* D Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. *„ S* S„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Eine bekanniſchaft 136 16, Sbie 153 . Lin Sweb 172 12 ſwe 182 — 65 Die Mantelhinder. Der Heirathsantrag. In einer der ſchönen vor dem Potsdamer Thore Berlins gelegenen Straßen hatte Frau v. Gasmund ſeit Kurzem ein Rezde-chaussée bezogen, deſſen Wohnzim mer in den mit dem erſten Frühlingsgrüne geſchmückten Garten hinausſahen. In dieſer Häuſerſtadt, wo ſo ſelten Gras, Blüthen oder Bäume dem Ange begegnen, glaubt man der Natur ſchon nahe gerückt zu ſein, wenn man in dieſem Viertel ein Quartier erobert hat. Die Dame ſtand an einem hellen Maimorgen am Fenſter und ſchaute der den Thau von Blättern und Blü⸗ then ableſenden Sonne zu. Ihr Frühſtück ſtand aufge⸗ tragen; doch war es noch unberührt geblieben. Ein leiſer Amoly Boelte Die Mantelkinderg. 1 2 Seufzer hob ihre Bruſt, während ſie ein Papier in ihrer Hand halb ungeduldig zuſammendrückte. Sie wandte ſich jetzt vom Fenſter ab und ſchellte. Ein betagter Diener trat gleich darauf mit ehrerbie⸗ 3 tiger Miene ein.„Wenn Briefe für die jungen Damen 3 gebracht werden, Johann, gleichviel, ob dieſe durch die Poſt oder privatim ihnen überſandt ſind, ſo ſollen ſie von jetzt an mir zuerſt übergeben werden.“ „Ganz wohl, gnädige Frau!“ „Und dann geh' ſogleich zu dem Herrn Geheimrath Ledebuhr und erſuche ihn, bevor er zu ſeinen Patienten fährt, ſich zu mir bemühen zu wollen.“ „Ganz wohl, gnädige Frau!“ Frau von Gasmund nahm nun in einem bequemen Armſeſſel Platz und ſchenkte den duftenden Mokka ein. Während ſie daran nippte, durchlief ihr Auge einen neben ihr ausgebreiteten, zerknitterten Brief, deſſen Inhalt ſie ſehr aufzuregen ſchien. 5 Ihre weiße, wohlgepflegte Linke ſtützte das von Sor⸗ ß gen ſchwere Haupt, ihre regelmäßig ſchönen Züge nahmen 3 einen traurigen Ausdruck an und ihr tiefblaues Auge ſah oft wie fragend zu der Decke des Zimmers empor. Der Pendel einer großen Wänduhr gab dabei laut 3 die Secunden an, der Stundenzeiger ging von Viertel zu Viertel weiter und immer noch verharrte ſie ſchweigend und unbeweglich in der gleichen tiefſinnenden Stellung. ——— hrer lite. bie⸗ nen die von rath nten men ein. eben t ſie Sor⸗ men ſah laut el zu und 3 Da endlich unterbrach ein lautes Schellen an der Thüre ihres Logis dies peinliche Nachdenken.„Endlich!“ ſtand auf ihrem Se geſchrieben. Sie erhob ſich und eilte dem eintretenden Gaſte entgegen. „Wie ſehnlich habe ich Sie erwartet, mein lieber Ge⸗ heimrath!“ rief ſie einem ſtattlichen, nicht mehr jungen Manne zu und reichte ihm herzlich die Hand tuigegen „Wieder einmal bedarf ich Ihres Rathes! Ach! So un⸗ 3 wie heute, haben Sie mich lange nicht geſehen! „Das thut mir leid!“ utgegnete dieſer theilnehmend und legte ſeinen Hut ab.„₰ Daß Ihr Anl iegen wichtig ſei, vermuthete ich ſchon, weil Sie mich auf meinem Wege zu den Schwerkranken aufhalten ließen; allein zwiſchen wich⸗ tig und betrübend iſt noch ein großer Unter rſchied und ich bedauere, daß ein ſolcher Umſtand mich zu Ihnen führen mußte.“ Sie fetzten ſich. „Wäre ich nicht ſo rathlos, ſo würde ich Ihre koſt⸗ baren Morgenſtunden zu rauben angeſtanden haben,“ be⸗ gann Frau von Gasmund wieder,„allein Niemand konnte mir Hülfe bringen, als Sie. Es iſt mir etwas wider⸗ fahren, das mich ins tiefſte Herz hinein trifft, lieber Ge⸗ heimrath! Wie kurz zſichtig ſind doch wir Men ſchen! Wir bauen und bauen, und bauen ſchließlich auf Sand! Daß es ſo kommen mußte, kommen würde, wie hätte ich das auch erwarten können? Wenn Sie es mir geſtern noch * geſagt, ſo würde ich geantwortet haben, daß Ihre Voraus⸗ ſetzung eine falſche, eine unmögliche ſei.“ „Es iſt Ihnen alſo wohl etwas ſehr Unangenehmes zugeſtoßen?, fragte der Geheimrath und ſah ſie dazu for⸗ ſchend an. „Etwas Unangenehmes? Ach! Wäre es nur das!“ rief ſie ſchmerzlich aus;„llein hier handeltes ſich um eine herbe Erfahrung, einen tiefen Kummer— ja um einen Schiffbruch aller Wünſche meines armen Lebens.“ „Sie erſchrecken mich!“ entgegnete der Andere kopf⸗ ſchüttelnd,„erlaſſen Sie mir darum alle Vermuthungen! Kommen wir zur Sache!“ „Sie wiſſen, daß ich, weil mir Gott dasGlück, eigene Kinder zu beſitzen, verſagt hatte, mein ganzes Herz an die Mädchen hing, die ich wie mir angehörend betrachtete, und deren Erziehung meine Lebensaufgabe wurde. Sie ſelbſt waren es, der meinen Gefühlen dieſe Richtung zu geben, meiner Thatkraft dieſen Zweck zu leihen mir an⸗ riethen!— Und nun—! Wie bin ich in meinen Hoff⸗ nungen getäuſcht worden, wie ſteht es mir plötzlich ſo klar vor Augen, daß fremde Kinder die eigenen nimmer erſetzen können!“— „Was iſt Ihnen denn aber begegnet?“ fragte der Geheimrath kopfſchüttelnd über dieſe lange Vorrede. „Daß ich es ſagen muß!“ erwiederte ſie mit einem Seufzer aus tiefſter Bruſt,„daß ich es ſagen muß, was mich — — ne en f⸗ ne ie te, ie zu n⸗ lar zen der em tich 5 ſo tief verletzt, ja beſchämt hat! Allein, wie kann, wie darf ich hier ſchweigen?“ „Ich glaubte, Sie hätten mich zu dem Zwecke einer Mittheilung Ihres Kummers herbeſchieden?“ fragte der Freund mit Betonung. „Lieber Geheimrath! Sie müſſen mit einer gebeugten Frau nicht ſtrenge rechten,“ ſagte ſie bittend.„Das ſchwache Geſchlecht iſt ja auf die Protection des Mannes angewieſen. Schützen Sie mich alſo gegen mich ſelbſt und vor mir ſelbſt; ſagen Sie mir, daß ich eine Thörin gewe⸗ ſen bin, mein Glück darauf gebaut zu haben, daß dieſe fremden Kinder mich wie eine eigne Mutter lieben, daß ſie mir unbedingtes Vertrauen ſchenken und meinen Wünſchen gemäß zu handeln für ein Gebot der Pflicht halten ſollten, welches Zuneigung und Dankbarkeit in ihre Herzen ge⸗ pflanzt; ſagen Sie mir, daß in ſeinen ſchönſten Hoffnun⸗ gen ſich getäuſcht zu finden der Lauf der Welt ſei, und daß ich nur erleide, was tauſend Andere vor mir bereits erlitten haben und nach mir erleiden werden; ſagen Sie mir Alles, was die Vernunft in einem ſolchen Falle vorſchreiben kann doch ob Sie mich damit zu tröſten vermögen, laſſe ich den⸗ noch dahingeſtellt ſein. Den grauſamen Stoß, welchen mein Herz erlitten hat, mildert keine Reflexion.“ „Sie ſind ſehr aufgeregt,“ warf der Arzt ein und erhob ſich.„Ich komme nach ein paar Stunden wieder, dann 6 werden Sie gefaßt genug ſein, um mir, was Ihnen Un⸗ angenehmes begegnet iſt, mittheilen zu können.“ Nein,“ ſagte Frau von Gasmund und legte die Hand, um ihn auf ſeinen Sitz zurückzudrängen, auf ſeinen Arm,„nein, nein, verlaſſen Sie mich nicht, ich will meine Gefühle ja gern beherrſchen und die Thatſachen reden laſ⸗ ſen, haben Sie nur ein wenig Geduld mit mir! Es iſt nicht leicht, was verworren unſer Inneres bedrängt, in Worte zu faſſen.“ Eine Thräne zitterte in ihrem Auge; davon bewegt, fragte der Arzt jetzt milder: „Was kann Sie ſo plötzlich gegen dieſe beiden rei⸗ zenden Mädchen, welche Sie noch neulich die Freude Ihrer Tage nannten, verſtimmt haben?“ Sie ſeufzte ſchwer. „So war es, ja; ſo iſt es aber nicht mehr, ſo wird es nimmer wieder ſein; hin iſt hin!“ ſagte ſie.— „Warum müſſen Frauen ſtets ſo viele Worte ma⸗ chen?“ warf der Geheimrath kopfſchüttelnd ein. Unbeirrt durch dieſen Vorwurf fuhr die Dame fort:„Welche Hoffnungen habe ich in Bezug auf dieſe Mädchen, und beſonders noch auf Thorilde, die mir ſo völlig ein eigenes Kind erſetzte, gehegt! Sie iſt ſchön, iſt talentvoll, trägt meinen Namen. Indem ich Pläne für ihre Zukunft entwarf, entwarf ich ſie zugleich für mich ſelbſt. ——„ R⸗ en ne ſ iſt in . — Plötzlich iſt nun Alles zu Waſſer geworden, ſie wie todt für mich.“ „Hm!“ ſagte der Arzt bedenklich und ſah ſie forſchend an.„Es ſind alſo nur geſcheiterte Pl ſue welche Sie bekümmern? Hätten Sie doch den lieben Gott ſorgen, das Schickſal walten laſſen! Zur Herrin der Umſtände ſich auf⸗ werfen wollen, liebe Freundin, iſt frevelhaft; es kommt ſtets Alles anders, wie wir es uns mit unſerm beſten Ver⸗ ſtande gedacht haben. Was aber hat ſich denn ereignet?“ „Sie wiſſen, wie ſehr ich unter den beſtehenden Ver⸗ hältniſſen die geſellſchaftl liche Stellung beider Töchter zu ſichern Sorge tragen mußte; ihr makelloſer Ruf, ihre fei⸗ nen Sitten, ihr vornehmer Anſtand ſollten ſie über jede Ankl age ſtellen, und ich glaubte mir ſchmeichel nzu dürfen, dies Ziel erreicht zu haben. Da erhalte ich einen Brief mit dem Antrage um die Hand Thorildens 1. „Nun— und iſt das Alles?“ fragte der Geheim⸗ rath erſtaunt. „Hören Sie erſt von wem! Von dem Muſiklehrer meiner Tochter!“ „Von Leopold? nun, und weiter?“ „Vie, wollen Sie noch wehr! Iſt dieſer Schimpf, dieſe Beleidigung nicht über allen Begriff!“ „Sieht doch die Katze den Kaiſer an, warum alſo ſollte nicht ein Muſiklehrer ein ſchönes junges Mädchen lieben und begehren dürfen? Die Frage ſtand ihm frei, wie t ſo gut 8 Ihnen das Nein,“ erwiederte der Geheimrath kopf⸗ ſchüttelnd. „Ja, das Nein!“ rief Frau von Gasmund bitter. „Hier iſt aber von keinem Nein die Rede, denn er ſchreibt mir, daß Thorilde ihn liebe und ſich ihm verlobt habe.“ „Steht es ſo? Das ändert freilich die Sache, denn Ihre Einwilligung wollen Sie, weil Ihnen die Stellung des Freiers nicht vornehm genug iſt, wahrſcheinlich ver⸗ weigern?“ fragte der Geheimrath mit einem Ausdrucke der Bitterkeit und des Spottes, welcher ſeinem offenen gutmüthigen Geſichte wie eine Maske ſtand. Frau von Gasmund ſah ihn, wie fragend, hierauf an und ſchlug dann das Auge nieder. Sie erröthete und ein Zug der Verlegenheit ſpielte um ihren Mund. Plötzlich faßte ſie ſich jedoch, reichte dem Arzte trenherzig die Hand und ſagte: „Die Frage aus Ihrem Munde verletzt mich nicht, denn ſie iſt gerecht, weil ich für mich ſelbſt aus ſolchem Grunde das ſchönſte Lebensglück von mir geſtoßen habe; allein Sie wiſſen auch, wie ich es abgebüßt. Mein trauriges Schickſal iſt mir eine bittere Lehre geworden, wie wenig das Glück einer Frau aus äußeren Bedin⸗ gungen heworgeht.“ „Sie entwerfen aber doch Pläne, ehrgeizige Pläne für die Tochter Ihrer Wahl!“ ſagte der Freund kopf⸗ 9 ſchüttelnd, als wohne der Zweifel an ihrer Bekehrung durch eigene böſe Erfahrung in ihm. „Ich that das,“ St ſie nach augenblicklichem gögern,„doch nicht mit der Abſicht mein Kind das Opfer meines Ehrgeizes werden zu laſſen. Stellung und Vermögen ſind ja keine Fehler an einem Manne, im Gegentheile! Wenn er darneben brav und ehrenwerth iſt, wenn er die eines Mädchens gewinnen und feſthalten kann, ſo ſind dieſe geſicherten Verhältniſſe, dieſe beſttnnnt äußere Lage ein Piedeſtal zu ihrem Glücke, es iſt dann Alles ſchon fertig für ſie, ſie braucht nichts zu er⸗ ringen und kann nur um ſo ſorgloſer ihrem Gatten, ihrer Familie undeihrem Hauſe angehören. Wenn ich alſo mein Auge darauf richtete, die Mädchen ſo viel wie nöhl lich nur mit ſolchen Männern i in Berihrung zu we ſche dieje Portheite in ſich vereinten, ſo i ich, werden Sie darin die vorſ ſorgende Mutter 6 und nicht den Ehrgeiz einer Weltdame erkennen, welche der äußeren Stellung Alles zu opfern willig iſt.“ „Ich will die Vorſicht nicht tadeln,“ verſetzte der S heimrath mider„allein wie kam es, daß Sie dieſelbe i Bezug auf den Muſiklehrer ſo ganz bei Seite ſetzten?“ „Mein Gott ja!“ rief Frau von Gasmund faſt wei⸗ nerlich.„Wer wäre denn auch darauf verfallen?— Ein Lehrer?— Ein junger Mann ohne Ausſichten, ohne 10 Bildung, ohne Stellung, ohne Familie? Ich muß geſtehen, daß ich ihn nie wie einen Mann angeſehen habe.“ „Ja, Sie nichtz aber die Mädchen!“ rief der Geheim⸗ rath lächelnd. Mit ſechszehn Jahren fragt man, wenn man liebt, nach keiner Stellung. Denken Sie doch an Romeo und Julie!“ „Aber Romeo iſt auch ein ganz anderes Weſen, wie dieſer Leopold! Romeo war ein Cavalier, ein Mann von demſelben Stande wie Julie, und was Beide ſchied, waren nur die Familienzwiſtigkeiten.“ „Ich traue es Julien zu, daß ſie mit Romeo davon⸗ gelaufen wäre, ſelbſt wenn ihr ſein Name unbekannt ge⸗ blieben?“ warf der Freund ein. „So nehmen Sie alſo Thorildens Partie?“ „Behüte, ich rede nur im Allgemeinen, über die Stärke der erſten Gefühle der Liebe. Dieſe wollen von Vernunftgründen und conventionellem Zwange wenighören; nur die Nothwendigkeit und die Umſtände vermögen ihr Feuer zu dämpfen.— Gehen Sie alſo mit der armen Thorilde nicht gar zu ſtrenge zu Gericht.“ „Wenn ich ſie auch entſchuldigen wollte, aber ihn! Es iſt eine unerhörte Frechheit.“ „Wer Alles gewinnen will, muß Alles wagen; da das Mädchen ihn liebte, ſo mußte er doch anſtändiger Weiſe um ſie anhalten? Was hätten Sie geſagt, wäre 4 ſc) die on en; ihr len da ger äre 11 das Verhältniß heimlich von ihm fortgeſetzt worden, und Ruf und Ehre Thorildens dabei verloren gegangen?“ „Entſetzlich!“ ſchrie Frau von Gasmund auf. „Sie ſehen alſo, daß Sie, ſtatt zu zürnen, ihm noch Dank ſchuldig ſind,“ fuhr der Geheimrath fort.„Ich würde an Ihrer Stelle überhaupt die Lage des jungen Mannes, bevor ich ihn abwieſe, prüfen! Wenn nun ein großer Com⸗ poniſt, ein Karl Maria von Weber in ihm ſteckte?— Ich habe ſeine Lieder loben hören. Vielleicht gewinnt er in ſeiner Kunſt eine ehrenwerthe Stellung und Beide werden glücklich. Laſſen Sie uns an dieſem gut machen, was das Schickſal an uns verſäumt hat, Thekla.“ Er ſah ſie faſt bittend an. Sie bewegte wehmüthig verneinend das Haupt. „Wenn er kein Künſtler wäre,“ ſagte ſie.„Aber die Er⸗ fahrung meines Lebens hat mir bewieſen, daß Künſtler und Dichter ſchlechte Ehemänner ſind. Die Einbildungs⸗ kraft iſt bei ihnen zu rege, ſie leben in einer idealen Welt, Frau und Kinder ſind ihnen die Proſa des Lebens, ihr Dichten und Schaffen iſt ihnen die Hauptſache, der Beifall des Publicums ihr Jubel oder ihr Elend. Der Geſchäfts⸗ mann kehrt heim, ſein trockenes Tagewerk läßt ihn Erholung neben der Frau ſuchen; was ſie treibt, denkt, empfindet, er⸗ ſcheint ihm wie eine verfeinerte Exiſtenz ſeines eigenen Treibens, es erquickt ihn, er erholt ſich, labt ſich daran, wie wir uns inkalten Wintertagen an einer blühenden Hyacinthe 12 erquicken, laben. Für ein Frauenherz iſt es beglückend, die lebendige Poeſie in dem Daſein eines Gatten zu ſein. Wie es alſo auch kommen möchte, ſo würde mein Kind an der Seite eines Componiſten kein Glück finden. Nun kemmt aber noch eine andere Bedenk⸗ lichkeit hinzu, welche die Möglichkeit eines Glückes in ſol⸗ cher Che noch mehr in Frage ſtellt. Dieſe ſchöpferiſch begabten Menſchen beſitzen nämlich den Verſtand nicht, um Recht von Unrecht unterſcheiden zu können, ſei es, weil ſie ſich gewöhnt haben, in Ideen zu ſpeculiren, ſei es, weil ſie ihrer Fantaſie nach allen Seiten hin den Zügel ſchießen laſſen und von eingebildetem Glücke zehren; genug, aber ſie kennen nur den einen Grundſatz: erlaubt iſt, was ge⸗ fällt. Sie laſſen ſich gehen, völlig gehen. Nicht die Re⸗ ligion, nicht das Geſetz, nicht die bürgerliche Ordnung hemmt ſie; ſie ſprechen mit Louis quatorzé: tel est mon plaisir. Nicht einmal den Schein wahren ſie; weniger aber, als Alle, thun es die Muſiker und namentlich die Jünger der neuen Richtung, die Candidaten der ſogenannten Zukunftsmuſik. Dieſen iſt der große L...das Vorbild zwie er tragen ſie ihre Haare lang bis auf die Schulter ge⸗ worfen; wie er halten ſie jede Ehe für eine Feſſel; wie er; ſehen ſie keine Schande darin, von Frauen ſich erhalten zu laſſen. Applaus wollen ſie, nichts als Applaus. Ihre Ruchloſigkeit geben ſie für Genialität aus, was Anderen ehrwürdig erſcheint, verlachen ſie, ihr Ich und ihre Kunſt ſir w ni x al ſe w „ fü ut ur ni 9* ſel ih ge kel id, en de ück nk⸗ ol⸗ ſch um ſie ſie zen ber ge⸗ Re⸗ ng 100 ger die iten wie ge⸗ er; zu hre eren unſt 13 find ihnen Alles; über gebrochene Frauenherzen hinweg wandern ſie ruhig ihren Weg fort auf der Erde, als ob ſie nichts auföchte. und ſpießbürgerlich i iſt ihnen, wer eine Pflicht übt. Dabei beſitzen ſie eine Phraſeologie, welche gleißend beſticht.—“ „Und mit einem Jünger dieſer Gattung brachten Sie, die vorſichtige Mutter, ihr Kind zuſammen?“ fragte der Geheimrath erſtaunt. Frau von Gasmuud ſchlug das Auge nieder.„Ich ſehe es ein, ich habe gefehlt!“ ſagte ſie kleinlaut.„Allein wie geſagt, ich hielt ihn in ſeiner Eigenſchaft eines Lehrers für ganz ungefähr lich.“ „Sind Sie denn aber auch gewiß überzeugt, daß unter den Jüngern dieſer Schule keine Ausnahme ſtatt⸗ findet? Wenn nun hier eine folche vorläge, und Sie hätten ungeprüft verdammt?“ fragte er zweifelnd. „Seien Sie unbeſorgt, die Ausnahme wird ſo leicht nicht zu finden ſein, denn viel zu verderblich iſt der in dieſer ganzen Schule herrſchende Geiſt,“ nahm ſie lächelnd und ſelbſtgewiß das Wort.„Gerade ſo, wie die Romantiker itre Genialität darin ſuchten, ungewaſchen und mit ſchmutzi⸗ gen Kleidern in einem Salon zu erſcheinen, ſo auch kehren dieſe jungen Leute allen Slenſchrnt nach Außen. Es iſt vielleicht eine Uebergangsperiode; allein im Augen⸗ blicke ſind ſie Cyniker, die ihre Moral im Kothe ſuchen.“ — 14 „Sie ſind zu hart!“ wayf der Geheimrath mißbilli⸗ gend ein. „Herr Leopold hat ein Verhältniß mit einer Frau, welche ihn bereits mit zwei Kindern beglückte,“ rief Frau von Gasmund bitter. „Aber iſt dies nicht auch ein bloßes Gerücht?“ fragte der Freund bedenklich.„Ein ſo junger Menſch, welcher ſich einen Weg in ſeiner Kunſt zu bahnen hat, kaun un⸗ möglich eine Maitresse en titre zu erhalten ſich geſtatten.“ „Und dennoch iſt es geſchehen,“ rief Frau von Gas⸗ mund faſt triumphirend:„Herr Leopold zählt dabei erſt 25 Jahre.“ „Unmöglich!“ rief der Freund. „Und doch möglich,“ entgegnete ſie,„denn die Jün⸗ ger der Zukunftsmuſik beginnen ihr Leben früh; ſie reifen von Knaben zu Männern, das Jünglingsalter überſpringen ſie. Während er meiner Tochter Liebe ſchwor, unterhielt er jene Frau, brachte er ſeine Abende bei ihr zu, nannte er deren Kinder die Seinigen, herzte er ſie, ohne die geringſte Ab⸗ ſicht ihnen den Vaternamen zu geben, mit Vaterfreude und Vaterluſt; dieſer Sachbeſtand iſt es gerade, was mich ſo tief empört hat, denn es iſt der klarſte Beweis, daß er mein armes Kind nicht einmal mit dem Herzen liebt; nur ſeine Sinne gehören ihr, nur ihre Reize und ihr Vermögen locken ihn, und nenut er Beides ſein Eigenthum, dann ſpricht er, wie ſie Alle ſprechen, dieſe Ritter von der Zu⸗ 15 lli⸗ kunft— eine Ehe ohne Liebe ſei ein unſittliches Verhält⸗ niß, der Moral wegen müſſe er ſeine junge Gattin auf⸗ au, geben und an neuen Illuſionen ſein Herz zu unſterblichen rau Schöpfungen erſtarken laſſen.“ gte 6„Wenn dem ſo wäre; aber nein! es kann nicht it ſein,“ rief der Geheimrath kopfſchüttelnd.—„Hat das ne Gerücht Ihnen den Namen der armen bethörten Frau i genannt, welche er auf dieſem Wege hintergehen ſoll?“ s⸗„Es iſt die Wittwe des Steueraufſehers Müller, eine erſt blutjunge Perſon, deren Schickſal, als ſie ihren Gatten verlor, allgemeine Theilnahme erregte. Sie blieb ganz arm zurück und wollte ſich durch Muſikunterricht ernähren; ün⸗ zu dem Zwecke wandte ſie ſich an die berlihmteſten Lehrer iſen und bat ſie um ihre Empfehlung, um die Vorbereitung igen ihrer jüngeren Schüler zu leiten. Auf dieſem Wege hat ſie hielt denn wahrſcheinlich auch dieſen ſauberen Herrn Leopold te er kennen gelernt, deſſen Bekanntſchaft dann ihren Ruf unter⸗ Ab⸗ grub und ihr jede Möglichkeit auf die erwähnte Weiſe ihr Brod zu verdienen nahm.“ h ſo „Die arme Frau!“ rief der Geheimrath mitleidig nur aus.„In welcher traurigen Lage befindet ſie ſich jetzt, wenn ögen jener leichtſinnige Knabe ſie verlaſſen ſollte! Frauen ver⸗ ann zeihen einander nichts weniger, als eine Schwäche, deren Zu⸗ jede doch in ihrer Weiſe fähig wäre; denn das echte Weib 16 verlaugt von ihrem Geſchick keine ſchönere Aufgabe, als die Hingabe an einen Mann.“ „Der ihr am Altare Treue gelobt hat, nun ja!“ ſagte Frau von Gasmund, den Kopf ein wenig gereizt empor⸗ richtend,„ſonſt bleibt dieſe Hingabe doch nur verächtlich.“ „Nicht ſo ſehr, wie Sie meinen,“ verſetzte der Arzt milde,„es giebt tauſend Entſchuldigungsgründe für die Frau, wo es einen für den Mann giebt— in ſolchen Fällen; und ſo wird es auch bei dieſer armen Müller ſein. Herr Leopold mag ihr beim Lichte der Sterne heilige Eide geſchworen haben, die er am Tage zu halten nicht für gut gefunden hat.“ „Die Sache iſt nur zu anſtößig für ein junges Mäd⸗ chen; ſonſt, wenn es Thorilde von ihrem Wahne heilen könnte, würde ich ſie zu der Frau Miller führen,“ bemerkte Frau von Gasmund. Es würde wenig fruchten,“ warf der Geheimrath be⸗ denklich ein,„denn ſie könnte auch ihn hören wollen und ſeine Auslegung der Verhältniſſe möchte den Ausſchlag ge⸗ ben. Ein Mädchen, das liebt, iſt nicht leicht von der Un⸗ würdigkeit des Gegenſtandes ihrer Neigung zu über⸗ zeugen.“ rief ſie erregt. „Fürs Erſte; ſchreiben Sie ihm, daß Sie Zeit zum Erwägen ſeines Antrages gebrauchen; indeſſen ziehe ich „Aber wie ſoll ich denn verfahren? was ſoll ich thun?“ 6 3 8 8 al in Si die gte PDT⸗ h lrzt die en ller lige icht ilen rkte be⸗ und ge⸗ Un⸗ iber⸗ im?“ zum — 17 Nachrichten über die Müller und das ſonſtige Betragen des Herrn Leopold ein.“ „Sie wollen mir alſo Ihre Beihülfe leihen? Das iſt gut von Ihnen.“ „Können Sie an meiner Theilnahme zweifeln, Thekla, wenn es Ihr Glück, Ihre Beruhigung gilt?“ „ d.— 2 e Er ſprach dies mit weichem Tone, ſie zuckte vor dem Klange ſeiner Worte und der Benennung Thekla zuſammen. „Edler Mann!“ flüſterte ſie und machte eine Bewe⸗ gung, als wolle ſie ſeine Hand an ihre Lippe ziehen; dann aber unterließ ſie es und ſeufzte. Er hatte ſich indeſſen er⸗ hoben und ſchritt raſch der Thüre zu. „Auf Wiederſehen!“ ſagte er Abſchied nehmend. „Auf Wiederſehen!“ wiederholte ſie und ſah ihm, als die Thüre ſich ſchon hinter ihm geſchloſſen, noch eine Weile nach. Man hätte meinen ſollen, daß ſie ihn zurückzurufen im Begriff ſtehe; allein ſie beſann ſich, die ſchon geöffneten Lippen ſchloſſen ſich wieder und ſie kehrte, wie reſignirt, auf ihren Platz zurück. Amely Boelte: Die Mantelkinder. 1. 2 wel Me aus Wohlerzogene Mädchen. We ein Eine klangvolle Stimme wurde im anſtoßenden gle Zimmer laut; rein und voll erhoben ſich die Töne aus tie⸗ Ler fer Bruſt, aufangs nur in Uebungen, denen das Ave Ma⸗ dar ria von Schubert folgte.— du „Schon zehn Uhr vorbei und mein Lehrer noch nicht beh da?“ rief das junge Mädchen vom Claviere aufſpringend“ vor „So unpünftlich iſt er noch nie geweſen! Ich finde ihn ſehe überhaupt ſeit einiger Zeit ſo zerſtreut und abweſend, daß ſol ich ihm den Abſchied geben möchte! Sonſt brachte er mir mer Blumen mit und Stadtneuigkeiten; jetzt ſieht er, wenn ich wor plaudern will, ſeine Uhr an und ſagt:„Fräulein Ellena! ertr Die Stunde iſt bald um!“Warum Bü Bitte! Singen Sie! iſt er plötzlich ſo pünktlich geworden, während es ihm ſonſt gar nicht darauf ankam, wie lange er bei mir verweilte? übe den tie⸗ Ra⸗ nicht end. ihn daß mir nich ena! rum ſonſt ilte? 19 Kannſt Du den Grund ſeines veränderten Betragens an⸗ geben, Thorilde?“ „Nein,“ ſagte dieſe kurz, und ohne von dem Buche, welches Sie vor hr Geſicht hielt, aufzuſehen. „So übler Laune?“ fuhr die Andre fort,„Mit wem ſoll ich denn reden, wenn Du mich nicht anhören villſt Wie ein gefangenes Vögelchen ſitze 3 hier, von Mama fortgeſchickt, von Dir angebtumut, und dabei lacht eaußen die Sonne ſo ſchön und lockt mich, lockt mich hin- aus! hinaus! meines Lebens froh zu werden, hinaus! Weißt Du wohl, Thorilde? daß es recht, recht traurig iſt, ein Mädchen zu ſein! Man 6 doch auch zum Glücke da, gleich allen andern Weſen in der weiten Schöp fung. Die Lerche darf ſich luſtig in die Lüfte ſchwingen, der Sperling darf ſich, wo er will, ein Neſtchen bauen; iedes Thierchen darf ſein Manierchen haben; nur wir nicht. Da wird man behütet und be ſchütz tzt, und gehegt und gepflegt, daß man vor lauter Achtſamkeit auf ſich ſelbſt kaum noch um ſich zu ſehen wagt. Que je m' 2 Mir iſt heute noch d ſo beſonders wohl zu Muthe, Daß ich es gar nicht im Zim⸗ mer aushalten kann! Wenn Du mir aber nicht bald ant⸗ worteſt, Thorilde, ſo weine ich. Ich kann es nicht länger ertragen S Sage, was ſoll ich mit mir machen? Auf die Bühne gehen?“ „Aber, Ellena!“ rief die Andere, dieſe Früge überraſcht, und ließ das Buch ſinken, um ſie karipe hin⸗ 2* weg mit ihren ſchönen dunkelblauen, ausdrucksvollen Au⸗ gen verwundert anzuſehen.„Du biſt die Aeltere von uns Beiden und ſollteſt mir ein gutes Beiſpiel gehen, ſtatt ſo unvernünftig zu reden.“ Wäre es denn wirklich ſo ſehr unvernünftig?“ ſagte dieſe, froh die Aufmerkſamkeit der Anderen endlich auf ſich gelenkt zu haben.„Iſt denn ſo gar unvernünftig, was ich rede?“ Und ſie ſetzte ſich zu ihr auf das Sopha, nahm ſchmei⸗ chelnd ihre kleine weiße Hand und küßte ſie zärtlich⸗ während ihre ſanften grauen Augen kindlich innig zu ihr aufſahen. Wie, Du würdeſt im Ernſte doch nicht daran den⸗ — ken, auf die Bühne gehen zu wollen,“ fagte Thorilde kopf⸗ ſchüttelnd. „Warum nicht? Da mir Gott eine ſo ſchöne Stimme gegeben hat, muß ich doch ſingen?“ erwiederte Ellena ſanft. „Deine Stimme kannſt Du auch ſo benutzen, ſie iſt für die Geſellſchaft eine herrliche Mitgabe.“ „Ja, aber die kleinen Lieder genügen mir nicht; ich möchte, was mir die Bruſt beſchwert, ausſingen und das kann ich nur in großen Räumen. Es iſt mir hier Alles zu eng, zu klein; ich habe nicht einmal Raum für meine Ellenbogen; viel weniger für mich ſelbſt.“ „Aber beſchwert denn wirklich ſo vieles Deine Bruſt?“ ge den⸗ nme lena „— e iſt zich das 6 zu neine uſt?“ 21 fragte Thorilde, als habe ſie nur das gehört, und betrach⸗ tete ihre Gefährtin mit ſchalkhaftem Lächeln. Eigenthüm⸗ licher Weiſe ſchien ſie, die Jüngere, dabei die Aeltere zu ſein. Ihre kleine, zierliche, leichte Geſtalt ſaß wie hingehaucht neben der großen, üppig vollen Ellena, ihre feinen Züge und die zarte Röthe ihrer Wangen unter dem glänzenden rabenſchwarzen, glatt geſcheitelten Haare ſprachen von ſinni⸗ gem Verſtande während das ſchöne Haupt der Anderen, umſchlungen von reichen röthlich blonden Flechten, die volle Lebensluſt einer Ruben ſchen Geſtalt athmete. Ellena beantwortete dieſe Frage mit einem Seufzer. „Sicherlich fehlt ein Etwas meinem Leben,“ ſagte ſie melancholiſch.„Mir iſt manchmal zu Muthe, als müßte ich laut ſchreien oder aus dem Fenſter ſpringen. Wenn ich mich nur einmal ſo recht ausweinen, ſatt lachen könnte; dann möchte ich mich vielleicht ruhiger fühlen, aber irgend etwas muß geſchehen. Auch kann ich Dir ſagen, daß ich dieſe Exiſtenz nicht lange mehr aushalte. Anders muß es werden, anders um jeden Preis.“ „Aber was vermißt Du denn eigentlich?“ fragte Thorilde erbleichend.— „Alles was Leben heißt,“ ſagte Ellena traurig, und ſtützte das reizende Haupt in die etwas große, aber ſchnee⸗ weiße und ſchön geformte Linke.—„Lege Deine Hand auf mein Herz und fühle wie es pocht. Warum, wonach— 22 ich weiß es nicht. Aber es treibt mich fort, über Berg und Thal fort, in die Welt hinaus, fort!“ „Möchteſt Du auf dem Lande leben?“ fragte Tho⸗ rilde nachdenkend. „Ja, nein,— Ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube, ich möchte im Sturme auf einem Schiffe ſein und dann wenn der Wind hu! um meine Ohren pfiffe, würde mir wohl werden. Jedenfalls möchte ich ſingen, was ich ſingen nenne, da ich nicht ſchreien darf,“ ſetzte ſie lachend hinzu. „Haſt Du ſchon mit unſerer Mama darüber, daß es Dir hier nicht gefällt, geſprochen?“ Ellena bewegie langſam verneinend das Haupt. „Wozu ſollte das nützen?“ ſagte ſie gleichgültig,„ſie würde mich ſchelten. Ohnehin bekomme ich Schelte genug. Was wird damit geändert?“ „Sie meint es aber gut.“ „Ja, ſie meint es gut, herzlich gut, ich weiß es; auch bin ich ihr, wenn ich mir es recht überlege, dankbar und würde ihr Alles zu gefallen thun, ſie könnte mich durcch Waſſer und Feuer ſchicken; nur ändern kann ich mich nicht. Ich bin, wie ich bin. Eine Geſellſchaftspuppe macht ſie nimmermehr aus mir!“ „Damit wäre ihr aber allein gedient, Ellena. Sie will Dein Glückz ſie will es aber auf vernünftigem Wege.“ „Ich weiß ſchon!“ ſagte jene, und zog ſchmunzelnd den kirſchrothen Mund zu einem Lächeln zuſammen. und ho⸗ be, ann mir gen nzu. daß „ſie nug. auch und durch nicht. Sie ege.“ zelnd 23 „Sie wünſe cht, daß ich eine gute Partie mache und in der Welt eine recht angeſehene, vornehme Frau werde; aber wie langweilig müßte das ſein.“ „Langweilig! Warum langweilig?“ „Siehſt Du denn nicht, wie Mann und Frau in Ge⸗ ſellſchaft faſt nie mit einander ſprechen, oder, wenn es ge⸗ ſicht, ſich etwas Unangenehmes ſagen?— Siehſt Du nicht, wie fremd und kalt ſie mit einander ſind, und nur, des Scheines halber, zuſammen ausgehen?“ „Nun ja, das iſt die große Welt.“ „Freilich! Aber die kleine kenne ich noch nicht und für die kleine hat mich die Tante auch nicht beſtimmt.“ „Was möchteſt Du denn aber ſein, wenn Du nicht heirathen willſt? Du mußt doch einen Beſchützer haben?“ „Muß ich das?— Nun, dann ginge ich am liebſten zu meinem Vater. Der würde mich gewähren laſſen.“ „Er lebt aber in dem heißen, ungeſunden Klima!“ „Thut ena.„Befindet er ſich dort wohl, kann auch ich mich dort wohl befinden. Ich habe manch⸗ mal Luſt ihm nachzureiſ 2 „Du?“ ſagte Thorilde halb ärgerlich—„man reiſt aber nicht ſo auf der Ert e, wie man es in ſeinen Gedanken — Es iſt auch nicht gut, wenn der Menſch mit feiner Lage nicht zufrieden iſt Ellena. Der liebe Gott hat gütig für uns geſorgt, indem er uns hier ein Elternhaus gab; das müſſen wir erkennen.“ 24 „Thue ich's denn nicht etwa?“ verſetzte jene ſchmol⸗ lend.„Ich habe Dir ja ſchon vorhin geſagt, daß ich für die Tante Gasmund durch Feuer und Waſſer rennen würde; aber auf ihre Weiſe glücklich ſein, kann ich nicht. Du aber, die Du ſo verſtändig zu predigen verſtehſt, wie ver⸗ hält es ſich denn eigentlich mit Dir? Gefällt es Dir etwa ſo wohl unter dieſem Dache, daß Du es mir mit keinem anderen vertauſchen möchteſt?“ Thorilde wurde roth und ſchlug, um den Blicken der Pflegeſchweſter zu entgehen, das Auge nieder. „Wem bliebe nicht etwas zu wünſchen übrig?“ fagte ſie ausweichend. „Etwas, ja! Doch Alles, Alles, Alles! Aber laſſen wir das. Du biſt einmal nicht ſo aufrichtig von Charakter, wie ich es bin, und trägſt Deine Leiden gern im Stillen; allein ich durchſchaue Dich doch. Du denkſt auch daran von hier zu gehen.“ „Wirklich?“ ſagte Thorilde und wollte dazu lachen; doch wurde nur ein halb verlegenes Verziehen des Mundes daraus. „Ja, glaube es nur, ich durchſchaue Dich; ich weiß, daß es Dich verdrießt, wenn die Leute, ſo oft man Dich vorſtellt, flüſtern: von Gasmund? Aber Frau von Gas⸗ mund hat ja keine Kinder? War Herr von Gasmund ſchon einmal verheirathet? Wer iſt denn die Mutter dieſes hüb⸗ ſchen Kindes? Wie oft habe ich Dich bei ſolchen Gelegen⸗ 25 heiten roth und blaß werden ſehen und einmal ſogar— weißt Du es noche es war auf dem Balle bei dem Grafen von Bernſtorff, Deinem erſten Balle, da biſſeſt Du Dir ein Stück von der Zunge ab, ſo daß Du vierzehn Tage lang nicht eſſen konnteſt.“ „Schweig! Um Gotteswillen ſchweig!“ rief Thorilde mit verſagender Stimme und die hellen Thränen ſtürzten über ihre Wangen. „Mein Himmel! Was iſt Dir! Ich habe Dich ja nicht betrüben wollen,“ rief Ellena geängſtigt und zog ihr kleines Batiſttuch, um die Thränen zu trocknen, hervor. „Da! Nun iſt's wieder gut. Komm! Lächle mich an! Nie will ich wieder ſo böſe ſein, Dich an das, was Dir Schmerz verurſacht, zu erinnern. Aber wie ernſt Du auch Alles nimmſt. Sieh! mich berührt ſo etwas gar nicht. Was mache ich mir daraus, wie ich in die Welt kam, wenn ich mich nur gut darin befinde! Aber ſieh mich nun auch freundlich an! Komm!— Wir wollen von dieſen Dingen nicht länger redenz ſondern von etwas Anderem. Findeſt Du es nicht eigentlich grob und ungebührlich von Herrn Leonhard, daß er die Stunde nicht hat abſagen laſſen?“ „Er hat Niemand zu ſenden, wie Du weißt.“ „Aber ſonſt hatte er doch Jemand?“ ſagte Ellena den Kopf aufwerfend. „Du thuſt ja, als wenn ſeine Beziehung zu uns 26 andere geworden wäre? Warum ſollte das der Fall 2 „Nun, ich weiß gerade nicht warum; aber—“ Sie legte bedenklich den Kopf auf eine Schulter.„Ja, heraus muß es nun doch einmal.— So wiſſe denn, daß ich mir früher einbildete, Herr Leopold würde Eine von uns heirathen.“ „Wie? Biſt Du toll?“ fragte Thorilde und wurde todtenbleich. „Ja, Eine von uns; und da dachte ich mir, daß, welche es auch wäre, ſo ſollte ſie die Andere mit ſich nehmen, um dadurch unſern Leiden abzuhelfen.“ „Aber wie kamſt Du auf den ſonderbaren Gedanken?“ fragte Thorilde ganz verwirrt. eie „Thorilde und Ellena! ich erwarte Euch!“ ertönte eine Stimme jetzt aus dem Nebenzimmer. „Pſt! Die Tante ruft! Ein anderes Mal erzähle ich Dir das!“ flüſterte Ellena, und richtete ſich, um dem Rufe zu folgen, auf. Thorilde war zögernd hinter Ellenn hergegangen, jene ſah daher nicht deren verſtörte Züge, noch ihr Be⸗ mühen, ihrem Geſichte einen ruhigen Ausdruck zu geben. Mutter und Tochter begegneten ſich bei ihrem Eintritte in das Zimmer in einem halben Blicke, den Jede zu verkürzen ſuchte; weil keine wünſchte, daß die Andere in ihrem Auge die darin geſchriebenen Gedanken leſen möchte, * 27 Man ſetzte ſich an den Tiſch, Frau von Gasmund ſprach ein Morgengebet, und darauf las Ellena ein Capi⸗ tel aus den Stunden der Andacht vor. Thorilde hielt da⸗ bei das Auge feſt auf den gefalteten Händen. Als der Vortrag zu Ende war, trug der Diener das zweite Früh⸗ ſtück auf; nach dieſem wurde eine Promenade unternom⸗ men und einige Morgenviſiten abgeſtattet. Trotz ihrer auf⸗ geregten Gemüthsſtimmung wollte Frau von Gasmund in dieſem gewohnten Kreislauf ihres Tagewerkes keine Unterbrechung eintreten laſſen. Thorilde ſollte ſich nicht ſelbſt überlaſſen ſein, nicht ihren eigenen Gedanken nach⸗ hängen können. So ſchwer es ihr auch ward, heute ihren Bekannten mit Alltagsphraſen entgegen zu treten; ſo mußte das Schwer vollbracht werden. Und es ward vollbracht. Wer hätte es dem feinen, freundlichen Lächeln, womit ſie grüßte, wer dem theilnahmvollen Tone, womit ſie ſagte:„Wie geht es mit Ihrer Geſundheit, liebe Gräfin?“ wohl angemerkt, daß ihr Herz ſchwer beladen war! Die Phraſe iſt erfunden zum Verhehlen der Gedan⸗ ken, ſie benutzte ſie dieſem Zwecke entſprechend. Auch die beiden Mädchen lächelten und ſprachen; ohne daß ihr Herz in ihren Wortn ſich verrieth. Stunde nach Stunde verging, bis auf dieſe Weiſe drei Uhr, die jetzt in der vornehmen Welt Berlin's übliche Eßſtunde, ſchlug, Drei Uhr, dachte Ellena aufhorchend, und überlegte, wie lang der Tag noch ſei, wie viele Stunden noch hin⸗ gehen würden, bis die Nacht komme, wo ſie mit ihren wachen Träumen entſchlummern und unter dem Eindrucke geträumter Träume zu einem neuen Tage erwachen könne. Sie theilte mit Thorilden ein Zimmer; allein da es an das der Frau von Gasmund gränzte und die Thüre zwiſchen beiden nie geſchloſſen wurde; ſo war an ein ver⸗ trauliches Wort, welches das Ohr der Pflegemutter ſcheuete, nicht zu denken. Selten nur fand ſich eine Minute, wo Beide harmlos mit einander plaudern konnten, von Nie⸗ mand gehört als von ihrem Gotte, welchen ſie nicht als ſtrengen Richter ihrer kleinen thörichten Einfälle fürchteten. Ihr Geſpräch von dieſem Morgen fortzuſetzen bot ſich alſo für heute wohl kaum noch Gelegenheit, und doch wünſchten Beide, wenn auch aus ſehr verſchiedenen Grün⸗ den, darauf zurück zu kommen. „Warum,“ fragte ſich Thorilde,„dachte Ellena daran, daß Leopold ſie oder mich heirathen könne?— Warum?“ Und ihr Kopf brannte fieberhaft unter dieſem Fragen, ihr Herz klopfte laut, ihre Pulſe jagten und der Schlaf floh ihr Auge. Ellena dagegen hatte die ſchönen vollen Arme über ihrem Haupte gekreuzt, und athmete in tiefen Zügen. Sie war ſo geſund, daß ſie nicht einmal träumte. Sie war froh geweſen den Tag zurück gelegt zu haben und die Sorge 29 vor dem kommenden Morgen hatte noch niemals ihre Ruhe verſcheucht. Als Thorilde erwachte, gewahrte ſie einen mit Blei⸗ ſtift geſchriebenen Streifen Papier neben ſich. Er war von Ellena's Hand. Verwundert griff ſie danach. Was konnte ſie ihr mitzutheilen haben? Ein Ferneres über ihre Hoffnung auf die Hand des Muſiklehrers?— Sie las: „Ich habe heimlich zu L. geſchickt und ihn fragen laſſen, warum er geſtern nicht gekommen ſei. Auf ihm beruht unſere ganze Hoffnung. Wenn er jetzt kommt, ſo iſt an Dir die Reihe eine Stunde zu nehmen; benutze dieſe, zu erforſchen, ob wir durch ihn befreit werden fönnen.“ Thorilde fuhr im Bette empor und blickte zu Ellena hinüber; dieſe aberſchlief noch den Schlummer der Gerech⸗ ten, obwohl der Morgenſonne goldene Strahlen durch die Vorhänge lichte Streiken auf ihr Lager ſandten. Sie ſah, mit den roth angehauchten Wangen, den halb geöffneten Lippen und der plaſtiſchen Ruhe des wohlgebanten Kör⸗ pers wunderbar ſchön aus. Sie hatte alſo an Leopold geſchrieben und einen Bo⸗ ten, um ihr Billet zu übergeben, gefunden; doch entſann ſich Thorilde nicht, daß die Schweſter ſich lange aus dem Zimmer entfernt gehabt. Wie war ihr das alſo möglich geworden?— Ein höchſt unbehagliches Gefühl bemächtigte ſich ihrer, ein dunkler Inſtinct ſagte ihr, daß hier etwas falſch ſei, daß ſie nicht klar ſehe; allein bei ihrer Jugend und Unerfahrenheit wußte ſie dieſer Empfindung keine beſtimmte Ausl egung zu geben. Einſtweil en ſchalt ſie Ellena's Betra⸗ gen eine Thorheit. Frau von Gasmund fand Thorilde ſehr blaß aus⸗ ſehend.„Du ißt nicht, Du ſchläfſt nicht,“ ſagte ſie, und betrachtete das ſchöne marmorbleiche Geſicht mit ſorgender Mutterliebe.“ Das muß anders werden. Ich habe den Geheimrath bitten laſſen zu mir zu kommen. Wir ſprechen darüber. Auch habe ich außerdem noch in einer A lngelegen heit, die mir großen Kummer verurſacht, mit Dir zu reden; ſei alſo darauf gefaßt, daß ich Dich zu mir beſcheiden laſſe.“ Die Betonung des„Außerdem“ jagte alles Blut in Thorilden's Wangen. Sie küßte vewirrt die Hand der Mutter und wollte ſich entfernen. „Bleib!“ rief dieſe ihr zu. Dich heute nicht anſtrengen, Ellena mag allein die engliſche Stunde nehmen. Du kannſt mir indeſſen eine kleine Arbeit verrich⸗ ten, die Dich wohlthätig zerſtreuen wird. Ich habe auf einem Schreibtiſche im Salon alle meine Wochenrech⸗ nungen zuſammengelegt, und daneben mein Ausgabebuch aufgeſchlagen; ſei nun ſo gut dieſe einzutragen, wie Du es ſchon öfter gethan haſt. Solche mechaniſchen Arbeiten haben ihr Gutes.“ 31 Thorilde folgte dem Gebote. Beide Mädchen ſaßen nun getrennt und dabei beſchäftigt; ſo hatte es Frau von Gasmund gewünſcht. Sie warf einen Blick in das Zim⸗ mer zur Linken, wo Ellena die„Qucens of England, py Miss Strickland“ laut las.— Sie trat dann leiſe an die Thüre des Salons, und fand Thorilde über den Rech⸗ nungen gebeugt; beruhigt ſetzte ſie ſich nun an ihr Pult, legte einen Bogen Briefpapier zurecht, tunkte die Feder ein, ſann einen Augenblick nach, und ſchrieb: „Geehrter Herr! „Ich muß Sie bitten, ſich in einer Angelegenheit, welche keinen Aufſchub geſtattet, zu mir zu bemühen. Mein verſtorbener Gatte hat Ihnen das Wohl ſeiner Tochter an das Herz gelegt, nicht nur als Geſchäfts⸗ mann, ſondern auch als Freund ſollten Sie über das theuere Kind wachen, und Ihre warme Theilnahme an deren Ergehen hat mir bis heute bewieſen, daß Sie nicht nur mit Ihrem Kopfe, ſondern auch mit dem Her— zen ihren Schritten gefolgt ſind. Freilich erlebte ich bis dahin an dem ſchönen und wohlgebildeten Kinde auch nur Freude, und wenn heute zum erſten Male eine Wolke ihre Zukunft bedroht, ſo rechne ich darauf, daß durch Ihre Einſicht und Umſicht dem Uebel noch vorzubengen ſein wird.— Machen Sie mir alſo die Freudé, um vier Uhr zu mir zu kommen. Ich werde Ihnen dann münd⸗ lich die Sache vortragen, und in Ihre Hand die Ent⸗ ſcheidung legen, die nur durch Ihre Autorität getrof⸗ fen werden kann. Mit Hochachtung und Freundſchaft Ihre ergebene Thekla von Gasmund, geb. von Stzenplitz.“ Sie adreſſirte den Brief an den Staatsanwalt Möſer und trug dem Diener deſſen Antwort mit zurück⸗ zubringen auf. Fände er ihn nicht zu Hauſe, ſo ſollte er ihn aufſuchen, denn die Sache habe Eile. Mit dem gewohnten:„Ganz wohl, gnädige Frau?“ verließ Johann das Zimmer. Frau von Gasmund ging, als er ſich entfernt, eine Weile mit gemeſſenen Schritten auf und ab, eine Bewe⸗ gung, welche den Act des Nachdenkens befördert, und wenn die Seele unruhig iſt, dem Körper wohl thut. Was hatte Thorilde vermocht, ihr Schickſal einem jungen Manne anzuvertrauen, welcher ihr ſo wenig bie⸗ ten konnte? Das fragte ſie ſich immer auf's Neue und fand die ſie befriedigende Antwort nicht. Ein ſchönes Mädchen, ein reiches Mädchen und dabei in ſo angenehmen Verhält⸗ niſſen lebend? Sollte ſie wirklich einer ſo thörichten Liebe fähig ſein, um ſolche Güter dafür hingeben zu wollen?— Sie wiegte ihr Haupt zweifelnd.— Auch ſie hatte die Liebe gekannt, aber, aber..... Es mußte noch ein Etwas dahinter ſtecken, dem ſie für jetzt nicht auf den Grund zu kommen vermochte. Wenn die Welt aber erführe, welche Mißheirath die arme Thorilde im Sinne trug? Wenn ſie erführe, wie Frau von Gasmund von ihr hintergangen worden? Sie, die ſich ſtets gerühmt hatte, daß ſie eine Meiſterin in der Kunſt Mädchen heranzubilden ſei, ſollte nun auf dieſe Weiſe bloßgeſtellt werden? Nein, das konnte nicht geſche⸗ hen. Coute qui coüte, nur keinen öffentlichen Scandal. Ein Geldopfer durfte ſie nicht ſcheuen; man mußte ausſprengen, es ſei Thorilden ein Bad verordnet und ſie ging mit beiden Mädchen auf Reiſen. Schon ſah ſie in Gedanken den Wagen vor der Thüre, die Koffer gepackt, und athmete auf; da klopfte es leiſe, und der rückkehrende Johann unterbrach das glückliche Spiel ihrer Einbildungskraft. Er brachte die Antwort des Staatsanwalts, den er noch glücklich zu Hauſe getroffen. Sie lautete: „Gnädige Frau! Ihren Wünſchen Gehorſam zu leiſten würde unter allen Umſtänden zu meinen ſchönſten Pflichten gehört haben; wie viel mehr aber iſt dies der Fall, wenn meine Gegenwart in Bezug anf mein ſchönes Mündel gefordert wird, das mir theuer iſt, wie ein eigenes Kind. 3 Amely Boelte: Die Mantelkinder. 1. 34 Erwarten Sie mich daher ohne Zweifel zu der von Ihnen genannten Stunde und ſeien Sie überzeugt, daß es an mir nicht liegen ſoll, das, was deſſen Wohlergehen bedroht, aus dem Wege zu räumen. Mit wahrer Ergebenheit und Verehrung unter⸗ zeichnet ſich ganz gehorſamſt D. A. Möſer, Staatsanwalt.“ „Gottlob! flüſterte Frau von Gasmund, als ſie zu Ende geleſen und ſchloß den Brief in ihr Pult ein. ——c—————— — Der Künſtler als Menſch. Am Ende der Wilhelmſtraße, nahe dem Halleſchen Thore, da wo es am Tage einſam iſt, am Abend ſelten ein Wagen rollt, und eben ſo ſelten auch ein einzelner“ Wanderer ſich blicken läßt; ſehen wir in dem Hinter⸗ ſtübchen eines Hauſes zur ebenen Erde eine junge Frau vor einem Tiſche ſitzen, auf welchem eine Lampe brennt, bemüht ein kleines Kind auf ihrem Schooße durch Lieb⸗ koſungen zu beſchwichtigen, während ein anderes etwas größeres in einem hohen Stuhle neben ihr ſitzt und eine hölzerne Stadt aufbaut. Das Zimmer iſt einfach mö⸗ blirt, aber die höchſte Sauberkeit läßt es elegant erſcheinen; Blumen ſtehen in einer Vaſe unter dem Spiegel, Blumen vor den Fenſtern, Bilder hängen an den Wänden, ein Stutzflügel, mit Muſikalien bedeckt, ſteht geöffnet. 36 Die Inhaberin dieſes kleinen Gemaches ſtand viel⸗ leicht in der Mitte der zwanziger Jahre. Sie war blond, zart und fein gebaut, mit einem Geſichte, nicht häßlich, nicht ſchön, nur anziehend durch einen Zug der Güte, welcher lieblich den Mund umſpielte, ſo oft das Auge wohlwollend auf Jemand fiel. Ihr Benehmen war ge⸗ winnend, voll Anmuth, Tact und Herzlichkeit. Ob ſie hohe Bildung beſaß? Vielleicht nicht!— Sie lebte zu ſehr für Andere, um ſich dieſe anzueignen. Ein junger Mann ſtürmte in das Zimmer. „Guten Abend! Agathe!“ rief er und warf Hut und Mantel ab, ſein blondes Haar, das lang bis auf die Schultern fiel, aus der Stirne ſtreichend. Darauf ſetzte er ſich an den Flügel und fuhr mit einer Mei⸗ ſterhand durch die Taſten, eine wilde Phantaſie folgte, und erſt als die Kinder in einem gemeinſamen Weinen das Accompagnement dazu begonnen, ſchloß er mit ein paar mächtigen Accorden und ſchlug das Inſtrument zu. „Wo iſt die Wärterin?“ fragte er ſich an den Tiſch der jungen Frau gegenüber ſetzend, und ſeine matten blauen Augen auf ſie richtend. „Sie wird ſogleich zurückkehren,“ erwiederte dieſe, machte eine Hand frei und reichte ſie ihm hin. Er legte ſeine lange, hagere, kalte Linke auf ihre feinen, weichen warmen Finger; ſie drückte dieſe innig und hielt ſie feſt, während ſie mit ihrer ſanften Stimme ſagte ut uf uf i⸗ te, en in u. ſch ſe, Er elt 37 „Du ſiehſt gar nicht wohl aus! Deine Züge ſind ſo ſchlaff— ſo übernächtig! Biſt Du in Geſellſchaft geweſen?“ „Ja; die ſchöne Camilla Wurmſer gab ein Souper, wobei der Champagner floß. Ich konnte kein Auge darauf ſchließen.“ „Du ſollteſt dergleichen nicht mitmachen, Leopold!“ „Warum nicht mitmachen?“ fuhr er auf.„Es tödtet doch ein paar Stunden an dieſer Exiſtenz, die man Leben nennt! In der Luſt vergißt man den Schmerz.“ „Aber das Erwachen,— das thut dann doppelt weh, nicht wahr?“ fragte ſie mit einem, aus bekümmertem Herzen kommenden Tone. „Weh! aber nicht doppelt weh,“ erwiederte er, ſie träumeriſch und abweſend anblickend,„wie jedes Er⸗ wachen zu dem halben Bewußtſein des Lebens. Schlaf oder Tod iſt Eins; wenn nur die Seele ruht!— Wenn ſie aber wacht, ſo iſt gleich der Schmerz da.“— „Aber warum immer Schmerz? Iſt das Leben denn nicht ſchön?— Iſt es nicht eine Gottesgabe?“ „Für Dich, Agathe, ja!“ „„Und warum nicht auch für Dich?“ Weil ich anders organiſirt bin, weil ich andere An⸗ derungen an das Glück ſtelle, weil ich, wozu das Leben iſt, frage.“ „So frage es nicht; ſo beſchränke Dich!“ ſagte ſie, 38 innig bittend.„Sieh, der Himmel hat Dich ſo ſehr be⸗ vorzugt, hat Dir ein ſo ſchönes Talent gegeben; Du haſt die Töne für Deinen Schmerz, für Deine Liebe, und für Dein Glück, wo mir nur das arme Wort zu Gebote ſteht, das ſich nicht immer nach Wunſch meinen Gedanken und Empfindungen leiht;— Du biſt ſo reich in Dir, trägſt eine ganze Welt in Deiner Bruſt, ſchöpfeſt aus einem un⸗ verſiegbaren Quell' immer Neues und immer Schönes— und willſt dabei nicht froh, nicht zufrieden ſein, Deinem Weſen keine Schranken, Deinem Wünſchen keine Gränzen ſtecken? Warum das nicht, da es doch einzig zum Glücke führt? Nur der Genügſame iſt reich. Wer ſtets mehr verlangt, wie ihm gegeben iſt, ſchreitet mit ſeinem Be⸗ gehren weiter und weiter und klopft endlich, wenn ihm der Himmel verſchloſſen bleibt, in ſeinem Trotze an die Pforten der Hölle.“ Er hatte ihr lächelnd zugehört, drückte zärtlich ihre Hand und ließ ſie dann los. „Welche ſaubere, einnehmende Repräſentantin alt⸗ bürgerlicher Reſpectabilität aus Dir redet, meine Agathe!“ ſagte er mit einem Seufzer.„Jeder noch ſo hausbackene Philiſter würde, wenn Du ſo reizend predigſt, ſein Wohl⸗ gefallen an Dir haben und ſeinen langen Zopf gar Nicht, im Wege finden.“ „Ich?“ erwiederte die junge Frau und ihr W traf die beiden Lieblinge ihres Herzens;„ich eine Rep lt⸗ e!“ ene hl⸗ icht — 39 ſentantin der Reſpectabilität? Den Spott verdiene ich viel⸗ leicht, doch ſollteſt Du ihn an mir nicht üben.“ Eine Thräne zitterte in ihrem Auge. „Agathe!“ rief er weich; ſprang auf und küßte ſie. Dann trällerte er nach einer ſelbſterfundenen Melodie: „Dies Kind, Ihr Götter, ach! ſo rein, laßt Eurer Huld empfohlen ſein!“ „Weißt Du, daß Du mich immer von Neuem in⸗ ſpirirſt, Agathe?“ ſagte er, ſich wieder ihr gegenüber ſetzend.„Sieh! ſo gewiß iſt es, daß der Dichter— und der Componiſt iſt in ſeiner Weiſe ja auch Dichter— nur durch Unſchuld und Reinheit des Herzens zu neuen Schö⸗ pfungen begeiſtert wird. Die Wahrheit gehört dem Himmel an, die Lüge gehört der Hölle; in Dir aber iſt lauter Wahrheit. Du kennſt die Liebe— denn Du biſt die Liebe — Du fürchteſt die Leidenſchaft, weil ſie ein Moloch iſt, welcher mit ſeinem glühenden Hauche alle Blüthen der Menſchenſeele verzehrt, und nur den Eigennutz, welcher um jeden Preis den Beſitz des Anderen fordert, in dem kranken Menſchenherzen zurückläßt.“ „Hat Dich je eine andere Frau ſo ſehr geliebt, wie ich Dich liebe?“ fragte ſie wehmüthig. „So ſehr, ja; aber keine hat mich ſo geliebt, wie Du mich liebſt! Ach Agathe, daß ich dieſer ſchönen Liebe ſo unwerth bin!“ Und er knieete neben ihr nieder, verbarg ſein Geſicht in ihren Kleidern und ſchluchzte laut. 40 „Karl! O mein Gott! Karl!“ hauchte ſie bewegt, und ſtreichelte ſeine Wange, und beugte ſich mit mütterlicher Zärtlichkeit über ihn hin, um ſeine Stirne zu küſſen.„Mein Karl! Mein innig geliebter Freund! Was fS Dir? Sieh! Du betrübſt Deine arme Agathe, betrübſt ſie bis ins tiefſte Herz hinein, wenn Du ſo mit Dir ſelbſt zerfall en, ſo auf⸗ geregt zu mir kommſt. Was ſoll ich da ſagen? Wie Dich tröſten? Ich, die ich an Dir eine Stütze, einen Halt haben möchte, um mir den Muth zu geben, ſo manches mir Auf⸗ erlegte zu tragen; ich ſoll nun noch Deine Tröſterin ſein. Und ach! womit Dich tröſten? 2 Was ſoll 6 ſagen, wenn Du ſo bekümmert biſt, wie auch heute wieder, und ich rath⸗ los in Dein he Auge ſchaue, um in Deinen Blicken zu leſen, was Dir eigentlich fehlt? Ich weiß es ja nicht⸗ ich wußte es ja nie, was Du vom Leben begehrteſt. Liebe? Die findeſt Du bei mir. Ruhm? Den bringt Dir die Aus⸗ übung Deines Talentes. Geld? Der Genügſame bedarf ſo wenig, und ich würde mich gern mehr einſchränken, wie es jetzt geſchieht, wenn ich Dir damit eine Sorge er⸗ ſparen könnte. Ich möchte am liebſten ja nichts von Dir annehmen, möchte ſelbſt erwerben, was ich für mich und meine Kinder bedarf und ſo Gott will, ſoll es auch künftig geſchehen. Da nun aber in allen dieſen Hauptbedingungen zum Glücke der Quell Deines Elends nicht zu ſuchen iſt, wo ſoll ich ihn denn vermuthen?— Ich weiß es nicht.— Und daß ich es nicht weiß, ſieh! das betrübt mich ſo tief, 41 ſo über alle Begriffe tief, daß es keine Worte giebt, um was mein Herz dabei empfindet, auszudrücken.— Ich möchte Dich ſo gern glücklich machen, möchte es um jeden Preis thun. Was iſt mein Leben, wenn ihm dieſe Perle fehlt?— Wie gern gäbe ich es hin für Dich, wenn Dir damit zu helfen wäre?— Habe ich Dir doch ſchon Höheres geopfert, meine Ehre vor der Welt, den Frieden meines Gewiſſens, weil Du meinteſt, daß ein feſtes Band Deine Liebe zu mir ertödten würde, daß nur in der Freiheit das Glück beruhe? So biſt Du denn frei geblieben, und doch— und doch, Karl!— Was bringt uns dieſe Frei⸗ heit ein, als zwiefachen Kummer. Wir leben getrennt, um die Menſchen über unſer Verhältniß im Dunkeln zu laſſen; allein wir täuſchen ſie nicht. Unſere Kinder entbehren des Glückes, unter einem Vaterauge aufzuwachſen. Du wollteſt es ſo, und Dein Wille war mir Geſetz. Sage mir aber nur einmal recht klar, was ſonſt noch geſchehen kann, ge⸗ ſchehen muß, damit Du mit Deinem Schickſale ausgeſöhnt werdeſt?— Kann ich noch irgend etwas für Dich thun?— Giebt es noch irgend ein Opfer zu bringen?— Nenne es und ich hoffe, daß mir kein's zu ſchwer fallen ſoll. Nur das Eine ertrage ich nicht: Dich fort und fort unbefriedigt, unglücklich zu ſehen.“ Er hatte, ſein Haupt in ihrem Schooße begraben, ihr zugehört. Jetzt machte ſie eine Pauſe, ſeiner Erwiederung harrend. Bevor er eine Antwort ertheilte, ſprang er auf, 42 rannte wild auf und ab, fuhr mit der Hand durch ſein dickes Haar, ſchüttelte es in den Nacken zurück, und ſetzte ſich ſchließlich ihr gegenüber. „Anders muß es werden,“ begann er, und ſtützte ſein Haupt, ſo daß ſein Geſicht von der Hand bedeckt und er wohl ſie ſehen, ſie aber nicht in Zügen leſen konnte;„ich fühle es, daß mein Genius den Sorgen für das tägliche Brod gegenüber zu Grunde geht. Ich muß frei werden von dem martervollen Leben oder meine ſchöpferiſchen Gedanken erlahmen.“ „Wie, frei werden?“ fragte die junge Frau ſanft. „Wäreſt Du es zufrieden, Deine Zeit nicht mit Golb be⸗ zahlt zu ſehen? Möchteſt Du um ſonſt arbeiten? Gewiß nicht! Du t mir ja ſelbſt ſo oft geſagt, daß das Gold, als Maß des Werthes S Leiſtungen, der Idee nach dem Künſtl ler mehr gälte, als es dem Nutzen zu berech⸗ nen ſei, und andererſeits haſt Du ebenfalls beh auptet, ein gewiſſes Muß ſei mehr hith als nachtheili ig für den Mann von Talent, weil begabte Leute nur mit Wider⸗ willen eine mechaniſche Arbeit Bit ohne dieſe aber, was der Geiſt ftnechnſſe nicht an das Licht zu bringen ſei. Ein Künſtler werde gar leicht zum Bonvivant oder Bumm⸗ ler, wenn die Nothwendigkeit ihn nicht zwänge Ordnung in ſein Leben zu bringen; wie häufig haſt Du mich damit getröſtet, wenn ich Dich beklagen wollte, daß Du Noten ———————————————— 43 ſchreiben, oder dem Klimpern Deiner Schüler zuhören müßteſt.“ „Ich bewundere Dein gutes Gedächtniß,“ antwortete er mit Bitterkeit. „Ich ſehe alſo nicht ein, wie man Dir die materiellen Sorgen abnehmen könnte, ohne dem Künſtler in Dir eine Entſchuldigung zu leihen, läſſig zu werden,“ ſagte ſie unbeirrt. „Das ſpricht Dein Ehrgeiz; nicht Deine Liebe.“ „Ich wüßte nicht, wie ſich beide trennen ließen,“ erwiederte ſie ſanft und lächelte dazu;„denn ich will ja vor allen Dingen Dein Glück, und ich kenne Dich. Ohne Erfolg, ohne den Applaus der Welt wäre es für Dich nicht zu finden. Sage mir nun aber aufrichtig: was ver⸗ ſtimmt Dich?— Was nimmt Dir die Freude an Deiner Arbeit?— Es wird Dein Herz erleichtern, wenn Du Dich darüber ausſprichſt; und vielleicht kann ich Dir dennoch Hülfe bringen. Der Liebe iſt ja nichts unmöglich.“ Er bewegte zweifelnd ſein Haupt. „Karl, ich bitte Dich! Bekümmere mich nicht durch einen Mangel an Vertrauen,“ ſagte ſie imig.„Was es auch ſei, theile es mir mit! Ich verſichere Dich, daß Deine Worte, welches Inhaltes ſie auch ſein mögen, mich nur halb ſo unglücklich machen können, wie Dein niedergeſchlagenes Ausſehen es thut.“ „Gut denn!“ rief er plötzlich entſchloſſen.„Ich will 14 Dich auf die Probe ſtellen; ich will ſehen, ob auf Deine Liebe zu bauen iſt.“ „Alſo?“ fragte ſie lächelnd und ſelbſtgewiß. „Wirſt Du, wenn man nach mir fragt, mich ver⸗ leugnen können? Wirſt Du, wenn man nach Deiner Be⸗ ziehung zu mir forſcht, zu ſagen vermögen: Du kenneſt mich nicht?“ Purpurglut hatte ihre Wangen überzogen. „Dich verleugnen?“ fragte ſie.„Nein Karl, das kann ich nicht. Ich vermag zu ſchweigen⸗ dem Forſ chenden zu er⸗ wiedern: Was miſchen Sie ſich unberufen in meine An⸗ gelegenheiten? 6 kann del abweiſen, der etwas von mir erfahren will; aber das Gegentheil von dem, was Thatbeſtand iſt, verſichern, das kann ich nicht; das kann ich nie und— will ich nie!“ „Es iſt auch nur von einer Beharrlichkeit im Ver⸗ ſchweigen die Rede,“ erwiederte er befangen. „Dieſe werde ich, wenn Du es wünſcheſt, bis zu den äußerſten Conſequenzen fortſetzen. Allein— wäre es darum nicht auch angemeſſen, daß Du mir die Gründe, weshalb ſich irgend Jemand in unſere Beziehung miſchen, wes⸗ halb ein unberufener Frager ſich hier eindrängen ſollte, nennteſt?“ „Griſeldis machte den Anſpruch nie.“ „Iſt ſie plötzlich Dein Ideal geworden?“ fragte die junge Frau mit ſchelmiſchem Lächeln.„Du hatteſt ja ——— —e ſonſt ganz andere Typen der Nachahmung für mich? Aber gleichviel! Auf das Beſagte zurückzukommen: was will man von uns? Warum fürchteſt Du die Neugierde der Menſchen?“ „Weil die Menſchen neugierig ſind, ſo muß ich fürch⸗ ten, daß ſie ſich um Dinge bekümmern, die ſie nichts angehen.“ „So plötzlich kommt Dir dieſe Furcht?— Wie, wenn ich nun eiferſüchtig würde? Eine Nebenbuhlerin witterte?“ Sie lachte dazu, als ob der Fall nur des Scherzes würdig ſei. „Du nimmſt die Sache leicht, wie ich ſehe,“ ſagte der Künſtler aufathmend;„Du weißt, daß die Nebenbuhlerin nie in meinem Herzen einen Platz neben Dir fordern könnte, wenn ſie auch vor der Welt meinen Namen trüge.“ „Es iſt alſo eine Nebenbuhlerin da?“ fragte Agathe erbleichend, und ihre Augen wurden plötzlich größer. „Man kann es eigentlich nicht ſo nennen,“ erwiederte der junge Mann ausweichend.„Wenn ich, meiner Stellung in der Geſellſchaft halber, einem reichen Mädchen von Fa⸗ milie meine Hand reichen ſollte; ſo geſchähe es, wie Du ſelbſt ja urtheilſt, nur des Applaus halber, es wäre eine reine Geſchäftsſache, welche mit dem Bündniſſe unſerer Herzen nichts zu thun hätte.“ „Es wäre?“ rief die junge Frau, wie erſtarrend vor 46 einem Bilde ihrer Zukunft, das ſie noch nie in das Auge gefaßt hatte, und faſt entglitt das Kind ihrem Schooße. „Roſine!“ rief ſie, und die Wärterin, welche indeſſen zurück⸗ gekehrt war, nahm die Kinder mit ſich fort. Sie ſtand nun bleich und zitternd dem Künſtler ge⸗ genüber.„Wenn, was Du als Möglichkeit hinſtellteſt, Leopold,“ begann ſie, je der Fall ſein könnte; ſo hätteft Du mich fürchterlich getäuſcht! Neben Deiner Gattin wäre meine Stellung die eines ehrloſen Weibes, würden meine Kinder Ausgeſtoßene der menſchlichen Geſellſchaft,— Ba⸗ ſtarde— ſchlimmer als Waiſen!— Sage darum, daß Deine Worte Scherz geweſen ſind.— Du biſt kein Schuft!— Du biſt das nicht.“ „Wie kannſt Du Dich unterſtehen, ſo mit mir zu re⸗ den!“ rief er bleich vor Zorn.„Iſt das die Sprache, welche eine Frau, die ich erhalte, ſich herausnehmen darf?“ „Das, mir!?“ ſtieß Agathe heraus und die Hand auf das Herz legend, als wollte ſie es vor dem Zerſpringen hüten, brach ſie zuſammen. Leopold fing ſie auf und trug ſie auf ihr Lager. Er badete ihre Stirne mit Eau de Cologne, um ſie wie⸗ der in das Leben zurückzurufen. Matt ſchlug ſie endlich das Auge aufz allein ſo wie ſie ihn erkannte, ſchrie ſie auf und wandte ſich von ihm ab, als ob ſeine Nähe ihr Pein verurſache. 47 Das that ſeiner Eitelkeit weh. Er harrte eine Weile. Als ſie aber fortfuhr ihm den Rücken zu wenden, ging er hinaus, empfahl dem Mädchen Sorgj amkeit, und trug ihr auf⸗ ihrer Gebieterin zu ſagen, daß ſie ihn benachrichtigen möge, wenn ſie ihn zu ſehen aufgelegt ſei. Sein Ohr vernahm den git Schrei ſchon nicht mehr, we lchen Agathe, ſo wie er das Haus verlaſſen hatte, ausſtieß; ſein Auge ſah nicht, wie ſie ſich in Zuckungen und Thrünen auf ihrem Lager wand, die Hände wie eine Verzweifelnde rang, der Anblick ihrer Kinder, ſtatt ſie zu beſänftigen, nur ihre Aufregung Roſine rathlos neben ihr ſtand. Dieſe legte endlich das jüngfte Kind in die Wiege, nahm das ältere auf den Arm, und eilte in die dritte Etage hinauf, wo Louiſe Gerſchel, eine junge Nähterin, S6 mit der ſie an ſchönen S Sommertagen d des Sonntags in dem kleinen Garten am Hauſe zuſammen geſeſſen, und eine Ark Freundſchaftsbündniß geſchloſſen hatte, das zu gegenſeitigen kleinen Gefälligkeiten führte; denn ſelten kennt man in der großen Stadt die Mitbewoh⸗ ner des Hauſes; allein ſteht hier der Einzelne in den Stun⸗ den der Trübſal, allein ſteht er mit ſeiner Sorge und ſei— nem Leide, bis von ferne her ein Freund ihn aufgefun den hat. Das junge Mädchen war ſo eben erſt aus der Stadt zurückgekehrt und hatte Hut und Shawl noch nicht abge⸗ legt, als es klopfte und Roſine mit dem Kinde auf dem — Arme, ganz verſtört, bei ihr eintrat. Sie berichtete den traurigen Zuſtand ihrer Herrin, und bat die Andere einen Arzt zu holen. Louiſe, obgleich ermüdet von ihrem Tage⸗ werke und dem eben zurückgelegten langen Wege na Hauſe, hatte keine ahſchlagende Antwort, wo es galt in der Roth eine Hülfe zu reichen, ſie ſchnürte ſogleich die Schleife ihres Hutbandes wieder feſt, ergriff die kleine Lampe und ging, die Thüre hinter ſich abſchließend, die düſteren Trep⸗ pen hinunter voran; dann eilte ſie in die Nacht hinaus, flog der Friedrichsſtraße zu, wo ſie im Hauſe des Geheimraths Ledebuhr öfters gearbeitet hatte und am Erſten auf ſchnelle Hülfe rechnen durfte, im Fall ſie ihn nur zu Hauſe fand. Athemlos langte ſie an, wandte ſich erſt an die Köchin, welche ſie dann zu dem Fräulein führte, durch die ſie nun zu dem Bruder gelangte. Dieſer hatte ſich ſchon in ſein Schlafgemach zurückgezogen und las bei einer Studirlampe die Zeitungen.„Agathe Müller, ſagen Sie?“ fragte er, hoch aufhorchend,„das iſt ja eine Fügung von oben. Man ſoll mir eine Droſchke holen, in fünf Minuten bin ich bereit.“— „Seltſam!“ murmelte er vor ſich hin, während er Hut und Stock ſuchte.„Als ob es gerade ſo hätte kommen ſollen. Wie erwünſcht iſt mir dieſer Ruf!“ Louiſe nahm auf dem Rückſitze des Wagens beſchei⸗ den dem Geheimerathe gegenüber ein Plätzchen ein und zog ihre Kleider dabei, als ob ſie beſorge, dem großen 49 Manne immer noch nicht Raum genug gelaſſen zu ha⸗ ben, eng um ſich zuſammen. Sie erreichten in wenig Minuten die Wohnung der Frau Müller, Louiſe hatte den Schlüſſel zum Vor⸗ hauſe mitgenommen, und öffnete leiſe; ihr Lämpchen ſtand auf dem Tiſche, ſie leuchtete damit dem Arzte durch das Wohngemach, wo es dunkel war; Roſinens Stimme klang zu ihnen herüber, ſie ſang die Kleinen in den Schlaf. Louiſe pochte leiſe; als Niemand Herein rief, öffnete ſie behende. So wie die hohe Geſtalt des Geheim⸗ raths in der Thüre erſchien, fuhr Agathe von ihrem La⸗ ger empor, und maß ihn mit irren Blicken. Sie phan⸗ ſirte. Er legte die Hand auf ihre Stirne, fühlte ihren Puls. Kein Zweifel, daß eine Gehirnentzündung zu fürch⸗ ten ſtand. Er winkte Roſinen in das Nebenzimmer, um von ihr zu erforſchen, ſeit wann ihre Herrin in die⸗ ſem Zuſtande ſei, und er vermochte ſich aus ihrem Be⸗ richte ſo ziemlich den Sachbeſtand zu erklären. Die Die⸗ nerin kannte freilich die Beziehung der Frau Müller zu dem Herrn Leopold nicht, denn ſie war erſt ſeit drei Monaten in ihrem Dienſte; allein ſie vermuthete mit dem richtigen Inſtincte einer geſunden Natur, daß unter Beiden nicht Alles ſo ganz in der Ordnung ſei, und haßte ihn, weil er nie Freude in dieſe ſtille Wohnung brachte. Das Mädchen war nicht im Stande, die Kinder Amely Boelte: Die Mantelkinder. 1. 4 zu beſorgen und die Kranke zu verpflegen, es mußte ihr eine Huͤlfe zugegeben werden, Louiſe erbot ſich dieſe Nacht zu wachen, der Geheimrath fuhr ſelbſt nach einer Apotheke und beſorgte die Arznei, in der Frühe des nächſten Morgens verſprach er zurückzukehren. Die Lage der jungen Mutter, die kleine ſo einfache und doch ſo zierliche Wohnung, ſowie Alles, was er ſonſt über das Leben und den Charakter der Frau Agathe Müller ge⸗ hört hatte, nahm ihn für dieſe ein, und wandte ihr ſeine Theilnahme zu. So ſpät es auch ſchon bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe war, ſo ging er doch, bevor er die Ruhe ſuchte, an ſeinen Schreibtiſch und meldete Frau von Gasmund durch ein paar Zeilen das Vorgefallene, ſie bittend, auch den Staatsanwalt in Kenntniß zu ſetzen. Gleich in der Frühe ſollte ſein Diener ihr die⸗ ſen Brief überbringen. Auch mit ſeiner Schweſter nahm er dann noch eine kurze Rückſprache, welche die Bitte enthielt: daß ſie ihn am Morgen bei ſeiner Fahrt zu Frau Agathe Müller begleiten möge. „Es iſt dort weibliche Hülfe, weiblicher Rath noth⸗ wendig,“ ſagte er ernſt;„wir haben, wenn ein Menſch leidet, nicht zu fragen, wie er zu ſeinem Leiden gekom⸗ men iſt; ſondern ihm vorerſt zu helfen; iſt das geſche⸗ hen, dann mögen wir,— wenn es uns Bedürfniß iſt, u h⸗ N⸗ e⸗ 51 — forſchen, ob er ſelbſt verſchuldete, was ihn traf, und den Stachel ſeiner eigenen Vorwürfe durch die unſri⸗ gen verſtärken,— obwohl wir ihn dadurch nur unglück⸗ licher, nicht beſſer machen;— allein das Gewiſſen von Euch Frauen iſt der Art, daß Ihr Euch dieſen Triumph Eures eigenen Werthes ſelten verſagen könnt. Vorerſt aber ſoll nur Dein Meitleid reden, das fordere ich!“ Fräulein Ledebuhr war gegen den Bruder nach⸗ giebig, weil ſie es ſein zu müſſen glaubte, damit er nicht auf den Gedanken gerathe eine Gattin zu wählen; ſie er⸗ füllte daher nicht aus Liebe, ſondern aus Eigennutz, ſeine Wünſche, und ihre ſtrenge Tugend,— welche freilich nie großen Verſuchungen ausgeſetzt geweſen— legte ſich man⸗ chen Zwang an. Sie ſeufzte, daß ſie dem Laſter Vorſchub leiſten ſollte; allein ſie war dennoch entſchloſſen es zu thun und zwar mit guter Miene. Die Nacht iſt kurz für den, welcher ſein Haupt auf den Pfühl erfüllter Pflichten zur Ruhe legt. Geſtärkt er⸗ wachte der Geheimrath zu ſeinem Tagewerke, und zagte nicht, wenn auch perſönlich ihm nicht immer in gleichem Maaße gelohnt ward, im Dienſte der Menſchheit ſeine Kräfte zu verwenden. Während er in ſeinem Taſchenbuche die Stunden ſeiner Viſiten verzeichnete, ſaß Freu von Gasmund an 4* 52 ihrem Frühſtückstiſche mit ſeinem Billet in der Hand und überlegte, ob der Anſtand geſtatten würde, daß ſie zu ihm eile, und mündlich noch Genaueres über die verworfene Perſon zu erfahren ſuche, von der er in ſo nachſichtigem Tone geſprochen. Allein wie groß auch ihre Neugierde war, ſo konnte ſie das Ceremoniell doch in dem Grade nicht überſpringen, um einen Arzt als Geſunde aufzuſuchen; ſie hieß alſo ihre Wünſche ſchweigen, und ſchrieb, zur Er⸗ leichterung ihres Herzens, an ihren Geſchäftsfreund einen langen, ausführlichen Brief, welcher die kurze Bitte enthielt, in der bewußten Sache nun ſofort den beſprochenen Schritt zu thun. Der Staatsanwalt Möſer war dieſer in ihrer geſtri⸗ gen Unterredung getroffenen Uebereinkunft nachzukommen bereit; nachdem er das eben erhaltene Billet zu Ende ge⸗ leſen, entfaltete er das vor ihm liegende zum Verſiegeln fertige Schreiben, und durchlief ſeinen Inhalt noch ein⸗ mal. Es lautete: „Euer Wohlgeboren bin ich beauftragt, als Vormund des Fräulein Tho⸗ rilde von Gasmund, um eine Unterredung zu erſu⸗ chen, welche entweder in Ihrer Wohnung, oder auch in der meinigen ſtattfinden kann, je nachdem es Ihrer Be⸗ NM —» X 53 quemlichkeit zuſagt. Ich habe mir die Stunden von 10— 11 dazu reſervirt und erwarte Ihre Antwort. Euer Wohlgeboren ergebenſter Staatsanwalt Möſer.“ Dieſer Brief, an Herrn Leopold, Tonkünſtler, adreſſirt, wurde nun ſogleich abgeſandt, und der Diener beauftragt, die Antwort mitzubringen. Er fand den ge⸗ nannten Herrn im Bette. Um jeine Verſtimmung los zu werden, war er geſtern Abend noch in eine kuſtige Geſellſchaft gegangen und mit grauendem Tage zurückge⸗ kehrt; nun wurde er in ſeinen Morgenträumen durch eine Botſchaft aufgeſcheucht, welche ihn zugleich mit Hoffnung und Bangen erfüllte. Raſch fuhr er von ſeinem Lager auf, ſchüttelte ſein langes Haar aus dem Geſichte und rief dem Ueberbringer des Briefes zu: daß er in einer halben Stunde bei dem Herrn Staatsanwalte ſein werde. Unru⸗ hig überlegte er dann, während er weiße Wäſche anlegte, was dieſer ihm möglicher Weiſe mitzutheilen haben werde. Nur flüchtig ſtreiften ſeine Gedanken zu der armen Aga⸗ the, deren Liebe er ſo verſichert war, daß er ſie immer noch durch Broſamen überreich zu machen ſich im Stande fühlte. Ihn ganz allein zu beſitzen, wäre für ein ſo unbedeutendes ihn nur halb verſtehendes Geſchöpf des Glückes zu viel geweſen; eigennützig und anmaßend erſchien ihm das Be⸗ 54 gehren, einen Genius, der ohnehin keine Feſſeln ertrug, durch die allergewöhnlichſten Bande an ſich ketten zu wol⸗ len. Auch war ſie nach einer ruhigen Nacht gewiß ſchon zur Erkenntniß dieſes Irrthums gekommen.„Eine Droſchke!“ ſchrie er hinaus, ſchlürfte eine Taſſe ſchwarzen Kaffee, ſtreifte ein paar halbſchmutzige gelbe Glackhand⸗ ſchuhe über die langen, feinen Hände, und ſtürzte ſich in den Wagen. Davon rollte dieſer mit ihm, der Löſung ſeines Geſchickes entgegen. 4. Die Enthüllung. Frau von Gasmund hatte gegen Thorilde noch kein Wort über den Antrag des Herrn Leopold fallen laſſen, und die dem jungen Mädchen angekündigte Unterredung ſchwebte, wie das Schwert des Damokles, über dem ſchönen Haupte, das ſich, ohne mütterliche Erlaubniß, in eine erſte Liebe verſtrickt hatte, deren Strohfeuer allerlei bedenkliche Funken ſprühte.— Sie trug in das große Rechnungs⸗ buch die verſchiedenartigſten Seufzer mit ein, welche ſich unter den Wirthſchaftszuthaten recht ſonderbar ausnah⸗ men. Die Arbeit wollte nicht fortrücken; denn das Ohr der Schreiberin ließ ſie bei jedem Schellen am Vorhauſe, und dem Tone einer fremden Stimme zuſammerzucken, als ob ein Ereigniß damit verknüpft ſei. Ellena's ſchöne 56 Stimme drang dabei aus der Ferne an ihr Ohr. Sie ſang Liebeslieder. Wie lang iſt ſo ein Tag, an welchem das Herz klopft, die Pulſe jagen, und das gehoffte Ja mit dem gefürchteten Nein auf und ab in der Waage ſteigen! Erſt um die Theeſtunde wurde ſie erlöſt, aber nur erlöſt aus ihrer Einſamkeit, nicht aus ihrer peinlichen Un⸗ gewißheit. Frau von Gasmund erſchien ſehr ernſt und nachdenkend. Sie erwähnte nicht, wer bei ihr geweſen ſei. Doch hatte Thorilde Tritte und Männerſtimmen, unter denen ſie die ihres Vormunds zu unterſcheiden geglaubt, vernommen. Oder war es Einbildung geweſen? Man ſprach von gleichgültigen Dingen. Ellena ſchenkte den Thee ein, goß, wie gewöhnlich, Alles über und eine lange Strafpredigt erfolgte, welche der Eintritt eines ſpäten Gaſtes unterbrach. Während man dieſen begrüßte, fühlte Thorilde ein Papier in ihre Hand gedrückt; geſpannt auf Ellena's geheimnißvolle Mittheilung nahm ſie ein Zei⸗ tungsblatt, um dahinter verſteckt die Schrift zu entziffern; allein ſie fand nur die mit Bleiſtift geſchriebenen Worte: „Dein langes Geſicht gefällt mir nicht. Wozu das? Was man nicht in Güte erhält, das nimmt man mit Gewalt.“ So war Ellena von der Sache unterrichtet? Aber wie? Aber durch wen?— Die Mutter hatte gewiß kein 57 Wörtchengegen ſiefallen laſſen. Wieder beklemmte ein Etwas ihre Bruſt, dem ſie keinen Namen zu geben wußte. Frau von Gasmund wich den Mädchen nicht von der Seite; es war heute weniger noch als ſonſt an ein vertrauli⸗ ches Wörtchen unter ihnen zu denken, undder nächſte Morgen verwies jede abermals in ihr beſonderes Zimmer. Wie lange ſollte dieſe Art von Gefangenſchaft fort⸗ dauern? fragte ſie ſich. Während Thorilde im Salon am Schreibtiſche ſaß, hörte ſie die Mutter im Nebengemache unruhig auf und abgehen, wie es gewöhnlich geſchah, wenn ihr Gemüth be⸗ wegt war, oder eine Sorge auf ihr laſtete. Später kam der Geheimrath, darauf deſſen Schweſter, endlich um die Mittagsſtunde der Staatsanwalt Möſer. An eine Pro⸗ menade wurde heute gar nicht gedacht; bei Tiſche genoß Frau von Gasmund keinen Biſſen, Thorilde meinte, ſie nähme die Sache viel zu ernſt, verheiratheten ſich doch an⸗ dere Mädchen in ihrem Alter, warum ſollte ſie durch ſo viele Schwierigkeiten gequält werden? Die unerfahrene Jugend, welche nur ihre eigenen Wünſche ſieht, wird ſelbſtſüchtig aus Unkenntniß der Dinge; nicht Abſicht macht ſie ſo. Sie hätte gern gewußt, was man verhandelte allein wie ſollte ſie es in Erfahrung bringen? Die erſte Liebe iſt furchtſam, ſchon das Ausſprechen des Namens von dem Manne, welchem ſie ihre Gefühle gewidmet, bringt hohes 58 Roth in die Wangen, und ſcheues Verſtecken iſt das Ele⸗ ment, wovon ſie ſich nährt. Es war Dämmerung geworden, und müde ruhte das dunkle Köpfchen in ihren Händen auf dem Tiſche. Sie hatte ſich damit unterhalten, alle Begebenheiten des letz⸗ ten Jahres, die aus Nichts beſtanden und ihr doch ſo wichtig erſchienen, zurückzurufen und aus dem wachen Träumen war ſie in das unwillkürliche übergegangen. Da hörte ſie ihren Namen rufen und fuhr empor. Thorilde! erklang es noch einmal. Es war die Mutter. Sie beſchied ſie zu der gefürchteten und doch jetzt erſehnten Unterredung. Wie ihr das Herz pochte! Wie es ſtill zu ſtehen ſchien und dann plötzlich wieder laut ward! Der Diener brachte Lichter in den Salon. Frau von Gasmund ſchloß bedächtig die in das anſtoßende Zimmer führende Thüre und winkte Thorilden ſich zu ihr auf den weichen Sammetdiwan niederzulaſſen. Sie nahm die Hand des jungen Mädchens, behielt ſie in der ihrigen und ſah ihr dabei kummervoll in das Auge. „Du haſt mir nie Sorge gemacht, Thorilde!“ begann ſie,„und wenn es jetzt geſchieht, ſo nehme ich an, daß nur jugendliche Unbeſonnenheit, nicht überlegter Wille die Urſache ſei. Du haſt Dir nicht vorgeſtellt, daß es mich tief betrüben würde, wenn ein junger Mann durch die Bitte um Deine Hand, unter der Verſicherung, daß es mit Dei⸗ —— —— 59 ner Genehmigung geſchähe, mich überraſchte? Nicht wahr, Du haſt das nicht gedacht? Kleinlaut flüſterte Thorilde:„Nein!“ „Du haſt nicht gewußt, daß man einen Mann nicht zu einer Bewerbung ermuthigen dürfe, ohne zu wiſſen, ob ſeine Stellung in der Welt auch eine ſolche ſei, um einem Mädchen, das Anſprüche machen kann, ſeine Hand bieten zu dürfen. Du wirſt erſt ſiebzehn Jahre alt, und kennſt das Leben nur aus Dichtungen. Torquato Taſſo und der Ritter von Toggenburg ſchwebten Dir vor. Allein die Wirklichkeit ſieht anders aus, mein Kind, als die ideale Welt, womit die Poeſie uns erfreut. Dort iſt den Män⸗ nern die Liebe das Erſte; im Leben aber geht ihnen der Ehrgeiz, die Stellung, ihr Anſehen unter den Menſchen Jeglichem vor, und nach dem, was ſie da erreichen, werden ſie von der Geſellſchaft und folglich auch von den Frauen beurtheilt. Es thut Dir nun wahrſcheinlich weh, wenn ich Dir ſage, daß Herr Leopold die Mittel eine Familie zu gründen, nicht beſitzt und daher, indem er Dich bewegen wollte, ſein Schickſal zu theilen, leichtſinnig mit Deinem Glücke geſpielt hat.“ „Ich kann ja warten!“ fuhr Thorilde auf.„Ich bin ja, wie Du eben ſagteſt, noch nicht ſiebzehn Jahre alt; ſeine Stellung wird ſich indeſſen immer mehr befeſtigen. Bin ich mündig, ſo erhält er dann mit mir mein Erbtheil.“ „So?“ ſagte Frau von Gasmund gedehnt d alle 60 Milde wich plötzlich aus ihren Zügen.„Alſo darauf machtet Ihr bereits Rechnung?— Darf ich aber fragen, wo Du die Jahre bis zu Deiner Majorität zu verleben gedächteſt?“ „Doch wohl hier?“ fragte Thorilde verwundert. „Ohne Zweifel, bis zu meiner Verheirathung, bei Dir?“ „Ohne Zweifel? das fragt ſich doch noch,“ ſagte Frau von Gasmund bitter.„Du vergißt bei dieſem Rechnungsexempel, daß Du mein eigenes Kind nicht biſt. Zum erſten Male muß ich Dich daran erinnern; zum erſten Male, Thorilde, ſeit ich Dich, ein kleines hülfebedürftiges Weſen an ein Mutterherz legte, und mit Muttertreue und Mutterliebe großzog,— zum erſten Male ſei das harte Wort unter uns geſprochen, daß Du nur ein Kind meiner Wahl biſt, und daß Dein Erbtheil, wenn Du meinem Willen zuwider handelſt, Dir verloren geht.“ Hohe Röthe flammte in dem Geſichte der jugendlichen Hörerin auf; dieſer folgte tödtliche Bläſſe, während ſie mit zitternd bewegter Stimme erwiederte:„Du würdeſt mich alſo verſtoßen, ſobald ich mich nach eigener Reigung verhei⸗ rathete?“ „Nicht doch! das wäre hart, wäre grauſam,“ ver⸗ ſetzte Frau von Gasmund milder.„Wähle nach Deinem Herzen; aber wähle Niemand, der nicht als Sohn in mein Haus, in meine Geſellſchaft, an meine Mutterbruſt paßt.“ Habe ich das etwa gethan?“ , ———— 61 „Du haſt es.“ „Ich glaubte die Bildung ſei der beſte Adel.“ „Ich ſpreche nicht einmal von Adel; ich ſpreche nur von Achtbarkeit.“ „Wo ginge dieſe Leopold ab?“ „An allen Seiten, wo er ſich Deinem Auge entzog. Du ſahſt ihn nur am Claviere, ſahſt nur den Künſtler, nie den Menſchen. Du kennſt ſein Thun und Treiben nicht; er iſt Dir unbekannt in ſeinen Beziehungen zu der Welt, zu liebenswürdigen Frauen. Du liebteſt in ihm, was in ihm liebenswerth iſt; ſein Talent;— doch bietet das⸗ ſelbe keine Art von Garantie für Dein Glück, das aus ganz anderen Eigenſchaften hervorgehen muß.“ „Ich bewundere ihn ſo ſehr, daß ich kleine Schat⸗ tenſeiten ſeines Charakters,— wenn ſich dieſe vorfinden ſollten— überſehen könnte. Er brauchte ſich nur an den Flügel zu ſetzen, und über dem Künſtler wäre jede Schwäche des Menſchen vergeſſen.“ „Das meinſt Du? Armes Kind! Doch ſagte ich Dir, wie ſchwer Du dieſen Irrthum büßen könnteſt, ſo würdeſt Du es nicht für möglich halten. Ich will Dir alſo kein ſchwarzes Bild Deiner Zukunft an ſeiner Seite vorführen, das Dir unverſtändlich wäre, Dir unglaublich erſcheinen würde; ſondern nur einfach an Deine Recht⸗ lichkeit appelliren. Wenn Leopold ein früher gebenes 62 Verſprechen zu löſen hätte; würdeſt Du dann ſeine Bitte um Deine Hand gerechtfertigt finden?“ „Das hat er nicht!“ fuhr Thorilde auf und lächelte dazu in ſchönem gläubigen Vertrauen. „Wenn ich Dir aber beweiſen könnte, daß es der Fall wäre?“ „Wie der Fall?— Meinſt Du etwa zu ſagen, daß er ſchon einmal ein Mädchen geliebt hat?— Meinſt Du das; ſo verzeihe ich es ihm gern. Täuſchen doch auch wir uns mitunter in unſern Neigungen; warum alſo er nicht?“ „Du wäreſt es alſo zufrieden, nicht ſeine erſte Liebe zu ſein?“ „Warum nicht? Sobald ich nur ſeine letzte bin?“ „Wer aber bürgt Dir dafür, daß ſein Herz bei Dir ſtehen bleibt?“ „Meine Neigung für ihn, mein Vertrauen in ihn, die tauſend Stimmen in meiner Bruſt, und dieſe innern Stimmen, ſie müſſen Wahrheit reden.— Sieh, Mutter,“ fuhr ſie lebhaft fort,„ich wußte wohl, daß Leopold Dir kein willkommener Sohn ſein würde, ſein könnte; und dar⸗ um dieſe Heimlichkeit, die ich mir tanſendmal vorgeworfen habe. Aber ich liebte ihn, das entſchuldigt Alles. Suche mich nicht von ihm abwendig zu machen, trenne uns nicht, ich bitte Dich! Ich möchte Dich nicht laſſen, ich möchte ihn nicht und doch, ſollte mein Herz entſcheiden zwiſchen 63 der Mutter und dem Manne meiner Wahl, müßte ich da nicht dem letzteren anhangen?— Gerade weil Du auf ihn herabſiehſt, gerade weil Bu ihm vorwirfſt keine Stellung zu haben, keinen vornehmen Namen zu tragen, gerade darum liebe ich ihn nur um ſo mehr; denn es geſellt ſich auch das Mitleid zu meiner Liebe; er thut mir leid, ich möchte ihm ſeine Sorgen abnehmen, möchte ihn heben, möchte ihm Alles das, was ſeinem Leben fehlt, geben können. Darum auch dachte ich an mein Vermögen. Nur ſeinetwegen möchte ich es beſeſſen haben, und wenn ich keines beſitze, ſo thut es mir nur ſeinetwegen leid. Ich kann ja ſonſt ſo wenig für ihn thun, denn ſeine Kunſt giebt ihm Alles; ſie iſt ſeine Welt, ſie iſt ſein Himmal, ſie ſein Paradies; zu ihr flüchtet er mit ſeinem Glücke, zu ihr mit ſeinem Schmerze. Was braucht er mich da? Es iſt ja nicht mit ihm, wie mit andern armen Menſchenſöhnen, die des Wortes bedürfen, um von ſich abzulöſen, was ſie freut und was ſie quält; denn er hat ſeine Töne, die ihm antworten, die ſein Echo ſind. Weil ich nun fühle, wie entbehrlich ich ihm bin, ſo bin ich um ſo dankbarer, daß er dennoch mich an ſeinem reichen Leben will Theil nehmen laſſen. Er verdient daher nicht, daß Du ihm eine kalte Antwort ertheilſt, Mutter, er verdient es wahrlich nicht, denn er meint es ſo gut.“ Sie faltete die zarten Hände flehend in einander und richtete die ſchönen dunkeln Augen mit dem Ausdrucke der innigſten Bitte zu ihr empor. 64 Schmerzlich bewegt wandte Frau von Gasmund den Blick von ihr ab. „Du marterſt mich!“ ſagte ſie traurig. „Mutter! Meine geliebte Mutter! Meine Wohl⸗ thäterin!“ fuhr Thorilde fort.„Sei einmal billig, laß Dein Vorurtheil fahren, ſieh in dem Künſtler den gebildeten Menſchen, wende ihm als ſolchem Dein Wohlwollen zu! Sage Ja, und ich werde ſo unendlich glücklich ſein. Laß mich frei!“ „Nie!“ fuhr Frau von Gasmund auf. „Was haſt Du an ihm auszuſetzen, als daß er arm iſt?“ fuhr Thorilde fort.„Iſt Armuth aber ein Fehler? Wird Leopold nicht mit jedem Jahre in ſeiner Kunſt ſtei⸗ gen?— Und da ich keine Anſprüche mache, mit ihm ent⸗ behren, mit ihm hoffen kann und will, warum wollteſt Du Dich gegen ein einfaches Leben ſetzen, wenn es mir Glück bringt?“ „Es bringt Dir kein Glück!“ ſagte Frau von Gas⸗ mund beſtimmt.„Es bringt Dir Noth und Sorge, Kum⸗ mer und Elend.“ „Warum meine Zukunft in ſo ſchwarzem Lichte ſehen?“ „Weil ich wahr ſehe; weil ich weiß, daß Du es nicht ertragen würdeſt, Dich in einer beſchämenden Lage zu be⸗ finden; Du vor Allen nicht; denn Dir liegt an der Mei⸗ nung der Welt.“ 65 „Die Gattin eines Mannes von Talent lebt in keiner beſchämenden Lage,“ ſagte das Mädchen mit erhobenem Kopfe. die Gattin eines Clavierlehrers.“ „Alle großen Künſtler haben Unterricht ertheilt, es iſt dies eine Beſchäftigung, zu der ſchon Neigung ſie treibt, ſie lehren die Kunſt der Kunſt willen.“ „Das hat er Dir geſagt?“ „Ja, und noch viel mehr hat er mir geſagt.— Auch für meine eigene Lage hat er mir Verſtändniß gegeben,“ rief Thorilde gereizt. „Wie ſo? Wie für Deine eigene Lage?“ fragte Frau von Gasmund erwartungsvoll. „Für meine eigene Lage,“ fuhr Thorilde fort und ſchlug das Auge nieder, während ein Ausdruck bitterer Wehmuth den reizenden Mund umzog,„denn ich wußte ja nicht, warum man in ber Geſellſchaft, ſo wie mein Name genannt wurde, ſich ſo ſeltſam anſah, und einander mir unverſtändliche Fragen vorlegte. Ich war ſo ſorgenlos froh aufgewachſen, und hatte es nie bezweifeln lernen, daß Du meine wirkliche Mutter ſeieſt, bis—“ „Nun bis—“ fragte Frau von Gasmund immer erwartungsvoller. „Bis jene halben Worte und Blicke mich belehrten, daß ich nur ein— geduldetes Mitglied Deines Kreiſes Amely Boelte: Die Mantelkinder. 1. 5 66 ſei.— Das rief meinen Stolz wach!— Ich mag dies Mitleid nicht.“ Mühſam ſtieß ſie die letzten Worte heraus und kniete vor Frau von Gasmund hin, begrub ihr Haupt in deren Schooß und ſchluchzte laut. Sanft ſtreichelte dieſe ihr Haar. Ihre ganze Zärtlichkeit für dies Kind ihrer Wahl erwachte.„Du, geduldet?“ rief ſie empört.„Du, mein Stolz, mein Glück! Du, in jeder Weiſe erzogen, um in den erſten Kreiſen der Hauptſtadt zu glänzen, Du, geduldet? Wer konnte eine ſo thörigte Aeußerung fallen laſſen?“ „Man hatte wohl ein Recht ſie fallen zu laſſen, denn— wer bin ich, was bin ich, Mutter?— Ein armes Mädchen, ohne Familie, ohne Namen.“ „Ohne Namen? Nein, Du trägſt den Deines Vaters. Wer kann auf dieſen einen Makel werfen?“ „Aber meine Mutter? Wer ſie war, erfuhr ich nie.“ „Gleichviel, Dein Vater blieb Dir.“ „Ich trug, als ich geboren ward, nicht ſeinen Namen.“ „Was liegt daran, ſobald er Dir nur ſpäter ward?“ „Nein, meine Mutter! Wie wir es auch beſchönigen, wie Du auch den Schein wahreſt, und unſere Verhältniſſe der Welt zu verhüllen ſuchſt, die Welt ahnt ſie nicht minder. Kein Mann von Familie kann mir ſeine Hand bieten, ohne eine Mißheirath zu begehen. Mögen wir es drehen und 2 — 67 wenden, wie wir wollen, ich bin und bleibe detes Mitglied Deines Kreiſes; kind.“ Frau von Gasmund verhüllte ihr Geſicht und ſchluchzte. „Du tödteſt mich, Thorilde, mit dieſer Auffaſſung Deiner Lage!“ hob ſie endlich an, nachdem ſie zuvor einen Kuß auf das wieder in ihren Schooß geſenkte Köpfchen gehaucht hatte.„Wer konnte ſo grauſam ſein, Dich mit Dingen bekannt zu machen, die Dir ewig fremd bleiben ſollten? Wer konnte durch ſolche Enthüllung Dir Deine Jugend trüben, und Dir die unbefangene Freude am Daſein rauben? Wer konnte das Gift des Mißtrauens gegen die Menſchen, mit denen Du in Berührung kommſt, in Deine Seele träufeln? Iſt das Leopold's Werk, ſo erkenne ich an dieſer einzigen That ſein ſchwarzes Herz. Er wollte Dich uns entfremden, Dich von Deiner Familie losreißen, ſie zu Deinen natürlichen Feinden machen. Sage ſelbſt, ob das recht, ob das gut war?— Wenn er Dich geliebt hätte, ſo würde er Dein Glück im Sinne gehabt haben und das forderte ſein Schweigen; ſein unverbrüchliches Schweigen.“ „Ich ſelbſt war es, die Wahrheit um jeden Preis von ihm forderte!“ ſagte Thorilde erſchüttert. „Wie ein Kind fordern würde, daß man ihm ein Meſſer in das Herz ſtoße; wer aber würde ihm dieſe Bitt⸗ 5* — ein gedul⸗ ich bin ein Mantel⸗ 68 gewähren wollen?— Es war ein moraliſcher Todſchlag, den er an Dir beging. Deine glückliche Blindheit, wer giebt ſie Dir nun wieder? Niemand! Der ruhige Frieden Deiner Seele iſt geſtört, die Welt ein Kampfplatz für Dich geworden, Argwohn begleitet Deine Schritte, Du wähneſt hinter jedem Lächeln den Verrath, Du mißtraueſt jedem Wohlwollen.“ „So iſt es, meine Mutter!“ fiel Thorilde mit einer tonloſen Stimme ein.„So iſt es! Darum laß mich mit Leopold ziehen; darum laß ihn mit ſeinem Namen dieſes arme Leben ſchützen und bedecken. So viele Kinder ſterben in der Wiege; warum mußte gerade mich der Tod verſchonen?“ „Thorilde! Mein armes Kind!“ rief Frau von Gas⸗ mund, und ſchloß ſie mütterlich an ihre Bruſt,„haſt Du hier nicht eine Stätte, wo Du geborgen biſt?“ „Nicht geborgen, Mutter!“ ſagte Thorilde ſich auf⸗ richtend, mit wehmüthiger Neigung des ſchönen Hauptes. „Die Welt findet mich auch dort. Die Sünden der Väter ſtrafen ſich an den Kindern; der Tod allein hätte mich ſchützend bewahren können; lebend bin und bleibe ich ein Aufdringling. Darum laß mich fortgehen, aus Verhält⸗ niſſen, welche den Vorwurf dieſes Makels täglich neu mir entgegentragen und meinen Stolz beleidigen.“ „Armes Kind!“ rief Frau von Gasmund mitleidig. „Könnte ich Deinen Wunſch erfüllen, ohne gewiſſenlos an vc)—— 69 Dir zu handeln, ſo würde mich in dieſer Stunde nichts davon abhalten Dir Deine Bitte zu gewähren, um nur auf Deinem lieben Antlitze das frohe Lächeln wiederzuſehen, das mich ſtets beglückte!— Meine Liebe für Dich iſt die einer Mutter, was Dich betrübt, betrübt mich doppelt.— Wie aber kann ich Dir helfen?“ „Laß mich ziehen, Mutter!“ ſagte ſie wieder mit jener ruhigen Kälte des Tones, welche tiefer rührte, wie es die zärtlichſten Worte vermocht hätten. „Du möchteſt von mir fort, um jeden Preis Dich meiner Obhut entziehen? Fühlſt Du nicht, wie hart dieſe Forderung iſt?— Ich habe Dir mein Leben gewidmet; ſo ſehe ich nun meine Sorge gelohnt! Aber laſſen wir das. Du biſt in einer Stimmung, wo man mit Dir über die Billigkeit Deines Thuns nicht rechten kann. Sage mir nun vorerſt aufrichtig: iſt es nur der Wunſch einen andern Namen zu tragen, der Dich, wie ich jetzt hoffe, bewog, Leopold's Hand annehmen zu wollen, oder— liebſt Du ihn wirklich?“ „Ich liebe ihn!“ rief das Mädchen und ihr Auge leuchtete auf.„Für ihn zu leben wäre des Lebens noch werth; denn ihm bin ich hochgeboren.“ Dieſer Ausruf ließ Frau von Gasmund ſtutzen. Es wurde ihr plötzlich klar, wie viel Theil gekränkter Stolz an der Liebe ihrer Pflegetochter für den Tonkünſtler habe. Den Vortheil dieſer gewonnenen Einſicht benützend, ſagte ſie:„Wenn er ſelbſt aber auf Dich verzichtete, ſobald er erführe, daß Du ihm kein Mitgift brächteſt?“ „Das wird er nicht!“ fuhr Thorilde auf. „Warten wir es ab!“ verſetzte die Mutter mit feinem Lächeln. Die Mittheilung find wir ihm jedesfalls ſchuldig.“ Verkaufte Liebe. Leopold trat während der Zeit mit befangener Miene bei dem Staatsanwalte Möſer ein. Dieſer empfing ihn höflich, aber kalt.„Ich danke Ihnen, daß Sie ſich zu mir bemüht haben,“ ſagte er, ihm einen Schritt entge⸗ gentretend, und wies ihm den Platz im Lehnſtuhle, der ne⸗ ben ſeinen Schreibtiſch gerückt ſtand und für die Clienten beſtimmt war, an. Eine kurze Pauſe fand ſtatt. Möſer benutzte dieſe, um einen Blick in das Antlitz des jungen Künſtlers zu werfen, welcher ihm bis heute ganz unbe⸗ kannt geblieben und deſſen Charakter zu erſpähen jetzt von Intereſſe für ihn war. Die kurze Prüfung genügte. Schwäche und Gehaltloſigkeit ſtanden in dieſen Zügen ge⸗ ſchrieben, von ſtarker Männlichkeit war nirgends eine Spur. Wehe der Frau, welche ſich an dieſes Rohr lehnte, das ſich vor jedem neuen Eindrucke beugte. So ungefähr lautete das Reſultat ſeiner kurzen Prüfung, die er mit folgender Anrede an ſein vis-à-vis ſchloß: „Sie haben, auf die Neigung von Fräulein Thorilde v. Gasmund fußend, um dieſe angehalten; ich, als deren Vormund, muß mir nun aber die Frage erlauben, welche Mittel, um die junge Dame ſtandesmäßig erhalten zu können, Ihnen zu Gebote ſtehen?“ Leopold wurde roth bei dieſer Frage. Er warf einen lauernden, hämiſchen Blick auf den Staatsanwalt; ſeine Lippen preßten ſich, wie in verhaltener Wuth, zuſammen. „Die Einnahme eines Künſtlers iſt dem Zufalle unterworfen, es läßt ſich darüber kein Budget feſtſtellen,“ ſagte er endlich kurz.„Ein Mädchen, das mich liebt, wird, was das Glück mir bringt, mit mir theilen. Von einem ſtandesmäßigen Unterhalte kann außerdem doch eigentlich nicht die Rede ſein, da Fräulein von Gasmund, ſo viel ich weiß, nicht von Stand iſt. Als Gattin eines Künſtlers aber gehört ſie keiner Kaſte an, das Genie iſt von Got⸗ tes Gnaden und kann auf Erden nach Gefallen leben. Uebrigens wird ſie kein Mangel treffen; denn davor ſichert ſie ſchon ihre Mitgift.“ Dieſe mit Jronie vorgetragene Erwiederung brachte auf den Staatsanwalt keinen günſtigen Eindruck hervor. Er lehnte ſich in ſeinen Seſſel zurück, und erwiederte mit eiſigem Tone: 73 „Sie ſcheinen über die Privatverhältniſſe der Fami⸗ lie von Gasmund falſch berichtet zu ſein.“ „Nicht daß ich wüßte.“ „Das Gerücht nennt mein Mündel vielleicht reich; allein auf ſolches on dit der Welt dürfen Sie nicht bauen. Frau von Gasmund lebt allerdings auf einem Fuße, wel⸗ cher ein anſehnliches Vermögen bei ihr vorausſetzen läßt; allein wer ſagt Ihnen, daß ſie dies ihrer Tochter vermachen werde? Eine Frau in ihrem Alter kann ſogar noch an eine zweite Heirath denken.“ „Auch würde ich darauf nicht bauen,“ verſetzte der junge Tonkünſtler mit demſelben ironiſchen, herausfordern⸗ den Ausdrucke;„was Thorilde der Gunſt dieſer hochmüthi⸗ gen Frau verdanken ſollte, möchte ich nicht einmal in ihrem Beſitze wiſſen; doch was ihr das Teſtament des Vaters zuſpricht, mag ſie mit gutem Gewiſſen wie ihr rechtmäßi⸗ ges Eigenthum hinnehmen.“ „Sie kennen dieſes Teſtament alſo?“ „Ich kenne es.“ „Darf ich fragen, wie Sie mit ſeinem Inhalte bekannt geworden ſind?“ „Ich glaube dies gehört nicht zur Sache.“ „Nein,“ erwiederte der Staatsanwalt kurz.„Da es hier beim Gerichte niedergelegt war, ſo konnten Sie eine Abſchrift davon erbitten.“ „Ich konnte das.“ „Sie ſind demnach bei Ihrer Bewerbung recht plan⸗ mäßig und vorſichtig zu Werke gegangen, wie es ſcheint?“ Leopold biß ſich in die Lippen. „Sie werden mir dafür Ihren Beifall zollen,“ er⸗ wiederte er mit bitterm Hohne.„Wenn meine Kunſt nach Brod gehen muß, ſo ſollte meine Gattin, auch ohne von Geburt zu ſein, für ihre Exiſtenz von keinem Tagelohne abhängen.“ Der Staatsanwalt räuſperte ſich. „Ohne dieſe Sicherheit würden Sie alſo nicht um das Mädchen angehalten haben, wie es ſcheint? Hm! Ich kann das allerdings„„nur loben.““ „Ich glaube Ihnen das!“ warf Leopold ironiſch ein. „Wie nun aber, wenn das Mädchen auf dieſe Summe, welche ihr der Vater ausgeſetzt hat, unter gewiſſen Um⸗ ſtänden doch keine Anſprüche hätte?— Sie würden dann zurücktreten, nicht wahr?“ „Das Teſtament redet von keiner Clauſel; es iſt kein Vorbehalt genannt;“ ſagte Leopold übermüthig. „Nein. Sie haben es ſorgfältig und richtig geleſen, wie ich ſehe. Allein wenn es dem Vormunde zuſtände, hier verhindernd einzutreten?“ „So giebt es in Preußen Geſetze, welche es ihm ver⸗ bieten könnten,“ rief der junge Künſtler triumphirend. „Freilich, ſobald er nicht ſelbſt auf dem Boden des Geſetzes ſtände; allein von einen Advocaten läßt ſich dies 75 kaum erwarten. Trauen Sie mir alſo zu, Herr Leopold, daß ich in dieſer Angelegenheit nicht über meine Inſtruc⸗ tionen hinausgehen werde.“ Leopold verbeugte ſich ſtumm. „Dieſe lauten dahin,“ fuhr unbeirrt der Advocat fort,„daß, im Falle Fräulein Thorilde von Gasmund in irgend einer Weiſe des von dem Verſtorbenen ihr zugeſtan⸗ denen Namens ſich unwerth bezeigen, eine ihren Familien⸗ beziehungen unangemeſſene Lebensſtellung erwählen, wie etwa auf die Bühne gehen, eine nicht wünſchenswerthe Hei⸗ rath ſchließen, kurz irgendwie den Anſichten ihrer Mutter und ihres Vormundes in Uebereinſtimmung zuwiderhan⸗ deln ſollte, der ihr in dem Teſtamente zugeſicherten Erb⸗ ſchaft für verluſtig zu erklären ſei und man ſie von Stund' an ihrem Schickſale überlaſſen könne. „Das iſt eine Tyrannei!“ rief der junge Künſtler empört aus.„Dieſe Inſtruction wird Sie nicht ermächti⸗ gen, in ſo grauſamer Weiſe mit dem armen Mädchen zu verfahren. Es wird Frau von Gasmund nicht gelingen, ihr ein rechtmäßiges Erbtheil vorzuenthalten!“ „Ich will Sie nicht zwingen, meinem Worte zu glau⸗ ben,“ ſagte der Staatsanwalt kalt.„Bemühen Sie ſich gefülligſt zu einem Advocaten, und befragen Sie ihn um ſeine Anſicht von der Sache; er mag Ihnen den Para⸗ graphen unſeres Geſetzbuches aufſchlagen, wo geſchrieben ſteht: daß jeder Teſtator berechtigt iſt, durch ein ſolches Codicill ſein Teſtament zu ergänzen. Die Abſchrift dieſes Codicills ſteht zu Ihrer Verfügung.“ „So muß man das Teſtament umſtoßen!“ „Verſuchen Sie es.“ Dieſe eiskalte Antwort ließ den Künſtler zu einem anderen Tone übergehen. „Und ſollte auf dem Boden des Geſetzes dem armen Mädchen kein Recht erblühen,“ ſagte er wegwerfend,„nun, ſo muß ſie ſich beſcheiden und an des armen Künſtlers Ta⸗ fel von einem Gerichte Gerngeſehen ſpeiſen lernen. Ausge⸗ ſtoßen, geächtet von ihrer Familie, ſoll ſie in der meinigen eine Stätte finden, wo man ſuchen wird ſie vergeſſen zu machen, welches bittere Unrecht die Verwandten von Ge⸗ burt ihr zugefügt.“ „Ihre Familie?“ fragte der Staatsanwalt und rich⸗ tete den Blick ruhig auf ſein Geſicht.„Rechnen Sie zu Ihrer Familie etwa Frau Agathe Müller?“ Es war, als hätte ein Scorpion den Künſtler ge⸗ ſtochen. Aſchgrau wurde ſeine Farbe. „Sie beleidigen mich, mein Herr!“ ſtammelte er. „Wie ſo?“ fragte jener gedehnt.„Es war nur eine beſcheidene Frage. Man hat mir geſagt, daß ſie dort viel aus⸗ und eingehen.“ 5 „Ich verſtehe. Man hat mich verleumdet!“ „Warum verleumdet? Scheint Ihnen Ihre Bezie⸗ 77 hung zu jener Dame der Art, daß man ſie in einem ge⸗ häſſigen Lichte darſtellen könnte?“ „Warum nicht? Die Prüderie nimmt an Allem Anſtoß. Der Philiſter mit ſeinem langen Zopfe ſieht in jeder Beziehung zu einer Frau ein unrechtmäßiges Ver⸗ hältniß. Nur dem Reinen iſt Alles rein.“ „Alſp Ihnen?“ Zum erſten Male umſpielte ein leich⸗ tes ironiſches Lächeln die Lippen des Staatsanwalts bei dieſem„alſo Ihnen?“„Wir wollen darüber nicht ſtreiten, Herr Leopold,“ fuhr er dann fort,„laſſen Sie mich immer⸗ hin den Zopf repräſentiren, und nehmen Sie für ſich die Reinheit des Herzens in Anſpruch; ein Glück für Sie, wenn Sie ſich ſo über ſich ſelbſt täuſchen können. Aber allen Ernſtes muß ich jetzt die Frage an Sie richten; ob Sie, wenn Fräulein Thorilde von Gasmund ihr Erbtheil durch eine Verbindung mit Ihnen einbüßen ſollte, dennoch bei dieſer Verbindung beharren würden?“ „Der Zweifel ſchließt eine Beleidigung ein, Herr' Staatsanwalt,“ verſetzte der junge Mann mit erhobenem Haupte. „Ich bitte meinen Worten keine ſolche Auslegung zu geben. Ich rede als Geſchäftsmann, ich habe meine Pflicht zu thun.— Sie erklären, daß Sie aus dieſem Grunde Ihre Bewerbung nicht einſtellen würden. Da nun aber ich, als Vormund, ſowie Frau von Gasmund als Mutter, gegen dieſe Verbindung nicht zu beſeitigenden 78 Einwand zu erheben haben, ſo ſind wir übereingekommen, Ihnen ein Compromiß vorzuſchlagen. Ihre Neigung zu dem Fräulein kann Sie nicht blind gegen die Unannehm⸗ lichkeiten machen, welche, wenn Sie ſie arm und verſtoßen in Ihr Haus führten, nicht ausbleiben würden.“ „Es iſt eine entſetzliche Ungerechtigkeit!“ rief Leopold aus.„Es iſt ein Hochmuth, welcher eine Strafe verdient!“ „Sie mißverſtehen unſere Gründe. Es iſt nicht zu⸗ nächſt Ihr Stand, ſondern Ihr Charakter, Herr Leopold, um deſſen willen Frau von Gasmund ihre Zuſtimmung nicht geben kann.“ „Herr Statsanwalt!“ fuhr dieſer auf. „Hören Sie mich ruhig an,“ ſagte dieſer beſänftigend und winkte ihm den Sitz ihm gegenüber wieder einzuneh⸗ men. Leopold entſchloß ſich dazu mit reſignirter Miene. „Sie haben mich vorhin unter dem Philiſter verſtan⸗ den. Es iſt wahr, ich hege Ihnen gegenüber h usbackene Anſichten von unſerem bürgerlichen Leben, von den Bezie⸗ hungen der Familie, von Ehre, Treue und Pflicht; ich weiß, daß Dichter und Künſtler wähnen, dieſe enggezogene Linie ſei nicht für ſie da; ſie überlaſſen ſich gern ihren Wallungen, ſie laſſen ſich hinreißen von ihren Empfindun⸗ gen, weil es Ihnen an Begriffen fehlt; ſie arbeiten nicht an ihrem innern Menſchen, ihr Beruf hat nichts mit Ehre und Pflicht zu thun, ſie ſind auf Beifall und nicht auf Ach⸗ tung bei ihren Leiſtungen angewieſen. Sie laſſen ſich in 79 allen Stücken gehen. Es iſt daher nicht Ihre Stellung als Künſtler, ſondern was der Künſtler als Menſch iſt, weshalb Frau von Gasmund mit ihrem Willen niemals eine Tochter Ihnen geben würde; Fräulein Thorilde aber eignet ſich weniger noch, als mauche andere Mädchen, für eine ſolche Lage. Sie iſt zart von Körper und verwöhnt. Sie iſt ſehr ehrgeizig und ſtolz. Wie paßt ſie alſo mit die⸗ ſen Eigenſchaften in ſolche Verhältniſſe?— Wenn Sie die Sache vernünftig überlegen, werden Sie ſelbſt einſehen, daß Sie ſich und das Mädchen unglücklich machen. Ich möchte Ihnen alſo einen Vorſchlag zur Güte thun. Geben Sie Thorilde, weil es Ihr beiderſeitiges Wohl erfordert, auf und reichen Sie Frau Agathe Müller Ihre Hand. Frau von Gasmund bietet Ihnen dafür die Hälfte des Thorilden von ihrem Vater ausgeſetzten Vermögens. Dies Capital wird Ihre Lage bedeutend verbeſſern, es wird Sie großer Sorgen entheben. Die Kunſt geht nicht gern nach Brod, ich weiß es, Sie müßten außerdem manche Opfer bringen, um eine zweite Häuslichkeik aufrecht zu erhalten; verſchmelzen Sie das jetzt Alles, machen Sie Eine Familie daraus und Sie werden ſorgenlos Ihrem Berufe leben können. Ich rathe Ihnen als Freund, ich rathe es Ihnen wohlmeinend, als älterer Mann dem jüngeren, nehmen Sie meinen Vorſchlag an!“ Der Staatsanwalt hätte noch lange, ohne von Leo⸗ pold unterbrochen zu werden, fortſprechen können, denn die⸗ ———. ſer ſaß, das Haupt in die lange Hand geſtützt, wie mit ſeinen Gedanken weit abweſend, einem Träumenden gleich, da. Eine Pauſe entſtand. „Nun?“ fragte endlich der Staatsanwalt mit erho⸗ pener Stimme.„Darf ich hoffen, daß Sie der Vernunft Gehör geben?“ Levpold fuhr auf. Er ſammelte ſich, wie Jemand, der in tiefem Schlafe befangen geweſen iſt. Darauf ſeufzte er. „Sie wollen es!“ ſagte er und der Ausdruck leichten Spottes kehrte um ſeine Lippen zurück.„Ihr Vorſchlag macht mich zu dem, was ich ſonſt nicht geworden wäre. Aber ich muß Thorilde vorher noch ſehen.“ „Ich weiß nicht, ob dies wünſchenswerth iſt,“ entgeg⸗ nete der Staatsanwalt überlegend. „Vielleicht Ihnennicht, aber mir,“ verſetzte der Künſt⸗ ler gereizt. „Wenn es Bedingung von Ihrer Seite iſt, ſo müſſen wir dieſe eingehen. Aber was kann es Ihnen nützen?“ „Wie Sie wollen,“ ſagte Leopold achſelzuckend. „Gut denn, es mag ſein. Die Unterredung wird Ihnen gewährt; doch vorher unterzeichnen Sie die Entſa⸗ gungsacte und nehmen den Wechſel auf die Ihnen dafür ge⸗ zahlten zehntauſend Thaler in Empfang.“ „Ah! ich ſehe!“ ſagte der Künſtler mit ironiſchem 4 81 cheln.„Nun gut. Es ſei, wie Sie geſagt. Dies für das. Sie ſind ein ſehr kluger Mann, Herr Staatsanwalt allein wir werden ja ſehen. Wer zuletzt lacht, lacht am beſten.“ „Und Ehrlichkeit währt am längſten,“ erwiederte der Advocat und maß ihn mit ſeinen hellen Augen ſo offen, als wolle er ihm bis in die tieffte Seele ſchauen. Sie ſchieden kalt von einander. Möſer war über⸗ zeugt, daß Jener irgend etwas im Sinne trage, wodurch er Vormund und Mutter für ihre Weigerung zu ſtrafen ge⸗ denke. „Was kann er aber thun?“ fragte er ſich wiederholt und wie er auch darüber nachſann, ſo wollte keine Ver⸗ muthung in ihm aufſteigen. Er ſetzte einſtweilen die Acte auf und fuhr dann zu Frau von Gasmund, um ihr das Reſultat ſeiner Unterredung mit dem Künſtler mitzutheilen. Dieſe weinte Freudenthränen. Ihr war das Kind ihrer Wahl dadurch neu geſchenkt, und doppelt empfand ſie jetzt, ſeit deren Verluſt ſie ſo nahe bedroht, was ihr Thorilde geweſen. Die von ihr geopferte Summe war erheblich; allein das ſchmerzte ſie nicht, denn im Vergleiche zu dem jetzigen Gefühle ihres Glückes kam ihr Alles klein vor. So iſt es, wenn das Herz alle ſeine Empfindungen auf eine Nummer geſetzt hat; kommt dann eine Niete heraus, ſo hört der Pulsſchlag des Lebens gleichſam auf, und die Erde gleicht einer Wäſte. Glücklich der, welchem ſeine Nummer bleibt, und weiſe, Amely Boelte: Die Mantelkinder. 1. 6 wer dem Schickſal keine ſolche Gelegenheit, das Gebäude ſeiner Hoffnungen mit einem Schlage zertrümmern zu kön⸗ nen, bietet. Die größte Schwierigkeit blieb nun nu, wie man Thorilde auf das Geſchehene vorbereiten könne, und in eletzte Unterredung mit dem Künſt⸗ welchem Sinne ſie dieſ ler aufzufaſſen habe. Eine bittere Erfahrung. Frau von Gasmund brachte die Nacht neben dem Lager ihrer Adoptivtochter auf einer chaise longue ruhend zu, und überwachte deren von unruhigen Träumen unter⸗ brochenen Schlummer. Die Unterredung hatte dieſer ein nervöſes Kopfweh zugezogen, das ſie beängſtigte. Mit banger Sorge ſah ſie daher dem kommenden Tage ent⸗ gegen, welcher für Thorilde noch mehr peinliche Auftritte mit ſich führen ſollte. Fllena war, als ſie ſich erhob, im Zimmer und ſie hieß dieſe, um jeder Wiederaufnahme ihres Geſpräe e vm geſtrigen Tage vorzubeugen, dort verweilen. ie ſtückten alle drei vor dem Lager Thorildens. Später, als ihr der Staatsanwalt gemeldet wurde, rief ſie die Jungfer herein, ihren Platz ſo lange zu vertreten. Thorilde ver⸗ 6* 84 langte bald darauf ſich anzukleiden. Obgleich noch erſchöpft von der gewaltigen Aufregung, fonnte ſie dennoch das Ruhen nicht länger ertragen. Ihr war zu Muthe, als drohe ihr noch ein großes Unglück! Sie fuhr bei jedem Geräuſche zuſammen, der Klang jeder fremden Stimme ließ ſie er⸗ beben. So oft draußen die Schelle gezogen ward, ſchwebte Leopold's Name auf ihren Lippen. Sie zitterte bei dem Gedanken an ſeinen Zorn, wenn man ihm die Vermuthung ausſpräche, daß er ſie, weil ſie ohne Vermögen ſei, aufgeben würde. Ellena trällerte ein Lied, und ſchürzte dabei vor dem Spiegel die langen goldblonden Flechten über ihre Stirne. „Ich ſoll Dich unterhalten, Dich erheitern, hat die Mutter geſagt,“ warf ſie dazwiſchen hin,„allein ich weiß traurigen Leuten nichts zu ſagen, als daß ich jede Traurig⸗ keit für eine Dummheit halte. Wer jung und geſund iſt, ſollte ſich ſeines Lebens freuen. Sieh den blauen Himmel und die lachende Sonne; ſieh das erſte friſ che Grün vorunſerm Fenſter und die tommenden Blüthen! Das Alles ſpricht von Hoffnung, Luſt und Freude. Wenn nun die Nachti⸗ gallen zu ſingen beginnen, und der Mond Abends über die Erde hinſcheint, dann wird es erſt recht ſchön in dieſer Welt, und luſtig will ich dann ſein!— Nur Eins fehlt mir— Berge.“ „Du haſt ja den Kreuzberg!“ fiel Thorilde ſpot⸗ tend ein. 85 „Der Maulwurfshaufen!“ ſagte Ellena gutmüthig. „Nein, das genügt nicht. Berge will ich, welche die Welt in ihrem Entſtehen durch furchtbare Revolutionen him⸗ melhoch empor trieb, welche die Erde beherrſchen und der Ebenen ſpotten.“ „Nun und was wollteſt Du mit dieſen Bergen be⸗ ginnen?“ „Von da herab Lieder an die Freude ſingen, in welche Wald und Flur und die ganze lebende Natur mit ein⸗ ſtimmten? Sieh! das wäre meine Luſt und mein Glück.“ „Ich glaube, Du würdeſt es nicht lange auf Deiner Höhe aushalten,“ erwiederte Thorilde.„Ganz allein dort würde Dir die Zeit bald lang werden.“ „Mit nichten, ma sceur!“ ſagte dieſe mit vernei⸗ nender Bewegung des ſchönen Hauptes.„Du kennſt mich nicht, wenn Du glaubſt, daß ich der Menſchen bedürfe! Wald und Flur und Freiheit, das brauche ich. Die Ele⸗ mente ſind meine liebſten Gefährten. Wenn der Wind ſauſt, und ich meine Kräfte in ſeinem Toſen erprobe, ha! wie iſt mir dann ſo wohl!— Wenn das Waſſer rauſcht, höre ich ihm ſtundenlang zu.— Komme ich einmal in die Morgenluft hinaus, ich arme Stadtpflanze, wenn der Thau noch auf den Blättern liegt, dann athme ich mir die Bruſt ſo voll und fühle, daß ich lebe. Das iſt Hochgenuß.“ „Mir nicht!“ ſpottete Thorilde. „Ich weiß es,“ erwiederte jene mit unerſchütterlichem ee Gleichmuthe.„Du mußt lange ſchlafen; ſonſt gähnſt Du den ganzen Tag. Du lebſt erſt am Abend recht auf, Dir iſt Kerzenglanz lieber, wie Sonnenlicht, Dein Ohr muß Menſchenſtimmen vernehmen und Worte, wo mir Töne genügen. Du mußt in einer Kutſche fahren und Dich durch einen Bedienten anmelden laſſen; während ich mich am liebſten meinen eigenen Füßen anvertraue und ſelbſt mein Bote bin. Die Mutter hat Dich darum auch ſtets mir vorgezogen, weil Du ſo viel mehr Sinn für das conven⸗ tionelle Leben zeigteſt.“ „Du haſt Dir wenig aus ihrer Zuneigung gemacht, ihre Zufriedenheit war Deinem Glücke nie nothwendig; wenn ſie zürnte, ſahſt Du ſie nur verwundert an, wo ich weinte.“ „Wahr!“ warf Ellena zuſtimmend ein.„Ich begriff eigentlich nie, was ſie von mir wollte oder aus mir zu machen bedacht war, und that ihr ihren Willen nur, weil ich die Ueberzeugung hegte, daß ſie es gut meinte.— Man hatte dann wenigſtens Ruhe, hörte keine Vorwürfe mehr! Ich kann Dir aber gar nicht ſagen, wie ſehr ich mich danach ſehne, nicht länger einer ſolchen Aufſicht unter⸗ worfen zu ſein! Unſere Wohnung iſt eigentlich eine Art Gefängniß.“ „Wir können doch nicht auf offener Straße leben? Junge Mädchen müſſen einmal gehütet ſein, weil ihr guter Ruf ihr höchſtes Gut iſt.“ 87 „Siehſt Du? Du behältſt ſolche Phraſen vortrefflich. Ich erinnere mich wohl ſie auch gehört zu haben; allein— es geht da hinein, und hier heraus.“ Sie dentete dabei auf die kleinen ſchön geformten Ohren, welche das Haar halb entblößt ließen. „Das iſt aber nicht gut,“ ſagte Thorilde ermahnend. „Du ſollteſt Dir es merken. Man muß ſo etwas wiſſen.“ „Nun willſt auch Du noch die Gouvernaute ſpielen?“ fragte Ellena mit demſelben Gleichmuthe.„Dich kleidet es nun erſt gar nicht. Du biſt ſo jung, ſo klein von Ge⸗ ſtalt, ſelbſt ſo wenig vernünftig.“ „Wie? ich?“ fragte Thorilde und wurde glü⸗ hend roth. „Ja, Du.“ „Wie ſo?“ „Weil Du Dein eigenes Beſte nicht willſt.“ „Wie will ich es nicht?“ fragte jene betreten. „Wie Figura zeigt,“ lachte Ellena auf.„Du willſt krank ſein. Iſt krank ſein etwa ein Vergnügen? Iſt es ein Glück?“ „Gewiß nicht. Aber wie kann man es ändern?“ „Indem man nicht mit dem Kopfe durch die Wand zu rennen verſucht, wenn man das Zimmer verlaſſen will, ſondern ſich nach einem Ausgange umſieht.“ Sie ſtand bei dieſen Worten auf und trällerte die Gnadenarie, dazu bald an das Fenſter tretend, bald auf⸗ und abgehend. Thorilde 88 war jetzt angekleidet; allein die Jungfer fand immer noch einen Vorwand, um zu verweilen. Indem rollte ein Wagen, und zugleich erſchien Frau von Gasmund, mit vom Weinen gerötheten Augen, um Thorilde in den Salon zu führen, wo der Geheimrath ihrer harrte. „Ich darf wohl mit Judith ausgehen 2“ fragte Ellena. „Nicht jetzt, ſpäter,“ lautete die Erwiederung. „Hm! ſagte Ellena, und richtete ihr ſammetgraues Auge verlangend auf die Fenſter. Allein ſie beſchied ſich, nahm ein Buch in die Hand, und ſetzte ſich ſtill in das Wohnzimmer. Thorilde begrüßte indeſſen den Arzt, welcher ihr ſtets ein väterlicher Freund geweſen war, und jetzt mit Herzlich⸗ keit ihre Hand nahm und nach ihrem Befinden fragte. Seine Worte riefen die Tränen in ihre Augen.„Ruhig, ruhig!“ ſagte er bittend und liebevoll; allein die hellen Perlen liefen nur unaufhaltſamer bei ſeinen freundlichen Worten. Väterlich zog er ſie an ſeine Bruſt, ſtreichelte ihr glänzend ſchwarzes Haar und ließ ſie ſo ſich ausweinen. Dann führte er ſie nach dem Sopha und hieß ſie ſich an ſeiner Seite niederſetzen. Frau von Gasmund blieb eine tumme Zeugin dieſer Scene. Kummervoll ihr Geſicht in ie Hände vergraben, ließ ſie den Geheimerath gewähren. „Freund meines Vaters!“ rief Thorilde, ſo wie ſie der Sprache Herr ward, aus, und nahm die Rechte des ſ d 89 Geheimraths, um ſie an ihre Lippen zu führen;“ geben Sie mir Wahrheit! Wer bin ich? Nie hat man mir meine Mutter genannt? Wer war ſie?—“ „Dieſe Frage wird unbeantwortet bleiben,“ erwie⸗ derte er ernſt, jedoch mit Güte.„Es war der Wunſch Ihres Vaters, daß man nie mit Ihnen über dieſen Gegen⸗ ſtand ſprechen ſolle. Ehren Sie ſeinen Willen!— Es thut mir leid, daß ihre Gedanken auf dieſen Punkt geleitet ſind, und wehe dem, welcher hierzu die Veranlaſſung gab.“ Thorilde erröthete bis unter die Stirne. „Der es that, hatte ein Recht dazu,“ erwiederte ſie mit niedergeſchlagenem Blicke.„Er mußte meine Verhält⸗ niſſe kennen, um daraus den Muth zu ſchöpfen, ſein Schickſal an das meinige zu knüpfen.“ „Welche Gründe er dazu haben mochte, eine Vergan⸗ genheit, die vergeſſen und begraben iſt, lichten zu wollen, ſo finden ſich keine, die genügend ſind, um Ihren Frieden durch das/ was er erfuhr, zu beeinträchtigen. Was diejenigen Ihnen vorenthielten, welche wie eine ſichtbare Vorſicht über Ihrem Lebensmorgen wachten, mußte auch ihm ein heiliges Geheimniß ſein. Doch, was geſchehen iſt, ſo weit es geſchehen iſt, ändern wir nicht mehr;— nur mit den Folgen haben wir zu thun. Der junge Mann wird die Früchte ſeiner unüberlegten Handlung, in gutem wie in böſem Sinne, nicht reifen ſehen. Er hat bei Ihrem Vor⸗ 90 munde darauf angetragen, Sie ſehen zu dürfen, um Ihnen die Urſachen, welche ihn bewogen, auf Ihre Hand Verzicht zu leiſten „Verzicht!“ ſchrie Thorilde auf. „Ja— Verzicht zu leiſten,“ fuhr der Geheimrath ruhig fort.„Er wird Ihnen dieſe Urſachen ſelbſt mit⸗ theilen; ich will ihm darum in dieſem Punkte nicht vor⸗ greifen, nur ſagen muß ich Ihnen, daß es unter den ob⸗ waltenden Umſtänden ſein eigener freier Wille war.“ „Unmöglich!“ ſagte Thorilde erbleichend.„Unmöglich kann und wird er, ohne gezwungen zu ſein, mich auf⸗ geben.“ „Wer kann ihn zwingen?“ gab der Geheimrath ruhig zurück.„Kein Geſetz legt dieſe Macht in unſere Hand. Sobald Sie mündig ſind, können Sie über Ihr Schick⸗ ſal entſcheiden. Es bedurfte alſo nur weniger Jahre Geduld.“ „Die wird er haben und die werde ich haben,“ ſagte ſie gereizt. „Ich zweifle daran nicht; denn ich kenne Ihren ehren⸗ haften Sinn, Sie würden ein gegebenes Verſprechen hal⸗ ten; auch⸗ wenn manches dagegen ſpräche. Gottlob! ſind Sie auf dieſe Probe nicht geſtellt.“ „Doch will ich lieber darauf geſtellt ſein, als nicht.“ „Auch das glaube ich Ihnen. Doch, wie die Sachen ſtehen, meine liebe Thorilde, handelt es ſich nur um ein — niſſ 91 Lebewohl,— ein für Sie höchſt ſchmerzliches Lebewohl allerdings; allein, ſo konnten wir es müſſen ihn ſehen.“ ſo bitter es zu ſprechen für Sie ſein mag, Ihnen, wie geſagt, nicht erſparen. Sie „Ich muß!“ rief ſie und ihre Bruſt ging hoch.„Ich „Thu'n Sie das, ſ Sie zu ſagen lehrt, weinen Sie ſich vor ihm aus, ſprechen Sie ſich vor ihm aus, gönnen Sie ihm dieſe Genug⸗ thuung, daß Sie noch an ihm hangen, obwohl er von Ihnen läßt,“ ſagte der Geheimrath milde;„wenn er die „Was denken Als ob ich einem werd muß? Als ob ich es nicht auch wollte und gern wollte. Ich werde ihm ſagen, daß ich ihn nicht aufgebe, daß ich nicht von ihm laſſe, daß ich durch alle Zeit und Ewigkeit ihm treu bleibe, daß nur er allein der Wortbrüchige iſt.“ agen Sie ihm, was Ihr Herz Wunde, welche er Ihrer Eitelkeit ſchlägt, heilen kann, ſo zeigen Sie ihm alle guten Gefühle Ihres Herzens und wel⸗ chen Schatz an Liebe er bei Ihnen gefunden hätte. Sie werden mit ihm allein ſein und ſich ungeſtört ausſprechen können.“ Sie von mir!“ rief Thorilde empört. Manne, der mich aufgiebt, Geſtänd⸗ e meiner Neigung machen, oder ihn mit Gewalt zurück⸗ halten würde!“ „Beides ſtolzen Sinn. Nur wollen Sie.“ en Sie nicht thun; ich kenne Ihren Ihrem Schmerze Worte leihen, das 92 „Meinem Schmerze Worte leihen?“ fragte ſie be⸗ ſtürzt zurück.„Will ich das, kann ich das, ohne mir eine Blöße zu geben?— Warum kommt er eigentlich, wenn er entſchloſſen iſt mich aufzugeben?“ „Vermuthlich um Ihnen Lebewohl zu ſagen. Seine Gründe hat er uns nicht mitgetheilt.“ „Aber ein ſolches Lebewohl ift ja eine Beleidigung!“ rief ſie auffahrend.„Wenn ich es wäre, von der es aus⸗ ginge; aber er? Ich ertrage dieſe Kränkung nicht!“ Sie legte die kleinen Hände vor das Geſicht und ſchluchzte convulſiviſch. Der Arzt ließ ſie einige Minuten lang gewähren; dann begann er: „Sie können dieſer Zuſammenkunft einen Zweck ge⸗ ben, der Ihres Herzens würdig iſt. Fühlen Sie ſich ſtark genug, mich auf eine Stunde zu begleiten?— Frau von Gasmund wird mir ihre Einwilligung, wenn ich ſie bitte, Sie mir ſo lange anzuvertrauen, nicht verſagen.— Wir werden unterwegs das Weitere beſprechen.“ Thorilde hatte das Gefühl ihrer Schwäche in der Aufregung des Momentes abgeworfen. Sie ließ ſich Man⸗ tel und Hut bringen, und beſtieg erwartungsvoll den Wa⸗ gen.„Was haben Sie mir noch zu ſagen?“ fragte ſie hier ſogleich, und hielt, ſeiner Antwort zu lauſchen, den Athem an. „Für jetzt noch nichts,“ ſagte der Geheimrath, ruhig auf ſie herabblickend.„Ich führe Sie an ein Krankenbett, zu einer kleinen Familie, die meine innigſte Theilnahme 93 fordert. Erſt auf unſerm Rückwege nehmen wir den Faden unſerer Unterhaltung wieder auf.—“ „Mir ahnt!“ rief Thorilde und Purpurglut über⸗ goß die bleichen Wangen. „Pſt!“ ſagte der Arzt und legte bedeutſam den Fin⸗ ger auf den Mund. Sie waren zur Stelle. Roſine öffnete.„Wie geht es?“ fragte der Geheim⸗ rath ſogleich. „Sie hat die ganze Nacht irre geredet!“ rief die Magd und führte die Schürze an die Augen.„Es iſt ein Jammer anzuſehen, wie ſie ſich härmt. Immer ruft ſie nach ihm; und er kömmt nicht.“ „Er wird ſchon kommen,“ ſagte der Arzt und warf einen bedeutungsvollen Blick auf Thorilde. Dieſe erbleichte und zitterte. Er nahm ihre Hand und zog ſie mit ſich in das Zimmer.„Faſſung!“ flüſterte er ihr zu.„Ich weiß, was Sie zu leiſten fähig ſind.“ Dieſe Worten ſtachelten ihren Ehrgeiz. Im Wohnzimmer ſtand die Wiege des Kindes. Louiſe Gerſchel, die junge Nähterin, ſaß davor und behů⸗ tete des Säuglings Schlummer, während ſie den Knaben auf ihren Knien hielt. Auf den Vorſchlag des Fräulein Le⸗ debuhr hatte ſie die Pflege der Kranken übernommen und theilte ſich mit Roſinen in die Sorge für die kleine Familie. 94 Der Geheimrath betrachtete die Gruppe einige Mi⸗ nuten lang.„Wie heißt der Knabe?“ fragte er. „Karl!“ erwiederte Louiſe Gerſchel. „Und das Mädchen?“ „Agathe.“ „Die Namen von Vater und Mutter,“ ſagte er mit Betonung;„und doch find die armen Kinder vaterlos,— wer weiß wie bald nun völlige Waiſen. Für den Fall müſſen wir hier ein gutes Werk thun, Thorilde.“ Er ſah ſie dazu mit ſeinen guten Augen ernſt fra⸗ gend an. Sie weinte unter ihrem Taſchentuche.— Leiſen Schrittes ging er nun auf die nur ange⸗ lehnte Thüre des Nebengemaches zu; als er dieſe zurück⸗ ſchlug, gewahrte Thorilde vor ſich das Lager der Kranken, die ſchwer athmend, die Röthe des Fiebers auf dem Geſichte, dalag. Der Arzt ſetzte ſich zu ihr vor das Bett und winkte dem jungen Mädchen zurückzubleiben. „Wie geht es Ihnen?“ fragte er, die Hand der Pa⸗ tientin ergreifend.— „Ich bin ſehr krank,“ flüſterte dieſe.„Was wird aus m en Kindern werden?“ „Denken wir daran jetzt nicht. Sie werden leben und lange leben. Eine junge geſunde Frau überwindet eine ſolche Krankheit; aber Sie müſſen Ihr Gemüth ruhig hal⸗ ten, ſich nicht aufregen.“ „Wie kann ich das, lieber Geheimrath? Ich bin eine große Sünderin; aber ſo Schweres habe ich nicht verdient.“ Sie ſchluchzte. „Still, ſtill!“ bat er und legte die Hand auf ihre Stirne.„Es wird Alles noch gut werden; viel beſſer, wie Sie es erwartet haben. Ihr guter Engel wacht über Sie, er ſieht Ihr Leid, er wird ein Mittel finden, Ihren Gram zu lindern.“ Dabei warf er Thorilden einen vielſagenden Blick zu. „Mein guter Engel, ſagen Sie? Ach! Der mußte mich wohl verlaſſen, da ich mich ſelbſt verließ.“ „Ihre Reue, Ihr Schmerz führte ihn zu Ihnen zurück Bei Gott iſt Vergebung für Alles.“ „Wie aber kann mir und meinen Kindern geholfen werden.“ Sie ſchluchzte von Neuem. „Er verläßt Sie nicht,“ ſagte der Geheimrath be⸗ ſtimmt.„Werden Sie nur erſt geſund, und ein neues Leben foll für Sie beginnen. Es kann Alles noch gut werden.“ Er ging zu ſeinen ärztlichen Anordnungen über und verließ ſie dann mit freundlichen Troſtesworten. Thy⸗ rilde folgte ihm tief erſchüttert.„Nach dem Thiergarten,“ rief er dem Kutſcher zu.— Als ſie das Geräuſch der Straßen hinter ſich hatten und in den Laubgängen d ₰ S Des Gehölzes der Friede der Natur ſie umgab, nahm er Tho⸗ rilden's Hand und ſagte väterlich:— „Ich wünſche, daß Sie die Wohlthäterin dieſer armen Verirrten werden, mein theures Kind!— Sie hat, um das Glück zu finden, einen falſchen Weg eingeſchlagen, ſie hat nur auf die Stimme ihres Herzens gehört. Das ſoll man nicht.— Es iſt uns der Verſtand dazu gegeben, um Begriffe von Recht und Unrecht in uns zu entwickeln, und die Vernunft, um zu ſprechen: hier darfſt Du Deiner Reigung nicht folgen.— Wir ſind auch unſeren Mitmenſchen etwas ſchuldig; die Bibel ſagt: Wehe dem, durch welchen Aergerniß kommt. Manches, das wir vor uns ſelbſt, vor unſerem Gewiſſen verantworten können, muß, des Beiſpieles wegen, unterbleiben.— Sie iſt daher weniger ſchuldig, als unverſtändig zu nennen. Sie hat ſich überreden laſſen. Wenn ein Mann ſpricht, die Ehe ſei das Grab der Liebe, ſo iſt das eine von jenen Phraſen, womit junge Leute ihre Abneigung gegen die Inſtitutionen der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft zu beſchönigen ſuchen. Die Che iſt ein ſchönes und heiliges Band Die Freiheit des Willens beſteht gerade darin, daß, mns beſchränken lernen, und auch, wo unſere Neigung ſur vus Gegentheil ſpricht, das Rechte thun. Sich etwas zu verſagen, weil wir damit eine Pflicht erfüllen, macht oft glücklicher, als es ſich zu gewähren, denn wir kommen damit unſerm ſittlichen Ideale näher, und darin beſteht das eigentliche Glück.— Es heißt daher von Ihnen nicht zu viel gefordert, meine liebe Tochter, wenn ich Sie bitte, dem Herrn Leopold an das Herz zu legen, der Frau Agathe Müller unverzüglich ſeine Hand zu reichen und deren Kinder ſeinen Namen tragen zu laſſen. Er iſt dies —— 97 nicht nur der unglücklichen Frau, ſondern auch der bürger⸗ lichen Geſellſchaft, ſich ſelbſt und vor allen Dingen— Ihnen ſchuldig.“ „Mir!“ fuhr Thorilde verwundert auf. „Ja, Ihnen!“ ſagte der Arzt beſtimmt.„Ihnen. Sie haben ihm, jung und unerfahren, Ihre Neigung ge⸗ ſchenkt, weil Sie ihn für einen nicht nur liebenswerthen, ſondern auch achtbaren Mann hielten; denn, nicht wahr, ein Anderer hätte Ihnen nicht gefallen können?“ „Gewiß nicht,“ fagte ſie ſtolz. „Er muß nun darauf ſehen, dies Bild in Ihnen zu erhalten, er muß Ihnen die Erinnerung rein bewahren, es würde Sie ja in Ihren eigenen Augen herabſetzen, die Bewerbung eines Mannes geduldet zu haben, der Recht und Geſetz mit Füßen trat, der, während er Ihnen ſein Herz antrug, nach einer andern Seite hin aebunden war; er muß ſich von dieſen Flecken reinigen,un*ie vor dem beſchämenden Gefühle zu bewahren, enn uuwärdigen geliebt zu haben. Er muß das.“ „Aber“— ünterbrach ihn Thorilde mit leiſer, zit⸗ ternder Stimme,„iſt die Sache darum nicht doch ſo, wie Sie ſagen?“ „Sie war vielleicht ſo, meine arme Thorilde; aber die Reue iſt uns ja dazu gegeben, um damit die Flecken aus unſerer Seele zu waſchen und ſchon morgen kann er gereinigt vor Ihnen ſtehen; denn was gibt es Heiligeres, Amely Boelte; Die Mantelkinder. I. 7 — S— ————— 98 Schöneres, als die Sühne? Selbſt Gott nimmt dieſe an.— Jene arme Kranke, die wir ſo eben verließen, hat ſeinet⸗ wegen mit der bürgerlichen Geſellſchaft gebrochen, und dadurch ihren Pfad mit Dornen beſäet. Treten Sie nun als Vermittlerin, als Verſöhnerin auf, geben Sie ihr den Frieden wieder. Erſcheinen Sie vor ihm, wie ſein beſſeres Selbſt! Bewahren Sie das Wort unſeres großen Göthe: Das ewig Weibliche zieht himmelan. Seien Sie die Füh⸗ rerin auf dem Wege zur Tugend.“ „Wenn ich das könnte!“ ſagte ſie zweifelnd.„Ich bin ſo jung noch, mein lieber Geheimrath.“ „Nicht die Jahre geben hier den Ausſchlag, ſondern der Wille—— der ſittliche Wille. Denken Sie an das Krankenlager, an die armen, verlaſſenen Kinder, und— ſprechen Sie ihm aus, wie tief es Sie verletzt hat, daß er über dieſe hinweg Ihnen ſeine Hand bieten konnte. Zeigen Sie ihm die ganze ſittliche Entrüſtung Ihres ſchönen rei⸗ nen Gemüthes, dem der Gedanke an ein ſolches Unrecht bis dahin fremd war. Laſſen Sie Ihr Gefühl ſprechen; laſ⸗ ſen Sie es aber in dieſem Sinne ſprechen!“ „Wenn ich den Muth dazu habe.“ „Er kommt Ihnen mit der Ueberzeugung, das Rechte zu thun. Sie ſelbſt mögen ihn zu ſich beſcheiden, Sie ſelbſt dieſe Unterredung fordern, es mag Ihr Abſchied ſein, nicht der ſeinige.“ „Nicht der ſeinige?“ wiederholte Thorilde, und rich⸗ — —.———— 99 tete das ſchöne Köpfchen hoch empor.„Wenn dabei mein Stolz gewinnt, ſo blutet mein Herz nicht minder! Wie hat ſich plötzlich mein Leben ſo ganz anders geſtaltet, lieber Herr Geheimrath,“ ſetzte ſie gedankenvoll hinzu.—„Wo mir ſonſt nur Freude lächelte, ſehe ich jetzt nur Schmerz. Ich komme mir anders vor und die ganze Welt kommt mir anders vor.“ „Es iſt Ihre erſte Enttäuſchung, mein gutes Kind, allein in Ihrem Alter täuſcht man ſich noch oft.“ „Ich, nie mehr!“ ſagte ſie ſehr ernſt. Sie bogen in die Potsdamer Straße ein und hiel⸗ ten vor dem Hauſe, wo Frau v. Jasmund wohnte. Dieſe ſah ihrer Rückkehr erwartungsvoll entgegen; allein nur der Geheimrath trat in ihr Zimmer. Ueberlaſſen Sie Tho⸗ rilde jetzt ſich ſelbſt,“ ſagte er.„Ihr Unglück macht ſie mündig. Fragen Sie nicht nach ihr. Sie bedarf um mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen, und klar über ihre Lage zu werden, der Einſtnkeit. Am beſten, Sie gehen mit El⸗ lena aus.“ „Darf i verwundert. „Vertrauen ſetzt Vertrauen! Ich bitte Sie darum!“ Sie durfte nicht verneinen. — agen?“ fragte Frau von Gasmund Vereitelte Rache. Die von Thorilden dem Geheimrathe gegenüber be⸗ wieſene Faſſung verließ ſie, ſo wie ſie ſich allein ſah. Sie warf Hut und Mantel von ſich, begrub das Köpfchen in die weichen Sammetkiſſen des Sopha's, und weinte ſich die Bruſt leicht. Allein der nagende Schmerz wollte ſie damit nicht verlaſſen. Von Leopold ſche hieß auch von dem ſcheiden, was ſie für ihr höchſs Glück anzuſehen gelernt hatte: von ſeiner Liebe! Sie rief ſich den Zauber dieſes V ältniſſes zurück, der allerdings zum großen Theile in ſeinem tiefen Ge⸗ heimniſſe beruht hatte; denn nie war es ihr vergönnt geweſen unbefangen mit ihm zu reden, oder eine Vier⸗ telſtunde lang, ohne das Auge und Ohr ihrer Mutter ſcheuen zu dürfen, in ſeiner Nähe zu verweilen. Sein P 101 erſtes Geſtändniß war durch ſeine Blicke an ſie gelangt. Dieſer ſtummen Sprache folgten dann halbe Worte, denen kleine, zwiſchen den Notenblättern verſteckte Brief⸗ chen zur Erläuterung dienten. Solcher geheimnißvolle, ſtets vor einer Entdeckung zitternde Verkehr hatte, ſo lange er gedauert, ſie in einer fortwährenden Auf⸗ regung erhalten, ſo daß ſie zu einem ruhigen Nach⸗ denken über ſich ſelbſt, zu einem klaren Ueberblicke dieſes Verhältniſſes nie gelangt war. Man hatte ihr geſtattet ihn jetzt zu ſich beſcheiden zu dürfen, ſie ſollte ihn ſehen und unbefangen, ohne Zeugen, ihn ſehen; mit einer Art Scheu ergriff ſie die Feder; denn dieſe plötzliche Selbſtſtändigkeit erſchreckte ſie faſt Wie ihn anreden?— Karl?— Nein.— Mein Herr?— Nein.— Schon hier erhob ſich ein Streiten der Gefühle mit dem bisher Gewohnten, und dem, was die neue Lage zihr zu fordern ſchien. Durch die ſieiſe öffnende Thüre tönte dazwiſchen die Stimme Miutter. „Ich fal mit Ellena ins Theater, mein Kind. Warte nicht mit dem Thee auf uns. Ich laſſe Johann zu Deiner Verfügung zurück,“ ſetzte ſie noch hinzu. Bevor ſie an eine Erwiederung gedacht, hatte die Thüre ſich geſchloſſen.— Wie?— Verſtand ſie denn recht. Man überließ ſie völlig ihrem eigenen Ermeſſen? —— 102 — Ein nie gekanntes Gefühl der Freiheit kam damit über ſie; die Luft, welche ſie athmete, ſchien ihr leichter, die Räume weiter, das Haus größer. Sie hätte durch alle Zimmer wandern, und ſich in dieſem neuen Lichte betrachten mögen! Auch der Garten lag luſtiger und lachender vor ihren Augen da.— Doch brachte dieſe Freiheit ihr auch ein Gewicht der Verantwortlichkeit, das ſie zu rechtfertigen wünſchte. Sie kam ſich größer, älter, muthiger vor, maß wie eine Herr⸗ ſcherin das Zimmer mehrere Male mit feſten Schritten, nahte dann mit entſchloſſener Miene dem Schreibtiſche, ergriff einen Streifen Papier und ſchrieb darauf:„Ich erwarte Sie!“ ſchürzte das Blättchen in einen Knoten und trug Johann es ſofort an ſeine Adreſſe zu überbringen auf. So weit war ſie mit ſich zufrieden; wie nunaber, wenn er eintrat, wenn ſein Auge ſie traf, damit ein Schauer wunderbarer Empfindungen ſie durchrieſelte, wie ſollte ſie dann unter dieſem Blicke ihrer Schüchtetnheit Herr werden, und ihm ſagen: daß er ſchmählig mit ihrem Herzen ge⸗ ſpielt habe! 2 Sie nahm ein Schwefelholz und zündete die großen Wachskerzen an, in ihrem Glanze trat ſie vor den Spiegel, muſterte ihre Kleidung, ſtrich das dunkele Haar aus der Stirne, und erſchrack faſt vor ihrer geiſterhaften Bläſſe. Wehmuth ergriff ſie. Wie eine Oede lagen die kommenden Tage vor ihr, ſie nahm eine Roſe aus der Vaſe, und zupfte V 103 langſam die duftenden Blätter ab, bis nur der Stengel in ihrer Hand übrig blieb; es war ihr das Bild ihrer erſten Liebe.— Johann hatte den Tonkünſtler nicht in ſeiner Woh⸗ nung gefunden, von der Wirthin nach dem Café von Fran⸗ giapani gewieſen, ſuchte er ihn dort auf und übergab ihm das Billet. Sichtlich überraſcht ſah dieſer ſich von Tho⸗ rilden mit den wenigen kalten Worten beſchieden. Belei⸗ digt riß er das Billet in viele kleine Stücke, und ſagte dem Diener: er würde, ſobald er die Zeitungen geleſen, kommen. Allein er las nicht weiter, ſein Auge blieb von jetzt an auf einer Seite haften, ſeine Lippen kniffen ſich ärgerlich zu⸗ ſammen, ſeine Eitelkeit ſann auf Rache. Kaum eine Vier⸗ telſtunde war vergangen, ſo hielt es ihn nicht mehr in dieſem Raume, er ſtürmte hinaus, ſuchte unter den Linden eine Droſchke aufzutreiben, und fuhr nach der Potsdamer Straße. Unten auf dem Flur des Hauſes traf er mit Johann, welcher ihm keinen weiteren Vorſprung abzugewinnen vermocht, zuſammen. Dieſer ging ihm nun leiſe voran, öffnete die Thüre des Salons und rief:„Herr Leopold!“ Thorilde erbebte. Wie ein ſchönes Marmorbild ſaß ſie unbeweglich auf demrothen Sammetſeſſel, und neigte in Erwiederung ſeines Grußes blos leicht das Haupt, während er mit der vertraulichen Unbefangenheit des Lehrers, als 104 wäre er, wie ſonſt, hier heimiſch, einen Stuhl ergriff und ſich ihr gegenüber ſetzte. Sie wagte das Auge nicht zu erheben, ſie fürchtete dem Strahle der ſeinigen zu begegnen; die Lider geſenkt, ſo daß die langen Wimpern wie ſchwarze Schatten auf den bleichen Wangen ruhten, beeilte ſie ſich ihm mit ihrer An⸗ rede zuvorzukommen. „Ich habe Sie zu ſehen gewünſcht,“ ſagte ſie mit einer Stimme, deren Zittern ſie durch den möglichſt leiſen Ton zu hemmen ſuchte;—„um Ihnen eine Bitte an das Herz zu legen.“ „Eine Bitte?“ fragte er verwundert. „Eine Bitte!“ wiederholte ſie ſchon gefaßter, doch immer noch ohne die Lider zu erheben.„Da unſere Lebensbahnen auseinander gehen müſſen, der thörichte Traum, daß ich Ihnen etwas ſei, ausgeträumt iſt.....“ „Thorilde!“ wollte er ſie unterbrechen. „Laſſen Sie mich ausreden!“ ſagte ſie, die kleine weiße Hand beſchwichtigend erhebend, ſo wollte ich Sie bitten, jene arme Frau, welche der Kümmer dem Tode nahe gebracht hat, jetzt mit ſich, mit der Welt, mit ihrem Gotte zu verſöhnen, und ſie als rechtmäßige Gattin zur Vorſteherin Ihres Hauſes zu erheben.“ „Wie? Was?“ fragte der junge Mann verwundert. „Von wem reden Sie?“ „Von Agathe Müller.“ -O — 9 —— — 105 „Ach!“ fuhr er auf.„Hat man mit dieſer Ihr Herz vergiftet, mit dieſer Ihre Neigung zu mir ertödten wollen?“ „Keins von Beiden!“ ſagte ſie ruhig.„Ich ſollte lernen, daß die Pflicht über der Liebe ſtehe, und ich habe das begriffen.“ „Sie haben es!“ rief er ſpöttiſch.„Dann haben Sie mich auch nie geliebt— denn was die kalte Vernunft auch reden mag, ihre Mahnungen verhallen vor der Stimme des Herzens, das wahrer redet, wie alle gemachte Logik. Gott ſelbſt hat die Liebe, wie das höchſte Geſetz, uns ge⸗ geben.“ „Die chriſtliche Liebe,“ fiel Thorilde ſanft ein.„Die Liebe, welche nie dem Anderen thut, was ſie nicht wünſcht, das ihr geſchehe. Ich habe über das Schickſal von Agathe Müller nachgedacht, und wie ich an ihrer Stelle empfinden würde. Da ſcheint es mir denn, daß ich von demjenigen, welchen ich ſo ſehr geliebt, um ohne ſeinen Namen zu tragen, die Mutter ſeiner Kinder zu ſein, wohl erwarten würde, daß er ſolche Treue, ſolche Aufopferung mit etwas Anderem lohne, als mich um eines reichen Mädchens willen verlaſſen zu wollen.“ Es ſcheint, ich ſollt von Ihnen eine Moralpredigt hören,“ ſagte der junge Mann mit ſpöttiſchem Lächeln ſich gegen ſie verneigend. „Dazu bin ich zu jung. Ich kann Ihnen nur ſagen, was ich denke und empfinde, und daß ich ſchmerzlich durch 106 die Entdeckung betrübt worden bin, daß mein Glück auf den Trümmern der Exiſtenz einer armen Frau errichtet werden ſollte, die ſo Schlimmes nicht von Ihnen ver⸗ dient hatte.“— „Ich würde ſie nie verlaſſen haben, ich hätte treu für ſie, wie bis jetzt, geſorgt,“ fiel Leopold betheuernd ein. „Es würde ihr kein Unrecht damit geſchehen ſein. Und wäre ich von Ihnen geliebt worden, wie ich von Ihnen geliebt zu ſein wähnte, Thorilde, ſo ſollte auch jetzt, durch Agathe, unſerem Glücke kein Hinderniß entgegentreten.“ „Wie ſo?“ fragte ſie verwundert und hob zum erſten Male das Auge zu ihm empor.„Ich glaubte, daß Sie, weil ich kein reiches Mädchen bin, eingeſehen hätten, dies Lebewohl würde das beſte für uns ſein.“ „Ich, eingeſehen? Da kennen Sie mich wenig. Ich ſollte Ihrem Vormunde und Ihrer ſtolzen Mutter die Freude machen, Sie um jener paar Thaler willen aufzu⸗ geben?“ „So iſt es nicht geſchehen?“ fragte ſie erglühend. „Es iſt geſchehen, aber nur zum Scheine geſchehen; ich habe die Hälfte Ihres Vermögens ſogar als Entſchädigung für mein Verzichtleiſten angenommrn. Als ob mich das entſchädigen könnte! Thorilde, ſind Sie nicht mein, durch Zeit und Ewigkeit mein?“ Und er ſank vor ihr auf die Knie, zog ihre kleinen Hände an ſeine Lippen und bedeckte ſie mit glühenden Küſſen. O 107 „Mein Gott!“ ſtammelte ſie, und ihre Farbe wech⸗ ſelte.„So haben ſie die Meinigen getäuſcht?— Wozu aber getäuſcht?“ „Weil wir des Geldes zu unſerer Flucht bedürfen, weil ich dieſer Unterredung, um ſie mit Ihnen zu ver⸗ abreden, bedurfte. Sehen Sie nun, wie ſehr Sie ſich in mir geirrt haben?“— fügte er triumphirend hinzu.„Sehen Sie es nun, wie ich Sie liebe, Thorilde?“ „Aber ich begreife es nicht! Ich faſſe es nicht!“ ſtam⸗ melte ſie. „Sollte ich Ihnen nicht zürnen, daß Sie ſo leicht den Glauben an mich verlieren konnten?“ fuhr er zärtlich vorwurfsvoll fort.„Aber nein. Wir wollen dieſe ſchöne, dieſe heilige Stunde nicht mit Vorwürfen vergeuden. Es iſt, ſeit wir uns kennen, unſer erſtes glückliches Beiſammen⸗ ſein, laſſen Sie uns es feiern, laſſen Sie dieſen roſigen Mund, den noch kein fremder Kuß entweiht hat, den meinigen finden, und ſich mir damit bräutlich verbinden. Sie ſind ja nun mein; bald ganz mein, Thorilde!“ „Und Agathe?“ fragte ſie, ihn mit beiden Händen von ſich wehrend. „Nennen Sie dieſe nicht in der glücklichſten Stunde unſeres Lebens!“ rief er und wollte ſie glühend umfangen. Sie ſprang mit einem Satze auf und ſtieß den Lehnſeſſel, der auf leichten Rollen ruhte, weit von ſich. Sie zitterte. Mit Anſtrengung richtete ſie ſich empor. 108 „Und Agathe?“ wiederholte ſie athemlos. „Agathe? Warum immer wieder Agathe?“ fragte er ungeduldig, und trat ihr näher, ihre Hände aufs Neue zu faſſen.„Wir ſetzen ihr einen Jahrgehalt aus, und reden dann nicht weiter von ihr.“ „Wie?“ fragte Thorilde, und ſah ihn groß an.„Wir? Nein, an dieſerThatkönnte ich mich nimmermehr betheiligen. Das Herz der armen Frau iſt gebrochen; das heilt man nicht mit Thalern. Die Kinder ſtehen verwaiſt, von den verachtet, da; fern ſei es von mir, eine ſolche Lage nicht zu eittleid en. Rei, Herr Leopold!— Was ich auch gehofft, gewünſcht; es iſt vorbei: wir müſſen unſere Liebe der Pflicht opfern,— dieſer Pflicht, jener ver⸗ laſſenen Frau die Rechte zu Swhren welche ſie für ſich mit ihren Kindern beanſpruchen kann. Sie ſind jetzt in der Lage es thun zu können, und ich bitte Sie, es nun auch ſofort zu thun. Sie iſt durch den Gedanken, daß Sie ſ ver⸗ laſſen würden, dem Tode nahe gebracht; geben Sie ihr die Hoffnung zurück, und es wird raſcher zu ihrer Geneſung führen, wie Alles, was ihr die Hülfe des Arztes bieten kann. Eilen Sie ſtehenden Fußes zu ihr, um ihr zu ſagen, daß — wir uns zum letzten Male geſehen haben.“ Sie hatte dieſe lange Rede mit dem Aufbieten ihrer ganzen Kraft gehalten; erſchüttert von ihren eigenen Worten ſank ſie jetzt weinend auf den Stuhl und ver⸗ grub ihr Geſicht in ihre Hände. Der Tonkünſtler betrach⸗ — 0—— 109 tete die Scene nicht bewegt, ſondern nur unmuthig. Er wandte ſich auf dem Abſatze herum, und ſtieß einen un⸗ verſtändlichen Laut, der faſt wie„kindiſch“ klang, aus. „Ihrer Jugend muß man Vieles verzeihen, Thorilde!“ agte er dann, ſich wieder zu ihr wendend;„ſo auch dieſe onderbare Zumuthung. Sie gefallen ſich vielleicht in die⸗ ſer Rolle, Ihr Ehrgeiz will die Edelmüthige ſpielen; al⸗ lein Sie vergeſſen, daß Sie mit keinem gewöhnlichen Menſchen zu thun haben, daß Sie mich in dieſer Weiſe nicht beherrſchen können, daß ich mir von Ihnen keine Ehe, die mir keine neuen Senſationen mehr bringen kann, werde einreden laſſen. Wenn Göthe auch eine Vulpius in ſein Haus führte, ſo iſt das noch kein Beiſpiel zum Befolgen. Er war überdem, als es geſchah, ſchon bejahrt, und der Krieg nahm ihm die Beſonnenheit. In meinem Alter hätte er ſich ſchwerlich dazu entſchloſſen. Wenn man von einer Frau, welche man unter ſolchen Verhältniſſen an ſich feſſelt, auch jede Nachſicht fordern kannz ſo iſt ihr Daſein doch eine widerliche Proſa für ein geniales Gemüth. Ich wenigſtens könnte das nicht um mich dul⸗ den. Ich bitte Sie alſo nun meinerſeits, von dieſem Ge— danken abzuſtehen. Dagegen frage ich Sie nun in allem Ernſte: wollen Sie mit mir entfliehen, in Hamburg die Meinige werden?— Hier iſt meine Hand; ich biete ſie Ihnen noch einmal.“ Ihr Geſicht ruhte noch in ihren Händen. Leopold —— —————,— 110 nahm ihr Schweigen für Unſchlüſſigkeit. Sie ſah in dieſer Stellung, die kleinen weißen Hände gegen das dunkle Köpfchen gelehnt, ſo ſchön aus, daß aller Unmuth über ihre letzten Worte vor ihrem Anblicke zerrann. Sich auf ein Knie vor ihr niederlaſſend, wollte er ihre feinen Finger ſanft von ihrem Geſichte ablöſen und in ihre Augen blicken; da ließ ſie ſie plötzlich ſelbſt fallen und ſah ihn mit einem ſo vorwurfsvollen Blicke an, daß es von ſeiner Lippe das zuverſichtliche Lächeln ver⸗ ſcheuchte. „Ich mit Ihnen entfliehen?“ ſagte ſie langſam, und bewegte verneinend das bleiche Haupt.„Nein, Ich entfliehe mit Niemand!— Aus dem Hauſe mei⸗ ner Mutter geht mein Weg in das Haus des Gatten; oder ich bleibe auf immer bei ihr.— Mein eigenes Schickſal, wie das der armen Agathe belehrt mich, wie wenig man den bloßen Verſicherungen der Männer ſein Wohl anvertrauen dürfe. Gehen Sie, verlaſſen Sie Agathe, ſo werde ich ſie zu tröſten ſuchen.— Ich hoffte, indem ich von Ihnen ſcheide, wenigſtens Ihr Andenken heilig halten zu können; aber auch dieſen Troſt wollen —- Sie mir rauben,— ich ſoll den Mann,— welchem ich mein ganzes Leben zu widmen im Begriffe ſtand,— nun auch noch verachten lernen. „Das ſagen Sie mir?“ rief er aufſpringend, und blickte mit flammenden Augen, als prüfe er, ob ſie ſich — 0- wirklich ganz allein in ſeiner Nähe befinde, im Zimmer umher.„Warum, wenn Sie eine ſo geringe Meinung von mir hegen, ſollte Ihre Ehre mir heilig ſein? War⸗ um?— Sie reifen nur, was Sie haben reifen wollen, Sie ſpielten mit dem Feuer und— die Flamme erfaßt Sie?—“ Unter dieſen Worten ſchritt er der Thür zu und drehte den Schlüſſel um. Thorilde ſah ihm erſtaunt zu.„Was beginnen Sie?“ ſagte ſie tonlos. „Es ſind Vorbereitungen zu unſerer Flucht!“ ſagte er hämiſch lachend.„Sie werden mir folgen, wohin ich Sie zu führen ſo gütig ſein will. Aus dieſem ho⸗ hen Tone ſprechen Sie nicht mehr mit mir.“ Sie wich entſetzt vor ihm zurück. Er folgte ihr. —„Ich rufe um Hülfe!“ ſagte ſie warnend. „Nur um ſo größer das Aufſehen,“ entgegnete er. „Aber was wollen Sie?“ ſagte ſie immer geäng⸗ ſtigter, und wie die Taube vor dem Habichte ſich hin⸗ ter Vorhängen und Möbeln verſteckend. „Heiße Küſſe!“ gab er zurück. Sie war bis an den Kamin gekommen, ſich hier dicht an die Wand drängend, gab dieſe plötzlich nach, und ſie entſchwand durch eine Tapetenthüre. Er wollte ihr folgen, er pochte, er rief; aber ein Riegel war vorge⸗ ſchoben und keine Antwort erfolgte.„Verwünſcht!“ rief er; denn ſein Spiel war ihm verloren. Es ſchlug neun, mit jedem Augenblicke konnte Frau von Gasmund jetzt aus dem Theater zurückkehren. Er entſchloß ſich endlich, das Haus zu verlaſſen. Leiſe ſchlich er hinaus, von Niemand geſehen. Thorilde lauſchte; aber ſie vernahm ſeinen Schritt nicht. Aengſtlich zuſammengekauert ver⸗ harrte ſie in der kleinen Vorrathskammer, welche von der andern Seite an die Küche ſtieß, bis ſie die ihren Namen rufende Stimme der ſie in allen Zimmern ſu⸗ chenden Mutter vernahm. Durch deren Nähe beruhigt kam ſie aus ihrem Verſtecke hervor, warf ſich ſchluchzend an ihre Bruſt und rief:„Mutter vergieb mir! Nie, nie im Leben will ich meinem eigenen Rathe wie⸗ der vertrauen, nie ein Glück ſuchen, das Du nicht ge⸗ billigt haſt.“ Frau von Gasmund hielt ſie lange innig umſchlungen. War ihr doch zu Muthe, als ſei das theure Kind heute zum zweiten Male an ihr Herz gelegt worden. Sie fragte nicht, was ſich zugetragen, ſie wartete eine Mittheilung ab; allein Thorilde hatte für das Vorgefallene keine Worte. Still und in ſich gekehrt ſaß ſie da, und ſchien plötzlich um Vieles gealtert. Ellena war ſich auszukleiden in ihr Zim⸗ mer gegangen und verlangte dann ungeduldig nach Thee. — Während ſie mit geſundem Appetite das ihr Gereichte zu ſich nahm, glitt ihr Auge dann und wann, wie fragend, von dem Geſichte der Schweſter zu dem der Mutter hin⸗ über; doch ſprach ſie dabei nur von der eben gehörten § Dper, und ſtand bald darauf auf, ſetzte ſich an das Clavier und vertiefte ſich in Wiederholung des Gehörten. Ein Geräuſch unter dem Fenſter ließ ſie inne halten, ſie ſtand auf und blickte in die kühle Mondnacht hinaus. Ihr Ohr traf ein ſich entfernender Schritt; auf dem Mauerſprunge lag ein Brief, ſie ergriff ihn ohne Ueberraſchung, ließ ihn in ihre Taſche gleiten, ſchloß das Fenſter und ſetzte ihr Spiel fort. „Ellena! Wie unvernünftig!“ rief Frau von Gas⸗ mund aus dem Nebenzimmer.„Du haſt Dich warm ge⸗ ſungen und athmeſt darauf die kalte Nachtluft ein.“ „Ich will ja gern büßen, was ich verbrochen,“ ſang dieſe im Recitativ ſie anz„nur laß mich unvernünftig ſein, Mama.“ „Ja, wenn Du leiden könnteſt, ohne daß es mich mit träfe,“ ſagte dieſe kopfſchüttelnd. „Selbſtliebe wäre Deine Liebe dann! Ihr Götter! Schenket mir Freiheit zu handeln, Freiheitzu dulden; gebet mir mich ſelbſt zurück.— Nicht Andere quäle fernerhin, was mich freuet; nicht Andere kümmere, was Ihr mir ſendet!— Meine Schmerzen ſeien mein, wie es mein Glück mir werden ſoll,“ ſang ſie weiter. Frau von Gasmund beachtete dieſe Worte nur halb; Thorilde dagegen, welche den nach Unabhängigkeit verlangenden Sinn ihrer Schweſter kannte, verſtand deren ernſte Bedeutung und fühlte ſich eigenthümlich dadurch Amely Bvelte: Die Mantellinder. 8 ————— —————————— 114 beunruhigt. Sie vergaß einen Augenblick ihres eigenen Kummers, ſtand auf und trat in das anſtoßende nicht be⸗ leuchtete Zimmer. Ellena ſaß mit dem Rücken ihr zuge⸗ wendet, ſie ſchlug beide Arme um deren Nacken, küßte ſie 3 warm und fagte:„Ich will Dich jetzt doppelt lieb haben; Schweſter!“ So weich, ſo innig hatte ſich Thorilde noch nie an ſie geſchmiegt; auch erwies ſich Ellena fonſt gewöhnlich bei jedem Entgegenkommen, das ſie mehr zu beläſtigen, wie zu erfreuen ſchien, abwehrend, heute jedoch war ſie in einer ausnahmsweiſe hingebenden Stimmung; ſie duldete daher nicht nur die Zärtlichkeit der Schweſter, ſondern ſie erwie⸗ derte ſie auch; ja, ſich zu ihr umwendend, faßte ſie die zarte Geſtalt in ihre Arme, hob ſie wie ein Kind empor und trug ſie nach dem Sofa, wo ſie ſie auf ihren Knieen feſthaltend, mit ihr Platz nahm. Stumm ſaßen ſie hier eine Minute, Thorildens Haupt an Ellena's Bruſt ruhend. Beide weinten. „Du liebſt mich mehr, wie Du es mir je bis jetzt gezeigt haſt,“ nahm die Erſtere endlich das Wort;„ich ſehe das heute ein, und will es Dir erwiedern. Du ſollſt f mein Troſt ſein, Du mir Erſatz bieten für Alles, für Alles!“ Sie hätte gerne mehr geſagt, aber Frau von Gasmund ſaß im Nebenzimmer. „Ich kann Dir keinen Troſt, ich kann Dir keinen Erſatz —— W 5 bieten,“ erwiederte Ellena beinahe feierlich.„Jeder erntet, wie er geſäet hat, Zeder iſt ſeines Glückes Schmied;— Du erhältſt, was Du gewollt haſt, ich werde erhalten, was ich will; daß aber Andere nicht ſo find, wie wir möchten, daß ſie wären, wen wollen wir darüber anklagen? den Schöpfer, daß er uns Alle verſchieden gemacht hat?— Es iſt eine große Ungerechtigkeit, eine fremde Individua⸗ lität beſchränken zu wollen.“ „Wenn es aber zu ihrem Beſten geſchieht?“ ſagte Thorilde mit ihrer ſanften Stimme, und ſtreichelte dabei die Wange der Schweſter, in der Meinung, daß dieſe von ſich rede. „Mein Beſtes iſt nicht Dein Beſtes,“ ſagte dieſe warm.„Wir wollen Beide Verſchiedenes, Du willſt Ehre, ich will Freiheit; ein Dritter macht wiederum andere An⸗ ſprüche, Du hätteſt Dich darüber nicht täuſchen ſollen, daß dieſe Anſprüche den Deinigen zuwiderliefen, und darfſt nun eben ſo wenig grollen, ſeit Du erkannt, daß der Irrthum auf Deiner Seite war.— Jeder hat ein Recht ſeiner Natur zu folgen, ſeine Neigung durch kein fremdes Wollen beein⸗ trächtigen zu laſſen; das merke Dir, wenn die Stunde ſchlägt, wo Du auch auf mich einen Stein werfen möchteſt.“ Sie ſetzte ſie raſch auf die Erde und verließ trällernd Thorilde ſah ihr erſtaunt nach. Sie wußte das Zimmer. nicht anzugeben, aus welchem Grunde, aber ihr Inſtinet ſagte ihr, daß ſie für Ellena zittern müſſe.„Sie hat 8* etwas vor!“ raunte eine leiſe Stimme ihr zu.„Aber was?“ Dem Was nachzudenken blieb ihr keine Zeit, Frau von Gasmund umgab ſie mit der zärtlichſten Aufmerk— ſamkeit, und dankbar für ſo viele Liebe, als Lohn der Sorge, welche ſie ihr bereitet hatte, zeigte auch ſie ſich hingebender, wie es ſonſt in ihrer Natur lag. Am folgenden Morgen beim Frühſtücke wurden Reiſe⸗ pläne entworfen. Thorilde ſtimmte dieſen bei, weil ſie einſah, wie wohlthätig ihr in dieſem Augenblicke eine Entfernung von Berlin ſein müſſe, wo jeder Tag ein Begegnen mit dem Tonkünſtler herbeiführen konnte, das ihr höchſt peinlich ſein mußte. Frau von Gasmund ſchlug einen Aufenthalt in Wiesbaden vor, dem eine Reiſe durch die Schweiz folgen ſollte. Ellena hatte ſtunm dieſem Geſpräche zugehört.„Du ſehnſt Dich ja nach Bergen,“ ſagte endlich Thorilde, halb ungeduldig über der Schweſter Theilnahmsloſigkeit.„Nun wirſt Du bald auf dem Rigi Dein Ave Maria anſtimmen können.“ „Ja,“ erwiedert jene, wie abweſend;„aber doch anders, wie Du es Dir vorſtellſt.“ „Warum anders?“ fragte Thorilde verwundert. „Weil die Umſtände immer Kreuz⸗ und Querſtriche durch die Rechenexempel der Menſchen machen.“ „Wenn das Facit nur gut iſt, ſo laſſe ſie!“ ſagte 5 Thorilde, ſie fragend anſehend. Ellena erwiederte diefen Blick groß und feſt. „Das Facit?“ gab ſie fragend zurück.„Ja, das ſteht allerdings bei Gott!“ ſagte ſie mit eiſiger Ruhe. „Ihr ſtimmt jetzt unter Euch einen ſonderbaren Ton der Unterhaltung an,“ warf Frau von Gasmund ein.„In Eurem Alter kümmert man ſich gewöhnlich mehr um ſeine Ballkleider, als um das Schickſal, die Umſtände und der Himmel weiß, was Alles. Mir wäre es auch lieber, wenn Ihr die Metaphyſik ließet und an Euren Putz dächtet; darum will ich Euch die Jungfer ſenden, mit deren Hülfe Ihr einpacken könnt.“ „Schon heute?“ fragte Ellena gleichgiltig. „Wir reiſen wo möglich übermorgen,“ gab Frau von Gasmund zurück. Nachdenklich trat Ellena hierauf an das Fenſter, ſah zum Himmel auf, und ſchien mit ihren Gedanken weit weg zu ſein.„Meinſt Du nicht, daß wir der Mutter nach Kräften beiſtehen ſollten?“ fragte Tho⸗ rilde ſie. „Du vielleicht; da ſie Deinetwegen die Reiſe an⸗ tritt,“ gab dieſe kalt zurück. „Und was meinetwegen geſchieht, läßt Dich gleich⸗ gültig?“ fragte dieſe mit liebevollem Vorwurfe. L8 „Warum mußte es Deinetwegen geſchehen?— Nicht wenn Du meinen Rath gefordert, nicht wenn Du ihn befolgt hätteſt.— Was Du Dir eingebrockt, das ſoll ich nun büßen?“ „Du biſt hart, Schweſter!“ verſetzte Thorilde traurig. Sie übernahm es, Ellena's Koffer mit zu packen und dieſe ließ ſie ruhig gewähren, ohne nur einmal zu fragen, was man von Kleidern und Schmuck für ſie ausgewählt habe. Ruhig, ja gleichgültig ſah ſie dem Schaffen der Uebrigen zu. Niemand tadelte ſie darum; denn ſchon war man an ihr gewohnt, daß ſie müſſig ging, wenn Andere geſchäftig waren. Der Geheimrath Ledebuhr nahm von Thorilden einen beſonderen Abſchied.„Sie haben meine Erwar⸗ tung gerechtfertigt,“ ſagte er;„Sie ſind ſtandhaft ge⸗ weſen; aber ſagen Sie mir nun auch, ob Sie die mo⸗ raliſche Ueberzeugung hegen, daß er Ihre Bitte erfüllen werde?“ „Ich hege ſie nicht,“ erwiederte ſie mit trauriger Bewegung des ſchönen Hauptes.„Ich habe keine Art von Zuſage erhalten, Agathen bleibt keine Hoffnung.“ „So will ich noch mit ihm reden,“ verſetzte der Geheimrath beſtimmt. „Thun Sie es!“ verſetzte Thorilde.„Aber hoffen Sie wenig davon.“ Früh am folgenden Morgen brach 129 inan auf. Ellena trug eine Reiſetaſche in der Hand, die ſie ſelbſt gepackt hatte. Sie betrachtete beim Scheiden das Haus mit großem fremden Blicke und ſchien noch theilnahmtoſer, als ſonſt, zu ſein. — 4 8. Kuct, 3 Sünde und Sühne. Der Geheimrath Ledebuhr fuhr auf ſeiner Viſiten⸗ runde ſogleich bei dem jungen Tonkünſtler Karl Leopold vor, fand deſſen Wohnung jedoch verſchloſſen. Er nahm ſich nun vor, ihn brieflich um eine Unterredung zu er⸗ ſuchen.„Abſchlagen kann er mir dieſe nicht,“ bemerkte er gegen ſeine Schweſter.„Was denkſt Du aber dabei zu gewinnen?“ fragte dieſe zurück.„Ihn zu überreden, dasjenige aus Pflicht zu thun, was die Neigung ihm nicht abgewonnen hat, wird Dir nimmermehr gelingen.“ „Ich will mich an ſein Herz wenden,“ erwiederte der Geheimrath mild.„Iſt die Leidenſchaft entflohen, ſo bleibt doch noch eine Zuneigung für Agathe, als Mutter ſeiner und ihrer Kinder zurück und zu dem Vater dieſer kleinen Weſen will ich reden.“ —— — ac ————— —— — wird er ſich doch wenigſtens zu einer namhaften Summe 121 „Du vergißt, daß Du mit einem jungen und eitlen Künſtler zu thun haſt,“ ſagte ſie zweifelnd. „Gut denn! Erweiſt er ſich halsſtarrig, ſo habe ich wenigſtens das Meinige gethan;“ erwiederte ihr Bruder verſtimmt durch ihre Eutgegnung.„Im äußerſten Falle für ihren Unterhalt verſtehen müſſen.“ „Ich glaube nicht, daß ſie dieſe, wenn er ſie ver⸗ läßt, annehmen wird!“ „Aber Zoe, wie kannſt Du nur ſo reden! Soll denn die arme Frau noch Maugel leiden? Hat ſie nicht ſo ſchon des Kummers genug?“ „Sie leidet nur, was ſie verdient hat!“ verſetzte dieſe ſcharf. „Daß doch die Frauen auch ſo gar keine Nachſicht gegen einander hegen können,“ ſagte er mißbilligend. Der Brief des Geheimraths Ledebuhr wurde in der Wohnung des Tonkünſtlers abgegeben, blieb aber an dieſem, wie dem darauf folgenden Tage unbeantwortet. „Siehſt Du?“ ſagte die Schweſter. „So werde ich morgen früh, bevor er noch ſein Bett verlaſſen hat, perſönlich bei ihm eindringen,“ be⸗ merkte dieſer entſchloſſen. Wirklich auch hatte er ſich zu dieſem gewiß nicht angenehmen Gange gerüſtet, als der Poſtbote ihm einen Brief mit dem Stempel„Wiesbaden“ überbrachte. Frau von Gasmund war alſo glücklich dort eingetroffen. Mit der Ueberzeugung, daß ihr Schreiben nur dieſe kurze Mittheilung enthalten könne, brach er das Siegel auf und warf einen flüchtigen Blick hinein.— Aber kaum hatte er die erſten Zeilen geleſen, ſo ſetzte er den Stock in die Ecke, nahm den Hut ab, und ließ ſich in au⸗ genſcheinlicher Erregung, um dem Inhalte ſeine ganze Aufmerkſamkeit zuzuwenden, am Fenſter nieder.„Zoe!“ rief er dazwiſchen.„Zoe! Mein Gott! Zoe!“ „Was iſt?“ fragte dieſe, aus dem Nebenzimmer tretend. „Da lies!“ ſagte er, ihr den Brief zuwerfend: „Ich muß ohne Weiteres zum Polizeipräſidenten fahren.“ Damit eilte er aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, ſtieg in den bereits ſeiner harrenden Wagen und rollte die Straße hinauf, bevor die Schweſter ihre Brille fand, um den Brief zu entziffern. Frau von Gasmund hatte ſich diesmal kürzer gefaßt, wie gewöhnlich. Sie ſchrieb: „Mein theurer Geheimrath! Man ſagt, ein Unglück ſtelle ſich nie allein ein, und wenigſtens an mir ſcheint ſich dieſer Ausſpruch zu bewähren.— Kaum der Sorge für meine ge⸗ liebte, noch ſehr traurige und bleiche Thorilde ent⸗ ledigt und Ellena verſetzt meinem Herzen einen To⸗ desſtoß. Wozu Sie noch lange vorbereiten, wenn das „ ₰ ab ₰ Fürchterliche doch einmal geſagt ſein muß: ſie iſt ver⸗ ſchwunden!— Verſchwunden? werden Sie fragen. In die Erde ſinkt man freilich nicht; wie ein körperloſer Schatten entzieht ein lebendes Weſen ſich dem Auge nicht; und dennoch kann ich ihre Nicht⸗Anweſenheit mit keinem andern Worte bezeichnen. Iſt es mir ſelbſt doch wie ein unglücklicher Traum!— Ich bitte Sie, ſogleich alle Schritte zu ihrem Auf⸗ finden zu thun. Auf der zweiten Station von Berlin hat ſie den Wagen verlaſſen, und was aus ihr ge⸗ worden iſt, fragen wir uns vergeblich. Immer noch hofften wir, ſie ſei nur in ein unrechtes Coupé ge⸗ ſtiegen, allein als ſie auch am Ziele unſerer Reiſe ſich nicht fand, da ſtand die fürchterliche Wahrheit vor mir.— Daß ſie die Abſicht, uns zu verlaſſen, gehabt hat, wird daraus klar, daß ſie darauf gedrungen, den Ge⸗ päckſchein in ihr Portemonnaie ſtecken zu wollen.— Auch unſere Koffer glaubten wir nun durch ſie ver⸗ loren; allein ſpät Abends noch kamen ſie, mit un⸗ ſerer Adreſſe verſehen, hier an. Thorilde uft ſich jetzt manche ihrer Aeuße⸗ rungen, welche auf den Plan, mich zu verlaſſen, hin⸗ deuten, zurück. Unſeliges Vorhaben! Was wird mein armer Schwager ſagen!— Ein Mädchen ſo ſchön, ſo begabt, und— ſo leichtfinnig! So wahr iſt es, 124 daß die Sünden der Eltern ſich an den Kindern heim⸗ ſuchen! Daß die Ehre nur durch einen alten Namen und ſeine Tradition ſich einpflanzt!— Was Sie auch dagegen einwenden mögen, lieber Geheimrath, ſo iſt hier wieder ein ſchlagender Beweis dafür, daß im Blute jener Stolz liegt, welcher Ziemliche vor den Men⸗ ſchen zu thun antreibt; denn die Erziehung hat die inwohnende Neigung zur Zügelloſigkeit nicht hemmen können. Sie kannte kein Geſetz, als ihr eigenes Wol⸗ len. Gott und die Welt waren ihr nichts, die Ehr⸗ furcht vor dem Hergebrachten fehlte ihr gänzlich.— Hier nun das Reſultat.— Ich bitte Sie, mir umgehend zu ſchreiben, was Sie denken, hoffen, fürchten! Wenn dieſer Scandal öffentlich wird, welchen Makel wirft er dann auch auf meine arme Thorilde! Ich würde gleich nach Berlin zurückkehren, wenn ich es ihretwegen dürfte. Rathen Sie, helfen Sie, Ihrer tief betrübten Thekla von Gasmund, geb. von Itzenplitz.“ Sie haben wohl die Güte, den Staatsanwalt Möſer ſofort von dem Vorfalle in Kenntniß zu ſetzen und ihm zu ſagen: daß ich es ſeinem Ermeſſen über⸗ 9 125 laſſen muß, dem Vater des unglücklichen Mädchens Mit⸗ theilung von der Sache zu machen. Ich hätte bald vergeſſen zu erwähnen daß wir in der„Roſe“ abgeſtiegen ſind.“ Fräulein Ledebuhr hatte unter wiederholtem Kopf— ſchütteln dieſe Epiſtel zu Ende geleſen.„Das weiß Gott!“ ſagte ſie verdrießlich.„Man kommt vor den Angelegen⸗ heiten dieſer Familie zu keiner Ruhe. Wenn mein Brude⸗ nur aufhören könnte, ſich für dieſe hochmüthige Frau zu intereſſiren! Schon als Thekla von Itzenplitz war ſie mir unerträglich und meines Erachtens hat ſie ſeitdem nicht an Liebenswürdigkeit zugenommen; allein in ſeinen Augen war und bleibt ſie ein Engel.“ Sie kleidete ſich unter dieſem Selbſtgeſpräche an, um ihren täglichen Morgenbeſuch bei Agathe Müller abzu⸗ ſtatten. Sie fand dieſe erſchöpft, aber zum erſten Male fie⸗ berfrei.„Wie wird mein Bruder ſich frenen?“ ſagte ſie, ſich vor dem Bette niederlaſſend.„Er nimmt ſo großen Antheil an Ihnen.“ Die Kranke antwortete nicht; ſie hielt die Lider geſenkt, und die faſt durchſichtig weiße Hand ſtrich das Betttuch glatt, als wären ihre Gedanken nur darauf ge⸗ richtet; doch indem ſchon rannen große, dicke Perlen die bleichen Wangen herab. Fräulein Ledebuhr bemerkte 126 nun, daß ihre tiefe Bewegung ſie nicht hatte reden laſſen, und die Gefahr jeder Gemüthserſchütterung ken⸗ nend, nahm ſie ihr feines Taſchentuch, drückte es ſanft auf die traurigen Augen und ſagte beſchwichtigend:„Bitte! Nicht weinen! Ihr Arzt hat das ſtrenge verboten. Es würde ihn betrüben von Ihrem Ungehorſame zu hören.“ „Ich will ihn nicht betrüben!“ flüſterte die Kranke, ſich mühſam faſſend.„Er iſt ein Engel der Güte für mich!“ Sie ſeufzte. Ihre Gedanken flogen zu dem Vater ihrer Kinder hinüber. Warnm kam er nicht?— Wußte er nicht, daß ſie krank ſei? Sie hatte die Zahl der ihr im Fieber verſtrichenen Tage nicht in ihrem Gedächtniſſe, wie lange, wie kurze Zeit ſie ihn nicht geſehen, konnte ſie nicht angeben; vielleicht auch war er da geweſen. Als Fräulein Ledebuhr ſie verlaſſen hatte, bat ſie Louiſe Gerſchel, ihr Papier und Feder zu geben. Was dieſe auch entgegenſetzen mochte, ſo ſah ſie wohl, daß ihre Weigerung die Kranke mehr noch aufrege, wie die Gewährung es zu thun vermöge und ſomit reichte ſie ihr endlich das Verlangte hin. Mit zitternder Hand ſchrieb ſie nun:„Karl, kannſt Du mich ſterben laſſen ohne einen Blick der Liebe von Dir?“ Weiter reichten ihre Kräfte nicht. Die Adreſſe wäre in ihrer Handſchrift unleſerlich geworden, die Nähterin mußte ſie für ſie beſorgen und darauf ſogleich auch das wichtige Papier zur Poſt befördern. — — — 4———————— S — 4———.———— 127 „Wird er nun endlich kommen?“ ſprach es in ihrem Herzen.„Werde ich ihn nun wiederſehen?“ Aber die Stunden verrannen, und der Erwartete klopfte nicht an die Thüre der unglücklichen Frau, ob⸗ wohl ihr Brief, wie ſie rechnete, lange in ſeinen Hän⸗ den ſein mußte. Daß er von Berlin abweſend ſein könne, nahm ſie freilich nicht in Anſchlag, denn er ge⸗ hörte nicht zu denen, welche gern von Ort zu Ort fliegen. Diesmal jedoch mußte ein beſonderer Grund ihn bewogen haben, die Hauptſtadt zu verlaſſen; denn auch der Geheimrath hatte mehrere Male ſchon im Laufe des Tages an ſeine Thüre geklopft und ſie verſchloſſen gefunden, worauf er endlich bei den Mitbewohnern nach— gefragt, ob Niemand Auskunft zu geben vermöge, wann der Künſtler anzutreffen ſei. In einem Berliner Hauſe iſt ſolche Nachfrage mit Schwierigkeiten verbunden. Die Zimmer Leopold's hat⸗ ten einen beſonderen Eingang; die Wirthin war nicht mit ſeiner Bedienung beauftragt, in einem Hinterge⸗ bäude wohnte ein Ehepaar, welches gemeinſam ſich darin theilte, und Beide waren während des Tages außer⸗ halb beſchäftigt; ſo kam der Abend heran, bevor der Geheimrath dieſe ermittelte. Allein die gehoffte Unter⸗ redung mit Leopold wurde durch den hier erhaltenen Beſcheid nur noch weiter hinausgerückt. Es hieß: der 128 Herr habe ſich ſchon ſeit drei Tagen nicht blicken laſ⸗ ſen. Er trage den Schlüſſel zu ſeinem Quartier bei ſich; ob er verreiſtt ſei, von ſeinen Sachen etwas mitgenom⸗ men habe, könne man nicht ſagen. Briefe ſeien, außer einem Einzigen heute durch die Stadtpoſt eingelaufenen, nicht für ihn da, und dieſen würde die Muſikalienhand⸗ lung von Meſer, wie auch ſonſt ſchon, wenn Herr Lev⸗ pold auf einer Kunſtreiſe begriffen geweſen, befördern.— Der Geheimrath entfernte ſich unbefriedigt. Sollte Herr Leopold ſo plötzlich eine Kunſtreiſe angetreten ha⸗ ben?— Seit drei Tagen, hieß es, ſei er verſchwun⸗ den? Genau drei Tage aber waren es, ſeit mau auch Ellena vermißte. Obwohl es ihm nun nicht im Ent⸗ fernteſten einfiel, die Abweſenheit der beiden in irgend einen Zuſammenhang zu bringen, ſo blieb es doch eine eigenthümliche Sache, daß ſie gerade an demſelben Tage Berlin verlaſſen hatten. Immer mehr ſteigerte ſich ſeine Unruhe, wenn auch ohne nahe liegenden Grund. Es war ſchon in der achten Stunde; die Muſika⸗ lienhandlung von Meſer ſollte ſoeben geſchloſſen werden, als er hier anlangte. Als Arzt an directe Wege und Fragen, welche ihr Ziel im Auge hatten und eine be⸗ ſtimmte Erwiederung heiſchten, gewöhnt, dachte er auch jetzt nicht im mindeſten daran, die eigentliche Abſicht ſeines Kommens einzukleiden. Der Herr ſelbſt hatte ſchon das Geſchäft verlaſſen und der Buchführer ver⸗ 9 ſchloß ſo eben die Caſſe.„Können Sie mir wohl die Adreſſe von dem Tonkünſtler Leopold geben?“ fragte er ohne Umſchweif.„Man ſagt mir in ſeiner Wohnung, „ daß Sie ſeine Briefe befördern, folglich von ſeinem Aufenthalte unterrichtet ſind.“ „Wer kann ſich herausnehmen das zu behaupten?“ erwiederte der Commis ſehr kurz angebunden und wie es ſchien, wenig geneigt, dem Fragenden weiter Rede zu ſtehen. „Ich bin dr Geheimrath Ledebuhr!“ ſagte dieſer, und ſich etwas höher aufrichtend, maß er den Anderen vom Kopfe bis zur Sohle, als wollte er fragen, was ihn zu ſo unhöflichem Weſen berechtige. Jener zuckte die Achſeln mit echt Berliner Unver⸗ ſchämtheit. „Es thut mir leid, Ihre Nachrichten darum nicht glaubhafter nennen zu können,“ erwiederte er faſt ſpot⸗ tend.„Unſer Geſchäft iſt ein zu coulantes, als daß uns Zeit bliebe, die Correſpondenzen unſerer Kunden zu be⸗ ſorgen.“ „So werde ich mich an den Herrn Principal wen⸗ den,“ verſetzte der Geheimrath kalt. „Ganz nach Belieben,“ erwiederte der Commis.„Au⸗ genblicklich befindet er ſich jedoch im Theater.“ Das ablehnende Betragen dieſes Menſchen weckte in dem Geheimrathe den Argwohn, daß der Tonkünſtler Amely Boelte: Die Mantelkinder. I. 9 —— 130 aus ſeinem Aufenthalte ein Geheimniß machen wolle; um ſo dringender wünſchte er nun ihn zu erſpähen. Er traute ihm den Leichtſinn zu, die eben erhaltene große Summe Geldes ſofort zu verpraſſen; wollte er alſo für ſeine Schutzbefohlene einen Gewinn davon ziehen, ſo mußte er eilen. Aus dieſem Grunde fuhr er denn auch noch zu ſo ſpäter Abendſtunde in die Privatwohnung des Muſikalienhändlers Meſer. Dieſer empfing den berühmten Arzt mit gebühren⸗ der Hochachtung, wich aber dennoch einer directen Er⸗ wiederung auf ſeine Frage aus.„Ich kann es Ihnen wirklich nicht ſagen,“ verſetzte er.„Wenn es ſich aber bei Ihrer Nachfrage um irgend eine Schuldforderung handelt, ſo kann ich Sie in dem Punkte völlig beruhi⸗ gen. Herr Leopold iſt nicht wegen Gläubiger verreiſt. Er hat einen ſehr ſchönen Flügel von Roſenkranz in ſei⸗ nem Zimmer, der, wie ich genau weiß, ſein Eigenthum iſt. Durch dieſen allein würde alſo ſein Miethsherr und Andere mit kleinen Forderungen ſich decken können.“ „Es handelt ſich nicht um einen Schuldanſpruch von meiner Seite,“ unterbrach ihn der Geheimrath.„Es iſt überhaupt keine perſönliche Angelegenheit, welche mich be⸗ wegt, Herrn Leopold ſprechen zu wollen, ſondern ein frem⸗ des Schickſal, das mir dieſe Theilnahme abnöthigt. Ein Arzt kommt, wie Sie wiſſen, mit vielen Leuten in Bezie⸗ hung, und um eine Krankheit zu heben, bedarf es oft an⸗ 131 derer Hülfe, als der Arzenei. Sie thun daher ein gutes Werk, wenn Sie meinen Nachforſchungen Vorſchub leiſten.“ „Ich würde Ihnen von Herzen gern dienen, allein ich kann es in der That nicht,“ verſetzte Herr Meſer gut⸗ willig.„Herr Leopold hat uns wirklich in Unwiſſenheit über feinen Aufenthalt gelaſſen.“ „Wie können Sie denn aber die an ihn eingehenden Briefe befördern?“ fragte der Geheimrath kopfſchüttelnd. „Dieſe gehen von hier auch nur an unſer Haus in Hamburg. Wir haben weiter keine Weiſung, und weil ſie eben nur dahin gehen, ſo möchte ich faſt vermuthen, Herr Leopold habe irgend eine Abſicht dabei, uns ſeinen Aufenthalt verbergen zu wollen; zu welchem Zwecke aber, das wüßte ich wirklich nicht zu ſagen; denn wie ſchon er⸗ wähnt, wegen Schulden kann es nicht ſein.“ „Nein, wegen Schulden kann es nicht ſein,“ wieder⸗ holte beſtätigend der Geheimrath; denn er wußte ja ganz genau, daß kein Geldmangel den Künſtler drückte. „Ein Liebesabenteuer!“—— warf der Muſikalien⸗ händler hin.„Man weiß ja, wie die Damen den jungen Künſtlern nachſtellen. Wenn ich etwas vermuthe, ſo wäre es eine Sache der Art.“ „Wirklich?“ ſagte der Geheimrath kopfſchüttelnd. „Nun, wenn ich einen Sohn hätte, ſo ſollte er denn ent⸗ ſchieden kein Tonkünſtler werden; denn ich ziehe unter allen Umſtänden den achtbaren Mann einem Talente vor.“ 9* 132 Herr Meſer zuckte lächelnd mit den Achſeln. „Jedenfalls kann ich wohl von Ihnen erwarten, daß Sie einen Brief von mir in der von Ihnen genannten indirecten Weiſe an den jungen Tonkünſtler gelangen laf⸗ ſen werden?“ fragte er. „Zweifeln Sie daran nicht, Herr Geheimrath.“ „Ich werde darauf bemerken: zu eiliger Beförderung; denn erreicht er ſein Ziel zu ſpät, ſo iſt auch ſein Zweck verloren, und es handelt ſich hier, wie geſagt, um das Schickſal einer ſehr unglücklichen Frau, meiner Patientin.“ „Werden Sie es zudringlich finden, wenn ich Sie um den Namen derſelben bitte?“ fragte der Muſikalienhändler aufhorchend. „Durchaus nicht! Wie ich vermuthe, iſt ihre Lage tein Geheimniß. Frau Agathe Müller.“ „Ich dachte es mir!“ gab der Andere zurück. Da kann ich Ihnen vielleicht gleich eine kleine Beruhigung geben. Ich bin gewöhnt, dieſer Frau jeden Erſten des Monates 50 Thaler verabfolgen zu laſſen und auch fer⸗ ner wird dies in gleicher Weiſe geſchehen., Iſt Herr Leo⸗ pold gerade nicht bei Caſſe oder iſt er abweſend, ſo ſchieße ich das Geld vor.“ „Ganz gut!— Aber dieſe Zahlung beruht immer auf ſeinem guten Willen; ich möchte ſie zu einer Verpflich⸗ tung machen.“ Das rathe ich Ihnen nicht,“ fiel jener bedenklich . ————— 133 ein.„Ich glaube nicht, daß er ihr jemals dieſe Summe vorenthalten wird, ſo lange ſein guter Wille ſie giebt; wollte man ihn aber binden, ſo würde er ſich dagegen verwahren.“ „Aber, mein Gott! Das iſt ja ein Angſtleben für die arme Frau!“ rief der Geheimrath unwillig.„Sie wird ja ihres Lebens nicht froh, wenn ſie von Monat zu Monat für ihre Exiſtenz und die ih rer Kinder zittern muß. Ueberhaupt— wer mag denn Alles nur der Gnade ver⸗ danken?— Ein Recht, ſein Recht behaupten, das allein läßt uns den Kopf über der Fluth emporhalten, und ſie iſt in ihrem guten Rechte.“ „Menſchlich, freilich! Allein geſetzlich, verzeihen Sie, Herr Geheimrath! käme ihr wohl wenig zu. Alle Laſten fallen da auf die Frau. Er könnte ſich mit ein paar hundert Thalern von ihr loskaufen, und was hätte ſie dann? — Ich rathe Ihnen wirklich, ihn nicht zu reizen.“ „Ihn nicht zu reizen! Hölle und Teufel! Ich ſoll wohl noch mit einer Katzenpfote einen Menſchen ſtreicheln, der das Wort Pflicht nicht kennt? Wiſſen Sie was, Herr Meſer? Nichts iſt mir ein ſolcher Greuel, als dieſe Will⸗ kür im Handeln, welche den Begriff des Rechten ausſchließt. Welche Begabung ein ſolches Weſen auch beſitze; doch ſteht es dem Thiere zunächſt; denn auf der Leiter der Crea⸗ turen iſt es nur die moraliſche Verbindlichkeit, welche die zu erklimmende Spryſſe beſtimmt. Nein, ich werde ihn nicht ſchonen, ich werde ihm, als ob ich ſein Beicht⸗ 134 vater wäre, ins Gewiſſen reden, von mir wenigſtens ſoll er einmal hören, was Wahrheit iſt; und rühre ich ihn damit nicht, bleibt er dabei, wie ein Kater auf den Dächern umherſpazieren zu wollen, um nach hübſchen Katzen zu ſpähen; nun, ſo giebt es ja noch gute Menſchen in der Welt, die keine zu ſtrenge Rich⸗ ter ſind und ſich der armen Müller annehmen werden.“ Er nahm Hut und Stock. „Herr Geheimrath!“ ſagte der Muſikalienhändler, „wenn Frau Agathe Müller während ihrer Krankheit eines Vorſchuſſes bedarf, ſo ſoll ſie mir nur die OQuit⸗ tung für die gewünſchte Summe einſenden.“ Der Arzt reichte ihm die Hand.„Das iſt brav von Ihnen, Herr Meſer! Es freut mich, Sie kennen gelernt zu haben,“ ſagte er ſichtlich erfreut. „Und wenn ich ſonſt helfen kann....“ „Ich danke Ihnen. Sie ſollen nicht übergangen werden, wo es gilt,“ fiel ihm der Andere in das Wort. Sie ſchieden wie Freunde. Fräulein Ledebuhr war verwundert, ihren Bruder ſo ſpät heimkehren zu ſehen. Auch jetzt ſtand er ihr noch nicht Rede. Ohne Verzug eilte er an ſeinen Schreibtiſch, um an Leopold und auch an den Staats⸗ anwalt zu ſchreiben; dann erſt konnte ihre Neugierde die gewünſchte Befriedigung erhalten. Von der Polizei waren ſofort die geeigneten Schritte gethan, man hatte 135 telegraphirt und mehrere Diener ausgeſandt, um die Spur der Vermißten zu verfolgen. In der Frühe des nächſten Morgens wollte der Staatsanwalt ſelbſt anf⸗ brechen, um ſein Mündel zu ſuchen, und da dieſer den Gedanken nicht los werden konnte, der Tonkünſtler Lev⸗ pold ſei in irgend einer Weiſe an ihrer Flucht bethei⸗ ligt, ſo hatte er ihm verſprochen, was er über deſſen Aufenthalt erfahren könne, ihm noch dieſen Abend mit⸗ zutheilen. So ſpät es alſo auch war, ſo mußte der Brief des Geheimraths noch in deſſen Wohnung getra⸗ gen werden.„Es wird Ihnen wenig nützen zu wiſſen, daß eine Muſikalienhandlung in Hamburg Leopold's Briefe befördert; allein es iſt Alles, was ich habe in Erfahrung bringen können,“ ſchrieb er an den Staats⸗ anwalt. Dieſer aber betrachtete die Nachricht als durch⸗ aus nicht unwichtig. —— ——— ————— —————————— Eine Badebekanntſchaft. Viele unſerer Leſer werden gewiß das kleine Städt⸗ chen Wiesbaden kennen, und Andere ſich aus Bſchteibut gen ein it von ſeiner Lieblichkeit entworfen haben; denn unter den Bädern Deutſchlands nimmt es ſeit lange einen Platz ein. Was aber mehr noch als die warmen Quellen, mehr noch als Luft, Waſſer und Gegend, den großen Strom von Menſchen dahin lockt, iſt leider die Spielbank mit ihrem teſee aufregenden Reize. Dieſes Inſtitut, welches ſo manches Familienglück zerſtört, ſo manches Wohlleben in Elend verkehrt hat; mußte zugleich mit ſeinem Erwerbe ein irdiſches Paradies ſchlaffen, deſſen Reize, Vortheile, Annehmlichkeiten jede Mahnung an das Gewiſſen, ſeinem verderblichen Walten — 137 ein Ziel zu ſetzen, b ſchwi ichtigte. einee welche der Herzog von Nuſſu nie hätte in das Leben treten laſſen, unternahm das Directorium dieſer verpönten Anſtalt. Das Spielhaus mit ſeinen herrlichen Sälen gehört jedem Frem⸗ den wie ein eigenes Haus an; hoch vom Söller herab be⸗ grüßt ein Muſikchor das Ohr, man lauſcht den Tönen, während das Auge träumeriſch dem Steigen und Fallen ei⸗ ner mächtigen Waſſerkunſt zuſchaut, deren weites Becken, auf deſſen Waſſer ſpiegel weiße und ſchwarze Schwäne ſtolz ſich wiegen, ein Blüthenkranz duftender Stauden aller Zonen einfaßt. Es war Sonntag, das ſchöne Wetter hatte die Be⸗ völkerung aller Nachbarſtädte hergelockt; am Ufer war das Gedränge ſo groß, daß wirklich kein Apfel zur Erde fallen konnte. In der Gegend, wo Frau von Gasmund wohnte, be— merkte man jedoch nichts von dieſem Treiben und Wogen. Das Gaſthnuszur Roſe“ſtand an dem kleinen Dreiecke, auf welchem die Göttin Hygiena ein Standbild erhalten hat; nur wenige Perſonen Fi dieſes Weges. An den umlie⸗ genden Badehäuſ ſern, dem„Spiegel⸗“dem„Engel,“ dem „Britiſchen Hof,“ waren die grünen Jalouſien herabge⸗ laſſen; die tiefſte Stille herrſchte. Thorilde ſaß am Fenſter des hal bdunkeln Zimmers, und blickte, den Kopf geſtützt, durch die Spalten der grü⸗ nen Fenſterläden auf die Straße. Frau von Gasmund 138 warf dann und wann von ihrer Stickerei einen ſorgenden Blick zu ihr hinüber.„Sie iſt bekümmert,“ dachte ſie, aber ſie wußte nicht, ob die Gedanken des ſchweigſamen Mäd⸗ chens der Schweſter nacheilten, oder einem noch ſchlimme⸗ ren Gegenſtande folgten. Zu ihrer eigenen Beruhigung ließ ſie das Erſtere gelten.— „Es iſt nicht comme il faut heute am Kurhaufe zu erſcheinen,“ nahm ſie endlich, um das Schweigen zu bre⸗ chen, das Wort.„Es wimmelt dort Sonntags von Juden, von Volk aller Art. Man weiß nicht, mit wem man zuſam⸗ mentreffen kann. Ich denke, wir fahren nach Bieberich und nehmen die wunderſchönen Treibhäuſer des Herzogs in Augenſchein. Iſt Dir das angenehm?“ Thorilde nickte. „Willſt Du Dich dann lieber jetzt ankleiden, mein Kind? Der Zug geht um zwei Uhr. Wir ſpeiſen um Eins, können daher nur gerade den Bahnhof erreichen.“ „Welches Kleid ſoll ich anziehen?“ „Ich dächte roſa Mouſſeline?— Es iſt ja eine Land⸗ partie. Die Herzogin iſt in Deſſau, vom Hofe werden wir Niemand begegnen. Mir iſt das eigentlich unangenehm; ich hätte Dich gerade jetzt gern vorſtellen laſſen.“ „Gerade jetzt?“ fragte Thorilde zurück.„Scheint Dir der Augenblick gut gewählt zu ſein?“ „Wir müſſen in unſerer Lage doppelt zu unſerer 139 Geſellſchaft halten. Glaube mir das, mein Kind! Ich ver⸗ ſtehe mich auf die Welt, in der wir leben. Halten wir uns mitten in ihrem Strome, ſo gleitet Alles von uns ab.“ Thorilde ſah ſie halb ungläubig an; erwiederte aber nichts. Eine Art Apathie hatte ſich ihrer bemächtigt. Die Ereigniſſe der letzten Wochen waren zu plötzlich über ſie gekommen, als daß ſie das Gleichgewicht hatte augenblick⸗ lich wieder gewinnen können. Ihr war immer noch zu Muthe, als ob der Boden unter ihren Füßen wanke, und die Sicherheit im Leben von ihr gewichen ſei. Um ſo wil⸗ liger ließ ſie ſich von Frau von Gasmund leiten, und gab ihr Thun und Laſſen gänzlich in deren Hand. Sie ſpeiſten in ihrem Zimmer. Frau von Gasmund las, während des Eſſens, in den Badeliſten, um nachzu⸗ ſehen, ob Jemand von ihrer Bekanntſchaft angekommen ſei.„Der Herr von Rheinfeld!“ rief ſie aus.„Ich möchte wiſſen, ob es der Vater, oder der Sohn iſt. Erſterer war mein Cotillon⸗Tänzer.— Wie die Jahre ſchwinden! Ja, ja. Er kann freilich ſchon einen Sohn haben, der hier ſelbſt⸗ ſtändig auftritt.“ Thorilde drückte indeſſen das kleine runde Strohhüt⸗ chen mit einem Bouquet von Feldblumen über der Stirne, auf die reichen ſchwarzen Flechten, und warf ein weißes Spitzentuch über die Schultern. Was ſie auch anzog, ſo ſtand es ihr; allein dieſe leichte, luftige Kleidung ließ ihr doch beſonders gut, und Frau von Gasmund konnte nicht ——— — war uMEe 140 umhin, ſie mit Wohlgefallen zu betrachten, während ſie an den ſich demüthig verneigenden Kellnern vorüber die Stu⸗ fen hinunter ging, neben dem Wagen ſtehen blieb, und ſie voraus einſteigen ließ. Das Mädchen ſah nicht nur reizend aus; ſondern beſaß, was viel wichtiger iſt, eine gewinnende Grazie, und etwas ſehr Diſtinguirtes. Auf das letztere legte Frau von Gasmund ein beſonders großes Gewicht; denn ihrer Meinung nach war Schönheit von geringem Werthe, im Vergleiche zu dem Ausſehen einer Dame, zu jenem vor⸗ nehmen Etwas, das die ganze Geſtalt adelt. Sie hielt dafür, daß dies vornehme Etwas im Blute liege, daß es ererbt werde, mit einem alten Namen zuſammenhänge; doch iſt dies vornehme Etwas wohl nicht immer tra⸗ ditionell, es kommt vielleicht öfter noch direct, als Got⸗ tesgabe, und deutet darauf hin, daß die Natur an dem ewigen Webſtuhle der Zeit bisweilen gern mit neuen Fäden fortarbeitet, und auch für ſich eine Ariſtokratie ſchafft. Die Treibhäuſer des Herzogs von Naſſau gehören zu den ſchönſten in ganz Europa. Durch dicke Laubgänge von Camelien windet man ſeinen Weg fort und fort, und glaubt immer ſchon das Schönſte geſehen zu haben, wenn noch Schöneres ſich aus der Ferne dem Auge bietet; dabei iſt der Pfad ſo ſchmal, daß man nur einzeln gehen kann, und die Crinoline, um nicht damit anzuſtoßen, zuſammenfalten 141 möchte. Thorilde ging Frau von Gasmund vorauf und konnte, wenn ſie nicht zurückſprechen wollte, erſt am Ziele ihrer Bewunderung Luft machen. Die Sonne hatte ſich indeſſen ſchon dem Horizonte zugeneigt, und erlaubte ihnen am es Rheines in einer offenen Laube den Kaffee einzunehmen. Vor ihnen lagen die Thürme von Mainz, als ſtänden ſie mitten auf einer Inſel des Rheines, Dampfſchiffe zogen vorüber, aufwärts, abwärts, Fremde kamen und gingen, dem iillhen des Ländlichen der Scene geſe. ſich die Su des Verkehres zu, und ließ dem Auge keine Ruhe, den Ge⸗ danken keine Muße. Neben ihnen an verſchiedenen Tiſchen hatten noch an⸗ dere Gäſte Platz genommen. Eine e von Herren flü⸗ ſterte mit einander, währe id ſie durch die Lorgnette Tho⸗ rilde betrachteten. Frau von Gasmund wandte ihren Sonnenſc chirm nach der Seite hin und verſteckte ihnen damit das Köpfchen ihres ſchönen Töchterchens, dem das Eine, wie das Andere entging denn ihr Auge ſuchte heute nur den Rhein, ſah nur den Rhein. In jedem ettſchet Herzen lobt traditionell ſchon eine Vorliebe für dieſen ſchönen Fluß; die Poeſie ſeiner alten Ruinen, ſeine Mär⸗ chen und Sagen prägen ſich dem Gemüthe ſo tief ein, daß ſelbſt ein Sihie ner Blick dieſen Ufern einen Reiß andichtet; wie viel mehr alſo ein ſolc her⸗ dem die Phantaſi ie noch einen zweiten Spiegel leiht. Sie hatte die Pilgrims on the 142 Rhine von Bulwer geleſen, kannte ſogar das Gedicht der Nibelungen, und indem ſie aufſchauete, uen vor ihren Augen dieſe Geſtalten. Sie antwortete daher einſilbig auf ihrer Mutter Bemerkungen, weil dieſe ſie ſtörten; ſo zog jene denn endlich eine kleine Sne Dann, als der Sonne Strahlen ſich golden in den Rhein ſenkten, brachen ſie, um mit dem letzten Zuge nach Wiesbaden zu⸗ rückzukehren, auf. „Das war ein ſchöner Tag!“ ſagte Thorilde, ſich an den Arm der Mutter hängend. „So biſt Duwirklich vergnügt geweſen, mein Kind?“ erwiederte dieſe mit zärtlichem Blicke, und wandte das Auge zum Himmel, ihm dankend, daß es ihr gelungen, ihrem Lieblinge heitere Stunden zu bereiten. Als ſie einſtiegen, bemerkte ſie die nämlichen welche ihr am Ufer des Rheines ſchon liſ geworden wa⸗ ren.„Ein Damen⸗Cvupé!“ heiſchte ſie dem Schaffner zu; allein die N üchtr aucher durften auch in dieſem einen Platz ſuchen und wie es ſchien, waren jene gerade Nichtraucher; denn ſie wählten denſelben Wagen. Mutter und Tochter ſaßen ſich gegenüber vor dem hinuntergelaſſenen Fenſter, und blickten, ohne zu ſprechen, auf die Gegend. Die kurze Fahrt war bald zurückgelegt; man ſtieg an jener Seite, wo die Herren Platz genommen hatten, aus; der eine von ihnen, welcher die Uniform eines preußiſchen Lieutenants trug, blieb vor der geöffneten Thüre ——— — N 143 ſtehen, und bot den Damen die Hand. Die Aufmerkſam⸗ keit war nicht zurückzuweiſen. Frau von Gasmund nickte ihm mit kalter Höflichkeit ihren Dank zu, er legte die Fin⸗ ger an den Czako und verſchwand. Durch die ſchon in halbe Dämmerung gehüllte Straße ſchritten nun Mutter und Tochter der„Roſe“ zu. Johann ſtand an der Thüre, ſeiner Gebieterin harrend, und hielt in ſeiner Hand einen Brief, der ſogleich die Auf⸗ merkſamkeit der Frau von Gasmund auf ſich zog. Schon indem ſie die Treppe hinauf ſtieg, erkannte ſie an der Adreſſe die Handſchrift des Staatsanwaltes, und eilte ge⸗ ſpannt in ihr Zimmer, den Inhalt ohne Zeugen zu entzif⸗“ fern. Er ſchrieb:— „Gnädige Frau! Ich beeile mich Ihnen das Reſultat meiner Bemü⸗ hungen mitzutheilen; muß aber zugleich bevorworten, daß es zu meinem Bedauern kein befriedigendes iſt. Der Geheimrath Ledebuhr wird Ihnen meine Reiſe nach Hamburg gemeldet haben. So wenig er auch in dem Punkte mit mir einverſtanden war, ſo konnte ich mich von dem Argwohne nicht frei machen, das Ver⸗ ſchwinden des Herrn Leopold mit dem Fräulein El⸗ lena's in einen Zuſammenhang zu bringen, und ich hoffte, wenn ich nur erſt in Erfahrung gebracht hätte, wo ſich der junge Mann aufhalte, würde die Spur der 144 jungen Dame nicht ſchwer zu finden ſein. Leider aber mußte ich in Verfolgung dieſes Zweckes auf nicht von mir geahnte Schwierigkeiten ſtoßen, die für den Augen⸗ blick noch alle meine Bemühungen ſo gut wie fruchtlos erſcheinen laſſen. Die Muſikalienhandlung von Berthold, welche die Briefe des Herrn Leopold entgegennimmt und weiter befördert, iſt nämlich nicht genauer von des Tonkünſtlers Aufenthalte oder Reiſeplänen unterrichtet, wie es die von Meſer& Co. in Berlin war. Bei meiner Ankunft hier wußten ſie ſogar noch nicht, was ſie mit dieſen Briefen beginnen ſollten und glaubten, daß der Inhaber erſcheinen würde, um dieſelben abzuholen, Dieſe Hoffnung hegte auch ich, und unter dem Vor⸗ wande, daß ich den Herrn nothwendig zu ſprechen wün⸗ ſche, verweilte ich deshalb den ganzen Tag in dem Laden; obwohl mir der Boden unter den Füßen brannte. Es wurde Abend, ohne daß er von ſich hö⸗ ren ließ. Unſchlüſſig ob ich den folgenden Tag in glei⸗ cher Weiſe ſeiner harren, oder ihn anderwärts aufſu⸗ chen ſollte, legte ich mich zu Bett. Da klopfte es noch ſpät an meine Thüre, und ein Commis des Herrn Berthold erſchien mit einem Briefe, der meiner Unge⸗ wißheit ein Ende machte. Er ſchrieb mir: es ſei nicht durch die Poſt, ſondern durch den Commiſſionair eines Hotels— ein Billet von Herr Leopold eingelaufen, worin dieſer ihn erſuche, alle für ihn eingeſandten Briefe 145 an Cramer 4 Beal, Muſikalienhändler, Regents Street, London, zu befördern. Ich eilte nun in der Frühe ſogleich zu Herrn Berthold, um zu erfragen, welchem Hotel je⸗ ner Commiſſionair angehört habe. Man wußte mir das aber leider nicht zu ſagen. Ebenſo wenig hatte man ſich erkundigt, ob Herr Leopold ſeinem Boten das Billet ei⸗ genhändig übergeben, oder wer ihn mit deſſen Ueber⸗ bringung beauftragt habe. Doch glaubte der Commis, welcher ihn in Empfang genommen, den Menſchen wie⸗ der erkennen zu können; ich bat alſo Herrn Berthold, ihm zu geſtatten, mich auf einige Stunden begleiten zu dürfen, nahm einen Wagen und fuhr von Hotel zu Ho⸗ tel. Allein nun ſtellte ſich eine zweite Schwierigkeit her⸗ aus; manche Commiſſionaire waren mit Herrſchaften zur Beſichtigung der Stadt und des Hafens fortgegan⸗ gen, und ihre Rückkehr zu erwarten fiel mir unmöglich. Man rieth mir die Fremdenbücher durchzuleſen. Allein wer ſtand mir dafür, daß der Geſuchte ſeinen eigenen Namen eingetragen habe?— Statt alſo meine Zeit damit zu verlieren, zog ich vor, nach dem Hafen zu ei⸗ len, um die nach England abgehenden Dampfſchiffe zu notiren. Der„Neptun“ lag gerade auf der Rhede; weiße Wolken ſchoſſen aus ſeinem mächtigen Schornſteine em⸗ por, ein Boot ſtieß fo eben vom Ufer ab, um die Poſt⸗ ſendung an Bord zu bringen.„Halt!“ rief ich die⸗ ſem nach.„Nehmen Sie mich mit!“ Aber ſie achteten Amely Boelte: Die antelkinder. 1. 10 146 meines Rufes nicht,— denn Paſſagiere zu befördern 3 gehörte nicht zu ihren Geſchäften, dazu waren die Jollenführer vorhanden; auch erboten ſich ſogleich meh⸗ rere, mich hinüberzufahren. Ich ſprang in das erſte ſich bereit findende Fahrzeug, und verſprach dem Manne einen doppelten Lohn, wenn wir das Schiff noch er⸗ reichten. Er that darauf ſein Mögliches; allein wir wur⸗ den bald hier, bald dort aufgehalten, und als wir dem „Neptun“ etwa bis auf fünfzig Schritte nahe kamen, tehrte das Poſt⸗Boot zurück, und die Räder begannen ihren Umſchwung. Man würde mich allenfalls noch an Bord genommen haben, allein dann hätte ich mit nach London gehen müſſen. Das wäre ein Wagſtück ge⸗ weſen, welches zu unternehmen kein hinreichender Grund ſich vorfand; denn wer garantirte mir, daß die Flüchtigen auf dieſem Schiffe ſich befänden, oder auch überhaupt ſchon abgereiſt ſeien?— Sie in London ſuchen zu wollen, ohne die poſitive Gewiß⸗ heit ihrer dortigen Anweſenheit zu haben, wäre eine Thorheit geweſen, der ich mich um ſo weniger ſchuldig machen konnte, da ohnehin meine Anweſen⸗ heit in Berlin gefordert wurde. Höchſt mißvergnügt, eine Inſpectivn der Paſſagiere des„Neptun“ miß⸗ lungen zu ſehen, kehrte ich zurück. Indeſſen ein Ad⸗ vocat darf ſich nicht durch Vermuthungen leiten laſſen, ſein Weg geht über Thatſachen und moti⸗ rn ie h⸗ ich me er⸗ ur⸗ em en, en an ch der aß der äre ger en⸗ igt, iß⸗ Ad⸗ ten ti⸗ 147 virte Gründe, und ſomit habe ich mir denn auch kei⸗ nen Vorwurf zu machen. Die Zeit bis zum Abgange eines anderen Schif⸗ fes benutzre ich hierauf zu Nachfragen in den erſten Wirthshäuſern der Stadt. In„Streits Hotel“ am Jungfernſtieg erfuhr ich: daß mit dem„Neptun“ eine Sängerin und Gemahl nach London gegangen. Die Sängerin ließ mich auf Ellena rathen. Ich fragte nach dem Namen. Dieſen wußte der Kellner jedoch nicht; er ſei ſo ausländiſch geweſen, daß er ihn nicht habe behalten können, ſagte er. In das Frem⸗ denbuch hatten ſie ſich einzutragen geweigert. Ich ließ mir das Aeußere der Dame beſchreiben. Die Farbe der Haare war die Ellena's; als ich ihren Namen nannte, meinte der Kellner, dieſen von dem Herrn gehört zu haben. Allein er konnte ſich das auch nur einbilden. Was nun weiter in dieſer Sache geſchehen ſoll, muß ich Ihrer Verfügung anheimſtellen. Sie in London zu ermitteln, bietet große Schwierig⸗ keiten. In der ungeheuren großen Stadt bekümmert ſich die Polizei nicht um die Fremden; ſchon das Paar aufzufinden würde ſchwer halten, ſchwerer aber noch würde es ſein, in das Geheimniß ihrer Bezie⸗ hung zu einander einzudringen. Ich ſelbſt kann, wie geſagt, es nicht unternehmen, meines Mündel Spur 10* zu folgen. Wenn Sie aber die Koſten nicht ſcheuen wol⸗ len, ſo werde ich Jemand, der dem Unternehmen ge⸗ wachſen iſt, zu finden ſuchen. Ich erwarte hierüber Ihre Befehle. Wollen Sie an Ellena ſchreiben, ſo könnten wir den Brief an Cramer& Beal adreſſiren.“ Frau von Gasmund las dieſen Brief in wachſen⸗ der Aufregung und ging ihn, als ſie damit zu Ende ge⸗ fommen war, noch einmal wieder durch. Ihre Haare ſträub⸗ ten ſich, alle ihre Pulſe jagten.„Unglückliches Kind!“ rief ſie wiederholt aus.„Wie Dich retten?“ Sie überlegte, ob ſie nicht ſelbſt nach England ge⸗ hen ſolle? Allein ſie verſtand weder die Sprache, noch wußte ſie Mittel und Wege, um dort ihr nachzuſpüren; ſo konnte ihr guter Wille kaum auf Erfolg rechnen. Sie war rathlos,— troſtlos. Daß dieſer Leopold Ellena verlaſſen würde, wie er Agathe Müller verlaſſen hatte, ſchien ihr klar zu ſein; und was ſollte dann aus dieſer werden?— Wie nachtheilig mußte unter allen Umſtänden aber die nahe Beziehung zu Thorilden auf dieſe wirken, und ihre Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft beeinträchtigen! Dies war ſchließlich der wich⸗ tigſte Punkt ihres Kummers. So ungern ſie dem Vater des Mädchens eine ſo unwillkommene Mittheilung machte, konnte ſie ſchließlich doch nicht anders, als ihn auffordern nach Europa zu fommen und ſeine Tochter zu holen. Nur wenn er Ellena mitnahm, vermochte ſie wieder ihr Haupt zu erheben. Das Klima, in Cayenne, war ungeſund; allein lieber den Tod dort gefunden, als hier in Unehre gelebt. Sie ſtützte den Kopf in die Hand und verlor ſich in Betrachtungen hier⸗ über. Thorilde trat indeſſen auf den kleinen Balcon hinaus, und ſah dem aufſteigenden Monde zu. Die Nacht war warm, kein Lüftchen regte ſich; ſie legte ſich gegen das ſchwarze Eiſengitter und ſtützte das Haupt in die kleine weiße Hand. An Ellena's Nähe gewöhnt, kam ein Ge⸗ fühl des Verlaſſenſeins über ſie. Welchen Werth hatte die wärmſte Zuneigung, wenn ſie in einer Minute, wie ein altes Kleid abgeſchüttelt werden konnte? Welchen Werth die Liebe?— Das fragte ſie ſich. Eine namenloſe Sehnſ ucht ergriff ſie nach Gott, nach dem Himmel, nach einem Weſen auf Erden, das un⸗ wandelbar ihr zugethan ſei. Sie hatte nie eine Freun⸗ din beſeſſen, Frau von Gasmund kihtit keine Mädchen⸗ freundſ uften in dem Argwohn, daß deren vertrauliche Plaudereien ſich nur auf Männer bezögen. Sie hatte auch mit Ellena jedes intimen Austauſches entbehrt; allein nicht minder darum über alle kleinen Vorkommniſſe des Lebens mit ihr lachen oder weinen können. Nun ſtand ſie da, die Lippe verſchloſſen, das Herz ſo ängſtlich pochend, als ob eine Welt der Sorge es beſchwere und langſam perlten die Thränon über ihre Wangen, um der gepreßten 150 Bruſt Luft zu machen. Töne von Blasinſtrumenten dran⸗ gen jetzt zu ihr hinauf; ſie konnte nicht ſehen, von wan⸗ nen ſie kämen, hart an die Mauer des Hauſes gelehnt, wo der Balkon ſie ihrem Auge verſteckte, mußten die Muſiker ſich aufgeſtellt haben; ſie ſpielten in leiſen und ſanften Tönen das ſchöne Lied:„Der Wanderer!“— Thorilde trocknete ihre Thränen und lieh ihr Ohr. „Was iſt das?“ fragte Frau von Gasmund ſehr aufgeregt, die Feder in der Hand, aus dem anſtoßenden Zimmer herbeieilend.„Ein Ständchen? Wer kann ſo anmaßend ſein Dir dies bringen zu wollen, da Du doch Niemand hier bis jetzt eines Blickes gewürdigt haſt?“ Thorilde war über die Störung halb erzürnt. „Ein Ständchen, Mama! Wie kommſt Du auf den Gedanken? In einem Gaſthofe leben ja ſo viele Perſonen, welche ſich ein ſolches Sonntagsvergnügen be⸗ reiten können. Aber laß mich, bitte! Es klingt ſo ſchön durch die ſtille Nacht.“ „Es gilt Dir!“ ſagte Frau von Gasmund hinaus⸗ tretend, und zugleich fiel ihr Auge ſeitwärts auf die Fagade des Badehauſes„zum Spiegel,“ wo an einem geöffneten Fenſter zwei Männer ſtanden, welche der Strahl des Mondes in dem Augenblicke ſichtbar machte.„Ich wußte es wohl!“ fügte ſie nun ſelbſtzufrieden hinzu. „Ich wußte es wohl. Da ſind ſie ja.“ „Wer?“ fragte Thorilde. be ich th de kö: ſie lic eir ge fre tet Bi 151 „Die jungen Herren, welche uns beim Ausſteigen behülflich waren. Wenn ſie im„Spiegel“ wohnen, ſo kann ich ihre Namen in Erfahrung bringen.“ Sie trat in das Zimmer zurück, ſchellte und er⸗ theilte Johann den entſprechenden Auftrag. Thorilde war froh ſich allein gelaſſen zu ſehen, und den Zauber dieſer herrlichen Nacht ungeſtört genießen zu können. Erſt nach dem Verklingen des letzten Tones zog ſie ſich zurück, und träumte— von Ellena. Als ſie ziem⸗ lich ſpät erwachte, lag auf dem Tiſche neben ihrem Lager ein wundewolles Bouquet der ſchönſten Camelien, um⸗ geben mit einem Kranze von Veilchen. Sie ſchellte und fragte die Jungfer, wer es geſendet habe? Dieſe berich⸗ tete, daß ein Gärtnerburſche es in der Frühe mit der Botſchaft, es ſei für die Dame auf Nr. 13, gebracht habe. 6 Edle Weiblichkeit. Der Geheimrath Ledebuhr ſaß bald darauf eines Abends in ſeinem Arbeitszimmer neben dem Staats⸗ anwalte Möſer auf dem Sofa, in ein ernſtes Geſpräch vertieft. Beide hatten eine Cigarre hervorgezogen und blieſen bedächtig die weißen Wolken von ſich, die hei⸗ ßen Lippen mit einem Glaſe guten Rheinweines netzend. Der Vormund berieth hier mit dem Freunde. Was konnte und was mußte geſchehen, um Ellena's Leicht⸗ ſinn gut zu machen? fragten ſie ſich. „Da nicht Neigung das Mädchen zu dieſem unbe⸗ dachten Schritte verleitet hat, ſo iſt mir ihr Davonlau⸗ fen unbegreiflich!“ bemerkte der Arzt.„Man ſieht an dieſem Beiſpiele, wie wenig auch die ſorgſamſte Er⸗ ziehung den Menſchen vor ſich ſelbſt zu retten vermag. nes und hei⸗ nd. Las cht⸗ be⸗ au⸗ an Er⸗ 153 Sie führte hier das glücklichſte Jugendleben; allein unter gewiſſen Schranken. Was ſie ſuchen konnte und entbehren konnte, war alſo doch nur Zügelloſigkeit.“ „Sie wählen da einen zu ſtarken Ausdruck, lieber Ledebuhr!“ entgegnete der Staatsanwalt bedächtig.„Das Mädchen hat von Zügelloſigkeit keinen Begriff und weiß ganz ſicherlich gar nicht, was ſie will. Nur ein unbe⸗ ſtimmter Drang nach Freiheit hat ſie geleitet, die Feſſeln des conventionellen Lebens abzuſchütteln und nach Nei⸗ gung zu leben. Sie iſt eine Künſtlernatur und haßt die Regeln und die Regelmäßigkeit.“ „Aber wohin ſoll das führen?“ rief ſein Nachbar ungeduldig.„Ein Mädchen, welches der Sitte Hohn ſpricht, entſagt damit auch der Sittlichkeit. Selbſter⸗ ziehung und Selbſtbeſchränkung ſind die Aufgabe jedes Menſchen.“ „Nur werden Sie zugeſtehen, daß es dem denkenden Geſchöpfe leichter fällt, ſich durch die Pflicht, das Geſetz, die Ordnung überhaupt beherrſchen zu laſſen, wie dem, welches nur der augenblicklichen Stimmung folgt?“ „Ich geſtehe das Niemand zu.“ „Gleichwohl geſchieht es,“ verſetzte der Staatsan⸗ walt lachend.„Dichter und Künſtler gehorchen nur Stimmungen, und ſo auch die Frauen. Wenn die letz⸗ teren nicht durch Furcht vor der Meinung der Welt gezügelt würden, möchte es bunt genug in unſerem Le⸗ 154 ben ausſehen. Die Einzelnen aber, welche ſich von keiner Sitte beherrſchen laſſen, haben auch ſtets recht tolles Zeug angegeben.“ „Dann ſollte man ſie lieber einſperren.“ „Wie die Türkinnen?— Nun ja, ſo übel wäre es nicht; allein dies Einſperren verurſacht auch viel Laſt. Um aber auf Ellena zurückzukommen, ſo bin ich über⸗ zeugt, daß ſie, wenn ſie ſich weniger überwacht gefühlt hätte, ruhig hier geblieben wäre. Sie hat die ſtete ängſtliche Sorge und Aufſicht der guten Gasmund nicht zu ertragen vermocht. „Ich wüßte doch nicht, was dieſe hätte ändern kön⸗ nen? Die Lage der Mädchen betrachtet.... „Seien Sie billig, Freund!“ fiel ihm der Staats⸗ anwalt in die Rede.„Denken Sie ſich einmal an die Stelle eines ſolchen armen Weſens, in deſſen Adern das volle Leben pulſirt, und die nun wie eine Gefan⸗ gene, auf Ordre, in die Luft hinausgeführt wird, auf Ordre heimkehrt, die, wo ſie ſpringen möchte, trippeln muß, wo das helle Lachen ihr die Bruſt drückt, nur lächeln darf; die überhaupt nur ſo weit ſie ſelbſt ſein kann, wie es die Geſellſchaft ihr geſtattet; ſollte dieſe nicht einmal den Zwang abſchütteln und aus voller Bruſt athmen mögen?“. Freilich!“ verſetzte der Arzt kleinlaut.„Aber nun „ die Folgen! Es wird doch das Unglück ihres ganzen Lebens ſein.“ „Das wiſſen wir noch nicht ſo beſtimmt.“ „Und dann ihre Herzloſigkeit! Kein Wort zu ſchrei⸗ ben! An Mutter und Schweſter auch gar nicht zu hängen!“ „Warten wir es ab. Erſt mußte ſie im Hafen ſein, bevor ſie dieſen Nachricht geben konnte, und dann— ſoll ihr Begleiter es auch geſtatten.“ „Dieſer Begleiter!“ rief der Arzt lebhaft.„Das eben iſt es, was ich ihr verdenke! Unter dieſes Menſchen Obhut ſich zu begeben! Und meine arme Müller! Wie ſoll ich ihr dieſe Entführungsgeſchichte anbringen?“ „Sie iſt Mutter,“ ſagte der Staatsanwalt ernſt. „Die Mutter wird die Frau retten; ſie muß fühlen, was ſie ihren Kindern unter den obwaltenden Umſtänden, ſchuldig iſt. Um aber auf den Anfang unſeres Ge⸗ ſpräches zurückzukommen: ſollen wir Jemand nach Lon⸗ don ſenden, um Ellena aufzufinden— oder bis der Vater aus Cayenne eintrifft, die Sache anſtehen laſ⸗ ſen?— Ich bin, wie geſagt, für das letztere; denn die Koſten und die Schwierigkeit dieſer Verfolgung ſind groß; und nachdem Frau von Gasmund einen Theil ihres Capitals, um Thorilde frei zu machen, geopfert hat, kann man ihr weiter noch zu gehen kaum anrathen. „Laſſen wir es alſo dabei,“ ſagte der Arzt.„War⸗ ten wir die Ankunft des Vaters ab!— Ich aber will jedenfalls nach London an Benediet ſchreiben und ihn bitten, wenn ihm der Tonkünſtler Leopold aufſtößt, ein wachſames Auge auf ſein Thun und Treiben zu richten und mir von Allem, was er in Erfahrung bringen kann, Nachricht zu geben.“ „Thun Sie das!“ ſagte der Staatsanwalt ſich er⸗ hebend, und nahm Abſchied. Der Geheimrath blieb nachdenkend zurück. Er hatte ſelbſt freilich zu dem Abwarten gerathen; allein wenn er nun überlegte, wie peinlich die Wochen bis dahin an Frau von Gasmund vorüberſtreichen würden, ſo wünſchte er einen anderen Rath ertheilen zu können.„Arme Frau!“ murmelte er vor ſich hin.„Wieder iſt ihr ein Glück verkümmert worden! Und nicht ohne eigenes Verſchulden verkümmert worden. Die vornehme Geſellſchaft und immer wieder die vornehme Geſellſchaft! Wann wird ſie aufhören dieſem Götzen zu dienen?— Hätte ſie die Mädchen für einfachere Verhältniſſe erzogen, ſo würden ſie wahrſcheinlich nicht daran gedacht haben ſie zu ver⸗ laſſen. So aber fühlten ſie den Zwang als Töchter von Familie auftreten zu ſollen, was ſie nicht ſind, und ſuchten die Feſſeln abzuſtreifen.“ Er ſchrieb am folgenden Tage einen troſtvollen Brief nach Wiesbaden. Dann begab er ſich zu Frau Agathe Müller, welche er zum erſten Male auf dem Sofa im Zimmer gebettet fand. Sie reichte ihm die faſt durchſichtig 157 weiße Hand entgegen.—„Werden Sie jetzt Ihr Ver⸗ bot aufheben und meine Freunde zu mir laſſen?“ fragte ſie mit ihrer weichen Stimme. Er bewegte verneinend ſein Haupt.„Sie ſind nur auf dem Wege zur Geneſung, nicht geneſen,“ ſagte er dann.„Sie müſſen jede Auf⸗ regung von ſich fern halten. Die größte Stille und Ruhe iſt ihre beſte Arznei.“ „Wenn ich nun aber innerlich dennoch nicht ruhig ſein könnte?“ erwiederte ſie, den Blick auf die weiße Bettdecke gerichtet, und ein Seufzer hob ihre Bruſt.„Es giebt Gedanken, die nicht fern zu halten ſind, Erinne⸗ rungen, die ſich nicht bannen laſſen.“ „Ich weiß, wovon Sie reden wollen,“ nahm der Arzt mit ruhiger Sicherheit das Wort.„Allein gerade, was das betrifft, ſo wünſchte ich, daß Sie während die⸗ ſer Krankheit innerlich mit ſich fertig würden, und dem Vergangenen eine Quittance pour toujours ausſtellten.“ „Quittance pour toujours?“ wiederholte ſie und ihre Lippen zitterten.„Sollte das nöthig ſein?“ fragte ſie und richtete das große blaue Auge forſchend auf das Geſicht des Geheimrathes. „Es iſt nicht nur nöthig es iſt auch nothwendig daß man von dem zu ſcheiden wiſſe, was innerlich und äußerlich ſich von uns geſchieden hat. Die Würde der Frau gebietet hier die Trennung.“ „Innerlich und äußerlich?“ fragte ſie ſinnend. „Aus dem Herzen und durch die That,“ erläuterte er.— „Was iſt geſchehen?“ rief ſie plötzlich erregt. „Sie ſind noch zu ſchwach, um es zu erfahren.“ „Glauben Sie mir, lieber Geheimrath, daß ich mich wohler, freier, leichter fühlen werde, wenn ich meine Lage klar überſehe! Was ſoll ich hoffen, was fürch⸗ ten?“— „Stellen Sie ſich vor, Sie hätten einen böſen Traum geträumt; Sie wären erwacht, die Tageshelle verſcheuche das ſchwarze Bild, und die Zukunft läge im Sonnenlichte vor Ihnen; mit frohem Muthe und gutem Gewiſſen beginne für Sie ein neues Leben. Stellen Sie ſich das recht lebhaft vor.“ „Ich kann nicht,“ erwiederte ſie zaghaft.„Mein ganzes Herz iſt noch bei dem, was war, und ſo viel Glück hat mir der böſe Traum gegeben, daß alle mir dadurch gewordenen Leiden, was mir an Freude ward, nicht aufwägen. „Allein der Traum iſt ausgeträumt!“ ſagte der Arzt mit Betonung. „Ausgeträumt? lieber Geheimrath, laſſen Sie mich, als Entgegnung darauf, das ſchöne Lied von Betty Paoli geben: „Wen einmal Du geliebt, der ſei für alle Zeit In jedem Lebensdrang Dir heilig und geweiht. 159 Ob er der Liebe, die Du einſt für ihn getragen Auch werth geweſen ſei? Das haſt Du nicht zu fragen. Steht doch das Eine feſt, Du haſt ihn einſt geliebt! Das iſt's, was ihm ein Recht, ein ew'ges, auf Dich giebt. Wär' er der Schonung auch ganz unwerth zu erklären, Du müßteſt das Gefühl, das Du ihm weihteſt, ehren. Und ehren kaunſt Du's nur durch immer gleiche Huld, Für Jenen, dem es galt, wie groß auch ſeine Schuld. Nicht lieben ſollſt Du ihn, iſt falſch und ſchlecht ſein Weſen, Doch auch vergeſſen nicht, daß er Dir werth geweſen. Wenn eine ird'ſche Kron' ſo große Macht ſchon hegt, Daß unverletzlich wird, der ſie auf immer trägt: Wie möchteſt Du ein Haupt wohl zu verletzen wagen, Das einſt das Diadem der Liebe hat getragen?“ „Ich verlange ja nicht, daß Ihr Gedächtniß Sie auf Geheiß verlaſſen ſolle,“ nahm der Arzt, als ſie geendigt hatte, das Wort:„Nur möchte ich, daß Sie jede Hoffnung an die Wiederanknüpfung einer ſo unglücklichen Beziehung fahren ließen;— daß ſie es wie einen überwundenen Standpunkt, wie eine abgemachte Sache betrachteten.“ Agathe erſchien ſehr bewegt über dieſe Zumuthung. Sie ergriff die Hand des Geheimrathes und führte ſie, wie Verzeihung für ihre Schwäche erflehend, an die Lip⸗ pen.—„Haben Sie Nachſicht mit mir,“ bat ſie.„Er iſt der Vater meiner Kinder.— Und er hat mir ſo viel Glück gegeben, daß ich nun auch den Schmerz hinnehmen muß. Es war eine wunderſchöne Zeit, die ich mit ihm verlebte, und Tage, die ſo nie wiederkehren. Wir beide jung, voll 160 Hoffnung, voll Streben!— Ich, die arme Wittwe, wollte es lernen meinen Unterhalt zu gewinnen, er unterrichtete mich, half mir; ich wurde durch ihn ſelbſtſtändig. Er wohnte damals in einer kleinen Wohnung, mir gegenüber, und beſaß wenig Geld. Wir theilten, was wir verdienten, mit einander; Mittags aß er bei mir.— Abends compo⸗ nirte er und ich ſchrieb für ihn Noten ab. Den Flügel ließ er in mein Zimmer ſetzen und übte, damit auch ich ihn be⸗ nutzen könnte, bei mir. Später nach ſeinem erſten Concerte ſchenkte er ihn mir. Wie froh war er über ſeine Erfolge und wie ſo ganz theilte ich die Freude darüber mit ihm; denn ſein Ruhm war mein einziger Wunſch an das Schick⸗ ſal; ich lebte nur in ihm, nur in ſeinem Glücke. Was war denn ich, um etwas für mich zu begehren?— Ein unbe⸗ deutendes Weib, nicht ſchön, nicht geiſtreich, nicht talent⸗ voll, kaum werth ihm die Schuhriemen aufzulöſen, und dennoch liebte er mich, und ließ mich an ſeinem Leben theilnehmen. Dies Theilnehmen war denn auch mein Stolz, war mein Alles, ich wußte, daß ich ihm förderlich ſei, ihm half; ich fühlte, daß ich ihn vor manchem Irr⸗ thume bewahrte, und mit ſeiner Zeit ſorgfältig Haus zu halten ihn anhielt. Wenn er kam, wenn ich ſeinen Schritt nur von ferne hörte, ſo wurde es licht in meiner kleinen Wohnung. Ich ging mit Niemandem um, als mit ihm; ich ſah nur ihn, ich dachte nur ihn. So ofter etſchien, brachte er mir Frende und Glück mit; ſo oft er ging, ließ er mir die —— —— 161 Hoffnung auf ſein Kommen als Troſt zurück und ich zählte die Minuten bis zu ſeiner Wiederkehr. Es war eine ſchöne, ſchöne Zeit! Ich fragte mich manchmal, ob es wohl auch immer ſo bleiben würde, bleiben könne; ob ich auch ſo glücklich zu ſein verdiene. Schon wiegte ich mich in das ſichere Gefühl der Beſtändigkeit deſſen ein, was mir das Schickſal ſo über Verdienſt gewährt hatte; da plötz⸗ lich zog eine Wolke über mein Haupt hin,— die erſte Wolke. Er bezog eine andere Wohnung,— die mir ent⸗ fernt lag, die groß, elegant, geräumig war, wie es ſich für einen jetzt ſchon namhaft gewordenen Künſtler ge⸗ ziemte;— er konnte nun nicht zu allen Stunden bei mir ſein, ſpeiſte in einem Gaſthofe, beſuchte Geſellſchaften, kurz, führte ein mir fremdes, fernliegendes Leben. Damals vergoß ich, ſeit ich ihn kannte, meine erſten Thränen. Er nannte ſie kindiſch, und forderte von meiner Liebe, daß ſie des Opfers fähig ſein ſollte, mich ſelbſt über ſeinem Er⸗ folge zu vergeſſen. Ich ſchämte mich geweint zu haben; dann wie konnte, wie durfte ich, ſo lange es ihm wohl erging, mich beklagen? Ich nahm mir vor, nie wieder eine ähnliche Selbſtſucht blicken zu laſſen, und ich hielt dies mir gegebene Verſprechen, obwohl es ſehr bald große Pro⸗ ben zu beſtehen hatte, getreulich. Der Künſtler trat mir nämlich mit jedem Tage ferner. Mit ſeinem wachſenden Rufe wuchs ſeine Zufriedenheit nicht, ſeine Stirne um⸗ wölkte ſich, ſeine Geſundheit litt; denn ſie war der Feſte Amely Bvelte: Die Manteltinder. 1. 11 162 und Aufregungen nicht gewachſen; Unfrieden kam über ihn, ſein Gemüth trübte ſich, der ſchöne Enthuſiasmus für ſeine Kunſt ſtand der Luſt am Gewinn, am Wohlleben nach. Ich ſah ihn mit ſtillem Kummer auf dieſem Wege und zögerte dennoch ein mahnendes Wort laut werden zu laſſen, aus Furcht, er möge mich wieder der Selbſtſucht zeihen. Scheinbar gehörte er mir noch an, ich glaubte feſt an ſeine unwandelbare Zuneigung für mich, jeder Zweifel daran wäre mir wie eine Läſterung erſchienen, und den⸗ noch erhob ſich eine leiſe Stimme in meiner Bruſt, die da ſprach: er ſei mir verloren! Aber ich hörte nicht darauf, ich verbarg es mir, daß ich ihm ſchon nicht mehr zu ſei⸗ nem Glücke nothwendig war, daß er nicht mehr zu mir eilte, wenn Schmerz ſein Herz beſchwerte, daß er meiner Theilnahme an ſeiner Arbeit nicht läuger bedurfte. Was ihn noch zu mir rief— war es Gewohnheit, war es Mit⸗ leid— mangelte ihm der Muth, mein Herz zu brechen— ich weiß es nicht;— allein viel habe ich gelitten in je⸗ ner Zeit, wo ich ſeine düſtere Miene ſah, ohne errathen zu können, welches Mittel ich anwenden müſſe, um ſeine Stirne zu glätten und das alte Lächeln auf ſeine Lippen zu bringen. „Endlich entfiel ihm das fürchterliche Wort, welches die Trennung unter uns ausſprach. Es warf mich zu Boden. Das Uebrige iſt Ihnen bekannt. Sie ſehen nun, daß ich auf Alles gefaßt bin, und können mir es en 163 ohne Bedenken ſagen, was aus Leopold geworden iſt. Erſchüttern wird mich jetzt nichts mehr. Habe ich das überlebt, ſo kann mich nichts mehr treffen. Allein— wie es auch kommen möge, immer werde ich dem Vater meiner Kinder Theilnahme bewahren.“ Der Geheimrath hatte ſie ausreden laſſen. Als ſie zu Ende gekommen war, ließ er eine kurze Pauſe eintreten, und ſagte dann mit großer Ueberlegung: „Ich kann Ihnen eigentlich nur wenig über den Herrn mittheilen; denn, ſo viel ich weiß, hat er Berlin ver⸗ laſſen. Mit ihm zugleich iſt ein junges Mädchen ab⸗ gereiſt, über deren Aufenthalt ihre Angehörigen nichts ermitteln können und einige Perſonen rathen daher auf einen Zuſammenhang.“ „Können Sie mir den Namen der jungen Dame nennen?“ fragte Agathe Müller, ſich halb aufrichtend, und legte zugleich die feine Hand auf das Herz. „Ich kann es nicht wohl, ohne eine Indiscretion zu begehen,“ erwiederte der Arzt.„Man hofft den Ruf des unglücklichen Mädchens durch Schweigen zu retten; denn das Publicum iſt nur zu ſehr geneigt eine Thatſache auszubeuten, gelangt es einmal in deren Beſitz, und die Familie muß dies einer Schweſter willen, die dadurch leiden könnte, zu verhindern ſuchen.“ Agathe Müller faltete, wie im ſtillen Gebete, die Hände.„Wie leid thut mir das!“ flüſterte ſie.„Wie — ——=———— S. 164 ſehr leid! Das arme Mädchen! Hätte ich ſie nur warnen können! Sie wußte ja nicht, was ſie that, ſo wenig wie ich es einſt wußte. Man geht weiter und weiter, weil man das Ende nicht ſieht.“ Der Geheimrath ſah ſie voll Mitleid an. Das tiefe Weh, welches ſie in doppelter Weiſe durchzitterte, ſtand rührend auf ihrem Geſichte geſchrieben; ſie vergaß ihr eigenes Leid über dem Unglücke einer Anderen, und pedauerte den Mann, welcher es verurſacht, mehr noch, wie ſie ihn verklagte. Er reichte ihr warm die Hand und ging. Agathe Müller athmete hoch auf, als ſie ſich allein ſah. Sie drückte das Haupt in die Kiſſen und ſenkte die Lider. Man hätte meinen ſollen, ſie ſchlafe, wenn nicht von Zeit zu Zeit große Perlen unter den Wim⸗ pern hervor ſich langſam über die bleichen Wangen ge⸗ ſtohlen hätten. Endlich ergriff ſie die Handſchelle und als Roſine auf den Laut erſchien, forderte ſie Papier und Feder, und ſchrieb mühſam einen Brief, nach deſſen Abfaſſung ſie um Vieles beruhigter ſchien. Sie faltete ihn zuſalumen, adreſſirte ihn und legte ihn neben ſich auf den Tiſch.— Am Tage darauf ſaß ſie, als der Arzt eintrat, aufrecht, und hielt eine Handarbeit. Verwundert be⸗ merkte er den Fortſchritt in ihrem Befinden. Sie lächelte ihn freundlich an. d P e . 165 „Es iſt mein großer Wunſch, Kräfte zu gewinnen,“ ſagte ſie,„denn ich bedarf ihrer, um meine Pflichten erfüllen zu können, und Gott wird gnädig ſein, mit meinem Verſchulden Nachſicht haben, und auf dem ernſten Wege, der vor mir liegt, mein Beiſtand ſein. Ich fühle es bei der über mich gekommenen Ruhe, daß der Herr jetzt mit mir iſt.— Ich bitte Sie, lieber Herr Geheimrath, wenn Sie nach Hauſe kommen, dieſen Brief zu leſen und ihn dann ſeiner Adreſſe zu über⸗ antworten. Ich hoffe, daß Sie mit ſeinem Inhalte zu⸗ frieden ſein werden; denn Ihre Billigung iſt ja fortan das einzige für mich noch zu erſtrebende Glück, und Ihrer Achtung nie mehr ganz würdig zu ſein, der tiefſte Schmerz meiner Seele.“ Große Thränen rollten bei den letzten Worten über die bleichen Wangen. Der Geheimrath wandte ſich ab, und ließ ihr Zeit ſich zu faſſen. Dann fragte er nach einigen gleichgültigen Dingen und ſchied. „Du könnteſt, wenn Du den Nachmittag frei haſt, einige Stunden bei der Müller zubringen, Zoe!“ ſagte er über Tiſche zu ſeiner Schweſter.„Aber nimm eine Handarbeit mit und plaudere recht gemüthlich mit ihr, d. h. nicht von Stadtgeſchichten, die ihr fremd ſind; ſondern von ihrer eigenen Vergangenheit, von ihrer Kindheit, ihrem Elternhauſe. Solche Erinnerungen thun dem Gemüthe wohl.“ 166 Die Ruheſtunde nach der Mahlzeit beuutzte er zum Leſen des in ſeiner Taſche befindlichen Briefes. Er lautete: „Leopold! Du haſt es ausgeſprochen, daß Du einem reichen Mädchen Deine Hand zu reichen wünſcheſt. Ich kann demnach Dein Herz, ſelbſt wenn Du es mir laſſen wollteſt oder könnteſt, nicht länger mein nennen; aber Du willſt es und kannſt es mir auch nicht laſſen. Mitleid kettet Dich nur noch an mich. Dein Mitleid will ich nicht. Du biſt frei; völlig frei.— Jeder Verpflichtung, für mich und meine Kinder zu ſorgen, biſt Du damit zugleich enthoben. Daß eine ſolche Stunde kommen würde, wo wir uns, die keine Kirche zuſammengefügt hat, die kein Richterſpruch trennen kann, aus eigenem freien Willen ſcheiden würden, hätte ich mir nie möglich gedacht; darum auch bezahlte ich den Gedanken daran faſt mit meinem kleinen Leben. Leopold! Ich habe ſehr gefehlt, indem ich mein Glück auf einer Baſis ruhen ließ, welche die menſch⸗ liche Geſellſchaft ſündlich nennt. Ich ſehe das jetzt ein und bereue es; die Satzungen der Kirche, die Satzungen der weltlichen Gerechtigkeit ſollen wir ehren. Ich war jung und unerfahren, und glaubte es gern, 167 daß Liebe jedem Verhältniſſe zwiſchen Mann und Weib die höchſte Weihe gebe. Wos iſt nun aus ihr geworden, aus dieſer ſchönen Liebe, die tauſend Schwüre beſiegelt haben? Ich mache Dir keinen Vorwurf daraus, daß ſie aus Deinem Herzen entflohen iſt; denn was konnteſt Du dafür, daß Deine Augen ſich dem Lichte der Wahrheit öffneten und Du Deine Agathe ſo ſaheſt, wie ſie wirklich iſt; nicht ſchön, nicht talentvoll, nicht geiſtreich, Deiner in jedem Bezuge unwürdig— nur in ihrer ſelbſtloſen Hingabe an Dich kein werthloſes Etwas? Du haſt meine Mängel früher nicht geſehen gehabt, weil Deine Theilnahme mit meiner verlaſſe⸗ nen Lage ſie Dir verſteckten; ſeit Du ſie geſehen, wer kann es Dir verargen, daß Du Dich einem be⸗ gabteren Weſen zuwandteſt?— Nenne Sie alſo Dein, ohne Sorge um mich, Dein; ſei glücklich und mache ſie glücklich.— Laß keinen Gedanken an mich Dein Leben trüben! Du haſt mir ſo ſchöne Jahre gewidmet, daß die Erinnerung daran meine ganze Zukunft erhellen wird. Du bleibſt mir, was Du mir warſt. Daß Du mir nicht länger wie Dein Wahn dauerte, angehören konnteſt, ſehe ich ein. Wäreſt Du mir geſtorben, hätte ich Dich ja auch verlieren müſſen. Wenn wir uns gleich nicht mehr ſehen werden, ſo iſt 168 das Bewußtſein, daß Du auf Erden biſt, doch dein dunklen Grabe gegenüber, welches Dich hätte ver— ſchlingen können, ein Troſt.— Meine und Deine Kinder werde ich in der Furcht des Herrn erziehen, und je ähnlicher ſie Dir werden, je zärtlicher wird mein Auge auf ihnen ruhen. Da Sie aber Dich nicht, ohne ihrer armen Mutter zu grollen, Vater nennen können, und ich den Schmerz nicht zu ertragen vermöchte, die Augen dieſer theuern Weſen vorwurfsvoll auf mich gerichtet zu ſehen— während ihr füßes Lächeln, ihre Liebe mein ganzes Erdenglück ausmachen ſoll;— ſo muß ich ihnen leider! wem ſie ihr Daſein verdanken, verſchweigen und ſie lehren, wenn ſie Abends die kleinen Hände falten und zu Gott für Dich beten, Dich im Himmel zu ſuchen. Es iſt dies vielleicht die ſchwerſte Auf⸗ gabe für mich, weil von Dir zu reden und ſie Deinen Namen ausſprechen zu laſſen, mir ſo natürlich iſt; allein die Mutterliebe wird hier der Schwäche des Weibes zu Hülfe kommen und ſie das unmöglich Scheinende vollbringen laſſen.— Lebe wohl, Leopold, Lebe wohl! Wir werden uns wiederſehen, wenn dies Erdenleben ausgekämpft iſt, und Gott uns zu ſich iuft. Bei ihm ſtehen die Satzungen der Erde nicht mehr trennend zwiſchen uns, bei ihm iſt kein Mein und Dein; die Liebe, 169 welche dort alle Weſen unſchlingt, verbindet uns dann wieder. Bis dahin— Lebe wohl. Agathe.“ Der Geheimrath vermochte während des Leſens ſeine Rührung zu verſchiedenen Malen nicht zu bemei⸗ ſtern; jetzt legte er den Brief aus der Hand und lehnte ſich ſinnend in ſeinen Armſeſſel zurück.„Armes Weib!“ murmelte er.„Armes Weib!“ denn er las zwiſchen den Zeilen, daß ſie den Entſchluß mit ihrem Herzblte ſich abgerungen hatte. Das Bild der jungen in Gott ergebenen Mutter wollte ihn nicht mehr verlaſſen; ſie hatte ſich einen Freund gewonnen, welcher ihrer ſchweren Zukunft mit ernſterer Sorge entgegeuſah, wie ſie, die Unerfahrene, es im Stande war zu thun. Der Brief ging direct, an Cramer& Beal adreffirt, nach London. Eine Antwort erforderte er nicht; auf eine Antwort rechnete die Schreiberin auch nicht. Von dem Tage an, wo ſie ihn in die Hände des Arztes gelegt hatte, ſah ſie jede Beziehung zu Leopold wie abgebrochen an; denn ſie kannte deſſen leicht verletzliche Seite, und, wie zart ſie es auch einzukleiden verſucht, daß für ſie und ihre Kin⸗ der neben einer rechtmäßigen Gattin kein Platz mehr ſei, den ſie ohne Beſchämung für ſich und für dieſe einzuneh⸗ men vermöge; ſo wußte ſie, daß er dennoch ſich für gekränkt halten würde, weil die von ihr angedeuteten Rückſichten in ſeinen Augen ohne Geltung waren. —— 170 Sie erholte ſich von da an täglich mehr und ſah dem Momente entgegen, wo ſie die Sorge für ihren Haushalt zu übernehmen, und durch die Ankündigung von Muſik· unterricht den Unterhalt ihrer kleinen Familie zu beſtreiten vermöge. Indeſſen wollte ſie durch feine Handarbeit etwas zu verdienen ſuchen und ſandte Louiſe Gerſchel zu dem Zwecke, umAufträge für ſie einzuholen, in einen Tapiſſerie⸗ laden.„Wir müſſen uns jetzt auch trennen,“ ſagte ſie, als dieſe mit dem Gewünſchten zurückkehrte.„Von morgen an werde ich meine Kinder ſelbſt zu verſorgen anfangen, meine gute Louiſe! Haben Sie Dank für alle Freundlich⸗ eit und Güte, mit der Sie mir in meiner Noth beigeſtan⸗ den. Vielleicht kommt eine Zeit, wo ich es wieder vergel⸗ ten kann. Augenblicklich bin ich nicht in der Läge. Legen Sie mir es alſo nicht wie Undank aus, wenn ich Ihnen nur den für Ihre Leiſtungen viel zu geringen Lohn einer Nähterin auszahle; meine Mittel gehen aber nicht weiter. Betrachten Sie mich darum wie Ihre Schuldnerin. Was man aus gutem Herzen thut, kann ohnehin ja kein Geld bezahlen.“ „Machen Sie ſich darum keine Sorge, Frau Müller!“ erwiederte die junge Nähterin und ſchob verlegen das Geld zurück.„Sie haben jetzt ſo viele Ausgaben und müſſen etwas auf Ihre Pflege wenden. Mit mir eilt es nicht.— Wenn es ſich ſpäter einmal ſo macht, dann rechnen wir ab. 6 Es iſt ja auch gar nicht nöthig, daß ich Alles auf einmal bekomme.“ „Sie ſind ein braves Kind!“ ſagte Agathe gerührt. „Und wo ich Ihnen helfen und dienen kann, da rech⸗ nen Sie auch fernerhin immer auf mich Sonntags habe ich ein paar Stunden übrig, um Ihnen die Kleider für die Kinder zu machen,“ fuhr Louiſe fort. Agathe drückte ihr die Hand. Sprechen konnte ſie nicht. Die einfache Güte des Mädchens trieb ihr die Thränen in die Augen. Es giebt der guten Menſchen doch viele auf Erden,“ dachte ſie,„und Wohlwollen und Aufopferung find der echte Sonnenſchein des Lebens.“ Sie hieß ſie ne⸗ ben ihr Pätz nehmen und arbeitete mit ihr um die Wette; die Lamßé brannte hell, die Kinder gingen zur Ruhe; es war ſo ſtill und traulich in dem kleinen Gemache, und in Agathens Herz ſenkte ſich Friede und Heiterkeit, wie erfüllte Pflicht ſie ſchafft.— ₰ — — — —— Ein Bewerber. Frau von Gasmund ließ ſich neue Karten ſtechen, worauf„Madume lu Buronne de Gusmund“ zu leſen war; denn das einfache„von“ ſchien ihr, bei ihrem jetzigen Bedürfniß, ſich in den Augen der Menſchen zu heben, nicht mehr genügend. Wenn es nur irgend thunlich, mußte Johann in Livrée ihr nachfolgen, und ſo oft ſie ausfuhr, ſaß er auf dem Bocke. Auch ihre Kleidung, wie die Thorilden's, erfuhr einen Zuſatz an Eleganz. Ellena's Namen erwähnte ſie nie mehr. Obwohl ſie täglich, ſtündlich dieſes Kindes gedachte, vermied ſie doch von ihr zu reden und ſuchte auch Thorilden von dem Gedanken an ſie abzulenken. Dieſe begriff die anſcheinende Gleichgültigkeit ihrer Mutter nicht; denn 173 daß dieſer Alles daran lag, ihr ein Geheimniß daraus zu machen, in weſſen Begleitung ſie ſich höchſt wahr⸗ ſcheinlich befinde, konnte ſie freilich nicht ahnen. Wenige Tage nach jenem Ständchen ließ ſich der Baron von Rheinfeld bei Frau von Gasmund melden, mit einem Briefe von ſeinem Vater in der Hand, in welchem dieſer ſeiner Jugendfreundin den Sohn empfahl. Ohnehin war ſie ſchon geneigt, ihm den zuvorkommend⸗ ſten Empfang angedeihen zu laſſen. Er hatte die Uni⸗ form abgelegt; ſie erkannte in dem Civilkleide nicht ſo⸗ gleich den jungen Mann, welcher ihr an jenem Abende ihrer Rückfahrt von Bieberich die Hand beim Ausſtei⸗ gen gereicht; Thorilde aber gewahrte es auf den erſten Blick, und ahnte zugleich in ihm den„unbekannten Verehrer;“ hoch erröthend neigte ſie daher, als ſein Auge ſie traf, ihr Hanpt. „Wie gefällt Dir der junge Mann?“ fragte Frau von Gasmund, als er ſeinen langen Beſuch beſchloſ⸗ ſen.— „Wie er mir gefällt?“ fragte Thorilde zurück. „Ja, das weiß ich wirklich nicht zu ſagen. Er ſieht nicht übel aus; doch Alles, was er ſagt, klingt ſehr ge⸗ wöhnlich.“ Frau von Gasmund bewegte mißbilligend ihr Haupt. „Man ſollte ſeine Töchter eigentlich nie mit einem 174 Manne verkehren laſſen, welcher ihr nicht ebenbürtig iſt,“ bemerkte ſie dann,„es macht anſpruchsvoll.“ Thorilde lachte. „Soll das heißen, liebe Mutter, daß alle eben⸗ bürtigen Männer nur gewöhnlich in ihrer Begabung ſind?“ „Es ſoll heißen, daß es ſehr wenig auf die Be⸗ gabung eines Mannes ankommt, ſobald er nur ſonſt die Eigenſchaften, welche ein Mädchen von Geburt wünſchen kann, beſitzt.“ „Und dieſe Eigenſchaften ſind?“ „Ein alter Name und Vermögen.“ „Beides hat alſo wohl dieſer junge Rheinfeld?“ „Allerdings, ſein Stammgut iſt ein Majorat, und er der Erbe.“ Thorilde erwiederte hierauf nichts. Sie errieth aus den Andeutungen die Wünſche ihrer Mutter, für die ſie weder ein für, noch ein gegen einlegen wollte. Man hatte einen Flügel in ihr Zimmer geſtellt, und ſie ſpielte und ſang, was Leopold ſie gelehrt. Eine tiefe Schwermuth überkam ſie dabei. Nachmittags ging man die Muſik zu hören, nach dem Kurſaal. Frau von Gasmund wünſchte, daß ſie ſich heute weiß kleide. Sie that es ohne Widerſpruch. Eine blühende Roſe war der einzige Schmuck ihres Kleides, und gerade dieſe Einfachheit erhöhte ihren Reiz. 175 Der junge Rheinfeld wich nicht von ihrer Seite, und ſchon bildete ſich ein Kreis von Herren um ſie, welche ſie als ihr zu Füßen liegend betrachten konnte. Frau von Gasmund war äußerſt aufgeräumt. Dennoch ent⸗ ſtieg mitunter ein ſchwerer Seufzer ihrer Bruſt; weil gerade in ſolchen Augenblicken, wo ſie ſich der Freude über die Triumphe Thorildens hingeben wollte, die Ge⸗ ſtalt Ellena's vor ſie hin trat, und ſie damit das ganze Gebäude ihrer Stellung abgebrochen vor ſich ſah. Sie hatte beſchloſſen Abends bei ſich zu empfangen, am Theetiſche noch ein trauliches Plauderſtündchen zu geſtatten und dabei zugleich Thorildens muſikaliſches Talent zur Geltung zu bringen. Heute lud ſie beim Nachhauſegehen vorerſt den Sohn ihres Jugendfreundes und einen Engländer, mit dem Thorilde ſich äußerſt leb⸗ haft unterhalten hatte, zu ſich ein. Frau von Gas⸗ mund, welche dieſe Sprache nicht verſtand, wußte nicht, wovon die Rede unter ihnen geweſen war; allein es ſchmeichelte ihr, die fremde Zunge ſo geläufig von ihrer Tochter geſprochen zu hören, und ſie wollte den jungen Mann, welcher ihr dieſe Gelegenheit dazu bot, feſt halten.— Baron von Rheinfeld ſchien verſtimmt darüber. Er ſei ſchon eiferſüchtig, meinte die kluge Mutter und nannte dies nur um ſo beſſer. Thorilde bereitete den Thee; ein Amt, das ſie mit ſo viel Grazie und An⸗ 176 ſtand verrichtete, daß die Unterhaltung, weil aller Augen ihren Bewegungen folgten, ſtockte. Man verabredete für den folgenden Tag eine Rheinfahrt nach Bingen. Frau von Gasmund mußte, ſo ſpät es auch ſchon war, als die Herren ſie verließen, noch wegen Thorildens Anzug mit der Jungfer berathen. Dieſe, obwohl ge⸗ genwärtig, ſchwieg dazu. Auf dem Waſſer konnte es etwas kühl ſein, ſie ſollte daher Seide tragen, und zwar eine leichte perlengraue mit ſchwarzen Sammetſchleifen, und einen kleinen runden Strohhut von derſelben Farbe, mit einem Bouquet von Kornblumen und Aehren. Mitternacht war lange vorüber, als dieſe Beſtimmung getroffen war und man ſich für die Nacht trennte. So wie Thorilde ſich allein ſah, begrub ſie das Geſicht in die feinen Hände und ſchluchzte. Erſt als ſie ſich ſatt geweint, ſuchte ſie ihr Lager. Es war eine Bitterkeit in ihr, welche ſich auf dieſe Weiſe Erleichte⸗ rung ſchaffte; da Niemand ſie bemitleidete, ſo widmete ſie ſich ſelbſt dieſe Empfindung. In dieſer Gemüths⸗ ſtimmung gewöhnte ſie ſich die Augenbrauen zuſammen⸗ zuziehen, ſo daß ſich über der Naſe eine ihre Stirne umdüſternde Falte bildete. Auf dem jugendlichen Antlitze nahm ſich dies, neben dem Lächeln um die Lippe, eigen⸗ thümlich aus; es war gleichſam, als ob die Sonne unter Wolken hervorleuchte. ——.—— 7 Sie hatte den Baron Rheinfeld bis jetzt mit völ⸗ liger Gleichgültigkeit behandelt; er war für ſie i häßlich, nicht ſchön, nicht angenehm, noch ierlchz war ſo gut, wie gar nicht für ſie da.— Auf 35 Partie nach Bingen gewann er ihr zuerſt eine Art Theilnahme ab, die ihr Benehmen gegen ihn freundl ich machte. Er hatte einen großen Hund mitgebracht, ein S Thier, das er am Seile führte. Sie ſtreichelte dieſen und das Thier leckte ihre Hand. Dank⸗ bar für die ſeinem Lieblinge erwieſene Freundlichkeit ſagte der junge Mann:„Sie nehmen mir ein Gewicht vom Herzen, gnädiges Fräulein! Ich fircee ſo ſehr Ihnen mit meinem Caro läſtig zu fallen, daß ich ſchon auf dem Punkte ſtand, ihn zu Hauſe zu laſſen; allein ich hatte nicht den Muth, es ihm auzubringen.“ „Wie? Sie ſprechen ja, als ob er ein Menſch wäre!“ ſagte Thorilde lachend.„Würde er es denn ſo gar ungnädig aufgenommen haben, die Rheinfahrt nicht mitzumachen?“ „Er liebt es nicht zu Hauſe zu ſein; freie Luft und Bewegung ſind ſein Element, und dann auch— iſt er mir ſehr attachirt,“ ſetzte er kleinlaut hinzu. „Lachen Sie nicht! Aber wirklich, er hat mich lieb! Ich beſitze keine Schweſter, keinen Bruder, ich wuchs einſam auf dem Lande heran; meine Eltern ſah ich anch nicht viel,— da ward der Hund mein Spielcamerad— Amely Bvelte: Die Mantelkinder. I. 12 178 mein Freund. Ihm erzählte ich Alles; er ſchlief in meinem Zimmer, lief mit mir in Feld und Wald um⸗ her,— kurz er verließ mich nie. Wäre es nun nicht Unrecht, wenn ich jetzt, wo ich ſeiner entbehren kann, ihn vernachläſſigte?“ Thorilde wollte lächeln; aber es ging nicht. Faſt zitterte eine Thräne in ihrem Auge. In des jungen Mannes Geſicht blickend, das einen gewinnend gutmü⸗ thigen Ausdruck in dem Augenblicke trug, ſagte ſie: „Ich ſchätze dieſe Treue, Herr von Rheinfeld.— Treu und dankbar ſein, ſelbſt gegen einen Hund— verdient kein Belächeln.“ Und ſie ſtreichelte Caro jetzt aufs Neue. „Sie thaten recht ihn mitzunehmen,“ ſagte ſie dabei, wie vor ſich hin.„Ich bitte daß Sie ihn ſtets mitbringen; es wird mir Freude machen zu ſehen, daß Sie gut gegen den Hund ſind.“ Seit dieſem kleinen Zwiegeſpräche traten ſie ſich näher. Bis dahin hatte Herr v. Rheinfeld eine gewiſſe ſchüchterne Scheu, hervorgerufen durch ihr kaltes, ab⸗ wehrendes Benehmen, vor ihr an den Tag gelegt; jetzt ward er zutraulich. Frau von Gasmund bemerkte mit Vergnügen aus der Ferne, daß ſie mit einander plau⸗ derten. Der Ton ihrer Unterhaltung war freilich eigen⸗ thümlicher Art. Der junge Mann von zwei und zwanzig Jahren ſprach zu dem Mädchen von ſiebzehn, als ob ſie ——— N 179 ſeine Mutter, Tante oder Vorgeſetzte wäre. Wie ſein ganzes Weſen, ſo trug auch ſeine Sprache das Gepräge des Unentwickelten, des einfach kindlichen. Einmal das Eis gebrochen, erzählte er ihr aus ſeiner Jugend, aus dem Vaterhauſe, bekannte, daß er wenig gelernt, daß man ihm in allen Dingen ſeinen Willen gelaſſen, daß Niemand daran gedacht habe ihn zu erziehen, zu bilden. Durch dieſe Bekenntniſſe gelangte er an die ſtets ein⸗ nehmbare Seite des weiblichen Herzens,— das Mitleid. „Sie ſind ſo klug, Sie ſprechen ſo viele Sprachen, Sie malen, Sie ſpielen, Sie ſingen; Ihnen wird darum die Zeit nie lang, und mir ſo oft. Wie glücklich müſſen ein!“ ſchloß er ſeine Selbſtbekenntniſſe. „Ich?“ fragte Thorilde, und ſeufzte.„Sie beſitzen dafür manches, das meinem Leben fehlt,“ ſetzte ſie hinzu. „Ich wüßte nicht was,“ gab er kopfſchüttelnd zurück. „Aberich weiß es,“ ſagte ſie, zu einem ſcherzhaften Tone übergehend.„Dabei können Sie, was Ihnen an Kennt⸗ niſſen fehlt, ja einholen. Warum lernen Sie, da Ihnen die Einſicht der Mängel Ihrer Bildung geworden iſt, nicht jetzt noch?“ „Ich?“ fragte Herr von Rheinfeld ganz erſtaunt. „Ich? Sie meinen das im Ernſte?“ „Wie anders?“ „Freilich!“ ſagte er nachdenkend.„Wiſſen Sie, daß mir dies noch niemals eingefallen iſt?— Ich dachte, mit 12* — ₰ Sie ſ 180 dem Lernen wäre es für einen Erwachſenen vorbei. Aber womit ſoll ich anfangen?— Es fehlt mir ja ſo viel. Was, meinen Sie, wäre da am Nothwendigſten?“ „Sie müſſen ſich ſelbſt befragen wozu ſie am meiſten Neigung haben; oder auch welcher Mangel Ihres Wiſſens Ihnen am fühlbarſten iſt.“ Er ſann einen Augenblick nach.„Daß ich kein Eng⸗ liſch verſtehe,“ ſagte er dann. Thorilde lachte. „Iſt Ihuen das ſchon früher bemerklich geworden, oder erſt, während Sie mich mit Herrn Brook ſprechen hörten?“ fragte ſie ſchelmiſch. „Ihnen entgeht auch gar nichts,“ ſagte er mit ſchmol⸗ lender Miene.„Ich habe nie zuvor Engländer kennen ge⸗ lernt. Dieſer nun, wenn er ohne Aufhören mit Ihnen ſpricht, iſt mir ſchon in der Seele zuwider geworden und ich fange an die ganze Nation recht gründlich zu haſſen. Wie egviſtiſch ſind ſie, wie vorlaut! Unerträglich!“ „Aber Sie kennen ja, wie Sie ſagen, nur dieſen Einen, und der beſitzt keinen der von Ihnen gerügten Fehler,“ gab ſie lachend zurück. „Nun loben Sie ihn noch,“ ſagte er ſchmollend. „Ich vertheidige ihn gegen Ihren ungerechten Tadel. Wer ſo gut gegen einen Hund ſein kann, wie darf der einen Menſchen ſo hart beurtheilen!“ —,„——) —„—, 181 „Aber den Hund liebe ich; jener aber iſt mir ver⸗ haßt.“ „Das ſoll er nicht ſein, er hat Ihnen dazu keine d parire Ihre Aufgaben mit Ihnen.“ „Wenn Sie das wollen, dann wird es gewiß ſehr gut gehen; denn was ich fürchte, iſt: allein vor den Büchern zu ſitzen. Dabei kann Caro mir keine Geſellſchaft leiſten. . Er knurrt dann nur und will, daß ich mit ihm ſpiele.“ Frau von Gasmund war noch niemals ſo zufrieden, wie an dieſem Tage, mit dem Benehmen ihrer Tochter ge⸗ . weſen, und als ſie ſchlafen ging, küßte ſie dieſelbe in war⸗ F mem Herzensdrange wiederholt auf die Stirne.— Ihr heutiges Benehmen gegen Rheinfeld gab ihr die Hoffnung, ſie dennoch anſtändig verſorgt zu ſehen; dennoch! Sie Veranlaſſung gegeben, er hat immer nur gut von Ihnen geſprochen.“ „Das konnte ich ja nicht wiſſen.“ „Darum ganz recht, daß Sie ſeine Sprache erler⸗ nen. Das Engliſche iſt gar nicht ſchwer. Sie werden hier 1 ohne Mühe einen guten Lehrer finden. Und damit Sie ſich im Anfange nicht zu ſehr mit der Ausſprache quälen, will n ich Ihnen gern bei Ihren Arbeiten helfen. Schade daß ich meine Schulbücher nicht hier habe. Aber Sie finden ge⸗ ⸗ wiß eine Grammatik und ein leichtes Leſebuch in dem Buch⸗ ſ . laden von Rothe.— Ich habe ja hinlängliche Zeit hier⸗ n Alſo kommen Sie nur mit Ihren Arbeiten zu mir, ich prä⸗ 182 lebte jetzt in einer fortwährenden, zitternden Aufregung, und geſtand ſich ſelbſt nicht ein, wie ſehr ihre Geſundheit bei dieſen ſchlafloſen Nächten litt, wie ſie zuſehends abnahm, ſo nervös ſich fühlte, daß ein leiſes, unvermuthe⸗ tes Geräuſch ſie mit einem Ach? zuſammenfahren ließ, und eine für Andere peinliche Unruhe ſich in ihrem ganzen Weſen verrieth. Dabei ward kein Wort der Klage über ihr Befinden laut; denn ſie litt in ihrem Gemüthe zu ſehr, um an den Körper zu denken, und fiel es Thorilden ein, ihren Mangel an Appetit, ihr umrändertes Auge zu rügen; ſo ſprach ſie kurz ab: ihre Geſundheit ſei nie beſſer ge⸗ weſen. Der Kreis ihrer Bekannten mehrte ſich täglich des ſchönen, auch als reich gerühmten Mädchens halber, die Tage ſchwanden wie im Umſehen hin; am Schluſſe des zweiten Monates wollte ſie Wiesbaden, deſſen Sommer⸗ preiſe keinen verlängerten Aufenthalt geſtatteten, verlaſſen. Nichts konnte daher ihren Wünſchen entſprechender ſein, als Thorildens Abſicht, den jungen Rheinfeld im Engliſchen zu unterweiſen; auch war die ſonſt ſo ängſtliche Mutter gar nicht ſo vorſichtig, wie früher, ſie hielt nicht darauf, wenn Beide vor dem an der offenen Balkonthüre ſtehenden Tiſche ſitzend die engliſchen Verben conjugirten, im Zimmer gegenwärtig zu ſein. Das junge Mädchen erlebte eine un⸗ glaubliche Freude an ihrem Schüler, welcher wiederum von ſeinem Lehrer das größte Lob erhielt, ſo daß unter den 183 Dreien das beſte Einverſtändniß herrſchte. Auf allen Wegen und Stegen ſuchte ſie ſeinen Vorrath an engliſchen Voca⸗ beln zu vermehren, und dieſe Beſchäftigung ließ ſie, was ſie ſonſt an ſeiner Unterhaltung vermißt haben würde, über⸗ ſehen. Abends nach dem Thee wurde Muſik getrieben, Mr. Brook ſang dann häufig Duette mit Thorilden; waren andere muſikaliſche Perſonen da, ſo wechſelte man in ſeinen Leiſtungen ab. Herr v. Rheinfeld gähnte dann wohl mit⸗ uuter.„Immer ſingen und ſingen!“ flüſterte er Thorilden oft unmuthig zu.„Den ganzen Abend habe ich noch kein Wort mit Ihnen ſprechen können.“ „Dafür ſehen wir uns morgen früh,“ erwiederte ſie ihn tröſtend.„Wenn ſo viele Menſchen da ſind, können wir ohnehin keine Privatunterhaltung führen.“ z„Ja, das iſt wahr!“ ſagte er zuſtimmend und wünſ chte in ſeinem Herzen Frau von Gasmund möge ihren ganzen Umgang auf ſeine Perſ on beſchränken.— 6„Wenn Sie Ihrem Herrn Vater ſchr eiben, ſo em⸗ u pfehlen Sie mich ihm,“ wandte ſich Frau von Gasmund wenige Minuten ſpäter an den jungen Mann.„Er hatte 3 mir Hoffnung gemacht, mich durch ſeinen Beſuch hier über⸗ zi raſchen zu wollen; allein wenn er nicht damit eilt, ſo findet er uns ſchon abgereiſt. Fragen Sie ihn alſo, ob wir i uns in dem Falle nicht Rendez⸗vous auf dem Rigi geben n könnten?“ „Wie, Sie wollen ſchon fort? Was ſoll dann aber 184 aus mir werden?“ fragte der junge Mann vorwurfs⸗ voll.— „Sie kehren wahrſcheinlich zu Ihrem Regimente zurück.“ „Ich? Behüte! Ich habe andere Dinge zu thun. Ich nehme meinen Abſchied.“ „Aber warum?“ „Weil ich etwas lernen muß.“ „Können Sie das nicht überall?“ Er bewegte verneinend ſein Haupt. „Ohne Fräulein Thorilde geht es nicht; ſie muß mir ſagen, was ich thun ſoll; ſie muß mir helfen.“ „Dann müſſen Sie freilich dahin, wohin ſich Ihr Mentor mit mir begiebt, gehen,“ verſetzte Frau v. G asmund mit zufriedenem Lächeln,„denn in Ihre Garniſon werde ich allerdings nicht ziehen.“ Sie hatte ſich lange nicht ſo wohl gefühlt, wie nach dieſer kleinen Unterredung. Kein Zweifel, daß ihr alter Freund die Partie zwiſchen ſeinem Sohne und ihrer Tochter wünſchte und wenn er jetzt von dieſem erfuhr, daß er ohne das junge Mädchen nicht zu leben vermöge; ſo konnte ſie die Sache wie abgemacht betrachten. Sie athmete erleichtert auf. „Singe uns ein heiteres Lied, Thorilde!“ ſagte ſie.„Ich bin in einer Stimmung, um Luſtiges hören zu mögen.“ „Ich fürchte, das Luſtige wird traurig klingen; denn mir iſt ſo ſchwermüthig zu Sinn, als ob eine Centner⸗ 185 laſt auf mir ruhe,“ erwiderte das Mädchen gedanken⸗ voll.„Vielleicht iſt die ſchwüle Gewitterluft daran ſchuld. Ich will die Flügelthüren öffnen und einen friſchen Luftzug hereinſtrömen laſſen.“ „Und ich bitte mir zu erfreuen bur die engliſche Lied: Home, sweet home!“ ſagte Mr. Brook. Der junge Rheinfeld lächelte vergnügt, wie immer, wenn der Engländer ſich im Deutſchen verſuchte und es dabei an grammatikaliſchen Fehlern nicht mangeln ließ. Man ſetzte ſich um die Lampe, Thorilde nahm vor dem Flügel Platz; in der Ferne rollte der Donner in leiſem Grollen fort, und einzeln zuckten Blitze, welchen bald darauf kühlend ein mächtiger Regenſtrom folgte.— Frau von Gasmund hatte eine Arbeit genommen, der Engländer eine große Zeitung aus der Taſche gezogen. Thorilde ſang Lied auf Lied, als wäre ſie allein. Viel⸗ leicht Fiht ſie auch nicht einmal der Gäſte mehr; und ſang das ſchwere Herz ſich durch die vollen Töne leicht; denn ſie war zu ihren Lieblingsliedern von Schu⸗ bert übergegangen und hatte ſo eben mit 3ch grolle nicht“ begonnen, als ein kniſternd durch das Zimmer e ſchlag ſie von ihrem Platze aufſcheuchte und ſie ſich zu den wiet ſetzte. Sie haben göttlich ſchön geſungen,“ bemerkte der Engländer.„Mit ſo nae Gefühle! ich möchte Sie 186 immer hören. Nicht wahr, Ihr Lehrer war ein Herr Leopold?“ Wie ſtets bei Nennung dieſes Namens, ſo erblaßte ſie auch jetzt, und wandte das Auge von dem Sprecher ab, ſeine Frage mit einem leichten Neigen des Hauptes beantwortend. „Ich leſe in dieſer Zeitung von einem Herrn eo⸗ pold, welcher hat in den Hanover Square rooms ein großes, ſehr glänzendes Concert gegeben. Iſt das vielleicht der Herr Leopold, welcher Sie hat unterwieſen oder hat er einen Bruder, der auch Tonkünſtler iſt?“ „Er wird es ſelbſt ſein“ nahm Frau von Gas⸗ mund raſch das Wort, und rückte ihren Stuhl dem Engländer näher, um ihn zu zwingen, ihr ſein Geſicht zuzuwenden; denn Thorildens tödtliche Bläſſe erſchreckte ſie; um jeden Preis mußte ſie ihr die Verlegenheit einer Antwort erſparen.„Aber nennen Sie mir gefälligſt noch einmal den Ort, wo er geſpielt hat?“ „Es iſt kein Ort, es iſt nur eine große Simmer, worin werden alle Concerte gegeben, welche berühmte Künſtler machen.“ „Und man iſt mit ſeinen Leiſtungen zufrieden ge⸗ weſen? Er hat großen Applaus gehabt?“ „Man hat nach jedem Stücke ein Encore gefordert und das iſt das Zeichen von großem Beifall in meine Vaterland. Es iſt aber auch ein Frauenzimmer dabei 187 geweſen, die ihm ſeinen Ruhm faſt ſtreitig gemacht hat.“ Frau von Gasmund fühlte ihre Knie zittern; alles Blut drang in ihre Wangen, ihr Herz ſtand ſtill. Ein langes„So!“ war ihre erſte Antwort. Dann faßte ſie ſich ſo weit, um hinzufügen zu können:„Und welches Inſtrument ſpielte die Dame.“ „Sie ſang und ſang mit einer göttlichen Stimme, wie die„Times“ ſagt, mit eine Stimme, ſo wunderbar ſchön, daß nicht Catalani, nicht Malibran ſie übertroffen haben; aber was ihr fehlte, war die Kunſt zu ſingen; ſie hatte den Umgang mit ihrer Stimme noch nicht gelernt.“ „Vielleicht iſt ſie noch jung genug, um das nach⸗ holen zu können,“ bemerkte Frau von Gasmund und legte ihre Stickerei auf ihre Kniee, als muſtere ſie die Wirkung der Farben.„Es würde mich ſehr inter⸗ reſſiren, wenn ſie mir vorleſen wollten, was man von ihr ſagt. Die beginnende Laufbahn einer viel verſpre⸗ chenden Künſtlerin zu verfolgen, hat großen Reiz. Es fehlt der muſikaliſchen Welt jetzt gerade an einem Sterne erſter Größe.“ Der Engländer ſuchte den betreffenden Paragraphen in ſeiner Zeitung und trug dann das Folgende vor. Geſtern fand in den Hanover Square rooms ein Concert ſtatt, zu welchem die glänzende Welt London's 188 ſich drängte, weil die Zeitungen verkündigt, daß ein Schüler von Liszt darin ſpielen werde, von deſſen Fer⸗ tigkeit auf dem Clavier man Wunder berichtete.— Auch hat ſeine außerordentliche Leiſtung dieſe Erwartung nicht nur erfüllt, ſondern übertroffen. Seine Technik iſt ausgezeichnet, ſein Piano köſtlich; bis in die fernſten Ecken des Saales konnte man den leiſeſten Ton ſeines Spieles vernehmen. Man rief da capo nach jedem Stücke. Mit ihm zugleich trat eine junge Dame auf, deren Stimme, zu den höchſten Erwartungen berechtigt; allein in der Künſtlerwelt flüſtert man, daß ihr Eigen⸗ ſinn ſie verhindern werde, ihrem Geſange jene Vollen⸗ dung zu geben, welche ſchließlich doch allein im Stande iſt, den Werth einer Stimme zu bekunden. Dies iſt um ſo bedauernswerther, weil das ſchöne Aeußere der Signora Anelle ihr Auftreten auf der Bühne glücklich unterſtützen würde; denn ſie iſt von ſeltener Schönheit, eine Juno an Geſtalt, mit Haaren und Teint, welche die Maler entzücken. Könnte man ſie bewegen, zwei Jahre einem ernſten Studium zu widmen, ſo unterliegt es keinem Zweifel, daß ſie unter die erſten Sängerinnen des Jahrhunderts gehören, und einer Malibran und Catalani ebenbürtig ſein würde.— In welchem Ver⸗ hältniſſe ſie zu Leopold ſteht, iſt unbekannt; doch gehen darüber allerlei Gerüchte der wunderbarſten Art. Der Engländer las in abgebrochenen Sätzen, oft lange nach einem Worte ſuchend, den e vor, und Frau von Gasmund hörte ihm, das Auge auf ihre Arbeit gerichtet, mit doppelten Ohren zu. Sie wagte keinen Blick auf Thorilde zu werfen. Dieſe hatte ſich, ohne daß ſie es bemerkt, leiſe erhoben, i aus dem Zimmer, ſo wie Mr. Brook ſchwieg. Frau von Gasmund ſagte:„Wenn wieder etwas über Leo⸗ pold in der Zeitung ſtehen ſollte; ſo haben Sie die Ge⸗ fälligkeit es mir mitzutheilen. Es würde mich freuen, wenn er ſein Glück in machte!— Bringt ein Concert viel Geld ein?“ „Das nicht, aber es macht den Namen des Künſt⸗ lers bekannt. Wenn er noch fremd iſt, ſo koſtet es ihm ſogar die größte Mühe, ſich in dieſer Ve e öffent⸗ lich hören zu laſſen; und die dazu ineu An⸗ zeigen ſind ſehr theuer. Es iſt aber das Zeitalter der Reclame und die Reclame iſt mit dem Humbug nahe verwandt.“ „Leopold iſt aber wirklich ein bedentender Künſtler!“ fiel Frau von Gasmund ein. „Kein Zweifel!“ ſagte der Engländer ruhig.„Was aber die Dame betrifft, die allem Anſcheine nach noch gar nicht ſingen kann; ſo bemtzt er ſie doch nur, um die Neugierde des Publicums rege zu machen, und da⸗ durch die Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt zu lenken. Sie iſt für ihn, was für Barnum die„Meermaid“ und 190 ſt ein Mittel zur Re⸗ „Waſhington's Amme“ war; es i clame.“ „Meinen Sie?“ fragte die Wirthin.„Es führen freilich alle Wege nach Rom; allein dieſer möchte mir doch als Umweg erſcheinen.“ „Ein Umweg, der aber dem gleichen Ziele zu⸗ führt.“ Der junge Baron hatte ſich ſchon ſeit zwei Mi⸗ nuten unruhig im Zimmer nach Thorilden umgeſehen; auch Frau von Gasmund bemerkte jetzt ihre Abweſen⸗ heit, überging dieſelbe jedoch mit Stillſchweigen. Die Faſſung, welche ſie in der letzten halben Stunde ſich auf⸗ gezwungen, begann jedoch auch ihr läſtig zu fallen, ſie ſehnte ſich nach einem Seufzer, einem Ausrufe des Schmerzes, einem lauten Ach! So ließ ſie denn die Unterhaltung, als höflichſter Ausweg, ihre Gäſte zum Scheiden zu bewegen, ſtocken. Dieſe verſtanden den ſtummen Wink und empfahlen ſich, der junge Baron freilich mit hin— aufgezogener Stirne und der Frage in ſeinen Augen: wo bleibt Thorilde? So wie die Thüre ſich hinter ihnen geſchloſſen, ſchenkte Frau von Gasmund ein Glas Waſſer ein und ſeerte es in einem Zuge. Darauf ſchritt ſie raſch hin⸗ über in das Zimmer ihrer Tochter. Hier war es finſter. „Thorilde!“ rief ſie.„Thorilde!“ Keine Antwart er⸗ folgte.„Thorilde!“ wiederholte ſie noch einmal mit er⸗ —„„ N hobener Stimme, und nun war es, als ob ein Laut ihren Ruf beantwortete. Raſch flog ſie zurück, und brachte die Lampe. Da erblickte ſie die zarte des Mädchens auf ihrem Bette hingeworfen; das lange ſchwarze Haar hing wild über das geiſterbleiche Geſicht, Blut bedeckte ihr Gewand.„Um Gottes willen, was iſt geſchehen?“ rief ſie entſetzt, ſetzte die Lampe nieder, knieete vor ihrem Kinde hin und umſchlang es mit beiden Armen.„Meine arme Thorilde! Wie iſt Dir? Was fehlt Dir?“ Das Mädchen die kalten Lippen auf die Stirne der Mutter.„ Aengſtige Dich nicht!“ ſagte ſie „Es iſt nur mein Naſenbluten. Aber ſage mir: iſt es Ellena, welche in jenem Concerte geſungen hat?“ Der Mutter Schweigen bejahte die Frage. „Wehe mir!“ ſtieß Thorilde heraus, und ein Schrei folgte, ſo gellend, ſo ſchmerzlich, daß Frau von Gas⸗ mund dieſem Tone ihr Herz brechen fühlte, und ſchluchzend ihr Angeſicht verhüllte. Die Thränen der Mutter löſ'ten auch die der Tochter, und Beide weinten nun gemeinſam ſich die Bruſt leicht. .— A n n V 12. Das Damoklesſchwert. Wenige Tage nach jenem für Thorilde verhäng⸗ nißvollem Abende ſaß Frau von Gasmund im Ange⸗ ſichte der dem Horizonte ſich zuneigenden Sonne auf dem Neroberge an der Seite eines ältlichen Herrn, in einer Unterhaltung vertieft. Beide ſchienen durch das Ge⸗ ſpräch gleich ſehr angeregt zu ſein; denn lebhaft fielen ſie ſich oft in das Wort, oder auch hörte der Eine und die Andere mit aufmerkſamer Theilnahme dem zu, was auf die hingeworfene Fraße mit vielem Intereſſe berichtet ward. Ueber das leidend und abgeſpannt ausſehende Ge⸗ ſicht von Frau von Gasmund hatte ſich ein lebhaftes Roth verbreitet; ihr Auge leuchtete. „Wie lange haben wir uns nicht geſehen, lieb Ba⸗ ron; wie viele Jahre liegen zwiſchen damals und heute, A N 1„ — —————————————————— und doch, indem ich mit Ihnen plaudere, iſt es mir, als ob wir Beide erſt geſtern von einander geſchieden wären,“ ſagte ſie. „Auch ſind wir im Herzen noch dieſelben, und werden jetzt durch das Glück unſerer Kinder auf's Neue jung. Ich kann Ihnen nicht oft genug wiederholen, welche Freude mir die Bekanntſchaft meines Sohnes mit Ihrer Tochter ge⸗ währt hat! Iſt es doch, als ob der Himmel es ſo gefügt hätte, daß ſie gerade hier zuſammentreffen mußten! Als er mir von dem Begegnen mit der ſchönen Thorilde von Gasmund ſchrieb, mich fragte, ob die Mutter nicht zu mei⸗ nen Bekannten gehöre und mich um eine Empfehlung an Sie bat, fiel mir eine Centnerlaſt vom Herzen; denn der Aufenthalt an einem Badeorte, wo eine Spielbank iſt, hat ſtets ſeine Gefahr für einen jungen Mann, und nicht ohne Sorge wußte ich ihn in der gefährlichen Nähe.“ „Aber Baron Ludolf ſpielt nicht, ſo viel mir be⸗ kannt iſt?“ „Er ſpielt nicht, nein; mais, que voulez vous, chöre amie? Die Taſche gefüllt, Credtt überall, und der ganze lange Tag vor ſich; wie leicht läßt man ſich dann verleiten, einen Verſuch zu machen und il n'y a que le premier pas, qui coüte.— So kann ich dem Himmel nicht genug danken, daß er ihm dieſe Leidenſchaft ſandte, die ihn vor einer ſchlimmeren bewahrte.“ Amely Boelte: Die Mantelkinder. 1. 13 194 „Warum aber, wenn Sie ſolche Beſorgniß hegten, geſtatteten Sie ihm nach Wiesbaden zu gehen?“ „Ich es ihm geſtatten?“ lächelte der Baron.„Mei⸗ nen Sie denn, daß er meine Erlaubniß dazu eingeholt habe?— Er iſt ein verzogenes Kind, wie ich Ihnen ſchon ſagte. Als letzter Erbe ſeines Stammes war er uns ſo werth, daß wir nicht daran dachten, ihm etwas verſagen zu wollen. Ein ernſtes Wort hat er nie von uns gehört.— Wo er nicht gutwillig verzichtete, gaben wir nach. Denken Sie nur an die entſetzliche Ausſicht, unſer Stammgut in die Hände von Lehnsvettern fallen zu ſehen, die wir haßten, wie ſie uns! die auf unſern Tod warten! Hätte ich Lu⸗ doif verloren, ſo würde ich mich von meiner Frau haben trennen müſſen, um eine zweite Heirath, eines Erben hal⸗ ber, einzugehen, und ich geſtehe es, oft ſchon hatte ich dieſe Möglichkeit in das Auge gefaßt; denn er war ein kränkliches Kind von zarter Conſtitution, für deſſen Leben man ſtets zitterte.“ „Dennoch ließen Sie ihn Militairdienſte nehmen?“ „Weil er es wollte. Gottlob! Auch damit iſt es jetzt vorbei! Er wird ſeinen Abſchied nehmen und mit ſeiner jungen Frau unſer Stammſchloß, deſſen einen Flügel ich für ihn eimrichten laſſe, bewohnen.“ Sollte man die jungen Leute nicht lieber ſich ſelbſt überlaſſen?“ „Wohin denken Sie, meine verehrte Freundin! Als ob meine Frau und ich ſtörend in deren Leben eingreifen würden!— Nein! Nein! Davon kann keine Rede ſein. Sie ſind ganz von uns unabhängig. Sie können thun, was ſie wollen. Während des Winters lebe ich überdem mit meiner Frau in Paris, letztere läßt ſich dort von dem Grafen Zapary magnetiſiren, denn ſie leidet an einem Ner⸗ venübel, das ſolche Behandlung erfordert; kommen wir im Frühling zurück, ſo erſcheinen wir wie Gäſte.“ „Thorilde erhält, wie ſchon geſagt, die Zinſen Ihres väterlichen Erbtheiles,“ nahm Frau von Gasmund das Wort,„und nach meinem Tode mein ſämmtliches Ver⸗ mögen, welches ich ihr teſtamentlich zuſichern werde.“ Der Baron verneigte ſich. „So wenig ich eigentlich bei meiner Schwiegertochter auf Vermögen ſehen möchte,“ ſagte er dann, wie über⸗ legend,„ſo iſt bei dem Aufwande von zwei Familien doch nothwendig, daß mein Sohn keinem unbemittelten Mädchen ſeine Hand reiche. Ich bin alſo auch in dieſem Punkte ſehr mit ſeiner Wahl zufrieden. Lieb wäre es mir nun freilich noch, wenn die Mitgift als Hypothek auf meine Güter eingetragen werden könnte, weil die Schul⸗ denlaſt zu vermindern ein Vortheil iſt.“ „Ich kann darüber nichts beſtimmen, ohne mit dem Vormunde Rückſprache zu nehmen.“ „Und dann noch ein kleiner Punkt:— Der Fall Ihrer Wiederverheirathung.“ 13* ————— 196 „Wie, Sie ſagen das im Ernſte?“ fragte ſie lächelnd. „Warum nicht?— Wenn Sie jetzt allein ſtehen, werden Sie Ihren Bewerbern ein geneigteres Ohr leihen, und eine Wittwe von Ihren Jahren, Ihrem Ausſehen und Ihrem Vermögen wird deren zahlloſe in Ihre Nähe ziehen.“ „Noch einmal, lieber Baron! Ich glaube, daß Sie ſcherzen. Wenn Sie aber im Ernſte ſprächen, ſo könnte ich jede Möglichkeit der Art durch den Zuſtand meiner Ge⸗ ſundheit, der mich auf kein langes Leben rechnen läßt, nie⸗ derſchlagen.“ „Das iſt vorübergehend! Angegriſen⸗ Nerven ver⸗ kürzen das Daſein nicht, ich habe den eweis davon in meiner Familie vor Augen.“ „Ich bin aber auch ſonſt durchaus nicht geneigt, mir neue Feſſeln anzulegen,“ gab ſie hierauf lächelnd zu⸗ rück,„und werde, wenn Sie meinem Worte nicht glauben, in mein Teſtament ſetzen, daß Thorilde auch für den Fall meine alleinige Erbin bleibe und ich durch kein Codicill dieſen Entſchluß zurücknehmen würde.“ „Das nenne ich einſichtsvoll jeder Beſorgniß von meiner Seite den Kopf abſchneiden,“ ſagte der Baron, ihr ſeine Hand befriedigt bietend.„Somit wären wir denn einig. Auf für die weibliche Nachkommenſchaft iſt da⸗ durch geſorgt; es ſei denn, das junge Paar ſetzte uns — ein Dutzend Mädchen in die Welt, und das will ich zur Ehre Gottes und unſerer Familie nicht hoffen. Je we⸗ niger Töchter, je beſſer; freilich find auch viele Söhne für eine alte Familie ein ſchwer zu bewältigendes Gut.“ „Wenn man die rechte Zahl nur beſtellen könnte!“ fiel Frau von Gasmund mit lächelndem Spotte ein.„Aber wir müſſen wohl aufbrechen! Es wird feucht, und die Abendluft möchte Ihrem Rheumatismus nicht zuträglich ſein, lieber Baron. Wo aber ſind die Kinder?“ Dieſe waren denHügel hinabgegangen, um am Ufer des Baches Vergißmeinnicht zu pflücken, und dabei hatten ſie ſich weiter und weiter entfernt. Ludolf ſammelte die Blumen in ſeinen Hute, und als dieſer gefüllt war, ſetzten ſich Beide auf einen Baumſtamm und Thorilde wand Kränze, wozu er ihr die Blumen einzeln hinreichte. Das murmelnde Waſ⸗ ſer, das Säuſeln hoch oben in den Zweigen, die Stille ringsum that dem Mädchen wohl. Es beruhigte ſie. Wer ſie genau kannte, dem entging es nicht, daß die Bläſſe ihrer Wangen, die feſtgeſchloſſenen Lippen, die oft geſenkten Wimpern einen tiefen Seelenſchmerz verbargen. Ludolf plauderte von ſeiner Heimath; ſie lächelte, nickte, gab eine halbe Antwort, die feinen Finger zierlich bewegend; er war zufrieden, daß ſie ihm zuhörte, und ſee⸗ lenvergnügt. Endlich waren die Blumen alle verbraucht, und ſie ſtanden auf. Dabei glitt Thorilde aus, und wenig fehlte, ſo wäre ſie in den Bach gefallen; allein Ludolfs 198 Arm fing ſie noch bei Zeiten auf, und mit aller Kraft zog er ſie auf den Raſen empor.„Stehen Sie nun feſt?“ ſagte er und ſah ſie zum erſten Male, ſeit er ſie kannte, befangen an.„Ja, erwiederte Thorilde,„aber mein rechter Fuß ſchmerzt. Ich habe ihn verſtaucht.“ „Um des Himmels willen! Was ſoll nun werden rief er erſchreckt.„Tragen werde ich Sie nicht können. Der Pfad iſt ſo ſchmal und dazu ſo ſchlüpferig.“ „Geben Sie mir Ihren Arm! Ich ſtütze mich darauf⸗ und hinke fort, bis wir den Wagen erreichen,“ verſetzte ſie ruhig. Sie machte ſich wenig aus körperlichen Schmerzen, denn ſie kannte ſchon den ſchlimmeren der Seele. Lang⸗ ſam freilich, und oft ſtehen bleibend, um zu der Anſtren⸗ gung neue Kräfte zu ſammeln, ging ſie ohne Klage weiter; ſie belächelte mitunter ſogar ihren hülfloſen Zuſtand. So erreichten ſie denn ſpät den Fahrweg, wo Ludolf, ſobald es geſchehen konnte, die Equipage herbeiwinkte und ſie hinein hob, dann aber athemlos, um die Kunde des Unfalls zu überbringen, den Berg hinauf eilte. Er traf ſeinen Vater und Frau von Gasmund ſchon im Herab⸗ ſteigen begriffen und nach ihnen ausſehend; Beide be⸗ ſchleunigten, ſeit die urſache ihres Zögerns gehoben war, den Schritt.— Thorilde nahm nun die Tiefe des Wagens ein und 1. 199 legte den kranken Fuß auf den Rückſitz neben Ludolf, der kein Auge davon abwandte; denn er glaubte nie etwas ſo Zierliches geſehen zu haben. Das Gelenk fing an zu ſchwel⸗ len. Er ſchrie dem Kutſcher wiederholt zu, er ſolle jagen, was die Pferde laufen könnten, es komme nicht darauf an, ob ſie ſtürzten. „Wären es die Deinigen, ſo würdeſt Du ſolche Be⸗ fehle nicht ertheilen,“ bemerkte der Vater lächelnd;„doch ſollteſt Du billiger Weiſe auch auf mein Eigenthum Rück⸗ ſicht nehmen.“ „Wenn die Pferde ſtürzen, bleiben wir ja auf dem Wege liegen,“ ſagte Thorilde lächelnd. Doch rührte ſie ſeine Ungeduld. Ihrem blutenden Herzen war jeder Liebebeweis jetzt ein Balſam. Als man vor der„Roſe“ hielt, ſprang Ludolf aus dem Wagen und ſandte Boten nach Aerzten aus. Indeſſen wurde Thorilde die Treppe hinauf in ihr Zimmer getragen.„Du haſt, wie ich höre, alle Doctoren von Wiesbaden beſchie⸗ den?“ fragte ihn ſein Vater, welcher wie die meiſten un⸗ vorſichtig mit ihrem Leben umgehenden Weltleute von Gicht etwas gelähmt, langſam die Treppe hinaufſtieg, und dem Sohn darauf im Salon begegnete.„Ein einziger Wundarzt wäre nützlicher geweſen, wie das ganze Col⸗ legium.“ „Es iſt beſſer, daß zu viele kommen, wie kein Ein⸗ ziger,“ verſettg Baron Ludolf, mit aufgezogener Stirne ———— 200 und einer Miene, als ob die Welt im Sichvernichten begriffen ſei. Unruhig lief er im Zimmer auf und ab. Sein Vater ließ ſich indeſſen auf dem Sopha nieder und gähnte. „Ich habe in Deinem Intereſſe mit Frau von Gas⸗ mund geſprochen, und ſie meinen Wünſchen geneigt ge⸗ funden,“ begann er nach einer Pauſe.„Sobald ich eine ſchriftliche Sicherheit in Bezug auf das Vermögen des jungen Mädchens in Händen habe, können wir förmlich um ſie anhalten und Deine Verlobung mit ihr feiern. Bis dahin aber, Ludolf, kein Wort! Hörſt Du, kein Wort! Laß Dich zu keiner compromittirenden Erklärung bewegen. Ver⸗ gegenwärtige Dir die auf unſern Gütern ruhende Schul⸗ denlaſt und ſchweige. Frauen ſind wankelmüthig. Was ſie mündlich gegen mich geäußert, iſt nicht bindend. In Deinem und meinem Intereſſe warne ich Dich neutral zu bleiben, bis ich etwas Schriftliches in Händen habe.“ Ludolf hatte von der ganzen Rede ſeines Vaters kein Wort vernommen, er dachte an Thorildens kleinen ſchwel⸗ lenden Fuß, und fragte, ob noch kein Arzt vorfahre. Als Frau von Gasmund jetzt in das Zimmer trat, ſtürzte er auf ſie zu.„Wie geht es ihr, gnädige Frau?“ rief er voll Sorge.„Iſt noch keine Hülfe da?— Man wird den Fuß doch nicht abnehmen! Mein Gott! Wenn man ihr den kleinen hübſchen Fuß abnehmen müßte?“ „Nein, nein!“ ſagte Frau von Gasmund beruhi⸗ gend;„von Abnehmen iſt keine Rede... Sie liegt auf — S* 201 einer Chaise longue und hat einen warmen Verband um der ihre Schmerzen lindert. Es wird ſo ſchlunm nicht werden.“ „Kann ich ſie denn gar nicht zu ſehen bekommen?— Wird ſie nun in ihrem Zimmer bleiben, bis der Fuß her⸗ geſtellt iſt?“ fragte er mit weinerlicher Stimme. „Auch das nicht!— So wie der Arzt ſie verlaſſen hat, tragen wir die Chaise longue mit ihr in den Salon und ſie trinkt den Thee mit uns.“ Baron Ludolf warf ſich auf dies Verſprechen in ihre Arme, und überhäufte ſie mit Liebkoſungen. Dann tanzte er im Zimmer umher, lachte, ſang; endlich fielen ihm die Vergißmeinnichtkränze ein und er lief hinaus ſie zu holen, legte ſie auf Teller, begoß ſie mit Waſſer, und ſtellte ſie auf einen Nebentiſch, wo ſie Thorildens Augen begegnen konnten. „Mit der Schweizerreiſe wird es nun wohl nichts ſein,“ bemerkte ſein Vater dazwiſchen.„Statt deſſen kommt ſie vielleicht mit nach Rheinfeld, und lernt Deine Mutter tennen. Gebe nur Gott, daß ſie deren Beifall habe!“ ſetzte er mit Gewicht hinzu. „Mama's Beifall!“ rief Baron Ludolf.„Vor dem bangt Dir? Man müßte ja kein Körnchen Geſchmack haben, wenn Thorilde ihr nicht gefiele!“ „Wenn ſie ſie mit Deinen Augen betrachtete, freilich! Aber Deine Mutter macht ihre eigenen Anſprüche an die 202 Schwiegertochter. Woran ihr ganz beſonders viel liegt, iſt ein alter Name.“ „Hat Thorilde nicht einen alten Namen? Und wenn ſie auch keinen hätte, mir wäre es gleichviel; ſie oder keine!“ „Ja, ja! So redet man in ſeiner Jugend, hab's auch wohl gethan, aber ſchließlich überlegt man ſich die Sache doch.— Die Gasmund's ſind kein übles Geſchlecht; man verſcherzt in ſeiner Stellung nichts durch eine Ver⸗ bindung mit ihnen; jedoch....“ Er hielt zögernd ein. „Nun, was iſt es mit Deinem jedoch, Papa?“ fragte der Sohn gelangweilt. „Ich meinte nur, daß man dennoch ein Auge zu⸗ drücken müßte. Du biſt indeſſen noch zu jung, um viel mit Dir über die Sache zu reden.“ „Ich mag auch gar nichts davon wiſſen,“ ſagte Baron Ludolf und öffnete zum zehnten Male, um nachzuſehen, ob Thorilde immer noch nicht erſcheine, die Thüre. Frau von Gasmund ſandte noch in ſpäter Nacht eine telegraphiſche Depeſche an den Vormund nach Berlin und beſchied ihn ſchleunig zu ſich nach Wiesbaden. Sie war der Meinung, man müſſe das Eiſen ſchmieden, ſo lange es warm ſei und ſo ſchmiedete ſie denn mit ganzem Eifer. Allen Privatunterhaltungen mit dem Barone wich ſie von da an ſorgfältig aus, wußte es mit feinem Tacte immer e ſo einzurichten, daß er ſich nie unter vier Augen mit ihr befand, und ſchon am zweiten Tage traf der Staatsanwalt ein, in deſſen Beiſein nun ſogleich das Geſchäftliche ge⸗ ordnet wurde. Da ſie ſich zu jedem Opfer, welches die in Ausſicht geſtellte Verbindung ihr abfordern konnte, bereit zeigte, ſo war ſchnell Alles abgemacht. Der Vormund fragte ſie dann heimlich freilich: ob ſie dem Baron bereits jeden Aufſchluß über die Mutter Thorildens gegeben habe; da ſie aber erwiederte, daß keine Frage in Bezug auf dieſe an ſie gerichtet worden ſei und ſie dem Anderen nicht auf⸗ dringen wolle noch könne, was er zu wiſſen nie verlangt habe, ſo beruhigte er ſich bei dieſem Beſcheide der welt⸗ klugen Frau. Der Staatsanwalt fand ſein Mündel außerordentlich verändert, es erſchien ihm größer und älter, und in den wenigen Wochen, ſeit er es nicht geſehen hatte, auf er⸗ ſtaunliche Weiſe gereift zu ſein. Er fand es bleich freilich; aber ſonſt ruhig, gefaßt. Wer ſie nicht genau kannte, hätte nie bemerkt, daß ein Wurm an dieſer Blüthe nage. Sie ſchien es zu wiſſen, daß er in ihrem Innern zu leſen wünſche; denn ſo oft er ſein Auge auf das ihrige richtete, deckte ſie es mit den langen ſchwarzen Wimpern. „Ich werde morgen früh mit Thorilden über ihre Verbindung mit dem jungen Barone Rheinfeld ſprechen,“ ſagte Frau von Gasmund ſpät am Abend zu dem Vor⸗ —.—— 204 munde.„Sie muß es von mir zuerſt erfahren, um gefaßt zu ſein, bevor er mit ſeinem Antrage vor ihr erſcheint.“ „Sie weiß demnach noch nichts davon?“ fragte er verwundert.„Ich glaubte, ſie ſei im Einverſtändniſſe; denn in dieſer Weiſe über ihre Zukunft zu verfügen, ſcheint mir doch hart.“. „Was wollen Sie?“ fiel Frau von Gasmund em⸗. pfindlich ein.„Bleibt dem Mädchen denn noch eine Wahl? — Hat ſie nicht ihr Glück muthwillig verſcherzt und hat es ſchließlich nicht die Schweſter noch für ſie gethan?— Ich verſichere Sie, daß ich Ellena's wegen in einer ſteten Auf⸗ regung bin; denn wie leicht könnte dieſe alle meine Pläne durchkreuzen!“ „Aber wie ſo?!“. „Wenn ſie käme! Wenn ſie unerwartet zurückkehrte und an meine Thüre klopfte! Gleichviel ob ich ſie ihr öffnete, gleichviel, ob nicht; immer würde die Welt davon unterrichtet werden, daß ſie von mir erzogen ſei und Schande auf meinen Namen gebracht habe. Die ewige Angſt, in der ich lebe, wird mich noch tödten. Kein Zei⸗ tungsblatt nehme ich in die Hand und ich glaube ihren Namen zu leſen. Es klopft an meine Thüre und ich zögere mit dem Herein! weil mein Auge ſie im Geiſte ſieht. Jedes ungewohnte Geräuſch läßt mich zuſammenfahren; denn ich fürchte, es ſei die Kunde von ihr. Wenn ich ſo fortleben ſollte— nein!— Zehnmal lieber ſterben!“ — 205 „Sie ſind nervös, guädige Frau. Sie laſſen ſich von Einbildungen beherrſchen, wo ſie dem, was iſt, muthig die Stirne zu bieten hätten. Es wird Ihnen eine ernſte ⁵ Krankheit zuziehen, wenn Sie dieſer Aufregung nicht Einhalt thun. Ich werde gleich bei meiner Rückkehr mit dem Geheimrathe Ledebuhr darüber ſprechen; er muß hier ein⸗ ſchreiten.“ „Wenn Thorilden's Hochzeit gefeiert iſt, wird mir beſſer zu Muthe werden,“ ſagte ſie niedergeſchlagen,„aber bis dies Ziel erreicht iſt, hilft mir kein Arzt und keine Ar⸗ 1 zenei, hilft mir nur Gott.— Es würde mich wahnſinnig machen, wenn ich des Kindes Ruf in irgend einer Weiſe gefährdet ſähe, oder ſeine Anſprüche an das Leben durch 3 Ellena's Thorheit vernichtet würden.“ 1 „Das haben Sie gottlob ja nicht zu fürchten,“ fiel 1 der Staatsanwalt beruhigend ein.“ Wenn ſie einwilligt des jungen Baron's Gattin zu werden, ſo ſind Sie über alle Sorge hinaus. Die Hochzeit können Sie ja, um Ihren i Nächten den Schlaf zurückzugeben, feiern, ſobald Sie 5 wollen.“ 3 Sie trennten ſich.— 8 Frau von Gasmund hatte in der Nacht einen ſehr unglücklichen Traum; ſie ſah ſich ſelbſt im Sarge, und erwachte unter den Schauern des Todes. Um ſich blickend, gewahrte ſie das erſte Morgengrauen, und der Hahnenſchrei verkündete den erwachenden Tag. Sie fühlte nach ihrem — — — 206 Pulſe und fand ihn fieberhaft erregt.„Ellena! Ellena!“ murmelte ſie in ſich hinein;„Du mordeſt Deine zweite Mutter! Ich habe das nicht um Dich verdient!“ Gewöhnlich frühſtückte ſie auch auf der Reiſe allein; heute jedoch ließ ſie den Kaffee in Thorildens Zimmer tragen und dieſer ſagen, daß ſie gleich nachfolgen würde.— Ein ſolches Unterbrechen der angenommenen Weiſe hatte ſtets etwas zu bedeuten; Thorilde wußte das und ſah ihrem Kommen ſchon mit Erwartung entgegen. Auch zögerte ſie nicht mit dem ihr auf dem Herzen ruhenden Thema. „Du ahnſt wahrſcheinlich, weshalb ich ſo früh zu Dir gekommen bin, mein Kind!“ begann ſie, ſobald die Thüre ſich hinter der Jungfer geſchloſſen.„Du weißt um die Bewerbung des jungen Rheinfeld, die Ankunft von deſſen Vater, ſo wie die Deines Vormundes wird Dir geſagt haben, was im Werke iſt; ich brauche Dir alſo nur mitzutheilen, daß alle etwaigen kleinen Schwierig⸗ keiten gehoben ſind und Baron Ludolf ſich heute gegen Dich erklären wird. Du ſollteſt vorbereitet ſein, Dich im Voraus faſſen, das ernſte, ſchwere Ja, welches über Deine ganze Zukunft entſcheidet, auszuſprechen; Du ſollteſt noch einmal den Schritt erwägen, bevor Du ihn thuſt.“ Thorilde war bei dieſer Anrede ihrer Mutter erſt roth, dann bleich geworden, und ein leiſes Zittern ſtahl — 207 ſich durch ihre Glieder und theilte ſich auch ihrer Stimme mit, als ſie antwortete: „Wozu erwägen, Mutter, wenn Du das Ja voraus⸗ ſetzeſt?“ „Man wird in ſich ſelbſt ruhiger, wenn man ſich überzeugt hat, es müſſe ſo ſein; ob Du dieſe Ueber⸗ zeugung in Dir trägſt, frage ich Dich nun?“ Sie zögerte mit der Antwort. „Mir iſt es im Grunde gleichgültig, was mit mir geſchieht?“ ſagte ſie dann, das bleiche Haupt in die kleine Hand ſtützend. „Dieſe Stimmung in Deiner Lage iſt mir erklärlich, mein Kind. Ich weiß, daß Du leideſt, viel leideſt! Die Zeit erſt wird Dir Linderung bringen. Gern hätte ich Dir verheimlicht, daß Ellena mit Leopold in London lebt; allein—“ „Ich bitte Dich, Mutter,“ fuhr Thorilde auf,„ſprich davon nie mit mir, nie!— Nenne nie einen dieſer Namen in meiner Gegenwart!— Ich ertrage es nicht, wie eine gleichgültige Thatſache von dem geſprochen zu hören, was mich raſend machen könnte!— Laß mich es ausſchweigen! Ausſchweigen will ich es, kann ich es, äber Stille— Grabesſtille lege ſich, auch unter uns darauf.“. „Wie Du willſt, mein Kind!“ erwiederte Frau von Gasmund, durch die an ihr ungewohnte Heftigkeit er⸗ 208 ſchreckt.„So reden wir alſo nur von der Zukunft.— Mein Leben ſteht auf wankenden Füßen; um ſo mehr wünſche ich für Dich eine Stellung, eine Stütze, und Beides findeſt Du als Gattin des Baron Ludolf.— Du hegſt gegen ihn keine Abneigung. Du biſt ihm ſchwe⸗ ſterlich zugethan; er liebt Dich unbeſchreiblich; er iſt jung, und was ihm an Bildung fehlt, wird er nachholen; Du kannſt ihn Dir ziehen, kannſt aus ihm machen, was Du willſt. Es bietet ſich Dir ein ſchöner Wirkungskreis; mit dem neuen Namen wird das Leben eine neue heiterere Seite für Dich gewinnen, Du brauchſt dann vor keinem Leumund, keiner gehäſſigen Nachrede mehr zu zittern. Du verſtehſt mich, mein Kind?— Um Dich nicht zu verletzen, will ich nicht deutlicher reden.“ „Ich verſtehe Dich, Mutter, und bin entſchloſſen Lu⸗ dolf meine Hand zu reichen,“ verſetzte Thorilde mit eiſiger Kälte.„Sage mir aber Eins, iſt die Familie, welche mich aufnehmen ſoll, von allen Beziehungen der unſeren unter⸗ richtet?“ „So weit ſie hat unterrichtet ſein wollen, gewiß! Wir ſind keiner Frage ausgewichen; haben aber auch Niemand eine Mittheilung, die man nicht gewünſcht, in das Geſicht geſchleudert. Ludolf iſt zu jung, um ſich aus dergleichen etwas zu machen. Der alte Baron hat mich vor meiner Verheirathung gekannt, und es iſt anzunehmen, daß er über die Verhältniſſe der Brüder von Gasmund unter⸗ ——— 209 richtet ſei; wenigſtens vermuthe ich es nach der ſchonenden Weiſe, womit er über manches hinweg ging. Was können wir nun mehr thun, als ſchweigen, wo wir zum Reden nicht aufgefordert werden?“ „Aber— wenn mir ſpäter ein Vorwurf daraus ge⸗ macht würde, Mutter?“ „Dir?— Nur mich könnte ein ſolcher treffen, denn ich habe den Heirathscontract mit dem Vater geordnet. Dieſer wünſcht die Partie. Du ſcheinſt ihm für ſeinen Lu⸗ dolf wie geſchaffen. Soll ich ihm nun ſeine Freude da⸗ durch verderben, daß ich Makel an unſerm Stammbaume hervorhöbe, die er zu kennen nicht gefordert hat?— Das hieße ja ſeine eigene Ehre an den Nagel hängen.“ Thorilde ſchwieg; aber mit einem tiefen Seufzer. Sie wußte den Gründen der Mutter nichts entgegen zu ſetzen; und dennoch ſprach ein leiſes Etwas in ihrer Bruſt den be⸗ ruhigenden Worten derſelben Hohn. Der Arzt wurde ge⸗ meldet und verhinderte eine weitere Erörterung. Er rieth ihr ſich auf eine Krücke zu ſtützen, und auf dem Balcon die friſche Luft zu genießen; denn er ſchob ihre tödtliche Bläſſe auf den verſchloſſenen Raum. Auch Frau von Gasmund's Befinden ſchien ihm bedenklich.„Die Luft hier bekommt mir nicht,“ entgegnete dieſe.„Veränderung des Ortes wird meine beſte Arzenei ſein.“ Als Baron Ludolf eine Stunde ſpäter erſchien, fand er Thorilde unter hohen Oleanderbäumen, in der friſchen Amely Boelte: Die Mantelkinder. 1. 14 210 Luft ſitzend. In ihrem durchſichtigen weißen Kleide, zwi⸗ ſchen dem dunklen Grüne, glich ſie einer Nymphe, einer Fee und keinem irdiſchen Weſen. Der große Hund ſprang wedelnd zu ihr hin, leckte ihre feinen Hände, und legte ſich, als ſie ihn ſtreichelte, zu ihren Füßen. Dort knieete auch ſein Herr gleich darauf.„Darf ich hier immer bleiben, immer?“ fragte er ſie.„Wollen Sie mich neben ſich dulden, Tho⸗ rilde?— Ich will Alles thun, was Sie wünſchen; wenn Sie Ja ſagen.“ Sie lächelte und legte die Hand auf ſein dickes, blon⸗ des, lockiges Haar. „Seien Sie mir, was dieſer Hund Ihnen iſt und ich bin zufrieden; treue Anhänglichkeit iſt die von mir am höchſten geſchätzte Eigenſchaft,“ ſagte ſie mit bewegter Stimme. Er ſprang empor und tanzte luſtig im Zimmer umher.„Jetzt bin ich der glücklichſte Menſch auf der Welt!“ rief er jubelnd.„Nun laufe ich aber gleich zu mei⸗ nem Papa und erzähle ihm, daß Alles richtig iſt.“ Feierlicher lautete die Anrede des alten Barons, als er Thorilde an ſeine Bruſt zog, ſie Tochter nannte und ihr einen koſtbaren Schmuck zum Angebinde überreichte. Sie ſetzte das Etui bei Seite. Vater ſollte ſie ihn nennen, Vater! Wehmüthige Nochklänge weckte das Wort in ihrer Bruſt, was ihr das Leben Schmerzliches brachte, hatte ſei⸗ nen Urſprung in dieſem Namen. Man ſpeiſte, der Vor⸗ 211 mund mit ihnen; man trank die Geſundheit des jungen Paares und entwarf heitere Zukunftspläne. Frau von Gasmund willigte ein, ſo wie Thorildens Fuß es geſtatte, nach Schloß Rheinfeld zu kommen, und dort bis zur Hoch⸗ zeit des jungen Paares, die in höchſtens zwei Monaten ſtattfinden ſollte, zu verweilen. So oft der Baron von die⸗ ſen zwei Monaten ſprach, that ſie einen langen Athemzug. Zwei Monate würde ihr Leben ſchon noch aushalten, hoffte ſie.— Der Staatsanwalt wollte mit dem Abendzuge nach Berlin zurückkehren; Frau von Gasmund ſchrieb nach Tiſche einige Briefe, die er zu beſorgen übernommen hatte. Baron Ludolf begleitete ſeinen Vater auf einem Spazier⸗ gange; der Vormund ſetzte ſich indeſſen zu Thorilden, die er, ſeit er hier war, noch nicht ohne Zeugen geſehen hatte, nahm ihre kleinen Hände in die ſeinigen und ſagte, ihr theilnehmend in die dunkeln Augen blickend:„Haben Sie den Entſchluß, dem Baron Ludolf Ihre Hand zu reichen, auch wirklich aus eigenem Antriebe gefaßt?— Verſprechen Sie ſich auch Glück von Ihrer neuen Lage? Gezwungen ſind Sie zu nichts.— Der Freund Ihres ſeligen Vaters wird zu allen Zeiten Ihr Beſchützer und Beiſtand ſein. Mein Haus nennen Sie Ihre zweite Heimath. Nicht die Wünſche Ihrer Pflegemutter dürften Sie daher beſtimmen; ſondern nur die eigenen. Sie ſehen für eine glückliche Braut zu bleich aus.“ 14* —— 212 Dieſe aus dem Herzen kommenden, mit weicher Stimme geſprochenen Worte beraubten ſie der mühſam behaupteten Faſſung. Sie ſah ihn eine Minute lang an, dann neigte ſie ihr Haupt auf ſeine Hände herab und weinte bitterlich. Er zog ſeine Rechte herwor und ſtreichelte ſanft ihr ſchwarzes Haar.„Wir können ja Alles noch rückgängig machen,“ flüſterte er in ihr Ohr.— Sie ſah ihn durch ihre Thränen lächelnd an und erwiederte mit verneinender Bewegung des ſchönen Hauptes:„Nimmermehr würde ich der, die meine Kindheit behütet, dieſen Kummer verur⸗ ſachen! Genug daß Ellena ihr Herz brechen mußte!“ Und wieder ihr Haupt ſenkend, flüſterte ſie unter neu hervor⸗ brechenden Thränen:„Ich erfülle eine Pflicht— ich zahle die Schuld der Dankbarkeit. Darin liegt auch ein Glück. Freund meines Vaters, ſegnen Sie ſein armes Kind!“ Der Staatsanwalt nahm das kleine Haupt zwiſchen beide Hände, hob es empor, und hauchte einen Kuß auf ihre Stirne:„Gott ſei mit Ihnen!“ ſagte er und ver⸗ ſchwand von Rührung überwältigt aus dem Zimmer. Als der Baron Rheinfeld dieſen Abend etwas ver⸗ ſpätet zum Thee ſich einfand, ſagte er zu Frau von Gas⸗ mund:„Ich habe an der Spielbank einen alten Bekannten getroffen, den General von Bonin, und bin von ihm länger, als ich wollte, in Anſpruch genommen worden. Er kennt Sie, wie er ſagt. Apropos, er fragte mich, ob Fräulein Ellena von Gasmund auch mit hier ſei;— ein wunderbar ſchö⸗ ——* 213 nes Mädchen, wie er ſich vernehmen ließ. Sie haben mir von dieſer ja nie geſprochen? Wer iſt denn das?“ Frau von Gasmund's Kniee wankten.„Die Tochter meines Schwagers. Sie iſt zu ihm gegangen,“ ſagte ſie mit abgewandtem Geſichte und lenkte die Unterhaltung ſchnell auf ein anderes Capitel.— 13. Ein Morgenconcert in London. Der Juli ſchmückte die Erde mit Roſen und die vornehme Welt Englands ſtund auf dem Punkte London zu verlaſſen, um, nachdem der Frühling mit ſeinem Reize folchen Vergnügungen, welche ſonſt nur dem Winter au⸗ gehören, gevpfert war, den Sommer auf dem Lande zu genießen. Lady Afhburton wollte ein letztes Mal in Bath-house ihre Freunde zu einem Morgenconcerte bei ſich verſammeln und hatte darum, was in der Künſt⸗ lerwelt an Notabilitäten anweſend, mit ſchwerem Golde zu gewinnen geſucht; denn in einer Stadt von zwei NMillionen Einwohnern herrſcht auch in dem Punkte eine von uns ungekannte Concurrenz und nichts koſtet einer großen Dame mehr Mühe, als ein ſolches Feſt, deſſen ——— Koſtenaufwand mindeſtens auf 3000 Thaler ſich be⸗ läuft, anzuordnen. Die Mittagsſonne brannte heiß auf die Scheitel herab, als die Wagen in Piccadilly einbogen und ſich in eine Linie reihten, um nach und nach den Glanz der reizendſten Morgentviletten aus ihrem Innern ent⸗ ſchlüpfen zu laſſen. Nicht etwa, als ob nur weibliche Gäſte ſich eingefunden hätten, denn in England giebt es keine Verſammlungen von Frauen; allein die Herren kommen am Morgen nicht immer in deren Begleitung, weil ihre Clubs und mancherlei Beſchäftigungen ſie gleich nach dem Frühſtücke dem Hauſe entführen, und ſie dann bei ſolchen Gelegenheiten an dem beſtimmten Orte mit ihren Damen zuſammentreffen. So kamen deren viele auch heute in einer Droſchke gefahren, ſprangen an der Ecke einer Straße heraus und legten zu Fuß den Reſt des Weges zurück. Andere auch hatten ſich nicht ein⸗ mal eines ſolchen Fuhrwerkes bedient. Gepuderte Diener ſtanden auf dem Hausflure, und wieſen die Ankommen⸗ den den Weg zur Treppe, auf deren Höhe ihnen ihr Name abgefordert ward, welcher nun mit lautem Rufe ihnen voraus in den Salon ertönte, wo die in ſchwerer weißer Seide gekleidete Wirthin ſtand, und ihre Gäſte, jedem die Hand reichend, mit dem üblichen„How do Fou do!“ willkommen hieß. Die Künſtler waren eine andere Treppe hinauf 216 in den nach dem Hofe hinausgelegenen Muſikſaale ge⸗ leitet worden, welchen die Geſellſchaft mit Beginn des Concertes betrat. An dieſe Abſonderung von den Gäſten haben ſie zu allen Zeiten Anſtoß genommen. Auch an unſeren deutſchen Höfen herrſcht dieſe Einrichtung, und hier, wie in der Fremde, wiſſen die Söhne und Töchter des Apollo ſich nicht darin zu ſchicken. Sie wittern eine Beleidigung, wo ſolche nicht beabſichtigt iſt; ſie wiſſen den Künſtler nicht von dem Menſchen zu trennen. Wären ſie als Gäſte geladen, ſo würden ſie es eine Beläſtigung nennen, wenn ſie zur Unterhaltung der Ge⸗ ſellſchaft durch ihr Talent beitragen ſollten, und wie⸗ derum dürfte man ſie als Gäſte für eine erwieſene Gunſt nicht mit Geld belohnen wollen. Warum alſo nicht ſagen:„Ich gebe Euch meine Waare, Ihr gebt mir Euer Geld und wir ſind quitt.“ Lady Afhburton hatte den verſammelten Herren und Damen für ihre heutige Leiſtung den höchſten Preis be⸗ willigt, ſie hatte deren Minuten mit Gold aufgewogen; dennoch befanden ſich alle in einer mehr oder weniger ge⸗ reizten Stimmung. Sie ſtanden in Gruppen umher und beſprachen ein gedruckt vorliegendes Programm, das den Gäſten bei ihrem Eintritte in den Saal mitgetheilt werden ſollte. Etwas an dieſem ſchien ihnen zu mißfallen, ſie lachten und ſpotteten, ſie ſteigerten dies zu beißenden Ausfällen. Dabei warfen die Damen einem großen 217 Wandſpiegel Seitenblicke zu, ihre Toilette war alſo in dem hervorzubringenden Effecte mit berechnet. Lady Afhburton zeigte ſich jetzt am Eingange des Muſikzimmers. Es ſchien noch Jemand zu fehlen an dem dort harrenden Perſonale; doch hatte die zum Con⸗ certe anberaumte Stunde bereits geſchlagen. Ihre Stirne umwölkte ſich.„Es wäre zum Verzweifeln, wenn man mir nicht Wort hielte,“ ſagte ſie zu einem neben ihr ſte⸗ henden Herrn.„Was fange ich nur an? Ob ich das Pro⸗ gramm umändere? Ob ich mit der zweiten Nummer, dem Violin⸗Concert von Ernſt, anfangen laſſe?“ Indem erhellte ſich ihr Geſicht. Es waren ſpeben noch zwei Perſonen eingetreten, ein blonder, ſchmäch⸗ liger, junger Mann mit langen bis auf die Schultern glatt herabhängendem Haare à la Liszt und eine junge Dame von außerordentlicher Schönheit. Kaum hatte der neben Lady Afhburton ſtehende Herr ſein Auge auf dieſe geworfen; ſo trat er erbleichend einen Schritt vor und ein Ausruf des Erſtaunens ſchwebte auf ſeinen Lippen; ſchnell aber, des Ortes eingedenk, faßte er ſich und richtete einen großen und fragenden Blick auf die Dame des Hauſes, in welchem geſchrieben ſtand, ob denn ſie nicht durch die Er⸗ ſcheinung dieſer jungen Künſtlerin eine Erinnerung erweckt ſähe?— Allein Lady Afhburton war für die Beredſamkeit der Mienen in dieſem wichtigen Momente nicht zugänglich; 218 ſie ſah unruhig und zerſtreut umher und verſchwand gleich darauf von ſeiner Seite. Die Gäſte drängten ſich nun durch die Thüre, die Wirthin ſuchte den Vornehmſten unter ihnen die beſten Plätze zu verſchaffen, und der Fremde verlor ſich, weil die Herren jetzt den Damen Platz machen und zurückſtehen mußten, im Hintergrunde. Während der Zeit hatte nun auch das Künſtlerper⸗ ſonal ſich, dem Programm entſprechend, geordnet; der zu⸗ letzt eingetretene blonde junge Mann nahm am Flügel Platz— und ſpielte ein Concertſtück von ſeinem Meiſter Liszt, welches allgemeine Bewunderung erregte. Auf ihn folgte Ernſt mit ſeiner Violine, und Nr. 3 des Programms lautete auf die Gnadenarie, geſungen von Signora Anella. Als dieſe vortrat, ſich verneigte, und nun ihre volle, me⸗ tallreiche Stimme durch den Saal ſandte, drängten ſich alle Herren aus dem anſtoßenden Zimmer in die Saal⸗ thüre und von Mund zu Mund hörte man flüſtern: how peautiful she looks! Man konnte auch in der That keine gewinnendere Er⸗ ſcheinung ſehen. Wie eine Königin ſtand ſie da; ihr Gruß voll Anmuth und Würde erhob ſie in den Augen der Da⸗ men ſogleich zur Lady, während die Herren fragten, unter welchem Himmel dieſes reiche rothbraune Haupthaar, welches in dicken Flechten über der blendend weißen Stirne lag, und dieſe, herrliche, üppige Geſtalt einer Juno das Ge⸗ —— 219 deihen gefunden haben möge. Ihr Auge hatte Anfangs auf dem Notenblatte in ihrer Hand geruht; man ſah dabei die Wimpern wie tiefe Schatten über den Wangen, unter den hochgewölbten ſchwarzen Brauen; jetzt ſchlug ſie es em⸗ por und zeigte deſſen ſammetgraue Tiefe; der Mund lächelte in die Wangen zwei leichte Grübchen, und entblößte dabei hinter den korallenrothen Lippen die ſchönſten Zähne; man hörte nicht mehr, was ſie ſang, man ſah ſie nur noch.— Auch jener Herr, welcher bei ihrem erſten Erſcheinen eine ſo große Ueberraſchung gezeigt, bemühte ſich ihrer anſichtig zu werden; allein nur dann und wann gelang es ihm, über die Schulter eines ihm nahe Stehenden hinweg, flüchtig einen Blick auf ſie werfen zu können. Er war bei Austhei⸗ lung der Programme übergangen worden; da er fremd war und ihm nicht vorgeſtellte Perſonen anzureden ſich ſcheute— ſo mußte er abwarten, bis ein Diener in ſeine Nähe kam, und er von dieſem das Verſäumte nachholen laſſen konnte.„Signora Anella,“ murmelte er. Weiter leſend haftete ſein Auge auch auf dem Namen des berühmten Pia⸗ niſten Leopold. Es wurden den Künſtlern Erfriſchungen gereicht und dieſe Pauſe benützte Lady Afhburton ſich ihnen zu nähern und allerlei Verbindliches zu ſagen. Vorzugsweiſe hielt ſie ſich bei jenem Mädchen mit dem rothbraunen Haaré auf und was ſie dieſer jagte, zog ſogleich die gehäſſigen Blicke der Uebrigen auf ſie. Obgleich an Applaus gewöhnt, können 26 Künſtler deſſen nicht überdrüſſig werden. Im Gegentheile! Bei dem öffentlichen Auftreten findet eine Nimmerſattheit Statt,[appétit vient en mangeant bewährt ſich hier auf jedem Schritte, die kleinen Doſen des Lobes ſollen zu täglich größeren werden, es entſteht ſchließlich ein Heiß⸗ hunger, den nichts mehr ſättigen kann. Er wird zum Faſſe der Danaiden. Die Signora Anella ſchien von dem Lobe der großen Dame weniger berührt zu werden, wie jene, die es mit ihr hörten. Sie ſah Lady Afhburton groß an. Die Protec⸗ tionsmiene, mit welcher dieſe ihr entgegentrat, reizte ſie faſt zum Lachen, das gnädige Nicken des Hauptes ſchien ſie gar nicht zu verſtehen, mit gleichgültig ſorgloſer Miene ſtand ſie ihr, wie die Gleiche der Gleichen gegenüber, und ſagte: „Wenn Ihnen mein Lied gefallen hat, Milady, ſo ſfinge ich es mit Vergnügen noch einmal.“ „Wenn Sie das wollen! Oder ein anderes Lied da⸗ für!“ fiel die Dame raſch ein; denn ſie war von dieſer Willfährigkeit angenehm überraſcht, da ſie ja nur ein Lied bezahlt und bedungen hatte.„Nun habe ich aber noch eine Bitte Welche Pomade gebrauchen Sie? Ihr Haar iſt ſo wunderſchön, daß ich das Mittel kennen möchte, wodurch ſie ſein Wachsthum geſteigert und ihm die koſtbare Farbe gegeben haben.“ „Das weiß ich wirklich nicht zu ſagen,“ erwiederte die Signora, ihre ſchönen Zähne zeigend.„Ich habe —— —,———— ———— von Kindheit an nie auf das, was man mit mir vor⸗ nahm, geachtet.“ Lady Aſhburton glaubte, die Künſtlerin wolle ihre Toilettengeheimniſſe nicht verrathen. Das Concert nahm ſeinen Fortgang.„Wer iſt ſie?— Woher kommt ſie?“ ſo hörte man vielfach flüſtern. Die Dame vom Hauſe konnte keine weitere Auskunft ertheilen, als daß ſie eine Irländerin ſei. Lola Montez hatte ja auch dieſe Inſel ihre Heimath genannt, und ihre abſonderliche Schönheit von daher mitgebracht. Die Herren bedauerten ſie nicht in der Nähe ſehen, nicht mit ihr ſprechen zu können; allein der conventio⸗ nelle Zwang hielt Jeden auf ſeinem Platze feſt. So wie der letzte Ton verklungen war, ging es an das Abſchiednehmen; denn nicht, wie in Frankreich, ſtiehlt man ſich in der engliſchen Geſellſchaft leiſe fort, man ſagt der Wirthin ein Good pye! und harrt dann ſeines Wagens. Die Signora Anelle hatte träumeriſch den Tönen gelauſcht, und ſcheinbar wenig von dem, was um ſie her vorging, geſehen. Schon vor dem letzten verklin⸗ genden Accorde war ſie auf einen Wink des Tonkünſt⸗ lers Leopold dieſem hinausgefolgt, und als der Herr, deſſen beſondere Aufmerkſamkeit ſie erregt, ſie mit den Augen ſuchte, entdeckte er ſie nicht mehr. Er wandte ſich eilig hinaus und ſtürzte die Treppe hinunter; allein 222 auch hier war keine Spur mehr von ihr. Langſam kehrte er nun in die Geſelſſchaft zurück, und wartete mit äußerlicher Ruhe und innerer Ungeduld den Au⸗ genblick ab, wo er der Wirthin ſich nahen und ihr un⸗ bemerkt zuflüſtern konnte:„Bitte, nennen Sie mir die Adreſſe der Signora Anella!“ Sie ſah ihn verwundert an. „Vou are quite struck with her?“ ſagte ſie halb fragend, halb verwundert. „Ich werde Ihnen meine Gründe ein anderes Mal ſagen, aber bitte! jetzt die Adreſſe.“ „Curzon Street, Nr. 14.“ „Ich danke!“ ſagte er, und verſchwand. Ihr ſchwebte noch ein Nachruf auf der Lippe; allein ein Abſchied nehmender Gaſt verhinderte ſie ihn laut werden zu laſſen und gleich darauf war es zu ſpät, den Davon⸗ eilenden mit ihrer Stimme zu erreichen. Dieſer ſtürzte die Treppe hinunter, warf ſich in ein Cabriolet und heiſchte dem Kutſcher zu„Curzon Street!“ Es war ein anſtändig ausſehendes Haus, dieſe Nr. 14, vor dem er hielt; an der Thüre ſah man die Firma eines Arztes; die Magd, welche auf das dröhnende Klopfen mit dem eiſernen Ringe öffnete, war reinlich gekleidet; auf die Frage nach der Signora Anelle er⸗ wiederte ſie„not at home.“ Der Herr beſann ſich einen Augenblick, als wolle das Nächſte nicht über 223 ſeine Lippen, dann ſagte er:„Kann ich vielleicht Herrn Leopold ſprechen?“ „Wollen Sie mir Ihre Karte geben und ich will, nachſehen, ob er zu Hauſe iſt?“ Dies Nachſehen, ob er zu Hauſe ſei, konnte auch heißen: ob er ihn ſprechen wolle?„Ich möchte ihm am liebſten ſelbſt meinen Namen nennen,“ ſagte er überlegend. Die Dienerin maß ihn hierauf vom Scheitel bis zur Sohle.„Es thut mir leid; aber Unbekannte nimmt Herr Leopold niemals an. Es kommen zu viele Leute der Art.“ Der Art. Sie hielt ihn alſo für einen Bettler, einen in Noth gerathenen Muſiker, deren es freilich ge⸗ nug hier geben mochte. Als Unbekannter Vorlaß zu erhalten war alſo nicht möglich; es zu fordern auch nicht billig. Er zog nun eine Karte hervor, ſchrieb mit Bleiſtift ſein Hotel darauf und ſagte:„Mein Name wird Herrn Leopold ſchon unterrichten, daß mein An⸗ liegen dringend iſt,“ und um den Gedanken an den Bettler zu verſcheuchen, drückte er ihr eine halbe Krone in die Hand. Sie erkannte daran den Gentleman, bat ihn in das Parlour zu treten und flog die Treppe hinauf. Der Fremde wanderte, bis zu ihrer Rückkehr, aufgeregt hin und her, mit jeder Minute ſtieg ſeine Farbe. Er horchte. Endlich öffnete ſich die Thüre; aber nicht das Mädchen, ſondern eine als Dame ge⸗ kleidete kleine Frau erſchien und ſagte mit fremdem 224 konnte mich nicht gleich finden, chen iſt. Sonſ Ihnen fragen.“ auch eine Art von Gläubiger de auf Wunſch, verleugnen. Accent:„Ich bedauere ſehr, daß man Sie ſo lange auf Antwort hat warten laſſen; allein meine Dienerin um Auskunft zu fordern, waun Herr Leopold zu treffen ſei. Es iſt leider ſehr unbeſtimmt, wann er nach Hauſe zurückkehrt. heute Concert bei Lady Aſhburton und es kann ſein, daß er von dort gleich in die Italieni fahren iſt. Jedenfalls werde ich ihm Ihre Karte über⸗ geben, und wenn Sie ſich vielleicht morgen wieder her⸗ bemühen wollen, Ihnen dann; ſche Oper ge⸗ agen, wann er zu ſpre⸗ lich eine Stunde t kann er auch ſchrift Ihrem Hotel nach beſtimmen, oder höflicher noch, in „Dieſe Mühe verlange ich nicht,“ erwiederte der Herr kurz und kalt.„Die Dienerin ſagte: Herr Leopold ſei zu Hauſe und am liebſten ſpräche ich ihn ſogleich.“ „Dieſe Erwiederung iſt beleidigend, mein Herr!“ erwiederte die kleine Dame den Kopf aufwerfend. „Nicht für Sie, Madame. Weltſitte, ſich verleugnen zu laſſen, wenn ein Beſucher uns nicht bequem kommt. Wir ſind nie zu Hauſe, wenn Gläubiger an unſere Thüre pochen. Ich bin s Herrn Leopold, auch ich habe wegen einer Schuld mit ihm zu rechten, kein Wunder alſo, wenn ich vermuthe, daß Sie ihn nur, Es iſt ja eine übliche 4 „Und wenn es ſo wäre, wie Sie ſagen, mein Herr;— wenn ich wirklich für meinen Miether dieſe Rückſicht hätte, was gewinnen Sie dabei, mir einen Vorwurf daraus zu machen?“ fragte ſie ſchlau. „Nichts weiter, als daß ich, indem ich Sie zu dem Bekenntniſſe, daß Sie die Wahrheit umgehen, zwinge, unnöthigem Zeitverluſte vorbeuge.“ „Und dann?“ „Nun, und dann werden Sie mich durch Ver⸗ ſprechungen auf morgen nicht hinhalten können. Glaubte ich Ihnen, ſo würden Sie dies Spiel von Tag zu Tag mit mir fortſetzen; ich käme morgen hierher zurück, und über⸗ morgen hierher zurück und immer fände ich Herr Leo⸗ pold ausgegangen. Beſſer alſo wir verſtändigen uns ſogleich: er läßt ſich verleugnen und damit gut.“ „Ich will Ihnen ſein Zimmer zeigen, Sie werden die Thüre verſchloſſen finden.“ „Von inwendig ohne Zweifel.“ Sie zuckte, mit einer Miene, die ausdrücken ſollte, ſie könne ihm, wenn er ihr nicht glauben wolle, weiter nicht helfen, mit den Achſeln und ſchien ſein Fortgehen zu erwarten. Die Ader auf ſeiner Stirne ſchwoll, Zorn ſtand in ſeinen Mienen geſchrieben; er ſchritt der Thüre zu, dort wandte er ſich noch einmal wieder zurück, und ſagte: Amely Boelte: Die Mantelkinder. 1. 15 Ich kenne die engliſchen Hausgeſetze, Madame; es iſt mir bekannt daß ich durch Gewalt hier nichts erreiche; allein zur....“ „Ich weiß nicht, was Sie wollen, mein Herr!“ fiel ſie ihm lebhaft in die Rede.„Sie gerathen in Zorn, weil Herr Leopold Ihren Beſuch nicht annehmen kann; doch ereignet ſich ein ſolcher Fall täglich, ſtünd⸗ lich, ohne daß irgend Jemand ſich dadurch verletzt fühlt. Hat Ihre Angelegenheit ſo große Eile, daß Sie den morgenden Tag nicht abwarten kann, ſo ſchreiben Sie ihm; er wird Ihren Brief durch die Stadtpoſt noch dieſen Abend, ſpäteſtens aber morgen früh um 8 Uhr erhalten. Senden Sie ihn durch einen Boten, ſo ſtehe ich Ihnen für ſeine Beförderung, ſobald Herr Leopold das Haus betritt.“ „Würden Sie in gleicher Weiſe ehrlich verfahren, wenn ich Ihnen ein Billet an Signora Ellena anver⸗ traute?“ fragte er ſie fixirend. „Nein, mein Herr!“ erwiederte ſie ohne Bedenken⸗ „Wer an dieſe ein Anliegen hat, muß ſich an Herrn Leopold wenden und mit Recht!“ „Mit Recht?“ fragte er zurück. „Ja, mit Recht, wenn Sie überlegen, welche An⸗ träge man einer jungen Künſtlerin macht.“ „Wenn ich aber ein Verwandter wäre?“ „Ein ſchönes Mädchen würde bald gar viele Vettern haben, wenn das eine Ausnahme machte.“ Er hielt die Thüre ſchon ſeit mehreren Minuten in der Hand; da, als er ſie jetzt völlig öffnete und hinaustrat, ſah er die Dienerin auf der Küchentreppe ſtehen, als ob ſie nach ihm ausſähe; allein als ſie ihre ihm nachfolgende Herrin gewahrte, welche die Haus⸗ thüre zu öffnen ihm voraneilte, zog ſie eilig den Kopf zurück. Sie hatte ſicherlich aus Dankgefühl für die halbe Krone ihm eine Mittheilung machen wollen. Er lohnte den Kutſcher ab und wanderte die Straße hinauf. Als er bis an Regent Street gekommen war, kehrte er wieder zurück, und muſterte die Zettel an den Häuſern in der Nachbarſchaft von Nr. 14, welche das Anerbieten von möbtirten Wohnungen enthielten. Sein Auge richtete ſich vorzugsweiſe auf das vis-à-vis von Nr. 14; allein er mußte jene Seite des Trottvirs, aus Furcht von der Wirthin beobachtet zu werden, ver⸗ meiden und wählte darum ſchließlich Nr. 16, wo er gleich am nächſten Morgen einziehen konnte. Als dies Geſchäft geordnet war, ſah er ſich nach dem nächſt gelegenen Bäcker⸗ und Gemüſeladen um, trat dann überlegend in eine Papierhandlung, welche auch einen Briefkaſten führte und Marken verkaufte. Hier erſtand er Einiges und fragte dabei, ob man ihm vielleicht die Adreſſe des Künſtlers Leopold, der 15 228 mit einer ſehr ſchönen Dame in dieſer Straße wohnen ſolle, nennen könne?— Allein weder der Mann noch die Frau wußten ihm dieſe Auskunft zu ertheilen, ſelbſt als er das reiche rothblonde Haar beſchrieb, konnten ſie ſich nicht entſinnen dergleichen geſehen zu haben. Dies war ihm ein Beweis, daß ſie nie allein ausging, noch Briefe auf die Poſt beförderte, denn zu auffallend war ihre Erſcheinung, als daß ſie, wo ſie ſich zeigte, unbemerkt bleiben konnte. Bei dem Gewürzhändler fragte er nur nach der Köchin in Nr. 14. Der Ladenjunge behauptete ſie zu kennen, wußte aber nicht, wann ſie etwas zu holen kommen würde. Er fragte nach dem Laufburſchen. Dieſer trug Packete fort; in einer Stunde würde er zurück ſein. Er kaufte Kaffee und Zucker, und beſtellte, daß es an die Köchin Nr. 14 abgeliefert werde mit einem Briefe, den er ſofort bringen würde. Er ging nun in das nächſte Kaffeehaus, ſchrieb we⸗ nige Zeilen, verſiegelte ſie; eine Adreſſe war nicht hinzuzu⸗ fügen; dies Geſchäft abgethan, ſuchte er den Polizeidiener, welcher in dieſer Straße die Aufſicht hatte, und befragte ihn nach den Bewohnern von Nr. 14. Der Mann konnte teine Auskunft geben, verſprach aber, von morgen früh an ein wachſames Auge auf das Haus zu richten, und die ihm angedeuteten Perſonen im Auge zu haben. Für jetzt war die Stunde ſeiner Ablöſung gekommen; die Nacht ge⸗ hörte einem Anderen. ———— 6 „ —————————— 229 Ermüdet ſprang der Herr in eine Droſchke und fuhr in ſein Hotel. Der Abend war lange hereingebrochen; die Lampen brannten, die Wagen rollten, und die große Stadt mit ihrem wie ferner Donner herübertönenden Geräuſche beläſtigte ſein Ohr. Gewitterſchwüle herrſchte draußen; durch die hinaufgeſchobenen Fenſter drang kein kühler Luft⸗ zug ein. Die Atmoſphäre ruhte, wie eine unbewegliche Maſſe, über der endloſen Stadt, man muß ſolche Sommer⸗ nächte dort erlebt haben, um zu verſtehen, wie ſie auf die Gemüthsſtimmung wirken. Der Herr leerte eine halbe Flaſche Champagner in Eis geſetzt, aß ein Beefſteak und etwas Stilton⸗Käſe; dann ſah er nach der Uhr, richtete prüfend ſein Auge auf das Wetter, nahm ſeinen Regenſchirm, zog gelbe Glack⸗ handſchuhe an, beſtellte auf der Treppe dem ihm begeg⸗ nenden Kellner, daß er morgen um ſieben Uhr geweckt zu werden wünſche, und ſeine Rechnung mit ſeinem Frühſtücke um halb acht bereit ſein müſſe, weil er abreiſe; dann ver⸗ ließ er das Haus. Unſchlüſſig blickte er rechts und links, als ob er über den zu nehmenden Weg ungewiß ſei; ſchließ⸗ lich zog es ihn wieder nach Curzon Street.— Zu dieſer Stunde konnte er unbemerkt auf dem Trottvir gegenüber Nr. 14 auf⸗ und abgehen und das Haus zum Gegenſtande ſeiner Beobachtung machen.— Der Hitze wegen hatte man die Läden nur theilweiſe geſchloſſen, im erſten Stocke 230 war Licht, ebenſo im zweiten und auch im dritten. Wer aber ſagte ihm, welches dieſer Gemächer der Pianiſt Lev⸗ pold bewohnte und welches die Signora Anella?— So viele Zimmer nach der Straße hinaus lagen, eben ſo viele gingen in den Hof, nur daß die letzteren ein Fach Fenſter weniger trugen und in gleichem Maße geringere Miethe zahlten. Leopold war aber mit Geld verſehen und durfte ſich an den Preis nicht ſtoßen. Eine lange Zeit wanderte er auf und ab, zehn hatte es geſchlagen, jetzt ſchlug es eilf, und noch wurde es in keinem Zimmer dunkel. Der peinlichen Fragen, welche feine Beantwortung fanden, überdrüſſig, voll Seufzer, voll Ungeduld, voll Verzweiflung, wandte er dem Hauſe den Rücken und bog in Piecadilly ein, Bath Houſe, das er vor wenigen Stunden verlaſſen, ſuchte er auf.„Milady zu Hauſe?“ fragte er den auf der Flur gähnenden Diener. „Ihre Ladyſchaft ſind noch in der Oper.“—„In der Oper,“ murmelte er dem Diener nach. In der Oper war ſie, nachdem ſie ſich im eigenen Hauſe mit Muſik geſättigt. „Es kann nicht ſein,“ ſagte er darauf laut, und Frangois, der Kammerdiener, welcher eben die Treppe herab kam, vernahm ſein„es kann nicht ſein.“„Welche Auskunft haben Sie gegeben?“ fragte dieſer und berichtigte, daß Lady Aſhburton nach Fulham gefahren ſei, um in der Anſtalt des Doctor Wilſon eine kranke Dame zu beſuchen.— Der Fremde ſtutzte. Nach augenblicklicher Ueberlegung ließ er ſich Papier und Feder geben, und ſchrieb ein Billet, das er für Lady Aſhburton zurückließ. Mitternacht war vorüber, als er ſein Hotel wieder er⸗ reichte, wo ihn trotz der Ermüdung kein Schlaf finden wollte. Es quälte ihn, daß er nicht energiſcher gehandelt, daß er auf den nächſten Tag verſchoben habe, was heute ſich hätte thun laſſen, daß er einer geſelligen Rückſicht, der Meinung der Welt, einem kurzen Ach! des Erſtuunens in einer wohlgekleideten Geſellſchaft das theuerſte Intereſſe ſeines Herzens geopfert. Derſelbe Augenblick kehrt nie wie⸗ der. Wäre er jetzt für ihn dageweſen, ſo würde er ſich durch die Reihen der geputzten Damen gedrängt, und auf ſeinen Armen die ſchöne Künſtlerin vor ihrer Aller Augen davon⸗ getragen haben!— Er bereuete ſeine weiſe Vorſicht, ſeine Ueberlegung, ſeine Mäßigung; er wünſchte dem Drange des Gefühles gehorcht zu haben, er machte ſich tauſend Vor⸗ würfe und in peinlicher Selbſtqual ſah er den Morgen hereinbrechen. Schon vor dem Schlage acht ſaß er im Wagen und fuhr ſeiner neuen Wohnung zu. Der Salon im erſten Stocke war ihm vermiethet; hier ſetzte er ſich an das Fen⸗ ſter und blickte bald auf die Straße, bald auf die Uhr. Der Secundenzeiger eilte; aber die Minuten rückten lang⸗ ſam vor. Endlich ſchlug es halb; zugleich pochte ein leiſer Finger an die Thüre. Stunde abgereiſt.“ und vor ihm ſtand die Köchin Herr Leopold und Signor 232 „Come in!“ rief er aufſpringend, aus Nr. 14 und ſagte: a Ellena ſind vor einer — * —— C———— ————— ⸗ —— ———