— — — — „ ———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegen nahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 3 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen müt Kupfern ꝛ⁊c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 6 ſ. 5 3 3 1 3 —. Bibliothel deutſcher Griginalromane. Herausgegeben von HMerm. Markgraf. Neunzehnter Jahrgang. Dritter Band. Die Mautelkinder. M. .— Wien. Herm. Markgraf. 1864. Die Herren auf Rheinfeld. Roman von Rmeln Boelte, Verfaſſerin von„Maria Antonia, Frau v. Staöl“ 2c. I. Theil. Wien. Herm. Markgraf. 1864. 8 8 — S. 8 = — 8 — 5 8 = — S — 8 * 8 — 6 —— ————————— — D 00— c S c ro— ——— 6 de— Seite S Rheine 1 Die geheimnißvolle Erſcheinung..... 19 Die ite Faüsbibe 44 Der ſne Tre 61 Da ntt 85 WDie teFraphiſche Depeſche 108 125 Die Spie 142 i 159 177 P Mie 196 M 219 242 Die Herren auf Rheinfeld. ———————— Schloß Rheinfeld. In einer Schlucht des Hundsrück, am Abhange eines Berges, liegt das alte Schloß der Barone von Rheinfeld. Urſprünglich war es wohl nur ein Thurm, eine Art Warte, ein Obdach für die auf Jagd und Beute ausziehenden Rit⸗ ter; allein im Laufe der Jahrhunderte hatte es in ſeinem baulichen Umfange mannichfachen Zuſatz erfahren, und nahm ſich daher, von der Tiefe aus geſehen, gar ſtattlich aus. Näher kommend, glich es einer Art Feſte, mit Erin⸗ nerungen an eine Zugbrücke, und gllerlei darauf hin⸗ deutendem Mauerwerke mit Schießſcharten. An einen neu ausſehenden Flügel ſchloß ſich eine Ter⸗ raſſe, welche eine köſtliche Ausſicht bot. Sie war mit Blumen verziert und ſtellte einen mit kleinen Kiosken und Lauben Amely Boelte: Die Mantelkinder. M. 1 2 verſehenen Garten vor, dem einige große Ahornbäume ſogar gegen die Mittagsſonne Schatten gewährten. Ueber das Schloß hinaus ragte der Berg, an den es ſich lehnte, noch in beträchtlicher Höhe empor, von herr⸗ lichem Laubholze bedeckt, durch das ſchmale Pfade gehauen waren. Abwärts führte dagegen eine breite Straße in Windungen, um das Fahren zu erleichtern. Was dem Orte an Reiz abging, war Waſſer. Kein Springbrunnen und keine Cascade plätſcherte hier, kein noch ſo kleiner Bach ergötzte mit ſeinem Rieſeln das Ohr, kein See lieh ſeine Spiegelfläche der Landſchaft zum Auge. So kam es, daß man in dieſer Umgebung, trotz ihrer Schönheit, ſtets etwas vermißte. Es war Abend, als Frau von Gasmund und Thorilde, begleitet von dem jungen Rheinfeld, hier einfuhr. Sie hatten den Tag auf den Fluthen des Rheins, in einem Boote ſich ſchaukelnd, zugebracht, und ihre Ankunft nicht beeilt. Die Luft war unten glühend heiß geweſen; hier oben wehte es kalt ſie an und in der ſich ſenkenden Dämmerung gewan⸗ nen die Mauern ein düſteres, melancholiſches Anſehen; beſonders von der Fahrſtraße aus war dies der Fall, weil man hier nur den alten Theil des Gebäudes vor Augen hatte, deſſen ſchwärzliches Grau dunkelgrüner Epheu über⸗ ſchattete. Thorilde empfand ein Fröſteln und hüllte ſich in ihren Mantel. Ludolf konnte vor ungeduldiger Erwartung, die der un ent un bot die übe bra Ho ſah keit raſt die frag nah entſ ihre bem me den r⸗ uen n ein kein hr, ige. hrer lde, Sie oe Die ees an⸗ en; weil gen ber⸗ hren die 3 ſchöne Braut in das Schloß ſeiner Väter zu führen, nicht zwei Minuten ruhig ſitzen. Frau von Gasmund ſaß bleich und gefaßt ihm gegenüber, mit ſtarker Willenskraft jeden Einfluß der äußern Eindrücke von ſich fern haltend; denn ihr winkte das erſehnte Ziel. Das Eingangsthor war mit Blumen geſchmückt, auf der in das Schloß führenden Treppe ſtand der Baron, und winkte ſchon von ferne mit der Hand ein Willkommen entgegen. Als der Wagen hielt, öffnete er ſelbſt den Schlag, und hob Frau von Gasmund heraus, der er ſeinen Arm bot, um ſie mit ſtattlicher Würde die Stufen hinauf durch die Halle in die inneren Gemächer zu führen, es Ludolf überlaſſend, ein Gleiches für die Tochter und künftige Schwiegertochter zu thun. Der Thee ſtand ſewirt, der Keſſel dampfte, im Kamin brannte ſogar, der Kühle des Abends wegen, ein Scheit Holz mit luſtig blintender Flamme, wohulich und traulich ſah es in dem Gemache aus und ein Gefühl der Behaglich⸗ keit überſchlich die nach der Ermüdung des Tages hier raſten ſollenden Reiſenden. Frau von Gasmund vermißte die Frau vom Hauſe und ſo eben wollte ſie nach dieſer fragen, als der Baron ſchon, ihr zuvorkommend, das Wort nahm, um deren Nichterſcheinen mit der ſpäten Stunde zu entſchuldigen. Die Baronin, hieß es, hätte ſich bereits in ihre Gemächer zurückgezogen. Den ungünſtigen Eindruck bemerkend, welchen dieſer Mangel an Rückſicht für die ihr 1² ſo nahe ſtehenden Gäſte hervorbrachte, ſetzte er hinzu: „Meine Gattin wird Ihnen morgen nach dem Frühſtücke in Ihrem Zimmer aufwarten. Sie iſt durch ihre Kränk⸗ lichkeit leider vft verhindert, die ihr liebſten Pflichten er⸗ füllen zu können, und muß vielfach auf Nachſicht rechnen. Ich bitte, daß auch Sie ihr dieſe ſchenken wollen.“ Frau von Gasmund verneigte ſich mit einem erzwun⸗ genen Lächeln. In ihren Augen war Kränklichkeit kein ge⸗ nügender Grund, um heute bei ihrer Ankunft zu fehlen. Sie bemeiſterte jedoch ihre Verſtimmung, legte Hut und Mantel ab, und ließ ſich von dem Baron auf den Ehrenplatz am Theetiſche führen, an welchem ein weibliches Weſen in vorgerückten Jahren, mit dunkeln Augen und feinen ſchar⸗ fen Zügen, in ſchwarze Seide gekleidet, Dienſte zu ver⸗ richten ſich anſchickte.„Madame Latvur!“ fagte der Baron, mit einer Handbewegung, die einer Vorſtellung glich.„Die Geſellſchafterin meiner Gattin! Laſſen Sie ſie Ihrer Güte empfohlen ſein!“ Frau von Gasmund nickte darauf vor⸗ nehm und nahm ihren Platz ein, der Baron ſetzte ſich neben ſie, und Ludolf und Thorilde ihnen zur Seite. Unter hei⸗ terem Geplauder verflog bald eine Stunde, und die Gäſte zogen ſich zurück. Frau von Gasmund und Thorilde bewohnten den neuen Theil des Schloſſes, wo man, neben einem gemein⸗ ſchaftlichen Wohnzimmer, für jede ein Schlafzimmer ein⸗ gerichtet hatte. Auch hier fanden ſie ein Kaminfeuer an⸗ tzu: ücke änk⸗ er⸗ nen. oun⸗ ge⸗ Sie intel am in har⸗ ver⸗ ron, „Die Hüte vor⸗ eben hei⸗ äſte den nein⸗ ein⸗ an⸗ 5 gezündet. Thorilde ſetzte ſich davor und ſah dem Spiele der Flamme zu. So ermüdet ſie ſich auch fühlte, ſo wollte kein Schlaf ſie finden; denn ſeit ſie ihre neue Heimath be⸗ treten, war ihr unheimlich zu Muthe. Trotz des ſie um⸗ gebenden Glanzes, trotz alles Scheines der Behaglichkeit, war ihr der Eindruck geworden, daß hier kein Behagen herrſche; allein der einmal ſich geſtellten Aufgabe getreu, ſuchte ſie dieſe Empfindungen zu bannen, und Frau von Gasmund, wenn nicht ein glückliches, doch ein heiteres, ge⸗ faßtes Angeſicht zu zeigen. Sie ſtand auf, ſchlich in deren Zimmer hinüber, und küßte die ſich ſchlafend Stellende auf die Stirne. Dann zog ſie den Vorhang von ihrem Fenſter zurück und blickte hinaus in die ſtille Nacht. Die ganze Natur lag in tiefem Frieden da, am Himmel zogen Wolken über des Mondes Angeſicht hinweg, die tauſend Stimmen der Erde ſchwiegen, Gott hatte in dieſer Stunde allen Lebenden den Schlaf und mit ihm das Vergeſſen gegeben. Sie faltete andachtsvoll die kleinen Hände und trug ihr Herz zu dem Ewigen empor. Da ward es ruhig in ihrer Bruſt.— Sie öffnete das Fenſter. Leiſe ſäuſelnd ſtreifte jetzt ein Nachtwind durch die hohen Ahornbäume undflüfterte ihr:„Stille! Stille!“ zu; ſie neigte ihr Haupt in die Hände und gelobte:„Ich will!“ Sie ſchloß das Fenſter, zog den Vorhang herab und ſuchte geſtärkt, getröſtet durch die Betrachtung des Ewigen in Gott, des Vergänglichen im Irdiſchen, ihr Lager. Sanft ſenkten ſich ihre Lider, und ſchon umfing ſie ein Traum, als ſie eine ſchwere Thüre in den Angeln gehen hörte und ein gellender Schrei an ihr Ohr drang. Sie horchte halb be⸗ wußt; allein als nichts weiter erfolgte, hielt ſie das Ge⸗ hörte für Traum und entſchlief. Als ſie erwachte, ſchien die Sonne ſchon hell in ihr Gemach, und weſſen Gemüth hätten deren lichte Strahlen je trübe gelaſſen? So ſprang ſie denn heiter von ihrem Lager auf, kleidete ſich raſch an und nahm ſich vor, durch ihre muthig heitere Stimmung auch bei Frau von Gas⸗ mund günſtig zu wirken; denn obwohl man im täglichen Beiſammenſein mit Perſonen ſelten eine ſich langſam ge⸗ ſtaltende Veränderung ihres Aeußeren oder Inneren be⸗ merkt; ſo war ihr doch nicht entgangen, daß die noch vor kurzem ſtattlich, ja ſchön ausſehende Frau jetzt abmagerte und ſich nicht mehr, wie ſonſt, aufrecht trug, wodurch ſie um viele Jahre älter erſchien. Nahm ſie nun auch an, daß Ellena hierzu die nächſte Veranlaſſung gegeben, ſo wollte ihr Gewiſſen doch auch ſie ſelbſt nicht ganz frei von Schuld ſprechen; denn war es nicht ihr Verhältniß zu Leopold geweſen, welches dem bis dahin glücklichen Familienleben den erſten Stoß verſetzt?— Mußte ſie ſich aus ihrem ge⸗ heimen Verſtändniß mit ihm nicht einen Vorwurf machen? — Und wie bitter kränkend war, bei dieſem Punkte ihrer Selbſtbeſchauung angekommen, der Gedanke für ſie, daß ſp Di iht die rie err dal Ge Fa fall rild Lip um heit ſehe dar hen mir anft als ein be⸗ Ge⸗ ihr len rem uch as⸗ hen be⸗ vor erte um daß lte uld old ben ge⸗ rer 7 er ſie wie ein Kind angeſehen, und mit ihrer Neigung ge⸗ ſpielt, daß ſie ſeiner Eitelkeit zur Folie gedient, von Liebe in ſeinem Herzen keine Regung vorhanden geweſen ſei! Dieſe bittere Täuſchung und Enttäuſchung vergab ſie nicht ihm, nicht ſich, und nur, indem ſie jetzt der Pflicht ſich in die Arme warf und den weiblichen Stolz an ihre Seite rief, konnte ſie ſich vor einem ſie in ihren eigenen Augen erniedrigenden Schmerze retten. Sie las ein Gebet und ein Capitel in der Bibel; dann erſt trat ſie in das anſtoßende Zimmer, wo Frau von Gasmund ihrer bereits harrte. „Du biſt ſchwarz gekleidet?“ ſagte dieſe.„Iſt das Zufall, iſt es Wahl?— Aber für eine Braut iſt die düſtere Farbe nicht ganz ziemlich, und Du würdeſt mir einen Ge⸗ fallen thun, wenn Du den Anzug wechſeln wollteſt.“ „Wie, Mama! Aberglaube bei Dir!“ verſetzte Tho⸗ rilde und zog unter heiterem Lachen ihre Hand an die Lippen. „Ich habe ſchlecht geſchlafen, böſe, mir den Blick noch umnebelnde Träume gehabt,“ ſagte ſie und zwang ſich ein heiteres Geſicht zu macheu.„Seit ich in Dein helles Auge ſehe, wird mir ſchon leichter zu Muthe.“ Sie ſetzten ſich zum Frühſtücke. Während Thorilde darauf hinausſchlüpfte, ein himmelblaues Kleid anzuzie⸗ hen, ließ ſich die Baronin von Rheinfeld anmelden.„Wird mir viel Ehre ſein!“ ſagte Frau v. Gasmund und zog ihre — — —————— Glacéhandſchuhe an, damit die Feierlichkeit dieſer Zuſam⸗ menkunft andeutend. Gleich darauf öffnete ſich die Thüre, und eine zarte, blonde, noch jung ausſehende Dame in eleganter Morgen⸗ kleidung trat, auf den Arm des Baron Ludolff ſich ſtützend, mit langſamem Schritte, als ob das Gehen ihr ſauer falle, ein, und begrüßte Frau von Gasmund freundlich und vor⸗ nehm ihr Haupt neigend.„Ich habe geſtern leider nicht bei Ihrem Empfange gegenwärtig ſein können, gnädige Frau,“ ſagte ſie mit kalter Verbindlichkeit,„weil mein lei⸗ dender Zuſtand mir die Aufregung dieſes erſten Begegnens unterſagte. Sie glauben nicht, wie ſehr ich dabei gelitten habe, es ſcheinbar an der nöthigen Artigkeit fehlen laſſen zu müſſen; doch hoffe ich bei Ihnen die gewünſchte Ent⸗ ſchuldigung zu finden. Seien Sie mir herzlich willkommen in unſerm Schloſſe, und richten Sie ſich ganz, als ob Sie hier zu Hauſe wären, ein. Sie erzeigen mir damit einen Gefallen! Bei meinem leidenden Zuſtande kann ich leider! nicht für Ihre Bequemlichkeit noch Ihr Vergnügen, wie ich möchte, ſorgen, und muß Sie ſich ſelbſt anvertrauen.“ Frau von Gasmund verneigte ſich und deutete mit der Hand auf den Platz neben ſich auf dem Sopha. Die Baronin ſetzte ſich. Ludolf ergriff einen Stuhl neben ihr. Indem öffnete ſich die Thüre des anſtoßenden Zimmers und die zierliche, elegante Geſtalt Thorildens wurde ſicht⸗ bar. Ludolf ſprang auf und lief ihr entgegen, ſie wie im rte, lei⸗ ens ten ſſen nt⸗ nen Sie nen er! mit Die ihr. 1ers cht⸗ im 9 Triumphe auf ſeine Mutter zuführend, welche mit Ueber⸗ raſchung und Neugierde auf ſie hinblickte. Das junge Mäd⸗ chen verneigte ſich tief vor ihr, ja ſenkte ein Knie, um die Hand der zukünftigen Schwiegermutter an ihre Lippen zu führen; dieſe, ohne aufzuſtehen, ließ es geſchehen, hauchte dann mit kühlen Lippen einen Kuß auf ihre Stirne und ſagte:„Mögen Sie Glück in unſer Haus bringen!“ Vor dieſer Anrede drängten ſich alle überwallenden Gefühle bei Thorilden ſchnell zurück, ſie erhob ſich mit Würde, verneigte ſich anmuthig und erwiederte: Und gebe Gott, daß ich es ſelbſt hier finde, gnädige Frau!“ Dann ſetzte ſie ſich neben Ludolf, und man plauderte in gewöhn⸗ lichem Geſellſchaftstone eine kleine halbe Stunde, worauf Ludolf ſeine Mutter in ihre Gemächer zurückführte. „Woran mag die arme Frau wohl leiden,“ bemerkte Frau von Gasmund, ſo wie ſie allein waren.„Sie ſieht nicht krank aus; ſpricht aber nur von ihrem kranken Zuſtande. Es muß ein inneres Uebel ſein.“ „Oder auch ein eingebildetes,“ fiel Thorilde mit an ihr ungewohnter Schärfe ein. Ihre Mutter ſah ſie verwundert an. Es mußte ſie etwas an dem Betragen der Baronin verletzt haben, um ſo gereizt zu ſprechen. Gleich darauf kam Ludolf im Sturm hereingeflogen, und bat Thorilde einen Spaziergang mit ihm zu machen, ſein Herr Papa würde Frau von Gasmund indeſſen Ge⸗ ſellſchaft leiſten. Obwohl ihr Fuß noch große Schonung erforderte, ſo lockte es ſie doch, bei dem ſchönen Wetter ihre künftige Heimath im hellen Sonnenſcheine zu ſehen, hinaus, ſie holte Hut, Mantel, Sonnenſchirm, hing ſich an ſeinen Arm und verließ das Zimmer. Frau von Gasmund folgte ihr nachdenklich und bekümmert mit dem Auge. Beide gin⸗ gen eine Weile auf der Terraſſe hin und her, nahmen jede ſich hier bietende Fernſicht in Augenſchein; dann waren ſie plötzlich verſchwunden, ein Beweis, daß man durch eine Thüre oder Treppe von hier aus in den andern Theil des Schloſſes gelangen konnte, obwohl ſcheinbar von dort kein Entkommen war, außer durch den Salon, in welchem Frau von Gasmund vor der offenen Glasthüre ihren Platz ge⸗ nommen hatte, und die erfriſchende Bergluft einathmete. Während der Baron ſich hier zu ihr geſellte, zeigte Ludolf ſeiner jungen Begleiterin alle ihm beſonders lieben Räum⸗ lichkeiten des Schloſſes. Sie konnte für jetzt nur die beque⸗ men Wege mit ihm gehen, Wendeltreppen, Thürme blieben unbeſtiegen. Die einzelnen Abtheilungen des von Jahr⸗ hundert zu Jahrhundert ſich vergrößernden Baues, wußte er ihr ziemlich gut deutlich zu machen. Geſchickt hatte man durch Hinzufügung des neuen Flügels eine Art Viereck daraus gemacht, mit einem innern Hofraume, welcher dem Gebäude nach allen Seiten Licht zuführte. Der urſprüng⸗ liche, ſich unmittelbar an den Felſen lehnende Flügel, wel⸗ chem ein ziemlich hoher Thurm ſich anſchloß, ſtand unbe⸗ wo ſoll mer Vo unt den ged den nen ſert ber lich dur lich „E lies Eir rich Ge ſan ſo kan dal ſo Ba ng re en öte an eck el⸗ wohnt, Ludolf hatte ihn, weil die Mauern Einſturz drohen ſollten, nie betreten. Die aus ſchwerem Eichenholz gezim⸗ merte Eingangsthüre trug ein großes Vorhängeſchloß. Von dieſem Theile aus führte ein unterirdiſcher Gang unter der Leraf e des Neubaues fort in das Frele; er hatte den Raubrittern bei einer Belagerung zum Entkommen gedient, und noch jetzt konnte man von der Seite verſteckt den Berg hinunter ſchlüpfen. Thorilde hörte geſpannt ſei⸗ nem Berichte zu. Sie hatte bis jetzt nur von alten Schlöſ⸗ ſern geleſen, und ihre Einbildungskraft mit Sagen, Räu⸗ bern, Geſpenſtern und Falſchmünzern geſpannt; noch kürz⸗ lich erſt war ihr im Engliſchen„Schloß Udolfo“ von Mrs. delſß in die Hände gefallen und hatte ſie mit Schauern durchzittert. Das Düſtere, Geheimnißvolle dieſer Räum⸗ lichkeiten ließ ſie auf Ungeahntes, Ungehofftes rechnen. „Es iſt auch ein Burgverließ da, worin Menſchenknochen liegen, und dann giebt es Zimmer hier, zu denen man den Eingang nicht finden kann,“ fuhr Ludolf in ſeinem Be⸗ richte fort, ſich freuend, daß Thorilde dieſen ihm durch die Gewohnheit gleichgültigen Dingen eine ſo große Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte. Ihm ſelbſt war das Schloß ſeiner Väter ſo werth, daß er auf Erden keinen ſchöneren Aufenthalt kannte; auch ihr Intereſſe dafür wach zu ſehen, war ihm daher unendlich erwünſcht; ſie gefiel ihm jetzt noch einmal ſo gut, ſeit ſie die Geſcſihie von jedem Steine dieſes alten Bu kennen lernen wollte. 1 12 Am großen Eingangsthore, wo man noch die Spu⸗ ren der früheren Zugbrücke ſah, wohnte der Thürhüter, ein Mann, welcher ſeine achtzig Jahre zurückgelegt hatte, und mit allen Legenden des Schloſſes vertraut war. Gebückt trat er Thorilden, die Mütze in der Hand, entgegen. Auch ſein Vater und Großvater hatten dieſen Poſten vertreten. „Der kann Dir was erzählen, Thorilde!“ bemerkte Ludolf mit Stolz.„Den frage nur. Er weiß mehr als ich von meinen Ahnen. Ich konnte mir ihre Namen nie recht mer⸗ ken, es ſind ihrer gar zu viele; ſchon vor den Kreuzzügen fängt es an, und Du kannſt wohl denken, wie es da mit Schweſtern, Brüdern, Vettern, Couſinen anwächſt. Aber Traugott kennt ſie alle. Er weiß auch alle Bilder im Ah⸗ nenſaale auswendig, und kann Dir die Inſchriften auf den Grabſteinen der Schloßcapelle, als ob ſie deutſch ge⸗ ſchrieben wären, ableſen. Sie legte die kleine weiße Hand auf des Alten Schul⸗ ter und ſagte ihm einige freundliche Worte, die Jenem, weil ſie aus dem Herzen kamen, ſichtlich wohl thaten. Dann nahm ſie ſeine Mütze, betrachtete ſie, und bemerkte, daß Sie für einen ſo treuen Diener nicht mehr gut genug ſei, ſie würde für eine neue, beſſere ſorgen.„Gott ſegne die gnädige Braut!“ rief der Greis und eine Thräne zitterte unter den grauen Wimpern.„Ich werde alle Tage für Ihre Gnaden beten, daß es mir beſchieden ſein möge, den Erben von Rheinfeld auf dieſen alten Armen zu wie⸗ gen; ßen. fort, ſagt von ſen über lang er fi ſchn welc tung Got Dor ſtatt von wun teln auch ie für ge, ie⸗ 13 gen; dann nur werden ſich meine Augen in Ruhe ſchlie⸗ Thorilde ergriff Ludolf's Arm und zog ihn mit ſich fort, und als ob ſie ſeine Wünſche nicht verſtanden habe, ſagte ſie: Komm! laß mich die Bekanntſchaft der Erben von Rheinfeld machen! Führe mich in den Ahnenſaal!“ Ludolf ſtand einen Augenblick unſchlüſſig.„Wir müſ⸗ ſen durch das Vorzimmer meiner Mutter!“ ſagte er, wie überlegend. „So nehmen wir den Weg!“ „Nein; wir können auch durch die Capelle dahin ge⸗ langen; freilich weniger bequem; aber was thut es?“ Und er führte ſie dem älteren Theile des Gebäudes zu, wo ſie eine ſchmale Stiege hinauf in ein gewölbtes Gemach gelangten, welches mit Altar und Kanzel verſehen, die ganze Einrich⸗ tung einer Kirche trug.„Es wird hier ſeit lange ſchon kein Gottesdienſt mehr gehalten, wir ziehen es vor, in die Dorfkirche zu fahren; nur Trauungen finden hier noch ſtatt, ob auch die unſrige, kann ich nicht ſagen, das hängt von meiner Mutter ab,“ bemerkte Ludolf. „Nicht auch von Deinem Vater?“ fiel Thorilde ver⸗ wundert ein. „Nein, von meiner Mutter,“ erwiederte er kopfſchüt⸗ telnd,„denn er giebt ihr in allen Dingen nach; was ſie auch wollen mag, ſo geſchieht es.“ „So liebt er ſie wohl ſehr?“ — — † „Es iſt möglich. Ich weiß es nicht,“ verſetzte er gleich⸗ gültig.„Sie waren ja Vetter und Couſine.“ „So nah verwandt?“ „Es hat ſich unter den Rheinfeld immer ſo gemacht, daß ſie einander heiratheten,“ erwiederte er.„In alten Familien kommt es, wie man mir ſagt, häufig vor, daß man in der Verwandtſchaft wählt; gerade wie bei unſern Fürſten, die auch alle verſchwiſtert ſind.“ „Ich denke mir das nicht hübſch,“ ſagte Thorilde ſinnend. „Ich auch nicht; ſchon weil die Rheinfeld alle blond ſind und mir ſchwarze Haare und Augen am beſten gefallen.“ „Welch ein Grund!“ ſagte Thorilde lachend. „Nun, ich denke, ein ganz genügender,“ meinte Ba⸗ ron Ludolf, den Kopf aufwerfend.„Wenn Du erſt unſere Ahnen geſehen haben wirſt, weißblond, gelbblond, roth⸗ blond, aſchblond; ſo wird es Dir auch des Blonden ge⸗ nug ſein.“ Thorildens Auge war zu dem Altare zurückgekehrt. „Du meinſt alſo, daß Deine Mutter für eine Trauung in dieſer Capelle ſtimmen wird?“ fragte ſie und ſtellte ſich den Moment vor, wo das ewig bindende Ja über ihre Lippen kommen ſollte. „Sie iſt hier auch getraut worden, und bildet ſich ein, daß, weil die Gruft der Rheinfeld unterhalb dieſes ſie, nac ein t. in ich re 15 Raumes iſt, ſämmtliche Ahnen Zeugen der Handlung ſind und ihren S dazu geben; ja ſ ſie behauptet ſo ſogar, daß ſie, wenn ſie die Ehe billigen, in leiſem Echo das Amen nachſprechen, im andern Falle aber bleibe es ſtill, und nur ein Seufzer ziehe durch die Kirche.“ „Das iſt ja ſchauerlich!“ rief Thoril lde entſetzt.„Hat ſie ſelbſt denn ein Amen oder einen Seufzer damals ver⸗ nommen?“ „Ich glaube— einen Seufzer,“ erwiederte Ludolf kleinlaut; wenig ſtens ſpricht ſie nicht gern davon und hat niemals weder das Eine noch das L Andere beſtätigt; allein meine alte Wärterin hat mir oft erzählt, daß es an dem Tage nicht ganz mit richtigen Pili zugegangen ſ ſei, daher auch ihr Zittern für mein Leben, wie ihre nie endende Sorge für ihre Geſundheit! Sie lebt in einer beſtändigen Furcht. Mein Vater aber ſieht ihr, weil ihm der Arzt ge⸗ ſagt, jeder Widerſpruch würde ſie nur noch mehr reizen, Alles nach.“ „Was fürchtet ſie denn aber?“ fragte Thorilde ver⸗ wundert. „Ja, das weiß ich eigentlich ſelbſt nicht,“ entgeſnete Ludolf, in ſeinen gutmüthig ſorgl oſen Ton zurückfallend. „Eigentlich danach gefragt habe ich nie. Ueberhaupt ging ich ihr, ſo lange ich denken kann, gern aus dem Wege. Sie machte mir bange. Es hieß immer, daß ihre Angſt ſich zum Wahnſinne ſteigern könne, und ich mich in Acht nehmen möge, nicht erhitzt, ermüdet, oder ich weiß nicht wie aus⸗ ſehend, vor ihr zu erſcheinen, weil ſie dann ſogleich den Tod auf meiner Stirne geſchrieben ſehen würde; und da ich nicht immer einen Spiegel zur Hand hatte, ſo ſtahl ich mich, wo ich nur konnte, aus ihrem Geſichtskreiſe hinweg. Hätteſt Du das nicht auch gethan?“ „Vielleicht!“ verſetzte Tborilde überlegend.„Sie muß aber recht unglücklich ſein, Deine arme Mutter, wenn ein ſolcher Wahn ſie quält.“ „Das iſt ſie auch, das iſt ſie ganz gewiß!“ fiel Lu⸗ dolf mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit ein.„Und darum mußt Du Geduld mit ihr haben, wie wir Alle. Willſt Du das?“ „Gewiß, gern! Nach dem, was Du mir mitgetheilt haſt, werde ich ſie mit großer Nachſicht behandeln, verlaß Dich darauf.“ Sie waren, während dieſes Geſpräches, eine kleine Treppe hinaufgeſtiegen, und wanderten nun durch verſchlun⸗ gene, bald auf⸗, bald abſteigende Gänge, bis ſie in einen völlig finſteren Raum traten. Hier ließ Ludolf den Arm ſeiner Begleiterin fahren, tappte an der Wand umher, bis er eine dort geſuchte Erhöhung gefunden, drückte darauf, und eine kleine Oeffnung in der Form eines Viereckes ſprang vor ihnen heraus, und gewährte den Blick in ein weitläufiges, düſter ausſehendes Gemach. Ludolf, ſchon vertraut mit der Unbequemlichkeit des Einganges, ſchlüpfte leic ſeir Um Di auf die im ſie die Un bli das — die mi kor Bi ril ſie Lu 17 leicht hindurch; Thorilden gelang es mit einiger Mühe, ſeinem Beiſpiele zu folgen und ein erſter Blick auf ihre 6 umgebung belehrte ſie, daß ſie den Ahnenſaal erreicht habe. Düſter ſchauete eine ganze Reihefolge geſchwärzter Bilder auf ſie herab; bald waren es alte Geſichter, bald junge; g. die Trachten ſo verſchieden, wie es der Wechſel der Mode 5 im Laufe der Jahrhunderte heworbringt. Eins aber hatten ie ſie gemein, das helle Haar, das blaue Auge, und während 4 die Farbe bei vielen ſo nachgedunkelt war, daß Tracht und Umgebung in ein gemeinſames Schwarz zuſammenlief, 2 blieb das Eine bei Allen ſichtbar: über der hellen Stirne i das gelbliche Haupthaar. ſt„Hier war mein liebſter Spielplatz!“ bemerkte Ludolf. ilt„Hier war ich. vor meiner Mutter ſicher und brachte darum aß die meiſte Zeit in dieſem düſtern Gemache zu.“ „Warum hier ſicher?“ fragte Thorilde. ine„Weil hierher ihr Schritt ſich nie verlor, weil ſie mich hier nie ſelbſt aufſuchte, und fandte ſie nach mir, ſo m⸗ en konnte ich leicht entſchlüpfen.“ rm„Es führt doch ein anderer, bequemerer Weg in den bis Bilderſaal, wie Du mir ſelbſt geſagt haſt,“ bemerkte Tho⸗ uf, rilde verwundert.„Hätte ſie Dich ſuchen wollen, ſo würde kes ſie den gewählt haben.“ ein„Es war nicht der Weg, den ſie ſcheuete,“ verſetzte hon Ludolf,„ſondern das umgekehrte Bild. Sie hat mich dann — fte Amely Boelte: Die Mantelkinder. M. — —— 18 oft gefragt, ob es den Ahnen noch immer den Rücken zu⸗ wende.“ „Wie ſo? wo iſt hier ein umgekehrtes Bild,“ fragte Thorilde aufgeregt. „Dort in der Ecke— gleich das zweite von jener Seite her. Die Mama iſt der Meinung, daß es ſich vor ihren Augen umgewendet habe, als ſie am Tage nach ihrer Trauung ihren Ahnen den üblichen Befuch abſtatten wollte.“ „Wer iſt es denn?“ rief Thorilde und ihr war zu Muthe, als ob ſich ihr Haar ſträube. „Stille!“ flüſterte Ludolf.„Wir reden nicht gern davon. Ich will es Dir in das Ohr ſagen. Es iſt die letzte Rheinfeld vom Mannesſtamme erſter Linie.“ „Aber Du biſt ja auch der letzte Rheinfeld!“ „Aber nicht vom Mannesſtamme! Sprich aber ja mit Niemand darüber; wir berühren es in der Familie nicht gern.“ Bar Anf auf ſie ſ Zuk Der zu⸗ agte ener vor hrer tten r zu gern letzte er ja milie Die geheimnißvolle Erſcheinung. Frau von Gasmund hatte am Morgen mit dem Baron verabredet, daß die Hochzeit des jungen Paares Anfangs September ſtattfinde, worauf dieſe die Eltern auf einige Wochen nach Paris begleiten ſollten. Wohin ſie ſelbſt dann ihren Schritt wende, was ſie ſelbſt mit ihrer Zukunft beginne, hatte ſie noch nicht in Betracht gezogen. Der große Zweck ihres Lebens erfüllt, galt ihr Alles einer⸗ lei; ſie war, durch die innern Stürme aufgerieben, müde und matt, Thorilde verſorgt, hätte ſie, mit Schoppenhauer zu reden, das Leben verneinen mögen. So war ſie im Au⸗ genblicke nur froh, daß Alles ſo gekommen, und betrat mit erheiterter Miene den Speiſeſaal, wo die Familie ſich auf das Läuten einer großen Glocke zum Mittagsmahle ver⸗ ſammelte. 2* 20 Der Baron nahm am obern Ende des Tiſches Platz, zur Rechten von ihm Frau von Gasmund, zur Linken ſeine Gattin, neben beiden Damen das junge Paar, und am untern Ende legte Madame Latour, bleich, ernſt, ſchweig⸗ ſam, die Speiſen vor. Man befand ſich im engſten Fa⸗ milienkreiſe, wo heiteres, unbefangenes Geplauder ſeine liebſte Stätte findet; allein kein eigentliches Geſpräch wollte aufkommen. Fort und fort richteten ſich Aller Blicke auf die Baronin, als habe Jeder in ihren Mienen ſein Schickſal zu leſen. Ludolf ließ manche Speiſe mit einem fragenden Blicke zu ſeiner Mutter hinüber an ſich vorübergehen, und richtete an ſeine Brautnur halbe Worte. Frau von Gasmund unterhielt ſich mit dem Baron, allein deſſen einſilbige Antworten ermüdeten, und ſo ließ auch ſie endlich das fallen. Die Baronin aß wenig und nur Vegetabiliſches. Auch den Wein verſchmähte ſie. Träumeriſch und wie ab⸗ weſend hing ihr Auge bald an dieſem, bald an jenem. Endlich ſchien ſie die völlige Stille um ſich zu bemerken und redete ihre Nachbarin an. Sie fragte, ob ſie Jung Stilling geleſen, mit dem Wirken der Frau von Krüdener bekannt ſei, überhaupt mit dem Leben der Seele ſich be⸗ ſchäftigt habe. Frau von Gasmund mußte Alles ver⸗ neinen. Sie hatte ſich nie über das Warum der Dinge beunruhigt; wie die Welt entſtanden ſei, das war ihr völlig einerlei, ſie hatte es mit dem wirklichen Leben der Gegen⸗ wart allein jedock auf iſt eit obern träur weibl verw am b und? größ der dächt noſſet deſſe und Geſie hinzu Natz, ſeine m eig⸗ Fa⸗ ſeine räch Aller enen mit ſich orte. llein h ſie ches. ab⸗ nem. erken ung ener be⸗ ver⸗ inge öllig gen⸗ 22 wart zu thun; wie ſie auf der Erde Fuß faſſen konnte, das allein zog ſie in Betracht. Aus Höflichkeit ſprach ſie dies jedoch nicht in klaren Worten aus; ſondern ging vielmehr auf das von der Wirthin angeregte Thema ein.„Blut iſt ein ganz beſonderer Saft,“ fuhr dieſe fort.„Wir er⸗ obern damit Dinge, von denen ein Anderer ſich kaum etwas träumen läßt. Meine Familie iſt überdem noch durch weibliche Abſtammung mit dem berühmten St. Germain verwandt.“ Frau von Gasmund war nicht ſehr beleſen; was ſie am beſten noch kannte, waren Romane von Dumas, Sue und Paul de Kock; eine Kenntniß der Literatur, welche die größere Zahl vornehmer Weltdamen mit ihr theilt; allein der Name von St. Germain war dennoch in ihrem Ge⸗ dächtniſſe geblieben; ſie knüpfte ſogar den ſeines Zeitge⸗ noſſen Caglioſtro jetzt daran, und erwiederte etwas über deſſen wunderbare Sehergabe. Die Baronin ging nun zu Zſchocke, Swedenborg und anderen berühmten Viſionären über, deren zweites Geſicht mit den Worten der Kaſſandra beklagend: „Meine Blindheit gieb mir wieder Und den glücklich frohen Sinn! Nimmer ſang ich heitere Lieder Seit in Deinem Dienſt ich bin.“ „Ja,“ fügte ſie mit einem ausdrucksvollen Seufzer hinzu,„es iſt kein Glück, weiter zu blicken, als Andere; — —— — die Gedanken der Menſchen auf ihrem Geſichte zu leſen, macht keine Freude.“ Frau von Gasmund wollte ſagen:„Und das können Sie?“ allein ſie hielt das Wort noch auf der Lippe zurück und erwiederte ausweichend:„Zum Glicke verſpricht uns der Fortſchritt der Naturwiſſenſchaften Entdeckungen, welche jedes Dunkel aufhellen werden.“ Es war dies eine der Phraſen, womit Laien, welche Vorleſungen beſuchen, ohne von dem vorgetragenen Ge⸗ genſtande Kenntniß zu beſitzen, die ein Aufſummiren ver⸗ ſtändlich machen, um ſich werfen. Die Baronin nahm die Erwiederung auf und entgegnete: „Mit dem Secirmeſſer und dem Mikroskope werden wir den Geiſt, der aller Materie Leben und Bewegung verleiht, nicht durchdringen: die Mittel aber, welche wir dazu benitzen könnten, verſchmäht man, weil ſie in Weibeshand gelegt ſind. Nur mit ſeltenen Ausnahmen wird ein Mann geiſtig ſchauen, ich meine von Geiſt zu Geiſt; die Frau aber, weil ſie ihrer Natur nach ſchon meiſtens nicht ſelbſt⸗ bewußt handelt, iſt ſtets auf dem Wege es zu thun. Darum die Pythia bei den Alten; darum die Sibyllen und die Hexen, welche man bei uns ſo jämmerlich verbrannte. Die Heiden waren alſo doch menſchlicher geſinnt, wie wir es ſind. Bei ihnen blieb die Frau eine Verkündigerin ewiger Wahrheiten. Das auch ſoll ſie ſein. Bevor man ihr dieſen Platz wieder anweiſt, wird die Welt auf geiſtigem Ge we ſtr leic rur nic da leſen, nnen urück uns velche velche Ge⸗ ver⸗ m die erden egung dazu shand Mann Frau ſelbſt⸗ arum id die . Die wir es ewiger an ihr ſtigem 23 Gebiete keinen Fortſchritt machen. Wir bleiben ſtehen, wenn wir das Ewige aus ihrem Mund zu vernehmen uns ſträuben; ja das Schweigen ihr gebieten.“ Sie hielt inne. Frau von Gasmund war jetzt viel⸗ leicht zum erſten Male in ihrem Leben um eine Erwiede⸗ rung verlegen. Sie führte, um Zeit zu gewinnen, ihr Glas an die Lippen. Daß es in dem Kopfe der Baronin nicht ganz richtig ausſähe, ſtand jetzt bei ihr feſt und darauf Rückſicht nehmend, entgegnete ſie vorſichtig: „Es iſt vielleicht eine Uebergangsperiode. Man ſieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.“ „Da haben Sie recht; man ſieht ihn nicht!“ fiel ihre Nachbarin beiſtimmend ein.„Wir hören nur auf Men⸗ ſchenſtimmen und nicht auf die der Geiſter.“ Das Mahl war zu Ende, man brach auf. Frau von Gasmund fiel ein Stein vom Herzen. Trotz ihres Tactes als Weltdame hätte ſie vielleicht bald das richtige Wort nicht mehr gefunden. Welche Schwiegermutter für die arme Thorilde! Man nahm den Kaffee auf der Terraſſe ein, wohin die Baronin und Madame Latour ihnen nicht folgten. Der Baron hatte den Wagen zu einer Spazierfahrt beſtellt. Während man ihn erwartete, ſprang Ludolf wie ein vom Zwange ſich frei fühlendes Kind umher. Er quälte ſeinen Vater um ein Reitpferd für Thorilde, welche die weiten Promenaden mit ihrem Fuße nicht un⸗ 24 ternehmen könne, und bei dem ſchönen Wetter ſei für Beide im Hauſe zu bleiben unmöglich. Der Baron verſprach ſich darnach umzuſehen; allein Ludolf wollte, was er wünſchte,ſ ogleich erhalten und drängte ihn, Boten an die Pferdehändler der Umgegend auszuſenden, damit früheſter Frühe ihre Thiere zur Anſicht Endlich geſchah denn auch, was er ſo drin⸗ gend begehrte. Thorilden flüſterte er darauf zu:„Siehſt Du? Ich echalte, was ich nur will, von meinem Papa; aber quälen muß ich ihn erſt, damit er durch Gewäh⸗ ſuche. Das iſt nun einmal ſie morgen ir vorführten. rung meiner los zu werden nicht anders. Kennt man es, ſo ſchickt man ſich darein. Du mußt es mir ablernen, dann thut er Dir ebenfalls Deinen Willen.“ „Niemals!“ ſagte ſie kopfſchüttelnd.„Niemals werde ich Deinen guten Vater das, was er mir nicht gerne und von ſelbſt giebt, abverlangen.“ „Dann biſt Du eine große Thörin!“ erwiederte wie ſie bemitleidend.„Von ſelbſt verfällt er auf weil ſeine Gedanken ſtets bei meiner Mama ſind.“ Eine offene Kaleſche hielt bereits unten im Schloß⸗ hofe, die beiden Damen nahmen auf dem Vorderſitze Platz, die Herren ihnen gegenüber, der Jäger ſprang zu dem Kutſcher auf den Bock, und die Pferde zogen luſtig an.— Die raſche er, nichts, Bewegung machte die Hitze weniger fühl⸗ 25 bar, ein friſcher Luftzug kühlte dann und wann auch noch die Atmoſphäre; zu ihren Füßen tauchte bei jeder Krüm⸗ mung des Weges der Rhein auf, und ſelbſt die auf und ab fliegenden Dampfſchiffe konnte man mit bloßem Auge unterſcheiden. Thorilde beſaß ſehr viel Schönheitsſinn, der Reiz dieſer Landſchaft füllte ſie daher mit ungeheucheltem Entzücken; Ludolf aber freuete ſich nur, weil es ihr gefiel, und er die Gegend gleichſam, wie ſeinem väterlichem Erbe zugehörend, betrachtete. Ihr Lob klang ihm daher wie eine Schmeichelei, es that ihm wohl ihr auch dies Zubehör zu ſeinen Beſitzungen noch bieten zu können. Jetzt bogen ſie ab in den Wald, an deſſen anderer Seite, in einem Thale, der dem Schloſſe zugehörende Pacht⸗ hof lag. Thorilde ahnte nicht, daß man ihr Kommen hier angemeldet und ihr einen feierlichen Empfang vorbereitet hatte; ſie erglühte daher vor Ueberraſchung, als an dem mit Blumengehängen verzierten Thore die ganze feſtlich ge⸗ kleidete Schuljugend des Dorfes ſie mit einem feierlichen Geſange begrüßte, welchen der Lehrer mit einer Anrede . begleitete, die Wünſche für das Fortbeſtehen der Familie Rheinfeld enthielt. Am Schluſſe überreichte er ihr ein großes Bouguet. Sie nahm dies unter hervorſtürzenden e u Thränen entgegen; und konnte in ihrer tiefen Bewegung n nur nicken und ihren Dank lächeln. Ludolf ſah ſie ver⸗ wundert an. Er hatte gedacht, daß ſie ſich freuen würde, und ſie weinte. Auch Frau von Gasmund begriff ihr Be⸗ —— 26 tragen nicht. Thorilde gewahrte die verwunderten Blicke und gerieth dadurch in doppelte Verlegenheit. Schüchtern wandte ſie ſich den Kindern zu, und ſtrebte, indem ſie ei⸗ nige freundliche Worte an dieſe richtete, ſich zu faſſen. An der Thüre des Wohnhauſes empfing ſie nicht minder feierlich der Pachter mit ſeiner Familie und daß nicht auch der Prediger ſie pewillkommte, dankte ſie nur ſeiner zufälligen Abweſenheit, dem heute vielleicht unwill⸗ kommenen Rufe an das Bett eines Kranken. Alle dieſe Leute grüßten ſie wie ihre zukünftige Herrin, die Schöpferin ihres Wohlſtandes, ihres irdiſchen Glückes, ihre Tröſterin in der Noth, ihre Stütze in jeder Wider⸗ wärtigkeit; das flößte ihr ein Gefühl der Beſchämung vor ſich ſelbſt ein, von dem ie ſich nicht gleich erholen konnte. Denn hatte ſie wohl jemals daran gedacht, welche Ver⸗ pflichtungen ſie als Gattin des Baron von Rheinfeld übernehmen würde?— Hatte ſie ſeine Hand wohl aus einem anderen Beweggrunde angenommen, als den, durch ſeinen Namen den Makel ihrer Geburt zu verdecken, ihre geſellſchaftliche Stellung zu ſichern?— Eigennutz hatte ſie alſo geleitet. Und nun ſah ſie ſich ſo verehrungsvoll, wie ein Weſen, das Glück zu bringen gekommen iſt, willkom⸗ men geheißen. Es waren nicht Ludolf und ſeine Eltern, es waren alle zu deren Grundbeſitz gehörenden Leute, welche von ihr den Erben dieſes Hauſes und das Fortbeſtehen der gewohnten Beziehungen zu demſelben erwartetenz ihr 27 war alſo zu Muthe, als gehöre ſie ſich ſelbſt nicht mehr an, ſondern ſei im Dienſte der Menſchheit eine Miſſion zu erfüllen beauftragt, und mit dieſem Rufe an ihr Herz und ihre Willfährigkeit kam ſie ſich Gott näher getreten vor; ja verſtand ſie zum erſten Male der Empfindung nach die ideale Aufgabe der Mutter Gottes— welche irdiſch ge⸗ nommen die eines jeden Weibes iſt und bleibt. Ihre Geſtalt hob ſich, ihr dunkeles Köpfchen ſenkte ſich, und ein neues Licht ſtrahlte aus ihrem Auge; Demuth und Gottergebung hatten es ihr geliehen. Die Pflicht der Dankbarkeit, aus Familienpietät geübt, hatte ihr Herz kalt gelaſſen; indem es jetzt, die Menſchen, wie Gottes Kinder, zu beglücken ſich vorſetzte, und die edelſte der Empfindun⸗ gen, die der Humanität, in ſich aufkeimen ließ, wurde ihre Bruſt weit und ein neues Glück ihr offenbar. In ſich verſenkt, wie eine Träumende, ſchaute ſie um ſich; ein neuer Tag war für ſie angebrochen, ein neues Leben hatte für ſie begonnen. Sie war durch ihr Empfinden eine Chriſtin geworden. Sie nahm ihr Kreuz auf ſich, und ge⸗ lobte den Gehorſam; ſie war eine Geweihte des Herrn, der ihr in dieſer kurzen Minute ſeinen ewigen Geiſt mitge⸗ theilt hatte. So liegt der ſchlummernde Funke in mancher Men⸗ ſchenſeele begraben, die inneren Stimmen ſchweigen vor dem Geräuſche der Welt, und was wir Unglück und hartes — — S 28 Schickſal nennen, muß kommen, um den blinden Augen Licht zu geben, ihnen die Aufgabe des Lebens zu zeigen. Man nahm Erfriſchungen zu ſich; der Pachter und ſte, Thorilde faßte ſich ſo weit, ſeine Frau bedienten die Gäſ um freundlich mit ihnen von ihren Geſchäften und ihren Kindern reden zu können. Schnell gewann ſie nun deren Zutrauen, Vorathsboden, Milchkammer und Keller wurden ihr gezeigt, und alle Einzelheiten der Wirthſchaft ihr aus⸗ einander geſetzt. Sie hörte ihnen mit Theilnahme, wenn auch noch nicht mit Verſtändniß zu, und ihr Eingehen auf die Intereſſen dieſer Leute verlieh ihrem Selbſtbewußtſein das Genügen einer erfüllten Verbindlichkeit. Ludolf folgte ihren Schritten, der Baron und Frau von Gasmund blieben allein im Zimmer zurück. Als man die Kühe, das Federvieh und ſchließlich den Garten beſah, fing auch er Theilnahme zu zeigen an. An den Spaliers prangte das ſchönſte Obſt, auf einen Wink der Pachterin pflückte der Gartenburſche die rothbäckigen Pfirſiche ab, legte ſie auf Blättern in einen neuen Korb, und brachte ſie der gnädigen Braut. Dieſe Gabe war ſchon eine Herzens⸗ gabe, es war die Geburt des keimenden Wohlwollens. Thorilde empfand das, und legte in ihren Dank den Aus⸗ druck der Wärme, welcher, aus dem Herzen kommend, an die Herzen geht. Als ſie in das Haus zurückkehrte, war die Falte auf ihrer Stirne verſchwunden. „Man hat Sie geplagt,“ bemerkie der Baron, als ſie 29 wieder im Wagen ſaßen.„Die Leute gehen leicht in ihren Anforderungen an unſere Zeit und unſere Theilnahme zu weit, und zwingen uns dadurch ſchließlich zu abwehrender Kälte.“ „Ich finde es ſchön, daß ſie ſich mit ſolchem Vertrauen zu uns wenden,“ erwiederte Thorilde beſcheiden.„Gebe Gott mir nur die Einſicht, um ihnen, wenn ſie es bedürfen, mit Rath und That beiſtehen zu können, es iſt ja das Ein⸗ zige, womit man vor dem Schickfale ſeine bevorzugte Stel⸗ lung rechtfertigen kann.“ „Liebe Tochter, Sie ſprechen ja wie eine kleine Demo⸗ kratin!“ warf der Baron ſcherzend hin. Thorilde erröthete. „Ich weiß nicht, was Sie darunter verſtehen, lieber Papa! denn in der Politik bin ich gar nicht zu Hauſe,“ fagte ſie ſanft.„Ich glaubte nur dem chriſtlichen Gebote nach zu reden: darum diene Deinem Nächſten gern, denn wir ſind Alle Brüder.“ Frau von Gasmund ſah ihre Tochter verwundert an. „Doch mit einigem Unterſchiede Brüder,“ verſetzte der Baron in väterlich belehrendem Tone.„Denn wären wir nicht ungleich geboren, ſo fiele aller Standesunterſchied weg; die Demokraten aber wollen uns die Geburt nicht anrechnen und nur dem Verdienſte die Auszeichnung gön⸗ nen. Geſtatteten wir das, ſo kämen wir um unſere ganzen Prärogative.“ „Sie blieben aber doch nicht minder Herren auf Rheinfeld?“ „Das wohl; aber, à quoi pon?— Herren auf Rheinfeld ſein, bedeutete, für eine bevorzugte Stellung, ſehr wenig, wir dürfen daher, uns dieſe zu erhalten, nicht nachgeben.“ Man konnte die entfernter liegenden Beſitzungen heute nicht mehr in Augenſchein nehmen, und kehrte daher auf einem Umwege in das Schloß zurück. Dieſer führte durch einen im Rücken des Berges gelegenen ſehr ſchönen Wald, worin ein leines Jägethaus ſtand, vor dem ſie an⸗ hielten. Wie es ſchien, war dieſes Haus auf den Ruinen eines alten Mauerwerkes errichtet, das ein Schloß, oder auch nur einen Thurm oder eine Warte vorgeſtellt haben mochte; denn in dem kleinen Garten ragten mit Epheu bewachſene Ruinen maleriſch aus den zum Bedarf des Hauſes angepflanztem Gemüſe hervor. Aber auch das neue Haus trug einen altmodiſchen Anſtrich: die Fenſter waren klein, lagen ſehr hoch und waren alle mit Gittern verſehen. Selbſt an den Dachſtuben war dieſe Vorſichts⸗ maßregel getroffen, obwohl es dort nicht gegen den Einbruch geſchehen ſein fonnte. Indem Thorilde muſternd ihr Auge darauf ruhen ließ, fiel ihr dieſer Umſtand auf. „Wäre Dein Fuß nicht ſchwach, ſo könnten wir nach Hauſe gehen; denn von hier über den Berg führt ein Pfad, 31 der uns in fünf Minuten dahin bringt, während der Wa⸗ gen eine halbe Stunde braucht,“ bemerkte Ludolf. „Dann iſt es aber wohl ſehr ſteil?“ fragte ſie, ver⸗ wundert aufſchauend. „Ach nein. Es ſind Stufen und dann geht es durch einen in den Felſen geſprengten Gang. Unſere Vorfahren haben ihn gemacht, um unbemerkt dieſe Warte erreichen zu können, und mein Vater hat ihn reſtauriren laſſen. Als Knabe war es mein Verſteck. Wenn ich lernen ſollte, ſo entſchlüpfte ich meinem Lehrer durch dieſe Paſſage.“ „Das war nicht recht von Dir, Ludolf,“ ſagte Tho⸗ rilde vorwurfsvoll. „Schilt mich nicht jetzt noch deshalb,“ erwiederte er ſchmollend.„Ich wünſche ja ſelbſt ſchon genug, daß ich fleißiger geweſen wäre, und nichts mehr zu lernen brauchte.“ „Dahin kommt man nie, Ludolf. Je mehr man weiß, je mehr wünſcht man zu wiſſen,“ ſagte Thorilde altklug. „Das glaube ich, wird mein Fall nicht ſein,“ meinte der junge Baron. Die Braut lachte und ſchlug ihm vor, von morgen an ſeine engliſchen Studien wieder aufzunehmen; er aber ſchob es hinaus, bis ſie die ganze Umgegend kennen gelernt habe und ihnen die Zeit lang werde. „Glaubſt Du, daß dies jemals geſchehen wird?“ ſagte ſie kopfſchüttelnd. „Auf Umgang dürfen Sie leider nicht allzu ſehr rechnen, liebe Tochter,“ nahm der Baron das Wort.„Un⸗ ſere Gutsnachbaren wohnen theils zu entfernt, theils ſind ſie nicht geſellig, vder auch an Atter nicht paſſend; wir ha⸗ ben daher, in Bezug auf den Verkehr mit ihnen, nur der Form genügt. Ludolf wird alſo in den nächſten Tagen mit Ihnen umherfahren und Sie vorſtellen. Im Sommer ent⸗ behrt man Umgang nicht, und im Winter, wenn es Ihnen zu einſam wird, gehen Sie auf einige Monate in die Stadt. Auf die Weiſe kommt man über die kurzen Tage und lan⸗ gen Abende hinweg und der Frühling iſt da.“ „Ich denke, das junge Paar wird den Carneval bei mir in Berlin verleben,“ ſagte Frau von Gasmund und reichte Thorilden zärtlich die Hand. Aber das heitere Lä⸗ cheln, welches bei dem Gedanken au vies Wiederſehen ihren Mund umſpielte, machte plöthlich einem melancholiſchen Ernſte Platz; denn Ellena ſtand vor ihr und ſie griff bangend nach dem krampfhaft ſich zuſ ammenziehenden Herzen.— Als man das Schloß e die Mütze in der Hand, m Wagen entſtiegen w rreichte, ſtand der alte Thür⸗ ihrer wartend am Thore. So wie der Baron de ar, flüſterte er dieſem eine Nochricht zu, welche jenen beſtürzt zurückfahren ließ. Weder Frau von Gasmund noch Ludolf hatten es pemerkt. In das Haus tretend, warf Thorilde noch einen Blick zurück, und ſah ihn in heimlichem Geſpräche mit dem Atten. hüter, ür⸗ re. er ren nen mit 33 Kaum hatten ſie ihre Sachen abgelegt, ſo rief man ſie zum Thee. Zu ihrer nicht angenehmen Ueberraſchung fand Frau von Gasmund die Baronin vor, von der in ein Geſpräch gezogen zu werden ſie fürchtete. Natürlich wurde ihr der Ehrenplatz an deren Seite zu Theil. „Ich hoffe, daß Sie ſich um unſertwillen keinen Zwang auflegen, gnädige Frau,“ begann ſie artig.„Wir wiſſen, daß Sie ſpäte Stunden und Aufregung nicht ver⸗ tragen, und wollen lieber das Vergnügen Ihrer Gegen⸗ wart entbehren, als Ihre Geſundheit durch Aufopferung Schaden leiden ſehen.“ „Beruhigen Sie ſich, liebe Frau von Gasmund,“ nahm jene das Wort.„Wenn ich mich leidlich befinde, iſt mir eine kleine Zerſtreuung recht wohlthätig. Es liegen oft ſchwere Gedanken auf mir, die abzuwälzen, von de⸗ nen mich zu befreien ich nicht im Stande bin. Es geht mir, wie Kaſſandra:„Wer erfreute ſich des Lebens, der in ſeine Tiefe blickt.“ „Iſt Ihnen Muſik vielleicht ein günſtiger Ableiter? Thorilde ſpielt recht artig, und hat auch eine ſchöne Stimme.“ Frau von Gasmund hoffte dadurch des Zwie⸗ geſpräches enthoben zu werden; allein die Baronin erwie⸗ derte, daß ſie der Macht der Töne nicht zugänglich ſei und der Flügel überdem, ſeit Menſchengedenken nicht benutzt, ganz außer Stand wäre. Dies empörte Ludolf auf das lebhafteſte. Man 3 Amely Bvelte: Die Mantelkinder. I. — wußte, daß ſeine Braut ſehr muſikaliſch ſei, und hatte da⸗ für nicht geſorgt? Ohnehin durch die Gegenwart der Mutter verſtimmt, rückte er ſeinem Vater näher und un⸗ terhielt ihn durch lebhafte Vorwürfe. Es ſollte ſogleich ein neues Inſtrument verſchrieben werden; es ſei eine Schande, das Schloß der Rheinfeld in dieſem verwahrloſten Stande zu laſſen, was mußte Frau von Gasmund von ſolcher Un⸗ aufmerkſamkeit für ihre Tochter denken; am beſten, man ſende noch dieſen Abend einen reitenden Boten ab, und ließe ſchleunig das fehlende Möbel kommen. Der Baron vertheidigte ſich vergeblich gegen die Anklagen und Vor⸗ würfe des Sohnes, welcher ſchmollend und zürnend ihm nicht von der Seite wich, bis ihm ſeine Forderung ge⸗ währt ward. Madame Latour verrichtete wieder ſchweigend ihr Amt. Thorilde redete ſie franzöſiſch an, meinend der Klang ihrer heimathlichen Sprache müſſe ihrem Ohre wohlthä⸗ tig ſein. Auch war es ſo; denn ſie lächelte und warf einen gütigen Blick auf ſie; allein karg und einſilbig blieben demungeachtet ihre Erwiederungen. Die Baronin benutzte dieſen Moment, wo Alle be⸗ ſchäftigt waren und kein Ohr ihre Worte zu belauſchen ſchien, um Frau von Gasmund zuzuflüſtern:„Eine Ge⸗ fahr droht uns. Ich ſehe ſie; allein ich kann ſie nicht nen⸗ nen. Ganz in unſerer Nähe lauſcht ein Verderben. Die Geiſter haben es mir geſagt.“ ihr ng hä⸗ nen ben be⸗ chen en⸗ Die 35 Sie konnte nicht weiter ſprechen; denn Madame Latvur, welche Thorilden nur halbe Aufmerkſamkeit ſchenkte, richtete das lauernde, halbverſchleierte Auge zu ihr hin⸗ über, und als ſie ſah, daß ſie heimlich mit Frau von Gas⸗ mund ſprach, ſtand ſie auf und bot ihr eine Speiſe. Von da an ließ ſie ſich auf keine Unterhaltung mit Thorilden wieder ein; ſie ſchien am Theetiſche fortwährend beſchäf⸗ tigt zu ſein, den Blick auf ihre Gebieterin. Frau von Gasmund erhob ſich gleich darauf und bat, Ermüdung vorſchützend, ſich zurückziehen zu dürfen; denn es war ihr ſo unheimlich in der Nähe dieſer ſelt⸗ ſamen Frau zu Muthe geworden, daß ſie der peinlichen Empfindung ein Ende machen mußte. Der Baron ſchien durchaus nicht mißvergnügt dar⸗ über, den kleinen Kreis ſich auflöſen zu ſehen; Ludolf begleitete die Damen in ihre Zimmer und ſprang froh⸗ lockend auf die Terraſſe hinaus; denn theils freute es ihn, ſeinem Vater den Flügel für Thorilde abgerungen zu haben, und er jubelte darüber, wie wenn er eine Schlacht gewonnen hätte; theils auch war er froh, der ihn pei⸗ nigenden Gegenwart ſeiner Mutter ledig zu ſein.„Mor⸗ gen das Pferd, übermorgen der Flügel!“ ſagte er, ſich verabſchiedend, wie im Triumphe.„Thue mir dafür auch den Gefallen, recht früh aufzuſtehen! damit wir, bevor es zu heiß wird, ausreiten können.“ Sie verſprach Alles, dankbar, daß er ſo ſorgend für ſie bemüht war.„Ludolf 3* — 36 iſt doch ein recht guter Menſch!“ ſagte ſie, als er ge⸗ gangen, zu ihrer Mutter.„Seine Liebe und Anhänglich⸗ keit thut mir wohl, es iſt mir, als ob ich einen Bru⸗ der in ihm gefunden hätte, und wenn er älter wird, ſo wird er auch verſtändiger werden und ſich ernſthafter be⸗ ſchäftigen. Glaubſt Du das nicht auch?“ „Gewiß,“ erwiederte Frau von Gasmund zerſtreut. „Eine junge Frau kann, ſo lange ſie die Liebe ihres Mannes beſitzt, viel aus ihm machen. Mir bangt nicht, daß Du Ludolf, zu ſeinem und Deinem Glücke, wirſt lenken können; aber die Mutter... Sie hielt hier inne. „Die Mutter wird ja nicht immer mit uns leben,“ ſagte Thorilde und der Baron iſt ein ſo wohlwollender Mann! Er geht ſo recht väterlich mit mir um!“ „Ja wohl!“ fiel Frau von Gasmund ihr in das Wort,„aber es iſt doch etwas nicht richtig in dieſem Hauſe und das quält mich.“ „Wie ſo?“ fragte Thorilde aufhorchend. „Haſt Du noch nichts gemerkt?“ „Was mir aufgefallen wäre? Freilich!“ „Und Du ſchweigſt?“ ſagte Frau von Gasmund vorwurfsvoll. „Ich bin noch ſo jung und unerfahren, habe ſo wenig in der Welt geſehen, daß mir Vieles auffallen kann, was ſich von ſelbſt verſteht. So verwunderte mich nd len tich 37 zum Beiſpiel, daß das Jägerhaus bis in das Dach hin⸗ auf Gitter hatte.“ „Gitter?“ fragte Frau von Gasmund. „Haſt Du es denn nicht geſehen, Mama? Es ſah ja wie ein Gefängniß aus!“ Frau von Gasmund ſchüttelte den Kopf. „Dann habe ich in der Nacht einen Schrei gehört.“ „Einen Schrei?“ fragte ſie zurück. „Ja, gellend, durchdringend, wie von weiblicher Stimme; aber es kann im Traume geweſen ſein.“ „Wer würde denn ſo etwas träumen? Wie geſagt, es iſt hier etwas nicht in der Ordnung; aber, was es iſt, vermag ich noch nicht zu ergründen. Am beſten, Du ſuchſt es von Ludolf zu erfahren, der plaudert in ſeiner Unbe⸗ fangenheit, was die Uebrigen verſchweigen, aus.“ „Ich glaube nicht, daß man ihm ein Geheimniß an⸗ vertrauen würde,“ erwiederte Thorilde zweifelnd. „Sage das nicht. Er iſt hier groß geworden und ein Kind belauſcht manches.“ „Aber was ſollte denn hier zu belauſchen ſein?“ „Ja, das weiß ich auch nicht.“ „Er hat mir ein Ahnenbild gezeigt, das umgekehrt an der Wand hängt und ſeine Mutter abhält den Saal zu betreten,“ bemerkte Thorilde nachſinnend. „Haſt Du das Bild geſehen?“ fragte Frau von Gasmund lebhaft. — — ——————————— „Behüte! Es darf nicht umgekehrt werden. Auch Ludolf ſah es immer nur von der Rückfeite, und keine kindiſche Neugierde vermochte ihn je es umzukehren.“ „Und der Grund?“ „Er weiß ihn nicht.“ „Oder will ihn nicht ſagen.“ „Nein, nein! Das liegt nicht in Ludolf's Art. Er iſt damit groß geworden und das Gewohnte hat ſeine Neu⸗ gierde dann ſchon nicht mehr gereizt. Was mich aber ver⸗ wundert, iſt ſeine Geſchichte von der Capelle.“ „Welche?“ rief Frau von Gasmund erwartungsvoll „Es ſoll nämlich, wenn ein Erbe der Rheinfeld ſich dort tranen läßt, aus der Gruft hervor ein Amen eiſchallen, wenn ſeine Vorfahren die Wahl billigen, und wenn nicht, ſo zieht ein Seufzer durch die Kirche, und verſpricht Unheil.“ „Welch ein Ammenmährchen!“ ſagte Frau von Gas⸗ mund kopfſchüttelnd.„Solche Geſchichten erzählt man ſich in jedem alten Schloſſe! Am Ende wird man auch noch hier umgehende Geſpenſter vorräthig haben! Es iſt wie mit der weißen Dame im Schloße zu Berlin. Dynaſtien neh⸗ men gerne an, daß die unſichtbaren Mächte ſich an ihrem Fortbeſtehen betheiligen, und bald warnend, bald zürnend ſich einmiſchen; ſie halten ihre Wichtigkeit im großen Buche der Weltgeſchichte für gewiß, ihr Verkehr mit der Gei⸗ ſterwelt iſt eine Ausgeburt ihres Familienſtolzes. Ich nit em nd che ei⸗ 39 wünſchte, daß die Rheinfeld ſich ſolcher Thorheit nicht ſchul⸗ dig machten; denn ſind ſie eine ganz gute Familie, ſo ſind ſie doch nicht ſo abſonderlich bedeutend, um die Tod⸗ ten ihretwegen aus n Gräbern heworkommen zu laſſen.“ „Laß uns leiſe ſprechen, Mama,“ flüſterte khr. rilde;„ich habe ſo e ein Licht in jenem alten Thurme bemerkt, und man könnte uns von dort aus bei der Stille des Abends belauſchen.“ Frau von Gasmund lagen die Worte der Baronin immer noch ſchwer auf der Seele und ſie war unſchlüſſig, ob ſie ſie Thorilden mittheilen oder ihr ein Geheimniß daraus machen ſollte. Sie beharrte endlich, obwohl es ihr ſchwer ward, bei dem letzteren. „Laß uns zur Ruhe gehen, mein Kind!“ ſagte ſie ſeufzend.„Der neue Tag bringt neue Gedanken. Wir wollen uns nicht durch Gitterfenſter, Seufzer, Amen und verdeckte Ahnenbilder aufregen, ſonſt kommen uns ſolche Dinge noch im Schlafe vor. Du piſ ja ein Berliner Kind; die ſind, wie man ſagt, gewitzigt, und ſehen keine Ge⸗ ſpenſter. Sieh alſo nur mit recht beſonnenem Auge um Dich, und laß Dich von keinem Eindrucke beherrſchen. Wenn ich auch geſagt habe, daß hier nicht Alles richtig ſei, daß uns noch irgend eine Entdeckung vorbehalten ſein könne; ſo meinte ich damit ſicherlich keine, die der unſicht⸗ baren Welt angehörte, ſondern der ſichtbaren.— Es kön⸗ nen Familienverhältniſſe beſtehen, die man uns noch ver⸗ heimlicht; man kann eine Sorge auf dem Herzen haben, die man uns, weil wir noch fremd ſtehen, vorenthält. Es ſſt, wie geſagt, ein Etwas hier, das wir noch erfahren ſol⸗ len; allein das braucht uns weiter nicht zu beunruhigen, denn es kann mit Deinem Verhältniße zu Ludolf nichts zu thun haben und das allein iſt für uns von Wichtigkeit. Laß Dich alſo dadurch nicht beunruhigen; denn nichts kann Deinem Gläcke ſtörend ſein, als was Dir durch ihn kommt. Und nun Gottes Segen über Dich, mein theures Kind! Dein guter und ſtarker Wille hat meine letzten Lebens⸗ tage erhellt; dafür muß es Dir immer wohl ergehen, wenn anders der Segen der Eltern den Kindern wirklich Häuſer erbaut.“ „Deine letzten?“ rief Thorilde dazwiſchen. „Laß Dich das nicht erſchrecken, mein Kind! Solche Todesahnungen ſind oft die Geburt einer kranken Leber, wie der Arzt ſagt. Es mag alſo auch bei mir der Fall ſein. Ob ich nun aber ſterbe, heute, morgen, in zwanzig Jahren, gleichviel: Du haſt die eine große Sorge von meiner Bruſt genommen, Deine Zukunft!— Ich laſſe Dich als Baronin Rheinfeld auf Erden zurück, und ich ſterbe vergnügt.“ „Mutter!“ ſagte Thorilde und legte das Haupt weh⸗ müthig an die Bruſt der ſtolzen Frau,„ob es auch wohl recht iſt, ſo viel Werth auf den Klang eines Namens zu legen? Mir wird oft ganz ängſtlich zu Muthe, wenn ich ———— — 41 Dich ſo reden höre; denn es kann Gott doch nicht wohl— gefällig ſein.“ „Warum nicht, mein Kind. Er hat den Adel ge⸗ ſchaffen und muß daher auch wünſchen ihn erhalten zu ſehen. Er will es ſo; denn ohne ihn geſchieht nichts; ohne ihn fällt kein Apfel zur Erde.“ Thorilde ſchwieg. Sie wußte auf die Gründe der Mutter nicht immer einen Widerſpruch zu finden; wenn dieſer gleich in ihrem Empfinden, welches ihr ſagte, daß dieſe nicht das Rechte getroffen, vorhanden war. Erſt wenn ſie dann lange nachgedacht hatte, wurde ihr klar, warum ſie dies und jenes nicht billigen konnte. Sie küßte Frau von Gasmund jetzt, zog ſich in ihr Zimmer zurück, entließ ihre Jungfer, betete, und legte ſich zur Ruhe. Ju⸗ gend und Geſundheit finden ſchnell den wohlthätigen Schlummer, die Hoffnung iſt noch ſtärker, wie die Sorge, und das Bewußtſein das Gute zu wollen, trägt himmelan. Frau von Gasmund dagegen ſuchte vergeblich den Schlummer. Sie wiederholte ſich Alles, was Thorilde ihr mitgetheilt, ſie wiederholte ſich auch die Worte der Ba⸗ ronin:„Ganz in unſerer Nähe lauſcht das Verderben!“ und ſie fragte ſich, ob die Frau im Wahnſinne ſo geſprochen, ob ſie ſie wie eine Geiſteskranke betrachten ſolle, oder wie ſie ſich deren ſonderbares Weſen, ihre Stellung in der Fa⸗ milie zu denken habe. Jedenfalls war dieſe Schwieger⸗ mutter eine höchſt unangenehme Zugabe und ſie bewun⸗ ——— derte Thorildeus guten Muth, welcher über dieſe Bezie⸗ hung ſo leicht hinwegging.„Gott erhalte ſie dabei!“ flü⸗ ſterte ſie in ſich hinein,„Gott erhalte ſie dabei! Sie wird ihren Muth noch auf manche Probe geſtellt ſehen; aber ich kann es ihr nicht erſparen.“ Ihre Gedanken drehten ſich im Kreislaufe um die Gegenſtände ihrer Sorge, wie es in nächtlicher Weile zu gehen pflegt. Alles im Hauſe war ſtill, nur der Pendel der Uhr und eine nagende Maus unterbrachen das Schwei⸗ gen, es hatte lange ſchon Elf geſchlagen, jetzt ſchlug es an der großen Hausuhr Zwölf. Frau von Gasmund ſeufzte, daß ihr keine Ruhe beſchieden ſei, und verſuchte mechaniſch bis 5 zu zählen. Plötzlich war es ihr, als ob eine Hand an den Ja⸗ louſien rüttele und ſie zu öffnen verſuche. Sie lauſchte.— War das nicht auch wie ein Schritt?— Sie hielt den Athem an. Deutlich hörte ſie, wie Jemand an der Thüre des Salons den Drücker auf und ab bewegte. Sollte ein Dieb ſeinen Weg hierher gefunden haben und Einbruch verſuchen?— Thorilde ſchlief nebenan; war jie dort auch in Sicherheit? Mit zitternder Angſt ſchlüpfte ſie aus dem Bette, fuhr in die leichten Morgenſchuhe, und ſchlich der Thüre zu. Das Geräuſch ſchien zu ihrem Fenſter zurückzu⸗ kehren. Leiſe öffnete ſie den Flügel, ließ die Jalouſie herab und blickte durch die Stäbe; da ſah ſie, dicht vor ſich, wie Auge in Auge mit ſich, eine weiße Frauengeſtalt mit einem Todtengeſichte; ein gellender Schrei entfuhr hierauf ihrer Lippe, vor dieſem Tone ſchien die Erſcheinung zu erbeben und in ſich zuſammen zu ſinken. Als Thorilde, durch die Stimme ihrer Mutter aufgeſchreckt, herbeieilte, fand ſie dieſe beſinnungslos am Boden liegen, und brachte ſie, mit Hülfe der auf ihr Schellen herbeieilenden Jungfer auf ihr Lager, wo ſie, zu ſich kommend, keine Urſache des Falls nennen wollte. Die alte Hausbibel. Am folgenden Tage ſchienen alle Mitglieder des Kreiſes mehr oder minder verſtimmt und mit ihren Ge⸗ danken abweſend zu ſein; nur Ludolf zeigte die gleiche glückliche Laune. Schon in der Frühe trafen die Reit⸗ pferde ein und Thorilde ritt Probe. Er gab dabei den Stallmeiſter ab, hielt ſeine Hand zum Tritte für den zierlichen Fuß hin und legte darauf das lange Gewand in die richtigen Falten. Stolz tanzte das herrliche Thier mit ſeiner ſchönen Bürde auf und ab, auf ihr Geheiß den Schritt, den Galop und was ſie angab, verſuchend. Sie beſaß eine leichte und dabei geſchickte Hand, und ſaß vortrefflich im Sattel, ſo daß die Bewunderung ihres Verlobten eine wohlverdiente war. Als er eine Wahl 45 getroffen, rief er ſeine Eltern und Frau von Gasmund, ihre Billigung herausfordernd, herbei. Während der Mahlzeit ruhte das Auge der Baronin zu verſchiedenen Malen prüfend auf den Zügen der Frau von Gasmund. Dieſe bemerkte es und wurde verlegen. Ihre Bläſſe mochte jener auffallen. Oder follte ſie gar die Erſcheinung dieſer Nacht darin ahnen? Sonderbarer Weiſe bildete Frau von Gasmund ſich ein, daß ſie ſich ſelbſt geſehen habe und brachte damit ihr nahe bevorſtehendes Ende in Verbindung. Ihre To⸗ desgedanken ließen ſie wünſchen, den Tag der Verbin⸗ dung des jungen Paares näher gerückt zu ſehen und ſie war entſchloſſen, den Baron in ihrem erſten Zwiege⸗ ſpräche dieſen Vorſchlag zu machen.— Schon heute wäre es geſchehen, wenn nicht ſeine Gemahlin, als man über die Nachmittagspromenade ſprach, den Wunſch aus⸗ geſprochen hätte, von der Partie zu ſein, und in deren Gegenwart fühlte ſie ſich ſtets befangen. Ludolf und Thorilde ritten neben dem Wagen her, bald folgend, bald voraus, wie es ſich machte.„Ein ſchönes Paar!“ bemerkte die Baronin, ihnen mit den Augen nachblickend.„Wenn man ſie miteinander ſieht, ſollte man glauben, das Glück folge ihren Schritten,“ und doch iſt Alles bei ihnen nur Wahn.“ Madame Latour, welche der Baronin gegenüber ſaß, ſtieß ſie unmerklich mit dem Fuße an. 46 Frau von Gasmund war um eine Antwort verlegen. „Freilich!“ begann ſie, wie die Worte ihrer Nach⸗ barin noch überlegend.„Allein iſt es bei uns nicht eben ſo?— Iſt ſchließlich unſer ganzes Leben mehr als ein Wahn? Die Wahrheit, ſagt Paulus, wo iſt ſie, als bei Gott!“ Sie freute ſich innerlich über dieſe wohl gelungene Phraſe, und konnte ein zufriedenes Lächeln kaum ver⸗ bergen, beſonders ſeit ſie ſah, wie die Baronin dieſe Erwiederung aufnahm. Sie ſeufzte und murmelte:„Ja wohl! Ja wohl! All' unſer Erkennen iſt Stückwerk. Unfer geiſtiges Schauen iſt und bleibt ein halbes, es quält uns am Tage, verdirbt unſere Nächte und ſondert uns von denen ab, welche nicht körperlos ſehen. Zu allen Zeiten hat man die Frauen, um dieſer Gabe willen, verfolgt. Die man ſonſt verbrannte, ſteckt man jetzt in ein Irrenhaus.“ „Alma! Alma!“ ſagte der Baron mit einem bit⸗ tenden Blicke.„Rege Dich nicht auf. Solche Themata, Du weißt es, taugen nichts für Dich.“ Sie ſah hierauf, wie ein auf dem Vergehen er⸗ tapptes Kind, vor ſich nieder. Frau von Gasmund glaubte, auf den Einwurf des Barons, dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben ſich berechtigt. 47 „Ein denkender Geiſt, wie der Ihrige, gnädige Frau,“ ſagte ſie,„findet hier in der Einſamkeit zu viel Nahrung; Ihnen iſt daher das bewegte Leben von Paris gewiß ſchon aus dem Grunde zuträglicher, weil es Sie mit der Außenwelt verbindet. Ich war nie dort; allein ich ſtelle es mir höchſt anregend vor. Zeder Tag bringt Neues. Man lebt au jour la journée; allein was thut es, ſo lange man nur glücklich dabei iſt? Schließ⸗ lich ſieht Gott es doch gern, wenn es uns auf ſeiner ſchönen Erde gefällt.“ Die Baronin gab keine Antwort, ein Zeichen, daß ſie nicht billigen konnte, nicht widerlegen wollte, und da ihr Gatte ſogleich ihre Stelle in der Unterhaltung zu erſetzen bemüht war, ſo konnte ihr Schweigen nicht un⸗ artig erſcheinen. Gleich darauf hielt der Wagen vor einer Dorfſchenke an, und Ludolf und Thorilde, welche für Erfriſchungen geſorgt hatten, traten aus der Thüre, ſie zu empfangen. Letztere klagte über den Mangel an Sauberkeit und fragte ihren Schwiegervater, ob nicht etwas geſchehen könne, die Leute zu beſſeren Sitten her. anzuziehen. Er zuckte mit den Achſeln, als ob er keine Antwort zu ertheilen wiſſe. Sie wandte ſich nun an Ludolf, ergriff ſeinen Arm und wanderte mit ihm durch das Dorf. uch hier fiel ihr manches unangenehm auf; vor allen Dingen die 66 Wege.„Im Winter muß es hier fürchterlich ſein,“ bemerkte ſie in Bezug — 1 48 darauf.„Wenn man den armen Leuten doch ein Stein⸗ pflaſter geben könnte!“ „Sobald Du es wünſcheſt, ſoll mein Papa dafür ſorgen,“ verſetzte er ſogleich.„Ich will ihm heute noch das Verſprechen ablocken.“ „Danke, danke!“ ſagte ſie gerührt und ſah freundlich zu ihm empor. Sie ſuchten den Schulmeiſter auf und Thorilde ſprach mit ihm von Kinderbewahranſtalten und Kindergärten; denn die Jugend ſchien ihr vernachläſſigt zu ſein. Auch eine Näh⸗ und Kochſchule für die heranwachſenden Mäd⸗ chen ſchwebte ihr vor. Der Mann äußerte, daß ſolche Dinge nicht leicht ausführbar wären, der Eltern halber, welche Kinder wie ein Eigenthum betrachteten und ſie verwerthen wollten. Schon der Beſuch der Schule ſei dieſen nur abzuſtreiten.„Das muß anders werden,“ erwie⸗ derte ſie darauf.„Wir werden uns ſpeciell darum be⸗ kümmern, nicht wahr, Ludolf? und eine Belohnung für den regelmäßigen Schulbeſuch ertheilen.“ Auf dem Rückwege bemerkte ſie gedankenvoll:„Ich verſtehe jetzt erſt, was das ſagen will: noblesse oblige; denn wie viele Verpflichtungen ruhen in unſerer Stel⸗ lung zu dieſen Leuten auf uns! Wir ſind ihnen durch unſere Bildung und Geſittung ein Beiſpiel, daß auch ſie ſtreben ſollen, etwas Beſſeres zu werden, als was — 49 ſie ſind. Möge es uns gelingen, ihnen recht darin vor⸗ zuleuchten!“ „Hm!“ erwiederte dieſer kopfſchüttelnd,„ich meinte immer, ſie wären nur für uns zu arbeiten da, und wenn ſie uns nachſtrebten, ſo könnten ſie die Luſt dazu ver⸗ lieren. Wer ſollte denn die Kühe melken und die Schweine füttern?“ „Du verſtehſt mich unrecht,“ ſagte hierauf Thorilde mit Ernſt.„Ihnen die Luſt zum Arbeiten nehmen, hieße ſie unglücklich machen, und das wäre eine Sünde. Rein, ſie ſollen ihre Arbeit gerade durch uns lieb ge⸗ winnen, indem wir ihnen dabei zuſehen und uns freuen, wenn ſie ſie recht gut verrichten. Unſere Theilnahme muß ihr Sporn ſein. Wir wollen recht für ſie ſorgen, Ludolf. Sieh! wenn ſie in ihrem Abendgebete Gott dankten, daß er uns geſchaffen hat, dann könnten wir mit gutem Gewiſſen des Vorzugs genießen, reich und vornehm zu ſein. Die Bibel ſagt ja: daß wir Alle Brüder ſind, und indem wir Jeder für den Anderen leben, bewahrheitet es ſich, trotz des ſcheinbaren Unter⸗ ſchiedes unſerer Lebensverhältniſſe.“ Der junge Mann ſah ſie erſtaunt an. „Ich begreife es manchmal nicht, wie Du in Deinem Alter ſo klug reden kannſt, Thorilde,“ begann er dann. „Zch bin hier groß geworden und habe nie an ein Stein⸗ pflaſter, an die Schulen, oder an die Lebensweiſe unſerer Amely Boelte: Die Mantelkinder I. 4 — ———„—— ——— 50 Leute gedacht; wenn ich mir es aber recht überlege, ſo hätten ſie von mir erwarten können, daß ich mich für das Alles intereſſire. Wie kommt es nun, daß Du es ſogleich thuſt?“ „Weil ich ſchon viele traurigen Stunden in mei⸗ nem Leben gehabt habe, Ludolf. Das Unglück iſt die echte Schule für den Chriſten; denn es lehrt fremdes Leid verſtehen.“ „Du? Unglück?“ fragte er, ſie verwundert anſehend. Thorilde ſchlug die Augen nieder und wurde roth. „Bin ich nicht eine Waiſe?“ ſagte ſie halbverlegen. „Ja ſo!“ fiel Ludolf, wie ſich entſinnend ein.„Ach! nun verſtehe ich! Von jetzt an find aber meine Eltern b auch die Deinigen, Du biſt nun keine Waiſe mehr.“ f Sie lächelte ihn dankbar an. Indem bemerkte ſie n Frau von Gasmund, welche ihnen entgegen kam, um i ſie zu eiliger Rückkehr zu mahnen, weil die Baronin p aufzubrechen wünſche. de „So macht ſie es immer!“ ſagte Ludolf verſtimmt. hi „Kaum angekommen, ſo will ſie wieder fort. Ich ſehe zu es darum gar nicht gern, wenn ſie mitfahren will.“ at „Still! Still!“ flüſterte Thorilde und drückte ſei⸗ E nen Arm leiſe.„Es iſt Deine Mutter! Wir müſſen ihre guten und geduldigen Kinder ſein.“ ge „Mache mir keine Vorwürfe!“ rief Ludolf ärgerlich. die — 51 „Ich kann es nicht leiden, wenn man mir ſagt, daß ich Unrecht thue!“ Thorilde warf Frau von Gasmund einen fragen⸗ den Blick zu.„Werde ich ihn lenken können, wenn ich ihn nicht tadeln darf?“ ſtand darin geſchrieben. Jene verſtand ſie, und antwortete mit einem verhaltenen Seuf⸗ zer, dem die innere Betrachtung folgte, daß ein unabän⸗ derliches Schickſal getragen werden müſſe. Es lag ein Gewitter in der Luft und die Barv⸗ nin ſchien von der ſchwülen Atmoſphäre zu leiden. Blitze zuckten am Himmel während ihrer Heimfahrt und im⸗ mer näher äußerte ſich das Grollen des Donners. Die Unterhaltung ſtockte gänzlich. Der Baron blickte befangen auf ſeine Gattin und Madame Latvur ließ gleich⸗ falls kein Auge von ihr ab. Frau von Gasmund konnte, weil ſie ihr zur Seite ſaß, nicht bemerken, welche tödt⸗ liche Bläſſe ſich auf ihre Züge gelegt hatte. Große Tro⸗ pfen fielen. Der Kutſcher wandte ſich mit der Frage an den gnädigen Herrn, ob er nicht lieber bei dem Förſter⸗ hauſe anhalten ſollte, um das Unwetter vorüber ziehen zu laſſen. Dieſer ſah ſich Rath ſuchend um; allein kein anderer Ausweg bot ſich und ſo nickte er denn ſeine Einwilligung. Frau von Gasmund, durch Thorilde aufmerkſam gemacht, warf beim Ausſteigen einen raſchen Blick auf die obern Fenſter des Hauſes.„Sie haben die Woh⸗ 4* — — —— 52 nung wahrſcheinlich gegen Diebe ſichern wollen, und dal⸗ zum mit dieſen feſten Eiſenſtäben verſehen,“ ſagte ſie leichthin zu dem Baron.„Allein um da hinauf einzu⸗ brechen, müßten ſie ſchon mit Leitern kommen.“ „Die Vorrichtung iſt einer Kranken wegen getrof⸗ fen, welche mondſüchtig iſt,“ antwortete er und ging zu etwas Anderem über. Im Zimmer fanden ſie eine ältere Frau, die Mut⸗ ter des Förſters; er ſelbſt war mit ſeiner Flinte in den Wald gegangen.„Und Ihre Tochter?“ fragte ſie der Ba⸗ ron. Sie zögerte mit der Antwort, einen Blick auf die Fremden werfend, und ſagte dann:„Sie iſt gleichfalls ab⸗ weſend.“ Es lag etwas eigenthümlich Mißtrauiſches und Forſchendes in dem ganzen Benehmen der Alten, das der Frau von Gasmund unangenehm auffiel. Als dieſe ſich mit ihr in ein Geſpräch einlaſſen wollte, brach ſie kurz ab. Die Baronin hatte ſich in dem großen Armſtuhle nie⸗ dergelaſſen und Madame Latvur ſtand vor ihr, die Hand auf ihrer Stirne.„Das beruhigt ſie!“ bemerkte ſie, ſich entſchuldigend zurückwendend. Der Regen goß jetzt in Strömen herab, und flog, gepeitſcht vom Sturme, gegen die Fenſter. Frau von Gasmund ſah dem Toben der Elemente einige Augenblicke zu; als ſie vom Fenſter zurücktrat, be⸗ merkte ſie, daß der Baron aus dem Zimmer verſchwunden war; mit ihm die alte Frau. Dieſe mußte vor ihrem Kom⸗ ————.—— ——. S am Paſ geſeſſen und in einem großen Buche ge⸗ eſen haben, das aufgeſchl auf einem Tiſche lag, mit in Horn gefaßten Brille darauf. Sie neigte ſich her⸗ ab, und ſah, daß es die Bibel war. Frau von Gasmund hatte dieſe ſeit vielen Jahren nicht in die Hand genom⸗ men, ſie las zur Erbauung nur Predigten, und ſchöpfte nie aus der Quelle. Plötzlich kam ihr jetzt der Gedanke, ſie als Orakel zu benutzen; ſie nahm das ſchwere Buch in die Hand, öffnete es nach Zufall und tippte, während ſie die Augen ſchloß, auf eine Stelle. Indem ſie ſie leſen wollte, fuhr ein Blitz gluthroth über die Seite hin und das Haus erzitterte unter dem gleich folgenden Schlage.„Das war uns nahe,“ flüſterte Madame Latour und Frau von Gasmund, ſich faſſend, las: Sprüche Salbmonis, Cap. 6 5 „Ein ſtolzes Herz iſt dem Herrn ein Greuel und wird nicht ungeſtraft bleiben, wenn ſie ſich gleich Alle aneinan⸗ der hängen.“ War das Gottes Stimme? fragte ſie ſich, und hielt das Buch noch immer in der Hand. Ihr ſtolzes Herz ſollte ſen Strafe finden. Es hatte ſie ſchon gefunden. Warum las ſie nicht früher ſchon in den Sprüchen, vielleicht wäre es demüthig Aber in der Bibel war von kei⸗ nem Adel und keinem ererbten Verdienſte die Rede, für ihre Verhäl tniſſe gab es dort keinen Rath, ſogar die Kö⸗ nige wurden durch Propheten geſalbt, und durch dieſe in 54 der Gnade Gottes erklärt. Sinnend blätterte ſie weiter, und kam auf die erſte Seite, dem weißen Blatte, worauf Geburten und Jahreszahlen verzeichnet ſtanden. Sollte die Familie des Förſters Jahrhunderte zählen, und der Mann dennoch nicht von Geburt, nicht von Familie ſein? Was machte denn eine Familie aus? Der Ahnherr und ſein Verdienſt, ſonſt nichts?— Von dieſem Ahnherrn her⸗ ab, wie viele Verdienſtloſe mochte ein Stammbaum zäh⸗ len, und immer noch ſchrieb man dem letzten Sproſſen den Ruhm des Erſten mit auf die Rechnung; immer noch forderte er Huldigung, Verehrung damit heraus; der Adel der That, der Geſinnung war dem Geſchlechte verloren gegangen, nur der Name blieb. Das Sein fehlte, der Schein war da; mit dieſem hätte man auch eine Kleider⸗ puppe ſchmücken können. Die Bibel war koſtbar eingebunden, mit einer dop⸗ pelten ſilbernen Klappe verſehen; das Wappen der Rhein⸗ feld prangte darauf. Sie entdeckte nun, daß es ein Namens⸗ verzeichniß der Rheinfeld trug, es war eine alte Hausbibel der Barone dieſes Ramens. Weibliche Reugierde ließ ſie nach dem Alter der lebenden Familienglieder forſchen, es war eine lange Reihe rückwärts; aber vorwärts endigte ſie mit Regate von Rheinfeld; und dieſe war an Alter ihr nahe ſtehend; von dem Baron aber, von ſeiner Gemahlin, von Ludolf, ſtand hier kein Wort verzeichnet.„Wer war denn Regate von Rheinfeld? Wer war ſie?“ fragte ſie —„— — ————,—+ r e 55 ſich noch einmal, indem ſie nun auch das ihrem Tode beizufügende Kreuz vermißte?„Wer war ſie und wo war ſie?“ Der Baron kehrte ſo eben in das Zimmer zurück; das Unwetter hatte nechel ſſen, der Wagen fuhr vor, und man ſtieg ein. Frau von Gasmund warf einen langen Blick zu den vergitterten Fenſtern empor, und ſah dann den Baron an. Sie entdeckte dabei, daß er ihr mit ſeinem Auge gefolgt war.„Ihre Kranke ſtand am Fenſter?“ fragte ſie erzwungen lächelnd. „Es kann auch die Frau des Förſters geweſen ſein,“ verſetzte er kurz.„Sie reinigt die Zimmer. Wir haben auf unſern Gütern das Patrimonialgericht und ſtecken mitunter Diebe hier ein.“ Sein Ton ermuthigte ſie nicht, eine weitere Frage an ihn zu richten. Auch von der Bibel und einer Re⸗ gate von Rheinfeld zu ſprechen, hielt eine gewiſſe Scheu ſie ab. Ludolf und Thorilde waren, wie ſie vermuthet, vor dem Ausbruche des Gewitters nach Hauſe gelangt, und letztere ſaß, als ſie in das Zimmer traten, das Amt von Madame Latour verwaltend, am Theetiſche. Da die Baronin ſich gleich in ihre Gemächer zurückzog, ſo hoffte Frau von Gasmund eine Gelegenheit zu finden, mit dem Baron über ein Beeilen der Trauung zu reden; in dieſer Vorausſetzung ſtrengte ſie ſich, trotz 56 ihrer gedrückten Stimmung, zu doppelter Munterkeit an; ja, drang ſogar in Thorilde, ein Lied zu ſingen. Dieſe las in den Mienen ihrer Mutter, und verſtand, was ſie zu dieſer Bitte vermochte; ſie zog Ludolf daher mit ſich hinaus und ſang, ſich im Nebenzimmer an das geöffnete Fenſter ſetzend, den Erlkönig. Die Höflichkeit erforderte, daß die Zurückgeblie⸗ benen ihrem Geſange lauſchten; ſo wie ſie aber ſchloß, ſagte Frau von Gasmund:„Das liebe Kind! Ich werde ihren Geſang nun bald entbehren müſſen; allein ſo ſchnell die Zeit auch heranrückt, die mich von ihr trennt, ſo möchte ich ihr, meiner leidenden Geſundheit willen, dennoch Flügel leihen. Sie glauben nicht, wie ſehr mein Zuſtand ſich täglich verſchlimmert, lieber Baron! Es iſt hohe Zeit, daß ich mich dem Rathe guter Aerzte unter⸗ werfe, ich weiß das; allein unter den obwaltenden Um⸗ ſtänden kann ich mein Kind weder verlaſſen, noch ſie Ihnen entführen; ſelbſt wenn ich dadurch das Opfer meiner Mutterpflichten würde, muß ich ausharren.“ „Sie erſchrecken mich, gnädige Frau!“ fiel ihr Wirth erſtaunt ein.„Warum, ich bitte Sie, haben Sie nicht früher dieſe Befürchtungen laut werden laſſen, warum nicht unſerm Hausarzte ſich anvertraut? Vielleicht iſt es gar noch die ſcharfe Luft auf dieſer Höhe, welche Ihr Unwohlſein vermehrt.“ „Das Letztere habe ich ſelbſt ſchon angenommen; — — —— 57 denn ſeit ich hier bin, flieht mich auch mein beſter Freund, der Schlaf.“ „Was können wir aber thun, Ihnen Hülfezu bringen?“ „Gar nichts, wie ich fürchte. Es ſind ja nur noch ſechs Wochen bis zur Hochzeit des Paares; dieſe muß ich nun ſchon 4 „Wir dürfen das, ſobald es Ihnen ſchadet, nicht zugeben.“ „Aber wie es ändern?“ „Indem wir die Hochzeit beeilen.“ „Unmöglich! Die e ſind nicht getroffen, die Aufgebote nicht erlaſſen; dieſe Beſchleunigung würde Ihnen Verlegenheiten bereiten, ſin vi ich nicht verant⸗ wortlich ſein mag.“ rie Sie ſich! Die Erfüllung eines Wun⸗ ſches mag man gern mit kleinen Uebelſtänden erkaufen. Ich werde ſ ſog leich alle Schritte thun, damit binnen drei Wochen die T ſtattfinden kann. Ich denke aber, wir wollen dem jungen Paare nichts davon ſagen, ſondern es mit der Nachricht überraſchen.“ Frau von Gasmund e ſich über ſeine Be⸗ reitwilligkeit. Sie hatte gedacht, daß er ihr einen Ausflug nach Baden⸗ Bnden vorſchlagen würde, wohin Ludolf und Thprilbe ſie begleiten konnten, ja ſie hatte ſogar auf dieſe Wendung der Dinge gerechnet und ſchon ihre Vor⸗ bereitungen in Gedanken getroffen; ſut deſſen hatte ſie — nur eine ſchnellere Trennung von dem geliebten Kinde herausgefordert.— Dieſe lag allerdings nicht in ihrem Plane; dem Baron aber war damit gedient, ihren Beſuch abzukürzen, denn ihre mancherlei Fragen fingen an, ihm läſtig zu werden, und in demſelben Grade, wie ſie ein téte-à-téte mit ſeiner Gattin zu vermeiden ſuchte, wünſchte er ihr jetzt aus dem Wege zu gehen. Als Madame Latour eintrat, bat er ſich zurück⸗ ziehen zu dürfen, um in der bewußten Angelegenheit noch einige Briefe zu ſchreiben. Sie geſtattete ihm dies gern. Da ſie zum erſten Male die Geſellſchaftsdame allein ſah, ſo ſann ſie ſogleich auf die Möglichkeit, dies Zuſammenſein zu benutzen, und auf Umwegen die Be⸗ antwortung der ihr am Herzen liegenden Fragen zu er⸗ reichen. Allein ſie entdeckte bald, daß ſie einer Mei⸗ ſterin gegenüber ſaß. Madame Latour bediente ſich der Sprache ſicherlich nur, um ihre Gedanken zu verhehlen. Endlich wagte ſie die directe Frage, wer Regate von Rheinfeld ſei? Die Franzöſin ließ hierauf ihr dunkles Auge eine Minute lang forſchend und mißbilligend auf ihr ruhen; es war kein gerader Blick, er kam nur aus der Ecke des Auges; dann ſagte ſie mit glatter, kalter Höflichkeit: „Madame wiſſen, daß ich eine Fremde hier bin; der Herr Baron und die Frau Baronin werden mir nur ſo viel Vertrauen ſchenken, wie ich zu verdienen befliſſen 59 bin, und was ſie, bei ihrer bevorſtehenden nahen Be⸗ ziehung, gegen Sie nicht zu erwähnen für gut gefunden, dürfte für Sie aus meinem Munde zu erfahren nicht angemeſſen ſein.“ „Ich wußte nicht, daß ich ein Familiengeheimniß berührte,“ verſetzte Frau von Gasmund, und warf ſtolz ihr Haupt empor. „So viel mir bekannt, habe ich, Madame, von keinem ſolchen geſprochen und wenn in meiner Antwort dieſer Sinn gelegen hat, ſo muß ich mich ſehr ſchlecht ausge⸗ drückt haben. Was ich ſagen wollte, war nur: daß es mir lieber ſein würde, wenn ſie meine Gebieter um Aus⸗ kunft befragten, ſobald von deren Angehörigen die Rede iſt, ſtatt mich, die dienſtbare Fremde.“ Damit verbeugte ſie ſich höflich und verſchwand aus dem Zimmer. Frau von Gasmund fühlte, daß ſie eine ſie com⸗ promittirende Unvorſichtigkeit begangen hatte. Zugleich aber war ihr die Ueberzeugung geworden, daß es mit dieſer Regate eine beſondere Bewandtniß habe, und um ſo mehr war ſie nun das Geheimniß zu durchdringen entſchloſſen.„Wie kommt es,“ ſagte ſie zu Ludolf,„daß Sie die prächtige alte Familienbibel in den Händen der Förſterleute laſſen?“ „Welche Bibel?“ fragte dieſer verwundert. „Eine ſehr koſtbare mit einem Verzeichniß aller Rheinfeld, das mit einer Regate von Rheinfeld ſchließt.“ „Ja ſo, das iſt die ältere Linie,“ ſagte er gleich⸗ gültig. „Man hatte aber bei der Regate kein Kreuz ge⸗ macht, ſie lebt alſo wohl noch?“ fragte ſie. „Lebt? Nein; denn ſonſt wäre mein Vater nicht Erbherr auf Rheinfeld,“ antwortete er und ſtand ihr nicht weiter Rede. Sie wußte nun nicht, ob jene Re⸗ gate wirklich unter die Todten zu zählen ſei, oder ob man ihr Daſein nur verhehle. Sie brachte abermals eine ſchlafloſe Nacht zu; aber ohne durch eine Störung von Außen in ihrer Ruhe un⸗ terbrochen zu ſein. So wie ſie das Auge ſchloß, ſtand Ellena vor ihr, und krampfhaft zog ſich bei dem Ge⸗ danken an ſie ihr Herz zuſammen. Sie erwartete ſehn⸗ lichſt eine Nachricht über ſie; allein ſowohl der Ge— heimrath wie auch der Staatsanwalt behaupteten ihr nichts mittheilen zu können. Wie aber, wenn ſie ihr, nur um nicht das Schlimme zu melden, vorenthielten, was ſie erfahren? So gut gemeint das ſein mochte, ſr wenig gewann ihre Geſundheit dabei; denn ihre Be⸗ fürchtungen waren nicht minder nachtheilig für dieſe, wie es die grauſamſte Gewißheit ſein konnte.— Gerade das Ja und Nein rieb ſie auf. Der ſonderbare Traum. Das Gewitter brachte in ſeinem Gefolge den Regen, der Himmel war dick mit Wolken überzogen, und die Ge⸗ ſellſchaft im Schloſſe an die Scholle gebannt. Ludolf eilte im Verlaufe des Morgens wohl hundertmal an das Fen⸗ ſter, um die Sonne durchbrechen zu ſehen, und ſchüttelte an allen Wettergläſern. Thorilde ſchlug ihm vor ihr vor⸗ zuleſen, oder mit hr zu zeichnen; allein er geberdete ſich ſo unruhig, als ob ihn eine Tarantel geſtochen. Zum Glück bot ſich bald eine ihm zuſagende Be⸗ ſchäftigung durch die Ankunft der Handwerker, welche den über den von Frau von Gasmund bewohnten Zimmern gelegenen Stock einrichten ſollten. Es gab nun Tapeten zu wählen, Möbel zu beſtellen, und tauſend Kleinigkeiten zu ordnen und zu beſprechen, ſo daß ihm die Zeit auf das Angenehmſte verging. Ein großer Salon mit Balkon nahm die Mitte der Zimmerreihe ein, er ſollte zum gemein⸗ ſchaftlichen Wohn⸗ und Speiſezimmer dienen, und den neuen Flügel aufnehmen. Zu beiden Seiten daran befand ſich ein Wohn⸗ und Schl afgemach für jeden von ihnen. Ludolf behauptete, ſeine Seite müſſe einen männlichen Cha⸗ rakter tragen, die Lapeten ſollten dunkelblau, die Möbel mit rothem Maroquin überzogen ſein; Thorilden k beſtimmte er ein weißes Papier mit Goldſtreifen, und Nuß⸗ baum⸗Möbel mit gelben Atlasbezügen.„Warum nicht roth, oder grün?“ fragte ſie.„Nein, nein; mit Deinem ſchwarzen Haare nimmt ſich nur gelb gut aus,“ ſagte er, und lachend ließ ſie ihn gewähren. Frau von Gasmund war dadurch viel allein und be⸗ nutzte die Zeit, um an den Vormund zu ſchreiben und ihn zur Hochzeit des jungen Paares einzuladen. Auch an den Geheimrath ließ ſie die gleiche Bitte ergehen, wußte aber ſchon im Voraus, daß ſeine Geſchäfte ſie zu erfüllen ihm verbieten würden. Der Geſchäftsführer des Barons war indeſſen ein⸗ getroffen und ein Vetter, auch ein Baron von Rheinfeld; ein Mann in den dreißiger Jahren, mit ſcharfen Zügen und ſchwarzen Augen, die düſter forſchend den Blick des Anderen ſuchten. Abends wurde ein Kartentiſch aufgeſtellt, und Frau von Gasmund nahm an der Partie heil, wodurch ſie aller Unterhaltung mit der Baronin entging. Da man ſich 63 außerdem nicht ſuchte und folglich auch nicht fand, ſo glitt man in der Form, ohne ſich näher zu treten oder abzuſtoßen, an einander vorüber. Allen Theilen ſchien dies erwünſcht zu ſein. Noch ein dritter Gaſt fand ſich in der folgenden Woche ein. Dies war ein Monſieur Normand, Magnetiſeur aus Paris, von dem Grafen Szapäry abgeſandt, um ſeine Pa⸗ tiente zu überwachen. Der Mann beſaß eine athletiſche Kraft und einen durchdringenden Blick, mit dem er die Leute oft unheimlich fixirte. Er nahm an den Mahlzeiten Theil, ſonſt aber ſah man ihn nicht, weil er wahrſcheinlich in den Zimmern der Baronin, die täglich weniger für ihre Gäſte ſichtbar war, ſich aufhielt. Frau von Gasmund fuhr nach Mainz, um das Braut⸗ kleid zu beſorgen, und Ludolf bat, da Thorilde ſie begleiten mußte, daß auch er von der Partie ſein dürfe. Dieſe Fahrt wiederholte ſich und diente ihr zu einer heilſamen Zerſtreu⸗ ung. Sie wollte ihr liebes Kind als junge Frau auf das Eleganteſte gekleidet ſehen, und vergaß ihrer Sorgen und ihres Unwohlſeins über dem Nachdenken, was ihr am beſten ſtehen würde. Raſch kam der Tag näher, welcher ihre Wünſche krönen ſollte. Noch wußte Thorilde nicht um die Beſchleu⸗ nigung desſelben; erſt die Ankunft des Staatsanwaltes ſollte es ihr verrathen, durch ſein Erſcheinen aber zugleich Erinnerungen wecken, die ſie mit ſtarkem Willen hatte 64 ſchweigen heißen. Als ſie ihn unerwartet eintreten ſah, ſtürzte ſie ihm entgegen, warf ſich an ſeine Bruſt und brach in heißes Weinen aus. Sie begriff ſich ſelbſt nicht in dieſer Handlung; ſie wußte nicht, wie ſie dazu gekommen, ſich in dieſer kindlichen Weiſe an ihn zu ſchmiegen; es mußte ſein, daß die lang verhaltenen Thränen, das übervolle Herz, dieſe Gelegenheit, alle Rechte geltend zu machen, ergriffen. Sie faßte ſich jedoch, ſetzte ſich zu ihm, ſprach aber kein Wort. Doch fühlte ſie wohlthätig ſeine Nähe und ſah ihn dann und wann mit einem Blicke an, welcher eine ganze Geſchichte erzählte. Er fand Frau von Gasmund, trotz der Aufregung der letzten Wochen und ihrer erheiterten Stimmung, ſehr verfallen; die Augen tief in den Höhlen, die Farbe gelb. Vor einem Jahre noch eine ſchöne Frau, repräſentirte ſie jetzt ein häßliches Alter. Er ſchüttelte den Kopf zu dieſer Veränderung. Was mußte in ihrem Gemüthe vorgegangen ſein, um den Körper dermaßen zu zerſtören? Beide wünſchten mit dem Anwalte allein zu ſprechen. Nun war aber Ludolf, den man nicht entfernen konnte, gegenwärtig; ſo gelang es Frau von Gasmund denn erſt vor Schlafengehen, ihn mit ſich in ihr Zimmer zu nehmen und dort alle Sorgen ihrer ſchwer gedrückten Bruſt vor ihm auszuſchütten; Thorilde aber verſprach ſich in der Frühe des nächſten Morgens mit ihm zuſammenzutreffen. Indeſſen war ihm ſchon die Zeit geworden, ſämmtliche Hausgenoſſen —— —„—„„ 65 in das Auge zu faſſen und ſein Urtheil über ſie feſt⸗ zuſtellen. Was Frau von Gasmund über das Förſterhaus, die Bibel, Regate von Rheinfeld, die nächtliche Erſcheinung und das ſonderbare Weſen der Baronin ſagte, hörte er mit Langmuth an; erwiederte aber zum Schluß darauf, daß ſie das Alles ja weiter nichts angehe; ſie ſolle ſich an die Thatſache halten, ihre Tochter mit dem jungen Rhein⸗ feld zu vermählen und ſich in die Angelegenheiten der Fa⸗ milie nicht miſchen. Er fragte ſie ſogar, ob ſie ſelbſt es denn gern ſehen würde, wenn man einen gar zu tiefen Blick in ihre Privatangelegenheiten zu thun begehre, oder ihre Domeſtiken darüber auszuhorchen verſuche; wenn man an Johann und ihre Jungfer Fragen richte, wie ſie ſie Ma⸗ dame Latour vorgelegt, und ob das zurückhaltendere Be⸗ nehmen des Barons nicht eine natürliche Folge ihrer In⸗ diseretion— ja, um es bei dem rechten Namen zu nennen, ihrer Tactloſigkeit ſei? Ihr war, als fielen die Schuppen ihr von den Augen. Ihr Betragen erſchien ihr, ſo beleuchtet, im gehäſſigſten Lichte und ſie ſagte, verwundert über ſich ſelbſt:„Mein Gott! wie habe ich mich ſo wenig wohlerzogen benehmen können! Ich begreife mich nicht.“ Der Anwalt lächelte. „Sie ſehen daraus, gnädige Frau, daß die beſte Er⸗ ziehung, ſobald die Neugierde bei Ihrem Geſchlechte erregt Amely Boelte; Die Mantelkinder. I. 5 wird, nicht Stich hält. Die Damen ſind nur feinfühlend und gut, ſo lange ihre Leidenſchaften ſchweigen.“ „Ich bin wahrhaft beſchämt über mich ſelbſt, und finde nur in meiner Sorge um Thorilde eine mich etwas entſchuldigende Rechtfertigung.“ Sie fühlte ſich wahrhaft erleichtert und ſchlief zum erſten Male, nach langer Zeit, in Folge dieſer Unterredung. Noch war ſie nicht erwacht, als Thorilde in der Frühe aus ihrem Zimmer ſchlüpfte, und horchte, ob des Vormunds Schritt auf dem Gange zu vernehmen ſei. Sie wußte, daß er die Morgenſtunden liebte. Sie legte, ſo wie ſie ſeiner anſichtig ward, die feinen Finger auf den Mund, und flü⸗ ſterte, daß ſie die Mutter nicht ſtören wolle; dann zog ſie ihn mit ſich fort auf die Terraſſe. „Ich muß Sie allein ſprechen,“ ſagte ſie hier zu ihm, „und finde ſchwerlich eine andere Gelegenheit dazu. Ich hätte Ihnen gern geſchrieben; aber Ihre Antwort würde es meiner Mutter verrathen haben. Mit ihr aber vermeide ich jede Unterhaltung über Dinge, welche ihr nicht angenehm ſind, weil ſie ohnehin ſchon mehr leidet, als ſie ſich merken läßt. Hat ſie ſich nicht ſehr verändert?“ „Allerdings! Allein eine gute Nachricht von Ellena wird ſie ſchnell wieder herſtellen.“ Thorilde bewegte zweifelnd ihr ſchönes Haupt. „Eine gute Nachricht?“ fragte ſie.„Wie könnte die ihr zukommen? Der Ruf verloren, die Ehre verloren, was E ie 18 67 wäre da noch gut?— Ueberdem, bei dem ſtolzen Sinne meiner Mutter... Nein! Von der Seite her kommt ihr keine frohe Regung mehr. Gebe nur Gott, daß ſie mit meinem Schickſale deſto zufriedener zu ſein Urſache habe!“ „Sie ſteht ja am Ziele ihrer Wünſche; übermorgen findet Ihre Vermählung ſtatt und ich hoffe viel von der ihrem Gemüthe dadurch werdenden Beruhigung.“ „Auch ich hoffte das,“ fiel Thorilde lebhaft ein, „allein unſer Aufenthalt hier hat dieſe Hoffnung leider zum Theil ſchon zerſtört.“ „Wie ſo?“ fragte der Vormund verwundert. „Sie zittert, ohne es auszuſprechen, für mein Glück. Sie iſt troſtlos, daß ſie eine ſolche Lage für mich gewählt hat, und ſieht doch keinen Ausweg, als mich meinem Schickſale zu überantworten. Zweifel und Ungewißheit nagen an ihr, ſie iſt ſich ſelbſt zur Laſt, ihr Leben ihr eine Bürde. Ich habe vergeblich das Opfer gebracht!“ Ihre Stimme zitterte; ſie mußte inne halten. „Glauben Sie das nicht!“ fiel der Vormund ein. „Glauben Sie nur das nicht, liebe Thorilde! Stellen Sie ſich vor, in welcher Stimmung Frau von Gasmund ſein würde, wenn dieſer Bewerber um Ihre Hand ſich nicht ge⸗ funden hätte und Sie werden zugeſtehen müſſen, daß Sie durch Ihre Gefügigkeit weſentlich zu dem Glücke der armen Frau beigetragen haben.“ „Sie wollen mich beruhigen,“ verſetzte ſie kleinlaut, 5* und ſah ihn dankbar an.„Auch kann ich, wenn ich mich in ſtiller Nacht vor Gott und meinem Gewiſſen befrage, nur ſagen, daß ich nicht anders habe handeln können. Wenn ich nun nicht die gehofften Früchte reifen ſehe, ſo muß ich es tragen. Dennoch ſchmerzt es mich, ſie ſo nieder⸗ gedrückt zu ſehen.“ „Sie wird es nicht mehr ſein, wenn Sie erſt Ba⸗ ronin Rheinfeld ſind,“ verſetzte der Vormund mit Ueber⸗ zeugung.„Jetzt ſieht ſie Alles ſchwarz und lebt unter den ſonderbarſten Einbildungen. Sie iſt krank. Schreiben Sie vieles in ihrer Stimmung auch auf ihren körper⸗ lichen Zuſtand.“ „Ich will es,“ verſetzte Thorilde aufathmend.„Sie geben mir neue Hoffnung und damit neuen Muth. Nun aber noch eine Frage: Wie ſteht es mit Agathe Müller?“ „Sie iſt geneſen.“ „Arme Frau! Iſt ihre Lage nicht weit trauriger, als die meinige? Fällt mir jetzt etwas ſchwer, ſo denke ich an ſie, und fühle mich beſchämt.— Sie hat ihren Kum⸗ mer zu tragen und mit des Lebens Nothdurft zu kämpfen; ich hingegen kenne faſt keine andere Sorge, als die für mein Vergnügen.“ „Das iſt kein Vorzug,“ fiel der Vormund ein. „Glauben Sie nicht, daß jene Menſchen, welche um das tägliche Brod arbeiten, darum unglücklich ſind. Gerade 69 das: Du ſollſt im Schweiße Deines Angeſichtes Dich näh⸗ ren, iſt der Segen.“ „Ich habe das, ſeit mein Leben ſo ernſt geworden iſt, auch ſchon gedacht, und mir vorgenommen, in gleicher Weiſe das Glück zu ſuchen. In wenigen Tagen werde ich die dazu nöthige Selbſtändigkeit gewinnen und dann wollen wir ſehen, was aus mir wird. Einſtweilen möchte ich ſchon von dem mir zugeſagten Nadelgelde in einer Weiſe Gebrauch machen, wie ſie mir lange am Herzen gelegen hat. Wollen Sie Agathe Müller bitten, 100 Tha⸗ ler jährlich von mir, als Zubuße für die Erziehung der Kinder, anzunehmen?— Wenn meine Mittel wachſen, gebe ich gern mehr. Einſtweilen jedoch kann ich nur über das gebieten, was ich Eigenthum nenne. Wollen Sie ſo gut ſein, lieber Vormund, dies für mich zu beſorgen?“ „Aber liebes Kind,“ fiel der Staatsanwalt bewegt ein,„Sie wiſſen ja noch gar nicht, ob Sie die Summe erübrigen können? In Ihren Verhältniſſen werden auch große Anſprüche an Sie gemacht, Ihre Toilette koſtet Ihnen mehr, als Sie glauben. Bis jetzt hat Frau von Gasmund für Ihre Bedürfniſſe geſorgt, Sie wiſſen noch gar nicht, wie ſchnell die Thaler davonlaufen, wenn man auszugeben anfängt.“ „Ich werde haushälteriſch ſein,“ ſagte ſie lächelnd; „verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich die Summe zu erübrigen wiſſen werde. Es iſt ein Lieblingsgedanke von mir, Agathe Müller eine Stütze zu ſein, und der Wunſch, es zu können, hat weſentlich dazu beigetragen, daß ich ſo jung ſchon mich für das Leben zu feſſeln bereitwillig war. Es liegt ein Troſt, eine Freude für mich darin, ihr nun Hülfe bringen zu können, daß ich, wenn ich ſo recht daran denke, in mir jubele und all mein Leid vergeſſe.“ Der Vormund ſah ſie theilnehmend an. Er erkannte den ſchönen Grundton ihrer Seele, den Enthuſiasmus für das Gute und Schöne, das Bedürfniß zu beglücken, die Nobleſſe des Selbſtvergeſſens. Er redete nun nicht weiter ab, und als ſie darauf zu dem überging, was ſie in ihrer nächſten Nähe zu thun gedachte, lobte er warm ihre Vorſätze, und ſprach eingehend mit ihr über die Mit⸗ tel. Es war ihm eine Beruhigung, ſie auf dieſem Wege zu ſehen, wo ſie unter allen Umſtänden ein Körnchen Glück aufleſen mußte.— Sie wandelten lange ungeſtört auf und ab; endlich öffnete Frau von Gasmund das Fenſter und rief heiter einen guten Morgen hinaus. War es der Schlaf, war es die Nähe des Vormundes, kurz es erſchien ihr heute Alles in einem anderen Lichte, und ihre Furcht vor der Baronin eine überſpannte; ſo daß ſie gleich die entſtandene Ent— fremdung auszugleichen beſchloß, und ſich bei ihr anmelden ließ. Sie hatte ſich bis dahin geſcheut, ſie in ihren Zimmern zu beſuchen, obgleich ſie die Unhöflichkeit gefühlt, der kran⸗ ken Frau ſo ſichtlich aus dem Wege zu gehen. Es fragte ——— —— 71 ſich nun noch, ob dieſe eine ſo ausgeſprechene Abneigung verzeihen und wie eine Laune hingehen laſſen würde. Als die gewährende Antwort erfolgte, hätte ſie, trotz ihrer guten Vorſätze, dennoch lieber ein Nein gehört. So trat ſie den ſchweren Gang denn an. Die Zimmer der Baronin lagen über den Wohnge⸗ mächern im erſten Stocke. Sie fand dieſe nach franzö⸗ ſiſchem Geſchmacke eingerichtet, und ein ſolches Halb⸗ dunkel darin, daß ſich das Auge erſt, bevor es die Gegen⸗ ſtände unterſcheiden lernte, hergewöhnen mußte. Die In⸗ haberin lag auf einer Chaiſe longue. Sie ſtreckte ihr die weiße weiche Hand entgegen, und ſagte:„Sie verzeihen, daß ich nicht aufſtehe. Der Magnetiſeur hat mich ſo eben erſt verlaſſen, und meine Kräfte geſtatten mir noch keine ſelbſtändige Bewegung.“ Frau von Gasmund ließ ſich in den neben ihr ſtehenden Seſſel nieder und erwiederte: „Ich ſorge nur, daß Ihr Befinden Sie abhalten werde, bei der Trauung unſerer Kinder gegenwärtig zu ſein, und das wäre mir wahrhaft ſchmerzlich. Thorilde wird Ihnen künftig näher ſtehen, als mir; ſo möchte ich denn, daß Ihr mütterlicher Segen die neue Tochter in die Ehe einführte.“ Die Baronin bewegte freundlich abweiſend das Haupt.„Sie muß Ihr Schickſal tragen, mein Segen wird daran nichts ändern,“ ſagte ſie.„Mit den unſicht⸗ 72 baren Mächten iſt kein Unterhandeln. Man beſticht ſie durch nichts.“ Frau von Gasmund ſah ſich im Zimmer um, als ſuche ſie nach Geiſtern. Ein leichtes Schanern überwindend, erwiederte ſie: „Ich hoffe, daß Sie Thorilde, wenn Sie ſie näher kennen lernen, lieb gewinnen werden. Ich bin freilich in meinem Urtheile parteiiſch; doch glaube ich Urſache zu haben ſtolz auf mein ſchönes Kind zu ſein.“ Die Baronin ſpielte mit ihrem geſtickten Taſchen⸗ tuche. Die Pauſe in der Unterhaltung wurde peinlich. Keine Antwort war diesmal eine Beleidigung, und ſchon wollte die tief Gekränkte auffahren, als ihre Nachbarin ſagte:„Haben Sie je gehört, daß das Element der Liebe in dem ſich ergänzenden Magnetismus beſteht?“ „Nein!“ verſetzte Frau von Gasmund kleinlaut; denn ſie fürchtete, da das Geſpräch dieſe Wendung nahm, die Lücken ihres Wiſſens verrathen zu müſſen. „Weil nun die wenigſten Menſchen auf dieſe zu ihrem Glücke nothwendige Bedingung zu einer Vereinigung, wie ſie die Ehe mit ſich bringt, achten, ſo ſehen wir ſo viele unglücklich ausfallen, und die Kinder den Fluch ſolcher Dis⸗ harmonie tragen. Mein Gatte und ich vermählten aus, weil wir Beide den nächſten Anſpruch auf die Güter der Rhein⸗ feld hatten. Ich war die Erbin, auf meine Kinder konnte der Beſitz nicht übergehen, mit meinem Tode fiel es an 73 ihn. Wir reichten uns alſo aus Familienpietät die Hand. Ich wußte damals nicht, daß Ludolf ein Opfer dieſer Ehe werden müſſe.“ „Ein Opfer?“ fragte Frau von Gasmund mit dem Ausdrucke des höchſten „Ein Opfer; denn es fehlt ſeiner Natur der ewige Geiſt er vermag ſich ſelbſt nicht anzuſchauen, ſich keine abſtracten Begriffe zu i den, ſich nicht zu erziehen. Ich ſehe ſein trauriges Schickſal vor Augen, und muß ihn den⸗ noch in ſein Verderben rennen laſſen. Niemand hemmt den Lauf der Dinge. Urſache und Wirkung ſind ewige Geſetze, welche ſelbſt Gott nicht aufhebt. Was wir geſäet, wir müſſen es ernten. Wir haben die Würfel aus der Hand fallen laſſen, ſo müſſen wir nun auch muthig die Nummer zählen.“ „Sehen Sie nicht vielleicht zu ſchwarz, gnädige Frau?“ fragte ihre Nachbarin, nur wenig beunruhigt durch das Gehörte, weil ſie an dem richtigen Verſtande der An⸗ deren zweifelte.„Baron Ludolf iſt ein guter, lieber Menſch, und Thorilde wird ſicher einen vortheilhaften Einfluß auf ihn ausüben.“ „Einfluß?“ fragte die Mutter.„Er läßt ſich nicht mehr und nicht weniger d durch Gründe lenken, als jener Stuhl.“ Madame Latour, welche mit einer Arbeit am Fen⸗ ſter ſaß, räuſperte ſich. 74 „Aber, laſſen wir das,“ fuhr die Baronin leiſer fort; „Sie verſtehen mich doch vielleicht nicht, und was ſein muß, muß ſein.“ Frau von Gasmund ſagte zum Staatsanwalt, ſo⸗ bald ſie ihn allein ſah:„Wenn nur die Schwiegermutter nicht wäre? Ich will mein Mögliches thun, um zu verhü⸗ ten, daß Thorilde oft in ihrer Nähe weile.“ „Und ich möchte Ihnen rathen, ſich ſo wenig wie thunlich nach der Hochzeit hier einzumiſchen,“ fiel er ein. „Junge Eheleute muß man ſich ſelbſt überlaſſen, ſie haben ihr Probejahr allein mit einander zu durchleben, und noch niemals hat ein Dritter ihnen dabei geholfen; oftmals aber geſtört.“ Es herrſchte ein buntes Durcheinander, große Feſt⸗ lichkeiten wurden vorbereitet; da die ſämmtlichen Pach⸗ ter, Prediger und andere Beamten am Hofzeitmahle Theil nehmen ſollten, ſo hatte die Dienerſchaft vollauf zu thun. Am Polterabend ſollten alle Inſaſſen in der Dorfſchenke tanzen und auch im Schloſſe ward in den untern Räu⸗ men ein ähnliches Feſt für die Untergebenen vorberei⸗ tet. Frau von Gasmund packte indeſſen mit eigener ho⸗ her Hand den Reiſekoffer für das geliebte Kind, wel⸗ ches den Eltern vorauf mit Ludolf nach Paris gehen ſollte. Der Staatsanwalt hatte mit dem Baron noch manches zu beſprechen, und zur Abwechſelung machte das Brautpaar Ausflüge in die Umgegend mit ihm; ſo gin⸗ 75 gen denn die wenigen Tage ſeines Aufenthaltes im Um⸗ ſehen an ihm vorüber, und der Morgen brach an, wo die Glocken mit feierlichem Klange zu der bevorſtehen⸗ dden Ceremonie einluden.— Thorilde hatte ihr Zimmer nicht verlaſſen, ſie bat allein ſein zu dürfen, um ſich innerlich zu ſammeln und durch Betrachtungen zu ſtärken. Sie war ſpät aufgeſtan⸗ den. Das unruhige Treiben der vorhergehenden Tage hatte ſie ermüdet und der geſtrige Abend, welcher Mu⸗ ſik und Feuerwerk gebracht, ſie der längern Ruhe be⸗ dürftig gemacht. Um zehn Uhr trat Frau von Gasmund bei ihr ein, um ſie anzukleiden. Sie fand ſie bleich; aber ru⸗ hig und gefaßt. Sie ſelbſt war es weit weniger. In Thränen zerfließend, ordnete ſie mit eigener Hand ihr reiches ſchwarzes Haar, wand die dicken Flechten über die breite Stirne und drückte den blühenden Myrthen⸗ kranz darauf. Nun kam das Kleid von Moirée anti- que mit echten Spitzen garnirt, ein langer koſtbarer t Schleier, und der bräutliche Putz war vollendet. Sie lächelte die Mutter an. Dieſe bewunderte ihre Ruhe, und ſchrieb ſie auf Vertrauen in das Glück ihrer Zukunft, während ſie nur das Werk ihres Entſchluſſes war. Brautjungfern waren nicht geladen, ſo wie über⸗ haupt keine Gäſte, weil das Befinden der Baronin die Anſtrengung, dieſe zu empfangen und zu unterhalten, nicht — zuließ; das junge Paar war daher nur von Ernſt und Alter umgeben, die Jugend und der Frohſinn hatten keinen Theil an ihrem Ehrentage. Der Vormund und der Bräutigam fanden ſich nach und nach in dem Wohn⸗ zimmer der Frau von Gasmund ein, Ludolf brannte vor Ungeduld, ſeine Braut in ihrem Schmucke zu ſehen, und faſt etwas zu laut und herausfordernd war ſein Pochen und Rufen an ihrer Thüre. Allein nicht vor dem erſten Schlage der zwölften Stunde that ſich dieſe ihm auf, und während die Schloßuhr langſam aushebend die Zahl vollendete, trat ernſt und feierlich, als meſſe ſie ihre Schritte nach deren Schlägen, die Braut in das Gemach, und reichte geſenkten Blickes dem Vormunde und dem Verlobten ihre Rechte. Es lag eine ſo ſtille Würde in ihrem Weſen, daß Ludolf davor verſtummte, der Staatsanwalt aber, von Rührung übermannt, ſich über ſie beugte und mit ſeinen Lippen ihre Stirne be⸗ rührend, flüſterte:„Gott ſegne Sie, mein liebes, liebes Kind.“ Thorilde zitterte unter dieſer Berührung; man ſah es der ganzen Geſtalt an, wie tief ſie ergriffen war; aber der Ausdruck ihrer Mienen blieb unverändert, nur daß ſie noch bleicher ward. Indem auch trat der Ba⸗ ron ein und bat ſie, ihm in das Wohngemach zu fol⸗ gen, wo ſeine Gattin ihrer harre. Er bot ihr den Arm, die Uebrigen folgten. Auf dem Gange war das ganze —— —— —— 77 Dienſtperſonal, die ſchöne Braut zu ſehen, aufgeſtellt. Jeder Mund flüſterte: Wie ſchön!—— Die Baronin war, was bei einer Hochzeit verpönt iſt, ſchwarz gekleidet. Madame Latour flüſterte Frau von Gasmund zu, daß ſie es nicht übel nehmen möge;z man habe es ihr nicht ausreden können. Sie hatte Thorilde noch nie geküßt, heute berührte ſie ſie mit ihren eiskalten Lippen, und bat, den Familienſchmuck, deſſen ſie nicht mehr bedürfe, ihr anlegen zu können. Ohne Vergnügen nahm die Braut das koſtbare Geſchenk, welches heut zu tragen ſie am liebſten abgelehnt hätte, hin. Sie neigte ſich auf die Hand der Geberin, ſagte:„Sie ſind ſehr gütig, liebe Mama!“ und ließ ſie gewähren. Man trat nun den Weg in die Capelle an, der Staatsanwalt hatte, als Vormund, an der Stelle des eigenen Vaters zu handeln; er war es, der die Braut zu führen übernahm. Der Pre⸗ diger ſtand vor dem Altare, die Lichter brannten. Tho⸗ rilde erhob zum erſten Male ihr dunkeles Auge und ſchaute raſch um ſich. Ihr Fuß ſtand auf dem Grabſteine, unter ihr ruhten die Ahnen; ſie wünſchte dies nicht gewußt zu haben, denn es machte ihr die Haut rieſeln. Ven der Rede vernahm ſie kein Wort; als die Stelle kam, wo ihr Ja ertönen ſollte, belehrte ſie nur das Schweigen des Geiſtlichen, daß es an ihr ſei zu reden. Die Ringe wur⸗ den gewechſelt, die Glückwünſchenden drängten ſich an ſie; ſie dankte und lächelte, einem ſchönen Wachsbilde gleich.„Möchteſt Du recht, recht glücklich werden!“ flüſterte Frau von Gasmund, und wollte ſie nicht aus ihren Ar⸗ men loslaſſen. Im Hinausgehen ſagte Ludolf leiſe zu ſeiner Mut⸗ ter:„Siehſt Du nun, daß Deine Todten nicht auferſte⸗ hen?— Unſere Ahnen haben ſich während der Trauung auch nicht mit dem Seufzer eines Seufzers hören laſſen.“ „Ich begreife es nicht,“ ſagte ſie, wie Jemand, der von ſeinem Erſtaunen noch nicht zurückgekommen iſt. Das Mahl war ernſt. Die Männer unterhielten ſich von Politik und Krieg und Frieden, die Braut ſprach wenig, und Ludolf noch weniger. Ihm ging die Reiſe im Kopfe herum; er freuete ſich ſchon darauf, wenn man ſeine ſchöne Gefährtin ſeine Frau Gemahlin nennen, und ſie von ihm als„mein Mann“ ſprechen würde. Man brachte in perlendem Champagner einige Geſundheiten aus, der Staatsanwalt die Thorildens, mit Worten, welche das Herz ihm eingab; der Vetter von Rheinfeld trank zum Schluſſe auf die Nachkommenſchaft. Frau von Gasmund fand dies höchſt unzart und ſtieß nicht mit ihm an. Es fiel ihr zum erſten Male auf, daß der Vor⸗ mund dieſen mit mißtrauiſchem herausforderndem Blicke beobachtete, und ſelten das Wort an ihn richtete. Sie entſann ſich nun, daß ſie in den Tagen ihres Beiſammen⸗ ſeins nie viel mit einander verkehrt, ja, wie in feindlich drohender Haltung einander gegenübergeſtanden; allein 79 ſie war zu ſehr mit ſich beſchäftigt geweſen, um dies an⸗ ders, als flüchtig, zu beachten. Auch heute konnte ſie dieſem Gegenſtande nur eine kurze Aufmerkſamkeit ſchen⸗ ken. Die Baronin gab das Zeichen zum Aufbruche, und ſie eilte mit Thorilden in ihr Zimmer, um ſie umzu⸗ kleiden. Indeſſen ertönte ſchon des Poſtillons luſtiges Horn, die Reiſecaleſche hielt beladen vor der Thüre, Diener und Jungfer ſaßen auf ihrem Platze, Ludolf küßte die Eltern zum Abſchiede; die junge Frau, in aus⸗ geſucht eleganter Toilette, hatte nur noch ein kurzes Lebewohl für Alle; dann ſaß ſie an der Seite des Gat⸗ ten, die Pferde erhielten die Peitſche und hinaus ging es in die Welt, ihrem Schickſale entgegen. Frau von Gasmund blieb am Thore ſtehen und ſah dem Wagen nach, bis keine Windung des Weges ihn ihrem Auge wiederbringen konnte; dann, als ſie die letzte Spur von ihr verloren, ſchlug ſie die Hände vor das Geſicht und weinte laut und bitterlich.„Mein Kind! Mein liebes Kind! Mein armes Kind!“ ſtöhnte ſie in ſich hinein und glaubte, daß ihr Herz brechen müſſe. Sie war in ihr Zimmer geeilt, um ihren Kummer hier mit ſich zu verſchließen. Es klopfte, und ohne ihr Herein abzuwarten, ſtand der Staatsanwalt vor ihr. „Nehmen Sie meinen Arm,“ ſagte er.„Wir wollen auf der Terraſſe ſpazieren gehen. Himmel und Erde und Gott und Ewigkeit ſind da unſerm Auge ſichtbar und das 80 tröſtet mehr über die kleinen Momente irdiſchen Schmerzes, als alle Worte.“ „Ich mache mir Gewiſſensbiſſe, ich habe mein ſchönes Kind geopfert!“ ſtöhnte Frau von Gasmund mit dem Aus⸗ drucke der Verzweiflung. „Die Trennung fällt Ihnen ſchwer; darum dieſe düſtere Anſicht.“ „Nein, nein! Nicht darum. Ich wußte immer, daß ſch ſie unglücklich mache; aber ich wollte es nicht wiſſen. Ich verſchloß mein Auge dem Lichte. Ich habe mich ſchwer verſündigt, und nicht verdient, ein ſo ſchönes und gutes Kind zu beſitzen. Wie gefaßt ſie war! Alles nur, um mir dadurch Beruhigung zu gewähren!— Um ſoweniger wird ſie mir nun werden; denn die Güte, die Aufopferung der armen Thorilde werden wie ein Stachel in meiner Bruſt wohnen. Hätte Gott mich lieber von der Erde genommen, ehe ich eine ſo bittere Stunde erleben mußte!“ Der Staatsanwalt ſuchte ſie zu beruhigen. Ernſt ſprach er ihr zu, ſich zu faſſen und gegen Niemand im Hauſe die Urſache ihrer Sorge laut werden zu laſſen.„Man beobachtet Sie,“ ſagte er.„Bedenken Sie, daß man es Thorilde wird entgelten laſſen, wenn Sie hier unangenehme Empfindungen aufbauen.— Die Klugheit fordert, daß Sie die höchſte Befriedigung über dieſe Verbindung ausſprechen; denn ſonſt wird der Verdacht rege, daß Sie dies ſchöne, be⸗ gabte, reiche Mädchen aus irgend einem Grunde, den Sie nicht nennen wollen, gegen Ihren Wunſ ch verheirathet haben. Sie müſſen dem Argwohne vorbeugen, bedenken Sie das wohl.“ „Wenn man jetzt auch erführe, was man nicht gern hört, ſo iſt die Sache einmal geſchehen. Was den Punkt betrifft, ſo bin ich ruhig,“ erwiederte ſie trotzend. „Seien Sie das nicht allzuſehr, hören Sie auf die Stimme des erfahrenen Freundes: Sie müſſen hier immer noch leiſe auftreten. Nicht alle Familienglieder wollen Thorilden wohl, und ihr Gatte iſt zu jung und zu wenig charakterfeſt, um ſie gegen Unbill ſchützen zu können.“ „Seine Mutter ſagt, er ſei ſo wenig zu lenken, wie ein Stuhl. Wenn er ſo eigenſinnig iſt, werden Andere wenig über ihn vermögen. Und warum ſollte man ihn gegen ſeine engelgute, bildſchöne Frau einnehmen wollen? Nur ein Teufel könnte dazu Luſt verſpüren.“ „Der Eigennutz iſt ein Teufel; dieſer und der Neid können ein Bündniß ſchließen, das zu vernichten Sie und ich nicht ſtark genug ſind, ſobald es einmal da iſt. Noch einmal alſo: Vorſicht! und reiſen Sie ſobald wie möglich von hier ab, am beſten morgen ſchon. Ihr Platz iſt hier nicht.“ Frau von Gasmund hatte ihre Jungfer und Johann mit Thorilden ziehen laſſen, und begnügte ſich einſtweilen mit der Bedienung, welche ſie im Schloſſe fand. Sie war alſo genöthigt, ſelbſt manche kleinen Dienſte zu überneh⸗ Amely Boelte: Die Manteltinder. I. 6 82 men; vor allen Dingen aber lagen ihr die Vorbereitungen zur Abreiſe ob, und den Rath des Freundes erwägend, ſäumte ſie nicht dieſe zu treffen. Er ſelbſt ſchied an die⸗ ſem Abende von ihr, um vor Tagesanbruch auf der näch⸗ ſten Station zu ſein. Sie waren noch ſpät beiſammen; ermüdet, betrübt und aufgeregt ſuchte ſie endlich ihr Lager, dem ſchmerzlichen Gedanken hingegeben, daß bei ihrem Erwachen keine liebe Stimme ſie begrüßen würde. Mit⸗ ternacht war vorüber, als endlich der Schlummer ſie fand. Aber kaum hatte er ihr wohlthätiges Vergeſſen gebracht, ſo trat der Traum an ſie heran, und marterte ihre Seele mit ſchrecklichen Bildern. Ihr war, als träte ſie, Thorilden an der Hand, in den Ahnenſaal der Rheinfeld und ſpräche zu den Bildern: Seht! Hier bringe ich Euch einen neuen Reis für Euern Stammbaum. Dort an jenem Platze, wo Eine von Euch ihr Angeſicht von uns abwendet, ſoll mein ſchönes Kind ſeinen Platz finden. Und damit ſchritt ſie vor, um mit eigener Hand den Rahmen zu erfaſſen und bemühte ſich, unter ängſtlichem Stöhnen, es vom Nagel zu heben. Lange wollte es ihr nicht gelingen, endlich, endlich hob es ſich, löſte ſich von der Wand ab, und durch ſeine Schwere ſich ihren Händen entreißend, ſtürzte es zu Boden und zertrümmerte; als ſie aber näher hinſah, ſo lag unter ihm begraben ihr geliebtes Kind, deſſen Haupt es im Fallen zerſchmettert hatte. Sie ſchrie auf und erwachte.— Es war noch nicht ein Uhr. Schauernd, fröſtelnd, hüllte ſie ſich ————— 83 tiefer in die Decke und ſchloß das Auge. Doch mit dem Schlummer kam der gleiche Traum ihr zurück. Dreimal wiederholte er ſich in unveränderter Weiſe.— Als der Morgen kam, blickte ſie erſchöpft in ſein dämmerndes Licht, die Erlebniſſe der Nacht vor der Seele. Ein Wagen rollte in dem Augenblicke. Es war der Staatsanwalt, welcher abfuhr. Sie ſtand auf, hüllte ſich in einen Man⸗ tel, und trat auf die Terraſſe hinaus, um ihm mit ihrem Schnupftuche ein Lebewohl nachzuwinken. Er gewahrte ſie und ſprach, auf ſie deutend, zu dem Diener. Dieſer kam gleich darauf zu ihr hinauf und überbrachte ihr einen Brief. Verwundert erbrach ſie das Siegel und las:„Ich wollte die Hochzeit vorbei ſein laſſen, bevor ich das einliegende Schreiben an Sie übergab. Da der Inhalt auch Thorilde betrifft, ſo vernichten Sie den Brief ja ſogleich, nachdem Sie ihn geleſen.“ Es war ein Schreiben ihres Schwagers, aus Edin⸗ burg datirt, worin er ſein Zuſammentreffen mit Ellena bei dem Morgenconcerte, und ſeine vergeblichen Verſuche, ſie aufzufinden, die uns ſchon bekannt ſind, ſchilderte. Am Schluſſe rügte er gegen den Vormund den Mangel an Vor⸗ ſicht von Seiten der Frau von Gasmund, einen Tonkünſt⸗ ler von ſo zweideutigem Rufe in die Nähe ihrer ſchönen Töchter gebracht zu haben, da es eine bekannte Thatſache ſei, daß Roués den größten Einfluß auf unſchuldige Frauen ausübten; weil ſie indeſſen genug für dieſe Nachläſſigkeit 6 84 durch Thorilden's Unglück geſtraft ſei, ſo wolle er ihr wei⸗ ter kein hartes Wort darüber ſagen. Sie weinte ſich müde nach dieſer Lectüre, legte den Brief auf den Betttiſch, und drückte das ſchwere Haupt in die Kiſſen. Bei ihrem Erwachen wollte ſie ihn noch einmal durchleſen und dann den Flammen übergeben. Es ward acht Uhr, bis ſie die Augen wieder aufſchlug. Alles war ſtill; doch meinte ſie, halbwachend, einen Schritt vernom⸗ men zu haben. Ihr erſter Gedanke war der Brief; ſie ſtreckte die Hand danach aus, allein er war verſchwunden. m⸗ ſie n. 5. Das Café chantant. Im Garten der Tuilerien blühten die Aſtern, über dem herrlichen Arc de I'étoile ſtand allabendlich der Co⸗ met mit einem den Horizont bedeckenden Schweife, im Pré Catelan, jardin Mabille und Chäteau des fleurs fanden nächtlich jene Zauberfeſte ſtatt, welche wie ein Traum aus den Erzählungen der„Tauſend und Eine Nacht“ die Einbildungskraft beſtricken und dem Gedächtniſſe unver⸗ geßlich ſich einprägen.— Sonnig ſchön lag Paris in ſeinem Glanze da, und ſpottete mit ſeinem lachenden Scheine jedem Gedanken an eine Winterſeite des Lebens. Es war Sonntag. Der Bourgevis zog, feſtlich geklei⸗ det, mit Weib und Kind, um den Tag im Freien zu ver⸗ leben, in das Bois de Boulogne hinaus. Die Kirchen füllte nur eine kleine Zahl von Andächtigen, die der Madeleine 86 ausgenommen, wohin die Fremden, wenn auch nicht der Erbauung wegen, ihren Weg nehmen. Wie immer, konnte auch diesmal kein Apfel hier zur Erde fallen. Gleich am Eingange nahm ein Herr, der uns ſchon bekannt iſt, ſeinen Poſten. Jener Fremde, welcher in London ſo eifrig der ſchönen Sängerin, Signora Anella, nachſpürte, hatte ſich hier, wie es ſchien, in ähnlicher Abſicht einge⸗ funden; denn er wies den ihm gebotenen Stuhl zurück und ſein Auge glitt ſuchend über die Menge, wobei er die Lorg⸗ nette unausgeſetzt benutzte. Dem Leſer wird ſich ſchon verrathen haben, wer dieſer Fremde iſt, wir wollen ihn daher bei ſeinem Namen nen⸗ nen. Herr von Gasmund hatte, auf die Nachricht von dem Verſchwinden ſeiner Tochter, ſich nach Europa übergeſchifft, und in London jene vergeblichen Verſuche, ihrer habhaft zu werden, unternommen.— Von dort ihrer Spur nach Schottland folgend, war ſie auch hier wieder ſeinem Auge entſchwunden und mit großer Mühe brachte er darauf noch in Erfahrung, daß Paris des Paares nächſtes Ziel ge⸗ worden ſei. Aber wie in Paris Jemand auffinden?— Wie in dieſem Menſchermeere, in dieſem wogenden Hin und Her von Fremden aus allen Zonen, die Spur der Einen, die allein ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte, entdecken? Schon hatte er die ganze Woche ohne die leiſeſte Annäherung auf Erfolg dieſem Bemühen gewidmet, als ihn 5 87 ſein Banquier auf die Kirche hinwies. Freilich, wer hätte wohl Paris betreten, und nicht am Sonntage die Madeleine beſuchen wollen? Er ſchauete alſo und ſchauete. Neben ihm ſtand ein blonder junger Mann, auf den Stuhl einer ſchönen jungen Frau geſtützt, deren Geſicht ihm der Hut verbarg. Thorilde! wurde dieſe flüſternd von ihm angeredet. Bei Nennung des Namens fuhr Herr von Gasmund zuſammen, und be⸗ mühte ſich die Dame näher in das Auge zu faſſen. Allein ihr Begleiter ſchien von ſolcher Aufmerkſamkeit kein Freund zu ſein; er ſah ihn fragend an, und wandte ſich darauf ſo gegen ihn, daß ſeine Geſtalt die Sitzende deckte. Gleich darauf wurden ſeine Blicke nach einer andern Seite hin gelenkt. Durch den Mittelgang drängte ſich mühſam ein Herr, deſſen Begleiterin, obwol er ihrer nur halb anſichtig ward, ihn an die Geſuchte erinnerte. Er verließ ſeinen Platz, um ihr näher zu kommen; allein wie er ſich auch wandte, ſo vermochte er nicht ſie zu erreichen; nur einmal noch gelang es ihm, einen vollen Blick auf ſie zu richten; dann war ſie ſeinem Auge, als ob die Erde ſie verſchlungen, entſchwunden. Kein Zweifel blieb ihm, daß ſie es war; ob⸗ gleich ſie ihm heute um vieles älter vorkam. In dem Aus⸗ drucke ihres Geſichtes hatte ſich etwas verändert.— Vor⸗ mals lag etwas Plaſtiſches darin,— etwas an die Ruhe der Antike Erinnerndes; jetzt glich ſie mehr einem irdi⸗ ſchen, lebenden Weibe. 88 Er wartete noch lange draußen am Eingange auf ſie; allein unter Allen, die hierhin, dorthin fuhren, war keine, die ihr nur entfernt geglichen hätte. Dagegen ſah er den jungen blonden Herrn mit ſeiner Gefährtin den Weg nach den Champs Elyſees einſchlagen. Was nun? flagte er ſich, und ging, um in einem Cafe ſein zweites Frühſtück einzunehmen.— Bekannt⸗ ſchaften macht man in Paris ſchwer, bei den Reſtaurants ſpricht Niemand den Fremden an, ſo daß dieſer auf ſeine eigene Geſellſchaft und ein Zeitungsblatt angewieſen iſt. Herr von Gasmund ließ ſich die Tagesblätter reichen, und las, indem er ſpeiſte. Zufällig fiel ſein Auge auf einen Paragraphen muſikaliſcher Rachrichten, worin die Ankunft Wagner's, des Componiſten von Rienzi und dem Tann⸗ häuſer, angeführt war. Wie ein Blitz fiel die Nachricht in ſeine Seele. Leo⸗ pold würde ohne Zweifel dieſen aufſuchen und ihm ſeine Wohnung nennen. Auf dieſem Wege konnte er den Auf⸗ enthalt ſeiner Tochter erfahren. Aber wie war Wagner zu finden? Er ſann und ſann. Heute, am Sonntage, hatten die Muſikalienhändler ge⸗ ſchloſſen, morgen fand ſich durch dieſe vielleicht ein Aus⸗ weg. Oder ſollte er zu Madame Viardot⸗Garcia fah⸗ ren?— bei Wilhelmine Claus nach dem Künſtler fra⸗ gen?— Genug aber, jetzt ſtand er dem Ziele nahe, und die ——— ——— 89 kleinen Mühen, es zu erreichen, kamen ihm, nachdem er die größeren erfolglos überſtanden, wie nicht beachtenswerth vor.— Erheitert zahlte er ſeine Rechnung, und brach auf, um auf der Poſt nach ſeinen Briefen zu fragen, und dann im Bois de Boulogne zu ſpeiſen.— Er fand ein Schrei⸗ pen des Staatsanwalts Möſer ſeiner harrend, welches die Anzeige der Vermählung ſeiner NRichte enthielt. Frau von Gasmund, bemerkte dieſer, ſei über einige Aeußerungen in ſeinem ihr mitgetheilten Briefe beleidigt und ſchreibe ihm daher nicht eigenhändig. Auch ſei ſie krank und in ärztlicher Behandlung für jetzt in Baden⸗Baden. Wolle er ſeine Richte aufſuchen, ſo finde er ſie„Rue du Colyſee Nr. 9“ doch warne man ihn den Namen des Künſtlers en question dort zu nennen, noch von ſeiner Tochter zu reden, weil die Gemüthsbewegung der jungen Frau bei der Gelegenheit ihren Antheil an den Betheiligten verrathen könne.— Herr von Gasmund hielt es nun für beſſer, ſie nicht aufzuſuchen, weil, bei dem Schweigen über das, was ihm zunächſt am Herzen lag, ihr Begegnen kein wohlthuendes ſein konnte. Er winkte alſo einem offenen Fiaere und fuhr die Champs Elyſées hinauf der Avenue de[Impera⸗ trice zu. Wagen drängte ſich hier an Wagen in zwei und dreifacher Reihe; die geſchmückten Schönen feſſelten ſein Auge weniger, als die einzelnen glänzenden Equipagen. Plötzlich hörte er aus einem vorüberrollenden Fiacre ſeinen Ramen rufen, und zurückſchauend bemerkte er einen auf⸗ — 90 recht in ſeiner Droſchke ſtehenden, ihm eifrig zuwinkenden Herrn. Er hieß ſeinen Kutſcher halten, und erwartete nun den ihm fremd ſcheinenden Mann, welcher umlenkend, dicht an ſeine Seite fuhr. „Gleich habe ich Sie erkannt!“ rief dieſer ihm zu, „und Sie dagegen ſehen mich immer noch fragend an; wie wenig müſſen Sie ſich alſo, wie ſehr ich mich verändert haben! Fällt Ihnen denn mein Name gar nicht bei?— Der Geheimrath Ledebuhr?“ „Ja freilich!“ erwiederte Herr von Gasmund, als löſe ſich plötzlich die Binde vor ſeinen Augen.„Wie war es möglich Sie nicht gleich zu erkennen?— Nur der Umſtand, daß ich wohl eher des Himmels Einſturz, als Sie in Paris vermuthet hätte, kann ſchuld daran ſein, daß ich nicht gleich auf den erſten Blick ihren Namen auf der Lippe hatte.“ Er ſtieg aus und ſetzte ſich zu dem alten Bekannten. „Ich bedurfte einer Ferienreiſe,“ begann dieſer; „ſtatt in ein Bad zu gehen, wählte ich diesmal Paris und zwar aus zwei Gründen. Erſtlich wollte ich Ihre Nichte, die junge Baronin Rheinfeld, hier beſuchen, und zweitens auf dem Wege einen Abſtecher nach Baden⸗ Baden, um Ihre arme Schwägerin zu ſehen, machen.“ „Mich wundert, daß Möſer kein Wort davon fallen ließ,“ warf Herr von Gasmund ein. 91 „Es war ein ſehr raſcher Entſchluß von meiner Seite, der ihm wahrſcheinlich, bei Abgang ſeines Brie⸗ fes, noch unbekannt geblieben.— Auch bin ich erſt ge⸗ ſtern Abend hier eingetroffen.“ „Sahen Sie meine Nichte ſchon?“ „Noch nicht. Sie war, als ich ſie aufſuchte, in der Kirche; man meinte, ſie würde von dort in das Bois du Boulogne fahren, darum folgte ich ihr hierher. Finde ich ſie nicht, ſo überraſche ich ſie zu Tiſche.“ Herr von Gasmund theilte ihm ſeine Vermuthung, daß er ſie in der Madeleine getroffen, mit und erwähnte, daß ihre Schweſter ſich dort gleichfalls befunden habe. „Verhüte Gott nur, daß Beide ſich begegnen fiel der Geheimrath ſogleich ein.„Die arme Thorilde würde dadurch in eine entſetzliche Verlegenheit gerathen. Sie könnte ihre Stellung in der ſtolzen Familie damit auf einen Wurf verderben, während die Andere nichts da⸗ durch gewinnen würde. Ich habe meinerſeits auch ein ernſtes Wort mit dem Herrn Leopold zu reden und hoffe ihm den Aufenthalt hier etwas zu verleiden.“ „Nur nicht, bevor er mir meine Tochter herausge⸗ geben hat,“ nahm der Andere heftig das Wort. „Es fragt ſich erſt noch, ob ſie ſich aufgeben laſſen will.“ „Sie wird es müſſen!“ fiel Herr von Gasmund zornig ein.„Sie iſt nicht mündig, hatte kein Recht 92 ſich zu verfügen. Ein erbärmlicher Menſch, der dies bloße Kind ihm zu folgen verleiten konnte!“ Die Unterhaltung ging nun auf die letzten Ereig⸗ niſſe in der Familie über; die Herren hatten ſich auch manche perſönlichen Erlebniſſe mitzutheilen, die Zeit ver⸗ flog, und der Geheimrath, nach ſeiner Uhr ſehend, be⸗ merkte, daß ſie ſich trennen müßten.— Wo ſind Sie ein⸗ gekehrt?“ fragte er Herrn von Gasmund.„Vielleicht können wir noch ein Abendſtündchen mit einander ver⸗ leben?“ Dieſer war im„Hotel du Louvre“ abgeſtiegen, während Jener das„Des deux Mondes“ gewählt.“ „Wenn ich ein Zimmer neben Ihnen bekommen könnte, würde ich überſiedeln,“ bemerkte der Geheim⸗ rath. „Sehen Sie ſich darnach um und morgen reden wir darüber.“ So ſchieden ſie an der Ecke der nach Tho⸗ rilden's Wohnung führenden Straße. Mit eigenthümlicher Empfindung ſchellte der Arzt an der Thüre ihres Logis und nannte dem Diener ſei⸗ nen Namen. Das freudige Ah! des Erſtaunens, womit die junge Frau dieſe Botſchaft entgegennahm, tönte bis auf den Flur hinaus, und das Willkommen brachte ſie, ihm entgegen eilend, in liebenswürdigſter Weiſe ſelbſt. Noch ein Couvert!“ rief ſie dem Diener zu und ergriff wieder und wieder, um ihm ihre Befriedigung auszu⸗ 93 drücken, ſeine Hand. Ihr Gatte war nicht im Zimmer. Als er eintrat und den Gaſt vorfand, begrüßte er ihn nur kühl. Man ſetzte ſich gleich darauf zu Tiſch. Tho⸗ rilde hatte ſo vieles nach Freunden, Bekannten, vorzüglich nach ihrer Mutter zu fragen, daß ſie darüber alle Spei⸗ ſen ſtehen ließ. Die Mittheilungen über das Befinden der letzteren waren wenig beruhigend und die ernſte Be⸗ ſorgniß des Arztes blickte, trotz ſeiner troſtreichen Worte, hindurch. Auch bereitete er ſie vor, daß ſie vielleicht in nächſter Zeit an ihr Krankenlager berufen werden könne, eine Möglichkeit, vor der Ludolf ſeine Stirne in Falten oa.— Als man dieſem das Wort geſtattete, pries er den Aufenthalt in Paris, als unbeſchreiblich reizend. Sein Vater hatte ihm früher nie erlaubt es zu be⸗ ſuchen, und er nicht ſehr darum gebeten, weil es ein nahes Zuſammenleben mit ſeiner Mutter brachte; jetzt, wo er ohne dieſe hier ſein durfte, fand er den Wechſel der Vergnügungen ſo einladend, daß er es nie zu verlaſſen wünſchte. Thorilde blickte bei ſolchen Aeußerungen mitunter ernſt vor ſich nieder. „Man giebt hier viel Geld aus,“ bemerkte ſie.„Un⸗ ſere Caſſe würde nicht ausreichen, wenn wir lange blieben.“ „Wir dringen auf Zulage?“ verſetzte lachend Ludolf. 94 „Mein Papa wird, wenm es ſein muß, ſchon herausrücken. Du kennſt ja, wie gut ich ihn zu nehmen weiß.“ „Oder zu quälen!“ fiel ſie ſcherzend ein. Der Geheimrath bemerkte auf ihrer glatten Stirne eine Falte der Sorge, welche ihm nicht gefiel. Man nahm im Salon den Kaffee ein. Ludolf benutzte die Gelegenheit, ſeiner jungen Gattin etwas in das Ohr zu raunen, wor⸗ über ſie blutroth ward; ſchnell jedoch ihre Faſſung wie⸗ der gewinnend, ſagte ſie darauf:„Nicht wahr, lieber Ge⸗ heimrath? Sie begleiten uns auf einer Fahrt nach dem Chateau des Fleurs? Sie müſſen doch auch die Sehens⸗ würdigkeiten von Paris in Augenſchein nehmen?“— Und während Ludolf in dem anſtoßendem Zimmer etwas zu ſuchen ging, flüſterte ſie:„Glauben Sie ja nicht, daß ich nicht tauſendmal lieber mit Ihnen allein wäre und mich Ihrer lieben Gegenwart ungeſtört erfreute; aber Ludolf kann ſich dergleichen, wenn es ihm einmal im Kopfe ſteckt, nicht verſagen, und ihn allein an einen Ort gehen zu laſ⸗ ſen, wo ſich ihm ſo viele Verführungen bieten, das darf ich nicht wagen.“ So war ſie alſo ſchon ſein beſſeres Ich, ſein mo⸗ raliſcher Spiegel geworden; ſo hatte ſie nicht nur die Sorge für ihr eigenes ſittliches Streben auf dem Ge⸗ wiſſen, ſondern auch die für der wählten Gefährten. Thorilde war weiß mit Cernebeſatz gekleidet und trug einen Gazehut von gleicher Farbe, der ihr reizend ſtand; 95 allein dies war keine Straßentvilette, noch paßte ſie für den zu beſuchenden Ort, wo die einfachſte dunkele Klei⸗ dung, als Beweis, daß man nicht gekommenMänneraugen auf ſich zu ziehen, erforderlich iſt. Sie erregte daher weit ueht Aufmerkſamkeit, als ihrem Zartgefühle an einem ſolchen Orte lieb ſein konnte, und der Geheimrath bemerkte mit väterlich warnendem Tone, ob der Garten für eine ſo junge Frau auch wohl ganz paſſend ſei? Hierauf run⸗ zelte Ludolf ſogleich die Stirne und erwiederte: unter ſei⸗ nem Schutze könne ſie überall ſein, und jede ie Prü⸗ derie würde, da er nicht gſtmen einem ſolchem Bedenken ſein Vergnügen zu opfern, ihnen das Leben nur verbittern. Man trat in einen der Kioske um Erfrij chungen zu nehmen. Ludolf gewahrte den jungen Grafen H.... aus Schleſien, winkte ihn zu ſich und ließ Champagner geben. Dann bat er den Geheimrath einige Minuten das Hüteramt bei ſeiner jungen Frau zu übernehmen, und ſchlenderte mit dieſem fort.— „Iſt das nicht derſelbe Graf H...., welcher hier ſo ungeheuere Summen verſchwendet und ein prächtiges Haus gebaut hat?“ fragte der Arzt. Thorilde nickte. „Glücklicher Wei, er reich genug, um zu können,“ fügte ſie hutzu.„Nur iſt er Beiſpiel für ſolche, welche es nicht ſind.“ 96 „Paris iſt kein Ort für den, welcher Verführun⸗ gen nicht widerſtehen kann,“ warf der Geheimrath hin. „Leider! Mein Schwiegervater hat meinen Einfluß auf ſeinen Sohn zu hoch angeſchlagen. Daß wir hier freie Wohnung haben, hätte kein Grund uns herzuſenden jein ſollen. Doch davon ein anderes Mal! Sagen Sie mir, habe ich denn recht geſehen, war es Ellena's reiches rothblondes Haar, das ich heute morgen unter dem klei⸗ nen ſchwarzen Strohhute in der Madeleine erblickte? Mein Gott! Ich hätte, als ich es ſah, Ellena rufen mögen; und doch war ich, da ich ſonſt weiter nichts von ihr erblicken konnte, ungewiß, ob ich recht geſehen, und wagte ihren Namen nicht auszuſprechen, ihr nicht nachzueilen, ſie nicht zu ſuchen! Aber nicht aus dem Sinne gekommen iſt ſie mir ſeitdem!“ „Sie war es,“ erwiederte der Geheimrath beſtä⸗ tigend und ſah ſich um, ob auch die beiden Herren ſchon wiederkehrten,„und ich warne Sie, wenn ſie wieder in Ihre Nähe kommen ſollte, ſich zu verrathen. Sie dürfen ſie unter keiner Bedingung in ihrem jetzigen Verhältniße als Schweſter begrüßen, denn dadurch gerade würde ihre Lage nt werden, während wir Alles anzuwenden wünſchen, er Welt und der Familie Ihres Gatten zu ver⸗ nd ſie zu Ehre und Pflicht und dem Vater 7 ——„——, —„ ℳ uß ier en ie es ei⸗ n; ken ren icht ſie tä⸗ hon hre ſie als age en, er⸗ ter 97 „Was wird ſie aber von mir denken, wenn ich ſchein⸗ bar kalt an ihr vorübergehe?“ fragte Thorilde kummervoll. „Sie wird das Fim bald genug erfahren; laſ⸗ ſen Sie ſich das alſo nicht quälen.“ „Sollte ihr Begleiter mich aber anreden?“ „So wenden Sie ihm ſtolz den Rücken.“ „Mein Gott! Wenn doch die Erde zu meinen Füßen ſich öffnen und in einem ſo ſchweren Momente mich ver⸗ ſchlingen wollte!“ rief ſie entſetzt.„Lieber Geheimrath! Ich habe ſchon vieles gelernt, aber ich fürchte, noch Schwe⸗ reres ſteht mir bevor. Wie unglücklich ſind doch Mädchen, welche liebender Eltern entbehren! Wir verödet es das Herz, und giebt ſie, Pappelnreiſern gleich, dem Hauche aller böſen Winde preis.“ Die i Brauen zogen ſich unter den traurigen Worten dicht zuſammen und ließen die Falte doppelt tief erſcheinen. Mit gchtzehn Jahren ſchon die gefurchte Stirn, dachte der Arzt. Lachend kam Ludolf jetzt mit dem Grafen zurück. „Wir wollen zuſammen ſoupiren,“ ſagte er.„Für Dich paßt die Geſellſchaft nicht, ich will Dich alſo erſt nach Hauſe bringen.“ Thorilde erblaßte. Sie legte, aufſtehend, ihren Arm in den des Geheimraths, der ihr Zittern fühlte, und bemerkte, gegen den Grafen ſich wendend:„Ich ſollte Ihnen böſe ſein, daß Sie Ludolf mir abwendig 4 Amely Boelte: Die Mantelkinder. I. 98 „Nur dies eine Mal!“ fagte jener bittend.„Es ſoll auch gewiß nicht wieder geſchehen.“ „Die Hand darauf,“ erwiederte ſie, ihm die zierliche mit dem eng ſich anſchmiegenden, feinen Handſchuhe be⸗ kleidete Rechte zum Vertrage entgegen haltend. Er mußte die ſeinige beſtätigend hineinlegen.„Ein Mann ein Wort!“ fuhr ſie ſcherzend fort, und ſah mit liebreizendem Lächeln zu ihm empor.“ „Wie ſchön Sie ſind!“ rief der junge Graf, als gewahre er es erſt jetzt, mit dem Tone der Ueber⸗ raſchung.“ „Das wollte ich nicht von Ihnen hören,“ ſagte ſie coquett,„wohl aber, ob Sie morgen mit uns ſpei⸗ ſen können?“ „Morgen, übermorgen, alle Tage, ſo oft Sie mich des Glückes mich in Ihren Augen zu ſonnen, für wür⸗ dig halten.“ Er wollte ihre Hand an ſeine Lippen zie⸗ hen.„Nichts da!“ rief Ludolf, halb ſchmollend, halb wie im Scherze, und entzog ſie ihm.„Vergeſſen Sie nicht, daß dies meine Frau iſt.“ „Können Sie mir es verdenken, wenn ich die That⸗ ſache zu ignoriren wünſche?“ So werde ich Ihrem Gedächtniſſe zu Hülfe zu kom⸗ men wiſſen.“ „Allzu gütig!“ ie t, ⸗ 99 Sie hatten den Ausgang des Gartens erreicht. Lu⸗ dolf ließ hier den Arm ſeiner Gattin fahren, um den Wagen herbeizurufen; plötzlich aber wandte er ſich, wie unſchlüſſig, wieder zurück, und ſagte:„Helfen Sie mir den Kutſcher ſuchen, lieber Graf!“ Dieſer nahm ſeinen Arm hierauf und folgte ihm. Thorilde ergriff den des Geheimraths.„Mißverſtehen Sie mein Betragen nicht,“ ſagte ſie zutraulich.„Die Bekanntſchaft des Grafen iſt ein großes Unglück für Ludolf. Ich habe Jenen bis jetzt mit großer Nichtachtung behandelt; aber ich ſehe ein, daß ich dabei verliere. Hätte ich es nicht gethan, würde der Graf Ludolf nicht an dieſer nächtlichen Orgie Theil zu nehmen beredet haben. I n y a que le premier pas, qui coute. Es iſt nun geſchehen, ändern läßt es ſich nicht, meine Bitten würden nichts fruchten, ja ihn nur reizen, weil ſie ihn den Neckereien der Anderen ausſetzten, ihm den Namen eines Pantoffelhelden zuzögen.— Aber für die Zukunft will ich es mir zur Lehre dienen laſſen. Wie ſehr zuwider mir auch die Freunde meines Gatten ſein mögen, ſo muß ich ſie mir gewinnen, coüte qui coüte.“ „Wird daraus nicht ein anderer Uebelſtand erwachſen, iſt der junge Baron nicht eiferſüchtig?“ fragte der Ge⸗ heimrath bedächtig. „Mag er es ſein, um ſo ängſtlicher wird er mich 72 100 hüten, um ſo weniger mir von der Seite gehen!“ ſagte ſie aufgeregt. Die jungen Männer kehrten ſo eben zurück.„Sol⸗ len wir mitfahren?“ fragte Ludolf.„Meine Frau iſt ja in guter Obhut ohne uns?“ „Wie Du redeſt, Ludolf! Als ob der Graf nicht viel zu galant wäre, um hier von mir zu ſcheiden! Du ſetzeſt ihn mit Deiner Zumuthung ja nur in Ver⸗ legenheit,“ antwortete Thorilde für dieſen. „Verſteht ſich!“ nahm dieſer nun das Wort, und bot der ſchönen Frau die Hand zum Einſteigen. Der Baron ſah ihn mißbilligend an. „Nehmen Sie den Platz mir gegenüber ein, lieber Graf!“ fuhr Thorilde fort.„Ich habe Ihnen etwas in das Ohr zu flüſtern. Sie ſollen mir einen Wunſch erfüllen, den ich meinem abtrünnigen Ehegemahle nicht vorzutragen wage. Wäre es nicht möglich, daß wir auf dem Wege durch die Champs Elyſees, dort anhielten, und ein Café chantant in Augenſchein nähmen?“ ſetzte ſie, leiſer ſprechend, mit vertraulichem Tone hinzu.„Ich habe ſo viel von dieſen Vergnügungsorten gehört, daß ich vor Verlangen ſterbe Zeuge dieſer Luſtbarkeit zu ſein. Ich bitte nur um ein kurzes Viertelſtündchen, zehn Minuten, fünf Minuten, wenn Sie wollen. Können Sie mir das Opfer bringen, eine ſo lange Zeit von Ihrem 1. 161 Souper abzuziehen, wenn es gilt mir eine Freude zu machen?“ „Spotten Sie nicht, ſchöne Frau! Welches Ver⸗ gnügen kann es noch für mich geben, ſo lange ich in dieſe ſchönen Augen ſchauen darf?“ Ludolf und der Geheimrath waren indeſſen einge⸗ ſtiegen, und Erſterer rief dem Kutſcher die Weiſung nach Hauſe zu fahren, zu.„Einen Augenblick, lieber Baron!“ unterbrach ihn der Graf.„Die Baronin kennt noch kein Café chantant. Gönnen Sie mir das Vergnügen ein ſolches ihr zeigen zu dürfen!“ „Aber unſer Souper! Sie ſagten ja vorhin zu mir, daß wir eilen müßten,“ rief Ludolf ſtirnerunzelnd. „Es kommt ja nur darauf an, daß wir uns amü⸗ ſiren! Geſchieht es hier, ſo mag man uns dort ent⸗ behren; geſtatten Sie alſo, daß ich dem Kutſcher be⸗ fehle, dem Elyſée Bourbon gegenüber anzuhalten!“ Es ließ ſich dagegen nichts einwenden.„Wie lie⸗ benswürdig von Ihnen!“ flüſterte Thorilde, und gegen den Geheimrath ſich wendend, ſagte ſie:„Einmal unterwegs genießen Sie dies Stückchen Pariſer Nachtleben noch mit uns, nicht wahr, verehrter Freund?“ Dieſer nickte freundlich bejahend. Ihm ahnte nach dem, was ſie vorhin geäußert, daß ſie Zeit zu gewinnen wünſche, und vielleicht auf dieſe Weiſe Ludolf dennoch heimzuführen hoffe. Man ſtieg aus. 102 „Erlauben Sie mir, Ihrer Frau Gemahlin den Arm zu bieten,“ bat der Graf.„Ich weiß hier Beſcheid, und werde daher, damit wir den rechten Platz gewinnen, vor⸗ auf gehen. Ludolf und der Geheimrath folgten. Trotz der ſpäten Stunde fanden ſie ein dichtes Ge⸗ wühl von Menſchen. Theils waren es Fremde, theils Leute aus dem Volke, welche auf eine hochgeſtellte offene Bude hinſchaueten, von welcher her Muſik zu ihnen her⸗ über klang. Bald waren es Herren, bald Damen, welche in den Vorgrund tretend, ſangen. Die glänzende Er⸗ leuchtung und eine gewählte Balltvilette ließen die letz⸗ teren, in dieſer Entfernung, dem Schatten einer lauen Sommernacht gegenüber, wie Feengeſtalten erſcheinen, und da es meiftens ſchöne Frauen waren, ſo mochte man mit Recht zweifeln, ob ihre Stimme oder ihre Perſön⸗ lichkeit die Bravos hervorriefen. Es war ſo eben eine Paufe eingetreten.—„Wollen wir hineingehen?“ fragte der Graf;„oder hier außer⸗ halb unſere Stehplätze umſonſt einnehmen?“ „Wie, ſchickt ſich dieſe Sparſamkeit für deutſche Reichsunmittelbare?“ fragte Thorilde mit lachendem Spotte, in der Abſicht, durch dieſen Schritt vorwärts das verhaßte Souper weiter noch hinaus zu ſchieben. Sie traten alſo in den abgeſteckten Kreis, wo man auf einen Sitz Anſpruch machen konnte, und ſuchten ei⸗ 103 nen leidlichen Platz unter den noch unbeſetzten Stühlen zu gewinnen. Die Beleuchtung, in der ſie ſich ſelbſt hier befanden, war nur ſchwach, weil abſichtlich das grellſte Licht in das Innere der Bude fiel. Indem Thorilde ihr Auge auf die mitſchauenden Gäſte in ihrer nächſten Nähe richtete, kam es ihr vor, als bemerke ſie unter dieſen den bei ihrer Hochzeit zugegen geweſenen Vetter von Rheinfeld. War er es, ſo ſaß er in der zweiten Reihe hinter ihr. Sie konnte, ohne große Abſichtlichkeit, den Kopf nicht völlig zu ihm herumwenden; flüſterte aber Ludolf zu, ob nicht er ihn auch bemerkt? Dieſer ver⸗ neinte es verſtimmt. Er hatte die Hände in die Taſchen ſeines Paletot geſteckt, und ſtand neben dem Stuhle des Grafen, dem er von Zeit zu Zeit einen argwöhniſch be⸗ obachtenden Blick zuwarf. Der Geheimrath ſaß, als ruhi⸗ higer Beobachter der ganzen Seene, neben Thorilden.— Jetzt hatte die Pauſe ihr Ende erreicht, ein Trio von Männerſtimmen eröffnete den neuen Abſchnitt und die⸗ ſem folgte das Solo einer Dame, deren Geſicht Anfangs das vorgehaltene Notenblatt verbarg. Voll und rund kamen die Töne aus der Bruſt hervor, und mit ſo wunderbarem, metallreichen Klange, daß die Hörer, um zu lauſchen, den Athem anhielten. Jetzt ließ die Sängerin ihre Arme ſinken und holte noch tiefer aus. „Welch ein göttliches Geſchöpf!“ rief Graf H. ſei⸗ ner Nachbarin zu und die Menge erhob die Hände zu lau⸗ 104 tem Klatſchen. Die Sängerin verſtummte vor dieſem Ge⸗ räuſche; allein ſie verneigte ſich nicht. Als wieder Stille eintrat, fuhr ſie mit dem eben verlaſſenen Tone zu ſingen fort, und ſchien gegen das geſpendete Lob gleichgültig. „Ich möchte nur wiſſen, warum eine ſo ſchöne Per⸗ ſon, mit einer ſolchen Stimme, hier auftritt?“ begann der Graf aufs Neue; allein ſeine Nachbarin, ganz verloren in den Geſang, wie es ſchien, antwortete keine Silbe.„Lie⸗ ber Baron!“ flüſterte er dieſem zu,„bitte, nehmen Sie eine Minute lang meinen Platz neben Ihrer Frau Gemah⸗ lin ein, während ich in dem Café mich nach dem Namen und den ſonſtigen Verhältniſſen dieſer Perſon erkundige. Es iſt wahrhaftig ſündlich, ſie in dieſer Lage zu laſſen! Wir müſſen ihr Beſchützer finden.“ „Aber was wird dabei uns unſerm Souper?“ fragte Ludolf zurück. „Ach was, Souper! Können Sie dieſem göttlichen Geſchöpfe gegenüber noch einen Gedanken an irgend etwas in der Welt haben, als ſie zu beſitzen? Thun Sie doch nicht, als ob Sie von Stein wären, Liebſter. Man müßte ja kaltes Fiſchblut in den Adern haben, wenn es nicht ſol⸗ cher Schönheit gegenüber wallte?— Ich bin bald wieder zurück. Vielleicht willigt ſie ſogar ein mit uns zu gehen? Ein himmliſches Geſchöpf!“ Ludolf nahm neben Thorilden Platz, ohne daß dieſe es zu bemerken ſchien.„Faſſung!“ flüſterte ihr der Ge⸗ 105 heimrath zu, und griff nach ihrer Hand, die er väterlich in der ſeinigen hielt und leiſe drückte. Wie eine Bildſäule ſaß ſie da, auf ihrer Stirne perlten große Tropfen, ſie athmete kaum noch. Ihr Auge ſtarrte nach der von dem Grafen eingeſchlagenen Richtung. Sie hatte ſeine Worte theilweiſe vernommen. Was würde man ihm berichten, mit welcher Nachricht er zurückkehren? fragte ſie ſich. Ihr Herz klopfte hörbar. Sie wußte nicht, ſollte ſie gehen, ſollte ſie bleiben. Hätte ſie den Fluß nahe gewußt, ſie würde verſucht haben ihn zu erreichen und in ſeinen Fluthen ihrem armen Leben ein Ende zu machen. Sie zuckte mitunter, als wolle ſie aufſpringen; allein die Hand des Geheimraths hielt ſie auf ihrem Sitze zurück.— Es mußte ausgehalten werden, welche Tortur es auch für ſie ſein mochte, erſpa⸗ ren konnte er ihr dieſe nicht. Sie kannte das vorgetragene Lied, jeder Ton desſelben war ihrem Gedächtniſſe gegen⸗ wärtig, und ſie fragte ſich: ob es auch Wahrheit ſei, daß ſie es hier, in dieſer Umgebung, aus demſelben Munde wieder vernähme. Sie blickte ſo ſtarr um ſich, als zweifle ſie an ſich und an Allem. Jetzt war der letzte Ton verklungen, mit einer leich⸗ ter Verneigung zog ſich die Sängerin zurück und das Publicum ließ rauſchenden Beifall ertönen. Ueblich war es, daß die ſo Gefeierte vortrat und dankte, und das Ru⸗ fen der Hörer hatte auch nur dieſen Zweck. Allein ſie kam nicht. Unwilliges Murren war die Folge. Als es 106 lauter und lauter ward, trat der Director vor und ent⸗ ſchuldigte das Nichterſcheinen der Cantatrice mit einem weiteren Engagement, das ihr keine Minute des längern Verweilens hier geſtattet habe. Thorilde that den erſten Athemzug wieder.— So war ſie fort, und der Graf konnte ſie nicht mehr ſehen, ſie nicht auffordern an ſeinem Souper Theil zu nehmen? Diesmal wenigſtens war ſie gerettet. Auch kehrte er jetzt zurück. „Nun?“ redete ihn Ludolf an. Er zuckte mit den Achſeln. „Sie hat einen alten Cerberus bei ſich, eine Art Barnum, wie ich vermuthe, der Niemand zu ihr läßt. In⸗ deſſen für Geld erhält man Alles. Ich weiß, wo ſie wohnt, und es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn ich dem Menſchen nicht ein E für ein U machte. Er kann nicht immer zu Hauſe ſein, und ich werde ſchon aufzu⸗ paſſen wiſſen.“ „Was Sie Alles vorhaben,“ ſagte Ludolf ſpottend. „Und nicht ich allein. Es war noch ein Herr da, welcher mir faſt den Spaß verdorben hätte; denn er wollte durchaus nicht, daß der Director mir die Adreſſe der Dame geben ſollte und nur indem ich dieſem einige Louisd'or in die Hand drückte, trug ich den Sieg davon.“ „Wirklich?“ fragte Ludolf leiſe.„Aber unſer Sou⸗ per?“ m n 50 n, n2 en rt n⸗ 107 „Zum Teufel mit dem Souper!“ Erwartete man mich nicht, um die Rechnung zu bezahlen, ſo brächte mich kein Gott jetzt hin; denn erſtens ſind die dunkeln Augen der Baronin weit ſchöner, als Alles, was mir dort leuch⸗ tet; und zweitens habe ich jetzt die blonde Schönheit im Kopfe. Verwünſcht wenn man ſich ſo gebunden hat!“ Der Geheimrath ſagte, als man einſteigen wollte, daß er ſich hier von der Geſellſchaft verabſchieden müſſe, weil er einem Freunde verſprochen, ihn noch im Hotel du Louvre aufzuſuchen. Er wollte Ludolf durch ſeine Entfernung Thorilde nach Hauſe zu begleiten zwingen.— Die telegraphiſche Depeſche. Das Wetter verleugnet nie ſeine Wirkung auf un⸗ ſer Gemüth. Erwachen wir mit traurigen Gedanken, ſo iſt eine lachende Sonne das beſte Mittel, um uns das Ge⸗ wicht unſerer Sorgen vergeſſen zu laſſen. Auch Thorilden ging es heute ſo. Die manchen Seufzer, welche ſie ſeit geſtern in ſich hinein ausgehaucht, verſtummten vor dem Anblicke des tiefblauen Himmels, der aus ſeiner wolken⸗ loſen Höhe die heiterſten Strahlen in ihr Schlafgemach ſandte. Es war ſchon über die gewöhnliche Stunde. Raſch kleidete ſie ſich daher an, und eilte in das gemeinſchaftliche Frühſtückszimmer, mit neuen Vorſätzen für das Gedeihen ihrer jungen Ehe. Ludolf trat ihr hier im Schlafrocke entgegen. Als er ihren gewählten Morgenanzug erblickte, — in⸗ e⸗ en eit em en⸗ ach che en cke 109 runzelte er die Stirne.„Wie? Du willſt ſchon ausgehen?“ fragte er verwundert.„Oder— erwarteſt Du etwa Be⸗ ſuch?“ ſetzte er, ſie mit argwöhniſchem Blicke meſſend, hinzu. „Weder das Eine noch das Andere, mein liebes Männ⸗ chen!“ erwiederte ſie lachend, und ſchenkte ihm mit heite⸗ rem Geſichte den Kaffee ein.„Ich habe mich einſtweilen ganz allein für Dich und zweitens auch noch, um Zeit zu ſparen, geſchmückt.“ Daß Du an einem ſo herrlichen Tage nicht lange im Hauſe feſt zu halten ſein würdeſt, wußte ich ſchon; nun möchte ich aber gern, bevor wir ausgehen, an Deine lieben Eltern, mit Dir gemeinſam, einen lan⸗ gen, ausführlichen Brief ſchreiben und dann auch noch einen eben ſo langen an meine arme, kranke Mutter; am beſten alſo, wir gehen gleich an's Werk! „Ich kann nicht ſagen, daß ich dazu Luſt verſpüre,“ erwiederte Ludolf gähnend und zündete behaglich eine feine Cigarre an.„Ich wüßte auch nicht, daß ich irgend etwas der Mittheilung Werthes erlebt hätte.“ „Sie wollen nur von Dir wiſſen, ob Du wohl und mit Deiner kleinen Frau zufrieden biſt; weiter nichts.“ „Das läßt ſich mit zwei Zeilen ſagen.“ „So mache Du den Anfang, und ich fahre dann fort.“ „Nein, mache Du den Anfang und ich will am Schluſſe, als Poſtſcriptum, mein Wohlergehen bezeugen.“ „Wie Du willſt.“ Sie ſetzte ſich ihm gegenüber und ſchrieb. Ludolf ſah 110 ihr eine Weile zu. Es unterhielt ihn, mit dem Auge der Bewegung ihrer feinen Finger zu folgen. Endlich hatte er ſich an dem Anblicke geſättigt, gähnte und ſagte:„Was werden wir heute vornehmen?“ „Ich denke, wir gehen vorerſt nach dem Hotel des Marſchalls Sebaſtiani, und beſehen die Zimmer, wo der Herzog von Praslin ſeine Frau ermordet hat,“ erwiederte Thorilde, immer weiter ſchreibend. „Und dann?“ fragte er. „Und dann fahren wir, um die Gemälde in Augen⸗ ſchein zu nehmen, nach dem Louvre.“ „Gut, aber das wird eine langweilige Geſchichte ſein. Was weiter?“ „Nun— vom Loupre vielleicht zu Fuß nach Hauſe?“ Ludolf bewegte verneinend ſein Haupt. „Oder eine Fahrt nach dem Bois de Boulogne?“ „Das wäre ſchon eher.“ „Und dann, weißt Du, ſpeiſ't der Graf mit uns.“ „Hm!“ erwiederte er gedehnt. „Was wir nach Tiſche machen werden, läßt ſich ja mit dieſem verabreden; er wird wohl von der Partie ſein. Vielleicht auch der gute Geheimrath. Was dieſer heute vorzunehmen gedenkt, habe ich noch gar nicht erfahren.“ „Wer weiß, ob der Graf auch kommt; er hat das ſchöne, roth⸗blonde Mädchen im Kopfe,“ bemerkte Ludolf, und ſchielte dabei zu Thorilden hinüber. Dieſe ſah nicht ——, —— der tte das des der rte in. 24 ja in. ute s Af, 111 auf; doch fühlte ſie alles Blut in ihren Wangen, während ſie erwiederte: Er hat es zugeſagt, und wird ſein Wort halten. Er weiß ja überdem noch nicht, ob die ſchöne Sängerin ihn auch empfangen will.“ „Du biſt ja ganz roth geworden?“ fragte Ludolf. „So?“ erwiederte ſie, und blickte, noch röther wer⸗ dend, zu ihm empor.„Es geht mir auch freilich durch das Herz, wenn ein Mann ſich in ſo leichtfertiger Weiſe für ein ſchönes Mädchen intereſſirt. Das iſt nicht recht von Deinem Geſchlechte, Ludolf.“ „Meinſt Du?— Am Ende hat es aber jede gern, wenn ſie ausgezeichnet wird und gönnt es nur der Anderen nicht,“ ſagte Ludolf hämiſch, und ſtand auf. Thorilde legte die Feder aus der Hand.„Das war ein häßliches Wort,“ ſagte ſie, ihr Haupt ſtolz aufrichtend. „Ich hoffe nur, daß Du den Sinn, welchen es trug, nicht haſt hineinlegen wollen.“ „Warum nicht?“ fragte er gedehnt. „Weil ich höher von Dir möchte gehalten ſein, weil ich es nie ertragen würde, mich einer gemeinen Geſinnung angeklagt zu ſehen! Wenn ich Jemand gefallen will, Lu⸗ dolf, ſo geſchieht es nur darum, Dir, weil auch Andere mich bewundern, mehr noch zu gefallen. Deiner Eitelkeit zu genügen, putze ich mich und bin liebenswürdig, wo ich es ſonſt vielleicht nicht wäre.“ ————— 112 „Wer das glaubte!“ murmelte er, verſtimmt auf und ab gehend. Dieſe kalten Worte verletzten ſie, ſein Zweifel ſchnitt tief in ihr ehrgeiziges Gemüth. Sie brach in Thränen aus. Es waren die erſten, welche Ludolf dieſen ſchönen Augen entquellen ſah; beſtürzt blickte er ſie an, ſeine üble Laune trat davor zurück, und vor ihr hinknieend, küßte er die Spitzen ihrer weißen Finger, trocknete mit ihrem Ba⸗ tiſttuche die feuchten Wangen, und bat ſie, nicht zu weinen. Seine Gutmüthigkeit, ſeine Zärtlichkeit, ſeine liebenden Worte beruhigten ſie. Vergebend neigte ſie ſich über ihn hin und hauchte einen Kuß auf ſeine Stirn.„Thue das nie wieder, Ludolf!“ bat ſie.„Du ſetzeſt das Glück unſe⸗ rer Zukunft damit auf das Spiel. Habe unbedingtes Ver⸗ trauen zu mir, und ich werde es ſtets zu verdienen wiſſen.“ „Ich will es ja auch! Ich will es ganz gewiß!“ ver⸗ ſicherte er.„Du mußt aber auch meine Worte nicht ſo ernſt nehmen!— Wenn Du gleich empfindlich biſt, ſo nimmſt Du mir den Muth, eine Bemerkung zu machen.— Was habe ich denn ſo Großes geſagt?“ Sie wußte jetzt kaum, ob ſie nicht Unrecht gehabt; denn allerdings war, was er geſagt, weniger verletzend, als wie er es geſagt; und hierin auch wieder konnte ihre Stim⸗ mung die Hauptſchuld tragen.— Wenn er ihr Erröthen mißverſtanden, konnte es ſie Wunder nehmen?— Sie hatte ihm die Wahrheit nicht bekannt; ihr Verhehlen lag 113 wie ein Schuldbewußtſein auf ihr, und ſchließlich ſich ſelbſt im Geheimen als die Urſache dieſer Scene anklagend, gab ſie gute Worte, und ver ſe ſin die Zukunft das Beſte. In neuer Eintracht ſaßen ſie beiſammen, als Graf H. angemeldet ward. N kichts konnte Thorilden in dieſer Mi⸗ nute unangenehmer ſein. Ihrer verweinten Augen halber dachte ſie, trotzdem ſie ihren Gatten ſo ungern dieſem allein überließ, zu entfliehen; allein bevor dieſer Gedanke noch zur That werden konnte, trat er, dem Diener auf dem Fuße folgend, ſchon in das Zimmer. „Ich will auf eine Abweiſung nicht warten,“ ſagte er lachend,„es iſt mir lieber, das„nicht zu aus Ihrem eigenen Munde zu vernehmen, ſchon darum, weil ich den Baron durchaus ſprechen muß.. „Doch nicht unter vier Augen?“ fragte Thorilde, ſich faſſend, mit ſchelmiſchem, dem Nein vorbeugen ſollen⸗ den Tone. „Wohin denken Sie, meine gnädige Frau? Heimlich⸗ keiten in den Flitterwochen, welche Thorheit! Als ob ich nicht wüßte, daß die erſte Sdtenetin ihm Jegliches entlocken würde?— Alles, warum ich bitte, iſt Ihre Nach⸗ ſicht, daß ich vor Ihnen einzugeſtehen wage, wie ſehr mich die ſchöne Sängerin von geſtern Abend intereſſirt.“ „Das bedarf, weil ich dieſe Empfindung in ihrem ganzen Umfange theile, keiner Nachſicht,“ ſagte de Amely Boelte; Die Mantelkinder. I. 114 mit einer ſo eiſigen Ruhe, daß ſie ſich ſelbſt nicht begriff, und ſtatt roth zu werden, erbleichte ſie bei den Worten. „Das iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen,“ fuhr der Graf fort.„Um ſo offener bekenne ich Ihnen nun, daß es mich die ganze Nacht nicht hat ſchlafen laſſen und ſchon in aller Frühe habe ich Kundſchafter, über das ſeltſame Paar Nachrichten einzuziehen, ausgeſandt. Welches Reſultat, meinen Sie wohl, daß mir durch dieſe geworden? Rathen Sie! Ich bitte Sie, rathen Sie!“ „Ich kann nicht,“ verſetzte Thorilde faſt tonlos und glitt auf einen Stuhl.„Ich bitte, daß Sie Platz nehmen. Warum wollen wir einen ſo intereſſanten Gegenſtand ſte⸗ hend verhandeln?“ „Nun denn,“ hob der Graf, ſich ihr gegenüberſetzend, mit triumphirender Miene an,„ſo hören Sie, was man mir hinterbracht hat. Das ſchöne Mädchen ſoll von guter Familie ſein, und nur aus Furcht, daß man ſie zu einer ihr verhaßten Heirath zwingen werde, iſt ſie dem elterlichen Hauſe eutflohen. Ihr Cerberus aber— wer denken Sie, daß er ſei?“ „Ich weiß es nicht,“ hauchte Thorilde, und ſtemmte ihre Füße, das ſichtbare Zittern ihrer Kniee zu verbergen, feſt auf die Erde. „Niemand anders, als der Prinz Karl.“ „Unmöglich!“ rief Thorilde. der Se mo wo „ riff, der es in aar tat, hen und len. ſte⸗ end, nan uter iner chen Sie, mte gen, 115 „Ich verſichere Sie, daß er es iſt!“ betheuerte der Graf. „Er liebt die Muſik, wie Sie wiſſen, und genießt ſie in dieſem Incognito.“ „Das iſt nicht wahr!“ fuhr Thorilde auf. „Bei Gott! Sie können es glauben. Und was mehr iſt, der Kaiſer Napoleon will ihm ſeinen Raub für 100.000 Franken abhandeln.“ „Laſſen Sie ſich das nicht einreden!“ ſagte ſie un⸗ willig. „Wie ſollte ich nicht, da ich dieſe Nachrichten direct von einem der Hausfreunde Wagners, der mit ſeinem hohen Gönner auf vertrautem Fuße ſteht, eingezogen habe?“ „Man hat ſich einen Spaß daraus gemacht, Sie hin⸗ ter das Licht zu führen. Trauen Sie dem Berichte nicht! Die Sache wird ganz anders ſein,“ rief Thorilde erregt. „Das wollen wir bald in Erfahrung bringen,“ rief der Graf lachend.„Mein Vorſatz iſt, dem Prinzen ſeine Schöne zu ſtehlen. Dazu gebrauche ich Ihren Herrn Ge⸗ mahl zum Gehülfen. Ich habe den ganzen Plan zu dieſer Entführung bereits im Kopfe und kann den Augenblick, wo ich ihn in Ausführung bringe, kaum erwarten.“ „Aber Sie ſind unrecht berichtet,“ fiel Thorilde ein. „Bevor Sie einen Schritt thun, verſichern Sie ſich doch erſt, ob jene Dame nicht in Begleitung eines Vaters, Bruders, 8* 116 Gatten reiſet! Bedenken Sie, welcher Tadel Sie träfe, wenn Sie ſie ſolchen Händen entführten oder nur entfüh⸗ ren wollten.“ Der Graf lachte laut über ihre Sorge. „Der Cerberus, von dem man mir geſprochen, wird wohl ein alter Kammerdiener des Prinzen ſein,“ ſagte er. „Uebrigens aber will ich ſogleich ſelbſt bei Wagner Erkun⸗ digungen einziehen. Beruhigen Sie ſich alſo. Ich frage, bevor ich einen Schritt thue, erſt perſönlich dort nach.“ „Wird man Ihnen die Wahrheit ſagen?— Hat Wagner nicht vielleicht Auftrag, Sie hinter das Licht zu führen?“ fragte ſie mit Ueberzeugung. „Wir überrumpeln ihn! Unvorbereitet verwickelt er ſich dann jedenfalls in Widerſprüche. Trauen Sie unſe⸗ rer Klugheit doch auch etwas zu, meine Gnädige. Nicht wahr, lieber Baron, Sie begleiten mich?— Ihre Frau Gemahlin hat es ja gütigſt geſtattet. Bitte alſo, daß Sie ſich ankleiden! Mein Wagen hält unten. Aber ſo ſchnell wie möglich! Ich verſpreche Ihnen den beſten Spaß. Es iſt ein Abenteuer, wie man es ſich nicht ſchöner wün⸗ ſchen kann.“ „Aber mein Mann iſt ganz fremd in Paris; nehmen Sie doch lieber Jemand, welcher hier Beſcheid weiß, mit ſich!“ rief Thorilde, der die Angſt, während ſie der Entſcheidung entgegenſah, faſt den Athem benahm. „Wirklich iſt Niemand, mir Beiſtand zu leiſten, ge⸗ „ räfe, füh⸗ wird e er. kun⸗ age, Hat t zu lt er nſe⸗ ſicht Frau Sie hnell Es vün⸗ men veiß, der ge 117 eigneter, wie der Baron,“ erwiederte der Graf aufſtehend und Thorildens Hand an ſeine Lippen führend.„Geſtatten Sie alſo, gnädige Frau, daß er mich auf einige Stunden begleite! Ohnehin habe ich das Glück, bei Ihnen zu ſpei⸗ ſen. Sie ſollen dann durch unſeren Bericht für das Opfer dieſer Trennung entſchädigt werden. Nicht wahr, Sie ſchlagen es mir nicht ab?“ „Wie könnte ich?“ verſetzte Thorilde, deren Faſſung die letzte Stufe erreicht hatte.„Wenn Ludolf mitzugehen wünſcht, ſo werde ich ihn keinesfalls abhalten.“ „So empfehlen wir uns für jetzt,“ ſagte der Graf und nahm den Anderen, um ihn in ſein Ankleidezimmer zu begleiten, unter den Arm. Als die Thüre ſich hinter Beiden geſchloſſen, ſank Thorilde in die Kiſſen des Sopha's zurück, und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Selbſt die Wohlthat eines Thränenſtromes verließ ſie in dieſer fürchterlichen Minute. Sie ſelbſt hatte ihre Einwilligung dazu gegeben, daß ihr Gatte einem Plane beitrat, welcher nimmermehr, wie es auch kommen mochte, zur Ehre ihrer Schweſter ausfallen konnte. In welcher fürchterlichen Lage befand ſie ſich! Sie durfte nicht reden, ſie konnte faſt nicht ſchweigen. Und was ſtand ihr bevor? Beim Mittagsmahle eine Erzählung, vor welcher ſich ihr Haar ſträubte und Pläne, welche ihr Herz ſtill ſtehen ließen. Sie raffte ſich empor. Wo war der Geheimrath? Ihn hatte der Himmel ihr geſendet, er war der Freund 118 in dieſer Noth, welcher Rath finden, Hülfe ſchaffen mußte. Aber wo blieb er?— Sollte ſie in ſein Hotel ſenden?— Die Mittagsſtunde hatte lange geſchlagen, konnte ſie er⸗ warten, einen Fremden, der Paris genießen wollte, um dieſe Zeit noch in ſeinem Zimmer zu finden?“ Sie ſchellte, ſchrieb ein Billet, worin ſie ſeine ſchleu⸗ nige Gegenwart forderte, und ſandte den Diener damit an ihn ab.— Paris iſt groß. Sie mußte lange auf eine Antwort warten. Endlich kam dieſe. Der Geheimrath hatte am Morgen ſeine Rechnung bezahlt und war weggefahren, man vermuthete alſo: abgereiſt. Unmöglich doch, ohne ſie zu ſehen, ohne ihr Lebewohl geſagt zu haben?— Er mußte denn plötzlich abgerufen, vielleicht gar an das Sterbelager ihrer Mutter gefordert ſein?— In ihrer jetzigen aufgeregten Stimmung ſchien das allein ihr glaublich.— Sie trat an das Fenſter. Lachte die helle Sonne ſie nun doch an, als höhnte ſie ihrer Sorge, ihrer Qual?„Was ſind Ahnungen?“ fragte ſie ſich.„Iſt mir heute, bei meinem Erwachen, wohl ein⸗ gefallen, wie trübe der Tag in ſeinem Verlaufe für mich werden könne?“ Es kam ein Gefühl des ſchmerzlichſten Verlaſ⸗ ſenſeins über ſie. Von den Ihrigen getrennt, konnte ſie dem jungen Gatten ihr Herz nicht erſchließen, ihn nicht zum Vertrauten ihres Kummers, ihrer Sorgen m zu ne b h ort am en, ohl en, ert ien er. ſie gte in⸗ ich aſ⸗ nte hn en 119 machen. Außerdem hatte ſie noch die große Aufgabe zu löſen, ſich ihm anzupaſſen, mit ihm umgehen, in ſei⸗ nem Charakter die Seite erſpähen zu lernen, wo ſie ihn faſſen könne, um ihn nachgiebig gegen ihre kleinen Wünſche zu ſtimmen. Wie ſchwer fiel ihr ſchon dies Bemühen, wie laſtete es auf ihr! Und nun daneben noch ſo viele andere brennende Qual! Jede junge Ehe beginnt für die Frau mit dem glei⸗ chen Studium, jede fühlt das Gewicht, durch die Ehe in dieſe Schule des Lebens getreten zu ſein, und erkennt, bei aller Liebe, die ſchwere Laſt der Verantwortung für das Glück eines Anderen an. Die harmloſe Zeit des Mädchenlebens kehrt nicht wieder; und der Werth dieſer Freiheit wird ſtets mur dann erſt geſchätzt, wenn die Frei⸗ heit aufgegeben iſt. Sie horchte. Fuhr nicht ein Wagen vor?— Nein, er rollte vorüber. Ach! Wer ihr in dieſer Stunde einen Freund geſandt hätte!— Sie faltete die feinen Hände undeſchlug das Auge zum Himmel auf in dem ſtillen Ge⸗ bete, daß ihr von dort Licht kommen möge! Nie hätte ſie gedacht, daß Ellena's Unbeſonnenheit ein ſolcher Fluch für ſie werden könne! Wie oft hatte ſie Frau von Gasmund unnützer Befürchtungen in ſich an⸗ geklagt, wenn dieſe, wie ſie meinte, Geſpenſter am hellen Tage ſahz nun waren dieſe Befürchtungen nur zu wahr geworden und ihr Vertrauen in die weltkluge Frau ſtieg. 120 mit ihrer Rathloſigkeit und der Erkenntniß von deren beſ⸗ ſerer Einſicht. Wie mich hier retten? fragte ſie ſich. Wie ſoll ich es anfangen, um nicht ſelbſt die Hand zur Entdeckung einer Schweſter zu bieten, die in ſolcher Weiſe wiederzu⸗ finden für uns Beide ein Unglück wäre. Der Nachmittag rückte vor, zitternd hörte ſie jede neue Stunde ſchlagen. Sie hätte ihr Herz erleichtern, was ſie litt, an ihre Mutter ſchreiben mögen; allein wenn Rudolf den Brief zu leſen verlangte?— Eine junge Frau darf ſich auch dieſen Troſt des offenen Ausſprechens gegen die Ihrigen nicht gewähren; denn aufgehört hat die Zeit, wo, was ſie dem Andern ſchrieb, ein Act des Vertrauens war, zu dem kein Driter ſich berechtigt gefühlt. Sie darf nicht mehr ſagen: ich bin froh, ich bin traurig; denn ſie iſt es nicht länger durch ſich ſelbſt, und ihre Stimmung fällt in die Waagſchale eines Anderen, der darüber Rechenſchaft fordern kann. Sie iſt mit tauſend Ketten gebunden, die man äußerlich nicht ſieht; es iſt nicht die Unfreiheit des Handelns, was ſie drückt; ſondern die des Denkens und Empfindens. Darum auch bricht ein Mädchen, ſo wie es vor dem Altare das Ja geſprochen, mit jeder Freundſchaft; nicht die Verlobte that dies, erſt die Frau findet den offenen Austauſch ihrer Gedanken und Empfindungen nicht mehr mit ihren Pflichten gegen den Gatten verträglich.— „ ſoll ng zu⸗ de as nn ge n8 at es t. re er nd ht ie in 2 en 121 Das Herz ſo voll und die Zunge gebunden!— Mit achtzehn Jahren, ohne Lebenserfahrung, in einer Lage, wo die größte Erfahrung kaum den richtigen Weg zu finden vermocht hätte. Da endlich wurde ein männlicher Schritt im Vor⸗ zimmer hörbar. Es war nicht der Ludolf's, dieſer trat ſo feſt nicht auf, es war, nein, ſie irrte nicht— es war der Geheimrath! Jetzt war ihre Freude ſo groß, wie bis dahin ihre Angſt, und jetzt fand ihr Auge die lange verhaltenen Thränen; ihm entgegenſtürzend warf ſie ſich ihm laut weinend an die Bruſt. Beſtürzt ſah der beſonnene Mann ſich um; allein der Diener hatte zum Glücke die Thüre ſchon hinter ſich geſchloſſen. Mit beruhigenden Worten führte er ſie nun in ihr eigenes Zimmer, und forderte ſie zur Mittheilung ihres Kummers auf; allein ſo verworren war es in ihrem Kopfe, daß erſt nach und nach eine geregelte Erzählung aller kleinen Umſtände erfolgen konnte. Auch er fühlte ſogleich das Peinliche ihrer Situation. Mit ruhigem Gleichmuthe dem Berichte, wie man ihrer Schweſter nachſtelle, zu lau⸗ ſchen, war von dieſem jungen Weibe nicht zu fordern; noch durfte ſie es anhören, daß man in einer ihr Ohr be⸗ leidigenden Weiſe von dieſer ſprach. „Sie müſſen heute noch abreiſen,“ ſagte der Ge⸗ heimrath.„Um jeden Preis hat man Sie dieſer Lage zu entreißen! Sie können hier nicht bleiben.“ 122 „Aber wie von Paris fortkommen, wo es Ludolf ſo ſehr gefällt?“ fragte ſie troſtlos. „Es giebt nur ein Mittel. Ich will es Ihnen nicht nennen; allein ich eile es in Anwendung zu bringen. Verlaſſen Sie ſich auf meine Hülfe!“ Er eilte, ohne Abſchied zu nehmen, aus dem Zim⸗ mer, und ſprang in ſeinen vor dem Hauſe haltenden Wagen. Sie öffnete raſch das Fenſter, und ſah ihm nach. Da hörte ſie, daß er dem Kutſcher zurief:„Nach dem Telegraphen⸗Bureau von Straßburg!“ Sie errieth nicht, welche Abſicht er damit verbinde. So ſehr ſie auch hin und her ſann und ſich in Ver⸗ muthungen erſchöpfte, konnte ſie doch bei keiner mit dem Bewußtſein, das Rechte getroffen zu haben, ſtehen blei⸗ ben. Allein ſeinem Verſprechen, ſie aus dieſer grau⸗ ſamen Lage zu erlöſen, vertrauend, hob ſie das Haupt wieder empor, und ſuchte die Spuren ihrer Thränen zu vertilgen. Sie zitterte nur noch vor der Wiederkehr Lu⸗ dolf's und des Grafen. Dieſen einſtweilen zu entgehen, rief ſie ihre Jungfer, und ging mit ihr, um Einkäufe zu machen, aus. Ein paar Stunden ſchwanden damit hin; allein zum Mittagsmahle, um ſechs Uhr, mußte ſie zu Hauſe ſein. Bangend trat ſie den Rückweg an. Die Herren warteten ihrer ſchon, meldete der Diener, als ſie ihre Schwelle überſchritt; auch der Geheimrath warte. Das verlieh ihr Muth. In ſeiner Gegenwart konnten ſie von ht n. ⸗ n m ch 123 dieſer Angelegenheit nicht wohl reden. Mit freundlichem Lächeln brachte ſie nun ihre Entſchuldigung wegen ihres langen Ausganges vor, die Ludolf mit gerunzelter Stirne, wie ein in ſeinem Vergnügen geſtörtes Kind, hinnahm. Du haſt am meiſten dabei verloren,“ ſagte er halb ſchmollend.„Wir ſind ſeit einer Stunde hier, um Dir, was wir erfahren haben, mitzutheilen, und nun“— mit einem Seitenblicke auf den Geheimrath—“ werden wir darüber ſchweigen müſſen.“— Thorilde ſuchte ihn freundlich zu begütigen. Der Gaſt, dem er ſein Unwillkommenſein deutlich genug machte, nahm keine Notiz davon. Sie ſah dieſen mit⸗ unter fragend, hoffend an. Dieſer blickte dann verſtohlen auf ſeine Uhr. Sie wünſchte das Mittagsmahl nach Möglichkeit zu verlängern, und um dem Grafen die Zeit kurz zu machen, war ſie von einer bezaubernden Liebenswürdigkeit, ſo daß dieſer nur noch an ihren Blicken hing. Man war in den Salon zurückgekehrt, der Kaffee in kleinen Taſſen gereicht, und Ludolf trippelte, als drückten ihn die Stiefel, im Zimmer umher, den Geheimrath durch ſeine Unruhe zum Aufbruche anffordernd. Allein dieſer lieh allen Winken taube Ohren und ſaß in dem bequemen Armſeſſel, als ob er mit dieſem verwachſen ſei und ihn für's Erſte nicht zu verlaſſen gedenke. Plötzlich wurde draußen heftig geſchellt; der Diener ſprach laut, und kam dann mit einem großen Briefe her⸗ 124 eingeſtürzt.„Eine Depeſche an den Herrn Baron!“ rief er aufgeregt; denn er vermuthete, deſſen Eltern wären er⸗ krankt. Ludolf öffnete das Schreiben und las: daß er mit Thorilden an das Sterbelager ſeiner Schwiegermutter berufen werde. Konnte es für ihn eine unwillkommenere Botſchaft geben?— Allein ebenſo wenig durfte er daran denken, hier zögern oder ein Nein ſprechen zu wollen.— Ellena. Die Muſik der Zukunft, wie die Vertreter der mo⸗ dernen Richtung ihren Styl benennen, wünſchte in Frank⸗ reich Boden zu gewinnen;— Richard Wagner, dem Hofe durch die junge Fürſtin Metternich, Geſandtin von Oeſterreich, vortheilhaft empfohlen, kam nach Paris, und miethete, um der Sache einen gewiſſen Nimbus zu verlei⸗ hen, in der Nähe der Champs Elyſées ein Hotel. An be⸗ ſtimmten Tagen empfing er hier, und wer in Paris empfängt, erregt ſogleich eine gewiſſe Aufmerkſamkeit; es iſt das beſte Mittel ſich bekannt zu machen. Der Bewohner dieſer großen Stadt; der müſſige, nicht der induſtrielle, dem ſeine Zeit, wie überall, ſo auch hier Gold iſt;— bleibt nicht gern zu Hauſe, er iſt ein Flaneur, d. h. ein Pflaſtertreter; er wandert den lieben langen Tag 126 auf den Straßen umher und kehrt auf ſeinen vielen Wegen gern, um auszuruhen und zu plaudern, ein. Wer ihm nun ſagt, daß zu beſtimmten Stunden ſein Haus ihm offen ſtehe erweiſt ihm eine Wohlthat. Er iſt dann ſogleich bereit, auch ſeine Freunde dieſer Wohlthat theil⸗ haftig werden zu laſſen; jeder Gaſt bringt dann wieder einen Gaſt mit, und da die Bewirthung nur in etwas Zuckerwaſſer und dergleichen beſteht, ſo ſetzt es den Wirth nicht in Verlegenheit, wenn die Zahl derjenigen, welche ihn mit ihrem Zuſpruche beehren, einer Lawine gleich anwächſt. Wagner genoß demnach ſehr ſchnell die Befriedigung, daß man, ohne ſeine Muſik noch zu kennen, ſehr viel davon ſprach. Auch von den Jüngern dieſer Schule fanden ſich bald mehrere ein, und verſuchten durch ihre glänzende Technik das Publicum in Erſtaunen zu ſetzen. Der Zufall wollte, daß auch Leopold zu gleicher Zeit mit dem Componiſten des Rienzi und Lohengrin eintraf, obwohl nur Zufall, nicht Abſicht, die Schuld an dieſem Begegnen trug; denn es war Ebbe in ſeiner Caſſe einge⸗ treten und er hoffte in Paris durch ein Concert die Lücke auszufüllen. Jene zehn tauſend Thaler, welche er als Ab⸗ ſtandsgeld für Thorilde erhalten hatte, würden freilich noch lange für ſeine Bedürfniſſe ausgereicht haben;— wenn er nicht dann und wann im Rouge et Noir ſein Glück zu verſuchen ſich verleitet gefunden hätte. In Berlin bot ſich — —— ——— M —— — 5 12½ dazu nur ſelten Gelegenheit; die Kreiſe, welche er beſuchte, erlaubten kein Spiel, und die Offiziere höheren Grades, namentlich die der Garde, ließen den Künſtler nicht an ihren grünen Tiſchen zu; in London aber hatte ſein böſer Stern ihn in eine Abendgeſellſchaft geführt, wo eine ſchöne Dame die Wirthin machte und zum Setzen ermunterte; dieſe Verſuchung war für ſeine Eitelkeit zu groß; er ſpielte, bis ſein letzter Heller verſpielt war, und kehrte innerlich verſtimmt nach Hauſe zurück. Ellena hatte von ſeiner Lage keine Ahnung. Sie bekümmerte ſich nie um das, was um ſie her vorging; ihre Gleichgültigkeit gegen Alles, was das praktiſche Leben anging, verhinderte, daß ſie von dem Werthe des Geldes einen Begriff erhielt; ſie fragte nie, woher ihm die Mittel kämen, für ihre Bedürfniſſe zu ſorgen und ſie fürchtete nie, daß dieſe ſich erſchöpfen könnten. Sie war ihm überhaupt, trotz ihres Zuſammenlebens, nicht näher getreten, und ſah in ihm nichts weiter, als einen Beſchützer und Lehrer. Verſuchte er es einen vertraulichen Ton mit ihr anzuſtim⸗ men, ſo wandte ſie ſich ſogleich von ihm ab. Es hatte ſie Wunder genommen, daß er zu verſchie⸗ denen Malen geäußert: wie ſchade es ſei, daß ſie nie die Bühne betreten, noch ſonſt die Laufbahn einer Künſtlerin erſten Ranges ſuchen könne; weil ſie ein ernſtes Studium und die dazu gehörenden Vorübungen ſcheue. Da er ſie — früher nie getadelt hatte, ſo mußte dieſer indirecte Vorwurf ihr auffallen. Sie ſann nach, ob ſie bei ihrer großen Liebe für die Kunſt wirklich nur an der Mittelmäßigkeit Gefal⸗ len finde, und ihr Gewiſſen verneinte dies. Allerdings aber war ihr die Coloratur zuwider; ſie verabſcheuete ſie, wie ſie die Phraſe verabſcheuete, und blieb dem einfach Wahren getreu. Das Verhältniß der Beiden hatte ſich höchſt eigen⸗ thümlich geſtaltet. Von Liebe war unter ihnen nie die Rede geweſen, und obgleich der junge Mann dies ſchöne und begabte Weſen nicht in nächſter Nähe zu ſehen ver⸗ mochte, ohne von ihren Reizen beſtochen zu werden und ſeine Sinne befangen zu fühlen; ſo er doch nicht, dieſen Empfindungen Worte zu leihen. Bei ſeinem Cy⸗ nismus und Eigendünkel mußte dies allerdings Wunder nehmen. Ohne Glauben an Frauentugend konnte er keinen wirklichen Widerſtand fürchten, und dennoch hielt er vor ihr ſorgfältig mit ſeinen wahren Geſinnungen zurück. Vielleicht war es gerade ihre völlige Unbefangenheit, die ruhige Sicherheit ihres Weſens, was ihn in Schranken genug, er konnte in ihrer Gegenwart kein leichtſinni⸗ ges Wort ſee es war ihm, als könne ſie es mißverſte⸗ hen und ihn dann weniger ſchätzen; denn er hoffte noch auf ihre Zuneigung; und je weiter er den Moment hinaus⸗ ſchob, wo ihr Herz für ihn ſchlagen würde, je herrlicher ſtellte er ſich die Befriedigung vor. er 129 So blaſirt er auch war, konnte er dennoch mit Freude an den Tag denken, wo ſie ihm ihre Liebe geſtehen würde. Die Tonkunſt iſt vor allen Künſten diejenige, welche ſowohl auf den, welcher ſie ausübt, wie auch auf den Hörer einen entnervenden Einfluß ausübt. Das Schwelgen in Tönen hebt den Proceß des Denkens auf, und lullt die Silesk in Schlummer; wer daher häufig der Muſik lauſcht, wird im Handeln träge. Aber auch im günſtigſten Falle wirkt die Muſik nach keiner Seite hin veredelnd. Man mag ſie die Bezähmerin wilder Leidenſchaften nennen; doch iſt ſie nicht unter die des Menſchengeſchlechtes zu rechnen, weil ſie das moraliſche Wollen nicht in ihre Wirkungen einſchließt. Banht man dagegen einmal den Nachhall eines Gedichtes, ja eines Verſes nur, der einen Gedanken, eine Empfindung ausſpricht; und man wird eine ganz verſchie⸗ dene Anregung in ſich wahrnehmen. Dieſe Urſache iſt darin zu ſuchen, daß die Muſik ſich nur an die Sinne wen⸗ det und die Reflexion verhindert. Solchem Mangel will freilich die neue Richtung ab⸗ helfen; allein, wenn ſie den Gedanken aufnehmen will, in welcher Weiſe thut ſie dies?— Iſt ſie etwa in ihrer Ten⸗ denz nicht ſinnebethörend, nicht wollüſtig?— Hegen die Träger dieſer Muſik der Zukunft etwa den Glauben an das ewig Gute, Wahre, Schöne? Steht in dem Katechis⸗ mus ihres Sittenbekenntniſſes das Wort: 6— Amely Bvelte: Die Mantelkinder. II. 130 Wofür kämpft man, wenn nicht für Wahrheit und Recht, nicht für das Opfer, die ſittliche Kraft, die Selbſtver⸗ leugnung?— Egoismus und Cynismus werden nie Großes ſchaffen; keine Kunſt wird durch Träger ſolcher Ueberzeugungen gewinnen; wer die Menſchen nicht glück⸗ licher, nicht beſſer machen, wer Erde und Himmel einander nicht näher bringen will, der ſchafft auch keine Werke, die ihn überleben, die die Nachwelt begeiſtern und erfreuen. Leopold verbarg, wie geſagt, vor Ellena ſeine wah⸗ ren Gedanken und ſchmückte ſich mit ſolchen, die ihn in ihren Augen hoben. Sie bewunderte in ihm den Künſtler, und verlor keinen Laut, ſo oft er am Flügel ſaß. Schwie⸗ gen die Töne, ſo erloſch auch bei ihr der Ausdruck lebhaf⸗ ten Antheils, womit ſie ſo eben noch ſeinen Phantaſien gefolgt war. Ihr Intereſſe galt alſo nur dem Künſtler, nicht dem Manne. Er hoffte, daß ſich dieſes eines Tages ändern würde; aber wann? Um ihr angenehm zu ſein, mußte er ſie gänzlich ſich ſelbſt überlaſſen und ihr über die Anwendung ihrer Zeit keinerlei Vorſchriften machen. Sie lebte unter ſeinem Schutze; aber ſie lebte ſich ſelbſt. Die Sehnſucht nach dieſer Freiheit hatte ſie von der Familie fort in die Welt getrieben; ſich immer beobachtet, immer geſtört zu ſehen, war ihr ſo unerträglich geworden, daß ſie ſeine Mitwirkung in Anſpruch genommen, um ſich 131 dieſer Tyrannei zu entziehen. Sein Sinn war damals auf Thorilde gerichtet geweſen und nur um Frau von Gas⸗ mund für ihren Hochmuth zu ſtrafen, hatte er ihr die Pflegetochter entführt. Eine weitere Abſicht verband er mit dieſer Flucht nicht; denn leichten Sinnes, wie er war, voll tiefer Verachtung für die Welt und ihre Geſetze, be⸗ dachte er weder die Folgen dieſes Schrittes für das junge Mädchen, noch welche Verpflichtungen ihm daraus er⸗ wachſen konnten. Erſt als er erfuhr, daß man ſeiner Spur folge, und daß ſein ſchöner Raub ihm gefährdet ſei, fiel es ihm ein, ihn bewahren zu wollen. Er bedurfte der Aufregung und dies regte ihn auf. Ohne ſeinen Verluſt im Spiele wäre ſeine Reiſeluſt noch lange nicht gekühlt geweſen. Nur die leere Börſe hemmte ſeine Schritte. Ellena hatte ſich lange hinausgeſehnt in die Weite, und dies Umherſchweifen von Ort zu Ort, die ſtets wechſelnde Scene, die neuen Menſchen, die neuen Städte ſagten ihr zu. Gegenüber dem abgeſchloſſenen Leben, wel⸗ ches ſie bis dahin geführt, war das jetzige ein Paradies; in die alten Verhältniſſe zurückzukehren, wäre ihr, wie ſie glaubte, nicht möglich geweſen. So hatte ſie ſich denn auch gern bereit gezeigt, mit ihm nach Gretna⸗Green zu gehen; und als ſie gefunden, daß der Schmied ſein Amt nicht mehr verrichtete, dort wenigſtens ſeinen Namen anzuneh⸗ 9* men, um ihm damit das ſcheinbare Recht ſie, die Unmün⸗ dige, ihrer Familie vorzuenthalten, zu verleihen. Sie hatte London und Edinburg, hatte die Hoch⸗ lande und das Weltmeer geſehen, und befand ſich nun in dem lachenden, reizenden Paris, dem Aufenthalte der Luſt und der Freude. Wie ein Traum gaukelten die bunten Bilder dieſer Reiſen vor ihren Augen. Sie ſtand am Fen⸗ ſter und ſah auf die Straße hinab, den Vorübergehenden nach. Dann ergriff ſie ein Buch, oder ſtützte ſinnend das Haupt. Mitunter auch ſang ſie. Sie war viel allein und kehrte Leopold nach Hauſe zurück, ſo begehrte er keinerlei Rechenſchaft über den Gebrauch ihrer Zeit. Forderte er ſie dagegen auf, ihn in ein Concert zu begleiten oder öffentlich ein Lied zu fingen, ſo fand ſie die Mühe ſo klein, daß ſie ſie keiner abſchlägigen Antwort werth hielt. Ueberdem erſchien es ihr auch nicht unange⸗ nehm, und wenn er ihre Willfährigkeit dennoch gar dank⸗ bar hinnahm, ſo war ſie um ſo zufriedener mit ſich, keine Art von Einwand erhoben zu haben, weil ſie erkannte, daß für ſeine Sorge für ſie dieſe kleine Entgegnung ihres guten Willens doch nur eine geringe Zahlung ſei. Er war ſeit einigen Tagen verſtimmt, allein ſie ſah ihn ſo ſelten und ſo vorübergehend, daß ſie es nur flüchtig bemerkte. Die Reiſeeindrücke, der Boden Frankreichs nah⸗ men ihren Sinn überdem gefangen. Noch fühlte ſie die brauſenden Wellen, noch das ſchwankende Schiff, welches „— cN— 133 ſie im Sturme über den Ocean getragen, noch vernahm ihr Ohr die Brandung, ſah ihr Auge den Abgrund zwi⸗ ſchen den ſich thürmenden Wogen. Sie hätte dieſe Ein⸗ drücke ſingen mögen; aber ließen ſie ſich denn ſingen? Sie componirte ſelbſt oft Lieder, und hatte in der letzten Zeit mehrere kleine Gedichte von Heine geſetzt; allein in ihrer heutigen Stimmung paßten die Worte der⸗ ſelben nicht ihrem Gefühle ſich an, ſie griff daher zur Feder und verſuchte ſelbſt den Ausdruck für das, was ſie dann durch Töne wiedergeben wollte, zu finden. Lange ſann ſie, endlich füllte ſich raſch das Blatt und ſie eilte damit zum Clavier. Die Finger glitten durch die Saiten, einige Moll⸗ accorde gingen vorauf, dieſen ſchloß ſich in prächtigen, tiefen Tönen der Vortrag eines Liedes an. Sie wiederholte es zu verſchiedenen Malen; endlich hatte ſie, was ſie brauchte, gefunden und ſang unn ſicher und voll: Es ſpielt ein Knabe am Strande, Wirft Steine in die Fluth, Stößt ab das Boot vom Lande, Vertraut ſich ſeiner Huth— Läßt flattern das Segel im Winde, Es blähet luſtig ſich auf, Fort eilt es mit dem Kinde, Nichts hemmet des Schiffes Lauf. Und wo die Welle ſich brandet, Am Fuße der Felſen jäh, — Sind Boot und Knabe geſtrandet, Es ranſchen die Fluthen dort Weh! Als ſie geendet, klatſchte Jemand ihr laut Beifall zu. Verwundert blickte ſie umher und entdeckte Leopold hinter dem Flügel der offenen Thüre verſteckt.„Woher haben Sie das Lied?“ fragte er hervortretend. „Ich mache mir es eben,“ ſagte ſie gleichgültig und deutete auf das vor ihr liegende beſchriebene Blatt. „Ich bitte Sie, es mir noch einmal zu ſingen,“ ſagte er.„Es iſt ſehr ſchön.“ Sie ſetzte ſich wieder. Er ſummte, auf und ab ge⸗ hend, die Melodie ihr nach; ſchließlich nahm er die Verſe und verſprach es für ſie niederzuſchreiben. Sie dankte ihm.„Sie haben ein außerordentliches Talent für Lieder⸗ compoſition!“ ſagte er.„Sie müſſen es cultiviren. Ich kann mir nun erklären, warum ſie der Technik des Geſan⸗ ges nicht die nöthige Aufmerkſamkeit zuwenden. Es kommt, weil Stoff zu etwas Anderem in Ihnen gährt. Das Me⸗ chaniſche in der Kunſt ermüdet ſie; weil es ſie dringt ſelbſt zu ſchaffen. Dazu aber müſſen Sie noch etwas General⸗ baß ſtudiren.“ „Immer fehlt es irgendwo, um mein Bischen Ta⸗ lent benutzen zu können!“ ſagte ſie lachend.„Es iſt übri⸗ gens nicht das erſte Lied, welches ich componirt habe. Wollen Sie zuhören, ſo ſinge ich Ihnen ein anderes, das 30 mir lieber noch iſt. Sie müſſen mir dafür aber den Ge⸗ fallen thun, es von ſeinen Fehlern zu befreien.“ „Wollen Sie ſich ſelbſt accompagniren 2“ — ie werden meine Noten nicht leſen können, ich ſchreibe wie ein Kind.“ „Thut nichts! Wir laſſen es copiren.“ Sie ſang: 9 7 War mir Räthſel ſtets das Leben, Das Empfinden meiner Bruſt. Und ich ſollt' Euch Aufſchluß geben, Was mir Schmerz ſchuf und was Luſt? Weint ich oft, wo And're lachten, Und blieb kalt bei ihrer Pein, War's weil Räthſel mir ihr Trachten, Ich löſts nicht und war allein. Was mir Glück wollt' Niemaud neiden, Kalt blieb man bei meinem Schmerz, Nannte Thorheit meine Leiden; Sprach: gefühllos ſei dies Herz. Mit mir ſelbſt lernt' ich uun leben Freund ward mir die eigne Bruſt, Traum konnt' ich zu Träumen weben Und die Kunſt ward mein Geuoß. tur zu ernſt!“ ſagte Leopold, als ſie geendigt. „Ich möchte wiſſen, ob der Scherz Ihrer Natur ganz fremd iſt? Er macht die Würze des Lebens aus, wie Sie wiſſen.“ 136 „Nicht für mich,“ erwiederte ſie gedankenvoll.—„Die Wunder der Schöpfung erfüllen mich mit ſo großem Stau⸗ nen, daß darüber die leichte Rede auf meiner Lippe erſtirbt.“ „Sie ſind ein wunderbares Weſen!“ ſagte er, ſie be⸗ trachtend.„Ich denke mir die Pythia ungefähr ſo, wie Sie. Auch eine Schickſalsgöttin könnten Sie vorſtellen. Sie ſind zu Allem brauchbar, was nicht dieſer kleinen Welt angehört.“ „Und doch imponirt mir dieſe kleine Welt ſo ſehr, daß ich ſie verſtehen möchte. Warum leben wir eigentlich, Herr Leopold?“ „Um Lieder an die Freude zu dichten und zu ſingen,“ ſagte er mit ſarcaſtiſchem Lächeln.„Suchen Sie einen andern Zweck, ſo werden Sie vor dem ewigen Nein auf allen Wegen verzweifeln. Kein Wegweiſer führt dahin. Irrthum hier und Irrthum dort. Am beſten, man ſchlägt ſich die ganze Sache aus dem Sinne.“ „Wenn es ſich thun ließe?“ erwiederte ſie, ihr graues Auge auf ſeinen Mienen feſthaltend.„Aber das Denken iſt ſo ſchön, der Drang nach Wahrheit ſo groß!“ „Sie müſſen lieben,“ ſagte er.„Laſſen Sie ſich von einer Empfindung beherrſchen und Sie denken nichts weiter als den Gegenſtand, welcher ſie hervorrief.“ „Gott bewahre mich vor einem ſolchen, meiner n⸗b würdigen Zuſtande!“ rief ſie und ihre ganze Geſtalt ho Rie U⸗ pe ie n. lt r, h, n. gt 6 n 137 ſich in ihrer Empörung; der Ernſt dieſer ſchön geſchnittenen Züge gab ihnen die Hoheit des claſſiſchen Ideals. Leopold konnte das Auge nicht von ihr abwenden. Er hätte ſie laut ein göttliches Weib nennen mögen; aber er mußte vorſichtig ſein. „Soll Ihre Entrüſtung ſich denn auch bis auf den chriſtlichen Typus des Weibes, bis auf die Madonna er⸗ ſtrecken?“ fragte er. „Sie wiſſen recht gut, daß dieſe eine Erfindung der Kirche iſt, welche es nöthig fand, der Sittenverderbniß das ſonderbare Ideal, welches mir nie Geſchmack abgewinnen konnte, entgegen zu ſtellen. Dagegen lobe ich mir die heidniſchen Prieſterinnen, eine Velleda, eine Veſta. Sie ſind der Typus des Weibes, dem ich mich innerlich ver⸗ wandt fühle. Auch ich möchte an einem Altare Dienſte verrichten, oder die heilige Flamme des göttlichen Ewigen in uns und außer uns zu nähren berufen ſein.“ „Darum— welche Norma, welche Iphigenia iſt an Ihnen verloren gegangen!“ rief Leopold. „Verloren?— Nein!“ verſetzte ſie mit ernſtem Lächeln.„Verloren gehe ich nie. Bauen Sie darauf!“ Man rief ihn ab. Ein Beſuch war gekommen; er ſchloß die Thüren in das anſtoßende Zimmer und bald darauf entſpann ſich zwiſchen ihm und ſeinem Gaſte eine ſo lebhafte Unterhaltung, daß ſie unwillkürlich ihr Ohr zu leihen gezwungen war. Es lag etwas in dem Klange 138 dieſer fremden Stimme, das Erinnerungen in ihr wach rief; doch entſann ſie ſich nicht, wo ſie ſie ſchon gehört. Man nannte ihren Namen, den der Frau von Gasmund, ſprach von Thorilden. Wer war es, der ſo vertraulich auf alle Glieder ihrer Familie einging? Sie hatte von Thorilden keine Nachricht, und als die Rede auf dieſe kam, erhob ſie ſich inſtinctmäßig, um beſſer zu hören. Trotz der Verſchiedenheit ihrer Charaktere liebte ſie die kleine Thorilde. So wenig ſie die Eigenſchaften, um deren wiklen man jene ſtets gelobt und ſie getadelt hatte, auch ſchätzte; ſo konnte ſie doch nicht umhin, deren Ordnungsliebe, Fürſorglichkeit, ihr Bedenken der Bedürf⸗ niſſe des Anderen, ihre Gewiſſenhaftigkeit in Erfüllung ihrer kleinen Pflichten, Tugenden zu nennen, die, wiewohl ſie ſelbſt ſie nicht erwerben mochte, immer doch Tugenden blieben. Wie oft hatte die kleine Schweſter ihre Nachläſſig⸗ keiten gut gemacht, wie oft heimlich für ſie das verrichtet, was ſie gedankenlos außer Acht gelaſſen! Wie ein guter Geiſt hatte ſie im Hanſe gewaltet, ſorgend, begütigend, vermittelnd, und ſtets das Rechte für ſich wählend, ſo daß ſie jedem Vorwurfe entging. Sie hörte jetzt, daß der Fremde Leopold vorwarf, die Schuld an dem Unglücke ihrer Pflegeſchweſter zu tragen. Thorilde war alſo unglücklich?— Wodurch war 52 ſie unglücklich? Was hatte ich in ihren Verhältniſſen ge⸗ ändert?— Sie hatte mit Leopold nicht entfliehen wollen, be K ei Fr ne he Ft de ach rt. nd, auf die ſer bte en, delt ren ürf⸗ ung ohl den ſig⸗ Net, uter end, daß die gen. war ge⸗ llen, 139 behauptete dieſer, weil ſie zu hochmüthig geweſen, der Kunſt anzugehören. Ellena kannte ihren Stolz als die einzig verwundbare Seite. Allein auch im Hauſe der Frau von Gasmund wurde dieſer verletzt; ihrer Meinung nach hätte ſie weiſe githan der Geſellſchaft dort d den Fehde⸗ handſchuh hinzuwerfen und zu ſagen: Ich will nicht ſein, was Ihr ſeid; denn ich bin zu gut dazu. Es war jetzt von einem Baron Rheinfeld die Rede; Frau von Gasmund habe die Verbindung gewünſcht, um damit den auf Sili fallenden Makel zu verdecken, hieß es. Welchen Makel? Zum erſten Male hörte ſie ihre Fuucht mit Leopold in dem Lichte eines Schinple darſtellen, der nicht allein ihren Ruf, ſondern den der Schweſter mit ver⸗ nichte. Sie erglühte. Hoch hob ſich ihre Bruſt. Thorheit nannte ſie ſol Anſicht der Dinge. Sie hatte zu ihrer Entwickelung der Freiheit bedurft; nichts Alle Kräfte der Natur waren auf Entwickelung berechnet und die ihrigen ſollten brach liegen? Wer konnte ſo Wider⸗ ſinniges fordern? Der Fremde warf dem Künſtler jetzt ſeine eigene Sehenit vor, ſprach von Agathe Müller, von ſeinem Verſuche Thorilde, ihres Vermögens willen, zu einer Hei⸗ rath mit ſich zu bewegen, und dem Gelde, womit ſie ſich losgekauft. Er klagte ihn an, Ellena zu ſeinen Zwecken benutzen zu wollen, nannte ſie eine Erwerbsquelle und ——— 140 ſprach davon, daß er ſie an Orten, wo keine anſtändige Künſtlerin auftreten würde, zu ſingen zwinge. Das Wort zwingen fiel mit ſeltſamem Mißlaute in ihr Ohr. Schon lag ihre Hand ſchwer auf der Klinke, ſie drückte und ſie fiel; in der offenen Thüre ſtand Ellena, hoch und prächtig den beiden vor Erſtaunen verſtummen⸗ den Männern gegenüber. Sie trug ein graues Hauskleid, das leicht und faltig um ſie hing, und die ſchönen Arme aus weiten hängenden Aermeln hervorſehen ließ. Die dicken, rothblonden Flechten umkränzten wie ein Diadem die breite Stirne; die volle, hohe Geſtalt glich einer Juno, einer römiſchen Kaiſerin. Sie war ruhig in ihrem Weſen, ſah die Männer eine Minute lang mit ihren großen, ſammetgrauen Augen an und ſagte dann, mit ihrer tiefen, klangvollen Stimme ſich zu dem Fremden wendend, mit eiſiger Ruhe: „Mein Herr! Sie klagen Herrn Leopold an, daß er mich zwinge, öffentlich zu ſingen. Zu ſeiner Rechtferti⸗ gung muß ich Ihnen bethenern, daß dies nie geſchehen iſt. Zwang kenne ich nicht, weil ich ihn nie dulden würde, wel⸗ cher Art er auch ſei; und ſchon das bloße Wort lehrt mich Empörung. Seien Sie daher verſichert, daß ich ganz aus eigenem freien Willen bin, wo ich bin, und ganz ſo lebe, wie es meiner Neigung entſpricht. Nach dieſer Verſiche⸗ rung hoffe ich Ihrer Einmiſchung in meine Verhältniſſe überhoben zu ſein.“ ige ute ke, na, en⸗ id, me Die em no, en, en, en, mit rti⸗ iſt. vel⸗ nich aus ebe, che⸗ 141 Leopold's Auge leuchtete bei dieſer Rede auf, mit triumphirendem Lächeln ſah er um ſich. Ein Gefühl der Dankbarkeit gegen Ellena beſchlich ihn. Eine Pauſe ent⸗ ſtand. Erſt verwundert, dann wehmüthig ruhte das Auge des Fremden auf ihr; darauf hoben ſich ſeine Arme, er ſtreckte ſie ihr entgegen und:„Ellena! Meine Tochter!“ rang ſich aus ſeiner Bruſt hervor. Sie erbebte. Wie ein elektriſcher Schlag durchfuhr dies Wort den ſchönen Körper. Sie ſtaunte erſt; dann malte ſich etwas wie Ueberzeugung in ihren Blicken. „Mein Vater!“ rief ſie und ſank an ſeine Bruſt. Seit ihrem ſechsten Jahre hatte ſie ihn nicht geſehen. Damals war ſie ſein Alles geweſen, jeder Wunſch ihr ge⸗ währt worden, und dieſe Gewohnheit der erſten Kinder⸗ jahre hatte ihr ſpäter jedes Nein unerträglich gemacht. Sie konnte nicht bitten. Sie verhielt ſich entweder paſſiv oder handelte nach eigenem Willen. So hatte die kleine Seele, weich wie Wachs, die erſten Eindrücke feſtgehalten. Der Vater kam jetzt, gewaffnet mit ſeiner Autorität und ſeinem Unwillen. Er ſagte:„Folge mir!“ und Ellena erwiederte, ſie ſei Herrin ihrer Handlungen.— Für ſeinen Befehl hatte ſie nur Trotz; während ein gutes Wort ſie nachgiebig gefunden hätte; denn was ſie ſo eben über den Künſtler erfahren, hatte ſie über ihre Lage ſtutzig gemacht. Die Spielbank. Die Saiſon in Baden⸗Baden nahte ihrem Schluſſe; denn ſchon rafſelte das Laub unter den Füßen des Wan⸗ dernden, und die herrlichen Waldungen ſchmückten ſich mit den warmen, goldbraunen Tinten des Herbſtes. Die Kur⸗ gäſte waren verſchwunden, und jene, welche um des Ver⸗ gnügens willen blieben, zeigten gelangweilte Mienen. Wohl ſpielte die Muſik noch allabendlich; allein die Zahl der ſchönen, geputzten Frauen, welche bei ihren Tönen auf und ab zu wandeln pflegte, war verhältnißmäßig eine ſehr kleine geworden. Ludolf und Thorilde trafen nach einer ermüdenden Reiſe ſpät am Abend in Begleitung des Geheimraths Ledebuhr ein und ſtiegen im„Zähringer Hof,“ wo Frau von Gasmund wohnte, ab. Sie durften die Kranke nicht ſſe; an⸗ mit dur⸗ er⸗ nen. zahl nen eine iden aths rau nicht 143 mehr ſtören, und begaben ſich nach einem leichten Sou⸗ per zur Ruhe, der junge Baron in der übelſten Laune. Er, der es nie gekannt ſein Vergnügen zu opfern, hatte die Zumuthung, Paris gegen ſeinen Willen verlaſſen zu ſollen, kaum begreifen können. Er geberdete ſich wie Jemand, dem das größte Unrecht angethan iſt. Er ſeufzte, runzelte die Stirne, und ſah gedankenvoll vor ſich hin. Was ſollte er an einem Krankenbette?— Und ſtarb ſeine Schwiegermutter, ſo legte Thorilde Trauer an; wieder ein neuer Grund, um ſich nicht amüſiren zu kön⸗ nen. Kurz, er war höchſt unglücklich. Der Geheimrath ſah Frau von Gasmund in der Frühe des nächſten Morgens, bevor das junge Ehepaar noch erwacht war; denn er mußte ſie von den Grün⸗ den, welche ihn bewogen, ihre Kinder ſo raſch ihr zuzu⸗ führen, unterrichten, damit ſie im Einverſtändniß mit ihm dieſe empfange. Sie dankte ihm tief gerührt für ſeine väterliche Sorge.„Auch wenn ich nicht mehr bin, verlaſſen Sie mein armes Kind nicht!“ bat ſie.„Beden⸗ ken Sie, wie troſtlos ihre Lage dann iſt! Soll ich ru⸗ hig ſterben, ſo verſprechen Sie mir, nie Ihre Hand von ihr abzuziehen.“ Der Geheimrath ſuchte ihre Todesgedanken zu ent⸗ fernen und ſie aufzurichten; allein ſie wies den Troſt von ſich.„Was ſoll ich noch auf Erden?“ klagte ſie. „Wofür ich gelebt, dieſe beiden Kinder, das iſt mir ge⸗ 144 nommen. Meine Zukunft wäre nur Jammer. Ich war ſo mütterlich ſtolz auf dieſe Mädchen!“ Sie ſchlug die faſt durchſichtigen Hände vor das Geſicht, und weinte bitterlich.— Eine Stunde ſpäter wurde Thorilde zu ihr geführt. Sie hatte ſich nun gefaßt und hütete ſich ſie in ihr Herz blicken zu laſſen, ihre Selbſtvorwürfe über das ihr berei⸗ tete Schickſal ſollte ſie nicht kennen. Nur von Ellena war unter ihnen die Rede, der kleinſte Umſtand von dem Be⸗ gegnen der Schweſtern war für die arme Frau wichtig und wurde wiederholt. Bald verfloß eine Stunde und dann eine zweite. Die junge Frau blickte ſorgenvoll⸗ mit dem Gedanken an ihren Gatten und was er in ihrer Abweſenheit beginnen würde, auf die Uhr. Ludolf war ſpazieren gegangen und da er von ein⸗ ſamen Promenaden niemals ein Freund geweſen, ſo ſah er ſich auch jetzt nach Menſchen um; dieſe fand er allerdings in den Morgenſtunden nur an der Spielbank; er ſetzte ſich alſo, um die Zeit zu verbringen, mit an den Tiſch, und ſah zu. Ein neuer Gaſt wurde jetzt ſchon bemerkt; in ſeiner Phyſiognomie lag etwas Hoffnunger⸗ weckendes, man glaubte ihn beachten zu müſſen. Eine elegant gekleidete junge Dame nahm bald darauf an ſeiner Seite Platz und ſetzte eifrig. Sie gewann. Ihr Nachbar ſah ihr mit immer erregterer Miene zu. Sein Gedankenlauf war: daß wenn er mit ihr ſetze, auch er ——— — — ——,— ar die nte r tig nd oll, rer 145 gewinnen müſſe.; er griff in ſeine Taſche, um ſeine Börſe hervorzuholen und— fand die Stelle leer. Gerade in dem Augenblicke zog die Dame einen ganzen Haufen Goldſtücke ein. Er verwünſchte ſeinen Unſtern, der ihn ſein Portemonnaie vergeſſen laſſen, ſprang auf und eilte in ſein Hotel. Eben ſuchte ihn Thorilde, um ihn zu ſeiner Schwie⸗ germutter zu führen. Zerſtreut folgte er ihr. Zum Glücke hielt dieſe ihn nicht lange feſt. Sie war erſchöpft und bedurfte der Ruhe; auch war ihr der Anblick Lu⸗ dolf's nicht wohlthätig. Sie wußte ſelbſt nicht, ob es Irrthum oder Wahrheit ſei, wenn ſie ihn zu ſeinem Nachtheile verändert fand; aber ganz gewiß war er der gutmüthige junge Mann nicht mehr, für den, als ſie ihrer Tochter Schickſal in ſeine Hand gelegt, ſie ihn gehalten hatte. Das junge Paar ſpeiſte auf ſeinem Zimmer mit dem Geheimrath, und nach dem Mahle unternahmen ſie gemeinſam eine Spazierfahrt nach der Ebersburg. Da die Kranke auch der Ruhe bedurfte, ſo war es Pflicht ſie ſich ſelbſt zu überlaſſen und Thorilde benutzte dieſe Stunden willig zur Unterhaltung ihres Gatten.— „Was fangen wir den ganzen langen Abend an?“ fragte dieſer, und ſah gähnend und mit gerunzelter Stirne ſich um. Thorilde ergriff ſeine Hand, lächelte ihn bezau⸗ Amely Boelte; Die Mantelkinder. M. 10 146 bernd an, und ſagte:„Theures Männchen! Ich möchte gern am Bette der armen Kranken bleiben, wenn Du es übernehmen wollteſt, unſern lieben Geheimrath indeſ⸗ ſen in das Concert zu führen.“ Ludolf nickte gewährend, und ſie athmete erleich⸗ tert auf. Während dieſer Freund ihr blieb, beſaß ſie eine Stütze, eine Hülfe; wenn er ging, wie dann?— Ihr Gatte hatte ſich ſchon gewundert Frau von Gasmund nicht kränker zu finden, und ſie hatte ſich gefreut, daß ſie es nicht war. Sie hoffte noch ſie dem Leben zu erhalten. Wenn ſie ſchied, welchem kurzen Wahne hatte ſie dann ſich zum Opfer gebracht! Daran zu denken, vermied ſie. Ludolf ging alſo mit dem Geheimrathe in das Con⸗ cert, und nach demſelben noch eine Minute in den Spiel⸗ ſaal, wo er ſogleich die Dame von dieſem Morgen entdeckte und ihrem ermunternden Blicke an ihrer Seite Platz zu nehmen, folgte. Er ſetzte 5 Franken, und gewann; er ver⸗ doppelte die Summe, und gewann. Schon wollte er dieſem guten Sterne weiter folgen, als der Geheimrath ihm zufküſterte, daß Thorilde mit dem Abendeſſen auf ſie wartez da Ludolf, was die Mahlzeiten betraf, gern pünktlich die Stunden inne hielt, ſo brach er auf und zwar in der beſten Laune, und mit einem halb ſehnſüchtigen Blicke auf den verlaſſenen Platz. Die junge Gattin freute ſich ſeiner Heiterkeit, und obwol ihr das Herz ſchwer war, bemühte ſie ſich, es nicht hte Du eſ⸗ ich⸗ ſie ind ſie en. inn ſie. on⸗ iel⸗ ckte zu er⸗ er ath ſie lich der auf und icht 147 zu zeigen. Ludolf beſtellte Champagner und ſie blieben bis nach Mitternacht beiſammen; in Folge deſſen erhoben ſie ſich denn auch ſpät. Frau von Gasmund hatte ſich hinaustragen laſſen in den Garten, um die friſche, ſonnige Luft zu athmen und noch einmal Himmel und Erde und Wald und Blumen zu ſchauen. „Man kann auch an Einbildung ſterben,“ bemerkte der Geheimrath, ſie hier aufſuchend.„Wenn Sie nicht leben wollen, ſo vernichten Sie damit jede Wirkung der Ihnen gegebenen Arznei.“ Sie ſah ihn ſchmerzlich aus hohlen Augen an und ſagte:„Mir wird das Scheiden nicht ſchwer! Beſonders ſeitdem ich Thorilde an Ludolf's Seite wieder erblickt habe; dieſe Ehe mit anzuſehen wäre hundertfacher Tod für mich. Gott iſt gnädig, indem er mich ſo hart nicht ſtraft.“ Sie faltete die Hände und ſeufzte.— „Thorilde wird Mutter werden,“ ſagte der Geheim⸗ rath,„und in ihren Kindern Troſt finden.“ Sie bewegte zweifelnd ihr Haupt.„Er wird ſie nicht lange lieben,“ ſagte ſie.„Sie kann ihn nicht zu ſich hin⸗ aufziehen, und daß ſie es können würde, war meine ganze Hoffnung. Sie wird nie zu ihm hinabſteigen. Sie wer⸗ den ſchließlich eine Kluft zwiſchen ſich finden, ſo groß, daß ſie ſich haſſen müſſen. Wie dann?“ „Lauter Bilder einer kranken Einbildungskraft! Neh⸗ 10* 148 men Sie ſich lieber zuſammen, werden geſund und ſtehen bei Ihren Enkeln Gevatter!“ warf er kopfſchüttelnd ein. Ihr Puls ging heute matter, es war ſichtlich, daß Thorildens Gegenwart ihren Zuſtand verſchlimmerte; den Geheimrath bekümmerte dies und doch hatte er es nicht indern können. In der Nacht trat heftiges Fieber ein. Die junge Frau wich nicht vom Lager der Kranken; mit ſtarrem Auge ſaß ſie neben ihr, die Hand haltend, welche ſie einem ſo ſchlimmen Schickſale entgegengeführt hatte, und die ſie dennoch nie hätte loslaſſen mögen. Tage der unſäglichſten Angſt verlebte ſie nun; mit jeder Minute befürchtend zum letzten Male den Ton dieſer lieben Stimme zu vernehmen, und jedem leiſen Worte lauſchend, weil es ein letztes, wichtiges, unvergeßliches ſein konnte. Zärtlich ſah Frau von Gasmund die treue Pfle⸗ gerin, wenn ſie deren warmen Kuß auf ihrer dürren Hand fühlte, an; Mitleid lag in ihrem Blicke, wenn ſie an die Pflichttreue dieſes ſchönen jungen Weſens dachte und ihr Gebet war: Schütze ſie, v Herr! Der Geheimrath ſchob ſeine Abreiſe hinaus, weil er wohl ſah, daß es ſich nur um Tage handelte. Doch vermied er mit Frau von Gasmund allein ſich zu be⸗ finden, aus Beſorgniß, daß ſie durch das Ausſprechen ihres Kummers ihrem Uebel nur neue Stärke leihe. Wenn er dann und wann an ihr Lager trat, ihre Hand —„—— — 149 in die ſeinige nahm, ihren Puls prüfte; ſo ſah ſie ihn mit Blicken an, die er verſtand. Sie hatte ihn geliebt und ihm entſagt, weil er keinen alten Namen trug. An⸗ geſichts der Ewigkeit wurde es auch hierüber licht vor ihren Augen. Ludolf kam ſelten in ihr Zimmer; auch begehrte ſie ſeine Gegenwart nicht. Thorilde ſelbſt hatte nicht Geiſtesruhe, ſeiner viel zu gedenken, und nur im Vor⸗ übergehen empfahl ſie dem Geheimrathe ſich ihres Gat⸗ ten anzunehmen, ihn ſo wenig wie möglich zu verlaſſen. Dieſer nickte ihr gewährend zu. Sie wußte, daß Beide mit einander ſpeiſten; denn ſie war ſelbſt dann mitun⸗ ter auf eine Minute zu ihnen hinübergekommen, einen Biſſen zu genießen oder eine Frage an ſie zu richten; ſie nahm alſo an, daß ſie auch ſonſt beiſammen wären. Endlich kam die ſchwere Stunde des Scheidens, und Frau von Gasmund ließ den Freund und die Kin⸗ der, um ihnen ein letztes Lebewohl zu ſagen, an ihr Lager berufen.— Ludolf knieete nebenThorilden, die kalte Hand der Mutter berührte ſegnend Beider Haupt, dann reichte ſie ſie dem Geheimrath hin, und wenige Minu⸗ ten darauf ſtand ihr Herz ſtill. Als Thorilde ihr Auge brechen ſah, ſank ſie ohnmächtig zuſammen. Man trug ſie in ihr Zimmer, wo mit rückkehrendem Bewußt⸗ ſein auch das ganze Gewicht ihres Verluſtes ſie befiel. Ludolf, der im Grunde froh war, ſie des Amte einer Krankenpflegerin entſetzt zu ſehen, bot alle in ſei⸗ nem Bereiche liegenden Troſtgründe auf. Seine Sorg⸗ falt kannte keine Gränzen. Dieſe Theilnahme that ihr wohl. Die Bruſt noch voll Weh und voll Thränen warf ſie beide Arme um ſeinen Hals und ſagte leidenſchaftlich: „Habe mich immer ſo lieb, Ludolf! Zu Deinem, zu meinem Heile habe mich immer ſo lieb! Ach! wüßteſt Du, auf welchem Abgrunde wir wandeln.“ Die Worte waren ihr entfahren, ohne daß ſie ſelbſt es gewollt.„Sprich nicht ſo,“ ſagte er kopfſchüttelnd. „Das klingt, wie die Reden meiner Mutter. Man ver⸗ ſteht nichts davon und es wird Einem grauen““ Thorilde ſeufzte ſchwer. Jetzt in dieſer Stimmung die Ausdrücke wählen müſſen, war eine harte Aufgabe! Es wäre ihr eine ſo große Wohlthat geweſen, ihrem Schmerze Worte zu leihen, ſich das Herz leicht ſprechen zu dürfen! Allein der Gefährte auf ihrer Lebensbahn, der Mann, mit dem ſie Freud' und Leid zu theilen ver⸗ ſprochen, dem ſie in guten und in böſen Tagen zur Seite ſtehen ſollte, dem war ihr Denken und Empfinden fremd, und mußte es, wenn er ſie lieben ſollte, ewig auch fremd bleiben. Ihm gegenüber war ihr die Sprache nur zum Verhehlen ihrer Gedanken verliehen. Der Geheimrath ſchien ernſt und weich geſtimmt. Väterlich drückte er Thorilde an ſein Herz und ſagte bewegt:„Sie ſind der Geſchiedenen Vermächtniß an ſie le wi —* 151 mich. Ich werde es hoch und theuer halten. Was auch kommen mag, an dieſer Bruſt finden Sie eine Stätte.“ Sie antwortete ihm lange nicht; dann erwiederte ſie mit eiſigem Tone:„Hätte es dem Schickſale gefal⸗ len, Sie mir zum Vater zu geben! So aber fürchte ich, wird Niemand mir viel helfen können, als ich mir ſelbſt.“ Der Geheimrath übernahm die Sorge für die Todte, welche, ihrem Wunſche gemäß, in Berlin an der Seite ihres Gatten ruhen wollte. Er hatte neben Thoril⸗ den am Fenſter geſeſſen, und Beide, während ſie ſprachen, in die untergehende Sonne geblickt, welche mit Purpur⸗ gluth den Himmel malte. Das Wetter war ſchon herbſtlich, hell aber kühl, ein Oſtwind bog die Zweige der Bäume. Es that ihr wohl ſeinem Spiele zuzuſehen. Die von Lei⸗ denſchaft ermattete Seele fand darin Beruhigung. Sie mochte lange ſo in Sinnen vertieft verweilt haben; dann wandte ſie, wie zur Gegenwart zurückkehrend, ſich um, ſchauete im Zimmer umher und ſagte vor ſich hin:„Mein Gott! wo iſt denn Ludolf!“ Es fiel ihr ein, daß er beim Eintritte des Geheimrathes ſich entfernt hatte, und nicht wie⸗ dergekehrt ſei. Sie ſchellte. Der Herr Baron ſei ausge⸗ gangen, hieß es. Indeſſen kehrte ihre Jungfer mit Trauer⸗ ſachen nach Hauſe zurück, Schneider, Kaufleute kamen, bis morgen ſollten die Sachen geliefert werden; denn ſie ſelbſt wollte die theure Leiche in langſamen Tagereiſen 152 begleiten und ihrer Beſtattung beiwohnen. In der Be⸗ ſchäftigung ſammelte ſich ihre Thatkraft. Der Geheimrath kam dazwiſchen einen Augenblick in das Zimmer; verſchwand aber raſch wieder.— Sie glaubte, er habe, da er ſie nicht allein gefunden, noch wei⸗ teren Beſorgungen nachgehen wollen. Eine Stunde darauf kehrte er dann in Geſellſchaft Ludolf's heim und man ſetzte ſich zu Tiſche.„Ich habe Dich recht vermißt!“ ſagte Tho⸗ rilde freundlich und ſtreichelte ihres Gatten Hand.„Du haſt mich ſo viele Stunden allein gelaſſen.“ „Weil Du immer in der Krankenſtube ſaßeſt, habe ich mich daran gewöhnt, ohne Dich auszugehen,“ erwie⸗ derte er. „Aber nicht wahr, jetzt nimmſt Du mich wieder mit?“ fragte ſie weich und lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter. „Vielleicht!“ ſagte er und ſchlang den Arm um ſie. Der Geheimrath beobachtete die kleine Scene mit ernſt prüfendem Blicke. Ludolf aß wenig.„Willſt Du Cham⸗ pagner?“ fragte er ſeine Gattin.„Behüte!“ erwiederte ſie mit ablehnender Bewegung des ſchönen Hauptes; denn es berührte ſie unangenehm ihren Kummer in der Weiſe beſänftigen zu ſollen. „Ich muß noch wieder fort!“ bemerkte Ludolf gleich darauf. „Heute?“ fragte ſie verwundert, und wurde erſt roth, dann tödtlich bleich. ie⸗ 2 e ſie. nſt m⸗ erte enn eiſe oth, 153 „Warum nicht heute,“ fragte er gereizt,„da es ein Verſprechen gilt?“ „Ich dächte, ein Todesfall entbände deſſen,“ ſagte ſie ſanft, und ihre Thränen perlten in dem Gedanken, wie wenig ihm die Geſchiedene gälte und wie getrennt auch hier das Intereſſe des Gatten von dem ihrigen ſei. „Ich gab es nicht vorher, ſondern nachher!“ erwie⸗ derte er mürriſch. Eine Pauſe entſtand. Der Geheimrath blickte wie⸗ der mit beobachtender Theilnahme zu ihnen hinüber. Tho⸗ rilde weinte fort und ſpielte mit der Kette an ihrer Uhr. Es that ihr ſo weh, ihn hier ſo gleichgültig zu ſehen; eine weitere Betrachtung knüpfte ſie dasmal nicht an ſein Verſprechen. Als Ludolf ſich erhob, ſagte ſie ſchmerzvoll: „Mich wundert, welche Perſon gefühllos genug ſein konnte, Dich zu veranlaſſen, Deine Frau vor dem offenen Sarge ihrer Mutter allein zu laſſen! Wenn eines Tages der Tod Deine Eltern abruft, Ludolf, ſo wirſt Du in mir eine treuere Theilnehmerin Deines Leides beſitzen.“ Sie ſprach das mit ruhiger Würde und ſah dabei unter ihren per⸗ lenden Thränen ſo rührend ſchön aus, daß Ludolf, wie unſchlüſſig ſtehen blieb und ſichtlich mit ſich zu Rathe ging, ob und was er ihr hierauf antworten ſollte. Allein bevor er noch zu einem Entſchluſſe kam, nahm der Geheimrath das Wort.„Es iſt für den Baron ein Ehrenſache zu gehen,“ ſagte er, ſich Thorilden nähernd,„die ihn veranlaßten, — ———— * wußten nichts von dem Abſterben ſeiner Schwiegermutter; daß ſonſt würde es Niemand eingefallen ſein, ein ſolches Ver⸗ zu re ſprechen von ihm zu fordern. Wenn Ihr Herr Gemahl den mich beauftragen will, den Betheiligten Anzeige von dem Todesfalle zu machen; ſo wird man ihn ohne Zweifel ſei⸗ meiſt nes Verſprechens entbinden.“ warr Es war nun an Ludolf zu reden. Dieſer blickte ver⸗„Wi legen den Geheimrath— und dann Thorilde an.— Mar „Werden Sie ohne mich die Sache abmachen können?“ fragte er den Erſteren dann kleinlaut. Seu „Kein Zweifel! Mein Name wird die Bürgſchaft ſein leiſten,“ erwiederte er mit Betonung und entfernte ſich raſch. Das junge Ehepaar ſtand ſich nun ſchweigend gegen⸗ noch über. Thorilde wagte nicht zu fragen, welche Verbindlichkeit blick er eingegangen, ſie erwartete dieſe Mittheilung von Ludolf. Dieſer trat an das Fenſter, ſah unruhig in die Nacht hin⸗ kam aus, und warf ſich dann reſignirt in eine Sophaecke. Daß iüber er lieber ſelbſt gegangen wäre, konnte ſie aus ſeinem Weſen errathen. ßes Sie ſetzte ſich an ſeine Seite und ſah ihn beobachtend zu ze an. Es fiel ihr dabei ſchwer auf das Herz, daß ſie ſein Vertrauen nicht beſaß. Beſaß er denn aber das ihrige?—„Se Immer drückender wurde es ihr, nicht zu wiſſen, wer ihn ſo ſpät noch erwartete! Sie hatte ſich in den letzten nun zwei Wochen um ſein Thun und Laſſen außer dem Hauſe nicht bekümmern können, und es fiel ihr nun auf die Seele, frag er; er⸗ ahl em en⸗ keit lf. in⸗ aß ſen end ſein wer ten uſe ele, 155 daß er Bekanntſchaften angeknüpft, von denen er mit ihr zu reden keine Neigung zeigte. Das Schweigen auf bei⸗ den Seiten wurde zu einer peinlichen Pauſe. Mit Gewalt ihren unangenehmen Gedankenflug be⸗ meiſternd, ſuchte Thorilde die Hand Ludolf's, drückte ſie warm und feſt mit ihren weichen Fingern, und ſagte: „Wir haben eine traurige Reiſe vor uns, mein guter Mann!“— Ein tiefer Seufzer war ſeine Antwort; aber ein Seufzer, der mehr einem Stöhnen glich; denn er beklagte ſein Loos, die Escorte einer Leiche abgeben zu ſollen. „Wenn wir nur ſchönes Wetter haben, ſo geht es noch; man zerſtreut ſich dann wenigſtens durch den An⸗ blick der Gegend,“ fuhr ſie fort. „Gegend?“ erwiederte er.„Von hier nach Berlin kaun von Gegend nicht viel die Rede ſein. Mich unterhält überhaupt keine Gegend.“ „Das weiß ich doch nicht, denn es machte Dir gro⸗ ßes Vergnügen mir die Umgebung von Schloß Rheinfeld zu zeigen.“ „Ach ja! damals!“ ſagte er, wie ſich erinnernd. „Seitdem aber ſind wir in Paris geweſen.“ „Und dort hat es Dir ſo wohl gefallen, daß Du nun gegen alle Schönheit der Natur gleichgültig biſt?“ fragte ſie, ſich an ihn ſchmiegend, halb ſcherzend. „Man amüſirt ſich ſonſt nirgends!— Es iſt höchſt 156 verdrießlich, daß wir nicht eld genug haben, um immer dort leben zu können!“ „Meinſt Du?— Ich glaube, wir werden auf Dei⸗ nem ſchönen Schloſſe recht glücklich ſein, mein lieber Mann!“ „Wir werden eine fürchterliche Langeweile ausſtehen, Thorilde!“ begann Ludolf, zu einen mittheilenderem Tone übergehend.„Ich wollte, daß ich Dir den Aufenthalt dort erſparen könnte; aber ich kann es nicht. Hätte ich eine große Summe gewonnen, wie ich hoffte, ſo wären wir gleich von Berlin dahin zurückgekehrt; aber das Glück verließ mich.“ „Wie? So haſt Du geſpielt?“ fragte Thorilde, hoch aufhorchend. „Freilich hab' ich! Womit hätte ich ſonſt die langen Tage und Abende hinbringen ſollen, während Du bei der Kranken ſaßeſt und thateſt, als ob Du gar nicht verhei⸗ rathet wäreſt?“ „Verzeihe es mir!“ ſagte Thorilde mit himmliſcher Milde.„Ich wußte beide Pflichten im Augenblicke nicht zu vereinen, und gab der dringender ſcheinenden nach. Hätte ich meine Mutter verlaſſen, würde es jetzt mein Gewiſſen beſchweren.“ „Und daß Du mich verlaſſen haſt, beſchwert Dein Gewiſſen nicht?“ fragte er empfindlich. „Sicherlich thut es das! Allein was ich da vernach⸗ wim mich Teu ſoll enſ mac nicht gar verf nmer Dei⸗ ieber ehen, Tone dort eine twir Glück hoch ingen i der erhei⸗ liſcher ht zu Hätte wiſſen 157 läſſigt, kann ich wieder gut machen, während der Tod mir keine Hoffnung läßt.“ „Wieder gut machen!— Ja, ſchön wieder gut machen!— Als ob Du das viele verlorene Geld wieder einbringen könnteſt!“ „So haſt Du verloren?“ „Freilich hab' ich verloren!— Hörteſt Du den Ge⸗ heimrath nicht von einer Ehrenſache reden?“ „Das alſo war es?“ „Nun ja, das war es.“ „Und was wollte man jetzt noch von Dir?“ „Mich weiter ſpielen laſſen, ob ich es etwa wiederge⸗ winnen könne. Dein eigenſinniges Dazwiſchentreten hat mich dieſe Chance verlieren laſſen. Nun muß ich die ganze Teufelsſumme zahlen?“ „Wenn Du nun aber noch mehr verloren hätteſt?“ „Das war nun einerlei. Entweder, oder!— Was ſoll nun aus uns werden?“ „Wie, iſt denn die Summe ſo groß?“ fragte ſie erſchreckt. „Rede mir nicht weiter davon; es könnte mich toll machen. Du biſt an Allem ſchuld.— Wäreſt Du mir nicht von der Seite gegangen, ſo hätte ich an das Spielen gar nicht gedacht.“— Er wandte ſich von ihr ab und verfiel in ſein früheres Schweigen. Sie legte indeſſen 158 die feinen Hände über die vom Weinen müden Augen und betete in ſich hinein:„Geiſt meiner geſchiedenen Mutter! Biſt Du um mich, ſo ſtehe mir bei, daß meinem Herzen nie der Muth zum Dulden fehlen möge!“ tund utter! erzen Das Teſtament. Der Staatsanwalt Möſer hatte als Vollſtrecker des letzten Willens der Verſtorbenen die für die Beerdigung nothwendigen Vorbereitungen getroffen, und ihrem Schwa⸗ ger nach Paris die Stunde ihrer Beſtattung gemeldet. Auch nach Schloß Rheinfeld war eine ſolche Depeſche ab⸗ gegangen. Ellena glaubte er bei dieſer Gelegenheit über⸗ gehen zu müſſen. In der Wohnung der Frau von Gasmund hatte das Gericht verſiegelt; Thorilde mußte mit Ludolf bei ihrer An⸗ kunft in Berlin in einem Gaſthofe abſteigen; dadurch fühlte ſie ſich in ihrem Heimathorte wie eine Fremde. Der Regen goß bei ihrer Ankunft in Strömen und der graue, tiefhängende Himmel gab der Stadt ein trauriges 160 Anſehen, das ganz zu ihrer Stimmung paßte. Auch am folgenden Tage regnete es noch fort. Thorilde erhob ſich früh, legte die tiefen Trauerkleider an, die ſchwarze Schneppe über die weiße Stirne, und ſammelte ſich im Gebet. Ludolf war indeſſen hinunter ge⸗ gangen, um den Vorbereitungen für die Bewirthung der Leidtragenden zuzuſehen. Als die anberaumte Stunde ſchlug, kehrte er zurück, um ſeine Gattin an den ſchwarz behangenen Wagen zu führen, in welchem ſie, als erſte Leidtragende, den Zug eröffnen ſollte. Langſam, Schritt vor Schritt, fuhr man durch die einſamen Straßen. Ludolf, gelangweilt, ſchlief endlich ein, und erwachte erſt, als man den Kirchhof erreicht hatte. Trotz des ſchlimmen Wetters ſtieg Thorilde, um die Rede des Geiſtlichen zu hören, aus. Sie hatte nie einem Be⸗ gräbniſſe beigewohnt und jetzt vor dem pffenen, von ſchwar⸗ zen Geſtalten umringten Grabe wirkte die Scene ſo über⸗ wältigend auf ihr Gemüth, daß ſie geiſterbleich wurde und zu ſinken drohte. Ludolf, den Schirm über ihr haltend, bemerkte ihre Schwäche nicht; aber von der andern Seite her kam eine ſtarke Hand ihr ſtützend zur Hülfe und ließ ſie, bis das Grab ſich geſchloſſen, nicht wieder los. Thorilde war zu bewegt, um ein Wort des Dankes ſtammeln zu können. Sie wußte ſelbſt nicht, wie ſie den Wagen erreichte und als dieſer ſich hinter ihr geſchloſſen, ſank ſie betrübt in deſſen Ecke.— au der ber vel mu mi fel wů ſch ſei Th ger abe ihn beo höe din der em 161 Die Rückfahrt ging ſchnell von Statten; in einer Viertelſtunde hielt man vor dem Hotel und Ludolf athmete auf, dieſe ſchreckliche Ceremonie überſtanden zu haben, von der, wie er hoffte, Thorilde ſich nun ſchnell erholen würde.— Schon hatte er überlegt, womit er ſie zerſtreuen könne und bedauerte, in den Berliner Theatern die Einrichtung der verſteckten Logen zu vermiſſen, wo eine Trauernde, vom Publicum ungeſehen, Zuſchauerin ſein kann; allein etwas mußte ſich doch vornehmen laſſen. An der Thüre des Gaſthofes kam ihm der Wirth mit der Nachricht entgegen, der Herr Baron von Rhein⸗ feld, ſein Vater, ſei angekommen. Zu jeder andern Zeit würde Ludolf ſich erſt beſonnen haben, bevor er ſich ent⸗ ſchieden, ob ſolcher Beſuch ihm Freude gewähre oder läſtig ſei; jetzt aber war er ihm außerordentlich willkommen, und Thorilde in ihr Zimmer führend, eilte er ihn in dem ſeini⸗ gen, wo er mit Umkleiden beſchäftigt war, aufzuſuchen. Der Baron hatte dem Trauerzuge folgen wollen; war aber um eine Stunde zu ſpät eingetroffen. Thorilde dankte ihm, als er ihr ſein Bedauern darüber ausſprach, für die beabſichtigte Aufmerkſamkeit und äußerte ſich überhaupt höchſt erfreut, ihn zu ſehen. Sie fühlte ſo lebhaft das Be⸗ dürfniß, ſich anzuſchmiegen, und kam ſich ſo verlaſſen in der Welt vor, daß ſie ſeine Nähe wie eine Wohlthat empfand. Der Baron bemerkte, ſie mit prüfendem Blicke he⸗ Amely Boelte: Die Mantelkinder. U, 11 trachtend, daß ſie ſich verändert habe. Sie wurde roth. Er küßte ſie darauf väterlich auf die Stirne und wurde in ſeinem Benehmen gegen ſie um Vieles zutraulicher und rückſichtsvoller. Wie Sonnenſchein wirkte dies Wohlwollen auf ſie. Verſchiedene Condolenzbeſuche fanden ſich ein; zum Abend erſchienen der Geheimrath, ſo wie der Staatsan⸗ walt und blieben als Freunde der Familie. Das Geſpräch wurde dadurch vielſeitig, und nahm eine heitere Färbung an. Auf die Verſtorbene zurückzukommen vermied man, Thorildens willen. Nur ſo viel wurde, was dieſen Gegen⸗ ſtand betraf, abgeredet; daß der Baron bis zur Eröffnung des Teſtamentes bleiben wollte, um dann, in Begleitung des jungen Paares nach Schloß Rheinfeld zurückzukehren, wo ſeine Gattin indeſſen alle Vorbereitungen zu ihrer Ueberſiedelung nach Paris traf⸗ Als der Staatsanwalt nach Hauſe kam, hörte er, daß Jemand ſchon dreimal im Laufe des Tages nach ihm gefragt und in der Frühe des nächſten Morgens wiederzu⸗ kommen verſprochen habe. Auf der Karte ſtand: Sigurt von Gasmund. Möſer legte das kleine, an einer Seite umgebogene Blättchen gedankenvoll bei Seite.— Warum Herr von Gas⸗ mund gerade jetzt hier erſcheinen müſſe, fragte er ſich; und ob er mit Ellena, ob ohne ſie gekommen ſei? Der Geheim⸗ rath hatte ihm ſeine Pariſer Erlebniſſe mitgetheilt; er war — N d mn I 3 ————— th. in ind len um an⸗ räch ung lan, gen⸗ ung ung ren, hrer r, ihm erzu⸗ igurt gene Has⸗ und eim⸗ war 163 daher auf allerlei Möglichkeiten gefaßt, und ſah erwartungs⸗ voll der Zuſammenkunft entgegen. Früher wie gewöhnlich erhob er ſich am nächſten Morgen, um einige Geſchäftsbriefe zu befeitigen, und da⸗ durch die folgenden Stunden frei zu ſein. Herr von Gas⸗ mund war ein alter Bekannter, mit dem er von vergange⸗ nen Zeiten zu plaudern hatte. Mit einem herzlichen Will⸗ kommen bot er dem unkenntlich Gewordenen, als dieſer ge⸗ gen die zehnte Stunde bei ihm eintrat, die Hand. Das heiße Clima hatte die Haut ihm gebräunt, und ihn über ſeine Jahre gealtert; der Geſchäftsmann, von gleichem Alter mit ihm, ſah um Vieles jünger aus. Jener ſchien das Leben hinter ſich, dieſer es noch vor ſich zu haben. Nach einigen allgemeinen Fragen kam man ſchließlich auf die Gegenwart zurück. Der Staatsanwalt nannte Ellena's Namen. Sogleich verließ Herr von Gasmund ſeinen Platz und ſchritt, von heftiger Empfindung bewegt, im Zimmer auf und ab.„Das iſt es, was mich Ihnen ſo unerwartet hergeführt hat,“ rief er aus.„Ich mußte Sie ſprechen, ich bedurfte Ihres Rathes, Ihres Beiſtan⸗ des! Der Tod meiner Schwägerin war mir eine willkom⸗ mene Veranlaſſung, das ſogleich auszuführen, was ich ſonſt noch aufgeſchoben haben möchte. Ja, ſagen Sie mir, wie ich mich verhalten ſoll, denn ich weiß es nicht.“ „Warum handelt es ſich denn?“ unterbrach ihn der Staatsanwalt.„Sie haben ſie wiedergeſehen? Womit entſchuldigt ſie den unüberlegten Schritt?“ „Entſchuldigen? Ach, Freund, davon iſt bei ihr keine Rede. Träfe Jemanden ein Vorwurf, ſo träfe er nicht ſie, ſondern uns— daß wir ſie an einem Orte ließen, wo ſie ſich nicht gefiel, wo ſie nicht hingehörte.“ „Freilich war die Verſtorbene nicht die Frau, um ein geniales Mädchen zu erziehen!“ warf der Staatsanwalt entſchuldigend ein. „Aber iſt Ellena denn auch wirklich genial?— Iſt ſie nicht vielmehr ſelbſtſüchtig?— Ihr Eigenwille duldet keine Controle; darf man dieſen Fehler mit einem ſo beſchöni⸗ genden Namen verdecken?“ „Sie ſind gereizt— ſind verſtimmt gegen ſie!“ ſagte der Andere beſchwichtigend.„Laſſen Sie uns vor allen Dingen gerecht ſein. Talent kann manu ihr wohl nicht abſtreiten, und ihre Stimme iſt himmliſch.“— „Das mag ſein! Aber was hilft mir dies, wenn ſie darüber jegliche Pflicht einer Tochter aus den Augen ſetzt?“ „Wenn ſie das thut, aber thut ſie es denn?— Wie empfing ſie Sie?— Wie war Ihr Zuſammentreffen?“— „Sie war froh, mich zu ſehen; allein nur in der Hoff⸗ nung, daß ich mit ihrer Lebensweiſe zufrieden ſein würde. So wie ich ernſthaft in ſie drang, dieſem ſchimpflichen Wandern zu entſagen, ſich von Leopold zu trennen, und re n nit ie, ſie in alt ſie ine ni⸗ 165 mich nach irgend einem Orte der Welt zu begleiten, wo man von ihren Irrfahrten keine Kenntniß habe; erhob ſie groß und prächtig ihr Haupt, ſah mich mit der Miene beleidigten Stolzes an und ſagte eiſig kalt, daß ſie, wenn ich mich ihrer ſchäme, nie daran denken würde, ſich meine Tochter zu nennen. Da ſaß ich nun. Mit Gewalt ſie zwingen, das konnte ich nicht; ſie ward meinem Herzen ſchwer. Die Sorge für iſt der Zweck meines Lebens geweſen; ſehe ich dieſen jetzt vereitelt, was dann mit mir ſelbſt e. Möſer ſaß gedankenvoll da. Nach einigem Nachſinnen ſagte er:„Ich bin der M daß Ellena in ihrem Weſen nur mißverſtanden wird, und richtig geleitet, ihnen Allen Freude gemacht hätte; aber man fordert ſtets von ihr, was ſie nicht leiſten kann: Selbſtverleugnung. Stören Sie ſie einmal nicht in ihrem Thun, Sie keinen Widerſtand heraus; und ſie wird Ihnen keine Ver⸗ anlaſſung zur Klage geben.“ „Ich ſoll alſo rihig zuſehen, wie ſie von jenem Men⸗ ſchen anöffentlichen Orten zu ſingen umher geſchleppt wird? Ich ſoll dieſen Leopold wohl gar Schwiegerſohn nennen und zum Erben meines Perubnene einſetzen? Nie und nimmer! Gerade über dieſen Punkt hatte ich mit Ihnen zu reden!— Mein Teſtament, welches Ellena allein bedenkt, nehme ich zurück; nur ein Pflichttheil bleibe ihr. Das ſei ihre Strafe.“ 166 „Nicht ſo heftig, mein guter Freund! Sie iſt Ihr Kind, und ein Kind, an dem Sie etwas gut zu machen haben. Vergeſſen Sie das nicht! Sie hätten, meiner Meinung nach, vorſichtig zu Werke gehen, erſt das Verhältniß zwi⸗ ſchen Ellena und dem Künſtler genau erforſchen, ſich die Liebe und das Vertrauen Ihres Kindes erwerben, und den gewonnenen Einfluß benutzen ſollen, um ſie dahin zu führen, wohin Sie ſie zu leiten wünſchten. Statt deſſen ſind Sie, ihr ein Fremder, vor ſie hingetreten, und haben ohne Weiteres die Forderung geſtellt, daß ſie fortan nach Ihrem Sinne leben ſolle. Können Sie ſich wundern, wenn ſie ſich dagegen ſträubte?“ „Ich glaubte in meinem Rechte als Vater dies verlangen zu können,“ ſagte Herr von Gasmund ſchon milder. „Und ſo wäre das arme Kind, welches ſo eben erſt durch den für ſie gewiß nicht leichten Schritt ein bischen Freiheit für ſich erobert hatte, zu einem neuen Tyrannen übergegangen; nichts weiter! Seltſam, daß ſo viele Eltern ihre Kinder aus dem Geſichtspunkte der Rechte eines Eigenthümers betrachten!— Kinder ſind doch auch Menſchen.— Wenn ſie nun eine ſtark ausgeprägte In⸗ dividualität in ſich tragen, wie es bei Ellena der Fall iſt, und ſie ſollen ihrer Natur einen übermäßigen Zwang anlegen, um ſo zu ſein, wie der Andere ſie haben möchte; kann es uns da Wunder nehmen, wenn die Natur in ge M m ul no eis au m kle w w M be ng i⸗ ie en en, ie, ne em ich ies on erſt hen nen iele hte uch In⸗ Fall ang te; in 167 ihnen ſich auflehnt? Stellen Sie ſich vor, daß Sie aus einem Bullenbeißer einen Schvoßhund machen wollten?— Würde das Unternehmen nicht jedem Zuſchauenden thö⸗ rigt erſcheinen, und doch iſt dies Vorſetzen, den Anderen zu dem zu geſtalten, was uns ſelbſt angenehm, nützlich, erſprießlich ſcheint, wohl mehr zu rechtfertigen?“ „Wie Sie da reden, ſollte man meinen, dem Kinde ſei ein ſchreckliches Unrecht zugefügt worden,“ warf Herr von Gasmund halb ſpöttiſch ein.„Doch hat meine Schwä⸗ gerin, meines Wiſſens, ſie nur zu einem wohlerzogenen Mädchen heranbilden wollen.“ „Wenn man es ſo nehmen will, ja,“ nahm Möſer mit ernſter Ruhe das Wort.„Allein was verſteht man unter einem wohlerzogenen Mädchen? Ein Weſen ohne alle Individualität, ohne alle Originalität, welches ſich genau nach den Regeln der guten Geſellſchaft geberdet, und auf eigene Anſichten verzichtet. Es ſchickt ſich nicht, heißt es auf jedem Schritte, und ein Warum wird nicht genannt, weil die Mode wie die Sitte kein Warum kennt. Wenn man älter, verſtändiger wird, ſo fügt man ſich in dieſe kleinen Dinge, aus Bequemlichkeit; allein in der Jugend will man mitunter dem Strome entgegen ſchwimmen— wie wir es auf der Univerſität verſuchen. Soll nun ein Mädchen nicht auch ſolchen Gährungsprozeß in ſich erle⸗ ben? Soll es bei ihr keine Sturm⸗ und Drangperiode ge⸗ ben?— Wenn nun jedem„ich mag nicht“ ein„Du mußt“ 168 entgegengeſetzt wird, ſoll ſie da des kleinen Kampfes nicht müde werden und ihm entfliehen wollen?— Ein bischen Nachgabe und ſie hätte ſich ſchließlich in den gewöhnlichen Lauf der Dinge gefunden.“ „Warum aber ſchrieben Sie mir nicht, daß es ſo ſtinde? Warum ſprachen Sie nicht ſelbſt ein ernſtes Wort mit meiner Schwägerin?“ „That ich es denn nicht? Allein ſie war des Mäd⸗ chens Beſtes zu wollen ſo vollkommen überzeugt, daß meine Vorſtellungen unbeachtet blieben. Freilich war ich auf die⸗ ſen Ausgang der Sache, das muß ich geſtehen, nicht gefaßt!“ „Mit Ellena ſelbſt ſprachen Sie nie über ihr Be⸗ tragen?“ „Nie. Was hätte ich ihr ſagen können, als, daß ich im Grunde mit ihrer Ungefügigkeit einverſtanden ſei?“ „Wie, ſo billigten Sie des Kindes Halsſtarrigkeit?“ „Betrachten wir erſt, worin dieſe beſtand!“ ſagte der Staatsanwalt lächelnd.„Sie liebte die Natur, die Poeſie, die Muſik; aber nicht die Morgenbeſuche und Theege⸗ ſellſchaften. Sie wanderte gern allein in Feld und Wald umher, ſie wollte die Sonne aufgehen ſehen, den ma⸗ giſchen Schein des Mondes auf einem See, auf einem Gebäude beobachten; ſie wollte ſich an Dingen ergötzen, die ihr Freude gewährten, und man verſagte ihr das, U ine die⸗ icht t der eſie, ege⸗ zald ma⸗ nem tzen, das, 169 um ihr aufzuzwingen, was für ſie eine Pein war. Sollte ich ſie deshalb ſchelten?“ „Freilich— wenn ſie weiter nichts that!“ ſagte Herr von Gasmund kleinlaut. „Bei Gott nicht!“ rief der Staatsanwalt betheu⸗ ernd.„Auch wurde ſie nie heftig, drang nicht eigenſinnig darauf ihren Willen zu haben; ſondern begnügte ſich mit einem e Widerſtande.— Um ſo weniger vermuthete ich dieſes ſelbſtſtändige Handeln.“ „Wäre ſie nur nicht gerade auf dieſen Menſchen ver⸗ fallen!“ rief der Vater beklagend. „Das iſt es! So wohl gehütet, und kn eſe Hinterthüre gefunden; welche Lehre für die Wächter der Mädchen!“ „Wenn ich ſie von dem los n könnte, ſo gäbe ich mein halbes Vermögen d darum; denn ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr er mir zuwider iſt!“ „Ich hoffe, daß Sie wohlfeileren Kaufes dazu kom⸗ men werden, lieber Gasmund; denn die Frage iſt, ob ſie wirkl ich verheirathet ſind?“ „Sie zweifeln daran? Welche Hoffnung geben Sie mir damit!— Sie führt aber ſeinen Namen!“ „Thut nichts! Sie ſind bei dem Schmied in Gretna Green geweſen; aber für uns iſt das keine Autorität. Sie iſt überdem nicht mündig; ſie hat über kein Vermö⸗ 170 gen zu gebieten; warten wir es ab, und Leopold ſelbſt wird ſie Ihnen zurückbringen!“ Obwohl nun Herr von Gasmund zu dieſer Verſi⸗ cherung ungläubig ſein Haupt bewegte, ſo war es ihm doch augenſcheinlich ein Troſt, den Staatsanwalt dieſe Anſicht ausſprechen zu hören. Da er bei der Eröffnung des Teſtamentes gegen⸗ wärtig ſein wollte, ſo konnte ſeine Anweſenheit kein Ge⸗ heimniß bleiben; auch war kein Grund vorhanden, wes⸗ halb er Thorilde hätte vermeiden ſollen; er ging alſo zu ihr. Sie erkannte in ihm die Hand, welche ſich ihr am Grabe ihrer Mutter ſtützend geboten und ſah darin ein Zeichen des Himmels. Mit abergläubigem Vertrauen hing ſie ſich an den Onkel. „Welche Aehnlichkeit!“ rief dieſer, ihre Züge mu⸗ ſternd. Sie wurde glühend roth. Das Bild ihres Vaters beſaß ſie, von dieſem trug ſie keinen Zug, wem war ſie alſo ähnlich?— Ihrer Mutter, welche man nie vor ihr genannt hatte? Herr von Gasmund ſpeiſte mit ihnen, ſpäter kam der Geheimrath und Ludolf brachte den Tag in leidlicher Laune zu. Von ſeiner Spielſchuld hatte er ſeinem Vater bis jetzt noch kein Wort geſagt.— „Willſt Du nicht mit ihm darüber ſprechen?“ fragte Thorilde ihn am Abend. „Ich möchte ihm am liebſten nichts davon ſagen; mi da Ar ful mi D da en och en⸗ Ze⸗ es⸗ zu am ein ing nu⸗ res em nie am cher ater igte 171 denn er wird mir Vorwürfe machen und leiden,“ ſagte Ludolf verſtimmt.— „Wie ſoll es denn aber werden? Der Geheimrath hat Bürgſchaft für Dich geleiſtet; wir dürfen dieſe nicht auf ihm laſſen,“ fragte ſie, ihn verwundert beobachtend. „Es giebt noch einen Ausweg,“ nahm Ludolf das Wort, und ſtrich dabei ihr ſchönes ſchwarzes Haar;— „Du könnteſt die Bürgſch aft übernehmen.“ „Ich?“ fragte ſie verwundert. „Ja, Du! In wenigen Tagen wirſt Du ja Dein Vermögen ausgezahlt erhalten.“ „Das weiß ich noch nicht. Was meine Mutter für mich thun wollte, hirg von ihrem gen Willen ab.“ „Doch nicht; ſie hatte meinem Vater verſprochen, daß Du ſie beerben follteſt.“ „So?“ fragte ſhel de, und richtete ihre tiefblauen Augen groß und ſchmerzlich zu ihm empor. „Mich wundert, daß ſie Dir das ic geſ ſagt hat,“ fuhr er unbeirrt fort.„Ich dachte gleich daran, daß Du mir auf dieſe Weiſe aus der Klemme helfen könnteſt. Da Du mich verhindert haſt die Summe wieder zu gewinnen, ſo iſt es auch nur billig.“ „Ich bin nur noch nicht mündig,“ ſagte ſie und ſchlug das Auge nieder. „Dein Vormund wird ſich doch nicht unterfangen, Dir entgegen zu handeln?“ fuhr er auf. die kann ich nicht 172 „Man kann es nicht wiſſen. Ich verſtehe freilich gar nichts von ſolchen Verhältniſſen.“ „Ich will ſchon mit ihm reden,“ ſagte Ludolf ſelbſt⸗ gefällig und damit war die Unterhaltung abgebrochen. Thorilde fand in den nächſten Tagen keine Gele⸗ genheit mit dem Geheimrathe allein zu ſprechen; ſie mußte daher dieſe Angelegenheit bis zum geeigneten Momente auf ſich beruhen laſſen. Ihr Schwiegervater drängte mit der Abreiſe; ſie machte ſich daher reiſefertig, um ihm gleich nach der Eröffnung des Teſtamentes folgen zu können. Sein Betragen gegen ſie war, wie früher, rückſichtsvoll und gütig, und die Art, wie er mit ihr umging, wurde Ludolf ſichtlich zum Beiſpiele.„Einen jungen Ehemann muß man ſich ziehen, meine liebe Tochter,“ ſagte er zu ihr.„Meine ganze Hoffnung beruht darauf, daß Sie aus meinem Sohne machen werden, was ich wünſche, daß er zur Freude ſeiner Eltern für dieſe und für Sie ſei.“ Sie hörte ihm mit Bewegung zu. Ihm eingeſtehen, wie ſchwer dieſe Aufgabe ſei, mochte ſie nicht; und weniger noch bekennen, daß ſchon jetzt ihr Einfluß auf den Gatten ein nur ſchwacher ſei. Sie wünſchte die Wohnung ihrer Mutter zu beſuchen und von dort liebe Andenken mit ſich zu nehmen. Gleich nach Abnahme der Siegel ſollte dies geſchehen. Da ſie nun einen ſolchen Gang nicht gern in Begleitung ihres Gatten, der nichts dabei empfinden komnie, unternahm; ſo ge mi all eri da nu ſch na wu ent gel me bie me lic au ein Fi ſie her tar ver ſt— ele⸗ ßte nte mit eich ten. und dolf nan eine tem de hen, iger tten chen leich ſie hres ſo 173 gewann ſie es über ſich, den alten Baron um ſeine Ver⸗ mittlung zu erſuchen, daß ihr geſtattet werden möge, ganz allein dieſe Pilgerfahrt nach dem Schreine ihrer Jugend⸗ erinnerungen zu unternehmen.— So wie dieſer es vor⸗ ſchlug, konnte Ludolf keine Kränkung ſeiner Gattenehre darin finden, und obwohl er höchſt neugierig war, die Woh⸗ nung ſeiner Schwiegermutter zu ſehen, willigte er doch ſchweigend ein, während ſie dahin ging, mit ſeinem Vater nach Potsdam zu fahren. Thorilde athmete hoch auf, als ihr dies gewährt wurde. Der Geheimrath wollte ſie abholen. So konnte ſie endlich auch mit dieſem ein Wort ohne Zeugen ſprechen. Ihre erſte Frage an ihn lautete: Wie es Agathe Müller gehe?— Es war ihr ſtiller Entſchluß, jetzt, wo ſie über mehr, als über die Erſparniſſe von ihrem Nadelgelde ge⸗ bieten konnte, auch ernſtlicher ſich ihrer anzunehmen; na⸗ mentlich aber ſollte ſie ſich von den Möbeln ihres mütter⸗ lichen Nachlaſſes, was ſie für ihre Häuslichkeit bedürfte, auswählen; und aus dem Vorrathe an Betten und Wäſche eine kleine Ausſtattung für ihre Tochter bei Seite legen. In dieſen Plänen erholte ſich ihr Herz. Von Ellena ſprach ſie heute nicht; wohl aber gedachte ſie ihrer, als ſie in den ſtillen Räumen leiſen Schrittes um⸗ herging und alle Bilder der Vergangenheit vor ihr auf⸗ tauchten; tauſendmal wünſchte ſie ſie zurück, als die einzige vertraute Seele unter den vielen neuen, fremden Menſchen. 174 Sie kam mit verweinten Augen, aber gefaßt nach Hauſe; denn jede Einkehr in ſich ſelbſt führt zu neuen kräf⸗ tigenden Entſchlüſſen. Am Abend brachte der Staats⸗ anwalt die Abſchrift des Teſtamentes, und theilte den In⸗ halt im Familienkreiſe mit. Für Thorilde war dieſer letzte Wille der Verſtorbenen ein heiliges Document und mit reli⸗ giöſer Unterwerfung wollte ſie ihren Beſtimmungen nach⸗ kommen. Daß ſie Univerſalerbin ſei, wußte ſie bereits; jetzt vernahm ſie, daß bis zu ihrer Mündigſprechung ihr Vermögen anzuwachſen beſtimmt ſei und ſie auch dann nie das Capital, immer nur die Zinſen berühren dürfe; der Staatsanwalt aber blieb der Verwalter dieſes Vermögens, laut den Verfügungen der Erblaſſerin.— Ludolf vernahm mit gerunzelter Stirne dieſen Zuſatz, Thorilde empfing ihn, wie einen Segen. Sie fühlte ſich durch dieſe Anordnung der Obhut des Freundes nicht entzogen; ſein Schutz blieb ihr. Herzlich reichte ſie ihm die Hand. Auch ihr Schwiegervater ſagte ihm einige artige Worte. Ihr Gatte aber wandte ihm den Rücken. „Wir müſſen das Teſtament umſtoßen,“ flüſterte er ihr in der erſten unbewachten Minute zu.„Wie ſoll ich ſonſt meine Spielſchuld decken?“ Sie fuhr zuſammen. Konnte er im Ernſte das ſagen? Nie und nimmer würde ſie dazu ihre Einwil⸗ ligung gegeben haben; wie aber, wenn er dieſe nicht forderte?— ih al la — — — ) S ach tzte 175 „Sprich doch mit Deinem Ludolf!“ bat ſie ihn ſpät Abends noch ein Mal. können unmöglich abreiſen und dem Geheimrath dieſe Bürgſchaft hinter⸗ laſſen!“ nutzt es, wenn ich rede; woher ſoll mein Alter das Geld nehmen 2 erwiederte er niriſch. „Das weiß ich nicht; aber gefunden muß es wer⸗ den!“ rief ſie erregt. „So finde Du es,“ gab er mit unartigem Tone zurück.„Du biſt an meinem Verluſte ſchuld, und verſteckſt Dich nun hinter Deiner Unmündigkeit.“ „Ludolf!“ rief ſie bittend,„Ludolf! Sei nicht un⸗ gerecht. Warum ſoll Deine arme kleine Frau durchaus die Schuld tragen? Unmöglich konnte ich doch meine kranke Mutter, um Dir Geſellſchaft zu leiſten, ver⸗ laſſen?“ „Die Frau ſoll Vater und Mutter aufgeben und Manne anhangen; das haſt Du nicht gethan. Bald geht mir dieſer vor, bald jener. Ich mag es aber nicht, wenn irgend Jemand mir vorgeht.— So denkſt Du auch jetzt wieder bloß an den Geheimrath und nicht an mich. Das verdrießt mich. Gerade darum freue ich mich nun ihn ärgern zu können.“ Bedenke, er war der Freund meiner Mutter, nur ihretwegen, nur um mich in meinem Kummer um ſie nicht auch noch durch Dich betrübt zu ſehen, hat er 176 ſein Wort für Dich verpfändet, überzeugt, daß Du als Edelmann und Cavalier es löſen würdeſt. Du kannſt nicht wollen, daß er ſchlecht von Dir denke?“ „Schlecht? Dazu hat er kein Recht. Mag er es ſich unterſtehen!— Was habe ich ihm denn verſprochen? Gar nichts! Hat er ſein Wort verpfändet, ſo mag er es nun auch löſen.“ „Das iſt Dein Ernſt nicht!“ rief ſie außer ſich. „Mein völliger Ernſt!“ gab er mürriſch zurück. „So laß mich mit Deinem Vater reden. Es wird irgend ein Ausweg ſich finden,“ rief ſie in wahrer Seelenangſt. „Ich verbiete Dir, daß Du unter irgend einer Be⸗ dingung ihm ein Wort davon ſagſt! Ich will es nicht!“ Er ſtampfte dazu bekräftigend mit dem Fuße, lief in das anſtoßende Zimmer, verſchloß die Thüre, ſchellte und forderte ein Glas heißen Punſch. Thorilde ſank in die Kniee, ſtützte die Ellenbogen auf einen Stuhl, ſenkte das Haupt in die Hände, und betete; dann ſprang ſie auf, beſtellte einen Wagen und fuhr zum Staatsanwalt Möſer.— 10. Die Flucht. Wir finden Leopold im Kreiſe ſeiner zu einem Gabelfrühſtücke bei ſich verſammelten Kunſtfreunde. Der Champagner floß. Man erzählte ſich luſtige, meiſtens auf ihre gegenſeitigen Erfolge bei Frauen hinauslaufende Ge⸗ ſchichten. Wer ihnen unbefangen zuhörte, hätte glauben ſollen, daß dieſe Adepten der Zukunftsmuſik nur darin ihren Ruhm ſuchten, von dem ſchönen Geſchlechte ausge⸗ zeichnet zu werden. Ellena ſaß Anfangs, als Wirthin, am Tiſche; ſtand dann aber leiſe auf, um ſich in die Vertiefung eines Fen⸗ ſters zurückzuziehen, wo ſie nun hinter einem der ſchweren Vorhänge verſteckt ſaß. Man bemerkte ſie dort entweder nicht oder hatte ihre Gegenwart gänzlich vergeſſen; der Wein löſte nach und nach die Zungen, auf Neckereien folgte Amely Boelte; Die Mantelkinder. II. 178 Vertheidigung, und die Discretion, welche ohnehin keine ſtarke Seite bei Männern, ſobald ſie unter ſich ſind, iſt, wurde gänzlich überſehen, um Mittheilungen Platz zu ma⸗ chen, die nie Erwähnung hätten finden ſollen. Merkwürdiger Weiſe ſpielte in ihren gegenſeitigen Herzensverhältniſſen das Geld eine große Rolle; die Treue aber niemals. Sie nahmen Geſchenke, ſtatt ſie zu geben, anz ſie lebten als Gaſt der ihnen ihre Gunſt zuwenden⸗ den Frauen, ließen von dieſen ihre Rechnungen bezahlen, ihre Garderobe montiren, ihre Concerte anordnen, die Berichte darüber abfaſſen und für ihr Geld in die öffent⸗ lichen Blätter rücken. Nie ſchien ſich ihr männlicher Stolz gegen ſolche Protection aufzulehnen, noch dieſer Gaben ſich zu ſchämen. Alle gebrochenen Herzen waren die der andern Seite, und jedem Vorwurfe begegneten ſie mit der Einrede: Warum liebte ſie mich?— Es waren ſchließlich lauter Geſchichten der Duldung. Ellena hatte ihr Haupt in die Linke geſtützt, und blickte träumeriſch abweſend auf einen ſchwarz umränderten Brief in ihrer Rechten. Man wußte nicht, ob ſie in Gedan⸗ ken verloren ſei, oder dem Geſpräche zuhörte. Ihre Miene trug einen ihr ſonſt fremden Ausdruck des Ernſtes und der Trauer; doch blieb ihrem ganzen Weſen dabei immer noch eine gewiße Apathie. Mitunter wandte ſie das Haupt um, als wolle ſie hören, wer jetzt rede, doch konnte es auch nur ein augenblickliches Aufhorchen ſein; dann ſank ſie wie⸗ de eit un Tl ſer au no hii Pt Ce ma ſie nd en ne er ch m, ur ie⸗ 59 der in ihre vorige Abweſenheit zurück. Man ſprach von Weimar, Wien, Berlin. Endlich ſtürmten Alle auf Leopold ein, auch er möge ſeine Abentener zum Beſten geben, und unter vielen ihn mahnen follenden Namen wurden auch Thorilde und Ellena in einem Tone genannt, welcher die⸗ ſer alles Blut in die Wangen trieb. Leiſe glitt ſie hier⸗ auf aus dem Zimmer.— Sie hielt den ſchwarz umränderten Brief immer noch in ihrer Hand. Ihn öffnend, warf ſie einen Blick hinein, ſetzte ſich dann an einen Tiſch, auf welchem ihr Portefeuille und ein Schreibzeug ſtand, nahm ein Couvert und adreſſirte es. Dies gethan, ſtützte ſie aber⸗ mals ihr Haupt und verfiel in Nachſinnnen. Endlich griff ſie zur Feder und ſchrieb: Es kannt' der Kindheit gold'ner Morgen In Wahrheit nur ein einz'ges Weh, An keiner Mutterbruſt geborgen, Verwaiſet fühlt' ich mich von je! Mein Denken, Fühlen war mein Eigen, Man gab mir Kleider, gab mir Brot, Wem durft' ich mein Empfinden zeigen? Und Schweigen ward des Herzens Tod. Ihr ſordert nun, daß ich Ench liebe, Und nennt mich kalt, daß ich's nicht kann Es heiſchen Pflege Herzenstriebe, Ich hielt zurück ſtets, was ich ſann— 7 180 In Ruhe mit mir ſelbſt verkehren, O laßt mir das: Es war mir Glück, Ihr könnt mich Audres doch nicht lehren, Nach dieſem ſtets kehr ich zurück. Sind Freunde mir Natur und Töne, Gefährtin mir die eig'ne Bruſt; Behaltet, was ich nicht entbehre, Und gönnt mir die Euch fremde Luſt. Sie faltete das Blatt zuſammen, ſteckte es in das Couvert, und ließ es, an Herrn von Gasmund überſchrie⸗ ben, auf dem Tiſche liegen. Dann ging ſie mit verſchränk⸗ ten Armen einige Male auf und ab. Im Nebenzimmer klangen noch immer die Gläſer. Lauter wurden auch die Stimmen. Die jungen Männer lachten. Leopold führte jetzt das Wort. Thorilde wollte nicht hören, was er ſprach; ſie wandte ſich alſo von der Thüre weg, der andern-Seite des Gemaches zu, öffnete ihren Reiſekoffer und legte ihre Kleidungsſtücke hinein. Obwohl ſie an dergleichen Beſchäf⸗ tigungen kein Gefallen fand, ſo verrichtete ſie ſie doch, wenn es ſein mußte, mit großer Ordnung.— Sie war beinahe fertig, als Leopold die Thüre raſch öffnete und auf ſie zukam. Ein einziger Blick ihres großen grauen Auges belehrte ſie, daß er unter der Wirkung des Champagners leide. Ruhig, unbeweglich, wie eine ſchöne Statue, blieb ſie, ihm ihr Angeſicht zuwendend, ſtehen.—„Die Freunde verlangen Deine Gegenwart!“ ſagte er und wollte ihre 181 Hand, um ſie an ſeine Lippen zu führen, ergreifen; allein mit ruhiger Würde einen Schritt zurücktretend, entzog ſie ſie ihm und ſagte kalt:„Ich bitte Sie mich zu ent⸗ ſchuldigen.“ „Ich habe verſprochen, Dich unter ſie zu führen, und muß mein Wort halten!“ rief Leopold, und wollte ſeinen Arm um ſie legen und ſie mit fort ziehen. Sie verhinderte ihn daran, indem ſie ſeine Hand in die ihrige nahm und mit feſtem Drucke hielt. „Gut denn! So werde ich ſelbſt mich dort entſchul— digen,“ ſagte ſie, marmorbleich, und richtete ſich hoch auf. Ihn immer noch an der Hand haltend, ſchritt ſie lang⸗ ſam und feſt der offen gelaſſenen Thüre zu, blieb an der jenſeitigen Schwelle ſtehen, und ſprach mit leichter Nei⸗ gung des ſchönen Hauptes:„Meine Herren! Sie ſollten mich höher achten, um ſelbſt im Scherze nur meine Ge⸗ genwart am Schluſſe eines Champagnerſchmauſes zu begehren. Sie werden verzeihen, wenn ich, nach dieſeni Vorgange, Ihre Geſellſchaft nur dann ſuche, wenn Sie als Künſtler beiſammen ſind; da ich der anderen Seite Ihres Weſens ewig fremd zu bleiben wünſche.“ WVerlegen ſah ſich der Kreis hierauf an. Die ſchöne hohe Geſtalt imponirte ihnen. Noch hatten ſie ſich durch Blicke nicht verſtändigt, wer die Antwort übernehmen ſollte, als Ellena einen Schritt zurücktrat, die Thüre ſchloß, und den Schlüſſel umdrehte. Ein lautes Gelächter, 182 welches ſich höhnend gegen Leopold wandte, folgte die⸗ ſer Handlung. Man rief ihn auf die Thüre einzurennen. Späße, Anzüglichkeiten, Neckereien, welche ihn reizen ſollten, überboten ſich; mit hochfliegenden Pulſen erwar⸗ tete Ellena das Reſultat. Auch den zweiten Ausgang hatte ſie indeſſen verriegelt. Sollte man mit Gewalt bei ihr eindringen wollen? Nein. Sie hörte— denn man ſprach abſichtlich laut, damit ſie höre— daß Leopold ſein Wort verpfändete, ſeinen Freunden Genugthuung ſchaffen zu wollen, indem er Ellena zu einer zweiten Gri⸗ ſeldis umforme.—„Das geſchieht ihr recht!“ rief der eitle T.—„Denn was haſt Du im Grunde von ihr?— Du biſt in Geldverlegenheit, und ihre Familie rückt nichts her⸗ aus. Sie hat eine göttliche Stimme; allein ohne Fleiß wird ſie Dir damit keinen großen Gewinn bringen. Schön iſt ſie, das iſt wahr; aber langweilig im höchſten Grade. Sie verſteht nichts von der reizenden Coquetterie der Pariſer Damen, die mit ihrem naivem tu und comme je t'aime, auch ohne eigentlich hübſch zu ſein hinreißen. Wäre ich an Deiner Stelle, ſo verhandelte ich ſie. Auf irgend eine Weiſe müßte ſich aus dem ſchönen Bilde doch Geld ſchlagen laſſen! Ein Künſtler, wie Du, dem Hun⸗ derte von Frauen zu Gebote ſtehen, wird ſich aus dieſer Einzigen nicht ſo viel machen, um ihr gehorſamer Diener zu ſein?“ „Davon iſt die Rede nicht,“ hörte ſie Leopold erwie⸗ 183 dern.„Ich habe ſie nur mitgenommen, um der hoch⸗ müthigen Frau von Gasmund einen empfindlichen Streich zu ſpielen und eigentlich iſt ſie mir ſchon lange eine große Laſt.“ „Dann hätte ich ſie an Deiner Stelle nicht ge⸗ heirathet.“ „Geheirathet?“ lachte Leopold.„Sie iſt im Grunde ſo wenig meine Frau, wie Du es biſt, und was das anbelangt, ſo kann ich ſie jeden Tag an irgend einem Orte ſitzen laſſen, ohne daß ein Geſetz der Welt ſie mir aufzwingen könnte.“ „Steht es ſo?“ fragte der Andere lachend. Und nun folgten Scherze und Mittheilungen, welche, leiſer geſprochen, Ellena entgingen. Auch hatte ſie genug ver⸗ nommen. Den ſchönen Kopf faſt in den Nacken ge⸗ worfen, trat ſie an das Fenſter und ſah eine Weile zu den Wolken auf; dann blickte ſie nach ihrer Uhr, und ſetzte ihre Beſchäftigung des Packens fort. Als ſie fertig war, ſchloß ſie den Koffer, ſteckte den Schlüſſel zu ſich, ſetzte den Hut auf, band den Mantel um, und nahm nun ruhig ihren Platz am Fenſter wieder ein. Die Tage nahmen ſchon bedeutend ab, es däm⸗ merte, als die Frühſtücksgäſte aufbrachen. Sie horchte. Waren ſie wirklich Alle fort? Nein. Ein Schritt nahte ihrer Thüre. Es pochte.„Ellena!“ rief Leopolds Stimme. 184 „Vergiß nicht, daß Du heute Abend ſingen mußt. Ich komme um acht Uhr Dich abzuholen.“ „Sehr wohl!“ erwiederte ſie, froh, daß er ihr ſeinen Anblick erſpare. Sie hörte, wie er den Uebrigen nacheilte, und ſah aus dem Fenſter, daß ſie gemeinſam den Weg nach der Rue du Faubourg St. Honors ein⸗ ſchlugen. Als ſie ſich genugſam entfernt, ging ſie leiſe die Treppe hinunter und bat den Portier, daß er ihr eine Kutſche veſorgen möge.— Dieſer lief willig danach, und kam zehn Minuten ſpäter mit dem Beſcheid, daß der Wagen unten halte, zu ihr hinauf.— Sie gab ihm zwei Franken und bat ihn, ihren Koffer hinunter zu ſchaffen.„Madame wollen abreiſen?“ fragte er ver⸗ wundert.„Nur zu meiner Putzmacherin!“ ewiederte ſie, ſich ſelbſt hinter ſeinem Rücken mit allen tragbaren Kleinigkeiten belaſtend.„Madame Pierrot, Rue La⸗ fitte!“ rief ſie dem Kutſcher zu und der Wagen rollte mit ihr davon, während der Portier die Treppe hinauf ſtieg, um, ihrer Weiſung gemäß, das Zimmer zu ver⸗ ſchließen und den Schlüſſel an ſich zu nehmen. Statt aber bei der Putzmacherin anzuhalten, ſtieg Ellena Nr. 16 am Victoria⸗Hotel ab, wo ſie bei ihrer Ankunft einige Tage gewohnt hatte, und die Wirthin, eine Rheinländerin, kannte. Dieſe ließ ſie zu ſich in das Kaffeezimmer beſcheiden, und bat ſie hier um ein e S 4 77 be m be P S ül m ie ne h, aß m zu er⸗ rte en g⸗ lte uf ieg rer in, in ein 185 Darlehen gegen Verpfändung ihrer Uhr und Kette oder was ſie ſonſt begehre. Die Frau weigerte ſich, ſolche Sicherheit anzunehmen; allein Ellena drang darauf. „Sie können in der Dunkelheit nicht allein auf die Eiſen⸗ bahn fahren,“ ſagte ſie.„Ich will Ihnen Jemand von meinen Leuten mitgeben oder beſſer— ich geleite Sie ſelbſt.“— Ellena ſah ſie hierauf mit einem wunder⸗ baren Blicke an.„Sie ſind gut!“ ſagte ſie mit einer Betonung, als ob ſie zum erſten Male Güte erfahre. Sie begab ſich nun auf die Nordbahn, löſte ein Billet über Brüſſel nach Aachen, und ſetzte ſich in ein Da⸗ men⸗Cvupé. Ihrer Begleiterin bat ſie, Niemand, wo⸗ hin ſie gegangen ſei, mitzutheilen. Es war Morgen, als ſie Aachen erreichte. Die Oetoberſonne leuchtete hell; ein leichter Froſt bedeckte die Erde, die Landſchaft trug das Gepräge der Winterlich⸗ keit. Ellena nahm ihr Gepäck in Empfang und miethete einen Wagen.„In welches Hotel?“ fragte der Kutſcher. Sie zog ihr Taſchenbuch hepvor, las eine Adreſſe und ſagte dann:„Nach Enskircheu.“— Die kleine Stadt lag mehrere Meilen entfernt, die Pferde mußten auf dem Wege raſten, es wurde Nachmittag, bevor ſie den Ort erreichte. In dem Wirthshauſe zum„ſchwarzen Roß“ ſtieg ſie ab und beſtellte ein Zimmer.— Es war ein dürftiges kleines Gemach, das Bett nicht allzuſauber. Sie, die in ihrem Leben nur den Comfort des Reichthums 186 gekannt hatte, ſah ſich mit Eckel in dieſer Räumlichkeit um. Die Fenſter waren von Fliegen beſchmutzt, der Fußboden mit Sand beſtreut. Sogar ein Spucknapf fand ſich vor.— Sie lohnte den Kutſcher ab, beſtellte ein Mittagseſſen, forderte Papier und Schreibzeug, ſo wie einen Boten, um ſogleich einen Brief über Land zu tragen. Der Wirth ſah die ſchöne und elegante Dame mit neugierigem Auge an. Was wollte ſie hier?— War ſie eine Schauſpielerin, ſo gab es in Enskirchen kein Theater. War ſie eine große Dame, welche aus Urſachen unbekannt bleiben wollte; ſo mußte der Zweck ihres Hierſeins ſich doch irgendwie offenbaren. Er brachte ihr einſtweilen ein kleines ſchmutziges Fremdenbuch, in welchem während dieſes ganzen Monats nur zwei Han⸗ delsreiſende ſich eingeſchrieben hatten, und bat, ſie möge geruhen, ihren werthen Namen einzutragen. Ellena ſtutzte bei dieſer Zumuthung. Sie nahm die Feder, legte ſie wieder aus der Hand, ergriff ſie abermals, und war immer noch unſchlüſſig.— Der Mann beobachtete ſie. „Wenn es der gnädigen Frau zu viel Mühe macht, ſo kann ich es eintragen; nur müſſen Sie ſo gütig ſein, mir Ihren Paß zu geben!“ Ellena führte keinen Paß;— ſie that daher, als habe ſie ſeine Frage überhört, ſchrieb raſch entſchloſſen:„Signora Allene!“ und ſchob ihm das Buch mit abgewandtem Geſichte hin. Der Wirth war überzeugt, daß dies nicht ihr Name S m ga D na lie ko ni kei ü keit der apf lite ſo ind ute hen aus veck chte in an⸗ öge tzte ſie war ſie. ſo ein, — „ rieb ihm ame 187 ſei, und entfernte ſich unbefriedigt. Der Bote kam und wurde in das Zimmer der Dame gewieſen, um von ihr ſelbſt beauftragt zu werden. Als dieſer die Treppe wie⸗ der hinunter ſtieg, reichte der Wirth ihm zur Stärkung auf den Weg einen Labetrunk.„Es iſt eine tüchtige Strecke,“ ſagte er.„Ja wohl!“ erwiederte der Andere. „Denkt Ihr heute Abend noch zurückzukehren?“—„Be⸗ hüte!“ lautete die Antwort.„Da müßte ich meine Füße geſtohlen haben.“„So weit iſt es aber doch nicht?“—„So weit nicht? Dann weiß ich nicht, was Ihr weit rechnet, Herr Wirth. Dabei geht's immer auf und ab; ja, wenn Schloß Rheinfeld in der Ebene läge, ſo machte ich mir nichts daraus, die Nacht fort⸗ zumarſchiren; aber das Bergſteigen halten die Knice nicht aus.“ Er nahm dankend Abſchied. Der Wirth wußte nun, daß er nach Schloß Rl eini ging; allein das gab ihm keinen Schlüſſel zu den Abſichten der großen Dame; denn er kannte die Beſttzung kaum dem Namen nach. Er ſich vor, ſie ſelbſt zu bedienen; vielleicht ließ ſich bei der Gelegenheit ein echorchen. Seine Küche war nicht glänzend; allein ſeine Frau kochte einfache Speiſen ſchmackhaft, und der Hunger iſt nicht wähleriſch. Ellena hatte ſeit dem Frühſtücke geſtern keinen Biſſen genoſſen und aß mit Appetit. Das Ge⸗ fühl des Unbehagens über dieſe Umgebung wich; ſie war 188 überzeugt, nur die eine Nacht hier zubringen zu müſſen, und während ihr Anfangs zu Muthe geweſen, als ob die Berührung mit ſo gemeinen Gegenſtänden ſie be— ſudele, und ſie von dieſen Stühlen, dieſen Tiſchen ſich hätte fern halten mögen, fand ſie jetzt eine Art Ver⸗ gnügen darin, zu denken, daß ſie auf dem Wege dieſes kleineren Uebels dem größeren entgangen ſei.— Sie zog den ſchwarz umränderten Brief hervor und las ihn noch einmal. Der Staatsanwalt hatte ihr darin mitgetheilt, daß Frau von Gasmund geſtorben ſei und ihr ein Legat ausgeſetzt habe. Es waren die erſten Zeilen, welche ſie, ſeit ſie Berlin verlaſſen, von ihm erhielt. Er ſchrieb ihr milde, wenn auch vorwurfsvoll, von dem Kummer, welchen ſie über ihre Familie, ihre Freunde gebracht, und bedauerte ihren Vater, welcher durch ihre Schuld kinderlos geworden ſei. Daß er die Sache wie abgemacht anſah, machte Eindruck auf ſie. Wenn er von den Rechten der Eltern, den Pflichten des Kindes geſprochen hätte, würde ſie ſich ſtolz und kalt abgewandt haben. Wo waren dieſe Rechte und Pflichten, als ſie das Licht der Welt unter Bedin⸗ gungen erblickte, die ihr nicht erlaubten ihre Mutter kennen zu dürfen! Gab es damals kein Recht und keine Pflicht, warum gab es denn jetzt, um ihre Freiheit zu beſchränken, ein ſolches? Man hatte ſie, ohne Rück⸗ ſicht auf ihr Wohl, vogelfrei in die Welt geſetzt, mit or tte en die hm on hre her die ſie. ten und und in⸗ tter und heit ück⸗ mit 189 einem Makel an der Stirne, den keine Tugend ab⸗ waſchen konnte, und verlangte nun von ihr, daß ſie die Duldung von Perſonen ertrage, welche ſie um deswillen mißachteten? Lächerlich war dies Verlangen, thöricht dieſe Moral! Stolz warf ſie der Geſellſchaft den Fehde⸗ handſchuh hin und ſagte: Hebt ihn auf! Ihr Auge fiel von dem ſchwarz umränderten Briefe auf ihr blauſeidenes Kleid, das ſie von geſtern beibe⸗ halten hatte. Ehrte es die Todte, ſo konnte auch ſie ein ſchwarzes Gewand anlegen. Sie öffnete ihren Kof⸗ fer, und ſuchte die nöthigen Kleidungsſtücke, um morgen. als Trauernde zu erſcheinen. Dann ſetzte ſie ſich ans Fenſter, ſah in den Abendhimmel und ſang mit hal⸗ ber Stimme das Lied von Kreuzer:„O legt mich nicht ins kühle Grab!“ etc. Der Wirth dachte, als er das hörte, ſie müſſe dennoch eine Sängerin ſein, und ver⸗ ſammelte alle ſeine Abendgäſte vor ihrer Thüre, ihr zu⸗ zuhören. Zu eben der Stunde wanderte Thorilde im Schein der untergehenden Sonne auf der Terraſſe, welche unter dem von ihr bewohnten Flügel lag, mit ſchnellen Schrit⸗ ten hin und her. Die Falte auf ihrer Stirne lag wie ein düſterer Schatten darauf. Ihr ganzes Weſen trug den Stempel innerer Unruhe, und einer Leidenſchaft⸗ lichkeit, welche man früher nie an ihr bemerkt hatte.— Der Abend war kühl, die ſcharfe Luft röthete ihre 190 Wangen; ſie zog den Shawl feſter um ſich, ſetzte ihren Gang aber unbeirrt fort. Sie ſchien der körper⸗ lichen Bewegung, um der eigenen Gedanken dadurch ledig zu werden, zu bedürfen. In ihrem Wohngemache hatte der Diener bereits ie Lampe angezündet, Feld und Wald umhüllte immer iefere Nacht, ein kalter Wind rüttelte dann und wann in den kahlen Zweigen der blattloſen Bäume; die im Sommer ſo ſchöne Gegend, der Felſen, das Thal, tru⸗ gen den Charxakter der Oede, der Einſamkeit, die nur das laute Bellen des großen Hofhundes unterbrach. „Wann befehlen die gnädige Frau den Thee?“— fragte Johann, der ſeit dem Tode der Frau von Gas⸗ mund ſeiner jungen Gebieterin mit väterlicher Zärtlichkeit anhing. „Sobald der BVaron zurückkehrt, nicht früher,“ ſagte ſie, ihren Schritt anhaltend.„Vielleicht kommt er ſchon. Caro ſchlug eben laut an.“ Sie horchte; allein weder rollende Räder, noch Roſſeshufe ließen ſich vernehmen. „So muß ich mich geirrt haben,“ fügte ſie mit einem Tone, der eine unangenehme Täuſchung ausdrückte, hinzu. Indem brachte ihr Liſette, die Jungfer, auf einem ſilbernen Teller einen Brief, der keine Poſtmarke trug. „Der Mann wartet auf Antwort!“ richtete ſie aus. Thorilde vermuthete, es ſei eine Rechnung, oder eine Einladung aus der Nachbarſchaft, und ſtieg in ihr d t Zi vo we 8 au Un die zeic the im gen ruh — — — — 19 Zimmer hinauf, um den Inhalt zu leſen. Tuch und Hut von ſich werfend, ſetzte ſie ſich und riß, ohne die Adreſſe weiter auzuſehen, das Couvert auf. Schon die Amede: „Liebe Thorilde!“ ließ ſie zurückfahren; denn Wenige auf dieſer Erde nannte ſie jetzt noch liebe Thorilde. Und nun die Handſchrift! Sie wandte raſch das Blatt, die Unterſchrift zu lefen, um; Ellena ſtand dort unter⸗ zeichnet, Ellena. Wo war ſie, was hatte ſie ihr mitzu⸗ theilen? Ihr Herz pochte, ihre Hand zitterte. Sie blickte im Zimmer umher, ob auch Jemand ihre Bewegung gewahre, eilte dann nach der Thüre und ſchloß ſie ab. Jetzt war ſie vor Ueberraſchung ſicher. Mit dieſer Be⸗ ruhigung hielt ſie das Blatt unter die Lampe und las d „Liebe Thorilde! Ich bin ſo eben in Enskirchen angekommen und frage bei Dir an, ob Du mich aufnehmen kannſt und willſt. Es iſt die einzige Zufluchtsſtätte, welche ſich auf dieſer Erde— für mich bietet. Sagſt Du ja; ſo bin ich morgen bei Dir. Doch mache ich die Bedingung, daß Du mir keine Fragen vorlegen darfſt. Wir ſind einander nicht Rechenſchaft ſchuldig, ſondern dem Gotte in der eigenen Bruſt. Du kennſt mich, und haſt mich nie verkannt. Du haſt Dein Haus Dir gebaut, auf Stützen, die ich beklage; allein das iſt Deine Sache, nicht die meinige; Jeder in ſeiner 192 Weiſe. Wie verſchieden wir auch von einander ſind, wir ließen ſtets einander gewähren. Laß es auch fer⸗ ner ſo ſein, meine Schweſter. Wie immer Deine Ellena.“ Thorilde hatte zu Ende geleſen und wußte kein Wort von dem Inhalte des Briefes. Sie ſah nur, daß ihre Schweſter ſich in Enskirchen befand, und begriff unr, daß ſie dahin gekommen, um ſie aufzuſuchen. „Was thue ich?“ fragte ſie ſich, zitternd vor Aufregung. Sie wäre ſo glücklich geweſen, ſie willkommen heißen zu können! Sie hätte ſo gern die Geſpielin ihrer Kindheit, die Einzige, an die ſie Gewohnheit, Familienbande knüpften, um ſich gehabt. Aber Ludolf!— Sie hatte ihm nie von Ellena geſprochen.— Würde er ſich nicht entſinnen, dieſe wie vom Himmel gefallene Schweſter ſei⸗ ner Frau in Paris im Cafs chantant geſehen zu haben? Sie konnte es nicht wagen, nein, ſie konnte es nicht! Und wiederum— wenn ſie ſie von ihrer Thüre zurück⸗ wieſe, fiel damit nicht die Schuld deſſen, was dann aus ihr werden würde, auf ſie? Die Zeit verging, mit jeder Minute konnte der junge Baron eintreffen, wie dann?— Sie ſchellte.— „Johann!“ redete ſie den eintretenden Diener an, und ließ dabei den Brief in ihrer Hand langſam über der me nu ent ſeh der wü klei Ru hal — v— in tr, n. g. zu it, de tte ei⸗ 193 Lampe von den Flammen verzehren.„Du mußt den Boten verhindern mit unſern Leuten zu ſprechen. Sorge, daß er das Schloß ſogleich verlaſſe. Er ſoll eilig nach Ens⸗ kirchen zurückkehren und beſtellen: Die Antwort würdeſt Du bringen. Gieb ihm einen Thaler Trinkgeld und begleite ihn ein Stück Weges, um bei der Gelegenheit von ihm zu erfahren, wann die Schreiberin des Briefes in Ens⸗ kirchen eingetroffen, und ob ſie ohne Begleitung iſt. Du wirſt ſie an ſeiner Beſchreibung leicht erkennen; allein ihren Namen ſprich nicht aus.“ Johann ſagte:„Ganz wohl!“ und entfernte ſich mit einem fragenden beſorgten Blick auf ſeine Gebieterin. Er ahnte ſogleich, von wem ſie rede; denn er hatte den Kum⸗ mer der Frau von Gasmund mit getragen. Wenige Mi⸗ nuten ſpäter traf Ludolf ein. Thorilde eilte ihm zärtlich entgegen, ſtrich ihm das Haar aus der Stirne, küßte ihn und ſagte:„Wie lange habe ich ſchon nach Dir ausge⸗ ſehen, lieber Mann!“ „Ich glaube es!“ erwiederte er in ſeiner ſchmollen⸗ den Weiſe.„Du hatteſt Furcht, daß ich in Aachen ſpielen würde. Geſpielt habe ich auch; nur dasmal mit einem kleinen Gewinn mich begnügt. Es läßt mir jedoch keine Ruhe, bis ich das Ganze den Leuten wieder abgejagt habe.“ „Glaubſt Du, das werde je der Fall ſein?“ fragte ſie ſanft.„Siehſt Du nicht, wie viel Einrichtung, Die⸗ Amely Boelte; Die Mantelkinder. IMI. 13 194 ner, Concerte, Leſezimmer, Promenaden der Geſellſchaft koſten, und wer bezahlt dies Alles, als die Verlieren⸗ den?— Verlieren müſſen die Spielenden immer, was würde ſonſt aus der Bank?— Finde Dich alſo darin, Dein Scherflein beigetragen zu haben! Laß das Geſche⸗ hene geſchehen ſein, denke nicht mehr daran; aber ſpiele nicht weiter; denn ſonſt riskirſt Du, ſtatt zu Deinem Gelde zu gelangen, daß Du Dich arm ſpielſt.“ „Mich?“ rief er ſpottend.„Freilich mich, da Du das Deinige ſo ſchön geſichert haſt!“ „Habe ich es denn gethan?“ fragte ſie mit zärtli⸗ chem Vorwurfe.— „Gleichviel, ob Deine Frau Mama, ob Du; genug, Du haſt mir die ſchönen Briefe meines Herrn Papa nicht erſpart, und ich werde noch lange nicht das letzte Wort über die Sache gehört haben.— Das verſtimmt mich. Ich würde daher Alles darum geben, die Summe wieder zu gewinnen, weil er dann aufhören müßte, mir von ſeinen Sorgen und Einſchränkungen zu reden.“ Als der Thee erſchien, trank Endolf, ſtatt deſſen, Grog. Er hatte ſich das ſeit jenem Geldverluſte ange⸗ wöhnt, weil es ihn in eine beſſere Stimmung brachte, wie er meinte, und ſeinen Verdruß vergeſſen ließ. Das war aber ein Irrthum. Das erhitzende Getränk machte ihn reizbar und zänkiſch, er fand dann tauſend kleine Dinge zur Veranlaſſung von Streit, und indem er dieſen fort⸗ 195 ſpann, entſchlug er ſich der Hauptſache; ſeine Umgebung jedoch gewann dabei nichts, im Gegentheile hatte ſie dieſe Ableitung zu büßen, und votzüglich war es Tho⸗ rilde, welche dann ihre ganze Sanftmuth und Geduld, um den böſen Geiſt zu beſchwichtigen, aufbieten mußte. Oft, wenn ſie zurückdachte, was aus dem jungen Manne, dem ſie in Wiesbaden engliſchen Unterricht er⸗ theilte, dem jeder Wink ihres Auges dprt Geſetz war, geworden, ſo ſagte ſie ſich mit Trauer: auch ihm habe das Geſchenk ihrer Hand kein Glück gebracht. 11. Vormund und Mündel. Als Leopold verſprochenermaßen, um Ellena abzu⸗ holen, in ſeine Wohnung zurückkehrte, war er nicht wenig erſtaunt, von dem Portier zu hören, daß ſie ausgefahren ſei. Er ſprang ſogleich in einen Wagen und fuhr zu ihrer Putzmacherin; als man ihm hier aber berichtete, daß ſie dort nicht ſei; ſo ſah er wohl ein, ſie habe ihn durch ihren vorgeblichen Beſuch bei dieſer nur täuſchen wollen, und blickte rathlos, wo er ſie auffinden ſolle, in die dunkle Nacht hinaus. Er zürnte ſeinen Gefährten, die ihn gereizt, in einer Weiſe mit ihr umzugehen, die ſie, wie er wohl wußte, nicht vertrug. Daß ſie jedoch, hülflos und unerfahren, wie ſie war, ſogleich zu dieſem äußerſten Schritte dadurch verleitet ——.— 7„„ zu⸗ nig ren rer ſie ren und nkle iner icht eitet 197 werden können, hatte er nicht vermuthet, und ſah nun mit Verdruß ſich ſelbſt wie den Betrogenen an.— Er hatte verſprochen, mit ihr im Cafeé chantant zu erſcheinen, und ſollte nun ihre Abweſenheit entſchuldigen. Dazu konnte er ſich nicht entſchließen, am wenigſten aber ſich dem Spotte ſeiner Gefährten ausſetzen, welche ihm ſeinen ſchönen Raub ſchon lange mißgönnten. Am beſten alſo, daß auch er die Flucht ergriff. Er irrte erſt eine Stunde durch die belebten Stra⸗ ßen, ſeines Verdruſſes Herr zu werden; dann begab er ſich auf ein Telegraphen⸗Bureau und meldete Herrn von Gasmund, daß er, um ihm ſeiner Tochter wegen eine Mittheilung von Wichtigkeit zu machen, mit dem nächſten Zuge in Berlin eintreffen werde. Dies abgethan, eilte er in ſeine Wohnung, ſtieg leiſe die Treppe hinauf, packte ſeinen Portemanteau, trug ihn eben ſo leiſe die Treppe hinunter, wartete vor der Thüre, bis ein Wagen vorüberrollte, und ſprang hinein. Die Art der Abreiſe war die bequemſte mit un⸗ bezahlten Rechnungen fertig zu werden, und ſchon aus dem Grunde vorzuziehen. Als er die Eiſenbahn erreichte, ertönte ſo eben das Zeichen zum Abgange des Zuges. Dieſe Minute zu ſpät, verzögerte ſeine Ankunft in Berlin um einen ganzen Tag; ſo traf er denn erſt am Morgen des dritten Tages, er⸗ müdet, verſtimmt, überwacht, dort ein, fuhr nach ſeiner 198 Wohnung, und legte ſich, ohne daß ihn Jemand be⸗ merkte, zu Bett. Was ihn zurückführte, was ſeiner hier wartete, war ſo wenig angenehm, ſo wenig anregend für ſeine Phantaſie, daß er ſich, ſolcher Proſa des Le⸗ bens zu begegnen, durch Schlaf ſtärken wollte. Es dämmerte, als er das Auge aufſchlug, und ſich in dem einſamen, beſtaubten Gemache allein fand. Nie⸗ mand hatte an ſeine Thüre geklopft; niemand ſeinen Schlummer unterbrechen wollen. Das war ein ſchlim⸗ mes Zeichen. Er hatte vorausgeſetzt, daß Herr von Gas⸗ mund ſeiner Ankunft ſchon harren und ihn mit Fragen beſtürmen würde, und er ließ nichts von ſich hören?— Im Publicum waren bis dahin, wie er wußte, nur Muthmaßungen über Ellena's Flucht und Auf⸗ enthalt laut geworden; er konnte ſein Schweigen jetzt erkaufen, und beeilte ſich nicht es zu thun? Er begriff den Vater in dieſer Gleichgültigkeit gegen die Ehre und den Ruf ſeiner Tochter nicht. Er hatte ſich ſchon auf die für dieſen darin liegende Demüthigung, Beides aus ſeiner Hand empfangen zu ſollen, gefreut, und wollte ungern nur auf dieſen Triumph verzichten.— Für ihn ſelbſt war die ganze Sache ohne Folgen. Seine Bewunderer, ſeine Schüler, ſeine Freunde, ſchätz⸗ ten in ihm den Künſtler, welcher unbeſchadet zu ihnen zurückkam, und was den Charakter des Mannes betraf, e⸗ n 199 ſo überſahen ſie die auf dieſem ruhenden Schatten um des Erſteren willen. Er ſtand auf, kleidete ſich an, und ſchlenderte die Wilhelmſtraße hinauf. Was ſollte er mit ſeinem Abende beginnen?— Agathe Müller beſuchen?— Verdiente ſie es denn? Er wußte wohl, daß ſie gekränkt war, beleidigt nur ſei, aber, daß ihre Liebe für ihn darum nur zwie⸗ fach glühe; ſollte er ſie alſo durch ſein unerwartetes Erſcheinen beglücken?— Ja. Nein. Schließlich wurde doch ja daraus. Ja, ſie ſollte dieſer unbeſchreiblichen Freude theilhaftig werden. Schon hörte das Ohr ſeiner Einbildungskraft ihren Aufſchrei bei ſeinem Eintritte; ſchon ſah er die Thränen ihrer überwallenden Empfin⸗ dung; dann blieb er wieder, wie unſchlüſſig ſtehen. Das Verhältniß war ſo gut wie abgebrochen; es hatte im Ganzen wenig Reiz mehr für ihn, wie alſo, wenn er es bei dem Bewenden ließe? Allein— was mit ſeinem Abende anfangen? Männer ſeiner Art be⸗ dürfen, weil ſie am liebſten von Empfindungen reden, was kein Thema für männliche Männer iſt, Frauenum⸗ gang. Ein weibliches Weſen, zu dem ſie ſo nahe ſtehen, um vor ihr über ſich reden, und was ſie bewegt, ge⸗ ſtehen zu können; iſt ihnen unentbehrlich; ſo blieb Agathe immer ein pis Mer, eine Zuflucht, ſo oft neue Eindrücke fehlten. Er ging alſo ſchließlich doch zu ihr. Die Fenſterladen ihrer kleinen Wohnung waren ge⸗ 200 ſchloſſen, es wurde drinnen Muſik gemacht. Wahr⸗ ſcheinlich ſpielte ſie eins ſeiner Stücke. Er lieh ſein Ohr. Es hielt ihn nun nicht länger. Er ſchellte ſtark, daß es durch die Wohnung gellte. Schon an dieſem Schellen mußte ſie ihn erkennen. Doch nicht ſie, ſondern Roſine öffnete.„Ich bins!“ ſagte er dieſer bloß; denn die Magd mußte verſtehen, was in dieſem„Ich bins“ lag. Roſine aber war ein dummes Geſchöpf. Sie erkannte ihn und ſagte dennoch:„Sie können jetzt nicht hinein, Frau Müller giebt Stunde.“ „So will ich bei den Kindern bleiben, bis ſie fer⸗ tig iſt,“ erwiederte er, ſchon unmuthig und wollte an ihr vorüber ſchreiten. Doch ſie vertrat ihm den Weg. „Auch dahin können Sie jetzt nicht gehen; denn Fräulein Ledebuhr ſitzt bei dieſen.“ „Und wie lange will ſie dort ſitzen? Ich ſehe eben nicht ein, was ſie dort zu verweilen hat?“ „Sie bleibt den ganzen Ahend. Der Herr Ge⸗ heimrath kommen auch und ſie trinken Thee mit einander.“ „J, das iſt ja recht hübſch!“ rief Leopold ſpöttiſch und trat zurück.“ Sie trinken Thee mit einander. Sieh doch! Der würdige Mann weiß ſein Leben recht nied⸗ lich zu erheitern.— Nun, ſo ſagen Sie Ihrer Herrin, daß es mich freue, ſie in ſo angenehmer Geſellſchaft zn wiſſen; daß ich gratulire!“ Er zündete ſeine Cigarre an und ging. Allerlei 201 Gedanken über die Unbeſtändigkeit der Frauen durch⸗ kreuzten ihn.„E Es iſt nur Spiel der Phantaſie, was ſie Liebe nennen,“ murmelte er bei ſich.„Wenn wir ſie nicht heirathen, ſo ſind wir ihres Beſitzes keine Stunde verſichert. Und heirathen wir ſie, ſo iſt es Eigenuutz, was ſie an uns kettet. Bah! We ein ſolcher Thor wäre!“ Er bog in die Jägerſtraße ein, um in Schloſſer's Hotel nach Herrn von Gasmund zu fragen. Der Kell⸗ ner berichtete, daß der Herr Baron, nach Empfang eines Telegramms, ſehr eilig abgereiſt ſei. Nach Empfang eines Telegramms! Wie konnte er darauf hin Berlin verlaſſen? Leopold meinte, es müſſe dem Manne an natürlichem Verſtande fehlen, um ſich durch die Nachricht von ſeiner Ankunft veranlaßt zu fühlen, ihm entgegen zu reiſen. Daß Herrn von Gas⸗ mund noch ein zweites Tel egramm zugegangen ſein könne, welches ihm die Ankunft ſeiner Tochter in Ens⸗ kirchen gemeldet, darauf konnte er begreiflicher Weiſe nicht verfallen. Er ſetzte ſeinen Weg nach den Linden fort und trat in die Muſikalienhandlung von Meſer.„Ich bitte um mein Soll und Haben!“ ſagte er hier. Laſſen Sie mich die Rechnung morgen bis 12 Uhr in meiner Wohnung finden, damit ich weiß, wie ich ſtehe.“ Der Commis verbeugte ſich bejahend; bemerkte dann 202 aber noch, daß Frau Agathe Müller die ihr am Erſten über⸗ ſandten 50 Thaler remittirt habe. „Um ſo beſſer!“ ſagte Leopold mit ſpöttiſchem Lächeln.„Ich kann das Geld auch jetzt, erade ſelbſt ſehr gut brauchen. Wenn man von einer Reiſe zurückkehrt, iſt kein Ueberſchuß in der Caſſe.“ Er nickte und entfernte ſich. Sollte der Geheimrath ſeine Kinder verſorgen wollen? fragte er ſich.— Ihn der Thorheit fähig zu halten, war ganz unmöglich. Warum aber wies ſie das Geld zurück?— Weil ſie gekränkt war, weil ſie ihn liebte? Ja, ſo war es. Da indeſſen Alles an dieſem Abende fehl ging, ſo ſchien es ihm nothwendig, den Gedanken an unangenehme Dinge durch eine Flaſche Champagner zu verſcheuchen, und er trat zu dem Zwecke in einen Keller, wo er Bekannte zu finden ſicher war. Luſtig ſprangen die Korke; man tauſchte leichtfertige Abentener aus und erſt nach Mitternacht kehrte Leopold mit ſchwerem Kopfe und leichtem Herzen in ſeine Wohnung zurück. Er war zu aufgeregt, um den Schlaf ogleich finden zu können, nahm alſo vor ſeinem Flügel Platz und ſetzte ein ſchönes Lied von Heine in Muſik. Wer dieſe ſchönen Strophen mit gehobener Em⸗ pfindung ſang, ahnte nicht, welcher Stimmung ſie ihr Wer⸗ den dankten. Als Leopold ſpät am Morgen erwachte, traf ihn ein —— 8——— ——,—— c——,—,„— A— 203 kurzes Billet von Agathe Müller, des Inhaltes: daß ſie dankbar für ſein Kommen am geſtrigen Abende ſei; doch ihn bitte, ihres Friedens willen, ihn jetzt nicht em⸗ pfangen zu dürfen. Rauſchend flogen ſeine Hände hierauf durch die Taſten, um die innere Wallung durch die Macht der Töne zu dämpfen. Er wollte ihr wahrlich keine Gelegenheit wie⸗ der bieten, ihn nicht empfangen zu dürfen; denn ſie war ſchließlich doch nur eine kleine Seele, eine philiſterhafte Thörin. Durch dieſe Ueberzeugung ihrer Mängel und ſei⸗ ner Vorzüge beruhigte er ſich völlig.— Herr von Gasmund erreichte, während der Künſt⸗ ler ſeine Entfernung entdeckte, das kleine Städtchen, in welchem Ellena nun ſchon mehrere Tage, auf eine Ant⸗ wort von ihrer Schweſter wartend, verweilte, und das Ausbleiben derſelben durch verſchiedene Gründe, ohne bei dem richtigen anzukommen, ſich zu erklären ſuchte. Sie beſaß nur einen kleinen Geldvorrath, der, ſobald der Wirth ſeine Rechnung einſendete, ſehr bald zu Ende gehen mußte. Ihr Verweilen war daher mißlich; ihre Weiter⸗ reiſe aber unmöglich. Jede Andere würde in ſolcher Lage ſich der Sorge hingegeben haben; allein ihre Unkenntniß der Welt und der Menſchen verhinderte ſie ernſte Befürch⸗ tungen zu hegen. Die Macht des Scheines, die oft ſchwerer auf dem Menſchen laſtet, wie ein begangenes Verbrechen, war ihr 204 unbekannt. Es fiel ihr nicht ein, zu denken, daß Thorilde, der Familie ihres Gatten halber, Anſtoß nehmen könne, ſie zu ſehen; ſie gab andern, zufälligen Hinderniſſen die Schuld. Um indeſſen die langen Tage der Erwartung zu ver⸗ kürzen, dichtete und componirte ſie. Ihre Freude über ein wohlgelungenes Lied ließ ſie dann auf Augenblicke alles Andere vergeſſen. Da ſie kein Clavier in ihrem Zimmer hatte, verſuchte ſie, auf und abgehend, die Melodie. In dieſer Beſchäftigung wurde ſie eines Tages durch den Eintritt des Wirthes unterbrochen, der ihr, mit fragen⸗ der, neugieriger Miene eine Karte entgegen hielt. Kaum hatte Ellena einen flüchtigen Blick darauf geworfen, ſo wurde ſie hochroth vor Freude und rief:„Führen Sie den Herrn herauf! Er iſt mir ſehr, ſehr willkommen! In der That auch konnte ihr in dieſer Minute nichts erwünſchter kommen, als die Ankunft des Staatsanwalts Möſer; denn er war es, deſſen Karte ſie in der Hand hielt. Groß und prächtig ſtand ſie bei ſeinem Eintritte in der Mitte des kleinen Zimmers, und bot ihm, mit freudi⸗ gem Lächeln, die ſchöne Hand. Bewundernd maß er die herrliche Erſcheinung. Seit er ſie nicht geſehen, hatte ſie in ihrem Ausſehen bedeutend gewonnen; ihre Hal⸗ tung war mehr aufrecht, ihre Miene ſprach von Selbſt⸗ bewußtſein, ihr ganzes Weſen verkündigte den Stolz der Unabhängigkeit von Menſchen und Dingen. Sie hatte 205 viel geſehen, viel erfahren und gelernt, und dadurch in ihren Zügen mehr Ausdruck gewonnen. Alles an ihr trug jetzt das Gepräge der Bedeutendheit.— Der Staatsanwalt ſetzte ſich zu ihr auf das kleine harte Sopha und theilte ihr, ohne Umſchweife, die Urſache ſeiner Ankunft mit. Sie erfuhr nun, daß Thorilde ihn herbeſchieden, weil ſie in unglaublichen Sorgen wegen ihrer ſchwebe, und doch nicht, ſo ſehr ihr nach dem An⸗ blicke ihrer Jugendgeſpielin verlange, zu ihr eilen könne. Die Urſache ihres Nichtkönnens gab er weiter nicht an, deutete nur flüchtig auf Familienvorurtheile hin. Er kannte den ſtolzen Sinn ſeines Mündels, und hielt es für beſſer, dieſen für jetzt nicht herauszufordern. Dagegen legte er ihr die Frage vor, welche Pläne ſie für ihre nächſte Zukunft entworfen habe. Sie wurde ſichtlich beſtürzt. Pläne für ihre Zukunft hatte ſie nicht gefaßt. Sie dachte ja überhaupt nie über den Augenblick hinaus. Ihr graues Auge vor ſeinem ruhig fragenden Blicke ſenkend, ſagte ſie:„Ich hege nur den einen Wunſch: meine Talente ausbilden zu können.“ „Zu irgend einem Zwecke— wenn ich fragen darf?“ fuhr der Staatsanwalt fort. „Nein!“ erwiederte ſie, wie überlegend.„Nur des Vergnügens willen, das mir aus ſolcher Thätigkeit ent⸗ ſpringt. Mit meiner fortſchreitenden Entwickelung ſteigert ſich auch mein Genuß am Leben, ich vermag, was Andere 206 leiſten, zu würdigen, zu beurtheilen, Nichts erfordert ſo große Pflege, wie das Verſtändniß für das Schöne; ſo viel habe ich jetzt zu begreifen angefangen.“ „Um aber dieſem Cultus des Schönen ſich hinzuge⸗ ben, muß man Mittel beſitzen; Sie aber haben, indem Sie ſich der Obhut Ihrer Familie entzogen, dieſer das Recht, für Sie zu ſorgen, genommen. Werden Sie dieſe Sorge nun auch ſelbſt übernehmen können?“ „Ich?“ fragte ſie kopfſchüttelnd.„Wollen Sie damit ſagen, ob ich Geld, meine Bedürfniſſe zu beſtreiten, ver⸗ dienen will?“ „Allerdings.“ „Nein! Ich wüßte nicht, wie ich das anfangen ſollte. Sie wiſſen, daß ich dazu nicht erzogen bin.“ „Woher ſollen Ihnen dann aber die Mittel zu Ihrem Unterhalte kommen?“ „Ich muß zu meiner Beſchämung geſtehen, daß ich darau nie gedacht habe,“ ſagte ſie kleinlaut. „Es iſt Ihnen demnach auch wohl nie eingefallen, welche Verbindlichkeiten Sie dem Manne ſchuldeten, der Ihre Ausgaben beſtritt?“ „Mein Gott nein!“ rief ſie erglühend.„Wie ſollte ich auch! Ich habe nie Geld beſeſſen! Die Tante Gas⸗ mund kaufte uns, was wir brauchten. Ich bin daran gewöhnt, zu haben, was ich bedarf, und weiter nicht dafür dankbar zu ſein.“ — 207 „Bei der Frau, welche Mutterſtelle bei Ihnen ver⸗ trat, war dieſes Annehmen gerechtfertigt; allein von Frem⸗ den nimmt man nicht gern, ohne wiederzugeben. Solche Verpflichtungen werden oft drückend, beſonders wenn ein junges Mädchen ſie einem jungen Manne gegenüber auf ſich ladet.“ Ellena erblaßte.— „Sie rollen da ein Bild vor mir auf, das mich ent⸗ ſetzt!— Wie unbeſonnen ich war!— wie konnte ich Herrn Levpold dieſe Ausgaben verurſachen!— Das zeigt mir, wie unerfahren und auch wie gedankenlos ich bin. Ich bitte Sie dringend, zurückzuerſtatten, was ich ihm ge⸗ koſtet.“ „Die Summe wird nicht klein ſein. Das Ihnen von Frau von Gasmund ausgeſetzte Legat möchte kaum zurei⸗ chen; es ſei denn, der Künſtler finde ſich geneigt, was Sie geleiſtet, in Abrechnung zu bringen.“ „Das wünſche ich nicht,“ ſagte Ellena, das Haupt emporrichtend.„Was ich leiſtete, hatte keinen Werth. Ich verſtand nichts, ich wollte keine ernſten Studien machen. Ich ſang nur zum Vergnügen und wo das Publicum damit zufrieden war, trällerte ich unbefangen meine Lieder. Ich bitte alſo, ſprechen Sie davon nicht. Was ich ſchulde, muß getilgt ſein, ganz und völlig, es komme das Geld, woher es wolle.“ Der Staatsanwalt lächelte. 208 „So könnte man, der Schuld willen, eine neue Schuld contrahiren? Dieſe Oekonomie führte dann frei⸗ lich nicht weit. Doch, wir werden ja ſehen. Einſtweilen will ich die Sache in Ihrem Auftrage ordnen, und dann mit Ihnen Abrechnung halten. Nun ſingen Sie mir aber, bitte, ein Lied vor. Ich möchte hören, wie Ihre Stimme ſich entwickelt hat. Vielleicht könnten Sie dennoch, als dramatiſche Künſtlerin, eine Laufbahn machen. Sie bewegte mit ſtolzem Lächeln verneinend das ſchöne Haupt.„Das nicht! Das nie!“ ſagte ſie.„Ich kann nur ich ſelbſt ſein; keine Andere. Ich kann keine Rolle ſpielen. Ich bin Ellena, und bleibe Ellena. Aber vorſingen will ich Ihnen gern.— Ich habe hier ſo viele Tage für mich allein geſungen, und der Sänger will gehört ſein. Sie ſtand auf, nahm ein Notenblatt und ließ voll und klingend ihre Stimme ertönen. Der Staatsanwalt hörte ihr bezaubert zu. Sein Auge hing an ihren Lip⸗ pen. Ihre Wangen rötheten ſich, ihr Auge leuchtete. Schöner und ſchöner erſchien ſie ihm. Herr von Gasmund hörte von ſeinem Zimmer aus den Geſang, und wunderte ſich, daß ein Geſchäftsmann ſeine Zeit in dieſer Weiſe verlieren konnte. Zweck und Ab⸗ ſicht ihrer Reiſe war unmöglich ſeine Tochter Proben ihrer Geſangskunſt ablegen zu laſſen. Ungeduldig wan⸗ derte er auf und ab. Ellena ſollte ſeine Anweſenheit nicht 6 ——,——————,——— „— —— —* 6 209 erfahren, bis ſie ſich ſeiner väterlichen Autorität zu fü⸗ gen beſchloſſen. Sie ſollte ſeinen Schutz ſuchen, begeh⸗ ren, wünſchen, dann wollte er ihr ſeine väterlichen Arme öffnen; nicht früher. Indeſſen erſchien auch der Diener von Schloß Rheinfeld in der Wirthsſtube, um auszukundſchaften, ob neue Gäſte eingetroffen. Als er die Ankunft des Staats⸗ anwaltes erfuhr, ſattelte er ſein Pferd, und eilte, ſeiner Gebieterin die erſehnte Kunde zu bringen, heim. Wäre Ludolf in dieſen letzten Tagen nur einmal auf längere Zeit vom Hauſe entfernt geweſen; ſo würde Thorilde der Verſuchung, heimlich die Pflegeſchweſter in Enskirchen zu beſuchen, nicht haben miderſtehen können; ſo aber war ihr dieſem Wunſche nachzugeben ganz un⸗ möglich gemacht. Aug' in Auge, dachte ſie, würde ſich leichter ausſprechen laſſen, was ſie auf dem Papiere zu hart klingend fand; mündlich ließ ſich das„Ich kann Dich nicht empfangen“ durch den Ton der Stimme, durch den Blick des Anges mildern, und ihr eigener Schmerz darü⸗ ber mußte dann die Scharte in dem Herzen der Anderen auszuwetzen vermögen; allein, wie geſagt, Ludolf ging nicht. Sie ſaß, während der Staatsanwalt dem Geſange Ellena's zuhörte, mit einer Stickerei beſchäftigt, neben ihrem Gatten, und nahm ſcheinbar Antheil an dem, was er vornahm. Er hatte ſich nämlich alle auf das Amely Bvelte: Die Mantelkinder. M. 210 Spiel bezüglichen Bücher gekauft, und wollte daraus, wie man den Zufall beherrſchen könne, lernen. Sogar den Aberglauben nahm er zu Hülfe, merkte auf ſeine Träume, deutete ſie, und ſah auch im Traume nur noch Karten und Zahlen. Früher hatte er ſich ſo wenig aus Geld gemacht, und ſeit jenem Verluſte ſchien es, als ob der Erwerb deſſelben die Aufgabe ſeines Lebens ſei. Er geizte mit jedem Thaler, und verlor dann wiederum an einem Tage Hunderte, ja Tauſende.— Thorilde ſah ihn mit immer wachſender Sorge auf dieſer gefährlichen Bahn; allein auch täglich mehr überzeugte ſie ſich von der Unmöglichkeit, ihn ſeinem Verderben entreißen zu können. Jede, auch die ſanfteſte Mahnung, erbitterte ihn. Sie fühlte, daß er ſie, wenn ſie nicht ſchweige, haſſen würde. Der Vater ihres Kindes ſie haſſen!— So ſchwieg ſie denn. Angenehm war es ihr, als ganz unerwattet der Vetter Kuno ſich bei ihnen anmeldete. Sie hoffte, daß dieſer Beſuch ihren Gatten zerſtreuen und von ſeiner Karten⸗Manie abbringen würde. Mit neuem Muthe ging ſie daher an die Vorbereitungen für deſſen Aufenthalt, richtete die Zimmer, welche ihre Mutter bewohnt, für ihn ein, und freuete ſich, ſie mit allen den kleinen Bequemlichkeiten, welche einem Manne angenehm ſind, verſehen zu können. Ludolf meinte, daß t, b it it er er aß ter he en ter en me aß ſie dieſe Mühe nicht zu übernehmen gebrauche, und maß ſie mit argwöhniſchem Blicke.„Ich weiß ohnehin nicht, was der Vetter hier will. Er iſt ſonſt niemals hergekommen. Warum alſo findet er ſich jetzt ein? Nicht Deinetwegen, hoffe ich?“ fragte er. „Wie ſollte ſagte Thorilde erröthend, und ihn heiter anlächelnd; d denn es freuete ſie dieſe Regung der Eiferſucht in ihm zu gewahren. Er war ſeither ſo g leichgültig gegen ſie geweſen, hatte kein Auge mehr für ihre Schönheit, ihre gehabt, nicht bemerkt, wie ſie ausfüh was ſie trug, daß ſie ſich oft ſchmerzl ich fragte: ob denn ſein ganzes Empfinden für ſie nur ein Traum geſe ſei Wie, wenn des Vetters Gegenwart ſeine Neigung neu anfachte, wie, wenn in dem Grade, wie ſie dieſem liebenswürdig erſchien, auch Ludolf ſich wieder für ſie erwärmte? Doch, ſo ſchnell dieſer Gedanke in ihr aufgeſtiegen, ſo ſchnell ließ ſie ihn auch wieder fallen; wäre 6 ihrer wohl rdi geweſen, den Platz in dem Her⸗ zen ihres Gatten in ihrem Zuſtande durch ein ſolches Mittel zu Pehaupten?— Als ſie ihrem Schwiegervater den Beſuch des V ters nelbete telegraphirte dieſer ſeine ieee Sr in Schloß Rheinfeld, weil er dort für den Gaſt einige Anordnungen zu treffen habe.„Welche Anordnungen,“ 14* 212 fragte Thorilde; allein Ludolf zuckte, als Erwiederuhg, nur mit den Achſeln. Sie fuhr dem Baron mit Ludolf entgegen; fand ihn verſtimmt und einſilbig. Das Kommen des Vetters ſchien gar nicht nach ſeinem Sinne. Sie begriff nicht, warum ein ſo naher Verwandter ſo wenig willkommen ſei, wagte aber keine Frage deshalb. Der Schwiegervater war ohnehin weit kälter gegen ſie, als ſonſt. Seit ihr Vormund ſich geweigert, die Schulden Ludolf's mit ihrem Vermögen zu decken, ſah er ſie mit minder günſtigem Auge an; denn auch er liebte es nicht, Opfer zu bringen und irgend einer Annehmlichkeit des Lebens der Thorhei⸗ ten ſeines Sohnes willen zu entſagen. So war denn ihr Beifammenſein im Ganzen wenig erfreulich und als er am dritten Tage, bevor der Vetter eintraf, das Schloß verließ, war Niemand betrübt darüber. Thorilde konnte einer kleinen Regung der Neugierde, in Erfahrung zu bringen, was er eigentlich angeordnet, nicht widerſtehen, und fragte Johann, was der Baron während ſeiner Anweſenheit vorgenommen? Dieſer wußte nur ſo viel, daß er aus dem Ahnenſaale ein Bild entfernt, und außerdem den größten Theil der Zeit mit dem Förſter in deſſen Wohnung zugebracht.— Sie begab ſich darauf unbemerkt in den Ahnenſaal, und fand das vormals mit dem Rücken ihr zugewandte Bild verſchwunden. Noch grübelte ſie nach, welche Be⸗ id 8 N, en er hr m m en ei⸗ hr er oß de, et, on 213 wandtniß es mit dieſem Bilde haben möge, als die An⸗ kunft des Vetters ſie in ihrem Gedankengange unter⸗ brach. Kuno von Rheinfeld war ein Mann von nahe an vierzig Jahren, alſo kein eigentlicher Gefährte für Ludolf. Er hatte die Welt geſehen, ſprach von Politik und von Pferden, dazwiſchen von Fürſten und Jagden. Ludolf hörte ihm aus Höflichkeit zu, und begleitete ihn aus Höf⸗ lichkeit auf ſeinen Spazierritten. Nach wenigen Tagen je⸗ doch war er dieſes Lebens ſchon überdrüſſig und ſehnte ſich nach Karten. Zögernd fragte er den Vetter, ob dieſer „Rouge et Noir“ mit ihm ſpielen wolle. Kuno ſah Tho⸗ rilde an. Es entging ihm nicht, mit welcher Erregung ſie ſeiner Antwort entgegen ſah. „Wenn Du ſo niedrig ſpielen willſt, daß, was wir verlieren, uns keine umuhige Stunde machen kann, ſo habe ich nichts gegen den Zeitvertreib,“ ſagte er dann. Trotz ihres ſehr kleinen Satzes wurde Ludolf mehr und mehr aufgeregt; ſeine Wangen glühten, ſeine Pulſe jagten.„Mache mir ein Glas Punſch!“ bat er Thorilden. „Willſt Du nicht lieber etwas Kühlendes genießen, theures Männchen?“ fragte ſie bittend. „Ich behandle mich homöopathiſch,“ gab er zurück, „Hitze dämpft Hitze; Spielen die Neigung zum Spiele.“ Jeden folgenden Abend ließ er dem Vetter nun keine Ruhe, als bis er ſich mit ihm zu„Rouge et Noir“ —— 5 3 214 niedergeſetzt hatte. Wie klein die Summe, welche er verlor, auch ſein mochte, ſo ſchlief er nicht vor Aufregung. Eine 1 Art Wuth, was er eingebüßt, wieder zu bekommen, raſte in ihm. Gewann er aber, ſo war ſein Wunſch fortsu⸗ ſpielen nicht minder groß; ja, er konnte dann, wenn 1 ſein Vetter aufbrechen wollte, förmlich grob werden.„Ich muß mein Gaſtrecht in Anſpruch nehmen,“ ſagte dieſer dann wohl mit ernſter Ruhe, oder auch:„Deine Frau iſt müde.“ Genug, er hielt mit Feſtigkeit eine beſtimmte Stunde inne, und ein Blick Thorildens dankte es ihm. Es entging ihm nicht, wie viel ſie bei dem Be⸗ nehmen Ludolf's litt, und oftmals ruhte ſein Blick mit Theilnahme auf ihr. Sie bemerkte es eines Tages und erröthete; denn ſie hätte ihr Familienverhältniß gern aller Welt, und auch ihm, verbergen mögen. Sie vermied daher, ſobald ſie ſich mit ihm allein befaud— was jedoch ſelten der Fall war,— jede Anſpielung auf Ludolf und ſeine traurige Leidenſchaft; denn ſie fürchtete, daß es nicht ohne Gefahr für ſie ſein könnte, ihrem Herzen dieſe Erleichterung deſſen, was es ſo ſchwer drückte, zu gönnen. „Ich muß ſchweigen,“ ſagte ſie ſich,„ich muß ſchweigen, und mein Leid ausſchweigen.“ Allein wie ſehnte ſie ſich zugleich nach einem Freunde, einem Vertrauten, nach Jemand, der mit ihr fühle, mit ihr litte! Jene Tage, während welcher der Staatsanwalt und Herr von Gasmund in Enskirchen weilten, waren für ——————* iſt te m. nit nd ler e och olf es eſe en. en, de, mit alt ——— 215 ſie daher von unſäglicher Pein, und mit ee Mühe rang ſie ſich das Beharren bei ihrem Vorſ ſatze, Ludolf nicht von deren Dortſein zu unterrichten, ab. Immer hoffte ſie noch, daß irgend ein Etwas dazwiſchen treten und ihr noch ein Wiederſehen geſtatten werde; bis endlich Johann die Nachricht brachte, daß Ellena mit ihrem Vater nach Venidig gegangen; der Staatsanwalt aber nach Berlin zurückgekehrt ſei. War damit auch e Sorge um ſie beſeitigt, ſo war ſie doch auch zugleich um die noch leiſe gehegte Hoffnung ſie wiederzuſehen betrogen; und ſie beklagte ſich im S Stillen, ihre liebſten Wünſche der Vernunft unterordnen zu müſſen. Als der Februar herannahte, ſprach der Vetter Kuno zum erſten Male von ſeiner Abreiſe. Das Haupt der Familie Rheinfeld wollte im April auf dem Stammſchloſſe ein⸗ treffen und er ſchien einem Begegnen mit dieſem vorbeugen zu wollen. „Was ſoll ich aufanget wenn Du gehſt?“ rief Lu⸗ dolf hierauf ſchmoll end.„Thorilde ſpielt nicht mit mir. Wie ſoll ich meine Abende hinbringen?“ „Du lieſt mir vor,“ nahm Thorilde das Wort. „Du lernſt Engliſch!“ Er bewegte mit ſaurer Miene ſein Haupt.„Das führt zu nichts,“ erwiederte er darauf.„Wenn der Vetter darauf beſteht, uns verlaſſen zu wollen, ſo gehe ich mit 216 ihm. Ich kenne Wien nicht. Die kleine Reiſe wird mir kber den Reſt des Winters hinweghelfen.“ Baron Kuno ſah Thorilde hierauf an. Sie hielt das Auge in den Schooß geſenkt, in den große Perlen rollten. Ludolf wollte ſie in ihrem Zuſtande allein hier zurücklaſſen, dieſe Liebloſigkeit traf ſie ins tiefſte Herz hinein. Vergeblich rang ſie nach Faſſung, immer voller ward ihr die Bruſt, und endlich laut auf ſchluch⸗ zend, ſprang ſie auf und ſtürzte aus dem Zimmer. „Du mußt auf die Geſundheit Deiner Frau Rück⸗ ſicht nehmen,“ nahm der Vetter hierauf das Wort. „Du darfſt vor ihr nicht Alles ſagen, was Dir durch den Sinn fährt. Gemüthsbewegungen ſchaden ihr. Frauen in ihrer Lage ſind doppelt reizbar und empfindlich. Geh und beruhige ſie!“ Ludolf erhob ſich mit gerunzelter Stirne.„Sie muß ſich zuſammennehmen lernen,“ ſagte er.„Eine kränkliche Frau iſt mir etwas Entſetzliches! Würde ſie wie meine Mutter, ſo liefe ich davon. Beſſer alſo ich halte ihr jetzt, wo es noch Zeit iſt, die Stange.“ Langſam ging er darauf in das anſtoßende Gemach. Die kleine Scene hatte ihn jedoch in ſeinen Reiſe⸗ plänen beſtärkt. Widerſpruch ertrug er nicht, und ſchon ihre Thränen waren ein ſolcher. Sie ſollte erfahren, daß auch dieſe keine Gewalt über ihn ausübten. Sie wußte ———————— n 217 das ſchonz denn ſie täuſchte ſich ſeit lange nicht mehr darüber, daß ihn zu lenken ihr nicht gegeben ſei. Ludolf ſprach nun täglich von ſeiner bevorſtehenden Reiſe. Da ſein Vetter in Wien nur eine Gargon⸗Woh⸗ nung inne hatte, ſo konnte er bei dieſem nicht wohnen, und der Aufenthalt in einem Gaſthauſe war koſtbar. „Du brauchſt jetzt, in Deiner Trauer, wenig Geld für Deine Toilette,“ ſagte er eines Abends zu ſeiner jun⸗ gen Frau,„und könnteſt mir durch einen Vorſchuß aushelfen. Wie viel haſt Du vorräthig?“ „Sehr wenig,“ erwiederte Thorilde kleinlaut.„Die Weihnachtsgeſchenke Bhen darin aufgeräumt. Du weißt ja, daß ich Preiſe an die Schulkinder vertheilt und unſere Armen nuetlei et habe.“ „Das war auch eine recht unnütze Ausgabe!“ ſagte er verdrießlich.„Sie nehmen ihre Sachen nicht in Acht und gehen doch wieder in Lumpen. Die Folgen von ſol⸗ cher Verſchwendung ſind nun, daß Du mir in dieſer klei⸗ nen Verlegenheit nicht aushelfen kannſt. Ich muß immer zurückſtehen. Du nennſt mich wohl Dein liebes Männ⸗ chen; aber das ſind nur Worte. Wenn es auf Thaten ankommt, ſo läßt Du mich im Stiche.“ „Ich konnte Deine Reiſe und Deine Geldverlegenheit ja nicht vorausſehen, lieber Ludolf,“ ſagte ſie ernſt.„Um Dir aber meinen guten Willen zu beweiſen, werde ich ſo⸗ 218 gleich an meinen Vormund ſchreiben und ihn um ein Dar⸗ lehen bitten.“ „Und er wird es Dir abſchlagen, der liebe Vor⸗ mund!“ „Er wird es mir nicht abſchlagen, Ludolf; denn es ſtreitet nicht gegen ſeine Pflicht mich zu verbinden.“ „Gut denn; ſo verſuche es!“ verſetzte Ludolf, drehte ſich auf dem Abſatze herum und verließ das Zimmer. Thorilde ſetzte ſich an ihren Schreibtiſch. Sollte Sie dem Staatsanwalte bekennen, zu welchem Zwecke ſie des Geldes bedürftig ſei?— Sie konnte ſich lange nicht entſchließen ihm denſelben zu nennen; endlich ſiegte jedoch ihre Wahrheitsliebe, und ihre Abneigung, den Mann zu täuſchen, der ihres Vertrauens ſo würdig war. Auch ohne, daß ſie es ausgeſprochen las ihr Vor⸗ mund zwiſchen den Zeilen, wie ſchmerzlich ihr es ſei, daß Ludolf ſich von ihr entferne. Er ſandte ihr die geforderte Summe, begleitet von wenigen, herzlichen Worten; bat ſie aber zugleich, keine ſolche Forderung wieder an ihn er⸗ gehen zu laſſen. Seufzend übergab ſie ihrem Gatten die Banknoten.— Die junge Mutter. Der Frühling ſchmückte wieder einmal die Erde, das junge Grün lachte um Schloß Rheinfeld; Primeln und Aurikeln ſchaueten mit bunten Augen unter den Blättern hervor, und die Sonne kochte neue Triebe. Thorilde ſaß auf der Terraſſe unter einem großen Sonnenſchirme, welcher ſie und ein kleines Weſen auf ihren Knien be⸗ ſchattete. Sie hatte die Trauer abgelegt, und trug einen himmelblauen Cachemire⸗Ueberrock, den eine dicke Schnur loſe um die Taille zuſammenhielt, und ein Negligé⸗Häub⸗ chen mit Ceriſebändern. Die kleinen Füße in braunen Maroquin⸗Schuhen ruhten auf einer geſtickten Fußbank. Das holdeſte Mutterglück ſprach aus ihren Zügen; ihr dunkelblaues Auge ſtrahlte von den ſüßeſten Empfin⸗ dungen, wiederholt führte ſie die kleinen Hände an ihre 220 Lippen und küßte ſie mit Zärtlichkeit. Ueber ihr ganzes Weſen hatte ſich ein Hauch von Liebe, Milde und unbeſchreib⸗ lichem Glücke gelegt; denn was ſie je gehofft, geträumt, war ihr durch die neue Empfindung in Erfüllung gegangen; ſie dachte jetzt nur noch mit dem Herzen. Aus der offen ſtehenden Thüre der Wohngemächer trat Ludolf; die Stirne gerunzelt. Etwas Müdes, Ab⸗ geſpanntes lag auf ſeinem Geſichte. Als er auf Thorilde zuging, ſtreckte ſie ihm die rechte Hand entgegen und zog ihn nahe zu ſich hin. „Sieh, Ludolf,“ ſagte ſie,„weil Du ſein Vater biſt, muß ich jetzt Dich lieben. Weißt Du wohl, daß Du in einem ganz neuen Verhältniſſe zu mir ſtehſt?“ Er ſeufzte und ſandte das Auge in die Ferne, als ſuche ſeine Sehnſucht dort ein Etwas. „Du biſt alſo damit einverſtanden, daß wir unſern kleinen Sohn Max nennen?“ ſagte ſie, Ludolf's Hand an ihre Wangen drückend, in ſüßem Geplauder.„Dein lieber Vater ſcheint es zu wünſchen, und der Name gefällt mir auch ganz gut. Wie ſonderbar wird uns zu Muthe ſein, Ludolf, wenn manmorgen unſer Kind tauft. Unſer Kind! Wir ſind Beide noch ſo jung!— Und nun dieſe ſchwere Ver⸗ antwortlichkeit, für das liebe Weſen zu ſorgen, es zu erzie⸗ hen, daß es brav, gut und glücklich werde!— Ich bin noch ſo ſehr unwiſſend in Allem, was ſich auf ſeine Pflege bezieht. Thue mir den Gefallen, lieber Ludolf! und kaufe mir, wenn —B N ——— M — —— 8 8— N N Du in die Stadt fährſt, alle Bücher, die über die Erziehung handeln; denn ich habe mir vorgenommen, bis ſich mir einige Anſichten in dem Punkte gebildet, nur das zu leſen. Welch' ein Glück iſt ein ſolches Kind, Ludolf! Aufjauchzen möchte ich, und rufen: Gott, mein Gott, es iſt zu viel der Wonne! Wenn ich es ſo anſehe, kommen mir die Thrä⸗ nen in die Augen vor lauter Vergnügen über das kleine Weſen. Und wie raſch es ſich entwickelt, Ludolf!— Glaubſt du wohl, daß es mich ſchon kennt? Wenn es nun erſt lacht und weint und Vater und Mutter ruft, wie wird uns da zu Muthe werden?— Ich habe alle Menſchen jetzt ſo lieb, ich bin Allen ſo gut, ſeit ich dieſem da ſo von ganzem Herzen gut bin!— Ich fürchte aber, Ludolf, daß ein Vater doch nicht ſo für ſein Kind empfinden kann, wie eine Mutter!“ fuhr ſie zu ihm aufſehend, und ſeine ſorgenvolle Miene ge⸗ wahrend, fort.„Das thut mir leid für Dich. Ich habe nun auf der Erde keinen Wunſch mehr unerfüllt und möchte auch Dir es gönnen, Dich ſo ganz befriedigt zu fühlen! Ach, Ludolf! Die Welt iſt doch recht, recht ſchön!“ „Wenn man die Taſchen voll Geld hat,“ erwiederte er, ihr ſeine Hand entziehend. Sie blickte mit dem Ausdrucke der ängſtlichſten Sorge zu ihm empor; fragend ruhte ihr Auge eine Minute lang auf ſeinem Geſichte; dann ſagte ſie: „Du wollteſt mir immer noch von Wien erzählen, Ludolf. Bis jetzt habe ich von Deiner Reiſe eigentlich weiter nichts erfahren, als daß Du die Preiſe dort über alle Begriffe hoch gefunden und Dein Vetter in dem Gaſt⸗ hofe für Dich hat gutſagen müſſen. Indeſſen kann doch die Summe ſo groß nicht ſein, um Dich ſo dau⸗ ernd zu verſtimmen. Gerade jetzt möchte ich Dich ſo gern heiter ſehen! Lieber, lieber Mann, giebt es kein Mittel, wirklich keines, um deine Stirne zu glätten?— Soll ich nicht bei meinem Vormunde noch einen Verſuch machen, Geld zu erhalten? Wenn Du mir die Rechnung geben wollteſt, würde ich ſie ihm einſenden, und ihn bitten, um einer ſolchen Kleinigkeit willen mir die Freude an der Gegenwart nicht zu verkümmern. Laß es mich wagen!“ „Du weißt ja gar nicht, wie viel es iſt,“ erwiederte Ludolf mit verfinſterter Miene. „Ich bin doch auch ſchon in Gaſthöfen geweſen, und habe einen Begriff, was ein Zimmer und ein Mittagseſſen koſtet,“ ſagte ſie ſanft.„In vierzehn Tagen wird die Summe ſo groß nicht geworden ſein, daß Leute in unſern Verhält⸗ niſſen ſich darum einen Tag lang unglücklich fühlen ſollten.“ „Das iſt leicht geſagt!“ rief Ludolf, ohne ſie anzuſe⸗ hen.—„Ich verſichere Dich, daß jeder Verſuch bei Deinem Vormunde ein vergeblicher ſein würde.“ „Woher weißt Du das ſo beſtimmt?“ fragte ſie ver⸗ wundert und halb erſtaunt. „Weil— Dein Vormund in Wien war, weil ich den Verſuch gemacht habe,“ fuhr Ludolf heraus. ———+,—„— cJ cS—-)——, 1 1 223 „In Wien?“ ſchrie Thorilde auf, und in ihrer Beſtür⸗ zung wäre das Kind beinahe von ihren Knieen geglitten. Sie ergriff eine auf dem Tiſche ſtehende Schelle und bewegte ſie heftig; eine Dienerin erſchien, und ſie legte das Kind in deren Arme; dann wandte ſie ſich erregt gegen Ludolf zu⸗ rück, faßte ſeine Hand und ſagte mit faſt athemloſer Haſt:„Wie kam mein Vormund nach Wien?— Wie kamſt Du zu ihm?“ „Da haſt Du es nun,“ gab dieſer zurück.„Ich wollte Dir nichts davon ſagen; ich hatte verſprochen, ſo lange Dir die Gemüthsbewegung ſchaden könnte, zu ſchweigen; aber Du willſt es ja! Du haſt an mir gezerrt, bis es herauskam. Ich waſche meine Hände in Unſchuld, wenn Du nun dadurch leideſt.“ „Ich bitte Dich, Ludolf, rede!“ fiel ihm Thorilde in das Wort.„Weshalb kam mein Vormund nach Wien? Deinetwegen? Sage: Deinetwegen? Und wer veranlaßte ihn zu kommen?“ Sie ſprach mit großer Heftigkeit und zitterte. „Ich ſage Dir kein Wort mehr! Von mir erfährſt Du nichts. Du biſt ja jetzt ſchon außer Dir, wie würdeſt Du es ertragen, wenn Du das Ganze hörteſt?“ „Was iſt es denn, was iſt es?“ rief die junge Frau, und legte beide Hände auf die Schultern des Gatten, ihm voll in das Auge zu ſchauen.„Ich fordere von Dir Wahrheit, Ludolf, Du biſt ſie mir ſchuldig. Was hat 224 Dich ſeither ſo ſchwer gedrückt, um Dir ſogar die Freude an Deinem ſüßen Kinde zu verkümmern. Ich verlange, als ſeine Mutter, es zu wiſſen!“ Sie ſprach mit einer Beſtimmtheit, die Ludolf nie an ihr geſehen; verlegen wich er ihrem Blicke aus und erwiederte:„Du hörſt ja, daß ich zu ſchweigen verſprochen habe.“ „So telegraphire ich augenblicklich an meinen Vor⸗ mund nach Berlin!“ rief ſie, und wandte entſchloſſen den Schritt. „Du wirſt von dorther nichts erfahren. Alles was Du erreichſt, iſt, mich getadelt zu ſehen. Wahrſcheinlich aber iſt Dir auch damit ſchon gedient.“ „Ludolf!“ ſagte ſie, ſtehen bleibend, und ihn mit einem unbeſchreiblichen Blicke meſſend;„ich habe auf den Vorwurf keine Antwort zu geben. Wohl aber kann ich Dir ſagen, daß das Nichtwiſſen mich mehr ängſtigt, als die ſchlimmſte Nachricht. „Verſprichſt Du mir Niemand zu ſagen, daß ich es Dir mitgetheilt?“ fragte er. „Hier meine Hand!“ rief ſie betheuernd. „Gut denn!“ begann er überlegend.„Vetter Kuno veranlaßte den Statsanwalt nach Wien zu kommen.“ „Der?“ fragte ſie verwundernd,„und zu welchem Zwecke?“ em „Das weiß ich nicht, denn ſie Berathung.“ „Aber Du ſahſt meinen Vormund?“ „Ja,“ erwiederte Ludolf verlegen;„einmal— wegen jener Rechnung.“ „Und er äußerte gegen Dich nichts wegen des Zweckes ſeiner Reiſe? 2 „Er ſagte, daß er nach Venedig zu Deinem Onkel Gasmund gehen und mit dieſem zurückkehren würde.“ „Mit dieſem? Dein Vetter hätte ihn alſo nur meines Onkels wegen kommen laſſen?“ Ihr Auge ruhte, während ſie der Sache nachdachte, fragend auf ihm. Ludolf, ihrem Blicke ausweichend, erwie⸗ derte:„So ſcheint es!“ „Aber warum ſollte man mir ein Geheimniß d daraus ue fuhr ſie plötzlich auf.„Warum ſollte eine Sache, die mich pirſin nicht betrifft, in einem Grade mich be⸗ ihren, ſie mir ſo ängſtlich verbergen zu wollen?“ edenke Deinen Zuſtand!“ fiel er ein. Pen auch!“ unterbrach ſie ihn.„Nein, d das kann es nicht 6 Mich, mich ſelbſt geht es an, eine fürchterl iche A lugſtl legte ſich auf meine Bruſt; Ludolf, gieb mir Wahrheit oder Du iht. mich „Um des Himmels Willen, Thorilde, beruhige Dich!“ ſagte dieſer, und ſtreichelte ſie wie man ein unartiges Kind Amely Boelte; Die Mantelkinder. II, 15 zogen mich nicht in ihre 226 zu beſänftigen ſucht.„Denke einmal nach! Was kannſt du zu fürchten haben?“ „Das weiß ich nicht,“ ſagte ſie mit vor innerer Bewe⸗ gung zitternder Stimme;„aber mein fliegender Puls, die verdoppelten Schläge meines Herzens ſagen mir, daß eine Gefahr mir drohe.“ „Thorheit! Du fühlſt Dich noch angegriffen! Ich will Dir ein Brauſepulver zurecht machen. Und dann wollen wir nicht weiter davon reden.“ Er eilte in das Haus und holte den ſchäumenden Trank; ſie leerte das Glas in einem Zuge, dann legte ſie die kleine Hand eine Minute lang über die Stirne, und plötzlich beide Arme ſinken laſſend und ſich hoch vor ihm aufrichtend; rief ſie:„Und nun verlange ich dennoch es zu wiſſen.“ „Du biſt thöricht!“ ſagte Ludolf ungeduldig, und eilte von ihr weg. Von den grauſamſten Zweifeln geplagt ſtieg ſie in ihr Zimmer hinauf und kleidete ſich an. Sollte ſie an den Staatsanwalt ſich wenden, an den Geheimrath Ledebuhr ſchreiben?— In beiden Fällen aber traf ihren Gatten der Vorwurf, was er hätte verſchweigen ſollen, ver⸗ rathen zu haben. Ihre Schwiegermutter lebte, ſeit ihrer Rückkehr ganz in ihren Gemächern, weil, wie ſie ſagte, ihr Zuſtand dieſe Abgeſchiedenheit fordere. Thorilde brachte ihr täglich den Enkel auf eine halbe Stunde hinüber, und genoß der Be⸗ ne re be un ſo de äu zet W kor der teln len 227 friedigung, ſie durch den Anblick des Kindes erfreut und er⸗ heitert zu ſehen. Sie küßte ſie, als ſie heute zu ihr kam, auf die Stirne und ſagte:„Armes, junges Weib! Nur Muth! Du wirſt dennoch ſiegen. Laß Dich durch die Wolke über Deinem Haupte nicht ſchrecken.“ „Welche Wolke?“ fragte Thorilde, und ſah ſie fragend mit ihren ſchönen Augen an.“ Sie wiſſen alſo darum?“ „Ich weiß Alles!“ flüſterte die Baronin. „Von wem, Mutter? Von wem?“ rief Thorilde. „Von meinen Geiſtern!“ flüſterte dieſe. Indem nahte Madame Latour; auch hatte die Antwort Thoril⸗ dens Vertrauen in das Wiſſen ihrer Schwiegermutter be⸗ reits erſchüttert. Die Taufe des Erben von Rheinfeld wurde prächtig begangen, die Leute im Dorfe tanzten bis Mitternacht, und Raketen ſtiegen zum Himmel auf. Thorilde hatte ſich ſo viele Freude von dieſem Tage verſprochen, und ſtatt deſſen koſtete er ihr nun die Anſtrengung, ihre innere Sorge äußerlich zu beherrſchen; allein die zuſammengezogene Braue zeugte davon. So pft ſie Ludolf allein ſah, kam ſie auf Wien zurück. Ihren Fragen zu entgehen, wich er ihr, wo er konnte, aus. Auch ihr Schwiegervater trug lange ſchon eine nach⸗ denkliche Miene.„Was habt Ihr?“ fragte ſie oft kopfſchüt⸗ telnd, wenn die Verſtimmung der Anderen ihrem ſtil⸗ len Glücke ſo ſchroff entgegen trat. Eines Tages hörte ſie 15* ſogar den Baron, indem er der Wärterin den kleinen Mar zurückgab, mit einem Seufzer ſagen:„Armes Kind!“ Die junge Mutter erglühte. Warum arm? fragte ſie ſich und fuhr wie eine gereizte Löwin empor. Was fehlte ihrem Kinde 2 So viel ſie wußte, gar nichts. Es war geſund und ſchön; es war in Verhältniſſen geboren, welche ihm große Vortheile ſicherten, wie konnte man alſo ihren Sohn ein armes Kind nennen?— Warum dieſer bedauernde Aus⸗ ruf? Sie grübelte vergeblich nach dem Grunde. Sie nahm den Kleinen auf ihren Schooß, beſichtigte alle ſeine Glie⸗ der, prüfte ſeine Sinne, und überzeugte ſich, daß ihm nichts fehle. Sie überdachte ſeine Lage. Wie ſehr ſein Vater auch in ſeinen Finanzen durch ſein Spiel zerrüttet ſein mochte ſo blieb ihm doch das Vermögen ſeiner Mutter, und mit einer Art ſtolzen Freude flüſterte ſie ihm in das Ohr: „Sei ruhig, mein Engel? Es ſoll Dir nichts abgehen!“ Und dankbar gedachte ſie zugleich ihres Vormundes, der ſie ver⸗ hindert wegzugeben, was ſie nun wie ihres Sohnes Ein⸗ kommen anſah. Allein den Schluß dieſer ſüßen Unterhaltung mit dem Erſtgeborenen bildeten wieder die Worte des Großvaters, der ihn ein armes Kind genannt, und damit kehrte ihre innere Unruhe, die Bedeutung dieſer Worte zu kennen, zurück.— Sie bemerkte, daß jetzt häufig Briefe von Berlin an⸗ kamen, und eines Tages fiel ihr ein Couvert in die Hände, ie id m id ße in 8 e⸗ 18 ich te nit ſ nd er⸗ in⸗ em rs, hre en, in⸗ de, 229 auf dem ſie die Handſchrift ihres Vormundes erkannte. Worüber correſpondirte man mit dieſem?— Ihr kam deſſen Reiſe nach Wienwieder in den Sinn, und ſie fürchtete, daß Alles in einem Zuſammenhange ſtehen möge, aber auch in einem Zuſammenhange mit dem Ausrufe ihres Schwieger⸗ vaters, deſſen„Armes Kind!“ wie ein Dolch in ihrer Bruſt ruhete?— Wäre es möglich geweſen, ſo hätte ſie den Klei⸗ nen ſeitdem nur noch zärtlicher geliebt. Der Baron und ſein Sohn, hieß es plötzlich, wür⸗ den nach Berlin reiſen. Man ſprach von Geſchäften, die dieſen Ausflug heiſchten; aber man gab dieſen keinen Na⸗ men. Der Schwiegervater bemerkte nur, daß Thorilde ſich bereit halten möge, im Fall ſie längere Zeit dort verwei⸗ len müßten, ihnen nachzufolgen. Ludolf freuete ſich auf die Reiſe, und packte ſeine Spiel⸗Literatur ein. Sie ſah ihm mit Bangen zu. Es war nicht mehr der Gatte, es war der Vater ihres Kindes, den ſie vor ſich ſelbſt hätte ſchützen mögen; ſie führte ihn an des Kleinen Wiege, ſchlang beide Arme um ſeinen Hals und ſagte:„Ludolf!— Du willſt wieder ſpielen!— Um Deines Kindes willen, Ludolf, thue es nicht!!“ Er runzelte die Stirne.„Gerade um meines Kindes willen muß ich ſpielen,“ ſagte er verſtimmt;„es iſt das einzige Mittel, um aus den Schulden zu kommen.“ Sie war nun allein im Schloſſe; die Schwiegermutter in einem Flügel, ſie in dem anderen; ſchweren Herzens ſah ſie zu den alten Mauern mit ſo bangem Gefühle, als ob ſie auf ſie herabzuſtürzen drohten, hinauf. Es war das ſchönſte Sommerwetter, die Ernte ſtand hoch. Sie hatte das Schloß in Monden nicht verlaßen, ihre Geſundheit und dann ihr Kind hielten ſie auf der Höhe feſt. Sie beſchloß mit dem kleinen Max auszufahren; ihr mütterlicher Stolz wollte die Befriedigung genießen, das Kind bewundert zu ſehen. Als ſie in das Dorf hinunterkam, fiel es ihr ſchwer auf die Seele, wie wenig ſie von dem, was ſie Anfangs er⸗ ſtrebt, ausgeführt hatte. Sie ſeufzte. Die eigenen Sorgen, das eigene Kind, und jetzt ſeit lange die leere Caffe, hatte ſie abgehalten, mit den beabſichtigten Verbeſſerungen fortzu⸗ fahren. Wollen und Vollbringen, rief ſie kleinmüthig ſich zu.— Sie ſah den alten Thorhüter heute nicht. Der Platz, wo er an der Pforte, die Mütze in der Hand, die Herrſchaft zu begrüßen ſonſt ſtand, war leer. Sie hielt da⸗ her bei ihrer Rückkehr an und fragte nach ihm; denn ſeine große Freude über den kleinen Junker Max that ihr ſtets wohl. Heute ſollte er den Junker von Rheinfeld in einem neuen Kleid und ſchönem Federhut erblicken, eine überaus reizende Erſcheinung, wie ſeine Mutter meinte. Der alte Mann lag zu Bett. Thorilde ſtieg aus, ſandte die Wärterin mit dem Kinde nach Hauſe und trat in die kleine Behauſung. Alterſchwäche, nicht Krank⸗ heit, hatte ihn auf das Lager geworfen. Sie ließ eine Flaſche alten Madeira kommen, die ausgehende Lebensfackel gel zu mo die mẽ letz beſ as as nd oß olz zu ver en, ſie zu⸗ is Der die da⸗ ine ihr in ine us, und nk⸗ ine 231 anzufachen, gab ihm ein Glas davon, und ſetzte ſich dann an ſein Lager. Er lächelte ſie dankbar an.„Es iſt vielleicht das letzte Mal, daß meine alten Augen Ihre Gnaden erblicken,“ ſagte er, die Hände faltend,„und da Sie immer ſo gütig gegen mich geweſen ſind, ſo will ich, vor meinem Scheiden, Ihnen noch eine Mittheilung machen, die Ihnen von Nutzen ſein kann. Baron Kuno führt nichts Gutes gegen Sie im Schilde. Er hat hier umherſpionirt, und mich auszufragen geſucht; allein ich glaube nicht, daß er das Nöthige in Erfahrung gebracht hat. Doch wird er nicht ruhen, um das Erbe von Rhein⸗ feld an ſich zu bringen. Sollte es eines Tages ſo weit kommen, daß die Frau Baronin oder Junker Max in ihren Rechten gekränkt würden; ſo öffnen Sie das Päck⸗ chen, welches Sie hier unter meinem Kopfliſſen finden, und die darin enthaltenen Documente werden ihn zum Schweigen bringen. Sie müſſen aber in meine Hand geloben, nur im Fall der Noth davon Kenntniß nehmen zu wollen. Was man einem Sterbenden verſpricht, hält man heilig.“ Sie legte die kleine weiße Hand vertrauungsvoll in die abgemagerte des Greiſes, und empfing ſein Ver⸗ mächtniß. „Jetzt ſterbe ich ruhig,“ ſagte er.„Es würde meine letzte Stunde verbittert haben, hätte ich für Ihre Zukunft beſorgt ſein müſſen.“ 232 Sie redete ihm tröſtend zu, bat ihn ſich recht zu pflegen, ſein Mittageſſen aus ihrer Küche holen zu laſſen, und ſchied von ſeinem„Gott ſegne Sie!“ begleitet, mit der wehmüthigen Empfindung, daß dies treue Herz nicht mehr lange ſchlagen werde. Bei ihrem Erwachen des nächſten Morgens erfuhr ſie, daß Traugott um Mitternacht fanft entſchlummert ſei. Zu ihrem Erſtaunen vernahm ſie, daß ihre Schwie⸗ germutter ſich in die Wohnung des Todten begeben und ſeine Sachen ſelbſt unter Verſchluß genommen habe. Ihr Päckchen fiel ihr ein. Ob ſie nach dieſem geſucht hatte? Von dem Baron und Ludolf liefen Briefe ein, die aber nur die kurze Meldung ihrer Ankunft in Berlin ent⸗ hielten. Geſpannt ſah Thorilde nun dem nächſten Schrei⸗ ben entgegen. Sie konnte ſich ihre Unruhe ſelbſt nicht er⸗ klären; allein ein Vorgefühl ſagte ihr, daß irgend eine ſie emfindliche treffende Nochricht kommen würde. Biswei⸗ len dachte ſie an Ellena dabei. Allein bei ruhiger Erwä⸗ nung konnte, was dieſe verſchuldet, doch nie ihr Kind tref⸗ fen?— Die nächſte Poſt brachte auch wirklich einen Brief; aber er war an die Baronin gerichtet, und weder von ihrem Gatten, noch von ihrem Schwiegervater eine Zeile für ſie beigefügt. Nur Grüße ſandte man ihr und die Nachricht; daß ihr Vormund auf dem Wege nach Rhein⸗ zu ſen, mit richt uhr nert wie⸗ und Ihr tte? die ent⸗ rei⸗ eine wei⸗ ref⸗ von eie die ein⸗ Obwohl ſie nun dieſer Beſuch mit gerechtem Stau⸗ nen erfüllte, ſo erfreute er ſie doch zugleich über alle Ma⸗ ßen. Was man brieflich nicht auszuſprechen wagt, läßt ſich mündlich durch hingeworfene Aeußerungen mittheilen; Frage und Antwort führen, ohne beſtimmte Forderung, zum Ziele. Ihr ward das Herz ſchon leicht in der Hoffnung, alles Dunkel aufgehellt zu ſehen. Er kam zu Mittag an, und die Baronin hielt es für ſchicklich ihn zu empfangen und beim Mahle gegenwärtig zu ſein. Dieſer Aufſchub ſetzte Thorilde in große Aufregung; mehr aber noch der ernſte theilnehmende Blick, mit welchem das Ange des Staatsanwaltes auf ihr ruhte. Man ſprach von gleich⸗ gültigen Dingen. Nie war es Thorilden ſo ſchwer gewor⸗ den eine Unterhaltung zu führen. Endlich wurde der Kaffee gereicht. „Jetzt müſſen Sie mit mir kommen und mein Kind ſehen!“ rief ſie, und ſchritt ihm voran der Thüre zu. „Liebe Tochter!“ wandte die Baronin ein,„ich möchte Sie gern demnächſt in mein Zimmer beſcheiden. Ich habe mit Ihnen zu reden.“— Wieder bemerkte Thorilde den unruhig theilnehmen⸗ den Blick des Vormunds, dem jetzt ſogar ein Ausdruck des Mitleides beiwohnte. „Wir werden gleich zu Befehl ſtehen, Frau Baro nin!“ ſagte er, ſich erhebend.„Gönnen Sie mir nur die 234 kurze Minute, um die Bekanntſchaft von dem Söhnchen meines Mündel zu machen.“ Thorilde ergriff raſch ſeinen Arm und zog ihn fort. „Um Gotteswillen,“ flüſterte ſie auf dem Wege.„Was meinen dieſe halben Worte! Was will man von mir?— Warum iſt mein Schwiegervater in Berlin? Warum ſind Sie hier?“ „Sie ſollen das ſogleich erfahren; aber vorerſt zei⸗ gen Sie mir den kleinen Max,“ ſagte dieſer mit gezwun⸗ genem Lächeln. Sie nahm das Kind der Wärterin ab und trug es ihm entgegen.„Wie ſtolz würde ich heute ſein, Ihnen mei⸗ nen Sohn zu zeigen, wenn ich nicht zittern müßte für ein dieſem theuren Haupte drohendes Etwas,“ ſagte ſie. „Ich fühle jetzt, daß ich Alles verlieren, Alles opfern kann; nur darf dieſem hier kein Haar gekrümmt werden. Was hat mein armes Kind gethan, daß man ſein Glück bedroht?“ „Niemand thut das; nur dürfen Sie ſein Wohl nicht von äußeren Umſtänden abhängig machen, und da dies, wie Sie ſo eben ſagen, nicht der Fall iſt, Sie Alles hingeben, Alles opfern können, ſo lange ſein theures Leben Ihnen bleibt; ſo iſt auch die Gefahr für Sie ſo gut wie vorüber.“ „Welche Gefahr?“ fragte Thorilde und weit öffneten ſich ihre Augen.“ Was ſoll ich hingeben? Was opfern?“ — 235 „Den nur ſcheinbaren Vortheil des Beſitzes der ver⸗ ſchuldeten Güter der Barone von Rheinfeld. Um ſo beſſer für ihn, wenn er dieſe nicht hat; denn ſie ſind, wie ſie ſind, eine bloße Laſt.“ „Die ſollte mein Sohn nicht beſitzen? Und warum nicht beſitzen?“ und vor Erregung füllten ſich die blauen Augen mit großen Thränen. „Weil die Statuten des Fideicommiß gewiſſe Be⸗ dingungen an die Geburt der Mutter knüpfen, welche hier nicht ganz dem Buchſtaben gemäß erfüllt ſind; und, wenn ſie es ſind, doch von dem Agnaten beſtritten wer⸗ den können.“ „Ach ich verſtehe!“ rief ſie, als gehe ihr ein Licht auf,„Baron Kuno tritt gegen meine Geburt auf. Wer war meine Mutter, Herr Staatsanwalt?“ fragte ſie faſt ſtrenge. „Darum handelt es ſich nicht, ſondern ob Sie gebo⸗ ren waren, als ſich ihre Eltern vermählten, oder vor dem Geſetze als Mantelkind bezeichnet werden können.“ „Und dies iſt der Fall?“ fragte ſie athemlos. „ Der Staatsanwalt antwortete nicht. „Ich weiß genug,“ murmelte ſie und legte das erbleichende Geſicht an die Bruſt ihres kleinen Lieblings. Mein Kind! Deine Mutter iſt vor dem Geſetze ein Man⸗ telkind!“ und ohnmächtig hielt der Vormund ſie in ſei⸗ nen Armen. 236 Als Thorilde wieder zu ſich kam, fand ſie ſich auf eine Chaise longue gebettet, ihr Kind aus dem Zim⸗ mer entfernt, und die Thüren verſchloſſen. Der Vor⸗ mund ſaß neben ihr und hielt ihre kleine Hand in der ſeinigen.„Seien Sie gefaßt,“ nahm er ſogleich das Wort. Laſſen Sie ſich in Ihren Empfindungen nicht gehen. Es gilt eine ernſte Entſcheidung. Es gilt Ihre Zukunft, es gilt die Ihres Kindes! Mit dem Sturme der Leidenſchaften verdirbt man viel und erreicht wenig. Auch wollen wir recht leiſe ſprechen, damit die Wände unſere Worte nicht weiter tragen.“ „Theurer, lieber Mann!“ ſagte Thorilde und zog ſeine Hand an ihre Lippen.„Wie wohl thut es mir, in ihr liebes Geſicht zu ſchauen! Ich habe mich in mei⸗ ner neuen Familie recht verlaſſen gefühlt.“ Ihre Thrä⸗ nen perlten; er ſah, daß ihr dieſe eine wohlthätige Er⸗ leichterung gewährten und ſtörte ſie nicht. Als ſie ihre Augen getrocknet, begann er langſam:—„Ich habe Ihrer Frau Schwiegermutter hinüberſagen laſſen, daß Sie ſpäter bei ihr erſcheinen würden. Mir iſt es lieb, daß ich Sie erſt noch allein ſehen kann. Die Ueber⸗ raſchung hätte Sie vielleicht zu Aeußerungen hingeriſſen, die Sie nachher bereut haben würden. Laſſen Sie uns alſo gemeinſam recht ſorgfältig die Sache erwägen, und dann einen Beſchluß faſſen.“ „Was giebt es hier zu beſchließen?“ fragte Tho⸗ n8 nd 237 rilde ſich zuſammennehmend.„Der auf der Geburt meines Kindes ruhende Makel läßt ſich nicht hinweg⸗ räumen.“ „Wir müſſen verſuchen, den Agnaten abzuhalten, dieſen Umſtand zu rügen,“ fiel er ein. „Wie vermögen wir das?—“ „Was ihn dazu treibt, iſt das eigene Intereſſe. Baron Kuno will nicht allein als nächſter Erbe Proteſt ge⸗ gen Ihren Sohn einlegen,“ fuhr er fort,„ſondern auch den Baron Rheinfeld als Verſchwender und ſeinen Sohn als Spieler unter Curatel ſtellen laſſen. Durch dieſen Schritt werden Ihr Gatte und Schwiegervater aus ihrem Beſitzthume vertrieben, die Regierung ſetzt eine Admi⸗ niſtration ein, welche die Verwaltung übernimmt, die Schulden abträgt, und ihnen eine lebenslängliche Penſion auszahlt. Sie können nun ermeſſen, welchen Eindruck dies Vorhaben auf die Familie gemacht hat, welche durch einen ſolchen Schritt vor der Welt beſchimpft und in gewiſſer Weiſe arm würde.“ „Entſetzlich!“ rief Thorilde.„Und was habe ich Baron Kuno gethan, mich zum Vorwande zu wählen, um ſo Grauſames über dieſe armen Leute zu verhän⸗ gen?“ „Sie haben ihm nichts gethan, als daß Sie ihm durch den kleinen Umſtand Ihrer Geburt ſein Recht als Erbe zurückgaben, und er dies zu wahren ſucht— 238 Man kann ihm dies eigentlich nicht verdenken. Jeder an ſeiner Stelle, würde ſchließlich hier den Buchſtaben des Geſetzes walten laſſen.“ „Da er aber älter iſt, als Ludolf, ſo wird er aller Wahrſcheinlichkeit nach nie zu ſeinem Erbe gelangen.“ „Aber ſeine Kinder werden es. Er heirathet, auf die Ausſicht hin, eine Frau mit Vermögen, und nimmt eine neue Stellung ein. Sie ſehen alſo, wie viel ihm daran liegen mußte, die Rechte Ihres Sohnes zu beſei⸗ tigen.“ „Ich ſehe es. O mein Gott! Ich ſehe mit Schrecken, daß durch mich Gatte und Vater unglücklich geworden ſind. Wie werden ſie es ertragen, ſich dieſem Schickſale beugen zu ſollen?“ „Sie fühlen ſich dazu nicht ſtark genug, und ha⸗ ben mich beauftragt, Ihnen einen Vorſchlag zu machen, der die einzige Ausſicht, den Schlag abzuwenden, bietet. Ohnehin könnte es für Sie fernerhin nur peinlich ſein, in einem Kreiſe ſich zu befinden, deſſen Verſtimmung mehr vder weniger Sie als die obwohl unſchuldige Ur⸗ ſache dieſes Unglückes anſehen würde. Man fragt alſo an: ob Sie nicht aus eigenem guten Willen eine Tren⸗ nung vorſchlagen möchten.“ Thorilde erglühte.„Aber die Gründe?“ rief ſie. „Die Gründe! Nicht daß ich perſönlich ein Opfer ſcheue, um der Familie ihr Beſitzthum zu erhalten; aber mein 239 Kind! Bevor dieſem in ſeinem weltlichen Vortheil Scha⸗ den erwüchſe, klammere ich mich an dieſe alten Mauern, und laſſe nicht eher davon, bis man mich in einzelnen Stücken abreißt.“ Der Staatsanwalt nahm beſänftigend ihre Hand. „Ihr väterlicher Freund ſpricht zu Ihnen, vergeſſen Sie das nicht,“ ſagte er.„Was ich meiner eigenen Tochter in einem ſolchen Falle anrathen würde, das nur rathe ich Ihnen.“ „Und das iſt?“ fragte ſie erregt. „In die Trennung jedenfalls zu willigen. Hören Sie mich ohne Unterbrechung an.— Wenn Sie Ludolf frei geben, ſo kann er eine andere Ehe ſchließen; ge⸗ ſchieht dies, ſo verliert Baron Kuno ſeine Anſprüche auf die Erbſchaft und nimmt vielleicht auch ſeine Eingabe, eine Admiiſtration der Güter betreffend, zurück. Wir abeachen dann ein Compromiß mit ihm. Kann er ſcht Erbe ſein, ſo iſt es ihm wahrſcheinlich ganz gleich⸗ gültig, ob Ihr Sohn oder der Sohn einer anderen Mut⸗ ter die Güter erhält, und wir ſuchen ſein Schweigen zu erkaufen. Die Welt mag denken, daß Sie, der zerrüt⸗ teten Geldverhältniſſe wegen die Scheidung nachgeſucht haben, und der Grund iſt in der That, um ihn anzuneh⸗ men, wichtig genug. Baron Ludolf wird immer ſtärker ſpielen, immer mehr die Schuldenlaſt ſeiner Güter ſtei⸗ gern, und Sie, als Gattin, könnten endlich nicht umhin, 240 ihm mit Ihrem Vermögen auszuhelfen. Um Ihres Soh⸗ nes willen müſſen Sie dem vorbeugen, um Ihres Soh⸗ nes willen ihn dem Auge des Vaters entziehen, damit er nicht Zeuge von deſſen noblen Paſſionen werde und ihm nacheifere. Wer weiß, ob ſie dann in ſeinem In⸗ tereſſe nicht ſelbſt eines Tages auf eine Adminiſtration der Güter antragen, die er, ſo verſchuldet, nie überneh⸗ men könnte.— Doch dieſer Moment liegt noch weit hinaus. Genug alſo für jetzt, daß Ihr Intereſſe mit dem der Familie Rheinfeld hier zuſammenfällt, d. h. daß dieſe Trennung für beide Theile gleich wünſchens⸗ werth iſt.“ „Und Ludolf iſt damit einverſtanden?“ fragte Tho⸗ rilde bitter. Der Vormund zuckte die Achſeln.„Kann er vor irgend einem Schritte zaudern, wenn es aus Schloß Rheinfeld verjagt zu werden gilt?“ gab er zurück.— „Wenn aber Baron Kuno die Rechte meines Sohe nes zu ehren nicht gewilligt ſein ſollte? Oder auch ein zu großes Opfer verlangte?“ „So wird dies die Familie Rheinfeld bringen. Der Dienſt, welchen Sie ihr erweiſen, iſt groß genug, um einen Gegendienſt zu verlangen.“ „So ſei es!“ rief Thorilde entſchloſſen.„Und ſchlägt Alles fehl, ſo bleibt mir noch das Vermächtniß des alten Thorwart.“ Sie ergriff ihres Vormundes Arm de me W erſ Be wi die keit St ver o⸗ 0r n. nd niß em 241 und ſchritt feſt an ſeiner Seite über den Schloßhof. Madame Latour ſtand am Fenſter und ſah ſie kommen. — Die Baronin kam auf ihren Ruf der Schwiegertoch⸗ ter bis in das Vorzimmer entgegen und wollte ſie um⸗ armen; allein dieſe wich ihrem Kuſſe aus, verneigte ſich ſtolz vor ihr und ſagte:„Frau Baronin! Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu ſagen.“ „So iſt es recht!“ flüſterte dieſe.„So, gerade ſo ſah ich Sie im Traume. Es kommt Alles, wie es kom— men mußte.“ Der Abſchied währte nicht lange. Thorilden brannte der Boden unter den Füßen. Sie kehrte in ihre Ge⸗ mächer zurück, und packte. Johann, ihre Jungfer, die Wärterin und das Kind ſollten ſie begleiten; mit dem erſten Zuge des folgenden Morgens brachen ſie nach Berlin auf.„Ich muß die Sache eutſchieden ſehen,“ wiederholte ſie dem Vormunde.„Bevor Baron Kuno die Rechte meines Sohnes zu ehren gelobt, habe ic keine ruhige Stunde.“ Wieder war die Falte auf ihrer Stirne ſichtbar und ſelbſt während ſie ihr Kind herzte, verſchwand ſie nicht mehr. Amely Boelte: Die Mantelkinder. 1I. Tod und Hochzeit. Baron Rheinfeld war bei ſeiner Ankunft in Berlin mit ſeinem Sohne im„Hotel Brandenburg“ abgeſtiegen. Da er jeder Unannehmlichkeit und jeder Aufregung feind war, ſo ſah er ungeduldig dem Eintritte des Staats⸗ anwaltes entgegen, um eine Angelegenheit zu beſeitigen, welche ihn in dem ruhigen Hinleben ſeiner Tage, an der Seite einer Gattin, die zu behüten ſein einziges Geſchäft war, ſtörte. Vater und Sohn ſprachen wenig, denn Jeder grollte dem Andern. Ludolf betrachtete ſich in dem Lichte eines unſchuldigen Opfers der Nachläſſigkeit ſeiner Eltern; denn warum hatte man ihm geſtattet, ſich eine Frau zu wählen, deren Vermögen ihm vorenthalten blieb und die außerdem jetzt ſeinem Vetter das Schwert gegen ihn in die Hand gab?— Sein Vater aber behauptete, n n lin F nd en, au 6 enn em ner ine lieb gen ete, daß nur ſeine Spielſchulden einen gerechten Grund, die Güter adminiſtriren zu laſſen, böten; dieſe unerquicklichen Vorwürfe ausgeſprochen, ſchwiegen Beide, und überließen ſich ihren eigenen Gedanken über die Sache. Als der Staatsanwalt ſich melden ließ, fand er den Vater allein. Es war Abend, und Ludolf ſtahl ſich dann häufig fort. Erwartungsvoll horchte der Baron auf die Antwort ſeiner Schwiegertochter. Dieſe konnte kaum anders lauten, wie ſie lautete; wenn dem Unglücke durch ſie vorgebeugt werden ſollte, wie durfte ſie ſich weigern? „Sollte aber Baron Kuno dennoch auf eine Ad⸗ miniſtration der Güter dringen?“ fragte Möſer. „Suchen Sie das zu verhindern, und gelingt es, ſo ſtehen 5000 Thaler bei meinem Banquier zu Ihrer Verfügung,“ erwiederte der Baron. Der Staatsanwalt verneigte ſich kalt. „Sie vergeſſen, Herr Baron, daß ich im Intereſſe meiner Mündel zu handeln habe und daß es noch ſehr in Frage ſteht, in wie weit dieſes mit den Abſichten Ihres Herrn Vetters zuſammenläuft,“ ſagte er, ſich er⸗ hebend. „Meine Schwiegertochter hat, nach der Scheidung, nur den Namen mit uns gemein, den wir ihr leider! nicht entziehen können,“ ſagte der Baron kalt. „Sie hat dieſe Ehre theuer erkauft und muß ſie 16* 244 leiſem Spotte.„Sobald ich mit Ihrem Herrn Vetter Rückſprache genommen, werde ich das Weitere mit Ihnen zu verabreden die Ehre haben.“ Er empfahl ſich. Baron Kuno wohnte in der Friedrichſtraße in einem Privathauſe; denn als guter Wirth mußte er die theuren Gaſthöfe vermeiden. Er ſtand im Begriffe auszugehen, ließ den Anwalt jedoch ſogleich vor ſich. Möſer nannte die Abſicht ſeines Beſuches und ſie ſetzten ſich. Mit Staunen hörte er, daß die Familie Rheinfeld der jungen Frau in eine Trennung von ihrem Gatten zu willigen vor⸗ geſchlagen.„Es ſieht ihnen übrigens ähnlich!“ ſagte er bitter.„Ihr Egvismus kennt nur ſich. Uebrigens verliert ſie nichts dabei; denn mein Vetter wird ſich bald gänzlich ruinirt haben. Doch aber glaube ich ganz gern, daß die Zumuthung ſie empfindlich berührt hat.“ „Ihres Kindes wegen,“ ſiel der Vormund ein. „Sie kann es nicht ertragen, dies unſchuldige Weſen durch den Makel ihrer Geburt beeinträchtigt zu ſehen, und will jedes Opfer bringen, dieſem Falle vorzubengen. Giebt es keinen Weg zur Güte in dieſer Sache für uns, Herr Baron?“ „Daß ich nicht wüßte!“ erwiederte dieſer achſel⸗ zuckend. Sie würden ſich nicht dazu verſtehen, die Güter zum Vortheile des kleinen Mar adminiſtriren zu laſſen?“ daher zu verwerthen ſuchen,“ verſetzte der Vormund mit w di de 245 „Dieſe Großmuth können Sie von mir nicht ver⸗ langen.“ „Ein Geldopfer würde deſſen Mutter nicht ſcheuen.“ „Es könnte den Vortheil, der Stammhalter des Majorats zu ſein, nicht aufwägen.“ „Nein.“ „Sie ſehen alſo ſelbſt, daß davon keine Rede ſein kann.“ „Und doch muß ich, im Namen der jungen Ba⸗ ronin, darauf dringen.“ „Sie belieben zu ſcherzen,“ rief Baron Kuno achſel⸗ zuckend. „In Geſchäftsſachen laſſen wir Advocaten ſolche Laune kaum aufkommen. Ich verſichere Sie alſo, daß ich die Rechte von dem Sohne meines Mündels zu wahren entſchloſſen bin, und, wenn wir uns nicht in Güte verſtändigen können, dieſelben Waffen gegen Sie gebrauchen werde, welche Sie zu führen im Begriffe ſtehen.“ „Wie das?“ rief Baron Kuno erbleichend und den Anwalt mit beſtürzter Miene muſternd. Dieſer antwortete nicht gleich. Er hatte erproben wollen, ob er wirklich ein Mittel in ſeiner Hand halte, die Anſprüche des Mannes vor ihm nichtig zu erklären, und deſſen Erſchrecken bei dem erſten darauf hindeuten— den Worte, bewies ihm, daß es ſo ſei. Bedächtig zog 246 er nun ein Päckchen aus ſeiner Taſche, und ſagte langſam: „Wenn die in meinem Beſitze befindlichen Docu⸗ mente nicht trügen: ſo iſt Kuno von Rheinfeld gleich nach der Geburt geſtorben; an ſeine Stelle aber das Kind ſeiner Amme gelegt worden. Beſtehen Sie nun noch darauf, dem Sohne der Baronin Thorilde ſein Erbe ſtreitig zu machen?“ Er war todtenbleich, dann dunkelroth geworden und von ſeinem Sitze aufgeſprungen; mühſam rang er nach Faſſung. So wie er einigermaßen ſeiner ſelbſt Herr ge⸗ worden, wandte er ſich dem Anwalt wieder zu und ſagte, die Lippen zuſammengepreßt:„Ich darf wohl erfahren, wie Sie zu ſolchen Beweisſtücken gelangten?“ „Ein Geheimniß daraus zu machen iſt mir nicht anempfohlen,“ entgegnete dieſer kühl.„Warum ſollte ich Ihnen alſo nicht eingeſtehen, daß der alte Traugott auf ſeinem Sterbebette ſeine junge Herrin, der er von Her⸗ zen zugethan war, damit beſchenkte?“ „Alſo daher kommt der Schlag!“ rief er ſeinen Platz wieder einnehmend.„Der Alte war mir niemals wohl geſinnt. Ich hatte natürlich keine Ahnung davon, daß ich nicht wirklich der ſei, für den man mich erzog, bis ich heranwuchs, und eines Tages an das Sterbe⸗ lager meiner Amme gerufen— der ich übrigens ſehr anhing— dieſe ihr Gewiſſen durch die Mittheilung, daß —„„————, en s n, g, hr ſie meine Mutter ſei, erleichterte. Sie können leicht ermeſſen, Herr Staatsanwalt, wie wenig mir mit dieſem Bekennt⸗ niſſe gedient war.— Zum Cavalier erzogen, konnte ich zu meinem eigentlichen Stande nicht zurückkehren; meine Anverwandten, die bis d dahin meine Diener geweſen, nicht an mein Herz ſchließen. Verheimlichte ich aber mein Wiſſen, ſo war ich vor mir ſelbſt ein Betrüger. Womit hatte ich es aber verſchuldet, nach jeder Seite hin mein Leben verdorben zu ſehen?— Das ſtimmte mich bitter. Ich konnte ſchließlich nur bleiben, was ich war und igno⸗ riren, wie ich es geworden. Sagen Sie ſelbſt, ob Sie an meiner Stelle nicht ebenſo gehandelt hätten? Auch vergaß ich im Laufe der Zeit daran zu d denken, bis mir der Anblick des alten Traugott die Sache zurückrief.“ „Warum aber dieſer?“ fragte der Staatsanwalt aufhorchend. Er iſt der Vater meiner Amme. Ich war ſeinetwegen abſichtlich nie nach Schloß Rheinfeld gekommen, ich kannte ihn nicht und glaubte ihn geſtorben; da erhielt ich die Ein⸗ zu Ludolfs Hochzeit und ich folgte dieſer, neu⸗ gierig diejenige zu ſehen, welche meine Hoffnung auf die Erbſchaft vernichtete. Ich will aufrichtig bekennen, daß ich meinem Vetter ſein Glück nicht gönnte. Damit entſtand in mir der Gedanke, es ihm ſtreitig zu machen. Als kalter Beobachter fiel mir manches in dem Betra⸗ gen der Frau von Gasmund auf. Warum verheirathete 248 ſie die ſchöne und reiche Tochter an einen jungen Mann, welcher nichts für ſich hatte, als ſeinen Namen?— Wie kam es, daß ſie auf dieſen Namen einen ſo gro⸗ ßen Werth legte, um ihn für einen ſo ungeheuren Preis erkaufen zu wollen?— Mein Verdacht war nun ein⸗ mal rege, und ich combinirte; ich las in den Mienen. Das junge Paar reiſte ab; Sie blieben zurück. Als Sie gingen, ſandten Sie Frau v. Gasmund einen Brief, der in meine Hände fiel.“ „In Ihre Hände?“ fragte der Staatsanwalt ver⸗ wundert. Baron Kuno nickte bejahend, und die Unterbrechung unbeachtet laſſend, fuhr er fort:„Ich ſuchte nun den Familienverhältniſſen der Gasmund auf die Spur zu kommen; ich folgte dem jungen Paare nach Paris, war Zeuge des Zuſammentreffens der beiden Schweſtern im Cafe chantant, und— zeigte Ihnen ſchließlich meine Ab⸗ ſichten, die Kinder der jungen Baronin für erbunfähig zu erklären, an.“ „Ich verſtehe,“ nahm der Staatsanwalt ſinnend das Wort.„Hegten Sie denn aber keinerlei Sorge, Ihre eigene Unfähigkeit an das Licht gezogen zu ſehen?“ „Nein.— Und wenn auch? Die Rheinfeld konnten dies nie gegen mich benutzen; denn der gegenwärtige Beſitzer iſt ja ſelbſt nicht in ſeinem Rechte, und er ahnt, daß ich dieſen Umſtand kenne.“ „ NM N U 249 „Wie ſo nicht in ſeinem Rechte?“ fragte der Staats⸗ anwalt aufhorchend. „Die erſten Anſprüche auf das Majorat gehören Regate von Rheinfeld; welche man aber, weil ſie an epi⸗ leptiſchen Zufällen litt, mit Zuſtimmung der Agnaten wie eine Geiſteskranke behandelte und einſperrte. Nun ſoll ſie aber lange völlig geneſen ſein, und die mondſüch⸗ tige Baronin ſich darüber Gewiſſensbiſſe machen.“ „Sie kennen ihren Aufenthalt.“ „Der wäre zu ermitteln. Der Baron ſelbſt hat die Aufſicht unternommen und hält ſie irgendwo verſteckt. Wollte er mich nun anklagen, ſo würde ich hierin eine Unterſuchung verlangen. Sie ſehen alſo, daß er meiner ſchonen mußte.“ „Somit würde ſchließlich vor lauter Erbunfähigkeit vielleicht gar kein befähigter Erbe ſich finden,“ ſagte der Staatsanwalt mit leichtem Spotte. „Nur daß wir Agnaten, wo wir es angemeſſen halten, ein Auge zudrücken.“ „Wie wäre es nun, wenn Sie mit dieſer Nachſicht in Bezug auf meine Clientin den Anfang machten?“ fragte Möſer aushorchend. „Sie haben Beweggründe anzuführen, die meine Willfährigkeit heiſchen,“ verſetzte Baron Kuno ſarca⸗ ſtiſch.„Verſuchen wir es alſo Hand in Hand zu gehen? Aber die Bedingungen?“ „Dieſe werden Ihnen genügen. Ich ſtehe Ihnen dafür, daß Sie, unter den gegebenen Umſtänden mit uns zufrieden ſein ſollen, ſobald Sie die Anſprüche des fleinen Max gelten laſſen. Was die Adminiſtration be⸗ langt, ſo bin ich dafür, daß Sie dieſen Antrag nicht zurücknehmen; weil es das einzige Mittel iſt, um Baron Ludolf vor ſeinem Verderben zu bewahren, und, mit Ihrer Bewilligung, werde ich dem Baron anzeigen, daß Sie in dem Punkte unerbittlich ſind.“— „Und die Trennung des jungen Paares?“ „Bei dieſer bleibt es. Selbſtverſtunden trete ich uun in Behandlung dieſer Angelegenheit ganz auf Ihre Seite und ſchweige vorerſt über Ihren veränderten Ent⸗ ſchluß in Bezug des mir wichtigſten Punktes.— Selbſt der jungen Baronin werde ich nur Hoffnung mitbringen, durchaus aber keine Gewißheit, denn, aufrichtig geſagt, iſt es ein Glück für ſie, wenn ſie in dieſer Weiſe von einem Bande befreit wird, daß ſie ſchwer drückte, und das ſie, aus mißverſtandenem Pflichtgefühle, ohne den Zwaug, es löſen zu müſſen, wahrſcheinlich nicht löſen würde.“ Das Geſicht des Baron Kuno erheiterte ſich, wäh⸗ rend der Anwalt ſprach. Als er geſchloſſen, reichte er ihm die Hand entgegen und ſagte:„Sie ſind ein braver Mann! Gottlob, daß die arme junge Frau einen ſolchen Bei— ſt ur ur d * Fe ac al eit Ur en, gt, on ind den ſen äh⸗ hm mn! Bei⸗ 251 ſtund hat!— Sagen Sie ihr, daß ſie auch mich künftig unter ihre Freunde zählen möge.“ „Mit dieſer Botſchaft wollen wir doch lieber noch etwas länger warten,“ erwiederte der Vormund lächelnd und erhob ſich.—„Fürs Erſte muß es dabei bleiben, daß Sie ihr Recht wahrzunehmen entſchloſſen ſind.“ Er ging. Thorilde war in ſeiner Wohnung abge⸗ ſtiegen; ſie ſtand, als er nach Hauſe zurückkehrte, am Fenſter und ſah erwartungsvoll nach ihm aus.„Ich kann Ihnen noch nichts Befriedigendes mittheilen,“ ſagte er achſelzuckend.„Dergleichen Dinge wickeln ſich langſam ab. Doch ſage ich große Hoffnung, den Baron Kuno zu einer milderen Anſicht zu ſtimmen.“ Er ging nun zu andern Dingen über, erzählte ihr, daß er Nachricht von ihrem Onkel habe, der ihr ſein Haus zum Aufenthalte anbiete und ſie herzlich grüßen laſſe. Die Thränen traten ihr bei dieſer Botſchaft in die Augen.„Ich bin beſchämt über dieſe Güte!“ rief ſie hochroth.„Ich, die ich ſeiner Tochter meine Thüre verſchloß, ſollte nun ſeine Gaſtfreundſchaft annehmen?“ „Er iſt zu verſtändig, um das, was die Umſtände von Ihnen forderten, Ihrem Herzen anzurechnen,“ ſagte der Vormund milde. „Und Ellena?— wie denkt ſie von mir?“ „In gleichem Sinne. Sie iſt überhaupt zu groß und prächtig angelegt, um klein zu empfinden und aller 252 Nachträglichkeit unzugänglich. Herr von Gasmund iſt ganz glücklich meinem Rathe gefolgt zu ſein; denn ſeit er ſie gewähren läßt, ſeit ſie ſingen, dichten, componi⸗ ren— und überhaupt thun darf, was ihr gefällt, iſt ſie ganz gefügig, und macht ihm nur Freude. Vielleicht iſt ihr die Flucht auch zu der kleinen Lehre geworden, daß man mit dem Kopfe nicht gegen die Wand rennen fann, ohne ſich Beulen zu holen.“ „Und holt man ſich dieſe nicht etwa auch, wenn man nicht gegen die Wand rennt?“ fragte Thorilde bitter. „Niemand entgeht ſeinem Geſchicke!“ ſagte der Vormund mit Theilnahme.„Sie haben ſich nichts vor⸗ zuwerfen und miiſſen deshalb auch Ihr Haupt hoch tra⸗ gen. Ein ſtolzer Sinn iſt auf die Rechtfertigung vor ſich und ſeinem Gewiſſen angewieſen.“ Sie ſeufzte. Ihr Stolz machte ſie nicht glücklich. Allein geblieben, ſetzte ſie ſich an das Fenſter und ſah den Vorübergehenden zu. War das nicht Ludolf? Ja. Er bog in die Wilhelmſtraße. Sie ſchlug die Hände vor das Geſicht und weinte bitterlich. Er war und blieb der Vater ihres Kindes; aber welch' ein Vater! In ihren traurigen Gedanken hierüber unterbrach ſie der Eintritt des Geheimraths Ledebuhr. Ihre erſte Frage an ihn war nach Agathe Müller; denn ſie konnte jetzt mehr noch die Lage der verlaſſenen Frau begreifen, wie es früher der Fall geweſen war. Mit 53 Antheil hörte ſie ſeinen Bericht über deren Fleiß und die Freude an den Kindern.„Sie möchte ſelbſt zu Ihnen kommen und Ihnen danken,“ ſagte er.„Wollen Sie ſie empfangen?“ „Gewiß!“ erwiederte Thorilde warm.„Sie verdient meine ganze Achtung. Ich bedauere nur, daß meine Ver⸗ hältniſſe es nicht geſtatten, ihr thätigere Hülfe zu leiſten.“ „Sie iſt auf gutem Wege, dieſe ganz entbehren zu können,“ verſetzte der Geheimrath warm.„Sie hat mit ihrer Vergangenheit völlig gebrochen, und ihre Ar⸗ beit iſt die Arznei, durch welche Körper und Geiſt ge⸗ ſunden.“ „Laſſen Sie ſie ja recht bald kommen. Ich glaube, daß ihr Beiſpiel mir nützlich ſein wird. Anch ich muß ja mein Glück jetzt in der Erfüllung meiner Pflicht als Mut⸗ ter ſuchen.“ „Sie waren Beide eines beſſeren Schickſals werth,“ agte der Geheimrath mit einem leiſen Seufzer.„Agathe owohl wie Sie waren geſchaffen, einem Gatten ſein Haus glücklich zu machen.“ Aus jedem ſeiner Worte leuchtete der Antheil, wel⸗ chen er an der jungen Frau und ihren Kindern nahm, wohlthätig hervor. Warum heirathet er ſie nicht? dachte Thorilde, und„Warum heirathet er ſie nicht?“ lautete ihre erſte Frage an den Staatsanwalt, als er ſpäter bei ihr eintrat. Dieſer lächelte; nicht über die Sache, ſondern dar⸗ 254 über, daß ſein Mündel, welche ſelbſt doch von keiner glück⸗ lichen Ehe reden fonnte, dennoch die Stifterin einer Ehe ſein wollte.„Seine Schweſter wird es nicht haben wollen?“ ſagte er dann. „Das darf ihn nicht abhalten!“ rief Thorilde ent⸗ rüſtet.„Sie könnten Beide ſo glücklich werden!“ „Sie ſind es ſchon;„le mieux est l'ennemi du pien,“ ſagte er ſcherzend.“ Uebrigens aber, wenn Sie für Agathe ein Wort bei Fräulein Ledebuhr einlegen wollen, ſo wird es nicht ſchaden; und erweiſt es ſich, daß Sie eine glückliche Hand in ſolchen Angelegenheiten haben, ſo bin ich vielleicht ſo frei, Sie auch zu bemühen.“ „Sie?“ rief Thorilde und maß ihn erſtaunt vom Scheitel bis zur Sohle. „Ja, ich,“ erwiederte er, den Blick zurückgebend. „Was fällt Ihnen dabei ſo ſehr auf?“ Sie antwortete darauf nicht, weil ſie nicht eingeſte⸗ hen wollte, daß ſie ihren Vormund nie in dem Lichte eines Mannes geſehen, der ſich um eine Frau bewerben könnte. Er war ein Freund ihres Vaters geweſen, darum ſchon hatte ſie ihn für zu alt dazu gehalten; jetzt aber überlegte ſie, daß er, ſeinem Ausſehen nach, wohl noch unter Vierzig ſein könne, und ſeine Verhältniſſe einer Verbindung nichts in den Weg legten⸗ Zögernd ſagte ſie endlich:„Ich dachte, Sie würden als Junggeſelle ſterben wollen.“ () te⸗ te. on gte zig ung den 255 „Freilich dachte ich das auch; allein in den Sternen ſteht es anders geſchrieben;“ gab er lachend zurück. Coute qui coute muß geheirathet ſein!“ „Sie haben alſo ſchon gewählt?“ fragte ſie neu⸗ gierig. „Freilich habe ich das; aber man hat mich noch nicht gewählt, und ich zittere vor meinem Todesurtheile.“ „Das klingt ja fürchterlich!“ rief Thorilde und wußte nicht wie es kam, daß plötzlich Ellena's Name auf ihren Lippen ſchwebte. Frauen beſitzen in ſolchen Dingen einen wunderbaren Inſtinet, und ſo unwahrſcheinlich ihr die Sache, wenn ſie darüber nachdachte, erſchien; ſo konnte ſie doch den Gedanken nicht los werden, daß er ihre ſchöne Schweſter im Sinne trage. Kaum hatte ſie ſich zu Bett gelegt, und den erſten Schlummer gefunden, ſo wurde ſie durch ein lautes Schellen erweckt. Bald darauf hörte ſie Tritte, Stimmen wurden laut, ein ungewöhnliches Ereigniß mußte zu ſo ſpäter Stunde noch die Gegenwart ihres Vormundes ge⸗ heiſcht haben. Aufgeregt davon konnte ſie den Schlaf nicht wieder finden. Eine innere Unruhe trieb ſie, mit grauen⸗ dem Morgen ihr Lager zu verlaſſen. Obwohl ſie ſeine Ent⸗ fernung durchaus nicht mit ſich und ihren Angelegenheiten in Verbindung brachte; ſo war es ihr doch nicht möglich, ihre Gedanken auf etwas Anderes zu lenken, als auf die 256 ſtets wiederkehrende Frage, wohin ihr Vormund gegan⸗ gen ſein möge? Langſam ſchlichen die Stunden an ihr vorüber. Sie konnte ſich zu keiner Beſchäftigung entſchließen und horchte nur immer auf ſeine Wiederkehr. Endlich fuhr um die zehnte Stunde ein Wagen vor, und eiligen Schrittes trat gleich darauf auch der Staatsanwalt bei ihr ein. Er ſah bleich und verſtört aus.„Was iſt Ihnen?“ fragte ſie, ihr Auge auf ihn richtend.„Was haben Sie erlebt? Unglickliches, das ſteht auf Ihrer Stirne geſchrieben.“ „Ich bin gekommen Sie zu einem Kranken abzuholen; und muß Sie bitten mir ſogleich zu folgen,“ ſagte er haſtig. Sie griff nach Hut und Shawl.„Ludolf!“ ſagte ſie bloß.„Er wünſcht alſo mich zu ſehen?“ Der Gedanke, daß er es wünſchte, ſchien ihr wohlzuthun; auch trotz der Umſtände. „Er iſt ſehr, ſehr krank!“ erwiederte der Vormund darauf. „Doch nicht todt?“ fragte ſie, ihre Schritte anhaltend. „Doch nicht todt, ohne ſeinen kleinen Max geſegnet zu haben.“ „Er lebt, aber das Schlimmſte iſt zu fürchten.“ „Soll ich das Kind nicht mitnehmen? Will er nicht ſein Kind ſehen?“ fragte ſie angſtvoll. 8 ————„—————, ——-——— 77) 257 „Ich bitte, eilen wir. Später können wir den Klei⸗ nen nachholen.“ In wenigen Secunden hielten ſie vor dem Hotel; der Staatsanwalt ergriff Thorildens Arm, und zog ſie mit ſich fort, die Treppe hinauf. Es war als ſtänden ihre Ge⸗ danken ſtill; nicht einmal nach der Urſache des plötzlichen Unwohlſeins ihres Gatten hatte ſie gefragt. Als ſie in das Zimmer traten, gewahrte Thorilde Ludolf auf einem Lager ausgeſtreckt, mit bleichem Angeſichte und verbun⸗ denem Kopfe. Ihm zur Seite faß ſein Vater; am Fuß⸗ ende ſtand der Arzt. Auf ihn zuſtürzend, knieete ſie nieder, zog ſeine Hand an ihre Lippen und rief:„O mein Gott!“ Seine Miene verfinſterte ſich; ſeine Stirne legte ſich in Falten, ſchmollend ſagte er:„Es iſt vorbei mit mir und Du biſt an Allem ſchuld.“ „Ich? Ludolf! ich?“ rief Thorilde unter hervor⸗ ſtürzenden Thränen.„Ich bitte Dich, mein lieber Mann, ſage nur das nicht. Du ſchneideſt mir damit ſo tief in das Herz, daß Worte es nicht ausſprechen können. Hätte ich Dir helfen können, gewiß, es wäre geſchehen. Aber wie iſt Dir denn? Sage mir, was fehlt Dir? Dein Kopf iſt verbunden?“ „Die Kugel ſitzt darin. Mein Gegner hat gerade noch Zeit zu entfliehen.“ „Du haſt Dich duellirt?“ Amely Boelte: Die Mantelkinder. 1I. 17 —— — * —* 258 „Freilich! Was blieb mir übrig 2— Hätte ich Geld gehabt, ſo würde man mich nicht beleidigt haben. Man warf mir vor, daß ich falſch ſpiele; darauf konnte ich mei⸗ nen Beleidiger nur fordern.“ „Armer Mann!“ ſagte Thorilde.„Iſt Deine Wunde denn unheilbar? Kann nichts Dich retten?“— Sie ſah den Arzt an; ſein Geſicht blieb unbeweglich. Der Baron, welcher bleich und ſtumm dageſeſſen, legte die Hand über die Augen und ſchluchzte. Selbſt der Staatsanwalt konnte die traurige Scene nicht ohne Rührung anſehen. Ludolf forderte zu trinken. Die Wunde ſchmerzte ſehr. Seine Kräfte nahmen immer mehr ab; die Augen erloſchen, aber ſein Mund fand kein freundliches Wort des Abſchie⸗ des für Vater und Gattin; grollend und ſchmollend ſchied er aus der Welt, ſelbſt ſein letzter Seufzer klang wie ein Vorwurf für ſie, daß ſie es dahin kommen laſſen. Als Thyrilde ſeine Hände, die ſie nicht losgelaſſen, 8 in den ihrigen erkalten fühlte, ſank ſie mit einem leiſen Wehruf hin. Der Vormund ließ ſie in den Wagen tragen und fuhr mit ihr nach Hauſe. Hier ſandte er ſogleich zum Geheimrath Ledebuhr und bat dieſen Agathe Müller zu holen, damit ſie in dieſer ſchmerzlichen Stunde bei ſeinem Mündel bleibe. Es war eine Wohlthat für Thorilde, ſich an ihre Bruſt werfen und ausweinen zu können. Der Baron führte die Leiche ſeines Sohnes nach ſei⸗ nem Stammſchloſſe, um ſie dort feierlich beizuſetzen. ——— — 259 Thorilde ſah ihn nicht mehr. Der Staatsanwalt tele⸗ graphirte ſogleich nach Venedig und bat Herrn von Gas⸗ mund, ſeine Nichte bei ſich aufzunehmen, weil es für die junge Wittwe kaum tger paſſend ſei, unter ſeinem Dache zu verweilen. Als dieſer am vierten Tage eintraf, fand er ſie, in tiefe Trauer gekleidet, ihren kleinen Max auf dem Schooße haltend, bleich, aber gefaßt. Wehmüthig ſagte ſie:„Ich werde Ihnen Ihr Hüteramt nicht ſchwer ma⸗ chen, lieber Onkel; denn obwohl jung an Jahren, bin ich doch alt an Erfahrung Ellena war in V enedig zurückgeblieben. Herr von Gasmund hatte dort ein Haus gemiethet, und ſie darin mit der Dienerſchaft zurückgelaſſen, weil er ſie, um ein Be⸗ gegnen mit Leopold zu verhüten, von Berlin entfernt hal⸗ ten wollte. Der Staatsanwalt fuchte dieſen bald darauf in ſei⸗ ner Wohnung auf, um perſönlich auf ſeine Zuſchriften zu antworten. Hier erklärte er ihm, daß ſeine i Ehe mit Ellena in jeder Beziehung ungültig ſei, und ihn geſetzlich verantwortlich machen würde für jedes im Publicum darüber verlautende Gerücht, wozu er um ſo mehr berechtigt ſei, weil die junge Dame eingewilligt ſeinen Namen zu führen. Da ſie unter den gegebenen Umſtänden künftig in Berlin wohnen müſſe; ſo ſei es allerdings wün⸗ ſchenswerth, d daß von ihren Reiſeabenteuern iöbi we⸗ nig verkaute; und wenn Herr Leopold in dieſem Punkte —* 17 5 260 unverbrüchliches Schweigen gelobe und, im Fall er ihr begegne, ſich betrage, als ob er ſie nicht kenne; ſo würde Herr von Gasmund ſich zu einem lebenslänglichen Jahr⸗ gehalte verſtehen, zahlbar jedoch nur ſo lange er ſolche Be⸗ dingung inne halte. Der Contract hierüber abgeſchloſſen, ſchied er mit dem heimlichen Wunſche von ihm, daß auch er ihm nie wieder begegnen möge. Heiter trat er bei Thorilden ein.„Wie ſteht es mit dem Geheimrath und Agathen?“ fragte er ſcherzend. Sſt dort Alles richtig, ſo daß Sie nun meinen Angelegenhei⸗ ten Ihre Aufmerkſamkeit zuwenden können?“ „Wie wäre es, wenn Sie dieſen durch Ihr gutes Beiſpiel vorleuchteten 2“ fragte ſie in demſelben Tone zurück. „Auch gut. So bitte ich um einen Empfehlungsbrief an Ihre Schweſter.“ „Alſo doch!— ober ich wußte es ſchon?“ ſagte ſie ſelbſtzufrieden. „In der That! Für ſo ſchlau hätte ich Sie aber wahrlich nicht gehalten?“ „Nun, die Sache war ſo ſchwer nicht zu errathen.“ „Wirklich nicht?— Wenn Sie denn ſo allwiſſend ſind, könnten Sie mir auch vielleicht gleich mittheilen, in welcher Abſicht Baron Kuno Ihnen heute Morgen ſeinen Beſuch machen wird?“ 261 „Das kann ich in der That nicht! Ich wußte ja nicht einmal, daß er kommen würde.“ „Aber ich wußte es und auch die Urſache ſeines Kommens iſt mir bekannt.“ „Bitte, bitte! und welche iſt das?“ rief ſie erregt. Er maß ſie eine Minute lang mit ſchelmiſchem Lächeln. „Sie mögen es errathen,“ fagte er dann.„Da er es mir nicht anvertraut hat, ſo könnte ich mich in meiner Vermuthung geirrt haben; beſſer alſo, ich ſchweige.“ „Er kommt aber doch?“ „Ja, er kommt. Als Vormund Ihres Kindes muß U er ſich vor Ihrer Abreiſe doch ſeine Inſtructionen holen?“ „Oder auch ſie ertheilen. Ich werde künftig nur die zweite Stimme haben, wo es das Wohl meines Kindes gilt.“ „Das kommt ganz darauf an, wie Sie den geſtren⸗ gen Herrn zu lenken wiſſen. Da er ſo gütig geweſen iſt, dem Kinde ſein Erbrecht nicht ſtreitig zu machen, ſo er⸗ weiſet er ſich vielleicht auch ſonft noch gütig; warten wir es ab!“ Lächelnd entfernte er ſich. Thorilde trat dem Baron, als man ihn meldete, als Mutter entgegen. Bewegt hielt ſie ihm das Kind hin und ſagte:„Gieb dem Herrn einen Kuß, Max! Du dankſt ihm viel.“ Verlegen nahm er ihr den Knaben ab, und 262 hielt ihn einen Augenblick in ſeinen Armen.„Sie rechnen mir mein Betragen zu hoch an,“ ſagte er im Bewußtſein, wie wenig er ihr Lob verdiene, wie ſehr ſie ſich in jedem Bezug über die Motive ſeiner Handlungsweiſe täuſche. „Wir können das neue Reis auf dem alten Stamme der Rheinfeld gebrauchen. Ich habe nur gehandelt, wie ich handeln mußte, um für uns allerſeits das Beſte zu thun.“ „Sie haben mir ein großes Opfer gebracht,“ ſagte ſie warm;„aber der H immel wird es Ihnen lohnen.“ „Lieber noch wäre mir ein Lohn von Ihnen,“ ſagte er lächelnd, und reichte ihr das Kind zurück. Verlegen barg ſie ihre Wange an der Bruſt des Kleinen und erwie⸗ derte:„Sie ſollen mich nicht undankbar finden. Nur muß man nicht frühzeitig Früchte reifen wollen.“ Er verſtand den geheimen Sinn dieſer Antwort, küßte ihre Hand und ſchied. Sie ſah ihm aus dem Feuſter nach, wie er männlich ſtolz über den Platz ging. Er iſt ein Mann, dachte ſie; er kann mir eine Stütze ſein. Auf die Kraft allein kann man bauen. Was es heißt, mit der Schwäche einen Bund zu ſchließen, habe ich erfahren. Der Mann, welcher ſich ſelbſt nicht erzieht, den erzieht auch die Gattin nicht. Der Eintritt des Geheimrathes unterbrach ſie.„Ich fomme,“ ſagte er, halb lächelnd, halb verlegen,„vor Ihrer es ja ſo, un nes Herz lange unas „Guter, lieber Geheimrath geben Sie mir zum Abſchiede mit!— Die es follen nun einen Vater bekommen— und einen ſo 33 Vater! Agathe wird in Ihrem Beſitze die glücklichſte der Frauen, und Sie, indem Sie ſo viel Gutes thun, genie⸗ ßen am Schluſſe ihres Lebens aller Freuden des Familien⸗ lebens, deren ſie ſich in der Jugend beraubten. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ich mich darüber freue!“ „Ihre Mutter würde dieſe Anſicht nicht theilen!“ ſagte der Geheimrath ſinnend. „Sie hat ihre Vorurtheile ſchwer gebüßt, guter Ge⸗ heimrath. Friede ſei ihrer Aſche! Wir Alle irren ja. Man ſoll das Glück mit dem Herzen, nicht mit dem Ehrgeize ſuchen; denn letzteres gab noch keinem Leben den Frieden, und dieſe Erfahrung meiner Jugend ſoll meiner Zukunft zu Gute kommen. Der Menſch ſoll mir ſtets höher gelten, als das Zufällige ſeiner Geburt.“ . ————„—= 1 2.* „ 1.—.* **.„.* 1. .— „