— ———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher ii franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die St ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rickgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 bescpreis. Bei Richube eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Berthl deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher:— Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3— . Answärtige Khonnenten für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Soon erſchienen auf dem Gipfel der hoͤchſten Berge am Sonntag Morgen die Strahlen des auf⸗ gehenden Lichtes, und jeder Schatten entwich, ſo daß man deutlich alle Gegenſtände erkennen konnte, als die Koͤniginn mit ihrer Geſellſchaft ſich erhob. Vor⸗ erſt gingen ſie auf dem bethaueten Raſen umher, und dann beſuchten ſie, ſo etwa nach neun Uhr Mor⸗ gens, eine nahe gelegene kleine Kirche, woſelbſt ſie das heilige Amt mit anhoͤrten. Hierauf wieder nach Hauſe zuruͤckgekehrt, ſangen und tanzten ſie ein we⸗ nig, da ſie froͤhlich und freudig geſpeiſt hatten; her⸗ nach beurlaubte ſie die Koͤniginn, und wer zur Ruhe ſich begeben wollte, konnte es. Nachdem aber die Sonne uͤber den Mittagskreis hinuͤber war, ſetzten ſich Alle, wie es der Koͤniginn gefiel, und ſie es gewohnt waren, in der Nähe des ſchoͤnen Springbrunnens, worauf, nach Befehl der Koͤniginn, Neiphile alſo anfing: Achter Tag⸗ Erſte Novelle. Wolfarth borgt von Guasparuolo Geld, accordirt mit ſei⸗ ner Frau, dafuͤr bei ihr zu ſchlafen; auf dieſe Weiſe giebt er es ihr, ſagt dann in ihrer Gegenwart zu Guasparuolo, er habe es ihr gegeben, und ſie bekraͤftiget es auch, daß es wahr waͤre. Da es Gott einmal ſo gefuͤgt hat, daß ich an dieſem Tage mit meiner Norelle den Anfang machen ſoll, ſo bin auch ich es zufrieden. Und weil, liebe⸗ volle Maͤdchen, ſchon Vieles von den Poſſenſtreichen geſprochen worden iſt, welche Frauen den Maͤnnern geſpielt haben, ſo will ich Euch einen erzaͤhlen, den ein Mann einer Frau geſpielt hat. Nicht, daß ich etwa dadurch das, was der Mann gethan hat, ta⸗ deln oder behaupten wollte, es wäre der Frau nicht Recht geſchehen; vielmehr lobe ich den Mann und tadle die Frau, und beweiſe, daß auch die Maͤnner den zu foppen verſtehen, der ihnen glaubt, wie ſie von denen gefoppt werden, denen ſie glauben. Wer daher recht eigentlich ſprechen wollte, muͤßte, wenn ich es recht ſagen ſoll, dies kein Foppen, ſondern vielmehr ein Verdienſt nennen. Daher behaupte ich — denn die Frau muß ſo anſtaͤndig wie moͤglich ſeyn, und ihre Keuſchheit wie ihr Leben in Acht nehmen, ſich durch nichts dahin verleiten laſſen, ſie zu beflecken, und da ſie dies, unſerer Schwachheit wegen, durchaus nicht ſo kann, wie es ihr zukäme— ſo behaupte ich, die iſt des Feuers werth, welche ſich durch einen Lohn dazu verleiten läßt; dahingegen die, welche durch Liebe, deren maͤchtige Allgewalt ſie Erſte Novelle. 5 kennt, dahin gelangt, von einem nicht zu ſtrengen Richter Verzeihung verdient, wie es uns vor einigen Tagen Philoſtratus gezeigt hat, daß es gegen Ma⸗ donna Philippa aus Prato*) beobachtet worden. Es war alſo einſt in Melano ein in Sold ſte⸗ hender Deutſcher, deſſen Name Wolfarth war, ſtatt⸗ lich von Perſon und durchaus treu denen, in deren Dienſte er ſich begab; und das pflegt bei den Deut⸗ ſchen ſelten der Fall zu ſeyn. Da er mun ein uͤber⸗ aus gewiſſenhafter Wiederzahler in Geldanleihen war, die ihm gemacht wurden, ſo haͤtte er Kaufleute genug gefunden, die um einen kleinen Gewinnſt ihm jede Summe Geld geborgt haͤtten. Eben dieſer nun richtete, da er in Melano wohnte, ſeine Liebe auf eine ſehr ſchoͤne Frau, genannt Madonna Ambroſia, Gattin eines reichen Kaufmanns, welcher den Na⸗ men Guasparuol Cagaſtraccio fuͤhrte, und ſein guter Bekannter und Freund war. Da er ſie ſehr beſcheiden liebte, ohne daß es der Mann oder ein Anderer je bemerkt hätte, ſo ſandte er eines Tages zu ihr, und ließ ſie bitten, ſie moͤchte doch gefaͤlligſt ſeine Liebe annehmen, da er ſeinerſeits bereit wäre, alles zu thun, was ſie ihm befoͤhle. Die Dame kam, nach vielen Hin⸗ und Herreden endlich zu dem Entſchluß, daß auch ſie bereit waͤre, zu thun, was Wolfarth wuͤnſchte, wenn zweierlei daraus erfolgte. Erſtlich, daß es niemals durch ihn irgend einem Menſchen entdeckt wuͤrde, und zweitens, *) In der 7ten Novelle des 6ten Tages. Achter Tag. daß, weil ſie eben fuͤr Etwas zweihundert Goldgul⸗ den noͤthig hätte, ſie wuͤnſchte, er mochte, da er ein reicher Mann wäͤre, ſie ihr ſchenken, und dann wolle ſie immer zu ſeinen Dienſten ſeyn. Wolfarth, der von ihrer Geldgier hoͤrte, ward über ihre Gemeinheit unwillig, und da er ſie fuͤr eine brave Frau gehalten hatte, wandelte ſeine heiße Liebe ſich faſt in Haß um, und er dachte darauf, ihr einen Poſſen zu ſpielen. Er ließ ihr daher ſagen, daß er nicht allein hierzu, ſondern auch zu allem An⸗ dern, was in ſeinem Vermoͤgen ſtände, und ihr ge⸗ fiele, bereit wäre; deßhalb ließ er ihr ſagen, er wuͤrde es ihr bringen, wenn ſie wollte, daß er zu ihr kommen moͤchte; auch ſollte Niemand weiter etwas hiervon erfahren, als ſein Compagnon, auf den er viel Vertrauen ſetze, und der mit ihm bei allem, was er thäte, in Compagnie ginge. Die Frau, ja, wohl eher das ſchlechte Weib, war damit zufrieden, als ſie dies hoͤrte, und ließ ihm ſagen, Guasparuolo, ihr Mann, muͤſſe, ſeiner Ge⸗ ſchaͤfte wegen, in einigen Tagen nach Genua gehen, dann wuͤrde ſie es ihm ſagen laſſen, und zu ihm ſchicken. Wolfarth ging nun, als es ihm Zeit zu ſeyn dünkte, zu Guasparuolo, und ſagte zu ihm: ich denke ein Geſchaͤft zu machen, wozu ich zweihundert Gold⸗ gulden noͤthig habe, die ich von Dir geliehen zu er⸗ halten wuͤnſche, unter den Bedingungen, die Du mir bei andern Anleihen ſchon zugeſtanden haſt. „ Erſte Novelle. 7 Gern, ſagte Guasparuolo, und zahlte ihm ſo⸗ gleich das Geld aus. Wenig Tage darauf ging Guasparuolo nach Ge⸗ nua, wie die Frau es geſagt hatte; deßhalb ſchickte ſie zu Wolfarth, daß er zu ihr kommen und die zweihundert Goldgulden bringen moͤchte. Wolfarth nahm ſeinen Gefährten, ging mit die⸗ ſem nach dem Hauſe der Dame hin, und fand ſie ihn erwartend. Das erſte, was er that, war, daß er ihr die zweihundert Guldgulden in die Hand gab, ſo daß ſein Gefaͤhrte es ſah, und ſagte zu ihr: Ma⸗ donna, nehmen Sie das Geld hin, und geben Sie es Ihrem Manne, ſobald er zuruͤck ſeyn wird. Die Frau nahm es, ſah aber gar nicht ein, warum Wolfarth dies wol ſagte; ſondern glaubte, er thaͤte es, damit ſein Gefaͤhrte nicht merken ſollte, er gäbe es ihr als einen Lohn; daher ſagte ſie: das will ich gern thun, aber ich will doch ſehen, wie viel es iſt; ſie ſchuͤttete das Geld auf einen Tiſch, und fand, es waren zweihundert. Sehr erfreut bei ſich ſelbſt dar⸗ uber, antwortete ſie Wolfarth⸗ indem ſie ſich zu ihm wandte, dann fuͤhrte ſie ihn in ihre Kammer, woſelbſt ſie nicht bloß dieſe Nacht, ſondern noch viele andere, ehe ihr Mann von Genua wieder zuruͤckkehrte, ihn mit ihrer Perſon erfreunte. Nachdem Guasparuolo von Genua zuruͤckgekehrt war, ging Wolfarth, ſobald er ausgekundſchaftet hatte, daß Jener mit ſeiner Frau zuſammen wäre, zu ihm, und ſagte in ihrer Gegenwart: Guaspa⸗ ruolo, das Geld, das heißt, die zweihundert Gold⸗ Achter Tag. gulden, die Du jenes Tages einmal mir lieheſt, fan⸗ den keine Anwendung, weil das Geſchaͤft, zu welchem ich ſie borgte, fuͤr mich nicht ſtattfand; deßhalb brachte ich ſie ſogleich Deiner Frau zuruͤck, und uͤber⸗ gab ſie ihr. Du wirſt alſo mein Conto loͤſchen. Guasparuolo wandte ſich an ſeine Frau, und fragte ſie, ob ſie das Geld erhalten haͤtte. Sie, die den Zeugen vor ſich ſah, konnte es nicht laͤugnen, ſondern ſagte: ach ja, ich habe es, und habe nicht daran gedacht, es Dir zu ſagen. Hierauf ſagte Guasparuolo: Wolfarth, ich bin zufrieden; geh' mit Gott, ich werde Dein Conto ſchon loͤſchen. Wolfarth ging, die Frau aber blieb, zu Schan⸗ den gemacht, zuruͤck, und gab ihrem Manne den ehr⸗ loſen Preis ihrer Schlechtigkeit; der verſchmitzte Liebhaber hingegen hatte ohne ſeine Koſten den Ge⸗ nuß ſeiner habſuͤchtigen Dame gehabt. Zweite Novelle. Der Pfarrer von Varlungo ſchlaͤft bei Monna Belcolore, und läßt ihr zum Unterpfande ſeinen Mantel; er borgt von ihr einen Moͤrſer; als er ihn zuruͤckſchickt, fodert er den Mantel, den er zur Erinnerung dagelaſſen, wieder: er ſchickt ihn zuruͤck, wobei er die gute Frau herunter macht. Auf gleiche Weiſe lobten die Maͤnner und die Frauen, was Wolfarth der habſuͤchtigen Mailände⸗ rinn angethan hatte, als die Koͤniginn ſich zu Pam⸗ philus hinwandte, und lächelnd ihm aufgab, zu fol⸗ gen, daher fing Pamphilus an: —— ———— Zweite Novelle. Schoͤne Damen, es faͤllt mir ein, Euch eine kleine Novelle gegen Diejenigen zu erzaͤhlen, welche uns unaufhoͤrlich beleidigen, ohne daß ſie von uns auf gleiche Weiſe wieder beleidiget werden koͤnnten, das heißt gegen die Prieſter, welche gegen unſere Weiber das Kreuz gepredigt zu haben ſcheinen, und die da glauben, ſie koͤnnten nicht eher Verzeihung der Schuld und der Strafe dafuͤr, daß ſie eine haben unter ſich haben koͤnnen, erhalten, als bis ſie von Alexandrien her den Sultan gefeſſelt nach Avignon gefuͤhrt häͤtten. Das koͤnnen die ungluͤckſeligen Welt⸗ kinder ihnen nicht wieder thun, wenn ſie auch gleich an ihren Muͤttern, an ihren Schweſtern, an ihren Freundinnen und an ihren Toͤchtern, mit eben der Hitze, womit ſie ihre Frauen anfallen, ihren Zorn auslaſſen wollten. Daher geht meine Abſicht dahin, Euch eine bauriſche unanſtändige Liebelei zu erzaͤh⸗ len, welche des Schluſſes wegen mehr zu belachen, als den Worten nach lang iſt, damit Ihr Euch die Lehre abziehen koͤnnt, daß den Prieſtern nicht immer Alles zu glauben iſt. Ich ſage alſo in Varlungo, einem Dorfe, was, wie Jede von Euch entweder weiß oder gehoͤrt haben kann, nicht ſehr weit von hier iſt, war ein tuͤchtiger Pfarrer, und fuͤr den Dienſt der Frauen von ſtattli⸗ cher Perſon; dieſer, ob er gleich eben nicht einmal recht leſen konnte, wußte mit vielen ſchoͤnen und hei⸗ ligen, elenden Worten Sonntags unter einer Ulme ſeine Pfarrſoͤhne zu ergetzen, oder er beſuchte, wenn jene anderwaͤrts hingingen, ihre Frauen aͤmſiger, Achter Tag. als ein anderer Pfarrer, der vorher da geweſen war, brachte ihnen Feſtgeſchenke, Weihwaſſer und kleine Lichtſtuͤmpfchen zuweilen bis nach Hauſe hin, wo er ihnen dann ſeinen Segen gab. Nun begab es ſich, daß unter den andern ſeinen Pfarrtoͤchtern, die ihm zuvor gefallen hatten, ihm vor allem Eine gefiel, welche den Namen Monna Belcolore fuͤhrte, die Frau eines Arbeitsmannes, der ſich Bentivegna del Mazzo nennen ließ; es war in Wahrheit nichts als eine leidliche, friſche Vorſtaͤdte⸗ rinn, braͤunlich, unterſetzt, und die beſſer, als jede An⸗ dere auf alle Art rauf und runter ſich zu ruhren ver⸗ ſtand. Ueberdies war ſie es auch, die am beſten das Clavicembel ſchlagen konnte, wenn ſie dazu ſang: Zum Borrich fließt das Waſſer hin ꝛc., und einen Reihen und Tanz um die Saͤule, wenn es nöthig war(ſie mochte auch zur Nachbarinn haben, wen ſie wolle), mit einem ſchoͤnen und feinen Tuͤchel in der Hand, anzufuͤhren verſtand. Hierdurch war der Herr Pfarrer ſo verliebt in ſie geworden, daß er wie när⸗ riſch ſich betrug, und den ganzen Tag umher ſpio⸗ niren ging, ob er ſie nicht zu ſehen kriegen könnte. Sah er ſie alsdann Sonntags Morgens in der Kirche, ſo plarrte er ein Kyrie und ein Sanctus her, wobei er ſich aus allen Kraͤften anſtrengte, um ſich als einen großen Meiſter im Geſange zu zeigen, da es doch eher ein Eſel zu ſeyn ſchien, der ſchrie; hinge⸗ gen, wenn er ſie nicht ſah, ſo ging er ganz leicht daruͤber hin. Indeſſen wußte er es doch ſo anzuſtel⸗ len, daß Bentivegna del Mazzo nichts davon merk⸗ ð Zweite Novelle. 11 te, auch nicht, wenn er ihn ganz nahe hatte. Und um in noch groͤßere Vertraulichkeit mit Monna Bel⸗ colore zu kommen, machte er ihr von Zeit zu Zeit kleine Geſchenke, ſchickte ihr zuweilen ein Buͤndel friſchen Lauch, den er in ſeinem Garten, von ſeinen eigenen Haͤnden bearbeitet, am ſchoͤnſten in der gan⸗ zen Gegend hatte; dann wieder ein Koͤrbchen mit Schoten, und auch ein Buͤndel Zwiebeln oder Scha⸗ lotten. Zu einer andern Zeit ſah er ſie einmal wie⸗ der muͤrriſch an, kiff aus Liebe mit ihr, aber ſie, wie ein Wild, that, als bemerkte ſie es nicht, ſon⸗ dern ging ſtolzirend ihrer Wege, weßhalb denn der Herr Pfarrer gar nicht zum Ziele kommen konnte. Nun traf es ſich eines Tages, daß, als der Prie⸗ ſter am hellen Mittage in der Gegend hier und da herumſumſen ging, er Bentivegna del Mazzo, mit einem Eſel, der vorweg Verſchiedenes trug, begegnete; er gewann ihm Rede an, und fragte ihn, wohin er ginge. Hierauf antwortete Bentivegna: Hähaͤhaͤ, Herr, ſoll ich Euch die Wahrheit ſagen, ich gehe bis nach der Stadt, um einer Vorrichtung willen, und ich bringe dieſe Sachen hier an Herrn Bonaccorri da Gineſtreto, daß er mir davon helfen ſoll, weil, ich weiß nicht warum, mich der Malafizjen⸗Richter durch ſeinen Parkerater auf ein Permitorium zu erſcheinen hat vorladen laſſen. Hoͤchlichſt erfreut, ſagte der Pfarrer: Da thuſt Du Recht daran, mein Sohn, geh' mit meinem Se⸗ gen weiter, und komm bald wieder; und ſollteſt Du Achter Tag. etwa Lapuccio und Naldino ſehen, ſo vergiß es ja nicht, ihnen zu ſagen, ſie ſollten mir doch die Fle⸗ b gel⸗Kappe bringen fuͤr meine Flegel⸗Ruthe. 6 Bentivegna ſagte, er woll' es thun. b * Da der Pfarrer nun bis gen Florenz gekommen. n 1 war, ſo dachte er, jetzt moͤchte es wol Zeit ſeyn, zu n Belcolore'n hinzugehen, um ſein Heil zu verſuchen. Er nahm daher die Fuͤße in die Hand, und ſtand n f nicht eher ſtill, als bis er bei ihrem Hauſe war; er n trat hinein, und ſagte: Gott helfe weiter! Holla! b Belcolore, die auf den Boden gegangen war, 3 rief, als ſie ihn hoͤrte: Willkommen, Herr Pfarrer, n was puſtet Ihr denn ſo in dieſer Hitze herum? c Der Pfarrer antwortete: Das hat Gott recht ti 3 zu meinem Beſten gefuͤgt, daß ich ein Weilchen bei ſihif Dir verbleiben kann, da ich Deinen Mann, der nach g der Stadt ging, unterweges traf. ſt Belcolore ſtieg herunter, ſetzte ſich nieder, und T fing an, den Kohlſamen zu leſen, den der Mann w kurz vorher geworfelt hatte. 3 Da fing der Pfarrer an zu ſprechen: Belcolore, D willſt Du denn immer auf dieſe Art mich ums Leben bringen? F Belcolore fing an zu lachen und ſagte: Ach, was ſ 3 thu' ich'm dena? w Der Pfarrer ſprach: Du thuſt mir nichts; aber de Du läßt mich Dir das auch nicht thun, was ich gern he moͤchte, und was Gott doch geboten hat! ro Belcolore ſagte: Ach! geh'n Sie, geh'n Sie! de machen die Pfarrer auch ſolche dumme Dinge? ——— — t i Zweite Novelle. 13 Der Pfarrer antwortete: Ja, und wir machen's beſſer, wie andere Menſchen; und warum das nicht? Ja, ich ſage Dir noch mehr, wir machen noch weit beſſere Arbeit; und weißt Du woher? wir mahlen mit dem Schutz. Aber wahrhaftig zu Deinem Beſten, wenn Du ſtill hältſt, und mich machen laͤßt. Da ſagte Belcolore: Was koͤnnte denn das zu meinem Beſten wol ſeyn? Denn Ihr, ſo viel Eurer nnr ſind, ſeyd alle knickeriger, als der Gott ſey bei uns. Darauf ſprach der Pfarrer: Daß ich nicht wuͤßte; verlange nur! Willſt Du ein Paar Schuͤh⸗ chen, oder willſt Du ein Stirnband, oder einen tuͤch⸗ tigen Blumenſtaͤngel, oder was willſt Du?- Belcolore ſagte: Ja! das fehlte mir noch! der⸗ gleichen Dinge habe ich genug; aber wenn Ihr mir ſo wohl wollt, warum thut Ihr mir nicht einen Dienſt, worauf ich alsdann thun wuͤrde, was Ihr wuͤnſchet. Schnell ſagte der Pfarrer: Sage doch nur, was Du willſt, und ich will es ja gerne thun. Darauf ſagte Belcolore: Samſtag will ich nach Florenz gehen, und Wolle zuruͤckbringen, die ich ge⸗ ſponnen habe, da wollte ich denn mein Spinnrad wieder zurecht machen laſſen. Und wenn Ihr mir da fuͤnf Thaler gebt, die ich doch weiß, daß Ihr ſie habt, ſo loͤſe ich beim Pfandverleiher meinen dunkel⸗ rothen Rock, und meinen Feſttagsguͤrtel wieder ein, den ich meinem Manne mit zugebracht habe. Denn ſo ſeht Ihr wohl, kann ich weder in das Gotteshaus 14 Achter Tag⸗ noch an ſonſt einen guten Ort eher hingehen, als bis ich es nicht wieder habe, und dann will ich immer thun, was Ihr haben wollt. Antwortet der Pfarrer: Soll mir Gott einen guten Tag geben, wenn ich einen Pfennig bei mir habe; aber glaube mir, ehe Samſtag iſt, will ich es gerne machen, daß Du Alles wieder haben ſollſt. Ja, ſagte Belcolore, ſo ſeyd Ihr alle große Ver⸗ ſprecher, und hinterdrein denkt Ihr fuͤr Einen an Nichts mehr. Glaubt Ihr, daß Ihr es mit mir machen ſollt, wie mit der Biliuzza, die mit der lan⸗ gen Naſe abzog? Nein, um Gottes willen thut das nicht, denn dieſe Frau iſt nur hierdurch in der gan⸗ zen Welt ſo bekannt geworden: und habt Ihr nichts bei Euch, ſo geht hin, und holt was. Ach, ſagte der Pfarrer, laß mich doch jetzt nicht wieder bis nach Hauſe laufen; denn ſieh nur mein Wille ſteht ja ſo ſteif, und es iſt jetzt kein Menſch hier, und vielleicht, wenn ich wieder käme, wäre als⸗ dann einer hier, der uns im Wege waͤre. Auch weiß ich nicht, wenn es mir einmal wieder ſo gut zu Paß käme, als jetzt. Sie ſagte: Dabei bleibt's! wollt Ihr gehen, gut, ſo geht; wollt Ihr nicht, nun ſo bleibt's. Der Pfarrer ſah nun wohl, daß ſie nicht anders dahin zu bringen war, ihm gefällig zu ſeyn, als nur Salvum me tac*), und er wollte es sine custodia**) *) Mach mich erſt gluͤcklich. **) Ohne Waͤchter. r⸗ ir n⸗ n⸗ cht ein ſch ls⸗ eiß aß en, ers nur **²) Zweite Novelle. 15 vollbringen, daher ſagte er: ſiehe, Du glaubſt nicht, daß ich es Dir bringe; damit Du mir aber glaubſt, ſo will ich Dir meinen ſchwarzblauen Rockelor zum Unterpfande hier laſſen. Belcolore hob den Kopf in die Hoͤhe, und ſagte: Hm! der Rockelor, was iſt er denn werth? Wie? ſagte der Pfarrer, was er werth iſt? ich ſage Dir, es iſt Zweibruͤcker, ja wol Dreibruͤcker Tuch, und es gibt unter unſern Leuten welche, die ihn von Vierbruͤcker haben. Es ſind noch nicht vier⸗ zehn Tage, als ich ihn auf dem Troͤdel fuͤr baare ſieben Thaler gekauft habe, und ich habe gewiß einen guten Kauf unter fuͤnf Gulden gemacht, nach dem, was Buglietto mir daruͤber geſagt hat, der, wie Du weißt, ſich ſehr gut auf ſolche ſchwarzblaue Tuͤcher verſteht. Na!'s mag ſeyn, ſagte Belcolore; ſoll mir Gott helfen, das haͤtte ich nimmermehr gedacht; aber gebt ihn mir nur erſt her! Mein Herr Pfarrer, der ſich den Wanſt etwas vollgeſtopft hatte, zog ſich den Mantel aus, und gab ihn ihr; ſie aber ſagte, nachdem ſie ihn uͤber die Seite gelegt hatte: Herr, laßt uns da unter den Schuppen gehen, denn da kommt kein Menſch hin; und das thaten ſie denn. Hier nun vertrieb ſich der Pfarrer, nachdem er ihr die ſuͤßeſten Schmatzkuͤſſe von der Welt gegeben, und ſie mit den lieben Herr Gott in Verwandtſchaft geſetzt hatte, eine gute Weile auf die erfreulichſte Art die Zeit. Hierauf ging er in der Reverende fort, ſo daß es ———————— Achter Tag. ſchien, als wolle er eine Trauung verrichten, und ging nach der Kirche. Hier dachte er daruͤber nach, wie viele Stuͤmpf⸗ chen Lichter er auch das ganze Jahr hindurch zum Opfer bekaͤme, ſo wären ſie doch nicht die Haͤlfte von fuͤnf Thalern werth, und es ſchien ihm, als hätte er einen ſchlechten Handel gemacht, daß er ſei⸗ nen Mantel zuruͤckgelaſſen habe, daher dachte er dar⸗ auf, auf welche Art er ihn, ohne daß es ihm was koſtete, wol wieder haben koͤnnte. Da er nun ſo et⸗ was boshaft war, uͤberlegte er es bald, wie er es zu veranſtalten habe, um ihn wieder zu kriegen, und es gelang ihm. Der folgende Tag war ein Feſttag, er ſchickte daher einen Knaben ſeines Nachbars nach dieſer Monna Belcolore's Hauſe, und ließ ſie bitten, ſie mochte doch ſo gefaͤllig ſeyn, und ihm ihren ſteiner⸗ nen Moͤrſer leihen, es äße zu Mittag Binguccio dal Poggiv und Nuto Buglietti bei ihm, und er wolle ein Gericht darin zubereiten. Belcolore ſchickte ihm denſelben. Als es gegen die Eſſenszeit war, wartete der Pfarrer die Zeit ab, wenn Bentivegna del Mazzo und Belcolore mit einander eſſen wuͤrden; da rief er ſeinen Famulus, und ſagte zu ihm: Nimm dieſen Moͤrſer, trag ihn Belcolore'n wieder hin, und ſage ihr, der Herr ſagt euch großen Dank, und ihr moͤch⸗ tet ihm doch den Rockelor wieder ſchicken, den der Knabe aus Vergeſſenheit bei euch zuruͤckgelaſſen haͤtte. Der Famulus ging mit dieſem Moͤrſer nach Be tive den Pfe abg veg: Pfa ſtus Fau ihm nim habe Eſel vern Bett Fam mein Ihr ſtam ihm richt Sag mir auch dern Zweite Novelle. 17 Belcolore's Hauſe, und fand ſie zuſammen mit Ben⸗ tivegna am Tiſch beim Mittagseſſen. Hier ſetzte er den Moͤrſer nieder, und richtete die Geſandtſchaft des Pfarrers aus. Als Belcolore hoͤrte, daß ihr der Rockelor wieder abgefodert wurde, wollte ſie antworten, aber Benti⸗ vegna zog ein boͤſes Geſicht und ſagte: Alſo nimmſt Du ein Pfand von dem Herrn Pfarrer? Schwoͤr' ich es doch bei unſerm Herrn Chri⸗ ſtus, daß mir die Luſt ankommt, Dir eine tuͤchtige Fautze an den Hals zu ſchlagen. Marſch, gieb ihn ihm wieder, daß Du die Kraͤnke kriegen ſollſt, und nimm Dich in Acht, daß, was er auch nur jemals haben will, ja, ich ſage, wenn er auch ſogar unſeren Eſel verlangte, vielmehr alles Andere, ihm nichts verweigert wird. Belcolore ſtand brummend auf, ging nach dem Bettkaſten hin, zog den Rockelor hervor, gab ihn dem Famulus, und ſagte: Sprich zu Deinem Herrn in meinem Namen: Belcolore ſagt, ſie bitte Gott, daß Ihr nimmermehr wieder Pfeffer in ihrem Moͤrſer ſtampfen wolltet, eine ſo ſchlechte Ehre hättet ihr ihm dadurch angethan. Der Famulus ging mit dem Rockelor ab, und richtete die Geſandtſchaft an ſeinem Herrn aus. Laͤchelnd gab der Pfarrer hierauf zur Antwort: Sage ihr, wenn Du ſie»mal wiederſiehſt, wenn ſie mir nicht den Moͤrſer borgen will, borge ich ihr auch nicht den Stoͤßel. Eins geht mit dem An⸗ dern auf. Voccaccio's ſämmtl. W. 6. 2 Achter Tag. Bentivegna glaubte, daß die Frau dieſe Worte ſagte, weil er ſie ein bischen geruͤffelt hatte, und kuͤmmerte ſich nicht weiter darum. Indeſſen Belcolore kam mit dem Herrn in Zwie⸗ ſpalt, und ſprach bis zur Weinleſe kein Wort mit ihm; als aber hierauf der Pfarrer ihr drohete, er wolle ſie beim oberſten Hoͤllenfuͤrſten ſelbſt ins Ge⸗ rede bringen, ſoͤhnte ſie ſich, ins Bockshorn ge⸗ jagt, ſo etwa zwiſchen der Zeit des Moſtes und der warmen Kaſtanien wieder mit ihm aus, ſo daß ſie alsdann nach dem Abendeſſen noch manches Schmäus⸗ chen mit einander feierten. Und fuͤr die fuͤnf Tha⸗ ler ließ er ihr ihr Elaricembel wieder zurecht machen, auch noch ein Glockenſpiel daran anbringen, und da war ſie zufrieden. Dritte Novelle. Calanbrino, Bruno und Buffalmacco gehen am Mungone entlang und ſuchen einen Heliotrop. Calandrino glaubt ihn gefunden zu haben, und kehrt mit Steinen beladen nach Hauſe zuruͤck; die Frau hoͤhnt ihn beßhalb, und daruͤber aufgebracht, ſchlägt er ſie; dann erzaͤhlt er ſei⸗ nen Gefaͤhrten, was ſie beſſer wiſſen als er. Geendet war Pamphilus Novelle, woruͤber die Damen ſo gelacht hatten, daß ſie noch immerfort lachten, als die Koͤniginn Eliſen auftrug fortzufah⸗ ren. Auch dieſe fing noch laͤchelnd an: Ich weiß nicht, freundliche Maͤdchen, ob es mir gelingen wird, Euch mit einer kleinen Novelle, die nicht weniger wahr als luſtig iſt, ſo zum Lachen zu Dritte Novelle. 19 Worte bringen, als Pamphilus mit der ſeinigen; ich will und mir indeſſen alle Muͤhe geben. In unſerer Stadt, welche immer an verſchieden⸗ Zwie⸗ artigen Lebensweiſen und dummen Volke einen Ueber⸗ rt mit fluß gehabt hat, war, es iſt noch nicht lange her, e, er ein Mahler, genannt Calandrino, ein ſimpler Menſch Ge⸗ von ganz eigenen Sitten, der die meiſte Zeit mit n ge⸗ zwei andern Mahlern verbrachte, von denen der eine nd der Bruno, der andere Buffalmacco hieß, ein paar luſtige aß ſie Menſchen, uͤbrigens aber liſtig und abgewitzt. Dieſe maͤus⸗ gingen mit Calandrino um, weil ſie über ſein gan⸗ Tha⸗ zes Weſen, und uͤber ſeine Simplicitaͤt großen Scherz achen, trieben. ind da Eben ſo lebte auch in Florenz ein junger Mann von merkwuͤrdiger Freundlichkeit, in allem, was er nur vornehmen wollte, abgewitzt aber grazioͤs, ge⸗ nannt Maſo del Saggio. Dieſer hatte verſchiedenes von Calandrino's Simplicitaͤt gehoͤrt, und nahm ſich ungone vor, ſich uͤber ihn luſtig zu machen, dadurch, daß er nb ihm einen Streich ſpielte, und ihm ganz was Neues eladen 3* 8 6 unb aufbaͤnde. Von ungefaͤhr traf er ihn eines Tages in er ſei⸗ der St. Johannes⸗Kirche, wo er die Mahlereien und das Schnitzwerk an dem Tabernakel, welches ſich auf ber die dem Altar der gedachten Kirche befindet, in welcher nerfort es nicht lange vorher erſt aufgeſtellt worden war, zufah⸗ aufmerkſam betrachtend da ſtand; hier dachte er nun, haͤtte er Zeit und Gelegenheit ſeine Abſicht auszu⸗ es mir fuͤhren. Er theilte ſeinen Begleiter mit, was er zu e, die thun beabſichtigte, ſie naͤherten ſich alſo dahin, wo hen zu Calandrino allein ſaß; thaten aber, als wenn ſie ihn 20 Achter Tag. gar nicht ſähen. Dann fingen ſie mit einander an do ſich von der Kraft verſchiedener Steine zu unterhal⸗ M ten, von denen Maſo ſo entſcheidend ſprach, als wenn er ein beruͤhmter großer Steinſchneider waͤre. ſin Calandrino horchte nach dieſen Reden hin, ſtand vald auf, und, da er merkte, daß ſie gar kein Ge⸗ lie heimniß damit hatten, ließ er ſich mit ihnen ein. Maſo'n gefiel dies ganz außerordentlich, und da al er in ſeinen Reden fortfuhr, richtete Calandrino die Frage an ihn, wo denn dieſe kraͤftigen Steine zu fin⸗ Ke den wären. Maſo antwortete, daß ſie ſich am mei⸗ ſten in Berlinzone faͤnden, einem Lande der Baschier, die in einer Landſchaft, welche Flottleben hieße, wo die lac 1 Weinſtoͤcke mit Bratwuͤrſten angebunden wuͤrden, wo wi man eine Gans fuͤr einen Dreier kaufte, und noch ſch eine junge dazu bekaͤme, wo ein ganzes Gebirge von da zerriebenem Parmeſankaſe laͤge, auf welchem Leute ſtã wohnten, die nichts anders thaͤten, als Maccheroni M und Kloͤschen machen, welche ſie in Huͤhnerbrühe M kochten, und ſie dann hinunterwuͤrfen; wer die mei⸗ mi ſten davon auffinge, der haͤtte die meiſten. Hier in nel der Naͤhe floͤſſe ein Fluß von Wein, dem beſten, wie ſer man ihn nur je getrunken haͤtte, ohne daß auch nur mi ein Tropfchen Waſſer darunter wäre. Ho, ſagte Calandrino, das muß ein ſchoͤnes Land vo ſeyn; aber ſage mir, was machen ſie mit den Ka⸗ Di paunen, die ſie kochen? M Antwortete Maſo: die eſſen alle die Baschier auf. we Biſt Du jemals da geweſen? fragte Calandrinv. De Da antwortete ihm Maſo: Was ſprichſt Du on Dritte Novelle. 21 doch, ob ich jemals da geweſen bin? Ich bin Ein Mal ſo gut dageweſen, wie tauſend Mal. Da ſagte Calandrino: Und wie viel Meilen ſind's. Maſo antwortete: Es ſind der Meilen erſchreck⸗ lich viel, ehe Du gelangſt ans Ziel. Calandrino ſagte: Alſo muß es viel weiter ſeyn, als Abruzzi. Allerdings, antwortete Maſo, aber nur um einen Katzen ſprung. Calandrino, der Einfaltspinſel, ſah, daß Maſo dieſe Worte mit einer ſo ſichern Miene und ohne zu lachen ſprach, er gab ihnen daher vollen Glauben, wie man ihn nur der ausgemachteſten Wahrheit ſchenken kann, hielt ſie fuͤr voͤllig wahr, und ſagte: das iſt mir doch ein bischen zu weit fuͤr meine Um⸗ ſtände; aber waͤr' es näher, ſo ſage ich Dir, Ein Mal moͤchte ich wol mit Dir dahin gehen, um die Maccheroni dieſen Purzelbaum machen zu ſehen, und mir dann auch noch ein tuͤchtiges Maul voll mit zu nehmen. Aber ſage mir, wenn Du wrillſt ſo guͤtig ſeyn, findet man denn in dieſen Gegenden wol hier nicht auch einen von dieſen ſo koſtbaren Steinen? Hierauf antwortete Maſo: Ja, zweierlei Sorten von Steinen findet man hier von ſo großem Werthe. Die eine ſind die Muͤhlſteine von Sattignano und Montiſci, welche die Eigenſchaft haben, daß ſie, wenn ſie zu Muͤhlſteinen gemacht ſind, Mehl machen. Daher ſagt man in jenem Lande dort: die Gnade ommt von Gott, die Muͤhlſteine von Montiſci. Achter Tag. Aber es giebt dieſer Muͤhlſteine eine ſo große Menge, die bei uns ſo wenig geſchatzt werden, wie bei ihnen die Smaragden, von denen es dort groͤßere Berge giebt, als der Berg Morello, und welche mit⸗ ten in der Nacht leuchten. Darauf ſiehſt Du mich groß an? Nu! ſo wiſſe denn, wer dieſe Muͤhlſteine ſchliffe, und ſie in einen Ring faſſen ließe, ehe ſie durchgebohrt wuͤrden, und ſie alsdann dem Sultan hinbraͤchte, wuͤrde von ihm kriegen, was er haben wollte. Die andere Art iſt ein Stein, den wir andern Steinſchneider Heliotrop nennen, ein Stein von einer großen Eigenſchaft; denn ein jeder Menſch, der ihn bei ſich trägt, wird, ſo lange er ihn hat, von keinem anderen Menſchen da geſehen, wo er nicht iſt. Da ſagte Calandrino: Das ſind große Eigen⸗ ſchaften; aber wo findet man denn dieſen zweiten? Ihm antwortete Maſo, daß man den wol im Mugnone finden moͤchte. Von was fuͤr einer Groͤße iſt dieſer Stein, ſagte Calandrino, und wie iſt ſeine Farbe? Antwortete Maſo; er hat verſchiedene Groͤßen, denn der hat eine ſolche, der eine andere; aber alle ſind beinahe von ſchwarzer Farbe. Calandrino, der Alles dies bei ſich wohl gemerkt hatte, that als häͤtte er anders zu thun, und verließ Maſo, mit dem feſten bei ſich gefaßten Vorſatze, dieſen Stein aufſuchen zu wollen; indeſſen aber be⸗ ſchloß er doch, es nicht ohne Mitwiſſen Bruno's und Buffalmacco's, die er ganz beſonders liebte, zu thun. Er ſuchte ſie daher ſogleich auf, damit ſie ohne Auf⸗ ge⸗ bei ere it⸗ ine ſie tan en ern ner hn em en⸗ in, en, Me rkt ieß tze be⸗ nd un. Dritte Novelle. 23 ſchub, und eher als ein Anderer, zum Suchen hingin⸗ gen; und auch noch den uͤbrigen ganzen Morgen ver⸗ wandte er dazu, ſie aufzuſuchen. Endlich da es ſchon Nachmittags uͤber drei Uhr war, erinnerte er ſich, daß ſie im Frauenkloſter zu Faenza arbeiteten, er ließ daher Alles ſtehen und liegen, und lief, obgleich die Hitze außerordentlich war, zu ihnen hin; nachdem er ſie zu ſich gerufen hatte, ſprach er alſo zu ihnen: Freunde, wenn Ihr mir glauben wollt, ſo koͤn⸗ nen wir die reichſten Menſchen in Florenz werden; denn ich habe von einem Manne, der allerdings wol Glauben verdient, gehoͤrt, daß ſich im Mugnone ein Stein findet, wer den bei ſich traͤgt, wird von Kei⸗ nem geſehen; deßhalb dächte ich, wir gingen ohne Verzug hin, ehe ein Anderer danach ausginge, und ſuchten ihn. Finden werden wir ihn gewiß, denn ich kenne ihn; und haben wir ihn gefunden, was haben wir denn weiter zu thun, als ihn nur in einen Wätſchger zu ſtecken, und an die Wechſelbänke hin⸗ zugehen, die, wie Ihr wißt, immer voll Thaler und Ducaten liegen, und uns dabon zu nehmen, ſo viel wir nur wollen? Es ſieht uns ja Keiner. Auf dieſe Art können wir ſchnell reich werden, ohne daß wir noͤthig hätten, den ganzen Tag die Mauern zu be⸗ kleckſen, wie die Schnecken. Bruno und Buffalmacco fingen bei ſich ſelbſt an zu lachen, da ſie dies hoͤrten, ſahen einander an, ſtell⸗ ten ſich aber, als wären ſie ganz verwundert daruͤber, und lobten Calandrino's Entſchluß; doch aber fragte Buffalmacco, wie dieſer Stein hieße. Achter Tag. Calandrino, der von ſehr alberner Beſchaffen⸗ heit war, war der Name aus dem Gedächtniß ent⸗ fallen, deßhalb antwortete er: Was haben wir mit ſeinem Namen zu ſchaffen, wenn wir nur ſeine Eigenſchaft kennen. Ich daͤchte wir gingen hin, ohne laͤnger zu verweilen, und ſuchten ihn. Nun gut, ſagte Bruno, wie iſt er denn be⸗ ſchaffen? Calandrino ſagte: ſie haben nicht alle einerlei Beſchaffenheit, aber alle ſind beinahe ſchwarz; daher denke ich, wir leſen alle die ſchwarzen auf, die wir ſehen, bis wir auf den rechten ſtoßen; und darum wollen wir keine Zeit verlieren. Kommt! Hierauf ſagte Bruno: Warte'mal! und zu Buffalmacco gewandt, fuhr er fort: Mir daͤucht, Calandrino hat Recht, aber ich denke nur, jetzt iſt nicht die rechte Zeit dazu, denn die Sonne ſteht noch zu hoch, und ſcheint gerade in den Mugnone hinein, ſo daß ſie alle Steine abgetrocknet hat, weßhalb jetzt alle, die darinnen ſind, weiß ausſehen werden, die am Morgen ehe die Sonne ſie abgetrocknet hat, ſchwarz ausſehen. Auch iſt heute, an einem Werkel⸗ tage aus manchen Gruͤnden viel Volks da am Mu⸗ gnone, wenn uns die ſaͤhen, koͤnnten ſie leicht erra⸗ then, was wir da machten, eben daſſelbe thun, ſo daß er ihnen in die Haͤnde fallen koͤnnte, und wir haͤtten die Henne geopfert um das Ei zu gewinnen. Ich bin der Meinung, wenn Ihr's auch ſeyd, das iſt eine Arbeit, die wir des Morgens thun muͤſſen, da kann man die ſchwarzen beſſer von den weißen unter⸗ ſche da drin den zu 1 Vor mit chen ſagt ſagt Flo eine war thu: Ver Anl fah ſtie Ste ſpr eine ſtec der dert geg alſt Nal! fen⸗ ent⸗ mit eine hne Dritte Novelle. 25 ſcheiden, und an einem Feſttage, wenn kein Menſch da iſt, der uns ſehen kann. Buffalmacco lobte Bruno's Rath, und Calan⸗ drino bequemte ſich danach, ſo daß ſie am kommen⸗ den Sonntag Morgens alle drei zuſammenkommen zu wollen beſtimmten, um dieſen Stein zu ſuchen. Vor allen Dingen aber bat ſie Calandrino, daß ſie mit keinem Menſchen von der Welt hieruͤber ſpre⸗ chen moͤchten, weil es ihm auch ſo im Vertrauen ge⸗ ſagt worden waͤre. Nachdem er dies geſprochen, ſagte er ihnen noch, was er uͤber die Gegend von Flottleben gehoͤrt haͤtte, und bekräftigte es ihnen mit einem Schwure, daß es ſo wäre. Nachdem Calandrino von ihnen fortgegangen war, verabredeten ſie unter ſich, was ſie hierbei zu thun haͤtten; Calandrino aber erwartete mit großem Verlangen den Sonntag Morgen. Dieſer kam. Mit Anbruch des Tages ſtand er auf, und rief ſeine Ge⸗ faͤhrten. Sie gingen zum St. Gallen⸗Thore hinaus, ſtiegen in den Mugnone hinab, und gingen, den Stein ſuchend, den Fluß hinauf. Calandrino, als der Begierigſte, ging voran, und ſprang ſchnell bald hierhin, bald dahin; wo er nur einen ſchwarzen Stein ſah, nahm er ihn auf, und ſteckte ihn in den Buſen. Seine Gefaͤhrten gingen in der Naͤhe, und nahmen auch bald einen, bald einen an⸗ dern auf; aber Calandrino war noch nicht ſehr weit gegangen, ſo hatte er den ganzen Buſen voll. Er hob alſo die Schoͤße ſeines langen Rockes, der nicht à la Naldi war, in die Hoͤhe, machte einen weiten Schooß, Achter Tag⸗ indem er die Zipfel von allen Seiten feſt in den Guͤrtel einſteckte, fuͤllte auch dieſen in kurzem voll, und nachdem er auf aͤhnliche Art auch ſeinen Mantel zum Schooß gemacht hatte, fuͤllte er auch noch den mit Steinen an. Als nun Buffalmacco und Bruno ſahen, daß Calandrino mit Steinen ganz belaſtet war, und daß die Eſſenszeit herannahete, ſagte Bruno, verabredeter⸗ maßen zu Buffalmacco: Wo iſt denn Calandrino? Buffalmacco, der wol ſah, daß er nahe bei ihm ſtand, drehte ſich, hier und da ſich umſehend, herum, und antwortete: Ich weiß es nicht, aber er war ja kurz vorher erſt unter uns. Bruno ſagte: Ja, ſchoͤn! kurz vorher? ich denke, er iſt jetzt gewiß ſchon zu Hauſe und ißt, und hat uns hier wie die Narren zuruͤckgelaſſen, um ſchwarze Steine im Mugnone zu ſuchen. Ha! da hat er auch ganz recht daran gethan, unſer zu ſpotten, und uns hier zuruͤckzulaſſen, weil wir ſo thoͤricht geweſen ſind, ihm zu glauben! Ich bitte Dich, wer anders als wir, wuͤrde auch wol ſo ein Narr geweſen ſeyn, zu glauben, daß ſich im Mu⸗ gnone ein ſo koſtbarer Stein faͤnde? Calandrino, der dieſe Worte hoͤrte, bildete ſich ein, dieſer Stein waͤre ihm wirklich in die Haͤnde gekommen, und daß jene, Kraft deſſelben, ihn nicht ſehen koͤnnten, obgleich er mitten unter ihnen wäre. Ueber alle Maßen froͤhlich uͤber dieſes Gluͤck, dachte er nun, ohne ihnen weiter ein Wort zu ſagen, nach einen gewe zu fl Zolle ten ſ Cala komn er ſe ren ſ ärger aufzt und einen zauſt Schn Cala wie einig landt viel( und gar, das f ( Steir ſchlas gluͤck den voll, antel den daß daß eter⸗ o 2 ihm rum, r ich und um than, weil Ich ol ſo Mu⸗ ſich aͤnde nicht väre. achte nach Dritte Rovelle. 29 einen Knochen am Leibe ließ, der nicht ʒerſchlagen geweſen waͤre. Auch half es ihr nichts um Gnade zu flehen, und die Haͤnde zu ringen. Nachdem Buffalmaeco und Bruno ſich mit den Zolleinnehmern am Thore ſatt gelacht hatten, folg⸗ ten ſie kangſamen Schrittes in einiger Entfernung Calandrino und waren unten bis an ſeine Thuͤr ge⸗ kommen, als ſie die gewaltigen Schlaͤge hoͤrten, die er ſeiner Frau gab; ſie ſtellten ſich daher, als wä⸗ ren ſie eben erſt angekommen, und riefen ihn. Calandrino im vollen Schweiß, gluͤhend roth und ärgerlich, trat ans Fenſter und bat ſie, zu ihm hin⸗ aufzukommen. Sie thaten etwas beſtuͤrzt, gingen aber hinauf, und ſahen den Saal ganz voller Steine, und in einem Winkel die Frau mit zerrauften Haaren, zer⸗ zauſt, bleich und im Geſichte ganz zerſchlagen, vor Schmerzen weinend; auf der andern Seite aber ſaß Calandrino, halb entkleidet, und ganz außer Athem, wie ein voͤllig ermatteter Menſch. Nachdem ſie ihn einige Zeit angeſehen, ſagten ſie: Was iſt das, Ca⸗ landrino, willſt Du mauern, wir ſehen hier ja ſo viel Steine? Dann fuͤgten ſie noch uͤberdies hinzu: und was hat denn Monna Teſſa? ſcheint es doch gar, als wenn Du ſie geſchlagen haͤtteſt; was ſind das fuͤr dumme Dinge? Calandrino, ganz ermattet von der Laſt der Steine und von der Wuth, womit er die Frau ge⸗ ſchlagen hatte, und von dem Schmerz uͤber das Un⸗ gluͤck des Verluſtes, den er gemacht zu haben glaubte, Achter Tag. konnte keinen Athem kriegen, um ein vollſtandiges Wort zur Antwort hervorzubringen. Da er alſo zo⸗ gerte, fing Buffalmacco von neuem an: Calandrino, wenn Du auch einen andern Aerger hatteſt, ſo brauchteſt Du doch uns nicht bei der Naſe herum zu ziehen; denn nachdem Du uns mitgenom⸗ men hatteſt, um koſtbare Steine mit Dir zu ſuchen, laͤßt Du uns, ohne uns Gott oder dem Teufel be⸗ fohlen zu ſagen, wie ein Paar Maulaffen im Mu⸗ gnone ſtehen, und gehſt hierher. Das haben wir ſehr uͤbel genommen; aber wahrhaftig, das haſt Du uns zum letzten Male ſo gemacht. Bei dieſen Worten nahm ſich Calandrino zu⸗ ſammen, und gab ihnen zur Antwort: Freunde, ſeyd nicht unwillig, die Sache verhaͤlt ſich ganz anders, wie Ihr glaubt. Ich Ungluͤcklicher hatte den Stein gefunden, und hoͤrt, ob ich Euch die Wahrheit ſage. Als Ihr zuerſt Euch einander nach mir fragtet, war ich kaum zehn Schritte von Euch, und als ich ſah, daß Ihr auf mich zukamet, und mich doch nicht ſahet, ging ich hier herein, und bin be⸗ ſtandig kurz vor Euch hingehend hier hergekommen. Und ſo fing er an, Ihnen von dem einen Ende, bis zum andern zu erzaͤhlen, was ſie gethan und geſagt, zeigte Ihnen die Ferſen und den Ruͤcken, wie die Steine ſie ihm zuſammengedroſchen hätten, und dann fuhr er fort: und nun ſage ich Euch, ſo trete ich mit allen dieſen Steinen, die Ihr hier ſehet, im Buſen ins Thor hinein, und es ward mir kein Wort geſagt; da Ihr doch wißt, wie zudringlich und un⸗ —————————— Dritte Novelle. 31 ausſtehlich dieſe Zolleinnehmer ſind, die Alles ſehen wollen; und uͤberdies fand ich unterweges viele von meinen Cumpanen und Freunden, die mich immer anzureden pflegen und mich zum Trinken einladen, von denen mir aber auch Keiner ein ſtummes Woͤrt⸗ chen ſagte, ſo als wenn ſie mich gar nicht ſähen. Endlich komme ich nach Hauſe, und dieſer Teufel von verfluchtem Weibe tritt mir entgegen und ſieht mich; denn, wie Ihr wißt, ſind die Weiber Schuld daran, daß Alles ſeine Kraft verliert; und ſo bin ich, der ich mich den gluͤcklichſten von allen Menſchen in Florenz nennen konnte, der unglucklichſte geblieben. Aber darum habe ich ſie zu ſammengehauen, ſo lange ich nur noch eine Hand ruͤhren konnte. Und ich weiß nicht, warum ich noch anſtehe, ihr nicht die Adern aufzuſchneiden, denn verflucht ſey die Stunde, in wel⸗ cher ich ſie zum erſten Male ſah, und an welcher ſie mir in dieſes Haus kam. Und ſo von neuem im Zorne entbrannt, wollte er aufſtehen, und wieder auf ſie loszuſchlagen anfangen. Als Buffalmacco und Bruno dies hoͤrten, ſtell⸗ ten ſie ſich daruͤber ſehr verwundert, und oft das, was Calandrino ſagte, vekräftigend, hatten ſie ſo große Luſt zu lachen, daß ſie faſt platzten; allein da ſie ſahen, daß er wuͤthend aufſtand, um die Frau noch einmal zu ſchlagen, traten ſie ihm entgegen, und hielten ihn zuruͤck, indem ſie zu ihm ſagten, daß die Frau hieran keine Schuld habe, ſondern er, da er doch wiſſe, wie es die Frauen machten, daß Alles ſeine Kraft verloͤre, und er ihr nicht geſagt habe, ſie Achter Tag. ſollte ſich huͤten, an dieſem Tage vor ihm zu erſchei⸗ nen. Dieſe Vorſicht haͤtte ihm unſer Herr Gott ſelbſt genommen, entweder weil er das Gluͤck nicht haͤtte haben ſollen, oder weil er im Sinne gehabt, ſeine Gefaͤhrten zu betruͤgen, denen er es doch hätte offenbaren muͤſſen, da er geglaubt, den Stein gefun⸗ den zu haben. Hierauf verſoͤhnten ſie denn zwar nach vielen Worten, und nicht ohne große Muͤhe die Frau wieder mit ihm, ließen ihn ganz melancholiſch in dem von Steinen vollen Hauſe zuruͤck, und gin⸗. gen fort. Vierte Novelle. Der Probſt von Fieſole liebt eine Wittwe, wird aber von ihr nicht wieder geliebt; und da er bei ihr zu ſchlafen glaubt, ſchlaͤft er bei ihrer Dienſtmagd; die Bruͤder der Frau veranſtalten es hierauf, daß ihn der Biſchof über⸗ raſcht. Eliſe war mit ihrer Novelle zu Ende gekommen, welche ſie nicht ohne großes Vergnuͤgen der ganzen Geſellſchaft erzaͤhlt hatte, als die Koͤniginn ſich zu Emilien wandte, und ihr zu verſtehen gab, ſie wuͤn⸗ ſche, daß nach Eliſens Novelle ſie die ihrige erzählen moͤchte. Sie fing daher ſchnell an: Wackere Maͤdchen, wie ſehr die Prieſter, die Fratres und jeder Geiſtliche ſich bemuͤhet, unſer Ge⸗ fuͤhl aufzuregen, duͤnkt mich, iſt ſchon in vielen er⸗ zaͤhlten Geſchichten gezeigt worden; indeſſen weil hiervon nicht zu viel geſprochen werden kann, wie denn auch wol nicht zu viel davon geſprochen ſeyn 8 8 8 8 ₰„—— S 2 c „——„„—— Vierte Novelle. 33 möchte, ſo beabſichtige ich, Euch uͤberdies noch eine von einem Probſte zu erzählen, der, trotz allem in der Welt verlangte, daß eine edle Frau ihm wohl⸗ wollen ſollte, ſie ſelbſt moͤchte wollen oder nicht. Dieſe aber, eine ſehr kluge Frau, vehandelte ihn, wie er es verdiente. Wie Jede von Euch weiß, war Fieſole, deſſen Hoͤhen wir von hier ſehen konnen, einſt eine ſehr alte und große Stadt, und mag ſie auch heute gleich ganz zerſtört ſeyn, ſo hat ſie doch nie aufgehoͤrt, einen Biſchof zu haben, wie ſie ihn denn auch noch jetzt hat. Hier beſaß nahe an der großen Kirche eine edle Wittwe, Namens Monna Piccarda, eine kleine Be⸗ ſitzung mit einem nicht ſehr großen Hauſe; und weil ſie eben keine Frau in den beſten umſtaͤnden war, ſo wohnte ſie daſelbſt den groͤßten Theil des Jahres, und zwar zugleich mit zweien ihrer Bruͤder, einem paar ganz tuͤchtigen und artigen jungen Mäaͤnnern. Nun begab es ſich, daß, da dieſe Frau, welche noch ganz jung, ſchoön und angenehm war, ſich zu eben dieſer Kirche hielt, der Probſt dieſer Kirche ſich ſo mäͤchtig in ſie verliebte, daß er vor Liebe ganz blind war. Nach einiger Zeit war er ſo dreiſt, daß er ſeinen Wunſch der Dame ſelbſt geſtand, und ſie bat, ſie moͤchte ſeine Liebe annehmen, und ihn wie⸗ der lieben, ſo wie er ſie liebte.⸗ Dieſer Probſt war zwar den Jahren nach ſchon alt, aber noch von ſo jugendlichem Sinne, ſo keck und ſtolz, von ſo hohen Dingen von ſich eingenom⸗ men, uͤber ſeine Sitten und Gewohnheiten ſo voll Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 3 34 Achter Tag. thoͤrichter Affectation und Ziererei, und eben adurch ſo ekelhaft und widerwärtig, daß kein Menſch war, der ihm wohl wollte: und wenn irgend einer ihm wenig zugethan war, ſo war eben dieſe Frau ihm nicht nur im geringſten nicht zugethan, ſondern er war ihr verhaßter als die Migräne. Daher gab ſie, als eine kluge Frau, zur Antwort: Lieber Herr, daß Sie mich lieben, kann mir nicht anders, als ſehr angenehm ſeyn, und ich muß Sie wieder lieben, und will Sie auch gern lie⸗ ben; aber zwiſchen Ihrer und meiner Liebe darf nie⸗ mals auch nicht das Mindeſte Unanſtaͤndige vorfal⸗ len. Sie ſind mein geiſtlicher Vater, ſind Prieſter und nähern ſich ſchon ſehr dem Alter. Dies muß Sie anſtändig und zuͤchtig machen. Ich meinerſeits bin kein Kind, dem allenfalls dieſe Liebeleien nachzu⸗ ſehen waͤren, bin Wittwe, und welche Anſtändigkeit man von Wittwen fordert, das wiſſen Sie; und deß⸗ halb werden Sie mich entſchuldigen, wenn ich Sie auf die Art, auf welche ſie es von mir verlangen, nie lieben werde, noch von Ihnen auf dieſe Art ge⸗ liebt ſeyn will. Da der Probſt für diesmal nichts andres von ihr erhalten konnte, ſpielte er den Nichtverlegenen, oder auf den erſten Schlag Beſiegten; ſondern mit ſeiner gewohnten kecken Vermeſſenheit lag er ihr mehrmals mit Briefen und Geſandtſchaften, und auch oftmals ſelbſt in eigener Perſon an, wenn er ſie nach der Kirche kommen ſah. Der Dame war dieſe Quälerei zu läſtig und zu r 3 5 5 ir ch ie⸗ ie⸗ al⸗ ter uß its zu⸗ keit eß⸗ Sie en⸗ ge⸗ von nen, mit ihr und ner d zu Vierte Novelle. 35 ekelhaft, und ſie dachte darauf, ſich ihn, wenn ſie es anders nicht könnte, auf eine Art vom Halſe zu ſchaffen, wie er es verdiente, doch aber wollte ſie eher nichts thun, als bis ſie vorerſt mit ihren Bruͤ⸗ dern daruͤber geſprochen haͤtte. Sie ſagten dieſe da⸗ her, was der Probſt gegen ſie im Schilde fuͤhre, und auch was ſie zu thun beabſichtigte. Sie erhielt von ihnen volle Freiheit daruͤber, und daher ging ſie nach einigen Tagen, wie ſie es gewohnt war, nach der Kirche. Sobald der Probſt ſie ſah, ging er ihr ſogleich entgegen, und ließ ſich, wie er es zu thun pflegte, auf eine väterliche Art mit ihr in ein Geſpraͤch ein. Als die Dame ihn kommen ſah, und ihn dann ins Geſicht faßte, gab ſie ihm einen freundlichen Blick, und zog ſich etwas ſeitwaͤrts, da aber der Probſt ihr noch viele Worte nach gewohnter Weiſe vorgeſchwatzt hatte, ſagte ſie nach einem tieſen Seuf⸗ zer: Herr, ich habe oftmals gehoͤrt, es iſt kein Schloß ſo feſt, welches, wenn es alle Tage beſtuͤrmt wird, nicht endlich einmal eingenommen werden ſollte; und das ſehe ich ſehr gut, begegnet auch mir. Ihr ſeyd jetzt mit ſo ſußen Worten, jetzt mit dieſer, jetzt mit einer andern Gefälligkeit ſo um mich herum gegan⸗ gen, daß Ihr mich habt meinen Vorſatz brechen laſ⸗ ſen, und ich bin bereit, wenn ich Euch noch ſo ge⸗ falle, die Eure zu ſeyn. Ganz erfrent ſagte der Probſt: Mudonna, gro⸗ ßen Dank; ſoll ich Euch die Wahrheit ſagen, ſo habe ich mich ſchon lange ſehr gewundert, wie Ihr Euch ſo gehalten habt, wenn ich bedenke, daß mir 36 Achter Tag. das mit keiner Andern je begegnet iſt; vielmehr habe ich ſehr oft geſagt, wenn die Frauen von Silber wären, ſo wurden ſie nicht einen Denar werth ſeyn⸗ denn ſie hielten nicht Probe. Aver laſſen wir das jetzt: wann und wo konnen wir zuſammen ſeyn? Worauf die Dame antwortete: Mein ſuͤßer Herr, das Wannkkoͤnnte ſeyn wenn es uns gefaͤllt, denn ich habe keinenMann⸗ dem ich von meinen Naͤchten Re⸗ nur das Wo will mir chenſchaft kabzulegen haͤtte, noch nicht recht in die Gedanken kommen. Der Probſt ſagte: Wie, nicht? ei, in Eurem Hauſe. Die Frau antwortete: Herr, Ihr wißt, ich habe zwei jungere Bruͤder, welche mit ihren Geſellſchaften Tag und Nacht nach Hauſe kommen, und mein Haus iſt nicht allzu groß, und deßhalb könnte es da nicht anders geſchehen, als wenn Ihr, ohne ein Wort oder auch mur einen Laut von Euch zu geben, ſtumm, oder im Finſtern ein Blinder ſeyn wolltet. Wollt Ihr das, ſo koͤnnte es ſeyn, denn um mein Zimmer be⸗ kuͤmmern ſie ſich eben nicht; aber das ihrige liegt dem meinigen ſo nahe, daß man nicht das leiſeſte Woͤrtchen ſprechen darf, was man nicht hoͤrte. Hierauf ſagte der Probſt: Madonna⸗ das ſoll unſere Liebe nicht um eine oder zwei Naͤchte aufhal⸗ ten, waͤhrend ich ſchon darauf denken will, daß wir anderswo mit mehr Bequemlichkeit ſeyn koͤnnen. Die Frau ſagte: Meſſer, das ſteht ganz bei Euch; nur um eins bitte ich Euch, läßt dieß geheim blei⸗ ben, und Niemand muſſe je ein Wort davon erfahren. Vierte Novelle. 37 Darauf ſagte der Probſt: Madonna, daran zweifelt nicht, und wenn es ſeyn kann, veranſtaltet es, daß wir dieſen Abend zuſammenkommen. Die Frau ſagte: Ich bin es zufrieden; und nach⸗ dem ſie ihm beſtimmt hatte, wie und wann er kom⸗ men moͤchte, ging ſie fort und kehrte nach Hauſe zuruͤck. Die Frau hatte ein Dienſtmädchen, was eben nicht mehr allzu jung war, aber das haͤßlichſte und entſtellteſte Geſicht hatte, was man je nur ſehen konnte. Denn ſie hatte eine gewaltige ſtumpfe Naſe, einen verzerrten Mund, dicke Lippen und ſchlecht ge⸗ ordnete und große Zaͤhne; auch war es wol ſo, als wenn ſie ſchielte, wenigſtens ohne ſchlimme Augen war ſie nie, ihre Farbe ſelbſt war gruͤn und gelb, ſo daß es ſchien als haͤtte ſie den Sommer nicht in Fieſole, ſondern in Sinigaglia zugebracht. Ueberdies noch war ſie lendenlahm, und an der linken Seite etwas verkuͤmmert. Ihr Name war Merenza, weil ſie aber ſo ein huͤndiſches Geſicht hatte, ſo ward ſie von allen Menſchen Renze genannt. Und ſo entſtellt ſie in Hinſicht ihrer Perſon war, ſo war ſie auch uͤberdies noch etwas boshaft dazu. Dieſe rief die Frau zu ſich und ſagte zu ihr: Renza, willſt Du mir dieſe Nacht einen Dienſt thun, ſo will ich Dir ein ſchoͤnes neues Hemde geben. Renza, die eines Hemdes erwähnen hoͤrte, ſagte: Madonna, wenn ſie mir ein neues Hemde ſchenken, laufe ich fuͤr Sie durchs Feuer wenigſtens! Nun gut, ſagte die Dame, ich will, daß Du Achter Tag⸗ dieſe Nacht mit einem Manne in emeinem Bette ſchlaͤfſt, daß Du ihm Liebkoſungen machſt, aber Dich wohl huͤteſt, ein Wort zu ſprechen, damit Du von meinen Bruͤdern nicht gehoͤrt wirſt, denn Du weißt, die ſchlafen daneben; dann will ich Dir das Hemde geben. Renza ſagte: Ei, ich will allenfalls mit ſechſen ſchlafen, vielmehr mit einem, wenn es noͤthig iſt. Sobald der Abend gekommen, kam auch der Herr Probſt, wie es beſtimmt war, und die beiden jungen Maͤnner blieben, ſo wie es die Dame verab⸗ redet hatte, in dem Nebenzimmer; dort machten ſie ſich ſehr bemerklich, weßhalb der Probſt ſtille und ganz im Finſtern in das Zimmer der Frau hinein⸗ trat, und, wie ſie es ihm geſagt hatte, nach dem Bette hinging; Renza war ihrerſeits von der Dame eben ſo gut über das unterrichtet, was ſie zu thun haͤtte. Der Herr, in dem Glauben, er haͤtte ſeine Da⸗ me an ſeiner Seite, ſchloß Renza in ſeine Arme, kuͤßte ſie ohne ein Wort zu ſprechen, ſo wie Renza auch wieder ihn Hierauf fing der Probſt an, ſein Vergnügen mit ihr zu genießen, indem er ſich in den Beſitz der lang' erſehnten Schaͤtze ſetzte. Nachdem die Dame dieſes Alles ſo eingerichtet hatte, trug ſie den Bruͤdern auf, daß ſie das uebrige, wie ſie es eingerichtet, thun moͤchten. Dieſe verlie⸗ ßen ſtill das Zimmer, gingen nach dem Markt hin⸗ aus, und das Gluͤck war ihnen in dem, was ſie thun wollten, viel guͤnſtiger, als ſie es ſelbſt nur verlangt — Vierte Novelle⸗ 39 hatten. Denn da die Hitze groß war, hatte der Bi⸗ ſchof bei den beiden jungen Männern aufragen laſſen⸗ ob er zur Erholung zu ihnen in ihr Haus kommen könnte, um mit ihnen ein Glas Wein zu trinken. Als er ſie aber kommen ſah, und er ihnen ſein Vor⸗ haben geſagt hatte, machte er ſich mit ihnen auf den Weg, und trat mit ihnen unter ihrem kuͤhlen Hofraume ein, woſelbſt ſie bei vielen angezuͤndeten Lichtern mit großem Vergnuͤgen von ihrem guten Weine tranken. Als ſie ſich ſatt getrunken, ſagten die jungen Mäanner: Meſſer, nachdem Ihr uns die Ehre erwie⸗ ſen, und uns in unſerem kleinen Haͤuschen zu beſu⸗ chen gewuͤrdigt habt, wohin wir Euch eben einladen wollten, wuͤnſchten wir, daß Ihr es Euch gefallen ließet, doch eine Kleinigkeit anzuſehen⸗ die wir Euch zeigen wollen. Gern, antwortete der Biſchof. Einer der jungen Männer ergriff daher eine Windfackel, trat voran, und nahm, da der Biſchof und alle die Andern ihm folgten⸗ ſeinen Weg nach dem Zimmer hin, in welchem der Herr Probſt mit Renzen lag. Dieſer, um bald zum Ziele zu gelangen, hatte ſeinen Ritt beſchleunigt, und hatte, ehe jene noch ge⸗ kommen waren, ſchon einen Ritt von mehr als drei Meilen gemacht, und ruhete jetzt, ſo ermuͤdet er auch war, der großen Hitze ungeachtet, in Renza's Ar⸗ men aus. Sobald der junge Mann mit dem Lichte in der — 40 Achter Tag. and in das Zimmer eingetreten war, ſo wie bald darauf auch alle die Andern und der Biſchof, ward dieſem der Probſt in Renza's Armen gezeigt. Hieruͤber war der Herr Probſt aufgewacht, und da er das Licht und die Menſchen herumſtehen ſah, ſchaͤmte er ſich ſehr, fuͤrchtete ſich und ſteckte den Kopf unter die Decke. Der Biſchof machte ihn ſehr herunter, hieß ihm den Kopf hervorziehen, und nachſehen bei wem er ge⸗ legen haͤtte. Der Probſt ſank, da er den Betrug der Dame einſah, ſo wol dieſerhalb, als auch wegen der Schan⸗ de, die er jetzt zu erfahren glaubte, plotzlich in den tiefſten Schmerz, wie er ihn nur je gehabt hatte, kleidete ſich auf Befehl des Biſchofs wieder an, und ward, um eine große Poͤnitenz fuͤr das begangene Verbrechen zu erdulden, unter gehoͤriger Bedeckung nach Hauſe geſandt. Der Biſchof wollte hierauf wiſſen, wie es denn zugegangen wäre, daß er hier mit Renza auf ſolche Art haͤtte zuſammen liegen können; worauf ihm die jungen Männer Alles der Ordnung nach erzählten. Nachdem der Biſchof es gehoͤrt hatte, lobte er die Frau ſehr, und eben ſo auch die jungen Maͤnner, welche, ohne ſich die Haͤnde mit dem Blute eines Prieſters beflecken zu wollen, ihn ſo wie er es werth geweſen, behandelt haͤtten. Der Biſchof ließ ihn die⸗ ſes Vergehen vierzig Tage buͤßen, aber Liebe und Unwillen ließen es ihn länger als neun und vierzig beweinen, ohne daß er eine lange Zeit nachher noch —„— e e— „ S c— 8 v Fuͤnfte Novelle. 41 je hätte uͤber die Straße gehen konnen, wo nicht alle Knaben mit Fingern auf ihn gezeigt und geſagt hät⸗ ten: Siehe, der da hat bei Renzen geſchlafen. Dies kränkte ihn in einem ſo hohen Grade, daß er nahe daran war, den Verſtand zu verlieren. Auf ſolche Art ſchaffte ſich die wackere Frau den Aerger uͤber den laͤſtigen Probſt vom Halſe, und Renza hatte ein Hemde und eine frohe Nacht ge⸗ wonnen. Fuͤnfte Novelle. Drei junge Maͤnner ziehen einem Marcheſaner Richter in Florenz die Beinkleider ab, waͤhrend er in der Gerichts⸗ ſtube Gericht hielt. Emilie hatte ihrer Erzaͤhlung ein Ende gemacht, und die Wittwe war von Allen gelobt worden, als die Königinn Philoſtrato anſah, und ſagte: Jetzt kommt es an Dich, zu erzaͤhlen. Er antwortete daher ſogleich, er waͤre bereit, und fing an: Geliebte Damen, der junge Mann, den Eliſa kurz vorher nannte, naͤmlich Maſo del Saggio, läßt mich eine Novelle bei Seite ſetzen, die ich zu erzäh⸗ len beabſichtigte, um eine von ihm und einigen ſeiner Gefaͤhrten zu erzählen, die(wenn ſie auch gleich nicht unanſtaͤndig iſt, doch aber Worte darin gebraucht werden, die Ihr Euch allenfalls zu gebrauchen ſchaͤmt), dennoch ſo vielen Stoff zum Lachen enthaͤlt, daß ich ſie Euch immerhin erzählen will. Wie Ihr Alle gehoͤrt haben koͤnnt, kommen nach 42 Achter Tag. unſerer Stadt ſehr oft Marcheſaner Richter, welches im Allgemeinen engherzige Menſchen bei einem ſo filzigen, und ſo elenden Leben ſind, daß ihr ganzes Weſen nichts anders, als eine Hundofoͤtterei zu ſeyn ſcheint; und eben wegen dieſer ihrer angebornen Armſeligkeit und Habſucht fuͤhren ſie Unter-Richter und Notare mit ſich, welches eher Leute zu ſeyn ſchei⸗ nen, die vom Pfluge weggenommen, und vom Schu⸗ ſter ſchemel fortgezogen ſind, als daß ſie aus den Schulen der Geſetze gewählt wären. So war denn nun auch einer als Podeſta gekommen, der unter vie⸗ len andern Richtern, die er mit ſich führte, beſonders einen mit ſich fuͤhrte, der ſich Meſſer Niccola da San Lepidio nennen ließ, und eher ein Schmiede⸗ knecht, als ſonſt etwas zu ſeyn ſchien. Dieſer ward denn untern andern Richtern auch dazu beſtellt, Eri⸗ minal⸗Unterſuchungen mit beizuwohnen. Und wie es denn oft ſo zu geſchehen pflegt, daß Buͤrger, die in der Welt Gottes nichts im Gerichts⸗ hauſe zu thun haben, dennoch je zuweilen hingehen, ſo ereignete es ſich einmal, daß Maſo del Saggio eines Morgens hinging, um einen Bekannten aufzu⸗ ſuchen. Da bemerkte er, daß eben dieſer Niccola vor Gericht ſaß, und es ſchien ihm, als waͤre das ſo ein neues Voͤgelchen, er trat alſo naher hinan, ihn zu betrachten. Und ob er gleich ſah, daß er auf den Kopfe eine ganz verraͤucherte Fehe trug, und am Guͤrtel ein Pennal hängen hatte, auch ſein Rock weit länger als ſein Mantel war, und vieles Anderes noch anhatte, was für einen ordentlichen und geſitteten e n, ie zu⸗ la ſo hn en am eit och Fuͤnfte Novelle. 43 Mann ganz ſonderbar war; ſo ſah er unter allen dieſen doch noch Etwas an ihm, was, ſeinem Dafür⸗ halten nach, merkwuͤrdiger als alles Andere war. Und dies waren ein Paar Beinkleider, welche(da je⸗ ner ſaß, und die Kleider, die ihm zu eng waren, vorn auseinander ſtanden) ihm, wie er bemerkte, mit dem Boden bis halb auf die Knie herabhingen. Ohne ſich daher lange zu beſinnen, ließ er das, was er ſuchte, fahren, ſtellte eine neue Nachſuchung an, und fand zwei ſeiner Gefährten, von denen der eine den Namen Ribi und der andere Matteuszo fuͤhrte, Männer, von denen jeder derſelben ein nicht minder luſtiger Vogel war, als Maſo; zu dieſen ſagte er: Wenn Ihr mich lieb habt, ſo kommt mit bis ins Gerichtshaus, da will ich Euch den verruͤckteſten Quaſſelhans zeigen, den Ihr je geſehen habt. Hier⸗ auf ging er mit ihnen nach dem Gerichtshauſe, und zeigte ihnen dieſen Richter mit ſeinen Hoſen. Schon von weitem her fingen dieſe daruͤber zu lachen an; und da ſie ſich der Roſtrade noch mehr genähert hatten, auf welcher der Herr Richter ſtand, ſahen ſie, daß man ſehr leicht darunter hingehen konnte, und uͤberdies auch ſahen ſie, daß das Brett, welches der Herr Juſtiz zu ſeinen Fuͤßen hielt, zer⸗ brochen war, ſo daß man leicht mit der Hand und mit dem Arme durchreichen konnte. Und da ſagte Maſo zu den Gefaͤhrten: Ich moͤchte wol, daß wir dem da die Hoſen ganz und gar abzögen, denn das geht ſehr gut. Jeder der Cumpane hatte ſchon geſehen, wie; Achter Tag⸗ nachdem ſie daher unter ſich ausgemacht hatten, was Jeder thun und ſagen ſollte, kehrten ſie den andern Morgen dahin zurück. Da nun der Hof voller Men⸗ ſchen war, kroch Matteuzso, ohne daß es Jemand bemerkte, unter die Roſtrade, gerade bis an die Stelle hin, wo der Richter die Fuͤße hielt. Maſo naͤherte ſich von der einen Seite dem Herrn Richter, faßte ihn bei dem Saume ſeines Mantels, und Ribi näherte ſich von der andern und that daſſelbe; hierauf fing Maſo an und ſagte: Herr, ach Herr, ich bitte Euch um Gottes wil⸗ len, ehe der Spitzbube da, der Euch da zunaͤchſt zur Seite ſteht, anderswo hingeht, macht, daß er mir ein Paar Kamaſchen wieder herausgiebt, die er mir geſtohlen hat; er ſagt zwar nein, aber ich habe es geſehen, es iſt noch nicht vier Wochen her, wie ich ſie habe beſohlen laſſen. Ribi ſchrie ſeinerſeits eben ſo heftig: Meſſere, glaubt ihm nicht, er iſt ein Vielfraß; und weil er weiß, daß ich hierher gekommen bin, um mich uber ihn, eines Felleiſens wegen, zu beſchweren, was er mir geſtohlen hat, iſt er ſogleich auch hergekommen, und ſpricht da ſo was von Kamaſchen, die ich hoͤch⸗ ſtens etwa ſo bis ehegeſtern zu Hauſe gehabt habe. Und wenn Ihr mir nicht glauben wollt, ſo kann ich Euch als Zeugen bringen das Hoͤkerweib da neben mir, und die Kaldaunen⸗ Schlaͤchterinn, und noch einen, der den Auskehricht aus Santa Maria a Verzoja aufſammelt, der es ſah, als er aus dem Hauſe herauskam. Fuͤnfte Novelle. 45 Maſo ließ aber Ribi nicht zu Worte kommen, ſondern ſchrie, worauf denn Ribi wieder noch aͤrger ſchrie. Und während der Richter nun anfgerichtet daſtand, und ihnen näher trat, um ſie beſſer zu ver⸗ ſtehen, nahm Matteuzzo ſeine Zeit wahr, ſteckte die Hand durch den Riß des Brettes, ergriff den Boden von des Richters Hoſen, und zog ſie tuͤchtig'runter. Die Hoſen kamen auch ſogleich nach, da der Richter duͤrre und ſchlecht behintertheilt war. Sobald er al⸗ ſo dies merkte, und nicht wußte, was es wäre, wollte er ſich die Kleider vorn vorziehen, ſich damit bedek⸗ ken, um ſich alsdann wieder nieder zu ſetzen, indeſ⸗ ſen Maſo hielt ihn von der einen Seite, und Ribi von der andern feſt, und ſchrien gewaltig: Meſſer, Ihr begeht eine Ungerechtigkeit, wenn Ihr mir nicht Rede ſtehen, und nicht anhoͤren, ſon⸗ dern anders wohin gehen wollt; uber ſolche Kleinig⸗ keit reicht man hier zu Lande keine Schrift ein. Und waͤhrend dieſen Worten hielten ſie ihn bei den Kleidern ſo feſt, daß alle, ſo viel ihrer nur im Hofe gegenwärtig, ſehen konnten, wie ihm die Hoſen ab⸗ gezogen waren. Nachdem nun Matteuzzo ſie eine Zeit kang feſt⸗ gehalten hatte, ließ er ſie fahren, und ging fort, ohne daß er geſehen worden waͤre. Ribi, welcher auch glaubte, er haͤtte genug gethan, ſagte: Ich ſchwore zu Gott, ich will mir bei der Reviſion ſchon mein Recht verſchaffen. Und Maſo ſeiner Seits ſchrie, da er den Mantel losgelaſſen: Rein, ich will ſo oft herkommen, bis ich Euch einmal nicht in ſol⸗ 46 Achter Tag. chem Wirrwarre gefunden habe, wie Ihr mir dieſen Worgen vorkommt. Und ſo machten ſie ſich, der Eine hierhin, der Andere dahin, ſo ſchnell ſie nur konnten, aus dem Staube. Der Herr Richter zog ſich die Hoſen in Gegen⸗ wart alles Volkes auf, ſo, als wenn er eben vom Schlaf aufſtände, und bemerkte denn nun wol, was mit ihm geſchehen wäre, er fragte daher, wo die hingegangen wären, welche den Zank uͤber die Kamaſchen und das Felleiſen gehabt haͤtten. Da ſie aber nicht aufzufinden waren, ſchwur er bei allen Teufeln in der Hoͤlle, daß er erfahren und wiſſen muͤſſe, ob es denn in Florenz Gebrauch waͤre, den Richtern die Hoſen abzuziehen, wenn ſie vor Gericht ſaͤßen und Recht ſpraͤchen. Der Podeſta dagegen wieder machte, da er die Geſchichte gehoͤrt harte, einen großen Lärm; indeſſen als ihm ſeine Freunde nachher zeigten, daß ihm dies aus keinem andern Grunde angethan worden wäre, als nur um ihm zu zeigen, wie die Florentiner es ſehr wohl einſaͤhen, daß er ihnen ſtatt der Richter die er ihnen haͤtte zufuͤhren ſollen, Schafskoͤpfe zu⸗ gefuͤhrt hätte, um dabei beſſer ſeinen Schnitt zu ma⸗ chen. Er hielt es daher fuͤrs Beſte zu ſchweigen, und die Sache wurde fuͤr dies Mal nicht weiter be⸗ trieben. Sechſte Novelle. Bruno und Buffalmacco ſtehlen Calandrino ein Schwein; ſie laſſen ihn den Verſuch machen⸗ es mit Ingwer in Ku⸗ in; Sechſte Novelle. 47 gelform und weißen Wein wieder zu finden. Sie geben ihm nach einander zwei Kuͤgelchen von einem Hunde in Aloe eingemacht, und es ſcheint, als wenn er es ſelbſt gethan haͤtte; endlich laſſen ſie ihn es noch von ſich ab⸗ kaufen, daß, wenn er es nicht wuͤnſchte, ſie es ſeiner Frau nicht ſagen wollten. Nicht ſobald hatte Philoſtratus Novelle, welche ſehr belacht wurde, ein Ende, als die Koͤniginn Philo⸗ menen auftrug, folgend zu erzählen. Dieſe fing an: Liebreiche Maͤdchen, ſo wie Philoſtratus von dem Namen Maſo angelockt ward, die Rovelle zu erzäh⸗ len, die ihr von ihm gehoͤrt habt, ſo werde auch ich nicht mehr und nicht weniger von Calandrino's und ſeiner Gefährten Namen angezogen, eine andere von ihnen zu erzaͤhlen, die, wie ich glaube, Euch gefallen wird. Wer Calandrino, Bruno und Buffalmacco wa⸗ ren, habe ich nicht noͤthig Euch zu ſagen, denn Ihr yabt es oben ſchon genugſam gehoͤrt; ich gehe daher gleich weiter, und ſage, daß Calandrino nicht weit von Florenz ein Guͤtchen hatte, was er als eine Mit⸗ gabe ſeiner Frau beſaß, und welches ihm unter an⸗ dern, was er daraus zog, jaͤhrlich ein Schwein ein⸗ prachte. Es war ſeine Gewohnheit, daß er und ſeine Frau immer im December uͤber Land gingen, es dort ſchlachten und einſalzen ließen. Unter andern ergab es ſich einmal, daß Calandrino allein hinging, um es ſchlachten zu laſſen, weil ſeine Frau nicht recht wohl war. Da Bruno und Buffalmacco dies erfuhren, und wußten, daß die Frau nicht mit hinginge, gingen ſie, 48 Achter Tag. in der Raͤhe Calandrino's zu einem Prieſter, der ihr ſehr guter Freund war, um einige Tage bei ihm zu bleiben. Calandrino hatte den Morgen, gerade als dieſe den Tag ankamen, ſein Schwein geſchlachtet, und da ſie ihn mit dem Prieſter beſuchten, rief er ihnen entgegen und ſagte: Seyd willkommen. Nun ſollt Ihr doch einmal ſehen, was ich fuͤr ein guter Wirth bin; darauf fuͤhrte er ſie ins Haus, und zeigte ihnen das Schwein. Dieſe ſahen, daß das Schwein ſehr ſchoͤn war, und hoͤrten von Calandrino, däß er es fuͤr ſeine Haushaltung einſalzen wollte. Darauf ſagte Bruno: Wie Du doch dumm biſt! Verkauf es, und laß uns fuͤr das Geld luſtig ſeyn, kannſt ja Deiner Frau nur ſagen, es wäre Dir ge⸗ ſtohlen worden. Calandrino ſagte: Nein, das wuͤrde ſie nicht glauben, und ſie würde mich vielmehr zum Hauſe herausjagen. Gebt Euch weiter keine Muͤhe, ich thue es nicht. Der Worte fielen noch mehr, aber ſie halfen Calandrino lud ſie zwar zum Abend⸗ weiter nichts. eſſen ein, indeſſen mit einem ſo muffigen Geſichte, daß dieſe es nicht annahmen, und ihn verließen. Bruno ſagte zu Buffalmacco: Wollen wir ihm dieſe Nacht das Schwein ſtehlen? Ja, wie ſollten wir das koͤnnen? fragte Buffal⸗ macco. Das Wie? erwiederte Bruno, habe ich ſchon 8 — ℳ e„cb c— c e 8 — Sechſte Novelle. 49 abgeſehen, wenn er es nur nicht an einen andern Ort hinbringt, als es eben jetzt war. Ei nun, denn wollen wir's thun, ſagte Buffal⸗ macco; denn warum ſollten wir es nicht thun? Und dann wollen wir zuſammen mit dem Domine ſelbſt hier uns recht wohl dabei ſeyn laſſen⸗ Auch der Prieſter ſagte, daß ihm das ſehr lieb wäre. Hierauf ſagte Bruno: Wir muͤſſen aber dabei eine kleine Liſt anwenden. Du weißt, Buffalmacco, wie geizig Calandrino iſt, und wie gern er trinkt, wenn ein Anderer die Zeche bezahlt. Komm, wir wollen ins Wirthshaus gehen und ihn mit hinneh⸗ men; dort ſoll der Prieſter dann thun, als wolle er Alles bezahlen, um uns eine Ehre anzuthun; und ihn laſſen wir nichts bezahlen. Er wird ſich bene⸗ veln, und dann haben wir gewonnen Spiel, da er ganz allein im Hauſe iſt. Wie Bruno ſagte, ſo tha⸗ ten ſie. Als Calandrino ſah, daß der Prieſter Keinen be⸗ zahlen ließ, ſo ergab er ſich dem Trinken, und ob er gleich nicht viel bedurfte, ſo belud er ſich doch gut. Es war ſchon ziemlich tief in der Nacht, als er aus dem Wirthshauſe fortging, und ohne weiter noch Etwas zum Abend eſſen zu wollen, kehrte er nach Hauſe zuruͤck, glaubte, er hätte die Thüre verſchloſ⸗ ſen, ließ ſie aber auf, und legte ſich zu Bette. Buffalmacco und Bruno gingen mit dem Prie⸗ ſter zum Eſſen, nahmen, nachdem ſie gegeſſen hat⸗ ten, verſchiedene Werkzeuge, um damit in Ca⸗ Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 6. 50 Achter Tag⸗ landrino's Haus hineinzukommen/ und gingen gans ſtille dahin, wohin Bruno es beabſichtigte. Allein ſie fanden die Thuͤr offen, traten hinein, und, nach⸗ dem ſie das Schwein losgemacht hatten, trugen ſie es ſofort nach dem Hauſe des Prieſters, wo ſie es bei Seite legten. Hierauf gingen ſie ebenfalls ſchlafen. Calandrino ſtand, nachdem der Wein aus ſeinem Kopfe heraus war, am Morgen auf, und ſobald er hinunterſtieg, blickte er umher, ſah aber ſein Schwein nirgends und die Thuͤr auf; er fragte daher dieſen und jenen, ob ſie nicht wuͤßten, wer doch wol das Schwein haben moͤchte, und da er es nirgends fand, machte er einen gewaltigen Larm: Herr Je! klagte er laut, das Schwein iſt mir geſtohlen. Bruno und Buffalmacco ſtanden auf, und gingen zu Calandrino hin, um zu horen, was er wol uͤber das Schwein ſagte. Sobald er ſie ſah, rief er ihnen ganz betruͤbt zu; und ſagte: H weh, lieben Freunde, mein Schwein iſt mir geſtohlen. Bruno näherte ſich ihm ganz leiſe und ſagte: Das iſt'mal ein Wunder, da biſt Du doch Ein Mal klug geweſen. Ach nein, ſagte Galandrino, ich meine es im Ernſt. Nun denn ſage es, erwiederte Bruno, und ſchrei es laut aus, damit man es doch allenfalls glauben kann, es wäre wirklich ſo. Galandrino ſchrie hierauf noch ſtaͤrker, und ſagte: 6 in ie es ls em ein ſen das nd, gte gen ber f er eben gte: Mal s im ſchrei auben agte: Sechſte Novelle. Beim allmaͤchtigen Gott! ich rede die Wahrheit, es iſt mir geſtohlen! Ja, ſag' es nur, ſag' es nur, fuhr Bruno fort; ſo mußt Du wol ſagen, ſchreie nur tuͤchtig, daß man Dich allenthalben verſteht, und man es fuͤr wahr annehmen kann. Du wollteſt wol, ſagte galaudrino, daß ich mir die Seele zum Teufel ſchrie, und Du glaubteſt mir doch nicht eher, als bis ich bei der Kehle aufgehan⸗ gen waͤre, daß es mir geſtohlen iſt. Wie koͤnnte denn das zugegangen ſeyn, ſagte Bruno hierauf, ich habe es doch geſtern noch erſt hier geſehen. Glaubſt Du denn, ich ſoll Dir glau⸗ ben, daß es geſtohlen waͤre? Es iſt, wie ich Dir ſage, fuhr Calandrino fort. Wie koͤnnte denn das ſeyn? erwiederte Bruno. Wahrhaftig, es iſt ſo; dabei blieb Calandrino, und, ſetzte er noch hinzu, ich bin ungluͤcklich, denn ich weiß nicht, wie ich nach Hauſe kommen ſoll. Meine Alte wird es mir nicht glauben, und wenn ſie es mir auch glaubt, ſo habe ich alle mein Lebstage keinen Frieden mehr mit ihr. Gott verdamme mich, ſchwur Bruno, das iſt ſehr ſchlimm, wenn es wirklich wahr iſt. Aber Du weißt, Canlandrino, ich gab es Dir geſtern unter den Fuß, ſo zu ſagen; ich will nicht glauben, daß Du Dir zu gleicher Zeit mit Deiner Alten und mit uns einen Spaß machſt. Unwillig fuhr Calandrino auf: Was laßt Ihr mich denn fluchen und ſchwoͤren, bei Gott und allen 52 Achter Tag. Heiligen und allem, was in der Welt iſt. Ich ſage Dir, das Schwein iſt mir in dieſer Nacht geſtohlen! Nun, wenn es denn ſo iſt, beruhigte ihn Buf⸗ falmacco, ſo wollen wir ſehen, ob wir nicht einen Weg finden koͤnnen, auf welchem wir es wieder⸗ kriegen. Was für einen koͤnnten wir doch wol finden, fuhr Calandrino auf. Freilich, beſaͤnftigte ihn Buffalmacco, aus In⸗ dien kann Keiner hergekommen ſeyn, Dir das Schwein zu nehmen, es muß einer von dieſen Deinen Nachbaren geweſen ſeyn. Und wahrlich, wenn Du ſie nur zuſammenbringen koͤnnteſt, ſo wollte ich'mal eine Probe mit Brot und Kaͤſe machen, und dann wuͤrden wir ſogleich ſehen, wer es gehabt hat. Ja doch, ſagte Bruno, mit Brot und Kaͤſe pro⸗ bire es»mal bei gewiſſen vornehmen Herren hier herum, denn ich bin gewiß, einer von ihnen hat es geſtohlen; und da wuͤrde es denn gleich bemerkt werden, wenn ſie nicht wuͤrden kommen wollen. Was iſt alſo zu machen 2 ſagte Buffalmacco. Wir muͤßten es, antwortete Bruno, mit eigenen Ingwer⸗Kuͤgelchen und gutem weißen Wein verſu⸗ chen, und ſie zum Trinken einladen. Da wuͤrden ſie ſich nicht bedenken zu kommen, und dann koͤnnten wir die Ingwer⸗Kuͤgelchen eben ſo beſprechen wie Käſe und Brot. Wahrhaftig, ſagte Buffalmacco, Du haſt Recht; was ſagſt Du dazu, Calandrino? Sage, wollen wir es thun? Sochſte Novelle. 53 e Ach, ich bitte Euch um Gottes willen darum, fiel Calandrino haſtig ein, ja! denn wenn ich nur f⸗ weiß, wer es gethan hat, dann werde ich ſchon halb n ruhig ſeyn. r⸗* Nun gut, ſagte Bruno, ich bin bereit, deßhalb fuͤr Dich nach Florenz zu gehen, wenn Du mir Geld dazu giebſt. 6 Calandrino hatte etwa acht Groſchen bei ſich, die gab er ihm. Hiermit ging Bruno nach Florenz 6 zu einem bekannten Apotheker, kaufte ein Pfund gu⸗ n ter Ingwer⸗Kuͤgelchen, beſtellte aber dann noch zwei u von bitterem Ingwer, die er in friſche Leber⸗Aloe al einmachen ließ; endlich ließ er noch einen Guß von in Zucker daruͤber machen, wie die andern hatten; um ſich aber nicht zu irren, oder ſie zu verwechſeln, ließ o er ihnen ein beſtimmtes Zeichen geben, woran er ſie 6 er ſehr gut erkannte. Hierauf kaufte er eine Flaſche es guten weißen Wein, und dann kehrte er mit allem kt dieſen nach Calandrino auf dem Guͤtchen zuruͤck, und. ſagte: Lade doch alle die, welche Du im Verdacht haſt, morgen zu einem Trunk bei Dir ein; es iſt n Feſttag, und es wird gewiß Jeder gern kommen. u⸗ Ich will mit Buffalmacco in dieſer Racht die Ing⸗ ie wer⸗Kuͤgelchen beſchwoͤren, will ſie Dir dann morgen ir fruͤh in Deinem Hauſe zuſtellen, und aus Liebe fuͤr ſe Dich ſelbſt ſie austheilen, thun und ſprechen, was dabei zu thun und zu ſprechen noͤthig iſt. t Calandrino that es. n Nachdem alſo eine gute Geſellſchaft florentini⸗ ſcher junger Leute, welche eben hier auf dem Lande ——————————.———— 54 Achter Tag. waren, und einige Arbeiter am folgenden Morgen vor der Kirche bei einem ulmbaum herum verſam⸗ melt waren, kamen Bruno und Buffalmacco mit einer Schaale voll Ingwerkuͤgelchen und einer Fla⸗ ſche Wein hin, und ließen dann jene Alle im Kreiſe ſich herumſtellen, worauf Bruno alſo anfig. Meine Herren, ich muß Euch den Grund ſagen, warum Ihr hier ſeyd, damit, wenn es etwa anders, als Ihr es wuͤnſchet, ausfallen moͤchte, Ihr Euch über mich nicht zu beſchweren habt. Calandrino'n, der hier ſteht, iſt geſtern Nachts ein ſchoͤnes Schwein genommen worden, und er weiß es durchaus nicht herauszufinden, wer es wol haben moͤchte; weil nun aber kein Anderer, als einer von uns, die wir hier ſtehen, es ihm genommen haben kann, ſo gibt er, um herauszufinden, wer es wol haben könnte, Euch einem nach dem andern, dieſe Ingwerkuͤgelchen zum eſſen, und was zum Nachtrinken. Und ſo moͤget Ihr denn gleich wiſſen, derjenige, der das Schwein ge⸗ nommen hat, kann das Kugelchen nicht hinunterſchluk⸗ ken, ſondern es wird ihm bitter, wie Galle ſchmecken, und er wird es ausſpucken. Und damit ihm dieſe Schande in ſo Vieler Gegenwart nicht geſchehen moge, iſt es vielleicht das Beſte, daß derjenige, der es etwa gehabt haben möchte, es zur Strafe dem geiſtlichen Herrn anſage, und dann will ich mich ſo⸗ gleich zuruͤckziehen. Jeder, der da war, ſagte, daß er gern davon eſ⸗ ſen wollte. Bruno ſtellte ſie daher in Ordnung, und Calandrino mitten unter ſie; hierauf fing er bei en nit la⸗ iſe en, rs, er ein Sechſte Novelle. 55 einem der Oberſten an, und ſo fort einem jeden die ſeinige zu geben; und als er nun eben zu Calandri⸗ no hinkam, nahm er eine von den bittern und gab ſie ihm in die Hand. Calandrino warf ſie ſich ſchnell in den Mund, und fing an ſie zu zerkauen; doch ſobald er auf der Zunge die Aloe ſchmeckte, ſpie er ſie, da er die Bit⸗ terkeit nicht ertragen konnte, wieder aus. Einer ſah dem Andern hierbei ins Geſicht, um zu ſehen, wer wol ſeine aus ſpeien wuͤrde, und da Bruno noch nicht aufgehoͤrt hatte, ſie herumzureichen, that er, als wenn er gar nicht hoͤrte, als hinter ihm geſprochen ward: Ei, Calandrino, was ſoll das hei⸗ ßen? Er drehete ſich daher ſchnell um, und da er ſah, daß Calandrino die ſeinige ausgeſpuckt hatte, ſagte er: Warte, vielleicht hat irgend was anders ſie Dir ausſpucken laſſen. Da nimm eine andere! Er nahm hierauf die zweite, ſteckte ſie ihm in den Mund, und fuhr dann fort, die andern, die er noch hatte, herum zu reichen. War die erſte Calandrino bitter vorgekommen, ſo ſchien ihm dieſe noch weit bitterer zu ſeyn; in⸗ deſſen, da er ſich ſchämte, ſie auszuſpucken, behielt es ſie kauend im Munde, bis ſie ihm Thränen aus⸗ preßte, die ſo groß wie Haſelnuͤſſe waren, endlich aber, da er nicht mehr konnte, warf er ſie, wie die erſte ebenfalls aus. Buffalmacco, welcher die Geſellſchaft nun trin⸗ ken ließ, und Bruno bemerkten dies zugleich mit al⸗ len Andern und ſagten, daß Calandrino gewiß ſelbſt Achter Tag⸗ ſich das Schwein geſtohlen hätte, und es waren ſo⸗ gar einige, welche ihn deßwegen ſehr bitter tadelten. Inzwiſchen, da Alle fort, und Bruno und Buffal⸗ macco mit Calandrino zuruͤckgeblieben waren, fing Buffalmacco gegen ihn an: War ich doch immer feſt davon uͤberzeugt, daß Du es bei Dir ſelbſt gehabt haͤtteſt, und uns weiß machen wollteſt, es wäre Dir geſtohlen worden, um uns von dem Gelde, was Du daraus geloͤſt, nicht einmal zu trinken zu geben. Calandrino, welcher die Bitterkeit der Aloe im⸗ mer noch nicht ausgeſpuckt hatte, fing an zu ſchwoͤ⸗ ren, daß er es nicht gehabt haͤtte. Darauf ſagte Buffalmacco: Aber Bruͤderchen, Du hätteſt es nicht gehabt? Geſteh es einmal, haſt Du nicht ſechs dafuͤr gekriegt? Als Calandrino dies hoͤrte, wollte er verzwei⸗ feln. Da ſagte Bruno zu ihm: Verſtehe mich doch nur vernuͤnftig, Calandrino, da war einer unter der Geſellſchaft, der mit uns ißt und trinkt, der ſagte mir, Du haͤtteſt da unten ſo eine Geliebte, die Du Dir hielteſt, und der ſteckteſt Du zu, was Du nur abknapſen koͤnnteſt. Er glaubte es alſo ganz gewiß, Du haͤtteſt ihr dies Schwein zu⸗ geſchickt. Du haſt es uns ſchon einmal gelehrt, mit der langen Naſe abziehen zu muͤſſen. Haſt uns ſchon ein Mal durch den Mugnone gefuͤhrt, um ſchwarze Steine zu ſammeln, damals, als Du uns ſo mir nichts, Dir nichts auf die Fuchsprelle hinlaufen lie⸗ ßeſt, dann Dich davon machteſt, und uns endlich weiß — K — 6 M v V M v 5 S S— Siebente Novelle. 5 machen wollteſt, Du haͤtteſt ihn gefunden. So willſt Du uns jetzt nun wieder durch Deine Schwüre glau⸗ ben machen, daß das Schwein, was Du verſchenkt, oder eigentlich verkauft haſt, Dir waͤre geſtohlen wor⸗ den. Nun ſind wir an Deine Spaͤße gewöhnt und kennen ſie, nun ſollſt Du uns keine neuen wieder ma⸗ chen. Und um es Dir gerade heraus zu ſagen, wir haben uns die Muͤhe mit der Zauberwirthſchaft ge⸗ geben, weil unſere Meinung dahin ging, Du wuͤrdeſt uns zwei Paar Kapphähne geben, thuſt Du das nun nicht, ſo werden wir Alles an Monna Teſſa wieder ſagen. Da Calandrino ſah, daß ihm nicht geglaubt ward, er vielmehr meinte, er haͤtte Aerger genug ge⸗ habt, und auch eben danach nicht verlangte, von der Frau noch mehr eingeheizt zu werden, gab er ihnen die zwei Paar Kapphaͤhne. Nachdem jene dieſe erhal⸗ ten hatten, ſalzten ſie das Schwein ein, und kehrten heim nach Florenz; Calandrino aber ließen ſie mit Schaden und Spott zurück. Siebente Novelle. Ein Student liebt eine Wittwe, welche, in einen Andern verliebt, ihn in einer Winternacht im Schnee ſtehen und auf ſich warten laͤßt; dieſe läßt er dagegen wieder mit⸗ ten im Juli nackend in einem Thurme den Fliegen, Bremſen und der Sonnenhitze ausgeſetzt ſtehen. Viel hatten die Damen uͤber den Ungluͤcks vogel Calandrino gelacht, und wuͤrden es noch viel mehr, wenn es ſie nicht verdroſſen hatte, zu ſehen, wie ihm Achter Tag. von denen, die ihm das Schwein genommen hatten, auch noch die Kapphähne genommen wurden; doch als das Ende gekommen war, trug die Koͤniginn Pam⸗ pinea auf die ihrige zu erzaͤhlen, und dieſe fing ſchnell alſo an: Geliebteſte Maͤdchen, Liſt uͤber Liſt trifft ſehr oft ein, und daher verraͤth es ſehr wenig Verſtand, ſich daran zu erfreuen, wenn Andere verſpottet wer⸗ den. Wir haben in mehrern erzaͤhlten Novellen hin⸗ durch viel uͤber die andern geſpielten Poſſenſtreiche gelacht, aber es iſt uns noch nicht erzaͤhlt worden, daß auch Rache daruͤber genommen worden wäre; daher beabſichtige ich bei Euch einiges Mitleid uͤber eine gerechte Vergeltung zu erwecken, mit welcher eine unſerer Mitbuͤrgerinnen bezahlt ward, deren Scherz faſt mit dem Tode, als ſie wieder verſpottet ward, auf ſie ſelbſt wieder zuruͤckfiel. Dies mit an⸗ zuhoͤren, wird nicht ohne Nutzen fuͤr Euch ſeyn, weil Ihr Euch huͤten werdet, mit andern Euren Spott zu treiben; und daran werdet Ihr ſehr klug thun. Es ſind noch nicht viel Jahre vergangen, als in Florenz eine junge Dame lebte, von koͤrperlicher Schoͤnheit, ſtolzem Sinne und ſehr edlem Herkom⸗ men, reichlich mit Gluͤcksgutern verſehen und mit Namen Helena. Sie war nach ihres Mannes Tode Wittwe geblieben, und wollte ſich nicht wieder ver⸗ heirathen, da ſie ſich in einen ſchoͤnen und artigen jungen Mann, nach ihrer eigenen Wahl, verliebt hatte; frei von jeder anderen Ruͤckſicht, machte ſie ſich, durch Huͤlfe eines Dienſtmädchens, auf welches — n⸗ et n eil tt er nit de er⸗ en bt ſie — Siebente Novelle. ſie ſich ganz verließ, oft mit ihm zum wundervollſten Vergnuͤgen einen guten Tag. Gerade um dieſe Zeit traf es ſich, daß ein jun⸗ ger Mann, Rinieri, ein Edelmann aus unſerer Stadt, welcher lange Zeit in Paris ſtudirt hatte, nicht um ſein Wiſſen alsdann im Handverkauf zu verhoͤkern, wie Viele thun, ſondern um den Grund der Dinge und ihre Urſache zu erforſchen(was einem Edel⸗ manne vorzuͤglich anſteht), von Paris nach Florenz zuruͤckkehrte, und hier, ſowol ſeines Standes, als auch ſeines Wiſſens wegen, ſehr geehrt, auf eine ſehr anſtändige Art lebte. Doch, wie es ſich oftmals zutraͤgt, daß gerade diejenigen, welche die gruͤndlichſten Kenntniſſe beſitzen, von der Liebe am erſten gezuͤgelt werden, ſo ereignete es ſich auch bei Rinieri. Als er eines Tages einmal zum Vergnuͤgen einem Feſte beiwohnte, kam ihm eben dieſe Helena vor Augen; ſchwarz gekleidet, wie unſere Wittwen zu gehen pfle⸗ gen, ſchien ſie ihm, ſeiner Meinung nach, mit ſol⸗ cher Schoͤnheit und mit ſolcher Anmuth begabt, wie er nie eine Andere geſehen zu haben glaubte; ſeelig, dachte er bei ſich, koͤnne ſich derjenige ſchätzen, dem der Himmel die Gnade erwieſe, ſie der Kleider ent⸗ ledigt, in ſeinen Armen halten zu duͤrfen. Mehrere Male hatte er ſie mit aller Vorſicht angeſehen, und uͤberzeugt, daß man Großes und Theures nicht ohne Muͤhe gewinnen koͤnnte, beſchloß er feſt bei ſich, alle Muͤhe und allen Eifer anzuwenden, ihr zu gefallen, damit er, wenn er ihr gefiele, ihre Liebe erwuͤrbe, und dann ſich ihrer erfreuen koͤnnte. Achter Tag. Die junge Dame wußte ihre Augen, die ſie keines⸗ weges nur nach der Unterwelt hingerichtet hielt, ſon⸗ dern ſich fuͤr das, und fur mehr noch als was ſie ſelbſt war, ſchatzte, ſo geſchickt zu bewegen und damit um ſich herum zu blicken, daß ſie bald gewahr ward, wer ſie mit Vergnuͤgen anſah. So ward ſie denn auch Rinieri's gewahr und ſagte laͤchelnd bei ſich ſelbſt: Fuͤr den bin ich heute auch nicht umſonſt hergekom⸗ men, denn, ich müßte mich ſehr irren, das Voͤgelchen habe ich bei beiden Flügeln gefangen. Sie fing da⸗ her an, aus dem einen Augenwinkel einige Mal nach ihm hin zu ſchielen, und bemuͤhete ſich, ſo viel ſie nur konnte, ihm zu zeigen, daß er ihr nicht gleich⸗ guͤltig waͤre; dagegen dachte ſie aber auch wieder, je mehr ſie ihn an ſich lockte und zu ihrem eigenen Ver⸗ gnuͤgen finge, deſto hoͤheren Werth bekaͤme ihre Schoͤnheit, und ganz vorzuͤglich für denjenigen, dem ſie ſie zugleich mit ihrer Liebe hingegeben haͤtte. Der weiſe Student ließ die philoſophiſchen Ge⸗ danken bei Seite geſetzt ſeyn, und wandte ſeinen Geiſt nur ganz allein auf ſie; in der Meinung daher, ihr zu gefallen, kundſchaftete er ihre Wohnung aus, und fing an da vorbei zu gehen, mit allerlei Vor⸗ wänden ſeine Gaͤnge beſchoͤnigend. Die Dame, thoͤrichterweiſe, aus dem ſchon ange⸗ gebenen Grunde, bei ſich ſelbſt hiermit ſich ruͤhmend, zeigte, daß ſie dies recht gern ſaͤhe; daher ließ ſich der Student, da er Mittel dazu gefunden hatte, mit ihrem Maͤdchen ein, entdeckte dieſem ſeine Liebe, und 8 7 3— — — e⸗ d, it nd Siebente Novelle. bat, es bei der Frau zu bewirken, daß er die Gunſt derſelben gewinnen koͤnnte. Das Maͤdchen verſprach es ſehr gern, und er⸗ zählte es ihrer Dame wieder; dieſe hoͤrte mit vielem Lachen das Maͤdchen an, und ſagte: Siehſt Du wol, der will ſein bischen Verſtand hier auch verlieren, was er von Paris bis hierher zu uns mitgebracht hat! Nun gut, ich will ihm geben, was er ſucht. Sag' ihm, wenn er mehr mit Dir ſpricht, daß ich ihn viel mehr noch liebe, als er mich, aber daß ich im hohen Grade den Anſtand beobachten muß, wenn ich mit offener Stirn mit andern Frauen noch ſoll umgehen koͤnnen, weßhalb er, iſt er ſo weiſe, wie man ſagt, mich um ſo werther halten muͤßte. Ach, die Aermſte, Alleraͤrmſte! Sie wußte nicht, lieben Maͤdchen, was das heißt, es mit Stu⸗ denten wollen auf die Probe ankommen laſſen! Das Maͤdchen ſuchte den Studenten auf, und that, was die Frau ihr aufgegeben hatte. Der Student ſchritt frohen Muthes zu heißeren Bitten fort, fing an Briefe zu ſchreiben, Geſchenke zu uͤberſchicken, und Alles ward angenommen, ohne daß andere Antworten als nur die allgemeinſten wie⸗ der zuruͤckgekommen wären; und auf dieſe Art hielt ſie ihn lange Zeit hin. Endlich, da ſie ihrem Geliebten Alles entdeckt, und er daruͤber ſich mit ihr einige Mal uͤberworfen hatte, und ſogar etwas eiferſuͤchtig geworden war, ſchickte ſie, um ihm zu beweiſen, daß er ſie mit Un⸗ recht argwoͤhne, und der Student immer mehr in ſie Achter Tag. drang, ihr Maͤdchen an ihn ab, welches ihm in ihrem Namen ſagen mußte, ſie haͤtte noch immer nicht Zeit gehabt, zu thun, was er wunſche, nachdem er ihr ſeine Liebe geſtanden habe; ſie hoffe aber in den Weihnachtsfeſttagen, welche heran naheten, mit ihm zuſammen ſeyn zu koͤnnenz er moͤchte daher am naͤch⸗ ſten Feſt⸗Abend, ſpät gegen die Nacht, wenn es ihm geſiele, in ihren Hof kommen, wo ſie, ſobald ſie nur konnte, zu ihm kommen wuͤrde. Der Student, froher als irgend ein Menſch, ging zu der ihm beſtimmten Zeit nach dem Hauſe der Dame hin, und, von dem Mädchen in einen Hof gefuͤhrt und darin eingeſchloſſen, erwartete er nun ſeine Dame nach und nach. Die Dame hatte dieſen Abend ſich ihren Gelieb⸗ ten kommen laſſen, und nachdem ſie froͤhlich mit ihm zu Abend gegeſſen, ſagte ſie ihm, was ſie in dieſer Nacht zu thun willens waͤre und ſetzte hinzu; So kannſt Du ſehen, wie groß und von welcher Beſchaf⸗ fenheit meine Liebe iſt, die ich fuͤr den, auf den Du ſo thoͤrichterweiſe eiferſuͤchtig biſt, gehegt habe, und hege. Dieſe Worte vernahm der Liebhaber zur großen Freude ſeines Herzens, und war begierig, das wirklich erfuͤllt zu ſehen, was die Dame mit Worten ihm zu verſtehen gegeben hatte. Zufaͤlligerweiſe hatte es den Tag vorher ſehr geſchneit, und Alles war mit Schnee bedeckt; der Student hatte daher noch nicht lange im Hofe ver⸗ weilt, ſo fing er mehr Kaͤlte zu verſpuͤren an, als b⸗ m ſer So af⸗ Du ind ßen ich zu ehr der ver⸗ Siebente Novelle. 63 er gewuͤnſcht hatte; indeſſen in der Hoffnung, ſich da⸗ von zu erholen, ertrug er ſie ganz geduldig. Nach einiger Zeit ſagte die Dame zu ihrem Ge⸗ liebten: Laß uns in jenes Zimmer gehen, und aus einem Fenſter ſehen, was der, auf den Du eifer ſuͤch⸗ tig geworden warſt, macht, und was er dem Maͤdchen antworten wird, was ich, um mit ihm zu ſprechen, zu ihm geſchickt habe. Sie gingen hierauf nach einem Fenſterchen hin, aus welchem ſie ungeſehen hinausſahen und hoͤrten, wie das Mädchen aus einem andern zu dem Studen⸗ ten ſprach, und ſagte: Rinieri, Madonna iſt betrub⸗ ter, wie nur eine Frau je geweſen iſt, denn es iſt einer ihrer Bruͤder dieſen Abend gekommen, der mit ihr vieles zu beſprechen hat, und dann mit ihr zu Abend eſſen will; er iſt zwar noch nicht fortgegan⸗ gen, doch glaube ich, daß er bald gehen wird, und deßhalb hat ſie noch nicht zu Dir kommen koͤnnen, aber ſie wird bald kommen. Sie bittet Dich, es mochte Dich nicht verdrießen, zu warten. Der Student, der dies fuͤr wahr hielt, antwor⸗ tete: Sage meiner Dame, es beduͤrfe keines Gedan⸗ kens weiter an mich, ehe ſie nicht nach ihrer Bequem⸗ lichkeit zu mir kommen koͤnnte, ſie moͤchte es aber ſobald als moͤglich thun. Das Maͤdchen ging wieder hinein, und legte ſich ſchlafen. Die Dame ſagte hierauf zu ihrem Geliebten: Nun, was ſagſt Du? glaubſt Du, daß, wenn ich ihm ſo wohl wollte, als Du fuͤrchteſt, ich es leiden Achter Tag. wurde, daß er da unten erfrieren könnte? Und nach⸗ † dem ſie dies geſagt hatte, legte ſie ſich mit ihrem Geliebten, der zum Theil ſchon befriedigt war, zu Bette, und ſie verbrachten den groͤßten Theil der Nacht in Freude und Vergnugen, uͤber den armen Studenten lachend und ſpottend. Der Student ging im Hofe herum, ſetzte ſich in Bewegung, um ſich zu erwaͤrmen, da er aber nichts fand, worauf er ſich niederlaſſen, noch wo er der 1 heitern Kaͤlte entfliehen konnte, ſo verwuͤnſchte er das lange Verweilen des Bruders bei der Dame, und t hoͤrte er was, ſo glaubte er, daß es eine Thuͤr wäre, welche von der Dame fuͤr ihn geoͤffnet wuͤrde; aber n er hoffte umſonſt. d Nachdem ſie ſich nun bis Mitternacht hin mit ihrem Geliebten erfreut hatte, ſagte ſie zu ihm: Liebe Seele, was haͤltſt Du von unſerm Studenten? was duͤnkt Dir groͤßer, ſein Verſtand, oder die Liebe, die ich fuͤr ihn habe? Wird die Kaͤlte, die ich ihn b ausſtehen laſſe, das aus Deiner Bruſt verſcheuchen, n was durch meine Worte Dir neulich hineingedrun⸗ w gen iſt? d Der Liebhaber antwortete: O Du Herz meines ſe Koͤrpers, ja, genngſam erkenne ich, ſo wie Du mein Gut, meine Ruhe, meine Wonne und meine Hoff⸗ te nung biſt, ſo bin ich es auch Dir.. ſi Nun, ſagte die Dame, ſo kuͤſſe mich tauſend di Mal, damit ich ſehe, ob Du auch wahr ſprichſt. Daher ſchloß der Geliebte ſie feſt in ſeine Arme, in und kuͤßte ſie nicht tauſend Mal, ſondern mehr als v— W— 5 1— Siebente Novelle. 65 hunderttauſend Mal. Und als ſie ſich einige Zeit auf dieſe Art unterhalten hatten, ſagte die Dame: Laß uns doch ein wenig aufſtehen, und ſehen, ob das Feuer erloſchen iſt, in welchem mein neuer Liebhaber mir ſchrieb, daß er den ganzen Tag hindurch brenne. Sie ſtanden auf, traten an das bekannte Fen⸗ ſterchen und ſahen in den Hof; da erblickten ſie den Studenten auf dem Schnee ein haperiges Taͤnzchen beim Tone des Zahn⸗Klapperns machen, welches er aus zu großer Kaͤlte ſo oft und ſo ſchnell wieder⸗ holte, wie ſie es nie auf ſolche Art geſehen hatten. Darauf ſagte die Dame: Was ſagſt Du denn nun, Du, meine ſuͤße Hoffnung? ſcheint es Dir nicht, daß ich die Maͤnner kann tanzen laſſen ohne Trom⸗ peten und Pfeifen? Läͤchelnd antwortete ihr der Geliebte: Meine einzige Wonne, ja! Da ſagte die Frau: ich denke, wir gehen einmal bis an die Thuͤr hinunter. Dort ſtehe denn ganz ſtill waͤhrend ich mit ihm rede, da werden wir ja hoͤren, was er ſagen wird; und wahrſcheinlich werden wir dann kein geringeres Freudenfeſt haben, als wir ſchon gehabt haben, ihn zu ſehen. Sie eroͤffneten daher ganz ſtill das Zimmer, tra⸗ ten an die Thuͤre hin, und ohne nur im Mindeſten ſie zu öffnen, rief ihm die Dame mit leiſer Stimme durch ein Ritzchen zu. Da der Student ſich rufen hoͤrte, lobte er Gott, indem er zu gewiß glaubte, hineinzukommen; er nä⸗ herte ſich daher der Thuͤr, und ſagte: Madonna, Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 5 66 Achter Tag. hier bin ich. Ich bitte Euch um Gottes willen, macht auf, denn ich ſterbe vor Kaͤlte. O ja, ſagte die Dame, ich weiß ja, daß Du ein Eisklumpen biſt; auch iſt die Kaͤlte ſehr groß, weß⸗ halb hier denn auch ein Bischen Schnee liegt; aber ich weiß doch auch, daß das in Paris noch weit är⸗ ger iſt. Ich kann Dir jetzt noch nicht aufmachen⸗ weil mein vermaledeyter Bruder, der geſtern Abend zum Abendeſſen herkam, immer noch nicht fortgegan⸗ gen iſt, aber er wird bald weggehen, und dann werde ich Dir ſogleich aufmachen. Ich habe mich jetzt nur ſo mit großer Muͤhe von ihm fortgeſtohlen, um Dir hier Troſt einzuſprechen, daß Du Dich nicht verdrie⸗ ßen laͤſſeſt, zu warten. Der Student antwortete: Ach, Madonna, ich bitte Euch bei Gott, macht mir auf, damit ich da drinnen nur wenigſtens unter Dach und Fach ſtehen kann, denn bis dieſen Augenblick iſt ein ſo dicker Schnee wie nur in der Welt heruntergefallen, und es ſchneiet noch immer fort; da will ich denn auf Euch warten, ſo lange es Euch beliebt. Die Dame ſagte: O weh, mein Süßer, das kann ich nicht; denn dieſe Thuͤr macht, wenn ſie geoͤffnet wird, ein ſo großes Geräuſch, daß mein Bruder es leicht hoͤren wuͤrde, wenn ich Dir aufmachte; aber ich will hingehen und ihm ſagen, daß er weggehen ſoll, damit ich zuruͤckkommen und Dir aufmachen kann. Der Student erwiederte: Nun ſo geht bald und ich bitte Euch, laßt ein tuͤchtiges Feuer machen, da⸗ in ß⸗ er — * n, nd de ur ir ie⸗ ich hen ker und auf ann net es ber hen chen und da⸗ — Siebente Novelle. 67 mit, wenn ich hineinkomme, ich mich wieder erwäͤr⸗ men kann, denn ich bin ſo durchgekaltet, daß ich kaum mich ſelbſt noch fuͤhle. Die Frau ſagte: Das kann doch wol nicht ſeyn, wenn das wahr iſt, was Du mir mehrmals geſchrie⸗ ben haſt, daß Du von Liebe gegen mich ganz ent⸗ brannt waͤreſt; aber jetzt uͤberzeuge ich mich, daß Du mich zum Beſten gehabt haſt. Jetzt gehe ich, warte nur, und ſey frohen Muthes! Der Geliebte, der Alles zu ſeinem groͤßten Ver⸗ gnügen gehoͤrt hatte, kehrte mit ihr nach dem Bette zuruͤck; dieſe Nacht aber ſchliefen ſie wenig, vielmehr verbrachten ſie ſie ganz zu ihrem Vergnuͤgen und uͤber den Studenten ſpottend. Der unglückliche Student, faſt zu einem Storche geworden(ſo gewaltig klapperten ihm die Zaͤhne), merkte nun wol, daß er zum Beſten gehabt wuͤrde, er verſuchte daher mehrmals, ob er die Thuͤr nicht oͤffnen koͤnnte, und ſah umher, wo er anderwärts wol herauskaͤme; allein da er nicht ſah, wie, machte er mehrere Bocksſpruͤnge, verwuͤnſchte das Wetter, die Bosheit der Frau und die Länge der Nacht zu⸗ gleich mit ſeiner Einfalt; und heftig gegen ſie er⸗ zuͤrnt, verwandelte ſich die lange und heiße Liebe, die er gegen ſie gehegt hatte, ploͤtzlich in bittern und grauſamen Paß, ſo daß er Großes und Verſchiedenes bei ſich uͤberlegte, um ein Mittel zur Rache zu fin⸗ den, nach welcher ihm jetzt mehr verlangte, als er fruͤher mit der hatte. Dame zuſammen zu ſeyn gewuͤnſcht 68 Achter Tag. Nach vielem und langem Verweilen naͤherte ſich die Nacht dem Tage, und die Morgenröthe erſchien nach und nach; daher ſtieg das Maͤdchen, von der Dame unterrichtet, hinunter, oͤffnete den Hof⸗ und, ihm ihr Mitleiden zeigend, ſagte ſie: Der Henker moͤchte doch den holen, der geſtern Abend gekommen wäre. Auch ſie iſt die ganze Nacht daruͤber ſehr verdrießlich geweſen, und hat Dich ganz erſtarren laſ⸗ ſen. Aber wer weiß, wozu es gut iſt! ertrag' es in Ruhe, denn was dieſe Nacht nicht hat ſeyn koͤn⸗ nen, wird ein ander Mal ſeyn. Ich weiß recht gut⸗ es konnte nichts geſchehen, was Madonna ſo mißfal⸗ len haͤtte. Der Student eben ſo aufgebracht als klug, wußte recht gut, daß Drohungen nur Waffen fuͤr den Bedrohten wären, verſchloß tief in ſeiner Bruſt, was ſein ungezuͤgelter Wunſch ausſtroͤmen zu laſſen ſich beſtrebte, und ſagte daher mit unterdruͤckter Stimme, ohne auch nur im Geringſten zu zeigen, wie aufgereizt er waͤre: Es iſt wahr, ich habe die ſchlech⸗ teſte Nacht gehabt, die ich nur je gehabt habe; aber ich habe ſehr wohl eingeſehen, daß die Dame keine Schuld daran hat, weil ſie ſelbſt ſo mitleidig gegen mich bis hier herunterkam, ſich zu entſchuldigen und mich zu troͤſten, und wie Du ſelbſt ſagſt, was dieſe Nacht nicht hat ſeyn koͤnnen, kann ein ander Mal ſeyn. Empfiehl mich ihr, und geh mit Gott. Und hiermit kehrte er, faſt ganz ſteif, ſo gut er nur konnte, nach ſeinem Hauſe zuruͤck. Hier warf er ſich, ganz ermudet und vor Schläfrigkeit faſt um⸗ S eg— e — r n r 25 n 4, — 1* g⸗ en ſt, en ie h⸗ er ne en en as er f 3. Siebente Nobelle. 69 kommend ins Bett, um auszuſchlafen, bis er dann, an Armen und Beinen faſt ganz gelähmt, erwachte. Er ſchickte daher nach einem Arzte, ſagte dieſem, was fuͤr eine Erkältung er erlitten habe, und bat ihn, ſeine Geſundheit wieder herzuſtellen. Die Aerzte kamen ihm zwar mit vorzuͤglichen und ſchnellen Mitteln zu Huͤlfe, indeſſen konnten ſie doch nur erſt nach einiger Zeit die Nerven wieder herſtellen, ſo daß ſie ſich wieder ausdehnten; und wäre er nicht noch ſo jung geweſen und die Waͤrme dazu gekommen, ſo hätte er noch viel daran ausſte⸗ hen muͤſſen. Indeſſen er ward wieder geſund und friſch, verſchloß aber ſeinen Haß ſo in ſich, daß er ſich mehr als je in die Wittwe verliebt anſtellte. Nach einem kurzen Zeitraum fuͤgte es ſich auch, daß das Gluͤck dem Studenten eine Gelegenheit zu⸗ bereitete, ſeinem Wunſche genuͤgen zu koͤnnen. Der junge Mann naͤmlich, der von der Wittwe ſo geliebt worden war, verliebte ſich, ohne Ruͤckſicht auf ihre Liebe gegen ihn, in eine andere Dame, woruͤber jene, da er weder wenig noch viel mehr ſagen oder thun wollte, was zu ihrem Vergnügen gereichte, ſich in Thraͤnen und Kummer verzehrte. Allein ihr Maͤdchen, was großes Mitleiden fuͤr ſie fͤhlte, fiel, da ſie durchaus kein Mittel finden konnte, ihrer Dame den Schmerz uber den verlornen Liebhaber zu mildern, und ſie den Studenten immer noch auf die gewoͤhnliche Art auf der Straße vorbei⸗ gehen ſah, auf einen naͤrriſchen Gedanken, und die⸗ ſer beſtand darin, daß der Geliebte der Dame durch 70 Achter Tag. eine geiſterbannende Operation wieder dahin gebracht werden koͤnnte, ſie, wie er es ſonſt pflegte, zu lieben; und daß der Student hierin ein großer Meiſter ſeyn muͤßte. Sie ſagte dies ihrer Herrſchaft. Die Dame, nicht vorſichtig genug, zu bedenken, daß der Student, wenn er Geiſter zu bannen verſtan⸗ den haͤtte, dieſe Kunſt fuͤr ſich angewendet haben wuͤrde, ſetzte ihr Vertrauen auf ihres Dienſtmaͤdchens Worte, und ſagte daher ſchnell zu ihr, ſie moͤchte von ihm zu erfahren ſuchen, ob er es thun wollte, und dann ihm ſicher verſprechen, daß ſie wieder zum Dank dafuͤr thun würde, was ihm gefiele. Das Mädchen richtete die Geſandtſchaft gut und⸗ ſorgfaͤltig aus⸗ Sobald der Student ſie vernommen hatte, ſagte er ganz froͤhlich bei ſich ſelbſt: Gott lob, die Zeit iſt gekommen, wo ich mit deiner Huͤlfe, dem gottlo⸗ ſen Weibe werde die Strafe zufügen koͤnnen fuͤr die Beleidigung, die ſie mir ſtatt der Belohnung fuͤr die große Liebe, die ich fuͤr ſie hegte, angethan hat. Er ſagte daher zum Mädchen: Du kannſt Deiner Frau nur ſagen, daruͤber ſolle ſie ſich keine Gedan⸗ ken machen; denn wenn auch ihr Geliebter in In⸗ dien waͤre; ſo wurde ich es ſchon dahin bringen, daß er gleich käme und ſie um Verzeihung bäte, gegen ihren Wunſch gehandelt zu haben. Aber wie ſie ſich dabei zu verhalten habe, das wollte ich ihr ſelbſt ſa⸗ gen, wenn und wo es ihr gefiele. Dies ſage ihr, und gruͤße ſie von meiner Seite. Das Maͤdchen richtete die Antwort aus, und es ed S— 5— it — * r r — * ⸗ ß n Siebente Novelle. 71 ward verabredet, bei St. Lucia del Prato zuſammen zu kommen. Hier kamen alſo die Dame und der Student hin, und nachdem ſie allein mit einander geſprochen hat⸗ ten, ſagte die Dame, die gar nicht mehr daran dachte⸗ daß ſie ihn beinahe dem Tode nahe gebracht hatte⸗ ihm ganz offen ihre ganze Lage, und was ſie wuͤn⸗ ſche, und dann bat ſie ihn um ihre Erhaltung. Wor⸗ auf der Student ſagte: Madame, es iſt wahr, unter mehreren Anderen, was ich in Paris gelernt habe, iſt auch die Geiſter⸗ beſchwoͤrung, von der ich gewiß weiß, was daran iſt; allein da ſie Gott im höchſten Grade mißfaͤllt, ſo hatte ich geſchworen, ſie weder für mich noch für einen Andern jemals auszuuͤben. Nun iſt es aber auch wahr, die Liebe, die ich fur Euch hege, iſt von ſolcher Gewalt, daß ich nicht weiß, wie ich Euch et⸗ was verſagen ſollte, was Ihr wuͤnſchet, daß ich thun moͤchte. Und deßhalb, mußte ich auch gleich, nur al⸗ lein um dieſes Einzigen willen in die Wohnung des Teufels binabfahren, bin ich bereit es zu thun/ weil es Euch gefällt. Aber ich ſage Euch vorher, es iſt weit ſchwieriger auszufuͤhren, als Ihr es Euch viel⸗ leicht vorſtellet, und vorzuglich, wenn eine Frau einen Mann, oder ein Mann eine Frau zur Liebe zuruck⸗ rufen will; denn das kann nicht anders, als in der eigenen Perſon deſſen geſchehen, den es angeht. Wer es ferner thun will, muß feſten Sinnes ſeyn, weil es nur in der Nacht, an einſamen Orten und ohne Geſellſchaft vorgenommen werden kann. Wie Ihr 72 Achter Tag. nun dies Alles zu thun aufgelegt ſeyd, das weiß ich nicht. Die Dame, mehr verliebt als klug, antwortete hierauf: Die Liebe treibt mich auf ſolche Art, daß nichts iſt, was ich nicht thun ſollte, um den wieder zu haben, der mich ſo mit Uurecht verlaſſen hat; bei dem Allen aber ſage mir doch, worin ich feſten Sinnes ſeyn muß. Der Student, der den Schelm im Nacken trug, ſagte: Madonna, ich ſelbſt muß von demjenigen, den ihr wieder zu erhalten wuͤnſchet, ein zinnernes Bild⸗ niß machen. Wenn ich Euch das dann werde zuge⸗ ſchickt haben, ſo muͤßt Ihr, bei ganz abnehmendem Monde, Euch nackt in einem fließenden Waſſer, ge⸗ gen den erſten Schlaf und ganz allein ſieben Mal mit demſelben baden, und alsdann ſo nackt auf einen Baum, oder irgend ein unbewohntes Haus ſteigen, und nach Mitternacht gekehrt muͤßt Ihr, mit dem Bilde in der Hand, ſieben Mal gewiſſe Worte her⸗ ſagen, die ich Euch aufgeſchrieben geben werde. So⸗ bald Ihr dieſe geſagt habt, werden Euch zwei Jung⸗ frauen erſcheinen, ſchoͤner, wie Ihr ſie nur je geſe⸗ hen habt, dieſe werden Euch begruͤßen und fragen, was Ihr wollt, daß geſchehen ſoll. Dieſen muͤßt Ihr dann gut und vollſtändig Euer Begehren ſagen; aber huͤtet Euch, daß Ihr nicht einen fuͤr einen Andern nennet. Habt Ihr dies geſagt, ſo werden ſie ſich entfernen, und Ihr koͤnnt alsdann nach dem Orte hinabſteigen, wo Ihr Eure Kleider gelaſſen habt, Euch ankleiden und nach Hauſe zuruckkehren. Und — „„—— Siebente Novehe. 73 gewiß, die folgende Nacht wird kaum zur Hälfte ver⸗ floſſen ſeyn, ſo wird Euer Geliebter in Thränen er⸗ ſcheinen, und Euch um Gnade und Barmherzigkeit anflehen; und dann wiſſet, von dieſer Stunde an wird er Euch um keine Andere je wieder verlaſſen. Die Dame ſchenkte allem, was ſie gehoͤrt hatte, vollen Glauben, und in der Meinung, ihren Geliebten ſchon wieder in den Armen zu haben, war ſie halb erfreut und ſagte: Zweifle nicht, Alles das werde ich ſchon ganz vortrefflich machen, denn dazu habe ich die beſte Gelegenheit von der Welt. Ich habe uberdies im Arno⸗Thal hinauf ein kleines Guͤtchen, welches ziemlich nahe am ufer des Fluſſes liegt, und gerade jetzt iſt es im Juli, wo das Baden ſehr ange⸗ nehm iſt. Auch erinnere ich mich, nicht weit vom Fluſſe ab iſt ein kleines unbewohntes Thuͤrmchen, wenn nicht je zuweilen auf die Stufen von Käſten⸗ holz, die dort ſind, Hirten zu dem daſelbſt befindli⸗ chen Erker hinaufſteigen, um nach ihrem verirrten Viehe auszuſehen; das iſt ein ſehr einſamer, entle⸗ gener Ort, da werde ich hinaufſteigen, und da glaube ich am beſten Alles ausfuhren zu koͤnnen, was Du mir aufgegeben haſt. Der Student, welcher das Plaͤtzchen der Dame und das Thuͤrmchen ſehr gut kannte, freute ſich, daß er ſeiner Abſicht gewiß ſeyn konnte, und ſagte: Ma⸗ donna, ich bin niemals in dieſer Gegend geweſen, daher kenne ich weder das Guͤtchen, noch das Thuͤrm⸗ chen; aber wenn es ſo iſt, wie Ihr ſagt, ſo kann es in der Welt nicht beſſer ſeyn. Daher werde ich Achter Tag. Euch, wenn es Zeit ſeyn wird, das Bildniß und den Zauberſpruch ſenden. Aber ich bitte Euch recht ſehr, wenn Ihr Euren Wunſch werdet erreicht haben, und einſehen werdet, daß ich Euch gut bedient habe, dann erinnert Euch doch meiner auch und haltet mir Euer Verſprechen. Die Dame erwiederte, daß ſie das unfehlbar thun wuͤrde, nahm von ihm Abſchied und kehrte nach ihrem Hauſe zuruͤck. Der Student, froh, daß ſeine Abſicht, wie es ſchien, ſo guten Erfolg haben werde, machte ein Bildniß mit ſeinen Zauberzeichen, und ſchrieb eine Poſſe als eine Zauberformel auf; dann ſchickte er es, als es ihm Zeit zu ſeyn ſchien, der Dame, und ließ ihr ſagen, ſie moͤchte in der kommenden Nacht ohne weiteren Verzug thun, was er ihr geſagt haͤtte; er ſelbſt aber ging ganz im geheim mit einem Be⸗ dienten nach dem Hauſe eines Freundes, welches in der Naͤhe des Thuͤrmchens lag, um ſeine Gedanken völlig auszufuͤhren. Die Dame machte ſich ihrerſeits mit ihrem Mäd⸗ chen ebenfalls auf den Weg, und ging nach ihrem Guͤtchen hin. Sobald die Nacht gekommen war, that ſie, als wolle ſie zu Bette gehen, und ſchickte auch ihr Maͤdchen zum Schlafen fort; dann ging ſie, ge⸗ gen den erſten Schlaf, ſtill aus ihrem Hauſe hinaus in die Nähe des Thuͤrmchens am Ufer des Arno hin. Nachdem ſie ſich vielmals umgeſehen hatte, und Kei⸗ nen weder ſah noch hoͤrte, kleidete ſie ſich aus, und verbarg ihre Kleider unter einem Strauche, dann 5* „ W* Siebente Novelle. 75. badete ſie ſich mit dem Bilde ſieben Mal, worauf ſie endlich nackt, mit dem Bilde in der Hand, nach dem Thurme zuruͤckkehrte. Der Student, der gegen die einbrechende Nacht mit ſeinem Bedienten zwiſchen Weiden und andern Bäumen in der Nähe des Thuͤrmchens ſich verſteckt und alles dies geſehen hatte, fuͤhlte, da ſie ſo nackt beinahe an ſeiner Seite vorbeiging, und er ſah, daß ſie mit der Weiße ihres Koͤrpers die Finſterniß der Nacht beſiegte, er ferner dann die Bruſt und die an⸗ dern Glieder ihres Koͤrpers betrachtete und ſah, wie ſchoͤn ſie waren, hierauf aber bei ſich ſelbſt bedachte, was ſie in kurzer Zeit werden ſollten, einiges Mit⸗ leiden; von der andern Seite aber fiel ihn ploͤtzlich der Reis des Fleiſches an, welcher das, was bis da⸗ hin niedergelegen hatte, in die Hoͤhe hob, trieb ihn an, aus ſeinem Hinterhalte heraus und auf ſie los⸗ zugehen, um ſein Vergnuͤgen mit ihr zu genießen, ſo daß er auch nahe daran war, dem Einen oder dem Andern zu erliegen. Aber da kehrte in ſeinen Sinn zuruͤck, warum und von wem er die Beleidigung em⸗ pfangen hatte, daher entflammte ſein Zorn ſich wie⸗ der, verjagte das Mitleid und die Fleiſchesluſt, ſo daß er feſt in ſeinem Hinterhalte ſtehen blieb und ſie voruͤber gehen ließ. Die Dame ſtieg auf den Thurm hinauf, und nach Norden gekehrt, fing ſie an, die Worte, welche der Student ihr gegeben hatte, herzuſagen. Dieſer aber war bald nachher ganz ſtille in den Thurm hin⸗ eingegangen, und hatte nach und nach die Leiter, Achter Tag. welche nach dem Erker hinauffuͤhrte, auf welchem ſich die Dame befand, weggenommen, dann wartete er ab, was ſie thun oder ſagen wuͤrde. Die Dame ſagte ihre Zauberformel ſieben Mal her, und harrete nun der beiden Jungfrauen; aber das Harren dauerte ſo lange(ohne daß ſie uͤberdies mehr noch zu frieren anfing, als ſie es wuͤnſchte) bis ſie die Morgenroͤthe erſcheinen ſah. Traurig daher daruͤber, daß es nicht gekommen war, wie der Stu⸗ dent es ihr geſagt hatte, ſagte ſie bei ſich ſelbſt: ich fuͤrchte faſt, der hat mir eine eben ſolche Nacht ma⸗ chen wollen, als ich ihm gemacht hatte; aber wenn er es mir auch ſo hat machen wollen, ſo hat er es doch nur ſchlecht verſtanden ſich zu raͤchen. Denn dieſe iſt nicht den dritten Theil ſo lang als ſeine war, unbeachtet, daß die Kaͤlte von ganz anderer Art war. Und damit der Tag ſie hier nicht empfangen moͤchte, wollte ſie von dem Thurme hinunterſteigen⸗ aber da fand ſie, daß die Leiter nicht mehr vorhan⸗ den war. Nun war es, als wenn die ganze Welt unter ihren Fuͤßen zuſammenſänke, der Muth entfloh, und geſchlagen ſank ſie auf dem Boden des Thurmes nieder. Nachdem ihre Kraͤfte wieder zuruͤckgekehrt waren, fing ſie erbärmlich an zu weinen und zu kla⸗ gen, und ſah vollkommen ein, daß dies ein Werk des Studenten ſeyn müſſe; ſie machte ſich daher zu⸗ erſt daruͤber bittere Vorwuͤrfe, ihn beleidigt, und dann dem zu viel zugetrauet zu haben, den ſie mit Recht fuͤr ihren Feind halten mußte. Und hierbei — W— 85 — S N ec u— S——— i Siebente Novelle. blieb ſie eine lange Zeit. Dann blickte ſie wieder umher, ob nicht irgend ein Weg waͤre, hinunter zu kommen, und da ſie keinen ſah, fing ſie von neuem an zu weinen, und in bitteres Nachdenken verſunken, ſagte ſie zu ſich ſelbſt: O, Ungluͤckſelige! was werden deine Bruder ſa⸗ gen, deine Anverwandten, die Nachbaren und uͤber⸗ haupt alle Florentiner, wenn es bekannt werden wird, daß du nackt hier gefunden worden biſt? Deine Sittſamkeit, bis jetzt ſo groß, wird für falſch er⸗ kannt werden, und wollteſt du auch erlogene Ent⸗ ſchuldigungen dafuͤr auffinden, was wuͤrden ſie dir helfen, denn der verwuͤnſchte Student, der um alle deine Sachen weiß, wuͤrde dich nicht lugen laſſen. D! Elende! die du mit Einem Male den zu dei⸗ nem Ungluͤck geliebten jungen Mann und deine Ehre verloren haſt! Und hiernach verſank ſie in ſolchen Schmerz, daß ſie im Begriff war, ſich von dem Thur⸗ me hinab zu ſtuͤrzen. Indeſſen, da die Sonne ſchon aufgegangen war, und ſie ſich mehr an eine Wand des Thurmes ange⸗ lehnet hatte, um ſich umzuſehen, ob nicht ein Knabe ſich etwa mit Vieh naͤherte, den ſie nach ihrem Mäd⸗ chen hinſchicken könnte, traf es ſich, daß der Student, welcher am Fuße eines Strauches eingeſchlafen war, aufwachte und ſie erblickte, ſo wie ſie ihn; da rief er ihr zu: Guten Morgen, Madame! Sind die Jung⸗ fvauen noch nicht gekommen? Da die Dame ihn ſah und hoͤrte, fing ſie wieder ſehr an zu weinen und bat ihn, er moͤchte doch nach —————— ———————— — ——————.————. 78 Achter Tag. dem Thurme kommen, damit ſie mit ihm reden koͤnnte. Der Student gewährte es ihr hoͤflich. Die Dame legte ſich mit dem Geſichte auf den Boden hin, und ſteckte bloß den Kopf aus dem Trep⸗ penloche hinaus, und ſagte mit Thraͤnen: Wayrlich, Rinieri, wenn ich Dir eine boͤſe Nacht gemacht habe, ſo haſt Du Dich an mir tuͤchtig geraͤcht; denn ob es gleich im Julius iſt, ſo habe ich doch geglaubt, ich muͤßte dieſe Nacht, da ich ganz nackt bin, erfrieren, nicht zu gedenken, wie ich den Dir geſpielten Betrug und meine Thorheit, Dir geglaubt zu haben, beweint habe, ſo iſt es ein Wunder, wenn meine Augen noch im Kopfe geblieben ſind. Und darum bitte ich Dich⸗ nicht aus Liebe fuͤr mich, die Du nicht lieben darfſt, ſondern aus Liebe fuͤr Dich ſelbſt, der Du ein edler Menſch biſt, laß Dir fuͤr die Rache uͤber die Kran⸗ kung, die ich Dir angethan habe, das genuͤgen, was Du bis dieſen Augenblick an mir gethan haſt, laß mir meine Kleider wieder geben, damit ich von hier wieder hinunterſteigen kann; und wolle nicht das mir nehmen, was Du nachher mir nicht wiedergeben koͤnnteſt, wenn Du auch wollteſt, das iſt meine Ehre. Denn wenn ich Dich auch darum gebracht habe, jene Nacht mit mir zuzubringen, ſo kann ich Dir zu je⸗ der Stunde, wenn es Dir gefällig iſt, viele fur dieſe eine erſetzen. Laß Dir alſo dies genug ſeyn, und ſey, wie ein wackerer Mann, damit zufrieden, daß Du Dich rächen konnteſt, und daß Du mich das haſt einſehen laſſen; brauche nicht Deine Kräfte gegen * e⸗ 8 n, 19 nt ch h ſt, ler in⸗ as laß ier das ben re. ene je⸗ ieſe und daß haſt egen Siebente Novelle. 79 ein Weib. Keinen Ruhm bringt es dem Adler, eine Taube überwunden zu haben; darum um Gotteswil⸗ len und zu Deiner eigenen Ehre, habe Mitleiden mit mir. Der Student gedachte ſtolzen Sinnes bei ſich der empfangenen Beleidigung, und da er ſie weinen und bitten ſah, fuͤhlte er in ſeinem Innern zugleich Freude und Verdruß; Freude uͤber die Rache, die er mehr als ſonſt irgend etwas gewuͤnſcht hatte; Ver⸗ druß aber fuͤhlte er, da ſein menſchliches Gefuͤhl ihn zum Mitleid gegen die Elende aufregte. Indeſſen da ſein menſchliches Gefuͤhl die Unbaͤndigkeit ſeiner Begierde nicht uͤberwinden konnte, ſo antwortete er: Madonna Helena, wenn meine Bitten(die ich wahrlich nicht mit Thränen benetzen, noch ſo honig⸗ ſuͤß, wie Du jetzt die Deinigen vorzubringen wußte), nur in jener Nacht, in welcher ich auf Deinem mit Schnee angefuͤllten Hofe vor Kaͤlte faſt geſtorben war, erwirkt haͤtten, daß ich von Dir nur ein wenig unter Dach und Fach gebracht worden wäre, ſo wuͤr⸗ de es mir jetzt ein Leichtes ſeyn, die Deinigen zu erhoͤren; aber wenn es Dir jetzt mehr als damals um Deine Ehre zu thun iſt, und es Dir ſchwer faͤllt, da oben nackt zu verweilen, ſo richte dieſe Bitten an den, in deſſen Armen es Dir nicht zuwider war, jene Nacht, deren Du Dich ſelbſt erinnerſt, nackt zuzubrin⸗ gen, waͤhrend Du wußteſt, daß ich mit klappernden Zähnen und auf dem Schnee herumtrampelnd auf Deinem Hofe umherlief; laß Dir von ihm hel⸗ fen, von ihm laß Dir Deine Kleider wiederbrin⸗ Achter Tag. gen, von ihm laß Dir die Leiter anlegen, um herunter zu ſteigen, ihm ſuche Zartgefuͤhl fuͤr Deine Ehre abzugewinnen, fuͤr den Du ſie gerade damals jetzt und tauſend andere Mal nicht angeſtanden haſt, in Gefahr zu ſetzen. Warum rufſt Du ihn nicht, daß er Dir helfe? Denn wem kommt es mehr zu, als ihm? Du biſt ja die Seinige: und was wol ſollte er ſchuͤtzen, oder wem helfen, wenn er Dich nicht ſchuͤtzt, Dir nicht hilft? Ruf' ihn doch, Du viſt eine Thoͤrin, und verſuch' es, ob die Liebe, die er fuͤr Dich hegt, und Dein Witz zugleich mit dem ſeinigen Dich von meiner Albernheit befreien koͤnnen, uͤber welche Du, als Du Dich mit ihm vergnuͤgteſt, ihn fragteſt, was ihm groͤßer zu ſeyn ſchiene, ob wol meine Thorheit, oder die Liebe, die Du fuͤr ihn hät⸗ teſt. Jetzt freilich wuͤrdeſt Du mir das, was ich nicht verlange, wol freundlich zugeſtehen, noch viel weniger, wenn ich es verlangte, verweigern. Deinem Geliebten ſpare Deine Naͤchte auf, wenn Du ja noch lebendig wieder von hier fortkommen ſollteſt; Dir und ihm gehoͤren ſie. Ich hatte an einer ſchon zu viel, und es iſt mir voͤllig genug, einmal verſpottet worden zu ſeyn. Und auch jetzt, wo Du Deine Liſt im Reden anwendeſt, bemuͤheſt Du Dich, durch Lob mein Wohlwollen zu erreichen, und nennſt mich einen edlen wackeren Mann, ja, bemuͤheſt Dich auch ſtillſchweigend, es dahin zu bringen, daß ich großmuͤ⸗ thig davon abſtehe, Dich fuͤr Deine Bosheit zu be⸗ ſtrafen; aber Deine Schmeicheleien ſollen mir die Augen des Verſtandes nicht umnebeln, wie es Deine 5— —— 2 — S 8— w* Siebente Novelle. 81 treuloſen Verſprechungen einſt thaten. Ich kenne mich, indeſſen ſo viel habe ich durch mich ſelbſt doch nicht gelernt, während ich mich in Paris aufhielt, als Du mich in Einer Nacht Dein ganzes Weſen kennen gelehrt haſt. Aber geſetzt auch, ich waͤre großmuͤthig, ſo biſt Du nicht diejenige, gegen welche die Großmuth ihre Wirkungen zeigen muß. Bei wilden Thieren, ſo wie Du eins biſt, muß das Ende der Reue, ſo wie der Rache, der Tod ſeyn, da im Gegentheil bei Menſchen es ſo genug iſt, wie Du es ſagſt. Wenn ich daher auch kein Adler bin, ſo wie ich Dich wie keine Taube, ſondern wie eine giftige Schlange kennen gelernt habe, ſo geht meine Abſicht dahin, Dich wie meinen alteſten Feind mit allem Haſſe und mit aller Gewalt zu verfolgen; wenn auch gleich das, was ich Dir anthue, eigentlich keine Rache, ſondern nur eine Zuͤchtigung genannt werden kann, inſofern die Rache die Beleidigung uͤbertreffen muß, und dahin kann ich nie gelangen; denn wenn ich mich räͤchen wollte, ſo wuͤrde, wenn ich bedenke, wohin Du mein Leben gebracht hatteſt, mir es nicht genug ſeyn, Dir und hundert andern Deines Gleichen das Leben zu nehmen. Denn ich wurde immer nur ein gemeines, ſchlechtes und gottloſes Frauenzimmer von der Welt ſchaffen. Und was Teufel, biſt Du denn mehr, wenn ich dies Dein Bischen Larve wegnehme, was ſo ein paar Jahre verderben werden, wenn es mit Runzeln angefüllt ſeyn wird, als iedes andere abgefeimte Dienſtmaͤdchen? Wenn es nun alſo an Dir nicht lag, einen braven Mann, wie Du vorher mich nann⸗ Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 6 82 Achter Tag. teſt, ums Leben zu bringen, deſſen Leben wol für mehr als nur fuͤr einen Tag der Welt nuͤtzlich wer⸗ den kann, da hunderttauſend Deines Gleichen es nicht könnten, ſo lange auch die Welt ſtaͤnde; ſo will ich Dich, freilich durch dieſe Qual, welche Du ausſtehſt, lehren, was es heißt, Maͤnnern ſpotten, die noch ein Gefuͤhl haben, was das heißt, Studenten ſpotten, ja, ich will Dir die Warnung geben, daß Du nie wieder in ſo eine Fhorheit verfaͤllſt, wenn Du jetzt noch gluͤcklich entkommſt. Indeſſen wenn Du ſo große Luſt haſt, herunter zu kommen, warum ſtuͤrzeſt Du Dich nicht auf die Erde herab? Brichſt Du Dir dann mit Gottes Huͤlfe den Hals, ſo biſt Du mit einem Male aller Qual los, in welcher Du Dich zu befin⸗ den glaubſt, und mich wirſt Du zum froͤhlichſten Menſchen von der Welt machen. Zetzt ſage ich Dir nichts mehr. Dahin wußte ich es zu bringen, daß Du hier hinaufſtiegeſt, jetzt ſuche Du es nun dahin zu bringen, daß Du wieder herunterkommſt, ſo wie Du meiner zu ſpotten wußteſt. 1* Während der Student dies ſagte, weinte die un⸗ gluckliche Donna fortwährend, und die Zeit verfloß, da die Sonne immer hoͤher ſtieg. Aber da ſie merk⸗ te, daß er ſchwieg, ſagte ſie: War denn, grauſgmer Mann, jene verwünſchte Nacht Dir ſo druͤckend, und ſchien Dir mein Verge⸗ hen ſo groß, daß weder meine jugendliche Schoͤnheit, noch die bitteren Thraͤnen, noch die demüthigen Bit⸗ ten Dich zum Mitleid bewegen können, ſo moͤge dieſe meine einzige Handlung Dich ruͤhren, und Deine in⸗ ten dir ß hin vie un⸗ oß⸗ rk⸗ hte ge⸗ eit, it⸗ e ſe ine Siebente Novelle. 83 ſtrenge Haͤrte mildern, daß ich mich jetzt von neuem auf Dich verließ, und mein ganzes Geheimniß Dir entdeckte, wodurch ich Deinem Verlangen, mich uͤber mein Vergehen zur Erkenntniß zu bringen, den Weg geoͤffnet habe; denn ohne daß ich mich Dir anver⸗ trauet hätte, wuͤrde Dir kein Weg uͤbrig geblieben ſeyn, Dich an mir zu raͤchen, was Du doch mit ſol⸗ cher Begierde gewuͤnſcht zu haben zeigſt. O laß Dei⸗ nen Zorn fahren, und verzeihe mir nun. Wenn Du mir verzeihen willſt und mich von hier hinunterſtei⸗ gen läßt, ſo bin ich bereit, den treuloſen Juͤngling gaͤnzlich zu verlaſſen, und Dich allein als meinen Geliebten und Herrn zu erkennen, ſo ſehr Du auch meine Schoͤnheit tadeln magſt, indem Du ſie fuͤr bald vergänglich und von wenigem Wetthe haͤltſt; indeſſen mag ſie auch, gegen die Andern gehalten, ſeyn, wie ſie wolle, ſo weiß ich doch, daß, wenn ſie auch aus keinem andern Grunde Werth haͤtte, ſie ihn doch darum haͤtte, weil ſie dem juͤngern Thell der Männer, und Du biſt doch auch noch nicht alt, ſehr wohl zum Reiz, zur Kurzweil und zum Vergnuͤgen dienen kann Mag ich daher auch gleich grauſam von Dir behandelt werden, ſo kann ich doch immer nicht glauben, daß Du es ruhig mit anſehen könnteſt, wenn ich mir einen ſo ehrloſen Tod gabe, als der ſeyn wuͤrde, wenn ich mich als eine Verzweifelte hier vor Deinen Augen hinabſtuͤrzte, denen ich doch einſt, wenn Du kein Luͤgner warſt, wie Du es geworden biſt, ſo gefiel. O um Gottes willen und aus Mit⸗ leid erbarme Dich meiner! Die Sonne fängt ſchon Achter Tag. an heißer zu werden, und ſo wie die zu große Kaͤlte in dieſer Nacht mich verletzt hat, ſo faͤngt auch die Hitze ſchon an, mir zur groͤßten Laſt zu werden. Hierauf antwortete der Student, der zum Ver⸗ gnügen ſie mit Worten hinhielt: Madonna, Dein Zutrauen gabſt Du mir jetzt nicht aus Liebe, die Du gegen mich hegteſt, in meine Hände, ſondern nur um den wieder zu erhalten, den Du verloren haſt, und das verdient nichts anders, als nur noch ein groͤßeres Uebel; thoͤrichterweiſe aber glaubſt Du, wenn Du es glaubſt, dies, und nichts anderes, waͤre der einzige Weg geweſen, der ſich gluͤcklicherweiſe meiner erſehn⸗ ten Rache dargeboten haͤtte. Ich hatte noch tauſend andere, und aber tauſend Schlingen hatte ich Dir dadurch, daß ich Dir vorſpiegelte, ich liebte Dich, vor die Fuͤße gelegt, ſo daß es eben nicht vieler Zeit be⸗ durfte, daß Du nothwendig, wenn eine Falle mir nicht gelungen waͤre, in die andere haͤtteſt fallen muͤſ⸗ ſen; und Du konnteſt in keine andere fallen, wo Du nicht in eine noch groͤßere Strafe und Schmach, als dieſe iſt, gefallen waͤreſt. Und dieſe habe ich nicht darum gewählt, um ſie Dir etwa zu erleichtern, ſon⸗ dern damit ich ihrer deſto eher froh wuͤrde. Und wenn alle mir verſagt haͤtten, ſo entging mir die Feder nicht, mit welcher ich ſo viel, ſo verſchiedenes und auf ſo mannichfaltige Art von Dir geſchrieben haben wuͤrde, daß, wenn Du es wieder erfahren hät⸗ teſt, und das wuͤrdeſt Du, jeden Tag tauſend Mal ge⸗ wuͤnſcht haben wuͤrdeſt, jemals geboren zu ſeyn. Die Macht der Feder iſt bei weitem viel groͤßer, als die⸗ * v——— Siebente Novelle. 85 jenigen glauben, die ſie nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt haben. Und ich ſchwoͤre es bei Gott, ¶o daß er dieſer Rache, die ich an Dir nehme, mich bis ans Ende ſo erfreuen laſſe, wie er es von An⸗ fang an mir hat gelingen laſſen 1) ich wuͤrde Dinge von Dir geſchrieben haben, uͤber welche Du, nicht wie uͤber fremde Perſonen, ſondern uͤber Dich ſelbſt Dich ſo haͤtteſt ſchaͤmen ſollen, daß Du Dir, um Dich nur nicht mehr ſehen zu koͤnnen, die Augen ausge⸗ riſſen haben wuͤrdeſt; und darum mache dem Meere keine Vorwürfe, daß ein kleines Bächlein es noch hat anſchwellen laſſen. Um Deine Liebe, und daß Du die Meinige wäreſt, darum kuͤmmere ich mich, wie ich ſchon geſagt habe, gar nicht. Sey Du im⸗ merhin deſſen, deſſen Du geweſen biſt, wenn Du es kannſt. So ſehr ich ihn auch einſt haßte, ſo ſehr liebe ich ihn jetzt, hinſichts der Art und Weiſe, wie er gegen Dich gehandelt hat. Du und Deines Glei⸗ chen, Ihr verliebt Euch, und wuͤnſcht die Liebe Juͤn⸗ gerer, weil Ihr ſehet, daß ſie mit lebendigerem Flei⸗ ſche und ſchwaͤrzeren Baͤrten aufrecht gehen, tanzen und fechten; das konnten alle diejenigen auch, welche etwas älter ſind, und das ſchon wiſſen, was jene erſt lernen muͤſſen. Und überdies haltet ihr ſie auch fuͤr beſſere Ritter, die an ihren Tagefahrten mehrere Meilen machen, als die Maͤnner reiferen Alters. Ich bekenne es zwar frei, jene wiſſen mit groͤßerer Kraft den Pelz auszuklopfen, aber die älteren verſtehen es beſſer, den Ort zu finden, wo der Floh ſitzt; und das Wenige, aber Geſchmackvolle iſt doch bei weitem Achter Tag. eher zu wählen, als das Viele aber Geſchmackloſe; und das ſtarke Traben erlahmt und ermattet Jeden, wenn er auch noch ſo jung iſt. Dahingegen das ſanf⸗ tere Gehen, wenn es uns auch viel langſamer zur Her⸗ berge fuͤhrt, uns doch wenigſtens ruhig dahin leitet. Ihr merket gar nicht darauf, ihr unverſtändigen Ge⸗ ſchöpfe, wie viel Boͤſes unter dieſem Bischen huͤb⸗ ſchen Ausſehen verborgen liegt. Die jungen Män⸗ ner ſind mit einer nicht zufrieden, ſondern ſo viel ſie ihrer nur ſehen, ſo viel wollen ſie derer haben, und ſo vieler halten ſie ſich fuͤr wuͤrdig; aber eben darum kann auch ihre Liebe nicht dauerhaft ſeyn, und davon kannſt Du jetzt den ſicherſten Beweis ab⸗ geben. Sie halten ſich fuͤr wuͤrdig, von ihren Ge⸗ liebten verehrt und geliebkoſet zu werden, und ſie kennen keinen groͤßeren Ruhm, als ſich derer zu ruͤh⸗ men, die ſie gehabt haben; und aus dieſer irrigen Scheu haben viele ſich unter die Fratres hingegeben, weil dieſe nichts ausſchwatzen. Wenn Du auch gleich ſagſt, daß Keiner um Deine Liebesgeſchichten nur das Mindeſte wiſſe, als Dein Dienſtmaͤdchen und ich, ſo biſt Du davon ſehr ſchlecht unterrichtet, und haſt einen ganz falſchen Glauben, wenn Du das glaubſt. In ſeiner Gegend wird beinahe von nichts Anderem geredet, ſo wie auch in Deiner; aber meiſtentheils iſt der letzte, dem dergleichen Dinge zu Ohren kommen, derjenige, den ſie angehen. Jene bringen Euch um Alles, wenn die Alten Euch noch was zugeben. Du ulſo, die Dn ſchlecht gewählt haſt, bleibe deſſen, dem Du Dich dahin gegeben haſt, und mich, den Du ver Siebente Novelle. 87 achtet haſt, uberlaß einer Andern, denn ich habe eine weit beſſere Geliebte, als Du biſt, gefunden, und die mich als beſſer kennen gelernt hat, wie Du nur je. Und damit Du von dem heißen Wunſche meiner Augen einen beſſern Beweis der anderen Welt zu⸗ bringen kannſt, als Du in dieſer aus meinen Worten zu nehmen zeigſt, ſo ſtuͤrze Dich nur bald von da herab, und dann wird Deine Seele, welche, wie ich glaube, der Teufel ſchon in ſeinen Klauen haͤlt, ſe⸗ hen koͤnnen, ob meine Augen, als ſie Dich über Kopfs ſich von dort herunterſtuͤrzen ſahen, daruͤber be⸗ ſtuͤrzt geworden ſind oder nicht. Aber da ich glaube, daß Du mir ſolch ein Vergnugen nicht machen wirſi, ſo ſage ich Dir, wenn Dich die Sonne warm zu machen anfaͤngt, ſo erinnere Dich der Kälte, die Du mich haſt ausſtehen laſſen, und wenn Du dieſe Hitze mit jener vermiſchen wirſt, ſo wirſt Du ſie ohne al⸗ len Zweifel ganz temperirt finden. Die troſtloſe Dame fing, da ſie ſah, zu was für einem grauſamen Ende die Worte des Studenten ab⸗ zweckten, von neuem zu weinen an, und ſagte: Wohl dann! weil nichts Dich zum Mitleid fuͤr mich bewegen kann, ſo moͤge Dich die Liebe bewegen, welche Du fuͤr die Frau hegſt, die, wie Du ſagſt, Du viel weiſer als mich gefunden haſt, und von wel⸗ cher Du geliebt zu werden behaupteſt; vergieb mir um ihrer Liebe willen, gieb mir meine Kleider zurück, damit ich mich wieder ankleiden kann, und laß mich dann von hier hinunter ſteigen. Da fing der Student an zu lachen, und da er Achter Tag.* ſah, daß die Terz ſchon um eine gute Zeit verſtoſſen war, antwortete er: Sieh, jetzt kann ich nicht Nein ſagen, da Du mich bei ſolcher Dame gebeten haſt; ſage mir, wo ſind Deine Kleider, ich werde danach gehen, und will Dich von dort herunterſteigen laſſen. Die Dame, welche dies glaubte, beruhigte ſich ein wenig, und zeigte ihm den Ort an, wo ſie die Kleider hingelegt hätte. Als der Student aus dem Thurme wieder her⸗ auskam, befahl er ſeinem Bedienten, daß er von da nicht fortginge, ſondern in der Naͤhe bliebe, und ſo viel er nur koͤnnte, darauf Achtung gaͤbe, daß Keiner hineinginge eher, als er nicht zuruͤckgekommen waͤre. Hierauf ging er nach dem Hauſe eines guten Freundes, aß daſelbſt mit aller Bequemlichkeit, und legte ſich dann, als es ihm Zeit zu ſeyn ſchien, ſchlafen. Die auf dem Thurme zuruͤckgebliebene Frau, be⸗ truͤbt uͤber alle Maßen, obgleich ſie von thoͤrichter Hoffnung etwas geſtaͤrkt war, ſetzte ſich wieder nie⸗ der, und lehnte ſich an die Seite der Mauer an, wo etwas Schatten war, und begleitet von den bitterſten Gedanken wartete ſie, bis ſie endlich, bald in Gedan⸗ ken verſunken, bald klagend, dann wieder verzweifelnd uͤber die Ruͤckkehr des Studenten mit den Kleidern, und von einem Gedanken zu dem andern herumſchwei⸗ fend, einſchlief, da ſie vom Schmerz uͤberwunden, und die vergangene Nacht ganz ſchlaflos zugebracht hatte. Die Sonne, welche gluͤhend heiß brannte, und — — Siebente Novelle. bis zum Mittag hinaufgeſtiegen war, traf ganz un⸗ verhindert und gerade zu auf ihren zarten, feinen Leib, und auf ihren Kopf, der durch nichts bedeckt war, mit ſolcher Gewalt, daß ihr nicht allein das Fleiſch, ſo viel davon zu ſehen war, verbrannte, ſon⸗ dern ganz und gar aufſprang, und zwar war der Brand von der Art, daß ſie, ob ſie gleich feſt ſchlief, davon aufzuwachen gezwungen ward. Da ſie nun merkte, daß ſie ſo verbrannt wäre, und ſich ein we⸗ nig bewegte, ſchien es ihr, indem ſie ſich bewegte, als wenn die ganze verbrannte Haut ſich öffne und aufſpränge, wie wir ſehen, daß es bei verbrannten Pergament zu geſchehen pflegt, wenn man es aus einander ziehen will. Und uͤberdies that ihr der Kopf ſo wehe, daß ſie glaubte, er wuͤrde ihr zerſpringen, und was kein Wunder geweſen wäre. Auch der Eſtrich des Thurmes war ſo gluͤhend heiß, daß ſie we⸗ der mit den Fuͤßen, noch irgend womit eine Stelle finden konnte; deßhalb bewegte ſie ſich weinend, ohne ſtille zu ſtehen, bald hierhin, bald dorthin. Undſuͤber⸗ dies, da ſich auch kein Luftchen regte, waren Fliegen und Käfer in Menge und im größten Ueberfluſſe da, welche, da ſie ſich ihr auf das bloße Fleiſch ſetzten, ſie ſo wuͤthend ſtachen, daß jeder Stich ihr der Stich eines Dolches zu ſeyn ſchien: daher konnte ſie gar nicht aufhoͤren, die Haͤnde hin und her zu bewegen, indem ſie ſich, ihr Leben, ihren Geliebten und den Studenten fortwaͤhrend verwuͤnſchte. Auf dieſe Art von der unſaͤglichen Hitze, von der Sonne, von den Fliegen und den Kaͤfern, und auch Achter Tag. vom Hunger, noch mehr aber vom Durſt, und zum ueberfluß noch von tauſend laͤſtigen Gedanken gequält, gereizt und gemartert, richtete ſie ſich auf den Fuͤßen auf, ſah herum, ob ſie Keinen aus der Naͤhe ſehen, oder Jemanden hören koͤnnte, feſt entſchloſſen, was* auch daraus herkommen nichte⸗ ihn zu— und um Huͤlfe zu bitten. Aber auch deſſen hatte ſie ihr frintiches Schick⸗ 11 fal beraubt. Die Arbeiter waren der Hitze wegen Alle von den Feldern fortgeblieben, weil an dieſem Tage Keiner zur Arbeit hinausgegangen war, da ſie Alle bei ihren Haͤuſern ihr Korn droſchen; daher hoͤrte ſie nichts anders als Heimchen, und ſah nichts als den Arno, der das Verlangen nach ſeinem Waſ⸗ ſer bei ihr erregend, ihr den Durſt nicht ſtillte, ſon⸗ dern vermehrte.*. An mehreren Orten ſah ſie auch Gebuͤſche, Schatten und Häuſer, welche auf gleiche Weiſe, bei Sehnſucht danach, ihr nur zur Qual dienten. Was ſoll ich noch weiter von der ungluͤcklichen Frau ſagen? Die Sonne von oben herab, der bren⸗ nende Fußboden von unten, die Muͤcken⸗ und Wes⸗ penſtiche von der Seite, hatten ſie wahrlich allent⸗ halben ſo zugerichtet, daß, da ſie die vergangene Nacht mit ihrer glaͤnzenden Weiße die Finſterniß be⸗ ſiegt hatte, ſie jetzt, wie von der Räude ganz roth,* und von Blut ganz kraͤtzig geworden, einem Jeden, der ſie geſehen, als das häͤßlichſte Geſchoͤpf von der Velt wuͤrde vorgekommen ſeyn. So war ſie ohne irgend einen Rath oder eine ——+—„——+„. — f— ——— „+ — e —— Siebente Novelle. 91 Hoffnung, mehr den Tod, als ſonſt noch irgend et⸗ was erwartend, länger als den halben Nachmittag hindurch verblieben, als der Student vom Schlaf aufſtand, und, ſich ſeiner Dame erinnernd, nach dem Thurme zuruckkehrte, um zu ſehen, was aus ihr ge⸗ worden wäre; er ſchickte hierauf ſeinen Bedienten, welcher noch nichts gegeſſen, zum Eſſen fort. Nachdem die Dame gemerkt hatte, daß er da wäre, trat ſie, ſchwach und von dem großen Kummer ganz niedergedruͤckt, an die Fallthuͤre, ſetzte ſich nie⸗ der, und fing weinend alſo an: Rinieri, Du haſt Dich unmaͤßig gerächt, dadurch, daß, wenn ich Dich auf meinem Hofe in der Nacht frieren ließ, Du mich am Tage auf dieſem Thurme haſt braten, ja verbrennen, und uͤberdieß vor Hunger und Durſt umkommen laſſen: daher bitte ich Dich um Gottes willen, ſteige herauf, und, weil mein Herz es nicht vermag, mir ſelbſt den Tod zu geben, gieb Du ihn mir, denn ich verlange ihn mehr als alles Andere, ſo groß und von ſolcher Art iſt die Qual, die ich ausſtehe. Und wenn Du mir dieſe Gnade nicht erzeigen willſt, ſo laß mir wenigſtens einen Becher Waſſers bringen, daß ich mir den Mund damit netzen könne, wozu meine Thraͤnen nicht hin⸗ reichen, ſo groß iſt die Trockenheit und die Gluth, die ich darin verſpuͤre. Wohl erkannte der Student an der Stimme ihre Schwäche, ſo wie er auch zum Theil ihren Koͤrper ganz von der Sonne verbrannt ſah, und dieſerhalb ſowol als auch ihrer demuͤthigen Bitten wegen ver⸗ 92 Achter Tag. ſpuͤrte er bei ſich einiges Mitleiden über ſie; dennoch aber gab er ihr zur Antwort: Schlechte Frau, von meinen Haͤnden ſollſt Du nicht ſterben, ſterben ſollſt Du von Deinen eigenen, wenn Dir die Luſt dazu ankommen ſollte, und ſo viel Waſſer ſollſt Du von mir zur Erquickung in Deiner Hitze haben, als ich von Dir Feuer zur Er⸗ leichterung meiner Kälte erhielt. Das geht mir ſehr nahe, daß die Krankheit meiner Erkaͤltung durch die Waͤrme des ſtinkenden Miſtes hat kurirt werden muͤſſen, da die Deiner Erhitzung durch die Kaͤlte des duftenden Roſenwaſſers geheilt werden muß; und daß Du, da ich in Gefahr ſtand, die Nerven und das Leben zu verlieren, Dich nach dieſer Hitze haͤu⸗ ten mußt, und nicht anders ſchoͤn bleiben wirſt, als die Schlangen, wenn ſie die alte Haut zuruͤcklaſſen. O ich Elende, ſagte die Frau, gebe doch Gott dieſe auf ſolche Art erworbene Schoͤnheit denen, welche mir ſo uͤbel wollen! Aber Du, grauſamer noch als nur irgend ein wildes Thier, wie haſt Du es uber's Herz bringen koͤnnen, mich auf ſolche Art zu mißhandeln? Was konnte ich mehr noch von Dir oder von jedem Andern erwarten, wenn ich Deine ganze Sippſchaft unter den grauſamſten Qualen ge⸗ toͤdtet haͤtte. Wahrlich, ich weiß nicht, was fuͤr eine groͤßere Grauſamkeit man gegen einen Verraͤ⸗ ther haͤtte erweiſen koͤnnen, der eine ganze Stadt zum Untergange gebracht hatte, als die, zu welcher Du mich beſtimmt haſt, um mich von der Sonne braten, und von den Fliegen auffreſſen zu laſſen. Und uͤber⸗ 6 —* — S 8 — — — u 8 8— — — * — Siebente Novelle. 93 dies noch mir nicht einmal einen Becher Waſſers geben zu wollen, da doch oftmals wol Moͤrdern, die von dem Gericht verurtheilt worden ſind, wenn ſie zum Tode gefuͤhrt werden, Wein gereicht wird, im Fall ſie darum bitten. Nun ſiehe aber, da ich ſehe, daß Du ſo feſt auf Deiner herben Grauſamkeit be⸗ ſtehſt, und mein Leiden Dich auf keine Weiſe ruͤhren kann, ſo ſchicke ich mich an mit Geduld meinen Tod zu empfangen, damit Gott Barmherzigkeit mit mei⸗ ner Seele habe; und ihn bitte ich, daß er mit ge⸗ rechten Augen auf dieſe Deine Handlungsweiſe her⸗ abſchaue. Nachdem ſie dieſe Worte geſprochen; ſchleppte ſie ſich mit qualvoller Muͤhe mitten auf den Eſtrich hin, verzweifelnd dieſer glühenden Hitze zu entgehen; und nicht ein Mal, ſondern tauſend Mal, glaubte ſie, außer ihren anderen Schmerzen, vor Durſt zu verſchmachten; ſie weinte daher laut und beklagte ſich über ihr Ungluͤck. Indeſſen da es ſchon Abend geworden, und es dem Studenten genug zu ſeyn ſchien, ließ er ihre Kleider zuſammen nehmen, und in den Mantel des Dieners einſchlagen, ging dann nach dem Hauſe der ungluͤcklichen Frau, wo er ihr Maͤdchen troſtlos, trau⸗ rig und ganz unberathen an der Thüre ſitzen fand. Er redete ſie an: Gutes Kind, wie ſteht es mit Deiner Herr⸗ ſchaft? Das Mädchen antwortete: Herr, ich weiß es nicht. Ich dachte ſie dieſen Worgen im Bette zu fin⸗ Achter Tag. den, wohin ich ſie geſtern Abend gehen zu ſehen glaub⸗ te; aber ich fand ſie weder hier, noch anderwäͤrts, noch weiß ich, was aus ihr geworden iſt; ich bin daruͤber in dem groͤßten Kummer. Aber, Herr, wißt Ihr mir nichts von ihr zu ſagen? Ihr antwortete der Student: Haͤtte ich nur Dich zugleich mit ihr da gehabt, wo ich ſie gehabt habe, damit ich Dich wegen Deiner Schuld eben ſo hätte beſtrafen koͤnnen, wie ſie wegen der ihrigen. Aber ſicherlich, Du ſollſt mir auch nicht aus den Haͤnden entwiſchen, ehe ich Dich nicht fuͤr Deine Thaten ſo werde belohnt haben, daß Du nimmermehr wieder irgend einen Mann zum Beſten haben wirſt, wenn Du Dich nur meiner erinnerſt. Nachdem er ſo geſprochen, ſagte er zu ſeinem Bedienten:„ Gieb ihr dieſe Kleider, und ſage ihr, daß ſi ſie zu ihr hingehen kann, wenn ſie will. Der Bediente vollzog ſeinen Befehl. Das Mäd⸗ chen nahm ſie, erkannte ſie, und da ſie hoͤrte, was ihr geſagt worden, fuͤrchtete ſie ſehr, er moͤchte ſie umgebracht haben; ſie konnte ſich daher kaum ent⸗ halten laut aufzuſchreien, und fing ploͤtzlich an zu weinen. Nachdem indeſſen der Student fortgegan⸗ gen, lief ſie damit nach dem Thurme hin. Zum Ungluͤck hatte ein Arbeiter der Frau an dieſem Tage zwei Schweine verloren, welche er zu ſuchen umherging. Bald, nachdem der Student von jenem Thurme fort war, kam dieſer dahin, blickte allenthalben herum, ob er ſeine Schweine ſehen 8, in ßt e, te er en ſo er n m n an on kte en Siebente Novelle. 95 könnte, und da er die jämmerlichen Klagen, welche die ungluͤckliche Frau ausſtieß, hoͤrte, ſtieg er hinauf und rief, ſo laut er nur konnte: Wer weint da oben? Die Frau erkannte die Stimme ihres Arbeiters, rief ihn daher beim Namen, und ſagte: Ach, geh⸗ doch zu meinem Maͤdchen, und mach?, daß ſie hier zu mir heraufkommen kann. Der Arbeiter, der ſie erkannte, ſagte: Wie, Ma⸗ dame, wer hat Sie denn hier hinauf gebracht? Ihr Mädchen iſt heute den ganzen Tag herumgelaufen, Sie zu ſuchen; aber wer haͤtte es jemals denken ſol⸗ len, daß Sie hier geweſen waͤren. 11 Er nahm hierauf die Balken der Treppe, fing ano ſie aufzurichten, ſo wie ſie ſtehen muͤſſen, und die Stäbe in der Quere mit Stricken zu verbinden. Hieruͤber kam das Maͤdchen hinzu, trat in den Thurm hinein, und konnte ihre Stimme nicht maͤßigen, ſon⸗ dern rief laut, in die Haͤnde klatſchend: O, meine ſuͤße Gebieterinn, wo ſeyd Ihr denn! Sobald die Frau ſie hoͤrte, ſagte ſie, ſo ſtark ſie nur konnte: O liebes Schweſterchen, hier oben bin ich. Weine nicht, ſondern bringe mir nur bald meine Kleider. Sobald das Maͤdchen ſie ſprechen yoͤrte, ſtieg ſie ganz getroͤſtet die Treppe hinauf, die der Ar⸗ beiter beinahe ganz ſchon wieder hergeſtellt hatte, und gekangte, von ihm geholfen, zu dem Boden hin⸗ auf. Als ſie aber ihre Herrſchaft hier nicht, wie einen menſchlichen Koͤrper ſah, ſondern vielmehr einen ganz verſengten Stuͤmmel zu erblicken glaubte, und Achter Tag⸗ wie ſie ſi e ſo ganz erſchoͤpft, ganz bleich, nackend auf dem Boden liegen ſah, fuhr ſie ſich mit den Naͤgeln ins Geſicht, und fing uͤber ſie nicht anders zu klagen an, als wenn ſie ſchon todt wäre. Die Frau aber bat ſie um Gottes willen, ſie moͤchte nur ſchweigen, und ihr helfen ſich anzuziehen. Und da ſie von ihr erfahren hatte, daß kein Menſch wuͤßte, wo ſie gewe⸗ ſen waͤre, als nur die, welche ihr die Kleider gebracht haͤtten, und der Arbeiter, welcher gegenwaͤrtig ware, troͤſtete ſie ſich ein wenig daruͤber, und bat ſie, bei Gott, daß ſie nur nimmermehr einem— ein Wort davon ſagen moͤchten. Der Arbeiter nahm nach vielem Hin- und Her⸗ reden die Frau, welche nicht gehen konnte, auf die Schultern, und brachte ſie gluͤcklich bis vor den Thurm hinaus. Das ungluͤckliche Maͤdchen aber, welche zuruͤckgeblieben war, glitſchte, da ſie die Trep⸗ pe weniger vorſichtig hinabſtieg, mit dem Fuße aus, fiel von der Treppe auf die Erde hinunter, und zer⸗ brach ſich eine Rippe. Aus Schmerzen fing ſie an zu bruͤllen, daß man glaubte, es waͤre ein Loͤwe. Der Arbeiter ſetzte die Frau auf einen Raſen⸗ platz nieder, und ging hin, um zu ſehen, was dem Mädchen wäre; da er denn fand, daß ſie eine Rippe zerbrochen haͤtte, trug er ſie ebenfalls nach dem Ra⸗ ſenplatze hin, und legte ſie der Frau zur Seite nieder. Da dieſe zu ihren andern Uebeln auch noch die⸗ ſen Zuſatz ſah, naͤmlich daß jene eine Rippe zerbro⸗ chen hatte/ von welcher ſie mehr als von jeder An⸗ dern geholfen zu werden hoffte, fing ſie, im hoͤchſten † . ⁰ ⁰ 7 e f v n d d b 5 u H v Siebente Novelle. 97 Grade betruͤbt, ihre Klagen von neuem ſo erbaͤrmlich an, daß der Arbeiter ſie allein nicht nur nicht troͤſten konnte, ſondern eben ſo zu weinen anfing. Indeſſen, da die Sonne ſchon tief ſtand, ging der Arbeiter, da⸗ mit die Nacht ſie hier nicht uͤberfallen moͤchte, wie es die troſtloſe Dame fuͤr gut befand, nach ſeinem Hauſe, rief daſelbſt ſeine beiden Bruͤder und ſeine Frau, und dieſe kehrten mit einem Tiſche dahin zu⸗ ruͤck, worauf ſie das Maͤdchen legten, und ſo nach Hauſe trugen. Die Frau ſtärkten ſie vorerſt etwas mit friſchem Waſſer und mit freundlichen Worten; dann nahm ſie der Arbeiter wieder auf die Achſeln, und trug ſie nach ihrem Zimmer: Die Frau des Arbeiters gab ihr geroͤſtete Sem⸗ melſcheiben zu eſſen, und brachte ſie, nachdem ſie ſie ausgekleidet hatte, zu Bett; dann veranſtalteten ſie es, daß ſie und das Mädchen in der Nacht nach Florenz gebracht wuͤrden. und dies geſchah. Hier erſann die Frau, welche einen großen Schatz an Knif⸗ fen beſaß, ein Hiſtörchen, ſowol von ſich als auch von ihrem Maͤdchen, welches dem, was geſchehen war, ganz entgegen ſtand, und buͤrdete ihren Bruͤ⸗ dern und ihren Schweſtern, und jedem Andern auf, daß boͤſe Geiſter ihr das angehert hätten, was ihr begegnet waͤre. Die Aerzte waren, nicht ohne die groͤßte Beſorgniß und Kummer der Frau, bemuͤht, ſowol dieſe, deren Haut oftmals ganz und gar am Bettuche ſitzen blieb, von dem heftigen Fieber, und den andern Zufuͤllen, — Voccaccio's ſaͤmmtl. W. 6. 7 98 Achter Tag. als auch die zerbrochene Rippe des Maͤdchens wie⸗ der herzuſtellen. Die Frau vergaß daher ihren Liebhaber ganz, und huͤtete ſich von jetzt an ſehr weislich vor allem Spotten und Verlieben. Und der Student, da er von der zerbrochenen Rippe des Maͤdchens hoͤrte, glaubte auch Rache genug zu haben, war froͤhlich, und, ohne noch etwas daruͤber zu ſagen, damit zu⸗ frieden. Dies hatie alſo die thoͤrichte junge Frau von ihrem Spotttreiben, da ſie glaubte, ſie koͤnne einen Studenten eben ſo wie jeden Andern zum Beſten haben, indem ſie nicht bedachte, daß dieſe, ich will gerade nicht ſagen alle, doch groͤßtentheils, wol wiſ⸗ ſen, wo der Hund begraben liegt. Deßhab, Ihr Mädchen, nehmt Euch vor dem Necken, und beſonders der Studenten, wohl in Acht. Achte Novelle. Zwei gehn mit einander um; der Eine ſchlaͤft bei der Frau des Andern; der Andere bemerkt es, und ſtellt es mit ſeiner Frau ſo an, daß er in einem Kaſten verſchloſſen wird, aͤber welchem der Andere, während der Eine dar⸗ in ſteckt, ſich mit deſſen Frau ergötzt. Hart und qualvoll waren die Schickſale Helenens für die Damen mit anzuhoͤren geweſen, allein weil ſie der Meinung waren, ſie haͤtte ſie zum Theil mit Recht erduldet, ſo hatten ſie dieſelben mit viel ge⸗ maͤßigterem Mitleiden voruͤber gehen laſſen, wogegen ſie den Studenten für hart, und auf eine eigenſinnige —— c„ e+— ec 2— e rau mit ſſen ar ens veil mit gen nige * Achte Novelle. 99 Art fuͤr wild, ja wol gar fuͤr grauſam hielten. In⸗ zwiſchen da Pampinea zu Ende gekommen war, trug die Koͤniginn Fiammetten auf, daß ſie nachfolge. Dieſe zu gehorchen begierig, ſagte: Liebliche Damen, weil es mir vorkommt, als haͤtte Euch die Strenge des beleidigten Studenten wehe gethan, ſo halte ich dafuͤr, es iſt beſſer, die er⸗ bitterten Gemuͤther durch etwas Angenehmes wieder zu beſaͤnftigen, deßhalb geht meine Abſicht dahin, Euch eine kleine Novelle von einem jungen Manne zu er⸗ zaͤhlen, welcher eine Beleidigung mit ſanfterem Gemu⸗ the empfing, und ſie durch eine weit gemaͤßigtere Operation rächte. Ihr werdet durch dieſe einſehen lernen, daß es einem Jeden voͤllig genug ſeyn muß, da es doch einmal aus dem Walde eben ſo wieder herausſchallt, als man hinein ſchreit, wenn der Menſch es einmal darauf anlegt, daß er eine empfangene Beleidigung raͤchen will, nicht uͤber die Gebuͤhr der Rache auch noch ſogar wieder beleidigen zu wollen. Ihr ſollt alſo wiſſen, daß in Siena, wie ich einſt⸗ mals gehoͤrt habe, zwei ganz wohlhabende, junge Maͤnner von buͤrgerlichem Herkommen lebten, von denen der eine den Namen Spinelloccio Tanena, und der andere den Namen Zeppa di Mino fuͤhrte, und beide Hausnachbarn waren. Dieſe beiden jungen Maͤnner gingen ſtets mit einander um, und liebten ſich, nach dem wie ſie es zeigten, ſo oder mehr noch, als wenn ſie Bruͤder geweſen waͤren. Jeder von ihnen hatte eine ſehr ſchoͤne Frau. Jetzt geſchah es, daß, da Spinellocciv viel in Zeppa's Hauſe aus⸗ und einging, Zeppa mochte da Achter Tag. ſeyn oder nicht da ſeyn, er mit der Frau zuſammen ſchlief; und dies ſetzten ſie eine gute Weile fort, ehe irgend Jemand es gewahr ward. In der Folge der Zeit aber, als Zeppa einmal zu Hauſe war, die Frau dies aber nicht wußte, kam Spinelloccio, ihn wohin abzurufen. Die Frau ſagte, daß er nicht zu Hauſe waͤre: darum ging Spinelloccio ſchnell hinauf, und als er die Frau auf dem Sale fand, und merkte, daß kein Anderer gegenwärtig waͤre, umarmte er ſie, kuͤßte er ſie, und ſie ihn⸗ Zeppa, der dies ſah, ſprach kein Wort, ſondern ſah verſteckt zu, wie weit das Spiel gehen wuͤrde; und kurz, er ſah, daß ſeine Frau und Spinelloecio ſo umarmt in die Kammer gingen, und ſie hinter ſich zuſchloſſen, woruͤber er denn ſehr beunruhigt ward⸗ Allein da er einſah, daß ſeine Kraͤnkung weder dann, wenn er Laͤrm ſchluͤge, noch durch irgend etwas an⸗ deres geringer, vielmehr die Schande nur noch groͤ⸗ ßer wuͤrde, ſo bedachte er, daß er allerdings hieruber Rache nehmen muͤſſe, damit ſein Gemuͤth zufrieden wuͤrde, allein ohne daß er recht eigentlich wußte, wie oder wo. Nach langem Hin⸗ und Herſinnen endlich glaubte er die Art und Weiſe gefunden zu haben, hielt ſich aber doch ſo lange verborgen, als Spinel⸗ loccio mit der Frau zuſammen blieb. Sobald dieſer fortgegangen war, trat er in die Kammer hinein, woſelbſt er die Frau fand, welche noch nicht fertig damit war, ſich den Schleier wie⸗ der auf den Kopf in Ordnung zu bringen, den Spi⸗ en rt, ge ie n, n⸗ ro⸗ er en vie ich en, el⸗ die che ie⸗ nelloccio gegen die Terz vei einander waren, ſagte Achte Novelle. 101 nelloccio ihr im Scherz hatte herunterfallen laſſen, und ſagte zu ihr: Frau, was machſt Du? Die Frau antwortete ihm: Siehſt Du das nicht? O ia, ſagte Zeppa, ich habe auch mehr geſehen, als ich wuͤnſchte; und nun ließ er ſich mit ihr uͤber das, was geſchehen war, in Worte ein; nachdem ſie hierauf in der groͤßten Furcht nach vielen Um⸗ ſchweifen ihm geſtanden hatte, wie ſie fuͤglich ihren Umgang mit Spinelloccio nicht läugnen konnte, bat ſie mit Thraͤnen ihn um Verzeihung. Zeppa ſagte hierauf: Sieh, Frau, Du haſt un⸗ recht gehandelt, willſt Du aber, daß ich es Dir ver⸗ zeihen ſoll, ſo denke darauf, wie Du das, was ich Dir jetzt aufgeben werde, vollkommen erfuͤllſt; und das iſt: ich verlange, daß Du Spinelloccio ſagſt, er moͤchte morgen gegen die Terz unter irgend einem Vorwande ſich von mir entfernen, und zu Dir hier⸗ her kommen; wenn er alsdann hier ſeyn wird, dann werde ich zuruͤckkommen; und ſobald Du mich dann merken wirſt, laß ihn in dieſen Kaſten hineinkriechen, und verſchließ ihn darin; haſt Du dies gethan, dann werde ich Dir das Uebrige ſagen, was Du zu thun haſt. Habe weiter keine Furcht, dies zu thun, denn ich verſpreche Dir, ich will ihm nicht das Geringſte zu Leide thun. Um ihn zu beruhigen, ſagte die Frau, ſie wolle es thun, und that es auch. Der folgende Tag kam, und da Zeppa und Spi⸗ Achter Tag. Spinelloccio, welcher der Frau verſprochen hatte, um dieſe Zeit zu ihr zu kommen, zu Zeppa: Ich muß heute bei einem guten Freunde eſſen, den ich nicht will auf mich warten laſſen, und deßhalb Gott be⸗ fohlen. Es iſt ja jetzt noch nicht Zeit zum eſſen, ſagte Zeppa. Thut nichts, erwiederte Spinelloccio; ich habe überdies noch was mit ihm zu ſprechen, weßhalb ich etwas fruher zu ihm gehen muß. Spinelloccio ging daher von Zeppa fort, machte einen kleinen Umweg, und befand ſich bei der Frau im Hauſe. Sie traten in das Zimmer hinein, und da dauerte es nicht lange, ſo kehrte auch Zeppa wieder zuruͤck. Sobald die Frau dieſen merkte, that ſie ſehr erſchrocken, und ließ jenen in den Kaſten kriechen, den der Mann ihr geſagt hatte, ſchloß ihn darin ein, und ging aus der Kammer hinaus. Als Zeppa hinaufgekommen war, ſagte er: Frau, iſt es jetzt wol ſchon Zeit zum eſſen? Ja, allerdings, antwortete die Frau. Darauf ſagte Zeppa: Spinelloccio ißt heute bei einem guten Freunde, und hat ſeine Frau allein ge⸗ laſſen, tritt doch ans Fenſter und rufe ſie, ſage ihr, ſie moͤchte zu uns zum Eſſen kommen. Die Frau, uͤber ſich ſelbſt ſehr in Furcht, und deßhalb ſehr gehorſam geworden, that, was der Mann ihr befahl. Spinelloccio's Frau von Zeppa's Frau ſehr ge⸗ beten, kam, da ſie hoͤrte, daß ihr Mann nicht zum Achte Novelle. 103 Mittagseſſen kommen wuͤrde. Als ſie aber gekom⸗ men war, machte ihr Zeppa ſehr große Liebkoſungen, nahm ſie ganz vertraulich bei der Hand, gebot ſeiner Frau im Stillen nach der Kuͤche zu gehen, und fuͤhrte ſie mit ſich in die Kammer, wo er, ſobald er hinein⸗ getreten war, ſich umdrehete, und die Kammer von innen verſchloß. Als die Frau merkte, daß die Kammer von in⸗ nen verſchloſſen ward, ſagte ſie: Ey, Zeppa, was ſoll das heißen? Habt Ihr mich deßhalb herkommen laſſen? Iſt das die Liebe, die Ihr fuͤr Spinelloecio hegt, und die treue Geſell⸗ ſchaft, die Ihr ihm leiſtet? Ihr antwortete Zeppa, indem er ſich dem Ka⸗ ſten naͤherte, in welchem ihr Mann verſchloſſen war, und ſie recht feſt hielt: Frau, bevor Du boͤſe wirſt, hoͤre, was ich Dir ſagen will. Ich habe Spinelloccio ſtets als Bruder geliebt, und liebe ihn noch; geſtern, ob er es gleich nicht weiß, habe ich gefunden, daß das Zutrauen, was ich auf ihn geſetzt hatte, auf ſolchen Grad gediehen war, daß er mit meiner Frau eben ſo wie mit Dir, verfuhr. Weil ich ihn aber nun auch liebe, ſo will ich an ihm keine andere Genugthuung nehmen, als ſeine mir angethane Kraͤnkung war. Er hat meine Frau gehabt, und ich denke Dich zu haben. Wenn Du nicht willſt, ſo wird es ſich gewiß wohl einmal ſchicken, daß ich ihn hier faſſe; denn ich bin gar nicht willens, dieſe Schmach ungerochen zu laſſen, Achter Tag. und ich wurde mit ihm ein Spiel ſpielen, woruͤber weder Du noch er ſich freuen ſollte. Da die Frau dies hoͤrte, ſagte ſie, nach vielem Zureden, was Zeppa gegen ſie anwendete, und dem ſie glaubte, endlich: Lieber Zeppa, weil dieſe Rache denn ein⸗ mal auf mich fallen ſoll, ſo bin ich es zufrieden, wenn Du nur machſt, daß ich uͤber das, was wir Beide hier vornehmen wollen, mit Deiner Frau in Frieden bleibe, ſo wie ich, deſſen ungeachtet, was ſie mir gethan hat, mit ihr es zu bleiben gedenke. Hierauf antwortete Zeppa: Wahrlich, das will ich thun; und uͤberdies will ich Dir noch einen ſo theuren und ſchönen Edelſtein ſchenken, wie Du kei⸗ nen andern haſt. Als er dies geſagt hatte, umarmte er ſie, und küßte ſie; dann legte er ſie uͤber den Kaſten hin, in welchem ihr Mann eingeſchloſſen war, und uͤber die⸗ ſem vergnuͤgte er ſich mit ihr, ſo viel es ihm gefiel, und ſie mit ihm. Spinelloccio, der in dem Kaſten ſteckte, und alle Worte, welche Zeppa geſprochen, gehoͤrt hatte, ſo wie auch die Antwort ſeiner Frau, und dann ſogar noch den Hexentanz, der ihm uͤber den Kopf getanzt ward, fuͤhlte eine geraume Zeit ſolchen Schmerz, daß er glaubte des Todes zu ſeyn; ja, haͤtte er ſich nicht vor Zeppa gefuͤrchtet, er haͤtte, ſo eingeſchloſſen, wie er auch war, der Frau arge Grobheiten geſagt. In⸗ deſſen, da er wieder bedachte, daß die erſte Beſchim⸗ pfung von ihm ausgegangen waͤre, und daß Zeppa e e— — da ner unt W— 1* N Achte Novelle. 105 Recht hätte, das zu thun, was er gethan, und daß er ſich gegen ihn immer ſo leutſelig, und wie ein Gefährte betragen haͤtte, ſo ſagte er bei ſich ſelbſt, er wolle mehr als jemals Zeppas's Freund bleiben, wenn er nur wollte. Nachdem Zeppa mit der Frau ſo lange zuge⸗ bracht, als es ihm gefallen hatte, ſtieg er von dem Kaſten wieder hinunter, und da die Frau nun den verſprochenen Edelſtein forderte, oͤffnete er die Kam⸗ mer, und hieß ſeine Frau hereinkommen, welche nichts Anderes zu ihr ſagte, als: Madonna, Ihr habt mir Gleiches mit Gleichem vergolten, und dies ſagte ſie lachendes Muthes. Hierauf ſagte Zeppa zu ihr: Oeffne dieſen Ka⸗ ſten, und ſie that es; da zeigte Zeppa der Frau ihren Spinelloccio darin. Es wuͤrde zu lang ſeyn zu ſagen, wer von Bei⸗ den ſich am meiſten ſchämte, ob Spinelloecio, da er Zeppa'n ſah, und nun wußte, daß jener ebenfalls wiſſe, was er gethan hatte, oder die Frau, da ſie ihren Mann ſah, und erkannte, daß er gehoͤrt und gemerkt hätte, was ſie uͤber ſeinem Kopf gethan hatten. Da ſagte Zeppa zu ihr: Sieh, das iſt der Edel⸗ ſtein, den ich Dir ſchenke. Spinelloccio kroch aus dem Kaſten hervor„ und ſagte, ohne noch viel Redens weiter zu machen: Zeppa, wir koͤnnen gegen einander aufheben, und darum iſt es gut, daß wir, wie Du vorher zu mei⸗ ner Frau ſagteſt, Freunde bleiben, wie wir es waren, und daß wir, da bis jetzt unter uns nichts anders ge⸗ Achter Tag. theilt war, als die Frauen, auch dieſe einander mit⸗ theilen. Zeppa war es zufrieden, und alle Viere aßen im beſten Frieden von der Welt mit einander. Und von nun an hatte jede dieſer beiden Frauen zwei Männer, und jeder von dieſen hatte zwei Frauen, ohne irgend je in Zank oder Streit daruͤber mit einander zu ge⸗ rathen. Neunte Novelle. Meiſter Simon, der Arzt, wird, um von der Geſellſchaft zu ſeyn, welche auf den Fang ausgeht, von Bruno und. Buffalmacco Nachts an einen Ort hingeſchickt, dann von Buffalmacco in einen Abzugsgraben geworfen, und barin gelaſſen⸗ Nachdem die Damen uͤber die von den beiden Saneſern in Compagnie gehaltenen Frauen ein wenig gekichert hatten, fing die Koͤniginn, welche, um dem Dioneus kein Unrecht zu thun, mur allein noch zu erzaͤhlen uͤbrig war, alſo an: Mit allem Recht, geliebte Damen, hat Spinel⸗ loccio ſich den Streich zugezogen, der ihm von Zeppa geſpielt worden; es ſcheint mir daher nicht, als waͤre derjenige, wie Pampinea kurz vorher beweiſen wollte, ſehr zu tadeln, der demjenigen einen Poſſen ſielt, der es nicht anders haben will, oder der ihn ſich ſelber zuzieht. Spinelloccio zog ihn ſich ſelbſt zu; meine Abſicht geht nun dahin, Euch von einem zu erzaͤhlen, der, wenn er es auch gleich nicht anders haben wollte, dennoch glaubte, daß diejenigen, welche it⸗ im on er, end ge⸗ haft und. von arin den nig em zu nel⸗ ppa als iſen ſſen ihn bſt nem ders lche Neunte Novelle. 107 ihm den Poſſen ſpielten, nicht ſowol zu tadeln, als vielmehr zu loben waͤren. und der, dem dies geſchah, war ein Arzt, welcher, da er einmal ein Pecus war, von Bologna nach Florenz ganz mit Fehe bedeckt, zuruͤckkehrte. So wie wir es noch alle Tage ſehen, kehren unſere Burger, dieſer als Richter, jener als Arzt, und ein dritter als Notar, in langen und weiten Kleidern, in Scharlach und Fehe, und mit noch an⸗ derem groͤßeren State zu uns zuruͤck, und ſo können wir ſie den ganzen lieben Tag erblicken„wenn ihnen die Praxis gut von ſtatten geht. Unter dieſen war auch ein Meiſter Simon von Villa, reicher an vaäterlichen Gütern als an Wiſſen⸗ ſchaften, der, es iſt noch nicht ſehr kange, in Schar⸗ lach gekleidet, mit einem Doctor⸗Mantel, zu uns, als Doctor medicinae, wie er ſelbſt ſagte, zuruͤck⸗ kehrte, und in der Straße, welche heute die Gurken⸗ Straße heißt, ein Haus bezog. Dieſer ſo eben, wie geſagt, erſt zuruͤckgekehrte Meiſter Simon hatte, un⸗ ter andern ſeiner Gewohnheiten, auch die Gewohn⸗ heit, denjenigen, der eben bei ihm war„zu fragen, wer derjenige wäre, den er auf der Straße haͤtte vor⸗ über gehen geſehen; und gleichſam als wenn er nach dem ganzen Weſen der Menſchen die Arzeneien, die er ſeinen Kranken geben ſollte, einzurichten haͤtte, richtete er ſeinen Sinn auf Alle, und empfing ſie dann bei ſich. Unter allen Anderen, auf welche er mit beſonderer Aufmerkſamkeit ſeine Angen richtete, waren zwei Achter Tag. Mahler, von denen heute ſchon zwei Mal geſprochen worden iſt, Bruno und Buffalmacco, welche immer bei einander, und ſeine Nachbaren waren. Dieſe ſchienen ihm weniger, als irgend wer anders, ſich um die ganze Welt zu bekuͤmmern, und ſo luſtig zu le⸗ ben, wie ſie es auch wirklich thaten, daß er deßhalb Mehrere nach ihrem Stande fragte. Er hoͤrte hierauf von Allen, es wären arme Teufel und Mahler, und da kam ihm ſo in den Sinn, daß die wol unmoͤglich von ihrer Armuth ſo luſtig leben koͤnnten, vielmehr meinte er nach dem, was er gehoͤrt hatte, nämlich daß es liſtige Voͤgel waͤren, ſie muͤßten aus irgend Etwas, was kein Menſch wuͤßte, einen ſehr großen Profit ziehen, deßhalb ſtieg der Wunſch in ihm auf, wenn es ſeyn koͤnnte, mit beiden, oder wenigſtens mit einem vertrauter zu werden; und es gelang ihm auch wirklich, mit Bruno in ver⸗ trautere Bekanntſchaft zu kommen. Allein Bruno hatte es in den wenigen Malen, die er mit ihm zuſammen geweſen war, ſchon weg, daß dieſer Mediziner ein dummes Vieh waͤre, und vertrieb ſich durch ſeine neuen Hiſtoͤrchen die Zeit auf die angenehmſte Art mit ihm, ſo wie denn auch der Mediziner wieder durch ihn das groͤßte Vergnuͤ⸗ gen genoß. Nachdem er ihn einige Mal bei ſich zum Eſſen eingeladen hatte, und daher glaubte, ſchon etwas ver⸗ trauter mit ihm reden zu koͤnnen, ſagte er ihm, wie er ſich uͤber ihn und Buffalmacco wundere, wie ſie, da ſie doch nur arme Leute waͤren, dennoch ſo luſtig n 5— u e — w— — — — ——— — — Neunte Novelle. 109 lebten, und er bat ihn, er moͤchte ihm doch auch ſa⸗ gen, wie ſie das anſtellten. Bruno, der den Mediziner mit anhoͤrte, und dem dieſe Frage eben ſo thoͤricht und ſinnlos wie alle die andern vorkam, fing an zu lachen, und dachte ſo zu antworten, wie es ſeiner Dummheit zukäme; er ſagte daher: Meiſter, vielen Leuten wurde ich es gerade nicht ſagen, wie wir das anfangen, aber Euch, der Ihr mein Freund ſeyd, und der, wie ich weiß, es keinem Andern wieder ſagen wird, ſtehe ich gar nicht an, es zu ſagen. Es iſt wahr, mein Cumpan und ich, wir leben ſo luſtig und ſo gut, wie es Euch vorkommt, und noch weit mehr; denn weder von unſerer Kunſt, noch von anderem Ertrage, den wir aus einigen Be⸗ ſitungen ziehen, koͤnnten wir nicht das Waſſer be⸗ zahlen, was wir verbrauchen: deßhalb aber denkt nur nicht, daß wir aufs Stehlen ausgehen; wir ge⸗ hen auf Kaperei aus, und aus der ziehen wir Alles, was uns Vergnuͤgen macht, oder was wir noͤthig haben, ohne Nachtheil irgend eines Andern; und dar⸗ aus kommt unſer luſtiges Leben her, ſo wie Ihr es ſehet. Der Mediziner verwunderte ſich ſehr, da er dies hoͤrte, und glaubte es, ohne daß er recht wußte, wor⸗ an er wäre. Ploͤtzlich entſtand da der heiße Wunſch in ihm, zu wiſſen, was das heiße, auf Kaperei aus⸗ gehen; er bat ihn daher auf das Inſtändigſte, er moͤchte es ihm doch ſagen, und verſicherte ihn, er wuͤrde es keinem Menſchen je wieder ſagen. Achter Tag. Lieber Gott! ſagte Bruno, Meiſter, was ver⸗ langt Ihr von mir? Was Ihr wiſſen wollt, iſt ein zu großes Geheimniß, es wuͤrde mich zu Grunde rich⸗ ten, mich ganz und gar aus der Welt verjagen, ja, mich dem Gott ſey bei uns in den offenen Rachen werfen, wenn es ein Anderer erfuͤhre. Aber ſo groß iſt die Liebe, die ich fuͤr Eure qualitativiſche Kirbs⸗ koͤpfigkeit aus Holzhauſen hege, und das Zutrauen, was ich in Euch ſetze, daß ich Euch nichts verſagen kann, was Ihr haben wollt, und deßhalb will ich es Euch ſagen, unter der Bedingung, daß Ihr es mir bei dem heiligen Kreuz auf dem Duͤmmels⸗Berg be⸗ ſchwoͤrt, daß Ihr es, wie Ihr es verſprochen habt, Keinem ſagen wollt. Der Meiſter verſicherte, daß er es nicht thun wuͤrde. So ſollt Ihr denn alſo, fing Bruno an, mein zucker ſuͤßer Meiſter, wiſſen, daß es noch nicht lange her iſt, als in dieſer Stadt ein großer Meiſter in der Geiſterbeſchwoͤrungskunſt lebte, welcher den Na⸗ men Michael Scott fuͤhrte, weil er aus Schottland war. Von vielen edlen Maͤnnern, deren heute we⸗ nige nur noch leben, erhielt er große Ehrenbezeigun⸗ gen, und als er von hier wieder abreiſen wollte, ließ er auf ihre dringenden Bitten zwei ſeiner tuͤchtigſten Schuͤler hier, denen er auftrug, ſie ſollten ſich jedem Vergnuͤgen dieſer ſo edlen Maͤnner, welche ihn ſo geehrt haͤtten, immer bereitwillig erweiſen. Dieſe dienten alſo den genannten edlen Leuten in einigen ihrer Liebeshiſtorien und anderen Säaͤchelchen ganz — ieſe gen Neunte Novelle. 111 frei. Als ihnen aber darauf die Stadt und die Sit⸗ ten der Leute gefielen, beſchloſſen ſie fuͤr immer hier zu bleiben, und ſie knuͤpften große und enge Freund⸗ ſchaften mit einigen an, ohne darauf zu achten, wer ſie wären, ob vornehm oder nicht vornehm, ob reich oder arm, nur daß es Leute waͤren, welche ſich fuͤr ihre Lebensart ſchickten. Um dieſen ihren Freunden nun gefallig zu ſeyn, richteten ſie eine Geſellſchaft von etwa fuͤnfundzwan⸗ zig Maͤnnern ein, welche jeden Monat wenigſtens zwei Mal an einem von ihnen beſtimmten Orte ſich zuſammenfinden ſollten, und wenn ſie da zuſammen waͤren, ſollte Jeder ihnen ſeinen Wunſch ſagen, und dann wollten ſie ihn ſchnell in dieſer Nacht aus⸗ fuͤhren. Mit dieſen Beiden lebe ich und Buffalmacco in ganz beſonderer Freundſchaft und Vertraulichkeit, wir wurden von ihnen in dieſe Geſellſchaft aufge⸗ nommen, und ſind noch darin. Und ich ſage Euch, daß, wenn es ſich einmal trifft, und wir dort ver⸗ ſammelt ſind, es ſehr merkwuͤrdig mit anzuſehen iſt, wie die Tapeten in dem Saale, in welchem wir ſpei⸗ ſen, herumhaͤngen, wie die Tiſche nach koͤniglicher Weiſe veſetzt ſind, ferner die Menge der edlen und huͤbſchen Diener, ſowol maͤnnliche als auch weibliche, nach eines Jeden Gefallen, der von dieſer Geſell⸗ ſchaft iſt, und die Becken, die Kruͤge, die Flaſchen, die Glaͤſer, und das andere goldene und ſilberne Ge⸗ ſchirr, von welchem wir eſſen und trinken, und uͤber⸗ dies noch die vielen und verſchiedenen Speiſen, die 112 Achter Tag. ſo, wie ſie ein Jeder wuͤnſcht, uns gereicht werden, und jede zu gehoͤriger Zeit. Ich kann Euch nimmer⸗ mehr ſchildern, was fuͤr und wie viel ſchoͤne Töne von unendlichen Inſtrumenten, und was fuͤr melodien⸗ reiche Geſaͤnge man dort hoͤrt; noch daß ich Euch ſagen koͤnnte, wie viel Wachskerzen bei dieſen Abend⸗ Mahlzeiten brennen, noch wie viel Confect dort ver⸗ zehrt, und wie viele koͤſtliche Weine dort getrunken werden. Und ich moͤchte nicht gerne, liebſter Gurkenſtips, daß Ihr etwa glaubt, wir wären da in dieſen Röcken und in dieſen Kleidern, wie Ihr es hier ſehet; Kei⸗ ner iſt ſo ſchlecht, daß Ihr nicht Jeden fuͤr einen Kaiſer ſolltet halten koͤnnen, ſo ſind wir dort mit theuren Kleidern und ſchoͤnem Schmucke angethan. Aber uͤber alle andere Freuden, die wir dort ge⸗ nießen, gehen noch die der ſchoͤnen Frauen, welche ſo ſchnell, als es nur einer haben will, dort aus der ganzen Welt zuſammenkommen. Da koͤnntet Ihr die Donna Wackelbart, die Koͤniginn der Baskier, die Gemahlin des Sultans, die Kaiſerinn von Os⸗ bech, die Hulle von Schlaraffenland, die Strunze aus Toͤlpelburg, und die Schlampe aus Narſchloch finden. Doch was ſoll ich Euch dieſe alle herzählen? Alle Koͤ⸗ niginnen der Welt ſind da, ich meine bis auf den Aſchwedel des Pfaffen Hans, dem aus dem H.. Hoͤrner'rausſtehen. Nun hoͤret jetzt weiter! Haben ſie nun getrun⸗ ken und Confect genaſcht, einen oder zwei Tänze ge⸗ tanzt, Jede mit dem, auf deſſen Vorladung ſie hin⸗ un⸗ ge⸗ in⸗ Neunte Novelle. 113 gekommen, ſo geht Jeder nach ſeiner Kammer. Und denkt Euch nur, in dieſen Kammern glaubt Ihr ein Paradies zu ſehen, ſo ſchoͤn ſind ſie; und nicht we⸗ niger wohlriechend als die Buͤchſen der Spezereien aus Eurer Boutique, wenn Ihr den Kuͤmmel ſtoßen laßt. Und dann ſind Betten da, die Euch ſchoͤner vorkommen wuͤrden, als das des Dogen von Venedig, in welche ſie ſich hineinlegen. Ob ſie denn da, wie es ſich fuͤr Weberinnen gehoͤrt und gebuͤhrt, auf den Tritt tuchtig auftreten, und den Kamm feſt an ſich heranziehen, um das Tuch recht dicht zu machen, das überlaſſe ich Euch ſelbſt zu bedenken. Aber die, welche meiner Meinung nach ſich am beſten befinden, ſind wir Beide, Buffalmacco und ich; denn Buffalmacco laßt die meiſten Male fuͤr ſich die Koͤniginn von Frankreich kommen, und ich für mich die von England, welches die beiden ſchoͤnſten Frauen in der ganzen Welt ſind; und wir haben es auch ſo anzuſtellen gewußt, daß ſie fuͤr nichts An⸗ ders ein Auge im Kopfe haben, als nur fuͤr uns. Daher koͤnnt Ihr bei Euch ſelbſt vedenken, ob wir nicht froͤhlicher als andere Menſchen leben und ſeyn können, wenn wir bedenken, daß wir die Liebe von zwei ſolchen Königinnen beſitzen, ohne daß, wenn wir ein tauſend, oder zwei tauſend Gulden von ihnen haben wollen, wir ſie ſogleich haben. Dies nennen wir nun auf Kaperei ausgehen; weil wir, ſo wie die Corſaren, einem Jeden alle ſein Häbe und Gut nehmen, es zwar eben ſo auch machen, außer daß wir darin von ihnen verſchieden ſind, daß Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 8 Achter Tag. ſie es niemals wieder geben, wir aber es wiederge⸗ ben, wenn wir Gebrauch davon gemacht haben. Nun, mein lieber, guter, ehrlicher Meiſter, habt Ihr ge⸗ hoͤrt, was wir auf Kaperei ausgehen nennen; aber wie ſehr dies geheim gehalten ſeyn will, koͤnnt Ihr leicht einſehen, und deßhalb ſage ich Euch nichts weiter daruͤber, und bitte ich Euch nicht weiter darum. Der Meiſter, deſſen Wiſſen ſich vielleicht nicht weiter erſtreckte, als den Kindern den Grind zu ku⸗ riren, gab den Worten Bruno's ſo vollen Glauben, als er nur der wichtigſten Wahrheit wuͤrde zugekom⸗ men ſeyn. Unterdeſſen aber hatte ſich bei ihm ein ſol⸗ cher Wunſch entzuͤndet, in dieſe Geſellſchaft aufge⸗ nommen zu werden, als er ſich nur nach etwas recht heiß Erſehntem entzuͤnden konnte. Daher gab er Bruno zur Antwort, da waͤre es wirklich kein Wun⸗ der, wenn ſie froh waͤren, und nur mit großer Muͤ⸗ he koͤnne er ſich zuruͤckhalten, ihn eher zu bitten, es d doch zu veranſtalten, daß er dabei waͤre, als bis er, 8 1— 3 wenn er ihm erſt noch groͤßere Ehrenbezeigungen er⸗ d wieſen haben wuͤrde, mit mehrerem Zutrauen ſeine ſo Bitten wuͤrde wiederholen koͤnnen. Da er ihn alſo ſehr hoch in Ehren behielt, ſetzte ur er den Umgang mit ihm fort, hatte oft ihn zu Mit⸗ tag und zu Abend bei ſich zum Eſſen, und bezeigte ni ihm die ungemeſſenſte Liehe. Und dieſer ihr Um⸗— gang war ſo groß und ſo fortgeſetzt, daß es ſchien, w als wenn ohne Bruno der Meiſter gar nicht mehr 2 leben koͤnnte. e⸗ in, e⸗ er s ter Neunte Novelle. 115 Da Bruno fuͤhlte, wie wohl er ſich befaͤnde, ſo hatte er ihm, damit er nicht undankbar gegen die ihm von dem Mediziner erwieſene Ehre erſchiene, in ſeinem Saale einen Faſching, und uͤber den Eingang des Zimmers ein Agnus Dei, und uͤber die Haus⸗ thuͤr ein Nachtgeſchirr gemahlt, damit diejenigen, die ſeines Rathes beduͤrftig wären, ihn vor Anderen heraus kennen koͤnnten. Auf einen andern kleinen Corridor hatte er ihm den Maͤuſe⸗ und Katzen⸗Krieg gemahlt, was dem Mediziner ganz was Vorzuͤgliches zu ſeyn ſchien. Uebrigens ſagte er je zuweilen zu dem Medizi⸗ ner, wenn er nicht bei ihm gegeſſen hatte: Dieſe Nacht war ich in der Geſellſchaft, habe mich aber mit der Königinn von England ein wenig entzweit, und ließ mir daher die Gumedra des Groß⸗Khans von Tariſi kommen. Da ſagte der Meiſter: Was heißt das, Gume⸗ dra? Dieſe Namen verſtehe ich nicht. O lieber Meiſter, ſagte Bruno, davüber verwun⸗ dere ich mich nicht, den Porcograſſo und Vannacena ſagen kein Wort davon. Ha, ſagte der Meiſter, Du willſt Hippokrates und Avicenna ſagen. Bruno antwortete: Wahrhaftig, ich weiß es nicht. Ich verſtehe mich ſo ſchlecht auf Eure Na⸗ men, als Ihr auf die meinigen. Aber die Gumedra will in der Sprache des Groß„Khans ſo viel ſagen, als Kaiſerinn in unſerer. O Ihr wuͤrdet ſie auch wol für das ſchoͤnſte Weibs⸗Menſchel halten! Ich — 116 Achter Tag. kann Euch wol ſagen, ſie wuͤrde Euch alle Eure Pulver und Klyſtiere und Pflaſter aus dem Kopfe bringen. Und ſo ſprach er einige Mal mit ihm; um ihn aber noch mehr anzufeuern, geſchah es, daß, als un⸗ ſer Herr Meiſter glaubte, er muͤßte mit ihm einmal eine Nacht durchwachen, während Bruno an dem Katzen⸗ und Maͤuſe⸗Krieg mahlte und er ihm das Licht dazu hielt, er ſich entſchloß, da er ihn durch ſeine Ehrenbezeigungen hinlaͤnglich gewonnen zu haben glaubte, ihm, da ſie allein waren, ſein Herz zu er⸗ oͤffnen, und er daher zu ihm ſagte: Bruno, Gott weiß es, es lebt kein Menſch auf der Welt, fuͤr den ich Alles ſo gern thaͤte, als fuͤr Dich, und es fehlt nicht viel, wenn Du mir ſagteſt, daß ich von hier nach Peretola gehen ſollte, ſo glau⸗ be ich, ich ginge hin; und darum wundere Dich nicht, wenn ich Dich ganz freundſchaftlich und mit vollem Vertrauen um etwas befrage. Wie Du weißt, es iſt noch nicht lange her, daß Du mit mir einmal von der Art und Weiſe Eurer luſtigen Geſellſchaft ſpra⸗ cheſt, und da iſt mir der Wunſch, auch dabei zu ſeyn, ſo lebhaft angekommen, daß ich mich nach nichts An⸗ derem je ſo ſehr geſehnt habe. Und das nicht ohne Grund, wie Du ſehen ſollſt; denn gelingt es mir, je⸗ mals dabei zu ſeyn, ſo kannſt Du mich von jetzt an fuͤr den groͤßten Narren halten, wenn ich Euch nicht das ſchonſte Maͤdchen, was Du jemals geſehen haſt, hinkommen laſſe. Es iſt ſchon ziemlich lange her, als ich ſie im vergangenen Jahre in Cacavincigli ure pfe ihn un⸗ nal en⸗ cht ine ben er⸗ auf fuͤr eſt, au⸗ ht, em on ra⸗ n, n⸗ n je⸗ ht ſt. r, li Neunte Novelle. 117 ſah, und ihr mein ganzes Herz zuwandte. Und beim heiligen Leichnam Chriſti, ich wollte ihr gleich zehn bologneſer harte Thaler geben, wenn ſie einſtimmte, aber ſie wollte nicht. Und darum bitte ich Dich, ſo viel ich nur kann, lehre mich, was ich zu thun habe, um dabei ſeyn zu koͤnnen, und mach' und bewerkſtel⸗ lige auch Du es, daß ich dazu komme; denn in Wahr⸗ heit, Ihr werdet an mir einen guten, treuen und auch ehrenwerthen Kumpan haben. Denn ſieh einmal gleich zuerſt, was ich fuͤr ein huͤbſcher Menſch bin, wie ſchön mir die Beine auf meiner Perſon ſtehen; ich habe ein Geſicht wie eine Roſe, und uͤber dies Alles, bin ich ein Docter der Medizin, wie ich glau⸗ be, daß Ihr keinen habt, ich weiß viele huͤbſche Sa⸗ chen, und huͤbſche Liederchen, ich will Dir eins ſingen; und den Augenblick fing er an zu ſingen. Bruno hatte ſo große Luſt zu lachen, daß er ſich kaum faſſen konnte, indeſſen hielt er ſich doch. Rach⸗ dem aber das Lied geendiget war, und der Meiſter geſagt hatte: Nun, was meinſt Du? antwortete Bruno: Gewiß, gegen Euch wuͤrden Zithern von Heide⸗ korn nichts ſeyn, ſo erzjodeliſchfein habt Ihr's ab⸗ gekankert. Der Meiſter ſprach: Ich ſage es ia, Du hätteſt es nimmermehr geglaubt, wenn Du mich nicht ge⸗ hoͤrt haͤtteſt. Ja, wahrlich, Ihr habt Recht, ſagte Bruno. Ich weiß auch noch wol andere, fiel der Mei⸗ ſter ein, aber laſſen wir das bei Seite geſetzt. So —————————— S——————— —— 118 Achter Tag. wie Du mich nun hier ſiehſt, war mein Vater ein Edelmann, ob er gleich nur auf dem Lande wohnte, und ich meinerſeits bin von meiner Mutter, aus dem Hauſe Valeccchio, geboreu. Uund wie Du haſt ſehen können, habe ich die ſchoͤnſten Buͤcher und die ſchoͤn⸗ ſten Kleider, wie ſie ein Mediziner aus Florenz nur haben kann. Bei Gott im Himmel, ich habe einen Rock, der, Alles zuſammengerechnet, beinahe hundert Thaler in Pfennigen koſtete, und das iſt ſchon laͤn⸗ ger als zehn Jahre her; und deßhalb bitte ich Dich, ſo viel ich nur kann, mach', daß ich dabei bin; und wahrhaftigen Gott, wenn Du es machſt, ſo ſey krank, wenn Du willſt, ich werde fuͤr meine Kunſt nimmer⸗ mehr einen Dreier von Dir nehmen. Als Bruno dies hoͤrte, und er ihn, ſo wie ihm das mehrere Male auch ſchon geſchienen hatte, fuͤr einen ausgemachten Einfaltspinſel hielt, ſagte er: Meiſter, haltet mir hier beſſer das Licht her, und laßt es Euch nicht verdrießen, bis ich den Maͤu⸗ ſen die Schwaͤnze angemahlt habe, und dann will ich Euch antworten. Die Schwaͤnze waren fertig, und Bruno, wel⸗ cher that, als käme ihm die Bitte etwas ungelegen, ſagte: Lieber Meiſter, das iſt ſehr was Großes, was Ihr durch mich haben wollt, und ich erkenne es. Deſſenungeachtet aber, wenn das, was Ihr von mir haben wollt, auch gleich fuͤr die Groͤße Eures Ver⸗ ſtandes nur was Kleines iſt, ſo iſt es doch fuͤr mich ſehr was Großes; doch aber weiß ich keinen Men⸗ 8 8 SSS e ee ef—„— ein nte, dem hen oͤn⸗ nur nen dert an⸗ ich, und mk, zer⸗ hm fuͤr er, au⸗ ich el⸗ en, vas es. nir er⸗ ich Neunte Novelle. ſchen in der Welt, fuͤr den, wenn ich es zu thun im Stande waͤre, ich lieber was thaͤte als fuͤr Euch, theils weil ich Euch in ſolchem Grade liebe, wie es Euch zukommt, und theils Eurer bloßen Worte we⸗ gen, in welchen ein ſo tiefer Sinn verborgen liegt, daß ſie Betſchweſtern aus Reiterſtiefeln herausziehen, um wie viel mehr mich von meinem Vorſatze abbrin⸗ gen koͤnnten; und je mehr ich mit Euch umgehe, je weiſer kommt Ihr mir vor. Und ich ſage Euch auch das noch, wenn auch nichts Anderes mich bewegte, Euch wohl zu wollen, ſo will ich Euch darum ſchon wohl, weil ich ſehe, daß Ihr in ein ſo herrliches Etwas verliebt ſeyd, wie Ihr ſagt. Aber ſo viel will ich Euch ſagen, ich kann hierbei das nicht, was Ihr denkt, und darum kann ich auch das fuͤr Euch nicht thun, was noͤthig wäre; allein wenn Ihr mir auf Euer großes und durchbrochenes Gewiſſen verſprecht, es geheim zu halten, ſo will ich Euch die Art und Weiſe angeben, die Ihr beobachten muͤßt, und dann ſcheint es mir ganz gewiß, daß, da Ihr ſo ſchoͤne Buͤcher habt, und auch noch andere Sachen, wie Ihr mir vorher ſagtet, es Euch gelingen wird. Hierauf ſagte der Meiſter: Nun ſo ſag' es frei. Ich ſehe ſchon, Du kennſt mich doch nicht ſo recht, und Du weißt noch nicht, wie ich was geheim hal⸗ ten kann. Es waren nur unbedeutende Dinge, die Meſſer Caspar von Saliceto that, als er Richter der Podeſta von Forlimpopoli war, und die er mir gewiß nicht ſogleich wuͤrde haben ſagen laſſen; aber er fand, daß ich ein ſo trefflicher Geheimſchreiber wäre. 119 120 Achter Tag. Und willſt Du ſehen, ob ich die Wahrheit ſage? Ich n war der erſte Menſch, dem er es ſagte, daß er die b Bergamine heirathen wolle. Na, ſiehſt Du? k O, dann iſt es gut, ſagte Bruno, wenn der Dir n ſo getrauet hat, dann kann ich Euch auch wol trauen. Die Art und Weiſe, die Ihr zu beobachten habt, wird dieſe ſeyn. Wir haben da ſo fuͤr unſere Geſellſchaft immer einen Capitain mit zwei Räthen, welche von ſechs zu ſechs Monaten geaͤndert werden, und ohne Zweifel wird mit dem erſten Buffalmacco Capitain und ich Rath werden, denn ſo iſt es beſchloſſen, und wer Capitin iſt, der vermag viel, daß der, den er will, aufgenommen werde, und wirklich auch aufgenommen wird. Und daher denke ich, daß Ihr, ſo viel Ihr es nur koͤnnt, Bekanntſchaft mit Buffalmacco ſucht, und ihm Ehrenbezeigungen erweiſet. Er iſt ein Mann, der, wenn er ſehen wird, daß Ihr ſo weiſe ſeyd, Euch ſogleich liebgewinnen wird, und wenn Ihr mit ihm durch Euren Verſtand und durch die ſchoͤ⸗ nen Sachen, die Ihr beſitzet, werdet vertrauter ge⸗ worden ſeyn, dann könnt Ihr ihn ja bitten, und er wird Euch gewiß nicht Nein ſagen. Ich habe Euret⸗ halben mit ihm ſchon geſprochen, und er will Euch ſehr wohl; und wenn Ihr es ſo gemacht habt, dann uberlaßt mir das Uebrige mit ihm. Darauf ſagte der Meiſter: Das gefaͤllt mir ſehr, was Du da ſprichſt, und iſt er ein Mann, der kluge Leute liebt, und mit mir alsdann nur zwei Worte g ſ geſprochen hat, ſo will ich es ſchon machen, daß er — 27) 82 ——— 8 8 eep— H 8 ——— ie ir er t⸗ r, Nrunte Novelle. 12¹ mich immer aufſuchen ſoll, weil ich ſo viel Verſtand beſitze, daß ich einer ganzen Stadt damit aushelfen koͤnnte, und doch noch immer der Kluͤgſte bleiben wuͤrde. Nachdem dies ſo eingeleitet war, ſagte Bruno Alles an Buffalmacco wieder, und dieſer konnte die Zeit nicht erwarten, zu thun, was Meiſter Dummhut wuͤnſchte. Der Mediziner, der uͤber alle Maßen begierig war, auf Kaperei auszugehen, ließ nicht eher locker, als bis Buffalmacco ſein Freund geworden war, und das gelang ihm ſehr leicht. Er fing damit an, ihm die ſchoͤnſten Abendeſſen und die koͤſtlichſten Mittags⸗ eſſen von der Welt zu geben, und eben ſo auch Bru⸗ no'n mit ihm zugleich; und ſie heißten ſich einander, wie dergleichen Herrn, die, wenn ſie gute Weine und fette Kapaunen und andere ſchoͤne Sachen riechen, ſich dann in der Naͤhe halten, und ohne viele Ein⸗ ladungen(indem ſie immer ſagen, bei einem Anderen wuͤrden ſie es nicht thun) doch dableiben. Indeſſen als es dem Meiſter nun Zeit zu ſeyn duͤnkte, machte er es eben ſo, wie er es mit Bruno gemacht hatte, und richtete ſeine Bitte eben ſo an Buffalmacco. Buffalmacco that daruͤber ſehr aufgebracht, und machte Bruno'n einen argen Laͤrm daruͤber, indem er ſagte: Ich ſchwoͤr' es beim Allmaͤchtigen in Paſignano, daß ich mich kaum halten kann, Dir nicht Eins ſo auf den Schaͤdel zu verſetzen, daß Dir die Naſe auf 122 Achter Tag. die Ferſen fuaͤllt, Du Verraͤther! wer anders, als Du, hat dies dem Meiſter verrathen? Aber der Meiſter entſchuldigte ihn ſehr, ſagte und ſchwur, er haͤtte es anders woher erfahren; und nach vielen weiſen Worten beruhigte er ihn endlich. Buffalmacco wandte ſich dann zum Meiſter und ſagte. Lieber Meiſter, da zeigt ſich's, was Ihr in Bologna geweſen ſeyd, und daß Ihr bis jetzt reinen Mund gehalten habt; ja, ich ſage Euch noch mehr, Ihr habt das AB6 nicht in der Klippſchule gelernt, wie das mit vielen Unverſtaͤndigen der Fall iſt, ſon⸗ dern Ihr habt es ſehr gut auf Unverſteht gelernt, und das iſt ſehr lange her; wenn ich mich aber nicht irre, ſo ſeyd Ihr auf einen Sonntag getauft. Und obgleich Bruno mir geſagt hat, daß Ihr daſelbſt in der Medizin ſtudirt habt, ſo will es mich doch be⸗ duͤnken, als hättet Ihr darauf ſtudirt, die Menſchen zu fangen, was Ihr beſſer, als irgend ein anderer Menſch, den ich je geſehen habe, nach Eurem Ver⸗ ſtande und Euren Redensarten verſteht. Der Mediziner, der ihm die Worte im Munde unterbrach, ſagte, zu Brono'n gewandt: Was iſt es doch fur eine herrliche Sache, mit weiſen Maͤnnern zu ſprechen und umzugehen! Wer haͤtte wol ſobald jeden einzelnen Punkt meiner Geſinnung aufgefaßt, als dieſer tuͤchtige Mann da? Du haſt bei weitem nicht ſobald eingeſehen, was ich werth bin, als er; aber ſage mir nur wenigſtens, was ich Dir ſagte, als Du mir ſagteſt, daß Buffalmacco an klugen e z —— S e e— 8 8 — u, gte n; hn nd nde ern ald ßt, em er; te Neunte Novelle. 123 Maͤnnern ſein Vergnugen faͤnde. Meinſt Du nicht, daß das mit mir der Fall geweſen iſt? Ganz vortrefflich, jagte Bruno. Hierauf richtete der Meiſter ſeine Worte an Buffalmacco: Ganz anders wuͤrdeſt Du geſprochen haben, haͤtteſt Du mich in Bologna geſehen, woſelbſt kein Hoher und kein Niedriger war, kein Doctor, kein Student, der mir nicht wohlgewollt haͤtte, ſo wußte ich Alle durch meine Unterhaltung, und durch meinen Verſtand zu feſſeln. Ja, ich will Dir noch mehr ſagen, ich ſprach daſelbſt auch nicht Ein Wort, worüber ich nicht jeden Menſchen zu lachen gemacht haͤtte, ſo ſehr gefiel ich ihnen, und als ich wegging, ſchwammen Alle in Thraͤnen, und Alle wuͤnſchten, daß ich doch nur dableiben moͤchte: auch ſtand es drauf und dran, daß ich da geblieben wäre, denn ſie wollten es mir allein uͤberlaſſen, ſo vielen Studenten, als ich nur wollte, mediziniſche Collegia zu leſen; aber ich wollte nicht, denn ich hatte einmal feſt be⸗ ſchloſſen, die große Erbſchaft anzunehmen, die ich hier habe, die auch immer zu meinem Hauſe gehoͤrt hat, und das habe ich denn auch gethan. Hierauf ſagte Bruno zu Buffalmacco: Was meinſt Du? Du glaubteſt es mir nicht, als ich es Dir ſagte. Beim heiligen Evangelien⸗Buche, es gibt in dieſem Lande keinen Mediziner, der ſich beſ⸗ ſer auf Eſels⸗Waſſer verſtände als dieſer, und ſicherlich findeſt Du von hier bis vor den Thoren von Paris keinen andern ſolchen. Gelt? Nimm Dir doch einmal vor, das nicht zu thun, was er will. 124 Achter Tag. Der Mediziner ſagte: Bruno ſpricht die Wahr⸗ heit, indeſſen ich bin nur hier nicht bekannt. Ihr ſeyd hier ſo ein dummes Volk, wie nur eins; aber ich wuͤnſchte, Ihr ſaͤhet mich einmal unter Doctoren, wie ich mich da ausnehme. Wahrhaftig, ſagte Buffalmacco, Meiſter, Ihr wißt noch viel mehr, als ich nur jemals geglaubt hätte. Was ich daher mit Euch geſprochen habe, und zwar ſo konfus unter einander durch, wie man mit klugen Maͤnnern, wie Ihr einer ſeyd, nur zu ſprechen pflegt, ſo ſage ich Euch, ich werde es ohne allen Zweifel dahin bringen, daß Ihr von unſerer Geſellſchaft ſeyn werdet. Die Ehrenbezeigungen, welche der Mediziner ihnen erwies, wurden nach dieſen Verſprechungen im⸗ mer vielfaͤltiger: ſie alſo genießend banden ihm die groͤßten Narrheiten von der Welt auf, und verſpra⸗ chen ihm, die Graͤfin von Civillari zu geben, welches die ſchoͤnſte waͤre, wie man ſie nur unter den Hefen der ganzen menſchlichen Generation finden koͤnnte. Da fragte der Mediziner, wer die Gräͤfin von Civillari wäre? Hierauf antwortete Buffalmacco: O meine liebe alte Saat⸗Gurke, das iſt eine zu große Dame, denn es giebt wenige Haͤuſer in der Welt, zu welchen ſich ihr Gerichts ſprengel nicht ausdehnte; und nicht bloß Jeder, ſondern vorzuͤglich die Minoriten⸗Bruͤder zahlen ihr bei Paukenſchall ihren Tribut. Unb ich kann Euch wohl ſagen, daß, wenn ſie umherzieht, gibt ſie ſich durch den Geruch zu erkennen, wenn ſie auch hr⸗ yd ich en, hr bt be, an — er ter ie es un Neunte Novelle. 125 ſonſt ſehr vevſchloſſen iſt; aber es iſt noch nicht lange her, als ſie in einer Nacht hier einmal vor der Thuͤre voruͤber ging, als ſie ſich im Arno die Fuͤße waſchen und ein Bischen freie Luft ſchoͤpfen wollte; aber ihr beſtändiger Aufenthalt iſt in heim⸗ lichen Gemaͤchern. Indeſſen ihre Sergeanten gehen oftmals herum, und alle tragen zum Beweiſe ihrer Oberherrſchaft eine Ruthe und einen Kehrbeſen. Von ihren Hofteuten ſieht man allenthalben genug, als da ſind: Purzel aus der Brille, Don Kegel, Beſen⸗ ſtiel, und Duͤnnſchiß, und andere, die, wie ich glaube, auch wol Eure Hausfreunde ſeyn werden, wenn Ihr Euch ihrer auch jetzt eben nicht erinnert. Einer ſo großen Dame, wenn Ihr die von Cakavincigli wer⸗ det haben fahren laſſen, wollen wir Euch, wenn uns der Gedanke nicht truͤgt, in die ſuͤßen Arme zu⸗ fuͤhren. Der Mediziner, der in Bologna geboren und aufgewachſen war, verſtand ihre Ausdruͤcke nicht, und ſagte daher, er waͤre mit der Dame zufrieden. Nicht lange nach dieſen Hiſtorien hinterbrachten die Mahler ihm, daß er ſo gut wie aufgenommen waͤre. Und als der Tag kam, wo ſie ſich in der darauf folgenden Nacht verſammeln ſollten, hatte der Meiſter ſie alle Beide bei ſich zum Eſſen, und nach⸗ dem ſie gegeſſen hatten, fragte er ſie, wie er ſich denn zu betragen habe, um in die Geſellſchaft hin⸗ einzukommen. Hierauf ſagte Buffalmacco: Seht, Meiſter, Ihr muͤßt nur recht dreiſt ſeyn, denn wenn Ihr nicht recht dreiſt ſeyd, ſo koͤnnte 126 Achter Tag. man Euch wol ein Hinderniß in den Weg legen, und es könnte uns von großem Nachtheil ſeyn; wobei Ihr aber recht dreiſt ſeyn muͤßt, das ſollt Ihr hoͤren. Ihr muͤßt ein Mittel finden, daß Ihr dieſen Abend, wenn Alles im erſten Schlafe liegt, Euch auf eine der erhoͤheten Todten⸗Gruͤfte einfindet, welche, es iſt noch nicht lange her, draußen bei Santa Maria Novella gemacht worden ſind, und zwar in einem Eurer beſten Roͤcke, damit Ihr gleich zum erſten Male anſtändig vor der Geſellſchaft erſcheinet, und zwar ſo, weil(nach dem, was uns davon geſagt wor⸗ den iſt, denn wir waren nicht dabei) die Graͤfin die Abſicht hat, da Ihr doch ein Edelmann ſeyd, Euch auf ihre Koſten zum Ritter vom Bade zu machen. Dort wartet Ihr denn, bis derjenige zu Euch kommt, den wir an Euch abſchicken werden. Und damit Ihr von Allem unterrichtet ſeyn moͤget, ſo wird ein ſchwarzes und gehoͤrntes, nicht ſehr großes Thier erſcheinen, wird auf dem Platze vor Euch gewaltig umherſchnaufen und ſpringen, um Euch zu erſchrek⸗ ken, aber wenn es ſehen wird, daß Ihr Euch nicht fuͤrchtet, wird es ganz ſtille ſich Euch nahen. Hat es ſich Euch dann genahet, dann ſteigt ohne die min⸗ deſte Furcht von dem Grabe herunter, und ohne Gott oder Heilige anzurufen, ſpringt auf das Thier hin⸗ auf, und habt Ihr Euch darauf zurecht geſetzt, ſo nehmt eine ehrerbietige Stellung an, und legt die Haͤnde auf die Bruſt, ohne das Thier weiter noch zu beruͤhren. Es wird ſich alsdann ganz ſanft in Bewegung ſetzen, und Euch zu uns bringen; habt „„„„„—„— —— G—— —„„„— e— e—. und obei ren. end, eine es ria nem ſten und or⸗ die uch hen. mt, Ihr ein hier ltig rek⸗ icht Hat nin⸗ ott hin⸗ die noch t in Neunte Novelle. 127 Ihr aber bis dahin Gott oder irgend einen Heiligen angerufen, oder Furcht gezeigt, ſo ſage ich Euch, es koͤnnte Euch wol hinunter werfen, oder an einen Ort hinſtoßen, der Euch zuſtaͤnke. Darum, wenn Ihr nicht das Herz habt, ganz ſicher zu ſeyn, ſo kommt nicht hin, denn Ihr wuͤrdet Euch Schaden thun, ohne uns irgend einen Nutzen zu ſtiften. Hierauf ſagte der Mediziner: Ihr kennt mich noch nicht. Ihr ſehet vielleicht, daß ich die Hand⸗ ſchuh in der Hand und lange Hoſen trage. Wenn Ihr wuͤßtet, was ich des Nachts in Bologna habe ausgehen laſſen, wenn ich mit meinen Cumpanen manchmal zu den Frauenzimmern ſtieg, ſo wuͤrdet Ihr Euch wundern. Bei Gott im Himmel, es war mal in einer Nacht, daß Eine nicht mit uns gehen wollte(es war ſo eine Strunze, oder noch ärger, kaum eine Hand hoch), erſt gab ich ihr ein paar Fauſtſchläge, dann hielt ich ſie ſo in die Schwebe, und trug ſie, ich glaube wohl, auf einen Bogen Schuß⸗Weite, bis ich es dahin brachte, daß ſie mit uns ging. Ein ander Mal, erinnere ich mich, daß ich, ohne daß noch Jemand bei mir geweſen waͤre als mein Bedienter, ſo etwa bald nach dem Ave Maria, an dem Kirchhofe der Minoriten⸗Bruͤder vorbeiging; an demſelben Tage war eine Frau begraben, und ich hatte nicht die mindeſte Furcht; deßhalb habt dar⸗ uͤber ja keine Sorge, denn ich bin nur zu feſt und zu tapfer. Und dann ſage ich Euch, um recht an⸗ ſtaͤndig dort hinzukommen, will ich meinen Scharlach⸗ Rock anziehen, in welchem ich promovirt habe, und 128 Achter Tag. will doch ſehen, ob die Geſellſchaft ſich nicht freuen ſoll, wenn ſie mich erblickt, und ob ſie mich nicht uͤber Hals und Kopf zum Capitain machen wird. Ferner ſollt Ihr ſehen, was die Sache fuͤr einen Fortgang haben wird, wenn ich erſt ſelbſt dabei ſeyn werde, da die Graͤfin, ſchon ehe ſie mich noch einmal geſehen hat, ſo in mich verliebt iſt, daß ſie mich zu ihrem Ritter vom Bade machen will. Ob mir denn dieſe Ritterſchaft ſo ſchlecht ſtehen wird, und ob ich ſie ſo ſchlecht werde behaupten koͤnnen, oder ſo gut, dafuͤr laßt mich alsdann nur ſorgen. Buffalmacco ſagte: Zu gut geſprochen, aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr uns keinen Poſſen ſpielt, und nicht hinkommt, oder nicht zu finden ſeyd, wenn wir nach Euch ſchicken; ich ſage Euch das, weil es kalt iſt, und Ihr Herren Mediziner Euch ſehr davor ſchuͤtzet. Gott bewahre, ſagte der Mediziner, ich bin nicht von dieſen Verfrorenen, ich kuͤmmre mich nicht um die Kaͤlte: je zuweilen, wenn ich des Nachts, der Nothdurft meines Koͤrpers wegen, wie der Menſch das oftmals thut, aufſtehe, ſo nehme ich nichts als meinen Pelz uͤber das Bruſttuch um. Ich werde alſo ganz beſtimmt da ſeyn. Als nun hierauf dieſe fortgegangen waren, und die Nacht einbrach, ſuchte der Meiſter zu Hauſe ge⸗ gen ſeine Frau allerhand Entſchuldigungen vor, nahm heimlich ſeinen ſchoͤnen Rock heraus, als er glaubte, daß es Zeit wäre, und zog ihn an; dann ging er nach einem der gedachten Graͤber, kauerte vor wen ruh en cht rd. en yn al zu nn ch t ſer en 6, hr ht er 18 de nd E⸗ er in te Neunte Novelle. 129 ſich auf einem Leichenſteine zuſammen, denn die Kälte war ſehr groß, und erwartete nun das Thier. Buffalmacco, welcher groß, und von ungeſchlach⸗ tetem Koͤrperbau war, ſuchte ſich eine derjenigen Masken zu verſchaffen, die man zu gewiſſen Spielen zu gebrauchen pflegt, welche heutiges Tages nicht mehr uͤblich ſind, und zog einen ſchwarzen Pelz ver⸗ kehrt an, ſo daß er wie ein Baͤr ausſah, nur daß er eine Teufelsmaske vorhatte und gehoͤrnt war. In ſolchem Aufzuge ging er nach dem neuen Platze von Santa Maria Novella, wo Bruno auch in der Naͤhe hingegangen war, um zu ſehen, wie das Ding ab⸗ laufen wuͤrde. Nachdem jener wahrgenommen hatte, daß der Herr Meiſter da wäre, fing er an gewaltige Sprünge zu machen, auf dem Platze herum zu toben, zu ſchnau⸗ ben, zu heulen und zu kreiſchen, ſo als wenn er vom Satan beſeſſen waͤre. Als der Meiſter ihn ſah und hoͤrte, ſtanden ihm alle Haare zu Berge, fing am ganzen Leibe an zu zittern, und gerieth in eine Furcht, aͤrger als ein Weib; jetzt waͤre er lieber zu Hauſe geweſen, als hier. Allein nicht nur deßhalb, weil er einmal her⸗ gekommen war, zwang er ſich, dreiſt zu ſeyn, ſondern das Verlangen die Wunder zu ſehen, die ihm jene vorgeſchwatzt hatten, vermochte ſo viel uͤber ihn. Nachdem aber Buffalmacco, ſo wie geſagt, ein wenig herum getobt hatte, that er, als wuͤrde er etwas ruhiger, und näherte ſich dem Grabe, auf welchem der Meiſter ſaß, und ſtand ſtill. Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 9 130 Achter Tag. Der Meiſter, welcher vor Furcht am ganzen Leibe zitterte, wußte nicht, was er thun ſollte, ob er hinaufſpraͤnge oder ſtehen bliebe. Endlich aber doch furchtend, es moͤchte ihm uͤbel ergehen, wenn er nicht hinaufſtiege, verjagte er mit der zweiten Furcht die erſte, trat von dem Grabe hinunter, murmelte leiſe vor ſich hin: Na, mit Gottes Huͤlfe! beſtieg es, ſetzte ſich ganz feſt darauf, und nahm mit den Hän⸗ den eine recht ehrerbietige Stellung an, ſo wie es ihm geheißen war. Buffalmacco nahm nun ganz ruhig ſeinen Weg nach Santa Maria della Scala hin, und kroch auf allen Vieren, bis er ihn nach den Jungfern von Ri⸗ pole hingebracht hatte. Es waren damals gerade in dieſer Gegend Braͤben gezogen, durch welche die Land⸗ leute von dieſen Feldern eben die Graͤfin von Civil⸗ lari ausleeren ließen, um die Felder damit zu duͤn⸗ gen. Als Buffalmacco in ihre Nähe gekommen war, trat er dicht auf den Rand eines derſelben hin, und nachdem er ſeine Zeit wahrgenommen, legte er ſeine Hand an einen von des Mediziners Fuͤßen, und ſtieß ihn mit derſelben hinunter, daß er ihn recht mit dem Kopfe vorweg in einen dieſer Graͤben hineinwarf. Darauf fing er an knurrend die Zaͤhne zu fletſchen, herumzuſpringen und zu toben; endlich aber ging er längs Santa Maria della Scala nach dem Prato d'Ogni Santo dahin, wo er Bruno fand, der, da er ſich vor Lachen nicht halten konnte, fortgelaufen war. Beide hatten ihr großes Feſt daruͤber, und gahen von nzen b er doch nicht die leiſe es, Haͤn⸗ ie es Weg auf Ri⸗ de in Land⸗ duͤn⸗ war, „und ſeine ſtieß t dem warf. ſchen, ing er Prato da er war. n von Neunte Novelle. 131 weitem darauf Acht, was der eingeknetete Mediziner machen wuͤrde. Sobald der Meſſer Mediziner merkte, daß er an ſo einem abſcheulichen Orte ſich befaͤnde, ſtrengte er ſich an, wieder in die Hoͤhe zu kommen, und ſuchte ſich auf alle Art zu helfen, um wieder heraus zu kriechen; allein da er bald hier-, bald dahin immer wieder zuruͤckfiel, und nun vom Kopf bis zu Fuͤßen ganz eingeknetet ward, ward er traurig und ganz ungluͤcklich, da er ſogar einige Stuͤckchen hinunterge⸗ ſchluckt hatte, bis es ihm endlich denn doch gelang, heraus zu kommen, nur ſeine Kaputze ließ er zu⸗ ruͤck. Er broͤckelte nun den Teig mit den Haͤnden, ſo gut er nur konnte, ab, und da er nicht wußte, wozu er ſich anders entſchließen ſollte, kehrte er nach ſeinem Hauſe zuruͤck, und klopfte ſo lange, bis ihm aufgemacht ward. Kaum war er ſo ſtinkend hineingetreten, und die Thuͤr wieder verſchloſſen, ſo war Bruno und Buffal⸗ macco auch ſchon da, um zu hoͤren, wie der Meiſter von ſeiner Donna aufgenommen worden waͤre. In⸗ dem dieſe nun ſo horchten, hoͤrten ſie, wie ihm die Frau die groͤßten Grobheiten ſagte, wie ſie nur je einem Taugenichts geſagt worden ſino. Du biſt mir ein feiner Burſche, ſagte ſie. Einem andern Frauenzimmer warſt Du nachgegangen, und wollteſt recht anſtandig im Scharlach⸗Rocke vor ihr erſcheinen. Nun, war ich Dir denn nicht genug? Musie, ich wäre doch wol fuͤr ein ganzes Volk hin⸗ reichend und alſo auch wol fuͤr Dich. O haͤtten ſie 132 Achter Tag. Dich doch ganz und gar darin erſtickt, wie ſie Dich da hinein geworfen haben, wo Du es verdienteſt hin⸗ eingeworfen zu werden. Sehe doch einer den ehren⸗ werthen Mediziner, hat eine Frau, und geht Nachts zu anderen Frauen. Mit ſolchen und noch anderen Redensarten hoͤrte die Frau nicht auf, den Mediziner, der ſich indeſſen immerfort waſchen ließ, bis in die halbe Nacht hin⸗ ein zu quälen. Am folgenden Morgen gingen Bruno und Buf⸗ falmacco, welche ſich den ganzen Koͤrper, ſo weit ihn die Kleider bedecken, ſo bemahlt hatten, als wären es mit Blut unterlaufene braune und blaue Flecken, ſo wie ſie Schläge zuruͤckzulaſſen pflegen, nach dem Hauſe des Mediziners hin, und fanden ihn ſchon auf⸗ geſtanden; als ſie aber zu ihm hineintraten, ſtank ihnen Alles noch ſo zu, daß ſie wol merkten, es haͤtte noch nicht Alles ſo gereinigt werden koͤnnen, daß es nicht mehr ſtaͤnke Da der Mediziner hoͤrte, daß dieſe zu ihm ka⸗ men, ging er ihnen entgegen, und ſagte: Gott gebe Euch einen guten Tag! Bruno und Buffalmacco antworteten hierauf, ſo wie ſie ſichs vorgenommen hatten, mit verſtoͤrtem Geſichte: Das ſagen wir Euch nicht, vielmehr bitten wir Gott, daß er Euch ſo viel ungluͤck über den Hals ſchicke, daß Ihr auf die elendeſte Art daran umkom⸗ men moͤchtet; denn Ihr ſeyd der ehrloſeſte und ärgſte Verraäther, der nur lebt. Denn an Euch hat es nicht gel nic Eu vie na fal daf nic er die wie zug ſeit ger Ic Ar unt ſag an nic unſ ein — den ch n⸗ n⸗ 3 rte ſen in⸗ uf⸗ hn ren en, em uf⸗ nk tte e ka⸗ ebe ſo tem wir als om⸗ gſte ſcht Neunte Novelle. gelegen, daß man uns, die wir uns Muͤhe gegeben haben, Euch Ehre und Vergnuͤgen zu verſchaffen, nicht wie die Hunde todtgeſchlagen hat. Und um Eurer Treuloſigkeit willen haben wir dieſe Nacht ſo viel Prügel bekommen, daß ein Eſel um viel weniger nach Rom ginge, ohne zu gedenken, daß wir in Ge⸗ fahr geſtanden haben, aus der Geſellſchaft gejagt zu werden, in welcher wir Alles ſo eingerichtet hatten, daß Ihr aufgenommen wuͤrdet. Und wollt Ihr uns nicht glauben, ſo ſeht einmal unſern Koͤrper an, wie er ausſieht. Und hier ſchlugen ſie, bei einem Schimmerlichte, die Kleider auseinander, und zeigten ihm die Bruſt, wie ſie ſie bemahlt hatten, worauf ſie ſie ohne Ver⸗ zug dann wieder zuſammenſchlugen. Der Mediziner wollte ſich entſchuldigen, und von ſeinem Ungluͤcke anfangen, wie und wohin er wäre geworfen worden; aber darauf ſagte Buffalmacco: Ich wollte, es hätte Euch von der Bruͤcke in den Arno geworfen. Warum dachtet Ihr auch an Gott und die Heiligen? War Euch das nicht vorher ge⸗ ſagt worden? Bei Gott im Himmel, ſagte der Mediziner, dar⸗ an dachte ich nicht. Was, ſagte Buffalmacco, daran dachtet Ihr nicht? Ihr habt nur zu viel daran gedacht, denn unſer Bote ſagte uns, daß Ihr gezittert haͤttet, wie eine Ruthe, und nicht gewußt, wo Ihr wäret. Ja, Ihr habt uns einen ſchoͤnen Streich geſpielt; aber den ſoll uns kein Menſch wieder ſpielen, und Euch 133 134 Achter Tag. wollen wir dafuͤr eine Ehre anthun, wie ſie Euch zukommt. Nun fing der Mediziner an um Verzeihung zu bitten, und ſie bei Gott zu beſchwoͤren, ſie moͤchten ihn nicht in ſchlechten Ruf bringen, und mit den ſchoͤnſten Worten bemuͤhete er ſich, ſo viel er nur konnte, ſie zu beruhigen. Und aus Furcht, ſie moͤch⸗ ten ſeine Schande doch ausplaudern, wenn er ihnen von jetzt an keine Ehrenbezeigungen mehr erwieſe, haͤtſchelte und ehrte er ſie mit Gaſtmaͤhlern und an⸗ deren Dingen von jetzt an noch immerfort. Auf ſolche Art alſo, wie Ihr gehoͤrt habt, ward dem Verſtand beigebracht, der in Bologna noch nicht ſo viel— gelernt hatte. Zehnte Novelle. Eine Sicilianerinn nimmt auf eine meiſterhafte Art einem Kaufmanne ab, was er nach Palermo gebracht hatte; dieſer ſtellt ſich, als wenn er mit noch weit mehreren Kaufmannsguͤtern dahin zuruͤckkäme als vorher; er borgt von ihr Geld, und läßt ihr Waſſer und Werg dafuͤr zuruͤck. Wie ſehr die Novelle der Koͤniginn an verſchie⸗ denen Stellen die Damen zum Lachen gereizt hatte, iſt keine Frage. Auch nicht eine war, welcher nicht bei dem uͤbermaͤßigen Lachen mehr als zehn Mal die Thraͤnen in die Augen gekommen waͤren. Als ſie aber zu Ende war, ſagte Dioneus, da er wußte, daß die Reihe nun an ihm ſtände: Holde Maͤdchen, es liegt wol am Tage, Kuͤnſte gefallen um ſo mehr, je kuͤnſtlicher ein feiner Kuͤnſt⸗ en em ren rgt ick. ie⸗ te, cht die ſie aß ſte Zehnte Novelle. 135 ler dadurch wieder verſpottet wird. Wenn Ihr da⸗ her auch ſchon das Schoͤnſte daruͤber erzählt habt, ſo beabſichtige ich doch, Euch noch etwas zu erzählen, was Euch weit mehr noch als irgend etwas des Er⸗ zaͤhlten gefallen wird, da diejc ige, welche zum Be⸗ ſten gehabt ward, eine weit groͤßere Kuͤnſtlerinn war, Andere zu verſpotten, als nur irgend Einer oder Eine, von denen Ihr erzaͤhlt habt, gefoppt worden iſt. Es pflegte, vielleicht aber iſt es auch heute noch, in allen See⸗Staͤdten, welche einen Hafen haben, die Sitte zu ſeyn, daß alle Handelsmaͤnner, welche mit Waaren darin anlanden, alle Waaren, ſobald ſie dieſelben ausladen laſſen, nach einem Speicher brin⸗ gen, welcher an mehreren Orten Packhof heißt, und von der Commune oder dem Landesherrn unterhalten wird. Haben dieſe alsdann denen, welche hieruͤber geſetzt ſind, ſchriftlich alle Waaren und auch den Preis derſelben angegeben, ſo wird dem Kaufmann von eben dieſen ein Magazin angewieſen, worin er ſeine Waaren niederlegen, und mit einem Schluͤſſel verſchließen kann; dann ſchreiben die Packhofsbedien⸗ ten, in ein Buch des Packhofes, auf den Namen des Kaufmannes alle ſeine Waaren ein, und laſſen ſich, nach ihrem Rechte, von dem Kaufmanne, entweder im Ganzen, oder zum Theil, je nachdem ſie Waaren vom Packhofe herunternehmen, bezahlen. Aus dieſem Packhofsbuche unterrichten ſich häu⸗ fig die Maͤkler, ſowol von der Qualitaͤt, als auch von der Quantität der Waaren, welche da ſind, auch wer die Kaufleute ſind, die ſie haben, und mit wel⸗ 136 Achter Tag. chen ſie dann, wie es ihnen gerade in die Haͤnde faͤllt, uͤber den Wechſel, uͤber den Tauſch, uͤber den Verkauf und anderen Abſatz unterhandeln. Dieſe Sitte war, ſo wie an vielen anderen Orten, auch in Palermo in Sicilien, woſelbſt aber auch viele Frauen von ſchoͤner Geſtalt, aber Feindinnen der Ehrbarkeit, waren und noch ſind. Wer ſie nicht kennt, wuͤrde ſie fuͤr große und ſehr anſtaͤndige Frauen halten. Und da ſie ſich ganz darauf gelegt haben, Leute nicht bloß zu barbiren, ſondern zu ſchinden, ſo unterrichten ſie ſich, ſobald ſie nur einen fremden Kaufmann ſehen, aus dem Packhofsbuche von dem, was er daſelbſt hat, und was er machen kann; und dann bemühen ſie ſich mit ihrem freund⸗ lichen und liebevollen Benehmen, und mit zuckerſuͤ⸗ ßen Worten dieſe Kaufleute anzulocken und zu einem Liebesverſtändniß mit ihnen hinzuziehen; auch haben ſie deren ſehr viele angezogen, ſo daß ſie ihnen einen guten Theil ihrer Waaren aus den Haͤnden geſpielt haben, und wol mehreren gar alle. Ja, es ſind de⸗ ren geweſen, welche ihnen Waaren, und Schiff und Fleiſch und Blut gelaſſen haben, ſo lieblich hat die Bartputzerinn das Scheermeſſer zu fuͤhren gewußt. So geſchah es denn auch, es iſt noch nicht lange her, daß ein von ſeinem Herrn dahin geſandter jun⸗ ger Florentiner, unſer Landsmann, Namens Niccolo von Cignano, ob er gleich auch wol nur Salabaetto genannt ward, mit ſo viel wollenen Tuͤchern dahin geſandt worden war, als ihm von der Meſſe in Sa⸗ y menfinden moͤchte. Hierauf zog ſie einen Ring aus Zehnte Novelle. lerno uͤbrig geblieben waren, daß ſie gut und gern wol ein fuͤnfhundert Goldgulden werth ſeyn mochten. Nachdem er die Faktur derſelben den Packhofs⸗ bedienten uͤbergeben hatte, legte er ſie in ein Maga⸗ zin nieder, und ging, ohne daß er große Eil fuͤr den Verkauf zeigte, je zuweilen zum Vergnuͤgen in der Gegend umher. Und da er weiß, blond, ſehr einneh⸗ mend und ſchoͤn gewachſen war, ſo begab es ſich, daß eine von dieſen Bartputzerinnen, welche ſich Madonna Jancofiore nennen ließ, und ſo etwas von ihm gehoͤrt hatte, ein Auge auf ihn warf. Als er dies merkte, und glaubte, daß ſie eine große Dame wäre, dachte er, er gefiele ihr ſeiner Schoͤnheit wegen, und meinte, er wolle dieſe Liebe ſehr vorſichtig durchfuͤhren; daher fing er an, ohne irgend einem Menſchen ein Wort davon zu ſagen, Gänge vor ihrem Hauſe vorbei zu machen. Ihr entging dies nicht; vielmehr ſandte ſie ihm, nachdem ſie ihn einige Tage mit den Augen in Flam⸗ men geſetzt und gethan hatte, als zehre ſie ſich fuͤr ihn auf, ganz im Stillen eine ihrer Frauen zu, wel⸗ che die Kunſt der Kuppelei ganz vorzuglich verſtand. Mit Thränen in den Augen ſagte ihm dieſe nach mehreren Schnickſchnack, daß er mit ſeiner Schoͤnheit und mit ſeiner Anmuth ihre Herrſchaft dergeſtalt ein⸗ genommen habe, daß ſie weder am Tage noch in der Nacht Ruhe hätte; und darum wuͤnſche ſie nichts mehr, als daß ſie, wenn es ihm ſo gelegen wäre, ſich mit ihm ganz im Geheimen in einem Bade zuſam⸗ 138 Achter Tag. ihrem Geldbeutel, und gab ihm denſelben von Seiten ihrer Herrin. Salabaetto war, als er dies hoͤrte, der froͤhlich⸗ ſte Menſch, wie nur je einer geweſen, er nahm den Ring, druckte ihn ſich an die Augen, kußte ihn, und ſteckte ihn ſich an den Finger; hierauf erwiederte er dem guten Weibe, daß, wenn Madonna Jancofiore ihn liebte, ſie ebenfalls Gegenliebe gefunden haͤtte, denn er liebe ſie mehr als ſein eigenes Leben, und daß er bereit ware, zu gehen, wohin es ihr beliebig waͤre, und zu jeder Stunde. Die Unterhändlerinn kehrte daher mit dieſer Antwort zu ihrer Herrin zuruͤck, und ſogleich ward an Salabaetto geſagt, in welchem Bade er am fol⸗ genden Tage nach der Vesper ſie erwarten ſolle. Ohne irgend einem Menſchen nur etwas in der Welt zu ſagen, ging er ſchnell, zu der ihm beſtimm⸗ ten Stunde dahin, und fand das Bad von der Dame eingenommen. Er hatte noch nicht lange daſelbſt zu⸗ gebracht, als zwei beladene Sklavinnen erſchienen, von denen die eine eine ſchoͤne und große baumwol⸗ lene Matratze auf dem Kopfe hatte, und die andere einen ſehr großen Korb mit verſchiedenen Sachen. Nachdem ſie die Matratze in einer Kammer des Ba⸗ des uͤber ein Ruhebette ausgebreitet hatten, legten ſie ein Paar ſehr feine mit Seide geſtickte Betttuͤ⸗ cher daruͤber, und dann eine Decke von dem weißeſten cypriſchen Seidenhaar, mit zwei Ohrkiſſen mit Tauſendſchoͤn durchwirkt. Hierauf entkleideten ſie ——— ℳ — ——— Zehnte Novelle. ſich, ſtiegen in das Bad hinein, wuſchen und kehrten es ganz und gar und auf's beſte aus. Hierauf dauerte es nicht lange, ſo trat die Dame mit zwei anderen Sklavinnen hinter ſich in das Bad ein. Sobald ſie nun hier ihre Beguemlichkeiten ge⸗ nommen, kam ſie Salabaetto'n freundlich zuvorkom⸗ mend entgegen, und unter den tiefſten Seufzern von der Welt, ihn umarmend und kuͤſſend, ſagte ſie: wuͤßte ich doch nicht, wer im Stande geweſen waͤre, mich dahin zu bringen, wohin Du mich gebracht haſt, als nur Du; Du haſt mir das Feuer in die Adern gejagt, Du grauſamer Toskanier! Hierauf gingen ſie nach ihrem Wunſche Beide entkleidet ins Bad, und mit ihnen zwei ihrer Skla⸗ vinnen. Ohne hierauf einen Anderen Hand an ihn legen laſſen, wuſch ſie Salabaetto'n mit wohlriechen⸗ der Seife von Gewuͤrznelken uͤber und uber, ſich ſelbſt aber ließ ſie von den Sklavinnen waſchen und reiben. Als dies geſchehen war, brachten die Sklavinnen zwei der feinſten, weißeſten Betttuͤcher, aus denen ein ſo ſtarker Roſenduft hervordrang, daß alles, was da war, nach Roſen roch; die eine huͤllte als⸗ dann Salabaetto'n in das eine, die andere die Dame in das andere, und ſo trugen Beide ſie, auf ihre Schultern genommen, in das gemachte Bett. Nachdem ſie hier zu ſchwitzen aufgehoͤrt, nahmen die Sklavinnen ſie aus dieſen Juͤchern heraus, ließen ſie aber noch immer entkleidet in anderen liegen. Dann nahmen ſie aus ihren Koͤrben ſchoͤne ſilberne Riechfläͤſchchen heraus, von denen dieſe mit Roſen⸗ 140 Achter Tag. waſſer, dieſe mit Orangenbluͤten⸗Waſſer, dieſe mit Waſſer von Jasmin und jene mit Pomeran⸗ zen⸗Bluͤten angefuͤllt waren, und beſpritzten ſie mit dieſen Waſſern ganz und gar; endlich zogen ſie dann Koͤrbchen mit Confect und koͤſtlichen Weinen hervor, womit jene ſich dann etwas wieder ſtaͤrkten. Salabaetto glaubte im Paradieſe zu ſeyn; tau⸗ ſend Mal ſchon hatte er ſie, die wirklich ſehr ſchoͤn war, angeſehen, als jede Minute ihm hundert Jahre duͤnkte, bis die Sklavinnen fortgegangen waͤren, und er ſich in den Armen der Schoͤnen befaͤnde. Nach⸗ dem dieſe aber auf Befehl der Dame nun endlich fortgegangen waren, und in dem Zimmer eine ange⸗ zuͤndete Wachskerze zuruͤckgelaſſen hatten, umarmte ſie Salabaetto, und dieſer ſie; und ſo blieben ſie, zum groͤßten Vergnuͤgen Salabaetto's, der da glaubte, ſie verzehre ſich ganz aus Liebe fuͤr ihn, eine lange Weile bei einander. Als es aber der Dame Zeit ſchien, aufzuſtehen, ließ ſie die Sklavinnen kommen, dann kleideten ſie ſich an, und ſtärkten ſich wieder etwas mit Getraͤnk und Confect. Sie wuſchen ſich hierauf Haͤnd' und Geſicht mit den wohlriechenden Waſſern, und da ſie auseinander gehen wollten, ſagte die Dame zu Sala⸗ baetto, wenn es Dir recht wäre, ſo wuͤrde es mir zum groͤßten Vergnuͤgen gereichen, wenn Du dieſen Abend zu mir zum Eſſen, und bei mir zu wohnen hinkommen wollteſt. Salabaetto, welcher ſchon von ihrer Schoͤnheit und kunſtvollen Anmuth eingenommen war, glaubte — W W Zehnte Novelle. ganz feſt, er wuͤrde von ihr wie das Herz im Leibe geliebt, und ſagte: Madonna, alles was Euch gefuͤllt, iſt mir im hoͤchſten Grade willkommen, und daher geht mein Wunſch dahin, nicht nur dieſen Abend, ſondern im⸗ mer das zu thun, was Euch gefällt, und was Ihr mir gebietet. Die Donna kehrte alſo nach Hauſe zuruͤck, ließ das Zimmer mit ihren Sachen und Geraͤthſchaften aus ſchmuͤcken, ein glaͤnzendes Abendeſſen bereiten, und erwartete Salabaetto. Dieſer ging, ſobald es etwas dunkel geworden war, hin, und froͤhlich empfangen, ſpeiſte er mit gro⸗ ßem Vergnuͤgen und herrlich bedient zu Abend. Als ſie hierauf in die Kammer eingetreten waren, kam ihm ein wundervoller Duft von Aloeholz und cypri⸗ ſchen Voͤgeln entgegen, er ſah das uͤberreiche Bett, und auf den Riegeln umher viele ſchoͤne Kleider. Dieſe Sachen, ſowol alle zuſammen, als auch eine jede fuͤr ſich, brachten ihn auf die Gedanken, daß ſie wol eine große und reiche Donna waͤre. Und ob er gleich das Gegentheil von ihrem Leben hatte munkeln gehoͤrt, ſo wollte er es doch um Alles in der Welt willen nicht glauben; und wenn er auch gleich wol glaubte, ſie habe dieſen oder jenen ſchon zum beſten gehabt, ſo konnte er es doch um Alles in der Welt willen nicht glauben, daß das auch ihm begegnen wuͤrde. Er blieb die ganze Nacht mit dem groͤßten Vergnugen bei ihr, und ward nur immer mehr noch entflammt. 142 Achter Tag. Der Morgen kam, und da umguͤrtete ſie ihn mit einem ſchoͤnen, zierlichen, ſilbernen Guͤrtel mit einer ſchoͤnen Taſche, und ſagte zu ihm: Mein ſuͤßer Salabaetto, ich empfehle mich Dir, und ſo wie meine Perſon ganz zu Deinem Vergnuͤgen iſt, ſo ſteht das, was hier iſt, und was ich nur vermag, zu Deinem Befehl. Voller Freuden umarmte und kuͤßte Salabaetto ſie, ging aus ihrem Hauſe fort, und kam dahin, wo die andern Kaufleute ſich aufhielten. Da er nun ein und ein anderes Mal auf dieſe Art bei ihr geweſen war, ohne daß es ihm nur das Mindeſte von der Welt gekoſtet haͤtte, und er ſich immer feſter in der Schlinge fing, ſo ereignete es ſich, daß er ſeine Tuͤcher baar verkaufte, und einen guten Profit machte. Dies erfuhr die Dame nicht von ihm, ſondern von einem Andern ſogleich. Als daher Salabaetto eines Abends zu ihr gegangen war, fing ſie an, mit ihm zu ſchaͤkern und zu haſeliren, ihn zu küſſen und zu umarmen, und ſtellte ſich ſo gegen ihn entbrannt, daß es ſchien, als wolle ſie vor Liebe in ſeinen Armen ſterben. Sie wollte ihm zwei ſehr ſchoͤne ſilberne Bandſchleifen ſchenken, die ſie beſaß, Salabaetto aber durchaus nicht annehmen wollte, da er von ihr mehpere Male mehr von ihr erhalten hatte, als was wol an dreißig Goldgulden werth war, ohne daß er es je haͤtte erlangen koͤnnen, ſie haͤtte von ihm nur eines Groſchens Werth angenommen. Endlich, da ſie ihn dadurch, daß ſie ſich ſelbſt ſo entbrannt und freigebig gezeigt, ſo in Feuer und n in Zehnte Novelle. Flamme geſetzt hatte, rief eine ihrer Sklavinnen, ſo wie ſie es befohlen hatte, ſie heraus; nachdem ſie aus der Kammer hinausgegangen war, und einige Zeit verweilt hatte, kam ſie weinend wieder herein, warf ſich mit dem Geſicht auf das Bett, und ſtellte das kläglichſte Jammergeſchrei an, wie es jemals nur eine Frau angeſtellt hatte. Salabaetto ſchloß verwunderungsvoll ſie in ſeine Arme, und fing mit ihr an zu weinen, indem er zu ihr ſagte: Liebſtes Herz, was haſt Du ſo mit einem Male? Was iſt der Grund von dieſem Schmerz? o ſag' es mir, meine Seele! Nachdem ſich die Dame ſehr hatte bitten laſſen, ſagte ſie: O, mein ſuͤßer Herr, ich weiß nicht, was ich thun, noch was ich ſagen ſoll. In dieſem Augen⸗ blick erhalte ich aus Meſſina einen Brief, worin mir mein Bruder ſchreibt, ich muͤßte alles, was hier waͤre, verkaufen, damit ich ihm unfehlbar zwiſchen hier und acht Tagen tauſend Goldgulden ſchicken koͤnnte, ſonſt wuͤrde ihm der Kopf abgeſchlagen. Und ich weiß nicht, wie ich es anſtellen ſoll, dieſe Summe ſo ſchnell zu erhalten. Häͤtte ich nur vierzehn Tage Zeit, ſo wuͤrde ich ſchon Mittel finden, ſie anzuſchaf⸗ fen an einem Orte, wo ich weit mehr zu erhalten habe, oder ich wuͤrde auch allenfalls eine unſerer Be⸗ ſitzungen verkaufen. Da ich aber das nicht kann, ſo moͤchte ich lieber eher geſtorben ſeyn, als daß mir dieſe Nachricht zugekommen iſt. Nachdem ſie dies geſprochen, zeigte ſie ſich ſehr geaͤngſtet, und hoͤrte nicht auf zu weinen. 144 Achter Tag. Salabaetto, dem die Liebesflammen einen großen Theil des ſchuldigen Bewußtſeyns geraubt hatten, hielt die Thränen fuͤr wahr, und die Worte fuͤr noch wahrer, und ſagte: Madonna, mit tauſend Goldgul⸗ den koͤnnte ich Ihnen nicht dienen, aber wohl mit fuͤnfhundert recht gut, wenn Sie glauben, ſie mir in vierzehn Tagen wieder geben zu koͤnnen; denn recht zu Ihrem Gluͤcke habe ich geſtern meine Tuͤcher ver⸗ kauft; haͤtte ich aber das nicht, ſo koͤnnte ich Ihnen freilich keinen Groſchen borgen. Himmel, ſagte die Dame, ſo haſt Du alſo Geld⸗ noth gehabt? warum haſt Du mich nicht darum an⸗ geſprochen? wenn ich auch gleich nicht tauſend hatte, ſo haͤtte ich doch wol hundert bis zweihundert Dir geben koͤnnen. Du haſt mich der Dreiſtigkeit beraubt, den Dienſt von Dir anzunehmen, den Du mir an⸗ bieteſt. Salabaetto, von dieſen Worten mehr als bezau⸗ bert, ſagte: Madonna, deßhalb wuͤnſchte ich eben nicht, daß Sie es dahin geſtellt ſeyn ließen, denn waͤre ich ſo in Noth, wie Sie es ſind, ſo wuͤrde ich Sie darum angeſprochen haben. Mein Gott, ſagte die Donna, lieber Salabaetto, ich erkenne es ſehr wohl, wie wahr und vollkommen Deine Liebe fuͤr mich iſt, da Du, ohne einmal zu warten, daß Du darum gebeten wuͤrdeſt, mir mit einer ſo großen Summe Geld in einer ſolchen Noth aus freien Stuͤcken entgegen kommſt. Und gewiß, ich war ſchon ohne dies ganz die Deine, und hier⸗ durch werde ich es noch weit mehr; und kein Augen⸗ — —,—„— 1 e„+ e—+— l⸗ it n o, it 3 Zehnte Novelle. 145 blick wird vergehen, daß ich Dir nicht das Leben meines Bruders verdanken werde. Aber Gott weiß es, wie ungern ich es annehme, wenn ich bedenke, daß Du ein Kaufmann biſt, und die Kaufleute mit dem Gelde alle ihre Geſchaͤfte treiben; indeſſen, da die Noth mich zwingt, und ich die feſte Hoffnung habe, es Dir bald wieder zu geben, nehme ich es an; und zum ueberfluß, im Fall ich ſo bald kein Mittel fände, will ich Dir alle dieſe meine Sachen verpfän⸗ den; und da ſie ſo geſprochen, ſank ſie mit Thränen an Salabaetto's Geſicht. Salabaetto ſuchte ſie zu troͤſten, und blieb die Nacht bei ihr, und um ſich ihr, als ihren gans ge⸗ falligen Diener zu zeigen, brachte er ihr, ohne noch eine weitere Bitte von ihr abzuwarten, die baaren funfhundert Goldgulden, welche ſie, im Herzen la⸗ chend und mit den Augen weinend, annahm, während ſich Salabaetto auf ihr bloßes Verſprechen verließ. Sobald die Dame das Geld hatte, fing der In⸗ diktionscykel an, ſich zu veraͤndern, und ſo wie frü⸗ her der Eintritt zur Dame jedes Mal, wenn So⸗ labaetto Luſt dazu hatte, ihm unverwehrt geweſen war, ſo fingen ſich jetzt Gruͤnde zu ereignen an⸗ weßhalb es ihm unter ſieben Malen kaum Ein Mal vergoͤnnt ward, eintreten zu können, es wurden ihm auch nicht mehr die freundlichen Geſichter, die Lieb⸗ koſungen und die Vergnuͤgungen gemacht, wie vor⸗ mals. Und da nicht nur ein oder zwei Monate des Termins gekommen, ſondern vergangen waren, an welchem er ſein Geld wieder haben mußte, und er Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 6.] 10 — 146 Achter Tag. es nun zuruͤckforderte, ſo erhielt er Worte zur Be⸗ zahlung. Als daher Salabaetto die Kniffe des bösartigen Weibes, und ſeine eigene wenige Vorſicht einſah, und erkannte, daß ihr nichts weiter, als ihre eigene Per⸗ ſon nur gefiele, ſo konnte er daruͤber nichts ſagen, weil er weder etwas Schriftliches noch einen Zeugen hatte, vielmehr ſchaͤmte er ſich, gegen irgend Jemand daruͤber ſich zu beklagen, theils weil er vorher auf⸗ merkſam darauf gemacht worden war, theils aber auch der Neckereien wegen, die er mit allem Rechte uͤber ſeine Einfalt erwartete. Im hoͤchſten Grade betruht, beweinte er daher ſeine Thorheit bei ſich ſelbſt. Und da er von ſeinen Herren mehrere Briefe erhalten hatte, daß er dieſes Geld umſetzen und ihnen zuſchicken moͤchte, ſo beſchloß er abzureiſen, damit, wenn er dem Auftrage nicht nachkäme, ſein Defect doch hier nicht bekannt werden möchte. Zu dem Ende beſtieg er ein Schiff, und ging nicht, wie er geſollt, nach Piſa, ſondern nach Neapel. Gerade um dieſe Zeit war unſer lieber Freund, Peter dello Canigiano, Schatzmeiſter der Kaiſerinn von Conſtantinopel daſelbſt, ein Mann von großem Verſtande und feiner Einſicht, uͤberdies ein vertrau⸗ ter Freund Salabaetto's und der Seinigen. Nach⸗ dem dieſer ſich nun noch einige Tage gehaͤrmt hatte, erzählte er ihm, als einem verſchwiegenen Manne, was er gethan haͤtte, und ſeinen kläglichen Zufall, bat ihn um Huͤlfe und Rath, wie er es wol anzuſtel⸗ een habe, um daſelbſt ſein Leben friſten zu koͤnnen, i ——„ e— e⸗ n W r⸗ u en d er te fe Zehnte Novelle. 147 indem er verſicherte, daß er nimmermehr nach Flo⸗ renz wieder zuruͤckzukehren beabſichtigte. Canigiano, hieruͤber ſehr betruͤbt, ſagte: Das haſt Du ſchlecht gemacht, haſt Dich ſchlecht betragen, und biſt Deinen Herren ſchlecht gehorſam geweſen; zu viel Geld haſt Du auf Einem Zuge in Wohlle⸗ ben verſchwendet; aber was iſt zu machen? es iſt einmal geſchehen; man muß auf was Anderes den⸗ ken. Und als ein umſichtiger Mann hatte er ſchnell daruͤber nachgedacht, was zu thun wäre, und theilte es Salabaetto mit. Dem gefiel der Vorſchlag, und er machte ſich auf gut Gluͤck daran, ihn ausfuͤhren zu wollen. Er ſelbſt hatte noch etwas Geld, und Canigiano borgte ihm noch einiges dazu, ſo daß er viele Bal⸗ len feſt einſchnuͤren und einpacken ließ; dann ſchaffte er wol an zwanzig Oelfaͤſſer an, füuͤllte ſie, verlud Alles, und kehrte nach Palermo zuruͤck. Sogleich gab er den Packhofsbedienten die Faktur der Ballen, ſo wie auch den Werth der Faͤſſer, ließ Alles auf ſeine Rechnung eintragen, brachte dies nach der Niederlage, und ſagte, daß er, bis die anderen Waaren, die er erwartete, angekommen waͤren, dieſe nicht anruͤhren wolle. Jancofiore, die dies erfahren und gehoͤrt hatte, daß das, was er jetzt mitgebracht, ohne das, was er noch erwartete, und was mehr als dreitauſend Goldgulden werth waͤre, wol an zweitauſend, oder noch mehr werth ſeyn moͤchte, dachte, ſie hätte noch zu wenig gezogen, und ſann nun darauf, ihm die fuͤnfhundert 148 Achter Tag. wieder zu geben, damit ſie den groͤßten Theil der fuͤnftauſend erhalten moͤchte. Sie ſchickte waher zu ihm. Salabaetto, der boshaft geworden war, ging hin. Sie ſtellte ſich, als wuͤßte ſie von allem dem nichts, was er mitgebracht hätte, machte ihm die wundervollſten Schmeicheleien, und fagte: Sieh, Du biſt wol gar boͤſe auf mich, daß ich Dir Deine Gel⸗ der lnicht auf den beſtimmten Termin wiedergege⸗ ben habe? Salabaetto fing an zu lachen, und ſagte: Ma⸗ donna, das mißfaͤllt mir allerdings etwas, aber wuͤrde ich mir denn wol nicht das Herz aus dem Leibe geriſſen haben, um es Euch zu geben, wenn ich hätte glauben können, Euch dadurch gefällig zu wer⸗ den; allein hoͤrt, in welcher Art ich boͤſe auf Euch bin. Die Liebe, die ich fuͤr Euch hege, iſt ſo groß und von der Beſchaffenheit, daß ich den groͤßten Theil meiner Beſitzungen habe verkaufen laſſen, und fuͤr jetzt ſo viele Waaren hergebracht habe, daß ſie uber zweitauſend Gulden werth ſind, und ich erwarte aus dem Occident noch ſo viel, daß ſie wol mehr als dreitauſend werth ſeyn moͤchten. Dann geht meine Abſicht dahin, eine Niederlage anzulegen und hier zu bleiben, um Euch ſtets in der Naͤhe zu ſeyn, da ich glaube, ich beſitze Eure Liebe in einem weit hoͤheren Grade, als nur irgend ein Verliebter die ſeines Ge⸗ genſtandes beſitzen kann. Hierauf ſagte die Dame: Siehe, Salabaetto, Deine ganze Einrichtung gefaͤllt mir außerordentlich, — 8 8„ Sc. S—————— ce c e— H c her in. em die Du zel⸗ ge⸗ ber em ich er⸗ uch roß jten und ſie rte als ine zu ren He⸗ to, ch. Zehnte Novelle. 149 weil ich Dich mehr als mein Leben liebe, ja, es ge⸗ faͤllt mir ganz außerordentlich, daß Du in der Ab⸗ ſicht zuruͤckgekehrt biſt, hier zu bleiben, da ich hoffe, mit Dir noch ein ſehr froͤhliches Leben zu fuͤhren. Aber ich muß mich doch bei Dir ſowol daruͤber ent⸗ ſchuldigen, daß damals, als Du von hier fortgingſt, Du einige Male zu mir kommen wollteſt, aber nicht ſo aufgenommen werden konnteſt, und einige Male, da Du zu mir kamſt, wirklich nicht ſo freundlich aufgenommen wurdeſt, als wie wol ſonſt, als auch uͤberdies noch daruͤber, daß ich Dir Dein Geld nicht zu der beſtimmten Zeit wiedergegeben habe. Du mußt wiſſen, daß ich mich damals im groͤßten Schmerz und in der groͤßten Betruͤbniß befand; und wer ſich in ſolchem Zuſtande befindet, kann einem, wenn er ihn auch noch ſo ſehr liebt, kein ſo freund⸗ liches Geſicht machen, noch ſo auf ihn achten, als jener es wuͤnſcht; dann mußt Du wiſſen, wie ver⸗ drießlich es fuͤr uns Frauenzimmer iſt, tauſend Gold⸗ gulden erhalten zu koͤnnen, aber es werden uns den ganzen Tag Lügen vorgeſagt, und es wird uns das nicht gehalten, was uns verſprochen worden, weßhalb wir denn Andere ebenfalls wieder beluͤgen muͤſſen. Da⸗ her kam es, und aus keinem anderen Verſehen, daß ich Dir Dein Geld nicht wieder gab; ich erhielt es zwar kurz nach Deiner Abreiſe, und wuͤrde es Dir daher auch gewiß nachgeſchickt haben, wenn ich nur ge⸗ wußt haͤtte, wohin ich es hätte ſchicken ſollen; allein da ich das nicht wußte, habe ich es Dir aufgehoben, Sie ließ ſich hierauf einen Beutel bringen, wor⸗ 150 Achter Tag. in noch dieſelben waren, welche er ihr gebracht hatte, gab ihm denſelben in die Hand und ſagte: Zähle, ob es fünfhundert ſind. So vergnuͤgt war Salabaetto noch nie geweſen; nachdem er ſie gezaͤhlt, und fuͤnfhundert richtig ge⸗ funden hatte, legte er ſie bei Seite und ſagte: Ma⸗ dam, ich erkenne, daß Sie die Wahrheit ſagen, und Sie haben genug gethan. Ich ſage Ihnen daher, ſowol dieſerwegen, als auch der Liebe wegen, die ich für Sie empfinde, koͤnnten Sie fuͤr jedes ihrer Be⸗ duͤrfniſſe dieſe Summe fodern, womit ich Ihnen ſo⸗ gleich dienen wurde, wenn ich es nur irgend im Stan⸗ de wäre; auch konnen Sie mich daruͤber, daß ich be⸗ reitwillig dazu bin, ſogleich auf die Probe ſtellen. Auf dieſe Art war die Liebe zu ihr den Worten nach wieder hergeſtellt; Salabaetto lebte wieder auf einem ganz freundlichen Fuße mit ihr, ſie erwies ihm die groͤßten Vergnügungen und Ehrenbezeigun⸗ gen von der Welt, und gewährte ihm die größten Beweiſe ihrer Liebe. Allein Salabaetto wollte durch ſeinen Betrug ihren Betrug ſtrafen; als ſie daher eines Tages ein⸗ mal ihn hatte einladen laſſen, zum Abendeſſen und längeren Aufenthalt bei ihr hinzukommen, ging er ganz tiefſinnig und traurig hin, als wenn er ſogleich des Todes hätte ſeyn wollen. Jancofiore nmarmte und kuͤßte ihn; dann fragte ſie ihn, woher dieſer Truͤbſinn käme. Nachdem er ſich eine ganze Weile hatte bitten laſſen, ſagte er: Ich bin außer mir! das Schiff, en; ge⸗ Na⸗ und er Be⸗ ſo⸗ an⸗ be⸗ ten uf ies n⸗ en ug in⸗ nd ch te en Zehnte Novelle. 151 auf welchem die Waaren befindlich ſind, die ich er⸗ warte, iſt von den Seeraͤubern aus Monacco genom⸗ men, und ſoll fuͤr zehntauſend Goldgulden, von denen tauſend auf mich zu bezahlen fallen, ausgelöſet wer⸗ den, und ich habe nicht einen Dreier, weil ich die fuͤnfhundert, die Sie mir zuruͤckgegeben, ſogleich nach Neapel geſchickt habe, um ſie fuͤr Waaren, die ich hierher bringen laſſen will, anzulegen. Wollte ich nun die Waaren, die ich hier habe, jetzt verkaufen, ſo wuͤrde ich, da es jetzt dafuͤr keine Zeit iſt, kaum fuͤr die beiderlei Waaren die Haͤlfte bekommen. Ich bin hier auch noch nicht ſo bekannt, daß ich Jeman⸗ den finden koͤnnte, der mir damit aushuͤlfe, und dar⸗ um weiß ich nicht, was ich thun oder ſagen ſoll, und ſchicke ich das Geld nicht bald hin, ſo werden die Sachen nach Monacco gebracht, und ich bekomme niemals auch nur das Geringſte wieder. Die Dame, ſehr betruͤbt hieruͤber, da ſie das Ganze zu verlieren befuͤrchtete, beſann ſich, wie ſie es doch wol anzuſtellen habe, daß er nicht nach Mo⸗ nacco ginge, und ſagte: Gott weiß es, wie nahe mir dies, aus Liebe zu Dir, geht; aber was nuͤtzt es, ſich ſo ſehr daruͤber zu quaͤlen? Haͤtte ich das Geld, ſo weiß es Gott, daß ich es Dir den Augenblick leihen wuͤrde, aber ich habe es nicht. Es iſt wohl wahr, da iſt Jemand, der mir neulich mit den fuͤnfhundert aushalf, die mir fehlten, aber der verlangt ungeheure Zinſen, denn er will nicht anders, als dreißig Pro⸗ cent. Wollteſt Du es dann von dieſem Menſchen haben, ſo muͤßteſt Du uͤberdies noch ein autes Pfand 152 Achter Tag. ſetzen; ich, meines Theils bin bereit, alle mein Hab' und Gut, mit ſammt meiner Perſon fuͤr Dich auf ſo viel zu verpfaͤnden, als wie viel er uns dar⸗ auf leihen wollte, um Dir zu dienen. Aber wie willſt Du ihn fuͤr das Uebrige ſichern? Salabaetto ſah den Grund wohl ein, aus wel⸗ chem ſie ihm dieſen Dienſt erweiſen wollte, und merkte bald, daß er das Geld von ihr geliehen erhal⸗ ten ſollte. Da ihm dies nun lieb war, dankte er ihr fuͤrs erſte, und dann ſagte er zu ihr, daß er trotz des ausverſchaͤmten Preiſes es doch nicht laſſen koͤnnte, da ihn die Noth zwänge. Hierauf ſagte er, daß er es mit den Waaren decken wollte, die er auf dem Packhofe haͤtte, indem er ſie auf den eintragen laſ⸗ ſen wolle, der ihm das Geld leihen wuͤrde; daß er aber die Schluͤſſel des Magazins behalten wollte, theils um ſeine Waaren zeigen zu koͤnnen, wenn eine Nachfrage darum kaͤme, theils damit ihm nichts an⸗ geruͤhrt, vertauſcht oder verwechſelt werden moͤchte. Die Dame ſagte, das waͤre ganz recht, und das waͤre recht gute Sicherheit. Sobald der Tag gekommen war, ſchickte ſie da⸗ her zu einem Maͤkler, auf den ſie viel vertraute, und beſprach den Handel mit ihm; dann gab ſie ihm tauſend Goldgulden, welche der Senſal ſogleich an Salabaetto uͤberbrachte, wofuͤr er das, was Salaba⸗ etto auf dem Packhofe hatte, auf ſeinen Namen ein⸗ tragen ließ; ſobald ſie alsdann ihre Schrift und Ge⸗ genſchrift ausgefertigt hatten, und voͤllig einig dar⸗ —„— — c— Zehnte Novelle. uͤber geblieben waren, gingen ſie ihren ferneren Ge⸗ ſchaͤften nach. Salabaetto aber beſtieg, ſobald er nur konnte, mit den funfzehnhundert Goldgulden ein Schiff, und kehrte nach Neapel zu Peter dello Canigiano zuruͤck; von hier aus legte er den Herren aus Florenz, die ihn mit den Tuͤchern abgeſandt hatten, vollkommen richtige Rechnung ab; dann bezahlte er Petern und Jeden, dem er etwas ſchuldig war, und machte ſich mehrere Zeit hindurch fuͤr den der Sicilianerinn ge⸗ ſpielten Betrug einen guten Tag. Von hier aus ging er dann, da er nicht länger mehr Kaufmann bleiben wollte, nach Ferrara. Jancofiore, da ſie Salabaetto'n nicht mehr in Palermo fand, wunderte ſich, und ſchoͤpfte Verdacht; nachdem ſie darauf acht Wochen auf ihn gewartet hatte, aber ſah, daß er nicht kam, ließ ſie durch den Maͤkler die Magazine aufbrechen. Zuerſt unterſuchte ſie nun die Fäſſer, von denen ſie glaubte, daß ſie voll Oel waͤren, fand aber, daß ſie mit Seewaſſer angefuͤllt waren, da in einem jeden etwa ein Fäß⸗ chen Oel oben an dem Spunt ſich befand. Hier⸗ auf offnete ſie die Ballen, und alle dieſe fand ſie, bis auf zwei, worin Tuͤcher waren, mit Werg ange⸗ fullt; kurz, alles was etwa darin war, war nicht uͤber zweihundert Goldgulden werth. Jancofiore, die nun wohl ſah, daß ſie angefuͤhrt war, weinte lange uͤber die zuruͤckgegebenen fuͤnfhun⸗ dert, und noch mehr uͤber die tauſend geborgten, und ſagte dann oft: 153 154 Achter Tag. Wer dem Andern eine Grube gräbt, faͤllt oft ſelbſt hinein! Und ſo war ihr Schande und Spott geblieben, da ſie einſah, daß Einer ſo viel wiſſe, wie der Andere. Als Dioneus ſeine Novelle geendet hatte, ſah auch Lauretta ein, daß das Ziel gekommen wäre, uͤber welches hinaus ſich ihre Herrſchaft nicht er⸗ ſtreckte; ſie lobte daher den Rath Peter Canigiano's, der ſeinem Erfolge nach ſich bewährt erwieſen hatte, und die Verſchlagenheit Salabaetto's, der es an nichts hatte fehlen laſſen, ihn auszuführen; dann nahm ſie ſich den Lorbeer vom Kopfe, und ſetzte ihn Emilien auf das Haupt, indem ſie jungfraͤulich ſprach: Madonna, ich weiß zwar nicht, ob wir eine freund⸗ liche Koͤniginn an Euch haben werden, aber eine ſchoͤne werden wir doch haben. Verfahrt alſo ſo, daß Eure Handlungen Eurer Schoͤnheit entſprechen. Hierauf ſetzte ſie ſich wieder nieder. Emilie ſchämte ſich ein wenig, nicht ſowol dar⸗ über, daß ſie Koͤniginn geworden, als vielmehr dar⸗ uber, ſich oͤffentlich uͤber das gelobt zu ſehen, wonach die Frauen am meiſten begierig ſind, und ward im Geſicht, wie junge Roſen es gegen die Morgenroͤthe ſind. Indeſſen da ſie die Augen einige Zeit nieder geſenkt gehalten, die Roͤthe etwas gewichen, und ſie mit ihrem Seneſchall das fur die Geſellſchaft Noͤ⸗ thige verabredet hatte, fing ſie zu reden an: Geliebte Frauen, ganz deutlich ſehen wir, daß, „ ———————————— Zehnte Novelle. 155 t wenn die Stiere einen Theil des Tages unter dem Joche ſeufzend ſich abgemuͤhet haben, ihnen das Joch erleichtert und abgenommen wird, ſo daß ſie, in den Waͤldern frei gelaſſen, der Weide nachgehen koͤnnen, † wohin es ihnen beliebt. Auch ſehen wir, wie die h Gaͤrten, nicht minder ſchoͤn, ſondern durch mannich⸗ , faltige Geſtraͤuche noch viel belaubter als die Wäl⸗ M der ſind, in welchen wir allein nur Eichen ſehen; weßhalb ich denn der Meinung bin, daß es, hinſichts d — ² deſſen, daß wir ſo viele Tage, nach einem beſtimm⸗ n ten Geſetze verpflichtet, geſprochen haben, nicht allein n nutzlich, ſondern auch gelegen ſeyn wird, wenn wir, n als ſolche, die es beduͤrftig ſind, einmal ein wenig h herumſchweifen, und eben durch das Herumſchweifen, neue Kraͤfte ſammeln, um wieder unter das Joch zu 5 d⸗ treten. und deßhalb beabſichtige ich nicht, das, wo⸗ ne von morgen, im Verfolg Eurer lieblichen Erzählun⸗ o, gen, geſprochen werden ſoll, unter einer gewiſſen Be⸗ 1 n. ſondernheit einzuſchränken; vielmehr will ich, daß ein Jeder ſpreche, wovon es ihm gefaͤllt, indem ich r⸗ feſt uͤberzeugt bin, daß die Mannichfaltigkeit der r⸗ Gegenſtaͤnde, von denen geſprochen werden ſoll, nicht 1 ch weniger angenehm ſeyn wird, als wenn wir nur im⸗ m mer von einem geſprochen hätten. Haben wir dies he gethan, ſo kann derjenige, der nach mir zur Regie⸗ e rung kommt, die Einſchränkung der gewohnten Ge⸗ ſie ſetze als weit kräftiger mit mehrerer Sicherheit wie⸗ ö⸗ der herſtellen. Nachdem ſie ſo geſprochen, geſtattete ſie einem Jeden bis zur Eſſensſtunde voͤllige Freiheit. Achter Tag. Es lobte ein Jeder die Koͤniginn, als eine weiſe Dame, uͤber das Geſagte, dann erhoben ſie ſich, und dieſer ergab ſich dieſem, jener einem andern Ver⸗ gnuͤgen. Die Damen machten Kraͤnze und vertrieben ſich die Zeit, die Maͤnner ſpielten und ſangen, und brachten auf dieſe Art die Zeit bis zum Eſſen hin; da dieſe gekommen war, ſpeiſten ſie um der ſchoͤnen Fontaine herum froͤhlich und vergnuͤgt. Nach dem Eſſen unterhielten ſie ſich nach der gewohnten Weiſe mit Singen und Tanzen. Endlich aber hieß die Koͤ⸗ niginn, um der Sitte ihrer Vorgaͤnger zu folgen, trotz der ſchon von ihnen freiwillig geſungenen Can⸗ zonen, Pamphilus doch noch eine zu ſingen. Obgleich nun Pamphilus Lied von Allen vollſtän⸗ dig beantwortet worden war, ſo war doch Keiner, der nicht mit der aufmerkſamſten Sorgfalt, die ihm eigentlich nicht zukam, auf jedes Wort derſelben ge⸗ merkt, und ſich bemuͤhet haͤtte, das entraͤthſeln zu wollen, was, wie er geſungen hatte, ihm geheim zu halten zukäme. Und obgleich Verſchiedene Verſchie⸗ denes ahnten, ſo drang doch Keiner bis zur Wahr⸗ heit der ganzen Sache. Indeſſen da die Koͤniginn bemerkte, daß Pam⸗ philus Canzone geendet waäͤre, und die jungen Da⸗ men und Herren gern ruhen moͤchten, gebot ſie, daß ein Jeder ſchlafen gehen moͤchte. Neunter Tag. An welchem unter Emiliens Regierung ein Jeder ſpricht, wovon es ihm gefaͤllt und am meiſten behagt. De⸗ Licht, vor deſſen Glanz die Nacht entflieht, hatte ſchon am achten Himmel die azurne Farbe ganz und gar ins Himmelblau verwandelt, und die Bln⸗ men fingen an, ſich auf den Wieſen zu erheben, als Emilie aufſtand, und ihre Gefaͤhrtinnen, ſo wie auch die jungen Männer rufen ließ. Sovald ſie gekom⸗ men waren, und ſich zunächſt der langſamen Schritte der Königinn auf den Weg gemacht hatten, gingen ſie bis nach einem kleinen Gebuͤſche hin, was nicht weit von dem Palaſte entfernt war. Durch dieſen in jenes hineingetreten, ſahen ſie, wie die Thiere, als Rehe, Hirſche und andere, welche wegen der ob⸗ waltenden Peſt, wie ganz ſicher vor den Jaͤgern ge⸗ worden, nicht anders, als ohne Furcht und als wenn ſie ganz zahm geworden wären, ſie erwarteten; und ſo hatten ſie, bald dieſem bald jenem ſich naͤhernd, als wenn ſie zu ihnen herankommen ſollten, und ſie dann wieder laufen und ſpringen ließen, eine lange Zeit ihr Vergnugen daran gehabt. Aber da die Sonne immer yoͤher ſtieg, glaubten Alle, ſie muͤßten wieder zuruͤckkehren. Alle hatten Neunter Tag. ſich mit Eichenlaub umkranzt, und die Hände voll duftender Kraͤuter und Blumen, ſo daß Jeder, der ihnen begegnet waͤre, nichts anders haͤtte ſagen koͤn⸗ nen, als dieſe wären vom Tode nicht überwunden, oder er wuͤrde ſie in aller Froͤhlichkeit hinwegraffen. So kamen ſie, einen Fuß vor den andern ſetzend, ſin⸗ gend, ſchaͤkernd und ſcherzend wieder zum Palaſt, woſelbſt ſie alles an Ort und Stelle gebracht, und ihre Dienerſchaft froͤhlich und jubelnd antrafen. Nachdem ſie ſich hier ein wenig ausgeruhet hatten, gingen ſie zu Tiſche, doch nicht eher, als bis ſechs Canzonetten, die eine immer luſtiger, als die andere von den jungen Maͤnnern uad den Damen geſungen worden waren. Hierauf ward ihnen Hand⸗Waſſer gereicht, und der Seneſchall wies Allen, ſo wie es die Königinn wuͤnſchte, Platze am Tiſche an, woſelbſt Alle, nachdem die Speiſen gekommen waren, ſpeiſeten. Hiervon aufgeſtanden, ergaben ſie ſich auf einige Zeit dem Tanz und der Muſik, und dann ging, nach dem Gebote der Koͤniginn, wer wollte, zur Ruhe. Sobald aber die gewoͤhnte Stunde kam, verſammelte ſich ein Jeder an dem gewöhnlichen Ort zum Er⸗ zaͤhlen. Die Koͤniginn, Philomenen anblickend, ſagte, daß ſie den heutigen Tag mit den Novellen anfangen moͤchte; laͤchelnd fing dieſe auch auf folgende Art an. Erſte Novelle. Mabonna Francesca wird von einem Rinuccio und von einem Alexander geliebt, ohne einen wieder zu lieben; Beide Erſte Novelle. 159 „ ſchafft ſie ſich badurch, daß dereine als todt in ein Grab⸗ mal kriechen muß, der Andere dieſen Todten herausziehen ſoll, Beide aber mit dem Aufgetragenen nicht zu Ende kommen koͤnnen, vom Halſe. Madonna, ſehr willkommen iſt es mir, weil es c Euch ſo gefällt, daß ich auf dieſem freien und offe⸗ nen Felde, worauf Ihre Magnificenz uns verſetzt hat, im Erzählen den erſten Wettlauf zuruͤckle⸗ gen ſoll; geſchähe dies auch mit Ehren, ſo zweifle ich doch nicht, daß dieienigen, die nach mir kommen, es nicht eben ſo gut, ja beſſer noch, machen ſollten. Es hat ſich, ſchoͤne Mädchen, bei unſeren Unterhaltun⸗ gen oftmals gezeigt, wie groß und von welcher Art die Gewalt der Liebe iſt, dennoch aber glaube ich nicht, daß ſchon hinreichend davon geſprochen wäre, noch auch geſprochen ſeyn wuͤrde, wenn wir von jetzt an auch ein ganzes Jahr hindurch von nichts Anderem ſpraͤchen. Und weil ſie daher die Liebenden nicht allein nur zu mannichfaltiger Verzweiflung ſterben zu wollen, gebracht, ſondern auch dahin getrieben hat, als Todte in die Wohnungen der Todten hineinzuge⸗ hen, ſo beliebt es mir, Euch, außer dem ſchon Geſag⸗ ten, doch noch eine Novelle zu erzahlen, durch welche Ihr nicht allein die Allgewalt der Liebe werdet ken⸗ nen lernen, ſondern auch einſehen werdet, welche Klug⸗ heit eine tuͤchtige Frau anwandte, um ſich Zwei vom Halſe zu ſchaffen, die ſie gegen ihren Willen liebten. Ich ſage alſo, es war in der Stadt Piſtoja ein⸗ mal eine ſehr ſchone Frau, welche zwei unſerer Flo⸗ rentiner(weil ſie aus Florenz verbannt waren, wohn⸗ * —— 160 Neunter Tag. ten ſie dort), von denen der eine Rinuccio Palermini, der andere Alexander Chiarmonteſi hieß, und ohne daß der Eine vom Andern etwas wußte, zufaͤllig aber für ſie eingenommen, im hochſten Grade liebten. Jeder operirte mit aller Vorſicht, was er nur konnte, um ſich ihre Liebe zu erwerben. Da nun dieſe edle Dame, deren Name Madonna Franceska de' Lazzari war, ſehr oft von einem jeden derſelben mit Geſandtſchaften und Bitten gereizt, und ſie, zu wenig vorſichtig denſelben ihr Ohr geliehen hatte, ſich aber jetzt auf eine kluge Art zuruͤckzuzie⸗ hen wuͤnſchte, was ſie indeſſen nicht konnte, ſo kam ſie, damit ſie ſich von ihrer Läſtigkeit freimachte, auf einen Gedanken, nämlich von ihnen einen Dienſt zu verlangen, den ſie glaubte, daß Keiner ihr erweiſen wuͤrde, obgleich es wol moͤglich geweſen wäre, damit, wenn ſie es nicht thaͤten, ſie einen anſtaͤndigen und gerechten Vorwand hätte, ihre Geſandtſchaften nicht mehr anhoͤren zu wollen. Und dieſer Gedanke war folgender. Es war an dem Tage, als dieſer Gedanke ihr einkam, zu Piſtoja einer geſtorben, der, obgleich ſeine Vorfahren rechtliche Leute geweſen waren, dennoch für den ſchlechteſten Menſchen gehalten ward, der nicht nur in Piſtoja, ſondern in der ganzen Welt ge⸗ weſen wäre; und überdies war er bei ſeinen Lebzei⸗ ten ſo haͤßlich und ſo verunſtaltet, daß, wer ihn nicht gekannt hätte, ſich vor ihm gefurchtet haben wuͤrde, wenn er ihn zum erſten Mal ſah. Dieſer war in eine Gruft außerhalb der Kirche der Minoriten be⸗ — eren ei S w Erſte Novelle. 161 graben, und eben dies, meinte ſie, ſollte ihrem Vor⸗ ſatz ſehr zu ſtatten kommen. Deßhalb ſagte ſie zu ihrem Maͤdchen: Du weißt, was fuͤr Qual und Aer⸗ ger ich alle Tage von den Geſandtſchaften der beiden Florentiner, vom Rinuceio und Alexander auszuſtehen habe. Ich bin aber gar nicht willens, ihnen mit meiner Liebe zu willfahren, und um ſie mir vom Halſe zu ſchaſſen, habe ich mir in den Kopf geſetzt⸗ ſie wegen der großen Opfer, die ſie mir bringen wollen, auf die Probe zu ſtellen, da ich uberzeugt bin, ſie werden ſich dazu nicht verſtehen, und ſo werde ich dieſer Plackereien uͤberhoben ſeyn. Hoͤre nun, wie? Du weißt, dieſen Morgen iſt bei den Minori⸗ ten, Scannadio(ſo hieß nämlich der ſcheußliche Kerl, von dem ich oben geſprochen habe) begraben, von dem nicht ſowol im Tode, als ſogar lebendig die dreiſte⸗ ſten Menſchen aus dieſer Stadt, wenn ſie ihn ſahen, in Furcht geſetzt wurden. Darum geh' Du zuerſt ganz im Stillen zum Alexander, und ſag' ihm: Ma⸗ donna Franceska laͤßt Dir durch mich ſagen, jetzt wäre die Zeit gekommen, wo Du ihre Liebe erlangen koͤnnteſt, wonach Du ſo lange geſtrebt haͤtteſt, und in dieſer Art, wie Du wollteſt, zu ihr kommen konnteſt. Es ſoll ihr, aus irgend einem Grunde, den Du nachher erfahren ſollſt, in dieſer Nacht von einem ihrer Anverwandten Scannadio's Koͤrper, der dieſen Morgen begraben worden iſt, ins Haus ge⸗ bracht werden, das will ſie nun nicht, da ſie ſich auch noch vor ihm, dem Todten, was er doch wirk⸗ lich iſt, fuͤrchtet. Daher bittet ſie Dich um dieſen Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 6. 11 162 Neunter Tag. großen Dienſt, Du moͤchteſt dieſen Abend beim erſten Schlaf in die Gruft, in welcher Scannadio begra⸗ ven iſt, hineingehen, ſeine Kleider anziehen, und Dich ſtellen, als waͤrſt Du es ſelbſt, bis Einer zu Dir hinkommt. Dann läſſeſt Du Dich, ohne was zu ſa⸗ gen, oder auch nur ein Wort zu ſprechen, herauszie⸗ hen und nach ihrem Hauſe hinbringen, wo ſie Dich empfangen wird. Dann kannſt Du bei ihr bleiben, und nach Deinem Gefallen wieder fortgehen; das uebrige uberlaß ihr zu bedenken. Sagt er alsdann, daß er es thun wollte, ſo iſt es gut; ſagt er aber, er wollte es nicht thun, ſo ſag' ihm in meinem Na⸗ men, er moͤchte, wo ich bin, nicht wieder erſcheinen, und wenn ihm ſein Leben lieb wäre, ſich huͤten, je wieder einen Boten oder eine Geſandtſchaft an mich abzuſenden. Hierauf geh aber auch zu. Rinuccio Palermini, und ſprich ſo zu ihm: Madonna Franzeska ſagt, ſie waͤre bereit, alle Deine Wuͤnſche zu erfuͤllen, wenn Du ihr einen großen Dienſt erweiſen wollteſt, näm⸗ lich, daß Du in dieſer Nacht gegen zwoͤlf Uhr nach dem Grabe hingeheſt, wo dieſen Morgen Scannadio begraben worden iſt, ihn, ohne ein Wort über das zu ſagen, was Du ſehen, oder hoͤren wirſt, ganz ſachte da herausziehſt und ihn ihr nach Hauſe bringſt. Sieht ſie Deinen Willen, ſo wird ſie Dir Dein Ver⸗ gnuͤgen gewähren; haͤtteſt Du aber nicht Luſt das zu thun, ſo moͤchteſt Du ihr nur nie wieder einen Boten oder eine Geſandtſchaft ſchicken. Das Maͤdchen ging zu Beiden hin, und ſagte 7 S —* S 7— 7—* i, ie mn — * io as te er⸗ as en gte 6 8 Erſte Novelle. 163 einem Jeden ganz ordentlich, was ihr aufgegeben war. Von einem Jeden ward ihr darauf geantwor⸗ tet, daß ſie, wenn es ihr gefiele, nicht nur in ein Grab, ſondern in die Hölle gehen wuͤrden. Das Maͤdchen brachte die Antwort der Dame zuruͤck, und dieſe wartete, zu ſehen, ob ſie thoͤricht genug ſeyn wuͤrden, es zu thun. ie Nacht kam alſo, und im erſten Schlafe ent⸗ kleidete ſich Alexander Chiaramonteſi bis auf ein Jäckchen, ging aus ſeinem Hauſe hinaus, um ſich an Scannadio's Stelle im Grabe hinzuſtellen; allein unterweges kam ihm ein ſehe furchtbarer Gedanke in den Kopf, und er ſagte zu ſich ſelbſt: Was bin ich doch fuͤr ein Eſel? wo geh' ich nur hin? oder was weiß ichs, ob ihre Freunde, die es vielleicht ge⸗ merkt haben, daß ich ſie liebe, und, glaubend viel⸗ leicht, was doch nicht iſt, ihr dies geheißen haben, um mich in dieſem Grabe nur umzubringen? Geſchaͤhe das, ſo hätte ich den Schaden davon, und man wuͤrde auch nicht das Geringſte in der Welt daruͤber erfahren, was ihnen nachtheilig ſeyn koͤnnte. Oder was weiß ich, ob nicht vielleicht einer meiner Feinde mir das zubereitet hat, den ſie vielleicht liebt„ und dem ſie hiermit einen Dienſt erweiſen will? Dann ſagte er wieder: Aber geſetzt auch, daß an allem die⸗ ſen nichts wäre, und daß ihre Anverwandten mich nur in ihr Haus bringen wollten, ſo muß ich doch glau⸗ ben, daß ſie Scamnadio's Leichnam nicht darum ha⸗ ben wollen, um ihn in ihre Arme zu ſchließen, oder ihn ihr in die Arme zu geben, vielmehr iſt wol zu 164 Neunter Tag. glauben, daß ſie ihn mißhandeln wollen, weil er ihnen vielleicht einmal was zu nahe gethan hat; die ſagte ja, ich ſollte mir von dem, was ich ſaͤhe, kein Wort verlauten laſſen. Oder wenn ſie mir die Augen aus⸗ riſſen, oder mir die Zähne auszoͤgen, oder mir die Haͤnde verſtuͤmmelten, oder ſonſt mir einen ſolchen Poſſen ſpielten, woran wäre ich denn alsdann? wie könnte ich doch wol ruhig bleiben? Und wenn ich ſpreche, ſo werden ſie mich erkennen, und mir viek⸗ leicht eins auswiſchen, oder, wenn ſie mir auch nichts thun, ſo werd' auch ich nichts gethan haben; denn ſie werden mich mit der Dame nicht zuſammen laſſen. Die Dame wird dann zu mir ſagen, daß ich ihren Auftrag gebrochen haͤtte, und ſie mir daher nie zu Gefallen leben wuͤrde. Unter ſolchen Reden waͤre er beinahe wieder nach Hauſe zuruͤckgekehrt; inzwiſchen die große Liebe trieb ihn mit entgegengeſetzten Gruͤnden, von ſolcher Staͤrke vorwaͤrts, daß ſie ihn nach dem Grabe hinbrachten. Er oͤffnete daſſelbe, trat hinein, entkleidete Scanna⸗ dio, und zog ſich die Kleider an, dann ſchloß er das Grab uͤber ſich zu, und legte ſich an Scannadio's Stelle hin. Da ſfiel ihm aber wieder ein, wer Scan⸗ nadio geweſen wäre, und was er gehoͤrt hatte, was des Nachts ſo vorgefallen waͤre, und zwar nicht bloß in den Begraͤbniſſen der Todten, ſondern auch ander⸗ waͤrts; da ſtraubten ſich ihm alle Haare empor, und er glaubte, Scannadio wuͤrde nach und nach ſich er⸗ heben, und ihn bei der Kehle packen. Aber von gluͤ⸗ hender Liebe unterſtutzt, uͤberwand er dieſe und an⸗ —— „— v S — M v S S 6 Erſte Novelle. dere furchtſame Gedanken, blieb ſo, als wenn er der Todte waͤre, liegen und erwartete, was mit ihm weiter erfolgen wuͤrde. Rinuccio ging, da ſich die Mitternacht nahete, aus ſeinem Hauſe hinaus, um das auszufuͤhren, was ihm ſeine Dame hatte ſagen laſſen. Unterweges ver⸗ fiel auch er auf viele und verſchiedene Gedanken uͤber das, was moͤglicher Weiſe ihm wol begegnen koͤnnte, als daß er mit Scannadio's Koͤrper auf den Schul⸗ tern, der Polizei in die Haͤnde fallen, und als ein Hexenmeiſter zum Feuer verurtheilt werden koͤnnte, oder daß er, wenn es bekannt wuͤrde, ſich den Haß ſeiner Verwandten zuziehen moͤchte, oder dergleichen mehr, wodurch er faſt zuruͤck gehalten worden waͤre. Aber er kehrte wieder um, und ſagte: Wie? ſoll ich nein ſagen zu dem Erſten, was dieſe edle Frau, die ich in ſolchem Grade geliebt habe und liebe, von mir verlangt hat? und beſonders da ich dadurch ihre Gunſt erwerben kann? Nein! und ſollte ich auch daruͤber des Todes ſeyn. Ich ſollte das nicht aus⸗ fuͤhren, was ich ihr verſprochen habe? Darauf ſchritt er wieder vorwaͤrts, kam bis zu dem Grabe, und oͤffnete daſſelbe ohne viele Muͤhe. Alexander, der es oͤffnen hoͤrte, lag, ob er gleich ſehr in Furcht ſchwebte, ganz ſtille. Rinuccio trat hinein, und in der Meinung, er nähme Scannadio's Koͤrper, faßte er Alexander bei den Beinen, und zog ihn heraus; dann hob er ihn auf die Schultern, und nahm den Weg nach dem Hauſe der Dame hin. Indem er nun ſo ging, und 166 Neunter Tag. auf nichts Anderes achtete, ſtieß er mit ihm bald auf der einen, bald auf der andern Seite an verſchie⸗ dene Baͤnke an, welche neben dem Wege hin waren; denn die Nacht war ſo finſter und dunkel, daß er nicht ſehen konnte, wo er hintrat. Und da nun Ri⸗ nuccio bis zu der Thuͤrſchwelle der edlen Dame gekommen war, welche mit ihrem Maͤdchen am Fen⸗ ſter ſtand, um zu ſehen, ob Rinuccio den Alexander braͤchte, und bei ſich ſo entruͤſtet war, daß ſie Beide fortſchicken wollte, kamen die Polizei⸗Diener, welche verſteckt ruhig daſtanden, und aufpaßten, um einen Vertriebenen zu fangen. Da ſie das Trapſen hoͤrten, was Rinuccio mit den Fuͤßen machte, zogen ſie ſchnell ein Licht hervor, um zu ſehen was ſie thun, und wo ſie hingehen ſollten, regten ſich dann mit ihren Schil⸗ den und Lanzen, und ſchrien: Wer iſt da?. Da Rinuccio ſie erkannte, aber nicht Zeit hatte, ſich lange zu beſinnen, ließ er Alexandern fallen, und lief davon, ſo weit ihn ſeine Fuͤße nur tragen wollten. Alexander ſtand ſchnell auf, und ov er gleich des Todten Kleider noch an hatte, die ſehr lang waren, machte er doch auch, daß er fortkam. Die Dame hatte bei dem Lichte, was die Polizei⸗ Diener vorgebracht hatten, ſehr gut Rinuccio mit Alexander hinten auf den Schultern geſehen, und eben ſo auch bemerkt, daß Alexander Scannadio's Kleider angehabt hatte; ſie lachte daher mit der groͤßten Ver⸗ wunderung, wie ſie ſah, daß Alexander zu Boden geworfen ward, und dann entfloh. Hoͤchlichſt erfreut uͤher dieſen Zufall, und Gott dankend, daß er ſie von⸗ Erſte Novelle. 167 der ueberlaſt dieſer befreiet hatte, kehrte ſie nach in⸗ nen zuruͤck, ging in ihr Zimmer, und uͤberzeugte ſich mit ihrem Maͤdchen, daß Jeder von dieſen ſie ohne Zweifel ſehr liebe, weil ſie, wie es ſchien, das ge⸗ than haͤtten, was ſie ihnen aufgelegt hatte. Rinuccio kehrte, traurig und ſein Geſchick ver⸗ fluchend, noch nicht ganz und gar nach Hauſe zuruͤck, ſondern er kam, da die Polizei⸗Wache aus dieſer Gegend weggegangen war, wieder dahin zuruͤck, wo er Alexandern abgeworfen hatte, und fing an umher zu tappen, ob er ihn wol nicht wieder finden koͤnnte, um ſein Geſchaͤft voͤllig auszufuhren; allein da er ihn nicht fand, und der Meinung war, die Polizei⸗ Wache yatte ihn von hier mitgenommen, kehrte er betruͤbt nach Hauſe zuruͤck. Alexander ging, da er ebenfalls nichts anders zu thun wußte, und ohne den erkannt zu haben, der ihn getragen hatte, ebenfalls betruͤbt uber ſolchen Unfall nach ſeinem Hauſe: Als man am andern Morgen Scannadio's Grab geoͤffnet fand, aber ihn nicht darin ſah, denn Aleran⸗ der hatte ihn ganz auf den Grund hinuntergewaͤlzt, entſtand in ganz Piſtoja ein verſchiedenes Gerede, da die Thoren glaubten, er waͤre von Teufeln fort⸗ getragen worden. Nichts deſto weniger zeigte ein Jeder der beiden Liebenden der Dame an, was er gethan hätte, und was ihm begegnet wäre, dann entſchuldigten Beide ſich, wenn ſie noch nicht vollkommen ihrem Befehle nachgekommen waͤren, ſo baͤten ſie doch um ihre 168 Neunter Tag. Gunſt und ihre Liebe. Sie aber that, als wolle ſie dies von Keinem glauben, und fuͤgte die entſcheidende Antwort hinzu, daß ſie fuͤr Beide nichts thun wuͤrde, und weil ſie das, was ſie von ihnen verlangt haͤtte, nicht ausgefuͤhrt haͤtten, ſo ſchaffe ſie ſie ſich vom Halſe. Zweite Novelle. Eine Aebtiſſin ſteht ſchnell und im Finſtern auf, um eine Nonne, die bei ihr angeklagt iſt, mit ihrem Geliebten im Bette zu uͤberraſchen; da aber bei ihr ein Prieſter geweſen war, glaubt ſie, ſie habe den Schleier auf den Kopf genommen, da ſie ſich doch die Beinkleider des Prieſters aufgeſetzt hatte. Als die Angeſchuldigte dieſe bemerkte, und ſie aufmerkſam darauf machte, ward ſie freigeſprochen, und konnte nach Gefallen mit ihrem Ge⸗ liebten zuſammen bleiben. Schon ſchwieg Philomena, und die Klugheit der Dame, ſich diejenigen vom Halſe zu ſchaffen, die ſie nicht lieben wollte, war von Allen gelobt worden, da im Gegentheil die kecke Vermeſſenheit der Verlieb⸗ ten nicht fuͤr Liebe, ſondern fuͤr Thorheit gehalten ward, als die Koͤniginn mit vielem Liebreiz zu Eliſa ſagte: Eliſa, folge! Dieſe fing auch ſogleich an: Geliebteſte Mädchen, auf eine ſehr weiſe Art wußte Madonna Francesca, wie ſo eben geſagt wor⸗ den iſt, ſich von den Läſtigen loszumachen; aber eine junge Nonne befreite ſich, mit Hülfe des Gluͤckes, von einer bevorſtehenden Gefahr, durch eine witzige Rede. Und wie Ihr wißt, ſo giebt es deren genug, die ſo thoͤricht ſind, ſich zu Lehrern und Zuchtmeiſtern von Andern zu machen, welche aber, ſo wie Ihr es 0 5 Zweite Novelle. 169 aus meiner Novelle werdet abnehmen koͤnnen, das luͤck zuweilen wieder, und zwar mit Recht, zuͤchti⸗ get. Und dies begegnete einer Aebtiſſin, unter deren Obedienz die Nonne ſtand, von welcher ich ſprechen will. Ihr ſollt alſo wiſſen, in der Lombardei war ein durch Heiligkeit und Froͤmmigkeit beruͤhmtes Kloſter, in welchem unter andern Nonnen, welche darin wa⸗ ren, ſich auch eine junge, aus edlem Gebluͤt und mit einer wunderbaren Schoͤnheit begabt, befand; ſie hieß Iſabella, und hatte, als ſie eines Tages mit einem Anverwandten von ſich am Sprachgitter zuſammen⸗ gekommen war, in einen ſchoͤnen Juͤngling, der mit ihm da war, verliebt. Da er ſie auch ſehr ſchoͤn fand, und ihren Wunſch mit den Augen bemerkt hatte, ent⸗ brannte er ebenfalls fuͤr ſie; und ſo unterhielten ſie, nicht ohne große Qual eines Jeden, eine lange Zeit dieſe Liebe ohne Nutzen. Endlich aber, da Jeder bekuͤmmert war, entdeckte der junge Mann einen Weg, wie er ganz im Geheimen zu ſeiner Nonne ge⸗ langen koͤnnte, und da auch ſie damit zufrieden war, ſo beſuchte er ſie nicht nur ein Mal, ſondern oft⸗ mals zum groͤßten Vergnuͤgen eines Jeden. Allein, da ſie dies ſo fortſetzten, ereignete es ſich in einer Nacht, daß er von einer der Jungfrauen daſelbſt geſehen ward, ohne daß er oder ſie es be⸗ merkt haͤtten, eben als er ſich von Iſabella trennte und fortging. Dieſe theilte es einigen Andern mit. Sogleich hielten ſie unter einander Rath, ſie bei der Aebtiſſin zu verklagen, welche Monna Uſimbaldo hieß, eine brave und heilige Frau, nach der Meinung der 170 Neunter Tag. uͤbrigen Frauen, und eines Jeden, der ſie kannte; dann aber, damit kein Laͤugnen ſtattfinden koͤnnte, dachten ſie darauf, wie ſie ſie von der Aebtiſſin auf der That mit dem jungen Mann koͤnnten ertappen laſſen. Ganz ſtillſchweigend vertheilten ſie daher unter ſich die Nachtwachen und Beobachtungen, um ſie zu fangen. Als ſich nun Iſabella deſſen nicht verſah, auch von nichts wußte, traf es ſich denn, daß ſie ihn eines Abends kommen ließ. Dies erfuhren die ſo⸗ gleich, welche hierauf lauerten. Sobald es ihnen dann Zeit zu ſeyn ſchien, da ſchon ein guter Theil der Nacht verſtrichen war, theilten ſie ſich in zwei Theile, wovon ein Theil ſich vor der Thuͤr von Iſa⸗ bella's Zelle auf die Wache ſtellte, und der andere ſchnell nach dem Zimmer der Abtiſſin hinlief. Sie klopften an die Thuͤr, und ſagten zu ihr, die ſchon antwortete: Auf, Madonna, ſtehen Sie ſchnell auf, wir haben entdeckt, daß Iſabella einen jungen Mann in der Zelle hat. In dieſer Nacht befand ſich die Aebtiſſin in eines Prieſters Geſellſchaft, den ſie ſich oftmals in einem Korbe bringen ließ; ſobald ſie alſo dies hoͤrte, ſtand ſie, aus Furcht, die Nonnen moͤchten aus zu großer Eile, oder zu eifrig ſo lange an die Thuͤr pochen, bis ſie aufſpraͤnge, haſtig auf, und kleidete ſich, ſo gut ſie nur konnte, im Finſtern an, dabei glaubte ſie einen gewiſſen eingefalteten Schleier, den ſie auf dem Kopfe tragen, und Pſalter nennen, zu ergreifen, griff aber die Beinkleider des Prieſters; Zweite Novelle. 171 und nun war ihre Eile ſo groß, daß ſie, ohne es zu bemerken, ſtatt des Pſalters, dieſe ſich auf den Kopf warf, und hinaus ging. Raſch ſchloß ſie die Thuͤr hinter ſich zu, und ſagte: Wo iſt die von Gott Ver⸗ fluchte? und ſo kam ſie mit den Andern, die ſo feu⸗ rig und begierig waren, Iſabella auf der That zu ertappen, daß ſie gar nicht bemerkten, was die Aeb⸗ tiſſin auf dem Kopfe hatte, bis vor die Thuͤr der Zelle, welche ſie, von den Andern geholfen, zu Boden ſtieß. Als ſie hinein traten, fanden ſie die beiden Liebenden im Bette, ſich umarmend. Dieſe, von ſolcher Ueberraſchung ganz betäubt, und nicht wiſſend, was ſie machen ſollten, blieben ſtille liegen. Die Nonne ward ohne Verzug von den andern Nonnen ergriffen, und auf Befehl der Aebtiſſin ins Capitel gefuͤhrt. Der junge Mann war zuruͤckgeblie⸗ ben, hatte ſich angekleidet, und wartete, zu ſehen, was die Sache fuͤr ein Ende nehmen wuͤrde, in der Ab⸗ ſicht, Allen, ſo viel er ihrer nur habhaft werden koͤnnte, ein boͤſes Spiel zu machen, wenn ſeiner Ge⸗ liebten irgend etwas geſchaͤhe, und ſie alsdann ſo⸗ gleich mit ſich zu nehmen. Die Aebtiſſin ſetzte ſich zum Capitel nieder, und fing in Gegenwart aller Nonnen, welche nur auf die Schuldige hinblickten, an, ihr die haͤrteſten Vorwuͤrfe zu ſagen, wie ſie nur je einem Frauenzimmer geſagt worden ſind, daß ſie die Heiligkeit, die Anſtändig⸗ keit und den guten Ruf des Kloſters durch ihre un⸗ ziemende und tadelnswuͤrdige Handlungen, die offen⸗ 172 bar geworden waͤren, beſchimpft habe; und zu die⸗ ſen Vorwuͤrfen fuͤgte ſie dann noch die haͤrteſten Drohungen hinzu. Das Maͤdchen verſchaͤmt, furchtſam, als wäre ſie ſich ſchuldbewußt, wußte nicht, was ſie antworten ſollte, und erregte ſchweigend das Mitleid der An⸗ dern fuͤr ſich. Indeſſen da die Aebtiſſin Schmähun⸗ gen auf Schmaͤhungen haͤufte, hob das Maͤdchen das Geſicht in die Hoͤhe, und ſah, was die Aebtiſſin auf dem Kopfe hatte, da der Hoſengurt auf beiden Sei⸗ ten herabhing. Sobald, als ſie dies gewahr ward, ſegte ſie ganz dreiſt: Madonna, bindet Euch doch mit Gottes Huͤlfe erſt die Haube feſt, und dann ſagt mir, was Ihr mir ſagen wollt. Die Aebtiſſin, die ſie nicht verſtand, ſagte: Was, Haube? gottloſes Frauenzimmer, ietzt haſt Du noch Luſt zu ſpaßen? glaubſt Du was verbrochen zu ha⸗ ben, wobei Spaß ſtattfinden kann? Da ſagte das Maͤdchen noch einmal: Madonna, ich bitte Euch, bindet Euch die Haube feſt, dann ſagt mir, was Ihr wollt. Hierauf nun hoben viele der Nonnen das Geſicht zum Kopf der Aebtiſſin in die Hoͤhe, und ſie fuhr ſelbſt mit den Haͤnden danach hin; da merkten ſie denn, weßhalb Iſabella ſo ſprach. Als nun die Aebtiſſin ihres eigenen Fehlers ge⸗ wahr ward, und ſah, daß ihn Alle bemerkt hatten, ergriff ſie einen Vorwand, änderte ihren Sermon und fing auf eine ganz andere Art an zu ſprechen, als ſie bisher geſprochen hatte, dann kam ſie ſchließlich dahin, Reunter Tag. Dritte Novelle. 17 daß es unmoͤglich wäͤre, ſich vor den Reizungen des Fleiſches zu ſchuͤtzen, und daher, ſagte ſie, moͤchte eine Jede ganz ruhig, ſo wie es bis auf den heuti⸗ gen Tag geſchehen wäre, ſich einen guten Tag ma⸗ chen, wenn ſie es koͤnnte. Als ſie das Maͤdchen auf dieſe Art freigeſpro⸗ chen, kehrte ſie mit ihrem Prieſter zum Schlafen zu⸗ ruͤck, und Iſabella mit ihrem Geliebten, den ſie, zum Aerger derer, die ſie beneideten, ſehr oft wie⸗ derkommen ließ. Die Anderen aber, die keinen Lieb⸗ haber hatten, ſuchten im Stillen, ſo gut wie ſie es konnten, ſich ein froͤhliches Stuͤndchen zu verſchaffen. Dritte Novelle. Meiſter Simon bildet, auf Anſuchen Bruno's, Buffalmac⸗ co's und Nello's, Calandrino'n ein, er waͤre ſchwanger; dieſer giebt den Erſtgenannten fuͤr Medizin Capaunen und Geld, und wird, ohne nieder zu kommen, geſund. Als Eliſa ihre Novelle geendiget, und alle Damen Gott gedankt hatten, daß er dieſe junge Nonne durch einen gluͤcklichen Ausgang den neidiſchen Gefaͤhrtinnen aus den Zähnen geriſſen haͤtte, gebot die Koͤniginn Philoſtratus fortzufahren, der auch ohne weiteren Befehl abzuwarten alſo anfing: Schoͤnſte Damen, der ſittenloſe marcheſaner Rich⸗ ter, von dem ich Euch geſtern erzaͤhkt habe, legt mir eine Novelle von Calandrino in den Mund, die ich Euch erzaͤhlen will. Und weil das, was man von ihm erzaͤhlt, nicht anders als das Vergnuͤgen ver⸗ doppeln kann, wenn auch gleich von ihm und ſeinen Gefährten ſchon hinlaͤnglich geſprochen worden iſt, 174 Neunter Tag. ſo will ich Euch darum doch auch noch die erzaͤhlen, die ich geſtern ſchon im Sinne hatte. Es iſt oben ſchon deutlich genug gezeigt worden, wer Calandrino und die Andern geweſen ſind, von denen ich in dieſer Novelle reden will; ich ſage da⸗ her, ohne weitere Worte, Calandrino hatte das Gluͤck, daß ihm eine Muhme ſtarb, und zweihundert Thaler baar in Muͤnze hinterließ. Da ſagte Calandrino, er wolle ſich ein Guͤtchen kaufen, und unterhandelte mit ſo vielen Maͤklern, wie nur in Florenz waren, als wenn er zehntauſend Thaler in Golde zu verzehren haͤtte; allein der Handel zerſchlug ſich immer wieder, wenn es zu dem fuͤr das Guͤtchen geforderten Preiſe kam. Bruno und Buffalmacco, die dies wußten, hat⸗ ten ihm oft geſagt, er wuͤrde beſſer thun, wenn er ſich mit ihnen zuſammen dafuͤr einmal luſtig machen wollte, als ein Landgut kaufen, und Erdkloͤße zer⸗ ſtampfen muͤſſen. Allein dem Allen ungeachtet, hat⸗ ten ſie ihn nie dahin bringen koͤnnen, daß er ihnen auch nur ein einziges Mal was zu eſſen gegeben hätte. Eines Tages nun beklagten ſie ſich auch daruͤber, als einer ihrer Cumpane, Namens Nello, ein Mah⸗ ler, dazu kam; ſogleich beſchloſſen ſie alle Drei, ein Mittel zu erſinnen, wie ſie ſich einmal auf Calan⸗ drino's Koſten die Kehle ſchmieren koͤnnten. Ohne weiteren Verzug alſo, lauerten ſie, da ſie unter ein⸗ ander verabredet hatten, was ſie thun wollten, am andern Morgen Calandrino auf, als er aus ſeinem Hauſe ging. Er war noch nicht weit gegangen, als — 8— 8 6S— 8 8— M M — e „ in n ne m Dritte Novelle. 175 ihm Nello entgegen kam, und ihn anredete: Euten Tag, Calandrino! Calandrino antwortete ihm: Gott gebe Dir auch einen guten Tag, ja, wol ein gutes Jahr. Nello ſchwieg hierauf eine Zeit lang ſtill, dann ſah er ihm ſcharf ins Geſicht; worauf Calandrino ſagte: Was ſiehſt Du? Nello ſagte zu ihm: Haſt Du dieſe Nacht nichts verſpuͤrt? Du kommſt mir gar nicht mehr der⸗ ſelbe vor? Sogleich ward Calandrino unruhig, und ſagte: He, wie denn ſo? was glaubſt Du denn, daß ich habe? Hm, ſagte Nello, das ſage ich eben nicht, aber Du kommſt mir ganz veraͤndert vor, indeſſen es kann auch wol anders ſeyn. Hiermit ließ er ihn gehen. Calandrino, ganz beſtuͤrzt, war ſich doch in der Welt nichts weiter bewußt, und ging ſeiner Wege. Buffalmacco aber, der nicht weit davon ſtand, ging, als er ſah, daß Nello fort war, ihm entgegen, gruͤßte ihn, und fragte ihn, ob er denn nichts merkte? Das ich nicht wuͤßte, antwortete Calandrino, in⸗ deſſen Nello hat mir ſo eben gerade daſſelbe auch ge⸗ ſagt, daß ich ihm ganz veraͤndert vorkaͤme. Sollte es denn wol ſeyn, daß mir was wäre?— Da ſagte Buffalmacco: Allerdings fehlt Dir viel, und nicht nur ſo was, Du ſcheinſt ja ſchon halb todt. Da glaubte Calandrino wirklich ſchon, er haͤtte 176 Neunter Tag. das Fieber, und ſiehe, da kam Bruno noch hinzu, und ehe ein Anderer noch ein Wort ſagte, ſagte die⸗ ſer: Calandrino, was iſt das fuͤr ein Geſicht? Du ſcheinſt ja ſchon todt zu ſeyn⸗ Was fehlt Dir? Da Calandrino einen Jeden von dieſen ſo ſpre⸗ chen hoͤrte, glaubte er ſelbſt ganz gewiß, er wäre krank, und ganz beſtuͤrzt fragte er ſie: Wie befinde ich mich denn? Darauf ſagte Bruno: Ich daͤchte, Du gingeſt nach Hauſe zuruͤck, legteſt Dich ins Bett, ließeſt Dich tuͤchtig zudecken, und ſchickteſt Dein Urin⸗Glas an Meiſter Simon; denn ſo machen wir es, wie Du weißt. Der wird Dir den Augenblick ſagen, was Du machen ſollſt, dann wollen wir zu Dir kommen, und was auch nur noͤthig ſeyn wird zu thun, das wollen wir thun. Da nun auch Nello noch hinzukam, ſo kehrten ſie mit Calandrino nach ſeinem Hauſe zuruͤck. So⸗ bald er ganz abgemattet in das Zimmer trat, ſagte er zu ſeiner Frau: Komm und decke mich recht feſte zu, denn ich fuͤhle mich ſehr unwohl. Nachdem er dann zu Bett gebracht worden, ſchickte er ſein Urin⸗Glas durch ein Maͤdchen an Meiſter Simon, welcher gerade ſich in ſeiner Bude auf dem alten Markte, mit einem Kohlkopf zum Schilde, befand. Bruno aber ſagte zu ſeinen Ge⸗ fährten: Bleibt Ihr doch hier bei ihm, ich will ſelbſt zum Arzt hingehen, um zu hoͤren, was er ſagt, und ihn, wenn es noͤthig iſt, ſelbſt herbringen. Ach ja, fagte Ealandrino, geh' hin, Freund, und — —— fa * E m e⸗ U er n. d Dritte Novelle. 77 laß mich dann wiſſen, was er ſagt, wie es ſteht, denn ich weiß gar nicht, was in mir ſteckt. Brun ging hin zu Meiſter Simon und hatte eher, als das Maͤdchen mit dem Urine da war, Mei⸗ ſter Simon ſchon von der Sache unterrichtet. Als daher das Maͤdchen kam, und der Meiſter den Urin im Glaſe beſehen hatte, ſagte er zu dem Maͤdchen: Gehe ſie nur, und ſage ſie Calandrino'n, er ſoll ſich huͤbſch warm halten, ich wuͤrde den Augenblick kommen und ihm ſagen, was ihm fehle, und was er zu thun haͤtte. Das Madchen brachte dies zuruͤck, und es dau⸗ erte nicht lange, ſo kam der Meiſter und Bruno an. Der Doctor ſetzte ſich neben dem Kranken nieder, unterſuchte den Puls, und nach einiger Zeit ſagte er in Gegenwart der Frau: Sieh, Calandrino, ich rede als Freund zu Dir, Dir fehlt nichts anders, als daß Du ſchwanger biſt. Als Calandrino dies hoͤrte, fing er ganz ſchmerz⸗ lich an zu ſchreien und ſagte: Ach, Gott! Teſſa, daran biſt Du Schuld, denn Du wollteſt niemals an⸗ ders, als immer oben liegen. Ich habe es Dir wol geſagt. Die Frau, welche eine ſehr anſtaͤndige Perſon war, ward, als ſie ihren Mann ſo reden hoͤrte, vor Schaam ganz roth, ſchlug die Augen nieder, und ging, ohne ein Wort zu ſprechen, zur Kammer hinaus Calandrino fuhr in ſeinem Klagen fort, und ſagte: Ach, ich Aermſter, was ſoll ich doch nur an⸗ fangen? wie ſoll ich doch das Kind nur zur Welt *— ² Boccaccio's ſämntl. W. 6. 12 —— 178 Neunter Tag. bringen? wo ſoll es denn'raus kommen? Ich ſehe wohl, die Tollheit dieſes meines Weibes da, wird mich noch umbringen; wie wollte ich mich freuen, wenn ſie doch lieber der Teufel holte, daß ich nur einmal froh ſeyn konnte! Aber laß mich nur erſt wieder geſund ſeyn, wie ich es jetzt nicht bin, daß ich wieder aufſtehe, alsdann will ich ſie doch mit ſo vielen Stoͤßen recht muͤrbe machen, denn es wuͤrde ſich doch wol weit beſſer fuͤr mich ſchicken, daß ich ſie nimmermehr wieder oben hinſpringen laſſe. Aber, warte nur, wenn ich nur hier wieder davon komme, ſo mag ſie eher vor Gier ſterben. Bruno, Buffalmacco und Nello hätten vor La⸗ chen berſten moͤgen, da ſie dieſe Worte von Calan⸗ drino hoͤrten, indeſſen ſie hielten ſich; Meiſter Schim⸗ melman aber lachte ſo aus vollem Halſe, daß ihm alle Zähne häͤtten aus dem Munde herausfallen moͤgen. Endlich indeſſen empfahl ſich Calandrino dem Arzte, bat ihn er moͤchte ihm hierbei doch ja Rath und Hülfe geben, worauf dieſer dann ſagte: Calandrino, ſey unbeſorgt; Gottlob, wir haben Deinen Zuſtand bald erkannt, und mit weniger Muͤhe will ich Dich in ein paar Tagen der Laſt ent⸗ ledigen; aber Du mußt was dran wenden. Ach, Gott, lieber Meiſter, ſagte Calandrino, ich bitt' Euch um's Himmels willen. Hier habe ich funfzig Thaler, wofur ich ein Guͤtchen kaufen wollte, ſind ſie alle nothig, ſo nimm ſie alle, wenn ich nur kein Kind kriegen muß, ich weiß ja nicht, wie ich m th en ger nt⸗ ich Ute, nur ich Dritte Nodelle. 179 das anſtellen ſoll. Denn ich höre, daß die Weiber, wenn ſie niederkommen ſollen, ſo gewaltig kreißen, und bei ihnen iſt doch das huͤbſch groß, wodurch ſie es weit eher thun koͤnnen; ich glaube aber, hätte ich dieſe Schmerzen, ich ſtuͤrbe eher, als ich niederkäme. Da ſagte der Arzt: Denke daran nicht. Ich werde Dir ein wohl deſtillirtes Tränkchen machen, was ſehr gut iſt und ſehr angenehm ſchmeckt, das reſolvirt in drei Tagen alles, und Du wirſt davon wieder ſo geſund, wie ein Fiſch werden. Aber Du ſey auf ein ander Mal kluͤger, und verfalle nicht wieder auf ſolche Narrheiten. Zu dieſem Waſſer aber brauchen wir drei Paar gute, fette Kapaunen, und für das, was wir anders noch dazu beduͤrfen, gieb einem Deiner Leute fuͤnf Thaler Muͤnze, es an⸗ zuſchaffen. Laß mir Alles nach meiner Boutique hinbringen, und dann werde ich Dir mit Gottes Huͤlfe morgen den deſtillirten Trank ſchicken, wovon Du jedes Mal einen tuͤchtigen Becher voll zu trinken anfangen wirſt. Da Calandrino dies vernommen hatte, ſagte er: Lieber Herr, das laſſe ich Euch anheimgeſtellt; und nachdem er Bruno'n fuͤnf Thaler und einige Groſchen fuͤr drei Paar Kapaunen gegeben hatte, bat er ihn, er moͤchte doch die Muͤhe hierbei fuͤr ihn uͤbernehmen. Der Arzt ging fort, ließ ihm etwas Haferſchleim kochen, und ſchickte ihn denſelben. Bruno kaufte die Kapaunen, oder was ſonſt noch nöthig war, ſich gütlich zu thun, und verzehrte ſie zugleich mit dem Arzt und ſeinen Gefaͤhrten. Calandrinp trank drei 180 Neunter Tag. Morgen den Haferſchleim, und der Arzt mit ſeinen Gefaͤhrten beſuchte ihn, faßte ihn an den Puls und ſagte: Calandrino, nun biſt Du ganz geſund, und darum geh' von heute an Deinen Geſchuͤften ganz dreiſt wieder nach, denn Du brauchſt nicht mehr zu Hauſe zu bleiben. Calandrino ſtand ganz vergnugt auf, um ſeinen Geſchaͤften nachzugehen, lobte, wo er nur mit einem Menſchen zum Sprechen zuſammenkam, die herrliche Cur, welche Meiſter Simon mit ihm vorgenommen⸗ indem er ihn in drei Tagen ohne Schmerzen entbun⸗ den hätte. Und Bruno, Buffalmacco und Nello freuten ſich, daß ſie auf eine ſo witzige Art Calan⸗ drino's Geiz zu verſpotten gewußt hatten, obgleich Monna Teſſa, da ſie es merkte, mit dem Manne ſehr brummte. Vierte Novelle. Cecco, der Sohn des Herrn Fortarrigo⸗ verſpielt in Buon⸗ convento alle ſeine Sachen und das Geld von Cecco⸗ einem Sohne des Herrn Angiulieri; dann läuft er im Hemde hinter dieſen drein, ſchreit, daß der ihn beſtoh⸗ len haͤtte, weßhalb derſelbe von den Bauern auch einge⸗ fangen wird, er zieht dann Jenes Kleider an⸗ beſteigt ſein Pferd, und als Jener nachkommt⸗ läßt er ihn im Hemde zuruͤck. Mit großem Gelaͤchter der ganzen Geſellſchaft hatte man die Worte mit angehoͤrt, welche Calan⸗ drino von ſeiner Frau geſprochen hatte; allein da Philoſeratus ſchwieg, fing Neiphile, ſo wie es die 18 haben wote, an: 2 t m ft — * Vierte Novelle. 181 Wackere Frauen, wenn es den Menſchen nicht weit ſchwerer wuͤrde, Anderen ihren Verſtand und ihren Werth, als ihre Thorheit und ihre Laſter zu zeigen, ſo wuͤrden ſich Viele umſonſt bemuͤhen, ihren Worten Zuͤgel und Zaum anzulegen. Dies hat Euch Calandrino's Narrheit genugſam bewieſen, der es gar nicht noͤthig hatte, daß er, um von einem Uebel ge⸗ neſen zu wollen, was ihm ſeine Einfalt vorſpiegelte, die ſtillen Freuden mit ſeiner Frau oͤffentlich haͤtte bekannt machen muͤſſen. Dies bringt mir eine No⸗ velle von ganz entgegengeſetzter Art in den Sinn, die ich Euch erzaͤhlen will, wie die Bosheit Eines den Witz des Andern zum groͤßten Schimpf und Schaden uͤberliſtete. Es ſind noch nicht viele Jahre vergangen, als in Siena zwei Maͤnner im reiferen Alter lebten, Je⸗ der hieß Cecco, der eine ein Sohn des Herrn An⸗ giulieri, der andere des Herrn Fortarrigo. Ob ſie gleich in vielen andern Dingen hinſichts ihrer Sit⸗ ten ſchlecht mit einander ſtimmten, ſo kamen ſie doch in einem Punkt, naͤmlich daß ſie ihre Väter Beide haßten, ſo mit einander uͤberein, daß ſie Freunde geworden waren, und oft mit einander umgingen. Allein da Angiulieri glaubte, welcher uͤbrigens ein ganz huͤbſcher, leidlicher Menſch war, daß er von dem, was ihm von ſeinem Vater ausgeſetzt war, in Siena doch nur ſchlecht lebe, ſo entſchloß er ſich, da er erfahren hatte, daß in der Mark von Ancona ein Cardinal als päpſtlicher Legat hingekommen wäre, Neunter Tag. der ſehr ſein Goͤnner war, zu dem hinzugehen, in dem Glauben, ſeine Lage dort zu verbeſſern. Dies theilte er ſeinem Vater mit, und traf mit ihm die Vorkehrungen, in einer Stunde von ihm zu erhalten, was er ihm in ſechs Monaten zu geben haͤtte, damit er ſich kleiden und gehorige Cavallerie anſchaffen koͤnnte, um mit Ehren zu erſcheinen. Da er ferner auch Jemanden ſuchte, den er in ſeinen Dienſt mit ſich nehmen könnte, ſo hoͤrte dies For⸗ tarrigo. Dieſer ging ſogleich zu Angüulieri hin, und bat ihn, ſo ſehr er nur konnte, ihn mit zu nehmen, er wolle ihm Diener und Gefaͤhrte, kurz Alles ſeyn, und zwar ohne irgend einen Lohn über ſeine baaren Auslagen. Angiulieri gab ihm zur Antwort, daß er ihn nicht mitnehmen wuͤrde, und wenn auch gerade nicht deßhalb, daß er ihn nicht fuͤr tauglich zu jedem Dienſt erkennen ſollte, ſondern weil er ſpielte und uberdies ſich noch zuweilen betraͤnke. Hierauf gab Fortarrigo zur Antwort, daß er ſich gewiß vor dem einen wie vor dem andern in Acht nehmen wuͤrde, und bekraͤftigte dies ihm mit vielen Schwüren, fuͤgte dann noch ſo viele Bitten yinzu, daß Angiulieri, endlich davon uͤberwunden, ſagte, er waͤre es zufrieden. Sie machten ſich Beide eines Morgens auf den Weg, und gingen nach Buonconvento, um dort zu Mittag zu eſſen. Nachdem Angiulieri zu Mittag gegeſſen hatte, und die Hitze ſehr groß war, ließ er **— Vierte Rovelle. 183 ſich ein Bett im Gaſthofe zurecht machen, entkleidete ſich, wobei er ſich von Fortarrigo helfen ließ, und legte ſich ſchlafen, ſagte ihm aber, daß er ihn wecken ſollte, ſobald es vier Uhr wäre. Fortarrigo ging, ſobald Angiulieri nur einge⸗ ſchlafen war, in die Schenkſtube, und nachdem er et⸗ was getrunken hatte, fing er mit Einigen an zu ſpie⸗ len. In kurzer Zeit hatten dieſe ihm das wenige Geld, was er bei ſich hatte, abgewonnen, und eben ſo nahmen ſie ihm auch alle die Kleider ab, ſo viel er nur auf dem Leibe hatte. Er, begierig, ſeinem Schaden wieder beizukommen, ging im Hemde, ſo wie er war, dahin, wo Angüulieri ſchlief, und da er ihn feſt eingeſchlafen ſah, zog er ihm aus ſeinem Geldbeutel ſo viel Geld, als nur darinnen war, her⸗ aus, und kehrte zum Spiel wieder zuruͤck, verlor aber auch dies Geld, ſo wie das andere. Angiulieri erwachte, ſtand auf und kleidete ſich an, d'rauf fragte er nach Fortarrigvn. Da er ihn nicht fand, vermuthete er gleich, daß er irgendwo den Rauſch ausſchliefe, wie er es ſonſt wol zu thun pflegte. Er beſchloß daher ſogleich, ihn zuruͤckzulaſ⸗ ſen, ließ ſeinem Gaul den Sattel und das Felleiſen auflegen, indem er beſchloß, ſich in Corſignano nach einem andern Bedienten umzuſehen. Hierauf wollte er den Wirth bezahlen, aber er fand ſein Geld nicht. Der Laͤrm hieruͤber ward groß, und das ganze Haus des Wirthes gerieth in Aufruhr, da Angiulieri behauptete, daß er darin beſtohlen worden waͤre, und 184 Neunter Tag⸗ drohete, ſie Alle gefangen nach Siena bringen zu laſſen. Siehe, da kam Fortarrigo im Hemde, weil er eben ſo die Kleider zu ſtehlen hoffte, wie er das Geld geſtohlen hatte. Da er Angiulieri im Begriff zu Pferde zu ſteigen ſah, ſagte er: Was ſoll das, Angiulieri? wollen wir ſchon fort? warte doch noch ein wenig. Es muß den Augenblick Einer kommen, bei dem ich mein Wamms fuͤr achtunddreißig Gulden verſetzt habe, aber ich bin gewiß, er wird es uns fur fuͤnfunddreißig wieder zu⸗ ruͤckgeben, wenn er dieſe ſogleich ausgezahlt erhaͤlt. Wäͤhrend ſie noch mit einander ſprachen, kam Einer dazu, der Angüulieri'n die Verſicherung gab, daß Fortarrigo wirklich derjenige geweſen waͤre, der ihm ſein Geld geſtohlen hatte, indem er ihm die Summe deſſen, was er verloren hatte, angab. Angüulieri hieruͤber ſehr aufgebracht, ſtieß gegen Fortarrigo harte Schmähungen aus, und wenn er ſich nicht vor den Leuten mehr, als vor Gott gefuͤrch⸗ tet hätte, wurde er ſie auch ins Werk geſetzt haben; ihm drohend, ihn aufhängen, oder durch oͤffentlichen Ausruf mit der Strafe des Galgens in Siena bele⸗ gen zn laſſen, ſtieg er zu Pferde. He, ſagte Fortarrigo, als wenn Angiulieri dies nicht zu ihm, ſondern zu einem Andern geſprochen haͤtte; mit ſolchen Reden Angiulieri, da wollen wir nur zu Hauſe bleiben, die ſind alle nicht einen Pfifferling werth. Dahin ſteht mein Sinn; ich muß ihn fuͤr funfunddreißig Gulden wieder haben, Vierte Novelle. wenn ich ihn gleich wieder einloͤſe; troͤdle ich aber damit bis morgen, dann wird er nicht weniger als achtunddreißig, als ſo viel er mir d'rauf geborgt hat, dafuͤr wieder haben wollen; und den Gefallen wird er mir ſchon thun, da ich auf die Karte ſo viel geſetzt hatte, als er haben wollte. Warum ſollte ich nicht dieſe drei Gulden Schmuh machen. Angiulieri wollte verzweifeln, als er ihn ſo re⸗ den hoͤrte, und beſonders, da er ſah, daß alle die, welche herumſtanden, auf ihn hinblickten, und es ihm vorkam, als wenn ſie wirklich glaubten, daß nicht Fortarrigo Angiulieri's Geld verſpielt, ſondern daß Angiulieri noch was von dem ſeinigen haͤtte, und deßhalb ſagte er: was geht mich Dein Wams an? daß Du am Galgen hingeſt! Denn Du haſt mir nicht allein mein Geld geſtohlen und verſpielt, ſon⸗ dern auch meine Abreiſe verhindert, und nun haſt Du mich gar noch zum Beſten. Fortarrigo ſtand ganz ruhig da, als wenn das gar nicht zu ihm geſagt wäre, und ſprach: Warum willſt Du mir denn nicht zu drei Gulden helfen? glaubſt Du denn nicht, daß ich ſie Dir wieder ein⸗ bringen koͤnnte? thu's doch, wenn es Dir um mich zu thun iſt; wozu haſt Du denn ſolche Eile? nach Torrenieri kommen wir dieſen Abend doch noch ge⸗ nug hin. Mach'! hole den Beutel hervor. Du weißt, ich könnte ganz Siena durchſuchen, und faͤnde doch keins, das mir ſo gut ſtaͤnde als das; und Du kannſt ſagen, ich ſollte es dem fuͤr achtunddreißig Gulden laſſen, da es doch ſeine vierzig und mehr 186 Neunter Tag. werth iſt. Da wurdeſt Du mich auf eine doppelte Art uͤbervortheilen. Angiulieri fuͤhlte ſich vom druͤckendſten Schmers getroffen, da er ſich von ihm ſo beſtohlen ſah, und jetzt ſich noch mit ſolchen Worten abſpeiſen laſſen zu muͤſſen; ohne ihm daher nur noch ein Wort zu antworten, drehte er den Kopf ſeines Roſſes um⸗ und nahm den Weg nach Torrenieri. Fortarrigo, der nun auf eine recht verſchmitzte Art boshaft geworden war, lief im Hemde hinter ihm her; und da er wol ſchon an zwei Meilen neben hergelaufen war, und um ſein Wams gebeten hatte, Angiulieri aber ſcharf zu geritten war, um ſich dieſe Plackerei aus den Ohren fortzuſchaffen, ſo erblickte Fortarrigo auf dem nahen Felde an der Straße vor Ungiulieri Arbeiter, denen Fortarrigo laut zurief: Haltet ihn feſt, haltet ihn feſt! Dieſe ſtellten ſich mit Schaufel und Hacke auf der Straße vor Angiulieri hin, in der Meinung, daß er den beſtohlen haͤtte, der im Hemde ſchreiend hin⸗ ter ihm hergelaufen kam, hielten ihn feſt und fin⸗ gen ihn. Es half ihm wenig, dieſen zu ſagen, wer er wäre, und wie die Sache zuſammenhinge. Denn Fortarrigo, der mit einem boͤſen Geſichte hinzuge⸗ kommen war, ſagte: Ich weiß nicht, warum ich Dich nicht todtſchlage, gottlo ſer Spitbube, der Du mit dem Meinigen Dich davon machſt. Dann wandte er ſich zu den Bauern: Ihr ſeht, meine Herrn, in welchem Zuſtande er mich im Wirthshauſe —— — eſe kte ef: auf daß in⸗ rer enn uge⸗ Du ann eine auſe Fuͤnfte Novelle. zuruͤckgelaſſen hat, nachdem er vorher alles das Sei⸗ nige verſpielt hatte. Nun kann ich wohl ſagen, daß ich mit Gottes und Eurer Huͤlfe, Alles wieder erhalten werde, wofuͤr ich Euch immer verbunden bleibe. Angiulieri ſprach zwar auch eben ſo, aber ſeine Worte wurden nicht gehoͤrt, ſondern Fortarrigo ſetzte ihn mit Huͤlfe der Bauern vom Pferde herunter, kleidete ihn aus, und zog ſeine Kleider an; dann ſtieg er zu Pferde, ließ Angiulieri im Hemde, und ohne Schuhe ſtehen und kehrte nach Siena zuruͤck, indem er allenthalben ſagte, er habe Roß und Klei⸗ der von Angiulieri gewonnen. Angiulieri aber, der geglaubt hatte, reich zum Cardinal in der Mark hinzukommen, kehrte arm und im Hemde nach Buonconvento zuruͤck, und wagte es aus Schaam nicht, gerade zu der Zeit wieder nach Siena zuruͤckzugehen, ſondern borgte ſich Kleider, und ging auf dem Klepper, den Fortarrigo geritten hatte, zu ſeinen Verwandten nach Corſignano, bei denen er ſo lange blieb, bis ſein Vater ihm wieder zu Huͤlfe gekommen war. Auf ſolche Art ſtörte die Bosheit Fortarrigo's den guten Vorſatz Angüuulieri's, obgleich er ſie an Ort und Zeit nicht ungeſtraft gelaſſen hatte. Fuͤnfte Novelle. Calandrino verliebt ſich in ein junges Maͤbchen; Bruno giebt ihm ein Amulet, womit er ſie beruͤhrt, und ſie geht 188 Neunter Tag⸗ mit ihm. Von ſeiner Frau uberraſcht, muß er eine ſchwere und ſcharfe Unterſuchung aushalten. Geendet war Neiphilens eben nicht lange Er⸗ zählung, und die Geſellſchaft war, ohne ſie viel zu belachen oder zu beſprechen, daruͤber hingegangen⸗ deßhalb wandte ſich die Koͤniginn zu Fiammetta, und gebot ihr, fortzufahren. Gern, antwortete dieſe ganz frohlich, und ſie be⸗ gann: Edle Damen, wie ich glaube, werdet Ihr wohl wiſſen, es giebt nichts, was, wenn auch noch ſo viel davon geſprochen worden iſt, nicht immer mehr ge⸗ fallen ſollte, wenn nur derjenige, der daruͤber ſpre⸗ chen will, Zeit und Ort, ſo wie es der Gegenſtand erfordert, gehoͤrig zu wählen gewußt hat; und darum, wenn ich bedenke, weßhalb wir hier ſind(denn nur um uns einen frohen und guten Tag zu machen, und um weiter nichts anders, ſind wir hier), bin ich der Meinung, daß alles, was uns Freude und Vergnuͤgen gewähren kann, hier am rechten Ort und zur rechten Zeit iſt, mag auch gleich tauſend Mal davon geſpro⸗ chen worden ſeyn, denn es ſoll doch nichts anderes als uns vergnuͤgen, ſo oft wir auch immer wieder davon ſprechen. Angenommen alſo, daß von Calan⸗ drino ſchon ſo oft unter uns was erzahlt worden iſt, ſo wage ich es, hinſichts deſſen, wie Philoſtratus kurz vorher ſagte, daß alles kurzweilig iſt, trotz des ſchon Erzählten⸗ dennoch Euch eine Novelle zu erzaͤh⸗ len, die, wenn ich mich etwa von der Wahrhett der Geſchichte haͤtte entfernen wollen, oder noch wollte, ein unt gni gek ſpr Fuͤnfte Novelle. ich es unter einem andern Namen haͤtte erdichten und erzaͤhlen koͤnnen; allein, weil man immer das Vergnuͤgen der Zuhoͤrer ſehr ſchmaͤlert, wenn man ſich von der Wahrheit der Vorfaͤlle entfernt, ſo will 6 ich, von dem oben angeführten Grunde unterſtützt, ſie in ihrer eigenen Geſtalt erzählen. Nikolaus Cornacchini, unſer Landsmann, und ein reicher Mann, hatte unter andern Beſitzungen eine ſehr ſchoͤne in Camerata, auf welcher er ein „ ſchoͤnes anſehnliches Haus bauen ließ, und mit Bru⸗ no und Buffalmacco den Vertrag ſchloß, es ganz auszumahlen; dieſe aber nahmen noch Nello und 6, Calandrino, denn der Arbeit war viel, zu Huͤlfe, und darauf fingen ſie zu arbeiten an. nd Nur Ein Zimmer erſt war mit Bett und an⸗ n⸗ dern Meubeln verſehen, und hier wohnte eine alte ur Aufwärterinn, gleichſam zur Aufſicht des Ortes, weil nd keine andere Dienerſchaft weiter hier war, und eben er deßwegen pflegte ein Sohn des genannten Nikolaus, e welcher Philipp hieß, und ein junger Mann ohne en Frau war, zuweilen ein Frauenzimmer zu ſeinem o⸗ Vergnuͤgen herzubringen, ſie ein oder zwei Tage hier tes zu behalten, und dann wieder fortzuſchicken. der Unter mehreren Malen traf es ſich, daß er auch eine hinfuͤhrte, welche den Namen Niccoloſa hatte, iſt, und ein Lump, der Mangione hieß, zu ſeinem Ver⸗ gnuͤgen in einem Hauſe zu Camaldoli hielt, und Preis gab. Sie war ſchoͤn von Perſon, war gut h⸗ gekleidet, und fuͤr ihres Gleichen, ziemlich geſittet, . ſprach ſie auch recht gut. Eines Tages, als ſie zu Neunter Tag. MWittag aus ihrer Kammer in einem weißen Unter⸗ roͤckchen, und mit um den Kopſ herumhaͤngenden Haaren heraus, und nach einem Brunnen ging, der ſich im Hofe des Gehoͤftes befand, um ſich Hände und Geſicht zu waſchen, kam Calandrino, um Waſ⸗ ſer zu holen, eben dahin. Er gruͤßte ſie freundlich; ſie erwiederte es, und ſah ihn an, mehr weil ihr Calandrino eine ganz neue Erſcheinung war, als aus einem andern Grunde. Calandrino ſah ſie an, und da ſie ihm ſchon vorkam, ſuchte er irgend ein Geſchaͤft als Vorwand, und kehrte zu ſeinen Gefaͤhrten mit dem Waſſer noch nicht wieder zuruͤck; allein da er ſie nicht kannte, wagte er es nicht, ihr etwas zu ſagen. Sie, die wohl bemerkt hatte, wie er nach ihr hinſchielte, blickte ihn, um ihn zu fangen⸗ ein paar Mal an, und ſtieß ein Seufzerchen aus. Calandrino fuͤhlte den Kappzaum, den ſie ihm angelegt hatte, und ging nicht eher vom Hofe fort, als bis ſie von Philipp in die Stube zuruckgerufen ward. Calan⸗ drino kehrte zu ſeiner Arbeit zuruͤck, und that nichts anders, als vor Wuth ſchnauben. Bruno bemerkte dies, weil er genau ihm auf die Finger ſah, indem er an allem, was er that, ſeine Luſt hatte; er ſagte daher zu ihm: Was Teufel haſt Du denn, Bruder Calandrino? Du thuſt ia nichts anders, als ſchauben. Worauf Calandrino ſagte: Bruder, wenn ich Jemand haͤtte, der mir beiſtehen wollte, wuͤrde es beſſer um mich ſtehen. Fuͤnfte Novelle. 191 Wie ſo? ſagte Bruno. Willſt Du, antwortete ihm Calandrino, keinem Menſchen ein Wort ſagen? ſieh! da unten iſt Eine, die iſt ſchoͤner als eine Nymphe, und die iſt ſo verliebt in mich, daß es was Gewaltiges iſt; ich hab⸗ es ſo eben bemerkt, als ich Waſſer holte. Ha! ſagte Brung pimm Dich in Acht, daß es nicht Philipps ruui Ich glaub' es, ſagte Calandrino, weil er ſie rief, und ſie zu ihm auf die Stube ging. Aber was thut das? Bei ſo bewandten Umſtaͤnden wuͤrde ich ſie unſern Herrn Chriſtus wegſtipitzen, vielmehr Philippen. Cumpan, ich muß Dir ſagen, ſie gefaͤllt mir ſo, daß ich es Dir nicht ſagen kann. Bruͤderchen, ſagte darauf Bruno, ich will es Dir ausſpioniren, wer ſie iſt, und iſt ſie Philipps Frau, ſo will ich mich Deiner mit ein paar Worten annehmen, denn die iſt eine meiner beſten Freundin⸗ nen. Aber wie wollen wir das anſtellen, daß es Buffalmacco nicht erfaͤhrt? ich kann kein Wort mit ihr ſprechen, ſo iſt er bei mir. Ach, ſagte Calandrino, um Buffalmacco kuͤm⸗ mere ich mich nicht; aber vor Nello muͤſſen wir uns in Acht nehmen, er iſt meiner Teſſa*) Vetter, und da waͤre Alles verdorben. Wohl geſprochen, ſagte Bruno. Der aber wußte ſchon lange, wer ſie war, da er ſie hatte kommen ſe⸗ hen, und auch Philipp es ihm geſagt hatte. Als ) Iſt der Name von Calandrino's Frau. 192 Neunter Tag. daher Calandrino einmal von der Arbeit fortgegan⸗ gen war, um nach ihr zu ſehen, ſagte Bruno an Nello und Buffalmacco Alles, und nun ordneten ſie insgeheim Alles an, was ſie bei dieſer Liebelei zu thun haͤtten. Als er zuruͤckgekommen war, ſagte Bruno ganz leiſe zu ihm: Haſt Du ſie geſehen? Ach, ja! antwortete no, ich moͤchte um⸗ kommen! Ich will doch einmal hingehen, ſagte Bruno, und zuſehen, ob es die iſt, die ich glaube, und iſt ſie's, dann laß mich nur machen. Bruno ſtieg alſo hinunter, und ſuchte Philipp und ſie auf; ſagte ihnen dann haarklein, wer Calan⸗ drino wäre, und was er zu ihm geſagt haͤtte, dann verabredete er mit ihnen, was ein Jeder zu thun und zu ſagen hätte, um ihr Feſt und ihren Scherz uͤber Calandrino's Verliebung zu haben. Als Calandrino wieder zuruͤckgekehrt war, ſagte er zu ihm: Ja, ſie iſt es, und deßhalb müſſen wir die Sache ſehr ge⸗ ſcheit anfangen, denn wenn Philipp es merkte, wuͤrde uns alles Waſſer aus dem Arno nicht wieder rein waſchen. Aber ſage mir doch, was ſoll ich ihr denn wol ſo von Dir ſagen, wenn es ſich einmal träfe, daß ich ſie ſpraͤche? Meiner Seele, antwortete Calandrino, Du magſt ihr nur vor allen Dingen ſagen, ich wuͤnſchte ihr tauſend Malter von dem raren Gute, wovon ſie ſchwanger wuͤrde, und daß ich ihr gehorſamer Die⸗ ner waͤre, und wenn ſie ſonſt noch was haben wollte — Haſt Du mich verſtanden? n nd no ſie e⸗ in nn fe, gſt ihr ſie Re⸗ Ute Fuͤnfte Novelle. 193 Ja, ſagte Bruno, laß mich nur machen. Unterdeſſen war die Eſſensſtunde herangekom⸗ men, da verließen jene ihre Arbeit, ſtiegen in den Hof hinab, wo Philipp und Nicoloſa waren, und nahmen Alle zu Calandrino's Dienſten ihren Platz ein. Als nun Calandrino anfing nach Nicoloſa'n hin⸗ zuſchielen, und die poſſierlichſten Geberden von der Welt machte, welche von der Art und in ſolcher Menge waren, daß ein Blinder ſie haͤtte ſehen muͤſ⸗ ſen, ſo that auch ſie ihrerſeits wieder alles, wodurch ſie glaubte ihn tuͤchtig in Flammen zu ſetzen; denn nach der mit Bruno genommenen Verabredung, hatte ſie an Calandrino's Betragen ihre Herzensluſt, waͤh⸗ rend Philipp mit Buffalmacco und den Andern ſich ſtellten, als ſprächen ſie mit einander und gaͤben auf nichts Achtung. Indeſſen nach einiger Zeit reiſten ſie zu Calandrino's groͤßtem Verdruſſe ab. Als ſie in die Gegend von Florenz kamen, ſagte Bruno zu Calandrino: Ja, ich ſage Dir, Du haſt ſie wie Eis an der Sonne ſich verzehren laſſen; bei Gott im Himmel, wenn Du Deine alte Fiedel herauskriegſt und ſo eins von Deinen verliebten Liedern dazu ſingſt, ſo ſpringt ſie zum Fenſter herunter, um zu Dir zu kommen. Da ſagte Calandrino: glaubſt Du, Bruͤderchen? glaubſt Du, daß ich ſie'mal'rauskriege? Allerdings, antwortete Brunv. Du glaubteſt es mir heute nicht, ſagte Calan⸗ drino, als ich es Dir ſagte. Fuͤrwahr, Bruderchen, ich fehe doch, ich kann beſſer als irgend ein anderer Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 6. 13 194 Neunter Tag. Menſch, thun, was ich will. Wer anders, als ich, hatte ein ſolches Mädchen, als die iſt, wol ſo bald verliebt machen koͤnnen? Das hätten ja kaum die jungen Herrn beſſer verſtanden, die ſogleich in die Mutter⸗Trompete ſtoßen, den ganzen Tag Straß' auf, Straß' ab laufen, und doch in tauſend Jahren nicht eine taube Nuß zu knacken verſtehen. Ich wuͤnſchte nur, Du koͤnnteſt mich einmal mit meiner Fiedel ſehen; da wurdeſt Du Dein Wunder erblicken. Verſteh mich ja recht, ich bin kein ſo alter Kerl, als ich Dir ſcheine, das hat ſie auch ganz gut gemerkt, und ſie ſoll es auch noch beſſer merken, wenn ich ſie nur erſt unter meinen Klauen habe. Bei den fuͤnf Wunden, ich will ihr eins aufſpielen, daß ſie mir nachgelaufen kommen ſoll, wie eine Verruͤckte ihrem Sohne nachlaͤuft. O, ſagte Bruno, Du wirſt Deinen Schnabel ſchon an ihr wetzen. Und ich ſehe ſchon im Geiſte, wie Du mit dieſen Deinen Zaͤhnen, die wie die Wir⸗ bel an der Laute auseinander ſtehen, ihren rothen Mund und dann ihre Backen anpacken wirſt, die wie zwei Roſen gluͤhen, um ſie ſo ganz, wie ſie da iſt, zu verſpeiſen. Als Calandrino dieſe Worte hoͤrte, glaubte er ſchon am Ziele zu ſeyn, und ging tanzend und ſprin⸗ gend ſo luſtig umher, oaß er haͤtte moͤgen aus der Haut fahren. Den andern Tag aber holte er ſeine Fiedel wieder hervor, und ſang zum großen Vergnü⸗ gen der ganzen Geſellſchaft mehrere Lieder dazu. FKurz, da er ſie nun oͤfter wiederſah, gerieth er dar⸗ Fuͤnfte Novelle. 195 uͤber in ſolche Brunſt, daß er gar nicht mehr arbei⸗ tete, ſondern des Tages tauſend Mal bald ans Fen⸗ ſter, bald an die Thuͤr, bald auf den Hof lief, um die nur einmal zu ſehen, die Bruno's Lehren auf eine liſtige Weiſe anwendend, ihm ſo herrliche Ge⸗ legenheit dazu gab. Bruno anderſeits antwortete wiederum auf ſeine Geſandtſchaften, und machte ihm auch wieder welche von ihrer Seite; war ſie nicht da, und das war die meiſte Zeit, ſo ließ er ihm Briefe von ihr zukommen, in welchen ſie ihm große Hoffnung zu ſeinen Wuͤn⸗ ſchen gab, wenn ſie ihm auch gleich ſchrieb, daß ſie ſich in dem Hauſe ihrer Eltern befände, wo ſie ihn fuͤr jetzt nicht ſehen koͤnnte. Und auf dieſe Art zogen Bruno und Buffal⸗ macco, welche immer die Haͤnde im Spiele hatten, das groͤßte Vergnuͤgen von der Welt aus Calandri⸗ no's Handlungen, indem ſie ſich von ihm, ſo als wenn es ſeine Dame foderte, bald einen elfenveiner⸗ nen Kamm, bald eine Boͤrſe, bald ein Meſſerchen, oder dergleichen Narrenpoſſen geben ließen, wofuͤr ſie ihm dann wieder unechte Ringe von keinem Werthe gaben, woruͤber Calandrino eine wunderbare Freude hatte. Und uͤberdies genoſſen ſie von ihm noch man⸗ che andere gute Biſſen und Ehrenbezeigungen, damit ſie ſich ſeiner Angelegenheiten nur recht annehmen moͤchten. Nachdem ſie ihn nun gut zwei Monate auf dieſe Art hingehalten hatten, ohne irgend nur etwas mehr gethan zu haben, und Calandrino aber merkte, daß 196 Neunter Tag. die Arbeit zu Ende ginge, und wohl einſah, daß, wenn er den Zweck ſeiner Liebe nicht eher erreichte, als bis die Arbeit vollendet wäre, er ihn nie errei⸗ chen wuͤrde, ſo fing er an Bruno ſehr anzuliegen und in ihn zu dringen. Als daher das Mädchen einmal gekommen war, Bruno aber mit Philipp Alles erſt vorher abgeredet hatte, was zu thun wäͤre, ſo ſagte er zu Calandrino: Sieh, Bruͤderchen, das Maͤdchen hat mir wol ſchon tauſend Mal verſprochen, Deine Wuͤnſche zu erfuͤllen, und denn thut ſie doch nichts; es ſcheint mir daher doch, als wenn ſie uns bei der Naſe herumzoͤge, und darum wollen wir, da ſie nicht thut, was ſie doch verſpricht, es dennoch ſchon dahin bringen, daß ſie es thun muß, ſie mag wollen oder nicht, wenn Du nur willſt. O ja! antwortete Calandrino, um Gottes wil⸗ len, thut das doch bald. Darauf ſagte Bruno: Wirſt Du wohl Herz ha⸗ ven, ſie mit einem Anhängſel zu berühren, was ich Dir geben will? Ei, alle Mal, ſagte Calandrino. Nun gut denn, ſagte Bruno, ſieh zu, daß Du mir ein Bischen ungebornes Lammfell, eine lebendige Fledermaus, drei Weihrauchkoͤrner und eine geweihete Kerze verſchaffen kannſt, und dann laß mich nur machen. Calandrino ſtand den ganzen kuͤnftigen Abend auf der Lauer, um eine Fledermaus zu fangen, bis er ſie endlich fing; und ſogleich brachte er ſie mit e te d 8 Fuͤnfte Novelle. 197 allem Andern Bruno'n hin. Dieſer zog ſich in eine Kammer zuruͤck, ſchrieb auf das Fell gewiſſe Fratzen in mancherlei Zauberformeln, brachte ihm daſſelbe und ſagte: Calandrino, wiſſe: beruͤhrſt Du ſie mit dieſer Schrift, ſo kommt ſie ſogleich hinter Dir drein, und thut alles, was Du wuͤnſcheſt. Darum, wenn Phi⸗ lipp heute nirgends wo hingeht, ſo mache Du Dich auf irgend eine Art an ſie, beruͤhre ſie, und gehe mit ihr in das Strohhaͤuschen, da auf die Seite, denn das iſt der beſte Ort, den es nur geben kann, da kriecht kein Menſch hin. Du wirſt ſchon ſehen, wie ſie Dir nachkommt, und iſt ſie denn da, ſo wirſt Du ſelbſt ſchon wiſſen, was Du zu thun haſt. Kein Menſch auf der ganzen Welt war gluͤckli⸗ cher als Calandrino; er nahm die Schrift und ſagte: Bruͤderchen, nun laß mich nur machen. Nello, vor dem ſich Calandrino immer in Acht nahm, hatte hieran, ſo wie die Andern, auch ſein Vergnuͤgen, und hatte mit ihnen ebenfalls die Hand im Spiele, ihn zu aͤffen; darum ging er, wie es Bruno ihm aufgetragen hatte, nach Florenz, zu Ca⸗ landrino's Frau und ſprach zu ihr: Teſſa, Du weißt, was fuͤr Puͤffe Dir Calandri⸗ no ohne Grund ſeit dem Tage an gegeben hat, als er mit den Steinen aus dem Mugnone zuruͤckkam; darum meine ich, Du ſollſt Dich rachen; und thuſt Du es nicht, ſo ſage nicht, daß ich Dein Vetter oder auch nur Dein Freund bin. Er hat ſich da unten in ein Mädchen ſo arg verliebt, und ſie iſt ſo toll, 198 Neunter Tag. daß ſie ſich oft mit ihm einſchließt. Es iſt auch noch gar nicht lange her, ſo haben ſie ſich das Wort gegeben, einmal auf den Lauf da zuſammen zu kom⸗ men. Darum wuͤnſchte ich, daß Du hinkaämſt, es mit anſäheſt, und ihn tuͤchtig dafuͤr abſtrafteſt. Als die Frau dies hoͤrte, ſchien es ihr kein Spaß zu ſeyn, ſondern ſie ſtand auf und ſagte: J, Du aller Welts Spitzbube, ſo was thuſt Du mir an? Bei Gott im Himmel, das ſoll Dir nicht gelingen, daß ich Dir nicht dafuͤr auszahlte. Schnell nahm ſie ihren Mantel, und auch noch ein anderes Weib zur Geſellſchaft mit, und ging dann ſchnellen Schrittes mit Nello hinunter. Als Bruno ſie von weitem kommen ſah, ſagte er zu Philipp: Sieh, da kommt ja unſer Helfer in der Noth. Philipp ging daher ſchnell dahin, wo Ca⸗ landrino und die Andern arbeiteten, und ſagte: Meine Perren, ich muß in dieſem Augenblick nach Florenz, arbeitet nur tuͤchtig d'rauf los. Hierauf entfernte er ſich, und verbarg ſich an einem Orte, wo er, ohne geſehen zu werden, alles. ſehen konnte, was Calandrino machte. Sobald Calandrino glaubte, daß Philipp etwas entfernt waͤre, ſtieg er in den Hof hinunter, wo er Nicoloſa allein fand. Er ließ ſich mit ihr in ein Geſpraͤch ein, und ſie, die recht gut wußte, was ſie zu thun haͤtte, naͤherte ſich ihm, und that etwas freund⸗ licher mit ihm, als ſie es ſonſt wol gewohnt war. Calandrino beruͤhrte ſie hierauf mit der Schrift, und ſobald er ſie beruͤhrt hatte, wandte er, ohne — e vn N 8 28 8b Fuͤnfte Novelle. 199 noch ein Wort zu ſagen, ſeine Schritte dem Stroh⸗ haäuschen zu, wohin Nicoloſa ihm nachging. Als ſie drinnen war, ſchloß ſie die Thuͤre zu, umarmte Ca⸗ landrino, und warf ihn auf das Stroh, was da auf der Erde lag, nieder, und warf ſich rittlings uͤber ihn; die Hände hielt ſie ihm auf den Schultern, ohne daß ſie ihn ſich ihrem Geſichte nähern ließ, und blickte ſo ihn an, als wenn ſie ſich lange ſchon danach geſehnt haͤtte, indem ſie zu ihm ſagte: H mein ſuͤßer Calandrino, Herz meines Koͤrpers, meine Seele, mein hoͤchſtes Gut, meine Ruhe, wie lange habe ich ſchon gewünſcht, Dich zu haben, und Dich an meinen Buſen zu halten. Du haſt mir durch Deine Freundlichkeit die Seele aus dem Leibchen rausgeriſſen, Du haſt mir das Herz mit Deiner Fiedel, wie auf einem Roſte gebraten; kann es denn wol wahr ſeyn, daß ich Dich wirklich feſthalte? Calandrino, der ſich kaum ruͤhren konnte, ſagte: Meine ſuͤße Seele, laß mich Dich abkuͤſſen. O, ſagte Nicoloſa, Du haſt große Eil! erſt laß mich Dich nach Herzensluſt anſehen, laß meine Au⸗ gen ſich ſaͤttigen an Deinem ſuͤßen Anblicke⸗ Bruno und Buffalmacco waren zu Philipp hin⸗ gegangen, und alle Drei ſahen und hoͤrten dieſe Ge⸗ ſchichte mit an. Eben aber als Calandrino im Be⸗ griff war, Nicoloſa zu küſſen, ſiehe da nahete Nello mit Monna Teſſa. Sobald er ſich genahet, ſagte er: Ich ſchwoͤre bei Gott, die ſind bei einander; ſie ge⸗ lungten hierauf an die Thuͤr, die Frau, die in Wuth — W 200 Neunter Tag. war, fuhr mit der Hand danach, ſtieß ſie auf, und da ſie hineintrat, ſah ſie Nicoloſa auf Calandrinv. Sobald jene die Frau erblickte, ſtand ſie ſchnell auf, entfloh, und eilte dahin, wo Philipp war. Monna Teſſa fuhr mit den Naͤgeln Calandrino'n, der noch nicht aufgeſtanden war, ins Geſicht, und zerkratzte ihn tuͤchtig; dann faßte ſie ihn bei den Haaren, zog ihn hier hin und da hin, und ſagte: Ehrvergeßner Mann, das alſo thuſt Du mir an? Alter Narr, verflucht, daß ich Dich je haben wollte. So glaubſt Du denn alſo, daß Du zu Hauſe nicht genug zu thun haſt, und'rumlaufen mußt, um Dich anderswo zu verlieben? Sehe mir doch einer den ſchoͤnen Liebhaber! Weißt Du denn nicht, was an Dir iſt, Du Lump? Weißt Du es nicht, Du Jam⸗ merbild? Wenn man Dich auch ganz und gar aus⸗ quetſchte, ſo käme ja nicht ſo viel Saft heraus, als zu einem Salat noͤthig wäͤre. Bei Gott im Himmel, Teſſa war's wahrhaftig nicht, die Dich in andere umſtaͤnde gebracht hatte; mag ſie der Teufel holen, wer ſie es auch geweſen iſt, ſie muß doch nur eine ſchlechte Perſon geweſen ſeyn, die an ſo einen ſaube⸗ ren Schatz, als Du biſt, hat Gefallen finden koͤnnen. Calandrino war, ſobald er nur ſeine Frau kom⸗ men ſah, mehr todt wie lebendig, und hatte nicht das Herz ſich gegen ſie zu vertheidigen. Indeſſen ſo zerkratzt, ganz zerzauſt und abgeknufft, nahm er ſeine Kappe und ſtand auf. Dann bat er ſeine Frau ganz demuͤthig, ſie moͤchte kein Geſchrei machen, wenn ſie nicht wollte, daß er in Stuͤcken zerhauen werden Zr Sechſte Novelle. 201 ſollte, weil die, die mit ihm zuſammen geweſen, die Frau des Herrn vom Hauſe waͤre. Gut, ſagte die Frau, es mag ſeyn, Gott wird es ihr ſchon lohnen. Bruno und Buffalmacco, die mit Philipp und Nicoloſa nach Herzensluſt ſich daruͤber ausgelacht hatten, gingen, als wenn der Lärm ſie herbei gezo⸗ gen haͤtte, hinzu, und beruhigten die Frau nach vie⸗ len Worten; Calandrino aber gaben ſie den Rath, nach Florenz zu gehen, und nicht wieder her zu kom⸗ men, damit Philipp es ihm doch nicht entgelten ließe, wenn er etwas von der Sache merken ſollte. So kehrte alſo Calandrino traurig und elend, ganz zerzauſt und zerkratzt nach Florenz zuruͤck, und hatte ſelbſt kein Herz wieder herzukommen, ſondern Tag und Racht gequält und gekraͤnkt von den Vor⸗ wuͤrfen der Frau, machte er ſeiner brennenden Liebe ein Ende, da er ſeinen Gefaͤhrten, ſo wie auch Ni⸗ coloſa'n und Philipp vielen Stoff zum Lachen gege⸗ ben hatte. Sechſte Novelle. Zwei junge Mäͤnner uͤbernachten mit einander, von denen der Eine ſich zur Tochter legt, und die Frau unvorſich⸗ tigerweiſe bei dem Andern ſchlaͤft, der, welcher bei der Tochter geweſen war, legt ſich zum Vater, und erzaͤhlt ibm Alles, in der Meinung es dem Gefaͤhrten zu ſagen. Beide machen Laͤrm, die Frau, dies merkend, geht in das Bette der Tochter, und von da wird Alles mit einigen Worten wieder ausgeglichen. Calandrino, welcher die Geſellſchaft ſchon einige — ½ ₰—— ½—— —————— ————— —— 202 Reunter Tag. Mal zum Lachen gereizt hatte, that es auch dies Mal; als indeſſen die Frauen hieruͤber ſchwiegen, trug die Koͤniginn Pamphilus auf, daß er ſprechen moͤchte, und dieſer ſagte: Lobwuͤrdige Damen, der Name Nicoloſa, die Geliebte Calandrino's, hat mir eine Novelle von einer andern Nicoloſa ins Gedächtniß zuruͤckgefuͤhrt, die ich Euch zu erzaͤhlen Luſt habe, weil Ihr darin ſehen werdet, wie die ſchnelle Vorſicht einer braven Frau einen argen Scandal uͤber die Seite geſchafft hat. In dem Thale des Mugnone war vor nicht gar langer Zeit ein guter Mann, welcher den Reiſenden fuͤr ihr Geld zu eſſen und zu trinken gab; und ob er gleich nur ein armer Mann war, und nur ein kleines Haͤuschen beſaß, ſo beherbergte er doch zuweilen, wenn es ſehr Noth that, wenn auch nicht einen Je⸗ den, doch manchen Erkenntlichen dafuͤr. Nun hatte dieſer eine ganz huͤbſche Frau zum Weibe, und mit ihr zwei Kinder, von denen das eine ein huͤbſches leichtfertiges Maͤdchen, zwiſchen funfzehn und ſech⸗ zehn Jahren war, aber noch keinen Mann hatte; das andere war ein ganz kleiner Knabe, noch kein Jahr alt, und den die Mutter ſelbſt noch nährte. Auf das Mädchen hatte ein artiger, freundlicher und gefaͤlliger junger Mann aus unſerer Stadt ſein Auge geworfen, welcher oft in dieſe Gegend kam, und ſie recht heiß liebte. Sie, die ſich viel damit wußte, von einem ſolchen jungen Mann geliebt zu werden, verliebte ſich wieder in ihn, da ſie durch 8—— 8 Sechſte Novelle. ihr gefälliges Betragen ſich bemuͤhete, ihn in ſeiner Liebe feſtzuhalten. Mehrmals ſchon wuͤrde, zum Wohlgefallen Beider Theile, dieſe Liebe ihre Wir⸗ kung gehabt haben, wenn Pinuccio, ſo war der Name des jungen Mannes, nicht ſeinen und des Maͤdchens Schimpf zu vermeiden geſucht hatte. Indeſſen da ſich von Tage zu Tage ſeine Gluth vermehrte, und bei Pinuccio der heiße Wunſch ent⸗ ſtand, ſich doch ein Mal nur mit ihr zuſammen zu finden, ſo kam er auf die Gedanken, ein Mittel zu erſinnen, wie er bei dem Vater dort einmal uͤber⸗ nachten koͤnnte, alsdann meinte er, da er die Gele⸗ genheit im Hauſe des Mädchens kannte, wuͤrde es ihm leicht werden, mit ihr zuſammen zu ſeyn, ohne daß es ein Menſch gewahr wuͤrde. Und ſo wie ihm dies in den Sinn gekommen war, fuͤhrte er es ohne Verzug aus. Er nahm daher ſpaͤt eines Abends zugleich mit einem treuen Gefaͤhrten, Namens Adriano, der um dieſe Liebe wußte, zwei Miethspferde, dieſen legten ſie zwei Mantelſaͤcke, vielleicht voll Stroh, auf, ver⸗ ließen Florenz, und, den Weg uͤber die Ebene am Mugnone nehmend, kamen ſie reitend dahin, als die Nacht ſchon eingebrochen war. Von hier aus wand⸗ ten ſie ſich, als wenn ſie von Romagna zuruͤckkaͤmen, auf das Haus des guten Mannes hin, und klopften an ſeine Thuͤr an. Er, der Jedem gern gefͤllig war, oͤffnete ihnen die Thuͤre ſogleich. Sieh, ſagte Pinuccio zu ihm, Du mußt uns 204 Neunter Tag⸗ dieſe Nacht beherbergen; wir glaubten noch nach ſel Florenz zu kommen, aber wir haben es mit aller no Muͤhe nur dahin bringen koͤnnen, daß wir zu dieſer zu Zeit, wie Du ſiehſt, bis hierher gekommen ſind. Ihm erwiederte der Wirth: Pinuccio, Du weißt we ſehr wohl, wie ich dazu eingerichtet bin, Leute, wie da Ihr ſeyd, aufzunehmen; indeſſen da die Nacht Euch eit hier uͤberraſcht hat, und keine Zeit mehr iſt, Euch de anders wohin zu begeben, ſo will ich Euch gern auf⸗ la nehmen, ſo gut ich nur kann. fr Die beiden jungen Maͤnner ſtiegen daher ab, und m traten in das Wirthshaus ein; hierauf ſorgten ſie ſe zuerſt fuͤr ihre Klepper, und dann aßen ſie, da ſie ein Abendeſſen mitgebracht hatten⸗ zugleich mit dem d Wirthe zu Abend. d Nun hatte aber der Wirth nichts weiter, als n nur eine ſehr kleine Kammer, in welcher der Wirth, 5 ſo gut wie er nur gekonnt hatte, drei Betten hinge⸗ ſtellt hatte, ſo, daß in allem, da zwei Betten an der einen Seite der Wand, und das dritte gegenuͤber an der andern ſtand, hoͤchſtens ſo viel Raum uͤbrig ge⸗ blieben war, daß man nicht anders, als nur knapp dazwiſchen durchgehen konnte. Von dieſen drei Bet⸗ ten ließ der Wirth das am wenigſten ſchlechtere fuͤr die beiden Gaͤſte zurecht machen, und hieß ſie dann ſich niederlegen. Bald darauf, da noch Keiner von ihnen ſchlief, ob ſie gleich zu ſchlafen ſich ſtellten, hieß der Wirth ſeine Tochter ſich in eins der beiden, welche uͤbrig geblieben waren, niederlegen; in das andere ſtieg er ————„ 8 Sechſte Novelle. 205 ſelbſt mit ſeiner Frau hinein, und dieſe ſtellte dann noch die Wiege, worin ihr kleiner Junge lag, ſich zur Seite des Bettes hin, in welchem ſie ſchlief. Nachdem die Sachen auf dieſe Art eingerichtet waren, und Pinuccio alles geſehen hatte, ſtand er, da es ihm nach einiger Zeit ſchien, als wenn Alles eingeſchlafen wäre, ganz leiſe auf, und ging nach dem Bette hin, in welchem ſein geliebtes Maͤdchen lag, legte ſich neben ihr(von der er, obgleich ſie es furchtſam that, froͤhlich empfangen ward) und ge⸗ noß mit ihr das Vergnugen, wonach ſie Beide ſich ſehnten. Waͤhrend Pinuccio ſich nun auf dieſe Art bei der Jungfrau befand, ſtieß eine Katze Etwas herunter; die Frau, die dies hoͤrte, erwachte, und fuͤrchtend, es mochte was anders ſeyn, ſtand, ſo wie ſie war, im Finſtern auf, und ging dahin, wo ſie den Laͤrm ge⸗ hoͤrt hatte. Hadrian, der hierauf nicht geachtet hatte, ſtand von ungefähr eines natuͤrlichen Beduͤrfniſſes wegen auf, und, um dies abzumachen, umhergehend, traf er auf die von der Frau hingeſtellte Wiege. Da er nun, ohne ſie wegzuheben, nicht weiter gehen konnte, nahm er ſie von dem Orte weg, an welchem ſie ſtand, und ſetzte ſie zur Seite des Bettes hin, in welchem er ſchlief. Nachdem er das, weßhalb er aufgeſtanden, abgemacht hatte, und wieder zuruͤckkam, kehrte er, ohne ſich um die Wiege zu bekuͤmmern, in das Bett wieder zuruͤck. Nachdem die Frau herumgeſucht, aber gefunden 206 Neunter Tag. hatte, daß das, was gefallen wäre, nicht das eben ſey, kuͤmmerte ſie ſich nicht darum, erſt Licht anzuma⸗ chen, um es zu ſehen, ſondern ſchmälte auf die Katze, und kehrte nach der Kammer zuruͤck, wo ſie herum⸗ tappend geraden Weges nach dem Bette hinging, in welchem ihr Mann ſchlief. Allein da ſie die Wiege dort nicht fand, ſagte ſie bei ſich ſelbſt: Ich, Un⸗ gluckliche, ſieh, was ich da gemacht haͤtte! bei Gott im Himmel, da waͤre ich doch geradezu in das Bette meiner Gaͤſte gegangen! Sie that darauf noch einige Schritte vor, und da ſie die Wiege gefunden hatte, legte ſie ſich in das Bette, dem dieſe zur Seite ſtand, zugleich mit Adrian nieder, in der Meinung ſie lege ſich zu ihrem Manne. Adrian, der, da er noch nicht eingeſchlafen war, dies merkte, empfing ſie froͤhlich und freundlich; und ohne weiter ein Wort zu verlieren, ſegelte er mehr, als ein Mal, zum großen Vergnuͤgen der Frau in den Hafen hinein. So lagen nun die Sachen, als Pinuccio, fuͤrch⸗ tend, daß der Schlaf ihn bei ſeinem Maͤdchen uͤber⸗ raſchen moͤchte, und da er das Vergnügen, was er wuͤnſchte, genoſſen hatte, von ihr aufſtand, um nach ſeinem Bette zuruͤckzukehren; als er aber dahin kam, und die Wiege fand, glaubte er, es waͤre das des Wirthes; er ging daher noch etwas weiter vor, und legte ſich beim Wirthe nieder, welcher durch Pinuc⸗ cio's Ankunft erwachte. Pinuccio in der Meinung, er haͤtte Adrian zur Seite, ſagte: Ja, ich ſage Dir, es giebt nichts ſo 8 en ta⸗ tze⸗ — * ge n⸗ ott tte ige te, ite ng ar, ind hr, in e⸗ er ach m, des und me⸗ zur Sechſte Novelle. 207 Suͤßes als Nicoloſa. Bei Gott im Himmel, ich habe das groͤßte Vergnuͤgen gehabt, was ein Mann nur je mit einer Frau gehabt hat, und ich ſage Dir, daß ich wohl ſechs Mal eine Luſtpartie mit ihr gemacht habe, ſeit dem ich von hier gegangen bin. Da der Wirth ſolcherlei Hiſtoͤrchen hoͤrte, die ihm eben nicht ſehr geſielen, ſagte er anfangs bei ſich ſelbſt, was Teufel macht der hier? Dann aber fuhr er mehr aufgeregt als berathen fort: Pinuccio, das iſt ein ſehr ſchlechter Streich von Dir, und ich weiß nicht, wodurch ich es verdient habe, mir ſo was anzuthun; aber bei Gott im Himmel, ich werde Dir dafuͤr auszahlen. Pinuccio, der eben nicht der geſcheiteſte junge Mann in der Welt war, ſuchte, ob er gleich ſeinen Irrthum einſah, ihn nicht, ſo gut wie er nur konnte, zu verbeſſern, ſondern ſagte: wofuͤr willſt Du mir auszahlen? was kannſt Du mir doch wol thun? Die Frau des Wirthes, die bei ihrem Manne zu ſeyn glaubte, ſagte zu Adriano: Herr Je! hoͤre mal unſere Gäſte, was haben die, ich weiß es nicht, doch fuͤr einen Wortwechſel unter einander? Adriano ſagte laͤchelnd: Ei, laß ſie machen, hol' ſie der Henker, ſie haben geſtern Abend zu viel ge⸗ trunken. Die Frau, die ihren Mann zu hoͤren glaubte, aber wirklich Adriano'n hoͤrte, ſah den Augenblick ein, wo ſie geweſen war, und bei wem; ohne daher noch ein Wort zu ſagen, ſtand ſie ganz kluͤglich ſo⸗ gleich auf, nahm die Wiege ihres Kindes, und trug 208 Neunter Tag. ſie, da ſie in der Kammer auch nicht einen Stich ſe⸗ hen konnte, auf gut Gluͤck zum Bette, in welchem die Jochter ſchlief, und legte ſich bei ihr nieder; und, als wäͤre ſie durch den Laͤrm ihres Mannes aufgeweckt, rief ſie ihn und fragte ihn, was er mit Pinuccio wortwechſelte. Hoͤrſt Du denn nicht, antwortete der Mann, was er ſagt, das er dieſe Nacht mit Nicoloſa vorgenom⸗ men hat? Das luͤgt er in ſeinen Hals hinein, ſagte ſie, bei Nicoloſa hat er nicht gelegen; denn ich, ich habe mich den Augenblick, da ich nachher gar nicht mehr ſchlafen konnte, zu ihr gelegt. Du biſt ein Narr, wenn Du das glaubſt. Ihr habt den Abend ſo viel getrunken, daß Ihr die Nacht hernach ge⸗ traͤumt habt, dann ſeyd Ihr, ohne es zu merken, hier und da herumgelaufen, und glaubt nun Wunder was. Es iſt nur ein Wunder, daß Ihr Euch nicht die Haͤlſe gebrochen habt. Aber was macht denn Pinuccio da? Warum liegt der denn nicht in ſei⸗ nem Bette? Seiner Seits ſagte wieder Adriano, da er fah, daß die Frau auf eine ſo kluge Weiſe ihre und ihrer Tochter Schande bemäntelte: Pinuecio, ich hab's Dir hundert Mal geſagt, Du ſollſt nicht immer herum⸗ gehen; denn dieſe Deine ſchlechte Sitte, im Traume aufzuſtehen, und Narrenpoſſen, die Dir getraͤumt ha⸗ ben, als Wahrheiten zu erzaͤhlen, werden Dir einmal viel zu ſchaffen machen; komm wieder her! daß Dich der Henker hole! ſe⸗ em 8 1es nit as * ie, ich ht in nd e⸗ n, er ht nn ei⸗ h, er me ⸗ al ch Sechſte Novelle. Da der Wirth hoͤrte, was die Frau ſagte und was Adriano ſprach, glaubte er ganz getroſt, daß Pinuccio träumte; er kriegte ihn daher bei der Schulter, ſchuͤttelte ihn hin und her, rief ihn und ſagte: Pinuccio, wach' auf, und geh' in Dein Bett. Pinuccio, der das, was er geſprochen, zuſam⸗ menreimte, fing, wie ein Menſch, der traͤumt, andere Poſſen zu ſprechen, woruͤber der Wirth in das lauteſte Gelaͤchter von der Welt ausbrach. End⸗ lich aber, da er das Ruͤtteln merkte, that er, als wache er auf, rief Adriano, und ſagte: Iſt es denn ſchon Tag, daß Du mich rufſt? Ja, ſagte Adriano, komm nur her. Jener aber verſtellte ſich, und that ſehr ſchlaf⸗ trunken; endlich aber ſtand er von der Seite des Wirthes auf, und kehrte zu Adriano ins Bett zuruͤck. Als nun der Tag kam und ſie aufſtanden, fing der Wirth an zu lachen und uͤber ihn und ſeine Träume zu ſpotten. Und ſo gab ein Wort das an⸗ dere, bis die jungen Maͤnner ihre Klepper zurecht machten, ihre Felleiſen aufpackten, mit dem Wirthe noch einmal tranken, und dann zu Pferde ſtiegen. So kamen ſie wieder nach Florenz zuruͤck, nicht weniger zufrieden uͤber die Art und Weiſe, wie die Sache ſich ereignet hatte, ſondern auch uͤber den Aus⸗ gang der Sache ſelbſt. Nachher fanden ſie andere Mittel, wie Pinuccio mit Nicoloſa zuſammentreffen koͤnnten, da letztere der Mutter die Verſicherung gab, er habe wirklich getraͤumt. Daher ſagte die Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 14 2¹⁰ Neunter Tag. Frau, Adriano's Umarmungen ſich erinnernd, ganz im Stillen zu ſich ſelbſt, ſie allein habe gewacht. Siebente Novelle. Talano di Moleſe*) träumt, daß ein Wolf ſeiner Frau den ganzen Hals und das Geſicht zerriſſe; er ſagt ihr, ſich in Acht zu nehmen, ſie thut es nicht, und der Er⸗ folg bleibt nicht aus fuͤr ſie. Die Rovelle des Pamphilus war geendigt, und die Vorſicht der Frau von allen gelobt, als die Koͤni⸗ ginn zu Pampinea ſagte, daß ſie die ihrige erzaͤhlen moͤchte. Dieſe fing an: Schon ſonſt, freundliche Damen, iſt uͤber die be⸗ wieſene Wahrheit der Traͤume, welche Viele verſpot⸗ ten, unter uns geſprochen worden; dennoch aber will ich nicht unterlaſſen, was auch daruͤber ſchon geſpro⸗ chen ſeyn mag, Euch in einer ziemlich kurzen Novelle zu erzahlen, was meiner Nachbarinn vor nicht gar langer Zeit begegnet iſt, weil ſie nicht glauben wollte, was ihr Mann geſehen hatte. ſite Ich weiß nicht, ob Ihr Talano di Moleſe, einen ganz ehrenwerthen Mann, kennt. Dieſer hatte ein junges Mädchen, Namens Margarethe, ſchon vor al⸗ len andern, zur Frau genommen, dagegen aber war ſie auch mehr als je eine Andere eigenſinnig, ungefaͤl⸗ lig und widerſpenſtig in ſolchem Grade, daß ſie kei⸗ nem Menſchen etwas nach ſeinem Sinne that, noch *) Taland di Moleſe iſt das verkuͤrzte Catalano von Immola. n rau hr, Er⸗ ind ni⸗ len be⸗ ot⸗ will oro⸗ elle gar Ute, inen ein a⸗ war efaͤl⸗ kei⸗ noch n Siebente Novelle. daß irgend einer wieder ihr etwas nach dem ihrigen thun konnte. So druͤckend dies auch Palano zu er⸗ tragen war, ſo ertrug er es, da er es nicht aͤndern konnte. Da ergab es ſich einmal eines Nachts, als Ta⸗ lano mit ſeiner Margarethe uͤber Land auf einer ſei⸗ ner Beſitzungen ſich befand, daß er im Traume ſeine Frau durch einen ſehr ſchoͤnen Wald, den ſie nicht weit von ihrer Wohnung beſaßen, gehen ſah. Wäh⸗ rend er ſie nun ſo gehen ſah, ſchien es ihm, als wenn aus einer Gegend des Waldes ein großer wil⸗ der Wolf herauskame, welcher ihr ſchnell nach dem Halſe zuſprang und ſie zur Erde niederriß. Sie rief um Huͤlfe, und er ſtrengte ſich an, ſie fortzurei⸗ ßen; allein als ſie dem Rachen des Thieres entkom⸗ men war, ſchien ihre Bruſt und ihr Geſicht ganz und gar zerſtoͤrt. Als er am Morgen darauf aufſtand, ſagte er zur Frau: Frau, wenn auch gleich Dein widerwärti⸗ ges Weſen niemals gelitten hat, daß ich mit Dir einen freundlichen guten Morgen gehabt haͤtte, ſo wuͤrde es mir doch nahe gehen, wenn Dir was Boͤ⸗ ſes begegnen ſollte. Wenn Du daher meinem guten Rathe glauben willſt, ſo gehe heute nicht aus dem Hauſe. Sie fragte hierauf nach dem Warum, und da erzaͤhlte er ihr ausfuͤhrlich ſeinen Traum. Die Frau ſchuͤttelte den Kopf und Denkſt Du was Boͤſes, ſo träͤumſt Du was Boͤſe Du zeigſt Dich meinetwegen ſehr beſorgt; Du 212 Neunter Tag. traͤumſt, was Du gern zu ſehen wuͤnſcheſt; und ge⸗ rade eben deßwegen werde ich mich heute und immer ſehr huͤten, Dir weder mit dieſem noch einem andern mich treffenden Ungluͤck eine Freude zu machen Darauf ſagte JTalano: Das wußt' ich voraus, daß Du ſo ſagen wuͤrdeſt; denn Undank iſt der Welt Lohn. Aber glaube, was Du willſt, ich ſag' es aus guter Meinung, und ich rathe es Dir nochmals, bleib heute zu Hauſe, oder huͤte Dich wenigſtens, in unſern Buſch zu gehen. Gut, ſagte die Frau, ich will es thun. Dann aber ſagte ſie ſo bei ſich ſelbſt: Da ſehe man doch, auf was fur eine malitioͤſe Art der mich in Furcht zu ſetzen glaubt, damit ich heute nicht in unſer Ge⸗ buͤſch gehen ſoll? Gewiß hat er da mit ſo Einer eine Verabredung getroffen, und will nun nicht, daß ich ihn da ertappe. Mag er doch einem Blinden was weiß machen; ich wäre wol eine große Naͤrrin, wenn ich ihn nicht kennen ſollte, und ihm ſo aufs Wort glaubte. Aber das ſoll ihm nicht gelingen. Ich muß doch ſehen, und wenn ich auch den ganzen Tag auf der Lauer ſtehen ſollte, was denn das fur ein Handel iſt, den er da heute abſchließen will. Nachdem ſie ſo geſprochen, ging der Mann auf der einen Seite des Hauſes hinaus, und ſie auf der andern, und zwar ſo verborgener Weiſe, wie ſie nur konnte, machte ſie ſich ohne Verzug nach den Gebu⸗ ſche hin auf den Weg, und verbarg ſich darin, da wo es am dickſten war. Aufmerkſam ſtand ſie und Siebente Novelle. 213 ſah hierhin und dahin, ob ſie irgend Jemand kom⸗ men ſaͤhe. Waͤhrend ſie auf dieſe Weiſe ſtand, ohne den mindeſten Argwohn uͤber einen Wolf zu haben, ſiehe, da kam ganz in ihrer Nähe aus einem tiefen Dik⸗ kicht ein großer und furchtbarer Wolf, und kaum konnte ſie, da ſie ihn geſehen hatte, noch die Worte hervorbringen: Herr, hilf mir! als ihr ſchon der Wolf an der Kehle war, ſie mächtig ergriff, und forttrug, ſo als wenn ſie ein kleines Lämmchen ge⸗ weſen wäre. Sie konnte nicht ſchreien, ſo hatte er ihr die Kehle zuſammengepreßt, und auch auf keine andere Art ſich helfen; der Wolf yaͤtte ſie alſo, da er ſie immer mit fortſchleppte, ohne Zweifel erwuͤrgt, wenn er nicht auf verſchiedene Hirten geſtoßen waͤre, welche durch ihr Geſchrei ihn zwangen, ſie loszu⸗ laſſen. Die Hirten erkannten die Ungluͤckliche in dieſem elenden Zuſtande, und trugen ſie nach Hauſe, wo ſie nach langer Bemuͤhung der Aerzte wieder hergeſtellt ward, doch aber nicht ſo, daß ihr der Hals und ein Theil des Geſichtes nicht auf ſolche Art ſo verdor⸗ ben geworden waͤre, daß, ſo ſchoͤn ſie auch fruͤher ge⸗ weſen war, ſie doch nachher nicht immer ganz ent⸗ ſtellt und haͤßlich geblieben waͤre. Sie ſchaͤmte ſich daher da zu erſcheinen, wo ſie geſehen worden waͤre, und klagte ſehr oft jämmerlich ihren Starrſinn, und daß ſie in dem, was ihr nichts gekoſtet haben wurde, 2¹14 Neunter Tag. dem wahrhaften Traume ihres Mannes nicht hatte Glauben beimeſſen wollen. Achte Novelle. Biondello treibt gegen Ciacco einen Schwank uͤber ein Mittagseſſen aus, woruͤber Ciacco ſich auf eine vorſich⸗ tige Art raͤcht, indem er ihn tuͤchtig durchpruͤgeln läͤßt. Allgemein ſagte ein Jeder aus der froͤhlichen Geſellſchaft, das, was Talano im Schlaf geſehen haͤtte, waͤre kein Traum, ſondern eine Erſcheinung geweſen, da Alles gerade ſo erfolgt waͤre, ohne daß auch nur das Mindeſte daran gefehlt haͤtte. Als nun aber ein Jeder ſchwieg, gab die Koͤniginn Lau⸗ retten auf zu folgen, worauf dieſe ſagte: So wie diejenigen, verſtändige Maͤdchen, welche heute vor mir geſprochen haben, faſt Alle von etwas zu ſprechen angeregt worden ſind, wovon unter uns ſchon die Rede geweſen iſt, ſo regt mich die geſtern von Pampinea erzaͤhlte Rache, die ein Student aus⸗ uͤbte, auf, Euch von einer, fur denjenigen freilich, der ſie aushielt, noch weit ärgeren, zu erzaͤhlen, wenn ſie auch bei weitem nicht ſo graͤßlich war. Darum be⸗ ginne ich: Es lebte in Florenz ein Schmecker, wie nur je einer geweſen, von Allen Ciacco genannt. Sein Ver⸗ moͤgen war nicht hinreichend, die Koſten zu tragen, wie ſeine Schmeckerei ſie verlangte; dafuͤr aber war er ziemlich geſittet, zund voll ſchoͤner und witziger Redensarten, er gab ſich nicht ſowohl fuͤr einen feinen Hofmann, als vielmehr fuͤr einen beißigen 2 v Achte Novelle. 215 Menſchen aus, der ſein Vergnugen daran fand, mit Leuten umzugehen, die reich waren, und gern was Gutes aßen. Zu ſolchen ging er, ohne daß er jedes Wal eingeladen geweſen waͤre, ſehr oft zum Mittags⸗ und Abendeſſen hin. Zu eben dieſer Zeit lebte auch in Florenz einer, welcher Biondello hieß, klein von Perſon, niedlich, und gedrechſelter, wie eine Fliege, mit einer Muͤtze auf dem Kopfe, blonden Löckchen, ohne auch nur ein krauſes Härchen darunter zu haben. Dieſer trieb daſſelbe Handwerk wie Ciacco. Eines Morgens in der Faſtenzeit war er da hin⸗ gegangen, wo Fiſche verkauft wurden, und da er für Meſſer Vieri, aus der Familie Cerchi, zwei große Lampreten gekauft hatte, erblickte ihn Ciacco, welcher ſich Biondello'n nahete, und zu ihm ſagte: Was heißt das? Worauf ihm Biondello zur Antwort gab: Ge⸗ ſtern Abend wurden Meſſer Corſo Donati drei an⸗ dere, ſchoͤnere als dieſe, und noch ein Stoͤr zugeſchickt; das iſt ihm aber nicht genug, um einigen edlen Maͤn⸗ nern ein Eſſen zu geben; darum hat er mir aufge⸗ tragen, noch dieſe zwei andern zu kaufen. Wirſt Du nicht hinkommen. Das weißt Du ja, antwortete Ciacco, daß ich auch hinkomme. Als es ihm Zeit zu ſeyn dünkte, ging er nach Meſſer Corſo's Haus hin, den er mit einigen ſeiner Nachbarsleuten, welche aber noch nicht zu Tiſch ge⸗ gangen waren, fand, und da dieſer ihn fragte, was 216 Neunter Tag. er vorhaͤtte, antwortete er: Meſſer, ich komme, um mit Euch und Eurer Geſellſchaft zu Mittag zu eſſen. Dann ſey willkommen! ſagte Meſſer Corſo zu ihm, und da es gerade Zeit iſt, ſo laß uns gehn. Man ſetzte ſich zu Tiſch. Zuerſt hatten ſie Erb⸗ ſen und eingeſalzenen Thunfiſch, alsdann noch Brat⸗ ſiſch aus dem Arno, und nichts weiter. Ciacco, da er Biondello's Betrug merkte, ward daruͤber bei ſich nicht wenig unwillig, und nahm ſich vor, ihn dafuͤr auszuzahlen. Es vergingen auch nicht viel Tage, ſo begegnete er ihm, der mit Vielen ſchon uber dieſe Poſſe gelacht hatte. Sobald Biondello ihn ſah, gruͤßte er ihn, und fragte ihn laͤchelnd, wie Herrn Corſo's Lampreten geweſen waͤren? Ciacco gab ihm hierauf zur Antwort: Ehe acht Tage vergangen ſind, ſollſt Du es mir beſſer zu ſa⸗ gen wiſſen, als ich ſelbſt. Ohne weiteren Verzug verließ er hierauf Biondello, und ward mit einem abgewitzten Unterhaͤndler uͤber den Preis einig, gab ihm eine glaͤſerne Flaſche, und fuͤhrte ihn nach Ca⸗ vicciulis Gewoͤlbe, in dieſem zeigte er ihm einen Edelmann, Meſſer Philipp Argenti, der ein großer, ſtarker, nerviger Menſch war, und muͤrriſch, jaͤhzor⸗ nig und widerwaͤrtig wie Keiner mehr, und ſagte zu ihm: Geh mit dieſer Flaſche in der Hand hin zu dem da, und ſage ihm: Meſſer, Biondello ſchickt mich zu Euch, und laͤßt Euch bitten, ſie doch mit Eurem gu⸗ ten Rothwein huͤbſch roth zu machen, er will ſich c S e er„— — e— t⸗ rd ht on nd en ht — * ig ab — * en r, ra zu Achte Novelle. mit ſeinen artigen jungen Buͤrſchchen ein klein Ver⸗ gnuͤgen machen. Aber nimm Dich wohl in Acht, daß er nicht Hand an Dich legt, er wuͤrde Dich uͤbel zu⸗ richten, und Du wuͤrdeſt mir meinen ganzen Spaß verderben. Der Unterhaͤndler fragte: Hab' ich noch was Anderes zu ſagen? Nein, ſagte Ciacco, geh nur, und wenn Du es gethan haſt, komm mit der Flaſche zu mir zuruͤck, dann will ich Dich bezahlen. Der Unterhaͤndler machte ſich auf den Weg, und richtete ſeine Geſandtſchaft an Herrn Philipp aus. Als Meſſer Philipp, der bald in Feuer und Flammen gerieth, dieſen Menſchen angehoͤrt hatte, merkte er gleich, daß Biondello, den er kannte, ſich einen Scherz mit ihm haͤtte machen wollen; feuer⸗ roth im Geſichte, ſagte er daher: Was, roͤthen? Was iſt das fuͤr dummes 3eug? Hole der Henker Dich und ihn! Hiermit ſtand er auf, und ſtreckte den Arm aus, um den Zwiſchentraͤger mit der Hand zu ergreifen; aber der Zwiſchenträger, der auf ſeiner Huth ſtand, war fix, floh, und kehrte auf einem an⸗ dern Wege zu Ciacco zuruͤck, welcher Alles mit an⸗ geſehen hatte, und ſagte ihm, was Meſſer Philipp mit ihm geſprochen häͤtte. Ciacco damit zufrieden, bezahlte den Zwiſchen⸗ traͤger, und ruhete nicht eher, als bis er Biondello'n wieder gefunden hatte, zu dem er dann ſagte: Biſt Du jetzt wol in Cavicciuli's Bude geweſen? 2¹8 Neunter Tag. Noch nie, antwortete Biondello; warum fragſt Du mich? Weil, erwiederte Ciacco, ich Dir ſagen kann, daß Meſſer Philipp Dich ſuchen laͤßt; ich weiß aber nicht, was er haben will. Gut, verſetzte darauf Biondello ich gehe nach der Gegend, ich will ihn anreden. Biondello ging, und Ciacco folgte ihm gleich nach, um zu ſehen, wie die Sache ablaufen wuͤrde. Meſſer Philipp, der den Zwiſchenträger nicht hatte einholen koͤnnen, war wuͤthend aufgebracht und ärgerte ſich bei ſich ſelbſt, da er aus den Reden des Zwiſchentraägers durchaus nichts weiter hatte heraus⸗ bringen koͤnnen, als daß Biondello, auf Veranlaſſung irgend eines, wer es auch ſeyn moͤchte, dieſen Scherz ſich mit ihm gemacht haͤtte. Während er ſich nun ſo bei ſich ſelbſt gnaͤtterte, kam Biondello. Sobald er den ſah, ging er ihm entgegen, und gab ihm eine tuͤchtige Fautze ins Geſicht. Was, Teufel, Herr, ſagte Biondello, was iſt das? Meſſer Philipp packte ihn bei den Haaren, riß ihm die Muͤtze vom Kopf, warf ſeine Kappe an die Erde, und ſchlug immer tuͤchtig auf ihn ein, indem er zu ihm ſagte: Verraͤther, das wirſt Du wol ſe⸗ hen, was es iſt; was ſoll ich roth machen, und was ſchickſt Du mir fuͤr Bengel auf den Hals, und läßt mir ſo was ſagen? Denkſt Du, dat ich ein Kind bin, mit dem Du ſo herumſpringen kannſt? Und während dieſer Reden zerſchlug er ihm mit den Fäu⸗ ſten ſich unz all gar ſche den nic ſt in, er ind des u6 ing mun ald ine riß die em ſe⸗ as äßt ind ind äu⸗ Achte Novelle. ſten, die wie von Eiſen zu ſeyn ſchienen, das Ge⸗ ſicht dergeſtalt, daß er ihm kein Haar auf dem Kopfe unzerzauſt ließ. Dann waͤlzte er ihn im Kothe her⸗ um, und zerriß ihm die Kleider am Leibe. Und bei allen dieſem war er ſo geſchaͤftig, daß er ihm auch gar keine Zeit ließ, um nur noch ein Wort dazwi⸗ ſchen reden zu koͤnnen, oder zu fragen, warum er ihm denn das anthäte. Er hatte wol ſo was von Roth⸗ machen und Bengel gehoͤrt, aber er wußte doch gar nicht, was das heißen ſollte. Endlich aber, nachdem Meſſer Philipp ihn tuͤch⸗ tig durchgeprugelt hatte, und viele Leute darum her hinzugekommen waren, welche mit der groͤßten Muͤhe von der Welt ihn ſo zerprugelt und uͤbel zugerichtet, wie er war, ihm aus den Haͤnden geriſſen hatten, ſagten ihm dieſe endlich, warum Meſſer Philipp das gethan haͤtte, indem ſie ihm dann noch Vorwuͤrfe daruͤber machten, daß er ihm ſo was hätte ſagen laſſen, und meinten, er muͤſſe doch wol Meſſer Phi⸗ lipp kennen, und daß er nicht der Mann waͤre, der mit ihm ſcherzen koͤnnte. Biondello entſchuldigte ſich mit Thraͤnen, und ſagte, er haͤtte in ſeinem Leben um keinen Wein nach Meſſer Philipp geſchickt. Indeſſen, nachdem er wie⸗ der ein wenig zu ſich ſelbſt gekommen war, kehrte er traurig und betruͤbt nach Hauſe zuruͤck, wohl mer⸗ kend, daß das ein Stuͤckchen von Ciacco geweſen waͤre. Als er hierauf nach mehreren Tagen, da die Flecke aus dem Geſichte vergangen waren, wieder 220 Neunter Tag. anfing aus dem Hauſe zu gehen, traf es ſich, daß Ciacco ihm begegnete und lachendes Muthes ihn fragte: Biondello, was haͤltſt Du von Meſſer Phi⸗ lipps Wein? Da gab Biondello zur Antwort, was Du von den Lampreten Meſſer Corſo's? Gut, ſagte Ciacco, es ſteht nun bei Dir, wenn Du mir nach Deiner Art zu eſſen geben willſt, ſo werde ich eben ſo gut Dir zu trinken geben, wie Du bekommen haſt. Biondello, der wohl einſah, daß er gegen Ciacco mehr boͤſen Willen, als boͤſe That ausfuͤhren konnte, bat Gott um ſeinen Frieden, und huͤtete ſich von jetzt an, ſeiner zu ſpotten. Neunte Novelle. Zwei junge Männer fragen Salomon um Rath, ber eine, wie er geliebt werden könnte, der andere, wie er ſeine widerſpaͤnſtige Frau zuͤchtigen koͤnnte. Dem einen ant⸗ wortet er, er müſſe zuerſt lieben, dem andern, er ſollte nach der Gäͤnſebruͤcke gehen. Keiner als die Koͤniginn war mehr uͤbrig, da man Dioneus Vorrecht aufrecht erhalten wollte, der noch erzaͤhlen mußte. Nachdem ſich daher die Damen uͤber den un⸗ gläͤcklichen Biondello ſatt gelacht hatten, fing ſie zu reden an: Liebenswuͤrdige Damen, wenn man die Ordnung der Dinge mit richtigem Blicke betrachtet, ſo wird man ſehr leicht einſehen, daß die allgemeine Anzah der Sitt terw ſelbe auch mit mal nicht halte Sche auf geme Gew tig u doch weit ſame und chere liebli alles daß r fen u es di thaͤni Und als d nern werfe daß ihn Phi⸗ von venn ſo Du acco mnte, von ine, ſeine ant⸗ ollte da der un⸗ zu ung Neunte Novelle. 221 der Frauen ſowohl von Natur als auch durch die Sitten, wie auch den Geſetzen nach den Männern un⸗ terworfen iſt, und daß ſie ſich von der Klugheit der⸗ ſelben muͤſſen leiten und regieren laſſen; darum muß auch eine jede, welche Ruhe, Troſt und Zufriedenheit mit dieſen Männern haben will, welchen ſie doch ein⸗ mal zugehoͤrt, demuͤthig, geduldig und gehorſam ſeyn, nicht zu gedenken, daß ſie ſich auch anſtaͤndig ver⸗ halten muß; denn dies iſt der hoͤchſte und eigenſte Schatz einer jeden Klugen. Und wenn uns auch hier⸗ auf nicht die Geſetze, welche in allen Dingen das all⸗ gemeine Wohl bezwecken, ſo wie auch ſo zu ſagen Gewohnheit und Sitten, deren Gewalt ſo uͤbermaͤch⸗ tig und ehrwuͤrdig ſind, hinwieſen, ſo zeigt es uns doch die Natur ganz offenbar, welche unſere Koͤrper weit zarter und weicher, unſere Seelen weit furcht⸗ ſamer und ſchreckhafter, unſeren Geiſt viel guͤtiger und theilnehmender geſchaffen, und uns viel ſchwä⸗ chere koͤrperliche Kraͤfte, ſchmiegſamere Worte und lieblichere Bewegungen der Glieder gegeben hat; alles dies ſind Dinge, welche hinlaͤnglich beweiſen, daß wir anderer Leitung beduͤrfen. Und wer gehol⸗ fen und geleitet zu werden noͤthig hat, da verlangt es die Vernunft durchaus, daß er gehorſam, unter⸗ thaͤnig und ehrfurchtsvoll gegen ſeinen Fuͤhrer iſt. Und wen haben wir als Fuͤhrer und Helfer anders, als die Männer? Daher muͤſſen wir uns den Maͤn⸗ nern dadurch, daß wir ſie aufs hoͤchſte ehren, unter⸗ werfen; und Jede, die hiervon ſich entfernt, halte ich 222 Neunter Tag. nicht nur des ernſteſten Tadels, ſondern der ſtreng⸗ ſten Zuͤchtigung wurdig. Zu dieſer Betrachtung, ſo oft ich ſie auch ſonſt ſchon angeſtellt habe, hat mich doch kuͤrzlich erſt das wieder zuruͤckgeführt, was Pampinea von der wider⸗ wärtigen Frau Talano's erzaͤhlte, welcher Gott die Zuchtigung zuſchickte, welche der Mann ihr nicht ge⸗ ben konnte; und darum ſind meiner Meinung nach, alle diejenigen, wie ich ſchon geſagt habe, der ſtreng⸗ ſten und härteſten Zuͤchtigung wuͤrdig, welche ſich weigern, ſo gefaͤllig, ſo wohlwollend und ſo nachge⸗ vend zu ſeyn, wie es die Natur, die Gewohnheit und die Geſetze verlangen. Aus dieſem Grunde will ich Euch von einem Rathe erzahlen, welchen Salomo als ein nuͤtzliches Heilmittel ertheilte, diejenigen, welche ſo beſchaffen ſind, von ſolchem Uebel zu heilen. Dies darf Keine, die eines ſolchen Heilmittels nicht wurdig iſt, als fuͤr ſich geſagt, annehmen, wenn auch gleich die Männer ſich des Sprichwortes bedienen: ein gutes Pferd verlangt eben ſo wie ein ſchlechtes Pferd den Sporn, und eine gute Frau eben ſo wie eine ſchlechte⸗ den Stock. Wer dieſe Worte ſcherzhaft ausdeuten wollte, dem wuͤrden Alle leicht zugeſtehen, daß ſie wahr wa⸗ ren; wollte man ſie aber moraliſch verſtehen, ſo be⸗ haupte ich, man muß es zugeſtehen. Die Weiber! ſind von Natur hinfaͤllig und ſchmiegſam, und deß⸗ halb muß, um die Bosheit derer zu zuͤchtigen, welche zu leicht aus den ihnen geſetzten Gränzen hinausge⸗ — M— reng⸗ ſonſt tdas vider⸗ tdie ht ge⸗ nach, treng⸗ e ſich achge⸗ it nd einem tzliches chaffen Keine, t, als ich die gutes erd den hlechte, wollte, ahr waͤ⸗ „ ſo be⸗ 5 Weiber und deß⸗ welche inausge⸗ Neunte Novelle. hen, der Stock ſie beſtrafen, und um die Tugend der Anderen aufrecht zu erhalten, damit ſie ſich nicht fortreißen laſſen, der Stock ſie aufrecht erhalten und in Furcht jagen. Doch laſſen wir das Predigen fuͤr jetzt bei Seite geſetzt ſeyn, und laßt uns zu dem kommen, wovon ich zu reden im Sinne habe; daher ſage ich: Schon war faſt durch die ganze Welt der hohe Ruf von Salomo's wundervollem Verſtande im All⸗ gemeinen verbreitet, ſo wie auch, daß er davon einem Jeden, der durch eigene Erfahrung Gewißheit dar⸗ uͤber verlangte, die liberaleſten Beweiſe gab, weßhalb denn auch aus den verſchiedenſten Gegenden der Welt Viele, um ihn, ihrer dringendſten und druͤckendſten Beduͤrfniſſe wegen, um Rath zu fragen, dahin eilten. Unter andern, welche dieſerhalb ſich auf den Weg machten, reiſte zu ihm auch ein junger Mann hin, deſſen Name Meliſſus war, edel und ſehr reich, aus der Stadt Lajazzo, aus welcher er her war und wo er wohnte. Als er auf Jeruſalem zuritt, traf es ſich, daß, als er aus Antiochia kam, er mit einem andern jungen Manne, Joſeph genannt, welcher auf demſelben Wege ſich befand, den er machte, eine Zeit lang zuſammen ritt, und wie es denn ſo die Gewohn⸗ heit der Reiſenden iſt, ſich mit ihm in mancherlei Geſpraͤche einließ. Da Meliſſo ſchon von Joſeph ſeinen Stand, und wo er her waͤre, erfahren hatte, ſo fragte er ihn noch, wo er hinginge, und aus welchem Grunde. Hierauf gab Joſeph zur Antwort, er ginge zu 224 Neunter Tag. Salomo, um von ihm einen Rath zu erhalten, was fuͤr einen Weg er mit ſeiner Frau befolgen muͤſſe, welche, widerſpenſtiger und verkehrter, als je eine andere Frau, er weder durch Bitten, noch durch Schmeicheleien, noch auf irgend eine andere Art von ihrer Widerſpenſtigkeit hätte zuruͤckbringen koͤnnen. Dagegen fragte er auch ihn wieder, wo er her waͤre, wohin er ginge und warum. Hierauf gab Meliſſo zur Antwort: Ich bin aus Lajazzo, und, ſo wie Du ein Ungemach haſt, ſo habe ich ein anderes. Ich bin ein reicher junger Mann, und verthue das Meinige, offene Tafel zu halten und meine Mitbuͤrger zu ehren, und es iſt doch ſonder⸗ bar, und ganz was Unerhoͤrtes zu denken, daß ich trotz allen dieſem keinen Menſchen finden kann, der es gut mit mir meinte; deßhalb gehe ich eben dahin, wo Du hingeheſt, um einen guten Rath zu erhalten, wie ich dahin gelangen koͤnnte, geliebt zu werden. Beide Gefaͤhrten machten daher die Reiſe mit ein⸗ ander, und ſobald ſie in Jeruſalem angekommen, wur⸗ den ſie von einem der Edelleute Salomo's einge⸗ fuͤhrt, und ihm vorgeſtellt. Meliſſo ſagte ihm kurz ſein Anliegen, worauf ihm Salomo zur Antwort gab: Liebe! Nachdem er dies geſprochen, ward Meliſſo ſchnell hinausgeführt; und darauf ſagte Joſeph, weß⸗ halb er hier waͤre. Worauf Salomo nichts anders antwortete, als: Geh nach der Gaͤnſebruͤcke. Nach dieſen Worten ward Joſeph eben ſo ohne weiteren Verzug aus der Gegenwart des Koͤnigs fortgefuͤhrt, und kam zu Meliſſo, der ſeiner ſchon — 8„—— c—„—— 8 e, te n . 18 be n, Neunte Novelle. 225 wartete; worauf er dieſem dann ſagte, was er zur Antwort erhalten haͤtte. Da ſie dieſen Worten nachdachten, aber weder den Sinn noch irgend einen Nutzen fuͤr ihren Be⸗ darf davon einſehen konnten, ſo machten ſie ſich wie⸗ der auf den Weg, um wie ein paar Gefoppte zurück⸗ zukehren. Nachdem ſie nun ſo einige Tage gereiſt waren, kamen ſie an einen Fluß, uͤber welchen eine ſchoͤne Bruͤcke fuͤhrte; weil aber gerade eine große Caravane mit Laſten auf Mauleſel und Pferden hin⸗ uͤberzog, ſo mußten ſie ihren Uebergang ſo lange ver⸗ ſchieben, bis jene hinuͤber waren. Da beinahe Alle hinüber waren, befand ſich von ungefaͤhr ein Mauleſel darunter, welcher ſcheu ward⸗ ſo wie wir das oftmals ſehen, daß ſie es werden⸗ und auf keine Weiſe weiter gehen wollte. Ein Trei⸗ ber ergriff daher einen Stecken und fing an anfangs ihn mäͤßig zu ſchlagen, damit er weiter gehen ſollte. Aber das Maulthier ging auf dem Wege bald hierhin, bald dahin, bald kehrte es einmal ganz und gar um, ſo daß es durchaus nicht weiter wollte. Der Frei⸗ ber, hieruͤber uͤber alle Maßen erzürnt, fing an, ihm mit dem Stecken die ärgſten Schlage von der Welt⸗ vald auf den Kopf, bald in die Seiten, bald auf das Kreuz zu geben; aber dies alles half nichts. Meliſſo und Joſeph, welche ſtill ſtanden und dies mit anſahen, ſagten oft zum Freiber: Kerl, was machſt Du? willſt Du es umbringen? warum ſuchſt Du es nicht ſtill und ruhig hinuͤber zu fuͤhten? Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 6. 43 226 Neunter Tag. vann wird es eher kommen, als wenn Du ſo darauf losſchlaͤgſt. Worauf der Treiber zur Antwort gab: Ihr kennt Eure Pferde, und ich kenne meinen Eſel, d'rum laßt mich mit ihm gebaren. Und nachdem er dies geſagt, fing er wieder an, auf ihn loszuſchlagen, und zwar von der einen und von der andern Seite derge⸗ ſtalt, daß der Eſel vorwärts ging, und der Treiber ſeinen Willen erhielt. Da nun die beiden jungen Maͤnner eben im Be⸗ griffe waren weiter zu reiſen, fragte Joſeph einen Menſchen, der am Anfange der Bruͤcke ſaß, wie ſie hieße? Der gute Mann antwortete hierauf: Meſſer, ſie heißt die Gänſebruͤcke. Als Joſeph dies hoͤrte, erinnerte er ſich Salo⸗ mo's Worte, und ſagte zu Meliſſo: Freund, jetzt ſage ich Dir, der Rath, den mir Salomo gab, kann gut und wahr ſeyn, denn ich ſehe deutlich ein, daß ich meine Frau nicht zu pruͤgeln verſtand; aber die⸗ ſer Eſeltreiber hat mir gezeigt, was ich zu thun habe. Als ſie hierauf nach einigen Tagen nach Antio⸗ chien zuruͤckkamen, behielt Joſeph Meliſſo noch auf ein paar Tage bei ſich, damit er ſich ausruhe; und da er von der Frau ſehr alltäglich empfangen ward, ſo ſagte er zu ihr, ſie moͤchte das Abendeſſen doch ſo ma hen, wie es Meliſſo angeben wuͤrde. Da dieſer nun wohl ſah, wohin Joſephs Mei⸗ e⸗ un io⸗ uf nd rd, och ei⸗ Neunte Novelle. 227 nung ging, ſo erklaͤrte er ſich in wenig Worten daruber. Die Frau that, ſo wie ſie es ehemals gewohnt war, nicht wie es Meliſſo angegeben hatte, ſondern beinahe ganz das Gegentheil. Da Joſeph dies ſah, ſagte er ſehr unwillig: Hat er Dir denn nicht geſagt, wie Du das Aeußeſen machen ſollteſt? Die Frau drehte ſich ſtolz um, und ſagte: Nun, was ſoll das heißen? warum ißt Du denn nicht, wenn Du was eſſen willſt? Wenn es mir auch an⸗ ders geſagt ward, ſo gefiel's mir'mal, es ſo zu machen; gefaͤllt es Dir, gut, ſo gefaͤllt es Dir; ge⸗ fällt es Dir nicht, nun, ſo iſt es Deine Sache. Meliſſo wunderte ſich ſehr uͤber die Antwort der Frau, und tadelte ſie ſehr. Da Joſeph dies hoͤrte, ſagte er: biſt Du noch immer ſo, wie Du es gewöhnt biſt? aber glaube mir, ich werde Dich ſchon'rum bringen. Hierauf wandte er ſich zu Meliſſo, und ſagte: Freund, wir wollen doch einmal geſchwind ſehen, was an Salo⸗ mos Rath d'ran iſt; aber ich bitte Dich, laß es Dich nicht verdrießen, es mit anzuſehen, und denke, daß es ein Spiel-iſt, was ich betreiben will. Und damit Du mich nicht zuruͤckhaͤltſt, ſo erinnere Dich der Antwort, die uns der Mauleſeltreiber gab, als wir uns uͤber ſeinen Eſel aͤrgerten. Hierauf ſagte Meliſſo: Ich bin in⸗ Deinem Hauſe, wo ich Deinem Vergnuͤgen nicht entgegen ſeyn werde. 228 Neunter Tag. Nachdem Joſeph ſich einen recht glatten Stock von einer jungen Eiche geholt hatte, ging er in die Kammer, wo die Frau, da ſie aus Unmuth vom Ti⸗ ſche aufgeſtanden, brummend hingegangen war, er⸗ griff ſie bei den Haaren, warf ſie ſich zu ſeinen Fu⸗ ßen nieder, und zerſchlug ſie auf eine furchterliche Art mit jenem Stocke. Zuerſt fing die Frau an zu ſchreien, dann zu drohen; allein da ſie ſah, daß Joſeph trotz alle die⸗ ſem nicht aufhoͤrte, fing ſie, nachdem ſie ganz zer⸗ ſchlagen war, um Gottes Barmherzigkeit an zu fle⸗ hen, er moͤchte ſie nur nicht todtſchlagen. Indem ſie ſagte, ſie wolle ja von jetzt an ſeinem Vergnuͤgen nie mehr entgegen ſeyn. Deſſen ungeachtet hoͤrte Joſeph nicht auf, viel⸗ mehr ſchlug er ſie mit immer groͤßerer Wuth, ein Mal nach dem andern, bald in die Seite, bald auf die Huͤften, bald auf die Schultern, ſo als wenn er ihr alle Nahte glatt klopfen wollte, und hoͤrte nicht eher auf, als bis er ganz ermüdet war; ſo daß in kurzem kein Knochen, noch fonſt irgend ein anderer Theil des Ruͤckens der guten Frau uͤbrig gebli ben war, der nicht zerſchlagen worden wäre. Nachdem dies geſchehen, ging er zu Meliſſo und ſagte zu ihm: Morgen wollen wir doch ſehen, was der gute Rath von der Gänſebruͤcke fuͤr einen Erfolg gehabt haben wird. Hierauf ruhete er ſich ein wenig aus, dann wuſch er ſich die Haͤnde, aß mit Meliſſo, und endlich als es Zeit war, gingen ſie zu Bette. Die ungluͤckliche Frau hob ſich mit vieler Muͤhe 5 —,——— 3——— 8„„ c„ — Zehnte Novelle. 229 vom Boden wieder auf, und warf ſich aufs Bett; hier ruhete ſie, ſo gut ſie konnte; den folgenden Morgen aber ſtand ſie ganz fruͤh auf, und ließ Jo⸗ ſeph fragen, was er zu eſſen wuͤnſche, das wolle ſie ſogleich machen. Lachend mit Meliſſo hieruͤber, ordnete er es an, dann kehrten Beide, als es Zeit war, zuruͤck, und fan⸗ den alles, dem gegebenen Befehle gemaͤß, gemacht; daher prieſen ſie denn auch den anfangs unrecht ver⸗ ſtandenen Rath ganz vorzuͤglich. Nach einigen Tagen reiſte Meliſſo von Joſeph ab, und kehrte nach ſeinem Hauſe zuruͤck; da ſagte er zu einem, der ein kluger Mann war, was er von Salomo zur Antwort erhalten haͤtte, worauf jener antwortete: Keinen wahrern und beſſern Rath konnte er Dir geben. Du weißt, daß Du keinen Menſchen liebſt, und die Ehrenbezeigungen und Dienſte, die Du erweiſeſt, erweiſeſt Du nicht aus Liebe, die Du fuͤr Andere haſt, ſondern aus Prahlſucht. Liebe alſo ſelbſt erſt, wie Salomo Dir geſagt hat, dann wirſt Du wieder geliebt werden. Auf dieſe Art ward die widerſpenſtige Frau ge⸗ . zuͤchtiget, und der Juͤngling ward liebend geliebt. Zehnte Novelle. * 6 Don Gianni ſtellt auf ſeines Gevatters Peter Anſuchen eine Zauberei an, wodurch ſeine Frau zu einer Stute wird, 5 und als er ihr den Schwanz anheften will, erſcheint Pe⸗ ter, und vereitelt dadurch, daß er ſagt, er verlange kei⸗ nen Schwanz, die ganze Zauberei. Dieſe von der Koͤniginn erzählte Novelle, veran⸗ 230 Neunter Tag⸗ laßte unter den Damen ein kleines Murmeln, und brachte die jungen Maͤnner zum Lachen; ſobald ſie aber zu lachen aufgehoͤrt hatten, fing Dioneus alſo zu reden an: Muntere Damen, unter vielen weißen Tauben vermehrt ihre Schoͤnheit ein ſchwarzer Rabe weit mehr, als es ein weißer Schwan thun wuͤrde; eben ſo erhebt auch zuweilen unter vielen klugen Leuten ein weniger Kluger nicht allein den Glanz und die Schoͤnheit ihres gereiften Verſtandes, ſondern auch das Vergnuͤgen und die Unterhaltung. Weil Ihr daher ſo beſcheiden und maͤßig ſeyd, ſo muß ich, der ich nur mehr als zu ſehr fuͤhle, was mir abgeht, eben durch meinen Mangel Eure Vortrefflichkeit, in ein deſto groͤßeres Licht ſetzen, und Euch eben dadurch noch um ſo lieber werden, als wenn ich durch groͤßeren Werth die Eurige nur noch mehr verdunkelte, und deßhatb muß ich um ſo freiere Will⸗ kuͤhr haben, mich Euch als einen ſolchen zu zeigen, wie ich es wirklich bin, und das, was ich Euch er⸗ zählen will, wenn ich es Euch erzahle, muß eben darum viel geduldiger von Euch ertragen werden, als es ertragen werden muͤßte, wenn ich weiſer waͤre. Ich werde Euch aber eine nicht zu lange Novelle er⸗ zählen, durch welche Ihr einſehen ſollet, wie ſorg⸗ faͤltig Alles beobachtet werden muß, was diejenigen zu thun aufgeben, welche durch Zauberei etwas ins Werk richten wollen, und wie das hierbei begangene unbedeutendſte Verſehen Alles verdirbt, was der Zau⸗ berer gemacht hat. en r en n5 ne m⸗ gehnte Novelle. 231 Fruͤher einmal war in Barletta ein Prieſter, Namens Gianni di Barolo, der, weil er nur eine arme Kirche hatte, zu ſeines Lebens Unterhalt mit einem Pferde anfing, hier und da hin auf den Maͤrk⸗ ten in Apulien Waaren zu verſchleißen, anzukaufen und wieder zu verkaufen. Bei dieſem Geſchaͤfte ward er mit Einem ſehr genau bekannt, welcher Pe⸗ ter von Treſanti hieß, und daſſelbe Geſchäft mit einem Eſel betrieb; dieſen nannte er zum Beweis der Zuneigung und Freundſchaft nicht anders, als Gevatter Peter. So oft dieſer nach Barletta kam⸗ nahm er ihn immer mit ſich in ſeine Kirche, behielt ihn als Gaſt bei ſich, und ehrte ihn auf alle Art, wie er nur konnte. Gevatter Peter, ſeinerſeits, war ein ganz armer Schlucker, hatte in Treſſanti nur ein ganz kleines Haͤuschen, das kaum für ihn, fur ſeine huͤbſche, jun⸗ ge Frau und einen Eſel hinreichend war. So oft dann Gianni nach Treſſanti reiſte, fuͤhrte er ihn in ſein Haus, und ehrte ihn zur Erkenntlichkeit fuͤr die Ehre, die er von ihm in Barletta empfing, ſo viel er nur kvnnte. Nur in Hinſicht der Beherbergung ſelbſt, konnte der Gevatter Peter, da er nur ein ein⸗ ziges kleines Bett hatte, worin er mit ſeinér huͤbſchen Frau ſchlief, ihn nicht ſo ehren, wie er es wuͤnſch⸗ te; indeſſen, da im Stalle neben dem Eſel auch Don Giannis Stute eingeſtallt war, ſo mußte er ſelbſt auch ihr zur Seite auf ein wenig Stroh ſich hin⸗ legen. Die Frau, welche allerdings wußte, wie ſehr der 232 Neunter Tag. Prieſter ihren Mann in Barletta ehrte, war ſchon oft, wenn der Prieſter kam, Willens geweſen, zu einer ihrer Nachbarinnen zum Schlafen hinzugehen, welche den Namen Zita Carapreſa fuͤhrte, und die Gattin des Richters Leo war, damit der Prieſter mit ihrem Manne in dem Bette ſchlafen moͤchte. Sie hatte es auch ſchon oft zum Prieſter geſagt, aber er hatte es niemals zugeben wollen, und unter andern ſagte er einmal zu ihr: Liebſte Frau Gevatterinn, kuͤmmert Euch um mich nicht, ich befinde mich ganz wohl, denn wenn ich will, mache ich aus dieſer Stute ein huͤbſches Maͤdchen, und ich bleibe bei der, und wenn ich dann wieder will, mache ich ſie wieder zur Stute; darum aber trenne ich mich auch nimmermehr von ihr. Die junge Frau verwunderte ſich, glaubte ihm, und ſagte es dem Manne, indem ſie noch hinzufuͤgte: Wenn er mit Dir ſo gut iſt, wie Du ſagſt, warum läßt Du Dich nicht dieſe Zauberei lehren, dann koͤnn⸗ teſt Du eine Stute aus mir machen, und Du koͤnn⸗ teſt Deine Geſchaͤfte mit dem Eſel und der Stute betreiben, und das Doppelte dabei gewinnen? Kaͤ⸗ men wir dann wieder nach Hauſe zuruͤck, ſo koͤnnteſt Du mich wieder zur Frau machen, was ich bin. Gevatter Peter, der ſo erzdumm wie nur einer war, glaubte es und bequemte ſich nach dieſem Rathe; er fing daher an, in Don Gianni einzudringen, wie er nur immer wußte, ihn das Kunſtſtuͤck zu lehren. Donno Gianni bemuͤhete ſich aus allen Kraͤften, ihn aus dieſer Thorheit heraus zu reißen, indeſſen Zehnte Novelle. da er es nicht konnte, ſagte er: Sieh, wenn Du es nun durchaus willſt, ſo wollen wir morgen fruͤh, wie wir es gewohnt ſind, vor Tage aufſtehen, und dann will ich Dich lehren, wie man es machen muß. Wahr iſt es, das Schlimmſte bei dieſer Sache iſt das An⸗ bringen des Schwanzes, wie Du ſehen wirſt. Gevatter Peter und Frau Gevatterinn Gemmata hatten die ganze Nacht kaum ein Auge zugethan, (mit ſolcher Sehnſucht erwarteten ſie, was da kom⸗ men ſollte) als ſie, ſobald der Tag nur herannahete, aufſtanden, und Donno Gianni riefen. Im Hemde aufgeſtanden, kam er in Gevatter Peters Kaͤmmer⸗ chen, und ſagte: Wuͤßte ich doch in der Welt keinen Menſchen, dem ich das zu Gefallen thaͤte, als nur Euch, und darum will ich es thun, weil es Euch gefaͤllt; aber Ihr muͤßt auch durchaus thun, was ich Euch ſage, wenn Ihr wollt, daß es wirklich erfolgen ſoll. Jene verſicherten, ſie wollten alles thun, was er ſagen wuͤrde. Donno Gianni nahm daher ein Licht, gab es Gevatter Peter'n in die Hand, und ſagte zu ihm: Gieb gut Acht, wie ich es mache, und behalte das, was ich Dir ſage, ſehr wohl, dann aber huͤte Dich, wenn es Dir darum zu thun iſt, nichts zu verderben, daß, Du magſt ſehen und hoͤren was Du willſt, Du kein einziges Wort ſprichſt, und bitte Gott, daß der Schwanz gut applicirt werde. Gevatter Peter nahm das Licht, und ſagte, er wolle alles ſchon gut machen. 234 Neunter Tag⸗ Hierauf kieß Donno Gianni die Frau ſich, ſo nackt, wie ſie erſchaffen war, auskleiden, hieß ſie mit den Händen und Fuͤßen auf die Erde ſtehen, wie die Stuten, indem er ihr ebenfalls noch ernſtlich vorpre⸗ digte, uͤber alles, was auch geſchehen moͤchte, kein Wort zu reden. Hierauf fing er an, ihr mit den Händen das Geſicht und den Kopf zu beruͤhren, in⸗ dem er dabei ſagte: Dies werde ein ſchoͤner Kopf einer Stute; und indem er ihre Haare beruͤhrte, ſagte er: Dies ſollen ſchoͤne Mähnen einer Stute ſeyn; dann beruͤhrte er ihre Arme, und ſagte: Und dies ſollen ſchoͤne Schenkel und ſchoͤne Fuͤße einer Stute werden. Dann beruͤhrte er ihr die Bruſt, und, da er ſie feſt und rund fand, vabei Etwas er⸗ wachte, was nicht gerufen war, und ſich erhob, ſagte er: und dies werde die ſchoͤne Bruſt einer Stute; und eben ſo machte er es mit dem Ruͤckgrad, mit dem Bauche, mit dem Kreuze, mit den Huͤften und mit den Beinen. Zuletzt blieb ihm nun nichts mehr zu machen uͤbrig, als der Schwanz; da hob er das Hemde in die Hoͤhe, nahm den Pflanzſtock, mit wel⸗ chem er die Menſchen pflanste, und ſteckte ihn hurtig in die hierzu gemachte Furche hinein, indem er ſagte: Dies ſey der ſchoͤnen Stute Schwans. Gevatter Peter, der bis jetzt alles aufmerkſam mit angeſehen hatte, ſagte, da er dies Letzte ſah, was ihm denn doch nicht ſo ganz gut zu ſeyn duͤnkte: He, Donno Gianni, da will ich keinen Schwanz, da will ich keinen. Schon war der belebende Saft gekommen, durch S e—„* „„* h⸗ a Sehnte Novelle. 235 welchen alle Pflanzen bekleiben, als Don Gianni, ihn zuruckziehend, ſagte: He, Gevatter Peter, was haſt Du gemacht? Sagte ich Dir nicht, Du ſollteſt kein Wort ſprechen, uͤber das, was Du ſehen wuͤrdeſt? Die Stute wäre den Augenblick fertig geweſen, aber durch Dein Sprechen haſt Du Alles verdorben, und das kann auf keine Art fur jetzt wieder gut gemacht werden. Gevatter Peter ſagte: Laßt das gut ſeyn, ſo einen Schwanz wollte ich da nicht haben; warum ſagtet Ihr zu mir nicht: Mach' Du's? Auch habt Ihr ihn viel zu tief angebracht. Don Gianni antwortete: Weil Du ihn zum er⸗ ſten Mal ſo anzubringen, wie ich, nicht wuͤrdeſt ver⸗ ſtanden haben. Sobald die junge Frau dieſe Worte hoͤrte, ſtand ſie auf den Fuͤßen auf, und ſagte in aller ihrer Un⸗ ſchuld zu ihrem Manne: Du biſt doch ein rechter Dummerjan, warum haſt Du nun ſo Deinen und meinen Vortheil ver⸗ dorben? Haſt Du denn wol je eine Stute ohne Schwanz geſehen? Bei Gott im Himmel, arm biſt Du, aber ich wuͤrde ihm danken, wenn Du es noch viel mehr waͤrſt. Da nun eben der vom Gevatter Peter geſproche⸗ nen Worte wegen, es nicht mehr moͤglich war, aus dem jungen Weibe eine Stute zu machen, ſo zog ſie ſich traurig und betruͤbt wieder an, und Gevatter Peter trieb, wie er es gewohnt war, ſein altes Hand⸗ werk mit dem Eſel fort, und ging zwar mit Domi⸗ 236 nus Gianni nach Bitanto zu Markte; aber um ſolch einen Dienſt bat er ihn doch nie wieder. Wie ſehr uͤber dieſe Novelle gelacht ward, wel⸗ che die Damen beſſer verſtanden, als Dioneus es wuͤnſchte, moͤge eine Jede bedenken, die noch jetzt dar⸗ uͤber lacht. Indeſſen da die Novellen beendigt waren, und die Sonne ſchon lau zu werden anfing, auch die Koͤniginn einſah, daß das Ende ihrer Herrſchaft ge⸗ kommen waͤre, ſtand ſie auf, nahm ſich die Krone ab, und ſetzte ſie Pamphilus auf das Haupt, der nur al⸗ lein noch mit dieſer Ehre zu beehren uͤbrig war, und ſagte läͤchelnd: MWein Herr! ein ſehr wichtiges Amt ſteht Dir be⸗ vor, indem Du fuͤr die Verwaltung deſſelben, welche fuͤr mich und alle die Andern, die den Platz eingenom⸗ men haben, den Du jetzt einnimmſt, ein Beweis un⸗ ſerer Schwaͤche war, der letzte biſt, der alles wie⸗ der gut machen ſoll; und dazu ſchenke Gott Dir ſeine Gnade, wie er ſie mir geſchenkt hat, Dich zum Koͤnig zu machen. Pamphilus nahm die Ehre frohen Sinnes an, und antwortete: Deine eigenen und meiner andern Unterthanen gute Eigenſchaften nur werden es bewirken, daß ich ebenſo zu loben ſeyn werde, als es die Andern gewe⸗ ſen ſind. Und nachdem er der Sitte ſeiner Vorgän⸗ ger gemaͤß mit dem Seneſchall das Noͤthige uͤber⸗ legt hatte, wandte er ſich an die erwartungsvollen Damen, und ſagte: Liebevolle Mädchen, die Beſcheidenheit Emiliens, Neunter Tag. — en c—— S * S* v— N N M— Zehnte Novelle. 237 welche heute unſere Koͤniginn geweſen iſt, hat es, um Euren Kräften einige Ruhe zu gewaͤhren, Eurer Willkuͤhr anheimgeſtellt, zu ſprechen, woruͤber es Euch gefiele; wenn Ihr nun aber geruhet habt, ſo bin ich der Meinung, es wuͤrde gut ſeyn, zu dem ge⸗ woͤhnlichen Geſetze wieder zuruͤck zu kehren, und da⸗ her will ich, daß morgen eine jede von Euch darauf denke, hieruͤber zu ſprechen, naͤmlich? Wer etwas Edeles oder Hochſinniges in Hinſicht der Liebe, oder eines andern Gegenſtandes ausgefuͤhrt hat. Dergleichen zu ſagen oder zu thun, feuert ohne allen Zweifel Eure zu einem kraͤftigen Handeln ohne⸗ hin ſchon geneigten Gemuͤther noch um ſo mehr an, unſer Leben, was bei einem ſterblichen Koͤrper nicht anders als nur kurz ſeyn kann, durch einen lobens⸗ wuͤrdigen Nachruhm zu verewigen; was doch ein Je⸗ der, der nicht bloß, wie die Thiere, dem Bauche dient, nicht allein wuͤnſchen, ſondern aus allen Kraͤf⸗ ten ſuchen und zu bewirken ſich bemuͤhen muß Das Thema gefiel der luſtigen Geſellſchaft, welche mit Erlaubniß des neuen Koͤnigs vom Sitzen aufſtehend, ſich den gewoͤhnten Vergnuͤgungen uͤber⸗ ließ, und zwar ein Jeder, wo ſein Wunſch ihn hin⸗ zog. Dies ſetzten ſie bis zur Eſſensſtunde fort. Nachdem ſie feierlich zu derſelben zuſammengekom⸗ men, und ſorgfaͤltig und ordnungsmaͤßig bedient wor⸗ den waren, ſtanden ſie nach Beendigung derſelben zu den gewoͤhnlichen Taͤnzen auf. Als ſie hierauf eine Unzahl Canzonetten, luſtiger den Worten nach, als meiſterhaft im Geſange, geſungen hatten, gebot Neunter Tag. der Koͤnig Neiphilen noch eine in ſeinem Namen zu ſingen. Sie fing auch gleich mit heller, froͤhlicher und lieblicher Stimme ohne Verzug eine Canzonette an, welche ſowol der Koͤnig, als auch alle Damen ſehr lobteu. Nach dieſer befahl alsdann der Koͤnig, weil es ſchon tief in die Nacht hinein war, daß ein Jeder bis zum folgenden Tage ſich zur Ruhe begeben moͤchte. Zehnter Tag. An welchem unter der Regierung des Pamphilus daruͤber geſprochen wird, wer etwas Edeles oder Hochſinniges in Hinſicht der Liebe, oder eines anderen Gegenſtandes aus⸗ gefuͤhret hat. Noo waren einige Woͤlkchen im Abend dunkel ge⸗ roͤthet, waͤhrend die im Orient am aͤußerſten Rande durch die Sonnenſtrahlen, welche ſie, ſich ihnen im⸗ mer mehr naͤhernd, trafen, ſo hell leuchtend dem Golde gleich geworden waren, als Pamphilus ſich erhob, und die Damen und ſeine Gefaͤhrten rufen ließ. Sobald ſie Alle zuſammen gekommen waren, uͤberlegte er zugleich mit ihnen, wo ſie zu ihrem Vergnuͤgen wol hingehen koͤnnten, und dahin machte er ſich, zugleich von Philomenen und Fiammetten be⸗ gleitet, waͤhrend ihm die Andern alle in der Naͤhe folgten, auf den Weg. Sie ſprachen mit einander viel uͤber ihr kuͤnftiges Leben, und gingen hinuͤber und heruͤber ſprechend und ſich antwortend, eine lange Strecke fort, bis ſie nach einer ziemlich weiten Tour, und die Sonne ſchon waͤrmer zu werden an⸗ fing, zum Pallaſt wieder znruͤckkehrten. Hier ließen ſie ſich ihre Becher ausſchweifen, damit Jeder, wer 240 Sehnter Tag. wollte, trinken konnte, worauf ſie alsdann unter dem anmuthigen Schatten des Gartens bis zur Eſſenszeit umhergingen. Nachdem ſie gegeſſen und, wie ſie zu thun gewohnt waren, geſchlafen hatten, verſammel⸗ ten ſie ſich da, wo es dem Koͤnig gefiel, und hier gebot der Konig Neiphilen die erſte Erzählung, wel⸗ che auch froͤhlich alſo anfing. Erſte Novelle. Ein Cavalier dient dem Koͤnige von Spanien; er glaubt ſchlecht belohnt zu ſem;z der Koͤnig uͤberfuͤhrt ihn aber durch die ſicherſte Erfahrung, daß die Schuld nicht an ihm, ſondern an ſeinem boͤſen Geſchicke gelegen babe, und beſchenkt ihn darauf auf eine hohe Art. Fuͤr die groͤßte Gnadensbezeigung, verehrte Da⸗ men, muß ich es mir anrechnen, daß unſer Koͤnig mich von einem ſolchen Gegenſtande, als von der Hochſinnigkeit zu erzaͤhlen, zuerſt vorgezogen hat. Denn ſo wie die Sonne der Schmuck und die Zierde des ganzen Himmels iſt, ſo iſt jene der Glanz und der Lichtpunkt jeder andern Tugend Ich werde Euch alſo, meiner Meinung nach, ein ſehr artiges Novellchen erzaͤhlen, an welches es Euch nicht anders, als ſehr nuͤtzlich ſeyn kann, Euch zu erinnern. Ihr ſollt alſo wiſſen, daß unter den andern werthvollen Rittern, welche von langen Zeiten her in unſerer Stadt gelebt haben, Meſſer Ruggieri de' Figiovanni, einer der trefflichſten war. Er, als ein reicher, hochherziger Mann, ſah, daß er, hinſichts der Lebensart und der Sitten in Toskana, wenn er —,—+„— e en„—— — —— bt er an e Erſte Novelle. 241 darin wohnen bliebe, ſeinen Werth wenig oder gar nicht zu zeigen Gelegenheit haben koͤnnte, daher faßte er den Entſchluß, ſich eine Zeit lang beim Koͤnig Alphonſo von Spanien aufzuhalten, da der Ruf von ſeinem hohen Werthe dem eines jeden andern Herrn in damaligen Zeiten uͤbertraf. Er ging daher ſehr anſtaͤndig hinſichts der Waffen, der Pferde und der Begleitung zu ihm hin nach Spanien, und ward von ihm ſehr gnaͤdig aufgenommen. Da nun Meſſer Ruggieri ſich hier aufhielt, ſehr ſplendide lebte, und in Hinſicht der Waffenuͤbungen merkwuͤrdige Sachen ausfuͤhrte, ward er vald als ein wackerer Mann bekannt. Nachdem er ſchon eine ganze Weile hier gewohnt und auf die Sitte des Konigs ganz genau Acht gegeben hatte, bemerkte er, daß er bald dieſem, bald jenem Schloͤſſer, Stäaͤdte, Baronien ſchenkte, ohne gehoͤrige Ruͤckſicht darauf zu nehmen, ob er ſie wol nicht an welche gaͤbe, die es nicht verdienten; daher glaubte er, weil ihm, der von dem, was er war, ſich wohl uͤberzengt hielt, noch nichts geſchenkt worden, ſein Ruf wuͤrde dadurch ſehr geſchmaͤlert, und beſchloß wieder abzureiſen; zu dem Ende beurlaubte er ſich beim Koͤnige. Der Koͤnig gewaͤhrte es ihm, und ſchenkte ihm eins der ſchoͤnſten und beſten Maulthiere, was je ge⸗ ritten worden, und Herrn Ruggieri fur den ganzen langen Weg, den er zu machen hatte, ſehr lieb war. Hierauf trug der Konig einem ſeiner Abgewitzte⸗ ſten aus ſeiner Umgebung auf, daß er auf die beſte Art, wie er nur glaubte, ſuchen moͤchte, mit Meſſer Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 6. 16 242 Zehnter Tag. Ruggieri zuſammen zu reiten, doch ſo, daß es nicht ſchiene, als waͤre er vom Koͤnige abgeſchickt; ferner alles, was Jeuer uͤber ihn ſprechen wuͤrde, behielte, ſo daß er es ihm wiederſagen koͤnnte, und dann ihn am andern Morgen auffordern moͤchte, wieder zum Koͤnig zuruͤckzukehren. Der Beanſtragte gab Acht, als Meſſer Ruggieri die Stadt verließ, und da er ſo eine gute Strecke ihn begleitet hatte, machte er ihm weiß, er wolle nur ſo eimmal nach Italien. Meſſer Ruggieri ritt das ihm vom Koͤnige geſchenkte Maulthier, und als ſie ſo, von dieſem und jenem ſprechend, bis zur Terz gekommen waren, ſagte jener: Ich glaube doch, es würde gut ſeyn, wenn wir unſere Thiere in den Stall braͤchten; und ſobald ſie nach einem Stall hin⸗ gelangt waren, ſtallten alle andern, außer das Maul⸗ thier. Sie ritten darauf weiter, und waͤhrend der Schildknappe immer genau auf die Reden des Rit⸗ ters Achtung gab, kamen ſie an einen Fluß, wo, waͤhrend die Thiere ſoffen, das Maulthier in den Fluß ſtallete. Als Meſſer Ruggieri dies ſah, ſagte er: Daß dich der Henker hole, dummes Vieh, dn biſt wie der Herr, der dich mir zum Geſchenk ge⸗ macht hat. Der Begleiter ſing dies Wort auf, und ob er gleich den ganzen Tag uͤber, den er zuſammen mit ihm ritt, noch viele auffing, ſo hoͤrte er doch kein anderes von ihm, als zum groͤßten Lobe des Koͤnigs. Als ſie daher den folgenden Morgen wieder zu Pferde geſtiegen waren, und auf Toskana zu veiten wollten, cht ner te, ihn um ieri ecke olle ritt als erz es den hin⸗ aul⸗ der Rit⸗ wo, den agte dn ge⸗ b er mit kein nigs. ferde ten, Erſte Novelle. 243 erfullte der Begleiter des Koͤnigs Befehl, worauf Meſſer Ruggieri unverzuͤglich umkehrte. Nachdem der Koͤnig erfahren, was er uͤber das Maulthier geſprochen hatte, ließ er ihn zu ſich rufen; er empfing ihn mit freundlichem Angeſichte, und fragte ihn, warum er ihn mit ſeinem Maulthiere, oder vielmehr das Maulthier mit ihm verglichen haͤtte. Meſſer Ruggieri antwortete mit offenem Ge⸗ ſichte: Mein Herr, darum habe ich Euch mit dem⸗ ſelben verglichen, weil, ſo wie Ihr da, wo es nicht am rechten Orte iſt, ſchenket, und wo es am rechten Drte waͤre, nicht ſchenket; ſo hat dies da, wo es am rechten Orte geweſen waͤre, nicht, da aber, wo es nicht am rechten Orte war, geſtallet. Hierauf erwiederte der Koͤnig: Meſſer Ruggieri, daß ich Euch nicht beſchenkt habe, wie ich es gegen viele gethan, welche in Vergleichung mit Euch nichts werth ſind, kam nicht daher, daß ich Euch nicht fur einen trefflichen Capalier erkannt haben ſollte, der des groͤßten Geſchenkes wuͤrdig geweſen; ſondern Euer eigenes Geſchick, was mich abgehalten hat, hat hierbei gefehlt, nicht aber ich. und daß ich die Wahrheit ſage, will ich Euch deutlich beweiſen. Hierauf antwortete Ruggieri: Mein Herr, dar⸗ uͤber beunruhige ich mich nicht, daß ich kein Geſchenk von Euch erhalten habe, denn ich verlangte es gar nicht darum, um reicher zu werden, ſondern daruͤber, daß Ihr mir auch nicht das mindeſte Zeugniß uͤber meinen Werth gegeben habt. Dennoch nehme ich 244 Zehnter Tag⸗ Eure Entſchuldigung fuͤr gut und ehrenwerth an, und bin bereit zu ſehen, was Euch gefaͤllig ſeyn wird, wenn ich Euch auch gleich ohne allen Beweis glaube. Der Koͤnig fuͤhrte ihn hierauf in einen großen Saal, in welchem, wie er es vorher angeordnet hatte, zwei große verſchloſſene Koffer ſtanden, und in Ge⸗ genwart Vieler ſagte er zu ihm: Meſſer Ruggieri, in einem dieſer Koffer iſt meine Krone, das koͤnigli⸗ che Zepter mit dem Reichsapfel, viele meiner ſchoͤn⸗ ſten Guͤrtel, Spangen, Ringe und koſtbarſten Edel⸗ ſteine, wie ich ſie nur habe. Der andere iſt voller Erde. Nehmt nun einen, und der, den Ihr genom⸗ men habt, ſoll der Eure ſeyn; auf dieſe Art koͤnnt Ihr dann ſehen, wer gegen Eure Verdienſte undank⸗ bar geweſen iſt, ich oder Euer Geſchick. Meſſer Ruggieri nahm, da er ſah, daß es dem Koͤnige einmal ſo gefiel, einen, den der Koͤnig ſogleich zu offnen befahl; und da fand es ſich, daß es der mit Erde gefuͤllte war. Lächelnd ſagte daher der Koͤnig: Da koͤnnt Ihr ſehen, Meſſer Ruggieri, daß das wahr iſt, was ich Euch uͤber das Schickſal ge⸗ ſagt habe; doch wahrlich, Euer Werth verdient, daß ich mich ſeiner Gewalt entgegenſetze. Ich weiß es, Ihr ſeyd aber nicht geſonnen, ein Spanier zu wer⸗ den, und eben deßhalb will ich Euch hier weder Schloͤſſer noch Staͤdte ſchenken, ſondern dieſer Koffer, den das Schickſal Euch nahm, der will ich, daß er trotz ſeiner, Euer ſeyn ſoll, damit Ihr ihn in Euer Land mit hinnehmen, und Euch Eures Werthes, ver⸗ en el⸗ ler m⸗ nnt nk⸗ em ich der der daß ge⸗ daß es, ver⸗ eder ffer, ß er uer Zweite Novelle. 245 mittelſt des Beweiſes meiner Geſchenke, mit Euren Landsleuten, ſo wie Ihr es verdient, ruͤhmen koͤnnt. Meſſer Ruggieri nahm ihn, und ſtattete dem Koͤnige den Dank ab, wie er einem ſolchen Geſchenke zukam, und kehrte damit froh nach Toskana zuruͤck. Zweite Novelle. Ghino di Tacco faͤngt den Abt von Cligni, heilt ihn von einem Magen⸗Uebel und entlaͤßt ihn alsdann. Er kehrt nach Rom an den Hof zuruͤck, ſoͤhnt ihn mit dem Papſte Bonifazius wieder aus, und dieſer macht ihn zum Hoſpital-Fourier. Gelobt war die dem florentiniſchen Ritter be⸗ wieſene Hochherzigkeit des Koͤnigs Alphonſo, als der Koͤnig, dem ſie auch ſehr gefallen hatte, Eliſen zu folgen aufgab. Dieſe fing unverzuͤglich an: Zarte Frauen, daß ein Koͤnig hochherzig geweſen, und daß er ſeine Hochherzigkeit gegen einen bewies, der ihm gedient hatte, kann man nicht anders als lobenswuͤrdig und großartig nennen; was werden wir aber ſagen, wenn uns erzaͤhlt wird, daß einer von der Cleriſey eine wundervolle Hochherzigkeit gegen Jemand bewieſen habe, der, wenn er denſelben feindſelig behandelt haͤtte, von keinem Menſchen dar⸗ uͤber wuͤrde getadelt worden ſeyn? Wahrlich, nichts weiter, als die des Koͤnigs war Tugend, die des Cle⸗ rikers ein Wunder, weil dieſe, alle viel geiziger als die Weiber, durch die Bank Feinde aller Freigebig⸗ keit ſind. Und wenn gleich ieder Menſch von Natur 246 Zehnker Tag. nach Rache uͤber empfangene Beleidigungen ſtredth ſo ſieht man dennoch, wie die Cleriker, moͤgen ſie auch noch ſo viel von der Geduld predigen, und uͤber⸗ haupt die Verzeihung der Beleidigungen empfehlen, weit hitziger als andere Menſchen darauf hinſtuͤrzen. Dies, naͤmlich, wie edelmuͤthig ein Cleriker war, wer⸗ det Ihr aus meiner folgenden Novelle deutlich erſe⸗ hen koͤnnen. Ghino di Jarco, ein durch ſeine Räubereien wie durch ſeine Wildheit ſehr beruͤchtigter Menſch, war aus Siena verjagt und ein Feind der Grafen di Santa Fiore, wiegelte Radicofani gegen die roͤmiſche Kirche auf, und ließ, daſelbſt wohnend, Jeden, der durch die umliegende Gegend kam, durch ſeine Spieß⸗ geſellen berauben. Als nun Bonifaz der Achte, Papſt in Rom war, kam der Abt von Cligny, den man fuͤr den reichſten Praͤlaten in der Welt hielt, an den Hof. Hier ver⸗ darb er ſich den Magen, und es ward ihm von den Aerzten gerathen, ſich nach den Bädern von Siena zu begeben, woſelbſt er ohne allen Zweifel wieder hergeſtellt werden wuͤrde. Es ward ihm daher vom Papſt geſtattet, und ohne ſich um den Ruf Ghino's zu kuͤmmern, machte er ſich mit einem großen Ge⸗ praͤnge von Geräͤthſchaften, von Laſtthieren, von Pferden, von Dienern auf den Weg. Ghino di Tacco, der von ſeinem Kommen Wind erhalten hatte, ſpannte ſeine Netze, und ſchloß, ohne einen einzigen Burſchen zu verlieren, den Abt mit ſeiner ganzen Dienerſchaft und allen ſeinen Habſe⸗ Zweite Novelle. 247 ligkeiten in einem engen Paſſe ein. Hierauf ſendete er emen ſeiner Leute, den abgewitzteſten, unter einer guten Begleitung an den Abt, der ihm in ſeinem Namen ganz freundlich ſagte, er moͤchte es ſich ge⸗ fallen laſen, mit ihm in Ghino's Schloß abzuſteigen. Sobald der Abt dies hoͤrte, antwortete er gans wuͤthend, das wuͤrde er keinesweges thun, er haͤtte mit Ghino nichts zu ſchaffen, ſondern er wuͤrde wei⸗ ter gehen, und wollte doch ſehen, wer ihm das ver⸗ wehren ſollte. Der Abgeſandte antwortete ganz demuͤthig: Herr, Ihr ſeyd hier an einen Ort hergekommen, wo außer Gottes Gewalt wir von unſerer Seite nichts furch⸗ ten, und wo Excommunicationen und Interdicte ganz und gar excommunicirt ſind; und darum waͤhlt das Beſte, Ghino hierin gefaͤllig zu ſeyn. Schon war, waͤhrend dieſe Worte gewechſelt wurden, der ganze Ort mit Spießgeſellen umgeben; weßhalb der Abt, der ſich mit ſeinen Leuten gefan⸗ gen ſah, ſo unwillig er auch war, mit dem Abgeſand⸗ ten den Weg nach dem Schloſſe zu nahm, und ſein ganzes Gefolge, ſo wie alle ſeine Geraͤthſchaften mit ihm. Abgeſtiegen dann, ward er, wie Ghino es ha⸗ ben wollte, ganz allein in ein ſehr dunkles und un⸗ heimliches Kaͤmmerchen im Palaſte gefuͤhrt, jeder Andere aber ward ſeinem Stande gemäß im Schloſſe umher ganz bequem eingerichtet, und die Pferde und alles Gepaͤck in Sicherheit gebracht, ohne nur irgend etwas anzuruͤhren. Nachdem dies geſchehen war, ging Ghino ſelbſt 248 Zehnter Tag. zum Abt, und ſagte zu ihm: Mein Herr, Ghino, deſſen Gaſt Ihr jetzt ſeyd, ſendet mich, und laͤßt Euch bitten, Ihr moͤchtet ihn doch gefälligſt wiſſen Laſſen, wo Ihr hingeht, und aus welchem Grunde. Der Abt hatte, als ein kluger Mam, ſeinen Stolz ſchon abgelegt, that ihm zu wiſſen, wohin er ginge, und warum. Nachdem Ghino dies gehoͤrt hatte, ging er fort, und dachte, er wolle ihn ſchon ohne Bad heilen; er ließ daher in dem Kaͤmmerchen ein tuͤchtiges Feuer machen, und immer unterhalten, er ſelbſt aber kehrte nicht eher als den andern Morgen wieder zu ihm zu⸗ ruͤck. Da brachte er ihm auf einem ſehr weißen Tafeltuche zwei Schnittchen geroͤſtetes Brot und einen großen Becher Kornel-Kirſch⸗-Wein, von dem des Abtes ſelbſt, und ſagte dann zum Abte: Meſſer, als Ghino noch jung war, ſtudirte er die Medizin, und da ſagt er, habe er gelernt, es wäre keine Medizin beſſer fuͤr den Magen, als dieſe, die er Euch verordnen wird, davon aber iſt das, was ich Euch bringe, der Anfang, deßhalb nehmt es, und ſtarkt Euch damit. Der Abt, der groͤßeren Hunger harte, als Luſt zu witzeln, aß, wenn er es auch gleich mit Widerwil⸗ len that, das Brot und trank den Wein; dann ſprach er Vieles in ſtolzem Jon, fragte nach Vielem, gab uͤber Verſchiedenes ſeinen Rath, und beſonders ver⸗ langte er Ghino ſelbſt zu ſehen. Ghino hoͤrte Alles mit an; Manches ließ er hin⸗ gehen, als eitel; auf Manches aber antwortete er ganz ð NM W— —— W*5—— Sweite Novelle. 24⁴9 hoͤflich, und fuͤgte die Verſicherung hinzu, daß Ghino, ſobald es ihm nur moͤglich waͤre, ihn gewiß beſuchen wuͤrde. Nachdem er dies geſagt, verließ er ihn. In⸗ deſſen kam er nicht eher, als den andern Tag wieder, und zwar mit eben ſo vielem geroͤſteten Brote, und eben ſo vielem Weine. Dies ſetzte er mehrere Tage fort, bis er merkte, daß der Abt trockne Bohnen ge⸗ geſſen haͤtte, die er gefliſſentlich und ganz im Ge⸗ heimen hingebracht und dagelaſſen hatte. Daher fragte er ihn von Seiten Ghino's, wie er wol glaube, daß es mit ſeinem Magen ſtaͤnde? Der Abt antwortete: Ich glaube, ganz gut, wenn ich nur aus ſeinen Haͤnden waͤre; und jetzt habe ich zu nichts mehr Luſt, als zum Eſſen, ſo trefflich ha⸗ ben mich ſeine Arzeneien geheilt. Ghino ließ daher aus ſeinen Geraͤthſchaften ſelbſt fuͤr ihn und ſeine Begleitung ein ſchoͤnes Zim⸗ mer einrichten und ein großes Gaſtmahl bereiten, bei welchem außer vielen Leuten des Schloſſes die ganze Begleitung des Abtes gegenwärtig war, dann ging er am nächſten Morgen zu ihm, und ſagte zu ihm: Meſſer, weil Ihr Euch wohl befindet, ſo iſt es Zeit, daß Ihr aus Eurer Krankenſtube herausgehet. Hierauf nahm er ihn bei der Hand, und führte ihn in das fuͤr ihn zubereitete Zimmer, daſelbſt ließ er ihn mit den Seinigen, bis das Mahl aufs prächtig⸗ ſte zubereitet war, allein. Der Abt unterhielt ſich eine kurze Zeit mit ſei⸗ nem Gefolge, und erzählte ihnen, wie ſein Leben ge⸗ 250 Zehnter Tag. weſen wäre, wogegen ſie Alle einſtimmig fagten, wie ganz außerordentlich ſie von Ghino geehrt worden wären. Inzwiſchen war die Stunde zum Eſſen ge⸗ kommen, und der Abt ſowohl, als alle Andern wur⸗ den der Reihe nach mit ſchoͤnen Speiſen und ſchoͤnen Weinen bedient, doch ſo, daß Ghino ſich immer noch nicht zu erkennen gab. Allein nachdem der Abt einige Tage auf dieſe Weiſe zugebracht, und Ghino alle ſein Gepaͤck in einen Saal und in einen Hof, der unter demſelben lag, ſo wie auch alle ſeine Pferde, bis auf den elendeſten Klepper hatte hinbrin⸗ gen laſſen, ging er zum Abte hin, fragte ihn, wie er ſich wol befaͤnde, und ob er ſich zum Reiten ſtark genug fuͤhlte? Der Abt antwortete ihm, er fuͤhle ſich ſtark ge⸗ nug, waͤre von ſeinem Magenuͤbel hinreichend geheilt, und wuͤrde ſich noch beſſer befinden, wenn er nur erſt aus Ghino's Haͤnden heraus waͤre⸗ Darauf fuͤhrte Ghino den Abt nach dem Saale hin, wo ſeine Geräthſchaften und alle ſeine Leute ſich befanden, ließ ihn an ein Fenſter hintreten, aus wel⸗ chem er alle ſeine Pferde ſehen konnte, und ſagte: Herr Abt, ſo wiſſet denn, als ein edler Mann aus ſeinem Hauſe vertrieben und verarmt zu ſeyn, und viele und mäͤchtige Feinde zu haben, das hat, um ſein Leben und ſeinen Adel ſchuͤtzen zu koͤnnen, keinesweges aber Boͤsartigkeit des Charakters, Ghino di Tacco, der ich ſelbſt bin, dahin gebracht, ein Straßenräuber und ein Feind des roͤmiſchen Hofes zu werden. Allein da Ihr mir ein hedentender Herr M W* — Zweite Novelle. 251 zu ſeyn ſcheint, und ich Euch dagegen von einem Ma⸗ genuͤbel geheilt habe, ſo beabſichtige ich gar nicht, Euch ſo zu behandeln, wie ich es mit einem Andern gethan haben wuͤrde, von deſſen Sachen, wenn er ſo wie Ihr in meine Haͤnde gefallen waͤre, ich den Theil, der mir gut geduͤnkt, mir zugeeignet haben wuͤrde; ſondern meine Abſicht geht bloß dahin, daß Ihr, mein Beduͤrfen bedenkend, mir den Theil Eurer Sachen uͤberlaßt, den Ihr ſelbſt wollt. Ihr habt ſie alle hier unverſehrt vor Euch, und Eure Pferde koͤnnt Ihr aus dieſem Fenſter im Hofe ſehen. Nehmt ſie nun zum Theil oder alle, wie es Euch gefaͤllt, wieder, und von dieſer Stunde an ſteht das Gehen oder Bleiben in Eurem Belieben. Der Abt wunderte ſich uͤber die freiſinnigen Worte bei einem Straßenraͤuber, und da ſie ihm ſehr gefielen, verwandelte ſich ſein Zorn und Unwille, der immer mehr verſchwand, viel eher in Wohlwollen, ſo daß er von Herzen Ghino's Freund geworden, ihn ploͤtzlich umarmte und ſagte: Ich ſchwoͤre bei Gott, um die Freundſchaft eines Mannes zu erhalten, wie ich glaube, daß Ihr ſeyd, haͤtte ich noch weit groͤßere Unbilden ertragen, als die, die Ihr mir bis jetzt an⸗ gethan zu haben ſcheint. Verwuͤnſcht ſey das Schick⸗ ſal, das Euch zu einem ſo ſtrafbaren Handwerke zwang. Hierauf ließ er von ſeinen vielen Sachen nur wenige und die nothwendigſten nehmen, ſo wie auch von den Pferden; die uͤbrigen alle ließ er ihm, und kehrte nach Rom zuruͤck. 252 Zehnter Tag. Der Papſt hatte von der Gefangennehmung des Abtes gehoͤrt, und ſo unangenehm ſie ihm auch war, ſo fragte er ihn doch, da er ihn ſah, was die Baͤder ihm genutzt haͤtten. Worauf der Abt laͤchelnd ant⸗ wortete: Heiliger Vater, ich habe weit naͤher, als die Baͤder, einen tuͤchtigen Arzt gefunden, der mich ganz vortrefflich wieder hergeſtellt hat. Und nun erzaͤhlte er ihm die Art und Weiſe. Der Papſt laͤchelte daruber. Der Abt fuhr in ſeinen Reden fort, und bat, von einem edlen Gefuͤhle beſeelt, um eine Gnade. Der Papſt, in der Meinung, er wuͤrde um ganz etwas Anderes bitten, erbot ſich aus freien Stuͤcken, was er baͤte, zu erfuͤllen. Darauf ſagte der Abt: Heiliger Vater, was ich von Euch zu erbitten beabſichtige, iſt, daß Ihr Eure Gunſt meinem Arzte, Ghino di Tacco, wiederſchenkt; denn unter allen andern bedeutenden und werthvollen Maͤnnern, die ich jemals getroffen habe, iſt er wahr⸗ lich einer der vorzuglichſten, und das Schlechte, was er ſtiftet, iſt mehr Schuld des Schickſals, als ſeine eigene; wenn Ihr aber daſſelbe dadurch, daß Ihr ihm ſo viel reicht, als er, um ſeinem Stande gemäß le⸗ ben zu koͤnnen, bedarf, ſo zweifle ich durchaus nicht, daß Ihr in kurzer Zeit nicht eben ſo denken ſolltet, wie ich von ihm denke. Sobald der Papſt dies hoͤrte, ſagte er, als ein Mann von hoher Seele, und der tchtige Menſchen gern hatte, das wolle er mit Freuden thun, und — — Dritte Novelle. wenn er wirklich ſo waͤre, wie er ſagte, ſo moͤchte er ihn nur ganz ſicher kommen laſſen. Ghino kam daher in vollem Vertrauen, wie es den Abt fuͤr gut duͤnkte, an den Hof, und er war noch nicht lange um den Papſt geweſen, ſo erkannte dieſer ihn wirklich fuͤr einen Wackeren, ſoͤhnte ſich mit ihm aus, und ſchenkte ihm eine große Praͤbende an einem Hoſpital, von welchem er ihn zum Ritter gemacht hatte. Dieſe behielt er, als Freund und Diener der heiligen Kirche und des Abtes von Cligny, ſo lange er lebte. Dritte Novelle. Mithribdanes, neidiſch uͤber Nathans Hoͤflichkeiten, wollte ihn umbringen; ohne ihn zu kennen, trifft er mit ihm zuſammen, und wird von ihm ſelbſt uͤber die Art, wie er das konnte, unterrichtet. Sie finden ſich⸗ wie er es beſtimmt hatte, in einem Gebuͤſche zuſammen; dort er⸗ kennt er ihn, ſchaͤmt ſich, und wird ſein Freund. Aehnlich einem Wunder, wahrlich, ſchien Allen das, was ſie gehoͤrt hatten, naͤmlich, daß einer von der Cleriſey etwas ſo Treffliches gethan haben ſollte; indeſſen da die Unterhaltung der Damen deßhalb zu ſtocken anfing, befahl der Koͤnig dem Philoſtratus, daß er fortfahren moͤchte; der denn auch ſogleich anfing: Edle Damen, groß war die Hochherzigkeit des Koͤnigs von Spanien und vielleicht ganz etwas Un⸗ erhoͤrtes die des Abtes von Cligny; aber nicht weni⸗ ger wunderbar wird es Euch vielleicht ſcheinen, zu 254 Zehnter Tag. hoͤren, daß Einer, um gegen einen Andern, der nicht ſowol ſein Blut als vielmehr ſein Leben verlangte, kiberal zu ſeyn, ſich vorſichtig entſchloß, ihm beides hinzugeben; und er wuͤrde es gethan haben, wenn Jener es haͤtte nehmen wollen, ſo wie ich es Euch in einer kleinen Novelle zu beweiſen gedenke. Eine ausgemachte Sache iſt es,(wenn man an⸗ ders den Worten einiger Gemeſer und anderer Leute, welche in dieſen Gegenden geweſen ſind, Glauben beimeſſen darf), daß in der Gegend von Catai einſt ein Mann von edlem Herkommen, und ohne Verglei⸗ chung reich, lebte, welcher den Namen Nathan fuͤhrte. Dieſer beſaß ein kleines Guͤtchen, nahe an einer Straße, welche beinahe Jeder zu paſſiren genoͤthigt war, der aus dem Abendlande nach der Levante, oder aus der Levante nach dem Abendlande hin wollte; und da er einen großen, liberalen Geiſt hatte, der vegierig war, ſich durch ſeine Handlungen auszuzeich⸗ nen, ſo ließ er, weil daſelbſt viel Meiſter waren, in kurzer Zeit einen der ſchoͤnſten, groͤßten und reichſten Paläfte erbauen⸗wie man ihn nur je geſehen hatte, und ihn mit allem demjenigen aufs beſte verſehen, was noͤthig war, um edle Menſchen dort zu empfan⸗ gen und zu ehren. Da er ferner einen ſchoͤnen und großen Hausſtand hatte, ſo empfing und ehrte er mit Freundlichkeit und Pomp einen Jeden, der hin⸗ kam oder wieder fortging. Und in dieſer loͤblichen Sitte fuhr er ſo lange fort, bis nicht bloß die Le⸗ vante, ſondern das ganze Abendland ihn dem Rufe nach kannte. Dritte Novelle. 255 Da er nun ſchon bei Jahren war, doch aber noch immer nicht in dieſer edlen Lebensart ermudete, ſo geſchah es, daß ſein Ruhm einem jungen Manne zu Ohren kam, Namens Mithridanes, nicht weit von da zu Hauſe. Da er ſich nicht weniger reich, als Nathan duͤnkte, ward er uͤber ſeinen Ruhm und ſeine guten Eigenſchaften neidiſch, und beſchloß ihn durch eine noch groͤßere Liberalitaͤt zu vernichten oder zu verdunkeln. Er ließ daher einen, Rathans aͤhnlichen Palaſt bauen, fing an, einem jeden Andern, der dort vor⸗ uberging, oder hinkam, die ungemeſſenſten Hoͤflich⸗ keitsbezeigungen zu erweiſen, ſo daß er unbezweifelt in kurzer Zeit ſehr beruͤhmt ward. Nun begab es ſich eines Tages, daß, als der junge Mann ganz allein in dem Hofe ſeines Pala⸗ ſtes verweilte, ein unbedeutendes Weib durch eins der Thore des Palaſtes hineinkam, ihn um ein Almo⸗ ſen bat, und es erhielt. Als ſie hierauf durch ein anderes Thor wieder zu ihm hinkam, empfing ſie wieder eins, und ſo nach und nach bis auf zwoͤlf Mal. Endlich kam ſie zum dreizehnten Male wie⸗ der, da ſagte Mithridanes zu ihr: Gute Frau, Ihr ſeyd ſehr aͤmſig in Euren Bitten, deſſen ungeachtet aber gab er ihr doch ein Almoſen. Da die Alte dieſe Worte hoͤrte, ſagte ſie: O wie viel wunderbarer biſt doch Du, Nathan, in Dei⸗ ner Freigebigkeit! Durch zweiunddreißig Thuͤren, als ſo viel ſein Schloß, eben ſo wie dieſes hat, bin ich hineingekommen und habe ihn um Mmoſen gebeten, 256 aber nimmermehr hin ich von ihm ſo, daß er es ge⸗ zeigt haͤtte, erkannt worden, und habe immer von ihm was erhalten; hier bin ich noch nicht einmal durch dreizehn hereingekommen, und bin erkannt und ausgemacht worden. Nachdem ſie ſo geſprochen, ging ſie fort, ohne jemals wieder zuruͤckzukehren. Mithridanes, der die Worte der Alten gehoͤrt hatte, entbrannte, weil er das, was er uͤber Nathans Ruhm vernommen hatte, fuͤr eine Schmaͤlerung des ſeinigen hielt, daruͤber in den wuͤthendſten Zorn, in⸗ dem er ſagte: Ich Uungluͤcklicher, wenn werde ich doch zu der Freigebigkeit Nathans in großen Gegen⸗ ſtaͤnden gelangen, nicht daß ich, wie ich es ſuche, ihn uͤbertraͤfe, wenn ich ihm nicht einmal in dem Gering⸗ ſten nahe kommen kann? Wahrhaftig ich bemuͤhe mich umſonſt, wenn ich ihn nicht von der Erde fort⸗ ſchaffe; und weil ſein Alter ihn nicht fortſchafft, ſo muß ich es ohne allen Verzug mit meinen eigenen Haͤnden thun. In dieſer Heftigkeit ſtand er auf, ohne ſeinen Entſchluß irgend Jemanden mitzutheilen, ſtieg mit einer kleinen Begleitung zu Pferde, und kam nach dem dritten Tage hin, wo Nathan wohnte. Seinen Gefaͤhrten befahl er, ſie ſollten thun, als wenn ſie zu ihm nicht gehoͤrten, und ihn gar nicht kennten; ſie moͤchten ſich ferner um ein Zimmer bemuͤhen, bis ſie weiter etwas von ihm erfahren würden. Als er nun ſo gegen Abend dort angekommen, Zehnter Tag. —— e 1—— d 8 n it n, P n n, * Dritte Novelle. 257 und allein geblieben war, traf er nicht weit von dem ſchoͤnen Palaſte Nathan ganz allein an, welcher, in gar keinem praͤchtigen Kleide, zu ſeinem Vergnuͤgen dort umherging. Da er ihn gar nicht kannte, fragte er ihn, ob er ihm nicht nachweiſen koͤnne, wo Nathan wohnte: Freundlich antwortete Nathan: Mein Sohn⸗ Keiner in dieſer Gegend kann Dir das beſſer ſagen, als ich, und darum will ich Dich, wenn es Dir ge⸗ faͤllt, zu ihm fuͤhren⸗ Der junge Mann antwortete, das wuͤrde ihm ſehr lieb ſeyn; er wuͤnſchte aber, wenn es ſeyn koͤnnte, von Nathan weder geſehen noch erkaunt zu werden. Auch das will ich thun, antwortete Nathan, weil Du das wuͤnſcheſt. Mithridanes ſtieg daher ab, und ging mit Na⸗ than, der ſich bald in freundliche Unterhaltung mit ihm einließ, bis nach ſeinem Palais hin. Hier hieß Nathan einem ſeiner Leute dem jungen Manne das Pferd abnehmen, trat dieſem nahe ans Ohr, und ge⸗ bot ihm, daß er ſogleich mit Allen im Hauſe uͤber⸗ einkäme, es ſollte Keiner dem jungen Manne ſagen⸗ daß er Nathan wäre. Dies geſchah auch⸗ Sobald ſie ſich in dem Palaſte befandem, wies er dem Mithridanes ein ſehr ſchoͤnes Zimmer am wo er weiter Keinen ſah, als die zu ſeiner Bedienung abgeordnet waren; und da er ihn hoͤchlichſt ehren wollte, leiſtete er ſelbſt ihm Geſellſchaft. Da nun Mithridanes mit dieſem immer zuſam⸗ Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 17 258 men war, ſo fragte er ihn, obgleich er ihn wie einen Vater in Ehren hielt, dennoch, wer er waͤre. Hierauf antwortete Nathan: Ich bin nur ein geringer Diener Nathans, allein ich bin von ſeiner Jugend an mit ihm alt geworden, und er hat mich nie zu etwas anderem, als wozu Du ſieheſt, angewen⸗ det; daher kann ich meines Theils, mag auch jeder Andere ihn noch ſo ſehr loben, ihn eben nicht ſehr loben. Dieſe Worte gaben Mithridanes einige Hoffnung, er wuͤrde ſeine verkehrte Abſicht nach einem beſſeren Rathe und mit mehr Sicherheit nicht zur Ausfuh⸗ rung bringen koͤnnen. Ihn aber dagegen fragte Nathan ſehr hoͤflich, wer er denn waͤre, und was fuͤr ein Geſchäft ihn hierher fuͤhre, wobei er ihm ſeinen Rath und ſeine Huͤlfe in allem, was er vermoͤchte, anbot. Mithridanes zoͤgerte etwas in ſeiner Antwort, endlich aber beſchloß er, ſich ihm anzuvertrauen, bat ihn alsdann mit einem langen Umſchweif von Wor⸗ ten um ſein Vertrauen, und hiernach um ſeinen Rath und ſeinen Beiſtand; entdeckte ihm ganz vertraulich, wer er wäre, warum er hergekommen, und was ihn dazu bewegt hätte. Als Nathan dieſe Reden und den wilden Vor⸗ ſatz des Mithridanes hoͤrte, veraͤnderte er ſich ganz und gar; indeſſen, ohne lange zu zoͤgern, antwortete er ihm mit kraͤftigem Muthe und feſtem Blicke: Mithridanes, Dein Vater war ein edler Mann, von dem Du nicht abarten wolleſt, da Du einen eben ſo Zehnter Tag. er ch n⸗ er hr 18, ine rt, bat or⸗ ath ch, ihn or⸗ anz tete e: von ſo Dritte Novelle. 259 hohen Plan gefaßt haſt, nämlich freigebig gegen Alle zu ſeyn; ich lobe daher den Neid, den Du gegen Nathans Trefflichkeit hegeſt, ſehr, denn waͤren meh⸗ rere von dieſer Beſchaffenheit, ſo wuͤrde die Welt, worin ſo viel Elend iſt, bald gut werden. Dein Vorſatz, den Du mir mitgetheilt haſt, muß ohne Zweifel geheim gehalten werden, und ich kann Dir dazu viel eher einen nuͤtzlichen Rath als große Huͤlfe geben. Und dieſer iſt: Du kannſt von hier, vielleicht in der Entfernung einer halben Meile, ein kleines Gebuͤſch ſehen, in welchem Nathan faſt jeden Mor⸗ gen zu ſeinem Vergnuͤgen ziemlich lange umher zu gehen pflegt; hier wird es Dir ein Leichtes ſeyn, ihn aufzuſuchen, und Deinen Wunſch zu erfuͤllen. Haſt Du ihn dann umgebracht, ſo geh, damit Du ungehindert nach Deiner Wohnung zuruͤckkehren kannſt, nicht den Weg, auf welchem Du gekommen biſt, ſon⸗ dern den, den Du links zum Gebuͤſche hinausfuͤhren ſiehſt. Wenn er auch gleich wohl etwas wilder ſeyn mag, ſo iſt er Deinem Hauſe viel näher, und fuͤr Dich viel ſicherer. Sobald Mithridanes dieſe Nachweiſung erhalten, und Nathan ſich entfernt hatte, gab er vorſichtig ſeinen Gefaͤhrten, welche ebenfalls dahin gekommen waren, an, wo ſie ihn den folgenden Tag erwarten ſollten. Allein ſobald der folgende Tag gekommen war, ging Nathan, der ſeine Geſinnung uͤber den Rath, den er Mithridanes gegeben, noch keinesweges geandert hatte, ganz allein nach dem Gebuͤſche hin, um daſelbſt zu ſterben. 260 Zehnter Tag. Mithridanes nahm, nachdem er aufgeſtanden war, ſeinen Bogen und ſeinen Saͤbel, denn andere Waffen hatte er nicht, ſtieg zu Pferde, und ritt nach dem Gebuͤſche zu. Schon von weitem ſah er Nathan ganz allein darin umher gehen, indeſſen beſchloß er doch, ehe er ihn umbraͤchte, ihn ſehen und reden hoͤ⸗ ren zu wollen; er ging daher ſchnell auf ihn zu, er⸗ griff ihn bei der Binde, welche er auf dem Kopfe hatte, und ſagte: Graukopf, Du biſt des Todes! Nathan antwortete hierauf nichts weiter, als: So habe ich es denn verdient. Als Mithridanes die Stimme hoͤrte, und ihn ins Geſicht ſah, erkannte er ihn den Augenblick fur den, der ihn ſo guͤtig aufgenommen, der ihn ſo freund⸗ ſchaftlich begleitet, und ſo treu gerathen hatte. Den Augenblick ſank daher ſeine Wuth, und ſein Zorn verwandelte ſich in Schaam. Fort warf er den Saͤ⸗ bel, den er ſchon, ihn zu toͤdten, gezogen hatte, ſtieg vom Pferde, und mit Thraͤnen zu Nathans Fuͤßen ſtuͤrzend, rief er aus: Deutlich erkenne ich, geliebteſter Vater, Eure Hingebung, wenn ich bedenke, mit welcher Vorſicht Ihr hierher gekommen ſeyd, um mir Euer Leben Preis zu geben, nach welchem ich, ohne daß ich einen Grund dazu gehabt haͤtte, mich gegen Euch ſelbſt ſo begierig gezeigt habe. Aber Gott, der fuͤr meine Pflicht beſorgter war, als ich ſelbſt, hat mir in ſol⸗ chem Grade, in welchem es nöthig war, die Augen meines Verſtandes geoͤffnet, die ein elender Neid ver⸗ ſchloſſen hielt. Und deßhalb erkenne ich mich, je be⸗ r 5 ne ⸗ Dritte Novelle. 261 reitwilliger Ihr waret, mir gefaͤllig zu ſeyn, um ſo mehr zur Buße meiner Verirrung ſchuldig. Daher nehmt an mir die Rache, die Ihr meinem Vergehen zukoͤmmlich glaubt. Nathan hob Mithridanes auf, umarmte ihn zaͤrtlich und kuͤßte ihn, indem er ſagter Mein Sohn, fuͤr Dein Unternehmen, wie Du es auch nennen magſt, entweder boͤſe, oder wie fonſt, bedarf es weder Verzeihung zu erbitten, noch zu ge⸗ waͤhren; denn Du haſt es nicht aus Haß, ſondern um fuͤr beſſer gehalten werden zu koͤnnen, ausuͤben wol⸗ len. Fuͤr mich alſo kannſt Du ganz ruhig leben und uͤberzeugt ſeyn, daß kein Menſch noch weiter lebt, der Dich ſo liebt, wie ich, der ich die Hoheit Deiner Seele beruͤckſichtige, da Du Dich nicht der Begierde, Geld zuſammen zu bringen, was die Sache elender Menſchen iſt, ſondern das Zuſammengebrachte zu ſpenden, ergeben haſt. Schaͤme Dich auch nicht, daß Du, um beruͤhmt zu werden, mich haſt umbrin⸗ gen wollen, und glaube auch nicht, daß ich mich dar⸗ uber verwundere. Die groͤßten Feldherrn und die mächtigſten Koͤnige beſitzen ja faſt keine andere Kunſt, als todt zu ſchlagen, und zwar nicht Einen Menſchen, wie Du es thun wollteſt, ſondern unzahlige, und Länder zu verheeren und Staͤdte nieder zu reißen, und das allein nur um ihre Reiche zu vergroͤßern, und folglich auch ihren Ruhm. Wenn Du daher, um Dich beruͤhmt zu machen, mich Einzelnen umbringen wollteſt, ſo haͤtteſt Du nichts Wunderbares, noch was Neues gethan, ſondern ſehr was Gewoͤhnliches. 262 Zehnter Tag. Mithridanes, ſein verkehrtes Begehren gar nicht entſchuldigend, ſondern die von Nathan herausgefun⸗ dene edle Entſchuldigung lobend, kam in ſeinem fer⸗ neren Sprechen mit ihm darauf, daß er zu ihm ſagte, er wundere ſich uͤber alle Maßen, wie Nathan ſich dazu hätte entſchließen, und ihm ſogar noch Rath und Anweiſung dazu geben koͤnnen. Hierauf ſagte Nathan: Mithridanes, ich will nicht, daß Du Dich uͤber meinen Anſchlag und uͤber meinen Entſchluß wundern ſollſt, denn, nachdem ich mein eigener Herr geworden und entſchloſſen war, auf dieſelbe Art zu handeln, wie Du es angefangen haſt, ſo war Keiner, der nach meinem Hauſe kam, den ich nicht nach meinen Kraͤften uͤber das, was er von mir bat, zufrieden geſtellt haͤtte. Nun kamſt Du, nach meinem Leben begierig; ſobald ich alſo merkte, daß Du danach ſtrebteſt, beſchloß ich ſogleich, damit Du nicht der Einzige ſeyn moͤchteſt, der, ohne ſein Begehren erreicht zu haben, von hier ginge, es Dir zu geben. Und damit Du es wirklich erreichen moͤchteſt, gab ich Dir den Rath, den ich fuͤr hinlaͤng⸗ lich hielt, wie Du mein Leben bekommen, aber das Deine nicht verlieren moͤchteſt; und daher ſage ich Dir nochmals und bitte Dich, willſt Du es, ſo nimm es, und befriedige Dich ſelbſt damit. Ich wuͤßte nicht, wie ich es beſſer hingeben koͤnnte. Ich habe es ſchon achtzig Jahre angewendet, und zu meinem Vergnuͤgen und zu meiner Freude verbraucht, und ich weiß es, wenn ich dem Laufe der Natur folge, ſo wie die andern Menſchen und uͤberhaupt alles ihm. S S S 5— S 8 ne e⸗ Dritte Novelle. 263 folgt, ſo kann mir nur noch kurze Zeit zugeſtanden ſeyn. Daher halte ich fuͤr beſſer, es wegzuſchenken, ſo wie ich immer meine Schaͤtze verſchenkt und ver⸗ wendet habe, als es ſo lange aufbewahren zu wollen, vis es mir wider meinen Willen von der Natur ge⸗ nommen wuͤrde. Es bleibt immer nur ein kleines Geſchenk, hundert Jahre zu verſchenken, um wie viel kleiner alſo iſt es nicht, ſechs oder acht Jahre, die ich noch hier zu verweilen habe, davon zu verſchen⸗ ken? Nimm es alſo, wenn es Dir anſteht, ich bitte Dich, denn ſo lange ich hier lebe, habe ich noch Kei⸗ nen gefunden, der es verlangt haͤtte, und ich weiß nicht, wenn ich einmal wieder einen werde finden koön⸗ nen, der es, wenn Du es nicht nimmſt, haben wollte. Und ſollte ich dennoch einen finden, ſo ſehe ich es ſelbſt ein, je länger ich es aufbewahre, je wenigeren Werth behaͤlt es; daher nimm es, ehe es noch gerin⸗ ger wird, ich bitte Dich! Mithridanes, äußerſt beſchämt, ſagte: Gott be⸗ huͤte mich, daß ich ſo etwas Koſtbares, als Euer Le⸗ ben iſt, ſo wie ich es vorher that, nur begehren, vielmehr es Euch raubend nehmen ſollte; gern wollte ich von meinen Jahren welche hinzufügen, aber nimmermehr die Euren vermindern. Schnell fiel Nathan ihm ein; und wenn Du es könnteſt, wollteſt Du wol welche hinzufuͤgen, und dann mich gegen Dich das thun laſſen, was ich nim⸗ mermehr gegen irgend einen Andern⸗ gethan habe, nämlich von Deinen Sachen etwas nehmen, was ich nie von einem Andern genommen habe? 264 Zehnter Tag. Ja, antwortete Mithridanes ploͤtzlich. Wohl dann, erwiederte Nathan, thue, wie ich Dir ſage: Du bleibſt, als junger Mann, der Du biſt, hier in meinem Hauſe, und fuͤhrſt den Namen Na⸗ than, und ich gehe nach Deinem, und heiße beſtaͤndig Mithridanes. Darauf gab Mithridanes zur Antwort: Wuͤßte ich eben ſo vortrefflich zu handeln, als Ihr es wißt und gewußt habt, ſo wuͤrde ich, ohne mich lange zu beſinnen, annehmen, was Ihr mir an⸗ bietet; aber weil ich nur zu gewiß ſeyn zu koͤnnen glaube, daß meine Handlungen durch Nathans Ruf verringert werden wuͤrden, und meine Abſicht nicht dahin geht, an einem Andern das zu verderben, was ich fuͤr mich nicht einzurichten verſtehe, ſo nehme ich es nicht an. Unter dieſen und noch vielen andern freundlichen zwiſchen Nathan und Mithridanes gewechſelten Re⸗ den, kehrten ſie, Nathans Wunſche gemaͤß, nach dem Palais zuruͤck, woſelbſt Nathan mehrere Tage den Mithridanes außerordentlich ehrte, und ihn, mit al⸗ ler Anſtrengung und mit dem beſten Wiſſen, in ſei⸗ nem hohen und großen Vorſatze beſtaͤrkte. Und da nun Mithridanes mit ſeiner Geſellſchaft wieder nach Hauſe zuruͤckkehren wollte, und Nathan ihm ſehr wohl hatte einſehen laſſen, daß er ihn an Edelmuth nie uͤbertreffen koͤnnte, ſo entließ er ihn. Vierte Novelle. Meſſer Gentile, aus der Familie Cariſendi, kommt nach Vierte Novelle. 265 Modena, zieht eine Frau aus dem Grabe, die er fruͤher geliebt hatte, und die fuͤr todt begraben worden war; nachdem ſie ſich wieder erholt hatte, kommt ſie noch mit einem Knaben nieder, und Meſſer Gentile bringt ſie und das Kind an Nicoluccio Caccianimico, ihren Mann, zuruͤck. Wunderbar ſchien es Allen, daß Jemand mit ſeinem eigenen Blute freigebig geweſen ſeyn ſollte, und ſie bekraͤftigten in vollem Ernſte, daß Nathan den Koͤnig von Spanien und den Abt von Cligny darin noch uͤbertroffen habe. Nachdem aber hinrei⸗ chend dies und jenes daruͤber geſprochen worden war, ſo gab der Konig, auf Lauretten hinblickend, dieſer zu verſtehen, er wuͤnſche, daß ſie erzahlte. Deßhalb fing Lauretta ſchnell an: Junge Damen, ſchoͤne und herrliche Sachen ſind ſchon erzaͤhlt worden, daß ich nicht glaube, es ſey fuͤr uns noch etwas übrig geblieben, was wir erzaͤh⸗ len, und wohin wir mit unſern Erzaͤhlungen abſchwei⸗ fen koͤnnten, ſo iſt uns alles Hohe, alles Großmuͤ⸗ thige zu erzaͤhlen ſchon vorweggenommen, wenn wir uns nicht an Großthaten der Liebe wagten, welche jedem Stoffe eine uͤberſchwengliche Fuͤlle zum Spre⸗ chen darbieten, und darum will ich Euch theils deß⸗ wegen, als auch darum, weil unſer Alter uns vor⸗ zuglich dahin leitet, eine von einem Liebenden ausge⸗ uͤbte Großmuth erzaͤhlen. Sie wird Euch, alles Uebrige in Betrachtung gezogen, wahrſcheinlich nicht geringer duͤnken, als irgend eine der dageweſenen, ſo daß, wenn das wahr iſt, daß Schaͤtze verſchenket und Feindſchaften vergeſſen werden kuͤnnen, und daß 266 Zehnter Tag. man ſein eigenes Leben, ſeine Ehre, und was noch weit mehr ſagen will, ſeinen Ruf, in tauſend Gefah⸗ ren aufs Spiel ſetzt, um zu dem Beſitze eines gelieb⸗ ten Gegenſtandes zu gelangen. Es befand ſich alſo in Bologna, einer edlen Stadt in der Lombardei, ein durch moraliſchen Werth ſowohl als durch den Adel ſeines Gebluͤtes ſehr acht⸗ barer Cavalier, welcher Meſſer Gentil Cariſendi hieß, und ſich als junger Mann in eine edle Dame, Na⸗ mens Madonna Catalina, die Frau eines gewiſſen Niccoluccio Caccianimico, verliebte. Indeſſen weil er die Liebe der Dame nie wieder gewinnen konnte, ging er faſt in Verzweiftung, als Stadtrichter in Modena berufen, dahin ab. Da nun waͤhrend dieſer Zeit Niccoluecio nicht in Bologna war, die Frau aber auf einer ihrer Be⸗ ſitzungen ſich befand, welche etwa drei Miglien von der Stadt entfernt lag, und woſelbſt ſie ſich, weil ſie ſchwanger war, aufhielt, ſo uͤberfiel ſie daſelbſt plotzlich eine ſehr ſchlimme Krankheit, die von ſol⸗ cher Art und ſolcher Gewalt war, daß jedes Zeichen des Lebens in ihr verſchwand, und ſie daher von dem Arzte ſelbſt fuͤr todt erkläret ward. Indeſſen aber, da ihre naͤchſten Verwandtinnen ſagten, ſie wuͤßten es von ihr ſelbſt, daß ſie noch nicht von langer Zeit her ſchwanger wäre, ſo daß das Geſchoͤpf auch noch nicht vollkommen ausgebildet ſeyn koͤnnte, ſo ſetzten ſie ſie, ohne ſich um ihren Zuſtand weiter zu bekuͤmmern, in ein Gewoͤlbe der nahe gelegenen Kirche unter vie⸗ len Thraͤnen bei. —— e— e e 1 — ch h⸗ eb⸗ len rth ht⸗ eß, ta⸗ ſen eil te, t Be⸗ on eil bſt ol⸗ hen em er, es her cht ſie, n, ie⸗ Vierte Novelle. Dieſer Vorfall ward ſogleich Meſſer Gentile'n durch einen Freund angezeigt. So karg ſie auch mit ihrer Gunſt gegen ihrn geweſen war, ſo war er dar⸗ uber doch ſehr betruͤbt; endlich ſagte er bei ſich ſelbſt: Siehe, Madonna Catalina, jetzt biſt Du todt; ſo lange Du lebteſt, habe ich nie einen einzigen Blick von Dir erhalten koͤnnen, darum muß ich aber jetzt, da Du todt biſt, und Du es mir nicht verwehren kannſt, Dir einen Kuß rauben. So hatte er geſprochen. Schon war die Nacht eingetreten, als er, nach⸗ dem er die noͤthigen Einrichtungen getroffen, damit ſeine Abreiſe verborgen bliebe, mit einem Diener zu Pferde ſtieg, und ohne zu verweilen da hinkam, wo die Frau beigeſetzt war. Da oͤffnete er das Grab⸗ mal, ſtieg vorſichtig in daſſelbe hinein, und legte ſich neben ſie an ihre Seite, näherte ſein Geſicht dem Geſichte der Frau, und kuͤßte ſie mehrmals, mit vie⸗ len Thränen ſie beweinend. Aber ſo wie wir ſehen, daß die Begierde der Menſchen mit keiner Graͤnze zufrieden iſt, ſondern daß ſie immer mehr begehren, und beſonders die Lie⸗ benden, ſo hatte auch er beſchloſſen, hierbei nicht ſte⸗ hen zu bleiben, ſondern ſagte, warum beruͤhre ich, da ich doch einmal hier bin, nicht ihre Bruſt? Nie habe ich ſie beruͤhrt, und nie darf ich ſie wieder be⸗ ruͤhren. Fortgeriſſen alſo von dieſer Begierde, legte er ihr ſeine Hand auf die Bruſt, und nachdem er ſie eine Weile dort hatte liegen laſſen, kam es ihm vor, 268 Zehnter Tag. als fuͤhle er einige Schlaͤge ihr⸗s Herzens. Nun war jede Furcht verjagt, mit noch groͤßerer Aufmerkſam⸗ keit fuͤhlte er hin und fand wirklich, daß ſie durchaus nicht todt wäre, wenn er auch gleich nur wenig und ſchwaches Leben an ihr bemerkte. Deßhalb zog er ſie, ſo ſanft er nur konnte, von ſeinem Diener ge⸗ holfen, aus dem Grabmahle hervor, nahm ſie vor ßch aufs Pferd, und brachte ſie ganz im Geheimen nach ſeinem Hauſe in Bologna. Hier befand ſich ſeine Mutter, eine kräftige und verſtaͤndige Frau, dieſe ward, nachdem ſie alles aus⸗ ſaͤhrlich von ihrem Sohne vernommen hatte, zum Mitleid geruͤhrt, und rief ganz ruhig vermittelſt vie⸗ ler Wärme und einigen Bädern das entflohene Leben in ihr wieder zuruͤck. Sobald ſie wieder zu ſich ſelbſt kam, ſtieß ſie einen tiefen Seufzer aus, und ſagte: Mein Gott, wo bin ich denn jetzt? Sogleich antwortete die treffliche Frau: Beru⸗ hige Dich, Du biſt an einem guten Orte. Nachdem ſie wieder zu ſich gekommen war, ſich ringsumher umgeſehen hatte, und gar nicht wußte, wo ſie war, doch aber Meſſer Gentile vor ſich ſah, bat ſie in der groͤßten Verwunderung ſeine Mutter, ihr doch zu ſagen, wie ſie hierher gekommen wäre. Hierauf erzaͤhlte ihr Meſſer Gentile Alles aus⸗ fuͤhrlich. Sie, hieruͤber ſehr betruͤbt, dankte ihm nach einem Weilchen, ſo ſehr ſie nur konnte, und dann bat ſie ihn bei der Liebe, die er immer fuͤr ſie ge⸗ hal ſei der ne war m⸗ aus und er ge⸗ vor nen ind um ie⸗ en ſie wo u⸗ h Vierte Novelle. habt haͤtte, und bei ſeinem Edelmuthe, daß ſie in ſeinem Hauſe nichts erfuͤhre, was ihrer und ihres Mannes Ehre entgegen waͤre, und daß er ſie, ſobald der Tag nur gekommen ſeyn wuͤrde, nach ihrem eige⸗ nen Hauſe zuruͤckkehren ließe. Hierauf antwortete Meſſer Gentile: Wie auch immer meine Wuͤnſche in den verfloſſenen Zeiten ge⸗⸗ weſen ſeyn moͤgen, ſo geht doch weder jetzt, noch kunftig(da Gott mir dieſe Gnade verliehen hat, daß er Euch mir ins Leben wieder zuruͤckrief, wozu die Liebe, die ich ehedem fuͤr Euch empfunden habe, der Grund geweſen iſt), meine Abſicht dahin, Euch we⸗ der hier noch anderswo anders, als nur wie meine liebe Schweſter zu behandeln. Indeſſen meine Wohl⸗ that, die ich Euch in dieſer Nacht erwieſen habe, verdient wol einigen Lohn, und daher wuͤnſchte ich⸗ daß Ihr mir eine Gunſt nicht verſagtet, um welche ich Euch bitten will. Freundlich antwortete die Frau darauf, ſie wäre dazu bereit, doch nur wenn ſie es thun koͤnnte, und es anſtuͤndig wäre. Darauf ſagte Meſſer Gentile: Madonna, Jeder von Euren Anverwandten, und jeder Bologneſer glaubt, ja, iſt uͤberzeugt, daß Ihr todt ſeyd, daher iſt wol kein Menſch, der Euch in Eurem Hauſe noch erwartete, daher bitte ich Euch um die Gefälligkeit, Euch es gefallen zu laſſen, ſo lange ganz ſtille hier bei meiner Mutter wohnen zu bleiben, bis ich von Modena wieder zuruͤckgekehrt bin, was bald ſeyn wird. Der Grund, weßhalb ich Euch darum bitte, 270 gehnter Tag. iſt der, daß ich beabſichtige, Eurem Manne in Ge⸗ genwart der beſten Buͤrger aus der Stadt mit Euch ein feierliches Geſchenk zu machen. Die Frau, welche ſich dem Cavalier verpflichtet fuͤhlte, und die Bitte fuͤr anſtändig erkannte, war, ſo ſehr ſie auch wuͤnſchte, ihre Anverwandten durch ihr Leben zu erfreuen, entſchloſſen, zu thun, was Meſſer Gentile bat, und daher verſprach ſie es ihm auf ihr Wort. Kaum aber hatte ſie die Worte ihrer Antwort ausgeſprochen, ſo fuͤhlte ſie, die Zeit ihrer Nieder⸗ kunft wäre gekommen. Zaͤrtlich daher von der Mut⸗ ter Meſſer Gentile's beigeſtanden, dauerte es nicht lange, ſo gebar ſie einen ſchoͤnen Knaben. Dies ver⸗ mehrte Meſſer Gentile's und ihre Freude um Vieles. Meſſer Gentile ordnete alles an, was noͤthig war, ſo daß ſie bedient ward, als wenn ſie ſeine eigene Frau geweſen waͤre, und kehrte dann ganz im Geheimen nach Modena zuruͤck. Nachdem die Zeit ſeines Geſchaͤftes hier verfloſſen war und er nach Bologna wieder zuruͤckkehren wollte, ordnete er fuͤr den Tag, an welchem er eben in Bologna wieder eintreffen ſollte, ein ſchoͤnes Gaſtmahl, von vielen edlen Bewohnern Bologna's, unter wel⸗ chen ſich auch Niccoluccio Caccianimico befand, in ſeinem Hauſe an; und nachdem er zuruͤckgekehrt, und abgeſtiegen war, fanden ſie ſich ein. Da er nun aber auch die Frau noch ſchoͤner, und noch geſunder, als er ſie verlaſſen hatte, wiederfand, wie auch, daß ihr Soͤhnchen wohl war, ſo empfing er mit unbe⸗ Ge⸗ uch chtet war, urch was ihm wort der⸗ NRut⸗ nicht ver⸗ eles. thi ſeine z im Zeit nach fuͤr ieder von wel⸗ fand, ehrt, nn nder, „daß unbe⸗ Vierte Novelle. ſchreiblicher Freude ſeine Gaͤſte, ſetzte ſich mit ihnen zur Tafel, und ließ ſie mit mehreren Speiſen praͤch⸗ tig bedienen. Da ſich das Mahl nun ſeinem Ende nahete, ſo fing er, weil er vorher der Frau geſagt hatte, was er zu thun beabſichtigte, und mit ihr auch verabredet hatte, wie ſie ſich dabei zu verhalten habe, alſo zu reden an: Meine Herrn, ich erinnere mich, je zuweilen ge⸗ hoͤrt zu haben, in Perſien waͤre und war auch mei⸗ ner Meinung nach, ein ſehr annehmlicher Gebrauch, welcher darin beſtaͤnde, daß, wenn Jemand ſeinen Freund ganz vorzuglich ehren wollte, ſo luͤde er ihn nach ſeinem Hauſe ein, und hier zeigte er ihm Frau, Freundinn, Tochter, oder was es auch ſonſt nur ſeyn moͤchte, was ihm das Liebſte wäre, mit der Verſiche⸗ rung, daß, wenn es in ſeinem Vermoͤgen ſtäͤnde, er, ſo wie er ihm dies zeigte, ihm doch noch lieber ſein Herz zeigen moͤchte. Dies nun beabſichtige ich, auch in Bologna zu beobachten. Ihr habt guͤtigſt mein Mahl durch Eure Gegenwart beehren wollen, und ich will Euch dafuͤr wieder nach perſiſcher Weiſe eh⸗ ren, wenn ich Euch das zeige, was ich in der Welt am liebſten habe, und auch immer haben werde. Doch ehe ich das thue, bitte ich Euch, mir vorher uͤber einen Zweifel, den ich Euch vorlegen will, zu ſagen, was Ihr meint. Es hatte Jemand in ſeinem Hauſe einen treffli⸗ chen, ſehr treuen Diener, welcher ſchwer erkrankte; dieſer Jemand aber ließ ihn, ohne das Ende des er⸗ 272 gehnter Tag. krankten Dieners abzuwarten, mitten auf die Straße hintragen, und kuͤmmerte ſich nicht weiter um ihn. Da kam ein Fremder, der von Mitleid uͤber den Kranken geruͤhrt, ihn mit ſich nach Hauſe nahm, und ihm mit großer Sorgfalt und mit Koſten ſeine fruͤ⸗ here Geſundheit wieder verſchaffte. Nun moͤchte ich aber wol wiſſen, ob, wenn der ihn behielte, und ſich ſeiner Dienſte bediente, ſein Herr ſich mit gutem Rechte daruͤber beklagen, oder uͤber den zweiten be⸗ ſchweren koͤnnte, wenn der ihm, im Fall er ihn wie⸗ der verlangte, denſelben nicht wiedergeben wollte. Die edlen Männer ſprachen daruͤber unter ſich Verſchiedenes hin und her, und kamen Alle darin uberein, daß ſie dem Niccoluccio Caccianimico, da er ein ſo trefflicher und zierlicher Redner waͤre, die Antwort uͤberließen. Nachdem dieſer zuvoͤrderſt die Sitte in Perſien gebilligt hatte, ſagte er, er kame mit den Andern in dieſer Meinung uͤberein, wie der erſte Herr durchaus keine Anſpruͤche mehr an ſeinen Diener zu machen hätte, weil er ihn in dem vorliegenden Falle nicht al⸗ lein verlaſſen, als vielmehr verſtoßen habe, und wie es ihm voͤllig gerecht ſchiene, daß durch die von dem zweiten bewieſenen Wohlthaten er ſein Diener ge⸗ worden waͤre, und dieſer, wenn er ihn behielte, dem erſten keine Kraͤnkung, keine Gewalt, kein Unrecht thaͤte. Alle Anderen, welche am Tiſche waren, und es waren tuͤchtige Männer darunter, ſagten alle einſtim⸗ un Se ha bez Ca liel ihn die ten unt hat en al⸗ m e⸗ em cht — 5 Vierte Novelle. mig, ſie hielten es mit dem, was Niccoluccio geant⸗ wortet haͤtte. Der Cavalier ſowol uͤber die Antwort ſelbſt, als auch daruͤber, daß eben Niccoluccio ſie gegeben hatte, ſehr zufrieden, verſicherte, er waͤre auch derſelben Meinung, und ſagte dann noch: Nun iſt es Zeit, daß ich Euch ſo, wie ich es verſprochen habe, ehre. Er rief darauf zwei ſeiner Diener, welche er zu der Frau abſchickte(dieſe hatte er vortrefflich klei⸗ den und ſich putzen laſſen), und ließ ſie bitten, ſie moͤchte es ſich doch gefallen laſſen, herzukommen, um die edlen Maͤnner mit ihrer Gegenwart zu erfreuen. Dieſe, ihr allerliebſtes Soͤhnchen auf den Arm genommen, und von zwei Dienerinnen begleitet, trat in den Saal ein, und nahm ihren Platz, nach des Cavaliers Wunſche, neben einem braven Manne, worauf er dann fortfuhr: Meine Herren, das iſt, was ich am liebſten habe, und lieber als alles Andere zu haben geſonnen bin. Seht, ob ich nach Eurer Meinung wol Recht dazu habe. Die edlen Maͤnner empfingen ſie mit allen Ehren⸗ bezeigungen, ſahen ſie aber doch, nachdem ſie dem Cavalier einſtimmig erklärt hatten, daß er ſie ſehr lieb haben muͤſſe, etwas genauer an, und Viele unter ihnen wuͤrden behauptet haben, ſie wäre wirklich die, die ſie war, wenn ſie ſie nicht fuͤr todt gehalten haͤt⸗ ten. Vor allen andern aber ſah ſie Niccoluccio an, und ſobald ſich der Cavalier nur etwas entfernt hatte, fragte er ſie, da er vor Begierde brannte, zu Boccactio's ſämmti. W. 6. 18 274 Zehnter Tag. wiſſen, wer ſie wäre, und er ſich gar nicht mehr halten konnte, ob ſie eine Bologneſerinn, oder eine Auswaͤrtige wäre. Da die Frau merkte, daß ihr Mann ſie fragte, bielt ſie ſich mit aller Muͤhe zuruck, nicht zu antwor⸗ ten, ſondern um die ihr gegebene Weiſung zu beob⸗ achten, ſchwieg ſie. Ein Anderer fragte ſie, ob das ihr Kleiner waͤre, und wieder ein Anderer, ob ſie Meſſer Gentile's Frau wäre, oder auf eine andere Art etwa eine Ver⸗ wandte von ihm. Auch hierauf gab ſie keine Antwort. Indeſſen da Meſſer Gentile wieder herzu kam, ſagte einer von ſeinen Gaͤſten: Meſſer, Ihr habt da eine große Schoͤnheit, aber ſie ſcheint ſtumm zu ſeyn; iſt ſie das wirklich? Meine Herren, ſagte Meſſer Gentile, daß ſie bis jetzt noch nichts geſprochen hat, iſt kein kleiner Be⸗ weis ihrer Tugend. Ei, ſo ſagt Ihr uns denn, fuhr Jener fort, wer ſie iſt. Das will ich ſehr gern thun, ſagte der Cavalier, nur mußt Ihr mir verſprechen, daß, ich mag auch ſagen, was ich wolle, Keiner ſich von ſeinem Orte fortbewegt, ehe ich meine Erzählung nicht geendigt habe. Ein Jeder hatte es verſprochen, und, nachdem die Tafel ſchon abgenommen war, ſagte Meſſer Gen⸗ tile, neben der Frau ſitzend: Meine Herren, dieſe Frau iſt der loyale und Bierte Novelle. 275 treue Diener, uͤber den ich Euch kurz vorher die Frage vorlegte, die von den Ihrigen ſo wenig theuer geachtet, und als ſo was Gemeines, nichts mehr Nuͤz⸗ zes auf die Straße hingeworfen war, die aber von mir aufgenommen, und durch meine Sorgfalt und Muͤhe den Haͤnden des Todes entriſſen worden iſt; worauf ſie Gott, hinſichts meiner aufrichtigen Zu⸗ neigung, aus einem furchtbaren Leichnam fuͤr mich wieder ſo ſchoͤn hat werden laſſen. Damit Ihr aber noch deutlicher einſehen moͤget, wie das zugegangen iſt, ſo will ich es Euch kuͤrzlich erklaͤren. Hierauf fing er von da an, wie er ſich zuerſt in ſie verliebt haͤtte, dann erzaͤhlte er ganz ausführlich, zu großer Verwunderung der Zuhoͤrer, was ſich bis jetzt zuge⸗ tragen habe, bis er denn endlich hinzuſetzte: Deßhalb iſt, wenn Ihr Eure ſo eben geaͤußerte Meinung bis jetzt nicht geaͤndert habt, und Niccoluccio ganz beſon⸗ ders nicht, dieſe Frau verdientermaßen mein, und Niemand kann unter gerechten Anſpruͤchen ſie mir abfordern. Niemand antwortete hierauf, vielmehr erwarte⸗ ten Alle, was er weiter noch wol ſagen wuͤrde. Nic⸗ coluccio und alle Andern, die gegenwaͤrtig waren, ſo wie auch die Frau weinten vor Mitleiden. Aber Meſſer Gentile ſtand auf, nahm den kleinen Jungen auf den Arm, und die Frau an die Hand, und ſo auf Niccoluccio zugehend, ſagte er: Steh auf, Freund, ich gebe Dir Deine Frau, wenn auch gleich Deine und ihre Eltern ſie faſt weggeworfen haben, nicht vloß wieder zuruͤck, ſondern ich will Dir dieſe Frau 276 Zehnter Tag⸗ ſchenken, als meine Gevatterinn mit dieſem ihren Soͤhnchen, von dem ich uͤberzeugt bin, daß er der Deine iſt, den ich aber uber die Taufe gehalten, und Gentile genannt habe. Run aber bitte ich Dich, nachdem ſie beinahe drei Monate in meinem Hauſe geweſen iſt, habe ſie darum um nichts weniger lieb; denn ich ſchwoͤre es Dir bei jenem Gott, welcher vielleicht einſt meine Liebe fuͤr ſie darum erweckte, damit eben dieſe meine Liebe der Grund zu ihrer Rettung wuͤrde, ſo wie ſie es denn wirklich gewor⸗ den iſt, daß ſie niemals mit ihrem Vater, oder mit ihrer Mutter, oder mit Dir anſtändiger gelebt hat, als ſie es mit meiner Mutter in meinem Hauſe ge⸗ than hat. Nach dieſen Worten wandte er ſich an die Frau, und ſagte: Madonna, jetzt entbinde ich Sie von jedem mir gethanen Verſprechen, und ich uͤberlaſſe Sie ganz aus freien Stuͤcken an Niccoluccio; und nachdem er die Frau mit ihrem Kinde in Niccoluccio's Arme zu⸗ ruͤckgelaſſen hatte, ſetzte er ſich wieder nieder. Niccoluccio empfing mit aller Sehnſucht ſeine Frau mit dem Kinde um ſo froͤhlicher wieder, je ent⸗ fernter er von aller Hoffnung geweſen war, und dankte dem Cavalier, ſo gut er nur immer wußte und konnte; die Andern aber, welche alle aus Mit⸗ leid weinten, lobten ihn hieruͤber außerordentlich, ſo wie auch ein Jeder, der es hoͤrte, ihn lobte. Die Frau ward mit dem großten Jubel in ihrem Hauſe wieder aufgenommen, und, wie eine vom Tode — NM — Fuͤnfte Novelle. Erſtandene von den Bologneſern angeſtaunt; Meſſer Gentile aber lebte von nun an immer als Freund mit Niccoluccio und mit ſeinen und der Frau Ver⸗ wandten. Aber nun, meine guͤtigen Damen, was werdet Ihr ſagen? meint Ihr wohl, daß, wenn ein Koͤnig ſeinen Zepter und die Krone verſchenkt, wenn ein Abt ohne ſeine Koſten einen Miſſethäter mit dem Papſte verſoͤhnt, oder wenn ein Greis ſeinen Nacken dem Meſſer ſeines Feindes darbietet, dies mit Meſſer Gentile's That verglichen werden koͤnnte? Welcher junge Mann, feurig und meinend, er beſaͤße mit al⸗ lem Rechte das, was die Sorgloſigkeit eines Andern uͤber die Seite geworfen, er aber mit gutem Gluͤcke auflas, hat nicht allein ſeine Gluth auf eine anſtän⸗ dige Art gemaͤßiget, ſondern auch freiwillig das, wo⸗ nach er mit allen Gedanken ſtrebte, und was er zu rauben trachtete, nun, da er es hatte, zuruͤckgegeben. Wayrlich keine der ſchon erzählten kommt, meiner Meinung nach, dieſer gleich. Fuͤnfte Novelle. Madonna Dianora erbittet ſich von Meſſer Anſaldo einen Garten, der im Januar ſo ſchoͤn wäre, wie im Maiz Meſſer Anſaldo verſchafft ihr denſelben mit Huͤlfe eines Schwarzkuͤnſtlers. Ihr Mann geſteht es ihr zu, Meſſer Anſaldo's Wuͤnſche zu erfuͤllen. Da bieſer aber die Will⸗ faͤhrigkeit des Mannes erfahren hatte, entbindet er ſie von ihrem Verſprechen, und der Schwarzkuͤnſtler ſpricht ihn, ohne etwas fuͤr ſeine Muͤhe haben zu wollen, von ſeiner Verbindlichkeit los. 278 Zehnter Tag. Von Jedem aus der froͤhlichen Geſellſchaft ward Meſſer Gentile mit dem groͤßten Lobe bis zum Him⸗ mel erhoben, als der Koͤnig Emilien auftrug fortzu⸗ fahren; dieſe, begierig zu reden, fing dreiſt alſo an: Süße Maͤdchen, kein Menſch koͤnnte mit Recht ſagen, Meſſer Gentile haͤtte nicht edelmuͤthig gehan⸗ delt; aber wollte man fagen, man koͤnne es auch nicht mehr, ſo wuͤrde es doch ſehr ſchwierig ſeyn, zu beweiſen, daß es auch nicht mehr moͤglich waͤre; und dies denke ich Euch in meiner Novelle zu erzählen. In Friaul, einem, wenn auch kalten Ländchen, was ſich doch aber ſchoͤner Gebirge, mehrerer Fluͤſſe und klarer Quellen erfreut, iſt eine Stadt, Udine genannt, in welcher einſt eine ſchoͤne und edle Frau, genannt Madonna Dianora, lebte, und die Gattin eines ſehr reichen Mannes, Namens Gilbert, war, der ein freundliches und ſehr huͤbſches Aeußere hatte. Ihrer Trefflichkeit wegen hielt dieſe Frau ein edler und hoher Mann, welcher den Namen Meſſer Anſaldo aus Grada fuͤhrte, ſeiner Liebe werth. Die⸗ ſer, ein Mann vornehmen Standes, und ſowol ſei⸗ nes Muthes als auch ſeiner feinen Lebensart wegen allenthalben bekannt, liebte ſie gluhend, und that al⸗ les, was in ſeinen Kräften ſtand, um von ihr wieder geliebt zu werden; allein ſo oftmals er auch durch ſeine Geſandtſchaften ſie angehen ließ, ſo war doch alle ſeine Muͤhe vergebens. Der Frau waren die ſorgfaͤltigen Bemuͤhungen des Ritters ſehr zuwider, und da ſie ſah, er hoͤre, trotz deſſen, daß ſie ihm alles, was er von ihr erbat, Fuͤnfte Novelle. 279 verſagte, darum doch nicht auf, ſie zu lieben, und ſie zu bedrängen, ſo dachte ſie, ſie wolle durch eine neue und ihrer Meinung nach unmoͤgliche Bitte ſich ihn vom Halſe ſchaffen, und ſagte daher eines Tages zu einer Frau, welche ſeiner ſeits oftmals zu ihr kam, alſo: Gute Frau, Du haſt mich ſo oftmals verſichert, daß Meſſer mich uͤber alles liebe, und haſt mir auch von ſeiner Seite wundervolle Geſchenke gebracht, die er, wie es mein Wille iſt, behalten ſoll, weil Du mich durch dieſelben nie dahin bringen wirſt, weder ihn zu lieben, noch ihm zu Gefallen zu ſeyn; indeſ⸗ ſen, wenn ich uͤberzeugt ſeyn koͤnnte, daß er mich wirklich in dem Grade liebe, wie Du es ſagſt, ſo wurde ich mich ohne Zweifel entſchließen, ihn zu lie⸗ ben und zu thun, was er wuͤnſcht. Will er mir da⸗ her durch das, was ich von ihm erbitte, hieruͤber die Verſicherung geben, ſo werde ich zu ſeinen Befehlen ſeyn. Die gute Frau ſagte hierauf: Was iſt das, Ma⸗ dame, was Sie verlangen, daß er thun ſoll? Was ich verlange, antwortete die Dame, iſt dies. Ich wuͤnſche im naͤchſtkommenden Monat Januar bei dieſem Landgute einen Garten voll gruͤner Kraͤuter, voll Blumen und voll belaubter Baume, nicht anders geſtaltet, als wenn es im Mai waͤre; wenn er das nicht thut, ſo ſoll er weder Dich noch irgend einen Andern jemals wieder an mich abſchicken. Wollte er mich aber dennoch reizen, ſo wurde ich, da ich bis jetzt Alles vor meinem Manne und meinen Eltern 280 Zehnter Tag. gänzlich verborgen gehalten habe, eben ſo, denn ſie dauern mich, mir alle Muͤhe geben, ihn mir vom Halſe zu ſchaffen. Da der Ritter die Antwort und das Verlangen ſeiner Dame vernommen hatte, glaubte er, ſo ſchwer und beinahe unmoͤglich es ſchien, es dennoch ausfuͤh⸗ ren zu muͤſſen, da er wohl einſah, die Dame haͤtte dies aus keinem andern Grunde verlangt, als nur um ihm alle Hoffnung zu benehmen; daher veſchloß er bei ſich, zu verſuchen, was er nur thun koͤnnte. Er ſandte alſo nach vielen Gegenden der Welt aus, und ließ umher ſuchen, ob ſich nicht einer finden ſollte, der ihm Huͤlfe oder Rath hierbei geben koͤnn⸗ te; und es kam ihm wirklich einer in die Haͤnde, der, wenn er gut beſoldet wuͤrde, durch Zauberei es zu bewerkſtelligen ſich erbot. Nachdem Meſſer Anſaldo durch eine große Sum⸗ me Geld mit ihm uͤbereingekommen war, erwartete er froͤhlich die ihm feſtgeſetzte Zeit, und ſobald dieſe gekommen, bewerkſtelligte es der große Kuͤnſtler, ob⸗ gleich die Kälte ſehr groß war, und alles voller Schnee und Eis lag, daß auf einer ſehr ſchoͤnen Wieſe, nahe an der Stadt durch ſeine Kunſt, in der Nacht, welche auf den erſten Januar folgte, am Morgen, ſo wie die, die es ſahen, es bezeugten, einer der ſchoͤnſten Gärten, den nur je ein Menſch geſehen hatte, mit Kraͤutern und mit Baͤumen, und mit Fruͤchten aller Arten erſchien. Sobald Meſſer Anſaldo voller Freuden dieſen geſehen hatte, brach er einige der ſchoͤnſten Fruͤchte —— —— ₰ . — — ——— Fuͤnfte Novelle. 281 und der ſchoͤnſten Blumen, wie ſie darin nur vorhan⸗ den waren, und ließ dieſelben ſeiner Dame im Ge⸗ heimen uͤberreichen, ſie aber zugleich auch einladen, den von ihr gewuͤnſchten Garten in Augenſchein zu nehmen, damit ſie hierdurch einſehen moͤchte, daß er ſie liebe, und ſie ſich ihres ihm, durch einen Schwur bekraͤftigten gegebenen Verſprechens nicht nur erin⸗ nern, ſondern ihm auch nun, wie es einer loyalen Frau zukaͤme, zu halten ſich bemuͤhen moͤchte. Sobald die Frau die Blumen und Fruͤchte geſe⸗ hen, und ſchon von Vielen uͤber den wundervollen Garten ſprechen gehoͤrt hatte, fing ſie an ihr Ver⸗ ſprechen zu bereuen. Aber bei aller ihrer Reue ging ſie dennoch, ſo begierig war ſie, dieſes Wunder zu ſehen, mit vielen andern Frauen aus der Stadt hin, den Garten zu beſehen. Nicht ohne Verwunderung mußte ſie ihn loben, kehrte aber trauriger als je eine andere Frau nach Hauſe zuruͤck, wenn ſie an das dachte, wozu ſie hierdurch verpflichtet war. Ihr Schmerz war auch wirklich ſo groß, daß ſie ihn nicht gut bei ſich verbergen konnte, ſondern daß ihr Mann ihn, da er ſich deutlich in ihrem Aeußern zeigte, be⸗ merkte, und den Grund davon zu wiſſen verlangte. Die Frau verſchwieg ihn lange aus Schaam; endlich aber eroͤffnete ſie nothgedrungen ihm alles der Reihe nach. Anfaͤnglich ward Gilbert, als er dies hoͤrte, ſehr unruhig daruͤber, dann aber, als er die reine Abſicht ſeiner Frau dabei eingeſehen, ſagte er, da er ſich eines Beſſeren berathen, und den Zorn verjagt hatte: 282 Zehnter Tag. Dianora, weder eine kluge noch eine ehrbare Frau, wird eine Geſandtſchaft von der Art anhoͤren, noch unter irgend einer Bedingung ihre Tugend gegen einen Andern verpfaͤnden. Sind die Worte einmal erſt vom Herzen durch die Ohren angenommen worden, ſo haben ſie eine groͤßere Gewalt, als Viele wol glauben und den Liebenden wird faſt Alles möglich. Du haſt alſo erſtlich daran Unrecht gethan, daß Du ſie angehoͤrt, und dann Dich in einen Vertrag einge⸗ laſſen haſt. Indeſſen, da ich die Unbeſcholtenheit Deiner Seele kenne, ſo will ich, um Dich von der Verpflichtung Deines Verſprechens zu entbinden, Dir zugeſtehen, was vielleicht ein Anderer nicht thun würde, wozu mich aber die Furcht vor dem Schwarz⸗ kuͤnſtler treibt, deſſen Rache uns Meſſer Anſaldo da⸗ fuͤr, daß Du ihn zum Beſten gehabt, wol zuziehen könnte. Ich bin es alſo zufrieden, daß Du zu ihm gehſt, und daß Du, auf welche Art Du nur kannſt, Dich Deines Verſprechens entledigſt, doch ſo, daß Du Deine Tugend rein erhaͤltſt; und konnteſt Du nicht anders, ſo gieb ihm fuͤr dies Mal den Koͤrper hin, aber nicht die Seele. Bei dieſen Worten des Mannes weinte die Frau und ſagte, daß ſie dieſe Nachſicht durchaus von ihm nicht annehmen wuͤrde. Gilbert aber blieb dabei, ſo ſehr ihm die Frau auch widerſprach, daß ſie es ſo machen ſollte. Am folgenden Morgen, noch bei der Morgen⸗ roͤthe, machte ſich die Frau, ohne ſich eben ſehr zu putzen, mit zwei Dienſtmaͤdchen voran, und einer Fuͤnfte Novelle. Kammerfran hinter ſich, auf den Weg nach Meſſer Anſaldo's Wohnung. Sobald dieſer hoͤrte, daß ſeine Dame gekommen wäre, wunderte er ſich ſehr, ſtand auf und ließ den Schwarzkuͤnſtler rufen. Ich wuͤnſche, ſagte er zu ihm, daß Du ſelbſt ſehen moͤchteſt, was fuͤr ein Gluͤck Deine Kunſt mir zu Wege gebracht hat. Dar⸗ auf ging er ihr entgegen, ohne ſich von einer unge⸗ zuͤgelten Begier leiten zu laſſen, empfing ſie ſehr an⸗ ſtaͤndig mit vieler Achtung, und ging mit ihnen Ak⸗ len in ein ſchoͤnes Zimmer, worin ein großes Feuer brannte. Nachdem er ſie ſich hatte niederſetzen laſ⸗ ſen, ſagte er: Madonna, ich bitte Euch, laßt es Euch nicht verdrießen, wenn die lange Liebe, die ich fur Euch gefuͤhlt habe, nur irgend eine Belohnung ver⸗ dient, mir den wahren Grund zu eroͤffnen, der Euch zu einer ſolchen Stunde und unter ſolcher Beglei⸗ tung zu mir hergefuͤhrt hat. Die Dame vor Schaam erroͤthend, und faſt mit Thraͤnen in den Augen, antwortete: Herr, weder Liebe, die ich fuͤr Euch empfinde, noch mein gegebe⸗ nes Verſprechen fuͤhren mich hierher, ſondern der Befehl meines Mannes, welcher mehr die Bemuͤhun⸗ gen Eurer pflichtwidrigen Liebe, als ſeine und meine Ehre beruͤckſichtigte, hat mich hierher kommen gehei⸗ ßen, und auf ſeinen Befehl bin ich nur fuͤr dieſes Mal eu jedem Eurer Wuͤnſche bereit. Wenn Meſſer Anſaldo gleich anfaͤnglich, als er die Ankunft der Frau hoͤrte, ſich wunderte, ſo wun⸗ derte er ſich jetzt bei weitem noch mehr, und von der Zehnter Tag. mildthaͤtigen Nachgiebigkeit Gilberts gerührt, ver⸗ wandelte ſich die Gluth ſeiner Liebe in Mitleiden, und er ſagte: Madonna, Gott ſoll mich ewig bewahren, wenn die Sachen ſo ſtehen, wie Ihr ſaget, daß ich die Ehre deſſen zernichten wollte, der mit meiner Liebe Mit⸗ leid gehabt hat, und darum ſeyd, ſo lange es Euch hier zu bleiben gefallen wird, nicht anders hier, als waͤret Ihr meine Schweſter, und Ihr koͤnnt frei wie⸗ der von yier gehen, wenn es Euch gefallen wird, ſo daß Ihr ganz aufrichtig Eurem Gemahl fuͤr eine ſolche Willfaͤhrigkeit, als die ſeinige geweſen iſt, den Dank ſagen koͤnnt, wie Ihr ſelbſt ihn fuͤr ge⸗ ziemend erachtet, indem er fuͤr die Zukunft mich ſtets als ſeinen Bruder und Diener anerkennen möge. Sobald die Frau dieſe Worte hoͤrte, war ſie daruͤber erfreut, wie nur je, und ſagte: Nichts hätte mir je den Glauben rauben koͤnnen, wenn ich auf Eure Sitten Ruͤckſicht nahm, daß mein Kommen eine andere Folge haͤtte haben koͤnnen, als die, welche ich ſehe, daß daſſelbe durch Euch gehabt hat, und dafuͤr werde ich mich Euch immer fuͤr ver⸗ pflichtet erkennen. Hierauf nahm ſie Abſchied, und kehrte, ſehr anſtaͤndig begleitet zu Gilbert zuruͤck, dem ſie Alles erzahlte, was vorgefallen war; worauf die engſte und aufrichtigſte Freundſchaft ihn und Meſſer Anſaldo verband. Der Schwarzkuͤnſtler, dem Meſſer Anſaldo den verſprochenen Lohn zu geben ſich anſchickte, ſagte, da er die Willfaͤhrigkeit Gilberts gegen Meſſer An⸗ S M— w N S S u — W Nw—* ——* —— Sechſte Novelle. 285 ſaldo, und die des Meſſer Anſaldo ſah: das wolle Gott nicht, daß ich, nachdem ich geſehen habe, wie willfaͤhrig Gilbert ſeine Ehre und Ihr Eure Liebe aufgeopfert habt, nicht eben ſo willfaͤhrig meine Be⸗ lohnung aufopfern ſollte, und weil ich einſehe, daß dieſe Euch zukomme, ſo will ich auch, daß ſie Euch bleiben ſoll. Der Cavalier ſchaͤmte ſich und bemuͤhete ſich, ihn dahin zu bringen, daß er das Ganze oder doch wenigſtens einen Theil annehmen moͤchte; allein da er ſich vergebliche Muͤhe machte, der Schwarzkuͤnſtler auch ſeinen Garten nach drei Tagen wieder wegge⸗ nommen hatte, und wieder abreiſen wollte, ſo befahl er ihn Gott, und loͤſchte in ſeinem Herzen die lüſter⸗ ne Begier gegen die Frau aus, wogegen er von an⸗ ſtaͤndiger Liebe gegen ſie entbrannt blieb. Was ſollen wir nun hier ſagen, liebevolle Maͤd⸗ chen? ſollen wir die halbtodte Frau, und die ſchon durch die entkräftete Hoffnung erlauete Liebe dieſer freiſinnigen Hingebung Meſſer Anſaldo's vorziehen, der noch immer weit gluͤhender, als nur je liebte, und faſt noch von deſto groͤßerer Hoffnung entflammt, die lange verfolgte Beute in ſeinen Händen hielt? Thoͤ⸗ richt wuͤrde es mir ſcheinen, wenn man glauben woll⸗ te, daß jene Hingebung dieſer gleichgeſtellt werden koͤnnte. Sechſte Novelle. Der Konig Kark der Aeltere, ſieggekrönt, verliebt ſich in ein junges Mädchen, ſich aber über ſeinen thoͤrichten Ge⸗ danken ſchaͤmend, verheirathet er das Mäbchen und ihre Schweſter ſehr anſtaͤndig. Zehnter Tag⸗ Wer koͤnnte das mannichfaltige Raiſonnement vollſtaͤndig erzählen, was unter den Damen daruͤber entſtand, wer eine groͤßere freimüthige Hingebung bewieſen haͤtte, Gilbert oder Meſſer Anſaldo, oder der Schwarzkuͤnſtler in Hinſicht auf Madonna Dia⸗ nora? Das wuͤrde zu weit fuͤhren. Indeſſen da der Koͤnig einige Zeit daruͤber zu disputiren verſtat⸗ tet hatte, befahl er Fiammetta'n, auf ſie hinblickend, ſie durch eine Novelle aus dieſem Streite zu ziehen. Dieſe fing daher, keinen Verzug ergreifend, alſo an: Herrliche Damen, ich habe immer in der Mei⸗ nung geſtanden, in Geſellſchaften, wie die unſrige iſt, muͤſſe ſo unbeſchraͤnkt geſprochen werden, daß eine zu große Einſchraͤnkung der Abſicht bei dem was er⸗ zaͤhlt worden iſt, den Andern keinen Stoff daruͤber zu ſtreiten gäbe. Das gehoͤrt mehr in die Schulen Studirender hin, als unter uns, die wir kaum dem Rocken und der Spindel genuͤgen. Daher werde ich, die ich allenfalls etwas Zweifelhaftes zu erzahlen im Sinne hatte, aber ſehe, daß uͤber das ſchon Erzaͤhlte ein kleiner Hader entſtanden iſt, dieſe Novelle zu er⸗ zählen unterlaſſen, und dagegen von einem nicht we⸗ niger bedeutenden Manne, und zwar von einem maͤchtigen Koͤnige erzaͤhlen, wie rittermaͤßig er han⸗ delte, ohne ſeiner Ehre im geringſten zu vergeben. Eine Jede von Euch wird mehrmals des Koͤnigs, Karls des Aelteren, oder des Erſten, erwaͤhnen ge⸗ hoͤrt haben, durch deſſen ſtattliches Unternehmen, und wegen des glorreichen Sieges, den er uͤber den Koͤnig Manfred erfocht, die Ghibellinen aus Florenz ver⸗ er⸗ ver gs, ge⸗ und nig Sechſte Rovelle. jagt wurden, und die Guelfen dahin wieder zuruͤck⸗ kehrten. Deßhalb zog auch ein Ritter, Namens Meſ⸗ ſer Neri, aus der Familie Uberti, zugleich mit ſeiner ganzen Familie und vielem Gelde hinaus, und wollte ſich nicht anders, als unter die Fittige Karls ſelbſt begeben. Um nun an einem einſamen Orte zu leben, und daſelbſt in Ruhe ſein Leben zu beſchließen, ging er nach Caſtello da Maro di Diſtabia, und kaufte ſich daſelbſt etwa einen Bogenſchuß von andern Woh⸗ nungen des Landes, unter Kaſtanien-, Oel⸗ und Nußbäumen, woran die Gegend einen Ueberfluß hat, eine Beſitzung, auf welcher er eine ſchoͤne und be⸗ queme Wohnung erbaute. Neben derſelben legte er einen anmuthigen Garten an, und in der Mitte deſ⸗ ſelben, nach unſerer Sitte, da er an lebendigem Waſſer einen Ueberfluß hatte, einen ſchoͤnen klaren Fiſchteich, den er mit einer Menge von Fiſchen an⸗ fullte. So dachte er auf nichts anders, als ſeinen Garten täglich zu einem der ſchoͤnſten zu machen. Nun begab es ſich ein Mal, daß der Koͤnig Karl in der warmen Sommerszeit, um ſich ein wenig aus⸗ zuruhen, nach Caſtello al Mare ging. Hier hoͤrte er von der Schoͤnheit des Gartens von Meſſer Neri, und er bekam das Verlangen, den zu beſehen. Nachdem er vernommen, wem er zugehoͤrte, dachte er, weil der Cavalier von der der ſeinigen entgegen⸗ geſetzten Partei ware, ſich auf eine hoͤflichere Art gegen ihn zu bezeigen, und ließ ihm ſagen, er wolle mit vier Begleitern ganz unbemerkt den naͤchſten Abend mit ihm in ſeinem Garten ſpeiſen. 288 Zehnter Tag. Dies war Meſſer Neri ſehr lieb, er ließ daher prächtige Zuruͤſtungen machen, und da er mit ſeiner Familie, alles was dabei zu thun waͤre, verabredet hatte, empfing er, ſo freudig, wie er nur wußte und konnte, den Koͤnig in ſeinem ſchoͤnen Garten. Nachdem derſelbe den ganzen Garten und auch die Wohuung Meſſer Neri's beſehen und gelobt hatte, nahm der Koͤnig, da die Tafeln in die Naͤhe des Teiches geſetzt waren, und nachdem er ſich gewaſchen hatte, an einer derſelben ſeinen Platz, und hieß den Grafen Guido von Montfort, welcher einer von ſei⸗ nen Begl itern war, daß er ſich an ſeiner Seite nie⸗ derſetzen moͤchte, Meſſer Neri an der andern, und die uͤbrigen drei, welche mitgekommen waren, daß ſie nach der von Meſſer Neri angeordneten Weiſe, bei der Tafel ſerviren moͤchten. Nun wurden die delikateſten Speiſen aufgetra⸗ gen, die Weine waren vortrefflich und koſtbar, die Ordnung ſchoͤn und lobenswuͤrdig und alles ging ohne Geraͤuſch und Unannehmlichkeiten zu. Der Koͤnig bezeigte ſein Wohlgefallen daruͤber, und ſpeiſte froͤhlich, ſich uͤber den einſamen Ort er⸗ freuend; ſiehe da traten zwei junge Maͤdchen, etwa funfzehn Jahre alt, in den Garten ein, blond wie das feinſte Gold; in den Haaren, welche aufgeloͤſt herabrollten, einen leichten Kranz von Sinngruͤn; ihren Geſichtern nach ſchienen ſie eher Engel als ſonſt etwas zu ſeyn, ſo zart und ſchoͤn waren ſie; gekleidet wa⸗ ren ſie in ein Kleid von dem feinſten Linnen, ſo weiß wie Schnee, auf dem bloßen Leibe. Von dem Guͤr⸗ 15 e Sechſte Novelle. tel nach der Bruſt hinauf lag es ganz knapp an, von da herunter aber ward es immer weiter, wie ein Zelt, bis tief auf die Fuͤße hinunter. Die, welche zuerſt kam, trug auf den Schultern ein Fiſchnetz⸗ was ſie mit der linken Hand hielt, in der rechten hatte ſie einen langen Stab. Die andere, welche hinter ihr kam, hatte auf der linken Schulter eine Pfanne, und eben unter dieſem Arme ein Buͤndel Holz, in der Hand aber einen Drei⸗ fuß, und in der andern ein Fläſchchen mit Oel und eine kleine angezuͤndete Fackel. Sobald der König ſie erblickte, ſtaunte er, und erwartete aufmerkſam, was das ſagen ſollte. Die jungen Maͤdchen, welche mit Anſtand und verſchaͤmt hervortraten, neigten ſich vor dem Koͤnige; dann gingen ſie dahin, wo der Eingang zu dem Fiſchteiche war; die, welche die Pfanne hatte, ſetzte dieſelbe nieder, und die anderen Sachen daneben; nahm den Stab, den die andere trug, und Beide gin⸗ gen in den Teich, deſſen Waſſer ihnen bis an die Bruſt reichte. Einer der Diener des Perrn Neri zuͤndete da⸗ ſelbſt ſchnell das Feuer an, und ſetzte die Pfanne, in welche er Oel hineingethan, daruͤber; dann war⸗ tete er, bis die jungen Mädchen ihm Fiſche zuwarfen⸗ Die Eine derſelben ſtörte da umher, wo ſie wußte, daß die Fiſche ſich verbuͤrgen, die Andere hielt die Netze bereit; und ſo fingen ſie zum groͤßten Vergnuͤgen des Koͤnigs, der aufmerkſam zuſah, in kurzer Zeit, Fiſche genug. Hatten ſie ſie aber dem Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 19 290 Zehnter Tag. Diener, welcher ſie faſt lebendig wieder in die Pfanne that, zugeworfen, wie es ihnen vorber gelehrt wor⸗ den war, ſo nahmen ſie die ſchoͤnſten wieder heraus, und warfen ſie dem Koͤnige, dem Grafen Guido und ihrem Vater auf den Tiſch hin. Dieſe Fiſche ſchluͤpften dann auf dem Tiſche herum, woruͤber der Koͤnig ein beſonderes Vergnuͤgen hatte, ſo daß er ſie eben ſo wieder fing, und den jungen Maͤdchen ſcherzhaft wieder zuwarf; und auf dieſe Art neckten ſie ſich ſo lange, bis der Diener die gekocht hatte, die ihm waren gegeben worden⸗ Dies ſollte eine Zwiſchenſpeiſe ſeyn, welche als ein ſehr liebes und ergoͤtzliches Gericht, ſo wie es Meſ⸗ ſer Neri angeordnet hatte, vor den Koͤnig hingeſetzt wurde. Da die Maͤdchen ſahen, daß die Fiſche gar wa⸗ ren, und ſie genng geſiſcht hatten, traten ſie, obgleich ihre weißen, duͤnnen Kleider ihnen am Leibe ankleb⸗ ten, und keinen Theil ihrer zarten Koͤrper verbargen, aus dem Teiche heraus, Jede nahm die mitgebrach⸗ ten Geräthſchaften wieder, und Beide gingen ver⸗ ſchaͤmt vor dem Koͤnige vorbei, und kehrten ins Haus zuruͤck. Der Koͤnig ſowol als der Graf und alle die An⸗ dern, welche aufgewartet, hatten dieſe Maͤdchen ſehr genau betrachtet, und ein Jeder ſie bei ſich als ſchoͤn und wohl geſtaltet gelobt, uͤberdies aber noch ſehr reizend und wohlgeſittet gefunden; allein vor allen Undern hatten ſie dem Koͤnige gefallen. Er hatte jeden Theil ihres Koͤrpers ganz genau betrachtet, als e 8 8 e————.— ne ra 8, nd he en en uf er n. in eſ⸗ tzt ⸗ ich b⸗ en, er⸗ us ln⸗ hr n ehr len tte als Sechſte Novelle. 291 ſie aus dem Waſſer kamen, ſo daß, wenn man ihn jetzt mit Nadeln geſtochen hätte, er es nicht gemerkt haben wuͤrde; daher fuͤhlte er, je mehr er an ſie wieder dachte, ohne daß er wußte, wer und woher ſie waͤren, wie in ſeinem Herzen der heißeſte Wunſch, ihnen zu gefallen, entſtand, woran er deutlich er⸗ kannte, er werde in ſie verliebt werden, wenn er nicht über ſich wache. Doch aber wußte er auch ſelbſt noch nicht einmal, welche von Beiden diejenige wäre, die ihm am meiſten gefiele, ſo gleich war in Allem die Eine der Andern. Indeſſen da er dieſem Gedanken einige Zeit nachgehangen hatte, wandte er ſich an Meſſer Neri mit der Frage, wer dieſe beiden Mädchen wären. Ihm antwortete Meſſer Neri; gnädiger Herr, es ſind meine Toͤchter, Zwillinge, von denen die eine die huͤbſche Ginevra und die andere die blonde Iſotta heißt. Der Koͤnig lobte ſie hierauf ganz außerordentlich, rieth aber ſehr dazu, ſie zu verheirathen. Meſſer Neri entſchuldigte ſich mit ſeinem gerin⸗ gen Vermoͤgen. Da nun bei dem Mahle nichts weiter, als die Früchte noch übrig waren herum zu geben, ſo erſchie⸗ nen die beiden jungen Mäͤdchen wieder, in zwei aller⸗ liebſten Jaͤckchen von Zindeltafft gekleidet, mit zwei großen ſilbernen Schuͤſſeln, gefullt mit verſchiedenen Fruͤchten, wie ſie die Jahreszeit mit ſich brachte, in der Hand, und dieſe ſetzten ſie vor dem König auf den Tiſch hin. Nachdem ſie dies vollbracht Hatten, 292 ſ8ehnter Tag. zogen ſie ſich ein wenig zuruͤck, und begannen ein Lied, deſſen Anfangsworte alſo lauteten: Ach, Amor, Deine Qualen Ertrag' ich laͤnger nicht. mit ſolcher Zartheit und Lieblichkeit zu ſingen, daß der Koͤnig, der ſie mit Wohlgefallen anſah und an⸗ hoͤrte, glaubte, es wären alle Choͤre der himmliſchen Heerſchaaren hier zum Singen herabgeſtiegen. So⸗ bald ſie ihren Geſang geendet hatten, neigten ſie ſich ehrfurchtsvoll, und haten den Koͤnig, ſich beurlauben zu duͤrfen. So ſchmerzhaft dieſem auch ihre Entfernung war, ſo gewaͤhrte er es ihnen doch mit froͤhlicher Miene. Das Mahl war geendet, als der Koͤnig mit ſei⸗ nem Gefolge wieder zu Pferde ſtieg und Meſſer Neri verließ; unter mancherlei Geſprächen uͤber die⸗ ſes und jenes kehrten ſie nach dem koͤniglichen Hof⸗ lager wieder zuruͤck. So verborgen er hier auch ſeine Neigung hielt, ſo konnte er doch, trotz der wichtigen Geſchaͤfte, die ihn uͤberhäuften, die Schoͤnheit und die Anmuth der ſchoͤnen Ginevra nicht vergeſſen, aus Liebe zu wel⸗ cher er auch ihre ihr ſo ähnliche Schweſter liebte, vielmehr klebte er ſo feſt an der Leimruthe der Liebe, daß er beinahe nichts anders denken konnte. Andere Gruͤnde daher vorgebend, unterhielt er mit Meſſer Neri eine ſo enge Vertraulichkeit, daß er oft ſeinen ſchoͤnen Garten beſuchte, um Ginevra zu ſehen. Er konnte es nun auch nicht laͤnger mehr ertra⸗ — 1„ c D aß n⸗ en 0⸗ ich en ng her ſei⸗ ſſer ie⸗ elt, die der e⸗ te, be, ere ſſer nen ra⸗ Sechſte Novelle. 293 gen, ſondern kam, weil er keine andere Weiſe abſah, auf die Gedanken, nicht bloß die Eine, ſondern beide Mädchen dem Vater zu rauben, und offenbarte daher ſeine Liebe und ſeine Abſicht dem Grafen Guidv. Dieſer, als ein rechtlicher Mann, ſagte zu ihm: Gnädiger Herr, ich muß mich ſehr wundern über das, was Sie mir ſagen, und zwar ich um ſo mehr, als jeder Andere, da ich glaubte von Ihrer Kindheit an, bis auf den heutigen Tag Ihre Sitten beſſer als jeder Andere kennen gelernt zu haben. Und da es mir ſchien, als haͤtten Sie in Ihrer Jugend, zu welcher Zeit Amor ſeine Krallen weit leichter ein⸗ ſchlaͤgt, ſolche Leidenſchaft gar nicht gekannt, ſo iſt es mir jetzt, wo ich glaube, daß Sie ſich dem Alter ſchon naͤhern, ſo neu und ſonderbar, wenn Sie aus wirklicher Liebe lieben, daß es mir faſt wie ein Wun⸗ der vorkommt. Kaͤme es mir zu, Sie daruͤber zu tadeln, ſo wuͤßte ich wohl, was ich Ihnen daruͤber ſagen koͤnnte, hinſichts deſſen, daß Sie, der Sie noch mit den Waffen in der Hand, in einem kaum erſt eroberten Lande, ſich unter einer Nation befinden, die Sie noch nicht kennen gelernt haben, die voller Be⸗ trug und Verrath iſt, und bei der Sie, ganz beſchaͤfti⸗ get mit großen Bekuͤmmerniſſen und wichtigen Angele⸗ genheiten, ſich noch nicht einmal ruhig niederſetzen gekonnt haben, dennoch unter ſo wichtigen Umſtaͤnden der taͤuſchenden Liebe haben Raum geben koͤnnen. Dies iſt nicht die Handlungsweiſe eines großherzigen Koͤnigs, ſondern eines ſchwachkoͤpfigen Juͤnglings. Und uͤberdies, was noch das Schlimmſte iſt, Sie ſa⸗ 294 Zehnter Tag. gen, Sie hätten beſchloſſen, die beiden Maͤdchen dem armen Cavalier zu rauben, der Sie in ſeinem Hauſe uͤber ſeine Kraͤfte geehrt hat, und um Sie noch mehr zu ehren, Ihnen dieſelben faſt nackend gezeigt hat, wodurch er bewies, wie groß das Vertrauen wäre, was er auf Sie ſetzte, und wie feſt er glaubt, Sie wären ein Koͤnig, nicht aber ein reißender Wolf. Nun aber ſind Ihnen die von Manfredi begangenen Gewaltthaͤtigkeiten, welche Ihnen den Eingang in dieſes Reich geoͤffnet haben, ſobald aus dem Gedaͤcht⸗ niß entfallen? Iſt denn wol je ein Verrath began⸗ gen, der einer ewigen Strafe wuͤrdiger geweſen waͤre, als dieſer es ſeyn wuͤrde, wenn Sie demjenigen, der Sie ehret, ſeine Ehre, ſeine Hoffnung und ſeinen Troſt raubten? Was wuͤrde man von Ihnen ſagen, wenn Sie das thaͤten? Sie glauben vielleicht, es wuͤrde eine hinlängliche Entſchuldigung ſeyn, zu ſa⸗ gen: Ich that es, weil er ein Ghibellino war. Aber iſt das eine koͤnigliche Gerechtigkeit, wenn diejenigen, welche in Ihre Arme ihre Zuflucht nehmen, moͤgen ſie auch ſeyn, wer ſie wollen, auf ſolche Art, und auf ſolche Weiſe behandelt werden? Ich erinnere Sie, Koͤnig, daß es ein ſehr großer Ruhm fuͤr Sie iſt, Manfredi uͤberwunden zu haben, aber ein noch weit größerer iſt es, ſich ſelbſt uͤberwinden. Und darum uͤberwinden Sie, der Sie Andere zur leiten haben, ſich ſelbſt, zuͤgeln ſie dieſe Begierde, und wollen Sie nicht durch einen ſolchen Schandfleck das, was Sie ſo ruhmlich erworben haben, zerſtoͤren. Dieſe Worte traſen das Gemuͤth des Koͤnigs m ſe hr at, re, ie lf. en n⸗ re, der en en, ſa⸗ er en, en uf ie, ſt⸗ eit m en, ie ie Sechſte Novelle. 295 ſehr heftig, und bekuͤmmerten ihn um ſo mehr, fuͤr je wahrer er ſie erkannte; nach einem heißen Seuf⸗ zer ſagte er daher: Graf, wahrlich, jeden andern noch ſo maͤchtigen Feind halte ich, ſey er auch ein noch ſo geſchickter Streiter, fuͤr weit ſchwaͤcher und für viel leichter zu uͤberwinden, als ſeine eigenen Begierden; aber wie groß auch der Kummer iſt, und was auch fuͤr eine nicht zu beſtimmende Kraft erforderlich ſeyn mag, ſo haben mich doch Eure Worte ſo angeſpornt, daß ich, ehe noch mehrere Tage vergehen, Euch durch die That zeigen werde: ſo wie ich Andere zu beſiegen weiß, ſo weiß ich auch mich ſelbſt zu bezuhmen. Es vergingen auch nach dieſen Worten nicht viel Tage, ſo kehrte der Koͤnig nach Neapel zuruck, theils um ſich ſelbſt die Gelegenheit, ſchlecht zu handeln, zu benehmen, theils um den Cavalier fuͤr die von ihm empfangene Ehre zu belohnen⸗ und ſo ſchwer es ihm auch ankam, einen zum Beſitzer deſſen zu machen, was er ſo ſehnlich fur ſich wuͤnſchte, ſo nahm er ſich deſſen Allen ungeachtet vor, die beiden jungen Mäd⸗ chen zu verheirathen, und zwar nicht wie Toͤchter des Herrn Neri, ſondern wie ſeine eigenen. Mit Genehmigung des Herrn Neri alſo ſtattete er ſie prächtig aus, und gab die ſchoͤne Ginevra an Meſſer Maffeo da Palizzi, und die blonde Iſotta an Meſſer Wilhelm della Magna, edle Cavaliere und große Barone ein Jeder. Nachdem er dies ſo be⸗ ſtimmt hatte, ging er mit unſaͤglichem Schmerze nach Lpulien, und zähmte bei fortgeſetzter Anſtrengung 296 Zehnter Tag. ſeine wilde Begierde auf ſolche Weiſe, daß, da er die Ketten der Liebe zerriſſen und zerbrochen hatte, er, ſo lange er noch zu leben uͤbrig hatte, frei von aller Leidenſchaft blieb. Es wird vielleicht Mancher ſagen, fuͤr einen Koͤ⸗ nig iſt das was Geringes, zwei junge Maͤdchen ver⸗ heirathet zu haben; und ich ſtimme bei; aber viel groͤßer, ja das Großte nenne ich es, wenn wir ſagen, daß ein verliebter Koͤnig dies gethan hat, daß er diejenige verheirathete, die er liebte, ohne von ſeiner Liebe auch nur ein Blatt, eine Blume oder eine Frucht erhalten oder genommen zu haben. So handelte der großherzige Koͤnig, den edlen Ritter auf eine hohe Art belohnend, die geliebten Mädchen auf eine lobenswurdige Art ehrend, und ſich ſelbſt kraͤftig uͤberwindend. Siebente Novelle. Der Koͤnig Peter, als er die heiße Liebe bemerkte, welche Liſa, daruͤber erkrankend, für ihn empfand, troͤſtet die⸗ ſelbe, und nachdem er ſie an einen edlen jungen Mann verheirathet, und ſie auf die Stirn gekuͤßt hatte, nennt er ſich auf immer ihren Ritter. Gekommen war Fiametta an das Ende ihrer Erzählung, und die männliche Hochherzigkeit des Kö⸗ nigs Karl ſehr gelobt worden, obgleich eine Ghibel⸗ linerinn, welche ſich darunter befand, ihn eben nicht loben wollte, als Pampinea, nachdem der Koͤnig es ihr aufgetragen hatte, anfing: Kein beſcheidener Mann, geehrte Damen, wird ſeyn, der nicht uͤber den guten Koͤnig Karl eben das „ e— ———„—.—„„ G—„.+— —„—— Siebente Novelle. 297 ſagen ſollte, was Ihr daruͤber ſagt, es muͤßte denn einer ſeyn, der ihm uͤbrigens nur uͤbel wollte. In⸗ deſſen weil mir ein Vorfall durch den Kopf geht, der nicht weniger zu loben iſt, als dieſer, der einer der Unſrigen, einer jungen Florentinerin von ihrem Widerſacher zubereitet war, und den ich Euch jetzt erzaͤhlen will. Zur Zeit, als die Franzoſen aus Sicilien vertrie⸗ ben worden waren, war in Palermo ein Landsmann von uns, ein Florentiner, ein Apotheker, Namens Bernhard Puccini, ein ſehr reicher Mann, welcher mit ſeiner Frau, ohne mehrere Kinder, nur eine ein⸗ zige ſehr ſchoͤne, mannbare Tochter hatte. Als der Koͤnig Peter von Arragonien Herr der Inſel geworden war, hielt er mit ſeinen Baronen in Palermo ein wundervolles Hoflager. Da er nun hier Waffenuͤbungen nach Cataloni⸗ ſcher Art anſtellte, traf es ſich einmal, daß Bern⸗ hards Tochter, deren Name Eliſa war, aus einem Fenſter, wo ſie mit anderen Frauen ſich befand, ihn ſah, als er eben um den Preis kämpfte; er gefiel ihr auf eine ſo wundervolle Art, daß ſie, ein Mal und mehr Mal nach ihm hinſehend, ſich gluͤhend in ihn verliebte. Sobald das Feſt beendiget war, und ſie ſich wieder in ihrem vaͤterlichen Hauſe befand, konnte ſie an nichts anders denken, als an ihre hohe und erhabene Liebe. Was ihr aber hierbei vorzuͤglich anſtoͤßig war, war das Bewußtſeyn ihres niedern Standes, was ihr auch nicht die mindeſte Hoffnung 298 Zehnter Tag. eines froͤhlichen Ausganges faſſen ließ; dennoch aber konnte ſie ſich nicht davon zuruͤckbringen, den Koͤnig zu lieben. Doch aber wagte ſie, aus Furcht vor noch groͤßerem Kummer, es nicht, ſich zu entdecken. Der Koͤnig hatte hiervon nichts gemerkt, und kummerte ſich auch gar nicht darum, ſo daß ſie einen ſo unerträglichen Schmerz daruͤber empfand, als man ſich nur vorſtellen kann. Daher kam es denn, daß, da ihre Liebe täglich bei ihr wuchs, und ein Truͤb⸗ ſinn uber den andern ſich einfand, das junge Mäd⸗ chen, da ſie es nicht mehr ertragen konnte, erkrankte, und ſich zuſehends von einem Tage zum andern, wie der Schnee an der Sonne, verzehrte. Beide Eltern, uͤber dieſen Zufall ſehr betrübt, richteten ſie durch fortgeſetzte Troͤſtungen, durch aͤrzt⸗ liche Huͤlfe und Mittel, ſo viel ſie nur konnten, auf; aber das war alles nichts, vielmehr hatte ſie, an ihrer Liebe verzweifelnd, erwählt, nicht laͤnger leben zu wollen. Da nun ihr Vater allen ihren Wünſchen entge⸗ gen kam, verfiel ſie auf den Gedanken, wenn ſie es nur auf eine thunliche Art koͤnnte, ihre Liebe und ihren Vorſatz, ehe ſie ſtuͤrbe, den Konig wiſſen zu laſſen, und deßhalb bat ſie ihn, eines Tages, er moͤchte ihr doch den Minuzzo von Arezzo kommen laſſen. Minuzzo aber ward zu damaliger Zeit für einen ſehr feinen Sänger und Spieler gehalten, und war beim Koͤnige Peter gern geſehen. Bernhard ließ ihn daher wiſſen, daß Eliſa wuͤnſchte, ihn einmal ſpielen und ſingen zu hören⸗ ber nig och ind en an aß⸗ b⸗ d⸗ te, vie fz Siebente Novelle. 299 Sobald er ihm dies hatte ſagen laſſen, kam er, der ein gefaͤlliger Mann war, unverzuͤglich zu ihr; und nachdem er ihr mit liebevollen Worten zugeredet hatte, ſtimmte er auf ſeinem Inſtrumente eine Stam⸗ pita auf eine ſehr ſuͤße Weiſe an, worauf er alsdann eine Canzone ſang. Dies war fuͤr die Liebe der Jungfrau ſo gut als Feuer und Flamme, da er ſie gerade zu troſten geglaubt hatte. Hierauf ſagte das junge Maͤdchen, ſie wuͤnſchte einige Worte mit ihm allein zu ſprechen. Es ent⸗ fernte ſich daher ein Jeder, und dann ſagte ſie: Minuzzo, ich habe Dich zum treuſten Bewahrer meines Geheimniſſes auserſehen, in der Hoffnung erſtlich, daß Du es keinem Andern, als den ich Dir nennen werde, jemals offenbaren wirſt, und dann bitte ich Dich, daß Du mir in dem, was bei Dir ſteht, pilfſt. Du ſollſt alſo wiſſen, lieber Minuzzo, an dem Tage, an welchem unſer Herr, der Koͤnig Peter, das große Feſt ſeiner Erhebung feierte, ſah ich ihn, da er ein Waffenſpiel hielt, in einem ſo entſcheiden⸗ den Augenblicke, daß fuͤr ihn ein ſo heftiges Feuer in meiner Seele entbrannte, welches mich dahin, wo Du mich ſiehſt, gebracht hat, und da ich es nicht verjagen, ja nicht einmal nur verringern kann, es mir aber doch uͤber alle Maßen ſchwer zu ertragen iſt, ſo habe ich, als geringeren Schmerz, zu ſterben beſchloſſen, und das ſoll geſchehen. Ich kann es nicht leugnen, voͤllig untroͤſtlich wuͤrde ich ſeyn, wenn er es nicht vorher erfuͤhre; und da ich nicht weiß, durch wen ich ihm dieſen meinen Entſchluß ſchickli⸗ 300 Zehnter Tag. cher konnte wiſſen laſſen, als eben durch Dich, ſo will ich es Dir uͤbertragen, und bitte Dich, ſchlage mir nicht ab, es zu thun, und wenn Du es ausge⸗ richtet haben wirſt, ſo laß es mich wiſſen, damit, wenn ich getroͤſtet ſterbe, ich mich von dieſen Qualen los mache. Nachdem ſie mit Thränen in den Augen alſo geſprochen hatte, ſchwieg ſie. Minuzzo verwunderte ſich uͤber den hohen Sinn des Mädchens und ihren grauſamen Vorſatz; und das ging ihm ſehr nahe; doch aber fiel ihm bald ein, wie er ihr auf eine anſtaͤndige Art dienen koͤnnte. Er ſagte daher zu ihr: Eliſe, ich ſetze Dir meine Treue zum Pfande, daß Du ſicher ſeyn kannſt, Du ſollſt Dich nicht ge⸗ taͤuſcht finden; ich lobe Dich daher wegen Deines ſo erhabenen Unterfangens, Deinen Sinn auf einen ſo großen Koͤnig geſetzt zu haben, und biete Dir meine Huͤlfe an, vermittelſt welcher ich, wenn Du Dich nur furs erſte zufrieden geben willſt, es dahin zu bringen gedenke, daß ich Dir, ehe der dritte Tag vergangen iſt, Nachrichten zu bringen glaube, die im Allgemeinen Dir lieb ſeyn ſollen; und um keine Zeit zu verlieren, will ich ſogleich den Anfang machen. Eliſa bat ihn nochmals ſehr, verſprach ihm, ſich zu beruhigen, und hieß ihn gehen mit Gott. Minuzzo ging, ſuchte einen gewiſſen Mico von Siena auf, zu damaliger Zeit ein guter Reimkuͤnſt⸗ ler, und bat denſelben um eine Canzone, welche Eli⸗ ſa's Geſinnungen aus ſpraͤche. Dieſe Worte ſetzte Minuzzo ſogleich auf eine liebliche und gefuhlvolle — M W Siebente Novelle. 30 ½ Weiſe in Muſik, ſo wie es der Inhalt derſelben er⸗ forderte, und ging damit am dritten Jage an den Hof, als der Koͤnig Peter noch an der Tafel ſaß. Dieſer ſagte ihm, er moͤchte etwas zu ſeinem Inſtru⸗ mente ſingen. Minuzzo fing daher an das Lied ſo ſuͤß zu ſpie⸗ len und zu ſingen, daß, ſo viel ihrer nur in dem kö⸗ niglichen Saale ſich befanden, wie bezaubert zu ſeyn ſchienen, ſo ſtill und aufmerkſam hoͤrten Alle zu, und der Koͤnig ſelbſt noch etwas mehr, als die Andern. Als Minuzzo ſeinen Geſang vollendet hatte, fragte ihn der Koͤnig, woher es kame, daß er dieſen noch nie gehoͤrt zu haben ſich erinnere. Gnädiger Herr, antwortete Minuzzo, es ſind kaum drei Tage, daß die Worte und die Melodie ge⸗ macht wurden. Und als der Koͤnig hierauf gefragt hatte, fuͤr wen, antwortete er, das wage ich keinem Andern zu entdecken, als nur Euch. Der Koͤnig, begierig dies zu erfahren, hob die Jafel auf, und ließ ihn zu ſich ins Kabinet kommen. Hier erzählte ihm Minuzzo Alles, was er gehoͤrt hatte, der Reihe nach: Der Koͤnig, ſehr erfreut hierüͤber, lobte das junge Mäͤdchen ſehr, und ſagte, man muͤſſe mit einem ſo wackern Maͤdchen Mitleid haben, er moͤchte alſo in ſeinem Namen zu ihr gehen, ſie troͤſten, und ihr ſa⸗ gen, er wuͤrde unfehlbar an dieſem Tage gegen Abend kommen, ſie zu beſuchen. Minuzzo im hoͤchſten Grade erfreut, dem jungen Maͤdchen eine ſo angenehme Nachricht bringen zu 302 Zehnter Tag. koͤnnen, ging, ohne noch zu verweilen, mit ſeinem Inſtrumente fort, um mit ihr allein zu ſprechen; und nachdem er ihr Alles ausfuͤhrlich erzaͤhlt hatte, ſang er das Lied noch einmal zu ſeinem Inſtrumente. Hieruͤber war das junge Maͤdchen ſo vergnuͤgt, und ſo zufrieden, daß angenſcheinlich, ohne irgend einen Verzug, die groͤßten Zeichen ihrer Beſſerung erſchienen. Mit Sehnſucht, ohne daß einer aus der Familie wußte, oder ahnete, was das heißen ſollte, erwartete ſie den Abend, an welchem ſie ihren Herrn ſehen ſollte. Der Koͤnig, welcher ein freiſinniger, guͤtiger Herr war, hatte uͤber das, was er von Minuzzo ge⸗ hoͤrt, oftmals nachgedacht, und ward, da ihm das Maͤdchen ſowol, als auch ihre Schoͤnheit bekannt ge⸗ worden war, nur noch theilnehmender gegen ſie, als er es vorher geweſen war. Er ſtieg um die Abend⸗ ſtunde zu Pferde, ſo als wenn er zu ſeinem Vergnuͤ⸗ gen ausreiten wollte, und gelangte dahin, wo das Haus des Apothekers lag. Hier ließ er bitten, daß ihm der ſo ſchoͤne Gar⸗ ten geoͤffnet werden moͤchte, den der Apotheker hatte, und in dieſem ſtieg er ab. Nach kurzer Zeit fragte er Bernhard, wie es mit ſeiner Tochter ſtaͤnde, ob er ſie ſchon verheirathet haͤtte. Bernhard antwortete: Gnädiger Herr, ſie iſt noch nicht verheirathet, vielmehr war und iſt ſie noch jetzt ſehr krank; doch, muß ich geſtehen, ſeit der None hat ſie ſich wundervoll gebeſſert. Der Koͤnig merkte den Augenblick, was dieſe „ m n5 te, e. t, nd ng er te, en e⸗ ſie it ſe Siebente Novelle. 303 Beſſerung zu bedeuten hätte, und ſagte: Auf Ehre, es wuͤrde auch Schade geweſen ſeyn, wenn ſo ein huͤbſches Kind der Welt ſchon entzogen worden wäre; aber wir wollen ſie doch beſuchen. Nur mit zwei Gefaͤhrten und mit Bernhard ging er bald darauf nach ihrer Kammer, und als er da⸗ ſelbſt eingetreten war, näherte er ſich dem Bette, wo das Maͤdchen, ſchon etwas aufgerichtet, ſeiner mit Sehnſucht erwartete. Er nahm ſie bei der Hand und ſagte: Madonna, was ſoll das heißen? Ihr ſeyd noch jung, ſolltet Andere troͤſten, und werdet ſelbſt krank. Wir wollten Euch wol bitten, aus Liebe fuͤr uns Euch zuſammen zu nehmen, ſo, daß Ihr bald wieder geſund wuͤrdet. Das junge Maͤdchen, ſobald ſie ſich von der Hand deſſen beruͤhrt fuͤhlte, den ſie ſo uͤber Alles liebte, empfand dennoch, wenn ſie ſich auch gleich ein wenig ſchaͤmte, ſolches Entzuͤcken in ihrem Innern, als wenn ſie im Paradieſe wäre, und gab ihm, ſo gut ſie nur konnte, zur Antwort: Mein Herr, daß ich meine wenigen Kräfte einer viel zu ſchweren Laſt unterziehen wollte, das iſt fur mich der Grund zu dieſer Krankheit geworden, von der Ihr mich aber, Dank Eurer Guͤte, bald wieder befreiet ſehen werdet. Der Koͤnig nur allein verſtand die verſteckten Reden des Mädchens, was er von jetzt an weit hoͤher achtete; mehrmals verwuͤnſchte er bei ſich ſelbſt das Schickſal, das ſie die Tochter eines ſolchen Mannes *— 304 Zehnter Tag. hatte werden laſſen. Nachdem er noch einige Zeit bei ihr verweilt, und ihr Muth eingeſprochen hatte, ging er fort. Dieſe Leutſeligkeit des Koͤnigs ward ſehr ge⸗ ruͤhmt, und dem Apotheker und ſeiner Tochter als eine beſondere Ehre angerechnet, auch war ſie daruͤber ſo zufrieden, als nur je ein Mädchen uͤber die ihres Geliebten geweſen iſt, ſo daß ſie auch von noch beſ⸗ ſerer Hoffnung unterſtuͤtzt, in wenigen Tagen wieder hergeſtellt, und ſchoͤner ward, als ſie es ie gewe⸗ ſen war. Indeſſen, als ſie wieder hergeſtellt war, uͤber⸗ legte der Koͤnig mit der Koͤniginn, wie er ihr fuͤr eine ſolche Liebe danken wollte; er ſtieg daher eines Tages zu Pferde, und begab ſich, mit vielen ſeiner Barone, nach dem Hanſe des Apothekers; er trat im Garten ein, und ließ den Apotheker mit ſeiner Joch⸗ ter rufen; zugleich aber war auch die Koͤniginn mit vielen Damen dahin gekommen, und nachdem ſie das Maͤdchen mit zu ihrer Geſellſchaft gezogen hatten, begingen ſie ein wundervolles Feſt. Nach wenigen Augenblicken rief der Koͤnig zu⸗ gleich mit der Koͤniginn Eliſen und ſagten zu ihr: Wackeres Maͤdchen, die große Liebe, die Du uns bewieſen haſt, hat Dir von uns eine große Ehre er⸗ worben, und wuͤnſchen wir, daß Du aus Liebe zu uns damit zufrieden ſeyn moͤchteſt. Und dieſe Ehre iſt folgende: Da es Zeit iſt, daß Du verheirathet wer⸗ den moͤgteſt, ſo wuͤnſchten wir, Du moͤchteſt den zum Manne nehmen, den wir Dir geben wollen, wobei S S S 2 S888 S vi it te⸗ ls er es er * r= r es ev it 1 n t⸗ Siebente Novelle. aber immer unſere Abſicht doch dahin geht, uns deſ⸗ ſen ungeachtet Deinen Ritter zu nennen, und ohne von ſolcher Liebe mehr als einen Kuß von Dir zu begehren. Das junge Mädchen, vor Schaam im Geſichte ganz roth geworden, erfuͤllte des Koͤnigs Wunſch⸗ und gab mit leiſer Stimme folgendes zur Antwort. Gnädiger Herr, ich bin vollig überzeugt, daß, wenn man wuͤßte, ich haͤtte in Euch mich verliebt, man mich groͤßtentheils fuͤr eine Thoͤrin erklaͤren wuͤrde, indem man vielleicht glauben moͤchte, ich haͤtte ſelbſt den Verſtand verloren, und daß ich meinen Stand, und noch weit mehr Euren verkannt haͤtte; aber Gott, der allein nur die Herzen der Sterblichen durchſchaut, weiß, daß ich in dem Augenblicke, als Ihr zum erſten Male mir gefielet, wohl bedachte⸗ daß Ihr ein Koͤnig und ich die Tochter des Apothe⸗ kers Bernhard waͤre, und daß es ſich fuͤr mich gar nicht gezieme, die Gluth meines Herzens auf einen ſo hohen Gegenſtand zu richten. Aber, ſo wie Ihr viel beſſer als ich wiſſen werdet, Niemand verliebt ſich nach ſchuldiger Wahl, ſondern nach Luſt und Gefallen, ſo haben ſich doch meine Kräfte jenem Ge⸗ ſetze oftmals widerſetzt, und da ich nichts mehr dage⸗ gen vermochte, ſo liebte, liebe und werde ich Euch immer lieben. Wahr iſt es, ſobald ich mich von Liebe gegen Euch eingenommen fuͤhlte, ſobald war ich auch entſchloſſen, Euren Willen ſtets zu dem mei⸗ nigen zu machen; und das haͤtte ich nicht bloß deßhalb gethan, um nur gern einen Mann haben zu wollen, und Boccactio's ſaͤmmtl. W. 6. W 306 gehnter Tag. den lieb zu haben, den es Euch gefallen hätte, mir zu geben, in ſo fern er meine Ehre und meinen Stand beſtimmt haben wuͤrde; ſondern, wenn Ihr geſagt haͤttet, ich ſollte in dieſem Feuer verbleiben, ſo wuͤr⸗ de es, in dem Glauben Euch zu gefallen, meine Frende geweſen ſeyn. Euch, mein Koͤnig, zum Rit⸗ ter zu haben, wißt Ihr ſelbſt, in wie fern mir das zukommt, und deßhalb antworte ich darauf nichts; eben ſo wenig wie der Kuß, den Ihr allein nur von meiner Liebe haben wollt, nicht ohne Bewilligung meiner Koͤniginn Euch zugeſtanden ſeyn wird. Den⸗ noch aber moͤge für ſolche Gnade, als die Eurige und die der Koniginn, welche hier gegenwaͤrtig, iſt, Gott, ſtatt meiner Euch danken und lohnen, da ich es nicht vermag. Und hier ſchwieg ſie. Der Koͤniginn gefiel die Antwort des jungen Maͤdchens ſehr, und ſie ſchien ihr wirklich ſo weiſe zu ſeyn, als der Koͤnig es ihr geſagt hatte. Der Konig ließ hierauf den Vater und die Mut⸗ ter des jungen Mäaͤdchens rufen, und da er merkte, ſie wären zufrieden mit dem, was er zu thun beab⸗ ſichtigte, ſo ließ er ſich einen jungen Mann rufen, der ein junger aber armer Edelmann war, und Per⸗ dicone hieß; dieſem gab er ein Paar Ringe in die Hand, und verlobte, da Jener es nicht zu thun ver⸗ weigerte, ihn mit Eliſa. Sogleich gab der Koͤnig ihnen außer vielen und koſtbaren Edelſteinen, die er und die Koͤniginn dem jungen Mädchen zum Ge⸗ ſchenk machten, noch Cefalu und Calatabellotta, zwei ſehr ſchoͤne Landzuter mit großen Einkunften, indem d gt . — ne it⸗ as on ng en⸗ ige iſt, gen eiſe kut⸗ kte, eab⸗ fen, Per⸗ die ver⸗ onig ie er Ge⸗ zwei ndem Achte Novelle. 307 er ſagte: Dieſe ſchenken wir Dir als eine Mitgift des Mädchens; das, was wir fuͤr Dich ſelbſt thun wollen, ſollſt Du in der Zukunft ſehen. Nach dieſen Worten wandte er ſich zu dem jun⸗ gen Mädchen, und ſagte: Jetzt will ich die Frucht ernten, die uns von Eurer Liebe zukommen muß; hierbei faßte er mit beiden Händen ihren Kopf, und kuͤßte ihr die Stirn. Perdicone, und der Vater und die Mutter Eli⸗ ſa's, ſo wie auch ſie ſelbſt, waren eben ſo zufrieden, und ſtellten ein großes Feſt und eine froͤhliche Hoch⸗ zeit an. Nach dem, was Viele verſichern, beobachtete der Koͤnig das Schickliche gegen das junge Maͤdchen ſehr wohl, denn ſo lange er lebte, nannte er ſich immer ihren Ritter, auch ging er zu keinem Waffen ſpiel, daß er eine andere Deviſe getragen haͤtte, als die ihm von ihr zugeſandt worden war. Durch ſolche Handlungen werden die Gemuͤther der Unterthanen eingenommen, giebt man ſelbſt An⸗ deren Stoff zu guten Handlungen, und ſo wird ewi⸗ ger Ruhm erworben. Aber hierauf haben heutiges Tages Wenige oder Keiner den Bogen des Verſtan⸗ des gerichtet, da die meiſten der großen Herren grau⸗ ſam und Tyrannen geworden ſind. Achte Novelle. Sophronia glaubt Giſippo's Frau zu ſeyn, und iſt die Frau des Titus Quintius Fulvo; mit dieſem geht ſie nach Rom, wohin auch Giſippo in armfeligen Umſtänden 308 Zehnter Tag⸗ hinkommt, und von Titus verachtet zu ſeyn gkanbend⸗ behauptet er, um zu ſterben⸗ einen Menſchen umgebracht zu haben. Titus erkennt ihn wieder, und um ihn 3½ retten, ſagt er, er habe jenen Menſchen umgebracht; als aber der, der es gethan hatte⸗ dies ſteht, giebt dieſer ſich ſelbſt an. Dieſerhalb aber werden alle drei von Or⸗ tavianus befreit, und Titus giebt dem Giſippo ſeine Schweſter zur Gattin⸗ und theilt all ſein Vermögen mit ihm⸗ Philomena fing auf Befehl des Koͤnigs, da Pampinea zu ſprechen aufgehoͤrt, und jede den Koͤnig Peter gelobt hatte, mehr aber indeſſen noch die Ghi⸗ vellinerin als die Anderen, auf folgende Art an: Herrliche Maͤdchen, wer weiß es nicht, daß Koͤ⸗ nige, wenn ſie nur wollen, das Großte vollbringen können, und daß es von ihnen ganz vorzuͤglich gefor⸗ dert wird, großherzig zu ſeyn. Wer daher, wenn er es kann, das thut, was ihm zukommt, thut wohl; nur darf Keiner ſich daruͤber ſo ſehr wundern, noch ihn mit dem hoͤchſten Lobe erheben, wie es einem Andern, der eben dies auch thaͤte, und von dem es doch ſeiner wenigen Kraͤfte wegen eben nicht ge⸗ fordert wuͤrde, zukaͤme. Wenn Ihr daher die Handlungen des Koͤnigs mit ſolchen Worten erhebt, da ſie Euch ſo ſchoͤn erſchienen, ſo zweifte ich gar nicht, daß Handlungen von unſeres Gleichen Euch nicht noch weit mehr gefallen, und von Euch gelobt werden ſollten, wenn ſie denen der Koͤnige gleichkom⸗ men, oder wol gar noch großer ſind. Deßhalb habe ich mir vorgenommen, Euch eine lobenswuͤrdige und hochherzige Handlung zwiſchen zwei buͤrgerlichen Freun⸗ den in einer Novelle zu erzählen. b ht s ſer N ine n ig do⸗ gen er 7 och em em ge⸗ die ebt, gar uch lobt om⸗ abe und eun⸗ Achte Novelle. 309 Zur Zeit alſo, als Octavianus Caͤſar, noch nicht Auguſtus genannt, ſondern in ſeinem Amte, genannt das Triumvirat, im roͤmiſchen Reiche regierte, lebte in Rom ein edler Menſch, genannt Publius Quin⸗ tius Fulvus, der einen Sohn hatte, welcher Titus Quintius Fulvus hieß, von wundervollen Geiſtesga⸗ ben; dieſen ſchickte er, die Philoſophie zu ſtudiren, nach Athen, und empfahl ihn, ſo viel er mur konnte, einem edlen Manne, Namens Chremes, welcher ſein älteſter Freund war. Von dieſem ward Titus in ſein eigenes Haus, zur Geſellſchaft ſeines Sohnes, Namens Giſippo, aufgenommen, und Titus und Gi⸗ ſippo wurden zuſammen vom Chremes zum Unter⸗ richt einem Philoſophen, Namens Ariſtipp, ubergeben. Da auf dieſe Art die beiden jungen Leute mit einander umgingen, ſo fanden ſie, daß ihre Geſin⸗ nungen ſo gleichmaͤßig waren, daß eine ſo große Bruͤderſchaft und Freundſchaft unter ihnen entſtand, die kein anderer Unfall als der Tod jemals nur trennen koͤnnte. Keiner von ihnen genoß irgend eines Gutes oder der Ruhe anders, als nur wenn ſie bei einander waren. Sie hatten ihre Studien mit einan⸗ der angefangen, und Jeder, mit den hoͤchſten Geiſtes⸗ gaben ausgeſtattet, erſtieg die ruhmvollſte Hoͤhe der Philoſophie mit gleichen Schritten und bewunde⸗ rungswuͤrdigem Lobe. In dieſer Lebensart verblieben ſie zu Chremes größtem Vergnügen, der weder den einen noch den andern mehr als Sohn liebte, drei Jahre bei einan⸗ der. Am Ende derſelben geſchah es, wie es mit al⸗ 310 Zehnter Tag.. len Dingen zu geſchehen pflegt, daß Ehremes, ſchon alt, aus dieſem Leben ging. Sie fuͤhlten gleichen Schmerz hieruͤber, wie uͤber den Verluſt eines ge⸗ meinſchaftlichen Vaters, ſo daß weder die Freunde noch die Anverwandten des Chremes unterſcheiden konnten, wen von Beiden uͤber den eingetretenen Fall. ſie mehr zu troͤſten haͤtten. Einige Monate nachher geſchah es, daß Giſip⸗ po's Freunde und Anverwandte bei ihm waren, und zugleich mit Titus ihm zuredeten, eine Frau zu neh⸗ men; und fanden ſie auch ein junges Maͤdchen von wundervoller Schoͤnheit, und von ſehr edlen Eltern abſtammend, eine Buͤrgerinn Athens, deren Name Sophronia war, und etwa funfzehn Jahre alt ſeyn mochte Da der Zeitpunkt der bevorſtehenden Hochzeit herannahete, bat Giſippo eines Tages den Titus, er moͤchte ſie ihm doch einmal zeigen, da er ſie noch nicht geſehen hatte. Sie waren in ihr Haus ange⸗ langt, und ſie ſaß zwiſchen Beiden mitten inne; als Titus, gleichſam in der Betrachtung der Schoͤnheit von ſeines Freundes Braut vertieft, indem jeder ihrer einzelnen Theile ihm ganz außerordentlich ge⸗ fiel, und er Alles im hoͤchſten Grade bei ſich lobte, ſo heftig, doch ohne nur den mindeſten Schein davon blicken zu laſſen, gegen ſie entbrannte, als nur je ein Liebender gegen ſein Maͤdchen entbrannt ge⸗ weſen iſt. Als ſie darauf einige Zeit mit ihr zuſammen gweſen waren, gingen ſie fort, und kehrten nach —— 8 c 6 — cn on en e⸗ en all. P* nd rn me yn eit er och ge⸗ als meit der ge⸗ bte, von je ge⸗ nen ach Achte Novelle. 311 Hauſe zuruͤck. Hier fing Titus, da er allein in ſein Zimmer eingetreten war, an, an das junge Madchen zu denken, was ihm ſo gefallen hatte, und entbrannte noch immer mehr gegen ſie, je mehr er ſich in ſeine Gedanken vertiefte. Dies endlich gewahr werdend, fing er nach vielen heißen Seufzern zu ſich ſelbſt an: Titus, du fuͤhrſt doch ein elendes Leben; worauf richteſt du dein Herz, deine Liebe und deine Hoffnung? Siehſt du nicht ein, daß du fuͤr die von Chremes und ſeiner Familie empfangene Ehre, und auch für die innige Freundſchaft, welche zwiſchen dir und Gi⸗ ſippo beſteht, deſſen Braut ſie iſt, eben dieſes Maäͤd⸗ chen in ſolcher Achtung halten mußt, als waͤre ſie deine Schweſter? Was liebſt du ſie alſo? Wohin läßt du dich von der täuſchenden Liebe verfuͤhren? Wohin von der ſchmeichleriſchen Hoffnung? Oeffne die Augen deines Verſtandes, Elender, und erkenne dich ſelbſt. Gieb der Vernunft Raum, zügele deine luſterne Begier, mäͤßige dein nicht rechtmäßiges Ver⸗ langen, und richte deine Gedanken auf etwas Ande⸗ res; widerſtehe gleich bei dieſem Anfange deiner Wolluſt, und uberwinde dich ſelbſt, weil es noch Zeit iſt. Dies ziemt ſich nicht, was du willſt⸗ dies iſt nicht anſtändig, dies, was zu verfolgen du beſchlie⸗ ßeſt, muͤßteſt du, wenn du auch gewiß waͤrſt, es zu erreichen(und das biſt du nicht), fliehen, naͤhmeſt du Ruͤckſicht auf das, was wahre Freundſchaft for⸗ dert, und was deine Pflicht iſt. Was wirſt du alſo thun, Titus? Fahren laſſen jene unziemliche Liebe, und das thun, was dir zukommt. 312 Zehnter Tag. Dann aber, Sofroniens ſich erinnernd, wandte er ſich wieder zum Gegentheil, verdammte alles, was er geſprochen hatte, und ſagte: Die Geſetze der Liebe ſind von groͤßerer Macht als irgend andere, ſie zerbrechen nicht nur die der Freundſchaft, ſondern auch die goͤttlichen. Wie oft hat nicht ſchon der Vater die Tochter geliebt? Der Bruder die Schweſter? Die Stiefmutter den Stief⸗ ſohn? Dinge, die weit ungeheurer ſind, als daß ein Freund die Frau des andern liebt, ſind ſchon tauſend Wal geſchehen. Ueberdies bin ich jung, und die Ju⸗ gend iſt den Geſetzen der Liebe ganz unterwerfen. Alſo, was der Liebe zuſteht, ſteht auch mir zu. Ehr⸗ barkeit gehoͤrt fur das reifere Alter. Ich kann nichts anders wollen, als was die Liebe will. Ihre Schoͤn⸗ heit verdient von einem Jeden geliebt zu werden; und wenn ich ſie liebe, weil ich jung bin, wer koͤnnte mich mit Recht nur daruͤber tadeln? Ich liebe ſie nicht darum, weil ſie Giſippo's Frau iſt, nein, ich liebe ſie, und wurde ſie lieben, moͤchte ſie auch ſeyn⸗ weſſen ſie wollte. Fehlte hier das Schickſal, das ſie Giſippo'n, meinem Freunde, eher zugeſtand, als einem Andern, und muß ſie geliebt ſeyn(und das muß ſie, und zwar mit Recht, ihrer Schoͤnheit wegen), ſo muß Giſippo weit eher daruber zufrieden ſeyn, wenn er es wieder erfährt, daß ich, ich ſie liebe, als ein Anderer. Aber nach dieſem Selbſtgeſpraͤche ſpottete er über ſich ſelbſt, kam wieder auf das Gegentheil zu⸗ ruck, und von dieſem wieder auf jenes, und von je⸗ 5 S„„ 8—* — * — 3 Achte Novelle. 313 nem wieder auf dieſes; und ſo, daß er nicht nür die⸗ ſen Tag und die folgende Nacht, ſondern auch noch viele andere auf dieſe Art hinbrachte, bis er endlich⸗ da ihm weder Speiſe noch Schlaf mehr erquickte, aus Schwäche gezwungen, auf ſein Lager hinſank. Giſippo, der ihn ſeit mehreren Vagen immer gedankenvoll geſehen hatte, und ihn jetzt wirklich Frank ſah, betruͤbte ſich ſehr daruͤber, und bemuͤhete ſich mit aller Kunſt und Sorgfalt, nie ſich von ihm trennend, ihn zu troͤſten, indem er ihn oft und drin⸗ gend nach dem Grunde ſeiner Gedanken und ſeiner Krankheit fragte. Allein da Titus ihm mehrere Male Mährchen ſtatt einer Antwort gegeben hatte, und Giſippo dieſe auch wo“ erkannte, ſo ſah ſich Titus doch endlich gezwungen, und antwortete ihm unter Thraͤnen und Seufzern auf dieſe Art: Giſippo, wenn es den Göttern gefallen haͤtte, ſo wuͤrde der Tod mir weit lieber ſeyn, als noch län⸗ ger zu leben; wenn ich bedenke, daß das Schickſal mich auf einen Standpunkt gefuͤhrt hat, auf welchem ich von meiner Tugend eine Probe ablegen ſollte, Du aber mich zu meiner groͤßten Schande überwun⸗ den finden wirſt. Allein, wahrlich, ich erwarte bald den Lohn, der mir zukommt, das iſt der Tod, der mir viel lieber ſeyn wird, als mit der Erinnerung meiner Schlechtigkeit zu leben, welche ich Dir, weil ich Dir nichts verhehlen kann noch darf, nicht ohne gaͤnzliches Erroͤthen entdecken will. Hierauf fing er an, ihm vom Anfang her den Grund zu ſeinen Ge⸗ 314 Zehnter Tag. danken, die Gedanken ſelbſt, den Kampf derſelben, und zuletzt, weſſen der Sieg geworden, und daß er aus Liebe fuͤr Sofronia ſich verzehre, zu entdecken, indem er die Verſicherung hinzufuͤgte, er ſaͤhe ſelbſt ein, wie wenig ihm dies zukäme, und deßhalb wolle er aus Reue daruͤber ſterben, was er auch glaube, daß bald erfolgen werde. Als Giſippo dies hoͤrte und ſeine Thraͤnen ſah, ſtutzte er anfaͤnglich ein wenig, da er von Liebe ge⸗ gen die junge Schoͤne, wenn auch nur maͤßig einge⸗ nommen war. Aber ohne Zaudern beſchloß er, daß ihm das Leben ſeines Freundes weit lieber wäre, als Sofronia, und daher antwortete er ihm mit Thraͤ⸗ nen, da er von ſeines Freundes Thraͤnen ebenfalls zum Weinen aufgeregt ward. Titus, wäreſt Du des Froſtes nicht ſo ſehr be⸗ duͤrftig, wie Du es wirklich biſt, ſo wuͤrde ich mich bei Dir ſelbſt uͤber Dich beklagen, daruͤber, daß Du unſere Freundſchaft verletzteſt, indem Du mir Deine maͤchtige Leidenſchaft ſo lange verborgen gehalten haſt. Und wenn Du ſie auch nicht fuͤr ganz anſtaͤn⸗ dig hielteſt, ſo darf doch darum das nicht ganz An⸗ ſtaͤndige, eben ſo wenig als das Anſtaͤndige dem Freunde verhehlet werden; denn wer ein wahrer Freund iſt, der erfreut ſich mit dem Freunde des Anſtändigen eben ſo, wie er das nicht Anſtändige aus der Seele des Freundes fortzuſchaffen ſich bemuͤhet. Doch ich will nur bei dem Gegenwaͤrtigen ſtehen bleiben, und dabei will ich ſehen, was ich fuͤr das Nothwendigſte erkenne. Wenn Du Sofronia, meine lben, ß er cken, ſelbſt wolle ube, ſah, ge⸗ inge⸗ daß als hraͤ⸗ falls be⸗ mich Du eine ten taͤn⸗ An⸗ dem hrer des aus het. hen das eine Achte Novelle. 315 Verlobte, ſo heiß liebſt, ſo wundere ich mich daruͤber gar nicht, im Gegentheil, ich wuͤrde mich ſehr wun⸗ dern, wenn das nicht geweſen wäre, da mir ihre Schoͤnheit und Dein edler Sinn bekannt iſt, der um ſo geſchickter iſt, eine Leidenſchaft feſtzuhalten, je vortrefflicher der Gegenſtand iſt, welcher gefällt. Und je feſtgegruͤndeter Deine Liebe fuͤr Sofronien iſt, je ungerechter beklagſt Du Dich uͤber das Schick⸗ ſal, wenn Du es auch gleich nicht dentlich aus ſprichſt, daß es ſie mir zugetheilt hat, da Du glaubſt, ſie mit allem Anſtande lieben zu koͤnnen, wenn ſie die eines Andern und nicht die Meine waͤre. Allein, wenn Du ſo weiſe biſt, wie Du es doch zu ſeyn pflegſt, wem konnte das Schickſal ſie wol eher zu⸗ geſtehen, woruͤber Du demſelben hätteſt mehr Dank wiſſen ſollen, als eben mir, dem es ſie zugeſtanden hat. Jeder Andere, der ſie beſeſſen hätte, wuͤrde, ſo anſtändig auch Deine Liebe geweſen waͤre, ſie doch lieber ſelbſt geliebt, als von Dir geliebt geſehen ha⸗ ben; dies aber haſt Du von mir, wenn Du mich ſo fuͤr Deinen Freund haͤltſt, als ich es wirklich bin, nicht zu erwarten; der Grund iſt dieſer: ich erinnere mich nicht, daß ſeitdem wir Freunde ſind, ich irgend etwas gehabt haͤtte, was nicht eben ſo gut Dein als mein geweſen waͤre. Waͤre die Sache ſchon ſo weit vorgeruͤckt, daß ſie nicht anders mehr ſeyn koͤnnte, ſo wuͤrde ich es eben ſo machen, wie bei den andern; aber ſie ſteht noch auf ſolchem Punkt, daß ich ſie Dir allein uͤberlaſſen kann, und das will ich thun; denn ich weiß nicht, wodurch meine Freundſchaft fuͤr 316 Zehnter Tag. Dich Werth haben koͤnnte, wenn ich nicht da, wo es doch auf eine anſtaͤndige Weiſe geſchehen kann, mei⸗ nen Wunſch nach dem Deinigen bequemte. Wahr iſt es, Sofronia iſt meine Braut, ich liebe ſie außer⸗ ordentlich, und erwartete die Verbindung mit ihr un⸗ ter großen Feierlichkeiten; allein da Du, als ein viel Verſtaͤndigerer als ich, mit weit größerem Eifer Dir ein ſo liebes Weſen, als ſie iſt, wuͤnſcheſt, ſo ſey überzeugt, nicht als meine, ſondern nur als Deine Frau betritt ſie meine Kammer. Darum laß die Gedanken fahren, verſcheuche den Truͤbſinn„rufe die verlorne Geſundheit, Zufriedenheit und Freude zuruͤck, und erwarte von dieſem Augenblicke an froͤhlich den Lohn Deiner weit wuͤrdigeren Liebe, als die meinige je war. Als Titus Giſippo ſo ſprechen horte, fuͤhlte er aus gerechten Gruͤnden eben ſolche Schaam, als ihm die ſchmeichelhafte Hoffnung Vergnuͤgen vorſpiegelte, indem er deutlich vor Augen ſah, daß, je groößer Gi⸗ ſippo's Hingebung war, um ſo groͤßer auch die Un⸗ ſchicklichkeit wäre, davon Gebrauch zu machen. Da⸗ her hoͤrte er auch nicht auf zu klagen, und antwor⸗ tete ihm nur mit Muͤhe: Giſippo, Deine ddelmuͤthige und wahrhafte Freundſchaft zeigt mir nur zu dentlich, was mir nach meiner Freundſchaft zu thun zukommt. Behuͤte Gott, daß ich jemals die, welche er als dem wuͤrdig⸗ ſten Dir geſchenkt hat, von Dir als die Meinige an⸗ nehmen ſollte. Hätte er geſehen, daß ſie mir zuka⸗ me, ſo kannſt Du und jeder Andere nicht anders als e H e e— c — S—)— n 8 6— e Achte Novelle. 317 glauben, er wuͤrde ſie Dir nie zugeſtanden haben. Genieße alſo mit allen Freuden Deiner Wahl und Deines beſcheidenen Entſchluſſes und ſeines Geſchen⸗ kes, mich aber laß in den Thraͤnen, welche er mir, als dem eines ſolchen Gutes nicht Wuͤrdigen, zube⸗ reitet hat, mich verzehren; uͤberwinde ich ſie, ſo muß es Dir lieb ſeyn, aber uͤberwinden ſie mich, ſo werde ich von der Qual befreit. Hierauf erwiederte Giſippo: Titus, wenn unſers Freundſchaft mir ſo viel Freiheit zugeſtehen kann, Dich zu zwingen, daß Du meinem Wunſche gemäß handeln moͤchteſt, und Dich dahin bringen zu koͤnnen, daß Du ihm gemäß handeln mußt, ſo iſt es hierbei, wo ich ſie vor allen Dingen anzuwenden beabſichtigez und wenn Du Dich nicht freundlich zu meinen Bit⸗ ten herablaſſen willſt, ſo werde ich es kraft der Ge⸗ walt, welche dem Freunde uͤber den Genuß der Guͤter des Freundes zuſteht, ſchon dahin bringen, daß Sofro⸗ nia die Deine wird. Ich weiß, wie viel die Gewalt der Liebe vermag, und weiß, daß ſie nicht ein Mal, ſon⸗ dern mehrere Mal Liebende zu einem ungluͤckſeligen Tode gebracht hat, und ich ſehe Dich dem ſo nahe, daß Du weder zuruͤckkehren, noch die Thränen uͤber⸗ winden kannſt, ſondern wenn Du ſo fortfähreſt, Du uͤberwunden ihnen unterliegen wuͤrdeſt, und dem ſehe ich ohne allen Zweifel bald entgegen. Wenn ich Dich daher auch aus anderen Gruͤnden nicht liebte, ſo bleibt mir doch, ſo lange ich lebe, Dein Leben theuer. Sofronia wird alſo die Deine, da Du ſo leicht eine Andere, die Dir ſo gefiele, nicht finden 318 Zehnter Tag. wurdeſt; ich aber werde meine Liebe leicht einer An⸗ deren zuwenden, und dadurch Dich und mich zufrie⸗ den ſtellen. Ich wuͤrde hierin vielleicht nicht ſo will⸗ fahrig ſeyn, wenn man die Frauen eben ſo ſelten, und mit eben ſolcher Schwierigkeit fände, als man Freunde findet; daher, da ich leicht wieder eine an⸗ dere Frau finden kann, aber nicht einen andern Freund, ſo will ich lieber(ich will nicht ſagen, ſie verlieren, denn Dir ſie gebend, verliere ich ſie nicht, ſondern ſie, wenn ich ſie einem Andern gebe, mir noch zugethaner machen) ſie gegen eine Andere ver⸗ tauſchen, als Dich verlieren. Darum, wenn meine Bitten etwas uͤber Dich vermoͤgen, ſo bitte ich Dich, reiß' Dich aus dieſer Bekuͤmmerniß heraus, troͤſte zu gleicher Zeit Dich und mich, und faſſe die ſchoͤnſte Hofſnung, diejenige Froͤhlichkeit wieder zu erlangen, welche Deine heiße Liebe fuͤr den geliebten Gegen⸗ ſtand verlangt. Wenn auch gleich Titus ſich ſchämte darein zu willigen, daß Sofronia ſeine Gattinn wuͤrde, und deß⸗ halb noch immer unbeweglich blieb, wenn ihn auch gleich von einer Seite die Liebe zog, und von der andern die Zureden Giſippo's fortriſſen, ſo ſagte er endlich dann: Sieh, Giſippo, ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll, ob ich mehr meine oder Deine Wuͤnſche erfuͤlle, wenn ich das ausfuͤhre, was, wie Du bittend mir ſagſt, Dir ſo ſehr gefaͤllt, und was ich eben darum auch thun will, weil Deine Großmuth ſo groß iſt, daß ſie meine ſchuldige Schaam uͤberwindet; dagegen 8 1 An⸗ rie⸗ ten, nan an⸗ ern ſie cht, mir ver⸗ eine ich, e zu nte gen⸗ gen⸗ zu deß⸗ auch der e er agen ulle, mir rum iſt, Achte Novelle. 319 aber ſey auch uͤberzeugt, ich werde es nie als ein Menſch thun, der nicht einſehen ſollte, wie ich von Dir nicht allein die Geliebte, ſondern mit dieſer auch mein Leben erhalten habe. Geben die Goͤtter, daß, wenn es nur ſeyn kann, ich zu Deiner Ehre und zu Deinem Gluͤcke Dir auch zeigen koͤnne, wie werth mir das iſt, was Du, theilnehmender gegen mich als ich es ſelbſt bin, gethan haſt. Nach dieſen Worten ſagte Giſippo: Titus, wollen wir, daß dieſe Sache ihren Erfolg haben ſoll, ſo ſcheint es mir, muͤſſen wir dieſen Weg einſchlagen. Wie Du weißt, iſt Sofronia, nach einer langen Unterhandlung zwiſchen meinen und ihren El⸗ tern, meine Verlobte geworden; ginge ich nun aber hin und ſagte, daß ich ſie zu meiner Frau nicht ha⸗ ben wollte, ſo wuͤrde daraus ein großes Aergerniß entſtehen, und ich wuͤrde ihre und meine Verwandten gegen einander aufbringen. Das ſollte mich nicht kuͤmmern, wenn ich ſaͤhe, daß ſie dennoch die Dei⸗ nige wuͤrde; aber ich fuͤrchte, wenn ich ſie auf dieſe Art verlaſſe, ſo moͤchten ſie ihre Anverwandten ſchnell einem Andern geben, der Du aber vielleicht wol nicht ſeyn moͤchteſt, und auf dieſe Weiſe wuͤrdeſt Du verloren haben, was ich nicht gewonnen haͤtte. Da⸗ her ſcheint es mir, wenn Du darin einſtimmſt, daß ich mit dem, was ich angefangen habe, fortfahre, ſie als die Meinige in mein Haus fuͤhre, Hochzeit ma⸗ che, und Du dann im Geheimen, wie wir das ſchon werden zu veranſtalten wiſſen, mit ihr, wie mit Dei⸗ ner Frau zuſammen ſchlaͤfſt; dann wollen wir gehoͤ⸗ 320 Zehnter Tag. rigen Ortes und zu ſeiner Zeit alles bekannt machen⸗ Gefaͤllt es ihnen, ſo ſoll es gut ſeyn, gefaͤllt es nicht, ſo iſt es einmal geſchehen, und, da die Sache nicht wieder zuruͤckgehen kann, werden ſie ſich gezwungener⸗ weiſe zufrieden geben muͤſſen. Titus gefiel der Rath; weßhalb Giſippo ſie als ſeine Frau in ſeinem Hauſe empfing, da nun Titus wieder hergeſtellt und ganz aufgelegt war. Es ward ein großes Feſt angeſtellt, und als die Nacht einge⸗ brochen, ließen die Frauen die neu Vermählte in dem Bette ihres Ehemannes zuruͤck, und gingen fort. Die Kammer des Titus ſtieß unmittelbar an die des Giſippo an, ſo daß man aus einer in die andere gehen konnte; als Giſippo daher in ſeiner Kammer war, und jedes Licht ausgelöſcht hatte, ging er ſtill⸗ ſchweigend zum Titus, und ſagte ihm, daß er ſich mit ſeiner Frau niederlegen moͤchte. Als Titus dies ſah, ward er von Schaam uͤben⸗ wunden, es fing an ihn zu gereuen, und er verwei⸗ gerte den Eingang; allein Giſippo, der eben ſo herz⸗ lich mit ſeiner Geſinnung als mit ſeinen Worten, zu ſeinem Vergnuͤgen bereit war, ſchickte ihn nach langem Kampf hinein. Sobald er im Bette lag, nahm er die Jungfrau, wie im Scherz, bei der Hand, und fragte ſie ganz ruhig, ob ſie ſeine Frau ſeyn wollte. Sie, glaubend, es waͤre Giſippo, antwortete, ja; worauf er ihr einen ſchoͤnen reichen Ring mit den Worten an den Finger ſteckte: und ich will Dein Mann ſeyn. Hierauf vollzogen ſie die Ehe, und er — — en cht, icht ter⸗ als tus ard ge em e ner ill⸗ ſich e⸗ vei⸗ r⸗ ten, ach au, anz ja; den ein Achte Novelle. 321 genoß mit ihr die Freuden der Liebe, ohne daß ſie oder irgend ein Anderer bemerkt haͤtte, daß ein An⸗ derer als Giſippo an ihrer Seite gelegen haͤtte. Auf dieſem Punkt nun ſtand die Ehe der Sofro⸗ nia und des Titus, als ſein Vater Publins aus die⸗ ſem Leben ſchied; dieſerhalb ward ihm geſchrieben, daß er, um nach ſeinen Angelegenheiten zu ſehen, unverzuͤglich nach Rom zuruͤckkehren moͤchte, und dar⸗ um beſchloß er mit Giſippo hinzugehen und Sofro⸗ nien mit hinzunehmen. Dies aber durfte und konnte nicht anders gut eingerichtet werden, als ihr zu offenbaren, wie die Sachen ſtaͤnden. Sie ward da⸗ her eines Tages in die Kammer gerufen, wo ſie ihr vollſtaͤndig erklärten, wie die Sache ſtaͤnde, und Ti⸗ tus ſie daruͤber, wie ſo viele Eigenheiten unter ihnen beſtaͤnden hätten, voͤllig ins Klare ſetzte. Etwas entruͤſtet blickte ſie den Einen und den Andern an, dann fing ſie bitterlich an zu weinen, laut uͤber Giſippo's Betrug ſich beklagend, und ehe ſie noch weiter ein Wort hieruͤber in Giſippo's Hauſe fallen ließ, ging ſie nach dem Hauſe ihres Vaters hin, wo ſie ihm und ihrer Mutter den Be⸗ trug erzaͤhlte, der ihr und ihnen von Giſippo geſpielt worden wäre, wobei ſie verſicherte, ſie wäre Titus, nicht aber, wie ſie glaubten, Giſippo's Frau. Dies war Sofronia's Vater ſehr unangenehm, und er ſtellte mit ſeinen und Giſippo's Verwandten große und lange Klagen daruͤber an, ſo daß des Ge⸗ redes und der Haͤkelei viel und groß war. Giſivpo ward ſeinen und Sofronia's Verwand⸗ Voccaccio's faͤmmtl. W. 6. 21 322 Zehnter Tag. ten verhaßt, und Jeder derſelben ſagte, er wäre nicht allein des Tadels, ſondern auch noch einer argen Zuͤchtigung werth. Er dagegen verſicherte, er habe etwas ſehr Ehrenwerthes gethan, und Sofronia's Eltern ſollten es ihm Dank wiſſen, daß er ſie an einen, der beſſer wäre als er, verheirathet haͤtte. Titus, von der andern Seite, fuͤhlte Alles, und ertrug es mit vielem Kummer; allein da er wußte, wie es die Sitte der Griechen waͤre, eine Sache durch Reden und Drohungen ſo weit zu treiben, bis ſie endlich mit Mühe einen gefunden haͤtten, der ihnen geantwortet, dann aber ſie nicht allein demu⸗ thig, ſondern auch die Kriechendſten wuͤrden, dachte ihr Gerede, ohne weiter darauf zu antworten, zu er⸗ tragen. Und da er roͤmiſchen Geiſt und athenienſi⸗ ſchen Sinn hatte, ſo ließ er auf eine ganz ſchickliche Weiſe Giſippo's, ſo wie auch Sofronias Anverwandte ſich in einem Tempel verſammeln; darauf trat dann auch er, allein von Giſippo begleitet, in denſelben ein, und ſprach zu den in voller Erwartung Stehenden alſo: Nach der Meinung vieler Philoſophen glaubt man, Alles, was von den Sterblichen gethan wird, ſey Anordnung und Einrichtung der unſterblichen Goͤtter, und daher wollen Einige, Nothwendigkeit waͤre das, was geſchieht oder je noch geſchehen wird; wenn auch gleich wieder einige Andere ſind, welche eben dieſe Nothwendigkeit nur allein dem beilegen, was geſche⸗ hen iſt. Wuͤrden dieſe Meinungen mit einiger Vor⸗ ſicht in Betracht gezogen, ſo wuͤrde man ganz deut⸗ lich ſehen, daß eine Sache tadeln, die man doch nicht —— e e—— er—— ore ut⸗ icht Achte Novelle. 323 ruͤckgängig machen kann, nichts anderes iſt, als man wolle ſich weiſer als die Boͤtter zeigen, welche, wie wir es doch glauben muͤſſen, mit unwandelbarer Ver⸗ nunft und ohne irgend einen Irrthum uͤber uns und unſere Sachen verfuͤgen, und die Leitung fuͤhren. Daher koͤnnt Ihr ſehr leicht ſehen, wie thoͤricht und unvernuͤnftig die Anmaßung iſt, ihre Handlungsweiſe tadeln zu wollen, und was fuͤr Ketten diejenigen ver⸗ dienen, die ſich von ihrer Kuͤhnheit hierin zu weit fortreißen laſſen. Zu ſolchen gehoͤrt, meiner Meinung nach, Ihr alle, wenn das wahr iſt, was Ihr, wie ich hoͤre, daruͤber geſagt haben ſollt und fortwaͤhrend ſagt, wie Sofronia meine Gattin geworden iſt, da Ihr ſie doch an Giſippo gegeben hättet. Aber Ihr achtet darauf nicht, wie es ab aeterno beſtimmt war, daß ſie nicht Giſippo's, ſondern meine Frau werden ſollte, ſo wie es ſich aus dem Erfolge jetzt ergiebt. Allein weil es ſcheint, als wenn Viele es hart und ſchwer nur begreifen könnten, wenn man von der unſichtba⸗ ren und geheimen Vorſehung und Abſicht der Goͤt⸗ ter reden will, indem jene vorausſetzen, daß dieſe ſich um keine unſerer Handlungen bekuͤmmern, ſo will ich mich herablaſſen, von den Rathſchluͤſſen der Men⸗ ſchen zu ſprechen. Wenn ich aber von dieſen ſpre⸗ chen ſoll, ſo muß ich mich auf Zweierlei einlaſſen, was meinen Geſinnungen ganz entgegen iſt. Das Erſte beſteht darin, mich zu loben, und das Zweite an Andern etwas zu tadeln oder ſie herabzuwuͤrdigen. Allein weil es durchaus nicht meine Abſicht iſt, mich 324 gehnter Tag. weder in dem einen noch in dem andern von der Wahrheit zu entfernen, der gegenwärtige Stoff es aber verlangt, ſo will ich es doch thun. Euer Unwille, mehr durch Wuth als durch Ver⸗ nunftgruͤnde aufgereizt, tadelt, mißbilligt, verdammt nach dem ewigen Gemunkele oder vielmehr bloßem Gerede, Giſippo'n, weil er nach ſeinem Beſchluſſe mir diejenige zur Frau gegeben hat, die Ihr nach Eurem ihm gegeben hattet, wogegen ich der Meinung bin, daß er im hoͤchſten Grade zu loben iſt. Meine Gruͤnde ſind dieſe. Der erſte: er hat gethan, was ein Freund thun muß; der andere: er hat viel kluͤger gehandelt, als Ihr. Was die heiligen Geſetze der Freundſchaft for⸗ dern, daß ein Freund fuͤr den andern thue, iſt nicht meine Abſicht jetzt zu entwickeln; ich bin fuͤr jetzt da⸗ mit zufrieden, Euch nur allein daran erinnert zu ha⸗ ven, daß das Band der Freundſchaft feſter verbindet, als das des Blutes oder der Verwandtſchaft; denn zu Freunden haben wir diejenigen, welche wir dazu erwählen, zu Verwandten aber die, die uns das Schickſal giebt. Und wenn daher Giſippo mein Le⸗ ben hoͤher als Eure Gewogenheit achtete, da ich ſein Freund bin, wofuͤr ich mich auch anſehe, ſo darf ſich Niemand daruͤber wundern. Aber kommen wir auf den zweiten Grund, bei welchem ich Euch noch dringender zeigen muß, wie er viel weiſer als Ihr gehandelt hat, da Ihr mir von der Vorſicht der Goͤtter auch nicht die mindeſte „— der es er mt em mir in, ine hun als ſor⸗ icht da⸗ ha⸗ det, enn az das Le⸗ ſein ſich bei wie mir Achte Novelle. 325 Ahnung zu haben ſcheint, und noch viel weniger die Wirkungen der Freundſchaft kennt. Ich ſage alſo, Eure Vorſicht, Euer Rath und Euer Beſchluß hatte Sofronien an Giſippo, einem jungen Philoſo⸗ phen gegeben, Giſippo aber gab ſie ebenfalls einem jungen Philoſophen; Euer Rathſchluß gab ſie einem Athenienſer, und Giſippo's einem Roͤmer; der Eurige einem edlen jungen Manne, Giſippo's einem noch edleren; der Eurige einem reichen jungen Manne, Giſippo's einem noch weit reicheren; der Eurige einem jungen Manne, der ſie nicht nur nicht liebte, ſondern kaum einmal kannte; Giſippo's einem jun⸗ gen Manne, der ſie mehr als alle ſeine Gluͤckſelig⸗ keit, mehr als ſein eigenes Leben liebte. Und daß das, was ich ſage, wahr und mehr zu billigen iſt, als das, was Ihr gethan habt, laßt uns nun einzeln nach einander betrachten. Daß ich eben ſowohl jung und ein Philoſoph hin, als Giſippo es iſt, das kann mein Geſicht und meine Studien, ohne ein langes Gerede davon zu machen, beweiſen. Sein und mein Alter iſt eins und eben daſſelbe, und in unſeren Studien ſind wir im⸗ mer gleichen Schrittes vorgeſchritten. Wahr iſt es, er iſt ein Athenienſer und ich ein Roͤmer. Wenn man uͤber den Ruhm einer jeden dieſer Staͤdte ſtrei⸗ tet, ſo ſage ich, ich bin aus einer freien Stadt, er aus einer zinsbaren; ich ſage, ich bin aus einer Stadt, welche die ganze Welt beherrſcht, er aus einer Stadt, die der meinigen gehorcht; ich ſage, ich bin aus einer in den Waffen, in der Herrſchaft und 326 Zehnter Tag. in den Wiſſenſchaften hoͤchſt bluͤhenden Stadt, wo⸗ gegen er die ſeinige allenfalls nur der Wiſſenſchaften wegen ruhmen kann. Ueberdies, wenn Ihr auch gleich mich hier noch als einen ganz demuͤthigen Lehrling ſehet, ſo ſtamme ich doch nicht aus den He⸗ fen des gemeinen römiſchen Volkes her. Meine Zim⸗ mer und die offentlichen Plätze in Rom ſind voll von alten Bildniſſen meiner Vorfahren, und die rö⸗ miſchen Annalen ſind von vielen Triumphen ange⸗ fult, welche die Quinzier auf dem romiſchen Capi⸗ tol gefeiert haben, und nicht durch das Alter ver⸗ fault, ſondern vielmehr heute noch bluͤhend iſt unſe⸗ res Namens Ruhm. Ich ſchweige, im Schaamge⸗ füͤhle, von meinen Reichthuͤmern, da mir in meinem Sinne vorſchwebt, daß eine edle Armuth das aͤlteſte und ausgebreitetſte Erbtheil der edlen Buͤrger Roms war. Wird ſie nun auch von dem Wahne des Vol⸗ kes verdammt, und werden nur Reichthuͤmer lobge⸗ prieſen, ſo habe ich deren, nicht als danach begierig, ſondern als ein Liebling des Gluͤckes, uͤberfluſſig. Auch ſehe ich hinlaͤnglich ein, wie lieb es Euch iſt(und das mußte und muß es ſeyn), Giſippo hier zum Verwandten zu haben; aber ich muß auch in Rom, ſey es aus welchem Grunde es wolle, Euch nicht weniger lieb ſeyn, wenn Ihr bedenkt, daß Ihr an mir den beſten Gaſtfreund, und den nutzlichſten, ſorgfaͤltigſten und maͤchtigen Patron, ſowol zum oͤf⸗ fentlichen Vortheil, als auch zum Privatbedarf habt. Wer alſo wird, den guten Willen bei Seite geſetzt, und die Sache mit kalter Ueberlegung betrachtend, wo⸗ ften auch igen He⸗ im⸗ voll roͤ⸗ nge⸗ api⸗ ver⸗ nſe⸗ nge⸗ nem teſte oms Gol⸗ e⸗ rig, uch hier in Ihr ten, oͤf⸗ abt. etzt, Achte Novelle. 327 Eure Berathungen, ſo wie die meines Giſippo, beſ⸗ ſer empfehlen? wahrlich Keiner! Es iſt daher Sofronia ſehr gut an Titus Quin⸗ tius Fulvius verheirathet, einen edlen, alten und reichen Buͤrger Roms, und Freund des Giſippo; wer alſo hieruͤber unzufrieden iſt, oder ſich bekuͤmmert, thut nicht, was er thun muß, und weiß nicht, was er thut. Vielleicht werden einige ſeyn, die da ſagen⸗ Sofronia kuͤmmert es gerade nicht, Titus Frau zu ſeyn, ſie kuͤmmert ſich nur uͤber die Art, wie ſie es geworden iſt, heimlich, verſtohlen, ohne daß weder Freund noch Anverwandte das Geringſte davon wiſſen. Das iſt weder ein Wunder, noch etwas ſo Uner⸗ hoͤrtes. Gern gedenke ich derer gar nicht, welche gegen den Willen ihrer Eltern, Maͤnner genommen haben, oder derer, die mit ihren Geliebten entflohen, und eher ihre Freundinnen als ihre Gattinnen geworden ſind, und welche ihre Ehen eher durch die Schwan⸗ gerſchaft und Niederkunft, als durch die Worte be⸗ kannt gemacht haben, worauf ſie dann die Nothwen⸗ digkeit gut heißen mußte. Das iſt mit Sofronien nicht der Fall, ſondern vielmehr iſt ſie dem Titus vom Giſippo ordentlichbeſcheiden und anſtaͤndig uber⸗ geben worden. Andere werden ſagen, daß derjenige ſie verhei⸗ rathet habe, dem es nicht zuſtand, ſie zu verheira⸗ then. Das ſind thoͤrichte und weibiſche Klagelieder, und welche nur aus weniger Ueberlegung entſprin⸗ gen. Das Schickſal bedient ſich jetzt von neuem 3²8 Zehnter Tag. keiner verſchiedenen Wege und neuen Huͤlfsmittel, um Dinge zu ihrem beſtimmten Zwecke zu bringen. Was kuͤmmerts mich, daß der Schuhflicker eher als der Philoſoph uͤber eine meiner Handlungen, nach ſeiner Urtheilskraft im Geheimen oder oͤffentlich ent⸗ ſchieden hat, wenn nur ein guter Zweck erreicht wird? Vorſehen aber muß ich mich, iſt der Schuh⸗ flicker nicht beſcheiden, daß er nicht mehr thut, als er kann, und dann werde ich ihm fuͤr ſeinen guten Willen danken. Wenn Giſippo Sofronien gut verheirathet hat, ſo wuͤrde es eine uͤberfluͤſſige Thorheit ſeyn, ſich uͤber die Art und Weiſe, und uͤber ihn ſelbſt zu be⸗ klagen. Habt Ihr zu ſeinem Verſtande kein Zu⸗ trauen, ſo huͤtet Euch, daß er keine mehr verheira⸗ then koͤnne, und dankt ihm fuͤr dieſe. Nichts deſto weniger ſollt Ihr wiſſen, daß ich weder durch Klug⸗ heit noch durch Liſt der Achtbarkeit, oder der Rein⸗ heit Eures Blutes in der Perſon Sofroniens irgend einen Makel anzuhaͤngen geſucht habe, und habe ich ſie auch gleich heimlicher Weiſe zur Frau genommen, ſo bin ich doch nicht wie ein Räuber gekommen, ihre Jungfrauſchaft zu ſtehlen, noch daß ich, wie ein Feind, ſie auf eine weniger als anſtaͤndige Art haͤtte beſitzen wollen, indem ich Eure Verwandtſchaft aus⸗ ſchlug, ſondern gluͤhend von ihrer reizenden Schoͤn⸗ heit und ihrer Tugend entbrannt, ſah ich wohl ein, daß, wenn ich nach der Sitte, wie Ihr vielleicht ſa⸗ gen wollt, um ſie angehalten haͤtte, ich ſie nicht be⸗ kommen haben wuͤrde, da Ihr ſie ſo ſehr liebt, und en. s ch t⸗ cht h⸗ s en t, P * * — * to — * 1 d 1 NM N 8 Achte Novelle. gefuͤrchtet haben wuͤrdet, ich moͤchte ſie mit nach Rom hinfuͤhren. Ich bediente mich alſo einer geheimen Kunſt, die ich Euch jetzt wol offenbaren kann, und ließ Giſippo in meinem Namen in Etwas einwilligen, was er zu thun nie gewillet war. Hierauf ſuchte ich, ſo heiß ich ſie auch liebte, nicht als bloßer Liebhaber, ſondern als Ehemann ihre Umarmungen, indem ich mich ihr nicht eher näherte, wie ſie ſelbſt das mit Wahrheit wird bezeugen koͤnnen, als bis ich ſie mit den ſchuldigen Worten und mit einem Ringe zu mei⸗ ner Gattin gemacht hatte, nachdem ich ſie gefragt, ob ſie mich zum Manne haben wollte, worauf ſie mit Ja mir geantwortet. Glaubt ſie hintergangen zu ſeyn, ſo iſt mir daruͤber die Schuld nicht beizule⸗ gen, ſondern ihr, die mich nicht fragte, wer ich waͤre. Dies iſt alſo das große Ungluͤck, das große Ver⸗ gehen, und der von Giſippo, dem Freunde, und von mir, dem Liebenden, begangene Fehler, daß Sofronia heimlicherweiſe die Gattin des Titus Quintius ge⸗ worden iſt; deßhalb zerfetzt Ihr ihn, drohet Ihr ihm, ſtellt Ihr ihm nach. Und was wuͤrdet Ihr denn alsdann noch mehr thun, wenn er ſie einem Bauern, einem Schurken, einem Sklaven gegeben haͤtte? Welche Feſſeln, welch Gefaͤngniß, welche Martern wuͤrden Euch hinreichend duͤnken? Doch laſſen wir das jetzt dahin geſtellt ſeyn. Die Zeit iſt gekommen, die ich noch nicht erwartete, nämlich, daß mein Vater geſtorben iſt, und daß ich nach Rom zuruͤckkehren muß. Da ich nun Sofronien 330 Zehnter Tag. mit mir zu nehmen gedenke, ſo habe ich das Euch eroͤffnet, was ich Euch vielleicht ſonſt noch ver⸗ borgen gehalten haben wuͤrde. Wenn Ihr klug ſeyd, werdet Ihr es froͤhlich ertragen, denn, wenn ich Euch hätte hintergehen oder kraͤnken wollen, haͤtte ich ſie entehrt Euch zuruͤcklaſſen koͤnnen; aber davor ſoll mich Gott bewahren, daß in einem roͤmiſchen Sinne ſolche Gemeinheit je wohnen koͤnne. Sie alſo, das iſt Sofronia, iſt, mit Einſtim⸗ mung der Goͤtter, ferner kraft der menſchlichen Ge⸗ ſetze, der lobenswuͤrdigen Klugheit meines Giſippo und meiner lievevollen Liſt, die Meine. Eben dies aber zeigt Ihr, die Ihr Euch ungluͤcklicher Weiſe fur kluger haltet, als die Goͤtter, oder als alle an⸗ dere Menſchen, auf eine doppelte, fur mich ſehr krän⸗ kende Weiſe, zu verdammen. Die eine iſt, daß Ihr Sofronien zuruͤckhaltet, auf welche Ihr mehr Recht, als ich Euch zugeſtehen will, zu haben glaubt; und die andere, daß Ihr Giſippo, dem Ihr ſchuldiger Weiſe ſehr verpflichtet ſeyn ſolltet, als Euren Feind behandelt. Wie thoͤricht Ihr hieran thut, will ich Euch jetzt nicht weiter aus einander ſetzen, ſondern Euch nur als Freund rathen, laßt Euren Unwillen ſich legen, und ſteht ab von allen angefangenen Kraͤnkungen; Sofronia werde mir wieder zuruͤckgege⸗ ben, damit ich froͤhlich als Euer Verwandter abrei⸗ ſen und leben koͤnne, unbekuͤmmert darum, ob das, was einmal geſchehen iſt, Euren Beifall habe, oder nicht habe. Denkt Ihr aber anders zu handeln, ſo entfuͤhre ich Euch Giſippo, und werde ſchon, ſobald — Euch e⸗ ſed, nn ich haͤtte davor niſchen nſtim⸗ n Ge⸗ iſippo n dies Weiſe lle an⸗ r kraͤn⸗ ß Ihr Recht, t; und uldiger Feind vill ich ſondern nwillen nenen ckgege⸗ abrei⸗ ob das, ode n, ſo ſobald Achte Novelle. ich nach Rom zuruͤckkehre, ohne alles Bedenken, die wieder bekommen, welche verdienterweiſe die Meini⸗ ge iſt, trotz deſſen, daß Ihr ſie bei Euch habt; und dann will ich, Euch fortwährend anfeindend, aus Er⸗ fahrung kennen lehren, wie viel der Zorn roͤmiſcher Gemuͤther vermg. Nachdem Titus ſo geſprochen, ſtand er mit ganz verſtoͤrtem Blicke auf, nahm Giſippo bei der Hand, und ging, deutlich zeigend, wie wenig er ſich um alle kuͤmmere, ſo viel ihrer auch nur in dem Tempel wa⸗ ren, ſchuͤttelnd den Kopf und drohend hinaus. Die, welche darin geblieben waren, wurden zum Theil durch Titus Gruͤnde zu ſeiner Verwandtſchaft und Freundſchaft geneigt, zum Theil durch ſeine letz⸗ ten Worte in Furcht geſetzt, und beſchloſſen mit ein⸗ muͤthiger Uebereinſtimmung, es waͤre beſſer, den Ti⸗ tus zu ihrem Anverwandten anzunehmen, weil Gi⸗ ſippo es nicht gewollt, als an Giſippo einen Anver⸗ wandten verloren, und den Titus zum Feinde bekom⸗ men zu haben. Sie ſuchten daher den Titus wieder auf, und ſagten zu ihm, es wäre ihnen gefaͤllig, daß Sofro⸗ nia die Seinige wuͤrde, und daß ſie ihn zu ihrem Verwandten und Giſippo als ihren guten Freund an⸗ nehmen. Hierauf ſtellten ſie ein vetterliches und freundliches Mahl an, gingen auseinander, und ſchick⸗ ten ihm Sofronia wieder zu. Dieſe, klug genug, um aus der Noth eine Tu⸗ gend zu machen, wandte die Liebe, die ſie fuͤr Gi⸗ ſippo gehegt, ſchnell dem Titus zu, und ging mit 332 Zehnter Tag. ihm nach Rom, wo ſie mit großen Ehren aufgenom⸗ men ward. Giſippo, in Athen zuruͤckgeblieben, ward von Al⸗ len wenig geachtet, und nach nicht langer Zeit, we⸗ gen gewiſſer buͤrgerlichen Zwiſtigkeiten mit Allen aus ſeiner Familie arm und verachtet aus Athen ver⸗ jagt, und zu einem ewigen Exil verdammt. In die⸗ ſem ſich befindend, ward er nicht allein arm, ſondern gar ein Bettler; ſo kam er auf die am wenigſten ſchlimmſte Art, ſo gut er nur konnte, nach Rom, um zu verſuchen, ob ſich Titus ſeiner noch wol erinnere, da er erfahren hatte, daß er noch am Leben, bei allen Roͤmern beliebt waͤre, und ſchoͤn eingerichtete Haͤuſer beſaͤße. Vor dieſe ſtellte er ſich hin, ſo lange bis Titus kam. Ihm auch nur mit Einem Werte anzureden, wagte er in dem elenden Zuſtande nicht, in welchem er ſich befand, er bemuͤhete ſich vielmehr nur von ihm geſehen zu werden, damit Titus, wenn er ihn wieder erkannte, ihn rufen ließe. Als aber Titus voruͤber ging, und es Giſippo ſchien, als haͤtte er ihn wol geſehen, aber vermieden, ſo ging er, deſſen ſich erinnernd, was er fuͤr ihn gethan hatte, unwil⸗ lig und in Verzweiflung fort. Schon war es Nacht geworden, er ſelbſt aber nuͤchtern, ohne Geld und ohne zu wiſſen, wohin er ſich wenden ſollte, und nichts Anderes ſich wuͤnſchend als den Jod, kam an einen oͤden Ort in der Stadt, wo er in eine dort erblickte große Grotte eintrat, um die Nacht darin zuzubringen. Hier ſchlief er, in nge en, em von ihn tus er ſſen vil⸗ ber er end dt, Achte Novelle. elender Bekleidung und von vielem Weinen uberwun⸗ den, auf der bloßen Erde ein. Nach eben dieſer Grotte kamen Zwei, welche mit einander die Racht zum Stehlen ausgegangen waren, mit dem Geſtohlnen gegen Morgen hin; es kam un⸗ ter ihnen zu einem Zank, wobei der eine, welcher der Stärkere war, den andern erſchlug, und davon ging. Als Giſippo dies gehoͤrt und geſehen hatte, glaubte er, zum Tode, nach dem er ſich ſo ſehnte, einen Weg gefunden zu haben, ohne doch ſich ſelbſt umzubringen, und deßhalb hiekt er, ohne fortzugehen, hier ſo lange ſich auf, bis die Schergen des Gerichts⸗ hofes kamen, denn die That war ſchon ruchbar ge⸗ worden, Giſippo wuͤthend ergriffen und fortfuͤhrten. In der Unterſuchung geſtand er, er hätte ihn zwar erſchlagen, aber aus der Grotte hätte er nim⸗ mermehr hinausgehen koͤnnen; daher befahl der Prä⸗ tor, welcher Marcus Varro hieß, daß er am Kreuz ſterben ſolle, wie es damals Sitte war. Titus war von ungefaͤhr in dieſer Stunde nach dem Richthauſe gekommen, und da er dem ungluck⸗ lich Verdammten ins Geſicht geſehen hatte, nachdem er gehoͤrt, weßhalb er verurtheilt worden, erkannte er ploͤtzlich, daß es Giſippo waͤre. Voller Verwun⸗ derung uͤber ſein elendes Geſchick, und wie er hier⸗ her gekommen, war er ſehr begierig ihm zu helfen, fah aber keinen andern Weg zu ſeiner Rettung, als ſich ſelbſt anzuklagen, und ihn zu entſchuldigen. Er trät alſo raſch hervor, und ſagte: MWarcus Varro ruf den armen Menſchen zuruck, 334 Zehnter Tag. den Du verdammt haſt, denn er iſt unſchuldig. Es iſt genug, daß ich durch Ein Vergehen die Götter beleidigt habe, indem ich den toͤdtete, den Deine Schergen heute gefunden haben, ohne daß ich ſie jetzt auch noch durch den Tod eines andern Unſchuldigen beleidigen ſollte. Varro war ganz verwundert, und es war ihm ſehr unangenehm, daß der ganze Gerichtshof es mit angehoͤrt hatte; indeſſen da er mit Ehren nicht zu⸗ ruͤcknehmen konnte, daß das geſchaͤhe, was die Ge⸗ ſetze geboͤten, ließ er Giſippo wieder zuruͤckkommen, und ſagte in Titus Gegenwart zu ihm: Wie konnteſt Du ſo thoͤricht ſeyn, daß Du ohne den geringſten Vorwurf zu fuͤhlen, eingeſtandeſt, was Du doch nie gethan haſt, da es aufs Leben ankam? Du ſagteſt, Du wäreſt derjenige, der in dieſer Nacht den Menſchen umgebracht hätte, und nun kommt die⸗ ſer hier, und ſagt, daß nicht Du, ſondern er ihn um⸗ gebracht habe. Giſippo ſah auf und erkannte ſehr wohl, daß es Titus wäre, der dies fuͤr ſeine Erhaltung thun wollte, wie zum Dank des von ihm einſt erhaltenen Dienſtes. Aus tiefem Gefuͤhl in Thränen ausbre⸗ chend ſagte er: Varro, wahrlich ich habe ihn erſchlagen und Ti⸗ tus Mitleid zu meiner Erhaltung kommt jetzt viel zu ſpaͤt. Dagegen erwiederte Titus: Praͤtor, Du ſiehſt, der Menſch iſt ein Fremdling, und ohne Waffen ward er an der Seite des Erſchlagenen gefunden, ne tzt en m nit u⸗ e⸗ en, ne as n2 cht ie⸗ im⸗ daß hun nen hre⸗ Ti⸗ viel hſt, ffen Achte Novelle. Du kannſt alſo ſehen, daß ſein Elend ihm die Ver⸗ anlaſſung giebt, ſterben zu wollen; deßhalb ſprich ihn frei, und mich beſtrafe, der ich es verdient habe. Varro, voller Verwunderung uͤber das Andrin⸗ gen dieſer Beiden, ahnete ſchon, Keiner koͤnne ſtraf⸗ bar ſeyn, und dachte nur auf die Art und Weiſe ihrer Freiſprechung, als, ſiehe, ein junger Mann vor⸗ trat, genannt Publius Ambuſtus, fuͤr den jede Hoff⸗ nung verſchwunden, und der allen Roͤmern als ein Raͤuber bekannt war; dieſer hatte wirklich auch das Verbrechen begangen, und wußte ſehr wohl, daß kei⸗ ner von Beiden deſſen ſchuldig waͤre, woruͤber Jeder ſich anklagte. Allein durch die Unſchuld dieſer Bei⸗ den ward ſein Herz von ſolcher Innigkeit ergriffen, daß er vom groͤßten Mitleiden bewegt vor Varro hintrat, und ſagte: Praͤtor, mein Geſchick zieht mich unwiderſteh⸗ lich fort, den ſchweren Kampf dieſer Beiden zu loͤ⸗ ſen, und ich weiß nicht, was fuͤr ein Gott mich im Innern treibt und beſtuͤrmt, Dir mein Vergehen zu eroͤffnen. Darum wiſſe, Keiner dieſer Beiden iſt deſſen ſchuldig, deſſen ein Jeder ſich ſelbſt anklagt. Ich bin wahrhaft derjenige, der dieſen Menſchen am fruͤhen Morgen des heutigen Tages umgebracht hat, und dieſen Ungluͤcklichen, der hier ſteht, ſah ich dort, wo er ſchlief, waͤhrend ich den geſtohlnen Raub mit demjenigen theilte, den ich umgebracht habe. Den Titus habe ich nicht noͤthig zu entſchuldigen, ſein Ruf iſt allenthalben bekannt, daß er kein Menſch ſolcher Art iſt. Darum ſprich ſie frei, und vollziehe 336 Zehnter Tag. die Strafe an mir, welche die Geſetze mir zuerken⸗ nen. Octavianus hatte ſchon von der Sache gehoͤrt, er ließ ſie daher alle Drei vor ſich kommen, um zu hoͤren, was fuͤr ein Bewegungsgrund jeden triebe, der Verurtheilte ſeyn zu wollen. Jeder erzaͤhlte ihm denſelben und Octavianus ſprach die Beiden, weil ſie unſchuldig waren, und den Dritten wegen ſeiner Lie⸗ be fuͤr ſie frei. Titus nahm ſeinen Giſippo, tabelte ihn anfangs ſehr uͤber ſeine Lauigkeit und uͤber ſein Mißtrauen, dann aber erfreute er ſich ſeiner auf eine wundervolle Weiſe, und fuͤhrte ihn mit ſich nach ſeinem Hauſe, wo Sofronia mit heißen Thranen ihn wie einen Bruder empfing. Nachdem er ihn alsdann erquickt, gekleidet und in einen Anzug verſetzt hatte, wie er ſeiner Tugend und ſeinem Edelmuthe zukam, theilte er zuerſt alle ſeine Schaͤtze und ſeine Beſitzungen mit ihm, und dann gab er ihm ſeine juͤngere Schweſter, Fulvia genannt, zur Frau. Hierauf ſagte er zu ihm: Giſippo, jetzt ſteht es bei Dir, ob Du hier bes mir willſt wohnen bleiben, oder ob Du mit Allem, was ich Dir geſchenkt habe, nach Achaja zuruͤckkeh⸗ ven willſt. Giſippo, bedraͤngt von der einen Seite, durch die Verbannung aus ſeiner Vaterſtadt, von der an⸗ dern durch die Liebe, die er ſchuldigerweiſe fuͤr die dankbare Freundſchaft des Titus hegte, beſtimmte ſich, Roͤmer zu werden. Er daher mit ſeiner Fulvia, und Titus mit ſeiner Sofronia lebten beſtaͤndig in ken⸗ oͤrt, zu ebe, ihm Lie⸗ ngs ten, olle uſe, inen ickt, er ilte mit ſter, hm: bei lem, keh⸗ urch an⸗ die mte via, Achte Novelle. Einem Hauſe eine lange Zeit froͤhlich bei einander, und wurden mit jedem Tage, wenn ſie es haäͤtten wer⸗ den koͤnnen, nur noch innigere Freunde. Das Allerheiligſte daher iſt die Freundſchaft, und nicht allein die ausgezeichneteſte Achtung verdient ſie, ſondern auch des immerwaͤhrenden Lobes iſt ſie wuͤr⸗ dig, als die beſcheidenſte Mutter des Edelmuthes und der Sittſamkeit, als die Schweſter der Dankbar⸗ keit und Liebe, und des Haſſes und des Geizes Fein⸗ dinn, die immer bereit iſt, ohne erſt auf Bitten zu warten, das bei Anderen auf eine ausgezeichnete Art zu bewirken, was ſie fuͤr ſich bewirkt zu ſehen wuͤn⸗ ſchet. Dieſe ihre heiligen Wirkungen ſieht man peutiges Tages äußerſt ſelten bei zweien; Schimpf und Schande der elenden Begierigkeit der Sterbli⸗ chen, welche, allein nur den eigenen Vortheil immer vor Augen habend, ſie bis hin an die aͤußerſten Gren⸗ zen der Erde in ewiger Verbannung verwieſen hat. Welche Liebe, welche Reichthuͤmer, welche Vetter⸗ ſchaft wuͤrde wol Giſippo'n die Gluth der Thränen und der Seufzer des Titus in ſeinem Herzen in ſol⸗ cher Kraͤftigkeit haben wieder fuͤhlen laſſen, daß er darum die ſchoͤne, edle, von ihm ſo geliebte Braut dem Titus uͤberließ, als nur ſie? Welche Geſetze, welche Drohungen, welche Furcht haͤtte wol die ju⸗ gendlichen Arme Giſippo's an den einſamen Oertern, an den dunkeln Oertern, in dem eigenen Bette von den Umarmungen der ſchoͤnen Jungfrau zuruͤckgehal⸗ ten, die vielleicht zuweilen ſelbſt Aufregerin ward, als nur ſie? Welcher Zuſtand, welche Verdienſte, Voccaccio's fämmtl. W. 6. 22 338 Zehnter Tag. welche Vortheile hätten es wol je bei Giſippo be⸗ wirkt, daß er es fuͤr nichts achtete, ſeine und Sofro⸗ nia's Anverwandten gegen ſich aufzubringen, ſich nicht zu kuͤmmern um den Spott und die Verachtung und die unanſtaͤndigen Reden des gemeinen Volkes, um nur dem Freunde zu genuͤgen, als nur ſie? Von der anderen Seite wieder, was haͤtte wol den Titus, ohne weitere Ueberlegung(da er auf eine ſehr anſtaͤndige Weiſe, nichts zu bemerken ſich ſtel⸗ len konnte) ſo uͤberaus bereitwillig machen koͤnnen, den eigenen JTod zu befoͤrdern, um Giſippo vom Kreuz zu retten, wozu er ſich ſelbſt befoͤrderte, als nur ſie? Was hätte den Titus, ohne es noch wei⸗ ter aufzuſchieben, ſo liberal machen koͤnnen, ſein ſo anſehnliches väterliches Erbtheil mit Giſippo zu thei⸗ len, dem das Schickſal das ſeinige genommen hatte, als nur ſie? Was hätte den Titus wol ſo ohne al⸗ len Argwohn zu dem heißen Wunſch bringen koͤnnen, ſeine Schweſter an Giſippo zu uͤberlaſſen, den er ganz und gar verarmt, und dem aͤußerſten Elende nahe gebracht ſah, als nur ſie? Moͤgen daher die Menſchen immerhin nach einer Menge von Anverwandtſchaften, nach einer Schaar von Bruͤdern, nach einer großen Anzahl Kinder ſtre⸗ ven, und mit ihrem Gelde den Schwarm der Diener vermehren, und moͤgen ſie auch, es ſey von dieſen einer, welcher es wolle, iede ihrer eigenen kleinſten Gefahren viel wen ger achten, wenn ſie nur dafuͤr beſorgt ſeyn können, die großern dem Vater oder dem Bruder — * ng 6, o ne el⸗ n, om s ei⸗ ſo ei⸗ te, al⸗ en er nde ner aar tre⸗ ner ner, ren ſeyn uder Neunte Novelle. oder dem Herrn aus dem Wege zu raͤumen, wenn man Freunde ganz das Gegentheil thun ſieht. Neunte Novelle. Der Saladin wird unter der Geſtalt eines Kaufmanns von Meſſer Torello geehrt. Es erfolgt ein Kreuzzug. Meſ⸗ ſer Torello beſtimmt ſeiner Gattin einen Zeitpunkt, ſich wieder zu verheirathen; er wird gefangen, und durch Voögelabrichten dem Sultan bekannt, welcher ihn wieber erkennt, und ſich ihm auch wieder zu erkennen giebt; worauf er ihn in großen Ehren haͤlt. Meſſer Torello erkrankt, und durch magiſche Kuͤnſte wird er in einer Nacht nach Pavia verſetzt. Bei der Hochzeit, als ſeine Gattin ſich wieder verheirathet, wird er von ihr wieder erkaunt, und er kehrt darauf mit ihr nach ſeinem Hauſe zuruͤck. Es hatte ihre Worte Philomena beendigt, und die großmuͤthige Dankbarkeit des Titus war von Al⸗ len gleichmäßig gelobt worden, als der Koͤnig, den letzten Platz fuͤr Dioneus aufſparend, alſo zu reden anfing. Reizende Damen, ohne allen Zweifel hat Philo⸗ mena in dem, was ſie uͤber die Freundſchaft ſagt, wahr geſprochen, und mit Recht beklagt ſie ſich am Schluſſe ihrer Worte daruͤber, daß dieſelbe heutiges Tages ſo wenig von den Sterblichen geachtet werde. Und waͤren wir darum hier, um die ir diſchen Maͤn⸗ gel zu verbeſſern, oder auch nur um ſie zu tadeln, ſo wuͤrde ich mit weitlaͤuftigeren Reden ihre Worte noch weiter verfolgen; allein da unſer Zweck auf ganz etwas Anderes gerichtet iſt, ſo iſt mir in den Sinn gefallen, Euch vielleicht durch eine etwas laͤngere ———— 340 Zehnter Tag. Geſchichte, die aber doch im Ganzen ſehr ergotzlich 4 iſt, eine der großherzigen Handlungen des Sultans 3 mitzutheilen, damit, wenn wir durch unſere Fehler Jemandes Freundſchaft nicht vollkommen erhalten koͤnnen, wir wenigſtens durch das, was Ihr in mei⸗ ner Novelle hoͤren werdet, ein Vergnuͤgen daran fin⸗ den, Jemanden zu dienen, in der Hoffnung, daß der Lohn dafuͤr, mag es auch ſeyn, wann es wolle, doch einmal erfolgen muͤſſe. Ich ſage alſo, wie Einige behaupten, zur Zeit Kaiſers Friedrichs des Erſten veranſtalteten die Chriſten einen allgemeinen Kreuzzug, um das gelobte Land wieder zu erobern. Dies ahnete der Saladin, ein kraftvoller Herr und damals Sultan von Baby⸗ lon, einige Zeit vorher, er beſchloß daher, in eigener Perſon die Zuruͤſtungen der chriſtlichen Maͤchte zu dieſem Kreuzzuge ſelbſt in Augenſchein zu nehmen, um ſich beſſer dagegen vorſehen zu koͤnnen. Sobald er alſo in Aegypten alle ſeine Angele⸗ genheiten geordnet hatte, gab er vor, eine Pilger⸗ reiſe zu veranſtalten, und machte ſich mit zweien ſei⸗ ner aͤlteſten und kluͤgſten Leute und allein nur mit drei Bedienten, wie ein Kaufmann auf den Weg. Nachdem er viele chriſtliche Provinzen durchreiſt hatte und durch die Lombardei ritt, um jenſeits des Gebirges zu gelangen, ſtieß er auf dem Wege von Mailand nach Pavia, gegen Abend ſchon, auf einen edlen Mann, deſſen Name Meſſer Torello von Iſtria aus Pavia war, der eben im Begriff ſtand, mit ſei⸗ nen Leuten, Hunden und Falken auf einer ſeiner ſchoͤ⸗ n8 er ei⸗ in⸗ der och eit die bte in, by⸗ ner zu ten, ele⸗ ger⸗ ſei⸗ mit reiſt des von inen ſtria ſei⸗ ſcho⸗ Neunte Novelle. 341 nen Beſitzungen zu verweilen, welche er jenſeits des Teſſino hatte. Sobald Meſſer Torello jene erblickte, meinte er, es muͤßten doch wol edle Männer und Fremde ſeyn, und es ſtieg ihm der Wunſch auf, ſie zu ehren. Als daher der Saladin einen ſeiner Leute fragte, wie weit es noch von hier bis Pavia waͤre, und ob ſie noch wol zu gehoͤriger Zeit, um da hineinzukom⸗ men, hingelangen koͤnnten, nahm Torello das Wort fuͤr den Diener, und antwortete: Meine Herren, nach Pavia koͤnnen Sie nicht mehr hingelangen, um hinein zu kommen. So ſeyn Sie ſo gefällig, erwiederte der Sultan, uns zu ſagen, da wir fremd ſind, wo wir wol am beſten unterkommen koͤnnen. Meſſer Torello antwortete, das will ich gern thun. Ich hatte eben in Gedanken, einen von die⸗ ſen meinen Leuten bis in die Naͤhe von Pavia, einer Angelegenheit wegen, hinzuſchicken. Ich werde ihn Ihnen mitgeben, und er mag Sie hinfuͤhren, wo ſie am beſten bleiben koͤnnen. Hierauf trat er zu einem ſeiner geſcheiteſten Die⸗ ner hinan, und trug ihm auf, was er zu thun hätte. Dann ſchickte er denſelben mit. Er ſelbſt aber ging nach ſeiner Beſitzung ſchnell hin, ließ ein ſchoͤnes Abendeſſen, ſo gut es vur moͤglich, zubereiten und die Tafeln in dem Garten ſerviren. Hierauf trat er an die Thuͤr, um ſie zu erwarten. Der Diener fuͤhrte die edlen Maͤnner, während er ſich mit ihnen von verſchiedenen Sachen unterhielt⸗ 342 Zehnter Tag. auf gewiſſen Abwegen herum, bis er ſie nach dem Aufenthaltsorte ſeines Herrn, ohne daß ſie es ſelbſt bemerkten, hingebracht hatte. Als Meſſer Torello ſie ſah, ging er zu Fuß ihnen ſogleich entgegen, und ſagte laͤchelnd: Seyn Sie mir herzlich willkommen, meine Herren! Saladin, welcher ein geſcheiter Mann war, merkte ſehr wohl, daß der Cavalier bezweifelt hätte, ob ſie ſeine Einladung annehmen wuͤrden, wenn er ſie, als er ſie unterweges antraf, eingeladen haͤtte, deßhalb habe er ſie, damit ſie es nicht abſchlagen könnten, den Abend bei ihm zuzubringen, ſo mit Liſt nach ſeinem Hauſe hinfuͤhren laſſen; er antwortete daher auf ſeinen Gruß: Mein Herr, wenn man ſich uͤber hoͤfliche Leute beklagen duͤrfte, ſo muͤßten wir uns uͤber Sie bekla⸗ gen, der Sie uns(nicht zu gedenken unſeres Weges, worin Sie uns etwas aufgehalten haben) gezwungen haben, eine ſolche Hoͤflichkeitsbezeigung, wie die Ihrige, anzunehmen, ohne daß wir Ihre Zuvorkom⸗ menheit durch etwas Anderes verdient hätten, als durch einen bloßen Gruß. Der Cavalier, der eben ſo witzig war, und ſchoͤn zu reden verſtand, ſagte: Meine Herren, die Hoͤflichkeit, welche Sie von mir annehmen, iſt hinſichts der, welche Ihnen, nur allein nach Ihrem bloßen Anſehen zu urtheilen, zu⸗ kommt, nur eine ſehr armſelige Hoͤflichkeit; aber in Wahrheit, außer Pavia konnten Sie an keinen Ort mehr hingelangen, der gut geweſen waͤre; und daher ſt uß yn r, te, te, en iſt te te a⸗ 5, en ie — * s on ur rt e Neunte Novelle. 343 laſſen Sie es ſich nicht verdrießen, einen kleinen Um⸗ weg haben machen zu muͤſſen, um etwas weniger Un⸗ bequemlichkeiten zu haben. Nachdem er alſo geſprochen, kam ſeine Diener⸗ ſchaft um ſie herum, welche, ſobald ſie abgeſtiegen waren, fuͤr ihre Pferde ſorgten; Meſſer Torello aber fuͤhrte die drei Herren in die fuͤr ſie zubereiteten Zim⸗ mer, wo er ſie ſich entkleiden und mit kuͤhlenden Weinen erquicken ließ; dann unterhielt er ſie mit freundlichen Reden, bis die Stunde gekommen war⸗ daß ſie ſpeiſen konnten. Saladin konnte, ſo wie alle ſeine Begleiter und Diener, italieniſch; daher verſtanden ſie Alles ſehr gut, und wurden auch wieder verſtanden; ja, es ſchien einem Jeden von ihnen, daß dieſer Cavalier der ge⸗ fälligſte, geſitteſte Mann waͤre, und der beſſer ſpraͤche, als nur irgend einer, den ſie bis jetzt geſehen haͤtten. Dagegen glaubte auch Meſſer Torello wieder, es wä⸗ ren vortreffliche Maͤnner, die auf einen hoͤhern Grad der Bildung Anſpruch machten, als er anfaͤnglich ge⸗ glaubt hatte, deßhalb bedauerte er ſehr, daß er ſie fuͤr dieſen Abend mit keiner anderen Geſellſchaft und förmlichen Abendeſſen beehren koͤnnte. Er dachte da⸗ her darauf, dies auf den folgenden Tag zu erſetzen; unterrichtete deßhalb einen ſeiner Leute von dem, was er zu thun Willens waͤre, und ſandte ihn an ſeine Gemahlin, welches eine kluge, hochherzige Frau war⸗ nach dem nicht weit entlegenen Pavia, woſelbſt kein Thor verſchloſſen war. Hierauf fuͤhrte er die edlen 344 Zehnter Tag. Männer nach dem Garten und fragte ſie ſehr hoͤf⸗ lich, wer ſie waͤren. Darauf antwortete der Saladin: Wir ſind cypriſche Kaufleute, kommen aus Cy⸗ pern und gehen unſerer Angelegenheiten wegen nach Paris. Hierauf ſagte Meſſer Torello: Wollte Gott, daß unſere Gegend dergleichen edle Maäͤnner auch her⸗ vorbraͤchte, wie ich ſehe, daß in Cypern die Kaufleute ſind. Und unter dieſen und ähnlichen Reden war die Zeit zum Abendeſſen herangenahet, wobei er ihnen es ſelbſt uͤberließ, ihre Plaͤtze zu wählen, und hier wurden ſie, ob es gleich nur ein Abendeſſen aus dem Stegreif war, ſehr gut und ſehr ordentlich bedient. Nicht lange nach aufgehobener Tafel dauerte es, als ſie, da Meſſer Torello merkte, daß ſie muͤde wuͤrden, in ſehr ſchoͤne Betten zur Ruhe gebracht wurden, worauf er ſelbſt auch bald nachher ſich ſchlafen legte. Der nach Pavia geſandte Diener richtete die Ge⸗ ſandtſchaft an die Frau aus, welche nicht mit weibi⸗ ſchem, ſondern wahrhaft koͤniglichem Sinne, Freunde und hinreichend Diener Meſſer Torello's ſchnell zuſam⸗ menrufen, alles, was zu einem großen Gaſtmahl er⸗ forderlich war, zubereiten, dann bei Fackelſchein, viele der edelſten Buͤrger zum Gaſtmahl einladen, Tuͤcher, JTapeten und Fehen zuſammenpacken und alles, was ihr Mann hatte ſagen laſſen, in Ordnung legen ließ. Als hierauf der Tag herannahete, ſtanden die edlen Männer auf. Meſſer Torello ſtieg mit ihnen Neunte Novelle. 345 zu Pferde, ließ ſeine Falken bringen, fuͤhrte ſie zu einer nahegelegenen Furth, und zeigte ihnen, wie ſie flögen. Indeſſen da ſich der Saladin nach Jemand in Pavia erkundigte, der ihn nach dem beſten Gaſt⸗ pof hinwieſe, ſagte Meſſer Torello, das werd' ich ſelbſt ſeyn, weil mir das vor Allen zukommt. Jene glaubten das, und waren es zufrieden, ſie machten ſich daher zugleich mit ihm auf den Weg. Gegen neun Uhr Morgens war es, als ſie bei der Stadt anlangten, und, glaubend, ſie wären zum b ſten Gaſthofe hingewieſen, mit Meſſer Torello bei ſeinem Hauſe abſtiegen. Wohl an funfzig der erſten Buͤrger waren hier hergekommen, um die edlen Män⸗ ner zu empfangen, denen ſie ſogleich an den Zügeln und bei den Steigbuͤgeln herum behuͤlflich waren. Als der Saladin und ſeine Gefäͤhrten dies ſahen, merkten ſie ſogleich, woran ſie wären, und ſagten: Meſſer Torello, das iſt es nicht, warum wir Dich gebeten hatten; Du haſt die vergangene Nacht ſchon genug gethan und mehr als wir wunſchten, daher konnteſt Du uns ganz gut unſeren Weg gehen laſſen. Hierauf antwortete Meſſer Torello: Meine Herren, uͤber das, was geſtern Abend vorgefallen, weiß ich mehr dem Geſchicke als Ihnen Dank, was Sie zu einer Zeit unterweges ſo uͤberraſchte, daß Sie in mein kleines Haus einkehren mußten; uͤber das von dieſem Morgen bin ich Ihnen verbunden, und mit mir zugleich alle dieſe edlen Männer, welche hier herum ſtehen; glauben Sie dieſen einen Beweis 346 Zehnter Tag. Ihrer Achtung zu geben, wenn Sie mit denſelben zu Mittag zu eſſen ihnen verweigern, ſo ſteht es bei Ihnen, wenn Sie es wollen. Beſchaͤmt ſtieg der Saladin mit ſeinen Gefaͤhr⸗ ten ab, und freundlich von den edlen Maͤnnern em⸗ pfangen, wurden ſie in die Zimmer gefuͤhrt, welche fuͤr ſie auf das Reichſte eingerichtet waren; nachdem ſie hierauf ihre Reiſekleider abgelegt hatten, und ein wenig geſtaͤrkt worden waren, kamen ſie in den Saal, wo Alles glaͤnzend eingerichtet war. Hierauf ward ihnen fuͤr die Hände Waſſer gereicht, dann ſetzten ſie ſich in der groͤßten und ſchoͤnſten Ordnung zu Tiſche, wo ſie mit vielen Speiſen praͤchtig bedient wurden, ſo daß, ſelbſt wenn der Kaiſer gekommen wäre, ihm nicht mehr Ehre haͤtte erwieſen werden können. Und ſo große Herren auch der Saladin und ſeine Begleiter waren, und ſo große Sachen ſie auch gewohnt waren zu ſehen, ſo wunderten ſie ſich doch nichts deſto weniger uͤber alles dies, was ihnen noch weit groͤßer ſchien, in Hinſicht auf den Stand des Cavaliers, von dem ſie wußten, daß er nur ein Buͤr⸗ ger und kein großer Herr waͤre. Nachdem das Mahl vollendet, die Tafeln aufge⸗ hoben waren, und ſie nun auch von andern Sachen geſprochen hatten, begaben ſich, da die Hitze ſehr groß war, die andern edeln Maͤnner aus Pavia nach Meſſer Torello's Wunſch zur Ruhe, er ſelbſt aber blieb mit den Dreien zuruͤck, und ging mit ihnen in ein Zimmer, worin er, damit nichts uͤbrig bliebe, was ſie nicht geſehen haͤtten, ſeine brave Frau kom⸗ en zu s bei fähr⸗ eme velche chdem d ein Saal, ward etzten g zu edient mmen eren n und auch dch noch d des Buͤr⸗ ufge⸗ achen ſehr nach aber en in liebe, kom⸗ Neunte Novelle. 347 men ließ. Dieſe, ſehr ſchoͤn und von hohem Wuchs, mit reichen Kleidern geſchmuͤckt, trat in der Mitte ihrer beiden Kinder, welches zwei Engel zu ſeyn ſchienen, ihnen entgegen, und gruͤßte ſie mit gefaͤlli⸗ gem Anſtande. Jene, ſie erblickend, ſtanden auf, empfingen ſie mit Anſtand, hießen ſie neben ſich ſitzen, und hatten ihre Luſt mit ihren zwei allerliebſten Kinderchen. Indeſſen da ſie ſich mit ihnen in freundliche Unterhaltung eingelaſſen, und Meſſer Torello ſich etwas entfernt hatte, fragte ſie ſie auf eine liebens⸗ wuͤrdige Art, wo ſie herkämen, und wohin ſie gingen. Die edlen Maͤnner antworteten ihr, wie ſie Meſ⸗ ſer Torello'n ſelbſt geantwortet hatten. Hierauf ſagte die Frau mit froͤhlicher Miene: ſo ſehe ich denn doch, wozu meine weibliche Ahnung gut ſeyn wird, und deßhalb bitte ich Sie, mir die beſondere Gewogenheit zu erzeigen, das duͤrftige Ge⸗ ſchenk nicht abzuſchlagen, oder zu gering zu achten, was ich werde fuͤr Sie bringen laſſen; aber, dabei wohl in Betrachtung ziehend, daß die Frauen minder großherzig, auch nur minder große Geſchenke geben koͤnnen, werden Sie mehr auf das gute Herz der Ge⸗ berinn als auf den Werth des Geſchenkes ſehen und es annehmen. Hierauf ließ ſie ſich fuͤr Jeden zwei Oberkleider bringen, das eine mit Zeug, das andere mit Fehe ge⸗ futtert, nicht ſowohl fuͤr Buͤrger und Kaufleute, als vielmehr fuͤr große Herren; und drei Unterkleider von Zindel und Waͤſche, worauf ſie ſagte: Nehmen 348 Zehnter Tag. Sie dies an. Ich habe mit eben ſolchen Kleidern auch meinen Mann gekleidet, ſo wie Sie. Das Uebrige kann, in Hinſicht deſſen, daß Sie von Ihren Frauen entfernt ſind, und der Länge des ſchon ge⸗ machten und noch zu machenden Weges, auch daß die Kaufleute feine und zaͤrtliche Leute ſind, Ihnen viel⸗ leicht, wenn es auch wenigen Werth hat, doch nutz⸗ lich ſeyn. Die edlen Männer, voll Verwunderung, erkann⸗ ten ganz deutlich, wie Meſſer Torello keine Art der Hoͤflichkeitsbezeigung ihnen zu erweiſen unterlaſſen wollte, und waren ungewiß, da ſie den Werth der keinesweges kaufmänniſchen Kleider ſahen, ob ſie von Meſſer Torello wol nicht erkannt ſeyn moͤchten; den⸗ noch aber antwortete einer von ihnen der Dame: Madame, dies ſind ſo große Sachen, die wir durchaus nicht fuͤr Kleinigkeiten annehmen koͤnnten, wenn Ihre Bitten uns dazu nicht ſo zwaͤngen, daß wir darauf durchaus nicht Nein ſagen koͤnnen. Wäaͤhrend deſſen war Meſſer Torello wieder zu⸗ ruͤckgekehrt, da empfahl die Frau ſie Gott, und ver⸗ ließ ſie; die Dienerſchaft aber ließ ſie mit aͤhnlichen Sachen, wie ſie ihnen zukamen, verſehen. Meſſer Torello erhielt es durch viele Bitten von ihnen, daß ſie dieſen ganzen Tag noch bei ihm verweilten; ſobald ſie daher geſchlafen hatten, zogen ſie ihre Kleider an, und ritten mit Meſſer Torello durch die Stadt, bis die Stunde des Abendeſſens ge⸗ kommen war, in welcher ſie mit vielen ehrenwerthen Geſellſchaftern praͤchtig zu Abend aßen. der ih: ſch ne idern Das hren ge⸗ die viel⸗ nuͤtz⸗ ann⸗ der ſſen der von den⸗ wir ten, daß ver⸗ chen tten ihm en ello ge⸗ then Neunte Novelle. 349 Als es Zeit war, gingen ſie zur Ruhe, und wie der Tag anbrach, ſtanden ſie auf, da fanden ſie ſtatt ihrer ermuͤdeten Klepper drei große und gute Roſſe, und ſo auch neue und ſtarke Pferde fuͤr ihre Diener⸗ ſchaft. Da der Sultan dies ſah, wandte er ſich zu ſei⸗ nen Gefaͤhrten mit den Worten: Ich ſchwoͤr' es bei Gott, es giebt keinen vollen⸗ deteren, hoͤflicheren noch bedachtſameren Mann als dieſen, und wenn die chriſtlichen Koͤnige ſolche Koͤ⸗ nige gegen einander ſind, als dieſer Cavalier es iſt, ſo darf der Sultan von Babylon auch nicht einen erwarten, geſchweige ſo viele, als wir ſehen, daß ſich zuruͤſten, um uͤber ihn herzufallen. Indeſſen da er wußte, daß es ihm nichts half, ihm zu widerſpre⸗ chen, ſo dankte er ihm hoͤflichſt und ſtieg zu Pferde. Meſſer Torello begleitete ihn mit vielen Gefähr⸗ ten noch ein groß Stuͤck Weges außerhalb der Stadt, und ſo druͤckend es dem Saladin auch war, ſich von Meſſer Torello zu trennen(ſo ſehr lieb hatte er ihn gewonnen), ſo bat er ihn dennoch, da die Reiſe draͤngte, umzukehren. So ſchwer es nun dieſem auch ankam, ſich von ihnen zu trennen, ſo ſagte er: Meine Herren, ich will es thun, weil Sie es ſo haben wollen, aber das muß ich Ihnen ſagen: ich weiß nicht, wer Sie ſind, und weil Sie es nicht wuͤnſchen, frage ich Sie auch nicht; aber, Sie moͤgen ſeyn, wer Sie wollen, daß Sie Kaufleute ſind, das werden Sie mich fuͤr dies Mal nicht glauben ma⸗ chen; indeſſen Gott befohlen! 350 Zehnter Tag. Der Saladin, der ſchon von allen den anderen Begleitern Meſſer Torello's Abſchied genommen hatte, wandte ſich nun zu ihm und ſagte: Meſſer, es kann ſich wol einmal ereignen, daß auch wir von unſeren Waaren Ihnen welche zeigen, wodurch wir Ihnen den Glauben in die Hand geben werden. Und nun gehen Sie mit Gott! Der Sultan ſetzte daher mit ſeinen Gefaͤhrten die Reiſe fort, mit dem feſten Entſchluß in ſeinem Herzen, wenn er das Leben behielte, und der Krieg, den er erwartete, es ihm nicht raubte, wolle er Meſ⸗ ſer Torello'n keine geringere Ehre erweiſen, als er ihm erwieſen haͤtte; und ſo ſprach er mit ſeinen Begleitern noch viel von ihm und ſeiner Gemahlin, von allen ſeinen Sachen, Handlungen und Thaten, uͤber alles in große Lobeserhebungen ausbrechend. Nachdem er dann den ganzen Occident nicht ohne große Beſchwerden durchreiſt war, ging er mit ſei⸗ nen Gefaͤhrten zur See und kehrte nach Alexandrien zuruͤck, wo er, von Allem vollſtaͤndig unterrichtet, ſich zur Vertheidigung anſchickte. Meſſer Torello ging ebenfalls nach Pavia zu⸗ ruͤck, wo er lange daruͤber nachdachte, wer dieſe Drei wol moͤchten geweſen ſeyn, doch konnte er niemals hinter die Wahrheit kommen. Die Zeit zum Kreuzzuge war gekommen, und es wurden allenthalben die groͤßten Zubereitungen dazu gemacht, als auch Meſſer Torello ſich, trotz der Bit⸗ ten und Thraͤnen ſeiner Frau, dennoch entſchloß, mit⸗ zugehen. Alle Zuruͤſtungen waren gemacht, und er eren imen daß igen, eben rten inem rieg, Reſ⸗ s er inen hlin, ten, ohne ſei⸗ rien Ntet, zu⸗ Drei nals d es dazu Bit⸗ mit⸗ Neunte Novelle. 351 ſtand im Begriff, fortzureiten, als er zu ſeiner Frau, die er innigſt liebte, ſagte: Frau, wie Du ſieheſt, mache ich dieſen Kreuzzug mit, theils zur koͤrperlichen Ehre, theils zum Heile meiner Seele; ich empfehle Dir unſere Angelegen⸗ heiten und unſern guten Ruf. Und wenn ich auch von meinem Fortgehen uͤberzeugt bin, ſo habe ich doch von meinem Wiederkommen, da tauſend Zufaͤlle mir zuſtoßen koͤnnen, keine Gewißheit, deßhalb wuͤnſchte ich, Du thaͤteſt mir den Gefallen, was ſich auch mit mir ereignen moͤge, daß, in wie fern Du uͤber mein Leben keine gewiſſe Nachricht erhältſt, Du ein Jahr, einen Monat und einen Tag warteſt, ehe Du Dich wieder verheiratheſt, von dem heutigen Tage angerechnet, an welchem ich abreiſe. Die Frau, welche heftig weinte, antwortete: Torello, ich weiß nicht, wie ich den Schmerz, in welchem Du mich bei Deiner Abreiſe zuruͤcklaͤßt, ertragen ſoll; aber ſollte mein Leben laͤnger dauern als er, und es anders mit Dir kommen, ſo kannſt Du darauf leben und ſterben, auch ich werde als Meſſer Jorello's Gattin und mit ſeinem Angeden⸗ ken leben und ſterben. Hierauf ſagte Meſſer Torello: Frau, ich bin feſt uͤberzeugt, was Du mir ſo eben verſprochen haſt, wird, ſo viel an Dir liegt, gewiß eintreffen; aber Du biſt noch jung, biſt ſchoͤn, haſt eine große Anverwandtſchaft, und Deine Tu⸗ gend iſt groß und allgemein bekannt; daher zweifle ich gar nicht, daß nicht viele große und edle Män⸗ 352 Zehnter Tag. ner, wenn man von mir nichts mehr ahnen wird, bei Deinen Bruͤdern und Verwandten um Dich an⸗ halten ſollten. Vor den Zuredungen dieſer wirſt Du Dich, ſo viel Du auch wollen wirſt, dennoch nicht ſchuͤtzen koͤnnen, und Du wirſt gezwungen ihren Willen nachgeben muͤſſen; und dies iſt der Grund, warum ich nur dieſen Zeitpunkt und keinen groͤßern von Dir erbitte. Ich werde thun, was ich kann, antwortete die Frau, wie ich Dir geſagt habe; ſollte ich aber an⸗ ders handeln muͤſſen, ſo werde ich Dir gewiß ſo, wie Du es von mir verlangſt, gehorchen. Ich bitte aber Gott, daß er weder Dich noch mich zu ſolcher Zeit in dieſe Lage verſetzen moͤge. Hier endeten ihre Worte, und in Thraänen um⸗ armte die Frau Meſſer Torello, darauf zog ſie einen Ring vom Finger, und gab ihm den mit den Wor⸗ ten: ſollte ich eher ſterben, als ich Dich wiederſehe, ſo erinnere Dich meiner, ſo oft Du ihn anſieheſt. Er nahm ihn, ſtieg zu Pferde, ſagte Jedem ein Le⸗ bewohl, und trat ſeine Reiſe an. Nach Genua gekommen, ging er mit ſeinen Ge⸗ fährten auf einer Galeere weiter, und in kurzer Zeit in Acre angelangt, verband er ſich mit dem andern chriſtlichen Heere. In demſelben verbreitete ſich nach und nach ein großes Erkranken und Sterben, waͤhrend welches, war es Saladins Geſchicklichkeit oder Gluͤck, faſt der ganze Ueberreſt der entkommenen Chriſten von ihm mit gewaffneter Hand gefangen genommen, in den ——„—„——— e e—„— vird, an⸗ virſt noch hren und, ßern die an⸗ wie aber Zeit um⸗ inen Por⸗ ſehe, heſt. Le⸗ Ge⸗ Zeit dern ein ches, der ihm den „ Neunte Novelle. 353 Staͤdten umher vertheilt und gefangen gehalten ward. Unter dieſen befand ſich auch Meſſer Torello, welcher als Gefangener nach Alexandrien abgefuͤhrt wurde. Da er daſelbſt gar nicht bekannt war, und fuͤrchtete, ſich zu erkennen zu geben, fing er, aus Nothwendigkeit gezwungen, an, Falken abzurichten, worin er ein großer Meiſter war, und hierdurch ward er dem Saladin bekannt, der ihn aus der Gefangen⸗ ſchaft herausnahm, und als ſeinen Falkenier bei ſich behielt. Meſſer Torello, den der Sultan nie bei einem anderen Namen, als dem chriſtlichen nennen gehoͤrt hatte, erkannte weder den Sultan, noch der Sultan ihn wieder, und hatte, da ſein Sinn allein nur nach Pavia ſtand, mehrere Male verſucht, zu entfliehen, es war ihm aber nie gegluͤckt. Als daher Genueſer Geſandte zum Saladin kamen, um verſchiedene ihrer Bürger auszuwechſeln, dachte er, als dieſe wieder ab⸗ reiſen ſollten, an ſeine Frau zu ſchreiben, daß er noch lebe, und ſobald er nur koͤnnte, zu ihr zuruͤck⸗ kehren wuͤrde; ſie moͤchte ihn daher nur erwarten. Und das that er. Dann bat er einen der Abgeſand⸗ ten, den er kannte, ſehr dringend, er moͤchte doch Al⸗ les anwenden, daß der Brief in die Haͤnde des Ab⸗ tes zu St. Peter im goldenen Himmel, der ſein On⸗ kel waͤre, gelangte. In dieſer Lage befand ſich Meſſer Torello, als eines Tages einmal der Sultan uͤber ſeine Voͤgel mit ihm ſprach, und Meſſer Torello anfing zu laͤcheln, Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 23 354 Zehnter Tag. und dabei einen Zug mit dem Munde machte, wel⸗ chen der Saladin, da er zu Pavia in ſeinem Hauſe war, ſehr oft bemerkt hatte. Hierbei kehrte dem Sultan Meſſer Torello in Gedanken wieder zuruͤck, und als er ihn aufmerkſamer anſah, ſchien er es ihm auch wirklich zu ſeyn. Er brach daher ſeine erſte Rede ab, und ſagte: Sage mir doch, Chriſt, aus welcher Gegend des Abendlandes biſt Du? Mein Herr, antwortete Meſſer Torello, ich bin ein Lombarde, aus der Stadt Pavia, ein armer Mann und gemeinen Standes. Als der Sultan dies hoͤrte, war er faſt von dem überzeugt, was er ahnete, und ſagte froͤhlich bei ſich ſelbſt: So hat Gott mir doch die Zeit gewährt, dieſem zu zeigen, wie ich ihm ſeine Hoͤflichkeit Dank weiß. Ohne noch weiter etwas zu ſagen, ließ er alle ſeine Kleider in eine Kammer zurecht legen, fuͤhrte ihn hinein, und ſagte: Sieh einmal zu, Chriſt, ob unter dieſen Klei⸗ dern wol nicht eins iſt, das Du ſchon geſehen haſt. Meſſer Torello fing an, ſie durchzuſehen, und ſah die, welche dem Sultan ſeine Frau geſchenkt hatte; er glaubte aber doch nicht, daß es dieſelben ſeyn moͤchten; deſſen ungeachtet antwortete er: Ich muß zwar geſtehen, dieſe zwei Kleider ſehen wol de⸗ nen ſehr ahnlich, welche ich zugleich mit drei Kauf⸗ leuten, die in meinem Hauſe abgetreten waren, einſt getragen habe. a ſe — 5 te Nun konnte der Sultan ſich nicht laͤnger halten, umarmte ihn zärtlich und ſagte: Sie ſind Meſſer Torello von Iſtria, und ich bin einer der drei Kaufleute, denen Ihre Frau dieſe Kleider gab, und jetzt iſt die Stunde gekommen, wo Sie die Gewißheit in Ihrem Glauben erhalten ſollen, worin meine Handlungsartikel beſtänden, wie ich bei meiner Abreiſe ſagte, daß das wol einmal der Fall werden koͤnnte. Meſſer Torello erheiterte ſich ganz außerordent⸗ lich, da er dies hoͤrte, ſchämte ſich aber auch; er freute ſich, einen ſolchen Gaſt gehabt zu haben, und ſchämte ſich, weil er glaubte, er hätte ihn doch nur ganz armſelig empfangen. Hierauf ſagte der Saladin: Meſſer Torello, weil Gott mir Sie zugeſendet hat, ſo denken Sie, daß von jetzt an nicht ich, ſondern Sie hier Herr ſind. Die Freude war unbeſchreiblich groß, er ließ ihn ſogleich in koͤnigliche Kleider kleiden, und ſtellte ihn allen ſeinen hoͤchſten Baronen vor, ſagte Vieles zum Lobe ſeines großen Werthes, und empfahl einem Je⸗ den, dem ſeine Gnade lieb waͤre, ihn ſo zu ehren, wie ſeine eigene Perſon. Ein Jeder that das von dieſem Augenblicke an, mehr aber als alle Andere, die beiden Herrn, welche Gefaͤhrten des Sultans in ſeinem Hauſe geweſen waren. Die Höhe des ploͤtzlichen Ruhmes, auf welcher Meſſer Jorello ſich erblickte, zog ſeinen Sinn von den Angelegenheiten der Lombardei etwas ab, und Reunte Rovelle. 355 356 Zehnter Tag. beſonders weil er in der feſten Hoffnung ſtand, ſeine Briefe moͤchten wol an ſeinen Onkel hingekommen ſeyn. In dem Lager aber, oder vielmehr unter dem chriſtlichen Heere, war an dem Tage, als es vom Saladin war gefangen genommen, ein provenzaliſcher unbedeutender Ritter geſtorben und begraben worden, deſſen Name Meſſer Torello von Dignes war; da aber Meſſer Torello von Iſtria ſeines Edelmuthes wegen durch das ganze Heer bekannt geworden war, ſo hoͤrte Jeder ſagen, Meſſer Torello iſt todt, und glaubte, es waͤre Meſſer Torello von Iſtria, und nicht der von Dignes; und hierzu kam noch der Zu⸗ fall der Gefangennehmung, wodurch die Getaͤuſchten gar nicht enttauſcht wurden. Daher kehrten viele Italiener mit dieſer Nachricht zuruͤck, unter denen noch viele Voreilige waren, welche zu ſagen wagten, ſie haͤtten ſelbſt den Todten geſehen, und waͤren bei ſeinem Begraͤbniſſe geweſen⸗ Sobald die Frau und ihre Anverwandten dies erfuhren, verurſachte es nicht allein bei ihnen, ſon⸗ dern bei einem Jeden, der ihn gekannt hatte, den großten unſaͤglichſten Schmerz. Zu lang wuͤrde es ſeyn, zu beſchreiben, wie groß und von welcher Art der Schmerz, die Traurigkeit und die Klagen ſeiner Frau waren, welche indeſſen, nachdem ſie ſich einige Monate in beſtaͤndiger Traurigkeit hingequält hatte, nach und nach aber in ihrem Schmerze nachzulaſſen anfing, von ihren Bruͤdern und anderen Verwandten angegangen ward, ſich wieder zu verheirathen. Dies „—„e„—————„—. 1 a 8 r d d U⸗ en le en n, ei n⸗ en Art ner ige te, ſen ten ies Neunte Novelle. hatte ſie zwar ſehr oft mit vielen Thraͤnen zuruͤckge⸗ wieſen, endlich aber ſah ſie ſich doch gezwungen, zu thun, was ihre Anverwandten wuͤnſchten, indeſſen nur unter der Bedingung, daß ſie ſo lange unverheirathet bleiben durfte, als ſie es an Meſſer Torello verſpro⸗ chen hätte. Während nun in Pavia die Angelegenheiten der Frau auf ſolchen Fuß ſtanden, und ſchon die letzten acht Tage des Zeitpunktes, wo ſie ſich wieder verhei⸗ rathen ſollte, heranruͤckten, traf es ſich, daß Meſſer Torello in Alexandrien eines Tages Jemanden ſah, den er mit den Gemueſiſchen Geſandten die Galeere hatte beſteigen ſehen, die von Genua angekommen war; dieſen ließ er ſich rufen, und fragte ihn, was ſie fuͤr eine Fahrt gehabt haäͤtten, und wenn ſie nach Genua gekommen waͤren. Herr, gab dieſer ihm zur Antwort, daß die Ga⸗ leere eine boͤſe Reiſe machen wuͤrde, merkte ich in Creta, deßhalb blieb ich daſelbſt zuruͤck, weil, in der Naͤhe von Sicilien, ſich ein ſo gefährlicher Nord⸗ wind erhob, der ſie auf die Sand anke der Barba⸗ rei verſchlug, daß keine Seele davon kam, und unter andern auch zwei meiner Bruͤder dabei umkamen. Meſſer Torello legte den Worten dieſes Men⸗ ſchen Glauben bei, die auch wirklich wahr waren, und erinnerte ſich, daß der Zeitpunkt in wenigen Ta⸗ gen zu Ende liefe, den er von ſeiner Frau erbeten hatte, uͤberdies auch war er der Meinung, man koͤnne in Pavia von ſeinen Schickſalen nichts wiſſen, und daher hielt er es fuͤr ganz gewiß, die Frau wuͤrde † 358 Sehnter Tag. ſchon wieder verheirathet ſeyn. Er verfiel daruͤber in ſolchen Schmerz, daß er alle Luſt zum Eſſen ver⸗ lor, wirklich zu Liegen kam, und ſterben zu muͤſſen uͤberzeugt war. Sobald der Satadin dies hörte, da er ihn 7 außerordentlich liebte, ging er zu ihm, und nach vie⸗ 3 len ihm gemachten Bitten erfuhr er den Grund ſei⸗ . nes Schmerzes und ſeiner Krankheit; er machte ihm daher viele Vorwurfe, daß er ihm dies nicht eher geſagt häͤtte, dann aber hat er ihn auch, er moͤchte 3 ſich beruhigen, und verſicherte ihn, wenn er das thäte, wolle er es ſchon ſo veranſtalten, daß er zur 1 beſtimmten Zeit in Pavia ſeyn ſollte; und hierauf ſagte er ihm, wie. Meſſer Torello gab den Worten des Saladins Glauben, und da er oftmals gehört hatte, daß das 3 möglich ſey und mehrmals der Fall geweſen waͤre, beruhigte er ſich, und drang in den Saladin, daruͤber weiter nachzudenken. Der Sultan trug einem ſeiner Schwarzkünſtler auf, deſſen Kunſt er ſchon oftmals erprobt hatte, er moͤchte Mittel und Wege erſinnen, wie Meſſer To⸗ rello auf einem Bette in einer Nacht nach Pavia ge⸗ ſchafft werden koͤnnte. 1 Der Schwarzkuͤnſtler antwortete, das ſollte ge⸗ ſchehen, aber er moͤchte es nur ſtatt ſeiner veranſtal⸗ ten, daß er in Schlaf kame. Nach dieſer Verabredung kehrte der Saladin zu Meſſer Torello zuruͤck, und fand ihn zu allem bereit, 1 um zur heſtimmten Zeit in Pavia zu ſeyn, wenn das —,.—— — — — NM Reunte Novelle. 359 moglich wäre; koͤnnte das aber nicht ſeyn, ſo wolle er ſterben. Hierauf ſagte der Sultan: Meſſer Torello, wenn Sie Ihre Frau ſo zärtlich lieben, und Sie fuͤrchten, daß ſie ihre Hand einem Anderen geben moͤchte, ſo kann ich Sie, Gott weiß es, daruͤber auch nicht im geringſten tadeln; denn ſo viel Frauen ich auch geſehen habe, ſo iſt ſie doch diejenige, deren Sitten, deren Weſen und deren gan⸗ zer Anſtand, ihre Schoͤnheit bei Seite geſetzt, denn das iſt eine vergangliche Blume, mir am meiſten ge⸗ lobt und hochgeſchätzt werden zu muͤſſen ſcheint. Sehr lieb wurde es mir geweſen ſeyn, da das Schick⸗ ſal Sie einmal hierher gebracht hat, daß wir die geit, welche Sie und ich zu leben haben, in dem Reiche, deſſen Regierung ich in Haͤnden habe, zugleich als Herrn mit einander haͤtten leben koͤnnen. Und ſollte mir dies von Gott nicht zugeſtanden ſeyn⸗ wenn es Ihnen denn nun einmal in den Sinn kam, in Pavia entweder zu ſterben, oder ſich zu dem be⸗ ſtimmten Zeitpunkt daſelbſt wieder einzufinden, ſo haͤtte ich doch ganz beſonders gewuͤnſcht, es bei Zei⸗ ten gewußt zu haben, damit ich Sie mit der Ehre, mit der Große, mit der Geſellſchaft, wie ſie Ihren Verdienſten angemeſſen, haͤtte nach Ihrem Wohnorte koͤnnen zuruͤckbringen laſſen. Weil mir aber dies nicht zu Theil geworden, Sie aber dort gegenwaͤr⸗ tig zu ſeyn wuͤnſchen, ſo will ich Sie auf die Art und Weiſe, wie ich Ihnen geſagt habe, dahin ſchaffen. ——— 360 Zehnter Tag. Hierauf ſagte Meſſer Torello: gin Mein Herr, ſchon ohne Ihre Worte hat mich der der Erfolg genugſam von Ihrem Wohlwollen uͤber⸗ fan 1 zeugt, welches ich durchaus nicht in einem ſo hohen dat Grade verdient habe; und auf das, was Sie ſagen, lebe und ſterbe ich im volleſten Vertrauen, ſelbſt von 3 wenn ich es auch nicht ſagte; aber da ich einmal den ſell Entſchluß gefaßt habe, ſo bitte ich, daß das, was da 3 Sie thun zu wollen mir ſagen, bald geſchehe, weil nic morgen der letzte Tag iſt, an welchem ich erwartet Ih werde. ich ſi Der Saladin verſicherte, daß es ohne Zweifel wo ausgefuͤhrt werden wuͤrde. Fr Und den folgenden Tag ließ der Saladin, in der ſich 1 Abſicht, ihn in der kommenden Nacht abzuſenden, das in einem großen Saale ein ſehr ſchoͤnes und reiches mi Bette von Matratzen zurecht machen, welche, nach f bar ihrer Gewohnheit alle von Sammet und Goldſtoffe M 3 waren, daruͤber eine Decke, nach gewiſſen Feldern hen mit den groͤßten Perlen und den theuerſten Edelſtei⸗ die 3 nen durchwirkt, welche nachher von unendlichen bis Werth geſchaͤtzt wurden, und zwei Kiſſen, wie ſie mie 3 fuͤr ein ſolches Bette erforderlich waren. Nachdem wuͤ dies geſchehen war, befahl er, daß Meſſer Torello, fuür 3 der ſchon wieder hergeſtellt war, in ein Kleid nach fuͤr . ſaraceniſcher Mode, was Reicheres und Schoͤneres hatte 3 nie ein Menſch geſehen, eingekleidet, und ſein Kopf, wel ebenfalls nach ihrer Weiſe, mit einer ſeiner längſten nur Kopfbinden umhuͤllet wuͤrde. ſeir Nachdem es alsdann noch ſpaͤter geworden war, auẽ Neunte Novelle. ging der Saladin mit mehreren ſeiner Barone nach dem Zimmer hin, in welchem Meſſer Torello ſich be⸗ fand, ſetzte ſich ihm zur Seite nieder, und fing dann, mit Thraͤnen in den Augen, an: Meſſer Torello, die Stunde, in welcher ich mich von Ihnen trennen muß, nahet heran, und weil ich ſelbſt Sie weder begleiten, noch begleiten laſſen kann, da es die Art der Reiſe, welche Sie machen werden, nicht geſtattet, ſo muß ich in dieſem Zimmer von Ihnen Abſchied nehmen, und zu dieſem Zwecke bin ich hergekommen. Ehe ich Ihnen daher ein Lebe⸗ wohl ſage, bitte ich Sie bei der Liebe und der Freundſchaft, welche unter uns beſteht, erinnern Sie ſich meiner, und wenn es moͤglich iſt, ehe wir bis an das Ziel unſeres Lebens gekommen ſind, beſuchen Sie mich, wenn Sie Ihre Angelegenheiten in der Lom⸗ bardei werden geordnet haben, wenigſtens noch ein Mal, damit ich alsdann, wenn ich Sie wieder zu ſe⸗ hen mich erfreuen werde, die Fehler verbeſſern kann, die ich jetzt Ihrer Eile wegen, begehen muß. Und bis das geſchieht, ſey es Ihnen nicht unangenehm, mich in Briefen zu beſuchen und alles, was Sie wuͤnſchen, von mir zu verlangen, und was ich gewiß fuͤr keinen lebendigen Menſchen lieber thun werde, als fuͤr Sie. Meſſer Torello konnte ſich der Thraͤnen nicht er⸗ wehren, und von dieſen verhindert, antwortete er nur mit wenigen Worten, es waͤre unmoͤglich, daß ſeine Wohlthaten und ſein hoher Werth ihm iemals aus dem Gedächtniſſe kommen koͤnnten, und daß er 362 Zehnter Tag. ohne allen Zweifel das thun wuͤrde, was er ihm be⸗ foͤhle, ſobald es ſeine Zeit ihm nur geſtattete. Daher umarmte und kuͤßte ihn der Sultan zärt⸗ lich, und erwiederte unter vielen Thränen: So rei⸗ ſen Sie denn mit Gott! Dann verließ er das Zim⸗ mer, und die anderen Barone empfahlen ſich ihm alle; er aber begab ſich mit dem Sultan nach jenem Saale, wo dieſer das Bett hatte zubereiten laſſen. Allein da es ſchon ſpät war, und der Schwarz⸗ kuͤnſtler auf die Abfahrt hoffte, ja ſie beſchleunigte, kam ein Arzt mit einem Traͤnkchen, was er ihm, un⸗ ter der Vorſpiegelung, er gaͤbe ihm daſſelbe zu ſeiner Staͤrkung, austrinken hieß; worauf es nicht lange dauerte, bis er einſchlief. So nun eingeſchlafen, ward er auf Befehl des Saladins auf das ſchoͤne Bett hingetragen, auf wel⸗ ches er eine große ſchoͤne Krone von großem Werthe legte, und ein ſolches Zeichen daran machte, daß man ganz deutlich einſehen konnte, der Saladin ſende ſie der Gemahlinn Meſſer Torello's. Hierauf ſteckte er ſelbſt Meſſer Torello an den Finger einen Ring, in welchem ein ſo glaͤnzender Carfunkel gefaßt war, daß man ihn fuͤr eine gluͤhende Fackel hätte halten und ſeinen Werth kaum angeben koͤnnen. Dann ließ er ihn mit einem Saͤbel umguͤrten, deſſen Beſetzung nicht leicht wuͤrde zu ſchaͤtzen geweſen ſeyn. Und uberdies ließ er ihm eine Bruſtſchleife anheften, in welcher Perlen, wie man ſie nie geſehen hatte, und viele andere koſtbare Steine befindlich waren. Fer⸗ ner ließ er ihm zu beiden Seiten zwei große Becken Neunte Novelle. voll Gold und Dublonen, und viele Schnuͤre Perlen und Ringe und Guͤrtel und andere Sachen, welche herzuzaͤhlen viel zu lang ſeyn wuͤrde, herum ſetzen. Nachdem dies geſchehen, kuͤßte er Meſſer Torello noch einmal, und ſagte dem Schwarzkuͤnſtler, nun moͤchte er ſich foͤrdern; und da ward dann ſogleich in Gegenwart des Saladins das Bette mit ſammt Meſſer Torello entruͤckt, waͤhrend der Sultan, mit ſeinen Baronen ſich von ihm unterhaltend, zuruͤck⸗ blieb. In der St. Peterskirche zum goldnen Himmel in Pavia war Meſſer Torello, wie er es gewuͤnſcht hatte, niedergeſetzt worden, mit allen oben genannten Edelſteinen und Zierrathen, wäͤhrend er noch immer⸗ fort ſchlief, als der Sakriſtan, weil es zur Mette gelaͤutet hatte, mit einem Lichte in der Hand in die Kirche eintrat: da fiel ihm ploͤtzlich das reiche Bette in die Augen. Er verwunderte ſich nicht allein dar⸗ uͤber, ſondern es uͤberfiel ihn eine gewaltige Furcht, ſo daß er ſchnell wieder umkehrte und davon lief. Als ihn der Abt und die Moͤnche ſo laufen ſa⸗ hen, verwunderten ſie ſich ſehr und fragten ihn nach dem Grunde. Er ſagte ihn. O, erwiederte der Abt, Du biſt doch ſonſt eben kein Kind, noch in dieſer Kirche ein Neuling, um Dich ſo leicht erſchrecken zu laſſen. Wir wollen doch ſelbſt einmal hingehen und zuſehen, was Dich ſo geſcheucht hat. Es wurden noch mehrere Lichter angezuͤndet, und 364 Zehnter Tag. als der Abt mit allen ſeinen Moͤnchen in die Kirche eintrat, ſahen ſie dieſes ſo wundervolle und reiche Bett, vor allem aber den Cavalier, welcher ſchlief; und während ſie ſo ungewiß und furchtſam, ohne ſich auch nur im mindeſten dem Bette zu nähern, die Edelſteine betrachteten, geſchah es, da die Kraft des Trankes verzehrt war, daß Meſſer Torello mit einem tiefen Seufzer aufwachte. Die Moͤnche erſchraken eben ſo wie der Abt, da ſie dies ſahen, und riefen: Herr, hilf uns! Dann entflohen ſie Alle. Meſſer Torello ſchlug die Augen auf, und blickte umher; da erkannte er deutlich, er wäre da, wo er es vom Saladin ſich erbeten hatte; woruͤber er denn vei ſich ſehr zufrieden war. Nun erhob er ſich zum ſitzen, betrachtete einzeln alles, was er um ſich her⸗ um hatte, und ob er gleich des Saladins Großmuth ſchon vorher kennen gelernt hatte, ſo kam ſie ihm doch jetzt noch weit größer vor, indem er ſie noch von einer ganz andern Seite kennen lernte. Ohne nun auch ferner noch etwa die Faſſung zu verlieren, rief er, da er die Moͤnche fliehen ſah, und auch wohl ahnte, weßhalb, den Abt beim Namen, und bat ihn, er mochte nur ganz ruhig ſeyn, er wäre Torel, ſein Neffe. Da der Abt dies hoͤrte, ward er noch viel furcht⸗ ſamer, da er ihn vor mehreren Monaten ſchon todt geglaubt hatte; indeſſen bald durch wahrhafte Gruͤnde beſtärkt, machte er, da er ſich rufen hoͤrte, das Zei⸗ chen des heiligen Kreuzes und ging auf ihn zu. rche iche ief; hne ern, raft mit „da ann ickte o er enn zum her⸗ nuth ihm noch Ohne ren, wohl ihn, ſein rcht⸗ todt uͤnde Zei⸗ Neunte Novelle. Da ſagte Meſſer Torello zu ihm: O mein Vater, wie koͤnnt Ihr doch im Zweifel ſtehen? Noch lebe ich, Gott ſey Dank, und bin vov jenſeit des Meeres hierher zuruͤckgekehrt. Ob er nun gleichwol einen langen Bart hatte, und nach arabiſcher Art gekleidet war; ſo ſtellte der Abt ſich ihn wieder vor, und da er ganz ſicher ge⸗ worden, nahm er ihn bei der Hand und ſagte: Gottlob, lieber Sohn, daß Du wieder da biſt! Dann fuhr er noch weiter fort: Laß Dich unſere Furcht nicht wundern, denn in dieſem Lande iſt wol kein Menſch, der nicht feſt glaubt, Du wäreſt todt, und weiß ich Dir auch weiter nichts zu ſagen, als daß Frau Adalietta, Deine Gattin, von den Bitten und Drohungen ihrer Anverwandten überwunden, ganz aber wider ihren Willen wieder heirathen wird, und heute, dieſen Morgen ſoll die Ehe geſchloſſen werden. Die Hochzeit und alles zu dem Feſte Noͤ⸗ thige iſt auch ſchon zubereitet. Meſſer Torello ſtand von dem reichen Bette auf, und erfreute ſich ganz außerordentlich mit dem Abte und den Moͤnchen, bat aber einen Jeden, daß er von dieſer ſeiner Ruͤckkehr mit Keinem eher ſprechen moͤchte, als bis er ſein Geſchaͤft abgemacht hatte. Hierauf ließ er die reichen Edelſteine in Sicherheit bringen, und erzahlte dem Abte, was ihm bis dieſen Augenblick begegnet wäre. Der Abt war ſehr erfreut uͤber ſein Schickſal, und dankte mit ihm zugleich Gott dafuͤr. Hierauf 366 Sehnter Tag. fragte Meſſer Torello, wer der neue Gemahl ſeiner Frau waͤre. Der Abt ſagte es ihm. Hierauf entgegnete ihm Meſſer Torello: Ehe man von meiner Ruͤckkehr etwas erfaͤhrt, iſt meine Abſicht zu ſehen, wie das Benehmen meiner Frau bei dieſer Heirath iſt; und wenn es auch gleich nicht Gebrauch iſt, daß geiſtliche Maͤnner zu ſolcherlei Schmauſereien gehen, ſo wuͤnſchte ich doch, Ihr ver⸗ anſtaltetet es mir zur Liebe, daß wir hingingen. Gern, antwortete der Abt, und ſobald es Tag geworden, ſandte er zu dem Bräutigam, und ließ ihm ſagen, er wuͤnſchte mit noch einem Begleiter bei der Hochzeit gegenwaͤrtig ſeyn zu duͤrfen. Der edle Mann ließ ihm zur Antwort ſagen, das wuͤrde ihm ſehr lieb ſeyn. Als daher die Stunde zum Eſſen gekommen war, ging Meſſer Torello in dem Anzuge, in welchem er war, mit dem Abte nach dem Hauſe des Neuver⸗ maͤhlten; hier ward er von Jedem, der ihn ſah, mit Staunen angeblickt, aber von Keinem wieder erkannt; und der Abt ſagte zu Allen, es wäre ein ſaraceniſcher Abgeſandter, vom Sultan an den Koͤnig von Frank⸗ reich abgeſchickt. Meſſer Torello ward hierauf an eine Tafel ge⸗ ſetzt, wo er ſeiner Frau gerade gegenuͤber ſaß, die er mit dem groͤßten Vergnuͤgen anſah, da ſie ihm in ihrem Geſichte ſehr uͤber dieſe Heirath beunruhigt zu ſeyn ſchien. Eben ſo ſah auch ſie ihn einige Mal an, nicht ner She ine rau cht rlei er⸗ Lag ließ iter en⸗ oar, er ber⸗ mit nt; cher nk⸗ gen die nin higt nicht Neunte Novelle. etwa, daß ſie ihn wieder erkannt haͤtte, denn der große Bart, der fremde Anzug, und der feſte Glauben, den ſie hatte, daß er todt wäre, ließen es nicht zu. Als es aber Meſſer Torello'n Zeit zu ſeyn ſchien ſie auf die Probe zu ſtellen, ob ſie ſich ſeiner noch wol erinnere, nahm er den Ring, der ihm bei ſeiner Abreiſe von der Frau war geſchenkt worden, ließ ſich einen jungen Menſchen rufen, der ſie bediente, und ſagte zu ihm: Sage der Neuvermählten meinerſeits, es wäͤre in meiner Gegend gebraͤuchlich, wenn ein Fremder, wie ich es hier bin, an dem Hochzeitmahle einer Neuvermaͤhlten, ſo wie ſie es iſt, Theil nahme, ſo ſchickte die Braut, zum Zeichen, daß ihr der Hinzu⸗ gekommene beim Eſſen lieb wäre, den Becher, aus welchem ſie getrunken, voll Wein, haͤtte dann der Fremde daraus getrunken ſo viel ihm beliebte, ſo decke er den Becher wieder zu, und die Braut tränke den Reſt aus. Der junge Menſch richtete den Auftrag an die Frau aus, welche, fein geſittet und klug, glaubte, er waͤre ein bedeutender großer Herr, befahl alſo, um ihm zu beweiſen, daß ihr ſeine Ankunft lieb waͤre, ihr einen großen goldenen Pokal, der vor ihr ſtand, zu reichen, ihn mit Wein zu fuͤllen, und dann dem edlen Manne hinzubringen. Alles geſchah. Meſſer Torello hatte den Ring von ihr in dem Munde, welchen er aber beim Trinken in den Becher 358 Zehnter Tag. fallen ließ, ohne daß irgend einer es bemerkt hätte; in dem Becher ſelbſt ließ er nur noch wenig Wein uͤbrig, deckte ihn wieder zu, und ſandte ihn an die Frau zuruͤck. Dieſe nahm ihn; damit ſie aber doch ſeine Sitte durchfuͤhrte, hob ſie den Deckel ab, und ſetzte ihn an den Mund; da ſah ſie den Ring, und betrachtete ihn eine Zeit lang, ohne ein Wort zu ſagen. Sobald ſie aber erkannte, daß es der waͤre, den ſie Meſſer To⸗ rello bei ſeiner Abreiſe gegeben hatte, nahm ſie ihn, blickte den, den ſie für einen Fremden hielt, ſtarr ins Geſicht, und erkannte ihn; wie außer ſich ſturzte ſie den Tiſch, der vor ihr ſtand zu Boden, und ſchrie laut auf: Das iſt mein Mann, wahrlich, das iſt Meſſer Torello! Dann lief ſie nach dem Tiſche hin, an welchem er ſaß, ohne auf ihre Kleider, oder alles, was auf dem Tiſche ſtand, Ruͤckſicht zu nehmen, Fürzte ſich zu ihm hin und umarmte ihn ſo feſt, daß ſie weder durch Worte noch durch Handlungen irgend eines, der gegenwaͤrtig war, von ſeinem Halſe eher losgeriſſen werden konnte, als bis Meſſer To⸗ rello ſelbſt zu ihr ſagte, ſie moͤchte ſich beruhigen, denn ſie wuͤrde nachher noch Zeit genug haben, ihn zu umarmen. Da richtete ſie ſich in die Hoͤhe; und da die Hochzeit nun einmal unterbrochen, theils aber auch weit froͤhlicher als vorher eben dadurch geworden war, daß man einen ſolchen Cavalier wieder erhal⸗ ten hatte, ſo bat er, und Alles ward wieder ruhig. Meſſer Torello fing nun ſeine Erzahlung von te; ein die itte an ihn ſie To⸗ ihn, tarr rzte chrie s iſt hin, Mes, men, feſt, mgen Halſe To⸗ ien, ihn a die auch orden rhal⸗ hig. von Neunte Novelle. 369 dem an, was ihm ſeit dem Tage ſeiner Abreiſe bis auf dieſen Augenblick begegnet wäre, und ſchloß da⸗ mit, daß es dem edlen Manne, der, weil er ihn fuͤr todt gehalten habe, ſeine Frau zur Gattin hätte neh⸗ men wollen, nicht mißfallen müſſe, wenn er ſie wie⸗ der nähme, da er noch am Leben waͤre. Der neue Ehemann, obgleich er ein wenig ge⸗ täuſcht war, erwiederte ihm doch gans freimuͤthig und als Freund, es ſtaͤnde freilich wol bei ihm, thun zu wollen, was ihm vorzuglich gefiele. Die Frau gab den Ring und die Krone, welche ſie von dem neuen Braͤutigam erhalten hatte, zuruck, ſteckte dafuͤr den, den ſie aus dem Becher herausge⸗ nommen, an, und ſetzte ebenfalls auch die ihr vom Sul⸗ tan geſendete Krone auf; dann verließen ſie das Haus/ in welchem ſie waren, und gingen mit dem ganzen Hochzeitsaufzuge nach dem Hauſe Meſſer Torello's, wo ſie die noch immer traurenden Freunde und Ver⸗ wandte und alle Buͤrger, welche ihn nicht anders als ein Wunder anſahen, unter langen und froͤhlichen Feſten aufheiterten. Maſſer Torello theilte von ſeinen koſtbaren Schaͤtzen demjenigen etwas mit, der die Koſten der Hochzeit getragen hatte, ſo wie auch dem Abte und vielen Andern; dem Saladin aber zeigte er durch mehr als eine Botſchaft ſeine gluͤckliche Wiederkehr ins Vaterland an, und lebte mit ſeiner braven Frau nuch mehrere Jahre, und ſtets mehr Hoͤftichkeit aus⸗ uͤbend, als nur je. Dies war alſo das Ende von Meſſer Torello's Voccaccio's faͤmmtl. W. 6. 24 ————— —— 370 Zehnter Tag. und ſeiner theuren Gattin Kummer, aber auch die Belohnung ihrer froͤhlichen und ſtets bereiten Freund⸗ ſchaftsbezeigungen. Dieſe zu erweiſen, ſtrengen ſich zwar Viele an, haben auch die Mittel dazu, dennoch aber wiſſen ſie ſich nur ſo ſchlecht dabei zu beneh⸗ men, daß ſie ſie uns viel theurer zu ſtehen kommen laſſen, als ſie es werth ſind. Wenn daher dieſen der Dank dafuͤr nicht erfolgt, ſo duͤrfen weder ſie noch Andere ſich daruͤber verwundern. Zehnte Novelle. Der Marcheſe von Saluszo von den Bitten ſeiner Leute, eine Frau zu nehmen, gezwungen⸗ nimmt, um ſie nach ſeinem Sinne zu nehmen⸗ die Tochter eines Bauern, mit der er zwei Kinder bekommt, welche er umzubringen ihr vorſpiegelt. Hierauf ſtellt er ſich gegen ſie, als waͤre ſie ihm zuwider geworden, und haͤtte er eine andere Gattin genommen; er laͤßt aber ſeine eigene Tochter nach Hauſe zuruͤcktommen, ſo, als wenn ſie ſeine Frau waͤre, ſie ſelbſt aber jagt er im bloßen Hemde fort. Da er ſieht, daß ſie Alles geduldig erträgt, wird ſie ihm lieber, als ſie nur je ihm war, daher läßt er ſie in ſein Haus wie⸗ der zuruͤckkehren⸗ zeigt ihr ihre herangewachſenen Kinder, und ehrt ſie ſelbſt und läßt ſie von Andern als Marche⸗ ſinn ehren. Geendet war die lange Novelle des Königs, welche dem äußern Anſehen nach ſehr gefallen hatte, da ſa ſte Dioneus laͤchelnd: der gute Mann, der die andere Nacht abwartete, um bei dem Geſpenſt den aufrechtſtehenden Schwanz zum Niederſinken zu brin⸗ gen, haͤtte nicht zwei blutige Heller fuͤr all das Lob gegeben, was Ihr an Meſſer Torello geſpendet habt; e ch ⸗ n er — —— 7 Zehnte Novelle. 371 da er aber wußte, daß es fuͤr ihn nur allein noch ubrig geblieben war, zu erzaͤhlen, fing er alſo an: Sanftmuthige Frauen, nach dem, wie es mir ſcheint, ſo iſt der heutige Tag Koͤnigen, Sultanen, und dergleichen Art Leuten geſchenkt, und daher will auch ich, um mich nicht zu weit von Euch zu entfer⸗ nen, von einem Marcheſe, eben nicht etwas ſehr Edel⸗ muͤthiges, ſondern eine wahre Ungezogenheit erzaͤhlen, wenn auch gleich am Ende etwas Gutes daraus er⸗ folgte. Dieſem zu folgen, aber moͤchte ich eben Kei⸗ nem rathen, weil es eine große Suͤnde war, daß es dieſem ſo gut ausging. Schon vor langer Zeit war der Aelteſte in der Familie der Marcheſen von Saluzzo ein junger Mann, Walther, der, da er ohne Gemahlinn und ohne Kin⸗ der lebte, ſeine Zeit mit nichts anderem vollbrachte, als mit Voͤgelfangen und jagen; eine Frau zu neh⸗ men und Erben zu bekommen, daran hatte er gar keinen Gedanken; weßhalb er eigentlich fuͤr ſehr weiſe zu halten wäre. Seinen Unterthanen gefiel das eben nicht, und ſie baten ihn mehrmals, er moͤchte doch eine Frau nehmen, damit er nicht ohne Erben und ſie nicht ohne Herrn zuruͤckblieben, und ſie erboten ſich, ihm eine ſolche, und von ſolchem Vater und ſolcher Mut⸗ ter abſtammend auszuſuchen, daß er die beſte Hoff⸗ nung davon haben, und ganz und gar zufrieden mit ihr ſeyn koͤnnte. Phnen antwortete Walther: Lieben Freunde, ihr zwingt mich zu etwas, was 372 Behnter Tag. ich nie zu thun durchaus entſchloſſen war, wenn ich bedenke, wie ſchwer es haͤlt, eine zu finden, die nach ihren Geſinnungen wol ſchicklich ware, und wie groß die Anzahl vom Gegentheil iſt, und wie qualvoll das Leben desjenigen wird, der ſich mit einer Frau ein⸗ läßt, die ihm nicht gut zuſagt. Und wenn Ihr ſagt, Ihr glaubtet an den Sitten der Vaͤter und der Muͤt⸗ ter die Joͤchter zu erkennen, und ihr nun daraus ſchließen wollt, daß Ihr mir eine ſolche geben woll⸗ tet, die mir gefallen wuͤrde; ſo iſt das eine Thor⸗ heit; denn ich weiß nicht, woher Ihr die Väter, noch wie Ihr die Geheimniſſe ihrer Muͤtter kennen koͤnntet, geſetzt aber auch ſelbſt, Ihr kenntet ſie, ſo ſind ja doch oftmals die Toͤchter ihren Eltern ganz unähnlich. Indeſſen weil Ihr mich in dieſe Feſſeln einſchmie⸗ den wollt, ſo will ich's zufrieden ſeyn; und damit ich mich uͤber keinen Andern, als uͤber mich ſelbſt zu beklagen habe, wenn es ſchlecht ausfallen ſollte, ſo will ich ſelbſt der Finder ſeyn, Euch uͤbrigens ver⸗ ſichernd, daß, welche ich auch nehme, wenn ſie von Euch nicht mit Ehren als Frau aufgenommen wer⸗ den ſollte, Ihr zu Eurem eigenen Schaden die Er⸗ fahrung machen wuͤrdet, wie druͤckend es mir iſt, wider meinen Willen eine Frau auf Eure Bitten ge⸗ nommen zu haben. Die guten Leute antworteten, ſie wären damit zufrieden, wenn er ſich nur entſchloͤſſe, eine Frau zu nehmen. Walthern hatten ſchon lange die Sitten eines armen jungen Maͤdchens gefallen, welche von einem ———„——„„ S ce„)„ 8— mich nach roß das ein⸗ tuͤt⸗ aus ol⸗ or⸗ och och ich. nie⸗ mit zu ſo e n er⸗ Fr⸗ iſt, ge⸗ nit zu Zehnte Nove lle 373 Pofe, der nahe an ſein Haus grenzte, her war, auch hielt er ſie fur huͤbſch genug, ſo daß er glaubte, er wuͤrde mit dieſer ein ganz zufriedenes Leben fuͤhren können. Ohne daher weiter noch herum zu ſuchen, beſchloß er dieſe zur Frau zu nehmen, und nachdem er ihren Vater hatte rufen laſſen, kam er mit die⸗ ſem, der ein ſehr armer Mann war, uͤberein, ſie zur Frau zu nehmen. Nachdem dies geſchehen war, verſammelte Wal⸗ ther alle ſeine Freunde aus der Gegend, lund ſagte zu ihnen: Freunde, es war Euch lieb, und iſt Euch noch lieb, daß ich mich entſchloſſen habe, eine Frau zu nehmen, und ich habe mich dazu entſchloſſen, mehr um Euch gefaͤllig zu ſeyn, als aus eigenem Verlan⸗ gen, was ich nach einer Frau haͤtte. Ihr wißt, was Ihr mir verſprochen habt, mit jeder Frau, was es auch fuͤr eine ſeyn moͤchte, die ich nehme, zufrieden zu ſeyn, und ſie als Herrin zu ehren. Die Zeit iſt gekommen, wo ich Euch mein Verſprechen halten will, und ich dagegen wuͤnſche, daß Ihr mir das Eurige haltet. Ich habe, nicht weit von hier, ein junges Mädchen nach meinem Herzen gefunden, die ich zu meiner Frau zu nehmen beabſichtige, und in wenigen Tagen in mein Haus fuͤhren will. Darum denket darauf, das Hochzeitfeſt zu verherrlichen, und wie Ihr ſie ehrenvoll empfangen koͤnnet, damit ich über Euer Verſprechen, ſo wie Ihr uͤber das meinige zufrieden ſeyn koͤnnet. Die guten Leute antworteten alle froh, ſo ge⸗ 374 Behnter Tag. fiele es ihnen, und moͤchte ſie auch ſeyn, wer ſie wolle, ſo wurden ſie dieſelbe fuͤr ſeine Frau anſehen, und als ihre Gebieterinn ehren. Hierauf ſchickten ſich Alle an, das Feſt ſchoͤn, groß und frohlich zu machen, und eben daſſelbe that auch Walther. Denn er ließ eine große und vortreffliche Hochzeitfeier ver⸗ anſtalten, und viele ſeiner Freunde und Anverwand⸗ ten, und uͤberdies noch die erſten Edelleute und An⸗ dere aus der Umgegend einladen. Ferner ließ er viel ſchoͤne und reiche Kleider nach der Geſtalt eines jun⸗ gen Mädchens machen, welches ihm gleichen Wuchs mit derjenigen zu haben ſchien, die er zu heirathen ſich vorgenommen hatte; und uͤberdies noch ſchaffte er Guͤrtel und Ringe und eine ſchoͤne Krone, und alles an, was fur eine junge Frau gehört. Als nun der Tag herangekommen war, den er zur Hochzeit beſtimmt hatte, ſtieg er ſo etwa gegen die Terz zu Pferde, und ſo auch jeder Andere, der ihn zu ehren gekommen war; nachdem alsdann alles Noͤthige angeordnet war, ſagte er: Nun, meine Herren, iſt es Zeit, die junge Braut zu holen! da⸗ mit machte er ſich mit ſeiner ganzen Geſellſchaft auf den Weg, und ſie kamen bei dem Guͤtchen an. Sie gelangten bis zum Hauſe des Vaters des Mädchens, und fanden ſie, als ſie eben in groͤßter Eil vom Brunnen zuruͤckkehrte, und mit den andern Frauen hinzulief, um Walthers Braut ankommen zu ſehen. Sobald Walther ſie anſichtig ward, rief er ſie beim Namen, naͤmlich Griſelda, und fragte ſie, wo ihr Vater wäre. — ſie hen, kten z enn ver⸗ ind⸗ An⸗ viel un⸗ chs hen ffte und er gen der les ine da⸗ auf Sie ns, uen n. ſie wo Zehnte Novelle. 375 Ganz verſchaͤmt antwortete ſie: Gnaͤdiger Herr, er iſt im Hauſe. Sogleich ſtieg Walther ab, und gebot einem Je⸗ den auf ihn zu warten, ging allein dann in das armſelige Haus hinein, woſelbſt er ihren Vater fand, der Giannucplo hieß, und ſagte zu ihm: Sch komme um Griſelden zu freien; vorher aber will ich von ihr etwas in Deiner Gegenwart wiſſen. und hierauf fragte er ſie, ob ſie, wenn er ſie zur Frau naͤhme, ſich beſtreben wuͤrde, ihm gefaͤllig zu ſeyn, und ſich durch Nichts, was er auch ſagen oder thun moͤchte, wolle aus der Faſſung bringen laſſen, und ob ſie gehorſam ſeyn wollte, und was derglei⸗ chen Dinge mehr waren, wo ſie auf Alles dann ant⸗ wortete: Ja! Hierauf nahm Walther ſie bei der Hand, fuͤhrte ſie hinaus, und ließ ſie in Gegenwart ſeiner ganzen Geſellſchaft und aller Andern ſich ganz entkleiden; dann gebot er, daß ihm die Kleider gebracht wuͤrden, die er hatte machen laſſen, und hieß ihr, ſich anzu⸗ kleiden, auf die Haare, ſo zerzauſt ſie ihr auch um⸗ her hingen, ließ er die Krone ſetzen, und dann ſagte er zur Verwunderung Aller: Meine Herren, dies iſt diejenige, die ich beab⸗ ſichtige, daß ſie meine Frau werde, wenn ſie mich zum Manne haben will. Hierauf wandte er ſich zu ihr, die ganz ver⸗ ſchaͤmt und unſchluͤſſig daſtand, und ſagte zu ihr: Griſelda, willſt Du mich zu Deinem Mannek Worauf ſie zur Antwort gab: Mein Herr, ja! 376 Zehnter Tag. Und ich, erwiederte er darauf, wuͤnſche Dich zu meiner Frau; und in Gegenwart Aller ward die Ehe geſchloſſen. Als er ſie dann ein Roß hatte beſteigen laſſen, fuͤhrte er ſie, unter ſehr ehrenvoller Begleitung nach Hanſe. Die Hochzeit daſelbſt war ſchoͤn und groß, und die Feier nicht anders, als haͤtte er die Tochter des Koͤnigs von Frankreich genommen. Die junge Frau ſchien zugleich mit den Kleidern auch Beſinnung und Sitten veraͤndert zu haben. Sie war, wie wir ſchon geſagt haben, von Perſon und Geſicht ſchoͤn, und ſo wie ſie ſchoͤn war, ward ſie auch eben ſo grazioͤs, angenehm und geſittet, daß ſie durchaus nicht Giannucolo's, eines Viehhirten, ſon⸗ dern irgend eines edlen Mannes Tochter zu ſeyn ſchien; woruͤber ſie einen Jeden in Erſtaunen ſetzte, der ſie vorher gekannt hatte. Ueberdies war ſie dem Manne ſo gehorſam, ſo bedienſtlich, daß er ſich fuͤr den zufriedenſten und fuͤr den gluͤcklichſten Mann von der Welt hielt; eben ſo war ſie auch gegen die Un⸗ terthanen ihres Mannes ſo guͤtig und ſo wohlwol⸗ lend, daß Keiner war, der ſie nicht mehr als ſich ſelbſt geliebt und freiwillig geehrt, und Alle, fuͤr ihr Wohl, fuͤr ihre Lage und ihre Erhebung be⸗ tend, ſagten jetzt(da ſie vorher wol zu ſagen pflegten, Walther hätte eben nicht ſehr weiſe ge⸗ handelt, daß er ſie zur Frau genommen habe), er waͤre der kluͤgſte und vorſichtigſte Mann, der auf der Welt waͤre, indem kein Anderer, als nur er die ho⸗ hen Eigenſchaften dieſer, unter den armſeligen Klei⸗ e„——— cS— e c e zu 8 ue S u 5 M Zehnte Novelle. 377 dern und unter dem bäuriſchen Anzuge wuͤrde haben herauskennen koͤnnen. Und auch ſie wußte es in Kurzem dahin zu brin⸗ gen, daß nicht allein in ihrem Markiſat, ſondern al⸗ lenthalben, ehe noch einmal eine lange Zeit verfloſ⸗ ſen war, von ihrem Werthe und ihrem vortrefflichen Benehmen geſprochen ward, und daß ſie alles, was auch etwa gegen ihren Mann fruͤher geſprochen wor⸗ den, auf das Gegentheil zu wenden verſtand, ſeit⸗ dem ſie ihn geheirathet hatte. Sie hatte noch nicht ſehr lange mit Walthern gelebt, ſo kam ſie in andere Umſtände, und gebahr zur gehoͤrigen Zeit ein Maͤdchen, woruͤber Walther große Freude hatte. Allein bald darauf kam ihm ein eigener Gedanke in den Sinn, nämlich durch eins lange Probe, und durch das Unertraͤglichſte ihre Ge⸗ duld pruͤfen zu wollen. Zuerſt reizte er ſie durch Worte, ſtellte ſich ſehr unzufrieden, und ſagte, daß die Seinigen, ihres niedrigen Herkommens wegen, ſehr ſchlecht mit ihr zufrieden waͤren, und beſonders da ſie ſaͤhen, daß ſie Kinder braͤchte, und uͤber die Tochter, welche ſie in die Welt geſetzt, waͤren ſie ganz betruͤbt, und thaͤten nichts anders als daruͤber murren. Als die Frau dieſe Worte hoͤrte, ſagte ſie, ohne nur eine Miene zu verziehen oder die geringſte Hand⸗ lung in ihrem Betragen zu aͤndern: Mein Herr, thue mit mir, wie Du glaubſt, daß es Deine Ehre und Deine Ruhe erfordert, ich werde mit allem zufrieden ſeyn, da ich es einſehe, wie we⸗ 378 Zehnter Tag. nig ich gegen ſie bin, und daß ich der Ehre nicht werth war, zu welcher Du mich durch Deine Guͤte erhoben haſt. Dieſe Antwort war Walthern ſehr lieb, da er einſah, ſie wäre durch keinen Stolz aufgebläht uͤber die Ehre, welche er oder Andere ihr erzeigt haͤtten. Einige Zeit nachher, als er mit allgemeinen Worten der Frau geſagt hatte, daß die Unterthanen die von ihr geborne Jochter nicht leiden könnten, gab er einem Diener die geheime Weiſung, ſchickte ihn zu ihr, und der mußte mit ſehr betruͤbtem Aus⸗ ſehen ihr ſagen: Gnädige Frau, wenn ich nicht des Todes ſeyn will, ſo muß ich ſchon thun, was mein Herr mir befohlen hat. Er hat mir naͤmlich befoh⸗ len, daß ich Ihre Tochter nehmen ſoll, und ſie... Mehr ſprach er nicht. Als die Frau dieſe Worte hoͤrte, das Geſicht des Dieners ſah, und jener zu ihr geſprochenen Worte ſich erinnerte, merkte ſie ſehr wohl, es waͤre ihm an⸗ befohlen, das Kind zu toͤdten; ſie nahm es daher aus der Wiege auf, kuͤßte und ſegnete es, was fuͤr große Qualen ſie auch im Herzen fuͤhlte, und gab es, ohne eine Miene zu verziehen, dem Diener auf den Arm, und ſagte zu ihm: Hier! vollziehe puͤnktlich, was Dein und mein Herr Dir aufgegeben hat, und laß es nicht von wil⸗ den Thieren und Voͤgeln verzehren, er muͤßte es Dir denn befohlen haben. Der Diener nahm das Kind, und hinterbrachte an Walther, was die Frau geſagt hatte. Voll Ver⸗ Zehnte Novelle. 379 wunderung uͤber ihre Standhaftigkeit, ſandte er ihn mit dem Kinde nach Bologna zu einem Anverwand⸗ ten, und bat dieſen, er moͤchte es, ohne jemals zu ſagen, weſſen Jochter dies waͤre, ſorgfaͤltig pflegen und erziehen. Hieruͤber geſchah es, daß die Frau zum zweiten Male ſchwanger ward, und zur gehoͤrigen Zeit einen Knaben gebahr, der Walthern ſehr lieb war. Aber was er gethan hatte, genuͤgte ihm noch nicht, viel⸗ mehr guaͤlte er ſie mit noch aͤrgeren Stachelreden, und mit verſtoͤrten Mienen ſagte er eines Tages zu ihr: Frau, weil Du dieſes maͤnnliche Kind zur Welt gebracht haſt, ſo kann ich nun mit den Meinigen gar nicht mehr leben, ſo hart beklagen ſie ſich, daß ein Enkel Giannucolos nach mir ihr Herr bleiben ſollte; daher fuͤrchte ich, wenn ich ſelbſt nicht fortgejagt ſeyn will, daß ich werde wiederum thun muͤſſen, was ich ſchon einmal gethan habe, und endlich auch Dich werde verlaſſen und eine andere Frau nehmen muͤſſen. Die Frau hoͤrte ihn ganz geduldig an und ant⸗ wortete nichts anders, als: Mein Herr, denke darauf, Dich zu befriedigen und Deinen Wuͤnſchen zu genuͤgen, an mich habe gar keinen Gedanken mehr, denn mir iſt nichts lieb, als nur in ſo fern ich ſehe, daß es Dir Vergnuͤgen macht. Nach nicht vielen Tagen ſchickte Walther, auf dieſelbe Art, wie er nach der Tochter geſchickt hatte, auch nach dem Sohn, und ſandte ihn dann auf die⸗ ſelbe Weiſe, da er vorgab, er haͤtte ihn umbringen 380 Zehnter Tag. laſſen, nach Bologna zum Erziehen, wie er die Toch⸗ ter auch dahin geſandt hatte. Auch hieruͤber ſagte die Frau kein anderes Wort weiter, als ſie uͤber die Jochter geſagt hatte, woruͤber Walther ſich ſehr wunderte, und bei ſich ſelbſt uͤberzeugt ward, daß keine andre Frau das zu thun im Stande waͤre, was ſie thate. Und hätte er nicht ſelbſt geſehen, ſo oft es ihm gefiel, wie ſie mit der zärtlichſten Liebe an den Kindern hing, ſo haͤtte er geglaubt, ſie thaͤte es aus Nichtachtſamkeit, da er wohl einſah, ſie thäte es als eine kluge Frau. Seine Unterthanen, in der Meinung ſtehend, er haͤtte die Kinder wirklich umbringen laſſen, tadelten ihn ſehr, hielten ihn fuͤr den grauſamſten Menſchen, und hatten mit der Frau das groͤßte Mitleid. Sie aber ſagte zu den Frauen, welche ſich uͤber die auf dieſe Art umgebrachten Kinder mit ihr beklagten, niemals etwas anderes, als: ihr gefiele das eben ſo, wie dem, der ſie gezeugt yätte. Indeſſen waren ſchon mehrere Jahre nach der Geburt der Tochter vergangen, als es Walthern Zeit zu ſeyn ſchien, die letzte Probe ihrer Duldſamkeit anzuſtellen. Mit Vielen der Seinigen ſprach er dar⸗ uber, daß er es auf keine Weiſe mehr ertragen koͤnne, Griſelda zur Frau zu haben, und daß er es einſaͤhe, wie ſchlecht und jugendlich er gehandelt habe, als er ſie zur Frau genommen, und daher wolle er es aus allen ſeinen Kraͤften beim Papſt dahin zu be⸗ wirken ſuchen, daß er ihn dispenſirte, eine andere Frau nehmen zu können, und Griſelden zu verlaſſen. ——— ch⸗ die ie hr aß as ft n es te Sehnte Novelle. Hieruͤber ward er von vielen rechtlichen Leuten ſehr getadelt; er aber antwortete nichts weiter dar⸗ auf, als es wäre noͤthig. Als die Frau dies hoͤrte, ſchien es ihr, als haͤtte ſie wohl zu befuͤrchten, in ihr väterliches Haus zu⸗ ruͤckzukehren, und vielleicht wol gar, wie ſie es ehe⸗ dem gethan haͤtte, wieder das Vieh huͤten zu muͤſſen, und endlich zu ſehen, wie eine andere Frau den feſ⸗ ſelte, deſſen Gluͤck nur einzig und allein ſie wuͤnſchte; ſie kuͤmmerte ſich daher bei ſich ſelbſt ſehr; indeſſen da ſie die anderen Mißhandlungen des Schickſals er⸗ tragen hatte, ſo war ſie entſchloſſen, auch dieſe mit feſtem Blick zu ertragen. Nicht lange Zeit darauf ließ Walther ſeine nach⸗ gemachten Briefe aus Rom kommen, und gab bei ſeinen Unterthanen vor, der Papſt habe ihn darin dispenſirt, eine andere Frau nehmen und Griſelda verſtoßen zu koͤnnen. Er ließ ſie daher vor ſich kommen, und erklaͤrte ihr in Vieler Gegenwart: Frau, mit Genehmigung des Papſtes, kann ich eine andere Frau nehmen, und Dich verlaſſen; denn meine Vorfahren ſind große Edelleute und Herren in dieſen Gegenden geweſen, da die Deinigen hingegen immer nur Arbeitsleute waren; daher geht meine Ab⸗ ſicht dahin, daß Du meine Gemahlin laͤnger nicht bleibſt, ſondern daß Du nach Gianncolo's Haus zu⸗ ruͤckkehrſt mit der Mitgift, die Du mir zugebracht haſt, und ich werde eine Andere, die ich fuͤr mich anſtaͤndig gefunden habe, nehmen. Die Frau, dieſe Worte hoͤrend, hielt, nicht ohne 382 Zehnter Tag. die groͤßte Anſtrengung, ganz gegen die weibliche Natur, ihre Thraͤnen zuruͤck, und antwortete: Mein Herr, ich habe es immer erkanntf, daß mein niedriger Stand ſich fuͤr Euren Adel auf keine Weiſe ſchicke, und daß ich bei Euch geweſen bin, das danke ich Euch und Gott, und ich habe es nie als mir geſchenkt angeſehen und gehalten, ſondern immer nur als mir geliehen. Euch gefaͤllt es, es zuruck zu verlangen, und mir muß es gefallen, und ge⸗ fallt es auch, Euch zuruck zu geben. Hier iſt Euer Ring, durch den Ihr Euch mir verlobtet, nehmet ihn hin. Ihr befahlt mir, daß ich die Mitgift mit mir nehmen ſoll, die ich Euch zugebracht habe: dazu bedarf es weder fuͤr Euch eines Auszahlers, noch fur mich eines Beutels, noch eines Traͤgers; denn es iſt mir aus den Gedanken nicht gekommen, daß Ihr mich nackt und bloß genommen habt. Und haltet Ihr es fuͤr anſtändig, daß der Leib, in welchem ich die von Euch erzeugten Kinder getragen habe, von Allen ſoll geſehen werden, ſo will ich nackt hinweg⸗ gehen; nur bitte ich Euch zur Belohnung meiner Jungfräulichkeit, die ich Euch zugebracht habe, aber nicht wieder mit wegnehme, laßt es Euch gefallen, daß ich wenigſtens nur Ein einziges Hemde über meine Ausſteuer mit mir nehmen darf. Walther, der mehr Neigung zum Weinen, als zu etwas Anderm hatte, ſtand doch mit hartem Ge⸗ ſicht da, und ſagte:„Cut, ein Hemde nimm mit.“ So Viele nur da herumſtanden, baten ihn, er mochte ihr doch ein Kleid ſchenken, damit man nicht he aß ne as Zehnte Novelle. diejenige, welche dreizehn Jahr und laͤnger ſeine Frau geweſen waͤre, aus ſeinem Hauſe ſo arm und ſo ſchimpflich herausgehen ſähe, wie ſie im Hemde hin⸗ ausgehen ſollte. Aber umſonſt waren ihre Bitten; deshalb ging die Frau im Hemde, ohne Schuhe und ohne irgend e was guf dem Kopfe zu haben, alle Gott empfehlend, zum Hauſe hinaus, und kehrte mit Thraͤnen und Klagen von allen, die ſie ſahen, begleitet, zu ihrem Vater zuruͤck. Gianucolo, der es immer nicht hatte glauben koͤnnen, daß es wahr waͤre, daß Walther ſeine Toc⸗ ter zur Frau behalten wuͤrde, und dieſen Fall tag⸗ 1. lich erwartete, hatte ihre Kleider aufbewahrt, wel⸗ che ſie an dem Tage ausgezogen hatte, als Walther ſie ehelichte, er brachte ſie ihr daher, und als ſie ſie angezogen hatte, that ſie wieder alle die kleinen Dienſte im vaͤterlichen Hauſe, wie ſie ſie zu thun pflegte und ertrug dieſe wilden Stuͤrme des feind⸗ lichen Geſchickes mit ſtarkem Geiſte. Nachdem Walther dies gethan hatte, ſpiegelte er den Seinigen vor, als häͤtte er eine Tochter ei⸗ nes der Grafen von Panago genommen; dann ließ er große Zubereitungen zur Hochzeit machen, und ſchickte nach Griſelda, daß ſie zu ihm kommen moͤchte. Als ſie gekommen war, ſagte er: „Ich fuͤhre die Frau, die ich neuerdings genom⸗ men habe, heim, und beabſichtige, ſie bei ihrem erſten Empfang zu ehren, und Du weißt, daß ich keine Frauen im Hauſe habe, die weder die Kammern ein⸗ zurichten, noch alles das zu thun wuͤßten, was zu einem 384 Zehnter Tag. ſolchen Feſte erforderlich iſt, und weil Du dies doch im Hauſe beſſer weißt, als irgend eine Andere, ſo ſchicke Dich an, das zu thun, was dabei noͤthig iſt, laß die Frauen, welche Du meinſt, einladen, und empfange ſie, als wenn Du hier Frau wäreſt; iſt die Hochzeit vorbei, ſo kannſt Du wieder nach Hauſe zuruͤck gehen. Wenn auch gleich dieſe Worte Griſelda'n wie ein Meſſer ins Herz ſchnitten, da ſie immer noch nicht, wie es ihr gutes Gluͤck gewollt hatte, die Liebe hatte vergeſſen koͤnnen, die ſie fuͤr ihn hegte, ſo antwortete ſie: „Mein Herr, ich bin fertig und bereit dazu.“ Und ſo trat ſie in ihrer baͤuriſchen groben Kleidung in das Haus wieder ein, aus welchem ſie kurz vor⸗ her im Hemde hinausgegangen war, fing an, die Simmer auszukehren und einzurichten, ließ die Bet⸗ ten und Decken in den Saͤlen anordnen, beſorgte die Küche und legte an Alles Hand an, als wenn ſie das geringſte Dienſtmaͤdchen im Hauſe geweſen waͤre; auch ließ ſie nicht eher nach, als bis ſie Alles ein⸗ gerichtet und angeordnet hatte, ſo wie es ſein mußte. Nachdem ſie dies gethan, und von Seiten Walthers alle Frauen aus der Gegend hatte einladen laſſen, richtete ſie nun ihr Augenmerk auf das Feſt ſelbſt. Und ſobald der Tag der Hochzeit gekommen war, empfing ſie, ob ſie gleich nur die armſeligen Klei⸗ der anhatte mit weiblichem Sinne und Anſtand und froͤhlicher Miene alle die Frauen, welche dazu er⸗ ſchienen. be nd de in 2 der git ſat gel Ka hot der e* 1* uni och iſt, nd ſe ie ch ie te, 1 r⸗ ie t⸗ Zehnte Novelle. Walther hatte die Kinder in Bologna von einer Anverwandtin, welche im Hauſe der Grafen von Pa⸗ nago verheirathet war, ſorgfaͤltig erziehen das Wäd⸗ chen war ſchon zwoͤlf Jahr, man konnte nichts Huͤb⸗ ſcheres ſehen, und der Knabe ſechs Jahr alt) und ſeinen Vetter in Bologna erſuchen laſſen, wenn es ihm gefiele, möchte er doch mit ſeiner Vochter und mit dem Sohne nach Saluzzo kommen, und es ſo einrichten, daß er eine gute und ehrenwerthe Geſell⸗ ſchaft mitbraͤchte, ferner aber zu Allen ſagen, er fuͤhre ihm dieſelbe als Frau zu, ohne irgend einem nur das Geringſte daruͤber zu offenbaren, wer ſie wol anders ſeyn koͤnnte Der edle Mann that, wie ihn der Marcheſe ge⸗ beten hatte, machte ſich auf den Weg, und langte nach einigen Tagen mit dem Maͤdchen, ihrem Bru⸗ der und einer edlen Geſellſchaft zur Mittagsſtunde in Saluzzo an, woſelbſt er alle Landleute und viele Andere aus der Nachbarſchaft umher fand, welche dieſe neue Gattin Walthers erwarteten. Als die Frauen ſie empfangen hatten, und in den⸗Saal, worin die Tafeln geſetzt waren, eintraten, ging Griſelda, ſo wie ſie war, ihr entgegen, und ſagte: Willkonnmen, meine gnaͤdige Frau. Die Frauen, welche Walthern ſehr, aber umſonſt gebeten hatten, er moͤchte doch Griſelden in einer Kammer bleiben laſſen, oder ihr eins der Kleider borgen, die ihr gehoͤrt hätten, damit ſie nicht ſo vor den Gäſten herumginge, wurden an den Tiſch geſetzt und bedient. Boccaccio's ſäͤmmtl. W. 6. 2 N — 386 Sehnter Tag. Das junge Maͤdchen ward von Jedermann be⸗ trachtet, und ein Jeder ſagte, Walther hätte einen guten Tauſch getroffen; aber vor allen Andern lobte Griſelda ſie, und ihren juͤngern Bruder vorzuglich— Walthern aber, der nun glaubte, vollkommen geſehen zu haben, was er nur von der Geduld ſeiner Frau verlangen koͤnnte, der ferner auch ſah, wie die Neuheit der Dinge ſie nicht im mindeſten veraͤndert hatte, hingegen uͤberzeugt ward, daß dies keineswe⸗ ges aus Schwaͤche des Verſtandes herkaͤme, weil er ſie als ſehr klug kennen gelernt hatte, ſchien es nun Zeit zu ſeyn, ſie aus der Truͤbſal ziehen zu muͤſſen, welche ſie unter dem kraftvollen Anſehen verborgen hielt. Er ließ ſie alſo vor Aller Augen herbei rufen, und ſagte laͤchelnd zu ihr: Was ſagſt Dy von meiner Gattin? Mein Herr, antwortete Griſelda, ſie ſcheint mir ſehr gut zu ſeyn, und wenn ſie ſo weiſe als ſchoͤn iſt, wie ich glaube, ſo zweifle ich gar nicht, daß Ihr nicht als der zufriedenſte Herr auf der Welt mit ihr ſolltet leben koͤnnen; aber ich bitte Euch, ſo viel ich nur kann, die Qualen, welche Ihr der andern, die auch die Eure war, einſt machtet, macht dieſer nicht auch; denn ich glaube kaum, daß ſie es ertragen moͤchte, theils weil ſie noch jung iſt, theils aber auch weil ſie mit groͤßerem Zartgefuͤhl erzogen worden, jene dagegen in beſtaͤndigen Muͤhſeligkeiten von klein auf ſi“ befunden hat. Da Walther ſah, daß ſie feſt glaubte, jene ſolle ſeine Frau werden, deßhalb aber doch nicht im ge⸗ be⸗ inen obte men iner die dert zwe⸗ er nun ſſen, rgen tfen, mir choͤn Ihr ihr ich die nicht agen auch den, elein ſolle Zehnte Novelle. ringſten weniger gut ſprach, hieß er ſie, ſich ihm zur Seite niederſetzen, und ſagte: Griſelda, nun iſt es Zeit, daß Du die Fruchte Deiner langen Geduld einernteſt, und daß alle die, welche mich fuͤr grauſam, unbillig und gefuͤhlles hielten, einſehen, wie ich das, was ich that, zu einem vorgeſehenen Zwecke ausgefuͤhrt habe, indem ich Dir lehren wollte, Weib zu ſeyn, ihnen, ein Weib zu nehmen und zu halten, mir ſelbſt aber eine ununter⸗ brochene Ruhe, ſo lange ich mit Dir zu leben hatte, verſchaffen wollte. Dies aber fuͤrchtete ich, als ich eine Frau nahm, ſehr, daß es mir begegnen möchte, und deßhalb habe ich, um den Beweis daruͤber in die Haͤnde zu bekommen, auf alle Arten, wie Du weißt, Dich gequält und gemartert. Und weil ich nun nim⸗ mermehr bemerkt habe, daß Du weder in Worten noch durch Thaten Dich von meinen Wuͤnſchen ent⸗ fernt haſt, und ich alſo glaube, in Dir den Froſt zu finden, ſo wie ich ihn wuͤnſche, ſo geht meine Ab⸗ ſicht dahin, Dir in Einer Stunde wieder zu geben, was ich in vielen Dir genommen habe, und mit der groͤßten Zärtlichkeit Dir die Martern zu erſetzen, die ich Dir anthat. Daher nimm alſo frohen Muthes dieſe, die Du fuͤr meine Braut gehalten, und ihren Bru⸗ der, fuͤr Deine und meine Kinder an. Sie ſind es, welche Du und viele Andere lange Zeit für grauſam von mir getoͤdtet gehalten haben, und ich bin Dein Mann, der Dich uͤber Alles liebt, und des feſten Glaubens lebt, kein Anderer, als nur ich kann ſich ruͤhmen mit ſeiner Frau ſo zufrieden zu ſeyn. 388 Zehnter Tag. Nachdem er ſo geſprochen, umarmte und kuͤßte er ſie, ſtand zugleich mit ihr, die vor Freuden wein⸗ te, auf, und Beide gingen dahin, wo die Tochter, ganz erſtaunt uͤber das, was ſie gehoͤrt hatte, ſaß, umarmten dieſe zaͤrtlich, ſo wie ebenfalls den Bru⸗ der, und enttaͤuſchten ſie und auch die vielen Andern, welche gegenwaͤrtig wareh. Die Franen ſtanden froͤhlich von den Tiſchen auf, gingen mit Griſelden in ein anderes Zimmer, wo ſie, unter den beſten Vorbedeutungen, ihr die al⸗ ten Lumpen auszogen, und ſie mit einem ihrer beſ⸗ ſeren Kleider wieder bekleideten, dann ſie ſo als Frau, was ſie zwar auch in den alten Hadern zu ſeyn ſchien, in den Saal zuruͤckfuͤhrten. Hier entſtand mit den Kindern ein wundervoller Jubel, und da ein Jeder hieruͤber ſehr zufrieden war, verdoppelten ſie die Freude und das Feſt, und dehn⸗ ten es auf mehrere Tage aus. Walthern hielten ſie fuͤr ſehr klug, ob ſie gleich die Erfahrungen, die er mit ſeiner Frau gemacht hatte, fuͤr bitter und uner⸗ träglich achteten, wogegen ſie aber Griſelda fuͤr wei⸗ ſer als alle Andere anerkannten. Der Graf Panago kehrte nach einigen Jagen nach Bologna zuruͤck, und Giannucolo, welchen Wal⸗ ther von ſeiner Tageloͤhnerarbeit weggenommen, und als ſeinen Schwiegervater in eine beſſere Lage ver⸗ ſetzt hatte, ſo daß er ehrenvoll und mit aller Zufrie⸗ denheit leben konnte, endigte froh ſein Alter. Er ſelbſt aber, da er ſeine Lochter hoch verhei⸗ — Zehnte Novelle. rathet hatte, lebte mit Griſelda, ſie ſtets ehrend, ſo viel er nur konnte, lange Zeit ſehr vergnuͤgt. Was koͤnnte man anders hieruͤber ſagen, als daß ſich auch auf arme Huͤtten ein göttlicher Geiſt vom Himmel herabſenkt, eben ſo gut wie auf königliche Familien, welche oͤfters mehr verdienten die Schweine zu huͤten, als uͤber Menſchen die Herrſchaft zu fuͤh⸗ ren? Wer anders wol, als Griſelda, wuͤrde mit nicht allein trockenem, ſondern ſogar froͤhlichem Ge⸗ ſichte die harten und nimmer erhoͤrten Pruͤfungen ertragen haben, die Walther mit ihr anſtellte; fuͤr den es ſchon gar nicht übel wuͤrde geweſen ſeyn, wenn er auf eine geſtoßen waͤre, die, wenn er ſie im bloßen Hemde zum Hauſe hinausgejagt haͤtte, ſich bei einer andern Gelegenheit den Pelz ſo lange haͤtte ſchuͤtteln laſſen, bis ein huͤbſches Kleid heraus ge⸗ kommen waͤre. Die Novelle des Dioneus war geendet, und die Damen, von denen einige auf dieſe, andere auf jene Seite ſich hinneigten, die eine tadelnd, was eine an⸗ dere lobte, hatten daruͤber geſprochen, als der Koͤnig, den Blick zum Himmel wendend, ſah, daß die Sonne ſchon tief zur Abendſtunde hinabgeſunken war, und ohne von ſeinem Sitze ſich zu erheben, alſo zu reden anfing: Zierliche Damen, Ihr werdet, wie ich glaube, wohl einſehen, der Sterblichen Verſtand beſteht nicht allein darin, die Vergangenheit feſt in Gedanken zu haben und die Gegenwart gehoͤrig zu kennen; ſondern auch darin durch das Eine, ſo wie durch das —— 390 Zehnter Tag. Andere die Zukunft vorher ſehen zu koͤnnen. Und dies iſt bei ausgezeichneten Menſchen immer fuͤr einen Beweis des groͤßten Verſtandes angenommen worden. Wir haben, wie Ihr wißt, morgen werden es vierzehn Tage, zu unſerem Vergnuͤgen und zur Erhaltung unſerer Geſundheit und unſeres Lebens, und um dem Truͤbſinn, den Schmerzen und den Qua⸗ len auszuweichen, welche, ſeitdem dieſe anſteckende Zeit begann, ohne aufzuhoͤren in unſerer Stadt fort⸗ dauerten, Florenz verlaſſen, woran wir, meiner Mei⸗ nung nach, ſehr anſtaͤndig gehandelt haben; denn wenn ich recht darauf zu achten verſtanden habe, ſo glaube ich doch, ſo viel froͤhliche und zur Begehrlich⸗ keit aufreizende Novellen von uns auch erzaͤhlt wor⸗ den ſind, ſo gut wir auch immer gegeſſen und ge⸗ trunken, geſpielt und geſungen haben; was doch al⸗ les lauter Sachen ſind, welche ſchwache Geiſter zu weniger Anſtaͤndigkeit aufreizen; keine Handlung, kein Wort, kurz auch nicht das Mindeſte von Eurer oder unſerer Seite bemerkt zu haben, was zu tadeln ge⸗ weſen waͤre, ſondern ich glaube vielmehr fortwaͤhren⸗ den Anſtand, fortwährende Eintracht, fortwaͤhrende bruͤderliche Vertraulichkeit geſehen und empfunoen zu haben. Dies iſt mir denn zu Eurem und meinem Ruhme und Vortheil im hoͤchſten Grade lieb. Damit aber aus der langen Gewohnheit nichts entſtehen moͤge, was uns zum Ekel werden koͤnnte, und Niemand uͤber unſer langes Zuſammenleben ſpoͤt⸗ teln koͤnne, da ferner auch ein Jeder von uns ſeinen Theil derjenigen Ehre, welche bis ietzt noch auf mir — „ e e,——F d x n r 8, — — de t⸗ i⸗ in ſo — * 5 l⸗ n⸗ t⸗ en Zehnte Novelle. ruhet, fuͤr ſeinen Tag genoſſen hat, ſo waͤre ich der Meinung, wenn es anders auch Euch ſo gefaͤllig wäre, daß es ſehr erſprießlich ſeyn wuͤrde, wenn wir jetzt dahin wieder zuruͤckkehrten, von wo wir ausge⸗ gangen ſind. Nicht zu gedenken, daß unſere Geſell⸗ ſchaft, die, wenn Ihr Acht darauf geben wollt, ſchon Mehreren in der Umgegend bekannt geworden iſt, ſich auf eine Art vermehren koͤnnte, wodurch unſere ganze Erholung geſtoͤrt ſeyn wuͤrde. Wenn Ihr da⸗ her meinen Rath billiget, ſo werde ich die mir ver⸗ liehene Krone bis zu unſerer Abreiſe behalten, welche, wie ich meine, morgen ſtattfinden ſoll. Beſchließet Ihr aber anders, ſo habe ich den ſchon im Sinne, den ich fur den folgenden Tag damit kroͤnen will. Des Sprechens unter den Herren und Damen war viel, endlich aber hielten ſie den Rath des Koͤ⸗ nigs doch fuͤr nuͤtzlich und anſtaͤndig, und beſchloſſen es ſo zu machen, wie er geſagt haͤtte; deßhalb ließ er ſich den Seneſchall rufen, und ſprach mit ihm uͤber die Art und Weiſe, wie er es am folgenden Morgen gehalten wiſſen wollte; dann beurlaubte er die Geſellſchaft bis zur Eſſenszeit, und ſtand auf. Die Damen, ſo wie auch die Anderen erhoben ſich ebenfalls, und ergaben üch, nicht anders als ſie es gewohnt waren, dieſer dem und jener einem an⸗ deren Vergnuͤgen. Dann war die Stunde des Mah⸗ les gekommen, woran ſie mit dem groͤßten Vergnuͤ⸗ gen Theil nahmen, und nach dieſem fingen ſie an zu ſingen, zu ſpielen und zu tanzen; und waͤhrend Lauretta einen Tanz auffuͤhrte, gebot der Koͤnig 392 Zehnter Tag. Fiammetten eine Canzone zu ſingen. Nach dieſer ſangen ſie dann noch mehrere andere, bis nach dem Wunſch des Koͤnigs, da es beinahe ſchon Mitter⸗ nacht geworden war, Alle zur Ruhe gingen. Sobald der neue Tag erſchienen war, ſtanden ſie auf, und kehrten, da der Seneſchall alle ihre Sachen ſchon vorausgeſchickt hatte, der Fuͤhrung des beſcheidenen Koͤnigs folgend, nach Florenz zuruͤck. Die drei jungen Maͤnner ließen die ſieben Da⸗ men in St. Maria Novella zuruͤck, von wo ſie mit ihnen abgereiſt waren, und von dieſen ſich beurlau⸗ bend gingen ſie ihren anderen Ergoͤtzungen nach; jene aber kehrten, ſobald es ihnen Zeit zu ſeyn duͤnkte, nach ihren Wohnungen zuruͤck. Schluß des Verfaſſers. Edle junge Damen, zu deren Erheiterung ich mich einer ſo langen Muͤhwaltung unterzogen habe, ich glaube, daß ich, mit Huͤlfe goͤttlicher Gnade, und wie ich denke, durch Euer frommes Gebet, nicht aber durch mein Verdienſt, vollſtaͤndig das erfuͤllt habe, was ich gleich zu Anfang des gegenwaͤrtigen Wer⸗ kes zu thun verſprach. Deßhalb muß ich, erſt Gott und dann Euch dankend, der abgemuͤheten Feder und Hand Ruhe gewähren. Ehe ich ihnen aber dieſe ge⸗ ſtatte, geht meine Abſicht dahin, auf einige Punkte, welche vielleicht eine von Euch oder auch Andere vor⸗ bringen koͤnnten(obwohl gleich ich uͤberzeugt zu ſeyn glaube, es iſt dazu kein beſonderes Vorrecht noͤthig, als zu jedem anderen, ich mich auch nicht erinnere, — — ſer em er⸗ en re es ⸗ U⸗ ne — Schluß des Verfaſſers. 393 daß ich es beim Anfang des vierten Tages ſchon ge⸗ zeigt haͤtte), ſo als wäret Ihr zu verſchwiegenen Einwuͤrfen aufgeregt worden, zu antworten. Es werden vielleicht einige unter Euch ſeyn, welche ſagen moͤchten, ich haͤtte beim Schreiben die⸗ ſer Novellen mich einer zu großen Freiheit bedient, ſo daß ich zuweilen Frauen haͤtte etwas ſagen, und oftmals mit anhoͤren laſſen, was fuͤr ehrbare Frauen weder zu ſagen, noch mit anzuhoͤren ſchicklich waͤre. Dies läugne ich, denn es iſt nichts ſo unan⸗ ſtändig, was, wenn es mit anſtändigen Worten ge⸗ ſagt wird, fuͤr irgend einen unanſtaͤndig zu ſagen waͤre; und das däucht mir, habe ich auf eine ganz ſchickliche Weiſe gethan. Indeſſen angenommen, es waͤre ſo(denn es iſt meine Abſicht nicht, auf ſolche Art mit Euch zu ſtreiten, daß ich Unrecht bekaͤme), ſo ſage ich, um Euch darauf zu antworten, warum ich das gethan, daß ich die trifftigſten Gruͤnde dazu bei der Hand habe. Erſtlich, wenn irgend etwas dergleichen ſich in einer Nvvelle befindet, ſo hat es die Eigenſchaft der⸗ ſelben erfordert; denn wenn dieſelbe mit ruhig uͤber⸗ legenden Blick von einem verſtaͤndigen Manne be⸗ trachtet wird, ſo wird er deutlich genug einſehen, wenn ich ſie nicht ganz aus ihrer Form herausrei⸗ ßen wollte, konnte ich ſie nicht anders erzaͤhlen. Und iſt ja eine Stelle in einer derſelben, oder ein zu freies Woͤrtchen, das einer Betſchweſter nicht an⸗ ſteht, welche mehr die Worte als die Thaten abwa⸗ 394 Schluß des Verfaſſers. get, und ſich mehr bemuͤhet, gut zu ſcheinen, als zu ſeyn, ſo behaupte ich, es duͤrfe mir doch nicht mehr unterſagt ſeyn, dergleichen geſchrieben zu haben, als es im Allgemeinen Maͤnnern und Frauen unterſagt iſt, alle Tage von Loͤchern, von Pfloͤcken, von Moͤr⸗ ſern, von Stoͤßeln, von Bratwuͤrſten, von Cervellat⸗ wuͤrſten und was dergleichen Dinge noch mehr ſind, zu ſprechen. Warum ſoll denn ferner meiner Feder weniger Autvrität zugeſtanden werden, als dem Pinſel des Mahlers, der, laſſen wir es dahin geſtellt ſeyn, ob ohne allen, oder wenigſtens gerechten, Tadel, den hei⸗ ligen Michael die Schlange mit dern Speere oder der Lanze, oder den heiligen George den Drachen da toͤd⸗ ten läßt, wo es ihm gefuaͤllt, aber Chriſtus, als Mann und Eva als Weib darſtellt, und demjenigen ſelbſt, welcher zum Wohle des menſchlichen Geſchlechtes am Kreuze ſterben wollte, die Fuͤße bald mit einem, bald mit zwei Nägeln daran anheftet. Hernach muß man reiflich bedenken, daß alle jene Sachen nicht in der Kirche, wo man von dergleichen mit den reinſten Geſinnungen und den anſtaͤndigſten Worten ſprechen muß(obgleich in ihren Geſchichten ſich noch ganz andere Hiſtorien, als ich ſie geſchrie⸗ ben habe, finden), nicht in den Schulen Philoſophie⸗ render, wo der Anſtand nicht weniger, als irgend anders wo, erfordert wird, noch unter Geiſtlichen, noch unter Philoſophen irgendwo vorgetragen wor⸗ den ſind, ſondern in Gaͤrten, an Vergnuͤgungsoͤr⸗ tern, unter jungen Leuten, wenn auch gleich ſchon „— e et v e 6 ———— Schluß des Verfaſſers. reifen und dergleichen Novellen nicht mehr gefuͤgigen, zu einer Zeit wo es fuͤr die ehrbarſten Männer nicht unanſtäͤndig war, zur eigenen Rettung mit den Hoſen auf dem Kopfe zu gehen, erzahlt worden ſind. WMoͤgen denn unn alſo meine Novellen ſeyn wie ſie wollen, ſo koͤnnen ſie freilich ſchaden, aber auch nuzen, wie das mit allem Andern, in Hinſicht des Zuhoͤrers, der Fall iſt. Wer weiß nicht, daß der Wein fuͤr die Lebenden das Beſte iſt, nach dem Aus⸗ ſpruche Eincigliones und Scolajo's, und vieler An⸗ derer; fur den aber, der das Fieber hat, iſt er ſchaͤd⸗ lich. Wollen wir nun deßhalb, weil er dem Fieber⸗ kranken ſchaͤdlich iſt, ſagen, daß er nachtheilig wäre? Wer weiß nicht, wie nuͤtzlich, ja wie nothwendig das Feuer den Sterblichen iſt, ſollen wir aber deßhalb, weil es Häuſer, Villen, Städte verbrennt, ſagen, daß es nachtheilig wäre? Die Waffen beſchutzen eben ſo das Wohl derer, welche in Frieden zu leben wuͤnſchen, als ſie auch ſehr oft die Menſchen toͤdten, nicht durch ihre eigene Boͤsartigkeit, ſondern derje⸗ nigen, welche ſie boshafterweiſe anwenden. Kein verdorbener Sinn nimmt je ein Wort in unſchuldiger Bedeutung, und ſo wie anſtaͤndige Worte einem ſolchen nichts nutzen, eben ſo koͤnnen auch die, die weniger anſtändig ſind, den noch Unverdorbenen beſudeln, eben ſo wenig wie der Koth die Sonnen⸗ ſtrahlen, oder der irdiſche Schmutz die himmliſchen Schoͤnheiten. Welche Buͤcher, welche Worte, welche Buchſta⸗ 396 Schluß des Verfaſſers. ben ſind heiliger, wuͤrdiger, verehrungswerther als die der heiligen Schrift? und doch ſind deren genug geweſen, welche, auf eine verkehrte Art ſie ausdeu⸗ tend, ſich und Andere eben damit ins Verderben ge⸗ riſſen haben. Jede Sache iſt, fuͤr ſich ſelbſt genom⸗ men, gut zu irgend etwas, aber ſchlecht angewandt, kann ſie fuͤr Viele ſchaͤdlich ſeyn; und das ſage ich auch von meinen Novellen. Wer aus dieſen ſchlechte Rathſchluͤſſe, ſchlechtes Handeln herausziehen will, das verwehren ſie Keinem, wenn ſie vielleicht das an ſich haben, aber gedreht oder gezerrt, werden ſie es auch gewiß an ſich haben. Wer hingegen Nutzen und Vortheil daraus ziehen will, dem werden ſie das auch nicht verſagen, und ſie werden auch nie anders, als nuͤtzlich oder anſtaͤndig erzaͤhlt oder vorgetragen werden, wenn ſie zu ſolcher Zeit, oder von ſolchen Perſonen werden geleſen werden, als zu welchen oder fuͤr welche ſie erzählt worden ſind. Wer Pater⸗ noſter herzubeten hat, oder ſeinem Heiligen Torten oder Schmalz⸗Pfannekuchen vorſetzen muß, der laſſe ſie ruhig liegen, ſie laufen Keinem nach, daß er ſie leſen ſollte. Freilich die Betſchweſtern ſprechen anders; aber ſie thun auch oftmals zur Abwechſelung was anders. So werden auch wieder Andere ſeyn, welche ſa⸗ gen werden: es ſind welche darunter, fuͤr die es weit beſſer ſeyn wuͤrde, wenn ſie nicht da waͤren. Zugegeben! aber ich konnte und durfte keine an⸗ deren ſchreiben, als die erzaͤhlt worden waren; haͤt⸗ ten daher diejenigen, die ſie erzaͤhlten, beſſer erzaͤhlt, — Schluß des Verfaſſers. 397 ſo wuͤrde ich ſie auch beſſer geſchrieben haben. In⸗ deſſen wollte man auch vorausſetzen, daß ich der Er⸗ finder und Schreiber derſelben geweſen wäre, was ich doch nicht geweſen bin, ſo ſage ich darauf, ich wuͤrde mich dennoch nicht ſchämen, wenn alle auch nicht ſchoͤn ſeyn ſollten, weil ſich durchaus wol kein Meiſter finden duͤrfte, Gott allein ausgenommen, der Alles gut und vollkommen machte. Selbſt Karl der Große, welcher zuerſt der Schoͤp⸗ fer der Paladine war, konnte dennoch nicht ſo viel ernennen, daß er aus ihnen allein ein ganzes Heer haͤtte bilden koͤnnen. Nur aus einer Menge von Ge⸗ genſtaͤnden findet man die verſchiedenen Eigenſchaf⸗ ten derſelben heraus. Kein Acker war jemals ſo vor⸗ trefflich angebaut, daß auf demſelben ſich nicht auch Neſſeln oder Kletten oder Dornen unter die beſſern Kraͤuter vermiſcht, haͤtten finden ſollen. ueberdies wuͤrde es Thorheit geweſen ſeyn, da ich nur mit unſchuldigen jungen Maͤdchen, wie Ihr doch groͤßtentheils ſeyd, zu reden gehabt hatte, ſich dabei abzumuͤhen, zu ausgewaͤhlte Sachen herauszu⸗ ſuchen und aufzufinden, und eine ſo große Sorgfalt auf eine zu ausgewaͤhlte Sprache zu verwenden. Ueberdies kann ja derjenige, der ſie leſen will, dieje⸗ nigen, die ihn aͤrgern, ungeleſen laſſen, und diejeni⸗ gen leſen, die ihm Vergnuͤgen machen. Um Keinen zu hintergehen, tragen ſie alle an der Stirn ange⸗ deutet, was ſie in ihrem Schooße verborgen halten. Vielleicht glaube ich, ſagt auch wol Einer, es ſind einige zu lange darunter. Dem ſage ich eben⸗ — — ——— 398 Schluß des Verfaſſers. falls, wer anders zu thun hat, iſt ein Thor, wenn er ſie lieſt, wenn ſie auch noch ſo kurz waͤren. Und mag auch gleich eine lange Zeit verfloſſen ſeyn, ſeitdem ich zu ſchreiben anfing, bis auf dieſen Augenblick, wo ich ans Ende meiner Arbeit gelangt bin, ſo iſt es mir doch nie aus dem Sinne gekom⸗ men, daß ich dieſe meine Arbeit den Muͤßigen, aber keinen Andern dargeboten habe; und wer ſie zum Zeitvertreibe lieſt, dem kann nichts zu lang ſeyn, wenn das dadurch bewirkt wird, wozu er ſie anwen⸗ det. Kuͤrzere Sachen ſchicken ſich viel beſſer fuͤr Studirende(welche ſich nicht darum bemuͤhen, die Zeit hinzubringen, ſondern ſie nuͤtzlich anzuwenden), als fuͤr Euch, meine Damen, denen ſo viel Zeit uͤbrig bleibt, als Ihr zu den Freuden der Liebe nicht verbrauchet. Ueberdies geht Keine von Euch des Studirens wegen, weder nach Athen, noch nach Bo⸗ logna, noch nach Paris, daher kann man mit Euch ausgebreiteter reden, als mit denen, welche in den Studien ihren Geiſt abgeſpitziget haben. Auch zweifle ich ganz und gar nicht, daß es nicht auch ſolche geben ſollte, die da ſagen wuͤrden, die Erzaͤhlungen waͤren mit Witzeleien und Narrenpoſ⸗ ſen uͤberhaͤuft, und es ſchicke ſich nicht fuͤr einen ge⸗ ſetzten und ernſten Mann, dergleichen zu ſchreiben. Dieſen fuͤhle ich mich verpflichtet Dank zu ſagen, und ich ſage ihn ihnen auch, weil ſie aus frommem Eifer bewogen, ſehr zart fuͤr meinen Ruf beſorgt ſind. Doch auf den Einwurf dieſer will ich noch ant⸗ —— — ———— e— e— ——„— enn ſſen eſen ngt om⸗ ber zum yn, en⸗ fuͤr die en), Zeit icht des Bo⸗ uch den icht die oſ⸗ ge⸗ en. en⸗ em rgt nt⸗ Schluß des Verfaſſers. worten. Ich geſtehe es, ich bin gewichtig, und bin es in vielen Tagen meines Lebens geweſenz wenn ich daher mit ſolchen ſpreche, die mich noch nicht ge⸗ wogen haben, ſo verſichere ich, daß ich nicht ſchwer bin, vielmehr bin ich ſo leicht, daß ich wie eine Waſ⸗ ſerblaſe immer oben auf ſchwimme; und hinſichts deſſen, daß die Predigten, welche die Moͤnche, um die Menſchen fuͤr ihre Vergehungen zu ſtrafen, gehalten haben, meiſtentheils heutiges Tages voller Witzeleien, Poſſen und dergleichen Schaͤkereien ſind, glaube ich, daß gerade dergleichen in meinen Novellen nicht ubel ſtehen moͤchten, da ſie nur bloß darum geſchrieben ſind, um den Weibern die Grillen zu vertreiben. Und haͤtten ſie allenfalls zu viel daruͤber gelacht, ſo wer⸗ den die Klagelieder Jeremiaͤ, die Leidensgeſchichte des Erloͤſers, und die Wehklagen Magdalenens ſie leicht wieder heilen können. Und wer wird denn wol in der Meinung ſtehen, daß ſich nicht auch ſolche noch finden ſollten, die da ſagen wuͤrden, ich haͤtte eine boͤſe giftige Zunge, weil ich an manchen Orten von den Moͤnchen die Wahrheit geſchrieben habe? Denjenigen, die dies ſagen ſollten, ſoll verziehen ſeyn, weil nicht zu glauben ſteht, daß eine andere, als eine gerechte Urſache ſie dazu bewegt; denn die Moͤnche ſind gar gute Leute, ſie fliehen das Mißbe⸗ hagen bloß um Gottes Willen, und ſchmauſen ohne Ernte, und ſagen kein Wort davon wieder, ja haͤtten ſie nicht alle ſo etwas Bocksartiges, ſo wuͤrde ihr Prozeß noch weit laͤcherlicher ſeyn. 400 Schluß bes Verfaſſers. Nichts deſto weniger geſtehe ich, die Dinge die⸗ ſer Welt haben keinen Beſtand, ſondern ſind einer beſtändigen Veränderung unterworfen, und das koͤnnte auch mit meiner Sprache der Fall ſeyn. Wie mir vor kurzem eine meiner Nachbarinnen ſagte, denn meinem Urtheile glaube ich nicht, vielmehr fliehe ich daſſelbe in meinen eigenen Angelegenheiten nach al⸗ len meinen Kräften, ſo hätte ich die beſte und die ſchoͤnſte von der Welt; und in Wahrheit, wenn das der Fall wäre, ſo moͤchten wol wenige im Stande ſeyn, ſolche Novellen zu ſchreiben, wie ich ſie ge⸗ ſchrieben habe Weil aber dergleichen Leute mit Bit⸗ terkeit ſprechen, ſo wuͤnſche ich, daß das, was ich geſagt habe, ihnen zur Antwort hinreichen moͤge. Wenn ich daher eine Jede reden und glauben laſſe, wie es ihr gut duͤnkt, ſo iſt es nun Zeit, den Worten ein Ende zu machen, und dem in Unterthaͤ⸗ nigkeit zu danken, der, nach ſo langer Muͤhe mit ſei⸗ ner Huͤlfe mich zum erſehnten Ende gefuͤhrst hat. Ihr aber, freundliche Mädchen, bleibt, mit ſei⸗ ner Gnade, in Ruhe und Frieden, und erinnert Euch meiner, wenn es eine oder die andere erfreut, ſie geleſen zu haben. ————————————— die⸗ iner nnte mir enn ich al⸗ die ei⸗ ch ſie Anmerkungen zum ſechſten Bande. Achter Fag. S. 3. Z. 12, ſo nach neun Uhr, sulla mezza terza, woͤrtlich: wenn das Gebet der Terze im Chore halb vollendet war. Dieſes Gebet fällt aber an der dritten Stunde des Tages, alſo, vom Aufgang der Sonne⸗ um ſechs Uhr angerechnet, etwa um neun Uhr Morgens. S. 4. 3. 22, daher behaupte ich— die iſt des Feuers werth. Alle Ausſtellungen, welche die Ausleger, und unter dieſen vorzuͤglich auch Salviati, in ſeinen Avvertimenti Libr. I. cap. 14. gegen dieſe Stelle, wegen ſchlechter unterbrochener ꝛc. Conſtruction machen, fallen ſogleich fort, wenn man mit Colombo die Worte: concio sia cosa che— per la fragilità no⸗ stra in Parentheſe ſetzt, alsdann haͤngt Sinn und Conſtruc⸗ tion ganz natuͤrlich zuſammen: percio che— affermo. In der neuen florentiner Ausgabe der Opere volgari di G. Boccaccio, iſt auch dieſe Verbeſſerung aufgenommen. S. 3. 8. 20, der Pfarrer von Varlungo. Varlungo iſt ein Dorf in der Naͤhe von Florenz, beruͤhmt geworden durch dieſe Novelle des Boccactio, welche freilich den guten Pfarrer eben in kein ſehr vortheilhaftes Licht ſtellt. Um daher die guten Pfarrer von Varlungo, welche durch die unkeuſche und ungeziemende Liebe ihres in die ſchoͤne Dame Belcolore unſinnig verliebten Collegen, in einen uͤbeln Ruf gekommen waren, wieder etwas zu Fhren zu bringen, ſchrieb ein anderer Dichter aus dem ſiebzehnten Jahrhundert, Francesco Baldovini. eine der nied⸗ lichſten Ibillen: Lamento di Cecco da Varlungo, in der gewoͤhnlichen Bauernſprache. Wer ein Muſter der un⸗ befangenſten natuͤrlichſten Sprache eines gutmuͤthigen Ver⸗ liebten leſen will, ber leſe dieſe Klagen Fraͤnzels aus Fr Bodcaccio's ſämmtl. W. 6. 402 Varlungo, welche durch jede überſetzung verlieren. Ich ſetze zur Probe nur den Anfang der Klagen des Vorer⸗ waͤhnten an ſeine Alerandrine her: Com' eè possivol, Sandra crudele, Che tu sia tanto a me nimica e'ngrata? Che Diascol(Diavol) t'ho fatt' io, Bocchin di mele, Che tu siei si caparbia, e arrapinata? F quanto sempre piue ti so' fedele, Sempre ti veggo piue meco'ngrugnata: Anzi mentre il me'(mio) cor trassini e struggi, l' ti vengo diriete, e tu mi faggi. Ma fuggi pure, e fuggi quanto il vento, Ch' i' vo' seguirti infin drento all' Onferno (Inferno). S. 9. 3. 6, das Kreuz gepredigt zu haben, d. h. ſie haben unſern Weibern den Krieg allgemein er⸗ klärt, als wie der Kreuzzug gegen die Tuͤrken gepredigt worden war. S. 10. 3. 13, überdies war ſie es auch rc. Dieſe Stelle enthaͤlt Landes- und Ortseigenthuͤmlichkeiten, welche einer Erläuterung beduͤrfen. Die Worte: ZBum Borrich fließt ꝛc., iſt der Anfang eines alten italieni⸗ ſchen bäueriſchen Liebchens. In dem komiſchen Gedichte Bertoldo, Bertoldino e Cacasenno, konnte die mit Bertoldino verheirathete Menghina dieſes alte Liedchen auch ſingen, ſo wie ſie auch überhaupt noch alle andern Eigenſchaften Belcolores ebenfalls beſaß. Der Reihen und Tanz um die Säule ſollen die italieniſchen rid- da und hallonchio erſetzen. Letzterer iſt ein Tanz meh⸗ rerer Perſonen im Kreiſe, vom Geſange begleitet. Von dem er*n gibt Sanſorino in ſeinen Dichiarazioni fol⸗ gende Beſchreibung. Die Landleute ſtellen ſich an Feſtta⸗ gen mit ihren Frauen in eine Reihe hin, faſſen ſich als⸗ dann bei den Haͤnden an, und eine von ihnen fängt an eine Ballata zu ſingen; hoͤrt ſie auf, ſo muͤſſen alle An⸗ dern das noch übrige der Ballata in demſelben Tone fort⸗ ſeszen waͤhrend die Andern ſich ſelbſt herumdrehen und im Anmerkungen. —„——„„ — orer⸗ hin ggi, rn0 ben⸗ er⸗ edigt c. iten, um ieni⸗ ichte mit chen dern hen rid- neh⸗ Von fol⸗ ſtta⸗ als⸗ an An⸗ fort⸗ im Anmerkungen. Zirkel herumtanzen. Iſt die Ballata geendigt, ſo äber⸗ traͤgt die, welche anfing, einem andern, und zwar demjeni⸗ gen, welcher ihr der liebſte iſt, wieder anzufangen; daher kommt es denn, daß dieſe den Geliebten andeutet, und hat dieſer geendet, ſo gibt er der erſten das Geſchaͤft zuruͤck (ridda) Auf dieſe Art iſt von dem Hin⸗ und Hergeben, ridare, der Name ridda fuͤr den Geſang zum Tanz ent⸗ ſtanden, der auch rigoletto hieß. Ebd. 8 10, nach Avignon, wo ſich die Paͤpſte damals aufhielten. S. 11. 8. 10, kiff. Vacchi Ercolan. S. 33. erklaͤrt das vom Boccaccio gebrauchte rimorchiare durch dolersi e dir villania amorosamente, und eben dieſe Bedeutung gibt auch Adelung dem Worte keiffen, naͤmlich ſchmaälen in der vertrauli⸗ chen Sprechart. Ebd. 3. 16, am hellen Mittage, di fitto me- riggio wird, wie das Dion„„Flaͤrt, gebraucht per denotare il colmo, il fondo, cioè la sferza del coldo. Ebb. 8. 16, herumſumſen ging. Boccaccio ſagt andando zazzeato. Die Ausleger ſind über die Bedeutung dieſes Wortes nicht einig; das Vocabolario ſagt geradezu, die zu Boccaccio's Zeit gebräuchliche Be⸗ deutung dieſes Wortes ſei verloren gegangen. Alunno lieſt zazeando und ſagt, zazeare bedeute ſo viel als andare à spasso, o attorno, ſpatzieren oder umhergehen; in den aͤlteſten Ausgaben, fuͤgt er noch hinzu, läſe man zan- zeando, welches dann ſo viel heißen wuͤrde, als: herum⸗ gehen und pfeifen. Fiacchi haͤlt zazzeato unb das einige Zeilen weiter unten gebrauchte zacconato fuͤr ſynonym, und erklaͤrt es durch: muͤßig, geſchäftlos allenthalben her⸗ umſchleichen. Sanſovino lieſt zanzeato, und ſagt daruͤber folgendes: dies Wort iſt von zanzala(eine Schnake, Brummfliege) abgeleitet; denn ſowie dieſe einem ſumſend um's Geſicht herumfliegen, ehe ſie ſich ſetzen, ſo ſchlich ouch der Pfarrer von Varlungo hier und da herum, um zu ſehen, ob er nicht bei ſeiner Geliebten ankommen koͤnne, 404 Anmerkungen. indem er alsdann, wenn er um ihr Haus herum ſpionirte, ein Kyrie oder Sanctus in den Bart brummte.— Mir daͤucht, dieſe Erklaͤrung charakteriſirt den ehrwuͤrdigen Pfar⸗ rer ganz vortrefflich, und gibt das treffendſte, lebendigſte Bild von ihm. Den weiter unten gebrauchten Ausdruck zacconato habe ich nach der Situation daſelbſt, dem Sinne gemäß durch herumpuſten wiederzugeben geſucht. Ebd. 8. 20, haähähä. Das italieniſche Original⸗ Wort iſt gnaffe, was gewohnlich fuͤr einen Schwur ge⸗ nommen wird, ſo wie ich es auch oben Erſter Tag. Nov. 1. S 55. durch bei meiner Treu uͤberſetzt habe, wo der Ciappelletto dem gutmüthigen Frater durch einen nichts weiter ſagenden Schwur ſcheinbar verſichern wollte, daß er betrogen haͤtte; das iſt aber hier nicht der Fall, wo der ebenfalls gutmuͤthige Bauer, von dem Niſieli ſagt, er waͤre mit ſolcher Wahrheit und Natur gezeichnet, daß es dem Phidias und Apelles ſchwer werden wuͤrde, den Wett⸗ ſtreit zu beſtehen, auf eige verſchaͤmte Art mit dem Herrn Pfarrer in ben Zwieſprach treten will. Und hierzu dient, nach dem Ausſpruch Bembo's(Prose III, 320.), der Ausdruck gnaffe ganz eigenthuͤmlich, ſo wie ihn Boccaccio in ſeinen Novellen gebraucht, als ein im Munde des Vol⸗ kes gebräuchlicher Ausdruck, wodurch eine Antwort ange⸗ fangen werden ſoll, damit alsdann ein Wort das andere gebe. Ebd. Z. 25, der Malafizien Richter durch dieſe und die folgenden entſtellten Benennungen habe ich die vom Boccaccio dem Dummling von Bauer in den Mund gelegten Namenverdrehungen nachzuahmen geſucht. Einer Erklärung beduͤrfen ſie nicht. Auch das fruͤher ſchon gebrauchte Wort Vorrichtung ſtatt Verrichtung gehoͤrt ebenfalls dazu. S. 12. 8. 3, Flegelkappe iſt das Leder, woran der eigentliche Flegel haͤngt; Flegelruthe iſt der Stiel oder Handgriff des Dreſchflegels. S. 13. 8 5, wir mahlen mit dem Schut. Das Original ſagt: maciniamo a raccolta. Der Schutz iſt, wie Adelung ſagt, eine Schub- oder Fall⸗ thör, oder aͤhnliche Anſtalt das zudringende Waſſer zu hem⸗ —. — ——„— — ce„ c c— cn„ c Anmerkungen. men; mit dem Schutz mahlen, heißt daher ſo viel, als das uͤberfluͤſſige Waſſer zum Mahlen aufſparen, um es nd⸗ thigen Falls deſto kräͤftiger zu gebrauchen und anzuwenden. Der von dem Pfarrer hier hinter verborgene obſcoͤne Sinn bedarf keiner Erklärung. Ebd. 8 14, einen tüchtigen Blumenſten⸗ gel. Im Original bietet der Pfarrer ein Flaͤuſchchen Wolle, bella fetta di stame, an; allein dare oder fare fetta hat eine äppige Nebenbedeutung, worauf der Pfarrer gewiß anſpielt; dieſe kann, meines Wiſſens, in dem Fläuſchchen Wolle nicht geahnet werden, eher aber wohl in dem tuͤchtigen Stengel. Ebd 3. 3 v. u., Feſttagsguͤrtel; scaggiale, iſt, nach Sanſovino's Erklaͤrung, kein Kleid, ſondern ein ſeidener Guͤrtel der Bauerfrauen, der von einem Ende bis zum andern mit vergoldeten ſilbernen Knoͤpfchen beſetzt iſt. Ebd. letzte S. Gotteshaus, im Original a san- to; welches Wort, wie Borghini ſagt, von den Alten in der Bedeutung von chiesa(Kirche) gebraucht worden waäre. In dieſer ſelben Novelle gebraucht es Boccaccio in derſelben Bedeutung. S. 14. 3. 11, die mit ber langen Naſe ab⸗ zog. se n' andoò col ceteratojo, die gewöhnliche Er⸗ klarung iſt, con una fischiata, ausgepfiffen, und wie das Dizionario ſagt: vielleicht bebeutet es ſo viel als der Ton einer Zither, oder wie wir heute ſagen wuͤr⸗ ben, eines Pfeifchens. Sanſovino ſagt gar nichts. Fiac⸗ chi meint, das Wort Ceteratojo wäre eben ſolche baͤueri⸗ ſche Verſtümmelung, wie ſie oben ſchon Bentivegna del Mazzo ſelbſt vorgebracht hat. Unb zwar wolle die Frau durch das ceteratojo ſo viel verſtanden wiſſen, als eine gerichtliche Schrift zu einer Erſcheinung oder Beſtrafung wegen Schulden oder dergleichen. Solche Schriften haͤtten wegen den mehrmals darin vorkommenden eccetera(et cetera und ſo weiter) den Namen ceteratojo erhalten. Auf dieſe Art das Wort zu erklären, fährt er fort, gibt den uͤbrigen Worten Belcolore's einen beſſern und leichtern Sinn. Naͤmlich die Biliuzza hat ſich auf des Pfarters 406 Anmerkungen. prächtige Verſprechungen verlaſſen, und darauf in Schul⸗ den geſteckt oder in andere Unannehmlichkeiten verwickelt, aus welchen ſie aber eben des Pfarrers Protection nicht wieder habe heraushelfen konnen; da ſie nun nicht im Stande geweſen wäre, dieſe Schulden zu bezahlen, ſo wäre ſie aus dem Hauſe geworfen worden, an den Bettelſtab gekommen und in ber ganzen Welt bekannt geworden. Dies aber haͤtte doch davon die Folge nicht ſein koͤnnen, wenn ſie nicht mit einer langen Naſe hätte vom Pfarrer abzie⸗ hen muͤſſen. Dieſe Erklärung Fiacchi'è iſt allerdings ſinn⸗ reich, und wollte man ſie annehmen, ſo haͤtte ich uͤberſe⸗ ben können: und ſie mußte mit vielen Lot⸗Schlieken(laß es ſchleichen) abziehen. Das Seichen(L. S.) unter den Verordnungen ꝛc., fuͤllen naͤmlich die Bauern durch ihr Lot⸗Schlieken aus, und wollen dadurch anzeigen, daß die Sache eben nicht ſo ſtrenge genommen zu werden pflegt, ſondern daß der Inhalt der Verordnungen auch gewohnlich unbeobachtet dahin ſchleiche. S. 16. Z. 3, Zweybruͤcken ꝛc. Nachahmung des Scherzes, welchen Boccaccio mit den Worten Duagio(hol⸗ ländiſches Tuch aus Duai) treagio und quattragio treibt, indem gleichſam der Pfarrer dadurch, daß er die Zahlen, uo, tre, quattro ſteigert, auch die Feinheit des Tu⸗ ches ſteigern will, damit Belcolore es fuͤr deſto feiner hal⸗ ten ſoll. Ebd. 8. 17,*s mag ſein; die Worte des Origi⸗ nals werden verſchieden geleſen, die Ausgabe von 27, die Deputirten und der Cav. Salviati leſen sie, und ſo auch in der neueſten ſchon angef. Ausgabe der Werke des Boccaccio, hingegen andere und auch die Mailaͤnder Aus⸗ gabe theilen das Wort in zwei, si e. Ich bin der erſten Leſeart gefolgt, und halte es fuͤr eine Nachahmung der Sprache der Landleute, welche an Woͤrter, auf deren letz⸗ ten Sylbe der Accent liegt, gewoͤhnlich noch ein e anhän⸗ gen⸗ beſonbers wenn nach einem ſolchen Worte ein ruhen⸗ der Einſchnitt folgt. Voccaccio ſtellt uns aber in der Per⸗ ſon ſeiner Belcolore ein echtes Bauerweib dar. S. 15. 8. 9, ſo etwa zwiſchen ꝛc. Die Depu⸗ 1⸗ t, ht re ab es un e⸗ n⸗ e⸗ aß en hr aß t es ⸗ t, n⸗ — * ⸗ i⸗ Anmerkungen. 407 tirten erklären die vom Boccaccio hier gebrauchte Partikel entro als Ausfuͤllungspartikel, Colombo dagegen iſt der Meinung, ſie bedeute hier ſo viel als tra, und wäre das lateiniſche intra. Fiacchi ſtimmt des Letztern Meinung bei, will aber doch mit einer kleinen Veraͤnderung lieber getrennt geleſen wiſſen: e'n tra; daß Boccaccio dieſe Partikel ſo gebraucht, belegt er mit folgenden Stellen: Giorn III. nov. 1, si che tra, per l'uns cosà und Giorn. III. nov. 10. La giovane tra con parole. Die Verwandlung des Buchſtaben o in a, indem er tra lieſt, entſchuldigt er durch Unvorſichtigkeit des Copiſten⸗ unb beruft ſich auf Colombo, der in einer andern Stelle des Dekameron(Giorn K. nov. 3) mit den Ausgaben von 27 und 73. altri ſtatt altro lieſt. Ich bin Fiacchi's Meinung gefolgt, und glaube nach eben dieſer Erklärung die Bedeutung der ſchwankenden Zeitbeſtimmung durch meine überſetzung ausgedruͤckt zu haben. S. 18. Z. 18, Heliotrop⸗ ein grunlicher Ebelſtein mit dunkelrothen Flecken, welcher die Eigenſchaft haben ſoll, denjenigen unſichtbar zu machen⸗ der ihn vei ſich trägt. Die drei genannten Männer waren zu ihrer Zeit berüͤhmte Mahler, und beſonders iſt der erſte durch ſeine ſtupide Leichtgläubigkeit zum Sprichwort geworden: far altrui Calandrino, Jemandem etwas weiß machen. S. 20. 8. 22, Wein, vernaccia im Original⸗ eine vorzuͤgliche Art von weißem„in⸗ welcher beſonders Der Papſt in der Gegend von Certaldo gewonnen wird. Martin IV. ließ, wie Dante(Purgat XXIV, 24) ſagt, die Aale von Bolſena darin ſieden; hätte er ſich dann recht ſatt darin gegeſſen, und ſich unbehaglich danach be⸗ funden, ſagt Portinelli bei der angef. St., ſo habe er ausgerufen: O sancte Deus, quanta mala patimur pro ecclesia Dei! Heiliger Gott, was fuͤr Boſes er⸗ tragen wir nicht um der Kirche Gottes willen! S. 21. 8. 10, Katzenſprung. Voccaccio ge⸗ braucht auch hier, wie mehrmals in dieſer Novelle, eines in der Mark Ankona uͤblichen Provinzialismen⸗ cavelli oder auch cavelle, der ſo viel ſagen ſoll, als: nur et⸗ 408 Anmerkungen. was Weniges. Minucci zu dem Malmantile rac- quist VII, 87. meint, das Wort wäre nach dem Lateini⸗ ſchen quod velles gebildet; daſelbſt wird es auch covelle geleſen. Man ſehe auch Cinonio Osservazioni. IV, 30. S. 21. 8. 15, merkwuͤrdiger als alles an⸗ dere war. Die Ausgabe der Deputirten, welcher auch die Mailänder gefolgt iſt, lieſt: che pih notabile, was beim Mangel des Zeitworts keinen Sinn gibt; Colombo, dem ſchon Bandiera vorangegangen, lieſt in der Parmen⸗ ſer Ausgabe ch' è piu notabile, wonach auch ich uͤber⸗ ſetzt habe. Ebd 3. 19, dieſen Pyrzelbaum; tomo iſt ein Fall, wenn man rollend vom Berge herabfaͤllt; oder wie Bandiera dieſes Wort in ſeinem Decamerone ri- purgato erklart: ein Fall uͤber den Kopf, ſo daß die Beine in die Luft ſtehen. Hier, ſetzt er noch hinzu, iſt dieſes Wort ſcherzweiſe auf die Macccheroni angewendet. Man muß ſich hierbei einen Kerl denken, welcher einen eben aus der Pfanne herausgenommenen Macccheroni hoch in die Höhe zieht, um ihn ſich von ſo hoch herab, als er die Hand nur heben kann, in den Mund fallen zu laſſen. S. 22. 8. 5, darauf ſiehſt du mich groß an. Im Original: vatti con Dio, der ſo eben angeführte Vandiera ſagt uber dieſen Ausdruck:„Es läßt ſich ſchwer beſtimmen, was dieſer Ausdruck eigentlich an dieſer Stelle fuͤr eine Bedeutung he“ kann Ich halte dafuͤr, daß es eine Art hyperboliſcher Ubertreibung ſein ſoll, welche etwa dieſen Sinn hat: geh weg! daruͤber laͤßt ſich gar nichts ſprechen, denn man kann es nicht ausbruͤcken, was das fuͤr Berge von Smaragden ſind.“ Ebd. 3. 18, im Mugnone. Ein kleiner Fluß bei Florenz vor dem Thore San Gallo, aus welchem der Weg nach Vologna geht. S. 23. 8. 19„ Wätſchger, ein lederner auch ſam⸗ metner Beutel, an deſſen Offnung n eiſernes oder ſilbernes Schloß befindlich iſt; dieſes alte Wort druͤckt das italieni⸗ ſche scarsello vollſtändig durch ein Wort ebenfalls wie⸗ der aus. ac- ini⸗ 1e 30. n⸗ uch vas bo, en⸗ er⸗ der ri- bie et. en och er rte er Ue wa s uͤr er Anmerkungen. S. 25. letzte Z. à 1 a Naldi erklärt Ferario als eine Art knapp anliegender Kleidung, welche von einem Mobekuͤnſtler aus dem Hauſe Naldi erfunden worden waͤre 3 Bandiera aber meint, es wäͤre eine zu damaliger Zeit uͤb⸗ liche Tracht geweſen, welche aus dem Hennegau in Flan⸗ dern herſtamme, welches im toskaniſchen Analdo hieße. S. 26. 3. 14, Ja, ſchon, kurz vorher. Dieſe Stelle hat den Auslegern ſowol in Hinſicht der Leſeart, wie auch in Hinſicht der Erklaͤrung viel zu ſchaffen gemacht. Salviati lieſt bench' è fa poco; allein wenn er das fä poco ebenfalls durch è poco erklaͤrt, ſo wuͤrde das Ganze ſo viel ſagen als bench' ee poco, woſelbſt das è ein⸗ mal uͤberfluͤſſig da ſtände. Der Canonikus Dioniſi zieht die beiden Worte bench' è in eins zuſammen, und meint fa poco ſtände fuͤr poco fa, ſo daß, wenn man laͤſe benchè poco fa, der Sinn dieſer waͤre: wenn es auch gleich nicht lange her iſt, daß Calandrino hier war, ſo ꝛc. Dieſe Erklaͤrung aber, meint Fiacchi, widerſpraͤche dem natuͤrlichen Zuſammenhange der Sache. Denn wenn die genannten Drei, wie Boccaccio geſagt, mit Anbruch des Tages bis zur Eſſenszeit zu Mittage den Mugnone hinun⸗ tergegangen wären, ſo haͤtte doch Calandrino unmoͤglich dieſen Weg in ſo kurzer Zeit wieder bis nach ſeiner Woh⸗ nung zurückmachen und Bruno ſagen koͤnnen, er iſt nur erſt ſo kurze Zeit von uns fort, und iſt doch jetzt ſchon nicht allein zu Hauſe, ſondern ſitzt auch ſogar ſchon am Tiſche. Er lieſt daher und theilt die Worte alſo ab: Ben: che fa poco? das Wort ben nimmt er im ironiſchen Sinne als Wiberlegung eines offenbaren Wiberſpruches, wodurch das Gegentheil der Behauptung des Andern nur noch um ſo mehr hervorgehoben werden ſoll. So doß der eigentliche Sinn von Brnno's Worten der wäre: Ach, wie kannſt du doch ſagen, ſo eben erſt? er iſt ja gewiß ſchon lange fort, und ſitzt jetzt ſchon ruhig am Tiſche und ſpeiſt in Ruhe zu Mittag. S. 28. 8. 15, Patron, fuͤhrt dich denn der Teufelendlich einmal nach Hauſe. Das italie⸗ niſche krate wird oft als eine hohnende Anrede gegen Je⸗ ————.— 410 Anmerkungen. mand gebraucht, dem man eben durch den hoͤheren Titel, den man ihm gibt, gerade das Gegentheil von der Achtung bezeigen will, welche ihm, dem ſo gegebenen Titel nach, zukäme. Mehr Schwierigkeiten haben die Ausleger in den folgenden Worten: mai ti oi reca gefunden, beſonders in dem Worte mai. Das Dizionario erklärt dieſes Wort unſerer Stelle burch: in forza di pure; aber eben die⸗ ſes pure hat wieber ſo mannichfaltige Bedeutungen, und ſelbſt bas Dizionario erklärt as ſehr im Allgemeinen durch Particella riempitiva, che aggiunge una cer- ta forza per maggiore evidenza, ſo daß durch dieſe Erklärung fuͤr unſer mai nur ſehr allgemein und unbe⸗ ſtimmt ein anderes Wort geſetzt wird. Ruscelli ſagt, mai ſtände hier durchaus nicht als eine Zeit⸗Partikel, ſondern es wuͤre vielmehr als wie ein Schwur gebraucht, woran alsdann zuweilen noch si oder no angehaͤngt, auch wohl, nach einem verdorbenen Griechiſch, in madiasi oder madiano verwanbelt wurde. Bandiera behauptet, man koͤnne dreiſt annehmen, die italieniſche Partikel mai habe immer die Bedeutung des lateiniſchen unquam(ie⸗ mals), und ſolle das Gegentheil, oder das lateiniſche nun- quam, ausgebruͤckt werden ſo waͤre die Negazion dabet nöthig mai non, wenn ſich auch beim Boccaccio und auch bei andern Schriftſtellern mehr als ein, indeſſen doch immer nicht nachzuahmendes, Beiſpiel von einem an⸗ dern Gebrauche bes mai fände. Einonio dII, 117, XII) erklaͤrt dieſes mai, eben in unſerer Stelle, eben⸗ falls durch pure, ſetzt aber hinzu, als Ausrufung des Un⸗ willens. Er nimmt es in voͤllig affirmativer Bedeutung, begleitet mit einem im hoͤchſten Unwillen ausgeſtoßenen Fluch, da nach Bembo's Meinung dieſes mai ſo viel ſage, als per Dio(etwa wie unſer: meiner Seele!); und ſo, fährt er fort, koͤnnte man die Worte mai ti ci reca, in andere, im Zorn geſprochene Worte, pur ci tornasti, kommſt du endlich wieder! umwandeln. S. 33. 3. 22, daß er vor Liebe ganz blind war. So uͤberſetze ich die Worte: che piu qua nè piu la non vedia nach der Ausgabe von 27. der Depu⸗ tel, ung ch den s in ort ie⸗ ind ch T eſe be⸗ ——————— Anmerkungen. tirten und des Ritters Salviati; der Manelliſche Text lau⸗ tet— non potea. Was dieſe Leſeart fuͤr einen Sinn gibt, ſagt Colombo, weiß ich nicht. S. 37. Z. 16, den Sommer nicht in F. ſon⸗ dern in S. zugebracht. Fieſole liegt nämlich auf der Höhe in einer reinen und geſunden Luft; Sinigaglia hingegen in einer ſumpfigen, moraſtigen, ungeſunden Gegend. Ebd. 3. 19, Merenza. Ich habe dieſen Scherz des Boccaccio, der aus Bencivenuta den verkuͤrzten Namen Giuta, und aus dieſem wieder den vergröberten Piutazza bildet, durch den aus Emerentia verkuͤrzten Merenza, und wieder den vergroͤberten Renze nach⸗ zuahmen geſucht. S. 41. 8. 11, Marcheſaner Richter. In je⸗ nen Zeiten war es in der noch ſchlecht eingerichteten Ver⸗ faſſung von Florenz Sitte, Richter aus dem Auslande zu waͤhlen, indem dazu keine Eingeborne, der Faktionen we⸗ gen, genommen wurden, welches eine unerſchopfliche Quelle zu Parteilichkeiten war. S. 42. 8. 10, was der Herr Juſtiz zu ſeinen Fuͤßen hielt. Ich habe dieſen komiſch verzerrten Aus⸗ druck, dem im Original alſo lautenden: la quale mes- ser lo guidicio teneva a' piedi, nachzubilden ge⸗ ſucht; daß Boccaccio den Richter hier durch dieſe geſchraubte Wortſtellung poſſierlich darſtellen will, fällt wol deutlich in die Augen, welches durch die Leſeart der 27. sopra la quale messer lo giudice teneva i piedi, gaͤnzlich verloren geht. S. 43. 8g. 16, Quaßelhans. Dieſer Provinzia⸗ lismus, einen elenden Kleinigkeitsſchwatzer auszudruͤcken, ahmt dem Originale, squasimodeo, ſelbſt im Tone etwas nach. S. 44. 8. 24, hoͤchſtensetwa ſo bis ehege⸗ ſtern. Die italieniſche Redensart altrieri druͤckt, wie Cinonio ſagt, einen nicht lange vor dem jetzigen ver⸗ floſſenen Tag aus, und dieſem iſt nun noch vie vorgeſetzt⸗ welches die Bedeutung noch verſtärken ſoll. S. 45. 8. 18, reicht man keine Schrift ein⸗ ſondern dergleichen Sachen werden ſummariſch abgemacht. 412 Aninerkungen. Ebd. Z. 4 v. u., bei der Reviſion, ich habe hier einen bei unſerm Prozeſſiren gebraͤuchlichen Ausbruck gewählt fuͤr das italieniſche sindacato, welches dort ſo viel bedeutet als die Rechenſchaft, welche der Richter uͤber die oͤffentliche Verwaltung ſeines Amtes ablegen muß. S. 46. 8. 12, daß er erfahren und wiſſen muͤſſe. Di⸗ Mailaͤnder Ausgabe lieſt mit der Livorner Ausgabe nach dem Manelli'ſchen Tert che egli conveniva, allein ſchon Salviati bemerkte, daß man che e⸗ gli conv: leſen muͤſſe, wo das apoſtrophirte e' ſtatt egli als Fuͤr⸗ wort zu dem Zeitwort conveniva, und gli der Dativ waͤre. S. 47. 3. 4, laſſen ſie ihnes noch von ſich abkaufen, d. h. Calandrino mußte es von Bruno und Buffalmacco abkaufen, daß ſie es nicht ſeiner Frau ſagten. S. 50. 3. 14, Herr Jel iſt freilich nicht die woͤrt⸗ liche Bedeutung des von Boccaccio gebrauchten oisd, wel⸗ ches ein Ausruf fuͤr die dritte Perſon iſt, wie oime fuͤr die erſte und oitu fuͤr die zweite. S. 51. 3. 20, Meine Altez im Original mogli- amma, eigentlich ſtatt moglie mia.— Alle mein' Lebstage. Boccaccio ſagt Unguanno. Man ſehe oben IV. 10., wo ich es durch heuer überſetzte, dies ſchien mir aber hier nicht hinreichend fuͤr den vor ſeiner Alten erzitternden Ehemann. S. 52. 3. 14, mit Brot und Käſe. Dieſe Art von Zaubermittel, um Verborgenes an's Tageslicht zu bringen, beſchreibt Bottari in feinen Lezioni sopra 11 Decamerone auf folgende Art. Der Gebrauch des Aſtrolabiums, eines Inſtrumentes, beſſen man ſich damals bediente, um die Bewegung der Sterne und ihren Einfluß auf alles andere in dieſer ſublu⸗ nariſchen Welt zu beobachten, war mit großen Schwierig⸗ keiten verknüͤpft, da es in bieſen Zeiten zu ſelten unb nur einzig war; daher entſchloſſen ſich die nach der Zukunft ſo begier igen Menſchen zu einer andern Art von Aberglau⸗ ben, welche man leichter und allgemeiner haben konnte, nämlich mit Brot und Kaͤſe die Zukunft zu erforſchen. Der groͤßte Theil der Menſchen glaubte naͤmlich, daß, wenn man eine dabei zu eſ gefall hinur fuͤhrt im 2 klebr erfor muͤßt gebac Ofen falme als e dadu krie Bezu unſtr wer⸗ mals er zu kurre Geld ner! vino foll dieſe des men dann Wah cio g noch Auch coli habe ruck t ſo über ſen rner va, nv: Für⸗ äre. und ten. ört⸗ vel⸗ fuͤr li- in⸗ ben ien ten Art il es der lu⸗ ig⸗ tur nft au⸗ te, en. enn Anmerkungen. man gewiſſe Biſſen von dieſen beiden Nahrungsmitteln, auf eine gewiſſe Art und mit eigenen Zeichen unter beſtimmten babei geſprochenen Zauberformeln zuſammengefuͤgt, Leuten zu eſſen gäbe, auf welche der Verdacht eines Diebſtahls gefallen waäͤre, ſo könnten ſie dieſelben auf keine Weiſe hinunterſchlucken, und ſie wuͤrden des Vergehens über⸗ fuͤhrt. Der hierzu angewendete Kaͤſe muͤſſe Schafkaͤſe und im Mai gemacht worden ſein, weil dieſer vorzuͤglich fett, klebrig und zaͤhe waͤre, und es daher mehr Anſtrengung erfordere, das Stuͤckchen hinunter zu ſchlucken. Das Brot muͤßte von Gerſtenmehl und ohne Sauerteig kurz vorher gebacken, und ſo warm und weich ſein, als es aus dem Ofen gekommen waͤre. Dieſe Art Zaubermittel ſchlug Buf⸗ falmacco als ein leichtes Mittel vor, ward aber von Bruno als ein damals allg⸗mein bekanntes, verworfen, weil ſie dadurch verrathen werden konnten. S. 56. 3. 16, haſt du nicht ſechs dafuͤr ge⸗ kriegt. Ich bin Fiacchi's Auslegung gefolgt, welcher, in Bezug auf einige angefuͤhrte Stellen, ſagt, man muͤſſe unſtreitig hierbei Lire verſtehen, keineswegs aber die Ing⸗ wer⸗Kuͤgelchen; und daß bei Angabe einer Summe oft⸗ mals überhaupt Geld zu verſtehen ſei, auch daruͤber führt er zum Beweiſe einige Stellen an. Auch wir laſſen in der kurrenten Sprechart bei Angabe einer Summe Geldes, die Geldſorte weg und ſetzen das bloße Zahlwort, wie in mei⸗ ner überſetzung ich auch gethan habe. S. 58. 8. 21, Es ſind noch nicht c. Sanſo⸗ vino iſt der Meinung, der in dieſer Novelle erzählte Vor⸗ foll waͤre wirklich wahr, und Boccaccio ſei ſelbſt der Held dieſer Geſchichte, indem er ſich in eigener Perſon unter der des Studenten dargeſtellt, dem eine edle Witwe, mit Na⸗ men Lepida, dieſen Streich geſpielt und gegen welche er dann wieder ſich durch den Corbaccio gerächt haͤtte. Wahr iſt es, fäͤhrt der gedachte Sanſovino fort, Boccac⸗ cio gibt vor, ſich auf ſolche Art geraͤcht zu haben, den⸗ noch aber erfolgte ſie nicht auf die von ihm erzaͤhlte Art. Auch Luigi Groto, mit dem Beinamen Gieco d' As- coli, der Blinde von A. glaubt, unter der Perſon des — S—— 414 Anmerkungen. Studenten läge Boccaccio ſelbſt verborgen. Eben ſo ſagt auch Alessandro degli Uherti, oder wer ſonſt unter dieſem Namen verſteckt liegt, in dem oben ſchon angefuͤhr⸗ ten Ragionamento tra Claud. d⸗Herberè.„Boccac⸗ cio ſpricht, bei Gelegenheit des Corbaccio, von dieſer Witwe, über die Viele der Meinung ſind, daß er von derſelben die gewaltige Beſchimpfung empfangen haͤtte, welche er unter dem Namen des Florentiner Studenten, in der 7. Novelle des 8. Tages erhalten zu haben erzählt.“ Ferner ſagt eine Randnote in der Ausgabe des Corbaccio von 1594 bei Filippo Giunti: Questo si conferma con la Vedova dello Scolare(dies wird durch die Witwe des Studenten beſtätigt); eine andere, daß dieſe Dame von hoher und edler Abkunft wäre, und mehrere dergleichen noch. Endlich noch meint Manni, wäre es auch wol kein kleiner Beweis, daß Boccaccio hier eine wirkliche Thatſache erzaͤhlt habe, da er in Erwähnung je⸗ des kleinen einzelnen Umſtandes ſo minutiös und ausfuͤhr⸗ lich ſei. Indeſſen laſſen wir das dahin geſtellt ſein, ob Boccaccio wirklich eine Geſchichte von ſich ſelbſt erzählt habe oder nicht, und ob er ſich, gleich dem griechiſchen Dichter Archilochus, der auf ſeine Geliebte, die ihm einen reicheren Nebenbuhler vorzog, ſolche Schmaͤh- und Spott⸗ gedichte dichtete, daß ſie durch einen freiwilligen Tod ihrem Leben ein Ende machte, durch ſeinen Corbaccio, oder das Labyrinth der Liebe, an jene Dame habe raͤchen wollen. Eine gewaltige Invective gegen leichtſinnige Frauen bleibt dieſe Novelle immer. Das Urtheil neuerer Kritiker iſt ſehr getheitt uͤber das gedachte Werk; Maffei(Storia della Letteratura italiana. Vol. I. pag. 209.) nennt es die ſchärfſte Invektive gegen die gedachte Witwe und gegen das ganze weibliche Geſchlecht, deſſen Vertheidiger Boccaccio uͤbrigens ſo oft geweſen wäͤre. Ginguene hingegen ſagt: man kann nicht begreifen, wie eine geiſtreiche und zarte Feder ſich zu ſolchen Unfläte⸗ reien und plumpen Obſconitäten hat verſtehen können. Bouterweck findet die Einkleidung froſtig, ſo wie den Inhalt gemein und vden Zweck niedrig; Fr. Schlegel ſagt nter uͤhr⸗ ecac⸗ jeſer von itte, ten, ccio ma die ieſe rere es eine ie⸗ ihr⸗ ihlt hen nen ott⸗ das en. ibt ria 9.) hte ſen re. en, te⸗ en. den Anmerkungen. 415 bagegen lobt den Styl als vortrefflich und die Erfindung als witzig. Auch der Graf Baldelli nennt es die bitterſte Invective gegen eine Frau. Das Werk fuͤhrt auch den Titel: Labirinto d'Amore. Ein deutſcher Auszug des Werkes ſelbſt findet ſich in Jagemann's Magazin der italieniſchen Literatur und Kuͤnſte. 2r Bd. S. 188. und 3r Band S. 76. S. 90. 3. 6, hatten ſie wahrlich ꝛc. Dieſe meine überſetzung der Worte des Originals: e si per tutto, gründet ſich auf Cinonio's Erklärung, welcher II, 179. XV, die Partikel e gerade in unſerer Stelle durch certamente in vero erklärt. S. 97. 8. 19, welche einen großen Schatz an Kniffen hatte. Boccaccio bedient ſich hier eines Ausdrucks, den er wahrſcheinlich ebenfalls wieder Dante nachgebildet hat, welcher Inf. XXII, 109. ſagt: ch' avea lacciuoli a gran divizia. S. 101. 8 23, dann werde ich ꝛc.; nach Cino⸗ nio's II, 178. XII.) Erklärung dieſes e durch alloro dat. tunc), habe ich es hier durch dann fuͤr alsdann uͤberſetzt. S. 104. Z. 24, Herentanz, im Original Tre⸗ viſer Tanz, iſt wirklich ein etwas unanſtaͤndiger Tanz⸗ welcher in der Treviſaner Laydſchaft getanzt wird, die Tanzenden kuͤſſen und gebehrden ſich überhaupt ſehr luͤſtern und uppig dabei. S. 107. 8. 4, Fehe. Dieſe Art der Pelzbekleidung kam in jenen Zeiten des Boccaccio nur den hoͤchſten, oder graduirten Perſonen zu. S. 109. Z. 4, eben ſo thoͤricht und ſinnlos wie alle die andern. Ich folge Fiacchi's verbeſſerter Leſeart, welcher ſtatt sciocchezze e dissipite lieſt, sci- ocche e dissipite, und beide Adjectiven auf das vorher⸗ gegangene domanda bezieht, da nach der gewohnlichen Leſeart die Zuſammenſtellung eines Hauptwortes mit nur einem Abjectiv durch die Verbindungspartikel e unſtatthaft iſt. In der Ausgabe von 27. ſteht sciocche e dissipite parole; aber es iſt offenbar, daß das Wort parole von ————— 416 Anmerkungen. Einem hinzugefuͤgt worden iſt, der nicht bedachte, daß die beiden Adjectiven auf das vorangegangene Hauptwort in Verbindung ſtehen.— fing an zu lachen, weder die Mailaͤnder noch die neuere Florentiner Ausgabe haben die Leſeart der Ausgabe von 27. angenommen, welche lieſt in⸗ fra se di subito comincid a ridere: woſelbſt Rolli infra se durch seco(bei ſich ſelbſt) erklärt. S. 110. 3. 5, dem Gott ſei bei uns; ich habe bieſen für uns bekanntern Ausbruck ſtatt den des Teufels fuͤr den im Original gebrauchten Lucifero di San Ballo gewaͤhlt. Dieſer Lucifer iſt nͤmlich ein an der Fagade der Kirche des heiligen Gallus vor Florenz abgemahlter großer Teufel, mit mehreren Rachen, zum groͤßten Schrecken der Kinder. Ebd. 3. 6. wenn es ein Anberer erfähre. Die Deputirten haben hier eine Stelle geſtrichen, Colom⸗ bo aber gibt ſie in einer Note unter dem Tepte nach der Ausgabe von 1527 denn er iſt der Meinung, daß durch bieſe Worte der Dialog zwiſchen Bruno und dem Medizi⸗ ner noch vollſtändiger und wahrſcheinlicher wuͤrde, uͤber⸗ dies waͤren ſie auch Boccaccio, einem Schriftſteller mit einer ſo reichen Ader, der ſich uͤber Einzelheiten der Um⸗ ſtaͤnde ſo weitlaͤufig auszulaſſen pflegte, um die Wahr⸗ ſcheinlichkeit ſeiner Erzahlungen noch zu vermehren und lebhafter auszumahlen, voͤllig angemeſſen. Man brauche daher, faͤhrt er fort, nichts weiter als nur die Verbin⸗ dungspartikel des folgenden Satzes Ma in or zu verwan⸗ deln, ſo waͤre der Zuſammenhang ganz natuͤrlich. Ich folge ihm und gebe die überſetzung dieſer Worte ebenfalls in dieſer Note: erfuͤhre, und darum moͤchte ich es Euch nicht ſagen. Der Mediziner ſagte: Bruno, ſei gewiß, von dem was du mir ſagſt, ſoll weiter kein Menſch je etwas wiſ⸗ ſen als du und ich. Nach vielem Hin⸗ und Herreden ſagle Bruno zu ihm: Nun, ſo ſieh denn, Meiſter, meine Liebe ꝛc. iſt ſo groß ꝛc. —„ Anmerkungen. 417 Indeſſen ſowol die Mailänder als auch die Floren⸗ tiner Ausgabe laſſen dennoch dieſe Worte weg. Ebd. Z. 12, auf dem Duͤmmelsberg. In dem Hriginale iſt hier der Name eines Berges gebraucht, wel⸗ cher wirklich exiſtiren und wegen eines darauf befindlichen Kreuzes bekannt ſein ſoll, naͤmlich Montesone. Es liegt aber ſehr klar am Tage, daß Boccaccio dieſen Berg nicht umſonſt hier nennt, wo er über die Einfalt des Doctors ſich luſtig macht; denn die augmentirende Sylbe one be⸗ zeichnet immer eine gewiſſe Dummheit oder Plumpheit⸗ welche dem Begriffe des Hauptwortes mit dieſer Sylbe vermehrt beigelegt werden foll, z. E. donna, Frau⸗ don- nona, plumpes Weib, ragazzo, ein Knabe, raga?ꝰone, ein grober Vengel. Eben ſo ſagt auch Boccaccio oben⸗ vostra qualitativa mellonaggine da Legnaja, welche Worte ich durch Eure qualitativiſche Kuͤrbskop⸗ figteit aus Holzhauſen wiederzugeben geſucht habe. Legnaja iſt wirklich wieder ein wegen guter Melonen bekanntes Caſtel oder Schlößchen, mellone, heitt aber auch ein Holzhaufen in unſerer Stelle noch augmen⸗ tirt durch die angehangte Sylbe aggine, heitt eine Me⸗ lone, aber auch Dummheit: Wir nennen nun aber in un⸗ ſerer Mutterſprache einen Duͤmmling nicht ſowol einen Melonenkopf, aber wohl einen Kuͤrbiskopf, was ich in Kuͤrbskoͤpfigkeit umgewandelt habe. Ebd 3 10 v. u, Michael Scot: Die laͤcherli⸗ che unekdote des als Schwarzkuͤnſtler bekannten Michael Scot aus Schottland(geb. 1214, geſt. 1291.), gab wol die Veranlaſſung zu dieſer Novelle. Er ſoll naͤmlich, wie Niceron dem Marcel nacherzaͤhlt, oft viele Perſonen zum Mittagseſſen eingeladen haben, ohne irgend etwas zuberei⸗ ten zu laſſen; wenn man ſich aber zu Tiſche geſetzt⸗ habe er die Geiſter gezwungen, allerlei Speifen herbeizuſchaffen⸗ und wenn dieſelben angelangt, zur Geſellſchaft geſagt: Meine Herren, dieß kommt aus der Kuͤche des Königs von Frankreich, dieſes aus Spanien, jenes aus England ꝛe. Mehrere ſolcher Anekdoten von ihm findet man im Nice⸗ Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 6. 418 Anmerkungen. ron(Th. KI. S. 165. und folgende deutſche überſetzung). Auch Dante(Inf. XX, V. 116) erwaͤhnt ſeiner: uell' altro Michele Scotto fü, che veramente Delle magichè frodi seppe il gioco. Benvenuto da Imola erzaͤhlt auch ſeinen Tod durch das Herabfallen eines Steines auf ſeinen Kopf, wie er es ſich ſelbſt vorhergeſagt habe. S. 112. 3. 10, Gurkenſtips. Man wird mir dieſe Wortverſtuͤmmelung verzeihen, wo Boeccaccio eine Zuſammenſetzung mehrerer ganz gebraͤuchlicher italieniſcher Worte ſich bedient, er lßt naͤmlich Bruno den Mediziner hier mit den Worten Zucca mia da sale anreden, unb welche Worte, wie das Dizionar. della CGrusca ſagt⸗ einen eiteln, unwiſſenden, aber von ſich eingenommenen Menſchen, auf eine ſcherzhafte Art ausgedruͤckt bedeuten. Sanſovino erklärt es geradezu durch einen leeren Kopf(ca- po voto), und leitet dieſe Redensart von der Gewohn⸗ heit der Landleute in Italien her, welche einen Kuͤrbiskopf aushohlen, und dieſen ausgehoͤhlten Kuͤrbiskopf ſtatt eines Salzfaſſes hinhaͤngen. Ebd. 3. 20, die Donna de' Barbanicchi. Dieſer und alle folgenden Namen ſind Boccaccio's eigene Bildungen; ſie zu erklaren, wuͤrde unnuͤtz ſein. Einige habe ich ſo gelaſſen⸗ wie ſie Boccaccio gebraucht hat, an⸗ dere habe ich nach der Fhnlichkeit der Bedeutung und des Klanges nachgebildet; dieſe Donna habe ich Donna, auch Wackelbart genannt. Mehrere dergleichen Namensver⸗ ſtümmelungen kommen ſowol in dieſer als auch in andern Novellen des Boccaccio haͤufig vor. S. 115. 8. 21 Porcograſſo und Vanna⸗ cena. Ich habe dieſe verſtuͤmmelten Namen im Italieni⸗ ſchen gelaſſen, da eine deutſche Verſtuͤmmelung der Na⸗ men der beiden bekannten Maͤnner wol nicht den Doppel⸗ ſinn geg en haben wuͤrde; denn das erſte Wort heißt ſo viel als Fettſchwein, und aus dem andern ließe ſich allen⸗ zalls ſo etwas von verdorbener Mahlzeit heraus interpre⸗ tiren. Ich habe aber die italieniſchen Namen beibehalten⸗ weil dara ſert. Cap ng). urch res mir eine ſcher iner und ſagt, enen ten. (ca- ohn⸗ kopf ines gene inige an⸗ des auch sver⸗ dern na⸗ ieni⸗ Na⸗ ppel⸗ zt ſo Uen⸗ rpre⸗ ten, Anmerkungen. 41¹9 weil ſonſt die Zurechtweiſung des Meiſters nicht wieder darauf paſſen wuͤrbe, wenn er die wahren Namen verbeſ⸗ ſert. Des Porcograſſo erwaͤhnt auch Molza in ſeinem Capitolo de' fichi: Questo segreto cosi degno, e raro Maestro Simon studiando il Porco grasso Scoperse a Bruno, che gli fu si caro. S. 117. 8. 11, wie ſchon mir die Beine auf meiner Perſon ſtehen. Boccoccio läßt in dieſer Novelle ſowol den Doctor als auch Bruno ſehr unpaſſend reden, den einen aus Dummheit, den andern aus Scherz; denn eigentlich hätte er ſagen muͤſſen: auf was fuͤr ſchoͤnen Beinen meine Perſon ſteht. Ein aͤhn⸗ licher Galimathias iſt der unten S. 119. Z. 6, Bet⸗ ſchweſtern aus Reiterſtiefeln herausziehen Das italieniſche Sprichwort, cavar le forme degli sti- vali e le monache del monistero(den Leiſten aus den Stiefeln und die Nonnen aus dem Kloſter) fuͤr: etwas Unmögliches bewerkſtelligen wollen, verdreht Boccaccio ab⸗ ſichtlich auch hier wieder, indem er nicht nur die Sätze umdreht, ſondern auch einen Ausdruck mit dem andern verwechſelt. Ebd 3. 8 v. u., erziodeliſchfein, dem ita⸗ lieniſchen artagoticamente mehr nur dem Klange nach nachgebildet, da es hier nur darauf ankam, naͤrriſche Aus⸗ druͤcke vorzubringen. Das Jodeln iſt ja jetzt eine be⸗ liebte Singe-Weiſe. S. 119. 3. 17, burchbrochenes Gewiſſen. Daß dieſe Novelle voll witziger Verdrehungen und in ge⸗ wiſſer Hinſicht Verſtuͤmmelungen der Woͤrter ſelbſt und ihrer Bedeutungen iſt, davon liegen uns ſchon mehrere Beweiſe vor, und auch hier wieder gebraucht Boccaccio einen ſolchen Ausdruck, er ſagt nämlich: calterita fede. Dirſes Abjektivum kommt nach dem Vocab. della Crusca von dem Zeitworte calterire her, und wird daſelbſt durch scalfitto, von scalfire erklaͤrt, was nach eben demſelben Vocab. ſo viel heißt. als: die obere Haut leiſe wegnehmen, um auf das ſogenannte Lebendige zu kommenz daher iſt bie un⸗ — 420 Anmerkungen. ter§. langefuͤhrte erſte Bedeutung unſeres Adjektios zer⸗ brochen, zerquetſcht, und im F. II, ſogleich co- scienza, calterita, durch macchiata, non pura, be⸗ fleckt, unrein angefuͤhrt. F. III. wird unfer Abjektiv durch accorto, prudens, callidus weiter erklärt, und dann endlich 5. IV. unſere Stelle ſelbſt angefuͤhrt, als Be⸗ leg der Bedeutung von ironicamente per ischerzo, d. h. in ſpoͤttelnder Bedeutung des zuletzt angefuͤhrten liſtig, blug, verſchlagen. Die in den§ 5. I. IlI und IV. angegebenen Bedeutungen habe ich durch durchbrochen ausbruͤcken zu koͤnnen geſucht; vielleicht haͤtte ich auch wol ſagen können: auf Euer ſcarifizirtes Gewiſſen⸗ wenn dieſer Ausdruck nicht einen ſo odioͤſen Nebenbegriff mit ſich fuͤhrte. S. 121. 3. 15, ſie heißten ſich einander. Boccaccio gebraucht hier carapignare, welches die Crusca auf dieſe Art erklaͤrt: impegnarsi con parole a uno, affine di cavarne qualche utile(ſich mit Jemandem, um einen Nutzen von ihm zu ziehen, durch Worte ver⸗ pflichten), und von dem alten Worte heißen ſagt Wach⸗ ter in ſeinem glossario germanico zur Erklaͤrung deſ⸗ ſelben: juramento promittere, in compositis dici- tur de conspirantihus), d. i durch einen Eid verſpre⸗ chen, zuſammengeſetzt wird es von Verſchworenen gebraucht. Ebd. Z. 3 v. u, beim Pllmäͤchtigen in Pa⸗ ſignano. Ein Bild oben in der Kirche auf dem Caſtel Paſignano. S. 122. 8. 13, Ihr habt es ſehr gut auf Unverſteht gelernt. So habe ich Boccaccio's Scherz, der ebenfalls auf einem Wortſpiele beruht, wiederzugeben geſucht, die Worte im Original heißen: voi non appa- raste[Abbici in su la mela,— anzi l'apparaste bene in sul mellone; das wuͤrde woͤrtlich heißen, Ihr habt das A B C nicht mit einem Apfel, ſondern mit einer Melone gelernt; unter dem verſteckten Sinne, Ihr habt es nicht nach gemeinen, ſondern nach hoͤhern Prinzipien ge⸗ lernt. Alunno aber iſt der Meinung, unter dieſer ſprich⸗ woͤrtlichen Redensart lage ein ſchmutziger Sinn verborgen; inde durc ſpiel tiv es r deut die ſpra wele ben get fält ſchl nach nigſ me da berl haͤtt Ort dieſ wat wir mäſ Par nac Inſ nen cher fal vie All ebe geb e r⸗ co- be⸗ ktiv und Be⸗ ig, en wol en⸗. riff er⸗ ca n0, em, er⸗ ch⸗ deſ⸗ ci- re cht. Na⸗ ſtel uf rz, ben a ste hr ner abt ge⸗ 3 nz Anmerkungen. 42¹ inbeſſen Ferrario widerlegt ihn und meint, Boccaccio haͤtte durch ein Wortſpiel auf die Dummheit des Doctors an⸗ ſpielen wollen, da mellonaggine, gleichſam das Amplia⸗ tiv von mellone, Dummheit hieße. Ich weiß nicht, ob es mir gegluͤckt iſt, das italieniſche Wortſpiel durch das deutſche wiedergeaeben zu haben, in welchem ich freilich die Univerſität hinter das nach der gemeinen Aus⸗ ſprache verſtuͤmmelte Unverſteht verſteckt habe, auf welcher der Meiſter noch immer unverſtändig geblie⸗ ben iſt. Ebd. Z. 15, ſeid Ihr auf einem Sonntag getauft. So ſagt man in Toscanien, um einen Ein⸗ fältigen zu charakteriſiren, weil Sonntags die Laͤden ge⸗ ſchloſſen ſind, und men kein Salz(wir wuͤrden allenfalls nach unſerm Sprachgebrauch Gruͤtze verlangen) kaufen koͤnne, um es dem Taͤufling auf den Kopf zu ſtreuen, damit we⸗ nigſtens dies ſich ihm in den Kopf hineinziehe. S. 124. Z. 18, Civillari. Ich habe dieſer Da⸗ me den ausländiſch vornehmer klingenden Namen gelaſſen; da ich ſie allenfalls auf deutſch Gräfin Cloak oder nach berliner Sitte und Mundart Emmer(Eimer)⸗ Prinzeſſin haͤtte benennen koͤnnen, denn Civillari iſt in Florenz der Ort, wo aller Unrath hingethan wird. Denkt man ſich dieſe nun noch als die vortrefflichſte unter den Hefen(oder was das italieniſche Gulattario eigentlich bedeutet), ſo wird man es leicht zuſammenreihen können, wie ein ge⸗ mäſteter, feiſter Minoriten-Bruder ihr ſeinen Tribut bei Paukenſchall bezahlt. über die Bedeutung des Wortes nacchere und der verſchiedenen ſo benannten muſikaliſchen Inſtrumente hat ſich Redi in den Annotazioni zu ſei⸗ nen Bacco in Toscana V. 401. weitläufig ausgeſpro⸗ chen; ſo wie auch uͤber die Prinzeſſin Civillari Alunno fabrica del mondo a. c. 136, num 1116 und Sal- viati Avvertim Liv. I cap 14 S. 125. 8. 10, Purzel aus der Brille ꝛc. Alle dieſe von Boccaccio hier gebrauchten Ausdruͤcke ſind eben kein Beweis von hoher Genialität, mit welcher ſie gebildet ſind, indeſſen verdienen ſie doch der Sprache we⸗ ——————— 422 Anmerkungen. gen einige Erklärung. Mein Purzel(ſtatt kleiner Menſch) aus der Brille iſt ſtatt des italieniſchen Pa- magnin della Porta, welchen Ausbruck Colombo nach den Ricchezze della lingua compilate dall' Alunno alſo erklaͤrt: Tamagnino bedeute einen kleinen Menſchen, der aͤlter iſt als ſein Ausſehen zeigt, oder ein ſchon in Faͤulniß uͤbergegangener Kothhaufen, und anſpielend auf eine Offnung nach dem Arno, deren ſich die gemeinſte Menſchenklaſſe bedient, um den überfluß ihres Leibes ab⸗ zulegen. Und ſo deuten auch die ubrigen Namen, Don Malla, den ich Don Kegel benannt habe und Beſen⸗ ſtiel auf die Geſtalten hin, welche durch dieſe oft wie⸗ derholten und aufeinander gehaͤuften Leibesentledigungen entſtehen. S. 126. 8. 14, Ritter vom Vabe. Dieſer Rit⸗ ter⸗Orden iſt kein eitler Scherz des Boccaccio, wie man wol geglaubt hat, ſondern er hat wirklich epiſtirt. Ge⸗ nauere und ziemlich weitlaͤufige Nachrichten uͤber dieſen Ritter⸗Orden geben die Deputirten zu dieſer Stelle, Redi in den ſchon oben angef. Annotaz. zu ſeinem Bacco in osc. V. 665. und Kluͤber, welcher in dem Ritter⸗ weſen des Mittelalters ꝛc. Il. 385. eine Beſchrei⸗ bung der Feierlichkeiten gibt, mit welchen die Wuͤrde eines Ritters vom Bade ertheilt ward, beſonbers wie ſie in England gebräuchlich waren. Ich glaube, es wird meinen Leſern nicht unwillkommen ſein, wenn ich hier die ein⸗ undfunfzigſte Novelle der Movelli antichi in einer über⸗ ſetzung gebe, welche davon handelt: Wie der Saladin ſich zum Ritter machte, und die Art und Weiſe, welche Meſſer Hugo von Tabaria dabei beobachtete, ihn dazu zu machen. Der Saladin, ein Herr von vielem Muthe und Ebel⸗ ſinn, hoͤrte in den Schlachten, welche er mit den Unſrigen in dem Kreuzzuge gegen das gelobte Land fuͤhrte, und wo⸗ bei ſchöne Thaten vorfielen, oft von der Ehre des Ritter⸗ weſens ſprechen, und ſah, in welcher Achtung die Ritter bei den Chriſten ſtänden; er dachte daher bei ſich ſelbſt, das die was und er 1 geze fant Swe Bar war Her Anmerkungen. das muͤßte doch wirklich was Großes ſein und er kam auf die Gedanken, dieſen Grad anzunehmen, ohne es an Et⸗ was, was bei dieſem Orden Sitte wäre, fehlen zu laſſen⸗ und zwar aus den Haͤnden eines geſchaͤtzten Ritters, wie er wußte, daß es Sitte waͤre. Er hatte den edlen⸗ aus⸗ gezeichnet trefflichen Ritter Hugo di Tabaria in ſeiner Ge⸗ fangenſchaft, dieſen bat er darum und er erhielt ſeinen Zweck. gu dem Ende ließ er ihm zuerſt das Haupt und den Bart ſo ſchön zurecht machen, als es vorher nie geweſen war. Hierauf ſetzte er ihn in ein Bad⸗ und ſagte zu ihm: Herr, dies Bad bedeutet, daß Ihr eben ſo ſauber, eben ſo rein und eben ſo unbefleckt von allem Schmutze der Suͤnde⸗ wie das Kind aus der Taufe hervorgeht⸗ aus dieſem Bade ſonber allen Unflath herausgehen muͤßt. Wahrlich, Hugo, ſagte der Saladin, ſchoͤner Anfang. Nach dem Bade ließ ihn Hugo ſich in ein neues Bett legen, und ſagte zu ihm: Herr, bieſes Bett bedeutet uns die große Ruhe die wir haben und durch unſer Ritterwe⸗ ſen zu erhalten ſuchen muͤſſen. Als er hierauf ein wenis ſtih gelegen hatte, hieß er ihn aufſtehen und in weiße Kleider von Seide ſich kleiden. Dann ſagte er öu ihm: Dieſe weißen Kleider bedeuten fuͤr uns die große Sauber⸗ keit, welche wir ungetruͤbt und rein erhalten muͤſſen. Hierauf kleidete er ihn in ein rothes Kleid und ſagte zu ihm: Herr, dieſes rothe Kleid bedeutet fuͤr uns das Blut, was wir, um unſern Herrn zu dienen, und um die heilige Kirche zu beſchutzen, vergießen muͤſſen. Nach dieſem hieß er ihn braune Stiefeln von Sarſche oder Seide anziehen, und ſagte darauf zu ihm: dieſe brau⸗ nen Stiefeln bedeuten die Erde, die wir im Gedaͤchtniß behalten muͤſſen, denn wir ſind aus der Erde hergekom⸗ men und muͤſſen zur Erde wieder zuruͤckkehren. Hierauf ließ er ihn ſich auf die Fuͤße in die Hohe richten und umguͤrtete ihn mit einem weißen Guͤrtel; und darauf ſagte er zu ihm: Herr, dieſer weiße Guͤrtel bedeu⸗ tet uns die Jungfraͤulichkeit und Sauberkeit, welche ein das iſt ein ſehr — 424 Anmerkungen. Ritter bei ſeinem Handeln ſehr beobachten muß, damit er nicht auf eine gemeine Art mit ſeinem Koͤrper ſuͤnbige. Alsbann legte er ihm einen goldenen oder vergoldeten Sporn an und ſagte zu ihm: Herr, dieſer Sporn bedeu⸗ tet fuͤr uns, daß, eben ſo gewaͤrtig, eben ſo willfährig als wir wollen, daß unſere Roſſe für das Verlangen un⸗ ſerer Sporen ſein ſollen, wir auch eben ſo gewaͤrtig, eben ſo willfaͤhrig gegen unſern Herrn, um ſeine Befehle zu er⸗ füllen, ſein muſſen. Alsdann umguͤrtete er ihn mit einem Schwerte und ſagte hierauf zu ihm: Herr, dieſes Schwert bedeutet uns die Sicherheit gegen den Teufel und gegen jeden, der ge⸗ gen das Recht mißhandelt. Die zwei Schneiden bebeuten Treue und Rechtſchaffenheit, ſo wie auch den Armen gegen den Reichen und den Schwachen gegen den Starken, damit der Starke ihn nicht uͤberwaͤltige, zu wahren. Dann ſetzte er ihm eine weiße Muͤtze auf ſeinen Kopf und ſagte zu ihm: Herr, dieſe Muͤtze bedeutet uns, daß, hinſichts deſſen, was unter ihr iſt, wir eben ſo ſauber und rein, als dieſe Muͤtze ſauber und rein iſt, unſerm Herrn das Herz ergeben muͤſſen Und nun iſt noch Etwas, was ich Euch aber nimmer⸗ mehr geben werde, naͤmlich eine Maulſchelle, welche der Mann dem neuen Ritter gibt. Warum nicht? fragte der Saladin, und was bebeutet dieſe Maulſchelle? Herr, ſagte Meſſer Hugo, die Maulſchelle bebeutet die Erinnerung an denjenigen, der ihn zum Ritter ge⸗ macht hat. Und ſo ſage ich Euch noch ferner, Herr, ein Ritter darf nichts Schlechtes begehen, aus keiner Furcht, die er etwa vor dem Tode oder vor dem Gefaͤngniſſe hätte. Da⸗ gegen ſind vier Hauptſachen, die unſer Ritter haben muß. Er darf ſich an keinem Orte befinden, wo ein falſcher Ur⸗ theilsſpruch gegeben, oder wo von einer Verraͤtherei geſpro⸗ chen worden iſt, daß er ſich nicht ſogleich von da fortmache, wenn er derſelben nicht eine andere Wendung geben kann. Er darf an keinem Orte verweilen, wo eine Frau oder ——— —— Anmerkungen. 425 Jungfrau irre geleitet wird, ohne daß er ihr nicht zu ihrem Rechte rathe und nach ſeinen Kraͤften belfe. Auch muß der Ritter enthaltſam ſein und Freitags, zum An⸗ denken an unſern Herrn, faſten, es ſei denn etwa aus Schwachheit ſeines Koͤrpers, oder zur Geſellſchaft ſeines Herrn; und iſt er ja gezwungen, dies zu brechen, ſo muß er es auf irgend eine Art durch eine gute Handlung wieder gut machen. Und hoͤrt er eine Meſſe, ſo muß er, was er hat, unſern Herrn zum Opfer darbringen; und hat er nichts, ſo bringe er ſein Herz ungetheilt zum Opfer dar. So weit die Novelle. Es iſt ferner auch kein eitler Zuſatz der Graͤfin, daß ſie es auf ihre Koſten thun wolle, denn aus dem in der Novelle Erzaͤhlten erhellt ſchon, daß ein ſolcher Ritterſchlag keineswegs ohne vielen Koſtenauf⸗ wand geſchehen konnte. Indeſſen wenn es auch wirklich Ritter vom Bade gegeben hat, ſo ſieht man doch aus dem golgenden ſehr leicht, in welchem Sinne Boccaccio es hier verſtanden haben will, da er dem armen Mediziner ein ſo heilloſes Bad geben läͤßt. S. 127. 8. 9„ weil ich die Handſchuhe in der Hand und lange Hoſen trage. Iſt es doch, als hätte einer unſerer heutigen Elegants Boccaccio'n zu dieſem Bilde geſeſſen. S. 130. 3. 13, die Jungfern von Ripole, ein Nonnenkloſter in der Gegend des Prato ogni Santo (Allerheiligen-Wieſe). S. 132. 3. 11, ſo weit ihn die Kleider be⸗ decen. Ich habe hier freilich fuͤnf Worter ſtatt des Einen im Original soppanno gebraucht. Als Hauptwort genommen, heißt es geradeweg Unterfutter; aber als Adverbium hat es die Bedeutung von unter den Kleidern; denn ſo erklaͤrt es Claud. de Herberé in dem Raggionamento: soppanno vuol dire quelle parti del corpo, che da 1 panni coperte essendo non si veggono: diejenigen Theile des Koͤrpers, welche⸗ von den Kleidern bedeckt, man nicht ſehen kann. Ebd. Z. 3 v. u., auf die elendeſte Art um⸗ tommen moͤchtet; morto a ghiado ſagt das Ori⸗ 426 Anmerkungen. ginal. Das Dizionario erklärt dieſes Wort ghiado zu⸗ erſt durch übermäßige Kaͤlte; dann aber gibt es ihm auch die Bedeutung von Meſſer, Degen, doch nur in Verbindung mit der Praͤpoſition a. Allein der ſchon ange⸗ füͤhrte Alunno ſagt: morire a ghiado, e a ghiadi bieße ſo viel als morire a stento. und hiernach habe ich uͤberſetzt. S. 138. l. 8., mit Tauſendſchön durchwirkt. Rolli beſſerte a maraviglia, füͤr a maraviglie; allein Colombo macht die richtige Bemerkung, daß a maravig- lie hier durchaus nicht als Adverbium ſtehe, denn alsdann haͤtte es a maraviglia heißen muͤſſen, da die Adverbien nicht durch das Caſuszeichen mit dem Plural, ſondern mit dem Singular gebildet werden. Maraviglie ſtände aber hier im Plural richtig als Hauptwort, unter der Bebeu⸗ tung einer Blume von ſchoͤnfarbigen Blättern, und druͤcke ſo viel aus, daß auf dieſe Ohrkiſſen dieſe Blumen geſtickt geweſen waͤren. Ich habe dieſe Blumen daher Tauſendſchon genannt S. 145. Z. 19, Indictionszykel, war ein Zeit⸗ raum von funfzehn Jahren, nach deren Verlauf die Zeit berechnet und eingetheilt ward; dieſe Art der Zeitberechnung ſchrieb ſich vom K. Conſtantin her; ſie ward beſonders bei Beſtimmung der Privilegien u. dgl. angewendet. S. 146 3. 21, unſer lieber Freund. Boc⸗ caccio ſagt: nostro compar. Ruscelli macht hierbei die Bemerkung, er habe in einer alten Ausgabe ſtatt die⸗ ſer Worte, handſchriftlich beigeſchrieben gefunden un no⸗ stro cittadino chiamato Pietro etc. und glaubt auch, daß Boccaccio ſo und nicht anders geſchrieben habe, indem es wol nicht wahrſcheinlich waͤre, daß einer der Erzaͤhlen⸗ den ein Gevatter(compare) geweſen ſein ſollte. Rolli erwiedert dagegen, es waͤre die Sitte der Neapolitaner, ſich gegenſeitig dieſe freundſchaftliche Benennung, compare (Gevatter), zu geben, und Boccaccio haͤtte auf dieſe Sitte ſcherzhaft anſpielen wollen. Denn Salabaetto war ein Florentiner, und der Erzaͤhler aus der Geſellſchaft hätte aus Dankbarkeit gegen einen Neapolitaner, weil dieſer ein 8 co e g 8 8 8 zu⸗ ihm in 1ge⸗ adi abe kt. lein ann ien mit ber eu⸗ cke ickt on eit⸗ eit ing bei 662 bei ie⸗ 0— em en⸗ lli er, re tte ein tte Anmerkungen. Wohlthäter eines von ſeiner Nation geworden, demſelben, im Namen der ganzen Geſellſchaft, den freundſchaftlichen Namen nostro compare(unſer lieber Freund), gegeben. S. 148. 8. 7, ſieh, du biſt wol gar boͤſe. Die gewoͤhnliche Leſeart iſt, se tu fossi crucciato meco, wogegen Aldo und Rusteki meinen, man muͤſſe se tu forse leſen, und das se' fuͤr sei nehmen. Allein dieſem wider⸗ ſprechen die Deputirten und auf dieſe ſich beziehend ſagt Colombo: es iſt eine unterbrochene Leſeart, welche Bor⸗ caccio hier mit vieler Kunſt nachahmt. Jancofiore hätte nämlich ihre Rebe noch nicht geendet, ſondern haͤtte ſich bei dem Worte: ſiehe ſelbſt unterbrochen in ihrer Entſchul⸗ digung gegen Salabatteo. Dieſer habe vielleicht eine lä⸗ chelnde Miene angenommen, welche Jancofiore ſich ſo aus⸗ gelegt habe, als achte er nicht auf ihre Entſchuldigung⸗ oder ſtelle ſich nur ſo, als habe er ihre Betruͤgerei nicht bemerkt, woruͤber ihr die Worte im Munde erſtorben waͤ⸗ ren; daher braͤche ſie hier ihre Entſchuldigung ab, und rede ihn zuvoͤrderſt freundlich mit den Worten an: du bi ſt wol gar boͤſe auf mich ic, bis ſie dann erſt wieder mit den Worten: aber ich muß mich doch bei dir entſchuldigen rc. nach der langen Zwiſchenrede, auf ihre unterbrochene Rede zuruͤckkame.. S 165. 8. 12 v. u., Nein! und ſollte ich auch daruͤber des Todes ſein. Ich ſollte das nicht ausführen, wasichihr verſprochen habe? Der Mangel einer beſtimmten Interpunction dieſer Stelle im Hriginal, hat verſchiedene Conjecturen uͤber die Inter⸗ punction ſowol, als auch uͤber den Sinn veranlaßt. Ge⸗ wohnlich wird die Stelle ſo geleſen: non ne dovess' io di certo morire, ché io non me ne metta a fare cid che promesso l'ho. Sowol die Ausgabe des Al⸗ dus, als auch des Giolito und Ruscelli haben ſich daran verſucht; am beſten aber ſcheint es mir doch, als haͤtte Rolli ſie auf dieſe Art interpungirt, wie ich ihm in mei⸗ ner überſetzung gefolgt bin, nämlich gleich nach dem erſten non ein Punkt oder bekräftigendes Ausrufungszeichen; die 428 Anmerkungen. Worte ne dovess' io di certo morire, mit einem Punkt hinter ſich, vermehren und erlaͤutern ſelbſt noch das kategoriſche non! Und hierauf folgt alsdann die jubelnd hingeworfene Frage, che io non me ne metia a fare cid che promesso l'ho? die dem Zweifelnden jeden Zweifel benimmt. Colombo ſucht der Stelle auf eine an⸗ dere Art zu helfen, wenn er ſagt: die natuͤrliche Wort⸗ folge dürfte wol dieſe ſein: Se i0 pur ne dovessi di certo morire, non resteraä che io nonmi metta a far ciò che promesso le ho; und ſetzt dann erlaͤu⸗ ternd hinzu: dieſes non im Anfange und das ausgelaſſene Verbum resterà, ferner die Worte ne dovess' io, ſtatt se io pur ne dovessi, find von einer Stäͤrke und Leb⸗ haftigkeit ſondergleichen. Ich halte aber, wie ſchon ge⸗ ſagt, die erſtere Erklärung, als die leichtere, fuͤr die beſ⸗ ſere. S. 173. Z. 5 v. u., legt mir eine Novelle in den Mund. Das Original lautet: mi trasse di bocca una novella. Der Sinn dieſer ſprichwoͤrtlichen Redensart iſt eigentlich dieſer: einem Andern mit dem, was er ſagen will, zuvorkommen und es fruͤher ſagen als der Andere dazu kommen kann, es zu ſagen. Allein trar di bocca heißt auch Jemand durch Liſt oder Gewalt da⸗ hin bringen, etwas zu ſagen, was er nicht ſagen will. Und dieſer letzten Erklärung gemäß, nehme ich den Aus⸗ druck in den Mund legen. S. 175. 8 6 v. u., Kohlkopf. Sch habe dieſer Vude einen Koylkopf zum Schilde gegeben, im Original fuͤhrt ſie eine Melone zum Zeichen. übrigens iſt es in Italien Sitte, daß die Frzte in einer Apotheke zuſammen kommen, und von da aus zu den Kranken hinzukommen aufgefordert werden. Man ſehe Goldoni's: La finta am- malata. Ebd. 8. 3 v. u., Allerdings fehlt dir viel, und nicht nur ſo was, im Original: si potrestü aver cavelle, non che nulla. Das Dizionar. della Gr. hat beides cavelle und covelle, und gibt zur Er⸗ klärung: ein niedriger Ausdruck, der ſo viel bedeutet, als: Anmerkungen. etwas, qualche cosa. Minucci zum Malmantile racquistato(VII, 87.) ſagt, das Wort ware aus dem Lateiniſchen quod velles(was du willſt) gebildet, und waͤre als ein niedriges Wort nur in der Bauern- oder ge⸗ meinen Volksſprache gebraͤuchlich. Auch in dem bekannten Volksroman Bertoldo etc.(XIV, 33.) heißt es, Non potè per mezz ora dir covelle(ſo daß er in einer halben Stunde kein Wort vorbringen konnte), und in der Bologneſer Ausgabe wird dieſer Ausdruck alſo erklaͤrt: non covelle significa nulla, und dann noch hinzuge⸗ fügt: dieſes alte Wort, deſſen ſich Boccaccio und Velluti bedienen, und an deſſen Statt man heute quella oder cuella gebraucht, hat. die Bedeutung von qualche cosa, etwas, und iſt nur in niedrigem oder ſcherzhaftem Styl noch uͤblich. Eben dies ſagt auch Cinonio(IV, 30. ꝛc.). S. 178. 8. 15, Meiſter Schimmelmannz iſt im Driginal eine ſpoͤttiſche Verdrehung des eigentlichen Namens Simone in Scimmione, weſches Wort im Ita⸗ lieniſchen einen Pavjan, auch Maulaffe bedeutet. Das beutſche Schimmel iſt auch ein Spitzname. S. 180. Z. 20, Cecco Angiulieri iſt in der Geſchichte der italieniſchen Dichtkunſt bekannt, welcher, nach Creſcimbeni(Storia della volgar poesia), ein Zeitgenoſſe Dante's, in den letzten Jahren des dreizehnten Jahrhunderts lebte. Nach mehreren Sonetten, die er an Dante ſchrieb, und welche in der Sammlung des Allacci ſich befinden, ſcheint es auch, als waͤre er ein Freund deſ⸗ ſelben geweſen; aus einem ſehr ſatyriſchen Sonette erſieht man, daß er wirklich ein Nebenbuhler deſſelben war, ob⸗ gleich er ſehr weit hinter ihm zuruͤckblieb. Ereſcimbeni fuͤhrt eins ſeiner Sonette an. S. 184. Z. 4 v. u., mit ſo welchen Reden— Pfifferling. Boccaccio's hier im Original nach Sie⸗ naiſcher Weiſe verſtuͤmmelte Worte, habe ich nachzuahmen geſucht. Eben aus dieſem Grunde habe ich auch einige Zeilen tiefer Schmuh machen gebraucht. 430 Anmerkungen. Neunter Tag. S. 189. 8. 14, eine neue Erſcheinung. Das Dizionario erklaͤrt zwar 5. I. den Ausdruck nuovo unſerer Stelle durch semplice, inesperto, einfaltig, unerfahren; dieſe Bedeutung ſcheint mir aber doch hier nicht ganz zu paſſen. Es iſt zwar wahr, Calandrino wird immer, wo von ihm die Rede geweſen iſt, als ein dummer Teufel geſchildert, allein bei dergleichen Damen, als Nicoloſa eine iſt, kommt es wol mehr darauf an, ob ſie einen neuen Fang thun können, unbekuͤmmert, ob ſie einen klugen oder dummen Teufel gefangen haben, wenn es nur was Neues iſt. Und dies iſt eben auch nach dem Dizionario die erſte Bedeutung des Adiektivs nuovo, naͤmlich: quel, ch' è fatto novellamente, di fres- co, non piu veduto. Auch beſtarken mich die fol⸗ genden Worte noch mehr, che per altra vaghez- za, daß ſie nämlich eine andere begehrliche Abſicht gegen Calandrino gehabt hätte. S. 190. 8 12 v. u., fuͤhlte den Kappzaum. Das Original ſagt: s' imbardò, was das Vocabolario §. 1I. durch innamorarsi, ſich verlieben, erklaͤrt. Daß aber BVoccaccio unter den vielen metaphoriſchen Aus⸗ druͤcken und Redensarten fuͤr, ſich verlieben, gerade dieſen gebraucht hat, iſt wohl nicht ohne Abſicht, wenn man auf die erſte Bedeutung des Wortes imbardare zu⸗ ruͤckgeht, welches ſo viel heißt, als einem Pferde das nö⸗ thige Zeug auflegen, oder es anſchirren. Nun wird zwar der Kappzaum jungen Pferden erſt aufgelegt, und Calan⸗ drino war ſchon ein alter Ehemann, aber hinſichts dieſer ſeiner Gefuͤhle fuͤr Niccoloſa noch ein junges Fuͤllen. S. 191. 8. 4. Nymphe. Der Original⸗Ausdruck iſt Lammia. Das Vocabolario erklärt dieſes Wort durch Strega, Incantatrice; Maliarda, Larva, Nin- fa, und führt unſere Stelle eben zum Beweiſe an, ich habe die letzte Bedeutung gewählt, das Wort Lammia iſt urſpruͤnglich lateiniſch; doch finde ich es nur vom Ho⸗ ratius in ſeiner arte poetica V. 340. gebraucht, wo der alte Scholiaſt die Anmerkung macht: hae ad terrendos inf᷑a dami mor infe heue in C Lam ter dahi Kun die erſte heue die daru genc piu in d ſie i aber Iro rio Cal gleie lore lich con habe unte pher pos ich in 8 c rt — ch ja 0 Anmerkungen. infantes solent nominari, ein Name, um die Kinder damit in Furcht zu jagen,»und der beim Gruq. ſagt: monstrum est, superius habens speciem mulieris, inferne vero desinit in pedis asininos: ein Unge⸗ heuer, was oben die Geſtalt eines Weibes hat, unten aber in Eſelsklauen endet. ältere Mythologen erzählen, die Lamia waͤre ein ſchoͤnes Weib geweſen, mit welcher Jupi⸗ ter zu ſchaffen gehabt; Juno aber haͤtte aus Eiferſucht ſie dahin gebracht, ihre Kinder zu tödten. Hierauf haͤtte der Kummer ſie koͤrperlich und geiſtig ſo verunſtaltet, daß ſie die Kinder Anderer geraubt und umgebracht habe. Dem erſten Begriffe nach waͤre ſie alſo ein ſcheuſaliges Unge⸗ heuer, und in dieſem Begriffe gebraucht dieſes Wort auch Redi in dem trefftichen neununddreißigſten Sonette uͤber die ungluͤcklichen Folgen der Liebe, wenn er ſagt: Lamie, Strigi, Meduse, Arpie, Megere Se gii avventano al crine, e in sozzi modi Lo strazian a, che forsennato ei pere. Nun ſagt Sanſovino aber, intendiamo a tempo di ora una puttana(man verſteht jederzeit ein H. e darunter), indeſſen wuͤrde dieſes Wort auch ganz im entge⸗ gengeſetzten Sinne verſtanden, in der Redensart: ella e piu bella che una lammia; Calandrino aber hätte die in dieſer Redensart verborgene Ironie nicht begriffen, und ſie im Ernſte auf dieſe ſeine Schoͤne angewendet. Dagegen aber meint Fiacchi, man brauche hier gar nicht zu einer Fronie ſeine Zuflucht zu nehmen, denn die im Vocabola- rio angegebene letzte Bedeutung, ninfa waͤre hier die fuͤn Calandrino's Ausdruck paſſendſte Bedeutung, wenn auch gleich dieſe Bedeutung jenes Wortes in unſern Tagen ver⸗ loren gegangen wäre, und man eher von einer ſchoͤnen zier⸗ lich geputzten Frau ſage: ella pare una ninfa, als: come una lamia oder strega. Boccaccio aber ſelbſt habe dieſes Wort lamia in ſeinem Filocopo zwei Mal unter dem Begriffe von Statuen oder Buͤſten von Nym⸗ phen gebraucht, nämlich Opere ediz. Nap. Vol II. pag. 110 und pag. 206. Der Meinung dieſes letztern bin ich gefolgt, und habe daher Calandrino in ſeinem erſten 432 Anmerkungen. verliebten Entzucken ſie eine Nymphe nennen laſſen, da der deutſche verliebt gewordene dumme Teufel wol eben ſo wenig ſich ganz klar bewußt war, was eine Nymphe waͤre, wie der italieniſche ſeine lammia genau kannte. S. 194. 8. 17, du wirſt deinen Schnabel ſchon an ihrwetzen; ſo gibt Jagemann in ſeinem Woͤr⸗ terbuche das Hriginal: tu te la griferai wieder, die Cruſca erklaͤrt dieſes Wort durch stropicciare con gri- to und der Ausdruck in unſerer Stelle ſage ſo viel als: te la goderai. Colombo aber meint, dieſe Worte druͤck⸗ ten ſo viel aus, als: du wirſt ſie ſchon unter deine Klauen kriegen; indem grifare, was von dem Worte grifagno(räuberiſch wie ein Raubvogel) her⸗ kommt, ſo viel bedeute, als mit den Klauen ergreifen. In Hinſicht des Sinnes ſtimmt er mit der Cruſca uͤberein, und nur die Art, ihn auszudruͤcken, iſt verſchieden. S. 195. 8. 1„ gerieth er daruͤber in ſolche Brunſt; ſo habe ich nach der Mailaͤnder Ausgabe uͤber⸗ ſetzt, welche lieſt: in tanta sosta entrö, wogegen die Leſeart der neueſten Florentiner Ausgabe: in tanta festa entrö, mir ſchwaͤcher vorkommt. Das Vocabolar. gibt zwar zur Hauptbedeutung des Wortes sosta an: quiete, posa. In dem 5 J. aber erklaͤrt es daſſelbe mit Bezug auf unſere Stelle durch fregola, uzzolo, appetito in- tenso, was freilich, wie Colombo ſagt, fuͤr Ein Wort zwei verſchiedene Bedeutungen waͤren; dieſer behauptet da⸗ her, daß sosta auch fuͤr dieſe Stelle ſo viel als Geſchaͤfts⸗ loſigkeit bedeute. Fiacchi haͤlt in ſeinen Osservazioni den 5. der Crusca für irrig, der bei einer neuen Ausgabe ganz zu ſtreichen wäͤre: Ob dies geſchehen, weiß ich nicht, da mir die neueſte Ausgabe nicht zur Hand iſt: Fiacchi behaͤlt alſo die Bedeutung von Ruhe fuͤr dieſes Wort, und führt mehrere Beweisſtollen daruͤber an; er iſt daher der Mei⸗ nung, nach mehreren Handſchriften festa leſen zu muͤſſen. Dies ſcheint mir aber doch nicht ganz anwendbar zu ſein⸗ und behalte ich sosta im Originale bei, mit folgender Er⸗ kläͤrung. Dadurch naͤmlich, daß er ſie oͤfter ſah(dello spessò veder costei) und nicht mehr arbeitete(che egli non druck gut: paſſer er, 1 corr ſend, Arbei no's einme ſchwaͤ unter beit: benn umhe let, welch äußer 27. g her u wenn ( catai caccio Depu verdr Color doch habe bloße ben. ratte Zeiche Behat habe auch l melnr Boc Anmerkungen. 433 non lavorava punto), gerieth er(entröz bieſer Aus⸗ druck wuͤrde auch, wie Colombo richtig bemerkt, nicht ganz gut zu der Bedeutung von scioperio, Zeitverſplitterung paſſen) in ſolche Unruhe und Begierde, ſie zu ſehen, daß er, wie Boccaccio ſagt, mille volte alla finestra eic. correa. Ruhe iſt daher wol hier durchaus nicht paſ⸗ ſend, eher noch festa, in der Vedeutung von Feier in der Arbeit; indeſſen dieſer Ausdruck ſcheint mir fuͤr Calandri⸗ no's Zuſtand zu wenig zu ſagen, der doch die Liebesgluth einmal bei ſich verſpuͤrte. Ich habe daher Brunſt in der ſchwäͤchſten Bedeutung hier beibehalten, und verſtehe dar⸗ unter den Zuſtand ſeines Gemuͤthes, der ihn zu jeder Ar⸗ beit untauglich macht, und daher vor derſelben Ruhe ha⸗ ben will, ihn ſelbſt aber in ewiger Unruhe und Liebesgluth umherjagt. S. 196. 8. 11 v. u., Anhängſel, auch wol Amu⸗ let, iſt nach Abelung ein Gegen⸗ oder Vorbauungsmittel⸗ welches ſeine Kraft durch bloßes Anhaͤngen an den Koͤrper äußern ſoll. Einige Zeilen vorher bin ich der Ausgabe von 27. gefolgt, welche ci meni ſtatt ti meni lieſt, und da⸗ her uͤberſetzt: wenn ſie uns bei der Naſe herumzieht, ſtatt: wenn ſie dich bei der Naſe herumzieht. S. 197. Z. 8, Zauberformeln; im Originale cataratte. Schon oben(VIII. 7. S.) bediente ſich Bor⸗ caccio eben dieſes verdrehten Wortes ſtatt carsttere. Die Deputirten halten es fuͤr ein auf eben die ſcherzhafte Weiſe verdrehtes Wort, als fisofolo u. dgl. m., ſtatt Hilosofo. Colombo aber iſt der Meinung, doß ein ſo verſtelltes Wort doch Geſchlecht und Zahl des wahren Wortes behielte, hier babe es aber beides veraͤndert, und ſagt, es waͤre eine bloße ſcherzhafte Verdrehung und Verſtellung der Buchſta⸗ ben. Das Vocaholario führt indeſſen das Wort cats- ratte als ein eigenes Wort, in der Bedeutung magiſche Zeichen, mit Veraͤnderung der Zahl auf, und belegt dieſe Behauptung mit den beiden Stellen des Boccaccio. Ich habe geradezu Zauberformeln uͤberſetzt⸗ haͤtte aber auch leicht durch eine Buchſtabenverſtellung Sauber from⸗ meln ſagen können, wodurch aber doch nicht die Leicht⸗ 2 Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 28 434 Anmerkungen. fertigkeit des witzigen alten Novelliſten waͤre erſetzt wor⸗ den, der eine bloße Buchſtabenverſetzung gewiß nicht ohne Grund gebraucht hat. In der fruͤheren Novelle naͤmlich braucht er eben dieſes Wort cataratte in einer andern Bedeutung, naͤmlich: die Dame⸗ ſagt er, ſteckte bloß den Kopf aus dem Treppenloche heraus⸗ il capo solo fece alla cateratta. Das Vocabolario erklärt, mit Beleg eben jener Stelle, das Wort durch: puche fatte ne' palchi, che per lo piu s' usano nelle colombaie, und Colombo, der meiner Meinung noch näher kommt durch ſeine Erk ärung, ſagt: tra' vari suoi significati ha quello di apertura fatta ne' alchi e nel battuto delle torri per potervi mon- tare e scendere, d. i. SOffnungen auf Thurm⸗ böden, um hinauf und herunter, oder rein und'raus zu kommen. Durch dieſe Zauberformeln wollren die beiden Herren auch gern'rein und raus kom⸗ men. Rolli jrrt daher meiner Meinung nach, gewaltig⸗ wenn er die Leſeart cateratta gänzlich verwirft, als einen Schreib⸗ oder Druckfehler, und meint, man muͤſſe durch⸗ aus carattere leſen. S. 199. 3. 14, die Seele aus dem Leibchen rausgeriſſen TPrarre z1 filo della camiscia ad uno iſt zwar ein gewohnliches italleniſches Sprichwort⸗ mit der Bedeutung: von Jemanden das Schwie⸗ rigſte erhalten; ich glaube aber⸗ meine übertreibung ann in dem Munde Nicoloſa's, die den armen Calandrino doch nur zum Beſten hatte, wol ſtatt finden. Eben ſo hat zu dem folgenden: du haſt mir das Herz mit deiner Fiedel wie auf einem Roſte gebraten⸗ für tu m' hai aggratigliato il cnore colla tua ri- peba, Alunno's Erklärung mich veranlaßt, welcher den Ausdruc aggratigliare durch cuocere sopra la graticola, aufeinem Roſte kochen erklaͤrt. Die Crus erklärt dieſes Wort durch incatenare, impri- gionare, feſſeln, fangen. S. 200. 3. 12 v. u., die dich in andere Um⸗ 8 8 8 8 e— 0 8 ri n— n* n m ig⸗ en 2 en ad rt, ie⸗ ng ino it en⸗ ri- den Die ri- m⸗ Anmerkungen. 435 ſtände gebracht hat. Dieſe Worte beziehen ſich auf die in der dritten Novelle dieſes Tages erzaͤhlte Novelle. S. 206. 3. 1, Nicht das eben ſei, was ſie naͤmlich fuͤrchtete, daß es ſein moͤchte; wie oben geſagt worden iſt. Dieſe elliptiſche Redensart des Originals: non era tal cosa haben die Deputirten und auch Man⸗ nelli mißverſtanden, oder mißbilligen wenigſtens dieſelbe. Sie iſt aber der Schreibart des Boccaccio voͤllig angemeſſen. S. 207. 3Z. 11 v. u., Herr Je! iſt eine verkuͤrzte Redensart gemeiner Leute, fuͤr Herr Jeſus! S. 209. 3. 3, kriegte. Ich ſehe ſehr wohl vor⸗ aus, daß man mich dieſes veralteten Provinzialismus we⸗ gen zur Rechenſchaft ziehen wird, dennoch aber kann ich mich nicht entſchließen ihn fahren zu laſſen, beſonders in der Bedeutung, in welcher ich das Wort hier gebraucht habe. Ich haͤtte dafuͤr faſſen, greifen ſagen können⸗ aber beide Worte druͤcken mehr aus, als das alte krie⸗ gen in dieſer Bedeutung. Faſſen, ſagt Eberhard in ſeiner Synonymik, geſchieht durch Umſchließen, um es zu halten, mit welchen Werkzeugen es ſein mag; Greifen mit der Hand, den Klauen, den Pfoten vermittelſt einer Bewegung; und zeigt daher den Anfang des haltens mit der Hand an Auch Wachter in ſeinem Glosar. germ. erklärt kriegen durch canere, accipere, und meint⸗ das Wort waͤre in der gräzinſirenden Zeit gebildet worden, und zwar aus xstooßv waͤre chreijen, kriegen gemacht. Er fuͤhrt Luthers Bibel⸗überſetzung an, Jac. Kap. 4. V. 8.„ allein da iſt es in einer ganz andern Bedeutung gebraucht, als ich es hier gebraucht wiſſen will. Auch Wieland in ſeinen Don Sylvio, Ltes Buch Kap. 7. S. 151. gebraucht dieſes Wort, aber auch nicht in der Bedeutung, in welcher ich es hier gebraucht wiſſen will, naͤmlich die noch leiſere Beruͤhrung einer Sache, als diejenige iſt, welche Eberhard durch faſſen oder gar ergreifen ausgedruͤckt haben will, ſo daß alſo die Steigerung in der Art waͤre: kriegen. S. 216. l. 8, huͤbſchroth zu machen; ein gewoöhnlicher Scherz der Kauf- ober Wirthsleute, ſtatt: die Flaſche mit gutem rothem Weine anzufuͤllen. 436 Anmerkungen. S. 217. 8. 13, der bald in Feuer und Flam⸗ men gerieth. Schon oben habe ich mich auf dieſe unſere jetzige Stelle bezogen, und meine Meinung uͤber die beiden vorhergehenden abgegeben; es kommt daher auf die Rochtfertigung meiner jetzigen Erklaͤrung derſel⸗ ben an. Die Mailaͤnder Ausgabe erklaͤrt den Ausdruck des Originals: come colui, che piccola levatu- ra avea durch: si dice di persona leggiere e di scarso talento, vielleicht unſer deutſches: der ein Lump war, oder: hinter dem nicht viel ſteckte. Dieſe Be⸗ deutung aber kann wol hier nicht die paſſendſte ſein. Denn unſer Meſſer Philipp hier, von dem es gleich darauf heißt⸗ daß er feuerroth im Geſichte geworden, tutto tinto nel viso, kann hiernach wol eben kein Lump geweſen ſein, ſondern war wol eher ein Menſch, der keinen Spaß ver⸗ ſtand, und der, wie Alunno ſagt, era facile ad adi- rarsi, der leicht zu erzuͤrnen wor, oder wie wir zu ſagen pflegen, der bald in Feuer und Flamme gerieth. S. 218. Z. 17, ſich gnätterte; ein Provinzial⸗ Ausdruck in der Mark, mit der Bedeutung, ſich im ſtillen aͤrgern und daruͤber ſeine Unzufriedenheit bei ſich ſelbſt aus⸗ laſſen; ſo wie auch das bald folgende Fautze in Schleſien und Oſterreichiſchen gebraͤuchliche fuͤr eine Maulſchelle. S. 219. 8. 2, daß er ihm kein Haar auf dem Kopfe unzerzauſt ließ, neè gli lasciò in capo capello che hen gli volesse. Die Erklaͤrung der Cruſca dieſer Worte lautet: gli guastò e scompiglid tutti i capelli. Dieſer Erklaͤrung pflichtet zwar Colombo im Allgemeinen bei, wenn er die gedachten Worte des Origi⸗ nals chè ben gli volesse, erklart durch che pene gli stesse in capo; che malconcio e rabbuffato non fosse. Indeſſen meint er doch, es waͤre eine zu große Ellipſe, die Worte voler bene fuͤr istare acconcia- mente anzunehmen, und bei volesse das vorhergegangene Verbum lascjare zu wiederholen, er wuͤrde daher den nicht tadeln, welcher läſe nè gli lascid in capo capel- lo che ben gli volesse lasckare, was ſo viel waͤre, als ſagte er: con tanto furore costui gli si era avven- Anmerkungen. tato a' capelli, e s glieli stracciava e svelleva, che nè pur uno gliene avrebbe voluto lasciare in capo. Allein dieſe Erklärung, nè gli lasciò— 1 as- ciare will mir nicht recht einleuchten, ich bin daher mehr der Erklärung der Eruſca gefolgt. Daß uͤbrigens Boccaccio die Beleidigten immer eine etwas ſtarke und handgreifliche Rache an ihre Beleidiger nehmen laͤßt, da⸗ von haben wir ſchon mehrere Beiſpiele gehabt, und erhal⸗ ten gleich in der folgenden Novelle wieder eins. übrigens muß ich auch noch bemerken, daß Philipp Argenti und Ciacco bekannte Maͤnner waren, deren auch Dante in ſeinem Gedichte erwaͤhnt, und zwar des erſten gedenkt er. Inferno VIII. 61. und des letzteren VI. 62. S 221. 8. 17, unſern Geiſt viel guͤtiger und theilnehmender. Die Worte des Originals nelle menti benigne e pietose fehlen in der Mailaͤn⸗ der⸗ und Florentiner Ausgabe, befinden ſich aber in der Ausgabe 27 und 73. Salviati, der ſie in dem ſogenann⸗ ten ottimo nicht fand, hielt ſie fuͤr uͤberfluͤſſig, um die Nothwendigkeit der Leitung der Frauen dadurch zu beweiſen. S. 226. 8. 4 v u, ſehr alltäglich; ich bin der Erklaͤrung Ruſcelli's gefolgt, welcher den Ausdruck des Originals ferialmente erklärt durch feriali si di- cono li giorni che non son festa. Sanſovino erklaͤrt ihn durch dozzinalmente, gewöhnlich. S. 230. 8. 16, mich Euch als einen ſolchen zu zeigen ꝛc. Dieſe Stelle lavtet im Original alſo: in dimostrarvi tal qual io sono e pin paziente- mente dee da voi esser sostenuto, che non do- vrebbe se io pid savio fossi, quel dicendo che jo dird. Dieſe Stelle ſcheint etwas verwickelt zu ſein⸗ voch aber iſt ſie es in der That viel weniger als die Aus⸗ leger es wollen. Ruſcelli meint, man muſſe dimostrar- mivi leſen, weil bei der Leſeart dimostrarvi der Ge⸗ genſtand fehle, welcher gezeigt werden ſolle. Rolli aber gibt ihm Schuld, den Scherz, der in dieſer Stelle liegt⸗ nicht verſtanden zu haben, und ſeine Erklaͤrung iſt folgende. Man leſe, ſagt er in dimostrarvi tali, cioe ——— 438 Anmerkungen. tali qual io sono(d. i. gerade ſo wie ich bin), ciod in dimostrare voi Donne sentir dello scemo com' io (d. h. daß ich Euch, Frauen, gerade ſo darſtelle wie ich es bin; dem naͤmlich zuweilen der Mutterwitz ein bischen verläßt): il che— la quale ingiuria—(dieſe Belei⸗ digung, die ich naͤmlich Euch hierdurch ſage) pid pa- ?1entemente dee davoiessersostenuto ecc. Allein dieſe Erklaͤrung ſcheint mir doch auch noch zu geſchraubt und zu geſpitzt zu ſeyn, ich bin daher mehr der in der neueſten Florentiner Vusgabe gefolgt, welche den Sinn dieſer Stelle mit Colombo ſo wiebergibt: pid largo arbitrio debbo io avere per consequente in dino tar a voi qual io sono, e dicendo quel ch' io di- rö, voi il dovete pid pazientemente sostinere, che non fareste, se io fossi piu savio. S 231. 8. 1, fruͤher einmal. Das Original ſagt: l'altr' anno, welches aber hier keineswegs die Be⸗ deutung hat, als: das vorige Jahr, ſondern es iſt, wie Manni richtig bemerkt, ſo gebraucht, wie l'altro gi- orno, einſtens. Ebd. Z. 20, fuͤr die Ehre. Sowol die Mailaͤn⸗ der als auch die Florentiner Ausgabe haben die Worte de lo onor; allein in dem Mannelliſchen Tepte iſt hier eine Luͤcke, eine andere Hand aber hat dieſelbe durch die Worte de lo onor ausgefuͤllt. Salviati iſt der Meinung, es bedürfe dieſer hinzugefuͤgten Worte nicht, indem die Par⸗ tikel che füͤr dz cid che ſtehe. Fiacchi hat in dem Magliabecchiſchen Fragment, welches die vollſtändige No⸗ velle uͤber dieſen Dominus Gianni enthaͤlt, die Worte dell“ onore deutlich gefunden. Er wuͤrde daher, ſagt er, ge⸗ gen dieſe Worte durchaus nicht die Einwendungen, wie die Deputirten und Salviati, machen; nur daruͤber entſteht ihm ein Zweifel, ob die einfache Partikel che ſtatt di che geſetzt werden könnte, angenommen, daß die Worte dell' onore ein eigenmaͤchtiger Zuſas waͤren, und will da⸗ her ſtatt der angenommenen Worte dell' onore lieber die bloße Partikel di ſuppliren, da ein einſylbiges Wort dem Abſchreiber wol eher haͤtte entfallen koͤnnen, als ganz voll⸗ e— —— e u u W* u— u Anmerkungen. 439 ſtändige Worte. Er erklaͤrt alsdann dieſes di durch di cioche. Ich bin aber doch lieber der Leſeart der bei⸗ den gedachten Ausgaben gefolgt. gehnter Sag. S. 243. 8. 9 v. u was mich abgehalten hat⸗ ſo habe ich die elliptiſchen Worte des Originals: che las- ciato non m' ha uͤberſetzt⸗ wobei man wol verſtehen muß: donare anche a voi, come a molti altri. S. 245. 3. 7, Ghino di Tacco. Ein im vier⸗ zehnten Jahrhundert bekannter Bravo aus Siena⸗ deſſen auch Dante(Purgat. VI, 14.) erwähnt; aus dem, was Voccaccio hier uͤber ihn ſagt, wird er meinen Leſern fuͤr ſeine eigene Perſon hinlängl'ch bedannt, und ſo, wie ihn Boccaccio uns ſchildert, iſt er auch wirklich in der That geweſen, ein hochherziger, edler Menſch, den die damali⸗ gen Zeitumſtände zu dem Handwerke, was er trieb, ge⸗ bracht hatten. Dieſes Zeugniß geben ihm auch die Com⸗ mentatoren Chriſtoph Landino und Benvenuto da Immola zu der angefuͤhrten Stelle des Dante. Girolamo Gigli nimmt ſelbſt Bezug auf dieſe Novelle des Boccaccio, und ſagt uns auch noch die Veranlaſſung zu ſeiner Ungnade beim Papſt Bonifazius. Nämlich der Onkel und ein Sohn un⸗ feres Ghino waͤren durch den Podeſta Benincoſa von Arezzo wegen getriebener Wegelagerung gefangen und hingerichtet worden. Hierdurch aufgebracht⸗ yaͤtte ſich unſer Ghino um den Nachſtellungen zu entgehen⸗ nach Radicofani, im Kirchen⸗ ſtaate, begeben, daſſelbe emport, und von da aus ſeine Wegela⸗ gerungen weiter noch fortbetrieben⸗ dabei aber immer den Podeſta Benincoſa im Auge behalten. Dieſer habe nun ſein Amt in Siena beendet⸗ und waͤre als ein einſichtsvol⸗ ler, tuͤchtiger Mann vom Papſte Bonifazius zum Senator in Rom ernannt worden. Hier habe nun Ghino Rache an ihn zu nehmen beſchloſſen. Hierzu habe er vierhundert ſei⸗ ner dreiſteſten Spfeßgeſellen erwahlt, waͤre ſchnell mit die⸗ ſeu nach Rom geeilt⸗ und daſelbſt ſogleich das Capitol be⸗ ſtiegen, woſelbſt Benincoſa, an nichts anders denkend, ohne irgend eine Wache oder Schutzwehr, den Romern Recht —— 440 Anmerkungen. geſprochen hͤtte. Schnell habe er denſelben hier überfal⸗ len, ihn nicht bloß getödtet, ſondern den ihm abgehauenen Kopf auf eine Lanze geſpießt, und waͤre damit, ohne daß ſich einer ihm wiberſetzt, durch ganz Rom gezogen, und nach Radicofani zuruͤckgekehrt. Hier haͤtte er ſich lange Zeit in vollkommener Sicherheit aufgehalten, und, ob er gleich von allen Seiten von maͤchtigen Feinden rings umgeben ge⸗ weſen waͤre, in vollkommener Sicherheit gelebt, und Schre⸗ cken um ſich her verbreitet, bis er eben durch den von un⸗ ſerem Novelliſten erzaͤhlten Vorfall, dieſem ſchimpflichen Handwerke, wozu ihm mehr Nothwendigkeit gezwungen, als eigene Neigung gebracht, entſagt habe. Unſer Ghino ſcheint mir dem Dichter Manzoni zu dem Bilde des Unbekannten in ſeinen Verlobten geſeſſen zu haben. Ebd. Z. 11 Fourier; ſo habe ich das italieniſche etwas abſolete friere uͤberſetzt, indem ich Ruſcelli's Erklaͤrung gefolgt bin; dieſer ſagt nämlich: triere wäre derjenige, welcher an den Hoͤfen die Wohnungen zu beſor⸗ gen haͤtte(che ha cura di provveder d' alloggiamen- ti la corte), und dieſes Wortes, ſetzt Alunno noch hinzu, gebraucht Boccaccio metaphoriſch hier fuͤr denieni⸗ gen, welcher dem Hospitale in der Art vorſteht, um die Armen daſelbſt unterzubringen(perche alloggia i po- veri.). Rolli verwirft dieſe Leſeart, ſetzt dafur gerade⸗ zu priore, und beruft ſich auf den Schluß der Novelle: gli donò una gran Prioria di quelle dello spedale. Rolli aber ſcheint mir hier wol nicht in den Geiſt des Boccaccio eingedrungen zu ſein, der den Schalk immer im Nacken traͤgt und ihn auch hier nicht verlaͤugnet. Ghino nämlich hatte fruͤher als Wegelagerer ſo Viele beraubt, und wenn auch nicht geradezu zu Bettler gemacht, doch wenigſtens ihnen einen Theil ihres überfluſſes genommen und ſie auf das Noͤthigſte nur zuruͤckgefuͤhrt; jetzt ſollte er nun, ohne daß es ihm weiter etwas koſtete, arme Hospi⸗ taliten mit Wohnung, Koſt, Unterhalt ꝛc. verſorgen. Wer ſieht hier nicht den Satyr ſeine Geißel gegen die damals ſo verdorbene Geiſtlichkeit ſchwingen? ————— bieſ ch i⸗ ie e S S. es no t ch en r i⸗ er —.——————— Anmerkungen. S. 245. 3. 7, der Abt von Cligni. Wir haben bieſen Ehrenmann ſchon in der ſiebenten Novelle des erſten Tages kennen gelernt. S. 252. 3. 2, ſo unangenehm ſieihm auch war. Dieſe eigene Bedeutung der italieniſchen Partikel come che gibt Lamberti zum Ginonio I, 261.“ an, und weitlaͤuftiger noch ſpricht Salviati in ſeinen Avvertimenti sopra 1 De- camerone Giorn. II, nov. 4. daruͤber wo er auch den Sinn dieſer Partikel in unſerer vorliegenden Stelle auseinander ſetzt. Ebd. Z. 8 v. u., wenn Ihraber daſſelbe rc. Ich bin der Interpunktion Colombo's gefolgt, welcher das Komma nicht, wie ſelbſt in der Mailaͤnder Ausgabe, hinter, ſondern vor dandogli ſetzt, wodurch die Worte dandogli bis vivere, und se voi con alcuna cosa und mutate verbunden werden. Bandiera ſuchte in ſeinem Decamerone ripurgato dem übelſtande dadurch abzuhel⸗ fen, daß er alſo interpungirte; la qual se voi, con alcuna cosa dargli, d'or de— vivere, mutate; aber die eigenmaͤchtige Veraͤnderung des dandogli in darg- li iſt nicht anzunehmen. S. 253. 8. 8, zum Ritter gemacht. Speda- lieri oder Cavalieri dello Spedale war der fruͤhere Name der Ritter, die nachher Rhodiſerritter und noch ſpäter Maltheſerritter genannt wurden. Ihr Orden verdankt ſeine Entſtehung einem Hospital, wel⸗ ches die abendlaͤndiſchen Chriſten im elften Jahrhunderte fuͤr die Pilger, die das heilige Grab beſuchten, zu Jeru⸗ ſalem erbauten, und welchem in der Folge durch die ganze Chriſtenheit Schenkungen gemacht wurden(Ideler). S. 265. 8. 10, den Abt von Clugny noch darin uͤbertroffen habe. Ich habe dieſe Conſtruc⸗ tion der des Originals nachzubilden geſucht, wo auch es nur allein heißt: aver quella— trapassata, ohne daß ein Hauptwort vorangegangen waͤre, worauf ſich bas beziehende Fuͤrwort quella beziehen könnte. Colombo iſt der Meinung, man muͤſſe aus dem vorhergegangenen liberale das Hauptwort liberalità abſtrahiren; ich —————— — 442 Anmerkungen. beziehe darin auf das vorhergegangene freigebig ge⸗ weſen. S. 266. 3. 12 weiler die Liebe der Dame nie wieder gewinnen konnte; im Original per- chè male dell' amor della donna era Nach der Erkläͤrung der Deputirten iſt dies eine gewoͤhnliche ellipti⸗ ſche Redensart, welche ſo viel dodeutet als esser in gra- zia oder disgrazia etc. Sie fuͤhren zum Beweiſe meh⸗ rere Stellen aus verſchiedenen Schriftſtellern, beſonders der damaligen Zeit, und auch aus unſerem Boccaccio VIII, 10. parendomi meglio stare del vostro amore, wo⸗ ſelbſt ich es uͤberſetzt babe durch: ich beſitze Eure Liebe in einem weit höheren Grade, als nur irgend ein Verliebter die ſeines Gegenſtan⸗ des beſitzen kann. Die Ausgabe von 1527 ſetzt, als waͤre ihr dieſe elliptiſche Redensart unbekannt geweſen, un⸗ nothigerweiſe ricambiato hinzu. S. 27 8. 1 ſeine Gäſte; das italieniſche 1 suoi forestieri, iſt beinahe das was unſer deutſches ſeine Fremden⸗ nämlich nicht ſowohl ein ganz Frem⸗ der, ein Fremdling, Auswaͤrtiger, ſondern derjenige, der nicht eng zu der eigenen Familie eines Jeden gehört. S. 279. 3. 4 ſagte ſie eines Tages zu ei⸗ ner Frau. So habe ich nach Colombo's und der neue⸗ ſten Florentiner Ausgabe uͤberſetzt, welche un di leſen, die Livorner und Mailaͤnder Ausgabe haben dagegen indi, nach dem ſogenannten ottimo testo. Die Deputirten ſind die⸗ ſer letzten Leſeart nicht gefolgt, ſondern ſtimmen fuͤr die Leſeart un di; weil, wie ſie ſagen, die Partikel indi eine Nothwendigkeit einſchließt⸗ welche ſich auf das Vor⸗ hergehende beſtimmt beziehen muß. Dies wäre aber hier bder Fall nicht, weil die Dame eben darum, um ſich den läſtigen Liebhaber vom Halſe zu ſchaffen, zu der Unter⸗ häͤndlerin, die ſo oft zu ihr gekommen waͤre, und dieſer die Erfuͤllung einer Unmoglichkeit zur Bedingung gemacht hätte, die folgende Worte alsdann geſprochen habe; ſon⸗ dern da eben dieſer Laͤſtige ſich auch ſelbſt durch die ihm ſchon gemachten Bedingungen nicht haͤtte zuruͤckweiſen laſ⸗ ſen, den 2 ihrer jenige ſchlie ſchnel ſche; ſchien eben Gele ver ginal tutte dole geg geſat her tutte bum von doch eben Reg Frat und ſond wuͤr lev⸗ Hof ſehe cio Cin tutt vorlk ogn 15 zula Anmerkungen. 443 ſen, ſo haͤtte ſie einmal(eines Tages un di) die folgen⸗ den Worte zu ihr geſagt. Indeſſen ſagen ſie zum Schluſſe ihrer Meinung, daß indi ihnen mehr die Geſinnung der⸗ jenigen anzuzeigen ſchiene, welche, nach einer gefaßten Ent⸗ ſchließung, die ihr ganz ſicher zu ſein geſchienen, nun ſich ſchnell und ohne den mindeſten Verzug frei zu ſehen wuͤn⸗ ſche; da hingegen un di der Ausdruck einer Frau zu ſein ſchiene, welche mit Bequemlichkeit, und ohne ſich die Sache eben ſehr angelegen ſein zu laſſen, ihren Entſchluß bei Gelegenheit einmal(eines Tages, un di) auszufuͤhren. Ebd. 1. Z., da ich bis jetzt alles— gänzlich verborgen gehalten habe. Ruſcelli findet im Ori⸗ ginal, welches ſo lautet: come io infino a qui del tutto al mio marito— tenuto ho nascoso, cosi dolendomene loro di levarlomi da dosso m' in- gegnerei, keinen gehörigen Zuſammenhang, indem nicht geſagt iſt, was die Frau verborgen gehalten hat, und da⸗ her behauptet er, muͤſſe man nicht al tutto ſondern i1 tutto emendiren; Rolli hingegen meint, das an das Ver⸗ bum levare angehaͤngte 10 wäre der Accuſativ, der auch von tenuto ho nascoso regiert wuͤrde. Dies ſcheint mir doch nicht gehoͤrig paſſen zu wollen, denn einmal wuͤrde eben dieſes 10 das Neutrum ausdruͤcken, wenn es als das Regime von tenuto ho nascoso daſtehen ſollte; da die Frau doch nicht allein nur den, der ihr den Hof machte, und ihr nachſtellte, gegen ihren Mann verborgen hielt, ſondern uͤberhaupt die ganze Sache, daß ihr nachgeſtellt wuͤrde; und dann würde eben dieſes lo, als Regime von levare wieder denjenigen ſelbſt ausvruͤcken, der ihr den Hof machte, und welchen ſie ſich vom Halſe geſchafft zu ſehen wuͤnſchte. Ich glaube daher vielmehr, daß Boccac⸗ cio durch das adverbialiſch gebrauchte del tutto(was nach Cinonio IV, 472. VI. in derſelben Bedeutung als al tutto ſteht, und welchen Ausdruck eben derſelbe auf der vorhergehenden Seite unter V. durch totalmente, in ogni modo erklärt) reranlaßt worden ſei, das zu tenuto ho ascoso nothige Object, etwa tutto ſelbſt wieder, aus⸗ zulaſſen. Nach dieſer meiner Meinung habe ich uͤberſetzt. 444 Anmerkungen. S. 286. 3. 13, muͤſſe ſo unbeſchrankt— zu ſtreiten gäbe. Der Sinn bieſer etwas dunkel ausge⸗ druckten Periode iſt wol der: in unſerer fröhlichen Geſell⸗ ſchaft, welche nur bloß zu dem Zwecke entſtanden iſt, uns auf eine angenehme Art, ſei es was es für eine wolle, bieſe truͤbe Zeit der Peſt auf dieſe von uns gewaͤhlte Art zu vertreiben, darf dem Erzaͤhler keine zu große Ein⸗ ſchraͤnkung bei dem, was er erzählen will, gemacht, noch ihm bei irgend einer ſeiner Erzaͤhlungen ein anderer Grund, als nur der, die ganze Geſellſchaft zu erluſtigen, unterge⸗ ſchoben werden, wenn er auch gleich zuweilen wol einen Stoff waͤhlen ſollte, der das Anſehen haben koͤnnte, einen Streit unter den Zuhoͤrern erregen, oder gar einen dritten beleidigen zu wollen. S. 289. 3. 4, ein Fiſchnetzz im Original un paio di vangaiuole. Das Wort paio, ein Paar, wird oftmals zu ſolchen Woͤrtern hinzugeſetzt, ohne gerade die Bedeutung von ein Paar zu behalten, welche ein Inſtrument oder dergleichen ausdruͤcken, was aus mehreren einzelnen Theilen beſteht, als: un paio di forbici eine Scheere. Ebd. 3. 10, Fläſchchenz das Original ſagt utel- lo, welches Fr. Redi in ſeinen Etimologie italiane er⸗ klärt durch: vasetto di terra, invetriato, per uso di tenere olio, od aceto, per condire fein irdenes, verglaſetes Geſchirr, um Hl, Eſſig ꝛc. darin aufzubewah⸗ ren), Da otrello, diminutivo di otre(Schlauch), che serve per portarvi entro l'oglio Man findet da⸗ her auch utiello und utrello, wie auch in unſerer Stelle viele Handſchriften und auch Alunno leſen. S. 294. 8. 12 v. u., iſt das eine konigliche Gerechtigkeit— welche in ihre Arme ihreBu⸗ flucht nehmen; auf dieſe Art habe ich die Conſtruction des Originals nachzubilden geſucht, welches alſo lautet: è questa della giustizia del rè che coloro chè nel- le lor praccia ricorrono, wo rè der Singular iſt und das ſich darauf beziehende Relativum lor ſich nur auf ei⸗ nen vorhergegangenen Plural bezieht. Die regelmaͤßige Conſtr ro ver tiv ode und iſt als eit ich, e barauf ich ſa ihre ihre laſſe. E verſteh E ich ſch ſei hie racqu ſchreib ruͤckent an die Stam J welche go. mißfäl S allgem Maͤhre handlu uͤbliche die Vi hatte. als: dem J aber ſi und V S Anmerkungen. 445 Conſtruction wuͤrde del re und sue, oder de' rè und lo- — zu ro verlangen. Allein del rè ſteht hier mehr nur abſtrac⸗ ausge⸗ tiv oder generiſch als den allgemeinen Begriff ausdruͤckend, Geſell⸗ und iſt daher nicht ſowol individuell als vielmehr kollektiv, t„ uns als ein Sammelwort zu nehmen. Im Deutſchen glaubte wolle, ich, eines Konigs in dieſer Art zu nehmen, und dann lte Art barauf ihre als ſich darauf beziehend folgen zu laſſen; ze Ein⸗ ich ſage daher koͤnigliche Gerechtigkeit und laſſe „noch ihre Urme in der Beziehung darauf folgen, daß ich Grund, ihre auf königliche Gerechtigkeit ſich beziehen nterge⸗ laſſe. einen S. 297. Z. 6, ihrem Widerſacherz Boccaccio einen verſteht hierunter wol den Amor. dritten S. 299. 8 4, eine Stampita. Zu dem, was ich ſchon oben IV, S. 180. uͤber dieſes Wort geſagt habe⸗ al un ſei hier noch folgendes hinzugefuͤgt. In dem Malmantile Paar, racquistato läßt Lorenzo Lippi den betrunkenen Thor⸗ gerade ſchreiber die Einwohner zur Gegenwehr gegen die heran⸗ che ein ruͤckenden Feinde auffordern, und nennt dieſe ſeine Anrede —————— — ehreren an die Einwohner von Malmantile ſcherzweiſe auch eine 3 eine Stampita. In quel che costui fa questa stampita. utel- III, 8. ne er⸗ welchen Ausbruck das Vocabolario durch Discorso lun- 60 di go, noioso e spiacevole(eine lange, langweilige und rdenes, mißfällige Rede) erklaͤrt. bewah⸗ Ich habe ferner den Ausdruck des Originals Vivnola auch), allgemein durch Inſtrument überſetzt. Hieronymus von det da⸗ Mähren(lebte im dreizehnten Jahrhundert), der eine Ab⸗ Stelle handlung uͤber Muſik ſchrieb, nennt vorzuͤglich zwei damals uͤbliche Inſtrumente, naͤmlich die Rubebbe, ribeba und ich die Viole, von welchen jene zwei Saiten, dieſe aber fünf e3u hatte. Die erſteren ſind noch allenfalls in Nonnenkloſtern ruction als: Marine⸗Trompete, Trompeten-Geige, auch unter lautet: dem Namen Trumſheit noch gebräuchlich, von der Viole * nel- aber ſtammen unſere jetzigen Violine, Violen, Violoncelli iſt und und Violons ab. auf ei⸗ S. 300. Z. 5 v. u., Mico von Siena. ECre⸗ maͤßige 446 Anmerkungen. ſcimbeni fuͤhrt dieſen Mico von Siena in ſeinen GComen- tanj all' Istoria della Volgar Poesia Vol. II. Part. 2. Lib. I.(pag. m. 14.), als einen Dichter auf, der unter dem Koͤnige Peter von Arragonien gegen 1213 ge⸗ lebt hat, bei dieſem in großem Anſehen ſtand, und auf ſein Verlangen mehreres gedichtet habe; doch aber wäͤre von ſeinen Gedichten nichts weiter uͤbrig mehr, als nur eben dieſe von Boccaccio angefuͤhrte Ballata. Ebd. l. Z., ſetzte in Muſik; ſo habe ich nach Redi's Annotationen zum 427. Th. ſeines Dithyramben uͤberſetzt, dem auch die Crusca folgt. Eben ſo auch ſagt derſelbe zum 428. V: per le parole significa la Can- zone composta da Mico, e per lo snono la musi- ca, e laria accommodatavi sopro da lui medesi- mo, die von ihm ſelbſt dazu geſetzte Melodie. S. 306. 8 2 v. u., Cefalu und Calatabel⸗ lotta. In dem Manelliſchen Texte iſt von einer neueren Hand Gepholonin und Cassletta darüber goſchrieben. S 307. Z. 4 v. u. Dieſe Novelle iſt von jeher fuͤr eine der trefflichſten unſeres Novelliſten gehalten worden, ſo daß ſchon Philipp Beroaldi 505.) und Robert Nobili, Car⸗ dinal von Montepulciano(1656.) ſie ins Latein uberſetz⸗ ten, und Letzterer ſie dem Papſt Julius dem dritten dedi⸗ cirte. Beide überſetzungen hat Manni in ſeiner Istoria del Decamerone woͤrtlich abdrucken laſſen. Sie iſt faſt in allen europäiſchen Sprachen uͤberſetzt worden, ins Deut⸗ ſche von einem Hyrzweilgia 1541. Noch mögen Gingue⸗ ne's Worte uͤber dieſe Novelle in ſeiner Histoire litterai- re d'italie Tom. III. pag. 116. hier einen Platz fin⸗ den; dieſe ganze Novelle, ſagt derſelbe, und beſonders der erſte Theil derſelben, der leidenſchaftliche Monolog des Titus, der ſich ſeine Liebe gegen die kuͤnftige Gattin des Giſippo, und dieſer eben ſo kroftige als neue Wettſtreit zwiſchen den beiden Freunden, von welchen der eine den andern dahin zu bringen ſucht, daß er das Opfer deſſen, was ihm das Liebſte iſt, annehme, wogegen der andere ſich ver⸗ theidigt, dieſes Opfer anzunehmen, doch aber endlich nach? gibt und es annimmt, mehr auf das Eindringen und die men- Pe der 3 ge⸗ d auf wäre s nur nch amben ſagt Can- musi- desi- abel⸗ eueren en. r eine ſo daß Car⸗ berſetz⸗ dedi⸗ toria iſt faſt Deut⸗ ine⸗ terai- tz fin⸗ rs der g des tin des ttſtreit ne den n, was ich ver⸗ h nach und die Anmerkungen. Befehle der Freundſchaft, als auf die heftigſten Wuͤnſche der Liebe; dieſe feierliche Rede des Titus an die beiden verſammelten Familien, und endlich das erhabene Lob der Freun ſchaft, womit die Novelle beſchließt, ſind vielleicht das eloquenteſte Stuͤck des ganzen Dekameron, und folglich der gan en italieniſchen Literatur. S. 318. 8. 8 v. u., und auf dieſe Weiſe— gewonnen hatte. Wenn Titus die Sofronia noch nicht beſaß, wie konnte er ſie denn verlieren, meint Sal⸗ viati(Avvert. Tom. I Liv. l. cap. 14.), und wenn ſie ſchon Giſippo's Verlobte war, wozu mußte er ſie denn erſt erhalten? und daher muͤſſe man durchaus leſen: e co- s io avrd perduto quello che tu non avrai ac- quistato ſtatt der gewoͤhnlichen Leſeart: e cosi tu avrai perduto quello che io non avrd acquistato. Allein es bedarf wol nicht erſt der ernſteren Entwickelung des Dioniſi, wodurch er die Worte des Originals vertheidigen will, um ſich zu uͤberzeugen, daß Salviati's Einwendun⸗ gen gegen die Worte des Originals mehr ſpitzfindig als ge⸗ recht ſind. So ſagt naͤmlich Dioniſi: Titus beſaß die So⸗ fronia nur in Hoffnung und vertragsweiſe, da Giſippo⸗ als Verlobter derſelben, ſie ihm im geheimen abgetreten hatte; Giſippo hingegen bedurfte nur, um zu ihrem Be⸗ ſitze zu gelangen, ſie aus ſeiner Braut zu ſeiner Gattin zu machen; wenn alſo Titus dieſe Verheirathung unvorſichti⸗ gerweiſe vereitelt haͤtte, ſo wuͤrde er das verloren haben⸗ was Giſippo nicht erhalten haͤtte. S. 338 8. 7 v. u., Anverwandſchaften. Im Original consorti. Dies iſt nicht der Plural von Gonsorte, ſondern von consorto; erſteres erklaͤrt die Cruſca durch: Marito, Moglie, das letzte aber durch compagno oper parentado o per altra cosa, d. i. ent⸗ weder durch Anverwandtſchaft oder durch irgend etwas an⸗ deres verbunden. In der erſten dieſer beiden zuletzt ange⸗ gebenen Bedeutungen nimmt es Boccaccio hier, wie C1 Herbere in dem ſchon fruͤher angefuͤhrten Ragionamen- t0 etc. es erklärt, wenn er ſagt: la moltitndine de' Consorti è tanto quanto se egli avesse detto: 1a 448 Anmerkungen. moltitudine de' parenti del medesimo sangue (Blutsverwandte). Avvertendo che noi pigſia- mo questo nome di Parenti cosi per quegli, che ci sono congiunti da lato di madre o d'aftro lato, come per quegli che si attengono da lato di Padre, cio è che ci sono consorti; li quali parenti da lato di Padre chiamiamo ancora Gon- sanguinei. Anverwandte von Seiten der Mutter heißen parenti, von Seiten des Vaters consorti, auch wol consanguinei. In der letzten der beiden angegebe⸗ nen Bedeutungen gebraucht es Dante Purgat XIV, 87. Ebd. l. S., die größeren, naͤmlich Gefahren. Schon die Deputirten ſtellten mit Recht die Leſeart grandi wieder her, da die vorhergehenden Ausgaben, als die von 27., gradi laſen. Deſſen ungeachtet behielt die Mailaͤn⸗ der die Leſeart gradi bei, ohne ſich weiter daruͤber zu er⸗ klären. Der Canonikus Dioniſt ſagte daher mit Recht, daß gradi in dieſer Stelle durchaus keinen Sinn gaͤbe, da hingegen grandi den beſten Sinn ausdruͤcke, indem Boc⸗ caccio dieſes Beiwort auf das vorhergegangene Subſtantiv pericolo beziehe. Schon Colombo folgt dieſem, und meint mit Recht, daß der hierdurch bewirkte Gegenſatz vor⸗ zuͤglich ſchoͤn und wohlweislich angebracht waͤre, indem Boccactio eines Jeden kleinſte Gefahr mit den größten Ge⸗ fahren des Vaters, des Bruders oder des Herrn ſo ſchnei⸗ dend kontraſtiren laſſe. Die Erklisrungen der Leſeart gra- di ſind gezwungen und geben keinen prägnanten Sinn. Der ſchon oͤfter angeführte Bandiera erklaͤrt den Sinn die⸗ ſes Wortes ziemlich ſeicht auf dieſe Art: i gradi sono qui, per quanto il sensone quidi(21) 1 mali sta- ti le condizione sinistre del padre ec. übrigens iſt dieſes Epiphonema ein beißender Sarcasmus gegen Ver⸗ wandtſchaften und alle uͤbrigen Verbindungen der gewoͤhn⸗ lichen Menſchen, welche ſich einen großen Anhang zu ver⸗ ſchaffen ſuchen, um damit zu prahlen, doch aber nur durch die geringſten Opfer die großeren Gefahren ihrer Verwand⸗ ten oder Clienten abzuwenden ſuchen, va der Freund gegen den Freund gerade das Gegentheil thut, nämlich daß er Anmerkungen. 449 des Freundes kleinſte Gefahr durch ſeine eigene groͤßte ab⸗ zuwenden bemuͤht iſt. S. 340. 3. 7 v. u.⸗ durchreiſt hatte; das Ori⸗ ginal cercate, ſagt Fiacchi, haͤtte in den guten Zeiten immer die Bedeutung von andar viaggiando dattor- no gehabt. S. 347. Z. 5 v. u.⸗ Oberkleider— Unter⸗ gleider und Wäſche. Ich bin hier der Erklaͤrung Bandiera's gefolgt, welcher zu dieſer Stelle ſagt: le ro- be(die Oberkleider, oder was wir jetzt den Rock nennen, ehemals der Mantel), erano le veste nobili esteriori; le giubhe, quelle di sotto(eigentlich wol das Wamms⸗ oder die kurze Bekleidung des Leibes, welche unter dem Mantel, den Leib bis auf die Huͤften bedeckte, und Frmel und kurze Schoͤße hatte, wie es Adelung erklaͤrt, und weß⸗ halb auch Bandiera hinzuſetzt) chè allora portavano 81 nomini come donne: col nome di panni lini viene significata generalmente la biancheria. Eben ſo ſagt derſelbe auch: sotta la voce fodere di drappe veniva intesa in que' tempi tela di lana, seta, e simili, della quale servvansi anchè per fodere; eben dies ſagt Adelung von dem Worte der Zeug, daß es nur gewiſſe leichte Gewirke von Leinwand⸗ Seide, Baumwolle oder Wolle wäͤren. Fehe kam ſchon oben VIII, 5. vor, iſt nach Ade⸗ lung die bei den hochdeutſchen Kuͤrſchnern uͤbliche Benen⸗ nung des ſibiriſchen und tatariſchen Eichhorns, des aus⸗ rändiſchen Marders und deren Felle. S. 360. 8. 12 v. u., die Fehler verbeſſern kann. Wenn auch gleich die vorzuͤglichſten Ausgaben⸗ als die von 27, und die handſchriftlichen, deren ſich die Deputirten und der Caval. Salviati bedienten, ſelbſt der handſchriftliche Coder auf der Bibliothek zu Modena, di- letto ſtatt ditetto leſen, ja ſogar, wenn Boccaccio ſelbſt diletto fuͤr difetto geſchrieben, und ihm ein 1 ſtatt des † aus der Feder gefloſſen waͤre, ſo ſagt Colombo, koͤnnte letzteres doch nur aus Unachtſamkeit und gans gegen ſeine Abſicht geſchehen ſein; man muͤßte daher, auch ſelbſt 2 Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 450 eigenmaͤchtig, dieſe Verbeſſerung annehmen, hätten nicht ſchon Rolli und vor ihm Aldo und Ruſcelli dieſelbe ange⸗ nommen. Und yätte dieſer letztere, faͤhrt er fort, den Druck Gregorio's de⸗ Gregori zu Rathe gezogen, ſo wuͤrde er gefunden haben, daß Niccolo Delfino, dem wir jene Ausgabe verdanken, ſchon fruher diletto in difetto verbeſſert hätte. Fiacchi widerſpricht zwar nicht geradezu dieſer Meinung Colombo's, dennoch aber ſchlägt er eine andere Verbeſſerung dieſer Stelle vor; er behaͤlt näm⸗ lich diletto aus dem Manelliſchen Texte bei, und lieſt conviene ommettere, ſtatt convien commettere, indem, wie er ſagt, das e des Wortes conviene leicht durch den Abſchreiber in ein c verwandelt, und dem fol⸗ genden Worte vorgeſetzt werden konnte; es muͤſſe daher die ganze Stelle ſo geleſen werden: quel diletto sup- plire, chè ora— conviene omettere. Auf ſolche Art käme mehr Einheit in die Stelle und beſonders der vorhergehenden Worte wegen; essendomi d'avervi ve- duto rallegrato. Ferner glaubt er auch noch, daß die Worte mi convien commettere il difetto, in dem Munde des Saladins weniger paſſend wären, da difetto doch ſo viel hier ſagen will, als daß dieſer Fehler oder Mangel, des Umganges mit Meſſer Torello zu genießen, einzig nur von dieſem herkaͤme, weil er abreiſen wolle. Der Sultan mache daher dem Meſſer Torello ein ſchlechtes Compliment. Welche Leſeart die richtige ſei, kann ich, bei dem ganzlichen Abgange der eigenhaͤndigen Handſchrift des Boc⸗ caccio nicht entſcheiden; die Leſeart der andern iſt getheilt. Hierdurch wird alſo der Streit nicht entſchieden. Ich gebe daher nur die meinigen zu meiner Uberſetzung an. Fiac⸗ chi's Gruͤnde, warum er diletto in einem beſſern Zuſam⸗ menhange mit den vorhergehenden Worten essendomi d'avervi veduto rallegrato zu ſtehen glaubt, beruht wol auf der Conſtruction eben dieſer Worte; er conſtruirt dieſelben nämlich ſo: essendomi veduto d'avervi ral- legrato; da ich dieſelben ſo konſtruire: essendomi ral- legrato d'avervi veduto. Ich mochte hierbei aber Fiac⸗ Anmerkungen. l⸗ Anmerkungen. 451 Ghien eben das erwiebern, was er denen vorwirſt, welche difetto und nicht diletto leſen, daß eben dieſe Worte in dem Munde des Sultans weniger paſſend oder ſchicklich waͤren, indem er ihm geradezu ſagt⸗ daß Meſſer Torellt ſich bei ihm wohl befunden habe. Wenn dieſe beiden Maän⸗ ner ſich Complimente machen ſollen, ſo glaube ich⸗ macht ſie der Sultan(an dem es wirklich iſt, Meſſer Torello'n etwas Verbindliches zu ſagen) auf dieſe Art dem Meſſer Torello am ungezwungenſten, wenn er ſie ihm auf die Art ſagt, wie ich ſie ihm nach der von mir angenommenen Le⸗ ſeart machen laſſe;„jetzt muͤſſen Sie zwar fort, um Ihre Angelegenheiten in Ihrem Vaterlande in Ordnung zu brin⸗ gen, haben Sie aber das gethan, dann kommen Sie wie⸗ der und ich werde erfreut ſein, Sie wieder zu ſehen, um die Fehler in meinem Betragen gegen Sie zu verbeſſern⸗ die ich jetzt, Ihrer Eile wegen⸗ habe begehen muͤſſen, in der Art und Weiſe, Sie zu ehren⸗ ſo wie ich gegen Sie dazu verbunden bin.“ S. 363. 8. 3 v. u.⸗ was dich ſo geſcheucht hat. Ich habe dieſes Wort hier in der Bedeutung ge⸗ braucht, in welcher es⸗ wie Adelung ſagt, in einigen Ge⸗ genden für ſcheu und ſchuͤchtern machen gebraucht wird; der lebenbige Italiener ſagt⸗ mit dazu paſſenden Gebehr⸗ den: chi t'ha fatto baco baco, oder auch wol gleich chi t'ha fatto bau, hau. S. 368. 8. 12, ſtuͤrzte ſie den Tiſch zu Bo⸗ den. Um dieſen Satz mit ſeinem darauf folgenden rela⸗ tiven zu verſtehen⸗ ſagt Penzenkuffer zu dieſer Stelle⸗ muß man wiſſen⸗ daß jeder Gaſt, oder doch die Vornehm⸗ ſten, ihre beſondern kleinen Tiſche hatten, an welchen ſie aßen, ſo wie dies bei den alten Roͤmern gebraͤuchlich war⸗ Hieraus iſt immer zu erklären, wenn z E. in der Novelle von Berganimo u. a. von vielen Tiſchen bei Gaſtmah⸗ lern die Rede iſt. S. 370. 8. 10. Dieſe Novelle gefiel dem Petrarca ſo, daß er ſie ins Lateiniſche uͤberſetzte. Der engliſche Dich⸗ ter Chaucer ſchrieb ſie dem Petrarcg zu; vielleicht daher⸗, 452 weil letzterer ſeine überſetzung dem engliſchen Dichter, als er in Italien jenen beſuchte, vorlas. Manni hat ſie in ſeiner Istoria del Decamerone abbrucken laſſen; eben dieſer füͤhrt auch eine Umarbeitung derſelben Geſchichte in achtzeiligen Stanzen an, welche aber von keinem beſondern poetiſchen Werthe iſt. Auch fehlt der Schluß davon. Ubri⸗ gens iſt dieſe Novelle faſt in alle Sprachen überſetzt, und auf mancherlei Art benutzt worden, zu bloßen Erzählungen, zu Schauſpielen, Opern u. dgl m. Vielfaͤltig iſt daruͤber geſtritten worden, woher Boccaccio den Stoff zu derſelben genommen habe; aber alle diejenigen, welche dieſe Frage zu entſcheiden geſucht haben, haben ſie, wie Ginguené ſagt, nur noch mehr verwirrt. Woher auch Boccaccio nur immer dieſen Stoff geſchopft haben mag, faͤhrt der ge⸗ dachte Critiker fort, ſei es aus einer franzoͤſiſchen Hand⸗ ſchrift, wozu wenig Wahrſcheinlichkeit vorhanden iſt, daß er eine ſolche gekannt haben ſollte, oder aus einer alten Chronik, welche verloren gegangen iſt, oder aus muͤndli⸗ chen überlieferungen, deren er ſich oͤfters bediente, ſo hat er ſich doch dieſen Stoff ſo zu eigen zu machen gewußt⸗ durch die einfache, naive und ruͤhrende Art ihn zu behan⸗ deln, daß er reell ihm ganz eigenthuͤmlich zugehoͤrt. Und eben dieſer Meinung war auch Petrarca, dieſer ſagte, als er ſie dem Boccaccio als ſein Eigenthum dedicirte, wenn er von der Wahrheit des Inhaltes dieſer Novelle ſprach: Quisquis ex me quaeret an haec vera sint, hoc est, an historiam scripserim an fabulam, respon- dehe illud Crispi: penes auctorem meum, scili- cet Joannem, sit. Soll ich uͤber den Inhalt, und beſonders uͤber das Verfahren Walthers gegen Griſelda, meine Meinung ſa⸗ gen, ſo ſtimme ich dennoch, ſo ſchoͤn ich auch die Erzaͤh⸗ lung an und fuͤr ſich ſelbſt finde, der Meinung der Gaͤſte bei, welche die Erfahrungen und Verſuche, welche Wal⸗ ther mit ſeiner Frau gemacht hat, fuͤr bitter, unerträglich und zu weit getrieben erklaͤrten. Schäkereien. Dieſe ganze Stelle ſcheint eine Anmerkungen. —— Anmerkungen. 453 Nachahmung des Dante zu ſein⸗ welcher eben daſſelbe von 2 5 den damaligen Predigern ſagt: Parad. XXIX, 115. 1 Jetzt wird in Witzeleien und in Poſſen 1 Gepredigt, und wird tuͤchtig nur gelacht; Schwillt ihm die Kapp', er hat ins Ziel geſchoſſen.— Ende des ſechſten Baͤndchens. 1 e 3 3 3 ⸗ 5 ¹ . 2 B Literariſche Anzeige. In der Baſſeſchen Buchhandlung in Quedlinburg ſind ſo eben erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Handbuſch der „ populaͤren Aſtronomie fur die gebildeten Staände, insbeſondere fuͤr den⸗ kende, wenn auch der Mathematik nur wenig oder gar nicht kundige Leſer. Von Richter, Rector an der Herzogl. Hauptſchule zu Deſſau. Erſter Theil. Mit 4 Tafeln Ab⸗ bildungen und 3 Tabellen. 8S. Preis: 2 Thl. 8 Gr. Die Aſtronomie iſt die Krone der Naturwiſſenſchaften; ſie enthalt das geiſtige Element in einem ſolchen Grade, daß ſie darin faſt alle andere Wiſſenſchaften übertrifft und unmittelbar dahin wirkt, die hoͤchſten Ideen des Wahren⸗ Schdnen und Guten in der Seele hervorzurufen. Darum ſpricht ſie denn auch Jeden an, deſſen inneres Selbſt noch nicht ganz verkruͤppelt iſt; ja, das bloße Anſchauen des geſtirnten Himmels erweckt ſchon in der Seele, auch des Ununterrichtetſten, eine Menge von Vorſtellungen und Em⸗ pfindungen, die ihn erheben und lautern und mit Ahnun⸗ gen des Unſichtbaren erfuͤllen. Iſt es doch, als ob eine geheime Zaubermacht den Menſchen zu jenen glaäͤnzenden Geſtirnen hinzoͤge, wenn er ſie in ruhigem Schweigen ihre Bahnen dahin wandeln ſieht, als ob nicht hier, ſondern vort die wahre Heimath ſeines Geiſtes waͤre, als ob er Flügel bekommen muͤßte, um ſich aufzuſchwingen, wo Orion ſich guͤrtet und der Schwan ſeine Silberfittige ent⸗ faltet. Doher wird denn Kenntniß der Sternwiſſenſchaft auch im großen Publicum als ein allgemeines Beduͤrfniß gefühlt. Der Verfaſſer hat ſich die Aufgabe geſtellt, auch ————— ———— den Laien in der Mathematik dahin zu bringen, daß er die Hauptlehren der Aſtronomie nicht nur hiſtoriſch er'aſſe⸗ ſondern ſie auch nach ihren Gruͤnden verſtehe, und ihn in den Stand zu ſetzen⸗ daß er mit überzeugung einſeéhe, wie es dem Denker möglich ſei, in die Tiefen des Himmels einzudringen. Zu dem Ende hat der Verfaſſer bei ſeinem Vortrage zuvoͤrderſt bloß auf Elementarmathematik Ruͤck⸗ ſicht genommen, ohne den hoͤhern Kalkul zu Huͤlfe zu nehmen. Wir dürfen dieſes Werk, das den Namen eines als Gelehrten und Schriftſteller allgemein geachteten Mannes an der Stirn trägt, nicht noch beſonders lobend empfeh⸗ len wollen, ſondern bemerken nur noch: daß der z weite und letzte Theil mit den dazu gehorigen Zeichnungen⸗ Stern⸗, Mond⸗ ꝛc. Karten, Kometenbahnen ꝛc., ſchon binnen 4 Wochen erſcheinen wird. Quedlinburg und Leipzig, im Februar 1832. Gottfr. Baſſe. Raucourt de Charlevillels. 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