* B. —— [Ladenpreis erſetzt werden.— If „* — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit: A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: —— —— —K — 6 Bücher: —— 2 Mk.— Pf. 2 Bücher: ———— 1 M.— Pf. „ S„ 3 4„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der i ſ ſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. S 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Bücher: —— 1 Mt. 50 Pf. —— 1 d Marin Antonia, oder Dresden vor hundert Jahren. Zrithild von Amely Bölte. Die wahre Religion iſt die Pflichterfüllung, das beſte Gebet die That. Gutzkow's, Zauberer von Rom. Erſter Band. Prag, 1860. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Prag, Druck von Jarosl. Poſpiöil. ——— 3 Mrinem vrrehrten Frennde, Herrn Oberbibliothekar und Hofrath Klemm, für die mir vielfach bewieſene Güte, in Ertheilung ſeines mir werthoollen Rathes und dem Nachweis geſchichtlicher Quellen, — den aufrichtigſten und würmſten Dank Dresden den 1. September 1859. der Verfaſſerin. Inhalt. — Seite Erſtes Capitrl. Die Brautfahrt. Zwrites Cnpitrl. Der erſte Kuß— E 24 Prittes Capitel. Der Beichtoater 42 Piertes Cnpitel. Die Sprüche Sätoos 55 Fünftes Cupitel. Der rückſtändige Sold 7 Sechstes Capitel. Die Fuchenfrau von Blaſewitz 92 Sirbentes Cupitrl. Fauſtine oder Mingotti 02 Achtes Capitel. Die Meſſe in Leipzig 117 Uruntes Capitel. Das Adagio in der Oper Demofronte 136 Zehntes Capitel. Vollen und Können. 155 Elftes Copitel. Der Künſtler und ſein Modell 170 181 Zwölftes Capitel. Die Geiſtererſcheinungen —— Marin Antonia, oder Dresden vor hundert Jahren. —— Erſter Theil. 1860. M. Maria Antonia. I. An meine Leſer. Sie haben meinen erſten Verſuch, Ihnen ein Frauen⸗ leben auf geſchichtlichem Hintergrunde als Bild ihrer Zeit zu ſchildern, ſo wohlwollend und mit einer ſo ſchmei⸗ chelhaften Anerkennung aufgenommen, daß ich dadurch ermuthigt eine zweite Arbeit derſelben Art unternommen. „Frau von Staöl“ führt die Bezeichnung„Biographi⸗ ſcher Roman“, Die Benennung legt meiner Arbeit eine Deutung unter, nach der man ſie ſogleich als mißlungen bezeichnen könnte; denn ich habe der Phantaſie in keinem Punkte geſtattet über die Thatſachen hinaus ſich zu ver⸗ lieren, noch eine künſtleriſche Geſtaltung im Auge gehabt. Ich wollte einfach nur Geſchichte ſchreiben und die Perſo⸗ nen auftreten laſſen wie ſie waren. Ich trug nicht einmal Wahrheit und Dichtung im Sinne, ſondern nur Wahrheit. Darum auch war ich beſorgt, es möchten dem Leſer meine Schilderungen langweilig erſchienen ſein, und erſt nach⸗ dem ich von vielen Seiten gehört, es leſe ſich dies Buch 1* ſo unterhaltend wie ein Roman, habe ich mich überzeugt, daß auch als Unterhaltungslectüre ein wirkliches Leben den Stoff bieten kann. Um ſo freudiger habe ich nun die Studien zu einem neuen Frauenleben unternommen, mit dem ich mich diesmal auf deutſchem Boden befand, und ſo Vieles, was ihm angehörte, in nächſter Nähe beſaß. Wurde meine Arbeit damit auf der einen Seite ſchwie⸗ riger, ſo gewann ſie auf der andern an Intereſſe, das ſich nur ſteigerte, je mehr ich damit fortſchritt, und Zeuge wurde von dem erſten Erwachen unſerer Literatur, dem Cultus der ſchönen Künſte, dem mächtigen Drange nach Wiſſen. Ob es mir gelungen, eine geiſtreiche Fürſtin auf ei⸗ nem ſolchen Hintergrunde in Farben zu ſchildern, die ihr genugſam ähnlich ſind und den Leſer für mein Bild er⸗ wärmen, das vermag ich nicht zu beſtimmen. Nur wün⸗ ſchen darf ich, daß, was mich lebhaft in Anſpruch nahm, auch den Antheil Anderer verdienen und vor Allem— mir in meinen Leſern Freunde erwerben möge! Dresden den 1. Juni 1859. Amely Pölte. Erztes Capitel. Die Brautfahrt. Die Juniſonne leuchtete hell vom wolkenloſen Him⸗ mel herab, und ſchmückte die Wälder und Fluren unſeres ſchönen deutſchen Vaterlandes mit doppeltem Reize; das Korn ſtand ſchon hoch, in den Hecken blühte die wilde Roſe, auf den Wieſen ſchnitt der Landmann das duftige Gras zur erſten geſegneten Ernte: da fuhr, es ſind jetzt hundert Jahre, ein Poſtzug die einſame Landſtraße des nördlichen Baierns hin, der ſächſiſchen Grenze zu. Luſtig verkündigte des Poſthorns munterer Schall das Nahen der langen Reihe von Equipagen, und die Arbeiter auf dem Felde, die Knechte und Mägde, ließen einige Mi⸗ nuten lang die Sichel ruhen, um neugierig dem bunten Zuge nachzuſchauen.— Ein prächtiger Staatswagen, gezogen von vier herr⸗ lichen Roſſen, von Dienern, Reitern und Gefolge umge⸗ ben, feſſelte vor allem die erſtaunten Blicke. „Wieder eine Prinzeſſin!“ riefen ſie aus, aber ohne zu ahnen, woher die Reiſende komme, noch wohin ſie gehe. Auch wurde ihnen dies vorüberfliegende Räthſel nicht leicht gelöſt; denn es kamen damals die Zeitungen noch nicht, wie heute, bis in die ärmſte Hütte, noch war das Studium des Leſens eine ſo allgemeine Beſchäftigung. Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land war eine weite Entfernung, und was wir als Spazierfahrt eines Tages betrachten, galt damals für eine große Reiſe. Der Staatswagen fuhr ſeines Weges; bald ent⸗ ſchwand er dem Auge, und Niemand erfuhr, wohin er gekommen. In ihm ſaß ein junges Mädchen, das mit achtſamen Blicke Alles überſchaute, was ſich ihr am Wege bot. Sie hatte das Wagenfenſter zur Rechten herabge⸗ laſſen und bog ſich häufig vor, um noch beſſer zu ſehen. Die Gegend, die Menſchen, Alles kam ihr neu; ja ſelbſt den Himmel und die darüber hinziehenden Wolken und Wölkchen fand ſie der Betrachtung werth; denn, iſt gleich die blaue Decke über uns allüberall dieſelbe, nennt ſich gleich die Erde überall des Herrn, ſo iſt das Auge des Schau⸗ enden doch gar oft ein anderes, und jede neue Lage, jeder erfüllte Wunſch und jede getragene Hoffnung läßt uns Welt und Menſchen durch eine neue Brille beſchauen. Fürſtentöchter wachſen mit dem Gedanken auf, ihr künftiges Lebenslvos durch die Politik des Landes beſtimmt —,—— 2— 15 zu ſehen, das ſie geboren hat, und dem eigenen Herzen bei der Wahl eines Gatten keine Stimme zugeſtehen zu dürfen. Sie werden früh daran gewöhnt, ſich als für den Staat geſchaffen, ſich als Mittel in der Hand der Vor⸗ ſehung zu betrachten, wodurch ihre unerforſchlichen Wege erfüllt, deren großen Zwecke erreicht werden ſollen. Das Schickſal fordert von ihnen das Opfer ihrer Perſon und ſie unterwerfen ſich ſeinem mächtigen Ausſpruche. Maria Antonia Walpurgis, Churprinzeſſin von Baiern und Enkelin Kaiſer Joſef's I., befand ſich jetzt auf dem Wege, ihre Beſtimmung als Fürſtentochter zu erfüllen. Leichten Herzens wandelte ſie die uns herbe ſchei⸗ nende Bahn; denn ſie bildete ſich ein, den Churprinzen von Sachſen, den ſie nie geſehen, dem ſie aber durch Pro⸗ curation ſchon vermählt war, zu lieben. Sie hatte in leb⸗ haftem Briefwechſel mit ihm geſtanden, und aus ſeinen Worten ſein ſchönes Gemüth, ſeine edle Geſinnung ken⸗ nen gelernt; im Vertrauen darauf reiſte ſie ihm jetzt muthig entgegen.— Er iſt nicht ſchön, er beſitzt einen ſchwachen Körper, er hat lahme Füße*), ſagte ſie ſich; aber er iſt ein guter Menſch, er wird mich lieben lernen und mir ein treuer Gatte ſein. Ich werde dereinſt durch ihn und mit ihm *) Weber, Maria Antonia Walpurgis. über das ſchönſte Land Germaniens herrſchen, ich werde an einem der glänzendſten Höfe Europas durch Beſchü⸗ tzung der ſchönen Künſte mir einen Namen gewinnen, der mich unſterblich machen wird. Was braucht es mehr zu meinem Glücke?— Sie hatte eines heiteren Jugendlebens genoſſen, und blickte darum auch heiter in die Zukunft. Am Hofe ihres Vaters, des Churfürſten Karl Albrecht und ſpäteren deut⸗ ſchen Kaiſers Karl VII., fehlte es nicht an Luſtbarkeiten. Dem Beiſpiele Ludwig's XIV. folgend— dieſem Verder⸗ ber aller Höfe Europas, ſuchte er nur ſeiner Regierung Glanz zu verleihen, die Künſte in ſeinen Sold zu ziehen, ohne zu überlegen, ob ein kleines und nicht reiches Land die Mittel dazu auch erſchwingen könne. Was Rom unter Auguſtus, was Frankreich unter Ludwig XIW war, ſollte Baiern unter Karl Albrecht ſein, und dieſe Aera ſeines Glanzes hatte die Jugend Maria Antonia's umgeben, dieſe Huldigung der ſchönen Künſte ihre Wiege umſtan⸗ den; ſo vorgebildet, ſollte ſie jetzt Dresden betreten, das unter Auguſt dem Starken zu einem zweiten Paris her⸗ aufgeblüht war, und durch den Glanz ſeines Hofes, ſeine Kunſtſchätze und ſeine Oper Fremde aus allen Theilen der Erde in ſeinen Mauern ſah*). *) Wraxall's Memoirs. 17 Die Eindrücke der erſten Jugend ſind unvertilgbar und tragen ihre Farben auf alle ſpätern Lebensverhältniſſe über. Was dem Knaben zur Gewohnheit ward, von dem wird der Mann nicht laſſen.— Eigenſchaften können wir einem Kinde nicht geben; Gewohnheiten aber zieht es an, wie ein Kleid, und trennt ſich dann nicht mehr davon. Maria Antonia war für den Schein erzogen, und der Schein wurde daher ihr Lebenselement. Ihr Vater, Karl Albrecht, hatte ſich einen Kaiſer⸗ ſaal erbaut, der an Nero's goldenes Haus erinnerte. Noch heute zeigt man in München ſein Paradebett, an dem zwei Centner Goldes verſchwendet ſind.— Karl Albrecht hatte ſeiner würdig darin zu ruhen geglaubt; als man es Na⸗ poleon zum Nachtlager anwies, dankte er und befahl da⸗ neben ſein Feldbett aufzuſchlagen. Karl Albrecht ſtarb 48 Jahre alt und hinterließ ſeinem Sohne, Max Joſef, das Kaiſerthum mit einer Schuldenlaſt von 40 Millionen. Das ſtörte ſeinen Erben nicht. Auch er liebte die Künſte, und namentlich die Muſik, und bedauerte darum den Verluſt einer Schweſter, welche in dem Punkte ſo ganz mit ihm übereinſtimmte. Glänzende Feſte gingen ihrer Abreiſe vorauf; denn, obwohl es ihrem Herzen weh thun mochte, ſich von Mut⸗ ter, Bruder und Vaterland zu trennen, ſo blieb dieſe 18 Trennung immer ein freudiges Ereigniß, das man nicht froh genug begehen zu können meinte. Der Churfürſt von Sachſen hatte, als König von Polen, eine bedeutende Stellung unter den europäiſchen Mächten zu gewinnen gewußt und den Glanz ſeines Hauſes erſt kürzlich durch die Verheirathung von zwei Töchtern, die Königin von Neapel und die Dauphine von Frankreich erhöht. Dieſe neuen Verbindungen ſtei⸗ gerten nun noch den Werth einer Allianz mit der ſächſi⸗ ſchen Fürſtenfamilie. So viel Glanz die Hofhaltung in München auch aufwandte, ſo groß der Lurus der Feſte, ſo bedeutend die dort aufgehäuften Kunſtſchätze auch waren), ſo durfte es noch keinen Vergleich mit der Hauptſtadt des Churfürſten⸗ thums Sachſen begehren. Dresden galt zu jener Zeit für ein kleines Eldorado**), es war im gewiſſen Sinne das Auge Deutſchlands zu nennen. Und dabei war es nicht einmal eine eigentlich deutſche Stadt, dabei war das Ger⸗ manenthum hier faſt gar nicht vertreten. Die an der Elbe blühenden Künſte waren auf einem fremden Boden emporgewachſen, die Lieder, welche man hier ſang, in einer fremden Zunge gedichtet.— Obgleich man hier das *) Bianconi, Vertraute Briefe. **) Lady Wortley Montague. 25 wohlklingende, das„liebliche Teutſch“*) redete, das da⸗ mals für die höhern Klaſſen eine faſt fremde Sprache zu nennen war; ſo bediente ſich doch der Hof namentlich nur des Franzöſiſchen, und ein deutſches Theater exiſtirte nicht einmal. Ebenſo wie die römiſchen Kaiſer am liebſten griechiſch ſprachen, während Schriftſteller und Dichter jenes ſchöne Latein ſchrieben, das noch heute unſerer Ju⸗ gend zur Vorbildung der Sprache dient; ebenſo miß⸗ achteten deutſche Fürſten das Deutſche, zur Zeit, wo un⸗ ſere Literatur ihrem Glanzpunkte entgegen ſtrebte. Maria Antonia Walpurgis, auferzogen für den Cultus der ſchönen Künſte, freute ſich die deutſche Stadt zu betreten, wo jene ſich eine Heimath gegründet. Als nahe Verwandte des ſächſiſchen Fürſtenhauſes, war ſie vertraut mit Allem, was die Hofhaltung Auguſt's III. betraf, und auch ohne ihre Tante, die Churfürſtin, perſön⸗ lich zu kennen, war ſie durch die Beſchreibungen ihrer Mutter hinlänglich mit ihrem Weſen und ihren Eigen⸗ thümlichkeiten vertraut, um ſogleich mit Sicherheit in die rechte Stellung zu ihr treten zu können. Sie kannte vor allem den Stolz der Churfürſtin von Sachſen auf die Abkunft von der öſterreichiſchen Kaiſerfamilie, eine Schwäche, die ſie mit ihrer Schweſter, der verwitweten Churfürſtin von Baiern an ihre Tochter Maria Antvnia. Churfürſtin von Baiern theilte, ſo wie bei Beiden der Haß gegen die Kaiſerin Maria Thereſia der gleiche war. Sie, die Töchter Joſef's I., ſollten gegen die Tochter ſeines jüngern Bruders zurück ſtehen— dieſe Nothwendig⸗ keit verziehen ſie ihrer Coufine während ihres ganzen Lebens nicht. Von ihrer Mutter war Maria Antonia mit den weiſeſten Rathſchlägen entlaſſen, und beſonders noch ihr anempfohlen worden, dem Haſſe gegen das Haus Oeſter⸗ reich getreu zu bleiben. Die Tochter nahm dieſe Er⸗ mahnungen hin, wie Töchter meiſtens ſolche Lehren hin⸗ zunehmen pflegen, d. h. ſie hörte ſie geduldig an, und verſprach ſich innerlich, nach ihrem eigenen Ermeſſen zu handeln und vor allem das Intereſſe ihres neuen Va⸗ terlandes und damit ihr eigenes als Hauptziel im Auge zu behalten.— Abſchiedsfeſte, Audienzen und viel eitles Gepränge ließen ſie jedoch nicht lange bei ſolchen ernſten Gedan⸗ ken verweilen. Eine Fürſtin darf nur wenig ſich ſelbſt gehören und in ſich hinein leben; an ihrem innern Menſchen kann ſie nur ſelten bilden, denn Alles ruft ſie auf, dem äußern Leben ſich zu widmen und ſich Dingen hinzugeben, welche ihr nur wenig Antheil abgewinnen. Ihre ſo oft beneidete Stellung erkaufen ſie durch die größte Selbſt⸗ 21 verleugnung, und könnte der Neid nur immer ſehen, wie ſchwer ihnen das Lächeln wird, womit ſie der Welt ent⸗ gegentreten, während das Herz oft ſo betrübt iſt, ſo würde ſich mancher Tadel in warmes Lob, in aufrichtige Bewunderung und Theilnahme verkehren. Wer nur einen Seelenſpiegel hätte, würde ſchnell die Entdeckung machen, wie unendlich gleichmäßiger die Güter dieſes Lebens vertheilt ſind, als der Schein es an⸗ nehmen will; denn das Glück wohnt immer nur in dem eigenen Herzen, in dem mit ſich und ſeinem Thun zufrie⸗ denen Gemüth, in dem mit Gott und Welt zufriedenen Sinn. Seide oder Lumpen können dieſem keinen Ab⸗ bruch thun.— Mit jener graden Haltung, welche Prinzeſſinnen von Kindheit auf ſorgfältig zu pflegen haben, ſaß Maria Antonia in ihrem vergoldeten Wagen und fuhr erwar⸗ tungsvoll ihrem künftigen Schickſale entgegen. Sie zählte dreiundzwanzig Jahre. Das iſt ein Alter, wo man noch ſo viele Wünſche für die Zukunft hegt und mit ſo gu⸗ tem Glauben ihrer Erfüllung entgegen ſieht.— Immer näher kam man der ſächſiſchen Grenze, und immer erwar⸗ tungsvoller leuchtete das kluge blaue Auge der Prinzeſſin. Sie zog jetzt aus ihrer Taſche eine goldene Doſe her⸗ vor, nahm eine Priſe, und betrachtete dann das in dem Deckel angebrachte Portrait eines jungen Mannes, der, — 3 3 —— — mit Orden und Sternen geſchmückt, in blauem geſtickten Hofkleide, ſie freundlich anlächelte. Leiſe preßte ſie die Lippen darauf, drückte den Deckel dann zu und ließ die Doſe wieder in die Taſche gleiten. Er ſoll nicht hübſch ſein, ſprach es leiſe in ihr, aber er iſt gut, er iſt ehrlich, er wird mich lieben, hoffe ich, und dann bin ich gewiß, ſeine glückliche Gattin zu werden.— Wenn nur das erſte Begegnen vorüber wäre! Ich bin nicht hübſch, er weiß das; dennoch aber könnte er ſich ein zu günſtiges Bild von mir entworfen haben, und die Enttäuſchung in ſeinen Mienen zu leſen, würde mich ſchmerzen.— Doch, ich will nicht verzagen! Dem Muthigen folgt das Glück, das beweiſt mein Held, der prächtige Friedrich. Bei dieſer Wendung ihrer Gedanken waren die Wolken von ihrer Stirne geſchwunden. Sachſen und Preußen lagen ſo nahe aneinander; wie leicht konnte ſie von Dresden nach Berlin tommen und den König kennen lernen, wie leicht auch konnte er ſie in ihrer Reſidenz beſu⸗ chen!— Das Blut ſtieg in ihre Wangen, als ſie ſich ausmalte, wie ſie mit Friedrich von Voltaire ſprach, wie ſie mit ihm muſicirte, wie ſie ſeine oder ihre Compoſitio⸗ nen ſpielte und er ihr Spiel auf der Flöte begleitete.— Wie glücklich die Fürſtin, welche das Lebensloos eines ſolchen Mannes theilen durfte!— Warum auch gab es * — v — S S 15 23 in der weiten, weiten Welt nicht einen zweiten Fürſten, wie dieſer Friedrich, und dieſer Eine, warum war er Proteſtant?— Solche Zugendträume und jugendliche Phantaſien kürzten ihr die Zeit während der oft langweiligen Fahrt. Ab⸗ wechſelnd hing ſie dann auch ernſten Gedanken nach. Vor allem hatte ſie ja heute zu überlegen, was ſie auf jede mögliche Anrede Paſſendes und Schickliches erwiedern könne, wie ſie ſich ausdrücken müſſe, um den Sachſen zu gefallen, um auf Alle einen günſtigen Eindruck hervor⸗ zubringen und ſich den Weg zu ſteigender Popularität zu bahnen.— Sie ſpielte gerne Comödie, gab ſo gerne eingelernte Rollen, wie alſo ſollte ſie ſich nicht bemühen, die ihr von der Fflicht vorgezeichnete mit ſo viel Geſchick als Grazie darzuſtellen!— „Nur ſchön möchte ich ſein, wenigſtens dieſen ei⸗ nen Tag möchte ich es ſein,“ ſeufzte ſie dabei vor ſich hin, und richtete einen halb vorwurfsvollen Blick zum Himmel. Da fiel ihr Auge auf die am fernen Horizonte auftauchenden, feſt gezeichneten Wolken, und bevor die Ahnung ihres Herzens noch das Wort geſprochen, hielt der Wagen an und eine Stimme rief ihr zu:„Das iſt das Erzgebirge, Königliche Hoheit; dahinter liegt Ihr neues Vaterland!“ Zwrites Cnpitel. Der erſte Kuß. Es war Mittag geworden, bevor Maria Antonia am folgenden Tage bei Oelsnitz die ſächſiſche Grenze überſchritt. Im Namen ihres neuen Vaterlandes ward ſie hier von dem Hofmarſchall von Raknitz begrüßt und ihr der für ſie mitgebrachte Hoſſtaat vorgeſtellt. Damit war zugleich auch ausgeſprochen, daß ihr eigenes Gefolge ſie nun verlaſſen müſſe, daß die Stunde der Trennung geſchlagen habe. Jeder Abſchied hat ſein Peinliches. Mit einem weh⸗ müthigen Zucken um die Lippen wünſchte die Prinzeſſin ihren treuen Dienern ein Lebewohl und reichte ihnen zum letzten Male die Hand zum Kuße. Hinter ihr lag ihr Vaterland, dahin kehrten jene nun zurück; ſie aber mußte, in Begleitung ihr fremder Menſchen, in ein fremdes Land einziehen und dort ihr neue Gewohnheiten annehmen.— Dieſe aber fallen uns oft grade am ſchwerſten.— Nur ihrem Friſeur war es aus beſonderer Vergün⸗ ſtigung geſtattet, ihr zu folgen, weil er, wie ſie be⸗ hauptete, ihr unſchönes Geſicht durch ſeine Kunſt in das vortheilhafteſte Licht zu ſtellen wußte*), und ſie darum 9 WVeber, Maria Antonia Walpurgis. 25 nur ungerne ſich einer fremden Hand bei ihrem erſten Er⸗ ſcheinen vertrauen wollte. „Graf von Pregiſſiny,“ rief ſie dem von Baiern ſie begleitenden Commiſſarius noch als letztes Wort zu,„em⸗ pfehlen Sie mich meiner geehrten Frau Mutter und mel⸗ den Sie ihr, daß ich glücklich unter Ihrer Obhut die Grenze meines neuen Heimathslandes überſchritten habe, und mit frohem Muthe meiner Beſtimmung entgegen gehe. Auch Ihrem Herrn, meinem Bruder, entbieten Sie mei⸗ nen ſchweſterlichen Gruß.“ Damit beſtieg ſie den für ſie bereit ſtehenden Wagen, nickte Allen ein Lebewohl zu und entſchwand dem Auge des mit Rührung ihr nachblickenden Gefolges. Raſch zogen ſie die Pferde über Berg und Thal ihrem in großer Erregung erwarteten Ziele zu. Immer mehr brei- tete ſich das glückliche Sachſenland vor ihren Blicken aus, immer reicher entfalteten ſich deſſen fruchtbare Fluren, deren Cultur auch damals ſchon eines begründeten Rufes genoß. Die junge Fürſtin war nun ſich ſelbſt überlaſſen, war von heute an auf den eigenen Rath angewieſen, um die ihr neuen und ſchwierigen Lebensverhältniſſe nach ihren Wünſchen zu geſtalten. Sie hatte die ſchwere Aufgabe zu löſen, durch Erſcheinung zu imponiren und doch zugleich 1860. IX. Maria Antonia. I. 2 ——— E 26 auch zu feſſeln, ſie hatte die Würde der Prinzeſſin mit der liebenswürdigen Freundlichkeit der Frau zu verbinden. In allen Städten, größeren und kleineren, waren Ehrenpforten für ſie erbaut und feſtlicher Empfang für ſie vorbereitet. Ihre Kenntniß der deutſchen Sprache that ihr hier erwünſchte Dienſte, um ihren neuen Untertha⸗ nen ihre Freude und ihren Dank ausſprechen zu können. Ihr junges Herz empfand es wohlthuend, ſich geliebt und . gefeiert zu ſehen, ohne daß ſie dieſe Empfindung durch ein Bemühen hervorgerufen. Sie wandelte auf blumigen Pfaden dahin, über ſich den blauen, wolkenloſen Himmel, vor ſich eine Zukunft voller Luſt und voller Wonne. Ihr war zu Muthe, als nenne ſie die Welt ihr Eigen.— Das Glück verſchönt. Die erregte Miene, das leuch⸗ tende blaue Auge kleideten der Prinzeſſin ſo wohl, daß ſie ſich ſelbſt kaum wiedererkannt haben würde. In dieſer Stimmung überraſchte ſie die Nachricht, daß der Chur⸗ prinz, ihr Gemahl, ſie in Oederan erwarte. Das war eine Aufmerkſamkeit von ſeiner Seite, auf die ſie nicht vorbereitet geweſen. Ihr Herz klopfte hoch. Zetzt ſollte ſie ihn ſehen, den Mann ſehen, welchem ſie ihre Hand gereicht, dem ſie dem Namen nach ſchon ange 4 hörte! Jetzt ſollte ſie in ſeinen Blicken leſen, ob ihre Erſcheinung ihn anziehe, ob nicht! Die nächſte Minute ſollte ihr Urtheil ſprechen, das erſte Wort von ſeinen ₰ ₰—*— — en uf ch. re re ute 27 Lippen ihr verkündigen, wie ihr Lebensſchickſal ſich geſtal⸗ ten würde. Wer vermöchte ihr die Pein dieſes Momen⸗ tes nicht nachzuempfinden!— Gewalt ltſam bemühte ſie ſich ruhig zu ſcheinen, gewalt⸗ ſam entfernte ſie aus ihren Gedanken die Erinnerung an Fürſtinnen, deren unſchönes Aeußere den Gemal für immer ihnen entfremdet. Sie woll e ſo gerne hoffen, und ach! in dieſer Minute vermochte ie es kaum. Da hielt der Wagen, der Tritt wurd e herabgelaſſen, und der Churprinz von Sachſen, in ſeſti icher Kleidung, mit Orden geſchmückt, umgeben von den Herren ſeines Hofes, ſtand vor ihr und bot der Prinz zeſſin die Hand zum Ausſteigen.— Furchtſam und befangen wagte ſie nur einen halben Blick auf ſein Geſicht z zu werfen, wäh⸗ rend ſie ihre Hand in die ſeinige legte und ihr den Boden ſuchte; als ſie nun aber die Erde erreichte, da zog er ſie an ſeine Bruſt, legte ſeinen Arm um ſie und be⸗ grüßte ſie mit einem warmen Kuße*) Wonnig durchrieſelte es ſie bei diejer Berührung. „Gottlob!“ rief es jubelnd in ihrer Bruſt;„Gott⸗ lob!“ jauchzte die junge Gattin Ein ſolches Ueberſchreiten der Etikette, die lehrt uns der warme Impuls des Her⸗ zens.„Gottlob! und dreimal noch Gottlob!“ Weber, Maria Antonia Walpurgis. 28 Am Arm des Churprinzen betrat ſie nun ſtolzen Schrittes den Gaſthof zu den drei Schwanen. Er ging nur langſam ihr zur Seite, bewegte ſich nur mit Mühe fort, ſtützte ſich dabei ſogar wieder auf ſeinen Hofmar⸗ ſchall, den Grafen von Metterbarth; aber— was lag ihr viel daran?— Er hatte ein Herz für ſie, und das war ihr viel mehr werth, als ein paar geſunde Füße. Die junge Churprinzeſſin ſollte an dieſem Orte die Nacht zubringen, während der Prinz nach Dresden zurück⸗ kehren ſollte, um ſie am folgenden Tage mit einem fei⸗ erlichen Einzuge zu empfangen. Nur ſeine Ungeduld, ſie zu ſehen, hatte ihn heute ihr entgegen geführt; nur ſein Wunſch, ihr gleich auf ihren erſten Schritten als Freund und Berather zur Seite zu ſtehen, dieſes Begegnen be⸗ ſtimmt. Auf ſeinen Wink zog ſich jetzt ihr beiderſeitiges Gefolge zurück und die jungen Gatten blieben allein. Der Churprinz hatte neben ſeiner Gemalin auf dem Sofa Platz genommen. Eine Pauſe entſtand. „Princesse!“ begann er, halb verlegen, nach einem Eingang ſuchend. „So kalt, ſo feierlich?“ fragte Antonia enttäuſcht, und ſah mit niedergeſchlagener Miene zu ihm auf. Die⸗ ſer Blick gab ihm Muth, die Rinde der Etikette brach. „Chöre Antoine, chère epouse,“ fügte der Prinz „—c c er— U 8 u —— 8 8 29 2 nun hinzu und ergriff die Hand ſeiner jungen Gemalin mit Wärme, um ſie zärtlich an ſeine Lippen zu führen; „ich wünſchte Ernſtes mit Ihnen zu beſprechen, darum das feierliche Wort. Was ich Ihnen brieflich nicht mit⸗ theilen wollte, nicht mittheilen konnte, das ſollte dieſe Stunde Ihnen enthüllen. Dem Allen muß aber die Frage voraufgehen: Können Sie mich lieben, Antonia, ſo wie Sie mich jetzt ſehen, mich lieben?— Können Sie ſich daran gewöhnen, einem Gatten anzugehören, der, ob⸗ wohl nur 24 Jahre alt, wie ein Greis Ihnen zur Seite wandelt, unfähig die Luſt und die Freude der Jugend zu theilen, unfähig Ihr Beſchützer zu ſein?— Können Sie mir es verzeihen, Antonia, daß ich Ihrem lebensfrohen Sinn es zugemuthet, das Loos eines Mannes zu theilen, dem die Natur den Gebrauch ſeiner Füße verſagt hat? Fühlen Sie keine Abneigung gegen mich, jetzt, da Sie mich ſo ſehen?“ „Keine!“ erwiderte Maria Antonia, und ſah ihn dabei mit ihren hellen Augen treuherzig an.„Keine, Prinz, ſo wahr ich lebe, keine! Es war mir nicht unbekannt, daß die Schwäche Ihrer Füße Ihnen das Tanzen nicht geſtattete; aber was thut das mir, ſo lange ich die meini⸗ gen nur nach Gefallen gebrauchen mag, ohne in Ihrer Liebe dadurch zu leiden; ſo lange Sie mir nicht verſagen, was Ihnen ſelbſt nicht Bedürfniß iſt.“ 30 „Bei Gott, Prinzeſſin, nie und nimmer werde ich das,“ rief der Churprinz warm und eine Thräne zitterte dabei in ſeinem Auge;„nie und nimmer ſollen Sie durch meine Gebrechlichkeit in Ihrem frohen Jugendmuthe be⸗ hindert werden; nie und nimmermehr werde ich Ihnen Ihre zarte und hübſche Antwort von heute vergeſſen!“— Er zog ihre Hand bewegt an ſeine Lippen und verharrte eine Minute lang in dieſer gebeugten Stellung, um ſich zu faſſen. Antonia neigte ſich zu ihm.„ Mein Herz dictirte meine Worte, und dieſes Herz— gehört Ihnen,“ ſagte ſie ſchüchtern. „Oh! So laſſen Sie dieſes liebe und ſchöne Herz immer mit mir reden,“ rief der Prinz tief bewegt,„und wahrlich, Antonia, Sie ſollen dafür die Angebeteſte der Frauen werden. Laſſen Sie dieſes getreue Herz Sie leh⸗ ren, mir durch Wort und Blick nie zu verrathen, welch' ein Opfer Sie durch ineine Hülfloſigkeit mir zu bringen haben; und wahrlich! Ihr Loos ſoll dennoch beneidens⸗ werth ſein!— Jeder Wunſch Ihrer Seele ſoll, ſelbſt unausgeſprochen, ſchon gewährt werden, jeder Gedanke Ihres Geiſtes ſoll in mir ein Echo finden, jede Sorge, jeder Schmerz der meinige werden, ja mich doppelt treffen, er 9 weil er Sie trifft. Mit Roſen will ich Ihren Pfad be⸗ ſtreuen, will Sie auf Blumen betten. Sie ſollen nicht allein über mich gebieten, nicht allein die Herrſcherin in — 31 meinem Herzen ſein; auch meines Landes Fürſtin will ich Sie nennen, und wenn ich einſt den Thron beſteige, werde ich Ihr erſter Unterthan ſein.“ „Prinz,“ rief Antonia bewegt,„Sie rechnen mir zu hoch an, was einfach meine Neigung nur gebietet. Ich habe Sie aus Ihren Briefen lieb gewonnen, mein Herz gehörte Ihnen, bevor mein Auge Sie ſah, und— es ge hört Ihnen noch!“ fügte ſie erröthend hinzu. Der zog Ihre Hand zärtlich an ſeine Lippen.„Das iſt mehr als ich erwartete, mehr als ich wünſchen, mehr als ich hoffen durfte!“ rief er feurig aus. „Sie wiſſen nicht, S Sie ahnen nicht, Prinzeſſin, wie viel Glück Sie meinem Leben verleihen können! Ich ſtehe allein an dieſem Hofe. Ein König blickt ſtets mit Argwohn auf ſeinen Nachfolger, das lehrt uns die Geſchichte aller Zeiten; ich aber habe nicht allein meines Vaters Eiferſucht zu ſcheuen, muß nicht allein um ſeinetwillen den Schein annehmen, als ob ich in dieſem Lande ein Fremder wäre, als ob deſſen Wohl und Weh für mich ohne Belang ſei: ich habe, was viel ſchwerer noch iſt, das wachſame Auge eines Brühl zu ſcheuen, deſſen Argwohn meine Schritte durch ſeine Spione überwacht. Niemandem darf ich daher vertrauen in meiner Umgebung, gegen Niemand ein Wort des Vertrauens fallen laſſen; ſelbſt noch im Beichtſtuhle muß ich meine Zunge überwachen.— Sie aber, Antonia, ſind von heute an ſo eng an mein Schickſal gekettet, daß vor Ihnen allein die verſchwiegene Bruſt ſich öffnen, vor Ihnen allein dies Herz ſich ſeiner Bürde entledigen kann.— Unſer Intereſſe iſt das gleiche; was Sie trifft, trifft auch mich. Wir dürfen einander vertrauen, und wir müſſen es auch, um uns gegenſeitig eine Stütze zu ſein. Darf ich auf dieſe Hingabe von Ihrer Seite rechnen?“ Er fah ſie zärtlich fragend dabei an. „Ihr Vertrauen zu beſitzen, mon tres cher õpoux, wird mein höchſter Stolz ſein,“ erwiderte Antonia feſt. „Man wird Ihnen vielleicht ſchon zugeflüſtert ha⸗ ben, Prinzeſſin, daß mich einè Neigung feſſelte, als man mir von Seiten Ihres Hofes Hoffnung auf Ihren Beſitz machte; und iſt dies nicht geſchehen, ſo darf ich darauf rechnen, daß von irgend einer Seite gar bald ein ſolches Gift in Ihr Herz geträufelt werde. Darum komme ich deſſen Wirkung durch mein offenes Geſtändniß zuvor. Es iſt vollkommen wahr, Antonia, ich habe ein Fräulein von Haßlang geliebt, habe ihr Bild Jahre lang in mei⸗ nem Herzen getragen und nur nach ſchwerem Kampfe dieſer Neigung entſagt; doch ſchon als ich Ihnen meine Hand bot, hatte ich abgeſchloſſen mit dieſer Liebe, und von da an richtete ich nie ein Wort mehr an das Fräu⸗ lein.— Sie werden Sie ſelbſt kennen lernen, Prinzeſſin, denn ſie beſucht den Hof, und Sie werden ſich überzeugen, 33 daß ein höflicher Gruß die ganze ihr von mir bewieſene Theilnahme ausmacht.“ „Ich glaube Ihnen, Prinz,“ erwiderte die junge Frau gerührt von ſeiner Aufrichtigkeit, und reichte ihm verſichernd die Hand. „Ein Wort iſt leicht gegeben, Prinzeſſin,“ fuhr der Churprinz erregt fort;„in meinem Falle werde ich es aber auch zu halten wiſſen. Die Grundſätze meiner Vor⸗ fahren ſollen uns bei unſerer Ehe nicht zum Muſter die⸗ nen, die Hofhaltung meines Vaters und Großvaters von uns nicht nachgeahmt werden; ſo glanzvoll dieſe Periode auch für mein Vaterland war, ſo erlauben mir doch weder mein Charakter noch meine Grundſätze ein ſolches Leben zu führen, und ich rechne auch in dem Bezug auf Ihre Zuſtimmung.“ „Ihr Wunſch und Wille wird mir Geſetz ſein,“ erwiderte die Prinzeſſin ergeben. „Nicht ſo,“ unterbrach ſie der Churprinz.„Nicht Unterwerfung unter meinen Willen begehre ich von Jh⸗ nen; denn ich habe keinen Willen, Ihnen gegenüber zum mindeſten keinen.— Was ich von Ihnen begehre, iſt Hin⸗ gebung; was ich bei Ihnen zu finden wünſche, iſt Treue; was ich von Ihnen erſehne, iſt Liebe.— Ich bin einſam aufgewachſen. Fürſtinnen, Sie wiſſen es, finden nicht Zeit, Mutter zu ſein, mein Vater liebte Polen weit mehr als mich, und meiner Mutter ſtolzes Herz begehrte die Königskrone auf meines Bruders Haupt zu ſetzen und mich dem Prieſterſtande zu vermachen. Daß ich mich wei⸗ gerte, ihr hierin nachzugeben, hat ſie mir noch nicht ver⸗ ziehen. Vielleicht würde ſie auf Sie noch dieſen Groll mit übertragen, wenn ſie in Ihnen nur die Tochter und nicht zugleich das Kind der eigenen Schweſter willkommen hei⸗ ßen müßte, und Sie durch die gemeinſame Abkunft aus dem kaiſerlichen Hauſe ihr ebenbürtig wären. Zugleich aber wird dies Ihre Stellung auch um ſo ſchwieriger machen, denn es wird Sie der Autorität meiner Mutter nun doppelt unterwerfen.“ „Sorgen Sie nicht, mein theurer Gemal,“ erwi⸗ derte Antonia, und warf das gepuderte Haupt mit ihr gut⸗ ſtehendem Selbſtbewußtſein in die Höhe;„ich bin zum Glücke nicht ſo jung und unerfahren, um meiner Tante, der Königin, nicht mit kluger Vorſicht entgegen treten und mir nach und nach meine Stellung gewinnen zu können. Auch vor dem Könige bangt mir nicht; denn er hat ein gutes Herz, iſt heiteren Sinnes und liebt die ſchönen Künſte. Dadurch hoffe ich ſchnell mit ihm in ein gutes Vernehmen zu treten. Nur allein dieſer Brühl macht mich beſorgt. Wir müſſen ihn als Freund gewinnen, oder ihn als Feind fürchten, und Beides iſt gefährlich. Sollte es denn nicht möglich ſein dem Könige die Augen über ihn zu öffnen? Würde es ſeinen Stolz nicht kränken, zu erfahren, was ganz Europa weiß, daß nicht König Auguſt der Beherrſcher ſeines Landes iſt, daß Graf Brühl den Scepter für ihn führt?“ „Vergebliches Bemühen, Prinzeſſin. Meine Mutter haßt den Grafen und verſäumt nicht den König gegen ihn einzunehmen; er aber hört nicht auf ſie, hört auf Niemanden, der ihm von Geſchäften reden will.— Der König haßt die Arbeit, liebt nur den Genuß, und findet bei Brühl die ſtets gefüllte Kaſſe zur Befriedigung der ſonderbarſten Wünſche. Man kann einen Miniſter nicht ſtürzen, der ſeinen Fürſten auf ſolche Weiſe zum allmäch⸗ tigen Gebieter macht.“ „Und doch ließ er ſich ſo lange bitten, Ihrem Ge⸗ ſandten in München die kleine Summe Geldes zur Ver⸗ anſtaltung der Vermählungsfeierlichkeiten zukommen zu laſſen,“ ſagte die junge Prinzeſſin nachdenklich. „Weil dieſe Vermählung nicht in ſeinem Intereſſe war. Er fürchtet Sie, Antonia. Der Ruf ſagt von Ihnen, daß Sie vielen Verſtand beſitzen und an Geiſt alle Für⸗ ſtentöchter unſerer Zeit weit überragen. Graf Brühl möchte lieber eine weniger begabte Gattin an meiner Seite ſehen.“ „Die Fama nimmt nicht immer die Wahrheit in den Mund, mein lieber Prinz,“ verſetzte Antonia mit einem reizenden Lächeln,„und ſo hat ſie denn hier in einer ihrer Launen mich nur darum gerühmt, um mich gefürchtet zu machen. Ich kann ihr dies nur ſo lange verzeihen, als dieſe Wirkung ſich nicht auch auf Sie erſtreckt.“ „Mich hat es nun ſtolz gemacht, ſtolz auf Ihren Beſitz,“ erwiderte der Prinz und nahm Abſchied. Von den mancherlei Eindrücken des Tages ermüdet, ſuchte Maria Antonia bald die Ruhe. Bald ſenkte ein geſunder Schlaf ihre Lider und liebliche Traumgebilde umgaukelten ihren Sinn mit wechſelnden Scenen aus ihrer Zukunft. Schon ſpielten der Sonne helle Strahlen durch die dicht zugezogenen Fenſtervorhänge, als ſie er⸗ wachte. „Heute alſo!“ rief es in ihr, während ihre Hand raſch die auf dem Tiſche ſtehende Schelle ſuchte, um ihre Kammerfrauen herbeizurufen. Luſtig ſangen die Vögel draußen ihr Morgenlied, während Maria Antonia eilig die prunkenden Gewänder anlegte. Eine Minute lang lauſchte ſie dem fröhlichen Gezwitſcher; dann kehrten ihre Gedanken zu den Sorgen dieſes Tages zurück, der noch ſo Vieles von ihr forderte. In dem großen, goldumrahmten Toilettenſpiegel er⸗ blickte ſie ſich ſelbſt, nicht ſtrahlend von Glück, ſondern hochroth vor Erwartung und innerer Aufregung. Sie ſeufzte leiſe, als ſie wahrnahm, wie übel ihr das ſtehe. 37 Doch, wie dem mächtigen Schlagen des Herzens gebie⸗ ten, wie das liebliche, unbefangene Lächeln auf ihre Lip⸗ pen zaubern, durch das ſie die Menge gewinnen ſollte? Sie fühlte jetzt zum erſten Male die ſchwere Laſt der auf ihr wuhenden Pflichten. Die Wagen warteten bereits. Es galt kein Zaudern, galt kein Ueberlegen mehr, denn die Minuten dieſes Ta⸗ ges waren gezählt, jeder Schritt war ſchon berechnet. Im großen Garten wollte die ganze königliche Fa⸗ milie ſie bewillkommen. Dort harrte Auguſt IIMI. ihrer im Gartenpalais, begleitet von ſeiner Gemalin und den Prinzen ſeines Hauſes, ſo wie von den ſämmtlichen Mi⸗ niſtern. Reichthum, Uniformen, Sterne, Glanz dor Toi⸗ letten waren hier in ihrem reichſten Maße entfaltet. Der Churfürſt von Sachſen und König von Polen war noch“ immer ein ſchöner und ſtattlicher Mann. Maria Antonia ward ſichtlich überraſcht durch ſeine Erſcheinung und wollte, ſich ehrfurchtsvoll vor ihm verneigend, ſeine Hand an ihre Lippen führen; er aber richtete ſie auf, hauchte mit wahrhaft königlichem Anſtand einen Kuß auf ihre Stirne, und wandte ſich dann gegen ſeine Gemalin, um ihr die junge Fürſtin vorzuſtellen. Mit ſteifer Etikette begrüßte die Königin⸗Churfürſtin ihre Nichte, die neue Tochter. Dann traten die Prinzen des Hauſes näher, von denen der älteſte, Prinz Taver, erſt 16 Jahre zählte, der zweite aber, Karl, durch ſeine aufgeweckte Miene und ſeinen Apollokopf die junge Fürſtin lebhaft für ſich einnahm. Graf Brühl, der ſich bis jetzt hinter ſeinem Herrn gehalten, wurde nun zum Handkuß vorgelaſſen. Neugie⸗ rig muſterte Maria Antonia den mächtigen Miniſter, der jetzt mit ſchlauer Demuth die ihm dargereichten Finger⸗ ſpitzen an ſeine Lippen führte, und ſich dabei mit ſo viel Anſtand als Grazie verneigte, daß ſie den vollendeten Hofmann ſogleich in ihm erkannte und bewunderte. Ihr Auge begegnete dem ſeinigen, es war als wolle Jeder in des Andern Blicke erſpähen, was ſeiner Zukunft drohe, was hier zu hoffen, was zu fürchten ſei. Allein ſchon war die vergönnte Minute vorüber. Die Glocken der Kirchen begannen ihr Spiel, die Kanonen donnerten von den Wällen der Stadt, Hörnerklang und Pauken riefen, dazu das Summen der Tauſende von Menſchen, welche, um Zeuge dieſer Feierlichkeit zu ſein, von nah und ferne herbeigeſtrömt waren. Wie ein Rauſch wirkte dies Alles auf die junge Prinzeſſin und ließ ſie ihrer Angſt vergeſſen. Gleich dem Schauſpieler, der nur bei dem Bravo eines gefüllten Hauſes ſeine Rolle ſpielen kann, ſo auch fühlte ſich Maria Antonia durch dies Wogen und Treiben über ſich ſelbſt hinaus gehoben. 39 Wie aber zu jener Zeit eine Fürſtentochter in die Hauptſtadt Dresden einzog, davon haben wir heute kei⸗ nen Begriff mehr. Unter Kanonendonner, Glockenläuten, Pauken⸗ und Trompetenklang bewegten ſich langſam 64 Staatswagen dem Seethore zu, begleitet von 21 Kameelen, 48 Maul⸗ thieren*), engliſchen und polniſchen Pferden, 24 königli⸗ chen Wagen, einer Schwadron Garde du corps, Hof⸗ lakaien, Schweizer, Haiducken und Hofnarren, und in⸗ mitten dieſes weit ausgedehnten, bunten Zuges, der von Sammet und Gold ſtrotzte, befand ſich in einer offenen, von 8 perlenfarbenen Hengſten gezogenen Leibearoſſe die junge Churprinzeſſin, im fürſtlichen Schmucke, mehr ſtehend als ſitzend, und nickte nach allen Seiten. Wie müde ſie war, wie betäubt von dem Lärm, wer fragte ſie da⸗ nach?— Sie mußte nicken und dankbar ſcheinen für ein Willkommen, das man nicht ihr, ſondern dem Prinzipe des legitimen Fürſtenhauſes, das man der Königstochter darbrachte.— Alle Häuſer waren bis unter das Dach hinauf mit Zuſchauern bedeckt. Fahnen wehten und Tücher, Vivats ertönten, und des Jubels war kein Ende. Langſam nur bewegte ſich der Zug vorwärts. Die Menge von Kamee⸗ ) Klemm, Chronik von Dresden. len feſſelte die Blicke faſt eben ſo ſehr, wie die reich ge⸗ ſchmückte Prinzeſſin in ihrer herrlichen, goldenen Caroſſe. Carabiniers machten den Schluß des Ganzen, und ſo wie dieſe vorüber waren, warf man die Vermählungs⸗ münzen aus, auf welche das Volk ſich dann mit gieriger Haſt ſtürzte. Da nicht Jeder eine ſolche Münze erhaſchen konnte, ſo ging es dabei nicht ganz friedlich zu, die Hab⸗ ſucht, der Neid, die Schadenfreude und Mißgunſt, kurz alle böſen Leidenſchaften trieben ihr Spiel und veran⸗ laßten die bunteſten Scenen. Im Schloß wurde indeſſen Audienz ertheilt und Glückwünſche angenommen, worauf der Biſchof von Kra kau unter dem erneuerten Donner der Kanonen und vielfachen Gewehrſalven die feierliche Einſegnung des jungen Paares vollzog.— Nun ſetzte man ſich an die Tafel, an die ſogenannte Braut⸗ oder Ceremonientafel, und Maria Antonia, neben ihrem Gatten ſitzend, konnte ſich, wenn auch keinem ver⸗ traulichen Geſpräche, doch ihren eigenen Gedanken über⸗ laſſen und ihre neue Familie mit aufmerkſamem Blicke muſtern. Die Unterhaltung war allgemein; Auguſt II. ſprach viel und gerne, ſie durfte daher hören und die Zeit benutzen, ſich innerlich auszuruhen und zu ſammeln.— Obwohl eine Fürſtin, blieb ihr Schickſal doch immer ein menſchliches, und ihre erſte und nächſte Beziehung 41 zum Leben war die der Frau und Gattin; wenn ſie ſich daher ſehnte ihren Empfindungen nachhängen und mit dem Manne, dem ſie angehörte, Worte der Liebe aus⸗ tauſchen zu dürfen, wer mag es ihr verdenken?— Schlägt unter dem Purpurmantel das Herz doch nicht minder warm, wie wenn Lumpen es bedecken, und Königinnen bleiben immer doch auch Frauen. So gleichen endlich alle Lebenslooſe ſich aus. Erſt lange nach Mitternacht verlöſchten die Lam⸗ pen, wurde es in den Straßen ſtill, verſiegten die ſprin⸗ genden Fontainen mit rothem und weißem Weine, hörten Trompeten und Pauken zu tönen auf und die Müden ſuchten die Ruhe. Schweigen herrſchte nun in der im tiefen Dunkel ruhenden Stadt, über die jetzt die Sterne blitzend heraufzogen. Nur in einem Gartenzimmer des Graf Brühl'ſchen Palais brannte allein noch ein ein⸗ ſames Licht.— Schon entkleidet wanderte hier der mäch⸗ tige Miniſter unruhig in ſeinem Hauskleide von blauem Sammet mit goldener Stickerei geziert, umher, nachdem er ſeinen Kammerdiener längſt entlaſſen.— Da blickte die Gräfin, den ſilbernen Nachtleuchter in der Hand, be⸗ hutſam durch die Thüre.„ „Noch auf?“ fragte ſie.„Ich glaubte Deinen Schritt zu hören, und ſchlüpfte hinunter, um meine Neu⸗ 1860. IX. Maria Antonia. I. 3 gierde zu befriedigen. Wie gefällt Dir die junge Prin⸗ zeſſin? Welchen Eindruck hat ſie auf Dich gemacht?“ „Einen ſehr ſchlimmen,“ erwiderte der Günſtling, ſeine Braunen düſter zuſammen ziehend.„Sie iſt ge⸗ fährlich und mehr als gefährlich; denn— ſie hat Ver⸗ ſtand.“ S Prittes Cngitel. Der Beichtvater. Der Hof hatte einen Raſttag angeſetzt. Die vielen auf einander folgenden Feierlichkeiten erſchöpften auch den Genußſfüchtigſten, es mußte von Zeit zu Zeit eine Pauſe eintreten, um neue Kräfte zu neuen Vergnügungen zu ſammeln.— Gähnend erhob ſich Graf Brühl, wie gewöhnlich, heute um die ſechſte Stunde*), und warf, nachdem ſein Kammerdiener die ſchweren Damaſtvorhänge ſeines Schlaf⸗ gemaches zurückgezogen, einen Blick auf den von einer goldenen Sonne beleuchteten Garten. Noch lagerte der Thau auf Gras und Blumen, und ſpielte darauf mit ſei⸗ *) Villiam's Memoiren. — W— n zu h, in ter er ei⸗ 43 nen hellen Augen. Die Vögel ſangen ihr Morgenlied, die exotiſchen Gewächſe dufteten, die Fontainen plätſcherten mit eintönigem Murmeln belebende Friſche. Die Elbe, zu Füßen ſeines Gartens, lag wie ein heller Spiegel da, ge⸗ ſchmückt mit einzelnen Segeln; auf der großen Brücke ſuchte nur erſt ein einſamer Karren ſeinen Weg.— Ueber⸗ all war noch Ruhe. Keine Menſchenſtimmen drangen an das Ohr, es war der Tag mit ſeinen Sorgen noch nicht heraufgezogen, es herrſchte noch jene feierliche Sabbath⸗ ſtille, welche der Städter ach! nur zu ſelten auf ſich einwirken läßt, denn ſie erfüllt uns mit einer Andacht, wie keine Menſchenworte es zu thun vermögen. Der mächtige Miniſter ließ ſein Auge auf der Um⸗ gebung ruhen, ohne daß er mit ſeinen Gedanken ſah, was vor ihm lag; denn ſeine Stirne blieb ſorgenvoll, ſein Auge umwölkt und ſein Blick mehr nach Innen, wie auf die Außenwelt gerichtet. Der helle Tag leuchtete keine heiteren Gedanken in ſein Herz. Da wurde mit leiſer Hand die in ſein Cabinet führende Portiere zurückgeſchoben, und der Pater Gue⸗ rini, der Beichtvater des Königs, ſtand vor ihm. „Schon da!“ ſagte Graf Brühl, ſich umwendend, als er des Paters leiſen Schritt vernahm, und trat mit ihm in das Cabinet, wo Beide auf vergoldeten Lehnſeſſeln neben einander Platz nahmen.„Ich glaubte, Sie würden 3* nach der Unruhe dieſer Woche das Bedürfniß empfunden haben, einmal auszuruhen, während meine Sorgen mich nicht ſchlafen ließen.“ „Wie ſo?“ fragte der Prieſter neugierig geſpannt. „Sie wiſſen, daß ich die Prinzeſſin fürchte,“ ſagte Brühl mit halb leiſer Stimme. „Nun ja, aber bis jetzt doch ohne poſitiven Grund,“ fiel der Pater ihm mit dem Ausdruck geſteigerter Neu⸗ gierde in die Rede. „Freilich, Thatſachen liegen nicht vor,“ fuhr Brühl fort;„aber nicht minder begründet iſt darum meine Sorge. Schon daß ſie für Frankreich geſinnt iſt, darf mich beunruhigen, da ich mich aus Gründen auf die Seite Oeſterreichs ſtellen muß.“ „Dieſer Punkt ſcheint mir ungefährlich,“ erwiderte der Pater ſchlau,„da ja auch die Königin Oeſterreich haßt, ohne daß Ihnen je Schaden daraus erwachſen.“ „Die Königin, ja; denn bei der iſt es perſönlicher Neid, ſie gönnt Maria Thereſia ihre hohe Stellung nicht, ſie mag ihre Couſine nicht ſich bevorzugt ſehen, und be⸗ gehrt, als die S des älteren Prinzen, ſelbſt Kaiſ erin zu ſein. Dieſe ißgunſt iſt ungefährlich; denn mit ſolcher Empfindung richtet man nichts aus gegenüber von errun⸗ genen Rechten; überdies würde unſere Königin mir nie er , e er m⸗ ie 45 gefährlich ſein, weil ihr der Kopf dazu fehlt. Aber— die junge Churprinzeſſin!“— „Nun?“ fragte der Pater ungeduldig aufhorchend; „nun, was iſt es alſo mit der?“ „Sie hat— Verſtand.“ „Wie— das iſt Alles?“ rief der Prieſter erſtaunt. „Alles und ſchon zu viel. Eine Prinzeſſin, die Verſtand hat, iſt die gefährlichſte Perſon der Welt. Ver⸗ ſtand führt zu Ehrgeiz und auch zu Einſicht. Wir werden ſie nicht täuſchen können, wir müſſen ſie zu gewinnen ſuchen, ſie muß ſich auf unſere Seite ſtellen, oder— unſere Poſition wird fraglich.“ „Sie meinen das in allem Ernſte?“ erwiderte der Prieſter kopfſchüttelnd. „In allem Ernſte. Ueberlegen Sie nur, was eine Frau mit Verſtand Alles ausrichten kann. Erſtlich wird ſie das Herz des Churprinzen gewinnen und ihn beherr⸗ ſchen. Zweitens wird ſie den König durch ihren Geiſt und ihre Talente für ſich einnehmen und einen Einfluß auf ihn gewinnen. Drittens wird ſie ſich um das Land bekümmern, das ſie einſt beherrſchen ſoll, und ihr Ohr den Klagen nicht verſchließen, ſchon aus Oppoſition gegen uns.— Wenn es uns daher nicht gelingt, ſie unſerm In⸗ tereſſe zu gewinnen, wenn ſie uns nicht fürchten lernt, ſo haben wir mindeſtens eine ſchwierige Stellung.“ „Es mag wahr ſein, was Sie da ſagen,“ verſetzte der Prieſter nachdenklich, und ſuchte in ſich nach einem Rathe;„ich ſehe dann aber nicht ein, wie wir unſer In⸗ tereſſe zu dem ihrigen machen können, das ein ganz an⸗ deres Ziel haben muß, und weniger noch begreife ich, weshalb ſie uns fürchten ſollte, da wir die künftige Be⸗ herrſcherin dieſes Landes zu ſchonen doch jede Urſache haben.“ „Ich habe den Punkt entdeckt, wo wir ſie faſſen können,“ ſagte Brühl, dem Prieſter näher rückend und ſeine Lippen feſt an deſſen Ohr bringend.„Sie hat Schulden.“ „Schulden?“ fragte dieſer eben ſo leiſe zurück. „Ja, Schulden— Schulden, die ſie mitgebracht hat— Schulden, die ſie nicht bezahlen kann.“ „Hm!“ ſagte der Prieſter und legte den Finger ſinnend an die Lippen.„Aber ſie hat auch Credit.“ „Das wohl, wenn man ihre Gläubiger nicht ver⸗ anlaßt ſie zu drängen.“ „Freilich.“ „Saul hat mir in München Kundſchafter gewon⸗ nen, durch die ich das bewerkſtellige.“ „Aber der Churprinz wird für ſeine Gemalin be⸗ zahlen, denn er betet ſie an.“ „Er wird bezahlen, ſo weit ſeine Mittel reichen,“ VW N 47 ſagte Brühl mit ſchlauem Lächeln.„Dann aber wird ſie ihn nicht immer auf's Neue darum angehen mögen, und wer einmal die Neigung hat über ſeine Mittel hinaus⸗ zugehen, wer einmal geneigt iſt die Rechnung ohne den Wirth zu machen, der thut es wieder und wieder. Solche Leute ſind in dem Punkte unverbeſſerlich. Es iſt dies eine Schwäche und auch wieder eine Tugend des ſanguiniſchen Temperamentes. Man gibt, man kauft, man iſt frei⸗ gebig, man iſt großmüthig, alles ſchöne Eigenſchaften der Seele; wenn nachher aber die Rechnungen einlaufen, ſo kann man nicht bezahlen. Daß die junge Fürſtin in dieſem Punkte weder weiſer noch vorſichtiger werde, muß unſer Bemühen ſein; denn nur auf dieſer Seite können wir ſie faſſen, nur hier die Mittel in die Hand bekom⸗ men, um ſie zu unterdrücken.“ „Sehr klug erſonnen!“ rief der Prieſter.„Aber wenn ſie nun in ihrer Verlegenheit Aushülfe von Ihnen verlangt, wenn Sie die Kaſſen auch für ſie plündern ſol⸗ len, wie Sie es für den König thun?“ „So thue ich es nicht,“ ſagte Brühl den Kopf auf⸗ werfend.„Bei dem Könige iſt es mir ein Verdienſt ihm zu willfahren, denn er iſt der Herr; der jungen Chur⸗ prinzeſſin aber ſtelle ich die Pflicht und mein Gewiſſen und des Landes Wohlfahrt entgegen— und borge ihr da⸗ neben aus meiner Privatkaſſe.“ „Ah!“ rief der Prieſter, wie wenn ihm plötzlich ein Licht aufgehe. „Sehen Sie es nun, wo ich hinaus will?“ rief Brühl mit dem Ausdruck befriedigten Selbſtgefühles. „Sehen Sie nun, was ich im Schilde führe?“ „Ich ſehe es!“ erwiderte Guerini,„und ich wün⸗ ſche Ihnen Glück zu dem Plane, der Ihrer Combina⸗ tionsgabe alle Ehre macht.“ „Das iſt noch nicht Alles!“ verſetzte Brühl den Kopf aufwerfend.„Während Saul für mich in München Kundſchafter hält, hat Heinecke*) deren hier gewonnen, und zwar in der unmittelbaren Umgebung der jungen Prinzeſſin. Sie wiſſen, daß ſie ſich den baierſchen Haar⸗ künſtler mitgebracht hat?“ „Ja freilich! Und den?“ „Nicht ihn; denn ſo ein ehrlicher Baier iſt nur gut, um wie ein treuer Hund die Hand des Herrn zu lecken, der ihn füttert; ich konnte mich alſo ſeiner nur mittelbar und auf einem Umwege bedienen, indem ich eine hübſche Kammerzofe anſtellte ſein Herz zu gewinnen. Seiner Geliebten kann er nichts verſchweigen, und dieſe ſteht in meinem Solde.— Da er täglich eine lange Zeit *) Geheimſecretär, von geringer Herkunft, ſprach daher kein franzöſiſch. — d— 8 n 49 bei der Churprinzeſſin beſchäftigt iſt, ſo werde ich auf dieſem Wege Vieles erfahren, und an die kleinen Fäden knüpfen ſich dann größere an.“ „Gut erſonnen. Aber nun ſagen Sie mir auch, wie Sie ſich jetzt perſönlich zu der Churprinzeſſin zu ſtellen gedenken?“ „Wie ihr gehorſamer Diener. Ich ſchmeichle ihr, Sie aber müſſen ſorgen, daß die Königin keine Annähe⸗ rung an ihre Schwiegertochter verſucht; denn mit zwei Frauen iſt ſchlimmer fertig werden, wie mit einer, und verbündet, würden ſie uns das Leben nur noch mehr er⸗ ſchweren. Das junge Paar bleibe für ſich und bilde einen Kreis für ſich. In der unmittelbaren Nähe des Königs dulde ich Niemanden.“ „Und Niemand wagt es auch, länger Ihnen dieſen Platz ſtreitig zu machen.“ „Wenn nicht die Churprinzeſſin.— Ich hatte dar⸗ auf gerechnet, daß ihre Häßlichkeit den König gegen ſie einnehmen würde; aber weit gefehlt!— Sie iſt ſo unter⸗ haltend, geiſtreich und liebenswürdig, ſie weiß die Men⸗ ſchen ſo geſchickt bei ihrer ſchwachen Seite zu faſſen, daß ſie Alle gewinnt, die ſie für ſich einnehmen will. Als die Rede neulich auf Politik kam, ſagte ſie ganz unbefangen: ſie liebe es nicht, wenn Frauen ſich mit den Angelegen⸗ heiten des Staates beſchäftigen, und doch iſt es ganz bekannt, wie lebhaft ſie ſich in Baiern dafür intereſſirte ²), wie eifrig ſie die Kaiſerwahl ihres Vaters befördern wollte, und wie ſehr ſie es wünſchte ihren Bruder den⸗ ſelben Weg einſchlagen zu ſehen. Sie will uns alſo über ſich täuſchen, das iſt klar, und um ſo vorſichtiger müſſen wir verfahren.“ „Die Königin iſt verſtimmt darüber, daß die junge Churprinzeſſin durch ihre Talente ſo viele Lobſprüche von ihrem Schwiegervater erhält und daß Beide ſich in ſchö⸗ nen Worten gegen einander überbieten.“ „Dachte ich's doch!“ rief Brühl lachend.„Ja, ja! Das iſt ſo Frauenart, Neid und immer wieder Neid, als BZwillingsbruder ihrer Liebe.“ Zetzt klopfte es und ein Diener meldete den Ge⸗ heimſecretär Walter.—„Zu ſo früher Stunde!“ rief Brühl überraſcht.„Wäre es Heinecke, ſo könnte ich es faſſen; aber dieſer Menſch mit ſeiner unerträglichen Ehr⸗ lichkeit**s) wird mir nichts zu hinterbringen haben, das ſich nicht auch ſpäter ausrichten ließe. Doch— er mag kommen!“ Der Gemeldete trat ein. Kalt empfing Brühl die tiefe Verbeugung des Mannes und fragte mit vornehm Hanbury Villiam's Letters. William's Memvirs. 51 barſchem Tone:„Was wünſcht Er von mir zu ſo frü⸗ her Stunde, Monſieur Walter?“ „Excellenz!“ verſetzte der ſo Angeredete ſtehend, und richtete ſein Auge treuherzig auf das Geſicht des all⸗ mächtigen Mannes, der müde und gähnend zu ihm auf⸗ ſah, das Haar noch ungepudert, den Schlafrock nur nach⸗ läſſig übergeworfen, während der Geheimſecretär ſchon in voller Amtstracht war;„es droht Ihnen eine Gefahr, und ich komme Sie zu warnen.“ „Er ſcherzt!“ rief Brühl, während das Blut hoch⸗ roth in ſeine Wangen ſtieg und er ſich ſtolz emporrichtete. „Was mir drohen kann, wird Er nicht wiſſen; es wüßte es denn zugleich die ganze Welt.— Doch, laß er mich hören, was Er zu ſagen hat, und dann kann man urthei⸗ len, ob es ſich des frühen Ganges für ihn verlohnte.“ „Excellenz wiſſen, daß der Armee der Sold ſeit lange ſchuldig iſt und daß die Offiziere murren,“ fuhr der ehrliche Mann mit unerſchütterlicher Ruhe fort. „Das iſt eine alte Sache! Weiß Er ſonſt weiter nichts?“ erwiderte der Miniſter unwillig. „Excellenz wiſſen, daß der Graf Lenaid Ihr Feind iſt.“ „Wenigſtens ſcheint es ſo; denn er vermeidet mich und ſucht die Gunſt des Königs zu gewinnen, dem er ge⸗ fällt, weil er vortrefflich tanzt, vortrefflich reitet und noch 52 beſſer ſchießt. Sind das die Eigenſchaften, aus denen ſich ein Miniſter machen läßt, ſo würde er meine Stelle gerne vertreten. Indeſſen— dazu kommt es ſobald noch nicht.— Gut alſo! Nehmen wir an, Graf Lenaid*) ſei mein Feind— obwohl ich nun grade auch nicht wüßte, wen ich an dieſem Hofe als mir Freund nennen könnte— was ſoll das weiter beſagen, Walter?“ „Es will ſagen, Execellenz, daß ein Feind zu ſcha⸗ den ſucht, und dazu oft leichter die Mittel findet, als ein Freund, um zu nützen. Es iſt dem Grafen Lenaid alſo gelungen die Offiziere dermaßen aufzuwiegeln, daß ſie entſchloſſen ſind ihre Klagen hinter dem Rücken Eurer Excellenz vor das Ohr des Königs zu bringen, und daß ihnen die Gelegenheit dazu von ihrem Anſtifter vorberei⸗ tet wird.“ „Ah! Weiter nichts?“ rief Brühl die Lippe auf⸗ werfend. „So dachte auch ich, Ercellenz! Wenn man nur ſchnell einen Theil des rückſtändigen Soldes auszahlen könnte, ſo wären die Schreier für den Augenblick beru⸗ higt, und mit der Zeit käme dann auch fernerer Rath.“ „Wenn Er kein beſſeres Auskunftsmittel weiß, Walter, ſo kann ich ſeinen Rath nicht brauchen,“ ſagte ²) Villiam's Memoirs. Brühl aufſtehend und in ſichtlicher Unruhe das Zim⸗ mer meſſend.„Muß dies auch grade jetzt mir über den Hals kommen— grade jetzt, wo ich ohnehin ſchon meine Noth habe!— Wenn ich nur wenigſtens erfahren könnte, wer dieſe Offiziere ſind, nur wenigſtens das wie? und wo? und wann? ihrer Abſichten zu entziffern ver⸗ möchte!— Aber freilich— Er wird mir dazu nicht ver⸗ helfen, Walter! Er beſitzt dieſe feinen Fühlfäden nicht, die aus halben Worten ganze Räthſel zu löſen wiſſen; dazu muß ich mir den Heinecke rufen laſſen.“ „Ich beſchwöre Eure Excellenz den ſichern Weg zu gehen und mit einer kleinen Summe die Leute zu be⸗ ſchwichtigen; denn es iſt wahrlich nicht böſer Wille, ſon⸗ dern Noth, was ſie treibt. Man borgt ihnen nicht län⸗ ger, ſie können in ihrer Stellung ſo ganz ſchlecht nicht leben, und ſie wiſſen in der That nicht, wie ſie ihr Leben friſten ſollen. Es wäre daher wirklich in jedem Bezug das beſte, ſie durch eine kleine Summe zufrieden zu ſtel⸗ len; denn Noth kennt kein Gebot.“ „Sie ſoll aber ein's kennen, denn wozu wäre ich Miniſter? Sie ſoll ein's kennen.— Die Leute ſollen ſich der Nothwendigkeit fügen lernen; und der Bürger ſoll wiederum ihnen verabfolgen laſſen, was ſie bedürfen, das iſt das Volk den Vertheidigern des Vaterlandes ſchuldig.— Gehe Er jetzt zu Heinecke, unterrichte Er ihn von der — 54 Sache und ſende ihn mir wo möglich noch hex, bevor ich mich zum Könige begebe. Ich kann mit ihm ſprechen, während ich mich dann ankleide.“ Walter empfahl ſich und bewegte ſich rückwärts dem Ausgange zu. Indeſſen ergriff Brühl die Schelle und ließ ſie laut ertönen. Pater Guerini erhob ſich, um ſich zu entfernen. Als er aus dem Cabinete trat, kam ihm eine Dame eiligen Schrittes entgegen.„Iſt mein Ge⸗ mal ſchon bei der Morgentvilette, oder kann ich ihn noch ſprechen?“ fragte die Gräfin den Pater und ſchien höchſt aufgeregt. „Ich rathe Ihnen nicht jetzt einzutreten, denn eine ſehr unangenehme Angelegenheit beſchäftigt ihn,“ erwi⸗ derte der Prieſter abwehrend. „Daß ich auch nie den Augenblick finden kann, wo er für mich und meine Kinder Zeit hat,“ ſeufzte die Grä⸗ fin.„Sie hatten mir verſprochen ihn dem Einfluß der Magenska zu entziehen, Pater Guerini, und haben Ihr Wort ſchlecht gehalten; denn jede freie Stunde bringt er bei ihr zu. Während der König die Meſſe beſucht, iſt er dort, und jeden Abend widmet er ihrer Geſellſchaft*), ſo daß ich ihn an manchen Tagen kaum erblicke.“ *) Hanbury Villiam, engliſcher Geſandter bei Auguſt IIl. 55 „Ma fille,“ ſagte der Prieſter ſalbungsvoll;„wir Alle tragen unſer Kreuz, und wer es mit heiterer Stirne auf ſich nimmt, trägt es ſicher auch am leichteſten.“ Biertes Capitel. Die Sprüche Salomo's. Die Feſte waren vorüber. Damit gewann Maria Antonia die erwünſchte Muße, um ſich in der Reſidenz⸗ ſtadt ihres neuen Vaterlandes umzuſehen. Sie hatte dieſen Augenblick mit Ungeduld herbeigeſehnt; denn ihr lebhaftes Temperament ließ nicht gerne hinausſchieben, was ſie der Minute abzugewinnen vermochte. Die Etikette am Hofe Auguſt's III. war ſehr ſtrenge. Die junge Churprinzeſſin durfte ſich nicht über ein Cere⸗ moniell erheben, das die Königin Maria Joſepha als unerläßlich betrachtete. Was ſie daher unternehmen wollte, mußte erſt der Billigung ihrer franzöſiſchen Oberhofmei⸗ ſterin, der Baronin von Freyberg geb. Marquiſe von Roiſin, unterworfen werden, deren Urtheil ihr eigener Gatte nicht zu widerſprechen wagte.— Die herrliche Gemäldeſammlung in Augenſchein zu 56 nehmen, welche von Auguſt III. von dem Herzoge von Modena für die unerhörte Summe von 100.000 Zechi⸗ nen erſt kürzlich angekauft und in den Räumen des Stall⸗ gebäudes möglichſt vortheilhaft aufgeſtellt war, gehörte zu Maria Antonia's Lieblingswünſchen.— Sie hatte ſich ſelbſt viel mit der Malerei beſchäftigt und porträtirte recht artig. Konnte ſie ſich auch nicht Kennerin ſolcher Schätze nennen, ſo hegte ſie doch das lebhafteſte Intereſſe dafür und beſaß ein durch gute Meiſter gebildetes Urtheil. Strahlend vor Freude hörte ſie heute die Stunde ſchlagen, wo der Inſpector der Gallerie die Ehre haben ſollte, die junge Fürſtin in die durch den Genius von Jahrhunderten geheiligten Räume einzuführen. Dem ge⸗ heimen Kämmerer Adam Steinhauſer ward es aufgetra⸗ gen, der Cicerone der Prinzeſſin zu ſein und ſie auf die Meiſterwerke der italieniſchen Schule aufmerkſam zu machen. So gering die Entfernung vom Palais bis an die Bildergallerie, ſo durfte Maria Antonia doch nicht zu Fuße dieſe Strecke zurücklegen, ſo wie es ihr überhaupt nicht geſtattet war, die Straßen zu betreten. Dieſe Un⸗ freiheit war für ihre Jugend ein großes Opfer; dies Wollen und nicht Können, wo es ſich nur um eine Sitte und um kein Geſetz der Sittlichkeit handelte, legte ihr einen härteren Zwang auf und forderte größere 57 Selbſtverleugnung, als wie die herbſten Schickſalsſchläge es vermocht. König Auguſt wußte um dieſen Morgenbeſuch ſeiner Schwiegertochter, und war ganz aufgeregt in dem Gedan⸗ ken, welchen Eindruck ſeine Gemälde auf ſie hervorbringen würden. Er liebte ſeine Bilder— faſt ſo ſehr wie ſeine Königskrone. Sie waren ſein erſter Gedanke bei ſeinem Erwachen, ſie waren ſein liebſter Traum in der Nacht, und wünſchte er ſich Schätze, ſo geſchah es nur, um ſie gegen ſolche ihm noch werthvollere zu vertauſchen. Wie eine Schöne ſich nach koſtbaren Gewändern ſehnt, und dann vor den Spiegel hintritt, um ſich in den neuen prächtigen Farben zu bewundern; ſo auch fühlte König Auguſt bei jedem Zuwachs ſeiner Kunſiſchätze auf's Neue den Vorzug ein Fürſt zu ſein, dem die Börſe ſeiner Unterthanen zur Befriedigung ſeiner Neigungen geöffnet ſein muß. Er war nicht ohne Eitelkeit. Kein deutſcher Fürſt beſaß Schätze, wie er ſie angehäuft, keiner konnte ſich mit ihm meſſen in Bezug auf den Glanz ſeines Hofes, keiner war ein Beſchützer aller ſchönen Künſte gleich ihm und keiner hatte ſich den Namen des Prächtigen verdient, wie er.— Seine Schwiegertochter ſollte nun erkennen und täglich mehr erkennen, welch' ein Glück es für ſie ſei dem ſächſiſchen Fürſtenhauſe anzugehören und ſich ſchmei⸗ 1860, IX. Maria Antonia. I. cheln zu dürfen, einſt die Beſitzerin ſeiner Schätze, einſt die Beherrſcherin dieſes ſchönen Landes zu werden. Zerſtreut durch ſolche und ähnliche Gedanken ließ der König mit ſeiner Toilette geſchehen, was ſeine Diener aus täglicher Gewohnheit vorzunehmen wußten, ohne daß er ſelbſt ihre Bemühungen um ihn leitete. Sein Leibbar⸗ bier, Hofmann*), war mit ſeinem Barte beſchäftigt, als eben ſchon die neunte Stunde ſchlug, wo Graf Brühl gewöhnlich vor ſeinem königlichen Herrn zu erſcheinen pflegte. Unruhig wandte ſich Auguſt hin und her, und ſprang eben mit einem gewaltigen Fluche auf, als der allmächtige Miniſter eintrat. Fragend blickte dieſer nach der Urſache dieſes ungewöhnlichen Zornausbruches ſei⸗ nes königlichen Herrn; aber ſchon nahm dieſer ſelbſt das Wort, um ſeine Klage laut zu führen. „Ich weiß nicht, was Ihm fehlt, Hofmann, ob er betrunken oder verliebt iſt, um ſich ſo ungeſchickt zu beneh⸗ men,“ rief er zornig aus.„Sehen Sie nur, Graf Brühl, er hat mir eine Schramme über der Lippe beigebracht, daß das Blut quillt.“ „Majeſtät ſaßen nicht ruhig,“ erwiderte der Bar⸗ bier niedergeſchlagen. „Nun ſoll ich wohl noch gar ſelbſt die Schuld tra⸗ *) Staatskalender 1747. gen,“ rief der König unmuthig.„Wenn Er ſein Amt nicht beſſer verſehen kann, ſo gibt es noch andere Leute in Unſerem Lande, die es können.“ „Ich bitte Eure Königliche Majeſtät mir zu verzei⸗ hen,“ ſagte der Diener, demüthig auf ſeine Knie ſinkend. „Ich wollte bei Gott! lieber meine beiden Lippen ein⸗ gebüßt haben, als die Ihrer Majeſtät auch nur durch eine Schramme zu verletzen!“ Die Stellung des gedemüthigten Barbiers hatte. etwas Komiſches. Seine Hände über die Bruſt gefaltet, ſah er zu ſeinem Herrn mit ſeinen kleinen blauen Augen mit rührender Treue empor, während die Furcht vor deſ⸗ ſen Ungnade ſich in ſeinen Mienen ſpiegelte. König Auguſt beſaß ein gutes Herz. Dazu fehlte ihm nie ſein künſtleriſches Auge.„Wenn man den Men⸗ ſchen doch ſo malen könnte!“ ſagte er, zu Brühl gewandt, mit beſänftigter Miene.„Aber die Stellung und vor Allem der Ausdruck ſeiner Geberden nimmt ſich ſo nicht wieder auf.“ „Ich will ihn feſthalten,“ ſagte der Barbier freu⸗ dig,„ich will ſo liegen bleiben, bis Ihre Majeſtät einen Maler herbeirufen, um mich abzuconterfeien, wenn ich dann nur hoffen darf, Ihrer Gnade wieder würdig zu ſein.“ Der König lachte laut auf und Brühl ſtimmte 4* mit ein; denn der plötzliche Ausdruck von Freude und Hoffnung in den Mienen des Knieenden hatte das Bild ſchon verdorben. „Es iſt damit ſchon vorbei, Hofmann,“ ſagte der König;„ſo wie Er jetzt ausſieht, wäre es ſchade um das Geld, wenn ich ihn malen ließe; geh' Er alſo nur— und, es iſt Ihm verziehen.“ Der Barbier ſprang entzückt auf und verließ unter lautem Danke des Gemach. „Nun, was gibt es Neues?“ fragte der König, ſo wie er ſich mit Brühl allein befand. „Soll ich Eurer Majeſtät von Geſchäften ſprechen? Wünſchen Sie zu wiſſen, welche Briefe ich dieſen Morgen und Pater Guerini durchgeſehen?“ „Nicht doch. Verſchonen Sie mein Ohr damit. Ich will nicht darum König ſein, um mich mit den langwei⸗ ligſten Dingen zu plagen. Erzählen Sie mir etwas Luſti⸗ ges, ſagen Sie mir, was es Neues in der Stadt gibt, wie man ſich liebt und wie man ſich haßt, und welche neuen Intriguen mein Theaterperſonal ausgeſonnen.“ Brühl athmete hoch auf. Er war heute mit der geheimen Sorge vor dem König erſchienen, es könne deſſen Ohr bereits die Klagen der Offiziere erreicht haben; aber dieſe Fragen befreiten ihn von aller Angſt in dem 61 Bezug. Mit erleichtertem Herzen und heiterer Miene er⸗ widerte er daher: „Ich habe Ihnen eine ſehr luſtige Geſchichte mitzu⸗ theilen, Majeſtät; aber ſo lang, daß ich nicht weiß, wo ich beginnen ſoll, um Sie nicht zu ermüden.“ „Es iſt ja noch lange hin bis zur Meſſe,“ ſagte Auguſt, und ließ ſich behaglich in ſeinen Lehnſeſſel nieder, während Brühl ein Tabouret vor ihm einnahm;„ent⸗ ziehen Sie mir alſo nichts von einem amüſanten Stoffe. Weiß Gott! das Leben iſt ſo dürr genug— wenigſtens für uns arme Fürſten, die man mit ſo viel Politik zu plagen liebt.“ „Denken Sie nur, Ihr Hofminiaturmaler, der Iſmael Mengs, hat Kinder!“ rief Brühl aus. „Nun, wenn es weiter nichts iſt,“ ſagte der König lachend.„Das paſſirt auch andern Leuten.— Er ſieht mir aber nicht grade ſo aus, als ob er für dieſe Kinder auch eine hübſche Mutter hätte, und darum will er ſie vielleicht nicht anerkennen?“ „Nein, nein!— Doch, ich will meiner Geſchichte nicht vorgreifen. Hören Sie alſo.— Der Mengs lebt, wie Sie wiſſen, ganz ſtill für ſich, hat keinen Freund und geht mit Niemandem um. Er malt und ſpielt zur Er⸗ holung ſeine Flöttravers, das iſt Alles, was man von ihm weiß. Er bewohnt ein Haus für ſich, empfängt nie 62 einen Beſuch. Eine Magd beſorgt, was er braucht, und holt ſeine Bedürfniſſe herbei, ohne ſeinen Nachbarn je Rede zu ſtehen.— So erfuhr denn kein Menſch, daß er verheirathet ſei und Kinder habe.“ „Aber das iſt ja ganz unmöglich!“ rief der König dazwiſchen.„Iſmael Mengs ſteht in meinem Dienſte und hätte mir Anzeige davon machen müſſen.“ „Freilich! Aber Eure Majeſtät waren oft in Polen, und ſo mag er eine ſolche Abweſenheit benutzt haben, um ſich eine Frau aus Zittau zu holen, die ihm dann bald darauf wieder geſtorben iſt.“ „Aber woher kommen denn die Kinder?“ fragte der König lachend.„Oder hat ſie ſie ſchon etwa zuge⸗ bracht?“ „Nein, nein! Sie lebten vielleicht ein halbes Dutzend Jahre mit einander und eine hübſche Ehe mag das gewe⸗ ſen ſein; denn der Mengs führte ſeine Gattin nie aus dem Hauſe und lebte auch damals wie jetzt. Sie hinter⸗ ließ ihm dann vier Kinder, und dieſe Kinder ſind es, um die es ſich nun handelt. Majeſtät werden ſich erinnern, daß Mengs vor ein paar Jahren Urlaub forderte, um nach Rom zu gehen, und Sie in Ihrer gewöhnlichen großmüthigen Weiſe ihm das geſtatteten.“ „Damit er ſich in ſeiner Kunſt vervollkommne. Ja wohl! Ich entſinne mich deſſen.“ „Nun denn. Dort in Rom hat unſer Sänger Annibal ihn geſehen, und zwar in einer der Gemäldeſammlungen, die er in Begleitung von drei Kindern in Augenſchein nahm.— Vorgeſtern Abend nun iſt Annibal bei dem Maler Silveſtre*) und ſingt mit deſſen Tochter; da tritt plötzlich Iſmael Mengs in das Zimmer und hört ihm mit wahrem Entzücken zu.— Als das Lied zu Ende, ruft er:„Da capo, Annibal. Sie ſingen wahrhaft gött⸗ lich! Ich bitte Sie! das Lied noch einmal!“ Dieſer, mit ſeiner heitern, liebenswürdigen Manier, antwortet:„Ger⸗ ne, mein lieber Mengs! Aber— eine Hand wäſcht die andere. Wenn ich Ihnen verſpreche zu ſingen, ſo ver⸗ ſprechen auch Sie mir etwas dagegen.“—„Alles, was Sie wollen,“ ruft Mengs, immer noch wie verzückt aus.„Sie ſingen ſo ſchön, daß ich Ihren Willen thun muß, in was es auch ſei.“—„Gut denn,“ erwidert Annibal;„ich ſinge, und dafür zeigen Sie mir morgen früh Ihre Kin⸗ der.“— Auf dieſe Entgegnung ſchien Mengs nicht gefaßt zu ſein. Er ſah wie verdutzt aus. Die ganze Geſell⸗ ſchaft lachte, und Jeder rief ihn an:„Wie 2 Sie haben Kin⸗ der?“— Das mochte ihm ſehr peinlich werden; doch faßte er ſich und erwiderte:„Es ſei, ich muß Ihren Willen thun, Annibal; denn Ihre Töne bezaubern mich. Kom⸗ *) Bianconi, Briefe über Mengs. men Sie alſo morgen früh zu mir, aber allein; denn bringen Sie mir Jemand von dieſem Hofgeſindel mit, ſo bleibt Ihnen meine Thüre verſchloſſen.“— Da man an dem Iſmael Mengs ſchon ſolche Redeweiſe kannte, ſo nahm es Niemand übel, ſondern man lachte. Annibal fing indeſſen ſein Lied noch einmal zu ſingen an, und der Mengs vergaß darüber alles Andere und geberdete ſich wie ein Verzückter. Als aber der letzte Ton verhallte, verſchwand er, ſeine Thränen trocknend, leiſe aus dem Zimmer.“— „Am folgenden Morgen begab ſich nun Annibal wirklich nach der Wohnung des Mengs; denn er hatte in Rom ſo manches Sonderbare über deſſen Lebensweiſe gehört, das ihn neugierig machte, ſeine Familie kennen zu lernen. Er fand den Iſmael in einem ſchlecht möblirten Zimmer, vor einem einfachen Holztiſche ſitzend, auf dem verſchiedene Peitſchen neben einer aufgeſchlagenen Bibel lagen.— Annibal nahm auf einem elenden Rohrſtuhle neben ihm Platz und fragte:„Wozu dieſe Marterinſtru⸗ mente?“—„Salomon ſpricht: Wer ſein Kind lieb habe, der züchtige es,“ erwiderte Mengs in ſeiner ſtrengen Weiſe.—„Vorausgeſetzt, daß die Kinder es verdienen,“ entgegnete Annibal.—„Die Erbſünde iſt in ihnen allen, die Erbſünde der Faulheit,“ verſetzte Mengs.—„Sie machen vielleicht zu große Anſprüche,“ erwiderte Anni⸗ 65 bal.—„Herr, ſind Sie gekommen mich zu tadeln?“ fuhr Mengs auf. Doch ſich eben ſo ſchnell wieder be⸗ ſänftigend, fügte er hinzu:„Ich vergeſſe, was ich Ihnen ſchuldig bin für Ihren göttlichen Geſang und daß ich Ihnen nichts übel nehmen darf. Kommen Sie! Ich will jetzt mein Verſprechen erfüllen.“ Damit ſtand er auf, öffnete die Thüre nach dem Nebenzimmer, in deſſen Mitte, um einen Tiſch, die drei Kinder emſig zeichnend ſaßen, ohne einen Blick von ihrer Arbeit zu verwenden.“ „Annibal trat näher und ſah ihnen über die Schulter. Da erſtaunte er nicht wenig über die Vortrefflichkeit ihrer Arbeit.„Das ſind ja wahre Künſtler!“ rief er aus. „Sie müſſen ſtolz ſein, ſolche Kinder zu beſitzen!“— „Während deſſen fiel ſein Auge auf die Wand, wo ein treffend ähnliches Bruſtbild des Iſmael Mengs hing, neben dem Portrait eines jungen Menſchen mit langen, blonden, aus der Stirne zurückgeſtrichenen Haaren, das dem am Tiſche zeichnenden Sohne zum Sprechen ähnlich ſah.“ „Wer hat dieſe Bilder angefertigt?“ fragte An⸗ nibal, ganz aufgeregt vor Erſtaunen.—„Der Knabe da!“ erwiderte Mengs trocken.—„Iſt es möglich?“ rief Annibal außer ſich.„So jung noch und ſchon ſo ge⸗ ſchickt! Sage mir, könnteſt Du auch mich ſo gut treffen, wie Du Deinen Vater und Dich ſelbſt gezeichnet haſt?“ „Der junge Menſch blickte jetzt zum erſten Male auf, ſah den Sänger mit ſeinen ſchönen, klugen Augen forſchend an und erwiderte dann:„Wenn mein Herr Va⸗ ter es befiehlt, ſo werde ich Sie zu Ihrer Zufriedenheit zeichnen!“ „Herrlich! Vortrefflich! Laſſen Sie mich ſehen, wie dies Genie von einem Knaben meine Züge wieder⸗ gibt! Ich bitte Sie darum, mein lieber Mengs! Schla⸗ gen Sie mir dieſe Bitte nicht ab!— Nicht wahr, Sie willigen ein?“— So redete unſer Annibal in ſeiner Begeiſterung fort, ohne eine Antwort abzuwarten. Der alte Mengs war indeſſen in das andere Zimmer gegangen und hatte von dort einen Bogen blaues Papier geholt. „Sie wiſſen ja, daß ich Ihnen nichts verweigern kann,“ ſagte er zurückkehrend zu Annibal, und legte das Blatt vor ſeinen Sohn auf den Tiſch.„Nun, zeige, was Du leiſten kannſt, Anton Raphael, und mache mir Ehre. Ich aber gehe indeſſen in das andere Zimmer, denn er iſt einmal daran gewöhnt nicht in meiner Gegenwart zu ar⸗ beiten— wandte er ſich gegen Annibal zurück— ſondern nur von mir durch ein in der Thüre gebohrtes Loch be⸗ obachtet zu werden. Ich laſſe Sie alſo jetzt hier allein.“ Damit ſchloß er die Thüre und der Knabe begann ſeine Arbeit. Annibal ſtörte ihn dabei nicht. Er ſah erwartungs⸗ voll dem Reſultate entgegen, ließ ſeine Blicke auf der 67 geſchäftigen Hand ruhen und beobachtete das intelligente Geſicht des Knaben.“ „Eine Stunde mochte vergangen ſein, da ließ ſich durch eine kleine Höhlung in der Thüre die Stimme des Iſmael Mengs vernehmen.„Kann ich kommen?“ fragte er.—„Sogleich, mein Herr Vater!“ antwortete der kleine Künſtler. Der Knabe machte nur noch ein paar Striche, dann öffnete ſich die Thüre und der alte Mengs erſchien, um die Arbeit zu prüfen. Auch Annibal erhob ſich nun und blickte mit geſteigerter Neugier nach dem Portrait. Aber wie ſtieg jetzt ſeine Verwunderung, als er in dieſem kurzen Zeitraum ein vollendet ſchönes Bild erſtanden ſah!“ „Wahrhaftig!“ fiel der König überraſcht ein.„Das iſt ja ein Wunderkind! Und von deſſen Exiſtenz haben wir bisher kein Wort gewußt!“ „Annibal konnte ſich gar nicht faſſen vor Erſtau⸗ nen über dies lebensvolle Portrait, das ihn ſprechend ähnlich darſtellte. Er wollte das Bild durchaus mitneh⸗ men, wollte es beſitzen; der alte Mengs gab dies aber nicht zu.„Es muß ein Geheimniß bleiben, was Sie hier geſehen und erfahren,“ ſagte er ernſt.„Und damit Ihre Zunge Ihnen nicht mit einer unbeſonnenen Rede davon laufe, ſo ſchwören Sie mir hier auf meine Bibel das un⸗ verbrüchlichſte Schweigen.“ Annibal wollte ſich dazu nicht verſtehen. Er könne nicht ſchwören, was er nicht zu halten im Stande, ſagte er. Mengs wollte ihn zwingen. Jetzt wurde Annibal böſe, und als der Andere dann nicht minder ſich ereiferte und endlich drohte und ſchimpfte, lief unſer Sänger zum Hauſe hinaus und graden Weges zum Pater Guerini, dem er, noch ganz voll von dem Vorgange, getreulich die ganze Scene ſchilderte.“ „Und das Bild?“ fragte König Auguſt. „Das Bild blieb zurück, Majeſtät.“ „Ich will das Bild ſehen, Brühl. Senden Sie hin zu Mengs und laſſen Sie es holen, während ich in der Meſſe bin. Iſt es ſo gut, wie Sie ſagen, ſo wird aus dem Knaben ein trefflicher Künſtler werden, zum Stolz und zur Ehre Unſeres Landes.“ Brühl verſprach dem Wunſche des Königs nachzu⸗ kommen, und war froh, ihn mit ſo ungefährlichen Dingen beſchäftigen zu können. Die eilfte Stunde war indeſſen herangekommen. Auguſt III. begab ſich in die Meſſe und ſein Miniſter zu der ſchönen Gräfin Magenska, die er ſehr verehrte*). Bevor er jedoch ſeine Schritte nach dem Hauſe dieſer Dame lenkte, ſandte er einen Hoflakaien an den Hofmi⸗ niaturmaler Iſmael Mengs mit dem Befehle ab, im *) William's, Memvirs. 69 Namen ſeiner Majeſtät das Portrait des Annibal zu fordern.— Während der König vor dem Allerheiligſten ſeine Knie beugte und in Demuth ſich vor dem Kreuze neigte, deſſen Bürde er ſo ferne von ſich zu halten ſuchte, ſtand Maria Antonia vor der Nacht von Correggio und betrach⸗ tete mit ſprachloſem Entzücken dies Meiſterwerk des gro⸗ ßen Künſtlers. Im Anſchauen deſſen, was ſein Genius ſchuf, fühlte ſie ſich weit erhoben über den Staub unter ihren Füßen, fühlte ſie die Nähe der Gottheit, welche mit einem Funken ihres ewigen Lichtes die Seele des Meiſters getränkt und ihm von ihrer ſchöpferiſchen Kraft mitgetheilt. Ein Gefühl des ſchmerzlichſten Mitleidens mit ſich ſelbſt bemächtigte ſich eine Minute lang des Herzens der jungen Fürſtin, als ihr Auge ſo von Bild zu Bild umher⸗ wanderte, die herrliche Palma Vecchios, den Zinsgro⸗ ſchen, und ſo manche dieſer unvergleichlichen Werke ſah, mit denen Auguſt der Prächtige ſeine Sammlung berei⸗ chert.—„Wer auch ſo etwas ſchaffen könnte!“ flüſterte eine Stimme in ihrem Innern.„Wer doch auch zu ſeiner Lebensaufgabe die Darſtellung des Ewigen, des Idealen, des Schönen in der Natur machen dürfte! Ach! Eine Fürſtin ſein, heißt ſich Alles das verſagen, was uns das liebſte iſt; heißt der ſchönſten Entwickelung ſeiner Na⸗ 70 tur verluſtig gehen; heißt ein gewöhnlicher Menſch blei⸗ ben!— Um das Große, das Vollkommene zu leiſten, muß man ſein ganzes Leben einſetzen.— Wo ich ſinge, dichte, male, componire, kann es immer nur die Leiſtung eines Stümpers ſein, und— das höchſte Glück der Erde bleibt doch, zu ſchaffen, was uns ſelbſt genügt und Gegen⸗ wart und Nachwelt noch erfreut.“ Eine Hand legte ſich hier auf Ihre Schulter und ſtörte ſie aus ihrem Nachdenken auf. Sie ſah ſich um, und König Auguſt ſtand hinter ihr. Er ſah ſie mit fragender Miene an. „Haben Sie Ihre Erwartungen entſprochen gefun⸗ den?“ redete er ſie an. „Uebertroffen, Majeſtät, ſo daß ich die Sprache darüber verloren habe,“ rief Maria Antonia, ſich tief verbeugend. „Ja, ſie ſind ſchön, meine Bilder,“ ſagte der König, ſich der Wand zuwendend und mit den Augen eines Lieb⸗ habers ſeine Schätze muſternd.„Das Herz geht mir auf, ſo oft ich in dieſe Räume trete! Ich freue mich, daß Sie meinen Geſchmack theilen, und mir beiſtehen werden zu ſammeln und zu ordnen, bis Wir unſere Hauptſtadt zu einem Sitze aller ſchönen Künſte gemacht.— Aber— da fällt mir ein, was meiner wartet. Denken Sie nur, Frau Churprinzeſſin, daß ich einen Knaben entdeckt, welcher 71 einer der größten Künſtler der Erde zu werden verſpricht, und daß ich bis heute die Exiſtenz dieſes Knaben nicht einmal geahnt.— Begleiten Sie mich, und Sie ſollen dieſes Genie mit mir kennen lernen.— Eben als ich aus der Meſſe kam, brachte man mir ein Portrait des Anni⸗ bal, das der Knabe geſtern in einer Stunde angefer⸗ tigt— und— zum Entzücken war es gemacht! Ich ſage Ihnen, zum Entzücken!— Ich habe nun ſogleich die ganze Familie an den Hof befohlen.— Begleiten ſie mich, ma chère princesse, und nehmen Sie mit mir dies Wun⸗ derkind in Augenſchein.“ Maria Antonia folgte dem Könige ohne Widerrede. Die Gallerie ſtand ihr ja täglich offen, und ihres Schwie⸗ gervaters leiſeſte Wünſche waren ihr Befehl.— Als ſie in das Schloß zurückkehrten, begegnete ihnen Graf Brühl mit der Nachricht, daß man die halb nackten Geſchöpfe nur noch erſt eilig ankleide und friſire, um ſie wohlan⸗ ſtändig vor das Auge ihres Königs zu führen.— Kaum hatte man das Empfangzimmer betreten, ſo meldete der dienſtthuende Kammerherr, Graf von Werthern, auch ſchon die Ankunft des Hofminiaturmalers Iſmael Mengs, welcher mit ſeinen drei Kindern um Vorlaſſung bitte. Erwartungsvoll ſah der König ihrem Eintritte ent⸗ gegen.— Iſmael Mengs, ſeinen Knaben an der Hand, ——— — trat zuerſt ein; ihm folgten die beiden Mädchen, mit hochgepuderten Häuptern, die ſie aus Ungewohnheit auf ihren Schultern trugen, als ob ſie ihnen nicht angehörten. Nach den ſeltſam ungeſchickteſten Verbeugungen und Reverenzen, welche man je an einem Hofe geſehen, ſtellte Mengs ſeine drei Kinder dem Könige vor. Dieſer rich⸗ tete ſeine beſondere Aufmerkſamkeit auf den ſchönen, blon⸗ den Anton Raphael. „Warum dieſe beiden Namen?“ fragte Auguſt III. den Vater des jungen Künſtlers. „Majeſtät, ich nannte ihn ſo, weil ich ihn von ſei⸗ ner Geburt an dazu beſtimmte, ein Künſtler zu ſein, und die Schönheiten des Correggio und des Raphael in ſich zu vereinen.“ „Ein lobenswerthes Vorhaben, dem Wir wünſchen wollen, daß es zu Gottes und Unſerer Ehre gelinge,“ er⸗ widerte der König.„Um uns aber mit eigenen Augen von dem Talente unſeres ſächſiſchen Raphael zu überzeu⸗ gen, wollen Wir ihn jetzt ein Bild von Uns ſelbſt malen laſſen, ſo wie er geſtern den Annibal porträtirt. Willſt Du das unternehmen, Anton Raphael?“ „Wenn es mein Herr Vater—“ „Nicht doch, Junge!“ unterbrach ihn Mengs mit einem Wink des Auges. „Wenn es mein Herr König befiehlt,“ ſetzte nun 4 73 der Knabe hinzu, und bemühte ſich dabei eine ſpaniſche Reverenz zu machen. Dann erhob er ſich und nahm vor der für ihn bereit geſtellten Staffelei Platz. Seine Schüch⸗ ternheit war nun ſcheinbar verſchwunden. Mit dem Stifte in der Hand, gehörte er ſeiner Kunſt und vergaß die Könige der Erde. Auguſt ſaß erwartungsvoll dem jugendlichen Künſtler gegenüber und Maria Antonia be⸗ obachtete aufmerkſam aus der Ferne den Fortgang der Zeichnung. Staunen malte ſich in ihren Blicken, ſo wie das Bild heranwuchs und die wunderbarſte Aehnlichkeit ſie aus demſelben anſprach. Ja, ſo zeichnen zu können, grade ſo! das war ein Glück, das ihr Herz begehrte, ihre künſtleriſche Seele nach⸗ empfand. Lautloſe Stille herrſchte im Gemache, ſo daß man ſelbſt den Fortſchritt des Zeigers an der großen antiken Wanduhr in ihrem Minutengange vernahm. Zetzt hub ſie aus die Stunde anzuſchlagen. Es war die Zeit des Mittagsmahles. Fragend richtete der Oberhofmarſchall, Graf von Einſiedel, den Blick auf den König, und un⸗ ſchlüſſig gab dieſer ſeine ſtumme Antwort zurück. Dem aufmerkſamen Blicke des alten Mengs war dieſe ſchweigende Zwiſchenſprache nicht entgangen. Er hatte, in ehrerbietiger Ferne ſich verhaltend, nicht geſ ehen, wie weit das Bild ſeines Sohnes gediehen, und nur dem 1860. IX. Maria Antonia. I. 5 74 Verlaufe der Zeit nach beurtheilen können, wie weit es ungefähr fortgerückt. Jetzt trat er vor, nahm es, ohne erſt zu fragen, von der Staffelei und hielt es dem Könige entgegen. „Ich hoffe, daß Eure Majeſtät meinem Sohne Anton Raphael, eine zweite Sitzung geſtatten werden,“ ſagte er ehrfurchtsvoll;„denn unſern gnädigſten Lan⸗ desherrn möchte er in größerer Vollendung wiedergeben, als die nur flüchtig hingeworfene Skizze des göttlichſten Sängers Ihrer Oper.“ „Wie? Iſt es möglich?“ rief Auguſt III. aus, in⸗ dem er faſt entſetzt vor der Aehnlichkeit mit ſich ſelbſt zu⸗ rückſchreckte.„Wie hat der Knabe das in einem ſo kurzen Zeitraume möglich zu machen gewußt?“ „Es iſt unübertrefflich!“ rief Maria Antonia be⸗ geiſtert.„Der Knabe beſitzt ein Talent, das ihm alle Meiſter der Erde beneiden könnten.“ „Wunderbar!“ fügte Brühl hinzu. „Mein Gemal, wie er leibt und lebt,“ ſagte die Kö⸗ nigin Maria Joſepha in ihrer freundlichen Weiſe.„Das Bild muß ich beſitzen.“ „Es wird für's Erſte in meinem Schlafgemache hängen,“ fiel der König ein;„denn es freut mich, daß ein geborener Sachſe ſich dermaßen hervorthut in einer Kunſt, welche mir über Alles werth und theuer. Sage Er mir aber, Monſieur Mengs, wie Er es angefangen hat, dieſen Knaben ſo im Verborgenen auf eine ſo er⸗ ſtaunenswerthe Weiſe auszubilden; denn Seine Methode muß eine vortreffliche ſein, werth von vielen Vätern nachgeahmt zu werden, und ich wäre nicht abgeneigt, eine Akademie der Malerei nach Seinen Prinzipien zu begrün⸗ den und Ihn zum Director und erſten Lehrer derſelben anzuſtellen.“ „Majeſtät,“ verſetzte Iſmael Mengs mit einer tiefen Verbeugung,„meine Methode iſt ſehr einfach und leicht nachzuahmen. Auch bin ich der Meinung, daß gar viele Väter durch deren Anwendung recht wunderſame Talente bei ihren Kindern entdecken würden, wenn ſie ſelbſt nur den Fleiß und die Ausdauer dazu hätten, um ſie an den Tag zu fördern.“ „Das wäre eine vortreffliche Sache, die der Mühe des Verſuches lohnte,“ ſagte der König;„denn Ihm iſt es mindeſtens ſehr gut damit gelungen. Doch kann ich nicht glauben, daß Er der alleinige Lehrmeiſter dieſes Knaben geweſen, und es würde mich freuen zu erfahren, wer unter den Künſtlern meines Hofes Ihm bei einem ſo lobenswerthen Unternehmen zur Hand gegangen.“ „Majeſtät, ich habe Niemandem dabei zu danken, als unſerm lieben Herrgott,“ verſetzte Mengs würdevoll. „Indem ich ſein heiliges Buch zur Hand nahm und mir 76 daraus Rath erholte, erreichte ich für meine Kinder, was ich wünſchte.“ „Das mag für die Moral recht gut ſein, Mon⸗ ſieur Mengs,“ erwiderte der König;„allein für die Technik in der Kunſt können die Sprüche der Bibel nicht ausreichen.“ „Um Vergebung, Majeſtät; ſie haben mir auch darin ausgeholfen, indem ſie mich beſtärkten, nach dem weiſen Spruche Salomo's, mit dem Stocke in der Hand den Ernſt der Arbeit meinem Sohne Anton Raphael einzubläuen; denn die Kunſt erfordert Mühe und Fleiß, und Künſtler werden nicht geboren, ſondern gebildet.— So habe ich meine Kinder denn von allem Tand der Welt fern gehalten und ihr Auge auf das zu erreichende Ziel gerichtet, und hoffe nun, daß ſie zu Eurer Majeſtät Zufriedenheit Einiges zu leiſten im Stande ſein werden.“ „Beim Himmel! das iſt bereits geſchehen!“ rief der König lebhaft aus,„und ſo jung dieſer Knabe noch iſt, ſo ſoll er doch von heute an den Namen meines Hof⸗ malers führen und als ſolcher einen jährlichen Gehalt beziehen. Anton Raphael Mengs, Du ſtehſt von jetzt an in meinen Dienſten und unter meinem beſonderen Schütz. Ich befehle Dir nun, mein von Dir begonnenes Portrait zu vollenden und dann von meinem Kämmerer die Summe von 100 Dukaten dafür in Empfang zu nehmen.“ 77 Der Knabe ſah den König mit ſeinen großen, klu⸗ gen Augen an, während eine große Thräne darin zitterte, und drückte, eine Knie beugend, deſſen dargebotene Hand an ſeine Lippen. Maria Antonia wandte ſich bewegt von der Gruppe ab. Sie empfand das Glück der jungen Künſtlerſeele bei ihrem erſten Gelingen lebhaft nach, und beneidete ſie um dieſe Minute, welche kein Gold zu er⸗ kaufen, kein Glanz der Welt zu erſetzen vermag. Fünftes Capitel. Der rückſtändige Sold. Die Hofhaltung Auguſt's III. war eine ſehr glän⸗ zende, es fehlte ihr nicht an Feſten, deren Mannigfaltig⸗ keit uns heute noch in Erſtaunen ſetzt, und dennoch fand die junge Churprinzeſſin hinlängliche Muße, um ſich der Ausbildung ihrer Talente zu widmen. Alle Fürſten Deutſchlands wetteiferten zu jener Zeit in der Muſik mit einander, und das nicht allein als ermuthigende Beſchützer der Tonkünſtler, ſondern als ſelbſt ausübende Virtuoſen. Maria Thereſia nebſt ihren zahlreichen Kindern ſangen und ſpielten in ihrem Familienkreiſe, ja führten 78 ſogar kleine Opern auf, in denen der Großherzog von Toscana als erſter Ballettänzer figurirte*). Selbſt der Kaiſer ſpielte mehrere Inſtrumente.— Am Hofe des Churfürſten von Baiern wurde die Muſik vielleicht noch eifriger getrieben, wie unter der Kaiſerin⸗Königin Ein⸗ fluß, weil es bei dieſem Prinzen eine vorherrſchende Lei⸗ denſchaft war zu muſiciren und ſich vor ſeinem Hofe hören zu laſſen.— Von Friedrich dem Großen kennen wir das Flötenſpiel, das ihn, nach den Sorgen der Re⸗ gierung, nach dem Rückblick auf eine verlorene Schlacht, erheiterte und mit dem Schickſal neu verſöhnte.— Sach⸗ ſen aber ſtand in ſeinen muſikaliſchen Leiſtungen Allen voran, und die Oper in Dresden hatte eine Vollkommen⸗ heit erreicht, welche nichts zu wünſchen übrig ließ.— Jean Jacques Rouſſeau räumt ihr daher auch in ſeinem mufikaliſchen Lexicon unbeſtritten dieſe Stellung ein.— Die großen Höfe gaben den kleineren ein Beiſpiel, und was die Fürſten begannen, führte das Volk fort. So wurde denn Deutſchland bald als ein Land des Wunders im Felde der Muſik bei allen Fremden genannt, und, ſo wie die ſchönen Mädchen auf den Bäumen wuchſen, ſo bildete man ſich ein, daß das Talent hier einem Jeden angeboren werde. *) Burney, Muſik in Germany. ——— ꝛ — 79 Es war für die Tonkunſt eine goldene Zeit; denn die Begeiſterung folgte ihren Schritten, und die Protectivn der Fürſten führte ſie mit ſchützender Hand über die rau⸗ hen Pfade den Höhen zu. Wie mancher arme Knabe wurde auf wunderbare Weiſe von Stufe zu Stufe empor⸗ gehoben, bis endlich ein berühmter Componiſt aus ihm ward. Denn die Nothwendigkeit bleibt für den Ehr⸗ geiz ein Sporn, wie es ſonſt keinen gibt, und wenn ein Talent nicht ein Muß treibt, den Kampf mit dem Leben einzugehen, ſo wird es nie die Mittelmäßigkeit überſteigen. Dresden war nun das neue Athen geworden*), wo die Götter Helicon's auf's Neue ihren Sitz aufgeſchla⸗ ger. Die erſten Künſtler der Erde, die ſchönſte Muſik der Welt fand man hier, und der Ruf ſeiner Vorzüge machte es zu einer Art Wunderland. Maria Antonia fühlte ſich entzückt von dem Leben, das ſich ihr bot.— War ihr Gemal uuch ſelbſt nicht muſikaliſch, ſo ermuthigte er ſeine junge Gefährtin darum nicht minder, eine Kunſt zu üben, die ihr und Andern ſo großes Vergnügen gewährte, und die Königin, ſeine Mut⸗ ter, trat hierin auf ſeine Seite. Es war die Muſik der wenig begabten Maria Jo⸗ ſepha einzige Neigung.— Sehr bigot erzogen, hatte ſie ) Vurneh, in ſeiner Geſchichte der deutſchen Muſik. 80 faſt nichts gekernt, als ſingen, und fand es daher an ihrer Nichte und Schwiegertochter recht paſſend, daß auch ſie ſich mit Geſang beſchäftigte. Selbſt von einem italieniſchen Meiſter ausgebildet, fand ſie an der Geſangmethode der Churprinzeſſin Vieles auszuſetzen und rieth ihr darum an, noch Unterricht zu nehmen. So wurde denn zu dem Zwecke der berühmte Porpora aus Italien verſchrieben. Um den bei Hofe angeſtellten Muſikern kein Aerger⸗ niß zu geben, war dieſe Angelegenheit ganz heimlich be⸗ trieben, und nur der Pater Guerini, der Alles wiſſen mußte, wußte auch hierum. Leiſe horchte der ſchlaue See⸗ lenſorger nun umher, ob ſich, trotz aller Vorſicht, eine Nach⸗ richt davon verbreitet; denn die durch Eiferſucht und Neid entſtehenden Fehden in der muſikaliſchen Welt und dem Opernperſonal waren ſeiner ſpeciellen Vermittlung un⸗ terworfen und ließen die Palme des Friedens faſt nie aus ſeiner Hand entfallen.— Maria Antonia, noch unbekannt mit den Verhält⸗ nißen des Ortes, hatte keine Ahnung davon, welch' einen Apfel des Streites ſie ausgeworfen. Sehnſüchtig erwar⸗ tete ſie die Zuſage ihres neuen Geſanglehrers und malte ſich in ſtillen Stunden aus, welche Fortſchritte ſie unter der Leitung dieſes berühmten Maeſtro machen würde. Sie war von einer nicht zu ermüdenden Thätigkeit. Früh erhob ſie ſich und arbeitete mit emſigem Fleiße 81 während der Stunden, wo Andere noch der Ruhe pfle⸗ gen. So kam es denn, daß ſie Zeit für Alles gewann und immer noch zu Vielem Zeit hatte. Der Churprinz fühlte ſich mit jedem Tage mehr zu einer Gattin hingezogen, welche ſeinem Leben einen ſo großen Reiz verlieh. Ihr munteres Temperament, ihr lebendiges Erxfaſſen des Augenblickes, gepaart mit einer bezaubernden Gabe der Unterhaltung, machten ihm ihre Geſellſchaft ſo angenehm, daß er ſich nur ungerne von ihr trennte, und ſelbſt wenn ſie beſchäftigt war, wenn ſie malte, ſang, dichtete oder componirte, hielt er ſich in ihrer Nähe auf und freute ſich an ihrer Arbeit. Seine wachſende Liebe gewährte ſeiner jungen Gattin eine große Befriedigung. Die Ueberzeugung, ſie habe ſein Herz gewonnen, ſtimmte ſie innerlich ruhig und ließ ſie der Zukunft muthig in das Auge blicken. Ihre Stellung an dieſem Hofe, und zu der ihr noch fremden Familie, war durch dieſe Empfindung des Churfürſten eine ge⸗ ſicherte geworden; was man von ihm hoffen durfte, mußte man fortan von ihr fürchten; ſie beſaß nun un⸗ mittelbar einen Einfluß, den ſie nach Umſtänden geltend zu machen entſchloſſen ſchien. Wenn ſich Graf Brühl jetzt ſchmeichelnd vor ihr neigte und ſeine ganze Liebenswürdigkeit aufbot, um ſie für ſich zu gewinnen, ſo ruhte ihr Blick oft lächelnd auf dem Geſichte des ſchlauen Hofmannes und eine leiſe Stimme in ihr flüſterte: Er irrt ſich ſehr, er wird mich nicht durchſchauen.— Sie ſprachen von Bildern mit einander, von der Nacht von Correggio, welche man damals noch für das Juwel der Gemäldegallerie erklärte, bis ſpäter die Ma⸗ donna von Raphael erworben ward und ſich dieſen Platz nun nicht mehr ſtreitig machen ließ. Auch Graf Brühl liebte die ſchönen Künſte und beſchützte ſie, wenn er ſie gleich nicht übte, dafür aber ſeine Söhne von den beſten Meiſtern eifrig unterweiſen ließ.— Wenn wir jetzt an einem ſchönen Sommerabend vor die Thore Dresdens hinauswandern— die freilich nur der Idee nach beſtehen— ſo klingen von fern und nah Töne an unſer Ohr, welche uns von Conzerten reden, die unter den duftigen Laubhallen der Natur die Bevölke⸗ rung der Stadt zum Genuße einladen. Vor hundert Jahren war es damit nicht ſo. Damals trieben die Fürſten Muſik und der Hof accompagnirte; aber das Volk blieb ſolchen Genüſſen fremd, bis in die Wohnungen des Bürgers drangen dieſe Töne nicht, die Feſte, bei denen fremde Künſtler debütirten, genoßen ſie nicht mit. Oeffentliche Conzerte gab es nicht.— Das Link'ſche Bad, das erſte hier geſtattete Kaffeehaus, ent⸗ 83 ſtand eben erſt— und wie klein war es, wie einfach die Einrichtung! Von Muſik aber konnte nicht die Rede ſein. Die Oper— die herrlichſte der Welt— gehörte dem Fürſten an; es war kein öffentlicher Vergnügungsort, wo man an der Kaſſe ſein Billet löſen konnte, es war ein Privateigenthum des Königs, wozu er Gäſte einlud. Nur der Gunſt alſo verdankte man hier den Zutritt, und wie weit konnte ſich dieſe Gunſt erſtrecken?— Das kleine Sachſen ſah damals Geſandte aller fremden Mächte in ſeiner Reſidenzſtadt, und dieſe Geſand⸗ ten gaben glänzende Feſte, machten ein bedeutendes Haus.— Die Großen des Hofes folgten ihrem Beiſpiele, ſie bewohnten ein Hotel, oft ſogar ein Palais, und ihre Schlöſſer, ſo wie die des königlichen Hauſes waren die Zierde der Stadt. Wohin man blickte, herrſchte das heiterſte Leben, fuhren vergoldete Caroſſen, wanderten Cavaliere in der eleganten Kleidung ihrer Zeit, mit der mächtigen gepu⸗ derten Perrücke und dem Degen an der Seite. Schöne Damen ſchauten aus den Fenſtern auf ſie herab, ein wenig geſchminkt freilich, ein wenig frivol, mit Schön⸗ pfläſterchen, Reifröcken und hohen Abſätzen, hinter dem Fächer ſchlau hervor lächelnd; aber ſehr reizend und coquett waren ſie gleichwohl. Jeder wollte etwas ſcheinen, 84 etwas ſein, um dem Andern zu gefallen, und das machte liebenswerth und liebenswürdig. Die Wiſſenſchaft ſchlummerte noch. Mit ihrem Er⸗ wachen ſollte das Reich der Wahrheit beginnen, welche dem Schein den Fehdehandſchuh hinwarf. tiemand kümmerte ſich noch um das Warum der Dinge, genug daß eine Sache ſchön war und daß ſie Auge oder Ohr erfreute.— Man lauſchte den Tönen einer hübſchen Stimme, man folgte ihren Schwingungen bis an die äußerſte Tragweite, man empfand, was nur eine menſchliche Bruſt empfinden kann, Entzücken, Schwer⸗ muth, Ahnung, Glück— man lachte und weinte um die Wette— und vergaß ſich ſelbſt und die Welt in ſeiner Hingabe an den gebotenen Eindruck.— So war die erſte Hälfte des Jahrhunderts. Schrei⸗ ten wir über dieſe hinaus, ſo kommt die Geiſterwelt mit ihren Schrecken, und ein Todesbangen bemächtigt ſich der Menſchen, das Gewißheit über das Grab hinaus begehrt.— Mam füngt an zu denken. Maria Antonia gehörte der erſteren Hälfte des Jahr⸗ hunderts an und war ein Kind ihrer Zeit. Man hatte ſie für den Genuß erzogen, ſie war an einem Hofe aufge⸗ wachſen, den wir nach unſern Begriffen leichtfertig nen⸗ nen würden, und von dort führte ſie das Schickſal nun einem, nicht weniger dem Aeußerlichen zugewandten Leben entgegen. mmm 85 Doch, wohin unſer Blick ſich auch wende in den Staaten Europas, ſo trifft er immer wieder auf das Aehnliche, und nur die ernſten Geſtalten Maria There⸗ ſia's und Friedrich's II. ragen, Schatten gleich, aus die⸗ ſem luſtig bunten Spiele des Lebens hervor. Maria Antonia ſaß jetzt in ihrem Palais in Dres⸗ den und dichtete.— Haushalt, Sorgen der Regierung, Pflichten der Geſelligkeit ſind einer Prinzeſſin erſpart; ihre Morgenſtunden gehörten daher ungeſtört dieſen Be⸗ ſchäftigungen an. Sie ſann über eine Cantate nach, welche ſie am Namenstage der Königin ihr vorzuſingen ge⸗ dachte.— In einer fremden Sprache dichten, iſt eine ſchwere Aufgabe, und dieſe wollte ſie löſen, wie ſie ſie ſchon öfter gelöſt; denn man ſang damals nur italieniſch, der Wohlklang dieſer Mundart bezauberte das Ohr, während das Deutſche nur rauhe Töne bot, welche erſt durch einen Leſſing, Schiller, Göthe gerundet werden ſollten. Sie hatte ihr Haupt in die Hand geſtützt, während ihr Blick ſinnend zu den ziehenden Wolken emporgerichtet war, als ſuche ſie dort die ihr fehlenden Silben zu ihren Reimen. Stunde nach Stunde entflog. So oft ſie die Feder aus der Hand legte, erwartete der Churprinz, daß ſie ihm nach gewohnter Weiſe ihr ſnis zurufen und nun das Gedichtete vortragen werde; aber immer noch wollte 86 dieſe Anrede nicht erklingen. Endlich legte er ſein Buch aus der Hand und nahm ſelbſt das Wort. „Ich glaube, wir müſſen aufbrechen,“ ſagte er.„Der König wollte nach der Meſſe der Probe im Opernhauſe beiwohnen, wo Du verſprochen haſt, ihn zu treffen, und es hat bereits elf Uhr geſchlagen.“ Maria Antonia ſah ſich hierauf nach ihrem Gatten um und nickte ihm freundlich zu. „Nur noch eine Viertelſtunde!“ ſagte ſie bittend. „Ich bin dann ſchnell gerüſtet. Du weißt es, der Anzug koſtet mir nicht viel Zeit. Jetzt einmal in der Stimmung, möchte ich gerne noch den Schluß dieſer Cantate beifü⸗ gen. Ich glaube ſie gelingt mir!— Wie froh würde ich ſein, wenn ſie mir hinreichend gefiele, um ſie dem Könige von Preußen überſenden und mir damit ſein Lob verdie⸗ nen zu können!“ „Warum ihm?“ fragte der Churprinz verwundert. „Weil er ein bedeutender Menſch und der geiſt⸗ reichſte König Europas iſt,“ erwiderte Maria Antonia warm—„weil ich ihn bewundere und verehre!“ „Laß das Brühl nicht erfahren!“ verſetzte der Chur⸗ prinz lächelnd über den Enthuſiasmus ſeiner Gemglin; „denn wie ſehr Dir Friedrich von Preußen auch gefalle, ſo iſt er doch immer der natürliche Feind Sachſens und muß es auch bleiben, ſo lange wir das Intereſſe Frank⸗ 87 reichs zu dem unſrigen machen, wozu die Bande der Verwandſchaft augenblicklich uns veranlaſſen.“ „Ich weiß das, weiß, daß unſere perſönlichen Sym⸗ pathien ſchweigen müſſen vor dem vorwiegenden Intereſſe der Politik. Auch habe ich nur Theiluahme für Friedrich als Mann und nicht als König von Preußen. Allein— laß mich jetzt erſt mein Gedicht vollenden.“ Etwas verſpätet und mit von der Arbeit hochrothen Wangen erſchien Maria Antonia im Theatergebäude. Hier traf ſie Graf Brühl an, aber nicht den König, wel⸗ cher gegen ſeine Gewohnheit die verſprochene Zeit nicht inne hielt. Unruhig blickte ſein Miniſter nach der Thüre, durch die er eintreten ſollte. Als dieſe ſich jetzt öffnete, erſchien nicht der Erwartete, ſondern Sir Hanbury Williams, der engliſche Geſandte, grüßte verlegen und winkte Graf Brühl bei Seite. Beſtürzt folgte ihm dieſer. „Der König iſt von den Offizieren beim Zurück⸗ kehren aus der Meſſe aufgehalten, und ſie haben fußfällig um ihre Gage gebeten, und den Zuſtand des Heeres ge⸗ ſchildert,“ flüſterte ihm dieſer zu.„Ich warne Sie alſo, Ihre Maßregeln zu ergreifen.“ „Alſo doch!“ rief Brühl erbleichend.„Alſo doch!— Und welche Antwort hat ihnen der König gegeben?“ „Das kann ich Ihnen nicht ſagen,“ erwiderte der ernſte Engländer.„Er ſoll unwillig ausgeſehen und mit umwölkter Stirne die Herren entlaſſen haben, mit wel⸗ m Troſte aber, das beſagen meine Nachrichten nicht.“ che hei die „Jedenfalls meinen Dank!“ rief Brühl und reichte Sir Hanbury ſeine Hand. „Ich hoffe, daß Sie ſich durch t überzeugt nen bemüht dieſe kleine Begeben⸗ halten, wie eifrig ich Ihnen als Freund zu bin,“ flüſterte dieſer,„und wie ſehr Sie auf mich rechnen können!“ ſetzte Brühl, und ſandte ſich der Chu ſpect bezeugte. grüßte ihn die wunderung, welche ihr Geiſt und ihr „Seien ſie meiner Erkenntlichkeit verſichert!“ ver⸗ eilte fort, während der engliſche Ge⸗ rprinzeſſin nahte und ihr ſeinen Re⸗ Voll Grazie und Freundlichkeit be⸗ ſe, und ſteigerte mehr und mehr die Be⸗ e Liebenswürdigkeit in Sir Hanbury bei ſeiner erſten Vorſtellung erweckte. Indeſſen eilte Brühl haſtigen Schrittes ſeinem kö⸗ niglichen Gebieter entgegen, um den gegen ihn aufſtei⸗ genden Sturm, deſſen Bedeutung er noch nicht kannte, zu beſchwöre „Gottlo n. b! daß ich Sie finde, Majeſtät!“ rief er aus, ſo wie er ſeiner anſichtig ward.„Die Frau Chur⸗ prinzeſſin fing ſchon an königlichen Schwiegervater beſorgt zu werden, was ihrem zugeſtoßen ſei, als ſie ihn nicht in der Probe fand.“ „Es iſt höchſt verdrießlich, daß ich grade dieſe neue 89 Muſik von Haſſe nicht von Anfang an hören konnte,“ verſetzte Auguſt III. verſtimmt.„Aber dieſe Offiziere— es iſt eine böſe Geſchichte, mein lieber Brühl, in die Sie auf eine unangenehme Weiſe verflochten ſind. Man ſpricht von Ihrem Aufwand, von unterſchlagenen Gel⸗ dern; man klagt Sie an.“ „Ach! Wenn es nichts weiter iſt!“ rief der ſchlaue Miniſter heiter,„dann können Ihre Majeſtät ſich be⸗ ruhigen.— Wenn ich die Schuld trage, ſo ſind meine höchſten Wünſche erfüllt; wenn nur Ihr theures Haupt kein Vorwurf trifft, ſo lege ich das meinige mit Freuden Ihnen zu Füßen. Ich bin der erſte Diener meines kö⸗ niglichen Herrn, ſeine Wünſche ſind mein Geſetz, und wenn ich, um ſie zu erfüllen, mit den mir angewieſenen Geldern nicht ausreiche, ſo müſſen ſeine Unterthanen mir ihre Kaſſen leihen, das verſteht ſich doch wohl von ſelbſt. Darüber zu klagen, iſt unverſchämt, iſt gegen den Re⸗ ſpect, iſt eines getreuen Sachſen unwürdig.— Welchen Zeiten gehen wir entgegen, wo man ſich das erlaubt!“ „Ja wohl!“ verſetzte König Auguſt beiſtimmend, „welchen Zeiten!— Während Alles geſchieht, um meiner Regierung Glanz zu verleihen und mein kleines Land mit einer Strahlenkrone zu ſchmücken, welche die Augen Europas blendet und den Neid anderer Fürſten erregt, wollen meine Unterthanen ſich beklagen! Das iſt hart!“ 1860. IX. Maria Antonia. I. 6 90 „Es iſt undankbar! Von Ihrer Armee doppelt un⸗ dankbar; denn ſie ſollte dem Volke mit ihrem Patriotis⸗ mus vorleuchten!“ rief Brühl empört.„Aber denken wir nicht weiter daran! Hören Eure Majeſtät das Ende der Cantate, es wird Sie zerſtreuen.“ „Sie haben Recht, Brühl!“ verſetzte der König mit einem langen Athemzuge, als fühle er ſich von einer Laſt unangenehmer Gedanken befreit.„Ich ernte nur Undank. Statt gerne und freudig beizuſteuern, wo ich Großes und Schönes ſchaffe, leitet dieſe Leute der kleinlichſte Eigen⸗ nutz. Sie denken nur daran, die gemeinſten Bedürfniſſe des Lebens zu befriedigen, ſie wollen eſſen und trinken.“ „Es iſt kaum denkbar!“ „Statt ſich über den Ankauf der ſchönen Gallerie des Herzogs von Modena zu freuen und ſtolz auf dieſen neuen Erwerb ihres Vaterlandes zu ſein; ſtatt zu be⸗ denken, daß die ſchönen Bilder in Prag, um die wir unterhandeln, mir eine bedeutende Summe koſten wer⸗ den; ſtatt deſſen iſt ihr Sinn nur auf die Befriedigung gemeiner Lebensbedürfniſſe gerichtet.“ „Es fehlt ihnen noch aller Kunſtgeſchmack,“ warf Brühl ein. „Den müſſen wir bilden!“ rief der König warm. „Wir müſſen uns Künſtler erziehen! Welch ein ſchönes Talent iſt nicht ſchon dieſer Raphael Mengs, und dabei wurde er doch nur von ſeinem Vater angeleitet! Was 9¹ würde er ſein, wäre er in einer Malerſchule aufgewach⸗ ſen! Dieſe zu gründen iſt mein heißer Wunſch!— Aber die Mittel! Ach Brühl! daß ich kein Louis Quatorze ſein kann! Daß mir kein Frankreich zur Regierung an⸗ vertraut iſt.“ „Uin ſo verdienſtlicher iſt, was Sie leiſten, Maje⸗ ſtät!— Trotz aller Hinderniſſe wiſſen Sie das unmöglich Scheinende möglich zu machen.“ „Weil Sie mir helfen, Brühl. Ein Miniſter wie Sie iſt ein Schatz für einen König. Ein Nein zu hören muß entſetzlich ſein!“ „Darum ſoll es Ihr Ohr nie verletzen, Majeſtät,“ erwiderte Brühl mit einer Verbeugung, die ſeinen Re⸗ ſpect ausdrücken ſollte. „Es wäre mir doch lieb, wenn Sie den Murrköpfen ein paar Pfennige überſenden könnten, um ihren Klagen — ein Ende zu machen,“ ſagte der König nachdenklich.„Un⸗ zufriedene Geſichter ſind mir unerträglich, und dieſe Leute begegnen mir zuweilen.“ „Sie ſollen morgen ihren Sold erhalten und eine andere Garniſon beziehen,“ verſetzte Brühl einwilligend. „Aber dürfte ich Sie jetzt an die Cantate mahnen?“ „Ja, ja, die Cantate. Wir armen Fürſten! Die Sorgen der Regierung ſtören uns bei jedem Genuße.“ 6* Sechstes Cagitel. Die Kuchenfrau von Blaſewitz. Noch ruhten die Morgennebel auf der Landſchaft, auf den Wieſen wogten die Dünſte der Nacht wie luſtige Schatten empor, ein friſcher, belebender Hauch zog durch die ganze Natur und rief die Blumen ihre Kelche zu öffnen, die Vögel ihr Lied zu ſingen, und das mächtige „Erwachet!“ in jedes Schläfers Ohr, bis Wald und Flur und Menſchen unter den Jubeltönen erſtanden und in den allgemeinen Chor einſtimmten. Eiligen Schrittes, die Wangen von der Morgen⸗ kühle friſcher gefärbt, ging eine einfache, aber höchſt ſauber gekleidete Landfrau längs der Elbe hin, der Stadt zu. Oftmals erhob ſie ihr Haupt und blickte, als ob ſie die Entfernung mit dem Auge meſſe, nach dem Thurme der Frauenkirche hinüber, der ſich gegen den Horizont mit ſeiner hohen Kuppel düſter abzeichnete und ſchon in wei⸗ ter Ferne ſichtbar war; dann ſah ſie wieder auf den Korb herab, den ſie in ihrer Hand trug und mit einem ſaubern weißen Tuche bedeckt hielt, damit deſſen Inhalt, die viel gerühmten Kuchen von Blaſewitz, von Luft und Staub nicht leiden möchten. —————— ——— —— 93 Die äußere Ramp'ſche Gaſſe hinauf ſchritt ſie dem Thore der Stadt zu, wo ſie von der Schildwache ange⸗ rufen, ſich über den Inhalt ihres Korbes legitimiren mußte.— Nur ungerne zog ſie das Tuch zurück und zeigte dem Soldaten die duftenden, braunen, friſch geba⸗ ckenen Kuchen, welche ihm ſichtlich den Mund wäſſern machten.— Indem ſein Blick lüſtern darauf ruhte, wurde ihr ängſtlich zu Muthe. Sie ſchien für ihr Eigenthum zu fürchten. Sachte begann ſie daher das Tuch wieder darüber hinzuziehen mit den freundlichen Worten: „Kommen Sie nur einmal nach Blaſewitz, dann ſollen Sie ſie bei mir koſten. Sie kennen mich ja, ich meine mein Gebäck, und wiſſen mich zu finden.“ Der Soldat nickte bejahend. Dann ſetzte er zö⸗ gernd hinzu:„Es riecht aber gar zu gut. Ich will es Ihr auch bezahlen, gebe Sie mir nur ein Stück von dieſem friſchen Kuchen da.“ „Nicht um alles Gold der Welt!“ rief die Frau erſchreckt.„Es iſt ja von meinem Fritz für die Frau Churprinzeſſin!“ „Was! Sie will ein Geſchenk damit machen? Nun, ob dann ein Stück weniger oder mehr in dem Korbe iſt, darauf kommt es nun juſt auch nicht an.“ „Freilich kommt's darauf an! Es darf doch nichts 94 angeriſſen ſein, wenn man eine Gabe bringen will.— Da hat Er einen Groſchen und nun laß Er mich ziehen.“ „Nun, Sie iſt keine üble Frau, das muß ich ſagen,“ rief lachend der Soldat.„Ich nehme das Geld, aber den Kuchen noch dazu.“ Er machte Miene ihr zu folgen, doch war es ihm nur Scherz damit; ſie aber, ſeine ausgeſtreckte Hand fürch⸗ tend, ſuchte ihm eiligſt zu entfliehen.— Die gute Frau hatte Dresden nur ſelten beſucht, ſie war daher ihres Weges nicht ganz kundig und mußte, als ſie den Neumarkt erreichte, einen Vorübergehenden um Auskunft bitten. Sie ſtand jetzt grade unter dem Thurme der Frauenkirche, der ihr bis in die Wolken hin⸗ auf zu reichen ſchien, und ſah von hier aus Straßen nach allen Richtungen hin führen, welche von den fremden Ge⸗ ſandten und den Großen des Hofes bewohnt wurden und ihr an Pracht alles nur Denkbare zu überbieten ſchienen. Vor ihr aber befand ſich die Hauptwache, und die hier Wache habenden Soldaten hätte ſie gerne vermieden; darum hielt ſie zögernd ihre Schritte an und wollte den großen freien Platz nicht überſchreiten, bevor ſie ihrer Richtung ganz gewiß geworden. Sie hatte ſich mit ihrer Nachfrage an einen Mann gewandt, deſſen geiſtliche Tracht und gutmüthiges Geſicht ihr Vertrauen einflößte. 95 „Zu der Frau Churprinzeſſin will Sie?— Und das zu dieſer Stunde?— Liebe Frau! das geht nicht ſo leicht. Fürſtinnen haben nicht Zeit mit Jedermann zu re⸗ den. Wer hat Ihr das in den Kopf geſetzt?“ lautete die niederſchlagende Entgegnung des Prieſters. „Mein Fritz!“ erwiderte ſie kleinmüthig, während Thränen ihren Augen entſtürzten. „Und wer iſt Ihr Fritz?“ „Mein Sohn, der in die weite Welt hinaus gegan⸗ gen iſt, um ein großer Muſikant zu werden, und jetzt Alles aufgeſchrieben und mir überſandt hat, damit ich es der Frau Churprinzeſſin überreiche.“ „Wenn Ihr Sohn wirklich etwas verſtände, ſo hätte er wohl einen Beſchützer gefunden, der ſich ſeiner angenommen, meine liebe Frau!— Kehre Sie daher nur wieder nach Blaſewitz zurück. Auf dieſe Weiſe wird Sie ihm nicht nützen. Ein Künſtler bedarf andere Protec⸗ tion, als die ſeiner alten Mutter.“ „Das iſt ja grade!“ erwiderte die Frau wehmüthig. „Das ſchreibt er mir ja auch. Und um ihn in ſeinem Vaterlande bekannt zu machen, will ich ja auch nur für ihn zu der Frau Churprinzeſſin gehen.— Wer ſoll ſich denn ſonſt ſeiner annehmen, wenn es ſeine alte Mutter nicht thut?— Und in der Fremde mag es wohl recht ſchön ſein; aber einen Sachſen treibt ſein Herz immer ————— 96 wieder in die Heimath zurück, und in ſeinem Vaterlande geehrt zu ſein, das geht ihm doch über Alles!— ch habe immer gehofft, ihn eines Tages mit dem Stocke in der Hand vor ſeinem Könige den Muſikanten aufſchlagen zu ſehen, und möchte das Meinige thun, ihm zu dieſer Ehre zu verhelfen. Ehrwürdiger Herr! helfen Sie mir, den Weg zu der Frau Churprinzeſſin zu finden! Gott wird es Ihnen lohnen, was Sie mir damit thun!“ Der Prieſter blieb einen Augenblick nachdenklich ſtehen, während ſein Auge theilnehmend auf dem bittend zu ihm emporgerichteten Angeſichte der Frau ruhte. „Folge Sie mir!“ ſagte er dann.„Mein Weg führt mich in die Nähe des Schloſſes. Ich werde ſorgen, daß Sie Ihren Wunſch erreiche.“ Raſch ſchritt er nun über den Neumarkt hin, der Auguſtſtraße zu, bis er das Eingangsthor des gräflich Brühl'ſchen Palais erreichte. Hier ſtand er ſtill und winkte einen der zahlloſen Diener herbei, die in den Ge⸗ ſindeſtuben müſſig umherſtanden.„Begleite Er dieſe Frau nach dem Palais der Frau Churprinzeſſin, welcher ſie eigenhändig den Inhalt ihres Korbes zu überbringen wünſcht. Sorge Er, daß ſie gemeldet werde, wenn ſein muß, in meinem Namen!“ Demüthig verneigte ſich der Diener, und mit einer Abſchied winkenden Bewegung der Hand verſchwand der Prieſter im Innern des Palais.— 97 Furchtſam blickte die Frau auf den gallonnirten Herrn an ihrer Seite. Daß man ihr ſo viel Ehre er⸗ weiſen würde, hatte ſie nicht erwartet noch gehofft, und es ſchien ihr eine gute Vorbedeutung für ihren Sohn und ſein gutes Geſchick. Sie betete im Stillen, daß Gott ihm ferner gnädig ſein möge, und ſegnete in ihren Gedanken den guten Prieſter. Dem Diener des Grafen Brühl waren alle Wege im churfürſtlichen Palais bekannt und mit leichter Mühe gelangte ſeine Botſchaft an die junge Fürſtin. Maria An⸗ tonia, mit ihrem leichten Herzen und lebensfrohen Sinne, war allen Eindrücken offen, und wer ſie gewinnen wollte, hatte bei ihr freies Spiel. Sie erhob ſich früh, nach da⸗ maligem Brauche, und ſtand eben im Begriffe ihr Früh⸗ ſtück einzunehmen, als man ihr eine Kuchenfrau meldete, welche von Pater Guerini geſendet, ihr vortreffliches Gebäck ſelbſt zu überreichen begehrte. Sie lachte herzlich über dieſe neue Art der Huldi⸗ gung im ſchönen Sachſenlande und hieß die Frau augen⸗ blicklich hereinführen. Sie liebte überdem noch ſüßes Gebäck, genoß vft mehr davon, als ihrer Geſundheit gut war, und ſah daher nicht ohne angenehme Erwartung dem ihr zugedachten vortrefflichen Frühſtücke entgegen. Befangen trat die Landfrau ein und blickte faſt ängſtlich in dem von Gobelins und Seide und Gold 8 glitzernden Raume mit dem geglätteten Boden, der ihren Füßen kaum einen feſten Halt zu bieten ſchien. Maria Antonia muſterte ſie indeſſen. Die ſaubere Tracht, der kurze Rock, die ſteife Mütze, das ganze länd⸗ liche Coſtüm machten einen angenehmen Eindruck, ſie meinte eine Geſtalt aus einem Bilde der niederländiſchen Schule zu ſehen. Erwartungsvoll ſah ſie dabei der Anrede dieſes intereſſanten Gaſtes entgegen. Dieſe erfolgte erſt nach vielem Zögern. Befangen trat die Landfrau jetzt etwas näher, ließ ſich auf ihre Knie nieder, entblößte den Inhalt ihres Korbes und bot ihn der Churprinzeſſin dar. „Königliche Hoheit!“ ſagte ſie, und ſuchte in ihrem Gedächtniſſe die Worte wieder zuſammen, welche ſie ſo mühſam zuſammengeſtellt und wachend und träumend ſeit Wochen ſo unzählige Male wiederholt;„Königliche Ho⸗ heit! Mein Sohn, der in Rom iſt, ſendet mich an Sie ab, um Sie um Ihre hohe Protection zu bitten, die ihn zu einem großen Manne machen kann, wie er mir ſagt. In ihrer Hand liegt ſein Geſchick!— Wenn Sie das gut finden, was er auf dieſe Blätter geſchrieben, ſo iſt ſein Glück gemacht; hat es aber Ihren hohen Beifall nicht, dann, ſagt er, werde ich nie mehr von ihm hören, dann wolle er die Heimath nimmer wiederſehen.— Dar⸗ um möchte ich Sie gnädigſt bitten zu leſen, was er Ihnen 99 geſchrieben hat; denn mein Sohn iſt der Apfel meines Auges, und mein Herz ſagt mir, daß er ein großer Mann werden muß.— Fühlte er das nicht auch in ſich, ſo hätte er mich nicht verlaſſen, ſo hätte er meine Kuchenwirth⸗ ſchaft geerbt und wäre mein Troſt im Alter geweſen. Aber Gott hatte es anders beſchloſſen.“ Damit reichte ſie der Churprinzeſſin mehrere zierlich und eng beſchriebene Notenblätter hin, welche dieſe ihr abnahm, während ſie ſie aufſtehen hieß. „Da Sie eine ſo gute Bäckerin ſind,“ ſagte ſie, den Kuchen koſtend und dem Churprinzen davon hinreichend, „ſo zweifle ich nicht, daß Ihr Sohn ein eben ſo guter Muſiker ſei; denn wenn einmal die Ader des Tüchtig⸗ ſeins in einer Familie ſchlägt, ſo iſt es gleichviel, was Einer unternähme, er wird immer etwas Ordentliches zu Wege bringen. Da ich nun aber hier berufen bin zu ur⸗ theilen, ob der Sohn nach ſeiner Mutter arte, ſo will ich nun, nachdem ich den Kuchen ſattſam geprüft, auch über die Muſik mein Urtheil ausſprechen. Warten Sie alſo ein wenig und Sie können meine Antwort an Ihren Sohn in Rom gleich mit ſich hinweg tragen.“ Damit erhob ſie ſich und ſchritt zu ihrem Pianv. Als vortreffliche Spielerin wurde es ihr nicht ſchwer die ihr vorgelegte Muſik zu entziffern.— Mehr und mehr vertiefte ſie ſich in die Compoſition, während jeden Ab⸗ 100 ſchnitt ein lebhaftes Bravo des Churprinzen begleitete. „Vortrefflich! Gut gedacht! Schöner Uebergang!“ und dergleichen Worte ihres eigenen Beifalls bezeugten ihre Stimmung. Das Auge der Landfrau verließ ſie dabei nicht, ſie ſuchte in ihren Mienen nachzuleſen, was ihr Ohr vernahm, ihr von Freude ſtrahlendes Geſicht glühte in höchſter Erregung, ſtill falteten ſich ihre Hände über ihrer Bruſt, und ohne ſich deſſen bewußt zu ſein, ſank ſie in ihre Knie und ſtammelte ein lautes Dankgebet.— Die Churprinzeſſin wandte jetzt zufällig den Kopf nach der Seite und hielt gerührt inne. Eine ſo reine Freude, ein ſo hohes Glück, wie es von dem Antlitze die⸗ ſer Mutter leuchtete, ließen die Alten mit dem Tode beſchließen, dachte ſie bei ſich ſelbſt, während ſie ſich leiſe erhob und ihre weiße Hand wie ſegnend auf das Haupt der Landfrau legte.„Wie arm bin ich in meinem Glanze gegenüber ſolchem Reichthum des Herzens.“ Die Landfrau betete indeſſen fort, bis ſie ihr Amen geſprochen. Dann neigte ſie ihr Haupt vor der Chur⸗ prinzeſſin, drückte den Saum ihres Gewandes ehrfurchts⸗ voll an ihre Lippen, und erhob ſich nun mit einer Miene, als wäre ſie in dieſem Gemache zu Hauſe und gehöre ſeinen Bewohnern zu; denn das ihr bewieſene Wohl⸗ wollen hatte ſie mit Vertrauen erfüllt, ſie fühlte Gottes Hand über ſich und blickte ſo geſchützt, muthig um ſich. 101 „Ihr Sohn beſitzt ein ſchönes Talent, liebe Frau!“ ſagte die Churprinzeſſin ſanft.„Schreiben Sie ihm, daß Sie mir ſeine Compoſitionen überbracht, und darauf von mir den Auftrag erhalten haben ihm zu ſagen: daß ich für ihn ſorgen und daß ich ihn zu meinem Leibmuſikus ernennen werde, ſobald er dazu tüchtig iſt.“ „Und dann wird er nach Dresden kommen und hier mit dem Stocke vorſchlagen?“ fragte die Frau mit ſtrah⸗ lenden Augen. „Dann wird er nach Dresden kommen, der Herr Kapellmeiſter Neumann genannt werden und an unſerm Hofe die Concerte dirigiren,“ nahm der Churprinz mit ſeiner ihm eigenen Güte das Wort. „Jeſus Maria! ſo hoch ſollte mein Sohn ſteigen!“ rief die Landfrau außer ſich, griff nach ihrem Korbe und eilte aus dem Zimmer, getrieben von dem Bedürfniß der Mittheilung eines Glückes, das ſie zu erſticken drohte. Ohne Aufenthalt eilte ſie nach Blaſewitz zurück, lief zum Gaſtwirthe, der ein wenig gelehrt war, und bat ihn an ihren Sohn zu ſchreiben: daß er den Stock führen werde. — — ——— ——— — Hiebentes Cnpitel. Fauſtine oder Mingotti. Der Kapellmeiſter Haſſe war eifrig vertieft, den Tert zu ſeiner neuen Oper„Demo fronte“ durchzuge⸗ hen, als die Thüre ſeines Zimmers heftig aufgeriſſen wurde und in ihr ſeine Gattin erſchien, das noch immer ſchöne Angeſicht vor Zorn geröthet, die großen dunkeln Augen unheimliche Blitze ſchleudernd. „Nein, das iſt unerhört!“ rief ſie aus und ließ ſich wie entſchöpft auf einen Stuhl niedergleiten.„Solche Undankbarkeit! Solche Nichtachtung! Solch' ein flatter⸗ haftes Weſen iſt mir noch nicht vorgekommen. Das er⸗ trage, wer kann! Aber ich halte es nicht aus! An einem Hofe, wo ich ſo lange die erſte, gefeierte Sängerin war, wo man mich vergötterte, wo ich einer Königin gleich gebot und meinem Winke Alles ſich beugte: da muß ich mich jetzt vergeſſen und überſehen finden, als ob ich eine paſ⸗ ſirte Künſtlerin wäre! Iſt es denn ſo weit ſchon mit mir gekommen? Sage mir, Haſſe, bin ich in Deinen Augen todt, ſiehſt auch Du mich ſchon für unbrauchbar an und ſchreibſt nur noch Rollen für mich, weil ich Deinen Na⸗ men trage, weil ich Dir angehöre? Aber Du antworteſt 103 ja nicht? Ich bitte Dich, ſo rede doch! So lege doch einen Augenblick dies entſetzliche deutſche Pflegma ab und zeige mir, daß Du empfinden kannſt— für mich empfinden kannſt!“ Sie brach in Thränen aus, deckte die Hände vor das Geſicht und ſchluchzte heftig. „Aber Fauſtine, wovon iſt denn die Rede? was bewegt Dich denn ſo heftig?“ fragte Haſſe heſänftigend. „Bedenke doch, daß ich gar nicht weiß, warum es ſich han⸗ delt?“ „Und ahnſt es auch nicht? Ahnſt es nicht? Oh! Ueber dieſen Gleichmuth, der Dich verhindert vorzu⸗ empfinden, was ſelbſt einem Wilden ſein Inſtinct ver⸗ rathen würde.“ „Aber wahrhaftig! ich weiß von gar nichts!“ erwiderte Haſſe, ſinnend ſein Haupt bewegend, als ſuche er vergeblich nach einem Fingerzeige.. „Weißt von nichts, und weißt doch, daß Porpora angekommen iſt, den Du Deinen Feind nennſt, weil Du vor zwanzig Jahren den Unterricht des Scarletti in Nea⸗ pel dem ſeinigen vorgezogen. Weißt von nichts, und weißt doch, daß dieſer ſchlaue alte Kuppler, dieſer Mingotti, ſich eine dumme junge Deutſche angeheirathet hat, deren Stimme er will ausbilden laſſen, damit ſie eines Tages mich bei der Oper erſetze! Das kleine Affengeſicht! Als 104 ob ſich jemals Ausdruck in ſolche Mienen bringen ließe, als ob eine Perſon ohne Naſe und ohne Augen auf der Bühne Glück machen könnte!— Der verliebte alte Narr! Sie wird ihm ſeine Thorheit ſchwer büßen laſſen. Er meint wohl, weil er Regiſſeur der Oper iſt, ſo könne er auch Regiſſeur einer hübſchen Frau ſein. Corpo di Bacco! Er wird lernen, welch' ein ganz anderes Ding er dazu überwachen hat, und wie viel Schnippchen ſie ihm ſchla⸗ gen wird, wenn er ihr in die Cuuliſſen ſehen will.“ „Sie iſt ein unbedeutendes kleines Ding, das Dir in keiner Art in den Weg treten wird,“ erwiderte Haſſe beſonnen.„Nimm die Sache nur ruhiger. Ich wüßte wirklich nicht, in welcher Weiſe ſie Dir zu ſchaden ver⸗ möchte.“ „Schaden? Nein, ſchaden wird ſie mir allerdings nicht, wenn es einzig darauf ankommt bei ihrem Auftre⸗ ten!“ rief Fauſtine bitter.„Aber kränken wird ſie mich, verletzen wird ſie mich, tödten wird ſie mich, und Du— wirſt dazu lächeln, wie Du jetzt lächelſt, Du Menſch ohne Blut und ohne Leben.“ „Das iſt Dein Ernſt nicht, Fauſtine; denn Du weißt recht gut, wie theuer Du mir noch biſt, wenn auch nur in Erinnerung deſſen, was Du mir einſtmals warſt— bevor Du mich dieſe Reiſe nach Italien unter⸗ 105 nehmen ließeſt,“ ſagte der ernſte Kapellmeiſter mit einem Blicke ſtillen Vorwurfs. „Sprich mir davon nicht länger,“ erwiderte ſeine Gattin mit zuſammengezogenen Brauen.„Man ſollte denken, daß Dein Gedächtniß das Leben eines Salaman⸗ ders hätte, ſo geſchickt weiß es bei jeder Gelegenheit Erinnerungen heraufzubeſchwören, die mir verhaßt ſind. Wir ſind keine wiederkäuenden Thiere, Friedrich. Was vergangen iſt, das iſt vergangen.— Weiß Gott! Ob es für mich nicht ſchmerzlicher ſein muß, wie für Dich, an Tage erinnert zu werden, wo mir ein König zu Füßen lag und der ganze Hof mich vergötterte.— Ich habe es überlebt, von dieſer ſtolzen Höhe herunter geſtiegen zu ſein; aber ich will nicht daran erinnert werden. Ich habe es überlebt, wieder mir von mir meinen Glanz zu borgen und der Schatten meiner ſelbſt zu ſein, indem ich Dich an meine Seite zurückrief; aber— tiefer zu ſinken, das vermag ich nun nicht mehr. Ich will dieſe Bühne beherrſchen, oder— ich ſinge nie wieder. Ich will die Königin dieſes Opernperſonales ſein, oder— ich danke ab und ſchüttele den Staub dieſes undankbaren Bodens von meinen Füßen, und ſage dem wankelmüthigen Könige ein ewiges Lebewohl!“ „Und wer könnte meiner Gattin den erſten Platz ſtreitig machen wollen, ſo lange ich die Kapelle dirigire, 1860. IX. Maria Antonia. I. 7 ſo lange man meine Compoſitionen hier aufführt und die Dir darin zugetheilten Rollen von Niemand ſonſt geſun⸗ gen und geſpielt werden können und werden ſollen,“ verſetzte der Kapellmeiſter ſich erhebend und ſich mit ver⸗ ſchränkten Armen ſeiner Gattin gegenüberſtellend. „Die Mingotti!“ erwiderte Fauſtine beſtimmt. „Die Mingotti!“ „Aber wie ſo? Doch nicht ohne meine Zuſtimmung? Sie müßte denn das Unmögliche leiſten wollen, oder auch— mich bewegen können, für ſie eine Rolle zu ſchrei⸗ ben.“ „Dazu kann nicht ſie Dich bewegen, oh! das weiß ich nur zu wohl; aber der König kann es, der König, dazu angeſtiftet von der Churprinzeſſin, die bereits nicht ohne Einfluß iſt.“ „Iſt ſie das!“ ſagte Haſſe kalt.„Mir gleich. Laß ſie verſuchen, was ſie über mich vermag. Mir ſteht am Ende ja die weite Welt offen, ich finde gleich einen an⸗ dern Poſten; ob man hier aber ſobald einen Kapellmeiſter fände, um meine Stelle zu erſetzen, das wäre doch noch die Frage.“ „Oh! Auch dafür ſorgt dieſe weiſe, kluge junge Fremde!“ rief Fauſtine ſpöttiſch.„Auch darauf iſt ſie ſchon bedacht.— Sie hat einen Proteges, den ſie in Rom ausbilden läßt und der dann Deine Stelle einnehmen ſoll. 107 „Einen Protege!“ lachte Haſſe ſpöttiſch.„Den gönne ich ihr gerne, denn er wird ihr Geld koſten, und hinein protegiren kann ſie ihm doch nichts; denn die Muſik ſtammt vom Himmel, ſie iſt eine Gabe des Höchſten; wer die nicht mit auf die Welt bringt, der gewinnt ſie auch nicht!“ „Und die Mingotti wird auch ausgebildet. Der Porpora ſoll ſie unterweiſen. Er iſt geſtern Abend mit ihr bei der Churprinzeſſin geweſen, der König iſt dazu gekommen und hat ſolche Freude an dem Geſange der kleinen Aeffin gefunden, daß er dem Porpora monatlich hundert Thaler zugeſagt, wenn er ſie unterrichten wolle.“ „Und er hat ſich dazu verſtanden?“ „Das verſteht ſich, und ſich noch ſehr geehrt gefühlt.“ „Hm!“ ſagte Haſſe bedenklich.„So alſo ſtehen die Dinge?— Es wird ſein letztes Unternehmen der Art ſein. Seine Zeit iſt vorüber. Es iſt für ihn un clou pour s'accrocher*). „Und Du ſiehſt die Gefahr nicht?“ fragte Fauſtine ungeduldig. „Wo ſollte ſie ſein? Was thut es uns, daß Porpora hier iſt? Was thut es uns, wenn er die Mingotti unter⸗ richten will? Die paar hundert Thälerchen werden wir ²) Burney, Mnsical State ok 6ermauy. 108 doch nicht beneiden ſollen?— Ich dächte, daß bei unſerer Einnahme Niemand darauf verfallen könnte, uns der Mißgunſt zu zeihen.— Wir leben ja wie Prinzen, und meine Zeit iſt viel zu koſtbar, um ſie als Geſanglehrer auszubeuten.“ „Das wohl, aber—“ „Nun? Welch ein Aber haſt Du denn noch?“ „Die Mingotti iſt jung und nicht ganz ohne Stim⸗ me. Wenn es Porpora gelänge etwas aus ihr zu machen.“ „So wird man die Früchte davon hier nicht ernten; denn ſo wahr ich Haſſe heiße, ſoll ſie hier in keiner von mir componirten Oper auftreten, ohne ſich zu blamiren. Verlaſſe Dich darauf!— Wir führen ſie auf das Eis, und laſſen ſie durchfallen.“ „Du meinſt das wirklich? Das wäre ein Triumph, den ich erleben möchte!“ rief Fauſtine erheitert. „Hier meine Hand darauf, daß er Dir werden ſoll!“ Sie ergriff ſeine Rechte, hielt ſie einen Augenblick in der ihrigen, und warf ſich dann mit plötzlicher Ueber⸗ wallung des Gefühles an ſeine Bruſt. „Haſſe!“ ſagte ſie ſanft.„Haſt Du mir wirklich noch immer nicht vergeben? Bleibt die Erinnerung jener Jahre denn ewig in Dir wach, wo ich meine Liebe zu Dir meinem Stolze opferte, und ach! ſo bitter dafür 109 büßte?— Kannſt Du denn nimmer vergeben und ver⸗ geſſen?“ „Vergeben ſchon, vergeben habe ich Dir längſt, Fau⸗ ſtine; vergeſſen, nein.— Vergeben iſt Sache des Herzens, und mein Herz ſpricht zu lebhaft für Dich, um nicht im⸗ mer wieder in neuer Wärme für Dich zu erglühen. Ver⸗ geſſen aber— muß der Kopf, und der iſt halsſtarriger, als mir lieb iſt. Am beſten alſo, wir vermeiden, darauf zurück zu kommen. Du denkſt nicht mehr daran, ſo will auch ich es ſcheinbar nicht mehr thun.“ „Ich denke nicht daran!— O Gott! Du glaubſt das nicht, kannſt das nicht glauben, Haſſe.— Spricht mich doch täglich aus Deinen Mienen der bleiche Vor⸗ wurf an, daß ich dieſe glatte Stirne gefaltet, dies Haar gebleicht, dieſen Zug trüben Ernſtes um Deine Lippen gelegt!— Ich denke nicht daran!— Als ob ſich ſo etwas vergeſſen ließe, als ob der Stachel innern Vorwurfs ſeine Spitze je verlieren könnte, trotz Beichte, trotz Ab⸗ ſolution und allen Segnungen der Kirche!— Ich denke nicht daran! O Gott!“ Sie ließ ihr Haupt bewegt auf ſeiner Bruſt ruhen. Er drückte einen ſanften Kuß auf ihre Stirne, ſtrei⸗ chelte zärtlich ihre Wangen und führte ſie dann auf ihren Sitz zurück. „Ich glaubte, Du würdeſt heute dem jungen Mengs 110 ſitzen?“ fragte er dann, um ſie auf andere Gedanken zu leiten.„Er trifft ſo herrlich, daß es mir leid thun würde, nicht noch ein Bild von Dir zu erhalten, bevor er ſeine Kunſtreiſe nach Rom antritt.“ „Ich war nicht aufgelegt, nachdem ich alle dieſe Neuigkeiten gehört, und habe ihn auf morgen beſchieden. Es iſt übrigens ein Krieg unter den Künſtlern ausgebro⸗ chen, der den Pater Guerini zur Verzweiflung bringt. Silveſtre iſt eiferſüchtig auf den jungen Mengs, er will nicht hinter einem Knaben zurückſtehen, nicht mitanſehen, daß der König einem Kinde Aufträge ertheile, die er ſelbſt auszuführen im Stande.— So hat er denn um ſeinen Abſchied gebeten, um in ſein Vaterland zurückzu⸗ kehren.“ „Das wird dem Könige ſehr unlieb ſein!“ ſagte Haſſe kopfſchüttelnd.„Er hält viel auf Silveſtre und kann ihn kaum entbehren.“ „Und doch wird er es müſſen; denn er, ſo wenig wie wir Andern, wird vor jüngern Talenten, die uns nicht das Waſſer reichen, zurückſtehen wollen. Will er die erſten Meiſter der Welt an ſeinem Hofe verſammelt ſehen, ſo muß er ihnen ihre Stelle auch unbeeinträchtigt laſſen.“ „Das ſagt ſich leichter, als es auszuführen iſt,“ verſetzte Haſſe nachdenklich.„Es wollen denn doch auch 144 wiederum jüngere Talente ermuthigt und in ihrer Aus⸗ bildung beſchützt und gefördert ſein, woher ſollte ſonſt die Folgezeit ihre Künſtler entnehmen?“ „Kommt Zeit, kommt Rath!“ ſagte Fauſtine leicht⸗ hin, ergriff ein Notenblatt, auf das eben ihr Auge fiel, und trällerte die darauf befindliche Arie. „Was iſt denn das für Muſik?“ fragte ſie, ſich unterbrechend.„Wie kommſt Du zu dem Terte?“ „Er iſt aus einer Cantate der Frau Churprinzeſſin, welche am Geburtstage der Königin Maria Joſepha bei Hof geſungen werden ſoll.“ „So?“ ſagte Fauſtine gedehnt.„Ah! Jetzt ver⸗ ſtehe ich! Sie will ſich dabei mit fremden Federn ſchmü⸗ cken. Und wahrſcheinlich ſollen die Mingotti und der Por⸗ pora ihr dabei helfen.“ „Sie beſitzt ein ſchönes Talent, kann aber natürlich nicht nach den Regeln der Kunſt die Muſik ſetzen, und bedarf darum meiner Beihülfe,“ ſagte Haſſe anerken⸗ nend. „Die Leute gebrauchen, wozu man ſie nöthig hat, und ſie nachher bei Seite ſetzen! Ja, ja, wir kennen das!— Fürſten ſollten eigentlich auch nicht ſelbſt Muſik treiben wollen, ſondern uns nur zuhören und uns be⸗ wundern.“ „Sie haben aber doch mitunter eine Stimme wie wir, 112 und ein Talent wie wir, und wollen, was ihnen Gott gegeben hat, benutzen.— Als Friedrich von Preußen vor zwei Jahren die neun Tage in Dresden zubrachte und alle Tage mit uns ſpielte, da fandeſt Du nicht, daß er bloß Hörer ſein ſollte.“ „Ja, weil er doch hörte und gut hörte, wenigſtens mich. Dieſe Maria Antonia aber ſcheint ſich ſelbſt am liebſten ſingen zu hören.“ „Nun, davon haben wir doch noch keine Beweiſe.“ Indem klopfte es und der eintretende Diener mel⸗ dete, die Frau Churprinzeſſin laſſe den Herrn Kapell⸗ meiſter zu ſich entbieten, weil ſie ihn dringend zu ſprechen wünſche. „Wahrſcheinlich wegen ihrer Cantate!“ rief Fau⸗ ſtine ſpöttiſch. „Warten wir es ab!“ ſagte Haſſe ruhig, ſetzte ſeine große Perrücke auf und kleidete ſich an, dem Befehle zu folgen. Die wenigen Schritte bis zum Palais waren bald zurückgelegt. Maria Antonia empfing den Maeſtro in ihrem Privatzimmer, umgeben von ihren Büchern, Mu⸗ ſikalien und ihrem Farbenapparate. Freundlich nickte ſie ihm einen guten Morgen zu und bot ihm die Hand zum Kuße. „Mein lieber Herr Kapellmeiſter,“ redete ſie ihn 113 an,„ich habe verſchiedene Wünſche gegen Ihn aus⸗ zuſprechen, von deren Erfüllung ein Theil meines Glü⸗ ckes und meiner häuslichen Zufriedenheit abhängt.“ „Königliche Hoheit belieben zu ſcherzen!“ erwiderte Haſſe überraſcht von der Anrede. „Nein doch, ich ſpreche in ganzem Ernſte. Sehe Er, mein lieber Haſſe, ich liebe die Muſik über Alles und möchte gar zu gerne ſelbſt ein Weniges darin leiſten. Dies wird uns Fürſten aber ſehr ſchwer, weil wir von Jugend auf nicht angehalten werden, etwas mit Ernſt zu betreiben, und durch mancherlei Zerſtreuungen abgezogen werden. Dann wieder verdirbt man uns durch vorzeitiges Lob und verleitet uns das Schlechteſte ſchon gut zu finden, ſobald wir es ſelbſt machen. Mein ganzer Ehrgeiz iſt daher etwas zu leiſten, das ein wirkliches Lob verdiente, und dazu muß Er mir helfen.“ „Ich ſtehe, Königliche Hoheit, in Allem zu Dien⸗ ſten; aber wahrlich! bei Ihrem Talente geziemt Ihnen ſolche Beſcheidenheit ſchlecht.“ „Geziemt ſie mir wohl, mein lieber Herr Kapell⸗ meiſter,“ erwiderte lachend die junge Churprinzeſſin und nahm aus ihrer goldenen Doſe eine Priſe.„Ich weiß ſehr gut, daß ich nichts weiß, und aus dieſem argen Zu⸗ ſtande ſoll Er mich befreien. Ich möchte componiren ler⸗ nen und bitte Ihn, daß Er mich darin unterweiſe.“ 6 —— „Aber Königliche Hoheit haben ja den Porpora!“ rief Haſſe aus, dem jetzt plötzlich einfiel, daß er vielleicht verrichten ſolle, was jenem nicht anſtehe. „Ich habe den Porpora, ja; aber der Porpora iſt kein Haſſe,“ ſagte die Churprinzeſſin ernſter werdend. „Der Porpora iſt gut, um mir das Trillern und alle die modiſchen Manieren des italieniſchen Geſanges beizubrin⸗ gen, die der Frau Königin ſo unerläßlich ſcheinen; aber von der edlern Tonkunſt und ihren Regeln weiß der alte Herr gar wenig; dagegen iſt Er, mein lieber Haſſe, welt⸗ bekannt wegen Seiner wundervollen Compoſitionen, Opern, Cantaten und aller möglichen ſchönen Stücke. Es würde uns daher ſehr lieb ſein, wenn Er an jedem Donnerſtag mit ſeiner lieben Gemalin, der berühmten Fauſtine, zu uns an den Hof kommen wollte, um eine kleine muſikaliſche Aufführung in meinen Gemächern zu leiten, wobei Jeder nach Kräften und Neigung thätig ſein könnte, während Er mir am Morgen privatim eine Stunde Unterricht in der Compoſition ertheilte. Auf dieſe Weiſe hoffe ich, durch Theorie und Praxis meinen Ge⸗ ſchmack zu bilden und unterſcheiden zu lernen, wo die Spreu und wo der Weizen. Nun ſage Er mir, ob dieſer Vorſchlag Ihm genehm iſt und ob Er mir dieſen Willen thun kann.“ „Eure Königliche Hoheit wiſſen ſchon, daß Ihre Wünſche mir Befehl ſind; doch—“ 115 „Kein doch,“ fiel die Churprinzeſſin ein.„Es kann nur von Ja oder Nein die Rede ſein.„Er iſt der erſte Muſikus an dieſem Hofe, mein lieber Haſſe, Ihm gebührt daher überall die erſte Stelle, und es wäre eine Beleidi⸗ gung für Ihn, wollte ich, wo es Ehre und Auszeichnung gilt, einem Andern den Vorzug geben. Das verſtehe Er wohl.“ „Hat der Porpora nicht vielleicht ſchon dieſe Ehre abgelehnt?“ fragte Haſſe mißtrauiſch. „Er iſt wahrhaft drollig, mein lieber Kapellmei⸗ ſter!“ rief Maria Antonia, welche von Pater Guerini in den Streit der muſikaliſchen Welt eingeweiht, dieſe Auswege des Künſtlers ganz gut verſtand.„Der Por⸗ pora kann nicht annehmen, was ihm nicht geboten iſt. Nur wenn Er ablehnt, muß ich mich an ihn wenden, und Er wird mir den Kummer nicht machen, des Beiſtan⸗ des eines ſo berühmten Meiſters und in der Fauſtine ein Vorbild im Geſange entbehren zu ſollen.“ „Was das letztere betrifft, ſo iſt die Mingotti da.“ „Wie kann Er nur ſo reden!“ rief die Churprin⸗ zeſſin.„So gut wie die Mingotti ſinge ich allenfalls auch. Darum macht es mir Spaß, mich mit ihr zu meſſen, und zu ſehen, wer beim Porpora die ſchnellſten Fort⸗ ſchritte macht. Es iſt ein Wettlauf von zwei Stümpern, die ſich Beide nicht vor der göttlichen Fauſtine hören laſ⸗ ſen können.— Nun aber ja oder nein?“ 116 „Ja!“ rief Haſſe begeiſtert.„Eure Königliche Ho⸗ heit machen mir ein ſolches Amt zur Freude. Ich eile, Fauſtine von Ihrem Wohlwollen für ſie zu benachrich⸗ tigen.“ „Thue Er das, mein Herr Kapellmeiſter. Sage Er ihr, wie ſehr ich ſie bewundere und mich auf ihren gött⸗ lichen Geſang freue.“ Sie nickte ihm freundlich ſeinen Abſchied zu. Als ſich die Thüre hinter dem Muſiker geſchloſſen, trat von der andern Seite der Churprinz, gefolgt vom Pater Guerini in das Gemach.„Nun?“ fragten ſie, mehr noch mit dem Ausdruck der Mienen, als mit Worten. „Ich habe ihn gewonnen,“ erwiderte lachend die Churprinzeſſin.„Er wird mit der göttlichen Fauſtine kommen.“ „Du biſt eine kleine Hexe!“ flüſterte der Churprinz und drückte die Hand ſeiner Gattin ſchmeichelnd an ſeine Lippen. „Königliche Hoheit haben mir einen Stein vom Herzen genommen,“ ſeufzte der Prieſter hoch auf.„Die Fauſtine war in einer Wuth, einer Wuth— daß ich un⸗ ſere ganze Oper ſchon zerſtört ſah.“ „Seien Sie ruhig, Sie haben jetzt eine Gehilfin bei Ihrem Vermittleramte, mon pöre,“ ſagte der Chur⸗ 117 prinz.„Mit dieſer Bundesgenoſſin können Sie manchen Sturm beſchwichtigen.“ Haſſe erreichte indeſſen ſeine Wohnung, wo Fau⸗ ſtine ihm neugierig entgegen trat.„Nun? Etwas von der Mingotti?“ fragte ſie lebhaft. „Nichts von der Mingotti, Alles von der Fau⸗ ſtine!“ rief er vergnügt.„Wir muſiciren jeden Donner⸗ ſtag bei Hofe, und bleiben was wir ſind, Nr. 1. Die Churprinzeſſin aber iſt ein wahrer Engel an Liebenswür⸗ digkeit.“ Achtes Capitel. Die Meſſe in Leipzig. Die junge Churprinzeſſin ſehnte ſich lebhaft, ihr neues Vaterland nach allen Seiten hin kennen zu lernen. Leipzig, damals weltberühmt als Handelsſtadt, gehörte zu den Plätzen, welche als ſehenswürdig aufgeſucht wur⸗ den, und kaum hatte Maria Antonia ſich mit Dresden und ſeiner Umgebung vertraut gemacht, ſo erwachte auch ſchon der Wunſch in ihr, einen Ausflug nach der Schwe⸗ ſterſtadt zu unternehmen. Der Churprinz konnte ſeiner jungen Gemalin nichts 118 verweigern; er erklärte ſich alſo auch diesmal ſogleich be⸗ reit ihr zu willfahren, und bat ſie, nur die Zeit der Meſſe abzuwarten, wo ſie dann in doppelter Hinſicht von ihrer Reiſe befriedigt ſein werde. Das Korn war geſchnitten, die Aſtern blühten, der Weinſtock prangte mit reifenden Trauben; ſo rückte denn auch der Tag heran, wo ſich die Straßen des Landes mit Fremden aus allen Theilen der Erde bedeckten und ein großer Menſchenſtrom durch die dem Handel weit geöffneten Thore Leipzigs einziehen ſollte. Die königlichen Staatswagen ſtanden bereit, um auch das jugendliche Fürſtenpaar dieſem Ziele zuzuführen. Unter Baumalleen hin, welche von reifen Früchten prangten, zur Linken den Elbeſtrom mit ſeinen vielfachen Krümmungen, bald dem Auge entſchwindend, bald wieder ganz nahe aus den duftigen Wieſen mit ſeiner Silber⸗ fläche auftauchend, zur Rechten die anmuthige Hügelkette, wo die Rebe gedeiht, und der Winzer ſeine Häuschen auf luftiger Höhe erbaut, um ihren Wachsthum zu über⸗ wachen, führte die Straße nach Meißen zu, wo die alte Burg, von den Strahlen der ſcheidenden Sonne vergol⸗ det, das junge Fürſtenpaar von der Höhe herab ehrwür⸗ dig begrüßte. Hier befand man ſich auf recht eigentlich ſächſiſchem Boden, hier mahnten die grauen Mauern des alten 129 Stammſchloſſes das junge Paar, der Geſchichte ihres Hauſes nachzudenken, und in dem Wachſen und Gedeihen ihres Geſchlechtes die Abſichten der Vorſehung zu erken⸗ nen. Mit Intereſſe hörte Maria Antonia ihrem Gatten zu, wenn er ihr von ſeinen Vorfahren ſprach, in deren Geſchlecht ſie jetzt eingetreten, und ihr Einzelnheiten aus deren Erlebniſſen mittheilte, welche, obwohl der Geſchichte angehörend, ihr dennoch fremd geblieben waren. Es wurde hier ein Ruhetag gemacht, um die Um⸗ gegend kennen zu lernen und auch die Porzellanfabrik zu beſuchen, deren Berühmtheit zu jener Zeit ſo groß war, daß bei den meiſten Staatsverhandlungen zu den Bedingun⸗ gen der Einigung immer als Zuſatz ein koſtbarer Gegen⸗ ſtand des hier angefertigten Porzellans gefordert wurde. Selbſt Künſtlerin, betrachtete Maria Antonia mit lebhaftem Antheil ſowohl die Formen, wie die Malerei und den ganzen Gang der Zubereitung, von dem erſten rohen Auswirken des Tons an, bis zu dem letzten, mit ſo viel Sorge und Gefahr vollendeten Erglühen im Ofen. Sie fragte mit Umſicht nach allen dabei anzu⸗ wendenden Handgriffen und unterrichtete ſich genau über das ganze Verfahren. Scherzend flüſterte ihr der Chur⸗ prinz zu; ob ſie nicht lieber als Geſelle um eine Anſtellung nachſuchen wolle, da ſie den Kram nun doch ſchon halb verſtehe? 120 Sie lachte. Dann aber fügte ſie, plötzlich ſehr ernſt werdend, hinzu:„Mein Lieber, es iſt doch noch die Frage, ob wir, als Beſitzer dieſer Fabrik und ſelbſt hier fördernd und ſchaffend, nicht innerlich noch größere Befriedigung fänden, als wie bei unſerm jetzigen Metier— als Fürſten ohne Thron.“ Ueber Oſchatz und Wurzen wurde nun die Reiſe fortgeſetzt, und endlich lag in einer Ebene vor ihnen die mit Feſtungsgräben und Mauern wohlverſchanzte Han⸗ delsſtadt an der Pleiße. Das junge Paar ſtieg in der Burg ab und empfing hier das Willkommen der Abgeſandten von Senat und Bürgerſchaft, ſo wie von der Univerſität. Dieſe Pflicht überſtanden, dachten ſie daran, ihre eigene Neugierde in Bezug aller Merkwürdigkeiten der Stadt zu befriedigen. In den Straßen herrſchte das dichteſte Gedränge, auf dem Markte ſtand Bude an Bude, Käufer und Ver⸗ käufer wogten in buntem Durcheinander.— Der Arme⸗ nier, der polniſche Jude, der Fez, der Turban, alle Co⸗ ſtüme, alle Trachten waren hier vertreten, und das bunte Durcheinander von Sprachen erinnerte an Babylons Fall. Die Ruſſen mit ihren langen Bärten, die hohen Ge⸗ ſtalten der Griechen in ihrer würdigen Kleidung erregten vor Allem die Aufmerkſamkeit, und indem der Einzelne 121 ſtehen blieb dieſen Geſtalten nachzublicken, vermehrte er nur die ſchon herrſchende Unordnung des Gedränges. Dabei war jeder Miethbewohner aus ſeinen Zim⸗ mern verwieſen, um Fremden Platz zu machen, und indem die Stadt auf dieſe Art ihre eigentlichen Bewohner ein⸗ büßte, gewann ſie nur um ſo mehr ein fremdartiges Anſehen.— Die Churprinzeſſin wünſchte lebhaft ſich in dies bunte Gedränge zu miſchen; aber das Entſetzen ihrer Oberhofmeiſterin über einen ſolchen Gedanken überzeugte ſie ſchnell, wie unmöglich es ſei, hier ſelbſtändig zu han⸗ deln. Es wurde alſo in der belebteſten Gegend ein Erker⸗ fenſter für ſie gemiethet, von wo aus ihr Auge dieſem bunten Treiben zuſehen mochte. „Da ſitzen wir nun und ſehen das Leben wieder einmal aus der Perſpective an,“ bemerkte ſie halb bitter, halb ſcherzend, als ſie ihren Standpunkt eingenommen und das bunte Gewühl zu ihren Füßen ſah. „Wir überſchätzen ſtets, was uns verſagt iſt, oder auch was wir nicht kennen,“ erwiderte der Churprinz milde. „Thue recht und ſcheue Niemand! Das ſollte mein Motto ſein, wenn die Baronin von Freyberg es erlaubte,“ ſagte Maria Antonia lachend. „Die Pflichten meines Amtes gebieten mir eine 1860. M. Maria Antonia. I. 8 122 ſolche plebejiſche Moral für ſittenverderbend zu erklären,“ erwiderte die Oberhofmeiſterin mit großer Förmlichkeit.— Der laute Lärm auf der Straße ließ keine weitere Unterhaltung zu.— Eine altmodiſche Lohnkutſche kam eben des Weges und gerieth in Colliſion mit einem Laſt⸗ wagen, der durch das Gedränge aufgehalten, ohnehin nicht wußte, ob er ſich vorwärts bewegen, oder ſtehen bleiben ſollte. Dazwiſchen leierte eine Orgel ihr monotones Lied, ein Polychinell verſuchte durch ſeine Künſte Zuſchauer herbeizulocken, während eine blinde Sängerin aus allen Kräften ihre kreiſchende Stimme erhob und ein Affen⸗ führer die Künſte ſeines Schutzbefohlenen mit ſonoren Tönen anpries. Was heute noch alljährlich auf der Vogelwieſe und auf Jahrmärkten die Menge zu lebhafter Bewunderung aufruft, verfehlte damals eben ſo wenig Schauluſtige anzulocken, und ſo ſahen denn der Churprinz und ſeine Gemalin mit wahrem Vergnügen dieſem bunten, tollen Leben zu, das ſich ihnen auf dieſem Jahrmarkte der Welt in ſeinen grellſten Schattirungen bot. Müde kehrten ſie dann Abends in ihre Wohnung zurück, um in der Frühe des nächſten Tages mit neuen Kräften ihren Standpunkt wieder aufzuſuchen. Nach dem förmlichen Gange ihres Hoflebens war dies wenigſtens ein Wechſel für ſie. Als ſie ſich nun endlich ſatt geſchaut und in ihrem 123 vergoldeten Staatswagen eine Promenade außerhalb der Wälle der Stadt verſucht, auch das Roſenthal und ſeine ſchon in gelblichen Färbungen prangenden Bäume in Augenſchein genommen, fing Maria Antonia an, ſich nach Beſchäftigung zu ſehnen. Ihr nie raſtender Geiſt konnte nie lange ohne Nahrung ſein, ohne daß ſie eine peinliche Leere fühlte. In einer Stadt, welche zugleich die Wiſſen⸗ ſchaften vertrat, mußte es noch eine Unterhaltung ern⸗ ſterer Art für ſie geben, als nur dem Lärm der Meſſe zuzuſchauen. Sie trug daher ihrem Oberhofmeiſter, Baron von Wezel, auf, Erkundigungen einzuziehen, welche der Herren Profeſſoren ſich in irgend einer Art hervorgethan, und befahl, ihr deren Werke zu überbringen, und die Autoren darauf zu ihr zu beſcheiden. Wie erſtaunt war ſie nun, als ihr darauf die Fa⸗ beln von Gellert in die Hände kamen, als ſie des gelehr⸗ ten Gottſched Abhandlungen über die Beredſamkeit er⸗ hielt und endlich ſogar erfahren mußte, daß ſelbſt die Frau Gottſched, eine geborene Culmus aus Danzig, in vielfacher Weiſe auf literariſchem Gebiete thätig war, ja ſo eben erſt für die Bühne ein Stück:„Die Pietiſterei im Fiſchbeinrocke“ herausgegeben hatte, und in dem Rufe wunderbarer Gelehrſamkeit ſtand. Dieſe Frau alſo hatte erreicht, was Maria Antonia ſo lebhaft für ſich ſelbſt begehrte; ſie hatte ſich einen Na⸗ men erworben, der mit Bewunderung genannt wurde; ſie wurde geehrt ihrer Verdienſte willen. Daß Maria Antonia den weit bekannten Namen der Gottſched heute zum erſten Male hörte, kann nicht Wunder nehmen; denn ſie war eine Fremde auf dieſem Boden, wo es noch keine Tagespreſſe gab und erſt ein einziges Blatt im Entſtehen war, worin freilich von der Literatur immer noch nicht geredet wurde. Außerdem trieben die Fürſten die deutſche Sprache auch nur grade ſo viel, um ſich mit ihren Untergebenen verſtändigen zu können; für ihren eigenen Umgang bedienten ſie ſich des Franzöſiſchen, und laſen auch nur, was in fremden Sprachen geſchrieben wurde, wo ſie denn freilich an Voltaire und Rouſſeau, und an den eben ſo bedeutenden Schriftſtellern Englands, an ei⸗ nem Goldſmith und Johnſon, mehr Gefallen finden mußten, als an den Producten in unſerer noch ſehr herbe klingenden Sprache. Die Frau Gottſched wurde nun zu der Frau Chur⸗ prinzeſſin beſchieden. Am Arme ihres ſteifen, gelehrten, pedantiſchen Gat⸗ ten, der eine Allongenperrücke trug, welche ihm bis an den Gürtel reichte, trat die deutſche Schriftſtellerin ein. Ihres Ruhmes ſich bewußt, benahm ſie ſich mit Würde und Haltung. Maria Antonia ließ ihr helles Auge einen 125 Augenblick forſchend auf ihr ruhen, bevor ſie ihr mit freundlicher Grazie die weiße wohlgepflegte Hand ent⸗ gegen hielt.— So hatte ſie ſich die Dichterin nicht vor⸗ geſtellt. So groß, ſo ſtark gebaut, mit ſo unſchönen Zü⸗ gen!— Welch' ein ſeltſames Spiel der Natur! Eine ſchöne Seele in einem ſo häßlichen Körper— oder doch keine ſchöne Seele vielleicht? Das Paar war kinderlos, Frau Gottſched konnte daher ganz ihrem Gatten leben und ſeine Intereſſen zu den ihrigen machen. Auf Befragen der Churprinzeſſin theilte ſie ihr mit, wie ſie ihre Tage verlebe, und wie glück⸗ lich ſie ſich fühle, täglich mehr zu lernen, im Umgange mit ihrem Gatten täglich ihre Kenntniſſe zu erweitern. „Und die Küche?“ fragte Maria Antonia.„Auch die Küche beſorgen Sie?“ „Mit dem Kopfe, ja, Königliche Hoheit,“ erwiderte Frau Gottſched.„Da unſere Verhältniſſe es geſtatten, daß wir eine Köchin halten, ſo führe ich nur die Aufſicht, um meine Zeit einem würdigeren Streben zuzuwenden.“ „Und Sie ſchreiben deutſch?“ fragte Maria An⸗ tonia weiter.„Sie finden wirklich, daß dieſe Sprache Ihnen die Worte für Ihre Gedanken zu leihen im Stande iſt?“ „Und warum nicht?“ nahm Gottſched lebhaft das Wort. Seit Lutter„eine feſte Burg iſt unſer Gott“ darin gedichtet, haben wir uns wohl überzeugen müſſen, daß 126 der Herr uns eine Sprache verliehen, auf deren Bau wir ſtolz ſein können. Warten wir es nur ab. Schon tagt ein neuer Morgen, ſchon regt es ſich mächtig in unſerm Volke und ſchöne Kräfte geben ſich kund.— Da iſt Gleim und Graun; da iſt Weiße, der uns den Kin⸗ derfreund geſchrieben; da iſt Rabener, deſſen Satyren einem Swift und Swollet nacheifern; da iſt der junge Leſſing, und unſer Fabeldichter Gellert, und noch ſo Viele mehr; darum, Frau Churprinzeſſin, bitte ich Sie inſtändig, an unſere deutſche Sprache und ihre glorreiche Zukunft zu glauben.“ „Schon um eines Gottſched willen würde ich das thun,“ erwiderte ſie lächelnd;„ſchon um der ſchönen Sa⸗ chen, welche eine Gottſched uns darin geſchrieben, dürfte ich nicht mehr zweifeln. Bitte! leſen Sie mir eins Ihrer Gedichte vor, Madame, damit ich den Klang der deut⸗ ſchen Sprache im ſchönſten Rhythmus mit Ihrem ſchönen Organe vernehme.“ Frau Gottſched fand dieſe Aufforderung ganz in der Ordnung, wie es ſchien; denn der gelehrte Herr Profeſſor zog ſogleich ein Buch aus der Taſche, reichte es ſeiner Gattin, welche ohne Zögern mit vieler Deckama⸗ tion folgende Ode begann: 127 „Vie glücklich iſt der Menſch, der hochgeboren iſt. Sein reiner Geiſt zertheilt die Nebel eitler Sorgen, Den mancher Erdenwurm ſtatt ſeiner Speiſe frißt, Und darf nicht den Verſtand von ſeinem Golde borgen; Er dringt durch dieſen Dunſt, der Vieler Augen blendet, Weil er durch ſolchen Tand nicht ſeine Zeit verſchwendet.“ Maria Antonia hörte dem Vortrage mit vieler Aufmerkſamkeit zu und ſchenkte ihm aufrichtigen Beifall; denn in jener Zeit waren die Anſprüche noch beſcheiden, ein bischen Reimen und Sprachgewandheit, wie ſie jetzt je⸗ der Schulknabe beſitzt, galt für ein Talent, für eine Dich⸗ tung, für das Werk eines Genies.— Die Kenntniſſe, welche man an der Frau Gottſched ſo hoch bewunderte, würden unter uns kaum einer beſondern Beachtung ge⸗ nießen. Maria Antonia jedoch urtheilte ihrer Zeitepoche gemäß, wo es den Frauen im Allgemeinen ſchwer ward Kenntniſſe zu erwerben, und die Einzelne, welche durch Zufall oder Umſtände ihrem Wiſſensdrange zu genügen vermochte, darum noch wie ein Wunder betrachtet ward.— Da die Churprinzeſſin ſelbſt in dem Rufe ſeltener Aus⸗ bildung ſtand, ſo war es ihr um ſo intereſſanter hier Ver⸗ gleiche anzuſtellen.— Frau Gottſched zählte freilich faſt ein Dutzend Jahre mehr als ſie und hatte dieſen Zeit⸗ raum ganz ihrer geiſtigen Entwickelung zuwenden können. 128 Das war ihr unter keiner Bedingung möglich, und den⸗ noch— hoffte ſie nicht hinter ihr zurück zu bleiben. Unter den ſchmeichelhafteſten Ausdrücken entließ ſie das gelehrte Paar, welches, nicht unempfindlich gegen das Lob hochgeſtellter Perſonen, in einem Meere von Seligkeit ſchwamm. Noch aufgeregt durch den in ihr geweckten Gedanken in Bezug auf ihre eigenen Talente ſtand Maria Antonia ſinnend am Fenſter, als ihr ſchon der feine, liebenswürdig, wahrhaft wie ein Dichter aus⸗ ſehende Gellert angemeldet wurde. Gleich auf den erſten Blick fühlte die junge Prin⸗ zeſſin hier den verwandten Geiſt; aus dieſem Auge ſprach ſie eine Seele an, welche durſtig wie die ihrige, nach dem Schönen ſuchte und es nach vielem Irren nur da fand, wo es ſich zugleich dem höchſten Gedanken anſchloß. In dieſes milde Auge hätte ſie immer blicken mögen, das halb melancholiſche Lächeln um dieſen feinen Mund immer auf's Neue hervorrufen mögen! Aber— es war ja nur eine Audienz, die ſie gab. Die dazu anberaumte Stunde war ſchnell entflohen, und ſie durfte den eiligen Zeiger nicht hemmen wollen.— Dichter und Könige wandelten damals noch ganz verſchie⸗ dene Pfade und begegneten ſich wenig im Leben. Die Erſteren ſangen in das Volk hinein, daß es eine Seele habe, die ihnen nach empfinden könne; die Andern woll⸗ 129 ten den Völkern dieſe gefährliche Ueberzeugung ferne halten. Das Begegnen mit bedeutenden Menſchen bleibt nie ohne einen Nachhall in uns. Maria Antonia konnte den Eindruck lange nicht überwinden, den das Begegnen mit dieſen drei ausgezeichneten Perſönlichkeiten, und mehr noch die mit ihnen geführte Unterhaltung in ihrer Seele angeregt. Sie empfand eine Sehnſucht nach ihrem ge⸗ wohnten Leben, nach ihren Morgenbeſchäftigungen und ihren Lehrern. Ihr Ehrgeiz hatte friſche Farben gewon⸗ nen. Sie konnte einſt Beherrſcherin dieſes Landes, ſie konnte Königin von Polen werden; doch— bevor dieſe Gunſt des Schickſals ihr zu Theil ward, wünſchte ſie etwas durch ſich ſelbſt zu ſein, um ihrer ſelbſt willen Bewunderung zu verdienen. Schweigſam ſaß ſie an der Seite ihres jungen Gat⸗ ten, der dieſe ernſte Miene an ihr nicht kannte. Er hatte gehofft, die junge, lebensfrohe Frau durch dieſe Reiſe erheitert zu ſehen, und nun kehrte ſie faſt ſchwermüthig mit ihm nach Dresden zurück. Theilnehmend und fragend zugleich ließ er ſein Auge auf ihr ruhen. Sie verſtand ſeinen Blick und beantwortete ihn. „Wenn wir allein ſein werden,“ flüſterte ſie ihm zu,„ſtehe ich Dir Rede.“ 5 130 Am Abend dieſes Tages fanden ſie ſich endlich allein. Ermüdet von der Reiſe, hatten ſie ſich in ihre Gemächer zurückgezogen und ihr dienendes Perſonal entlaſſen. Der Churprinz hatte ſich in einen bequemen Armſtuhl nieder⸗ gelaſſen, ſeine Gemalin wandelte, ihrer Gewohnheit ol⸗ gend, auf und ab. Ihr unruhiges Temperament litt ſie nicht lange auf einer Stelle. Sie bedurfte der anhaltenden körperlichen Bewegung, als Ableiter für ihre geiſtige Thätigkeit. Sinnend folgte ihr das Auge des Churprinzen. „Wir ſind jetzt allein, Antonia,“ begann er endlich. Wie aus tiefen Gedanken erwachend, wandte ſich die Prinzeſſin auf dieſe Frage zu ihm, ein liebliches Lä⸗ cheln umſpielte ihre Lippen, und ſich mit raſchem Ent⸗ ſchluße an ſeine Seite ſetzend und ſchmeichelnd ſeine Hand ergreifend, ſagte ſie: „Ich bin nicht undankbar, Chriſtian. Ich danke Dir von ganzem Herzen für die Reiſe. Wenn ſie mir aber das verſprochene Vergnügen nicht ganz gewährte, ſo liegt die Schuld davon weder an Dir noch an mir. Die Einbildungskraft malt uns das noch nicht Geſehene meiſtens mit goldenen Farben, und ſchauen wir darauf mit eigenen Augen, ſo wird plötzlich alles grau, was vorher die ſchönſten Tinten trug. So iſt es mir ſchon häufig ergangen im Leben. Als ich mit meinem hochſeli⸗ 131 gen Vater nach Frankfurt zur Kaiſerkrönung ging, was ſtellte ich mir da nicht alles vor von der prächtigen Reichs⸗ ſtadt und meinem Auftreten daſelbſt als kaiſerliche Prin⸗ zeſſin, und ſchließlich fand ich die Stadt nicht ſchöner als Leipzig, und mich auch ſelbſt nicht eben mehr geehrt und geliebt, als ich mein Lebtag in München es geweſen. Das konnte ich lange nicht verwinden. Von da an hing ich mehr meinen idealen Träumen nach, und ſuchte im Reiche der Poeſie, was mir die Wirklichkeit verſagte.— Da ſtiftete ich denn den Freundſchaftsbund, l'ordre de Famitié, und hoffte in dieſer Verbrüderung mir ein neues Reich zu gründen, in welchem ich Geiſter beherrſchte und über Herzen geböte. Aber, ſchließlich war es auch damit nichts. Endlich kam ich hierher, als Deine Gattin, das lang geſuchte Glück zu finden....“ „Und fandeſt Dich abermals getäuſcht,“ fiel der junge Mann mit leiſem Vorwurfe ein. Sie legte ihm ſanft die kleinen, zarten Finger auf den Mund und ſagte halb ſchmollend:„Und fand diesmal alle meine Erwartungen übertroffen; denn mir wurde ein Gatte zu Theil, der alle Tugenden in ſich vereint und mich zur Königin ſeines Herzens erhob.— So weit alſo iſt mein Glück vollkommen. Die Enttäuſchung kam nicht von dieſer Seite her.“ „Und wo denn fandeſt Du ſie?“ 1 3 3 „In unſerer Stellung zum Hofe.— Wir müſſen dieſem gegenüber ganz unthätig, ganz unbeſchäftigt ſchei⸗ nen. Das quält mich. Ich fühle einen ſolchen Drang in mir zu nützen, zu ordnen, zu ſchaffen, daß mir ein müßi⸗ ges Zuſehen die größte Strafe iſt. Ich möchte Einfluß beſitzen und ihn auf Andere geltend machen. Ich fühle ſo viel adminiſtratives Talent in mir, das ſchlummern muß und darum an mir zehrt. Ich weiß nicht wohin mit meinen Kräften. Eine innere Unruhe verzehrt mich.— Als ich nun in Leipzig dieſe Gottſched ſah, die mir ſo ruhig, ſicher, ſelbſtzufrieden entgegen trat, da beneidete ich ſie um ihre Stellung zu den Menſchen, und wünſchte leb⸗ haft, was ich als Fürſtin nicht gelten darf, durch meine Talente mir zu erringen. Daraus entſtand mein Wunſch hierher zurückzukehren und mit erneuertem Fleiße meinen Studien obzuliegen.— Verſtehſt Du nun, was mich ſo ernſt bewegte?“ Der Prinz zögerte einen Augenblick mit der Ant⸗ wort. Dann ſah er ſeine Gattin zärtlich und theilnahms⸗ voll an und erwiderte: „Du biſt ehrgeizig, Antonia. So ſtrebe denn und ſchaffe Dir ein Glück, das ich Dir nicht gewähren kann. Meines Beiſtandes ſollſt Du auch dabei nie entbehren; denn Deine Seele iſt die meine, wie Deine Zufriedenheit die meinige iſt.“ —„—„„—„— ℳ „Welch ein Herz!“ rief ſie und ſah mit inniger Be⸗ wunderung zu ihm auf. In dem Momente ſtörte ſie der Baron von Wezel, welcher eine aus Rom durch die Geſandſchaft eingelaufene Depeſche brachte. Mit eiliger Hand erbrach Maria An⸗ tonia das große Siegel, welches der Academie der Arcadia angehörte, und entfaltete das Schreiben. Aber kaum hatte ſie die erſten Zeilen geleſen, ſo ſank ſie mit einem: D mein Gott! in ihren Seſſel zurück und Thränen ent⸗ ſtürzten ihren Augen. Beſtürzt ſah der Prinz dieſe Auf⸗ regung und griff nach dem Briefe. Aber ſchnell ihre Hand darauf legend, ſagte ſie ſanft:„Laß mich ſelbſt zu Ende leſen, Chriſtian! Es iſt zu viel des Glückes. Die Acade⸗ mie hat mich zu ihrem Mitglied ernannt. Ich bin unter dem Namen Ermelinda Palea*) eingeſchrieben. Dies iſt mein Diplom, das mein Gedicht mir gewonnen.“ Sie ſchöpfte tief Athem, als gelte es ihre Bruſt von der Ueberfülle dieſes Glückes zu erlöſen. Dann ſprang ſie auf und ging, die Hände auf's Herz, unruhig im Zim⸗ mer auf und ab, als wolle ſie deſſen lautes Schlagen be⸗ ſchwichtigen. Endlich trat ſie an den Prinzen heran, legte ihren Arm um ſeinen Nacken und flüſterte ihm zu:„Ermelinda 9 Veber, Maria Antonig. 134 Palca! So nenne mich, wenn wir allein ſind, Das iſt jetzt mein ſchönſter Name. Ermelinda Paléa. So nenne ich mich als italieniſche Dichterin.“ Hier wurden ſie auf's Neue unterbrochen. Der Baron von Wezel meldete, es wünſche der ruſſiſche Ge⸗ ſandte, Graf Beſtoncheff, zu dieſer ſpäten Stunde noch Vorlaſſung, um ſich eines Auftrages der Kaiſerin zu ent⸗ ledigen, der ſchon ſeit mehreren Tagen auf Erledigung warte, verzögert durch die Abweſenheit der Churprinzeſſin. Verwundert ſah Maria Antonia ihren Gatten an. Was konnte die große Eliſabeth von ihr, der unbeden⸗ tenden und machtloſen Fürſtin wollen, mit welcher Bot⸗ ſchaft ihren Geſandten an ſie beauftragt haben?— Sie faltete ſchnell ihr Diplom von der Academie der Arcadia zuſammen, nahm eine würdige Haltung an und hieß den ruſſiſchen Bevollmächtigten herein führen. Weit öffneten ſich die Thüren. Graf Beſtoncheff trat ein, und vor der Churprinzeſſin ein Knie beugend, überreichte er ihr im Namen ſeiner Kaiſerin den St. Katharinen⸗Orden, als Ausdruck ihrer aufrichtigen Be⸗ wunderung und Verehrung. Purpurglut färbte der jungen Fürſtin Wangen bei Empfangnahme des glänzenden Kleinods. Schien es doch, als hätten Süd und Nord ſich heute verſchworen, ihrem Zweifel an die eigene Bedeutſamkeit ein grelles 135 Dementie zu geben. Mit Mühe nur behauptete ſie ihre Faſſung und erwiderte dem Ueberbringer mit dem Aus⸗ drucke der Huld: „Entrichten Sie, Graf Beſtoncheff, Ihrer Kaiſerin für dieſen Ausdruck Ihrer Huld meinen Dank, den ich ihr morgen in einem eigenhändigen Schreiben wieder⸗ holen werde, ſobald ich von Seiner Majeſtät, dem König, die Erlaubniß erhalten, den mich ehrenden Schmuck tra⸗ gen zu dürfen.“ Damit winkte ſie ihm ſeine Entlaſſung. „Nun, meine Ermelinde Paléa?“ fragte der Churprinz lächelnd, ſo wie die Thüren ſich hinter dem Geſandten der mächtigen Kaiſerin geſchloſſen.„Sollten wir jetzt nicht lieber beten: Der Herr bewahre mein Herz, daß es nicht übermüthig werde?“ „Ach, Chriſtian! es iſt zu viel des Glückes auf einmal!“ rief die junge Frau, die Hand ihres Gatten innig an ihre Lippen drückend, als ſei er es, dem ſie für das empfangene Gute zu danken.„Ja, ich fühle es, ich bin nicht länger eine unbedeutende Prinzeſſin, ich bin geſchätzt, geehrt als talentvolle Frau, und brauche keine Gottſched länger zu beneiden.— O mein Gott! Wie danke ich Dir aus meines Herzens tiefſtem Grunde für dieſen Tag.“ ————————— 1 3 1 5 Aeuntes Capitel. Das Adagiv in der Oper Demofronte. Der Winter hatte die Erde mit einem dichten Schnee⸗ mantel überzogen. Eine ſtarke Eisſchichte bedeckte die Elbe. Zum Vergnügen wagte ſich Niemand hinaus, guf den Straßen war es einſam und nur das helle Glöckchen eines Schlittens unterbrach von Zeit zu Zeit die Stille. Maria Antonia ſtand am Fenſter und hauchte in die mit Froſtblumen überzogenen Scheiben eine Oeffnung, durch die ſie dann einen Blick auf Himmel und Erde warf. Im Kamine praſſelte behaglich ein großer Holzſtoß. Auf dem Tiſche lagen Notenblätter und Bücher, mit denen ſie ſo eben noch beſchäftigt geweſen. Ein Zug der Sorge furchte heute ihre ſonſt ſtets heitere Stirne. Sie ſchien einen unangenehmen Gedanken verſcheuchen zu wollen, der indeſſen gegen ihren Willen immer wieder zu ihr zurückkehrte. Da wurde Graf Brühl gemeldet.— Purpurglut überzog ihre Wangen, als ſie ſeinen Namen hörte, und gewaltfam faßte ſie ſich, um den in ſeiner eleganten Morgenkleidung eintretenden mächtigen Miniſter zu be⸗ grüßen. Den Hut unter dem Arme, den Degen an der —„—„—„———„—„——„„— 137 Seite, verbeugte er ſich tief vor der jungen Fürſtin, die in geſteigerter Erwartung ſeiner Anrede entgegen ſah. „Königliche Hoheit,“ begann er und zog ein Päck⸗ chen aus der Bruſttaſche ſeines reichgeſtickten Rockes,„im Namen Seiner Majeſtät händige ich Ihnen hiermit die Quittungen für 18.355 Thaler 14 Gr. 4 ½ Pf. ein, welche ſie aus beſonderer Zuneigung für Sie hat berich⸗ tigen laſſen“*). „Wie?“ rief die Churprinzeſſin erſtaunt,„der Kö⸗ nig weiß? Er kannte meine Verlegenheit?— Kann denn dieſem Hofe nichts verſchwiegen bleiben?“ „Nichts, was Sie, oder der königlichen Familie gleich nah geſtellte Perſonen betrifft,“ verſetzte der Mi⸗ niſter mit vielſagendem Lächeln.„Darum auch bittet Sie der König, in Zukunft bei dergleichen kleinen Verlegen⸗ heiten ſich lieber direct an ihn zu wenden, als an Wuche⸗ rer, welche den Namen Ihrer Königlichen Hoheit nur compromittiren. Denn ſelbſtverſtanden könnte es dem Hofe nicht angenehm ſein, wenn es bekannt würde, daß Sie dieſe kleine Schuld nicht in Ihrem Heimathlande zu decken vermochten; aus dem Grunde auch wäre mir es lieb ge⸗ weſen, wenn Sie ſich in dieſer Angelegenheit privatim an mich gewandt hätten, und wir unter uns dieſe Sache ) Weber, Maria Antonia. 1860. M. Maria Antonia. I. 138 hätten beſeitigen können. Mehrmals verſuchte ich Ihre Königliche Hoheit dazu anzuregen; aber entweder verſtan⸗ den Sie meine Winke nicht, oder wollten Sie nicht verſtehen. Und doch wäre es ſo wünſchenswerth, daß Sie Vertrauen zu mir faßten— nicht nur für mich, ich glaube auch für Sie, Prinzeſſin.“ Er ſchwieg. Maria Antonia hatte ihm mit tiefem Ernſte zu⸗ gehört und ſchien noch unentſchloſſen, was ſie ihm erwi⸗ dern ſollte. Endlich begann ſie: „Es iſt mir allerdings nicht lieb, den König von meinen Privatangelegenheiten unterrichtet zu ſehen,“ ſagte ſie ſtolz,„darum auch verſuchte ich mir dieſe Summe durch eine Anleihe zu verſchaffen. Nun er aber darum weiß, iſt es auch keine Schande. Es iſt jedenfalls gezie⸗ mender, daß mein königlicher Schwiegervater dieſe Schuld bezahlt, als daß ich bei Ihnen um eine heimliche Deckung derſelben nachſuchte. Von einem Juden darf man borgen; dort gibt man hohen Zins. Seinen Freunden aber ſoll man in anderer Münze zahlen, je nachdem unſer Dank ſich geltend machen kann; dazu darf eine Fürſtin ſich nie verſtehen, ohne die Geſetze der Ehre zu verletzen. Ihre Schuldnerin wäre ich daher unter keiner Bedingung ge⸗ worden, mein Herr Graf. Mag es auch heißen, daß die Churprinzeſſin nicht Haus halten könne, daß ſie ihr Ein⸗ ————— e— 139 kommen zu klein für ihre Bedürfniſſe finde, daß ihr Hang zur Großmuth ſie vergeſſen laſſe zu zählen, wie viel Thaler noch in ihrem Säckel, bevor ſie eine Gunſt er⸗ theile, eine Bitte gewähre, einem Talente die Mittel zu ſeiner Ausbildung verleihe; gleichviel!— Immer will ich Fürſtin in dem Sinne bleiben, zu geben, wo ich geben muß— und ſollte ich auch mein letztes Kleinod darum verpfänden. Freigebig ſein, c'est mon métier!— Ein mühſam erworbenes Gut mag man mühſam verwalten; uns Fürſtinnen aber regnet das Geld in den Schooß, es fließt aus den Taſchen des Volkes in die unſrigen, und wie der Strom ſein Bette ſucht, ſo auch will es bei uns nicht weilen und dahin zurückkehren, woher es gekommen. Dies iſt meine Anſicht von der Sache, Graf Brühl.“ „Sie iſt echt königlich,“ erwiderte der mächtige Günſt⸗ ling mit einer leichten Neigung ſeines Hauptes,„nur leider! nicht allen Verhältniſſen anpaſſend. Einer Kaiſerin Eliſabeth, einer Maria Thereſia muß man dieſe Den⸗ kungsart wünſchen, ja ſie an ihnen bewundern; denn mit der Macht vermählt ſich die Großmuth ebenbürtig.“ „Wenn man ſie rechtmäßig beſitzt,“ erwiderte Ma⸗ ria Antonia empfindlich.„Ich bin, Sie wiſſen es, zu gleichen Anſprüchen berechtigt, wie es die Kaiſerin⸗Köni⸗ gin iſt, und wenn das Schickſal ihr günſtiger war, indem es ſie den Thron meines Großvaters beſteigen ließ, ſo 9*½ . 140 kann mich das nicht der Eigenſchaften entkleiden, welche mir durch dieſelbe Stellung anerzogen ſind.“ „Eigenſchaften, welche die Welt bewundert, und der Stolz Ihres neuen Vaterlandes ſind,“ verſetzte Graf Brühl einlenkend.„Glauben Sie mir, Prinzeſſin, daß wir es zu würdigen wiſſen, welche Zierde Sie unſerem Hofe ſind, durch den Verein ſo vieler Talente, deren je⸗ des allein ſchon einen Namen berühmt machen können. Dichter und Künſtler waren nie ausgezeichnete Rechen⸗ meiſter, ausgenommen im Zählen der Silben und Be⸗ rechnen des Dreiklangs; die andern Nummern haben für ſich nicht Werth noch Bedeutung.“ „Sie haben darum nie ſelbſt eine Kunſt ausgeübt, nicht wahr, Graf?“ fragte Maria Antonia mit leiſem Spotte. Er verſtand die Anſpielung, wollte ſie jedoch über⸗ hören. „Jeder wuchert mit dem Talente, das ihm der Himmel verliehen,“ erwiderte er in ſeiner gewöhnlichen ſchmiegſamen Weiſe;„nicht Alle können in der Academie der Arcadia Mitglieder werden, nicht Alle für ihre Dich⸗ tungen Orden empfangen!“ Dieſe Anſpielung traf die ſchwache Seite der Prin⸗ zeſſin. Ein freundliches Lächeln drückte ihre Befriedigung aus, und ihm die Hand zum Kuße reichend, ſagte ſie: 141 „Wir wollen nicht mit einander hadern über das, was wir ſind und was wir nicht ſind, ſondern in Frieden unſern Weg neben einander wandeln. Leben Sie wohl, Graf Brühl.“ Damit war er entlaſſen. Maria Antonia ſeufzte hoch auf, als ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen. Sie nahm die für ſie zurückgelaſſe⸗ nen Papiere, durchſah ſie und legte ſie dann mit um⸗ wölkter Stirne in ihr Schreibpult. Wie manche unan⸗ genehme Minute hatte ein ſolches Defizit in ihrer Kaſſe ihr ſchon bereitet, wie oft ſie genöthigt, Wege zu gehen, gegen die ſich ihr Stolz empörte, wie oft ſie der peinlich⸗ ſten Verlegenheit bloß geſtellt! Und jetzt, an dieſem frem⸗ den Hofe, mußte ſie gleich damit hervortreten, mußte ſie eine Blöße geben, welche den ihr Uebelwollenden ein freies Spiel ließ; mußte ſie ſich ihrem königlichen Schwieger⸗ vater auf eine beſchämende Weiſe verpflichtet fühlen! Sie mußte ihm ihren Dank ausſprechen; aber mit welcher Stirne ſollte es geſchehen? Sie legte die Hand über die Augen, als wünſche ſie dieſe ihr peinlichen Gedanken zu verbannen. Lieb war es ihr daher, als in dem Momente der engliſche Geſandte, Sir Charles Williams, gemeldet wurde.— Der liebenswürdige, geiſtvolle Mann war ihr eine ſtets willkommene Erſcheinung, und dies um ſo mehr noch, ſeit ſie ſich bewußt geworden, wie hoch er ſie ſchätzte und bewunderte, und wie viel Vergnügen er an ihrer geiſtvollen, belebten Unterhaltung fand*). Bei ſeinem Eintritte ſchwand daher auch heute der Ausdruck von Sorge augenblicklich aus ihrer Miene, und mit der ihr gewöhnlichen Heiterkeit hieß ſie ihn willkommen. „Ich komme, um Ihnen etwas ſehr Spaßhaftes zu erzählen, Königliche Hoheit!“ begann er gleich nach der erſten Begrüßung. „Dann ſind Sie mir ein Bote des Himmels!“ rief Maria Antonia lebhaft;„nie ſo ſehr, wie heute, ſehnte ich mich, der Gegenwart zu vergeſſen.“ „Dieſem Wunſche vermag ich leider! nicht Genüge zu leiſten, da ich grade bei der Gegenwart ſtehen bleiben muß und zwar bei der allernächſten. Dieſe Mingotti—“ „Ah! Was von ihr?“ rief Maria Antonia lebhaft. „Nun, ſie hat die Kühnheit, das ihr von Haſſe geſetzte Adagio, mit Begleitung der Violinen Pizzicati, ſingen zu wollen, und damit wird und muß ſie öffentlich durchfallen“**). „Sind Sie davon allen Ernſtes überzeugt?“ fragte *) Sir Charles Williams Memoiren in Briefen. **) Burney, State of music in 6ermany. 143 die Churprinzeſſin zweifelnd.„Die Mingotti iſt nicht ſo einfältig, wie ſie ausſieht. Glauben Sie es mir, ſie wird ſich hüten öffentlich durchzufallen. Entweder ſingt ſie ihre Sache vortrefflich, oder— ſie wird vor Aufführung der „Demofronte“ krank.“ „Das letztere wäre nur aufgeſchoben und damit nicht aufgehoben; denn für immer kann ſie ihre Migräne nicht behalten und die einmal einſtudirte Oper muß doch endlich gegeben werden. Haſſe und Fauſtine ſind in der äußerſten Spannung, wie die Sache ablaufen wird. Fau⸗ ſtine beſonders erwartet mit athemloſer Neugierde dieſes gemeinſame Auftreten mit einer Nebenbuhlerin, die ſie zu fürchten beginnt.— Sie hätte nie geglaubt, daß die Mingotti ſo thöricht ſein würde, eine Arie zu übernehmen, die ihr Haſſe zum Poſſen componirt, nur um ihre Män⸗ gel zu zeigen. Daß ſie ſie ohne Weiteres angenommen, begreift Niemand. Je näher nun die Zeit der Aufführung rückt, je begieriger iſt man zu erfahren, was ſie damit beginnen wird. Daß ſie ſie mit Porpora einſtudirt, weiß man. Aber die Stunde ihrer Uebungen hat man nicht erfahren können, obwohl Fauſtine einen Preis darauf geſetzt, wer ihr hinterbringen könne, wann Porpora zur Mingotti gehe.— Der Verräther ſchläft nie, wie Sie wiſſen, und ſo muß ihr geſagt worden ſein, daß die Fauſtine ſie mit Lauſchern umringe. Als nun geſtern 5 1* 144 Abend einer dieſer ausgeſandten Boten dem Haſſe die Nachricht bringt, ſo eben begebe ſich der Porpora zur Mingotti, ſo hüllt dieſer ſich ſogleich in ſeinen warmen Pelz und eilt im dicken Schneegeſtöber nach dem Hauſe der Mingotti, um unter ihrem Fenſter zu lauſchen. Kaum hat er in einem Mauervorſprung Poſten gefaßt, ſo er⸗ hebt ſich hoch über ihm in den Lüften ein jammervolles Katzenduett, dem gleich darauf ein Aſchenregen folgt, der den Herrn Kapellmeiſter zu einen wandelnden Puder⸗ mantel macht. Vor Wuth zum Berſten, darf dieſer nicht laut werden laſſen, wie tief ihn dieſe Verrätherei empöre, und muß ganz ſtill beſchämt das Weite ſuchen.“ „Wie kann er ſich aber auch eine ſolche Blöße ge⸗ ben!“ rief Maria Antonia lachend. „Das ſagt man wohl, Königliche Hoheit. Doch der Eitele geht ſelten grade Wege. Und das Geheimniß, womit die Mingotti ihre Uebungen treibt, erweckte um ſo mehr ſeine Neugierde. So überzeugt er auch iſt von dem überlegenen Talente einer Fauſtine, ſo ſicher er dieſe Nebenbuhlerin durch eine Arie vernichtet zu haben glaubt, die ſie mit den Mitteln ihrer Stimme nicht ſingen kann, ſo hat er doch ſchwache Augenblicke, wo er von einer ſol⸗ chen Möglichkeit träumt, und aus übertriebener Sorge— ſich einer Katzenmuſik und einem Aſchenregen ausſetzte.“ 145 „Man darf wohl nicht fragen, wie Sie das Alles erfahren haben?“ fragte die Churprinzeſſin lachend. „Eigentlich nicht,“ erwiderte Sir Charles mit ſchalk⸗ hafter Miene,„doch— Sie werden mich nicht verrathen, Königliche Hoheit. So will ich Ihnen denn bekennen, was mich grade des Weges führte und zum Zeugen der Scene machte. Wir Diplomaten, das wiſſen Sie, müſſen überall ſein, müſſen uns in Alles miſchen. Ich beſonders, der ich an dieſem Hofe ſo ſchlecht acereditirt bin, ſeit das franzöſiſche Intereſſe hier durch die Vermählung der Prinzeſſin mit dem Dauphin ſo bedeutend die Oberhand gewonnen, habe doppelte Verpflichtung mich in alle Schich⸗ ten der Geſellſchaft einzudrängen und mir überall Freunde zu gewinnen. Da habe ich denn auch mit Heinecke Be⸗ kanntſchaft gemacht, ſo ſchwer mir dies auch wurde, weil wir uns nur lateiniſch verſtändigen können, und zwar auf die unvollkommenſte Weiſe. Trotz dieſes mangelhaften Austauſches unſerer Gedanken hat er aber ein ſehr großes Vertrauen zu mir gefaßt und mir die Geheimniſſe ſeines Herzens mitgetheilt. Er liebt die Gravella.“ „Unmöglich!“ rief Maria Antonia lachend. „Allen Ernſtes!“ erwiderte der Geſandte, nachdem auch er einem Anfalle ſeiner Lachluſt freien Lauf gelaſſen. „Er iſt ſterblich in ſie verliebt, und da er ihr ſeine Ge⸗ fühle nur durch ſeine Blicke mittheilen konnte, ſo hatte er ———— 146 mich gebeten, ihm eine warme Erklärung ſeiner Sentimens aufzuſetzen, die er ihr dann mit der Bitte um ein Stell⸗ dichein überſenden wollte.— Natürlich hatte ich ihm hierin gewillfahrt und— war ein wenig neugierig, das Paar bei ſeiner Zuſammenkunft zu belauſchen. In⸗ deſſen— wir warteten vergeblich; die Schöne erſchien nicht, und als es acht Uhr ſchlug, mußte ich mich ent⸗ fernen und den armen Heinecke ſeinem Schickſale allein überlaſſen mit der Sorge im Herzen, daß er die ihm von mir einſtudirte Anrede an ſeine Donna wieder vergeſſen werde.“ „Sie hätten die Sache aber doch abwarten ſollen,“ rief die Prinzeſſin bedauernd. „Dazu trieb mich auch meine Neigung allerdings auf das lebhafteſte, und nur die Pflicht, die kalte, ſcheuchte mich von dannen. Ich hatte nämlich der Gräfin Mo⸗ genska verſprochen, bei ihrem Spiele mich einzufinden, und wollte Monſieur du Ipars nicht den Pas gönnen.— Die Gräfin iſt ihm ohnehin gewogen, weil er ihr Monſieur d'Ollone zugeführt, von dem ſie große Summen gewinnt, und ich durfte daher nicht durch eine Nachläſſigkeit von meiner Seite den franzöſiſchen Geſandten noch mehr in das Licht ſtellen und meinem Einfluße ſchaden.“ „Das thut mir leid! Ich hätte ſo gerne gewußt, ob die Gravella den Heinecke wirklich erhört!“ rief Ma⸗ 147 ria Antonia.„Es wäre ein ſeltſamer Geſchmack von ihrer Seite.“ „Oder vielmehr eine Geſchmackloſigkeit, der ſie ſich diesmal indeſſen nicht ſchuldig gemacht, wie ich verſichern kann,“ ſagte der brittiſche Geſandte mit feinem Lächeln. „So wiſſen Sie?“ fragte Maria Antonia hoch auf⸗ horchend. „Daß ſie den armen Menſchen bis zehn Uhr im Schnee ſeufzen ließ, und ihm dann lachend eine Roſe durch das Fenſter zuwarf, es aber ſogleich wieder ver⸗ ſchloß.“ „Der Schalk! Heinecke wäre jedoch eine gute Par⸗ tie für ſie geweſen. Er iſt reich.“ „Die Kleine folgte jedoch, wie es ſcheint, für jetzt ihrem Herzen, das dem jungen Grafen Brühl angehört, der wahrſcheinlich auch die Roſe für ſie geworfen.“ „Auch das haben Sie entdeckt?“ „Mit Hülfe des Pater Guerini, zu deſſen Partei die Gravella gehört, die nun durch ihren Geliebten einen mächtigen Bundesgenoſſen auf ſeine Seite führt.“ „Und unſer Annibali?“ „Der reizendſte aller Sänger hält ſich beiden Par⸗ teien fern und verkehrt nur mit Malern. Silveſtre hat freilich mit ihm gebrochen, ſeit er den jungen Mengs zu ſo großem Anſehen gebracht; doch das trübt ſeine 6 6 3 immer verſiegende gute Laune keinen Augenblick. Er ſingt ſein Lied, wie ein Vogel des Waldes, und kümmert ſich um den Hader der Welt nicht; denn Neid und Mißgunſt ſind ſeinem Herzen fremd.“ „Er wohnt aber doch bei den Uebrigen im italie⸗ niſchen Dörfchen?“ „Das freilich, weil er dort freies Quartier hat; ſonſt aber verkehrt er wenig mit ſeinen Landsleuten.“ „Ich denke mir, daß ſie Alle gleich ſehr den ſchönen Himmel ihres Vaterlandes hier vermiſſen müſſen, und was kann ſie dafür entſchädigen!“ rief Maria Antonia warm.„Wenn ich einen Wunſch hege, ſo iſt es der, einmal ſelbſt noch die Alpen zu überſteigen und die lieb⸗ liche Zunge reden zu hören, die hier ſchon mein Ohr erquickt, wo ſie nur durch die Muſik und Dichtkunſt zu mir redet. Ich tauge eigentlich für dieſen Himmelsſtrich nicht, ich hätte im Süden geboren werden müſſen.“ „Das hätte der Norden dem Süden nie verziehen,“ ſagte Sir Charles mit Galanterie. Als er ſich entfernt hatte, trat der Churprinz ein. Sogleich berichtete ihm nun ſeine Gattin den ganzen Inhalt ihrer letzten Unterhaltung; von dem frühen Be⸗ ſuche des Grafen Brühl aber ſchwieg ſie, denn ſie wußte, daß es den Churprinzen empfindlich verletzen würde, ſi ſo bloßgeſtellt zu ſehen. 149 Lebhaft nahm auch er Theil an dieſem kleinen Sän⸗ gerkriege zwiſchen der Fauſtine und der Mingotti, der nun durch die Oper„Demofronte“ zu einer offenen Fehde ausgebrochen war. „Graf Algarotti verweilte indeſſen bei mir,“ ſagte er endlich wie beiläufig.„Er ſprach viel von dem Ankauf der Gemälde in Prag, wegen deren der König, mein Vater, mit Maria Thereſia unterhandelt, und meinte, daß Friedrich von Preußen uns dieſe Schätze beneiden müßte.— A propos! Auf ſeine Empfehlung hat der König einen gewiſſen Bianconi zu ſeinem Leibarzte er⸗ nannt, einen jungen, ſchönen, talentvollen Italiener, der aber ſchwermüthig iſt, weil ſeine Verlobung mit einer reizenden Proteſtantin*) in Kaufbaiern, einer Sophie von zurückgegangen iſt, wegen Glaubensſkrupel des „Wie thöricht!“ rief Maria Antonia lebhaft.„Es führen ja viele Wege nach Rom!“ „Pſt!“ rief der Churprinz und legte den Finger auf den Mund,„aber nur einer zum Himmel. Laß den Pater⸗ Guerini ja nicht merken, daß Du die Straße dahin ſo breit wähnſt, ſonſt verräth er es unſerer gnädigen Mama, und dann verſchreit ſie Dich als eine verlorene 5) Der ſpätern Sophie Laroche. 150 Seele. Sie iſt ohnehin ſehr niedergeſchlagen, ſeit ihr liebſter Hofnarr das gelbe Fieber hat.“ Lautes Geräuſch auf der Straße unterbrach ſie hier. An das Fenſter tretend, gewahrten ſie einen Schlit⸗ tenzug, der die Schloßſtraße entlang dem Seethore zu⸗ fuhr. Es waren die Brüder des Churprinzen, die ſich die Luſtbarkeit machten, der älteſte, Prinz Taver, in Beglei⸗ tung ſeines natürlichen Onkels, des Grafen von Rutows⸗ ky, und der jüngere, Karl, mit dem Chevalier de Saxe, den er ſpäter auch beerben ſollte. „Möchteſt Du nicht auch den ſchönen, hellen Win⸗ tertag zu einer Fahrt benützen?“ fragte der Churprinz ſeine junge Gemahlin, als er die erregte Miene gewahrte, mit der ſie dem bunten Zuge nachſchaute. Sie ſah ihn freundlich dankbar an und erwiderte: „Ich muß erſt noch meine Lection lernen, ſonſt ſind meine Lehrer unzufrieden. Ich habe heute noch nicht die Laute geübt.“ Er ließ ſie gewähren. Ihm gleichviel, was ſie vor⸗ nahm, ſobald es ſie nur zufrieden ſtellte. Abends gingen ſie in die Oper. Es wurde in dem kleinen, im Zwinger erbauten Hauſe Leucippo*) gegeben. Die ganze königliche Familie war gegenwärtig. Kaum *) Klemm, Chronik von Dresden. 151 aber war der letzte Ton verklungen und das Publikum das Freie zu gewinnen im Begriffe, da brachen die Flam⸗ men hervor, ein Nothſchrei erfüllte die Lüfte, und zu dem dunkeln Nachthimmel empor hob ſich die rothe Feuer⸗ ſäule und beleuchtete mit magiſchem Scheine die herrli⸗ chen Gebäude ringsum und die weiße kalte Schneedecke darunter.— Auf der Brücht ſammelten ſich die Zuſchauer in dichten Reihen, um des herrlichen Schauſpieles zu genießen, das in grauſiger Schönheit einer Erleuchtung des Coloſſeum in Rom ſo ähnlich ſah, wie Wirklichkeit und Täuſchung es einander ſein können. Als der Morgen kam, erblickte man auf der Stätte, die geſtern noch dem Vergnügen gewidmet geweſen, nur rauchende Trümmer. Neugierig liefen auch heute die Leute noch herbei, den Staub und die Aſche zu beſchauen; der Aberglaube jedoch knüpfte ſeine Prophezeihungen an die zerſtörte Stätte, es war ihm der Vorbote irgend eines kommenden Uebels, das ZJeder nach ſeiner Weiſe aus der Zukunft zu leſen verſtand; für Fauſtine konnte es nur die gänzliche Niederlage der Mingotti bedeuten. Der 9. Februar war zur Aufführung der großen Oper „Demofronte“ feſtgeſetzt, an welcher zwei der berühmteſten Männer der Zeit, der liebenswürdige Abbe Metaſtaſio und der ausgezeichnete Haſſe gemeinſam thätig geweſen. Erſterer wurde vielfach gebeten, von Wien herüber zu kommen; doch die Winterkälte und ſein Alter dünkten ihm genügende Entſchuldigungen, dieſem Wunſche nicht nach⸗ zugeben. Welch eine große Entfernung war es nicht von der Hauptſtadt der Kaiſerin⸗Königin bis zu der Reſidenz des deutſchen Louis Quatorze! Welchen ſchlechten Wegen und noch ſchlechteren Herbergen hatte man auf dieſem Wege nicht zu trotzen! Kein Wunder alſo, wenn es dem an behagliche Ruhe gewöhnten Abbe ein ſeine Kräfte überſteigendes Unternehmen ſchien. Haſſe hatte Alles aufbieten laſſen, um bei dieſer Vorſtellung ſeine früheren Werke noch in den Schatten zu ſtellen. Prachtvolle Decorationen waren dazu von dem Theater⸗Baumeiſter Gallus Bibuna erfunden*) und mit großem Aufwand ausgeführt, ſo daß man mit Recht die höchſten Erwartungen von dem Abend hegte. Es war daher bei dem Hofmarſchallamt ein Drängen und Erſuchen um Einlaßkarten, wie nie zuvor, und da nicht jeder Bittende erhört werden konnte, ſo gab es wiederum der Unzufriedenen ſehr viele, welche den Bevorzugten ihre Mißgunſt empfinden ließen. Die Stimmung in der Stadt war daher keineswegs eine friedliche oder freundliche. Im italieniſchen Dörfchen, jenen kleinen Häuschen hart an der Elbe, welche jetzt der Wegräumung harren, *) Sir Charles Williams. 9 8— 153 ſah es noch ſchlimmer aus; denn hier ſtanden ſich die Partei der Fauſtine und die Anhänger der Mingotti in offener Fehde gegenüber, und da Pater Guerini diesmal ſelbſt betheiligt, ſo konnte er unter den von ihm nach Dresden geführten Compatrioten kein Vermittleramt über⸗ nehmen. Verlegen ſah er der wachſenden üblen Stim⸗ mung zu. Der Theaterarzt aber warnte, daß das gelbe Fieber noch Alle ereilen würde, ſobald ſie in dieſer gel⸗ ben Laune beharrten. So kam der Abend heran. Lautloſe Stille herrſchte im Theater. Es wußte ja Jeder, um was es ſich hier handelte; der kleine Krieg war dem großen Publikum nicht fremd. Fauſtine, in prachtvoller Kleidung, das ſtolze Haupt hoch getragen, die dunkeln Augen glänzend vor Erwar⸗ tung des ihr bevorſtehenden Triumphes, während ein gewiſſes nervöſes Zucken um den Mund der heimlichen Angſt Verräther ward, trat jetzt auf, und— ſtürmender Beifall empfing die längſt gefeierte Sängerin. Der Hof, die Geſandten drückten alle ihre Theilnahme aus; Sir Char⸗ les Williams aber warf ihr eine mit koſtbaren Steinen gezierte Lorbeerkrone zu, die, das Zeichen ihres Trium⸗ phes, ſie begeiſtern ſollte, und eine leichte Neigung ihres ſchönen Hauptes dankte dem Geber. Nun aber— ſollte die Mingotti erſcheinen. Still war es wieder im ganzen Hauſe, athemlos lauſchte man den 1860. IX. Maria Antonia. I. 10 154 erſten Tönen dieſes Adagio, womit ſie ſelbſt ihr Urtheil fällen ſollte. Die Violinen begannen ihr Pizzicati— leiſe, leiſe ſetzte ſie ein, nicht furchtſam, nein, mit einer Ruhe, einer Sicherheit, die in ihrer Lage Wahnſinn war; und dennoch— ſang ſie fort, ſteigerte leiſe, leiſe, und als ſie nun zu der Arie: Le tutti i Mali Miei überging, da wurde ihr Geſang ſo ernſt, rührend und pathetiſch, daß nicht ihre Freunde, nein, ihre Feinde ſich hingeriſſen fühl⸗ ten und Alle ſich bekannten, was ſie gehört, das habe jede Erwartung übertroffen.— Hinter den Couliſſen aber lauſchte man nicht minder eifrig ihrem Geſange, wie vor denſelben. Da ſtand Haſſe, geiſterbleich wie kalter Mar⸗ mor, ſichtlich tief erſchüttert; da ſaß Fauſtine, das ſchöne Angeſicht von Thränen überfluthet, und als jetzt der Geſang verhallte und der Vorhang fiel, da ſtürzte ſie, übermannt durch die Kunſt, auf die Bühne, ſchloß die Mingotti an ihre Bruſt und rief:„Weib, Du haſt ſo göttlich geſungen, daß ich Dir ſelbſt Deinen Triumph vergeben muß.“ — ———„—„— 7— 8—** — 8— Zrhutes Capitel. Wollen und Können. Der Schnee hatte ſich auf den Bergen gelöſt und trieb von Mähren herab eine hohe Waſſerfluth, welche unweit Dresden die Ufer der Elbe weit und breit über⸗ ſchwemmte und den Nothſchrei der dadurch Leidenden in Jammertönen zum Himmel außſteigen ließ. Mächtig rollte der Strom dahin, nicht achtend des den Menſchen zugefügten Schadens; ſtolz kräuſelten ſich ſeine gelben Fluthen unter den Bogen der ſchönen Brücke, deren Pfeiler er nicht zu erſchüttern vermochte, wie reißend er auch auf ſie eindrang. Von den Fenſtern ſeines Palaſtes überſchaute Graf Brühl dies wechſelnde Schauſpiel. Seine Stirne war umwölkt, das gewohnte Lächeln umſpielte ſeine Lippen nicht. Er war allein, und konnte darum der Sorge geſtat⸗ ten, auf einen Angenblick ſeine Miene zu umdüſtern. So Vieles hatte er erreicht— und doch nicht Alles.— Zwölf Schlöſſer nannte er ſein Eigenthum, drei hundert Diener harrten ſeiner Befehle, für jeden Tag des Jahres hingen zwei Anzüge in ſeiner Garderobe bereit. So Vieles durch ſich ſelbſt gewinnen, heißt viel 10* geleiſtet haben. Sollte er ſich alſo nicht ſeines zurück⸗ gelegten Weges freuen? Wenn er überſchaute, was er beſaß, ſo ſchwellte ſich ſtolz ſeine Bruſt im Bewußtſein ſeiner Macht und ein Lächeln der Befriedigung umſpielte ſeine Lippen. Aber— ein Flug ſeiner Gedanken, und es wurde Nacht auf ſeinem Angeſichte. Ein Seufzer wurde laut. Es war ein ſchwarzer Punkt in ſeinem Leben, und dieſer raubte ihm für immer Ruhe und Genuß. Der Verräther ſchläft nie. Wer ſicherte ihn davor, daß eines Tages nicht bekannt werde, wie und wo und wann er ſein Vaterland an Oeſterreich verkauft, und daß dann Schande auf ewig ſeinem Namen folgen werde! Der eine ſchwarze Punkt!— Er bildete den Schat⸗ ten, durch den des Günſtlings ſcheinbar glänzende Bahn ihren verlockenden Reiz verlor. Dieſer Friedrich von Preußen, wie haßte er ihn, und wie ganz erwiderte dieſer die Empfindung! Der ſtrenge, ernſte König mit dem klugen, klaren Blicke, wie ſchnell hatte er einen Brühl durchſchaut und ihm faſt ohne Worte verſtändlich gemacht, was er von ihm halte. Dieſem Manne wieder zu begegnen, das war ſein letzter Wunſch auf Erden.— Jetzt ſtand er auf dem Punkte ſeinen König nach Warſchau zu begleiten, wo man den von Rußland auf⸗ ——— en — 8— — 157 gedrungenen Beherrſcher ſo wenig wünſchte als liebte und nur mit Mühe die einmal gewonnene Stellung be⸗ hauptete.— Hatte Brühl ſeine Laufbahn damit begonnen, durch die Ueberbringung der Krone Polens ſich die Gunſt Auguſt's III. zu erkaufen, ſo mußte eben dieſe Krone auch ferner den eitlen Fürſten bei dieſem Gefühle der Dank⸗ barkeit erhalten. Aber— wie ſchwer war es, ihn auf die⸗ ſem Punkte ſtehen bleiben zu laſſen! Wie ſchwer in ei⸗ nem fremden Lande den König zu ſpielen, wo die Ein⸗ künfte dieſes Landes nicht einmal zureichten die Ausga⸗ ben zu beſtreiten und das arme Sachſen einen Zuſchuß zahlen mußte, um damit die habgierigen Polen dem In⸗ tereſſe des aufgedrungenen Herrſchers zu gewinnen. Mit ähnlichen Gedanken beſchäftigt, wie ſie in des mächtigen Günſtlings Seele wogten, ſaß Maria Antonia 3 um eben dieſe Zeit am Fenſter ihres Privatzimmers, 3 eifrig mit einer Handarbeit beſchäftigt. Sie verfertigte für die Königin, ihre Schwiegermutter, ein Stomachale, 3 M———— — — — das dieſe mit auf die Reiſe nehmen ſollte, um ſich damit gegen Krankheit zu ſchützen. Geſchickt bewegte ſie dabei die zierlichen Finger, als ob dieſe für die Nätherei ge⸗ ſit bildet, und ſah dem Fortſchreiten ihres Werkes mit eben ſit der Luſt zu, wie wenn ſie eine Cantate ſetzte oder ein Lied dichtete. Wem das Bedürfniß zu ſchaffen verliehen, der wird, — — auf welche Weiſe es ſei, dieſe Befriedigung ſuchen, denn dies:„Du ſollſt im Schweiße deines Angeſichtes dein Brod eſſen!“ iſt nicht ein Fluch, es iſt der eigentliche Segen der Menſchheit. Ernſte Gedanken wogten aber dabei in dem zierlich gelockten und gepuderten Haupte der jungen Fürſtin auf und ab. Sie war ſeit einiger Zeit kränklich, ſie hatte auf Befehl des Arztes ihre muſikaliſchen Uebungen, ſogar ihre Donnerſtag⸗Conzerte einſtellen müſſen, und es wurde ihr ſchwer, ihrem Körper dieſe Vergnügungen ihres Gei⸗ ſtes zu opfern. Indem ſie nun auf dieſe Weiſe in ihrer individuellen Ausbildung einen Stillſtand eintreten ſah, widmete ihr immer reger Geiſt ſich dafür andern Inter⸗ eſſen, und ſo hatte ſie denn ihre Muße benutzt, um ſich mancherlei Kenntniſſe über die Statiſtik ihres neuen Va⸗ terlandes zu erwerben und ſeine Hülfsquellen der Ein⸗ nahme, ſo wie ſeine Ausgaben kennen zu lernen. Dabei gewann ſie eine Einſicht, wie viel mehr hier auf die Kunſt verwandt ſei, wie auf die Induſtrie, welche doch die eigentliche Baſis des nationalen Wohlſtandes iſt, und ſogleich entſtanden allerlei Pläne in ihrem Kopfe, wie man dieſem Mangel nachhelfen könne. War ſie auch für ſich ſelbſt keine gute Haushälte⸗ rin, ſo wußte ſie dem Staate gegenüber deſto beſſer Rech⸗ nung zu führen. Bei der eigenen Börſe war das Herz M — —— 3 159 der Schatzmeiſter, während die Finanzen des Landes ihr Kopf verwaltete, und dieſer ließ ſich von keiner Empfindung überraſchen noch verleiten. Die bevorſtehende Abreiſe der königlichen Familie war ihr eine willkommene Begebenheit. Sie beſaß in der bigotten und geiſtesarmen Königin eine ſtrenge Rich⸗ terin all ihres Thuns und Laſſens, und freute ſich, dieſer Vormundſchaft auf einige Zeit enthoben zu ſein. War⸗ ſchau war freilich nicht aus der Welt, auch dorthin konnte man noch über ſie berichten; doch eine ſchriftliche Mit⸗ theilung fürchten ſchon Manche, die das geflüſterte Wort nicht ſcheuen, und dann waren ſo manche kleine Dinge kaum des Berichtes werth, weil ſie ja lange geſchehen, bevor man ſie dort erfuhr. Genug, ſie blieb ſicher über⸗ zeugt, ſich un freier bewegen zu können, und fühlte ſich innerlich ſchon im Voraus von einer Laſt befreit. Dem Könige verſprach ſie eine eifrige Correſpon⸗ dentin zu ſein. Nicht von Staatsangelegenheiten ſollte ſie ihm reden, ſondern von Neuigkeiten, von dem ſchönen Caſtraten Belli und ſeinen Erfolgen in der Damenwelt, von ihren gemeinſamen Schützlingen in der Kunſt, von dem jungen Neumann und ſeinen Fortſchritten, und Ra⸗ phael Mengs— genug, von allen ihren gegenſeitigen Be⸗ kannten der Stadt ſollte ſie ihm reden und ihn von 160 ihrem Lieben und Haſſen, ihrem Streit und Hader un⸗ terrichten. Maria Antonia verſprach das gerne. Sie beſaß eine gewandte Feder, ſie ſchrieb dem Könige franzöſiſch, und dieſe Plaudereien, die ihn unterhalten ſollten, gewährten ihr ſelbſt Vergnügen. Die witzige Darſtellung deſſen, was der Tag brachte, glich einer Compoſition, bei der ſie den Eindruck berechnen mußte, und darin lag ein Reiz für ſie. Im Stillen nahm ſie ſich aber vor, dieſe Zeit ſei⸗ ner Abweſenheit nicht unbenutzt zu laſſen. Sie ſollte eines Tages dieſes Landes Beherrſcherin werden, wie konnte ſie daher gegen deſſen Verhältniſſe gleichgültig ſein! So wollte ſie denn verſuchen, ſich ganz behutſam mit man⸗ chen Perſonen und manchen Einrichtungen bekannt zu machen, die ſie über den wirklichen Stand der Dinge be⸗ lehrten. Abends wurde jetzt Karte bei ihr geſpielt. Der Chur⸗ prinz und Graf Wackerbarth pointirten dabei mit Gro⸗ ſchen und nahmen den Damen das Geld ab. Trent un, Pharo, außerdem Minchiatti, Reversino, Comete waren die Spiele, womit man ſich beluſtigte. An der Regierung durfte der Churprinz ſich in Abweſenheit des Königs nicht betheiligen, im Miniſterrathe wurde ihm keine Stimme zugetheilt. Brühl fürchtete nichts 161 ſo ſehr als eine ſolche Einmiſchung. Maria Antonia ließ das geſchehen, im Stillen denkend, es würde auch ihre Stunde ſchlagen. In Abweſenheit des Königs wurden manche Feſte eingeſtellt, die Schlöſſer des Grafen Brühl ſtanden wie vereinſamt, die Stadt gewann ein Anſehen der Oede. Maria Antonia meinte ſich jetzt erſt darin umſehen zu können. Das Wetter war ſchön, die Kaſtanien prangten in ſchönſter Blüthenpracht, Himmel und Erde legten ihr ſchönſtes Sommerkleid an, und die heitere, lebensfrohe Fürſtin genoß die Schönheit ihrer Mutter Erde. Die untergehende Sonne, die prachtvolle Mondſcheibe, wenn ſie hinter den Bergen der ſächſiſchen Schweiz hervor wie eine mächtige Feuerkegel aufſtieg, ein reich beſäeter Ster⸗ nenhimmel, dazu die mit Blüthenduft getränkte balſa⸗ miſche Luft, das Alles ſtand ihr zu Gebote, und durſtig ſchöpfte ſie aus dem vollen Kelche dieſer ſchönen Natur. Die Umgebung Dresdens gewann täglich an Reiz für ſie, immer neue Schönheiten entdeckte ſie in ſeiner Lage, in der Zuſammenſtellung von Thal und Höhen und dem dazwiſchen hinrauſchenden mächtigen Fluße, in der Anlage der im Renaiſſance⸗Style ſo herrlich aufgeführten vielen Schlöſſer, welche nach allen Seiten hin dem Auge ſichtbar wurden. Anf einem ſo kleinen Umfange ſo viel 162 des Schönen beiſammen zu ſehen, war gewiß eine ſeltene und ſich nirgends wiederholende Erſcheinung. Wohl im Anſchauen des Schönen, doch nicht in der Erkenntniß des Wahren, zeigte jene Zeit ihre Stärke. Was man von Urſache und Wirkung begriff, war noch Kindeslallen. So erregte denn eine Verfinſterung der Sonne Schrecken, Entſetzen und die ſeltſamſten Ahnungen. Maria Antonia mochte ſelbſt von dergleichen Be⸗ fürchtungen nicht frei ſein. Vom Zwinger aus beobachtete ſie dies Phänomen von den ſich kreuzenden Himmels⸗ körpern, deren Geſetze, ewig wie der Bau der Welt, keiner Willkühr, ſei es ſelbſt der ihres eigenen Schöpfers, unter⸗ worfen ſind. Hier hatten ſich von nah und fern Menſchen zuſam⸗ men gefunden, welche, gleich ihr, die wunderbare Natur⸗ erſcheinung zu betrachten wünſchten. Mit ſchwarzen Glä⸗ ſern ſtanden ſie erwartungsvoll umher, der gewichtigen Minute harrend. Maria Antonia kannte das eigentliche Volk noch wenig. Durch die ſtrenge Etikette der Höfe von aller Berührung mit den untern Schichten der Geſellſchaft fern gehalten, waren ihr namentlich die arbeitenden Klaſſen und der goldene Mittelſtand ganz ferne geblieben, und 163 nur in ihrem goldenen Wagen vorüberfahrend, hatte ſie neugierig die ihr fremden Menſchengeſichter gemuſtert. Heute ſah ſie ſich unvermuthet ganz in ihre Nähe verſetzt und war ſogar im Stande einen Theil ihrer Unterhaltung zu überhören. Da ſie der deutſchen Sprache hinreichend mächtig war, um ſogar durch ihren Dialect nicht geſtört zu werden, ſo lieh ſie ein aufmerkſames Ohr, und vernahm nun, was ſie in Erſtaunen ſetzte, ein ernſtes Geſpräch über das am Himmel ſtattfindende Phänomen, begleitet mit Bemerkungen und Erläuterungen, welche ihr ſelbſt eine neue Einſicht in die Sache gewährten. Sie winkte Graf Wackerbarth zu ſich heran. „Ich bitte Sie,“ flüſterte ſie ihm zu,„erkundigen Sie ſich, wer jene beiden Männer ſind, welche in der Aſtronomie ſo ungewöhnliche Kenntniſſe zu beſitzen ſchei⸗ nen, und ſtellen Sie ſie mir vor. Ich kann von ihnen noch Vieles lernen. Zedenfalls bin ich im höchſten Grade über⸗ raſcht, unter dieſem Landvolke Kenntniſſe verbreitet zu 3 finden, welche ſonſt nur unter den Gelehrten an einer Univerſität zu Hauſe ſind. Wo haben ſie dieſe gewinnen können?“ 3 Ihr Erſtaunen ſollte aber einen noch höheren Grad erreichen, als jene beiden Männer ſich als wirkliche Bau⸗ ern auswieſen, von denen der eine in Tolkewitz, der an⸗ dere in Prohlis zu Hauſe war, und beide in der Umgegend ——————————— 164 den Namen der„Bauerprofeſſoren“ führten, und hinter ihrem Pfluge ſolche Kenntniſſe der Mathematik und Aſtro⸗ nomie erworben hatten, daß der Letztere ſogar der Ver⸗ kündiger des 1758 erſcheinenden großen Cometen ward. Maria Antonia unterhielt ſich lange und eifrig mit Beiden, ließ ſich von ihnen die Conſtellation der Geſtirne nochmals erklären, und lud ſie dann zu ſich in das Pa⸗ lais ein, wo ſie ſie glänzend bewirthete. Das Begegnen mit ihnen hatte ſie ſeltſam aufgeregt. Sonſt nur mit der Kunſt beſchäftig, trat ihr hier mit einem Male das Wiſſen in einer Geſtalt entgegen, die ihre lebhafte Begierde wach rief, mehr zu erfahren, ihre Unkenntniß der Dinge, die ſie umgab, abzuſtreifen. Es genügte ihr plötzlich nicht mehr, daß der Tag heraufzog und ſie mit ſeinem Lichte erfreute, daß der Sonne Wärme den Keim in der Erde entfaltete, den Saft in die Bäume trieb und die Blü⸗ then zu Früchten geſtaltete, in denen ſich neue Keime bar⸗ gen. Es kam ihr jetzt Alles vor wie Schein, dem man die Hülle abſtreifen müſſe, um zu einer Wahrheit zu ge⸗ langen, welche dieſen noch überbiete. Als ſie von den Bauern Abſchied nahm, mußte je⸗ der von ihnen ſeinen Wohnort genau bezeichnen, damit ſie ſie aufſuchen und mehr noch von ihnen lernen könne. Sie wollte die Wohnung ſehen, worin Menſchen mit ſolchen Kenntniſſen weilten; ſie wollte ihre Bücher, aus 165 denen ſie geſchöpft, kennen lernen, ſo wie die Inſtru⸗ mente, mit denen ſie den Himmel durchſpäht. Sie ſollte dabei lernen, daß des Wiſſens Drang auch in Hütten ſeine Befriedigung finden kann. Doch, wenn der Strom des Lebens noch mächtig in den Adern brauſt, kehrt das in den Wolken nach Wahr⸗ heit ſpähende Auge gar leicht zu dieſem kleinen Erdball unter unſern Füßen zurück, und klammert ſich daran mit all ſeiner Kraft, mit all ſeinem Wollen und Wün⸗ ſchen. Die Sonne lachte ſo hell. Die junge Fürſtin erfreute ſich der wiedergewonnenen Geſundheit. Es trieb ſie, ſich zu amüſiren. Als die Sommerhitze ſtieg und der Auguſt bren⸗ nende Glut verſandte, ſiedelten ſie nach Pillnitz über. Hier fand ſie Landluft, Einſamkeit, Freiheit— in dem großen, ſich an das Palais ſchließenden Garten allein umherzuwandeln, oder auch ſich in einer Gondel ſchaukeln zu laſſen. Aber— in ſolchen Freuden herrſchte Ruhe, Ruhe des Gemüthes, Ruhe der Empfindung, und Maria Antonia bedurfte und ſuchte Aufregung. Sie wollte nicht mit ſich ſelbſt leben, nicht mit ſich ſelbſt beſchäftigt ſein, ſie begehrte ſich zu vergeſſen über den Dingen, die ſie nach Außen hin in Anſpruch nahmen. Ungeduldig blickte ſie von dem Fenſter ihres Gemaches auf die flachen Ufer 166 des Stromes hinüber, ob ſich dort nichts ereigne, ob Alles heute noch eben ſo ſei, wie es dort geſtern geweſen, und ob die Welt und das Leben ſich zu einem gemein⸗ ſchaftlichen Stillſtand verſchworen. Wer kennt nicht dies ungeſtüme Drängen des mit Jugendmuth erfüllten Herzens, durch Thatſachen ange⸗ regt zu werden, etwas zu erleben? Maria Antonia erlebte in Pillnitz ſehr wenig. Sie erfuhr nicht einmal mehr, wie ſich die Künſtler beneideten, wie das Opernperſonal ſich zankte, und die Italiener, in Montecchi und Capuletti getheilt, ihre Fehden unter Guerini uud Fauſtine fortſpannen. Sie erfuhr gar nichts; denn ſelbſt die Geſandten hatten Urlaub genommen und die Onkel des Churprinzen, der Chevalier de Saxe und der Graf Rutowsky, waren auf ihre Schlöſſer gegangen. Eines Tages bei Tafel brachte ſie in Vorſchlag, man wolle einmal Comödie ſpielen. Was ſie nicht ſelbſt erlebte, konnte ſie auf dieſe Art doch in der Einbildung mitmachen. Erheitert durch den einmal angeregten Ge⸗ danken, ſuchte ſie nun auch ſogleich nach einem paſſenden Stücke umher, und verfiel nach einigem Nachſinnen auf „l'enfant prodigue“ von dem bewunderten Voltaire: denn franzöſiſch mußte doch einmal noch Alles ſein, theils, weil der Hof nur dieſe Sprache führte, theils auch, weil man im Deutſchen noch keine Theater⸗ 167 4 ſtücke beſaß, und die Neuber'ſche Schauſpielergeſellſchaft erſt für den kommenden Winter in Dresdeu einen Ver⸗ ſuch mit deutſchen Vorſtellungen zu machen beabſichtigte. Der Churprinz, wie immer einverſtanden mit dem, was ſeiner jungen Gemahlin Vergnügen gewährte, ſtimmte auch diesmal ihren Wünſchen bei, und ſo ſchritt man denn, immer mehr beſtärkt in dem Plane durch das gegenſei⸗ tige Ausmalen deſſelben, zur Vertheilung der Rollen, wobei Maria Antonia, wie natürlich, ſich ſelbſt als Hel⸗ din auftreten ließ. Bei dieſem Theile der Verhandlung wandelte den Oberhofmeiſter, Baron von Wezel, ein Hüſteln an. Er räuſperte ſich, als ob er reden wollte, und doch nicht die rechten Worte finden könnte. Endlich wandte er ſich an den Churprinzen und rief ſeinem Gedächtniſſe zurück, daß Pläne der Art heute nicht zum erſten Male hier gebildet worden; denn er werde ſich entſinnen, wie man früher zum Geburtstage der Königin„Eſther“ habe auffüh⸗ ren wollen, der König aber das Mitſpielen der Prin⸗ zeſſinnen für unanſtändig erklärte. Der Churprinz lächelte.„Das war in der Stadt,“ ſagte er.„Jetzt aber ſind wir auf dem Lande.“ Und damit abgewieſen, wagte der Mann der Etikette keinen weitern Einwand. Kaum aber war die Tafel aufgehoben, ſo eilte er —— — . — 168 in ſein Zimmer und berichtete an den Grafen Brühl dies ſchreckliche Vorhaben einer Churprirzeſſin von Sachſen. Arme Maria Antonia! Sie glaubte frei zu ſein, und— hatte einen Oberhofmeiſter. Indeſſen, ohne zu ahnen, auf welchem glatten Bo⸗ den ſie auch mit ihren unſchuldigſten Freuden ſtehe, ver⸗ theilte ſie munter die Rollen und lernte die ihrige ein. Am ſchönen Morgen wandelte ſie mit dem Manuſkripte in der Hand in den Schatten ihres Gartenwäldchens hin⸗ aus und declamirte laut vor ſich hin, Gedanken, die ſie ſelbſt nicht hegen, Empfindungen, die ſie nie ausſprechen durfte. Oh! welche Erleichterung gewährte dies der oft ſo ſchwer gedrückten Bruſt! Da kam ein Brief vom Grafen Brühl, welcher ihr den Abgrund zeigte, an dem ſie, inmitten ihrer unſchul⸗ digen Luſt, wandelte. Mit diplomatiſcher Feinheit deutete er ihr an, wie gefährlich ein Vorhaben ſei, das gegen die Geſetze der Etikette des Hofes Auguſt's III. verſtoße; da ſie aber einmal ſo weit damit gegangen und nicht zu⸗ rücknehmen könne, was ſo gut wie bereits geſchehen, ſo rathe er ihr, an den König darüber, wie von einer ſtatt⸗ gefundenen Sache zu ſchreiben, und ihm, dem Grafen, das Fernere anzuvertrauen. So mußte ſie ſich denn auf's Neue ihm verpflichtet fühlen, auf's Neue einem Mann, den ſie gleich ſehr 169 haßte und fürchtete, das Beſchützeramt über ſich anver⸗ trauen, welches ihr Stolz ihm ſo gerne entzogen hätte. So ſpielen die Umſtände mit unſern Entſchlüſſen und machen unſer Wollen zu ihrem Spiele. Der kluge Hofmann hatte recht geurtheilt. Ein fait accompli nehmen wir hin, wie etwas, das uns nicht mehr berührt. So ließ ſich denn der König in keine wei⸗ teren Erörterungen ein über dieſe Art der Luſtbarkeiten, womit ſeine muntere Schwiegertochter ſich vergnügte. Aber nicht umſonſt hatte der kluge Brühl ſie em⸗ pfinden laſſen, wie ſtrenge ſie bewacht werde, wie demü⸗ thigend ihre Abhängigkeit ſei. Der Traum ihrer Freiheit war damit ausgeträumt. Maria Antonia kehrte nach Dresden zurück, mit den fallenden Blättern, in ſich tra⸗ gend das Gefühl des gefangenen Vogels, der endlich ſei⸗ nen Käfig ſelbſt dann nicht mehr verläßt, wenn deſſen Thüre ihm weit geöffnet ſteht. Sie wollte nicht immer auf's Neue der Fürſprache eines Brühl bedürfen; ſo wandte ſie ſich denn an den König ſelbſt, ſo oft ſie die Gewährung einer Bitte nach⸗ zuſuchen hatte. Die kleinſten Wünſche, wie ſie jede Frau faſt unausgeſprochen von ihrem Gatten bewilligt erhielt, mußte ſie von Warſchau aus als Gunſtbezeugungen ver⸗ langen. Ein Tanz in ihren Zimmern bedurfte der Er⸗ laubniß ihres königlichen Schwiegervaters, und immer 1860, IX. Maria Antonia. I. 11¹ S ————————— —————— — 1 5 170 wieder war es Brühl, durch deſſen Hand ſie einen ſol⸗ chen Freibrief dazu erhielt, immer wieder drängte er ſich zwiſchen ſie und ihre neue Familie. Ein Balcon an ihrem Wohngemache wurde ihr gleichfalls durch ſeine Vermitt⸗ lung geſtattet, und zwar diesmal erſt nach langem Zö⸗ gern; denn der ſtolze Mann wollte der ſtolzen Prinzeſſin fühlbar machen, daß er es ſei, der bis jetzt noch an die⸗ ſem Hofe herrſche, und daß ſie darum weiſe thue, auch bei ihm perſönlich anzufragen.— Zu dieſer Demüthigung verſtand ſich die Tochter und Enkelin von Kaiſern nicht ſo leicht. Elſtes Capitel. Der Künſtler und ſein Modell. Iſmael Mengs hatte Dresden verlaſſen und ſich mit ſeiner ganzen Familie nach Rom begeben, ſeine alte Kö⸗ chin nicht ausgenommen, welche ſeit dem Tode ſeiner Frau das Regiment im Hauſe führte und mit ehernem Scepter darin regierte. Gewohnheit iſt ein ſchlimmer Tyrann, und Iſmael war an ſeiner alten Barbara ſtörriſche Weiſe gewöhnt und konnte ſie nicht mehr entbehren. Sein Sohn Raphael genoß größerer Freiheit, ſeit —„——— —„ . 171 er in den Dienſt Auguſt's III. getreten und von dieſem eine Penſion bezog. Mit den ſchönſten Hoffnungen betrat jetzt der Jüngling die Hauptſtadt der ſchönen Künſte, ent⸗ ſchloſſen hier ſein Talent zu etwas Großem und Ganzem auszubilden und vermöge des ihm von ſeinem Vater anerzogenen Fleißes, vermöge der ihm mit Stockſchlägen eingeimpften Ausdauer, ließ er nicht nach in ſeinem Fleiße, bis er ſein Ziel erreicht. Correggio und Titian wurden jetzt ſeine Vorbilder. An ihnen erſtärkte ſich ſeine Seele, mit ihnen ſchloß er ſich ein in den herrlichen Räumen des Vatikan, deſſen Mauern durch den großen Raphael geheiligt erſchienen. Hier ſtudirte er, hier copirte er, bis Aug' und Hand ſich gebildet; hier begann er darauf in Oel zu malen, aber auf eine ihm eigenthümliche, neue Weiſe. Die Magdalene und das Portrait ſeines Vaters waren die Gegenſtände dieſer erſten Verſuche. Zufrieden mit dieſem Anfange wünſchte er aus dankbarem Herzen ſeinem Könige eine Probe ſeiner Fort⸗ ſchritte abzulegen durch die Ueberſendung eines Bildes. Die heilige Familie, nach Raphael, traf ſeine Wahl, und ſeine Mutter Gottes ſollte darin den Typus jener Schönheit tragen, wie ſie nur der warme Süden erzengt. Aufmerkſam folgte nun des jungen Künſtlers Auge den römiſchen Frauen, um unter ihnen das in ihm lebende 11* — ————— —— 172 Ideal weiblicher Schönheit verwirklicht zu finden, wie es einer Mutter Gottes entſpräche. Da begegnete ihm eines Tages unterhalb der Rui⸗ nen des alten Kaiſerpalaſtes ein Mädchen aus dem Volke, das an Schönheit alles von ihm bisher gekannte übertraf. Betroffen blieb er ſtehen und blickte ihr nach; dann entſchloß er ſich ſchnell und folgte ihren Schritten, bis ſie ſich, hinter dem Tempel der Veſta, in einem un⸗ ſcheinbaren Hauſe verlor.— Auch er begehrte nun hier Einlaß, und als er dann in die düſtere Wohnung trat, fiel ihm in dieſer Umgebung die Schönheit des Mäd⸗ chens erſt doppelt auf. In Rom war dem Golde ſtets Alles feil; leicht wurde ihm daher auch von den Eltern des Mädchens die Einwilligung ertheilt, es als Modell benutzen zu dür⸗ fen; doch begleitete ſie die alte Mutter auf den Wegen nach dem Atelier des ſchönen, blonden Künſtlers, der, gleich Haſſe, ein caro Sassone, ein caro Tedesco war. Als der alte Papa Mengs davon hörte, fand er ſich ſogleich bei ſeinem Sohne ein, um über ſeinen Ge⸗ ſchmack ein Urtheil zu fällen. Nicht mehr, wie ſonſt, ſchauete er ihm jetzt durch eine Spalte der Thüre zu. Raphael Mengs war nicht länger der ſchüchterne Sohn, dem die ſtrenge Miene des Vaters imponirte und abhielt den Griffel in ſeiner Gegenwart unbefangen zu führen. ———„„ 1ℳ—„ H c— ecn 8 8——+— 173 Der ſteife ernſte Herr erſchreckte jedoch das debu⸗ tirende Modell, welches verſchämten Angeſichtes dem jungen Künſtler gegenüber ſaß und ſeinem forſchenden Blicke ſeine Reize preisgab. Dunkle Röthe überzog des Mädchens Wangen, als der alte Herr es jetzt durch eine große Brille zu fixiren begann und ſeine durchdrin⸗ genden Augen ſpähend an ihr muſterten. Verſchämt ſchlug es davor den Blick zur Erde und wandte endlich das ſchöne Haupt angſtvoll zur Seite. Damit war die Stellung verloren und der junge Künſtler in ſeiner Arbeit unterbrochen. Vorwurfsvoll wandte er ſich zu ſeinem Vater um und legte den Stift aus der Hand. Der alte Iſmael begriff nicht, was das Mädchen an ſeinen Blicken auszuſetzen haben könne, da es doch die leuchtenden Augen ſeines Sohnes ſo wenig zu fürchten ſchien. Seit lange war er dem wirklichen Leben viel zu ſehr entfremdet, um dieſe Beziehungen zwiſchen Mädchen und Jüngling zu faſſen, und von der Liebe verſtand er nur noch den Ausdruck, welcher ſich mit dem Pinſel wieder⸗ geben ließ. Dieſer Ausdruck war nun allerdings ſehr wichtig für einen jungen Künſtler, der in der Madonna An⸗ geſicht die ſchönſten Empfindungen abſpiegeln ſollte; der alte Mengs hatte darum nichts dagegen, wenn das junge 174 Modell mit beſonderer Zärtlichkeit zu ſeinem Sohne hin⸗ überſchaute, nur brauchte ſie ſich dabei durch ſein Zuſehen nicht ſtören zu laſſen. Aber immer wieder ſtörte er ſie. So blieb denn kein anderes Mittel, ihr dieſe Furcht⸗ ſamkeit zu nehmen, als ſie ſeinem Sohne zur Gattin zu geben, und ihr damit die Berechtigung zu ertheilen, ihn zärtlich anzuſehen. Die ſchöne Italienerin hatte lange ſchon ihr Herz dem jungen, ſchönen Tedesco zugewandt, deſſen lange blonde Haare prächtig ſein ſtolzes Haupt umwallten. Ihre Einwilligung war daher leicht erhalten. Doch ihr Beichtvater erhob Schwierigkeiten. Er wollte kein Schaf aus ſeiner Heerde verlieren, und der junge Künſtler war Proteſtant. Raphael Mengs ſollte in den Schooß der allein ſeligmachenden Kirche zurückkehren, ſonſt ward die⸗ ſer Ehe kein Segen ertheilt. Die Liebe hat ſchon große Wunder bewirkt, warum alſo ſollte nicht ein Künſtler mit ſeinem Modell den Him⸗ mel theilen wollen? Nur den alten Iſmael fürchtete man in der Sache. Lange ſtand man an, ihm die Sache mitzutheilen. Endlich faßten die Töchter, aus Liebe zu ihrem Bruder, den Muth dazu. — M— 175 Aber wie groß war ihre Ueberraſchung, als der alte Mengs ganz ruhig erwiderte: „Das habe ich mir auch ſchon gedacht. Raphael wird überhaupt die Heiligenbilder weit beſſer malen, wenn er ordentlich bei der Sache iſt. Für einen rech⸗ ten Künſtler ſchickt es ſich ſo am beſten. Und dann ſollt Ihr mir auch gleich mit übergehen, damit auch Ihr beſſer malen könnt und an den Heiligen keinen Anſtoß nehmt, und anderer Seits auch, weil Geſchwiſter Einen Glauben haben müſſen.“ Erſtaunt überbrachten ſie ihrem Bruder dieſe über⸗ raſchende Entſcheidung des Vaters, die alle Schwierig⸗ keiten hob. Am 16. Juli 1789 traten die Geſchwiſter nun gemeinſam über, und nach dieſem Act ſollte dann ſogleich die Verheirathung des jungen Paares folgen. Der ſchöne, blonde Jüngling und die ſchwarzäugige Margareta Guazzi bildeten ein reizendes Paar. Alle Vorübergehenden blieben ſtehen, ſo oft ſie miteinander den Corſo hinab wandelten, oder ſonſt ſich öffentlich ſehen ließen. Seit der junge Künſtler zur römiſch⸗katholiſchen Kirche übergetreten, war überhaupt viel von ihm geredet worden, ſowohl Fremde wie Einheimiſche wünſchten den talentvollen jungen Deutſchen kennen zu lernen, und man⸗ cherlei Aufträge wurden ihm ertheilt, manche Anerbie⸗ 176. tungen gemacht, die er ausſchlug, weil er ſeinem Könige zuerſt dienen mußte; dieſem ein gelungenes Bild zu über⸗ ſenden, war jetzt ſein einziger Wunſch. In der Kirche St. Pietro in vinchlo hatte ſich eine zahlreiche Menge eingefunden, um der des ſchö⸗ nen Paares beizuwohnen. Der alte Vater Mengs, ſauber gekleidet, führte die geſchmückte Braut zum Altare, und nahm dabei eine ungewöhnlich heitere Miene an. Seine Töchter folgten ihm, für die Gelegenheit mit„neuen Lum⸗ pen“ bekleidet, wie er ſich ausdrückte, und ſahen mit Freu⸗ denthränen die Wünſche des geliebten Bruders gekrönt. Als der Prieſter das Paar geſegnet, legte auch Iſmael Mengs ſeine Hände auf Beider Haupt.„Der Herr ſegne Euch!“ ſagte er feierlich,„und möchte die Frucht dieſer Ehe ein Bild ſein, das Dich, mein Sohn, unſterblich macht.“ Dieſer ſeltſame Wunſch lockte ein Lächeln auf manche Lippe; doch Iſmael gewahrte nichts davon; mit ſeinen großen Gedanken und von den glänzenden Hoffnungen für ſeines Sohnes Ruhm erfüllt, bot er ſeiner Tochter den Arm und ſtand im Begriffe ſie gemeſſenen Schrittes aus der Kirche und in ſeine Wohnung zu führen, als eine Hand ſich auf ſeine Schulter legte und ſeinen Weg hemmte. Voll Erſtaunen richtete er ſeine großen, ernſten Au⸗ 177 gen auf die Perſon, die ſo unberufen ſich in die Hochzeitfeier miſchte, und ſah den göttlichen Annibali vor ſich. „Wie? Sie hier?“ rief er freudig überraſcht und umarmte ihn feurig.„Wie, Sie ſind gekommen, gött⸗ licher Sänger, um dieſen Tag durch ein Lied zu ver⸗ herrlichen, das dieſe Ehe würdig weihe!— Oh! Mein Annibali, wie groß iſt meine Freude Sie zu ſehen! Meine Tochter, küſſen Sie dieſem göttlichen Menſchen die Hand, der wahrhaftig dem Himmel nur entſtiegen iſt, um unſere arme Erde durch ſein Lied zu feiern.“ Das ſchöne junge Weib blickte halb lächelnd, halb verlegen den Fremden an, aber ohne der Weiſung des alten Iſmael zu entſprechen. Eine Römerin weiß nichts von ſolcher deutſchen Demuth und Annibali hätte auch ſchwerlich dieſe Huldigung geſtattet. „Ich denke, Freund!“ ſagte er lachend,„daß die Schönheit nicht minder, als die Kunſt, himmliſchen Urſprungs iſt, und ich dieſer jungen Frau meine Be⸗ wunderung lieber durch eine brüderliche Umarmung aus⸗ drücken möchte, wenn Sie es geſtatten.“ „So viel Sie wollen,“ rief Iſmael leidenſchaftlich. „Ja, mein göttlicher Annibali, Ihnen ſei Alles geſtattet.“ „Mit nichten, lieber Herr Vater!“ warf hier Ra⸗ phael ein.„Ich muß dagegen porteſtiren und Ihren göttlichen Sänger erſuchen, ſeine Bewunderung der Schön⸗ heit meiner Margareta nur im Liede an den Tag zu legen; alle andern Huldigungen muß ich mir verbitten.“ Annibali lachte und nannte den jungen Künſtler einen Egoiſten, der ſeinen Schatz nur für ſich bewahre.— Iſmael ſah mißbilligend dazu.„Die Ehe iſt ja um der Kunſt willen geſchloſſen und ſein Modell wird Eigen⸗ thum der ganzen Welt.— Aber laſſen wir ihn und eilen heim. Sie theilen unſer Mahl, göttlicher Annibali, und würzen es durch ein Lied.“ Der Sänger traute ſeinen Ohren kaum, als er den alten Iſmael von einem Feſte reden hörte, und in ſeine Wohnung tretend, eine wohlbeſetzte Tafel fand, an der die Geſellſchaft heiter Platz nahm. Man ſcherzte, man lachte, und Iſmael ließ es geſchehen. Man brachte endlich auch die Geſundheit des jungen Paares aus, ließ dann den König Auguſt leben, trank auf das Wohl des Vater⸗ landes, und wollte zum Schluße auch dem Vater des jungen Paares dieſe Ehre erweiſen; da erhob ſich dieſer von ſeinem Sitze, und ſein Glas hoch erhebend, nahm er das Wort: „Um der Einigkeit meiner Familie willen, ſagte er,„werde ich dem Beiſpiele meiner Kinder folgen und in den Schooß der römiſch⸗katholiſchen Kirche zurückkehren; außerdem aber, um für die Tage zu ſorgen, von denen man ſagt, ſie gefallen uns nicht— ich meine das Alter— meiner Köchin Barbara dieſe meine Rechte am Altare reichen und ſie dadurch unwiderruflich an mich knüpfen.“ Alle Anweſenden ließen ihr Glas ſinken bei dem wunderbaren Schluß ſeiner Rede; ſeine Kinder blickten ſich entſetzt an, wagten aber nicht zu reden; nur der Sänger Annibali, ein Lächeln mühſam unterdrückend, hatte den Muth dazu, und erwiderte:„Was den letzten Punkt betrifft, verehrter Freund, ſo dächte ich, Sie eilten damit nicht; denn die Bibel ſagt: Heirathen iſt gut, aber nicht heirathen iſt beſſer.“ Mengs ſchüttelte bedenklich ſein Haupt. „Sie ſind ein vortrefflicher Sänger, lieber Anni⸗ bali, aber ein leichtſinniger Mann, der nur für den Tag lebt,“ ſagte er.„Ich aber richte meinen Blick in die Zukunft und trage Sorge mir ein einſames Alter zu erſparen.“ „Kommt Zeit, kommt Rath,“ erwiderte der Sän⸗ ger luſtig.„Mit zwei Töchtern finde ich Sie ſo ſehr verlaſſen nicht.“ Und ſein Glas emporhebend, ſetzte er hinzu:„Den Schönen von der Elbe Strand, den Mädchen im Sachſenland, die auf den Bäumen gewach⸗ ſen!“ und jubelnd ſtießen alle Gäſte mit an. Nur der 180 alte Mengs machte eine bedenkliche Miene und trank keinen Tropfen. „Nun?“ fragte ihn der Sänger.„Sie wollen auf das Wohl Ihrer Töchter Ihr Glas nicht leeren?“ „Verzeihen Sie es mir!“ erwiderte Iſmael trau⸗ rig.„Ich finde, Sie ſind nicht ganz bei der Wahrheit ge⸗ blieben. Sie ſind, wenn auch ein göttlicher Sänger, doch als Menſch ein Schmeichler; denn, dem Himmel ſei es geklagt, mit dem Wachſen der ſchönen Mädchen auf den Bäumen Sachſens iſt es wohl nie weit her geweſen; keine meiner Töchter iſt mir darum zum Modell brauch⸗ bar emporgewachſen, und mein Raphael hätte lange ſu⸗ chen können, bevor er zu Hauſe eine Schönheit, wie ſeine Margareta iſt, entdeckt. Machen Sie alſo meinen Mäd⸗ chen nichts weiß, göttlicher Annibali, denn ſie ſind zum Malen in der Welt da.“ „Ah! Ich vergaß das,“ rief Annibali laut lachend. „Alſo, mein alter Freund, ein Glas auf die Modelle, welche der Künſtler nur auf wälſchem Boden findet!“ Zwülktes Cagitel. Die Geiſtererſcheinungen. Unruhig wanderte Maria Antonia früh Morgens in ihrem Gemache auf und ab. Sie hielt ein offenes Schreiben in der Hand, deſſen Inhalt ſie lebhaft bewegt zu haben ſchien; denn ihr Geſicht war bleich, die Hand, welche das Blatt hielt, zitterte. Ihrer innern Aufregung Herr zu werden, bedurfte ſie der körperlichen Bewegung. Nochmals las ſie den Brief durch, der ihr eine für ſie ſo beſtürzende Neuigkeit gebracht; dann warf ſie ihn auf den Tiſch und ließ ihn dort unbeſorgt um das Auge der Neugierde liegen(denn für den nicht Kundigen enthielt er Hieroglyphen, nur verſtändlich für den Beſitzer des Schlüſſels)— während ſie in das Ge⸗ mach des Churprinzen eilte. Sie fand dieſen allein, wie es ſonſt um dieſe frühe Morgenſtunde ſelten der Fall war. „Ich bin außer mir, Chriſtian!“ redete ſie ihn an, und ihr junger Gemahl gewahrte zugleich ihr bleiches Ge⸗ ſicht, ihr vor Aufregung glühendes Auge.—„Ich erhalte ſo eben einen Brief von meiner Mutter aus München... Oh! mein Gott!“ 182 Sie konnte nicht weiter reden, warf ſich auf einen Stuhl, ſchlug die Hände vor die Augen und brach in lautes Schluchzen aus. „Aber Antonia!“ ſagte der Prinz begütigend, und wollte die Hände von ihrem Geſichte fortziehen, um die Thränen aus ihren Augen wegzuküßen. „Ach! Chriſtian!“ flüſterte ſie mit halber Stimme, gebrochen durch die aufſteigenden Seufzer ihrer belaſteten Bruſt, und ſchlug beide Arme um ſeinen Nacken.„Ach! mein theurer Gemahl! Welch ein wunderbares Räthſel iſt doch das Menſchenleben auf dieſer Erde, und wo iſt die Brücke erbaut zwiſchen dem Diesſeits und Jenſeits, dem Sein und dem Nichtſein? Wer kann uns Gewißheit darüber geben, ob der Tod ein wirkliches Scheiden von hier iſt, oder ob die geängſtigte Seele zurückzukehren ver⸗ mag zu denen, welche ihr theuer ſind, um über deren Wohl zu wachen, ſie mit Sorge, Ermahnung, Warnung zu umgeben— wer vermag uns hier Auskunft zu er⸗ theilen?“ „Die Kirche!“ ſagte der Prinz ernſt.„Wende Dich an Deinen Beichtvater, und er wird Deine Zweifel löſen.“ Maria Antonia bewegte verneinend ihr Haupt. „Nein, nein!“ ſagte ſie wie abwehrend.„Dort erhalte ich keine Antwort auf Fragen, die ſie als gottesläſterlich 183 verwirft. Dort erhalte ich nur Vorwürfe, daß ich dem Teufel geſtattet in meinem Herzen ſolche Zweifel anzu⸗ regen, und muß meinen Durſt nach Wahrheit mit Beten, Kaſteien und Meſſen gut machen.— Nein, nein! Dort iſt kein Heil für mich!“ „Wäre es denn aber nicht wirklich beſſer, Du gä⸗ beſt dieſem Drange nicht nach, wiſſen zu wollen, was wir nicht wiſſen ſollen?— Warum auch dies uns weiſe verſchloſſene Buch unſerer Zukunft vorwitzig eröffnen wollen?— Mir ſcheint, es könne das nicht Segen bringen.“ „Warum?— Ach! Chriſtian, das iſt es ja eben, dieſes Warum?“ rief die junge Frau, und ſchlug die Hände gefaltet über ihrer hochſchlagenden Bruſt zuſam⸗ men.„Das iſt ja eben der traurige Fluch, womit ich ver⸗ folgt werde! Ich rede ja nicht aus eitlem Wahn, es iſt ja nicht ein Traumgebilde dieſer Nacht, das mich auf⸗ ſtört und am Tage Geiſter erblicken läßt, wo keine ſind— es iſt ja die wirkliche und poſitive Wahrheit, daß mein Vater, der Kaiſer, umgeht,“ ſetzte ſie mit leiſer wer⸗ dendem Tone, als fürchte ſie ſich vor ihrer eigenen Stim⸗ me, hinzu, und ein innerer Schauder durchzitterte ſie dabei. Der Churprinz blickte ſie wie erſtarrt an. In ſeinen Mienen ſprach ſich eine Bedenklichkeit aus, welche der . — 184 jungen Frau zu gelten ſchien. Hatte ſie ihren Verſtand verloren? „Was meinſt Du, Antonia?“ fragte er und ſah ſie ſorgenvoll dabei an. „Ich meine, was ich ſage,“ erwiderte ſie gefaßter, und legte ihr Haupt, wie ermüdet, an ſeine Schulter. „Kaiſer Karl VII. iſt noch auf der Erde; ob nur geiſtig, oder ob auch leiblich, das kann ich nicht behaupten, ge⸗ nug aber— er iſt da.“ „Aber wo denn?“ fragte der Churprinz halb ungeduldig.„Wer hat ihn denn geſehen? Doch nicht Du?“ „Nicht ich!“ ſeufzte Antonia.„Gottlob, nicht ich! Aber wer kann wiſſen, was mir noch bevorſteht? Denn es ſcheint, er ſuche grade mich. Ich war ja ſein Lieb⸗ lingskind, Du weißt es.“ „Wenn er Dich ſuchte, ſo glaube ich, würde er Dich auch zu finden wiſſen,“ ſagte der Churprinz halb lächelnd.„Die Sache muß alſo doch auf einem Irr⸗ thume beruhen.“ „Ich ſage Dir, nein!“ rief die Prinzeſſin heftig und faltete die Stirne.„Ich bin doch kein Kind, das nicht weiß, was es ſpricht.— Mein Vater geht um. Man hat ihn ſchon häufig erblickt, und meine Mutter ſchreibt mir eben heute, daß er in meinem Zimmer geſehen wor⸗ den, und daß Alle, die dort bis jetzt geſchlafen, vor Schrecken faſt geſtorben ſind.— Er muß mich holen wollen, es kann nicht anders ſein, und— ich liebe das Leben, Chriſtian. Ich mag nicht ſterben. Ich bleibe ſo gerne noch bei Dir.“ „Und wirſt auch hoffentlich noch lange, lange bei mir bleiben,“ erwiderte der junge Gatte zärtlich;„denn Dein Vater wird uns nicht trennen, er wird Dich nicht zu ſich berufen wollen, ſo lange Du Dich hier glücklich fühlſt. Schlage Dir die Sache aus dem Sinne. Denke nicht weiter daran. Es muß eine Einbildung thörichter Menſchen ſein.“ „Nein, nein. Der Meinung bin ich nicht!“ rief die junge Frau beſtimmt.„Die Sache iſt wahr, davon bin ich ſo feſt überzeugt, wie von meinem Leben, und Dein Bemühen, ſie mir auszureden, iſt vergeblich.— Es handelt ſich nur darum, was meinen Vater auf dieſe Erde zurückgeführt. Oder— ſollte er ſie etwa noch nie verlaſſen haben?— Es gibt Beiſpiele, Chriſtian— von einem Scheintode— von einem künſtlich herbeigeführten langen Schlafe— von einem Erwachen in der Gruft... Die Geſchichte nennt uns ſolche Fälle— Kaiſer Karl VII. war ein junger Mann, als er ſtarb— wie, wenn man ihn nur ſcheinbar hätte ſterben laſſen?“ 1860. IX. Maria Antonia. I. 12 Sie ſah ihren Gatten groß und fragend an.„Un⸗ möglich!“ erwiderte dieſer abweiſend.„Du warſt ja an ſeinem Krankenbette. Du weißt ja, wie und woran er geſtorben. Rede Dir doch ſo etwas nicht ein.“ „So ſollte denn die Seele eines Abgeſchiedenen wirklich zu uns zurückkehren können? Sollte im Stande ſein die Geſtalt noch einmal anzunehmen, welche ſie ſo lange vor unſern ſichtbaren Augen trug?— Armer Vater! Was ſtört denn Deine Ruhe im Grabe? Sorge um mich?— Droht mir eine Gefahr? Willſt Du mich vor einem Unglück warnen?— O, ſo rede! Laß mich Deine liebe Stimme vernehmen. Flüſtere in mein Ohr Worte, die mir ein Fingerzeig ſeien, die mich retten können.“ Der Churprinz wurde hier abgerufen, um die ſo eben aus Warſchau eingelaufenen Briefe in Empfang zu nehmen. Er freute ſich, ſeine Gattin durch dieſe Mit⸗ theilungen zerſtreuen zu können, und übergab ihr, in das Gemach zurückkehrend, die Schreiben von dem Könige, der Königin und dem Grafen Brühl, welche alle Drei einen lebhaften Briefwechſel mit ihr unterhielten, um da⸗ durch ſowohl der eigenen Neugierde als auch dem Inter⸗ eſſe zu dienen, das eine neue Sonne immer beanſpru⸗ chen wird; denn Jeder weiß, ſie wandert ihrer Mittags⸗ höhe zu.— Nachrichten aus der Ferne haben für uns Alle einen großen Reiz; darum iſt das Empfangen von Briefen ein ſo angenommen willkommenes Ereigniß, nicht allein der Neuigkeiten halber, die ſie bringen, ſondern wegen des weiten Reiches von Möglichkeiten, womit die Erwartung unſere Phantaſie zu ſpielen lehrt. So vergaß denn Maria Antonia, indem ſie die Siegel erbrach, auf einen Angenblick alle Erſcheinungen abgeſtorbener Seelen, und kehrte mit ihren Gedanken zu der nächſten Wirklichkeit zurück.— Auch der Churprinz ging ſeine empfangenen De⸗ peſchen durch. Seine Miene wurde dabei nachdenklich. Mehrere Male unterbrach er ſich ſelbſt in ſeiner Lectüre und ließ ſeinen Blick eine Minute lang forſchend auf dem Geſichte ſeiner Gemahlin ruhen. Dann, als hätte er in ihren Zů⸗ gen eine Beruhigung geleſen, kehrte er mit befriedigter Miene zu ſeiner Lectüre zurück.— Lange vor ihr hatte er damit geendigt; doch wartete er ſchweigend ab, bis ſie mit dem Leſen ihrer Briefe fertig geworden, ehe er ein Wort über den Inhalt der ſeinigen laut werden ließ. Zetzt lachte ſie plötzlich laut auf. „Man ſcheint Dir luſtige Sachen zu melden?“ ſagte der Churprinz fragend.„Mit mir iſt man nicht ſo gnädig verfahren.“ 12* „Wie ſo?“ fragte Maria Antonia zerſtreut, und las immer noch weiter.„Nein, denke Dir, es iſt auch wirklich zu luſtig, daß dem guten Brühl geträumt haben„ will, ſeine Großmutter gehe bei Nacht in unſerm Palais ſpazieren, und erſchrecke unſere Diener und Wachen, und daß er von mir einen Bericht über ihr Ausſehen fordert, ſo wie, wohin ſie ſich verliere. Nein, das iſt wirklich zu luſtig!“ „Es wird dem Grafen wohl damit nicht ſo ernſt ſein. Es iſt gewiß nur eine Falle, die er Dir ſtellt.“ „Wie das?“ fragte die Prinzeſſin verwundert. „Sieh, was man mir über die Sache ſchreibt,“ erwiderte der Prinz ernſt und reichte ſeiner Gemahlin den eben geleſenen Brief hin. „Dir!“ rief Maria Antonia verwundert.„Alſo auch Dir?“— Ihre Augen begegneten ſich, und feſt und tief verſenkte der Churprinz ſeinen Blick in die hellen blauen Sterne ſeiner Gattin, als wolle er ihr bis in die tiefſte Seele ſchauen. „Nein!“ ſagte er dann plötzlich ſehr beſtimmt und legte ſeine Hand auf ihr Haupt,„Du täuſcheſt mich nicht. Was es auch ſei, Dein Herz iſt frei von Schuld.“ „Um Gott! Prinz! Was iſt vorgefallen? Warum dieſer feierliche Ton?“ rief Maria Antonia beſtürzt.. „Lies!“ ſagte der Prinz.„Oder beſſer— lies nicht.— Es würde Dich nur unnütz kränken.“ „Wie, was? Ich muß es wiſſen!“ „Gut denn. So ſollen wenige Worte von mir Dich in dieſe unerhörte Verläumdung einweihen, die ein dum⸗ mer Spaß eines dummen Höflings ſein muß, womit er ſich ein Trinkgeld verdienen wollte.— Man hat nach Warſchau berichtet, daß man Dich bei nächtlicher Weile auf dem Zwinger promeniren geſehen.“ Maria Antonia erbleichte, bis alles Blut aus ihrem Geſichte entwichen ſchien; ſo ſaß ſie einen Augenblick wie verſteinert da, mit Augen, die nicht ſahen, und Lippen, die keines Wortes mächtig waren. Dann ſank ſie in ihren Seſſel zurück, aber ohne daß eine Ohnmacht ihre Sinne umnebelte und ſie des Bewußtſeins ihrer Pein enthob; nur wie erſtarrt war in ihr alles Leben. Plötzlich aber kehrte das Blut in ihre Wangen zurück, ein friſcher Impuls ſchien ſie zu beleben, und ihrem Gatten zu Füßen fallend, hob ſie die Hände flehend zu ihm empor und rief:„Chriſtian! Rette mich!“ Gerührt, bewegt ſah dieſer das geliebte Weib zu ſeinen Füßen. Selbſt wenn es jetzt eine Schuld zu beken⸗ nen gehabt, würde er ihm haben verzeihen müſſen. „Steh' auf, Antonia!“ ſagte er weich und wollte ſie erheben.„Steh' auf! An meinem Herzen iſt Dein Platz; nicht ſo!“ „Doch, doch! Nicht bis Du mir verziehen, nicht bis Du Deinen Schutz mir zugeſagt, weiche ich von die⸗ ſer Stelle.“ „Du brauchſt meine Verzeihung nicht, Antonia!“ ſagte der Churprinz bewegt.„Ich glaube es nicht und will es nicht glauben, daß Du ihrer bedarfſt.“ „Ich bedarf Deiner Verzeihung, mein theurer Gatte!“ ſagte die junge Frau mit der warmen Haſt beſorgter Liebe.„Ich habe ein Unrecht begangen, indem ich ohne Dein Wiſſen um Mitternacht das Palais verließ.“ „Das alſo haſt Du gethan? Alſo doch!“ ſagte er vorwurfsvoll, und tiefer Schmerz malte ſich in ſeinen Mienen. Sie nickte nur ſtumm bejahend. „Ich habe es gethan,“ fügte ſie dann gefaßter hinzu, „in der Hoffnung, daß es ein Geheimniß bleiben würde. Aber, Gott weiß es, an dieſem Hofe ſchläft der Verräther nie, ſo hat man mich auch bei dieſer unſchuldigen Pro⸗ menade belauſcht, um mir ein Verbrechen daraus zu machen.“ „Unſchuldig nennſt Du den nächtlichen Ausgang einer Churprinzeſſin von Sachſen?“ fragte der Prinz und ſah ſie kopfſchüttelnd und traurig an. „Unſchuldig in meinem Herzen und vor Gott, un⸗ ſchuldig in meinem Gewiſſen— doch freilich ein Ver⸗ brechen in den Augen der Welt.“ „Und Dein Zweck?“ „Ich wollte die Sterne ſehen, wollte den Jupiter in ſeinem Zenith belauſchen.— Ich hatte mir ein gutes Fernglas von dem Prohlis beſorgen laſſen— Du weißt es— und ſchlich damit, begleitet von meinem Garderoben⸗ mädchen, um Mitternacht hinaus, ungeſehen, wie ich meinte, um den gelehrten Bauer zu treffen und mich von ihm belehren zu laſſen.— Ich war verkleidet, Nie⸗ mand konnte mich erkennen. Ich glaubte mein Geheim⸗ niß ſo ſicher bewahrt, und freute mich ſo lebhaft über dieſe kleine, von mir geſtohlene Freiheit!— Es war mir ſo neu, ſo ſeltſam, Niemandem Rechnung ablegen zu müſſen von meinem Handeln, ich betrachtete den Himmel und die Erde wie mit neuen Augen, ich glich einem Kinde, das zum erſten Male der leitenden Hand ſeiner Bonne entbehrt.— Und als ich nun den herrlichen Jupiter ſah und den Saturn mit ſeinem mächtigen Gürtel, und mir dieſe Pracht der Welten über den Welten vorſtellte— da hätte ich, im Angeſichte des Unendlichen, leicht alles Endlichen vergeſſen mögen, und wahrlich! es erſchienen mir die Geſetze unſerer Etikette neben den großen Ge⸗ ſetzen, nach denen ſich das Weltall bewegt, zu klein, um der Erwähnung werth zu ſein.“ „Warum aber, wenn Deine Promenade wirklich keinen weitern Zweck hatte, als die Geſtirne zu betrachten, konnteſt Du nicht wenigſtens mir Deine Abſicht ver⸗ trauen?“ fragte er vorwurfsvoll. „Weil ich Dein Nein befürchten mußte, und dann— durfte ich nicht mehr hinaus.“ „Gewähre ich Dir denn ſo ungerne einen Wunſch, daß Du mein Nein vorauszuſetzen brauchteſt?“ „Gewiß nicht, Chriſtian. Darum aber wollte ich Dich nicht in die Verlegenheit ſetzen, zum erſten Male mir eine Bitte abſchlagen zu müſſen. Denn abſchlagen mußteſt Du ſie.— Was hätte der König geſagt, wenn Du mir geſtattet bei Nacht luſtwandeln zu dürfen?— Wie ungehalten wäre die Königin gar geweſen, wenn ſie von einem gottloſen Wiſſen anderer Welten gehört?— Nein, nein! Es war unmöglich, daß Du mich gewähren laſſen könnteſt, ohne den ganzen Hof gegen Dich aufzu⸗ bringen, ich mußte daher heimlich meinen Wunſch befrie⸗ digen oder ganz davon abſtehen. So verſuchte ich denn mein Heil— mit welchem Erfolge, das ſiehſt Du.“ ſeine Bruſt. „Es mag ſein, daß Du Recht hatteſt,“ ſagte er dann nachdenklich;„dennoch ſchmerzt es mich, daß Du heimlich, ohne mein Wiſſen gehandelt, und ſoll ich Dir verzeihen, ſo mußt Du mir vorher verſprechen, nie wie⸗ der einen Gedanken oder einen Wunſch vor mir zu ver⸗ bergen; dagegen ſage ich Dir zu, daß, wo es ſein muß, ich lieber Andere mit Dir gemeinſam täuſchen werde, als daß ich ſelbſt der Hintergangene ſein mag. Willſt Du das eingehen? Willſt Du mir zuſagen, nie wieder einen Schritt ohne mein Wiſſen zu thun, ſobald ich Dir da⸗ gegen die Gewähr leiſte, Dir nie ein Hinderniß in den Weg zu legen? Thue was Du willſt, und was Du vor Gott und Deinem Gewiſſen verantworten kannſt; ich halte Dich nicht davon ab, nur laß mich Dein Vertrau⸗ ter ſein. Du haſt ja Verſtand genug, um einzuſehen, was Dir ſchaden kann, und wirſt Dich ſelbſt lieb genug ha⸗ ben, Dein eigenes Beſte zu wollen; handle daher nach freier Willkür— die Folgen ſind ja für Dich da. Mir gegenüber biſt Du frei, völlig frei!“ Die junge Fürſtin warf ſich gerührt an ſeine Bruſt.„Edelſter, beſter aller Männer!“ rief ſie aus; „wie kann ich Dir danken für ſo viel Güte, ſo viel Großmuth, als indem ich ſie nie mißbrauche! In die⸗ Sie ſah ihn demüthig bittend an. Er zog ſie an 194 ſer Freiheit, die Du mir gewährſt, liegt ein weit bin⸗ denderer Zwang, als in der ganzen Etikette dieſes cere⸗ moniöſen Hofhaltes. Hätte ich geahnt, wie groß Deine Selbſtverleugnung ſein könne, ſo würde ich Dir meine Abſicht vertraut und mir damit dies beſchämende Be⸗ kenntniß einer Heimlichkeit, die als ſolche eine Schuld iſt, erſpart haben. Aber nie, nie ſoll es wieder geſchehen!“ „Damit iſt der Friede geſchloſſen!“ ſagte der Churprinz lächelnd;„nun aber laß uns überlegen, auf welche Art wir am vortheilhafteſten die Waffen ſtrecken. Vor Allem gilt es Jene in Warſchau mit ihren Ver⸗ läumdungen Lügen zu ſtrafen und ſammt dieſen prome- nades nocturnes lächerlich zu machen. Suche alſo Deine beſte Laune heraufzubeſchwören und ſchreibe dem Könige allerlei drollige Schnurren, wobei Du Deines Bruders Bericht über die vision formidable in Deinem Zimmer in München mit einflechten kannſt; dann werden ſie über die Geiſter in Baiern die Geiſter in Sachſen vergeſſen, und, indem ſie jene auslachen, nicht ſelbſt wegen ähn⸗ licher Vorgänge bei uns und ihren Glauben daran ausgelacht werden wollen.“ Heller Sonnenſchein hatte ſich während dieſer Rede ihres Gemahls über das Angeſicht der jungen Frau ge⸗ breitet. Ihre großen blauen Augen lachten, ein muth⸗ williges Lächeln umſpielte ſogar ihren Mund. „Weißt Du, was ich thun werde?“ ſagte ſie ver⸗ traulich.„Ich ſchreibe dem Könige, daß der Geiſt mei⸗ nes ſeligen Vaters mir Nachts meine Kleider weggeholt und darin im Zwinger ſpazieren gegangen iſt. Dieſe Ge⸗ ſchichte will ich ihm ſo drollig vortragen und ſie ſo hübſch ausſchmücken, daß ihm der Ernſt der Sache dar⸗ über aus dem Sinne kommen ſoll. Ja— ich will ihm ſo⸗ gar eine Zeichnung der Erſcheinung beilegen, möglichſt ähnlich dem Dir davon entworfenen Bilde. Glaubſt Du nicht, daß dies ſeine Wirkung thun werde?“ „Ich glaube Alles, was meine Antonia glaubt,“ ſagte der Churprinz, und zog das anmuthige junge Weib zärtlich an ſeine Bruſt. Ende des erſten Bandes. Verlag von Rober K Markgruf in Prag. 6 Uffo Horn: Bunte Kieſel. Erzählungen. 14 Bo⸗ Pr 8o. Eleg. geh. 1 Thlr. 6 Sgr.= 1 fl. 80 Nkr. W Gellert im Farlsbude, Johannesbrunn, Die Mühl- truud, Die ſchöne Inſel, Auch noch heute— ſind das Ein⸗ zige, was der Dichter des„Ottokar“ im Laufe der letzten ſechs Jahre im Gebiete der Erzählung geſchaffen und hier als„Bunte Virſel“ veröffentlicht. Es ſind gediegene, aus geiſtiger Ruhe und Reife hervorgegangene Dichtungen, die den Verfaſſer der„Böh⸗ miſchen Dörfer“ und„Aus drei Jahrhunderten“ ſeinem zahlreichen Leſerkreiſe von Neuem werth machen werden. Jean Charles(Braun von Braunthal): Napo⸗ leon II. Hiſtoriſcher Roman. Zwei Theile in einem Bande. 8o. 20 Bogen. Eleg. geh. 1 Thlr. 2 Ngr.= 1 fl. 60 Nkr. O. W. Obgleich vor Kurzem erſt ein Roman erſchien, der gleichfalls das Leben des Herzugs von Reichſtadt zum Thema hat, ſo dürfte der hier angekündigte ſchon deßhalb Beachtung finden, weil derſelbe ſich nicht an jenen Fabelbau lehnt, den Barthélemy u. A. auf Koſten des Kniſers Franz und Mrtternich's ſei⸗ nerzeit auſſtellten, ſondern in pikanter Form und nach nuthen⸗ tiſchen Guellen gehalten iſt, die dem Verfaſſer— in ſeiner hiezu beſonders günſtigen Stellung— ganz allein zu Gebote ſtan⸗ den. Für die Abnehmer von Kober's„Album“ ſei noch be⸗ daß der Roman in dieſer Sammlung nicht erſcheinen wird. Verlag von Rober& Markgraf in Prag. Levpold Kompert: Böhmiſche Juden. Ge⸗ ſchichten. Zweite wohlfeile Ausgabe. 80. 27 Bo⸗ gen. Eleg. geh. 1 Thlr. 6 Sgr.= 1 fl. 80 Nkr. O. W. Inhalt: Der Dorfgeher. Eine Verlorene. Trenderl. Die„Böhmiſchen Juden“ haben bei ihrem erſten Erſchei⸗ nen ſchon ein gerechtes Aufſehen erregt durch die treffliche Cha⸗ rakteriſtik und naturwahre Schilderung der aus dem Leben ge⸗ griffenen Geſtalten und Verhältniſſe. Jetzt, wo die Judenfrage allenthalben wieder im Vordergrunde ſteht, dürfte ein Buch, das, wie die„Bühmiſchen Juden“, zur Anregung und einer, un⸗ ſerer Zeit angemeſſenen Löſung dieſer Frage weſentlich beitragen, neue Beachtung verdienen und finden. Der Preis iſt bei dieſer neuen Ausgabe um ein Drittheil mäßiger geſtellt als bei der erſten Auflage. Alfred Meißner: Seltſame Geſchichten. 16 Bogen. So. Eleg. geh. 1 Thlr. 6 Sgr.= 2 fl. O. W. Die Tage des Trufels, Die Schifffahrt des Schnei⸗ dermeiſters Rlnus, Drer Spieltiſch Prter des Großen, Ein Abend im Frrenhauſe, Der Müller vom Hüft— dieſe wirklich„ſeltſamen Greſchichten“ vereinigen in der glücklichen Wahl der Stoffe, der tief⸗pſychologiſchen Charakteriſtik und phan⸗ taſievollen Darſtellung alle jene Vorzüge, die dem Dichter der „Sunſurn“ ſchnell auch den Ruf eines bedeutenden Erzählers verſchafften. Verlag von Rober K Markgraf in Prag. Leopold Kompert: Neue Geſchichten aus dem Ghettv. 2 Bände. 80. 36 Bogen. Eleg. geh. 2 Thlr. 10 Sgr.= 3 fl. 50 Nkr. O. W. IFnhalt: I. Eiſik's Brille. Roßhaar. Die Schwrigerin. Der Min. Franzefuß. II. Die Prinzeſſin. Julius Arnſteiner's Beſchan. Mit dieſem Buche betritt der Berfaſſer nach langer Zeit wieder jenes Gebiet, auf dem er ſich mit von Publikum und Kri⸗ tik gleich anerkannter Meiſterſchaft bewegt, nämlich das Gebiet der Erzühlungen nus dem jüdiſchen Volksleben. Die neue Sammlung ſchließt ſich dem bereits in 3. Auflage erſchienenen „Aus dem Ghetto“ gleichen Genres an, nur daß dies neue Werk, hervorgegangen aus reiferen Anſchauungen, naturgemäß auf einer höheren Stufe der Vollendung ſteht, und ſo die alten Freunde Kompert's befriedigen, ihm gewiß auch viele noue zuführen wird. Hiervnymus Lorm: Intimes Leben. No⸗ velletten. 80. 19 Bogen. Eleg. geh. 1 Thlr. 10 Sgr.= 2 fl. D. W. Blanche, Die Gouvernante, Hol' über!— dieſe neueſten Novelletten des auch in den höheren Kreiſen beliebten Autors behandeln das gleiche pſychologiſche Problem, nämlich die Con⸗ flicte der Seele und des Herzens, die ein„intimes Leben“ differirender Elemente hervorrufen kann, und die in ihren Con⸗ ſeguenzen oft von erſchütternder Wirkung ſind. Gewiß wird das Buch überall, wo höhere Bildung und Empfänglichkeit für feinere Seelengemälde zu finden, gefallen. Verlag von Fober K Markgraf in Prag. Levin Schücking: Aus den Tagen der großen Kaiſerin. Hiſtoriſche Novellen. Zweite Auflage. 21 Bogen. 8o. Eleg. geh. 1 Thlr. 6 Sgr.= 1 fl. 80 Nkr. O. W. Die großer Marin Thereſin! Wem ſchwebte nicht bei dieſem Namen ein hehres Frauenbild voll geiſtiger Kraft und Hoheit vor Augen! Dieſes hehre Frauenbild führt nun der be⸗ liebte Erzähler in zwei hiſtoriſchen Novellen vor, die, trotz ver⸗ ſchiedener Stoffe, in der Hauptfigur der großen Rniſerin, in der Zeit und dem Schauplatze der Handlung dennoch einen organiſchen Zuſammenhang haben, und durch treffende Charakte⸗ riſtit evenſo wie durch gewählte Sprache ſich auszeichnen. Binnen fünfzehn Monaten war die erſte Auflage von 4000 Expl. ver- knuft: gewiß die beſte Empfehlung für das von Publikum und Kritik gleich beifällig aufgenommene Werk. —— Der Held der Zukunft. Roman. Zweite Auflage. 18 Bogen. 8o. Eleg. geh. 1 Thlr. 6 Sgr.= 1 fl. 80 Nkr. O. W. Erſchien 1855 in Kobers„Album“ und war ſeit 3 Jah⸗ ren gänzlich vergriffen. Es iſt ein mit kühnen Strichen ent⸗ worſenes humor⸗ und pointenreiches Gemälde modern ſocialen Treibens und Ringens, das bei ſeinem erſten Erſcheinen u. A. von der Leipziger Illuſtrirten Zeitung als„ein mit Virtuoſität durchgeführter Roman“ hervorgehoben wurde. ——