze fühlen?“ Madame Necker erröthete und wandte das Geſicht von ihm ab.— „Wollen wir in den Garten gehen?“ fragte ſie. „Sie ſind zu leicht gekleidet, Sie haben noch einmal Toilette gemacht für die Ankunft Ihres Herrn Gemahls,“ ſagte Thomas, ihren Anzug muſternd, in dem ſie ſich reizend ausnahm.— Das durchſichtige weiße Gazekleid ließ den ſchönen Hals und die vollen weißen Arme vor⸗ theilhaft durchſchimmern, und die hohe ſchlanke Geſtalt erſchien in dem leichten Stoffe noch zarter gewoben. Sein Auge hing bewundernd an ihr.—„Eine echte Königin der Angelſachſen!“ fuhr er dann fort.„Wie ſchön Sie heute ſind!“ Statt aller Antwort wandte Madame Necker ſich um, ſchellte und gebot dem Diener die Armleuchter anzu⸗ zünden.— Indem ſtürzte auch Germaine in das Zimmer. Sowie ſie aber ihrer Mutter anſichtig ward, mäßigte ſie ihre Schritte und nahm eine ſteife Haltung an. 1859. I. Frau von Stasl. I. 10 154 „Eine Staubwolke wälzt ſich des Weges her, das muß er ſein!“ rief ſie mit glühenden Augen. „Welcher er? Man nennt die Perſonen, von denen man ſpricht, bei ihren Namen,“ ſagte die Mutter. „Ich rede von meinem Vater. Wen ſonſt könnte ich meinen? Drei ewig lange Tage habe ich ihn nun ſchon nicht geſehen, und bringt er Gäſte mit, wie ich erwarte, wie wenig wird er mir dann auch heute noch angehören!“ rief ſie mit ſchmerzlichem Tone aus und brach dabei in Thränen aus. „Germaine!“ rief Madame Necker mißbilligend. „Schon wieder Thränen!— Mußt Du denn jede Freude, jedes Glück beweinen?— Mein armes, armes Kind! Was wird Dir endlich für den Schmerz noch übrig bleiben, wenn dieſer nun an Deine Thüre klopft!“* „Kein Leid kann mich je herber treffen,“ fuhr das Mädchen leidenſchaftlich fort,„als meinem herrlichen Vater ſo wenig zu ſein, daß er mich kaum vermißt, wenn ich von ihm entfernt bin.“ „Und iſt das Gleiche nicht mit mir der Fall?— Habe ich ihn nicht verlaſſen, um dieſe Tage hier mit Dir in Saint Ouen zu verleben, und wird er jetzt bei ſeiner *„Oe qui l'amusait,“ ſagte Fräulein Huber von Germaine Necker,„était oe qui la faisait pleurer.“ as ten ich n ts, 1. in nd. de, nd! as ter on Dir ner ine 155 Ankunft etwa mir gehören können?— Du biſt ein thöricht Kind, Germaine.“ „Ach! Ich bin ſehr, ſehr unglücklich! Ich möcht' ihm Alles ſein, und bin doch nur ſein Kind. Du aber biſt die Gattin ſeiner Wahl, Dich hat er auserkoren.“ „Schweige nur! Ich will nichts weiter hören,“ ſagte Madame Necker kalt und ſtrenge.„Geh' auf Dein Zim⸗ mer und beruhige Dich, um unſere Gäſte gebührend be⸗ grüßen zu können.— Was würde Dein Freund Raynal ſagen, wenn er Dich mit ſolcher Miene fände.“ Seufzend ſchlich das Mädchen hinaus. „Seltſam!“ bemerkte Thomas, als ſie fort war. „Wie kommt das Kind zu ſolcher Leidenſchaft in ihrer Liebe. Und dieſe Eiferſucht auf ihre eigene Mutter!“ „Ich weiß es ſelbſt nicht, wie ein ſolch' unnatürliches Gefühl in ihr emporgewachſen,“ erwiederte Madame Necker, und deckte die ſchöne weiße Hand über die Augen, um Thomas den Ausdruck ihres Schmerzes zu verbergen. „Ich bin oft ganz rathlos, wie ich dieſer Eiferſucht ent⸗ gegen wirken ſoll. Sie ſtellt ſtets Vergleiche zwiſchen ſich und mir an, und zwar zu ihrem Nachtheile.— Ich thue darum das Mögliche, um ſie durch ihre Bildung ein Uebergewicht fühlen zu laſſen, das ſie darüber erhebe; ich rege ſie beſtändig an, den Ruhm zu ſuchen und die Eitelkeit fahren zu laſſen; doch wenn ich eben hoffe, mit ihr auf der 10* 156 beſten Bahn zu ſein, dann plötzlich kommt ein ſolcher Aus⸗ bruch und wirft mein ganzes Gebäude über den Haufen.“ „Vielleicht wird dann der morgende Tag eine gute Wirkung hervorbringen; denn es kann ihr an Lobſprüchen nicht fehlen,“ ſagte Thomas tröſtend. „Das habe auch ich mir geſagt; nur iſt das einzige Bedenkliche dabei, der eigene Vater, Necker, hat ein Vor⸗ urtheil gegen ſchriftſtellernde Frauen, und geſtattet nur denen die Bahn der Oeffentlichkeit, welche ein wirklich be⸗ deutendes Talent beſitzen. Ob er nun ſeiner eigenen Tochter ein ſolches zugeſteht, müſſen wir erwarten.“ „Warum nicht?“ fragte Thomas lächelnd.„Iſt nicht die Elternliebe dafür bekannt, daß ſie ihre Lieblinge mit gar ſchönen, bunten Federn ſchmücke?“ „Doch trägt ſie darum noch keine Binde vor den Augen, wie der kleine Gott der Liebe,“ erwiederte Ma⸗ dame Necker ſcherzhaft.„Und eben ſo gut wie ich an meiner Tochter die wundervollen Augen gewahre, und darunter die häßliche kleine Stülpnaſe und die dicken, auf⸗ geworfenen Negerlippen, eben ſo gut mag ihr Vater urtheilen, daß ſie bei ſehr vielem Geiſte, bei ihrem ungemeinen Ge⸗ dankenreichthum, dennoch an plaſtiſcher Darſtellung Mangel leide und durch ihr unruhiges, leidenſchaftliches Tempera⸗ ment verhindert werde, durch Fleiß zu erſetzen, was die Natur ihr als Mitgabe verweigert.— Wenn er ſo urtheilt, ſo unt wir der ch: mi 157 ſo wird er ſie nicht ermuthigen, ſondern ſie zurückhalten, und damit meine letzte Hoffnung zerſtören.“ „Wenn er ſo urtheilt,“ ſagte Thomas.„Warten wir das ab.— Ich kann ihm dann nur mit Pope erwie⸗ dern: Prue ease in writing comes from art,“ not chance, und ihn bitten, es abzuwarten.“ „Thun Sie das.— Indeſſen ſoll Ihr Muth auf mich beruhigend wirken. Warten wir es ab.“ „Wenn es nicht zu lange währt,“ rief Raynal, der eben in das Zimmer trat und dieſe Worte überhörte. „Das Warten iſt eine überaus ſchöne Sache, verehrte Madame Necker, wenn es ein Abendeſſen bei Ihnen gilt und man für die Verſpätung ſo herrlich entſchädigt wird, daß mir ſchon, bei dem Gedanken daran, mein alter Mund wäſſert. Aber als allgemeinen Grundſatz liebe ich dieſe Theorie des Wartens nicht.— Es machte ſich ganz hübſch bei den Römern, als Fabius die Schlacht umging und den Feind einſchloß. Aber bei uns, hm!— Der Franklin wartete nicht, er kam, als wäre er eine Ente, über den weiten Ocean geſchwommen und erhielt, was er wollte. Wäre er zu Hauſe geblieben, ſo hätte er nichts von uns erhalten.“ * Die Schönheit des Stils iſt das Werk des Fleißes, nicht des Talentes. 158 „Seine Beredtſamkeit hat es ihm auch wahrlich nicht erworben,“ ſagte Thomas mit leiſem Spotte. „Das weiß Gott!— Man meinte faſt, der Herr Geſandte ſei ſtumm geboren, ſo wenig redete er. Jetzt geht es indeſſen ſchon beſſer. Seit Frankreich ſich für die Colonien erklärt, iſt ihm das Zungenband gelöſt.— Ich traf ihn neulich bei einem Mittagseſſen, und war ſo liebenswürdig, ihm mit der ſchmeichelhaften Anrede zu begegnen:— Ich muß Ihnen geſtehen, mein Herr, daß Amerika uns ein wahrhaft herrliches Schauſpiel liefert. —„Ja,“ erwiederte der ſchweigſame Doctor aus Phila⸗ delphia;„nur, daß die Zuſchauer nicht zahlen wollen.“— War das nicht gut geantwortet, frage ich Sie?“ Alle lachten. „Haben Sie gehört, daß er der Wittwe von Helvetius den Hof macht?“ fragte Madame Necker. „Freilich!“ erwiederte Raynal.„Und wie? Es iſt ihm Ernſt damit, er iſt bis über die Ohren in ſie verliebt und will ſie heirathen.“ „Das iſt doch nur noch Vermuthung,“ ſagte Ma⸗ dame Necker. „Aber eine nicht unbegründete. Wir Männer ſehen auch manchmal ſcharf in dem Bezug.— Glauben Sie es mir, wenn es von ihm abhinge, er entführte uns dieſe — —— —— S ſt t — 6Sb 159 reizende Wittwe von Epheſus. Aber— ſie liebt ihre Freiheit und iſt waſſerſcheu.“ „Wovon ſprechen Sie? Von Madame Helvetius?“ fragte Grimm eintretend.„Da kann ich Ihnen ein hüb⸗ ſches Vergnügen machen. Denken Sie, Franklin hat allen Ernſtes um ſie angehalten, und einen Korb bekommen. Aergerlich geht er nach Hauſe und ſchreibt ihr die folgende Epiſtel. Hören Sie!“ Er nahm ein Blatt aus der Taſche und las: „Bekümmert über Ihren Entſchluß, zur Ehre Ihres theuren Gatten ledig bleiben zu wollen, begab ich mich geſtern Abend in meine Wohnung zurück. Niedergeſchlagen warf ich mich auf mein Bett, und träumte, daß ich todt ſei, und auf den elyſäiſchen Feldern umherwandere. Man fragte mich dort, wen ich ſuche?— Führen Sie mich zu den Philoſophen, erwiederte ich.— Es ſind ihrer zwei hier ganz in der Nähe, welche auf ſehr freundſchaftlichem Fuße mit einander leben. Und die ſind?— Sokrates und Helvetius. Ich ſchätze ſie alle Beide ſehr hoch; doch möchte ich zuerſt gern Helvetius ſehen, weil ich ein wenig Franzöſiſch verſtehe und dagegen kein Wort Griechiſch kenne Er empfing mich ſehr artig mit der Verſiche⸗ rung, daß er mich lange ſchon dem Namen nach gekannt habe. Er erkundigte ſich dann eifrig nach dem Zuſtande der Religion, der Freiheit und der Regierung Frankreichs.— 160 Sie fragen mich gar nicht nach Ihrer theuren Freundin, Madame Helvetius? und doch liebt ſie Sie ſo ſehr, erſt vor einer Stunde hat ſie mir das noch verſichert. Ach! Sie erinnern mich an die Tage vergangenen Glückes; aber man darf daran nicht zurückdenken, will man hier glücklich ſein.— Anfangs war ich in meinen Gedanken ſtets bei ihr. Darauf habe ich eine andere Frau genommen, welche ihr ziemlich ähnlich ſieht; freilich iſt ſie nicht ganz ſo ſchön, dafür aber hat ſie vielen Geiſt und geſunden Verſtand, und liebt mich außevordentlich, ſo daß ſie einzig bemüht iſt mir zu gefallen. Sie iſt eben ausgegangen, um mir ein bischen Nektar und Ambroſia zum Abendeſſen zu holen;— bleiben Sie bei mir, um ſie kennen zu lernen. Ich ſehe wohl, daß Ihre erſte Gattin Sie an Treue über⸗ trifft, ſagte ich; denn ſie weiſt alle Anträge zurück.— Ich ſelbſt, ich bekenne es Ihnen, habe ſie zum Wahnſinn ge⸗ liebt; aber nichts konnte ſie bewegen, zu meinen Gunſten ihrem Entſchluſſe ungetreu zu werden.— Sie thun mir leid, ſagte er, denn ſie iſt wirklich eine gute und liebens⸗ würdige Perſon.... Aber, ſind denn der Abbé la Roche und der Abbé M... nicht noch manchmal bei ihr? — Ja, ganz gewiß, denn ſie hat alle ihre Freunde bei⸗ behalten.— „Hätten Sie doch nur verſucht, den Abbé M.. mit etwas Café à la créme für ſich zu gewinnen, vielleicht ich de ab ich ha! — fa de nu le I per 161 wäre es Ihnen dann gelungen; denn er iſt ein ſo gewandter Redner, wie der heilige Thomas, und weiß ſeine Gründe ſo gut in das Licht zu ſetzen, daß man keinen Ausweg findet; oder auch hätten Sie den Abbé la Roche mit einer ſchönen Ausgabe der alten Claſſiker für ſich einnehmen können, um gegen Sie zu ſprechen, das wäre vielleicht noch beſſer geweſen, denn ich habe ſtets bemerkt, daß ſie gern das Gegentheil von dem that, was er ihr anrieth.... „Hier trat die neue Madame Helvetius ein, in welcher ich ſogleich meine alte Freundin aus Amerika, Madame de Franklin erkannte.— Ich forderte ſie auf mir zu folgen, aber ſie erwiederte mir kalt:„Ich bin neunundvierzig Jahre und vier Monate Ihnen eine gute Gattin geweſen, ich dachte, daß Sie damit zufrieden ſein könnten. Zetzt habe ich dieſe neue Bekanntſchaft gemacht, welche die Ewigkeit aushalten ſoll.... „Unzufrieden über dieſe Weigerung meiner Euridice, faßte ich ſogleich den Entſchluß, nicht bei dieſen ſo un⸗ dankbaren Schatten zu verweilen, und auf dieſe Welt zu der Sonne und zu Ihnen zurückzukehren. Hier bin ich nun. Laſſen Sie uns gemeinſchaftliche Rache üben.“ „Köſtlich!“ rief Raynal, als Grimm zu Ende ge⸗ leſen.„Aber, geſtehen Sie es nur, das iſt ein Scherz von Ihnen, oder eine Myſtification.“ „Keins von Beiden. Stille Waſſer ſind tief.— 162 Sie ſehen nun, wie fein dieſer Franklin ſich an der Frau zu rächen verſteht, welche ſeine Bewerbung zurückweiſt und dagegen Andere nicht unerhört ſeufzen läßt.“ Necker war auch hinzugetreten und maß Grimm mit einem vielſagenden Seitenblicke. „Der Brief wird Ihrer ruſſiſchen Kaiſerin ein rechtes Vergnügen gewähren,“ ſagte er dann, als deute dieſer Zweck die Abſicht an. „Darum habe ich mir die Copie davon genommen,“ verſetzte Grimm ernſt.„Es liegt auch ein Stück Zeit⸗ geſchichte darin.“ „Wie ſie für Frauen paßt,“ ſagte Thomas mit leiſem Spotte; denn die darin enthaltene Bemerkung über ihn, hatte den Akademiker verletzt. „Und was ſagt meine kleine Freundin dazu,“ begann Raynal, ſich an Germaine wendend, welche am Arme ihres Vaters hing.„Ich habe ſpäter noch ein Wörtchen im Vertrauen mit ihr zu reden, wenn wir den Nektar des Hauſes Necker gekoſtet, der mir, nach dieſem Staub auf unſerem Wege hierher und nach der Hitze des Tages, nicht weniger gut ſchmecken ſoll, wie dem armen Helvetius in Geſellſchaft ſeiner Hebe.“ „Der Brief iſt eigentlich etwas gottlos und vor allen Dingen höchſt unmoraliſch,“ bemerkte jetzt Madame Necker mit vielem Nachdruck. in ne en es 163 „Wenn wir den Zweck in's Auge faſſen, gewiß nicht,“ ſagte Herr Necker heiter.„Scherz muß ſein. Der Begriff von Moral iſt überdem ſehr verſchieden. Ich, für mein Theil, faſſe das ganze Sittengeſetz in den einfachen Satz zuſammen, daß die Natur der Dinge moraliſch ſei.““ Germaine richtete ihre großen Augen freundlich zu ihrem Vater empor und drückte ſeinen Arm feſter an ſich, als Zeichen, daß ſie ihn verſtanden habe und ſeinen Worten Beifall gäbe.— Madame Necker bemerkte es. Eine leichte Welke glitt über ihre Züge und die Unterhaltung ab⸗ brechend, ſtand ſie auf und bat die Gäſte ihr zu folgen. Der folgende Morgen brachte neuen Beſuch, bald waren der Fremden ſo viele in dem nur kleinen Landhauſe beiſammen, daß man hätte meinen ſollen, der Platz reiche bei weitem nicht aus ſie Alle zu faſſen. Germaine Necker war nicht ſichtbar. Sie ſaß mit Mademoiſelle Huber in einem ſchattigen Bosquet des Gartens und ſtudirte ihre Rolle ein; denn ſie ſelbſt wollte heute die Heldin in ihrem Stücke vorſtellen. In einem Pavillon war das kleine Liebhabertheater aufgeſchlagen.— Der Abbé Raynal holte ſie jetzt dahin ab, um mit ihnen * La morale est la nature des choses.— Dieſen Satz machten Necker und ſeine Tochter ſich beide ſtreitig. Werke der Stasl 1. Band S. 15. 164 eine Probe anzuſtellen; denn auch er hatte ſich entſchloſſen mitzuſpielen. Langſam verſtrichen den beiden Mädchen die Stunden, bis der Nachmittag endlich herankam und der Geſellſchaft mitgetheilt ward, was ihrer wartete. Germaine war hinter den Couliſſen verborgen, als die Zuſchauer eintraten und ängſtlich blickte ſie durch ein kleines Loch im Vorhange, um zu erſpähen, mit welcher Miene ihr Vater dieſer kleinen Vorſtellung entgegen ſähe. Man war übereingekommen, Herrn Necker nicht mit⸗ zutheilen, wer der Verfaſſer des Stückes ſei und dies war um ſo leichter, weil er an Niemand eine Frage deshalb gerichtet. Seine Tochter ſollte mitſpielen und er ſetzte voraus, daß dies die ihm zugedachte Ueberraſchung ſei. Ein großer Zettel an der Thüre kündigte an: Les inconvenients de la vie de Paris.* Der Vorhang ging auf und er erblickte eine Mutter, welche zwei Töchter beſaß, von denen die eine in ländlicher Zurückgezogenheit aufgewachſen war, während die andere alle Vortheile einer ſtädtiſchen Erziehung genoſſen hatte. Die Mutter zieht die letztere vor; ſie lobt ihren Geiſt, ihren Anſtand, ihre geſelligen Talente, und ſetzt die erſtere bei jeder Gelegenheit zurück. * Die Nachtſeite des Pariſer Lebens. dur und ja G iſt das ter Fat lich das reg den in her Bl ſpr zitt ihr en aft ter nd ge, en it⸗ ar b te 68 er ere ſt, ere Jetzt klopft das Unglück an ihre Thüre. Sie verliert durch einen unglücklichen Prozeß ihr ganzes Vermögen, und iſt genöthigt bedeutende Einſchränkungen zu machen, ja Entbehrungen zu leiden. Das elegante Stadtmädchen iſt nicht geſchickt, ſich in eine ſolche Lage zu finden; ſie klagt das Schickſal an und läßt ihren Unmuth an ihrer Mut⸗ ter aus. Das einfache Landmädchen dagegen verdoppelt ihre Zärtlichkeit und wird der Troſt und die Stütze der ganzen Familie. Die Scenen dieſes kleinen Dramas waren vortreff⸗ lich an einander gereiht, die Charaktere gut entwickelt, und das Intereſſe von Anfang bis zu Ende immer ſteigernd rege gehalten. Allgemein äußerte ſich der Beifall, den man dem ſpielenden Perſonale zollte, und Marmontel war ſogar in ſolchem Grade davon gerührt, daß er ſein Taſchentuch hervorzog, um ſeine Thränen zu trocknen.“ Germaine erntete den größten Beifall und wurde am Schluſſe herausgerufen. Als ſie erſchien, warf man ihr Blumen und Kränze zu und feierte ſie mit tauſend Lob⸗ ſprüchen. Ihr Herz ſuchte aber nur eine Befriedigung und zitternd erwartete ſie das erſte Wort aus dem Munde ihres Vaters. * Correspondance littéraire. B. 4. S. 290. 166 Jetzt winkte Herr Necker ſie zu ſich heran, und ſchloß ſie in ſeine Arme.„Sie hat ihre Sache gut gemacht,“ bemerkte er dabei gegen Grimm. „Mehr als das,“ fiel Rahnal ein,„ſie hat nicht nur gut geſpielt, ſie hat auch gut geſchrieben. Wir Beide hätten in dem Alter kein ſolches Stück zu Stande gebracht, mein lieber Necker!“ „Es iſt Deine eigene Compoſition?“ fragte ihr Vater verwundert. Sie antwortete nicht. Sein ſcharfes Auge ruhte fragend auf ihren Mienen. „Ja, es iſt wahr,“ ſagte er dann kalt, und ließ ſie aus ſeinen Armen los,„mein einziges Kind iſt eine Schriftſtellerin.“ Germaine ſank bei dieſen Worten leblos zuſammen. Eir gef hte ſie ine Behntes Capitel. Der Doector Tronchin. Monde waren vergangen, les Inconvenients de la vie de Paris in Saint Ouen aufgeführt worden. Eine ernſte Krankheit hatte Germaine Necker an ihr Lager gefeſſelt, und als ſie heute zum erſten Male wieder auf⸗ ſtand, war ſie um vieles größer geworden, und ihre Farbe faſt bleich zu nennen. Ein Lächeln der Befriedigung glitt über ihre Züge, als ſie in den Spiegel ſah und ſich ſo er⸗ blickte. Sie meinte ihrer Mutter jetzt um vieles ähnlicher zu ſein.— Matt lehnte ſie ſich in den Chaiſe longue zurück und blickte in die kleine ſchwach lodernde Flamme ihres Kamins. Da trat ihr Vater zu ihr ein. Ein ſchwaches „Ah!“ ſtahl ſich bei ſeinem Anblick von ihrer Lippe und 168 ſich raſch emporrichtend, wollte ſie ihm entgegen eilen. Ein Wink von ihm hielt ſie jedoch ſogleich auf ihrem Lager feſt. „Bleibe ruhig auf Deinem Platze, mein Kind!“ ſagte er beſtimmt, und rückte einen Stuhl heran, um ſich zu ihr zu ſetzen.„Du haſt Dich bedeutend erholt, und wirſt nun bald ganz hergeſtellt ſein; aber übereilen darf man nichts. Strenge Dich ja nicht an, gönne Dir Ruhe und Zeit. In Deinem Alter hat man noch eine lange Zu⸗ kunft vor ſich und holt ſchnell das Verſäumte wieder ein.“ „Mutter meint, man müſſe ſich nicht zu ſehr gehen laſſen.“ „Nicht zu ſehr; aber ein wenig.— Ueberdem, Du biſt mein einziges Kind, meine einzige Freude, mein ganzes Glück. Warum ſollteſt Du Dich anſtrengen, wenn die Neigung Dich nicht drängt, und das kann jetzt nicht der Fall ſein, denn dazu biſt Du noch zu kraftlos.“ „Ich hege überhaupt nicht mehr den Wunſch, mich auszuzeichnen, ſeit ich weiß, daß Du es mißbilligſt,“ ſagte ſie, mit einem Zucken um den Mund, das die innere Be⸗ wegung verrieth. „Wir ſollten davon eigentlich jetzt nicht ſprechen,“ ſagte ihr Vater ernſt aber weich, und nahm ihre rechte Hand in die ſeinige.„Aber vielleicht wird es Dich mehr ber ver übe zun geb Pf ſchi iſt abe M ihr zug Er zog au Nu Dr ein kan fri ver der wo izes die der nich igte Be⸗ 169 beruhigen, wenn Du Dich mit mir über dieſen Punkt verſtändigt haſt, als wenn ich Dich Deinen Grübeleien überlaſſe.— Es hat Dich geſchmerzt, daß ich den Weg zum Ruhme, den Du ſo jung ſchon eingeſchlagen, nicht gebilligt.— Sieh, liebes Kind, es iſt ein gar dorniger Pfad, den Du da wandeln willſt; denn er giebt Dich ſchutzlos jedem böſen Leumund Preis. Die Oeffentlichkeit iſt für den Mann ein Stachel, der ihn ſpornt, die Frau aber ritzt ſich Wunden, die oft nie wieder heilen.— Der Mann kann der Welt Trotz bieten; die Frau muß auf ihre leiſen Mahnungen horchen und ganz, ganz ſachte mit⸗ zugehen ſuchen.— Da mir nun nichts ſo theuer auf der Erde iſt, als das Glück und die Ruhe meines Kindes, ſo zog es mir das Herz zuſammen, als ich ſie mit einem Male auf einem Wege fand, wo ich ſie lieber nicht geſehen hätte. Nun es geſchehen iſt, liegt weiter nichts daran. Fühlſt Du die Neigung in Dir, den Gebilden Deiner Phantaſie eine Form zu leihen, ſo folge dieſem Drange. Der Menſch kann von ſich ſelbſt nicht laſſen, das weiß ich wohl. Be⸗ friedigt es Dich, das, was Du denkſt, dem Papiere anzu⸗ vertrauen, und von Andern prüfen zu laſſen, ſo folge Deinem Sinne. Ich hemme und ſtöre Dich in nichts, denn ich will nur Dein Glück, und Dir vorſchreiben zu wollen, daß Du es finden ſolleſt, wo ich wünſche, daß es für Dich blühe, wäre ſo thöricht als vermeſſen.— Bleibe 1859. I. Frau von Stasl. I. 11 3 ½ 1 170 nur wahr und gut, meine liebe Tochter, dann biſt Du immer nach meinem Sinn.““ „Mein guter, guter Vater!“ flüſterte Germaine weich und zog ſeine Hand an ihre Lippen.„Wie kann ich dieſe Liebe nur verdienen, wie mich ihrer würdig machen!“ „Indem Du glücklich biſt, mein Kind. Laß mich in Deinen Blicken leſen, daß das Leben, welches ich Dir ge⸗ geben habe, ein Gut für Dich iſt, laß mich fühlen, daß Du das größte Vertrauen zu mir hegſt und überzeugt biſt, daß Deine Freude meine Freude iſt, daß Dein Schmerz in meiner Bruſt einen Wiederhall findet;— daß ich Dein erſter und beſter Freund bin. Willſt Du das, kannſt Du das, Germaine?“ „Wie ſollte ich nicht,“ rief ſie wonnetrunken,„mein einziger, mein beſter Vater!“ „So ſind wir einverſtanden,“ ſagte Necker, ſtand auf und küßte ſein Kind auf die Stirne.„So iſt Alles unter uns ausgeglichen.— Und nun ſchreibe fort, ſo viel Du willſt. Il n'y a que le premier pas qui coüte. Dieſen erſten Schritt haſt Du gethan.— Du haſt Dich auf dem literariſchen Felde verſucht, und mit Glück verſucht.— Wandele nun weiter auf dieſer Bahn fort, wenn es Dich beglückt.— Noch bin ich, Dein Vater, da, um die Dornen * Madame Necker de Sauſſure Seite 22. u S9 S S— 8 — ein ter Du ſen em ich nen 171 mit liebender Hand aus Deinem Herzen zu ziehen und eine Weile wird mich Gott Dir vielleicht noch erhalten. Wenn ich dann einſt nicht mehr bin, nun, ſo mußt Du tragen, was Andere vor Dir hingenommen haben und vielleicht wird meine Liebe ſtark genug ſein, auch über das Grab hinaus Dich noch ſchützend zu bewahren und gegen Unbill zu ſtählen, durch die Erinnerung, wie viel Du mir warſt. Wer ſich einmal ſo recht aus tiefſtem Herzen geliebt und verſtanden gewußt im Leben, der härtet ſich an dieſem Feuer zu einem echten Diamant.— Die Liebe Deines Vaters ſoll für Dich ein Schild ſein, an dem jeder Pfeil abprallt. Lebe wohl, mein Kind.“ Er wandte ſich raſch ab, um ihr die Thräne zu ver⸗ bergen, welche ſich aus ſeinem Auge ſtahl, und entfernte ſich. Germaine blieb in tiefſter Bewegung zurück.— Sie drückte die Hand feſt auf das hochpochende Herz und ſchaute wie trunken umher. So glücklich, nein, ſo ſelig hatte ſie ſich noch nie gefühlt, ſo köſtlich das Geſchenk des Lebens noch nie empfunden! Sie faltete endlich ihre Hände über der Bruſt zu⸗ ſammen und ſtammelte ein leiſes Dankgebet. Oh, dieſe Wonne! Er liebte ſie, liebte ſie mehr als irgend etwas ſonſt auf dieſer Erde.— Das war des Glückes faſt zu viel. Erſchöpft ſanken ihre Augenlider und ein ſanfter 145 172 Schlummer bemächtigte ſich ihrer. So mögen Engel ruhen, ermattet von zu großer Wonne.— Ein ſeliges Lächeln umſpielte ihren Mund, und Träume umgaukelten ſie dabei, wie ſie ſie nie zuvor ge⸗ träumt. Ihre Lippen bewegten ſich, ſie rief im Schlummer nach ihrem Vater und als ſie wieder erwachte, betete ſie: „Mein Gott!— verzeihe mir, wenn ich ihn mehr lieben ſollte, als Dich!“ Der Doctor Tronchin fand am folgenden Morgen ihren Puls aufgeregter und den Zuſtand im Ganzen ver⸗ ſchlimmert, ſie aber verſicherte ihm, daß ſie ſich nie ſo wohl gefühlt.— Das veränderte ſeinen Ausſpruch nicht. Er behauptete, daß nur die größte Gemüthsruhe und gänzliche Vermei⸗ dung aller geiſtigen Anregung die Geſundheit des Mäd⸗ chens herſtellen, ja ihr Leben erhalten könne.— Die Stirne von Madame Necker umwölkte ſich bei dieſem Ausſpruch.— Dieſe einzige kleine Falte war alles, was ſie ihrem Unmuthe geſtattete, denn Stimme und Worte durften nie die Verräther ihrer Empfindungen werden. „Meine Tochter kann in dem Hauſe ihres Vaters nicht das Leben einer Gefangenen führen,“ ſagte ſie dann, „noch kann ihr Geiſt hier gänzlich ruhen. Sie würde auch die Langeweile ſolchen Unbeſchäftigtſeins nicht ertragen.“ „Doch muß ſie ſie ertragen,“ verſetzte Doetor Tronchin 173 ſtrenge,„denn es iſt die einzige Arznei, welche ich ihr ver⸗ ſchreiben kann, und man fragt bei einem Mittel nicht, wie es ſchmecke, ſondern welche Wirkung man ſich davon ver⸗ ſprechen könne. Mademoiſelle Necker muß auf dem Lande leben und den ganzen Tag im Freien zubringen, wo möglich in der Geſellſchaft von Kühen und Schafen.— Feder und Tinte werden nicht mitgenommen, eben ſo wenig Bücher. Der Menſch iſt geſchaffen, um mit der Natur zu leben, und nicht mit dem Papiere.“ „Sie haben Rouſſeau's Emil geleſen,“ ſagte Ma⸗ dame Necker mit leiſem Spotte.— „Wie es ſich von jedem gebildeten Menſchen erwarten läßt,“ erwiederte Doctor Tronchin ruhig.„Aber ich habe mehr noch gethan, ich habe mich auch zugleich von ihm überzengen laſſen.“ „Es klingt manches in der Theorie vortrefflich, das ſich in der Praxis ſchlecht ausnimmt,“ erwiederte Madame Necker bitter; denn zum erſten Mal vielleicht konnte ſie ihrer Verſtimmung nicht Herr werden.„Wir Frauen lieben nun einmal den Menſchen nicht in ſeiner Urſprüng⸗ lichkeit, für uns wird er erſt durch ſeine Bildung ein Ge⸗ fährte. Darum, je höher die Frau ſtrebt, je mehr muß der Mann ſein ſittliches und geiſtiges Ideal ſteigern. Ich hegte für meine Tochter große Wünſche, weit reichende Pläne; Sie haben das Gebäude meiner Hoffnungen mit ———— 174 Ihrem Machtſpruche zerſtört, und mein Kind der Alltäg⸗ lichkeit zurückgegeben. Muß ſie aufhören ihre Kenntniſſe zu erweitern, ſo heißt das zugleich auf jede Auszeichnung Verzicht leiſten.“— Alle Zeit und Mühe, welche ich auf ihre Erziehung verwendet, iſt verloren. Es wird kein Ruhm für mich ſein, ſie ausgebildet zu haben, ſobald ſie nicht mehr wie jedes andere Mädchen leiſtet, das in irgend einer Penſion aufgewachſen iſt.“ „Mademviſelle Necker wird mit dem Pfunde wuchern, welches ihr die gute Mutter Natur verliehen,“ verſetzte Doctor Tronchin lächelnd,„und Sie können verſichert ſein, Madame, daß meine Kur ihren Fähigkeiten keinen Abbruch thun wird. Mit dem Gedeihen des Körpers wächſt der Geiſt erſt recht.“ „Welcher Materialismus,“ rief Madame Necker ent⸗ ſetzt.„Auf dieſem Wege geht Frankreich ſeinem Unter⸗ gange zu, das iſt gewiß. Wenn Sie den Menſchen zu einer bloßen lebenden Maſchine machen, ohne den Geiſt, der für das Ewige reifen ſoll, von dem Körper unabhängig zu machen, ſo mag er gern das Spiel ſeiner Leidenſchaften werden; denn was hält ihn?— Mir ſchaudert, wenn ich bedenke, an welchem Abgrunde wir ſtehen! Erſt erſcheint Gall mit ſeiner Schädellehre, als ob die Seele etwas * Madame Necker de Sauſſure S. XXX. det mi die ha ne ha ſe — 1— S—= c — 175 Taſtbares wäre; ihm folgt Mesmer, der das Nervenſyſtem zu einer Gottheit erhebt, und der gute Lavater lieſt nun endlich noch den ganzen Charakter des Menſchen aus ſeinem Geſichte.— Immer iſt es der Körper und wieder der Körper, bei dem man Aufſchlüſſe über die Seele ſucht, ſtatt ſich an die Bibel zu halten, welche das Fleiſch als den Sitz aller Sünden betrachtet. Wie weit ſind wir noch von dem Lichte der Wahrheit entfernt, wenn wir ihm auf dieſem Wege nachſtreben.“ „Es wird ſich ausweiſen, ob es der rechte iſt,“ ver⸗ ſetzte Tronchin lächelnd.—„Schönen Damen kleidet freilich die Begeiſterung für eine ideale Welt weit beſſer, als ein poſitives Verkehren mit der Wirllichkeit. Die Pſychologie iſt ihre Wiſſenſchaft, nicht die Phyſiologie; denn Diagnoſen würden ſie nur ſchwerlich zu ſtellen ver⸗ mögen. Die Liebe iſt ihr Thema, und das unfrige—— die Nothwendigkeit.“ „Nicht alle Aerzte ſtehen auf Ihrem Standpunkte.“ „Ich weiß es,“ verſetzte Doctor Tronchin lächelnd. „Seit Moliére ſo viel aus unſerer Schule geſchwatzt, haben wir zu verſchiedenen Methoden unſere Zuflucht nehmen müſſen; denn der Glaube an unſer altes Regimen hatte zu wanken begonnen, und wir mußten ſuchen Stützen anzubringen. Deren giebt es nun ſehr verſchiedene, Gott ſei Dank, und täglich kommen neue noch hinzu.— Die 6 ſ 6* 176 Menſchen wollen getäuſcht ſein, ſie wollen ihre Heilung am liebſten einer Methode verdanken, die ſie nicht ver⸗ ſtehen, und Mittel anwenden, welche ſie wie Geiſterhauch anwehen.— In dieſe Kategorie gehört nun auch der Magnetismus, welcher für zarte Damen ein allerliebſter Kitzel der Sinne iſt.“ „Sie vergeſſen, daß Sie zu einer Dame ſprechen,“ fiel ihm Madame Necker ernſt in das Wort. „Aber einer Ausnahme Ihres Geſchlechtes. La femme à Thomas? kann kein gewöhnliches Weib ſein.— Sie haben keine Zeit, ſich mit Ihren Stimmungen zu beſchäf⸗ tigen, die Verwaltung eines großen Vermögens, die Er⸗ ziehung Ihrer Tochter, die Einrichtung eines Kranken⸗ hauſes, die geſelligen Beziehungen, das Alles nimmt Ihre Zeit ſo vielfach in Anſpruch, daß Sie mir nie das Ver⸗ gnügen gönnen, Sie behandeln zu dürfen, außer wenn Sie vor Erſchöpfung zuſammenbrechen und ich ausrufen muß Halt!— Sie können alſo nicht beleidigt ſein, wenn ich an Ihrem Geſchlechte tadele, daß es nicht denkt und handelt, wie Sie!“ Dies feine Compliment verfehlte ſeine Wirkung nicht. Freundlicher erwiederte Madame Necker: * Als Thomas ſeine Geſchichte der Frauen geſchrieben, wurde Madame Necker in der italieniſchen Oper mit dieſem Ausdrucke begrüßt. ſie Do me un ng er⸗ er ter ⸗ 15 177 „Wenn die Frauen im Allgemeinen nicht ſind, was ſie ſein ſollten, ſo liegt das an ihrer Erziehung, Herr Doctor!— Ich bin nur, was ich bin, durch die Sorgfalt meines Vaters.“ „Sie wollen nun einmal ein Kunſtproduct ſein und jeden Schulmeiſter zu einem Pygmalion erheben,“ ſagte der Doetor Tronchin lächelnd und griff nach ſeinem Hute. Mutter und Tochter ſaßen ſich eine Weile ſchweigend gegenüber, als ſie allein waren. „Du ſcheinſt verſtimmt,“ nahm endlich Germaine das Wort,„hoffentlich habe ich Dir nicht die Urſache dazu gegeben?“ Madame Necker antwortete nicht gleich. Sie ſchien unſchlüſſig zu ſein, was ſie erwiedern ſollte. Endlich ſagte ſie gemeſſen: „Ich habe bemerkt, daß Du in der Unterhaltung mit Deinem Vater ſtockeſt, ſobald ich in das Zimmer trete. Haſt Du ihm etwas mitzutheilen, das Du mir vorenthalten möchteſt.“ „Durchaus nicht!“ verſetzte Germaine erglühend. „Warum ſchweigſt Du denn vor mir, oder vielmehr, warum brichſt Du eine Unterhaltung ab, die Dir und ihm Vergnügen zu machen ſcheint, und fängſt von andern Dingen zu ſprechen an, ſobald ich mich zu Euch geſelle?“ „Weil“— verſetzte Germaine unſchlüſſig—„weil— 178 Du ſtrenger biſt, als mein Vater, und an den tauſend kleinen Witzworten, womit ich ihn zu amüſiren ſuche, kein Gefallen finden würdeſt.— Ich freue mich ſo ſehr, wenn ich ihn lachen ſehe; denn nach ſo ernſter Arbeit, wie ſeine Stellung ſie ihm aufbürdet, iſt ihm das eine Wohlthat. Wenigſtens ſagt er mir das.— Ich kann mit ihm tändeln, ſcherzen, ihm ein délassement gewähren, wie er es ſucht und bedarf; denn ich bin noch ein halbes Kind und ſchmiege mich gern dem Augenblick an.— Vor Dir aber thue ich das nicht gern, denn Du haſt mir ein ſolches laisser aller nie geſtattet, weil Du es ein geiſtiges Vagabondenleben nannteſt; ich ſollte mich von meiner beſten Seite zeigen, und nicht von meiner ſchlechteren; ich ſollte mit meinen höchſten Kräften hervortreten und nie die Narrenkappe aufſetzen, ſagteſt Du.— Weil ich nun aber vor meinem guten Vater alles das thue, was gegen Deine Wünſche iſt, und ihm damit gefalle, ſo ſchweige ich, wenn Du zu uns kommſt, um Dich nicht zu betrüben.“ „Alſo Deinem Vater gefällt das,“ ſagte Madame Necker gedehnt, und zum erſten Male wurde ihr reiner Sinn, ihr edles Gemüth, von einem Gefühle der Bitterkeit getrübt, das um ſo herber war, weil es dem eigenen Gat⸗ ten, der eigenen Tochter galt, zwei Weſen, denen ſie mit ihrem ganzen Herzen anhing. Sie verließ das Zimmer, ſchloß ſich allein ein und dies Stel Und da„ geſe fort auf Und beh Sc Ver ſin Ge me ler eit at⸗ nit 179 — weinte.— Seit ſie Necker ihre Hand gereicht, waren dies ihre erſten Thränen. Die Furcht beſchlich ſie, künftig nicht mehr die erſte Stelle in dem Herzen ihres Gatten einzunehmen!— Und wie konnte ſie verſuchen dieſe Stelle zu behaupten, da es augenſcheinlich ihrer Tochter durch ganz entgegen⸗ geſetzte Eigenſchaften von den ihrigen gelang, ihn zu unter⸗ halten, zu feſſeln und für ſich einzunehmen.— Ihr hier entgegen treten und den Sieg ſtreitig machen, das durfte ſie nicht. Sie hatte gehofft, daß ihr Gatte ſie in ihrer Tochter fortlieben ſolle.“ Darum allein wandte ſie alle Mühe auf deren Erziehung, um ſich in ihr verjüngt zu ſehen. Und nun dieſe herbe Täuſchung. Zum erſten Male verließ ſie ihre ſonſtige Selbſt⸗ beherrſchung. Ungeduldig maß ſie das Zimmer mit langen Schritten, Verdruß ſprach ſich in ihren Mienen aus;— Verdruß und die bitterſte Enttäuſchung. „Sie muß fort,“ ſagte ſie ſich nach langem Nach⸗ ſinnen.„Sie mag nach Saint Ouen gehen, wie es der Doctor Tronchin fordert; ich aber bleibe hier bei meinem Gatten zurück und verſuche, mir ihn wieder zu gewinnen. * Madame Necker de Sauſſure S. 23. 180 Mein iſt er, mein ſoll er bleiben. Germaine hat ihr Leben vor ſich, ihr ſtehen noch alle Wege offen; das meinige iſt abgeſchloſſen, ich habe nichts mehr auf dieſer Welt zu hoffen, nichts zu verlieren, als ſeine Liebe.— Es iſt mein höchſtes Gut; und für das Höchſte ſetze man das Höchſte ein.“ und den 2 in de die Hau ſchier ren( Hän deckt ſicht ſchie geſté ih das ieſer man Elftes Capitel. Das Landhaus in Saint Ouen. Hell leuchtete die Frühlingsſonne auf die Erde herab und begrüßte die keimenden Saaten. Germaine Necker wandelte geflügelten Schrittes in den Alleen des Gartens umher, mit einem großen Buche in der Hand, das einen blauen Einband trug. Heiß fielen die glühenden Strahlen des Mittags auf ihr entblößtes Haupt herab, ohne daß ſie deren Brand empfand. Sie ſchien in ihre Lectüre ſo völlig vertieft, daß ſie allen äuße⸗ ren Einflüſſen dadurch unzugänglich ward. Ihre ſchönen Hände und Arme, von ihrer Mutter ſtets ſo ſorgfältig be⸗ deckt, damit ihrer Tochter dieſer Reiz bleibe, waren rück⸗ ſichtslos den ſengenden Strahlen Preis gegeben. Sie ſchien ſich ſelbſt gänzlich vergeſſen zu haben. Der Landaufenthalt hatte ihre Geſundheit bedeutend geſtärkt. Sie war ungewöhnlich groß für ein Mädchen, 182 das nicht lange ihr funfzehntes Jahr zurückgelegt hatte, und ihre ſtarken Glieder, ſo wie ihre Fülle, ließen ſie in der Ferne für weit älter erkennen, als ſie in Wirklichkeit war. Ihr feſter Schritt, ihre tiefe Stimme, der ſichere Blick ihres Auges, das keine jungfräuliche Schüchternheit ſenkte, beraubten ſie des großen Reizes ihres Alters, wofür ihre ungemeine Begabung jedoch Erſatz bot. Ihr ſchwarzes Haar hing unordentlich über ihre Schultern herab, wäh⸗ rend ſie ihr großes; dunkles Auge beredt zum Himmel emporrichtete und in laute Ausbrüche des Entzückens gerieth. „Ja, ich bin glücklich zu preiſen!“ rief ſie aus,„einen ſolchen Mann meinen Vater zu nennen. Wenn ich dem ganzen Laufe der Geſchichte nachgehe, ſo finde ich den Na⸗ men nicht, welchen ich dem ſeinigen an die Seite ſetzen möchte. „Dieſer Rechenſchaftsbericht iſt kein Buch, es iſt eine That. Indem er dem Volke einen Blick in den Zuſtand der Finanzen des armen Frankreich werfen läßt, erklärt er es für mündig. „Mag der Graf von Artois ſeinen Freunden zu⸗ flüſtern, daß dieſes Conte bleu eine abgeſchmackte Ge⸗ ſchichte ſei, die ſich der Bürger von Genf in ſeiner Unver⸗ ſchämtheit erlaubt habe, mag er mit ſeinen Genoſſen Spott darüber treiben; er ändert die große Sache damit nicht. Le digk ſpr Urſ Ga bin an ſche Sk iſt, er wa atte, ſie in chkeit chere nheit ofür arzes wäh⸗ nmel ckens einen dem Na⸗ ſetzen eine ſtand rt er zu⸗ twer⸗ pott 183 Mit dieſem Buche iſt ein wichtiges Wort geſprochen: Le peuple est souverain! Das Volk wird ſeine Mün⸗ digkeit behaupten und eine vernünftige Freiheit bean⸗ ſpruchen. Der Compte rendu meines Vaters wird die Urſache einer Revolution in Frankreich ſein.“ „Welch ein Vorzug, daß ich dies erleben mußte. Ganz Frankreich wird auf meinen Vater ſehen, und ich bin ſeine Tochter und darf mich in ſeinem Ruhme ſonnen. „Wie ſehne ich mich, es ihm auszuſprechen, wie ſehr ich ſeine That bewundere! Aber er iſt fern, und wenn ich ihn ſehe, werde ich den Muth nicht haben, meinem Herzen Luft zu machen.— Ich ſchreibe ihm, doch anonym. Er muß erfahren was ich empfinde, auch ohne zu wiſſen, daß ich es bin, die ſo empfindet. „Der alte Gärtner mit ſeinem Sohne arbeitet dort an ſeinen Spargelbeeten ſo ruhig fort, als ob nichts ge⸗ ſchehen wäre; doch macht dies Buch ihn zu einem Men⸗ ſchen. Ob ich es ihm nicht verkünde, daß er nicht mehr der Sklave eines Despoten, daß er der Bürger eines Staates iſt, deſſen Laſten er mit trägt, um deſſen Regierungsform er ſich bekümmern muß.“ Sie eilte der Gegend zu, wo jene Leute beſchäftigt waren. Beim Nahen der jungen Herrin zogen ſie ehrer⸗ * d'Alembert. 184 bietig ihre Mützen.— Sie Alle liebten ſie; denn ſie erwies ihnen viel Gutes, jeder Leidtragende fand bei ihr ein offe⸗ nes Ohr und ihre Theilnahme linderte oft eben ſo viel, als ihr Geld. Ihr gutes Herz war daher weit und breit bekannt, und Jeder vertraute ihr gern ſeine Sorgen, weil ſie mit Verſtändniß und mit jenem Antheil zuhörte, der die Lage des Andern für den Augenblick zu ſeiner eigenen macht. Ihre Wünſche wurden daher von den Leuten mit der größten Bereitwilligkeit ausgeführt, und auch jetzt ſtellten ſie ihre Arbeit ein, um ihren Worten ein aufmerkſames Ohr zu leihen. „Ich wollte Euch nur ſagen,“ begann ſie,„daß für Frankreich jetzt ein neues Leben beginnt. Mein Vater hat hier dies Buch geſchrieben, worin die Ausgabe und die Einnahme des Staates verzeichnet iſt. Dies kann nun Jeder von Euch leſen, und dann urtheilen, ob der König das Geld, welches Ihr ihm anvertraut, richtig verwaltet hat. Ihr habt nun Alle Antheil an der Regierung, ſeid Bürger eines mächtigen Staates; Eure Menſchenrechte werden anerkannt, das Volk bekommt eine Stimme.— Seid Ihr darüber nicht froh?“ „Wenn Sie es ſagen, Mademviſelle, daß wir froh ſein dürfen, dann ſind wir es auch; denn Herr Necker iſt unſer Aller Wohlthäter;“ erwiederte der alte Mann. ies ſſe⸗ iel, eit eil die ten der ten es für hat die mn nig tet eid hte oh iſt m. „Ohne ihn wäre Frankreich verloren.— Aber leſen kann ich in dem Buche nicht, weil ich es nie gelernt habe. Doch mein Sohn da, der kann es.“ Der junge Mann hatte ihren Worten mit Aufmerk⸗ ſamkeit und ſichtlich auch mit mehr Verſtändniß zugehört, als ſein Vater. Sein Auge funkelte und ſeine Miene ſprach es aus, daß es ihm ganz recht ſein würde, wenn er nicht bloß die Erde graben dürfe. „Ich leſe die Zeitungen,“ ſagte er,„und habe ſchon etwas davon gehört im Wirthshauſe.— Freilich, wenn es bei uns werden könnte, wie in Amerika, das wäre mir ſchon recht, und hätte ich nicht meinen alten Vater, ſo wäre ich lange fort, und kämpfte mit. Es iſt doch ein ganz an⸗ deres Leben dort. Man hat ſein Brod und keine Steuern. Man weiß, wofür man ſeine Hände regt.“ „Freilich, ſo wie in Amerika wird es bei uns nie wer⸗ den,“ erwiederte Fräulein Necker, überraſcht durch ein Be⸗ 3 gehren, das weit über ihre Wünſche hinauslag;„wir müſſen unſern guten König behalten. Doch können wir die Ausgaben des Staates vermindern und es dem Volke dadurch leichter machen. Seht Ihr, das iſt meines Vaters „Ich weiß es,“ erwiederte der junge Mann ſchlau; „wir haben noch geſtern Abend in der Schenke davon ge⸗ 1859. I. Frau von Stasl. I. 185 A 12 186 Fräulein Necker empfand die größte Neugierde, ein⸗ mal zu hören, wie ſich dieſe Leute, wenn ſie Abends bei⸗ ſammen ſaßen, über ihren Vater unterhielten. Sein Ruhm lag ihr ſo ſehr am Herzen, daß ſie ihm auf allen Wegen nachzuſpähen wünſchte. Jetzt trat ihre Gefährtin, Fräulein Huber, zu ihr und bat ſie in das Haus zu kommen, wo das Gabelfrüh⸗ ſtück auf ſie warte. „Ich kann nicht eſſen!“ rief Fräulein Necker mit ver⸗ neinender Bewegung des Hauptes.„Ich bin wie trunken von meinem Glücke, und ſuche nach Menſchen, die es mit mir theilen, denen ich ausſprechen kann, was ich empfinde und die mit mir empfinden wollen.“ „Du kannſt ja während des Speiſens mit mir reden, ſo viel Du willſt,“ ſagte ihre Freundin, und bemühte ſich ſie mit fortzuziehen. „Um tauben Ohren zu predigen.— Du ſagſt mir ja ſtets, daß der Haushalt und ein neuer Hut Dich unendlich angenehmer beſchäftige, als alle Geſetze Montesquieu's.“ „Freilich! Aber Dir zu Liebe höre ich dennoch zu und bemühe mich auch zu begreifen was Du ſagſt. Was hat ſich denn jetzt ſo Großes ereignet?“ „Nun, dieſes Buch! Du weißt es ja. Sieh jene alte Eiche an! Sie bedurfte vielleicht tauſend Jahre zu ihrem Wachsthum und Niemand erzählt uns heute, welche m kei ur ka ei⸗ en nit 187 Hand die Eichel in die Erde ſenkte, die den mächtigen Baum trug.— So klein der Anfang und ſo groß das Ende.— Daſſelbe wird mit dieſem Rechenſchaftsberichte der Fall ſein.— Unberechenbar ſind die Folgen dieſes erſten Schrittes, Niemand vermag zu ſagen, wohin der Weg uns führt, den dieſes Buch uns zeigt. Ein neuer Tag bricht damit über uns herein, es iſt die Saat geſäet, wir ſehen ſie nun keimen; doch wer die Schnitter ſind, das ahnen wir noch nicht. Ich bin entzückt von meinem Vater! Er iſt ein großer, großer Mann.“ „Dies Buch mit all den vielen Zahlen ſcheint Dir ſo wichtig?“ rief ihre Freundin zweifelnd.„Deine kind⸗ liche Liebe ſieht diesmal wohl ein wenig mehr als da iſt. Aber nun komm' in das Zimmer!“ „Ich will Dir folgen, wenn Du mir verſprichſt, mir eine halbe Stunde lang Deine Feder zu leihen. Ich muß einen anonymen Brief ſchreiben.“ „Dazu helfe ich Dir nicht. Madame Necker würde mir das nie verzeihen, wenn ſie es erführe;“ ſagte Fräulein Huber ſtrenger. „Sei nicht bange,“ rief Germaine lachend.„Es iſt kein Liebesbrief; ich will nur an meinen Vater ſchreiben und er darf die Hand nicht kennen.“ „Glaubſt Du denn, daß ihm die meinige unbe⸗ kannt iſt?“ 12* 188 „Wahrhaftig, daran hatte ich im erſten Augenblicke nicht gedacht. Wohl denn! So gehen wir damit zum Pfarrer, er muß es abſchreiben.“ Fräulein Huber war ſchon an die ſeltſamen Launen ihrer Freundin gewöhnt, und ſo oft ſie nicht gegen die von Madame Necker hinterlaſſenen Vorſchriften verſtießen, lieh ſie ſich ihnen willig. So wanderten die jungen Mädchen denn im Laufe des Nachmittags getroſt dem Dorfe zu, um den Geiſtlichen aufzuſuchen, der die enthuſiaſtiſche Zuſchrift der Tochter Necker's copiren ſollte. Sie fanden den ſchon bejahrten Mann in ſeiner Wohnung und ſetzten ſich ihm gegenüber, während er die ihm nicht ganz leichte Arbeit unternahm. „Ich wüßte Jemand, der es noch beſſer machen würde,“ bemerkte er, während er ſeine Brille auf der Naſe ſchob.„Das iſt der Sohn des Förſters, der am Ende der großen Wieſe wohnt. Seine Handſchrift iſt wie geſtochen.“ „So wollen wir zu ihm gehen,“ rief Fräulein Necker, und ſprang auf, um aus dem Worte ſogleich die That zu machen. „Wie ſchickte ſich das!“ ſagte Fräulein Huber miß⸗ billigend. „Immer Regeln und wieder Regeln für Dinge, die keinen Grund haben, und nur ſchicklich oder unſchicklich ſind in dem Maße, wie wir ſie ſo finden wollen. Ich kann 189 dies beſtändige Hadern um Kleinigkeiten nicht leiden,“ fuhr ſie fort, unmuthig den Boden ſtampfend.„Gerade weil ich in dieſer Beſchränkung erzogen wurde, empört ſich jetzt mein ganzes Naturell dagegen, und koſte es was es wolle, ich folge meinem premier mouvement.— Der erſte Ge⸗ danke kommt von Gott, der kann mich nie irre führen; der zweite iſt das Werk menſchlicher Satzungen, und darum den Gebräuchen der Welt angemeſſen. Dieſe aber ſind nicht unſer höchſtes Sittengeſetz. Ich gehe.“ „Ich werde Sie begleiten, meine Tochter,“ ſagte der Pfarrer.„Dann wird Fräulein Huber um ſo weniger Anſtoß an einem Schritte nehmen, deſſen Urſache ich eigentlich bin.“ Sie fanden den jungen Revierjäger nach ſeinen Streifereien im Walde ruhend.— Als er den vornehmen Beſuch erfuhr, ordnete er ſchnell ſeinen Anzug und trat dann zu den Gäſten ein. Fräulein Necker war ſichtlich überraſcht von ſeiner ſchönen Geſtalt und ſeinem einneh⸗ menden Weſen, das ihn viel mehr einem Cavalier des Hofes ähnlich machte, als einem Manne in ſeiner beſchei⸗ denen Lage. Da ſie nichts verbarg, was in ihr vorging, ſo verrieth ſie ſchnell, welchen Eindruck er auf ſie hervor⸗ brachte. Der Pfarrer nahm indeſſen das Wort und erklärte ihm die Abſicht ihres Beſuches. 190 „Sie machen mich glücklich durch dieſen Auftrag,“ ſagte er,„und noch mit mehr Freude würde ich mich dem⸗ ſelben unterziehen, wenn Sie mir geſtatten wollten, die Schrift perſönlich überbringen zu dürfen. Ich bewundere Ihren Herrn Vater ſo aufrichtig, daß ich ſtolz ſein würde, ihn kennen zu lernen.“ „Er darf aber nicht erfahren, von wem das Schrei⸗ ben kommt,“ rief Germaine lebhaft. „Gewiß nicht. Ich werde ſagen, daß es mir von unbekannter Hand übergeben ſei. Sind Sie damit zu⸗ frieden?“ „Und wie ſehr!— Aber nun ſagen Sie mir noch, ob Sie, wenn Sie einmal in Paris ſind, nicht erfahren können, was man dort von meinem Vater ſpricht? Wie man ſeinen Rechenſchaftsbericht aufgenommen hat, ob man einzuſehen vermag, wie groß, wie kühn es von ihm war, damit vor die Regierung hinzutreten und ganz Frankreich, ja die Welt zu Zeugen ſeiner Redlichkeit zu machen.“ „Ich werde, wenn Sie es wünſchen, in die beſuch⸗ teſten Kaffeehäuſer gehen und den Unterhaltungen zu⸗ hören,“ verſetzte der junge Mann.„Haben Sie noch ſonſt Aufträge, ſo ſtehe ich zu Dienſten.“ „Wie bald werden Sie mit der Abſchrift fertig ſein? Und wie ſchnell kann ich Sie dann zurück erwarten?“ rief Germaine feurig. ie 191 „Sie dürfen mir dafür keinen beſtimmten und auch keinen allzu kurzen Termin anſetzen, Mademoiſelle, weil ich nicht wiſſen kann, wenn Herr Necker mich vor ſich laſſen wird. Seien Sie aber überzeugt, daß ich ſo ſchnell eilen werde, wie es mir möglich iſt, um Ihre Wünſche zu er⸗ füllen,“ ſagte er mit einem begeiſterten Blicke auf die Tochter Necker's. „So können wir jetzt gehen,“ bemerkte der Pfarrer. Als ſie auf dem Rückwege waren, ſagte er:„Nicht wahr, Fräulein Huber, es iſt alles recht anſtändig und hübſch abgelaufen?“ „Weil Sie dabei waren,“ erwiederte dieſe.„Der junge Revierförſter gedenkt nun aber noch uns in Saint Ouen aufzuwarten.“ „Wobei uns hoffentlich auch kein Schaden geſchieht,“ ſagte Germaine ſpöttiſch. Langſamen Schrittes gingen die Mädchen nun in der Abendkühle den Weg heim, der nie ganz einſam war. Als ſie aus dem Fußſteige in die Fahrſtraße bogen, kam eine arme Frau des Weges, welche ihr Kind und ein Bündel Holz mühſam fortſchleppte. „Wie könnt Ihr ſo viel tragen,“ redete Fräulein Necker ſie an.„Da hätte ich doch das kleine Geſchöpf zu Hauſe gelaſſen, wenn ich Holz einſammeln wollte.“ „Dann hätte das Kind ſich zu Tode geſchrieen,“ 192 erwiederte die Frau.„Wir armen Leute ſind am Beſten daran, wenn wir allein in der Welt ſind, Mademoiſelle; denn wir können uns nicht um die kleinen Geſchöpfe be⸗ kümmern, ohne Gefahr ſelbſt verhungern zu müſſen.“ „Es iſt aber doch auch eine große Freude, ſo ein kleines Kind, und der Menſch weiß dann doch auch, für wen er arbeitet.— Laßt mich einmal Euer Töchterchen tragen, das wird Eure Laſt leichter machen.“ „Ach! eine feine Dame, wie Sie, Sie können das nicht!“ rief die Frau entſetzt, augenſcheinlich beſorgt, daß das Kind den Händen Germaine's entfallen möchte. Aber dieſe hielt es lachend in ihren kräftigen Armen empor, und zeigte, wie leicht ihr die Bürde zu tragen ward. „Wenn uns nun Jemand begegnete und ſähe Dich mit dem ſchmutzigen Kinde,“ ſagte Fräulein Huber, die Straße entlang blickend. „So würde ich das Geſchöpf in den Graben werfen und mich ihm nach, um meine Schande ſo zu verbergen,“ rief Germaine lachend.„Es iſt ein vergebliches Bemühen,“ fügte ſie dann hinzu,„meinem Herzen einen Panzer anle⸗ gen zu wollen. Es will nun einmal ſchlagen und es ſoll auch ſchlagen!— Lug und Trug und tauſend Laſter, die den Charakter gefährden, können unbedingt ihren Weg gehen, Niemand hindert ſie; wenn aber der Menſch ſeinem Herzen folgt, wenn er ein warmes Wohlwollen empfindet, ſein Me ſchr Iſt iſt! die 9 m 193 ſeinem augenblicklichen guten Gefühle Ausdruck leiht, einem Menſchen ſagt: Ich liebe Dich, Du gefällſt mir! Dann ſchreit man über ihn, als habe er ein Verbrechen begangen. Iſt das nicht toll, rein toll!“ „Wie Du es hinſtellſt, freilich!“ „Als ob ich das anders hinſtellte, wie es wirklich iſt!— Meinſt Du etwa, daß mir Deine Miene heute ent⸗ gangen, als Du ſahſt, wie ich mit dem Förſter redete, als ob er meines Gleichen wäre? Du wollteſt, ich ſollte als die Tochter Necker's ein hochmüthiges Weſen annehmen, in ihm nur den dienſtfertigen Boten ſehen, den man mit einem gnädigen Lächeln und einem Goldſtück veich belohne. So ſtand es in Deinem Cataloge von Schicklichkeiten. In meinem ſtand es anders. Ein Menſch, dem der Adel der Natur auf die Stirn geſchrieben, der iſt auch meines Glei⸗ chen. Ich bin ja Rouſſeau's Schülerin, ich habe nicht ver⸗ geblich den ſtolzen Menſchen in ſeinem Kämmerlein beſucht, wo er ſo unabhängig hauſte wie ein Fürſt der Erde.— Ich habe nicht vergeblich an ſeinem Contrat social mich ſatt geleſen, während andere Kinder mit ihren Puppen tändeln. Weil ich nicht aufgewachſen und erzogen bin wie andere Mädchen, ſo kann ich nicht wie andere Mädchen ſein.— Meine gute Frau, habt Ihr Euer Kind ſelbſt genährt?“ fragte ſie jetzt, durch die Erinnerung an Rouſ⸗ ſeau zu dieſem Uebergang angeregt. 194 „Gewiß, Mademoiſelle; woher hätte ich ſonſt die Milch nehmen ſollen; auch denk' ich damit fortzufahren, bis er über ſein Jahr hinaus iſt.“ „Ein trauriger Grund; aber es geſchieht doch,“ ſagte Germaine. Indem legte ſich eine ſchwere Hand auf ihre Schulter. Sie ſah ſich um und Marmontel ſtand hinter ihr. „Um Gottes Willen, wo kommen Sie her?“ rief Fräulein Necker,„und noch dazu wie aus der Erde ge⸗ wachſen.“ „Nicht gar zu weit, um Sie hier auf der Landſtraße in eigenthümlicher Beſchäftigung zu ertappen. Ich habe nämlich für meine Familie in Saint Briſe nach einem Landhaus geſpäht, glücklich eine paſſende Wohnung gefun⸗ den, und da die Gelegenheit, nach Paris zurückzukehren, mir abgeſchnitten war, ſo wanderte ich nach Saint Ouen hinüber, Ihre Gaftfreundſchaft für die Nacht in Anſpruch zu nehmen.“ „Sie ſollen erhalten, was Küche und Keller zu liefern vermögen,“ rief Germaine freudig;„aber dafür müſſen Sie mir auch recht viel von Paris erzählen.“ „Wenn Sie zuerſt meine Neugierde über dies Kind befriedigt haben werden,“ erwiederte er lächelnd, das kleine ſchmutzige Weſen betrachtend, das ſie mit großer Sorge emporhielt. Zi ief Je⸗ ße be em ⸗ W en ſch en nd ne 195 „Nun, wie ſonſt wäre ich dazu gekommen, als hier auf der Straße, wo mir jene arme Frau, unter einer dop⸗ pelten Laſt ſeufzend, begegnete.“ „Das macht Ihrem Herzen Ehre, Germaine,“ ſagte er zutraulich.„Hier aber ſind wir an Ihrer Gartenpforte. Wie wird es nun damit?“ Sie zögerte. Sie hätte die Frau gern nach Hauſe begleitet; aber Marmontel war müde, ſie durfte von ihm nicht dies Opfer verlangen. „Warten Sie hier, liebe Frau!“ ſagte ſie,„ich werde Ihnen gleich Jemand ſenden, der Ihnen das Kind nach Hauſe trägt. Ich ſelbſt kann leider nicht weiter mit⸗ gehen.“ Damit reichte ſie ihr das kleine Mädchen hin und drückte ihr verſtohlen ein Geldſtück in die Hand. „Ach! Ich kann das Kind jetzt ganz gut allein weiter tragen. Ich danke tauſendmal. Die Mutter Gottes ſei mit Ihnen;“ ſagte die Frau, und ging vergnügt ihres Weges. Marmontel bot ihr nun ſeinen Arm und vergnügt ſchritt ſie an ſeiner Seite durch die ſchattigen Gänge dem Hauſe zu. „Womit ſind Sie denn jetzt beſchäftigt?“ fragte er. „Wieder eine dramatiſche Arbeit im Werke?“ „Ach! nein. Der Doctor Tronchin hat mir das 196 verboten. Ich darf nur leſen und auch das nur Stunden lang. Doch bin ich ja nun ganz geſund und ſtark, und hoffentlich wird er ſein Verbot zurücknehmen.— Ich habe ſehr viel Auszüge aus Montesquien gemacht, habe les Nations von Voltaire, und meines Rouſſeau Contrat social wieder und wieder geleſen, und meinen armen Kopf dadurch mit einigen vernünftigen Gedanken über die Staatsöconomie angefüllt.— Aber ach! mein lieber Freund! Es waren doch auch ſchöne Zeiten, als ich Anna Radeliffe's Romane, die Myſterien des Ugolino und jene ſchönen Werke las, bei denen man ſo angenehm ſchauderte, und wenn es Abends dunkelte, entſetzt in jede Ecke blickte, ob nicht ein Geiſt, ein Unthier oder irgend eine Schreck⸗ geſtalt ſich zeige, und uns mit Feueraugen dort bedrohe.— Es thut mir manchmal recht leid, daß ich ſo ſchön nun nicht mehr träumen darf.— Sir Charles Grandiſon, Clariſſa, das ſind ſchon andere Zeiten; da liebt man nur mit aller Kraft der Seele. Die neue Heloiſe reiht ſich dieſer Klaſſe an; doch ſuchen wir dieſe Helden in der Welt und nicht in Einſamkeit und Dämmerſtunden, wie die Spukgeſtalten.“ „Wo Sie ſie auch bald genug entdecken werden,“ verſetzte Marmontel lachend.„Der Tochter Necker's wird es nicht an Bewerbern fehlen.“ „Die meines Vaters Ruhm und ſein Vermögen, nicht aber und: alles haßt rühri mir Mar liebe Wir Das Illu Glü dem kom Zim allei kein wie bler ein 197 nicht aber ſeine Tochter wollen!“ rief ſie lebhaft.—„Ich will um meiner ſelbſt geſucht ſein; ich will geliebt ſein und mein ganzes Herz dafür in ustanſch geben. Mir iſt alles Halbe, alles Kalte, alles Berechnete ſo durchaus ver⸗ haßt! Wie ein elektriſcher Funke iu mich die Liebe be⸗ rühren, und wie mit einem Blitze mich und den Mann, der mir gehören ſoll, treffen.— Iſt es nicht ſo, mein lieber Marmontel?“ „Wir denken uns gar manches recht ſchön, meine liebe Mademviſelle Necker, und finden es nachdem in der Wirklichkeit nicht ganz unſern Erwartungen entſprechend. Das ſchadet aber nicht. Das menſchliche Leben beſteht aus Illuſionen und dieſe Illuſionen ſind unſer eigentliches Glück.— Denn hören ſie auf, ſo bleibt uns wenig mehr.“ Sie traten jetzt in das Haus. Germaine eilte zuerſt dem Portier zuzuflüſtern, daß wenn der junge Revierjäger komme, ſo möge er ihn, zu welcher Zeit es auch ſei, in ihr Zimmer führen und ſie rufen laſſen; denn ſie habe mit ihm allein zu ſprechen. Dann kehrte ſie zu Marmontel zurück. Sie haben alles Mögliche mit mir geſprochen und kein Wort von der großen That meines Vaters geſagt; wie kommt das?“ fragte ſie ihn. „Ich wußte nicht, ob man Sie von dieſem Conte bleu in Kenntniß geſetzt,“ ſagte er ſcherzend;„denn es iſt ein ſehr gefährliches Buch, deſſen Verfaſſer unter einem dreizehnten oder vierzehnten Ludwig ohne Zweifel gehängt wäre, während man ihn doch in unſern Tagen nur— köpft.“ „Sie ſcherzen!“ ſagte Germaine erbleichend. „Ich ſcherze— bis zu einem gewiſſen Grade,“ er⸗ wiederte Marmontel;„man wird ihm nicht buchſtäblich das Haupt abſchlagen, aber figürlich. Die Hofpartei wird ihn ſtürzen.“ „Das wäre möglich?“ fragte Germaine kleinlaut. „Nicht nur möglich, ſondern ſo gut als gewiß.“ Nach dieſer Antwort erwartete ſie um ſo ungedul⸗ diger die Rücktehr ihres Boten aus der Hauptſtadt, der aber freilich vor dem nächſten Abend nicht eintraf. Neck Stu zu ul⸗ der swölftes Capitel. Der bürgerliche Miniſter. Gedankenvoll, das Haupt in die Hand geſtützt, ſaß Necker an ſeinem Arbeitstiſche und vergaß den Verlauf der Stunden. Der König hatte ſein Geſuch abgeſchlagen, ihm, zu dem Amte des Miniſters, auch endlich die Stellung eines ſolchen einzuräumen, und nach dieſer Weigerung war ihm nur übrig geblieben, ſeine Entlaſſung zu fordern. Den Genfer Bürger im Miniſterrathe zu ſehen, wollte dem alten Adel nicht zuſagen. Man duldete das Laſter, man empörte ſich nicht gegen Betrug und den ſchändlichſten Mißbrauch der Staatskaſſe; aber wohl fühlte man ſich auf das Höchſte beleidigt durch die Nähe eines Mannes, der keinen Gehalt annahm, keine Günſtlinge hatte, kei⸗ ner Beſtechlichkeit zugänglich war, der die perſonificirte Rechtlichkeit darſtellte, und nur den einen Makel beſaß, 200 daß er keinen in Frankreichs Geſchichte verzeichneten Na⸗ men trug. Necker empfand tief die bittere Ungerechtigkeit dieſes Verfahrens und den Undank des Königs.— Er hatte Feinde am Hofe, denen ſeine Sparſamkeit zuwider war; Marie Antvinette liebte den Miniſter nicht, der nur von Einſchränkungen redete und der Graf von Artvis haßte ihn, ſeit er ſich geweigert ſeine Schulden ferner zu bezahlen. Man war in Frankreich ſeit ſo lange nur an eine unerhörte Verſchwendung am Hofe gewöhnt, daß man es nicht be⸗ greifen konnte, den Schatz nicht, wie ſonſt, gefüllt zu ſehen, da man doch bei weitem nicht die Summen daraus zog, welche die vorigen Könige gefordert.— Es war eine un⸗ angenehme Neuigkeit, zu hören: daß der Staat an einem Abgrunde ſtehe, und nach allen Seiten hin ſeinen Verbind⸗ lichkeiten nicht mehr nachzukommen im Stande ſei; und man haßte den Mann, der die Luſtbarkeiten durch ſolche trübe Bilder der Zukunft ſtörte. Necker hatte des Ruhmes genießen wollen, ſein neu erworbenes Vaterland aus dieſer Bedrängniß zu retten, und ſich darum mit ganzen Kräften dieſer großen Aufgabe gewidmet. Auf halbem Wege ſollte er jetzt ſtehen bleiben, ſollte in einem Momente davon ſcheiden, wo er durch die Veröffentlichung ſeines Compte rendu einen ſo großen Schritt auf dieſer Bahn vorwärts gethan. Abſe Ehr bekle gege vero umk ließ Sti ſpie hoh bere war Dh nur an, ſie wäl und auf ihre 1 ſes itte ar; von ßte len. rte be⸗ hen, 30 g, un⸗ nem ind⸗ und lche neu ten, abe en, die ſen Abſchied fordern zu müſ 201 Er bereute nun, daß er es dahin kommen laſſen, ſeinen ſſen. Warum auch nach der äußern Ehre einer Stellung geizen, die er in Wirklichkeit doch bekleidete; warum dem kleinen Stolze nachgeben, der ſich gegen ſolche Zurückſetzung empörte, die er eigentlich doch verachten konnte? Eine Fliege ſummte einſam durch das Gemach. Sie umkreiſte das Haupt des unbeweglich Daſitzenden, und ließ ſich endlich auf deſſen Hand nieder. Er fühlte ihren Stich und fuhr empor. Die Schatten des Abends hatten ſich geſenkt, golden ſpielten der Sonne letzte Strahlen an den Fenſtern der hohen Häuſer gegenüber, und in dem Gemache herrſchte bereits ein halbes Dämmerlicht. Er ſprang auf. Unruhig wanderte er einige Male auf und ab. Da vernahm ſein Dhr das leiſe Rauſchen eines Gewandes und durch die nur angelehnte Thüre trat ſeine Gattin ein. Mit ihren klaren blauen Augen ſah ſie ihn forſchend an, und als ſie die Wolke auf ſeiner Stirne bemerkte, trat ſie ihm näher, legte ihre rechte Hand auf ſeine Schulter, während ſie mit der linken ſein Geſicht zu glätten ſuchte und ſprach:„So gedankenvoll, mein lieber Necker?“ Statt aller Antwort legte er, wie müde, ſein Haupt auf die Gefährtin ſeiner Freuden und Leiden, und drückte ihre weiße, zarte Hand warm an ſeine Lippen. 1859. I. Frau von Stasl. I. 13 202 „Es ſind mehrere Bekannte im Salon. Willſt Du ſie nicht begrüßen?“ fragte ſie ihn ſanft. „Ich kann heute Niemand ſehen,“ erwiederte er mit vor Bewegung zitternder Stimme.—„Kehre zu ihnen zurück und entſchuldige mich. Mir iſt nicht wohl!“ „Auch körperlich nicht wohl?“ „Auch körperlich; der Geiſt läßt die Materie nicht unberührt, ſie muß es büßen, wenn er leidet.“ „Und mir willſt Du verbergen was Dich drückt?“ fragte ſie, halb gekränkt und halb verwundert. „Es wäre wohl das erſte Mal, wo Du nicht theilteſt, was mich trifft, mein treues Weib. Ich ſuchte Aufſchub nur für Dich; allein, es läßt ſich länger doch nicht Dir verbergen, ſo mag es denn auch ausgeſprochen ſein.— Ich bin— entlaſſen!“ Ein leiſer Schrei entfuhr ſeiner Gattin nach dieſem Worte, und Necker, wie von deſſen Klange überwältigt, ſank in einen Stuhl und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. Er weinte. Unerſchütterlich, gleich einem Felſen, hatte er bis jetzt in allen Lagen des Lebens ſeiner Gattin gegenüber ge⸗ ſtanden, ſeine tiefe Bewegung verurſachte ihr daher einen überwältigenden Eindruck. Selbſt in Thränen ausbrechend, kniete ſie vor ſeinem Seſſel hin, zog behutſam die Hände von begr ſie i Schr ſich leicht Grut Antn forde erthe den e es de nicht jetzt quält Stol Kind in de wiede inner Pein ſo w U — 203 von ſeinem Geſichte, drückte ſie leiſe an ihre Lippen und begrub endlich ihr Angeſicht darin. Sprachlos verharrte ſie in dieſer Stellung, um ihm Zeit zu laſſen, ſeines Schmerzes Herr zu werden; dann, als ſie glaubte, daß er ſich genugſam beruhigt, um durch Worte ſeine Bruſt er⸗ leichtern zu können, bat ſie ihn, ihr mitzutheilen, aus welchem Grunde der König ihn entlaſſen. „Auf mein Geſuch!“ erwiederte er und mit dieſer Antwort entlud ſich ein Stein von ihrer Bruſt. Ein ge⸗ forderter Abſchied iſt eine andere Sache als ein freiwillig ertheilter; der Stolz ihres Gatten konnte bei einem Acte, den er ſelbſt hervorgerufen, nicht in dem Maße leiden, wie es der Fall geweſen ſein mußte, wenn er den erſten Schritt nicht ſelbſt gethan.— Es war alſo nur die Reue, welche jetzt an ihm nagte und ſein Herz mit dem bittern Vorwurfe quälte, daß er das Wohl Frankreichs ſeinem gekränkten Stolze geopfert. „Wir gehen morgen nach Saint Ouen zu unſerm Kinde,“ ſagte Necker, ſowie er ſich mehr gefaßt.„Dort, in der Einſamkeit, werde ich die Ruhe meines Gemüthes wieder zu gewinnen ſuchen.— Alle Geſellſchaft, jede Er⸗ innerung an meine verlorene Stellung iſt mir jetzt eine Pein, Du wirſt mir daher einen Gefallen thun, wenn Du ſo wenig Gäſte, wie möglich, zu Dir bitteſt.“ „Mir iſt nichts lieber, als mit Dir und für Dich zu 13* 2 — 04 leben,“ erwiederte ſeine Gattin zärtlich.„Doch, mein theurer Necker, iſt die Sache ja noch gar nicht abgemacht, wie mich bedünken will. Du haſt die Bitte um Deine Entlaſſung dem Könige überſandt; doch ſeine Antwort blieb bis jetzt noch aus.“ „Sie kann nur lauten, wie ich es erwarte.— Wollte er ſie mir abſchlagen, ſo müßte er zugleich mein vorher eingereichtes Geſuch mir zugeſtehen und das darf er jetzt nicht thun.— Ich bitte Dich daher, alles auf unſere Ab⸗ reiſe vorzubereiten.“ „Vor Allem will ich unſere Gäſte erſuchen, Dich und mich für heute zu entſchuldigen. Ich fühle mich jetzt gleich⸗ falls nicht aufgelegt zu müßigem Geplauder und um ſo weniger, wenn ich Dich hier allein und traurig weiß.“ Sie entfernte ſich, um die nöthigen Befehle zu ertheilen und kehrte dann zu ihrem Gatten zurück. „Wenn es Dir lieb iſt, ſo fahren wir noch heute auf das Land,“ ſagte ſie, nachdem ſie ihm einige Minnten ſchweigend gegenüber geſeſſen. „Warum?“ fragte er und wandte raſch den Kopf nach ihr um, ſie mit ſeinen kleinen, durchdringenden Angen ſcharf meſſend. Sie ſchob den ſilbernen Armleuchter, den der Diener eben gebracht, bei Seite, und ſich zu ihrem Gatten über den Tiſch neigend, ſagte ſie gelaſſen: raſc hin. rief ihr ihr ein 205 „Der Abend iſt ſo ſchön; ich möchte ihn mit Dir im Freien genießen. Der Wagen iſt beſtellt; alles iſt bereit, Du brauchſt nur einzuſteigen. Komm!“ Sie ſtand auf.— Sein Auge folgte ihr noch immer, ſie ſenkte davor das ihrige, um ſeinem Blicke zu entgehen. „Du haſt die Antwort des Königs!“ ſagte er endlich raſch, als würde es ihm ſchwer die Worte auszuſprechen. Sie hielt ihm mit abgewandtem Geſichte ein Schreiben hin. Er ergriff es, riß das Siegel auf, durchflog es und rief:„Ich bin bereit. Laß uns aufbrechen,“ und folgte ihr haſtigen Schrittes zum Wagen. Germaine Necker hatte keine Ahnung von dieſer plötz⸗ lichen Ankunft ihrer Eltern. Der junge Revierförſter hatte ihr berichtet, daß ganz Paris den Namen ihres Vaters preiſe, daß der Aermſte wie der Reichſte den Compte rendu mit Begeiſterung leſe, daß ſelbſt die Damen am Hofe der Königin dies Buch auf ihrem Toilettentiſche ſtudirten, und Jeder nur von der Einnahme und der Ausgabe des Staates rede. Sie jubelte daher immer nur auf's Neue über ſeinen Erfolg, und konnte nicht genug Berichte darüber hören. Täglich mußte ſeitdem der junge Mann in die Stadt eilen und ihr Nachrichten holen. Alle erſcheinenden Flugſchriften, alle Tagesblätter ließ ſie für ſich kaufen, jedes Wort, das ihren Vater betraf, war ihr von Wichtigkeit. Ihr Zimmer war ganz bedeckt mit dieſen Papieren, 206 die Niemand berühren durfte und da ſie ſelbſt kein Ver⸗ gnügen an Ordnung fand, ſo blieb bald kein Raum mehr ſich darin zu bewegen.— Fräulein Huber lachte über dies Chaos, das ihrem Geſchmacke ſo wenig entſprach; doch blieb Germaine gleichgültig gegen ſolche Scherze und än⸗ derte nichts. Es konnte aber auch nicht ermangeln, daß dieſe vielen Blätter dann und wann etwas enthielten, das gegen ihren Vater gerichtet war, und der Zorn, welchen ſie darüber empfand, war unbeſchreiblich.— Man nannte ihn den Genfer Charlatan, verglich ihn mit Mesmer, ſpottete über ſeine Anmaßung, die Finanzen Frankreichs ordnen zu wollen und entwarf Carricaturen von ihm, welche ihn in allen möglichen lächerlichen Situationen darſtellten.— Er hatte leider die Unvorſichtigkeit begangen, in dem Rechenſchafts⸗ berichte von den großen Verdienſten ſeiner Frau zu reden, und ihre Tugenden auf eine Weiſe zu loben, welche ein Lächeln hervorrief.— Dieſe Blöße beuteten ſeine Gegner nun auf jede Weiſe zu ihrem Vortheile aus.— Der junge Revierjäger hatte Anfangs gezögert, für Fräulein Necker auch ſolche Lectüre einzukaufen, als ſie aber ſelbſt durch verſchiedene Anſpielungen hier und da eine Ahnung von deren Exiſtenz bekam, drang ſie darauf, auch in dieſem Be⸗ zug genau von Allem unterrichtet zu ſein. Sie hatte eben wieder eine neue Sendung in Empfang gen ben niſt den Füſ Als ſie Frö ſie ertr pör ver 207 genommen, worunter ein Bild:„Der Held des Deſicit“ benannt, ihren Vater darſtellte, wie er die Thüre des Mi⸗ niſteriums öffnen wollte, der Graf von Artois ihm aber den Weg vertritt, mit den Worten: kein conte bleu mehr. — Sie riß dies Blatt in tauſend Stücke, trat es unter die Füße, und warf die Fetzen ſchließlich zum Fenſter hinaus. Als hiermit ihr Zorn immer noch nicht gekühlt war, ſetzte ſie ſich auf die Erde und brach in lautes Weinen aus.— Fräulein Huber hörte ihr Schluchzen und eilte herbei, um ſie zu tröſten. Aber vergeblich verſuchte ſie ihren Zuſpruch! Ungerechtigkeit wird der Jugend am ſchwerſten zu ertragen und die ganze Natur des jungen Mädchens em⸗ pörte ſich gegen dieſe ihrem Vater ſo unverdient zubereitete Schmach.— Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, daß man ihm auf dieſe Weiſe Gutes mit Böſem vergelte und da ſie es noch nicht gelernt hatte, einen Schmerz in ſich zu verſchließen, ſo tobte ſie ihn körperlich aus. Erſchöpft von dieſer großen Gemüthsbewegung war ſie endlich in einen Schlummer verfallen, den ihre Freundin Sorge trug nicht zu unterbrechen; als das Rollen eines Wagens, der Lärm von Stimmen, das Auf⸗ und Zumachen der Thüren, ſie erweckte. Sie horchte einen Augenblick aufmerkſam; dann ſprang ſie auf und eilte hinunter. Als ſie über den Flur ging, kam Marmontel eben athemlos an. 208 „Ihr armer Vater!“ rief er, ihr die Hand reichend, entgegen.„Kommen Sie! Wir müſſen ihn zu tröſten ſuchen. Er verdient das nicht um Frankreich!“ „Es iſt ein gräulicher Undank!“ rief ſie aus, nur an ihre Carricaturen denkend.„Meine Mutter hat mich von Jugend auf gelehrt, den Undank als das ſchlimmſte Laſter zu betrachten und was ich bis dahin der Theorie nach ver⸗ abſcheut, ſoll ich nun in Wahrheit als eine Scheußlichkeit erkennen lernen. Ach! Marmontel, Sie wiſſen gar nicht was ich leide!“ „Stille, ſtille! Wir dürfen das nicht merken laſſen.— Machen Sie jetzt ein hübſch freundliches Geſicht und be⸗ grüßen Ihren Vater, als ob nichts vorgefallen wäre.“ Sie traten in den Salon. Bewegt ſchloß Necker ſein geliebtes Kind in die Arme. Es war ihm zu Muthe, als müſſe er in ihrer Liebe jetzt doppelten Erſatz ſuchen für das ihm widerfahrene Leid und lange hielt er ſie ſchweigend an ſeine Bruſt gedrückt.— Dann erſt begrüßte er den Freund, der, durch einen Zufall von dem Vorgefallenen unterrichtet, hergeeilt war, um ihm ſeine Theilnahme zu bezeugen. Gleich darauf erſchien auch der Bruder Necker's.* Er hatte ihn in ſeiner Wohnung in der Stadt beſuchen * Saint Beuve— in ſeinen Cauſeries. wol wan ma auf dieſ da am Ge, arr aus alle kön per St mo erz wä ma 209 wollen, und als ihm dieſe plötzliche Abreiſe gemeldet ward, war er, nichts Gutes ahnend, ihm hierher nachgefolgt. Einſilbig ſaß der kleine Kreis jetzt beiſammen. Nie⸗ mand wollte das Geſpräch mit dem beginnen, was Jedem auf dem Herzen lag und doch auch wieder ängſtigte Alle dieſes Schweigen. Marmontel zog endlich Germaine in ein Geſpräch, da dieſe, der die volle Wahrheit noch vorenthalten blieb, am meiſten aufgelegt ſchien, ihre Gedanken einem andern Gegenſtande zuzuwenden. „Wiſſen Sie ſchon, meine kleine Freundin, daß unſer armer Raynal für ſeine neue Auflage der Geſchichte Indiens aus Paris verbannt wird?“ fragte er ſie. „In der That!“ rief ſie verwundert.„Ich habe wohl allerlei Andeutungen geleſen, daß man ſein Buch verbieten könnte; aber nirgends gefunden, daß man des Verfaſſers perſönliche Freiheit bedrohe.“ „Das thut man auch nicht. Er entfernt ſich in der Stille, bis der Sturm vorüber iſt; ſein Buch aber wird morgen öffentlich von Henkershand auf den Stufen des erzbiſchöflichen Palaſtes verbrannt werden.“ „Das klingt ja ſchauerlich!“ rief das Mädchen aus, während ihre lebhafte Phantaſie ihr dieſe Handlung aus⸗ malte.„Ich möchte es wohl ſehen!“ „Wünſchen Sie das nicht, es würde Ihnen wenig 210 Vergnügen gewähren. Solche Vorgänge erinnern an die Zeiten der Inquiſition und ſind eines aufgeklärten Zeit⸗ alters unwürdig.“ „Wie kann der König das nur geſtatten?“ fragte Germaine verwundert.„Die Geſchichte wird einſt eine ſolche That mit ſchwarzem Griffel verzeichnen und an ſeiner Stelle würde ich mich fürchten, meinen Ruhm da⸗ durch verdunkelt zu ſehen.“ „Ludwig XVI. denkt aber nicht an ſeinen Nachruhm, denn er iſt ein König.“ „Er weiß aber doch recht gut, daß die Geſchichte auch darin Unterſchiede macht?“ rief Germaine lebhaft.„Sind die Völker auch nicht immer muthig genug, die Thaten ihrer Fürſten vor ihr eigenes Gericht zu fordern, ſo iſt die Nachwelt dafür eine deſto ſtrengere Richterin, und was ſie waren und nicht waren, folgte ihrem Namen nach durch alle Ewigkeiten.“ „Unſer König iſt ein moraliſch guter Menſch, doch kann er nie ein großer Herrſcher werden.— Er lieſt freilich viel Geſchichte, beſonders die Englands, aber ohne den geringſten Nutzen für ſich ſelbſt daraus zu ziehen. Viel Schuld trägt daran auch wohl ſeine Umgebung. Es iſt ein großes Unglück für die Könige, daß ihr nächſter Um⸗ gang ſtets ihre Paraſiten ſind. Ein Hof kann ohne dieſe nicht beſtehen; denn wer ſonſt wollte die Livree der Fürſten tra Ta die it⸗ gte ine ind en iſt R eſe 211 tragen und ihrer Winke Diener ſein?— Wer irgend ein Talent beſitzt und es verwerthen kann, wird frei mit ſeinem Pfunde wuchern wollen, und nicht den Rock anziehen, der ihn dem Dienſte eines Andern verkauft. Die Paraſiten aber, weil ſie aus altadeligem Geſchlechte ſind, können nicht arbeiten, ſie ſind geborne Königsdiener, ſie dienen ihm, weil er ſie wiederum erhält. Eins hebt das Andere auf.“ „Warum bleibt der Adel nicht lieber auf ſeinen Gü⸗ tern!“ rief Germaine lebhaft.„Oder zieht in den Krieg, wie die Condé, Montmorench und ſo viele jetzt gethan, ſeit Lafayette ihnen den Weg in dieſe neue Welt geöffnet.“ „Ja, wenn ſie Güter hätten! meine Theure! Ur⸗ ſprünglich waren es Vaſallen des Reiches, welche den Thron mit ihren Kräften ſtützten. Seitdem hat ſich dies Verhältniß gar ſehr geändert. Wir zählen augenblicklich vielleicht 80,000 adelige Familien in Frankreich, eine Zahl, welche durch die 11,000 Aemter, welche in den Adelſtand erheben, ſo herangewachſen iſt. Außerdem verliehen unſere Könige faſt täglich Adelsdiplome, und während des Erbfolgekrieges kaufte man den Adel für 2000 Thaler. Unter dieſer ganzen Zahl befinden ſich nur ungefähr tauſend Familien, deren Namen das Alter der Monarchie tragen, und unſerm Ohr durch die Erinnerung großer Thaten vertraut geworden ſind. Dieſe großen Namen ließen aber nicht immer die großen Eigenſchaften der Voreltern mit vererben, und ihr 212 Vermögen verſchwand in den Händen leichtfertiger Urenkel, bis heute für dieſe nur zwei Mittel bleiben, um dem Hunger zu entgehen; Sneehr am Hofe als Paraſit zu dienen, oder die Tochter eines reichen Plebejers heimzuführen. Das Eine wie das Andere ereignet ſich noch ligh 6 „Ich denke doch, daß die Schriften Rouſſeau's und Voltaire's und dieſer Freiheitskrieg dazu beitragen werden, dem Adel der Geſinnung mehr Geltung zu gewähren, ſo daß jener der Geburt ihm nachſtehen muß,“ rief Fräulein Necker. „Ich zweifle daran,“ erwiederte Marmontel.„Es iſt bequem, etwas zu ſein, ohne das geringſte eigene Ver⸗ dienſt.“ „Und unbequem, große Verdienſte darum nicht aner⸗ kannt zu ſehen, weil man Necker und nicht Condé getauft iſt.“ „Da haben Sie vollkommen recht,“ ſagte er lachend. „Ein ſolches Kämpfen gegen thörichte Vorurtheile iſt ermüdend. Könnte ich noch einmal geboren werden und hätte die Wahl, ſo möchte ich am liebſten gleich als ein Bourbon die Welt beten Was ich weiter noch ſein wollte, ſtände ja in meinem Belieben.“ „Ja freilich, wenn Sie auch Ihre Talente dabei hätten. Aber die Vorſehung weiß ſchon was ſie thut, ſie giebt dem Einen dies, dem Andern das, und Ihnen hat ſie ohnehin ſchon viel zu viel gegeben.“ K am aue ja! nei wi 3 Ne die Ve ni fr u1 nd ſo ein er⸗ t id. iſt nd in in ei ſie i 213 „Und doch noch lange nicht genug. Ein Jeder fühlt am beſten ſelbſt, was er zu ſeinem Glücke bedarf.“ „Wenn man weiß, was man will, ſo kann man es auch erringen.“ „Wenn es Güter ſind, die die Welt zu verleihen hat, ja! aber, wenn wir geliebt ſein möchten, wo wir lieben, nein! Das iſt Schickſalsſache.“ „Ueber dieſen Punkt verſtehe ich nun vielleicht weniger wie Sie,“ ſagte Marmontel lachend. „Doch hätten Sie ſchon viel verſtehen können, wenn Ihnen der gute Wille zu lernen nicht mangelte.“ Indem trat der Diener ein und meldete Fräulein Necker: „Der Revierjäger ſei in ihrem Zimmer.“ Das Mädchen wurde roth bis auf die Stirne bei dieſer Nachricht und warf einen ſcheuen Blick zu ihrem Vater hinüber. Dieſer hatte, das Haupt in die Hand geſtützt, in ſcheinbarer Apathie dageſeſſen und dem Geſpräche nicht zugehört; jetzt aber richtete er ſich auf und den Blick fragend auf ſeine Tochter richtend, ſagte er: „Was iſt das für ein Revierjäger, der um dieſe Stunde in dem Zimmer meiner Tochter iſt?“ Germaine war außer Faſſung.— Sie wurde roth und bleich und ſuchte nach Athem. 214 Endlich faßte ſie ſich ſo weit, um die Worte ſtam⸗ meln zu können: „Es iſt mein Bote. Ich ſende ihn oftmals in die Stadt, um mir Zeitungen und Bücher zu holen.“ „Die Du nicht von Deinem Vater auch bekommen könnteſt?“ „Vielleicht würdeſt Du ſie mir nicht gern ſenden; wenigſtens haſt Du es nie gethan.“ „Weil Du mich nie darum gebeten und ich Dein Intereſſe nicht an Dingen vorausſetzen kann, bevor Du mir es ausſprichſt. Welche Art von Blättern hat er Dir denn herzutragen müſſen?“ „Du findeſt ſie alle in meinem Zimmer,“ ſagte Ger⸗ maine mit leiſer Stimme. „Und Deinen Boten ja auch. So komm', mein Kind, damit wir Beide zugleich vernehmen,“ ſagte er aufſtehend, und ſeiner Tochter Hand ergreifend, und ſie aus dem Zimmer führend. Die Zurückbleibenden ſahen ihnen ſchweigend nach. Langſam ſtiegen Vater und Tochter die Treppe hinauf. Auf dem Gange war es dunkel, da man die Rückkehr der Familie nicht erwartet hatte, ſo war für größere Er⸗ leuchtung nicht geſorgt. In dem Zimmer von Fräulein Necker brannten jedoch zwei Wachskerzen, und beim Scheine derſ anot noch faſſe lege heut brat groj ſchv daß und in d ma Nec Ge Pat 215 derſelben erkannte Herr Necker ſogleich den Boten des anonymen Schreibens. „Ah!“ rief er leiſe,„meine Ahnung!— Haben Sie noch nicht für mich erforſcht, junger Mann, wer der Ver⸗ faſſer jenes Schreibens iſt?“ redete er ihn an. „Noch nicht, Monſieur!“ erwiederte dieſer, ſich ver⸗ legen verbeugend. „Und welche Nachricht bringen Sie meiner Tochter heute aus Paris?“ fragte er weiter. „Eine ſehr ſchmerzliche, die ich jetzt nicht auszurichten brauche, da Monſieur ſelbſt hier ſind,“ erwiederte er mit großer Ehrfurcht. „So hatte ſich das Gerücht von meiner Entlaſſung ſchon verbreitet?“ fragte er überraſcht, und nicht ahnend, daß Germaine noch nichts davon erfahren. „Entlaſſung!“ rief dieſe mit einem gellenden Schrei und ſtürzte leblos zu Boden. Eine dumpfe Stille herrſchte am folgenden Morgen in den Straßen von Paris. Es war Sonntag, aber Nie⸗ mand dachte heute an ein Vergnügen. Von Mund zu Mund lief die Schreckensnachricht, Necker ſei entlaſſen. Auf den Promenaden, in den Kaffee⸗ häuſern, wohin man auch blickte, ſah man nur traurige Geſichter. Selbſt kein Scherz, kein Witzwort, wofür der Pariſer ſonſt immer zugänglich iſt, wollte heute die Menge 216 erheitern. Jeder glaubte, er habe mit Necker einen Be⸗ ſchützer verloren, und ſah ſich und zugleich Frankreich von Hunger und Elend bedroht. So weit das Auge reichte war der Weg nach Saint Ouen von Wagen bedeckt. Der Erzbiſchof von Paris, gefolgt von den Herzögen von Orleans und von Chartres, nebſt allen namhaften Perſonen des Landes, eilten hinaus, um Necker zu ſagen, daß man dieſer Handlung des Königs nicht beiſtimme. Bleich, jedoch gefaßt, nahm Necker dieſe Beileids⸗ bezeugungen entgegen. Die Selbſtliebe leidet ſtets ein wenig, wenn ſie die Sprache des Mitleids den Ton der Theilnahme annehmen hört. Germaine war nicht gegenwärtig. Sie ſtand mit Fräulein Huber auf dem Dache des Hauſes und ſah von hier dem Strome der Kommenden und Gehenden zu.— Ihre Augen waren noch geſchwollen von vergoſſenen Thrä⸗ nen, um ihren Mund zuckte noch das Weh, das ihr Herz getroffen, doch that ihr die Theilnahme wohl, welche man ihrem Vater bewies. teten das blühe von! Bäut quem ihren ihr 2 Dreizehntes Capitel. Die Gouvernante Louis Philipp's. Madame de Genlis ſaß in einem elegant eingerich⸗ teten Boudoir und phantaſirte auf ihrer Harfe. Durch das halb geöffnete Fenſter drangen die Düfte der unten blühenden Hiacinthen und Levkojen zu ihr empor, getragen von leiſe ſäuſelnden Zephyren, welche mit den Blättern der Bäume ſpielten und die Wärme des Tages milderten. Erſchöpft lehnte ſie ſich einen Augenblick in den be⸗ quemen Lehnſeſſel zurück, und ließ das Inſtrument in ihren Armen ruhen.— Gedankenvoll und träumend irrte ihr Auge umher und haftete endlich auf dem großen Wand⸗ gemälde ihr gegenüber, das ihre Tante, Frau von Mon⸗ teſſon, vorſtellte, welcher es gelungen war, ſich zur Gattin des Herzogs von Orleans emporzuſchwingen und ihre Nichte zur Erzieherin ſeiner Enkel ernennen zu laſſen. 1859. I. Frau von Stasl. I. 14 218 „Was hilft es ihr,“ ſagte ſie leiſe zu ſich ſelbſt, indem ſie dieſe Verhältniſſe erwog, welche für ſie ſo manches Peinliche hatten.„Die Bourbons wollen ſie nicht an⸗ erkennen, ſie muß die Demüthigung erfahren, nirgends als ſeine rechtmäßige Gattin auftreten zu dürfen, ſie darf ihm nicht zur Seite ſtehen; was hilft es ihr, daß ſie vor Gott ſeine rechtmäßige Gemahlin iſt, wenn die Menſchen ſie behandeln, als wäre ſie es nicht; was hilft eine Ehre, die Niemand ſieht, Niemand achtet, Niemand gelten läßt. Was hilft eine Ehre vor Gott, wenn die Welt ſie uns verſagt.“ Ein Seufzer entſtieg ihrer Bruſt, während ſie dieſen Gedanken Raum gab. Frau von Genlis war noch immer eine ſehr hübſche Frau zu nennen, ſie zeichnete ſich durch Geiſt und Anmuth aus und beſaß eine Grazie, welche jeder ihrer Bewegungen Reiz verlieh; doch konnte ſie durch dieſe Vorzüge allein nicht die Stellung in der Welt erringen, welche ihre Eitel⸗ keit begehrte. Sie hatte kein Vermögen, ihr Gatte ver⸗ ſchwendete mehr als er einnahm, und um ſich vor Mangel zu ſichern, hatte ſie einen Beruf ergriffen, der ihr manche Entbehrungen auferlegte. Sie war als Schriftſtellerin mit Erfolg aufgetreten. In der Hauptſtadt zu leben, ein Haus zu machen, die größten Männer des Zeitalters bei ſich zu empfangen, würde ihr eine Genugthuung geweſen ſein feie wod ihre in lebe die voll wen Ste aus wele Me geſch der tret ihre ver met gen übt Mi ndem nches t an⸗ gends darf e vor iſchen Ehre, läßt. uns ieſen ibſche muth ingen allein Fitel⸗ ver⸗ ngel anche llerin „ein s bei veſen 219 ſein; ſtatt deſſen durfte ihre Eitelkeit keinen höhern Triumph feiern, als ſich den Titel eines Gouverneur anzueignen, wodurch ſie in den Augen Vieler lächerlich ward. Ein eiſerner Fleiß und die ſorgfältigſte Eintheilung ihrer Zeit, ſetzten Frau von Genlis in den Stand, auch in ihrer jetzigen Stellung der Bildung ihres Geiſtes zu leben, und außer dem fortgeſetzten Studium der Harfe, die ſie reizend ſpielte, noch manche poetiſche Arbeiten zu vollenden, welche ihren Namen in weiteſte Ferne trugen. Gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts gab es weniger Schriftſtellerinnen, als bedeutende Frauen, deren Stellung in der Geſellſchaft, im Hauſe, im Verkehr mit ausgezeichneten Männern, ihnen einen Einfluß gewann, welcher ihr Urtheil häufig als maßgebend für die öffentliche Meinung erſcheinen ließ. Es bedurfte für ſie nicht des geſchriebenen Wortes, um die Anerkennung zu finden, nach der ſie ſtrebten; denn der Salon erſetzte ihnen das Hervor⸗ treten in die Oeffentlichkeit, er war die Arena, wo ſie durch ihren Geiſt glänzen, und ſich einen Einfluß zu erobern vermochten, welcher ſogar politiſch bedeutend war. Damals ſonderten ſich die Herren nie von den Da⸗ men, die Unterhaltung in den Geſellſchaften war eine all⸗ gemeine, die Intereſſen für beide Geſchlechter gleich. Man übte ſich ganz beſonders in der Gabe des Ausdrucks, die Männer, um die Damen angenehm zu unterhalten, und 220 die Frauen wiederum, um ihren Worten einen beſondern Reiz zu verleihen. Man machte gemeinſchaftlich Verſe, gab ſich Endreime auf und beſonders gern zeichnete man Portraits mit Worten und ließ die Geſellſchaft die Perſon errathen. Später, als die politiſchen Angelegenheiten alle übri⸗ gen Intereſſen in den Hintergrund drängten, wurde es damit anders, ernſthafte Debatten ſchienen dann nicht länger für Damenohren geeignet, und der Salon war nicht der paſſende Ort, um dem Haß der Parteien freien Lauf zu gewähren. Mit dieſer Veränderung nahmen auch die Sitten, ja ſogar die Trachten, eine andere Form an, und die Verfeinerung ſchwand. Es war Ludwig XVI., welcher den erſten Club, nach engliſchem Vorbilde, gründete, und Zeitungen und Bro⸗ ſchüren zur allgemeinen Benutzung ankaufen hieß. Wie wenig ahnte es ihm damals, daß ſolch ein Club, ſolch eine Geſellſchaft von Männern in einem Locale vereint, wenige Jahre ſpäter unter dem berüchtigten Namen der Jacobiner gegen ihn auftreten und ihm ſein Leben abſprechen ſollte. So führen die kleinen Dinge gar oft zu den größten Folgen, und wir ermeſſen nicht des geringſten Umſtandes ungeheure Tragweite. Frankreich that damals mächtige Schritte in der Entwicklung geiſtiger Cultur, und Europa ſah ihm mit Staunen und Bewunderung zu. Friedrich Pari Beſch rechn der 2 ſo ge Inte unve geſa deut ſih, verl wür Mä zufr zu Das Dat mac um als wie— häu dern erſe, man rſon ibri⸗ e es nicht war reien auch an, nach Bro⸗ Wie eine enige biner te. ßten ndes htige ropa drich 221 der Große verſchrieb ſich die Zierden ſeines Hofes von Paris, und Katharine von Rußland wurde die großmüthige Beſchützerin franzöſiſcher Gelehrten.— Faſt jeder Fürſt rechnete es ſich zur Ehre, einem Dichter oder einem Manne der Wiſſenſchaft ſeine Protection angedeihen zu laſſen, und ſo gefeiert und hervorgehoben, erkannten die Träger der Intelligenz es für eine Gnade des Himmels, ſie mit dem unvergänglichem Schatze geiſtiger Befähigung in die Welt geſandt zu haben. Die Frauen, ſtets der Nachſommer männlicher Be⸗ deutung, bewunderten, was Jene leiſteten, und beſtrebten ſich, dieſe Bewunderung auszudrücken. Dies Beſtreben verlieh ihnen einen neuen Reiz, man fand ſie um ſo liebens⸗ würdiger, je mehr Theilnahme ſie dem widmeten, was die Männer beſchäftigte, und das ihnen ertheilte Lob ſtellte ſie zufrieden. Beide Theile hatten daher, über ihre Stellung zu einander und zu der Welt, keine Klage zu führen.— Das Wort Emanzipation wurde nirgends gehört. Jede Dame, deren Vermögen es geſtattete ein Haus auszu⸗ machen, verſammelte einen Kreis ausgezeichneter Männer um ſich und protegirte dieſen oder jenen Dichter, den ſie als beſondern Freund zu ehren wünſchte. Gewöhnlich wies ſie ihm ſogar eine Wohnung in ihrem Hotel an und häufig fand es ſich, daß Damen darum ſtritten, welche von ihnen ſo glücklich ſein ſollte, ihre Zimmer hergeben zu 222 dürfen. Nur Rouſſeau entzog ſich den Beweiſen ſolcher Freundſchaft, nur bei ihm ſcheiterte jedes Bemühen, ihn der materiellen Sorgen zu entheben, welche dem Leben eines Dichters eine ſo harte Zugabe ſind. Die Geſellſchaft geſtattete den Damen völlige Freiheit das Talent zu bewundern und ihm Lorbeern zu winden, doch weniger gern ſah man es, wenn dieſe ſchönen Hände ſelbſt nach ſolchen Kronen griffen. Für ſie ſollte es nur den einen Ruhm geben: zu lieben und ſie Liebe zu ge⸗ winnen.— Nur die Roſe durfte für ſie blühen, und nur dieſe Blüthen durften ſie ſich pflücken. Die Ehe war eine Sache der Convenienz, ein Fa⸗ milienvertrag, ſie gab der Frau eine bürgerliche Stellung, ſie gehörte zu den Verpflichtungen, welche der Menſch mit ſeinem Daſein auf ſich nimmt. Die durfte bei ihrem Abſchluß keine Stimme führen, das hätte zu einem Umſtoßen der bürgerlichen Ordnung leiten können. Eltern oder Verwandte h pie Wahl, und fanden die Bethei⸗ ligten Gefallen an einander, ſo blieb das ein glücklicher Zufall. Frau von Genlis hatte eine ſolche Ehe geſchloſſen und ſich daher, ohne großen Kummer, in Verhältniſſe gefügt, welche ſie von ihrem Gatten trennten. Sie bewohnte mit ihren Zöglingen das Schloß Belle Chaſſe, wo eine fürſtliche Einrichtung für ſie getroffen war und ihr g welch ſeufzt ihrer Reſid Zeit, trat in de bar ſ ließ e Geſte ſchick geget Reif Rau Neck Fort dem Gen nahr cher ihn nes eit ben, nde nur nur Fa⸗ ng, mit bei em ern hei⸗ her ſen igt, 223 und jede Annehmlichkeit des Luxus und des Reichthums ihr gewährt wurde; demungeachtet fühlte ſie das Opfer, welches das Gebundene ihrer Lage ihr abnöthigte, und ſeufzte nach dem bunten Leben der Hauptſtadt. Wer ſie in ihrer Einſamkeit aufſuchte und mit Neuigkeiten aus der Reſidenz unterhielt, war ihr daher doppelt willkommen. Ein Kammerdiener, gekleidet nach der Mode damaliger Zeit, mit friſirtem Haupte und weiten Spitzenmanſchetten, trat jetzt in das Zimmer und meldete, daß eine Equipage in der langen Pappelallee, die zum Schloſſe führte, ſicht⸗ bar ſei. Sie erhob ſich, trat vor einen Pfeilerſpiegel hin und ließ einen forſchenden Blick auf ihre ſchlanke, zart geformte Geſtalt fallen. Dann ſtellte ſie ihre Harfe bei Seite und ſchickte ſich an, ihren Gäſten bis in das Vorzimmer ent⸗ gegen zu gehen. Durch die weit geöffneten Thüren der Halle, um den Reifröcken und den auf der hohen Friſur befeſtigten Hüten Raum zu geſtatten, trat mit gemeſſenen Schritten Madame Necker, gefolgt von ihrer Tochter, ein, und ließ ſich in aller Form von ihrer Wirthin umarmen.— Germaine folgte dem Beiſpiele ihrer Mutter. Dann leitete Madame de Genlis den Weg in das Bondvir zurück und alle drei nahmen Platz. „Wie liebenswürdig von Ihnen, daß Sie mich hier 224 aufſuchen,“ rief die Dame vom Hauſe ſehr verbindlich. „Ich hätte gewünſcht, Ihnen in dieſer Aufmerkſamkeit voran zu gehen; aber die Pflichten meiner Stellung ge⸗ ſtatten es mir leider nicht.— Wie lange haben wir uns nicht geſehen! Fräulein Necker iſt indeſſen herangewachſen und ſo groß und ſtark geworden, daß ich ſie kaum wieder⸗ erkannt hätte. Die Landluft iſt ihr bekommen. Und jetzt wohnen Sie ganz in Saint Ouen, wie mir der Herzog mittheilte. Sie haben den Freuden der Hauptſtadt entſagt?“ „Oder vielmehr, ich habe ſie nie gekannt,“ fiel Ma⸗ dame Necker lächelnd ein.„Ein angenehmer, häuslicher Kreis war ſtets das Höchſte meiner Wünſche, und als dieſe überboten und theilweiſe vernichtet wurden, indem ich em⸗ pfangen und repräſentiren mußte, fügte ich mich dieſem Wechſel mehr als einer Pflicht, denn als einer Gunſt des Schickſals.“ „Gottlob alſo, daß es Ihnen dieſe Laſt wieder ab⸗ nahm,“ bemerkte Madame de Genlis etwas boshaft. „Wenn es auf mein perſönliches Intereſſe aukäme, gewiß Gottlob!“ verſetzte Madame Necker mit ihrer ge⸗ wöhnlichen, eiſigen Ruhe;„hier aber iſt von Frankreich die Rede, von dem Wohl und Wehe der franzöſiſchen Nation, da muß der Eigennutz ſchweigen.“ „Daß Sie, als Fremde, einen ſo warmen Antheil an uns nehmen, müſſen wir ſehr erkennen,“ ſagte Frau de ——9 8 ch — — —„—— lich. keit ge⸗ uns hſen der⸗ jetzt rzog Bt?“ Ma⸗ icher dieſe em⸗ eſem des ab⸗ ime, ge⸗ die ion, lan de 225 Genlis höflich, während ein Lächeln ihren Mund unzog, das wie Spott ausſah.„Sie wiſſen aber, wie eitel die Menſchen ſind, und ſo bilden ſich Viele ein, den Staat ganz gut verwalten zu können, ja, ſie behaupten ſogar, daß nur ein Franzoſe dazu im Stande ſei, und noch dazu ein Franzoſe aus altem Geſchlechte. Die Liebe zum Vater⸗ lande und zur Krone muß ſchon von Vater auf Sohn ver⸗ erbt und mit den eigenen Intereſſen verwachſen ſein, um ſeinem Lande genügend dienen zu können. Die Indiscretion, den Zuſtand unſerer Finanzen zu veröffentlichen, konnte nur ein Fremder begehen, ſo wenigſtens ſpricht man am Hofe der Bourbons, daß der Herzog von Orleans eine andere Geſinnung hegt, hat er Ihnen gewiß ſchon häufig ausgedrückt, und auch kürzlich noch bewieſen.“ „Iſt es möglich!“ rief Germaine lebhaft erregt.„Iſt es möglich, daß ein Menſch auf dieſer Erde die große That meines Vaters eine Indiscretion nennen kann?“ „Sie müſſen meiner Tochter verzeihen,“ fiel Madame Necker ein,„wenn ſie ein Wort des Tadels, gegen Herrn Necker gerichtet, zu empfindlich aufnimmt.“ „Ich verzeihe das nicht nur, ich billige es ſogar,“ erwiederte Frau von Genlis.„Mademviſelle Necker iſt noch ſehr jung, ſie tritt erſt in das Leben ein und kennt noch nicht die Menſchen. Sie hat bis jetzt alle Dinge nur von einer Seite geſehen, und nicht bedacht, daß die andere 226 noch für ſie zu betrachten bleibt. Das iſt ein glückliches Vorrecht der Jugend. Die warme Hingabe an die Gegen⸗ wart, an Freunde, an große Ideen, geht mit ihrem Schwin⸗ den verloren und unſere Seufzer bringen nichts zurück. Ich gratulire Ihnen, Fräulein Necker, einen Vater zu be⸗ ſitzen, den Ihre Kindesliebe ſo warm bewundern kann! Möge Ihnen dieſes ſchöne Vorrecht lange noch bewahrt bleiben!“ Germaine ſtand auf und drückte die Hand der Frau von Genlis an ihre Lippen.„Sie ſind ſo geiſtvoll als liebenswürdig!“ rief ſie aus.„Sie wiſſen nicht, wie ſehr ich Sie bewundere und meine Mutter gebeten habe, mich hierher zu führen!“ „Wirklich?“ verſetzte Frau von Genlis, den warmen Ausruf durch ein huldvolles Lächeln erwiedernd.„Das freut mich herzlich!— Wenn meine Schriften die Jugend anſprechen und mir die Neigung der für das Gute und Schöne noch empfänglichen Gemüther gewinnen, dann fühle ich mich reich belohnt für meine Mühe. Ich habe ſo eben ein kleines Stück vollendet, das Ihnen vielleicht auch gefallen wird.“ „Wie heißt es?“ rief Germaine.„Wie glücklich Sie ſind, verehrte Frau, immer wieder Schönes ſchaffen zu können. Wie reich iſt Ihre Phantaſie, wie erfinderiſch Ihr Geiſt! Die Natur hat Sie bevorzugt und Ihr Wille 227 weiß ſo reiche Gaben zu benutzen. Aber ſagen Sie mir nun noch, wie heißt Ihr Stück, wovon handelt es, welchem Zwecke iſt es beſtimmt?“ „Das ſind viele Fragen auf einmal zu beantworten,“ ſagte Frau von Genlis lächelnd,„und ſo will ich denn mit der erſten beginnen. Der Titel iſt: Zclie ou Ingénue und der Inhalt, wie bei Allem, was ich ſchreibe, ein be⸗ lehrender für die Jugend. Wir Frauen ſollen eigentlich nur dann die Feder in die Hand nehmen, wenn wir einen Zweck damit verbinden, der höher ſteht, als die Befriedi⸗ gung unſerer Eitelkeit, oder ein thörichtes Sehnen nach einem Ruhme, deſſen Schatten uns nur verfolgen würde.— Alles Glück, das uns kommen ſoll, darf ſeinen Quell nur aus dem Herzen ſchöpfen; äußere Erfolge, äußere Bezie⸗ hungen werden es uns nie verleihen. Bei ſcheinbarem Reichthume könnten wir uns dabei unendlich arm fühlen. Nur wenn wir das Leben aus einem höheren Geſichts⸗ punkte auffaſſen, und höhere Zwecke damit verbinden, adeln wir auch ſolche Handlungen, die ſonſt Tadel verdienen, wie z. B. das öffentliche Hervortreten einer Frau. Sie glauben nicht, wie ſchwer mir dieſer Schritt gefallen iſt, trotz aller Gründe, welche ich dafür in die Wagſchale legen konnte, und noch jetzt muß ich mir ſie häufig zurück⸗ rufen, um nicht zu bereuen.“ Dieſe Worte waren berechnet, Madame Necker für 228 die Sprecherin einzunehmen; doch täuſchten ſie nur Ger⸗ maine. „Ach! Wie beklagenswerth iſt doch der Frauen Loos!“ rief dieſe ſchmerzvoll aus.—„Nur für die engen Pflichten ſollen wir geboren ſein, die Mann und Kind von uns be⸗ gehren, und ewig nur gehorchen dürfen. Mein Vater hat mir häufig ſchon das Glück der Dummen lebhaft ange⸗ prieſen und ſelbſt ein Werk zu ſchreiben angefangen, das le bonheur des sots betitelt iſt.“ „Wie, auch dazu iſt ihm die Zeit geblieben?“ fragte Frau von Genlis verwundert. „Er weiß, wie Sie, den Tag zu vierundzwanzig Stunden auszudehnen,“ erwiederte Madame Necker lächelnd. „Doch wieder auf Ihr neueſtes Werk zurück zu kommen. Werden Sie es mir verdenken, ja werden Sie es nicht belächeln, wenn ich Ihnen bekenne, daß es mir ſchmeicheln würde, die Erſte zu ſein, der ſein Inhalt bekannt würde und wenn ich darauf hin die Bitte wagte, daß Sie uns etwas daraus mittheilen möchten?“ „Mit vielem Vergnügen,“ verſetzte Madame de Genlis freundlich,„wenn die Damen ablegen und mir einige Stunden ſchenken wollen, ſo leſe ich es Ihnen mit Freuden vor. Es iſt für den Autor eine große Befriedi⸗ gung, das Urtheil Kunſtverſtändiger zu vernehmen, bevor ſein Werk hinaustritt in die Welt. Dann freilich läßt ——— S0 229 ſich nichts mehr daran ändern; dann muß es bleiben wie es iſt.“ Madame de Genlis nahm hierauf aus ihrem Schreibtiſche ein zierlich geſchriebenes Manuſcript und las mit vielem Tact und richtig geſteigertem Pathos die Comödie vor. Ihre Stimme klang rein und wohltönend und die richtige Betonung der Worte, das Maßvolle ihres Affectes, machte das Hören leicht und angenehm. Germaine brach wiederholt in laute Ausrufungen der Bewunderung aus, und am Schluſſe ſank ſie unter überſtrömenden Thrä⸗ nen der Verfaſſerin zu Füßen, drückte deren Hände an ihre Lippen und verſicherte, eine der ſchönſten Stunden ihres Lebens verbracht zu haben. „Sie ſind zu freundlich, oder zu beſcheiden,“ erwie⸗ derte Madame de Genlis auf dieſe enthuſiaſtiſche Ver⸗ ſicherung mit der Haltung der vornehmen Dame, hauchte dabei einen Kuß auf die Stirne des Mädchens und nöthigte ſie aufzuſtehen und ihren Platz wieder einzunehmen.„Mit ſolchen Anſprüchen hat die Zukunft Ihnen noch reiche Fülle zu gewähren, Fräulein Necker.“ „Wie beneidenswerth iſt das Loos einer Frau,“ fuhr Germaine fort, ohne ſich in ihrer Begeiſterung ſtören zu laſſen,„welche dem Genius, der ſie treibt, Flügel leihen darf. Sie ſchaffen das Schöne, Sie leben dem Schönen, Sie gewinnen Freunde, die Sie in der Ferne lieben und 230 Ihren Namen mit Entzücken nennen. Sie ſchöpfen aus 3 dem warmen Leben und kleiden Ihre Ideale in ein Gewand V der Wirklichkeit.— Die ganze Menſchheit iſt Ihr Eigen, hi Ihr Herz erweitert ſich, indem es für ſie ſchlägt, und in ſt dem allgemeinen Glück das individuelle ſucht und findet.“ „Sie gehen weit in Ihren Vorausſetzungen, Fräulein w Necker, und darf ich aus Ihren Aeußerungen eine Folge⸗ F rung ziehen, ſo iſt es die: daß auch Sie eines Tages der ſe HOeffentlichkeit übergeben werden, was Sie ſo begeiſtert fühlen.— Mögen dieſe ſchönen Träume dann nur auch ſt eine gleich ſchöne Verwirklichung finden, mögen Sie nicht ſi unter der Roſe die Dornen erkennen,“ fügte Frau von ü Genlis mit ſarkaſtiſchem Lächeln hinzu. 6 „Ach! Ich verſtehe Sie!“ rief Germaine ſchmerzlich C ¹ und ſenkte den Blick.„Ich habe es ja erfahren, wie ſteinig A der Weg, welcher zum Ruhme führt.— Haben nicht die tauſend Zungen des Neides meines Vaters Namen an⸗ n getaſtet, und jede Schmähung auf ſein armes Haupt L gehäuft, die nur der Niedrigſten einer verdienen konnte! S Das ſchmerzt, Madame; allein ein wahrhaft großer Mann h bleibt darum für die Nachwelt nicht minder groß.“ n 6„Eine Frau jedoch darf und kann ſich über ſolche Unbill weniger leicht erheben,“ fiel Frau von Genlis ein, deren Ohr das beſtändige Lob Necker's unangenehm be⸗ rührte.„Doch brechen wir von dieſem Thema ab, daß“ 18 id in 231 Ihrer Frau Mutter kein angenehmes ſein kann. Mein Wunſch iſt, daß ſie ſolche Eindrücke von Belle Chaſſe mit hinwegnehme, welche ſie zu einer Wiederholung ihres Be⸗ ſuches reizen.“ „Dazu bedarf es nur des Vergnügens Ihrer Gegen⸗ wart,“ fiel Madame Necker ein,„und verſagt man ſich die Freude, Sie häufig aufzufuchen, ſo iſt der Grund Be⸗ ſcheidenheit.“ „Eine Tugend, durch die Sie mich hoffentlich nicht ſtrafen werden,“ erwiederte Madame de Genlis, welche ſich im Tone artiger Converſation ihrem Gaſte zu ſehr überlegen fühlte, um ihre Gewandtheit nicht zu zeigen. „Vielleicht geſtatten Sie mir, Ihnen das Schloß und die Gärten zu zeigen, das heißt, wenn es Sie nicht ermüdet, Madame Necker, denn Sie ſehen angegriffen aus.“ „Meine Geſundheit iſt leidend, ich muß das zu mei⸗ nem Bedauern zugeſtehen, dennoch darf ſie mir nicht zum Vorwand dienen, den unangenehmen Pflichten meiner Stellung zu entgehen, wie viel weniger würde ich alſo heute mir ein Vergnügen verſagen, das durch Ihre Güte mir geboten wird,“ verſetzte Madame Necker. Madame de Genlis fand dieſe Erwiederung ſteif und pedantiſch. Immer noch der Ton der Gouvernante, dachte ſie bei ſich ſelbſt, kein Verkehr mit der Welt kann dieſe Frau gewandt machen. Lächelnd ſagte ſie: 232 „Sie verwöhnen mich durch ſo viel Artigkeit. Kaum habe ich jetzt noch den Muth, Ihnen als Führerin zu dienen, beſorgt, daß die Mühe Ihnen nicht gelohnt werde.“ „Ah! Ein Bild des Herzogs!“ rief Germaine, ihre Schritte anhaltend vor dem lebensgroßen Bilde eines Mannes in Uniform. „Sie kennen ihn?“ fragte Madame de Genlis. „Nur an der Aehnlichkeit mit unſerm guten König.“ „Dem er doch eigentlich nicht ähnlich iſt; ſo wenig dem Aeußern nach, als im Charakter. Ludwig XVI. iſt nicht ſo gut, wie man es ihm nachſagt.— Sein erſter Gedanke iſt ſtets dem Impuls einer böſen Leidenſchaft entſpringend, und nur der zweite wendet ſich zur Güte. Das iſt für einen König ſehr gefährlich; denn kaum iſt die erſte Silbe ſeiner Lippe entflohen und ſchon hat eines Höflings Dienſteifer eine That daraus gemacht. Ein König muß erſt denken und dann handeln, ſo präge ich es meinen Prinzen ein.“ „Der Anſicht ſtimme ich bei,“ verſetzte Madame Necker. „So muß ich allein mit meiner Meinung Ihnen ent⸗ gegen treten, muß es wagen zu behaupten, daß alles Große, Schöne, die That des Augenblickes geweſen iſt,“ rief Germaine feurig.„Wenn wir beſtändig rechten, rechnen wollen, was wird da aus dem Pulsſchlag eines warmen re 8 ¹9 iſt er ft t es ig en e t⸗ es en en 233 Herzens!— Du arme menſchliche Natur, Dich will man aller Deiner Rechte gern entſetzen, und dafür der Vernunft Altäre bauen. Doch, Lieben aus Vernunft iſt ſchlimmer nicht als Haſſen aus Vernunft.— Ich mag von dem Gefühle nichts entnehmen, das unter dieſes kalten Meiſters Zepter ſteht, ich mag die Thräne nicht, die die Vernunft geweint, ſo wenig als den Schmerz, dem er die Grenzen vorgeſchrieben; ich mag die Freude nicht, die ſich nach mathematiſchen Berechnungen geberdet, und nicht das Wort der Liebe, das ſie dem Munde erſt dictirt.— Ihr Leidenſchaften Alle, die Ihr des Menſchen Bruſt bewegt, Euch ruf ich an! Heißt es nicht todt ſein, Euch entbehren? — Und will man das noch Leben nennen, wenn nie des Pulſes raſcheres Kreiſen uns auf die Spitzen der Em⸗ pfindung trägt?— Oh! Rouſſeau, könnteſt Du mich hören, Du würdeſt mir zur Seite ſtehen. Du auch, gleich mir, Du wollteſt Menſchen und nicht nur Automaten, die nach gewiſſen Regeln ſich bewegen, gehen, ſtehen!“ „Germaine, ich bitte Dich!“ rief Madame Necker leiſe. „Nicht doch!“ fiel Frau von Genlis ein.„Ich höre gern den Ausdruck von Empfindungen, die ſelten nur in dieſer glatten Welt mein Ohr berühren. Die Sitte hat ſo manches unterſchlagen, was natürlich iſt, und wieder Anderes erlaubt der gute Ton nicht auszuſprechen. Dazu die klöſterliche Abgeſchiedenheit, in der ein Mädchen bei 1859. I. Frau von Stasl. I. 15 234 uns aufwächſt!— So tritt ſie gänzlich unerfahren in das Leben ein, und Liebe, Leidenſchaft, ſind Worte nur, die keine Bedeutung für ſie haben. Mit Fräulein Necker iſt das anders. An ihrer Wiege ſaßen die Enchklopädiſten, und ihre Kinderſpiele würzten Philoſophen. Da ich nun ſelbſt Erzieherin geworden bin, ſo iſt es mir natürlich von Intereſſe, das Reſultat eines Syſtemes zu ſehen, das von dem unſrigen ſo ganz abweicht. Man ſagt von Fräulein Necker, daß ſie unendlich geiſtreich ſei, und mit Vergnügen habe ich mich überzeugen können, daß diesmal das Gerücht nur wahr geſprochen.“ „Meine Tochter iſt noch ſehr jung, Madame, und wenn ſie ſich auch jetzt noch ſehr von ihren Empfindungen beherrſchen läßt, und etwas raſch in ihrem Urtheil iſt, ſo werden die Jahre und die Welt ſie ſchon ruhiger ſtimmen und ſich beherrſchen lehren.“ „Ich fürchte, nein, Mama. Man unterdrücke die Natur und ſie kommt im Galopp zurück, ſagt Fénélon. Nie, nie werde ich mich abgerichteten Menſchennaturen gleich ſtellen, nie mit den Lippen ſtammeln, wovon das Herz nichts weiß. Ich bin die Tochter meines Vaters. So wahr zu ſein, wie er, das ſei mein Streben; ſo offen wie ſein Leben, ſei mein Herz. Ich will nicht heucheln, will nicht lügen.— Ich bin ein Menſch vor Gott, nicht vor der Welt. Es giebt in meinem Herzen keine Falten, — — N—— ——— e „— as die iſt en, un on on ein en cht nd en en 235 es leſe Jeder, was darin geſchrieben, und frei geſtehe ich mein Lieben und mein Haſſen.“ „So vortrefflich dieſe Grundſätze ſind, Fräulein Necker, ſo ſchwer laſſen ſie ſich im Verkehr mit dem Leben durchführen,“ erwiederte Madame de Genlis lächelnd. „Die Geſellſchaft zwingt uns, von dieſer ſchönen Wahrheit abzuweichen, wir müſſen in gewiſſem Sinne falſch ſein in der Welt, um zu reuſſiren. Sie, als Fremde, haben es freilich in dem Bezug leichter, als wir Abkömmlinge eines alten Namens. Die Convenienz darf an Ihnen nicht jene Tyrannei üben, welche ſie an uns ſo ſtreng geltend macht. Die Vorrechte unſeres Standes müſſen mit einigen Opfern erkauft werden, und ich begreife wohl, wie frei Sie ſich uns gegenüber fühlen, von jeder Verpflichtung der Art ent⸗ bunden zu ſein.“ „Um Gottes willen, nein, Madame,“ rief Germaine Necker außer ſich,„ich bin mit meinem ganzen Herzen ein Kind dieſes Bodens und kann es nicht ertragen, von Ihnen für hors du lois erklärt zu werden. Kein Ort der Welt würde mir Paris erſetzen, la rue du Bac iſt mir ein irdiſches Paradies. Bei uns allein iſt dieſe Intelligenz, dieſer Eſprit in der Unterhaltung zu finden, den ſonſt kein Volk der Erde hat.— Was auf dem Felde der Wiſſenſchaft Neues entdeckt wird, nimmt ſeinen Weg hierher, bei uns muß es die Feuerprobe beſtehen, bevor es die Menſchheit 45½ 236 aufnimmt. Was haben wir nicht Alles in dem Zeitraum von zwanzig Jahren hier gelernt, geſehen. Gall, Mesmer, Saint Germain und Caglioſtro, der Luftballon und der Blitzableiter, Gluck und Piccini, ſie Alle begehrten, vor uns zu zeigen, was ſie Neues entdeckt.— Wahrlich, ich möchte lieber mit einer Einnahme von hundert Louis⸗ d'or in einer Dachſtube hier leben, als in jedem andern Lande über Millionen zu gebieten ha⸗ ben.“— Paris bietet beſtändig Anregung, kein Tag ver⸗ geht, ohne daß man irgend etwas erlebt; während ſonſt überall Stillſtand iſt.— Und was iſt ein Leben ohne Fortſchritt, als ein anderer Tod!“ Madame de Genlis lächelte. „Es iſt ſehr ſchmeichelhaft für mein Vaterland, daß Sie es wie das Ihrige betrachten wollen,“ ſagte ſie mit verbindlicher Neigung des zierlich geformten Hauptes, auf dem ein Federaufſatz bei jeder Bewegung artig ſchwankte; „und vielleicht ſind wir bald ſo glücklich, Sie ganz zu den Unſrigen zu zählen; denn ohne Zweifel wird Ihr Herr Vater nicht zögern, der einzigen Tochter bald ein Etabliſſe⸗ ment zu gründen Bei ſeiner Stellung und ſeinem Ver⸗ mögen kann ihm die Wahl nicht ſchwer fallen.“ * Ihre eigenen Worte. 237 „Wir denken nicht daran, uns von unſerer Tochter zu trennen,“ fiel Madame Necker ein. „Ich nenne das nicht Trennung, wenn man ſich täglich ſehen kann, und ein ſo nahes bei einander Wohnen wird um ſo leichter für Sie einzurichten ſein, weil Ihre Religion Sie nöthigt, einem jungen Manne den Vorzug zu geben, welcher bemüht iſt, ſich eine Exiſtenz zu gründen; denn bis jetzt iſt noch kein Erbe eines großen Namens zur Lehre Calvin's übergetreten, ſo viel ich weiß.— Doch, Fräulein Necker's ſeltenem Geiſte möchte ein ſolches Wunder zu bewirken vorbehalten ſein, und gern will ich ihr auch den Triumph noch wünſchen.“ „Meine Tochter hat gelernt den Glauben Anderer zu ehren und wird ſich nicht bemühen, uns Proſelhten zu gewinnen; am wenigſten aber unter dem alten Adel Frank⸗ reichs, mit dem ſie zu verbinden weder meines Gatten noch mein Wunſch iſt.“ „So bitte ich um Verzeihung,“ ſagte Madame de Genlis entſchuldigend,„wenn ich Wünſche für Sie gehegt, wie ſie nur an Ihrer Stelle natürlich ſein würden.“ Indem wurde der Wagen gemeldet. Mit den artigſten Worten ſchieden nun die Damen, Frau von Genlis begleitete ihre Gäſte bis an die äußere Thüre und umarmte hier Beide unter den ſchmeichel⸗ hafteſten Verſicherungen, wie ſehr ihr Beſuch ſie erfreut. 238 Dann kehrte ſie mit einem„Gottlob!“ in ihr Zimmer zurück, und notirte in ihrem Jvurnal: dieſe Necker's ſind das unerträglichſte Volk, das mir jemals vorgekommen iſt, voll Hochmuth und Anmaßung und die Tochter vor Allem weiß ihren übertriebenen Aeußerungen gar kein Ziel zu ſetzen; trotz ihrer großen Bewunderung für mich, hat ſie mir entſetzlich mißfallen, und ich werde eine Gelegenheit ſuchen, um die Folgen einer Erziehung, wie ſie ſie em⸗ pfangen, in einem Romane als Beiſpiel zu ſchildern.— Ich habe der Mutter den verſteckten Rath ertheilt, ſie an irgend einen Brauer oder Bäcker zu verheirathen, und ich hoffe, daß ſie mich verſtanden hat; wenigſtens brach ſie augenblicklich auf. Madame Necker ſaß indeſſen ſchweigend neben ihrer Tochter und rang innerlich nach Faſſung.— Ihre körper⸗ liche Schwäche machte ſie jetzt noch reizbarer, und eine Wunde, welche immer neu aufgeriſſen wird, ſchmerzt end⸗ lich bei der leiſeſten Berührung. Ohne Aufhören war man bemüht, die Stellung ihres Gatten an ihr und ihrer Tochter zu rächen und nicht zum erſten Male hörte ſie die War⸗ nung, eine Verbindung mit dem alten Adel Frankreichs als unmöglich zu betrachten. Das Mißwollen, welches ſich in ſolchen Aeußerungen ausſprach, konnte ſie nur kränken und verletzen, weil es ſo unverdient ſie traf. Germaine warf beſorgt einen Blick auf das bleiche 239 Geſicht ihrer Mutter, aber ohne zu ahnen, was dieſe Bläſſe hervorrief.— Sie hatte die Abſichtlichkeit in den Aeuße⸗ rungen der Frau von Genlis nicht empfunden, und ſchaute, befriedigt von der Unterhaltung des Tages, zu dem in Purpurgluth getauchten Abendhimmel empor. Leiſe be⸗ gann ſie vor ſich hin ein Lied zu ſummen, und endlich, ver⸗ geſſend wo ſie ſei, ſetzte ſie tief und voll zu einem Geſange ein. Eine Mahnung ihrer Mutter brachte ſie zu ſich ſelbſt zurück.— Sie lachte laut über ihr eigenes Thun.„Das war zu ſpaßhaft!“ rief ſie aus.„Ein Glück, daß unſere Pferde nicht vor meiner Stimme ausgeriſſen. Darf ich mich auf den Bock zum Kutſcher ſetzen?“ fragte ſie nach einer Weile. „Der Abend iſt ſo ſchön.“ Madame Necker ſchlug es ihr, als unpaſſend, ab. „Können wir nicht über Saint Brice fahren,“ begann ſie bald darauf wieder,„ich möchte gern wiſſen, wenn Pieccini zu Marmontel kommen wird, um meine Geſang⸗ ſtunden dort zu nehmen.“ „Du kannſt morgen einen Boten hinüber ſenden und Dir die Nachricht ſchriftlich erbitten,“ verſetzte ihre Mutter. „Immer Nein und immer Nein!“ trällerte Ger⸗ maine leiſe. „Und wäre es immer Ja, ſo wüßte ich nicht, was Du Dir bald erbitten würdeſt,“ ſagte die Mutter verſtimmt. „Ich weiß es und kann es Dir ſagen, wenn Du es 240 gern wiſſen willſt: Schönheit und einen hübſchen Mann!“ rief Germaine lachend. „Um Gottes Willen, ſchweige!“ rief Madame Necker entſetzt.„Solche Worte aus dem Munde meiner Tochter ſind mir fürchterlich.“ „Mein Vater würde mit mir den Scherz als Scherz belachen,“ verſetzte Germaine ſanft.„Vergieb mir, wenn es Dich gekränkt! Ich kann nun einmal nicht ſo ſein, wie Du mich wünſcheſt.“ Madame Necker ſchwieg auf dieſe Bemerkung. Sie hatte ſich in die Ecke des Wagens zurück gelehnt und die Augen geſchloſſen, ihre unruhige Nachbarin blieb alſo auf ihre eigenen Gedanken angewieſen, bis ſie Saint Ouen erreichten. Ende des ersten Chrils Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient.