e———— S—= deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und eſebedingungen 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 7/ 77 7 77*. 7 7/ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 Leihbiblivthek„ ———— ——— — Album. Vibliothek deutſcher Mriginalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Fünfzehnter Jahrgang. Zehnter Band. Maria Antonia.. H. Prag, 1860. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Murin Antonia, oder Dresden vor hundert Jahren. Zrithild von Amely Bölte. Die wahre Religion iſt die Pflichterfüllung, das beſte Gebet die That. Gutzkow's, Zauberer von Rom. S„———————— Zweiter Band. Prag, 1860. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Prag, Druck von Jarosl. Poſpizil. Inhult. Seite Erſtes Cnpitel. Die Pilgerfahrt nach Prag. 9 Zweites Cnpitel. Der Baumeiſter Chiet Prittes Cnpitel. Das liebe kleine Fritzl 32 Piertes Cnpitel. Rabener und Voltaire.. 166 Fünftes Cnpitel. Der Abſchied Raphael Mengs von Au⸗ guſt II.. 60 Sechstes Cnpitel. Die Ankunft der Madonna del Sixto 73 Siebentes Cnpitel. Das Kochfeſt 93 Achtes Capitel. Die Preußen in Dresden 11102 Meuntes Capitel. Das vergiftete Frühſtic 122 Zehntes Cnpitel. Die Vorſtädte brennen 11410 Elftes Capitel. Die Flucht vor dem Vombardement 163 Zwölftes Enpitel. Das Mittagsmahl in Moritzburg 179 Marin Antonia, oder Dresden vor hundert Jahren. —— Zweiter Theil. Erztes Capitel. Die Pilgerfahrt nach Prag. Dunkelheit herrſchte noch auf der Erde; da ſprach ein Gott: es werde Licht.— Und es ward Licht. Das Auge der Menſchen konnte nun erkennen, was die ſicht⸗ bare Welt ihm zeigte; ſein Geiſt aber nicht die Geheim⸗ niſſe der Macht durchdringen, welche durch eine unſicht⸗ bare Kraft das Weltall bewegt und zwiſchen zwei Ewig⸗ keiten das Jetzt für uns hinſtellte. In dieſer Unzulänglichkeit unſeres Denkvermögens ſchufen wir uns Weſen, mit denen wir die uns verliehene Sprache reden, denen wir unſer Wünſchen und Wollen, unſer Lieben und Haſſen, unſer Glück und unſere Pein verſtändlich machen, die uns bemitleideten, beklagten, und uns auch helfen konnten, wenn es uns erſprießlich war. Dieſer idealiſirte Wiederſchein des eigenen Selbſt wurden unſere Heiligen, unſere Schutzpatrone, die, wo die ganze Welt uns verließ, bei uns ſtanden. 1860. X. Maria Antonia. II. 1 *) Weber, Maria Antonia. 10 Auch Maria Antonia beſaß einen ſolchen Berather. Als ihre Mutter, die Kaiſerin, von einem Falle hergeſtellt worden, ſchrieb ſie es der Vermittlung des heiligen Ne⸗ pomuck zu, und gelobte aus Dankbarkeit eine Wallfahrt nach ſeinem Grabe zu unternehmen. Sie hatte jetzt ſelbſt an manchen kleinen Uebeln gelitten, von denen die Kunſt der Aerzte ihrer Zeit ſie nicht zu befreien vermochte. Man quälte ſie mit Aderlaß, reichte ihr allerlei bitteres Getränk, um ihr Blut damit zu kühlen, und ſchrieb ihr eine magere Koſt vor. Sachſen war vielleicht damals ſchon wegen ſeiner Küche ſo wenig berühmt, wie es heute iſt. So wurde ihr denn eine Köchin aus Baiern nachgeſandt*), um ihr die von Kindheit angewöhnten Speiſen zu bereiten.— Sie ſollte ſich von dem Laſter der Gourmandiſe heilen, und ſie nahm ſich ernſtlich vor, immer daran zu denken, wie unwürdig es eines Menſchen ſei, das Eſſen zu ſeinem Genuße zu machen. Arme junge Frau! Indem ſie ihrem geſunden Appetite nachgab, beging ſie wahrlich keine Sünde, gehorchte ſie nur einem Gebote der Natur, und daß ihr die Speiſen nicht bekamen, lag —* — — 12 ohne Zweifel an ihrer ſitzenden Lebensweiſe, an dem Mangel an Bewegung und Luft. Zahnweh geſellte ſich nun noch zu ihren übrigen kleinen Leiden, Zahnweh— dieſer der Hölle entnommene Schmerz, der uns gleichgültig ſtimmt gegen jeden Reiz des Lebens. Wie leicht iſt es ein großes Mißgeſchick zu ertragen, das unſern moraliſchen Menſchen in ſeiner Würde einem unverdienten Schickſal gegenüber hebt, und wie ſchwer ein Weh zu erdulden, das jeden Nerv erzittern macht und dennoch uns um keinen Zoll in unſeres Nachbars Achtung erhöht. Ach! Nur die Tugend iſt ſchwer zu üben, welche uns den Beifall Anderer entbehren läßt. Die Aerzte am Hofe Auguſt's III. wußten nicht mit kranken Zähnen umzugehen, noch weniger aber ſie aus⸗ zureißen, ohne ein Stück Kinnbacke mit hinwegzunehmen. Maria Antonia ſchauderte vor einer ſolchen Operation. Sie duldete lieber den Schmerz, als ſeiner durch ſolch ein Opfer entledigt zu werden. Da meldete ſich eines Tages der Hanswurſt einer franzöſiſchen Truppe*) und bat, empfohlen durch die Kai⸗ ſerin, um die Vergünſtigung, der Frau Churprinzeſſin *) Weber, Maria Antonia. 12 den böſen Zahn ausziehen zu dürfen. Was auch die ge⸗ lehrte Facultät dazu ſagen mochte, Maria Antonia ver⸗ traute ſich der Hand dieſes Luſtigmachers an— und ſiehe da! er bewies ſich als Meiſter. In doppeltem Sinne mochte ſie nun ihrem Heili⸗ gen danken, und trat daher um ſo williger ihre Pilger⸗ fahrt an. Doch nicht zu Fuß, nicht mit dem Stabe in der Hand, nicht auf die Hospitalität Gutwilliger angewieſen, begann ſie ihre Reiſe nach dem Schreine des Heiligen. So pilgerte man nicht mehr. Ihr Gemahl begleitete ſie, die königlichen Wagen, von den beſten Poſtpferden be⸗ dient, beförderten ſie ſchnell ihrem Ziele zu, und dienſt⸗ befliſſene Beamte bereiteten ihr jede Bequemlichkeit. Tet⸗ ſchen, Bodenbach, die ſchönen Gegenden der ſächſiſchen Schweiz erquickten ihr Auge, bis ſie endlich die herrliche Moldau vor ſich ſah, und die Hauptſtadt Böhmens, mit ihren eigenthümlich grünen Kuppeln und Thürmen, ſo verſchieden von allen nordiſchen Städten, in ihrer wun⸗ derbaren Pracht und Schönheit vor ihrem trunkenen Auge da lag. Vor Ueberraſchung verſtummend, blieb ihr nur ein leiſes Ach! der Begrüßung, wodurch ſie ihr Ent⸗ zücken beredter, wie durch Worte, verrieth. Sie ſtieg bei ihrer Anverwandten, der Herzogin von Baiern ab, und wurde hier feſtlich und herzlich be⸗ willkommt. Der eigentliche Zweck ihrer Reiſe beſchäftigte ſie hierauf nun freilich zuerſt, der frommen Pflicht mußte Genüge gethan werden, und gerne widmete ſie ſich die⸗ ſer Aufgabe. Dann aber blieben ihr auch Stunden, wo ſie die Kirchen und Klöſter beſuchen, den Hradſchin be⸗ ſteigen und die Umgebung in Augenſchein nehmen konnte. In Prag gab es des Sehenswürdigen ſo viel. Pa⸗ laſt reihte ſich hier an Palaſt, aus den Zeiten, wo ein Wallenſtein hier gehauſt, war ſo manches übrig geblie⸗ ben; Böhmen, Czechen, Deutſche hatten hier nacheinan⸗ der ſo vielen Glanz verbreitet, ſo vieles Schöne nach⸗ gelaſſen. Die alte Brücke mit ihren Statuen, die engen Straßen des Judenviertels, das Alles wollte beſehen ſein. Die Sternwarte, berühmt durch einen Ticho Brahe und Johannes Kepler, gehörte ebenfalls unter die Merk⸗ würdigkeiten für ſie. Wie viele Inſtrumente zeigte man ihr hier nicht, um das Weltall damit zu meſſen, die Sterne zu erſpähen und ihren Lauf zu beſtimmen! Wie groß, reich und neu erſchloß ſich hier für ſie die unermeß⸗ liche Weite des Himmels, die auch der kühnſte Gedanke nicht zu durchdringen vermag.— Hier wurde gerechnet, gezählt, hier wurde Welt an Welt gereiht, bis aus dem Durcheinander ein wundervolles Ineinander ward, das 14 ewige Geſetze bis in die engſten Grenzen feſtſtellte.— Bis auf die Stunde, bis auf die Minute beſtimmte ſich hier der Lauf des kleinſten Sternes; man wußte genau, daß heute dort oben Alles grade ſo ſein würde, wie es vor Tauſenden von Jahren ſchon geweſen, daß die Sonne heute grade ſo heraufziehen würde, wie es unſer kleiner Erdball bei ſeinem Entſtehen ſchon geſehen, daß ein ewi⸗ ges Wiederholen, ein ewiges Schon⸗dageweſen⸗ſein neben dem ſcheinbar Neuen walte, und Ewigkeit von Ewigkeit durch nichts ſich unterſcheide, als für uns durch die all⸗ mälige Entwickelung der kleinen Weltkugel unter unſern Füßen und durch das Vorwärts der Civiliſation ihrer Bevölkerung.— Hier hatte die Zeit ein Maß; dort gab es keine Zeit. Staunend ſah ſie den Himmel und die vor ihr ge⸗ öffneten Bücher an, welche den Lauf der Geſtirne vor⸗ zählten. Hier erſt lernte ſie an Wunder glauben, indem das größte, das herrlichſte, die Geſetze der Schöpfung, ſich vor ihrem Auge enthüllten. „Und ich ſollte an meine eigene Freiheit glauben?“ fragte ſie ſich nachdenklich. Die Blätter färbten ſich bereits und ſchmückten mit gebräunten Tinten das dichter werdende Grün der Land⸗ ſchaft. Maria Antonia ließ ſich bis an den Fuß des Hradſchin fahren, und beſtieg die Höhe, um bei ſonniger mit nd⸗ des Beleuchtung die Gegend in ihrer vollen Pracht zu über⸗ ſchauen. Durſtig tränkte ſie ihr Auge damit. Wie ſchön erſchien ihr der Himmel, wie ſchön die Erde, wie ſchön das ganze Leben!— Ihr Gatte begleitete ſie auf ſolchen Promenaden nicht, weil es ihm unmöglich war, das Vergnügen eines Spazierganges zu genießen; ſie dagegen bedurfte ſtar⸗ ker körperlicher Bewegung, ſchon um ihren Geiſt dadurch einzuſchläfern und ſeine übergroße Thätigkeit zu verhin⸗ dern.— Nur reiten und fahren konnte ſie gemeinſam mit ihrem Gatten, und zu dem Erſteren trieb ſie ihn daher auch häufig an. Der Prinz war indeſſen heute zu Hauſe geblieben. Er wollte ihr eine kleine Ueberraſchung vorbereiten. Der Churfürſt von Baiern wurde erwartet. Maria Antonia wußte nichts von dieſem Beſuche ihres ſo ſehr geliebten Bruders. Am Abend war Geſellſchaft geladen, und es ſollte Muſik gemacht werden. Namentlich wollte ſie eine Compoſition vortragen, zu der ein Graf von Sporck die Begleitung auf dem Violoncello übernommen, das er vortrefflich ſpielte. Prinz Chriſtian beabſichtigte nun ſei⸗ nen Schwager zu ihrem Zuhörer machen, ohne daß die Prinzeſſin darum wußte, und ſie dann am Schluße durch deſſen Erſcheinen zu belohnen. Während ſie nun den Hradſchin beſtieg, bereitete er dieſe Ueberraſchung vor. Strahlend von Heiterkeit und Lebensluſt kehrte ſie, als es zu dämmern begann, zurück und kleidete ſich um zu dem vorhabenden Feſte. Lächelnd ſah der Prinz ihr zu, und freute ſich im Voraus ihrer Freude, wenn plötzlich aus der Zahl der Gäſte eine wohlbekannte Geſtalt ihr entgegen treten werde. Und ſeine Hoffnung trog ihn nicht. Ihre Briefe an ihre Mutter beweiſen, wie tief und freudig ſie die Gegenwart ihres Bruders empfand und wie glücklich ſie dieſe Tage ſeines Hierſeins verlebte. Nach ihrer Tren⸗ nung von der Heimath war es das erſte Wiederſehen ei⸗ nes Mitgliedes ihrer Familie, dem ſie noch überdem mit beſonderer Zuneigung anhing. Noch einmal beſuchte ſie nun mit ihrem Bruder ge⸗ meinſam alle Merkwürdigkeiten Prags, noch einmal er⸗ wies ſie dem heiligen Nepomuck eine Ehre, und bat ihn um die Erfüllung ihrer frommen Wünſche; dann kam die Stunde des Scheidens nach glücklichen Tagen, die in der Seele ein leiſes Gefühl des Heimwehs zurücklaſſen, genährt durch das Bewußtſein, daß ſie uns ſo nicht wie⸗ derkommen. Nach Dresden zurückgekehrt, ſuchte ſie Troſt in ihrer Arbeit und in ihrem Briefwechſel, um die aber⸗ malige Trennung von ihrem Bruder zu verſchmerzen. Sie dichtete an einem Schäferſpiele,„der Sieg der 17 Treue“ genannt, ſie ſchrieb an einem Oratorium, und bildete mit unermüdlichem Fleiße ihre Talente aus.— Der König blieb noch in Warſchau, es gab daher keine glänzenden Hoffeſte und ihr geſelliges Leben nahm ſie wenig in Anſpruch; um ſo mehr konnte ſie ſich ſelbſt an⸗ gehören. Mancher Klageruf drang indeſſen an ihr Ohr, man⸗ cher Schmerzenslaut des hart gedrückten Volkes, deſſen Armuth ſich täglich mehrte. Oft wünſchte Maria Anto⸗ nia reich zu ſein, oft drückte es ſie nicht helfen zu können. „Wenn ich einſt Königin bin,“ ſegt ſie ſich häufig, „ſo ſoll kein Snn ungehört von mir gehen.“ Sie glaubte noch jedem Impuls ihres Herzens fol⸗ gen zu müſſen, und konnte das Nein nicht ſprechen, wel⸗ ches dem Menſchen weit mehr, wie dem Könige, ſchwer fällt. Im Februar kehrte der Hof aus Warſchau zurück, mit leerer Börſe, wie gewöhnlich. Der König freute ſich ſeine lieben Bilder wieder zu ſehen, von denen er ſogar einige als Begleiter mit auf die Reiſe genommen, die nun wieder zurück wanderten in das Japaniſche Palais, während ſein Schlafgemach mit einigen andern Lieblin⸗ gen geziert wurde. Luſt und Leben kehrte in die Reſidenz zurück, Graf Brühl gab Feſte, die Geſandten gaben Feſte, die Brüder gaben Feſte, während die verſam⸗ ——— melten Stände 27 Millionen Steuerſchulden über⸗ Großvater der Schriftſtellerin George Sand. nahmen. Zum Geburtstage des Königs fand ſich der Graf Moritz von Sachſen*), Marſchall von Frankreich ein, eine prächtige Erſcheinung, mit kühnem, offenen Geſicht und einer Heldengeſtalt. Maria Antonia war bezaubert von dem neuen Oheim, deſſen natürliche Unbefangenheit das ſteife Ceremoniell des Hofes auf das angenehmſte unterbrach. Die Königin Joſepha hatte die Gewohnheit, ihrem Gemahle zu ſeinem Geburtstage Bilder zu verehren. Dies⸗ mal wählte ſie zur Abwechslung einen Stock mit einer koſtbaren Krücke. Auguſt nahm dies Angebinde freundlich hin, dann aber ſah er ſich verwundert um und fragte: „Aber wo ſind denn meine Bilder?“ Alle lachten. Man ſah jetzt wohl, wie vergeblich es ſei, ihn durch etwas anderes erfreuen zu wollen, und ſtand für immer davon ab. Zurites Capitel. Der Baumeiſter Ehiaveri. König Auguſt war von einer großen Haſenjagd im Blaſewitzer Tännicht zurückgekehrt, wobei er ſelbſt nicht weniger als 600, die Königin aber 180 mit eigener Hand erlegt. Ermüdet ruhte er jetzt in ſeinem Zimmer aus, als Pater Guerini bei ihm eintrat. „Zu ſo ungewohnter Stunde, mon père?“ redete die Majeſtät mit heiterer Miene den Prieſter an.„Was kann der Beichtiger meiner Gemahlin nur ſo ſpät am Abend noch zu verkündigen haben?“ „Eine angenehme Neuigkeit!“ verſetzte dieſer mit ſchlauem Lächeln.„Darum auch wünſchte ich Eure Maje⸗ ſtät damit zu unterhalten, bevor der Schlummer Sie heimſuchte.“ „Sie machen mich neugierig, mon père. Haben Sie vielleicht einen Brief von Fauſtine erhalten? Hat ſie die Pompadour geſehen? Hat ſie vor dem Könige geſun⸗ gen und den Hof von Verſailles entzückt?“ „Das Alles kann ſich zugetragen haben; doch wollte ich davon jetzt nicht reden, ſondern von einem näher lie⸗ genden Intereſſe.— Mengs iſt angekommen.“ „In der That?“ rief König Auguſt vergnügt em⸗ porfahrend.„Mein kleiner Raphael iſt da?— Seit wann?— Und wo iſt er? Wo befindet er ſich? Warum eilt er nicht zu mir?— Was hat er mir mitgebracht?— Sagen Sie, Guerini, hat er ein ſchönes Bild für mich angefertigt?“ Der Pater konnte ſo vielen Fragen nicht auf ein⸗ mal begegnen, in ſeiner bedächtigen Weiſe erwiderte er daher: „Vor einer Stunde iſt er angelangt und in dem für ihn beſtimmten Quartiere abgeſtiegen; dann aber ohne Verzug zu Annibali gelaufen, den er zärtlich liebt, wie Sie wiſſen, weil er ihm ſein ganzes Glück verdankt.“ „Der gute Junge! Er hat ein Herz wie Gold. Ich freue mich wahrlich auf ihn, als wäre er mein Sohn. Iſt er noch gewachſen? Wie ſieht er aus?“ „Prächtig!“ ſagte der Pater begeiſtert.„ Stolz und hoch trägt er ſein Haupt, die großen offenen Augen ſchauen hell in die Welt hinaus, und dabei hat er ein Herz ein Herz!“ Guerini mußte hier einhalten, um ſich zu faſſen.„Daß Sie es nur wiſſen, Majeſtät, in ſeiner Frende iſt er mir an den Hals geſprungen und hat geweint wie ein Kind.“ „Tauſend!“ rief König Auguſt gleichfalls bewegt. 21 „Aber wie haben Sie ihn denn ſogleich aufgefunden? Wie wußten Sie es, daß er kam?“ „Ich hatte keine Ahnung davon und ſchlenderte nur ein bischen im Dämmerlichte durch die Straßen, als ein ſchwer beladener Wagen mir auffiel; ich folgte ihm und ſah ihn vor dem Hauſe des alten Mengs anhalten. Da ſchöpfte ich gleich Verdacht, und näher tretend, ent⸗ deckte ich die ganze Familie darin.“ „Auch meines Raphael hübſche Frau? Sie ſoll ja wunderſchön ſein?“ „Wohl möglich; doch fand ich es für mich nicht ſchicklich, mein Auge auf ihren verführeriſchen Reizen weilen zu laſſen,“ ſagte der Prieſter mit frommem Nie⸗ derſchlag des Auges. Der König lachte laut auf. „Was fällt Ihnen ein?“ fragte er dann.„Ich finde, daß dieſe Vorſicht ein wenig zu ſpät kommt.“ „Beſſer immer als niemals,“ erwiderte Guerini gut gelaunt. „Eilen Sie nun hin zu meinem Raphael und ſagen Sie ihm, daß ich ihn morgen ganz früh zu ſehen wünſche. Ich brenne darauf. Was für ein Bild mag er wohl für mich mitgebracht haben! Es wird mir den Schlaf rauben. Gute Nacht, mon pére.“ Der Prieſter verſchwand, um den ihm ertheilten Auftrag auszuführen. Indeſſen hatte Raphael Mengs ſich an dem An⸗ blicke ſeines theuren Annibali erquickt und mit dieſem einen raſchen Gang über die ſchöne Brücke unternommen. Das war ſein Dresden noch, ſein liebes Dresden! Hier wehten ihn die Lüfte heimiſch an, hier begrüßte des Stro⸗ mes Rauſchen ſein Ohr mit Liebesgruß, hier klang aus jedem Munde ihm eine Sprache entgegen, die ſein Herz verſtand! „O Heimath! wie groß iſt dein Zauber!“ rief er begeiſtert aus.„Und doch könnte ich ihn Niemandem beſchreiben. Tief in der Seele liegt dies Etwas begraben, das uns an den Boden feſſelt, wo wir geboren, ohne daß wir dieſe Vorliebe enträthſeln zu können!“ Sie waren jetzt auf dem Rückwege begriffen, und vor ihnen lag nun, vom Monde beſchienen, das alte Schloß mit ſeinen düſtern Mauern, und rechts ſich daran ſchließend, die neu erbaute katholiſche Kirche, welche den herrlichen Zwinger dem Auge entzog. „Aber ſagen Sie mir, Annibali,“ rief Raphael erſtaunt,„wird denn immer noch an dieſem Thurme ge⸗ baut? Schon bei meiner Abreiſe nahte er ſeiner Voll⸗ endung, und das iſt nun ſchon faſt vier Jahre her, und heute ſehe ich daran die hohen Gerüſte, wie damals.“ „Das iſt eine traurige Geſchichte, mein Raphael,“ nahm der Sänger das Wort.„Wir lernen daraus, wie Neid und Mißgunſt die Welt regieren und den geſunde⸗ ſten Sinn alles Urtheils berauben. Die ſchöne Kirche wird nun wohl unvollendet bleiben.“ „Aber erzählen Sie mir, ich bitte Sie!“ rief der Jüngling warm.„Ein Prachtgebäude, wie dieſes hier, unvollendet laſſen? Unmöglich! König Auguſt hat ja ſelbſt den Grundſtein dazu gelegt und der Vollendung mit ſo vieler Ungeduld entgegen geſehen.“ „Darum eben hat man dem Baumeiſter die Ehre nicht gegönnt, und dem Könige ſo ſehr die Freude an dem Werke benommen, daß man jetzt vor ihm nicht ein⸗ mal davon reden darf.“ „Aber wie war denn das möglich?“ „Man hat dem Könige den Glauben beigebracht, das Dach der Kirche würde einſtürzen, ſobald man das Gerüſte entferne. Der Baumeiſter, Gartan Chiaveri, iſt ein Fremder, wie Du weißt, und ſeine Art zu ſein hat ihm hier wenig Freunde erworben. Er dünkte ſich zu viel, das nahm man ihm übel; doch war ſein Selbſtgefühl verzeihlich, wenn man bedenkt, wie groß ſein Ruf, da er erſt Peter den Großen bei ſeinen Bauten unterſtützt, und dann, von König Auguſt nach Warſchau berufen, die große Weichſelbrücke zu bauen, hierher verſchlagen iſt, um ſich an dieſer Kirche zu verewigen. Da iſt er bei dem Bau denn immer nur ſeinem eigenen Kopſe gefolgt, und hat die Andern fühlen laſſen, daß er ihren Rath verachte. Das haben ſie nun an ihm gerächt, indem ſie das Gerücht ausgeſprengt, das Gewölbe in der Mitte des großen Eingangs müſſe unfehlbar einſtürzen.— Die Bewohner der Stadt erwarten nun jede Nacht, daß dieſes ſchreckliche Ereigniß ſtattfinde, ohne mehr Grund dazu zu haben, wie man einſt in Rom hatte, die Kuppel des Sanct Peter herabfallen zu laſſen. Dort iſt man ſeiner grundloſen Furcht endlich ledig geworden, und das Gebäude ſteht feſt, wie der Bau der Welt; wie hier die Sache enden wird, das weiß der Himmel! Nur dauert mich Chiaveri, der nicht mehr jung iſt und darüber hinſterben kann, ja, ſchon aus Aerger darüber geſtorben ſein würde, wenn Gott ihm nicht eine ſo vortreffliche Geſundheit verliehen.“ „Aber iſt denn Niemand da, um dem Könige die Sache in ihrem rechten Lichte vorzuſtellen?“ fragte Ra⸗ phael mitleidig. „Niemand!“ entgegnete Annibali kopfſchüttelnd.„Kö⸗ nig Auguſt wollte anfangs ſelbſt der Sache auf den Grund forſchen; aber die Bitten und Thränen von Gemahlin und Kindern hielten ihn faſt mit Gewalt davon zurück, das Gerüſt zu beſteigen. Vergebens bot der unglückliche Baumeiſter ſeinen Kopf zum Pfande für die Sicherheit; 25 vergebens flehte er die Miniſter an und wer ſonſt nur irgend Einfluß hatte, ihm zu vertrauen: man hörte nicht auf ihn und wollte nicht auf ihn hören und nannte ihn einen Ignorant.— Der König ſelbſt entſchuldigt ihn, denn er ſchreibt das Unglück nicht dem Plane, ſondern dem Erdreiche zu, das, ſo nahe der Elbe, nachgibt. In⸗ deſſen liegen da die Marmorberge, um den Boden zu pflaſtern, und all' die ſchönen coloſſalen Statuen aus Pirnaiſchem Sandſtein, gefertigt von dem Bildhauer Mattielli, den man dazu herberufen, und keine Hand regt ſich, ſie an ihren Platz zu ſtellen.“ „Das thut mir wahrhaft leid,“ ſagte der junge Künſtler mitleidig,„und ich will verſuchen, ob ich dem armen Chiaveri nicht helfen kann.“ Während dieſes Geſpräches waren ſie unter das Portal des Schloſſes getreten und ſchritten dem Innern der Stadt zu. Als ſie die Wohnung des alten Mengs erreichten, fanden ſie hier Alle mit dem Auspacken beſchäftigt und Barbara ordnete die Mahlzeit an. Die ſchöne Marga⸗ reta aber ſaß allein und traurig in dem öden Zimmer. Ihr wollte das düſtere fremde Land nicht recht gefallen, und Sehnſucht beſchlich ſie nach dem warmen Himmel des Südens. Der Eintritt Annibali's erheiterte ſie wieder. Ihn 1860. X. Maria Antonia. II. 2 ———— kannte ſie ſchon von Rom her, und er redete ihre Spra⸗ che. Auch beruhigte es ſie, daß er in dieſem kalten Lande zu leben vermöge, darum mußte es alſo doch nicht für Alle ſo ſchlimm hier ſein. Der alte Mengs führte noch immer ein ſcharfes Regiment in ſeinem Hauſe. Kinder blieben in ſeinen Au⸗ gen Kinder. Wozu hatte er ſie erzogen, wenn er nun nicht Herr ihrer Exiſtenz ſein ſollte? So nahm er denn ein, was ſie verdienten, und zählte ihnen ſparſam ihre Bedürfniſſe zu, während Margareta nach ſeiner Anwei⸗ ſung den Haushalt beſorgte. Der jungen Frau konnte dieſe Anordnung nicht ge⸗ fallen. Ihr Schwiegervater ſagte ihr freilich täglich vor, wie bequem ſie es habe; aber ſie ſchätzte darum dieſe Be⸗ quemlichkeit nicht mehr. Sie wollte Herrin ſein, ſtatt zu gehorchen. Die ganze Stadt war bald davon voll, wie ſchön ſie ſei und wie herrlich der junge Mengs jetzt male. Die heilige Familie, womit er den König beſchenkt, fand deſſen ungetheilten Beifall, und die ſchöne Margareta Guazzi, als Mutter Gottes, wurde nun auch im Bilde bewundert. Auch die junge Churprinzeſſin freute ſich der An⸗ kunft des Künſtlers, dem ſie gleichfalls die lebhafteſte Theilnahme ſchenkte. Bei ſo großer Jugend ſchon eine ſo fertige techniſche Ausbildung zu erlangen, war vielleicht 3 e ht 27 noch nie einem Künſtler gelungen, und hier vereinigte ſich damit noch eine geniale Auffaſſung und das einſichts⸗ vollſte Erfaſſen des Schönen innerhalb der vorgeſchrie⸗ benen Grenzen. Jeder wollte von ihm gemalt ſein, Jeder ein Bild von ihm beſitzen und vor Allem noch wollte Jeder ihn ſehen. Das raubte ihm ſeine Zeit, die ihm ſo werth war, und den vielen Anforderungen zu genügen, wurde eine Unmöglichkeit. Sein erſtes Geſchäft blieb, ein Bild von König Au⸗ guſt zu malen; denn ſeinem Wohlthäter Ehre und Freude zu machen, hielt er für ſeine größte Pflicht und für ſein ſchönſtes Vergnügen.— Er kannte deſſen Züge ſchon, er hatte ſie ſo genau im Gedächtniſſe, daß er ihn ohne Sitzung hätte zeichnen können; denn unvergeßlich hatte ſich ſeiner Erinnerung jene Stunde eingeprägt, wo er zu⸗ erſt an den Hof gerufen, deſſen prächtige Geſtalt erblickte und ein Paſtellbild von ihm anfertigte, das der Grund⸗ ſtein ſeines Glückes wurde. Dankbar ſchaute er zum Himmel empor, wenn er gedachte, wie glücklich ſich ſein Leben geſtaltet. Aber, während es ihm wohl ging, vergaß er nie Denen Troſt zu bieten, die das Schickſal zu prüfen für gut fand. So war ihm denn der arme Chiaveri nicht aus dem Sinne gekommen, und ſo oft er auf das Schloß 2½ . ——————— 28 ging und die hohen Gerüſte an der Kirche erblickte, be⸗ klemmte eine peinliche Empfindung ſein Herz. Er konnte es dem Baumeiſter nachfühlen, wie es ihn ſchmerzen mußte, ein Kunſtwerk, das er mit Liebe begonnen, nicht vollenden zu dürfen. Er ſprach mit ſeinem Vater darüber. Der alte Iſmael, deſſen grader Sinn den Neid und die Cabalen der Hofleute ſchon häufig mit manchem groben Stich⸗ worte zurecht gewieſen, ſparte auch diesmal ſeine Schimpf⸗ reden nicht, und machte ſich zornig auf, mit ſeinem Sohne eine Unterſuchung der Sache anzuſtellen. Beide traten unerſchrocken in die Kirche ein, unter⸗ ſuchten genau den Bau und beſtiegen die Gerüſte; aber, wie ſie auch ſuchen mochten, nach keiner Seite hin konn⸗ ten ſie einen Riß, eine Senkung oder irgend ein Anzei⸗ chen entdecken, daß das Gebände in ſeinem Gleichgewichte erſchüttert ſei, und völlig überzengt kehrten ſie zurück, daß hier die böswilligſte Verläumdung ein ihnen jetzt faſt lächerlich erſcheinendes Reſultat erzengt. Der alte Mengs fluchte nicht wenig.„Elendes Ge⸗ würm!“ rief er aus.„Einem großen Manne auf dieſe Art die Freude an ſeinem Werke zu verkümmern! Er⸗ ſaufen ſollte man die Brut! Läſtermäuler ſind es! Ken⸗ nen nichts als Betteln und ſich vor Titeln und Würden bücken!“ 29 Aber mit ſeinem Zorne veränderte er nichts an der Sache. Raphael nahm ſich nun vor, mit dem Könige ſelbſt zu reden. Bei der nächſten Sitzung ergriff er die Gele⸗ genheit, ihm aufrichtig ſeine Anſicht von der Sache mit⸗ zutheilen und ihm zu erzählen, welche Ueberzeugung er durch eigene Anſchauung von der durchaus ſoliden Bauart der Kirche gewonnen. Was man gerne glaubt, dem leiht man ein williges Ohr. Unmöglich jedoch konnte ſich König Auguſt jetzt er⸗ klären, daß ein ſo junger Menſch, wie Raphael Mengs, der doch auch kein Baumeiſter war, ihn überzeugt, ob⸗ gleich dies in Wahrheit der Fall geweſen war. Er er⸗ theilte daher nun den Befehl, noch einmal eine genaue Prüfung der Haltbarkeit des Baues anzuſtellen, fügte aber den heimlichen Wink hinzu, daß ſeine Gnade durch ein ungünſtiges Urtheil verſcherzt werde. Das fruchtete wunderbar. Zetzt mit einem Male hatte man ſich geirrt und fand keinen Fehler an der neuen Kirche. Welch' ein Tag des Glückes für den armen Chiaveri! Freudeſtrahlend eilte er zu dem jungen Künſtler und drückte ihn, unter Verſicherungen ewiger Dankbarkeit, mit thränenden Au⸗ gen an ſeine Bruſt.„Sie ſind mein Erretter geweſen!“ ſagte er.„Mehr als mein Leben ſchulde ich Ihnen; Sie haben mir meine Ehre wiedergegeben! Sie, ein Frem⸗ der, haben ſich meiner angenommen und der Wahrheit durch Ihren Muth Bahn gebrochen.“ Schon am folgenden Tage wimmelte das Gerüſte von Arbeitern und Künſtlern aller Art; denn nun wollte König Auguſt keine Stunde verlieren, den Bau vollendet zu ſehen, und täglich überzeugte er ſich mit eigenen Au⸗ gen von deſſen Fortſchreiten. Das Bild des Hauptaltars, ſo wie die zwei Seitenſtücke zu malen, trug er dem jungen Mengs auf, zum ewigen Andenken an ſein Verdienſt um die Kirche. Die beiden letzteren malte Raphael Mengs ſogleich und in wenigen Wochen waren ſie vollen⸗ det, das eine den Traum Joſeph's, das andere die Em⸗ pfängniß darſtellend, während das größere Bild einer ſpätern Zeit aufbehalten blieb. Er zählte jetzt 23 Jahre, genoß der größten Ehre, erhielt vom Könige einen bedeutenden jährlichen Gehalt, und beſaß eine ſchöne Frau, die er zärtlich liebte; das war des Glückes viel— faſt zu viel, und ſo durfte ſei⸗ nem Becher ein Tröpflein Wermuth nicht fehlen. Die⸗ ſen reichte ihm ſein ſtrenger Vater, indem er ihn durch ſeine ſtrenge Sparſamkeit zu Boden drückte. Margareta begehrte ſchöne Kleider, Putz, wie ihn andere Frauen be⸗ ſaßen; denn was half ihr viel die große Ehre, wenn ſie daneben darben ſollte? wenn ſie bei ſchlechter Koſt N — b 2 U — — U S 8 31 und ſchlechter Wohnung alle Freuden des Lebens zu entbehren gezwungen ward? Iſmael nahm aber keine Vernunftgründe an. Wenn ſeiner Schwiegertochter die Zeit lang ward, ſo konnte ſie ja auch malen! Aber Margareta wollte nicht malen; ſie war le⸗ bensluſtig, ſie wollte Menſchen ſehen und ihnen gefallen, und nicht immer zu Hauſe ſitzen. Raphael war viel abweſend; dann mußte ſie allein mit dem böſen Schwiegerpapa und der geſtrengen Bar⸗ bara verkehren, welche gut Haus hielt und wohl für kommende Zeiten ſparte. Der Churprinz und ſeine Gemahlin wünſchten jetzt ihr lebensgroßes Portrait von dem jungen Künſtler ge⸗ malt— eine Arbeit, die ihn auf's Neue ganz in Anſpruch nahm. Maria Antonia freute ſich auf dieſe Sitzungen, ſie ließ ſich dabei von Rom erzählen und von den Schä⸗ tzen der Kunſt, die mit eigenen Augen zu ſehen, die lange Sehnſucht ihres Herzens war. Bei dieſen Unterhaltun⸗ gen verlebte ſie die angenehmſten Stunden. Yrittes Capitel. Das liebe kleine Fritzl. Eine Ehe ohne Kinder läßt eine Lücke zurück, welche keine andere Beziehung zum Leben und zu der Geſell⸗ ſchaft auszufüllen vermag. Die Jugend, mit ihrem friſchen, frohen Sinn, mit ihrem hoffnungsvollen Hinblick auf die Zukunft, ruft uns zurück, was wir einſt ſelbſt geweſen, einſt ſelbſt empfunden, und läßt uns die Vergangenheit in einer uns zugetheilten zweiten Exiſtenz noch einmal mit durchleben. Nur an jedem Tage für den Tag zu leben, iſt überhaupt ja dem gewiſſenloſen Leichtſinne allein auszu⸗ führen möglich. Wer die Aufgabe ſeines Lebens erfüllen will, bezieht ſich in ſeinem Thun und Handeln, ſeinem Denken und Wünſchen auf die Zukunft, ſei es des nächſten Tages, des kommenden Jahres, ſei es über ſein Leben ſelbſt hinaus; denn in dem Diesſeits ahnt er das Zenſeits, das die nächſte Stunde ihm offenbaren, das mit dem Morgen für ihn beginnen kann; wie ſollte alſo ſein Blick nicht ſtets über das Heute fortſchweifen, wie nicht in weite⸗ ſter Ferne nach einem Ziele ſpähen?— Maria Antonia wünſchte ſich ein Kind, das ſie als Mutter an ihr Herz drücken, das ſie dem Lande als künftigen Beherrſcher bie⸗ ten konnte. Zwei Jahre lang war dieſe Hoffnung uner⸗ füllt geblieben; jetzt endlich lag ein Knäbchen in ihren Armen, ein kleines hülfloſes Weſen, von allen Geſchöpfen unter der Sonne am meiſten auf Sorge, Liebe, Pflege angewieſen. Unter Freudenthränen drückte ſie den kleinen ſchreienden Erdenbürger an ihr Herz. Sie war nun ganz Mutter. Ihre erſte und nächſte Beziehung zum Leben war ihr Kind, das ſie mit ſeliger Luſt betrachtete, an deſſen Anblick ſie ſich nicht ſättigen konnte. Alles an ihm erſchien ihr reizend, mit immer reger Neugierde betrachtete ſie das kleine Geſchöpf und verwun⸗ derte ſich über ſein Wachſen und Gedeihen, ſein erſtes Lächeln im Traume, die willenloſen Bewegungen ſeiner kleinen Hände, ſein Strecken und ſein Gähnen. Alles an ihm war ihr neu und intereſſant, Alles an dieſem ſich vor ihren Augen entfaltenden neuen Leben, ein Phänomen dieſes Lebens. Sie tanzte, lachte, ſang mit dem kleinen Weſen, und vergaß darüber die ganze Welt.— Ob man ſie lobte, ob man ihre Gedichte pries, ob man ihre Compoſitionen bewunderte, daran dachte ſie nicht, ſobald man nur ihr Kind ſchön nannte. Hier allein fand die Schmeichelei 34 ſerviler Hofleute es ſchwer, eine ihr genügende Sprache zu reden, hier allein wurde ihre Eitelkeit verletzt. Sie hatte noch vor Kurzem an Graf Brühl nach Warſchau geſchrieben: ſie habe ihm nichts zu berichten, als von Langerweile, Langerweile, und wiederum Langer⸗ weile.— Wie war nun dies ennui mit einem Male ſo gänz⸗ lich in dem Freudentaumel der jungen Mutter verſchwunden. Der Churprinz freute ſich an ihrem Glücke und theilte es mit ihr; doch ihr nachzuempfinden, das wäre auch dem zärtlichſten aller Väter nicht möglich geweſen. Das liebe kleine Fritzl, das liebe kleine Maußerl*), wurde den ganzen Tag geherzt und geküßt. Aber welcher Schrecken für die junge Mutter, als ihr Kind in ein We⸗ hegeſchrei ausbrach, weil ſie ihm bei ihren Liebkoſungen den beißenden Schnupftabak in ſeine klaren, großen blauen Augen geſchüttet! Alle Aerzte wurden herbei⸗ gerufen. Das ganze Palais gerieth in Schrecken. Wie, wenn das liebe Kind davon erblinden ſollte? Indeſſen— mit dem Schrecken war es diesmal gethan. Die erſten großen Thränen waren den jungen Augen entquollen, um ſie von einem beißenden Schmerze zu befreien, verurſacht durch die übergroße Zärtlichkeit der eigenen Mutter. Sie ließ es ſich nun malen, um es *) Die Kaiſerin an ihre Tochter. 8 noch ſicherer zu beſitzen. Ihr allerliebſtes Maußerl ſah ſie nun auch auf dem Bilde an, ſo wie wir es jetzt noch in dem Paſtellzimmer der Dresdner Gallerie erblicken. Wer würde in dem kleinen rundwangigen Knaben den künftigen ernſten Mann ſuchen, der ſo ſtrenge in das Leben ſchaut, und von der Geſchichte den Namen Friedrich Auguſt der Gerechte dafür gewonnen hat? Das liebe kleine Fritzl lachte jetzt nur noch die junge, lebensfrohe Mutter an, welche mit ihm ihre Kinderſpiele wiederholte, ihre Ammenlieder aus ihrem Gedächtniſſe hervorrief, und ſie ihm, unter Küſſen, vorſang. Ihre Geſundheit war nun völlig wieder hergeſtellt, ſie kleidete ſich mit Sorgfalt an, um die Gratulationen der Hofgeſellſchaft und der Stadt zu empfangen, und das liebe kleine Fritzl durfte dabei nicht fehlen. Er ſollte ſchon früh gute Sitte lernen, ſchon jetzt die erſten Re⸗ geln des Anſtandes in ſich aufnehmen. Herrlich geputzt wurde der kleine Prinz herein ge⸗ tragen und auf die Knie der jungen Mutter geſetzt, welche mit ſtolzer Freude ihn vorſtellte, ſeine kleine Hand zum Kuße hinreichte und die Complimente über ſeine Schön⸗ heit und ſein artiges Benehmen mit vollen Zügen einſog. Gewiß war dies einer der glücklichſten Tage ihres Lebens. Das liebe kleine Fritzl mußte nun auch gemalt noch das Mutterherz erfreuen. Raphael Mengs ward berufen, ——————— ihn in ein Paſtell, auf einem Kiſſen von rothem Sammet, lebensgroß zu portraitiren, ſein Hemdchen, die kleinen runden Aermchen, die nackten Füßchen, und Alles an ihm, was Maria Antonia bewunderte, wurde zu ihrer Befrie⸗ digung dargeſtellt, und damit man den Prinzen erkenne, ſtand in der Ferne auf einem Tiſche ſeine Krone, wäh⸗ rend das haarloſe Haupt noch ein weißes Mützchen deckte. Als das Bild vollendet war, entſtand ein Streit, wem es nun gehören ſollte, dem Churprinzen, oder ſeiner Ge⸗ mahlin. Doch der Erſtere ſiegte. Da er den kleinen Lieb⸗ ling nicht ſo oft auf ſeinen Knien wiegen konnte, wie die geſunde Mutter, ſo überließ ſie ihm deſſen Portrait, das er neben ſeinem Sopha aufſtellte, und während mancher leidensvollen Stunde, die er liegend zubringen mußte, er⸗ heiterte und erfreute er an dem Anblicke des her⸗ zigen Kindes*). Erſt nach und nach gewann Maria Antonia die Luſt zu ihren gewohnten Beſchäftigungen wieder, und benutzte das Spielen mit ihrem Kinde dann nur zur Er⸗ holung von ihrer ernſten Arbeit. Es herrſchte jetzt wieder reges Leben in Dresden; denn der König war aus Polen zurückgekehrt, und Brühl ſorgte eifrig dafür, daß ihm die Zeit unter Vergnügungen ²) Biographie von Raphael Mengs. 37 verſtreiche und ihn nie die Luſt anwandle, ſich um das Wohl und Weh ſeines Landes zu bekümmern. Die junge Mutter nahm nun mit erneuertem Reize an den auf einige Zeit ihr verſagt geweſenen Geſellſchaften Theil, und bemühte ſich ſogar eifrig das Schießen zu erlernen, um ſelbſt von dieſer Unterhaltung des Hofes nicht aus⸗ geſchloſſen zu bleiben. Die Königin Joſepha jagte beſon⸗ ders gerne; auch bei den Faſanenſchießen im großen Garten erwies ſie ſich unermüdlich. Maria Antonia, von ihrem Gatten ermuthigt, fing an ſich auch an die⸗ ſen Vergnügungen zu betheiligen, von denen ſie ſich An⸗ fangs, aus Rückſicht für den Churprinzen, fern gehalten. Die muntere junge Frau hatte ſich nach und nach bei allen Gliedern der Familie beliebt gemacht. Ihre unwiderſtehliche Liebenswürdigkeit, gepaart mit ſo viel Geiſt und Klugheit, hieß endlich ſelbſt Neid und Miß⸗ wollen ſchweigen, weil ſie mit ſtumpfen Waffen kämpften. Dem klugen Brühl war es gelungen, ihr neben ſeiner Macht, auch ſeinen guten Willen zu zeigen, mit dem er ihr diente, ſobald ſie ihm ſeine hohe Stellung unbeſtritten ließ. Dazu rieth nun ſchon die Klugheit. So waren ſie denn nach und nach auf einen Fuß ſtillſchwei⸗ genden Uebereinkommens gelangt, ſich gegenſeitig nicht in den Weg zu treten, und der Lohn für dieſe Duldſamkeit der jungen, einſt ſo gefürchteten Prinzeſſin war die Will⸗ fährigkeit des Miniſters, ihre kleinen Wünſche verbindlich zu unterſtützen. Was ſie für ſich und ihre eigene Perſon begehrte, das bedurfte nur eines Wortes, und es war ihr gewährt. Gunſtbezeigungen aber, die weiter gingen, Beförderungen, Protection, Einfluß, damit durfte ſie ſich nicht hervorwagen, das hieß ſich in Dinge miſchen, denen ſie fern bleiben ſollte, das hieß auf's Neue gefähr⸗ lich werden. Das Oratorium la conversione di S. Agostino war beendigt, Haſſe hatte es in Muſik geſetzt, und Maria Antonia wünſchte es noch vor der Abreiſe des Hofes im Laufe des Winters zur Aufführung zu bringen; doch die Abweſenheit des Sängers Amorevoli verhinderte die⸗ ſes Vorhaben, oder vielmehr ſchob die Ausführung bis zum Oſterfeſte hinaus, wo die königliche Familie bereits wieder in Warſchau angelangt war. So fehlten denn die Hauptperſonen, an deren Lob ihr gelegen war. Dafür ward es ihr von anderer Seite deſto reichlicher geſpendet. Graf Brühl hatte diesmal bei der Abreiſe des Königs dem Churprinzen einen geringen Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten während der Zeit ſeiner Abweſenheit zugeſtanden. Freilich erſtreckte ſich dieſer nicht weiter, als auf die Vergünſtigung, von Allem unter⸗ richtet zu werden, was im Miniſterrathe vorging; aber auch das verdiente ſchon Anerkennung. Es lag wenigſtens 39 ein Beweis der Höflichkeit, der Achtung darin, daß man den künftigen Thronerben mit dem, was vorging, bekannt machte, während man ihn bis jetzt ſo behandelt, als ob er nur eine Privatperſon ſei. Beſonders freute ſich Maria Antonia über dieſen kleinen Schritt vorwärts auf dem Wege zu einer Macht, die ſie leider nie gewinnen ſollte. Es ermuthigte ſie zu hoffen. Der kluge Brühl hatte es wohl vorausgeſehen, wie günſtig es auf ihre Stimmung wirken würde, ihren Gemahl eine ſcheinbare Regentſchaft führen zu ſehen, und ihr darum dieſe Befriedigung gewährt. Er las aus ihren Briefen an ihn, wie ſie das monotone Hofleben, das Beengende, in einem kleinen Kreiſe ſich auf das kleinlichſte überwacht zu ſehen, verſtimmte. Indem ſie nun mit ihrem Gatten über die Staatsangelegenheiten unterrichtet wurde, indem ſie vernahm, was außerhalb ihrer kleinen Hofgeſellſchaft ſich zutrug, wurde ihr lebhafter Geiſt anderweitig beſchäftigt, und das Einerlei ihrer Tage drückte ſie nicht mehr. Eine eifrige Correſpondenz hielt ſie dabei mit der übrigen Welt in Verbindung. Freilich gingen die Poſten damals langſam, es herrſchte kein reger Verkehr, wie jetzt, man mußte Wochen, ja Monate auf eine Antwort warten; allein endlich einmal erfolgte dieſe doch. Ihre Schwägerin war an den Sohn Ludwig's XV. verhei⸗ 40 rathet, von deſſen glänzendem Hofleben ihr dadurch man⸗ che Kunde zukam. Außerdem lebte dort ein Rouſſeau und ein Voltaire, Namen, die ſie beide verehrte. In Neapel beſaß ſie eine andere Schwägerin, die künftige Königin von Spanien und Beſchützerin ihres allerſeitigen Lieb⸗ lings, des jungen Raphael Mengs. Auch von andern Hö⸗ fen kamen ihr dann und wann Nachrichten zu, mit ihren Verwandten in Baiern unterhielt ſie einen lebhaften Briefwechſel, und nur mit dem ihr faſt eben ſo nahe ſte⸗ henden öſterreichiſchen Kaiſerhauſe, der prächtigen Maria Thereſia und ihrer Familie, verkehrte ſie wenig. Das politiſche Leben ſchlummerte jetzt äußerlich. Was ſich heimlich hier anſpann, das war ihr nicht be⸗ kannt. Die Fäden dazu waren noch zu fein geſponnen, um einem fremden Auge ſichtbar zu werden; was Oeſter⸗ reich, Rußland, Frankreich im Stillen reifen ließen, ſollte Niemand kennen, als der, vor dem ſie es am meiſten zu verbergen wünſchten, Friedrich von Preußen. Das ernſte Leben dieſes Beſchützers der Wiſſen⸗ ſchaften in ſeinem Kreiſe gelehrter Männer zog Maria Antonia lebhaft an und wurde ihr ein geheimer Sporn zu immer erneuertem Fleiße. In ihrer nächſten Umgebung fand ſie gar wenig Sinn für eine höhere Cultur des Geiſtes. Ihre jungen Schwäger, der Prinz aver und 41 der Prinz Karl, waren nicht ſehr unterrichtet*); man hatte bei ihrer Erziehung vielleicht in dem Gedanken gewaltet, ein Fürſt brauche nicht viel zu lernen. Die Herren des Hofes kannten ſelbſt nur den Müßiggang. Woher ſollte alſo der Antrieb kommen? Um ſo bewundernswürdiger blieb das fortgeſetzte eifrige Beſtreben der muntern jungen Frau, ihren Geiſt zu erweitern und ſelbſt etwas zu ſchaffen. Sie hatte, nach einer lebhaften Correſpondenz mit Metaſtaſio, die Ueber⸗ ſetzung ſeines Trauerſpiels, Demetrio, in das Fran⸗ zöſiſche unternommen, und ſandte dem Dichter von Zeit zu Zeit Bruchſtücke dieſer Arbeit, ſo wie ſie damit fort⸗ rückte, zu. Als ſie vollendet war, mußten die Herren und Damen des Hofes die Rollen einlernen und die Tragödie aufführen, wobei dann der Verfaſſerin nicht geringes Lob zu Theil ward. Freudeſtrahlend ſah Maria Antonia dem Erfolge ihrer mühſamen Arbeit zu. Ach! Ihre ganze Seele dürſtete ja nach ſolchen Erfolgen. Sogar bis nach Paris war die Kunde davon gedrungen. Die Herzogin von Brancas ſchrieb an Graf Wackerbart und erſuchte ihn um eine Abſchrift davon. Dieſer wandte ſich darum wieder an Mademoiſelle Sylveſtre, und endlich wurde durch den Churprinzen ſelbſt der Wunſch der franzöſiſchen Dameerfüllt. *) Sir Charles Williams. 1860. K. Maria Antonia. II. Da Maria Antonia bei ihren vielen Arbeiten ge⸗ ſchickter Copiſten bedurfte, die ihr die Mühe des Wieder⸗ ſchreibens einer verbeſſerten Sache erſparten, ſo benutzte ſie dazu junge Leute von Talent, welche der franzöſiſchen Sprache hinreichend mächtig waren, um dieſen Dienſt nach ihren Wünſchen zu erfüllen. Genöthigt dieſe jungen Männer in ihrer Gegenwart arbeiten zu laſſen und viel mit ihnen zu verkehren, erfuhr ſie häufig die Unannehm⸗ lichkeit, daß in ihren Köpfen ein Wahn entſtand, der ſie beleidigte. So hatte ſie denn erſtlich einen jungen Herrn Baum nach dem Königſtein zu ſenden, dann einen Sieni Piani des Planes in die Pleißenburg einſperren zu laſſen, wo die Pater Jeſuiten ihm Vernunft predigten, womit ſie auch glücklich zu Stande kamen. Die Lange⸗ weile allein belehrte ihn ſchon über ſeine Thorheit. Dergleichen Vorgänge und die damit verbundenen unangenehmen Scenen ſollten aber ſowohl dem Hofe, wie der Stadt möglichſt fremd bleiben, um allen Miß⸗ deutungen vorzubeugen; die Prinzeſſin nahm daher bei dieſen Veranlaſſungen die Juſtiz in ihre eigene Hand, und erließ die der Sache entſprechenden Befehle in ihrem eigenen Namen. War dies geſchehen, dann erſt ſchrieb ſie nach War⸗ ſchau und rechtfertigte ihr Thun vor dem Könige und dem Miniſter. Der ſchlaue Brühl billigte ihre Handlungs⸗ U — u 43 weiſe ſtets vollkommen und gab ihr in Allem Recht. Sei⸗ nem Stolze war es ſchon genug, daß ſie in allen kleinen Vorgängen des Lebens ſeine Billigung ſuchte und be⸗ durfte. Fern war es alſo von ihm, ihr Vertrauen durch den leiſeſten Tadel zu verſcheuchen! Alles, was ſie betraf, erſchien ihm im Gegentheil vom größten Intereſſe, und er ermuthigte ſie, ihm vorzuplaudern, als ob ſie mit ihrer alten Wärterin rede. So erfuhr er denn genau Alles, was vorging, und auch nicht der kleinſte Umſtand wurde ihm verſchwiegen. Ja, als der Prinzeſſin Lieblings⸗ papagei ſtarb, meldete ſie es Brühl, als demjenigen, der ihr ſeine Theilnahme nicht verſagen würde, mit den Worten: si j'étais pleurense, je l'aurais pleuré. Maria Antonia war nun ſchon drei Jahre in Dresden, der Reiz der Neuheit hatte ſich abgeſtreift, ſie kannte die Stadt, ſie kannte die Umgegend, die Strei⸗ tigkeiten des Opernperſonals beluſtigten ſie nicht länger, ob die ſchon ein halbes Jahrhundert zählende, prächtige Fauſtine auf eine jugendliche Debütantin eiferſüchtig, das ließ ſie kalt, ſeit es ſich ſo oft wiederholt; und da ſonſt nichts von Bedeutung vorfiel, ſo ergriff ſie auf's Neue ein gewiſſes ennui, das aus einem nicht befriedigten Leben hervorgeht. Seufzend blickte ſie umher, nach einem Etwas ſuchend, das ſie ganz erfülle, nach einer Beſchäfti⸗ gung dürſtend, die ſie ſich ſelbſt vergeſſen lehre. Die Kunſt 3* 44 war ſo langſam, und die Stunden eilten ſo ſchnell dahin für eine Seele, die nach Erfolgen lechzte, nach Eindrücken verlangte, die ſie zu neuen Anſchauungen aufrufen möch⸗ ten, um dann in ihr gereift, dem Leben zurückgegeben zu werden. Sie war ein unruhiger Geiſt, dem ein beſchau⸗ liches Leben nicht zuſagte; ſie bedurfte der Thaten, ſie wollte handeln, wollte mächtig in den Gang der Welt eingreifen, wollte die Verhältniſſe ordnen, und— grade das blieb ihr verſagt. Brühl maß ihr in dem Bezug ſeine Gaben nur ſparſam zu. Immer ein kleiner Schritt weiter, mehr geſtattete ſeine Vorſicht nicht. Oftmals ſchloß die junge Fürſtin ihre Bücher, warf einen kalten Blick auf ihre Muſikalien und— eilte zu ihrem Kinde. Sie drückte den Kleinen an ihr Herz und liebkoſte ihn, als wolle ſie ihn erdrücken. Ach! Er ver⸗ ſtand es nicht, was ſeine Mutter bewegte. Er kannte noch nichts von dieſem Sehnen, das nach einer Wahrheit verlangt, welche Zeit und Ewigkeit in Eins zuſammen⸗ ſchmelzen möchte!— Man hatte ihr ein Regiment gegeben.— Wieder eine Beſchäftigung!— Es hieß die Churprinzeſſin⸗Gre⸗ nadiere. Sie befehligte es und ſah ſeinen Exerzitien zu. Um ſo eifriger bemühte ſie ſich nun im Reiten, und feuerte auch den Churprinzen dazu an, und dieſe körperliche Be⸗ wegung, indem ſie ſie ermüdete, beruhigte zugleich auch * ed— u— — 45 ihren Geiſt und ließ ſie dann mit neuem Vergnügen ihrer Talente pflegen. Zeitſchriften gab es nicht, ſo wenig wie Journale. Nur ein Anzeiger wurde ſo eben erſt begründet. Er⸗ wachte ſie am Morgen, ſo konnte ihr der Tag nichts Neues bringen.— Ihr Gatte war nicht lebensluſtig, wie ſie ſelbſt. Ihre jungen Schwäger gehörten ihren eigenen Kreiſen an. Oftmals trat ſie an das Fenſter, ſchaute zu den Wolken auf, die raſch am Himmel vorüberzogen, und fragte ſich:„Steht denn dein Leben allein nur ſtill, wo Alles Bewegung iſt?“— Hoffen! Abwarten! Auf den Zufall, auf die Gunſt des Schickſals rechnen, ja!— Damit tröſtete ſie ſich in einzelnen Momenten. Dann aber ſchrie in ihr der Jugend Ungeſtüm, die Jahre, die nicht wiederkehren, wollten nicht ungenützt entfliehen, und einer Fürſtin Lebensziel iſt nicht die Kunſt üben, ſondern ſie beſchützen. Biertes Capitel. Rabener und Voltaire. Es war an einem Junimorgen. Ein ſtarkes Gewit⸗ ter hatte die Nacht getobt und den Sommerhimmel mit ſchwerem Gewölke überzogen. Die Stadt lag wie in Schatten gehüllt. Obwohl ſchon die ſechste Stunde mit mächtigem Schlage vom Thurme der Kreuzkirche aus⸗ hob, ſo herrſchte doch immer noch Dämmerung in den Straßen Dresdens. Auf dem freien Platze vor dem italieniſchen Dörf⸗ chen war es demungeachtet ſchon lebhaft. Hier war ſeit Kurzem ein neues Gebäude zum Himmel emporgewachſen, ſo ſtattlich, ſo ſchön, ſo vollendet in ſeiner Ausführung, wie in ſeinem Plane kunſtgerecht, daß es das Auge des Laien wie des Sachverſtändigen gleich ſehr anzog. Vor ſeinem Eingange ſtanden jetzt Wachen auf⸗ geſtellt, alle Thüren hielt die Leibgrenadiergarde beſetzt, ſo daß kein Unbefugter ſich eindrängen konnte. Nur in weiter Ferne wagten die Neugierigen einen Kreis zu bilden. Vor dem Haupteingange waren mehrere prächtige Zelte errichtet. In dieſen befanden ſich der Domdechant 47 von Bautzen und der Nuntius des Papſtes, Signor Archinto in dem ganzen Schmucke ſeines pompöſen Kirchenornates, und eine nicht weniger reich gekleidete Prieſterſchaft ſchloß ſich ihm an. Jetzt fuhren die königlichen Wagen vor, Auguſt der Dritte, begleitet von ſeiner Gemahlin, ſeinen Söhnen und den Großen ſeines Hofes, ſtieg aus dieſen; der Churfürſt Chriſtian und Maria Antonia folgten. Kaum hatte die fürſtliche Familie den Boden betre⸗ ten und ſchritt die Stufen hinan, ſo öffneten ſich die Zelte, und die reich gekleidete Prieſterſchaft trat daraus hervor und folgte langſamen Schrittes in die Kirche nach. Als ſie das Portal des Gebäudes erreicht, ſchloßen ſich au⸗ genblicklich hinter ihnen die gewaltigen Thüren, und die neugierig ſtaunende Menge blieb davor zurück. Im Innern erhob ſich Orgelklang und Feſtmuſik, begleitet von jedem frommen Ritus. Feierlich tönten dieſe Klänge in den ſtillen Morgen hinaus, und ließen die Bewohner der Stadt ahnen, daß von heute an ein neuer Cultus in den Mauern ſeine Stätte eröffnet, bei dem Volk und Fürſt einander fremd gegenüber ſtehen ſollten. Die Verſammlung in der Kirche war ſehr zahlreich. Die Einweihungspredigt hielt der Beichtvater des Kö⸗ nigs, Pater Leo Rauch; erſt um zwölf Uhr ſchloß die Feierlichkeit, worauf am Hofe große Gala und Mittags⸗ tafel ſtatt fand*). Freudeſtrahlend ſaß die Königin Joſepha heute ih⸗ ren Gäſten gegenüber. Ihrem feſten Glauben gemäß war ein Schritt gethan, der das Wohl ihrer Untertha⸗ nen ſicherer förderte, als alle Reſkripte der Miniſter. Ihrem Gotte war eine Kirche erbaut. Sie betete, daß viele Herzen gewonnen werden möchten durch dieſen jetzt öffentlich ſtattfindenden Cultus der katholiſchen Religion. In einem ſo rein proteſtantiſchen Lande war dieſe neue Pflanzſchule nicht leicht zu ziehen. Die arme Kö⸗ nigin fühlte das. Zene, welche mit ihr beteten, waren jetzt nur immer noch Fremde, es waren die Höflinge, welche der Fürſtengunſt gegenüber keinen Glauben hat⸗ ten, es waren die Italiener, welche das Opernperſonal ausmachten, es waren die franzöſiſchen Künſtler, Cere⸗ monienmeiſter und Hofdamen, es waren die reizenden Polinnen, welche ihre Eiferſucht erregten. Aber das ei⸗ gentliche Volk blieb ihren Prieſtern fern.— Maria Antonia konnte den Jubel ihrer königlichen Schwiegermutter nicht theilen. War ſie auch im Glauben mit ihr einig, ſo war ſie wiederum duldſam genug, um ihren Weg des Heils nicht als den unerläßlich Einzigen *) Klemm, Chronik von Dresden. 49 zu betrachten und, nach ihres Helden Friedrich's von Preußen Beiſpiel, die Freiheit des Bekenntniſſes zu ehren. Sie hatte der Königin Beifall gezollt, als ſie eine Mädchenſchule gründete, das jetzige Joſephinenſtift, das ſie mit ihrem Namen beſchenkte. Die Bildung und Er⸗ ziehung des Frauengeſchlechtes lag auch ihr am Herzen, und in die junge Seele, noch weich wie Wachs, drücken ſich leicht alle Farben der Erkenntniß ein. Hier hielt ſie es darum für Recht darauf zu wirken, daß die Wege des Heiles von ihren eigenen nicht verſchieden liefen; allein die ſchon gewonnene Ueberzengung wollte ſie ſo wenig irre machen, noch ſie tadeln— ſie liebte Proſelyten nicht. So verhielt ſie ſich denn ziemlich ruhig bei dieſem Freudenfeſte, das die Stadt nicht theilte. Um ſo wärmer nahm ſie ſich dafür der Juden an, deren Todte bis dahin nicht in Dresdens Erde ruhen durften und den weiten Weg bis zu dem Kirchhofe nach Göplitz zurückzulegen hatten, und ihrem feinen Spotte gelang es zu erwirken, was dies gequälte Volk durch ſein vereintes Bitten nie vermocht. Es wurde ihm ein Kirchhof in der Umgebung Dresdens geſtattet. Ein zweiter Prinz ward ihr jetzt geboren, ein kränk⸗ liches Kind, das darum dem Mutterherzen um ſo näher lag. Seine Schmerzen, ſein Weh durchzuckte dreifach die eigene Bruſt, ſeine flehende Geberde drängte ſich wie ein Vorwurf ihrer Seele auf, ob nicht durch ihr Verſchulden dem kleinen Erdenbürger das ſchlimmſte aller Looſe ge⸗ fallen, mit einem ſiechen Körper kämpfen zu müſſen. Nicht mit Mutterluſt und Mutterwonne drückte ſie den kleinen Karl an ihr Herz. Er weinte und ſie weinte mit ihm. Er lachte und— ſie lachte nicht mit ihm; denn auf dem blei⸗ chen, alten Kindergeſichte nahm ſich dies Lachen wie ein Hohn aus. Kam nun der muntere kleine Fritz dazu ge⸗ laufen, ſtieß eiferſüchtig das Brüderchen weg und wollte für ſich allein der Mutter Zärtlichkeit in Anſpruch neh⸗ men, dann wies ſie den muntern Knaben oft faſt un⸗ willig zurück, weil ſeine Vorzüge ihr ein Unrecht ſchienen gegen dies arme, ſchwache Kind, dem ſie als Morgen⸗ gabe das Leid verliehen. Im Mutterherzen wohnt in dem Bezug Gerechtig⸗ keit, und mehr als das. Das verwahrloſte Kind wird ihm bald das liebſte, es entſchädigt durch die Ueberfülle ſeiner Zuneigung für das, was die Natur verweigert. Sie fühlt inſtinktmäßig, daß es das Opfer trägt für die Sünden ſeiner Väter. Bald wurde der kleine Karl ſeiner Mutter Liebling. In dieſer Sorge für ein krankes Kind hätte eine Mutter ihre Befriedigung finden, ſie hätte damit ihr Leben aus⸗ füllen können, wäre dieſe Mutter nicht zugleich eine Für⸗ ſtin geweſen. 51 Iſt Reichthum ein Glück, ſo iſt er auch wiederum ein Fluch, und wer den Quellen nachforſcht, aus denen unſere Leiden und unſere Freuden hervorgehen, wird bald erkennen, wie wenig das Geld hierbei den Ausſchlag zu geben vermag. Um in der Sorge für ein anderes Leben ſein Ge⸗ nüge zu finden, darf dieſe Sorge nicht allein in der Empfindung beſtehen, ſie muß ſich auch bethätigen können. Die kleinen Dienſte, das hülfreiche Herbeiſchaffen, die Vor⸗ und die Fürſorge für alle Bedürfniſſe, darin beweiſt das Weib ſeine Stärke und darin findet es auch ſein Glück. Eine Mutter, welche die Sorgen fremden Händen anvertrauen muß, wird dem Liebling ihres Herzens nicht unentbehrlich, wie eine andere Mutter, deren Kind, wenn es krank iſt, nur von ihr bedient, nur von ihr gepflegt, nur von ihr die Worte des Troſtes vernehmen will, welche kein anderer Mund ſo ſprechen, zu denen kein anderes Auge mit einem ſolchen Ausdruck des Mitgefühls und des Troſtes blicken kann. Maria Antonia durfte nur Zu⸗ ſchauerin ſein, wenn ihr Kind litt. Seufzend kehrte ſie in ihre Gemächer zurück und legte die ſtolzen Prunkgewänder an, um eine Audienz zu ertheilen, um ihr ganz fremden Menſchen huldvoll zuzulächeln. Sie arbeitete jetzt wieder viel, ſie dichtete, ſie trieb Muſik und ſang, von Haſſe accompagnirt, und der Hof und die fremden Geſandten hörten ihr zu. Sie führte auch das Whiſt am Hofe ein, woran ihr Gatte an andern Abenden Theil nehmen konnte. Sie vollendete einen ita⸗ lieniſchen Text zu der Oper„Paleſtri, Königin der Ama⸗ zonen“. Doch das Alles befriedigte ſie nicht ganz. Immer war es ihr, als müſſe ſie in weitern Kreiſen wirken, als bedürfe ſie für ihre Thätigkeit ein weiteres Feld; immer auf's Neue empfand ſie das Beengende der ſtrengen Hof⸗ etikette und der ihr gezogenen Grenzen. Gottlieb Wilhelm Rabener ward um dieſe Zeit nach Dresden berufen, um beim Steueramte den Dienſt eines Secretärs zu übernehmen. Seine Schriften waren bekannt, von ſeinen Satyren hatte Maria Antonia meh⸗ rere geleſen und ſich an deren geſunden Humor erfreut. Er ſelbſt wurde ihr als angenehmer Geſellſchafter ge⸗ rühmt und ſeine Sitten nannte man untadelhaft. Sie wünſchte nun nichts ſehnlicher, als einen ſo geiſtvollen Mann kennen zu lernen. Allein, wie ſchwierig war ſelbſt die Erfüllung eines ſolchen Wunſches für eine Prinzeſſin, und wie wenig durfte ſie auf eine nähere Berührung mit ihm rechnen bei den ſo weit getrennten Kreiſen der Geſellſchaft jener Zeit. Rabener hatte ſich auf der Ramm'ſchen Gaſſe ein⸗ gemiethet, ohne zu ahnen, daß dieſes Stadtviertel nicht des beſten Rufes genieße*). Er kam von Leipzig als Fremder hierher und war daher mit den Localitäten nicht vertraut. Gleich bei ſeiner Ankunft wartete er dem Grafen Brühl pflichtmäßig auf und wurde von dieſem mit ge⸗ winnender Artigkeit empfangen. Er konnte höchſt ver⸗ bindlich ſein, der ſtolze Miniſter, und war faſt zu ver⸗ bindlich, ſobald er zu gewinnen wünſchte. Hier fürchtete er nun noch die Feder des Gaſtes. Rabener trat ihm mit ſchönem, ſtolzen Weſen und lachender Miene entgegen. Ihn konnte der Rang des Mannes und ſeine geſtickten Kleider und galonnirten Die⸗ ner nicht einſchüchtern; denn ſein ſcharfer Blick drang bis in die innerſten Falten des Herzens und entdeckte hier, was ihn von aller Demuth fern hielt. Er fühlte eher Mitleid mit dem Manne. „Sie ſchreiben gar anmuthige Sachen,“ hatte Graf Brühl im Laufe der Unterhaltung bemerkt.„Und dennoch nennt man Sie einen ſehr gewiſſenhaften Arbei⸗ ter. Ich bewundere, daß Sie Beides zu vereinen ver⸗ ſtehen.“ „Erſt der Pflicht gehorcht, und dann die Erholung gewährt, Excellenz,“ antwortete der Steuerſeeretär mit ²) Rabener's Briefe an Cramer. 54 heiterer Miene.„Das ganze Leben iſt ja nur ein Scherz, wie ſollte ich denn nicht ein bischen Ernſt hineinzuflechten ſuchen, der Würze halber.“ „Sie haben ein glückliches Temperament,“ erwi⸗ derte der Miniſter verwundert. „Oder auch ein düſteres, das ich mit ſeinen trü⸗ ben Bildern durch mein Lachen aufzuhellen ſuche,“ ſagte Rabener.„Im Ernſt den Scherz, im Scherz den Ernſt.“ „Dem Humor ſoll oft die Hypochondrie ſehr nahe ſtehen,“ bemerkte Brühl ſinnend die heitere Miene des Satyrikers muſternd.„Wie gefällt es Ihnen in Dres⸗ den? Vielleicht ſind Sie nur ungerne von Leipzig zu uns hergekommen? Vielleicht gefielen Sie ſich dort beſſer?“ „Ich habe darüber nicht nachgeſonnen, Excellenz; der Mann muß ſeinem Berufe folgen, und bei einer Be⸗ förderung und einer Erhöhung ſeines Gehaltes ſich nicht umſehen nach den gedeckten Tiſchen ihm befreundeter Fa⸗ milien. Was ich zu meinem Leben brauche, das finde ich überall leicht wieder, und die Trennung von meinen Freunden erſetze ich durch Brieſwechſel.“ „Ich hoffe, daß es Ihnen hier gefallen wird, wenn Sie erſt Wuſe gefunden haben, ſich an unſern Kunſt⸗ ſchätzen und unſerer herrlichen Oper zu erfreuen. Haben Sie ſchon Belli ſingen gehört? Die herrliche Pilajo ver⸗ 55 läßt uns ohnehin nächſtens. Auch Fauſtine wird Sie im⸗ mer noch entzücken. Haben Sie nur ein wenig Geduld, und Dresden wird Sie Leipzig vergeſſen machen.“ „Ohne Zweifel, Excellenz— bis auf die Lerchen, die ich nicht werde verſchmerzen können!“ Er ſagte das mit ſo komiſchem Pathos, daß Brühl nicht umhin konnte herzlich aufzulachen, und ihn höchſt gnädig verabſchiedete. Bald darauf ließ er ihn wieder zu ſich entbieten, um ihn in ſeinem Garten auf der Terraſſe der Churprinzeſſin vorzuſtellen. Maria Antonia hatte ſich wiederum vor⸗ zugsweiſe an den mächtigen Günſtling wegen Erxfüllung ihres Wunſches gewendet, der ihr mit ſeinem gewohnten: „Sie haben nur zu befehlen, vous n'avez qu' à ordon- ner,“ darauf entgegnet. So hatte ſie denn das Vergnügen dem witzigſten Manne Deutſchlands gegenüber zu ſtehen und ihm ihre ſchöne Hand zum Kuße entgegen zu reichen, die er fuß⸗ fällig an ſeine Lippen drückte. Die Art, wie er ihr zu antworten wußte, war ihr eu. So ſchlagend, ſo ſcherzhaft, ſo vielſagend waren dieſe Entgegnungen, daß ſie ſich davon auf eine Weiſe electriſirt fühlte, die ſie berauſchte. So ungefähr mußte auch Boltaire reden, dachte ſie, und begriff nun die ganze 56 Größe des Vergnügens, welches Friedrich von Preußen in ſeiner Geſellſchaft genoß. Sie ſprach mit ihm von ſeinen literariſchen Arbeiten, von den gelehrten Männern Leipzigs, von Gellert, Gott⸗ ſched, und Allem, was auf geiſtigem Gebiete gefördert ward, und erquickte ſich wahrhaft an dieſem Austauſch. Es war ihr ein ſo ſeltenes Vergnügen aus dem Schatze ihres Geiſtes das Beſte hervorholen zu dürfen, während ſie in ihrem Leben immer mehr auf leichte Rede, auf Phraſen, auf nichtsſagende Scherze angewieſen war, daß ſie ſich ſo erfriſcht und belebt fühlte, wie wenn die Blume ſich des Lichtes erfreut. Wie ſchnell war ihr dieſe Stunde entflohen!— Und, wie kein Unglück allein kommt, ſo ſcheint auch die Freude gerne ihre Begleiter zu haben; denn noch am ſelbigen Tage lief ein Brief von der Gottſched ein, worin dieſe ihr die Dedication eines Buches antrug, unter Aeußerungen, welche grade von dieſer Frau kom⸗ mend, dem Ohre der Fürſtin doppelt ſchmeichelhaft klan⸗ gen. Sie ſchrieb: „Ew. Königliche Hoheit erhabenes Lob überlaſſe ich derjenigen Feder, die von der Vorſehung beſtimmt ſein wird, einſt der würdige Herold von deren vortreff⸗ lichen Eigenſchaften und eben dadurch der Ehre ihrer Zeiten zu ſein. Ich, die ich die Unfähigkeit meiner Feder 57 nur gar zu oft empfinde, beſitze nicht Verwegenheit genug, mich an das Meiſterſtück der Muſen zu wagen. Zudem ſind die ſeltenen Vorzüge der Schutzgöttin ſächſiſcher Muſen der Welt viel zu bekannt, als daß ſie eines andern Zeugniſſes bedürfte, als die unſterblichen eigenen Werke einer Maria Antonia. Ew. Königliche Hoheit werden alſo geſtatten, daß ich die gnädigſte Erlaubniß, welche ich erhalten habe, Dero höchſten Namen dieſem Werke vorzuſetzen, durch ein Unterfangen nicht entweihe, zu wel⸗ chem ein Griffel gehöret, der über die beſten ſeiner Zeit ſo erhaben iſt, als Ew. Königliche Hoheit durch deren vortreffliche Eigenſchaften über die mehrſten Perſonen Dero Standes erhaben ſind. „Geruhen Sie, Durchlauchtigſte Gnädigſte Frau, mich ferner eines Schutzes und einer Gnade zu würdigen, die alle Geſchicklichkeit erſetzen werden, welche mir fehlet. Mein ganzes Verdienſt werde ich lebenslang in den eifrig⸗ ſten Wünſchen für das höchſte Wohlſein Dero allertheu⸗ erſten Perſon und in der tiefſten, treueſten Verehrung ſuchen, mit welcher ich bis an das Ende meines Lebens verharre Ew. K. H. unterthänigſte Dienerin Gottſched.“ Mehrere Male durchlas Maria Antonia dies Schreiben, deſſen Inhalt ſie auf das a beſchäf⸗ 1860. X. Maria Antonia. II. 58 tigte. Die Wangen von der Erregung geröthet, ſaß ſie ſinnend da, als ihr Gatte eintrat und ſie theilnehmend fragte, was ſie ſo ernſt beſchäftige. Sie ſprang auf und ſchlang beide Arme um ſeinen Nacken. „Welch' ein Glück iſt es doch berühmt zu ſein!“ rief ſie ſich an ihn ſchmiegend aus.„Ich habe einen ſo ſchönen Brief von der Gottſched bekommen! Ach! Und ich frage mich nun, ob ſein Inhalt auch mir, ob er nicht vielmehr der Churprinzeſſin von Sachſen gälte!“ „Wer wollte ſich mit ſolchen Zweifeln plagen!“ rief ihr Gatte faſt unwillig.„Du kennſt Deinen Geiſt, Deine Talente, warum ſollen denn Andere ſie nicht wür⸗ digen? Es iſt ja weltbekannt, welch' eine begabte Dich⸗ terin und Tonkünſtlerin Du biſt! Orden, Diplome, das Lob ſo Vieler hat Dir das bewieſen, und nun willſt Du zweifeln, wenn eine Frau, wie die Gottſched, Dir noch ihr Schärflein Weihrauch ſtreut?“ „Weil ſie eine Frau und ſelbſt begabt iſt,“ erwiderte Maria Antonia einfallend. „Und Dir lange nicht das Waſſer reicht, Du Ein⸗ zige Deines Geſchlechtes.“ „Schmeichler!“ rief ſie heiter und hielt ihm die Finger auf den Mund.„Du biſt zu ſehr für mich ein⸗ genommen.“ „Wenn Du mich reden ließeſt, ſo würde ich Dir M 59 noch eine ſehr intereſſante Neuigkeit mittheilen,“ flüſterte er, mehr als er es ſprach, unter dem Drucke der ihn beengenden Finger. „Nun, ſo rede!“ ſagte ſie gutgelaunt und zog ihre Hand fort. „Voltaire iſt in Leipzig!“ „Wie?“ rief Antonia und ſprang empor, wie wenn ſie eine Tarantel geſtochen.„Wie? Er iſt dort und kommt nicht auch zu uns?“ „Er iſt dort, auf der Reiſe in ſeine Heimath. Er war von Breitkopf eingeladen, hat das Quartier aber nicht angenommen, und überhaupt ſo viel Launen gezeigt, daß man ſeiner faſt überdrüßig geworden.“ „Ach! Wenn ich ihn nur ſehen, ihn nur bewir⸗ then tönnte, ich würde ſeiner nicht überdrüßig werden!“ rief die junge Frau ſchmerzlich bewegt.„Chriſtian, iſt denn keine Möglichkeit, daß wir nach Leipzig fahren, oder ihn zu uns hierher einladen können?“ „Keine, Antonia, ſo gerne ich Deine Wünſche ſonſt erfülle— keine. Du kennſt der Königin Vorurtheil gegen den Philoſophen; Du weißt, wie ſehr Brühl den König von Preußen und ſeine Freunde haßt. Hier würden wir alſo auf doppelte Weiſe verſtoßen. Beruhige Dich alſo. Tröſte Dich! Vielleicht künftig einmal!— Wer 8 ob er 4* abgereiſt iſt.“ Die junge Frau ſeufzte. „So ſei es denn,“ ſagte ſie,„ich will nicht weiter daran denken. Eines Tages aber, Chriſtian, wenn wir hier herrſchen werden, das verſprichſt Du mir, dann darf ich, wie unſer Nachbar in Berlin, eine Ariſtveratie des Geiſtes um mich verſammeln.“ „Deren Königin Du biſt, und ich nenne mich dabei Deinen erſten Vaſall,“ ſagte der junge Mann, bewundernd in ihr glänzendes Auge ſchauend. Fünktes Capitel. Der Abſchied Raphael Mengs von Aunguſt 111. Fauſtine war von Paris zurückgekehrt. Erfüllt von den Eindrücken ihrer Reiſe, gehoben durch den Beifall, womit man die berühmte Sängerin überall empfangen, mit neuen Ehren und Geſchenken überhäuft, ſah ſie Dres⸗ den wieder. Sie glaubte ſich hier kalt begrüßt. Mit um⸗ wölkter Stirne maß ſie jetzt in großen Schritten ihr nicht in dieſer Stunde auch bereits ſchon wieder von dort ————— 61 Gemach und brütete über Plänen, um ihren Empfang zu rächen. Ihre Töchter ſaßen im Nebenzimmer mit ihren Studien beſchäftigt; ihr Gatte hatte ſich in die Capelle begeben, um die Probe eines neuen Oratoriums zu leiten. So war ſie ſich denn ſelbſt überlaſſen und konnte unge⸗ ſtört den böſen Einflüſterungen verletzter Eitelkeit Gehör geben. „Unbeſtändiges Menſchengeſchlecht!“ ſagte ſie ſich bitter.„So wie man die Hand umwendet, iſt auch ſeine Liebe, ſeine Bewunderung verſchwunden. Als ich abreiſte— glaubte man mir Thränen nachweinen zu müſſen. Da⸗ mals, ſo ſchien es, konnte Dresden nicht ohne mich beſte⸗ hen. Und jetzt? Jetzt— ſagt man: Ah! Schon wieder zurück?— Das klingt, als ob ich ihnen noch zu früh gekom⸗ men wäre. Und was iſt es, worüber ſie mich entbehren lernen, wodurch ſie mich erſetzt gefunden? Ein Knabe iſt es! Ein bloßer Knabe!— Man ſpricht, man denkt, man wünſcht und man bewundert nichts mehr als— dieſen Knaben!— Trauriges Geſchick meines Geſchlechtes, daß ſich bei uns der Ruhm an unſere Jahre knüpft, daß wir nur das gelten, was wir auch zugleich durch unſere Erſcheinung ſind! Doch— noch bin ich Fauſtine! Noch iſt meine Zeit nicht vorüber, noch hat die Künſtlerwelt keinen Erſatz für mich zu bieten, und darum auch— iſt die Rache in mei⸗ ner Hand. König Auguſt wird es erfahren, wie ein be⸗ leidigtes Weib fühlt. Ich trete nun nicht auf. Mag er einmal ſehen, wie ſeine Opern ſich ohne Fauſtine aus⸗ nehmen. Ich trete nicht darin auf.“ Ihr Selbſtgeſpräch unterbrach die Erſcheinung des Beichtvaters der Königin. Guerini, immer geſchäftig, im⸗ mer vermittelnd, hatte ſchon geahnt, daß ſein Amt hier wieder beginnen müſſe, und ſchob darum ſein gutmüthig lächelndes Geſicht durch die Thüre in dem Augenblicke, wo die beleidigte Künſtlerin ihre Rachepläne in ſich zur Reife gedeihen ließ. „Ah! Sieh' da!“ rief ſie ihm entgegen mit jenem frohen Tone, der vielleicht der Hoffnung galt, ihren in⸗ nern Zorn jetzt an einem Gegenſtande kühlen zu können. „Unendlich gütig, mon pöre, daß Sie den Weg nach meinem Hauſe gefunden haben, d. h. wenn es kein Irr⸗ thum iſt, wenn Sie nicht aus bloßem Verſehen hier ein⸗ gekehrt, wenn nicht die alte Gewohnheit Sie dieſen Weg geführt und Sie eigentlich nach der Wohnung des jungen Mengs haben einlenken wollen.“ Guerini kniff bei dieſer Anrede die Augen ein we⸗ nig zu und ſtieß ein vergnügtes Hm! aus, das der Ue⸗ berzeugung galt, ſchon errathen zu haben, was die Stim⸗ mung der Fauſtine ſo erbittert. „Sie kennen meine Verehrung für Sie,“ ſagte er M 9 63 dann,„und dieſe wird mich ſtets richtig leiten, Sie auf⸗ zufinden, wo Sie auch ſeien!“ „Worte! Nichts als Worte!“ rief ſie ſpöttiſch. „Wie oft habe ich ſchon Aehnliches gehört, wie oft! Und aus welchem Munde! Gott! Wie wandelbar die Men⸗ ſchen ſind! Elendes Geſchlecht!— Und nach dem Beifall ſolcher Geſchöpfe konnte ich ſtreben? Ein Unglück für mich, daß ich je dieſen Boden betrat!“ „Aber ein Glück für uns!“ erwiderte der Pater ſanft; denn ihn mochten ſolche Ausbrüche des Zornes ſchon vorbereitet finden, und er die beſte Weiſe ſie zu be⸗ ſchwichtigen kennen.„Ein großes Glück für uns, ja, wenn ich mich recht ausdrücken will, ein unermeßliches Glück für uns!“ Fauſtine lachte hell auf. „Das Sie nun genug genoſſen, nicht wahr? Man ſehnt ſich nach etwas Neuem, man liebt die Verände⸗ rung, man gibt der Jugend den Vorzug. Dieſer kleine Mengs muß ein allerliebſter Knabe geworden ſein, um Jung und Alt in dem Maße zu begeiſtern, daß man über ihn eine Fauſtine vergißt.“ „Welche Läſterung!“ rief Guerini entſetzt.„Als ob das möglich, als ob es denkbar wäre! Man freut ſich an ſeinem ſchönen Talent, das dem Könige um ſo mehr Ver⸗ gnügen gewährt, weil er es gewiſſermaßen an das Licht ge⸗ 64 bracht, und die Stadt iſt ſtolz darauf, daß ein Sachſe in der Künſtlerwelt eine Rolle ſpielen ſoll; aber— Fau⸗ ſtine von ihm verdunkelt zu ſehen— mein Himmel, das gehört ja zu den Unmöglichkeiten!“ „So—?“ fragte ſie gedehnt.„So? Und wie kommt es denn, daß Niemand von mir und alle Welt nur von ihm ſpricht? Daß Niemand äußert, man habe mich entbehrt, und alle Welt das Glück preiſt, den klei⸗ nen Raphael wieder zu haben?“ „Weil er ein Landeskind und unter den Augen der Bevölkerung aufgewachſen iſt.“ „Lächerliche Ausrede! Als ob es ſonſt keine Lan⸗ deskinder gäbe!— Auch Haſſe iſt von hier und Neumann nicht minder. Nein, nein, Sie täuſchen mich nicht! Man hat mich vergeſſen, man liebt mich nicht mehr.— Gut denn! Wenn man mich entbehren kann, ſo ſei es; ſo mag der kleine Raphael meine Partien ſingen, und wenn er ſie nicht ſingen kann, ſie ihnen malen.“ Guerini ſah ein, daß es ihm nicht möglich ſein werde, den Zorn der Schönen allein zu beſchwichtigen. Er verabſchiedete ſich alſo und eilte zu dem engliſchen Geſandten. Dieſer, der eifrigſte Verehrer der Fauſtine, ſollte ihm ſeinen Beiſtand leihen. Er fand ihn nicht in ſeinem Hotel, und mußte ihn in dem Atelier des Raphael Mengs auffinden, wo 65 er jede müßige Minute zubrachte. Guerini trug ihm ſein Anliegen vor. „Ich möchte Ihnen gern beiſtehen,“ erwiderte Sir Charles;„aber wie iſt es möglich? Ich wage nicht vor Fauſtine zu erſcheinen. Sie weiß, daß ich meinen Raphael über Alles lieb gewonnen und mein ganzes Leben mit ihm zubringen möchte; ſie weiß, daß ich nur darum den Geſandtſchaftspoſten in Petersburg noch nicht angenommen, weil ich mich von ihm nicht trennen kann; ſie weiß es; denn ſie weiß Alles, weil es immer noch Leute gibt, ſchlecht genug, um ihr das zu hinterbringen, was ihr den meiſten Kummer verurſacht. Ihr Zorn trifft daher vorzugsweiſe mich; denn ſie duldet keine Götter neben ſich, ſie verlangt, daß ich nur ſie allein bewundere, und ſeit ich einen großen Theil in meinem Herzen mei⸗ nem Raphael eingeräumt, bin ich ihr verhaßt.“ Guerini ſah wohl ein, daß Sir Charles ihm keine Hülfe gewähren könne. Wo dieſe alſo finden? Wohin er ſein Auge wandte, ſtieß er immer auf neue Verehrer des jungen Künſtlers, überall hörte er nur deſſen Lob— in Wahrheit ſprach Niemand von Fau⸗ ſtine. In ſeiner Rathloſigkeit wandte er ſich endlich an die Churprinzeſſin, die ihm ſchon in mancher ähnlichen Verlegenheit ihren Beiſtand geliehen. Maria Antonia ſann einige Minuten nach. Sie kannte Fauſtine genau, ſie wußte, daß die verletzte Eitelkeit ſie zu dem Aeußerſten treiben könne, und die Oper ohne Haſſe verloren ſei. „Ich will Ihnen einen Rath geben,“ ſagte ſie dann bedächtig;„wenden Sie ſich an Raphael ſelbſt. Er wird Rath ſchaffen, indem er ſelbſt ſeine Kunſt zu den Füßen der ſtolzen Sängerin legt.“ Guerini fand dieſe Idee prächtig und eilte von dannen ſie in Ausführung zu bringen. Er fand den jungen Mengs allein mit ſeiner Schweſter Thereſe, welche die Nacht von Corregio für die Königin copirte und ihren gelehrteren Bruder ſo eben um ſeinen Rath gebeten hatte. „Ich möchte Fauſtine gerne malen,“ ſagte der junge Mann beſcheiden,„und ich werde ſie ſogleich darum bitten, mon pore, ſobald Sie es wünſchen; doch bin ich mit Arbeit überhäuft, und die göttliche Sängerin ahnt nicht, wie ſehr ich von den Beweiſen der Liebe leide, womit man mich hier ſo unverdient überhäuft. Man ſtört mich den ganzen Tag, ohne zu überlegen, wie viel dem Künſtler ſeine Zeit gilt. Ich kann nicht unfreundlich ſein gegen Beweiſe der Theilnahme, und wiederum ſchaffen ſie mein Elend. Ich ſehe nicht ein, was hier aus mir werden ſoll. Will ich zur Ehre meines Königs redlich fortſtreben ein großer Künſtler zu werden, ſo darf ich meine Zeit nicht n in ht 67 zerſplittern, und ich glaube, daß mir dazu kein anderes Mittel bleibt, als nach Rom zurück zu kehren.“ „Das würde dem Könige gar weh thun, mein Ra⸗ phael, Dich entbehren zu ſollen,“ ſagte der Pater be⸗ ſchwichtigend.„Eile damit wenigſtens nicht.“ „Wenn die Jahre nicht eilten, mon pöre,“ rief der Jüngling feurig,„wenn ich nicht wünſchte dem guten König noch durch meinen Ruhm Freude zu machen!“ „Verſuche es nur noch eine kurze Weile!“ bat der Prieſter.„Erfülle mir nur vor Allem erſt meine Bitte wegen der Fanuſtine.“ „Gewiß, mon pére. Gleich heute noch begebe ich mich zu der gefeierten Künſtlerin.“ Guerini entfernte ſich, um zu Graf Brühl zu eilen und ihm den Vorgang zu berichten, und dieſer erzählte es am Abend dem Könige. „So werde ich ihn wohl entlaſſen müſſen,“ ſagte Auguſt III.,„ſo lieb er mir iſt; denn ich ſehe es ein, daß er recht hat. Alle Welt will ihn genießen und ſeine Arbeiten beſitzen, und ich, ſein König, ſtehe auf dieſe Weiſe zurück. Das geht nicht, denn grade mir verurſa⸗ chen ſeine Bilder die größte Freude.“ Indeſſen trat Raphael Mengs in das Haus der Fauſtine. Ueberraſcht hörte ſie ſeinen Namen und ließ ihn vor ſich, ehe ſie noch nachgedacht, ob ſie ihn auch empfangen wolle oder ſolle. Mit gradem, ſchönen Weſen trat er vor ſie hin, und verneigte ſich, um ihre Hand an ſeine Lippen zu führen. „Ich komme mit einer Bitte,“ ſagte er mit be⸗ ſcheidenem Ernſte,„deren Gewährung meinen Namen groß machen kann. Die berühmte Fauſtine hat, ſo viel mir bekannt, noch keinem Künſtler geſeſſen; möchte ſie mir dieſe Gunſt aufgeſpart haben, um durch ſie unſterb⸗ lich zu werden.“ Fauſtine hatte während dieſer Anrede ihren Blick forſchend auf ihm ruhen laſſen. Sein offenes Weſen, der geniale Aufblick ſeines Auges machten den günſtigſten Eindruck auf ſie; ſie fühlte in ihm ein ihr verwandtes Weſen und eine echte Künſtlernatur. „Es gab eine Zeit, wo ich Ihnen dieſe Bitte hätte gewähren mögen,“ ſagte ſie und winkte ihm Platz zu nehmen;„aber das iſt ſchon lange her. Jetzt iſt es zu ſpät dazu. Die Fauſtine von heute erkennt ſich ſelbſt nicht mehr in der Fauſtine von ehemals, und aus dem Bilde die Menſchen mit andern Augen anſehen, wie mein Ruf von mir geſagt, das ſcheint mir ein Unrecht gegen mich ſelbſt, wie gegen das Publikum zu ſein. Wer ſich will malen laſſen, um der Nachwelt ein entſprechendes Bild 69 von ſich zu hinterlaſſen, ſollte es in ſeiner Jugend thun— d. h. ich rede da von uns Frauen. Bei einem Manne iſt es eine andere Sache: bei dem malen Sie den Charak⸗ ter, bei uns nur die Form und die ſie beſeelenden Em⸗ pfindungen.“ „Und doch wollten Sie einer Roſalbe die Gunſt gewähren, Sie malen zu dürfen?“ „Weil ſie eine Frau iſt,“ fiel raſch Fauſtine ein, „und weil unſer Geſchlecht zu einander halten muß, darum lieh ich ihr meinen Kopf zum Zeichnen. Aus keinem andern Grunde. Sie aber bedürfen nicht einmal einer ſolchen Gunſt; denn Sie ſind ſchon ein berühmter Mann.“ „Sie ſpotten meiner,“ erwiderte Raphael mit be⸗ ſcheidener Würde,„und die große Fauſtine ſollte eines Jünglings nicht ſpotten, der mit Ernſt denſelben Pfad zu wandeln bemüht iſt, den ſie ſelbſt ſo ruhmvoll zurück⸗ gelegt.“ Er ſtand auf; Fauſtine, ſich mit ihm erhebend, bot ihm die Hand und ſagte herzlich:„Raphael Mengs, ich prophezeihe Ihnen eine reiche Zukunft. Der Ruhm iſt ein ſchöner Begleiter für das Leben eines Mannes; denn der Frau wird er oft eine gefährliche Klippe. Mögen Sie glücklicher werden, wie ich es geweſen bin.“ Thränen ent⸗ ſtürzten ihren Augen und ſie wandte ſich von ihm ab. Bewegt verließ er das Haus. Wenige Tage darauf überbrachte er dem Könige die Skizze zur Himmelfahrt, und knüpfte nun ſogleich die Bitte daran, nach Rom zurückkehren und das Bild dort malen zu dürfen. Auguſt war ſchon vorbereitet, und willigte, wenn auch ungern, ein. Er ſah es ein, daß er den Jüngling vor ſeinen Freunden retten müſſe. Niemand war glücklicher über dieſen Entſchluß, als die ſchöne Margareta. Sie fing ſogleich an zu packen und zu räumen und konnte die Stunde der Abreiſe nicht erwarten. Barbara ſah ihr dabei mit hämiſchem Lächeln zu. Der alte Mengs aber war keineswegs mit dem Ent⸗ ſchluße ſeines Sohnes einverſtanden; denn er fühlte es deutlich, daß er nicht ohne ihn leben konnte, und ihn zu begleiten war ihm nicht geſtattet. Noch mehr aber wuchs ſein Mißfallen, als ſeine beiden Töchter erklärten, ihren Bruder begleiten zu wollen; denn auch ſie mochten nicht länger von Barbara abhängig ſein und ihre Kunſt er⸗ nährte ſie völlig. Der Friede des Hauſes war damit geſtört, und Ra⸗ phael wünſchte nun möglichſt ſchnell den vielen Vorwür⸗ fen der Undankbarkeit zu entgehen, womit ſein Vater ihn marterte. Nur das Bild ſeines Freundes Annibali wartete der Vollendung, dann wollte er ohne Verzug abreiſen. Nicht eine Stunde müßigte er ſich von dieſer W N r i 71 Arbeit ab, und ſelbſt die Nacht nahm er noch zu Hülfe, um es zu vollenden, ſo wie er es vollendet wünſchte. Er hatte König Auguſt verſprochen, es ihm noch zu zeigen, wenn der letzte Strich daran gethan. Schon ſtand der bepackte Wagen vor der Thüre, da eilte Ra⸗ phael Mengs in Reiſeſtiefeln, das Bild in der Hand, auf das Schloß. „Hier, Sire,“ ſagte er,„iſt mein Freund, an dem ich noch die ganze Nacht gearbeitet. Und die Poſtpferde ſtehen vor der Thüre.“ „Mein Raphael,“ erwiderte der König,„ich finde in dem Gemälde etwas gar feines, welches ich nicht in den andern für mich gemalten Bildern bemerkt.“ „Ja, Sire,“ verſetzte der Künſtler,„das kann wohl ſein;„denn der Freund malte hier den Freund, und mit dieſer Empfindung darf man Fürſten nicht portraitiren.“ Lachend reichte der König dem jungen Mengs ſeine Hand, die dieſer an ſeine Lippen führte, und ſagte dazu: „Du haſt wohl recht. So lebe denn wohl, und wenn Du wieder in Rom biſt, ſo vergiß nicht auch ein bischen als Freund an meinem Bilde zu malen.“ Gerührt ſchied der junge Künſtler von ſeinem groß⸗ müthigen Beſchützer, den er zum letzten Male geſehen. Bald lag die Stadt hinter ihm, wo er ſo viel Freundſchaft gefunden, und ſein Blick richtete ſich nun 72 der Zukunft entgegen.— In Dresden aber gab es trau⸗ rige Geſichter, als er geſchieden. Iſmael Mengs wan⸗ delte geſenkten Hauptes durch die Straßen, und Sir Charles Williams klagte laut, daß ihm ſein halbes Le⸗ ben geraubt ſei mit der Trennung von dieſem hoffnungs⸗ vollen jungen Leben. Auch der König vermißte ihn, und Graf Brühl ſann nach, womit er dieſe Lücke ausfüllen könne. Nur die alte Barbara lächelte vergnügt, und Pa⸗ ter Guerini ſchlich mit erleichtertem Herzen zu Fauſtine, um ihr Glück zu wünſchen, daß der jugendliche Neben⸗ buhler das Feld geräumt. Sie aber blickte ihn ernſt an und erwiderte mit ſtrenger Miene: „In dem Jünglinge wohnt eine echte Künſtlerſeele, in ihm habe ich mich ſelbſt erblickt, ſeine Zukunft war einſt mein Traum, mon pöre. Der Knabe iſt für mich ein Mann geworden; wer ihn liebt, der liebt auch mich; ſchmähen wir ihn alſo nicht.“ Guerini ſah ſie erſtaunt an, denn er verſtand ſie nicht. Sechstes Cnpitel. Die Ankunft der Madonna del Sixto. Die Geburt Ludwig des XVI. wurde vom ſächſi⸗ ſchen Hofe durch prächtige Feſte begangen. König Auguſt war ſtolz darauf, in ſeinem Enkel dem Throne von Frank⸗ reich einen Erben zu geben, die Königin Joſepha freute ſich des Glückes ihrer Tochter; Maria Antonia aber hoffte eines Tages noch am Hofe des Dauphin, ihres Schwa⸗ gers, das glänzende Leben der erſten Stadt der Welt kennen zu lernen. Der kleine Prinz, deſſen Eintritt in die Welt ſo große Erwartungen wach rief, lag indeſſen noch halb bewußtlos in ſeiner goldenen Wiege, unter den Lilien Frankreichs, deſſen Thron er ſpäter mit ſeinem Leben bezahlen mußte. So wenig ahnen wir, was uns im Hin⸗ tergrunde der Zeiten droht. Unter dem Geläute der Glocken, dem Donner der Kanonen, den Salven der Infanterie, wurde ein Tedeum gehalten, das den erſtaunten Bewohnern der Hauptſtadt verkündigte, welch' eine glückliche Begebenheit das Fürſten⸗ haus ſo hoch erfreute. Wer zu dem Hofe gehörte, eilte ſeinen Glückwunſch darzubringen, wer ihm ferne ſtand, 1860. X. Maria Antonia. II. 5 74 hörte die Neuigkeit mit gemiſchten Empfindungen. Frank⸗ reich hatte den Deutſchen nie wohlgewollt, war nie deren Glück förderlich geweſen; ein echtes deutſches Herz blickte mit Mißtrauen auf einen Nachbar, der ſeine leichtfertigen Sitten, ſeine Moden, ſeinen bunten Flitter und— jetzt auch ſeinen Unglauben den Deutſchen aufdrängen wollte. Es wurden daher verſchiedene Urtheile über dieſe Bege⸗ benheit laut, die manche Vorfälle neu in Anregung brach⸗ ten. Die Feſte koſteten Geld, ſehr viel Geld. Die Auf⸗ lagen drückten immer ſchwerer. König Auguſt wußte davon freilich nichts. Von den Auspfändungen, Verwünſchungen, von dem Nothpfennig der Witwen und Waiſen, womit Brühl ſeine Kaſſen füllte, kam nichts an ſein Ohr. Immer luſtiger, immer geräuſchvoller wurden ſeine Feſte, um ihn dagegen taub zu machen. Auf der Bühne erſchienen jetzt Cameele, Pferde, ja ſogar Elephanten*). Es herrſchte hier oft ein wild barbariſcher Lärm. Außerdem hielten die Regimenter Manöver; dabei wurde geſchoſſen, ge⸗ ſpielt, ein ganzer Kugelregen losgelaſſen. Die Königin gab Illuminationen, Prinz Laver Soupers, auch Maria Antonia mußte ſo artig ſein, Feſte zu erſinnen, und kam dann eine Pauſe, ſo füllte Brühl ſie ſchnell mit einem neu erdachten Einfall aus. ²) Rabener, Freundſchaftliche Briefe. 75 Seit eine Fauſtine und Mingotti dem Könige nicht mehr unterhaltend erſchienen, wie in ſeinen Jugendtagen, mußte zu andern Liebhabereien die Zuflucht genommen werden, um die Zeit zu tödten. Eine beſſere Freude gewährte dem Könige inmitten dieſes Tumultes die Ankunft der Madonna del Sixto. Vor zwanzig Jahren hatte er auf einer Reiſe durch Ita⸗ lien dies Bild geſehen und lieb gewonnen; jetzt war ihm der Ankauf durch Vermittelung des Malers Carlo Cäſare Giovannini aus Bologna gelungen. Um den Preis von 20.000 Dukaten hatten die Mönche des Kloſters St. Siſto in Piacenza es ihm überlaſſen, und nach einer lan⸗ gen Reiſe war es endlich in Dresden angelangt und wartete ſeiner Enthüllung. Der König hatte in der Erwartung eine ſchlafloſe Nacht zugebracht. Zwanzig Jahre ſind ein langer Zeitraum. Sie ver⸗ ändern vieles in Menſchen und Dingen, in uns ſelbſt und in unſerer Anſchauungsweiſe. Was wir einſt ge⸗ liebt, hat ſeine Farben verloren, und was wir gehaßt, gleicht einem böſen Traume. König Auguſt war unruhig in dem Gedanken, ob ſeine Madonna ihn auch heute wieder entzücken würde, wie damals, ob ſie noch ganz dem bezaubernden Bilde 5* gleichen würde, das davon in ſeiner Seele geblieben war; ob er mit ſeinem Ankauf zufrieden ſein werde. Hoffmann wurde heute ganz bedenklich zu Muthe bei der Toilette ſeines Herrn. Ihm hätte wahrlich ein Unglück begegnen können, ſo häufig warf dieſer ſich hin und her und verrückte ſeine Stellung. In den Thronſal hatte die Majeſtät die Kiſte zu ſtellen beordert, dort ſollte die ganze Familie ſich ver⸗ ſammeln und Zeuge der Enthüllung ſein. In den Thron⸗ ſal begab Seine Majeſtät ſich alſo jetzt, gefolgt von der Königin Joſepha, und bald darauf fanden ſich auch ſeine Kinder dort ein. Es war ihnen allen zu wohl be⸗ kannt, welchen Werth der König auf ein neu erworbenes Bild lege und wie wichtig ihm ihr Beifall ſei; keiner von ihnen wollte daher wagen gleichgültig zu ſcheinen, keiner ſeinen Unwillen durch Mangel an Geſchmack für ſeine Lieblingskunſt auf ſich ziehen. Indem man das Bild jetzt aus ſeiner Umhüllung hervorzog und ihm eine günſtige Stellung zu geben be⸗ müht war, wo es gehörig beleuchtet hervorträte, fand man die Stufen des Thrones im Wege, und wußte nicht recht, wie es ſtützen, ohne dieſe heilige Stätte zu berühren. Der König ſah dem Hin und Her dieſer Verſuche lange mit wachſender Ungeduld zu; endlich aber wurde ihm des Zauderns doch zu viel, und mit raſchem Entſchluße hinzu⸗ 77 tretend, ſchob er mit eigener Hand die Sammetſeſſel bei Seite und rief gebietend aus:„Platz da für den gro⸗ ßen Raphael!“*) So ſtand denn das Madonnenbild, wo ſonſt die Majeſtäten thronten, in ſeiner einfachen Schönheit, in ſeiner wundervollen Erhabenheit. Ein Ach! des Erſtau⸗ nens entſchlüpfte jeder Lippe. Grade in dieſer Um⸗ gebung, neben dem Glanz und Flitter dieſes Hofes, war ſeine Wirkung doppelt groß. Das Weib als Mutter, ſo rein, ſo gottergeben, ſo heilig!— Auch der blaſirteſte Hofmann beugte ſich vor ſolcher Größe. König Auguſt ſelbſt aber wußte ſich vor Befriedigung kaum zu faſſen. Es war dies einer der glücklichſten Tage ſeines Lebens, ſeiner langen, glanzvollen Laufbahn, und während ſeine Gemahlin in frommer Devotion ihre Knie davor beugte, wandte er ſich zu Maria Antonia, welche, an ihren Gatten gelehnt, ſchweigend zu dem Bilde aufſah und ſich in ſeine Schönheit verſenkte, und flüſterte ihr zu:„Nun, habe ich recht gehabt? Gibt es in der ganzen Welt wohl etwas dem Vergleichliches? Iſt dies nicht ein Meiſterſtück der Kunſt? Habe ich hier verſchwendet, in⸗ dem ich den hohen Kauſpreis zahlte? Wahrhaftig, jetzt wäre es mir für ein Königreich nicht feil!“ „Der Hinmel ſpare Ihnen darum die Verſuchung, ) Hübner, Geſchichte der Dresdner Gallerie. 78 Sire!“ ſagte ſie lächelnd.„Hier eine Krone, und dort die Madonna; ich fürchte ſelbſt, daß Ihre Kinder Ihrer Wahl zu zürnen haben würden.“ „Ah! Sie kleiner Ehrgeiz!“ erwiderte der König ſcherzend. Alles, was nur irgend an den Hof gehörte, bat jetzt um die Vergünſtigung dies Bild zu ſehen. Die ganze Stadt ſprach eine Weile nur davon. Maria Antonia allein hatte ſein Daſein ſchnell vergeſſen; denn ihre Seele war von ganz andern Eindrücken bewegt. Durch ihren Briefwechſel mit bedeutenden Perſonen aller Art kam ihr gar manche Kunde zu, die ſie mit ernſter Sorge erfüllte. Sie wußte vieles von des Miniſters heimlichen Verträ⸗ gen, von ſeinem Briefwechſel mit fremden Mächten, von einem Sonderbündniß der drei Fürſten Frankreichs, Oeſterreichs, Rußlands gegen ihren Liebling von Preu⸗ ßen, das ſie nicht laut werden laſſen durfte. Wie, wenn er Sachſen dadurch in einen Krieg verwickelte— das arme hungernde Sachſen! Wie, wenn er deſſen erſchöpfte Kaſſen dadurch zu neuen Zahlungen zwang! Sie war nicht Gattin nur, ſie war auch Mutter. Sie hatte nicht länger ihr eigenes Intereſſe nur zu wah⸗ ren, ſie hatte auch das ihrer Kinder zu bedenken. Es war gewiſſermaßen Pflicht, ſchon jetzt zu ſteuern, daß dieſen nicht einſt ein ganz verſchuldetes Reich zukomme, deſſen Bewohner ihrem Namen fluchten. — ——————„ — ——+r—— „—, 79 Aber wie konnte ſie hier helfen, ändern, zuvorkom⸗ men? Wie dem Ruine des auf allen Seiten baufälli⸗ gen Staates abhelfen? Sie durfte an dieſem Hofe Niemandem vertrauen, Niemandem mittheilen, warum ſie ſorgte. Verrath lauerte, wohin ſie das Auge richtete. Ja, dem eigenen Gatten wagte ſie nur flüſternd mitzutheilen, was ſie ſo ernſt be⸗ ſchäftigte. Aber auch er konnte hier nicht einſchreiten, konnte es noch weniger als wie ſie ſelbſt; denn einer Frau ſieht man immer noch vieles nach, ſchilt ſie eine Intri⸗ gantin und verweiſt ſie zur Ruhe; einem Manne aber, und dem Erben eines Thrones, dem wird ſo leicht nicht verziehen, wenn er zu früh verrathen will, daß er das Reich ſchon im Voraus mit ſeinen Gedanken in ſeinem Sinne verwalte. Wie mancher Prinz hat ſolchen Vor⸗ witz ſchwer gebüßt. Churfürſt Chriſtian war überdem von ſeiner Mut⸗ ter kein Liebling, und dadurch ſchon von früher her ge⸗ wöhnt ſeiner Familie nicht ſo nahe zu ſtehen. Er liebte den Frieden und die Ruhe, und ließ ſich genügen an ſei⸗ nem häuslichen Glücke. Den Ehrgeiz, das Sorgen für kommende Tage, die Ehre ſeines Hauſes überließ er ſeiner Gattin zu wahren. Ein großes Feſt in Ubichau ſollte ſtatt finden. Au⸗ guſt III. hatte dieſes Sommerpalais, das ſein früherer — 1 —— * 80 Günſtling, der Fürſt Sulkowſky erbaut, von deſſen Erben nebſt dem Japaniſchen Palais zuſammen für die Summe von 100.000 Thalern erſtanden, und ſchon im Beſitze ſo mancher Schlöſſer, deren Unterhalt ihm theuer zu beſtreiten kam, verwandte er dieſen nur zu Sommerver⸗ gnügungen und zu einer Art von Abſteigequartier bei Luſtfahrten, oder benutzte ihn auch bei militäriſchen Ue⸗ bungen. Diesmal hatte Prinz Taver hier ein Abendeſſen herrichten laſſen, dem engliſchen Geſandten zu Ehren, dem er ſehr wohl wollte, und dem es gewiſſermaßen zum Abſchiedsfeſte dienen ſollte, da er morgen nach Wien auf⸗ zubrechen beordert war. Maria Antonia hatte ſich vorgenommen die Gele⸗ genheit zu benutzen, noch ein heimliches Wort mit ihm zu ſprechen. Sie war von jeher mit Sir Charles Williams beſonders befreundet geweſen, und glaubte ihm vertrauen zu können, ſo weit man einem Diplomaten vertrauen darf. Der Hof war zu Waſſer nach Ubichau gefahren. Geſchmückte Gondeln hatten die königliche Familie die Elbe hinauf geführt bis an die Stufen des Palaisgar⸗ tens, der im reizendſten Blumenſchmucke prangte, wäh⸗ rend unter dem Portale des Schloſſes, ſo daß man wie im Freien, nur geſchützter ſaß, die Tafeln gedeckt ſtanden. 81 Allerlei Spiele unterhielten die Geſellſchaft, bis der Abend kam und die Pracht von tauſend bunten Lampen ſeinem Dunkeln Trotz bot. Noch wandelte man in den Gängen des Gartens umher, lachte über die komiſchen kleinen Männer und Frauen aus Stein, welche das Ufergeländer verzierten und mehr oder minder noch be⸗ kannte Originale der Tagesgeſchichte vorſtellten; oder auch verlor ſich in heimliche Bosquets, um flüſternd aus⸗ zutauſchen, was kein Ohr vernehmen ſollte, ſei es, weil es das eigene Herz berührte, oder das Privatleben An⸗ derer betraf, oder auch einfach nur die chronique scan- daleuse der Stadt berührte, welche, ſelbſt nach den Zei⸗ ten der Saxe galante, noch immer höchſt galant blieb. Maria Antonia nahm dieſen Moment wahr, um ſich mit Sir Charles Williams von den Uebrigen zu entfer⸗ nen und eine ſcheinbar gleichgültige Unterhaltung zu einem ernſteren Thema überzuführen. Sie hatte darum abſichtlich ihn ſchon auf engliſch angeredet, um weniger noch dem Ohr des Horchers dabei bloßgegeben zu ſein. „Sie verlaſſen uns,“ ſagte ſie,„und damit ſchei⸗ det uns ein Freund, den ich vermiſſen werde, und das zu einem Zeitpunkte, wo mein Herz ſo ſchwer von Sor⸗ gen iſt. Sagen Sie mir, Sir Williams, haben Sie Aufträge mitgenommen, die— auf ein Complot gegen Preußen deuten?“ 82 „Ich erhalte nur Aufträge von meiner eigenen Regierung, Prinzeſſin, und dieſe darf ich Ihnen nicht mittheilen. Was die übrigen Mächte im Schilde führen, habe ich zu errathen— wie Sie.“ „Und Sie vermuthen etwas von Wichtigkeit?“ „Noch iſt nichts gereift.“ „Aber was nicht iſt, kann werden, wird werden und— kann uns die Krone von Polen koſten; das iſt meine große Sorge.“ „Was man nicht ändern kann, Königliche Hoheit, darin muß man ſich ergeben.“ „Brühl hat Ihnen nicht vertraut, was er eigent⸗ lich im Schilde führt?“ „Er wird es ſelbſt noch nicht wiſſen. Er hat mir einen Brief an Ihren Geſandten in Wien mitgegeben, an deſſen ſicherer Beſorgung ihm ſehr viel liegt; dieſem alſo wird er ſeine innerſten Gedanken erſchloſſen haben.“ „Und dieſer Brief?“ Ruht in meinem Portefeuille.“ „Und ſein Inhalt iſt Ihnen gänzlich fremd?“ „Gänzlich!“ „Sie werden von Graf Flemming nicht vielleicht mehr darüber erfahren?“ „Ich glaube nicht. Graf Flemming iſt ſehr zurück⸗ 83 haltend, er wird ſich keiner diplomatiſchen Indiscretion ſchuldig machen. Ich darf darauf nicht rechnen.“ „Sie verzichten alſo darauf, hinter dies Geheimniß zu kommen?“ fragte Maria Antonia unruhig. „Keineswegs, Prinzeſſin. Darin beſteht ja der Dienſt, den ich meinem Vaterlande zu leiſten habe. Aber die Mittel müſſen ehrenwerth ſein. Mein ganzes Bemühen iſt, zu erfahren, was die Kaiſerin⸗Königin heimlich an⸗ ſpinnt, und darum begebe ich mich nach Wien.“ „Und wenn Sie es erfahren, würden Sie es mir nicht mittheilen wollen?“ „Ich glaube nein, Prinzeſſin; denn es wäre gegen meine Pflicht. Auch würde es Ihnen wenig frommen. Sie können ſich nicht einmiſchen, dürfen nicht einmal ver⸗ rathen, welchen Antheil Sie an dem Wohl und Weh Ihres Landes nehmen, ohne ſich zu verderben. Brühl darf nicht ahnen, daß ſie ein Auge für ſeine Intriguen und ſeine Verſchwendung haben. Er muß glauben, daß Sie ihm vertrauen, nur auf dieſe Weiſe können Sie Einfluß gewinnen. Ich rathe Ihnen dies als Freund. Der engliſche Geſandte dürfte das nicht ſprechen.“ „Seien Sie ruhig. Ich werde keinen Mißbrauch davon machen. Ach! welche Wohlthat ſchon, nur einmal frei ſich ausſprechen, ſeine Sorgen vor ein Ohr bringen zu können, das ihr Gewicht verſteht. Ich bin Mutter, Sir Charles. Zwei Söhne erwarten ſchon von mir das vergrößern. Der Churprinz und ich halten ſorgſam Haus; was wird dadurch gewonnen? Wir ſollen ein tief verſchul⸗ detes Land übernehmen, während ein Brühl täglich an Gütern reicher wird und einen Aufwand beſtreitet, vor dem ſein Fürſt erröthen muß; denn es iſt das geſtohlene Gut ſeiner Unterthanen. Sie glauben nicht, wie ſchwer es mir wird, ſchweigen zu müſſen, und immer wieder ſchweigen zu müſſen, während wir mit offenen Augen einem Abgrunde zuwandeln. Es wird gewirthſchaftet, als hätte man das Wunſchhütlein des Fortunates. Sängerinnen, Tänzerinnen, Caſtraten werden königlich belohnt, Elephanten und Dromedare ſieht man herbei⸗ geſchafft, um aufzuzehren, womit Menſchenleben gefriſtet werden könnten; wo es die Kunſt oder das Vergnügen betrifft, da gar iſt König Auguſt nichts zu theuer. Und natürlich! Da er nicht rechnet, auch vielleicht nicht rech⸗ nen kann; da er ſich nie darum bekümmert, aus welchen Quellen ein Land ſeine Einkünfte zieht und wie Ausgaben und Einnahmen in einander laufen müſſen: ſo hat er gar keinen Begriff von dem Elend, das dieſe wiederholten Steuern veranlaſſen! Kein Schmerzensruf des Armen darf ja an ſein Ohr dringen! Er kennt von ſeinem König⸗ ſein ja nur das Eine: Geld ausgeben, ſo viel er mag, Ordnen ihrer Zukunft, und meine Familie kann ſich bald ——„—— ———— — 85 und ſich zu vergnügen.— Wäre Sachſen nicht ein ſo frucht⸗ bares Land, ſchon lange hätte ſein Elend alle Grenzen überſteigen müſſen; ſo aber wird davon wahr, was Fried⸗ rich von Preußen bei ſeinem letzten Hierſein ſagte: es gleiche einem Mehlſack, auf den man immer wieder klopfen könne, und immer wieder ſei noch etwas darin zurückgeblieben. Wenn man aber nicht aufhört zu klopfen, ſo wird doch endlich einmal der letzte Mehlſtaub an die Reihe kommen, und was dann? Dies Loos erſeh' ich für meine Kinder.“ Die Prinzeſſin drückte das Tuch vor die Augen. Was ſie ſo lange in ſich zurückgehalten, machte ſich jetzt Luft und rief ihre Thränen hervor. Der ernſte Englän⸗ der hörte ihr theilnehmend und ſinnend zu. Nach einer Pauſe, die er ſeinem Nachdenken gönnte, erwiderte er langſam: „Und doch, meine theure Prinzeſſin, muß ich bei demſelben Rathe ſtehen bleiben: ſchonen Sie Brühl. Klugheit und Vorſicht können allein Sie hier fördern, während ein offenes Wort alles verderben kann. Fahren Sie fort ſich im Stillen um das Land zu bekümmern, ſeine politiſche Oeconomie zu ſtudiren, ſein Budget zu überſehen. Wir Alle ſtehen ja in des Schickfals Hand. Wer weiß, wie bald ſchon Sie berufen werden, von den erworbenenen Kenntniſſen Nutzen zu ziehen und nicht um 86 Ihren Kindern, ſondern auch Ihrem Lande eine Mutter zu ſein. Vertrauen Sie auf Gott und Ihre gute Sache.“ „Bei meiner Seligkeit, das will ich!“ rief die junge Mutter, und reichte gerührt dem Engländer die Hand.„Ihr Zuſpruch hat mir wohlgethan, wie lange nichts. Er hat mich ermuthigt auf meinem Wege fortzu⸗ fahren, der mir oft, ach! ſo oft ſo lang zu werden anfing. Er hat mich geſtärkt, das zu thun, was meiner Natur widerſtrebt, und aus der Nothwendigkeit eine Tugend zu machen.— Haben Sie Dank, Sir Charles, herzlichen Dank!“ Der Engländer führte ihre ihm gebotene Rechte an ſeine Lippen, während die Fürſtin ſo lebhaft zu ihm ſprach. In dem Augenblicke aber trat der Schatten eines Mannes an ſeine Seite, und ſich umſehend, blickte er dem mächtigen Miniſter König Auguſt's in das lauernde Auge. „So allein,“ bemerkte dieſer.„Ah! Die Frau Churprinzeſſin!“ fügte er dann wie überraſcht hinzu. „Ich glaube, man erwartet Sie zur Abendtafel, Königliche Hoheit.“ „Wir hatten uns hier zurückgezogen, um ein ern⸗ ſtes Geſpräch zu führen,“ nahm der engliſche Diplomat das Wort,„das leider! Ihre Königliche Hoheit ſehr ℳ ie ge u⸗ tur zu en an hm nes er nde rau fel, rn⸗ mat ſehr 87 bewegt hat. Sie wünſchte von mir zu wiſſen, welchen Gang die in meinem Lande ſo vorwaltenden engliſchen Krankheiten nehmen, um daraus folgern zu können, wel⸗ chen Hoffnungen ſie ſich in Bezug auf Prinz Karl über⸗ laſſen dürfe. Leider ſcheinen meine Mittheilungen ihr wenig Troſtreiches geboten zu haben; denn ſie iſt tief betrübt über die Ausſicht der langen Jahre des Leidens, die dem Prinzen bevorſtehen. Ich bedauere ſo offen geſpro⸗ chen zu haben, Prinzeſſin.“ „Bereuen Sie es nicht!“ nahm Maria Antonia das Wort;„denn Sie haben mir damit eine Wohlthat erzengt, Sir Charles. Ich liebe es mein Schickſal zu kennen, ich kann mich der Nothwendigkeit unterwerfen, kann der Wahrheit muthig in das Angeſicht blicken; nur die Ungewißheit quält, nur die innere Unſchlüßigkeit foltert. Darum iſt der Rath eines Andern oft von ſo hohem Werthe— der Rath, wo man vertrauen darf.“ „Und Sie glaubten nicht, daß Bianconi Ihnen die⸗ ſen hätte ertheilen können?“ fragte Brühl und maß Beide immer noch mit mißtrauiſchem Blicke.„Der junge Ita⸗ liener genießt doch eines ſo guten Rufes als geſchickter Arzt und wahrhaft gelehrter Mann.“ „Das wohl; darum habe ich ihn auch zu meinem Leibmedicus erhoben,“ ſagte die Prirzeſſin, bemüht in einen heitern Ton überzugehen;„er hat aber den Kopf 88 noch voll von der allerliebſten Sophie*), die er in Kauf⸗ baiern zurückgelaſſen, weil der alte Papa religiöſe Beden⸗ ten über das ewige Heil ſeiner Enkel geäußert**). Bian⸗ coni hat mir die ganze Geſchichte ſelbſt vorgetragen, und ich habe ihn zu tröſten geſucht, daß es noch mehr Mäd⸗ chen in der Welt gibt, außer dieſer zarten, überirdiſchen gelehrten Sophie, bei der er einige Zeit lang den Abälard geſpielt. Mit dem wurde es ja auch nichts, auch er bekam ja ſeine Helviſe nicht. Es iſt ſchon eine alte Geſchichte, daß die Lehrer ſich in ihre Schülerinnen verlieben und dann ein Hinderniß eintritt, damit der gottvolle Traum einer ſolchen erſten Liebe nicht in die Proſa der Ehe zu einem ſchnöden Erwachen führe. Alſo war es für unſern armen Bianconi ganz gut, daß er zu uns berufen ward, um hier ſeine Sophie zu vergeſſen, die ihn übrigens noch ſehr liebt, wie er behauptet. Das bildet aber ſo ein Mann ſich gar leicht ein. Wer weiß denn, ob ſie ihn nicht ſchon lange auch vergeſſen hat. Könnte ich darüber nur Gewiß⸗ heit bekommen, ſo würde ich ihn ſchneller bereden ſich hier ein Mädchen auszuſuchen. Er hat ja Zutritt in allen erſten Häuſern ſeines Standes, er iſt bei den Ferbers beliebt, und ſo vielen Andern. Ein Arzt hat überdies ²) Sophie Laroche. *) Ludmilla Aſſing, Biographie von Sophie Laroche. 89 Gelegenheit die Damen téte-à-töte zu ſehen, da macht ſich ſo etwas ſchnell, und hübſch iſt dieſer Bianconi, mit ſeinem rabenſchwarzen Barte und ſeinen Feueraugen.“ „Aber er iſt kein Belli,“ fiel Brühl ein. „Ach! Reden Sie mir nicht von dem häßlichen Ca⸗ ſtraten, deſſen Enbonpoint alle Tage wächſt und ihn mir förmlich widerlich macht. Ich begreife nicht, was den Frauen an ihm gefallen kann. Mein Geſchlecht hat einen ſeltſamen Geſchmack ſich dieſen zum Liebling zu wählen. Da lobe ich mir noch unſern neuen Steuerſecretär, den Rabener; das iſt ein ganzer Mann! So aufgeweckt, ſo elegant, ſo prächtig anzuſehen!— Schade! daß Sie ihn nicht kennen gelernt haben, Sir Charles.“ „Ich ſpreche nicht genug deutſch, um Ihre Gelehr⸗ ten zu verſtehen,“ warf dieſer ſarkaſtiſch ein. „Er iſt gar nicht gelehrt, er iſt nur witzig,“ erwi⸗ derte die Prinzeſſin lebhaft.„Was der für närriſche Sa⸗ chen ſchreibt, das glauben Sie gar nicht! Es iſt zum Todtlachen.“ „Er mag ſich hier nur in Acht nehmen mit ſeinen Satyren,“ bemerkte Brühl.„Man iſt hier weniger nach⸗ ſichtig wie in Leipzig.“ „Das weiß er lange. Er ſagte mir neulich, er habe hier noch keine Feder angeſetzt, weil er fürchte, daß man die Perſonen zu ſeinen Typen im Orte ſuchen würde. 1860. K. Maria Antonia. II. 6 ——————————— 5 90 Ich fragte ihn, wie der Meſſias von Klopſtock gefalle? In Dresden könne er nicht gefallen, meinte er, weil die Caſtraten ihn nicht zu ſingen verſtänden, und in Berlin nicht, weil er den Namen des Meſſias führe und darum die ganze preußiſche Armee wider ſich habe*). Mit ſol⸗ chen Antworten iſt er ſtets bei der Hand.“ Sie waren jetzt bei dem Portal angelangt, wo der König ihrer ſchon ungeduldig harrte. Alles war bereit, um an der Tafel Platz zu nehmen. Maria Antonia er⸗ hielt, wie gewöhnlich, den Platz neben ihrem Schwieger⸗ vater. Brühl ſaß zu deſſen anderen Seite. Der Mond zog eben herauf und beleuchtete die Thür⸗ me Dresdens, welche man von dieſem Platze aus über⸗ blicken konnte. Indem ſein Schein ſich über die Landſchaft verbreitete und die Luft ſtiller und ſtiller ward, erhoben ſich ſanft die Töne einer Vokalmuſik aus der, den Fuß des Gartens beſpülenden Elbe hervor, und durchzitterten in leiſen Schwingungen Wald und Flur. Unwillkürlich ſchwiegen Alle und horchten. Es war nicht Schein, es war wirkliches Vergnügen, das ſie empfanden. Selbſt Brühl horchte mit einer Art Andacht. Es mochte ihm wohl thun, auf einige Minuten innerlich auszuruhen, das Heer ſeiner Pläne aus Kopf und Herz zu bannen. *) Rabener, Vertrauliche Briefe. e2 die lin um der eit, er⸗ er⸗ ür⸗ er⸗ aft ben uß ten lich es lbſt hm das 91 Nur die jüngern Prinzen hielten dieſe Stille nicht lange aus; wo ſie ſaßen, wurde es bald wieder munter, und allerlei Scherze übertönten die fernen Klänge. „Wer mag uns dieſe Ueberraſchung bereitet haben?“ fragte König Auguſt.„Ich glaube nicht, daß es eine An⸗ ordnung von Kaver iſt. Er hegt keinen Geſchmack für ſolche zarten Vergnügen, die durch das Ohr in die Seele dringen. Wäre es eine Ueberraſchung, welche die Sänger ſelbſt uns zugedacht, ſo könnten wir nicht umhin, ſie ein⸗ zuladen an das Land zu kommen und einige Erfriſchungen zu genießen. Ich bitte Sie, Brühl, ſenden Sie hinunter um nachzufragen, wer die Perſonen in der Barke ſind.“ Ein Page brachte ſchnell die Nachricht zurück, es ſei der Capellmeiſter Haſſe, begleitet von Fauſtine, dem Sänger Antonelli, und mehreren andern Künſtlern ihres Kreiſes, mit denen man dem engliſchen Geſandten ein Abſchiedsſtändchen zu bringen gekommen. Bei Nennung des Namens Fauſtine umdüſterte ſich die Stirne des Königs, das freundliche Wohlwollen ſchwand aus ſeinen Zügen, das heitere Wort erſtarb auf ſeiner Lippe. „Sir Charles war ſtets beſonders befreundet mit Haſſe,“ nahm Maria Antonia das Wort,„und Fauſtine beſaß in ihm ihren getreueſten Verehrer, der manchen Strauß für ſie geflochten hat; mich wundert es daher 6* nicht, daß ſie ſein Scheiden betrauert. Ohnehin neigt ihre Sonne ſich, und in ſolchem Zeitpunkte kann man ſeiner getreuen Ritter am wenigſten entbehren.“ „Da ſie nicht für uns gekommen ſind, ſo wollen auch wir ihnen nicht danken,“ erwiderte der König darauf. „Vielleicht beweiſen Sie auch uns ein anderes Mal eine ſolche Aufmerkſamkeit, und dann ſoll unſer Lohn dafür nicht warten.“ „Der ſchönſte iſt immer der Beifall Eurer Majeſtät, und dieſer wird den Sängern auch heute,“ ſagte Maria Antonia verbindlich. „Weil ich mir die Ohren nicht verbinden kann, mein weiſes Schwiegertöchterchen, und darum mitgenießen muß, was mir nicht beſtimmt war,“ erwiderte König Au⸗ guſt, wieder in einen ſcherzhaften Ton übergehend.„Ich muß geſtehen, daß ich mich nicht gerne unterhalten laſſe, ohne meinen Preis zu zahlen.“ „So, ſo!“ ſagte Maria Antonia ſchalkhaft.„Darf ich dann etwa fragen, was Sie mir für dieſen Abend zugedacht?“ Die Aufmerkſamkeit, Ihren Scherzen mein Ohr zu leihen, mein kleiner Grenadier⸗General!“ „Ach!— Ich wußte wohl, daß König Auguſt nur königlich zu lohnen wiſſe!“ ſagte ſie mit lächelnder Ver⸗ 1—„— 93 neigung des Hauptes, ſelbſt erfreut über eine Antwort, die, das wußte ſie, dem Ohre ihres Nachbars ſo ange⸗ nehm klang, wie die fern verhallenden Töne. Hiebrutes Capitel. Das Kochfeſt. Der Hof hatte ſich auf's Neue nach Warſchau bege⸗ ben*) und Maria Antonia darauf den türkiſchen Garten bezogen, welcher einen Theil des jetzigen ſogenannten Fremdenviertels einnahm, wo nun die prächtige Sido⸗ nienſtraße erbaut iſt. In dieſem zu einer Märe gewor⸗ denen Palais dieſes Gartens nahm ſie ihren Aufenthalt, vielleicht nur um der Stadt nahe zu bleiben, und dabei doch die ſich ihr hier bietende friſche Luft zu genießen, nach der ihr, bei ihrem kränkelnden Zuſtande, verlangte. Ihre geiſtige Thätigkeit wurde leider! ſo häufig durch körperliches Leiden unterbrochen. Sie durfte ſich nicht an⸗ ſtrengen, mußte ſich gehen laſſen, mußte dem phyſiſchen Menſchen Rechte einräumen, die ſie ihm ungern geſtattete; *) Juni 1754. —— — 4 — 94 das verurſachte ihr oft ſchwere Kämpfe und entlockte ihr Klagen über das Loos der Frauen. Daneben blieb ihr die Sorge um das Land. Wieder correſpondirte ſie jetzt eifrig mit Brühl, aber ſchon in einem ihr mehr zuſagenden Tone. Anmerklich hatte ſich ihre Stellung zu einander verändert, der mächtige Mi⸗ niſter wagte nicht länger ſie fühlen zu laſſen, daß ſie, die Fremde in dieſem Lande, von ſeiner Gnade abhänge. Ihr Urtheil, ihre Anſichten imponirten ihm oft, er konnte nicht umhin zu fühlen, daß dieſe junge Frau, ſtatt von ihm beherrſcht zu werden, ſich wohl eines Tages die Herrſchaft über ihn anmaßen dürfe, und daß er ſie darum zu ſchonen Urſache habe. So nannte er ſie denn ſchon häufig ſeinen Collegen und räumte ihr eine gewiſſe Bedeutſamkeit ein, die ihr ſchmeicheln ſollte und mußte. Maria Antonia wurde davon aber nicht beſtochen, doch ermuthigte es ſie fortzufahren auf der einmal be⸗ tretenen Bahn und— zu hoffen. Sobald man nur hoffen kann, wie vieles wird uns da nicht erträglich!— Der Sommer war heiß, ſie verbrachte die Tage im Hauſe und unternahm in der Abendkühle einen Spa⸗ ziergang nach dem nahe gelegenen Garten des Grafen Moszinska— dem jetzigen Hotel des preußiſchen Ge⸗ ſandten. Hier vergnügte ſie ſich am Anblick ihrer Kinder, — en N„—— Gren—— „—,——— — ge 95 von denen das dritte, Prinz Joſeph, im Januar geboren, prächtig gedieh und ſich zu ihrer Freude entwickelte, den⸗ noch aber in ihrem Herzen dem kleinen kränklichen Karl den erſten Platz nicht zu rauben vermochte. Ihre Zärt⸗ lichkeit für dieſes Kind wuchs ſichtbar mit ſeinen Leiden. Auch jetzt noch fuhr ſie fort täglich auf die Ausbil⸗ dung ihrer Talente einige Stunden zu verwenden; es mußte jeden Morgen ein Muſiklehrer zu ihr kommen, und Donnerſtags und Freitags nahm ſie regelmäßig in den Frühſtunden Unterricht beim Maler Müller.— So lange ſie noch nicht Königin war, durfte ſie ſich das Ver⸗ gnügen gewähren, ihre Zeit ſich ſelbſt zu widmen; ſpäter, das wußte ſie, und wünſchte es auch nicht anders, ge⸗ hörte ihre ganze Thätigkeit dem Lande, das ſie in ſeinen Intereſſen fördern, in ſeinem ſittlichen und geiſtigen Wohle überwachen ſollte. Wie dürſtete ihr Herz dieſe große Aufgabe zu löſen!— Zu ihrem Geburtstage, am 17. Juli, überraſchte man ſie mit einem Feſtſpiele, bei dem, durch eine wun⸗ derbare Maſchine, wie Graf Wackerbarth ſchreibt, ſich der Himmel öffnete und alle Götter des Olymp herunter⸗ ſtiegen, um ihre ſchönſten Gaben in den Schvoß der jun⸗ gen Fürſtin zu ſtreuen. In ihr ſonſtiges Stillleben einige Abwechslung zu bringen, die ſie zugleich nicht ſehr ermüdete, ſchlug ſie 96 ihren Hofdamen vor, ein Kochfeſt zu veranſtalten, bei dem die Anhänger der franzöſiſchen und deutſchen Küche mit einander um den Preis wetteifern ſollten. Andern Wett⸗ eifer konnte ſie in ihnen ja nicht erregen. Die Damen und Herren ihres Hofes ſtanden in ihrer Bildung ihr nicht gleich, ſie genügten ihrem Geiſte ſo gar nicht, gewährten ihr eine ſo wenig zuſagende Un⸗ terhaltung, daß ſie wohl beim Reiten, Jagen und Tan⸗ zen, aber nicht bei geiſtigem Austauſch eine Geſellſchaft für ſie boten. Jetzt, wo ihr dieſe wilde Luſt der Jugend gehemmt war, blieb ihr daher nur übrig, ſie am Kochherd zu verwenden, wozu ſie ſich auch Alle mit großer Luſt bereit erklärten; denn, da ihnen die Zunge nicht abging, um fein zu ſchmecken, ſo erwies ſich auch die Hand willig, eine leckere Speiſe zuzubereiten. Die Churprinzeſſin ſtellte ſich an die Spitze der deutſchen Kochgeſellſchaft und erbot ſich zehn Schüſſeln nach ihrer Weiſe zu liefern. Ihr zur Seite reihten ſich ihre Oberhofmeiſterin(vielleicht des Anſtandes halber), die Gräfin Moscinska, Baron und Baronin Wetzel und Graf Wackerbarth. Die Grafen Lop und Raſe begaben ſich an die Spitze der franzöſiſchen Küche. Um drei Uhr Nachmittags verſammelte ſich darauf die ganze Geſellſchaft, in einer Küchentvilette, in den dazu beſtimmten Räumen unferne des Herdes. Der Anzug em nit tt⸗ ſte n m⸗ aft nd rd eit m ig, er ln ch , nd en uf zu 8 97 allein ſchon reichte hier hin, um allgemeine Heiterkeit zu verbreiten, ſo daß der Zweck der Sache faſt aus den Au⸗ gen verloren ward; doch Maria Antonia kam bald wie⸗ der darauf zurück, und indem ſie ſich an die Arbeit machte, folgten die Uebrigen raſch ihrem Beiſpiele, und Alle tum⸗ melten ſich nun bunt durcheinander, der Eine hier, der Andere dort nach den Ingredienzen verlangend, deren er zu ſeiner Schüſſel bedurfte. Um acht Uhr ſollte geſpeiſt werden. Bis dahin war freilich noch eine lange Zeit, allein die der Arbeit ungewohnten Köche und Köchinnen rückten auch nur langſam vor. Es wurden manche kleine Verräthereien dabei geübt, die Köche der Damen ſollten ihnen heimlich eine Sauce oder ſonſt eine ſchmackhafte Zuthat bringen, und wurden bei dieſem Vorhaben ent⸗ deckt. Das verurſachte ein allgemeines Höhnen. Wenige nur gingen ganz ehrlich zu Werke, und nur der General von Hallot brachte alle von ihm gelieferte Schüſſeln ohne Beihülfe zu Stande. Dafür ward ihm denn auch unbe⸗ grenztes Lob zu Theil. Endlich kam die Abendmahlzeit, trotz aller Fährlich⸗ keiten, zu Stande. Maria Antonia, gefolgt von zehn ihre Schüſſeln tragenden Küchenjungen, eröffnete den Zug, der ſich nach einem Zelte im Garten richtete, wo man ſpeiſen wollte. Man nahm in bunter Reihe Platz und war ſehr heiter, ohne jedoch zu einer Entſcheidung über den Vor⸗ zug der einen oder der andern Küche zu kommen. Der Abend war ſchön. Als die Tafel aufgehoben, ſchlug Maria Antonia noch eine Abendpromenade nach dem Garten der Gräfin Mosecinska vor, und begleitet von Muſik und beleuchtet von Fackeln, ſetzte ſich der ganze Zug in Bewegung. Nur die Oberhofmeiſterin blieb zurück, und ihrem Beiſpiele folgte auch Graf Wackerbarth, vielleicht weil es nicht im Verzeichniß ihres Catalogs der Schicklichkeiten vorgeſchrieben ſtand, daß Prinzeſſinnen nach dem Souper der friſchen Luft genießen. Maria Antonia ließ ſich jedoch durch ihre Wei⸗ gerung nicht einſchüchtern. Als Mutter des Kronprinzen, als Erzieherin von drei Söhnen, fühlte ſie die Sicherheit, die Geſetze des conventionellen Lebens zu überſchreiten, wenn ihre Bequemlichkeit oder ihr Vergnügen es er⸗ heiſchte. Man hatte einen vergnügten Tag verlebt. Weit und breit erſcholl die Kunde von dieſem Souper, der Oberküchenmeiſter von Schönberg ließ ſich nach Warſchau hin den Speiſezettel ſenden, um ihn für vorkommende Gelegenheit zu benützen, und ſogar die Kaiſerin, ihre Mutter, wurde von der Kochkunſt ihrer Tochter in Kennt⸗ niß geſetzt, ohne jedoch großen Glauben an ihrem Talent zu zeigen; denn ſie ſpricht in ihren Briefen die Vermu⸗ 99 thung aus, es möchten Andere wohl das Beſte dabei gethan haben. Unſchuldige Vergnügungen dieſer Art würzten ihre Einſamkeit und zerſtreuten ſie, wenn ſie mit zu ernſtem Blicke die nächſte Zukunft in das Auge faſſen wollte. Der Herbſt kam, die Blätter fielen, ſie raſſelten unter ihren Füßen, wenn ſie einſam durch die Laub⸗ gänge ihres Gartens wandelte.— Die Tage verkürzten ſich, es mußten die Abende im Zimmer zugebracht werden, und eine Partie Whiſt bot hier, wie früher, eine Aushülfe. In der Stadt war es ſtill. Mit Pater Guerini's Abweſenheit änderte ſich dort gar vieles. Er ſchürte das Feuer der Zwietracht, durch ſein Beſtreben Frieden zu ſtiften, und trug ſich dann mit luſtigen Geſchichten, welche dem Hofe die beſte Unterhaltung gewährten. Große Opern wurden nicht aufgeführt, wenn König Auguſt abweſend war. Man ſparte. Im Haushalte des Churprinzen herrſchte die größte Oeconomie. Verſagte er ſeiner Gemahlin auch keine billigen Wünſche, ſo duldete er ſeinerſeits kein Ueberſchreiten des Budgets in ſeiner kleinen Haushaltung, und was ſich hier erübrigen ließ, das mochte Maria Antonia gerne nach Gefallen verwenden. Sie erkannte die Nothwendigkeit dieſer Sparſam⸗ 100 keit, doch war ſie ihr darum nicht minder läſtig. Auch ſie wollte Haus halten, aber im großen Stile. Auch ſie wollte Ausgabe und Einnahme auf gleichen Fuß brin⸗ gen, aber indem ſie die letztere ſteigerte. Schon ſann ſie darum über allerlei Plänen zu induſtriellen Unter⸗ nehmungen, neuen Bauten und Uebermachung von Län⸗ dereien. Fabriken und Manufacturen zu heben, ſchien ihr eine Hauptaufgabe, um dadurch den Handel zu för⸗ dern. Sie las zu dem Zwecke viele ernſte Schriften, welche dieſem Gegenſtande galten, und folgte mit auf⸗ merkſamem Blicke der Verwaltung ihres Nachbars von Preußen, ſo wie ihrer Couſine in Oeſterreich, um von Beiden zu lernen, wie man die Steuern am vortheil⸗ hafteſten erhöbe. Dann und wann ließ ſie auch Rabener zu ſich entbieten, um ihn über dieſen und jenen Punkt um nähere Auskunft zu bitten. Bei der Gelegenheit ſchweifte ihre Unterhaltung dann auch in das Gebiet der Literatur über, und mit Intereſſe vernahm ſie von ihm, was hier Neues erſchienen. Wie konnte ſie es auch ſonſt erfahren, da es keine Zeitungen gab und die Hofleute nicht laſen? Rabener lieh ihr ſogar mitunter ein neues Buch, das er zugeſchickt bekommen. So erhielt ſie„die ſchwe⸗ diſche Gräfin“ von ihm, wie er an Gellert ſchreibt, und brachte ihr auch ſeine eigenen Sachen. Daß Maria 101 Antonia nur in fremden Sprachen ſchrieb und dichtete, mochte er ihr dabei wohl manchmal zum leiſen Vorwurf machen, den ſie ſich auch gefallen ließ, ohne jedoch von ihrem Vorurtheil in dem Bezug zurück zu kommen. So aufgeklärt ſie war, ſo blieb ſie doch in dem Punkte bei ihrer vorgefaßten Meinung ſtehen, das Franzöſiſche zur Umgangsſprache und das Italieniſche zum Vers allein nur brauchbar zu glauben. Welche Hoffnungen ſich für die Bildung eines Vol⸗ kes hegen ließen, das keine bildungsfähige Sprache beſaß, darüber wurde ſie ſich nicht klar. Leſſing hatte grade die Univerſität in Leipzig bezo⸗ gen. Sie ahnte nicht, daß ihr ſo nahe ſchon in dieſem Jüngling der Zeitgenoſſe ſich gefunden, welcher dieſe von ihr ſo gering geachtete Sprache zu ihrer höchſten Rein⸗ heit und dem vollendet ſchönen Rhitmus ausbilden ſollte, wodurch ſeine Werke bis heute das Muſter alles Stils für uns geblieben ſind. So macht der Mann oft ſeine Zeit, mehr noch als die Zeit den Mann; denn es hebt ſich der Einzelne, wie ein Phönix aus der Aſche, über die ihn umgebende Welt empor, und zeigt ſeinen ſtaunenden Mitmenſchen, was ſie ſein könnten, ſein müßten, ſein ſollten. Es iſt Schickſal, was der Einzelne auf dieſe Weiſe 102 wird— ein Schickſal, das in ihm ruht und aus ihm ſelbſt hervorgeht. Maria Antonia und Leſſing, ſo nahe einander, ſollten ſich nicht kennen, während Beide demſelben Ziele zuſtrebten, der höchſten Entwickelung des Menſchengeiſtes durch die Literatur. Kampf war Beider Leben. Der Strebſame wandelt nie friedlich ſeine Bahn, der Weg des Fortſchrittes iſt mit Dornen beſäet, welche die Entwickelung des Men⸗ ſchengeiſtes nicht hemmen dürfen. Achtes Capitrl. Die Preußen in Dresden. König Auguſt III. war von Warſchau zurückgekehrt. Maria Antonia ſtellte ihm ſeinen vierten Enkel vor und empfing ſeinen Glückwunſch über dieſen Zuwachs ihrer Familie, der dem Regentenhauſe eine ſo reiche Nachkom⸗ menſchaft für die Wittelsbacher Linie in Ausſicht bot. Sie ſollte ſich nun erheitern, zerſtrenuen, wünſchte er, ſollte ihrer kleinen Leiden vergeſſen, ihrer Jugend ge⸗ nießen, durch Vergnügungen, die ihrem Alter noch zu⸗ 103 kamen, den Ernſt ihrer Lebenspflichten bei Seite ſetzen.— Bei der großen Elaſticität ihres Weſens hielt das nicht ſchwer. Leicht gab ſie ſich der Luſt des Augenblicks wieder hin und freute ſich des bunten Farbenſchmelzes, mit dem das Leben ſich am Hofe König Auguſt's ſchmückte. Sie tanzte, lachte, ſcherzte; doch im Hintergrunde ihrer Seele blieb darum nicht minder der tiefſte Ernſt zurück. Sie beſuchte Bälle, Opern, Jagdpartien; war ſie aber allein, ſo fragte ſie ſich, was das Schickſal ihrer vier Söhne ſein werde; denn immer düſterer zogen ſich die Wolken über deren Zukunft zuſammen. Das Bündniß zum Verderben Preußens war jetzt geſchloſſen. König Auguſt, was ſie auch dagegen ſagen mochte, hatte daran Theil genommen. Brühl mußte ja mit Oeſterreich gehen. Die Kaiſerin⸗Königin wollte ihr Schleſien wieder erobern, aus dem Friedrich eine reiche Provinz zu ſchaffen im Begriffe ſtand; denn mit dem Auge des Genius entdeckte er die Quellen, welche er hier flüßig machen konnte, und benutzte ſie. Maria Antonia hegte keinen Haß gegen den großen König, wie die kaiſer⸗ lichen Frauen von Rußland und von Oeſterreich; darum auch konnte ſie, mit gerechter Würdigung, ſeine Verdienſte anerkennen, und ihrem Wunſche nach wäre Sachſen jenem Bündniß nicht beigetreten. Doch hier wurde ihre Stimme überhört. Selbſt die Königin Joſepha trat in dieſem 104 Punkte gegen ſie auf. Haßte ſie gleich Maria Thereſia, ſo haßte ſie Friedrich doch noch viel mehr, und dem Feinde ihrer Religion, dem Gottesläugner, wünſchte ſie alles mögliche Ungemach. Schon im Voraus feierte ſie alle ſeine Niederlagen. Die ganze Sache war jedoch jetzt noch ein tiefes Geheimniß, begraben in den verborgenſten Fächern einer in Chiffern geführten diplomatiſchen Correſpondenz. Aeu⸗ ßerlich blieb noch Alles ruhig, wechſelte man freundſchaft⸗ liche Briefe mit den Höfen und that, als ob der Friede von Aachen ein ewiger Friede ſei. Es rüſtete ſich ſchein⸗ bar noch Niemand. König Auguſt vor Allen beſchwerte ſein Herz mit keiner Sorge wegen kommender Uebel, die ſein leichter Sinn nicht einmal als Uebel vorherſah. Er war glück⸗ lich in ſeiner Familie, glücklich in ſeinem Lande, um⸗ geben von blühenden Söhnen und Töchtern und einer Schaar kleiner Enkel, und beſaß daneben einen Miniſter mit einer unvergänglichen Wünſchelruthe, die bald Gold, bald Luſtbarkeiten heraufrief, je nach dem Bedürfniſſe ſeines Herrn. Neue Prachtopern ergötzten jetzt des Königs Auge und betäubten ſein Ohr. Man gab„Ezir“, worin fünf hundert Perſonen auftraten; ſchon um vier Uhr Nach⸗ mittags begann eine ſolche Aufführung, worin der Be⸗ 105 ſieger des Attila, begleitet von römiſchen Truppen, von Muſikern mit der Tuba und dem krummen Horn, gefan⸗ gene Hunnen, ein Commando römiſcher Cavallerie, ſech⸗ zehn Packpferde, acht Cameele, acht Maulthiere, vier zweiſpännige Leiterwagen, ſchwere römiſche Infanterie, die Garde des Ezir, römiſche Ritter und Lictoren, Raths⸗ herren, Ezir ſelbſt auf dem königlichen Triumphwagen, über die Scene gingen*). Dieſe Aufführungen koſteten große Summen, wel⸗ che, nach dem Gebrauche jener Zeit, der König allein be⸗ ſtritt. Maria Antonia ſah dieſen geräuſchvollen Auffüh⸗ rungen zu, welche ihr keinen Kunſtgenuß boten und nur das Auge mit bunten Bildern vergnügten.— Aber auch dieſer Reiz verlor ſich in dem Maße, wie die Vorſtellun⸗ gen ſich wiederholten und ſie ſich mit dem, was ihr an⸗ fangs neu geweſen, vertraut gemacht hatte. Oft verlor ſie ſich dann gänzlich in ihre eigenen Gedanken.— Der Sturm heulte draußen, und welch' ein Sturm! Seit Menſchenalter hatte kein ſolcher Orcan gewüthet, der Bäume entwurzelte, die Dächer entführte und den Menſchen ſeiner eigenen Füße enthob. Der furchtbare Luftſtrom zog pfeifend und gellend durch das Elbthal, und jagte ein unheimliches Fröſteln *) Klemm, Chronik von Dresden. 1860. X. Maria Antonia. II. 106 durch die Glieder des Horchenden, der, gegenüber dem mächtigen Elemente, der eigenen Schwäche eingedenk wurde. Niemand wagte ſich gerne auf die Straße hinaus, Niemand verließ ſelbſt willig das eigene Gemach, und das Rütteln an Fenſtern und Thüren, wie wenn Diebes⸗ hände daran thätig, ſchreckte noch um die ſtille Mitter⸗ nacht den Schlafenden auf ſeinem Lager empor. Es war ein günſtiger Moment, heimlich einen Schlüſſel an einem Schloſſe zu verſuchen, das ſich uns nicht bei lichtem Tage öffnen darf noch ſoll. Mentzel, der Kanzleiſecretär, benutzte dieſe ſchauer⸗ liche nächtliche Stunde, um die diplomatiſche Correſpon⸗ denz des Grafen Brühl aus den geheimen Fächern zu entwenden und ſie dem preußiſchen Geſandten zuzuſtellen. Welch' eine Neuigkeit empfing damit der ſchöne Baron von Maltzahn für ſeinen König! Wie ſtaunte Friedrich bei dieſer Nachricht über die Zahl ſeiner Feinde, welche heimlich auf ſein Verderben ſannen!— Wie einſam ſtand er da, dieſen Verbündeten gegenüber! Und wenn er auch England für ſich gewann, was nützte England, wenn es auf poſitive Hülfe ankam?— England, das mercantile England, das nur ſeine Handelsflagge ſchützt, das aber für die Rechte der Fürſten nie eine Lanze bricht— außer mit Worten. England war alſo in der Wagſchale ſeiner — — en — W ———— 107 Allürten ein bloßer Name; doch, auch als ſolchen mußte er ihn auf ſeiner Seite behalten. Die Oper Ezir wurde indeſſen in Dresden fort⸗ gegeben, ihr folgten olympiſche Spiele mit Muſik von Haſſe, nicht minder geräuſchvoll; es war, als wolle man das Schickſal herausfordern, ſo wild und bunt geſtaltete man ſeine Freuden. Maria Antonia konnte nicht an allen Luſtpartien Theil nehmen, ſie mußte ſich auf ſtillere Vergnügungen beſchränken und ihrer Geſundheit pflegen. Ahnungen, denen ſie noch keinen Namen geben konnte, zogen dabei durch ihre Bruſt, und das„goldene Schweigen“ wurde ihr oft eine ſchwere Laſt, die mancher ſtille Seufzer erleichtern half. So ſchwand der Frühling, ſo kam der Sommer heran.— Brühl hatte die Armee vermindert, um ſeine Einnahme noch zu vergrößern, um mehr Geld noch auf Feſte verwenden zu können. In ſeinen herrlichen Gärten auf der Terraſſe hatten die Roſen abgeblüht. An ſchönen milden Sommerabenden gab er hier kleine Feſte, man ſoupirte im Freien, wobei die Töne einer ſanften Vokal⸗ muſik aus einem Pavillon herüber drangen, man ſchau⸗ kelte ſich in Gondeln auf der ſpiegelglatten Fluth, man ſang, man lachte. Maria Autonia nahm an dieſen Feſten 74½ 108 Theil, und, weil ſie ihr gefielen, wiederholte man ſie, aus beſonderer Rückſicht noch für ſie, nur um ſo öfter. Die jenſeitigen Ufer der Elbe zählten damals noch wenige Häuſer, Vergnügungsorte gab es nicht, am Lin⸗ kiſchen Bade war ein Anfang mit einer Kaffeeſchenke ge⸗ macht, wo die Bewohner der Hauptſtadt ſich nach einer Promenade ausruhen konnten. Es fehlte daher nicht an einſamen Wegen, und der Hof mochte ungeſtört luſtwan⸗ deln, wohin er wollte, er fand nirgends ſeinen Weg durch andere Luſtwandelnde gehemmt. Der Monat Auguſt nahte. Nicht lange mehr, und der König mußte nach Warſchau abreiſen. Er war jetzt ungewöhnlich heiter, und Brühl ſchien ſeine Stimmung zu theilen. Vielleicht genoßen Beide ſchon in Gedanken des Triumphes über den gehaßten Feind, den ſtolzen Atheiſten; wenigſtens ließen manche ihrer hingeworfenen Aeußerungen eine ſolche Hoffnung ahnen, und nachdenk⸗ lich ſammelte Maria Antonia dieſe vielſagenden Worte, deren ganze Bedeutung ſie jedoch nicht vermuthete.— Wie gerne hätte ſie gefragt, wie gerne auf eine Mitthei⸗ lung der Wahrheit gedrungen; aber ſie durfte ja nicht. Das Korn war gereift, die Ernte vorüber. Die Sonne brannte heiß. Maria Antonia wohnte noch im türkiſchen Garten. Ihre vier kleinen Knaben ſpielten auf — —* * — W S 8 4 109 einem ſchattigen Raſenplatze, ſie ſelbſt ſaß am geöffneten Fenſter und zeichnete die Gruppe vor ihr. Da trat Graf Wackerbarth leichenblaß in das Zim⸗ mer. Sie ſah auf. Sein verſtörtes Anſehen überraſchte ſie. Fragend blickte ſie ihn an. Er wollte reden, aber die Zunge verſagte ihm den Dienſt. Ein Schwindel ergriff ihn. Auf einen Stuhl ſinkend, ſtammelte er endlich:„Die Preußen ſind da!“ Die Prinzeſſin begriff den Sinn nicht. Wie ſollte ſie auch? Wie konnte das Unerhörte ſogleich ſich ihrer Seele darſtellen? Sie ſchellte. Doch bevor noch ihr Kammerdiener erſchien, hatte ſich der Graf bereits wieder gefaßt. Er richtete ſich auf. „Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen anbringen ſoll, Königliche Hoheit; aber— erfahren müſſen Sie es ja doch. So wiſſen Sie denn: der König von Preußen iſt wider alles Völkerrecht in Sachſen eingedrungen und rückt an der Spitze einer Armee auf Dresden zu.“ „Unmöglich!“ rief die Churprinzeſſin erſtaunt. „Ja, ſagen Sie nur unmöglich, Hoheit,“ fuhr der Oberhofmeiſter fort.„Und doch leider nur zu wahr. Seine Majeſtät hatten ſich eben zur Tafel geſetzt, da traf ein Courier mit dieſer infamen Nachricht ein.“ „Und was ſagte der König?“ — ů 8. 110 „Gar nichts. Er war wie verſteinert und hat ſich auch bis jetzt nicht von dem Schrecken erholt.“ „Und Brühl?“ „Dem geht es nicht beſſer.— Es iſt Alles Folge der Verrätherei dieſes Mentzel.“ „Was aber gedenkt man zu thun? Wie gedenkt Sachſen dieſen Bruch des Völkerrechtes hinzunehmen? Welche Schritte will man thun, den König von Preußen von unſerer Hauptſtadt ferne zu halten?“ „Keine, fürchte ich. Man hat den Kopf verloren.“ „So will ich gehen und ihnen den meinigen leihen,“ rief die junge Frau muthig.„Meinen Wagen! ch fahre zum Könige.“ Als ſie das Schloß erreichte, lief hier Alles durch⸗ einander. Seine Majeſtät, hieß es, ſei im Miniſterrathe, den man ſchnell zuſammen berufen. Brühl präſidirte da⸗ bei. Die Königin hatte ſich mit ihrem Beichtvater ein⸗ geſchloſſen. Sie betete um Vernichtung des gottloſen Für⸗ ſten und ſchleuderte Anatheme auf ſein ſchuldbelaſtetes, ſündiges Haupt. Die Prinzen Taver und Carl quälten alle Welt mit Fragen, was denn eigentlich vorgefallen, warum es ſich denn handle. Ihnen war nichts von den Plänen des Königs bekannt, ſie hatten keine Ahnung von dem geheimen Bündniß gegen Friedrich von Preußen, und konnten daher auch an deſſen Einrücken als Feind in 4 dieſes ruhige Nachbarland nicht glauben. Sie wandten ſich nun, als ſie Maria Antonia kommen ſahen, an dieſe um Aufſchluß.— Mühſam erwehrte ſie ſich ihrer Fra⸗ gen. Sie war nicht aufgelegt zu müßigen Plaudereien. Ungeduldig erwartete ſie die Rückkehr des Königs. Endlich erſchien er. Sein gewöhnliches, heiteres Lächeln hatte zum erſten Male einem Ausdruck der Sorge Platz gemacht, gepaart mit Unmuth und Verdruß. In ſeinem ruhigen Leben dieſe Störung!— Flüchtig begrüßte er die Churprinzeſſin. Er wollte ſich in ſeine Gemächer zurückziehen und von dem gehab⸗ ten Schrecken erholen. Es war ohnehin die Stunde ſei⸗ ner Sieſta gekommen. Sie aber klammerte ſich an ihn an und ließ ihn nicht los. „Um Gott, was iſt vorgefallen?“ rief ſie.„Und was wird man thun?“ „Wir werden unſere Truppen zuſammen ziehen und uns dem Uſurpator entgegen ſtellen!“ rief König Au⸗ guſt ſtolz. „Gottlob! So erliegen wir wenigſtens ehrenvoll!“ rief Maria Antonia aufathmend. „Erliegen? Wer ſpricht hier von Erliegen?“ rief der König und blickte ſtolz in ſeinem Kreiſe umher. „Wo man nicht ſiegen kann, muß man ſein Leben wenigſtens theuer einſetzen,“ verſetzte Maria Antonia be⸗ 112 ſtimmt,„und zu ſiegen iſt unmöglich mit einer Hand⸗ voll undisciplinirter Truppen.“ „Was wiſſen Sie von unſerer Heeresmacht, Prin⸗ zeſſin?“ fragte Auguſt finſter.„Ich dächte, das wäre nicht Frauenſache.“ „Seit ich ſelbſt ein Regiment beſitze, Königliche Ho⸗ heit, habe ich mich auch um dieſe Angelegenheiten beküm⸗ mert, und mit um ſo mehr Intereſſe bekümmert, weil ich vier Söhne beſitze, die einſt in Ihrer Armee dienen, oder ſie befehligen ſollen. Die kleine Schaar, welche wir jetzt zu⸗ ſammen bringen können, wird ſich nicht bis auf 20.000 Mann belaufen; mit dieſen weiſt man keinen Friedrich von Preußen ſeiner Wege.“ „Ich weiß es, Sie hatten ſtets eine Vorliebe für ihn,“ ſagte der König kalt. „Ich hegte ſie für den gebildeten, weiſen Monar⸗ chen, aber nicht für den Räuber unſeres Landes,“ erwi⸗ derte Maria Antonia muthig.„Was Sachſen betrifft, betrifft auch mich.— IZch bin jetzt Fürſtin dieſes Landes, bin die Gattin des künftigen Regenten, die Mutter Ihrer Enkel. Zweifeln Sie daher nicht an meiner patriotiſchen Geſinnung, Majeſtät. Aber grade darum, weil die Ehre Sachſens auch meine Ehre iſt, ſehe ich ſie jetzt durch einen Widerſtand gefährdet, zu dem wir nicht die Mittel beſitzen, und darum, indem wir erliegen, auf nicht ehren⸗ P 35 113 volle Bedingungen gefaßt ſein müſſen. Ich ſchlage daher vor, daß wir Friedrich zu verſöhnen ſuchen.“ „Nie und nimmermehr!“ rief der König unwillig. „So werden wir die Folgen zu tragen haben.— Die Schuld iſt unſer. Wir haben den Löwen gereizt. Dies Bündniß hinter ſeinem Rücken, während wir an⸗ ſcheinend freundlich verkehrten, mußte ihn auf das tiefſte gegen uns aufbringen.“ „Warum gegen uns nur? Sind nicht drei Groß⸗ mächte da, an denen ſein Zorn ſich kühlen kann?“ fragte der König empfindlich.„Warum erwählt er uns für ſeine Rache?“ „Weil wir ihm die Nächſten ſind und unſerer Lage nach wir nie in unſerm Intereſſe uns von Preußen tren⸗ nen ſollten. Mit ihm vereint, haben wir eine Stimme den Großmächten gegenüber; ſcheiden wir uns, ſo wird Sachſen ein Trabant des ſtolzen Oeſterreich, das uns übermüthig nach ſeiner Pfeife tanzen läßt und ſich dann nicht weiter um uns bekümmert. Nie werden wir durch ein Bündniß mit Oeſterreich gewinnen, nie wird es unſer Gebiet vergrößern helfen, nie unſern Vortheil bedenken!“ „Wiſſen Sie das ſo beſtimmt?“ fragte König Au⸗ guſt unſchlüſſig, und ließ ſein Auge von ſeiner Schwieger⸗ tochter auf ſeinen Miniſter fallen, der zur Erde blickend, geſenkten Hauptes und ſchweigend da ſtand. ———— 114 „Ich verbürge mich dafür mit meinem Leben!“ ſagte die kleine Frau muthig und legte dazu die Hand auf das Herz.„Oeſterreich benutzt Sie, aber bietet keine Ent⸗ ſchädigung für die gebrachten Opfer.“ „Wir haben aber unſer Wort gegeben, wir können nicht mehr zurück,“ verſetzt der König faſt kleinlaut. „Das kann man nie; nur aus der Nothwendigkeit eine Tugend machen, kann man. Unterhandeln Sie! di⸗ plomatiſiren Sie!— Senden Sie Friedrich Boten entge⸗ gen! Erklären Sie Sachſen für neutrales Gebiet!— Thun Sie was Sie können und was Sie wollen, nur reizen Sie einen Löwen nicht!— Entfernen Sie ihn wo möglich aus Ihrem Lande, um welchen Preis es auch ſei. Bleiben Sie eingedenk, daß unſer kleines Reich keine Opfer bringen darf, um dem Vortheil oder der Rache von großen Reichen zu dienen!“ „Die Churprinzeſſin ſpricht ſehr vernünftig,“ ſagte Auguſt zu Brühl, als er ſich hierauf mit dieſem entfernte. Der Miniſter mochte wohl derſelben Meinung ſein, denn er ſchwieg dazu. Wie froh wäre er in dieſem Au⸗ genblicke geweſen, wenn auch er ſich hätte von Oeſter⸗ reich losſagen können! Aber er durfte es nicht. Er hatte ihm ſeine Seele verkauft.— Die Schande ſeines Na⸗ mens, oder das Elend ſeines Vaterlandes?. Er ſchwankte nicht. Er überlegte nicht, daß die Geſchichte 115 nicht minder ihr Richteramt an ihm üben und ihn für alle Ewigkeit mit einer Acht belegen würde. Maria Antonia kehrte in ihre Wohnung zurück, das Herz voll ſchwerer Sorgen. Sie ſeufzte, daß ſie hier nicht handeln dürfe. Unruhig ſah ſie dem kommenden Tage entgegen, der neue, beſtimmtere Nachrichten bringen mußte. Dieſe betrafen nur den Einmarſch der Preußen in Sachſen, der mit meiſterhafter Ordnung und Disciplin geleitet, in drei Colonnen erfolgt war, geführt von dem Könige ſelbſt, von Herzog Ferdinand von Braunſchweig und dem Herzoge von Bevern. In der Nähe Dresdens verſammelte ſich nun dies Heer, nachdem es Wittenberg, Torgau und Leipzig ohne Widerſtand genommen. Brühl hatte indeſſen die ſächſiſche Armee zuſam⸗ men gezogen und ließ ſie an der böhmiſchen Grenze bei Pirna ein Lager aufſchlagen. Die Elbe macht hier einen tiefen Bogen, ſie deckte ihre eine Seite, und von der an⸗ dern ſchauten Lilienſtein und Königſtein ſtolz auf ſie her⸗ ab, es war daher ein feſter Punkt, den die Natur ſo gut beſchützte und die Kunſt faſt uneinnehmbar machte. Indeſſen— die Preußen waren darum nicht minder im Lande, ſie beſaßen Leipzig und rückten in das offene Dresden ein; was kümmerte es ſie nun, ob weiter oben 116 in einem feſten Lager 17.000 Sachſen lagen und— hungerten. Brühl hatte für die Sicherheit der Truppen Sorge getragen, doch nicht für ihren Unterhalt. Er ſelbſt hatte ſeine Tafel ſtets beſetzt gefunden und nie daran gedacht, woher ſein Küchenmeiſter die Ingredienzien nähme; wie konnte er verſtehen die Proviantirung eines Heeres zu be⸗ ſorgen? Wie ſollte er die Pein des Hungers kennen, der nur zu oft geſeufzt, daß ihm der Apetit fehle, um die täglich auf ſeinem Tiſche erſcheinenden 25 Schüſſeln zu koſten? Den Rath der Churprinzeſſin beherzigend, erklärte König Auguſt ſein Gebiet für neutral und ſchrieb in die⸗ ſem Sinne an den König von Preußen. Dieſer forderte Beweiſe, forderte Garantien, er traute den Worten nicht; Brühl aber zögerte dieſe zu geben, aus Furcht vor Oeſterreich, das hierin einen Treubruch finden könnte. Halbe Maßregeln ſind ſo gut wie keine. Maria An⸗ tonia fühlte das, ohne jedoch etwas ändern zu können. Ihre Beredſamkeit ſcheiterte an der Zaghaftigkeit Brühl's. So fügte ſie ſich denn in das Unvermeidliche. König Auguſt mit ſeinen Söhnen Laver und Carl begab ſich in ſein feſtes Lager, ſie ſelbſt blieb in Dres⸗ den mit ihren vier kleinen Söhnen zurück. So kam der 12. September heran, und mit ihm der feierliche Einzug 117 der preußiſchen Armee, welche mit klingendem Spiele in die Hauptſtadt Sachſens einrückte, das ihr König als Unterpfand der Neutralität ſeines Fürſten in Beſchlag nahm. In dem Landhauſe der Gräfin Moscinska, vor dem Seethore— dem jetzigen Hotel der preußiſchen Ge⸗ ſandſchaft, wählte er ſeinen Aufenthalt. Staunend ſahen die Bewohner der Stadt dieſen ihnen unbegreiflichen Vorgängen zu. Die Streitigkeiten ihrer Fürſten waren ihnen unbekannt; erſt ſpäter, als die Jahrbücher der Geſchichte ſie verzeichnet, löſten ſich ihnen dieſe Räthſel. Sie konnten daher auch kaum Partei nehmen. Nur ſo viel ward ihnen bald klar, daß der Beſuch eines Nachbarkönigs, an der Spitze einer Armee, nicht ſo gar freundlich gemeint ſein könne. Maria Antonia hatte ſchon vor deren Ankunft den türkiſchen Garten verlaſſen und ihr Palais bezogen. Die Königin Joſepha war im Schloſſe zurückgeblieben. Man erwartete von dem Nachbarfürſten, daß er Frauen mit Artigkeit behandeln werde, und dieſe Frauen fürchte⸗ ten darum nicht, ihm entgegen zu treten. Von ihren Fenſtern aus hatte Maria Antonia dem Einzug des preußiſchen Militärs zugeſehen und ihren älteſten Prinzen, den ſechsjährigen Friedrich Auguſt auf⸗ merkſam auf die Bedeutſamkeit dieſes Vorganges ge⸗ macht.— Die Stadt war nun durch fremde Wachen 118 beſetzt, ſelbſt das Schloß ihrer Aufſicht anvertraut. Auf jedem Schritte trat ihr eine ſolche, ihren Stolz verletzende Perſönlichkeit entgegen. Und dabei mußte ſie noch heiter ſcheinen und den Unwillen in ihrer Bruſt verſchließen; denn reizen durfte man den Löwen nicht. In der Stadt blieb ſcheinbar Alles unverändert. Der fremde Gaſt bewies ſich ſehr artig, empfing die Geſandten und ſcherzte mit ihnen. Der Magiſtrat und die Beamten warteten ihm auf und wechſelten mit ihm freundliche Reden.— Sogar in der Kirche ſah man ihn, aber leider! in einer proteſtantiſchen Kirche, und das konnte den frommen Eifer der frommen Königin nicht beſchwichtigen; er blieb darum nicht weniger für ſie der Ketzer. Er gab Feſte, hielt offene Tafel, und ließ ſogar den fürſtlichen Damen ſeinen Gruß entbieten.— Was blieb nun übrig, als auch ihn zur Tafel einzuladen.„Ach! Wenn ich ihn nur ſprechen könnte!“ ſeufzte Maria An⸗ tonia.„Wenn ich nur von ihm ſelbſt vernehmen könnte, was er uns zudenkt, was er mit uns will. Wir haben reichlich das Schlimmſte von ihm verdient; denn ſein Untergang war feſt beſchloſſen, und er rettet ſich, indem er uns verdirbt. Wer mag ihm das verargen. Gnade nur für meine armen Kinder!“ Ihr Wunſch ſollte ſich jedoch nicht erfüllen. Friedrich's 119 Höflichkeit ging ſo weit nicht. Auch beſchäftigten ihn noch ernſte Sorgen. Er hatte im Angeſicht Europas dieſe Verletzung des Völkerrechtes zu rechtfertigen, und das konnte er nur, indem er aus dem geheimen Archiv die Correſpondenz Brühl's in Betreff des gegen ihn ge⸗ ſchloſſenen Bündniſſes hervorholte und öffentlich bekannt machte. Dieſes Archiv befand ſich im königlichen Schloſſe und hatte keinen Zugang, als durch das Schlafgemach der Königin Joſepha, welche den Schlüſſel dazu bei ſich trug. König Friedrich ließ um dieſen bitten, und ſie ver⸗ weigerte ihn. Damit war nun die freundliche Beziehung unter⸗ brochen. Was ihm nicht mit Güte gewährt ward, mußte er nun durch Gewalt gewinnen. Er ſandte ſeinen General von Wylich, den er zum einſtweiligen Commandanten von Dresden ernannt, an ſie ab und ließ ihr melden, daß er unter jeder Bedingung in dieſes Archiv eindringen würde. Vergeblich empörte ſich ihr ganzer Stolz, ver⸗ geblich warf ſich die Tochter Kaiſer Karl des VI. in die Bruſt und verſicherte, nur über ſie hin führe der Weg in dieſe Gemächer. Ein Lächeln war die Antwort, 120 ein Lächeln, in dem ſie las, auch dieſer Weg würde ge⸗ wählt werden, wenn ſie es nicht anders wolle. Das färbte ihre Wangen bleich. Sie brach zuſam⸗ men und verließ den Platz, welchen zu behaupten ihr nicht möglich war. König Friedrich aber erhielt, was er begehrte.— In Folge deſſen entließ er noch zur ſelben Stunde ſämmtliche Miniſter, die Königin Joſepha aber berief die Geſandten aller fremden Mächte zu ſich und klagte ihnen mit thränenden Augen, wie man die ſtolze Tochter des ſtolzen Kaiſers in ihrem eigenen Gemache behandelt; ſie ſchrieb es nach Frankreich an ihre Tochter, die Dauphine, ſie ſchrieb es nach Neapel, nach Baiern, nach Rußland, ſie ſchrieb es an den Papſt nach Rom, ſie ſchrieb es an die ganze Welt und belegte den Namen Friedrich's mit einem fürchterlichen Bannfluch. Maria Antonia fühlte wohl, daß Friedrich hier nicht anders handeln konnte; darum entſchuldigte ſie ihn vor ſich ſelbſt, indem ſie doch zugleich erkannte, in welch' ein nachtheiliges Licht die ſächſiſche Politik durch dieſe Kenntniß der geheimen Correſpondenz geſtellt werde. Bei ihrem offenen Weſen hätte ſie mitunter die Feinheit der Diplomatie verſchwören mögen. Jetzt wurden die fremden Geſandten aus Berlin abgerufen, jetzt wurde der Krieg gegen Preußen erklärt; damit aber auch wurde Dresden ſeiner Neutralität entho⸗ ————„——„— —————.„— 121 ben. Es war nun eine preußiſche Stadt. König Auguſt mochte auf dem Gebiete eines Feindes nicht weilen, und bat um ſeine Päſſe nach Warſchau.— Er bat. Schon konnte er nicht mehr ohne die Einwilligung Friedrich's ſein Land verlaſſen, ſchon war er der Demüthigung ausgeſetzt, als König von Polen in Sachſen bitten zu müſſen. Er reiſte ab; aber Maria Antonia blieb zurück, denn ſie gehörte nicht nach Polen, ſie war eine ſächſiſche Fürſtin, ſie mußte auf dieſem Boden leben und, wenn es das Schickſal fordern ſollte, hier auch ſterben.— Sie war durch Gottes Gnade eine Fürſtin, ihm mußte ſie daher auch anheimſtellen ihr Wohl und Weh nach ſeinem Ermeſſen zu beſtimmen. Sie wankte nicht. Sie blickte auf ihre vier Söhne, und nahm muthig ihr Joch auf ſich. Ein neues Leben begann damit für ſie. Von dem Cultus der ſchönen Künſte ſollte die Wirklichkeit ſie mit rauher Hand abziehen; und dennoch fand ſie nur darin Troſt, wenn der Jam⸗ mer des Volkes, das Leid mit ſeinen tauſend Stimmen ihr Ohr verletzt, und ein Wehe ihrer Lippe entlockt. 1860. X. Maria Antonia. II. 3 Reuntes Cngitel. Das vergiftete Frühſtück. Novembernebel ruhten auf der Elbe und verhüllten ihre Ufer. Als ſie ſich zertheilten, ſah man die Gärten des Grafen Brühl, ihres Schmuckes entkleidet, in trauri⸗ ger Oede, dem Auge blosgeſtellt. Unter den entlaubten Bäumen gewahrte man umgeſtürzte Standbilder, Vaſen und Blumenaufſätze, exotiſche Pflanzen, ihrem Schickſale überlaſſen, erſtorben unter dem Hauche kalter Herbſt⸗ winde, das große Treibhaus als Speicher benutzt und die Pavillons und das Belvedere Wachthäuſer preußi⸗ ſcher Soldaten geworden. Friedrich hatte bei ſeiner Rückkehr nach Dresden, nachdem er die Oeſterreicher bei Loboſitz geſchlagen, in dieſem Palais ſeinen Wohnſitz genommen, und die Zer⸗ ſtörung des Eigenthums eines Mannes, den er ſo tief verachtete, mit innerer Freude geſtattet*). Heute ſchaute er nun aus dieſen hohen Bogenfenſtern auf den Fluß und die Stadt zu ſeinen Füßen, wo jetzt der Schrecken ſeines Namens Alles beherrſchte. *) Vehſe. ——— — e ee— e— — — — ————, 123 Er wollte hier ſeine Winterquartiere aufſchlagen, hier ſeine Soldaten raſten und Kräfte ſammeln laſſen für den Feldzug des kommenden Jahres. Die beiden Fürſtinnen fanden ſich, ihm gegenüber, in eine ſeltſame Lage verſetzt. Die Königin⸗Churfürſtin, voll tiefen Haſſes gegen das Haus Oeſterreich und ihre Couſine, die Kaiſerin⸗Königin, wünſchte um keinen Preis ihre Bundesgenoſſin zu ſein, ſeit ſie aus einem eigenhän⸗ digen Briefe des Grafen Flemming, ihres Geſandten, erſehen, daß der kaiſerliche Hof, in ſeinem geheimen Bündniſſe mit Frankreich, datirt vom 2. Mai 1756, des kleinen Churfürſtenthums Sachſen auch mit keiner Silbe erwähnte.— Dieſes Uebergehen einer befreundeten Macht, die man ſeinem Intereſſe gewinnen will, war eine ſou⸗ veraine Beleidigung; aber wie ſie rächen? Indem ſie auf die Seite Friedrich's trat?— Nim⸗ mermehr! War ihr Herz noch einer ſtärkeren Empfindung des Haſſes fähig, wie ſie ihn dieſer Verwandtin bewahrte, ſo hegte ſie dieſen gegen den König Friedrich von Preu⸗ ßen. Ihn hätte ſie um jeden Preis, wie hoch er auch ſei, vernichten mögen, und daß ſie es nicht konnte, nagte wie ein Wurm an ihrem Leben. Sie verzehrte ſich in dieſem Gefühle, das ihre Ohnmacht ihr noch peinlicher machte, und verbrachte ihre Tage in dem Sinnen auf 8* 124 Rache, ihre Nächte in Gebeten für die Vernichtung ihres Feindes. Dieſen Feind ſah ſie jetzt aus den Fenſtern ihres Schloſſes, kaum fünfzig Schritte von ſich entfernt, die Herrſchermiene annehmen und— gebieten, wo ſie ſich Fürſtin nannte. Das war mehr, als ſie ertragen konnte! Neben ihr ſtand die Gräfin Brühl, eine eben ſo tief gekränkte Frau, und dabei entſchloſſen das Aeußerſte zu wagen, um ihr Palais von dem ungebetenen Gaſte zu befreien.* Worin aber konnte dieſes Aeußerſte bei ihr beſtehen, als in dem Einſetzen jedes Grundſatzes der Ehre zur Vernichtung eines ſo mächtigen Gegners; worin, als in dem Dingen eines Mörders, der für ſie verrichtete, was die eigene Hand nicht auszuführen vermochte; worin, als in dem Opfern ihres Gewiſſens und ihrer Ruhe, für ein ſo zweifelhaftes Gute? Dem Golde öffnen ſich Thüren und Herzen, es iſt der Feind unſeres beſſeren Selbſt, wir verkaufen ihm unſere Seele. Die Gräfin Brühl war immer noch im Beſitze gro⸗ ßer Reichthümer, und Glaſan, der Kammerdiener Fried⸗ rich's, fühlte eine gewiſſe Zuneigung für Dinge, die Roſt und Motten freſſen; ſie benutzte dieſe Leidenſchaft, um ihn durch goldene Verſprechungen für ſich zu gewinnen. —. ——„—) ——— ——— ———* — Sie kannte jeden Zugang zu dem von Friedrich jetzt bewohnten Palais, die geheimen Treppen darin, ſo wie jedes Winkelchen war ihr genau bekannt; ſie wußte, wo der König ſchlief und wo ſein Kammerdiener ſich dann auf⸗ hielt, und trotz aller wohlbeſetzten Poſten gelang es ihr mit dieſem eine Correſpondenz zu eröffnen. Aber, ſo lieb dem Glaſan auch das Geld, ſo war ihm doch ſein Leben faſt noch lieber und— er wollte es nicht wagen ohne die völlige Sicherheit für ſeine Perſon. Dieſe ihm zu verbürgen, fand ſich der Moment noch immer nicht, und die Gräfin hatte Eile, große Eile. Ihrer Ungeduld war jeder Tag des dem Feinde noch gewährten Lebens ſchon eine Ewigkeit. Sie konnte und wollte nicht warten. So voft ſie bei der Königin erſchien, ſprach die fin⸗ ſtere Miene ihres Angeſichtes ein„Noch immer nicht!“ aus. Ihre Ungeduld ließ ſie dabei oft der nöthigen Vorſicht vergeſſen und ihre Zunge zum Verräther ihrer ſchwer getäuſchten Hoffnungen werden. Das Zuſammenſein beider Frauen bot ein wenig heiteres Bild dar. Ihre ohnmächtige Wuth flößte ſelbſt ihrer Umgebung Mitleid ein, und wer ſich ihnen nahte, fühlte den peinlichen Einfluß dieſer in Rache und Haß verbitterten Gemüther. Maria Antonia theilte in keiner Weiſe dieſe Stim⸗ 126 mung. Sie war unglücklich, war tief betrübt über die Lage des Landes, war beſorgt um das Schickſal ihrer Kinder; aber den Mann haſſen, der dies Leid über ſie gebracht, das konnte ſie nicht.— Ihr Gerechtigkeitsgefühl ſagte ihr, daß er in ſeinem Intereſſe nicht anders verfah⸗ ren konnte und daß er nicht der Neigung, ſondern dem Zwange gehorche, dem Zwange gebietender Umſtände. „Warum ſich in Dinge einmiſchen, die man nicht durchführen kann,“ erwiderte ſie ihrem Gatten, wenn er von ſeiner Mutter zurückkehrend, ſeinen Haß gegen Friedrich geſteigert fand.„Ich ſah die Sache kommen und warnte Brühl, aber er lieh mir taube Ohren. Er wollte entweder einem Bündniſſe mit Oeſterreich nicht entſagen, oder er konnte es nicht, weil er zu weit ge⸗ gangen, weil er das Geſchenk einer Herrſchaft in Böh⸗ men für ſeine Frau angenommen. Nun haben wir zu büßen, was Oeſterreich eingebrockt.— Welche Thorheit war es von Maria Thereſia, den Tag der heiligen Hed⸗ wig, der Schutzpatronin Schleſiens, in Wien feierlich zu begehen! Sagte ich Dir nicht damals ſchon, daß der König von Preußen das übel nehmen würde?— Und Brühl baute eine neue Straße nach Böhmen und nannte ſie die Militärſtraße. Wozu das Alles? Dem Himmel ſei es geklagt, wir leiden nur, was wir verſchuldet!“ Auf dieſe Art beruhigte ſie ſich ſelbſt, indem ſie N W M————— U — — 8—— e 127 die Begebenheiten als eine nothwendige Conſequenz von Urſache und Folgen hinnahm, denen man nun muthig die Stirne bieten müſſe. Es war viel Leid um ſie herum und viele bittere Klagen drangen an ihr Ohr. Sie hegte Theilnahme für alle; aber helfen— das konnte nur ein Gott. Friedrich legte die Landeseinkünfte mit Beſchlag, ſetzte die Beſoldungen der Beamten herab und entließ das Opernperſonal, die Tänzer, die Sänger. Damit erſtarb der Klang der Freude, und nur das Waffengeräuſch allein erfüllte in monotoner Weiſe die ſtille Stadt. Haſſe reiſte ab. Es gab für ihn kein Orcheſter mehr zu leiten, keine Opern mehr zu componiren, keine Rollen für Fauſtine zu ſchreiben; ſelbſt die Churprinzeſſin be⸗ durfte ſeiner nicht; warum ſollte er alſo an einem Orte weilen, wo die Kunſt nicht länger ihre behagliche Stätte aufſchlagen durfte, wo ſie nicht länger die Hauptſache war, wo man ihren Lohn vorenthielt! Er begab ſich mit ſeiner Gattin und ſeinen Töchtern nach Italien, wo noch Friede herrſchte, und viele ſeiner Genoſſen folgten ihm dahin. Im italieniſchen Dörfchen war jetzt manches Fen⸗ ſter verſchloſſen, und aus den noch bewohnten Theilen ſchlichen nur düſter blickende Geſtalten hervor. Schnee deckte die Erde. Die Weihnachtsbäume wurden angezün⸗ 128 det, die Jugend, mit ihrem glücklichen Sinn, erfreute ſich wie ſonſt der bunten Lichter und der Gaben, womit die Elternliebe, ſelbſt in ſo ernſter Zeit, ſie noch bedacht. Auch Maria Antonia hatte ihre vier kleinen Söhne zu einem ſolchen Feſte um ſich verſammelt, und freute ſich herzlich ihres Jubels. Sie wollte ſich den Augenblick durch nichts verderben laſſen. Mit dem neuen Jahre fing man endlich an, ſich an die neuen Zuſtände zu gewöhnen. Friedrich von Preußen ſelbſt gab das beſte Beiſpiel, indem er ſich in keiner Weiſe durch ſeine Pflichten und Sorgen um ſeine heitere Ruhe bringen ließ, und jede ihm bleibende freie Minute dazu benutzte, ſich an dem Schönen zu erfreuen, das die Kunſt und die Literatur ihm boten. Jeden Abend wurde bei ihm Muſik getrieben, wobei er ſelbſt die Flöte blies. Wie ſehr bedauerte Maria Antonia, als ſie dies vernahm, daß er ihr Feind ſei! Doch bei dem Haſſe der Königin Joſepha war eine Annäherung eine Sache der Unmöglichkeit. Ihr Unwille ſollte ſich jetzt noch ſteigern, als ſie von ihm für ſich und ihren Hofſtaat monatlich die Summe von 174.000 Thaler forderte und von Friedrich eine ablehnende Ant⸗ wort darauf erhielt. „Alſo auch das noch!“ rief ſie aus, und legte dieſe neue Demüthigung der Zahl ihrer vielen Anklagen gegen 129 den Gottesläugner bei, dem ihre Religion den Himmel abſprach. Die Kälte war ſehr heftig geworden, die Theuerung der Lebensmitteln überſtieg die Einkünfte der Bewohner; man fand die Armen oftmals todt auf den Straßen hin⸗ ſinkend. Rabener ſchrieb im Januar an ſeinen Freund Gellert nach Leipzig: „Um mich wieder aufzumuntern, will ich mit Ihnen reden. Was machen Sie, mein guter, beſter Gellert? Hum! Ein Philoſoph, wie Sie, das wäre ſehr unexem⸗ plariſch, wenn er ſich von der gegenwärtigen Noth zu ſehr niederſchlagen ließe. „Man verſichert mich, daß der König von Preußen Befehl gegeben habe, Ihnen Ihre Penſion richtig aus⸗ zahlen zu laſſen. Wie groß kam mir unſer Feind, der König, in dem Augenblicke vor, als ich dies hörte! Vor Vergnügen vergaß ich, daß er mir ſelbſt meine Beſol⸗ dung zurückhalten läßt.“ Die Offiziere der preußiſchen Armee ſuchten die Be⸗ kanntſchaft des berühmten Satyrikers*) und freuten ſich an ſeinem Witze. Auch Prinz Heinrich von Preußen ließ ihn zu ſich laden und unterhielt ſich lange mit ihm, wobei es zu einem lebhaften Streite über die deutſche Sprache 5) Rabener, Vertraute Briefe. 130 und Literatur kam, welche er nicht minder geringſchätzte, wie ſein Bruder Friedrich. Rabener trat mit großem Ernſt für ſeine Sache auf, die er als Deutſcher und als Schriftſteller in eigenem Intereſſe zu verfechten hatte. Auch der König wünſchte jetzt, ihn kennen zu ler⸗ nen, und der Marquis d' Argens erſchien in ſeinem Auf⸗ trage bei Rabener, um die Zuſammenkunft zu vermitteln und die Vorſtellung zu übernehmen. Rabener ſchlug ſeine Vermittelung jedoch aus. Er wollte dem Könige nicht in einer Sprache präſentirt ſein, die er nur mangelhaft redete; denn dadurch würde er in ein ungünſtiges Licht geſtellt worden ſein. „Der Marquis d' Argens iſt es alſo nicht, welcher mich dem Könige zu Füßen legt,“ ſchreibt er an Gellert. „Der König iſt ſo gnädig ſich meine Weigerung gefallen zu laſſen. Er will deutſch(wird das wohl die Nachwelt glauben 2), deutſch will der große Friedrich mit mir reden. Hat wohl jemals Auguſt mit dem Horaz in ſeiner harten Mutterſprache geredet? Wohl niemals! Denn das Grie⸗ chiſche war die allgemeine Sprache der Welt und des Hofes; nur der Pöbel und die traurigen Pedanten in Rom ſprachen latein.“ Friedrich war leutſelig gegen Jedermann, und ſuchte durch ſein freundliches Betragen Freunde zu gewinnen. 131 Nachdem er die ihm nothwendigen Documente aus dem Archiv entnommen, ließ er das königliche Schloß unbe⸗ rührt. Das Lieblingsbild des Königs, die Magdalena von Correggio, welche in deſſen Schlafzimmer gehangen, hatte die Königin in das ihrige bringen laſſen, aus Furcht, daß der Feind es dort entwenden möge; aber dieſe Sorge war unnöthig. Nichts wurde hier geraubt und nichts zerſtört. Die herrliche Bilderſammlung erfreute ſein Auge, er beſuchte ſie häufig, allein ohne ſich davon etwas anzu⸗ eignen*). Er bewies ſich milde und gütig, in der Hoffnung auf ein Freundſchaftsbündniß, und nur als er ſich über⸗ zeugt, Brühl würde den König dazu nicht kommen laſſen, erſt dann zeigte er eine ſtrengere Seite. Die Ungeſchicklichkeit Glaſan's ſollte ihm bald über dieſen Punkt Gewißheit verſchaffen. Friedrich hielt viel auf dieſen treuen Diener, den er oft ſogar in ſeinem Zimmer neben ſich ſchlafen ließ. Auch heute hatte dieſer ſein Bett neben dem ſeinigen aufſchlagen müſſen; aber, gegen ſeine Gewohnheit, konnte er die Ruhe nicht finden. Die Angſt ſeiner Seele ſcheuchte den Schlummer hin⸗ weg, und als bei dämmerndem Morgen die Lider ſich ein⸗ ſenkten, bewegten ihn unruhige Träume. So erwachte denn Friedrich vor ihm und hörte das leiſe Stöhnen ) Archenholz. ———— 132 ſeines Dieners, von einzelnen Worten begleitet, die ſeinem wachſamen Geiſte ſogleich den Funken des Verdachtes lieferten, der ihn retten ſollte. Er weckte den Träumenden und befahl ihm ſein Frühſtück zu bringen. Forſchend folgte ihm dabei ſein helles Auge. Als der Kammerdiener es vor ihn hingeſtellt, ſah er ihn noch einmal prüfend an, dann ſagte er feſt: „Glaſan, leere Er die Taſſe vor meinen Augen!“ Zitternd ſank der Mann vor ihm in die Kniee. „Er will nicht?“ fragte der König, und ein Aus⸗ druck der Verachtung zuckte um ſeine Lippen.„Nenne Er nur ſeine Gründe, warum Er das für ſeinen König be⸗ reitete Frühſtück nicht genießen mag?“ Glaſan umklammerte ſeine Füße und konnte nur das Wort„Gnade!“ hervorbringen. „Die wird Ihm, wenn Er frei geſteht, wer Ihn ge⸗ dungen,“ ſagte der König kalt. Ein Name kam jetzt über des Dieners Lippen, vor dem der König ſeinerſeits die Farbe verlor. Er zuckte zuſammen, als habe ihn ein Skorpion geſtochen.„Er lügt!“ rief er aus und packte den Mann bei den Schul⸗ tern, als wolle er ihn vernichten. Aber im nächſten Augenblicke ſchon hatte er die Herrſchaft über ſich wieder gewonnen. Kalt hörte er nun die Beichte des Unglücklichen an, der in einem völligen Geſtändniſſe ſein einziges Heil ſah. Als er damit zu Ende, ſagte Friedrich ernſt:„Ich habe Ihm ſein Leben verſprochen, Glaſan, und ich halte mein Wort. Der Tod, den Sein Verrath verdient, ſoll Ihm geſchenkt ſein, ſo lange Er das unverbrüchlichſte Schweigen bewahrt. Verlautet das erſte Wort über die Sache, ſo iſt Seine letzte Stunde gekommen. Zetzt geh' Er!“ Des Königs Kniee unſchlingend, wiederholte er ſchluchzend ſein Geſuch. Gnade hieß für ihn in ſeinem Dienſte bleiben. „Das kann Er verlangen?“ rief der König erſtaunt, und Unwille zog ſeine Stirne zuſammen.„Ich ſollte ei⸗ nen Menſchen um mich dulden, der mich meinen Feinden verkauft hat? Ich ſollte ihm auf's neue meine Perſon vertrauen? Nimmermehr. Danke er Seinem Geſchicke, daß ich Ihn nicht meinen Soldaten überliefere, damit Sie an Ihm Gerechtigkeit üben.“ Und in das Vorzimmer hinaustretend, winkte er den wachhabenden Offizier herbei und übergab Glaſan ſeinem Verwahrſam, mit dem Be⸗ fehle, ihn morgen in aller Frühe nach Spandau abführen zu laſſen.*)— Gebrochen folgte der Unglückliche ſeinem Führer. Arhenholz, Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. — 134 Als ſich Friedrich allein ſah, wanderte er einige Male im Zimmer auf und ab; dann ſetzte er ſich an ſei⸗ nen Schreibtiſch. Schnell warf er hier einige Zeilen auf das Papier, verſiegelte ſie und übergab ſie ſeinem Adju⸗ tanten mit der Weiſung, ſie eigenhändig an die Adreſſe zu überbringen. Dann nahm er ſeine Flöte hervor und blies, bis ſein Bote zurückkehrte. Welchen Auftrag er dieſem gegeben, das erfuhr Niemand. Im Schloſſe herrſchte bald darauf große Auf⸗ regung. Der italieniſche Arzt Bianconi wurde gerufen, um die Gräfin Brühl aus einer Ohnmacht zu erwecken. Die Königen ſelbſt lag in Krämpfen. Beſtürzung hatte ſich ihrer Umgebung bemächtigt, die ſolche plötzliche Zu⸗ fälle nicht zu deuten wußte. Als Maria Antonia von dem Unwohlſein ihrer Schwiegermutter hörte, begab ſie ſich ſogleich zu ihr, wurde aber nicht vorgelaſſen. Sie wolle allein ſein, hieß es. Der Arzt, mit dem ſie ſprach, verſicherte ihr, daß nur Ruhe ihren Gemüthszuſtand beſänftigen könne. „Was iſt denn aber vorgefallen?“ fragte die Chur⸗ prinzeſſin. Er zuckte die Achſeln. Von Andern erfuhr ſie, ein Bote des Königs von Preußen ſei die Veranlaſſung des Uebelbefindens beider Damen. Aber auch die Gräfin durfte ſie nicht ſehen. Im höchſten Grade beunruhigt kehrte ſie in ihr Pa⸗ lais zurück und berichtete dem Churprinzen, was ſie er⸗ fahren. Dieſer begab ſich nun ſelbſt zu ſeiner Mutter, die, indeſſen ſchon mehr beſänftigt, den Sohn vor ſich ließ. Sie hatte eine lange Rückſprache mit dieſem. Be⸗ wegt, die Augen von Thränen geröthet, kehrte er aus ihren Gemächern zurück. Fragend ſah ihn Maria Antonia an. „Ich habe mein Wort gegeben,“ war ſeine Ant⸗ wort darauf.„Es iſt das erſte Geheimniß, das ich vor Dir habe, und hoffentlich wird es auch das letzte ſein. Wir ſind fürchterlich compromittirt! Nur der Großmuth un⸗ ſeres Feindes verdanken wir es, daß er den Namen un⸗ ſerer Familie nicht öffentlich der Schande preisgibt.“ „Um Gottes Willen!“ rief die Prinzeſſin ent⸗ ſetzt aus. „Die Gräfin Brühl wird abreiſen. Der König von Preußen hat ihr einen Paß geſandt. Schon packt man ihre Wagen.“ „Sie wird ſich doch bei uns verabſchieden?“ fragte Maria Antonia verwundert. „Schwerlich! Je ſtiller ſie von dannen zieht, deſto beſſer. Und dann kein Wort mehr von der Sache! Wir 136 ſind von Lauſchern umgeben, König Friedrich erfährt Alles.“ In der Frühe des nächſten Morgens rollte eine feſt geſchloſſene Kutſche durch die Straßen, dem Leipzi⸗ ger Thore zu. Eine ganz geknickte, ganz gebrochene Frauengeſtalt ſaß einſam darin, das ſchwere Haupt auf die Bruſt geſenkt, das Auge halb geſchloſſen. In einem zweiten, weniger auffälligen Wagen folgte die Diener⸗ ſchaft ihr nach. So verließ die ſtolze Gräfin Brühl den Schau⸗ platz ihrer Macht und Herrlichkeit, über ihrem Haupte das ſtrafende Schwert der Gerechtigkeit, dem ſie nur durch die Gnade ihres Todfeindes entgangen. Ihre Schlöſſer hatte er in Beſitz genommen, ihre Koſtbarkeiten geraubt; aber damit hatte er ſie nicht vernichten können; nur erſt, indem er ſie zwang, eine perſönliche Gunſt von ihm empfangen zu müſſen, nur erſt, indem ſie ſeiner Großmuth ihr Leben verdankte, nur dann erſt lehrte er ſie fühlen, was Elend ſei. Und elend war ſie, unſäglich elend. Ihr Herz war gebrochen, die Zukunft lag erſtorben vor ihrem Blicke. So fuhr ſie hinaus in die weite Welt, mit ihrem ent⸗ ehrten Namen, gebrandmarkt durch die Verachtung ihres Feindes. Ihre Schlöſſer, ihre Gärten, ihre Statuen und 137 ihre Bilder, an dieſe dachte ſie jetzt längſt nicht mehr; ſie dachte nur noch an ſich ſelbſt, nur an ihre gemarterte Seele, nur an die verlorene Ehre. Verwieſen, verbannt! Furchtbar gellten dieſe Worte in ihren Ohren, und das laute Pochen ihres ſtolzen Herzens war ihr Echo. Keinen Blick wandte ſie zurück, mit keinem Auge ſah ſie um ſich, kein Abſchiedslächeln kam auf ihre Lippen. Wie bleicher, kalter Marmor ſaß ſie da, und trug vom Leben nichts mehr an ſich, als die Form. Als die Wagen über die noch einſame Brücke lang⸗ ſam dem Thore zurollten, da wurde auf dem Altan des Schloſſes eine Frauengeſtalt ſichtbar. Im weißen Nacht⸗ gewande trat ſie wie ein Schatten vor die düſtern Vor⸗ hänge hin, und blieb unbeweglich ſtehen, bis die Kutſche dem Auge entſchwunden. Sie hielt ein weißes Tuch in der Hand, womit ſie vielleicht einen Abſchiedsgruß zu winken beabſichtigt; da aber die Reiſende nicht zurück⸗ winkte, ſo ſtellte auch ſie ihr Vorhaben ein. Als ſie die letzte Spur von ihr aus dem Geſichte verloren, da ſank ſie auf einen Stuhl und bedeckte ihr Angeſicht mit den Händen. So ſaß ſie einige Minuten, ohne daß die innere Bewegung dem Auge eine Thräne zu entlocken vermochte. Stumm und ſtarr ſchaute ſie vor ſich hin. Dann kehrte ſie in ihre innerſten Gemächer zurück. 1860. X. Maria Antonia. II. 9 138 Dies war der Abſchied von zwei ſtolzen Frauen, deren Lebensfaden die erſte Demüthigung abgeſchnitten. Maria Joſepha erholte ſich nicht wieder. Langſam welkte ſie hin, bis ſie, zwölf Tage nach der Schlacht von Roßbach, ihr Auge auf immer ſchloß*). Pater Guerini gab ihr die letzte Delung, aus ſeinem Munde vernahm ſie das Wort der Sühne, das ihr die Himmelspforte erſchloß; der Segen ihrer Kirche ließ ſie getroſt hinüber ſchlummern in eine andere, beſſere Welt, wo ſie— Lohn oder Strafe finden ſollte— nach dem Maße ihrer Sünden. Ihre Kinder umſtanden ihr Lager; Maria Antonia war unter ihnen; auch ihre Enkel wurden ihr vor⸗ geführt. Mit einem langen Blicke muſterte ſie die Gruppe; aber, man ſah es, ihre Seele war nicht mehr dabei. Was mochten der ſcheidenden Königin letzte, ge⸗ heimſte Gedanken ſein? Das Bild ihres Gatten hing über ihrem Lager. Ihn konnte ſie nicht mehr ſehen, der ſie ſo ſehr geliebt. Er war in Warſchau, ein in ſeinem Heimathlande ent⸗ thronter Fürſt, und kämpfte mit vielen Sorgen. Seit dem Tage, wo er vom Königſtein herab ſeine treuen *) Archenholz. 139 Sachſen jämmerlich hatte fallen ſehen, war ſein Herz weich geworden, ſeitdem fühlte er für ſein Volk, ſeitdem nagte ein Wurm an ſeinem Herzen. Zetzt ſah er vieles ein— aber zu ſpät! Dies leidige Zu ſpät! Prinz Laver war bei ihm, während ſein Sohn Carl ſich in Petersburg befand, als Candidat der Krone von Kurland, welche die Kaiſerin Eliſabeth ihm auf ſein hübſches Haupt zu ſetzen verſprochen. Man fand ihn dort nicht ſehr beleſen*) in Geſchichte, und war es ſelbſt wohl auch nicht. Die ſcheidende Mutter mochte auch die⸗ ſes Sohnes gedenken, und nach einem letzten Gruß von ihren Töchtern aus Neapel und Frankreich verlangen. Doch— wer ſollte ihn ihr bringen? Die ſtolze Mutter! Wie arm fand ſie ſich jetzt! Was ſind dem Mutter⸗ herzen Gold und Größe, wenn es dafür das Kind ent⸗ behren ſoll? Der Churprinz und ſeine Gemahlin wichen nicht von ihrem Lager, bis ſie den letzten Seufzer ausgehaucht. Ernſten Blickes verließ Maria Antonia dann die ernſte Stätte; denn wem würde nicht eine Lehre eingeprägt beim Anblicke des geſchloſſenen Auges, das nie mehr ſich dem Leben öffnen ſoll, bei dem dahin! dahin! von dem uns keine Zunge redet? ³) Memviren von Catharina ll. von Herzen. 9* 140 Geſammelt und in ſich gefaßt kehrte die junge Chur⸗ prinzeſſin in ihr Palais zurück. Sie war an allen Vor⸗ gängen der letzten Zeit unbetheiligt geblieben, und wußte noch heute nicht um was es ſich gehandelt; das beru⸗ higte ſie jetzt um vieles. Auch nur der leiſeſte Vorwurf hätte an dem Todtenbette eine Centnerlaſt gewonnen und ihr den guten Muth geraubt, der kommenden, ſchweren Zeit mit freier Stirne entgegen zu gehen. Doch Gott⸗ lob! Ihr Herz war leicht, mit Gottvertrauen und einem reinen Gewiſſen konnte ſie noch Vielem Trotz bieten. Zehutes Cagitel. Die Vorſtädte brennen. Kleine Fäden ſpinnen unſer Schickſal, ein Waſſer⸗ tropfen höhlt endlich den Stein; wie aus dem Fruchtkern der Baum, ſo geht aus unſerer geringſten That eine in fernſte Tragweite ſich verlierende Wirkung hervor, wenn Gott in uns ſeinen heimlichen Rath unſerm, von Lei⸗ denſchaft betäubtem Ohre, vorenthält. Beſonnenheit, du Mutter alles Glückes, du Trä⸗ gerin aller Weisheit— wie ſchwer biſt du erworben! 141 Wir befinden uns in unſerer Erzählung inmitten eines großen europäiſchen Krieges, entzündet um der niedrigſten Urſachen willen— entzündet, um den Haß, die beleidigte Eitelkeit und den Eigennutz zu befriedigen. Friedrich der Große, der geiſtvolle Weiſe von Sans⸗ ſouci, hatte manches Stichwort ſeines Witzes zu laut fallen laſſen, und in ſeiner Umgebung fanden ſich Men⸗ ſchen, willig das erbärmlichſte aller Geſchäfte, das Amt der Zwiſchenträger zu üben. So war denn bald nach allen Seiten hin eine böſe Saat ausgeſtreut, um nun durch Menſchenblut zu wuchern. Eliſabeth von Rußland verzieh die Späße nicht, welche Friedrich über ihr Alter und ihre Runzeln fallen laſſen, mit denen ſie immer noch die koquette, begehrliche Liebhaberin ſpielte; Ludwig XV. ſchämte ſich ſeines Lebens gegenüber einem Fürſten, der die gelehrteſten Männer Frankreichs um ſich verſammelte, während er ſeine Tage im Ausruhen von den Orgien der Nacht verbrachte und ſein Land von einer Pompa⸗ dour regieren ließ. Die Königin⸗Churfürſtin von Sach⸗ ſen hatte er an ihrer empfindlichſten Seite, ihrem bigotten Religionseifer angegriffen, und zwar mit der furchtbarſten aller Waffen, dem Ridicule; ſie haßte ihn dafür bis zum letzten Hauche ihres Lebens. Maria Thereſia aber, die ſeinen Thron mit ihm zu theilen verſchmäht, mußte an ihn dafür ihr Schleſien verlieren und wollte es jetzt ihm wieder abgewinnen. ——— 142 Maria Antonia, allen dieſen Intereſſen gleich fremd, mußte nun leiden, was Andere über ein Land verhängt, in welchem ſie ſeit zehn Jahren eine Heimath gefunden. Ihr fünftes Kind war ihr geboren, eine kleine Tochter, die ſie nach ihrer Mutter, Amalie nannte. Sorgenvoll blickte ſie auf das kleine Weſen, deſſen Lebensweg ihr nach allen Seiten hin bedroht ſchien, deſſen hülfloſes Al⸗ ter ſie kaum zu ſchirmen und zu ſchützen vermochte. Trotz aller Unannehmlichkeiten, welche ſie in dieſer von feindlichen Truppen beſetzten Stadt erduldete, wollte ſie Dresden nicht verlaſſen. Sie war der Meinung, eine Fürſtin müſſe auf ihrem Poſten bleiben, ſo lange ſie nicht mit Gewalt verdrängt würde, und dies war bis jetzt noch nicht der Fall, indem das Land nur ein neutra⸗ ler Boden für den Feind und kein eroberter Beſitz war. Der Churprinz folgte der Anſicht ſeiner Gemahlin, deren hellen Verſtand und Kenntniß der Geſchäfte er aufrichtig bewunderte. Von Warſchau aus war ihnen Beiden das Recht ertheilt, über dem Wohle des Landes zu wachen und deſſen Finanzen zu verwalten. Graf Brühl nannte die Churfürſtin jetzt häufig ſeine Collegin, und befahl, daß ihr die erſte Stimme bei jeder Entſchei⸗ dung bleibe. Obwohl ihre Geſundheit ſehr angegriffen war, ſo widmete die junge Frau ſich dennoch mit Ernſt 143 den Geſchäften, und leitete die Verwaltung in einer ſo ſchwierigen Zeit mit großer Unſicht. Nach dem Tode der Königin⸗Churfürſtin fiel ihr auch die Sorge für deren zurückgelaſſene Kinder anheim, denen ſie Mutterſtelle vertrat. Sie ſpeiſten an ihrer Ta⸗ fel, ſie gehörten zu ihrem Familienkreiſe, und in den lan⸗ gen, düſtern Winterabenden verſammelten ſie ſich bei ihr und erheiterten ſich durch Muſik; Prinzeſſin Eliſabeth ſang zum Klavir, die Prinzen Albert und Clement be⸗ gleiteten ſie. Auf dieſe Weiſe vergaß die unglückliche Fa⸗ milie dann auf Stunden ihre traurige Lage, bis der neue Morgen mit neuen unheilvollen Botſchaften heraufzog. Der König von Preußen zeigte ſich nicht geneigt, mit dem churfürſtlichen Paare auf freundlichem Fuße zu verkehren und ihnen durch kleine Rückſichten ihre Ein⸗ ſamkeit zu verſüßen. Seit dem Verſuche auf ſein Leben ſtand er Allem, was zum Hofe gehörte, mit Mißtrauen gegenüber, und dieſe Empfindung ſteigerte ſich noch, als er verſchiedene Male Spione und Verräther unter dem hohen Adel des Landes entdeckte. Maria Antonia mußte daher auch die Demüthigung erfahren, einen treuen Diener, wie der Graf Wackerbart es ihr war, um einer ſolchen Urſache willen ihr entzogen und nach der Feſtung Cuſſtein geſandt zu ſehen. Wie bitter ſie ſich auch beklagte, wie ſehr ſie bat, 144 Friedrich änderte hieran nichts. Er fühlte ſich nicht in der Laune eine Gunſt zu gewähren, und die Gerechtig⸗ keit konnte ſein Verfahren nicht mißbilligen; denn ſeine Lage war eine ſo ernſte, daß es ſeiner ganzen Wachſam⸗ keit bedurfte, um ſich ſowohl gegen nahe, wie gegen ferne Feinde zu behaupten. Der Gräfin Brühl hatte er ſeine ganze Rache füh⸗ len laſſen. Wenn er ſchon bei ſeinem Einzuge den Mi⸗ niſter ſo tief gehaßt, daß er den Ständen, indem er ih⸗ nen Schutz verſprach, zugerufen:„Jusqu'à votre mi- nistre qui d'ailleus est trop au dessous de moi pour le nommer,“ ſo hatte dies Gefühl noch in der letzten Zeit durch die Intriguen von deſſen Gemahlin eine bedeutende Steigerung erfahren. Auf ſeinen Befehl wurden jetzt ihre Häuſer, Schlöſſer, Güter in Sachſen zerſtört und ihr bewegliches Eigenthum daraus fort⸗ geſchafft. Seine Garde erhielt das Palais in Dresden zum Ausräumen, und erfreute ſich unter tauſend Scher⸗ zen an der ungeheuren Garderobe des Miniſters, welcher für jeden Tag des Jahres einen eigenen Anzug mit einer dazu gehörenden Uhr beſaß, und fremden Reiſenden von ſeinen Dienern dieſen ungeheuren Kleidervorrath als Cu⸗ rioſität hatte zeigen laſſen, wobei, wie man erzählt, ein Franzoſe ganz empört ausgerufen:„Montrez-moi les vertus de votre ministre, mais pas ses culottes.“ 145 Auch das Schloß Niſchwitz bei Wurzen, wo Fried⸗ rich nach der Schlacht bei Roßbach wohnte und das zu Grochwitz bei Herzberg gab er ihnen zum Ausräumen Preis, während auch das neuangebaute Schloß bei Pför⸗ ten in der Nieder⸗Lauſitz in Brand geſteckt wurde, und noch heute als ſchöne Ruine da ſteht— eine traurige Erin⸗ nerung einer traurig ernſten Zeit!— In den Nebengebäu⸗ den wohnen jetzt die Brühl's, Angeſichtes dieſes Monu⸗ ments der Rache eines großen Königs, dem kein anderes Mittel blieb, ſeiner Verachtung einen Ausdruck zu leihen, als das, in die Fußſtapfen eines Attila zu treten und „Vernichtung“ einem unſchuldigen Gebäude zuzurufen. Mit ſeltſamen Empfindungen vernahm man in Dresden die Kunde dieſes Verfahrens! Wohl war Graf Brühl auch hier gehaßt, wohl nannte man ihn auch hier die Geißel ſeines Landes und wünſchte in ſeinem tief innerſten Herzen ſeinen Untergang; aber— keine Zunge wagte ſolcher Geſinnung Verräther zu werden, keine Miene dieſe innerſten Gedanken zu zeigen, denn er lebte noch und war, wenn auch in Warſchau, ſeines Königs unumſchränkter Miniſter. Hatte man in Dresden ſich auch keiner milden Re⸗ gierung zu erfreuen gehabt, ſo empfand man doch pein⸗ lich den Unterſchied, als nun ein fremder Fürſt hier waltete. Friedrich, den dringenden Anforderungen des 146 Augenblickes gehorchend, forderte Geld und Soldaten, um den Sold für ſeine Armee zu beſtreiten, um die in ihren Reihen entſtandenen Lücken auszufüllen. Das Erſtere hatte die Stadt zu bewilligen, das Andere erreichte er durch Gewalt. Vergebens erhoben die Einwohner ihre Klagen, vergebens verwandte ſich der Churprinz ſelbſt für ſie, indem er dem Könige ſchrieb, es dürfe eine ſolche Maßregel nicht ohne ſeines Vaters Einwilligung ge⸗ troffen werden. Friedrich lächelte dazu nur. Ihn küm⸗ merte es wenig, was der König von Polen gegen ſein Thun und Laſſen einwandte. Gewaltſam ließ er die Menſchen ergreifen und in Uniform ſtecken, gleichviel welchem Stande ſie angehörten. Auf dieſe Weiſe wurden die Diener ihren Herrſchaften genommen, die Kreuzſchü⸗ ler aus ihren Klaſſen abgeführt und der Sohn von der Seite ſeines Vaters fortgeholt, ohne daß eine menſch⸗ liche Macht ihn zu ſchützen vermochte. Allmächtig, mit einem tel est mon plaisir waltete der große Fritz in Dresden. Er ließ die Stadt nun befeſtigen und die Thore von ſeinen Soldaten beſetzen. Immer ernſter geſtaltete ſich die Zukunft. Der Churfürſt und ſeine Gemahlin ſahen mit ſteigender Unruhe dieſe Geſtaltung der Dinge. Maria Antonia ſchrieb an den König. Seine Antwort befriedigte 6 N— ð 147 ſie wenig; er entſchuldigte, was ſie unangenehm berührte, mit der Macht der Umſtände, und bat ſie die Stadt lieber zu verlaſſen und ſich mit ihrer Familie nach Polen zurückzuziehen. Nach Polen ſollte ſie gehen. Mit ihren fünf kleinen Kindern ſollte ſie dieſe Reiſe inmitten des Winters unternehmen, in Erwartung eines neuen Zuwachſes ihrer Familie, ſollte ſie bei König Auguſt eine Zuflucht ſuchen, während er ſelbſt um die Mittel zu ſeinem Unter⸗ halte verlegen war und allen Schmuck ſeiner Gemahlin zur Beſtechung ruſſiſcher Großen nach Petersburg wan⸗ dern ließ, von dort ſeine Rettung erwartend. Nach Polen ging ſie unter keiner Bedingung. Frankreich machte jetzt bedeutende Rüſtungen. Die Dau⸗ phine hatte ſich Ludwig XV. zu Füßen geworfen und ihn angefleht ihr armes Sachſen zu befreien; Maria Thereſia hatte an Madame de Pompadour geſchrieben: Ma chère Cousine! ſo mußte man ſich denn ſeiner Bundesgenoſſen ernſtlich annehmen und eine Politik befolgen, die Frankreich ſonſt fremd war. Zehntauſend brave Sachſen, von Friedrich bei ſei⸗ nem erſten Einfall zu Gefangenen gemacht und unter ſeine Fahnen geſtellt, waren deſertirt und hatten die fran⸗ zöſiſche Grenze gewonnen. Unter dem Schutze der Dau⸗ phine formirten ſie ſich hier auf's neue, und führten 148 vierundzwanzig Kanonen, ein Geſchenk von ihr und mit ihrem Namen geziert. Es war ein Tribut, den dieſe Prinzeſſin ihrem bedrängten Vaterlande gezollt, und ihr Bruder, Prinz Taver, ward berufen, ihr Führer zu ſein. Leider fehlte ihm dazu das Talent. Am Hofe Auguſt's MI. herrſchte aſiatiſche Pracht und Ueppigkeit, da bildete ſich kein Prinz für die Strapazen des Krieges, da lernte er nicht den Mühen und Gefahren trotzen, welche das Le⸗ ben im Lager mit ſich bringt, da wurde kein Held, einem Friedrich zu begegnen, erzeugt. Auch Oeſterreich rüſtete ſich jetzt, Sachſen zu Hülfe zu kommen. Feldmarſchall Daun rückte heran, um Dres⸗ den zu nehmen, während die Reichstruppen den Sonnen⸗ ſtein beſetzten. Immer eigenthümlicher wurde bei ſolchen Umſtän⸗ den die Lage des churprinzlichen Paares. Wie konnte man eine Stadt erobern wollen, worin die fürſtliche Fa⸗ milie mindeſtens dem Feinde als Geißel in der Hand blieb! Erwartungsvoll ſah Maria Antonia dem Aus⸗ gange zu, doch verlor ſie keinen Augenblick ihren Muth. Wie ſie erwartet, ſo kam es. So wie die Oeſter⸗ reicher ſich nahten, kündigte der Gouverneur von Dres⸗ den dem fürſtlichen Paare an, daß es ſich in das Schloß zurückzuziehen habe, und wenn der Feind die Stadt nähme, würde er ſich mit ihnen in die Luft ſprengen. —————„— 4 —„—,—,—— —— — 149 Maria Antonia hörte ihn ruhig an. Sie konnte, wenn es ſein mußte, ſterben; wußte aber auch, daß Daun ſie einem ſolchen Aeußerſten nicht ausſetzen würde, und wie ſie erwartet, zog er ſich vor dieſer Alternative zurück und nahm bei Stolpen ein feſtes Lager ein. Bald aber rückte der öſterreichiſche Feldherr auf's neue heran. Man zitterte in Dresden vor ſolchem Be⸗ freier. Um ihn zurückzuſchrecken, mußten die Vorſtädte geopfert werden. Hoch ſchlugen die Flammen zum Him⸗ mel empor, und verbreiteten weit und breit eine furcht⸗ bare Helle. Es war ein ſchauerlicher Anblick. Wehmüthig ſah der Churprinz aus den Fenſtern des Schloſſes dem Vorgange zu, den Maria Antonia mit heißen Thränen betrauerte. Sie ſah nun erſt ein, was das Wort Krieg beſagen wollte. Die ganze Pirnaiſche Vorſtadt wurde ein Raub der Flammen, hunderte von Häuſern brannten ab, und tau⸗ ſende von Menſchen verloren Hab und Gut und Wohl⸗ ſtand. Schauerlich war der Anblick der rauchenden Stätte, die eine klagende, obdachloſe Menge umſtand. Maria Antonia zeigte ihrem älteſten Sohne dies Bild des Gräuels, damit es ſeiner jungen Seele tief ſich einpräge und ihn warne, um ſolchen Preis den Ruhm zu ſuchen, mit dem Gut und Blut ſeiner Unterthanen nach einer falſchen Ehre zu ſtreben. — ——— — —— —— ———————— 150 Sie ſandte den ſächſiſchen Geſandten, Herrn von Princkau, mit einer bittern Klageſchrift an den Reichstag nach Regensburg ab, ſie legte überall Proteſt ein gegen dies Verfahren Preußens— aber das Geſchehene, wer änderte das jemals? Die Häuſer lagen nicht minder in Aſche, ihre un⸗ glücklichen Beſitzer beweinten nicht minder ihr Eigenthum, und blickten umher, womit jetzt ihren Unterhalt gewinnen!— Wo Zeder arm war, ließ ſich vom Nächſten wenig Hülfe erwarten, und auch Maria Antonia war ja arm, und verſetzte ihre Juwelen, um nur die eigenen Bedürfniſſe zu beſtreiten. Daun zog nun wieder ab und Friedrich zog dafür ein, der große Friedrich, den Maria Antonia einſt ſo ſehr bewundert und der ihr ſo viel Uebles zugefügt. Aber auch jetzt noch wußte ſie den Feldherrn von dem Manne zu ſcheiden, der die Künſte übte und ſeine Erholung in deren Dienſte ſuchte. Oftmals ſah ſie ihn aus der Ferne mit ſeinen Offizieren vorüber reiten und bedauerte, daß das Schickſal es ſo gewollt, den von ihr ſo hochgeſchätzten Mann als Feind jetzt fürchten zu müſſen. Ein neuer Comet zog am Himmel herauf, in nächt⸗ licher Weile ſah ſie ſtaunend nach dieſem Phänomen aus, das man damals noch gerne mit irdiſchen Dingen ver⸗ —— 8 8 — — u NM 151 ſchwiſtert, als Boten blutiger Kriege betrachtete— und war man nicht inmitten ſeiner Drangſale? Bald ſollte nun auch die Wilsdruffer Vorſtadt ein Raub der Flammen werden. Immer öder wurde es um die Mauern der bis auf die Feſtungswerke zuſammen⸗ geſchmolzenen Stadt, welche die Reichsarmee jetzt zur Uebergabe zwingen wollte. Kanonen donnerten, in zittern⸗ der Erwartung ſahen die Bewohner der Stadt jedem kommenden Morgen entgegen, und Maria Antonia theilte ihr Schickſal. Kaum gelang es ihr, noch äußerlich die ge⸗ wohnte Ruhe zu zeigen und ihren Gatten und ihren Kindern die Sorge zu verbergen, die ſie drückte. Der Kreis ihrer Freunde hatte ſich verringert; Graf Wackerbart, ſeiner Haft wieder entlaſſen, hatte ſich nach Warſchau begeben, Graf Salmour und ſeine Gattin waren von Friedrich dem Großen aus ihrer Nähe ent⸗ fernt worden; ſo war ſie denn auf ihre Familie und einige wenige Diener beſchränkt. Trotz des ſie umgebenden Waffengeräuſches nahm ſie jede Gelegenheit wahr, ſich und die Ihrigen durch kleine Feſte zu zerſtreuen; willkommen war ihr daher die Vermählung des Grafen Bolza mit ihrer Aga, der Gräfin Martinitz, die ſie im Schloſſe mit allem Pompe feiern ließ. Prinz Heinrich von Preußen hatte vielleicht noch 152 keiner katholiſchen Trauung beigewohnt, und benutzte die Gelegenheit, um incognito von dem Zimmer des Apothe⸗ kers in die Capelle hinüber zu ſchauen. Maria Antonia kannte ſein Verſteck und bedauerte, den intereſſanten, ritterlichen Feind nicht unter die Zahl ihrer Gäſte rech⸗ nen zu dürfen. Die Wintermonate verſtrichen einſam genug. Wollte ſie jetzt ihre Lieblingsſtudien vornehmen, ſo ſchreckte ſie Waffenlärm auf. Jeder Tag brachte Neues, Erſchrecken⸗ des mit ſich, nach keiner Seite hin wollte die Hoffnung auf ruhigere Zeiten ſich bieten. Die Verhandlungen in den Kabinetten, die Bewegungen der Truppen, die Nach⸗ richten von gewonnenen oder verlorenen Schlachten, das Geſchick oder die falſche Dispoſition eines Feldherrn wa⸗ ren das Geſpräch des Tages, dem Jeder ſich lieh. Da⸗ zwiſchen aber ſpielte die nächſte Noth ihr trauriges In⸗ termezzv. Von vielfachen Sorgen gebeugt, gab die Geſund⸗ heit Maria Antonia endlich nach. Bianconi empfahl die größte Ruhe. Aber wie ihr dieſe gewähren, wo dem Gemüthe ſo vielfache Aufregung drohte? Am 13. April 1759 wurde Prinz Maximilian ge⸗ boren. Die beſſere Jahreszeit trat nun ein, der blaue Himmel, der Sonnenſchein, verliehen der gebeugten Frau wieder heitere Gedanken, und der Churprinz ſah zu ſeiner 153 großen Freude, daß ſie ſich ſichtlich erholte und neuen Muth faßte, den Stürmen des Lebens zu begegnen. So wie der Frühling vorſchritt und wärmere Lüfte wehten, ließ ſie ihre vier älteſten Söhne nach dem großen Garten bringen und dort wohnen. Das Winterleben in einer von Feinden beſetzten Feſtung hatte den Kleinen wenig Promenaden in der freien Luft gegönnt, auch ſie bedurften der Erholung. Beſonders hatte der kränkliche Karl ſehr gelitten, und die zärtliche Fürſorge der Mutter für den leidenden Liebling ließ ſie keine Mühe ſcheuen, ihm die ſo nothwendige geſunde Luft zu verſchaffen. Sie ſchrieb an Graf Wackerbart nach Warſchau: „Gegen meine Erwartung iſt es mir gelungen, ſie bequem im großen Garten unterzubringen; ſie ſind dort unter dem Schutze Gottes und einiger Schweizer.“ Von neuem widmete ſie ſich nun den öffentlichen Angelegenheiten, und meldete Graf Brühl in Bezug dar⸗ auf Alles, was vorging. Der Churprinz unterzeichnete, ſie aber prüfte und ordnete an, ihr wurden die Berichte vorgelegt, ſie ſah die Rechnungen durch und überlegte, wie ſich mit den Einkünften des Landes die Erpreſſungen der Preußen und die Bedürfniſſe des Hofes in Warſchau beſtreiten ließen, ihrer eigenen Ausgaben nicht zu geden⸗ ken. Ihr Hoſfſtaat koſtete jetzt nicht viel. Sie ſchrieb über ihr eigenes Leben: 1860. X. Maria Antonia. II. 10 154 „Die vielen Leiden haben mich endlich gleichgültig gemacht gegen die Annehmlichkeiten des Lebens. Ich gehe ſpazieren, wenn es mir geſtattet wird, und wenn nicht, ſo bleibe ich zu Hauſe, et je ne suis plus sensible qu' aux maux publiques.“ Dieſe zu erleichtern war ihr einziges Beſtreben, und von Warſchau aus war die ganze Machtvollkom⸗ menheit dazu in ihre Hand gelegt; aber nur nicht das Können. Sie genoß jetzt der Befriedigung, Regentin zu ſein, ſie herrſchte; aber mit welchen Mitteln und über welch ein Volk. Oh, Jronie des Schickſals! Was die junge Frau ſo heiß erſehnt, was ihr Ehrgeiz ſtets geträumt, das war ihr zu Theil geworden, und, wie es uns gewöhnlich geht, wenn wir nach langer, mühſamer Wonderung ein erſehntes Ziel erreicht, ſo ſtand ſie enttäuſcht davor. Wie viel Sorgen, wie viel Mühe, wie viele ſchwere Verantwortlichkeit ruhte nun zugleich mit auf ihren Schultern! Wohl befriedigte es ihren Stolz, daß ihre Kennt⸗ niſſe der Staatsverwaltung ſie befähigten mit Einſicht zu befehlen; wohl freute es ſie, durch ihre Klugheit es dahin gebracht zu haben, daß ein Brühl ſie zu ſeinem Stellvertreter ernannte und ſich ihr demüthig unter⸗ ordnete; wohl gefiel es ihr, daß ſie daneben auch ihren Gatten vertrat, daß auch von dieſer Seite her ihr Talent ———„8———— —————— —.———..——— 155 ſeine Anerkennung fand, unbeſchadet ſeiner großen Liebe für ſie. In einzelnen Momenten, wenn ſie ſich über⸗ legte, was ſie erreicht, ſo ſchwoll ihr Herz von ſtolzer Freude. Dann aber wieder fühlte ſie die Mühen ihres Amtes, ſehnte ſich zurück nach ihrem heitern Jugend⸗ leben, nach Sang und Tanz und Spiel und dem Cul⸗ tus der ſchönen Künſte, wo ſie ſich Lob und Beifall erwarb, ohne daß das Wohl und Weh des Volkes dabei ihre Stirne furchte. Sie ſollte jetzt den Hunger ſtillen, der Noth ab⸗ helfen, dem Elend eine Hoffnungspforte zeigen; wie manche ſchwere Stunde verurſachte ihr das! Trotz der Elaſticität ihres Geiſtes wurde es ihr dann oft ſchwer, nach des Tages Mühen den Abend durch Muſik und heitere Unterhaltung zu würzen, und dennoch erkannte ſie die Nothwendigkeit dieſes Wechſels, um dadurch neue Friſche zum Handeln zu gewinnen. Auch auf diplomatiſchem Felde wurde ihre Klug⸗ heit jetzt in Anſpruch genommen; ſie führte die Corre⸗ ſpondenz mit der Kaiſerin Maria Thereſia, und ertheilte ihren Rath bei allen Verhandlungen mit fremden Mäch⸗ ten in Bezug auf Krieg und Frieden. Hätte Brühl ihr früher eine ſolche Stimme zugeſtanden, ſo würde man ſich wahrſcheinlich nicht in eine ſo traurige Lage verſetzt 10* —— — —, 156 gefunden haben. Zetzt freilich war das Uebel geſchehen und nicht ſo leicht wieder gut gemacht. Maria Antonia entwarf den Plan zu einem neuen Feldzuge, ſie faßte eine politiſche Broſchüre ab, ſie ſuchte fortwährend nach Mitteln, der demüthigenden Lage zu entgehen; aber ihr fehlte die Hauptſache dazu; ſie hätte ein Mann ſein müſſen und eine Armee unter ihrem Befehle haben, um auftreten zu könnrn, wie ihr Stolz es begehrte. Sachſen konnte jetzt nichts leiſten, konnte weder Geld noch Soldaten liefern, und ohne Beides ſchreibt man einem Feinde keine Geſetze vor. Die Schlacht bei Kunersdorf war geſchlagen. Die Oeſterreicher, welche ſtets die Wiedereroberung Dresdens im Auge hatten, glaubten dieſen Moment benutzen zu können, um mit den Reichstruppen vereinigt einen An⸗ griff zu wagen in Abweſenheit des Königs von Preußen. Sie ließen das Geſchütz von Prag kommen, und der Gouverneur der Stadt, General Schmettau, rüſtete ſich nun zur Gegenwehr. Er verließ deshalb die Neuſtadt, welche von der Altſtadt durch die Elbe getrennt iſt, und ſchloß ſich in dieſe letztere ein. In geſpannter Erwartung ſah das churfürſtliche Paar dieſer Wendung der Dinge entgegen. Beneidens⸗ werth war dieſe Lage nicht. Die feindlichen, oder viel⸗ mehr die befreundeten Kugeln konnten ſie in ihrem 8——„ 4 S ſc) 8 8 ql — —* 157 Schloſſe ganz nahe umkreiſen. Die Gemäldegallerie war zum Glück ſchon auf dem Königſtein, alle übrigen Kunſt⸗ ſchätze auf das ſorgfältigſte verwahrt. Maria Antonia hatte dafür Sorge getragen; das eigene Leben und das ihrer Kinder konnte ſie dagegen nur dem Schutze Gottes vertrauen. Der kaiſerliche General Quasco drohte die Stadt mit achtzehn Batterien zu beſchießen; Schmettau ver⸗ ſprach ihm mit hundert Kanonen darauf zu antworten. Während er dieſe kühne Sprache führte, wurde er erſt von der verlorenen Schlacht ſeines Königs unterrichtet. Das veränderte allerdings die Lage der Sache. Schmet⸗ tau überblickte ſeine geringe Beſatzung und die Unmög⸗ lichkeit der Hülfe. Dieſen Moment benutzten die Oeſter⸗ reicher, um ihm eine Capitulation anzubieten. Athemlos erwartete die Stadt ſeinen Entſchluß. Er fiel verneinend aus. Jetzt ſchritt man zu Drohungen. Schmettau verlachte ſie und zündete dafür die noch blei⸗ benden Vorſtädte an. Wieder ſtiegen die Flammen zum Himmel empor, wieder ſah eine troſtloſe Menſchenmenge dieſer Verhee⸗ rung zu, und das junge Fürſtenpaar war von ſeinem Schloſſe aus Zuſchauer dieſer Gräuelſcene und konnte wiederum nicht helfen.— Gott ließ es zu, ſo mußten auch ſie es zulaſſen. ——— 158 Das Gefühl ſeiner Ohnmacht kann momentan ein bitteres in dem Menſchen werden, wenn er Zeuge iſt, wie das Unrecht ſiegt auf Erden und die böſe Saat wuchert. Immer mehr ſchmolz Dresden zuſammen, auch jen⸗ ſeits der Elbe gab es jetzt rauchende Trümmer und Aſchenhaufen, von heulenden Weibern und Kindern um⸗ ſtanden. ZJetzt begehrte der öſterreichiſche Feldherr eine Unter⸗ redung mit Schmettau, ohne ihn jedoch milder ſtimmen zu können. Er hatte den Churprinzen mit ſeiner Familie in ſeiner Mitte, er konnte das Schloß anzünden, und er drohte dies zu thun, ſobald man ihn von dieſer Seite her angreife. Das wirkte. Zu dieſem Aeußerſten durfte man ihn nicht reizen. Während ſiebenundzwanzig Tagen blieb die Stadt in dieſer Lage, bedroht, vertheidigt, kaum wiſſend, in welchen Händen ſie ſich befinde.— Maria Antonia ver⸗ hielt ſich dabei ganz ruhig. Sie hatte nie zuvor durch Verrath oder Kundſchaften den Zorn der Preußen hervor⸗ gerufen, noch Intriguen gegen ſie geſponnen, wie die Königin es mit der Gräfin Brühl gemeinſchaftlich ge⸗ than; ſie vermied es alſo auch jetzt wie eine Betheiligte aufzutreten, und erwartete reſignirt den Ausgang der Dinge. 159 Der Gouverneur, ſeinem perſönlichen Muthe fol⸗ gend, hätte ſich nimmermehr ergeben; aber ſeine Soldaten murrten, und er hatte die Kriegskaſſe zu retten, welche leider hier verwahrt gehalten wurde. Dieſe Verantwort⸗ lichkeit ſchreckte ihn, dieſe fünf Millionen, der Sold für Friedrich's Armee, durften nicht in des Feindes Hände fallen; er mußte ſie retten, ſei es ſelbſt durch Verzichtlei⸗ ſten auf die Ehre, den Platz bis zum letzten Mann ver⸗ theidigt zu haben. Die Belagerer wußten, daß ein Hülfscorps im An⸗ zuge war, ſie drohten alſo mit verzweifelten Angriff und boten zugleich die günſtigſten Bedingungen für eine Ca⸗ pitulation. Jetzt glaubte Schmettau annehmen zu mäſſen. Schwer ſollte er dieſen Entſchluß bereuen. Kaum hatte er unterzeichnet, ſo erſchien der General Wurm ihm zur Hülfe, aber leider zu ſpät! Dies arge„Zu ſpät!“ das uns tiefer ſchmerzt, als das gar nicht. Die Oeſterreicher zogen nun in die Stadt und ſchrieen:„Schießt die Hunde todt! Feuer auf die Ca⸗ naillen!“ So ganz vergaßen dieſe Offiziere des Gebotes der Ehre, ſo wenig achteten ſie ihr gegebenes Wort. Die preußiſche Garniſon nahm indeſſen durch die Neuſtadt und das ſchwarze Thor ihren Abzug, und die Stadt war befreit. Doch wovon, möchte man fragen? Freund oder Feind, gleich viel, wenn der arme Einwohner —- — 160 die Laſten eines Krieges tragen ſoll, wenn er Soldaten bei ſich beherbergen, wenn er mit ihnen das mühſam er⸗ worbene Brod theilen, ja wenn er oft ſogar zu darben gezwungen iſt, nur um es reichen zu können. Unter ſolchen Verhältniſſen bleibt Freund und Feind daſſelbe, und nur ein Wechſel der Uniform, nicht ein Wechſel der Krieges⸗ laſten trat für Dresden ein. Am 16. September wurden freilich in allen Kirchen Dankgebete gehalten und ein Tedeum geſungen, doch wirklich frohe Herzen ſchlugen dabei nicht. Die Stim⸗ mung blieb gedrückt, die Sorge lauerte noch vor der Thüre. Maria Antonia hatte dennoch Urſache mit dieſem Abzuge der Preußen zufrieden zu ſein; denn ihre Stel⸗ lung zu den Verbündeten war eine angenehmere, ſie durfte von ihnen erwarten, ſich in ihren Rechten anerkannt zu ſehen; ſie und der Churprinz waren daher wirklich froh, und mit ihnen war es der Hof. Der Feldmarſchall der Reichsarmee, der Prinz von Zweibrücken, lud ſie ſogleich in ſein Hauptquartier nach Nöthnitz*) zu einem Feſte ein, das er für ſie veranſtal⸗ tet. Mit höchſter Freude kleidete ſie ſich dazu an. Wie lange hatte ſie keine große Toilette vorgenommen, wie 5) Landſiz des Kammerherrn von Könneritz. 161 lange ihren Schmuck nicht angelegt, und wie viel Ver⸗ gnügen gewährte ihr jetzt das lang Entbehrte, mit wie leichtem Herzen ging ſie einem Mahle entgegen, bei dem ſie wieder in der ihr gebührenden Stellung einer regie⸗ renden Fürſtin dieſes Landes erſcheinen konnte. Sie verlebte einen heitern Tag. Der Prinz, die Offiziere würzten das Mahl mit Anecdoten aus ihrem Feldlager; ſie hatten ihr ſo manches mitzutheilen, das 6 ihr in ihrer Abgeſchiedenheit fremd geblieben, und beſon⸗ ders noch ihr ſo manche Züge aus dem Leben Fried⸗ rich's II. mitzutheilen, die ſie lebhaft intereſſirten. War man dem Könige von Preußen auch feindlich geſinnt, ſo war man darum nicht minder ſeines Ruhmes voll, und zollte ſeinem Character und ſeinem Talente als Feldherr die höchſte Bewunderung. Ihn zu beſiegen war eine Kunſt, die den Ehrgeiz ſtachelte. 3 Die geiſtvolle, muntere Frau fühlte ſich einmal wieder in ihrem Elemente, indem ſie der Mittelpunkt der Geſellſchaft wurde und durch ihre Unterhaltung Alle für ſich einnahm. Wie man ſonſt nur von den ſchönen Künſten zu ſprechen gepflegt, ſo redete man jetzt nur von Schlachten. Wie man ſonſt einen Haſſe, eine Fauſtine zu ſehen begehrt, ſo wünſchte man jetzt einen Helden die⸗ ſes Krieges zu erblicken, und alle Hoffnungen der Zu⸗ —— 162 kunft lagen in einem Frieden begründet und in ſeinen Segnungen. Indem man ſich eine ſolche Möglichkeit ausmalte, fragte Maria Antonia wohl oft: womit wird dann Sachſen entſchädigt werden, das ſo viel gelitten? Doch fragte ſie vergebens. Niemand konnte dieſe Frage jetzt noch beantworten und auch Maria Thereſia beantwortete ſie ihr nicht. Die ſtolze Kaiſerin ſchrieb an die Churprin⸗ zeſſin von Sachſen und nicht an die nahe Verwandte ihres Hauſes, der ſie perſönliche Theilnahme ſchuldete. Als ſie am Abend in die Stadt zurückkehrte, die Straßen ſo öde da lagen, die Bürger mit gebeugtem Haupte an ihr vorüberſchlichen, und Alles ſo traurig, ſtille und verwaiſt ausſah— da tauchten Erinnerungen in ihr auf, die ihr Herz ſchmerzlich beklemmten. Sie ſah in ihren Gedanken das große Opernhaus erleuchtet, ſie ſah den prächtigen Hofſtaat Auguſt's III., ſie ſah die Paläſte ſeiner Großen, und vor allem ſeines mächtigen Miniſters luculliſche Feſte, und ſchloß ihr Auge davor mit einem:„Ach! Es waren doch ſchöne Zeiten!“— Und dennoch genügten ſie ihrem Ehrgeize damals nicht! Elftes Enpitel. Die Flucht vor dem Bombardement. Im Palaſte Czernin in Prag herrſchte ein reges Leben. Es war von Wien aus der Befehl eingelaufen, ihn zum Empfange des Churprinzen von Sachſen nebſt Gemahlin und Hofſtaat einzurichten, und der Graf Nettolinski überſah jetzt die Räumlichkeit und ordnete ihre Verwendung an. Die Kaiſerin Maria Thereſia hatte ihren Ver⸗ wandten ihre Gaſtfreundſchaft angeboten, für den Fall, daß die Preußen eine Wiedereroberung Dresdens ver⸗ ſuchen ſollten und ihre Sicherheit dadurch gefährdet ſei. Es war wohl das geringſte, was man einer verbün⸗ deten Macht leiſten konnte, welche das Opfer dieſer Freundſchaft wurde; aber auch dieſes Geringe wurde auf wenig großmüthige Weiſe gereicht. Maria Antonia, wie alle Frauen ihrer Familie, haßte ihre hohe Verwandte, und begehrte ihre Broſa⸗ men nicht, nachdem ſie ihr den kaiſerlichen Thron genom⸗ men. Auch jetzt alſo ſchickte ſie ſich nur langſam in die Nothwendigkeit, dies Erbieten annehmen zu müſſen. Ihrer eigenen Sicherheit wegen wäre es vielleicht nie geſchehen, 164 aber ihre Kinder?— Ein Mutterherz kennt keine Bedenk⸗ lichkeit, ſobald dieſe gefährdet ſind. Friedrich von Preußen rückte jetzt heran, um in Sachſen ſeine Winterquartiere zu nehmen. Dennoch immer war es der Mehlſack für ihn und ſeine Armee. Mit Schrecken vernahmen die Bewohner Dresdens dieſe Kunde. Von neuem ſollte ſich nun der Krieg um ihre Mauern zuſammenziehen, von neuem um ein Terrain gefochten werden, das ſchließlich weder dem Freunde noch dem Feinde gehörte, und darum von keinem geſchont und berückſichtigt werden konnte. Viel beſſer noch offene Fehde, viel beſſer noch den letzten Tropfen Blutes für die Vertheidigung des eigenen Herdes hingeben, als dieſer Gut, Blut und Leben ſaugenden Neutralität anheim fallen. Die Stunde war nun gekommen, wo die ſächſiſchen Fürſten ihren Unterthanen weder Schutz verleihen, noch Schutz von ihnen empfangen konnten. Ernſten Blickes überdachte Maria Antonia ihre Lage. „Es hilft nicht länger, ich muß die Einladung meiner Couſine annehmen,“ ſagte ſie ſeufzend.„Ich muß das Land verlaſſen, in welchem meine Söhne herrſchen ſollen, ohne die Gewißheit, ob wir es wiederſehen. Wir müſſen abreiſen.“ „Wenn Du ſo ungerne nach Oeſterreich gehſt, ſo laß uns Baiern wählen. Dein Bruder hat ja wiederholt darum gebeten,“ warf der Churprinz ein. „Wie gerne ich zu ihm ginge, ſagen keine Worte,“ erwiderte ſie ernſt.„Aber die Entfernung! Von dort aus iſt es unmöglich unſere Intereſſen hier zu wahren und eine Stimme abzugeben bei der Verwaltung der Finanzen.“ „Die werden jetzt nicht groß ſein,“ erwiderte trau⸗ rig der Prinz. „Das weiß der Himmel! Auch iſt es ein Grund mehr, warum ich ſo ungerne nach Prag gehe. Mit lee⸗ rem Beutel ankommen, auf die Gnade der ſtolzen Kai⸗ ſerin für unſern Unterhalt angewieſen ſein— das iſt ſchrecklich!“ „So wähle doch München!“ „Die weite Reiſe, inmitten feindlicher Armeen, die großen Koſten!— Mit ſechs Kindern iſt es nicht leicht ein Unterkommen zu finden, man muß ſich dann ſchon theilen; denn nicht einmal Pferde ſind ja vor⸗ räthig, um das Gepäck fortzubringen, viel weniger noch uns ſelbſt. Das Alles ſind Bedenken! Und in Mün⸗ chen— erſcheinen wir ja auch als flüchtige Fürſten, mit leeren Kaſſen. Dieſe Lage iſt auch dort nicht angenehm.“ Der Churprinz ſchwieg. Es ließ ſich nichts dagegen einwenden, ſo wenig wie er etwas an der Lage der — — 166 Sache zu ändern vermochte. Wenigſtens wollten ſie den äußerſten Moment abwarten. Langſam traten ſie ihre Reiſe an. Zuerſt ging es nur bis Pirna, und dann in kurzen Tagreiſen, in Er⸗ wartung neuer Nachrichten von der Bewegung der preußiſchen Armee, der Grenze zu. Die Octoberſonne ſchien hell, die friſche, belebende Luft der nahen Gebirge fächelte wohlthuend die Wangen, die goldenen Tinten des Laubes ſchmückten lieblich die Höhen. Die Landſchaft lag friedlich da unter dem klaren blauen Himmel, den keine Wolke überzog, ſo daß man in dieſer Stille und Ruhe nur mit Mühe an das fern tönende Waffengeklirre und an Mord und Tod glauben mochte. Maria Antonia gedachte ihrer frühern Reiſe nach Böhmen, als ſie den Schrein des heiligen Nepomuk heimſuchte, und an ihre damaligen Gefühle. Der leichte Sinn der jungen Frau in jenen Tagen, und die beſorgte Mutter von heute, welche mit ernſter Miene den Hän⸗ deln der Fürſten und Völker folgte und die Regierung eines Landes zu leiten bemüht war, wie verſchieden ſtan⸗ den ſie zu einander! „Kennſt Du noch Ermelinde Palea?“ fragte ſie plötzlich ihren Gatten mit ſcherzendem Ausdrucke.„Ach! Wie glücklich machte mich einſt dieſe Benennung!“ „Die Auszeichnung paßte für die damalige Zeit,“ ſagte er mit liebevollem Blicke;„heute gebühren Deinen Talenten, Deinem Geiſte andere Ehren.“ Endlich lag die Grenze Böhmens vor ihnen, der Rubikon mußte überſchritten werden, und mit einem ſeufzenden Rückblick auf ihr Sachſen befahlen ſie das „Weiter!“ und fuhren muthig ihrem Aſyle zu. Das Prag von Einſt war auch das Prag von Jetzt nicht mehr. Spuren der Zerſtörung allüberall!— Ku⸗ geln und Bomben hatten an den Mauern gewüthet, und bevor die Palme des Friedens wehte, wagte keine Hand das Werk der Herſtellung zu beginnen. Geld, Luſt und Muth fehlte den Leuten, ſo lange die Sicherheit ihres Eigenthums ihnen noch nicht verbürgt war. Traurig war darum der Einzug des fürſtlichen Paares durch die öden Straßen, wo nur ſorgenvolle Mienen ihnen auſßſtießen. Der Palaſt Czernin war ebenfalls bei der Bela⸗ gerung nicht verſchont geblieben und trug noch heute die Spuren davon. Maria Antonia fand die Einrichtung wenig behaglich und die Räumlichkeit unzureichend für ihre große Familie. Die jungen Prinzen wurden daher ſogleich in dem nahgelegenen Lobkowitz'ſchen Palais unter⸗ gebracht. Auch mit ihrer Beköſtigung und der ſonſtigen Fürſorge für ihren Unterhalt äußerte ſie ſich unzufrieden und rügte bitter eine ſo karg zugemeſſene Gaſtfreundſchaft. —— —— ů 168 Graf Nettolinski vertheidigte ſich mit der ihm zur Be⸗ ſtreitung ihrer Bedürfniſſe überwieſenen Summe, und erbot ſich dieſe netto auszuzahlen und ihr ſelbſt die Ver⸗ wendung zu überlaſſen; aber freilich fand es ſich dann, daß damit nicht auszureichen war, ſelbſt wenn man ſich noch ſo einfach behalf. Dieſe Verhandlungen mußten für die Churprinzeſſin höchſt peinlich ſein, und bitterer Unmuth füllte ihr Herz, wenn ſie, die Enkelin des ſtolzen Kaiſers Joſef I., jetzt bei der Tochter ſeines jüngeren Bruders wie eine Bettelnde erſcheinen und mit ihr um die Nahrung für ihre Kinder rechten ſollte, nachdem ſie ſie um Thron und Land ge⸗ bracht. Verſtimmt hatte ſie an der Abendtafel Platz genom⸗ men, ohne von den aufgetragenen Speiſen zu genießen. Ihr Ehrgeiz litt bei dem Demüthigenden ihre Lage und innerlich ſann ſie, ob denn keine Abhülfe ſei; aber freilich, ohne ein Mittel zu finden. Die Schickſale der Welt ändert der Einzelne nicht, ſo fein auch die Fäden ſind, welche ſie geſponnen, und ſo oft auch eine einzige Hand ſie zuerſt gewoben! Ohne einen Brühl und den von ihm geübten Ver⸗ rath an ſeinem Lande ſäße ſie jetzt nicht an dieſer Tafel und äße das Brod der Gnade. Solche und ähnliche Ge⸗ danken durchzogen ihren Sinn und umwölkten ihre Stirne, ſo daß ſie auf ihre Umgebung nicht hörte und den trau⸗ rig und forſchend auf ihr haftenden Blick des Churprin⸗ zen nicht bemerkte. Da wurden die Flügelthüren weit geöffnet und der „Graf von Abendberg“ als Gaſt angemeldet. Erſtaunt blickten Alle auf. Um dieſe nächtliche Stunde ein Unbekannter, mit allem Ueberſpringen gewöhnlicher Etikette, konnte nur ein Bote des Unglückes, vielleicht aus feindlichem Lager ſein. Indeſſen trat der Genannte in den Saal, und mit einem lauten, freudigen Schrei der Ueberraſchung ſtürzte ihm Maria Antonia,„mein Bruder!“ rufend, alſobald in die Arme. Der Churfürſt von Baiern wollte ſeine Schweſter, wie im Jahre 1749, durch ſeinen Beſuch überraſchen, und war ihr zu jener Zeit die Gegenwart eines ſo ge⸗ liebten Verwandten ein Troſt und eine Freude geweſen, ſo gewährte ſein Anblick ihr heute ein kaum zu beſchreiben⸗ des Glück! Selten nur herrſchte unter Geſchwiſtern eine ſolche Uebereinſtimmung des Geſchmackes und der Nei⸗ gung, wie unter ihnen Beiden. Durch ſeine Gegenwart gehoben und getragen, vergaß Maria Antonia, daß ſie eine flüchtige Fürſtin ſei, und gab ſich dem Augenblicke hin. Wie früher, trieben ſie Muſik mit einander, luden ihre Bekannten von damals ein und nahmen an kleinen 1860. X. Maria Antonia. II. 11 170 Feſtlichkeiten Theil. Der Churfürſt hatte ſeine neueſten Compoſitionen mitgebracht und ſein„Basse de viole“, womit er ſeine Schweſter begleitete. Sie vergaßen den Hader der Welt und verloren ſich in dem Reiche der Töne, wo Beiden eine Heimath blühte. Acht Tage floſſen unter dieſen harmloſen Freuden dahin, acht glückliche Tage!— Wie ein Traum waren ſie entſchwunden! Erſt als die Stunde des Scheidens da war, empfand die Churprinzeſſin, was ſie mit der Ab⸗ reiſe ihres Bruders verlor, und leiſtete jetzt das Ver⸗ ſprechen, ihm nach München zu folgen, ſobald ſie die nö⸗ thigen Vorbereitungen getroffen und das Schickſal ihrer Hauptſtadt entſchieden ſei. Hier änderte ſich jedoch noch wenig. Der König von Preußen hielt ſich in ſeinem Lager und ſchob einen An⸗ griff auf die Stadt hinaus. Zwiſchen Meißen und Dres⸗ den, bei dem Dorfe Wilsdruff ließ er in freiem Felde ei⸗ nen Theil ſeiner Armee campiren, welche die Winterkälte grauſam vernichtete; die Oeſterreicher aber, um ihm nicht nachzuſtehen, führten im Plauenſchen Grunde das Gleiche aus. So gab es denn von beiden Seiten der Todten genug, ohne daß der Kampf ſie dem Leben geraubt. Wunderbarer Einfluß des Krieges auf das menſch⸗ liche Gemüth, daß es den Feldherrn unempfindlich M N V M M — — U macht gegen ein geopfertes Leben! Während im Frieden des Einzelnen Wohl und Weh ein heiliges Gut iſt, das der Staat beſchützt und das Gewiſſen pflegt, wird im Kriege um Tauſende nicht gerechtet. Maria Antonia folgte mit regem Intereſſe allen Vorgängen, und wünſchte nach Dresden zurückzukehren, um mit eigenen Augen die Lage der Dinge zu ſehen, bevor ſie ſich noch weiter entfernte. Doch Brühl wieder⸗ rieth es ihr. Es ließ ſich in der That in dieſen be⸗ drängten Verhältniſſen wenig thun. König Auguſt hatte die Freude, daß ſeine Tochter jetzt den Thron von Spanien beſtieg und ihren Sohn als König von Neapel zurück ließ. Spanien und Frank⸗ reich beſaßen jetzt Fürſtinnen aus ſeinem Stamme, und er ſelbſt— ſollte nur ein geduldeter König ſein!— Raphael Mengs wohnte wieder in Rom mit ſeiner ſchönen Gattin. Winkelmann, der berühmte Kunſt⸗ forſcher, ſeines beſchwerlichen Amtes in Dahlen ent⸗ laſſen, war von Bianconi, dem Leibarzte der Churprin⸗ zeſſin, mit Empfehlungen nach Rom verſehen, und hatte ſeinen ausgezeichneten Landsmann aufgefunden, der ihn gaſtfrei an ſeinem Tiſche aufnahm. Bald herrſchte das ſchönſte Einvernehmen unter beiden großen Männern, dem die innigſte Freundſchaft folgte.— Raphael Mengs war nicht nur ausübender Künſtler geblieben, er hatte u* 172 auch wiſſenſchaftliche Studien betrieben und manches Werthvolle über die Theorie des Schönen geſchrieben, das er nun mit Winkelmann durchging. Die junge Königin von Spanien, kaum in ihrem Reiche angekommen, hegte keinen größeren Wunſch, als ihren Palaſt mit Kunſtwerken von Raphael Mengs ge⸗ ſchmückt zu ſehen, vielleicht um damit Erinnerungen an die Heimath zu verweben, vielleicht um in dem ſächſi⸗ ſchen Talente ſich ſelbſt zu ehren. Unter den gländzendſten Bedingungen wurden ihm daher dieſe Arbeiten aufge⸗ tragen. Maria Antonia hörte davon und ſehnſüchtig richtete ſich ſchnell ihr Blick nach dem Süden. Dort herrſchte Ruhe, dort fand man Zeit ſich an dem Schönen zu freuen, während im Norden nur Waffen geſchmiedet wurden. Der böhmiſche Adel beſtrebte ſich freilich ihr den Aufenthalt in ſeiner Hauptſtadt angenehm zu machen, man gab Feſte, ſtudirte die Paſtorale„Endimione“ von Metaſtaſio ein und überraſchte ſie mit der Auffüh⸗ rung nach einem glänzenden Diner bei Graf Sternberg. Sie war dankbar dafür, ſie freute ſich auch; doch immer konnte das Vergnügen nicht voll in ihrem Herzen Platz gewinnen, ſo lange ſie in ihren nächtlichen Träumen die Wälle Dresdens einſtürzen und ſeine Bewohner unter rauchenden Trümmern begraben ſah. Wer konnte ihr ſa⸗ gen, ob nicht zu eben der Stunde, wo ſie hier lachte und ſcherzte, dort Vernichtung und Tod um ſich griff! Und Sachſen war doch nun ihr Vaterland, der Boden, wo ihre Kinder das Leben erblickt, dahin gehörte auch ſie. Im Januar trat ſie, begleitet von ihren vier älte⸗ ſten Kindern, die Reiſe nach München an. Die beiden jüngſten Prinzen blieben unter der Aufſicht der Frau von Zahmen in Prag zurück, weil ihr zartes Alter der Win⸗ terkälte noch nicht zu trotzen vermochte. Seit ihrem Einzug als Prinzeſſin hatte ſie Baiern nicht wieder geſehen. Faſt neugierig blickte ſie jetzt um ſich, gleichſam als habe ſie das Land nie zuvor erblickt, und wundere ſich, was in ihrer Erinnerung ſo reich und ſchön bewahrt lag, ſo traurig und kalt wieder zu finden. Graf Wackerbart war ihr vorausgeeilt, um Alles zu ihrem Empfange vorzubereiten; ſie fand ihre Einrich⸗ tung daher behaglich getroffen, und konnte ſich nun ohne Weiteres den Eindrücken hingeben, welche aus den Ta⸗ gen der Kindheit und Jugend, dem Alter ſo reicher Hoff⸗ nungen, ihr hier entgegen traten. Arm und flüchtig war ſie in ihre Heimath zurückgekehrt. Arm!— für Maria Antonia das fürchterlichſte aller Leiden!— Die Tochter Kaiſer Karl's VII. eine wandernde Dulderin!— 174 König Auguſt lag in Warſchau an der Gicht krank, kaum im Stande ſich bisweilen durch eine Sau⸗ oder Bärenjagd zu vergnügen, wie ihr Graf Brühl meldete, und in der unleidlichſten Stimmung.— Ach! Auch ihre Briefe waren jetzt nicht mehr geeignet ihn aufzuheitern, auch ſie kannte nur Klagen!— Alle Nachrichten aus Sachſen waren entmuthigend, ihre Waldungen wurden umgehauen, ihre Pächter mußten das Pachtgeld im Vor⸗ aus bezahlen, alle Mittel wurden erſchöpft, um die Kaſſe des Königs von Preußen zu füllen und die ihrige leer zu erhalten. Friedrich's Lieblingswort war, daß, wer den letzten Thaler in der Taſche behalte, auf deſſen Seite bleibe auch ſchließlich das Recht. Der Churfürſt von Baiern bemühte ſich auf jede Weiſe ſeiner Schweſter den Aufenthalt in München an⸗ genehm zu machen und ſie ihrer Sorgen vergeſſen zu laſſen. Als der Frühling kam, bezog man das Vuſtſchloß Nymphenburg, wo ſie ſo gerne weilte.— Entfernt vom Schauplatze der Leiden, ſchwächten ſich die Eindrücke, und es gab Momente, wo ſie, der Gegenwart vergeſſend, ihre muntere Laune früherer Jahre wieder gewann und den Enthuſiasmus für die ſchönen Künſte in aller Stärke in ſich rege fühlte. So kam der Sommer heran, die Roſen blühten, die Nachtigallen ſangen, und milde Lüfte fächelten ihre „—— c— S„„ —„——„——„——— — Stirne, wenn ſie unter die ſchattigen Bäume des Gartens hinaus trat und mit ihren Augen das weite Heer der Sterne maß. Da ſollte eine furchtbare Nachricht dieſe glückliche Stille unterbrechen. Die Preußen hatten endlich Dresden beſchoſſen. Am 14. Juli, mit Anbruch des Tages, fing die Kano⸗ nade an.„Früh um acht Uhr,“ ſchrieb Rabener,„kam eine ſolche Granate in mein Zimmer, zerſchmetterte die Stube meines Bedienten und zündete. Wir löſchten den Brand und machten alle möglichen Anſtalten. Weil es aber Granaten und zwölfpfündige Kugeln auf mein Haus und die benachbarte Gegend regnete, in der Abſicht, das zwanzig Schritte von meiner Wohnung entfernte Pulver⸗ magazin in die Luft zu ſprengen, ſo packte ich meine Sachen, ſo viel es ohne Gefahr erſchoſſen zu werden anging, zuſammen, ſchaffte ſie theils in den Keller, theils in ein Gewölbe, und flüchtete Abends um acht Uhr nach Neuſtadt.— Aber auch hier fing am 15. die Angſt an, und in kurzer Zeit fuhren einige zwölfpfündige Kugeln ins Haus, nahe bei mir vorbei. In dieſer Lebensgefahr brachten wir bis Sonnabend zu, wo die Daun'ſche Armee die Seite von der Neuſtadt befreite, welches die größte Gnade war, die uns Gott in der Beängſtigung erzeugen konnte. Denn eben dieſen Tag, Mittags um 12 Uhr, 176 ging das unglückliche Bombardement der Reſidenz an. Mehr als hundert Bomben fielen in einer Zeit von drei Stunden auf die Kreuzgaſſe und Kirche; um zwei Uhr brannte mein Haus und um vier Uhr wußte ich mein Schickſal.“ Maria Antonia konnte kaum zu Ende leſen, ſo tief betrübte ſie dieſe Nachricht. Nicht minder ward der Chur⸗ prinz davon empört.—„Die Oeſterreicher wollen unſere Freunde ſein, und ſie dulden es, daß man unſere Reſidenz in einen Aſchenhaufen verwandle!“ rief er ungeduldig aus.„Solche Bundesgenoſſen ſind ſchlimmer noch als Feinde. Mein ſchönes Dresden! Zwei hundert ſechs und zwanzig Häuſer abgebrannt, und ſieben und dreißig be⸗ ſchädigt! Und außerdem, wie manches Leben, wie man⸗ ches Eigenthum zerſtört!— Die Preußen haben auf die Stadt, und nicht auf die Mauern geſchoſſen, in der Mei⸗ nung, daß die Oeſterreicher, aus Rückſicht für uns, die Thore öffnen würden.“ „Die ſchöne Kreuzkirche!“ rief Maria Antonia be⸗ trübt.„Ein ſo herrliches Gebäude durch Bomben zu vernichten!“ „Auch die Schuld der Oeſterreicher!“ entgegnete der Prinz.„Wer hieß ſie mit den vier Kanonen auf den Feind zu feuern, welche auf dem Thurme unſerer Kreuz⸗ lirche ſtanden, um bei freudigen Gelegenheiten ein Signal —————————— .——————— 177 zu geben? Wer benutzte jemals eine Kirche zu einem Feſtungswerke!— Ohne dieſe Tollheit hätte der Feind nimmermehr ſein Augenmerk darauf gerichtet.“ „Man hat auch die Frauenkirche beſchoſſen!“ ſagte Maria Antonia vorwurfsvoll. „Aber ohne Erfolg— ihr Mauerwerk iſt zu feſt,“ verſetzte ihr Gemahl tröſtend. „Die Hauptſache bleibt jetzt das Schickſal der un⸗ glücklichen Bewohner,“ unterbrach ihn Maria Antonia. „Ich kann den Bericht ihres Elends nicht zu Ende leſen. Er überſteigt ja alles je Erhörte. Unter rauchenden Trüm⸗ mern begraben, zieht man ganze Familien hervor, andere wandern obdachlos umher, lagern an Mauern und Wa⸗ gen, ein Raub des Hungers. Weinende, Schreiende, Betende und Darbende begegnen einander im gemein⸗ ſamen Elend. Auf dem Rücken ſchleppen ſie ihr bischen Habſeligkeiten fort; aber wohin?— Die Preußen hören nicht auf zu ſchießen, bis die Stadt der Erde gleich iſt, und die Oeſterreicher kennen keine Rückſicht. Die ſtolze Kaiſerin⸗Königin freut ſich am Ende noch gar, eine Ver⸗ wandte ihres Hauſes gedemüthigt zu ſehen.— Was wird König Auguſt ſagen? Wie wird er trauern über ſein liebes, ſchönes Dresden, das er geliebt, geſchmückt, als wäre es ſeine Braut.“ „Doch ein wenig zu eigennützig geliebt, Maria,“ 178 verſetzte der Churprinz ernſt.„Er hat nicht viel Rückſicht auf die Bewohner genommen, das kann man nicht läug⸗ nen, er hat das Volk hart gedrückt, und dafür ſtraft ihn das Schickſal jetzt. Wenn meine Stunde ſchlägt, ſo wird das anders werden. Wir müſſen das einzubringen ſuchen, was er verſchuldet.“ „Womit?“ fragte ſie ſeufzend.„Wir leiden ja ſelbſt Mangel, womit ſoll man da helfen?“ „Unſer Mangelleiden, meine Theure, iſt wahrlich ein ſehr luxuriöſes,“ ſagte der Prinz ernſt.„Wir ruhen auf weichem Pfuhle und ſitzen an einer wohl beſetzten Tafel, während Jene das Fleiſch gefallener Pferde ſpeiſen.“ Maria Antonia ſchauderte. „Dafür ſind wir auch Fürſten,“ ſagte ſie nach ei⸗ ner Pauſe, wie ſich ſelbſt beruhigend. „Und bleiben nicht minder Menſchen, beſtimmt Leid und Freude mit Andern zu theilen. Ich präge das unſerm Friedrich täglich ein und weiſe ihn darauf hin, wie nothwendig es ſei, in einem Staate ſparſam Haus⸗ halt zu führen, damit er einſt wieder gut mache, was ſein Großvater verthan.“ „Ich fürchte nur, Du wirſt ihn zu haushälteriſch machen für einen König,“ ſagte ſie bedenklich. „Thut nichts! Nach des Königs von Preußen 179 Motto behält ja der nur Recht, in deſſen Taſche ſich der letzte Thaler findet; die unſrigen aber ſind leer, Maria, darum müſſen wir verlieren. Möge er einſt in unſeres Nachbarn Fußſtapfen treten, an Sparſamkeit, an Ruhm und Ehre ihm gleich kommen! Ein Beſſeres wünſche ich mir nicht für meinen Sohn und nicht für Sachſen.“ Dieſer Uebergang zu den Hoffnungen ihrer Zukunft hatte ſie zerſtreut und das furchtbare Bild ihrer zerſtör⸗ ten Reſidenz ihren Augen entrückt; aber im Traume kam es ihnen wieder vor, im Traume ſah Maria Antonia die Bomben fallen und den prächtigen Thurm der Kreuz⸗ kirche ſtürzen, und ihr Traum blieb diesmal auch im Wa⸗ chen eine Wahrheit. Zwülftes Cnpitel. Das Mittagsmahl in Moritzburg. Ein Friedenscongreß in Augsburg war angeſetzt. Die Kaiſerhöfe hatten dazu Geſandte ernannt, ihre Tafel⸗ gelder beſtimmt, ihnen ein glänzendes Gefolge aus⸗ gerüſtet und in der Reichsſtadt Regensburg für die Sum⸗ me von 150.000 Gulden Hotels für ſie gemiethet. Unter ————— 180 ſo frohen Erwartungen glaubte der Churprinz von Sachſen mit ſeiner Gemahlin in ſein Land zurückkehren zu können, und Maria Antonia bereitete ſich vor, von ihrem glücklichen Aſyle zu ſcheiden, und begleitet von ihren ſieben Kindern in ihr verwüſtetes Vaterland zurück⸗ zukehren, wo ihrer jetzt nur Trauriges wartete. Hunger und Elend hatte Sachſen verwüſtet. Es war von Friedrich von Preußen nicht geſchont worden, er hatte nicht unterlaſſen, ſo lange an dem Mehlſacke zu klopfen, bis auch kein Stäubchen mehr darin geblieben. Unangebaut lagen die Fluren, vom Winterſchnee jetzt erwärmt, doch ohne daß die Saaten ſich darunter bar⸗ gen, um mit den erſten Frühlingsſtrahlen an das Licht zu ſchießen. Der Landmann hatte den Muth verloren zu ſäen, wo zu ernten er nicht hoffen durfte. Waren es nicht Oeſterreicher, ſo waren es Preußen, die ſeine Fel⸗ der verheerten und ſeine Taſchen leerten, und wenn Beide abzogen, dann erſchien ſein rechtmäßiger Landes⸗ fürſt und forderte nun ſeinerſeits die Mittel zu ſeinem Unterhalte. Jeder war dabei in ſeinem Rechte, dem Rechte, das die Nothwendigkeit zum Gebieter hat und das die Selbſterhaltung dictirt. So forderte man, ſo verweigerte man, und endlich mußte dem Michtig⸗ ſten gewährt werden. Der Einzug des fürſtlichen Paares war diesmal kein freudiger. So hoch man den Churprinzen ſchätzte und durch die Erfahrung von dem Regententalente ſeiner Gemahlin belehrt war, ſo wenig zugänglich blieben den⸗ noch die Herzen der Freude neben dem zerſtörten häus⸗ lichen Heerde, dem eingebüßten Eigenthum. Der öſterreichiſche Gouverneur, Graf Guasco, ließ die Kanonen auf den Wällen abfeuern, ſo wie das Fürſtenpaar dem Weichbilde der Stadt nahe kam, und eilte darauf, gefolgt von dem Magiſtrate, den Churprin⸗ zen und ſeine Gemahlin an den Thoren der Stadt will⸗ kommen zu heißen; das Militär ſtand in den Straßen als Hecke aufgeſtellt, zeigte fliegende Banner und führte rauſchende Muſik mit ſich; Miniſter und Beamte erſchie⸗ nen in ihren Uniformen, und verdeckten hinter dieſen die Lumpen der Armuth und die durch Hungersnoth ge⸗ bleichten Geſichter. Unter dieſem Scheine eines Gepränges und eines ZJubels, den der Moment zu ſeinem Dienſte herauf⸗ beſchworen, fuhr das fürſtliche Paar durch die Straßen Dresdens, grüßte und nickte und ſpendete freundliche Worte, bis ſie endlich ihr Palais erreichten. Hier, mit ſich allein, fing der Schein zu weichen an und die Wahrheit gewann ihr Recht. Wie ein Krieger auf dem Felde ſeine Glieder zurückläßt und in ſeinen Wunden ſeine Ehrenmale davon trägt, ſo hatten 182 ſie Dresden, ihr liebes Dresden, verſtümmelt wieder erblickt. Wie man es ihren Augen auch zu verdecken ge⸗ ſucht, doch waren ihnen die Schutthaufen nicht entgan⸗ gen, die ſich zu Hügeln aufgethürmt, wo ſonſt die Stra⸗ ßen geſtanden. Die große Kreuzkirche bedeckte eine weite Strecke mit ihren Trümmern und ſtand nun, als mäch⸗ tige Ruine, inmitten der ſie umgebenden Verwüſtung da. Auf ihren Trümmern ſtehend, ſangen die Chorknaben eine Friedenshymne. In der katholiſchen Kirche wurde ein Tedeum geſungen, wobei die Trompeten ſchmetterten, die Pauken wirbelten, den geſunkenen Muth der Bewoh⸗ ner durch Töne der Freude zu beleben; doch ſo ſchnell heilten ſo tiefe Wunden nicht. Am Abend war der Hof beim Churprinzen ver⸗ ſammelt, die Kerzen brannten, die Kammerherren trugen die Schlüſſeln, die Pagen die Schleppen; die Schönen fächelten, wie ſonſt, die geſchmückten Wangen und lächel⸗ ten koquett hinter dem erhobenen Fächer hervor. Jeder bemühte ſich zu ſcheinen, was man vormals geweſen, ein leichtfertiges Völkchen voll Uebermuth und Laune, ein tändelndes Kind des Augenblickes; doch mitten in die heiterſte Rede drängte ſich irgend eine Frage, und damit eine Erinnerung ein, und das Lächeln verſchwand und die Thräne ſtahl ſich unter dem geſenkten Lide hervor. Der Ernſt des Lebens hatte zu tief in alle Exiſten⸗ 183 zen eingegriffen, und nicht ſo ſchnell vermochte man den Roſenmantel der Freude darüber zu breiten. Jetzt gab es nach allen Seiten hin zu thun. Das Werk der Zerſtörung mußte in ſeinem ganzen Umfange überblickt und dann an die Mittel zur Verbeſſerung ge⸗ dacht werden. Mit Ernſt widmete Maria Antonia ſich dieſer Aufgabe. Dem Churpinzen geſtattete ſeine Geſund⸗. heit nicht, ſich leicht nach allen Seiten hin zu bewegen und mit eigenen Augen zu ſehen, ſeine Gattin mußte daher ſeine Stelle erſetzen, und ihm Arm und Kopf dabei leihen. Redlich löſte ſie dieſe Aufgabe. Sie ſchrieb an Brühl und ſtattete ihm einen ge⸗ nauen Bericht über die finanzielle Lage des Landes ab; doch, ſtatt von dort Hülfe zu erhalten, liefen nur Klagen über die eigene leere Kaſſe ein.— Mit ſteigender Er⸗ wartung ſah König Auguſt den Friedensverhandlungen 3 entgegen, immer auf eine Entſchädigung für alles Erlit⸗ tene rechnend. Fürſten überdenken dabei nicht, daß ein erweiterter Länderbeſitz keine geopferten Leben zurück er⸗ — ſtattet. Friedrich von Preußen wünſchte Sachſen für ſich zu behalten und ſich hier ein wendiſches Königreich zu gründen; denn der Mehlſack hatte ihm zu wohl gefallen, um . nicht aus eigener Machtvollkommenheit daran klopfen zu mögen. Dagegen jedoch ſträubte ſich König Auguſt aus allen ſeinen Kräften; denn welche Entſchädigung 184 man ihm auch geboten hätte, ſo würde ihn doch nichts für den Verluſt ſeiner lieben Hauptſtadt entſchädigt haben können, für ſein Dresden, dies theuerſte Juwel in ſeiner Krone, an dem ſein ganzes Herz hing. Inmitten dieſer Verhandlungen und mancherlei Plänen für die Zukunft traf den kranken Monarchen in ſeiner Hauptſtadt zu Polen die Nachricht von dem Tode der Kaiſerin Eliſabeth von Rußland. Peter III. hatte ſogleich den Thron beſtiegen. Man wußte von ihm, daß er ein großer Bewunderer Friedrich's II. war, daß er keine Vorliebe für den König Auguſt hege; dieſer konnte daher gewärtig ſein, durch den Umſchwung der Verhält⸗ niſſe ſeinen Sohn Karl die Krone von Kurland einbüßen und ſich ſelbſt auf ſeinem Throne von Polen ſchwankend zu ſehen.— So hängen die Geſchicke der Könige und ihrer Staaten oft von zwei Augen ab. Maria Antonia folgte mit aufmerkſamem Auge dieſen Vorgängen in der politiſchen Welt, während ſie ſcheinbar nur daran zu denken ſchien, Handel und Induſtrie zu heben, und die kleinen Intereſſen des Einzelnen zu wahren, der ſein Schärflein dem Haushalte des Staates zutrug.— Die Theuerung war ſehr groß im Lande, es fehlte an den nothwendigſten Bedürfniſſen zum Lebensunter⸗ halte, und die Regierung mußte einſchreiten, das frucht⸗ bare Sachſen mit einem Mehlvorrath aus fremden Ländern zu verſorgen. Nach allen Seiten hin erhob die dringende Noth ihren Angſtruf.— Die junge Fürſtin half ſo viel es in ihrer Macht ſtand; doch war ſie ja immer noch nicht unumſchränkte Gebieterin, weder über die Finanzen, noch deren Erhe⸗ bung, denn in der Ferne lebte noch ein Brühl und ließ das Ruder des Staates ſeiner Hand nicht entfallen. Daneben vermochte ſie wiederum auch nicht ihre perſön⸗ lichen Ausgaben zu beſchränken, und fiel dadurch ſtets auf's neue einer Aushülfe des Miniſters anheim. Die Erziehung ihrer ſieben Kinder lag ihr jetzt ebenfalls ganz ob. Der älteſte Sohn, Friedrich Auguſt, wuchs hoch heran. Er war ein ernſter Knabe, von ſchönen Eigenſchaften des Herzens; doch verſchloſſenen Sinnes und gab ſich keinem Eindrucke leicht hin. Die man⸗ gelnde Offenheit ſeines Weſens verurſachte ſeiner Mutter häufig Kummer. Sie hätte ihn mittheilend, herzlich, liebevoll gewünſcht, und er zeigte nichts von dem allen. Wo ſie ihm entgegen kam, da zog er ſich ſcheu zurück. Wo ſie ihn zur Theilnahme aufforderte, da wandte er ſich mit düſterem Blicke von ihr ab. Ein Etwas, das ſie nicht ergründen konnte, ſchien zwiſchen Sohn und Mutter ſich zu drängen. Er lernte vortrefflich, ſeine Lehrer waren mit ihm zufrieden, er 1860. X. Maria Antonia. II. 12 186 erwarb ſich gute Kenntniſſe, und behielt, was er gelernt; nur für die ſchönen Künſte zeigte er ſich unempfindlich, und dieſe Gleichgültigkeit hielt man ihm als Beſchränktheit vor. Das mochte ihn verdrießen. Er erhielt Unterricht in der Muſik und machte auch gute Fortſchritte, aber ohne eigentliche Freude an der Tonkunſt zu finden. Deſto eifriger trieb er dafür die Ge⸗ ſchichte ſeines Landes und intereſſirte ſich für alle Vor⸗ gänge ſeiner Zeit. Seine Kinderjahre waren unter den Eindrücken ei⸗ nes Krieges dahin geſchwunden, deſſen Schrecken ſich ſei⸗ ner jungen Seele mit unverwiſchlichen Zügen eingegra⸗ ben. Er hatte früh die Sorge kennen gelernt.— Man glaube nur nie, daß ein Kind nicht wiſſe und verſtehe, was ſeine Umgebungen drückt. Sein Inſtinkt belehrt es über gar manches, was ſein Kopf noch nicht begreift; es wird zur Theilnahme bewegt, ohne ſich über die Urſa⸗ che dazu Rechnung ablegen zu können, und ſein Charakter bildet ſich oft ganz unmerklich dem entgegen geſetzt, was man aus ihm machen wollte. Maria Antonia ahnte nicht, wie viel ihr älteſter Sohn ſchon von dem Leben verſtehe, bevor er noch die Kinderſchuhe ausgezogen.— Er wohnte in einem Palaſte und wiegte ſich auf weichen Polſtern; kam er hinaus auf die Straße, ſo ſtreckten hungernde Menſchen ihm ihre hagern Hände entgegen; das ließ ſeine junge Seele nicht 4—— 187 ungerührt. Aus ſeiner Schulſtube ſah er den Brand der Vorſtädte Dresdens mit an, und fragte ſeinen Gouver⸗ neur, den Kammerherrn von Burgsdorf, warum dieſe Fremden das Land verheerten, warum man ſie nicht ſich wieder zu entfernen zwinge. Wohl erklärte man ihm dann die Vorgänge und erzählte ihm, wie unrecht ſeinem Großvater geſchähe. Doch ſein Großvater war ja in Warſchau, und wen das Unrecht trifft, das war nicht er, das war ſein Volk, das waren dieſe armen Menſchen, welche ſich nie um Maria Thereſia oder den großen Friedrich bekümmert. Sie büß⸗ ten, was Zene mit einander auszumachen hatten. Konnte er ſich auch nicht innerlich klar darüber wer⸗ den, wie dies Alles zuſammenhänge, und die Fäden des Rechtes und des Unrechtes ſondern, ſo blieb ihm dafür ein deſto ſtärkeres Gefühl für die Sache des Unterdrückten und machte ſeine Seele unempfindlich gegen jede Aus⸗ rede eines klügeren Kopfes. Tief prägte ſich ſeinem Gemüthe der Ernſt des Le⸗ bens ein, und nie mehr lernte er leichtſinnig an dem Be⸗ cher der Freude zu nippen. Ja, jetzt ſchon, ein Knabe noch, hätte er fragen mögen, wie man, inmitten der Noth und der Sorge, ſich der Luſt hinzugeben vermöge, und— er fragte es wohl auch mitunter. Doch dieſe Frage galt für ein Verbrechen.— 12* 188 Die Oper wurde wieder eingerichtet, Hofbälle fanden ſtatt, man ſuchte ſich aus der trüben Stimmung zu reißen und die Heiterkeit walten zu laſſen. Der Knabe machte dazu eine ſaure Miene, und je mehr er tadelnd gegen das auftrat, was ſeinen Eltern Vergnügen gewährte, um ſo mehr wandte ſich das Herz der Mutter von ihm ab und neigte ſich dem zweiten Sohne zu, dem kränklichen, aber ihr ſtets zulächelnden Prinzen Karl. Es iſt ein Wendepunkt im Leben einer Mutter, wenn das heranwachſende Kind ihre Schwächen entdeckt und ſie laut rügt. Ihre erſte Empfindung iſt dann Erbitterung, die nächſte Rache. Sie will ſtrafen, ſie will züchtigen; doch wird ſie damit nicht die entflohene Ehrfurcht zurück⸗ rufen, welche die Frucht einer dem Wohle des Kindes ſich opfernden Liebe iſt. Wie aber ſoll ſie ihr Kind ſchweigen lehren? Wie das Wort des Tadels, das ſie ſo tief verletzt, auf ſeiner Lippe feſtzuhalten verſuchen? Wie es ertragen lernen, daß ihr Kind nicht ihren Geſchmack theilt, nicht ihre Hand⸗ lungsweiſe billigt? Indem ſie ihm das Recht zugeſteht, nicht zu denken, nicht zu empfinden, wie ſie, ſeine Mutter, empfindet? Das wäre wohl das billige Zugeſtändniß; denn ſo wenig der Eichbaum verlangen kann, daß aus ſeinem Samen eine Tanne emporwachſe, ſo wenig können El⸗ tern der Natur vorſchreiben, ihnen in ihrem Kinde eine Wiederholung ihrer ſelbſt zu geben.— Und doch iſt es grade das, was die meiſten nicht nur wünſchen, ſondern als ein Recht begehren und erzwingen wollen. Allein die Natur iſt in ihrem Walten eine arge Demokratin. Maria Antonia hatte nun mit vielen Frauen die Neigung gemein, herrſchen und beherrſchen zu wollen. Wozu ihre Anlagen ſie ſo mächtig trieben, das ſollte ſie nun nicht einmal an ihrem Sohne üben können? Was ſie dem Gatten gegenüber erreicht, was ſie dem mächti⸗ gen Miniſter künſtlich abgewonnen, ſollte ſie an dem ei⸗ genen Kinde ſcheitern ſehen? So klug ſie ſonſt, ſo vorſichtig ſie war, ſo viel ſie überlegte: ſo überließ ſie ſich hier doch ganz der Wärme ihres Temperamentes und reizte durch heftige Aeuße⸗ rungen den Widerſpruch oder den Trotz des Knaben nur noch mehr. Sie machte auch hier wieder das Recht einer Mutter geltend, ſich vor ihrem Kinde keinen Zwang anlegen zu wollen, und die Kunſt der Selbſtbeherrſchung, welche ſie im öffentlichen Leben der unbedeutendſten Perſönlichkeit gegenüber bewies, ſetzte ſie gänzlich bei Seite, ſobald ſie ihrem Sohne zürnte. Ob ſie dadurch in ſeiner Achtung ſtieg?— 190 Der Churprinz übte dann ſeinen ausgleichenden Einfluß, ſein ruhiges Weſen ebnete die Wellen, ſeine vernünftigen Vorſtellungen blieben nie ohne Wirkung. Er liebte ſeine Gattin unbegrenzt und bewunderte darum ſogar ihre Schwächen; ſeinen Beifall zu verdienen, fand er ſie zu jeder Selbſtüberwindung bereit. Schlägt man bei Frauen nur die rechte Seite an, ſo wird aus ihrem Weſen ſtets ein reiner Ton hervorgehen. Man kann ſie lenken, wenn man will.— Die Hoffnungen auf einen nahen Frieden ſollten indeſſen jetzt noch einmal vereitelt werden. Auf's neue loderte die Kriegesfackel hell empor und ſetzte ganz Europa in mächtige Flammen, bis ſie ſich endlich völlig ausgebrannt, und Oeſterreich des Kampfes müde, um jeden Preis dem Kriege ein Ende zu machen wünſchte. Friedrich von Preußen hatte geſiegt; denn ihm blieb der letzte Thaler und darum auch das letzte Wort. In ſeiner Hand lagen jetzt die Bedingungen zum Frieden, zu deren Erfüllung er ſein Schwert auf's neue in die Wagſchale legen konnte. Maria Antonia fühlte, daß auch das Geſchick Sachſens der Willkür dieſes mächtigen Gegners anheim gegeben ſei, deſſen Freundſchaft ſie ihrem Lande ſo werthvoll achtete, wie ſie ihr ſelbſt es war. Jetzt endlich ſchien der Moment gekommen, wo ſie ihn ſehen durfte, den großen Friedrich, und, ſo viel an ihr lag, geſchah, um dieſe Minute herbei zu be⸗ ſchwören. Moritzburg, das alte Jagdſchloß der Churfürſten von Sachſen, inmitten eines Waldes, etwa zwei Stunden von Dresden gelegen, wurde zum Orte ihrer Zuſammen⸗ kunft auserſehen.— Mit hoch klopfendem Herzen kleidete Maria Antonia ſich an, um dem mächtigen Gegner, der ſchon eine Stunde vor ihr dort eingetroffen, zu begegnen. Es war ein kalter Märzmorgen. Froſt bedeckte die Flur und die ſteifen Taxushecken des Schloßgartens trugen weiße Häupter. Die Sonne brach ſich eben Bahn, als um die elfte Stunde die churfürſtlichen Wagen am großen Ein⸗ gange hielten. Friedrich der Große, begleitet von ſeinen Stabs⸗ offizieren, ſtand am Fuße der Treppe, und, einen Schritt vortretend, hob er Maria Antonia aus dem Wagen. Hoch pochte ihr Herz, als ſie nun Angeſicht zu Angeſicht vor dem Manne ſtand, der Europa ſo eben zur höchſten Bewunderung gezwungen. Faſt ſchüchtern blickte ſie hin⸗ auf zu ihm in ſein großes, helles— man möchte ſagen, kaltes Auge, indem ſie zugleich ſich ehrfurchtsvoll vor ihm verneigte; er aber, ihr den Arm bietend, führte ſie die Stufen hinauf, in das Empfangszimmer, wohin der Churprinz folgte, und ſchmeichelte ihrem Ohr mit den 192 artigſten Worten. Man ſpeiſte in kleinem Kreiſe, denn es waren nur zehn Couverts gelegt, und unterhielt ſich auf die heiterſte Weiſe, ohne der überſtandenen Drangſale, ohne des Zweckes zu gedenken, durch den man hier zuſam⸗ mengeführt. Die Kunſt und namentlich die Muſik bot ihnen den Stoff zu ihrem Geſpräche, das franzöſiſch geführt wurde. Friedrich waren die Talente ſeiner Nachbarin nicht unbekannt, der Ruf hatte ihn lange darüber be⸗ lehrt, wie vielſeitig gebildet ſie ſei, und bald nahm er wahr, daß man ihm nicht zu viel geſagt. Er fand ihr Urtheil ſo beſcheiden als gediegen, und ſo wenig ihn ſonſt die Geſellſchaft der Frauen anzog, ſo mußte er ſich ge⸗ ſtehen, hier ſei eine Ausnahme auch für ihn zu finden. „Wir können uns nun auf's neue dem Dienſte der ſchönen Künſte widmen,“ bemerkte er gegen Maria An⸗ tonia, als von ihren Compoſitionen die Rede geweſen, „und müſſen die verlorenen Stunden einzubringen ſuchen. Wir Fürſten theilen darin alle ein gleiches Loos, daß wir den Muſen nur huldigen, doch keine von ihnen als erklärte Geliebte beſitzen dürfen. Darum auch können wir nie etwas Vorzügliches leiſten.— Ich habe mir ſchon ſchwer genug errungen, was ich in ihrem Dienſte erwor⸗ ben; denn es koſtete mir einſt meines Vaters Liebe.— Ihren Kindern iſt darin ein beſſeres Loos gefallen; ſie —— . genießen faſt alle Vortheile eines claſſiſchen Bodens, ſie lernen ſpielend, was ein Anderer ſich ſchwer erwirbt.“ „So ſcheint es, Sire,“ erwiderte die Churprin⸗ zeſſin;„doch können wir unſern Kindern nicht die Nei⸗ gungen einflößen, welche wir ihnen wünſchen. Mein älteſter Sohn beſitzt nicht Ohr, nicht Auge und wird, ich fürchte, niemals die Kultur ſeines Landes fördern wollen.“ „So iſt er ein echter Deutſcher,“ ſagte Friedrich herber.„Es geht dem Volke leider aller Geſchmack ab.“ „Sind Sie davon ſo ganz überzeugt?“ warf der Churprinz ein.„Mir däucht, wir ſollten dieſe Regel nicht ſo unbedingt feſtſtellen, da wir doch auch auf dieſem Boden emporgewachſen ſind.“ „Ausnahmen beweiſen die Regeln,“ ſagte Friedrich ſcharf. „Können ſich aber in ihrer Zahl vermehren und die Regel damit umſtoßen,“ fuhr der Churprinz fort. „So leiſten wir doch in der Muſik bereits Bedeuten⸗ des. In der Malerei können wir auf unſern Mengs recht ſtolz ſein, und Haller, Hagedorn, Bodmer, Utz, Gallert geben für unſere Dichtung ſchöne Beweiſe; ſo wie Wie⸗ land, Klopſtock, Leſſing, Kleiſt, Gleim, Ramler und Geßner der deutſchen Sprache eine große Zukunft pro⸗ phezeihen. Ich bin daher der Anſicht, daß wir uns unſe⸗ res Landes bald nicht mehr ſchämen dürfen, und daß die Zeit naht, wo wir uns den übrigen kultivirten Völkern gleich ſtellen können.“ „Den Franzoſen niemals!“ rief Friedrich warm. „Der Eſprit jenes Volkes iſt unnachahmlich!— Ueber⸗ haupt aber hat ihre Sprache eine Feinheit, die ſich der unſrigen nicht geben läßt. Ich wünſchte nur, Sie hätten Voltaire kennen gelernt!“ wandte er ſich wieder gegen Maria Antonia.„Er allein hätte Sie ſchon von der Wahrheit meiner Behauptung überzeugt.“ „Ich habe es ſelbſt lebhaft gewünſcht, Sire!“ fiel dieſe ein.„Schon weil Sie ihn an Ihren Hof zogen, intereſſirte er mich und ließ mich ſeine Bedeutung ahnen, die ſich dann durch ſeine Werke noch ſteigerte.“ „Sie haben ſeine Philoſophie nicht gefürchtet?“ fragte Friedrich lächelnd. „Nicht doch!— Gefährlicher noch ſchien mir ſein Spott, ſein Verhöhnen alles deſſen, was uns heilig iſt; aber auch damit habe ich es aufgenommen, ohne mich in meinen eigenen Anſichten beirren zu laſſen. Die Kenntniß der Meinung Anderer läutert vielmehr unſer Urtheil und bildet es. Wir werden dadurch nachſichtiger und gerechter. Auf dem Wege zur Wahrheit muß es Dornen geben, und an dieſen ſich nicht zu ritzen, iſt unmöglich. Doch, ſobald die Wunden nur nicht unheilbar ſind, dient uns ihr Bluten zur Heilung.“ „Mein Sansſouci wird mir jetzt verödet erſchei⸗ nen, wenn ich dahin zurückkehre,“ ſagte Friedrich in der Erinnerung vergangener Zeiten.„Ich finde von meinen alten Freunden nur den Marquis d' Argens. Sonſt hat ſich Alles zerſtreut.— Es iſt die traurige Begleitung des Alters, das Scheiden von denen, die wir lieben. So wird uns endlich auch der Tod nicht ſchwer.“ „Ich glaube, Sie dürfen nicht ſo denken, Sire,“ ſagte Maria Antonia mit vielſagendem Blicke;„denn Ihnen werden ſtets alle Herzen zufliegen. Wer den Ruhm liebt, der liebt auch Sie, und wer die Künſte und die Li⸗ teratur verehrt, der ſieht in Ihnen ſein Vorbild.“ „Das Gleiche könnte man von Ihnen ſagen, Prin⸗ zeſſin, und— ich weiß wohl, daß ich jetzt nicht klagen ſollte, wo mir ſo eben erſt das Glück zu Theil geworden Sie kennen zu lernen, und damit zugleich ſich die Hoff⸗ nung bietet, Sie in Sansſouci bei mir zu ſehen.“ „Sie ſind ſehr gütig, Sire, und Ihre Güte macht mich ſtolz. Von dem großen Friedrich nimmt man eine Artigkeit anders auf, wie von gewöhnlichen Menſchen. Und außerdem noch haben Sie unſer Geſchlecht nicht verwöhnt.“ 196 „Weil ich Sie nicht kannte, Prinzeſſin,“ ſagte Friedrich ernſt.— Unter ſolchen Geſprächen verging das Mahl, und erſt als es beendet, trat der Churprinz mit dem Könige in ein Seitengemach und hinter ihnen ſchloſſen ſich die Thüren. Was Beide hier mit einander verhandelten, das vernahm kein Ohr, und nur aus den Folgen konnte man über den Inhalt ihres Geſpräches urtheilen. Entſchädigung ward dem armen Sachſen nicht und das ſchöne Dresden ſollte ſich nie mehr von den ihm geſchlagenen Wunden erholen. Fünfzig Millionen hatte Friedrich dem Lande entzogen, und dieſe gab er nicht wieder zurück, die eingeäſcherten Dörfer und Städte bauete er ihnen nicht wieder auf, die Zahl ihrer Ein⸗ wohner ſtellte er nicht wieder her. War nicht ſein eigenes Land verödet, waren nicht ſeine eigenen Staaten entvöl⸗ kert, und er, als guter Regent, verbunden zuerſt für Preußen zu ſorgen: ſo befahl er denn ſeinen Soldaten, bei ihrem Abzuge aus Sachſen ſich Frauen zu entführen, von den ſchönen Mädchen, die hier auf den Bäumen wachſen, ſollte Jeder eins heim zu führen ſuchen. Nicht unähnlich dem Raube der Sabinerinnen ging nun Jeder mit einem Weibchen über die Grenze, und den Sachſen blieb das Nachſehen.— Der Churprinz und ſein Gaſt ſchieden gegenſeitig befriedigt, Maria Antonia aber voll geſteigerter Bewun⸗ derung für den Helden, der ſie auf eine ſo feine Weiſe ausgezeichnet und ihr ſeine dauernde Freundſchaft ange⸗ boten. Der Traum ihrer Jugend war damit erfüllt, die Anerkennung des bedeutendſten Mannes ihrer Zeit war ihr geworden, ihr Streben hatte daher ſeine Krone erreicht. Heitern Muthes kehrte ſie in ihre Reſidenz zurück, voll ernſten Willens hier zu helfen und zu fördern, und durch eine weiſe Regierung auch hier das Lob ihres gro⸗ ßen Nachbarn zu verdienen. Auch Dresden ſollte ein Sansſouci bekommen. Als ſie über die Brücke fuhr, kam Haſſe des Weges. Sie grüßte ihn und winkte ihm heiter zu. Sie hätte ihre Hoff⸗ nungen nun gerne auch in ſeine Seele gießen und ſeine Traurigkeit verſcheuchen mögen; doch wie konnte ſie das? Wie konnte ſie allmächtig ſein? Wie die vielen Thränen trocknen, welche täglich noch hier vergoßen wurden?— Haſſe hatte bei dem Bombardement alle ſeine Mu⸗ ſikalien und Manuſkripte eingebüßt, das war ein Stück von ſeinem Leben, wofür der Künſtler keinen Erſatz fand. Die vergangenen Jahre gibt uns Niemand zurück, was der Geiſt da geſchaffen, das bringt er kein zweites Mal hervor, und aus dem Kranze ſeines Ruhmes, aus der Geſchichte ſeines muſikaliſchen Wirkens fehlten damit ſo viele Blätter. Dieſe Blätter, vergilbt in ſeiner Erinne⸗ 198 rung ruhend, trübten jetzt des Künſtlers Auge; denn ſein Gedächtniß vermochte nicht ihnen ein friſches Grün zu leihen. nicht helfen. Dresden war in dieſen ſieben langen Jahren ein trauriger Aufenthalt für die Kunſt geworden, die nach den goldenen Tagen unter Auguſt III. ſeufzte; doch ach! im Rathe des Schickſals war es ſchon anders beſchloſſen. Die goldenen Tage ſollten nimmer wiederkehren, die Oper in Dresden nie wieder die Höhe ihres Ruhmes erreichen, wo ſie ſich die erſte der Welt nannte. Ende des zweiten Bandes. Er war verſtimmt, und Maria Antonia konnte ihm ——— — Verlag von Fober& Markgraf in Prag.— Durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Die Jahreszeiten im Schmutke deutſcher Poeſir. Ein Liederſchatz und Familienbuch für jeden Tag des Jahres, herausgegeben von Ferdinund Stolle, Redacteur vom Dorfbarbier und Gartenlaube. Mit 250 Illuſtrationen berühmter Künſtler. Klein 10 in 20 Lieferungen, jede 60 Neukr. Das Werk wird ſich durch dir pruchtvollſte Ausſtuttung nuszrichnen, und um es dem Publikum leichter zugäng- lich zu machen, ſoll alle 14 Toge eine Lieferung, jede zu fünf Bogen, nusgegeben werden. Unch vollſtändigem Er- ſcheinen tritt eine Preiserhöhung rin. Nur jahrelangem Fleiße, der gewiſſenhafteſten Prüfung und Auswahl, ſowie der ſorgſamſten Anordnung konnte es gelingen, aus dem reichen Blüthenmeere deutſcher lyriſcher Poeſie einen Kranz zu winden, in welchem Tag für Tag ſich die Hand reicht und ſo das ganze Jahr, poetiſch verklärt, vorübergeführt und hiermit ein Werk geboten wird, wie es bis jetzt in ſeiner Art einzig daſteht. Denn von den erſten frommen Glocken des Neujahrsmor⸗ gens, durch Eis und Schnee, durch Winterlandſchaften mit Schellen⸗ klang und fröhlichem Einlauf, durch Winterſturm und Winternacht, durch die Freuden des Faſ chings und häuslicher Wintergemüth⸗ lichkeit, durch Eisaufbruch und Lawinenfall bis zum beglückenden Fufe der erſten Lerche und dem Dufte des erſten Veilchens zieht das Jahr vorüber in Liedern, wo ein jedes für jeden Tag und der Jahreszeit entſprechend ausgewählt iſt. Nur die Sonntage ehören allein dem Herrn und iſt ein jeder durch ein troſtbrin⸗ gendes ausgewähltes Kirchenlied, mit Berückſichtigung aller Con⸗ feſſionen, vertreten. Oſtern naht. Auferſtehung in der Natur wie im Herzen. Himmelfahrt. Pfingſten, das„liebliche Feſt“. Es blüht ein Früh⸗ ling auf, poetiſch verklärt, wie die Erde keinen ſchönern zu bieten vermag. Der Sommer kommt mit ſeinen wogenden Fluren, ſtern⸗ geſticten Nachtigallnächten, Gewittern und Regenbogen. Es ver⸗ blüht„die letzte Roſe“ und Der Herbſt zieht ein, fruchtbelaſtet, ſegenſchwer. Erndte⸗ und Polksfeſte auf grünem Plane. Winzerjubel. Der Jäger zieht zum Palde. Es wird ſtiller. Die letzten vereinſamten Blumenlichter erlöſchen. Ungaſtlicher Sturm reißt das letzte Blatt vom Baume und in immer grauere Eintönigkeit verſinkt die Landſchaſt. Alles ſcheint todt und erſtorben. Da ertönen durch die Nebel der Erde, einen himmliſchen Frühling verkündend, die Glocken des Allen⸗ ſeelentages. Bald rieſelt es weiß hernieder und die Kindlein träumen von den Lichtern des Chriſtbaums, bis dieſer ſelbſt erſcheint in ſeiner goldnen und beſeligenden Pracht. Die Lieder aber klingen treu fort, bis ſie mit „Des Jahres letzter Stunde“ ihr Ende erreicht und das Jahr begraben im Schobße der Ewig⸗ keit.— Dies nur die allerdürftigſten Andeutungen von dem Baue eines Werkes, das ſich allen Freunden der Pveſie bei auch nur flüchtiger Durchſicht ſelber empfehlen dürfte. 6 —————— —