Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſ cher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeißh- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ Sitehn und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines Beliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— 2— S Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 5⁰ Pf 2 Mk.— Pf. 5 Auswärtige ponnenten! Fabe für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Inhualt. — Erſtes Capitel. Die Oper der Churprinzeſſin. Zwrites Capitel. Der Bote Friedrich's I. Drittes Capitel. Das letzte Geburtsfeſt Auguſt's M. Piertes Capitel. Geſcheiterte Hoffnungen Fünftes Capitel. Die Witwe Sechstes Cnpitel. Die ſtillen Tage. Sirbentes Cupitel. La Clemena di Tito. Achtes Capitel. Der Beſuch beim Papſte. Neuntes Capitel. Die Rückkehr. Zehntes Capitel. Die Geiſterbeſchwörung. Elftes Cnpitel. Der Lohn des Verräthers. Zwölftes Cnpitel. Das gebrochene Herz Drrizehntes Cnpitel. Mutter und Sohn. Seite 24 40 59 84 102 114 1 154 167 182 194 202 ——— Erztes Capitel. Die Oper der Churprinzeſſin. Mit unſerer Geburt fallen wir dem Tode anheim. Indem die Natur das„Werde!“ ausſpricht, deutet ſie auch an, daß dieſe ſichtbare Erſcheinung eines Menſchen in ihrem Sinn das Nichtſein in ſich ſchließe. Und doch wandern wir ſo ruhig neben Gottesäckern hin, als wäre für uns nicht geſchrieben: was Erde iſt, muß wieder zu Erde werden. Eltern namentlich vermögen die Erſcheinung eines Kindes nicht als ein nur geliehenes Gut zu betrachten, das nur mit zarten Fäden an die Exiſtenz gebannt, in ſeinen Wandlungen bei jedem Fortſchritte ihnen entriſſen werden kann. Maria Antonia ſtand jetzt an dem Sterbelager ih⸗ res dritten Sohnes, das Auge fragend nach Oben ge⸗ richtet mit jenem„Unmöglich!“ womit das Herz in ſei⸗ 1860. XI. Maria Antonia. III. 1 cSc——————— ner Verzweiflung den ſchweren Schlag von ſich abwen⸗ den will. Sie hielt die kleine Hand in der ihrigen, ſie fühlte den matter werdenden Pulsſchlag, ſie ſpähte nach einem Strahl der Hoffnung in des Arztes Mienen, und ſank vor ſeinem Nein gebrochen zuſammen. Sie hatte dem Tode oftmals in das Angeſicht ge⸗ blickt, ſie hatte ihm ſogar unter dem Donner der Kano⸗ nen getrotzt, und die unbeſeelten Körper auf dem Schlacht⸗ felde gebliebener Krieger waren ihr nicht fremd geblie⸗ ben. Doch ein Anderes iſt es, an dem Sterbelager ei⸗ nes Kindes ſtehen, da glaubt die Mutter ein Stück von ihrem Selbſt zu verlieren und an der tiefen Wunde verbluten zu müſſen. In ſolchen Momenten kann kein Fremder Tröſter ſein; denn jedes Wort ſcheint kalt, das er in einer ſol⸗ chen Stunde zu bieten hat. Man trug die Prinzeſſin in ihre Gemächer und überließ ſie der Sorge des Churprinzen, an deſſen Bruſt ſie, hinter verſchloſſenen Thüren, ihren Schmerz aus⸗ weinte. Die natürlichen Blattern hatten ihr das Kind ge⸗ raubt. Sie ſelbſt war in ihrer Jugend dieſer Geißel kaum entgangen und trug ihre entſtellenden Spuren. Wer ſicherte ſie davor, daß ihre übrigen Kinder, ihr kranker Liebling vor Allen, nicht davon befallen werde!— 11 Man impfte in Sachſen noch nicht. Das Vorurtheil lehnte ſich dagegen auf und die Geiſtlichkeit that das ihrige, es zu beſtärken. Das Publikum, wie immer ein Feind jeder Neuerung, äußerte auch hier ſeine conſer⸗ vative Vorliebe zum Nachtheile der eigenen Geſundheit. Maria Antonia betrachtete mit melancholiſchem Blicke ihre junge Familie und gedachte dabei des Schick⸗ ſals der Niobe. Ein ſchlimmerer Feind, wie eine erzürnte Göttin, ſtand ja vor ihrer Thüre. Aus dieſer Stimmung riß ſie ein Brief Friedrich's des Großen. Mit überzeugender Beredſamkeit ſtellte er ihr die Nothwendigkeit vor, den Gang der Wiſſenſchaft nicht durch kleinliche Vorurtheile zu hemmen und durch das eigene Beiſpiel kühn dem Jahrhundert voranzugehen. So ſchöne Worte ermunterten die Prinzeſſin zu mu⸗ thiger That. Sie ſandte nach ihrem Arzte und hieß ihm in ihrem Beiſein ihren ſechs Kindern die Blattern ein⸗ zuimpfen. Kopfſchüttelnd vollzog er den Befehl. Wie ein Lauffeuer durchdrang dieſe Nachricht die Reſidenz und erregte die verſchiedenſten Empfindungen. Man lobte, tadelte; man fühlte Mitleid und auch Ent⸗ ſetzen. Der Hof aber— wie immer das Echo der Für⸗ ſten— folgte dem Beiſpiele. Die Diener der Könige er⸗ lauben ſich kein Urtheil, ſie kennen nur den Gehorſam. Friedrich II. ſchrieb an Maria Antonia: 1* — 8 5 — —— S85. „Ich höre mit Vergnügen, daß das Einimpfen der Blattern mit gutem Erfolge vor ſich gegangen, Mada⸗ me, und gratulire Ihnen dazu. Das Parlament von Pa⸗ ris hat es verboten; ſo ſchwer iſt es, die Vorurtheile der Unwiſſenheit zu zerſtören, und ſo lange Zeit bedarf die Menſchheit, um etwas Vernünftiges einzuſehen. Nur der Herzog von Orleans hat mit ſeinen Kindern einen Verſuch gemacht, und mit Erfolg; von den tauſend in Berlin geimpften Perſonen iſt Niemand geſtorben; und nach ſolchen Beiſpielen entehrt man ſich noch durch ein ſolches abgeſchmacktes Verbot!“ Maria Antonia antwortete ihm darauf acht Tage ſpäter: „Ihnen, Sire, danke ich den Muth, der meine ge⸗ liebten Kinder gerettet. Ihre Worte haben mich belehrt und dem Churprinzen ſeine Einwilligung entlockt. Mei⸗ nem Beiſpiele folgen jetzt Tauſende. Ich wundere mich mit Ihnen, daß die aufgeklärten Aerzte der Sorbonne ſolche Sklaven des Hergebrachten ſind, um einen ſo nütz⸗ lichen Gebrauch zu unterſagen. Auch meine Aerzte und mehr noch unſere Prieſter ſträubten ſich dagegen; doch mein Beiſpiel vernichtet die Nothwendigkeit ihrer Ein⸗ willigung, und der hieſige Adel tritt in meine Fuß⸗ ſtapfen.“ Die Zeit und ihre Anforderungen an ihre Thätig⸗ M 9 13 keit goßen Balſam in die Wunde und beruhigten ihren Schmerz; bald gehörte ſie wieder ganz der Gegenwart an, die ihr jetzt noch durch einen fortgeſetzten Briefwechſel mit Friedrich II. verſchönert ward. Der Rath, und mehr noch der Beifall dieſes Monarchen, ſo wie die Aus⸗ drücke ſeiner Bewunderung verliehen ihrem Leben einen neuen Reiz. Jeder Brief von ihm erhöhte ihre Stim⸗ mung und ließ Tage lang einen Nachhall in ihrer Seele, und indem ſie zurück ihn beantwortete, ſah ſie ſchon wie⸗ der erwartungsvoll dem Empfange eines neuen Schrei⸗ bens entgegen. Auguſt II. traf indeſſen von Warſchau ein und wurde feſtlich bewillkommt. Das Volk liebte ihn nicht, und dennoch jauchzte es bei ſeinem Einzuge. Brühl kam mit ihm, und man fürchtete Brühl— wie hätte man alſo gewagt bei ſeinem Einzug nicht zu jubeln. Die Aerzte ſandten den König gleich darauf nach Teplitz, um ſeine von der Gicht gelähmten Glieder durch die warmen Bä⸗ der zu ſchmeidigen. Mit ihm ging auch ſein Miniſter da⸗ hin, durch deſſen Rückkehr die zeitweilige Regentſchaft der Churprinzeſſin erledigt war; denn er bedurfte jetzt kei⸗ nes Collegen, um ſeine Stelle zu erſetzen, er konnte mit eigenen Augen ſehen und konnte handeln, ohne ſeine Be⸗ weggründe nennen zu dürfen.— Die hellſehende Frau war ihm dabei im Wege. Maria Antonia wagte nicht einmal zu äußern, daß ſie ſehr ungerne auf eine Macht verzichte, die ſie in ihren Händen beſſer aufgehoben glaube, wie in den ſei⸗ nigen. Sie mußte ſchweigen und— geſchehen laſſen. Wohl mag man das Schweigen golden nennen— ſo golden, wie manche goldene Regel; doch kann man nicht minder den beneidenswerth finden, welchem, wo er das Rechte will, die ſilberne Rede geſtattet iſt. Brühl regierte jetzt wieder nach alter Weiſe. In⸗ mitten einer aus Aſche und Trümmern beſtehenden Reſi⸗ denz, voll hungernder Bewohner, richtete er des Königs Auge auf luſtige Feſte, die ihn der Gegenwart vergeſſen laſſen möchten. Er ſelbſt verließ ihn dabei keine Stunde, begleitete ihn, wohin er auch ging, und ſorgte für die Unterhaltung des kranken Monarchen, der ſeiner keine Minute zu entbehren vermochte. Er fröhnte ſeiner Lebensluſt und hütete ihn wie einen Gefangenen. Der Herzog von Churland, Prinz Karl, war zu⸗ rückgekehrt nach Dresden, ſeit die Kaiſerin von Rußland geſtorben. Seine Krone wankte, ſeit eine fremde Hand ſie nicht mehr auf ſeiner Stirne befrſtigt hielt, wie die von Polen auf dem Haupte ſeines Vaters. Peter MI. war nur eine Epiſode in der Geſchichte; ſeine Gemahlin, welche nach ihm den Thron beſtieg, war den ſächſiſchen 8 r i⸗ 8 en ie ne ie nd nd die I. in, 15 Prätendenten nicht günſtig. Maria Antonia folgte mit ſorgendem Blicke dieſen Vorgängen auf dem Felde der Politik, ihrer Söhne Geſchick an deren Löſung knüpfend. Sie war nicht länger ehrgeizig nur für ſich ſelbſt, ſie begann es jetzt auch für ihre Kinder zu ſein. Sie wünſchte dieſen Kronen zu erhandeln. Sie ſchrieb an Friedrich von Preußen und bat ihn um ſeinen Rath. Sie vertraute ihm ihre Sorgen, ihre Befürchtungen; ſie rechnete dabei auf ihn, als auf einen Freund in der Noth, ſie ſetzte ihre ganze Hoffnung auf ſeine Theilnahme an ihrem Schickſale. Sie zeigte ein gläubiges Herz, das Worten vertraute. Ihr Brief an ihn lautete: „Ich beſchwöre Sie mir zu ſagen, was wir zu fürchten haben, und mir mit Ihrem Rathe beizuſtehen. Ich hege das unbedingteſte Vertrauen zu Ihnen und ver⸗ ſpreche, daß Niemand erfahren ſoll, was Sie mir gnädig mittheilen wollen. Doch möchte ich für mich um glei⸗ ches Geheimniß bitten.“ Allein wie ſollte es einer Prinzeſſin möglich ſein, ein Geheimniß bewahren zu können, das tauſend Augen zu erſpähen bemüht ſind? Wie ſollte man nicht wiſſen, daß ſie Briefe ſchreibt, und dann auch erfahren wollen, an wen ſie dieſe richtet? Wie ſollte man nicht jeden ihrer Schritte kennen? ——— — 3 16 Graf Brühl war kaum von Warſchau zurückgekehrt, ſo wurde ihm ſchon zugeflüſtert, wie hoch der große Friedrich die Churprinzeſſin ſchätze, und wie vertrauens⸗ voll ſie ſich ſeiner Gunſt gerühmt. Sein Feind ſo lie⸗ benswürdig, ſo galant?— Er ſchüttelte mißbilligend ſein Haupt dazu und bemühte ſich nun doppelt, es ſelbſt zu ſein. Doch das allein genügte nicht. Er mußte nebenher auch wiſſen, auf welcher Baſis dieſe neue Freundſchaft zwiſchen dem Könige und der Churprinzeſſin beruhe. Er befahl, daß man die Briefe auf der Poſt eröffne, und bald ward ihm ein Schreiben des Weiſen von Sansſouci übergeben, das er mit einem wiederholten Ah! des Staunens las, wobei zugleich ein eigenthümli⸗ ches Lächeln ſeinen Mund umſpielte. Der König ſchrieb an die Churprinzeſſin: „Madame! „Man darf, ohne Ihrer Königlichen Hoheit zu ſchmeicheln, Ihren ſeltenen Talenten Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen. Durch die Ueberſendung Ihrer Werke haben Sie mich autoriſirt, Ihnen ganz unumwunden die mir verurſachte Wirkung einzugeſtehen. Man müßte denn ohne Seele, taub und blind ſein, wollte man das Genie nicht lieben, welches in ſich den Ruf von zwei großen Künſtlern vereint. Aber ich darf nicht fortfahren, um Ihr Zartgefühl nicht zu verletzen, das die außer⸗ ————— —„— ———— — v— 8— 17 ordentlichſte Rückſicht von allen denen fordert, welche das Glück haben Sie zu kennen. Ich befinde mich in der Lage des Barbiers des Midas, ich muß mein Ge⸗ heimniß dem Schilfrohr anvertrauen, und dies wird in meiner Nähe immer flüſtern, ſo oft Minerva es dazu be⸗ lebt: Die Churprinzeſſin von Sachſen verdient die Be⸗ wunderung der Welt!“ Brühl machte hier eine Pauſe, wie um Athem zu ſchöpfen. Er legte den Brief aus der Hand, kreuzte die Arme und wanderte einige Male in ſeinem Zimmer auf und ab, das Auge gedankenvoll geſenkt. So groß alſo war die Bewunderung, welche Fried⸗ rich für ſie hegte, und ihr entſprechend, der Einfluß der Churprinzeſſin auf den Beherrſcher des Nachbarlandes? Das gab ihm zu denken. Er hatte die Frau in ſeiner Hand geglaubt, er hatte geglaubt, die Fremde nach ſei⸗ nem Willen lenken zu können, und nun fand ſie auf ein⸗ mal dieſen mächtigen Beſchützer, dieſen warmen Freund, in einem Manne, der ſich in dieſem Augenblicke den Gebieter von Europa nannte, mit dem ein Brühl ſich nimmer meſſen durfte. Heimlich, hinter ſeinem Rücken hatte ſie ſich von dieſem Manne Rath erholt über die von ihr zu verfolgende Politik und die ihr erſprießlichſte Handlungsweiſe, und dabei klagte ſie noch, daß ſie nicht öffentlich bekennen dürfe, wie gewogen Friedrich ihr ſei, um nicht Eiferſucht zu erregen, weil der Gang der Ge⸗ ſchäfte in Sachſen jetzt ohne ſie geleitet werde, weil man ſie von der Regierung ferne halte und ſie daher nur heimlich das Beſte ihrer Kinder befördern dürfe. Seinem bitterſten Feinde klagte ſie das. Dem Manne, der ſeine Schlöſſer zerſtört, ſeinen Namen mit Füßen getreten hatte, dieſem Manne ſchenkte ſie ihr Ver⸗ trauen und bat ihn um ſeine Hülfe! Schlange, die er an ſeinem Buſen genährt! Noch aber war Auguſt III. Herrſcher in Sachſen und noch war er durch ſeine Gnade allmächtig; noch ſetzte man Graf Brühl nicht bei Seite, noch verhinderte man ſeine Pläne nicht! Sie ſollte erfahren, gegen wen ſie hier zu intrigui⸗ ren verſucht! Doppelt freundlich trat er Maria Antonia hierauf entgegen und erkundigte ſich nach dem Befinden de la chermante Princesse. Wer ihn genau kannte, hätte da⸗ bei einen leiſen Zug des Hohnes um ſeine Lippen ſpielen ſehen; doch ſie, ohne alle Ahnung, bemerkte davon nichts und plauderte heiter mit ihm fort über die vorhabenden Vergnügungen. Daran war jetzt kein Mangel. Seit der König von Teplitz zurückgekehrt, gönnte Brühl ihm kei⸗ nen Augenblick der Ruhe. Von früh bis ſpät waren die Tage mit Luſtbarkeiten ausgefüllt, mit denen er die blu⸗ nit — en ch te ti⸗ uf la U⸗ en t8 er ei⸗ ie 19 tenden Wunden des Landes umhüllte. Maria Antonia war genöthigt, an dieſen Feſten Theil zu nehmen, die ſie „ermüdender als unterhaltend“ nannte. Was ihr in ihrer erſten Jugend und durch den Reiz der Neuigkeit gefallen, ließ ſie jetzt, gereift durch die Jahre, kalt. Ob ſie heute in den Luſtgärten des Grafen Brühl und mor⸗ gen in Friedrichſtadt bei ihm ſpeiſte, blieb einerlei, ſo⸗ bald die Geſellſchaft die gleiche war und die Unterhal⸗ tung in nichts wechſelte; denn ſelbſt unſere Anſprüche an die Menſchen verändern ſich ja mit den Jahren und be⸗ dingen ſich nach dem Gange unſerer eigenen Entwickelung. Das Feſt auf der Vogelwieſe fand auch damals ſtatt, wie es noch jetzt alljährlich das Publikum erfreut; nur daß vor hundert Jahren der König daran Theil nahm. Ueber die Ruinen der eingeäſcherten Pirnaiſchen Vorſtadt hinweg zog Auguſt der Dritte hinaus mit allen ſeinen Prinzen und Prinzeſſinnen, den Erſten ſeines Ho⸗ fes und den fremden Geſandten, um nach dem Vogel zu ſchießen, in deſſen Körper ſich ein Hahn, ein Haſe und Täubchen verborgen befanden, welche, zur unendlichen Beluſtigung der jungen Prinzen, bei jeder Verwundung des Vogels aus ſeinen Seiten hervorſprangen*). Spielend, wie ſonſt, ließ man das Leben an ſich ) Klemm, Chronik von Dresden. 20 vorüber gleiten und öffnete der Freude weit alle Thore. Es waren große Kinder, die unbekümmert um den näch⸗ ſten Tag ſich der Luſt hingaben, ohne, wie Voltaire ſagt, des blutigen Schlußes am Ende des letzten Actes zu ge⸗ denken.— Rouſſeau hatte ſeinen Emil geſchrieben, der öffent⸗ lich in Genf verbrannt worden und ſeinen Autor landes⸗ flüchtig gemacht. Das Fach der Erziehung blieb immer noch unangebaut; die junge Seele naturgemäß zu entwi⸗ ckeln und ſie zum Nachdenken durch Anſchauung zu führen, blieb ein noch ungeweckter Begriff; der Menſch als Individuum war noch nicht in ſeine Rechte einge⸗ treten. Auf ſolchem Standpunkte allgemeiner Anſchauungen konnte ſelbſt eine ſo geiſtvolle Fürſtin, wie Maria An⸗ tonia, ihrem Jahrhundert nicht vorauseilen und ihre Kin⸗ der ſich ſelbſtändig entwickeln laſſen. Sie ſollten werden, was ſie aus ihnen zu machen wünſchte. Inmitten ihrer Sorgen um die ruſſiſche Politik und den Marſch ruſſiſcher Soldaten nach Polen, war ſie bemüht den Prinzen und Prinzeſſinnen ihrer Familie die Rollen zu ihrer Oper„Paleſtris, Königin der Ama⸗ zonen“ einzuſtudiren*), die ſie ſo ſehnlich aufgeführt ²) Weber, Maria Antonia Walpurgis. U K — — W — w— ²) Fürſtenau. 21 zu ſehen wünſchte. Brühl ermunterte ſie dabei und be⸗ gleitete den König in die Proben, Beide froh, daß ſie einen ſo harmloſen Zeitvertreib gefunden. Die Etikette jener Zeit geſtattete es nicht, das Pu⸗ blikum zum Zuſchauen einzuladen, nur im engſten Hof⸗ kreiſe durfte die Aufführung ſtatt finden*), der Maria Antonia mit der geſpannteſten Erwartung entgegen ſah. Der Schlaf floh ihre Nächte, je näher die Stunde heran⸗ rückte. Die ganze Angſt und Sorge des Künſtlers, der das Publikum zu ſeinem Richter aufruft, bewegte ihre Seele. Sie durfte nicht Gnade rufen, und dennoch hätte die Angſt vor der Verurtheilung dies demüthigende Wort ihrer Lippe entreißen können. Die Räume füllten ſich, das Haus war erleuchtet, das Orcheſter ſtimmte die Geigen, und bald ſollte ſich der Vorhang heben. Die Stadt wußte, daß man eine von der Churprinzeſſin gedichtete und componirte Oper gab, und morgen mußte es Deutſchland und übermorgen Eu⸗ ropa wiſſen. Welch' eine Gefahr für eine Frau in ihrer Stellung! Nur Privatperſonen können ſich ſelbſt an eine Sache ſetzen und Alles wagen, Alles hoffen. Wenn das Glück in dem Höhepunkte aller unſerer Empfindungen beſteht, ſo genoß ſie es heute.— Wie be⸗ 22 wegte ſie Alles, wie durchſchauerte ſie jeder Ton, wie ſpähte ihr Auge fieberhaft, um in den Mienen der Zu⸗ ſchauer Lob oder Tadel zu leſen und das nicht aus⸗ geſprochene Wort zu belauſchen. Hatte ſie je gezittert, wie ſie heute zitterte, je gebangt, wie ſie heute bangte?— Hatte an irgend einem Wendepunkte ihres Lebens, wo all ihr Hoffen, all ihr Wünſchen auf einem Wurfe in des Schickſals Urne ruhte, ein einziger Gedanke je, wie heute, ſie beherrſcht?— Jetzt konnte ſie des Künſtlers Seligkeit, aber auch ſeinen Schmerz ermeſſen. Auf der höchſten Stufe des menſchlichen Seins, wo er ſich ſeiner ſchöpferiſchen Kraft bewußt wird, und ſchwindelnd von ſeiner Höhe herab an die Welt appellirt und ſie aufruft über ſeine Begabung Richter zu ſein, wandelte ſie Verzweiflung an vor der Ungewißheit dieſes Urtheils. Während einerſeits nie ge⸗ kanntes Wonnegefühl ſie durchſchauerte, überließ ſie ſich in der nächſten Minute dem Zagen, das des eigenen Un⸗ genügens unzertrennlicher Begleiter iſt. Doch, unbegrenzter Beifall krönte ihre Arbeit. Lob war auf jeder Lippe. Verſtand dieſe Geſellſchaft auch ſonſt ſehr wenig, ſo verſtand ſie doch Muſik, ſo war das Ohr doch dafür gebildet, und mit Staunen gewahrte man, was eine königliche Prinzeſſin hier geleiſtet. König Auguſt ſelbſt ſprach ſeine ſtolze Befriedigung aus, in einer Tochter ſo große Talente vereinigt zu finden, und nannte es aft ing der ge⸗ ſich ln⸗ Lob uch das yrte nig iner nte 23 ſie den Schmuck ſeines Hauſes, und Graf Brühl, der ihm zur Seite ſtand, ſtimmte ihm darin bei. „Königliche Hoheit ſind nur zu vielſeitig,“ bemerkte der ſchlaue Günſtling liſtig.„Es iſt nicht diplomatiſch, alle Talente in ſich vereinigen zu wollen; das weckt den Neid. Friedrich II. hat das erfahren, und ich hoffe und wünſche nur, daß ſein Beiſpiel Sie nicht verleiten möge, in ſeine Fußſtapfen zu treten.“ „Ich würde es mir zur Ehre ſchätzen, wenn ich ſo hoch ſtreben dürfte,“ erwiderte die Churprinzeſſin mit ſtrahlender Miene.„Bis jetzt aber beſchränkt ſich mein ganzer Ehrgeiz darauf, ſeinen Beifall zu gewinnen, und dieſen Abend zu krönen, hätte ich nur ihn unter der Zahl der Zuſchauer gewünſcht.“ „Er wird es unſichtbar geweſen ſein,“ erwiderte Brühl,„und Königliche Hoheit werden ſicher bald erfah⸗ ren, daß er Ihrer Oper Beifall zollt.“ „Wiſſen Sie das ſo beſtimmt?“ fragte Maria An⸗ tonia und ſah ihn verwundert an. „Ich vermuthe es und täuſche mich nicht leicht,“ er⸗ widerte er unbefangen. Abends fand die Churprinzeſſin die Nachricht, daß man ihre Briefe geöffnet und deren Inhalt verrathen ſei. Sie erbleichte— Wurde Brühl ihr Feind, ſo ſcheute er kein Mittel ſie zu verderben. Zurites Capitel. Der Bote Friedrich's II. Die Sonne ſenkte ſich und überhüllte den weſtlichen Horizont mit Purpurglut. Aus dem Elbthale ſtiegen die Dünſte empor und zogen in myſtiſchen Linien an den Hügelketten hin, welche es rings einſchließen. Sabbath⸗ ſtille herrſchte, wie wenn der Himmel ruhte und die Winde feierten, nachdem der Tag ſein Werk vollbracht. Maria Antonia war auf ihren Balcon hinausgetre⸗ ten und, ſich auf das Geländer ſtützend, ſtand ſie ſinnend in ſich verſenkt da, während die reine kühle Abendluft ſie wohlthätig erfriſchte. Ein Ausdruck der Sorge faltete ihre Stirne. Sie empfand auf's neue das Drückende ihrer Stellung zu dieſem allmächtigen Miniſter, dem es daran lag, ſie des Einflußes zu berauben, deſſen ſie während ſieben langen Jahre genoſſen, und der jetzt nicht einmal mehr ein Geheimniß machte, daß er ihr dieſe Demüthigung zugedacht. Was hatte ſie gethan, um ſich ſein Mißwollen zu verdienen? Warum wollte er ihr wieder entziehen, was er ſelbſt ihr zugeſtanden? Warum fürchtete er ſie jetzt auf's neue in ſeinem Miniſterrathe, nachdem ſie während eines * ₰ ſo langen Zeitraumes danach gerungen, ſein Vertrauen zu gewinnen, und, wie ſie glaubte, es auch endlich gewon⸗ nen hatte. Und nun— ſprach er mit ihr nur von neuen Opern und nie mehr von Staatsgeſchäften. Der alte Leichtſinn herrſchte wieder am Hofe Auguſt's III.„Payez, payez! Pel'argent pour le roi de Pologne!“ rief man im Lande aus, und nahm ohne Barmherzigkeit den Groſchen der Witwe, womit ſie das Stück Brod für ihr hungerndes Kind hatte kaufen wollen. Wie konnte ſie dieſem Unweſen ſteuern? Wie dem Könige die Augen öffnen über dieſe Grauſamkeit, an der er keinen Theil hatte? Glänzende Feſte fanden heute wieder einmal ſtatt. Das befördere den Handel und hebe den Verkehr, ſagten die Prinzen, weil Brühl es ſo geſagt. Maria Antonia aber konnte ſich durch ſolche Worte nicht täuſchen laſſen, ſie hatte die politiſche Oeconomie mit Ernſt ſtudirt, um einſt durch dieſe Kenntniß ihrem Lande zu nützen, und ſie wußte ganz wohl, daß das Geld zu dieſen Feſten aus der Taſche des armen Landbewohners gezogen wurde, und daß die reichen Theilnehmer dieſer Freuden frei dabei ausgingen. Gleiche Abgaben, gleiche Rechte, rief es in ihr. Zwei natürliche Söhne Auguſt des Starken lebten noch an dieſem Hofe, mit Ehrenämtern und Gütern reich 1860. XI. Maria Antonia. III. 2 26 geſegnet, dies waren der Chevalier de Saxe und der Graf Rutowski. Der letztere, General⸗Feldmarſchall und Commandant von Dresden, legte heute ſeine Stelle nieder, und der Chevalier de Saxe trat an ſeinen Platz. Ein ſo einfacher Vorgang wurde von Brühl benutzt, um militä⸗ riſche Feſtlichkeiten anzuordnen, um die Offiziere in ſei⸗ nem Garten zu einem glänzenden Diner einzuladen und Abends die Soldaten auf der Wieſe in der Friedrichs⸗ ſtadt tanzen zu laſſen, wobei der Hof zuſehen ſollte. Dies Zuſehen des Hofes blieb natürlich die Hauptſache; denn damit war wieder eine Unterhaltung für den König und die Prinzen gewonnen, die auch in der Erinnerung noch mehrere Tage ausfüllte. Maria Antonia durfte ſich nicht ausſchließen. Als Einzelne gegen ſo Viele auftreten und ihnen einen andern Geſchmack und andere Neigungen entgegenſetzen, würde zu ſchwer an ihr gerächt worden ſein. Ohnehin fühlte Jeder ſchon hinlänglich ihr gegenüber die Nichtigkeit des eigenen Lebens und den viel umfaſſenden Geiſt dieſer nimmer ruhenden Frau, um noch durch Worte darauf hinweiſen zu wollen, wie überlegen ſie den Uebrigen ſei. Schon angekleidet für die Feſtlichkeit erwartete ſie jetzt ihre Wagen, um in Begleitung der Prinzen und Prinzeſſinnen ihres Hauſes aufzubrechen. Auch Friedrich Auguſt wurde mitgenommen zu dieſer ſeinem Alter ent⸗ —— — 8 hr, — — N—*⁸ N——* 27 ſprechenden Luſtbarkeit, doch ohne daß ihm die Erlaubniß Freude gewährte. „Du wirſt meine Stelle vertreten,“ ſagte der Chur⸗ prinz zu ihm, während er neben dem Ruheſtuhl des kranken Vaters Platz genommen hatte.„Du mußt Dich gewöhnen Deiner Mutter zur Seite zu ſtehen. Ein Prinz muß repräſentiren lernen, und in dem Bezug kannſt Du in keiner beſſern Schule ſein.“ Der Knabe erwiderte darauf nichts. Er liebte ſeinen Vater, der ſeine Vorliebe für ſein kleines Fritzl beibehalten hatte und ihn oft in ſeine Nähe zog und ſich mit ihm unterhielt. Das einfache, ruhige Weſen des Churprinzen ſagte dem Knaben ſichtlich mehr zu, als ſei⸗ ner Mutter Lebhaftigkeit und überſprudelnde Laune, der manches Wort entfuhr, das nicht wieder gut zu machen war, weil es in der Seele des Kindes ſogleich Wurzeln gefaßt, die ſich nicht mehr ausrotten ließen. Es dämmerte ſchon, als die Reihe glänzender Equi⸗ pagen der Vorſtadt zufuhr, wo ſie ein Lichtermeer begrüßte. Auf einer für ſie errichteten Tribüne nahm die Churprinzeſſin mit ihrem Gefolge Platz, und ſuchte nun die ernſten Gedanken zu verſcheuchen, um wenigſtens ſcheinbare Theilnahme für die unten Tanzenden zu äu⸗ ßern. Hunderte von dazu errichteten Säulen warfen den Schein ihrer Lampen auf die geſchmückten Schönen, 2*½ 28 welche hier der Ehre genoßen, von Offizieren und Ge⸗ meinen in wirbelnden Kreiſen umhergeführt zu werden, begleitet von einer rauſchenden Muſik, die eine Unter⸗ haltung nur in den Pauſen möglich machte. Die fremden Geſandten mit Sternen beſäeter Bruſt hatten ſich ein⸗ gefunden, mit ihnen die erſten Damen des Hofes. Bunte Kleider, lachende Mienen, koquettes Lächeln, und halbe Stichworte, hervorgerufen durch die Wirkung der Scene, der Beleuchtung und die erregte Stimmung, liehen dem kleinen Gotte ein weites Feld zu manchem kühnen Worte. Die Formen des Lebens, dieſe mächtige Schranke, wur⸗ den kühn überſprungen. Der Weingeiſt ſpukte noch von dem Mahle her in manchen Köpfen und forderte keck ſich hier ausſchäumen zu dürfen. Das Schwirren der Stimmen, die Laute der Freude, der Klang der Pauken und der Trompeten vermehrte noch das Pulſiren in den Köpfen und ſteigerte den Taumel der Luſt. Aus der Wieſe ſtiegen die feuchten Dünſte der Nacht empor, und Niemand bemerkte es. Ein kalter Luftzug zog dann und wann mit leiſem Schauer durch die Glieder, ein augenblickliches Zucken folgte und man ge⸗ dachte der unangenehmen Empfindung nicht mehr. Graf Brühl, der ſich jetzt noch ſeltener, als wohl ſonſt aus der Nähe König Auguſt's entfernte, überließ 29 ihn jetzt auf einige Minuten den Prinzen Taver und Carl, und trat hinter den Stuhl der Churprinzeſſin. „Königliche Hoheit ſind heute ſehr ernſt,“ begann er.„Ich entſinne mich noch der Zeiten, wo Sie mit ganzem Herzen ſolchen Feſten beiwohnten und nur be⸗ dauert haben würden, nicht ſelbſt mittanzen zu dürfen.“ „Jedes Alter hat ſeine Freuden, Graf Brühl,“ ſagte die Prinzeſſin, ſich zu ihm wendend.„Sie können nicht erwarten und auch nicht wünſchen, daß ich noch ſo denke und empfinde, wie Sie mich vor ein Dutzend Jahren gekannt. Jedes Lebensalter macht ſeine beſondern An⸗ ſprüche. Bei mir nimmt nun die Mutter die Hauptſtelle ein, und alle meine Wünſche und Hoffnungen gelten der Zukunft meiner Söhne.“ „Die, wie mir ſcheint, in einem legitimen Fürſten⸗ hauſe ganz ungefährdet iſt,“ bemerkte der Miniſter ſcharf. „Ungefährdet doch wohl nicht ganz,“ erwiderte Ma⸗ ria Antonia, ihn mit einem Seitenblicke meſſend.„Davon iſt uns Prinz Carl ein Beiſpiel. Und, indem wir eigen⸗ ſinnig darauf beharrten, den Herzog Biron von Kur⸗ land nicht anerkennen zu wollen, reizten wir Rußland, in Polen gegen uns aufzutreten.“ „Wie ſo? Ich verſtehe Sie nicht. Wie hätte Ruß⸗ land in Bezug auf Polen gegen uns die Initiative er⸗ griffen?“ . „Dadurch, daß es Truppen dahin ſandte,“ erwi⸗ derte die Prinzeſſin ernſt. „Um die Czartoryski gegen die Radziwill zu unter⸗. ſtützen, weiter hat dieſer Schritt keinen Zweck,“ erwiderte Brühl mit leichtem Spotte. „So! Und man Pedenkt nicht, was das heißen will, fremde Truppen in ſeinem Lande dulden, nachdem wir doch in jüngſter Zeit geſehen, welche Folgen der Einzug der Preußen in Sachſen für uns gehabt? Sind wir denn Fürſten noch in unſerm Lande, wenn Jeder mit uns han⸗ deln kann, wie ihm beliebt? wenn man mit uns und un⸗ ſeren Intereſſen ſpielt? uns niemals fragt bei dem, was man für uns und gegen uns zu thun im Schilde führt?— Ich nhe bin nicht in einer Schule auferzogen, wo man ſich ſolchem Würfelſpiel ergibt, und meine Söhne will ich lehren, mit Gott einſt für ihr gu⸗ tes Recht zu kämpfen und zu erkämpfen, was man ihnen ſtreitig macht. Sie ſollen wahrlich kein ſolches laissez aller von mir lernen, nicht zuſehen, wenn man ſie be⸗ raubt. Sie ſind die Enkel eines Kaiſers.“ „Wenn ſie den Ehrgeiz ihrer Mutter erben, Kö⸗ nigliche Hoheit, ſo werden ſie mit Alexander ſagen: die Welt ſei ihnen noch zu klein. Wie ſchade, Königliche Ho⸗ heit, daß Sie nicht ein Mann geworden, um offen in das Feld zu ziehen, während Sie nun, als Frau, nur mit 31 kleinen Fäden ſpinnen dürfen, die, oft geknüpft, auch oft zerreißen. Sie ſtehen nicht an Ihrem Platze, Prinzeſſin. Sie bedürfen für Ihr Talent ein großes Feld.“ „Das weiß ich längſt, Graf Brühl!“ erwiderte ſie mit ſo kalter Ruhe, daß der feine Höfling faſt zweifelte, ſie habe den Sinn ſeiner Worte verſtanden.„Das weiß ich längſt, und wußte es, ſo wie ich dieſes Land betrat. Doch— die Zeit ſteht ja nicht ſtill, Graf Brühl, es ver⸗ rinnt ja mit jeder Minute ein neues Jahr, und was ich bin, das werde ich wenigſtens auch⸗bleiben; komme was da wolle, ſo bin ich die Gemahlin des Churprinzen von Sachſen und die Mutter meiner Söhne, und werde als ſolche auch auf meinem Platze ſtehen.“ Der Miniſter erbleichte. Unwillkürlich glitt ſein Auge nach der Seite hin, wo der König ſtand, als wolle er ſich von deſſen Exiſtenz überzeugen. Lachend und ſcher⸗ zend gewahrte er dieſen in einer Gruppe junger Leute; doch, von Gicht gelähmt, und mit mancherlei Uebeln ei⸗ nes frühzeitigen Alters behaftet, ließ ſich die Dauer ſei⸗ nes Lebens darnach freilich nicht beſtimmen. Eine ſolche Betrachtung mochte ſich jetzt zum erſten Male dem ſtolzen Miniſter aufdringen, und wie wenn damit zugleich die Luſt und der Glanz um ihn ſich in Nacht verwandelt, nahmen ſeine Züge einen Ausdruck ängſtlicher Beſorgniß Nc 82 an, und ſich mit ganz verändertem Tone zu der Prin⸗ zeſſin wendend, ſagte er: „Wir ſind für den Scherz zu ernſt geworden, Kö⸗ nigliche Hoheit, und für den Ernſt nicht ernſt genug ge⸗ ſtimmt. Laſſen Sie uns zu einer paſſenderen Stunde den Gegenſtand wieder aufnehmen, und wir werden uns verſtändigen.“ Ein Lächeln flog über die Züge der Churprinzeſſin, und ihn fragend anblickend, erwiderte ſie nur: „Glauben Sie?“ „Ich bin davon überzeugt,“ verſetzte der Miniſter ſich verbeugend, und ſeinen Platz dem eben hinzutre⸗ tenden Prinz Laver überlaſſend, entfernte er ſich. Maria Antonia war nun genöthigt ſich zu ihrem Schwager zu wenden, der, ſeit er unter den franzöſiſchen Fahnen gefochten, nur von ſeinem dortigen Leben und ſeinen Abenteuern in einem Kriege ſprach, wo er keine Lorbeeren erfochten. Die einzige Eroberung, der er ſich namhaft rühmen konnte, war die eines jungen Mannes, den er der franzöſiſchen Armee entführt und an ſeine Perſon gefeſſelt. Dieſer, ſein erklärter Günſtling, beglei⸗ tete ihn überall hin, und befand ſich auch heute in ſeiner Geſellſchaft. Während Prinz Taver mit der Churprin⸗ zeſſin ſprach, nahm ſein Begleiter die Gelegenheit wahr die Gräfin Rutowski zu begrüßen, deren leuchtende Blicke ihn ſchon aus der Ferne dazu eingeladen hatten. Dem jungen Fremden ſchmeichelte dieſe Aufmerkſamkeit einer großen Dame, die ihn durch ihren die Sinne ver⸗ wirrenden Luxus von Sammet und Seide und Schmuck und Spitzen blendete, und, nach Art der Polinnen, bald durch ihr aufloderndes Feuer, bald durch ihre ſanfte Hingabe, vor Allem aber durch ihre hohe Stellung an ſich zog und dienſtbar machte. Maria Antonia war das Spiel der Augen der ſtolzen Gräfin nicht entgangen. Lächelnd fragte ſie Prinz Laver:„Wird denn Herr von Agdollo nicht wieder zu ſeinem Regimente zurückkehren, bevor er hier bei uns zu tiefe Wunden ſchlägt?“ Ohne weiter zu fragen, errieth der ſo Angeredete ſchon den Sinn ihrer Worte. „Er hat dort ſeinen Abſchied genommen und wird hier in Dienſt treten,“ erwiderte er.„Er iſt ein hüb⸗ ſcher Junge und dabei arm, folglich muß er durch die Frauen ſein Glück zu machen ſuchen. Ich hindere ihn darin nicht.“ „Wenn es mit Ehren geſchehen kann, à la bonne heure,“ ſagte die Prinzeſſin.„Als Fremder, und vor⸗ züglich als Venetianer, begegnet er bei uns dem günſtig⸗ ſten Vorurtheile. Er iſt ein ſehr angenehmer Menſch, das kann man nicht läugnen, und ſpricht dabei ſo ſchönes 34 Italieniſch, daß ich ſelbſt das größte Vergnügen daran finde, mich mit ihm in meiner Lieblingsſprache zu unter⸗ halten. Aber vor Einem ſollten Sie ihn warnen, Kaver. Er muß nicht ſpielen. Wenn er ſpielt, ſo iſt er verloren; denn Spielſchulden muß er bezahlen, und fehlt ihm dazu das Geld, ſo verſchafft er es ſich auf unehrenhafte Weiſe. Ich habe das oft ſchon erlebt. Ein junger Mann kann ſeinem Leichtſinne manches erlauben, ohne moraliſch daran zu Grunde zu gehen, nur ſpielen muß er nicht.“ „Que voulez— vous!“ ſagte der Prinz leicht hin. „Er muß von ſeiner Induſtrie leben, da er keinen Zu⸗ ſchuß von zu Hauſe hat, und wie könnte ich da Moral predigen wollen? Was ich ihm gebe, reicht nicht hin, um ſeine Bedürfniſſe zu beſtreiten; denn er lebt gerne als Cavalier, natürlich alſo verſucht er ſein Glück, und ver⸗ liert er, ſo hilft die Tante Rutowski ihm aus. Sie iſt ja reich genug dazu.“ „Wenn er das von ihr annimmt, ſo verkauft er ſich ihr mit Leib und Seele und wird der Sklave ihres Willens. Ich bedaure ihn, wenn er es ſo weit kommen läßt.“ „Puh! Sie ſehen zu ſchwarz, Antonia. Wir Män⸗ ner nehmen ſolche Dinge leichter. Er thut doch nur, was er thun will. Sie ſcheinen aber ſehr lebhaften Antheil an ihm zu nehmen. Frauen gönnen einander ſelten ſolche 35 Eroberungen. Ihr Wohlwollen iſt meiſtens aus Neid gewoben.“ „Sie haben allerlei ſonderbare Begriffe aus Ihrem Kriegsdienſte mitgebracht, Kaver, und wollen durchaus den lockern Ton vom Hofe zu Verſailles nachahmen. Das kleidet Ihnen aber ſchlecht. Sie müſſen bedenken, daß wir deutſche Fürſten ſind, wenn wir gleich franzöſiſch reden, und daß wir Frankreich bewundern können, ohne ſeine Sitten nachahmen zu wollen. Friedrich von Preu⸗ ßen iſt uns darin mit glorreichem Beiſpiele vorangegan⸗ gen, und wir ſollten uns bemühen in ſeine Fußſtapfen zu treten.“ „Ich bitte Sie, nennen Sie mir den nur nicht; er iſt mir unerträglich, dieſer kalte Pedant, dieſer Flöten⸗ bläſer, dieſer gelehrte Verſemacher!“ „Ich bitte Sie, Kaver!“ rief die Churprinzeſſin entrüſtet und ſah ſich ſcheu um.„Ich begreife Sie nicht! Noch nie ſind Sie ſo ausfällig geworden.“ „Weil mir es unerträglich wird, ewig nur ſein Lob von Ihnen zu hören, während wir Alle Urſache haben, einen Mann zu haſſen, der uns ſo tief in den Schatten ſtellt.“ „Neid alſo iſt es, was aus Ihnen ſpricht!“ rief die Churprinzeſſin.„Aber, Taver, können Sie einer ſo kleinen Leidenſchaft Gehör geben, wenn ſo große Tugen⸗ 36 den und Vorzüge zu Ihnen ſprechen? Können Sie blind ſein gegen ſein Verdienſt?“ „Eben weil ich es nicht bin, macht er mich böſe auf ſich. Und was den Neid betrifft, Antonia, ſo weiß ich Jemand, der vor einigen Augenblicken dieſer häßlichen Empfindung ebenfalls Raum gab.“ „Unſinn!“ rief die Prinzeſſin verletzt. „Ja, Unſinn, wenn ich Recht habe. So geht es immer. Aber, bin ich auch nicht ſo klug, wie Sie ſind, Frau Schwägerin, ſo ſehe ich doch auch manchmal etwas.“ „Brechen wir davon ab!“ erwiderte die Prinzeſſin erregt, und nahm ihren Fächer, um ſich zu kühlen, vielleicht auch um ihr geröthetes Angeſicht zugleich dahinter zu verſtecken. In dem Augenblick nahte ſich ihr Oberhofmeiſter und meldete ihr, daß ein Bote von Berlin eingetroffen, der ſie im Auftrag ſeines Königs zu ſprechen verlange. „Vom Könige von Preußen!“ rief ſie überraſcht und erhob ſich.„Wo iſt er?“ fragte ſie in freudiger Ungeduld. „Im Palais!“ hieß es. „So bitte ich um meinen Wagen!“ Dieſe Unterbrechung des Feſtes erregte allgemeines Aufſehen. Man flüſterte, man fragte, man vermuthete 37 und errieth, und ſah ſich endlich dennoch einem unauf⸗ lösbaren Räthſel gegenüber. Ein Bote vom Könige von Preußen! hallte es von Ohr zu Ohr, und kam auch end⸗ lich bis zu Graf von Brühl, der mitten in dem angefan⸗ genen Satze einer Rede ſtecken blieb und, was der feine Hofmann wohl ſchwerlich je gethan, ſich raſch von König Auguſt abwandte, ausrufend:„Womit? An wen?“ Dieſen haſtig ausgeſtoßenen Worten folgte als halbe Antwort der eben abfahrende Wagen der Chur⸗ prinzeſſin. Alſo an ſie? ſagte er ſich heimlich und wandte ſich nun mit ſchwerem Herzen dem ihm entfallenen Faden ſeiner Rede wieder zu. Maria Antonia hatte indeſſen die Stadt erreicht, und eilte die Botſchaft ihres königlichen Freundes zu entziffern. Er ſchrieb ihr: „Madame ma soeur. „Man öffnet meine Briefe in Sachſen; darum ſende ich dieſen getreuen Boten, den ich, um jedem Ver⸗ dachte zu entgehen, mit Früchten aus meinem Garten beladen. Haben Sie die Güte zu ſagen, daß Sie mich, als ich das Glück hatte, Sie in Moritzburg zu ſehen, darum gebeten. Hier nun der Zweck dieſer Sendung. „Die Erbitterung in Petersburg vermehrt ſich durch die Beharrlichkeit Ihres Hofes, den Herzog von Biron nicht anerkennen zu wollen. Ich rathe Ihnen daher die 38 Betheiligten zur Nachgiebigkeit zu vermögen, weil man es ſchwer büßen wird, wenn man bei ſeinem Eigenſinne bleibt. Man ſagt, es befänden ſich mehr als eine Million ruſſiſcher Unterthanen in Polen, welche, ich weiß nicht nach welchem Uebereinkommen, die Republik herausgeben müſſe. Man hat daher Befehl ertheilt, ſie mit Gewalt von dort zu entführen. Mit einem Worte, Ihre Angele⸗ genheiten dort werden den ſchlimmſten Ausgang nehmen, wenn es Ihnen nicht gelingt, den Urheber des Uebels zu einer andern Handlungsweiſe zu bewegen. „Mögen Sie dieſe Mittheilung als ein Zeichen meiner Achtung und meiner Rückſicht für Sie aufneh⸗ men und den Wunſch darin erkennen, Sie zu verbinden, und ſeien Sie überzeugt, daß die Gefühle, welche Sie Allen einflößen, die das Glück haben Sie zu kennen, ſich nie aus meinem Herzen verwiſchen werden.“ Maria Antonia las den Brief zu verſchiedenen Malen durch; dann eilte ſie damit zum Churprinzen, dem Theilnehmer ihrer Sorge und Mitwiſſenden dieſes Briefwechſels. „Wird es uns gelingen Polen für uns und unſere Nachkommen zu bewahren?“ fragte ſie ihn mit hoch⸗ fliegender Bruſt. „Nimm die Sache nur ruhig!“ bat er ſie.„Wohl möchte auch ich meine Antonia einſt als Königin dort 39 ſehen und würde, um Dich dieſe Krone tragen zu laſſen, gerne Opfer bringen; doch mit ſächſiſchem Blute will ich ſie nie erkaufen. Für jetzt iſt keine Gefahr. So lange der König lebt, wird er ſich Polen nicht entreißen laſſen, dafür ſtehe ich Dir; denn ſeine Eitelkeit ertrüge es nicht, als Churfürſt zu ſterben. Nur um kommende Zeiten handelt es ſich daher, und dieſe mögen im Rathe des Himmels noch weit hinaus geſchoben ſein. Das lächer⸗ liche Spiel mit dieſer Krone von Kurland mag Rußland gegen uns erbittern, und Zeit wäre es, der Sache ein Ende zu machen. Ich will mit Brühl darüber ſprechen. So ungerne ich mich ſonſt in ſeine Angelegenheiten miſche, ſo wird ein Wort von mir hier doch vielleicht an ſeinem Platze ſein.“ Die Prinzeſſin berichtete nun, was Brühl dieſen Abend geäußert. „Vielleicht kommt ihm mit dem Gedanken an das endliche Scheiden der ſinkenden Sonne ſchon der Vor⸗ bedacht für den neuen Tag, und das würde unſer beſter Für⸗ ſprecher ſein. Warten wir es ab! Nur nie etwas übereilt. Das Schickſal meint es immer beſſer noch mit uns, wie wir es ſelbſt verſtehen. Nur Geduld, mein theures Weib! Sie wird der beſte Alliirte Deiner Wünſche ſein.“ Prittes Cnpitel. Das letzte Geburtsfeſt Auguſt's 1II. Die Sorge für den kommenden Morgen iſt, des Menſchen Begleiterin von ſeiner Wiege bis an ſein Grab, und oft auch noch darüber hinaus. Dies Bangen vor der nächſten Zukunft beſchwichtigt nur ein echtes Gottvertrauen, das in Demuth erwartet, ob die Wolke, ſich entladend, ein liebes Haupt treffe. Maria Antonia beſaß kein ſolches Gottvertrauen. Mit ſteigender Unruhe ſah ſie den neuen Regierungs⸗ maßregeln zu und verwünſchte des Miniſters auswärtige Politik. Brühl war nur zu ſchnell von ſeiner Sorge für das Leben König Auguſt's zurückgekommen. Der Mon⸗ arch zählte erſt 67 Jahre, warum alſo ſollte er als ein Opfer der Gicht in einem Alter fallen, wo ſo viele ein weiter geſtecktes Ziel trotz dieſes Uebels erreichen. Als Maria Antonia daher auf die Unterhaltung jenes Abends zurückkam, wich er ihr höflich aus und ſagte die ver⸗ bindlichſten Dinge über ihre Talente, doch von Staats⸗ angelegenheiten wollte er auch diesmal wieder nicht ſprechen. Der Churprinz verlangte nun, daß er ihm Rede 41 ſtehe, und beſchied ihn zu ſich in ſein Kabinet, um ihn um die Lage der Dinge zu befragen.„Ich will mich nicht in die Regierung miſchen, ſo lange mein Vater lebt,“ ſagte er ihm ſehr ernſt;„doch aber auch möchte ich nicht gern die Zukunft meiner Kinder durch eine Nachläſſigkeit be⸗ einträchtigt ſehen, über die ich mir ſpäter Vorwürfe zu machen hätte. Ich mache Sie daher für Alles verant⸗ wortlich, Graf Brühl, und bitte Sie nicht zu vergeſſen, daß, ſobald ſich zwei Augen ſchließen, ich hier regiere und mein das Recht zu ſtrafen und zu lohnen iſt.“ So hatte der Churprinz ſich noch nie ausgeſpro⸗ chen, und gedankenvoll kehrte Graf Brühl aus deſſen Ge⸗ mächern in ſein Palais zurück. König Auguſt bemerkte die ernſte Miene ſeines Mi⸗ niſters und ſein zerſtreutes Weſen. Auf ſeine Frage, was ihn beſchäftige, hörte er zur Antwort: er denke an die Aufführung der neuen Oper zu Seiner Majeſtät Ge⸗ burtstag und ſei beſorgt, daß Haſſe nicht damit zu Stande komme. „Immer mit meinen Vergnügungen beſchäftigt!“ ſagte König Auguſt, und reichte ſeinem Günſtlinge ge⸗ rührt die Hand, welche dieſer ehrerbietig an ſeine Lip⸗ pen führte. Wenige Tage darauf erkrankte der mächtige Pre⸗ mier in Folge ſeiner verſteckten Bekümmerniſſe, die ſei⸗ 1860. XI. Maria Antonia. IM. 3 W. . —— nen Nächten den Schlaf entzogen. Eine neue Oper in Scene zu ſetzen, koſtete große Summen, die tauſend andern Luſtbarkeiten koſteten nicht minder, und woher dies Geld beziehen, wenn er es nicht aus den Kaſſen ent⸗ nehmen ſollte, die zu leeren er kein Recht beſaß? Sonſt freilich war eine ſolche Frage nie von ihm aufgeworfen worden; denn er regierte, wie ein abſoluter König mit einem„et tel est mon plaisir“; jetzt aber hatte des Churprinzen ernſtes Wort ihn ſtutzig gemacht. König Auguſt konnte ja nicht ewig leben— und dann? und dann! Mit einer Frau als Regentin wäre er leicht fertig geworden, ein artiges Wort wetzt da gar vieles aus, und findet um ſo ſicherer eine Stätte, wenn es im Hinter⸗ grunde die Erinnerung geleiſteter Dienſte und damit noch ungelöſter Verbindlichkeiten zeigt. Aber ein Mann— ein Mann, der ſich als Mann auch zeigt! Er hatte dem Churprinzen ſtets ferne geſtanden, hatte ihm nie einen Dienſt zu erweiſen Gelegenheit ge⸗ funden, hier konnte alſo von keiner Schonung, keiner Rückſicht die Rede ſein, und der rechtliche Charakter dieſes Fürſten war bekannt. Kein Wunder alſo, daß Graf Brühl über dieſen Betrachtungen erkrankte und ernſtlich erkrankte, ſo daß 43 der König, ſein Herr, in allen Kirchen für die Geneſung ſeines Lieblings beten ließ. Doch die Sorge iſt ein nur langſames Gift. Athemlos erwartete die Stadt das Erſtehen des mäch⸗ tigen Miniſters und fand leider! daß er erſtand. Die Schaar von Dienern, welche jeden Morgen ſein Palais umgaben, um die beſorgte Nachfrage ihrer Herrſchaft auszuſprechen, brachten endlich das große Wort„gene⸗ ſen“ heim, und— wer hätte da nicht Freude äußern müſſen! Die Proben zu der Oper Leucippo wurden nun ſogleich wieder angeſagt, und der Hof richtete ſich auf Feſtlichkeiten ein, um den Geburtstag des Königs, den er ſo lange Jahre hindurch nicht hier zugebracht, einmal wieder recht feierlich zu begehen. Doch— die Wolke ſollte ſich entladen. Eine neue Oper! Welch' ein langentbehrtes Glück für den Kunſt und Pracht liebenden Fürſten. In War⸗ ſchau gab es keine Capelle, keinen Haſſe, keine Caſtraten und keine Fauſtine. In Warſchau ſchlummerte die Kunſt. Welch' ein Genuß nun, nach ſo langer Entbehrung, das Ohr mit Tönen zu ergötzen, deren Schwingungen das Vollendete erreichten. In ſeinen eigenen Gemächern gebot König Auguſt den Sängern zu ſtudiren, damit ihm nichts verloren gehe und er in dem Wachſen zur Vollen⸗ dung die ganze Schönheit der Compoſition entdecke. 3* Am ſiebenten Oktober war ſein Geburtstag, und am fünften ſollte die letzte und Hauptprobe ſtatt finden. Vor dreißig Jahren war er an eben dieſem Tage zum Könige von Polen erwählt worden, und ohnehin wollte man den Tag feſtlich begehen, welcher einen ſolchen Zuwachs an Ehre gebracht. Der Hof war in großer Gala, die Da⸗ men rauſchten in ſeidenen Gewändern, die gepuderten Häupter ſtanden gleich weißen Wölkchen über den weiten Steifröcken, Diamanten blitzten und ſchöne Augen lächel⸗ ten. Es war wieder einmal Alles Luſt und Alles Frende. Geſchäftig liefen die Diener umher, Equipagen rollten, der Hofmarſchall ertheilte Befehle und die Köche ſiedeten. Haſſe ſtand vor ſeinem Pulte, den Stab des Dirigenten in der Hand, und erwartete das Zeichen, um den erſten Strich zu ſchlagen; Fauſtine hatte durch Kunſt noch einmal die alte Schönheit heraufbeſchworen, ſie hielt ihre Partitur in der mit einem koſtbaren Diamantring, einem Geſchenke des Königs, gezierten Rechten, und ſandte ihre ſchwarzen Glutaugen verſtohlen der Thüre zu, durch welche der Hof eintreten mußte. Schon hatte die fünfte Stunde vom Thurme geſchlagen und alle Uhren der Stadt den Ton wiederholt, aber noch immer nahte ſich kein Fußtritt.— Eine gewiſſe Unruhe bemächtigte ſich der Verſammlung. Die Muſiker ſtimmten ihre In⸗ ſtrumente nicht länger, die Sänger legten ihre Noten⸗ 45 blätter aus der Hand, es war, als wolle man die Probe für beendigt halten, bevor man noch damit begonnen. Feierliche Stille herrſchte. Niemand fand mehr das ge⸗ eignete Wort, um eine Unterhaltung anzuknüpfen. Jede neue Minute ſteigerte dieſen Zuſtand unruhiger Er⸗ wartung. Niemand ſprach, eine Art ängſtlicher Stille herrſchte. Bei jedem, auch dem kleinſten Geräuſche wand⸗ ten ſich Aller Augen der Thüre zu. Da endlich flogen beide Flügel weit auf, und herein trat geiſterbleich der Hofmarſchall, ſchritt auf Haſſe zu und ihm die Hand drückend, flüſterte er ihm einige Worte in das Ohr, vor denen dieſer zuſammenzuckte, als habe ihn ein Blitzſtrahl getroffen.„Todt alſo,“ ſprach es in ihm,„todt!“ Der Mann, dem er ſo treu gedient, der ihn ſo tief gekränkt, daß er ihn hätte haſſen, ja ihn mor⸗ den können, der war nun ſchon nicht mehr!— Doch, mit dem Tode kehrt auch Verſöhnung in das Herz zurück; noch einmal fühlen wir ein altes Weh, dann wird es in uns ruhig. Tief bewegt wandte Haſſe ſich zu ſeiner Gattin, als der erſten, welcher er die Neuigkeit mittheilen wollte. Da durchfuhr ihn der Gedanke, ob ſie auch Faſſung zu zeigen vermöge, ob ſie nicht öffentlich hier den Eindruck ver⸗ rathe, welchen das plötzliche Ende dieſes Königs ihr ver⸗ urſachen mußte. Und ſich beſonnen gegen ſeine Capelle — —————— — wendend, ſagte er:„Meine Herren! Die Probe findet heute nicht ſtatt. Seine Majeſtät der König iſt verhin⸗ dert!“ und damit winkte er ihnen den Abſchied. Dann erſt trat er auf Fauſtine zu, bot ihr den Arm und führte ſie aus dem Saale. Vergeblich flüſterte ſie fragend:„Was iſt vorgefallen?“ Er ſtand ihr nicht eher Rede, bis er ſie in den Wa⸗ gen gehoben und die Thüre ſich hinter ihnen geſchloſſen hatte. Dann ihre Hand ergreifend, ſagte er weich: „Fauſtine! Mein theures Weib! Faſſe Dich! Eine unerwartete, eine traurige Nachricht wartet Dein.“ Sie erbleichte. „Der König“— ſtieß ſie heraus—„iſt krank?“ „Iſt todt!“ ergänzte Haſſe mit leiſer Stimme, und legte beſchwichtigend ſeinen Arm um ſie und zog ihr Haupt an ſeine Bruſt. Welch' ein Sturm der Gefühle mochte in dieſer Minute das Herz ſeiner Gattin drängen? Einſt und jetzt! Der Zauber jener Tage, wo ſie an König Au⸗ guſt's Hof allmächtig war, und er mit ſeiner Pracht und ſeiner Herrſchermiene zu ihren Füßen gelegen und jedes Winkes ihrer ſchönen Augen gewärtig geweſen, und jetzt! Die Bilder jener Zeit zogen in glänzender Reihe⸗ folge an ihrem innern Sinn vorüber und ließen ſie in 47 einer Minute ihr halbes Leben vor ſich ſehen. Doch der Schluß dieſer Viſion— der kalte Tod, griff um ſo eiſi⸗ ger dann an ihr Herz. Die Muſiker hatten indeſſen ihre Inſtrumente weg⸗ geräumt, die Sänger ſich entfernt, und in dem weiten Saale herrſchte Stille. Ein Jeder erfuhr ſchon im Hin⸗ ausgehen, was ſich zugetragen; wo es nicht Worte ſagten, ſprach es die beſtürzte Miene der Diener, welche, in den Vorbereitungen zum Feſte unterbrochen, nicht wußten was zu beginnen. Kaum eine Stunde war vergangen, und ſchon war es der ganzen Stadt bekannt, daß König Auguſt zu regieren aufgehört. Und dieſe eine Stunde, ſie zählte mehr, als viele Jahre in dem Leben der neuen Churfürſtin von Sachſen. Maria Antonia, im Begriffe ihrem königlichen Schwiegervater in die Probe zu folgen, ſah ihre Schritte plötzlich gehemmt durch die Nachricht der Wendung ſei⸗ nes Schickſals und des ihrigen. Damit zugleich empfing ſie auch die Glückwünſche ihres Hoſſtaates. Das kam zu plötzlich. Sie legte die Hand an die Stirne, als wolle ſie ſich fragen, ob es Wahrheit ſei, ob nicht ein Traum ſie täuſche. Ihr Herz ſtand ſtill, ein Schwindel wandelte ſie an. Sie ſank auf einen Stuhl, bedeckte ihr Geſicht und weinte ſtille Thränen.— Jetzt war ſie frei! Oh, großes Wort. Jetzt war ſie Herrſcherin F in Sachſen. Jetzt kam der Lohn für die vielen, vielen Jahre, wo ſie geduldet und getragen und ſich gebeugt!— Gleich dem Gefangenen, dem plötzlich die Thüren ſeines Kerkers ſich öffnen, ſo ſtrahlte ihr die Zukunft entgegen. Dann faßte ſie ſich. Dem Tode durften ihre Gedanken nicht angehören, ſondern dem Leben, das ſie jetzt zum Handeln mächtig aufrief. Ein neuer Fürſt tritt ſeine Regierung in der Minute an, wo ſein Vorgänger zum letzten Male geathmet hat; hier galt alſo kein Pauſiren. Maria Antonia eilte daher zu ihrem Gatten, um mit ihm die nothwendigen Maßregeln zu berathen. Gewöhnt ihm zur Seite zu ſtehen, wollte ſie in dieſen gewichtigen Minuten ihm beweiſen, was ſie ihm ſein könne. Es wurden nun ſofort die Thore geſperrt, den Miniſtern und Collegien der Todesfall bekannt gemacht und Couriere an alle auswärtigen Höfe abgeſandt— ſo feierte man den Geburtstag Auguſt's III. Maria Antonia ergriff die Feder und ſchrieb in Eile an den König von Preußen: „Dresden, den 5. October 1763. „Sire! „Eure Majeſtät haben mir ſo vielfache Verſiche⸗ rungen Ihrer Güte und Freundſchaft gegeben, daß ich Sie an ihr Verſprechen erinnern muß. Sie haben mir verſichert, daß Sie mit Vergnügen beitragen würden, 49 uns Polen zu erhalten. Jetzt iſt der Augenblick gekom⸗ men dies Verſprechen zu erfüllen. Der König iſt todt; mit ihm ſind die Beſchwerden Rußlands gehoben, und ſind es um ſo mehr, weil wir willig Alles aufbieten wer⸗ den, uns mit dieſer Macht zu verſöhnen. Sie vermögen Alles, wenn Sie wollen; Sie können dieſe Verſöhnung zu Stande bringen. Sie können ſie uns günſtig ſtim⸗ men. Sie dürfen nicht zögern, mir dieſen Beweis einer Zuneigung zu geben, womit Sie mir bis jetzt geſchmei⸗ chelt haben. Rußland kann es nicht mißbilligen, wenn Sie hier als Vermittler auftreten; mit unſern Abſichten in Bezug auf Polen dürfen wir nicht zögern an den Tag zu treten, ſeit die Rückſichten für den verſtorbenen König es nicht mehr erfordern. Wir treten mit Recht für unſere Sache auf. Ich begnüge mich Eure Majeſtät zu bitten, uns dabei zu unterſtützen. Sie können es mit Erfolg thun, ſobald Sie nur den Willen dazu haben. Ich ſetze mein Vertrauen in Sie, und hoffe zugleich, daß Sie nicht an der lebhafteſten Erkenntlichkeit zweifeln, mit welcher ich Ihnen, ſo lange ich lebe, zugethan ſein werde.“ Sie theilte dem Churprinzen ſofort den Inhalt ihres Briefes mit und übergab ihn darauf ihrem Boten zur unverzüglichen Ueberlieferung. Es lag ihr Alles daran, Friedrich jetzt auf ihrer Seite zu wiſſen, um durch ſeine Mithülfe Königin von Polen zu werden. Nach Warſchau zu ziehen und dort die Krone auf ihr Haupt zu ſetzen, war der Traum, deſſen Verwirklichung nun ſo nahe lag. Kein Schlaf kam in ihr Auge, ſo ſehr hatte der plötzliche Wechſel ihres Geſchickes ſie erregt. Wer aber noch weniger den Schlummer fand, das war Graf Brühl. Von der Leiche ſeines königlichen Freundes kommend, be⸗ gleitete ihn der Gedanke an ſein eigenes Lebensende, und den Kopf in die Hand geſtützt, überließ er ſich der Sorge, ſeine letzte Willensmeinung noch einmal ſorgfältig zu prüfen. Aber noch manches andere Auge fand in dieſer Nacht des 6. October keinen Schlaf. Alle Jene, welche ihre Lebensſtellung der Gnade eines Königs verdankten, ſahen die Baſis ihrer Exiſtenz jetzt wanken, und zitterten vor der neuen Sonne, welche mit dem erwachenden Tage ihr verändertes Schickſal beſcheinen ſollte. Das Land legte Trauer an und huldigte zugleich dem neuen Fürſten, mit dem Vertrauen auf eine durch ihn herbeizuführende beſſere Zeit. Die Glocken aller Kirchen läuteten, von den Kanzeln herab wurde für die Seele des Verſtorbenen gebetet, alle Luſtbarkeiten waren hinausgeſchoben und ſchwarzer Krepp an die Stelle der Farben getreten. Im Audienzſaale des königlichen Schloſ⸗ ſes ſtand die Leiche ausgeſtellt. Auf einem mit rothem Sammet mit goldenen 51 Franzen gezierten Paradebette lag Auguſt der Dritte, Churfürſt von Sachſen und König von Polen, und nahm die letzten Huldigungen an. Maria Antonia führte ihre ſämmtlichen Kinder, gleich ihr in Schwarz gekleidet, an das Lager ihres Großvaters und ließ ſie hier ein Bild der Nichtigkeit des Lebens ſehen. Tiefes Schweigen herrſchte in dem weiten, durch 24 ſilberne Gueridons erleuchteten Gemache, als die Fürſtin eintrat. Angeſichts des Todes ſcheut Jeder das Wort des Lebens auszuſprechen, das die feierliche Stille unterbrechen könnte, welche mit heiligem Schwei⸗ gen die kalte Hülle umgibt. Sie ließ die Kinder die erſtarrte Hand des Geſchiedenen berühren, die ſie Alle ſo oft ehrfurchtsvoll an die Lippen geführt, damit ſie ſich bewußt würden, es ſei kein warmes Leben mehr in dieſem ſchön geſchmückten Körper.„Er ruht nun aus,“ ſagte ſie ihnen,„und ſo werden auch wir einſt ruhen, wenn wir genug gearbeitet.“ Ihr älteſter Sohn ſah ſie hierauf fragend an. Er war ſchon alt genug, um die Bedeutung des Sterbens zu verſtehen, und tief prägte ſich ſeiner jungen Seele das Bild dieſes goldenen Paradebettes ein. Auch im Tode noch ſollte hier der Schein beſtehen, ſollten dieſe neben der Leiche ausgeſtellten Orden die Perſon des Todten mit ihrem Glanze ſchmücken, ſollten dieſe dienſt⸗ 52 thuenden Kammerherren das in einer ſilbernen Kapſel ruhende Herz ihres Herrn bewachen, nachdem es zu ſchlagen aufgehört. Fürchterlich iſt dieſer Prunk im Sarge! Wenige Tage darauf wurde die Leiche in die Gruft geſenkt. Das Leben der Hauptſtadt ging nun den gewöhn⸗ lichen Gang. Auguſt III. war nicht mehr, doch darum ſtand die Welt nicht ſtill. Für Sachſen war ein neuer Morgen angebrochen. Der Churprinz und ſeine Gattin ſchritten ohne Verzug zu Reformen; nach allen Seiten hin wurde die Verwaltung neuen Geſetzen unterworfen. Die Finanzen ordnete Maria Antonia, und auch im Miniſterrathe fand ihre Stimme, auf den Wunſch ihres Gatten, Geltung. Sie war jetzt ganz an ihrem Platze, und ſie war glücklich. Brühl aber, der ſtolze Graf von Brühl war ſei⸗ nes Amtes mit höflichen Worten entſetzt. Hätte man das Volk gefragt, ſo wäre ihm ein anderes Schickſal zu Theil geworden; doch die Churfürſtin ließ Gnade für Recht ergehen, denn ſie wünſchte ſeiner zu ſchonen. So lange er auf dieſen Schlag auch vorbereitet ge⸗ weſen, ſo traf dieſe Ungnade den ſtolzen Mann doch jetzt zu plötzlich, und ſeine ohnehin durch die erſt kürzlich überſtandene Krankheit geſchwächte Conſtitution erlag der 53 gewaltigen Gemüthsbewegung. Wenig Wochen darauf folgte er ſeinem königlichen Herrn in die Gruft nach. Ganz Sachſen hatte den Tag ſeiner Entlaſſung als ein Freudenfeſt begangen, ſo konnte denn auch ſein Tod Niemandem eine Thräne entlocken. Um Mitternacht fuhr geheimnißvoll ein Wagen durch die Straßen Dresdens, gezogen von ſechs Pferden, begleitet von einem Dienſtperſonal mit Windlichtern— das war die Leiche des ſtolzen Brühl. Still ging es über die Brücke, durch die Neuſtadt zum Thore hinaus, ohne daß ein Laut ſich regte, bis nach Forſta in der Lauſitz, wo in der Familiengruft der Brühl die Geißel des ar⸗ men Sachſenlandes ihre ewige Ruheſtätte fand, unferne der Ruinen des prächtigen Schloſſes, das Friedrich von Preußen, ihn zu ſtrafen, angezündet— ein Monument der kleinen Rache eines großen Fürſten. Maria Antonia erhielt indeſſen, inmitten dieſer Vorgänge, eine Antwort von Friedrich von Preußen auf ihr letztes, an ihn gerichtetes Schreiben. Es lautete: „Ich bitte und ich beſchwöre Sie, Madame, nichts zu übereilen, wenn Sie nicht Europa noch einmal in einen Krieg ſtürzen wollen, deſſen traurige Folgen es noch ſo drückend empfindet. Was mich betrifft, ſo habe ich ſeit dem Frieden ſo viele Arbeit im Innern meiner Staaten gefunden, daß ich darüber, ich kann es Ihnen verſichern, Madame, nicht an das Ausland zu denken vermocht.“ Er rieth ihr dann eine Unterhandlung zu verſuchen, und auf dem Wege der Güte und durch die Abtretung von Kurland die Kaiſerin Catharine zu gewinnen zu ſu⸗ chen. Dieſem Rathe fügte er noch die perſönliche Bemer⸗ kung bei: „Erlauben Sie mir, Madame, daß ich Ihnen mein aufrichtiges Compliment mache, wie Sie die erſten Schritte Ihrer Adminiſtration von Sachſen ruhmwürdig eingeleitet; es war Zeit, daß die Beherrſcher dieſes Lan⸗ des an das Glück ihres Volkes dachten, und die Natur ſchuldete den Sachſen einen Prinzen wie den Churfürſten und eine Prinzeſſin von Ihren ſeltenen Verdienſten. Des Abends, Madame, wenn ich die Melodien Ihrer Opern ſingen höre, ſage ich mir ſelbſt: Dieſe ſeltene Frau ge⸗ währt nicht allein ihren Hörern Vergnügen, ſondern ver⸗ urſacht auch das Glück derjenigen, über welche ſie herrſcht. Fahren Sie fort, Madame, dieſen ſchönen, von Ihnen ſelbſt eingeſchlagenen Weg fortzuwandeln; ich bin ein Enthuſiaſt in Bezug auf öffentliches Wohl, und ich ge⸗ ſtehe es Ihnen, daß mein Herz ſich aufſchließt, wenn ich ſchöne Seelen finde, welche das Gute lieben und es ſo edel ausüben. Die Welt wird ſich nun endlich überzeu⸗ gen, daß die Talente nicht ſchädlich ſind und daß nur 55 aufgeklärte Geiſter des Lebens wahrhaft würdige Hand⸗ lungen ausführen können. „Ich würde nicht zu Ende kommen, Madame, wollte ich Ihnen alle meine Gedanken über dieſen Gegenſtand ausſprechen: ſo voll iſt mein Geiſt davon. Aber Sie ha⸗ ben Geſchäfte, und ich darf Sie nicht abziehen von der Ausführung der ſchönen Pläne, denen Sie nachſinnen. Rechnen Sie jedoch darauf, in mir einen Bewunderer zu beſitzen, dem Sie ſicher noch manmnichfache Veranlaſſung geben werden, Ihnen ſeinen Beifall auszuſprechen ꝛc.“ Leuchtenden Blickes durchflog Maria Antonia ein ſolches Schreiben des großen Friedrich. Seine Billigung zu verdienen, hätte ſie ſchon mit gerechtem Stolze erfüllen können, wie vielmehr mußte der Ausdruck ſeiner warmen Bewunderung ſie beglücken und erfreuen. Mit erneuer⸗ tem Eifer widmete ſie ſich nach einem ſolchen Schreiben den oft ernſten, oft verdrießlichen Geſchäften, welche eine ganz vernachläßigte Verwaltung ihr aufbürdete, ohne daß ſie für den Moment die ſchnelle Hülfe zu bringen vermochte, welche ihrem Herzen Befriedigung geweſen ſein würde. Die zerrütteten Finanzen des Landes hatten den öffentlichen Credit geſchwächt, den herzuſtellen eine der erſten Maßregeln der jungen Regentin war, woran ſich eine allmälige Abtragung der ungeheuren Landesſchulden ſchloß. Dann wurde die Kunſtakademie erweitert, der Porzellanmanufaktur ein neuer Sporn gegeben und der Induſtrie im allgemeinen ein aufmerkſames Auge zuge⸗ wandt. Immer aber genügten dieſe Einrichtungen nicht, um das Budget der Ausgaben und der Einnahmen auf eine gleiche Zahl hinaus zu bringen. Der Churprinz dachte alſo an Erſparungen, und auf dieſem Punkte an⸗ gelangt, mußte freilich Luxus und Vergnügen zuerſt ſeinen Preis zahlen. Die Oper wurde eingeſchränkt, Haſſe und Fauſtine mit einer Penſion entlaſſen, und Sängerinnen und Tän⸗ zer erfuhren ein gleiches Loos. Mit ernſter Beſonnenheit wurden dieſe Einſchränkungen vorgenommen, welchen das Publikum mit Ueberraſchung und ſtiller Freude zuſah. Ein neuer Geiſt war über Sachſen heraufgezogen, eine neue Luft wehte in Dresden, eine edle Humanität machte der Selbſtſucht Platz und bahnte eine Zeit an, welche mit den Freiheitskämpfen in Amerika beginnen und in Paris mit dem Unmſturz alles Beſtehenden das Jahr⸗ hundert beſchließen ſollte. Nur eine plötzliche Fluth überſchwemmt die Ufer eines Flußes, während ein allmäliges Steigen der Waſſer keine Gefahr bringt. Maria Antonia fühlte jetzt die ſchönſte Freude, die ſchönſte Befriedigung, deren das Menſchenherz theilhaftig werden kann, in ihrem Wirken für das allgemeine Wohl. Was die Ausübung ihrer Talente und das viele ihr geſpendete Lob ihr nicht gewährt, das wurde ihr auf dieſem Wege ernſter Pflicht zu Theil. Sie lernte die innere Brfriedigung kennen, welche jede ernſte Arbeit als Lohn begleitet. Doch kein Licht ohne Schatten.— Nicht ungetrübt ſollten auch dieſe wenigen glücklichen Tage ihres Lebens für ſie bleiben.— Indem ſie mit der Vergangenheit brach, ſtieß ſie in ihrer nächſten Nähe vielfach an. Die Prinzen ihres Hauſes waren in dieſem ſybaritiſchen Lu⸗ rus aufgewachſen, ſie kannten kein anderes Metier der Prinzen, als ihre Zeit anſtändig zu tödten; ſie glaubten in ihrer Reſidenz vor Langerweile ſterben zu müſſen, wenn dort der Luſt die Pforten geſchloſſen würden. Maria Antonia war jetzt Churfürſtin, und darum lag es in ihrer Hand den Geſchmack zu leiten. Unter ihren Verwandten galt ſie für eine Gelehrte, eine Künſt⸗ lerin, und jetzt nun gar ſetzte ſie dieſen Beſchäftigungen eine noch ernſtere Thätigkeit voran. Es gab am Hofe keine Feſte und der tiefen Trauer wegen nicht einmal heitere Zuſammenkünfte gab es mehr. Wäre nicht die Zeit der Jagd grade geweſen, ſo hätten die Prinzen ei⸗ nen Gähnkrampf bekommen müſſen. Nun hetzten ſie we⸗ nigſtens zur Abwechslung einen Bären, während 1860. XI. Maria Antonia. HI. 58 Maria Antonia an Friedrich von Preußen ſchrieb, liefen die Prinzeſſinnen Chriſtine, Eliſabeth, Kunigunde im Jägerhofe dem zottigen Nordländer nach, und lachten mit Prinz Laver und Carl über ſeine ſaure Miene. Die Schwierigkeiten Polen zu bewahren, mehrten ſich mit jedem Tage. Der Churfürſt Chriſtian beſaß den Ehrgeiz nicht, den Beſitz dieſer Krone mit dem Blute ſei⸗ ner Unterthanen bewahren zu wollen; er ließ ſogar ſeine ſächſiſchen Regimenter von dort zurückberufen, entſchloſſen, was ihm nicht durch freie Huldigung des Volkes werde, um keinen Preis mit Gewalt ſich anzueignen. Dieſem edlen, humanen Entſchluße ihres Gatten gegenüber, konnte Maria Antonia für die Erfüllung ihres Wunſches nun keine andern Kräfte einſetzen, als die Künſte ihrer eigenen Beredſamkeit und die Freundſchaft des Königs von Preußen. Doch, wie dringend ſie an Friedrich ſchrieb, ſo vermochte ſie nicht ihn zu bewegen, ſich eben ſo drin⸗ gend für ſie bei der Kaiſerin Catharine zu verwenden! Sie war ſeine Bundesgenoſſin, ihr dankte er die glück⸗ liche Beendigung des Krieges, ſie zu ſchonen war ſeine erſte Pflicht, mit Rußland in gutem Einverſtändniß zu bleiben, ſeines Landes Politik. Darum, wie ſehr auch Maria Antonia bat, und wie gern er ihr vielleicht will⸗ fährig geweſen, ſo konnte es doch auf keine andere Weiſe geſchehen, als durch ſeinen Rath, auf Kurland zu ver⸗ 59 zichten und durch einen geſchickten Geſandten mit der Czarin wegen Polen zu unterhandeln. Seufzend ſchlug die Churfürſtin dieſen langſamen Weg der Diplomatie ein, der ihr ein für ihre Ungeduld viel zu fernes Ziel zeigte.— Auch an den öſterreichiſchen Hof wandte ſie ſich, und erhielt von der Kaiſerin ein eigen⸗ händiges Schreiben mit den gütigſten Verſicherungen ihres Antheils und dem beſten Willen der Beihülfe; und dennoch fühlte Maria Antonia ihre Sorge ſich ſteigern und eine ihr unerklärliche Unruhe trieb ſie, das Schlimmſte zu fürchten. Biertes Capitel. Geſcheiterte Hoffnungen. Wie jeder Baum eines beſonderen Erdreiches bedarf, um darin ſeine Wurzeln zu treiben und mit den gewon⸗ nenen Säften Zweige aus ſeinem Stamme zu ſchießen und eine Krone zu bilden, ſo auch gehören für uns äußere Bedingungen dazu, um die in uns ſchlummernden Kräfte zu entwickeln und in ihrer Ausübung jene Befrie⸗ digung zu finden, welche das einzige wahre Glück aus⸗ macht. 4 Maria Antonia hatte jetzt das Ziel erreicht, nach dem zu ſtreben ſie durch ihre Geburt und eben ſo ſehr durch ihre geiſtige Befähigung berechtigt ſein konnte. Sie begehrte zu herrſchen, ein Verlangen, das ſie mit Allen ihres Geſchlechtes theilte; ſei es im eigenen Hauſe, ſei es über das Herz eines Mannes, ſei es als Gattin, Mutter oder Geliebte— genug, die Frau will Gebieterin ſein, wo auch immer ſie auftritt; ihre Liebenswürdigkeit, gepaart mit der ihr eigenen Liſt, ſollen ihr die Feſſeln ſchmieden helfen, mittelſt deren ſie, beglückend, das Loos der ihr Naheſtehenden zu beſtimmen wünſcht. Wie Jemand, dem eine große Laſt entnommen iſt, ſchaute die junge Churfürſtin umher und prüfte heitern Blickes ihre Umgebung, als ob jedes Geſicht ihr eine neue Miene zeige. Jener Druck war von ihr genommen, der während ſechzehn langer Jahre ſo ſchwer auf ihr ge⸗ ruht. Niemand ſtand jetzt über ihr, Niemand neben ihr, der ſich unterfangen durfte, ihr auf jedem Schritte zuzu⸗ rufen: ſie, als Fremde, ſei nichts weiter als die Gattin ihres Mannes, und ſolle daran ſich genügen laſſen. Die Macht, welche ihr während der ſieben ſchweren Kriegesjahre durch die Nothwendigkeit verliehen, hatte Brühl ihr bei ſeiner Rückkehr mit nie zuvor gezeigter Härte entzogen, und ihr war nichts übrig geblieben, als ſeinem Verfahren Schweigen entgegen zu ſetzen. Schwere 61 Kämpfe hatte ſie dabei überſtanden. Wo ſie äußerlich lächelte, hatte ihr Herz oft ſchwer geblutet, wo ſie ſich ſcheinbar fügte, hatte ihr Selbſtgefühl ſich oft innerlich tief empört gefühlt. Jetzt konnte ſie endlich frei hervortreten mit ihren Meinungen und Anſichten, und auch ihre Perſönlichkeit zur Geltung bringen; jetzt konnte ſie Sachſen, Deutſch⸗ land, ja die ganze Welt ihre Bedeutung erkennen lehren. Ihr Auge leuchtete, wenn ſie daran dachte, wie ſchön und reich von nun an ihr Leben ſich entfalten, wie ſie ihr Land zu neuem Wohlſtand emporbringen und es durch ſeine Cultur und Civiliſation zu einem Auge Deutſchlands machen würde. Große Pläne entwickelten ſich in ihrem Geiſte, Pläne, deren Tragweite in kom⸗ mende Jahrhunderte hinüberſpielten, wo die von ihr erzogenen Söhne ihre Tugenden und Herrſchergaben auf ihre Enkel übertragen ſollten. Churfürſt Chriſtian ruhte wie gewöhnlich auch heute auf ſeiner Chaise-longue, die er nur ſelten verließ. Maria Antonia ſaß neben ihm, die Feder in der Hand, und zeichnete Bemerkungen auf über ver⸗ ſchiedene von ihnen beſprochene Angelegenheiten, welche ſie morgen im Miniſterrathe vortragen wollte. Wohlwollen und weiſe Rückſicht für das Glück des ihnen von Gott anvertrauten Volkes athmete aus —————— . —————— allen ihren Anordnungen. Wohin ſie blickten, fiel ihr Auge auf Mißbräuche, welche ſich nicht vhne Opfer von ihrer Seite hinwegräumen ließen; denn das Amt des Reformators iſt in allen Beziehungen ein ſchwieriges. Zwei Monate der neuen Regierung hatten hin⸗ gereicht, um die Bevölkerung Dresdens wie neu zu bele⸗ ben. Ueberall regten ſich jetzt fleißige Hände, Schutt⸗ haufen wurden aus dem Wege geräumt, aus dem alten Gemäuer erhoben ſich neue Bauten, die flüchtig gewor⸗ denen Bewohner kehrten zurück, und wurden durch Vor⸗ ſchuß und mancherlei Begünſtigungen ermuthigt zu Unternehmungen im Intereſſe eines Aufſchwunges der Induſtrie. Wohin man hörte, vernahm man das Lob des neuen Churfürſten, und ſo oft Maria Antonia ſich öffent⸗ lich zeigte, empfing man ſie mit Beweiſen des Dankes und der Liebe eines Volkes, für das ſie ſo unermüdlich thätig wirkte. Die alten Miniſter waren ihrer Aemter entſetzt, an ihre Stelle ließ man die Grafen Einſiedel und Flem⸗ ming treten, eifrige Katholiken freilich, doch darum nicht minder einſichtsvolle Männer, auf deren Rechtlichkeit man bauen konnte. Die Religion ſollte fernerhin keinen Unterſchied bei der Beſetzung von Staatsämtern ausma⸗ chen, die Confeſſion nicht berückſichtigt werden, wenn das Verdienſt keinem Zweifel unterliege. Maria Antonia und 63 ihr Gemahl waren entſchloſſen in dieſem Bezug dem Beiſpiele Friedrich's II. zu folgen und ebenfalls den re⸗ ligiöſen Ueberzeugungen keinen Zwang anzuthun. In ihrem Lande mußte freilich die katholiſche Religion dem Hofe verbleiben, und damit gleichſam dem Staate dienen; doch waren Beide zu einſichtsvoll und zu recht⸗ lich, um einer lutheriſchen Bevölkerung, nur weil ihr Fürſt aus politiſchen Zwecken ſeiner Religion ungetreu geworden, dieſen Wechſel gleichfalls vorzuſchreiben. Im Gegentheile erkannten ſie, es ſei ihren Unterthanen in gewiſſem Sinne ein Unrecht damit zugefügt worden, das man nach Kräften zu mildern ſuchen müſſe. War ihre Kirche auch nach ihrer Anſicht die allein ſeligmachende und echte, ſo wollten ſie den abtrünnigen Kindern doch über⸗ laſſen, nach eigenem Ermeſſen ihr beſſeres Seelenheil zu ſuchen. Durch die Entlaſſung des Opernperſonals, der Tänzer, Sänger und der Unmaſſe von Italienern und Franzoſen, welche ſich an den Hof Auguſt's III. gedrängt und Aemter aller Art bekleidet hatten, war die Zahl der Katholiken in Dresden bedeutend vermindert worden und in der Kirche ſah es jetzt am Sonntage leer aus. Die Prieſter äußerten ihr Mißvergnügen, ſo vieler Beichtkinder entbehren zu müſſen, und ſuchten den Prinzen und Prinzeſſinnen eine gleich üble Stimmung einzuflö⸗ ßen. Dieſen lag ohnehin ſchon nicht an ſolchen Neuerun⸗ gen. Sie hatten ſich an das viele fremde abenteuerliche Volk gewöhnt und entbehrten ungern die bekannten Ge⸗ ſichter. Gleich ihrem Vater liebten ſie das Fremde und fanden die Stadt verödet ohne dieſe vielen, ſtets auf den Straßen umherwandernden Müßiggänger. Selbſt ihren älteſten Sohn, Friedrich Auguſt, fand Maria Antonia durch ſolche Einflüſterungen eingenom⸗ men, und nicht ſchwer ward es ihr die Quelle zu entdecken, aus welcher dies Gift in ſeine junge Seele gefloſſen. Sie hatte dem Churfürſten in dieſer traulichen Stunde mit⸗ getheilt, was ſie darüber in Erfahrung gebracht, und den Beichtvater ihres Sohnes, den Abbé Victor zu ſich beſcheiden laſſen, um ihm, gemeinſam mit ihrem Gatten, ihr Mißvergnügen über ſein Verhalten auszuſprechen und ihn zugleich damit ſeines Amtes zu entſetzen. Beide hegten gleiche Anſichten in Bezug auf die Er⸗ ziehung ihres Sohnes, ſo wurden ſie denn leicht über die zu nehmenden Maßregeln einig, und indem ſie noch darüber ſprachen, erſchien die hohe Geſtalt des jungen Prieſters auch bereits in der Thüre des Gemaches, wohin das fürſtliche Paar ſich zurückgezogen. Unheimlich for⸗ ſchend ließ der Eintretende ſein funkelndes, ſchwarzes Auge auf der Churfürſtin ruhen, als wolle er in ihren Mienen 65 leſen, warum ſie ihn gerufen. Was eine Ahnung ihm ſchon geſagt, ſollte er dort beſtätigt finden. Nicht lange durfte er in Zweifel darüber bleiben, ob ſein Bewußtſein ihn richtig belehrt. Der Churfürſt ſelbſt nahm bei ſeinem Eintritte das Wort und drückte ihm ſein Bedauern über die Täuſchung des in ihn geſetzten Vertrauens aus. Der Abbe er⸗ bleichte. Mit Mühe nur ſammelte er ſich und verſuchte eine Entſchuldigung, die ſich darauf fußte: man könne im Eifer für ſeinen Glauben nicht zu weit gehen. Der Churfürſt unterbrach ihn hierauf mit kalter Ruhe. „Der Zweck aller Religion,“ ſagte er,„iſt uns, die Pflichten gegen unſere Mitmenſchen einzuprägen, und da rechnen wir als die erſte und heiligſte, die Ehrfurcht vor unſern Eltern.„Ehre Deinen Vater und Deine Mutter,“ lehrte ſchon das moſaiſche Geſetz. Ich wünſche nicht, mein Herr Abbé, daß der Churprinz von Ihnen lerne unſere Regierungsmaßregeln zu mißbilligen. Wir legen daher ſeine Erziehung von heute an in eine andere Hand und bitten Sie ſich als entlaſſen zu betrachten. Der Freiherr von Fvrell wird Ihre Stelle erſetzen und ſchon morgen ſein neues Amt antreten.“ Das hatte der Prieſter nicht erwartet. Eine Minute lang verharrte er betroffen vor dieſem Ausſpruche. Dann blitzte es in ſeinen ſchwarzen Augen unheimlich 1 3 auf, wie nach Rache. Sich jedoch faſſend, ſagte er mit mühſam gewonnener Ruhe: „Eure Königliche Hoheit bedenken nicht, wie viel Aufſehen ein ſolcher Schritt erregen und wie vielen Miß⸗ deutungen er Sie ausſetzen wird, da man ohnehin nicht die ſtärkſte Meinung von Ihrem Glaubenseifer hat. Ich rathe Ihnen daher in Ihrem Intereſſe ihn zurück zu nehmen.“ „Ich danke Ihnen,“ erwiderte der Churprinz kalt. „Ich bin nicht gewohnt, meine Entſchlüſſe zu ändern, weil ſie mißdeutet werden können, und was ich mit mei⸗ ner Gemahlin reiflich erwogen und als das Beſte für unſern Sohn erkannt, dürfen wir nicht aus perſönlicher Feigheit eingeſtellt ſein laſſen. Leben Sie daher wohl, Abbe Victor!“ „Sie werden es bereuen,“ murmelte der Prieſter Wuth ſchäumend, als er das Gemach verließ. Der Churprinz ſeufzte.„Das nennt man einen Diener Gottes!“ ſagte er traurig.„Von einem ſolchen Manne ſollte unſer Sohn lernen, ſich ſelbſt zu bezwin⸗ gen, um einſt über Andere herrſchen zu können. Ich fürchte, er iſt ſchon länger in ſeinen Händen geweſen, wie ihm gut iſt, und die böſe Saat, welche er in ſein Herz geſtreut, kann uns noch vielen Kummer bereiten.“ „Friedrich Auguſt iſt noch zu jung, um durch dieſes 67 Prieſters lockere Sitten in ſeinem Glauben geſtört zu ſein,“ verſetzte Maria Antonia beruhigend,„und des Freiherrn von Burgſtorff Inſtructionen lauten, ihn nie aus ſeinen Augen zu laſſen.— Dieſe Maßregel iſt um ſo nöthiger, ſo lange Victor noch in Dresden weilt, und wo er gewiß jede Gelegenheit ergreifen würde, ſich an den Churprinzen zu drängen.“ „Kann er das nicht, ſo bleibt ihm doch das Ohr der übrigen Prinzen,“ erwiderte ihr Gatte kopfſchüttelnd. „Mag er dort ſeine Galle ausſchütten,“ ſagte Ma⸗ ria Antonia wegwerfend,„das trifft uns nicht, wie in dem eigenen Kinde. Mögen Deine Geſchwiſter mich ta⸗ deln, mich verleumden und ſchließlich eine Ketzerin aus mir machen, wenn Du nur an mich glaubſt, wenn meine Söhne mich nur lieben, wenn mir nur ein Freund, wie der große Fritz bleibt, und ich mit meinem Thun und Laſſen einſt an die Nachwelt und mit ihr an die Geſchichte appelliren kann, ſo kümmert mich das wenig.“ „Arme Antonia!“ ſagte ihr Gatte, ihr die Hand reichend, und ſah ſie weich und traurig an. „Warum arm? Warum mich bedauern, wo ich nun am Ziele meiner Wünſche ſtehe 7“ fragte ſie verwundert. „Ich dachte nur— es durchkreuzte mich plötzlich der Gedanke— wie ſchutzlos Du allen dieſen Pfeilen bloß⸗ geſtellt ſein würdeſt, wenn Gott mich⸗ von Dir riefe,“ erwiderte er zögernd. „Das verhüte der Himmel!“ rief die Churfürſtin entſetzt, und erhob wie abwährend ihre Hand, als könne ſie einem ſolchen Worte kein Gehör ſchenken. Ihr Gatte ſchwieg, doch hob unmerklich ein Seuf⸗ zer ſeine Bruſt. Das Leben laſtete heute ſo ſchwer auf ihm. Noch nie zuvor hatte er ſich von deſſen Bürde ſo niedergedrückt gefunden, noch nie das Auge mit dem Wunſche geſenkt, daß es ſich nimmer wieder öffnen möge. Und doch lag keine äußere Urſache vor, um dieſe muthloſe Niedergeſchlagenheit zu rechtfertigen. Was fehlte ihm, um ſich der Gegenwart zu erfreuen, ſo weit ihm Freude möglich war? Als Fürſt, als Gatte und als Vater hatte ihn das Schickſal reich geſegnet. Die talentvollſte Frau ihrer Zeit, die bewundertſte Fürſtin Europas, war die Gefährtin auf ſeiner Lebensbahn, ihr Geiſt und ihr Herz boten ihm Erſatz für manche kleine Entbehrungen, welche ſeine körperliche Schwäche ihm auferlegte, ihre Liebe that ſeinem Selbſtgefühle wohl und verſöhnte ihn gewiſſer⸗ maßen mit ſeinem Geſchicke. Söhne und Töchter wuch⸗ ſen ihm hoffnungsvoll heran, ſein Land ſah mit Ver⸗ trauen auf ſeine Regierung, die Zukunft lag vor ihm, ge⸗ ſchmückt mit der Ausſicht auf erfüllte Wünſche, und wenn er ſich fragte, wovor ihm bange, was ihn ſo zag⸗ 69 haft ſtimme, ſo konnte er die Antwort darauf nicht finden. Und dennoch blieb ihm das Gefühl dieſer Muth⸗ loſigkeit und eine nicht zu bekämpfende düſtere Stim⸗ mung. Wer von uns hätte nicht in ſeinem Leben ähnliche Tage gekannt! Seine Gattin ſollte am folgenden Morgen ſeine Stelle im Miniſterrathe vertreten, und mit den Vorberei⸗ tungen beſchäftigt, entging ihr die umwölkte Stirne des Churfürſten. Sie hatte ja keine Ahnung von ſeinen böſen Träumen, ſie wähnte ihn leidend wie immer und ver⸗ muthete keine Vermehrung ſeiner körperlichen Uebel. Sie hatte überdies heute ſo manchen ernſten Ge⸗ danken nachzuhängen, welche ihr Auge nach Innen lenk⸗ ten und ſie, was um ſie vorging, überſehen ließen. Sie wünſchte gemiſchte Ehen im Lande geſtattet zu ſehen, um auf dieſe Weiſe die gute Stimmung unter den Katholiken zu erhalten und die Sittlichkeit zu befördern; denn ſie wußte wohl, daß, wenn die Leidenſchaft ſpräche, die Religion nicht mehr gefragt werde, und ihr Nein nur dazu führe, ihre Geſetze zu übertreten und in unerlaubten Banden ein halbes Glück zu ſuchen. Um auch von ihrer Seite zu beweiſen, wie ernſt es ihr damit ſei, in ihren Unterthanen die eigene Ueberzen⸗ gung in Bezug auf den Glauben zu ehren, wollte ſie jetzt vier Ehrendamen der lutheriſchen Religion wählen und anordnen, daß dieſe ſie, abwechſelnd mit den übrigen, wenn der Dienſt es fordere, in die katholiſche Kirche be⸗ gleiteten; denn, wo man denſelben Gott verehre, da komme es auf das Wie? nicht an, ſo lange man nur eifrig in ſeinem Dienſte ſei, deutete ſie ihnen an. Was Leſſing in ſeinem Natan den Weiſen am Ende des Jahrhunderts durch die Poeſie zu beweiſen ſuchte, das hatten Friedrich der Große und Maria An⸗ tonia ſchon thatſächlich angebahnt. So vielfach die Zeit der Churfürſtin nun auch durch dieſe Regierungsſorgen in Anſpruch genommen war, denen ſie noch eine ſtrenge Ueberwachung des Unterrichtes ihrer Kinder zufügte, ſo vergaß ſie darüber nicht dem Geſchicke einzelner Perſonen, denen ſie ihre Gunſt zu⸗ geſichert, ihre fernere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, und ſo geſchah es denn, daß gleich nach dem Abſterben König Auguſt's ihre Gedanken darauf gerichtet geweſen, dem jungen Muſiker Neumann eine Stellung zu ſichern. Sie hatte deſſen alte Mutter, die Kuchenfrau in Blaſewitz, nicht außer Acht gelaſſen, manch' ſchönes, ermuthigendes Wort von ihr war der alten Frau zugekommen, um deren Herz mit Stolz zu füllen. Ihr Sohn, dachte ſie, müße doch ein großer und bedeutender Mann ſein, um 71 ſeiner alten Mutter aus fürſtlichem Munde ſo freund⸗ liche Aeußerungen zu verdienen, und mit Thränen dankte ſie dem Himmel für dieſes unverdiente, große Glück. Jetzt erſchien einmal wieder ein Bote aus der Reſidenz, um ſie zu der Frau Churfürſtin zu beſcheiden. Mit vielen höflichen Verbeugungen wurde der ſtattliche Mann in die beſcheidene Hütte geführt und mit dem beſten Kuchen bewirthet; dann aber, als die Frau ihn mit tiefen Kniren entlaſſen, fertigte ſie eiligſt einen neuen, noch köſtlicheren Vorrath ihres Gebäckes an, legte ihn ſauber in ihren Korb und trat darauf in der Frühe des nächſten Morgens den ihr jetzt ſchon wohlbekannten Weg in das churfürſtliche Palais zu ihrer hohen Gön⸗ nerin an. Sie hatte die Frau Churfürſtin ſchon ſo häufig geſprochen, daß ſie ſich gar nicht mehr vor ihr fürchtete, und alle Diener kannten die Kuchenfrau auch ſchon ſo genau, daß jeder bereitwillig ihr Führer ſein wollte. Doch ach! ihre hohe Gönnerin hatte ihre alte Wohnung ja verlaſſen und war in das Schloß gezogen, ſeit ſie ſie nicht geſehen; ſie wohnte jetzt, wo ſonſt der hochſelige König Majeſtät gewohnt, und in dem weit⸗ läufigen Gebäude, mit ſeinen alten Thürmen, Wendel⸗ treppen und langen Gängen hätte ſie ſich nimmermehr zurecht gefunden, wenn nicht auch hier ein freundlicher Führer ſich ihrer angenommen. Die Kuchenfrau von Blaſewitz hatte ſich hier kaum als die Mutter ihres Fritz, der in Rom ſtudire, zu erkennen gegeben, ſo ſprang auch ſchon ein hübſcher Knabe herbei und führte ſie gefällig bis an die Thüre des innerſten Gemaches der Churfürſtin, um ſie bei die⸗ ſer anzumelden. Alle Diener traten vor dem kleinen Herrn zurück und ließen ihn gewähren; der Kuchenfrau aber wollte ſein Benehmen etwas vorwitzig erſcheinen und ſie verſuchte es verſchiedene Male, ihn zurück zu hal⸗ ten:„Musje!“ rief ſie ihm nach,„hören Sie, mein klei⸗ ner Musje! Das geht hier nicht ſo an. Hier muß man hübſch ſachte und beſcheiden einhergehen. Sie thun ja grad, als wären Sie hier zu Haus! Laſſen Sie doch einen von den Herren mich anmelden. Es wird doch paſſender und ſchicklicher ausſehen, als wenn ſo ein kleiner Bub da vor mir hereinläuft!“— Allein er lachte nur und ließ ſich nicht beirren. Ein älterer Herr, der ihm ge⸗ folgt, hatte aus der Ferne dieſer Scene zugeſehen. „Wenn die Frau Churfürſtin nur nicht böſe wird!“ wandte ſie ſich jetzt an dieſen.„Hören Sie, lieber gnä⸗ diger Herr, Sie könnten mir einen rechten Gefallen thun, wenn Sie den kleinen Musje aufhalten wollten. Es paßt ſich doch gar nicht, in dieſen glatten Zimmern ſo zu ſtapfen.“ 73 Er erwiderte beruhigend: „Gehe Sie immerhin mit dem kleinen Musje, liebe Frau! Er wird es ſchon bei der Frau Churprinzeſſin vertreten, daß er Sie ſelbſt hierher gebracht. Sie hat es gerne, wenn ihre Kinder artig gegen Fremde ſind.“ „Ihre Kinder!“ rief die Frau erſchreckt.„So war der kleine Herr ein Prinz! Ach! Lieber gnädiger Herr, dann legen Sie doch ein Wörtchen für mich ein, daß ich ihn ſo hart angefahren und ihm ſeine ſchlechte Manier vorgeworfen; ich wußte ja nicht, daß der kleine Musje hier in ſeiner Mutter Hauſe ſei.“ Indeſſen hatte ſich die Thüre nach dem Gemache der Churfürſtin weit geöffnet, und in ihr erſchien Maria Antonia, von dem Geräuſche angelockt, jetzt ſelbſt. „Was hält Sie hier ſo lange auf, warum kommt Sie nicht näher?“ fragte ſie freundlich und nickte der Frau einen freundlichen guten Morgen zu.„Ich habe gute Botſchaft!“ fuhr ſie heiter fort.„Schreibe Sie Ih⸗ rem Sohne, daß er nach Dresden kommen möge, wo wir ihn zu unſerm Kirchencompoſiteur ernennen und ihm einen Jahrgehalt von 240 Rthrn. ausſetzen. Wenn er etwas gelernt hat, ſo geben wir ihm damit die Gelegen⸗ heit, Ehre einzulegen und unſere Mühe zu belohnen.“ „Jeſus Maria!“ rief die Frau, und vor Schreck wäre der Korb ihrer Hand entfallen, wenn nicht der 1860. XI. Maria Antonia. III. 5 5——— —————— —————— —— ———— kleine Musje zugeſprungen, um die koſtbaren Kuchen zu retten.„Wie wird mein Fritz es aushalten, wenn er erfährt, wie viel Freude er ſeiner alten Mutter bereitet. Mein Sohn im Dienſte der Frau Churfürſtin und ein ſo großer Mann!“ Dicke Thränen perlten ihr dabei über die Wangen, und um ihrer Rührung Herr zu werden, ſank ſie in die Knie und küßte den Saum des Kleides ihrer Beſchützerin. „Gute Kinder ſind ein großer Segen,“ ſagte Maria Antonia gerührt, und blickte dabei theilnehmend auf die Frau zu ihren Füßen, welche in dieſer Minute des höch⸗ ſten Glückes genoß, das dem Weibe als Mutter zu Theil werden kann;„der Segen der Eltern baut ja den Kin⸗ dern Häuſer. Bete Sie für mich, liebe Frau, daß ich an meinen Kindern erleben möge, was Sie heute an Ihrem Sohne beglückt, daß er mein Herz mit Stolz erfülle.“ Sie legte dabei die Hand wie ſegnend auf ihres Knaben Haupt. „Es iſt doch ein ſchönes Vorrecht, mit einem Worte, wie durch Zauberſchlag, die Thränen der Freude einem menſchlichen Auge entlocken zu können,“ ſagte ſie zu ihrem Sohne, während ſie, nachdem die Kuchenfrau ſich entfernt, mit ihm in die Gemächer des Churfürſten trat, um ihm das Gebäck zu bringen, welches Dank und Se⸗ gensgebet aus gutem, frommen Herzen gewürzt.„Gott 75 hat eine große Verantwortung in unſere Hand gelegt, indem er uns die Macht verliehen, die ungleichen Men⸗ ſchenlooſe ebnen, und durch Güte ausgleichen zu dürfen, was die Gerechtigkeit oft zu ſtrenge beſtimmt.“ „Das heißt das Geſetz umgehen wollen,“ ſagte der Knabe ſcharf.„Die römiſche Kaiſergeſchichte hat mich be⸗ lehrt, daß nur die eherne Gerechtigkeit ein Volk ſittlich erziehen kann; mir gefällt die ſtrenge Tugend, welche nichts zu bewegen vermag, ihren Pfad zu verlaſſen. Wie groß war Rom, ſo lange es noch ſolche Männer hatte. Mit den Griechen und ihrem Cultus des Schönen ver⸗ weichlichte es.“ Ein ſchmerzlicher Zug flog bei dieſen Worten des Knaben über das Angeſicht ſeiner Mutter. „Wir wollen über den Punkt heute nicht ſtreiten, mein Sohn,“ ſagte ſie, ihre unangenehme Empfindung unterdrückend.„Wir haben das ſchon oft beſprochen und werden uns darüber nicht einigen können, bis Du einige Jahre älter geworden biſt und dieſer Enthuſiasmus für der Römer ſtrenge Sitten einer milderen Beurtheilung des Griechenthumes gewichen iſt. Auch das Mittelalter war ſtarr, hart und rauh, wie jene; unſere alten Ritter glichen in vielen Stücken den Erbauern des Capitols. Krieg war damals das Loſungswort und Kraft der ein⸗ zige Vorzug des Mannes vor dem Manne. Jene Zeit 5* ——. ——————— iſt ein überwundener Standpunkt. Die Civiliſation und mit ihr der Fortſchritt der Cultur machen andere Anfor⸗ derungen an Fürſten und an Völker, und jetzt iſt nur noch der Prinz wahrhaft ausgezeichnet, unter dem die Künſte blühen.“ Das klare Auge des Knaben ſchaute bei dieſen Worten fragend und mißbilligend zu ihr auf. Sie ſchien dieſe ſtumme Erwiderung zu verſtehen. „Ich weiß, was Du ſagen willſt,“ fuhr ſie fort; „Du meinſt, Dein Großvater habe dieſen Weg einge⸗ ſchlagen und damit ſein Land zu Grunde gerichtet. Dazu haben aber auch unglückliche Zeitverhältniſſe das ihrige beigetragen. Doch will ich ihn damit noch keineswegs entſchuldigen. Auch wäre er nicht ſo weit darin gegangen, wenn ſeine unglückliche Trägheit ihn nicht abgehalten hätte, ſelbſt zu prüfen, ſelbſt nachzuſehen, ob die Finanzen ſeines Landes ſeinen Ausgaben entſprächen. Seine Vorliebe für die Künſte aber iſt es ſicher nicht, was die Schuld trägt; dieſe hat Sachſen, trotz ſeiner Schuldenlaſt, groß gemacht. Was wäre dies kleine Churfürſtenthum in der Reihe der deutſchen Staaten ohne den Glanz ſeines Kunſtlebens? Was wäre Dresden, was wäre unſer Hof ohne die un⸗ ermeßlichen Schätze, welche wir hier aufgehäuft, ſo daß es einem zweiten Athen zu vergleichen iſt?— Sind wir etwas, ſo ſind wir es dennoch durch eben dieſe Fürſten, 77 welche ſo rückſichtslos verſchwendet. Wir müſſen nun wieder einzubringen ſuchen, was ſie dem Volke entzogen, und dann erſt wird die ganze Wohlthat deſſen fühlbar werden, was ſie durch ihren Geſchmack und durch das hier geweckte Kunſtleben für ihr Land gewirkt.“ Der Knabe hatte ihr zugehört, doch ohne überzengt zu werden durch das, was ſie ſo warm ihm vorſtellte. „Nero liebte auch die Künſte und übte ſie ſogar auch ſelbſt,“ ſagte er halbleiſe, als ſcheue er ſich faſt das Wort auszuſprechen. „Nero!“ erwiderte ſeine Mutter faſt ungeduldig, und man merkte es ihr an, wie ſchwer es ihr ward, ihren Unmuth nicht auszulaſſen.„Nero war ein Heide und ein Barbar! Suche doch Deine Muſter nicht immer in einer gar zu fernen Vergangenheit! Schaue um Dich. Blicke auf Friedrich von Preußen und Deinen kaiſerlichen Vetter von Oeſterreich. Welche einſichtsvolle Fürſten ſind das und dabei wie kunſtliebend zugleich!“ „Sie machen mir Beide zu viel Muſik, das paßt ſich nicht für Könige, es ſchadet ihrer Würde,“ erwiderte der Knabe ſcharf.„Wenn ich mir Friedrich von Preußen mit der Flöte denke, dann iſt er mir gleich ganz zuwider. Ich finde es nicht männlich, ſolche Dinge zu treiben. Man ſollte das den Frauen überlaſſen.“ „Du machſt einen zu großen Unterſchied in dem Be⸗ zug zwiſchen beiden Geſchlechtern,“ erwiderte Maria An⸗ tonia, und ein eigenes Zucken der Lippen begleitete dieſe Worte.„Du mußt Deinen Onkeln nicht Alles glauben, was ſie Dir darüber einreden. Menſchen ſind wir Alle und haben gleiche Berechtigung uns menſchlich zu entwickeln und nach höchſter Vollendung zu ſtreben, ob Mann oder Frau.“ Sie waren damit an die Thüre des Wohngemaches des Churfürſten gelangt, und einen Blick auf die große, franzöſiſche Wanduhr werfend, entdeckte Maria Antonia, daß die Stunde gekommen ſei, wo ſie dem Miniſterrathe beiwohnen müſſe; ſie trug ihrem Sohne daher auf, ihren Gatten ſo lange zu unterhalten, der ſich ohnehin nicht ganz wohl fühle und trübe geſtimmt ſein Canapeé noch nicht verlaſſen hatte. „Es wird Deinen Vater freuen, zu hören, daß Du die Frau Neumann zu mir geführt,“ ſagte ſie noch im Weggehen;„denn er hat es gerne, wenn Du die Men⸗ ſchen liebſt und Dich ihnen freundlich erweiſeſt. Er hat leider nie ſo wie Du von ſeinen Füßen Gebrauch ma⸗ chen können, und auch nie der Freiheit genoſſen, die wir Dir geſtatten; um ſo mehr intereſſirt es ihn jetzt, Deine Jugend mit Dir zu durchleben und mit Dir zu genie⸗ ßen, was ihm ſelbſt nie zu Theil werden ſollte. Adien, mon fils!“ 79 Sie küßte ihn auf die Stirne und entfernte ſich dann raſch, um ihren Pflichten zu genügen. Viel beſchäftigt, wie ſie war, vergaß ſie ſich ſelbſt über den Anforderungen des Tages. Raſch flogen die Stunden an ihr vorüber, und kaum erhaſchte ſie einige Minuten, um dem Churprinzen, der heute nicht bei Tafel erſcheinen konnte, Bericht über das Vorgefallene abzu⸗ ſtatten. Sie fand ſeine Stimmung noch gedrückter, als am Tage zuvor, und verſuchte ihre ganze Beredtſamkeit, um ihn zu zerſtreuen und aufzurichten. Er bat ſie endlich, allein ſein zu dürfen; er wolle ruhen, und morgen würde er ſich ſicher ſchon beſſer befinden. Sie willfahrte ſeinem Wunſche. Als ſie das Zimmer verließ, blickte ſie noch einmal zurück. Da war es ihr, als ſchimmere in ſeinem Auge eine Thräne.—„Mein Gott!“ rief es in ihr,„was iſt denn das? Warum dies Bangen, als ob ich ihn zum letzten Male geſehen?“— Sie wollte ſich zurückwenden; dann ſagte ſie ſich wieder, daß ſie durch ſolche ängſtliche Sorge ſeine Hypochondrie nur noch mehr nähren würde. Seine ſitzende Lebensweiſe trieb ihm das Blut zum Kopfe. Er mußte wieder zu reiten anfangen. Armer Mann!— Wie bedauerte ſie ihn, nicht ſo thätig ſein zu können, wie ſie es war. Müde zum Umfallen erreichte ſie ihr Schlafgemach und ließ ſich auskleiden. Sie ſchlief ſo feſt, daß kein Traumgeſicht ſie ſtörte, und doch— wurde es nicht plötz⸗ lich helle um ſie, wurden nicht Stimmen hörbar, rief man ſie nicht und forderte laut und wiederholt, daß ſie er⸗ wache?— Nein, nein, das war kein Traum, das war Wirklichkeit!— Sie öffnete mühſam die ſchweren Lider. Geblendet von dem ihr begegnenden Lichte, ſah ſie nicht gleich, wer im Zimmer ſei. „Bianconi!“ rief ſie endlich, wie mit einem leiſen Angſtſchrei, und fuhr im Bette empor.„Er hier, zu dieſer Stunde? Was bedeutet das?“ Die Antwort erfolgte nicht gleich, aber ihr ahnen⸗ des Herz hatte ſie ihr bereits ertheilt. „Mein Gott! mein Gott!“ ſtammelte ſie nur angſtvoll vor ſich hin, während ſie dem Arzte durch die dunkeln Gemächer in das Cabinet folgte, wo ſich ihr Gatte befand. Es war eine düſter ſchaurige Nacht. Der Sturm rüttelte an den Fenſtern, Schneegeſtöber ſchlug zu Eis gefroren dagegen, die Thüren knarrten wie von ſelbſt; vom Thurme ſchlug unheimlich die erſte Stunde. Feſter zog ſie das in der Eile übergeworfene Morgenkleid um ihre Taille zuſammen, dem ſchaurigen Fröſteln zu weh⸗ ren, das ſie durchzitterte. Sie ſprach nicht, ſie fragte nicht; ſie eilte nur ihren Führern voran, und trat jetzt 81 durch die vor ihr geöffnete Thüre in das halbdunkle Gemach, wo eine Gruppe von Männern, bleich und ängſtlich flüſternd, das Lager ihres Gatten umſtanden. Raſchen Schrittes trat ſie unter ſie und machte ſich Bahn. Sterbend ruhte der Churfürſt in den Armen ſeines Kammerdieners, ſterbend ohne einen letzten Blick für ſie, die auf ihn das ganze Glück ihrer Zukunft gebaut. Ein Schlagfluß hatte ihn getroffen, ſein Auge war ſchon gebrochen, ſeine Hand erwiderte den Druck der ihrigen nicht mehr. Vor dieſer entſetzlichen Ueberzeugung brach ſie ohnmächtig zuſammen. Man trug ſie in ihre Gemächer zurück und be⸗ mühte ſich die entflohenen Lebensgeiſter zurückzurufen; aber zu welchem Erwachen! Arme, bedauernswerthe Frau! Um den Schiffbruch aller ihrer Lebenshoffnungen zu erfahren! Mit irren Blicken ſchaute ſie um ſich. Schwarz lag ihre Vergangenheit vor ihr und ſchwarz ihre Zu⸗ kunft. Warum hatte das Schickſal grade ſie dazu erſehen, ſo ſchwer geprüft zu werden, warum mußte es grade ihr nicht einen Wunſch gewähren?— Ihre Jugend, mit wie vielen unerfüllten Wünſchen hatte ſie ſich nicht getra⸗ gen! Mit ihrem Vater, dem wandernden Kaiſer, was ——— 82 hatte ſie nicht Alles erlebt!— Stolz, ehrgeizig, ſuchte ſie durch Geiſt und Talent den Platz zu erobern, nach dem ſie geizte und den ihr unſchönes Aeußere ihr nicht gewin⸗ nen half. Froh war ſie daher geweſen, einem Churprinzen von Sachſen ihre Hand reichen zu können, und hatte ſeiner körperlichen Gebrechen wenig geachtet, ſobald ſie ihn nur nicht hinderten Regent ſeines Landes zu ſein. Sechzehn lange Jahre waren verſtrichen, ſeit ſie ihn zuerſt geſehen und ſich üherwunden, die Gefährtin eines Krüppels zu werden, und heute konnte ſie ſich vor Gott und ihrem Gewiſſen ſagen, daß ſie ihn glücklich gemacht und ihn nie hatte empfinden laſſen, wie ſchwer ihr lebhaftes Temperament an dieſer Feſſel trage. Sechzehn lange Jahre hatte ſie in Geduld geharrt, auf den Augenblick hoffend, wo ſie, die Regentin dieſes Landes, einer erſehn⸗ ten Freiheit genießen würde; ſechzehn lange Jahre hatte ſie die größte Selbſtverleugnung geübt, war ſie zurück⸗ getreten, wo ſie zu handeln ſich ſo mächtig berufen fühlte, hatte ſie, um die Eiferſucht eines Brühl nicht zu reizen, ſich an dem Hofe ihres Schwiegervaters dem Willen ſeines allmächtigen Miniſters untergeordnet. Sechzehn lange Jahre! Und nun, wozu?— wozu? Um zwei Monate lang aufzuathmen in dem Gefühl der ſchwer errungenen Freiheit, und dann Alles einzubüßen— Alles, Alles! Muthlos vergrub ſie ſich in ihre Kiſſen und ließ 83 den Tag in ihre Gemächer nicht ein. Sie wollte Nie⸗ manden ſehen, verſchloß Allen ihre Thüre, in dem Be⸗ dürfniſſe, mit ſich und ihrem Schmerze allein zu ſein.— Keine Speiſe kam über ihre Lippen. Das Leben in ihr ſtand ſtill; es war für ſie nun Alles, Alles vorbei, der Traum war ausgeträumt, ihrem Ehrgeize jeder Weg beſchnitten, ſie hatte zu ſein aufgehört, indem ſie das nicht ſein, nicht leiſten durfte, wonach ſie mit allen Kräf⸗ ten ihrer Seele geſtrebt, wofür ſie gebetet, wofür ſie gerungen, eine Mutter ihres Landes, eine große, weiſe Regentin zu ſein, deren Thaten die Geſchichte verzeich⸗ ne, ein weiblicher Friedrich der Große, eine berühmte Frau— das war ihr Ziel geweſen.— Und nun? Mühſam nur erweckte man ſie aus dieſer Lethargie, welche ihrem Geiſtesleben Gefahr zu bringen drohte. Ihre Kinder erſchienen vor ihrem Lager. Als ſie die kleine Schaar erblickte, da regte ſich der Pulsſchlag ihres Herzens wieder und Thränen entſtürzten ihren Augen, heiße Thränen, welche die bittern Empfindungen beſänftigten und eine milde Wehmuth in ihre Bruſt einziehen ließen. Sollte ſie dieſe armen Weſen zu Waiſen machen? Nahm ſie nicht, als ſie ihnen das Leben gab, auch die Verpflichtung ihres Glückes, ihrer Zukunft auf ſich, und dieſe Verpflichtung, blieb ſie ihr nicht trotz der geſcheiterten Hoffnungen? Ihr älteſter Sohn, Friedrich Auguſt, der nun in wenigen Jahren, ſo jung, dieſes Land beherrſchen ſollte, wie wichtig war für ihn der weiſe Rath der Mutter, um ſeine erſten Schritte zu leiten! Wie wichtig war es nicht auch, ſeine Erziehung bis dahin in den Händen jener verdienſtvollen Männer zu laſſen, die ſie mit ihrem Gatten gemeinſam auserwählt, und ihn dem Einfluße ſeiner Onkel möglichſt ferne zu halten. Ja, ſie fühlte es, eine ernſte Pflicht blieb ihr noch auf Erden zu erfüllen, ſie mußte ihrem theuren Sachſen, das ſie ſelbſt nun nicht beherrſchen und durch ihre Weisheit beglücken ſollte, ſeinen künftigen Regen⸗ ten heranbilden und ihn lehren, durch ſeine Tugenden die Schwächen ſeiner Voreltern zu verdecken. Dieſe große und ſchöne Aufgabe zu löſen war auch noch eines Lebens werth. Fünftes Capitrl. Die Witwe. Es gibt Abſchnitte im Menſchenleben, die uns innerlich auf ſolche Weiſe reifen, daß wir mit unſerer 85 Vergangenheit in gewiſſem Sinne brechen müſſen, das, was wir einſt erſtrebt gewünſcht, für uns ſeine Bedeu⸗ tung verloren hat und wir ihm nachſchauen, wie etwa dem Gebilde eines Traumes, das auch im Wachen noch unſerem Auge folgt. Aeußerlich dieſelbe, doch innerlich eine andere ge⸗ worden, trat Maria Antonia, in tiefe Witwentrauer gehüllt, aus ihren Gemächern hervor und empfing die Condolenzbeſuche des Hofes und der fremden Geſandten. Sie wechſelte Worte mit ihnen, welche das Ceremoniel dietirte, von denen das Herz jedoch nichts wußte. Jene verſtanden ſo wenig ihren Schmerz, wie ſie ihnen zeigen konnte, durfte, oder wollte, wie tief zerſtört es in ihrem Innern ausſah. Sie fühlte ſich plötzlich ſo alt geworden, als ob das Leben hinter ihr liege. Prinz Taver, der älteſte Bruder ihres Gatten, war zum Adminiſtrator des Landes während der Minder⸗ jährigkeit des Churprinzen ernannt, und Maria Antonia, als Mutter ihres Sohnes und ſeine natürliche Vormün⸗ derin, wurde ihm an die Seite geſetzt, um, wie bisher unter Churfürſt Chriſtian, im Miniſterrathe Sitz und Stimme zu haben. Sie hatte ihr Talent als Regentin und wohlmeinende Landesfürſtin bereits bewieſen; darum auch war es der Antrag der Miniſter, daß ſie in ihrer Stellung beharren möge, und Sachſen zollte dieſer An⸗ ordnung ſeinen ganzen Beifall. Ein Anderes war es damit in der eigenen Familie. Hier wollte Jeder jetzt ein Wörtchen mitzureden haben, hier wurde Maria Antonia, als Witwe, ſogleich zu einer Fremden. Wie früher unter König Auguſt des III. Regie⸗ rung, ſollten nunmehr die Wünſche der fürſtlichen Fa⸗ milie kein Hinderniß erfahren, und ſo oft ſie einen ver⸗ nünftigen Einwand gegen ein unvernünftiges Begehren aufſtellte, ermüdete man ihr Ohr mit Tadel, Klagen und Vorwürfen. Sie ſchrieb darüber an ihren Schwager, den Prin⸗ zen Albert von Sachſen-Tetſchen, der mit einer Tochter von Maria Thereſia vermählt war und ihr ſtets viel Vertrauen und eine beſondere Vorliebe bewieſen hatte; ſie bat ihn, wenn es ihm irgend möglich ſei, nach Dres⸗ den zu kommen und den Vermittler und Friedensſtifter zu machen; ſie theilte ihm die Schwierigkeiten ihrer Lage mit und forderte ihn auf, ihr ſeinen Beiſtand zu leihen. Er kam auch ſogleich und verweilte vierzehn Tage bei ihr; doch wo hätten Vernunftsgründe je kleinliche Leidenſchaften zu beſchwichtigen vermocht? Jeder hatte hier eine andere Klage zu führen. Prinz Carl war un⸗ zufrieden mit Maria Antonia, weil ſie ihrem Sohne Po⸗ len zu erhalten wünſchte und Kurland für ihn als 87 vollſtändig verloren betrachtete. Obgleich ſie vollkommen recht darin hatte, das Wiedergewinnen dieſes Herzogthums für unmöglich zu halten, ſo glaubte er ihr nicht, weil es ſeinen Wünſchen widerſprach. Die Prinzeſſin Eli⸗ ſabeth behauptete, Maria Antonia habe hinter ihrem Rücken geäußert, daß ſie eine ſehr oberflächliche Perſon ſei, und weil dieſer Tadel eine Wahrheit enthielt, konnte ſie ihn nicht verſchmerzen. Auf dieſe Weiſe hatte jedes Mitglied des Familienkreiſes eine andere Klage aufzu⸗ ſtellen, und ſo oft es dem Prinzen von Sachſen⸗Tetſchen gelang, den Einzelnen zu beſänftigen, ſo fiel dieſer doch wieder in ſeine vorige Mißſtimmung zurück, ſobald er mit einem Gleichgeſinnten zuſammentraf. Unverrichteter Sache verließ der Prinz endlich die⸗ ſen wenig hehaglichen Familienkreis, ſeiner Schwägerin ſein aufrichtiges Bedauern zurücklaſſend. „Wo man nichts ändern kann, muß man das Un⸗ vermeidliche tragen, ſo gut man es vermag,“ dachte Ma⸗ ria Antonia, und ſuchte die kleinlichen Streitigkeiten über den großen Angelegenheiten zu vergeſſen, die ſie jetzt mit ganzem Ernſt verfolgte. Es gab unendlich viel zu thun, um das Budget der Ausgabe und der Einnahme befriedigend zu geſtalten, und da ſie die Finanzen zu verbeſſern wünſchte, ſo ergriff ſie das dazu nothwendige Mittel: die Induſtrie Sachſens zu heben. Unermüdlich war ſie in dieſem Beſtreben, unermüdlich in der Ver⸗ folgung neuer Pläne. An ihrem Hofe ging es jetzt ernſt und ſtill zu. Die vielen Geſchäfte, die Erziehung ihrer Kinder, deren Un⸗ terricht ſie perſönlich überwachte, ihre große Correſpon⸗ denz, und daneben zu ihrer Erholung die Uebung ihrer Talente nahmen ſie ganz in Anſpruch. Auch wollte ſie noch außerordentlich ſparen, um, was ſie erübrigen konnte, zur Förderung der Talente und Wiſſenſchaften aufzu⸗ wenden. Den Prinzen und Prinzeſſinnen ſagte dieſe neue Lebensweiſe wenig zu; Maria Antonia aber fand keinen Beruf, denen, die ihr ſo wenig wohlwollten, Opfer zu bringen. Sie machte nach allen Seiten hin Einſchränkungen. Bianconi ſogar mußte ſeine Stelle verlieren und als fächſiſcher Reſident nach Rom überſiedeln. Die Geliebte ſeiner Jugend, Sophie von Gutermann, war jetzt ſchon lange an de la Roche vermählt“*); der ſchöne Bianconi war ein gereifter Mann geworden, und doch konnte jene es nicht ohne Theilnahme ſehen, als er ſo ferne von ihr dem Süden zuzog, wo ihre Trennung kaum ein Wiederſehen in Ausſicht ſtellte. Als ſie in ihrem ſpäten Lebensalter Lndmilla Aſſing, Biographie von Sophie Laroche. 89 dann von einer ſeltſamen Wanderluſt befallen wurde; wer ſagt uns, ob nicht die Großmutter unſerer Bettina in ihrem tiefſten Herzen den geheimen Wunſch damit ver⸗ band, noch einmal wieder in das dunkle Auge zu blicken, wo ihr zum erſtenmale der Strahl geleuchtet, welcher die Erde ihr in ein Eden umgewandelt. Vier Wochen nach dem Tode ihres Gatten gewann Maria Antonia den Muth, die ihr ſo werthe Corre⸗ ſpondenz mit Friedrich von Preußen auf's neue anzu⸗ knüpfen. Sie ſagte ihm in ihrem Briefe wenig über ihren Verluſt, weniger noch über ihre Empfindung dabei. Sollte ſie ſich damit brüſten, was ſie dem Verſtorbenen geweſen, ſollte ſie der Welt jetzt geſtehen, wie ſchwer es ihr gefallen, ſich ihm zu widmen, nachdem ſie, während der langen Jahre ihrer Ehe, ſeine körperliche Gebrechlich⸗ keit möglichſt verheimlicht und ſie als nicht exiſtirend be⸗ trachtet hatte? Zetzt von dieſem Opfer zu ſprechen, hieß dem Verſtorbenen im Grabe einen Vorwurf damit ma⸗ chen, daß er ſie ſein genannt, und— wie treu hatte er ſie für ihre Geduld mit ihm geliebt, wie hoch ſie geſtellt, wie reich gelohnt! Sie ſchwieg. Keine Klage über ihr Schickſal entſchlüpfte ihrer Lippe. Sie ſprach von ihrem Sohne, von ihren Wün⸗ ſchen, dieſem Polen zu erhalten, und bat Friedrich um 1860. XI. Maria Antonia. III. 6 8 S ſeinen Schutz und Beiſtand, und um Erfüllung der ihr geleiſteten Verſprechungen ſeiner Freundſchaft für ſie. Sie forderte von ihm, er ſolle ſeinen Einfluß bei der Kai⸗ ſerin von Rußland geltend machen und dieſe beſtimmen, Polen ihrem Sohne zu geben. Seine Antwort war ſo ſchmeichelhaft und artig, wie immer. Mit großer Anerkennung redete er von ihren Verdienſten um das Land, von ihren Talenten, ja ſeine Bewunderung kleidete ſich in Worte, die einer Frau gegen⸗ über ein zärtlicheres Intereſſe hätten vermuthen laſſen; doch dieſer Weihrauch war Alles, was er als thätige Hülfe der verlaſſenen Witwe angedeihen ließ, und wohl einſehend, wie unerbittlich der Monarch in ihm ſei, um einer perſönlichen Rückſicht auch nur das kleinſte Fünk⸗ chen ſeines politiſchen Einflußes zu widmen, gab ſie endlich ſeufzend die Hoffnung auf, aus ſeiner Freundſchaft einen anderen Gewinn für ſich zu ziehen, als das Ver⸗ gnügen eines geiſtigen Austauſches mit dem geiſtreichſten Fürſten Europas, und von dieſem Fürſten immer auf's neue die Verſicherung zu erhalten, daß ſie eine Ausnahme ihres Geſchlechtes ſei und daß er, außer ihr, nie eine Frau bewundert. Maria Antonia war nicht gleichgiltig gegen ſolches Lob. Wer an ihrer Stelle hätte das auch zu ſein ver⸗ mocht! Doch las man zwiſchen den Zeilen mancher ihrer 91 Briefe, daß ſie in ihrer Lage auf etwas mehr gerechnet hatte, als bloße Worte, daß ſie von einem Friedrich dem Großen einen thätigeren Beiſtand gehofft, als er ihn gewährte.— Er verſtand ihren ſtillen Tadel, doch war er zu klug, um einzugeſtehen, daß er ihn fühle, und wohl⸗ weislich machte er ihr keinen Vorwurf daraus, daß ſie ihn großmüthiger zu ſein gewünſcht. Die Krone von Polen ihrem Sohne verloren! Das war ein großes Wort für Maria Antonia; denn ihn auf dieſen Thron zu heben, war eine Haupttriebfeder zur Bewältigung ihrer eigenen Niedergeſchlagenheit geweſen; der Gedanke als Nachbarin der großen Catharina in Warſchau mit ihrem Sohne aufzutreten, hatte ihrer Zu⸗ kunft noch einen Reiz gegeben; auf das dahin— wurde ihre Sphäre immer enger, mußte ſie ihren Plänen einen immer kleineren Maßſtab anlegen, ſich immer mehr be⸗ ſchränken und in ſich ſelbſt zurückziehen. Während ſie ſo innerlich fragte, kämpfte, ſich ab⸗ mühte den Frieden zu gewinnen, der das bittere Wort Reſignation als Motto führt, trafen ſie von Außen her neue Unannehmlichkeiten, von denen ſie um ſo ſchmerz⸗ licher berührt ward, je unerwarteter ſie in ihren Lebens⸗ kreis eingriffen. Der heilige Vater in Rom führte die Klage wider ſie: daß ſie die Katholiken in Dresden zurückſetze, den 6* . ¹ 1 11 3 z i Proteſtanten Vorſchub leiſte und ihren älteſten Sohn der Kirche abtrünnig mache, worin allein die Seligkeit zu ſuchen. Er klagte ſie der Ketzerei an. Maria Antonia blickte erſchreckt umher, die Urheber dieſer unheilvollen Gerüchte zu erſpähen, und mußte ſie, leider! in ihrer eigenen Familie finden. Weil ſie die reli⸗ giöſen Ueberzeugungen ihres Volkes ehrte und beide Confeſſionen gleich geſtellt hatte, darum wurde ſie von den Prinzen ihres Hauſes als Abtrünnige verſchrieen, darum erging aus Rom ein Weheruf über ſie, darum war der Hof von Verſailles aufgerufen, ſie zu ermahnen, darum war ihr eigener Bruder, dieſer ſo zärtlich von ihr geliebte Bruder veranlaßt worden, ihr mit bittern Vorwürfen zu begegnen, und ſelbſt ihren Verſicherungen und der klaren Auseinanderſetzung der Thatſachen vermochte er erſt nach langem Bemühen ein Ohr zu leihen. So wenig Vertrauen ſetzte alſo auch er in ſie— auch er! Und wen hatte ſie denn noch außer ihm, der an ſie glaubte? Sie ſtützte ihr Haupt in die Hand und gab trau⸗ rigen Gedanken Raum— Gedanken, wie Jeder von uns ſie wohl in ernſten Stunden kommen und gehen läßt— Gedanken über den Werth des Lebens und der Menſchen, Gedanken, die den Einſiedler machen und den Menſchenfeind. 93 Beklagenswerthe Frau!— Verkannt und mißver⸗ ſtanden, häuften ſich immer neue Wolken über ihrem Haupte. Troſt und Beruhigung gewährten ihr in ſolcher Lage nur die Künſte, denen ihre Mußeſtunden gehörten, und ihre ſchönſte Freude blieb, einem Talente durch ihre Unterſtützung Bahn zu brechen. Der junge Neumann traf in Dresden ein, und legte ſeinen Dank der gütigen Beſchützerin zu Füßen, durch die er das langerſehnte Ziel erreicht, in ſeinem Vaterlande eine Anſtellung zu finden. Maria Antonia wollte ſein Talent jetzt prüfen. Die Compoſition einer Meſſe ſollte den Ausſchlag geben, ob er wirklich die Stelle eines Haſſe einzunehmen ver⸗ möge, und weil ſie lebhaft wünſchte, ihr Schützling möge eine ſolche Befähigung zeigen, ſo ließ ſie die Pro⸗ ben, welche der Aufführung vorhergingen, in ihren eige⸗ nen Gemächern abhalten, um ihm mit ihrem Ohre und ihrem Geſchmacke beizuſtehen. Der junge Künſtler bewies ſich noch ſehr befangen. Er ſollte zum erſtenmale als Dirigent auftreten und Muſiker leiten, die er in ſeiner Beſcheidenheit ſich ebenbürtig glaubte. Verwirrt blickte er umher und wußte nicht, wie er ihnen das Zeichen zum Anſtimmen geben ſollte, während doch ſchon Aller Augen auf ihn gerichtet waren. — Maria Antonia bemerkte ſeine Hülfloſigkeit. Mit ihrer gewöhnlichen Herzensgüte eilte ſie zu ſeinem Bei⸗ ſtande hinzu, ergriff ein ihr nahe liegendes Muſikſtück, rollte es zuſammen und reichte es ihm hin, indem ſie ſagte:„Da empfange Er ſeinen erſten Commandoſtab aus meiner Hand.“ Glühendes Roth überflog die Stirne des jungen Künſtlers. Wie begeiſtert durch dieſe Worte der Fürſtin blickte ſein Auge jetzt kühn umher, und mit raſchem Im⸗ puls das Zeichen gebend, leitete er die Probe mit großer Unſicht. Maria Antonia ſprach ihm ihre Befriedigung aus; doch war es das Lob einer gütigen Mutter, die ihrem Kinde vorenthält, was ſie an ſeinem Weſen anders wünſche, und innerlich beſchloß ſie dabei, ihn zu neuen Studien und größeren Erfahrungen wieder in die Welt hinaus zu ſenden. Er ſollte ſich auch äußerlich bilden, ſollte Selbſtvertrauen gewinnen; ſie wollte ihm zu dem Zwecke Briefe an Winkelmann und Mengs mitgeben, die ihn in Rom in die Geſellſchaft einführen und ſich ſeiner annehmen ſollten. Ihr Einkommen als Witwe war nicht bedeutend genug, um den Anforderungen ihres großmüthigen Her⸗ zens zu genügen; doch fragte ſie wenig, ob ihre Mittel zureichten, ſobald es galt das Gute zu fördern und 95 einem Menſchen eine Zukunft zu bereiten. Sachſen ſollte ſeine talentvollen Männer nicht länger dem Auslande entborgen, war ihr Wunſch; es ſollte nicht Italien und Frankreich gegen hohe Gehalte ſeine Künſtler entfüh⸗ ren. Schon war in dem Bezug ein neuer Morgen für Dresden heraufgezogen, man träumte von der Mög⸗ lichkeit, auch ein Deutſcher könne einen Genius beſitzen, und nicht länger wurde die deutſche Sprache, als des Gebildeten unwürdig, nur für den Verkehr gebraucht, nur im Hauſe mit der Dienerſchaft geredet. Vor zehn Jahen noch ſchrieb Winkelmann von Nöthnitz aus an einen Freund:„Wer hier in Dresden an ſeinem Glücke zu arbeiten gedenkt, muß, wo nicht Italien, doch wenigſtens Frankreich geſehen haben, prä⸗ ſupponirt, daß er plaudern kann und ein air habe.“ Winkelmann brachte kein air dafür mit, hatte auch wohl nie eins bekommen. Er wohnte in der Frauen⸗ gaſſe im Retſchelſchen Hauſe vier Treppen hoch, ging des Abends zu Hofrath Bianconi in Geſellſchaft*), und war ein Gelehrter in allen Fächern ſeines Seins. Und dennoch fand er, trotz ſeiner Ungelenkigkeit, Unterſtü⸗ tzung, wurde dem Churprinzen Chriſtian vorgeſtellt und nach Rom geſandt; auch für ihn machte der Einfluß *) Winkelmann, Vertrauliche Briefe. Maria Antonia's ſich zu Gunſten einheimiſcher Talente geltend. Jetzt ſaß die fürſtliche Witwe in ihren Trauer⸗ gewändern im Miniſterrathe und leitete die Angelegen⸗ heiten des Landes. Prinz Kaver ſaß neben ihr; da er aber keine Einſicht hatte, ſo war er meiſtens zum Schwei⸗ gen verdammt. Dieſe Rolle hatte ihr Peinliches für ihn, ein Mann bleibt immer ein männliches Weſen, un Mäle, mit Madame d'Hericourt zu reden, ſein Egvismus und ſein Eigenwille wollen auch da eine Meinung behaupten, wo er keine ſelbſtändige Anſicht hat, folglich ſie nicht vertreten kann, und nur aus bloßem Wider⸗ ſpruche opponirt. So widerſprach er denn ſeiner klugen Schwägerin, nur um dem Geiſte des Widerſpruches zu fröhnen, und wollte ſie ihn überzeugen, ihn durch Ver⸗ nunftsgründe überführen, ſo lieh er ihr kein Ohr. Es lag ihm nicht daran, überführt zu ſein, darum beharrte er bei jeder Anſicht, ſobald ſie der ihrigen entgegengeſetzt war, und machte ſeinen Willen geltend. Empfindlich er⸗ hob ſich Maria Antonia. Auf dieſe Art konnten ſie nicht miteinander regieren, konnte eine Berathung nicht fruch⸗ ten, bei der nur Eigenſinn ſchließlich den Ausſchlag gab. Traurig zog ſie ſich in ihre Gemächer zurück. Auf's neue war ihre Thätigkeit alſo gehemmt. Was ſie auch begann, immer trat ihr das Schickſal verneinend 87 entgegen, immer ſah ſie ſich in ihrem beſten Wollen ge⸗ ſtört, immer wieder mußte ſie entſagen. Seit ſie denken konnte, war es ihr ſo ergangen. Ein Wunder nur, daß ſie noch lebte! Sie mußte unter keinem glücklichen Stern geboren ſein; denn, was ſie auch unternahm, es ſchlug ihr fehl. Wie manche ſchwere Prüfungen hatte ihr das Schickſal ſchon auferlegt, und nie, nie konnte ſie ſagen, waren Glick oder Zufall ihr hold geweſen, nie war ihr eine Freude geworden, die ſie als eine Gunſt zu betrach⸗ ten gehabt, die nicht das Reſultat ihrer Arbeit, ihrer Mühen geweſen. Sie legte traurig die Hand an die Stirne, als drückten ſie dort die ſchweren, ernſten Ge⸗ danken. Eine Hoffnung blieb ihr jetzt noch, eine einzige! Einen Wunſch konnte ihr das Schickſal noch erfüllen: ihr Sohn Friedrich Auguſt mußte mit ſeinem 18. Jahre mündig erklärt werden, ſie konnte dann in ſeinem Namen für ihn und mit ihm über Sachſen herrſchen. Die weni⸗ gen Jahre bis dahin mußte ſie mit Geduld vorüberziehen laſſen. Wie jede Frau in ihrem Hauſe Gebieterin ſein will und mit dem„keine Götter neben mir“ den eigenen Herd zu wahren ſucht, ſo auch drückt es die Fürſtin, wenn ſie in ihrem Lande nicht herrſchen kann. 98 Indem Maria Antonia ſich durch dieſe Hoffnungen ihre Zukunft zu erhalten ſtrebte, wurde ihr ein Brief Friedrich's II. überbracht, worin er ſie incomparable Princesse nannte und ihren Talenten und ihrem Geiſte einen Weihrauch zollte, wie noch kein Sterblicher ihn ihr gereicht*). Die Hand, welche den Brief hielt, zitterte. Empfindungen, wie ſie ſie nie gekannt, zogen in ihre Bruſt ein. Ihre Bewunderung für den großen Fürſten ſteigerte ſich zu einer gleichen Höhe für den Mann. Ihr Herz ſchlug hörbar. Da klopfte es an ihre Thüre und ihre Kinder ſpran⸗ gen in das Gemach. Der kurze Traum war damit ausgeträumt.—„Weg damit!“ rief eine Stimme in ihr, die das Trügeriſche ſolcher Hoffnungen erkannte.„Weg damit! Es ſind Worte, nichts als Worte! Worte, mit denen der große Mann das Ohr einer Frau kitzelt; es ſind Stilübun⸗ gen! Seit er mir Polen nehmen ließ, weiß ich, daß ſeine Freundſchaft mein und meiner Kinder Wohl nicht mit in ſeine Thaten einſchließt, daß es die belles-lettres ſind, deren Cultus er in mir verehrt, daß ich als Für⸗ ſtin dieſes kleinen Landes keinen Werth und keine Bedeu⸗ ) Correspondenee de Frödérie II. avec la Prineesse elee- torale de Saxe. MMIV. 99 tung für ihn habe. Ach! Ich bin eine tief beklagens⸗ werthe Frau und mit mir iſt es, mehr oder minder, mein ganzes Geſchlecht.“ Sie faltete den Brief zuſammen und legte ihn zu den übrigen. Erſt als ſie ihn beantworten wollte, zog ſie ihn wieder hervor. Der erſte Eindruck dieſer ſchönen Worte war nun dahin, ihr Herz klopfte nicht mehr höher, während ſie ſich wiederholte, was der große Friedrich an ihr pries, und ruhig nahm ſie die Feder zur Hand und ſchrieb ihm: wie erkenntlich ſie für ſeine Güte ſei, wie hoch ſein Beifall ſie ehre. Leider genügte ſie ſich nur ſelbſt ſo wenig in ihrem Thun!— Wollen und Können! ſagte ſie ſich oft ſchmerzlich. Dresden hatte die ſieben ſchweren Kriegsjahre gut zu machen, die das Land verſchuldet, die ſchöne Stadt in einen Aſchenhaufen umgewandelt. Man räumte jetzt den Schutt hinweg und errichtete neue Bauten; doch, ſchnell wie der Krieg zerſtört, ſo langſam baut der Friede wieder auf. Das Erſtehen einzelner Häuſer macht die Trümmer ganzer Straßen nur um ſo ſichtbarer. Die zer⸗ rütteten Verhältniſſe, das zerſtörte Familienglück drangen immer wieder mit einem neuen Nothſchrei an ihr Ohr, und helfen wollte ſie Allen.— Trotz dem Wehſchrei des heiligen Vaters über den — „ 2 —— ——— — mangelnden Religionseifer der Churfürſtin wurde der Plan zu einem Aufbau der Kreuzkirche entworfen, und Prinz Taver, als Adminiſtrator, legte, obwohl ein ka⸗ tholiſcher Fürſt, den Grundſtein zu dieſem ſchönen Ge⸗ bäude, das heute eine ſo große Zierde Dresdens iſt. Bald darauf trat auch die Academie der Künſte neu in das Leben, ein Inſtitut, das ſchon zu den Lieblings⸗ wünſchen Auguſt's III. gehörte und nun, nach geſchloſſenem Frieden, ſogleich von ſeinem Nachfolger gefördert ward. Ismael Mengs erhielt eine Anſtellung als Profeſſor, ſollte dieſe neue Ehre aber nur wenige Monate noch genießen; denn bald darauf rief ihn der Tod ab*). Viele ausgezeichnete Namen wurden dabei genannt. Canaletto und Hutin, Caſanova und Dietrich haben die Gallerie mit ihren Werken geſchmückt und uns in ihnen ein Bild ihrer Zeit, ein Stück Geſchichte überliefert. Außer in der Muſik nahm Dresden nun auch als Malerſchule einen bedeutenden Platz in Deutſchland ein und wurde die Perle ſeiner Städte. Dieſem neuen Aufſchwung ſeiner Cultur ſollte nun auch bald der Fortſchritt des intellec⸗ tuellen Lebens folgen und die Literatur die deutſche Sprache ebenbürtig der franzöſichen an die Seite ſetzen. Ein Jüngling war ſo eben in Leipzig eingepilgert, ²) Iömael Mengs ſtarb am 26. Januat, 79 Jahre alt. 101 der die deutſche Poeſie auf ihren Höhepunkt zu führen berufen. Schön wie ein Apoll, das glühende, dunkle Auge nach den Giebelfenſtern der alten Handelsſtadt empor⸗ gerichtet, wandelte er durch die Straßen, um ihre mittel⸗ alterliche Architectur mit der ſeiner Heimath, dem ſchönen Frankfurt, zu vergleichen, von wo er hergekommen, aus dem Born des Wiſſens zu ſchöpfen, der nirgends ſo reich⸗ lich floß, wie hier an den Ufern der Pleiße. Sehnſüchtig ſtreiften ſeine Blicke in die Ferne, ſeine Gedanken ſuchten Dresden, wo die Künſte blühten, für die ſein Herz glühte. Die nüchſten Ferien beſchloß er zu benutzen, ſeinen Wan⸗ derſtab dahin zu ſetzen und ſeine Seele mit der wunder⸗ baren Schönheit der Madonna del Serta zu erfüllen*). Maria Antonia ahnte nicht, wie nahe ihr die Blüthe deutſcher Dichtkunſt ſich entwickelte; ſie ahnte nicht, daß ein Wolfgang Göthe träumend durch die Straßen ihrer Hauptſtadt irrte und bei einem kleinen Schuhmacher ſein Nachtquartier aufſchlug. Den Tag, wo dieſer Name ſeinen Klang erhielt, ſah ſie nicht mehr. Sie ſollte die Früchte nicht gereift erblicken, die ſie ſelbſt geſäet. *) Göthe, Autobiographie. Sechstes Capitel. Die ſtillen Tage. Das Ceremoniell der Höfe datirt aus den dun⸗ kelſten Epochen unſerer Geſchichte, wo der Einzelne, durch die Macht ſeines Herrſchergeiſtes, ſich zum Gebie⸗ ter eines Volkes erhob, das er nun, vermöge ſeiner Waf⸗ fen, zu ſeinem Sklaven erniedrigte. Aſien war lange die Wiege dieſes Götzendienſtes, den es endlich auch auf Europa übertrug, bis im Verlaufe der Jahrhunderte die Civiliſation der Humanität ihre Rechte einräumte und endlich auch dem geringſten Arbeiter im Weinberge des Herrn geſtattete, mit erhobenem Haupte vor ſeinem Gebieter zu ſtehen. Doch dürfen wir nie verkennen, was wir dieſem Ceremoniell verdanken. Die feinen Formen unſeres ge⸗ ſelligen Lebens ſind eine Frucht dieſer ſtrengen Regeln des ſich Geziemenden, und der äußere Zwang half über manche Klippe hinweg, die Impuls und wilde Leiden⸗ ſchaft erheben wollten. Das Churfürſtenthum Sachſen, dem Königreiche Polen zugeſellt, hatte die Anſprüche ſehr hoch erhoben, um den glänzenden Hof Ludwig's XIV. nachahmen zu 103 wollen, und, wie das ſtets der Fall iſt, wenn man am kleinen Maßſtabe das Große herſtellen will, ſo wurde die ſteife Etikette dort zur bloßen Carricatur.— Maria Joſepha, eine kaiſerliche Prinzeſſin, ſorgte dafür, dieſe Abnormität der Sitte aufrecht zu erhalten, denn ihr beſchränkter Geiſt ſah die Würde ihres Standes verletzt, wenn das Geſetz der Etiquette nur im geringſten beein⸗ trächtigt ſchien. Maria Antonia, nicht weniger hochgebo⸗ ren, konnte die gleichen Anſprüche machen; doch ihre Geiſtesbildung, ſo weit dem voraus, was ihre Um⸗ gebung repräſentirte, fand weit öfter eine Feſſel in dieſem Ceremoniell, als eine ihrem Stande dargebrachte Huldigung. Doch die Gewohnheit iſt eine mächtige Herrſcherin, vielleicht die mächtigſte auf Erden, und auch der Hell⸗ ſehendſte wird ihr im Laufe der Jahre unterthan. Klugheit und Nothwendigkeit hatten die junge Churprinzeſſin gezwungen ſich in Allem den Gewohn⸗ heiten ihrer neuen Familie zu fügen, und nachdem ſie ſechzehn lange Jahre am Hofe Auguſt's III. in einer gewiſſen Form gelebt, die zu brechen ihr nur ſelten gelungen war, fühlte ſie ſich durch dieſelbe jetzt nicht mehr beengt, ja, nahm ſie wie ſich von ſelbſt ver⸗ ſtehend hin. Sie hatte nicht daran gedacht, daß jetzt, mit dem Verluſte Polens, ihre Stellung eine neue, eine andere werden mußte, werden könnte; ſie hatte nicht daran gedacht, daß ſie im großen deutſchen Staatenbunde damit zugleich in ihrer Rolle um ſo tiefer ſinken mußte. Es war an ihrem Hofe Alles ſo geblieben, wie es ſonſt ge⸗ weſen, und als ſie, nach dem Tode ihres Gatten, mit Prinz Kaver gemeinſam, die fremden Geſandten vor ſich kommen ließ, da blieb, wie es auch früher ſtets ge⸗ weſen, der Vortritt den Miniſtern ihres Hauſes. Die Repräſentanten der Könige ſahen ſich verwun⸗ dert an. Durften ſie dieſe ihren Herren zugefügte Be⸗ leidigung hinnehmen, durften ſie den Miniſtern eines Churfürſten céder le pas? Das war eine völlige Unmöglichkeit. Maria Antonia erfuhr mit Schrecken, daß ihre Reſidenz mit einemmale von den Geſandten aller fremden Höfe verlaſſen ſei, und das auch Friedrich, der große Friedrich, ſo klein geweſen, ihr dieſen Schmerz zuzufügen. An ihn, den Freund, der ihr ſo zärtlich, ſo bewun⸗ dernd ſchrieb, richtete ſie daher auch perſönlich ihre Klage, und warf ihm vor, durch ſolche Kleinlichkeit ihre Beziehung zu einander ſtören zu wollen. Sie ſchrieb ihm ſo betrübt als warm, wie ſehr ſie es empfunden, daß er ſogleich als Feind hier aufgetreten ſei. 105 Aus ſeiner Antwort wurde ihr zum erſtenmale klar, wie ganz verändert ihre Stellung geworden, und nicht ohne tiefe Kränkung nahm ihr Stolz und auch ihr Ehrgeiz dieſe Wahrheit hin. Ueberall ſollte ſie jetzt nur Wunden empfangen, wo ſie das Leben ohnehin ſchon ſo ſchwer geprüft. Friedrich ſchrieb ihr in Bezug auf dieſe Angele⸗ genheit: „Das Beſte iſt die Sachen gehen zu laſſen, wie ſie ſind; denn welcher Vortheil erwächſt Ihnen daraus, wenn Herr von der Rex, mit ſeinen großen Schultern und ſei⸗ ner dicken ſchwarzen Perrücke, gefolgt von Monſieur de Loß, deſſen Frau ſonſt hübſch war, in das Zimmer tritt mit einer Miene voll Würde, voll Geringſchätzung ꝛc. ꝛc. Ich kann nicht glauben, daß Ihnen viel Gutes daraus erwachſe, wenn indeſſen der Repräſentant des Königs von Spanien, von England, von Frankreich im Vor⸗ zimmer warten und ſolche Vorgänge nur als eine ihrem Herrn bewieſene Nichtachtung anſehen können.“ Maria Antonia fügte ſich in das Unvermeidliche, doch mit Schmerz, und die Herren ihres Hofes ſahen ſich genöthigt, vor den Forderungen der fremden Höfe ihre eigene Anmaßung zurückſtehen zu laſſen. Die Ge⸗ ſandten gingen ihnen nun voran. Sie wünſchte den Churprinzen jetzt mehr in den 1860. XI. Maria Antonia. III. 7 106 Vordergrund zu ſtellen, ihn daran zu gewöhnen, zu re⸗ präſentiren, und ſeine Onkel zu lehren, daß er die Hauptperſon ſei; denn in wenigen Jahren war er ja mündig. Sie befahl, er ſolle von ſeinem Gefolge beglei⸗ tet öffentlich durch die Straßen Dresdens nach dem großen Garten reiten und die Begrüßung der Bewohner erwidern, welche ihn um ſeines Vaters willen liebten. Der Knabe war blöde und ungeſchickt und hatte in ſeinem Weſen nichts Gewinnendes. Seine Mutter wünſchte dieſe rauhe Seite abzuſchleifen, die ſie um ſo unangenehmer berührte, weil ſie ſelbſt ſo liebenswürdig im Verkehr mit Menſchen war und den großen Vortheil dieſer Gabe oft empfunden hatte. Doch der rauhe Gra⸗ nit nimmt nur ſchwer Politur an. Im großen Garten waren jetzt ſeltſame Gäſte ein⸗ gekehrt. Der König von Spanien hatte ſeiner Schwä⸗ gerin ein Geſchenk mit zwei Hundert auserleſenen Scha⸗ fen gemacht, die ſpaniſche Schäfer hierher begleitet, und Maria Antonia mit ihren Kindern und dem ganzen Hofe eilte, die wolligen Fremden in Augenſchein zu nehmen. Sie faßte ſogleich den Entſchluß, dem Lande durch dieſe Pilger einen weſentlichen Vortheil zu gewähren, indem ſie Schafe nach dieſen Muſtern erziehen ließe, und ihre Vorſorge brachte die günſtigſten Reſultate; denn noch heute dankt Sachſen die vortreffliche Wolle, welche ſeinen 107 Ruhm ausmacht, dieſen Stammvätern ſeiner Schäfe⸗ reien. Die Witwe des Grafen Rutowsky, welche ſtolz ſich rühmte durch ihn dem churfürſtlichen Hauſe verwandt zu ſein, hatte ſich von dem Günſtling des Prinzen Ka⸗ ver, dem Chevalier d'Agdolo bereden laſſen, ihm heimlich ihre Hand zu reichen. Bei Nacht ward dieſe Trauung vollzogen, vor Zeugen, die ewiges Schweigen gelobt. Niemand ſollte erfahren, wie tief die ſtolze Frau herab⸗ geſtiegen, Niemand ahnen, wem ſie ihre Freiheit geopfert. Der ſchlaue Ztaliener hatte ſeinen Zweck erreicht. Sollte er ſchweigen, ſo mußte ſie ſein Schweigen erkaufen, und das war es, was er von ihr begehrte. Triumphirend ritt er auf den ſchönſten Pferden durch die Stadt und wünſchte, daß Zeder in ſeinen Mienen leſen möge, welch' ein Glück ihm geworden. Das große Geheimniß kannte bald die ganze Stadt. Auch die Churfürſtin war davon unterrichtet, und deutete ihm an, wie ſehr ſie dieſen Schritt mißbillige. Auch bei ihr ſtand dieſer ſchlaue Fremde in großer Gunſt. Sie ſah ihn oft und gern. Das feine Gift der Schmeichelei, das er ſo geſchickt in ſeine Rede ein⸗ zumiſchen wußte, hatte an dieſem Vergnügen ſeinen Theil. Er ſuchte dabei leiſe ſich in ihr Vertrauen zu ſtehlen, indem er ſcheinbar ihr vertraute, und ihr auf Schlangenwegen manches Wort aus dem Herzen zu zie⸗ 7⁴ 108 hen ſuchte, das ſie lieber nicht geſprochen hätte. Einmal in ſeine Hand gegeben, konnte ſie nicht mehr zurück. Auf langſamem, aber ſicherem Wege hoffte er ſie zu gewin⸗ nen, und durch ſie ſeine Zwecke zu erreichen. Erſt ihr Vertrauen und dann ihr Geld und ihren Einfluß. Eine Unterhaltung, welche unſerer Umgebung un⸗ verſtändlich, hat ſtets ihren beſonderen Reiz und führt mehr oder minder zu größerer Vertraulichkeit, als ſie ſonſt unter den Betheiligten ſtatt haben würde. Maria Antonia war überdies jetzt ſehr vereinſamt, ſie hatte Niemanden, gegen den ſie ſich offen auszuſprechen wagte, Niemanden, dem ſie ihre Sorgen mittheilen konnte. Auch das geringſte wahre Wort erleichtert unter ſolchen Umſtänden das volle Herz. Sie brachte den Sommer auf ihrem Luſtſchloſſe Pillnitz zu, beſchäftigt mit ihres Sohnes Erziehung. Seine Gouverneure, von Gutſchmidt und von Burg⸗ ſtorff, wackere Männer, ſtanden ihr dabei zur Seite. Sie fühlte ſich zufrieden in dieſer Pflichterfüllung, aber Be⸗ friedigung gewährte ſie ihr nicht. Das Schickſal hatte ihr dazu zu viele der eigenen Wünſche unerfüllt gelaſſen. Die Sonne ſchien heiß auf das Land herab, die brennende Auguſtſonne, der Waſſerſtand der Elbe war niedrig, auf den Feldern fanden ſich keine Arbeiter mehr, 109 einſam war es in Wald und Flur. Maria Antonia trat auf den Balcon hinaus, ſchaute in die Weite und fragte ſich: ob denn die Welt ſtill ſtehe, wie um ſie her das Leben ſtill zu ſtehen ſchien. Prinz Heinrich von Preußen kam auf einige Tage von Berlin herüber, und ihn zu unterhalten, ſetzte ſie eine Redoute an; das brachte einen kurzen Wechſel in ihr Leben, doch erheiterte es ſie nicht, denn der Scherz, le mot pour rire, war auf ihrer Lippe erſtorben. Kurz zuvor hatte Kaiſer Joſeph II. dem Hofe einen Beſuch abgeſtattet, vielleicht um die Töchter Auguſt's III. kennen zu lernen; jeder Gaſt der Art ließ jedoch die pein⸗ liche Empfindung in ihr wiederkehren, wie wenig ſie jetzt als Fürſtin gälte, und ihr gekränkter Ehrgeiz gönnte ihr in Sachſen keine Freude mehr. Ihr Einfluß auf Prinz Xaver verminderte ſich außer⸗ dem mit jedem Tage. Der Adminiſtrator kannte nur ein Vergnügen, das Soldatenhandwerk, und wollte nicht be⸗ greifen, wie nachtheilig es für ein kleines Land ſei, große Summen auf dieſe Spielerei zu verwenden. Gegen ihren Rath hatte er von den Ständen 7 Millionen gefordert zur Vermehrung des Heeres, und als ſie dieſe unver⸗ nünftige Forderung zurückgewieſen, mit Gewalt von ihnen ihr Zugeſtändniß erzwingen wollen. Dieſe Handlungs⸗ weiſe ſchmerzte Maria Antonia. Sie ſtellte ihm vor, wie 110 ungerecht es ſei, von dem verarmten Lande ſolche Sum⸗ men zu ſolchen Zwecken zu begehren, und als er ihr mit dem damals unter Fürſten noch gangbaren et tel est mon plaisir antwortete, zog ſie ſich verſtimmt in ihre Gemächer zurück. Sie ſchämte ſich im Angeſichte Euro⸗ pas, ſie ſchämte ſich vor dem Volke, und mehr noch ſchämte ſie ſich ihrem Nachbar Friedrich gegenüber, daß unter einer Regierung, die ſie der Form nach theilte, ein ſolches Verfahren ſtatt finden konnte. In Folge ſo vieler unangenehmer Eindrücke wurde ſie endlich krank. Ihr ſchwacher Körper, den nur ihr ſtarker Geiſt zu immer neuer Thätigkeit aufgerufen, brach unter der Laſt ihrer Sorgen zuſammen, und man zwei⸗ felte faſt an ihrem Aufkommen. Sie ſelbſt hätte dieſe Anſicht vielleicht nicht ungerne getheilt. Wem keine Hoff⸗ nung mehr winkt, der geht gerne zur Ruhe, und in dem Augenblicke, wo das Herz zu wünſchen aufgehört, ſteht in gewiſſem Sinne auch das Leben in uns ſtill. Der König von Preußen ſchrieb ihr im Oectvo⸗ ber 1766: „Ich habe mit nicht weniger Ueberraſchung als Schmerz erfahren, daß eine Krankheit Ihr Leben bedroht hat, Madame. Ich habe für die Tage einer Frau ge⸗ zittert, die der Schmuck Deutſchlands iſt, und die mich mit ihrer Freundſchaft ehrt. Med. Dr. de Stutterheim hat 111 mich beruhigt durch die Nachricht Ihrer Beſſerung. Er⸗ lauben Sie, daß ich Ihnen darüber meinen Antheil, meine Zufriedenheit und meine Freude ausſpreche.“ Die freundlichen Worte dieſes von ihr hoch bewun⸗ derten Mannes riefen eine augenblickliche angenehme Empfindung in ihr hervor, wie ein Blitz fuhr die Freude über ihre Züge hin und legte eine Minute lang den frü⸗ heren Sonnenſchein auf ihr Antlitz; dann aber umdun⸗ kelte ſich wieder ihr Auge. Ach! Das Gedächtniß iſt oft ein zu treuer Begleiter durch das Leben, es erinnerte ſie ſchnell, wie oft der große Friedrich ſo ſchöne Worte an ſie gerichtet, von denen ſein Herz dennoch ſo wenig wußte, und ſie fing zu bezweifeln an, ob die menſchlichen ſchönen Eigenſchaften der Theilnahme und des Mitgefühls nicht neben dem gebildeten Verſtande eine ſchwache Rolle ſpielten. Maria Antonia ließ jetzt ihren älteſten Sohn die Zimmer ſeines Großvaters, Auguft's III., über dem Geor⸗ genthore beziehen.— So jung er auch noch war, viel zu jung, um eine eigene Hofhaltung zu führen, ſo ſuchte ſie doch Troſt in dem Gedanke, ihn zu dem Momente heranreifen zu ſehen, wo ſein Onkel, Prinz Faver, ſeiner Vormundſchaft entſetzt werde, und in ihrer Ungeduld be⸗ ſchleunigte ſie ſcheinbar dieſen Zeitpunkt durch ſolche kleine Vorbereitungen. 112 Am Geburtstage des Adminiſtrators wurde ihre Oper„Der Sieg der Treue“ noch einmal aufgeführt, mit einem in einer neuen Ausgabe gedruckten Texte in italieniſcher und deutſcher Sprache*). Zur Zeit Auguſt des III. hatten die Prinzen des Hauſes die Rollen übernommen und nur im engſten Hofkreiſe fand die Vorſtellung ſtatt; jetzt war den Künſt⸗ lern die Ausführung überlaſſen und der Kreis der Zu⸗ ſchauer um vieles erweitert. Maria Antonia ſaß nun ſelbſt über ihrem Werke zu Gerichte, und konnte es, wenn auch nicht unbefangen, doch gerecht beurtheilen. Es war ein Schäferſpiel, deſſen Scene in Arcadien lag. Als ſie es gedichtet, da träumte ſie noch ihre goldenen Träume; jetzt war dieſe Stimmung hin und nichts vermochte ſie in ihr zurückzubringen. Sie war zu ernſt für ſolchen Scherz geworden. Die ſchönen Künſte reichten jetzt nicht mehr aus die Tage auszufüllen, denen ihre unermüdliche Thätigkeit eine doppelte Länge verlieh. Sie leiſtete das Unglaub⸗ liche durch die ſorgfältige Eintheilung ihrer Zeit und die Benutzung jedes müßigen Augenblickes. Sie beſuchte Freiberg, um den dortigen Bergwerken ihre Aufmerkſam⸗ ² Fürſtenau, Beiträge zur Geſchichte der Muſik und des Theaters am ſächſiſchen Hofe. 113 keit zu widmen. Sie ließ in Großenhain eine Kattun⸗ fabrik anlegen, wozu ſie aus ihrer eigenen, nicht immer gefüllten Kaſſe das Capital hergab. Jetzt wollte ſie auch noch, in Erinnerung an ihre Heimath, das damals ſchon berühmte bairiſche Bier in Dresden brauen laſſen, und kaufte in der Friedrichſtadt zu dem Endzwecke ein Haus an. Wenig Dank ward ihr für dies Bemühen, dem Lande zu nützen, und nur in ihrem eigenen Bewußtſein fand ſie dafür den Lohn. Sie hoffte, was ſie pflanze, ſollten ihre Kinder ernten; ſie meinte, was ſie erbaut, würde dem jungen Churfürſten Früchte tragen und ihn bewegen in ihre Fußſtapfen zu treten. So ertrug ſie die Gegenwart um der nahen Zu⸗ kunft willen. Sie ſchrieb an den König von Preußen, Pillnitz den 22. Juni 1767: „Hier bin ich auf dem Lande mit dem Adminiſtra⸗ tor und meinem Sohne; ich gehe ſpazieren, genieße die Luft und ſuche meine Leiden zu vergeſſen, und mich an der Natur erfreuend, halte ich mich an angenehme und beruhigende Gegenſtände.“ Und wieder ſchrieb ſie ihm im Herbſte deſſelben Jahres: „Ich wünſchte die Dinge aus Ihrem Geſichtspunkte 114 ſehen zu können, dann würde ich Vertrauen hegen ſtatt Unruhe. Zur Zeit, wo mein Vater, der Kaiſer lebte, da war es ſo; ich erinnere mich deſſen noch mit Dankbarkeit. Später änderte ſich das in mir; doch iſt das nun nicht mehr umzugeſtalten und wird nicht wiederkehren, wenig⸗ ſtens nicht wie ich es gewünſcht und gehofft.“ Schon wanderte ſie alſo mit ihrem zerriſſenen Ge⸗ müthe in die fernſte Vergangenheit zurück und ſuchte ſich an Erinnerungen zu laben; ſchon war ihre Kindheit das Ziel, wohin ihre Gedanken eilten, um ſich auszuruhen von den Sorgen der Gegenwart. Mißverhältniß und Mißverſtändniß überall, wohin ihr Auge blickte, und in ſich ſelbſt den Muth zu finden, ihnen Trotz zu bieten, das vermochte wohl ein Friedrich, aber nicht eine Frau, deren Herz des Wohlwollens und der Theilnahme be⸗ dürftig bleibt. Achtes Capitel. La Clemenza di Fito. Die Glocken der Hauptſtadt erklangen hell und ſand⸗ ten weithin durch den freundlichen Septembermorgen die frohe Kunde von dem Regierungsantritt des jugendlichen 115 Churfürſten. In allen Kirchen wurde ein Tedeum ge⸗ ſungen, von allen Kanzeln eine Dankſagung abgeleſen, und Freudenſchüße begleiteten dieſe frommen Gebete. Maria Antonia lag auf ihren Knieen und erflehte in tiefer Andacht den Segen des Himmels für dieſe Ver⸗ änderung ihres Schickſals, an die ſie ihre letzten Hoff⸗ nungen für das Leben knüpfte. Der lang erſehnte Augen⸗ blick war nun gekommen, der ſie befreite von dem Zwange, ihre Schritte der Billigung ihres Schwagers unterwerfen und mit ihren Verwandten über ihre Handlungsweiſe rechten zu müſſen— und dennoch ſchlug ihr Herz nicht hoch, nicht freudig, und dennoch fühlte ſie ſich ſo tief ge⸗ drückt! War es Ahnung, war es Inſtinkt, was den ſtillen Gedanken in ihre Seele legte, es ſei vergeblich all ihr Hoffen? Man hatte heute große Galla angelegt; die Mi⸗ niſter und fremden Geſandten ſtanden in ihren Feſtkleidern in den Vorzimmern, um auf das gegebene Zeichen dem neuen Herrſcher ihre Huldigung darzubringen. Maria Antonia erhob ſich von ihren Knieen, um dieſem Vorgange beizuwohnen, wo ſie mit der Würde der Mutter die Für⸗ ſtenkrone doppelt trug. Sie blickte mit gerechtfertigtem Stolze auf dieſen jungen Prinzen, in deſſen Seele ſie ſo Vieles gelegt, das 116 reiche Früchte tragen konnte. Mit welcher Sorgfalt hatte ſie ihn nicht erzogen!— Welch' eine gründlich wiſſen⸗ ſchaftliche Bildung war ihm nicht zu Theil geworden, ſo ganz entgegen dem, was die Prinzen ſeines Hauſes vor ihm erlernt. Wie würde ſie das Land, wie würde ſie Europa in dieſem Sohne preiſen. Ein befriedigtes Mutterherz iſt ein ſchönes Glück. Doch indem Maria Antonia dieſen ſtolzen Empfindungen in Bezug auf ihren Sohn Raum gab, trat dennoch eine Wolke auf ihre Stirne; denn der Zweifel regte ſich in ihrer Seele, ob ſie auch von ihm geliebt ſei, wie ſie es wünſchte und verdiente geliebt zu werden. Er war ſo abgemeſſen, förmlich kalt in ſeinem Weſen gegen ſie. Sollte er immer noch daran denken, daß ſie in ſeiner Jugend ſeinen Bruder Karl, weil er ein kränklich Kind geweſen, ihm vorgezogen?— Feſte reihten ſich an Feſte, wieder einmal herrſchte ein buntes Leben in Dresden, wie zur Zeit Auguſt's III. Aber nur von kurzer Dauer war dieſer Freudentaumel. Der neue Herrſcher liebte nicht den Glanz, er war zu einem thätigen Leben auferzogen, und zeigte ſich als ſorg⸗ fültiger Haushalter ſeiner Zeit und ſeines Geldes. Au⸗ ßer dem Tanze fand er an keiner Luſtbarkeit Gefallen. Seine erſte Handlung nach dem Antritte der Re⸗ gierung beſtand in einer Vermehrung der Apanage 117 ſeiner Mutter. Maria Antonia begrüßte dieſen Zuwachs ihrer Einnahme mit Vergnügen, und ſchloß ſich nun mit doppeltem Vertrauen ihrem Sohne an, hoffend durch ihn jetzt ihren Einfluß geltend zu machen und das Land zu regieren. Doch ſchon trat ein Schatten zwiſchen Sohn und Mutter. Es war von einer baldigen Vermählung des jungen Prinzen die Rede, und die Dame auch ſchon genannt, welche ſein Schickſal zu theilen berufen. Maria Antonia widerſetzte ſich dieſem Plane nicht, ja billigte ihn aus vollem Herzen. Sie war ſo ganz Freude über die eingetretene Veränderung ihrer Lage, und in ſeinem Glücke berechnet der Menſch nicht ängſtlich die möglichen Folgen einer Handlung. Allen Höfen wurde jetzt vorerſt die Anzeige ge⸗ macht von dem Wechſel der Regierung, und Friedrich von Preußen ſchrieb in Folge deſſen an Maria Antonia: „Der Churfürſt, Ihr Sohn, hat mir ſeine Majo⸗ rennität angezeigt, und ich werde ſogleich Jemand beauf⸗ tragen, ihm meinen Glückwunſch zu entrichten. Man darf von dieſem jungen Manne alle Tugenden erwarten, weil er eine dem Telemaque ähnliche Erziehung genoſſen und ſeine Mutter, Minerva, ihn ſelbſt unterwieſen hat.“ Dieſe Worte des Lobes waren zu wohl verdient, um nicht wohlthätig ihr Ohr zu berühren. Sie durfte ——— — 2 5 5 118 ſich in Wahrheit rühmen, die Erziehung des jungen Man⸗ nes meiſterhaft geleitet zu haben, und wie natürlich, that ihr nun die Anerkennung wohl.— Schnell ſchwand der Herbſt dahin, welcher dem Regierungsantritt Friedrich Auguſt's folgte, zu ſchnell für Maria Antonia, die noch einmal geiſtig und körper⸗ lich unter dieſem neuen Sonnenſchein ihres Lebens er⸗ blühte. Doch, Glück und Glas, wie ſchnell bricht das. Wieder ertönten hell die Glocken aller Kirchen, wieder waren ihre Schwingungen der Freude gewidmet; doch minder angenehm bewegten ſie diesmal der Chur⸗ fürſtin Herz. Erinnerungen tauchten bei dieſen Tönen in ihr auf. Wie heute Maria Amalia Auguſta von Pfalz⸗ Zweibrücken als Churfürſtin von Sachſen ihren Einzug hielt, ſo auch war ſie ſelbſt vor zwanzig Jahren dieſes Weges gekommen, voll freudiger Erwartungen, voll gu⸗ ten Willens, voll regem Eifer, es ſolle das Glück ihres Gatten, das Wohl ihres neuen Vaterlandes die Aufgabe ihres Lebens ſein. Und nun? Und nun! Nun trat an ihre Stelle eine Andere, der das Schickſal Alles das in den Schoß warf, was es ihr hartnäckig vorenthalten. Ein junger, geſunder, gebildeter Fürſt, ein ſchönes Land, und die Freiheit hier nach Ge⸗ fallen ihr Leben zu geſtalten, das Alles bot ſich der jun⸗ 119 gen Fürſtin dar, und indem Maria Antonia ihre eigene Lage mit der ihrer Schwiegertochter verglich, zog eine bittere Empfindung in ihr Herz ein. Sie fragte: warum?— und dieſe ſchlimmſte aller Fragen, die ewig ohne Antwort bleibt, ſtimmte ſie nicht heiterer. Feſtlich geſchmückt erwartete ſie die Ankunft der jungen Frau. Der Churfürſt, noch faſt ein Knabe, hob ſie jetzt aus dem Wagen und führte ſie die Treppe hin⸗ auf, ſeiner Mutter zu. Maria Antonia ließ forſchend ihr Auge auf ihr ruhen. Ach! nur zu ſchnell errieth ſie, daß aus dieſen Zügen keine Seele ſpräche, welche der ihrigen ſympathiſch nachempfinde!— Mit dieſer Ueberzeugung war auch ihr Schickſal in ihr entſchieden, war Sachſen für ſie keine Heimath mehr. Einer jungen, unbedeutenden Frau, wie dieſer, nachſtehen, ihr überall den Vortritt laſſen zu ſollen, war eine für ihren Sinn unerträgliche Stellung. Inmitten der Feſtlichkeiten, welche dieſer Vermählung folgten, wogte ihre Bruſt von den widerſtrebendſten Empfindungen, und Entſchlüſſe und Pläne mancher Art reiften in ihr. Ihre Geduld hatte jetzt die Grenze er⸗ reicht, wo man ſein Alles auf eine letzte Nummer zu ſetzen geneigt iſt. Trotz dieſer innern Verſtimmung, die ſich ihrer bemächtigt hatte ſeit der Vermählung ihres Sohnes, hörte ſie nicht auf, ihren Schützlingen in der Kunſt ihre 120 Theilnahme zu erhalten, und eifrig benützte ſie die Ge⸗ legenheit, um Neumann eine Stellung am Hofe zu ſichern. Seine erſte Oper, la Clemenza di Tito, war einſtudirt worden, um ſie vor dem neu vermählten Paare aufzufüh⸗ ren. Maria Antonia hatte den Proben beigewohnt und ſich des Erfolges dadurch verſichert. Inmitten des Orche⸗ ſters ſtehend, den Stab in der Hand, gab ihr Schützling jetzt den Muſikern das Zeichen zum erſten Anſtrich. Dabei fiel ſein Auge auf die Loge der Churfürſtin. Ein Blick nur war es; aber wie viel ſprach dieſer eine Blick!„Was ich heute bin und leiſte, das danke ich Dir!“ Maria Antonia verſtand dieſe ſtumme Sprache, die ſchönſte, welche dem Menſchen verliehen, um die höchſte Empfin⸗ dung ſeiner Seele, die Dankbarkeit, auszudrücken. Ein unmerkliches Neigen ihres Hauptes antwortete ihm, und ihre Miene erheiterte ſich. „Mein Leben iſt nicht ſo arm, wie es ſcheint,“ ſprach es in ihr.„Was das Schickſal für mich nicht thut, das kann ich dafür Andern leiſten. Nur gilt es, mich dabei ſelbſt zu vergeſſen.“ Nie hatte ſie wohl mit größerer Aufmerkſamkeit einer Oper zugehört, nie den Eindruck der Muſik mit ängſtlicherer Erwartung in den Mienen zu erſpähen ge⸗ ſucht! Sie erkannte dabei den Unterſchied zwiſchen dem Künſtler und dem Dilettanten; denn, wo der letztere den 121 Beifall des Augenblickes erzielt, da hängt für den erſteren von dem Erfolge einer Compoſition ſeine ganze Zukunft ab, und der Glaube an ſich ſelbſt, das Vertrauen in ſeinen Genius, ſo nothwendig, um mit voller Kraft ſchaffen und geſtalten zu können, geht oft verloren, wenn die allgemeine Stimme ſich tadelnd gegen ihn erhebt und das verwirft, was er geſchaffen. Der Adminiſtrator, Prinz Taver, reiſte nach Wien ab, der junge Churfürſt war nun auch von dieſer Seite her ſich ſelbſt überlaſſen, und bewies ſehr bald, daß er keines Rathes bedurfte, noch ihn begehrte. Maria Antonia hatte geahnt, daß es ſo kommen würde, und fand ſich davon nun nicht mehr überraſcht. So achtungsvoll er ſich gegen ſeine Mutter bewies, ſo feſt behauptete er ſich in ſeiner Stellung. Bei verſchiedenen Gelegenheiten hatte er außerdem auch wohl geäußert, wie unangenehm ihm Frauenregiment ſei, und mochte er ſolche Bemer⸗ kungen auch nur in Bezug auf die Kaiſerinnen von Rußland und von Oeſterreich hinwerfen, oder eine Pom⸗ padour damit bezeichnen wollen, ſo blieb der Sinn ſeiner Rede darum nicht minder deutlich. Maria Antonia war zu klug, um ſich in Erörterun⸗ gen über die Rechte der Frauen und deren Befähigung einzulaſſen. Sie ſchwieg. Kalt, ruhig, höflich war auch ihr Benehmen, und was ſie empfand, das ſie nicht 1860. XI. Maria Antonia. III. 122 aus. Nur dem Chevalier Agdolo gegenüber entſchlüpfte ihr mitunter ein bitteres Wort über ihre beſchränkte Lage. Sie verbrachte den Sommer in Pillnitz; doch noch nie war ihr der Aufenthalt hier ſo langweilig erſchienen, noch nie hatte ſie mit ſolcher Ungeduld jedem kommenden Tage entgegen geſehen. Sie ſchrieb an Friedrich von Preußen: „Seit einem Monate auf dem Lande, fern von der Welt und den Geſchäften, faſt vergeſſend, daß es Prinzen gibt und Staaten, welche ſie beherrſchen, habe ich mich des Vergnügens beraubt, Eurer Majeſtät zu ſchreiben, ungeachtet Ihr letzter Brief, Sire, mir ein lebhaftes Vergnügen gewährt.“ Sie wollte ihm nicht bekennen, was ſie drückte; ihr Stolz geſtattete ihrem Herzen dieſe Erleichterung nicht. Das Mitleid Anderer beanſpruchen wollen, bleibt ſtets eine mißliche Aufgabe. Beſſer beneidet als beklagt, ſagt das Sprichwort. Langſam ließ ſie die Tage an ſich vorüberſtreifen ohne Hoffnung und ohne Glück. Es iſt wahr, ihr blieben ihre Kinder zu erziehen— eine Aufgabe, welche ſie mit allem Ernſte löſte, doch füllte ſie ihr Leben nicht aus. Der Wirkungskreis einer Fürſtin iſt ein anderer, wie der einer Hausfrau und Mutter. Maria Antonia hatte ſich daran gewöhnt, die Haushaltung eines Staates als Auf⸗ 123 gabe ihres Lebens zu betrachten, und ihrem Gatten Sorgen und Geſchäfte abzunehmen, welche ſein kränklicher Zuſtand zu beſorgen verbot; unmöglich konnte ſie nun wieder eine Genugthuung in rein bürgerlichen Pflichten finden. Friedrich der Große ſchrieb ihr im September: „Juno hat niemals den Himmel ſo gut regiert, wie Sie Sachſen während der Minorennität Ihres Sohnes.“ Das war kein Compliment, es war Wahrheit, ſie fühlte das in ihrem eigenen Bewußtſein. Sie hatte es gerne gethan, und was man gerne thut, was man mit Liebe leiſtet, iſt auch gewöhnlich wohlgethan. Sie wechſelte mit Friedrich Briefe über Philo⸗ ſophie, und Beide ſprachen ihre Anſichten über den Werth oder Unwerth des Lebens aus, ohne dabei heiterer und glücklicher zu werden. Der Weiſe von Sansſouci zog ſich täglich mehr von den Menſchen zurück und hatte faſt nur ein Herz noch für ſeine Hunde. Seine Freundſchafts⸗ gefühle früherer Jahre, Producte ſeines Kopfes und nicht ſeines Herzens, erloſchen mehr und mehr, ſo wie mit den zunehmenden Jahren ſein Geiſt dieſes Austauſches weni⸗ ger bedürftig wurde. Maria Antonia dagegen beſaß im⸗ mer noch ihre Kinder, und kannte daher die Strafe eines leeren Herzens nicht. Endlich entſchloß ſie ſich, ihrem Freunde einen Be⸗ ſuch in Potsdam abzuſtatten. Noch einmal wollte ſie 8* — 124 bei der Gelegenheit ihren Einfluß auf ihn verſuchen, um ihrem Sohne Polen zu gewinnen, noch einmal wurde ihr Ehrgeiz in ſeiner ganzen Stärke wach, während ſie darüber nachſann, wie ſie Friedrich ein Verſprechen ſei⸗ nes Beiſtandes entlocken könne, und gelang ihr das, dann fühlte ſie, hatte ſie ein Recht, ihr Haupt in Sachſen hoch zu tragen und ihre Stimme zu erheben. Sorgfältig be⸗ reitete ſie ſich alſo auf die Unterredung mit dem Könige vor, um auch kein Wort zu wenig noch zu viel zu ſpre⸗ chen, ja ſie ſchrieb ſogar auf, was ſie ihm ſagen wollte, um es ſo beſſer ihrem Gedächtniſſe einzuprägen. Mit hohen Erwartungen trat ſie dieſe ihr in jedem Bezug wichtige Reiſe an. Es war ihr, als wüchſen ihr Flügel, ſo wie ſie die Thore Dresdens hinter ſich ge⸗ laſſen und nun hinaus ſchaute in die weite, weite Welt, die nach allen Seiten hin ſo viele bunte ſchöne Wege bot, die ihr alle, alle verſchloſſen waren. Ach! wer nur den Vögeln nachziehen könnte, nur den ſauſenden Win⸗ den zu folgen vermöchte!— So ſprach es in ihr, ſo wie ſie ſich mehr und mehr bewußt wurde, wie ſchwer das Leben auf ihr gelaſtet, das ſie ſeit ihres Gatten Tode geführt. Ja, fort mußte ſie, fort! Aber wohin?— Vor Allem wohin, ohne die Mittel zum Reiſen? Doch, wer wollte ſo kleinlichen Bedenklichkeiten Raum geben, wenn die Freiheit ruft und die Bruſt ſich 125 hebt im Vollgefühle der neu zu erringenden Selb⸗ ſtändigkeit. Jemand mußte ihr doch Geld borgen können und wollen, und wer es nicht auf ihren Namen zu thun ge⸗ neigt wäre, dem gäbe ſie ihren Schmuck, ihre Diaman⸗ ten, ihre Koſtbarkeiten, kurz alles, alles Werthvolle, deſſen ſie ſich zu entäußern im Stande. Nur fort, fort von hier, und je ferner, je beſſer! Friedrich der Große empfing ſeinen Gaſt mit gro⸗ ßer Auszeichnung, zog ſeine weißen Glacehandſchuhe an, und führte Maria Antonia die Treppe hinauf in die für ſie bereiteten Gemächer. Feſte folgten nun auf Feſte. Conzerte fanden ſtatt, bald in den Gemächern der Churfürſtin, bald in denen des Königs; endlich muſicirten Beide gar um die Wette, und erſchöpften ſich in Lobeserhebungen gegen einan⸗ der. Friedrich nahm ſeine Flöte hervor und ſpielte ſeine eigenen Compoſitionen; Maria Antonia ſang ihm ihre ſelbſt componirten Lieder vor, und Jeder glaubte nie ſo froh geweſen zu ſein, als indem er ſich den Beifall ſeines Hörers verdiente; Jeder glaubte ſich nie ſo lie⸗ benswürdig gezeigt zu haben, als indem er den Anderen unterhielt.— Friedrich ſchrieb indeſſen an Voltaire: „Ich ſchicke Ihnen den Prolog einer Comödie, den ich in Eile geſchrieben, um die Churfürſtin von Sachſen 126 damit zu unterhalten, während ſie bei mir zum Beſuche war. Sie iſt eine Prinzeſſin von großem Verdienſte, würdig eines beſſern Sängers, wie ich es bin.“ Maria Antonia kannte die Hauptſtadt Preußens noch nicht, ſie hatte daher einen offenen Sinn für Alles, was ſich ihr hier darbot. Anfangs beleidigte ihr Auge die ungünſtige Lage Berlins. Eine weite Sandfläche, mit einem unbeſchränkten Horizonte, ohne Waſſer und Wald, ſchien ihr eine traurige Lage für die Reſidenz eines großen Fürſten. Auch die Armuth des Bodens, der nur ſpärlich den Fleiß des Arbeiters belohnt, fiel ihr dabei auf; doch, als ſie die Stadt ſelbſt kennen lernte, kam ſie von dieſem ungünſtigen Vorurtheile ſchnell zurück. Anders als Paris, London, Madrid, rief dieſe Stadt in jener Zeit dem Beſchauenden auf jedem Schritte das Bild, den Genius und die Handlungen des Beherrſchers zurück*). Es war ein Spiegel, in welchem ſie Friedrich beſtändig wieder erblickte, ſei es als General, als Archi⸗ tekt, oder als Herr. Peter der Große konnte der Ein⸗ bildungskraft der Petersburger nicht gegenwärtiger ſein, als der König von Preußen den Berlinern; denn er war das Palladium ſeiner eigenen Hauptſtadt. Indem er mit ihr durch die Straßen fuhr und ihr die neu erſtandenen ⁵) Wrazall, Memviren. — 8 127 Gebäude zeigte, gewahrte ſie, daß er ſelbſt hier überall der Baumeiſter ſei. Die Stadt zählte bereits 120.000 Einwohner und erſchien der Churfürſtin daher, im Vergleiche mit Dres⸗ den, groß. Das neue Opernhaus war eben vollendet, über ſeinem Portale las ſie: Fredericus rex Appol lini et Musis.— Sie fand die Künſte blühend, beſchützt von Friedrich's Geiſte; doch gewahrte ſie zugleich, daß ein Staat, der ſeine Größe dem Militär verdanke, das Handwerk der Waffen zu ehren wiſſe, und daß Friedrich nie die Uniform des Generals vor ſeinen Unterthanen ablegte. Von Politik war keine Rede. Wie oft es Maria Antonia auch verſuchte, den König auf dies Thema zu bringen, ſo ſchlug es ihr immer fehl. Durch eine geſchickte Wendung lenkte Fried⸗ rich die Unterhaltung ſtets auf einen anderen Gegenſtand und ließ ſie auf keine Weiſe darauf zurückkommen.— Ihn zu zwingen, ihr Rede zu ſtehen, das wäre gegen den guten Ton geweſen, ſo unartig wollte ſie nicht gerne ſein, wenigſtens nicht ohne Noth. Doch die Tage eilten wie im Fluge an ihr vor⸗ über, und der letzte Morgen ihres Aufenthaltes in Berlin brach an, ohne daß ſie ihrem heimlich geſteckten Ziele näher gekommen. Jetzt mußte ſie reden, was es auch koſte. Ganz unverrichteter Sache konnte ſie nicht heim⸗ 128 kehren. Es brannte ihr unter den Füßen, ihr Thema zu verhandeln. Doch vergebliches Bemühen! Eitles Wünſchen! So artig Friedrich ſich als Wirth bewieſen und ſeinem Gaſte die höchſte Auszeichnung hatte angedeihen laſſen, ſo wenig war er zu bewegen, ſich mit ihr von Staats⸗ geſchäften zu unterhalten, und Maria Antonia ſah wohl ein, daß der König von Preußen aus dem Spiele blei⸗ ben wollte, daß das Wort Aufopferung in dem Cataloge ſeiner Freundſchaftsregeln ausgeſtrichen ſei. So heitere Tage ſie auch verlebt, ſo innerlich ſchmerzlich war es ihr bei ihrer Rückkehr, ihrem Sohne nicht fühlen laſſen zu können, was ſie für ihn gethan, und damit ihr Geſchlecht in ſeinen Augen gehoben zu haben. Die grauen Mauern Dresdens erſchienen ihr jetzt doppelt grau, ſeit ſie empfunden, es ſei noch nicht alle Heiterkeit, noch nicht aller Reiz des Lebens ihr entſchwun⸗ den, und vor Allem, ſeit ſie ſich bewußt geworden, ſie könne als geiſtvolle, begabte Frau noch ebenſo große Huldigungen verdienen, wie ſie eine regierende Fürſtin zu beanſpruchen im Stande. Feſt ſtand es nun in ihr, daß ſie Dresden verlaſſen wolle und müſſe, und kein Preis war ihr zu hoch, um dieſe Abſicht That werden zu laſſen. Sie fühlte, daß ihr dortiges Leben wie ein langſames Gift an ihr zehrte, 129 und Selbſtrettung, die erſte Pflicht, welcher die Natur eine ſo mächtige Sprache verliehen, rief ſie auf, ein Joch abzuwerfen, das ſie zu Boden drückte und geiſtig ver⸗ nichtete. Friedrich ſchrieb ihr bald nach ihrer Rückkehr: „Ihre Königliche Hoheit werden ſich über mich luſtig machen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich meine alte Geſtalt nach dem Carneval von Berlin ſchleppe. Mein Vergnügen wird darin beſtehen, mir die Orte zurück⸗ zurufen, wo ich des Anblicks einer gewiſſen großen Prin⸗ zeſſin genoſſen habe, mir ihre Worte zu wiederholen, ihre reizende Stimme, ihren Geſang, ihre Methode, und ſchließlich die traurige Betrachtung anzuſtellen, daß das Glück meines Lebens nur eine Minute gedauert. In dieſem Augenblicke halte ich nur noch den Schatten davon feſt.“ Maria Antonia lächelte jetzt beim Leſen dieſer Zeilen.„Wer das Glück nicht feſtzuhalten verſteht, ver⸗ dient nicht es zu genießen,“ ſagte ſie ſich heiter.„Wäre ich Friedrich, ſo wüßte ich einen Entſchluß zu faſſen, und mir zu gewähren, was mir Freude bringt. Da ich eine Frau bin, ſo muß ich mir an paſſivem Widerſtand genü⸗ gen laſſen, wo ich meine Freiheit, wo ich mein Glück beeinträchtigt finde. Aber ich reiſe!“ Seit ſie vor ſich ſelbſt unwiderruflich dieſen Ent⸗ 130 ſchluß gefaßt, wurde ihre Stimmung heiterer. Vorberei⸗ tungen und Vorſtudien füllten jetzt ihre Zeit aus; denn ſie wollte Italien ſehen, das Land ihrer Träume, das wie ein goldener Morgen mit ſeinem Kunſtleben vor ihrer Seele ſtand, das ihr die erſten Lorbeeren gereicht hatte. Geld! Geld! Das blieb nur noch die große Schwierigkeit. Fürſtinnen müſſen reiſen wie Fürſtinnen, ſie ſind an den läſtigen Zwang eines Gefolges gewöhnt, und emancipiren ſich ungerne von dieſer Unbequemlich⸗ keit, die ſie als ein Prärogativ ihres Standes anſehen. Es war ein trauriger Winter für Dresden. Die mißrathene Ernte veranlaßte eine große Theuerung im Lande, das Volk hungerte, Noth und Elend riefen mit lauter Stimme um Hülfe, und Maria Antonia lieh ihnen kein taubes Ohr. Ihre Börſe wie ihr Herz ſtanden jedem Bedürftigen weit geöffnet, und in ihrer eigenen Küche wurde täglich für eine große Anzahl von Perſo⸗ nen eine Suppe bereitet, die man Soupe dauphinoise nannte; ſie beſtand aus Reis, Brod, Milch und Waſſer, war ſchmackhaft und nährend, und die Churfürſtin⸗Witwe war nicht wenig ſtolz auf die Einführung dieſer vortreff⸗ lichen Speiſe, welche ſo manches Leben retten half. Eine deutſche Schauſpielergeſellſchaft bürgerte ſich dazwiſchen ein, denn damals wie jetzt machte das Ver⸗ 131 gnügen ſeine Rechte geltend trotz aller Noth. Minna von Barnhelm ward gegeben. Maria Antonia hörte das Stück rühmen, und begab ſich ſelbſt in die Vorſtellung, um ſich zu überzeugen, ob ein deutſcher Dichter ihren franzöſiſchen Lieblingen gleich kommen könne. Die Sprache überraſchte ſie. Ein ſolches Deutſch hatte ihr Ohr noch nicht vernommen. Sie bemerkte Rabener unter den Zu⸗ ſchauern und ließ ihn zu ſich entbieten.— Der geiſtvolle, witzige Mann, in noch ungebeugter Kraft, das Haupt hoch erhoben, trat in ihre Loge ein und ſtand ihren Fra⸗ gen Rede.„Es iſt ein ganz junger Mann, ſo viel ich weiß,“ erwiderte er ihr. „Und ſein Name?“ „Leſſing!“ „Ich möchte ihn kennen lernen. Er hat ein viel verſprechendes Talent, und ich bedauere, daß er kein Sachſe iſt.“ „Aber ein Deutſcher iſt er doch, Königliche Hoheit,“ verſetzte der Satyriker mit einem eigenthümlichen Lächeln ſeines ſchönen Mundes. „Ich bitte, daß Er ihn mir vorſtelle, ſobald der junge Mann nach Dresden kommt. Vielleicht kann ich ſeinem Talente förderlich ſein, mein lieber Rabener.“ Er entfernte ſich und Maria Antonia hatte ihn zum = —— 6— = — 132 letzten Male geſehen. Ein plötzlicher Tod rief ihn nicht lange darauf hinweg und ließ die Erde um einen treffli⸗ chen Menſchen ärmer zurück*). Sirbentes Cnpitel. Der Beſuch beim Papſte. Entwickelung und Fortſchritt, iſt das Motto der 5 Gegenwart— Entwickelung und Fortſchritt, heißt die zu löſende Aufgabe des Menſchengeſchlechtes für den, wel⸗ cher eine ſolche als Abſicht des großen Weltgeiſtes an⸗ erkennt. Sie ſchließt Streben, Handeln, Thatkraft ein, Elemente, denen wir unſere innere Befriedigung und was wir Glück nennen, entnehmen Vor hundert Jahren kannte man dieſe Worte noch nicht, hegte auch noch kein beſtimmtes Bewußtſein für ihre Bedeutung, die uns erſt durch den Fortſchritt der Natur⸗ wiſſenſchaften werden ſollte. Die Sache aber ging darum . nicht minder ihren Gang, denn die ewige Weltordnung Rabener war den 17. September 1711 zu Wachau bei 1 Leipzig geboren und ſtarb 57 Jahre alt. 133 kennt keinen Stillſtand; nach jedem neuen Friedensſchluße der Völker taucht ein neuer Geiſt in den Menſchen auf, und verkündigt Wahrheiten, die uns Wunder ſcheinen, und die zu ergründen, die bewährt zu finden, alle Kräfte ſich in Bewegung ſetzen. Als der ſiebenjährige Krieg beendigt, wehte die Men⸗ ſchen eine Sehnſucht an, in dem verſchloſſenen Buche der Zukunft zu leſen. Swedenborg, der Seher, hatte damit den Anfang gemacht; aus Neapel zog Caglioſtro jetzt herauf und machte den Herzog von Rohan zu ſeinem Opfer; Graf Saint⸗Germain wanderte, gleich einem ewigen Juden, über die Erde, und Mesmer begann von einem geiſtigen Fluidum zu reden, durch das der Menſch ſich von ſeinem Körper losſagen und mit göttlicher Kraft und göttlichem Willen, Zeit und Raum zu beherr⸗ ſchen vermöge. Aber noch eine andere Idee tauchte auf mit dieſem plötzlichen Uebermuthe, die Kräfte der Natur beherrſchen zu wollen, bevor man ſich ſelbſt bemeiſtern gelernt; die Geſetze des Weltalls verſtehen zu können, bevor man den Mechanismus des eigenen Körpers noch durchſchaut:— man wollte den Stein der Weiſen gefunden haben und Gold machen. Gold! Wie leuchtete das Auge in Hoffnung, aus dem 134 ſchwarzen Tiegel die glänzende Maſſe hervorgehen zu ſehen; wie krümmte ſich die ganze Geſtalt im Suchen danach, wie verlängerten ſich ſchon die Finger in der Meinung die leuchtenden Stücke nächſtens zählen zu können. Trug war es, Trug der Hölle! Maria Antonia war nicht unbekannt mit dieſen neuen Phaſen des Zeitgeiſtes, und folgte mit geſpanntem Intereſſe ſeinen Schritten. Gab es auch keine Journale, um ſie von den neuen Experimenten der Wiſſenſchaft in Kenntniß zu ſetzen, ſo trat an deren Stelle für ſie ihre ausgebreitete Correſpondenz, und nebſt dieſer das Ver⸗ langen aller Adepten, ihre Erfindungen vor das Auge der Fürſten und mehr noch einer Fürſtin zu bringen, deren geiſtige Bedeutung ihr Ruf noch dreifach vergrößerte. So fehlte es denn der Prinzeſſin bald nicht an Vor⸗ ſchlägen, für ihre Rechnung ſich das Gold machen zu laſſen, das der Andere zum Beweiſe ſeiner Kunſt herzu⸗ ſtellen begehrte, während es ihr ein Mittel zur Freiheit werden konnte. Ein ſolcher Goldmacher, Namens Chriſtian Rudolf, wußte ſie zu überzeugen, daß er wirklich die Kenntniß beſitze, dies Metall zu erzeugen. Maria Antonia verſtand nichts von Chemie. Was er ihr darüber ſagte, hörte ſie an, ohne durch ſeine Auseinanderſetzungen klüger zu werden. Alles im Gebiete dieſer Wiſſenſchaft erſchien 135 damals noch als Wunder, und für Wunder muß man Glauben mitbringen. Sie glaubte alſo. Wenn es ihm wirklich gelang, ihr einen Schatz zu heben, dann war ihr mit einemmale geholfen; ſie be⸗ zahlte dann ihre Schulden, ſie reiſte, ſie gehorchte wieder den Bedürfniſſen ihres Herzens, und gab mit vollen Händen, wo ſie zu geben aufgerufen ward. Es war alſo eine Hoffnung, welche dieſer Chriſtian Rudolf ihr bot, und eine Hoffnung iſt dem Schiffbruchleidenden ſchon Alles. In Blaſewitz wurde eine kleine Wohnung gemiethet, wo verſtohlen das Handwerk der Goldmacher getrieben werden konnte. Maria Antonia beſuchte dieſes Dorföfter, man wußte, daß ſie hier die Mutter von Friedrich Neu⸗ mann aufſuche und bei ihr Stangenkuchen eſſe; es fiel daher nicht weiter auf, daß ſie auch jetzt wieder ihre Schritte hierher lenkte. Es wurde ein Gehilfe gedungen, ein intelligenter junger Menſch, Namens Jungnickel, der ſollte das Aſtral⸗ ſalz bereiten, welches zu dem Golde nothwendig war. Jungnickel deſtillirte; doch immer nicht kam er damit zu Stande, immer mußte die Churfürſtin neue Vorſchüße leiſten. Ihr Vertrauter und Secretär, der Legationsrath Hegewald, warnte ſie, nicht auf dieſe Leute zu bauen; doch wer leiht ſein Ohr der warnenden Stimme, wenn 136 ſie ihm den Strohhalm zu verlaſſen räth, der den Anker ſeiner letzten Hoffnung trägt? Jungnickel deſtillirte fort und fort. Vier Monate lang hatte er nun ſchon gebraut, und immer noch kein echtes Aſtralſalz hervorgebracht. Der Frühling nahte. Das Leben ſteht nicht ſtill, nur wer den Augenblick für ſich gewinnt, der wird ſein Meiſter. Maria Antonia ließ den Chevalier d'Agdolo zu ſich entbieten und fragte ihn um ſeinen Rath, wie ſie das zu einer Reiſe nothwendige Gold erhalte. Der ſchlaue Ztaliener wußte Hülfe. Er war ſelbſt ſo häufig in Ver⸗ legenheit, daß er in dieſem Punkte Erfahrungen zu ſam⸗ meln Gelegenheit gehabt, und die Churfürſtin lohnte ihm jede Mühe königlich. Er brauchte Geld. Im Laufe des Geſpräches ließ er fein die Bemerkung einfließen, wie ganz anders ihre Stellung ſein würde, wenn ihr zweiter Sohn anſtatt des älteſten in Sachſen herrſche. Sie gab das zu, wie man einer flüchtigen Bemerkung Beifall zollt. Als er ſpäter wieder in ſeinen Briefen auf dieſen Punkt zurückkam, antwortete ſie ihm unbefangen, wie man mitunter Möglichkeiten in das Auge faßt, die uns als ganz unmöglich bekannt ſind. Der junge Churfürſt hatte keine Ahnung von den Reiſeplänen ſeiner Mutter, und als er ſie erfuhr, konnte „—— 137 er ſie nur aus dem Grunde billigen, daß ſie ihrer Ge⸗ ſundheit halber, dem Rathe ihres Arztes zu genügen, eine Luftveränderung ſuche. Woher ſie die dazu nöthigen Mittel nähme, das fragte er nicht. Er kannte ihre Geld⸗ verlegenheiten, und wollte nicht in den Fall kommen, ihr aushelfen zu müſſen. Maria Antonia ihrerſeits hoffte, daß ihre Goldma⸗ cher in ihrer Abweſenheit mit Erfolg ihre Arbeit fortſetzen würden, und ſie bei ihrer Rückkehr dadurch allen Ver⸗ bindlichkeiten nachzukommen im Stande ſei. Unter dem Namen einer Gräfin Brehna, begleitet von ihrem Arzte, dem Legationsrath Hegewald und ei⸗ nem geringen Gefolge, trat ſie mit den erſten warmen Sonnenſtrahlen ihre Reiſe an. Das erwachende Grün, die ſproſſenden Blüthen füllten ihre Bruſt mit wonnigem Gefühl. Wie eine im Schatten dahinwelkende Blume ſich vor den Strahlen des Lichtes neu erſchließt, ſo auch regte ſich in ihren Adern ein neues Leben, als ſie die er⸗ quickende Luft von den Bergen in ſich ſog, als die hohen Alpen mit ihren weißen Häuptern hoch vor ihr in den Himmel hinaufſtiegen, und ſie nun ſelbſt den Weg über ſie hin zu nehmen verſuchte. Verona war ihr erſter Anhaltspunkt auf wälſchem Boden. Mit eigenthümlichen Empfindungen durchlief ſie dieſe alte Stadt mit den reizend gebauten Häuſern mittel⸗ 1860. XI. Maria Antonia. III. 8 —— ——— ———*— 138 alterlicher Architectur, begab ſie ſich auf die Ruinen dieſes Amphitheaters, deſſen unzerſtörbare Mauern Jahrtau⸗ ſenden getrotzt, und gedachte dabei jener deutſchen Kaiſer, ihrer Ahnherren, welche vor ihr hier geſtanden, von hier aus auf das Land herabgeſchaut, daß ſie mit trügeri⸗ ſchem Reize es zu erobern lockte, und Gut, Blut und Leben dafür von ihnen nahm. Die ganze Geſchichte ihres Hauſes trat dabei vor ihre Seele, die Streitigkei⸗ ten der Guelfen und Ghibellinen lebten vor ihr auf, und das Grab Romeo's und Zuliens, dieſe zur Muythe ge⸗ wordene Geſchichte, beſchloß den ſchönen Traum des rö⸗ miſchen Kaiſerthums in deutſcher Fürſtenhand. Denkend und ſinnend ſchwelgte ſie in Erinnerungen, und webte aus Vergangenheit und Gegenwart ein Gan⸗ zes, zu deſſen Schlußſtein ſie in ihren eigenen Gedanken ſich ſelbſt erhob. Sie vergaß darüber, daß der Himmel Ztaliens nicht ſo blau, daß die Sonne dort nicht ſo warm, wie man es ihr geſchildert; ſie vermißte den Luxus ihres Schloſſes in Dresden nicht, nicht ihre herrliche Capelle, nicht die Schaar ihrer Diener; ſie war von den neuen Eindrücken hingeriſſen, und fühlte in den Wirkungen der äußern Welt auf ihre Sinne, daß ſie lebe. Wohl gedachte ſie auch ihrer Kinder, wohl begrüßte ſie freudig jede Nachricht von ihnen und zitterte für deren — 139 Wohl; doch ſo oft das Herz einer Regung der Sehnſucht nachgeben wollte, klagte der Kopf ſie einer Thorheit an; denn jene vermißten ſie nicht, ſie waren Oberhofmeiſtern, Gouvernanten und Bonnen übergeben, deren Sorgfalt ſie vertrauen durfte und vertrauen mußte— das war ja fürſtliches Hausgeſetz. Königinnen können ihre Kinder 8 nur mittelbar erziehen. Das alte Bologna zog ſie beſonders an, nicht ſii — nur wegen ſeiner Geſchichte und Bauart, ſondern auch wegen feiner Malerſchule. Unter den ewig langen Arca⸗ den der düſtern alten Stadt wanderte ſie hin von Straße zu Straße, beſichtigte die äußere Bauart der 3 Häuſer und ging dann erſt zu dem Innern der Paläſte ſ über, dieſen düſtern, kalten Wohnungen des Adels, wo 3 kein wärmender Kamin die Feuchtigkeit von den glatten Marmortafeln leckt und kein Ofen aus verborgener Tiefe eine wohlthätige Hitze an den Wänden fortlaufen läßt. Die alten Römer wußten ihre Gemächer herrlich 1 zu erwärmen; bei ihrem feuchten Klima erkannten ſie die Nothwendigkeit ſolcher Vorſorge und handelten dem ent⸗ ſprechend. Später erſt kam den Italienern die Idee, ihr Klima erfordere keine Ofenwärme, und dieſer Voraus⸗ ſetzung folgend erbauten ſie ihre Häuſer ohne eine Vor⸗ richtung der Art für den Winter. Jetzt iſt es lange ſtehendes Geſetz geworden, zu 9* 140 Ehren des italieniſchen Klima in Ztalien zu frieren und ſich die Wohnungen ohne jegliche Vorſorge für den Win⸗ ter zu denken. Kaiſer Auguſtus trug drei ſchwere wollene Toga übereinander, wenn es in Rom regnete; die Söhne und Töchter des Nordens aber wandeln dort im Januar in den leichten Bekleidungen eines Julitages umher, und wundern ſich, wenn die Malaria ſie als Opfer fordert. In Bologna traf Maria Antonia den Sänger Fa⸗ rinelli. Wir Alle wiſſen, wie froh es uns ſtimmt, auf fremdem Boden ein bekanntes Geſicht zu ertappen, und wie leicht wir dann einen Freund in einer uns faſt frem⸗ den Perſon gewahren. Mit wahrem Jubel begrüßte ſie daher den früher Gekannten, der eben erſt von Spanien zurückgekehrt, ihr von dem dortigen Hofe, von ihrem Schwager und vor allem von ihrem Lieblinge Raphael Mengs und ſeinen in Madrid vollendet und unvollendet zurückgelaſſenen Arbeiten erzählte. Sie ſollte ihn in Rom wiederfinden, und freute ſich jetzt ſchon auf dieſes Begegnen, das ſie freilich der traurigſten Urſache, dem leidenden Geſundheitszuſtande des Künſtlers verdankte, den das Klima Spaniens und vielleicht mehr noch ſeine zu anhaltende Arbeit bei den Frescons auf feuchten Wän⸗ den zu Grunde gerichtet. An einem hellen Frühlingstage beſtieg ſie die An⸗ höhe, auf der das Kloſter liegt, und beſchaute von dieſem 141 herrlichen Punkte aus die alte Stadt und die weite Ebene vor ſich, die nur am äußerſten Horizonte von den ſchönen Linien der Berge begrenzt ward. Die Geiſtlichkeit Bolognas empfing ſie auf das ehrenvollſte. Eine katholiſche Fürſtin verdiente jede Aus⸗ zeichnung, und willig ließen ſie ſie einer Prinzeſſin an⸗ gedeihen, deren Kenntniß ihrer eigenen Sprache, deren Talent als Dichterin ihnen ſchon ſo rühmlich be⸗ kannt war. Ungerne nur trennte ſich Maria Antonia von die⸗ ſer alten Stadt, in der ſie ſich geiſtig jung gefühlt, und trauerte, daß dieſe guten Tage ſo ſchnell über ihrem Haupte hinzogen, während die böſen ſo ewig lang ge⸗ weſen. Ueber die Appeninen ging nun ihr Weg. Einſam, öde ſah es in den Bergen aus, die Furcht vor Räuber⸗ horden ſchreckte ſie auf jedem Schritte empor, in jedem Vorübergehenden erblickte man einen Abgeſandten der Banditen. Doch kam man, wie das häufig geht, auch diesmal mit der bloßen Furcht davon, und am Fuße der Berge angelangt, wo das kleine Städtchen Piſtoja ſie aufnahm, fühlte ſie nun erſt an der veränderten Luft, der reichen Vegetation, den Tinten der Landſchaft, den reichen Farbenſchmelz der untergehenden Sonne, daß ſie den Boden Italiens wirklich betreten. 142 Maria Antonia war Malerin. Ihr für Zeichnung und Farben gebildetes Auge genoß daher doppelt, was die Natur und was die Kunſt ihr zuführte; ſie ſtizzirte, was ſie zu behalten wünſchte, und ſtudirte die Methode der alten Meiſter in dem Untermalen der Lichtfarben, in der Miſchung des Graus, zur Dämpfung der zu grellen Tinten. Zede neu erworbene Kenntniß war für ſie ein neuer Genuß, die ihrem regen Geiſte gebotene Nahrung befriedigte und beglückte ſie. Ihr Verſtändniß für Alles, was ſich Auge und Ohr bot, gewährte ihr eine innere Befriedigung, die ſie auf's neue die Erkenntniß gewinnen ließ, nur in der Arbeit und in dem Streben beſtehe das Glück. Auf dem Stuhle Petri ſaß Clemens der XIV. Ihm war es nicht unbekannt, daß die Geſellſchaft der Arcadia der Churprinzeſſin Maria Antonia Walpurgis von Sachſen den Preis für ihre italieniſchen Dichtungen ertheilt, und obgleich ſeitdem vom heiligen Stuhle aus Klagen gegen ſie geführt worden, als ob ſie ſich der Ketzerei ſchuldig gemacht, ſo wollte er dieſer kleinen Miß⸗ helligkeiten jetzt nicht gedenken und Ermelinda Paléa mit aller ihrem Range und ihren Verdienſten gebührenden Auszeichnung empfangen. In das weiße Cachemir⸗Gewand ſeines Standes gekleidet, die hohe Mütze auf dem Kopfe, empfing das 143 Haupt der katholiſchen Chriſtenheit die nordiſche Fürſtin. Er ſaß auf ſeinem Stuhle, der einem Throne gleich zu rechnen iſt; ſie durfte ihm die Hand, vielleicht auch den Pantoffel küßen, jede Demuth ihm gegenüber war einer Gläubigen angemeſſen, und die Beziehungen der Frau zu dem Manne, der Dame zu dem Cavalier, ſchwiegen vor dem höheren Amte des Prieſters. Die Cardinäle, in ihren goldenen Wagen mit zwei ſtattlichen Dienern hinten auf, fuhren bei ihr vor; die Herren Senatoren des römiſchen Rathes boten der Für⸗ ſtin ihre Dienſte an, und der alte Adel der ewigen Stadt folgte dieſem Beiſpiele. Geehrt, bewundert, geſchmeichelt wie noch nie, ver⸗ gingen der ſächſiſchen Fürſtin die Tage wie in einem glücklichen Traume. War ſie es denn auch ſelbſt, hätte ſie ſich fragen mögen, der ſo viel Gutes geſchah; ſollte ihr langes Leben voll ſteten Verzichtens wirklich noch eine ſo große, ſo glänzende Befriedigung ihr gewähren!— Sie dankte dem Himmel gerührten Herzens für dieſe Gnade, die ſie durch ihre Zweifel, ihre Hoffnungs⸗ loſigkeit, ihr mangelndes Vertrauen nicht verdient zu haben ſich anklagte. Sie ſchrieb an ihre Freunde in der Heimath in der glücktichſten Stimmung, ſie ſchrieb an den Churfür⸗ ſten, ihren Sohn, und richtete ihm die Grüße des hei⸗ 144 ligen Stuhles aus, ſie ſchrieb an ihre Kinder, und wünſchte, daß es allen ſo gut gehen möge, wie es ihr erging. Sie war zufrieden und befriedigt. Raphael Mengs hatte ſie gleich in ſeinem Atelier aufgeſucht; noch bevor ſie die Peterskirche geſehen, ſtand ſie vor ſeiner Staffelei, blickte in ſein jetzt eingefallenes Auge, das auch in dem kranken, ſchwachen Körper noch glühte von dem Eifer für ſeine Kunſt und für alles Gute und Schöne. Seine Gattin, die bewunderte Margerita, war jetzt eine ſtattliche Frau geworden, geſegnet mit zweiund⸗ zwanzig Kindern. Sie hatte den nordiſchen Winter nicht vergeſſen, ſie gedachte mit Schrecken der dort verlebten Zeit, unter Menſchen, die ihre Sprache nicht redeten, ihre Sitten verdammten und das lebensfrohe Kind des Südens an die ſtille Stube feſſeln wollten. Maria Antonia ſah den Künſtler mit Vergnügen in ſeinem Palazzo, in den glücklichſten Verhältniſſen, was das äußere Leben betraf, und bedauerte nur, daß er ſeiner Lage nicht in dem Maße froh werden konnte, wie er es verdiente. Sie rieth ihm ſich zu ſchonen, die Arbeit einzuſtellen, durch die Muße ſeinen Körper zu ſtärken. Aber er war kein ſtrenger Wirth, verſtand von Spar⸗ ſamkeit ſehr wenig, die Oeconomie des elterlichen Hauſes hatte ihn gar nichts gelehrt, und ſeine große Familie, 145 verwöhnt durch ſeine Großmuth, würde eine Beſchrän⸗ kung bitter empfunden haben; trotz ſeines hohen Gehal⸗ tes alſe vom ſpaniſchen Hofe, trotz ſeiner vielen großen Arbeiten und bedeutenden Einnahmen, blieb Raphael Mengs ein armer Mann, der von einem Tage zum andern für ſein Brod zu arbeiten genöthigt war. Maria Antonia ſeufzte und ſchwieg. Innerlich beklagte ſie ſchwer hier nicht helfen zu können, und fra⸗ gend eilten ihre Gedanken nach Blaſewitz, ob dort das Aſtralſalz wohl ſchon bereitet ſei und Gold aus dem ſchwarzen Tiegel hervorlache. Es ehrt den Menſchen, mit ſeinem Herzen zu helfen, unſere Theilnahme an dem Wohl und Weh Anderer wiegt kein Gold auf; doch für die eigene Empfindung iſt es oft ſchmerzlich dem guten Willen das Nicht⸗Können entgegen geſetzt zu finden. Die ſchöne Seele eines Raphael Mengs ließ die Gelegenheit nicht vorübergehen, ſeiner gütigen Beſchütze⸗ rin zu beweiſen, mit wie dankbarem Herzen er ihr an⸗ hinge; ſo eng gemeſſen ihm auch ſeine Zeit, ſo fand er immer noch die Muße, ſie durch die Gallerien des Vati⸗ can zu begleiten und in den andern Kunſtſammlungen ihr Führer zu ſein, und wohin er ſelbſt nicht mitzugehen im Stande, da erſetzte Hofrath Bianconi ſeine Stelle. Rom, mit ſeinen Paläſten, ſeinen Gräbern, dem 146 bunten Durcheinander einer großen Vergangenheit, einer armen Gegenwart und einem zerriſſenen Stückchen Weltgeſchichte von Jahrhundert zu Jahrhundert ſprin⸗ gend, machte einen eigenthümlichen Eindruck auf das Gemüth der Prinzeſſin. Nie war ihr die Vergäng⸗ lichkeit aller irdiſchen Macht, aller irdiſchen Größe in ſo greller Beleuchtung vor die Seele getreten und die dadurch in ihr wach gewordenen religiöſen Empfindun⸗ gen, aus der Nichtigkeit des Menſchenlebens gegenüber dem ewigen Fortſchritte der Welt hervorgehend, ließen einen tiefen Nachhall in ihrer Seele zurück. Sie beſuchte die Sirtiniſche Capelle und hörte eine der berühmten alten Meſſen mit an, deren Ruf ſo weit verbreitet iſt. Sie hatte dabei auf einen großen Genuß gerechnet, und fand ſich getäuſcht. Ihre Capelle in Dres⸗ den ſtand weit höher und leiſtet Vollendeteres. Haſſe, das erkannte ſie auf's neue, hatte ſich unſterbliche Ver⸗ dienſte um Sachſen erworben, und ſie, ſeine Schülerin, fühlte auch hier, wie fein er ihr Ohr für Harmonie und Ton gebildet. Die großen Schöpfungen Michel Angelo's, auf welchen ihr Auge zugleich ruhte, konnte ſie weniger ver⸗ ſtehen und darum auch nicht bewundern. Die Kunſtbil⸗ dung ihres Zeitalters ging mehr dem Schönen nach, als dem Wahren, und dieſe kräftigen, herkuliſchen Geſtalten, 147 dieſe Genien und böſen Geiſter, dieſer Kampf feindlicher Mächte, berührte ſie unangenehm, weil ſie in der Kunſt Verſöhnung und Frieden ſuchte.— Raphael Mengs erklärte ihr wohl, daß Angelo's großes Verdienſt in der rich⸗ tigen Zeichnung liege, daß er die Anatomie des menſch⸗ lichen Körpers verſtanden, wie Keiner, und jede Bewegung der Seele mit einem entſprechenden Act der Muskeln be⸗ zeichnet. Sie bemühte ſich dieſe Erklärung zu verſtehen, ſie ſann dem nach, was er ihr darüber geſagt; doch kam ſie immer wieder auf ihr erſtes Wort zurück, es ſei die Schönheit der Form in der Kunſt eine Hauptſache, und was das Auge unangenehm berühre, finde keine Geltung, habe auch keine Berechtigung zu plaſtiſcher Geſtaltung.— Reich an neuen Eindrücken, mit neuem Muthe für das Leben, kehrte ſie mit dem Sommer in die Heimath zurück, voll Sehnſucht nach den Ihrigen. Sie nahm ihren Weg über München, um dort den geliebten Bruder zu begrüßen und einige frohe Tage mit ihm zu verleben. Der Churfürſt Maximilian Joſeph holte ſeine Schweſter feierlich ein und führte ſie nach Nymphenburg, ſeinem bei München gelegenen Luſtſchloſſe, wo ſie ſo gerne weilte. Hier überraſchte ſie Neumann durch einen Beſuch. Auf einer neuen Kunſtreiſe nach Italien begriffen, hatte er dieſen Umweg gemacht, ſeine gütige Beſchü⸗ —————— 148 tzerin zu begrüßen und ihr Kunde zu bringen aus ihrer Heimath. Nun wurde am Hofe Muſik getrieben, wie früher, der Churfürſt holte ſein Violoncello hervor, oder auch ſeine Violine, oder die Gambe*), und begleitete ſeine Schweſter; dazwiſchen wurde Neumann aufgefordert, ſie zum Geſange zu begleiten, mitunter nahm man auch mehr Hülfe in Anſpruch und führte größere Sachen aus; zum Geburtstage Maximilian Joſeph's aber mußte Neu⸗ mann zwei von Maria Antonia gedichtete Cantaten in Muſik ſetzen, womit ſie ihren Bruder zu überraſchen und zu erfreuen wünſchte. Auf dieſe einfache Weiſe erheiterten beide Geſchwi⸗ ſter ihr Leben und brachten ihre Tage auf eine für ſie unvergeßliche Weiſe zu; denn in dem Leben für die Künſte beſtand ihr Glück. Neumann mußte ſeine Abreiſe hinausſchieben, man ließ ihn ſobald nicht los, und die Wünſche Maria Anto⸗ nia's waren ihm Befehle. Der engliche Tenoriſt Burney, auf einer Wanderung durch Deutſchland begriffen, um ſich von dem Fortſchritte der Muſik zu unterrichten, kam um dieſe Zeit in Mün⸗ chen an und ließ ſich der Churfürſtin Witwe von Sachſen 5) Burneh, State of musie in Germany. 149 vorſtellen. Da er eben erſt in Dresden geweſen war, kannte er bereits die Verdienſte dieſer Fürſtin um die Künſte und wußte, wie viel ſie ſelbſt darin leiſtete. Um ſo intereſſanter war es ihm, durch die Gelegenheit be⸗ günſtigt, ſie hier kennen zu lernen. Maria Antonia empfing den fremden Gaſt auf das huldvollſte und ſteigerte ſeine gute Meinung von ihr durch eine Unterhaltung in ſeiner Mutterſprache. Als ſie von ihm erfuhr, worin der Zweck ſeiner Reiſe beſtehe, lud ſie ihn ſogleich ein, am Abend einer Probe ihrer Oper„Paleſtris“ beizuwohnen, und verbreitete ſich dabei in Bemerkungen über die Kunſt und Literatur, den Ge⸗ ſchmack des engliſchen Publikums, den Fortſchritt der Bildung in ſeinem Vaterlande, die ihn mit Erſtaunen und Bewunderung erfüllten. Das waren nicht Phraſen, wie andere Prinzeſſinnen ſie eingelernt, um das Ohr ihres Hörers zu kitzeln; das waren ernſte, gediegene, ſelb⸗ ſtändige Urtheile, gereift in ihr durch Nachdenken und eigene Verſuche. Sie ſprach mit ihm von Haſſe und ſeinem Wirken an ihrem Hofe; ſie beklagte noch jetzt ſeinen durch die Umſtände gebotenen Verluſt, und nannte ihm Neumann als ſeinen Nachfolger, den er hier kennen lernen würde. „Sie können mir es glauben,“ ſagte ſie im Laufe des Geſpräches,„wir Deutſchen übertreffen die Italiener 150 an gründlicher Bildung in der Mufik, und in nicht gar langer Zeit wird man das allgemein anerkennen müſſen. 3 Ueberhaupt werden Sie ein reges, geiſtiges Streben unter uns vorherrſchend finden, das die ſchönſten Hoff⸗ nungen für unſere Sprache und Literatur, ſo wie für unſer Kunſtleben ausdrückt.“ Wenn alle Fürſten einen Einfluß übten gleich Ihnen, hätte Burney erwidern mögen; doch, das Com⸗ pliment nicht paſſend findend, ſchwieg er, und als Maria Antonia ihn jetzt verabſchiedete, empfahl er ſich bis auf Wiederſehen in der Probe. Eine Einladung zum Hofconzerte folgte dieſer erſten Begegnung. Diesmal ſang Maria Antonia ſelbſt, mit ſchwacher Stimme freilich, aber nach einer vortrefflichen Methode. Es war ein Geſangſtück aus ihrer eigenen Oper, das ſie zum Vortrage gewählt, Neumann accompagnirte ſie dabei am Spinet, und der Churfürſt Maximilian Joſeph und Carl Körner, ein berühmter Virtuoſe ſeiner Hofeapelle, ſpielten Beide die Violine dazu. Als eine Pauſe eintrat, winkte die Fürſtin den Engländer zu ſich heran. „Sie wundern ſich wahrſcheinlich, daß ich ohne Stimme ſinge,“ ſagte ſie lächelnd;„aber es gewährt 3 mir Vergnügen und meinen Bruder erfreut es. Ich 151 hatte ſonſt mehr Ton, und könnte auch jetzt ſtärker noch intoniren, wenn ich mir damit nicht zu ſchaden fürchtete. Die große Eile, mit der ich meine Reiſe durch Italien gemacht, die ungewohnte Anſtrengung und die dortige Sitte, die Unterhaltung in der italieniſchen Sprache ſehr laut zu führen, haben meine Bruſt angegriffen; bei mei⸗ ner zahlreichen Familie und mancher ſchweren Krankheit iſt mein Körper ohnehin nicht ſtark, ich muß daher ſehr vorſichtig ſein, wenn ich meine Stimme nicht ganz ein⸗ büßen will.“ Burney warf ihr ein, daß ſie in einem ſo edlen Stile ſinge und das Recitativ ſo vortrefflich in der Weiſe der großen alten Meiſter der beſten Zeiten ſpräche, daß er ihr wahrhaft dankbar für den Genuß dieſes Abends ſei. „Es freut mich, daß Sie zufrieden ſind mit dem, was wir Ihnen bieten können,“ ſagte ſie freundlich. „Mein Bruder ſpielt nicht übel, nicht wahr? Beſonders auf der Gambe muß man ihn loben.“ „Ich möchte ihn darin dem berühmten Abel an die Seite ſtellen, erwiderte Burney mit aufrichtiger An⸗ erkennung. „So weit wollen wir nicht gehen,“ erwiderte ſie lächelnd;„denn wir, die wir nur Dillettanten ſind, kön⸗ — 152 nen nie erwarten, ſolchen Meiſtern zu gleichen. Selbſt bei gleichem Genius mangelt uns Uebung und Erfahrung.“ Burney ſchied von der Prinzeſſin, auf das höchſte eingenommen von ihren Vorzügen, und wie früher ſein Compatriot, Sir Hanbury Williams, ſo ſchilderte auch er ſie in den Denkwürdigkeiten ſeines Aufenthaltes in Deutſchland, voll bezaubernder Liebenswürdigkeit und der gewinnendſten Unterhaltungsgabe. Hofrath Bianconi ſchrieb Maria Antonia bald nach ihrer Ankunft in München, der Papſt habe die Magi⸗ ſtratsperſonen von Rom noch drei Monate länger in ih⸗ ren Aemtern beſtätigt, in Anerkennung der Ehre, welche ſie genoſſen, der geiſtreichen begabten ſächſiſchen Fürſtin während ihres Aufenthaltes in der ewigen Stadt zu Dienſten geweſen zu ſein. Voll dieſer heitern Eindrücke trat ſie endlich ihre Rückreiſe nach Dresden an.— Die Stimmung unſeres Gemüthes überträgt ſich meiſtens auf die Gegenſtände, wir ſehen mit andern Augen, wir hören mit andern Ohren, wenn wir froh und fröhlich ſind; ſo wie der mattere Pulsſchlag, die Trauer der Secle, ſelbſt den wol⸗ kenloſen Himmel zu umdüſtern vermag. Mit einer Art Ueberraſchung bemerkte die Fürſtin das wohl angebaute Erdreich, die ſchönen Waldungen, die überall regen, fleißigen Hände der Bewohner dieſes 153 ſchönen Ländchens, das durch ſeine Induſtrie die Nach⸗ wehen der böſen Kriegsjahre ſchon zu verſchmerzen be⸗ gannen. Sie mußte ſich bekennen, daß man Italien auch überſchätzen könne, daß dieſe Seite der Schönheit eines Landes dort nicht zu finden. Als ſie nun das Elbthal vor ſich ſah, die Thürme Dresdens vor ihr auftauchten, ſie endlich Brücke und Schloß zu unterſcheiden vermochte, da lachte es in ihrem Herzen auf vor froher Erwartung des Wiederſehens, und alle peinlichen Erinnerungen der Vergangenheit waren begraben, während ſie ihre geliebten Kinder an die ju⸗ belnde Bruſt drückte. Sie bemerkte nicht gleich, daß der Churprinz ſie kühl empfing. Sie war an ihm ſo wenig Wärme ge⸗ wöhnt, daß es ihr nicht auffallen konnte. Bald aber wurde ſie es in den Mienen Anderer gewahr, wie er ge⸗ gen ſie empfand. Sie hätte ihrem Vergnügen gelebt und große Sum⸗ men verwendet, ſo hieß es, während das Land noch an den tiefſten Wunden blutete und die Regierung ſich in Mitteln erſchöpfte den Credit zu heben. Sie hätte mit freier Hand Gold ausgeſtreut, während ihr Sohn die erſten Kupferpfennige in dem ſilberarmen Lande prägen ließ, und die erſten Caſſenbillets, 1,500.000 papierene Thaler ihren Weg unter das Volk nehmen ſollten. Der 1860, XI. Maria Antonia. III. 10 5 S. —— 3*—— S 154 ſtumme Vorwurf in ſeinen Mienen theilte ſich unmerk⸗ lich ſeiner Umgebung mit und wurde ein beredter Anklä⸗ ger gegen ſie. Dadurch verſtimmt, zog ſie ſich in ihre Gemächer zurück, und wagte Niemandem zu geſtehen, wie glücklich ſie geweſen. Gegen den Chevalier d'Agdolo allein ſprach ſie ſich über ihre Reiſe aus; ihm erzählte ſie, wie man ſie ge⸗ liebt und geehrt, und auch— wie ſchwer ihre Schulden ſie jetzt drückten, die ſie mehr als je als Geheimniß behan⸗ delt wünſchte, die ſie jetzt um jeden Preis und durch jedes ihr zu Gebot ſtehende Mittel zu decken entſchloſſen war; denn Jungnickel hatte noch immer kein Aſtralſalz bereitet. Reuntes Capitel. Die Rückkehr. Still zogen die Tage jetzt wieder an Maria Anto⸗ nia vorüber. Aeußerlich bewegte nichts ihr Leben. Den innerlich nagenden Wurm ahnte kein ſterbliches Auge. Nur mit ſich ſelbſt und ihrem Gewiſſen rechtete ſie über dieſen Sturm in der verſchloſſenen Bruſt. Wir wollen nicht nur ſäen, wir wollen auch ernten, 155 und die ihr gereiften Früchte ſchmeckten ſo herbe. Sie fühlte ſich einſam, einſamer denn je. Ihre Abweſenheit hatte ihr gezeigt, wie gut man ſie zu entbehren vermochte, und dieſe Ueberzeugung war Gift für ihr Herz, verlieh ihrem Selbſtgefühle einen Todesſtoß. Sie hatte ihr gan⸗ zes Leben dem Wohl und Weh Anderer gewidmet, und dieſe Anderen bedurften ihrer nun ſchon nicht mehr. Um ſich vor ſich ſelbſt zu retten, eilte ſie, ihr Herz durch neue Werke der Menſchlichkeit zu erwärmen und dadurch den Tod aller Empfindungen von ſich abzuweh⸗ ren. Sie rief in ihrer Erinnerung die jungen Künſtler hervor*), denen ſie durch ihren Schutz und ihre Unter⸗ ſtützung einen Lebensweg gebahnt; ſie gedachte der Zei⸗ ten, wo ſie, neben dem kranken Gatten, allen Gräueln des Krieges getrotzt und unermüdlich thätig für das Wohl des Landes ſich erwieſen; ſie fühlte, was ſie als Mutter und als Regentin geleiſtet, und verſuchte es, in dieſem Bewußtſein ihrer Verdienſte eine Genugthuung zu finden; doch ach! die beſten Entſchlüſſe ſchwinden, wenn der Augenblick ihre Stärke zu bewahren erſcheint und uns *) Außer Neumann verdankten ihr noch Franz Seydelmann und Joſeph Schuſter, die bekannten Dresdner Kirchencomponiſten, Unterſtützung; ebenſo bahnte ſie der berühmten Mingotti mit der noch berühmteren Mara ihren Weg. Julius Petzold. 10* 156 mit Demüthigungen droht, die wir unverdient hinneh⸗ men ſollen. Wie ein Hauch wehte es jetzt durch die Lüfte, der Churfürſt ſei mit ſeiner Mutter unzufrieden. Kein Wort war der Lippe des jungen Mannes entflohen, keine Miene hatte eine Verſtimmung ausgedrückt; doch die Höflinge ahnen, was ihnen nicht mitgetheilt wird, und ihr Inſtinkt belehrt ſie über manches, das als verſchwie⸗ gene Wahrheit ein ewiges Geheimniß bleiben ſollte.— Man ſchmeichelte Maria Antonia jetzt nicht mehr um ihres Sohnes willen, und ließ ſie fallen. Ihr gekränkter Stolz verzieh dies nicht. Ueber eine paſſive Beleidigung kann man keine Klage führen, und kann ſie auch nicht rächen; um ſo empfindlicher aber trifft ſie uns, und ruft die eigene Ohnmacht zu einem Gefühle von Rache empor, die man auch Selbſthülfe nennen könnte; denn wer möchte nicht gerne einer Laſt ſich entledigen, die ihn drückt, wer möchte nicht ſeines eigenen Schickſals Schmied ſein! Maria Antonia war zu ſtolz, um eine Ausgleichung zu verſuchen, um ſich auf eine Vertheidigung einzulaſſen, wo ſie nicht einmal angeklagt war. Sie fragte ſich, mit welchem Rechte ihr Sohn ſich anmaßen dürfe, der Rich⸗ ter ihrer Handlungen zu ſein, mit welchem Rechte er ihre Reiſe ihr vorwerfen könne, da ſie von ihm das Geld nicht gefordert, um ſie zu beſtreiten. Eine Mutter 157 duldet es nicht, in ihrem Kinde ihren Richter zu ſehen. Ihre ganze Natur empört ſich gegen eine ſolche Stellung. Dieſer Theil von ihrem Selbſt bleibt ihrem Gefühle nach ihr ſtets ſo nahe verwandt, wie die Glieder ihres Körpers, und ſchwer genug ſchon fällt es ihr, in dem heranwachſenden Sohne, in der zur Jungfrau gereiften Tochter eine Individualität und einen dem ihrigen ent⸗ gegengeſetzten vernünftigen Willen zu erkennen. Zwingt ſie ſich dazu, vermöge ihres Verſtandes, ein ſolches Her⸗ vortreten der Perſönlichkeit in ihren Nachkommen als berechtigt zu geſtatten, ſo wird ſie nie und nimmer ein⸗ räumen, daß dieſem Gewährenlaſſen von ihrer Seite— dieſem höchſten Acte ihrer mütterlichen Selbſtverleug⸗ nung— nun noch das Sich⸗fügen in den Willen ihres Kindes folgen könne. Hier ſtößt ſie an die Grenze ihrer Duldſamkeit. Ein Schrit noch, und— der geliebte Sohn wird ihrem Herzen ein Fremder— ja oft ein Feind. Die unglückliche Fürſtin hatte dieſen Punkt erreicht. Der Weg dahin, mit tauſend Dornen für ſie bepflanzt, war ein langſamer geweſen; ſie hatte oftmals Halt ge⸗ macht und ihr Auge an dem einzelnen grünen Blättchen geweidet. Jetzt konnte ſie auch das nicht mehr. Vor dem Wilsdruffer Schlage wurde heute ein junger Menſch von achtzehn Jahren lebendig verbrannt, weil er Feuer angelegt. Dieſe Strafe, die grauſamſte, 3 158 welche das Geſetz zu verleihen im Stande, erſchütterte die Churfürſtin tief. Nur Märtyrer haben ſie mit Muth zu überſtehen vermocht. Sie hörte das Laufen der Menge auf den Gaſſen, ſie wußte, daß ſie hinſtrömten, um den Unglücklichen leiden zu ſehen, und es zog ihr Herz zuſammen, daß ſie hier nicht„Gnade! Gnade!“ rufen durfte. Ihre Einbildungskraft ſuchte ihr den Schmerz vor⸗ zuſtellen, den der Verurtheilte empfinden müſſe, wenn die hellen Flammen um ſeinen jungen Körper zuſammen ſchlügen.„Ach! es iſt doch ſchwer vom Leben ſcheiden, ſo lange man mit Hoffnungen ſich trägt,“ ſprach es in ihr. Sinnend ſtand ſie noch auf derſelben Stelle, als der Strom der Neugierigen ſich wieder verlaufen. Einſt und Zetzt! dachte ſie dabei.„Meinem Schwiegervater Auguſt, ſelbſt Graf Brühl hätte ich meine Fürbitte vorgelegt; meinem Sohne?— Ach! Dem gilt das Wort feiner Mutter wenig!“ Solche Selbſtgeſpräche, und ſie machten jetzt ihre Unterhaltung aus, ſind gefährlich. Ein Tropfen Waſſer höhlt im Laufe der Jahre einen Stein aus; wir ſpielen mit der Gefahr, bis wir ihre Beute werden. Indem ihr gekränktes Herz in ihren Selbſtbetrachtungen die eigenen Wunden ſtets auf's neue bluten ließ, wurden ſie endlich unheilbar. Sie ſchrieb jetzt ſeltener an Friedrich von Preußen, vielleicht weil die eigene Stimmung ſie zu ſehr be⸗ herrſchte, um unbefangen nur von Künſten ſchwatzen zu können und ſeinen Grundſätzen der Philoſophie, die ſie nicht tröſteten, jenes Gewicht beilegen zu können, welches der Weiſe von Sansſouci von einer Dame, die er verehrte, erwartete. Unheimliche Stille trat in ihren Lebensverhältniſſen, während ſie grade der äußern Anre⸗ gung ſo ſehr bedurfte, um daran einen Ableiter für die Glut ihres Innern zu finden. Die Freimaurer⸗Loge kaufte damals grade einen Flügel der einſtmaligen Menagerie des Grafen Brühl an, um eine Freiſchule für Knaben und Müädchen darin anzulegen, ein Vorhaben, das um ſo lobenswerther war, weil bei der immer noch herrſchenden Noth ſo wenige Eltern nur für die Erziehung ihrer Kinder Sorge tragen konnten.— Maria Antonia hörte von dieſem Plane und eilte das Gebäude in Augenſchein zu nehmen, bevor es ſeine neue Einrichtung erhalten. Mit ſeinem Schwinden ging auch ihr ein Stückchen Vergangenheit verloren. Die Feſte, die dort gegeben, bildeten Lichtpunkte ihrer Ver⸗ gangenheit. Wie wir ſtets geneigt ſind das Ferne dem Nahen vorzuziehen, ſo auch blickte ſie mit jedem Jahre 160 lieber auf die Hofhaltung Auguſt's III. zurück, und fand in den kleinen Rechten, welche Graf Brühl ihr geſtattet, eine Vergünſtigung, die ſie ihrer gegenwärtigen Lage ent⸗ gelten ließ. Sie meinte, der Miniſter ihres Schwieger⸗ vaters habe ihr weit mehr Auszeichnung bewieſen, wie der ihres eigenen Sohnes, und ihr Einfluß zu jener Zeit habe in keinem Verhältniß geſtanden zu ihrer jetzt ganz dunklen Stellung. Auf ihrem Hinwege bemerkte ſie, daß man die Schanzen am Oſtragehege abzutragen im Be⸗ griffe war. Auf jedem Schritte wandelte ſie ſomit auf ei⸗ nem Boden der Vergangenheit und wurde dadurch zu Vergleichen geführt, welche, wie alle Vergleiche, dem Frie⸗ den unſeres Gemüthes am wenigſten zuträglich ſind. Als ſie nach Hauſe kam, unterzeichnete ſie einen jährlichen Beitrag von 200 Thalern zum Unterſtü⸗ tzungsfond der Schule, deren wohlthätigem Zweck ſie ihren ganzen Beifall zollte. Die Regierung erſtreckte nach allen Seiten hin ihre Thätigkeit, um dem Volke aufzuhelfen, das in ſeiner Ar⸗ muth allen Geſetzen der Ordnung Hohn ſprach, und das Lob des jungen Fürſten, der ſo weiſe die Verwaltung leitete, verbreitete ſich bald überall. Selbſt Friedrich der Zweite ſprach ihm ſeine Hochachtung aus. Doch die eigene Mutter fand kein warmes Wort ſeines Lobes. Er that es ohne ſie, er konnte nicht nur ihres Rathes, ſondern auch ihres Beifalls entbehren— das war ge⸗ nügend.. Diebſtähle, Einbrüche fanden ſtatt; Räuberbanden zogen bei nächtlicher Weile umher; auf die dunkeln Straßen wagte ſich Niemand mehr ohne Laterne hinaus. Es war ein ſchauerlich, düſterer Winter, den keine freu⸗ dige Begebenheit erhellte. Die Prinzeſſin Maria Amalia war herangewachſen, dem Ehurfürſten wurden Anträge für ſeine Schweſter gemacht, und er ſagte ſie dem Prinzen Carl Auguſt von Pfalz⸗Zweibrücken zu. Auch die Verheirathung einer Toch⸗ ter war alſo der Mutter aus der Hand genommen; die Kinder einer Fürſtin ſind das Eigenthum des Staates, der ſie erhält, ausſtattet und ſeinen politiſchen Intereſſen gemäß verſorgt. Maria Antonia malte und las, und ſuchte die Welt zu vergeſſen, die ihrer vergaß. Die prächtige Haus⸗ bibliothek der ſächſiſchen Prinzen verdankt ihr die Ent⸗ 3₰ ſtehung und machte mit ihren eigenen Werken in gewiſſem 3 Sinne den Beginn zu ihrer jetzigen Ausdehnung. Das. Theater, nicht mehr wie früher durch hohe Protection ge⸗ t ſtützt und gepflegt, brachte, was der Zufall wollte; die italieniſche Oper nährte ſich von den Reſten der neueſten Vergangenheit. An Dedicationen von Büchern und an Zuſchriften 162 fehlte es Maria Antonia nicht; denn noch immer war ſie es, welche un der Spitze aller Frauenbildung ſtand, und auch nie wohl hat eine Prinzeſſin ſie darin übertroffen. Dergleichen ſchmeichelhafte Zuſendungen fingen jedoch an, ihr mehr eine Laſt als ein Vergnügen zu ſein, und gerne hätte ſie ihrer entbehrt. Der letzte Sohn Auguſt des Starken, der Cheva⸗ lier de Saxe, ſtarb, und mit ihm begrub man ſeine Zeit. Der Hof legte um ihn Trauer an, Churfürſt Friedrich Auguſt befahl, den Bruder ſeines Großvaters mit allen Ehren eines Prinzen ſeines Hauſes zu beſtatten. In ſei⸗ nem Gartenhauſe vor dem Pirnaiſchen Thore legte man ihn auf einem Paradebette aus, und die ſchauluſtige Menge ſtrömte herbei, den geſchmückten Leichnam eines altersſchwachen Mannes zu beſchauen, wie ſie kurz zuvor einen Jüngling den Martertod in den Flammen hatte finden ſehen. In voller Uniform und dem ſchwarzen Maltheſer⸗ mantel lag der Verſtorbene da, während ihm zur Seite ſechs Capitäne Wache hielten. Neben ihm auf einem Kiſſen lagen ſeine Handſchuhe und ſeine Sporen, ſein Helm mit dem Ordenszeichen der Maltheſer, ſein Degen, ſein Commandoſtab, der Heinrichs⸗ und der weiße Adler⸗ orden. In dieſem Aufzuge nahm er ſchweigend Abſchied von der Welt und Jenen, welche ihn darin gekannt. Auch Maria Antonia begab ſich zu ihm hin, in ei⸗ ner Stunde, wo keine Fremden zugelaſſen wurden, und ſprach ihr letztes Wort mit ihm. Sie hatte nun⸗ ſchon manches Glied aus ihrer Mitte ſcheiden ſehen und immer ernſteren Blickes folgte ſie ihnen auf ihrem letzten Wege nach. Mit dieſem nun begrub ſie den letzten Reſt der alten Zeit, der alten guten Zeit, die wir ſo gern herauf⸗ beſchwören möchten, ſobald ſie nicht mehr iſt, während wir in der Gegenwart nicht zu ſehen vermögen, was ei⸗ nes Tages in der Erinnerung aus ihr emporzuwachſen möglich. Ein prachtvolles Leichenbegängniß beſtattete dieſen letzten Sohn Auguſt des Starken zu Grabe. Ihm voran marſchirte die Artillerie mit zwölf Achtpfündern und Munitionswagen; dann folgten die Chevaux legers, die Garde du corps, zwei Bataillone Leibgrenadiergarde und ein Bataillon Prinz Laver. Die Muſikanten blieſen einen Trauermarſch; ihnen folgten die Livrée⸗Bedienten und Hausoffizianten und das prächtig aufgezäumte Freuden⸗ pferd, worauf der geharniſchte Stallmeiſter mit dem Leibdegen des Verſtorbenen ſaß, begleitet von der Freu⸗ denfahne. Dann kam das Trauerpferd, mit Schwarz be⸗ hangen, und die Trauerfahne. Die Trauermarſchälle tru⸗ gen das Trauerwappen. Nun folgten auf fünf weißen Atlaskiſſen die Inſignien, ſeine Handſchuhe und Sporen, ————— 164 der Helm mit dem Federbuſche und dem Maltheſer⸗ ordenszeichen, die Feldbinde, der Degen und der Com⸗ mandoſtab und dann die Orden. Ein ſechsſpänniger Lei⸗ chenwagen ſchloß ſich daran, auf deſſen Decke die Wappen ſich befanden und das ſilberne Kruzifix. Sechzehn Unter⸗ offiziere geleiteten dieſen, nebſt vier Stabsoffizieren und acht Capitains. Dann kam das Gefolge, ein Hoffourier, dann zwei Marſchälle, und nun der Herzog von Kurland, ſein Neffe und ſein Erbe, begleitet von den beiden Ge⸗ neraladjutanten des Verſtorbenen. Zwei Grafen Coſel übernahmen die Rolle der Leidtragenden, nebſt Graf Bellegard und Graf Mosczinsky. Paarweiſe folgte der Reſt der Offiziere und Beamten, welche ſich dem ewig langen Zuge angeſchloſſen. Langſam ging der Zug die Lange Gaſſe hinauf zum Pirnaiſchen Thore herein über den Neumarkt, die Auguſtſtraße entlang, zwiſchen katho⸗ liſche Kirche und Schloß durch nach dem Taſchenberge, dann durch die Schloß⸗ und Wilsdruffergaſſe nach Frie⸗ drichſtadt auf den katholiſchen Kirchhof. Hier hielt der Oberſtlieutenant von Dürfeldt eine Standrede, dann wur⸗ den die Kanonen dreimal gelöſt, und die Erde empfing, was ſie gegeben— ein menſchliches Daſein— zurück. Maria Antonia hatte den Zug vorübergehen ſehen und ſchloß ſich darauf in ihren Zimmern ein. Selbſt ihre Söhne Karl und Anton konnte ſie heute nicht ſehen. Der Jugend ſchnelles Ueberwinden einer traurigen Em⸗ pfindung vermochte ſie nicht zu theilen, und die reli⸗ giöſen Anſichten ihrer Kinder, geweckt durch den Einfluß von Prieſtern, welche damit dem ihrigen Trotz boten, be⸗ rührten ſie unangenehm, während ſie ſie ſchweigend ge⸗ währen laſſen mußte, um den heiligen Vater nicht wider ſich einzunehmen.— Der Winter hatte wieder deutſche Schauſpieler nach Dresden geführt, denen Maria Antonia wie früher ihre Gunſt zuwandte und bei deren Vorſtellungen ſie eine ge⸗ wünſchte Zerſtreuung fand. Sie hatten jetzt Minna von Barnhelm einſtudirt, womit ſie die Churfürſtin überraſchten. Später gaben ſie auch Clavigo von Göthe, und nachdem dieſe beiden Stücke auf die Bühne gebracht, konnte die Zukunft des deutſchen Schauſpiels keinem Zweifel mehr unterliegen. Zur Abwechslung ſchaltete man Dramen von Goldoni ein, die damals ihre großen Bewunderer fanden, während ſie heute von unſern Theatern ver⸗ ſchwunden ſind. In dieſen Kunſtgenüßen vergingen die langen Abende des Winters, und der Frühling brachte die Hoff⸗ nung auf einen Ausflug in die Bäder oder ſonſt eine Veränderung, wodurch die Seele ſich zu neuer Spann⸗ kraft ſtärkt und ihrem ewigen Repetiren erlittener Pein ein kurzes Ziel geſetzt wird. 166 Maria Antonia ſchrieb dazwiſchen an Friedrich den Großen: „Vielleicht war es im Buche des Schickſals geſchrie⸗ ben, daß ich Alles dulden ſollte im Leben; in dem Falle, meine ich, hätte man mich beſſer verzeichnen können, doch werde ich mich darum nicht weniger fügen. Wenn ich ſeit meiner Jugend jeden bittern Tropfen aus dem Kelche des Lebens gekoſtet, ſo iſt mir dafür auch oft das Süße zu Theil geworden. Einmal habe ich nur geſagt: Es iſt alles ziemlich einerlei, und zehnmal: es iſt alles ſo gut wie es ſein kann; als ich aber in Potsdam war, da fand ich es hienieden ganz vortrefflich. Doch dieſe Tage des Glückes liegen nun wie ein ſchöner Traum hinter mir.“ Solche Reſignation, wie ſie ſie wohl in einzelnen Momenten in einem Briefe ausſprach, blieb ihr jedoch nicht lange getreu. Man ſchreibt nur dann, wenn man ſich auch zum Schreiben aufgelegt fühlt, und was man in den Zwiſchenſtunden empfindet, denkt, wünſcht oder träumt, das ſteht nicht zwiſchen den Zeilen verzeichnet. Zehutes Cugitrl. Die Geiſterbeſchwörung. Hinter der Brühl'ſchen Terraſſe in Dresden liegt verſteckt ein unſcheinbares Gebäude, aus grauem Sand⸗ ſtein aufgeführt, mit einem mächtigen Portale, das einen Balcon trägt. Die heiteren Fenſter dieſes Hauſes blickten einſt auf die ſtarkbefeſtigten Mauern der Stadt, während ſie jetzt auf die abgetragenen Wälle herabſchauen, denen ein Gärtner eine reiche Flora botaniſcher Gewächſe abge⸗ wonnen hat. Dies von der Zeit geſchwärzte, alterthümliche Ge⸗ bäude führte einſt den Namen eines Palais und war Eigenthum des Chevalier de Sare. Bei ſeinem jetzt erfolgten Ableben hatte ſein Neffe, der Herzog von Kurland, davon Beſitz genommen, als einziger Erbe ſeines reichen Onkels. Auguſt der Starke war ein großmüthiger Fürſt geweſen, der ſeine natürlichen Söhne nicht unbedacht ge⸗ laſſen. Der Chevalier de Saxe hatte nie verſchwendet, man vermuthete alſo in ſeinem Nachlaſſe reiche Schätze zu entdecken. Der Herzog von Kurland hätte davon 168 Gebrauch zu machen gewußt. Er dachte ſinnend darüber nach, wo ſie verſteckt ſein könnten. In den hohen Zimmern des erſten Stockes ſtrahlte ihm jetzt ſein Bild von den Spiegelwänden zurück, während ſein Blick unruhig auf den alten Gobelins weilte, welche abwechſelnd dazwiſchen die von Vergoldun⸗ gen ſtrotzenden Wände zierten. Sollte ein verborgener Wandſchrank hier irgendwo Verſtecken ſpielen, und was er ſuchte, bergen? Ein verzehrender Durſt nach den Schätzen ſeines Onkels ſprach aus ſeinen Blicken. Die Sucht nach Gold, ob ſie in den Minen Californiens ihre Befriedigung ſuche, oder in der Diggings Auſtra⸗ liens ihr Ziel finde, ſpricht ſich immer in gleicher Weiſe auf dem menſchlichen Angeſichte aus. Es iſt die Gier des Beſitzens ohne Verdienſt, welche den Zügen einen unangenehmen Ausdruck der Unruhe verleiht, die uns unheimlich berührt. Der Herzog trat jetzt in die lange Gallerie ein, welche an die Geſellſchaftszimmer ſtieß. Bilder ſeiner Ahnen zierten hier die Wände. Die Prachtliebe ſeiner Vorfahren ſprach ſich in dieſen Decorationen aus. Dieſe Räume gehörten ihm jetzt an; aber— war denn das Alles? Alles, was ihm hinterlaſſen? Lange wanderte er hier auf und ab, in tiefes Sin⸗ nen verloren.„Daß die Todten nicht auferſtehen!“ ſprach er in ſich.„Nur eine Frage, nur eine einzige Frage beantwortet, und mir wäre geholfen.“ Doch— ſtanden denn die Todten nicht wirklich auf? Nicht von dem ewigen Gerichte zu reden, nicht von dem großen Tage, wo ſie, ihre Seelen ſuchend, zu einem neuen Leben eingehen, nein; hatte nicht die Kunſt, die Wiſſenſchaft, oder wie man es ſonſt benennen will, ein Mittel gefunden, ſie aus ihrem Schlafe zu erwecken und den Sterblichen Rede zu ſtehen gezwungen? Hatte Schröpfer ihm nicht verſichert, daß dem ſo ſei? Hatte er ihm nicht ſeine Dienſte dazu angeboten? Ob er es verſuchte? Ob er ſeinen Onkel aus ſeinem letzten Ruheorte hervorkommen ließe und ihn befragte, wo er ſeine Schätze verſteckt? Seine Schätze! Holder Klang des Wortes, der dem Ohre ſchmeichelte. Doch ſchämte er ſich faſt, indem er ſich dem Geiſte mit dieſer Frage gegenüber dachte; erröthete vor ſich ſelbſt, indem er in ſeinen Gedanken den ſtrafenden Blick erſpähte, womit dieſer ſeine Antwort begleitete. Und dennoch!— Za, dennoch mußte es ſein. Er hatte auf dies Vermögen Rechnung gemacht, er konnte es jetzt nicht entbehren, er mußte um jeden Preis ent⸗ decken, wo es verborgen ſei. Zu dieſem Entſchluße gekommen, zögerte er nun 1860. XI. Maria Antonia. III. 11 170 nicht länger, ein bis dahin gefürchtetes Vorhaben aus⸗ zuführen. Schröpfer wurde zu ihm entboten. Noch heute, noch in dieſer Nacht ſollte er den Geiſt des Chevalier de Saxe erſcheinen laſſen. Er mußte Gewißheit erhalten. Wie ſich Maria Antonia hatte von Jungnickel bethö⸗ ren laſſen, ſo hatte dieſer Schröpfer mit ſeiner Magie und ſeinen heimlichen Künſten den Herzog von Kurland für ſich eingenommen. Beide wurden Adepten dieſer Schwarz⸗ künſtler, weil Beide auf dieſem Wege zu erreichen hoff⸗ ten, was ihnen ſonſt nicht möglich war. So theilt ſich ſtets die Welt in Jene, die betrügen, und Jene, die ſich gern betrügen laſſen, ſobald der eigene Vortheil ſie zu⸗ ſammenführt. Der Geiſterſeher von Schiller dankte dieſer Manie ſeiner Zeit die Entſtehung, ja ſelbſt im Fauſt klingt noch etwas davon nach. Voll Erwartung, voll Unruhe ſah der Herzog dem Augenblicke entgegen, der die Erfüllung ſeiner Wünſche bringen ſollte. Schröpfer hatte die Weiſung erhalten, den Geiſt zu herufen, und war fortgeeilt die Vorbereitungen zu treffen, und ſeine Verehrer zu benachrichtigen, es ſei der große Augenblick gekommen, um ſeinen Spruch zu ſprechen, der den Todten in ſeiner Grabesruhe erweckte. Die Auguſtſonne hatte während des Tages heiß ge⸗ brannt. Die Stunden ſchlichen. Es dämmerte jetzt, und dem Herzoge wurde es faſt unheimlich in dem weiten Gemache; er trat an das Fenſter und ſah zum Himmel hinauf, wo aus zerriſſenen Wolken des Mondes falbe Strahlen brachen und ein momentanes Streiflicht auf die Umgebung fallen ließen. Ihm war, als ob hier Todte tanzen. Wäre er mit einem zweiten Geſichte begabt ge⸗ weſen, ſo würde er mehr noch geſehen, ſo würde er die Gallerie entlang Skelett an Skelett geſtellt erblickt haben, wie ſie heute dort in Reihen ſtehen und uns den Tod in jedem Lebensalter vor das Auge führen; ſo wäre ſein Palais ihm zu einem Clinicum umgewandelt worden, wo das werdende Leben, wie das greiſe Alter eine Stätte finden. Er aber ſchaute nur in die Gegenwart hinein, und ſein geblendetes Auge gewahrte nur ſeiner Ahnen zornige Mienen, welche ihm von den Wänden herab zu drohen ſchienen ob ſeines unritterlichen Vorhabens, nicht ahnend, daß ſie noch Schlimmeres hier zu ſchauen beſtimmt. Eine Minute lang wurde er, durch ſeine Einbildung geſchreckt, faſt unſchlüßig; doch der Gelddurſt ſiegte über jede Bedenklichkeit auf's neue. Mit dem Chevalier de Saxe war auch die Chevalerie zu Grabe gegangen, nicht um die Ehre ſtreitet ja mehr die Welt, ſondern um Gewinn; Könige und Prinzen wurden von da an zu 11* 172 Speculanten, Alle handeln jetzt, Alle wuchern und thun es einem Rothſchild darin gleich, nur mit geringerem Geſchick— darin beſteht der ganze Unterſchied. Ein Schritt wurde jetzt hörbar, und freudig horchte der Herzog auf, denn die Einſamkeit fing an ihm pein⸗ lich zu werden. Ein Engländer, den Schröpfer zum Zu⸗ ſchauen geladen, ließ ſich melden. Zuvorkommend begrüßte ihn der Herzog. Bald folgten andere Gäſte. Endlich waren ihrer zwanzig beiſammen, voll ſchauriger Erwar⸗ tung deſſen, was da kommen ſollte. Die Unterhaltung blieb daher einſilbig. Auge und Ohr waren der Thüre zugewandt, durch die der Geiſt eintreten mußte. Stunde nach Stunde verging. Die Auf⸗ regung erzeugte Erſchlaffung. Mitternacht nahte. Da trat Schröpfer bleich, verſtellt, mit glühenden Augen ein. Er nahte ſich dem Herzog und flüſterte ihm eine Nachricht in das Ohr. Dieſer erbebte. Der Geiſt war im Anzuge. Schröpfer forderte die Geſellſchaft auf, ſich durch eine Bowle Punch zu ſtärken, um nicht bei der ſchreckhaf⸗ ten Erſcheinung das Bewußtſein zu verlieren. Dieſe an⸗ gedrohte Möglichkeit vermehrte noch das allgemeine Ban⸗ gen der Verſammelten, das zu geſtehen ſich Jeder ſchämte. Der Herzog befahl ein ſtärkendes Getränk zu brin⸗ gen. Niemand hatte jedoch den Muth zu genießen; wo ein Einzelner nippte, wandten ſich die Uebrigen wie ſich fürchtend von der Bowle ab. Donner rollten. Ein Gewitter war heraufgezogen. Unheimlich zuckten Blitze durch die lange Gallerie, deren beide Enden ein großes Bogenfenſter erhellte. Es ſchlug Mitternacht. Der Aufregung folgte Müdigkeit, die ſich ſenkenden Lider öffnete wieder die Furcht vor der kom⸗ menden Stunde. Der Herzog ſelbſt lehnte ſich bleich und erſchöpft an das Geſimſe des Kamins, die hellen Tropfen auf der Stirne. Schröpfer trat jetzt wieder herein. Wie ein electriſcher Schlag berührte ſeine Erſcheinung die Anweſenden. Er bat ſie, ſich in einen Kreis zu ſtellen, in deſſen Mitte er kniete. Man folgte ſeiner Weiſe. Zitternd berührte jeder die Hand des Andern, um die Runde zu ſchließen, und bebte zurück vor ihrer tödtlichen Kälte. Leiſe vor ſich hin murmelte Schröpfer indeſſen Ge⸗ bete, bis er endlich laut die Stimme erhob zu einer mäch⸗ tigen Beſchwörungsformel, die den Verſtorbenen in ihre Mitte rief. Blaue Flämmchen tanzten auf dem Bo⸗ den umher, während er ſprach; ein mächtiger Donner⸗ ſchlag machte das Haus erbeben; die Nacht konnte zu dem Unternehmen nicht glücklicher gewählt ſein, und als jetzt ein Blitzſtrahl leuchtend durch das Gemach fuhr, ſah —— „ 174 man zugleich die Seitenthüre am hintern Ende der Gal⸗ lerie aufſpringen, und herein rollte ein Etwas, das einer grauen Maſſe glich, die ſich in Kugelform fortbewegte; in ihrer Mitte aber ſchimmerte ein leuchtendes Etwas, und aus dieſem Etwas tönte jetzt eine Stimme hervor, welche dumpf und klanglos die Frage that: was man begehre? Bei dieſen Worten und mehr noch dieſem Tone verließ Alle die Faſſung; als nun aber gar die ku⸗ gelförmige Maſſe ſich nebelhaft emporrichtete und aus⸗ dehnte, und in ihrem Centrum ein Etwas ſichtbar ward, das einem menſchlichen Angeſichte verglichen werden konnte, da meinten Alle den Chevalier de Saxe zu ſehen, und Entſetzen beraubte die Meiſten ihres Bewußtſeins; die Damen ſanken zur Erde und verhüllten ihr Angeſicht, mehrere fielen ſogar ohnmächtig hin, und ihnen beizu⸗ ſpringen blieb Niemandem die Faſſung. Schauder hatte Alle ergriffen bei der fürchterlichen Erſcheinung. „Fort mit dem Geiſte!“ flüſterten Mehrere Schrö⸗ pfer in das Ohr.„Seine Gegenwart tödtet uns.“ Der Herzog von Kurland ſelbſt, das Angeſicht mit ſeinen Händen verhüllt, kehrte ihm ſtumm und ſprachlos den Rücken zu. Schröpfer, deſſen Geſicht eine grünliche Helle um⸗ leuchtete, die ſeine bleiche Farbe noch bleicher machte, die — Augen zur Decke erhoben, betete fort, und richtete da⸗ zwiſchen die für den Geiſt ihm vorgeſchriebenen Fragen an dieſen, von deren Beantwortung ſein Lohn abhing. Doch die Redeweiſe dieſes Schattens ſchien ſelbſt ihm nicht ganz verſtändlich zu ſein, ſie ſprach mehr Unwillen als Vergnügen aus, ſich in dieſer Geſellſchaft zu befinden, und jedes Wort jagte neue Schauer durch das Gebein der Anweſenden. Die Damen ſchluchzten laut vor nervöſer Aufre⸗ gung.„Fort mit ihm! Um Gottes willen, quäle Er den Verſtorbenen nicht länger,“ rief man Schröpfer zu.„Laß Er ihn zurückkehren in ſeine Grabesnacht.“ Aber der Geiſt, einmal berufen, wollte nicht wei⸗ chen. Drohend und bittend forderte Schröpfer ihn auf, ſich zurückzuziehen— doch vergebliches Bemühen! Er ſchien dem Gebote des Beſchwörers kein Ohr zu leihen und ſeiner Macht über ihn zu ſpotten. Eine ganze Stunde lang verweilte die graue Maſſe mit dem nebelhaften An⸗ geſichte und ſchaute mit Geiſteraugen auf dieſe furcht⸗ ſamen Menſchen; dann endlich erfolgte ein Krachen, wie wenn eine Bombe platzt oder eine Rakete ſteigt, die klei⸗ nen Flämmchen am Boden hatten ausgeſpielt, und tiefe Dunkelheit herrſchte im Gemache, aus dem der Geiſt ver⸗ ſchwunden war.— Vom Kreuzthurme ſchlug zur ſelben Minute die erſte Stunde. 178 Rückſprache darüber zu halten. Sie beſchloß ihn kennen zu lernen. Wie Viele ihrer Zeit, ſo glaubte auch Maria Anto⸗ nia an Unmöglichkeiten, oder vielmehr daran, die ewigen Geſetze des großen Weltalls dann und wann durch Men⸗ ſchenwiſſen umgeſtoßen zu ſehen. Ewig leben zu wollen, wäre ihr freilich ein Fluch geweſen, da ihr kurzes Daſein ſchon ſo wenig Befriedigung gewährte; doch mit dieſem Ewiglebenkönnen mußte ſich doch auch eine Macht ver⸗ bünden, die Kräfte der Natur zu beherrſchen, und dieſer Punkt in dieſer erträumten Wiſſenſchaft war es, der ſie lockte ſich darin zu verſuchen. Herrſchen!— Macht beſitzen!— Verführeriſche Worte der Hölle, mit denen gefallene Engel ihren Weg gebahnt. Maria Antonia hatte immer noch nicht auf⸗ gehört an ihrem Klange Wohlgefallen zu finden, ſo wenig vermag es der Menſch von ſich ſelbſt zu laſſen. Schröpfer gab ihr keinen Aufſchluß, ließ ſie keinen Einblick thun in die Geheimniſſe der magiſchen Kunſt; verſprach aber Alles für die Zukunft, ließ ſich in Reden vernehmen, deren dunkler Sinn vieles zu errathen gab, und vertröſtete ſie auf kommende Zeiten. Ohne Gold bereiteten ſich ſeine Elixire nicht, ohne Gold ließ ſich auch mit Geiſtern nicht reden. Gold aber beſaß Maria Antonia jetzt nicht, beſaß es weniger als je, weil ihre 179 Reiſen ihre Schuldenlaſt gehäuft und ihr immer neue Verlegenheiten ſchufen. Gold brauchte ſie, und Gold brauchte Schröpfer. So konnte er ihr ſeine Dienſte nicht widmen. Den Glau⸗ ben aber an ſeine Kunſt ließ er ihr zurück, und reiſte, nachdem er ſie von ſeiner Allwiſſenheit überzeugt, nach Leipzig ab, wo er im Roſenthale durch einen Piſtolen⸗ ſchuß ſein Leben endete. Aus dieſer That erkannte man den Faden, aus dem er ſein Leben ſpann: er hieß Betrug! Falſche Wechſel und Schulden— dahin führten ſie ihn. So theilt ſich die Welt in Betrüger und Betrogene, doch bleibt den letzteren zum Glück doch das letzte Wort. Sein Tod erregte Aufſehen. Auch Maria Antonia war tief davon erſchüttert. Schaudernd blickte ſie auf das Ende einer Lebensbahn, das mit einer ſolchen Klei⸗ nigkeit begonnen, wie es das Borgen einer Summe iſt, für deren Wiederzahlung man nicht einſtehen kann. „Il n'y a le premier pas, qui coüte,“ fagte ſie in Sinnen verloren; aber ihren Betrachtungen ſchloß ſich ein anderer Satz an: Si ta as fait deux pas en avant, ne fais jamais un en arrière. Der Garten des Grafen Brühl auf der Elbterraſſe, bis dahin noch in dem zerſtörten, wüſten Zuſtande, wie ihn der Krieg gelaſſen, wurde jetzt, auf Veranlaſſung des 176 Die Verſammelten athmeten nun hoch auf. Die Wachen ſchüttelten die Entſchlummerten, die Ohn⸗ mächtigen kehrten zum Bewußtſein zurück, der Herzog zog ſich in ſeine Gemächer zurück, und endlich blieb nur Schröpfer allein zurück; regungslos lag er am Boden. So fanden ihn ſeine in dem Nebengemache befindlichen Gehilfen, und brachten ihn in ſeine Wohnung. Das größte Geheimniß ward über den Vorgang beobachtet. Der Herzog von Kurland hatte dies Verſpre⸗ chen von einem Zeden gefordert, in der Ueberzeugung, daß ſein Neffe, der Churfürſt, dieſe Geiſterbeſchwörung mißbilligen würde. Alle Anweſenden hatten unverbrüch⸗ liches Schweigen gelobt, und darum auch nur ihren ver⸗ trauteſten Freunden mitgetheilt, welcher erſchütternden Scene ſie beigewohnt. Jeder Freund hatte nun wieder einen Freund, den er ſeines Vertrauens werth hielt, und ſo verbreitete ſich denn eine erſtaunenswerthe Geſchichte durch die ganze Stadt, von dem Gerüchte um vieles ver⸗ größert. Maria Antonia, von dem begünſtigten Neffen ihres beiderſeitigen Onkels nicht aufgefordert, an dieſem Vor⸗ gange Theil zu nehmen, deſſen Zweck er ihr am wenig⸗ ſten zu verrathen wünſchte, ward dennoch ſchnell davon in Kenntniß geſetzt, und ſtattete dem Herzoge am Morgen nach der begebnißreichen Nacht einen Beſuch ab. Sie hörte von den Dienern, daß ihr Schwager krank ſei und nicht geſtört ſein wolle, ließ ſich aber demungeachtet in den Salon führen, von wo aus ſie unbemerkt in die große Gallerie trat. Hier war von dem Vorgange keine Spur mehr zu ſehen. Alles ſtand ſchon wieder in gewohnter Ordnung, durch die großen Bogenfenſter ſchien die Sonne hell in das Gemach und erleuchtete es nach ſeiner ganzen Länge. Maria Antonia blickte aufmerkſam umher. Auch in dem Cabinette, wo Schröpfer und ſeine Gefährten ſich aufgehalten, ſah ſie nach. Doch auch von deren Anweſen⸗ heit zeugte nichts mehr, und Alles, was an den Vorgang erinnerte, beſtand in kleinen Flecken auf dem gefirnißten Fußboden, wo der Glanz wie durch ein unſchädliches Feuer weggefreſſen ſchien. Nachdenklich kehrte ſie in ihre Wohnung zurück und ließ Schröpfer zu ſich entbieten. Mit dem Goldmachen war es ihr nicht gelungen— vielleicht aber nur, weil ſie nicht den rechten Meiſter gefunden. Der Graf Saint Germain war ſeit kurzem in Hamburg eingetroffen, und nach Berichten von dort konnte man an ſeiner tauſend⸗ jährigen Exiſtenz nicht zweifeln; beſaß er aber das Elirir zu einem ewigen Leben hienieden, ſo konnten Andere auch dies Geheimniß finden, und immer lohnte es der Mühe, mit einem Profeſſor ſolcher geheimen Wiſſenſchaften ————— 180 Herzogs von Kurland, in Ordnung gebracht; die Chur⸗ fürſtin⸗Witwe wandelte nun oftmals darin umher, im Anſchauen der Plätze vertieft, die ihrer Jugend heitere Erinnerungen begruben. Wie war dies Dresden jetzt ſo ernſt geworden, wo es einſt der luſtigen Feſte ſo viele gegeben, und das Gepränge einer prächtigen Hofhaltung Fremde von nah und fern herbeigezogen!— Weiße hatte ſeinen Kinderfreund geſchrieben und ſandte ihr ein Exemplar davon zu. Wieder war dies ein Beitrag zur deutſchen Literatur, den ſie mit Freuden empfing und worüber ſie dem Verfaſſer ihre Anerkennung ausſprach. Mehr zu thun war leider nicht in ihrer Macht. Wäre ſie jetzt regierende Fürſtin geweſen, ſo hätte ſie alle jungen Dichter ihrer Zeit an ihren Hof berufen und Dresden zu einem kleinen Athen umgewandelt; wie die Muſik und das Theater hier ihre Blüthe erreicht, wie die Malerei hier ihre erſte Stätte aufgeſchlagen, ſo hätte auch die deutſche Literatur hier ihren Höhepunkt gewinnen und die Welt mit Bewunderung für Sachſen und ſeine Fürſten erfüllen ſollen. Leſſing, Göthe, Schil⸗ ler, welche bereits mit Bewunderung genannt wurden, und neben dieſen Herder und Wieland, wie dürſtete ſie nach dem Verein ſolcher Talente, nach dem Mitgehen auf ihrer Bahn, nach dem erfriſchenden Umgange mit dieſer ſtrebenden Jugend; und in wachenden Träumen malte ———— 181 ſie ſich oft eine Zukunft aus, wie ſie ihr, im Mittelpunkt intellectuellen Lebens, ſo nahe gelegen, hätte nicht der Tod ihr den Gatten geraubt und ſie damit ihrer Stellung enthoben. Friedrich Auguſt beſaß Verſtand und Urtheilskraft, doch keinen Geiſt; das Spielen mit Ideen erfreute ihn nicht. Er war einſeitig und in dieſer Einſeitigkeit gerecht, oft aber auch ſtrenge. Für ihn galt das Wort nicht: es führen viele Wege nach Rom. Wer nun den Einen nicht wandelte, welcher ihm als gerade Straße erſchien, den er⸗ kannte er nicht an. Der Frühling ſah Maria Antonia wieder in Mün⸗ chen in ihres geliebten Bruders Nähe. Hier hörte ſie den jungen Mozart, damals 17 Jahre alt, ſpielen, und bewunderte des Knaben ſeltene Gabe, die ſein Vater jetzt noch ausbeutete. Er kam mit ihm von Salzburg, ſeinem Heimathsorte, und begab ſich von hier nach Paris, wo der blonde Deutſche ſo viel Aufſehen erregte, wie einſt der Caro Saxone Haſſe in Italien. Auch mit Mesmer traf ſie in München zuſammen, der ebenfalls ſeine Wiſſenſchaft unter den Augen der Aca⸗ demie von Frankreich preiszugeben im Begriffe ſtand, und dieſe Herren auf eine Weiſe für ſich einnahm, daß bald die ganze Hauptſtadt nur von ihm redete und heute 182 noch ſeine Schüler in der Clairevvyance auf dieſem Poden des größten Anſehens genießen. Sie wohnte einer Sitzung des berühmten Magne⸗ tiſeurs mit bei, ſie unterzog ſich ſelbſt der Probe, den electriſchen Strom auf ihre reizbaren Nerven wirken zu laſſen; wie alle geiſtvollen Leute war ſie allen Einwir⸗ kungen, bei denen die Einbildungskraft mit dem Willen kämpft, leicht unterthan, und glaubte gerne an ein geiſti⸗ ges Fluidum, das trennbar von dem Körper, in alle Ewigkeit ein gleiches bleibe. Allein die große Frage, mit der man ſich dort trug, ob dieſer Geiſt, vom Körper abgelöſt, allwiſſend in die Zukunft ſchauen könne, beant⸗ worteten ihr Mesmer's Schüler nicht, und ihre eigene Zukunft blieb wie ſie geweſen, für ſie in Dunkel ein⸗ gehüllt, ein Räthſel wie das ganze Menſchenleben. Elftes Capitel. Der Lohn des Verräthers. Kleine Urſachen, große Folgen. Wir wiſſen nicht, durch welche unbedeutende Vorgänge wir oft beſtimmt werden, dem Gange unſeres Lebens eine neue Richtung zu leihen, noch kennen wir die Tragweite oft geringfügig ſcheinender Begebenheiten; denn die davon in unſerer Seele zurückgelaſſenen Bilder ſind uns nicht ſichtbar. Maria Antonia, bei ihrer Tochter in Zweibrücken angelangt, beſchäftigte ſich jetzt mit ernſten Gedanken; ſie wollte ihr Haus beſtellen, wollte ihre Angelegenheiten ordnen, wollte ihren Nachlaß an ihre Kinder vertheilen. Dieſer Nachlaß aber koſtete ihr ſchwere Seufzer. Ihre Diamanten waren in Rom verpfändet, ihre übrigen Schulden beliefen ſich auf 700.000 Thaler; welch' ein Erbtheil für ihre Söhne und Töchter! Sie zählte erſt fünfzig Jahre, das war kein Alter, um dem Tode in das Angeſicht ſchauen zu wollen, und dennoch trieb ſie ein inneres Etwas zur Eile. Ob es das Ende Schröpfer's war, was ihr dieſe Haſt einflößte, wer vermag es zu beſtimmen? Die kleine Hofhaltung zu Zweibrücken gewährte ihr Muße zum Nachſinnen. Sie ging jetzt mit Ernſt in ſich und ſchloß mit ſich ab. Ihre letzten Jahre ſollten nur der Pflicht gewidmet ſein, die Zukunft ihrer Kinder feſt⸗ zuſtellen, deren Schickſal, leider! ſo ferne dem lag, was ſie für ſie erzielt. Sie liebte ſie alle gleich und ſah den Aelteſten ſo ganz bevorzugt. Hier auszugleichen war ihr einziger Wunſch. Sie hatte auf den bairiſchen Allodial⸗Erbnachlaß —— ———— 184 Anſprüche. Dieſe geltend zu machen oder zu verkaufen, bot ihr eine Ausſicht, um ihre Angelegenheiten zu ordnen. Sie ſchrieb deshalb an den Wiener Hof und machte ihm Anerbietungen. Man ſollte ihre Diamanten einlöſen und ihr außerdem eine Summe zahlen, um ihre Schulden da⸗ mit zu decken. Sie wünſchte für den zweiten Prinzen ihres Hau⸗ ſes, ihren Liebling Karl, eine Secundogenitur zu grün⸗ den, um die Apanage der jüngeren Kinder feſtzuſtellen. Ihre Ungeduld konnte jedoch nicht warten. Während ihre Briefe nach Wien gingen, und von dort die Ant⸗ worten einliefen, ohne daß man gegenſeitig noch zu ei⸗ nem Verſtändniſſe gekommen war, ſchrieb ſie zugleich nach Dresden und theilte dem Churfürſten ihre Abſichten in Bezug auf die Veräußerung ihrer Anſprüche auf Baiern mit; doch überging ſie vorſichtig ihre deshalb ſchon mit Oeſterreich angeknüpften Unterhandlungen. Sie glaubte vielleicht nicht, daß ihr Sohn darauf eingehen würde, die Rechte ſeiner Mutter ihr abzuhandeln; denn ſie wandte ſich zu gleicher Zeit an den Grafen von Sacken und an ſeinen Jugendfreund Marcolini, und bat ſie, ein gutes Wort für ſie einzulegen. Beide fanden dazu kaum die Gelegenheit, denn Friedrich Auguſt erhob nur wenig Schwierigkeit, auf die Wünſche ſeiner Mutter einzugehen, in einem einzigen Punkte ausgenommen, der die Bevor⸗ zugung des Prinzen Karl vor ſeinen übrigen Geſchwiſtern betraf. Dieſe wollte er durchaus nicht gelten laſſen, und nur erſt als Maria Antonia davon abgeſtanden, ging er auf ihre übrigen Bedingungen ein. Dieſer günſtige Erfolg ihrer Unterhandlungen kam der Churfürſtin⸗Witwe ganz unerwartet und kaum konnte ſie anfangs daran glauben. Auch war es nicht Freude, was ſie darüber empfand. Sie fühlte, daß ſie ſich geirrt hatte, und das machte ſie verdrießlich. Ihre Unterhand⸗ lungen mit Oeſterreich waren nun überflüßig, und ſollten ſie dem Chuvfürſten bekannt werden, ſo mußten ſie ſei⸗ nen Unwillen erregen. Seine Mutter hatte ſich zuerſt an einen fremden Hof gewandt, das fand bei ſeiner Sin⸗ nesweiſe keine Entſchuldigung. Sie zitterte jetzt vor einer Entdeckung ihrer Correſpondenz, während ſie vorher nicht vorſichtig in Verfolgung dieſes Weges zu ſein ver⸗ mocht hatte. Zum Glück kannte Niemand den Inhalt der mit dem Wiener Hofe gewechſelten Briefe, als ihr Geheim⸗ ſecretär Hegewald und der Chevalier d'Agdolo. Des Erſteren war ſie ſicher, ſeiner Verſchwiegenheit hielt ſie ſich verſichert; die des Letzteren konnte ſie nur käuflich gewinnen. Wie bedauerte ſie es jetzt, in der Hand eines Man⸗ nes zu ſein, deſſen Charakter ſie nicht vertrauen durfte. 1860. XI. Maria Antonia. III. 12 „ ———— 186 Er war es, der ſie verleitet hatte, Oeſterreich ihre Erb⸗ ſchaftsrechte anzubieten. Wie liſtig er ſie dazu überredet, das gewahrte ſie erſt jetzt, wo die Folgen dieſes Schrit⸗ tes klar vor ihr ſtanden. Trug ihre Handlungsweiſe nicht den Schein eines Verrathes an ihrer Familie und an ihrem Lande? Durfte ſie Rechte, die ſie ihren Kindern vererben konnte, an eine fremde Macht veräußern wollen? Sie begriff ihre eigene Blindheit nicht. Sie, die ſonſt ſo hellſehende Frau, hatte ſich hier gänzlich ver⸗ blenden laſſen. Agdolo hatte große Summen bezogen, mit denen er ihr Intereſſe zu fördern verſprochen; was war aus dieſem Gelde geworden? Sie hatte ihm, wenn das Geſchäft gelinge, noch bedeutenderen Gewinn zu⸗ geſagt, und wußte wohl, daß er ſchon im Voraus auf dieſe Unterſtützung rechnete. Wie nun, wenn ſie ihm mit⸗ theilte, daß ſie die Sache nach einer andern Seite hin und ohne ſeine Hilfe abgemacht? Rathlos blickte ſie umher. Wie ein irrer Geiſt wan⸗ derte ſie die Nächte durch in ihrem Zimmer auf und ab. Sie kannte des Italieners feuriges Temperament, ſie hatte oft das unheimliche Leuchten ſeines dunklen Auges geſehen, und fürchtete deſſen Blitz, ſo wie er erfuhr, daß ſie in dieſer Angelegenheit ohne ſeinen Rath ſo wichtige Schritte gethan. Wie hier zuvorkommen? Sie fand vor dieſem Gedanken keine Ruhe. Eine Ahnung ſagte ihr, wie viel für ſie auf dem Spiele ſtehe, mehr noch als Thatſachen ſprach ein dunkles Vorgefühl ihr mahnend zu. Sie wollte ihm ſchreiben. Aber ein Brief konnte verloren gehen und ſo zu ihrem ſchlimmſten Verräther werden. Sie wollte Hegewald an ihn abſenden. Dieſer aber befand ſich noch in Dresden, wohin ſie ihn geſen⸗ det, um mit ihren Schuldnern zu unterhandeln. Wie ſollte ſie einen Boten finden, dem ſie vertrauen durfte? Die Zeit enteilte. Jeder Tag konnte Agdolo mit dem Vorgefallenen bekannt machen, und wurde ihm dieſe Mittheilung aus fremdem Munde, ſo wirkte ſie nur doppelt verletzend auf ihn. In ihrer Verzweiflung griff ſie nun endlich dennoch zur Feder. Doch bevor der Brief ſein Ziel erreichte, war das Gefürchtete ſchon eingetroffen. Agdolo hatte noch andere Correſpondentinnen, als die Churfürſtin Maria Antonia. Sie hatte manch' unbedachtes Wort fallen laſſen über ihre Abſichten in Bezug auf Prinz Karl, und dazu Briefe nach Wien auf die Poſt geſandt; das Uebrige errieth ſich leicht. Agdolo erhielt ein Schreiben voll Muthmaßungen 12* —— — 2. 3 3 —— — 3 188 deſſen, was geſchehen war, und dieſen Gewißheiten zu entnehmen verſtand er leicht. Getäuſcht! Betrogen! rief es in ihm, und ſein er⸗ ſtes Gefühl war die Sehnſucht nach Rache. Er über⸗ legte nicht erſt, wie ſehr er ſich ſelbſt ſchade, indem er die Churfürſtin verriethe; er gehorchte nur den Eingebun⸗ gen der Wuth, die Vernichtung des Andern heiſchte. Raſch nahm er ein Schreiben aus ſeinem Pulte, ſtürzte zum Grafen Sacken hin und bat um eine Audienz. Ein Verräther erweckt nirgends Vertrauen. Die er preisgab, war die Mutter des regierenden Fürſten. Seine Abſicht empörte. Beleidigt durch den ihm ge⸗ wordenen Empfang und ohne Ausſicht auf Lohn von dieſer Seite, während er jetzt ebenſo wenig noch die ihm früher geleiſteten Verſprechen Maria Antonia's geltend machen konnte, wuchs ſein Unwille nur noch mehr. Er mußte auf irgend eine Weiſe Vortheil aus dieſer Sache ziehen, er bedurfte einer Stellung, die ihm Geld ein⸗ brachte; mehr noch aber als der Eigennutz, trieb ihn der Wunſch, die Frau, welche er ſeit Jahren in ſeinen Schlin⸗ gen gehalten, dafür, daß ſie ihm entwichen, zu ſtrafen. Er kannte noch einen Punkt, wo er ſie zu kränken ver⸗ mochte. Es war ihm bekannt, wie ſehr ſie Friedrich den Großen verehrte und wie glücklich ſie das Gefühl ſeiner „— Achtung und Freundſchaft machte. Wie, wenn er deſſen gute Meinung von ihr mit einem Schlage zerſtörte! Geſagt, gethan! Er eilte zu dem preußiſchen Geſandten, Herrn von Alvensleben, und theilte ihm ſein Geheimniß mit, hin⸗ zufügend, daß er ihn bitte, den König von Preußen davon in Kenntniß zu ſetzen und ihm, der nun Dresden verlaſſen müſſe, in Berlin eine Anſtellung zu ver⸗ ſchaffen. Braucht man zu ſagen, welcher Empfang ihm auch hier zu Theil ward? Friedrich II. liebte keine Spione; wer einen Herrn verriethe, würde auch dem andern keine treuen Dienſte leiſten, hieß es als Antwort zurück. Wuthſchäumend nahm er auch dieſe Entgegnung hin. Wohin jetzt noch mit ſeinem Verrathe und ſeiner Rache? Gut denn! Wollte man ſein Geheimniß nicht kau⸗ fen, ſo ſollte die ganze Welt es wenigſtens kennen; er beſaß noch der Briefe und Papiere viele, welche die Chur⸗ fürſtin compromittirten, er konnte aufweiſen, welche goldenen Verſprechungen ſie ihm geleiſtet; ja ſogar Aeuße⸗ rungen von ihr waren in den Briefen enthalten, die einer Deutung unterworfen werden konnten, als ob ſie an — ——————— 190 die Möglichkeit gedacht, den Prinzen Karl an die Stelle ſeines älteren Bruders treten zu laſſen. Agdolo war zu ſeinem Unglücke ſo wenig vorſich⸗ tig in ſeinen Mittheilungen über dieſen Punkt, wie in Bezug auf ihn ſeine arme Herrin es geweſen. Das Ge⸗ rücht, von den Alten ſo gut als hundertzungige Fama perſonifizirt, erzählte bald von Mund zu Mund, was Agdolo im Schilde führe, und in wenigen Tagen war ganz Dresden von der ſchrecklichen Kunde erfüllt, die Churfürſtin⸗Mutter ſtelle ihrem Sohne mit Dolch und Gift nach dem Leben, untermiſcht mit den wunderbarſten Erzählungen über den Inhalt von Agdolo's Papieren, mit denen man ihn nach Regensburg reiſen und dort beweiſen laſſen wollte, Friedrich Auguſt ſei nicht der rechtmäßige Sohn ſeines Vaters. Nur der Churfürſt allein blieb dieſen Nachrichten noch fremd; einſichtsvolle Männer ahnten jedoch ſchon, wie er es hinnehmen würde, die Ehre ſeines Namens von einem Abenteurer ſo mit Füßen treten zu laſſen, und gutmeinend warnten ſie Agdolo ſich zu retten, bevor das Ungewitter ſich auf ihn entlade. Er lieh dieſem weiſen Rathe taube Ohren. Nur als man wiederholt in ihn gedrungen, ſeiner Unvorſich⸗ tigkeit ein Ziel zu ſetzen, begann er einzuſehen, wie thöricht er gehandelt. Indem er die Churfürſtin verrieth, mußte er ja nothgedrungen auch zum Verräther an ſich ſelbſt werden. Wenn ihre Unterhandlung mit Oeſterreich ihr zum Verbrechen geſtempelt werden ſollte, wie konnte man dann ihren Gehilfen und Rathgeber frei ſprechen? Die erſte Wuth hatte ſich gekühlt. Die Schuppen ſanken ihm von den Augen. Seinem früheren tollkühnen Muthe folgte jetzt eine eben ſo große Feigheit. In der demüthigſten Stimmung verfaßte er eine ausführliche, ihn rechtfertigende Denk⸗ ſchrift, worin er die ganze Sache mittheilte, und alle Schuld auf die Churfürſtin warf, der zu dienen ſein ein⸗ ziger Wunſch geweſen, ohne dabei zu überlegen, ob das, was ſie im Schilde führte, den Wünſchen des Churfür⸗ ſten entgegen ſein konnte. Dem Memoire fügte er einige Briefe der Churfürſtin bei, die ihn rechtfertigen ſollten. Dieſe Schrift überreichte er perſönlich dem Geheimrath von Zehmen und bat ihn ſie aufmerkſam durchzuleſen, um ſich daraus von ſeiner Unſchuld zu überzeugen. Reich⸗ ten dieſe Beweiſe nicht hin, ſo könne er noch gültigere liefern; denn ſeine beleidigte Ehre zu retten, kenne er keine Rückſicht. Wolle ihm der Churfürſt ſeine Gunſt entziehen, ſo biete ſich dafür kein Erſatz. Den Erfolg erwartend, kehrte er in ſeine Wohnung zurück, voll der beſten Hoffnungen. Er ſah es jetzt frei⸗ lich ein, daß er die Mutter eines Fürſten, wie Friedrich 192 Auguſt, nicht beleidigen dürfe, ohne ihn ſelbſt am tieſſten zu kränken; doch war die Sache nun einmal geſchehen, und wenn man ihn auch aus dem Lande wies, ſo mußte man ſein Stillſchweigen doch immer erkaufen, und mit einem anſtändigen Jahrgehalte befand man ſich überall in der Welt recht wohl. Die Ausſicht hierauf wiegte ihn in Ruhe, und bald ſah er im Traume eine goldene Zukunft vor ſich. Der preußiſche Geſandte war indeſſen auch von durch Agdolo in Umlauf geſetzten Gerüchten in Kennt⸗ niß geſetzt worden, und wohl wiſſend, wie aufrichtig ſein König den jungen Churfürſten ſchätze und wie lange er mit deſſen Mutter in vertrautem Briefwechſel geſtanden, ſandte er ſogleich einen reitenden Boten ab und fragte an: ob man Friedrich Auguſt von dem Vorgefallenen in Kenntniß ſetzen müſſe. Eine Staffette brachte ſogleich die Antwort hierauf, und zwar an den Churfürſten ſelbſt. Es war Abend. Friedrich Auguſt hatte ſich in ſeine Gemächer zurückgezogen, als der Bote des Königs von Preußen ſich melden ließ und um Erlaubniß bat, ihm eigenhändig das Schreiben ſeines Herrn überreichen zu dürfen. Friedrich Auguſt ließ ihn in ſein Cabinet führen und trat bald darauf durch eine Tapetenthüre zu ihm 193 ein. Der Abgeſandte überreichte ihm mit ehrfurchtsvoller Verbeugung das Schreiben ſeines Herrn, der ihn bitten laſſe, es ohne Verzug und ganz allein zu leſen, weil er nur ſo eine ihm drohende Gefahr von ſich abzuwenden vermöge. Der Churfürſt erbleichte. Was konnte Friedrich meinen? Wo drohte ihm Gefahr? Er trat an einen Tiſch und öffnete ſchweigend den Brief. Purpurgluth überflog ſein Antlitz bei den erſten Zeilen, die ſein Auge überflog; dann folgte tödtliche Bläſſe. Als er zu Ende geleſen, faltete er das Schrei⸗ ben mit ſcheinbarer Ruhe zuſammen, ſteckte es in ſeine Bruſttaſche und ſagte gemeſſen und mit großer Ueber⸗ legung zu dem Boten: „Richte Er Seiner Majeſtät meinen Gruß aus, und ſage Er ihr: daß ihr Rath von mir befolgt werden würde.“ Damit winkte er ihm ſeine Entlaſſung und verſchwand durch die Thüre, welche ihn eingelaſſen. 194 Zuülftes Capitel. Das gebrochene Herz. In der Pirnaiſchen Gaſſe zu Dresden, im Hauſe des Geheimraths Färber, brannten die Lichter. Ein Kreis von Freunden und Bekannten des Hauſes hatte ſich verſammelt, um bei den ſich verlängernden Abenden des Septembermonats in heiterer Unterhaltung oder auch am Whiſttiſche einige Stunden zu verbringen. Auch der Chevalier d'Agdolo hatte ſich einge⸗ funden. War der verſchmitzte Italiener auch Manchem nicht angenehm, ſo hatte man ſich während der Admini⸗ ſtration des Prinzen Taver daran gewöhnen müſſen, deſſen Günſtling freundlich zu empfangen, und die Ge⸗ wohnheit ſöhnt uns mit ſo vielem aus, daß endlich auch die ſtärkſten Vorurtheile ſich ihrer Allmacht beugen. Agdolo war überdies ein guter Geſellſchafter, voll luſtiger Einfälle, immer bereit zu einem Witzworte auf eigene Koſten und ohne Schonung für die Schwächen Anderer; ſeine beißenden Bemerkungen erregten Wider⸗ ſpruch, dieſe verurſachten ein lebhaftes Hin und Her der Unterhaltung, und die dadurch verurſachte Aufregung der Gemüther fehlte Allen, ſo wie er ſelbſt fehlte. Obwohl voll guten Muthes wegen des Ausganges der Heute jedoch vermißte man ſeine gewohnte Laune. Sache, erregte es ihm doch ein gewiſſes unheimliches Gefühl, den ganzen Tag an ſich vorüberſtreichen zu ſehen ohne eine Botſchaft des Geheimraths von Zehmen. Hatte dieſer etwa dem Churfürſten noch keine Mittheilung von dem Inhalte des Memoirs gemacht? Jedenfalls konnte er aus eigener Machtvollkommen⸗ heit mit ihm zu unterhandeln verſuchen und ſein Still⸗ ſchweigen im Namen der Churfürſtin⸗Mutter erkaufen wollen, und daß er hierzu noch keinen Schritt gethan, das nur nahm ihn Wunder. Ihm ſelbſt, was konnte ihm geſchehen? Die Furcht, ſeine Bundesgenoſſin zu compromittiren, mußte ja alle Schritte hemmen und ſeine Perſon ſicher ſtellen. Es bangte ihm daher vor gar nichts in der Welt, als daß man ihm ſeine Verſchwiegenheit nicht hoch genug bezah⸗ len, die in ſeinem Beſitz befindlichen Briefe nicht des Kaufens werth halten möge. Trotz ſeiner Verſchlagenheit rechnete er hier ſo ſchlecht. Legte man Gewicht darauf, ſeine Zunge zu bin⸗ den, ſo würde man doch nimmer dem Worte eines Ver⸗ räthers trauen, und welchen andern Bürgen konnte er denn für ſich ſtellen?— Menſch bleibt ja Menſch. In einer vertraulichen Stunde, bei einem Glaſe Wein, ja ſelbſt 196 im Traume noch iſt man nicht immer ſeiner Rede Herr. Wer ein Geheimniß beſitzt, das er verkaufen will, darf nicht hoffen, daß der Betheiligte in ſteter Furcht vor ihm erzittere, ſobald es in ſeiner Macht ſteht, ihn unſchäd⸗ lich zu machen. Agdolo hatte am Whiſttiſche Platz genommen, und während er die Karten miſchte, vergaß er den herrſchen⸗ den Gedanken ſeiner Seele: die fehlgeſchlagene Unter⸗ handlung mit Oeſterreich. Er trug ſeine Uniform eines Oberſten der Garde, die ihm als Flügeladjutanten des Prinzen Raver geblie⸗ ben. Seinen Degen hatte er abgelegt. „Agdolo iſt heute ſo ſtill, bemerkte Einer der Mitſpielenden. „Er macht ein ſo ernſtes Geſicht, als ob er morgen bei der Taufe einer Jüdin Zeuge ſein ſollte,“ ſagte ein Anderer. „Um, wenn ſie hübſch und reich iſt, ſie zu heira⸗ then,“ erwiderte lachend der Gegenſtand dieſer Scherz⸗ reden. „Ich glaubte, Sie wollten nicht mehr in Ehen ſpeculiren, ſeit ſie einmal darin fallirt?“ bemerkte ſein vis-à- vis, indem er den erſten Stich einzog. „Man muß nichts abſchwören,“ ſagte Agdolo lachend.„Wo das Glück winkt, da faſſe man es beim Schopfe. Fortuna iſt eine launenhafte Göttin, welche in ihrem Füllhorn allerhand bunte Blumen trägt; da muß man zugreifen und nicht erſt wähleriſch an ihrem Dufte prüfen.“ „Vortreffliche Grundſätze!“ warf der Geheim⸗ rath Färber ein.„Sie mögen Ihnen manche Abſolution koſten.“ „Meine Kirche iſt großmüthig; ſie ſieht ihren Kindern Vieles nach, um ſie ſchließlich in ihren eigenen Himmel zu führen,“ verſetzte Agdolo mit angenommenem Ernſte. Alle lachten. Das Spiel forderte nun wieder größere Aufmerk⸗ ſamkeit, die Spielenden ließen die Unterhaltung fallen und horchten nur dann und wann auf die in der Ferne geführten Geſpräche. Man unterhielt ſich von den Vor⸗ gängen in der Stadt, den neuen Bauten, welche mit Schnelligkeit fortgeführt wurden, von der jetzt im Brühl'⸗ ſchen Palais aufgeſtellten Porzellanniederlage und der Abſicht des Churfürſten, die Bibliothek in das Japaniſche Palais nach der Neuſtadt zu bringen. Allgemein lobte man die Verwaltung des jungen Churfürſten und ſeine große Sparſamkeit, wodurch er allein im Stande war, das Land wieder emporzubringen, und die Schuldenlaſt nach und nach zu mindern. Auch gedachte man rühmend 198 ſeines ſtrengen ſittlichen Ernſtes, der bei ſeinem Alter um ſo mehr auffiel und im grellſten Widerſpruche zu der Moral ſeiner Vorväter ſtand. „Ob es nur wahr iſt, was man in der Stadt ſagt,“ flüſterte jetzt der Geheimrath Färber, der Gruppe der um ihn verſammelten Gäſte näher tretend. „Was denn? Was denn?“ fragten ſogleich mehrere Stimmen. „Daß Hegewald hier geweſen und.. „Hier geweſen iſt er, ich habe ihn ſelbſt geſehen und geſprochen,“ warf Einer aus der Gruppe dazwiſchen. „Aber was iſt denn ſo Beſonderes dabei, daß er ſich hier aufgehalten?“ „Man ſagt,“ fuhr der Geheimrath von Färber noch leiſer fort,„daß die Churfürſtin ihn hergeſandt, um mit ihren Schuldnern zu unterhandeln, und bei der Gelegen⸗ heit einen Verſuch zu machen.. Was nun folgte, konnte Agdolo nicht hören, ſo aufmerkſam er ſein Ohr auch lieh. „Nicht möglich! Nicht möglich!“ wiederholten jetzt mehrere Stimmen aus der Gruppe. „Eine Taſſe Chocolade, ſagen Sie?“ fragte Einer dazwiſchen. „Man hat es entdeckt?“ fragte ein Anderer. „Und Hegewald? Was iſt aus dem geworden?“ „Er iſt abgereiſt, aber bei Nacht und Nebel, heißt es, und wie man ſagt, iſt auf höheren Befehl ſchon ein Diener der Polizei ihm nachgeſandt, um ihn einzuholen.“ „Auf höheren Befehl? Wirklich?“ lautete die be⸗ denkliche Erwiderung. „Es kann auch bloßes Stadtgeſchwätz ſein,“ nahm ein alter Herr das Wort.„Sie glauben nicht, wie oft ich es ſchon in meinem langen Leben erfahren habe, daß ganz aus der Luft gegriffen ſolche Gerüchte umlaufen, an denen ſchließ lich auch kein Wort wahr iſt.“ „Hier aber ſcheint doch ein Grund vorhanden!“ „Und dann,“ nahm der Geheimrath Färber das Wort,„bin ich der Anſicht, daß jedes Gerücht irgend eine Baſis hat, auf der es beruht. Nichts iſt aus der Luft gegriffen.“ „Freilich, wenn Sie eine ganz entſtellte Thatſache immer noch für eine Wahrheit halten wollen,“ bemerkte der alte Herr kopfſchüttelnd.„Mir iſt die ganze Ge⸗ ſchichte undenkbar. Eine Mutter— und eine ſolche Frau! Mag es immer ſein, daß man ein Kind dem andern vor⸗ ziehe und es zu begünſtigen wünſche, dennoch wird man keine ſolchen Schritte thun, nicht um ſolchen Preis einer Vorliebe fröhnen. Nein, nein, Meſſieurs, es iſt undenk⸗ bar! Es iſt ganz unmöglich! Es iſt eine infame, abſcheu⸗ „———.— —————— S 200 liche Erfindung, die zu wiederholen man ſich ſchämen ſollte.“ Die Herren zuckten die Achſeln; der Geheimrath Färber trat, durch dieſe Worte beleidigt, von der Gruppe zurück, während die Uebrigen ihre Unterhaltung flüſternd fortſetzten. Agdolo hatte während der Zeit einen ſehr unacht⸗ ſamen Spieler abgegeben und von ſeinem vis-à-vis manchen Vorwurf hören müſſen. Die über ſeine Verſehen erhobenen Klagen wurden laut und heftig vorgebracht, und verhinderten ihn zu hören, was ihn ſo lebhaft intereſſirte. Ungeduldig kniff er die Lippen zuſammen und murmelte einen Fluch zwiſchen den Zähnen. Das on dit der Stadt war ihm heute vor allem intereſſant, weil er zu wiſſen wünſchte, wie er ſelbſt dabei genannt ſei, und was man vermuthe, errathe, wiſſe, oder nicht wiſſend erſinne. Indem alle Gäſte mehr oder minder auf verſchie⸗ dene Weiſe beſchäftigt waren, liehen ſie dem draußen auf der Hausflur entſtehenden Geräuſche kein Ohr. Und doch ſchien es dort lebhaft herzugehen. Die Diener ſtrit⸗ ten mit Jemandem, dem ſie, wie es ſchien, den Eingang wehren wollten.— Jetzt plötzlich ward Alles wieder ſtill. Nur Männertritte hörte man die Stiegen hinauf den Corridor entlang gehen. Niemand achtete darauf. —————————— ———— — 203 ſis,“ bemerkte der Geheimrath Färber, und wanderte nachdenklich im Zimmer auf und ab. „Und ich ſage in dieſem Falle nicht Nein,“ erwi⸗ derte der alte Offizier, nahm ſeinen Hut und verließ mit vielſagender Miene das Zimmer. Agdolo ſchritt indeſſen mit ſeinen Begleitern in die dunkle Straße hinaus, wo keine Lampen ihren Weg be⸗ leuchteten. Sie ſchritten mit ihm dem Pirnaiſchen Thore zu, wo die Wache ſie anrief.„Im Namen des Chur⸗ fürſten!“ hieß es zurück, und man ließ ſie paſſiren. Draußen hielt ein verſchloſſener Wagen. „Wohin führen Sie mich?“ fragte der Chevalier jetzt mit einem Ausdrucke der Aengſtlichkeit in den Zügen, welche die Dunkelheit ſeinen Begleitern entzog. „Unſere Weiſung lautet, Ihnen keinen Aufſchluß darüber zu geben,“ verſetzte der Gefragte höflich⸗ Ein langes So! war die Antwort. Bald aber fügte er, den Unbekümmerten ſpielend, hinzu: „Wenn es nur ein gutes Nachtquartier iſt und wir es bald erreichen, mir gleich viel, mit welchem Namen Sie es benennen wollen.“ Keine Antwort erfolgte auf dieſe Bemerkung. Der Wagen rollte in die ſtille Nacht hinaus, die Häuſer ent⸗ ſchwanden ihren Blicken, durch Felder und Wälder ging ihr Weg, aus der Ferne her tönte von den Kirchen Dres⸗ 13* 204 dens die zwölfte Stunde, und ungeachtet der ſpäten Stunde ging es weiter und weiter. Seine Wächter ſchienen zu ſchlummern. Sollte er den Schlag öffnen und entflichen? Eine Minute lang trat dieſer Gedanke verführeriſch vor ſeine Seele, im zweiten aber ſchon ließ er ihn fallen. Wohin? fragte er ſich, und die Antwort hierauf wurde ihm nicht leicht. Wozu auch? tröſtete er ſich dann wieder. Der Churfürſt hatte nur ſeiner Briefe habhaft werden wollen; dieſe beſaß er jetzt, und wenn er ſie durchgeſehen, daß er nur im Sinne der Churfürſtin, ſeiner Mutter, gehan⸗ delt, wie konnte er an ihm dann rächen wollen, was eigentlich jene verbrochen. Auf dieſe Weiſe ſprach er ſich Muth ein und ver⸗ gaß des weiſen Anacharſis Bemerkung über die Athener, welche die kleinen Diebe hängen, die großen aber laufen laſſen. Langſam zog die Zeit an ihm vorüber. Er glaubte, es müſſe Morgen ſein, und noch hatte man den erſten Hahnenſchrei nicht gehört. Wohin ſie ihn führten, errieth er nicht. Die Dörfer lagen in Dunkelheit begraben, ein kleines Städtchen, das ſie paſſirten, ſah ihm wie Pirna aus. Zu ſprechen, wo er keine Antwort erhielt, war ein eitles Vergnügen. So kühlte er denn ſeinen Unmuth in ſtillen Verwünſchungen ſeines unglücklichen Geſchickes, das ihm ſtets Reichthum und Ehre verſage, wenn er nur einen Schritt davon entfernt zu ſein glaube. Der Wagen hielt jetzt an. Ein mächtiges Thor öffnete ſich, ſie fuhren wie in eine Feſtung ein. Was war denn das? Was ſollte das? Der Athem ſtand ihm ſtill. Alles lag hier in tiefem Schlaf begraben; doch die Ordre des Churfürſten rief ſchnell den Commandanten wach, um ſeinen Gefangenen in Empfang zu nehmen. Agvolo hatte dieſen oft geſehen.. „Auf dem Königſtein?“ rief er mit einem Aus⸗ druck, als ob es plötzlich jetzt vor ſeinem Blicke tage. „Auf dem Königſtein!“ Der Commandant nickte bejahend. „Aber ich bitte Sie, wie lautet die Anklage gegen mich und was habe ich hier zu gewärtigen?“ fragte der Chevalier mit ſteigender Angſt in Blick und Ton. Der Commandant legte den Finger auf den Mund. „Um Gottes Willen, ſtehen Sie mir Rede Warum führt man mich hierher? Was ſoll ich hier? Vor ein Kriegsgericht geſtellt werden? Oder nicht? Oder nur eine Haft? Und auf wie lange?“ Der Commandant deutete, ſtatt aller Antwort, auf 206 ein Schreiben in ſeiner Hand und legte dabei abermals den Finger auf den Mund. „Mein Gott! Man antwortet mir nicht!“ rief Agdolo jetzt verzweifelnd.„Der geringſte Verbrecher hat doch ein Recht zu wiſſen, weſſen man ihn beſchuldigt, und wird vor ſeinen Richter geſtellt, und mir verweigert man dieſes Recht. Mich ſteckt man ein, als wäre ich von geſtern. In mir beſchimpft man meine Uniform und den Offizier. Ich will, daß man mich höre. Ich will hier nicht verſtummen. Man zwingt mich nicht auf dieſe Weiſe! Die Stimme bleibt mir doch, und ſelbſt durch eines Kerkers Mauern ſoll ſie dringen und der Welt verkünden, was ich weiß.“ Der Commandant winkte, und zwei Soldaten führten den Gefangenen ab. Mit einem ſchmerzvollen Blick ſchaute Agdolo noch einmal auf den Mann zurück. Dieſer zuckte die Achſeln bedauernd. Die Thüren ſchloßen ſich— der Gefangene war in ſein Grab geſtiegen.— Die Feſtung Königſtein, wenige Stunden von Dresden, inmitten der ſächſiſchen Schweiz gelegen, iſt eine Perle des Sachſenlandes. Hoch oben auf einem Felſen iſt ſie erbaut, den keine Gewalt der Waffen erſtürmen kann. Mit einem Brunnen verſehen, der ein lebendiger Born iſt, mit Kaſematten, in welchen die Soldaten ſchützend ihn bewachen, mit Vorräthen reich — ausgeſtattet, iſt dieſer Punkt ein feſter Halt in böſer Zeit. Gnade aber dem Gefangenen, der durch ſeine enge Pforte einfährt. Die ſchöne Auft, welche friſch belebend auf dieſer Höhe weht, dringt in ſeinen Kerker nicht ein; der Sonne Licht findet ihn da unten nicht; die weite Ausſicht in die ſchönen Thäler, welche die Elbe durch⸗ ſtrömt, ſind ſeinem Auge verſchloſſen. Die Hand der Liebe reicht ihm hier keine Spende, führt ihm hier keinen Troſt zu; denn ſeine Gitterfenſter ſind ihr unerreichbar, und kein Geld öffnet ihr dieſe Pforte, deren Hüter nicht der Lohn, ſondern das Gebot der Ehre zu unbeſtechlichen Wächtern macht. Pierzehntes Cnpitel. Mutter und Sohn. Tiefe Stille herrſchte in dem alten Schloſſe zu Dres⸗ den, deſſen Mauern ſchon ſo manches Jahrhundert ge⸗ ſehen, ohne zu erzählen, was ſich innerhalb der grauen Wände zugetragen; Mitternacht war lange vorüber, die Bewohner der Stadt hatte ein tiefer Schlaf heimgeſucht; . das feierliche Schweigen machte das Summen einer Fliege vernehmbar. 208 Vielleicht war kein Auge jetzt mehr wach. Nur Chur⸗ fürſt Friedrich Auguſt hatte die Ruhe zu ſuchen unter⸗ laſſen. Es war eine milde Septembernacht. Das Fenſter ſeines Cabinettes ſtand geöffnet. Die Helle des Lichtes zog die Motten herein, dieſe Schmetterlinge der Nacht, welche die Flammen umkreiſten, bis ſie die braunen Flü⸗ gel daran verſengt. Es war ein Bild des Lebens. Wir Alle laufen mehr oder minder unſerem Schick⸗ ſale in die Arme, nicht gewahrend, daß es unſer Verder⸗ ben will, bis es uns an die eherne Bruſt drückt. Der junge Mann ſah bleich aus. Seine Augen blickten trübe und traurig. Sollten Thränen ſie genetzt haben? Thränen, die ein Mann weint, und einſam weint, haben eine furchtbar erſchütternde Wirkung. Er war ausgekleidet. Es mochte ihm zu warm ge⸗ worden ſein vor der Flamme des Kamins, die, wenn auch nur ſchwach lodernd, doch die Luft ſchwül machte. Dennoch ſchürte er ſie von Zeit zu Zeit, um ihr Ver⸗ löſchen zu verhüten. Er las. Es war geſchriebene Schrift, Briefe, deren Inhalt ihn zu intereſſiren ſchien. Dennoch warf er jeden geleſenen in die Flamme, und hielt ſein Auge darauf geheftet, bis keine Spur davon zurückgeblieben. 209 Erſt mit dem grauenden Morgen war ſeine Arbeit beendigt. In eben der Minute, wo Agdolo ſeinen Kerker betrat, hatte Friedrich Auguſt bis auf die letzte Zeile jedes Blättchen der Correſpondenz ſeiner Mutter mit dem Ge⸗ fangenen auf dem Königſtein verbrannt und ging zur Ruhe.— Gerüchte ſind ein Kind des Augenblickes. Sie kom⸗ men und gehen, man weiß oft nicht woher, noch auch wohin, den Winden gleich, welche vom Aequator herauf, aus der heißen Zone uns oft die ſchneidende Kälte des Poles zuführen, mit denen ſie auf ihrem Wege ſich ge⸗ miſcht. Man ſprach wohl noch von dem, was dieſe Nacht verhüllte, man flüſterte, erfand auch manches; doch end⸗ lich fing man zu vergeſſen an, und nur bei ſeltenen Ge⸗ legenheiten wurden aus den Kammern des Gedächtniſſes Erinnerungen hervorgeholt, welche, viel verjährt, wie Thatſachen erſcheinen. Der junge Churfürſt hatte mit dem erwachenden Tage die ganze Sache vergeſſen und nie mehr kam eine Silbe in Bezug darauf über ſeine Lippen. Er ſchwieg und gebot damit auch ſeiner Umgebung Schweigen. Was er an jenem Tage ſeiner Mutter ſchrieb, das las Niemand, außer der Empfängerin ſeines Briefes. Es mochte dem Sohne ſchwer werden, die Worte für das zu 210 finden, was er ihr mitzutheilen hatte; je tiefer, je ſchmerz⸗ licher uns etwas berührt, je ſchwieriger erweiſt ſich uns die Sprache in den zu wählenden Ausdrücken. Er ließ daher lieber den Fürſten hier reden als den Sohn, und heiſchte im Namen des Erſteren ihre Rückkehr nach Sachſen. Welch' ein Sturm in der Bruſt dieſer Frau!— Welch' eine Wunde für ihren ſtolzen Sinn! Solche Momente tödten den Keim des Lebens. Wie wenn der Wurm an einer Wurzel nagt, und die ſchein⸗ bar geſunde Pflanze dahinwelkt, ſo auch zehrte das Nach⸗ weh dieſer Stunde ihr Leben auf. Das Schweigen des Grabes ſollte dieſe Angelegen⸗ heit decken, forderte ihr Sohn. Agdolo war beſorgt und aufgehoben; doch Hegewald befand ſich noch auf freiem Fuße, und um den treuen Diener nicht das Loos des Ver⸗ räthers theilen zu laſſen, öffnete ihr Geld ihm die Wege zur Flucht. Froh athmete ſie auf, als ſie die Nachricht erhielt, dies Werk ſei ihr gelungen, und ſie habe damit den Fluch eines Schickſals von ihren Schultern gewälzt. Doch nun kam ein ſchwerer Schritt, für ſie der ſchwerſte: ihre Rückkehr nach Dresden. Es war Dezember geworden. Spärlicher Schnee deckte die Flur. Die Landſchaft lag in graue Nebel ge⸗ hüllt. Die Stimmung ihres Gemüthes gab die Natur ihr zurück. Da nahte ſie ſich der Hauptſtadt des Landes, wo ſie an Glück und Schmerz ein reiches Maß gefunden. Ihr Herz ſtand ſtill, als ſie die Thürme erblickte; ihr war zu Muthe, als zöge ſie in ihr Grab ein. Der junge Churfürſt kam ſeiner Mutter entgegen und begrüßte ſie mit allem ihrem Range gebührenden Anſtande. Sie zitterte bei ſeinem Anblick, aber ſie ver⸗ barg ihr Zittern. Aeußerlich ſchien in ihrer Beziehung nichts verändert, das Publikum ſollte Zeuge ſein, daß nichts ſie trennte; allein das Publikum empfing ſie kalt. Sie war ihm eine Fremde geworden. Er hob ſie jetzt vor den Angen Aller aus ihrem Wagen und führte ſie die Treppe hinauf; hier erſt, als ſich die Thüren hinter ihnen geſchloſſen, blickten Sohn und Mutter ſich in das Auge. Dieſe ſtumme Sprache war beredter als alle Wor⸗ te.— Ihr Sohn, der Richter ihrer Thaten! Der Vorwurf von der einen Seite und von der andern der empörte Stolz tauſchten ſich gegen einander aus. Beide fühlten ſich auf der empfindlichſten Seite ge⸗ troffen und ihre Wunden heilten nicht. Verzeihen! Dies ſchöne Wort, das uns die Engel lehrten, es iſt für Sterbliche nur ein Begriff; verzeihen kann nur der, der auch vergeſſen kann. Vergeſſen aber iſt kein Act 212 des Willens, darum auch ſchufen ſich die Alten einen Strom, den Lethe, in dem ſie jede ſchmerzliche Erinne⸗ rung ertränkten, bevor ſie das Eliſium erreichten. Verzeihen kann man leicht, denn es geſchieht mit Worten; vergeſſen kann man nie, denn es iſt That. Was in dem Buche unſeres Lebens verzeichnet ſteht, das löſcht der Wille nie mehr aus, und ſelbſt der Reue Thränen verwiſchen die rothe Schrift nur auf Momente. Schweigend hatten Mutter und Sohn ihre Gedan⸗ ken ausgetauſcht, ſchweigend ihre Uebereinkunft getroffen, des Geſchehenen nie mehr zu erwähnen. Doch, konnten ſie damit verhindern, daß Jeder in der Seele des Andern las? Sie lebten ſo nahe einander, ſie ſahen ſich bei Fa⸗ milienfeſten und an Gallatagen, doch änderte ſich in ihrer Beziehung nichts. Ob freiwillig, ob gezwungen, genug, Maria Antonia verließ das Land nie mehr. Sie konnte das Geſchehene nicht ändern; allein be⸗ reuen und Sühne ſuchen, das konnte ſie. Sie betete viel. Abſichtlich das Unrechte gethan zu haben, konnte ſie ſich nicht vorwerfen, und wenn ſie unvorſichtig ihren er⸗ ſten Eingebungen folgte, ſo war das ein Fehler ihrer Natur, aus dem wieder alle ſchönen Regungen ihres Herzens hervorgingen. Unſere Fehler ſind auch zugleich unſere Tugenden. Am liebſten hätte ſie ſich in ein Kloſter zurück⸗ gezogen, und ohne Zweifel wäre ein ſolcher Aufenthalt, Leben und Treiben einer Reſidenz, in der ſie jetzt als Gefangene lebte, ihrem Gemüthe weit zuträg⸗ licher geweſen; doch hielt ſie der Churfürſt von Trier fern von dem davon ab. Sie hatte noch Mutterpflichten zu erfüllen, und, indem ſie dieſen genügte und ihnen das Beiſpiel eines beſchaulichen Lebens gewährte, konnte ſie nicht nur ſich ſelbſt auf den Himmel vorbereiten, ſondern auch auf der Erde noch Nützliches wirken. Demüthig nahm ſie ihr Kreuz auf ſich. Wir ſind unſeres eigenen Schickſals Schmied, das ſagte ihr der Verſtand, in Bezug auf unſer inneres Leben. Ihrem der ſchon 21 Jahre zählte, dictirte ſie die Früchte ihres Nachdenkens in die Feder; er ſchrieb Sentimens d'une ame pénitente sur Sohne Anton, für ſie nieder: le psaume miserere, und Principes de chrètienne, welche beide von der tiefen Andacht ihres Gemüthes Zeu gniß ablegen. morale Ihr Briefwechſel mit Friedrich dem Großen ward wieder angeknüpft, ohne daß ſie darin der eingetretenen Pauſen gedachten. Wie ſonſt, blieb es ein geiſtiger Aus⸗ tauſch über Literatur und Kunſt, es war der kalte Ver⸗ 214 ſtand, der renete, und die Prüfungen, welche das Herz indeſſen beſtanden, wurden nicht erwähnt. So ſchrieb er ihr wenige Wochen nach ihrer Rück⸗ kehr, am 8. Januar 1777: „Das Publikum unterhält ſich hier mit der Oper Cléofide von Haſſe, welche man wieder auf's Theater gebracht hat. Die guten Werke bleiben immer dieſelben, und hat man ſie einmal gehört, wünſcht man ſie immer wieder zu hören; außerdem iſt die jetzige Muſik in ein Charivari ausgeartet, welches die Ohren verletzt, anſtatt denſelben zu ſchmeicheln, und der gute Geſang von den Zeitgenoſſen nicht gekannt. Um denſelben wiederzufinden, muß man zu Vinci, Haſſe und Graun zurückkehren. Ich würde noch eine berühmte Componiſtin nennen, welche verdient, zu ihnen gezählt zu werden; aber ich fürchte Alles zu ſagen, was ich denke, und kaum iſt es mir geſtattet, meine Gefühle der Bewunderung nur andeuten zu dürfen.“ Dieſe ſchmeichelhaften Aeußerungen über ihr Talent nahm ſie jetzt hin wie eine Speiſe, welche dem nicht mehr wohl thut, deſſen Sinn bereits der Erde abgewandt iſt. Doch hütete ſie ſich wohl einem Philoſophen von ihren religiöſen Empfindungen zu reden, und antwortete ihm darauf: ——————— ——— 6 * — † 1 † 8 2