ek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnurd Oktmann in Cieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Wet. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 2 5„—„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werven.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des gnn verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —— Boccaccio's Dekameron. Neu uͤberſetzt von S D H S. Fuͤnftes Bändchen. xneeerntereeee . Quedlinburg und Leipzig. Verlag von Gottfr. Baſſe. Dritte Novelle. Monna Nonna de Pulci legt durch eine ſchnelle Antwort auf eine weniger als anſtändige Stichelrede dem Biſchof von Florenz Stillſchweigen auf. Au Pampinea ihre Novelle beendigt hatte, und Ciſti's Antwort und Liberalität von Allen ſehr ge⸗ lobt worden war, gefiel es der Koͤniginn, daß Lau⸗ rette ſprechen ſollte, welche auch froͤhlich ſo zu reden anfing: Freundliche Maͤdchen, Pampinea hat zuvor*) und dann auch Philomela das rechte Fleckchen uͤber unſere mindere Kraft und uͤber die Schoͤnheit der Scherzworte getroffen, ſo daß es nicht noͤthig iſt, darauf wieder zuruͤckzukommen; nur will ich zu dem, was uͤber die Witzworte ſchon geſagt worden iſt, das noch in Erinnerung bringen, daß die Witzworte ſolcher Natur ſeyn muͤſſen, daß ſie den Hoͤrer nur ſo beißen muͤſſen, wie die Schafe beißen, nicht aber wie ein Hund. Denn biſſe das Witzwort wie ein Hund, ſo wäre es kein Scherzwort mehr, ſondern eine Ungezogenheit. Das thaten aber die Worte der Madonna Oretta und die Antwort Ciſti's ganz vor⸗ ti Es iſt wahr, wird etwas als Antwort ge⸗ *) In der 10. Novelle des erſten Tages. Sechſter Tag. ſagt, und beißt der Antwortende wie ein Hund, wenn er auch vorher von einem Hunde gebiſſen worden iſt, ſo ſcheint es als wäre er nicht zu tadeln, ſo wie er es ſeyn wuͤrde, wenn dies nicht vorher gegangen ware. Daher muß man darauf Acht haben, wie, wann, mit wem, und eben ſo auch wo man Witz wech⸗ ſelt. Hierauf wenig achtend erhielt einſt einer un⸗ ſerer Prälaten einen nicht geringeren Stich wieder zuruͤck, als er ausgetheilt hatte. Und dies will ich Euch in einer kleinen Novelle zeigen. Als Meſſer Antonio d'Orſo, ein tuͤchtiger und kluger Praͤlat, Biſchof in Florenz war, kam ein ed⸗ ler catalaniſcher Mann, genannt Dego della Ratta, WMareſchall beim Koͤnig Robert, nach Florenz. Die⸗ ſem, der ſehr ſchoͤn von Geſtalt, und ein mehr als großer Liebhaber des ſchoͤnen Geſchlechts war, gefiel unter den andern florentiniſchen Frauen vorzuͤglich eine, welche ein ſehr ſchoͤnes Frauenzimmer und die Enkelin eines Bruders des genannten Biſchofs war. Da er gemerkt hatte, daß ihr Mann, wenn er auch gleich von guter Familie abſtammte, dennoch ein geiziger und ein ſchlechter Menſch war; ſo kam er mit dieſem uͤberein, ihm 500 Goldgulden zu geben, wenn er ihn eine Nacht bei ſeiner Frau ſchlafen ließe. Zu dem Ende ließ er gewiſſe ſilberne Muͤnzen, welche damals ſehr im Gange waren, vergolden, und be⸗ zahlte mit dieſen, nachdem er eine Nacht bei ſeiner Frau, ſo ganz es auch gegen ihren Willen war, zu⸗ gebracht hatte. Als dies nachher allgemein bekannt geworden — — — 8 — v — Dritte Novelle. 5 war, blieb dem ſchlechten Manne der Schaden und der Spott dafuͤr, und der Biſchof, als ein kluger Mann, that, als wiſſe er von allem dieſen gar nichts. Indeſſen da der Biſchof und der Mareſchall viel mit einander umgingen, geſchah es, daß, als am Johan⸗ nistage einer neben dem andern her ritt, und ſie die Frauen auf dem Wege betrachteten, wo um den Preis gerannt ward, der Biſchof ein junges Frauenzimmer ſah, welches uns die gegenwaͤrtige Peſt geraubt hat, deren Name Monna Nonna de' Pulci war, eine Ver⸗ wandte Meſſer Aleſſo Rinucci's, und die Ihr alle kennen muͤßt; dieſe war damals eine bluͤhende ſchoͤne iunge Frau, großherzig und mit einem guten Mund⸗ werke begabt, und kurz vorher in der Petri⸗Kirche zu einem Manne gekommen. Eben dieſe nun zeigte er dem Mareſchall, und da ſie in ihre Naͤhe gekom⸗ men waren, legte er ſeine Hand dem Mareſchall auf die Schultern und ſagte: Nonna, was haͤltſt Du von dieſem, glaubteſt Du ſeiner wohl maͤchtig zu werden 2 Nonna glaubte, daß dieſe Worte ein bischen auf ihre Ehrbarkeit ſtichelten, oder daß ſie ihr in den Augen aller derer, die dies hoͤrten, etwas anhaͤngen ſollten. Deßhalb war ſie nicht ſowohl darauf bedacht, nur dieſe Beſchimpfung von ſich abzuwaͤlzen, als vielmehr noch fuͤr dieſen Hieb wieder einen andern auszutheilen, und antwortete ſchnell: Meſſer, viel⸗ leicht wuͤrde er meiner auch nicht maͤchtig, wenigſtens wuͤrde ich gutes Geld verlangen. Sowohl der Mareſchall als wie auch der Biſchof fuͤhlten ſich durch dieſes Wort auf gleiche Weiſe Sechſter Tag. getroffen, der eine, indem er des Biſchofs Bruders Enkelin etwas Unanſtaͤndiges angethan hatte, und der Andere, indem es in der Enkelin des eigenen Bru⸗ ders ihm zugefuͤgt worden war; ſie gingen daher, ohne einer den andern anzuſehen, beſchaͤmt und ſtill⸗ ſchweigend fort, und auch ohne dieſen Tag nur noch irgend ein Wort zu ſprechen. Und ſo fehlte es dieſer jungen Frau, welche zu⸗ erſt einen Stich erhalten hatte, nicht daran, dem Andern durch ein Witzwort wieder einen Stich zu geben. Vierte Novelle. Chichibio, Currabo Gianfigliazzi's Koch, wendet burch eine ſchnelle Antwort Currado's Zorn in Laäͤcheln, und entgeht auf dieſe Art dem ihm von Currado angedrohten Unheile. Schon ſchwieg Lauretta und Nonna ward von Allen gelobt, als die Koͤniginn Neifilen fortzufahren gebot; dieſe ſagte: So wie eine ſchnelle Geiſtesgegenwart, lieb⸗ liche Mädchen, oft dem Redenden nuͤtzliche und ſchoͤne Worte, den Umſtaͤnden gemaͤß, darbietet, ſo legt auch oft das Gluͤck, dem Furchtſamen helfend, Worte in den Mund, welche ſie im ruhigen Gemuͤthszuſtande nie zu finden gewußt haben wuͤrden; und dies will ich Euch durch meine Novelle beweiſen. Currado Gianfigliazzi, war, wie Jede von Euch dies gehoͤrt und geſehen haben kann, in unſerer Stadt immer ein liberaler und prachtliebender Buͤrger, der eine ritterliche Lebensart fuͤhrte, und ſtets an Hun⸗ v rs nd u⸗ er, ch m zu in e t r Vierte Novelle. den und Voͤgeln ſein Vergnuͤgen hatte, ſeiner größe⸗ ren Vorzuͤge fuͤr jetzt nicht zu gedenken. Dieſer hatte eines Tages nahe bei Peretola*) durch einen Falken einen Kranich getoͤdtet und da er fand, daß ihn zu einem er fett und noch jung war, ſchickte er i ſeiner beſten Koͤche, welcher Chichibio hieß und ein Venetianer war, ließ ihm dabei ſagen, daß er ihn zum Eſſen braten und gut zurichten ſollte. Chichibio, eine liſtige, gute Haut, ſo ſchien es wenigſtens, richtete den Franich zu, ſetzte ihn mit aller Sorgfalt zum Feuer, und ließ ihn kochen⸗ Da er beinahe gar war, und einen ſtarken Geruch ver⸗ breitete, trat ein Frauenzimmer aus der umgegend⸗ welches Brunette hieß, und worin Chichibio ſehr verliebt war, in die Kuͤche; ſobald ſie den Geruch des Kranichs merkte, und ihn ſelbſt erblickte, bat ſie ihr doch eine Chichibio recht zärtlich, er moͤchte i Keule davon geben. Chichibio antwortete ihr ſingend, und ſagte Du, Du, Du kriegſt doch hier Nicks von mir, Jungfer Brunettchen⸗ Du kriegſt doch hier Nicks von mir*). Brunette etwas aufgebracht⸗ ſagte zu ihm: Wahrhaftigen Gott, wenn Du ſie mir nicht giebſt⸗ erhältſt Du nie wieder nur das Geringſte von mir, was Du doch gern haſt. *) Ein Dorf nicht weit von Florenz⸗ *) Im Original iſt dieſe Antwort im venetianiſchen Dialect. Sechſter Tag. Und ſo gab in Kurzem ein Wört das andere, bis endlich Chichibio, um ſein Mädchen nicht zu kränken, eine Keule vom Kranich abloͤſete, und ſie ihr gab. Als hierauf der Kranich ohne Keule dem Herrn Currado und einem Freunde aufgetragen ward, und Herr Currado ſich daruͤber wunderte, ließ er Chichi⸗ bio rufen, und fragte ihn, was aus der andern Keule geworden waͤre. Schnell antwortete der venetianiſche Luͤgner: Herr, die Kraniche haben nur Eine Keule und Ein Bein. Aufgebracht ſagte Currado hierauf: Was Teu⸗ fel! ſie haben nur Eine Keule und Ein Bein? Habe ich denn in meinem Leben keinen andern Kranich ge⸗ ſehen, als dieſen? Meſſer, fuhr Chichibio fort, es iſt ſo, wie ich es Euch ſage, und wenn's Euch gefaͤllt, will ich Euch lebendige zeigen. Currado, der in Hinſicht des Fremden, den er bei ſich hatte, nicht hinter ſeinen Worten zuruͤckblei⸗ ven wollte, ſagte: weil Du denn ſagſt, Du wollteſt mir lebendige ſo zeigen(obgleich ich nimmermehr ge⸗ ſehen oder gehoͤrt habe, daß das ſo wäre), ſo will ich morgen frich welche ſehen, und dann will ich zu⸗ frieden ſeyn; aber ich ſchwoͤre Dir beim lebendigen Gott, iſt es anders, ſo will ich Dich ſo zerwalken laſſen, daß Du, ſo lange Du lebſt, zu Deinem Scha⸗ den, Dich meines Namens erinnern ſollſt. Fuͤr dieſen Abend hatten die Worte ein Ende; Vierte Novelle. 8 am andern Morgen aber, ſobald der Tag mur er⸗ ſchien, ſtand Currado, den der Zorn im Schlaf noch nicht verlaſſen hatte, ganz aufgeregt auf, und befahl, daß ihm die Pferde vorgefuͤhrt wuͤrden; und nachdem Chichibio auch einen Gaul hatte beſteigen muͤſſen, fuͤhrte er ihn nach einem Fluſſe hin, an deſſen Ufern ſich gegen Anbruch des Tages Kraniche zu zeigen pflegten, unterweges aber ſagte er zu ihm: Nun werden wir bald ſehen, wer geſtern Abend gelogen hat, Du oder ich. Da Chichibio ſah, daß Eurrado's Zorn noch im⸗ mer fortdauerte, und daß er ſeine Luͤge beweiſen muͤßte, aber nicht wußte, wie er das anzuſtellen haͤtte, ritt er in der groͤßten Furcht von der Welt neben Currado her, und waͤre gern entflohen, wenn er es nur gekonnt haͤtte. Da er das aber nicht konnte, ſah er bald vorwaͤrts, bald ruͤckwaͤrts, auch wohl nach der Seite ſich um, und glaubte, was er ſaͤhe, wären wirklich Kraniche, welche auf zwei Beinen daſtanden. Indeſſen da ſie in die Naͤhe des Fluſſes gekommen waren, ſah er eher als irgend ein Anderer am Ufen jenes Fluſſes wohl an zwoͤlf Kraniche, welche alle auf Einem Fuße ſtanden, wie ſie das zu thun pflegen, wenn ſie ſchlafen. Schnell zeigte er ſie Currado und ſagte: Da Herr, koͤnnt Ihr recht gut ſehen, wie ich Euch geſtern die Wahrheit geſagt habe, daß die Kraniche nur Eine Keule und Ein Bein haben, wenn Ihr nach denen hinſchaut, die da ſtehen. Als Currado dieſe ſah, ſagte er: warte, ich will Dir zeigen, daß ſie zwei haben. und hiermit trat Sechſter Tag⸗ er etwas naͤher zu ihnen hinan, und rief: ho! ho! Auf dieſes Geſchrei ließen die Kraniche das andere Bein hinunter, und fingen alle nach einigen Schritten an zu entfliehen. Currado alſo, zu Chichibio hinge⸗ wandt, ſagte: Nun, Spitzbube, was meinſt Du? ha⸗ ben ſie nicht zwei? Chichibio, wie ganz verwirrt, wußte nicht wie ihm waͤre, und antwortete: Ja, Herr, aber den von geſtern Abend habt Ihr nicht mit ho! ho! angeſchrien; haͤttet Ihr ihn ſo nur angeſchrien, dann hätte er die andere Keule, und auch das andere Bein her⸗ ausgeſtreckt, ſo wie dieſe gethan haben. Currado gefiel dieſe Antwort ſo, daß ſein gan⸗ zer Zorn ſich in Scherz und Lachen verwandelte, und ſagte: Chichibio, Du haſt Recht, freilich das haͤtte ich thun ſollen. Auf ſolche Art entging Chichibio durch ſeine ſchnelle und ſcherzhafte Antwort dem Ungluͤck, und ſoͤhnte ſich mit ſeinem Herrn wieder aus. Fuͤnfte Novelle. Meſſer Foreſe da Rabatta und Meiſter Giotto, ein Maler⸗ kommen von Mugello, und necken ſich einer den andern uͤber ihr ſchlechtes Ausſehen. Als Neifile ſchwieg, nachdem die Damen große Freude uͤber Chichibio's Antwort empfunden hatten, ſprach Pamphilus nach dem Willen der Koͤniginn, alſo: Geliebteſte Damen, es ereignet ſich oft, daß, ſo wie das Geſchick unter gemeinen Kuͤnſten je zuwei⸗ len große Tugend⸗Schaͤtze verbirgt, wie uns Pam⸗ R— * u„ S N d Fuͤnfte Novelle. 11 pinea kurz vorher gezeigt hat, ſo finden ſich auch unter den ſcheußlichſten Geſtalten der Menſchen be⸗ wunderungswuͤrdige Genie's von der Natur verborgen. Dies erſcheint hinreichend in zweien unſerer Buͤrger, von denen ich Euch kuͤrzlich unterhalten will. Denn der eine, welcher Meſſer Foreſe da Rabatta hieß, war von Perſon klein und ungeſtaltet, mit einem plat⸗ ten, ſtumpfnaſigem Geſichte, welches ſo ſcheußlich war, daß es ſelbſt das abſcheulichſte von allen Fratzenge⸗ ſichtern noch entſtellt haben wuͤrde; dafuͤr aber beſaß er eine ſolche Einſicht in den Geſetzen, daß er von vielen tuͤchtigen Maͤnnern fuͤr das Schatzkäſtlein des buͤrgerlichen Rechtes gehalten ward. Der andere, deſſen Name Giotto war, hatte ein ſo ausgezeichnetes Kuͤnſtlertalent, daß die Natur, die Mutter, und, durch den Umſchwung der Himmel, Hervorbringerin aller Dinge, nichts darbietet, was er nicht mit Griffel und Feder oder Pinſel ihr ſo ähnlich ſollte dargeſtellt haben, daß es ihr nicht nur ähnlich, ſondern ſie vielmehr ſelbſt zu ſeyn geſchie⸗ nen haͤtte, und zwar in einem ſolchen Grade, daß man oftmals bei Dingen von ihm dargeſtellt gefun⸗ den hat, der Sinn des menſchlichen Geſichts habe, das fuͤr wahr haltend, was doch nur gemahlt war, die Taͤuſchung wirklich angenommen. Und eben dar⸗ um, weil er dieſe Kunſt wieder ins Leben zuruͤckrief, die, viele Jahrhunderte unter den Verirrungen ſo vieler, welche mehr, um die Augen der Unwiſſenden zu ergotzen, als um die Forderungen, welche der Ver⸗ ſtand der Weiſen machte, zu erfuͤllen, mahlten, zu Sechſter Tag. Grabe gegangen war, kann er mit Recht eins der Lichter des florentiniſchen Ruhmes genannt werden; und dieſen erwarb er um ſo mehr, mit je groͤßerer Demuth er, als Meiſter uͤber alle Andern in ſeiner Kunſt lebend, es immer von ſich wieß, ein Meiſter genannt zu werden. Und dieſer Titel, immer von ihm ausgeſchlagen, erglaͤnzte in ihm um ſo heller, als er mit deſto groͤßerer Begierde von denen uſur⸗ pirt ward, die weit weniger wußten, als er, oder ſeine Schuͤler waren. Aber ſo groß auch ſeine Kunſt ſeyn mochte, ſo war er doch weder von Perſon noch von Anſehen nicht im geringſten ſchoͤner als es Meſ⸗ ſer Foreſe war. Doch ich komme zu meiner Novelle. In Mugello hatten Meſſer Foreſe und Giotto ihre Beſitzungen. Meſſer Foreſe hatte die ſeinigen in den Sommer⸗Gerichtsferien beſucht, und kam eben auf einem ſchlechten Mieths⸗Gaul daher, als er den ſchon gedachten Giotto, der ebenfalls die ſei⸗ nigen beſucht hatte, und nach Florenz zuruͤckkehrte, antraf. Da dieſer weder hinſichts des Pferdes noch des übrigen Aufzuges im geringſten beſſer war, als er, ritten ſie, wie ein paar Alte, im ruhigen Schritt ſich begleitend neben einander hin. Da uͤberfiel ſie, wie wir ſehen, daß das im Sommer oft geſchieht, ein plotzlicher Regen. Um dieſem zu entgehen, eilten ſie, ſo ſchnell ſie nur konnten, dem Hauſe eines Bau⸗ ers zu, der beider Freund und Bekannter war. Indeſſen da es nach einiger Zeit noch durchaus nicht das Anſehen hatte, als wenn das Gießen auf⸗ Fuͤnfte Novelle. 13 hoͤren wuͤrde, und ſie doch noch am Tage in Florenz ſeyn wollten, borgten ſie von dem Bauer zwei alte Maͤntel von grobem Tuche, und zwei vom Alter ganz zerfreſſene Huͤte, weil keine beſſeren da waren, und ſo machten ſie ſich auf den Weg. Nachdem ſie eine Strecke mit einander geritten und ſie ſich fowol ganz durchgeweicht ſahen, als auch von dem Spritzen, was die Pferde mit ihren Fuͤßen in Menge thaten, ganz beklunkert waren, was einem ein nicht geringes ſcheußliches Anſehen zu ge⸗ ben pflegt, fingen ſie, nachdem ſie lange Zeit ſchwei⸗ gend fortgeritten waren, an zu ſprechen. Meſſer Foreſe hatte nun waͤhrend des Reitens Giotto, der ſehr ſchoͤn erzaͤhlte, zugehoͤrt, als er aber, von der Seite ihn vom Kopf bis zu Fuß betrachtend, ſah, daß alles ganz fuͤrchterlich und ganz entſtellt war, fing er, ohne auf ſich felbſt nur die mindeſte Ruͤckſicht zu nehmen, an zu lachen, und ſagte: Giot⸗ to, wenn uns jetzt ſo ein Fremder, der Dich nie ge⸗ ſehen haͤtte, entgegen käme, denkſt Du wohl, daß er je glauben wuͤrde, Du waͤreſt der beſte Maler in der Welt, wie Du es denn doch wirklich biſt? Worauf Giotto ihm ſchnell zur Antwort gab: Meſſer, ich glaube, dann wuͤrde er's auch glauben, wenn er, indem er Euch anſehe, kaum glauben wuͤrde, ob Ihr das ABC koͤnntet. Als Meſſer Foreſe dies hoͤrte, ſah er ſeinen Irrthum ein, und merkte, daß er mit eben der Muͤnze bezahlt worden wäre, mit welcher er ihm ausgezahlt haͤtte. Sechſter Tag. Sechſte Novelle. Michael Scalza beweiſt einigen jungen Leuten, daß die Ba⸗ 1 ronci die edelſten Menſchen zu Waſſer und zu Lande waͤren, und gewinnt dadurch ein Abendeſſen. Noch lachten die Damen uͤber Giotto's ſchnelle Antwort, als die Koͤniginn Fiammetten zu folgen gebot, welche dann ſo zu reden begann: Junge Damen, Pamphilus Erwähnung der Ba⸗ ronci, die Ihr vielleicht nicht, ſo wie er, kennen 1 werdet, ruft mir eine Novelle ins Gedaͤchtniß zuruͤck, 1 in welcher ſich deutlich zeigt, wie groß ihr Adel iſt, ohne daß ich dadurch von unſerem Vorſatz abkäme; und deshalb will ich ſie Euch erzaͤhlen. 3 Es iſt eben noch nicht viel Zeit verfloſſen, als in unſerer Stadt ein junger Menſch lebte, Namens Michdel Sealza, welches der luſtigſte und fröhlichſte Menſch von der Welt war, und der die neueſten Ge⸗ ſchichten immer bei der Hand hatte. Deshalb ſahen„ es die andern jungen Florentiner ſehr gern, ihn, ſo oft ſie ſich in Geſellſchaft befanden, bei ſich haben zu koͤnnen. Eines Tages begab es ſich, daß er mit noch einigen Andern ſich auf Mont' Ughi befand, woſelbſt 1 eine Streitfrage unter ihnen ſich erhob, dieſer Art 3 nämlich, welches wohl die edelſten und alteſten Men⸗ 1 ſchen in Florenz waͤren. Da ſagten denn einige die Uberti, andere die Lamberti, ein Anderer nannte die, ein Anderer wieder jene, je nachdem ſie ihm gerade einfielen. Sechſte Novelle. 15 Als Sealza dies hoͤrte, fing er an zu grinſen, und ſagte: Ha, geht mir doch, Ihr Narren, die Ihr alle ſeyd, Ihr wißt nicht was Ihr ſprecht. Die edelſten und älteſten Menſchen, und nicht allein in Florenz, ſondern auf der ganzen Welt, und auch in dem Bebelande ſind die Baronci; und darin ſtimmen alle Fiſolophen und alle Menſchen, die ſie ſo kennen wie ich, uͤberein; und damit Ihr darunter keine an⸗ dern verſteht, ſo ſage ich eben die Baronci, Eure Nachbarn bei Santa Maria Maggiore. Als die jungen Leute, welche hofften, er wuͤrde ganz was anderes ſagen, dies hoͤrten, lachten ſie ihn Alle aus, und ſagten: Du haſt uns zum Narren, als wenn wir die Baronci nicht eben ſo gut kennten, wie Du. Da ſagte Scalza: Auf Seligkeit, das thue ich nicht, ich rede die reine Wahrheit, und wenn keiner hier iſt, der mit mir auf ein Abendeſſen ſetzen will, was er dem, der gewinnt, mit ſammt ſechs Anderen, wie er ſie nur immer ſich ausſuchen mag, geben ſoll, ſo ſetze ich recht gern eins; ja, ich will noch mehr thun, ich will es auf den Ausſpruch Jedes, den Ihr wollt, ankommen laſſen. Da ſagte Einer von ihnen, welcher Neri Man⸗ nini hieß, das Abendeſſen will ich wohl gewinnen! Nachdem ſie hierauf uͤber Peter den Florentiner als Richter mit einander einig geworden waren, in deſſen Hauſe ſie ſich befanden, wandten ſie ſich an ihn; die Andern alle aber, welche ſehen wollten, wie Scalza verlieren wuͤrde, und ſie ihn dann daruͤber 2 Sechſter Tag. necken wollten, erzahlten ihm nun alles, was vorge⸗ fallen war. Peter, der ein beſcheidener junger Mann war, hoͤrte zuvoͤrderſt Neri's Gruͤnde, dann wandte er ſich an Scalza und ſagte: Nun, wie willſt Du beweiſen, was Du behaupteſt? Wie? ſagte Scalza; das will ich auf ſolche Art beweiſen, daß nicht nur Du, ſondern Jeder, der es läugnet, ſagen ſoll, ich habe Recht. Ihr wißt doch, je älter die Menſchen ſind, je edeler ſind ſie; denn ſo iſt unter dieſen allen jetzt eben hier geſprochen; die Baronci ſind älter, als irgend ein anderer Menſch, und darum ſind ſie die Idelſten. Wenn ich Euch nun aber eben werde bewieſen haben, daß ſie die al⸗ teſten ſind, ſo werde ich ohne Zweifel die Wette doch gewonnen haben. Ihr muͤßt aber wiſſen, die Ba⸗ ronci wurden von unſerm Herrn Gott zu einer Zeit gemacht, als er eben erſt anfing bilden zu lernen, die andern Menſchen aber wurden dann gemacht, als unſer Herr Gott ſchon zu bilden verſtand. Und daß ich die Wahrheit ſage, darüber duͤrft Ihr nur'mal einen Blick auf die Baronci und die andern Men⸗ ſchen werfen; da werdet Ihr alle Anderen mit woyl geformten und gebuͤhrendermaßen proportionirlichen Geſichtern ſehen; die Baronci aber ſehet Ihr, die⸗ ſen mit einem viel zu langen und zuſammengepreßten Geſichte, der hat ein über alles Geſchick breites, jener da hat eine viel zu lange Naſe, dieſer hat ſie viel zu kurz, ein anderer mit einem Kinn, was ſich heraus und in die Hoͤhe draͤngt, und mit Kinnladen, „ e——+—„—— —e e— 88 Siebente Novelle. welche Eſels⸗Kinnbacken zu ſeyn ſcheinen: dann gibt es wieder einen ſolchen, der hat ein weit groͤßeres Auge wie das andere, der wieder hat eins tiefer wie das andere, ſo wie die Geſichter zu ſeyn pflegen, wie ſie die Kinder machen, ehe ſie mahlen gelernt haben. Daher iſt es ganz deutlich, wie ich ſchon geſagt habe, daß unſer Herr Gott ſie machte, als er erſt bilden lernte. Darum ſind ſie weit älter als die andern, und darum auch viel ädeler. Hieruͤber fingen Peter, welcher der Richter war, und Neri, der das Abendeſſen geſetzt hatte, und jeder Andere, der ſich des Vorhergegangenen erinnerte und Scalza's luſtiges Argument gehoͤrt hatte, kurz alle mit einander gewaltig an zu lachen und verſicherten⸗ Scalza haͤtte Recht, und er häͤtte das Abendeſſen ge⸗ wonnen; denn die Baronci wären die aͤdelſten und äl⸗ teſten Menſchen, die es nur gäbe, und nicht allein in Florenz, ſondern in der ganzen Welt und auf dem Bebelande. Und deshalb ſagte Pamphilus mit Recht, als er die Scheußlichkeit von Meſſer Foreſe's Ge⸗ ſicht anzeigen wollte, daß es ſelbſt das abſcheulichſte von allen Fratzen⸗Geſichtern entſtellt haben wuͤrde. Siebente Novelle. Madonna Filippa wird von ihrem Manne mit ihrem Lieb⸗ haber betroffen und vor Gericht gerufen; durch eine ſchnelle und ſcherzhafte Antwort befreit ſie ſich, und ver⸗ urſacht die Milberung eines Statutes. Schon ſchwieg Fiammette und Jeder lachte noch uͤber das neue Argument, was Scalza dazu ange⸗ Boccaccio's ſämmtl. W. 5. 18 Sechſter Tag⸗ wandt hatte, um die Fratzengeſichter uͤber alle andern zu adeln, als die Koͤnigin Philoſtratus zu erzaͤhlen aufgab, und der fing alſo zu reden an: Ehrenwerthe Frauen, es iſt in jeder Hinſicht eine herrliche Sache, gut ſprechen zu koͤnnen, aber ich halte das fuͤr die allerherrlichſte, wenn man es gerade da zu thun weiß, wo die Nothwendigkeit es erfordert. Dies verſtand eine artige Frau, von der ich Euch jetzt unterhalten will, ſo vortrefflich, daß ſie nicht allein Scherz und Lachen bei den Zuhoͤrern erweckte, ſondern ſich ſelbſt auch aus den Schlingen eines ſchimpflichen Todes loswickelte, ſo wie Ihr es ſogleich hoͤren ſollt. In der Landſchaft Prato war einſt ein Statut, in Wahrheit nicht weniger tadelnswuͤrdig als hart, welches, ohne irgend einen Unterſchied zu machen, gebot, daß die Frau, welche von ihrem Manne mit irgend einem Liebhaber im Ehebruch betroffen wor⸗ den, eben ſo gut verbrannt werden ſollte, als die, welche mit irgend einem andern Manne fuͤr Geld darin betroffen worden waͤre. Waͤhrend dieſes Sta⸗ tut beſtand, traf es ſich, daß eine edle, ſchoͤne und mehr als jede andere verliebte Frau, deren Name Madonna Filippa war, in ihrer eigenen Kammer des Nachts von Rinaldo Puglieſi, ihrem Manne, in den Armen Lazzarino's, aus der Familie Guazzaglio⸗ tri, eines edlen und ſchoͤnen jungen Mannes aus die⸗ ſer Gegend, welchen ſie ſo wie ſich ſelbſt liebte, uͤberraſcht worden war. Als Rinaldo dies ſah, ward er daruͤber ſo auf⸗ ern hlen icht ber mes t es der daß rern gen r es tut, art, hen, mit vor⸗ die, Held Sta⸗ und ame mer ,in lio⸗ die⸗ ebte, auf⸗ Siebente Novelle. gebracht, daß er ſich kaum enthalten konnte, auf ſie hinzuſtuͤrzen und Beide umzubringen; und haͤtte er ſich nicht vor ſich ſelbſt gefuͤrchtet, ſondern wäre dem Anfalle ſeines Zornes gefolgt, ſo haͤtte er es auch gethan. Wenn er ſich aber hierin auch maͤßigte, ſo konnte er doch den Wunſch nicht unterdruͤcken, daß das Pratenſer Statut das in Ausuͤbung bringen moͤchte, was ihm nicht zu thun erlaubt war, und das war der Tod ſeiner Frau. Da er nun, um das Vergehen der Frau zu be⸗ weiſen, hinreichende Beweismittel hatte, ſo klagte er, ſobald der Tag gekommen, ohne andern Rath anzu⸗ nehmen, die Frau an, und ließ ſie fordern. Die Frau, hochherzig, wie es im Allgemeinen die⸗ jenigen, welche recht verliebt ſind, auch wirklich zu ſeyn pflegen, verlor den Muth nicht, vielmehr war ſie, obgleich viele ihrer Freunde und Verwandte ſie als unbeſonnen davon abriethen, durchaus entſchloſſen zu erſcheinen, und wollte lieber mit dem Geſtändniß der Wahrheit feſten Muthes ſterben, als auf eine ge⸗ meine Art fliehend und mit Schmach in der Ver⸗ bannung leben, und ſich eines ſolchen Liebhabers, als derjenige war, in deſſen Armen ſie die vergangene Nacht zugebracht, fuͤr unwuͤrdig erklaͤren. Nachdem ſie alſo, begleitet von vielen Frauen und Männern, von welchen allen ſie zum Läugnen beſtaͤrkt wurde, vor den Richter gekommen war, fragte ſie mit feſtem Blicke und kraͤftiger Stimme, was er von ihr ver⸗ langte. Der Richter, ſie anſehend, fand, daß ſie ſehr Sechſter Tag⸗ ſchoͤn und von einem ſehr lobenswerthen Weſen waͤre, und, nach dem, was ihre Worte bewieſen, eine große Seele haͤtte, fing daher an, Mitleiden mit ihr zu haben, indem er fuͤrchtete, ſie moͤchte ein Geſtaͤndniß thun, weßhalb er, wenn er ſeine Ehre retten wollte, gezwungen wäre, ſie zum Tode zu verurtheilen. In⸗ deſſen da er doch nicht umhin konnte, ſie um das zu befragen, was ihr Schuld gegeben worden, ſo ſagte er zu ihr: Madonna, wie Ihr ſehet, iſt Rinaldo, Euer Mann, hier zur Stelle, und beklagt ſich uͤber Euch, daß er Euch mit einem andern Manne im Ehebruche betroffen habe; und deshalb verlangt er, daß ich, nach einem Statute, was hier beſtehet, Euch dafuͤr mit dem Tode beſtrafe. Das kann ich aber nicht, wenn Ihr es nicht ſelbſt eingeſtehet, deshalb ſehet Euch wohl vor, was Ihr antwortet, und ſaget mir, iſt das wahr, woruͤber Euer Mann Euch anklaget? Die Frau, ohne nur im mindeſten aus der Faſ⸗ ſung zu kommen, antwortete mit ſehr freundlicher Stimme: Herr, wahr iſt es, daß Rinaldo mein Mann iſt, und daß er mich die vergangene Nacht in Lazza⸗ rino's Armen getroffen hat, in welchen ich mich nach der ſchoͤnen und vollkommenen Liebe, die ich fuͤr ihn hege, oͤfter befunden habe, und das werde ich nim⸗ mermehr laͤugnen. Aber, da ich uberzeugt bin, daß Ihr es wohl wiſſen werdet, Geſetze muͤſſen allge⸗ mein und mit Uebereinſtimmung derer gemacht ſeyn, die ſie angehen. Allein dies trifft bei dieſem nicht ein; es zwingt nur bloß die unglücklichen Weiber, äre, roße r zu dniß Ute, In⸗ s zu agte uer uch, uche ich, afuͤr cht, ehet mir, t? Faſ⸗ cher ann zza⸗ ach ihn im⸗ daß Ige⸗ eyn, icht ber, Siebente Novelle. 24 welche doch weit eher als die Männer Vielen genü⸗ gen könnten; und uͤberdies nicht zu gedenken, daß keine Frau, als es gemacht ward, ihre Einſtimmung dazu gegeben hat; ſo iſt vielmehr nimmermehr auch nur eine einzige darum befragt worden, und darum kann es mit Recht hinterliſtig genannt werden. Und wollt Ihr etwa zum Praͤjudiz meines Körpers und Eurer Seele, zum Vollſtrecker deſſelben werden, ſo ſteht es bei Euch; indeſſen ehe Ihr zu irgend einem urtheile vorſchreitet, bitte ich Euch, mir eine kleine Gunſt zu erzeigen, nämlich, daß Ihr meinen Mann vefraget, ob ich jedes Mal, und ſo oft es ihm nur gefiel, ohne nur ein einziges Mal nein zu ſagen, ihm uͤber mich ſelbſt volle Freiheit zugeſtanden habe, oder nicht.. Schnell gab Rinaldo, ohne zu warten, bis der Richter ihn befragte, hierauf zur Antwort, daß ohne allen Zweifel die Frau ihm, bei jedem ſeiner Wün⸗ ſche, ſein volles Vergnuͤgen zugeſtanden habe. Alſo, fuhr die Frau ſchnell fort, frage ich, Herr Richter, wenn er von mir ſtets erhalten hat, was er noͤthig hatte und was ihm gefiel, was ſollte, oder was ſoll ich denn mit dem anfangen, was er übrig hat? ſoll ich es vor die Hunde werfen? Iſt es da nicht viel beſſer, einen artigen Mann damit zu be⸗ dienen, der mich mehr wie ſich ſelbſt liebt, als es umkommen oder verderben zu laſſen? Hier waren zu einer ſolchen Unterſuchung, und da⸗ zu noch gegen eine ſolche und eine ſo beruͤhmte Frau, faſt alle Pratenſer zuſammengelaufen, welche, da ſie Sechſter Tag. dieſe luſtige Frage mit angehoͤrt hatten, ploͤtzlich nach vielem Lachen, wie aus einem Munde alle rie⸗ fen: Die Frau hat Recht, und ſpricht gut. Und ehe ſie noch von hier wieder fortgingen, ſchraͤnkten ſie, da der Richter ſelbſt ſie darin beſtärkte, das grau⸗ ſame Statut ein, und ließen es nur allein fur dieje⸗ nigen Frauen Anwendung finden, welche ſich fuͤr Geld gegen ihre Maͤnner vergingen. Rinaldo, uͤber ein ſo thoͤrichtes Unternehmen ganz beſtuͤrzt, verließ das Gericht, und die Frau kehrte froͤhlich und frei, als wenn ſie aus dem Feuer gerettet worden waͤre, nach ihrer Wohnung ruhm⸗ voll zuruͤck. Achte Novelle. Fresco ermahnt die Nichte, ſich nicht in dem Spiegel zu beſehen, wenn, wie ſie ſagte, die Widerwärtigen ihr ſo fatal wären. Die von Philoſtratus erzaͤhlte Novelle reizte an⸗ fanglich ein wenig die Schamhaftigkeit in den Her⸗ zen der zuhoͤrenden Damen auf, und ſie bewieſen es durch die ehrbare Roͤthe, welche ſich auf ihren Geſich⸗ tern zeigte; und doch konnten ſie ſich kaum, wenn eine die andere anſah, des Lachens erwehren, als ſie ſchmunzelnd ſie mit anhoͤrten. Indeſſen da er ans Ende damit gekommen war, wandte die Koͤnigin ſich zu Emilien, und trug ihr auf zu folgen. Schnau⸗ fend, nicht anders, als wenn ſie aus dem Schlaf ſich erhoͤbe, fing ſie an: Liebe junge Mädchen, ob mich gleich ein langer e lich rie⸗ ehe ſie, rau⸗ ieje⸗ fuͤr men rau euer hm⸗ lzu r ſo an⸗ Her⸗ 1es ſich⸗ eine ſie ans ſich tau⸗ ſich ger Achte Novelle. 23 Gedanke eine ganze Weile ſehr weit von hier ent⸗ fernt gehalten hat, ſo will ich, um dem Befehle un⸗ ſerer Koͤnigin nachzukommen, vielleicht mit einer weit kleineren Novelle deſſelben mich entledigen, als ich gethan haben wuͤrde, wenn ich meine Gedanken hier gehabt haͤtte, und will ich Euch den thörichten Irr⸗ thum eines Mädchens erzählen, den ihr Onkel durch ein ſcherzhaftes Wort verbeſſern wollte, wenn ſie im Stande geweſen wäre, daſſelbe zu verſtehen. Es hatte alſo ein Gewiſſer, der ſich Fresco da Celatico nannte, eine Nichte, die man mit einem Schmeichelnamen Ceska nannte. Dieſe, wenn ſie auch gleich eine recht ſchoͤne Geſtalt und auch ein huͤbſches Geſicht hatte, dennoch aber kein ſo engli⸗ ſches Maͤdchen war, wie wir deren wohl viele geſe⸗ hen haben, hielt ſich fuͤr ſo hoch und ſo edel, daß es ihr zur Gewohnheit geworden war, Maͤnner und Frauen, und alles was ſie ſah, zu tadeln, ohne auf ſich ſelbſt nur die mindeſte Ruͤckſicht zu nehmen, da ſie ſelbſt doch ſo mißfaͤllig, ſo ſelbſtgefällig, ſo reizbar war, wie nur irgend eine, daß ihr nichts recht gemacht werden konnte; und über dies alles war ſie ſo ſtols, daß⸗ wenn ſie aus dem koͤniglichen Hauſe von Frankreich hergeſtammt wäre, es ungeziemend wuͤrde geweſen ſeyn. Und wenn ſie auf der Straße ging, ſo roch ihr alles ſo ekelig an, daß ſie nichts anders that, als die Naſe ruͤmpfen, ſo, als wenn ihr von allem, was ſie ſah oder ihr begegnete, der haͤßlichſte Geſtank entgegen käme. Ihre andern widerwaͤrtigen und ver⸗ haßten Manieren jett bei Seite geſetzt, begab es ſich 24 Sechſter Tag. eines Tages, daß, als ſie nach Hauſe zuruͤckkehrte, wo Fresco ſich aufhielt, und ſie ſich voll ekeler Zie⸗ rereien in ſeine Nähe ſetzte, ſie nichts anderes that als keichen, weßhalb denn Fresco ſie fragte: Ceska, was ſoll das heißen, es iſt heute ein Feſttag, und doch biſt Du ſo fruͤh nach Hauſe gekommen? Mit der widrigſten Ziererei antwortete ſie: Es iſt wahr, ich bin bald wieder gekommen, weil ich nicht glaube, daß es in dieſem Lande widerwärtigere oder unausſtehlichere Männer oder Frauen gibt, als wie ſie heute ſind; und es iſt keiner uͤber die Straße gegangen, der mir nicht mehr mißfallen hätte als das boͤſe Uebel; ich glaube auch, es iſt in der Welt keine Frau, der es fataler ware, ſolche Widerwärti⸗ gen zu ſehen, als mir, und um die nicht zu ſehen⸗ bin ich nach Hauſe zuruͤckgekommen. Fresco, dem die unausſtehlichen Manieren der Nichte gewaltig mißfielen, ſagte: Kind, wenn Dir die Widerwärtigen ſo widerwärtig ſind, ſo ſieh Dich niemals im Spiegel, wenn Du vergnuͤgt leben willſt. Sie aber eitler wie ein Rohr, ob ſie ſich gleich weiſer duͤnkte als Salomo, verſtand doch nicht anders, wie ein Schoͤps, Fresco's wahres Wort; ja ſie ſagte ſogar: ſie wuͤrde ſich in den Spiegel ſehen, wie die anderen. Und ſo verblieb ſie in ihrer Dummheit und ver⸗ harrt auch noch darin. Neunte Novelle. Guido Cavalcanti gibt gewiſſen florentiniſchen Cavalieren, te, ie⸗ at ka, nd Es ch re s ße 18 lt i⸗ n Neunte Novelle. die ihn uͤberraſcht hatten⸗ durch ein Witzwort auf feine Art eine Naſe. Da die Koͤnigin merkte, daß Emilie ſich ihrer Novelle entlediget hatte, und daß Keiner zum ſpre⸗ chen mehr uͤbrig wäre, als ſie(ausgenommen der, welcher das Recht hatte, zuletzt zu ſprechen), fing ſie alſo zu reden an. Ov mir gleich, liebliche Maͤdchen, von Euch vor⸗ her zwei von den Novellen genommen worden ſind, von denen ich Euch eine zu erzählen gedachte, ſo iſt mir doch noch eine zum Erzählen übrig geblieben, de⸗ ren Schluß ein Witzwort ſolcher Art enthaͤlt, wie uns vielleicht keines von ſolcher Energie erzahlt worden. Ihr ſollt nämlich wiſſen, in den vergangenen geiten waren in unſerer Stadt ſehr ſchoͤne und loͤb⸗ liche Gebrauche, von denen heute auch kein einziger mehr ubrig geblieben iſt; was wir dem Geis zu ver⸗ danken haben, welcher eben in unſerer Stadt mit den Reichthuͤmern, von welchen ſie alle verjagt worden ſind, gewachſen iſt. Unter dieſen war auch folgen⸗ der, daß an verſchiedenen Orten in Florenz edle Mäaͤnner aus einer Gegend ſich zuſammenthaten, und ihre Geſellſchaften von einer gewiſſen Zahl bildeten, wobei ſie darauf ſahen, ſolche Theilnehmer zuſam⸗ men zu bringen, welche die Koſten mit Bequemlich⸗ keit dazu tragen konnten, ſo daß heute einer, morgen ein anderer, und ſo der Reihe nach durch, Jeder an ſeinem Tage, fuͤr die ganze Geſellſchaft gedeckten Ziſch hielt. und yierbei ehrten ſie ſehr oft fremde Sechſter Tag. edle Maͤnner, wenn etwa welche ſich gerade da auf⸗ hielten, oder auch Buͤrger ſelbſt. Einmal wenigſtens im Jahre kleideten ſie ſich ganz gleich, und ſo rit⸗ ten ſie an den merkwuͤrdigſten Tagen durch die Stadt, und ſtellten Luſtgefechte an, beſonders an den vor⸗ zuglichſten Feſten, oder wenn eine froͤhliche Nachricht von einem Siege, oder ſonſt von etwas nach der Stadt gekommen war. Unter dieſen Geſellſchaften war eine von Meſſer Betto Brunelleschi, in welcher Meſſer Betto und ſeine Gefaͤhrten ſich vorgenom⸗ men hatten, Guido, einen Sohn Meſſer Cavaleanti, aus der Familie Cavalcanti mit hinein zu ziehen, und das nicht ohne Grund; denn außer daß er der veſte Logiker war, den nur die Welt hatte, und der beſte Naturphiloſoph(warum ſich die luſtige Geſell⸗ ſchaft wenig bekuͤmmerte) war er der feinſte und ge⸗ ſittetſte Menſch, der die Sprache ganz in ſeiner Ge⸗ walt hatte, und der alles, was er thun wollte, und was einem edlen Manne zukam, beſſer, als nur ir⸗ gend einer verſtand; der uͤberdies noch ſehr reich war, und Jeden, von dem er einſah, daß er es ver⸗ diente, ſo zu ehren wußte, wie man es nur wuͤnſchen konnte. Indeſſen Meſſer Betto hatte es nie gluͤcken wollen, ihn an ſich zu ziehen, und er glaubte mit ſeinen Gefaͤhrten, das kaͤme daher, weil Guido, wenn er zuweilen in Spekulationen vertieft waͤre, ſich we⸗ nig um andere Menſchen bekuͤmmerte. Und wenn er auch gleich zuweilen etwas an die Meinung der Epi⸗ kuraer anſtreifte, ſo hieß es bei dem gemeinen Volke, dieſe ſeine Spekulationen beſtaͤnden allein nur darin, auf⸗ tens rit⸗ adt, vor⸗ richt der ften cher om⸗ nti, hen, der der ſell⸗ ge Ge⸗ und rir⸗ reich ver⸗ ſchen ͤcken mit wenn we⸗ mn er Epi⸗ oe, arin, Neunte Novelle. 27 daß er bemuͤht waͤre, ob er nicht finden koͤnnte, daß es keinen Gott gäbe. Eines Tages begab es ſich, daß Guido von der Michaelis⸗Kirche weggegangen, und uͤber den Corſo Adimari bis zum St. Johannis gekommen war, wel⸗ ches oͤfter ſein Weg zu ſeyn pflegte. Die großen Marmor⸗Gewoͤlbe, welche heutiges Jages, ſo wie auch noch viele andere in der Kirche San Reparata ſind, ſtanden damals in der Gegend der St. Johan⸗ niskirche. Zwiſchen den Porphyr⸗Soͤulen, welche dort ſtehen, jenem Gewoͤlbe und dem Portal der St. Johanniskirche, welches verſchloſſen war, befand er ſich, als Meſſer Betto mit ſeiner Geſellſchaft zu Pferde über den Platz San Reparata kam. Sobald dieſer Guido unter den Grabmaͤlern bemerkte, ſagte er: Kommt, wir wollen ihm Eins anhaͤngen. Sie ſpornten ihre Pferde an, und uͤberfielen ihn gleich⸗ ſam in einem luſtigen Ueberfalle faſt eher noch, als er ſich deſſen verſah, und redeten ihn ſo an: Guido, Du haſt es immer ausgeſchlagen, von un⸗ ſerer Geſellſchaft zu ſeyn, aber ſieh einmal, was haſt Du nun davon, wenn Du es wirſt gefunden ha⸗ ben, daß kein Gott iſt. Da Guido ſich von ihnen eingeſchloſſen ſah, ſagte er zu ihnen: Meine Herren, in Ihrem Hauſe koͤnnen Sie mir freilich ſagen, was Ihnen beliebt. Darauf legte er die Hand auf eine der Säulen, ſo groß wie ſie waren, nahm, da er ſehr behende war, einen Sprung, und ſchwang ſich nach der andern Seite Sechſter Tag. hinuͤber, ſo daß er ſich von ihnen losmachte und ſei⸗ ner Wege ging. Sie ſtanden alle und ſahen ſich einander an; dann ſagten ſie, daß er nicht recht bei Troſt wäre, und daß das, was er ihnen geantwortet hätte, ſo viel N wie nichts ſagte; denn da, wo ſie ſich befaͤnden, haͤt⸗ an ten ſie nicht mehr zu ſchaffen, als alle andere Buͤr⸗ ch ger, und auch Guido nicht weniger, als irgend einer w ₰½ von ihnen. ge Da wandte ſich Meſſer Betto zu ihnen und 1 ſagte: Ihr ſeyd nicht recht bei Troſte, wenn Ihr he ihn nicht verſtanden habt; er hat uns auf eine recht ko gehoͤrige Weiſe die groͤßte Sottiſe von der Welt ge⸗ n ſagt; denn ſehet einmal recht um Euch her, dieſe ch Gewoͤlbe ſind die Wohnungen der Todten, denn in te ihnen ſtehen und werden die Todten beigeſetzt, und ei dieſe ſagt er, waͤren unſere Häuſer, um uns zu zei⸗ p gen, daß wir und andere unwiſſende und ungelehrte v 1 Menſchen, in Vergleichung mit ihm und anderen Ge⸗ C lehrten, noch ſchlechter wie todte Menſchen wärenz g denn hier, wo wir uns befänden, wären wir in un⸗ n ſeren Haͤuſern. S Da ſah ein Jeder von ihnen ein, was Guido hatte ſagen wollen und ſchämte ſich; es kam ihnen i auch nie wieder ein, ihm Eins anhängen zu wollen;( Meſſer Betto aber hielten ſie fuͤr einen feinen und k einſichtigen Mann. t Zehnte Novelle. Bruder Zipolla verſpricht gewiſſen Bauern, ihnen die Fe⸗ ſe i⸗ an; äre, viel ͤt⸗ zuͤr⸗ iner und Ihr echt ge⸗ ieſe in und zei⸗ hrte Ge⸗ en; un⸗ tido nen len; und Zehnte Novelle. der des Engel Gabriel zu zeigen; da er aber ſtatt der⸗ ſelben Kohlen findet⸗ ſagt er, es waͤren von denen, wor⸗ auf der heilige Lorens gebraten worden. Da ein Jeder aus der Geſellſchaft mit ſeiner Novelle fertig war, merkte Dioneus, daß das Reden an ihm ſtände. Ohne daher noch erſt einen foͤrmli⸗ chen Befehl abzuwarten, fing er, nachdem denen, welche das ſinnige Wort Guido's lobten, Stillſchwei⸗ gen aufgelegt worden, alſo an: Reizende Damen, ob ich gleich das Vorrecht habe, von dem, was mir mehr gefaͤllt, ſprechen zu koͤnnen, ſo will ich doch heute mich von dem Stoffe nicht entfernen, uͤber welchen Ihr ſo paſſend geſpro⸗ chen habt, ſondern ich will in Eure Fußſtapfen tre⸗ ten, und beabſichtige, Euch zu zeigen, wie vorſichtig einer der Bruͤder des heiligen Antonius auf einem plotzlichen Auswege einem Hohne entging, der ihm von zwei jungen Leuten zugedacht war. Es muͤſſe Euch auch nicht beſchwerlich ſeyn, wenn ich, um die ganze Novelle gut zu erzaͤhlen, mich im Reden et⸗ was ausbreite, ſolltet Ihr ſelbſt auch nach der Sonne ſehen, die jetzo noch mitten am Himmel ſteht. Certaldo, wie Ihr vielleicht gehört haben koͤnnt, iſt ein Caſtell im Val d'Elſa, in unſerem Stadt⸗ Geviete gelegen, welches, wenn es auch gleich nur klein iſt, dennoch einſt von edeln und wohlhabenden Leuten bewohnt ward. Weil ſich daſelbſt eine gute Weide befand, pflegte einer von den Bruͤdern des beiligen Antonius ſeit langer Zeit alle Jahre ein⸗ mal hin zu gehen, um die Almoſen einzuſammeln, Sechſter Tag. die ihnen von den Thoren daſelbſt geſpendet wurden, we er hieß Bruder Zipolla, den man vielleicht ſeines die Namens wegen, als auch ſeiner uͤbrigen Heiligkeit ſin wegen nicht weniger gern ſah, weil dieſer Landſtrich me die beruͤhmteſten Bollen in ganz Toscana hervorbringt. gei 1 Dieſer Bruder Zipolla war von Perſon klein, na hatte rothes Haar, ein froͤhliches Geſicht und der ter õ ärgſte Praktikenmacher von der Welt; uͤberdies aber Et war er, obgleich er auch gar nichts wußte, der beſte we und der fertigſte Sprecher, ſo, daß, wer ihn nicht W gekannt, ihn nicht allein fuͤr einen großen Redner lie wuͤrde gehalten und geſagt haben, es waͤre Jullius ke ſelbſt, oder wohl gar Quintilian. Dadurch war er ur nun faſt von Allen in der ganzen Umgegend Gevat⸗ de ter oder Freund oder wohlwollender Goͤnner geworden. h Seiner Gewohnheit nach ging er im Monat bi Auguſt unter andern auch einmal dahin, und eines z Sonntags Morgens, als alle fromme Maͤnner und i Frauen aus den Doͤrfern herum zur Meſſe gekom⸗ men waren, trat er, als es ihm Zeit zu ſeyn ſchien, aus der Pfarr⸗Wohnung hervor, und ſagte: Ihr Maͤnner und Ihr Frauen, wie Ihr wißt, iſt es Eure Gewohnheit, jaͤhrlich an die Armen des n allergnädigſten heiligen Meſſer Antonio von Euren u Fruͤchten und Eurem Getreide, dieſer wenig, jener mehr, nach ſeinem Vermoͤgen oder nach ſeiner Froͤm⸗ 5 migkeit zu uͤberſenden, damit der ſelige heilige An⸗ tonius Euer Schutz ſey fuͤr Eure Stiere, Eure Eſel, Eure Schweine und Eure Schafe; und uͤberdies pflegt Ihr auch beſonders uͤber die kleinen Schulden, den, nes keit rich ngt. ein, der ber eſte icht ner lius er vat⸗ den. nat ines und om⸗ ien, ißt, des uren ener om⸗ An⸗ Sſel, dies Zehnte Novelle. welche alljaͤhrlich ein Mal bezahlt werden muͤſſen, noch diejenigen, welche unſerer Geſellſchaft zugeſchrieben ſind, zu zahlen; dieſe einzuſammeln bin ich von meinem Oberen, das heißt, von dem Herrn Abt, ab⸗ geſendet werden; darum kommt mit Gottes Huͤlfe nach der None, wenn Ihr die Glocken werdet laͤu⸗ ten hoͤren, hierher außerhalb der Kirche, woſelbſt ich Euch, nach gebraͤuchlicher Weiſe die Predigt halten werde, dann werdet Ihr das Kreuz kuͤſſen, und ich will uberdies noch(weil ich Euch alle als dem hei⸗ ligen, gnaͤdigen Herrn Antonius ſo ganz ergeben kenne), aus beſonderer Gnade eine uͤberaus heilige und ſchoͤne Reliquie zeigen, welche ich ſelbſt einſt aus den heiligen Ländern jenſeits des Meeres mitgebracht habe; und dies iſt eine der Federn des Engels Ga⸗ briel, welche in der Kammer der Jungfrau Maria zuruckblieb, als er ihr in Nazareth die Verkuͤndigung uberbrachte. Nachdem er dies geſagt, ſchwieg er, und kehrte in die Meſſe zuruͤck. Als Bruder Zipolla dies vortrug, befanden ſich unter den vielen andern auch zwei liſtige junge Maͤn⸗ ner in der Kirche, der eine Johann von Bragoniera und der andere Biagio Pizzini genannt; dieſe, ob ſie gleich ſehr ſeine guten Freunde waren, und mit zu ſeiner Geſellſchaft gehoͤrten, lachten doch herzlich mit einander uͤver Bruder Zipolla's Reliquie, und nahmen ſich vor, ihm mit dieſer Feder einen Poſſen zu ſpielen. Sie hatten erfahren, daß Bruder Zipol⸗ la auf dem Schloſſe mit einem Freunde zu Mittag 32 Sechſter Tag. äße, ſobald ſie daher wußten, daß er am xiſche wäre, gingen ſie auf die Straße hinab, und nach dem Wirthshauſe, wo Bruder Zipolla abgetreten war, mit dem Vorſatz, daß Biagio Bruder Zi⸗ polla's Diener mit Worten hinhalten ſollte, bis Johann unter den Sachen des Bruders dieſe Feder, was ſie auch ſeyn moͤchte, herausgeſucht, und ſie ihm weggenommen haͤtte, um zu ſehen, was er hierauf zum Volke ſagen wuͤrde. Bruder Zipolla hatte einen Diener, den einige Hinze Plumperjan, andere Hinze Wiſchewaſche und einige Hinze Schweinepelz nannten. Dies war ein ſo ſchlechter Kerl, daß in allem Ernſt Lippo Topo keinen ſo ſchlecht gemacht hat. ueber dieſen pflegte Bruder Zipolla ſich bei ſeinen Kumpanen luſtig zu machen, wenn er ſagte: Mein Diener hat Neunerlei an ſich, von denen eins, wenn es Salomo oder Ari⸗ ſtoteles, oder Seneca an ſich gehabt hätte, alle ihre Tugenden, allen ihren Verſtand, alle ihre Heiligkeit zu verderben im Stande geweſen wäre. Nun denkt einmal, was das fuͤr ein Kerl ſeyn muß, der weder eine Tugend, noch Verſtand, noch Froͤmmigkeit beſitzt, und doch neun gute Eigenſchaften hat. Wenn ſie ihn dann zuweilen etwa fragten, was das fuͤr Neu⸗ nerlei wäre, antwortete er, wie er ſie in Reime ge⸗ bracht hatte, das will ich Euch ſagen: Schmutzig iſt er, träg' und faul, Lug und Trug nur ſpricht ſein Maul, Liederlich und ſittenlos Legt er dumm die Haͤnd' in'n Schooß. Un lich und ßen ſo wär lief loͤre es 1 chen kom ſo k ten wie ſche ach eten Zi⸗ bis der, hm auf ige und ein opo gte zu rlei ri⸗ hre keit nkt der tzt, ſie eu⸗ ge⸗ Zehnte Novelle. 33 Außer allen dieſen hat er noch ſo einige kleine Schandfleckchen, die man aber beſſer verſchweigt. Und was bei allen ſeinen Handlungen noch das Laͤcher⸗ lichſte iſt, allenthalben will er eine Frau nehmen, und ein Haus miethen, und ob er gleich einen gro⸗ ßen, ſchwarzen und ſchmierigen Bart hat, glaubt er ſo ſtark doch, ſchoͤn und liebenswuͤrdig zu ſeyn, daß er ſich einbildet, ſo viel Frauen ihn nur anſaͤhen, wären in ihn verliebt; und wenn man ihn ließe, liefe er hinter alle her, bis er die Hacken ver⸗ löre. Es iſt wahr, er iſt mir von großer Huͤlfe, denn es will Keiner mich auch noch ſo im Geheimen ſpre⸗ chen, wo er nicht auch ſein Theil hoͤren wollte; und kommt es einmal, daß ich um etwas befragt werde, ſo hat er ſo große Furcht, ich moͤchte nicht antwor⸗ ten koͤnnen, daß er ſchnell ja oder nein antwortet, wie er glaubt, daß es paſſend iſt. Dieſen hatte Bruder Zipolla im Wirthshauſe zuruͤckgelaſſen, und befohlen, er möchte wohl Achtung geben, daß Niemand ſeine Sachen anruͤhre, und be⸗ ſonders nicht ſeinen Querſack, weil in demſelben die heiligen Sachen waren. Hinze Wiſchewaſche aber, der lieber in der Kuͤche war, als auf grünen Zweigen die Nachtigall, und beſonders wenn er eine Magd darin merkte, hatte in der des Wirthes eine dicke, fette, kleine und haͤßliche erblickt, mit einem Paar Bruͤſten, die zwei Miſt⸗Koͤrbe zu ſeyn ſchienen, und einem Geſichte, was wie eins der Baronci aus⸗ ſah, ganz ſchweißig, beſchmiert und eingeraͤuchert; zu dieſer ſtieg er, nicht anders als wenn der Geier Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 5. Sechſter Tag. ſich auf das Aas wirft, Bruder Zipolla's Zimmer verlaſſend, hinunter. Und ob es gleich im Auguſt war, ſetzte er ſich am Feuer nieder, und fing an, mit einer, die den Namen Nuta fuͤhrte, ſich in Worten einzulaſſen, ſagte ihr dann, daß er fuͤr einen Verwe⸗ ſer ein ganz ehrlicher Kerl wäre, daß er mehr als neun Mal hunderttauſend Thaler hätte, ohne die, welche er an Andere auszahlen muͤſſe, welches eher mehr als weniger ſeyn koͤnnten, und daß er ſo viel ſchoͤne Sachen zu ſagen und zu machen verſtände, als nur irgend ein ſtudirter Herr. Und ohne auf ſeine alte Kappe zu ſehen, auf welcher ſo viel Fett ſaß, daß der Keſſel von Altoposcio damit haͤtte koͤnnen uͤberzogen werden, und auf ſeine zerriſſene und geflickte Jacke, welche rund herum am Halſe und unter den Achſeln von Unrath ſtarrte, und mehr Flecken und Farben hatte, als Tuch aus der Tartarei oder aus Indien, und auf ſeine ganz zerriſſenen Schuhe und zerloͤcher⸗ ten Struͤmpfe, ſprach er ſo zu ihr, als wäre er der Sir di Caſtiglione, der ſie einkleiden, haͤuslich ein⸗ richten, und aus dieſer ſchlechten Lage, bei Anderen zu dienen, herausziehen wolle, und ohne große Be⸗ ſitzungen zu haben, ihr die Hoffnung zu einer beſſern Lage verſchaffen koͤnnte. Und ſo dergleichen Dinge mehr, die, ob er ſie gleich ſehr leidenſchaftlich ihr vortrug, dennoch alle in den Wind gingen, wie es mit den meiſten ſeiner Unternehmungen der Fall war, welche ſich in Nichts aufloͤſeten. Die beiden jungen Leute fanden alſo Hinze Schweinepelz um Nuta'n beſchäftigt, woruͤber ſie nmen guſt mit rten rwe⸗ als die, eher viei „als ate ß der oen acke, hſeln arben dien, cher⸗ r der ein⸗ deren . Be⸗ eſſern mehr, trug, it den velche Hinzs Zehnte Novelle. ſehr zufcieden waren, weil ſie der haͤlften Muͤhe uͤberhoben wurden, und ihnen Keiner ſich widerſetzte, als ſie in Bruder Cipolla's Kammer, welche ſie offen fanden, hineingingen; das erſte, wonach ſie herum⸗ ſuchten, war der Querſack, in welchem ſich die Feder befand. Sie oͤffneten denſelben, und fanden in eine große Huͤlle von Zindel⸗Taffent ein kleines Kaͤſtchen eingewickelt, worin ſie, nachdem ſie es geoͤffnet hat⸗ ten, wieder eine Feder aus dem Schwanze eines Pa⸗ pageyes fanden, von welcher ſie glaubten, es muͤſſe diejenige ſeyn, die er den Certaldeſern zu zeigen ver⸗ ſprochen haͤtte. Und gewiß das konnte er zu damaliger Zeit den Leuten um ſo leichter glauben machen, weil die Weich⸗ lichkeiten Egyptens, wenigſtens nur einem kleinen Theile nach, erſt nach Toscana gekommen waren, ſo wie ſie nachher in groͤßter Menge zur Zerſtorung von ganz Italien dahin gekommen ſind; und da ſie uͤberhaupt wenig bekannt waren, ſo wußten in dieſer Gegend die Einwohner faſt gar nichts davon, ja, da die plumpe Ehrlichkeit der Alten noch immer fort⸗ dauerte, ſo hatten ſie ſeit langen Zeiten her der Pa⸗ pageyen nicht einmal erwähnen gehoͤrt, vielweniger welche geſehen. Die jungen Mäͤnner alſo zufrieden, die Feder gefunden zu haben, nahmen dieſelbe fort, und fuͤllten das Kaͤſtchen, um es nicht leer zu laſſen, mit Koh⸗ len voll, welche ſie in einem Winkel der Stube lie⸗ gen ſahen; dann ſchloſſen ſie daſſelbe wieder zu, brachten alles wieder in Ordnung, ſo wie ſie es ge⸗ 36 Sechſter Tag. funden hatten, und machten ſich, ohne geſehen wor⸗ den zu ſeyn, froh davon, erwartend, was Bruder Zipolla, wenn er ſtatt der Feder die Kohlen gefun⸗ den, ſagen wuͤrde. Die einfaͤltigen Maͤnner und Frauen, welche in der Kirche waren, da ſie hoͤrten, daß ſie die Feder des Engel Gabriels nach der None, wenn die Meſſe geleſen, ſehen ſollten, kehrten nach Hauſe zuruͤck, und da es ein Nachbar dem andern, und eine Frau Ge⸗ vatterin der andern geſagt hatte, liefen ſo viel Maͤn⸗ ner und ſo viel Frauen, nachdem ein Jeder gegeſſen hatte, in dem Schloſſe zuſammen, daß dieſes ſie kaum faſſen konnte, mit Sehnſucht wartend, dieſe Fe⸗ der zu ſehen. Als Bruder Zipolla gut geſpeiſt und dann ein wenig geſchlafen hatte, ſtand er bald nach der None auf, und da er werkte, daß eine große Menge Land⸗ volks hingekommen waͤre, um die Feder zu ſehen, ſchickte er nach Hinze Wiſchewaſche, daß er mit den Glocken hinaufkäme, und ſeinen Querſack mitbrächte. Nachdem ſich dieſer mit Muͤhe aus der Küche und von Nuta'n losgeriſſen hatte, ging er mit den geforderten Sachen hinauf; ſobald er keichend ange⸗ kommen war, denn durch das Waſſertrinken hatte der Leib ſehr zugenommen, ſtellte er ſich auf Zipol⸗ la's Befehl an die Kirchthuͤre, und fing mit den Glocken tuͤchtig an zu laͤuten. Als alles Volk hierauf verſammelt war, hub Bruder Zipolla, ohne gemerkt zu haben, daß etwas angeruͤhrt waͤre, mit ſeiner Predigt an, und machte ———————————————— Z— vie dar zei ab, ger put das ein net hie der nen ten als der die ihn ken er unt zun den und or⸗ der un⸗ in der eſſe und Ge⸗ aͤn⸗ ſſen ſie Fe⸗ ein one nd⸗ en, den hte. che den ge⸗ tte ol⸗ den hub vas Zehnte Novelle. viele Worte, die in ſeinen Kram paßten. Als er dann dahin kam, die Feder des Engel Gabriel zu zeigen, legte er mit großer Feierlichkeit eine Beichte ab, und ließ zwei Kerzen anzuͤnden; dann wickelte er gemächlich den Zindel ab, nachdem er vorerſt die Ka⸗ putze ſich vom Kopfe abgenommen hatte, und zog das Käſtchen heraus. Hierauf ſprach er vorerſt einige Worte zum Lobe und zur Empfehlung des Engels Gabriel und ſeiner Reliquie, und darauf öß⸗ nete er das Kaͤſtchen. Da er ſah, daß es voller Kohlen war, hatte er hieruͤber auf Hinze Plumperjan keinen Argwohn, daß der ihm das gethan haͤtte, weil er ihn ſo nicht ken⸗ nen gelernt hatte, auch war er deßhalb nicht ungehal⸗ ten gegen ihn, daß er nicht gehoͤrig Achtung gegeben, als ein Anderer ihm den Streich geſpielt habe; ſon⸗ dern er verdammte im Stillen ſich ſelbſt, daß er ihm die Aufſicht ſeiner Sachen anvertraut haͤtte, da er ihn doch als ungehorſam, traͤg, faul und dumm kenne. Indeſſen, ohne die Farbe zu verändern, hob er das Geſicht und die Haͤnde zum Himmel empor, und ſagte ſo, daß es von Allen gehoͤret werden konnte: O Gott, gelobt ſey auf ewig Deine Allmacht! Hierauf verſchloß er das Kaͤſtchen wieder, und zum Volke gewendet, ſprach er: Maͤnner und Frauen, ihr ſollt wiſſen, daß, als ich noch ſehr jung war, ich von meinem Oberen nach dem Lande hingeſandt wurde, wo die Sonne erſcheint, und da ward mir durch einen ausdruͤcklichen Befehl aufgetragen, daß ich ſo lange ſuchen ſollte, bis ich 38 Sechſter Tag. die Privilegien des Porzellans faͤnde, welche zwar nichts koſten, um ein Siegel darunter zu druͤcken, doch M aber Anderen weit nuͤtzlicher ſind als uns. Deßhalb machte ich mich auf den Weg, und von Venedig ab⸗. reiſend, kam ich durch das Griechen⸗Viertel, dann, Dr durch das Koͤnigreich Garbo gehend und durch Bal⸗ dacka reitend, kam ich nach Parion, von wo ich dann ich nicht ohne einigen Durſt nach Sardigna gelangte. Doch warum ſoll ich Euch alle die Länder herzählen, die ich durchſucht habe? Ich kam, nachdem ich die P St. Georgenſtraße paſſirt war, in Truffia und Buf⸗ ſia an, Länder, die ſehr, und von großen Voͤlkern, be⸗ 8 1 wohnt ſind. Von hier kam ich nach dem Lande Lü⸗ E 1 gen, woſelbſt ich viele von unſern Fratres und ande⸗ pe ren Religionen fand, dieſe ſuchten alle, aus Liebe 2 Gottes, hier jedem Ungemache zu entgehen, kümmer⸗ ten ſich wenig um fremde Beſchwerlichkeiten, und ² nur dann hoͤchſtens, wenn ſie ihren Nutzen davon ab⸗ ſahen, und gaben keine andere Muͤnze aus, als nur be ſolche, welche in dieſen Ländern keinen Stämpel hat. n Von da kam ich durch das Land von Abruzzo, wo die. Manner und die Frauen in Holzſchuhen auf den Berg 3 gehen, kleiden die Schweinchen in ihre eigenen Kal⸗ daunen; und weiter hin traf ich Voͤlker, die ihr e Brot in den Stoͤcken, und den Wein in Säaͤcken tru⸗ gen. Von dieſen kam ich zu den Wurm⸗Bergen, wo alles Waſſer bergab läuft. In kurzer Zeit ging ich ſo weit hinein, daß ich tief, bis nach dem Paſti⸗ b nak⸗Indien hin kam, wo ich, ich ſchwoͤre es Euch de bei dieſem Kleide, was ich auf meinem Leibe trage, „—————————————————————— war doch halb ab⸗ anmn, Bal⸗ dann ngte. hlen, h die Buf⸗ be⸗ Lu⸗ ande⸗ Liebe mer⸗ und ab⸗ n hat. o die Berg Kal⸗ e ihr tru⸗ rgen, ging aſti⸗ Euch rage, Zehnte Novelle. 39 Geflugeltes fliegen ſah; was Unglaubliches fur den, der es nicht geſehen hat. Aber hieruͤber ſoll mich Maſo del Saggio nicht zum Lugen bringen, den ich als einen großen Kaufmann dort fand, als er Nuͤſſe knackte und die Schaalen im Kleinhandel verkaufte, Doch da ich das nicht finden konnte, was ich ſuchte, weil man von hier weiter zu Waſſer gehr, ſo kehrte ich wieder um, und kam nach jenen heiligen Laͤndern, wo zur Sommerszeit das ausgekoltete Brot vier Pfennige gilt und das warme fuͤr Nichts zu haben iſt. Hier fand ich den ehrwuͤrdigen Pater, Herrn Nichts fuͤr Ungut wenn's Ihnen beliebt, den wuͤrdigſten Patriarchen von Jeruſalem. Aus Ehrfurcht vor der Kleidung, die ich immer getragen habe, naͤmlich die des gnädigen und heiligen Herrn Antvonius, wollte er, daß ich alle die heiligen Reli⸗ quien, die er bei ſich hatte, ſehen ſollte, und deren waren ihrer ſo viele, daß, wenn ich ſie Euch alle her erzählen wollte, ich auf viele Meilen nicht da⸗ mit zu Stande kommen wuͤrde. Jedoch um Euch nicht ganz troſtlos zu laſſen, will ich nur von eini⸗ gen Euch etwas ſagen. Er zeigte mir zuerſt die Zehe des heiligen Geiſtes, ſo ganz und unverſehrt, wie ſie nur je geweſen iſt, und den Haarbuͤſchel des Seraphs, der dem heiligen Franziskus erſchien, und eine der Krallen der Cherubim, und eine der Rippen des beiläufig zu Fleiſch gewordenen Verbum und et⸗ liche der Kleider des allein ſelig machenden Glau⸗ bens, und einige von den Strahlen des Sternes, der den drei Weiſen aus Morgenland erſchien, und ein Sechſter Tag. Flaͤſchchen voll Schweiß von dem heiligen Michael, als er mit dem Teufel ſtritt, und die Kiefer von dem Tode des heiligen Lazarus, und noch Anderes mehr. Und weil ich ihm ſo Manches ganz frei uͤber die Ge⸗ genden des Berges Morello und einige Capitel des Caprezius, nach denen er lange herumgeſucht, in der Mutterſprache zu wiſſen gethan hatte, theilte er mir von ſeinen heiligen Reliquien mit, und ſchenkte mir einen von den Zaͤhnen des heiligen Kreuzes, und in einem kleinen Flaͤſchchen etwas von dem Tone der Glocken des Tempel Salomonis, und die Feder des Engels Gabriel, von welcher ich ſchon geſprochen habe, und einen von den Pantoffeln des heiligen Ger⸗ hard von Villa magna, den ich, es iſt noch nicht lange her, an Gerhard von Bonſi in Florenz ver⸗ ſchenkte, der eine große Ehrfurcht gegen ihn hat. Und er gab mir dafuͤr einige Kohlen von denen, auf welchen der allerheiligſte Maͤrtyrer, der heilige Lorenz, gebraten ward. Dieſe Dinge habe ich alle mit mir in aller Ehrfurcht hergebracht, und ich habe ſie auch alle noch. Es iſt wahr, mein Superior hat niemals zugegeben, daß ich ſie eher zeigen koͤnnte, als bis er ein Certifikat daruͤber ausgeſtellt haͤtte, ob ſie es wirklich wären oder nicht. Indeſſen da jetzt Alles durch gewiſſe durch ſie bewirkte Wunder, und durch Briefe, welche von dem Patriarchen eingegangen ſind, beſtätigt worden iſt, ſo hat er mir die Erlaub⸗ niß ertheilt, daß ich ſie zeigen darf. Ich aber fuͤrch⸗ tend, ſie einem Andern anzuvertrauen, fuͤhre ſie im⸗ mer bei mir. Wahr iſt es, daß ich die Feder des ———————— Zehnte Novelle. 41 el, Engels Gabriel, damit ſie nicht verdorben werde, in em einem Kaͤſtchen bei mir fuͤhre, und die Kohlen, auf r. welchen der heilige Lorenz gebraten worden, in einem ze⸗ andern; dieſe ſind aber einander ſo aͤhnlich, daß ich e ſchon oft Eins fuͤr das Andere genommen habe, was E mir eben jetzt auch wieder begegnet iſt; denn da ich in glaubte, das Kaͤſtchen mit hergebracht zu haben, wor⸗ ir in die Feder iſt, habe ich das gebracht, worin die in Kohlen ſind. Ich halte nicht dafuͤr, daß dies ein er Irrthum geweſen iſt, vielmehr ſcheint es mir der es Wille Gottes geweſen zu ſeyn, daß er ſelbſt mir en das Kaͤſtchen mit den Kohlen in die Haͤnde gab, da r⸗ ich ſo eben mich erinnere, daß das Feſt des heiligen hr Lorenz in zwei Tagen einfaͤllt. Und darum ließ r⸗ Gott, der da wollte, daß ich dadurch, daß ich Euch t. die Kohlen zeigte, auf welchen er gebraten ward, in uf Euren Herzen die Ehrfurcht wieder anfeuerte, welcho z⸗ Ihr gegen ihn haben ſollt, mich die gebenedeieten ir Kohlen ergreifen, welche durch die Säfte dieſes hei⸗ ch ligen Koͤrpers ausgeloͤſcht wurden. Und darum meino l8 geſegneten Kinder, zieht die Muͤtzen ab, und nahet er Euch demuͤthig, ſie anzuſchauen. Jedoch aber ſollt 5 Ihr vorher wiſſen, daß ein Jeder, der von dieſen 5 Kohlen mit dem Zeichen des Kreutzes beruͤhrt worden h iſt, dieſes ganze Jahr hindurch ganz ſicher ſeyn kann, n daß, wenn auch das Feuer ihn beruͤhret, er es doch * nicht merken wird. Nachdem er ſo geſprochen hatte, ſtimmte er . einen Lobgeſang auf den heiligen Lorenz an, oͤffnete das Kaͤſtchen, und zeigte die Kohlen. 42 Sechſter Tag⸗ Mit der groͤßten Bewunderung hatte die thoͤrichte Menge ſie einige Zeit voll Ehrerbietung angeſtaunt, als Alle ſich im groͤßten Gedränge dem Bruder Zi⸗ polla naͤherten, beſſere Geſchenke als gewoͤhnlich dar⸗ boten, und ihn ein Jeder bat, ihn mit denſelben zu beruͤhren. Bruder Zipolla nahm daher dieſe Kohlen in die Hand, und beſchrieb auf ihre weißen Camiſoͤ⸗ ler, auf ihre Waͤmſer, und auf die Schleier der Frauen ſo große Kreuze als ſie nur faſſen konnten, indem er verſicherte, daß ſo viel auch von dieſen Koh⸗ len abginge, um dieſe Kreuze zu machen, ſie nachher in dieſem Kaͤſtchen wieder zunaͤhmen, ſo wie er das ſchon oft erfahren habe. Da er nun auf eine ſolche Weiſe, nicht ohne ſei⸗ nen großen Nutzen alle Certaldeſer bekreuzt hatte, ließ er durch eine ſchnelle Faſſung alle dieienigen be⸗ ſchämt zuruͤck, welche ihn dadurch, daß ſie ihm die Feder genommen hatten, zu beſchämen geglaubt hat⸗ ten. Dieſe waren bei ſeiner Predigt gegenwaͤrtig geweſen, und da ſie die neue Ausflucht gehoͤrt hatten⸗ welche er genommen hatte, und wie ſie ſo weit, und mit was für Worten auch hergeholt war, brachen ſie in ein ſolches Gelächter aus, daß ſie glaubten vor Lachen ſterben zu muͤſſen. Sobald das Volk ſich dann verlaufen hatte, gin⸗ gen ſie zu ihm, entdeckten ihm auf die ſcherzhafteſte Weiſe von der Welt, was ſie ihm gethan haͤtten und gaben ihm ſeine Feder zuruͤck, welche ihm im folgen⸗ den Jahre nicht weniger einträglich ward, als ihm an dieſem Tage die Kohlen geweſen waren⸗ — e e——— — ichte unt, Zi⸗ dar⸗ n zu hlen der nten, Koh⸗ hher das ſei⸗ atte n be⸗ n die hat⸗ ärtig tten, und achen bten gin⸗ fteſte und lgen⸗ ihm Sehnte Novelle. 43 Dieſe Novelle gewährte der ganzen Geſellſchaft ein gleich großes Vergnügen und Unterhaltung, und vorzuͤglich ward Bruder Zipolla vor allen Andern viel belacht, am meiſten aber ſeine Pilgerfahrt, und die ſowol von ihm geſehenen als auch vorgebrachten RMeliquien. Nachdem aber die Koͤniginn merkte, daß dieſe Novelle, ſo wie auch ihre Herrſchaft beendigt waͤre, ſtand ſie auf, nahm ſich die Krone ab, und ſetzte ſie lächelnd dem Dioneus auf das Haupt⸗ indem ſie ſagte: Es iſt Zeit, Dioneus⸗ daß Du auch etwas da⸗ von erfaͤhrſt, was es für eine Laſt iſt, Frauen regie⸗ ren und leiten zu ſollen. Sey alſo Koͤnig, und re⸗ giere dergeſtalt, daß wir Deine Regierung doch am Ende loben muͤſſen. Dioneus, die Krone ergreifend, ſagte laͤchelnd: Schon mehrmals habt Ihr es ſehen koͤnnen, wie— ich meine die Schach⸗Koͤnige— dieſe Euch weit lie⸗ ber ſind, als ich; indeſſen aber, wenn Ihr mir ſo werdet gehorchet haben, wie man einem wahren Koͤ⸗ nig gehorchen muß, ſo ſollt Ihr durch mich auch Al⸗ les das genießen, ohne welches gewiß kein Feſt voll⸗ kommen froͤhlich vollbracht wird. Doch alle dieſe Worte bei Seite geſetzt, ich will Euch ſo regieren, wie ich nur weiß. Hierauf ließ er ſich, der Gewohnheit nach, den Seneſchal kommen, trug ihm nach der Reihe auf, was er zu thun haͤtte, ſo lange als ſeine Herrſchaft dauert?, und dann ſagte er: Wackere Maͤdchen, auf verſchiedene Weiſe haben Sechſter Tag. wir ſchon von der menſchlichen Betriebſamkeit und von den verſchiedenen Zufaͤllen ſo viel geſprochen, daß, wenn Liciska nicht kurz vorher hergekommen waͤre, und mich durch ihre Worte einen Stoff zu un⸗ ſerer kuͤnftigen Unterhaltung fuͤr morgen haͤtte fin⸗ den laſſen, ich gar nicht zweifle, daß ich viel Muͤhe gehabt haben wuͤrde, ein Thema zum Reden zu fin⸗ den. Sie ſagte nämlich, wie Ihr gehoͤrt habt, ſie habe keine Nachbarinn, welche als Jungfrau zum Manne gekommen waͤre; und, fuͤgte ſie noch hinzu, ſie wiſſe ſehr wohl, wie viel und was fuͤr Naſen auch die Verheiratheten noch ihren Männern drehten. Doch den erſten Theil wollen wir fahren laſſen, was bloße Kinderſtreiche ſind; allein der zweite, denke ich, muß ſehr kurzweilig ſeyn, um daruͤber zu reden; und daher will ich, daß morgen, weil Jungfer Liciska uns die Veranlaſſung dazu gegeben hat, von den Poſſenſtreichen geſprochen werden ſoll, welche die Frauen entweder aus Liebe, oder zu ihrer Rettung ſelbſt auch noch ihren Maͤnnern geſpielt haben, ohne daß dieſe es gemerkt haͤtten, oder nicht. Ueber eine ſolche Materie zu ſprechen, ſchien es einer und der andern von den Damen, daß es ſich ſchlecht fuͤr ſie ſchicke, und ſie baten ihn daher, er moͤchte den ſchon ausgeſprochenem Vorſchlag äͤndern. Ihnen antwortete der Koͤnig: Meine Damen, ich weiß, was ich aufgegeben habe, nicht weniger als was Ihr zu thun habt, und Ihr koͤnnt mich durch das, was Ihr mir zu bedenken geben wollt, nicht davon abbringen, es aufzugeben, wer daß ehr dar daß die ſon und erh in aus der ein Ueb ind en, en in⸗ cho in⸗ um zu⸗ ſen en. as ch, ind ska den die ng e es ich er en ind ken en, Zehnte Novelle. wenn ich bedenke, wie die Zeit doch von der Art iſt, daß, wenn man Maͤnner und Frauen auf eine ſo un⸗ ehrbare Art handeln ſieht, doch auch jegliches Reden daruͤber geſtattet iſt. Wißt Ihr denn aber nun nicht, daß bei der Verkehrtheit der jetzigen Zeit die Richter die Richterſtuͤhle verlaſſen haben; daß die Geſetze, ſowol die goͤttlichen als die menſchlichen, ſchweigen, und daß einem Jeden volle Freiheit, ſein Leben zu erhalten, zugeſtanden iſt? Wenn ſich daher Eure Ehrbarkeit im Reden etwas gehen laͤßt, nicht, damit in Euren Handlungen irgend etwas Unziemendes dar⸗ aus erfolgen duͤrfte, ſondern nur um Euch und An⸗ dern ein Vergnuͤgen zu verſchaffen, ſo ſehe ich nicht ein, aus welchem Grunde ich zugeſtehen ſollte, es könne Euch in Zukunft Jemand daruͤber tadeln. Ueberdies iſt auch Eure Geſellſchaft vom erſten Tage an bis auf dieſe Stunde ſehr ehrbar geweſen, ſo daß, mag man daruͤber auch ſagen was man wolle, es mir vorkommt, ſie habe ſich durch keine Hand⸗ lung beſchimpft, noch werde ſie ſich, mit Gottes Huͤlfe je beſchimpfen. Ferner, wer iſt, der nicht Eure Tugend kennen ſollte? welche, wie ich glaube nicht einmal die Furcht vor dem Tode, vielweniger kurzweilige Erzahlungen von der rechten Bahn ab⸗ wendig machen koͤnnten. Und um Euch die Wahr⸗ heit zu ſagen, wer es erfuͤhre, daß Ihr aufgehoͤrt hättet, zuweilen von dieſen Navrenpoſſen zu ſprechen, der koͤnnte wol gar argwoͤhnen, daß Ihr hierin wirk⸗ lich ſchuldig waͤret, und deßhalb nicht mehr davon ſprechen wolltet. Nicht zu gedenken, daß Ihr mir 46 Sechſter Tag. eine ſchoͤne Ehre anthun wuͤrdet, da ich Allen gehor⸗ ſam geweſen bin, Ihr aber, die Ihr mich jetzt zu Eurem Koͤnige gemacht, und mir die Geſetze habt in die Hand geben wollen, von dem nicht reden wolltet, was ich aufgegeben habe. Laßt daher dieſe Bedenk⸗ lichkeiten fahren, die ſich eher fur ſchlechte Gemu⸗ ther, als fur die Eurigen ſchicken, und eine Jede denke auf gut Gluck darauf, was Gutes zu ſagen. Als die Frauen dies gehoͤrt hatten, ſagten ſie, es ſollte ſo bleiben, wie es ihm gefaͤllig geweſen waͤre; vaher gab der König einem Jeden die Freiheit bis zur Eſſenszeit nach ſeinem Gefallen zu handeln. Die Sonne ſtand noch ſehr hoch, weil die Un⸗ terhaltung nur kurze Zeit gedauert hatte, als Dio⸗ neus ſich mit den andern jungen Maͤnnern zum Brett⸗ ſpiel niederſetzte, und Eliſe, welche die andern Frauen bei Seite gerufen hatte, ſagte: So lange wir hier ſind, habe ich gewuͤnſcht Euch nach einer, dieſem Orte ſehr nahen Gegend hinzu⸗ führen, wo ich nicht glaube/ daß eine von Euch je⸗ mals geweſen iſt; ſie heißt das Jungfern⸗Thal; auch habe ich noch immer keine Zeit abgoſehen, Euch dahin fuͤhren zu koͤnnen, als heute, da die Sonne noch ſo hoch ſteht. Wenn es Euch daher hinzukom⸗ men gefaͤllt, ſo zweifle ich ganz und gar nicht, daß, wenn Ihr da ſeyn werdet, Ihr nicht ſehr zufrieden ſeyn ſolltet, dort geweſen zu ſeyn. Die Damen ſagten, daß ſie bereit wären; ſie riefen daher eins ihrer Dienſtmädchen, und machten ſich, ohne den jungen Maͤnnern auch nur das Ge⸗ u n k⸗ de e5 is n⸗ io⸗ tt⸗ en je⸗ al uch n om⸗ daß, eden ſie chten Zehnte Novelle. 47 ringſte zu ſagen, auf den Weg; ſie waren noch nicht viel mehr, als etwa eine Miglie gegangen, als ſie nach dem Jungfernthal hingekommen waren. Auf einem ſehr engen Pfade traten ſie von der Seite, wo ein ganz klares Fluͤßchen hinlief, in daſſelbe ein, und fanden es ſo ſchoͤn und ſo reizend, beſonders zu die⸗ ſer Zeit, wo die Waͤrme ſo groß war, wie man es ſich nur gedenken konnte. Und, ſo wie eine von ihnen mir nachher wieder ſagte, die Ebene, welche in dem Thale war, war ſo rund, als wenn ſie mit einem Zirkel gemacht worden wäre, ob ſie gleich nur ein Kunſtwerk der Natur war, und keinesweges von Menſchenhaͤnden gemacht zu ſeyn ſchien. Sie hatte im umkreis etwas mehr als eine halbe Miglie, von ſechs kleinen Bergen, von keiner zu großen Hoͤhe, umſchloſſen, und auf deren Spitze erblickte man einen Pallaſt, der faſt wie ein ſchoͤnes Caſtell ge⸗ Kaltet war. Die Abhänge dieſer kleinen Berge neig⸗ ten ſich gegen die Ebene ſo hinab, wie wir in den Theatern, die Stufen von obenher nach unten zu all⸗ mählig in ſolcher Ordnung herablaufen ſehen, ſo daß jeder Umkreis immer enger wird⸗ Dieſe Abhänge, ſo viel deren nach der Mittagsſeite hinſahen, waren alle mit Weinſtoͤcken, mit Oliven⸗, Mandel⸗, Kirſch⸗, Feigen⸗ und andern Arten von Frucht⸗Baͤumen an⸗ gefullt, ohne auch nur eine Spanne Land davon zu verlieren. Diejenigen hingegen, welche der mitter⸗ nächtliche Wagen anblickte, waren es ganz, ſo viel es nur ſeyn konnte, mit Eichen⸗ und Eſchen⸗Ge⸗ vuͤſchen und anderen grunen und geraden Baͤumen. 48 Sechſter Tag. Die Ebene ferner, ohne noch weitere Eingänge zu haben, als den, auf welchem die Damen gekommen waren, war voller Tannen, Cypreſſen⸗ Lorbeeren und einigen Pinien, ſo ſchoͤn geſtellt und geordnet, als wenn ſie, waͤre es auch wer es gewollt, geweſen, der beſte Kuͤnſtler gepflanzt hätte; zwiſchen ihnen drang wenig oder gar keine Sonne, wenn ſie auch ganz hoch ſtand, bis auf den Boden hindurch, welcher ganz und gar eine Wieſe, voll der zarteſten Graͤſer und purpurner und anderer Blumen war. Und was uͤberdies nicht we⸗ niger Vergnuͤgen gewaͤhrte als das andere, war ein Flußchen, welches aus einem dieſer Thaͤler, das zwei jener Berge trennte, in verſchiedenen Faͤllen von Kie⸗ ſelſteinen herabſtuͤrzte, im Herabſtuͤrzen ein Gerauſch machte, ſehr lieblich mit anzuhoͤren, und um ſich her⸗ ſpritzend von weitem wie Queckſilber ausſah, was von einem andern Gegenſtande gedruͤckt ganz fein in die Hoͤhe ſprudelte. War es denn zu der kleinen Ebene niedergekommen, ſo lief es, in einem ſchoͤnen Rinnchen geſammelt, ſchnell bis in die Mitte dev Ebene hin, und machte daſelbſt einen kleinen See, wie wir zuweilen ſehen, daß Landleute, welche hier⸗ zu Gelegenheit haben, ſich in ihren Gaͤrten Teiche machen. Dieſer kleine Teich war nicht tiefer, als die Groͤße eines Menſchen bis an die Bruſt; und ſein Grund mit nichts ſich vermiſchend, zeigte ganz deut⸗ lich, daß er von dem feinſten Kiesſand wäre, den einer, der nichts weiter zu thun hätte, vollkommen, wenn er gewollt, wuͤrde haben zählen können. Auch en nd n ſte nig nd, ine nd ve⸗ ein wei ie⸗ ſch E vas in nen nen dev ee, ier⸗ iche die ſein ut⸗ den ten, Sehnte Novelle. 49 ſah man, wenn man hineinſchaute, in dem Waſſer nicht bloß den Grund nur, ſondern ſo viel Fiſche hier und da herumſchwimmen, daß es außer dem Vergnügen auch noch ein Wunder war. Endlich noch war er von keinem andern Ufer, als nur von dem Boden der Wieſe eingeſchloſſen, welcher rings um⸗ her um ſo ſchoͤner war, jemehr Feuchtigkeit er von derſelben wieder empfing. 3 Das Waſſer, welches ſeiner Fuͤlle nach im Uber⸗ fluß da war, nahm eine andere Rinne auf, durch welche es aus dem kleinen Thale hinausfloß, und nach den Niederungen hinlief. Hier alſo waren die jungen Damen hergekom⸗ men, und nachdem ſie den Ort allenthalben betrach⸗ tet und ſehr gelobt hatten, beſchloſſen ſie ſich zu ba⸗ den, da die Waͤrme groß war, ſie den kleinen See vor ſich ſahen und ſie nicht den geringſten Argwohn hatten, geſehen zu werden. Sie geboten daher ihrem Mädchen, auf dem Wege, auf welchem man hier hineinkam, zu verweilen und Achtung zu geben, ob Jemand käme, um es ihnen alsdann zu wiſſen zu thun. Darauf entkleideten ſie ſich alle ſieben, und gingen hinein. Nicht anders verbarg das Waſſer ihre weißen Körper, als ein duͤnnes Glas eine rothe Roſe. Und als ſie darin waren, und in dem Waſſer deßhalb nicht die mindeſte Unruhe entſtand, fingen ſie an, ſo wie ſie nur konnten, den Fiſchen, denen es ſchwer ward, ſich zu verbergen, hier hin und da hin nach⸗ Borcaccio's ſämmtl. W. 5. Sechſter Tag. zugehen, ja ſie ſogar mit den Haͤnden greifen zu wollen. 2 Nachdem ſie in dieſer Luſt, wobei ſie einige ge⸗ fangen, etwas verweilt hatten, traten ſie heraus, und kleideten ſich wieder an; doch aber ohne daß ſie den Ort mehr noch hätten ehren koͤnnen, als ſie ihn ſchon geehrt hatten, machten ſie ſich, da es ihnen Zeit zu ſeyn ſchien nach Hauſe zuruͤckzukehren, mit gemaͤchlichem Schritt wieder auf den Weg, viel noch von der Schoͤnheit des Ortes ſprechend. Da ſie bei guter Zeit bei dem Pallaſt wieder angekommen wa⸗ ren, fanden ſie die jungen Maͤnner noch ſpielend, wie ſie ſie verlaſſen hatten. Zu ihnen ſagte Pampi⸗ nea dann laͤchelnd: Heute haben wir Euch doch betrogen. Und wie, ſagte Dioneus, fangt Ihr wirklich an eher die That zu vollbringen, ehe Ihr mit Worten davon ſprecht? Ja, gnaͤdiger Herr, ſagte Pampinea; und aus⸗ fuͤhrlich erzählte ſie ihm, wo ſie herkämen, wie der Ort beſchaffen, wie weit er von hier entfernt wäre, und was ſie dort gemacht hätten. Der Koͤnig, welcher die Schoͤnheiten des Ortes herzaͤhlen hoͤrte, ward begierig ihn zu ſehen, und ge⸗ bot daher ſchnell das Eſſen. Sobald dieſes zum gro⸗ ßen Vergnuͤgen Aller vollendet war, gingen die drei jungen Männer mit ihren Bedienten, die Damen zu⸗ ruͤcklaſſend, nach dieſem Thale hin, und nachdem ſie Alles betrachtet hatten, lobten ſie, da Keiner von ihnen jemals dageweſen war, es als das ſchoͤnſte in ————— ge⸗ und den ihn hnen mit noch bei wa⸗ end, npi⸗ an rten aus⸗ der äre, rtes ge⸗ gro⸗ drei zu⸗ ſie von e in Zehnte Novelle. 51 der Welt. Nachdem ſie gebadet, und ſich wieder an⸗ gekleidet hatten, kehrten ſie, weil es ſchon ſehr ſpät war, nach Hauſe zuruͤck, wo ſie die Frauen trafen, welche einen Rundtanz nach einem Liede tanzten, was Fiammetta ſang; dann ließen ſie ſich, nach Be⸗ endigung des Rundtanzes, mit ihnen in ein Geſpraͤch ein uͤber das Jungfernthal, wovon ſie viel Gutes ſagten. Darauf ließ ſich der Koͤnig den Seneſchal kom⸗ men, befahl ihm, er moͤchte den andern Morgen da⸗ fuͤr Sorge tragen, daß ein Bett bereitet und dahin getragen wuͤrde, wenn etwa Einer oder der Andere dort ſchlafen, oder eine Sieſte halten wollte. Nach dieſem ließ er Lichter, Wein und Confect bringen, und nachdem er ſich ein wenig reſtaurirt hatte, be⸗ fahl er, daß ein Jeder ſich zum Tanz anſchicken moͤchte. Nachdem hierauf Pamphilus nach ſeinem Willen einen Tanz hegonnen hatte, wandte der Koͤ⸗ nig ſich zu Eliſen und ſagte freundlich zu ihr: Schoͤ⸗ nes Maͤdchen, Du haſt mir heute die Ehre der Krone angethan, und ich will Dir dafuͤr dieſen Abend die des Geſanges erzeigen, daher ſinge ein Lied, welches Dir gefaͤllt. Gern, antwortete Eliſa laͤchelnd, und fing mit ſuͤßer Stimme ein Lied an; nachdem ſie daſſelbe aber mit einem ſehr gefuͤhlvollen Seufzer geendet hatte, wunderten ſich Viele uͤber die Worte; Keiner aber war da, der errathen konnte, was der Grund zu ſolch einem Geſange ſeyn moͤchte. Inzwiſchen der Koͤnig, der in einer guten Stim⸗ ———— S————————— 52 Sechſter Tag. mung war, ließ den Tyndarus rufen, und befahl ihm, daß er ſeine Sackpfeife hervorzoͤge, nach deren Jon er alsdann viele Taͤnze auffuͤhren ließ. Doch da ein großer Theil der Nacht voruͤber war, ſagte er zu einem Jeden, er moͤchte ſchlafen gehen. ——„ 8— Siebenter Tag. An welchem unter Dioneus Regierung von den Poſſenſtrei⸗ chen geſprochen wird, welche die Frauen, entweder aus Liebe, oder zu ihrer Rettung ſelbſt auch noch ihren Maͤn⸗ nern geſpielt haben, ohne daß dieſe es gemerkt haͤtten⸗ oder doch. F Stern war ſchon aus der Gegend des Orients entflohen, bis auf den einzigen, welchen wir den Morgenſtern nennen, denn dieſer leuchtete noch in der ſtrahlenden Morgenroͤthe, als der Seneſchal ſich erhob, und mit einer großen Packerei nach dem Jung⸗ fernthale hinging, um daſelbſt alles der Ordnung und den von ſeinem Herrn erhaltenen Befehlen ge⸗ mäß einzurichten. Bald nach deſſen Abgang zoͤgerte auch der Koͤnig nicht lange, aufzuſtehen, welchen das Getoͤſe der Traͤger und der Pferde aufgeweckt hatte, und nachdem er aufgeſtanden, hieß er die Herren und Damen ebenfalls alle aufſtehen. Auch brachen die Sonnenſtrahlen noch nicht ſehr hervor, als ſich Alle ſchon auf den Weg machten, und auch noch nicht Ein Mal duͤnkte es ihnen, haͤtten die Nachtigallen und andere Voͤgel ſo froͤhlich geſungen, als es dieſen Morgen ihnen duͤnkte. Von dieſem Geſange beglei⸗ tet, gingen ſie bis in das Jungfernthal, wo ſie von noch mehreren empfangen, glaubten, daß eben dieſe Siebenter Tag. ſich uͤber ihre Ankunft erfreueten. Hier in demſel⸗ ben umhergehend, und ganz von neuem alles durch⸗ muſternd, duͤnkte es ihnen um eben ſo viel ſchoͤner zu ſeyn, als an dem vergangenen Tage, je mehr ſich die Stunde des Tages zu der Schoͤnheit deſſelben ſchickte. Und nachdem ſie mit gutem Wein und Con⸗ fect die Nuͤchternheit verjagt hatten, fingen ſie, um nicht im Geſange von den Voͤgeln uͤbertroffen zu werden, zu ſingen an, und mit ihnen zugleich auch das Thal, welches dieſelben Geſaͤnge wiederholte, welche ſie ſangen. Zu dieſen fuͤgten alle Voͤgel, ſo als wenn ſie nicht beſiegt ſeyn wollten, ſuͤße und ganz neue Toͤne hinzu. Als dann die Stunde zum Eſſen gekommen war, wurden die Tafeln unter die uͤppigen Baͤume geſetzt, dann ließen ſie ſich, wie es dem Koͤnige gefiel, bei den andern ſchoͤnen Baͤumen in der Naͤhe des ſchoͤnen Sees nieder, und ſahen waͤhrend des Eſſens die Fiſche in dem See in gro⸗ ßen Schaaren herumſchwimmen. Dies gab ihnen ſo wie zum Umherſchauen, ſo auch je zuweilen Veranlaſ⸗ ſung zum Sprechen. Als aber das Ende des Mittagseſſens gekom⸗ men, und die Speiſen und Tafeln weggeräumt wa⸗ ren, fingen ſie noch froͤhlicher als vorher an, zu ſin⸗ gen. Dann wurden an mehrern Orten durch das kleine Thal hin Betten bereitet, und alle von dem umſichtigen Seneſchal mit franzoͤſiſcher Serge und Teppichen umgeben und eingeſchloſſen, worauf es einem Jeden frei ſtand, mit Erlaubniß des Koͤnigs, wie es ihm gefiel, ſchlafen zu gehen; und wer nicht el⸗ ch⸗ er ich en n⸗ um uch te, ſo ind um die en en ro⸗ aſ⸗ oa⸗ in⸗ as em nd 5, cht Erſte Novelle. 55 konnte nach ſeinem Gefallen eine an⸗ dere ihrer gewoͤhnlichen Vergnuͤgungen erwaͤhlen. Allein nachdem die Stunde gekommen, wo alle aufgeſtanden waren, und es Zeit war, ſich zum Er⸗ zählen hinzuverfuͤgen, ließen ſie, wie es der Koͤnig verlangte, nicht ſehr weit von dem Platze, wo ſie gegeſſen hatten, auf den Raſen Teppiche ausbreiten, und ſetzten ſich nahe am See nieder. Dann befahl der Koͤnig, daß Emilie anfangen ſollte welche auch frohlich alſo lächelnd zu reden anfing. Erſte Novelle. cht an ſeine Thuͤr klop⸗ e macht ihm weiß⸗ ch ein Gebet be⸗ ſchlafen wollte, Gianni Lotteringhi hort in der Na fen, er weckt ſeine Frau auf⸗ und ſi es waͤre ein Geſpenſt; ſie wollen es dur ſchwoͤren, und das Klopfen unterbleibt. Wein Herr, mir würde es ſehr lieb geweſen ſein, wenn es Euch gefallen haͤtte, daß ein Anderer als ich, uͤber einen ſo ſchoͤnen Stoff, als der iſt, uͤber welchen wir ſprechen ſollen, den Anfang gemacht haͤtte; indeſſen, weil es Euch einmal beliebt hat, daß ich die Andern alle dreiſt machen ſoll, ſo will ich es gern thun. Ich will mich daher bemuͤhen, liebſte Damen, etwas zu ſagen, was Euch fuͤr die Zukunft nutzlich ſeyn kann. Denn wenn die Andern eben ſo furchtſam ſind, wie ich, und beſonders vor Geſpenſtern— zwar weiß ich, bei Gott, nicht, was Geſpenſter ſind, auch habe ich noch keinen getroffen, der es wußte, ob wir uns alle zwar gleich davor fuͤrchten— ſo konnt Ihr, wenn Ihr auf meine No⸗ jungen Mann, verliebt war, und er wieder in ſie, ſo — w—————.——— 56 Siebenter Tag. velle hört, ſie fortjagen, wenn einmal eins zu Euch kommt, und ein heiliges und ſchoͤnes Gebet lernen, was dazu ſehr tauglich iſt. Es war in Florenz, in der Gegend des heiligen Pankraz, einſt ein Wollkraͤmpler, welcher Gianni Lotteringhi hieß, ein Mann, in ſeiner Kunſt gluͤcklicher, als klug in andern Sachen; denn da er ſich etwas zum Einfaͤltigen neigte, ward er oftmals zum Anfuͤh⸗ rer der Laudiſten in Santa Maria Novella gemacht, mußte fuͤr ihre Schule Sorge tragen, und bekam oftmals mehrere andere dergleichen Aemtchen, wor⸗ uͤber er ſich denn fuͤr was rechts hielt. Und dies ſchanzte man ihm ſo zu, weil er als ein wohlhaben⸗ der Mann den Fratres ſehr oft gut aufſchuͤſſeln ließ. Weil nun dieſe, der Eine Schuhe, der Andere eine Capuze, der Dritte ein Skapulier oftmals von ihm zogen, ſo lehrten ſie ihm ſchoͤne Gebete, gaben ihm das Vater Unſer in der Mutterſprache, den Ge⸗ ſang des heiligen Alexius, das Klagelied des heili⸗ gen Bernhard, und den Lobgeſang der Jungfrau Ma⸗ thilde, und dergleichen Iſchentſcherlieder mehr, welche er ſehr hoch hielt, und alle zum Heile ſeiner Seele ſorgfaͤltig aufbewahrte. Nun hatte er aber auch eine ſehr ſchoͤne und liebliche Frau zur Ehehaͤlfte, welche den Namen Monna Teſſa fuͤhrte, die Tochter des Mannuccio dalla Cuculia, und ſehr klug und vorſichtig war. Da ſie die Einfalt ihres Mannes kannte, und ſie in Friedrich de Neri Pegoletti, einen ſchoͤnen, friſchen, S* — — — 8 — M v e— Erſte Novelle. 57 veranſtaltete ſie es mit einem ihrer Dienſtmädchen, daß Friedrich, um mit ihr zu ſprechen, an eine ſehr ſchöne Stelle hinkommen ſollte, welche der genannte Gianni in Camerata beſaß. Hier hielt ſie ſich den ganzen Sommer uͤber auf, und Gianni kam nur je zuweilen zum Eſſen und zu übernachten hinaus, wor⸗ auf er alsdann Morgens wieder nach ſeinem Laden, oder auch wol zu ſeinen Laudes zuruͤckkehrte. Friedrich, unmäßig darnach verlangend, nahm ſeine Zeit an einem Tageè wahr, der ihm eben wieder beſtimmt worden, und ging gegen Abend dahinunter. Da Gianni eben dieſen Abend nicht kam, aß er mit der groͤßten Bequemlichkeit und dem groͤßten Vergnuͤ⸗ gen mit der Frau zu Abend, und uͤhernachtete bei ihr. Waͤhrend ſie ſich nun ſo in ſeinen Armen befand, lehrte ſie ihm wol an ſechs Laudes ihres Mannes⸗ Da es aber nicht ihre Abſicht war, daß dies das letzte Mal ſeyn ſollte, wie es das erſte Mal gewe⸗ ſen war, eben ſo wenig wie Friedrichs, ſo verabre⸗ deten ſie, weil es ſich nicht immer paßte, daß das Maͤdchen zu ihm kommen koͤnnte, es mit einander auf dieſe Art, daß er jeden Tag, wenn er nach ſei⸗ ner Wohnung hinginge, oder daher kame, die etwas hoͤher hinauf lag, auf einen Weinberg, ſeitwärts von ihrem Hauſe, Acht haben ſollte; ſähe er auf einem der Pfaͤhle dieſes Weinberges einen Eſelskopf⸗ der mit der Schnauze nach Florenz hinſaͤhe, ſo moͤchte er ganz ſicher und unfehlbar den Abend zur Nacht zu ihr kommen, und faͤnde er die Thuͤr nicht offen, ſo moͤchte er nur drei MWal leiſe anklopfen, dann 58 Siebenter Tag. wurde ſie ihm aufmachen; ſaͤhe er aber die Schnauze des Kopfes nach Fieſole hingekehrt, ſo möchte er nicht kommen, weil Gianni alsdann da wäre. Und auf dieſe Art verfahrend, fanden ſie ſich vielmals bei einander. Indeſſen unter mehreren Malen traf es ſich ein Mal, daß, als Friedrich mit Monna Teſſa zuſam⸗ men ſpeiſen wollte, und ſie zwei große Kapaunen hatte zubereiten laſſen, Gianni, der nicht kommen ſollte, dennoch ſehr ſpaͤt kam. Die Frau war hier⸗ uber ſehr betrubt, und da aßen er und ſie zu Abend ein wenig eingeſalzenes Fleiſch, welches ſie im Stil⸗ len hatte kochen laſſen; das Mädchen aber hieß ſie die beiden geſottenen Kapaunen, mehrere friſche Eier und eine Flaſche guten Wein in einer weißen Ser⸗ viette nach ihrem Garten hintragen, nach welchem man hinkommen konnte, ohne durch das Haus zu ge⸗ hen, und wo ſie gewoͤhnlich mit Friedrich je zuwei⸗ len gegeſſen hatte; dort, ſagte ſie zu ihr, moͤchte ſie nur alle dieſe Sachen unter einen Pfirſichbaum, der neben einer kleinen Wieſe ſtaͤnde, hinſetzen. Ihr Verdruß aber war ſo groß, daß ſie nicht daran dach⸗ te, dem Mädchen zu ſagen, dort auch ſo lange zu warten, bis Friedrich käme, und ihm alsdann zu ſa⸗ gen, daß Gianni da waͤre, und er moͤchte nur dieſe Sachen aus dem Garten nehmen. Als darauf ſie und Gianni zu Bette gegangen waren, ſo wie auch das Maͤdchen, dauerte es nicht lange, ſo kam Friedrich, und klopfte ganz leiſe ein Mal an die Thuͤr, welche ſo nahe an die Kammer uze er Und als ein am⸗ men men ier⸗ bend Stil⸗ ſie Eier Ser⸗ chem 1ge⸗ wei⸗ e ſie der Ihr dach⸗ e ze u ſa⸗ dieſe ingen nicht e ein mmer ſo viel Macht es auch immer nur haben mag. Erſte Novelle. 59 ſtieß, daß Gianni es ſogleich hoͤrte und die Frau ebenfalls; Allein damit Gianni ſie nicht beargwoͤh⸗ nen koͤnnte, that ſie, als wenn ſie ſchliefe. Nachdem Friedrich ein wenig gewartet hatte, klopfte er zum zweiten Male; Gianni ſich daruͤber verwundernd, ſtieß die Frau ein wenig an, und ſagte: Teſſa, hoͤrſt Du auch was, ſo wie ich?'s kommt mir gerade ſo vor, als wuͤrde an unſere Thuͤre ge⸗ pocht. Die Frau, die es noch weit beſſer als er gehoͤrt hatte, ſtellte ſich, als wenn ſie aufwachte, und ſagte: wie ſagſt Du? he! Ich ſage, antwortete Gianni: es kommt mir gerade ſo vor, als wuͤrde an unſere Thuͤre gepocht. Gepocht? ſagte die Frau, ach, lieber Gianni, weißt Du nicht, was das iſt? Das iſt das Geſpenſt, vor welchem ich in dieſen Naͤchten die größte Furcht gehabt habe, die man nur haben kann, ſo daß, ſo⸗ bald ich es nur hoͤrte, ich den Kopf untergeſteckt habe, und nie das Herz hatte, ihn wieder hervorzu⸗ ziehen, bis es heller Tag war. Gianni ſagte darauf: Geh', Frau, fuͤrchte Dich nicht, wenn es ſo iſt; denn ich habe vorher, als wir zu Bette gingen, das Te lucis und Intemerata, und noch viele andere ſchöne Gebete hergeſagt, auch habe ich das Bette von einer Seite bis zur andern mit dem Namen des Vaters, des Sohnes und des heili⸗ gen Geiſtes bezeichnet, daß wir uns nicht zu fürch⸗ ten brauchen; da kann uns das Geſpenſt nichts thun, —————— 60 Siebenter Tag. Damit aber Friedrich etwa nicht auf einen an⸗ dern Argwohn kommen, und mit ihr ſich erzuͤrnen moͤchte, faßte ſie den Entſchluß, aufzuſtehen, und ihm zu verſtehen zu geben, daß Gianni da waͤre. Sie ſagte daher zu ihrem Manne: Das iſt Alles recht gut, Du, Du ſagſt Deine Worte her, ich aber kann mich nicht anders fuͤr ſicher und geſchuͤtzt hal⸗ ten, als wenn wir das Geſpenſt beſprechen, waͤhrend Du hier biſt. Nun, ſagte Gianni, wie beſpricht man es denn? Darauf ſagte die Frau, ich kann es recht gut beſprechen; denn vorgeſtern, als ich nach Fieſele zur Beichte ging, lehrte mich eine Einſiedlerinn(und, lie⸗ ber Gianni, das iſt gar was Heiliges, was Gott Dir durch mich zu wiſſen thun laͤßt), als ſie ſah, daß ich mich ſo furchtete, ein recht heiliges und ſchoͤ⸗ nes Gebet, und ſagte mir, daß ſie es mehrere Mal erprobt hätte, ehe ſie Einſiedlerinn geworden ware, und es haͤtte ihr immer geholfen. Aber Gott weiß, ich wäre doch nie ſo dreiſt. geweſen, es allein zu pro⸗ biren; indeſſen jetzt, da Du hier biſt, ſo laß uns Beide hingehen, und es beſprechen. Gianni ſagte, dies wäre ihm ſchon ganz recht. Sie ſguden daher. auf⸗ und gingen alle Beide ganz ſachte nach der Phuͤr hin, vor welcher Friedrich, ſchon et⸗ was argwöhnend, praußen wartete. Sobald ſie da⸗ hin gekommen waren, ſagte die Frau zu Gianni: Wenn ich es Dir ſagen werde, mußt. Du aus⸗ ſpucken⸗ Gut, ſagte Gianni. Erſte Novelle. 61 an⸗ Nun fing die Frau ihre OHration an, und ſagte: nen Geſpenſt, liebes Geſpenſt, das Du Nachts herum⸗ ind wandelſt, und mit aufrechtſtehender Ruthe gekommen re. biſt, zieh mit aufrechtſtehender Ruthe wieder ab. les Geh in den Garten, unter dem großen Pfirſichbaum, ber dort findeſt Du einen fetten Kapphahn und hundert al⸗ Kackerchen meines Huͤhnchens, ſetze den Mund an die end Flaſche und geh von dannen, und thue kein Boͤſes, weder mir, noch meinem Gianni. Und nachdem ſie 2 ſo geſprochen hatte, ſagte ſie zu ihrem Manne: gut Spuck' aus, Gianni! und Gianni ſpuckte aus. zur Friedrich, der draußen ſtand und dies hoͤrte, war lie⸗ von Eiferſucht ſchon ganz frei, und dachte, er muͤßte, zott ſo verdrießlich er auch war, vor Lachen platzen, und ſah, ſagte, als Gianni ausſpuckte, ganz leiſe: die Zähne cho⸗ mit!— Nal Nachdem die Frau das Geſpenſt auf dieſe Art äre, drei Mal beſprochen hatte, kehrte ſie mit ihrem eiß, Manne nach dem Bette zuruͤck. oro⸗ Friedrich, der mit ihr zu Abend zu eſſen erwar⸗ uns tet hatte, ging, da er noch nicht gegeſſen, die Worte der Oration aber wohl verſtanden hatte, nach dem Sie Garten, dort fand er unter dem großen Pfirſichbaum chte die beiden Kapaunen, den Wein und die Eier, was et⸗ er alles mit nach Hauſe nahm, und dort mit der da⸗ groͤßten Bequemlichkeit verſpeiſte. Als er aber an⸗ 1 dere Male ſich mit der Frau wieder zuſammen fand, aus⸗ lachte er mit ihr ſehr uͤber dieſe Beſprechung. Wahr iſt's, Einige ſagen ſo! die Frau hätte den Eſelskopf ganz richtig nach Fieſole hingedreht, allein *—————————— 62 Siebenter Tag. ein Arbeiter, der durch den Weinberg gegangen, hätte mit dem Stocke daran geſchlagen, wodurch er ſich rund herum gedrehet, und dann, nach Florenz hin⸗ gerichtet, ſtehen geblieben waͤre; daher haͤtte Frie⸗ drich geglaubt, er wäre gerufen, und waͤre gekom⸗ men, worauf alsdann die Frau ihre Hration auf dieſe Art gehalten haͤtte: Geſpenſt, liebes Geſpenſt, geh mit Gott, den Eſelskopf habe ich nicht umge⸗ dreht, ſondern das hat ein Anderer gethan; moͤchte ihn der Henker holen! ich bin hier mit meinem Gianni. Darauf wäre er weggegangen, ohne Auf⸗ nahme und ohne Abendeſſen. Meine Nachbarinn aber, welches eine ganz alte Frau iſt, ſagte mir, das Eine wie das Andere waͤre wahr, ſo wie ſie es, da ſie noch ein Kind geweſen, gehoͤrt haͤtte. Das Letzte wäre indeſſen nicht mit Gianni dem Lotheringer geſchehen, ſondern mit einem, der Gianni von Nello geheißen, und unterm Petersthore gewohnt, er und eben ſo wie Gianni der Lotheringer Maul⸗ affen feil gehabt hätte. Und darum, meine lieben Damen, ſteht es in Eurer Wahl, von beiden das an⸗ zunehmen, was Euch am beſten gefaͤllt, oder, wenn Ihr wollt, beides. Beides hat bei dergleichen Vor⸗ fällen große Kraft, wie Ihr aus Erfahrung werdet gehoͤrt haben: lernt es auswendig, es kann Euch nutzlich ſeyn. Zweite Novelle. Peronella ſteckt ihren Geliebten in ein Faß, als der Mann atte ſich hin⸗ rie⸗ om⸗ auf enſt, nge⸗ chte nem Auf⸗ alte waͤre eſen, dem anni hnt, taul⸗ ieben an⸗ wenn Vor⸗ erdet Euch Mann Zweite Novelle. 63 nach Hauſe kommt. Da der Mann baſſelbe verkauft hat, ſagt ſie, ſie habe es ſchon an einen verkauft, der darin ſteckte, um zu ſehen, ob es auch feſt waͤre. Die⸗ ſer ſpringt heraus, laͤßt es von dem Manne reine ma⸗ chen, und dann nach ſeinem Hauſe bringen. Mit großem Gelaͤchter war Emiliens Novelle angehoͤrt, und die Hration von Allen fuͤr gut und heilig anerkannt worden; da ſie aber ihr Ende er⸗ reicht hatte, befahl der Koͤnig, daß Philoſtratus fortfahren moͤchte, worauf dieſer anfing: Meine geliebteſten Damen, der Naſen, welche die Maͤnner, und beſonders die Ehemaͤnner Euch dre⸗ hen, ſind ſo viele, daß, wenn es ſich zuweilen zuträgt, daß eine Frau dem Manne eine dreht, ihr nicht al⸗ lein zufrieden daruͤber ſeyn ſolltet, daß es wirklich geſchehen iſt, oder daß Ihr es von einem Andern er⸗ fahren, oder erzählen gehoͤrt habt, ſondern Ihr ſoll⸗ tet ſelbſt es allenthalben ſagen, damit die Maͤnner einſaͤhen, daß, wenn ſie es verſtehen, Ihr es auch verſtehet. Und dies kann nicht anders als fuͤr Euch nuͤtzlich ſeyn; denn wenn der Eine auch weiß, was der Andere weiß, ſo nimmt er es eben nicht auf die leichte Achſel, wie er ihn hintergehen will. Wer ſollte alſo wohl zweifeln, daß, wenn die Maͤnner werden wieder erfahren, was wir heute uͤber dieſen Stoff geſprochen haben, es fuͤr ſie nicht ein wichti⸗ ger Grund werden ſollte, ſich davor zu huͤten, daß ſie Euch Näschen andrehen, wenn ſie einſehen, daß ihr es ebenfalls verſtehet, wenn Ihr nur wollt. Darum geht meine Abſicht dahin, Euch zu erzählen, ——————— Siebenter Tag. was eine junge Frau, wenn ſie auch gleich von nie⸗ derem Stande war, faſt in einem und eben demſel⸗ ben Momente zu ihrer Rettung ihrem Manne anthat. Es iſt noch nicht lange her, als ein armer Mann in Neapel ein ſchones, angenehmes, junges Mädchen, Peronella genannt, zur Frau nahm; er gewann durch ſeine Kunſt— er war ein Maurer— und ſie durch Spinnen kuͤmmerlich ſo viel, daß ſie ihr Leben ſo gut wie moͤglich davon erhielten. Da geſchah es denn einmal, daß ein junger Mann, einer von den Stutzern, eines Tages dieſe Peronella ſah, und ſie ihm ſehr geſiel. Er verliebte ſich in ſie, und bemuͤ⸗ hete ſich bald auf dieſe, bald auf jene Art ſo eifrig um ſie, daß ſie vertrauter mit ihm ward. Damit ſie nun mit einander beiſammen ſeyn koͤnnten, machten ſie es mit einander dahin ab, daß, wenn der Mann alle Morgen ganz fruͤh aufſtaͤnde, um auf die Arbeit zu gehen, oder um Arbeit zu ſuchen, der junge Mann ſogleich bei der Hand ſeyn ſollte, wenn er ihn aus⸗ gehen ſahe; und da die Straße, ſie hieß Avorio, ſehr einſam war, wo ſie wohnte, ſo konnte er, wenn jener ausgegangen war, leicht in ihr Haus hineinkommen. Und das thaten ſie viel Mal. Indeſſen eines Morgens ereignete es ſich doch un⸗ ter andern ein Mal, daß, als der gute Mann ausge⸗ gangen, und Giannello Sirignario, dies war der Name des jungen Mannes, ins Haus gekommen war, und ſich bei Peronella'n befand, jener nach kurzer Zeit, wo er gar nicht zuruͤckzukommen pflegte, nach Hauſe zurückkam. Da er die Thuͤr von innen verſchloſſen ie⸗ el⸗ at. en, mn ſie ben es den ſie nuͤ⸗ rig ſie ten ann beit ann us⸗ ſehr ner en. un⸗ ge⸗ ame und eit, auſe ſſen Zweite Novelle. 65 fand, klopfte er an, und ſagte, nachdem er angeklopft hatte, bei ſich ſelbſt: Gott ſey ewig Lob, daß, wenn Du mich auch arm haſt werden laſſen, Du mir we⸗ nigſtens doch dafuͤr eine gute und ehrbare junge Frau zum Troſt gegeben haſt. Seh' einmal einer, wie ſie ſogleich die Thuͤre inwendig verſchloſſen hat, als ich herausgegangen war, damit Keiner hinein kommen moͤchte, der ihr Unannehmlichkeit machen koͤnnte. Sobald Peronella den Mann merkte(denn an der Art des Klopfens erkannte ſie ihn ſogleich), ſagte ſie: o weh! lieber Giannello, ich bin des Todes, ſieh, da iſt mein Mann, moͤchte ihn doch der Henker ho⸗ len, daß er zuruͤckkommt. Ich weiß gar nicht, was das heißen ſoll, denn er kehrt um dieſe Stunde nim⸗ mermehr zuruͤck. Er hat Dich vielleicht wol gar geſehen, als Du hereinkamſt. Aber um Gottes wil⸗ len, wie es auch ſeyn mag, kriech' in dieſes Faß hin⸗ ein, was Du da ſtehen ſiehſt, dann will ich ihm oͤff⸗ nen, und wir wollen ſehen, was das heißen ſoll, warum er dieſen Morgen ſo fruͤh nach Hauſe zuruͤck⸗ kommt. Giannello kroch ſchnell in das Faß hinein, und Peronella ging nach der Thuͤr hin, oͤffnete ſie dem Manne, und ſagte mit einem boͤſen Geſichte zu ihm: Nun? was iſt denn das wieder Neues, daß Du die⸗ ſen Morgen ſo fruͤh nach Hauſe kommſt? Wie es mir ſcheint, willſt Du heute wol nichts thun, denn ich ſehe, daß Du mit Deinem Handwerkszeuge in der Hand zuruͤckkehrſt; wenn Du es ſo machen willſt, Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 5. —— 65 Siebenter Tag. wovon ſollen wir denn leben? Wo ſollen wir denn Brot her haben? Glaubſt Du, daß ich es leiden werde, wenn Du mein Kleidchen, und meine anderen Hoppheichen verſetzen willſt? Ich thue Tag und Nacht nichts anders als ſpinnen, bis das Fleiſch ſich mir von den Nageln abloͤſet, um nur ſo viel Hel zu haben, daß wir Nachts eine Lampe brennen koͤnnen. Mann, Mann, ich habe nicht eine einzige Nachbarinn, die ſich nicht darüber verwundert, und mich wegen der vielen Mühe ausſpottet, die ich ausſtehe, und Du kommſt mir nach Hauſe, daß Dir die Arme am Leibe herunter bammeln, wenn Du auf der Arbeit ſeyn ſollteſt! Und nachdem ſie ſo geſprochen, fing ſie wieder von Neuem zu klagen an: Weh' mir, Ungluͤckſeligen, Elenden! Wie vin ich denn zu ſo einer ungluͤcklichen Stunde geboren, und wie iſt es doch ſo weit mit mir gekommen! Ich hätte einen ſo huͤbſchen jungen Mann kriegen koͤnnen, und wollte ihn nicht, um an dieſen zu kommen, der nicht daran denkt, wen er in ſein Haus gefuͤhrt hat. Andere machen ſich einen guten Tag mit ihren Liebhabern, und es iſt nicht eine Einzige, die nicht ihrer drei oder vier haͤtte; ſie freuen ſich, und machen ihren Maͤnnern ein 2 fuͤr ein Uß und ich, Ungluͤckſelige, weil ich gut bin, und auf ſolche Hiſtorchen nicht achte, mir geht es ſchlecht und ich habe ein ſchlechtes Loos. Ich weiß auch nicht, warum ich mir nicht auch einen Liebhaber neh⸗ me, und es mache wie die Anderen. Sey klug, lie⸗ per Mann, und ſieh Dich wohl vor, daß, wenn Du n d u n, en nd it er n, en nit en an en cht ſie fuͤr ind cht uch eh⸗ lie⸗ Du Zweite Novelle. 67 ſchlecht handeln willſt, ich auch wohl einen faͤnde, mit dem ich— denn es ſind recht huͤbſche, die mich lieben und mir wohlwollen, und die mir viel Geld angeboten haben, oder ob ich Kleider oder Edelſteine haben wollte; aber mein Herz hat das nimmermehr zugegeben, denn ich bin keine Tochter von einer die etwa ſo iſt; und Du kommſt mir da nach Hauſe, wenn Du auf der Arbeit ſeyn ſollteſt. Na, Frau, ſagte der Mann, um Gettes willen, werde nur nicht verdrießlich; Du kannſt ſchon glau⸗ ben, ich erkenne es, was Du biſt.'s iſt wahr, ich bin zum Arbeiten ausgegangen, aber es iſt ein Be⸗ weis, daß weder Du es weißt, noch ich ſelbſt es ge⸗ wußt habe, es iſt ja heute des heiligen Galeo Feſt⸗ tag, wo nicht gearbeitet wird, und darum bin ich zu dieſer Zeit ſchon nach Hauſe gekommen. Aber ich habe fuͤr ein anderes Mittel geſorgt und eins gefun⸗ den, ſo daß wir Brot haben, mehr als fuͤr einen Monat. Denn ich habe an den, den Du hier bei mir ſiehſt, das Faß verkauft, was Du kennſt(denn es iſt ja ſo groß, daß es uns im ganzen Hauſe im Wege ſtand), und er gibt mir fuͤnf Schildthaler dafuͤr. Darauf ſagte Peronella: Ja, und alles dies iſt eben mein Kummer! Du, der Du ein Mann biſt, al⸗ lenthalben herumkommſt, und doch wol wiſſen ſoll⸗ teſt, wie es in der Welt hergeht, Du haſt ein Faß fuͤr fuͤnf Schildthaler verkauft, das ich ſchwaches Weib, das kaum einmal vor die Thuͤr hinausgekom⸗ men iſt, da ich die Noth ſah, die im Hauſe entſtand, 68 Siebenter Tag. fuͤr ſieben an dieſen guten Mann da verkauft habe der, als Du hierher zuruͤckkamſt, hineingekrochen iſt, um zu ſehen ob es feſt waͤre. Als der Mann dies hoͤrte, war er noch mehr als zufrieden, und ſagte zu dem, der deßhalb mit ihm gekommen war: Lieber Mann, geh' Er mit Gott, denn Er hoͤrt, daß meine Frau es fuͤr ſieben verkauft hat, da Er mir nicht mehr als nur fuͤnf geben wollte. Der gute Mann ſagte: In Gottes Namen! und ging ſeiner Wege; Peronella aber ſprach zu ihrem Manne: Weil Du einmal hier biſt, ſo komm runter, und beſieh' es mit ihm ſelbſt. Giannello, welcher die Ohren ſpitzte, um zu hoͤ⸗ ren, ob er ſich etwa fuͤrchten oder vorſehen muͤßte, ſprang, als er Peronella's Worte gehoͤrt hatte, ſchnell aus dem Faſſe heraus, und ſagte, ſo, als wenn er von des Mannes Ruͤckkehr nichts gehoͤrt hätte: Wo iſt ſie denn, gute Frau? worauf der Mann, der auch ſchon hinzu kam, ſagte: Hier bin ich, was wollt Ihr? Giannello ſagte: Wer biſt Du? ich wollte mit der Frau reden, mit der ich den Handel uͤber das Faß gemacht habe. Der gute Mann ſagte: Ihr koͤnnt ihn ſicher auch mit mir abſchließen, denn ich bin der Mann. Darauf ſagte Giannello: Das Faß ſcheint mir wol feſt zu ſeyn, aber es kommt mir ſo vor, als haͤttet Ihr Schmiere darin gehabt, ſo klebrig iſt al⸗ les, als wenn, ich weiß nicht was, darin angetrock⸗ —— S e S H e See e 18 tt, ft te. nd er, o⸗ te, ell er Wo der as mit das cher mir als al⸗ Zweite Novelle. 69 net waͤre, denn ich kann es mit den Nägeln nicht abkratzen, und darum nehme ich es nicht eher, als bis ich ſehe, daß es ganz rein iſt. Nein, ſagte Peronella, darum ſoll der Handel nicht zuruͤckgehen, mein Mann ſoll Alles rein machen. Und der Mann ſagte: Ja, gut! Er legte daher ſein Handwerkszeug ab, zog ſich bis auf ſein Camiſol aus, und ließ ſich ein Licht und eine Trogſcharre bringen; dann ſtieg er in das Faß hinein, und fing an es ab⸗ zukratzen. Peronella aber ſteckte, als wollte ſie ſe⸗ hen, was er machte, den Kopf in den Spund des Faſſes hinein, der eben nicht ſehr groß war, und außerdem noch einen Arm und die ganze Schulter; dann fing ſie an: Kratze hier, und hier, und auch da, und ſieh zu, ob auch noch ein Bruͤnkel ſitzen ge⸗ blieben iſt. Und während ſie in dieſer Lage dem Manne dies zeigte und aufmerkſam machte, ſchickte Giannello, der dieſen Worgen ſeinen Wunſch noch nicht vollkom⸗ men hatte erreichen koͤnnen, weil der Mann kam, jetzt, da er ſah, daß er doch nicht konnte, wie er wol ge⸗ wollt, ſich an, ihn zu erreichen, wie er koͤnnte; er näherte ſich daher ihr, die den Spund des Faſſes ganz verſchloſſen hielt, und brachte auf die Art, wie auf den weiten Feldern die entzuͤgelten und von Liebe entbrannten Pferde auf die partiſchen Stuten los⸗ ſpringen, ſein jugendliches Begebren zur Wirklich⸗ keit, was aber auch in demſelben Augenblick zur Voll⸗ kommenheit gelangte. Das Fäͤßchen ward geputzt, er trat bei Seite, Peronella zog den Kopf aus dem Siebenter Tag. Faſſe wieder hervor, und der Mann ſtieg heraus. Daher ſagte Peronella zu Giannello: Da! nimm dies Licht, guter Mann, und ſieh' ob es nach Deiner Weiſe rein iſt. Giannello ſah hinein und ſagte, es wäre gut, und er wäre zufrieden. Nachdem er ihm ſieben Schildthaler gegeben hatte, ließ er es ſich nach Hauſe bringen. Dritte Novelle. Bruder Rinalbdo ſchlaͤft bei ſeiner Gevatterin; der Mann findet ihn in der Kammer mit ihr, und ſie machen ihm weiß, daß er ſeinem Pathen die Wuͤrmer abtriebe. So dunkel auch Philoſtratus von den parthi⸗ ſchen Stuten geſprochen hatte, ſo lachten die Frauen dennoch daruͤber, wenn ſie ſich auch gleich ſtellten, als lachten ſie uͤber ganz etwas Anderes. Sobald aber der Koͤnig merkte, daß ſeine Novelle beendigt wäre, gab er Eliſen auf zu erzaͤhlen. Dieſe bereit zu gehorchen, fing an: Freundliche Damen, das Geſpenſter⸗ Beſprechen Emiliens hat mir eine Novelle von einer andern Be⸗ zauberung ins Gedächtniß zuruͤckgebracht, welche, wenn ſie auch gleich nicht ſo ſchoͤn iſt, wie jene, mir aber gerade keine andere fuͤr unſeren Stoff einfaͤllt, ich erzählen will. Ihr ſollt wiſſen, in Siena war ein ganz artiger Jüngling, und von ehrenwerther Familie, welcher den Namen Rinaldo fuͤhrte. Im hoͤchſten Grade in eine ſeiner Nachbarinnen, eine ſchoͤne Frau und Gat⸗ 8. er ut, en ach ann ihm hi⸗ uen ten, ald digt reit chen Be⸗ che, mir ällt, tiger lcher e in Hat⸗ Dritte Novelle. 71¹ tin eines reichen Mannes, verliebt, hoffte er, wenn er nur Gelegenheit haben koͤnnte, mit ihr ohne Ver⸗ dacht zu ſprechen, alles von ihr zu erhalten, was er nur wünſchte; indeſſen da er keine Gelegenheit dazu abſah, und ſie in andern umſtaͤnden war, ſo dachte er darauf, ihr Gevatter zu werden. Er wandte ſich daher an ihren Mann, ſagte es ihm auf die anſtän⸗ digſte Art, die er nur finden konnte, und es geſchah. Rinaldo war alſo Madonna Agnes Gevatter geworden, und da er ſich eines ſcheinbaren Grundes, mit ihr ſprechen zu durfen, verſichert hatte, gab er ihr ſeine Abſicht mit Worten zu verſtehen, welche ſie ſchon lange aus dem Benehmen ſeiner Augen erkannt hatte; indeſſen das half ihm doch nur wenig, ob⸗ gleich es der Frau eben gar nicht mißfiel, ihn mit angehoͤrt zu haben. Es dauerte nicht lange, ſo ließ ſich Rinaldo, was auch der Grund dazu geweſen ſeyn mag, als Moͤnch einkleiden, und, was er auch uͤbrigens fuͤr Nahrung finden mochte, ſo blieb er doch immer bei jener. Auch hatte er in der Zeit zwar, in welcher er Moͤnch ward, die Liebe, welche er fuͤr ſeine Ge⸗ vatterin hegte, und andere ſeiner Eitelkeiten etwas bei Seite geſetzt; allein im Verfolge der Zeit nahm er ſie, ohne das Kleid abzulegen, wieder an, und fand ſein Vergnuͤgen daran, ſich wieder zu zeigen, ſich gut zu kleiden, und in Allem zierlich und nett zu erſcheinen, Lieder, Sonette und Balladen zu ma⸗ chen und zu ſingen, und den Kopf von andern, die⸗ ſen ähnlichen, Dingen voll zu haben. Siebenter Tag. Doch was ſage ich von unſerm Bruder Rinaldo, von dem wir jetzt ſprechen? Wer ſind denn wol die, die es nicht eben ſo machen? Schande der verderb⸗ ten Welt! Sie ſchaͤmen ſich nicht, wohl genährt zu erſcheinen, mit gefaͤrbten Geſichtern zu erſcheinen, und uͤppig zu erſcheinen in ihren Kleidern ſowohl als auch in allem Uebrigen. Aber nicht wie Tauben ſondern wie aufgeſchwollene Hähne, mit emporſtehen⸗ dem Kamme und aufgeblaſener Bruſt gehen ſie ein⸗ her, und was das Schlimmſte iſt(nicht zu gedenken, daß ihre Zellen ganz angefuͤllt ſind von Flaͤſchchen mit Latwergen und Salben, von Schächtelchen voll Confect, von Buͤchschen und Fläſchchen mit abgezo⸗ genen Waſſern und Oelen, von Kruͤgen, welche von Malvaſier und Greco und anderen koͤſtlichen Weinen berfließen; ſo daß es ſcheint, ſie koͤnnten fuͤr keine Zellen der Fratres, ſondern viel eher fuͤr Boutiquen von Apothekern oder Salbenhaͤndlern angeſehen wer⸗ den), ſie ſchämen ſich nicht, daß die ganze Welt es wiſſe, wie gichtbruͤchig ſie ſind, und ſie glauben, Keiner ſähe ein und wiſſe, daß häͤufiges Faſten, grobe und wenige Speiſen, und ein mäßiges Leben fuͤhren die Menſchen mager und ſchmächtig und meiſten⸗ theils geſund mache, und wuͤrden ſie denn ja auch ein Mal krank, ſo erkrankten ſie doch wenigſtens da⸗ von nicht an der Gicht, füͤr welche man Keuſchheit und jede andere Lebensart, wie ſie einem beſcheidenen Frater zukommt, als Arzneimittel vorſchreibt. Und ſie glauben, Keiner ſähe es ein, daß außer einer duͤrf⸗ tigen Lebensart, außer langen Nachtwachen, Beten u n N* Sb 8 5 8 v 5* Dritte Novelle. 73 und ſich geißeln, die Menſchen auch bleich und nieder⸗ gedruͤckt wuͤrden, und daß weder der heilige Domini⸗ kus, noch der heilige Franziskus, die nicht vier Ka⸗ puzen fuͤr eine hatten, ſich nicht in die koͤſtlichſten und in der Wolle gefaͤrbten Tuͤcher, ſondern in die von der groͤbſten Wolle und von natuͤrlicher Farbe kleideten, nur um die Kaͤlte zu verjagen, nicht aber um zu prunken. Moͤchte doch der liebe Gott ein Einſehen darin haben, wie es die armen Seelen der Einfaͤltigen noͤthig haben, die ſie ernaähren! Bruder Rinaldo war alſo zu ſeinen erſten Be⸗ gierden wieder zuruͤckgekehrt, und fing an, die Frau Gevatterin weit oͤfter zu beſuchen, und da ſeine Drei⸗ ſtigkeit zugenommen hatte, ihr noch weit dringender, als vorher anzuliegen um das, was er von ihr ver⸗ langte. Da das gute Weib ſich ſo oft angelegen ſah, und ihr Bruder Rinaldo vielleicht viel ſchoͤner vor⸗ kam, als er ihr anfangs geſchienen hatte, nahm ſie, als ſie eines Tages ſehr von ihm verfolgt ward, zu dem ihre Zuflucht, wozu ſie alle diejenigen nehmen, welche ſelbſt den Willen haben, das zuzugeſtehen, warum ſie gebeten werden, und ſagte: Wie, Bruder Rinaldo, machen das die Fratres ſo? Worauf Bruder Rinaldo antwortete: Madonna, wenn ich dieſe Kapuze los bin, und ſie abzulegen iſt ſehr was Leichtes, bin ich ein Mann, wie jeder An⸗ dere, und kein Frater. Die Frau verzog den Mund zum Lächeln, und ſagte: Ach! ich Arme; Ihr ſeyd ja mein Gevatter, ———— Siebenter Tag. wie könnte ich das thun? Das waͤre ja doch gar zu ſchlecht, und ich habe immer gehoͤrt, daß es eine zu große Suͤnde wäre: und in der That, wenn es das nicht waͤre, wollte ich ja gerne thun, was Ihr wuͤnſchet. Hierauf ſagte Bruder Rinaldo: Ihr ſeyd eine Thoͤrinn, wenn Ihr es darum unterlaßt. Ich ſage gerade nicht, daß es keine Suͤnde waͤre, aber Gott vergibt weit groͤßere dem, dem ſie gereuen. Aber ſagt mir doch nur, wer iſt denn mehr Vater zu Eurem Kinde, ich, der ich es uͤber die Taufe gehal⸗ ten habe, oder Euer Mann, der es erzeugt hat? Die Frau antwortete: Allerdings mein Mann iſt weit mehr ſein Vater. Da habt Ihr wahr geſprochen, ſagte der Frater, und ſchläft Euer Mann nicht bei Euch? Doch! antwortete die Frau. Nun, ſagte der Frater, ſo werde ich, der ich viel weniger Vater zu Eurem Kinde bin, als es Euer Mann iſt, doch auch wol ein Mal bei Euch ſchlafen koͤnnen, wie Euer Mann. Die Frau, welche ſich nicht auf die Logik ver⸗ ſtand, und nur eines kleinen Anſtoßes bedurfte, da ſie entweder glaubte, oder zu glauben ſich ſtellte, daß der Frater die Wahrheit ſagte, antwortete: Wer könnte doch Euren weiſen Worten widerſprechen! Und hierauf ergab ſie ſich, trotz der Gevatterſchaft, ſeine Luſt zu erfuͤllen. Nun fingen ſie es aber nicht fuͤr ein Mal an, ſondern da ſie es unter dem Deckmantel der Gevat⸗ — „ —— e— oer⸗ da daß Wer EL aft, an, Ihr denn angekleidet, ſo nehmt Euer Pathchen in Dritte Novelle. 75 terſchaft ganz bequem hatten, weil der Verdacht ge⸗ ringer war, ſo fanden ſie ſich mehrere und mehrere Male zuſammen. Indeſſen unter andern traf es ſich ein Mal, daß, als Bruder Rinaldo zu der Frau ins Haus gekom⸗ men war, und ſah, daß kein Anderer da waͤre, als das recht huͤbſche und angenehme Dienſtmaͤdchen der Frau, ſchickte er ſeinen Begleiter mit dieſer auf den Taubenſchlag, um ihr das Vater Unſer zu lehren, er aber ging mit der Frau, welche ihr Kind an der Hand hatte, in die Kammer; hier ſchloſſen ſie ſich ein, und fingen auf einem Ruhebette, welches in der Kammer ſtand, an, ſich zu vergnuͤgen. Da ſie auf dieſe Art mit einander verweilten, traf es ſich, daß der Gevatter zuruͤckkehrte, und, ohne daß es von ir⸗ gend einem bemerkt worden waäre, an der Kammer⸗ thuͤr ſtand, anklopfte und die Frau rief. Madonna Agnes, die dies hoͤrte, ſagte: Ich bin des Todes, da iſt mein Mann! Jetzt wird er gleich merken, was wir hier mit einander vorgehabt haben. Bruder Rinaldo war entkleidet, das heißt ohne Capuze und ohne Skapulier in der Unterkutte, ſo⸗ bald er jenen daher hoͤrte, ſagte er: Ihr habt Recht, waͤre ich wenigſtens nur ange⸗ kleidet, ſo wollte ich es noch gelten laſſen; aber wenn Ihr ihm aufmacht, und er findet mich ſo, ſo iſt gar keine Entſchuldigung fuͤr uns. Die Frau, durch einen ploͤtzlichen Entſchluß un⸗ terſtuͤtzt, ſagte: Nun ſo kleidet Euch an, und ſeyd —— —————.———— Siebenter Tag. den Arm. Dann gebt wohl Acht auf das, was ich zu ihm ſagen werde, damit Eure Worte zu den mei⸗ nigen paſſen, und uͤbrigens laßt mich nur machen. Der gute Mann hatte noch nicht einmal aufge⸗ hoͤrt zu klopfen, ſo antwortete die Frau ſchon: ich komme ja! Sie ſtand auf, ging ihm mit einem munteren Geſichte an die Kammerthuͤr entgegen, oͤffnete ſie ihm, und ſagte: Lieber Mann, ich kann Dir wohl mit Recht ſagen, daß Bruder Rinaldo, wie von un⸗ ſerm Herr Gott geſchickt, zu uns hergekommen iſt; denn wahrhaftig, wär' er nicht gekommen, ſo hätten wir heute unſer Kind verloren. Als der taͤppiſche Riepel dies hoͤrte, werd er leichenblaß und ſagte: Wie? Ach, lieber Mann, ſagte die Frau, der Junge ward vorher mit einem Male ſo ſchwach, daß ich nicht anders glaubte, als er waͤre todt, und ich haͤtte nicht gewußt, was ich ſagen oder was ich anfangen ſollte, wäre unſer Gevatter, Bruder Rinaldo, nicht gerade dazu gekommen, der nahm ihn dann auf den Arm und ſagte: Gevatterinn, das ſind Wuͤrmer, die er im Leibe hat, die treten ihm ans Herz und toͤd⸗ ten ihn ganz ordentlich; aber ſeyd ohne Furcht, ich will ſie ihm ſo beſprechen, daß ſie alle ſterben ſol⸗ len, und ehe ich dann von hier weggehe, ſollt Ihr Euren Knaben eben ſo geſund ſehen, wie Ihr ihn je geſehen habt. Und weil Du uns dazu noͤthig warſt, um gewiſſe Gebete herzuſagen, und die Magd Dich nicht finden konnte, ſo ließ dieſe ſie ihren Gefaͤhr⸗ — W —** d — * S— 8 e M Dritte Novelle. ten ganz oben in unſerem Hauſe herſagen, und er und ich, wir ſind hier'reingegangen. Und weil keine Andere, als die Mutter des Kindes bei dergleichen Verrichtungen ſeyn kann, haben wir uns, damit uns kein Anderer ſtoͤren moͤchte, hier eingeſchloſſen; er hat es auch noch auf dem Arme, ich glaube daher, er wartet nur noch, bis ſein Begleiter mit ſeiner Ora⸗ tion fertig iſt, und das muß er wol, weil das Kind ſchon ganz zu ſich wieder zuruͤckgekehrt iſt. Der Flaps, der alles dies glaubte,(ſo lag ihm die Nei⸗ gung fuͤr ſeinen Sohn am Herzen, daß er mit keinem Gedanken an einen Betrug dachte, den ihm ſeine Frau ſpielte), ſtieß einen tiefen Seufzer aus, und ſagte: ich will doch hingehen und ſelbſt ſehen. Nicht hingehen, ſagte die Frau, denn Du wuͤr⸗ deſt Alles verderben, was ſchon geſchehen iſt! warte, ich will erſt zuſehen, ob Du hingehen kannſt, und dann will ich Dich rufen. Bruder Rinaldo, der Alles gehoͤrt, und ſich ganz gemaͤchlich angekleidet hatte, nahm das Kind in den Arm, nachdem er alles nach ſeiner Art eingerichtet hatte, und rief: Gevatterinn, hoͤre ich da nicht den Gevatter? Der Flaps antwortete: Herr, ja! Nun denn, ſagte Rinaldo, ſo kommt her! Der Flaps ging, und da ſagte Rinaldo zu ihm: Da, nehmt Euren Sohn hin, der mit Gottes Huͤlfe wieder geſund geworden iſt, da ich kaum vor einer Stunde glaubte, daß Ihr ihn auf den Abend noch lebendig finden wuͤrdet; und laßt vor dem Bilde des Siebenter Tag. heiligen Ambroſius, um deſſen Verdienſte willen Gott Euch dieſe Gnade erwieſen hat, eine Statue vön Wachs in ſeiner Groͤße zum Lobe Gottes ſetzen. Das Kind lief, als es ſeinen Vater ſah, auf ihn zu und ſchmeichelte ihm, wie es die kleinen Kin⸗ der zu machen pflegen. Er nahm es auf den Arm, küßte es mit Thränen, nicht anders als wenn er es aus dem Grabe gezogen haͤtte, und dankte ſeinem Gevatter, der es ihm wieder hergeſtellt hatte. Der Gefaͤhrte des Bruders Rinaldo,(welcher nicht bloß Ein Paternoſter, ſondern vielleicht viere dem Maͤdchen gelehrt, und ihr ein Beutelchen von weißem Zwirn, was ihm wieder eine None, die ſein Beichtkind geworden war, geſchenkt hatte), war, als er den Flaps an der Kammer der Frau rufen gehoͤrt hatte, ganz leiſe in einen Winkel herbeigeſchlichen, aus welchem er Alles ſehen und Foͤren konnte, was geſchehen war. Da er ſah, daß die Sachen ſo gut ſtanden, kam er herunter, und ſagte, als er in die Kammer eintrat: Bruder Rinaldo, die vier Oratio⸗ nen, die Ihr mir aufgegeben habt, habe ich alle her⸗ geſagt. Ihm antwortete Bruder Rinaldo: lieber Bruder, Du haſt einen guten Athem, und haſt gut daran ge⸗ than. Ich hatte, als mein Gevatter kam, nur erſt zwei hergeſagt, aber der liebe Gott hat um Deiner und meiner Muͤhe willen, uns die Gnade erwieſen, daß das Kind wieder geſund geworden iſt. Der Flaps ließ guten Wein und Confect bringen, um dem Gevatter und ſeinem Gefaͤhrten eine Ehre zu — T — W — Vierte Novelle. 79 erweiſen, deren ſie mehr beduͤrftig waren, als ande⸗ rer Dinge. Dann ging er mit ihnen zuſammen aus dem Hauſe hinaus, und empfahl ſie Gott. Ohne Verzug auch ließ er ein Wachsbild machen, und ſchickte es hin, um es mit anderen vor der Statue des heiligen Ambroſius, nur nicht vor dem in Mai⸗ land, aufzuhaͤngen. Vierte Novelle. Tofano ſchließt ſeine Frau eine Nacht aus dem Hauſe; als ſie durch Bitten nicht wieder hineinkommen kann, thut ſie, als ſtuͤrze ſie ſich in einen Brunnen, und wirft einen großen Stein hinein. Tofano kommt aus dem Hauſe heraus, laͤu't dahin, worauf ſie in das Haus zuruͤckkehrt, und ihn ausſchließt, ſchilt und ſchlecht macht. Als der Koͤnig merkte, Eliſa's Novelle habe ein Ende, wandte er ſich unverzuglich gegen Lauretten, und gab ihr zu verſtehen, es wuͤrde ihm gefallen, wenn ſie ſpraͤche; daher fing ſie ohne zu zoͤgern an. O Liebe, wie viel und mancherlei ſind deine Kräfte, wie viel deine Rathſchluͤſſe, wie viel deine Vorſichtsmaßregeln! Wo iſt der Philoſoph, der Kuͤnſtler, welcher jemals ſolche Schlauheit, ſolche Vorſicht, ſolche feine Winke haͤtte zeigen koͤnnen oder wirklich zeigen konnte, wie du ſie demjenigen in einem Augenblicke lehrſt, der deinen Fußſtapfen folgt? Wahrlich der Unterricht eines jeden Andern iſt langſam und träge gegen den deinigen, wie man das genugſam aus allen dem abnehmen kann, was vorher geſagt worden iſt. Hierzu, liebevolle Maͤd⸗ 80 Siebenter Tag. chen, will ich noch einen Fall von einer etwas duͤmm⸗ r lichen Frau hinzufuͤgen, welcher von der Art iſt, daß f ich nicht weiß, wer anders ihr Alles haͤtte eingében d konnen als die Liebe? 3 3 Es war alſo ein Mal in Arezzo ein reicher 5 3 Mann, Tofano genannt, welcher zur Gattin eine n ſchoͤne Frau bekam, deren Name Monna Ghita war, ſ und auf welche er, ohne zu wiſſen, warum, ploͤtzlich z eiferſuͤchtig ward. Als die Frau dies merkte, ward v ſie darüber unwillig, und da ſie ihn mehrmals nach dem Grunde ſeiner Eiferſucht befragt hatte, er ihr fi aber durchaus keine andern hatte angeben koͤnnen, m als nur ſo ganz allgemeine und ſchlechte, kam ſie d. darauf, ihn gerade an dem Uebel, vor dem er ohne A Grund in Furcht war, ſterben zu laſſen. Als ſie w daher bemerkt hatte, daß, nach ihrer Meinung ein ur ganz artiger junger Mann ihr den Hof machte, ließ ſe ſie ſich ſehr bedachtſam mit ihm in ein Verſtaͤndniß ol ein. Da nun die Sache zwiſchen ihm und ihr ſchon A ſo weit gekommen war, daß, um die Worte wirklich he ins Werk zu ſetzen, nichts weiter fehlte, als die That, ſo ſo dachte die Frau nun darauf, auch hierzu Mittel Fr zu finden. Sie hatte unter andern ſchlechten Ge⸗ m wohnheiten ihres Mannes auch dieſe kennen gelernt, ſie daß er zu trinken liebte, daher fing ſie an, es ihm nicht allein zu empfehlen, ſondern ſie regte liſtiger Weiſe es ihn auch noch ſehr oft dazu auf. Dies ward ihr ſo fo zur Gewohnheit, daß ſie faſt jedes Mal, wenn es ſie ihr gelegen war, ihn vom Trinken zum Betrinken verleitete; ſah ſie dann, daß er gehorig betrunken da Sn* r SS S n ß iß n t, e⸗ t, ht ſe ſo es en — Vierte Novelle. 81 war, ſo brachte ſie ihn zu Bette, worauf ſie ſich an⸗ faͤnglich mit ihrem Geliebten zuſammenfand, und in der Folge dann ganz ſicher mit ihm ſich zuſammen zu finden fortſetzte. Auch bekam ſie ſolches Zutrauen zu ſeiner Trunkenheit, daß ſie nicht allein ſo dreiſt ward, ihren Geliebten ins Haus zu fuͤhren, ſondern ſie ging auch zuweilen einen großen Theil der Nacht zu ihm, und blieb in ſeinem Hauſe, was nicht weit von dort entfernt war. Da nun die verliebte Frau auf dieſe Weiſe fort⸗ fuhr, traf es ſich, daß der ungluͤckſelige Mann be⸗ merkte, wie ſie ihn zwar zum Trinken anrege, aber doch niemals ſelbſt tränke; daher kam er auf den Argwohn, daß es doch wol nicht ſo waͤre, wie es war, das heißt, daß die Frau ihn betrunken machte, um ihrem Vergnuͤgen nachzugehen, wenn er einge⸗ ſchlafen wäre. Da er nun die Probe machen wollte, ob das denn wirklich ſo waͤre, ſtellte er ſich eines Abends, ohne gerade an dem Tage viel getrunken zu haben, in ſeinen Reden und in ſeinem ganzen Weſen ſo betrunken, wie er nur jemals geweſen war. Die Frau glaubte das und meinte, er moͤchte wol nicht mehr noͤthig haben zu trinken, und deßhalb brachte ſie ihn ſchnell zur Ruhe. Nachdem dies geſchehen war, ging ſie, wie ſie es einige Mal ſchon zu thun gewohnt geweſen war, fort und nach der Wohnung ihres Geliebten hin, wo ſie bis gegen Mitternacht verweilte. Sobald Tofano merkte, daß die Frau nicht mehr da wäre, ſtand er auf, ging nach ſeiner t hin, Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 5. Siebenter Tag. verſchloß ſie, und ſetzte ſich ans Fenſter, um die Frau nach Hauſe kommen zu ſehen, und ihr zu zei⸗ gen, daß er ihre Handlungsweiſe kennen gelernt habe. Er blieb nun auch wirklich ſo lange da ſitzen, bis die Frau wieder zuruͤckkam. Als die Frau denn nun nach Hauſe zuruͤckkam, und merkte, daß ſie ausgeſchloſſen waͤre, war ſie uͤber alle Maßen betruͤbt, und wollte verſuchen, ob ſie die Thuͤr nicht mit Gewalt oͤffnen koͤnnte. Nachdem Tofano dies eine Zeit lang zugegeben hatte, ſagte er: Frau, Du bemuͤheſt Dich umſonſt, denn hier kannſt Du doch nicht wieder hereinkom⸗ men. Geh, kehre dahin zuruͤck, wo Du bis jetzt ge⸗ weſen biſt, und ſey verſichert, hier kommſt Du nim⸗ mermehr eher wieder herein, als bis ich Dir hier⸗ uͤber in Gegenwart Deiner Anverwandten und Nach⸗ barn nicht die Ehre angethan habe, die Dir gebuͤhrt. Nun fing die Frau an, ihn um Gottes willen zu bitten, er moͤchte ihr doch nur wieder aufmachen, ſie kame ja gar nicht daher, woher er vermuthete, ſon⸗ dern ſie waͤre bei einer Nachbarinn zum Lichten ge⸗ weſen, weil die Nächte ſo lang waͤren, und die koͤnne ſie nicht ganz und gar verſchlafen, oder allein im Hauſe durchwachen. Die Bitten der jungen Frau halfen nichts, weil der Schlingel ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte, alle Leute aus Arezzo ſollten ihre Schande erfahren, da ſie doch noch kein Einziger wußte. Da die Frau ſah, daß ihr Bitten nichts half, nahm ſie ihre Zuflucht zum Drohen, und ſagte: 5 1 „„ —„„„ Vierte Novelle. Wenn Du mir nicht aufmachſt, ſo will ich Dich zu einem ſo ungluͤcklichen Menſchen machen, wie nur einer auf Erden lebt. Ihr antwortete Tofano: Was kannſt Du mir denn thun? Die Frau, welcher die Liebe mit ihren Anſchlä⸗ gen den Verſtand ſchon abgewitzigt hatte, antwortete: Ehe ich die Schande erdulde, die Du mir mit Un⸗ recht anthun willſt, will ich mich lieber hier in den nächſten Brunnen ſtuͤrzen; und wenn ich denn todt werde darin gefunden ſeyn, dann wird kein Menſch anders glauben, als daß kein anderer als Du in der Betrunkenheit mich hineingeworfen haſt. Dann wirſt Du fluͤchtig werden muͤſſen, wirſt Alles verlie⸗ ren muͤſſen, was Du haſt, wirſt verbannt bleiben muͤſſen, oder es wird der Kopf Dir, als meinem Moͤrder, der Du auch wirklich biſt, abgeſchlagen werden. Tofano ward durch alle dieſe Worte keineswe⸗ ges von ſeiner albernen Meinung abgebracht; die Frau ſagte daher: Sieh, ich kann Deinen Unmuth nicht känger ertragen. Gott mag's Dir vergeben; laß dieſen meinen Rocken nach Hauſe tragen⸗ den ich hier zuruͤcklaſſe. Nachdem ſie dieß geſagt hatte, ging ſie, da die Nacht ſo finſter war, daß kaum Einer den Andern auf der Straße haͤtte ſehen koͤnnen, nach dem Brun⸗ nen hin, nahm einen der groͤßten Steine, der am Fuß des Brunnens lag, rief: Gott, vergib mir! und ließ ihn in den Brunnen hineinfallen. — — Le S 6. Siebenter Tag. Sobald der Stein bis ins Waſſer gekommen war, machte er ein gewaltiges Geraͤuſch, woher To⸗ fano, ſobald er es hoͤrte, feſt glaubte, ſie hätte ſich wirklich hineingeſtuͤrzt. Er nahm daher den Eimer mit dem Seile, ſtuͤrzte ploͤtzlich zum Hauſe hinaus, um ihr zu helfen, und lief zum Brunnen hin. Die Frau, welche ſich in der Naͤhe der Haus⸗ thuͤr verſteckt hatte, begab ſich, als ſie ihn nach dem Brunnen hinlaufen ſah, ſchnell nach dem Hauſe hin, ſchloß ſich darin ein, und trat ans Fenſter. Dann fing ſie an und ſagte: Wenn man trinken will, holt man Waſſer, aber nicht bei nachtſchlafender Zeit. Sobald Tofano dies hoͤrte, ſah er wol ein, daß er gefoppt waͤre, und kehrte nach der Thuͤr zuruͤck; da er aber nicht hineinkommen konnte, ſagte er zu ihr, ſie moͤchte ihm aufmachen; allein ſie hoͤrte auf leiſe zu ſprechen, wie ſie bis jetzt gethan hatte, und fing beinahe zu ſchreien an, und ſagte: Bei den heiligen fuͤnf Wunden, verſoffener Schlingel, dieſe Nacht ſollſt Du nicht hereinkommen, ich kann dieſe Deine Manieren nicht laͤnger ausſte⸗ hen; ich muß es der ganzen Welt zeigen, was Du biſt, und um welche Zeit Du Nachts zu Hauſe kommſt. Tofano, von der andern Seite, auch aufgebracht, fing ebenfalls an, ihr Grobheiten zu ſagen, und zu ſchreien. Die Nachbaren hoͤrten den Laͤrm, ſtanden auf, Maͤnner und Weiber traten an die Fenſter, und fragten, was es da gäbe. Die Frau fing mit Thränen an, und ſagte: Das iſt der ſchlechte Mann, der mir des Abends betrun⸗ ——c„— e — S 8—„„ 8 e er m n, nn t aß zu uf nd er n, te⸗ Du t, en nd as Vierte Novelle. 85 ken nach Hauſe kommt, in den Kneipen herum ein⸗ ſchläft, und dann um dieſe Zeit zuruͤckkehrt. Da ich es nun lange genug ertragen habe, aber es mir nichts geholfen hat, und ich es nicht laͤnger mehr ertragen kann, ſo habe ich ihm'mal die Schande anthun wol⸗ len, ihn aus dem Hauſe auszuſchließen, um zu ſehen, ob er ſich beſſern wird. Tofano, der Tolpel, ſagte nun ſeinerſeits wie⸗ der, wie die Sache geweſen wäre, und drohete ihr gewaltig. Da ſagte die Frau zu ihren Nachbarn: Nun ſeht einmal, was das fuͤr ein Mann iſt! Was wuͤrdet Ihr wohl ſagen, wenn ich da ſo auf der Straße wäre, wie er es iſt, und er hier im Hauſe, wie ich es bin? Wahrhaftigen Gott, ich glaube doch wol nicht, daß Ihr denken wuͤrdet, er ſagte die Wahrheit. Da koͤnnt Ihr ſein Gemuͤth daran er⸗ kennen. Er ſagt gerade, daß ich das gethan haben ſoll, was ich glaube, daß er gethan hat. Er dachte mich dadurch in Furcht zu jagen, daß er, ich weiß nicht was, in den Brunnen ſtuͤrzte; wollte Gott nur er hatte ſich wirklich hineingeſturzt und wäre ertrun⸗ ken, damit der Wein, den er im Uebermaß getrunken hat, ſich gut mit dem Waſſer vermiſcht hätte. Die Nachbaren, ſo wie die Maͤnner, ſo die Frau⸗ en, fingen Alle mit einander an, JTofano auszuhun⸗ zen, und ihm die Schuld zu geben, indem ſie ihm Grobheiten uͤber das ſagten, was er von der Frau geſagt hatte; und da dauerte es denn nicht lange, ſo ging der Lärm von Nachbar zu Nachbar ſo weit, daß er bis zu den Eltern der Frau drang. Dieſe Siebenter Tag. kamen zur Stelle, und da ſie die Sache von dieſem und jenem Nachbar erfahren hatten, faßten ſie To⸗ fano und gaben ihm ſo viel Puffe, daß er ganz zer⸗ ſchlagen war. Dann gingen ſie in das Haus, nah⸗ men die Sachen der Frau und gingen mit ihr nach ihrer Wohnung, indem ſie Tofano noch mit Schlim⸗ merem bedroheten. Da Jofano ſah, in was fuͤr mißliche Umſtaͤnde er gerathen war, und wie uͤbel ihn ſeine Eiferſucht geleitet hatte, indem er ſeinen ganzen Wohlſtand der Frau zu verdanken hatte, ſuchte er einige ſeiner Freunde als Vermittler zu gewinnen, und brachte es dahin, daß die Frau in gutem Frieden wieder zu ihm ins Haus zuruͤckkam, der er denn auch verſprach, nie mehr eiferſuͤchtig zu ſeyn. Ueberdies noch gab er ihr volle Freiheit, jedem ihrer Vergnuͤgungen nach⸗ zugehen, doch aber nur auf eine ſo kluge Art, daß er es nicht gewahr wuͤrde. Und wie ein dummer Bauer, deckt er den Brunnen zu, als drinnen lag das Kind zur Ruh. Fuͤnfte Novelle. Ein Eiferſuͤchtiger nimmt als ein Prieſter ſeiner Frau die Beichte ab; ſie gibt gegen ihn vor, daß ſie einen Prie⸗ ſter liebe, der alle Naͤchte zu ihr kaͤme. Wäͤhrend der Eiferſuͤchtige dieſerhalb nun verborgen an der Thuͤr Wache ſteht, laͤßt die Frau ihren Geliebten durchs Dach zu ſich kommen und verweilt mit ihm. Laurette hatte ihrer Erzählung ein Ende gemacht, und ein Jeder die Frau gelobt, daß ſie ganz recht ſo ie ie⸗ er S ur ich t, günfte Novelle. 87 gehandelt hätte, wie es dieſem Lump zugekommen wäre; da wandte ſich der Koͤnig, um keine Zeit zu verlieren, an Fiammetta, und gab ihr freundlich den Auftrag zu erzählen; weßhalb ſie alſo anfing. Edelſte Frauen, die vorhergegangene Erzaͤhlung veranlaßt mich, auf ähnliche Weiſe von einem Eifer⸗ ſuͤchtigen zu ſprechen, da ich der Meinung bin, daß Alles, was von ihren Frauen ihnen geſchieht, beſon⸗ ders wenn ſie ohne Grund eiferſuͤchtig ſind, Recht gethan waͤre. Und häͤtten die Geſetzgeber Alles im Auge behalten, ſo bin ich der Meinung, ſie haͤtten den Frauen hieruͤber keine andere Strafe zuerkennen muͤſſen, als ſie dem zuerkannt haben, der, ſich ver⸗ theidigend, einen Andern beleidigt; denn die Eifer⸗ ſuͤchtigen ſtellen dem Leben der jungen Frauen nach, und ſuchen emſig ihren Tod Sie ſind die ganze Woche hindurch eingeſchloſſen und geben auf ihre Familien⸗ und haͤuslichen Beduͤrfniſſe Acht, wunſchen ſich, ſo wie jeder Andere, alsdann an Feſttagen einige Erholung, einige Ruhe, oder auch wol ein Vergnügen zu genießen, wie die Arbeiter auf dem Felde, die Handwerker in der Stadt, und die Verwe⸗ ſer an den Hoͤfen, ja wie Gott ſelbſt es gemacht hat, welcher am ſiebenten Tage von allen ſeinen Muͤhen ausruhete, und ſo wie es auch die heiligen und buͤr⸗ gerlichen Geſetze verlangen, welche zur Ehre Gottes und hinſichts des allgemeinen Wohles eines Jeden die Tage der Arbeit von denen der Ruhe unterſchie⸗ den haben. Dies zu beobachten, darin ſtimmen die Eiferſuͤchtigen nicht mit ein, vielmehr bringen ſie es Siebenter Tag. dahin, daß ihnen dieſe Tage, die fuͤr alle Andern frohe Tage ſind, dadurch, daß ſie ſie viel feſter und eingeſchloſſener halten, viel elender und kummervol⸗ ler werden. Wie oft und wie ſehr ſich die Ungluͤck⸗ lichen daruͤber abzehren, das wiſſen nur die allein, die es erfahren haben; und daher ziehe ich den Schluß: was eine Frau einem eiferſuͤchtigen Manne zur Kraͤnkung anthut, daruͤber ſollte ſie nicht geta⸗ delt, ſondern vielmehr geadelt werden. Es war alſo zu Rimini ein Kaufmann, ſehr reich an Beſitzungen und Geld, der eine der ſchoͤn⸗ ſten Frauen zur Gattin hatte, aber uͤber alle Maßen eiferſuͤchtig auf ſie war. Er hatte keinen andern Grund dazu, als daß er ſie uͤber Alles liebte, und ſie fuͤr ſehr ſchoͤn hielt, und da er ferner auch wußte, daß ſie mit allem Eifer ſich bemuͤhete, ihm zu ge⸗ fallen, ſo glaubte er, daß jeder andere Mann ſie liebte, und daß auch ſie Allen eben ſo ſchoͤn zu ſeyn ſchiene, wogegen ſie ſich ebenfalls beſtrebe, Andern in eben dem Grade zu gefallen, wie ſie ihm— frei⸗ lich nur ein Grund fuͤr einen ſchlechten Mann von wenig edeler Geſinnung— gefallen hatte. Und auf ſolche Art eiferſuͤchtig geworden, gab er ſo genau auf ſie Acht, und hielt er ſie ſo eingeſchloſſen, daß es vielleicht deren, die zur Todesſtraſe verurtheilt ſind, nur wenige gibt, welche von den Gefangenwärtern mit ſolcher Hut beobachtet werden. Die Frau, wir wollen gar nicht einmal erwaͤhnen, ob ſie zu einer Hochzeit, oder zu einem Feſte, oder nach der Kirche gehen, oder ſonſt auf irgend eine Art den Fuß aus — v*n S 2 — e — — Fuͤnfte Novelle. 89 dem Hauſe ſetzen durfte, wagte es nicht, nur an ein Fenſter zu gehen, noch ohne einen Grund auch nur einmal aus der Thuͤr hinaus zu ſehen; daher fuͤhrte ſie das elendeſte Leben, und ertrug dieſe Quälerei um ſo ungeduldiger, je weniger ſie ſich ſtrafbar fuͤhlte. Da ſie nun aber ſah, welches unverdiente Un⸗ recht ſie von ihrem Manne zu erleiden hätte, ſo faßte ſie den Entſchluß, zu ihrem Troſte ſich ſelbſt ein Verhalten zu erfinden(wenn ſie nur irgend eins zu finden vermoͤchte), nach welchem ſie ſo handeln konnte, wie es ihr mit Recht erlaubt wäre. Allein da ſie nicht ans Fenſter treten durfte, und keine Ge⸗ legenheit hatte, zu zeigen, wie ſie von Liebe gegen einen ergriffen wäre, der, wenn er auf ihrer Straße vorbeiging, auf ſie Acht gehabt haͤtte; ſie aber doch wußte, daß in dem Hauſe, welches neben dem ihrigen lag, ein ſchoͤner, freundlicher, junger Mann wäre, ſo dachte ſie, wenn irgend nur ein Loch in der Mauer ſich befäͤnde, welche ihr Haus von jenem trennte, daß ſie durch daſſelbe ſo oftmals durchſehen wollte, bis ſie den jungen Mann in einer Lage geſehen, wo ſie mit ihm ſprechen, und ihm ihre Liebe ſchenken könnte, wenn er ſie nur annehmen wollte, und dann wuͤrde ſie ja auch wol ein Mittel abſehen, ſich ein⸗ mal mit ihm zuſammen zu treffen. Auf dieſe Weiſe müſſe ſie denn ihr armſeliges Leben ſchon hinzubrin⸗ gen ſuchen, bis einmal der voͤſe Geiſt aus ihrem Manne hinausfuͤhre. Bald hier, bald da, beſah ſie daher, als ihr 90 Siebenter Tag. Mann nicht da war, die Mauer des Hauſes, und da bemerkte ſie zufaͤlligerweiſe, daß die Mauer an einer ziemlich verborgenen Stelle durch eine Spalte geoͤff⸗ net wäre. Hier ſah ſie durch; und ob ſie gleich auf der anderen Seite nur wenig unterſcheiden konnte, ſo bemerkte ſie doch, daß dort, wo die Spalte hin⸗ ging, eine Kammer wäͤre, und ſagte bei ſich ſelbſt: Wenn dies Philipps(das iſt ihres jungen Nach⸗ bars) Kammer waͤre, ſo wuͤrde mir ſchon halb ge⸗ holfen ſeyn. Vorſichtig ließ ſie daher durch eins ihrer Dienſtmädchen, was Mitleiden mit ihr hatte, ausſpuͤren, und es fand ſich, daß der junge Mann ganz allein in derſelben ſchlief. Nun beſuchte ſie dieſe Spalte ſehr oft, und wenn ſie den jungen Mann merkte, ließ ſie Steinchen oder dergleichen Splitterchen niederfallen, ſo lange, bis der junge Mann hinkam, um zu ſehen, was das wäre. Dann rief ſie ihn ganz leiſe, und er, der ihre Stimme er⸗ kannte, antwortete ihr. Und da ſie Zeit hatte, er⸗ öffnete ſie ihm in Kurzem ihr ganzes Herz. Der junge Mann, hieruͤber ſehr erfreut, that ebenfalls wieder das Seinige, um die Oeffnung von ſeiner Seite immer groͤßer zu machen, aber doch im⸗ mer ſo, daß es Keiner bemerken konnte. Hier ſpra⸗ chen ſie nun oft mit einander, beruͤhrten ſich mit den Haͤnden, aber weiter konnten ſie wegen der ganz abſonderlichen Obhut des Eifenſuͤchtigen nicht kommen. Da ruͤckte Weihnachten heran, und die Frau ſagte zu ihrem Manne, wenn er nichts dagegen haͤtte, ſo Fuͤnfte Novelle. wollte ſie am heiligen Chriſtmorgen nach der Kirche gehen, beichten und eommuniciren, wie es wol an⸗ dere Chriſten thaͤten. Der Eiferſuͤchtige ſagte: Was haſt Du denn fuͤr Suͤnden begangen, daß Du beichten willſt? Nun, ſagte die Frau, glaubſt Du denn, daß ich eine Heilige bin, weil Du mich ſo feſt eingeſchloſſen haͤltſt? Du weißt es recht gut, daß ich auch Suͤnden begehe, wie alle andre Menſchen, die da leben hier auf Erden; aber Dir werde ich ſie nicht ſagen, denn Du biſt kein Prieſter. Der Eiferſuͤchtige ſchoͤpfte aus dieſen Worten Verdacht und dachte darauf, wie er doch wol erfuͤhre, was ſie denn fuͤr Suͤnden begangen haͤtte; er uͤber⸗ legte bei ſich ſelbſt, auf welche Art dies geſchehen koͤnnte, und antwortete dann, er wäͤre es zufrieden. Aber er wolle nicht, daß ſie nach einer andern Kirche ginge, als nach ihrer Kapelle, da ſollte ſie den Mor⸗ gen bei Zeiten hingehen, und bei ihrem Capellan, oder bei einem andern Prieſter, den der Capellan ihr nennen wuͤrde, nur bei keinem anderen beichten, aber dann auch gleich wieder nach Hauſe zuruͤckkommen. Die Frau glaubte ihn ſo halb und halb verſtan⸗ den zu haben, und antwortete, ohne weiter noch ein Wort zu ſagen, ſie würde es thun. Der heilige Chriſtmorgen war gekommen, die Frau ſtand mit der Morgenroͤthe auf, machte ſich fertig, und ging nach der ihr von ihrem Manne an⸗ gegebenen Kirche hin. Allein auch der Eiferſuͤchtige war ſeinerſeits Siebenter Tag. aufgeſtanden, nach derſelben Kirche hingegangen und eher als ſie daſelbſt angekommen. Sogleich machte er mit dem Prieſter darin ab, was er thun wollte, zog ſich einen von des Prieſters Roͤcken an, mit einer großen Kapuze bis uͤber die Wangen, ſo wie wir ſe⸗ hen, daß ſie die Prieſter noch tragen; dieſe zog er etwas vor, und ſetzte ſich ſo in den Chor. Als die Frau nach der Kirche kam, ließ ſie den Prieſter rufen. Der Prieſter kam, und da er von der Frau gehoͤrt hatte, daß ſie beichten wolle, ſagte er, er koͤnne ſie nicht anhoͤren, er wolle ihr aber einen ſeiner Collegen ſchicken, und er ging und ſchickte ihr den Eiferſuͤchtigen zu ſeinem Ungluͤck. Dieſer kam mit ſehr ernſtem Anſtande; allein, ob es gleich noch eben nicht ſehr heller Tag war, und er ſich die Kapuze uͤber die Augen gezogen hatte, ſo konnte er ſich doch nicht ſo verbergen, daß er nicht ſo⸗ gleich von der Frau erkannt worden wäre. Sobald ſie dies ſah, ſagte ſie bei ſich ſelbſt: Gott ſey gelobet, der iſt aus einem Eiferſuͤchtigen zum Prieſter geworden; aber laß mich nur machen, ich will ihm ſchon geben, was er ſucht. Sie ſtellte ſich alſo, als wenn ſie ihn nicht erkannt yaͤtte, und ſetzte ſich ihm zu Fuͤßen nieder. Mein Herr Eiferſuͤchtiger hatte kleine Steinchen in den Mund genommen, die ihn etwas an der Sprache hindern ſollten, ſo daß er daran von der Frau nicht erkannt werden moͤchte, da er glaubte, an allem Andern ſo entſtellt zu ſeyn, daß er auf keine Weiſe auch nur einmal ahnte, er wurde von ihr er⸗ ——— ——— Fuͤnfte Novelle. 93 kannt werden koͤnnen. Nun kam es zur Beichte; da ſagte ihm denn unter andern auch die Frau(wie ſie verheirathet waͤre, hatte ſie ihm ſchon fruͤher geſagt), daß ſie in einen Prieſter verliebt waͤre, der alle Nächte mit ihr zubrächte. Als der Eiferſuͤchtige dies hoͤrte, war es ihm, als ginge ihm ein Meſſer durchs Herz; ja, haͤtte ihn nicht der Wunſch, noch mehr zu erfahren, feſtgehal⸗ ten, ſo haͤtte er ſie mitten in der Beichte verlaſſen, und ſich davon gemacht. Allein er blieb feſt, und fragte die Frau: hm? wie? ſchläft denn Euer Mann nicht bei Euch? Die Frau antwortete; Herr, ja! Nun, ſagte der Eiferſuͤchtige, wie kann denn auch der Prieſter bei Euch liegen? Herr, ſagte die Frau, durch welchen Kunſtgriff der Prieſter das macht, weiß ich nicht; aber es iſt keine Thuͤr im ganzen Hauſe ſo feſt verſchloſſen, daß ſie, ſobald er ſie nur anruͤhrt, ſich nicht oͤffnete. Und er ſagt mir, ſobald er bis an meine Kammer⸗ thuͤr gekommen iſt, ſpräche er, ehe er ſie oͤffnete, ge⸗ wiſſe Worte, auf welche mein Mann unverzuglich einſchliefe, ſobald er alsdann merkte, daß der einge⸗ ſchlafen wäre, mache er die Thuͤr auf und kaͤme her⸗ ein— und dann bleibt er bei mir. Dies tuͤuſcht ihn nie. Hierauf ſagte der Eifer ſuͤchtige: Frau, das iſt ſchlecht gehandelt, und das ſchickt ſich fuͤr Euch ganz und gar nicht, dabei zu verharren. 94 Siebenter Tag. Ihm ſagte die Frau: Herr, ich glaube, das kann ich nimmermehr, weil ich ihn zu ſehr liebe. Dann, ſagte der Eiferſuͤchtige, kann ich Euch keine Abſolution ertheilen. Das thut mir leid, ſagte die Frau. Ich bin nicht hergekommen, um Euch Luͤgen vorzumachen, haͤtte ich geglaubt, das thun zu koͤnnen, ſo wuͤrde ich es Euch ſagen. Darauf ſagte der Eiferſuͤchtige: In Wahrheit, Frau, Ihr jammert mich, denn ich ſehe, Eure Seele geht auf dieſe Art verloren; aber ich will zu Euren Dienſten in der Bemuͤhung nicht nachlaſſen, und in Eurem Namen meine ganz beſonderen Bitten zu Gott thun, die Euch ſo vielleicht helfen werden. Ich werde Euch daher zuweilen einen meiner jungen Welt⸗ geiſtlichen zuſenden, dem Ihr alsdann ſagen koͤnnt, ob ſie Euch geholfen haben oder nicht; und haben ſie Euch geholfen, ſo wollen wir mit einander darin fortfahren. Ihm ſagte die Frau: Herr, das thut ja nicht, daß Ihr mir Jemanden ins Haus ſchickt; denn wenn das mein Mann wieder erfuͤhre, ſo iſt er ſo eifer⸗ ſuͤchtig, daß die ganze Welt es ihm nicht aus dem Kopf herausbringen wuͤrde, der wäre aus keinem an⸗ dern, als nur aus einem boͤſen Grunde hergekommen, und er wuͤrde in dieſem ganzen Jahre nicht wieder gut mit mir. Darauf ſagte der Eiferſuͤchtige: Frau, daruͤber habt keinen Zweifel, denn ich werde es ſchon ſo ein⸗ N v—*— Fuͤnfte Novelle. 95 zurichten wiſſen, daß Ihr daruͤber von ihm kein Wort hoͤren ſollt. Habt Ihr Herz genug, ſagte die Frau, dies zu bewerkſtelligen, ſo bin ich's zufrieden. Nachdem ſie hierauf die Beichte abgelegt, und die Abſolution empfangen hatte, erhob ſie ſich wie⸗ der auf den Fuͤßen und ging fort, um die Meſſe zu hoͤren. Der Eiferſuͤchtige aber, ſein Mißgeſchick ver⸗ ſchnaufend, zog die Kleider des Prieſters aus, und kehrte nach Hauſe zuruͤck, begierig ein Mittel zu fin⸗ den, wie er den Prieſter mit ſeiner Frau uͤberraſchen könnte, um alsdann dem Einen wie dem Andern ein ſchlimmes Spiel zu machen. Die Frau kehrte aus der Kirche zuruͤck, und ſah an des Mannes Geſicht recht gut, daß ſie ihm einen ſchlechten heiligen Chriſt gemacht yätte; er aber be⸗ muͤhete ſich, ſo viel er nur konnte, zu verbergen, wa er gethan hatte, und was er zu wiſſen glaubte. Nachdem er darauf bei ſich ſelbſt beſchloſſen, ſich in der kommenden Nacht an die Hausthuͤre hinzuſtellen, und zu warten, bis der Prieſter käme, ſo ſagte er zur Frau: Ich muß heute Abend irgendwo anders zum Eſſen ſeyn, deßhalb werde ich die Thuͤr nach der Straße, auf der halben Treppe und an der Kammer verſchließen, Du aber gehe denn nur zu Bette, wenn Du willſt. In Gottes Namen, antwortete die Frau. So⸗ bald ſie aber Zeit hatte, ging ſie nach der Oeffnung und gab das gewöhnliche Zeichen, worauf Philipp, ſobald er es nur hoͤrte, ſchnell herbeikam. Siebenter Tag⸗ Nun ſagte ihm die Frau, was ſie den Morgen gethan, und was ihr der Mann nach dem Eſſen ge⸗ ſagt haͤtte, und dann fuhr ſie fort: Ich bin feſt uͤber⸗ zeugt, er geht nicht aus dem Hauſe, ſondern er wird ſich an der Thuͤr auf die Wache ſtellen; darum ſinn' auf ein Mittel, wie Du in dieſer Nacht durch das Dach hierher kommſt, damit wir hier bei einan⸗ der ſeyn koͤnnen. Der junge Mann hiermit ſehr zufrieden, ſagte: Frau, da laßt mich nur machen. Die Nacht kam heran, und der Eiferſuͤchtige verbarg ſich mit ſeinen Waffen ganz im Stillen in einer Kammer des Erdgeſchoſſes; nachdem aber als⸗ dann auch die Frau alle Thuͤren, und beſonders die Treppenthuͤr hatte verſchließen laſſen, damit der Eiferſuͤchtige nicht hinaufkommen koͤnnte, ſiehe da kam der junge Mann ganz vorſichtig von ſeiner Seite herbei. Beide gingen, als es ihnen Zeit zu ſeyn duͤnkte, zu Bett, und vergnügten ſich einer mit dem“ andern nach Herzensluſt; als darauf der Tag gekom⸗ men war, kehrte der junge Mann nach ſeinem Hauſe zuruͤck. Der Eiferſuchtige aͤrgerlich und nichts gegeſſen⸗ ſtand, halb todt vor Kalte, faſt die ganze Nacht mit ſeinen Waffen an der Thuͤr und wartete, ob der Prieſter kame, und da der Tag herannahte, er aber nicht mehr wachen konnte, ſchlief er in der gedachten Kammer ein. Als er hierauf gegen neun Uhr Mor⸗ gens aufſtand, und die Hausthuͤr ſchon geoͤffnet fand, * —„—— Sc c geſ — X w N S 5 . Fuͤnfte Novelle. 97 that er als käme er von anderswo her, ging im Hauſe hinauf und aß zu Mittag. Bald darauf kam ein abgeſchickter Knabe, ſo, als wenn es ein Chorknabe des Geiſtlichen geweſen wäre, bei welchem ſie gebeichtet hatte, und fragte, ob der, von dem ſie wol wuͤßte, ſchon einmal wieder gekommen waͤre. Die Frau, welche den Boten recht gut erkannte, gab zur Antwort, dieſe Nacht wäre er nicht gekom⸗ men, und, wenn er es ſo machen wollte, koͤnnte es wol davon herkommen, daß er ihr ganz und gar aus dem Gedaͤchtniß kaͤme, wenn ſie das auch eben nicht gleich wuͤnſchte, daß er ihr aus dem Gedächtniß kom⸗ men moͤchte. Doch, was ſoll ich Euch noch weiter ſagen? Der Eiferſichtige ſtand mehrere Naͤchte, um den Prieſter aufzufangen beim Eingange, während die Frau es mit ihrem Liebhaber ſich ganz wohl ſeyn ließ. End⸗ lich konnte es der Eiferſuͤchtige nicht mehr aushal⸗ ten, ſondern fragte mit aufgebrachtem Geſichte die Frau, was ſie denn dem Prieſter geſagt hätte, als ſie jenen Morgen bei ihm zur Beichte gegangen wäre. Die Frau gab zur Antwort, das könne ſie ihm nicht ſagen, weil es eben nicht was Anſtändiges noch was Schickliches wäre. Darauf ſagte der Eifer ſuͤchtige: Schlechtes Weib, trotz Deiner weiß ich doch, was Du ihm geſagt haſt, und durchaus muß ich wiſſen, wer iſt der Prieſter, in welchen Du ſo verliebt biſt, und der Boccaccio's ſaͤmmtl. W 5. 7 9⁸ Siebenter Tag. durch ſeine Zauberkünſte alle Naͤchte bei Dir ſchläft, oder ich ſchneide Dir die Adern auf. Die Frau ſagte, das waͤre nicht wahr, daß ſie in irgend einen Prieſter verliebt wäre. Was, rief der Eiferſuͤchtige, haſt Du nicht ſo und ſo zu dem Prieſter geſprochen, der Dir die Beichte abnahm? Ei, ſagte die Frau, das war ja gar nicht nöthig, daß er Dir's erſt wieder ſagte, wenn Du ſelbſt da⸗ vei warſt; allerdings, ich hab's ihm geſagt. Nun, ſagte der Eiferſuͤchtige, ſo ſage mir, wer war der Prieſter, und das gleich! Die Frau fing an zu lachen, und ſagte: Das freuet mich doch recht ſehr, daß ein weiſer Mann ſich von einer einfältigen Frau hat am Seilchen führen laſſen, ſo wie man einen Schoͤps bei den Hoͤrnern zur Schlachtbank fuͤhrt; und da Du weder weiſe biſt, noch es von da an geworden biſt, als Du den boͤſen Dämon der Eiferſucht Dir ins Herz ein⸗ dringen ließeſt, ohne zu wiſſen warum, ſo wird, je thoͤrichter und unvernuͤnftiger Du biſt, mein Ruhm eben dadurch nur immer geringer. Glaubſt Du denn, mein liebes Männchen, daß ich mit meinen leiblichen Angen eben ſo blind bin, wie Du es mit Deinen geiſtigen biſt? O gewiß nicht! Sobald ich den Prieſter nur ſah, dem ich beichtete, ſo erkannte ich, daß Du es wareſt. Aber ich nahm mir ſogleich vor, Dir Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und ich hab's Dir vergolten. Und wenn Du ſo weiſe geweſen wäreſt, wie Du es zu ſeyn Dir vorkommſt, e— te iſe ——— Fuͤnfte Novelle. ſo hätteſt Du nicht auf dieſe Art die Geheimniſſe Deines guten Weibes zu erfahren verſucht, und hät⸗ teſt, ohne eitlen Verdacht zu ſchoͤpfen, eingeſehen, daß das, was ſie Dir beichtete, durchaus wahr ware, ohne daß ſie auf irgend leine Art einen Fehler begangen haͤtte. Ich ſagte Dir, ich liebte einen Prieſter; und warſt nicht Du, den ich mit großem Unrecht liebe, ein Prie⸗ ſter geworden? Ich ſagte Dir, daß keine Thuͤr mei⸗ nes Hauſes vor ihm verſchloſſen gehalten werden koͤnnte, wenn er bei mir ſchlafen wollte; und welche Thür Deines Hauſes ward denn wol verſchloſſen ge⸗ halten, wenn Du da, wo ich war, hinkommen woll⸗ teſt? Ich ſagte Dir, daß der Prieſter alle Naͤchte bei mir ſchliefe; und wann eher haſt Du denn wol nicht bei mir geſchlafen? Und ſo oft Du Deinen Weltgeiſtlichen zu mir ſchickteſt, ſo oft weißt Du, wenn Du nicht bei mir geweſen biſt, und ich es Dir habe ſagen laſſen, daß der Prieſter nicht gekommen waͤre. Welcher Unbeſonnene anders, als Du, der Du Dich von Deiner Eiferſucht haſt verblenden laſ⸗ ſen, haͤtte das Alles nicht verſtanden? Im Hauſe haſt Du Nachts an der Thuͤre Schildwache geſtan⸗ den, und mir glaubſt Du weißmachen zu können, daß Du irgendwo anders zum Eſſen ausgeweſen wäreſt. Beſinne Dich einmal, und werde wieder ein Mann, wie Du ſonſt es warſt, mache Dich nicht ſelbſt lä⸗ cherlich gegen den, der Deine Manieren kennt, ſo wie ich ſie kenne, und laß das feierliche Wacheſtehen blei⸗ ben, wie Du es bis jetzt gethan haſt; denn ich ſchwoͤre es Dir bei Gott, wenn mir die Luſt ankäme, Dich zu ————— 100 Siebenter Tag. kroͤnen, ſo wuͤrde ich, moͤchteſt Du auch hundert Augen haben, wie Du doch nur zwei haſt, mein Ver⸗ gnuͤgen zu erreichen wiſſen, ohne daß Du das Ge⸗ ringſte merken ſollteſt. Der ungluͤckliche Eiferſuͤchtige, der ſehr kluͤglich das Geheimniß ſeiner Frau gemerkt zu haben glaubte,„ k ſah auch, da er dies hoͤrte, wie er zum Beſten ge⸗ 2 habt worden waͤre, hielt, ohne noch ein Wort zu h antworten, die Frau fuͤr ein Muſter von Guͤte und b Klugheit, und ſo wie er jetzt, wo Eiferſucht ihm Noth that, dieſelbe ganz ablegte, ſo hatte er ſich da⸗ u mals, als ſie ihm nicht Noth that, ganz darin ein⸗ F gekleidet. Die kluge Frau, welche in ihren Vergnu⸗ li gungen nun ganz freie Hand hatte, ließ ihren Ge⸗ d liebten jetzt nicht mehr, wie die Katzen uͤbers Dach ſe kommen, ſondern foͤrmlich durch die Hausthuͤre und di dabei verfuhr ſie ſo vorſichtig, daß ſie ſich mit ihm i mehrere Mal einen guten Tag und ein froͤhliches Le⸗ ne ben verſchaffte. 3 er ur Sechſte Novelle. Madonna Iſabella, in einem Verhaͤltniß mit Lionetto, wird 4 auch von Meſſer Lambertuccio geliebt und beſucht: ihr gi Mann kehrt zuruͤck, und jagt Meſſer Lambertuccio mit dem Degen in der Hand zum Hauſe hinaus, eben er ſie aber auch begleitet dann wieder Lionetto. an Wunderbar hatte Allen Fiammetta's Novelle ge⸗ p we fallen, weßhalb Jeder verſicherte, die Frau haͤtte ganz fäͤ vortrefflich und ſo gehandelt, wie es einem ſo unver⸗ ni nuͤnftigen Manne gebuͤhrt haͤtte; allein, nachdem ſie i rd hr it er ₰ Sechſte Novelle. 101 beendigt war, gab der Koͤnig Pampinea auf, fortzu⸗ fahren, und dieſe fing an zu ſprechen: Es gibt viele, welche, ganz unbefangen ſprechend, behaupten, die Liebe benaͤhme den Verſtand, und wer liebte, den machte ſie unbeſonnen. Eine thoͤrichte Meinung ſcheint mir das zu ſeyn, was das ſchon vor⸗ her Erzählte bewieſen hat, und auch ich zu beweiſen beabſichtige. In unſerer Stadt, welche an allem Guten ſo üͤberreich iſt, lebte eine junge, artige und recht ſchoͤne Frau, die Gattin eines ſehr tuͤchtigen, braven Cava⸗ liers. Aber, ſo wie es oft ſo zu geſchehen pflegt, daß der Menſch ſich nicht mit Einer Speiſe begnuͤgt, ſondern auch einmal abzuwechſeln wuͤnſcht, ſo genuͤgte dieſer Frau auch eben ihr Mann nicht ſehr, ſondern ſie verliebte ſich in einen jungen Mann, welcher Lio⸗ netto hieß, und ſehr freundlich und geſittet war, ob er gleich eben nicht von großer Familie abſtammte, und dieſer wieder verliebte ſich eben ſo in ſie. Es verging daher auch nicht ſehr lange Zeit(denn Ihr wißt wol, ſelten bleibt ohne Erfolg, was ein Jeder der Betheiligten will), als ſie den Wunſch ihrer Liebe erfuͤllten. Nun geſchah es aber auch, daß, da ſie eine ſchoͤne und zugängliche Frau war, ſich ein anderer Cavalier, Meſſer Lambertuccio genannt, ge⸗ waltig in ſie verliebte, welcher aber, da er ein miß⸗ fälliger und ekeler Menſch zu ſeyn ſchien, durch nichts in der Welt ſie dahin bringen konnte, ihn wieder zu lieben. Indeſſen aber, da er ſie mit Ge⸗ ſandtſchaften viel beſtuͤrmt hatte, die ihn aber alle 102 Siebenter Tag. nichts halfen, ſo ließ er, als ein vielvermoͤgender Mann, ſie bedrohen, er wuͤrde ſie beſchimpfen, wenn ſie nicht ſeinen Willen thaͤte. Die Frau, welche da⸗ durch in Furcht gejagt war, und ihn auch uͤbrigens kannte, wie er waͤre, entſchloß ſich dazu, ſeinen Wil⸗ len zu erfuͤllen. Die Frau, deren Name Madonna Iſabella war, ging, wie es im Sommer unſere Sitte iſt, nach einer ſchoͤnen Beſitzung in einem Dorfe hin, und da traf es ſich, daß, als der Mann eines Morgens irgendwo hingeritten war, um einen Tag dort zu bleiben, ſie an Lionetto die Sendung ergehen ließ, daß er kom⸗ men und bei ihr verweilen moͤchte. Hoch erfreut ging er unverzuͤglich hin. Meſſer Lambertuccio, welcher erfahren hatte, daß der Gemahl der Frau anderwaͤrts hin wäre, ſtieg ſogleich zu Pferde, kam zu ihr hin, und klopfte an die Thuͤr. Das Madchen der Frau hatte ihn geſehen; un⸗ verzuͤglich ging ſie zu ihr, welche ſich mit Lionetto im Zimmer befand, rief ſie bei Seite, und ſagte zu ihr: Madonna, Meſſer Lambertuccio ſteht ganz al⸗ lein unten. Als die Frau dies hoͤrte, ward ſie uͤber alle Maßen betruͤbt, und bat in der äußerſten Furcht Lio⸗ netto, er moͤchte es nicht uͤbel nehmen, und ſich einen Augenblick hinter dem Bett⸗Vorhang verbergen, bis Meſſer Lambertuccio wieder fortgegangen wäre. Lionetto, der nicht geringere Furcht, als die Frau vor ihm hatte, verſteckte ſich, und ſie befahl dem eer nn da⸗ ns zil⸗ a, ner raf wo ſie om⸗ ing tte, tieg an un⸗ etto zu al⸗ alle Lio⸗ inen bis rau Sechſte Novelle. 103 Maͤdchen, daß ſie hinuntergehen und Meſſer Lamber⸗ tuccio aufmachen moͤchte. Nachdem dieſe ihm geoͤffnet, und er im Hofe von ſeinem Roſſe abgeſtiegen war, was er an eine Thuͤrangel angebunden hatte, ſtieg er die Treppe hinauf. Die Frau machte ihm ein fröhlich Geſicht, und da ſie ihm bis oben an die Treppe entgegen ge⸗ kommen war, empfing ſie ihn mit Worten ſo freund⸗ lich, wie ſie nur konnte, und fragte ihn, was er machte? Der Cavalier umarmte, kuͤßte ſie, und ſagte: Meine Seele, da ich hoͤre, daß Dein Mann nicht da iſt, komme ich, um nur mit der einige Augenblicke zu verweilen. Nach dieſen Worten traten ſie in das Zimmer ein, und verſchloſſen ſich darin, worauf Meſſer Lam⸗ bertuccio ſich mit ihr vergnügte. Gerade aber, als er in dieſer Lage ſich mit ihr befand, kam der Mann⸗ gegen alle Vermuthung der Frau, zuruck. Sobald das Madchen dieſen in der Naͤhe des Schloſſes er⸗ blickte, lief ſie ſchnell nach dem Zimmer der Frau hin, und ſagte: Madonna, da kommt der Heer zu⸗ ruͤck und ich glaube, er muß ſchon unten im Hofe ſeyn.— Die Frau war, als ſie dies hoͤrte, und ſich be⸗ wußt war, zwei Männer im Hauſe zu haben(über⸗ dies ſah ſie auch noch recht gut ein, daß der Cava⸗ lier wegen ſeines Roſſes, welches im Hofe ſtand, nicht verborgen bleiben konnte), halb todt. Deſſen ungeachtet ſprang ſie aus dem Bette hinaus, faßte 104 Siebenter Tag. einen ſchnellen Entſchluß, und ſagte zu Meſſer Lam⸗ bertuccio: Meſſer, wenn Ihr noch ein Fuͤnkchen Wohlwollen fuͤr mich habt, und mich vom Tode be⸗ freien wollt, ſo thut, was ich Euch ſage. Nehmt Euer bloßes Schwert in die Hand, und mit einem boͤſen und ganz zerſtoͤrtem Anſehen laufet die Treppe hinunter bei dieſen Worten: Das gelobe ich Gott, den denke ich noch wol anders zu treffen! Wollte mein Mann Euch dann etwa aufhalten oder nach Kleinigkeiten Euch fragen, ſo antwortet ihm nichts anders, als was ich Euch geſagt habe. Dann ſteigt zu Pferde, und haltet Euch bei ihm durchaus unter keinem Vorwand auf. Meſſer Lambertuccio ſagte: Gern! Er zog dar⸗ auf ſein Schwert heraus, und ganz im Geſichte ent⸗ flammt, theils der gehabten Muͤhwaltung wegen, als auch aus Zorn uͤber die Ruͤckkehr des Cavaliers, that er, wie die Dame es ihm aufgetragen hatte. Als der Mann der Dame im Hofe abgeſtiegen war, wunderte er ſich uͤber das Roß, und eben, als er hinauftreten wollte, ſah er Meſſer Lambertuccio herabkommen; voll Verwunderung uͤber ſeine Reden und ſein Geſicht, ſagte er: Was iſt das, Meſſer? Meſſer Lambertuccio ſetzte den Fuß in den Steig⸗ buͤgel, ſchwang ſich hinauf, und ſagte kein Wort weiter, als: Beim allmaͤchtigen Gott, den werde ich noch wol anderswo treffen! und eilte davon. Der edle Mann ſtieg nun die Treppe hinauf, und fand die Frau oben an der Treppe ganz beſtuͤrzt und voll Furcht, worauf er denn zu ihr ſagte: Was —— * ———— —— * Sechſte Novelle. iſt denn das, und wen verfolgt Meſſer Lambertuecio denn ſo im Zorne drohend. Die Frau zog ſich nach dem Zimmer hin, damit Lionetto ſie hoͤren moͤchte, und antwortete: Meſſer, habe ich doch in meinem Leben nicht ſolche Furcht gehabt, als jetzt. Ein junger Mann, den ich nicht kenne, rettete ſich hierher, als Meſſer Lambertuccio ihn mit dem Degen in der Hand verfolgte. Ungluͤck⸗ licherweiſe fand er dies Zimmer offen, und ſagte zitternd: Madonna, um Gottes willen helfen Sie mir, daß ich nicht in Ihren Armen des Todes bin. — Ich ſtand auf, und als ich ihn fragen wollte, wer er wäre, und was er vorhätte, ſiehe da kam Meſſer Lambertuccio herauf, und ſagte: Wo biſt Du, Ver⸗ räther? Ich verſicherte mich ſogleich der Thuͤre des Zimmers, und als er hineinwollte, hielt ich ihn zu⸗ ruͤck; da war er denn ſo artig, daß, ſobald er ſah, daß es mir nicht angenehm wäre, wenn er hinein⸗ dränge, er auch nicht hineindrang, ſondern hinunter ging, wie Ihr geſehen habt. Der Mann ſagte darauf: Frau, das haſt Du gut gemacht; das wuͤrde uns ja ſehr uͤbel ausgelegt worden ſeyn, wenn bei uns hier einer wäre ermordet worden. Von Meſſer Lambertuccio war es ſehr ſchlecht gehandelt, Jemanden zu verfolgen, der hier⸗ her gefluͤchtet war. Dann fragte er, wo denn der junge Mann waͤre? Die Frau antwortete: Meſſer, ich weiß es nicht wo er ſich verſteckt hat. Siebenter Tag. Da ſagte dann der Ritter: Wo biſt Du denn? komm nur ganz dreiſt heraus. Lionetto, der Alles mit angehoͤrt hatte, kam ganz furchtſam, was er wol mit allem Rechte ſeyn mußte, von dem Orte hervor, wo er ſich verſteckt hatte. Der Cavalier ſagte darauf: Was haſt Du denn mit Meſſer Lambertuccio zu ſchaffen? Der junge Mann antwortete: Meſſer, nichts von der Art; und daher glaube ich ganz gewiß, daß er nicht recht bei Sinnen iſt, oder daß er mich verwech⸗ ſelt hat. Denn als er mich nicht ſehr weit von die⸗ ſem Schloſſe auf der Straße erblickte, legte er die Hand an den Degen, und ſagte: Verraͤther, Du biſt des Todes. Ich ließ es nicht darauf ankommen, ihn erſt nach dem Grunde zu fragen, ſondern floh, ſo ſehr ich nur konnte, und kam hierher, wo ich, dank“ ſey es dem Himmel und dieſer edlen Dame, gluͤcklich entkommen bin. Hierauf ſagte der Cavalier: Nun, habe nur keine Furcht mehr, ich bringe Dich geſund und wohl erhalten nach Deinem Hauſe, und dann wirſt Du ſchon wiſſen, was Du mit ihm abzumachen haſt. Nachdem ſie hierauf mit einander geſpeiſt hat⸗ ten, ließ er ihn zu Pferde ſteigen, begleitete ihn bis nach Florenz, und verließ ihn dann in ſeinem Hauſe. Er ſprach alsdann, ſo wie es ihm die Dame unter den Fuß gegeben hatte, noch denſelben Abend ganz im geheimen mit Meſſer Lambertuccio, und veran⸗ ſtaltete es ſo mit ihm, daß, trotz des vielen Redens — at⸗ bis ſe. ter anz an⸗ ens — —— Siebente Novelle. hieruͤber, der Cavalier doch niemals den ihm von ſei⸗ ner Frau geſpielten Poſſenſtreich bemerkte. Siebente Novelle. Ludwig entbeckt Madonna Beatrir die Liebe, die er fuͤr ſie hat; dieſe ſchickt Egano, ihren Mann ſtatt ihrer nach dem Garten, und ſie bleibt mit Ludwig zuſammen. Nach⸗ dem dieſer aufgeſtanden, geht er fort, und pruͤgelt Egano im Garten durch. Dies kluge Benehmen der Madonna Iſabella, wie es Pampinea erzaͤhlt hatte, ward von einem Jeden aus der Geſellſchaft fuͤr ſehr merkwuͤrdig er⸗ achtet; Philomela aber, welcher der Koͤnig fortzu⸗ fahren aufgetragen hatte, ſagte: Liebevolle Maͤdchen, wenn ich mich nicht irre, ſo glaube ich, Euch etwas nicht minder Schoͤnes zu er⸗ zählen, und zwar ſogleich. Ihr ſollt wiſſen, daß in Paris ein edler Floren⸗ tiner ſich aufhielt, der aus Armuth ein Kaufmann geworden war, allein der Handel war ihm ſo ge⸗ gluckt, daß er ihn uͤberaus reich gemacht hatte. Mit ſeiner Frau hatte er einen Sohn, ohne weitere Kin⸗ der, und dieſem den Namen Ludwig gegeben. Weil dieſer ſich aber mehr dem hoͤheren Stande ſeines Vaters, als dem Handel zuneigte, ſo hatte ihn auch der Vater in keine Handlung unterbringen wollen, ſondern ihn mit andern jungen Edelleuten in den Dienſt des Koͤnigs von Frankreich hingegeben, wo er viel beſſere Sitten, und noch andere ſchoͤne Sachen gelernt hatte. Da er ſich nun hier aufhielt, trug Siebenter Tag. es ſich zu, daß verſchiedene Ritter, welche von dem heiligen Grabe zuruͤckgekehrt waren, zu einem Ge⸗ ſpraͤch unter jungen Leuten, wobei auch Ludwig ſich befand, hinzukamen, und dieſe unter ſich von den ſchoͤnen Frauen in Frankreich und in England, und in noch anderen Weltgegenden ſprechen hoͤrten. Da fing einer von ihnen an und ſagte, ſo viel er auch in der Welt herumgekommen waͤre, und ſo viele Frauen er auch geſehen haͤtte, ſo haͤtte er doch wahr⸗ lich keine ſo ſchoͤne geſehen, welche der Gemahlin des Egano von Galluzzi aus Bologna, genannt Madonna Beatrix, gleichkaͤme. Hiermit ſtimmten alle ſeine Gefaͤhrten uͤberein, welche ſie mit ihm in Bologna geſehen hatten. Da Ludwig der noch in keine verliebt geweſen war, dies hoͤrte, ſo entbrannte er von ſolchem Verlan⸗ gen, ſie zu ſehen, daß er ſeine Gedanken auf nichts Anderes mehr feſthalten konnte, ſondern vielmehr feſt entſchloſſen war, nach Bologna zu gehen, um ſie zu ſehen, und dort zu bleiben, wenn ſie ihm gefiele. Zu dem Ende gab er gegen ſeinen Vater vor, er wolle nach dem heiligen Grabe ziehn, was ihm denn endlich auch nach vielen Schwierigkeiten geſtat⸗ tet ward. Er nahm den Namen Anichino an, kam bis Bo⸗ logna, und ſah, wie das Gluͤck es wollte, dieſe Da⸗ me gleich den folgenden Tag bei einem Feſte, und ſie ſchien ihm noch bei weitem viel ſchoͤner zu ſeyn, als er es geglaubt hatte. Auf das gluͤhendſte in ſie verliebt, nahm er ſich vor, von Vologna nicht eher ab⸗ tung ſeiner ſelbſt, als auch aller ſeiner Angelegen⸗ Siebente Novelle. 109 zureiſen, als bis er ſeine Liebe erreicht hätte. Er uͤber⸗ legte nun bei ſich, was fuͤr einen Weg hierzu er ein ſchlagen ſollte, ſetzte deßhalb alles Andere bei Seite, und war der Meinung, daß, wenn er Haus⸗Geſellſchaf⸗ ter ihres Mannes werden koͤnnte, deren der Mann viele hatte, ihm vielleicht das, was er wuͤnſchte, ge⸗ lingen koͤnnte. Er verkaufte daher ſeine Pferde, und traf mit ſeinen Leuten ein ſolches Abkommen, wobei ſie ſich ganz wohl befanden, hatte ihnen aber befoh⸗ len, ſich ſo zu ſtellen, als wenn ſie ihn weiter gar nicht kannten. Dann wandte er ſich an ſeinen Wirth, und ſagte ihm, er moͤchte wol in die Dienſte eines braven Mannes treten, wenn er irgend einen finden koͤnnte. Darauf gab ihm der Wirth zur Antwort: Du biſt gerade ein ſolcher, wie er einem edlen Manne in unſerer Stadt ſehr willkommen ſeyn wuͤrde; er heißt Egano, haͤlt deren viele, und will, daß ſie Alle ein ſo ſtattliches Anſehen haben, wie Du. Ich will mit ihm ſprechen. Und wie er geſagt, ſo that er; ſo daß, ehe er noch einmal von Egano fortgegangen war, er Anichino bei ihm ſchon angebracht hatte, und dieſer auch ihm ſo lieb ward, wie nur einer ihm ſeyn konnte. Da er nun alſo bei Egano wohnte und Gelegen⸗ heit hatte, ſeine Dame oft genug zu ſehen, diente er Egano ſo gut und ſo ganz nach ſeinem Wunſche, daß dieſer ihn auch wieder ſo lieb gewann, daß er ohne ihn nichts that, und ihm ſowol die völlige Lei⸗ — Siebenter Tag. heiten übertragen hatte. Da geſchah es eines Tages, als Egano auf den Vogelfang ausgegangen⸗ und Anichino zu Hauſe geblieben war, daß Madonna Beatrir, welche ſeine Liebe noch nicht bemerkt hatte, ob ſie gleich ihn und ſeine Sitten mehrmals bei ſich beobachtet, und da ſie ihr gefielen, ſehr gelobt hatte, Schach mit ihm zu ſpielen anfing. Anichino, der ihr zu gefallen ſich beſtrebte, fing es ſehr klug an, ließ ſie gewinnen, woruͤber die Donna wundervoll erfreut war. Alle andern Frauen, welche ihrem Spiele zugeſehen, hatten ſich entfernt, und die Spieler allein gelaſſen, als Anichino einen ſehr tiefen Seufzer ausſtieß. Die Dame ſah ihn an, und ſagte: Was haſt Du, Anichino? ſchmerzt es Dich ſo, daß ich Dich uͤberwunden habe? Madonna, antwortete Anichino, ganz etwas Wich⸗ tigeres, als das, war der Grund zu meinem Seufser. Darauf ſagte die Dame: O ſage es mir, wenn Du mir nur ein bischen wohl willſt. Als Rnichino hoͤrte, daß diejenige, die er über Alles liebte, ihn auf dieſe Art, wenn Du mir nur ein bischen wohl willſt, beſchwor, ſtieß er einen noch viel tieferen Seufzer, als den erſten, aus. Weßhalb die Dame ihn noch einmal bat, er mochte ihr doch ja ſagen, was der Grund zu ſeinen Seufzern wäre? Worauf Anichino ſagte: Madonna, ich fuͤrchte ſehr, daß es Euch unangenehm ſeyn wird, wenn ich —— es te ich Siebente Novelle. es Euch ſage, und dann beſorge ich, daß Ihr es irgend einem Dritten wiederſagt. Ihm gab die Frau zur Antwort: Gewiß, es wird mir nicht unangenehm ſeyn; und ſey verſichert, was Du mir auch ſagen magſt, in ſofern es Dir ſo gefaͤllig iſt, werde ich keinem Andern je ein Wort davon ſagen. Hierauf ſagte Anichino: Weil Ihr es mir denn auf dieſe Art verſprechet, ſo will ich es Euch ſagen. Und nun ſagte er ihr, faſt mit Thränen in den Augen, wer er wäre, was er von ihr gehoͤrt haͤtte, wo und wie er in ſie verliebt geworden, und weßhalb er ſich in die Dienſte ihres Gemahls begeben haͤtte; dann bat er ſie demuͤthigſt, ſie moͤchte, wenn es ſeyn koͤnnte, Mitleiden mit ihm haben, und dieſen ſeinen geheimen und ſo heißen Wunſch erfuͤllen; wollte ſie dieſes aber nicht, ſo moͤchte ſie wenigſtens ihn in dem Verhältniß, in welchem er einmal ſich be⸗ faͤnde, laſſen, und zugeben, daß er ſie liebe. O einzige Lieblichkeit des bologneſiſchen Blutes, wie biſt du doch in ſolchen Faͤllen zu preiſen! nim⸗ mer warſt du nur nach Thraͤnen oder Seufzern be⸗ gierig, ſondern ohne Verzug ergabſt du dich den Bitten und fuͤgteſt dich Verliebter Wuͤnſchen; haͤtte ich des wuͤrdigen Lobes genug, dich zu empfehlen, dann wuͤrde man meine Zunge deſſen nie ſatt werden ſehen! Die edle Dame, welche Anichino, waͤhrend er ſprach, angeſehen, und ſeinen Worten vollen Glau⸗ ben beigemeſſen hatte, empfing bei ſeinen Bitten 112 Siebenter Tag. ſeine Liebe mit ſolcher Gewalt in ihrem Innern, daß nun ſie zu ſeufzen anfing, und nach einigen Seufzern antwortete: Mein ſuͤßer Anichino, ſey gutes Muthes. We⸗ der Geſchenke, noch Verſprechungen, noch Aufwart⸗ ſamkeiten eines edlen Mannes oder eines Herrn, oder ſonſt irgend eines Andern(und es haben ſich um mich viele mit Liebe beworben), haben meinen Sinn jemals dahin bewegen koͤnnen, daß ich einen von ihnen geliebt hätte; aber Du haſt mich in dem ſo kurzen Zeitraum, als Deine Worte gedauert haben, weit mehr zu der Deinigen gemacht, als ich ſelbſt die meinige bin. Ich denke, Du haſt meine Liebe ganz und gar gewonnen, und daher ſchenke ich ſie Dir, und ja! ich verſpreche es Dir, ich will Dich zu ihrem Genuß bringen, ehe die nächſt kommende Nacht noch ganz voruͤber gegangen iſt. Und damit dies wirklichen Erfolg haben moͤge, will ich es ſchon ſo veranſtalten, daß Du gegen Mitternacht in meine Kammer kommen kannſt. Ich werde die Thuͤr offen laſſen, Du weißt, auf welcher Seite des Bettes ich ſchlafe; da komm hin, und ſollte ich etwa ſchlafen, ſo beruhre mich ſo lange, bis ich aufwache, und ich will Dich fuͤr Deinen Wunſch, den Du ſo lange ge⸗ hegt haſt, troͤſten. Und damit Du dies um ſo eher glaubſt, will ich Dir zum Unterpfand einen Kuß ge⸗ ben. Darauf warf ſie ihren Arm um ſeinen Hals, und kuͤßte ihn ſo liebevoll, als Anichino ſie. Nachdem ſie dies mit einander geſprochen hat⸗ ten, verließ Anichino die Dame, beſorgte ſeine Ge⸗ —— N S 8 8* —— S„ 8S S— 5„— M Siebente Novelle. ſchaͤfte, und erwartete mit der groͤßten Freude von der Welt, daß doch die Nacht nur herzukommen moͤchte. Egano kehrte vom Vogelfang zuruͤck, und nach⸗ dem er zu Abend gegeſſen hatte, legte er ſich, da er muͤde war, zu Bette, und die Frau neben ihn. Die Thuͤr ließ ſie ſo, wie ſie es verſprochen hatte, auf. Zu der Stunde, welche ihm beſtimmt war, kam Anichino. Leiſe trat er in die Kammer hinein, dann verſchloß er die Thuͤr von innen, ging nach der Seite hin, auf welcher die Frau ſchlief, und da er ihr die Hand auf die Bruſt gelegt hatte, fand er ſie noch nicht ſchlafend. Sobald ſie merkte, daß Anichino gekommen waäre, nahm ſie ſeine Hand mit ihren beiden, und hielt ſie feſt, dann wälzte ſie ſich im Bette ſo lange herum, bis Egano, welcher ſchon ſchlief, erwachte. Hierauf ſagte ſie zu ihm: Ich wollte Dir geſtern Abend nichts ſagen, weil Du mir ſehr müde zu ſeyn ſchienſt; aber ſage mir, bei allem was Dir heilig iſt, Egano, wen haͤltſt Du fuͤr Deinen beſten loyalſten Dienenden und fuͤr den, der Dich am meiſten liebt von allem die Du im Hauſe haſt2 Egano antwortete: Was thuſt Du mir da fuͤr eine Frage, Frau, kennſt Du ihn denn etwa nicht? Ich habe keinen, und habe nimmermehr einen gehabt, dem ich ſo vertraut hätte, ſo vertraue, und den ich ſo liebe, als ich Anichino vertraue und liebe. Aber warum fragſt Du danach? Da Anichino merkte, daß Egano munter wäre, Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 5. 8 114 Siebenter Tag. und daß von ihm geſprochen wuͤrde, hatte er ſeine Hand mehrmals nach ſich gezogen, um fortzugehen, indem er ſehr fuͤrchtete, die Frau moͤchte ihn hinter⸗ gehen wollen; aber ſie hatte ihn ſo feſt gehalten, und hielt ihn fortwaͤhrend ſo feſt, daß er nicht hatte fortkommen koͤnnen, und auch durchaus nicht fort⸗ kommen konnte. Die Frau antwortete Egano und ſagte: Das will ich Dir ſagen. Ich glaubte, daß es ſo wäre, wie Du ſagteſt, und daß er Dir viel mehr, als je⸗ der Andere mit Treue zugethan wäre; aber er hat mich aus dieſem Traume geriſſen. Denn als Du heute auf den Vogelfang ausgegangen warſt, blieb er hier, und ſchämte ſich nicht, da er die Zeit abge⸗ ſehen, mich zu bitten, mich ſeinen Luͤſten einſtim⸗ mend zu fuͤgen. Damit ich nun nicht noͤthig haben moͤchte, Dich mit vielen Beweiſen zu uͤberzeugen, und um es Dich ſelbſt ſehen und mit Haͤnden greifen zu laſſen, antwortete ich ihm, ich waͤre es zufrieden; ich wuͤrde in dieſer Nacht, nach zwoͤlf Uhr, in un⸗ ſern Garten kommen, und ihn am Fuße der Pinie er⸗ warten. Nun bin ich aber gar nicht willens, dahin zu gehen, ſondern wenn Du die Treue Deines Die⸗ ners kennen llernen willſt, ſo kannſt Du das ſehr leicht, wenn Du Dir einen meiner Ueberroͤcke über⸗ wirfſt, einen Schleier auf den Kopf nimmſt, hinun⸗ ter gehſt und warteſt bis er kommt; denn davon bin ich uberzeugt, er kommt. Da Egano dies hoͤrte, ſagte er: Ja, wahrlich, das will ich doch ſehen. Hiermit ſtand er auf, warf 4* ine en⸗ ter⸗ ten, atte ort⸗ Das äre, je⸗ hat Du lieb bge⸗ tim⸗ aben und n zu den; un⸗ e er⸗ ahin Die⸗ ſehr uͤber⸗ inun⸗ n bin rlich, warf 5 4* 8 Siebente Novelle. 115⁵ ſich, ſo gut er im Finſtern nur konnte, einen Ueber⸗ rock ſeiner Frau uͤber, nahm einen Schleier uͤber den Kopf, und ging nach dem Garten, wo er am Fuß einer Pinie Anichino erwartete. Sobald die Frau merkte, daß er aufgeſtanden, und aus der Kammer hinausgegangen wäre, ſtand auch ſie auf, und verſchloß die Thuͤr von innen. Anichino, der in der groͤßten Furcht, als nur je, geſchwebt, ſich, ſo viel er nur gekonnt, angeſtrengt, den Händen der Frau zu entkommen, und ſie, ſeine Liebe und ſich ſelbſt hunderttauſend Mal verwuͤnſcht hatte, ihr getrauet zu haben, war nun, da er einſah, zu welchem Zwecke ſie ſo gehandelt haͤtte, der zufrie⸗ denſte Menſch, der je geweſen war. Nachdem die Frau hierauf nach dem Bett wieder zuruͤckgekehrt war, kleidete er ſich, wie ſie es gewollt hatte, zuſam⸗ men mit ihr aus, und dann hatten ſie eine gute Zeit lang ihr Vergnuͤgen mit einander. Als darauf die Frau dann glaubte, daß Anichino nicht länger ver⸗ weilen muͤßte, hieß ſie ihn aufſtehen, ſich wieder an⸗ kleiden, und dann ſagte ſie zu ihm: Mein ſuͤßes Maͤulchen, nun nimm einen tuͤchtigen Stock, gehe damit nach dem Garten, und thue, als haͤtteſt Du mich aufgefordert, um mich auf die Probe zu ſtellen, mache, als wäre ich es ſelbſt, Egano tuͤchtig herun⸗ ter, und klingle ihn nur derb mit dem Stocke aus, ſo wird eine wundervolle Luſt und Vergnuͤgen dar⸗ aus entſtehen. Anichino ſtand auf, und ging mit einem tuchti⸗ gen Weidenknuͤppel in der Hand nach dem Garten, 116 Siebenter Tag. und als er in die Nähe der Pinie kam, und Egano ihn kommen ſah, ſtand dieſer auf, und ging ihm, als wenn er ihn recht feſtlich empfangen wollte, ent⸗ gegen. Hierauf ſagte Anichino: Ha! ſchlechtes Weib, ſo biſt Du doch gekommen, und glaubſt, daß ich meinem Herrn einen ſolchen Schimpf anthun wollte? Nun ſo ſey mir denn tauſend Mal willkommen! Hierauf hob er den Stock in die Hoͤhe, und fing an auf ihn loszugeigen. Sobald Egano dies hoͤrte, und den Knuͤppel ſah, inachte er ſich, ohne ein Wort zu ſagen, auf die Flucht, aber Anichino hinter ihn drein, immer mit den Worten: Packe Dich, oder Dich ſoll der Henker holen, ſchechtes Weib, denn morgen am Tage will ich es wahrhaftig Egano ſagen. Egano, der doch ein paar tüchtige aufgeladen hatte, kehrte, ſo ſchnell er nur konnte, nach der Kam⸗ mer zuruͤck, und als ihn die Frau fragte, ob Ani⸗ chino nach dem Garten gekommen waͤre, ſagte Egano: Ich wollte er waͤre nicht gekommen, denn da er glaubte, ich wäre Du, ſo hat er mich mit einem Knittel ſo durchgewalkt, und ſolche ſchlechten Reden gegen mich gefuͤhrt, wie ſie nie gegen eine ſchlechte Frau gefuͤhrt worden ſind. Und wahrhaftig, ich wunderte mich auch ſehr uͤber ihn, daß er, mit der Abſicht etwas zu thun, was mir einen Schimpf an⸗ gethan hätte, Dir ſolche Worte vorgeredet haben ſollte; allein da er Dich ſo froͤhlich und vergnuͤgt daruber ſah, wollte er Dich auf die Probe ſtellen. — „*u un te er en gt Achte Novelle. Da ſagte die Frau: Gottlob, daß er es mir mit Worten, Dir mit der That bewieſen hat; und ich glaube, er koͤnnte wol eher ſagen, daß ich mit groͤ⸗ ßerer Geduld ſeine Worte ertragen haͤtte, als Du ſeine Thaten. Aber weil er Dir denn mit ſolcher Treue zugethan iſt, ſo mußt Du ihn auch lieb haben, und ihm Ehre erweiſen. S ſagte Egano, Du haſt auch Recht. Und da er hieraus den Beweis zog, ſo ſtand er in der Meinung, er hätte die rechtſchaffenſte Frau, und den treueſten Diener, wie ihn nur jemals ein Edel⸗ mann gehabt hätte. Ob nun gleich wol, ſo er, als auch die Dame, mit Anichino mehrere Mal hieruͤber lachten, ſo hat⸗ ten doch auch Anichino und die Dame ſehr oft die bequemſte Gelegenheit, wie ſie ſie vielleicht ſonſt nie gehabt haben wuͤrden, zu thun, was ihnen Freude und Vergnuͤgen gewährte, ſo lange es Anichino bei Egano in Bologna zu bleiben gefiel. Achte Novelle. Ein Mann wird eiferſuͤchtig auf ſeine Frau, dieſe bindet ſich in der Nacht einen Faden an die Zehe, um zu mer⸗ ken, daß ihr Geliebter zu ihr kommt. Der Mann wird es gewahr, und waͤhrend er den Geliebten verfolgt, legt die Frau an ihrer Stelle eine andere Frau ins Bett, die der Mann ſchlägt und ihr die Locken abſchneibet, dann geht er zu ihren Bruͤdern, die ihn, weil ſie es fuͤr nicht wahr finden, heruntermachen. Ganz ſonderbar ſchien Allen die Bosheit der Ma⸗ donna Beatrix, ihren Mann zu verſpotten, und Jeder Siebenter Tag. verſicherte, Anichino's Furcht muͤßte ſehr groß geweſen ſeyn, als er, waͤhrend die Frau ihn feſt hielt, ſie ſa⸗ gen gehoͤrt haͤtte, daß er ſie um Liebe gebeten habe. Als aber der Koͤnig ſah, daß Philomena ſchwieg, wandte er ſich an Neiphila und ſagte: Sprechet Ihr. Sie, anfaͤnglich ein wenig läͤchelnd, fing dar⸗ auf an: Schoͤne Damen, eine ſchwere Aufgabe bleibt mir noch uͤbrig, wenn ich Euch mit einer ſo ſchoͤnen No⸗ velle erfreuen wollte, als diejenigen, welche vorher erzaͤhlt worden ſind, Euch erfreut haben; indeſſen ich hoffe, ich werde mit Gottes Huͤlfe mich derſelben auch recht gut entledigen. Iyr ſollt alſo wiſſen, daß in unſerer Stadt einſt⸗ mal ein ſehr reicher Kaufmann, Arriguccio Berlin⸗ ghieri genannt, lebte, welcher thoͤrichterweiſe ſich, ſo wie das heut zu Tage noch alle Tage die Kaufleute thun, durch die Frau zu adeln glaubte, und deßhalb eine junge artige Frau nahm, die ſich fuͤr ihn ſehr ſchlecht ſchickte; ihr Name war Monna Sismonda. Weil er, wie das die Kaufleute nicht anders machen, viel umher ging, und nur wenig bei ihr verweilte, verliebte ſie ſich in einen jungen Mann, genannt Ru⸗ berto, welcher lange um ſie gebuhlt hatte. Und da er ihre Vertrautheit gewonnen hatte, und ſich derſel⸗ ben vielleicht zu wenig vorſichtig bediente, weil er ſie ſo uber Alles liebte, geſchah es, daß Arriguccio(viel⸗ leicht weil er etwas merkte, oder woher es auch ſonſt kommen mochte) ſo eiferſuͤchtig ward, wie nur ein Menſch in der Welt, und, nicht zu gedenken ſeines ————— ec e —— Achte Novelle. 119 Herumſchleichens, oder was er ſonſt noch that, alle ſeine Sorgfalt darauf richtete, ſie ſcharf zu beobachten, ſo daß er nie eher eingeſchlafen wäre, vis er nicht gemerkt häͤtte, ſie wäre fruͤher zu Bett gegangen. Hieruͤber empfand die Frau den druͤckendſten Schmerz, weil ſie auf keine Art mit ihrem Ruberto zuſammen ſeyn konnte. Nun hatte ſie aber ſchon viele Gedanken gehabt, um ein Mittel auszufinden, wie ſie mit ihm zuſammen ſeyn koͤnnte, und da auch ſie oftmals von ihm darum angegangen worden war, ſo kam ſie auf die Idee, es auf dieſe Art zu bewerk⸗ ſtelligen: naͤmlich, ihre Kammer ging laͤngs der Straße hin, und ſie hatte oft bemerkt, daß Arriguc⸗ cio ſehr viel Muͤhe haͤtte, einzuſchlafen, aber dann auch ſehr feſt ſchliefe, und da meinte ſie denn, koͤnne ſie ihren Ruberto gegen Mitternacht an die Haus⸗ thuͤr kommen laſſen; dann wolle ſie hingehen, ihm aufmachen, und bei ihm ein wenig verbleiben, waͤh⸗ rend ihr Mann feſt ſchliefe. Und damit ſie merkte, ſo daß kein Anderer davon etwas gewahr wuͤrde, wenn er gekommen waͤre, ſo beſchloß ſie, einen Bind⸗ faden aus dem Kammerfenſter hinaus zu laſſen, der mit dem einen Ende bis auf die Erde reichte; das an⸗ dere Ende deſſelben wolle ſie bis uͤber den Boden hin⸗ unter leiten, und nach ihrem Bette hinführen, es dort unter die Kleider verſtecken, und wenn ſie im Bette wäre, es an die große Zehe ihres Fußes feſtbinden. Hierauf ließ ſie dies Ruberto ſagen, und trug ihm auf, daß, wenn er käme, er an dem Bindfaden ziehen 120 Siebenter Tag. möchte, worauf ſie ihn alsdann, wenn ihr Mann ſchliefe, loslaſſen wollte, und ihm die Thuͤr aufma⸗ chen wuͤrde; wenn er aber noch nicht ſchliefe, ſo würde ſie ihn feſthalten und nach ſich ziehen, damit er nicht umſonſt warte. Ruberto war damit zufrieden, ging mehrere Mal hin, und zuweilen auch gelang es ihm mit ihr zu⸗ ſammen zu ſeyn, zuweilen aber auch nicht. Endlich, da ſie dieſes ihr Kunſtſtuͤckchen fortgeſetzt hatten, traf es ſich in einer Nacht, daß, als die Frau ſchlief und Arriguccio den Fuß im Bette ausſtreckte, er die⸗ ſen Bindfaden gewahrte. Er faßte ihn mit der Hand an, und fand, daß er an die Zehe der Frau angebunden war; ſogleich meinte er, dahinter muͤſſe ein Betrug ſtecken; und da er merkte, daß der Bind⸗ faden aus dem Fenſter hinausginge, war er davon feſt uͤberzeugt. Er ſchnitt ihn daher ganz leiſe von der Zehe der Frau ab, und band ihn an ſeine, dann gab er Acht, um zu ſehen, was das ſagen ſollte. Es dauerte nicht lange, ſo kam Ruberto, und zog an dem Faden, wie er gewohnt war. Arriguecio merkte es; da er indeſſen den Faden nicht ganz feſt gebunden, Ruberto aber ſcharf gezogen hatte, ſo daß ihm der Faden in die Hand kam, glaubte er, er muͤſſe warten, und das that er denn. Arriguccio ſtand ſchnell auf, nahm ſeine Waffen und lief an die Thuͤr, um zu ſehen, wer da waͤre, und ihm eins auszuwiſchen. Nun war aber Arrigue⸗ cio, ſo ſehr er auch Kaufmann war, ein wilder und ſtarker Mann; nachdem er alſo zur Thuͤr gekommen —— — *— „ —— Achte Novelle. 12¹ war, und dieſe nicht ſo ſanft oͤffnete, als die Frau zu thun pflegte, merkte Ruberto, welcher gewartet hatte, ſogleich, es wäre ſo wie es auch wirklich war, nämlich der, der die Thuͤr aufmachte, wäre Arrigue⸗ rio, er nahm daher die Flucht, und Arriguccio ver⸗ folgte ihn. Endlich, nachdem Ruberto ein großes Stuͤck geflohen war, und jener nicht inne gehalten hatte, ihn zu verfolgen, zog Ruberto, der eben ſo gut bewaffnet war, ſeinen Degen heraus, und dre⸗ hete ſich um. Sogleich fing der Eine an, angreifen, und der Andere ſich vertheidigen zu wollen. Die Frau war, als Arriguccio die Thuͤr oͤffnete, aufgewacht, und hatte gefunden, daß der Bindfaden ihr von der Zehe abgeſchnitten waͤre, ſie merkte da⸗ her ſogleich, daß ihr Betrug entdeckt ſey. Und da ſie gewiß glaubte, Arriguccio wäre Ruberto nachge⸗ laufen, ſtand ſie ſchnell auf, und ahnend, was wol geſchehen konnte, rief ſie ihr Maͤdchen, welches um Alles wußte, predigte ſo auf ſie ein, daß ſie ſich an ihrer Statt in ihr Bett legte, und bat ſie, ſie moͤchte, ohne ſich zu erkennen zu geben, die Puͤffe ruhig annehmen, die Arriguccio ihr geben wuͤrde, ſie wollte ſie ihr ſchon ſo zu vergelten ſuchen, daß ſie keinen Grund haben ſollte, ſich zu beſchweren. Hier⸗ auf loͤſchte ſie das Licht, was in der Kammer brannte, aus, verließ dieſelbe, und verbarg ſich an einem Orte des Hauſes, von welchem aus ſie erwartete, was da kommen wuͤrde. Als der Zank zwiſchen Arriguccio und Ruberto entſtanden war, yoͤrten es die Nachbarn auf der 422 Siebenter Tag. Straße, ſtanden auf, und ſchimpften auf ſie; Arri⸗ guccio aber, aus Furcht, erkannt zu werden, doch ohne daß er haͤtte erkennen koͤnnen, wer der junge Mann waͤre, und ohne mit irgend etwas beleidigen zu wollen, ließ erzuͤrnt und ſehr unzufrieden ihn ſte⸗ hen, und kehrte nach ſeinem Hauſe zuruͤck. Sobald er dann in die Kammer gekommen war, brach er hoͤchlichſt ergrimmt in dieſe Worte aus: Wo biſt Du, gottloſes Weib? Du haſt das Licht ausgeloͤſcht, damit ich Dich nicht finden ſoll, aber da haſt Du Dich geirrt! Hierauf ging er nach dem Bette hin, und in der Meinung ſeine Frau zu ergreifen, ergriff er die Dienſtmagd, und gab ihr, ſo lange er Haͤnde und Fuͤße nur ruͤhren konnte, ſo viele Fauſtſchlage und Fußtritte, bis er ihr das ganze Geſicht zerklopft hatte; ja zuletzt ſchnitt er ihr noch die Haare ab, indem er ihr die aͤrgſten Grobheiten ſagte, wie ſie je nur einer ſchlechten Frau geſagt worden ſind. Die Dienſtmagd weinte gewaltig, weil ſie es noͤthig hatte; und wenn ſie auch je zuweilen ſagte, o weh! um Gottes willen! oder, ach, doch nichts mehr! ſo ward ihre Stimme von dem Weinen ſo unterbrochen, und Arriguccio von der Wuth ſo mit⸗ genommen, daß er gar nicht mehr unterſcheiden konnte, wie dieſe eine ganz andere als ſeine Frau wäre. Als er ſie hierauf nach Herzensluſt durchgeprü⸗ gelt, und ihr, wie geſagt noch dazu die Haare abge⸗ ſchnitten hatte, ſagte er: E ——** d— Achte Novelle. 123 Schlechtes Weib, es kommt mir nicht ein, Dich iemals anders wieder anzuruͤhren, aber ich will zu Deinen Bruͤdern hingehen und ihnen Deine ſchoͤnen Thaten erzaͤhlen; dann moͤgen ſie herkommen, und mit Dir vornehmen, was ſie zu ihrer Ehre noͤthig glauben, und Dich mit ſich nehmen; denn, wahrhaf⸗ tig! in dieſem Hauſe iſt Deines Bleibens nicht mehr. Und nachdem er ſo geſprochen, ging er aus der Kam⸗ mer hinaus, ſchloß ſie von außen zu, und ging ganz allein fort. Als Monna Sismonda, die Alles gehoͤrt hatte, merkte, daß ihr Mann fortgegangen waͤre, oͤffnete ſie die Kammer, zuͤndete das Licht wieder an, und fand ihr Maͤdchen, das heftig weinte, ganz zerſchla⸗ gen. Sie troͤſtete ſie ſo gut ſie nur konnte, und ſchickte ſie nach ihrer Kammer zuruͤck, woſelbſt ſie ſie ganz im Stillen bedienen und verpflegen ließ, ſo daß, wenn ſie ſich ſelbſt an das erinnerte, was ſie von Arriguccio erfahren hatte, ſie ſich fuͤr vollkom⸗ men zufrieden geſtellt erachtete. Nachdem ſie das Mädchen nach ihrer Kammer zuruͤckgeſchickt hatte, machte ſie ſchnell das Bett in der ihrigen wieder, raͤumte Alles wieder auf und brachte es in Ordnung, ſo, als wenn in dieſer Nacht kein Menſch darin ge⸗ legen haͤtte, dann zuͤndete ſie die Lampe wieder an, kleidete ſich um und ſtellte Alles ſo wieder her, als wenn ſie noch gar nicht zu Bette gegangen geweſen waͤre. Hierauf ſteckte ſie eine Laterne an, nahm ihre Kleider, ſetzte ſich oben auf der Treppe nieder, fing Siebenter Tag. an zu naͤhen, und erwartete, was die Sache fuͤr einen Ausgang nehmen wuͤrde.: Sobald Arriguccio aus ſeinem Hauſe herausge⸗ gangen war, richtete er ſeinen Weg, ſo ſchnell er nur konnte, nach dem Hauſe der Bruͤder ſeiner Frau hin, und klopfte daſelbſt ſo lange an, bis er gehoͤrt und ihm aufgemacht ward. Die Bruͤder der Frau, deren ihrer drei waren, und die Mutter derſelben, erhoben ſich ſogleich, da ſie merkten, daß es Arriguccio waͤre; ſie zuͤndeten die Lichter an, und kamen ihm mit der Frage entge⸗ gen, was er zu dieſer Stunde und ſo allein zu ſu⸗ chen haͤtte? Worauf Arriguccio ihnen Alles von dem Bindfaden anfangend, den er an Monna Sis⸗ monda's Zehe angebunden gefunden, bis zu dem, was er zuletzt gefunden und gethan haͤtte, erzählte; und um ihnen den vollkommenen Beweis von dem zu ge⸗ ben, was er gethan hätte, legte er ihnen die Haare, welche er ſeiner Frau abgeſchnitten zu haben glaubte, in die Hand, indem er hinzufuͤgte, ſie moͤchten ſie zu ſich holen, und dann mit ihr machen, was ſie ihrer Ehre zuzukommen glaubten, denn er beabſichtige, ſie nie mehr in ſeinem Hauſe zu behalten. Die Bruͤder, ſehr betruͤbt uͤber das, was ſie ge⸗ hoͤrt hatten, wurden, da ſie Alles fuͤr wahr hielten, ſehr gegen ſie aufgebracht. Sie ließen daher Fak⸗ keln anzuͤnden, in der Abſicht, ihr ein boͤſes Spiel zu machen, begaben ſich ſogleich mit Arriguccio auf den Weg, und gingen nach ſeinem Hauſe hin. Da ihre Mutter dies vernahm, fing ſie, mit + e— 1—„——— — er v* Achte Novelle. 125 Thränen in den Augen an, in ſie zu dringen, und bald den Einen bald den Andern zu bitten, ſie moͤch⸗ ten doch dies nicht ſogleich glauben, ohne nicht alles ſelbſt erſt geſehen und ausgeforſcht zu haben; denn der Mann koͤnnte auch wohl aus einem andern Grunde mit ihr geſpannt ſeyn, ihr Unrecht gethan haben, und ihr jetzt zu ſeiner Entſchuldigung dieſen Vorwurf machen. Denn, ſagte ſie, ſie wundere ſich ſehr, wie das geſchehen ſeyn ſollte, da ſie doch ihre Tochter recht gut kenne, die ſie von klein auf erzo⸗ gen habe, und was dergleichen Worte noch mehr waren. Sobald aber jene nach Arriguecio's Haus ge⸗ kommen und hineingetreten waren, ſtiegen ſie ſogleich die Treppe hinauf; Monna Sismonda aber, welche ſie kommen hoͤrte, ſagte: Wer iſt da? Einer ihrer Bruͤder antwortete: Das wirſt Du wol wiſſen, ſchlechtes Weib, wer es iſt. Darauf ſagte Monna Sismonda: Nun, was ſoll denn das heißen? Gott ſtehe mir bei! Sogleich ſtand ſie auf, und ſagte: Ach, meine Bruͤder! ſeyd mir willkommen, aber was ſucht Ihr alle drei denn in jetziger Stunde hier? Da dieſe ſie erblickten, wie ſie da ſaß und nähte, ohne irgend ein Zeichen im Geſichte zu haben, daß ſie geſchlagen worden, wie Arriguccio doch geſagt, daß er ſie tuͤchtig zerpruͤgelt haͤtte, wunderten ſie ſich im erſten Augenblicke etwas, hielten aber den vollen Ausbruch ihres Zornes noch zuruͤck, und fragten ſie nur, wie das mit dem zuſammenhinge, worüber ſich 126 Siebenter Tag. Arriguccio ihretwegen beklagt hätte, wobei ſie ihr gewaltig droheten, wenn ſie ihnen nicht Alles ſagte. Die Frau ſagte: Ich weiß weder, was ich Euch ſagen ſoll, noch weßhalb ſich Arriguccio uͤber mich haͤtte beklagen ſollen. Als Arriguccio ſie erblickte, ſah er, wie vernarrt ſie an, da er ſich doch ſehr wohl erinnerte, daß er ihr wol tauſend Puͤffe ins Geſicht gegeben, ſie zer⸗ kratzt und ihr alles nur moͤgliche Boͤſes angethan baͤtte, und jetzt ſahe er ſie, als wenn von allem dem nichts geweſen wäre. Da ſagten die Bruͤder ihr ganz kurz, was Arri⸗ guccio ihnen geſagt haͤtte von dem Bindfaden, von den Pruͤgeln und von allem. Da wandte ſich die Frau an Arriguceio, und ſagte: Ei, lieber Mann, was hoͤre ich? Warum bringſt Du mich zu Deiner Schande in den Ruf als eine ſchlechte Frau, was ich doch nicht bin, und Dich als einen boͤſen und grauſamen Mann, der Du doch auch nicht biſt? und von wenn an biſt Du denn dieſe Nacht hier zu Hauſe geweſen oder gar viel weniger noch bei mir? oder wann haſt Du mich denn geſchla⸗ gen? Ich kann mich platterdings davon nichts er⸗ innern. Da fing Arriguccio an: Was, ſchlechtes Weib, ſind wir denn nicht mit einander zu Bette gegangen? Bin ich denn nicht wieder nach Hauſe gekommen, nachdem ich hinter Deinen Liebhaber hinterdrein ge⸗ laufen war? Habe ich Dir nicht ſo viele Stoͤße ge⸗ geben, und Dir nicht die Haare abgeſchnitten? hr te. ch ch rt r an ri⸗ on ind um als ich och ieſe ger Na⸗ er⸗ eib, en nen, ge⸗ ge⸗ —, Achte Novelle. Die Frau antwortete: In dieſem Hauſe haſt Du Dich geſtern Abend nicht niedergelegt. Aber laſſen wir das bei Seite geſetzt ſeyn, denn ich kann keinen andern Beweis daruͤber fuͤhren, als meine wahrhaf⸗ tigen Worte, und kommen wir auf das, was Du da ſagſt, daß Du mich geſchlagen, und mir die Haare abgeſchnitten haͤtteſt. Mich haſt Du noch nimmer⸗ mehr geſchlagen, und ſo viel Ihr Eurer hier ſeyd, und eben auch Du, unterſucht mich, ob ich an mei⸗ nem ganzen Leibe ein Zeichen eines Schlages habe; und ich wuͤrde es Dir auch nicht gerathen haben, daß Du es gewagt haͤtteſt, eine Hand an mich zu legen, denn beim heiligen Kreuzes⸗Stamm Chriſti, ich haͤtte Dir die Augen ausgekratzt. Auch die Haare haſt Du mir eben ſo wenig abgeſchnitten, daß ich es gemerkt oder geſehen hätte; doch vielleicht haſt Du es gethan, ohne daß ich es gewahr geworden bin. Ich will doch'mal ſehen, ob mir welche abgeſchnit⸗ ten ſind, oder nicht. Hierbei nahm ſie ſich den Schleier vom Kopf, und zeigte, daß ihr kein Haar abgeſchnitten waͤre, ſondern daß ſie ſie alle unver⸗ letzt hätte. Als die Bruͤder und die Mutter dies ſahen und hoͤrten, fingen ſie gegen Arriguccio an: Und was ſagſt Du nun, Arriguccio? So iſt es doch wahrhaf⸗ tig nicht, wie Du es uns eben geſagt haſt, daß Du es gemacht haͤtteſt, und wir wiſſen nicht, wie Du das Uebrige beweiſen wilſſt. Arriguccio ſtand wie im Traume und wollte noch was ſagen, allein da er ſah, daß das, was er 127 128 Siebenter Tag. beweiſen zu koͤnnen glaubte, nicht ſo wäre, wagte er es nicht, auch nur noch ein Wort zu ſprechen. Die Frau wandte ſich zu den Bruͤdern, und ſagte: Ich ſehe, lieben Bruͤder, er geht darauf aus, daß ich thun ſoll, was ich nie habe thun wollen, naͤmlich daß ich Euch ſeine Erbaͤrmlichkeiten und Schlechtigkeiten erzahle; aber nun will ich es thun. Ich glaube ganz feſt, daß das, was er Euch geſagt hat, ihm begegnet iſt, und daß er es gethan hat, hoͤrt aber wie! Dieſer vortreffliche Mann da, dem ihr zu meinem Ungluͤck mich zur Frau gegeben habt, der ſich einen Kaufmann nennt, und daher Credit ha⸗ ben will, der ſanfter ſeyn ſollte als ein Geiſtlicher, und ehrbarer als eine Jungfrau, läßt wenig Abende vergehen, an welchen er ſich nicht trunken in den Kneipen umhertreibt, und ſich nicht bald mit dieſem, hald mit jenem ſchlechten Weibe einlaͤßt, und mich dann bis um Mitternacht, ja wol zuweilen bis an den Morgen auf die Art, wie Ihr mich gefunden habt, auf ſich warten laͤßt. Ich bin uͤberzeugt, in der Trunkenheit hat er wieder bei irgend einer Metze gelegen, und als er neben ihr erwachte, fand er den Bindfaden an ihrem Fuße und darauf vollbrachte er alle dieſe ſeine Heldenthaten, deren er ſich ruͤhmt, bis er zu ihr wieder zuruͤckkehrte, ſie ſchlug und ihr die Haare abſchnitt. Dann glaubte er, da er noch nicht ſo ganz wieder zu Verſtande gekommen war, und ich bin gewiß, daß er es auch jetzt noch glaubt, Alles das mir gethan zu haben. Und wenn Ihr ihn nur ſcharf ins Auge faßt, ſo iſt er noch halb trun⸗ —— Achte Novelle. ke Aber was er auch von mir geſagt haben mag, will ich doch durchaus nicht, daß Ihr es anders, as von ein m etrunkenen Menſchen annehmet; und darum, weil ich ihm verzeihe ſo verzeihet Ihr ihm auch eben ſo. Als die Mutter dieſe Sortt hoͤrte, machte ſie einen gewaltigen Lärm, und ſagte: Beim heiligen Kreuzes⸗Stamm, das kann nicht geſchehen, vielmehr ſollte man dieſen brumm er 1vankbaren Hund todt⸗ ſchlagen, denn er iſt nicht rch, ein ſolches Maͤdchen, wie Du biſt, zu haben. So geſchähe ihm ſchon ganz recht, wenn er Dich vom Miſt aufgeraſſt hatte. Er ſollte ja die Kraͤnke kriegen, ehe Du bei einem ſol⸗ chen Schandmaul von elendem Tuͤtendreher aus Eſels⸗ Sch. zuſammengeknetet bleiben ſollteſt, der vom Dorfe hierhergelaufen kommt, der aus dem Sauſtall herausgekrochen iſt, der im frieſenen Flauſch herum⸗ zieht, dem die Hoſen um die Beine bommeln wie'ne Glocke, und mit der Feder im Hintern; wenn ſie einen Dreier in der Ficke haben, machen ſie gleich Anſpruͤche auf Toͤchter vornehmer Leute, und verlan⸗ gen die beſten Mädchen zu Frauen, machen ſich ſelbſt Wappen, und ſagen: Ich bin der Herr von—, und ſo machten es Alle aus unſerem Hauſe! Waäͤren meine Söhne huͤbſch meinem Rathe gefolgt, ſo hät⸗ teſt Du ſo ehrenvoll in dem Hauſe der Grafen Gui⸗ di mit einem Stuͤckchen Brote untergebracht werden koͤnnen, aber ſie wollten Dich nun einmal dieſem koſtbaren Edelſteine da geben, der, trotz daß Du das beſte und anſtändigſte Maͤdchen von Florenz biſt, ſich Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 5. 9 * 130 Siebenter Tag. nicht ſchämt, mitten in der Nacht von Dir auszu⸗ ſprengen, daß Du'ne Hure wärſt, als wenn wir Dich nicht kennten. Aber bei Gott im Himmel, haͤtte man mir nur geglaubt, ſo haͤtten ſie ihn mit einer ſtänkerigen Dankſagung auszahlen ſollen. Darauf wandte ſie ſich an ihre Soͤhne und ſagte: Kinder, ich ſagte es Euch wohl, das konnte nicht ſeyn. Habt Ihr gehoͤrt, wie Euer lieber Herr Schwager Eure Schweſter behandelt? So ein Tuͤtenkrämer fuͤr vier Pfennige; ja, wäre ich nur an Eurer Stelle, und er hätte das geſagt, was er von ihr geſagt hat, und gethan, was er gethan hat, ſo waͤre ich nicht eher ruhig und zufrieden, bis ich ihn nicht von der Welt geſchafft haͤtte; und waͤre ich ein Mann, ſo wie ich ein Weib bin, ſo ſollte ſich kein Anderer als ich damit befaſſen. Hole doch der Teufel den verſof⸗ fenen Spitzbuben, der keine Schaam im Leibe hat. Die jungen Leute, da ſie dies geſehen und ge⸗ voͤrt hatten, wandten ſich zu Arriguccio, und ſagten ihm die größten Grobheiten, die je nur einem ſchlech⸗ ten Menſchen geſagt worden ſind; doch endlich ſag⸗ ten ſie zu ihm, wir verzeihen es Dir, als einem Be⸗ trunkenen, aber nimm Dich fur Dein ganzes Leben in der Folge in Acht, daß wir ſolche Hiſtoͤrchen von Dir nicht wieder hoͤren; denn, wahrhaftig, kommt uns ſo was wieder zu Ohren, ſo zahlen wir Dir ſo und ſo aus. So geſprochen, gingen ſie fort. trriguccio blieb wie ein Dummerjan ſtehn, und wußte ſelbſt nicht, ob das, was er ge'pan hatte, wahr wäre, oder ob er es nur geträumt hätte; er 4. ir er f r bt re r e, , ht er f⸗ e⸗ ten Be⸗ en on mt ſo und tte, —,— Neunte Novelle. ließ daher, ohne noch ein Wort zu ſprechen, die Frau in Ruhe. Dieſe aber war nicht allein durch ihre Verſchlagenheit der bevorſtehenden Gefahr entgan⸗ gen, ſondern ſie hatte ſich auch den Weg geoͤffnet, in der Zukunft Alles zu thun, was ihr gefiel, ohne nur noch die mindeſte Furcht vor ihrem Manne zu haben. Neunte Novelle. Lidia, Nicoſtrato's Frau, liebt den Pirrus; damit er ſich davon uͤberzeugen könne, verlangt er Dreierlei von ihr, was ſie auch erfuͤllt; und uͤberdies erfreut ſie ſich ſeiner in Nicoſtrato's Gegenwart, uͤberredet aber dieſen, es ſey nicht wahr, was er geſehen habe. So ſehr hatte Neiphila's Novelle gefallen, daß die zarten Damen über dieſelbe weder zu lachen noch zu ſprechen aufhoͤren konnten, wenn auch gleich der Koͤnig ihnen mehrere Male Stillſchweigen auferlegte, und Pamphilus befahl, die ſeinige vorzutragen. Und nun, nachdem ſie ſchwiegen, fing Pamphilus alſo an. Ich glaube nicht, verehrte Damen, daß irgend etwas ſeyn kann, ſey es auch noch ſo ſchwer und zweifelhaft, was der nicht wagen ſollte, der gluͤhend liebt. Mag auch dies ſchon in vielen Novellen ge⸗ zeigt worden ſeyn, ſo denke ich es deſſen ungeachtet durch eine, die ich Euch zu erzaͤhlen beabſichtige, noch weit mehr zu beweiſen. Werdet Ihr darin von einer Frau horen, welcher das Gluͤck in allen ihren Hand⸗ lungen weit guͤnſtiger, als die Vernunft vorbedächtig war; ſo würde ich deshalb keiner rathen, daß ſie 132 Siebenter Tag. es wagte, in die Fußſtapfen derjenigen zu treten, von welcher meine Abſicht iſt zu reden; denn das Gluͤck iſt nicht immer ſo zugethan, noch ſind in der Welt die Maͤnner alle eben ſo verblendet. In Argos, einer ſehr alten Stadt Achaja's, mehr durch ihr vormaligen Koͤnige beruͤhmt, als groß, lebte einſt ein edler Mann, welcher Nicoſtrato hieß; dem Alter ſchon nahe, gewaͤhrte das Gluͤck ihm zur Gattin eine vornehme Frau, nicht weniger dreiſt als ſchoͤn, mit Namen Lidia genannt. Als ein edler und reicher Mann hatte er einen großen Hausſtand, Hunde und Voͤgel; auch fand er ein ſehr großes Ver⸗ gnuͤgen an der Jagd. Unter andern ſeiner Diener hatte er auch einen artigen, netten und ſchoͤn gewachſenen Juͤngling, und geſchickt zu allem, was er nur machen wollte; er hieß Pirrus, und Nicoſtratus liebte ihn und vertraute ihm mehr, als jedem Andern. In dieſen verliebte ſich Lidia ſo ſehr, daß ſie weder am Tage noch in der Nacht ihre Gedanken anders wohin haͤtte richten koͤnnen, als nur auf ihn. Pirrus aber, bemerkte er es wirklich nicht oder wollte er es nicht bemerken, zeigte auch nicht im min⸗ deſten, als wenn er ſich um dieſe Liebe kuͤmmerte. Hieruͤber empfand die Dame den unertraͤglichſten Aerger in ihrem Herzen. Entſchloſſen daher durch⸗ aus, es ihm zu verſtehen zu geben, rief ſie eine ihrer Kammerfrauen, Namens Lusca, auf welche ſie ein großes Vertrauen ſetzte, zu ſich, und ſagte zu ihr: Lusca, die Wohlthaten, die Du von mir erhalten on ͤck elt hr ß, ur 16 er⸗ —— Neunte Novelle. haſt, muͤſſen Dich gehorſam und treu machen; deß⸗ halb nimm Dich in Acht, daß das, was ich Dir jetzt ſagen werde, niemals jemand anders erfaͤhrt, als der⸗ jenige, fuͤr den ich es Dir auftragen werde. Wie Du ſiehſt, Lusca, ich bin eine junge, friſche Frau, hin⸗ laͤnglich und reichlich mit allem verſehen, was nur irgend eine ſich wuͤnſchen kann, kurz, bis auf eins, kann ich mich uͤber nichts beklagen, und das iſt, daß der Jahre meines Mannes zu viel ſind gegen die meinigen gerechnet. Darum lebe ich uͤber das, woran die jungen Frauen ihr Vergnuͤgen finden, we⸗ nig zufrieden. Da ich es nun aber doch, eben ſo wie die andern, auch ſehr wuͤnſche, ſo habe ich ſeit ziem⸗ lich langer Zeit her bei mir beſchloſſen, wenn das Gluͤck eben nicht freundlich gegen mich geweſen iſt, daß es mir einen ſo alten Mann gegeben hat, nicht in dem Grade feind gegen mich ſelbſt ſeyn, daß ich nicht wiſſen ſollte, ein Mittel zu mei⸗ nem Vergnuͤgen und zu meinem Wohle zu finden. Und um beides auch darin, eben ſo wie in allen an⸗ dern Dingen erfuͤllt zu ſehen, habe ich den Entſchluß gefaßt, daß unſer Pirrus, weil keiner deſſen wuͤrdiger iſt, als er, es durch ſeine Umarmungen mir erſetze. Denn ich bin von ſolch einer Liebe gegen ihn ergriffen, daß ich kein Gluͤck anders empfinde, als nur wenn ich ihn ſehe oder an ihn denke; und wenn ich nicht unverzuͤglich mich mit ihm zuſammen befinde, ſo glaube ich ganz gewiß ſterben zu muͤſſen. Darum, wenn Dir mein Leben lieb iſt, ſo thue ihm, auf wel⸗ che Weiſe Dir die beſte zu ſeyn ſcheint, meine Liebe —— 134 Siebenter Tag. zu wiſſen, und bitte ihn meinerſeits ſo lange, bis es ihm gefaͤllig ſeyn wird, zu mir zu kommen, wenn Du wirſt zu ihm gegangen ſeyn. Gern! ſagte die Kammerjungfer, und ſobald es ihr nur Zeit und Gelegenheit dazu zu ſeyn ſchien, zog ſie den Pirrus uͤber die Seite, und richtete, ſo gut ſie nur wußte, die Geſandtſchaft ihrer Frau an ihn aus. Als Pirrus dies hoͤrte, verwunderte er ſich ſehr, weil er nie etwas bemerkt hatte, und anſtand, ob die Frau ihm dies nicht ſagen ließe, um ihn in Ver⸗ ſuchung zu fuͤhren; er antwortete daher ſchnell und trotzig: Lusca, ich kann nicht glauben, daß dieſe Worte von meiner Gebieterinn herkommen, darum nimm Dich wohl in Acht mit dem, was Du ſprichſt; und wenn ſie etwa ja von ihr herkaͤmen, ſo glaube ich nicht, daß ſie es Dir mit dem Vorſatz aufgetragen hat, mir es zu ſagen; und haͤtte ſie es Dir doch mit dem Vorſatz, mir es zu ſagen, aufgetragen, ſo erzeigt mir mein Herr mehr Ehre, als ich verdiene, und ich werde ihm daher um mein ganzes Leben nicht ſolchen Schimpf anthun; darum huͤte Dich, jemals wieder von ſolchen Dingen mit mir zu ſprechen. Lusca ließ ſich durch dieſe harte Reden nicht irre machen, ſondern ſagte zu ihm: Pirrus, uͤber dies und alles Andere, was meine Frau mir aufgeben wird, werde ich mit Dir ſprechen, ſo oft ſie es mir befiehlt, mag es Dir zum Vergnuͤ⸗ — * W u S— 8 S—— 8 S 8* 70 6ꝛ 6 — — * Neunte Novelle. gen oder zum Verdruß gereichen; aber Du biſt ein Schoͤps! Etwas beſtuͤrzt uͤber Pirrus Worte kehrte ſie zu der Frau zuruͤck, welche des Todes zu ſeyn wuͤnſchte, als ſie ſie hoͤrte, deshalb ſprach ſie nach einigen Ta⸗ gen wieder mit der Kammerjungfer, und ſagte: 4 Lusca, Du weißt, die Eiche faͤllt nicht auf den erſten Schlag, darum denke ich, Du kehrſt noch ein⸗ mal zu dem zuruͤck, der zu meinem Nachtheil auf eine ganz neue Art recht ehrlich ſeyn will. Nimm daher Deine Zeit wohl wahr, zeige ihm recht innig meine Liebesglut, und vor allem bemuhe Dich, es— dahin zu bringen, daß die Sache zur Ausfuͤhrung ge⸗ langt; denn wenn wir es ſo hingehen ließen, ſo wurde ich des Todes ſeyn, und er koͤnnte glauben, er wäre gefoppt worden, ſo daß, ſtatt daß ich ſeine Liebe ſuche, ſein Haß daraus erfolgen wuͤrde. Das Kammermädchen beruhigte die Frau, und da ſie den Pirrus aufgeſucht hatte, und fand, daß er fröhlich und gut aufgelegt war, ſagte ſie alſo zu ihm: Pirrus, ich ſagte Dir doch vor einigen Tagen, welches Feuer der Liebe Deine und meine Frau fuͤr Dich hegte, und jetzt gebe ich Dir von neuem die Verſicherung daruͤber, daß, wenn Du bei dieſer Haͤrte, die Du mir vorgeſtern zeigteſt, bleibſt, Du gewiß ſeyn kannſt, ſie wird nicht lange mehr leben. Deß⸗ halb bitte ich Dich, ſtelle ſie uͤber ihr Verlangen zu⸗ frieden. Bleibſt Du indeſſen feſt bei Deiner Hart⸗ näckigkeit, ſo werde ich, da ich Dich immer für weit kluger gehalten habe, Dich fuͤr einen Erz⸗Narren„ — 136 Siebenter Tag. halten. Denn was kann Dir das nicht fuͤr Ruhm bringen, daß eine ſolche Frau, ſo ſchoͤn, ſo artig, Dich uͤber alles Andere liebt? Ferner, wie mußt Du Dich nicht dem Gluͤcke verpflichtet erkennen, wenn Du bedenkſt, daß es Dir etwas zubereitet hat, was den Wuͤn ſchen Deiner Jugend ſo gemäß, und eine ſolche Zuflucht fuͤr Deine Beduͤrfniſſe iſt? Wel⸗ chen von Deines Gleichen kenneſt Du, der in Hin⸗ ſicht ſeines Vergnuͤgens beſſer daran wäre, als Du es ſeyn kannſt, wenn Du klug biſt? Welchen An⸗ dern wirſt Du finden, der es an Waffen, an Pferden, an Kleidern und an Geld es ſo gut haben kann, als Du es haben wirſt, wenn Du Deine Liebe ihr zugeſte⸗ hen willſt? Oeffne alſo Deinen Sinn gegen meine Worte und gehe in Dich ſelbſt zuruͤck; bedenke, es geſchieht nur Ein Mal, und dann nicht wieder, daß das Gluͤck mit froͤhlichem Geſichte und offenem Schoße uns entgegenkommt; wer es alsdann nicht anzunehmen verſteht, muß, wenn er findet, daß er arm und ein Bettler geworden iſt, ſich ſelbſt Vor⸗ wuͤrfe machen, aber nicht dem Gluͤcke. ueberdies braucht man auch nicht ſolche Treue zwiſchen Herrn und Dienern zu beobachten, als es zwiſchen Freunden und Eltern ſich ſchickt; vielmehr muͤſſen die Diener ſie darin, worin ſie es koͤnnen, eben ſo behandeln, wie ſie von ihnen behandelt werden. Hoffſt Du, daß, wenn Du eine huͤbſche Frau, oder Mutter, oder junge Jochter, oder Schweſter hätteſt, die Nicoſtrato'n ge⸗ fiele, er dieſelbe Treue zu beobachten ſuchen wuͤrde, welche Du gegen ihn uͤber ſeine Frau beobachten — Neunte Novelle. willſt? Ein Thor biſt Du, wenn Du das glaubſt: ſey verſichert, wenn Schmeicheleien und Bitten nicht hinreichten, ſo wuͤrde er, denke daruͤber was Du willſt, Gewalt anwenden. Behandeln wir alſo ſie und das Ihrige eben ſo wieder, wie ſie uns und das Unſrige behandeln. Brauche die Wohlthat des Gluͤk⸗ kes, jage es nicht von Dir, gehe ihm entgegen, und kommt es, ſo nimm es auf; denn wahrlich, wenn Du es nicht thun willſt, ſo wird es Dir(wir wol⸗ len des Todes gar nicht einmal gedenken, der bei Deiner Gebieterinn ohne Zweifel erfolgen wird) ſo oft gereuen, daß Du lieber ſelbſt wirſt ſterben wollen. Pirrus, welcher mehrere Male uͤber die Worte, welche Lusca ihm geſagt, nachgedacht hatte, hatte den Entſchluß gefaßt, ihr, wenn ſie wieder zu ihm käme, eine andere Antwort zu ertheilen, und ſich den Wuͤnſchen der Dame zu ergeben, wenn er ſich über⸗ zeugen könnte, daß er nicht in Verſuchung gefuͤhrt wuͤrde, deßhalb antwortete er: Siehe, Lusca, alles, was Du mir da ſagſt, er⸗ kenne ich fuͤr wahr, aber ich kenne auch meinen Herrn als ſehr klug und vorſichtig; uͤberdies, da er alle ſeine Angelegenheiten mir in die Hände gegeben hat, ſo furchte ich ſehr, ob Lidia dies wol nicht auf ſei⸗ nen Rath und mit ſeinem Willen thut, um mich auf die Probe zu ſtellen, und daher wuͤnſche ich, daß ſie, um mich ganz ins Klare zu ſetzen, Dreierlei thue, was ich begehre; dann ſoll ſie mir nichts befehlen, was ich nicht ſogleich gewiß thun will. Und dieſe drei Dinge, die ich verlange, ſind: erſtlich, daß ſie 135 Siebenter Tag. in Nicoſtrato's Gegenwart ſeinen guten Sperber toͤdte; dann, daß ſie mir einen kleinen Schopf Haare aus Nicoſtrato's Bart ſchicke, und endlich einen ſei⸗ ner beſten Zähne. Lusca ſchien dies ſchwer, aber der Frau noch weit ſchwerer; indeſſen die Liebe, die eine ſchoͤne Troͤſterinn und eine große Meiſterinn in Rathſchluͤſ⸗ ſen iſt, hieß ſie den Entſchluß faſſen, es zu thun. Sie ließ ihm daher durch ihr Kammermaͤdchen ſagen, daß ſie das, warum er gebeten hätte, vollkommen und zwar bald thun wuͤrde; und überdies ſagte ſie noch, weil er denn doch den Nicoſtrato fuͤr ſo klug hielte, ſo wollte ſie in Ricoſtrato's Gegenwart ſich mit ihm ergoͤtzen, und dem doch weiß machen, daß es nicht wahr wäre. Pirrus erwartete nun, was die edle Dame thun wuͤrde. Da Nicoſtratus hierauf nach einigen Tagen ein großes Mittagseſſen, ſo wie er es oft zu thun ge⸗ wohnt war, verſchiedenen edlen Maͤnnern gab, und die Tafeln ſchon abgeräumt waren, trat ſie in einem Kleide von gruͤnem Sammt gekleidet, aus ihrer Kam⸗ mer herauskommend, in den Saal herein, in welchem jene waren, und ging, ſo wie es Pirrus und jeder Andere ſehen konnte, nach der Stange hin, auf wel⸗ cher der Sperber ſaß, den Nicoſtrato ſo werth hielt, machte ihn los, und nahm ihn, als wollte ſie ihn auf der Hand in die Hoͤhe heben, bei der Fuß⸗ Schelle, warf ihn an die Wand und toͤdtete ihn. ————————— — e„——— e 8 — — —— — Neunte Novelle. 139 Als hierauf Nicoſtratus ihr zurief: Frau, was haſt Du gemacht? Nichts, antwortete ſie ihm; aber zu den edlen Herren gewandt, welche mit ihm geſpeiſt hatten, ſagte ſie: Meine Herren, das wuͤrde eine ſchlechte Rache ſeyn, die ich an einem Koͤnig naͤhme, der mir ſeine Verachtung zeigt, aber die Dreiſtigkeit haͤtte ich wol, ſie an einem Sperber zu nehmen. Ihr muͤßt wiſſen, daß dieſer Vogel ſchon ſeit lange her mir alle die Zeit geraubt hat, welche die Maͤnner dem Vergnuͤgen der Frauen zu widmen ſchuldig ſind. Denn ſobald nur die Morgenroͤthe anbricht, ſteht Nicoſtratus auf, ſteigt zu Pferde, und begiebt ſich mit ſeinem Vogel ins Freie, um ihn ſteigen zu ſehen, und ich, wie Ihr mich hier ſehet, bleibe allein und ſchlecht berathen im Bette zuruͤck. Deßhalb bin ich ſchon oft Willens geweſen, das zu thun, was ich jetzt gethan habe, und es hat mich auch kein anderer Grund davon abgehalten, als nur der, zu warten, bis ich es in Gegenwart von Maͤnnern thun konnte, welche gerechte Richter meiner Klagen ſeyn wuͤrden, ſo wie ich glaube, daß Ihr es ſeyn werdet. Die edlen Maͤnner, welche dies hoͤrten, glaubten nicht anders, als daß ihre Neigung fuͤr Nicoſtratus wirklich ſo wäre, wie die Worte klangen, und wand⸗ ten, ein Jeder laͤcheld, ſich gegen Nicoſtratus, der ganz verwirrt daſtand, mit dieſen Worten. Ach! wie gut hat es doch die Frau gemacht, das ihr an⸗ gethane Unrecht durch den Tod des Sperbers zu rä⸗ chen! Und mit mehreren Worten noch uͤber dieſe Siebenter Tag. Materie witzelnd, verwandelten ſie, da die Frau ſchon nach ihrer Kammer wieder zuruͤckgekehrt war, Nico⸗ ſtratus Kummer in Lachen. Nachdem Pirrus dies geſehen hatte, ſagte er bei ſich ſelbſt: Einen hohen Anfang hat die Frau mit meiner gluͤcklichen Liebe gemacht. Der Himmel gebe, daß ſie dabei verbleibe! Nachdem der Sperber von Lidia getoͤdtet wor⸗ den, vergingen nicht viel Tage, daß, als ſie mit Ni⸗ coſtratus zuſammen in ihrer Kammer war, ſie ihm Schmeicheleien machte, und mit ihm Poſſen trieb. Im Scherz zog er ſie etwas bei den Haaren, und das gab die Veranlaſſung, den zweiten Punkt, den Pirrus von ihr gefodert hatte, in Erfuͤllung zu brin⸗ gen; ſchnell ergriff ſie einen kleinen Buͤſchel Haare ſeines Bartes, und laͤchelnd zog ſie ſo lange daran, bis ſie es ihm ganz vom Kinne abgeriſſen hatte. Als Nicoſtratus ſich uͤber den Schmerz beklagte, ſagte ſie: Nun, was haſt Du, warum machſt Du ſolch ein Geſicht? Weil ich Dir etwa ſechs Haare aus dem Barte gezogen habe? Du haſt noch lange nicht das, was ich gefuͤhlt, als Du mich jetzt eben bei den Haaren zogſt. Da ſie nun ſo von einem Worte zum andern in ihrem Scherze fortfuhren, hob die Frau vorſich⸗ tigerweiſe das Haarbuͤſchelchen, was ſie ihm aus dem Barte ausgezogen hatte, auf, und ſchickte es noch denſelbigen Tag ihrem theuren Geliebten zu. Ueber den dritten Punkt gerieth die Frau in mehr Nachdenken; indeſſen da ſie ziemlich verſchmitzt ———,„ Neunte Novelle. war, und die Liebe ſie es noch mehr machte, dachte ſie uͤber die Art und Weiſe nach, wie ſie auch dem wol Erfuͤllung gäbe. Nicoſtratus hatte zwei junge Leute, welche ihm von ihren Vätern ins Haus gege⸗ ben waren, damit ſie, weil es Edelleute waren, einige Sitten lernen ſollten(der Eine von dieſen ſchnitt vor, wenn Nicoſtratus ſpeiſte, der Andere ſchenkte ihm zu Trinken ein). Dieſe Beide ließ ſie rufen, und gab ihnen zu verſtehen, daß ſie aus dem Munde roͤchen. Sie gab ihnen daher den Verhaltungsbefehl, daß, wenn ſie Nicoſtratus bedienten, ſie den Kopf ſo weit zuruͤckziehen moͤchten, ſo weit ſie nur immer koͤnnten; ſie moͤchten dies aber Keinem ſagen. Die Juͤnglinge, welche ihr glaubten, fingen die Regel zu beobachten an, welche die Frau ihnen vorge⸗ ſchrieben hatte. Daher fragte ſie einſt den Nicoſtra⸗ tus: Haſt Du wol bemerkt, was die jungen Leute thun, wenn ſie Dich bedienen? Allerdings, ſagte Nicoſtratus, ich habe ſie auch ſogar ſchon darum befragen wollen, warum ſie das thaten. Hierauf ſagte die Frau: Thue das nicht, ich will es Dir ſagen, ich habe es Dir lange Zeit verſchwie⸗ gen, um Dir nicht eine Unannehmlichkeit zu machen; aber jetzt, da ich merke, daß auch Andere anfangen es gewahr zu werden, darf es Dir nicht länger ver⸗ ſchwiegen bleiben. Das kommt von nichts anderem her, als daß Du entſetzlich aus dem Munde riechſt, und ich weiß nicht, was der Grund davon ſeyn mag, da es doch fruͤher nicht war. Und das iſt eine ganz ———— 14² Siebenter Tag. abſcheuliche Sache, denn da Du mit Edelleuten um⸗ zugehen haſt, ſo muß man darauf denken, dem Uebel abzuhelfen. Nicoſtratus ſagte: Was koͤnnte das ſeyn? Hätte ich etwa einen verdorbenen Zahn im Munde? Vielleicht, ſagte Lidia, ja. Sie fuͤhrte ihn hier⸗ auf ans Fenſter, ließ ihn den Mund aufmachen, und, nachdem ſie nach der einen und der andern Seite hingeſehen hatte, ſagte ſie: Ach, Nicoſtratus, wie kannſt Du das ſo lange gelitten haben? Auf dieſer Seite haſt Du einen, der, ſo wie es mir ſcheint, nicht bloß ſchadhaft, ſondern ganz faul iſt; und ge⸗ wiß, wenn Du ihn länger noch im Munde behaͤltſt, wird er Dir alle, die auf dieſer Seite ſind, anſtecken. Daher wuͤrde ich Dir rathen, daß Du ihn heraus⸗ wuͤrfeſt, ehe die Sache weiter ginge. Darauf ſagte Nicoſtratus: Wenn Du es glaubſt, bin ich es zufrieden; ſchicke ohne Aufſchub nach einem Zahnarzt, der ihn mir auszieht. Hierauf ſagte die Frau: Gott bewahre, daß deß⸗ halb ein Zahnarzt kommen ſollte; die Sache ſteht meiner Meinung nach ſo, daß ich ohne einen Zahn⸗ arzt ihn Dir ſehr gut allein ausziehen werde. Und dann ſind dieſe Herrn auch bei Ausubung ſolcher Ge⸗ ſchäfte ſo grauſam, daß es mein Herz auf keine Weiſe aushalten wuͤrde, Dich unter eines Andern Händen zu ſehen, oder zu wiſſen; und darum will ich es durchaus ſelbſt thun. Denn wenigſtens werde ich, wenn es Dich ſchmerzt, Dich ſogleich loslaſſen, was der Zahnarzt nicht thun würde. ——— el te r⸗ d, ite ie ſer 3e⸗ en. 16. ſt, em eß⸗ eht hn⸗ nd Se⸗ ine ern vill erde ſen, ——— —,———— Neunte Novelle. Sie ließ ſich alſo die Eiſen zu ſolchem Behuf bringen, hieß alsdann einen Jeden aus dem Zimmer hinauszugehen, nur allein Lusca behielt ſie bei ſich, und ſchloß von innen zu. Dann ließ ſie Nicoſtratus ſich auf einen Tiſch ausſtrecken, ſetzte ihm die Zange in den Mund, und faßte damit einen ſeiner Zähne, wenn er auch gleich vor Schmerzen ſehr ſchrie. Dann zog, da die Eine ihn hielt, die Andere aus Leibes⸗Kräften ihm einen Zahn aus, den ſie aufbewahrte, und dafuͤr einen andern nahm, der ſchadhaft war, und den Lidia liſtiger Weiſe in der Hand hielt; dieſen zeigten ſie ihm dann, der von Schmerzen halb tod war, mit den Worten: Sieh, ſo iſt der beſchaffen, den Du im Munde gehabt haſt. Er, der dies glaubte, ob er gleich die größten Schmerzen ausgehalten und ſehr daruͤber geklagt hatte, dachte indeſſen nun, da er heraus war, er wäre ge⸗ heilt; und als er mit dieſem und jenem geſtaͤrkt, und der Smerz gemildert war, verließ er das Zim⸗ mer. Die Frau nahm den Zahn, und uͤberſandte ihn ſogleich ihrem Geliebten. Dieſer, völlig nunmehr von ihrer Liebe uͤberzeugt, erbot ſich zu jedem Vergnuͤgen fuͤr ſie bereit. Die Frau, begierig ihn noch ſicherer zu machen, wollte, da jede Stunde ihr tauſend zu ſeyn ſchienen, ehe ſie mit ihm zuſammen wäre, ihm nun auch das halten, was ſie ihm verſprochen hatte; ſie ſtellte ſich daher krank zu ſeyn, und bat RNicoſtratus, als ſie eines Tages nach dem Eſſen von ihm beſucht ward, 144 Siebenter Tag. und ſie keinen weiter, als nur Pirrus bei ihm ſah, ſie moͤchten ihr, zur Erleichterung ihrer Krank⸗ heit, helfen in den Garten gehen. Zu dem Ende nahmen Nicoſtratus ſie von der einen Seite, und Pirrus von der andern, trugen ſie in den Garten, und ſetzten ſie auf einem kleinen Anger am Fuß eines ſchoͤnen Birnbaums nieder. Nachdem ſie eine kleine Weile hier geſeſſen hatten, ſagte die Frau: (denn ſie hatte Pirrus ſchon von allem unterrichtet, was er zu thun haͤtte) Pirrus, ich habe große Luſt zu einer von den Birnen, darum ſteige hinauf, und wirf einige herunter. Pirrus ſtieg ſchnell hinauf, und warf Birnen hinunter, aber waͤhrend er ſie hinunterwarf, fing er an: He, Meſſer, was macht Ihr da? und Ihr, Ma⸗ donna, ſchaͤmt Ihr Euch nicht, das in meiner Ge⸗ genwart zu leiden? Glaubt Ihr, daß ich blind bin? So eben waret Ihr ſo krank; wie ſeyd Ihr mit einem Male ſo geſund geworden, daß Ihr ſolche Dinge betreibt? Wenn Ihr das wollt, ſo habt Ihr ja ſo viele ſchoͤne Zimmer, warum geht Ihr nicht hin, und thut in einem derſelben ſo was? Da wuͤrde es weit anſtaͤndiger ſeyn, als in meiner Gegenwart ſo was zu thun. Die Frau wandte ſich zu ihrem Manne, und ſagte: Was ſagt Pirrus? faſelt er? Darauf ſagte Pirrus: Nein, Madame, ich fa⸗ ſele nicht; glaubt Ihr, daß ich nicht ſehen kann? Nicoſtratus wunderte ſich ſehr, und ſagte: Pir⸗ rus, wahrhaftig, ich glaube Du träumſt. de ſal ſa ge du: un wo nic ruh ube hr art mnd fa⸗ ir⸗ Neunte Novelle. Worauf Pirrus antwortete: Mein Herr, ich träume auch nicht im allergeringſten, aber auch Ihr träumtet nicht; vielmehr habt Ihr Euch ſo hin⸗ und herbewegt, daß, wenn dieſer Birnbaum ſich ſo hin⸗ und herbewegte, auch keine einzige Birne darauf ge⸗ blieben ſeyn wuͤrde. Nun ſagte die Frau: Was kann das ſeyn? Koͤnnte das wol wahr ſeyn, daß das, was er ſagt, ihm als wahr vorkäme? Wäre ich nur geſund, wie ich es ſonſt war, ſo ſtiege ich, ſoll mir Gott helfen, hinauf, um zu ſehen, was das fuͤr Wunder ſind, die der da ſagt, daß er faͤhe. Pirrus fuhr indeſſen, von dem Birnbaum herab, immer mit dieſen Reden fort; worauf Nicoſtratus ſagte: Steig herunter! und er ſtieg herab; dann ſagte er zu ihm: Was ſagſt Du, was haſt Du geſehen? Pirrus ſagte: Ich glaube, Ihr haltet mich fur dumm und unſinnig. Ich ſah Euch auf Eurer Frau (weil ich es denn doch ſagen ſoll), und als ich her⸗ unterſtieg, ſah ich, wie Ihr aufſtandet, und Euch da, wo Ihr jetzt ſitzt, hinſetztet. Wahrhaftig, ſagte Nicoſtratus, dann biſt Du nicht klug; denn wir haben uns, ſeit Du auf den Baum geſtiegen biſt, nicht im mindeſten weiter ge⸗ ruͤhrt, als wie Du jetzt ſiehſt. Hierauf ſagte Pirrus: Was ſollen wir uns dar⸗ über ſtreiten; ich habe Euch doch geſehen, und wenn ich Euch geſehen habe, ſo habe ich Euch auf Eurem Eigenthum geſehen. Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 5. 146 Siebenter Tag. Nicoſtratus gerieth hieruͤber ſo in Verwunde⸗ rung, daß er zu ihm ſagte: Nun, ſo will ich doch ſelbſt ſehen, ob das Zauberei iſt, und ob ein Jeder, der da oben ſitzt, dieſe Wunder ſieht; und er ſtieg hinauf. Sobald er oben war, fing die Dame an ſich mit dem Pirrus zu ergoͤtzen, und als Nicoſtratus dies ſah, rief er: Ha! gottloſe Frau, was machſt Du da? und auch Du Pirrus, auf den ich mich mehr verlaſſen habe? Und da er dies geſagt, ſtieg er von dem Birnbaum wieder herunter. Die Frau und Pirrus ſagten: Wir ſitzen hier! Und als ſie ihn herabſteigen ſahen, ſetzten ſie ſich wieder ſo hin, wie er ſie verlaſſen hatte. Als Nicoſtratus herunter war, und Beide ſah, ſo wie er ſie verlaſſen hatte, fing er ſehr auf ſie zu ſchmälen an. Hierauf ſagte Pirrus: Nicoſtratus, jetzt geſtehe ich aufrichtig, daß ich, ſo wie Ihr vorher ſagtet, falſch geſehen habe, als ich auf dem Birnbaum ſaß; und das erkenne ich an nichts anderem, als daß ich ſehe und weiß, Ihr habt auch falſch geſehen. Und daß ich die Wahrheit ſage, moͤge Euch nichts anders, als nur dies Einzige be⸗ weiſen, daß Ihr Ruckſicht nehmen, und bedenken moͤ⸗ get, ob wol Eure Frau, welche ich fuͤr die tugend⸗ hafteſte und kluͤgſte Frau, wie nur irgend eine an⸗ dere, halte, wenn ſie Euch in dieſem Punkt eine Schmach anthun wollte, ſich jetzt dazu verſtanden haben wuͤrde, um es vor Euren Augen zu thun. S S e 9 — de⸗ och e, ieg mit ies und ſſen em er! ſich „ſo zu ich, als n habt age, be⸗ mo⸗ end⸗ an⸗ eine nden hun. Siebente Novelle. 147 Von mir will ich gar nichts ſagen; moͤchte ich mich doch eher viertheilen laſſen, ehe ich das nur einmal daͤchte, vielweniger in Eurer Gegenwart thaͤte. Da⸗ her muß das Ungluͤck dieſes falſchen Sehens von dem Birnbaume herkommen; denn die ganze Welt wurde es mir nicht haben abſtreiten können, daß Ihr nicht mit Eurer Frau Euch hier fleiſchlich vermiſcht haͤttet, wenn ich von Euch nicht ſagen gehoͤrt haͤtte, daß es Euch vorgekommen waͤre, ich hätte gethan, wovon ich doch gewiß weiß, daß ich nicht daran ge⸗ dacht, viel weniger es jemals wirklich gethan haben ſollte. Die Frau, hieruͤber beinahe wie in Unwillen ge⸗ rathen, ſtand auf, und ſagte: Ey, das muͤßte ja mit dem Teufel zugehen, wenn Du mich füͤr ſo dumm halten wollteſt, daß wenn ich auf ſolche ſchlechte Streiche ausgehen woll⸗ te, als Du ſagſt, daß Du geſehen haͤtteſt, ich ſie vor Deinen Augen ausuͤben wuͤrde! Daruͤber kannſt Du ganz ſicher ſeyn, wenn mir auch die Luſt dazu noch ſo oft ankäme, ſo wuͤrde ich hier nicht herkommen, ſondern ich wuͤrde es ſchon in einem unſerer Zimmer auf ſolche Art und Weiſe zu veranſtalten wiſſen, daß es ſchon recht was Großes ſeyn muͤßte, wenn Du es je wieder erfahren ſollteſt. Nicoſtratus, der fuͤr wahr hielt, was ſowol der Eine, als auch der Andere behauptete, daß ſie ſich hier in ſeiner Gegenwart zu einer ſolchen Handlung wol nie wuͤrden haben verleiten laſſen, dachte nicht mehr daran, noch mehr Worte oder Verweiſe hier⸗ ——— Siebenter Tag⸗ uͤber fallen zu laſſen, ſondern fing an, uͤber die Neuheit und über das Wunderbare des Anblickes zu ſprechen, der ſich bei Jedem ſo veränderte, der hin⸗ aufſtiege. Die Frau aber, welche ſich uͤber die Meinung ſehr beunruhigt ſtellte, welche Nicoſtratus uͤber ſie gehabt zu haben zeigte, ſagte: Wahrhaftig, dieſer Birnbaum ſoll, ſo viel es in meinen Kräften ſteht, niemals, weder mir, noch einer andern Frau wieder ſolche Schande anthun, deßhalb, Pirrus, lauf und bringe eine Axt, und räche Dich und mich dadurch, daß Du ihn umhauſt; wenn es auch gleich viel beſ⸗ ſer ſeyn würde, dem Nicoſtratus damit eins auf den Kopf zu geben, der ohne Bedacht ſogleich die Augen des Verſtandes ſich verblenden ließ; denn wenn es auch gleich denen, die Du am Kopfe haſt, ſo ſchien, wie Du ſagteſt, ſo mußteſt Du doch mit der Urtheils⸗ kraft Deines Verſtandes einſehen, und niemals dar⸗ in einſtimmen, daß es ſo wäaͤre. Pirrus lief ſchnell nach einem Beile hin, und hieb den Birnbaum um. Sobald die Frau ſah, daß er gefallen war, ſagte ſie zum Nicoſtratus: Weil ich nun den Feind meiner Tugend niedergehauen ſehe, ſo iſt mein Zorn verſchwunden; und ſie verzieh dem Nicoſtratus, auf ſeine Bitten, guͤtig, indem ſie es ihm zur Pflicht machte, nimmermehr wieder ſo et⸗ was on ihr, die ihn mehr als ſich ſelbſt liebte, zu ahnen. Auf dieſe Art kehrte der ungluͤckliche gefoppte Ehemann mit ihr und zugleich auch mit ihrem Ge⸗ Zr Neunte Novelle. liebten nach dem Schloſſe zuruͤck, woſelbſt Pirrus mit Lidia, und ſie mit ihm nachher oftmals noch mit aller Bequemlichkeit ihre Freude und ihr Ver⸗ gnuͤgen genoſſen. 1 Der liebe Gott gewaͤhre es auch uns! Zehnte Novelle. Zwei Saneſer lieben eine Frau, die Gevatterinn des Einenz der Gevatter ſtirbt, kehrt, ſeinem gegebenen Verſprechen gemaß, zu ſeinem Gefaͤhrten zuruͤck, und erzählt ihm, wie man da oben lebe. Uebrig war nur allein noch fuͤr den König die Pflicht, zu erzählen; und nachdem er ſah, daß die Damen, denen es um den abgehauenen Birnbaum wehe that, da er doch keine Schuld gehabt, ſich be⸗ ruhigt hatten, fing er an: Eine ſehr bekannte Sache iſt es, daß jeder ge⸗ rechte Konig der erſte Beobachter der von ihm gege⸗ benen Geſetze ſeyn muß, und daß man ihn, wenn er anders handelt, für einen der Beſtrafung wuͤrdigen Sklaven, aber nicht fuͤr einen Koͤnig halten muß; allein ich, der ich Euer Konig bin, ſehe mich faſt gezwungen, in dieſes Vergehen zu fallen, und mich dieſes Vorwurfes auszuſetzen. Es iſt wahr, geſtern habe ich das Geſetz fuͤr unſere Unterhaltung, wie ſie heute geweſen, mit der Abſicht gegeben, an dieſem Jage von meinem Vorrechte keinen Gebrauch ma⸗ chen zu wollen, ſondern, mich mit Euch zugleich dem⸗ ſelben unterwerfend, auch von dem zu ſprechen, wo⸗ von Ihr geſprochen habt. Allein es iſt nicht nur 150 Siebenter Tag. das ſchon erzählt worden, was ich mir zu erzaͤhlen vorgenommen hatte, ſondern es ſind auch hieruͤber ſo viele andere, und weit ſchoͤnere Sachen erzählt worden, daß ich, ſo viel ich auch in meinem Ge⸗ dächtniſſe herumſuche, mich doch an nichts erinnern und durchaus nicht uͤberzeugen kann, wie ich uͤber die⸗ ſen Stoff etwas ſagen koͤnnte, was dem ſchon Ge⸗ ſagten gleich käme. Weil ich nun gegen das von mir ſelbſt gegebene Geſetz ſuͤndigen muß, ſo erkenne ich mich, als einen, der der Strafe werth iſt, zu je⸗ der Buße, welche Ihr mir auflegt, von jetzt an ge⸗ waͤrtig, und kehre zu meinem gewöhnlichen Vorrechte zuruͤck, indem ich ſage, die von Eliſen erzahlte No⸗ velle uͤber den Gevatter und die Gevatterinn, und darauf die Doͤmlichkeit der Saneſer, haben, gelieb⸗ teſte Damen, ſolche Gewalt uber mich, daß ſie, wenn ich die von den klugen Weibern ihren dummen Maͤn⸗ nern geſpielten Poſſenſtreiche bei Seite geſetzt ſeyn laſſe, mich anlocken, Euch von ihnen ein kleines Novellchen zu erzählen, das, wenn es auch Vieles in ſich enthaͤlt, was man eben nicht glauben darf, den⸗ noch zum Theil ſehr luſtig mit anzuhoͤren ſeyn wird. Es waren alſo in Siena zwei junge Maͤnner, von denen der Eine den Namen Tingoccio Mini fuͤhrte, und der andere Meuccio di Tura hieß; ſie wohnten am Thore Salaja, und gingen faſt mit kei⸗ nem, als nur einer mit dem andern um, ſo daß ſie, wie es ſchien, ſich außerordentlich liebten. Sie gin⸗ gen, wie das Maͤnner wol zu thun pflegen, in die Kirchen und zu den Predigten, und hatten da oft⸗ „en en—— e c e+ e c ——— —„— len ber hlt He⸗ ern ie⸗ He⸗ on nne je⸗ ge⸗ hte to⸗ ind eb⸗ nn an⸗ yn hes en⸗ rd. er, ini ſie ei⸗ ſie, in⸗ die Zehnte Novelle⸗ mals von der Herrlichkeit und auch von dem Elende gehoͤrt, was den Seelen nach dem Tode, ihren Ver⸗ dienſten gemaß in der andern Welt zugeſtanden wäre. Da ſie nun hieruͤber gewiſſe Nachricht zu haben wuͤnſchten, und doch nicht recht wußten, auf welche Art, ſo verſprachen ſie ſich einander, daß derjenige, der von ihnen zuerſt ſtuͤrbe, zu demjenigen, der le⸗ vend uͤbrig geblieben, wenn er es nur im Stande wäre, zuruckkehren, und ihm Nachricht uͤber das, was er wuͤnſchte, bringen ſollte. Dies bekraͤftigten ſie durch einen Eid. Nachdem ſie ſich dieſes Verſprechen gethan hat⸗ ten, und ihren Umgang⸗ wie geſagt, mit einander fortſetzten, ereignete es ſich, daß Tingoccio bei einem gewiſſen Ambroſius Anſelmini, welcher in Campo Reggi wohnte, und von ſeiner Frau, Monna Mita genannt, einen Sohn bekommen hatte, zu Gevatter ſtand. unſer Tingoccio beſuchte nun zugleich mit Me⸗ uccio je zuweilen dieſe ſeine Gevatterinn, welches eine ſchoͤne und angenehme Frau war, und verliebte ſich, trotz der Gevatterſchaft, in ſie; und auch Me⸗ uccio, dem ſie ſehr gefiel, und der ſie von Tingoeccio ſehr hatte ruͤhmen hoͤren, verliebte ſich in ſie. Beide huͤteten ſich dieſer Liebe wegen einer vor dem andern, aber nicht aus einem und eben demſelben Grunde. Tingoccio nahm ſich in Acht, es dem Meuccio zu ent⸗ decken, weil es ihm ſelbſt ſchien, daß es ſchlecht wäre, eine Gevatterinn zu lieben, und er ſich geſchaͤmt ha⸗ ven wuͤrde, wenn es Jemand erfahren haͤtte. Meuc⸗ 152 Siebenter Tag. cio huͤtete ſich nicht dieſerwegen davor, ſondern weil er bemerkt hatte, daß ſie Tingoccio gefiele; und deß⸗ halb ſagte er: Wenn ich ihm das entdecke, wird er eiferſuͤchtig auf mich werden, und da er, als Gevatter, ganz nach ſeinem Gefallen mit ihr ſprechen kann, ſo wird er, ſo viel es ihm nur moͤglich ſeyn wird, mich bei ihr verhaßt machen, und ich werde niemals, was ich wuͤnſche, von ihr erhalten. Da nun beide junge Maͤnner, wie geſagt, ver⸗ liebt waren, ſo ereignete es ſich, daß Tingoccio, dem es weit leichter war, der Frau alle ſeine Wuͤnſche zu eroffnen, es durch Handlungen und Worte dahin zu bringen wußte, daß er mit ihr ſein Vergnuͤgen erreichte. Dies bemerkte Meuccio ſehr wohl, und ob es ihm gleich hoͤchlichſt mißfiel, er aber dennoch hoffte, irgend ein Mal zum Ziele ſeines Wunſches auch zu gelangen, ſo ſtellte er ſich, damit Tingoecio weder Grund noch Urſache haͤtte, ihm ſein Geſchäͤft zu verderben, oder zu verhindern, als wenn er es gar nicht bemerkte. Auf dieſe Art liebten alſo die beiden Cameraden, der eine indeſſen weit gluͤcklicher, als der andere, denn Tingoccio befand ſich im Beſitz des gluͤcklichen Gefildes der Gevatterinn, und dieſes bearbeitete er mit Spaten und Karſt ſo ämſig, daß er daruͤber in eine Krankheit verfiel, welche nach einigen Tagen ſo zunahm, bis er ſie nicht mehr ertragen konnte, ſon⸗ dern aus dieſem Leben ſchied. Nachdem er verſchieden war, kehrte er am drit⸗ eil tig ſch er, hr ich r⸗ m he in en d 26 io ft 6 Zehnte Novelle. ten Tage darauf(vielleicht hatte er eher nicht ge⸗ konnt) nach ſeinem gethanen Verſprechen, eine Nacht nach Meuccio's Kammer zuruͤck, und rief ihn, der feſt ſchlief, zu: Meuccio erwachte, und ſagte: Wer biſt Du? Er antwortete: Ich bin Tingoccio, und kehre dem Verſprechen gemäß, was ich Dir gethan habe, zu Dir zuruͤck, um Dir Rachrichten aus der andern Welt zu bringen. Etwas entſetzte ſich Meuccio, da er ihn ſah, in⸗ deſſen faßte er ſich und ſagte: Willkommen, Bruder! und dann fragte er ihn, ob er verloren waͤre. Hierauf antwortete Tinguccio: Verloren iſt, was ſich nicht wieder findet; und wie wuͤrde ich doch wol der noch ſeyn, wenn ich verloren wäͤre? Ach, ſagte Meuccio, das meine ich nicht, ich frage Dich, ob Du unter den zum Straf⸗Feuer der Hoͤlle verdammten Seelen biſt. Ihm antwortete Tingoccio: Das mun wol ge⸗ rade nicht, aber ich befinde mich wegen der von mir begangenen Suͤnden in den haͤrteſten und ſehr quä⸗ lenden Strafen. Hierauf fragte Meuccio Tingoccio ganz beſon⸗ ders, was fuͤr Strafen fuͤr jedes Vergehen dort, was hienieden begangen würde, beſtimmt wären; und Tingoccio ſagte ſie ihm alle. Hierauf fragte ihn Meuccio, ob er hier noch et⸗ was fuͤr ihn thun koͤnnte; worauf Tingoccio antwor⸗ tete, ja, und das beſtaͤnde darin, daß er Meſſen und 154 Siebenter Tag. Gebete für ihn halten, und Almoſen austheilen ließe, weil dergleichen denen dort oben viel nuͤtzten. Meuccio ſagte, das wolle er gern thun; als nun aber Tingoccio von ihm ſchied, erinnerte ſich Meuc⸗ cio der Gevatterinn, daher erhob er ſein Haupt ein wenig und ſagte: Gut Tingoccio, daß ich mich an die Gevatterinn erinnere, mit welcher Du hienieden ſehr oft zuſammen geweſen biſt, was haſt Du dort für eine Strafe dafuͤr bekommen? Hierauf antwortete Tingoccio: Lieber Bruder, als ich dort angekommen war, war einer da, der alle meine Suͤnden auswendig zu wiſſen ſchien, der be⸗ fahl mir, daß ich an einen Ort hingehen ſollte, um daſelbſt alle meine Fehler in der groͤßten Strafe zu beweinen. Hier fand ich viele, zu eben der Strafe als ich, verdammte Cameraden; und da ich nun ſo mitten unter ihnen ſtand, mich an alles erinnerte, was ich mit der Gevatterinn begangen hatte, indem ich dafuͤr eine noch weit groͤßere Strafe erwartete, als die war, die ich ſchon erhalten hatte, ſo zitterte ich vor Furcht, ob ich gleich in einem großen und gluͤhend heißen Feuer mich befand. Da dies einer merkte, der neben mir ſtand, ſo ſagte dieſer zu mir: Was haſt Du denn mehr als alle andere, die hier ſind, daß Du im Feuer Dich befindend, ſo zitterſt? Ach, ſagte ich, liebſter Freund, ich habe große Furcht vor dem Richterſpruch, den ich wegen der großen Suͤnde erwarte, die ich begangen habe. Da fragte jener mich, was denn das fuͤr eine Suͤnde wäre? Ihm ſagte ich, die Suͤnde beſteht darin, daß ich mit 3— e ec er c— e e e— ec —— it Neunte Novelle. 155 meiner Gevatterinn zuſammen geſchlafen habe, und zwar ſo oft, daß ich mich ganz abgeſchunden habe. Da ſchlug er einen gewaltigen Spott daruͤber aus, und ſagte mir: Geh, Du Narr, glaube doch nicht, daß man hier auf die Gevatterinnen nur die geringſte Ruͤckſicht nimmt. Da ich dies hoͤrte, ward ich wie⸗ der ganz ruhig. Und nach dieſem Geſpraͤch ſagte er, da ſich der Tag naͤherte: Meuccio, Gott mit Dir, denn ich kann nicht laͤnger bei Dir ſeyn; und raſch ging er fort. Nachdem Meuccio gehoͤrt hatte, daß dort keine Ruͤckſicht auf die Gevatterinnen genommen wuͤrde, fing er an uͤber ſeine eigene Dummheit zu ſpotten, daß er deren ſchon mehrere geſchont haͤtte. Er ließ daher ſeine Dummheit fahren, und ward hierin fuͤr die Folge weiſer.. Wenn Bruder Rinaldo das gewußt haͤtte, ſo haͤtte er gar nicht noͤthig gehabt, ſich mit Trugſchluͤſ⸗ ſen zu qualen, als er ſeine gute Gevatterinn zu ſei⸗ nen Vergnuͤgungen bekehren wollte. Zephir hatte ſich durch die Sonne, welche ſich dem Abend näherte, erhoben, als der Koͤnig nach Be⸗ endigung ſeiner Novelle, da ein Anderer zum Erzaͤh⸗ len nicht mehr uͤbrig war, ſich die Krone vom Haupte nahm, und ſie Lauretten aufſetzte, mit den Wor⸗ ten: Madonna, ich kroͤne Euch mit Euch ſelbſt*) zur *) Ein Wortſpiel: Lauretto heißt im Italieniſchen ein Lorbeerzweig. 156 Siebenter Tag. Koͤniginn unſerer Geſellſchaft, gebietet nun als Ge⸗ bieterinn, was Ihr glaubt, daß uns Allen zum Ver⸗ gnuͤgen und zur Ergoͤtzlichkeit gereichen kann. Dar⸗ auf ſetzte er ſich wieder nieder.. Lauretta, Koͤniginn geworden, ließ ſich den Se⸗ neſchall rufen, dem ſie aufgab, daß in dem lieblichen Thale zu einer beſſern Zeit als gewohnlich die Tiſche geſetzt wuͤrden, damit ſie nach ihrer Bequemlichkeit nach dem Palaſt zuruͤckkehren könnten. Hierauf gab ſie ihm an, was er noch weiter zu thun hätte, ſo lange als ihr Regiment dauerte. Dann zur Geſell⸗ ſchaft gewandt, ſagte ſie: Dioneus wollte geſtern, daß heute uber die Poſ⸗ ſenſtreiche geſprochen werden ſollte, welche Frauen ihren Männern geſpielt hätten; allein wenn ich zei⸗ gen wollte, daß auch ich zu der Rare beißiger Hunde gehörte, die ſich ſogleich rächen wollen, ſo wurde ich ſagen, morgen ſolle von den Poſſenſtreichen geſpro⸗ chen werden, welche die Maͤnner ihren Frauen ge⸗ ſpielt haben. Aber laſſen wir das bei Seite geſetzt ſeyn, ein Jeder, ſage ich, denke darauf, von ſolchen Poſſenſtreichen zu ſprechen, welche entweder die Frau dem Mann, oder der Mann der Frau, oder ein Menſch dem andern ſich den ganzen Tag hindurch einander ſpielen; und ich glaube, es wird nicht weniger er⸗ göͤtzlich ſeyn, hierüber zu ſprechen, als woruͤber die⸗ ſen Tag geſprochen worden iſt. Nachdem ſie ſo geredet, ſtand ſie auf, und ent⸗ ließ die Geſellſchaft bis zur Abendeſſenszeit. Frauen und Maͤnner ſtanden daher ebenfalls auf, He⸗ er⸗ ar⸗ e⸗ en he eit ab ſo * — en i⸗ — „ Zehnte Novelle. 157 von denen einige entſchuhet durch das klare Waſſer zu waten anfingen, andere luſtwandelnd unter den ſchoͤnen geraden Bäumen auf der Wieſe umhergingen. Dioneus und Fiammetta ſangen mit einander ein großes Stuͤck von Arcita und Palaͤmon; und auf ſolche Weiſe andere und verſchiedene Vergnuͤgungen ſuchend, brachten ſie die Zeit bis zur Stunde des Abendeſſens mit dem groͤßten Vergnuͤgen hin. Dieſe war gekommen, und nachdem ſie ſich längs des klei⸗ nen Sees zu Tiſche gefetzt hatten, ſpeiſten ſie ruhig und in Freuden daſelbſt, beim Geſange von tauſend Vogeln, und ſtets von einem ſanften Luͤftchen, was aus dieſen Bergen rings umher ſich erhob, abgekuͤhlt. Sobald die Tiſche aufgehoben waren, nahmen ſie, nachdem ſie in dem lieblichen Thale ein wenig umhergegangen waren, und die Sonne noch gegen Abend ſehr hoch ſtand, ſo wie es ihrer Königinn ge⸗ fiel, nach ihrem gewoͤhnlichen Aufenthalt, langſamen Schrittes den Weg zuruck, und unterweges über tau⸗ ſend Dinge, ſowol über welche ſie geſprochen hatten, als auch uber andere, ſchäkernd und ſcherzend, kamen ſie gegen die Nacht bei dem ſchönen Palaſt wieder an. Hier vertrieben ſie mit kühlem Wein und Con⸗ fect die Ermuͤdung durch den kleinen Weg, und fin⸗ gen in der Gegend des ſchoͤnen Springbrunnens ſo⸗ gleich an zu tanzen, waͤhrend Tyndarus auf ſeiner Sackvfeife ſpielte, und Andere zu einem Ringeltanze ſangen. Endlich aber gebot die Koͤniginn Filomenen, daß ſie ein Lied ſaͤnge; durch welches Lied aber die ganze Geſellſchaft auf die Gedanken gerieth, als 15⁵8 Siebenter Tag. würde Philomene durch eine neue und eine ergoͤtzliche Liebe gefeſſelt, und eben weil es durch die Worte des Liedes ſchien, als habe ſie fruͤher ſchon mehr, wie nur durch das bloße Anſchauen davon erfahren, ſo hielt man ſie fur gluͤcklich, und Alle, die gegenwär⸗ tig waren, wurden neidiſch daruͤber. Als aber ihr Lied beendigt war, erinnerte ſich die Koͤniginn, daß der folgende Tag ein Freitag wäre, und freundlich ſagte ſie zu Allen: Ihr wißt, edle Frauen, und Ihr, junge Männer, daß morgen der Tag iſt, welcher dem Leiden unſeres Herrn gewidmet bleibt, und den wir, wenn Ihr Euch erinnert, andaͤchtig gefeiert haben, als Neiphila Kö⸗ niginn war; deßhalb ſtellten wir die angenehmen Unterhaltungen ein, und machten es auch eben ſo am folgenden Sonnabend. Weil wir nun dem von Nei⸗ philen daruͤber gegebenen guten Beiſpiele folgen wol⸗ len, ſo halte ich es fur anſtaͤndig, daß wir uns mor⸗ gen und den folgenden Tag, unſeres ergoͤtzlichen Er⸗ zaͤhlens, wie wir es die vergangenen Tage gethan ha⸗ ben, enthalten, und uns dafuͤr zu Gemuͤthe fuͤhren, was an dieſen Jagen fuͤr das Heil unſerer Seelen geſchehen iſt.. Allen gefielen die frommen Worte ihrer Koͤni⸗ ginn, und von dieſer beurlaubt, begaben ſie ſich Alle, da ein großer Theil der Nacht ſchon verfloſſen war, zur Ruhe. — e gc—„gn— 8 — e e„ c— e ihr daß lich ner, res uch Koͤ⸗ nen tei⸗ ol⸗ or⸗ Er⸗ ha⸗ ren, elen ni⸗ Ule, ar, Anmerkungen zum fuͤnften Bande. S. 6. 8. 25, gewiſſe ſilberne Muͤnzen, im Original heißen ſie popolini, welche zuerſt im Jahr 1306 in Florenz geſchlagen wurden, ſie kamen aber nach und nach in Vergeſſenheit und ſo in Verfall, daß das Vocabo- lario nichts weiter daruͤber ſagt, als: nome di una an- tica moneta d'Ariento. Manni in ſeiner Istoria del Decamerone will eine von eben dieſen hier erwaͤhnten in dem Cabinet eines Herrn Ignaz Orſini geſehen haben, und giebt ſogar eine Abbildung derſelben. Sie waren von Silber und ihr Werth mag kaum einen Pfennig betragen haben; das Gepräge derſelben war aber ſo, wie das eines florentiniſchen Guldens, welches auf der Vorderſeite die Figur des heiligen Johannes des Täufers und auf der Kehrſeite eine Lilie darſtellte. Sie heißen jetzt Gigliato, und haben den Werth von etwas mehr, als einen hollaͤn⸗ diſchen Dukaten. S. 7. 3. 7, um den Preis gerannt wird. Dieſer Preis beſteht in einem Stuͤcke ſeidenen Zeuges. S. 7. 3 18, Monna iſt der verkuͤrzte Name Ma⸗ donna, der jetzt nur allenfalls dann noch gebraucht wird, wenn man ſich etwas alterthuͤmlich ausdruͤcken will. S. 9. 3 9 eine liſtige, gute Haut. Ich be⸗ ziehe mich auf das, was ich über dieſes Wort, bergola ſchon oben im dritten Bbchen. S. 204 geſagt habe. Pen⸗ zenkuffer in ſeiner Raccolta delle piu eleganti, No- velle di Giov. Boccaccio erklärt es durch: welcher die Rolle eines Einfältigen zu ſpielen wußte. S. 10. 8. 21, Meſſer Foreſe da Rabatta. Nach Manni ein Rechtsgelehrter, der ſich durch mehrere Schriften ausgezeichnet hatte. Er bluͤhte um das Jahr 1330. Giotto, der verkuͤrzte Name von Angioletto. 160 Anmerkungen. Dieſer Giotto war der Wiederherſteller der Mahlerkunſt, und ein Schuͤler Cimabue's, welcher letztere den Knaben, als er auf dem Felde die Schafe huͤtete, zeichnen fand; er nahm ihn mit ſich und unterrichtete ihn. Er uͤbertraf aber ſeinen Lehrer bei weitem, wie Dante Purg. XI. 94— 96 von ihm ſagt. Benvenuto da Imola in ſeinem Com⸗ mentar zur eben angefuͤhrten Stelle des Dante folgende Anekdote uͤber die Haͤßlichkeit Giotto's: Als Giotto noch ziemlich jung zu Padua in einer Kapelle mahlte, kam Dante dahin; Giotto empfing ihn ſehr ehrenvoll und nahm ihn mit ſich in ſein Haus. Als Dante hier mehrere ſeiner Kinder von ausgezeichneter Haͤßlichkeit ſah, die dem Vater alle ſehr ahnlich waren, fragte er: Trefflicher Meiſter, ich muß mich doch ſehr wundern, woher es wol kommt, daß Ihr, der Ihr in der Mahlerkunſt nicht Eures Gleichen ha⸗ ben ſollt, Ihr auch uͤbrigens ſo ſchoͤne Figuren mahlt, Eure eigenen aber ſo haͤßlich? Raſch antwortete Giotto: Das kommt daher, weil ich am Tage mahle, aber in der Nacht bilde. Ein anberes Witzwort von ihm erzahlt Franco Sacchetti. Eines Tages lief ein Schwein auf der Straße ihm zwiſchen die Fuͤße durch, ſo daß er in den Koth fiel. Von ſeinen Freunden wieder mit auf die Beine geholfen, ſchuͤttelte er ſich den Koth ab, ſagte aber kein boͤfes Wort auf die Schweine, ſondern wandte ſich zu ſeinen Gefährten mit dieſen Worten: Haben ſie nicht Recht? Ich habe in meinem Leben ſo viele Tauſende burch ihre Borſten gewonnen, und ich habe ihnen auch noch nicht ein einziges Mal auch nur einen Napf Suppe vorgeſetzt. S. 11. 3. 9, Fratzengeſichter. Ich habe hier das Wort des italieniſchen Originals baronci vurch ein allgemein verſtaͤndliches Wort uͤberſetzt. Jagemann ſagt in ſeinem W. B. baroncio, ein Gaſſenjunge, ein liederlicher Bube; hiermit ſtimmt auch das Dizionar. d. Crusca uͤberein, welches baroncio oder baroncella als diminu⸗ tiv, oder vielmehr peggiorativo ein verſchlechternder Ausdruck von barone, in der Bedeutung bieſes letzten Wortes annimmt; per ironia diciamo Barone a co- lui, che vagabondo va mendicando(der als ein hie fol Bo wer geſe kein geſi ron ſich wol Sar ihre Anſe bar bie nati ſolch wen Zuſä war einer Wor nicht ſonde vom das dà 1 B Anmerkungen. Landſtreicher betteln geht). Dieſe ſchlimme Nebenbebeu⸗ tung eines Spitzbuben, Straßenraͤubers bekam dieſes Wort erſt ſpaͤterhin, da es in den aͤlteſten Zeiten ein Ehrentitel war, den man ſelbſt Heiligen beilegte. Rolli erklaͤrt es mit folgenden Worten: Baronci e nome di famiglia (brigata, eine Geſellſchaft, gewiſſe Anzahl Menſchen) la quale supponesi essere stata famosa per brutte e scontrafatte figure(ausgezeichnet durch haͤßliche, ſcheuß⸗ liche Geſtalten und Anſehen). Und dieſe Bedeutung paßt hier am beſten zu der folgenden Novelle. In der nächſt⸗ folgenden habe ich das Originalwort baronci beibehalten; Boccaccio will dadurch gleichſam ſcherzweiſe andeuten, als wenn dieſe häͤßlichen Menſchen auf dieſer Weit eine eigene geſchloſſene Familie bildeten. Im Deutſchen aber iſt mir kein Wort bekannt, wodurch dieſe Sippſchaft der Fratzen⸗ geſichter ausgebruͤckt werden koͤnnte, deßhalb habe ich Ba⸗ ronci beibehalten. Auch nach Manni's Bemerkung zeichnete ſich die Familie der Baronci durch Häͤßlichkeit aus, welches wol zuerſt Schmiede waren, die in der Gegend der Kirche Santa Maria Maggiore ihr Handwerk trieben, und in ihrer Werkſtatt von ihrer Arbeit ein haͤßliches, entſtellendes Anſehen bekamen, und daher in der Foige den Spitznamen baronci erhielten. S. 11. Z. 15, daß die Natur. nichts dar⸗ bietet. Die fruͤhere Leſeart che niuna cosa dalla natura machte dieſe Stelle ganz unverſtaͤnblich, indem bei ſolcher Leſeart das zur Vollſtanbigkeit des Sinnes noth⸗ wendige Verbum fehlte, und man benſelben durch allerhand Zufätze u. dgl. herauszupreſſen verſuchte. Nur Bottari war es, wie Colombo ſagt, vorbehalten, in dieſe Stelle einen Sinn, ohne irgend einen Zuſatz oder Aenderung der Worte, hinein zu legen; indem er bemerkte, daß dalla nicht das Eaſuszeſchen, und als Ein Wort zu leſen wäre, ſondern daß es die dritte Perſon der gegenwaͤrtigen Zeit vom Verbo dare ſey, worauf der Artikel folge, und man das einzige Wort in zwei zertheilen, und alſo leſen müßte da la. Und ſo findet es ſich auch in der neueſten Aus⸗ Boceaccio's ſaͤmmtl. W. 5. 11 162 gabe der Opere volgari di G. Boccaccio Firenze 1827. 2c. S. 15. 8. 6, Bebelande, auch wol Marſchland, d. h. ein niedriges, fettes, wäſſeriges oder ſumpfiges, ge⸗ meiniglich an dem Meere oder großen Fluͤſſen liegendes Land(Adelung); im Original maremma, wie die Moor⸗ gegend bei Florenz heißt. Ein Scherz des Verfaſſers, in⸗ dem er die ganze Welt mit dieſer moraſtigen Gegend in der Naͤhe von Florenz, die ganz roh und unangebaut iſt, in Parallele ſetzt. Auf aͤhnliche Art ſagt Menzini in der neun⸗ ten Satyre von dem Jeſuiten Saliceppo, daß ſein Ruhm auch bis in die Maremma dringen werde. Rolli ſagt von dem Originale o di maremma ein gemeiner Volksaus⸗ druck(espressione popolare) als wenn per 1o mondo nur bloß vom Lande allein(1a sola terra) verſtanden werden könnte.— Fiſolophen. Auch eine poſſierliche Verdrehung des Wortes Philoſophen. S 15. 8. 16, auf Seligkeit, ein jetzt gewoͤhn⸗ licher Schwur gewiſſer ſtarker Geiſter; im Original: alle Guagnele, eine alte Avkuͤrzung ſtatt per 1'Evangelio. S 16. 8. 13, die Aedelſten. Es liegt in dieſem deutſchen Worte eben der Doppelſinn, wie in dem italie⸗ niſchen gentile. S. 23. 8. 12, Ceska, ein abgekuͤrzter Schmeichel⸗ name für Franceska. S. 23. Z. 26, ſo roch ihr Alles ſo ekelig an. Das Original lautet etwas anders, nämlich: si Forte le veniva del cencio. Schon oben im aten Baͤndchen S. 186 hahe ich zu einer Stelle(S. 150. 8. 10.) der alten Gewohlheit der Frauen in Florenz erwaͤhnt, daß ſie ſich auf Zunder von alten Lumpen, ſtatt auf einer Schippe Feuer uͤber die Straße fortholen, und auf eben dieſe üble Gewohnheit ſpielt der Satiriker wieder an, und laͤßt die feine Ceska ſtatt ſeiner dieſelbe ein wenig aufmutzen. Ich halte daher dieſe ganze Novelle fuͤr eine kleine Satire auf die ſchon damals bekannte ſchlechte Straßen⸗Polizei. S. 24. l. Z., Guido Cavalcanti. Von dieſem iſt ſchon oben im sten Baͤndchen, S. 102. und 198. ein Anmerkungen. Anmerkungen. Mal die Rede geweſen; ich fuͤge hier noch etwas uͤber ihn hinzu, da er uͤberdies in der italieniſchen Literaturgeſchichte als Dichter bekannt iſt. Er ſtammte aus einer der edel⸗ ſten Familien in Florenz her, und ſtarb um das Jahr 1300. Petrarca und Dante erwaͤhnen ſeiner und letzterer zieht ihn einem damals auch berühmten Dichter, Guido Guiniccelli, vor; doch war er ſelbſt mehr der Philoſophie als der Dichtkunſt ergeben, wie dies auch ſeine Gedichte, beſonders die beruͤhmte Canzone, uͤber die Natur der Liebe, bezeugen. Dieſe Canzone war ſo beruͤhmt, daß ſie von mehreren damals lebenden Gelehrten commentirt ward, ob ſie gleich, wie Ginguené ſagt, mehr eine Art von metaphy⸗ ſiſcher Abhandlung iſt. Negri ſagt von ihrem Verfaſſer, daß er ein melancholiſcher, tiefſinniger, denkender Mann geweſen. S. 26 3. 9, Brunelleschi ebenfalls ein beruͤhmter Baumeiſter und auch Dichter. S. 26 3 3 v u., an die Meinung der Epi⸗ kuräer anſtreifte. Boccaccio iſt hier im Irrthume; nicht Cavalcante der Sohn, ſondern vielmehr der Vater deſſelben, Guido Cavalcante, war der epikuräiſchen Sekte zugethan. Boccactio ſelbſt nimmt in ſeinem im Jahre 1373 lange nach dem Dekameron geſchriebenen Commentar zu Dante's 10tem Geſange der Hölle dieſe irrige Meinung an, indem er daſelbſt alles was er in unſerer Stelle ſagt, wiederholt, ausgenommen, daß er den epikuräiſchen Mei⸗ nungen zugethan geweſen wäre. S 27. Z. 10, Porphyr⸗Säulen. Dieſe zwei Saͤu⸗ len waͤhlten ſich die Florentiner fuͤr die den Piſanern treulich geleiſtete Huͤlfe, beſonders daß ſie die Beſchuͤtzung und Bewa⸗ chung der Stadt Piſa während des Krieges uͤbernommen hat⸗ ten, den die Piſaner im Jahre 1117 gegen die Spanier fuͤr die Wiedereroberung der Inſeln Majorca und Minorta fuͤhr⸗ ten. Als ſie ſiegreich hiervon zuruͤckkehrten, hatten ſie dieſe Porphyr-Säulen und zwei eherne Thuͤren als Sie⸗ geszeichen mitgebracht Sie ließen dorauf den Florentinern die Wahl, was ſie von den beiden Siegeszeichen haben wollten, und ſie wählten die Saͤulen. Dieſe waren aber ——— ——— 164 Anmerkungen. bei einem Brande beſchädigt und die ſchabhaften Stellen frag mit Scharlachtuch uͤberzogen. Dante nennt die Florentiner gate daher orbi, blind, weil ſie dieſen Schaden nicht gemerkt(hie haͤtten. Man ſehe Landino zum Infern. XV. 67. Die an⸗ Red deren Eigennamen ſind Gegenden in Florenz, von denen der einſt ſo beruͤhmte Weg Adimari(il Corso degli Adi- eſi mari) nach einer beruͤhmten dort wohnenden Familie Abi⸗ Zwe mari ſo benannt, ſpaͤterhin den Namen die Schuſter⸗ Spe Gaſſe(Via de' Calzajuoli) bekam. geho S. 28. l. Z., Zipolla. Der Name des Moͤnchs gew war Gipolla, und eine Zwiebel heißt im Italieniſchen eben ſo; darauf beruhet dieſes Wortſpiel, welches ich durch lan Zipolla und Bollen wiedergegeben habe, denn ſo heißen auch koſtl an einigen Orten die Zwiebeln, und in Schleſien Zwippeln. gel⸗ S. 30. 3. 12, Tullius, Marcus Tullius Cicero iſt als Redner, und Marc. Fabius Quintilianus als Rheto⸗ ben riker bekannt. dum S. 32. 3. 11, Hinze ꝛc. Man wundere ſich nicht beſſe uͤber die poſſierlichen Namen, welche ich Bruder Zipolla's Ma Diener gegeben habe, da er im Original Guccio Balena, tal, Guccio Imbratta und Guccio Porco heißt; allein auch hinter allen dieſen Namen ſind die Spitznamen verborgen, den; welche ich dieſem mauvais sujet beigelegt habe. In der hheiß franzoͤſiſchen Ueberſetzung von 1733 werden ſie auf folgen⸗ ſinn de Art erklärt: Balena, comme qui diroit gros Go- ſehe losse(ein plumper Coloß) Imbratta; comme qui dir- sit vilain badant(gemeiner Schwätzer), Guccio Porco nen erklaͤrt ſich von ſelbſt. Sein Vorname Guccio iſt Ver⸗ Dan kuͤrzung von Arriguccio, welches letztere ſchon das ver⸗ mo plumpte Arrigo, Heinrich iſt. Mör S. 32. 8. 13, Lippo Topo. Dieſes Ehrenman⸗ ihre, nes wird auch in dem bekannten Gedichte Bertoldo con den, Bertoldino e Cacasenno(XV. 47) erwaͤhnt, und da⸗ Die ſelbſt in den Anmerkungen der Ausgabe Venezia 1737 dieſe bei Erwaͤhnung eines von ihm entſtandenen Sprichwortes, dach folgendes von ihm erzaͤhlt: Er habe ein Teſtament gemacht, Erk und in demſelben viele Tauſende, die er nicht beſaß, zu behe frommen Stiftungen ausgeſetzt; als man ihn alsdann ge⸗ len ner rkt an⸗ der 1i- di⸗ r⸗ chs en rch ln. r to⸗ cht mn⸗ 37 s, zu e⸗ Anmerkungen. fragt, wer der Executor ſeines Teſtamentes mit ſolchen Le⸗ gaten ſeyn ſolle, habe er geantwortet: Ja, das iſt es eben! (hic est punctus). Hieraus waͤre nun die ſprichwoͤrtliche Redensart entſtanden: Däs iſt wie Lippo Topo's Teſtament. S. 34. Z. 13, Altopascio iſt ein Caſtel im Luc⸗ cheſiſchen mit einer großen Abtei, worin mehrere Moͤnche. Zwei Mal in der Woche ward ein allgemeines Almoſen in Speiſen ausgetheilt, wozu nothwendig ein großer Keſſel gehoͤrte, welcher eben deßhalb zum allgemeinen Sprichwort geworden war. S. 38. 3. 1, die Privilegien des Porzel⸗ lans. Boccaccio verſteht hier die damals ſo beruͤhmten und koſtbaren Gefuaͤße und Geſchirre von der ſogenannten Sie⸗ gel⸗Erde, Terra sigillata. S. 38. Z. 7, Parion, und ſo auch die vorhergehen⸗ ben Namen ſind Straßen in Florenz, die der Schwätzer den dummen Zuhoͤrern fuͤr fremde Laͤnder ausgibt; Sardigna, beſſen auch Lorenz Lippi in ſeinem wiedereroberten Malmantile erwäͤhnt, iſt nach Redi ein altes Hospi⸗ tal, in welchem Kranke an unheilbaren Krankheiten oder auch mit uͤbelriechenden ſchmutzigen Wunden gepflegt wur⸗ den; auch der Schindanger vor dem Thore San Friano heißt ſo. Daß uͤbrigens Bruder Zipolla's Rede baaren Un⸗ ſinn enthaͤlt, wird Jeder ohne weitere Erinnerung wol ein⸗ ſehen. S. 38. Z. 20, welche in dieſen Ländern kei⸗ nen Stämpel haben. Dieſe Worte ſind offenbar aus Dante's Paradies(XXIX, 126.) entlehnt; Pagando di moneta senza eonio, wo Beatrix die elenden Prebiger⸗ Moͤnche der damaligen Zeit zuͤchtiget, welche ſich fuͤr ihre, dem dummen Poͤbel verſprochene Vergebung der Suͤn⸗ den, mit ſolcher ungeſtämpelten Muͤnze bezahlen laſſen. Die älteren Ausleger, Venturi, Volpi ꝛc. verſtehen unter dieſer ungeſtämpelten Muͤnze falſche Indulgenzen und An⸗ dachteuͤbungen. Dieſe Auslegung aber wird von der Rand⸗ Erklaͤrung bei dem Coder voy Monte Caſſino verworfen, und behauptet, dieſe Worte wären de blado, vino et oleo, d. i. uͤberhaupt von Eßwaaren zu verſtehen, allein hierauf 166 Anmerkungen. paſſen alsdann die Worte der beiden vorhergehenden Verſe nicht recht: Di questo ingrassa'l porco santo Antonio Ed altri assai, che son peggio che porci, Pagando di moneta senza conio. Mir ſcheint der Sinn dieſer Stelle Dante's der zu ſeyn: dieſe Moͤnche machen dem dummen Poͤbel allerley Verſpre⸗ chungen und Vorſpiegelungen von Vergebung der Suͤnden c. Dafuͤr mäſten ſie ſich von dem, was der Poͤbel ihnen in Hoffnung, wirkliche Vergebung der Suͤnden von ihnen zu erhalten, darbringt, und dafuͤr zahlen ſie ihm dann wieder eine Muͤnze, die keinen Werth hat, d. h. mit Indulgenzen, Andachtsuͤbungen, Caſteiungen ꝛc. Und dieſe Erklärung be⸗ ſtätiget auch wol dieſe Stelle unſeres Novelliſten. S. 38. 3. 3. v. u., daß ich tief— hinkam. Das Original mei hat den Auslegern viel zu ſchaffen ge⸗ macht. Ferrario erklaͤrt es mit folgenden Worten: meglio, piu in là, piü oltre(beſſer, weiter hin) das Diziona- rio della Crusca, wenigſtens in den frühern Ausgaben, hat dieſes Wort ſelbſt nicht, ſondern nur im 5. LXXXV. bei dem Worte per, und da wird es durch per mezzo, nel mezzo, vicino, allato, dirimpetto, o in quel luo- go appunto, di cui si ragiona, erklärt, und hiernach habe ich es in der zehnten Novelle des fuͤnften Tages durch: gerieth er in die Gegend des Korbes uͤberſetzt. Rolli haͤlt es fuͤr die verkuͤrzte Ausrufungspartikul omei. Colombo ſagt an dieſer Stelle zur Erklärung dieſes Wor⸗ tes nichts, aber unten Giorn. VIII. nov 6. nimmter an, daß das Wort per me' oder per mei ein ländlicher baͤu⸗ eriſcher Ausbruck(voce contadinesca) waͤre, der ganz verſchieden von der Interjection mei ſey, und hier fuͤr rimpetto(gegenüber) gebraucht wäre; Fiacchi aber iſt, in der Bemerkung üͤber dieſe Erklärung Colombo's, der Meinung, das Wort mei habe durchaus eine ſo allgemeine Bedeutung, daß ſie nicht wenigſtens auf den groößten Theil der von ihm ſchon angefuͤhrten Beiſpiele ſollte angewendet werden können. Das Beſte in dergleichen Fällen ſey, meh⸗ rere Beiſpiele zu ſammeln, und zu unterſuchen, welche Be⸗ —— —ce e— —— Anmerkungen⸗ 167 deutung die paſſendſte ſey. Und ſo fuͤhrt er noch mehrere Beiſpiele auf⸗ ohne etwas daruͤber zu entſcheiden. Nach der Meinung dieſes gruͤndlichen Sprachforſchers waͤre alſo mei oder per mei ein Wort deſſen Bedeutung ſich nur durch den Sprachgebrauch erklären laſſe, in welchem Sinne und in welcher Verbindung es gerade gebraucht worden ſey. Ich moͤchte noch hinzufuͤgen⸗ daß es im allgemeinen den Sinn, in welchem es jedes Mal gebraucht waͤre, noch mehr verſtärken ſoll. Laſſen wir in unſerer Stelle das Wort mei weg, ſo iſt der ſchlichte Sinn: ich kam bis in Indien hinein, und zur Verſtärkung dieſes Begriffs⸗ habe ich geſagt: bis tief in J. hinein⸗ In der 6ten Novelle des sten Tages gebraucht Boccaccio dieſes Wort wieder, come fu per mei Calandrino, wo ich es durch: als er nun eben zu Calandrino hinkam⸗ uͤberſetzt habe. Paſtinak⸗Indien iſt nach dem Dizionario d. Gr. ein zum Schers hinzugefuͤgtes Beiwort. S. 53. 3 5 ohne daß dieſe es gemerkt hat⸗ ten, oder do ch. Die überſchrift im Allgemeinen des ſie⸗ benten Tages iſt etwas anders den Worten nach⸗ als ſie der Koͤnig am Schluß des vorigen Tages angegeben hatte; es gemerkt hätten⸗ denn da heißt es⸗ ohnedaß ſie fragen die oder nicht. Woher dieſe Verſchiedenheit? Ausleger. Sollten die eigenen Inhalts⸗Angaben zu den Baccaccio ſelbſt⸗ ſondern nachher erſt Novellen nicht vom von einem Dritten⸗ hinzugefugt worden ſeyn, dem das o no (oder nicht) nicht gut geſagt zu ſeyn duͤnkte, doch aber in dem Texte ſelbſt Aenderungen zu machen ſich enthielt? So an⸗ nehmlich dieſer Grund auch zu ſeyn ſcheint⸗ ſo benimmt ihn uns der Verfaſſer doch ſelbſt, indem er in dem Schluß des Verfaſſer s(am Ende des ganzen Werkes ſagt: Um keinen zu hintergehen⸗ tragen ſie alle an der Stirn angedeutet⸗ was ſie in ihrem Schoße verbergen; aus welchen Worten deutlich hervorgeht⸗ er ſelbſt habe dieſe Inhalts⸗ Angaben vorgeſetzt Es bleibt uns alſo nichts uͤbrig, als zu ſagen, der Verfaſſer habe das eine Mal ſo, das andere Mal ſo ſich ausgedruͤckt, da 168 Anmerkungen. der Sinn immer ein und eben derſelbe bleibt, nur das eine Mal offirmativ, das andere Mal negativ und zwar nur mit der Veraͤnderung eines einzigen Wortes. S. 54. 3. 15, uͤppigen Baäume, bas Hriginal ſagt vivaci arbori; welches Beiwort das Dizionario erklaͤrt, durch rigogliosi, vegnenti,(d. i. ͤppig aufwach⸗ ſend); Rolli dagegen verſteht Lorbeeren, Pinien, Oliven und andere dergleichen Baͤume darunter, welche das Laub zu keiner Jahreszeit verlieren. Indeſſen: da nach der Be⸗ ſchreibung, welche Boccaccio von dieſem Jungfernthale am Schluſſe des vorigen Tages uns gab, ſtanden verſchiedene Baͤume hier unter einander, welche alle einen kraͤftigen und uͤppigen Wuchs hatten. S. 54. 3. 8. v. x., Teppichen, bas italieniſche Wort capoletti druͤckt eigentlich Kiſſen, oder ein Stuͤck Zeug aus, welches am Kopfende des Bettes gegen die Wand gelegt wird, um die Kälte abzuhalten. S. 66. 8. 9, Laudiſten, ſo nennt ſie Dr. W. C. Muͤller in ſeiner äſthetiſch⸗hiſtoriſchen Einleitung in die Wiſſenſchaft der Tonkunſt.(Leipz. 1830.) 2. Thl. S. 31. In Florenz aber waren verſchiedene Schulen von Kuͤnſtlern, unter welchen die bei St. Michael und Santa Maria No⸗ vella beſonders zu bemerken. Dieſe verſammelten ſich je⸗ den Sonnabend nach der None(gegen 4 Uhr Nachmittags) in der Kirche, und ſangen daſelbſt vierſtimmig 5 oder 6 Laudes oder Balladen(Lieber) von Lorenz v. Medizis, auch von Pulci und Giambullari gebichtet. Bei jedem Ge⸗ ſange wechſelten die Saͤnger, und am Schluſſe enthüllten ſie beim Spiel der Orgel, oder beim Laͤuten der Glocken eine Madonna, und damit endigte das Feſt. Dieſe Sänger, Taudesi genannt, haben einen Anführer, welcher Gapitano de, Laudesi hieß, und dieſes Amt hatte Gianni.(San⸗ ſovino). S. 56. 3. 21, Tzentſcherlieber, ein in Schle⸗ ſien üblicher Ausdruck, der offenbar wol dem italieniſchen ciancione nachgebildet iſt, und ſo viel als ein luſtiges, weltliches Liedchen, bedeutet. Daß Boccaccio dieſen Aus⸗ druck abſichtlich gebraucht, liegt wol hlar am Tage. it Anmerkungen. 173 Crusca auffuͤhrt, und, mit Angabe unferer Stelle und einer anderen aus der Cronica di Donat. Velluti, es durch eine Gattung feines Tuch(specie di panno fine) erklaͤrt. Die Leſeart der 27. giebt die genuͤgendſte Er⸗ klaͤrung und Rechtfertigung meiner Ueberſetzung. S. 74. 8. 23, nur eines kleinen Anſtoßes bedurfte: di piccola levatura aveva bisogno. Boccaccio gebraucht diefes Wort levatura an drei Stel⸗ len in ſeinem Dekameron, und dem Anſcheine nach in drei verſchiedenen Bedeutungen. Zuerſt in der 2ten Novelle des 4ten Tages: Allora la donna, che piccola levatura aveva, wo ich es alſo uͤberſetzt habe: Die Frau, welche von ſehr leichtem Gehalte war. Dann in unſerer Stelle hier, und in der s8ten Novelle des 9ten Tages; colui, che piccola levatura avea. Die erße Stelle erklaͤrt das Dizion auf folgende Weiſe: aver po- ca levatura, si dice di persona leggieri, o di scar- so talento, was ich durch meine Ueberfetzung dort wieder zu geben geſucht habe. Ueber unfere Stelle hier ſagt das Dizion. nichts weiter als: talora denota persuasione; der dritten wird gar nicht gedacht, in ber Mailaͤnder Ausgabe aber des Dekameron werden die Worte des Dizion. bei der erſtgenannten Stelle zur Erklaͤrung wiederholt; dort werde ich mich weiter daruͤber erklaͤren. S. 76. 8. 14, der taͤppiſche Riepel. Boecac⸗ cio hat hier ſich ein eigenes Wort gebildet Sanctio mit dem Beiworte Bescio, um, wie das Dizionario ſagt⸗ einen aberwitzigen, kindiſchon, alten Gecken dadurch anzu⸗ deuten; das Beiwort Bescio kommt in dem bekannten italieniſchen Volksroman Bertoldo Bertoldino e Caca- senno(Berthold, Bertholdchen und der Klug⸗Sch. r) 11, 35 vor: Sire, tu se un gran bescio, se nol sai, und wo es erklaͤrt wird, als: Vocabolo Sanese, e val: Fciocco, dumm. S. 81. 8. 17, Da er nun— zur Ruhe. Die Ausleger ſind beſonders über das Partizip mostrandosi in Streit, und haben einige dieſes, einige auch das erſte Partizip volendo, in beſtimmte Zeit und Perſon verwan⸗ 174 Anmerkungen. deln wollen, weil der Satz ſonſt keinen durch ein beſtimm⸗ tes Verbum genügend herbeigefuͤhrten beruhigenden Schluß habe; ſie leſen daher entweder: volle mostrandosi, oder volendo mostrossi. Fiacchi ſtreicht den Punkt hinter che fosse mai fort, ſetzt die Worte il che— dormire in Parentheſe, und ſchließt alsdann, nachdem er auf dieſe Art die beiden Punkte in einen zuſammen gezogen hat⸗ das Ganze mit den Worten: il mise prestamente, wozu er noch die aus der vorhergegangenen Parentheſe wieder⸗ holten Worte a dormire, verſtanden wiſſen will. Wenn ich dieſer Verbeſſerung beitraͤte, ſo würde ich die Paren⸗ theſe bei den Worten: gli bisognasse ſchließen, da der Sinn der Worte nè esiimando che pih bere gli bi- sognasse ohne die folgenden a ben dormire verſtaͤndlich genug iſt. Indeſſen durch Zuſammenziehung der beiden Sätze zu einem wird doch, meiner Meinung nach die Ein⸗ heit des Subjectes fuͤr dieſen größeren Satz zu ſehr ge⸗ ſtört, indem in der erſten Häͤl'te des Satzes bis zu den Worten che fosse mai, Tofano das Subject waͤre, in der andern aber die Frau zum Haupt⸗Subject, Tofano aber zum Object wuͤrde Ich halte mich daher an Colom⸗ bos Ausſpruch uͤber das Participium mostrando, wenn er ſagt: Ecco una pruova autentica dell' essersi ado perato alcuna volta dagli antichi il gerundio pel verbo, d. i. ein Beweis, daß die Alten das Gerundium ſtatt der beſtimmten Zeit und Perſon des Verbe gebraucht haben. Mit dieſem Critiker trenne ich auch die Worte a pen dormire durch ein Komma von den vorhergehen⸗ den, und nehme ſie zu den drei folgenden Schlußworten. S. 86. 8. 2. v. u., Boccaccio entlehnt die Anfangs⸗ worte dieſer Novelle aus dem 18ten Geſange des Purgs- torio des Dante: Posto avea fine al suo ragionamento L'alto dottore. ob abſichtlich oder von ohngefähr, laſſe ich dahin ge⸗ ſtellt ſeyn. S. 38. 3. 20, freilich— Geſinnung. Ich bin Salviati gefolgt, welcher in ſeinen Avvertimenti mm⸗ hluß oder che e in Art das vozu der⸗ benn ren⸗ der bi- dlich ien Ein⸗ ge⸗ den in fano lom⸗ n er ado- pel dium aucht ßorte ehen⸗ n. angs⸗ rga- ge⸗ Ich enti Anmerkungen. 175 della lingua sopra'l Decamerone die Worte des Ori⸗ ginals: argomento di cattivo uomo, e con poco sentimento era fuͤr eine von der Erzaͤhlerinn, in eigener Perſon, hinzugefuͤgte Bemerkung haͤlt, und ſie daher in Parentheſe einſchließt; nur wuͤrde ich nicht, wie er, die Parentheſe mit dem Worte era, ſondern ſchon mit dem Worte sentimento ſchließen, und das noch folgende era zu dem Vorhergehenden ziehen, und dabei piaciuto hin⸗ zudenken. Ich habe daher auch uͤberſetzt, wie ſie ihm— „freilich nur ein Grund fuͤr einen ſchlechten Mann von wenig edeler Geſinnung“— gefallen hatte. Noch naͤher den Worten des Originals hätte ich uberſetzen können: wie ſie es ihm—„freilich ꝛc. Geſinnung“— hatte. Aengſt⸗ lich treuer waͤre meine Ueberſetzung freilich geworden, aber weniger wohlklingend. S. 96. 8. 11, die Nacht kam— nach Her⸗ zensluſt. Colombo macht zur Aufklärung und zum Ver⸗ ſtaͤndniß dieſes Satzes im Original eine doppelte Bemer⸗ kung, und zwar 1) ſagt er, Boccaccio ſetzt, nach franzoͤſi⸗ ſchem Gebrauch zuweilen den Nominativ des Subjects dem Gerundium vor, auch ſelbſt dann, wenn das folgende Ver⸗ bum nicht zu dieſem Subjecte gehoͤrt. Er iſt daher der Meinung, daß die Worte: la donna avendo fatto ser- rar eigentlich ſo ſtehen ſollten, oder wenigſtens dafuͤr an⸗ zunehmen wären: avendo la donna fatto serrar. 2) iſt er der Meinung, die Partikel ot zwiſchen den Worten le parve und i1 giorane, waͤre hier nicht die Conjunc⸗ tion mit der Bedeutung von und, ſondern ſie ſtaͤnde ſtatt ecco, ſo daß der Zuſammenhang der ganzen Periode die⸗ ſer ware: ed avendo la donna fatto serrar— quan- do tempo le parve ecco il giovane etc. und aller⸗ dings gewinnt auch der ganze Periode hierdurch an innerem Zuſammenhange, da ſonſt das Hauptwort la donna, wenn es von dem Particip avendo fatto getrennt, und nicht zu demſelben gehoͤrig, genommen wird, kein beſtimmtes Verbum hinter ſich hat. Die Partikel e hat oftmals die Vedeutung, wie Ginonio, Osservaz. della ling ital. II, 184. XXV. ſagt, um etwas plotzlich Ueberraſchendes 176 Anmerkungen. auszudruͤcken, und alsbann fage es auch ſo viel als ecco! Auch findet man dieſes ecco ſelbſt wol hinter der Parti⸗ kel et, wie z. E. Giorn. V. nov. 10. Et essondosi la donna col giovane posti a tavola per cenare, et ecco Pietro chiamd all' uscio. Ich habe daher nach Colombo's Andeutung uͤberſetzt. S. 100. 8. 8. v. u., Lambertuctio. Dieſer Meſſer Lambertuccio war der Vater des Dino Lambertuccio, welcher, wie Boccaccio in ſeinem Leben Dante's ſagt, ſich um Dante's Gedicht ſehr verdient gemacht hatte. Als naͤm⸗ lich Dante, ſo erzaͤhlt Voccaccio, um den Verfolgungen zu entgehen, Florenz verlaſſen hatte, fand man in ſeinen zuruͤckgelaffenen Kiſten die ſieben erſten Geſaͤnge der Hoͤlle, Man las ſie mit Bewunderung, ohne zu wiſſen, von wem ſie waͤren, und zeigte ſie einem der Buͤrger, Namens Dino⸗ dem Sohne Lambertuccio's, welcher zu damaliger Zeit ein ſehr beruͤhmter Dichter von hohem Geiſte war. Er wun⸗ derte ſich nicht weniger, als der, der ſie ihm gebracht hatte, ſowol uͤber den ſchoͤnen, ausgebildeten und geordneten Styl der Diction, als auch der Tiefe des Sinnes, welcher unter ber ſchoͤnen Huͤlle der Worte ihm darin verborgen zu ſeyn ſchien. Aus dieſen Gründen kam er mit demjenigen, der ſie ihm gebracht hatte, theils auch in Hinſicht des Ortes, wo ſie gefunden worden waren, auf die Gedanken, ſie moͤchten wol, wie ſie es auch wirklich waren, ein Werk Dante's ſeyn. Es ging ihnen nahe, dat es unvollendet bleiben ſollte, obgleich ſie nicht ahnen konnten, wie wol das Ende wuͤrde geweſen ſeyn, und daher beſchloſſen ſie unter ſich, auszuforſchen, wo Dante wäre, ihm dann zu ſchicken, was ſie gefunden, damit er ſelbſt, wenn es mög⸗ lich waͤre, einem ſolchen Anfange das vorgeſetzte Ende gäbe. Nachdem ſie dann nach einigen Erkundigungen erfahren hat⸗ ten, daß er in der Naͤhe des Marcheſe Marovello waͤre, ſchrieben ſie nicht an ihn, fondern an den Marcheſe ihren Wunſch, und uͤberſandten ihm die ſieben Geſaͤnge. Nach⸗ dem derſelbe, auch ein einſichtsvoller Mann, ſie geſehen und außerordentlich gelobt hatte, zeigte er ſie an Dante, und fragte ihn, ob er wiſſe, weſſen Werk es wol ſeyn — 5* ti⸗ 51 e, e ſer iv, ich en en le⸗ em w. in in⸗ te, — Anmerkungen. moͤchte. Dante erkannte es ſogleich, und antwortete⸗ es waͤre ſein Werk. Hierauf bat ihn der Marcheſe, ein ſo erhabenes Werk nicht ohne ein ihm zukommendes Ende zu laſſen. S. 103. Z. 18, um nur mit der— zu verwei⸗ len. Das Original dieſer Worte venuto a stare al- quanto con esso lei hat ſchon die Deputirten zu einer weitlaͤufigen Anmerkung veranlaßt, um zu beweiſen⸗ daß lei hier ſtatt voi ſtehe, indem die Alten die Perſonen in gewiſſen Redensarten haͤufig zu verwechſeln pflegten. Aus dieſem Grunde behalten ſie lei, da Manelli es geradezu in voi verwandelt. Colombo behaͤlt lei, bezieht es aber auf anima mia. Denn, ſagt er, ich bin der Meinung⸗ Boccaccio laͤßt den Cavalier hier eine gezierte und ſuͤßliche Sprache fuͤhren, wie ſie ſich fuͤr denjenigen ſchickt, den er vorher als einen der Dame mißfaͤlligen, ekelen Menſchen geſchildert hatte. Zu bewundern iſt es, ſetzt er hinzu, wie Boeccaccio die Perſonen immer ihren Charakter und ihrer Natur ſo gemaͤß ſprechen kaͤßt. Die Meinung dieſes Com⸗ mentators ſcheint mir ganz einleuchtend zu ſeyn, und daher habe ich die Worte con esso lei durch nur mit der überſetzt, und beziehe der auf die vorhergehenden Worte meiner Seelbe. S. 128. Z. 12. Crebit haben will, die Frau ſpoͤttelt hier uͤber ihren Mann als Kaufmann. S. 129. 3. 11. So geſchähe ihm ſchon recht. Das Original frate bene sta iſt, wie Ferrario ſagt, eine eigenthuͤmliche Redensart der Florentiner, welche etwa ſo viel bedeute als: Brüderchen, wohl bekomm's! Dies weicht freilich ganz von meiner Ueberſetzung ab; al⸗ lein ich glaube, es iſt eine florentiniſche Redensart, ohne beſtimmte Bedeutung, und welche erſt durch die Folge ihren Sinn und volle Bedeutung erhaͤlt. Das hier folgende ba⸗- sterebbe, erklare ich in Hinſicht des Vorhergegangenen: non ne fu degno d'avere una figliuola fatta come se' tu und des folgenden se egli t avesse ricolta del fango, alſo, es wuͤrde ihm ganz recht geſchehen, daß er nicht eine ſo brave Frau hätte, als Du biſt, wenn er Dich Boecaccio's ſämmtl. W. 5. 12 ———————— 175 Anmerkungen. vom Miſte aufgerafft haͤtte. Es fehlt, daͤucht mir, nur noch ſo eine kräftige Redensart, oder auch wol gar ein tͤchtiger Trumpf, mit welchem die Mutter ihre Worte be⸗ kräftigt haͤtte. Daß uͤbrigens die Dame hier ſich der gemeinſten Schimpfworte und weggeworfenſten Redehsarten bedient, trotz unſerer Fiſchweiber oder der ehemaligen ſo beruͤchtig⸗ ten Damen der Halle, wird einem Jeden klar vor Augen liegen; es kommt hier nur darauf noch an, einige derſelben genauer zu beſtimmen und zu erklären. Troiata erklaͤrt die Crusca durch: quella truppa di masnadieri, che si menano dietro i gentiluo- mini di contrado; d. i. ſo viel als ein Haufen Stra⸗ ßenräuber. Menage leitet das Wort Troiata von Troia, eine Sau, ab, und erklaͤrt es durch eine Heerde Saͤue oder im metaphoriſchen Sinne, durch einen Haufen luͤderlichen Geſindels. Sanſovino in ſeiner Dichiarazione ſagt, es wäre luogo ove stanno i porci, e le troie, cioè le porche a far i porcelli, der Ort, oder vielmehr der Stall, wo man die Säue hineinbringt, um Junge zu wer⸗ fen; dieſe Bedeutung ſchien mir hier die paßlichſte zu ſeyn, und daher meine Ueberſetzung: der aus dem Sauſtall herausgekrochen iſt, denn die Dame will ihrem lie⸗ ben Schwiegerſohn wegen ſeines niedrigen und geringen Herkommens gegen ihren und ihrer Tochter vornehmen Stand herunterſetzen. im frieſenen Flauſch im Original vesliti di romagnuolo. Es iſt ein grobes Tuch von vorher unge⸗ färbter Wolle, was in Romagna gearbeitet wird. dem die Hoſen— wie'ne Glocke, mit dieſen Worten meiner Ueberſetzung bin ich von den Worten bes Originals con le calze a campanile, etwas abgegan⸗ gen, denn dieſe ſagen eigentlich, Beinkleider, die wie ein Glockenthurm ausſehen. Allein der Ausdruck campanile ſcheint mir doch nicht recht hier zu paſſen, denn ich weiß nicht, wie Beinkleider die Geſtalt eines Glockenthurmes ha⸗ ben oder erhalten können. Brunetto Latini ſagt zwar im 7. Cap. des Pataffio auch Calze a campanile, welches u* en es nr in le iß — * Anmerkungen. 179 nach der alten Erklärung ſo viel bebeuten ſoll, als Struͤm⸗ pfe, welche am Knie losgebunden, ſchlotternd an den Fuͤ⸗ ßen hinunterfallen. Worin hier die Aehnlichkeit mit einem Kirch⸗ oder Glockenthurme beſteht, weiß ich nicht. Das Dizion. della CGrusc. fuͤhrt dieſe und Boccaccio's Stelle nur bloß mit dem Zuſatz per similit, ohne eine weitere Erklarung daruͤber zu geben, an. Fiacchi meint, der Aus⸗ druck calze a campanile ſpiele auf eine Art die Struͤmpfe zu tragen an, wie es auf dem Lande fern von der Stadt zu geſchehen pflege. Naͤmlich der Strumpf wuͤrde uͤber das Beinkleid hinauf gezogen, und uͤber dem Knie feſtgebunden; was alsdann vom Strumpfe noch uͤbrig bliebe, wuͤrde zuſammengerollt, und ruhe auf dem Bunde ſelbſt feſt. Dies Zuſammengerollte, was oben auf dem Strumpfe ſelbſt laͤge, ſaͤhe aus, wie das oberſte Geſims eines Thurmes, welches, nach außen hin hervorgehend, einen breitern Erker als der BVoden des Kirchthurmes ſelbſt, ſtuͤtze. Daher waͤre es nicht ſchwer, einen, auf ſolche Art mit einem Strumpfe bekleideten Fuß, mit einem Kirchthurm etwas aͤhnlich zu finden. Ich geſtehe es, daß mir dieſe Aehnlichkeit herauszufinden nicht leicht wird, trotz Fiacchi's ſorgfaͤltiger Beſchreibung. Ich trete daher der Meinung des Fr. Alunno bei, welcher, wenn anch gleich die aͤlteſten Terte a campanile leſen, dennoch a campanelle lieſt⸗ und nach dieſer Leſeart wuͤrde es nicht wie ein Kirchthurm⸗ ſondern wie eine Glocke zu uͤberſetzen ſeyn. Die Calze ſind mir daher nicht die Struͤmpfe, ſondern die Bein⸗ tleider, in welcher Bedeutung calze in der Mehrzahl gewöhnlich genommen zu werden pflegt. Wenn man ſich nun weite, vis uͤber die Waden hinabgehende Beinkleider gedenkt, welche an den Fuͤßen hin⸗ und herſchwenken bei jedem Tritte, ſo haben dieſe eher Aehnlichkeit mit der baumelnden Bewegung einer Glocke, als ſchlotternde oder aufgebundene Strümpfe mit einem Kirchthurme. die Feder im Hintern. Schon oben haben wir einen Schwaͤchling von Ehemann mit ſeinem Eheſtands⸗ Kalender vom Guͤrtel herabhaͤngend kennen gelernt; wer weiß, ſagt Colombo, ob nicht zu Boccaccio's Zeiten der Anmerkungen. Gebrauch war, die Schreibfedern am Guͤrtel, ober am Ho⸗ ſenbunde zu befeſtigen, um ſich das Anſehen eines ſchoͤnen Geiſtes zu geben, ſo wie in unſeren Zeiten dieſe Herren mit der Schreibfeder hinter'm Ohre, am Arbeitstiſche ſitzen. Wenn nun Andere die Feder im Guͤrtel ſtecken hatten, ſo konnte die ergrimmte Mutter wol den Ausdruck recht em⸗ phatiſch noch ſteigern wollen, wenn ſie ſagte: ihr Schwie⸗ gerſohn truͤge ſogar die Feder im A. e. S. 138. 8. 21. von grünem Sammet, d'uno sciamito verde. Die Crusca erklärt bieſes Wort durch spezie di drappo di varie sorte e colori, eine Art Tuch von verſchiedenen Gattungen und Farben; Borghini in den Dichiarazioni sopra le Cento novelle ſetzt noch hin⸗ zu: drappo dal fiore dello sciamoto; velluto, (Sammet) o molto simile a velluto. Andere Meinun⸗ gen uͤber dieſe Art des Tuches fuͤhrt Menage in ſeinen Origini della lingua italiana an, die mir aber nicht zur Hand ſind. Fernow zum Orlando furioso XXXI, 88, 3, giebt Sammet als die deutſche Bedeutung an⸗ und ſagt, der Name waͤre nach dem Griechiſchen hexami- tron gebildet, weil der Einſchuß dieſes Zeuges aus ſechs Faden beſtände. S. 145. vorl. Z., auf Eurem Eigenthum⸗ in sul vostro: Horazius Marrini ſagt zur 31. St. v. 8. des Lamento di CGecco da Varlungo, als Erklaͤrung dieſes Kusdruckes: eun antico vetto della nostra lin- gua di significare cosi neutralmente senza appog- gio di nome: la roba, Pavere, la sostan?a d'al- cuno, Einonio und auch das Dizionario geben die Ve⸗ deutung auf eben dieſe Weiſe an, es bedeute: Vermoͤgen⸗ Beſitzthum, Hab' und Gut. Alle brei beziehen ſich auf un⸗ ſere Stelle. Was aber Boccaccio hier unter dem Eigen⸗ oder Beſitzthum des Nicoſtratus verſteht, iſt wol deutlich genug. S. 168. 3. 14, Wie wuͤrbeich wol der noch ſeyn. Das Original lautet: e come sarei io in mei chi. Wir finden hier wieder das ſchon oben(Giorn. VI. n0v. 10.) beſtrittene Wort mei, uͤber deſſen Erklaͤrung Anmerkungen. auch hier wieder die Ausleger ſehr zweifelhaft ſind. Ich beziehe mich auf das, was ich am a. O. daruͤber geſagt habe, daß ich es auch hier fuͤr eine Eigenthuͤmlichkeit des Boccaccio halte, dieſes Wort je zuweilen als Verſtärkung des Geſagten hinzuzufuͤgen. Nur das davor ſtehende in macht Colombo zweifelhaft, ob es eine Interjection der Verwunderung oder Verſtaͤrkung ſeyn könnte. Vielleicht iſt es nach dem vorhergegangenen io, einem Abſchreiber un⸗ willkuͤhrlich aus der Feder gefloſſen. S. 154. 8. 6, Gut, daß ich mich erinnere. Der ſchon öfter erwähnte Cinonio in ſeinen Osservazioni etc. 1, 141, IV. lieſt bencheè in einem Worte, die Mai⸗ länder Ausgabe des Decamerone und die der Opere volgari di Boccac. firenz. 1827, aber trennen das Wort und leſen Ben che, und danach habe ich uͤberſetzt. Der Erſtere erklärt das gewöhnliche Adverbium benchè durch quandoquidem, und ſagt ͤber unſere Stelle: cioe: ora, o gia che mi ricorda, Jetzt, da ich mich eben erinnere. S. 156. 8. 16, Race beißiger Hunde, im Hriginal schiatta di can botolo. Die beſte Erklärung, was dies für Hunde ſind, giebt Dante(Purgat. XIV. v. 46.) ringhiosi piu, che non chiede lor possa, bei⸗ higer, als ſie es ihren Kraͤften nach ſeyn koͤnnen. S. 157. 3. 5, Arcita und Palämon, eine Epi⸗ ſode aus einer fruͤheren Epopde des Boccaccio, die Theſeide. Enbe des füͤnften Bänbchens. Literariſcher Anzeiger. Nro. 45. In der Baſſeſſchen Buchhandlung in Qued⸗ kinburg, ſo wie in allen uͤbrigen Buchhandlungen Deutſchlands ſind zu haben: Niemann's vollſtaͤndiges Handbuch der Muͤnzen, Maße und Gewichte aller Länder der Erde. Fuͤr Kaufleute, Banquiers, Geldwechsler, Muͤnzſammler, Handlungsſchulen, Staatsbeamte, Kuͤnſtler, Reiſende, Zeitungsleſer, und Alle, welche ſich mit Voͤlker⸗ und Laͤnderkenntniß be⸗ ſchaͤftigen oder die in den Werken des Auslandes be⸗ findlichen Vorſchriften auf Kuͤnſte und Wiſſenſchaf⸗ ten anwenden wollen. In alphabetiſcher Ordnung. gr. 8. Preis 1 Thlr. 20 Ggr. 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Um unter mei nen juͤngern Kunſtverwandten, die den muͤndlichen Unter richt vermöge ihrer Tage entbehren muͤſſen, Anhaͤnger für die Stoͤchiometrie, welche bei dem jetzigen Stande der Wiſ⸗ ßenſchaft doch unentbehrlich iſt, zu gewinnen und ſie fuͤr das Studium groͤßerer Werke vorzubereiten, ward ich veran⸗ laßt, vorliegendes Buͤchlein der Preſſe zu uͤbergeben.“ Uebungsaufgaben fuͤr das b bei welchen ausſchließlich nur die neue geſetzmaͤßige Muͤnzeintheilung des Preußiſchen Thalers nach Silbergroſchen zum Grunde gelegt worden iſt. Nebſt einer kurzen Anleitung zur leichten, ſchnellen und richtigen Auflöſung dieſer Aufgaben. Ein Hand⸗ und Huͤlfsbuch fuͤr Lehrer in den Buͤrger- und Volks⸗ ſchulen der Koͤniglichen Preußiſchen Staaten. Von J. C. F. Baumgarten. 8. Preis 10 Ggr. ni ——, — B —