——————————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gieſßen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.„ cLeih- und Feſebedingungen. . 1. Offensein der Bibliothek. Die ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher —— ——————————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 3 Mk.— Pf. ſ — — „„ i„ n 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. b e ſaͤmmtliche Werke. — N e t e Viertes Baͤndchen. Quedlinburg und Leipzig.— Verlag von Gottfr. Baſſe. 6. 1830. B vccacco 5 Dekameron. — Neu uͤberſetzt von J. H.„ 8 Viertes Baͤndchen. —————— —— Quedlinburg und Leipzig. Verlag von Gottfr. Baſſe. 1 8 30. Achte Novelle. Hieronimus liebt die Salveſtra, er geht auf Bitten der Mutter nach Paris, kommt zuruͤck und findet ſie verhei⸗ rathet; er geht auf eine verborgene Weiſe in ihr Haus, und ſtirbt an ihrer Seite„ und da er nach einer Kirche gebracht wird, ſtirbt auch Salveſtra ihm zur Seite. S Novelle hatte ihr Ende, als auf Befehl des Koͤnigs, Neiphile ſo anfing: Es gibt meiner Meinung nach, wackere Damen, einige, welche glauben, ſie wuͤßten mehr als andere, und ſie wiſſen doch weniger; deshalb waͤhnen ſie, ſie koͤnnten nicht allein dem Rathe der Menſchen, ſondern auch der Natur der Dinge ihren Verſtand entgegen ſetzen; und aus dieſem Wahne ſind ſchon die groͤß⸗ ten übel entſtanden, aber irgend etwas Gutes yat man noch niemals daraus entſtehen ſehen. Und weil unter anderen natuͤrlichen Gegenſtaͤnden, die Liebe gerade am wenigſten Rath oder auch wol eine Ge⸗ genwirkung annimmt, indem ſie von ſolcher Beſchaf⸗ fenheit iſt, daß ſie ſich eher durch ſich ſelbſt verzeh⸗ ren als aus Vorſicht vertilgt werden könnte, ſo fallt es mir ein, Euch eine Novelle von einer Frau zu erzählen, welche, indem ſie weiſer zu ſeyn ſuchte, als es ihr zukam, als ſie es in der That war, und es ferner auch die Sache ertrug, in welcher ſie vor⸗ zuͤglich ihren Verſtand ſich zu zeigen bemuͤhte, glaubte Vierter Tag. aus dem liebenden Herzen ihres Sohnes die Liebe 3 herauszureißen, welche vielleicht die Geſtirne ſelbſt darin eingepflanzt hatten, und endlich hierdurch dahin gelangte, daß ſie ihm zugleich mit der Liebe auch die Seele aus dem Koͤrper herausjagte.— Es befand ſich alſo in unſerer Stadt, wie un⸗ ſere Vorfahren erzaͤhlen, ein großer und reicher Kauf⸗ 3 mann, deſſen Name Leonhard Sighieri war, welcher mit ſeiner Frau einen Sohn, Namens Hieronimus, hatte, nach deſſen Geburt er, da er ſeine Sachen ganz ordentlich eingerichtet, aus dieſem Leben ver⸗ ſchied. Die Vormuͤnder des Kindes leiteten zugleich mit ſeiner Mutter ſeine Angelegenheit auf eine red⸗ liche und logale Art. Der Knabe wuchs mit den Kin⸗ dern ſeiner andern Nachbarn auf, und mehr noch als mit irgend einem aus der Gegend, ward er mit ei⸗. nem Maͤdchen ſeines Alters, der Tochter eines Schnei⸗ ders, vertraut. Und da ſie aͤlter wurden, verwan⸗ delte ſich dieſer Umgang in ſo große und maͤchtige Liebe, daß Hieronimus kein anderes Gluͤck fuͤhlte, als wenn er ſie nur ſah; und gewiß auch ſie ihn nicht weniger liebte, als ſie von ihm geliebt ward. Die Aufſeherin des Juͤnglings, die dies bemerkte, ſchalt und ſtrafte ihn oftmals darum, und beklagte ſich, als Hieronimus dennoch nicht zuruͤckbleiben konnte, gegen ſeine Vormuͤnder daruͤber, weil ſie wegen des großen Reichthums des Sohnes, ans einem Bauer einen Edelmann zu bilden glaubte. Daher ſagte 1 ſie zu ihnen: dieſes unſer Soͤhnchen, was kaum wol noch nicht ein mal vierzehn Jahre alt iſt, iſt in die —————— — Achte Novelle. 7 Jochter eines Schneiders, unſeres Nachbaren, welche Salveſtra heißt, ſo verliebt, daß wenn wir ſie ihm nicht vorher wegnehmen, er ſie auf gut Gluͤck eines Tages, ohne daß wir das Mindeſte davon erfahren, zur Frau nimmt, und dann koͤnnte ich ja nimmermehr wie⸗ der froh werden; oder er wuͤrde ſich ihretwegen auf⸗ zehren, wenn er ſaͤhe, daß ſie an einen Andern ver⸗ heirathet wuͤrde. Daher ſcheint es mir am beſten zu ſeyn, daß Ihr ihn, um dem Allem zu entgehen, weit fort von hier in die Dienſte bei einem anderen Handlungshauſe irgendwo hinſchickt, damit, wenn er entfernt, ſie nicht mehr ſehen kann, ſie ihm aus dem Gedaͤchtniſſe kommt, und wir ihm hernach ein Maͤdchen, aus einer guten Familie, zur Frau geben koͤnnen. Die Vormuͤnder ſagten, daß die Frau ganz ver⸗ nuͤnftig ſpraͤche, und daß ſie das nach ihren Kraͤften thun wuͤrden. Sie ließen ſich den jungen Mann ins Gewoͤlbe hinrufen, und einer ſagte ganz liebevoll zu ihm: Mein Sohn, Du biſt nun ſchon groß, es wird gut ſeyn, wenn Du ſelbſt fuͤr Dich zu ſorgen anfaͤngſt; deshalb wuͤrden wir uns ſehr freuen, wenn Du Dich eine Zeitlang in Paris aufhalten wollteſt, wo Du ſehen wirſt, wie ein großer Theil Deines Reichthums im Handel arbeitet;„uͤberdies wirſt Du daſelbſt weit beſſer werden, weit geſitteter und weit rechtlicher, als Du es hier wuͤrdeſt geworden ſeyn, wenn Du jene Herren, jene Barone und jene Edel⸗ leute, welche dort ſind, ſehen und von ihren Sitten Vierter Tag. lernen wirſt; und dann kannſt Du hier wieder her⸗ kommen. Der Juͤngling hoͤrte ſorgſam zu, antwortete aber kurz, das wuͤrde er nicht thun, weil er glanbte, in Florenz koͤnne er eben ſo gut, wie jeder Andere, bleiben. Die braven Maͤnner, dies hoͤrend, verwieſen es ihm mit noch mehreren Worten; allein da ſie keine andere Antwort aus ihm herausbringen konnten, ſag⸗ ten ſie es der Mutter. Dieſe hieruͤber gewaltig auf⸗ gebracht, und zwar nicht ſowol daruͤber, daß er nicht nach Paris gehen wollte, als vielmehr uͤber ſein Verlieben, machte ihm arge Vorwuͤrfe; nachdem ſie ihm aber mit ſuͤßen Worten wieder ſanft zuge⸗ ſprochen hatte, ſchmeichelte ſie ihm und bat ihn freundlich, er moͤchte es ſich doch gefallen laſſen, das zu thun, was ſeine Vormuͤnder wuͤnſchten. Sie wußte es ihm auch ſo zu ſagen, daß er darin wil⸗ ligte, auf ein Jahr, aber laͤnger nicht, nach Paris zu gehen; und das geſchah denn auch. Hieronimus, im hoͤchſten Grade verliebt, ging alſo nach Paris, und ward daſelbſt, von einem Tage zum andern, zwei Jahre hingehalten. Als er dar⸗ auf noch weit verliebter, als nur je, von da wieder zuruͤckkam, fand er ſeine Salveſtra an einen recht artigen jungen Mann, der ein Zeltſchneider war, ver⸗ heirathet; woruͤber er uͤber alle Maßen betruͤbt ward. Indeſſen, da er ſah, daß es nicht anders ſeyn konnte, beſtrebte er ſich, ſich daruͤber zu beru⸗ higen, und nachdem er ausgeforſcht hatte, in wel⸗ 3 Achte Novelle. 9 chem Hauſe ſie wohnte, fing er an, nach Sitte ver⸗ liebter junger Maͤnner, bei ihr voruͤber zu gehen, in dem Glauben, daß ſie ihn eben ſo wenig vergeſſen haben wuͤrde, als er ſie. Aber die Sache verhielt ſich ganz anders. Sie erinnerte ſich ſeiner nicht an⸗ ders, als wenn ſie ihn nie geſehen haͤtte, und wenn ſie ſich auch ja noch an etwas erinnerte, ſo zeigte ſie wenigſtens ganz das Gegentheil. Der junge Mann merkte das in ſehr kurzer Zeit, und nicht ohne ſeinen groͤßten Schmerz; indeſſen that er doch alles, was er nur konnte, um ihr wieder ins Gedaͤchtniß zuruͤckzukehren; allein da ihm alles nichts zu helfen ſchien, entſchloß er ſich, wenn er auch des Todes daruͤber ſeyn ſollte, ſelbſt mit ihr zu ſprechen. Er erkundigte ſich eines Abends, als ſie mit ihrem Manne bei ihren Nachbarn die Nacht zuſammen auf⸗ bleiben wollte, bei einem Nachbar nach der Be⸗ ſchaffenheit ihres Hauſes, ſchlich ſich ganz im Ver⸗ vorgenen hinein, und verſteckte ſich in ihrer Kam⸗ mer hinter der Zeltleinewand, welche daſelbſt ausge⸗ ſpannt war; hier wartete er ſo lange, bis ſie zu⸗ ruͤckgekommen, ſich zu Bett gelegt hatte, und er merkte, daß der Mann eingeſchlafen war. Dann ging er dahin, wo er geſehen, daß Salveſtra ſich niedergelegt hatte; und nachdem er ihr ſeine Hand auf die Bruſt gedruͤckt, ſagte er ganz leiſe: O meine Seele, ſchlaͤfſt Du ſchon? Die junge Frau, die noch nicht ſchlief, wollte ſchreien, aber der junge Mann ſagte ſchnell zu ihr: Vierter Tag. Um Gotteswillen ſchreie nicht, ich bin Dein Hieronimus. Sobald ſie dies hoͤrte, ſagte ſie zitternd und be⸗ bend: Bei Gott im Himmel, Hieronimus, geh! Die Seit iſt voruͤber, als es uns in unſerer Kindheit nicht verargt ward, in einander verliebt zu ſeyn. Ich bin, wie Du ſiehſt, verheirathet, deshalb ſchickt es ſich fuͤr mich nicht, auf einen andern Mann zu achten, als auf meinen Mann. Alſo bitte ich Dich, beim allmächtigen Gott, geh! Wenn mein Mann Dich hier fände, ſo waͤre die unausbleibliche Folge, geſetzt auch, es erfolgte kein anderes Ungluͤck dar⸗ aus, daß ich nimmermehr mit ihm noch in Fried' und Ruhe leben koͤnnte, da ich bis jetzt, von ihm geliebt, gut und ruhig mit ihm meine Tage ver⸗ bringe. Sobald der iunge Mann dieſe Worte hoͤrte, fuͤhlte er den nagendſten Schmerz, und ob er ſie gleich an die vergangene Zeit und an ſeine Liebe, wel⸗ che ſich durch keine Entfernung verringert haͤtte, er⸗ innerte, und viele Bitten und die groͤßten Verſpre⸗ chungen hinzufuͤgte, erhielt er doch nichts von ihr. Da er nun keinen andern Wunſch hatte, als zu ſter⸗ ben, bat er ſie endlich, ſie moͤchte es zum Lohne ei⸗ ner ſolchen Liebe doch nur zugeben, daß er ſich ſo lange zu ihr legen duͤrfte, bis er ſich ein wenig er⸗ waͤrmt haͤtte, denn durch das Warten auf ſie, wäre er ganz erfroren, und er verſpraͤche ihr, daß er we⸗ der ein Wort mit ihr ſprechen, noch ſie anruͤhren Achte Novelle. 11 wolle; wäͤre er alsdann mur ein wenig erwaͤrmt, ſo wolle er ſogleich fortgehen. Salveſtra, welche etwas Mitleiden mit ihm fuͤhlte, verſtattete es ihm unter den von ihm ſelbſt gemachten Bedingungen; und ſo legte ſich der junge Mann neben ſie hin, ohne ſie zu beruͤhren, und da er ſeine ausdauernde Liebe und ihre jetzige Haͤrte, zugleich mit der verlornen Hoffnung uͤberdachte, be⸗ ſchloß er, nicht laͤnger zu leben; er hielt daher den Athem an ohne ein Wort zu ſagen, kniff die Finger ein und ſtarb an ihrer Seite. Nach kurzer Zeit wunderte ſich die junge Frau ſehr uͤber ſeine Enthaltſamkeit, und fuͤrchtend, daß ihr Mann erwachen moͤchte, ſagte ſie: Hieronimus, warum gehſt Du nicht? Weil ſie keine Antwort hoͤrte, glaubte ſie, er waͤre eingeſchlafen. Sie ſtreckte daher die Hand aus, und ſtieß ihn, um ihn aufzuwecken, an; indeſſen, da ſie ihn beruͤhrte, fand ſie ihn ſo kalt wie Eis, woruͤber ſie ſich gewaltig verwunderte. Sie ſtieß ihn daher noch kraͤftiger an, und da ſie fand, daß er auch da ſich nicht ruͤhrte, merkte ſie, nachdem ſie ihn noch oͤfter angeſtoßen hatte, daß er todt waͤre. Im hoͤchſten Grade hieruͤber betruͤbt, wußte ſie eine ganze Weile nicht, was ſie machen ſollte. Endlich faßte ſie den Entſchluß, in einer andern Perſon zu verſuchen, was ihr Mann wol ſagen wuͤrde, daß da⸗ bei zu thun waͤre. Sie weckte ihn daher auf, ſagte ihm, was ihr eben gegenwaͤrtig begegnet war, waͤre einer Andern begegnet, und dann fragte ſie ihn, was Vierter Tag. fuͤr einen Entſchluß er faſſen wuͤrde, wenn das ihm begegnet waͤre. Der ehrliche Mann antwortete, er waͤre der Meinung, man muͤſſe den, der geſtorben waͤre, ganz ruhig nach ſeinem Hauſe hinbringen und dort liegen laſſen, ohne der Frau, welche, wie es ihm ſchiene, gar nicht gefehlt haͤtte, irgend eine Verdrießlichkeit zuzuziehen. Darauf ſagte die Frau: So muͤſſen wir das gleich thun. Sie nahm ihn hierauf bei der Hand, und ließ ihn den todten jungen Mann beruͤhren. Er hieruͤber ganz verwirrt, ſtand auf, zuͤndete ein Licht an, und ohne ſich hieruber mit der Frau in ei⸗ nen andern Wortwechſel einzulaſſen, trug er, nachdem ſie dem Todten ſeine eigenen Kleider wieder angezo⸗ gen, und er ihn ohne allen Verzug auf ſeine Schul⸗ tern genommen hatte, wobei ihr ihre eigene Unſchuld zu Huͤlfe kam, ihn vor ſeine Hausthuͤr hin, legte ihn daſelbſt nieder und ließ ihn liegen. Nachdem es Tag geworden, und man den Tod⸗ ten vor ſeiner Thuͤre liegen ſah, entſtand ein großer Lärm, und beſonders von Seiten der Mutter; und da man allenthalben an ihm herum ſuchte und ihn betrachtete, doch aber weder eine Wunde noch irgend eine Verletzung fand, ſo hielten die rzte im allge⸗ meinen dafuͤr, daß er vor Schmerz muͤſſe geſtorben ſeyn, ſo wie er es auch wirklich war. Es ward daher dieſer Koͤrper nach einer Kirche hingebracht, wohin auch die trauernde Mutter mit vielen andern Frauen, Anverwandtinnen und Nach⸗ * * Achte Novelle. 13 varinnen kam, und ihn, unſerer Sitte gemaß, mit bitteren unaufhaltſamen Thraͤnen zu beweinen und zu beklagen anfing. Wäaͤhrend das Leidweſen auf's hoͤchſte geſtiegen war, ſagte der gute Mann, in deſſen Hauſe er ge⸗ ſtorben war, zur Salveſtra: Hoͤre, nimm einen Mantel uͤber den Kopf, und geh nach der Kirche, nach welcher Hieronimus hin⸗ gebracht worden iſt; miſche Dich unter die Frauen, und hoͤre was uͤber dieſe Geſchichte geſprochen wird. Ich will daſſelbe unter den Maͤnnern thun, damit wir vernehmen, ob man gegen uns etwas ſpricht. Die junge Frau, bei der ſich das Mitleid zu ſpaͤt geregt hatte, war damit zufrieden, da ſie ſelbſt ſehr begierig war, den todt zu ſehen, dem lebendig ſie nicht mit einem einzigen Kuſſe hatte gefaͤllig ſeyn wollen, und ging hin. Es iſt doch wunderbar, wenn man bedenkt, wie ſchwierig es iſt, der Gewalt der Liebe nachzuſpuͤren. Eben daſſelbe Herz, was Hieronimus gluͤcklicher Zu⸗ ſtand nicht hatte oͤffnen koͤnnen, das oͤffnete ſein elen⸗ der, und fachte alle die alten Flammen darin wieder an, ſo daß ſie plotzlich in Thraͤnen zerfloß, als ſie das Geſicht des Todten erblickte, ſich in dem Man⸗ tel verborgen, zwiſchen den Frauen hindurch draͤngte, und nicht eher ruhte, als bis ſie zu dem Leichnam hingekommen war. Hier ſtieß ſie einen gewaltigen Schrei aus, warf ſich mit ihrem Geſichte auf den jungen Mann, den ſie aber nicht mit vielen Thraͤ⸗ nen benetzte; denn kaum hatte ſie ihn beruͤhrt, ſo Vierter Tag⸗ raubte der Schmerz, ſo wie er dem jungen Manne das Leben geraubt hatte, es auch ihr. Aber da die Frauen ihr zuſprachen, und zu ihr ſagten, daß ſie ſich doch wieder ein wenig erheben moͤchte, indem ſie ſie noch nicht erkannten, ſie aber ſich immer nicht erhob, und ſie ſie nun empor heben wollten, ob ſie ſie gleich noch immer unbeweglich fanden, da erkannten ſie ploͤtzlich, als ſie ſie denn doch endlich in die Hoͤhe gehoben hatten, daß es Salveſtra, und daß ſie todt waͤre. Alle Frauen, welche hier gegenwaͤrtig waren, wurden nun von dop⸗ peltem Schmerz uͤberwunden, und fingen ein noch um deſto groͤßeres Wehklagen an. Das Geruͤcht, was ſich auch außerhalb der Kir⸗ che unter die Leute verbreitet hatte, kam zu den Oh⸗ ren ihres Mannes, der mit darunter war, und die⸗ ſer beweinte ſie lange Zeit, ohne auf Troſt oder Zu⸗ reden irgend Eines zu hoͤren. Da vielen von denen, die eben gegenwaͤrtig wa⸗ ren, die Geſchichte der Nacht dieſes jungen Mannes und der Frau erzaͤhlt worden war, ſo wußten nun auch Alle ganz klar und deutlich den Grund zu dem Tode eines Jeden, der auch Allen ſehr nahe ging. Man nahm alsdann die verſtorbene junge Frau, und legte ſie, ſo geſchmuͤckt wie man es mit todten Koͤrpern zu thun pflegt, auf ein und eben daſſelbe Todtenbette dem jungen Manne zur Seite, und nach⸗ dem man ſie lange Zeit hier beklagt und beweint hatte, wurden Beide in Ein Grab begraben; und ſo vereinigte der Tod Diejenigen, welche im Leben — Neunte Novelle. 15 die Liebe nicht hatte vereinigen koͤnnen, zu einer un⸗ zertrennlichen Verbindung. Neunte Novelle. Meſſer Wilhelm Roſſiglion gibt ſeiner Frau das Herz des Meſſer Wilhelm Guardaſtagno, den er umbrachte und ſie liebte, zu eſſen; nachdem ſie dies erfahren, ſtuͤrzt ſie ſich aus einem hohen Fenſter hinab, ſtirbt, und wird mit ihrem Geliebten begraben. Neiphile's Novelle war geendet, nicht ohne gro⸗ ßes Mitleid unter alle ihre Gefaͤhrtinnen gebracht zu haben, als der Koͤnig, der Dioneo's Vorrecht nicht ſchmälern wollte, und auch ſonſt keiner mehr zum ſprechen uͤbrig war, anfing: Es ſchwebt mir, mit⸗ leidige Damen, eine Novelle vor, uͤber welche, da doch die Ungluͤcksfaͤlle der Liebe Euch ſo zu Herzen gehen, Ihr nicht weniger Mitleid werdet empfinden muͤſſen, als bei der vorhergehenden, weil diejenigen, denen das begegnet iſt, was ich Euch erzaͤhlen will, von groͤßerer Bedeutung und die Zufaͤlle weit ſchreck⸗ licher als jene waren, von welchen geſprochen wor⸗ den iſt. Ihr ſollt alſo wiſſen, daß nach dem, wie die Provenzalen erzaͤhlen, in der Provence zwei edle Ritter waren, von denen jeder Schloͤſſer und Vaſal⸗ len unter ſich hatte, und von denen der eine den Na⸗ men Meſſer Wilhelm Roſſiglion, der andere Wilhelm Guardaſtagno fuͤhrte; da ferner ſowol der eine wie der andere ein tuͤchtiger Mann war die Waffen zu fuͤhren, ſo erſchienen ſie ſehr haͤufig in Waffen, und es war ihre Gewohnheit, immer nach jedem Tur⸗ —— e W ——————————— Vierter Tag. niere oder Kampfe, oder nach einem andern Kampf⸗ ſpiele mit einander hinzugehen, und immer mit der⸗ ſelben Deviſe. Und obgleich ein jeder in ſeinem Schloſſe wohnte, und einer vom andern wohl zehn Miglien entfernt war, ſo geſchah es doch, daß, da Meſſer Wilhelm Roſſiglione eine ſchoͤne und feine Frau zur Gemahlin hatte, Meſſer Wilhelm Guar⸗ daſtagno ſich uͤber alle Maßen, trotz der Freundſchaft und Bruͤderſchaft, welche unter ihnen obwaltete, in ſie verliebte, und bald durch dieſe bald durch jene Handlung es dahin brachte, daß die Dame es merkte. Da ſie ihn nun als einen beherzten Ritter kennen gelernt hatte, und er ihr gefiel, ſo fing ſie ſo viel Liebe fuͤr ihn zu fuͤhlen an, daß ſie nichts mehr als ihn wuͤnſchte und liebte, und nichts anderes erwar⸗ tete, als von ihm aufgefordert zu werden. Es dauerte auch nicht lange, ſo erfolgte dies, und ſie waren, von der feurigſten Liebe entbrannt, ein Mal, und wieder ein Mal beiſammen. Allein da ſie bei ihrem Umgange nicht vorſichtig genug waren, ſo geſchah es, daß der Mann es be⸗ merkte, und daruͤber in ſolchem Grade erzuͤrnt ward, daß die große Liebe, die er fuͤr Guardaſtagno fuhlte, ſich in den toͤdtlichſten Haß verwandelte. Allein er wußte ihn beſſer verborgen zu halten, als die Lie⸗ benden ihre Liebe zu halten gewußt hatten, und war feſt entſchloſſen, ihn umzubringen. Als nun Roſſiglion gerade mit dieſen Gedanken umging, wollte es der Zufall, daß in Frankreich ein großes Turnier ausgeſchrieben ward, was Roſſiglion Neunte Novelle. 17 ſogleich an Guardaſtagno bekannt machte, und ihm ſagen ließ, daß er, wenn er Luſt haͤtte, zu ihm kommen moͤchte, dann wollten ſie gemeinſchaftlich uberlegen, ob ſie auch hingehen wollten, und auf welche Art. Guardaſtagno antwortete ihm ganz vergnügt, er wuͤrde unausbleiblich den andern Tag bei ihm zu Abend eſſen. Da Roſſiglion dies hoͤrte, dachte er, es moͤchte wol die Zeit gekommen ſeyn, daß er ihn umbringen könnte. Er bewaffnete ſich daher am folgenden Tage, ſtieg mit einem ſeiner Diener zu Pferde, und legte ſich etwa eine Miglie weit von ſeinem Schloſſe an einem Orte in den Hinterhalt, wo Guardaſtagno vor⸗ veikommen mußte. Nachdem er ihm ſchon eine ganze Zeit aufgelauert hatte, ſah er ihn, unbewaff⸗ net, mit zweien ſeiner Diener hinter ſich, welche eben ſo unbewaffnet waren, wie er, der ſich nichts von ihm verſah, kommen. Als er nun bemerkte, daß er an den Ort gekommen war, wohin er ihn haben wollte, ging er treuloſer Weiſe und voll Tuͤcke mit einer Lanze in der Hand, auf ihn los, und rief ihm zu: Du biſt des Todes! und dies ſagen, und mit dieſer Lanze ihm die Bruſt durchbohren, war Eins. Guardaſtagno, ohne irgend eine Vertheidigung anwenden, oder nur ein Wort ſagen zu koͤnnen, fiel von jener Lanze durchbohrt, und ſtarb bald darauf. Seine Diener, ehe ſie noch einmal erkannten, wer dies gethan haͤtte, warfen den Kopf ihrer Pferde, ſo Voccaccio's ſaͤmmtl. W. 4. 2 * 7—„. 3 — Vierter Tag. ſchnell wie ſie es nur konnten, um, und flohen nach dem Schloſſe ihres Herrn. Roſſiglion ſtieg vom Pferde, oͤffnete mit einem Meſſer Guardaſtagno's Bruſt, und zog mit eigenen Haͤnden ihm das Herz heraus; hierauf wickelte er es in das Faͤhnlein ſeiner Lanze und befahl einem ſeiner Diener, es mitzunehmen, jedem andern aber geboth er, daß keiner ſo dreiſt ſeyn ſollte, hiervon nur ein Wort zu ſprechen; dann ſtieg er wieder zu Pferde, und kehrte, da es ſchon Nacht geworden war, nach ſeinem Schloſſe zuruͤck. Die Dame, welche gehoͤrt hatte, daß Guarda⸗ ſtagno den Abend zum Eſſen kommen ſollte, ihn da⸗ her mit der groͤßten Sehnſucht erwartete, wunderte ſich ſehr, da ſie ihn nicht kommen ſah, und ſagte zu ihrem Manne: Wie kommt das, Herr, daß Guardaſtagno nicht gekommen iſt? Worauf der Mann ſagte: Frau, ich habe von ihm die Nachricht erhalten, daß er vor Morgen nicht hier ſeyn kann. Die Frau blieb hieruͤber ein wenig unruhig. Sobald Roſſiglion aber abgeſtiegen war, hatte er den Koch rufen laſſen und zu ihm geſagt: Nimm dies Herz von einem wilden Eber, und mache eins der beſten und wohlſchmeckendſten Ragouts daraus, wie Du es nur im Stande biſt, und wenn ich bei Tafel ſeyn werde, ſende es mir auf einer ſilbernen Schuͤſſel. Der Koch nahm es, wandte alle ſeine Kunſt und allen ſeinen Fleiß daran, zerhackte es, that noch — — ð„ð— 7—— Neunte Novelle. viele andere vortreffliche Gewuͤrze dazu, und machte einen der koͤſtlichſten Leckerbiſſen daraus. Als es Zeit war, ſetzte ſich Meſſer Wilhelm mit ſeiner Frau an den Tiſch; die Speiſe kam, er aber, durch das von ihm begangene Bubenſtuͤck in Gedan⸗ ken verhindert, aß wenig. Der Koch ſchickte ihm das Ragout, was er vor ſeine Frau hinſetzen ließ, er ſelbſt that, als haͤtte er dieſen Abend keinen Hun⸗ ger, lobte es ihr aber ganz außerordentlich. Die Frau hingegen, welche Hunger hatte, fing an davon zu eſſen, und fand es gut, und daher aß ſie es ganz und gar auf. Als der Ritter geſehen, daß die Frau es ganz und gar verzehrt hatte, ſagte er: Frau, was hal⸗ tet Ihr von dieſer Speiſe? Die Frau antwortete: Mein werther Herr, auf mein Wort, ſie hat mir ſehr gefallen. Soll mir Gott helfen, ſagte der Ritter, das glaube ich Euch, ich wundere mich auch gar nicht daruͤber, wenn das auch todt Euch gefallen hat, was lebendig Euch mehr als alles Andere gefiel. Die Frau ſtutzte ein wenig, als ſie dies hoͤrte; dann aber ſagte ſie: Wie? was iſt das, was Ihr mich habt eſſen laſſen? Der Ritter antwortete: das, was Ihr gegeſſen habt, iſt wahrhaftig das Herz Meſſer Wilhelm Gu⸗ ardaſtagno's geweſen, was Ihr, als eine treuloſe Frau, ſo ſehr geliebt habt; und darum ſeyd gewiß uͤberzeugt, es war es wirklich, da ich es ihm mit die⸗ ————————— Vierter Tag. ſen Haͤnden, ehe ich zuruͤckkam, aus der Bruſt ge⸗ riſſen habe. Ob die Frau, als ſie dies von dem hoͤrte, den ſie mehr als irgend etwas liebte, daruͤber betruͤbt ward, iſt keine Frage; ſie ſagte daher nach kurzer Zeit darauf: Ihr habt gethan, was ein treuloſer ſchlechter Ritter thun mußte; denn wenn ich, da er mich keineswegs gezwungen hat, ihn zum Herrn meiner Liebe gemacht, und ich Euch gekraͤnkt habe, ſo mußte nicht er, ſondern ich die Strafe daruͤber leiden. Aber Gott moͤge es nimmer zulaſ⸗ ſen, daß nach einer ſo edlen Speiſe, als das Herz eines ſo muthigen und ſo feinen Ritters, wie Meſ⸗ ſer Wilhelm Guardaſtagno es war, jemals noch eine andere uͤber meine Zunge gehe. Und ſchnell aufge⸗ ſtanden, ſtuͤrzte ſie ſich aus einem Fenſter, was hin⸗ ter ihr war, ohne ſich weiter noch zu beſinnen, hinab. Das Fenſter war ſehr hoch von der Erde, daher war die Frau, als ſie hinunter fiel, nicht nur ſo⸗ gleich todt, ſondern auch beinahe ganz zerſchmettert. Meſſer Wilhelm ward, als er dies ſah, ſehr beſtuͤrzt, und ſah ein, daß er nicht recht gehandelt hatte; daher ließ er, aus Furcht vor den Landlen⸗ ten und dem Grafen von Provence, die Pferde ſat⸗ teln, und machte ſich davon. Am folgenden Morgen wußte man in der gan⸗ zen Gegend, wie die Sache zuſammenhinge; deshalb wurden die beiden Koͤrper ſowol von den Leuten aus dem Schloſſe Meſſer Wilhelm Guardaſtagno's, als auch von denen aus dem Schloſſe der Dame, mit Zehnte Novelle. vielem Schmerz und vielen Thraͤnen zuſammenge⸗ bracht, in der Kapelle des Schloſſes der Dame ſelbſt in ein und eben daſſelbe Grabmal beigeſetzt, und daruͤber bedeutungsvolle Verſe geſchrieben, wer die darin Begrabenen waͤren, und die Art und der Grund ihres Todes. Zehnte Novelle. Die Frau eines Arztes packt ihren Geliebten, von Opium betäubt, in einen Kaſten; zwei Wucherer nehmen dieſen, mit ſamt demſelben, mit nach Hauſe. Jener kommt wieder zu ſich und wird fuͤr einen Raͤuber gehalten. Das Maͤdchen der Frau erzählt vor Gericht, ſie habe ihn in den von den Wucherern geſtohlenen Kaſten geſteckt, weshalb er dem Galgen entgeht, die Pfandleiher aber fuͤr den geſtohle⸗ nen Kaſten zu einer Geldſtrafe verurtheilt werden. Nur allein dem Dioneus war, da der Koͤ⸗ nig ſeiner Erzaͤhlung ein Ende gemacht hatte, noch ſeine Bemuͤhung uͤbrig geblieben; dies ſah er ein, und daher begann er, da es der Koͤnig ihm aufge⸗ geben hatte, alſo: Die Erzaͤhlungen von dem Elende ungluͤcklich Liebender, hat, meine Damen, wenn auch nicht Euch, doch mir die Augen und das Herz nun ſchon ſo ge⸗ truͤbt, daß ich ſehnlichſt gewuͤnſcht habe, ſie haͤtten ihr Ende erreicht. Gott ſey gelobt, aber nun ſind ſie zu Ende, es muͤßte denn ſeyn, daß ich zu dieſer ſchlechten Waare noch eine elendere Zugabe geben wollte, wovor mich aber Gott bewahren ſoll! Ohne daher in dieſer ſchmerzlichen Materie noch weiter fortzufahren, will ich, von einer etwas froͤhlicheren Vierter Tag. und beſſeren anfangen, und dadurch vielleicht eine gute Vorbedeutung fuͤr das geben, was an dem fol⸗ genden Tage erzaͤhlt werden ſoll. Ihr ſollt alſo wiſſen, ſchoͤnſte Jungfrauen, daß es noch nicht ſehr lange her iſt, als in Salerno ein großer Arzt in der Chirurgie lebte, deſſen Name Mazzeo della Montagna war, welcher, ſchon zu einem ſehr hohen Alter gekommen, noch eine ſchoͤne artige junge Frau, aus ſeiner Stadt, genommen hatte. Dieſe verſah er mit praͤchtigen und reichen Kleidern, mit andern Koſtbarkeiten und allem, was einer Frau nur gefallen kann, beſſer, als es jede andere in der Stadt hatte; dagegen iſt es aber auch wahr, daß ſie die meiſte Zeit den Schnupfen hatte, als waͤre ſie von dem alten Herrn im Bette nicht recht zuge⸗ deckt gehalten worden. So wie Meſſer Richard von Chinzika, von dem wir ſchon geſprochen haben, ſei⸗ ner Frau die Feſttage lehrte, ſo bewies dieſer ihr, daß bei einer Frau zu ſchlafen, es ich weiß nicht, wie viel Tage, beduͤrfte, um ſich davon wieder herzuſtel⸗ len, und aͤhnliche Narrenpoſſen, womit ſie aber uber⸗ aus ſchlecht zufrieden war. Indeſſen als eine kluge und hochherzige Frau entſchloß ſie ſich, um das Haͤusliche zu erſetzen, geradezu auf die Straße hin⸗ auszuſpringen, und einen Fremden benutzen zu wol⸗ len; ſie ſah daher nach mehr und immer mehreren jungen Maͤnnern aus, bis ihr endlich einer vorkam, auf den ſie alle ihre Hoffnung, allen ihren Sinn und all ihr Gluͤck ſetzte. Sobald der junge Mann dies merkte, und es ⸗ m, nn Zehnte Novelle. 23 ihm auch ſehr gefiel, wandte er ebenfalls wieder ihr ſeine ganze Liebe zu. Er hieß Ruggieri da Jeroli, von edlem Herkommen, aber von ſchlechtem Leben, tadelnswerthen Sitten, dergeſtalt, daß ihm weder ein Anverwandter noch ein Freund uͤbrig geblieben war, der ihm wohlwollte, noch zu ſehen wuͤnſchte; und in ganz Salerno war er durch Diebereien und andere niedertraͤchtige Handlungen beruͤchtigt. In⸗ deſſen hierum kuͤmmerte ſich die Frau wenig, da er hr wegen etwas ganz Anderem gefiel. Sie richtete s daher mit ihrem Mädchen ſo ein, daß ſie ſich ein Mal zuſammen fanden, und nachdem ſie ihr Vergnu⸗ gen mit einander genoſſen hatten, fing die Dame an, im ſein vergangenes Leben vorzuwerfen und ihn zu btten, er moͤchte doch um ihretwillen dergleichen Linge unterlaſſen, und um ihm Veranlaſſung zu ge⸗ be, daß er es thun mochte, ünterſtuͤtzte ſie ihn jetzt mt dieſer, jetzt mit einer andern Summe Geld. Da ſie beiderſeits hierbei ziemlich vorſichtig zu Wrke gingen, ereignete es ſich, daß dem Arzte ein Krinker in die Haͤnde fiel, der einen Schaden am Fuſe hatte. Nachdem er den Schaden beſichtigt, ſage er zu den Anverwandten, wenn er ihm nicht den Faulen Knochen, den er am Beine haͤtte, heraus⸗ nehnen könnte, muͤßte ihm nothwendig entweder das ganze Bein abgenommen werden, oder er muͤßte ſter⸗ ben; durch das Herausziehen des Knochens koͤnne er geheilt werden, dennoch aber koͤnne er ihn nicht an⸗ ders aß fuͤr todt annehmen. Da ſich ſeine Angeho⸗ Vierter Tag. rigen dazu verſtanden hatten, Weagken ſie ihm den⸗ ſelben als einen ſolchen. Der Arzt merkte, daß der Kranke, ohne Opitm vorher zu bekommen, den Schmerz nicht aushalten, und die Cur nicht zugeben wuͤrde. Da er bis g'⸗ gen Abend zu dieſem Geſchaͤfte warten ſollte, lic er am Morgen aus einer gewiſſen Arzeneimiſchum ein Waſſer abziehen, welches ihn, wenn er es g⸗ trunken hatte, ſo lange einſchläfern ſollte, als r fuͤr noͤthig erachtete, um ihn operiren zu koͤnner. Nachdem er dies ſich hatte nach ſeinem Hauſe briüt⸗ gen laſſen, ſetzte er es in ſein Zimmer, ohne irgem einem zu ſagen, was es waͤre. Die Abendſtunde ruͤckte heran, und der Wuw⸗ arzt wollte eben zu jenem hingehen, als ihm in Bote aus Amalfi von ſeinen hohen Goͤnnern zugeſadt worden war, er ſollte ſich durch nichts in der Velt abhalten laſſen, ſondern unverzuͤglich hinkomuen, weil daſelbſt ein großer Streit entſtanden, bei wel⸗ chem viele verwundet worden waͤren. Der Arzt ſchob die Cur des Beines bis zum folgenden Morgen auf, beſtieg eine Barke und ging nach Amalfi. Da nun die Dame wußte, daß er in dieſer Kacht nicht wieder nach Hauſe kommen wuͤrde, liß ſie, wie ſie es gewohnt war, heimlich den Ruggiei kom⸗ men, und brachte ihn auf ihr Zimmer, woſibſt ſie ihn ſo lange einſchloß, bis gewiſſe Leute in Hauſe ſchlafen gegangen waren. Als Ruggieri ſich nun in dem Zimmer befand, — e—— G— ——— — — 3 Zehnte Novelle. 25 und auf die Dame wartete, uͤberfiel ihn, entweder wegen der am Tage gehabten Arbeit, oder wegen ei⸗ ner ſalzigen Speiſe, die er gegeſſen hatte, oder viel⸗ leicht aus Gewohnheit, ein gewaltiger Durſt; da ſah er im Fenſter das Glas mit dem Waſſer, was der Arzt fuͤr den Kranken zubereitet hatte, und, in der Meinung, es waͤre zum Trinken, ſetzte er es an den Mund und trank es ganz aus. Hierauf dauerte es nicht lange, ſo uͤberfiel ihn maͤchtiger Schlaf, und er ſchlief ein. Die Frau ging, ſo bald ſie nur konnte, nach ja⸗ nem Zimmer, und da ſie Ruggieri ſchlafen fand, ſtieß ſie ihn an und ſagte mit leiſer Stimme zu ihm, daß er doch aufſtehen moͤchte. Aber das war vergebens; er antwortete nicht und ruͤhrte ſich nicht. Die Frau, ein wenig beunruhigt daruͤber, ruͤttelte ihn noch ſtaͤrker, und ſagte: Steh auf, Verſchlafe⸗ ner, denn wenn Du ſchlafen wollteſt, ſo konnteſt Du nach Deinem Hauſe gehen, und brauchteſt nicht hierher zu kommen. Ruggieri, ſo angeſtoßen, fiel von einem Kaſten, auf welchem er ſaß, auf die Erde, und gab kein an⸗ deres Zeichen des Lebens, als ein todter Koͤrper ge⸗ gegeben haben wuͤrde. Die Frau, hieruͤber ein wenig erſchreckt, wollte ihn aufheben, ihn noch ſtaͤrker ſchuͤtteln, faßte ihn bei der Naſe, zupfte ihn am Barte, aber alles half nichts; er lag in einem zu tiefen Schlafe. Des⸗ halb fing die Frau wirklich an zu fuͤrchten, er moͤchte wol gar todt ſeyn; indeſſen kniff ſie ihn noch ein ———————————— 26 Vierter Tag. Mal recht heftig ins Fleiſch, verſengte ihn mit ei⸗ nem angebrannten Lichte, aber alles umſonſt; daher glaubte ſie, die von der Arzeneikunde freilich nichts verſtand, obgleich ihr Mann ein Arzt war, ohne allen Zweifel, er muͤſſe todt ſeyn. Da ſie ihn nun ſo uͤber alles liebte, iſt es wol keine Frage, ob ſie betruͤbt war, und da ſie nicht wagte einen Laͤrm zu machen, weinte ſie in Stillem uͤber ihn und verſank in die hoͤchſte Fraurigkeit uͤber ein ſolches Ungluͤck. Bald darauf aber, da die Frau fuͤrchtete, noch Schande zu ihrem Schmerze hinzuzufuͤgen, dachte ſie darauf ohne weiteren Verzug ein Mittel zu finden, den Tod⸗ ten aus dem Hauſe fortzuſchaffen; und da ſie ſich hierin nicht zu rathen wußte, rief ſie im geheimen ihr Maͤdchen, und fragte ſie, nachdem ſie dieſer ihr Ungluͤck gezeigt hatte, um Rath. Das Maͤdchen wunderte ſich ſehr, auch ſie ruͤt⸗ telte ihn und ſtieß ihn; allein da auch ſie ſah, daß er ohne Leben war, ſagte ſie, was die Frau ſagte, naͤmlich, er waͤre wirklich todt, und rieth, daß er aus dem Hauſe geſchafft werden muͤßte. Hierauf ſagte die Frau: Aber wo koͤnnen wir ihn denn hinbringen, daß man morgen nicht auf den Verdacht kommen ſollte, er waͤre, wenn man ihn ſehen wird, von hier aus fortgeſchafft. Das Maͤdchen antwortete: Madam, dieſen Abend ganz ſpaͤt ſah ich gerade vor dem Laden dieſes Tiſch⸗ lers, unſeres Nachbaren, einen nicht zu großen Ka⸗ ſten, der, wenn der Meiſter ihn nicht ins Haus ge⸗ brocht hat, uns gerade recht zu Paß kommen wuͤrde, ei⸗ her hts hne un ſie zu ank nde uf ſich nen ihr uͤt⸗ daß te, er wir den ihn end eE. Na⸗ ge⸗ Zehnte Novelle. denn da koͤnnen wir ihn hineinſtecken, ihm ein paar Stiche mit dem Meſſer geben, und alsdann darin liegen laſſen. Wer ihn hierin finden wird, weiß ich nicht, warum er eher glauben ſollte, daß er von hier als von anderwaͤrts her hineingeſteckt wäre; vielmehr wird man glauben, weil er ein ſchlechter junger Menſch geweſen iſt, er ſey, waͤhrend er auf ein Bubenſtuͤck ausgegangen, von einem ſeiner Feinde getoͤdtet, und dann in den Kaſten geſteckt worden. Der⸗Frau geſiel der Rath des Maͤdchens, nur nicht ihm einige Stiche zu geben, denn das, ſagte ſie, koͤnne ſie um alles in der Welt nicht zugeben, daß es geſchaͤhe. Sie ſchickte ſie daher ſogleich fort, zu ſehen, ob der Kaſten noch dort ſtaͤnde, wo ſie ihn geſehen haͤtte, ſie kam auch wieder und ſagte: Ja. Das Maͤdchen alſo, was jung und kraͤftig war, legte ſich, mit Huͤlfe der Frau, Ruggieri auf die Schultern, und dann ging die Frau voraus, zuzuſe⸗ hen, ob Jemand kaͤme; und da ſie zu dem Kaſten gekommen waren, ſteckten ſie ihn hinein, ſchloſſen ihn wieder zu, und ließen ihn ſtehen. In dieſen Tagen waren, etwas weiter hinauf, zwei junge Leute in ein Haus eingekehrt, welche auf Zinſen liehen, und gern viel gewinnen und wenig ausgeben wollten, dieſe hatten Hausgeraͤth noͤthig, hatten den Kaſten den Tag vorher geſehen und mit einander beſchloſſen, ihn, wenn er die Nacht da ſte⸗ hen bliebe, nach ihrem Hauſe hinzuſchaffen. Um Mitternacht gingen ſie aus ihrem Hauſe hinaus, und trugen ihn, da ſie ihn fanden, ſchnell, ohne andere Vierter Tag. Unterſuchung, wenn er ihnen auch gleich etwas ſchwer vorkam, nach ihrem Hauſe hin, und ſtellten ihn ne⸗ ben eine Kammer, wo ihre Frauen ſchliefen, ohne daß ſie ſich weiter darum bekuͤmmert haͤtten, ihn jetzt noch zu unterſuchen, ſondern ließen ihn ſtehen und gingen ſchlafen. Ruggieri, der ſchon eine ganze Zeit geſchla⸗ fen, und den Trank verdauet hatte, deſſen Kraft nun auch verzehrt war, wachte auf, da ſich der Morgen näherte; und obgleich der Schlaf abgebrochen war, und die Sinne ihre Kraͤfte wieder erhalten hatten, ſo war doch in ſeinem Kopfe noch eine Dumpfheit zu⸗ ruͤckgeblieben, die ihn nicht allein dieſe Nacht, ſon⸗ dern auch noch einige Tage ganz betaͤubt hielt; er oͤffnete die Augen; da er aber nichts ſah, die Haͤnde hierhin und dorthin ausſtreckte, und ſich in dieſem Kaſten befand, wußte er ſelbſt nicht, wie ihm war, und ſagte zu ſich ſelbſt: Was iſt das? wo bin ich? ſchlafe ich, oder wache ich? ich erinnere mich in⸗ deſſen doch, daß ich dieſen Abend in das Zimmer meiner Geliebten gekommen bin, und jetzt kommt es mir vor, als ſteckte ich in einem Kaſten. Was ſoll das heißen? Iſt etwa der Arzt zuruͤckgekehrt, oder hat ſich ſonſt etwas ereignet, weshalb die Frau, als ich ſchlief, mich hier verborgen hat? Das glaube ich, und ganz gewiß iſt es ſo. Deshalb war er ru⸗ hig, und horchte nur ob er nichts bemerkte; nach⸗ dem er eine ganze Weile ſo zugebracht hatte, und ſich in dem Kaſten, der nur klein war, mehr als zu unbequem befand, ihm auch die Seite, auf welcher er la heru: er m ſtieß ſtand und erwa aber auch er di eher als d jenen an ir er ni cher „ und e 5 * worte junge hatte ſen L mer und ſ „ 6 rere hierhe wer ne⸗ hne etzt und la⸗ nun gen ar, ſo zl⸗ on⸗ er nde ſem ar, ch? in⸗ mer es ſoll der als ube ru⸗ ch⸗ und zu Zehnte Novelle. er lag, ſehr weh that, wollte er ſich auf die andere herumkehren. Dies machte er aber ſo geſchickt, daß er mit dem Schenkel an eine der Seiten des Kaſtens ſtieß, welcher auf einer eben nicht ſehr geraden Stelle ſtand, ihn ins Kippen brachte, ſo daß er umfiel, und beim Umfallen einen großen Laͤrm machte. Die Frauen, welche dort in der Naͤhe ſchliefen, erwachten, hatten einen großen Schreck, ſchwiegen aber aus Furcht ganz ſtille. Ruggieri gerieth durch das Fallen des Kaſtens auch ſehr in Verwirrung, indeſſen da er merkte, daß er durch das Fallen geoͤffnet worden war, wollte er eher, als ein anderer dazu käme, lieber heraus ſeyn, als darin bleiben. Und da er, zwiſchen dieſem und jenem ſchwankend, nicht wußte, wo er war, fing er an im Hauſe herum zu tappen, um zu ſuchen, ob er nicht eine Treppe oder eine Thuͤr faͤnde, aus wel⸗ cher er hinauskommen koͤnnte. Die Frauen, welche dies Herumtappen yoͤrten und aufgewacht waren, riefen: Wer iſt da? Ruggieri, der dieſe Stimme nicht kannte, ant⸗ wortete nicht; daher riefen die Frauen die beiden jungen Maͤnner, welche aber, da ſie viel gewacht hatten, und ſehr feſt ſchliefen, nichts von allen die⸗ ſen Vorfällen hoͤrten. Die Frauen, noch furchtſa⸗ mer geworden, ſtanden auf, gingen an die Fenſter und ſchrieen: Diebe! Diebe! Hieruͤber liefen von verſchiedenen Orten her meh⸗ rere Nachbaren, dieſe aus den Dachſtuben, jene von hierher, andere wieder von dorther, zuſammen und Vierter Tag⸗ drangen in das Haus ein, wodurch die jungen Maͤn⸗ ner ebenfalls aufgeweckt wurden und bei tisſenin aufſtanden. Ruggieri, welcher vor Verwunderung 53 au⸗ ßer ſich, ſich hier ſah, doch aber nicht wußte, wo⸗ hin er fliehen koͤnnte oder ſollte, ward feſtgehalten und den Haͤſchern des Statthalters in dieſem Lande in die Haͤnde uͤbergeben, welche ſchon bei dem Laͤrm hinzugekommen waren. Sie fuͤhrten ihn zum Statt⸗ halter hin, und weil er von Allen fuͤr ſtraffaͤllig ge⸗ halten ward, ward er ohne Verzug zur Folter ver⸗ urtheilt, und er geſtand, daß er um zu ſtehlen in das Haus des Pfandverleihers hineingekommen wäre. Der Statthalter dachte daher ſogleich, er muͤſſe ihn ohne weiteres aufhaͤngen laſſen. Am Morgen ging das Gerede durch ganz Sa⸗ lerno, daß Ruggieri beim Stehlen in dem Hauſe der Pfandverleiher ergriffen worden waͤre; da die Frau und ihr Maͤdchen dies hoͤrten, wurden ſie von einem ſo großen und neuen Wunder auf ſolche Art erfuͤllt, daß ſie es ſich beinahe ſelbſt uͤberredet haͤtten, ſie haͤtten das, was ſie doch in der vergangenen Nacht gethan hatten, nicht gethan, ſondern nur ge⸗ traͤumt, es zu thun; uͤberdies aber empfand die Frau, bei der Gefahr, in welcher Ruggieri ſchwebte, einen ſolchen Schmerz daruͤber, daß ſie haͤtte von Sinnen kommen moͤgen. Nicht lange darauf kehrte der Arzt in der neun⸗ ten Stunde von Amalfi zuruͤck, und ſogleich forderte er, daß ihm das Waſſer gebracht wuͤrde, weil er — — e 1 en u⸗ 0⸗ de rm tt⸗ Je⸗ er⸗ re. hn a⸗ der au em Ut, en, nen ge⸗ au, nen nen un⸗ erte Zehnte Novelle. nun ſeinen Patienten kuriren wollte; und da er fand, daß die Caraffine leer wäre, tobte er gewaltig dar⸗ uber, daß nichts im Hauſe im Stande bleiben koͤnnte. Die Frau, die von einem ganz andern Schmerze aufgeregt war, antwortete ſehr aufgebracht: Mann, was wuͤrdeſt Du erſt uͤber eine wichtige Sache ſagen⸗ wenn Du ſchon uͤber eine Flaſche mit Waſſer einen ſolchen Laͤrm machſt? Gibt es denn keine andere mehr in der Welt? Hierauf ſagte der Doktor: Frau, Du denkſt, das iſt klares Waſſer geweſen, das iſt nicht an dem, es war ein zum Schlafmachen präparirtes Waſſer; und nun erzaͤhlte er ihr, zu welchem Zwecke er es gemacht habe. Sobald die Frau dies gehoͤrt, merkte ſie ſo⸗ gleich, warum Ruggieri, nachdem er es getrunken hatte, ihnen wie todt vorgekommen waͤre, und ſagte⸗ Mann, das haben wir nicht gewußt, kannſt Dir ja ein anderes machen. Da der Doktor ſah, daß es nicht anders ſeyn konnte, ließ er ein neues zubereiten. Nicht lange nachher kam das Mäͤdchen zuruͤck, welches auf Befehl der Frau hingegangen war, um zu erfahren, was man uͤber Ruggieri ſpräche, und ſagte: Madam, von Ruggieri ſpricht ein Jeder ſchlecht, und, nach dem, was ich habe merken koͤn⸗ nen, hat er weder einen Freund noch einen Anver⸗ wandten, der ihm zu helfen aufgeſtanden wäre, oder auch nur haͤtte aufſtehen wollen; daher glaubt man fuͤr ganz gewiß, daß der Blutrichter ihn morgen Vierter Tag. wird aufhaͤngen laſſen. Und uͤberdies will ich Ihnen noch ganz was Neues ſagen, wodurch ich glaube, wie er in das Haus der Pfandverleiher gekommen iſt. Hoͤren Sie, wie: Sie wiſſen doch, der Tiſchler geradeuͤber, dem der Kaſten gehoͤrte, in welchen wir ihn hinein ſteckten, war mit einem, von dem es ſchien, als haͤtte ihm der Kaſten gehoͤrt, in dem heftigſten Streit, weil der die Bezahlung fuͤr ſeinen Kaſten zu⸗ ruckforderte, und der Meiſter antwortete, daß er den Kaſten nicht verkauft habe, er waͤre ihm die Nacht geſtohlen. Worauf iener dann erwiederte: So iſt es nicht, vielmehr haſt Du ihn an zwei jungen Pfandverleihern verkauft, ſo wie ſie es mir in dieſer Nacht ſelbſt geſagt haben, da ich ihn zu der Zeit in ihrem Hauſe ſah, als Ruggieri ergriffen ward. Hier⸗ auf entgegnete der Tiſchler: Sie luͤgen, denn an die habe ich ihn nimmermehr verkauft, ſondern ſie haben ihn mir in der vergangenen Nacht geſtohlen. Wir wollen zu ihnen hingehen. Und darauf gingen ſie auch wirklich mit einander zu den Pfandverleihern ins Haus; ich aber bin hierher gekommen. Und ſo vegreife ich, wie auch Sie leicht einſehen werden, daß Ruggieri auf ſolche Art dahin transportirt worden iſt, wo man ihn gefunden hat; aber wie er da wie⸗ der vom Tode erwacht iſt, das kann ich nicht einſehen. Jetzt verſtand die Frau vollkommen, wie die Sache zuſammenhinge, und ſagte zu dem Maͤdchen was ſie von ihrem Manne gehoͤrt hatte, und bat ſie, ſie moͤchte doch zu Ruggieri's Befreiung behuͤlflich n Zehnte Novelle, 33 ſeyn, da ſie, wenn ſie nur wollte, zu gleicher Zeit Ruggieri befreien und ihre Ehre retten koͤnnte. Das Maͤdchen ſagte: Madam, ſagen Sie mir nur wie, und ich will gern alles thun. Die Frau, der das Meſſer an die Kehle ging, hatte bald einen Entſchluß gefaßt, was zu thun waͤre, und theilte ihn dem Maͤdchen ausfuͤhrlich mit. Das Maͤdchen ging daher zuerſt zum Arst, und fing mit Thraͤnen in den Augen an: Herr Doktor, ich muß Sie wegen eines großen Verſehens, was ich gegen Sie begangen habe, um Verzeihung bitten. über was fuͤr eins, ſagte der Doktor? Das Mädchen, das immer nicht zu weinen auf⸗ hoͤrte, ſagte: Herr, Sie wiſſen, was Ruggieri da Jeroli fuͤr ein junger Menſch iſt, deſſen Liebſte ich heuer noch theils aus Furcht, theils aus Liebe wer⸗ den muß, denn ich gefalle ihm. Und da er geſtern Abend erfahren hatte, daß Sie nicht zu Hauſe wa⸗ ren, ſo hat er ſo lange um mich herum geſchmei⸗ chelt, bis ich ihn in Ihrem Hauſe zu ſchlafen nach meiner Kammer mitnahm. Und da er nun hier dur⸗ ſtig ward, und ich nicht gleich wußte, wo ich Waſ⸗ ſer oder Wein hernehmen ſollte, weil ich nicht wollte, daß Ihre Frau, die im Saale war, mich ſehen ſollte, ſo erinnerte ich mich, daß ich in Ihrem Zim⸗ mer eine Caraffine mit Waſſer geſehen hatte; ich lief daher ſchnell danach hin, gab ihm zu trinken, und ſtellte die Caraffine wieder da hin, wo ich ſie weggenommen hatte; woruͤber, wie ich ſehe, Sie im Hauſe einen ſolchen Larm gemacht haben. Ich Boccaccio's ſämmtl. W. 4. 3 Vierter Tag. vekenne es frei, daß ich Unrecht gethan habe; aber wer hat nicht ein Mal Unrecht gethan? Mir thut es ſehr leid, daß ich es gethan habe, und zwar nicht ſowol um dies, als auch um das, was daraus er⸗ folgt iſt, nämlich daß Ruggieri daruͤber das Leben verlieren kann. Deshalb bitte ich Sie, ſo viel ich nur immer kann, verzeihen Sie mir und geben Sie mir die Erlaubniß, daß ich hingehen kann um Rug⸗ gieri zu helfen, ſo viel in meinen Kraͤften ſteht. Da der Arzt ſie angehoͤrt hatte, antwortete er, ſo zornig er auch war, ſpoͤttelnd ihr: Du haſt Dir ſelbſt Verzeihung daruͤber zu geben, daß, da Du vieſe Nacht einen jungen Mann bei Dir zu haben glaubteſt, der Dir tuͤchtig den Pelz ausklopfte, Du eine Schlafmuͤtze bei Dir gehabt haſt. Darum geh, und ſuche Deinen Liebſten zu retten, kuͤnftig aber huͤte Dich, ihn wieder ins Haus zu bringen, ſonſt wuͤrde ich Dir fuͤr dies Mal und auch fur's kuͤnftige dafuͤr auszahlen. Das Mädchen, was ſeine Sache fuͤr's erſte Mal ganz geſcheut ausgefuͤhrt zu haben glaubte, lief, was ſie nur konnte, nach dem Gefaͤngniſſe hin, in wel⸗ chem Ruggieri ſaß, und ſchmeichelte den Stockmei⸗ ſter ſo lange, bis er ſie mit Ruggieri ſprechen ließ. Sobald ſie ihn von dem unterrichtet hatte, was er dem Blutrichter antworten ſollte, wenn er gerettet zu ſeyn wuͤnſchte, that ſie alles, um vorher zu dem Blutrichter hinzukommen. Ehe dieſer aber ihr Gehoͤr geben wollte, ver⸗ ſuchte er, da ſie ſo bluͤhend und flink war, die chriſt⸗ er t ht — 3 en ie ir Du en Du eh, ber nſt ige Nal vas vel⸗ nei⸗ ieß. er ttet dem ver⸗ Sehnte Novelle. liche Jungfrau mit einem Haken anzuhuͤkeln, und ſie, um beſſeres Gehoͤr zu finden, war auch eben nicht abgeneigt dazu. Nachdem ſie aber dann wieder von der NRiederlage ſich erhoben hatte, ſagte ſie: Herr, Ihr habt Ruggieri da Jeroli hier als ei⸗ nen Spitzbuben feſtgenommen, das iſt aber ſo nicht wahr. Und nun fing ſie an, ihm die Geſchichte von Anfang bis zu Ende zu erzählen, wie ſie, als ſeine Liebſte, ihn in das Haus des Arztes gefuͤhrt, wie ſie ihn das mit Opium zubereitete Waſſer, was ſie gar nicht gekannt haͤtte, zu trinken gegeben, und wie ſie ihn fuͤr todt in den Kaſten geſteckt habe; ferner ſagte ſie ihm, was ſie zwiſchen dem Tiſchler⸗ Meiſter und dem Eigenthuͤmer des Kaſtens als vor⸗ gefallen gehoͤrt haͤtte, und zeigte ihm, wie Ruggieri mit dieſem zugleich in das Haus der Pfandverleiher gekommen wäͤre. Da der Blutrichter einſah, wie leicht es aufzu⸗ finden waͤre, ob dies wahr ſey, befr agte er zuerſt den Arzt, ob das mit dem Waſſer gegruͤndet waͤre, und fand es fuͤr richtig; hierauf ließ er den Tiſchler verhoͤren, wie auch den, dem der Kaſten gehoͤrt hatte, und die Pfandverleiher, und nach vielem Hin- und Herreden fand er, daß die Pfandverleiher in der vo⸗ rigen Nacht den Kaſten geſtohlen und nach ihrem Hauſe geſchafft haͤtten. Zuletzt ließ er Ruggieri vor⸗ fuͤhren, und fragte ihn, wo er den Abend vorher zugebracht haͤtte. Wo er ihn zugebracht haͤtte, antwortete dieſer, das wuͤßte er nicht, nur ſo viel erinnerte er ſich ſehr —— 2 mRe—————————.—— 36 Vierter Tag. wohl, daß er fortgegangen wäre, um ihn mit dem Maͤdchen des Herrn Doktor Maszeo zuzubringen, in ihrer Kammer haͤtte er, weil er ſehr durſtig gewe⸗ ſen, Waſſer getrunken; was aber nachher aus ihm — c 1 geworden waͤre, das wiſſe er nicht, außer daß, als er in dem Hauſe der Pfandverleiher wieder aufge⸗ wacht, er ſich in einem Kaſten befunden haͤtte. Da der Blutrichter dies hoͤrte, fand er ein gro⸗ ßes Vergnuͤgen daran, und ließ es noch einige Mal von dem Mäaͤdchen, von Ruggieri, von dem Tiſchler und den Pfandverleihern wiederholen. Da er endlich denn Ruggieri fur unſchuldig erkannte, verurtheilte er die Pfandverleiher, die den Kaſten geſtohlen hat⸗ ten, zu zehn Unzen, und ſprach Ruggieri frei. t 3 Wie lieb ihm dies war, frage keiner, und be⸗. 3 ſonders wie es ſeiner Dame ſo uͤber alle Maßen lieb ſi war. Oftmals hat ſie zugleich mit ihm und ihrem. lieben Maͤdchen, die ihm gar ein paar Meſſerſtiche hatte geben wollen, daruͤber gelacht, und ihr Feſt gehabt, wenn ſie ihre Liebe und ihren Troſt immer „——„——— beſſer und beſſer fortſetzten. Ich wuͤnſchte wol, daß es mir doch auch ſo ge⸗ länge, aber ohne in den Kaſten geſteckt zu werden! Wenn die erſten Novellen die Bruſt der lieben Maädchen trauernd beengt hatten, ſo brachte ſie dieſe des Dioneus ſo zum Lachen, und beſonders als er ſagte, der Blutrichter habe mit dem Haken angehaͤ⸗ 1 kelt, daß ſie ſich doch uͤber das Mitgefuͤhl gegen die andern wieder troͤſten konnten. Allein da der Koͤnig ſah, daß die Sonne zu 0. al er te e m che eſt ter en eſe er ä⸗ die Sehnte Novelle. 37 vleichen anfing, und daß das Ende ſeiner Herrſchaft gekommen waͤre, entſchuldigte er ſich mit ſehr freund⸗ lichen Worten gegen die ſchoͤnen Damen uͤber das, was er gethan haͤtte, nämlich von einem ſo duͤſtern Stoffe erzählen zu laſſen, als der von dem Ungluͤcke der Liebenden geweſen waͤre. Nachdem er ſeine Ent⸗ ſchuldigung vorgetragen, ſtand er auf, nahm den Lorbeer von ſeinem Haupte, und, da die Damen er⸗ warteten, wem er ihn auflegen wuͤrde, ſetzte er mit vieler Anmuth ihn auf Fiammettens blondes Haupt, und ſagte: S„ch ſetze Dir dieſe Krone auf, da Du diejenige biſt, die beſſer als jede Andere fuͤr den heutigen bit⸗ tern Tag mit dem morgenden unſere Gefaͤhrtinnen zu troͤſten wiſſen wirſt. Fiammetta, deren krauſes, langes und goldenes Haar uͤber ihre weißen und zarten Schultern herab⸗ fiel, und auf deren rundlichem Geſichte die unver⸗ falſchte Farbe der weißen Lilien mit dem zarten Ro⸗ ſenroth vermiſcht war, antwortete hell erglaͤnzend, mit zwei Augen im Kopfe, welche die eines auslaͤn⸗ diſchen Falken, und mit einem kleinen Muͤndchen, deſſen Lippen zwei Rubinen zu ſeyn ſchienen, mit laͤchelnder Miene: Gern, Philoſtratus, nehme ich ſie an, und da⸗ mit Du Dich beſſer von dem uͤberzeugſt, was Du eingerichtet haſt, ſo will und befehle ich, daß ein Jeder ſich darauf zubereite, morgen von dem zu ſpre⸗ chen, was manchem Liebenden, nach einigen widerwaͤr⸗ tigen und ungluͤcklichen Zufaͤllen, dennoch gluͤckliches Vierter Tag⸗ begegnet iſt. Dieſer Vorſchlag gefiel Allen; ſie ließ ſich daher den Seneſchall kommen, und verabredete mit ihm alles Noͤthige. Dann ſtand die ganze Ge⸗ ſellſchaft vom Sitzen auf, und Alle beurlaubten ſich froͤhlich bis zur Stunde des Abendeſſens. Sie be⸗ gaben ſich daher, und zwar ein Theil nach dem Gar⸗ ten, deſſen Schoͤnheit man nicht ſo bald uͤberdruͤſſig ward, und ein Theil nach den Muͤhlen, welche außer⸗ halb deſſelben gingen, dieſe dahin, jene dorthin, um ſich nach ihrem verſchiedenen Gefallen auf verſchiedene Art bis zur Eſſenszeit zu vergnuͤgen. Da dieſe gekommen war, kamen ſie alle, wie ſie gewohnt waren, zu ihrer groͤßten Freude bei der ſchoͤnen Fontaine zuſammen, and ſpeiſten an wohl⸗ beſetzter Tafel. Von dieſer aufgeſtanden, fingen ſie, ihrer Gewohnheit nach, an zu tanzen und zu ſingen, und da Philomene den Tanz auffuͤhrte, ſagte die Koͤnigin, Philoſtratus, ich will von meinen Vorgaͤn⸗ gern nicht abweichen, ſondern, ſo wie die es gemacht hatten, ſo beabſichtige auch ich, daß nach meinem Befehl eine Canzone geſungen werde; und weil ich gewiß bin, daß Deine Canzonen eben ſo wie Deine Novellen ſeyn werden, ſo iſt es mein Wille, damit nicht mehrere Tage, als mur dieſer, von Deinem ungluͤck getruͤbt werden, daß Du uns eine zum Be⸗ ſten gibſt, welche Du willſt. Gern, antwortete Philoſtratus, und ohne Ver⸗ zug fing er an eine zu ſingen, deren Worte deutlich genug zeigten, wie ſein innerer Sinn beſchaffen, und was der Grund dazu waͤre, und vielleicht wurde es Zehnte Novelle. das Ausſehen derjenigen Jungfrau— ſie war eben im Tanze begriffen— noch mehr erklaͤrt haben, wenn die Dunkelheit der herannahenden Nacht die auf ihrem Geſichte entſtandene Roͤthe nicht verbor⸗ gen hätte. Indeſſen, da er zu ſingen aufgehoͤrt hatte, wurden noch viele andere ſo lange geſungen⸗ bis die Zeit zum Schlafengehen gekommen war; und da begab ſich ein Jeder, da es die Koͤnigin befahl⸗ nach ſeiner Kammer. —,—————————— S F uͤnfter Tag.⸗ An welchem unter Fiammetta's Regierung von dem geſpro⸗ chen ward, was manchem Liebenden, nach einigen widerwär⸗ tigen und ungluͤcklichen Zufaͤllen, dennoch Gluͤckliches begeg⸗ net iſt. Schon war der Morgen ganz weiß, und die auf⸗ gehenden Strahlen hatten unſere ganse Halbkugel erleuchtet, als Fiammetta von dem ſuͤßen Geſange der Vogel, welche die erſte Stunde des Tages in dem Gebuͤſch umher froͤhlich mit Geſang empfinger, aufgeregt, ſich erhob, und alle die anderen, und die drei jungen Maͤnner rufen ließ; langſamen Schrit⸗ tes ging ſie zu den Feldern hinunter, und indem ſie auf der weiten Ebene durch das Gras, was noch, bis ſich die Sonne hoͤher erhoben hatte, mit Thau be⸗ deckt da lag, zum Vergnuͤgen mit ihrer Geſellſchaft herumwandelte, ſprach ſie mit derſelben uͤber dies und das. Allein da ſie merkte, daß die Sonnenſtrah⸗ len waͤrmer wurden, kehrte ſie die Schritte ihrem Zimmer zu. Als ſie daſelbſt angelangt waren, er⸗ friſchten ſie ſich alle durch koͤſtliche Weine und leich⸗ tes Zuckergebackenes, dann aber gingen ſie in dem lieblichen Garten zu ihrem Vergnuͤgen bis zur Eſ⸗ ſensſtunde umher. Als dieſe gekommen, und von dem bedachtſamen Seneſchal alles zubereitet worden war, ſetzten ſie ſich, nachdem ſie vorher erſt ir⸗ — S n, NM M u 8 Erſte Novelle. 41 gend ein Lied mit Begleitung, und eins oder zwei zum Tanz geſungen hatten, froͤhlich, ſo wie es der Koͤnigin gefiel, zum Eſſen nieder. Sobald ſie dies nach der Ordnung und mit Frohſinn eingenommen, vergaßen ſie auch die einmal feſtgeſetzte Ordnung des Tanzens nicht, ſondern fuͤhrten bei Inſtrumenten und Geſängen einige Taͤnze auf. Hierauf beurlaubte die Koͤnigin einen Jeden, bis die Schlafſtunde vor⸗ über waͤre; weshalb denn auch einige, um zu ſchla⸗ fen, fortgingen, andere aber zu ihrem Vergnuͤgen in dem ſchoͤnen Garten zuruͤckblieben. Indeſſen aber verſammelten ſich doch alle, bald nach drei Uhr Nach⸗ mittags, da, wo es der Koͤnigin gefiel, in der Naͤhe der Fontaine nach gewohnter Weiſe wieder. Die Koͤnigin nahm hierauf ihren Sitz pro tri- punali ein, vlickte nach Pamphilus hin, und gab ihm laͤchelnd auf, den Anfang der gluͤcklichen No⸗ vellen zu machen. Dieſer ſchickte ſich gern dazu an, und ſprach alſo: Erſte Novelle. Cimon wird, da er verliebt iſt⸗ klug, und raubt ſeine Geliebte Jphigenia auf dem Meere; er wird zu Rho⸗ dus ins Gefaͤngniß geſetzt, woraus Lyſimachus ihn be⸗ freit; mit dieſem raubt er noch ein Mal Iphigenien und Caſſandra an ihrem Hochzeitstage. Sie fliehen mit ihnen nach Creta, und nachdem ſie dort ihre Frauen geworden, wurden ſie nach ihrem Wohnorte zuruͤckge⸗ rufen. Viele Novellen, freundliche Mädchen, treten mir, um einem ſo froͤhlichen Tage, wie dieſer ſeyn 42 Fuͤnfter Tag. wird, einen Anfang zu geben, ins Gedaͤchtniß, die ich Euch erzählen koͤnnte; indeſſen eine gefaͤllt mir doch in meinem Sinne vorzuͤglich, weil Ihr bei derſelben nicht allein das gluͤckliche Ende, wovon wir eben zu ſprechen anfangen, ſondern auch erfahren werdet, wie heilig, wie gewichtig und wie ſegensvoll die Kräfte der Liebe ſind, welche von vielen, die nicht wiſſen, was ſie ſagen, verdammt, und mit großem Unrecht geta⸗ delt werden. Dies aber muß, wenn ich nicht irre, Euch, weil ich glaube, daß Ihr auch verliebt ſeyd, ſehr angenehm ſeyn. Alſo(wie ich einmal in der alten Geſchichte der Cyprier geleſen habe) auf der Inſel Eypern war ein ſehr edler Mann, welcher mit Namen Ariſtipp hieß, und vor allen andern ſeiner Landsleute an allen zeit⸗ lichen Guͤtern ſehr reich war; und wenn er ſich nicht Einer Sache wegen uͤber das Schickſal zu beklagen gehabt haͤtte, ſo konnte er mehr, als irgend ein An⸗ derer, zufrieden ſeyn. Und dies war, daß er unter mehreren Soͤhnen einen hatte, der an koͤrperlicher Groͤße und Schoͤnheit alle anderen jungen Leute uͤber⸗ traf, dagegen aber beinahe dumm war, und bei dem alle Hoffnung verloren ging. Sein wahrer Name war Galeſus, allein, weil weder die Bemuͤhung ei⸗ nes Lehrers, noch die Schmeicheleien oder ſelbſt die Schläge des Vaters, noch die Bemuͤhung irgend ei⸗ nes Andern, ihm weder einen Buchſtaben, noch ſonſt etwa eine Sitte hatte in den Kopf bringen koͤnnen, ſo ward er vielmehr bei ſeiner plumpen, groben Stimme und bei einem Betragen, was eher ſich er in , t ht en n⸗ ter er er⸗ em me ei⸗ die ei⸗ nſt en, ben Erſte Novelle. fur ein Vieh, als fuͤr einen Menſchen geziemt haͤtte, von allen ſpottweiſe Cimon genannt, was in ihrer Sprache ſo viel heißt, als in unſerer ein plumpes Vieh. Sein verlorenes Leben ertrug der Vater mit vielem Kummer, und da ihm jede Hoffnung von ihm entflohen war, befahl er ihm, um den Grund ſeines Schmerzes nicht beſtaͤndig vor Augen zu haben, daß er nach ſeiner Villa ſich begeben, und dort mit den Arbeitern leben ſollte. Dies war Cimon ſehr angenehm, weil ihm die Sitten und Gewohnheiten plumper Menſchen weit lieber waren, als die ſtaͤdtiſchen. Cimon ging alſo nach der Villa hinaus, und uͤbte ſich in allem, was hier noͤthig war. Eines Tages, als der Mittag ſchon voruͤber war, und er von einer Beſitzung nach der andern hinging, trat er, mit dem Stocke auf dem Nacken, in ein Gebuͤſch hinein, was in die⸗ ſer Gegend eins der ſchoͤnſten und, gerade jetzt im Monat Mai, ganz belaubt war; als er hier durchging, traf es ſich, als ob ihn ſein Schickſal fuͤhrte, daß er auf einer mit hohen Baͤumen umge⸗ benen Wieſe, an deren einen Seite eine ſehr ſchoͤne kuͤhle Quelle befindlich war, neben dieſer ein ſchoͤnes Maͤdchen ſchlafend fand. Das Kleid, was ſie an⸗ hatte, war ſo fein, daß es beinahe nichts von dem weißen Fleiſche verbarg, und ſie ſelbſt war nur unten nach den Huͤften zu mit einer weißen feinen Huͤlle be⸗ deckt. Zu ihren Fuͤßen ſchliefen ebenfalls zwei Frauen und ein Mann, die Dienerſchaft des Maͤdchens. Sobald Cimon ſie ſah, blieb er, nicht anders, Fünfter Tag. als wenn er nimmermehr ein Frauenzimmer geſehen haͤtte, auf ſeinem Stocke geſtuͤtzt, ſtehen, ohne ein Wort zu ſagen, und betrachtete ſie mit der groͤßten Aufmerkſamkeit und Bewunderung, und in ſeiner rohen Bruſt, in welche durch tauſend Lehren kein Eindruck von Sittlichkeit je hatte hineindringen koͤn⸗ nen, fuͤhlte er einen Gedanken erwachen, welcher ihn in ſeinem koͤrperlichen und rohen Sinn zufluͤſterte, dieſe ware das Schoͤnſte, was je nur ein Lebendiger geſehen haͤtte. Hierauf fing er dann an, die einzelnen Theile von einander zu unterſcheiden, lobte die Haare, die er fuͤr Gold hielt, die Stirn, die Naſe und den Mund, den Hals und die Arme, und ganz vorzuͤglich die Bruſt, fuͤr jetzt noch wenig erhoben; und ſo aus einem Ackerbauer ploͤtzlich ein Richter der Schoͤnheit geworden, wuͤnſchte er bei ſich nichts mehr, als ihre Augen zu ſehen, die ſie, von tiefem Schlafe beſchwert, geſchloſſen hielt. Um dieſe zu ſehen, hatte er mehr⸗ mals Luſt, ſie aufzuwecken, allein da ſie ihm über alle Maßen ſchoͤner zu ſeyn ſchien, als jede andere Frau, die er vorher geſehen hatte, ſtand er an, ob es wol nicht eine Goͤttin waͤre; und nun hatte er doch ſo viel überlegung, daß er der Meinung war, das Goͤttliche verdiene mehr Achtung als das Welt⸗ liche, und deshalb hielt er ſich zuruͤck, ruhig abzu⸗ warten, daß ſie von ſelbſt aufwachen möchte. So uͤberlang ihm auch der Verzug vorkam, ſo konnte er doch, von einem ganz ungewoͤhnlichen Vergnugen eingenommen, nicht von der Stelle gehen. Nach einem langen Zeitraum kam das Maͤdchen, Erſte Novelle. deren Name Iphigenia war, eher als irgend einer der Ihrigen, zu ſich, hob den Kopf in die Hoͤhe, oͤffnete die Augen, und ſah den auf ſeinen Stock ſich ſtuͤtzenden Cimon vor ſich ſtehen; ſie verwunderte ſich gewaltig, und ſagte: Eimon, was haſt Du zu dieſer Stunde in dieſem Walde zu ſuchen? Cimon war eben ſo durch ſeine Geſtalt, als durch ſeine Dummheit, eben ſo wie durch den Adel und den Reichthum ſeines Vaters faſt einem Jeden in der Gegend bekannt. Er antwortete auf Iphige⸗ niens Worte gar nichts, ſondern, ſobald er ihre Augen geoͤffnet ſah, guckte er ſo feſt in dieſe hinein, daß es ihm bei ſich ſelbſt vorkam, als ſtroͤme aus ihnen eine Lieblichkeit heraus, die ihn mit einem nie empfundenen Vergnuͤgen erfuͤlle. Als das Mädchen dies gewahr ward, fuͤrchtete ſie, ſein ſtarres Hinſehen moͤchte durch ſeine Unge⸗ ſchliffenheit nach etwas hingerichtet werden, wobei ſie ſich ſchoͤmen muͤßte; deshalb rief ſie ihre Frauen, ſtand auf, und ſagte: Cimon, Gott befohlen! Cimon antwortete hierauf: Ich will mit Dir gehen. Ob nun gleich das Maͤdchen ſeine Begleitung ausſchlug, da ſie ſeinetwegen immer in Furcht war, ſo konnte er ſich doch durchaus nicht eher von ihr treunen, als bis er ſie nach ihrer Wohnung hinbe⸗ gleitet hatte. Von hier ging er nach dem Hauſe ſei⸗ nes Vaters, und verſicherte, daß er auf keine Art wieder nach der Meierei zuruͤckkehren wuͤrde. So unangenehm dies auch dem Vater und den Seinigen 46 Fuͤnfter Tag. war, ſo ließen ſie ihn doch in Ruhe, in der Er⸗ wartung, ſie wollten ſehen, was es fuͤr eine Ur⸗ ſache waͤre, die ihn dahin gebracht haͤtte, ſeinen Entſchluß zu aͤndern. Nachdem alſo in Cimons Herz, wohin keine Lehre zu dringen im Stande geweſen war, Amors Pfeil durch Iphigeniens Schonheit in ſo kurzer Zeit gedrungen war, und er von einem Gedanken auf den andern kam, ſetzte er den Vater, alle die Seinigen und jeden andern, der ihn kannte, daruͤber in Verwunderung. Zuerſt bat er den Vater, er moͤchte ihn in eben ſolchen Kleidern, und in allem eben ſo geputzt ge⸗ hen laſſen, wie ſeine Bruͤder gingen, was der Va⸗ ter auch ſehr gern that; als er dann ferner mit tuͤch⸗ tigen jungen Leuten umging, und auf das Betragen merkte, wie es ſich fuͤr edlere Maͤnner und ganz be⸗ ſonders fuͤr Verliebte, ſchickte, ſo erlernte er, zur groͤßten Bewunderung eines Jeden, in einem ſehr kur⸗ zen Zeitraume, nicht allein die erſten wiſſenſchaftli⸗ chen Kenntniſſe, ſondern ward auch einer der tüch⸗ tigſten unter den Philoſophen. Ferner dann(von dieſem allen war die Liebe der Grund, die er für Iphigenien fühlte) verwandelte er nicht allein die rohe und baueriſche Stimme in eine anſtaͤndigere und ſtäd⸗ tiſche, ſondern ward auch Meiſter im Geſange und im Spiel, ſo wie auch ein wilder Reiter und erfah⸗ ren in allem, was die Kriegswiſſenſchaft ſowol zu Lande als auch zu Waſſer betraf. Und kurz(damit ich nicht noͤthig habe, jedes Einzelne ſeiner guten Eigenſchaften herzuzahlen), es war noch nicht das — c 1— „—— d e 8 M — M n it en Erſte Novelle. vierte Jahr von dem Tage, an welchem er ſich zum erſten Male verliebt hatte, verfloſſen, ſo war er der artigſte, der geſittetſte, und mit mehreren einzelnen Tugenden geſchmuͤckteſte von allen jungen Maͤnnern geworden, welche ſich nur auf der Inſel Eypern be⸗ fanden. Was koͤnnen wir alſo, liebliche Maͤdchen, von Cimon ſagen? Wahrlich, nichts anders, als daß die vom Himmel dem kraͤftigen Gemuͤthe eingefloͤß⸗ ten hohen Tugenden von dem neidiſchen Schickſale in dem kleinſten Winkel ſeines Herzens mit den ſtaͤrk⸗ ſten Banden gefeſſelt und darin eingeſchloſſen waren, welche alle aber Amor, als der maͤchtigere, zerriß und zerbrach, indem er die eingeſchlaͤferten Geiſter wieder aufregte, und jene hohen Tugenden, von der grauſamen Finſterniß verdunkelt, durch ſeine Kraft an's helle Licht hervortrieb, und dadurch deutlich zeigte, von wo her er die ihm unterworfenen Geiſter her⸗ vorzieht, und wo er durch ſeine Strahlen ſie hin⸗ fuͤhrt. Ob daher gleich Cimon bei ſeiner Liebe gegen Jphigenien, in manchem, wie es verliebte junge Leute oft thun, vielleicht etwas zu weit gehen mochte, ſo ertrug es nicht allein Ariſtipp, da er bedachte, wie Amor ihn aus einem Schoͤps zum Menſchen ge⸗ macht hatte, ganz geduldig, ſondern beſtaͤrkte ihn noch vielmehr darin, wenn er ſeinen Vergnuͤgungen nachging. Allein Cimon, welcher nicht mehr Galeſus ge⸗ nannt ſeyn wollte, da er ſich erinnerte, daß Iphi⸗ 48 Fünfter Tag. genia ihn bei dem erſten Namen genannt hatte, wollte ſeine Wuͤnſche auf eine ehrenvolle Art zum giele füͤhren, und ließ den Vater Iphigeniens, Cip⸗ ſeus, oftmals angehen, ihm ſeine Tochter zur Frau zu geben; aber Eipſeus antwortete immer, er habe ſie an Paſimunda, einem edlen jungen Manne aus Rhodus, verſprochen, gegen den er nicht geſonnen wäre, ſein Wort zu brechen. Nachdem nun die zu Iphigeniens Hochzeit verabre⸗ dete Zeit gekommen war⸗ und der Mann nach ihr ge⸗ ſandt hatte, da ſagte Cimon zu ſich ſelbſt: Jetzt iſt es Zeit zu zeigen, o Iphigenia, wie ich Dich liebe. Durch Dich bin ich ein Menſch geworden, und wenn ich Dich beſizen kann, ſo zweifle ich keinen Augen⸗ blick, ruhmvoller zu werden, als nur irgend ein Gott; nnd, wahrlich, ich werde Dich beſitzen, oder ich will des Todes ſeyn! So geſprochen, erſuchte er heimlich einige junge Männer, die ſeine Freunde waren⸗ und ließ ganz im ſtillen ein Schiff mit allem Noͤthigen zu einem See⸗ gefecht ausruͤſten; dann ging er zur See, das Schiff erwartend, auf welchen Iphigenia zu ihrem Gemahl nach Rhodus hingebracht werden ſollte. Rachdem ihr Vater den Freunden ihres Gemahls viele Ehrenbezeigungen erwieſen hatte, ging ſie mit dieſen zur See, und des Schiffes Vordertheil nach Rhodus gerichtet, ſegelten ſie ab. Cimon, welcher nicht ſchlief, erreichte ſie den folgenden Tag mit ſeinem Schiffe, und ſogleich rief er vom Vordertheile denen, welche auf Iphigeniens e„ Erſte Novelle. 49 Schiffe waren, kräftig zu: Halt, die Segel herunter! oder erwartet uͤberwunden und ins Meer geworfen zu werden! Die Feinde Eimons hatten die Waffen ſchon auf's Verdeck gezogen, und ſchickten ſich an, ſich zu vertheidigen; deshalb nahm Eimon, nach jenen Worten, einen Enterhaken, warf ihn auf das Hin⸗ tertheil des Schiffes der Rhodier, welche aus allen Kraͤften forteilten, zog dies Schiff mit Gewalt an das Vordertheil des ſeinigen heran, und ſprang wild, wie ein Loͤwe, ohne daß ihm irgend Einer folgte, auf das Schiff der Rhodier, ſo als wenn er alle fuͤr nichts achtete. Und von Amor getrieben, ſturzte er ſich mit wundervoller Kraft, mit einem Meſſer in der Hand, unter die Feinde, und bald dieſen bald jenen verwundend, ſtieß er ſie wie das Vieh nieder. Sobald die Rhodier dies ſahen, warfen ſie die Waffen zu Boden, und erkannten ſich alle einſtim⸗ mig fuͤr Gefangene. Da ſagte Eimon zu ihnen: Weder die Begierde nach Beute, noch Haß, den ich gegen Euch haͤtte, hieß mich von Cypern abgehen, um Euch mitten auf dem Meere mit bewaffneter Hand anzufallen. Was mich dazu antrieb, iſt, das, was mir das Groͤßte iſt, erobert zu haben, und fuͤr Euch iſt es ſehr eichtes, es mir in Frieden Iphigenia iſt es, die ich uͤber alles liebe. Da ich dieſe nun von ihrem Vater, als Freund, und in Frieden nicht bekommen konnte, ſo hat Amor mich gezwungen, ſie von Euch, als Feinde, und mit den Waffen zu erhalten; und deshalb geht Voccaccio's ſämmtl. W. 4. 5 — c zuzugeſtehen; ₰ 50 Fuͤnfter Tag. meine Abſicht dahin, ihr das zu ſeyn, was Euer Paſimunda ihr ſeyn ſollte; gebt ſie mir, und daun geht in guten Gottes Namen. Das junge Volk, welches mehr Gewalt als Freigebigkeit zwang, überließen Iphigenien mit Thrä⸗ nen in den Augen an Cimon. Als dieſer aber ſie weinen ſah, ſagte er: Edles Maͤdchen, ſey nicht beſorgt, ich bin Dein Cimon, der durch lange Liebe Dich weit mehr verdient hat, als Paſimunda durch ſein gegebenes Wort. Cimon kehrte daher wieder, nachdem er ſie ſein Schiff hatte veſteigen laſſen, und ohne daß er irgend etwas weiter von den Rhodiern angeruͤhrt, zu ſeinen Gefaͤhrten zuruͤck, und ließ jene weiter ziehen. Ver⸗ gnugter als irgend ein anderer Menſch uͤber den Ge⸗ winnſt ſeiner Beute, hielt Cimon es eine Zeitlang fur ſeine Pflicht, die Trauernde zu troͤſten, dann aber uͤberlegte er mit ſeinen Gefaͤhrten, wie er wol fur jetzt nicht ſogleich wieder nach Cypern zuruͤckkeh⸗ ren konne, vielmehr waren ſie einſtimmig der Mei⸗ nung, ihr Schifflein nach Ereta hinrichten zu muͤſ⸗ ſen, woſelbſt ein Jeder, und beſonders Cimon aus alten und neuen Verwandtſchaften und vielen Be⸗ Lanntſchaften, mit Iphigenien ſicher zu ſeyn glaubte. Aber das Gluͤck, welches dem Eimon den Ge⸗ winnſt des Mädchens ſo leicht zugeſtanden hatte, nie beſtaͤndig, verwandelte die unſchätzbare Froͤhlichkeit des verliebten Juͤnglings plotzlich in traurige und bittere Klagen. Es waren noch nicht vier Stunden vollendet, nachdem Cimon die Rhodier verlaſſen hatte, —— —„—„— er un 8 rä⸗ ſie cht ebe ch ein end nen er Se⸗ ng nn wol eh⸗ tei⸗ uſ⸗ aus Be⸗ bte. Ge⸗ nie keit und den atte, Erſte Novelle. als die Nacht einbrach, welche Cimon fuͤr ſich ſo freudenvoll, als er nur jemals eine gehabt hatte, erwartete, und mit dieſer zugleich ein ſo wildes, ſtuͤrmiſches Wetter entſtand, daß der Himmel mit Wolken, und das Meer mit den heilloſeſten Winden erfuͤllt ward; deshalb konnte keiner ſehen, was er machen, noch wo er hin ſollte, und auf dem Schiffe ſelbſt konnte keiner ſeine Pflicht erfuͤllen. Wie ſehr Cimon ſich hieruͤber kuͤmmerte, bedarf keiner Frage. Es ſchien, als hätten die Goͤtter ihm ſeinen Wunſch zugeſtanden, damit der Tod ihm deſto ſchmerzlicher ſeyn moͤchte, um den er ſich vorher wenig gekuͤm⸗ mert haben wuͤrde. Eben ſo betruͤbt waren auch ihre Gefaͤhrten, doch mehr als alle war Iphigenia bekuͤmmert, welche heftig weinte; und jeden Wel⸗ lenſchlag fuͤrchtend, verwuͤnſchte ſie bei ihren Thraͤ⸗ nen hoͤchſt aufgebracht Cimons Liebe und ſchalt auf ſeine Kuͤhnheit, indem ſie behauptete, dieſes ſtuͤrmi⸗ ſche Ungluͤck waͤre durch nichts anders entſtanden, als weil die Goͤtter nicht wollten, daß derjenige, der ſie wider ihren Willen zur Gattin haben wollte, ſich ſeines uͤbermuͤthigen Wunſches erfreuen koͤnnte; und der, wenn er ſie nur vorher erſt haͤtte ſterben ſe⸗ hen, dann auch auf eine erbaͤrmliche Art umkommen wuͤrde. Bei ſolchen und noch groͤßeren Klagen, und da die Schiffer nicht wußten, was ſie machen ſollten, der Sturm auch mit jeder Stunde immer heftiger ward, kamen ſie, ohne zu wiſſen oder zu ſehen, wo⸗ hin ſie kaͤmen, in die Naͤhe der Inſel Rhodus; und 5 Fuͤnfter Tag. da ſie eben deshalb auch nicht erkannten, daß es Rhodus wirklich wäre, ſo ſtrengten ſie ſich vielmehr mit aller Macht an, um die Mannſchaft zu retten, daſelbſt Land zu gewinnen, wenn es nur irgends ſeyn koͤnnte. Das Glück war ihnen hierbei guͤnſtig und leitete ſie nach einem kleinen Meerbuſen, in welchen kurz vor ihnen die Rhodier, vom Cimon freigelaſſen, mit ihrem Schiffe angekommen waren. Kaum bemerkten ſie, daß ſie auf der Inſel Rhodus geankert haͤtten, ſo ſahen ſie auch, als beim Anbruch der Morgenroͤ⸗ the der Himmel heiterer ward, daß ſie etwa einen Bogenſchuß weit von dem Schiffe entfernt waͤren, was ſie Tages vorher verlaſſen hatten. Cimon hieruͤber aͤußerſt betruͤbt, und fürchtend, zs moͤchte ihm begegnen, was ihm auch wirklich be⸗ gegnete, befahl, daß man alle Kraft anwenden ſollte, um hier hinaus zu kommen, und dann gehen wohin das Gluͤck ſie nur braͤchte, weil ſie an keinem Orte ſchlechter als hier ſeyn koͤnnten. Man ſtrengte die groͤßten Kraͤfte an, um von hier hinaus zu kommen, aber vergebens; es erhob ſich ein ſo maͤchtiger widriger Wind, daß ſie nicht nur aus dem kleinen Buſen nicht hinauskommen konn⸗ ten, ſondern, ſie mochten wollen oder nicht, immer wieder an das ufer zuruͤckgetrieben wurden. Daſelbſt angekommen, wurden ſie von den Rho⸗ diſchen Schiffoleuten, als ſie aus ihrem Schiffe aus⸗ geſtiegen waren, erkannt. Sogleich lief einer der⸗ ſelben nach einer nahen Villa, woſelbſt die edeln —— — een———„— —— 1 — — e——,—,— e 5 P n, n te rz it en n, d, be⸗ te, hin rte n o cht nn⸗ ner u8 der⸗ en Erſte Novelle. 53 jungen Rhodier hingegangen waren, und erzaͤhlte ihnen, daß Cimon mit Iphigenien, auf ihrem Schiffe gluͤcklicherweiſe, ſo wie ſie, angelangt wäre. Dieſe, ſehr erfreut, dies zu hoͤren, holten meh⸗ rere Menſchen aus der Stadt, und eilten ans Meer; Cimon, der mit den ſeinigen ſchon ausgeſtiegen war, hatte den Entſchluß gefaßt, in irgend einen nahen Wald zu entfliehen, alle aber wurden mit Iphige⸗ nien gefangen und nach der Villa gefuͤhrt. Von hier aus ward, da Liſimachus, in dieſem Jahre die hoͤchſte Magiſtratsper ſon der Rhodier, unter einer großen Begleitung bewaffneter Maͤnner hier heraus⸗ gekommen war, Eimon und alle ſeine Gefaͤhrten ins Gefaͤngniß gebracht, ſo wie Paſimunda, dem die Nachricht auch ſchon zugekommen war, es beim er⸗ ſten Schmerz, mit dem Senat von Rhodus angeord⸗ net hatte. Auf ſolche Art verlor der ungluͤckliche und ver⸗ liebte Cimon ſeine Iphigenia, die er kurz vorher erſt gewonnen hatte, ohne etwas anderes von ihr erhalten zu haben, als hoͤchſtens einen Kuß. Iphigenia ward von vielen edlen Frauen in Rho⸗ dus aufgenommen, und ſowol uͤber den Schmerz uͤber ihre Gefangennehmung, als auch uͤber die bei dem ſtuͤrmiſchen Meere ausgeſtandene Angſt getroͤſtet, und blieb bei dieſen bis an dem zu ihrer Hochzeit be⸗ ſtimmten Tage. Cimon und ſeinen Gefaͤhrten ward fuͤr die Frei⸗ heit, welche er den Tag vorher den jungen Rhodiern zugeſtanden hatte, das Leben geſchenkt, was Paſi⸗ Fünfter Tag. munda aus allen Kraͤften ihnen zu nehmen betrieb, ſie wurden zu ewigem Gefaͤngniß verdammt; in wel⸗ chem ſie denn, wie man wol glauben kann, ſehr trau⸗ rig, und ohne Hoffnung auf irgend eine Freude, ver⸗ blieben. Aber Paſimunda beſchleunigte, ſo viel er nur konnte, die Zubereitungen zur kuͤnftigen Hochzeit. Das Gluͤck indeſſen, gleichſam als wenn ihn das dem Cimon angethane ploͤtzliche Unrecht gereuete, fuͤhrte einen andern Umſtand zu ſeiner Rettung her⸗ bei. Paſimunda hatte einen Bruder, dem Alter, aber nicht den Tugenden nach geringer, welcher Or⸗ misda hieß, und in langen Unterhandlungen ſtand, ein edles und ſchoͤnes junges Maͤdchen aus der Stadt, welche Caſſandra hieß, und welche Liſimachus uͤber alles liebte, zur Gattin zu nehmen, allein die Ver⸗ bindung war durch verſchiedene Zufaͤlle mehrere Male vereitelt worden. Da ſich Paſimunda jetzt in die Nothwendigkeit verſetzt ſah, ſeine Verheirathung durch ein großes Feſt zu feiern, ſo hielt er es fuͤr ſehr gerathen, wenn er bei dieſem ſelben Feſte, um nicht zu Aus⸗ gaben und Feierlichkeiten zuruͤckkehren zu muͤſſen, es bewirken koͤnnte, daß Ormisda eben ſo auch eine Frau nähme. Deshalb ſprach er von neuem wieder mit Caſſandra's Eltern, und brachte es dahin, daß er und der Bruder mit ihnen beſchloſſen, Ormisda ſollte an demſelben JTage, an welchem Paſimunda Iphigenien heimfuͤhrte, Caſſandra heimfuͤhren. Da Liſimachus dies hoͤrte, mißfiel es ihm ſehr, MN — N 6 Erſte Novelle. 55 weil er ſich ſeiner Hoffnung beraubt ſah, welche er darin ſetzte, daß, wenn Ormisda ſie nicht naͤhme, er ſie bekommen wuͤrde. Indeſſen hielt er, wie ein kluger Mann, ſeinen Verdruß daruͤber verborgen, und dachte daruͤber nach, auf welche Art er es ver⸗ hindern koͤnnte, daß das nicht wirklich geſchähe; und da ſah er keinen andern moͤglichen Weg, als nur den, ſie zu rauben. Das ſchien ihm in Hinſicht des Amtes, was er bekleidete, zwar leicht, indeſſen hielt er es doch ſo fuͤr weit ungeziemender, als wenn er das Amt nicht gehabt haͤtte. Allein am Ende michte nach langer überlegung das Ehrgefuͤhl der Liebe Platz, und er faßte den Entſchluß, es moͤchte arch daraus entſtehen, was da wolle, Caſſandra zu rauben. Und als er uͤber die Begleitung nachdachte, wilche er zur Ausfuͤhrung beduͤrfte, und die Art und Weiſe, welche er dabei beobachten muͤßte, erinnerte er ſich des Cimon, den er mit ſeinen Gefaͤhrten im Gefaͤngniſſe hatte, und glaubte, er koͤnne keinen beſſern noch treuern Gefaͤhrten hierzu haben, als Einon. Deshalb ließ er ihn in der folgenden Nacht ganz insgeheim auf ſein Zimmer kommen, und fing auf folgende Art an mit ihm zu reden: Cimon, ſo wie die Goͤtter die beſten und libe⸗ ralſten Vertheiler ihrer Guͤter unter die Menſchen ſind, ſo ſind ſie auch die vorſichtigſten Prufer ihrer guten Eigenſchaften, und diejenigen, die ſie als feſt und fandhaft in allen Zufaͤllen befunden haben, hal⸗ ten ſie als tuͤchtige, der hoͤchſten Verdienſte wuͤrdig. Sie haben von Deinem Werthe eine weit ſichere Er⸗ 56 Fünfter Tag. fahrung machen wollen, als die, welche Du in den Graͤnzen des Hauſes Deines Vaters geben konnteſt, den ich ſelbſt im überfluß von Reichthuͤmern kennen gelernt habe. Darum haben ſie Dich zuerſt durch die nagenden Bekuͤmmerniſſe der Liebe von einem ge⸗ fuͤhlloſen Weſen, wie ich gehoͤrt habe, zu einem Menſchen gemacht, dann wollten ſie durch harte Schickſale, und jetzt durch ein kummervolles Gefaͤng⸗ niß ſehen, ob Dein Geiſt ſich wol geäͤndert habe in dem, was er war, als Du kurze Zeit Dich Dii⸗ ner gewonnenen Beute erfreuteſt. Iſt er nun noch eben ſo, wie er einſt war, ſo koͤnnen ſie Dir nichts ſo froͤhliches gewaͤhren, als das, was ſie Dir jetzt zu ſchenken vorhaben; und dies iſt meine Abſicht, Dir zu zeigen, damit Du Deine gewoͤhnlichen Kraͤfte wieder erhaͤltſt und muthig wirſt. Paſimunda, er⸗ freut uͤber Dein Ungluͤck, ſucht eifrigſt Deinen Tod zu befoͤrdern, ſo viel er nur kann, und beeilt ſih, F Vermaͤhlung mit Deiner Iphigenia zu feiern, amit er die Beute genieße, welche ein freundliches Geſchick zuerſt Dir zugeſtanden hatte, ploͤtzlich aher getruͤbt Dir wieder nahm. Wie ſchmerzhaft Dir dies ſeyn muß, wenn Du in dem Grade liebſt, wie ich glaube, erkenne ich an mir ſelbſt, gegen den ſein Bruder Ormisda ein, dem Deinigen aͤhnliches Un⸗ recht an einem und eben demſelben Tage, mir durch Caſſandra, die ich uͤber alles liebe, anzuthun vor hat. Um nun aber einem ſolchen Unrecht, und ſol⸗ cher Kraͤnkung vom Schickſale zu entfliehen, ſehe ich keinen andern Weg, den es uns offen gelaſſen — 6——„——„6„— — en—— — e+ — eee—— — — — N WwW M WwW— vW Erſte Novelle. hat, als nur die Kraft unſeres Geiſtes und unſerer Arme, mit welchen wir die Waffen ergreifen und uns den Weg bahnen muͤſſen, Du zu einem zweiten Raube, und ich zu dem erſten unſerer Geliebten. Wenn Dir daher Deine, ich will nicht ſagen Frei⸗ heit, um welche Du, wie ich glaube, ohne Deine Geliebte Dich wenig kuͤmmerſt, ſondern Deine Ge⸗ liebte wieder zu haben, lieb iſt, ſo haben die Goͤt⸗ ter ſie Dir, willſt Du mir bei meiner Unternehmung folgen, in die Haͤnde gegeben. Alle dieſe Worte riefen den entflohenen Muth bei Cimon wieder zuruͤck, und ohne lange uͤber ſeine Antwort anzuſtehen, ſagte er: Liſimachus, Du kannſt keinen tapferern noch treuerern Gefaͤhrten bei ſo etwas haben, als mich, wenn wirklich fuͤr mich das daraus erfolgen ſollte, was Du ſagſt; darum gib mir das auf, was Du glaubſt, das ich dabei zu thun habe, und Du ſollſt ſehen, wie ich mit wundervoller Kraft Dir folgen will. Hierauf ſagte Liſimachus: Nach drei Tagen von heute an, werden die jungen Frauen zum erſten Mal in die Haͤuſer ihrer Maͤnner einziehen, in dieſe wollen wir, Du mit Deinen Gefaͤhrten bewaffnet, und ich mit einigen der meinigen, auf welche ich mich feſt verlaſſen kann, gegen Abend hineingehen, dann wollen wir ſie mitten aus allen Gaͤſten rauben, ſie auf einem Schiffe, was ich im geheimen habe zuruͤſten laſſen, mit uns fortfuͤhren, und Jeden nie⸗ Fuͤnfter Tag. derſtoßen, der es ſich einfallen ließe, ſich uns zu widerſetzen. Dieſe Einrichtung gefiel Cimon, er blieb daher ganz ruhig bis zu der feſtgeſetzten Zeit im Gefäng⸗ niſſe. Der Hochzeitstag kam, der Prunk war groß und herrlich, und das Haus der beiden Bruͤder von al⸗ len Seiten von dem froͤhlichen Feſte erfuͤllt. Liſimachus hatte alles Noͤthige zubereitet, und theilte Eimon und deſſen Gefaͤhrten, ſo wie auch ſeine Freunde, welche unter den Kleidern alle be⸗ waffnet waren, als es ihm Zeit zu ſeyn duͤnkte, nachdem er ſie vorher mit vielen Worten zu ſeinem Vorhaben angefeuert hatte, in drei Theile. Vor⸗ ſichtigerweiſe hatte er einen davon nach dem Hafen geſandt, damit keiner verhindern koͤnnte, die Schiffe zu beſteigen, wenn es noͤthig wäre; mit den beiden andern ging er nach Paſimunda's Wohnung, dort ließ er den einen an der Thuͤr, damit keiner ſie von innen einſchließen und ihnen den Ausgang verwehren konnte, mit den übrigen ſtieg er zugleich mit Cimon die Treppe hinauf. Und ſobald ſie in den Saal ge⸗ kommen waren, wo die Neuvermaͤhlten, mit noch vielen andern Damen ſchon zum Eſſen, der Reihe nach, am Tiſche ſaßen, drangen ſie vor, warfen die Tiſche zu Boden, und ein Jeder ergriff die Seinige, dann befahlen ſie, nachdem ſie ſie ihren Gefaͤhrten in die Haͤnde uͤbergeben hatten, daß ſie ſie ſogleich nach dem in Bereitſchaft liegenden Schiffe hinfuͤhren ſoll⸗ ten. — Erſte Novelle. 59 Die Neuvermaͤhlten fingen an zu weinen und zu ſchreien, und ſo auch ebenfalls die andern Frauen und Diener, und ploͤtzlich war Alles in Aufruhr und mit Klagen erfuͤllt. Aber Eimon und Liſimachus zogen, ſo wie auch ihre Gefaͤhrten, die Säbel blank, und gelangten ohne den geringſten Widerſtand, da ihnen von Allen der Weg geoͤffnet ward, wieder zu⸗ ruͤck bis an die Treppe. Da ſie dieſe hinabſtiegen, kam ihnen Paſimunda entgegen, den, mit einem großen Pruͤgel in der Hand, der Laͤrm herbeigelockt hatte; muthig ſchlug Cimon ihn auf den Kopf, zer⸗ ſpaltete ihm denſelben, ſo daß er todt zu ſeinen Fuͤßen ſtuͤrzte. Ihm zur Huͤlfe eilte der ungluͤckliche Ormisda herbei, der aber eben ſo von einem der Hiebe Ci⸗ mons getoͤdtet ward; und ſo wurden auch noch ei⸗ nige Andere, die ſich herannahen wollten, von Liſi⸗ „machus und Cimons Gefaͤhrten verwundet und zu⸗ ruͤckgeſchlagen. Nachdem ſie auf ſolche Art das Haus, voll Blut, voll Getuͤmmel, voll Klagen und voll Traurigkeit gelaſſen hatten, kamen ſie, ohne weiteres Hinderniß, eiligſt mit ihrer Beute zuſammen nach dem Schiffe. Als ſie die Frauen da hinein gefuͤhrt, und ſelbſt mit allen ihren Gefaͤhrten hineingeſtiegen waren, tauch⸗ ten ſie, waͤhrend das Ufer ſich ſchon mit bewaffne⸗ tem Volke angefuͤllt hatte, was zur Wiedererlangung der Frauen herbeigekommen war, die Ruder ins Meer und fuhren froͤhlich davon. Da ſie in Creta angekommen waren, wurden günfter Tag⸗ ſie von vielen Freunden und Verwandten froͤhlich empfangen, heiratheten ihre Geliebten, wobei ſie ein großes Feſt anſtellten, und erfreuten ſich frohlich ihrer Beute. In Eipern und in Rhodus war der Lärm und die Unruhe uͤber ihre Wagſtuͤcke groß, und dauerte ſehr lange. Endlich aber, da ſich von der einen und der andern Seite ihre Freunde und Verwandte ins Mittel ſchlugen, fanden ſie einen Ausweg, daß nach einer kurzen Verbannung Eimon mit Iphigenien froh wieder nach Cipern zuruͤckkam, und eben ſo auch Liſimachus mit Caſſandra wieder nach Rhodus heim⸗ kehrte; und Jeder lebte lange mit ſeiner Gattin zu⸗ frieden auf ſeinem Landgute. Zweite Novelle. Goſtanza liebt Martuccio Gomito; da ſie hoͤrt, baß er geſtorben waͤre, ſetzt ſie ſich voll Verzweiflung in eine Barke, welche vom Sturme nach Suſa verſchlagen wird: ſie findet ihn lebendig in Tunis, gibt ſich ihm zu er⸗ kennen, und er, der wegen eines gegebenen Rathes bei dem Koͤnige in großem Anſehen ſtand, heirathet ſie, und kehrt als ein reicher Mann mit ihr nach Lipari zuruͤck. Da die Koͤnigin merkte, daß Pamphilus No⸗ velle geendet wäre, gab ſie, nachdem ſie ſie ſehr gelobt hatte, Emilen auf, daß ſie mit der Erzaͤh⸗ lung einer andern folgen moͤchte, und dieſe fing alſo an: Jeder muß das mit allem Rechte lieben, wor⸗ auf er den Lohn ſeiner Anhaͤnglichkeit gemäß erfol⸗ gen ſieht. Und eben weil Lieben mit der Zeit doch „ Zweite Novelle. 61 eher Freude als Kummer verdient, ſo gehorche ich mit viel groͤßerem Vergnuͤgen, wenn ich uͤber den gegenwaͤrtigen Stoff ſpreche, weit lieber der Koͤni⸗ gin, als bei dem vorhergehenden, dem Koͤnige. Ihr ſollt alſo wiſſen, zaͤrtliche Maͤdchen, in der Naͤhe von Sizilien iſt ein Inſelchen, Namens Li⸗ pari, auf welcher, es iſt noch nicht lange her, ein ſehr ſchoͤnes Maͤdchen, Goſtanza genannt, lebte, von ſehr ehrenvollen Leuten auf der Inſel erzeugt. In dieſe verliebte ſich ein junger Mann mit Namen Martuccio Gomito, ſehr artig, geſittet und in ſei⸗ nem Geſchaͤft ganz brauchbar; auch ſie war eben ſo gegen ihn entbrannt, daß ſie kein anderes Gluͤck kannte, als nur wenn ſie ihn ſah. Und da Martus⸗ cio ſie zur Frau zu haben wuͤnſchte, ließ er beim Vater um ſie anhalten; der aber gab zur Antwort, er waͤre arm, und deshalb wuͤrde er ſie ihm nicht geben. Martuccio aufgebracht daruͤber, ſich ſeiner Ar⸗ muth wegen zuruͤckgeſetzt zu ſehen, verſchwur ſich gegen einige ſeiner Freunde und Anverwandte, nim⸗ mermehr anders als reich wieder nach Lipari zuruͤck⸗ zukehren. Er ging daher wirklich fort, und fing an, an den Kuͤſten der Barbarei Seeraͤuberei zu treiben, und Jeden zu beranben, der weniger vermochte als er. Das Glück war ihm hierin ſehr guͤnſtig, wenn er ſeinem Gluͤcke nur ein Ziel zu ſetzen gewußt hätte. Aber da es ihm nicht genuͤgte, daß er und ſeine Ge⸗ faͤhrten in kurzer Zeit ſehr reich geworden waren, da ſie uͤberreich zu werden ſuchten, ereignete es ſich, Funfter Tag. daß er mit ſeinen Gefaͤhrten nach einem langen Kam⸗ pfe von einigen ſarazeniſchen Schiffen gefangen und beraubt, und ein großer Theil derſelben von den Sa⸗ razenen geſaͤckt ward; das Schiff ward in den Grund gebohrt, er nach Tunis gefuͤhrt, ins Gefaͤngniß ge⸗ worfen, und im Elende lange darin aufbewahrt. Nach Lipari kam nicht durch einen oder zwei, ſondern durch viele und verſchiedene Leute die Nach⸗ richt, daß alle diejenigen, welche mit Martuccio ſich auf dem Schiffe befunden haͤtten, erſaͤuft worden waͤren. Das Maͤdchen, uͤber Martuccio's Abreiſe uͤber alle Maßen betruͤbt, hoͤrte, daß er mit den Andern umgekommen waͤre, klagte lange daruͤber und be⸗ ſchloß, nicht laͤnger leben zu wollen. Da ſie aber nicht das Herz hatte, ſich ſelbſt gewaltthaͤtig umzu⸗ bringen, dachte ſie darauf, ihrem Tode eine neue Art von Nothwendigkeit zu geben. Sie ging ganz ſtill aus dem Hauſe ihres Vaters in der Nacht hin⸗ aus, und ſobald ſie an den Hafen gekommen war, fand ſie von ungefaͤhr einen kleinen Fiſcherkahn, der von den andern Schiffen etwas entfernt lag, und, weil die Beſiczer deſſelben eben herausgeſtiegen wa⸗ ren, mit Maſt, Segel und Rudern verſehen war. In dieſen ſtieg ſie ſchnell ein, ſtieß ſich mit den Rudern ein wenig ins Meer hinein(ſie verſtand et⸗ was von der Schifffahrtskunſt, wie im allgemeinen alle Frauen auf dieſer Inſel), und ſpannte die Se⸗ gel, die Ruder aber und das Steuer warf ſie weg, und uͤberließ ſich ganz dem Winde, indem ſie der S*—* U — Zweite Novelle. 63 Meinung war, der Wind muͤſſe nothwendig eine Barke ohne Ladung und ohne Steuerruder entweder umwerfen, oder ſie an einen Felſen werfen und zer⸗ ſchellen, weshalb ſie ſelbſt dann, auch wenn ſie ent⸗ kommen wollte, es nicht koͤnnte, ſondern nothwendig ertrinken muͤßte. Sie huͤllte daher den Kopf in ei⸗ nen Mantel, und legte ſich weinend auf den Boden der Barke. Aber es kam ganz anders, als ſie es geglaubt hatte; denn der Wind, welcher wehte, war der Nordwind, und ſehr ſanft, das Meer ging bei⸗ nahe gar nicht, und leitete die Barke ganz gut, ſo daß ſie gegen die Nacht des folgenden Tages, nach⸗ dem ſie eingeſtiegen war, gegen Abend, wol an hun⸗ dert Meilen uͤber Tunis hinaus, nach einer Gegend in der Naͤhe einer Stadt, Namens Suſa, hinge⸗ bracht worden war. Das Maͤdchen wußte nicht, ob ſie auf dem Lande oder im Meere ſich befaͤnde, da ſie um keines Zu⸗ falles willen den Kopf in die Hoͤhe gehoben hatte, noch in die Hoͤhe zu heben geſonnen war. Von ungefaͤhr war, als die Barke an das ufer anſchlug, eine alte Frau am Ufer, welche die Netze ihrer Fiſcher aus der Sonne nahm; als dieſe die Barke ſah, verwunderte ſie ſich, wie dieſelbe mit vollem Segel haͤtte ans Land getrieben werden kön⸗ nen. Sie dachte daher, daß die Fiſcher in derſelben ſchliefen, und trat näher zur Barke hinan, allein da ſie weiter keinen Menſchen darin ſah, als dieſes Maͤdchen, welches ganz feſt ſchlief, ſo rief ſie ſie mehrere Male; und da ſie ſie endlich wieder zu ſich 64 Fuͤnfter Tag⸗ gebracht, und am Anzuge erkannt hatte, daß ſie eine Chriſtin waͤre, fragte ſie ſie in italieniſcher Spra⸗ che, wie es doch nur zugegangen, daß ſie hier in dieſer Barke ſo ganz allein angelandet wäre. Sobald das Maͤdchen die italieniſche Sprache hoͤrte, befuͤrchtete ſie, ob vielleicht ein anderer Wind ſie nach Lipari wieder zuruͤckgebracht haͤtte; ſie rich⸗ tete ſich daher ſchnell auf, ſah ſich um, und da die Gegend ihr ganz unbekannt war, ſie aber doch ſah, daß ſie auf feſtem Lande waͤre, fragte ſie das gute Weib, wo ſie denn waͤre. Worauf die gute Alte ihr antwortete: Meine Jochter, Du biſt in der Naͤhe von Suſa, in der Barbarei. Da die Jungfran dies gehoͤrt hatte, trauerte ſie daruͤber, daß Gott ihr nicht hatte den Tod zuſenden wollen, ſchaͤmte ſich und wußte nicht, was ſie ma⸗ chen ſollte; ſie ſetzte ſich daher ans Ende ihrer Barke wieder nieder, und fing an zu weinen. Da die gute Alte dies ſah, regte ſich fuͤr ſie ihr Mitleiden, und ſie bat ſie daher ſo ſehr, daß ſie ſie in ihre Hutte fuͤhren konnte, und hier ſchmeichelte ſie ihr ſo lange, bis jene ihr endlich ſagte, wie ſie hierher gekommen waͤre. Die gute Alte merkte hier⸗ aus, daß ſie noch nuͤchtern wäre; ſie machte ihr alſo etwas hartes Brot, einen Fiſch und ein wenig Waſſer zurecht, und hoͤrte nicht eher auf ſie zu bit⸗ ten, bis ſie endlich ein wenig aß. Goſtanza fragte nächher, wer denn die gute Alte waͤre, da ſie ſo gut italieniſch ſpräche. Zweite Novelle. 65 Hierauf ſagte ſie ihr, daß ſie von Trapani wäre, Carapreſa hieße, und hier einige chriſtliche Fiſcher bediene. Sobald die Jungfrau den Namen Carapreſa*) hoͤrte, faßte ſie, ſo ſehr betruͤbt ſie auch war, und ſelbſt nicht wußte, was fuͤr ein Grund ſie dazu be⸗ wegte, bei ſich eine gute Vorbedeutung, dieſen Na⸗ men gehoͤrt zu haben, und fing ſowol an zu hoffen, ohne ſelbſt zu wiſſen was, als auch in dem Wunſche nach dem Tode etwas nachzulaſſen. Indeſſen, ohne ihr zu entdecken, wer ſie waͤre, noch woher ſie kaͤme, bat ſie die gute Alte recht herzlich, daß ſie um Gottes Barmherzigkeit willen Mitleiden mit ihrer Jugend haben, und ihr doch irgend einen Rath geben moͤchte, wie ſie dem entgehen koͤnnte, daß ihr keine Unehre angethan wuͤrde. Da Carapreſa, als ein rechtliches Weib, dieſe ſo reden gehoͤrt hatte, hieß ſie ſie in ihrer Huͤtte bleiben, nahm ſchnell ihre Netze zuſammen, und kehrte zu ihr zuruͤck; dann huͤllte ſie ſie ganz und gar in ihren Mantel ein, und nahm ſie mit ſich nach Suſa. Sobald ſie hier angekommen war, ſagte ſie zu ihr: Goſtanza, ich werde Dich in das Haus einer vortrefflichen Sarazenerin fuͤhren, der ich oft bei ihren Geſchaͤften Dienſte leiſte, ſie iſt von alten Sitten und mitleidig; ich will Dich ihr empfehlen, ſo gut ich nur immer kann, und ich bin feſt uͤber⸗ zeugt, daß ſie Dich gern aufnehmen, und wie ihre *) Heißt ſo viel als kieber Fund. Boccaccio's ſammtl. W. 4. 66 Fuͤnfter Tag⸗ Tochter behandeln wird. Biſt Du dann bei ihr, ſo vemuhe Dich nach Deinen Kraͤften, ihr zu dienen, und dadurch ihre Gunſt zu erwerben, bis Gott Dir ein anderes Schickſal zuſchickt. Geſagt, gethan. Die Frau, die ſchon alt war, ſah, da ſie jener Reden angehoͤrt hatte, der Jungfrau ins Geſicht, und fing an zu weinen; ſie faßte ſie an, kuͤßte ihr die Stirn, und fuͤhrte ſie dann bei der Hand in ihre Kammer, worin ſie mit noch einigen andern Frauen, ohne einen Mann, wohnte. Sie arbeiteten alle Ver⸗ ſchiedenes mit ihren Haͤnden, und machten mancher⸗ lei Arbeiten von Seide, von Stroh und von Leder. Von dieſen lernte die Jungfrau in wenig Tagen ir⸗ gend was, und fing mit ihnen an zu arbeiten. Sie kam bei der Frau und auch bei den Andern in ſol⸗ che Gunſt und in ſolche außerordentliche Liebe, daß es zum Bewundern war, und in einem kurzen Zeit⸗ raume lernte ſie auch, da ſie es ihr lehrten, ihre Sprache. Da nun die Jungfrau in Suſa lebte, aber in ihrer Familie als verloren und fuͤr todt beweint wor⸗ den war, begab es ſich, daß, gerade als einer, mit Namen Mariabdela, Koͤnig in Tunis war, ein jun⸗ ger Mann, von großer Familie und vieler Macht, welcher in Granada lebte, ſagte, ihm gehoͤre das Konigreich Junis. Er brachte daher eine große Menge Volks zuſammen, und fiel uͤber den Koͤnig von Tunis her, um ihn aus dem Reiche zu verjagen. Dies kam Martuccio Gomtio im Gefängniſſe zu Ohren, der ſehr gut Barbareskiſch verſtand; und da Zweite Novelle. o er hörte, daß der Koͤnig von Tunis große Anſtren⸗ gungen zu ſeiner Vertheidigung mache, ſo ſagte er r zu einem von denen, welche ihn und ſeine Gefaͤhrten bewachten: wenn ich mit dem Koͤnige ſprechen konnte, ſo ſagt mir mein Inneres, daß ich ihm einen Rath geben koͤnnte, wodurch er den Krieg gewinnen wuͤrde. r Die Wache ſagte dieſe Worte ihrem Herrn, der ſie unverzuͤglich dem Koͤnige hinterbrachte. , Der Koͤnig befahl daher, daß Martuccio ihm ⸗ vorgefuͤhrt werden ſollte, und fragte ihn, was denn r⸗ ſein Rath wäre. r. Er antwortete: Gnaͤdiger Herr, wenn ich zu r⸗ andern Zeiten, als ich in Euren Gegenden hier Ver⸗ ie kehr trieb, meine Gedanken auf die Art und Weiſe l⸗ richtete, welche Ihr bei Euren Schlachten beobach⸗ tet, ſo ſchien es mir, daß Ihr ſie mehr mit Bogen⸗ it⸗ ſchutzen, als mit Etwas anderem, fuͤhrt; waͤre daher re ein Mittel zu finden, daß es den Bogenſchuͤtzen Eures Feindes an Pfeilen fehlte, und die Eurigen ſie im in überfluß haͤtten, ſo bin ich der Meinung, daß Ihr r⸗ die Schlacht gewinnen wuͤrdet. it Hierauf ſagte der Koͤnig: Ohne Zweifel, wenn n⸗ das geſchehen koͤnnte, ſo glaube ich Sieger zu ſeyn. bt, Martuccio ſagte zu ihm: Mein Herr, wenn as Ihr nur wollt, ſo kann das wol geſchehen, und oße hort, wie. Ihr muͤßt an den Bogen Eurer Bogen⸗ nig ſchuͤtzen weit duͤnnere Sennen machen laſſen, als die⸗ en. jenigen ſind, welche fuͤr alle gewoͤhnlich gebraucht zu werden, und dann muͤßt Ihr Pfeile machen laſſen, deren Einſchnitt fuͤr keine andere, als nur fur dieſe Fünfter Tag⸗ Sennen gut ſind. Dies muß aber ſo im geheimen geſchehen, daß Euer Feind nichts davon erfaͤhrt, ſonſt wuͤrde er ein Mittel dagegen finden. Der Grund, warum ich dies ſage, iſt folgender: Wenn die Bo⸗ genſchuͤtzen Eures Feindes ihre Pfeile werden ver⸗ ſchoſſen haben, und die Eurigen ihre, ſo wißt Ihr, muͤſſen Eure Feinde diejenigen, welche die Eurigen verſchoſſen haben, waͤhrend der Schlacht aufſam⸗ meln, ſo wie die unſrigen Jener aufſammeln muͤſſen; aber die Feinde werden die von den Eurigen abge⸗ ſchoſſenen Pfeile wegen der kleinen Einſchnitte nicht gebrauchen können, in welche die dicken Sennen nicht paſſen; bei den Eurigen aber wird das Gegentheil mit den Pfeilen der Feinde erfolgen, weil die duͤnne Senne den Pfeil, der einen weiteren Einſchnitt hat, ſehr gut aufnimmt; und ſo werden die Eurigen Pfeile uͤberfluͤſſig haben, da im Gegentheil die an⸗ dern Mangel daran haben werden. Dem Koͤnige, der ein weiſer Herr war, gefiel der Rath Martuccio's, und da er ihn gaͤnzlich be⸗ folgte, fand er, daß er dadurch den Krieg gewonnen habe; Martuccio kam daher ſehr bei ihm in Gna⸗ den, und deshalb auch in große und reiche Umſtaͤnde. Der Ruf hiervon verbreitete ſich durch die Ge⸗ gend, und es kam auch zu Goſtanza's Ohren, daß Martuccio Gomito am Leben waͤre, den ſie ſchon lange fuͤr todt gehalten haͤtte; daher ward die Liebe zu ihm, die ſchon in ihrem Herzen lau zu werden anfing, von neuem entflammt, und, noch groͤßer ge⸗ worden, erweckte ſie die erſtorbene Hoffnung wie⸗ 6 *— Zweite Novelle. der. Sie eroffnete daher der guten Frau, bei wel⸗ cher ſie wohnte, unverhohlen alle ihre Schickſale, und ſagte zu ihr, ſie wuͤnſche nach Tunis zu gehen, um ihre Augen an dem zu ſaͤttigen, wonach ihre Ohren, durch die empfangenen Worte, ſie begierig gemacht haͤtten. Dieſe lobte ihren Wunſch ſehr, und, als waͤre ſie ihre Mutter geweſen, beſtieg ſie eine Barke, und ging mit ihr nach Junis, woſelbſt ſie mit Goſtan⸗ zen in dem Hauſe einer ihrer Anverwandtinnen eh⸗ renvoll aufgenommen wurde. Und da Carapreſa mit ihr gegangen war, ſchickte ſie dieſe aus, um auszu⸗ forſchen, was ſie von Martuccio nur auffinden könnte; da ſie wirklich aufgefunden hatte, daß er am Leben, und in einem vornehmen Stande waͤre, und ſie ihr dieſe Nachricht zuruͤckgebracht hatte, ſo wollte dies brave Weib gern diejenige ſeyn, die es Martuccio zu wiſſen thaͤte, daß ſeine Goſtanza hierher zu ihm gekommen waͤre. Sie ging daher eines Tages da⸗ hin, wo ſich Martuccio befand, und ſagte zu ihm: Martuccio, in meinem Hauſe iſt einer Deiner Diener eingetroffen, der von Lipari kommt, und Dich hier im geheimen ſprechen will, allein um mich nicht Andern daruͤber anzuvertrauen, ob er es zwar gleich wollte, bringe ich ſelbſt Dir die Nachricht. Martuccio dankte ihr, und ging mit ihr nach ihrem Hauſe. Als die Jungfrau ihn ſah, wäre ſie vor Freu⸗ den faſt geſtorben, ſie konnte ſich nicht halten, ihm mit offenen Armen um den Hals zu fallen und zu Fuͤnfter Tag. umarmen; und in dem ſuͤßen Nachgefühle der ver⸗ gangenen Ungluͤcksfaͤlle, ſo wie der gegenwaͤrtigen Freude, fing ſie, ohne nur irgend etwas ſagen zu koͤnnen, innig geruͤhrt an zu weinen. Martuccio blickte die Jungfran an, ſtand etwas verwundert da, und ſagte dann erſeufzend: O meine Goſtanza, biſt Du noch am Leben? ſchon lange her iſt es, daß ich hoͤrte, Du ſeyeſt verloren, und bei uns zu Lande wußte man von Dir auch nicht das Geringſte; und nachdem er dies geſagt hatte, um⸗ armte er ſie zaͤrtlich mit Thraͤnen und kuͤßte ſie. Goſtanza erzaͤhlte ihm alle ihre Schickſale und die Ehre, die ſie von der edlen Dame erhalten hatte, bei welcher ſie gewohnt hätte. Nach vielen Reden trennte ſich Martuccio von ihr, ging zum Koͤnige, ſeinem Herrn, und erzählte ihm alles, das heißt, ſeine und der Jungfrau Zu⸗ fulle, fuͤgte aber auch ſogleich hinzu, daß er mit ſei⸗ ner Erlaubniß beabſichtige, ſie nach unſern Geſetzen zu heirathen.* Der Koͤnig war uͤber alles dies ſehr verwundert, und ließ die Jungfrau vor ſich kommen. Nachdem er dann von ihr gehoͤrt hatte, daß es ſo wäre, wie Martuecio erzaͤhlt hatte, ſagte er: Allerdings haſt Du ihn auf dieſe Art zum Manne verdient. Dann ließ er große und edle Geſchenke bringen, von denen er einen Theil ihr, einen Theil an Martuccio gab, und ſtellte es ihnen anheim, das unter ſich auszu⸗ machen, was einem Jeden am willkommenſten waͤre. Martuccio belohnte hierauf die edle Frau, bei Dritte Novelle. 74 welcher Goſtanza gewohnt hatte, reichlich, dankte ihr fuͤr das, was ſie zu ihrem Dienſte gethan, be⸗ ſchenkte ſie mit Geſchenken, wie ſie ſich fur ſie ſchick⸗ ten, und, nachdem er ſie darauf Gott empfohlen hatte, trennte ſie ſich, nicht ohne viele Thraͤnen, von Go⸗ ſtanzen. Hierauf beſtiegen ſie mit Genehmigung des Koͤnigs ein Schiſſchen, und mit ihnen kehrte Cara⸗ preſa, mit gluͤcklichem Winde nach Lipari zuruͤck, wo⸗ ſelbſt daruͤber eine ſolche Freude war, wie ſich gar nicht ſagen läßt. Hier heirathete ſie Martuccio, machte eine große und ſchoͤne Hochzeit, und dann ge⸗ naſſen ſie mit einander in Frieden und Ruhe lange Zeit ihre Liebe. Dritte Novelle. Peter Voccamazza entflieht mit Agnolella, und ſtoßt auf Räuber; die Jungfrau entflieht durch einen Wald, und wird nach einem Schloſſe gebracht. Peter wird gefan⸗ gen, entkommt aber auch den Haͤnden der Raͤuber, und nach einigen Unfällen gelanßt er nach eben dem Schloſſe, auf welchem ſich Agnolella befindet, heirathet ſie und kehrt mit ihr nach Rom zuruͤck. Keiner war unter allen, der nicht Emiliens No⸗ velle gelobt haͤtte; ſobald aber die Koͤnigin merkte, daß ſie geendigt wäre, wandte ſie ſich zu Eliſen, und trug ihr auf, fortzufahren. Dieſe begierig, zu gehorchen, fing an: Schoͤne Damen, es kommt mir eine boͤſe Racht ins Gedaͤchtniß, welche zwei zu wenig vorſichtige Liebende hatten; indeſſen da ihr viele froͤhliche Tage 72 Fünfter Tag. folgten, ſo moͤchte ich ſie wol, weil ſie unſerm Vor⸗ haben ſo conform iſt, erzaͤhlen. In Rom, welches heute der Schwanz, ſo wie es einſt das Haupt der Welt war, lebte, es iſt noch nicht lange Zeit her, ein junger Mann, Peter Boc⸗ camazza genannt, von einer ſehr ehrenwerthen roͤmi⸗ ſchen Familie, welcher ſich in eine ſehr ſchoͤne und liebenswuͤrdige Jungfrau, Namens Agnolella, ver⸗ liebte, die Jochter eines gemeinen, uͤbrigens den Roͤ⸗ mern ſehr werthen Mannes, Gigliuozzo Saullo. Da er ſie herzlich liebte, wußte er es auch dahin zu brin⸗ gen, daß die Jungfrau ihn nach und nach nicht we⸗ niger liebte, als er ſie liebte. Peter, von heißer Liebe gezwungen, und uͤberzeugt, er koͤnne die herbe Qual nicht laͤnger ertragen, welche die Sehn⸗ ſucht nach ihr ihm verurſache, erbat ſie ſich zur Frau. Sobald ſeine Verwandten dies erfuhren, drangen ſie alle in ihn, und tadelten ihn ſehr uͤber das, was er zu thun im Begriff ſtaͤnde; anderer Seits ließen ſie an Gigliuozzo Saullo ſagen, er moͤchte unter keiner Bedingung auf Pietro's Worte hoͤren, denn wenn er es thaͤte, wuͤrden ſie ihn doch nie als einen Freund, viel weniger als einen Verwandten anerkennen. Da Peter ſich dieſen Weg verſperrt ſah, auf wel⸗ chem allein er ſeinen Wunſch zu erfuͤllen glaubte, woll⸗ te er vor Schmerz ſterben; und wenn nur Gigliuozzo eingewilligt haͤtte, ſo wuͤrde er ſelbſt gegen den Wil⸗ len aller ſeiner Verwandten, ſo viel er deren hatte, die Jungfrau zur Gattin genommen haben. Er ſetzte N Dritte Novelle. 73 ſich daher in den Sinn, wenn es nur der Jungfrau gefiele, es ſchon zu veranſtalten, daß die Sache zur Wirklichkeit kͤme; und da er von einer Mittels⸗ perſon erfahren hatte, daß es der Jungfrau lieb waͤre, ſo kam er mit ihr dahin uͤberein, aus Rom zu entfliehen. Nachdem Peter alles hierzu eingerichtet hatte, ſtand er eines Morgens ſehr fruͤh auf, ſtieg mit ihr zu Pferde, und ſie nahmen den Weg nach Alagna, wo⸗ ſelbſt Peter einige Freunde hatte, auf welche er ein großes Vertrauen ſetzte. Da ſie nun ſo ritten, ſpra⸗ chen ſie, weil ſie nicht Zeit gehabt hatten, vorher Hoch⸗ zeit zu machen, indem ſie befurchteten, verfolgt zu werden, unterwegs nur mit einander von ihrer Liebe, und gaben ſich zuweilen einer dem andern einen Kuß. Nun geſchah's, daß, weil Petern der Weg nicht genug bekannt war, da ſie vielleicht wol ſchon acht Miglien von Rom entfernt ſeyn mochten, ſie ei⸗ nen Weg links einſchlugen, da ſie ſich rechts halten mußten. Sie waren auch noch nicht zwei Miglien weiter geritten, ſo ſahen ſie ſich in der Naͤhe eines Caſtels, aus welchem, da ſie geſehen worden waren, ſogleich wol an zwoͤlf Knechte herauskamen. Als ſie ihnen ſchon ſehr nahe waren, ſah ſie die Jungfrau, ſie rief daher: Peter, laß uns eilen, daß wir fort⸗ kommen, wir werden uͤberfallen, und dann warf ſie, ſo gut ſie nur konnte, ihren Klepper einem großen Walde zu. Sie druͤckte ihm die Sporen in die Seite, und hielt ſich am Sattelknopf; der Klepper fuͤhlte 74 Fünfter Tag. ſich geſtochen, und brachte ſie im vollen Laufe nach dem Walde hin. Peter, der mehr nach ihrem Geſichte, als auf den Weg hinſah, hatte, nicht ſo bald wie ſie, die Knechte, als ſie kamen, geſehen, denn ohne ſie zu bemerken, ſchaute er noch umher, wo ſie herkaͤmen, und daher ward er von ihnen uͤberfallen, gefangen genommen, und mußte von ſeinem Klepper hinab⸗ ſteigen. Sie fragten ihn, wer er waͤre, und nachdem er es geſagt hatte, hielten ſie einen Rath unter ſich, und ſagten: Das iſt ein Freund unſerer Feinde! was ſollen wir anders mit ihm machen, als ihm ſeine Kleider und dieſen Klepper nehmen“ und ihn dann zum Trotz der Orſini an eine dieſer Eichen auf⸗ knuͤpfen. Da ſie ſich alle uͤber dieſen Rath vereinigt hat⸗ ten, befahlen ſie Petern, daß er ſich auszoͤge. Als er, ſein Ungluͤck vorausſehend, ſich nun auszog, er⸗ eignete es ſich, daß wohl fuͤnfundzwanzig Knechte ploͤtzlich aus einem Hinterhalte hervorbrachen, auf dieſe losgingen, und ihnen zuriefen: Schlagt ſie todt, ſchlagt ſie todt! Jene, hiervon uͤberraſcht, ließen Petern ſtehen, und wandten ſich zu ihrer Ver⸗ theidigung; aber da ſie ſahen, daß ihrer viel weni⸗ ger waͤren, als der Angreifenden, nahmen ſie nach und nach die Flucht, und dieſe verfolgten ſie. Sobald Peter dies ſah, packte er ſchnell ſeine Sachen zuſammen, ſprang wieder auf ſeinen Klep⸗ per, und ſetzte, ſo gut er nur konnte, ſeine Flucht Dritte Novelle. auf dem Wege fort, auf welchem er die Jungfrau hatte entfliehen ſehen. Indeſſen, da er in dem Walde weder einen Weg, noch einen Fußſteig ſah, noch eine Pferdetrappe erkennen konnte, er ſich auch nun ſicher, und aus den Haͤnden ſowol derer, die ihn ergriffen hatten, als auch der Andern, von denen Jene angefallen worden waren, entkommen zu ſeyn glaubte, ſo fing er an, da er ſeine Geliebte nicht wieder fand, betruͤbter, als nur ein Menſch ſeyn konnte, zu klagen, und hierhin und dorthin zu gehen, indem er ſie den ganzen Wald durch rief. Allein Nie⸗ mand antwortete ihm; zuruͤckzukehren wagte er auch nicht, und wenn er weiter vorginge, ſo wußte er nicht, wo er hinkommen wuͤrde. Anderer Seits hatte er vor dem Wilde, was in dem Walde zu hauſen pflegte, ſowol fuͤr ſich als auch fuͤr ſeine Geliebte, die er jeden Augenblick von einem Bären oder einem Wolfe erwuͤrgt zu ſehen ſich vorſtellte, große Furcht. Dieſer ungluͤckliche Peter ging daher den ganzen Tag in dem Walde umher, und rief und ſchrie, und kehrte in demſelben Angenblicke wieder zuruͤck, gerade wenn er vorwaͤrts zu gehen glaubte. Endlich war er von dem Rufen, von dem Weinen, von der Furcht und von der langen Ruͤchternheit ſo erſchoͤpft, daß er nicht weiter konnte. Da er merkte, daß die Nacht ſchon herangenahet waͤre, und keinen andern Rath zu faſſen wußte, ſtieg er, nachdem er eine große Eiche gefunden hatte, von dem Klepper hinab, band ihn an die Eiche an, und ſtieg da, um nicht von dem Wilde in der Nacht gefreſſen zu werden, hinauf⸗ Fünfter Tag⸗ Bald darauf ging der Mond auf, und das Wetter war ſehr helle; indeſſen Peter hatte doch nicht das Herz einzuſchlafen, um nicht hinunter zu fallen, ob⸗ gleich, wenn er auch Luſt dazu gehabt haͤtte, weder der Schmerz, noch die Gedanken, die er ſich uͤber ſeine Geliebte machte, es zugelaſſen haͤtten; er blieb daher, ſeufzend, weinend, und ſein Ungluͤck bei ſich verwuͤnſchend, ganz wach. Die Jungfrau wußte auf ihrer Flucht, wie wir vorher geſagt haben, eben ſo wenig, wohin ſie ſich wenden ſollte, als ihr Klepper ſelbſt, ſie vertiefte ſich daher ſo weit in den Wald hinein, daß ſie die Stelle gar nicht mehr erblicken konnte, wo ſie hin⸗ eingekommen war; deshalb lief ſie, eben ſo wie Peter, den ganzen Tag, bald wartend, bald herum⸗ gehend, und weinend und rufend, und ſich uͤber ihr Ungluͤck beklagend, an dem wilden Orte umher. End⸗ lich, da ſie ſah, daß Peter nicht kam, und es auch ſchon Abend war, ſchlug ſie einen kleinen Fußſteig ein; als ſie ſich auf dieſem befand, und der Klep⸗ per ihn immer verfolgte, ſo daß ſie wol ſchon mehr als zwei Miglien geritten war, ſah ſie von weitem eine Huͤtte; auf dieſe eilte ſie zu, ſo ſchnell ſie nur konnte, und hier traf ſie einen ſehr bejahrten Mann mit ſeiner Frau, welche ebenfalls alt war. Als dieſe ſie ſo allein kommen ſahen, ſagten ſie: Tochter, was machſt Du ſo allein zu dieſer Zeit in dieſer Gegend hier? Das Maͤdchen antwortete mit Thraͤnen, daß ſie -— — W — e -— Dritte Novelle. ſich in dem Walde von ihrer Geſellſchaft verirrt hätte, und fragte, wie weit Alagna wäre. Der gute Mann antwortete ihr: Mein Kind, dies iſt nicht der Weg, um nach Alagna zu kommen, das iſt noch an zwoͤlf Miglien weit. Das Maͤdchen ſagte: Sind wol Haͤuſer hier, wo ich uͤbernachten koͤnnte? Worauf der gute Mann antwortete: Sie ſind nirgends ſo nahe hier, daß Du noch am Tage hin⸗ kommen koͤnnteſt. Das Maͤdchen ſagte: Waͤret Ihr denn wol ſo gut, weil ich nirgends anders hingehen kann, mich um einen Gottes Lohn dieſe Nacht hier zu behalten? Der gute Mann verſetzte: Maͤdchen, daß Du dieſen Abend bei uns bleibſt, iſt uns lieb, indeſſen wollen wir Dich doch darauf aufmerkſam machen, daß in dieſen Gegenden Tag und Nacht, Freunde und Feinde truppweiſe herumziehen, und viel Unheil und Schaden anſtiften, und wenn ungluͤcklicherweiſe, waͤhrend Du bei uns biſt, welche kaͤmen, und ſähen Dich, wie Du ein huͤbſches junges Maͤdchen biſt, ſo koͤnnten ſie Dir wol Schmach und Schande anthun, und wir koͤnnten Dir nicht helfen. Das wollen wir Dir vorausſagen, damit Du nachher, wenn ſo etwas geſchehen ſollte, uns keine Vorwuͤrfe daruͤber machen kannſt. Da das Mädchen ſah, daß es ſchon ſpät war, ſo ſagte ſie, ovgleich die Worte des Alten ſie in Furcht ſetzten: Wenn es Gottes Wille iſt, ſo wird er Euch und mich vor ſolchem Kummer bewahren, 78 Fünfter Tag. indeſſen, wenn mir dergleichen begegnete, ſo iſt es doch bei weitem nicht ſo ſchlimm, von Menſchen ge⸗ mißhandelt, als in den Waͤldern von wilden Thieren zerriſſen zu werden. Nachdem ſie dies geſprochen hatte, ſtieg ſie von ihrem Klepper ab, ging in das Haus des armen Mannes hinein, und aß daſelbſt mit ihnen aͤrmlich von dem, was ſie gerade hatten; dann legte ſie ſich ganz angekleidet mit ihnen gemeinſchaftlich auf eins ihrer Betten, aber hoͤrte die ganze Nacht nicht auf, uͤber ihr und Peters Ungluͤck zu ſeufzen, da ſie gar nicht wußte, ob ſie irgend etwas anderes, als nur Schlimmes von ihm hoffen koͤnnte. Da ſich der Mor⸗ gen naͤherte, hoͤrte ſie ein großes Trampeln von Menſchen ſich nahen; deshalb ſtand ſie auf und ging in den großen Hof, welchen das kleine Haͤuschen hin⸗ ter ſich hatte, und da ſie auf einer Stelle deſſelben viel Heu bemerkte, verbarg ſie ſich darin, damit, wenn die Leute hieher kämen, ſie nicht ſobald gefun⸗ den werden moͤchte. Kaum hatte ſie ſich voͤllig darin verborgen, als die⸗ jenigen, welche wirklich ein großer Haufen ſchlechter Menſchen waren, vor der Thuͤr des kleinen Hauſes ſtanden, es ſich oͤffnen ließen und hinein gingen. Da ſie den Klepper des Mädchens noch gans geſattelt fanden, fragten ſie, wer da wäre? Weil der gute Alte das Maͤdchen nicht ſah, ant⸗ wortete er: Keiner iſt weiter hier, als wir. Aber dieſer Klepper, wem er auch entlaufen ſeyn mag, kam uns geſtern Abend zugelaufen, und wir brachten 6 ——— — nt⸗ ber ag⸗ Dritte Novelle. ihn in den Stall, damit er nicht von den Woͤlfen aufgefreſſen werden moͤchte. Na! ſagte der älteſte von der Bande, weil er keinen andern Herrn hat, wird er gut fuͤr uns ſeyn. Alle verbreiteten ſich darauf durch das ganze Haus, und ein Theil von ihnen ging in den Hof, und legte die Lanzen und die Schilder ab. Dabei geſchah es, daß einer von ihnen, der nichts anders zu machen wußte, ſeine Lanze in das Heu warf, wo⸗ durch er die verſteckte Jungfrau beinahe getoͤdtet, und ſie ſich offenbart haͤtte; denn die Lanze drang ihr ſo nahe an die linke Bruſt, daß das Eiſen ihr die Kleider zerriß, weshalb ſie nahe daran war, ei⸗ nen gewaltigen Schrei auszuſtoßen, aus Furcht, ge⸗ troffen zu werden; indeſſen, da ſie ſich erinnerte, wo ſie waͤre, nahm ſie ſich zuſammen und war ſtill. Nachdem die Bande ſich eine Ziege und noch anderes Fleiſch gebraten, dies verzehrt und dazu ge⸗ trunken hatte, zogen ſie hier und dorthin ihrer Wege, und fuͤhrten den Klepper des Mädchens mit ſich fort. Da ſie ſchon etwas entfernter waren, fragte der gute Mann ſeine Frau; was iſt doch aus unſerm jungen Maͤdchen geworden, das geſtern hier zu uns kam? ich habe es gar nicht wieder geſehen, ſeitdem wir aufgeſtanden ſind. Die gute Frau antwortete, ſie wiſſe es nicht, und ſuchte umher. Als die Jungfrau merkte, daß jene fort waͤren, kam ſie aus dem Heue heraus, woruͤber der gute Mann ſehr zufrieden war, weil er ſah, daß ſie de⸗ 80 Fuͤnfter Tag. nen nicht in die Haͤnde gefallen waͤre, und da es Tag geworden, ſagte er zu ihr: Jetzt, da es Tag iſt, wollen wir Dich, wenn es Dir gefaͤllt, bis an ein Caſtel begleiten, welches etwa fuͤnf Miglien von hier entfernt iſt, und da wirſt Du an einem ſichern Orte ſeyn. Aber Du mußt zu Fuße gehen, weil die ſchlechten Menſchen, die jetzt von hier weggezogen ſind, Deinen Klepper mitgenommen haben. Die Jungfrau gab ſich hierüber zufrieden, und bat ſie um Gottes willen, daß ſie ſie nach dem Ka⸗ ſtel hinbringen moͤchten; ſie machten ſich daher ſo⸗ gleich auf den Weg, und kamen gegen halb neun Uhr daſelbſt an. Das Caſtel gehoͤrte einem Orſini, welcher Liello di Campo di Fiore hieß; von ungefaͤhr war ſeine Frau da, eine ſehr gute, fromme Dame, ſobald dieſe die Jungfrau ſah, erkannte ſie dieſelbe ſogleich, und nahm ſie froͤhlich auf; dann wollte ſie umſtaͤnd⸗ lich wiſſen, wie ſie hierher gekommen waͤre. Die Jungfrau erzaͤhlte ihr alles. Die Dame, welche auch Petern kannte, da er ein Freund ihres Mannes war, ward uͤber den un⸗ gluͤcklichen Zufall ſehr betruͤbt; und da ſie hoͤrte, wo er gefangen wäre, glaubte ſie, er waͤre erſchla⸗ gen worden. Sie ſagte daher zu der Jungfrau, weil es nun einmal ſo iſt, daß Du von Petern nichts weißt, ſo bleibe ſo lange hier bei mir, bis ich im Stande ſeyn werde, Dich ſicher nach Rom zu ſchik⸗ ken. Peter ſaß, im hoͤchſten Grade betruͤbt, auf der ——+„„——— — N— Dritte Novelle. 81 Eiche, und ſah gleich im erſten Schlafe wol zwanzig Woͤlfe kommen, welche, ſobald ſie den Klepper ge⸗ wahr wurden, alle um ihn herum waren. Da der Klepper ſie merkte, ſchlug er mit dem Kopfe, zerriß den Zuͤgel und wollte entfliehen, aber da die Woͤlfe alle um ihn herum waren, und er es nicht konnte, vertheidigte er ſich eine ganze Weile mit den Zaͤh⸗ nen, und dann mit Hufſchlägen. Endlich indeſſen ward er doch von ihnen zu Boden geworfen, erwuͤrgt und ſchnell ausgeweidet; dann fraßen ſie alle davon, und ohne etwas anderes als die Knochen uͤbrig zu laſſen, verzehrten ſie ihn und gingen fort. Peter, welcher an dem Klepper eine Geſellſchaft und eine Stuͤtze in ſeinen Muͤhſeligkeiten zu haben glaubte, war ganz beſtuͤrzt, und bildete ſich nun ein, er koͤnne nimmermehr wieder aus dem Walde hin⸗ auskommen. Da der Tag ſich ſchon näherte, und er auf der Eiche vor Kaͤlte bald umkam, ſah er, als er immer umher ſchauete, etwa eine Miglie vor ſich ein ſehr großes Feuer; deshalb ſtieg er, nach⸗ dem es heller Tag geworden war, nicht ohne Furcht von der Eiche hinunter, und richtete ſeinen Weg da⸗ hin, ging dann ſo lange, bis er hingekommen war⸗ Er fand rings herum Schaͤfer, welche aßen, und ſich einen guten Tag machten. Mitleidig ward er von ihnen aufgenommen. Nachdem er gegeſſen und ſich erwarmt hatte, erzählte er ihnen ſein Mißge⸗ ſchick, und wie er hierher gekommen ware; darauf fragte er ſie, ob in der Gegend keine Villa oder Ca⸗ ſtel waͤre, wo er hingehen koͤnnte. Voccaccio's ſämmtl. W. 4. 6 82 Fuͤnfter Tag. Die Hirten ſagten ihm, daß etwa drei Miglien weit ein Caſtel des Herrn Liello di Campo di Fiore waͤre, worin ſich jetzt ſeine Gemahlin aufhielte. Pe⸗ ter hieruͤber außerordentlich erfreut, bat ſie, daß doch einige von ihnen ihn bis nach dem Caſtel begleiten moͤchten, was auch zwei von ihnen gern thaten. Nachdem Peter dahin gekommen war, und einen Bekannten von ſich angetroffen hatte, ließ ihn, der immer Mittel und Wege zu finden bemuͤht war wie die Jungfrau im Walde aufgeſucht werden moͤchte, die Dame rufen. Unverzuͤglich ging er zu ihr, und als er Agnolella'n erblickte, kam keine Freude der ſeinigen gleich. Gern waͤre er auf ſie zugeeilt, um ſie zu umarmen, aber aus Scham vor der Dame unterließ er es. Allein wenn er uͤberaus froͤhlich war, ſo war auch die Freude des jungen Maͤdchens nicht geringer. Die edle Dame indeſſen, die ihn mit der groͤß⸗ ten Freundlichkeit empfangen hatte, verwies ihn den⸗ noch, nachdem ſie von ihm gehoͤrt, was ihm begeg⸗ net waͤre, ſehr, was er gegen den Willen ſeiner El⸗ tern haͤtte thun wollen. Indeſſen, da ſie ſah, daß er feſt entſchloſſen war, und daß es auch der Jung⸗ frau angenehm wäre, ſagte ſie, was quaͤle ich mich doch? ſie lieben ſich, ſie kennen ſich, Jeder von ihnen iſt Freund meines Mannes, und ihr Wunſch iſt anſtändig, ja ich glaube auch, daß es Gott ge⸗ fällt, weil der Eine dem Galgen, der Andere der Lanze, und beide den wilden Thieren entkommen ſind; nd darum mag's geſchehen. Sie wandte ſich nun † Vierte Novelle. zu ihnen und ſagte: Wenn es Euer Wille iſt, Mann und Frau zu ſeyn, ſo iſt es der meinige auch. Es ſoll alſo geſchehen, und die Hochzeit hier auf Liel⸗ lo's Koſten ausgerichtet werden. Den Frieden zwi⸗ ſchen Euch und Euern Eltern will ich wohl wieder herſtellen. Peter, uͤberaus vergnuͤgt, und Agnolella noch mehr, heiratheten ſich daſelbſt, die edle Dame machte ihnen, wie es in den Bergen ſeyn konnte, eine anſtändi⸗ ge Hochzeit, und Beide genoſſen hier die erſten ſuͤßen Fruͤchte ihrer Liebe. Dann ſtieg nach einigen Tagen die edle Dame mit ihnen zu Pferde, und ſie kehrten unter einer tuͤchtigen Begleitung nach Rom zuruͤck, hier fanden ſie die Eltern Peters ſehr emruͤſtet uͤber das, was er gethan hatte, doch ſoͤhnte er ſich bald wieder mit ihnen aus, und er lebte in guter Ruhe und in Freuden mit ſeiner Agnolella bis ins Alter. Vierte Novelle. Richard Manardi wird von Meſſer Lizio da Valbona mit ſeiner Tochter uͤberraſcht, welche er heirathet, und mit ihrem Vater in gutem Vernehmen bleibt. Eliſa ſchwieg und hoͤrte das Lob, was ihre Ge⸗ faͤhrtinnen ihrer Novelle ertheilten, mit an, da be⸗ fahl die Koͤnigin Philoſtratus, daß er eine erzaͤhlte. Laͤchelnd fing er an: Ich bin von ſo vielen unter Euch ſo oftmals getadelt worden, warum ich Euch einen Stoff zu grauſamen Unterhaltungen, und woruͤber Ihr weinen mußtet, aufgegeben habe, daß es mir ſcheint, um Fuͤnfter Tag. Euch dieſen Schmerz zu erſetzen, muͤſſe ich Euch et⸗ was vortragen, wodurch ich Euch zu lachen mache, und darum will ich Euch in einem ſehr kleinen No⸗ vellchen erzaͤhlen, wie eine Liebe, von keinem andern Kummer, als nur von Seufzern, und einer mit Scham untermiſchten kurzen Furcht dennoch ein ver⸗ gnuͤgtes Ende gewann. Es iſt alſo, wackere Maͤdchen, noch nicht lange her, daß in Romagna ein rechtlicher und geſitteter Cavalier, welcher Lizio da Valbona hieß, lebte, dem noch in ſeinem Alter von ſeiner Frau, Madonna Giacomina, eine Jochter geboren ward, welche, je mehr ſie heran wpchs, ſchoͤner und lieblicher als nur eine in der ganzen Gegend ward. Da ſie dem Va⸗ ter und der Mutter nur allein uͤbrig geblieben war, liebten ſie ſie außerordentlich, war ſie ihnen ſehr theuer, und gaben ſie mit wunderbarer Sorgfalt auf ſie Acht, in der Hoffnung, durch ſie ein mal eine wichtige Verwandtſchaft anzuknuͤpfen. Nun ging in dem Hauſe des Meſſer Lizio ein ſchoͤner junger Mann, von ſtattlicher Perſon, aus der Familie der Manardi da Brettinoro, Richard genannt, aus und ein, und hatte ſolchen Umgang mit ihnen, daß auch weder Meſſer Lizio noch ſeine Frau anders auf ihrer Hut gegen ihn waren, als ſie gegen ihren eigenen Sohn geweſen wären. Da dieſer ein und das andere Mal das ſchoͤne artige, und von ſo lobenswuͤrdigen Sitten und Ma⸗ nieren, und ſchon mannbare Maͤdchen geſehen hatte, — Fuͤnfte Novelle. 93 das Maͤdchen Giannole's Schweſter iſt; Minghino er⸗ haͤlt ſie darauf zur Frau⸗ Jede Dame hatte bei Anhoͤrung der Novelle von dem Sproſſer ſo viel gelacht, daß, obgleich Philo⸗ 5 ſtratus ſchon zu erzaͤhlen aufgehoͤrt hatte, ſie den⸗ noch nicht ſich des Lachens erwehren konnten. In⸗ deſſen, da ſie eine Zeitlang gelacht hatten, ſagte die Koͤnigin: Wahrlich, wenn Du uns geſtern traurig gemacht haſt, ſo haſt Du uns heute ſo gekitzelt, daß Keine ſich mit Recht uͤber Dich beklagen darf. Und ihre Worte an Neiphilen richtend, gab ſie ihr auf, daß ſie erzaͤhlen moͤchte. Froͤhlich fing dieſe zu reden alſo an: Weil Philoſtratus mit ſeiner Erzaͤhlung nach Romagna gegangen iſt, ſo habe ich ebenfalls Luſt, mich mit 3 meiner Novelle ein wenig darin zu verweilen. Ich ſage alſo: Es wohnten einmal in der Stadt Fana zwei Lombarden, von denen der eine Guidotto aus Cre⸗ n mona, und der Andere Giacomin von Pavia hieß, F . M* M — — 8 e 8 beides alte Leute, welche in ihrer Jugend faſt im⸗ d mer mit einander Kriegsdienſte gethan hatten, und g Soldaten geweſen waren. Guidotto nahte ſich dem e Tode, hatte aber keinen Sohn, noch einen andern ie Freund oder Anverwandten, in den er mehr Ver⸗ f trauen ſetzte, als in Giacomin, deshalb uͤberließ er te ihm ein Mäͤdchen von etwa zehn Jahren, ſprach als⸗ „ dann mit ihm uͤber das, was er noch ſo in der Welt e, haͤtte, und ſtarb. Zu eben dieſer Zeit kehrte die Stadt Faenza, 94 Fuͤnfter Tag. welche lange vom Kriege und andern ungluͤcksfäͤllen heimgeſucht worden war, zu einer beſſern Verfaſſung wieder zuruͤck, und daher war es auch Jedem, der wieder zuruͤckkommen wollte, ungehindert erlaubt, dahin zuruͤckkehren zu koͤnnen. Deshalb geſchah es denn, daß Giacomino, der ehedem hier gewohnt, und dem der Aufenthalt auch gefallen hatte, mit allem dem Seinigen wieder dahin zuruͤckkehrte, und auch das ihm von Guidotto hinterlaſſene Kind, was er wie ſeine eigene Jochter liebte und hielt, mit ſich brachte. So wie dieſe heranwuchs, ward ſie das ſchoͤnſte junge Maͤdchen, wie nur eins damals in der Stadt ſich befand, und ſo ſchoͤn ſie war, eben ſo geſittet und anſtändig war ſie auch. Eben deshalb aber ward ihr auch von Vielen der Hof gemacht, und vor allen von zwei jungen, artigen Maͤnnern, welche Beide auf gleiche Weiſe ihre Liebe in einem ſo ho⸗ hen Grade auf ſie richteten, daß ſie ſich Beide aus Eiferſucht uͤber alle Maßen zu haſſen anfingen; der eine von ihnen hieß Giannole von Severino, und der andere Minghino von Mingole. Keiner von ihnen war, der ſie nicht gern zur Frau genommen haͤtte, ob ſie gleich erſt funfzehn Jahr alt war, wenn es ihnen von ihren Eltern wäre verſtattet worden. Da ſie nun ſahen, daß ſie ihnen aus einem anſtändigen Grunde verſagt ward, ſo ſuchte ein Jeder ſie, ſo gut wie er nur konnte, fuͤr ſich zu erhalten. Giacomino hatte im Hauſe ein altes Dienſtmäd⸗ chen und einen Bedienten, Namens Crivello, ein lu⸗ ——— — ———— 1— — Fuͤnfte Novelle. 95 ſtiger und ſehr gefaͤlliger Menſch; mit dieſem machte ſich Giannole recht vertraut, entdeckte ihm, ſo bald er glaubte, daß es Zeit dazu wäre, gaͤnzlich ſeine Liebe, und bat ihn, er moͤchte ihm doch, ſeinen Wunſch zu erreichen, behuͤlflich ſeyn, wobei er ihm große Verſprechungen machte, wenn er es thaͤte. Hierauf ſagte Crivello: Siehe, hierbei koͤnnte ich doch fuͤr Dich nichts anders thun, als daß ich, wenn Giacomino einmal irgend wohin zum eſſen geht, Dich dahin braͤchte, wo ſie iſt; denn wenn ich auch fuͤr Dich ein Wort ſprechen wollte, ſo wuͤrde ſie mich doch nimmermehr anhoͤren. Wenn Dir das ge⸗ fallt, ſo verſpreche ich es Dir, und ich will es auch thun; und dann thue Du, wenn Du es weißt, was Du fuͤr gut hältſt. Giannole ſagte, mehr verlange er nicht; und bei dieſer Verabredung blieb's. Von der andern Seite hatte ſich Minghino mit dem Dienſtmädchen eingelaſſen, und es bei ihr da⸗ hin gebracht, daß ſie der Jungfrau mehrere Geſandt⸗ ſchaften zugetragen, und ſie beinahe von Liebe fuͤr ihn entflammt hatte; auch hatte ſie ihm uͤberdies noch verſprochen, ihn mit ihr zuſammen zu bringen, wenn es ſich traͤfe, daß Giacomino aus irgend ei⸗ nem Grunde einmal des Abends aus dem Hauſe ginge. Nicht lange Zeit nach dieſen Worten erfolgte es, daß Giacomino durch Crivello's Veranſtaltung zu einem Freunde zum Abendeſſen ging; und da er dies Giannolen ſogleich hatte wiſſen laſſen, verabre⸗ dete er mit ihm, daß, ſobald er ihm ein Zeichen 96 Fuͤnfter Tag. gaͤbe, er kommen moͤchte, wo er die Thür auffinden wuͤrde. Das Dienſtmaͤdchen anderer Seits, hiervon nichts wiſſend, ließ Minghino'n ſagen, daß Giacomino den Abend nicht zu Hauſe aͤße, er moͤchte ſich alſo in der Naͤhe des Hauſes aufhalten, ſo daß, wenn er ein Zeichen merkte, das ſie geben wuͤrde, er kommen und hineingehen moͤchte. Der Abend kam, da aber die beiden Liebenden keiner vom andern das geringſte wußte, Jeder aber den Andern argwoͤhnte, ſo begab ein Jeder ſich, mit einigen bewaffneten Gefaͤhrten, wie in ſein beſtimm⸗ tes Eigenthum. Minghino erwartete mit den Sei⸗ nigen das Zeichen im Hauſe eines ſeiner Freunde in der Naͤhe der Jungfrau. Giannole blieb mit den Seinigen etwas entfernt vom Hauſe ſtehen. Crivello und das Dienſtmaͤdchen ſuchten einer den andern fort⸗ zuſchicken. Erivello ſagte zu dem Dienſtmaͤdchen: Wie? Du gehſt jetzt noch nicht ſchlafen? Was kriechſt Du denn noch im Hauſe herum? Das Dienſtmaͤdchen ſagte zu ihm: Warum gehſt Du denn nicht nach Deinem Herrn? Was warteſt Du denn hier noch, da Du doch gegeſſen haſt? Und ſo konnte keiner den Andern von der Stelle fortbringen. Aber Crivello merkte, daß die fuͤr Gi⸗ annole beſtimmte Stunde gekommen waͤre, und ſagte daher bei ſich ſelbſt: Was kuͤmmere ich mich um die da? Wenn ſie etwa nicht ruhig ſeyn ſollte, mag Fuͤnfte Novelle. 97 ſie ihre Haut zu Markte tragen. Darauf gab er das Zeichen, und oͤffnete die Thuͤr. Schnell kam Giannole mit zwei Gefaͤhrten und ging hinein; und da er die Jungfrau im Saale fand, nahm er ſie, und fuͤhrte ſie fort. Die Jungfrau widerſtand, und fing gewaltig an zu ſchreien, ſo wie auch das Dienſtmaͤdchen. Sobald Minghino dies hoͤrte, kam er mit ſei⸗ nen Gefaͤhrten ſchnell herzu gelaufen; und da ſie das Maͤdchen ſchon zur Thuͤr hinaus ſchleppen ſa⸗ hen, zogen ſie die Degen, und ſchrien alle: Ver⸗ raͤther, Ihr ſeyd des Todes. So geht das nicht! Was iſt das fuͤr ein Gewaltſtreich! Und nach die⸗ ſen Worten fingen ſie an loszuſchlagen; bei dieſem Laͤrm aber kam die Nachbarſchaft mit Lichtern und Waffen heraus, tadelten dergleichen ſehr und ſtan⸗ den Minghino bei. Nach langem Kampfe endlich entriß Minghino die Jungfrau Giannolen wieder, und brachte ſie in Giacomino's Haus zuruͤck. Das Gedraͤnge hatte ſich aber noch nicht verlau⸗ fen, als ſchon die Haͤſcher des Oberſten im Lande hinzukamen und viele von dieſen ergriffen; unter andern wurden auch Minghino, Giannole und Eri⸗ vello gefangen genommen und ins Gefaͤngniß abge⸗ fuhrt. Indeſſen war alles wieder ruhig geworden, Gia⸗ comino war, als er nach Hauſe zuruͤckgekehrt, uͤber dieſen Vorfall ſehr mißmuͤthig, indeſſen, da er ge⸗ nau unterſuchte, wie es zugegangen waͤre, und fand, Boccaccio's ſoͤmmtl. W. 4. 7 98 Fuͤnfter Tag. daß die Jungfrau durchaus keine Schuld ward er zwar etwas beruhigter, beſchloß aber doch bei ſich, damit nicht etwas Uhnliches wieder vorfallen moͤchte,„ ſie, ſobald es nur moͤglich ſeyn koͤnnte, zu verhei⸗ rathen. Sogleich am folgenden Morgen hoͤrten die An⸗ verwandten des Einen wie des Andern den Vorfall, wie er wirklich geweſen, und da ſie das übel wohl einſahen, was fuͤr die feſtgenommenen jungen Maͤn⸗ ner daraus erfolgen koͤnnte, wenn Giacomino ſo ver⸗ fahren wollte, wie er es allerdings gekonnt haͤtte, gingen ſie zu ihm und baten ihn mit freundlichen Worten, daß er die durch die wenige überlegung der jungen Leute ennfe Beleidigung weniger achten moͤchte, als ihre Liebe und die V Wohlgewogenh eit, die er, wie ſie glaubten, fuͤr ſie, die ihn bäten, hegte; ſie ſowol, als die jungen Maͤnner, welche das übel angerichtet haͤtten, erboͤten ſich zu jeder Entſchaͤdi⸗ gung, die ihm von ihnen zu nehmen gefiele. Giacomino, der in ſeinem Leben vieles geſehen— hatte, und von guter Gemuͤthsart war, antwortete kurz: Meine Herren, waͤre ich in meinem Vater⸗ lande, ſo wie ich in dem Ihrigen bin, ſo ſehe ich mich ſo ſehr fuͤr Ihren Freund an, daß ich ſowohl fuͤr den Einen wie fuͤr den Andern ſchon alles thun wuͤrde, was Ihnen lieb waͤre; ich muß mich aber um ſo eher nach Thren Wuͤnſchen bequemen, da Sie ſich einander ſelbſt beleidigt haben, indem dieſes„ Maͤdchen, wie vielleicht viele der Meinung ſind, we⸗ der aus Eremona, noch aus Pavia, ſondern viel⸗ Fuͤnfte Novelle. 99 mehr eine Faentinerin iſt, wenn auch gleich weder ich, noch ſie, noch derjenige, von dem ich ſie erhal⸗ ten habe, jemals haben erfahren können, weſſen Tochter ſie eigentlich iſt; deshalb will ich von dem, was Sie von mir bitten, thun, was Sie verlangen. Da die guten Leute hoͤrten, daß ſie aus Faenza waͤre, wunderten ſie ſich, dankten Giacomino fuͤr ſeine freundliche Antwort, und baten ihn, er moͤchte ihnen doch ſagen, wie ſie in ſeine Haͤnde gekommen wäre, und woher er wuͤßte, daß ſie eine Faentinerin ſey. Giacomino ſagte zu ihnen: Guidotto von Cre⸗ mona, mein Compagnon und Freund, ſagte mir auf ſeinem Sterbebette, als dieſe Stadt vom Kaiſer Friedrich eingenommen worden, und alles bei der Pluͤnderung drunter und druͤber gegangen waͤre, ſey er mit ſeinen Begleitern in ein Haus eingetreten, was er, mit allem Noͤthigen verſehen, aber von den Bewohnern verlaſſen gefunden haͤtte, bis auf dies Kind, was ungefaͤhr zwei Jahr, oder ſo herum, alt geweſen, und ihm, als er die Treppe hinaufgeſtie⸗ gen, Vater! entgegen gerufen habe. Dieſerhalb haͤtte ihn das Mitleiden uͤberraſcht, und er das Kind, mit allem was im Hauſe geweſen, mit ſich nach Fano genommen. Bei ſeinem Tode hier, ließ er ſie mir zuruͤck, und trug mir auf, daß, wenn die Zeit gekommen wäre, ich ſie verheirathen moͤchte, und ihr alsdann alles, was ſein geweſen, zum Brautſchatz geben ſollte. Als ſie nun mannbar geworden war, gluͤckte es mir 100 Fuͤnfter Tag. nicht, ſie einem zu geben, der mir gefallen haͤtte; und ich wuͤrde es gern thun, damit mir nicht noch ein ſolcher Zufall, als geſtern Abend, begegnen moͤchte. Es befand ſich unter andern hier auch ein ge⸗ wiſſer Wilhelm, ein Mediziner, der mit Guidotto bei dieſem Vorfall gegenwaͤrtig geweſen war, und ganz genau wußte, weſſen Haus das geweſen, was Guidotto ausgerͤumt hatte; und da er eben dieſen unter den Andern bemerkte, trat er zu ihm hinan, und ſagte zu ihm: Bernabuccio, hoͤrſt Du wol, was Giacomin ſagt? Ja, ſagte Bernabuecio, und eben dachte ich auch noch mehr daran, weil ich mich erinnere, daß ich bei dieſem allgemeinen Tumult eine Tochter von dem Alter verlor, wie ſie Giacomin angibt. Hierauf ſagte Wilhelm: Ganz gewiß iſt es die⸗ ſelbe, weil ich mich gerade da befand, wo ich Guidotto'n erzaͤhlen hörte, daß die Raͤuberei vorgefallen waͤre, und ich erkannte gleich, daß es Dein Haus geweſen war. Darum beſinne Dich, ob Du ſie wol an irgend einem Zeichen wieder zu erkennen glaubſt, laß da⸗ nach ſuchen, und Du wirſt ganz gewiß finden, daß es Deine Tochter iſt. Bernabuccio dachte weiter nach und erinnerte ſich, ſie muͤſſe uͤber dem linken Ohre eine Narbe, wie ein kleines Kreuz haben, die von einem Gewaͤchſe unter der Haut hergekommen waͤre, was er ihr kurz vor dieſem Zufalle habe wegſchneiden laſſen. Er trat daher, ohne nur im mindeſten zu zoͤgern, an —** Fuͤnfte Novelle. 101 Giacomino hinan, der noch da war, und bat ihn, er moͤchte ihn mit nach ſeinem Hauſe fuͤhren, und ihn das Maͤdchen ſehen laſſen. Giacomino nahm ihn gern mit hin, und ließ ſie vor ihn kommen. Sobald Bernabuccio ſie ſah, glaubte er das ganze Geſicht ihrer Mutter, welches noch eine ſchoͤne Frau war, vor ſich zu ſehen; in⸗ deſſen, da er doch hierauf noch nicht ganz trauete, ſagte er zu Giacomino, daß er mit ſeiner Erlaubniß ihr die Haare uͤber dem linken Ohre etwas aufheben duͤrfte, womit Giacomino auch zufrieden war. Ber⸗ nabuccio trat näher zu ihr, welche ganz verſchaͤmt da ſtand, und nachdem er ihr die Haare mit der rechten Hand in die Hoͤhe gehoben hatte, erblickte er das Kreuz; ſogleich erkannte er wahrhaft, daß es ſeine Tochter waͤre; er fing daher innig an zu weinen, und umarmte ſie, ob ſie ſich gleich dagegen ſtraͤubte, und zu Giacomino ſich wendend, ſagte er: Lieber Bruder, das iſt meine Tochter! Es war mein Haus, was Guidotto pluͤnderte, und ſie ward bei dem ploͤtzlichen Sturme von meiner Frau, ihrer Mut⸗ ter, da drinnen vergeſſen, und bis jetzt haben wir geglaubt, daß ſie in dem Hauſe, welches mir noch an demſelben Tage angeſteckt ward, mit verbrannt ſey. Das Maͤdchen, welches dies hoͤrte, und einen bejahrten Mann vor ſich ſah, traute den Worten, und ertrug, von einer geheimen Kraft getrieben, nicht nur ſeine Umarmungen, ſondern fing auch zaͤrt⸗ lich mit ihm an zu weinen. Fünfter Tag. Bernabuccio ſchickte ſogleich nach ihrer Mutter, ihren andern Anverwandten, ihren Schweſtern und Bruͤdern, ſtellte ſie allen vor, und erzaͤhlte ihnen die Geſchichte. Nach tauſend Umarmungen war die Freude außerordentlich, und da Giacomino damit ſehr zufrieden war, fuͤhrte er ſie mit ſich in ſeine Wohnung. Nachdem der Stadt⸗Hauptmann, welcher ein braver Mann war, dies erfahren hatte, erklärte er, da er ein⸗ ſaͤhe, daß Giannole, den er gefangen hielt, Bernabuc⸗ cio's Sohn, und ihr leiblicher Bruder waͤre, ſo wolle er den von ihm begangenen Fehler guͤtig uͤberſehen, und nachdem er ſich hieruͤber mit Bernabuccio und mit Giacomino freundlich verſtaͤndigt hatte, ließ er Gian⸗ nole und Minghino ſich vertragen, dann gab er Ming⸗ hino, zu großem Wohlgefallen aller ſeiner Anver⸗ wandten das Maͤdchen zur Frau, deſſen Name Agnes war. Zu gleicher Zeit aber ſetzte er auch Crivello, und die Andern, welche in dieſer Geſchichte mit verwickelt waren, wieder in Freiheit. Minghino ſtellte nachher eine ſchoͤne und große Hochzeit an, und nachdem er ſie in ſein Haus ge⸗ fuͤhrt hatte, lebte er mehrere Jahre nachher mit ihr in Frieden und in Freuden. Sechſte Novelle. Johann von Procida wird mit einem jungen Maͤdchen, was er liebt, zuſammen gefunden und an den Konig Frie⸗ drich ausgeliefert, um mit ihr zugleich an Einen Pfahl angebunden, verbrannt zu werden. Er wird aber Sechſte Novelle. 103 von Ruggieri dell' Oria erkannt, entkommt, und wird Jener Mann. Geendet war Neiphilens Novelle, welche den Damen ſehr gefallen hatte, und die Koͤnigin befahl Pampineen, daß ſie ſich anſchicken moͤchte, eine zu erzahlen. Dieſe, ihren hellen Blick erhebend, fing ſchnell an: Groß, freundliche Maͤdchen, ſind die Kraͤfte der Liebe, und ſie vermoͤgen die Liebenden zu großen und ungeheuern Muͤhſeligkeiten und nicht erdenklichen Gefahren, wie man aus dem, was heute und auch andere Male erzaͤhlt worden iſt, abnehmen kann⸗ Deſſen ungeachtet will ich dies noch durch eine von einem verliebten jungen Manne beweiſen. Ischia iſt eine Inſel, ſehr nahe bei Neapel, auf welcher unter andern auch eine ſchoͤne und äu⸗ ßerſt froͤhliche Jungfrau lebte, ihr Name war Re⸗ ſtituta, und ſie ſelbſt die Tochter eines edeln Man⸗ nes auf der Inſel, welcher den Namen Marin Bol⸗ garo führte. Ein junger Mann, welcher aus einer kleinen, Ischia ſehr nahen Inſel, Namens Procida, her war, und Johann hieß, liebte dieſe mehr als ſein Leben, und ſie ihn. Richt genug, daß dieſer am Tage von Procida nach Ischia kam, um ſie zu ſe⸗ hen, ſondern er ſchwamm auch oftmals des Nachts, wenn er keine Barke finden konnte, von Procida nach Jschia hinuͤber, um, wenn er nichts anderes konnte, wenigſtens die Mauern ihres Hauſes zu ſe⸗ hen. Waͤhrend dieſer ſo gluͤhenden Liebe, trug es ſich 104 Jünfter Tag. einmal zu, daß, da die Jungfrau an einem Som⸗ mertage ſich ganz allein an der Seekuͤſte befand, und, von Felſen auf Felſen kletternd, See⸗Muſcheln mit einem Meſſer von den Steinen losmachte, an einem Orte, der ganz zwiſchen den Klippen lag, theils des Schattens, theils einer kuͤhlen Quelle wegen, welche ſich daſelbſt befand, verſchiedene junge Sizi⸗ lianer, die aus Neapel kamen, mit ihrer Fregatte gelandet waren. Als dieſe das ſchoͤne junge Maͤd⸗ chen, welches ſie aber noch nicht ſah, geſehen hat⸗ ten, und beſonders ſahen, daß es allein war, be⸗ ſchloſſen ſie unter einander, es zu rauben und mit fortzunehmen; auf den Beſchluß folgte ſogleich die Ausfuͤhrung. Sie ergriffen ſie, ſetzten ſie trotz deſ⸗ ſen, daß ſie gewaltig ſchrie, auf eine Barke, und entfernten ſich. Als ſie in Calabrien angekommen waren, uͤber⸗ legten ſie, weſſen das Maͤdchen ſeyn ſollte, und bald wollte ſie ein Jeder haben. Da keine Vereinigung unter ihnen Statt finden konnte, ſie vielmehr fuͤrch⸗ teten, es moͤchte noch zu etwas Schlimmeren kom⸗ men, und ſie ihretwegen ihre eigenen Angelegenhei⸗ ten verderben, ſo kamen ſie darin uͤberein, ſie an den Koͤnig Friedrich von Sizilien zu verſchenken, welcher damals noch jung war, und an dergleichen ſein Ver⸗ gnuͤgen hatte. Sobald ſie nach Palermo gekommen waren, thaten ſie das auch. Da der Koͤnig die Schoͤne ſah, gewann er ſie lieb; allein weil er gerade ein wenig ſchwaͤchlich war, befahl er, daß ſie, bis er wieder hergeſtellt wäre, Sechſte Novelle. 105 in eins der ſchoͤnſten Haͤuſer ſeiner Gaäͤrten, welcher die Cuba hieß, gebracht, und dort bedient werden ſollte; und das geſchah. Der Laͤrm uͤber das geraubte Maͤdchen war in Ischia groß, aber am druͤckendſten war es den Leu⸗ ten, daß keiner erfahren konnte, wer die geweſen waͤren, die den Raub begangen haͤtten. Johann indeſſen, dem mehr als irgend einem Andern daran lag, wartete darauf nicht, es in Is⸗ chia zu erfahren, ſondern ließ, da er wußte, nach welcher Gegend die Fregatte hingeſegelt war, auch eine ausruͤſten, beſtieg ſie, und ſtreifte, ſobald er nur konnte, an der ganzen Kuͤſte von Minerva bis nach Scalea in Calabrien herum, und forſchte al⸗ lenthalben nach der Jungfrau umher, bis ihm end⸗ lich in Scalea geſagt ward, ſie waͤre von ſiciliani⸗ ſchen Seeräubern nach Palermo gebracht worden. Gianni ließ ſich, ſobald als nur moͤglich, dahin bringen, und nach vielen Unterſuchungen, fand er dann, daß die Jungfrau dem Koͤnige geſchenkt wor⸗ den wäre, und fuͤr ihn in Cuba aufbewahrt wuͤrde; im hoͤchſten Grade hieruͤber beunruhigt, verlor er beinahe alle Hoffnung, ſie jemals wieder zu haben, ja, ſie nur zu ſehen. Indeſſen feſtgehalten von der Liebe, ſchickte er die Fregatte fort, und blieb zuruͤck, da er merkte, daß er von Keinem gekannt waͤre. Als er nun oft vor Cuba vorbeiging, ſah er ſie von ungefaͤhr eines Tages an einem Fenſter, und ſie ſah ihn, woruͤber beide Theile ſehr zufrieden waren. Da aber beſon⸗ —————— 106 Fünfter Tag. ders Johann merkte, daß der Ort einſam waͤre, naͤ⸗ herte er ſich ihm, ſprach ſie, ſo gut er nur konnte, ward von ihr daruͤber unterrichtet, was er zu bachten haͤtte, wenn er ſie nachher oͤfter ſprechen unht te. Hierauf entfernte er ſich, nachdem er zuvoͤr⸗ erſt die Lage“ des Ortes allenthalben hatte; dann erw er die Nacht, ließ einen gu⸗ ten Theil derſelben voruͤbergehen, ehe er ſich daſelbſt wieder einfand, kam, da ſich anklammernd, wo e e ß ſich kein Gruͤnſpecht feſtgehalten haben wuͤrde, endlich in den Garten. In dieſem fand er eine kleine Se⸗ gelſtange, welche er an das ihm angedeutete Fenſter der Jungfrau anlehnte, und vermittelſt dieſer hinauf kletterte. Die Jungfrau, da ſie glaubte, ihre jungfraͤu⸗ liche Ehre doch einmal verloren zu haben, durch deren Bewahrung ſie im Vergangenen etwas zu ſtrenge gegen ihn geweſen war, uͤberlegte, daß ſie keinem wuͤrdigeren, als nur ihm, ſich ganz ergeben könne, und daher in der Meinung, ihn dahin zu be⸗ ſie mit ſich zu nehmen, beſchloß ſie, ihm den ſeiner Wuͤnſche zu erfuͤllen; darum ließ ſie Fenſter auf, damit er deſto leichter herein kom⸗ men koͤnnte. Da Johann dies alſo offen fand, ſtieg er ganz ſtill hinein, und legte ſich neben die Jungfrau, wel⸗ che noch nicht ſchlief, nieder. Dieſe aber eroͤffnete ihm, ehe es zu etwas anderem kam, ihre voͤllige Meinung, und bat ihn, ſie von hier fortzuſchaffen, und mit ſich zu nehmen. . Sechſte Novelle. Nichts, ſagte Johann zu ihr, waͤre ihm lieber, als eben dies, und unfehlbar wuͤrde er, ſo bald er von hier fortginge, alles ſo veranſtalten, daß er das erſte Mal, wenn er wieder kaͤme, ſie mit fortfuͤhren koͤnnte. Hierauf umarmten ſie ſich mit dem groͤßten Vergnuͤgen, und genoſſen die Luſt, wie die Liebe nie eine groͤßere gewaͤhren kann; nachdem ſie dieſelbe einige Mal wiederholt hatten, ſchliefen ſie, ohne es ſelbſt zu merken, einander in den Armen ein. Der Koͤnig, dem ſie gleich beim erſten Anblick ſehr gefallen hatte, erinnerte ſich ihrer, da er ſich wieder hergeſtellt fuͤhlte, und beſchloß, wenn es auch gleich ſchon den naͤchſten Tag waͤre, ſich etwas bei ihr aufzuhalten, und ging daher mit einigen ſeiner Diener ganz ſtill nach Cuba. Nachdem er in das Haus eingetreten, und ſich das Zimmer ganz ſtill hatte oͤffnen laſſen, in welchem er wußte, daß die Jungfrau ſchliefe, ging er, eine große brennende Wachsfackel voran, hinein; und als er nach dem Bette hinſah, erblickte er, wie ſie und Johann ent⸗ kleidet, in ihrer Umarmung ſchliefen. Ploͤtzlich wild daruͤber entruͤſtet, und zu ſolchem Zorne entflammt, konnte er, ohne noch irgend etwas zu ſagen, ſich kaum zuruͤckhalten, daß er ſie nicht Beide mit einem Hirſchfaͤnger, den er an der Seite hatte, durchbohrt haͤtte. Indeſſen, da er es fuͤr Jeden, wer es auch ſeyn moͤchte, und um ſo mehr fuͤr einen Koͤnig, im hoͤchſten Grade ſchimpflich achtete, zwei, entkleidet, und im Schlafe zu toͤdten, ſo hielt er ſich zuruͤck, und dachte, er wolle ſie oͤffentlich, und zwar durchs Fuͤnfter Tag. Feuer, ſterben laſſen; er wandte ſich daher zu dem einzigen Begleiter, den er bei ſich hatte, und ſagte: Was haͤltſt Du von dieſem ſchlechten Frauenzimmer, auf welche ich jetzt meine ganze Hoffnung geſetzt hatte? Dann fragte er ihn, ob er den jungen Mann kenne, der ſolche Dreiſtigkeit gehabt haͤtte, daß er ihm ins Haus gekommen waͤre, um ihm eine ſolche Kraͤnkung und ſolches Mißvergnuͤgen anzuthun. Der ſo gefragt worden war, antwortete, er er⸗ innere ſich nicht, ihn je geſehen zu haben. Der Koͤnig verließ daher ſehr aufgeregt das Zim⸗ mer, und befahl, daß die beiden Liebenden ſo ent⸗ kleidet, wie ſie da waͤren, gefangen genommen und gebunden werden ſollten; ſobald es alsdann Tag geworden, ſollten ſie nach Palermo gefuͤhrt, auf dem oͤffentlichen Platze an einen Pfahl, mit dem Ruͤcken einer gegen den andern gebunden, und ſo bis zur Terz gehalten werden, damit ſie von Allen geſehen werden koͤnnten, und dann, ſo, wie ſie es verdient haͤtten, verbrannt werden. Nachdem er ſo geſpro⸗ chen, kehrte er, ſehr aufgebracht, nach Palermo auf ſein Zimmer zuruͤck. Sobald der Koͤnig abgereiſt war, machten ſich Viele uͤber die beiden Liebenden her, weckten ſie nicht nur auf, ſondern nahmen ſie auch ſogleich ohne Barmherzigkeit gefangen und banden ſie. Ob die beiden jungen Leute, da ſie dies ſahen, betruͤbt wur⸗ den, vor ihr Leben fuͤrchteten und weinten und klag⸗ ten, das wird wol klar genug am Tage liegen. Dem Befehle des Koͤnigs gemaͤß, wurden ſie alſo Sechſte Novelle. 109 nach Palermo abgefuͤhrt, und an einen Pfahl auf dem Platze feſtgebunden, dann ward vor ihren Au⸗ gen der Holzſtoß und das Feuer zubereitet, damit ſie zu der vom Koͤnige beſtimmten Stunde verbrannt werden koͤnnten. Sogleich liefen alle Palermitaner, Maͤnner und Frauen hin, um die beiden Liebenden zu ſehen; die Maͤnner alle zogen hin, um das Mädchen zu ſehen, und prieſen daſſelbe, als durchaus ſchoͤn und wohl⸗ geſtaltet; eben ſo eilten die Frauen hinzu, um den jungen Mann zu ſchauen, und ſie lobten dieſen an⸗ derſeits ebenfalls als ſchoͤn, und uͤberaus wohlgeſtal⸗ tet. Aber die ungluͤcklichen Liebenden ſtanden beide, ſich ſehr ſchaͤmend, mit herabgeſenkten Koͤpfen, beweinten ihr Ungluͤck, und erwarteten mit jedem Augenblick den grauſamen Feuer⸗Tod. Indeſſen, waͤhrend ſie ſo bis zur beſtimmten Stunde feſtgehalten wurden, und ſich das von ihnen begangene Vergehen allenthalben hin verbreitete, kam es auch zu den Ohren Ruggier's dell' Oria, eines Mannes von unſchaͤtzbarem Werthe, und damals koͤniglichen Admirals, welcher, um ſie u ſehen, nach dem Orte hingegangen war, wo ſie gefeſſelt ſtanden. Sobald er daſelbſt angekommen war, ſah er zuerſt nach der Jungfrau, und lobte ihre Schoͤnheit ſehr; und als er darauf auch den jungen Mann betrachtete, erkannte er ihn ohne viele Muͤhe, ging darum ſogleich naͤher an ihn hinan, und fragte ihn, ob er nicht Johann von Procida ware? Johann hob das Geſicht in die Hoͤhe, erkannte 11⁰ Fuͤnfter Tag. den Admiral, und antwortete: Mein Herr, der war ich allerdings ein Mal, nach welchem Ihr fraget, aber ich werde es nicht lange mehr ſeyn. Der Tdmiral fragte ihn, was ihn denn hierher gebracht hatte. Johann antwortete: Liebe und des Koͤnigs Zorn. Der Admiral ließ ſich die Geſchichte weitläufti⸗ ger erzahlen, und nachdem er alles von ihm ange⸗ hoͤrt hatte, und dann fortgehen wollte, rief ihn Johann zuruͤck, und ſagte zu ihm: Ach, mein Herr, wenn es ſeyn kann, ſucht von dem, der mich hier ſo ſtehen laͤßt, eine Gnade fuͤr mich zu erhalten. Ruggieri fragte, was fuͤr eine? Hierauf ſagte Johann: ich ſehe, daß ich ſterben muß, und das bald, ich wuͤnſche es mir alſo zur Gnade, daß, ſo wie ich mit dieſer Jungfrau, die ich mehr, als mein Leben geliebt habe, und ſie auch mich, ich mit dem Ruͤcken zu ihr hingekehrt ſtehe, ſo wie ſie wieder zu mir, wir mit den Geſichtern einer dem andern zugekehrt wuͤrden, damit, wenn ich ſterbe, ich dadurch, daß ich ihr Geſicht ſehe, geſtaͤrkt wuͤrde. Ruggieri lͤchelte und ſagte: Gern, und ich will es machen, daß Du ſie ſo viel ſehen ſollſt, bis Du es wirſt uͤberdruͤſſig ſeyn. Als er hierauf von ihm weggegangen, befahl er denen, welchen es aufgetra⸗ gen war, die Sache in Ausuͤbung zu bringen, daß ſie, ohne einen andern Befehl vom Koͤnige, nichts weiter thun ſollten, als was ſie bis jetzt gethan haͤt⸗ ten; er ging ohne Verzug dann zum Koͤnige. Ob er nun gleich ſah, wie verſtoͤrt dieſer war, unter⸗ — — „—— Sechſte Novelle. 111 ließ er es doch nicht, ihm ſeine Meinung vorzutra⸗ gen, und er ſagte zu ihm: Koͤnig, womit haben Dich die beiden jungen Leute beleidigt, welche Du dort unten auf dem Platze zu verbrennen befohlen haſt? Der Koͤnig ſagte es ihm: Ruggieri fuhr fort: Das von ihnen begangene Vergehen verdient es allerdings, aber nicht durch Dich; denn ſo wie die Vergehungen Strafe verdie⸗ nen, ſo verdienen Wohlthaten, außer der Gnade und dem Mitleiden, noch Belohnungen. Kennſt Du, wer die ſind, welche Du verbrennen laſſen willſt. Der Koͤnig antwortete: Nein. Hierauf ſagte Ruggieri: So will ich ſie Dir kennen lehren, damit Du einſiehſt, wie vorſichtig Du Dich vom Zorne mußt fortreißen laſſen. Der junge Mann iſt der Sohn Landolfs von Procida, eines leiblichen Bruders des Herrn Johann von Pro⸗ cida, durch deſſen Huͤlfe Du Koͤnig und Herr dieſer Inſel biſt. Das Maͤdchen iſt die Tochter von Ma⸗ rin Bolgarv, deſſen Macht es heute dahin gebracht hat, daß Deine Herrlichkeit nicht von Ischia veriagt worden iſt. überdies aber ſind es noch junge Leute, welche ſich ſchon lange geliebt haben, und von Liebe, aber nicht von dem Willen, Deiner Herrlichkeit zu ſpotten, getrieben, dies Verbrechen(wenn das ein Verbrechen genannt werden kann, was junge Leute aus Liebe thun) begangen haben. Warum willſt Du ſie alſo fterben laſſen, da Du ſie mit den groͤßten Freuden und Geſchenken ehren ſollteſt. Da der Koͤnig dies hoͤrte und ſich uͤberzeugte, 112 Fuͤnfter Tag. daß Ruggieri die Wahrheit ſage, fuhr er nicht al⸗ lein in dem, worin er ſchlecht gehandelt haben wuͤrde, nicht fort, ſondern es verdroß ihm ſchon das, was er bis jetzt gethan hatte; deshalb befahl er unver⸗ zuͤglich, daß die beiden jungen Leute von dem Pfahle losgebunden und vor ihm gefuͤhrt werden ſollten; und das geſchah. Nachdem er aber ihre ganze Lage kennen gelernt hatte, dachte er, daß er das begangene Unrecht mit Ehrenbezeigungen und Geſchenken wieder gut machen muͤßte. Er ließ ſie daher anſtaͤndig klei⸗ den, und verheirathete die Jungfrau, da er hoͤrte, daß ſie gleiche Geſinnung hegte, an Johann; machte ihnen ferner noch praͤchtige Geſchenke, und ſandte ſie zufrieden nach ihrer Heimath zuruͤck, woſelbſt ſie mit vielen Feierlichkeiten empfangen wurden, und noch lange in Freude und Vergnuͤgen mit einander lebten. Siedente Novelle. Theobor, in Violanten die Tochter ſeines Herrn, Meſſer Amerigo, verliebt, ſchwaͤngert ſie, und wird zum Gal⸗ gen verdammt; als er, ſich ſelbſt geißelnd, zu demſel⸗ ben hingefuͤhrt wird, erkennt ihn ſein Vater und macht ihn frei; er ſelbſt aber nimmt Violanten zur Frau. Die Damen, welche alle in Furcht und Unge⸗ wißheit ſchwebten, zu hören, ob die beiden Lieben⸗ den wuͤrden verbrannt werden, lobten Gott, als ſie hörten, daß ſie dem entgangen wären, und waren alle ſehr vergnuͤgt daruͤber; ſobald die Königin aber das Ende gehort hatte, gab ſie Lauretten den Auf⸗ —— —+„—„„ —— SG 8 Siebente Novelle. 113 trag zur folgenden, worauf dieſe auch zu reden froͤh⸗ lich anfing. Schoͤne Damen, zur Zeit, als der gute Koͤnig Wilhelm in Sicilien regierte, befand ſich auf der Inſel ein edler Mann, genannt Meſſer Amerigo Abt von Trapani, welcher unter andern zeitlichen Guͤtern auch mit Kindern geſegnet war, weshalb er eine große Dienerſchaft noͤthig hatte. Wenn nun Galeeren genueſiſcher Corſaren aus der Levante ka⸗ men, welche, an den Kuͤſten Armeniens hinfahrend, viele Kinder gefangen genommen hatten, ſo kaufte er von dieſen einige, da er ſie fuͤr Tuͤrken hielt. Unter dieſen, wenn auch die andern alle zwar Hirten zu ſeyn ſchienen, befand ſich doch einer, welcher ein ed⸗ leres und beſſeres Anſehen zeigte, und Theodor hieß. Dieſer, ob er gleich wie ein Sklave gehalten ward, wuchs dennoch mit den Kindern des Meſſer Amerigo im Hauſe auf, und fing an, da er mehr dem Zuge der Natur als des Zufalls folgte, geſitte⸗ ter und von feineren Manieren zu werden, wodurch er Meſſer Amerigo'n ſo gefiel, daß dieſer ihn frei machte, ihn, weil er ihn fuͤr einen Tuͤrken hielt, taufen ließ, Peter nannte und zum Oberaufſeher al⸗ les des Seinigen beſtellte; ſo groß war ſein Ver⸗ trauen auf ihn. So wie die andern Kinder des Meſſer Amerigo heranwuchſen, ſo wuchs eine ſeiner Toͤchter, Vio⸗ lante genannt, zu einer ſchoͤnen und zarten Jungfrau heran, welche, da der Vater ſie zu verheirathen hin⸗ pielt, ſich zufaͤlligerweiſe in Peter verliebte; allein Boccaccio's ſämmtl. W. 4. 8 114 Fuͤnfter Tag. wenn ſie ihn auch gleich liebte, und fuͤr ſeine Sit⸗ ten und Handlungen große Achtung hegte, ſo ſchaͤmte ſie ſich doch, es ihm zu entdecken. Aber die Liebe uͤberhob ſie dieſer Muͤhe; denn Peter, der ſie meh⸗ rere Male mit aller Vorſicht angeſehen hatte, hatte ſich in ſie ebenfalls ſo verliebt, daß er kein anderes Gluͤck fuͤhlte, als nur das, ſie zu ſchen. Allein er furchtete ſehr, es moͤchte Jemand bemerken, da es ihm ſelbſt ſo vorkam, als thaͤte er nicht ganz recht. Die Jungfrau, die ihn gern ſah, bemerkte es wohl, und, um ihm mehr Sicherheit zu geben, zeigte ſie ſich ſo, wie ſie es auch wirklich war, ſehr zufrie⸗ den daruͤber. Auf dieſem Punkte blieben ſie lange Zeit, wo Keiner wagte, einer dem andern nur ein Wort zu ſagen, obgleich ein Jeder es ſehr wuͤnſchte. Aber waͤhrend ſie ſo auf gleiche Art von Liebesftammen entbrannt ergluͤhten, fand das Gluͤck, gleichſam als wenn es beſchloſſen haͤtte, das zu wollen, was wirk⸗ lich war, fur ſie einen Ausweg, die zaghafte Furcht zu verſcheuchen, die ſie hinderte. Meſſer Amerigo hatte außerhalb Trapani etwa eine Miglie weit, eine ſehr ſchoͤne Beſitzung, wohin ſeine Frau mit ihrer Vochter und anderen Frauen und Maͤdchen, oft zum Vergnuͤgen hinzugehen pflegte. Als ſie eines Tages, da die Hitze ſehr groß war, auch hinausgegangen waren, und Peter mitgenom⸗ men hatten, verweilten ſie daſelbſt einige Zeit; al⸗ lein ploͤtzlich, wie wir ſehen, daß es im Sommer wol je zuweilen zu geſchehen pflegt, huͤllte ſich der ie vo zu er en s k⸗ cht wa hin ten te. ar, m⸗ al⸗ ner der Siebente Novelle. 115⁵ Himmel in duͤſtere Wolken ein, deshalb machte ſich die Frau mit ihrer Geſellſchaft, damit das boͤſe Wetter ſie hier nicht uͤberfallen moͤchte, auf den Weg, um nach Trapani zuruͤckzukehren, und zwar gingen ſie ſo ſchnell als ſie nur konnten. Peter aber, der jung war, und eben ſo auch die Jungfrau, kamen unterwegs der Mutter und der an⸗ dern Geſellſchaft vorweg, vielleicht von Liebe nicht weniger als von Furcht vor dem Wetter getrieben. Und da ſie wirklich der Frau und den Andern ſchon ſo weit vorgekommen waren, daß ſie ſich kaum noch ſahen, ſtuͤrzte nach vielen Donnerſchlaͤgen ploͤtzlich ein ſo großer und dicker Hagel herunter, daß die Frau mit ihrer Geſellſchaft in das Haus eines Land⸗ mannes ſich fluͤchteten. Peter und die Jungfrau fanden nicht ſo ſchnell einen Zufluchtsort, und traten in ein altes, beinahe ganz verfallenes Haus ein, worin kein Menſch wohnte, und in dieſem draͤngten ſich Beide unter dem bischen Dach, was noch uͤbrig geblieben war, ſo zuſammen, daß, bei der wenigen Bedeckung, die Nothwendigkeit ſie zwang, ſich zu beruͤhren. Dieſe Beruͤhrung ward die Veranlaſſung, daß ſich ihr Gemuͤth etwas beru⸗ higte, um ſich die Wuͤnſche der Liebe zu eroͤffnen, und daher fing Peter zuerſt an: Wollte doch Gott, daß dieſer Hagel, während ich ſo ſtehe, wie ich hier ſtehe, nie aufhoͤrte! Das wuͤrde mir ſehr lieb ſeyn, ſagte die Jung⸗ frau. Und von dieſen Worten kam es dahin, daß ſie 116 Fuͤnfter Tag. A 77 ſich bei der Hand faßten, und ſich druͤckten; un hiervon, dahin, daß ſie ſich in die Arme ſchloſſen dann ſich kuͤßten, waͤhrend es immerfort hagelte. Und damit ich nicht jeden einzelnen Umſtand erzaͤhle, das Wetter hatte noch nicht aufgehoͤrt, ſo hatten ſie ſchon die letzte Ergoͤtzung kennen gelernt, und ſchon die Einrichtung getroffen, wie ſie in geheim ihr Vergnuͤgen mit einander haben wollten. Das ſchlechte Wetter ließ nach, und beim Ein⸗ tritt in die Stadt, der nahe war, erwarteten ſie die Frau, und kehrten mit ihr nach Hauſe zuruͤck. Auch hier fanden ſie ſich je zuweilen, bei einer vorſichti⸗ gen und geheimen Einrichtung, zum groͤßten Ver⸗ gnuͤgen mit einander wieder beiſammen, und die Sa⸗ che ging ſo vortrefflich, daß ſich bei der Jungfrau die Folgen davon zeigten, was denn freilich dem ei⸗ nen wie dem andern Theile ſehr unlieb war; und ob dieſe gleich viele Kuͤnſte dagegen anwandte, ſo gelang es ihr doch nicht, den Lauf der Natur zu hemmen. Peter, dieſerhalb an ſeinem Leben ſelbſt verzwei⸗ felnd, beſchloß zu entfliehen, und ſagte es ihr. Wenn Du flieheſt, ſagte ſie, als ſie dies hoͤrte, bringe ich mich ſelbſt unwiderruflich ums Leben. Peter ſagte zu ihr, denn er liebte ſie uͤber al⸗ les: Wie kannſt Du, Geliebte, verlangen, daß ich hier bleiben ſoll? Dein Zuſtand wird unſer Verge⸗ hen ans Tageslicht bringen; Dir wird es leicht ver⸗ ziehen werden, aber ich, Elender, werde der ſeyn⸗ 770 „ Siebente Novelle. 117 der die Strafe fuͤr Deinen und meinen Fehler wird leiden muͤſſen.. Die Jungfrau ſagte: wird bekannt werden, aber das Deine, ſey verſi⸗ chert, ſoll erfahren, wenn Du es nicht ſagſt⸗ 2 Darauf cwertet⸗ Peter: Wenn Du mir das verſprichſt, will ich bleiben, aber bedenke auch, es mir zu halten. Die Jungfrau, ſo ſehr ſie auch ihren Zuſtand, ſo viel ſie nur gekonnt, zu verbergen geſucht hatte, ſah doch, da ſie immer ſtaͤrker ward, daß ſie ihn nicht mehr verbergen konnte, entdeckte ihn daher ei⸗ nes Tages mit vielen Thraͤnen der Mutter, und bat dieſe nur um ihre Erhaltung. Die Frau, grenzenlos daruͤber vetrübt, ſagte ihr viel Hartes, und wollte von ihr wiſſen, wie das zu⸗ gegangen waͤre. Die Jungfrau ſetzte, damit Petern kein Boͤſes geſchahe, eine Fabel zuſammen, in welcher ſie die Wahrheit in eine andere Geſtalt einhuͤllte. Die Frau glaubte ſie, und um das Vergehen der Tochter zu verhehlen, ſchickte ſie ſie nach einer ihrer Beſitzungen. Als die Zeit ihrer Niederkunft hier herangekommen war, ſchrie die Jungfrau, wie es die Frauen wol zu machen pflegen, und da die Mutter nicht ahnete, daß Meſſer Amerigo, ganz wider ſeine Gewohnheit, ſich auch hier befaͤnde, ſo traf es ſich, daß, als er vom Vogelfang zuruͤckkehrte, er an dem Zimmer entlang ging, in welchem die F Peter, mein Vergehen— 118 Fuͤnfter Tag⸗ Jochter ſchrie; voller Verwunderung trat er ploͤtz⸗ lich hinein, und fragte, was es hier gaͤbe? Da die Frau ſah, daß der Mann dazu gekom⸗ men war, ſtand ſie ſehr betruͤbt auf, und erzaͤhlte ihm, was ſich mit der Tochter zugetragen haͤtte; er aber das zu glauben weniger bereit, als es die Frau geweſen war, ſagte geradezu, das wäͤre nicht wahr, daß ſie es nicht gewußt haben ſollte, von wem ſich die Tochter in andern Umſtaͤnden befunden haͤtte, und deshalb wolle er alles wiſſen. Sagte ſie es, ſo koͤnne ſie ſeine Gunſt wieder erhalten, wenn aber nicht, ſo moͤchte ſie nur gewiß glauben, daß ſie ohne Barm⸗ herzigkeit ſterben muͤßte. Die Frau gab ſich alle Muͤhe, ſo viel ſie nur konnte, den Mann bei dem, was ſie ihm geſagt, zu beruhigen; aber es half nichts. Er gerieth in Wuth, und ſtuͤrzte mit bloßem Degen in der Hand auf die Tochter zu, welche, waͤhrend der Vater noch in Wor⸗ ten uͤber ſie ſich ausließ, einen Knaben zur Welt ge⸗ boren hatte, und ſagte zu ihr: entweder Du ge⸗ ſtehſt, wer der Vater dieſes Kindes iſt, oder Du biſt ohne Verzug des Todes. Die Jungfrau brach, aus Furcht vor dem Tode, das Petern gethane Verſprechen, und geſtand alles, was zwiſchen ihm und ihr vorgefallen waͤre. Da der Ehrenmann dies hoͤrte, und auf eine grauſame Art ganz hartherzig geworden war, konnte er ſich kaum zuruͤckhalten, ſie umzubringen; indeſ⸗ ſen, nachdem er ihr alles, was ihm der Zorn nur eingab, geſagt hatte, ſtieg er wieder zu Pferde, und Siebente Novelle. kehrte nach Trapani zuruͤck. Hier theilte er einem Meſſer Currado, welcher als Hauptmann beim Ko⸗ nige ſich befand, die von Peter ihm angethane Be⸗ ſchimpfung mit, und ließ denſelben, der ſich deſſen gar nicht verſah, ploͤtzlich gefangen nehmen. Auf die Folter gebracht, bekannte er alles, was er gethan. Sobald er nach einigen Tagen vom Hauptmann verurtheilt worden war, durch die Stadt geſtaͤupt und dann gehaͤngt zu werden, that Meſſer Ajnerigo, da⸗ mit eine und eben dieſelbe Stunde die beiden Lieben⸗ den und auch ihren Sohn von der Welt naͤhme(denn der Zorn hatte ihm auch da noch nicht verlaſſen, als er Petern zum Tode gebracht hatte), Gift in einen Kelche zum Wein, und gab dieſen zugleich mit einem Meſſer, einem ſeiner Diener, mit den Worten: Geh mit dieſen beiden zu Violante, und ſprich in meinem Namen ſo zu ihr: ſie ſolle ſchnell eine von dieſen beiden Todesarten, durch Gift oder durchs Schwert, waͤhlen, wenn nicht, ſo wuͤrde ich ſie im Angeſicht ſo vieler Buͤrger, wie nur hier wären, verbrennen laſſen, wie ſie es verdient haͤtte; und iſt das ge⸗ ſchehen, ſo ſollſt Du den vor einigen Tagen von ihr gebornen Sohn nehmen, mit dem Kopfe gegen die Mauer ſchleudern, und den Hunden zum Fraß vor⸗ werfen. Nachdem der wilde Vater dieſes grauſame Ur⸗ theil uͤber ſeine Tochter und ſeinen Enkel ausgeſpro⸗ chen hatte, ging der mehr zum Boͤſen als zum Gu⸗ ten geneigte Diener fort. Als nun Peter verurtheilt, unter Geißelhieben 120 Fuͤnfter Tag. von den Gerichtsdienern zum Tode gefuͤhrt wurde, kam er, wie es denen, die den Zug anfuͤhrten, ge⸗ fiel, vor einem Gaſthauſe vorbei, wo ſich drei edle Armenier befanden, welche von dem Koͤnige von Ar⸗ menien als Geſandte nach Rom geſchickt waren, um mit dem Papſte uͤber ſehr wichtige Angelegenheiten, in Hinſicht eines zu unternehmenden Kreuzzuges zu unterhandeln, und hier abgeſtiegen waren, um ſich einige Tage zu erholen und auszuruhen. Dieſe wa⸗ ren von den edleren Bewohnern Trapani's, und be⸗ ſonders von Meſſer Amerigo ſehr geehrt worden. Als ſie hoͤrten, daß die, welche Peter fuͤhrten, hier vorbei kaͤmen, traten ſie ans Fenſter, um es mit anzuſehen. Peter war von dem Guͤrtel an ganz ent⸗ bloͤßt, und die Haͤnde waren ihm auf den Ruͤcken ge⸗ bunden. Da einer der drei Geſandten, welcher ein Mann von altem Herkommen und großer Wuͤrde war, Namens Fineo, ihn ſah, bemerkte er, daß er auf der Bruſt einen rothen Fleck hatte, der nicht aufge⸗ mahlt, ſondern von Natur in die Haut eingedruͤckt war, ſo wie die zu ſeyn pflegen, welche die Frauen hier zu Lande ein Kußmahl nennen. So bald er dies geſehen, trat ihm ſchnell einer ſeiner Söhne wieder vor das Gedaͤchtniß, welcher ihm, es mochten wol ſchon funfzehn Jahre verfloſſen ſeyn, von Corſaren auf der Kuͤſte von Lajazzo geraubt worden war, und von dem er niemals, auch nur das Allergeringſte hatte erfahren koͤnnen. Da er dem Alter dieſes Un⸗ gluͤcklichen, der da gegeißelt ward, nachdachte, meinte er, wenn ſein Sohn noch am Leben waͤre, muͤßte Siebente Novelle. der von dem Alter ſeyn, als dieſer ihm zu ſeyn ſchiene; ſo gerieth er durch jenes Zeichen auf die Vermuthung, er moͤchte es wol gar ſeyn, und dachte, wenn er es waͤre, ſo muͤſſe er ſich noch ſeines und ſeines Vaters Namen und der armeniſchen Sprache erinnern. Als er ihm daher nahe gekommen war, rief er: Theodor! Sobald Peter dieſe Stimme hoͤrte, hob er ſchnell den Kopf in die Hoͤhe. Fineo fuhr hierauf in armeniſcher Sprache fort, und ſagte: Wo biſt Du her, und weſſen Sohn? Die Schergen, welche ihn fuͤhrten, ſtanden aus Achtung gegen den wackern Mann ſo lange ſtill, bis Peter alſo geantwortet hatte: Ich bin aus Arme⸗ nien, Sohn eines Mannes, der Fineo hieß, und als ein kleines Kind, ich weiß nicht, von wem, hierher transportirt. Sobald Fineo dies hoͤrte, erkannte er fuͤr ganz gewiß, er waͤre der Sohn, den er verloren haͤtte; weinend ſtieg er daher mit ſeinen Gefaͤhrten hinab, und eilte, ihn unter allen den Schergen zu umar⸗ men; nachdem er ihm hierauf einen Mantel von ſehr reichem Stoffe, den er um hatte, uͤbergewor⸗ fen, bat er denjenigen, der ihn zum Richtplatz fuͤh⸗ ren ſollte, er moͤchte es ſich doch gefallen laſſen, hier ſo lange zu warten, bis ihm der Befehl zukom⸗ men wuͤrde, ihn weiter zu fuͤhren. Dieſer antwortete, daß er gern warten wolle. Fineo hatte den Grund ſchon erfahren, weßhalb dieſer zum Tode gefuͤhrt wuͤrde, weil das Geruͤcht 122 Fünfter Tag. es ſchon allenthalben hin ausgebreitet hatte; er ging daher mit ſeinen Gefaͤhrten und deren Dienerſchaft zum Meſſer Currado hin, und ſagte zu ihm: Herr, der da, den Ihr wie einen Sklaven zum Tode ſendet, iſt ein freier Menſch und mein Sohn. Er iſt bereit, diejenige zur Fran zu nehmen, der er, wie man ſagt, ihre Jungfrauſchaft geraubt haben ſoll; darum wollet gefaͤlligſt mit der Vollſtreckung des Urtheils ſo lange verziehen, bis man erfahren kann, ob ſie ihn zum Gemahl haben will, damit Ihr nicht ſelbſt gegen das Geſetz gehandelt haben moͤg⸗ tet, wenn ſie ihn haben will. Da Meſſer Eurrado hoͤrte, dieſer waͤre Fineo's Sohn, verwunderte er ſich, und da er ſich uͤber den Fehlgriff des Schickſals ſehr geſchaͤmt hatte, geſtand er, daß das wahr waͤre, was Fineo ſagte; er ließ ihn daher geſchwinde wieder nach Hauſe zuruͤckkehren, ſchickte zu Meſſer Amerigo hin, und ließ ihm alles dies ſagen. Meſſer Amerigo, welcher glaubte, daß die Toch⸗ ter und der Enkel ſchon getoͤdtet ſeyn moͤchten, ward der niedergeſchlagenſte Mann von der Welt uͤber das, was er gethan hatte, da er einſah, wenn ſie noch nicht todt waͤre, koͤnne alles noch wieder gut gemacht werden; indeſſen ſchickte er doch eiligſt da⸗ hin, wo die Tochter war, damit, wenn ſein Befehl noch nicht vollzogen waͤre, es nicht geſchehen moͤchte. Der, welcher hiernach ausging, traf den von Meſſer Amerigo geſandten Diener, eben als er das Meſſer und das Gift vor ihr hingeſtellt hatte, ihr, 8 n d n, 8 d er ie tt 1 * P on 8 Siebente Novelle. da ſie nicht ſo ſchnell waͤhlte, Grobheiten ſagte, und ſie zwingen wollte, eins zu nehmen. Sobald er aber den Befehl ſeines Herrn vernommen hatte, ließ er ſie in Ruhe, kehrte zu jenem zuruͤck, und ſagte ihm, wie die Sache ſtaͤnde. Meſſer Amerigo, hiermit ſehr zufrieden, ging ſogleich dahin, wo ſich Fineo befand, und entſchul⸗ digte ſich mit Thraͤnen in den Augen, ſo gut er nur konnte, uͤber das, was geſchehen waͤre, bat ihn um Verzeihung, und verſicherte, daß, wenn Theodor ſeine Tochter nur zur Frau haben wollte, er es ſehr zufrieden wäre, ſie ihm zu geben. Fineo nahm die Entſchuldigung gern an, und antwortete: Meine Abſicht iſt es ganz, daß mein Sohn Eure Tochter nehme, und will er es nicht, ſo moͤge das ihm zuerkannte Urtheil an ihm vollzogen werden. Nachdem Fineo und Meſſer Amerigo einig ge⸗ worden waren, fragten ſie Theodor, welcher noch ganz in Furcht vor dem Tode, aber doch froh war, ſeinen Vater gefunden zu haben, uͤber dieſe Sache um ſeinen Willen. Sobald Theodor hoͤrte, daß Violante, wenn er nur wollte, ſeine Gattin werden ſollte, war ſeine Freude ſo groß, daß er aus der Hoͤlle ins Paradies geſprungen zu ſeyn glaubte, und ſagte, dies wuͤrde fuͤr ihn die groͤßte Gnade ſeyn, wenn es ein jeder von ihnen zufrieden waͤre. Es ward daher ſogleich nach der Jungfrau ge⸗ ſchickt, um ihren Willen zu hoͤren. Nachdem dieſe 124 Fuͤnfter Tag. vernommen hatte, was mit Theodor geſchehen wäre, und geſchehen ſollte, und ſie, mehr als nur irgend eine Frau in Schmerz verſunken, den Tod erwartele, gab erſt nach langer Zeit den Worten einigen Glau⸗ ben; dann erheiterte ſie ſich ein wenig, und ant⸗ wortete, daß, wenn ſie ihrem Wunſche folgen duͤrfte, ihr nichts Lieberes widerfahren koͤnnte, als Theodors Gattin zu werden; dennoch aber wuͤrde ſie thun, was ihr Vater ihr befoͤhle. Da man alſo auf dieſe Art die Jungfrau in al⸗ ler Einigkeit vermaͤhlte, ward, zur hoͤchſten Freude aller Buͤrger, ein uͤberaus großes Feſt angeſtellt. Die junge Frau beruhigte ſich wieder, naͤhrte ihren kleinen Knaben ſelbſt, ſo daß ſie nach kurzer Zeit ſchoͤner ward, als ſie je geweſen; nachdem ſie dann nach ihrer Niederkunft wieder hergeſtellt war, und ſich vor Fineo(deſſen Ruͤckkehr von Rom man er⸗ wartete) gezeigt hatte, bewies ſie ihm, wie einem Vater, die ſchuldige Achtung. Dieſer, uͤberaus zufrieden uͤber eine ſo ſchoͤne Schwiegertochter, ſtellte zu ihrer Hochzeit ein großes Freudenfeſt an, nahm ſie fuͤr ſeine JTochter an, und hielt ſie auch immer dafuͤr. Nach einigen Tagen be⸗ ſtieg er dann mit ſeinem Sohne, ihr und ſeinem klei⸗ nen Enkel eine Galeere, und nahm ſie mit ſich nach Lajazzo, wo ſie mit einander, bei Ruhe und Frieden der beiden Liebenden, ſo lange ihr Leben dauerte, wohnten. 2 8 — u — — 6„ Achte Novelle. 125 Achte Novelle. Anaſtaſius, aus der Familie Oneſti, welcher eine aus der Familie Traverſari liebt, verſchwendet ſeine Reichthuͤ⸗ mer, ohne von ihr geliebt zu werden. Von den Seini⸗ gen gebeten, geht er nach Chiaſſt; da ſieht er, wie ein Ritter ein junges Mädchen verfolgt, ſie toͤdtet, und ſie dann von zwei Hunden verzehrt wird. Er ladet darauf ſeine Verwandten und ſeine Geliebte ſelbſt bei ſich zum Mittagseſſen ein; hier ſieht dieſe, wie eben dieſelbe Jungfrau in Stuͤcke zerriſſen wird, und ſie nimmt aus Furcht vor einem aͤhnlichen Schickſale, den Anaſtaſius zum Gemahl. Als Lauretta ſchwieg, fing Philomena auf Be⸗ fehl der Koͤnigin alſo an: Liebenswuͤrdige Maͤdchen, ſo wie uns das Mit⸗ leiden anbefohlen iſt, ſo wird auch die Grauſamkeit von der goͤttlichen Gerechtigkeit ſtreng an uns gero⸗ chen. Um Euch dies zu beweiſen, und Veranlaſſung zu geben, daß Ihr ſie gaͤnzlich von Euch verjaget, habe ich Luſt, Euch eine Novelle zu erzaͤhlen, die nicht weniger mitleidsvoll als angenehm iſt. In Ravenna, eine ſehr alte Stadt in der Ro⸗ magna, waren einſt ſehr edle und feine Leute, und unter dieſen ein junger Mann, Namens Anaſtaſius, aus der Familie Oneſti, welcher durch den Tod ſei⸗ nes Vaters und ſeines Onkels, als ein uͤber allen Glauben ſehr reicher Menſch zuruͤckgeblieben war. Wie es mit jungen Männern zu gehen pflegt, verliebte er ſich, da er noch ohne Frau war, in eine Tochter des Meſſer Paul Traverſaro, ein Maͤdchen, noch edler als er ſelbſt, und faßte die Hoffnung, ſie durch 126 Fuͤnfter Tag. ſeine Lebensart dahin zu bringen, daß ſie ihn lieben wuͤrde. Indeſſen, ob dieſelbe gleich ſehr großartig, ſchoͤn und lobenswuͤrdig war, ſo half ſie ihm dennoch nicht nur nichts, ſondern es ſchien vielmehr, als wenn ſie ihm ſchade, ſo hart, grauſam und ungezogen zeigte ſich ihm das geliebte Mädchen, welches vielleicht der einzigen Schoͤnheit oder des Adels wegen ſo ſtolz und ſproͤde geworden war, daß weder er ſelbſt, noch ir⸗ gend etwas, woran er Gefallen fand, ihr gefiel. Dies war Anaſtaſius ſo druͤckend zu ertragen, daß er oftmals, wenn er in ſeinen Schmerz daruͤber tief verſunken war, in ihm die Begierde entſtand, ſich ſelbſt umzubringen. Indeſſen er ward doch Herr uͤber ſich, nahm ſich oftmals in ſeinem Herzen vor, ſie ganz gehen zu laſſen, oder, wenn er koͤnnte, ſie zu haſſen, ſo wie ſie ihn. Aber vergebens faßte er ſolchen Vorſatz, denn, je mehr ihn die Hoffnung ver⸗ ließ, um ſo mehr ſchien es ihm, vermehrte ſich ſeine Liebe. Da nun der junge Mann ſo bei ſeinem Lie⸗ ben und unmaͤßigen Verſchwenden verblieb, kam es einigen ſeiner Freunde und Verwandten ſo vor, als wenn er ſich und das Seinige bald verzehrt haben wuͤrde; ſie baten und riethen ihm daher oft, er moͤchte Ravenna verlaſſen und ſich auf eine kurze Zeit an einem andern Orte aufhalten, denn auf ſolche Art wuͤrde er ſeine Liebe und ſeine Ausgaben vermindern. Dieſen Rath verſpottete Anaſtaſius mehrmals; inzwiſchen aber, da er von ihnen immer wieder an⸗ gegangen ward, und ſolchergeſtalt nicht nein ſagen konnte, ſagte er, er wolle es thun. Er ließ daher g, ch nn te er nd ir⸗ en, ber nd, err r, ſie er er⸗ ine Lie⸗ es als ben chte an Art ern. als; an⸗ gen Achte Novelle. 427 große Zuruͤſtungen machen, ſo als wollte er nach Frankreich, oder nach Spanien oder irgend wo an⸗ ders hin gehen, ſtieg zu Pferde, verließ, von vielen ſeiner Freunde begleitet, Ravenna, und ging nach einem Orte, welcher etwa drei Miglien von Ravenna entfernt war, und Chiaſſi hieß; hier, ſagte er, zu denen, die ihn begleitet hatten, nachdem er Zelte und Pavillon's hatte herbeiſchaffen laſſen, wolle er bleiben, ſie aber moͤchten nur nach Ravenna zuruͤck⸗ kehren. Nachdem Anaſtaſius ſich hier gelagert hatte, fing er an, ein ſo ſchoͤnes und praͤchtiges Leben zu fuͤhren, wie es nur je gefuͤhrt worden, indem er bald dieſen bald jenen einlud, zu Mittag und zu Abend, wie gewoͤhnlich, bei ihm zu ſpeiſen. Da er⸗ eignete es ſich, daß, als es einmal, ſo beim Ein⸗ tritt des Maies, ſehr ſchoͤnes Wetter war, und er ſich ganz in Gedanken an ſeine Grauſame vertieft hatte, er ſeiner ganzen Dienerſchaft befahl, ihn al⸗ lein zu laſſen, und um ganz nach ſeinem Gefallen ſeinen Gedanken nachzuhaͤngen, ſchlenderte er, einen Fuß vor den andern vorſetzend, in Gedanken, bis in einen Pinienwald. Nachdem ſchon die fuͤnfte Stunde des Tages verfloſſen, und er gut eine halbe Miglie in den Wald eingedrungen war, ohne ſich im gering⸗ ſten nur daran, etwas zu eſſen, oder an ſonſt etwas erinnert zu haben, kam es ihm plotzlich vor, als hoͤrte er großes Klagegeſchrei und tiefes Seufzen ei⸗ ner Frau; ſeine ſuͤßen Gedanken daher unterbrechend, hob er den Kopf in die Hoͤhe, um zu ſehen, was es 128 Fuͤnfter Tag. ware, und voll Verwunderung ſah er ſich in dem Pinienwalde, uͤberdies aber erblickte er auch noch, in⸗ dem er vor ſich hinſchaute, aus einem ziemlich dik⸗ ken Gebuͤſch von Geſträuchen und Dornen, ein ſchoͤ⸗ nes junges nacktes Maͤdchen, mit zerrauften Haaren, und von den Zweigen und Dornen ganz zerkratzt, weinend und um Huͤlfe rufend herauskommen und nach dem Orte zulaufen, an welchem er ſich befand; weiter noch ſah er ihr zur Seiten zwei ſehr große und wilde Hunde, welche wuͤthend hinter drein lie⸗ fen, ſie ſehr oft, wenn ſie ſie erreichten, biſſen, und noch hinter ihr her auf einem ſchwarzen Renner ei⸗ nen vraunen Ritter kommen, mit ſtuͤrmiſch⸗zornigem Geſichte, einen Stoßdegen in der Hand⸗ und ihr mit fuͤrchterlichen Schmaͤhworten den Tod androhend. Dies jagte ihm zu gleicher Zeit Verwunderung und Furcht in ſeine Seele, und zuletzt auch Mitleiden mit dem ungluͤcklichen Maͤdchen; uͤber welche bei ihm der Wunſch entſtand, ſie, wenn er nur koͤnnte, aus dieſer Qual und vom Tode zu erretten. Allein da er ſich ohne Waffen befand, ſuchte er ſich eines Baumzweiges ſtatt des Stockes zu bemaͤchtigen, und mit dieſem wollte er auf die Hunde und auf den Rit⸗ ter losgehen. Der Ritter aber, der dies ſah, rief ihm von weitem zu: Anaſtaſius, gib Dir keine Muͤhe, uͤber⸗ laß den Hunden und mir mit dieſer gottloſen Frau zu verfahren, wie ſie es verdient hat. Während er ſo ſprach, hielten die Hunde, welche die Jungfrau in der Seite tuͤchtig angepackt hatten, ſie feſt, und e e——— ——— Achte Novelle. der Ritter, welcher dazu gekommen war, ſtieg vom Pferde. Ihm naͤherte ſich Anaſtaſius, und ſagte: Ich weiß nicht, wer Du biſt, da Du mich doch ſo genau kennſt; allein ſo viel ſage ich Dir, daß es von ei⸗ nem bewaffneten Ritter eine große Gemeinheit iſt, ein nacktes Frauenzimmer umbringen zu wollen, und Hunde ihr in die Seite gehetzt zu haben, ſo als waͤre ſie ein wildes Thier; darum werde ich ſie verthei⸗ digen, ſo viel ich nur kann. Der Ritter ſagte darauf: Anaſtaſius, ich war mit Dir aus einem Lande, und Du warſt noch ein kleiner Knabe, als ich, der ich Meſſer Guido aus der Familie Anaſtagi genannt ward, in dieſe weit mehr verliebt war, als Du es nur in die aus der Familie Traverſari jetzt ſeyn kannſt. Durch ihre Wildheit und Grauſamkeit aber ging mein Ungluͤck ſo weit, daß ich eines Tages mit dieſem Degen, den Du in meiner Hand ſiehſt, wie ein Verzweifelter mich umbrachte, wofuͤr ich zu ewiger Strafe ver⸗ dammt ward. Allein es dauerte nicht lange, daß die, welche uͤber meinen Tod uͤber alle Maßen er⸗ freut war, ſtarb und wegen des Vergehens ihrer Grauſamkeit, und der uͤber meine Qualen gehabten Freude, weil ſie keine Reue daruͤber gefuͤhlt hatte, indem ſie hierin nicht gefehlt zu haben glaubte, den⸗ noch aber verdienterweiſe, eben ſo zu den Qualen der Hoͤlle verdammt ward, und noch iſt. Als ſie in dieſelbe hinabgeſtiegen war, ward ihr und mir zur Strafe auferlegt, ihr, vor mir zu fliehen, mir, der Boccaccio's ſämmtl. W. 4. 9 130 Fünfter Tag. ich ſie einſt ſo liebte, ſie als meine Jodfeindin, aber nicht als ein geliebtes Maͤdchen, zu verfolgen; und ſo oft ich ſie einhole, ſo oft ſtoße ich ſie mit dieſem Degen, mit welchem ich mich ſelbſt getoͤdtet hatte, nieder, öffne ihr die Seite, und nehme ihr zugleich mit dieſem harten und kalten Herzen, in welches we⸗ der Liebe noch Mitleiden eindringen konnten, und mit allem ihrem anderen Inneren, ſo wie Du es gleich ſehen wirſt, das Leben, und gebe dieſen Hunden alles zur Speiſe. Dann wird es nicht lange dauern, ſo ſteht ſie, ſo wie es die Gerechtigkeit und die All⸗ macht Gottes verlangt, und ſo, als waͤre ſie gar nicht todt geweſen, wieder auf, es beginnt von neuem die ſchmerzhafte Flucht, und die Hunde und ich ver⸗ folgen ſie wieder. Und ſo komme ich alle Freitage zu dieſer Zeit mit ihr hierher, und richte, wie Du ſehen wirſt, wieder dieſelbe Niederlage an. Doch glaube nicht, daß wir die andern Tage ruhen; ich hole ſie an andern Orten ein, wo ſie ſo grauſam gegen mich dachte und verfuhr; und da ich nun aus ihrem Lieb⸗ haber ſo ihr Feind geworden bin, wie Du es ſiehſt, ſo muß ich ſie auf ſolche Art ſo viele Jahre verfol⸗ gen, als ſie Monate grauſam gegen mich geweſen iſt. Darum laß mich die gottliche Gerechtigkeit in Ausuͤbung bringen, und widerſetze Dich nicht dem, dem Du doch nicht wuͤrdeſt widerſtehen koͤnnen. Anaſtaſius, als er dieſe Worte hoͤrte, war ganz furchtſam geworden, und hatte kein Haar auf ſeinem Kopfe, was ſich nicht emporgeſtraͤubt haͤtte; er zog ſich zuruck, blickte nach der ungluͤckſeligen Jungfrau ———* S W b⸗ ol⸗ ſen in m, anz em zog rau Achte Novelle. hin, und erwartete mit Furcht und Schrecken, was der Ritter machen wuͤrde. Dieſer lief, nachdem er ſeine Rede geendet hatte, wie ein toller Hund mit dem Degen in der Hand, auf die Jungfrau los, welche, auf den Knien lie⸗ gend, und von den beiden Packern kraͤftig gehalten, um Erbarmen rief; aber er rannte ihr mit aller ſei⸗ ner Kraft den Degen durch die Bruſt, daß er ihr auf dem Ruͤcken wieder herauskam. Sobald die Jungfrau dieſen Stoß empfangen hatte, ſiel ſie, immer weinend und laut rufend, vorn uͤber; der Ritter ergriff mit der Hand ein Meſſer, eroffnete ihr damit die Seite, und warf den Hunden das Herz vor, was er ihr, mit allem was daran war, heraus⸗ geriſſen hatte, und jene ohne Verzug mit dem groß⸗ ten Heißhunger auffraßen. Hierauf währte es nicht lange, ſo ſtand das Mädchen, als wenn von allem dieſen nichts geſche⸗ hen waͤre, ploͤtzlich wieder auf den Fuͤßen, floh dem Meere zu, indem die Hunde ſie fortwährend zer⸗ fleiſchten. Der Ritter ſtieg wieder zu Pferde, nach⸗ dem er ſeinen Degen von neuem ergriffen, verfolgte ſie, und in kurzer Zeit verſchwanden ſie ſo, daß Ana⸗ ſtaſius ſie nicht mehr ſehen konnte. Nachdem dieſer dies geſehen hatte, ſtand er, von Mitleid und Furcht ergriffen, eine ganze Weile; und dann fuhr es ihm ploͤtzlich durch den Sinn, wie viel ihm dies helfen koͤnne, da es alle Freitage ge⸗ ſchahe. Indeſſen kehrte er, nachdem er ſich den Ort bezeichnet hatte, zu den Seinigen zuruͤck; dann ——————— 132 Fuͤnfter Tag. ſchickte er, als es ihm Zeit zu ſeyn duͤnkte, zu meh⸗ reren ſeiner Anverwandten und Freunden herum, und ließ ihnen ſagen: Ihr habt mir ſchon ſo lange Zeit her angelegen, daß ich dieſe meine Feindin zu lieben aufhoͤren, und meinem Verſchwenden ein Ende machen moͤchte; ich bin bereit, es zu thun, wenn Ihr mir eine Gefaͤl⸗ ligkeit auswirket; und dieſe beſteht darin, daß Ihr es dahin zu bringen ſucht, daß kuͤnftigen Freitag Meſſer Paolo Traverſari, mit ſeiner Frau, ſeiner Tochter und allen Frauen aus ihrer Verwandtſchaft, und Jeder, den Ihr wollt, ſich hier bei mir zum Mittageſſen einfindet. Was meine Abſicht dabei iſt, werdet Ihr alsdann ſehen. Dies zu thun, ſchien ihnen ſehr etwas Unbedeu⸗ tendes, vielmehr luden ſie, da ſie nach Ravenna zu⸗ ruͤckgekehrt waren, die ein, welche Anaſtaſius wuͤnſchte, und ob es gleich etwas ſchwer hielt, die Jungfrau, welche Anaſtaſins liebte, mit hinzubringen, ſo ging ſie indeſſen doch mit. Anaſtaſius ließ ein praͤchtiges Mahl zubereiten, und die Tafeln um die Fichten herum an den Ort hinſetzen, wo er die Mißhandlung des grauſamen Mädchens geſehen hatte. Nachdem er alsdann die Herren und Damen ſich hatte an den Tiſch ſetzen laſſen, richtete er es ſo ein, daß die von ihm ge⸗ liebte Jungfrau dem Orte juſt gerade uͤber zu ſitzen kam, wo die Geſchichte vorfallen mußte. Das letzte Gericht war eben aufgetragen, als der verzweiflungs⸗ — * Achte Novelle. volle Lärm des gejagten Maͤdchens von Allen gehoͤrt ward. Jeder gerieth daruͤber ſehr in Verwunderung und fragte, was das waͤre; aber Keiner konnte es ſagen; Alle ſtanden auf, und blickten hin, was das ſeyn konnte, und da ſahen ſie das ungluckliche Mäd⸗ chen, den Ritter und die Hunde, und es dauerte nicht lange, ſo waren ſie hier mitten unter ihnen. Der Aufſtand ſowol gegen die Hunde, als auch gegen den Ritter war groß, und viele eilten hinzu, um dem Maͤdchen zu helfen; aber der Ritter ſprach gegen ſie eben ſo, wie er gegen Anaſtaſius geſpro⸗ chen hatte, hieß ihnen nicht allein ſich zuruͤckzuzie⸗ hen, ſondern erſchreckte ſie Alle und erfuͤllte ſie mit Staunen. Und da er das wieder that, was er ehe⸗ mals auch ſchon gethan hatte, ſo fingen alle Frauen, ſo viele deren nur da waren(und es waren genug da, welche Anverwandte ſowol von dieſer ungluͤck⸗ lichen Jungfrau als auch von dieſem Ritter waren, und ſich ſeiner Liebe und ſeines Todes erinnerten), ſo bitterlich zu weinen an, als wenn ſie alles dies an ſich ſelbſt ausgeuͤbt geſehen haͤtten. Nachdem die Sache ihr Ende erreicht hatte, und die Jungfrau und der Ritter fort waren, wurden alle dieſe, die es mit angeſehen hatten, in viele und mannichfaltige Geſpraͤche daruͤber verſetzt; indeſſen die, welche vor allen Anderen den meiſten Schrecken davon gehabt hatte, war die vom Anaſtaſius ge⸗ liebte grauſame Jungfrau, und da ſie alles ganz ge⸗ nau geſehen und gehoͤrt, und auch wohl einſah, daß 134 Fuͤnfter Tag. alles dies weit mehr auf ſie, als auf irgend eine Andere ginge, ſo erinnerte ſie ſich der Grauſamkeit, welche ſie immer gegen Anaſtaſius bewieſen hatte, und deshalb kam es ihr gerade ſo vor, als floͤhe ſie vor ihm, dem Erzuͤrnten, und als haͤtte ſie die Pak⸗ ker in den Seiten. Die Furcht, welche hieruͤber bei ihr entſtand, war ſo groß, daß ſie, damit ihr dies nur nicht begegnen moͤchte, den erſten Augenblick er⸗ griff(welcher ſich ihr noch denſelben Abend darbot), im, da ſich ihr Haß in Liebe verwandelt hatte, ihre treue Kammerjungfer ingeheim an Anaſtaſius abzu⸗ ſchicken, welche ihn in ihrem Namen bitten mußte, er moͤchte es ſich doch gefallen laſſen, zu ihr zu kom⸗ men, weil ſie bereit waͤre, zu thun, alles, was er nur wuͤnſchte. Hierauf ließ Anaſtaſius ihr zur Antwort geben, daß ihm das ſehr willkommen waͤre, daß er aber, wenn es ihr geſiele, nur mit ihrer Ehre ſein Ver⸗ gnuͤgen zu haben wuͤnſche, und das beſtände darin, ſie zu heirathen und zu ſeiner Gattin zu ma⸗ chen. Die Jungfrau, welche wohl wußte, daß es von keinem Andern, als nur von ihr abgehangen hatte, warum ſie Anaſtaſius Gattin nicht geworden war, ließ ihm antworten, ihr waͤre es ganz gefaͤllig. Dar⸗ um ſagte ſie, und davon war ſie ſelbſt die Bothin, zu ihren Eltern, ſie waͤre es zufrieden, Anaſtaſius Gat⸗ tin zu werden, woruͤber dieſe dann auch wieder ſehr erfreut waren. Anaſtaſius heirathete ſie und ſtellte am folgen⸗ — v* — N *3 Neunte Novelle. 135 den Sonntag ſeine Hochzeit an, worauf er mit ihr lange Zeit froͤhlich lebte. Auch war dieſe Furcht nicht allein nur zu dieſem Guten der Grund, ſondern alle Damen aus Ravenna wurden furchtſam, ſo daß ſie ſich nachher oͤfter den Wͤnſchen der Männer er⸗ gaben, als ſie vorher gethan hatten. Neunte Novelle. Friedrich, aus der Familie Alberighi, liebt⸗ aber wird nicht wieder geliebt; verſchwendet das Seinige in Auf⸗ wartſamkeiten und ruinirt ſich, ſo daß ihm nur ein ein⸗ ziger Falke uͤbrig bleibt, welchen er auch noch, da er nichts mehr hat, ſeiner Geliebten zum eſſen vorſetzt, da ſie in ſein Haus zu ihm gekommen war. Sobald ſie dies erfuhr, aͤnderte ſie ihren Sinn, nimmt ihn zum Mann und macht ihn reich. Philomena hatte eben zu reden aufgehoͤrt, als die Konigin ſah, daß Keiner mehr als nur Dioneus nach ſeinem Vorrechte zu ſprechen uͤbrig waͤre, und deshalb ſagte ſie mit freundlichem Geſichte: Jetzt kommt es mir nun zu ſprechen zu, und liebe Maͤdchen, das will ich auch gern vermittelſt einer, der vorhergehenden zum Theil aͤhnlichen, No⸗ velle thun, nicht nur bloß darum, damit Ihr einſe⸗ hen moͤchtet, wie viel Eure Reize uͤber edle Herzen vermoͤgen, ſondern damit Ihr lernet, ſelber da, wo es ſchicklich iſt, die Verſchenkerinnen Eurer Gunſt zu werden, ohne dem Gluͤcke immer die Lei⸗ tung davon zu uͤberlaſſen, welches keineswegs mit überlegung, ſondern, ſo wie es kommt, die meiſten Male ohne Maß und Ziel ſchenket. SSc ——————— 136 Fuͤnfter Tag. So wiſſet denn alſo, Coppo di Borgheſe Do⸗ menichi, der in unſerer Stadt war, und auch viel⸗ leicht noch ein Mann von achtungswerthem und gro⸗ ßem Anſehen iſt, und durch Sitten und Tugend mehr noch als durch den Adel des Blutes ſich ſo beruͤhmt, und eines ewigen Nachruhms wuͤrdig gemacht hat, pflegte, da er ſchon hoch in Jahren war, oftmals von vergangenen Dingen, mit ſeinen Nachbaren, und auch mit Andern zum Vergnuͤgen zu ſprechen, und dies wußte er beſſer und mit mehr Ordnung, und bei groͤßerem Gedaͤchtniß und zierlicheren Reden, als irgend ein Anderer zu thun. Unter ſeinen andern huͤbſchen Sachen pflegte er zu ſagen, daß in Florenz ein junger Mann einſt geweſen waͤre, Namens Frie⸗ drich, ein Sohn Meſſer Philipp Alberighi's, ge⸗ ſchaͤtzt uͤber jeden andern jungen Edelmann in Tos⸗ kanien, wegen ſeiner Geſchicklichkeit in Waffenübun⸗ gen und ſeiner feinen Lebensart. Dieſer verliebte ſich, ſo wie es mit den meiſten jungen edeln Maͤn⸗ nern der Fall iſt, in eine edle Dame, Monna Gio⸗ vanna genannt, welche zu ihrer Zeit fur die ſchoͤnſte und artigſte gehalten ward, die in Florenz lebten. Und um ihre Liebe zu erhalten, turnirte er, brach Lanzen, ſtellte Feſte an, verſchenkte und verſchwen⸗ dets das Seinige ohne allen Ruͤckhalt. Aber ſie, nicht weniger zuͤchtig als ſchoͤn, kuͤm⸗ merte ſich gar nicht um das, was ihretwegen ver⸗ anſtaltet ward, noch um den, der es veranſtaltete. Da nun Friedrich weit uͤber ſeine Kraͤfte viel verſchwendete, und nichts erwarb, ſo ſchwanden, wie Neunte Novelle. das leicht zu geſchehen pflegt, ſeine Reichthuͤmer hin, und er ward arm, ſo daß ihm nichts anders mehr uͤbrig geblieben war, als ein kleines Guͤtchen, von deſſen Einkuͤnften er ganz kaͤrglich lebte, und uͤber⸗ dies noch einer der beſten Falken von der Welt. Da⸗ her, immer mehr liebend als nur je, glaubte er, er koͤnne kein Staͤdter mehr bleiben, ſo wie r es wuͤnſchte, und ging nach Campi, wo ſein chen lag, um dort zu wohnen. Hier ertrug e ſeine Ar⸗ muth ganz geduldig und ſo gut er konn urch Voͤ⸗ gelfangen, ohne von Jemand etwas z„dern. Nun ereignete es ſich eines Tages, ars Friedrich ſo auf's Außerſte gekommen war, daß der Mann von Monna Giovanna erkrankte; und da er ſah, es ginge mit ihm zum Tode, machte er ein Teſta⸗ ment, und in dieſem ließ er, als ein ſehr reicher Mann, ſeinen ziemlich ſchon erwachſenen Sohn als Erben zuruͤck, und dann, da er Monna Giovanna ſehr geliebt hatte, ſetzte er ſie, im Fall ſein Sohn ohne rechtmaͤßigen Erben ſterben ſollte, zu ſeinem Nacherben ein; worauf er dann ſtarb. Da Monna Giovanna alſo Wittwe geworden war, ging ſie, wie es der Gebrauch unſerer Frauen iſt, den Sommer uͤber mit dieſem ihrem Sohne aufs Land nach einer ihrer Beſitzungen hin, welche der Friedrichs ſehr nahe lag. Daher kam es denn, daß dieſer Knabe mit unſerm Friedrich vertraut zu wer⸗ den anfing, und ſich mit ſeinen Voͤgeln und Hunden ergoͤtzte. Bei dieſer Gelegenheit hatte er oftmals Friedrichs Falken fliegen ſehen, der ihm ganz außer⸗ 138 Fuͤnfter Tag. ordentlich gefiel, und den er daher ſehr zu haben wuͤnſchte, doch aber nicht darum zu bitten wagte, da er ſah, daß er ihm ſo lieb war. So ſtanden die Sachen, als der Knabe erkrankte; die Mutter, hieruͤber im hoͤchſten Grade betruͤbt, da ſie keinen weiter hatte, und ihn liebte, ſo viel nur in ihren Kraͤften ſtand, war den ganzen Tag um ihn, hoͤrte nicht auf ihn zu troͤſten, und fragte ihn ſehr oft, ob etwas waͤre, wonach er verlangte, und bat ihn, daß er es ihr doch ſagen moͤchte; denn, wenn es zu haben nur moͤglich wäre, wolle ſie ja Alles thun, daß er es erhielte. Da der Knabe dieſe Anerbietungen oft mit an⸗ gehoͤrt hatte, ſagte er: Mutter, wenn Du es ma⸗ chen kannſt, daß ich Friedrichs Falken kriege, ſo glaube ich, ich werde bald wieder geſund werden. Als die Mutter dies hoͤrte, ſtutzte ſie ein wenig, und uberdachte, was ſie thun ſollte. Sie wußte, daß Friedrich ſie lange geliebt hatte, aber von ihr niemals auch nur einen Blick hatte erlangen koͤnnen, daher ſagte ſie: Wie? ſoll ich hinſchicken oder ſelbſt hingehen, ihn um dieſen Falken zu bitten, der, wie ich hoͤre, ſo ſchoͤn ſteigt, wie nur je einer, und ihn uͤberdies auch nur in der Welt noch erhält? Und wie koͤnnte ich auch noch ſo unbedachtſam ſeyn, ei⸗ nem braven Manne, dem kein anderes Vergnuͤgen mehr uͤbrig geblieben iſt, auch dieſes noch nehmen zu wollen. Und in ſolche Gedanken vertieft, ob ſie gleich vollig uͤberzeugt war, ihn zu erhalten, wenn ſie darum baͤte, antwortete ſie dem Sohne, da ſie —— —— ———— Neunte Novelle. nicht wußte, was ſie ſagen ſollte, gar nichts, ſon⸗ dern ſchwieg. Endlich aber ſiegte die Liebe zu ihrem Sohne doch in ſolchem Grade bei ihr, daß ſie, um ihn zufrieden zu ſtellen, ſich entſchloß, es moͤchte auch daraus erfolgen, was da wolle, nicht hinzu⸗ ſchicken, ſondern ſelbſt hinzugehen, um ihm denſel⸗ ben zu verſchaffen. Daher antwortete ſie: mein Sohn, gib Dich zufrieden, und, denke aus allen Kraͤften daran, geſund zu werden; denn ich verſpre⸗ che Dir, das erſte, was ich morgen thun will, wird ſeyn, deshalb hinzugehen, und ihn Dir zu bringen. Das Kind, hieruͤber zufrieden, zeigte noch den⸗ ſelben Tag einige Beſſerung, die Frau aber nahm den folgenden Morgen, noch eine andere Frau zur Geſellſchaft, ging, wie zum Vergnuͤgen, nach Frie⸗ drichs kleinem Haͤuschen, und ließ ihn heraus bitten. Er, weil weder jetzt die Zeit war, noch in die⸗ ſen Tagen geweſen war, um auf den Vogelfang zu gehen, befand ſich in ſeinem Garten, und ließ kleine Arbeiten machen; ſobald er aber hoͤrte, daß Monna Giovanna an der Thuͤr nach ihm gefragt haͤtte, lief er froͤhlich dahin. Als ſie ihn kommen ſah, ging ſie ihm mit einer weiblichen Anmuth entgegen, und da Friedrich ſie achtungsvoll begruͤßt hatte, ſagte ſie: Du befindeſt Dich doch wohl, Friedrich?— dann fuhr ſie fort: Ich komme, Dir die Verluſte zu erſetzen, die Du meinethalben gehabt haſt, da Du mich mehr liebteſt, als es fuͤr Dich noͤthig geweſen waͤre; und dieſer Erſatz beſteht darin, daß ich mit dieſer meiner Be⸗ 140 Fuͤnfter Tag. gleiterin beabſichtige, dieſen Mittag ganz häuslich mit Dir zu ſpeiſen. Friedrich antwortete ganz beſcheiden: Madonna, ich erinnere mich durchaus keines Verluſtes, den ich durch Euch erlitten haben ſollte; wohl aber ſo vie⸗ len Gutes, was mir, wenn ich irgend etwas werth geweſen bin, durch Euren hohen Werth und durch die Liebe, die ich fuͤr Euch fuͤhlte, zugefloſſen iſt. und wahrlich, dieſes Euer freiſinniges Erſcheinen hier, iſt mir weit lieber, als mir das geweſen ſeyn wuͤrde, daß es mir ganz von neuem verſtattet worden wäͤre, wieder eben ſo viel zu verſchwenden, als ich fruͤ⸗ her ſchon verſchwendet habe, wenn Ihr auch gleich jetzt nur zu einem armen Wirthe gekommen ſeyd. Nachdem er ſo geſprochen, empfing er ganz ver⸗ ſchaͤmt ſie in ſeinem Hauſe, fuͤhrte ſie aus die⸗ ſem nach ſeinem Garten, und da Keiner weiter hier war, den er anders ihr haͤtte zur Geſellſchaft geben koͤnnen, ſagte er: Madonna, weil kein Anderer hier iſt, ſo wird dieſe gute Frau jenes Arbeiters Euch Geſellſchaft leiſten, ſo lange, bis ich hingehe und den Tiſch in Ordnung bringe. So uͤbergroß auch ſeine Armuth war, ſo hatte er es doch noch nie in dem Grade empfunden, wie duͤrftig er dadurch ge⸗ worden waͤre, daß er ſeine Reichthuͤmer ſo unver⸗ antwortlich verſchwendet haͤtte. Indeſſen, da er dieſen Morgen auch gar nichts fand, was er der Dame haͤtte vorſetzen koͤnnen, aus Liebe zu welcher er ſo unzaͤhlige Menſchen geehrt hatte, das ließ ihn ſeinen Fehler einſehen, und über alle Maßen bekuͤm⸗ — c—— 8 8——„— 38 c P Neunte Novelle. 141 mert, verwuͤnſchte er bei ſich ſelber ſein Geſchick, und lief, wie ein Menſch, der ganz außer ſich war, hier hin und da hin, und fand weder Geld noch ein Pfand. Da es aber ſchon ſpaͤt, und der Wunſch ſehr groß war, die edle Frau doch wenigſtens mit Et⸗ was bedienen zu koͤnnen, er auch nicht einmal ſeinen Arbeiter, viel weniger einen Andern darum anſpre⸗ chen wollte, ſo fiel ihm ſein guter Falke in die Au⸗ gen, den er in ſeinem aͤrmlichen Saale auf der Stan⸗ ge ſitzen ſah. Weil er nun nichts anders hatte, wozu er ſeine Zuflucht haͤtte nehmen koͤnnen, ſo griff er ihn, und da er fand, daß er fett waͤre, dachte er, er wäͤre fuͤr eine ſolche Dame wol eine wuͤrdige Speiſe. Er drehte ihm alſo ohne weiteres Beden⸗ ken den Hals um, ließ ihn von ſeiner Aufwaͤrterin ſchnell rupfen, zubereitet an's Spieß ſtecken und ſorg⸗ faͤltig braten. Als er hierauf den Tiſch mit dem weißeſten Tiſchzeuge, wovon er noch etwas beſaß, gedeckt hatte, kehrte er mit frohem Geſichte zur Dame in ſeinen Garten zuruͤck, und ſagte: das Mahl, ſo gut er es haͤtte bereiten koͤnnen, waͤre fer⸗ tig. Die Dame ſtand daher mit ihrer Begleiterin auf, und ſie gingen zu Tiſch, woſelbſt ſie, ohne zu wiſſen, was ſie aͤßen, zugleich mit Friedrich, der mit aller Aufmerkſamkeit nur ſie bediente, den gu⸗ ten Falken verzehrten. eachdem die Damea vom Tiſche aufgeſtanden waren, und noch einige Zeit bei freundlichen Geſpraͤchen mit ihm verweilt hatten, ſchien es der Dame Zeit zu ſeyn, das zu ſagen, weß⸗ 142 Fuͤnfter Tag. halb ſie gekommen waͤre, ſie wandte ſich daher mit freundlichen Worten alſo an Friedrich: Friedrich, wenn Du Dich an Dein vergangenes Leben und an meine Sittſamkeit erinnerſt, die Du ungluͤcklicher⸗ weiſe fuͤr Haͤrte und Grauſamkeit auslegteſt, ſo glaube ich ganz und gar nicht, daß Du Dich uͤber meinen anmaßenden Eigenduͤnkel wuͤrdeſt wundern koͤnnen, wenn Du hoͤren wirſt, warum ich vorzuglich hergekommen bin; allein wenn Du Kinder haͤtteſt, oder gehabt haͤtteſt, durch welche Du kennen gelernt, von welcher Stärke die Liebe iſt, die man fuͤr ſie hegt, ſo glaube ich uͤberzeugt zu ſeyn, daß Du mich zum Theil fuͤr entſchuldigt halten wuͤrdeſt. Aber da Du keine haſt, ſo kann ich, wenn ich auch nur eins habe, den allgemeinen Geſetzen der anderen Muͤtter nicht entfliehen, ſondern muß ihrer Macht mich fuͤgen, und muß wider meinen Willen, und gegen alle Schicklichkeit und Pflicht, Dich um ein Geſchenk bitten, was, wie ich weiß, Dir uͤberaus liev iſt, und auch mit Recht, da Dir Dein ungluͤck⸗ ſeliges Geſchick kein anderes Vergnügen, keine an⸗ dere Erholung, keinen andern Troſt uͤbrig gelaſſen hat. und dies Geſchenk iſt Dein Falke, fuͤr den mein Kleiner ſo eingenommen iſt, daß, wenn ich ihm denſelben nicht bringe, ich furchte, er wird in ſeiner Krankheit ſo ſchlecht werden, daß etwas daraus er⸗ folgt, weßhalb ich ihn verlieren koͤnnte. Und dar⸗ um bitte ich Dich, nicht um der Liebe willen, die Du fuͤr mich hegſt, durch welche Du zu Nichts ver⸗ pflichtet biſt, ſondern bei Deinem hohen Edelmuth, S—— das will ich Euch kurz ſagen. Neunte Novelle. 143 der ſich durch Hoͤflichkeitsbezeigungen bei Dir, weit groͤßer als bei irgend Einem gezeigt hat, laß es Dir gefallen, und ſchenk' ihn mir, damit ich ſagen koͤnne, ich haͤtte meinen Sohn am Leben behalten, und ihn Dir allein zu verdanken. Als Friedrich hoͤrte, warum die Frau bat, und er bei ſich fuͤhlte, daß er ihr nicht dienen koͤnne, weil er ihn ihr zu eſſen gegeben hatte, ſfing er in ihrer Gegenwart ſo daruͤber an zu weinen, daß er ihr kein Wort antworten konnte. Die Dame glaubte anfaͤnglich, dies Weinen ka⸗ me mehr aus Schmerz, ſich von dem guten Falken trennen zu ſollen, als aus etwas Anderem her, und ſie war ſchon im Begriff zu ſagen, daß ſie ihn nicht haben wolle; doch hielt ſie ſich noch, und wartete nach dem Weinen, Friedrichs Antwort ab; welcher ſo fortfuhr: Madonna, ſeitdem es Gott gefiel, daß ich in Euch meine Liebe ſetzte, habe ich wol gemerkt, wie das Gluͤck mir in ſo vielen Dingen entgegen gewe⸗ ſen iſt, und ich habe mich ſehr daruber betruͤbt, aber alles iſt mir leicht geweſen in Hinſicht deſſen, was es mir ietzt thut. Deßhalb kann ich mich nie wieder mit ihm ausſoͤhnen, wenn ich bedenke, daß Ihr hier⸗ her in eine armſelige Hütte gekommen ſeyd, da Ihr, als ſie noch reich ausgeſtattet war, herzukommen ſie nicht wuͤrdigtet, und Ihr eine kleine Gabe von mir fordert, welche ich Euch nicht geben zu koͤnnen dem Schickſal verdanke. Und warum ich das nicht kann, Als ich hoͤrte, daß 144 Fuͤnfter Tag. Ihr ſo guͤtig ſeyn wolltet, bei mir zu eſſen, hielt ich, hinſichts Eurer Trefflichkeit und Eures Wer⸗ thes, es fuͤr wuͤrdig und ſchicklich, daß ich, nach meiner Moͤglichkeit, Euch eine theurere Speiſe vor⸗ ſetzen muͤßte, als die man gewohnlich fuͤr andere Leute zu gebrauchen pflegt; da erinnerte ich mich des Falken, den Ihr von mir begehrt, und ſeiner Guͤte, glaubte, es wuͤrde eine Eurer wuͤrdige Speiſe feyn, und ſo habt Ihr ihn heute gebraten in der Schuͤſſel gehabt, indem ich ihn ſo fuͤr am beſten an⸗ gewandt hielt; aber da ich jetzt ſehe, daß Ihr ihn auf eine andere Art verlangtet, iſt es mir ſo ſchmerz⸗ lich, Euch damit nicht dienen zu koͤnnen, daß ich nimmermehr glaube, mich je daruͤber zufrieden zu geben. Und nachdem er dies geſagt, ließ er zum Beweiſe ihr die Fuͤße, die Federn und den Schnabel vorlegen. Da die Dame dies ſah und hoͤrte, tadelte ſie ihn anfangs ſehr, daß er, um einer Frau zu eſſen zu geben, einen ſolchen Falken getoͤdtet haͤtte, dann aber pries ſie auch bei ſich ſelber ſehr die Groͤße ſei⸗ ner Seele, welche ſelbſt die Armuth nicht haͤtte ſchwaͤchen können. Da ſie aber ſich in der Hoffnung getaͤuſcht ſah, den Falken zu bekommen, und des⸗ halb uͤber die Geneſung ihres Sohnes in Zweifel gerieth, ging ſie ganz niedergeſchlagen fort, und kehrte zu ihrem Sohne zuruͤck. Dieſer, vielleicht aus Betruͤbniß daruber, daß er den Falken nicht bekommen konnte, oder aus zu⸗ nehmender Krankheit, die ihn dahin gebracht hatte, ———— — Neunte Novelle. 145 ſchied, es waren noch nicht viel Tage vergangen, zum groͤßten Schmerz der Mutter, aus dieſem Leben. Nachdem dieſe einige Zeit in Thränen und bit⸗ terem Schmerz zugebracht hatte, und nun als ſehr reich und noch jung zuruͤckgeblieben war, ward ſie von ihren Bruͤdern meyrere Mal angeregt, ſich wie⸗ der zu verheirathen. Ov ſie nun gleich dies eben nicht wollte, ſich doch aber immer wieder beſtuͤrmt ſah, ſo erinnerte ſie ſich des wackern Friedrichs und ſeiner letzten Hochherzigkeit, daß er ihr zu Ehren ei⸗ nen ſolchen Falken getoͤdtet hatte, und ſagte zu ihren Bruͤdern: Gern bliebe ich, wenn es Euch gefaͤllig wäͤre, ſo; indeſſen, wenn Ihr es lieber ſeht, daß ich wie⸗ der einen Männ nehme, ſo nehme ich wahrlich nim⸗ mermehr einen andern, wenn ich nicht Friedrich aus der Familie Alberighi bekommen kann. Die Bruͤder verſpotteten ſie hieruͤber und ſag⸗ ten: Thoͤrin, was ſagſt Du da? Wie willſt Du denn den, der nichts in der Welt hat? Bruͤder, antwortete ſie ihnen, das weiß ich ſehr wohl, daß es ſo iſt, wie ihr ſagt; aber ich will lieber einen Mann, der der Reichthuͤmer bedavf, als Reichthuͤmer, welche des Mannes beduͤrſen. Da die Bruͤder ihre Geſinnung hoͤrten, und Friedrich als einen tuͤchtigen Menſchen kannten, wenn er auch gleich nur arm war, gaben ſie ſie ihm, mit allen ihren Reichthuͤmern, ſo wie ſie es wollte. Da er nun ſah, daß er, zur Gattin eine ſolche Fran, die er ſo ſehr geliebt hatte, und die uͤberdies auch noch Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 4. 10 146 Fuͤnfter Tag. ſehr reich war, ſo beſchloß er, als ein beſſerer Wirth, ſeine Jahre mit ihr in Froͤhlichkeit. Zehnte Novelle. Peter von Vinciolo ißt irgendwo zu Abend; ſeine Frau läßt ſich einen jungen Mann kommen; Peter kehrt zu⸗ ruͤck; ſie verſteckt ihn unter einem Huͤhnerkorbe, YPeter erzählt, man haͤtte in dem Hauſe Erkolano's, mit wel⸗ chem er zuſammen zu Abend geſpeiſt hatte, einen von der Frau hineingebrachten jungen Mann gefunden, und die Frau tadelt Erkolano's Frau ſehr. Ein Eſel ſetzt ungluͤcklicherweiſe den Fuß auf die Finger deſſen, der un⸗ ter dem Korbe verſteckt war; er ſchreit; Peter laͤuft hinzu, ſieht ihn und entdeckt den Betrug der Frau, mit welcher er zuletzt doch in Einigkeit bleibt, ihres Schmer⸗ zes wegen. Die Erzählung der Koͤnigin hatte ihr Ende er⸗ reicht, und von Allen ward Gott gelobt, daß er den Friedrich auf eine ſo wuͤrdige Art belohnt haͤtte, als Dioneus, der nie einen Befehl abwartete, anfing: Ich weiß nicht, ob ich ſagen ſoll, daß es ein zufalliges Laſter iſt, was ſich mit der Verſchlimme⸗ rung der Sitten bei den Sterblichen eingefunden hat, oder ob es ein Fehler iſt, der in der Natur begruͤn⸗ det liegt, viel mehr uber ſchlechte Dinge zu lachen, als uͤber gute Werke, und beſonders, wenn letztere uns nicht eigentlich zukommen. Und da die Muͤhe, wel⸗ che ich vormals uͤbernommen habe, und auch jetzt wieder uͤbernehmen will, auf keinen andern Zweck hinauslaͤuft, als Euch den Truͤbſinn zu nehmen, und Euch dafuͤr Lachen und Froͤhlichkeit zu reichen, wenn auch gleich der Stoff zu meiner folgenden Novelle, —. ———————————— — —— i n ———,— Zehnte Novelle. 147 verliebte junge Madchen, zum Theil etwa weniger als anſtaͤndig ſeyn moͤchte, ſo will ich ſie, weil ſie Euch Vergnuͤgen gewaͤhren kann, Euch doch er⸗ zaͤhlen; und wenn Ihr ſie mit angehoͤrt habt, ſo macht es mit ihr, wie Ihr es zu machen pflegt, wenn Ihr in einen Garten kommt, wo Ihr die zarte Hand ausſtreckt, und Roſen pfluͤckt, aber die Dornen ſtehen laßt. So koͤnnt Ihr es auch machen, wenn Ihr den ſchlechten Menſchen, zu ſeinem eige⸗ nen Unheil, in ſeiner Unehrbarkeit ſtehen laßt, und froͤhlich uͤber den verliebten Betrug ſeiner Gattin lacht, aber doch Mitleid mit des Anderen Ungluͤck bezeigt, wo er es bedarf. Es war alſo in Perugia, noch nicht verfloſſen, lange Zeit iſt eben ein reicher Mann, Namens Peter da Vinciolo, welcher vielleicht mehr um An⸗ dere zu hintergehen, und die allgemeine Meinung, welche alle Perugianer von ihm hatten, zu ſchwä⸗ chen, als daß ein innerer Trieb ihn dazu bewogen haͤtte, eine Frau nahm; und deshalb war das Schickſal ſeiner Begierde in dieſer Art ganz ge⸗ maͤß. Denn die Frau, die er ſich nahm, war ein vierſchroͤtiges junges Ding, hatte rothe Haare, und war ſo luͤſtern, daß ſie lieber zwei Männer ſtatt ei⸗ nen gehabt haͤtte; dagegen gerieth ſie an einen, der weit mehr auf etwas anderes, als auf ſie ſeinen Sinn gerichtet hatte. Da ſie im Verfolge der Zeit dies merkte, aber doch auch ſah, daß ſie ſchoͤn und friſch war, und ſich ruͤſtig und kraftvoll fuͤhlte, fing ſie anfangs an, ſich daruͤber ſehr zu beunruhigen, 1⁴8 Fänfter Tag. und mit dem Manne je zuweilen unſchickliche Reden⸗ und beinahe ein fortwährend ſchlechtes Leben zu füh⸗ ren; als ſie dann aber ſah, daß dies eher ein Auf⸗ zehren ihrer ſelbſt herbeifuͤhrte, als daß es eine Beſ⸗ ſerung ihres Mannes von ſeiner Schlechtigkeit haͤtte bewirken können, ſagte ſie bei ſich ſelbſt: Dieſer Treuloſe vernachläſſigt mich, und will unzuchtig⸗ lich in Pantinen uͤbers Trockne hinſchlarfen, dafuͤr will ich einen Andern in meinem Schiffchen flott machen. Ich nahm ihn zum Mann, und brachte ihm eine große und ſchoͤne Ausſteuer zu, weil ich vorausſetzte, daß er ein Mann waͤre und glaubte, auch er wuͤrde nach dem luͤſtern ſeyn, wonach die Männer luͤſtern ſind und ſeyn müſſen; und wenn ich nicht geglaubt haͤtte, daß er wirklich ein Mann waͤre, haͤtte ich ihn ja nimmermehr genommen. Er aber, wenn er wußte, daß ich ein Weib war, war⸗ um nahm er mich zur Frau, wenn die Weiber ihm zuwider wgren? Das iſt nicht auszuſtehen. Wenn ich nicht in der Welt hätte leben wollen, ſo wuͤrde ich eine Nonne geworden ſeyn; da ich nun aber darin ſeyn wollte, ſo wie ich es will und bin, ſo kann ich, wenn ich von dieſem Luſt und Freude erwarte, vielleicht umſonſt warten und dabei alt werden, und wenn ich dann alt geworden ſeyn, und meinen Feh⸗ ler einſehe werde, dann werde ich mich umſonſt be⸗ truͤben, daß ich meine Ingend verloren habe, und um in dieſer mich zu troͤſten, dient er mir zu einem ſchoͤ⸗ ne 9 nen Lehrer und Vorbilde, daß ich mich mit eben ſolchen ergetze, mit welchen er ſich ergetzt; und ſolche Er⸗ ——— Zehnte Novelle. 149 getzlichkeit wird fr mich ſehr lobenswerth ſeyn, da ſeine fuͤr ihn im hoͤchſten Grade tadelnswuͤrdig iſt. Ich handle nur bloß gegen die Geſetze, er handelt gegen die Geſetze und gegen die Natur. Nachdem das gute Weib ſolche Gedanken, und wol mehr als einmal gehabt hatte, machte ſie ſich, um ſie in Stillen zur Ausfuͤhrung zu bringen, mit einer Alten bekannt, welche eine wahre heilige Ver⸗ diana zu ſeyn ſchien, die die Schlangen fuͤtterte, immer mit dem Pater Noſter in der Hand nach al⸗ len Beichten herumlief, und nimmermehr von etwas Anderem ſprach, als von dem Leben der heiligen Kir⸗ chenvaͤter, oder von den Wunden des heiligen Fran⸗ ziskus, und beinahe von Allen fuͤr eine Heilige ge⸗ halten ward. Dieſer eroͤffnete ſie, da es ihr Zeit zu ſeyn ſchien, ihre Meinung ganz vollſtaͤndig. Die Alte ſagte darauf zu ihr: Meine Tochter, Gott, der alle Dinge weiß, weiß auch dies, daß Du ganz recht daran thun wirſt; und wenn Du es auch um nichts anderes thaͤteſt, ſo muͤßteſt Du und jedes junge Maͤdchen es thun, damit Ihr nicht die Zeit Eurer Jugend verloͤret; denn kein Schmerz kommt fuͤr den, der Einſicht davon hat, dem gleich, ſeine Zeit verloren zu haben. Und was Teufel! wo⸗ zu ſind wir denn, wenn wir alt geworden ſind, noch nutz, als die Aſche auf dem Heerde zu bewahren? Wenn Keine das weiß, oder Zeugniß daruͤber able⸗ gen kann, ſo bin ich eine ſolche; denn jetzt, da ich alt bin, komme ich, nicht ohne die groͤßten und ſchmerzhaften Gewiſſensbiſſe, zur Erkenntniß der 150 Fuͤnfter Tag. geit, die ich ohne Nutzen habe verſtreichen laſſen⸗ Und wenn ich ſie auch nicht ganz und gar verloren habe(denn ich moͤchte nicht gern, daß Du glaubteſt, ich waͤre eine ausgemachte Naͤrrin geweſen), ſo habe ich doch bei weitem nicht gethan, was ich haͤtte thun koͤnnen. Wenn ich mich nun daran erinnere, ſo weiß es Gott, was fuͤr Schmerzen ich daruͤber empfinde, wenn ich jetzt, wo ich ſehe, daß ich das geworden bin, was Du ſiehſt, daß ich bin, Keinen finde, der Pulver auf meine verroſtete Pfanne geben will. Mit den Männern kommt das nicht ſo; ſie werden zu tauſend Dingen, und nicht bloß hierzu tauglich gebo⸗ ren, und die meiſten taugen erſt was, wenn ſie äl⸗ ter ſind, als da ſie noch jung waren, aber die Wei⸗ ber zu nichts anderem, als dazu, alsdann kriegen ſie Kinder, und nur um deren willen hat man ſie lieb. Und wenn Dir auch hierbei nichts anders auf⸗ fiele, ſo muͤßte Dir doch allerdings das auffallen, daß wir immer dazu bereit ſind, was aber bei den Männern nicht der Fall iſt. überdies koͤnnte Eine Frau wol viele Männer muͤde machen, da viele Maͤn⸗ ner Eine Frau nicht muͤde machen koͤnnten. Alſo, weil wir dazu geboren ſind, ſo ſage ich Dir noch⸗ mals, daß Du ſehr wohl daran thun wuͤrdeſt, wenn Du Deinem Manne Gleiches mit Gleichem vergoͤl⸗ teſt, damit Deine Seele nicht im Alter Deinem Flei⸗ ſche Vorwuͤrfe enacht. Von dieſer Welt hat ein Je⸗ der ſo viel, als er ſich ſelbſt nimmt, und beſonders die Weiber, welche die Zeit weit mehr anwenden muͤſſen, wenn ſie ſie haben, als die Maͤnner; denn —— —————— — M 8 S„ Zehnte Novelle. Du kannſt es ja ſehen, wenn wir alt werden, will uns weder der Mann noch ein Anderer anſehen, viel⸗ mehr jagen ſie uns in die Kuͤche, um den Katzen Hi⸗ ſtoͤrchen zu erzählen, die Toͤpfe und die Schuͤſſeln nachzurechnen, und was das Schlimmſte iſt, machen ſie Lieder auf uns, und ſingen:„S iſt nichts mit den alten Weibern,“ und was ſie ſonſt noch fur der⸗ gleichen huͤbſche Saͤchelchen ſagen. Und damit ich Dich nicht laͤnger mit Worten mehr aufhalte, ſo ſage ich Dir jetzt, Du haͤtteſt keiner andern Perſon in der Welt Deine Geſinnung entdecken koͤnnen, die Dir nuͤtzlicher geweſen waͤre, als mir; denn es iſt keiner ſo abgerieben, dem ich nicht dreiſt ſagen ſollte, was ihm noch Noth thaͤte, noch ſo hart und un⸗ wirſch, den ich nicht ſanft machte und dahin braͤchte, wohin ich ihn haben will. Darum zeige Du mir nur erſt, wer Dir gefaͤllt, und dann laß mich nur machen; nur an das Eine will ich Dich erinnern, liebes Toͤchterchen, laß mich Dir empfohlen ſeyn; denn ich bin eine arme Perſon, dafuͤr will ich aber auch, daß Du an alle Bußen und Pater⸗Noſter, ſo viel ich deren nur abbete, Theil haben ſollſt, damit Gott ſie zu Lichtern und Leuchten fuͤr Deine Ver⸗ ſtorbenen werden laſſe. Und hiermit endete ſie. Das junge Weib blieb alſo mit der Alten in dieſem Einverſtaͤndniß, daß, wenn ihr ein junger Mann etwa vor Augen kaͤme, welcher oft dieſe Ge⸗ gend paſſirte, und von dem ſie ihr alle Kennzeichen angab, ſo wuͤßte ſie, was ſie zu thun häͤtte; dann 152 Fuͤnfter Tag. gab ſie ihr ein Stuͤck Poͤkelfteiſch und empfahl ſie dem lieben Gott. Es vergingen nicht viel Tage, ſo ſchickte die Alte heimlich ihr den, von dem ſie mit ihr geſpro⸗ chen hätte, in ihre Kammer, und kurze Zeit wieder einen Andern, je nächdem ſie der jungen Frau gefie⸗ len, und dieſe ließ auch keine Gelegenheit voruͤber, in dieſer Sache zu thun, was ſie darin nur thun konnte, wenn ſie ſich auch gleich immer vor ihrem Manne fuͤrchtete. Indeſſen traf es ſich, daß eines Abends ihr Mann mit einem guten Freunde, welcher Erkolano hieß, zum Abendeſſen ging; ſogleich trug die Frau der Alten auf, ihr einen jungen Mann kommen zu laſſen, ſo ſchoͤn und gefällig als nur einer in Peru⸗ gia wäre; was ſie auch ſogleich that. Eben als nun die Frau mit dem jungen Manne ſich zum Eſſen an den Tiſch geſetzt hatte, ſiehe, da rief Peter an der Thuͤr, daß ihm aufgemacht wuͤrde. Die Frau glaubte, als ſie dies hoͤrte, ſie muͤſſe des Todes ſeyn; indeſſen, da ſie den jungen Mann zu verſtek⸗ ken wuͤnſchte, wenn es nur moͤglich waͤre, es ihr auch nicht einfiel, ihn fortzuſchicken, oder ihn ir⸗ gend wo anders zu verbergen, ſo ließ ſie ihn auf einer Gallerie, welche an das Zimmer, in welchem ſie gegeſſen hatten, anſtieß, unter einen Huͤhnerkorb kriechen, der daſelbſt ſtand, und uͤber den ſie den Hader eines alten Sackes warf, den ſie am Tage hatte ausleeren laſſen. Nachdem ſie dies vollbracht, ließ ſie ſchnell ihrem Manne aufmachen. Zehnte Novelle. 153 Sobald dieſer ins Haus eingetreten war, ſagte ſie: Das Abendeſſen habt Ihr auch bald hinunter geſchlungen. Peter antwortete: Wir haben es nicht einmal gekoſtet. Und wie iſt das zugegangen? ſagte die Frau. Da ſagte Peter: Das will ich Dir ſagen. Wir hatten uns eben zu Tiſch geſetzt, Erkolano, ſeine Frau und ich, als wir mit einem Male in unſerer Naͤhe nieſen hoͤrten, indeſſen aber wir bekuͤmmerten uns weder das erſte, noch das zwoite Mal weiter darum; aber da der, welcher genieſet hatte, noch ein drittes, viertes, fuͤnftes Mal, ja noch viel mehr Mal nieſete, ſo ſetzte dies uns Alle in Verwunde⸗ rung, und Erkolano, der mit ſeiner Frau daruͤber ein bischen geſpannt war, daß ſie uns eine lange Zeit an der Thuͤr hatte ſtehen laſſen, ohne uns auf⸗ zumachen, fragte faſt wie im Zorne: Was ſoll das heißen? wer nieſet da ſo? Er ſtand daher vom Tiſche auf, ging nach einer Treppe, die in der Naͤhe war, hin, unter welcher am Ende derſelben ein Bret⸗ terverſchlag war, um etwas dahin aus der Hand zu ſetzen, wie wir das alle Tage diejenigen thun ſehen, welche ſich ihr Haus einrichten. Da es ihm ſchien, als wenn der Ton von dem Nieſen daher kaͤme, oͤff⸗ nete er ein kleines Thuͤrchen, was daran war, und ſobald er dieſe geoͤffnet hatte, kam ploͤtzlich der aͤrgſte Schwefelgeſtank von der Welt heraus, ob uns gleich vorher, als wir dieſen Geſtank rochen und uns dar⸗ uͤber beſchwerten, die Frau geſagt hatte, es iſt da⸗ ₰ 154 Fuͤnfter Tag. von, daß ich vorher kleine Waſche geſchwefelt habe, und dann das Pfaͤnnchen, was ich daruͤber deckte, damit ſich der Rauch darin ſammelte, hier unter die Treppe hinſtellte, wo der Rauch jetzt noch herkommt. Nachdem Erkolano nun das kleine Thuͤrchen aufge⸗ macht, und der Rauch ſich etwas verluͤftet hatte, ſah er hinein, und gewahrte den, der genieſet hatte, und wegen des argen Schwefeldampfes noch immer⸗ fort nieſete. Und ob er zwar gleich noch nieſete, ſo hatte ihm doch der Schwefel ſo die Bruſt zuſammen⸗ gezogen, daß nicht viel daran fehlte, er haͤtte weder jetzt noch jemals wieder genieſet. Sobald ihn Erkolano erblickte, ſchrie er: Jetzt ſehe ich, Frau, warum wir, als wir kamen, ſo lange vor der Thuͤr aufgehalten wurden, ehe uns aufgemacht ward. Aber ich will keine Freude mehr haben, wenn ich Dir das nicht gedenke! Sobald die Frau dies hoͤrte und ſah, daß ihr Vergehen offenbar worden war, floh ſie, ohne auch nur die geringſte Entſchuldigung vorzubringen, vom Tiſche fort, und ich weiß nicht, wo ſie hingegangen iſt. Erkolano, der nicht bemerkt hatte, daß die Frau fortgelaufen war, ſagte mehrere Male zu dem, der noch immerfort nieſete, er ſollte herauskommen; dieſer aber, der nicht mehr konnte, ruͤhrte ſich nicht, Erkolano mochte auch ſagen, was er wollte. Erko⸗ lano faßte ihn daher bei einem Beine, und zog ihn heraus, dann lief er ſchnell nach einem Meſſer, um ihn umzubringen; allein ich, der ich mich ſelbſt vor der Polizei fuͤrchtete, ſtand auf, und gab es nicht —,— ————— ————— Zehnte Novelle. 155 zu, daß er ihn umbraͤchte, noch ihm auch nur ein Leides zufuͤgte; vielmehr ward ich, da ich ſchrie und ihn vertheidigte, die Veranlaſſung, daß von den Nachbaren, welche herzugezogen wurden, den ſchon uͤberfuͤhrten jungen Mann feſthielten und zum Hauſe hinaustrugen, ich weiß nicht, wohin. Das iſt der Grund, aus welchem unſer Abendeſſen geſtoͤrt ward, und ich es nicht nur nicht hinunter geſchlun⸗ gen, ſondern es nicht einmal, wie ich ſagte, geko⸗ ſtet habe. Als die Frau dies mit angehoͤrt hatte, ſah ſie wohl ein, daß Andere eben ſo weiſe geweſen waͤren, als ſie, wenn auch gleich das Ungluͤck manchmal Eine mehr verfolgte, und deshalb hätte ſie gern Erkola⸗ no's Frau mehr noch mit Worten vertheidigt; allein da ſie glaubte, wenn ſie Anderer Fehltritte ver⸗ dammte, den ihrigen einen freieren Weg zu bahnen, fing ſie an, und ſagte: Das ſind ſchoͤne Sachen! Das muß eine heilige fromme Dame ſeyn! Das iſt die wahre Treue einer ehrbaren Frau, auf die ich Schloͤſſer gebaut haͤtte, fuͤr ſo geiſtlich habe ich ſie gehalten! und das rgſte iſt, daß, da ſie doch jetzt ſchon alt iſt, ſie den juͤngeren ein ſo gutes Beiſpiel gibt. Pfui uͤber die Stunde, in welcher ſie zur Welt kam, und uͤber ſie ſelbſt, welche, ſo ein ſchlech⸗ tes treuloſes Weib ſie iſt, allgemein zu Schimpf und Schande aller Frauen in der ganzen Gegend le⸗ ben muß, welche die ihrem Manne verſprochene Treue und Ehrbarkeit, und die Ehre dieſer Welt mit Fuͤ⸗ ßen tritt, welche ſich nicht geſchämt hat, ihren 156 Funfter Tag. Mann, der ein ſo tuͤchtiger Mann und ein ſo ehren⸗ werther Buͤrger iſt, und der ſie ſo gut behandelte, eines andern Mannes wegen, und ſich ſelbſt zugleich mit in Schimpf und Schande zu bringen. So wahr mir Gott helfe, mit ſolchen Weibern ſollte man auch nicht das mindeſte Mitleiden haben; man ſollte ſie Alle todtſchlagen; man ſollte ſie alle bei leben⸗ digem Leibe verbrennen, bis ſie zu Aſche geworden waͤren! Dann erinnerte ſie ſich an ihren Liebhaber, den ſie unter dem Huͤhnerkorbe, nicht weit von hier, ſiz⸗ zen hatte; deshalb redete ſie Petern zu, er moͤchte doch zu Bette gehen, weil es Zeit dazu wäre. Peter, der mehr Luſt zum Eſſen als zum Schla⸗ fen hatte, fragte, ob nicht irgend etwas zum eſſen da waͤre2 Da antwortete ihm die Frau: Hat ſich was zu eſſen; wir ſind auch recht gewohnt, wenn ich Erkolano's wenn Du nicht da biſt! Ja, was zu eſſen, Frau waͤre! Na! warum gehſt Du nicht? Fuͤr die⸗ ſen Abend geh nur ſchlafen, da thaͤteſt Du beſſer daran! Es waren aber gerade dieſen Abend verſchiedene Arbeiter von Peter mit allerhand Sachen vom Dorfe hergekommen, und hatten ihre Eſel, ohne ihnen zu ſaufen gegeben zu haben, in einen Stall gebracht, welcher neben der Gallerie lag. Einer von die⸗ ſen Eſeln, der ſehr großen Durſt hatte, zog den Kopf aus den Halfter, ging aus dem Stalle heraus, und beſchnuͤffelte alles, ob er vielleicht Waſſer faͤnde. — ———— Zehnte Novelle. Als er nun ſo herumlief, gerieth er in die Gegend des Korbes, unter welchem der junge Mann ſteckte. Dieſer hatte, weil er auf allen Vieren niedergeduckt ſtehen mußte, die Finger der einen Hand etwas aus dem Korbe heraus auf die Erde hingeſtreckt, und ſo wollte es ſein Geſchick, oder wir wollen lieber ſa⸗ gen, ſein Ungluͤck, dieſer Eſel ſetzte ihm den Fuß darauf; weil er nun gewaltigen Schmerz hieruͤber ſtieß er einen heftigen Schrei aus. ter, der dies hoͤrte, wunderte ſich daruͤber ſehr, ur merkte wohl, daß dies im Hauſe ſeyn muͤßte. Cr ging daher aus dem Zimmer hinaus, und da er den noch immer wimmern hoͤrte, weil der Eſel den Fuß noch nicht von dem Finger aufgehoben hatte, ſon⸗ dern ihn vielmehr immer noch ſtaͤrker druͤckte, ſo rief er: Wer iſt da? Mit dieſen Worten lief er nach dem Korbe hin, hob ihn auf, und ſah den jun⸗ gen Mann, der, außer dem Schmerz uͤber ſeine von dem Eſel gedruͤckten Finger, vor Furcht am ganzen Leibe zitterte, daß Peter ihm was zu Leide thun öchte. Sobald Peter dieſen erkannt hatte, dem er we⸗ gen ſeiner Schlechtigkeit ſchon lange nachgegangen war, fragte er ihn: Was machſt Du hier? Hierauf antwortete er ihm nichts, ſondern bat ihn nur um Gotteswillen, er moͤchte ihm doch nicht zu Leide thun Steh S ſagte Peter zu ihm, fuͤrchte nicht, daß ich Dir was zu Leide thun werde, ſage mir nur, wie biſt Du hierher gekommen, und wozu? —————— — 158 Fuͤnfter Tag. Peter, der ſich nicht weniger daruͤber freute, ihn gefunden zu haben, als ſeine Frau daruͤber be⸗ trubt war, nahm ihn bei der Hand, und fuͤhrte ihn von hier in das Zimmer, worin die Frau, in der groͤßten Furcht von der Welt, ihn erwartete. Als Peter ſich ihr dann geradeuber geſetzt hatte, ſagte er: Erſt dieſen Augenblick haſt Du ſo auf Erkola⸗ no's Frau geſchimpft, und ſagteſt, ſie ſollte ver⸗ brannt werden, weil ſie Euch allen Schande machte; warum ſagteſt Du das nicht auch von Dir ſelbſt, oder wenn Du von Dir das nicht ſagen wollteſt, wie gab es Dein Gewiſſen zu, von ihr was zu ſagen, da Du doch bei Dir ſelber fuͤhlen mußteſt, das ge⸗ than zu haben, was ſie gethan hat? Wahrhaftig, Dich hat doch nichts dazu verleitet, als daß Ihr alle von einem Schlage ſeyd, und nur darauf aus⸗ geht, durch Anderer Schuld Eure eigenen Vergehen zu verdecken. Wenn doch ein Feuer vom Himmel käme, das Euch alle verbrennte, ſchlechte Genera⸗ zion, die Ihr ſeyd! Die Frau ſah recht gut, daß er vom erſten Au⸗ genblicke an ihr nur mit Worten habe was anhaben wollen, und glaubte deutlich einzuſehen, wie er vor Freuden ganz außer ſich waͤre, daruͤber, daß er ei⸗ nen ſo ſchoͤnen Juͤngling an der Hand hielte; ſie faßte ſich daher ein Herz und ſagte: Das vin ich feſt uͤberzeugt, daß Du es gern haͤtteſt, wenn Feuer vom Himmel kaͤme, was uns Plle verzehrte, der Du uns ſo lieb haſt, wie der Hund die Pruͤgel; aber bei Gott im Himmel, ſo n 2 15 er ſo —6—— Zehnte Novelle. gut ſoll es Dir nicht werden. Ich moͤchte doch auch gern einmal ein Woͤrtchen mit Dir daruͤber ſprechen, um zu erfahren, weshalb Du Dich denn ſo gewaltig ereiferſt? Denn wahrlich, das waͤre mir auch recht, wenn Du mich mit Erkolano's Frau vergleichen wollteſt, welches eine alte Betſchweſter und eine Scheinheilige iſt; die aber doch von ihm hat, was ſie haben will, und die er auch wieder lieb hat, ſo wie man eine Frau haben muß; ſo gut wird es mir nicht, denn ich gebe es zu, daß ich von Dir ganz gut bekleidet und peſchuher werde, ſo weißt Du doch ſehr wohl, wie es um des Andern mit mir ſteht, und wie lange es her iſt, daß Du nicht mit mir im Bette gelegen haſt, und ich wollte doch lieber mit Lumpen auf dem Leibe und barfuß einhergehen, und nur im Bette gut behandelt werden, als alle dieſe Sachen haben, und von Dir behandelt werden, ſo wie Du mich behandelſt. Denn laß'mal ein ver⸗ nuͤnftig Wort mit Dir ſprechen, Peter, ich bin eine Frau wie die anderen, und habe Wuͤnſche wonach wie die andern, ſo daß ich gar nicht zu tadeln bin, wenn ich mir das zu verſchaffen ſuche, was ich von Dir nicht habe. Wenigſtens thue ich Dir denn doch die Ehre, daß ich mich nicht mit Jungen und Lumpenkerls einlaſſe. Peter merkte wohl, wie die Worte nicht von der Art waren, daß ſie die ganze Nacht hindurch wuͤrden weniger geworden ſeyn; deshalb ſagte er, da er ſich ſo wenig um ſie bekuͤmmerte: Nun nichts mehr, Frau, ich werde Dich auch daruͤber zur Ruhe 160 Fuͤnfter Tag. ſtellen; jetzt wirſt Du mir einen großen Gefallen thun, wenn Du es ver ranſtalteteſt, daß wir was zum Abendeſſen erhielten, denn es ſcheint mir, als wenn dieſer junge Burſche da, eben ſo wenig wie ich, zu Abend was gegeſſen haͤtte. Freilich, ſagte e die Frau, hat er noch nichts ge⸗ geſſen, denn eben als Du zur ungluͤcklichen Stunde herkamſt, wollten wir uns gerade zum Eſſen an den Tiſch ſetzen. Nun ſo geh denn, ſagte Peter, mach, daß wir was zu eſſen kriegen, und dann will ich die Sache ſchon ſo einrichten, daß Du nicht Urſache haben ſollſt, Dich daruͤber zu ärgern. Die Fran ſtand auf, da ſie hoͤrte, daß ihr Mann ruhig waͤre; ſie ließ daher den Tiſch ſchnell wieder herheiſchaffen, das Eſſen bringen, was be⸗ veitet da ſtand, und aß ganz froͤhlich m ihrem ſchlechten Manne und dem jungen Burſchen zu Abend⸗ Was Peter nach dem Abendeſſen zur Zufriedn⸗ heit aller drei veranſtaltete, iſt mir aus dem Siu gekommen; ich weiß nur ſo viel, d r Bur⸗ ſche am andern Morgen auch noch nicht einmal auf dem Markte recht war, ob er in vr N 3 mehr der Frau oder dem Manne zur Geſ ſellſchaft gedient hätte. Darum, lieben Frauen, will ich Euch ſo viel ſagen: was Dir gethan wird, thue Du Andern wieder, und wenn Du es nicht gleich kannſt, ſchr eib's Dir hinter's Ohr, bis Du es kannſt; denn wie man in den Wald hineinſchreit, ſo ſchallt es wieder heraus. 5 * nr ni SS— eb— 8— —z——˙———————— Zehnte Novelle. Nachdem Dioneus Novelle geendigt, welche von den Frauen weniger aus Scham als des minderen Vergnuͤgens wegen, belacht worden war, und die Koͤnigin einſah, daß das Ende ihrer Regierung ge⸗ kommen ſey, ſtand ſie auf und nahm ſich die Lor⸗ beerkrone ab, welche ſie Eliſen freundlich auf das Haupt ſetzte, indem ſie zu ihr ſagte: Euch, Madonna, kommt es jetzt zu, zu gebie⸗ ten. Eliſa nahm die Ehre an, und ſo wie es vor ihr eingerichtet geweſen war, ſo richtete ſie es auch wie⸗ der ein. Denn nachdem ſie zuerſt mit dem Seneſchal zu allem, was während ihrer Herrſchaft noͤthig ware, Befehl ertheilt hatte, ſagte ſie zur Zufriedenheit der ganzen Geſellſchaft: Wir haben ſchon oftmals gehoͤrt, daß Viele durch ſchoͤne Witzworte, ſchnelle Antworten und ra⸗ ſche Vorſichtsmaßregeln Anderer Sticheleien durch gehoͤrige Hiebe abzuſtumpfen, oder uͤber ſie einbre⸗ chende Gefahren abzuwenden gewußt haben; darum geht mein Wille dahin, weil der Stoff ſo ſchoͤn iſt und nuͤtzlich ſeyn kann, daß morgen mit Gottes Huͤlfe daruͤber geſprochen werde, wie naͤmlich Je⸗ mand, durch ein leichtfertiges Wort geneckt, ſich zuſammennahm, und durch eine ſchnelle Antwort oder Vorſichtsmaßregel dem Nachtheile, der Gefahr oder dem Spotte entfloh. Dies ward von Allen ſehr gelobt; deshalb ſtand die Koͤnigin auf und beurlaubte ſie Alle bis zur Zeit der Abendmahlzeit. Boccaccio's ſämmtl. W. 4. 11 162 Fuͤnfter Tag. Da die ehrenwerthe Geſellſchaft ſah, daß die Koͤnigin aufgeſtanden war, richteten ſie ſich in die Hohe, und nach gewoͤhnlichem Gebrauch ergab ſich ein Jeder dem, was ihm das liebſte war. Allein da auch die Heuſchrecken ſchon zu ſingen aufgehoͤrt hatten, ward ein Jeder zuruͤckgerufen, und man ging zur Tafel. Nachdem auch dieſe froͤhlich voll⸗ bracht war, fingen Alle an zu ſingen und zu tanzen; es hatte auch ſchon, mit Genehmigung der Koͤnigin, Emilie einen Tanz angefangen, und Dioneus ſollte ein Lied dazu ſingen. Schnell ſing er an:„Monna Aldruda heb' auf Deinen Schweif, ich bring' eine frohliche Maͤhr'.“ Alle Damen fingen daruͤber an zu lachen, und veſonders die Konigin, welche befahl, daß er dies unterwegs laſſen, und ein anderes ſingen ſollte. Dioneus ſagte: Gnädige Frau, wenn ich ein Inſtrument haͤtte, ſuͤnge ich:„Heb' auf Dein Roͤck⸗ chen, Monna Lapa,“ oder:„Unter dem Slbaum auf dem Graſe,“ oder wollt Ihr, daß ich das ſinge: „Die Welle des Meeres, ach! iſt mir ſo feind,“ aber ich habe kein Inſtrument, und deshalb ſagt, welches wollt Ihr von den Andern. Vielleicht ge⸗ fallt Euch das:„Komm heraus, daß ich Dich ſchneide, wie die Maie auf dem Felde.“ „Sing' ein anderes, ſagte die Koͤnigin. Nun, ſagte Dioneus, ſo will ich das ſingen: „Monna Simona, das Fäßchen gefullt;“ aber wir ſind ja noch nicht im October⸗ Lächelnd ſagte die Koͤnigin: Zum Henker, ſing' — ———— +)—— — — 88 — N — Zehnte Novelle. ein huͤbſches Lied, wenn Du ſingen willſt; die wol⸗ len wir nicht. Nun, ſei Dioneus, werden Sie nur nicht boͤſe, gnädige Fran, welches gefaͤllt Ihnen denn beſ⸗ ſer? ich weiß ihrer wol tauſend. Oder wollen ſie: „Liebes nncheh mach's nur ſachte,“ oder: „Hab' mir fuͤr'nen Batzen ein'n Hahn gekauft.“ Da ſagte die Koͤnigin, ein wenig aufgebracht, wenn auch gleich die Andern alle lachten: Dioneus, laß das Witzeln bleiben, ſing' ein ordentliches; wo aber nicht, ſo koͤnnteſt Du zuerſt meinen Zorn er⸗ fahren. Da Dioneus dies hoͤrte, ließ er die Narrenpoſ⸗ ſen bei Seite, und ſang ein Lied, welches die Koͤ⸗ nigin, obgleich auch die Andern noch welche ſangen, dennoch vorzuglich lobte. Indeſſen, da ſchon ein Theil der Nacht verfloſſen, und die Hitze des Tages von der Kuͤhle der Nacht beſiegt worden war, gebot die Koͤnigin, daß ein Jeder nach ſeinem Gefallen bis zum folgenden Tage ſich zur Ruhe begeben koͤnnte. Sech ſter Tag, an welchem, unter Eliſa's Regierung⸗ daruͤber geſprochen ward, wie Jemand durch ein leichtfertiges Wort geneckt, ſich zuſammennahm, oder durch eine ſchnelle Antwort oder Vorſichtsmaßregel dem Nachtheile, der Gefahr oder dem Spotte entging. De Mond hatte, da er mitten am Himmel ſtand, ſeine Strahlen verloren, und jede Gegend unſerer Halbkugel war ſchon durch das neu erſcheinende Licht erleuchtet, als die Koͤnigin aufgeſtanden war, und ihre Geſellſchaft rufen ließ. Indem ſie langſa⸗ men Schrittes von dem ſchönen Huͤgel durch den Thau hinabſpazierten, entfernten ſie ſich, waͤhrend ſie von dieſem und jenem mannigfaltige Geſpräche fuͤhrten, und uͤber die groͤßere oder mindere Schoͤn⸗ heit der erzählten Novellen disputirten, ſo wie auch äber die darin erwähnten mannigfaltigen Vorfaͤlle von neuem lächelten, bis die Sonne ſich immer mehr erhob und heißer zu werden anfing, woher es denn Allen Zeit zu ſeyn ſchien, nach Hauſe zuruͤckkeh⸗ ren zu muͤſſen. Sie wandten daher ihre Schritte um, und kamen daſelbſt wieder an. Da die Ta⸗ feln hier ſchon geſetzt, und alles mit wohlriechen⸗ den Kraͤutern und ſchoͤnen Blumen uͤberſaͤet war, fingen ſie, ehe die Hitze noch hoͤher ſtieg, auf Be⸗ fehl der Koͤnigin an zu ſpeiſen. Nachdem ſie in vie⸗ S— e„——„—— ———— he n⸗ le r n te 6. ⸗ r, Sechſter Tag. 165 ler Froͤhlichkeit damit fertig geworden waren, und ehe ſie etwas Anderes vornahmen, ein paar ſchoͤne luſtige Lieder geſungen hatten, legte der Eine ſich ſchlafen, der Andere ſpielte Schach und noch ein An⸗ derer im Brette; Dioneus und Laurette aber fingen von Troilus und Creſſida an zu ſingen. Und als dann die Zeit gekommen war, wo ſie ſich im hohen Rathe wieder einfinden ſollten, ließ die Koͤnigin ſie rufen, und ſie ſetzten ſich, ihrer Gewohnheit nach, um den Springbrunnen herum. Als nun die Koͤnigin eben im Begriff war, die erſte Novelle anzubefehlen, ergab ſich etwas, was ſich noch nie ergeben hatte, naͤmlich: ſowol die Koͤ⸗ nigin, als auch alle Andern hoͤrten einen gewaltigen Laͤrm, den die Bedienten und die Maͤdchen in der Kuͤche machten. Es ward daher der Seneſchal geru⸗ fen und befragt, wer ſo ſchrie und was der Grund zu dem Laͤrme waͤre? Der Laͤrm waͤre zwiſchen Liziska und Tindarus entſtanden, gab er zur Antwort, aber die Urſache wiſſe er nicht, weil er eben erſt dazu gekommen, um ſie zu beruhigen, als er von ihr waͤre gerufen wor⸗ den. Die Koͤnigin befahl hierauf, er ſolle die Liziska und den Tindarus unverzuͤglich herkommen laſſen, und als ſie gekommen waren, fragte die Koͤnigin, was der Grund zu ihrem Lärme wäre? Als Tindarus ihr antworten wollte, wandte ſich Liziska, welche ſchon bejahrt, und nur mehr als zu ſtolz, und von dem Schreien noch ganz erhitzt 166 Sechſter Tag. war, mit einem ſehr boͤſen Geſichte zu ihm und ſagte: Was? Du Rindvieh von einem Menſchen, Du unterſtehſt Dich, wenn ich da bin, zuerſt reden zu wollen? laß mich ſprechen. Und zu der Koͤnigin gewandt, ſagte ſie: Gnaͤdige Frau, der will mich Sikofante's Frau kennen lehren, und gerade, als wenn ich nicht mit ihr umgegangen waͤre, will er mir weiß machen, in der Nacht zuvor, ehe Sikofante bei ihr geſchla⸗ fen, wäre Meſſer Mazza mit Gewalt und vie⸗ lem Blutvergießen in Monte Nero eingedrungen; und ich ſage, das iſt nicht wahr, vielmehr zog er ganz friedlich und mit Wohlgefallen derer, die ſchon darin waren, ein. Und er iſt ſo ein dummer Kerl, daß er in vollem Ernſte glaubt, die Maͤdchen wären ſo thoͤricht, ihre Zeit zu verlieren, waͤhrend der Va⸗ ter und die Bruͤder troͤdeln und troͤdeln, daß ſie un⸗ ter ſieben Malen gewiß ſechs Mal drei oder vier Jahre laͤnger paſſen, ſie zu verheirathen, als ſie es noͤthig hätten; da waͤren ſie wol große Naͤrrinnen, wenn ſie ſo lange warten wollten. Beim heiligen Chriſt, ich muß doch wol wiſſen, was ich ſpreche, wenn ich ſchwoͤre. Keine von meinen Nachbarinnen iſt als eine reine Jungfer zum Manne gekommen; und auch von den verheiratheten weiß ich ſehr wohl, wie viel und was fuͤr Naſen ſie ihren Maͤnnern dre⸗ hen; und der Schafskopf will mich die Weiber ken⸗ nen lehren, als wenn ich geſtern erſt zur Welt ge⸗ kommen wäre. Sechſter Tag⸗ Während Liziska ſprach, brachen die Damen in ein ſo lautes Gelaͤchter aus, daß man ihnen alle Zaͤhne im Munde haͤtte herausnehmen koͤnnen. Die Koͤnigin hatte ihr gewiß wol mehr als ſechs Mal Stillſchweigen aufgelegt, aber das half nichts, ſie hielt nicht eher inne, als bis ſie alles, was ſie ge⸗ wollt, geſagt hatte. Als ſie aber ihren Worten ein Ende gemacht hatte, wandte ſich die Koͤnigin laͤchelnd zu Dioneus, und ſagte: Dioneus, das iſt eine Frage fuͤr Dich, und daher wirſt Du, wenn un ſere Novellen beendigt ſeyn werden, die Final-Sentenz daruͤber geben. Hierauf gab Dioneus ſchnell zur Antwort: Gnaͤ⸗ dige Frau, das Urtheil iſt geſprochen, ohne ſonſt noch etwas zu hoͤren, und ich ſage, Liziska hat recht, denn ich glaube, es iſt ſo, wie ſie ſagt, und Tinda⸗ rus iſt ein Narr. Als Liziska dies hoͤrte, ſing ſie laut an zu la⸗ chen, drehte ſich zu Tindarus um, und ſagte: Das habe ich wohl geſagt. Geh mit Gott! glaubſt Du denn das beſſer zu wiſſen, als ich, denn Du biſt ja noch nicht hinter den Ohren trocken. Großen Dank! man hat doch auch nicht umſonſt gelebt; Nein, ge⸗ wiß nicht! Haͤtte ihr nun nicht die Koͤnigin mit einem bö⸗ ſen Geſichte Stillſchweigen aufgelegt, und befohlen, daß ſie weiter kein Wort vorbringen oder noch mehr Laͤrm machen ſollte, wenn ſie nicht ausgepeitſcht ſeyn wollte, und dann ſie mit ſammt dem Tindarus fort⸗ 168 Sechſter Tag. nichts anders zu thun gehabt haben, als auf ſie Acht zu geben. Als ſie aber fort waren, da gab die Koͤ⸗ nigin Philomenen auf, mit den Erzaͤhlungen den Anfang zu machen. Sie fing daher ganz wohlge⸗ muth ſo an. Erſte Novelle. Ein Ritter ſagt zu Mabonna Oretta, er wolle ſie tragen, und in aller Geſchwindigkeit ihr eine Geſchichte erzaͤhlen, ſie bittet ihn aber, ſie wieder abzuſetzen, weil er ſie ſchlecht erzaͤhlt. Meine junge Damen, ſo wie an hellen Abenden die Sterne fuͤr den Himmel ein Schmuck, und im Lenze die Blumen es fuͤr die gruͤnen Wieſen, und be⸗ laubte Gebuͤſche es fuͤr die Huͤgel ſind, ſo ſind es auch feine Witzworte fuͤr lobenswerthe Sitten und fuͤr eine angenehme Unterhaltung. Eben nun aber ſchik⸗ ken ſie ſich, wenn ſie kurz ſind, beſſer fuͤr Frauen als fuͤr Maͤnner, da vieles Reden weit mehr an Frauen, als an Maͤnnern getadelt wird. Es iſt wahr, mag auch der Grund davon ſeyn, welcher er wolle, entweder die Schlechtigkeit unſeres Verſtan⸗ des uͤberhaupt, oder der beſondere Haß, den der Himmel auf unſer Zeitalter geworfen hat, heutiges Tages ſind uns nur wenige oder gar keine Frauen uͤbrig geblieben, die zu gehoͤriger Zeit eins anzubrin⸗ gen wiſſen, oder wenn eins geſagt worden iſt, es verſtehen, wie es verſtanden ſeyn muß; und dies iſt eine Schande fuͤr uns Alle. Indeſſen weil Pam⸗ pinea vorher ſchon uͤber dieſe Materie genug geſpro⸗ ——„—„„——„„—+——+„ p„„ —— Erſte Novelle. chen hat, ſo will ich nichts weiter daruͤber ſagen, ſondern, um Euch zu zeigen, wie viel Schoͤnes ſie zu gehoͤriger Zeit geſagt haben, Euch erzaͤhlen, wie eine edle Dame auf eine ſo feine Art einem Ritter Stillſchweigen auflegte. So wie viele von Euch aus eigener Anſicht wiſ⸗ ſen, oder auch gehoͤrt haben koͤnnen, war vor nicht gar langer Zeit in unſerer Stadt eine feine, wohl⸗ geſittete Dame, die auch ſehr zierlich ſprach, und deren hoher Werth nicht verdient, daß ihr Name verſchwiegen bleibe; ſie hieß alſo Madonna Oretta, und war die Gemahlin Meſſer Geri Spina's. Dieſe befand ſich zufaͤlligerweiſe einmal auf dem Lande, ſo wie wir es ſind, und wollte zum Vergnuͤgen zugleich mit Damen und mit Cavalieren, welche ſie an die⸗ ſem Tage in ihrem Hauſe zum Eſſen bei ſich gehabt hatte, von einem Orte zum andern gehen; allein da der Weg, von da an, wo ſie ausgegangen wa⸗ ren, bis dahin, wo ſie alle zu Fuß hingehen wollten, etwas lang war, ſagte einer der Cavaliere aus der Geſellſchaft: Madonna Oretta, wenn Ihr wollt, ſo will ich Euch einen großen Theil des Weges, den wir zu gehen haben, tragen, und Euch in aller Ge⸗ ſchwindigkeit das ſchoͤnſte Hiſtoͤrchen von der Welt erzaͤhlen. Hierauf antwortete die Dame, ei, Meſſer, ich bitte Euch vielmehr darum, und es wird mir ſehr lieb ſeyn. Der Herr Ritter, dem vielleicht das Schwert an der Seite nicht beſſer ſtand, als die Zunge zum 170 Sechſter Tag. Erzählen, fing ein Hiſtoͤrchen an, was in Wahrheit ſehr ſchoͤn war; aber da er ein und eben daſſelbe Wort drei, vier, ja wo! ſechs Mal wiederholte, und doch immer wieder auf das Vorige zuruͤckkam, zu⸗ weilen auch ſagte: das habe ich nicht recht geſagt, endlich, da er oft in den Namen irrte, indem er ei⸗ nen fuͤr den andern ſetzte, verdarb er es auf die grau⸗ ſamſte Art, nicht einmal zu gedenken, daß er, nach dem Verhaͤltniß der Perſonen, auch die Begebenhei⸗ ten, welche vorfielen, im hoͤchſten Grade ſchlecht vortrug. Als Madonna Oretta dies hoͤrte, brach ihr dar⸗ über oftmals der Schweiß aus, und ward faſt ohn⸗ maͤchtig, ſo als wenn ſie krank waͤre, oder gar ver⸗ ſcheiden ſollte. Da ſie nun aber dies nicht länger aus⸗ halten konnte, und ſah, daß der Ritter ſo in die Patſche gekommen war, und mit Ehren nicht wieder herauskommen konnte, ſagte ſie ſcherzhaft: Meſſer, Euer Gaul hat einen zu harten Frott, deshalb bitte ich Euch, ſeyd ſo gut, und ſetzt mich wieder auf meine Fuͤße. Der Ritter, welcher zum guten Gluͤck ein beſſe⸗ rer Begreifer als Erzaͤhler war, verſtand dieſe Rede ganz wohl, nahm ſie aber in Scherz und Spaß, legte ſeine Hand an andere Novellen, und ließ die, die er angefangen, aber ſo ſchlecht verfolgt hatte, unbeendet liegen. Zweite Novelle. Ciſti, ein Baͤcker, macht Meſſer Geri Spma durch ein Witzwort auf ſeine unbedachtſame Frage aufmerkſam. in ———— Zweite Novelle. Oretta's Antwort ward von einer jeden Dame, und auch von den Männern ſehr gelobt, die Koͤnigin aber befahl, daß Pampinea folgen ſollte; deshalb fing ſie alſo an: Schoͤne Damen, ich kann es durch mich ſelbſt nicht einſehen, was den Fehler begeht, ob die Na⸗ tur, welche einem edeln Geiſte einen ſchlechten Koͤr⸗ per zutheilt, oder das Gluͤck, wenn es einem mit ei⸗ ner edeln Seele ausgeſtatteten Koͤrver ein niedriges Handwerk zutheilt, ſo wie wir dies bei Eiſti, Eurem Landsmanne, und bei noch vielen Andern haben koͤn⸗ nen ſich ereignen ſehen. Eben dieſen Ciſti, mit ei⸗ nem ſehr hohen Sinne begabt, machte das Schickſal zum Baͤcker. Und wahrlich, ich wuͤrde auf die Natur eben ſo uͤbel zu ſprechen ſeyn, als auf das Schickſal, wenn ich nicht wuͤßte, daß die Natur ſehr vorſichtig wäre, und das Gluͤck tauſend Augen haͤtte, moͤgen auch gleich Thoren es als blind abbilden. Beide, meiner Meinung nach, ſehr bedaͤchtig, handeln ſo, wie wir oft die Sterblichen handeln ſehen, wenn ſie, ungewiß uͤber kuͤnftige Zufälle, ihrer Bequemlichkeit gemäß, ihre liebſten Sachen an den veraͤchtlichſten Srtern ihrer Haͤuſer, als wo ſie am unverdächtig⸗ ſten ſind, vergraben, und ſie nur, bei den dringend⸗ ſten Beduͤrfniſſen, von da hervorziehen, weil der ſchlechteſte Ort ſie ſicherer aufbewahrt hat, als ſie der ſchoͤnſte nicht aufbewahrt haben wuͤrde. Und ſo auch verbergen die beiden Verweſer der Welt oft⸗ mals ihr Theuerſtes unter der Dunkelheit derjenigen Kuͤnſte, welche als die allergemeinſten angeſehen wer⸗ 172 Sechſter Tag. den, damit, wenn ſie es zur Nothwendigkeit hervor⸗ ziehen, der Glanz deſſelben deſto heller erſcheinen moͤge. Wie deutlich der Baͤcker Ciſti dies bei einer unbedeutenden Sache erklaͤrte, da er die Augen des Verſtandes auf Meſſer Geri Spina zuruͤckwandte (den mir die uͤber Madonna Oretta, welches ſeine Gemahlin war, erzaͤhlte Novelle wieder ins Gedaͤcht⸗ niß zuruͤckrief), habe ich Luſt Euch in einem ſehr kleinen Novellchen zu beweiſen. Ich ſage alſo: Als der Papſt Bonifazius, bei welchem Meſſer Geri Spina in ſehr großem Anſe⸗ hen ſtand, nach Florenz einige anſehnliche Geſandten wegen verſchiedener Angelegenheiten, hingeſandt hatte, waren dieſe in Meſſer Geri's Hauſe abgetreten; und er uͤberlegte mit ihnen gemeinſchaftlich die Angele⸗ genheiten des Papſtes. Mit dieſen Geſandten des Papſtes ging Meſſer Geri, was auch der Grund da⸗ zu geweſen ſeyn mag, faſt jeden Morgen, alle zu Fuß, vor der Kirche Santa Maria Ughi vorbei, wo der Baͤcker Ciſti ſeinen Ofen hatte, und in eigener Per⸗ ſon ſeine Kunſt ausuͤbte. Hatte ihm auch gleich das Gluͤck nur eine ziem⸗ lich niedrige Kunſt zugetheilt, ſo war es doch in eben derſelben ſo wohlthaͤtig gegen ihn geweſen, daß er ſehr reich geworden war, und er, ohne ſie je gegen eine andere aufgeben zu wollen, ganz ſplendide lebte, und beſonders auch ſo gute weiße und rothe Weine hatte, als man ſie nur in Florenz und der ganzen Umgegend finden konnte. Da er nun alle Morgen vor ſeiner Thuͤr Meſ⸗ „—— , — * —— N N Zweite Novelle. ſer Geri und die Geſandten des Papſtes vorbeigehen ſah, und die Hitze groß war, meinte er, daß es doch ſehr hoͤflich waͤre, wenn er ihnen von ſeinem guten weißen Weine zu trinken vorſetzte; allein ſowol in Hinſicht ſeines Standes als auch Meſſer Geri's, ſchien es ihm eben nicht anſtaͤndig zu ſeyn, wenn er ſich's herausnaͤhme, ihn einzuladen, ſondern er meinte, er wolle es ſo anſtellen, daß Meſſer Geri ſelbſt dazu vermocht wuͤrde, ſich einzuladen. Er hatte immer ein ſchneeweißes Jaͤckchen an, und eine Schuͤrze vor, als waͤre ſie eben erſt aus der Waͤſche gekommen, ſo daß ſie ihm eher das Anſehen eines Muͤllers als eines Baͤckers gaben, und ſo ließ er ſich alle Morgen zu der Zeit, wenn er glaubte, daß Meſſer Geri mit den Geſandten vorbeikommen muͤßte, vor ſeine Thuͤr einen neuen Eimer und ei⸗ nen zinnernen Waſſerſtänder mit friſchem Waſſer hinbringen, und dazu einen kleinen neuen bologneſer Krug mit ſchoͤnem weißen Wein, und zwei Glaͤſer, die von Silber zu ſeyn ſchienen, ſo ſauber waren ſie. Hatte er ſich dann, wenn ſie vorbeigingen, nie⸗ dergeſetzt, und ſich ein und das andere Mal den Mund gereinigt, ſo fing er an, dieſen ſeinen Wein mit ſolchem Wohlgeſchmack zu trinken, daß er ſelbſt den Todten Appetit dazu gemacht haben wuͤrde. Als Meſſer Geri dies einen oder zwei Morgen geſehen hatte, ſagte er am dritten: Wie thut's, Ciſti? iſt er gut? Ciſti ſtand ſogleich auf, und antwortete: Ja, 174 Sechſter Tag. und wie? doch das koͤnnte ich Euch gar nicht ſagen, wenn Ihr ihn nicht gekoſtet habt. Meſſer Geri, bei dem entweder gerade die Ta⸗ geszeit, oder die mehr als gewoͤhnlich gehabte Be⸗ muͤhung, oder vielleicht das leckerhafte Trinken, was er Ciſti'n thun ſah, den Durſt erregt hatte, wandte ſich zu den Geſandten und ſagte lächelnd: Meine Herren, es wird ſehr gut ſeyn, wenn wir den Wein dieſes braven Mannes koſten, vielleicht iſt er ſo, daß es uns gar nicht gereuen wird; und ſo ging er mit ihnen zu Eiſti hin. Dieſer ließ ſogleich aus ſeiner Werkſtatt eine ſchoͤne Bank herausbringen, und bat ſie, ſich nieder⸗ zuſetzen, zu ihren Bedienten aber, welche ſich ſchon hervormachten, um die Gläſer zu ſchweifen, ſagte er: Kameraden, geht zuruͤck, und laßt dies Geſchäft mich nur machen; denn ich kann eben ſo ein ſchen⸗ ken als einſchieben; und wartet nur nicht darauf, etwa einen Fropfen davon koſten zu wollen. Und nachdem er dies geſagt, vier ſchoͤne neue Glaͤſer aus⸗ gewaſchen, und einen kleinen Krug von ſeinen guten Weine hatte kommen laſſen, reichte er ſelbſt ſorg⸗ ſam Herrn Geri und ſeinen Gefaͤhrten davon zu trin⸗ ken. Dieſen ſchien der Wein ſchoͤner zu ſeyn, als ſie ihn in langer Zeit getrunken hatten; deßhalb lobten ſie ihn ſehr, und ſo lange die Geſandten da blieben, ging Meſſer Geri mit ihnen faſt alle Mor⸗ gen zum Trinken dahin. Nachdem ſie aber abgefertigt waren, und wie⸗ der abreiſen wollten, veranſtaltete Meſſer Geri ein —+„„— ℳ —— e— Zweite Novelle. praͤchtiges Gaſtmahl, wozu er einen Theil der ge⸗ ehrteſten Buͤrger einlud, und auch Ciſti einladen ließ, der aber unter keiner Bedingung hingehen wollte. Meſſer Geri trug daher einem ſeiner Bedienten auf, er ſollte eine Flaſche von Ciſti's Wein holen, und von demſelben einem Jeden einen halben Becher voll beim Anfange der Tafel geben. Der Bediente, vielleicht noch boͤſe daruͤber, daß er auch nicht ein einziges Mal von dem Weine hatte zu trinken erhalten koͤnnen, nahm eine große Fla⸗ ſche; und als Ciſti dieſe ſah, ſagte er: Mein Sohn, Meſſer Geri ſchickt Dich wol nicht an mich. Da der Bediente dies mehrere Male verſicherte, aber keine andere Antwort erhalten konnte, kehrte er zu Meſſer Geri zuruͤck, und ſagte es ihm. Meſſer Geri ſagte zu ihm: Kehre wieder dahin zuruͤck, und ſage ihm, daß ich Dich bloß darum ſchickte, und wenn er Dir wieder ſo antwortet, ſo frage ihn, weshalb ich Dich denn ſonſt ſchickte? Der Bediente kehrte wieder um, und ſagte: Ciſti, in Wahrheit, Meſſer Geri ſchickt mich nur deßhalb zu Dir. Ciſti antwortete hierauf: In Wahrheit, mein Sohn, das thut er nicht. tun, ſagte der Bediente, zu wem ſchickt er mich denn? Zum Arno, antwortete Eiſti. Als der Bediente dies dem Herrn Geri wieder zuruͤckbrachte, gingen ihm plotzlich die Augen des Verſtandes auf, und er ſagte zum Bedienten: Laß 176 Sechſter Tag. mich'mal ſehen, was fuͤr eine Flaſche Du hinge⸗ tragen haſt. Und als er ſie geſehen, ſagte er: Ci⸗ ſti hat Recht, und nachdem er ihn herunter gemacht hatte, ließ er ihn eine anſtaͤndige Flaſche nehmen. Da Ciſti dieſe ſah, ſagte er: Zetzt weiß ich, daß er Dich zu mir ſchickt; und er fuͤllte ſie ihm mit Freuden an. Hierauf ließ er noch an demſelben Tage ein Fäͤßchen machen, fuͤllte es mit ſolchem Weine voll, und ließ es ganz gemaͤchlich nach Meſſer Geri's Hauſe ſchaffen, worauf er dann ſelbſt hin⸗ ging, und zu ihm ſagte: Meſſer, ich moͤchte nicht gern, daß Ihr auf die Gedanken kaͤmet, die große Flaſche von dieſem Morgen hätte mich erſchreckt; es kam mir nur ſo vor, als waͤre Euch das aus dem Sinne entfallen, was ich Euch in dieſen Tagen mit meinen kleinen Kruͤgen zu verſtehen gegeben habe, naͤmlich, daß dieſer Wein eben nicht fuͤr Bediente iſt, und daran wollte ich Euch nur dieſen Morgen erinnern. Weil es indeſſen aber gar nicht meine Meinung iſt, laͤnger noch der Huͤter davon zu ſeyn, ſo habe ich Euch Alles herbringen laſſen; und nun macht damit, was Ihr wollt. Meſſer Geri hielt Ciſti's Geſchenk ſehr werth, und ſagte ihm den Dank dafuͤr, der, wie er glaubte, ihm zukaͤme, ihn ſelbſt aber ſchaͤtzte er nachher im⸗ mer ſehr, und erkannte ihn fuͤr ſeinen Freund. ———————— Anmerkungen zum vierten Bande. S. 6. 3. 23, Aufſeherin. Man findet das Wort des Originals, welches ich durch Aufſeherin uͤberſetzt habe, donna in einigen Ausgaben in madré verwandelt; ich glaube aber ſehr mit Unrecht. Die zaͤrt⸗ liche und liebende Mutter kommt erſt unten mit in die Handlung verflochten vor; denn nachdem ſich die, ſogleich mit Strafen und Vorwuͤrfen zufahrende Aufſeherin, die Duegna, gegen die Vormuͤnder beſchwert⸗ und dieſe ihren Pflegebefohlenen daruͤber umſonſt zur Rede geſetzt hatten⸗ wandten die letzten ſich an die Mutter⸗ Auch die Deputir⸗ ten behalten donna bei. S. 12. 8. 17, wobei ihr ihre eigene Un⸗ ſchuld zu Huͤlfe kam So habe ich nach Salviati's Avvertimenti etc. dieſe Worte des Originals: aju tandola la sua innocenza überſetzt; denn deſſen Be⸗ merkung hieruͤber iſt folgende: Dieſe Worte ſind ein Ein⸗ ſchiebſel(interponimento) mit welchem die Erzählerin auf einen ſtillen Einwurf antwortet, der bei ihrer Erzaͤh⸗ lung ihr von den Zuhoͤrern gemacht werden koͤnnte, näm⸗ lich, wie der Mann ſich doch ſo geſchwind bei den Worten ſeiner Frau beruhigt haͤtte. S. 13. g. 29, erſchienen ſehr haufig in Waffen. Der Canonikus Dioniſt tadelt in ſeinen ſchon angefuͤhrten Blandimenti funebri etc. die Leſeart s'ar- mavano und die Erklarung, welche die Deputirten ihr geben, und will dafuͤr geleſen wiſſen s'amavano Die Deputirten nämlich geben folgende Erklärung: uscivano armati(ſie zogen bewaffnet aus) à giostre e tornia- menti finti o veri; hiergegen behauptet der ged. Ca⸗ non.: armarsi bedeute nicht ſowol zu Kaͤmpfen oder Turnieren ausziehen(uscire), ſondern vielmehr munirsi d armi ſich mit Waffen verſehen, d. i. bewaffnen. Fer⸗ Boccaccio's ſämmtl. W. 4. 12 —————— 178 Anmerkungen. ner behaupten jene, armarano wäre hier eben ſo geſagt⸗ wie panchettavano; dagegen meint aber wieder der gedachte Canon.: eine ſolche jenem Worte gegebene Be⸗ deutung oder vielmehr ſolcher Gebrauch deſſelben, konns durch keinen Schriftſteller gerechtfertigt werden, und über⸗ dies ſage ja auch Boccaccio nicht armavano, ſondern s'ar⸗ mavano. Einen andern Grund fuͤr die Leſeart s'arma- vano nehmen die Deputirten aus dem Zuſammenhange? Man weiß, ſagen ſie, aus der Uhnlichkeit und brüderlichen übung in gleichen Studien und übungen pflegt in hohen und edeln Seelen, wie die der beiden Ritter⸗ bald wech⸗ ſelſeitige Liebe zu entſtehen. Und eben aus dieſer Pra⸗ miſſe, ſetzt nun der Canon. hinzu, laͤßt ſich ganz gut fol⸗ gern, daß Boccaccio s'amavano und nicht s'armavano geſchrieben habe. Ich laſſe es dahin geſtellt ſeyn, ob dieſe Folgerung hier Statt finden koͤnne, wenn auch gleich Boc⸗ caccio nach einigen Zeilen ihrer Freundſchaft gedenkt, und trete doch liever auf die Seite der Deputirten, wenn ich auch nicht ganz ihrer Erklärung beipflichte. Ich nehme dio Worte s'armavano assai fuͤr den Nachſatz an, der aus dem erſten e percid— nell' arme folgt: Da beides tuͤchtige und in den Waffen geuͤbte Männer waren, ſo er⸗ ſchienen ſie auch haͤufig in den Waffen, wenn ſie ſie auch freilich nicht immer darum anlegten, um unmittelbar in den Kampf oder zum Turniere zu gehen; ſondern nur weil es ſo ihre Gewohnheit war, und ſie ſich gern auf ſolche Art im Publicum zeigten. Ich leſe daher auch nicht mit Dioniſi und andern molto nell' arme s'amavano, ſondern durch ein Comma getrennt molto nell' arme, s'armavano. S. 22. 8. 7, Den Ehrennamen Maestro, wel⸗ cher im Originale noch vor dem Eigennamen Mazzev della Montagna ſteht, habe ich weggelaſſen, da er ſich durch das deutſche Meiſter, oder dergleichen doch nicht ganz dem Italieniſchen gemaß wiedergeben läßt. Ich fuͤge uͤber die italieniſche Titulatur Sanſovino's Bemerkung hier hinzu: In Florenz war die Sitte, daß Jeder, der kein öffentliches Amt oder Wuͤrde hatte, er mochte adlig oder h⸗ ⸗ 10 ſe c⸗ nd ich i us e er⸗ ch un auf cht 10, e, el⸗ ev er icht uͤge hien kein der Anmerkungen. 17. nicht ablig ſeyn, nur einfach, ohne den Titel Messero hinzuzufuͤgen, genannt ward; jeder Cavalier(Edelmann) aber, oder der die Doctorwuͤrde hatte, erhielt den Titel Messere; ausſchließend indeſſen heißen die Doctoren der Arzeneigelahrtheit Maestri, welcher Titel von Kuͤnſtlern aber nicht gebraucht ward. In der Folge erhielten auch die Prälaten in den Kloſtern den Titel Messere, und da⸗ her iſt die Meinung entſtanden, daß Voccaccio Praͤlat oder Doctor geweſen ſeyn muͤſſe, weil man in allen Handſchrif⸗ ten ihn M(esser) Giov. Boccaccio genannt findet. Niedrigerern Geiſtlichen gab man den Titel Sere, eben ſo wie den Notaren; auch die Kaiſer hießen wol Messere. In der Folge habe ich es durch alter Herr uͤberſetzt, als mehr ſcherz⸗ oder ſpottweiſe gebraucht. S. 25. Z. 13 v. u., er lag in einem zu tie⸗ fen Schlafe. Das Original hat eine unüberſetzbare ſprichwoͤrtliche Redensart: egli avera a huona cavig- lia legato l'asino, d. h. woͤrtlich: er hatte den Eſel an einen guten Pflock angebunden. Portirelli al Mal- mantile racquistate 1. 12. ſagt, dieſe ſprichwoͤrtliche Redensart haͤtte ihre Bedeutung durch die Fuhrleute er⸗ halten, welche, wenn ſie auf der Straße vom Schlaf uͤber⸗ fallen werden, den Eſel irgendwo anbinden, um auf dem⸗ ſelben Flecke einzuſchlafen, auf welchem ſie vom Schlafe uͤberwältigt worden waͤren. S. 31. I. 8., der Blutrichter. 10 Stadico des Vocabolario erklärt dies Wort: durch 10 Prefetto del criminale, ma non è voce nostra, und in die ſer Bedeutung, ſetzt Colombo hinzu, wird es bei der Neapolitanern gebraucht, Sanſovino erklaͤrt es durch Vi cario del Podestà, und Jagemann uͤberſetzt es in ſeiner Woͤrterbuche durch Blutrichter. Dem bin ich gefolgt. S. 33. Z. 16, heuer. Wenn auch dieſes Wort fü in dieſem Jahre, wie Heynatz meint, nicht in gan Deutſchland bekannt iſt, und daher mit Vorſicht gebrauch werden muß, ſo glaubte ich doch das auch im Original! eigene Wort: uguanno, von dem Ferrario ſagt e mo do passo, alterato credo da hoc anno, nicht beſſe ——— 180 Anmerkungen. als auch eben durch das deutſche auf eben bie Art gebil⸗ dete Wort heuer uͤberſetzen zu koͤnnen. S. 41. 8. 1, ein Lied mit Begleitung, im Original gebraucht Boccaccio stampita, was nach Redi's Etinrologie italiane aus dem Provenzaliſchen herſtammt, in ſeinem handſchriftlichen provenzaliſchen Gloſſar iſt es stampida geſchrieben, und wird folgendermaßen erklaͤrt: sonus instrumentorum musicalium ordinatus; in ſeinen annotazioni al Ditirambo ſagt er le Stampite de' Provenzali erano per 10 pid scompartite in tante Stanze o Strofe come son le nostre Canzo- ni. Sanſovino erklärt es durch sonata mattinata, pif. ferata. Das Vocabolario ſagt, es waͤre Sonata o Canzone accompagnata col suono, und nach dieſer Erklärung habe ich uͤberſetzt. S. 46. 8. 20, ſondern ward auch— Philo⸗ ſophen. Manelli macht hier die naive Bemerkung: Messer Giovanni, questo non cred'io nè anche tu: Meiſter Hans, das glaub' ich nicht, und eben ſo wenig Du. Dagegen tritt Martinelli mit dieſen Worten auf: Sch kann mich nicht enthalten, zu ſagen, daß dieſe Ve⸗ merkung wenig Bekanntſchaft mit dem Wunderbaren eben dieſer Novelle vorausſetzt, welches gerade darin beſteht, die Liebe eine augenblickliche und unerhörte Metamorphoſe bei einem erzdummen Menſchen hervorbringen zu laſſen, indem ſie ihn durch ein bloßes fiat ganz zu dem Gegentheile macht. Ich uͤberlaſſe es meinen Leſern⸗ welcher Meinung dieſer beiden Critiker ſie beipflichten zu muͤſſen glauben, mache ſie aber nur allein auf die ſchoͤne Erzaͤhlungsgabe des akten Novelliſten, nicht ſowol bei dieſer, als auch bei vielen andern, wenn auch gleich lockeren, Novellen auf⸗ merkſam. S. 49. 3 9, zog dies— hinan. Salviati er⸗ Llärt dieſe Stelle, mit der Leſeart, quello sopra— e qnello alſo: Er warf dieſen(Enterhaken) auf das Hin⸗ tertheil des Schiffes der Rhodier, und befeſtigte eben den⸗ ſelben mit Gewalt an dem Vordertheile ſeines Schiffes. Er gibt aber auch als verſchiedene Leſeart an; e quella „ —,— er⸗ in en⸗ es. 11a „ Anmerkungen. 181 alla pr etc. wo er alsdann das Pronomen quella auf oppa bezogen wiſſen will, mit dem Sinne: und dieſes Hintertheil des feindlichen Schiffes hielt er an dem Vor⸗ dertheil ſeines Schiffes mit aller Gewalt feſt. Ich ſtim⸗ me fuͤr den letztern Sinn, denn ſollte nach Salviati's er⸗ ſter Erklaͤrung das zweite wiederholte quello wieder auf rampicone bezogen werden⸗ ſo ſcheint es mir eine uͤber⸗ flſſige Wiederholung nach dem erſten quello zu ſeyn⸗ wodurch doch der Gedanke des Enterhakens feſt genug in dem Sinne des Leſers ſteht; nur laſſe ich dieſes zweite quello unveraͤndert⸗ und beziehe es auf das folgende leg- no, was in der Conſtruction zu wiederholen iſt, auf dieſe Art, e quello legno CO. i. dieſes feindliche Schiff) con- giunse alla proda del suo legno. S. 65. 3. 25 von alten Sitten. Das Origi⸗ nal donna antica erklaͤrt Martinelli durch d'antica legnaccio; Colombo meint aber mit Recht, darauf könne es Goſtanza'n nicht ankommen, ob dieſe Frau, zu welcher Carapreſa ſie hinbringen wollte, von alter Familie waͤre, wohl aber, daß ſie eine bejahrte ſittliche Frau waͤre, und dies habe ich durch die Worte: von alten Sit⸗ ten, ausdruͤcken wollen. S. 69. 8. 15, und ſie ihr dieſe Nachricht zuruͤckbrachte, ſo wollte kc. Alle aͤlteren Ausleger, und auch Colombo in der Parmenſer Ausgabe verwerfen das e vor dem Worte rapportogliele, und erklaͤren rapportogliele fuͤr die dritte Perſon des Singular im unzuſammengeſetzten Perfect, wodurch nach dem vorherge⸗ gangenen Particip trovato der Sinn in dieſem Satze ge⸗ ſchloſſen wird: Fiacchi aber in ſeinen ſchon oft erwaͤhn⸗ ten Osservazioni erklärt rapporto fuͤr das bei Bor- caccio oft vorkommende verkuͤrzte Particip ſtatt rappor- tato, was fuͤr avendogliele rapportato ſtehe; ſtatt des bei dieſem Worte ſtehenden Punktes ſetzt er ein GCom⸗ ma, und verbindet ſo beide Sätze zu Einem, von welchen dann mit piacque der Schluß deſſelben anfängt. Zur Beſtätigung ſeiner Meinung fuͤhrt er mehrere Codizes an⸗ — —————— 182 Anmerkungen. welche wirklich rapportatogliele leſen. Ich bin ſeiner Erklärung in meiner überſetzung gefolgt. S. 71. 8. 5, trennte ſie ſich von G. Allge⸗ mein wollen die Ausleger, und auch der eben erwaͤhnte Fiacchi, della G. geleſen wiſſen; letzterer ſagt: sono troppo ostinato a credere che le lagrime sieno della G, e che Martuccio sia quegli che si parti. Ich bin nicht ſeiner Meinung, ſondern bin eben ſo osti- nato a credere, daß die gute Frau, bei welcher ſich Goſtanza aufgehalten, ſich nicht ohne viele Thraͤnen von G. getrennt habe. In dem Vorhergehenden iſt nur allein von Martuccio die Rede, welcher zu der Frau, bei wel⸗ cher G. gewohnt hatte, hinging, ſie belohnte, ihr dankte, ſie beſchenkte und ſie Gott empfahl, worauf dieſe ſich dann nicht ohne viele Thraͤnen von Goſtanzen trennte, welche ſich bis dahin bei ihr aufgehalten hatte. überdies ſtellt auch die Leſeart dalla G die edle Dame, bei welcher ſich Goſtanza aufgehalten hatte, noch in einem weit ſcho⸗ nerem Lichte dar, wie Colombo bemerkt; denn ſie trennte ſich eben ſo gut auch von Martuccio, wie von Goſtanzenz aber doch ging ihr die Trennung von letzterer beſonders nahe, da ſie dieſelbe ihrer Liebe ſo wuͤrdig gefunden, und wie ihre eigene Tochter gehalten hatte, daher trennte ſie ſich beſonders nicht ohne viele Thraͤnen von Goſtanza. S. 72: 8. 3. In Rom, welches heute der Schwanz c. Dieſer Ausdruck iſt unſerm Boccaccio ſehr uͤbel, als eine beißende Satyre ausgelegt worden; ſie iſt es aber keineswegs, wenn man auf die Zeit Ruckſicht nimmt, in welcher Boccaccio dieſe Novelle ſchrieb, naͤmlich gegen das Jahr 1348, als der paͤpſtliche Stuhl ſchon ſeit vierzig Jahren von Rom nach Avignon verlegt worden war. Die Römer beſonders, ſo wie uͤberhaupt die Ita⸗ liener alle, waren mit dieſer Verlegung ſehr unzufrieden⸗ und es iſt bekannt, wie ſehr ſelbſt Petrarka dagegen ei⸗ ferte, und wie auch er ſich in dem letzten der drei berüch⸗ tigten Sonette: fontana di dolore, des Ausdrucks be⸗ diente, Gin Roma, or Babilonia falsa e ria. S. 86. 3. 14, Mutter, Du ſollteſt nur in — — ei⸗ e Anmerkungen⸗ meinem Sinne ſprechen. In dem ſchon angefuͤhr⸗ ten Ragionamento havuto da Cl. de Herberé etc. wirſ ſtatt a mio parere, die Leſeart a mio padre verheidiget, und ſo erklärt: Mutter, zu meinem Vater, der ſchon alt iſt, konntet Ihr dies wohl ſagen⸗ aber nicht zu nir jungem Maͤdchen; denn Ihr mußtet bedenken 7. So witzig auch die Antwort des jungen verliebten Maͤd⸗ chem ſeyn wuͤrde⸗ ſo ſcheint ſie mir doch in Boccaccio's Sim nicht zu paſſen, da die unmittelbar folgenden Worte nur die Vergleichung junger Maͤdchen gegen bejahrte Frauen⸗ und nicht gegen bejahrte Mäͤnner oder gegen den alten Va⸗ ter athalten. Auch lieſt, nach dem Ausſpruche der Depu⸗ tirter die Ausgabe von 1527 ganz deutlich a mio pare- re, ch habe alſo nach dieſer uͤberſetzt. S. 111. 8. 14, wie vorſichtig Du Dich vom Zorre mußt fortreißen laſſen. Die Worte des Hrigials lauten: quanto qiscretamente tu ti lasci agt' mpeti dell' ira trasportare. Colombo meint⸗ der Einn erfordere wol eher indiscretamente, wie unvorſichtig Du Dich c; aber ſolche Sprache haͤtte ſich geen einen Koͤnig zu fuͤhren nicht geziemt, und des⸗ halb htte Boccaccio ein Wort gebraucht, was dem Sinne ganz etgegen waͤre, den er haͤtte ausdruͤcken wollen⸗ und habe diſerhalb ein Adverbium hinzugefuͤgt, von einer un⸗ gewiſſer und ſchwankenden Bedeutung, ſo daß quanto discreamente hier ſo viel bedeute, als con poca dis- Hierdurch gaͤbe er dem Koͤnige zwar einen Verweit, aber auf eine feine, beſcheidene Art. Ich bin nicht gaß, wenn auch im allgemeinen Colombo's Meinung⸗ ich gebe en Worten quanto discretamente nicht dieſe Nebenbedutung, ſondern nehme ſie in gerader Bedeutung: wie beſheiden, wie vorſichtig, und erkläre las- ci für der Conjunctiv mit einer bittenden Nebenbedeutung. Leider geht uns in unſerer lieben deutſchen Sprache dieſer auf ſo mamichfaltige j crezioie. Art bedeutſame Conjunctiv ab, wir ſprechen entveder geradezu im Indikativ, 0 ſanften Conjunctiv des Italieners durch die vielerlei Huͤlfs⸗ 184 Anmerkungen. zeitwörter ausbruͤcken, ſo wie ich es hier durch das mußt laſſen, gethan habe. S. 113. 3. 3, der gute Koͤnig, als Gegen⸗ ſatz ſeines Vorgängers, welcher den Beinamen der böſe Koͤnig Wilhelm erhalten hatte. Die Regierungszeit'es erſten fiel zwiſchen 1166 und 1189. S. 114. 3. 20, zaghafte Furcht, im Origital timorosa paura. Ferrario ſagt, dies waͤre ſo gut, ils hatte Boccaccio geſagt: paurosa paura- Aber er Ußt dabei den feinen Unterſchied der beiden Wörter timcre und paura außer Acht, welchen Colombo in ſeiner Note zu dieſer Stelle ſehr treffend auf folgende Art auseinader ſett. Paura naͤmlich ſagt dieſer feine Commentator è turbamento cagionato dalla minaccia di un gan⸗ de e imminente disastro; timore, fährt er fot iſt hingegen apprensione o della perdita di alcun hene o dell' incontro di alcun male. Hiernach wärepau- ra ſo viel als die Unruhe, oder vielmehr die Zerſtrung der innern Ruhe, durch ein bevorſtehendes Ungluͤck erur⸗ ſacht; timore hingegen die aͤngſtliche Beſorgniß ein Gut zu verlieren oder ein ungluͤck dulden zu ſollen. Un⸗ ſere Liebenden fuͤrchteten ſich, ihre Liebe einander zt ent⸗ decken, und ahneten, wenn einer dem andern ſich endeckte⸗ die Achtung des andern zu verlieren. Eberhard ſagt nach⸗ dem er in ſeiner Synonymik den Unterſchied zviſchen furchtſam und zaghaft auseinander geſetzt hat wer zagt, iſt aus Furcht unentſchloſſen, und weiß nicht wohin er ſich wenden ſoll. Fiacchi's Vorſchlag iſt wol brchaus zu verwerfen, tremorosa ſtatt temorosa zu leſn, weil Boccaccio haͤufig von den Furchtſamen(paurosi) ſage⸗ ſie zitterten(tremano). S 118. 8. 18, während der Vaternoch in Worten ſich uͤber ſie ausließ, im Hriginl: men⸗ tre di lei il padre teneva in parole. Salviati und Vanetti ſind der Meinung, dieſe Wone koöͤnnten nicht ſowol von der Mutter(da einige Ausgiben leſen: mentre la madre di lei etc), als vielmehr von der Tochter ausgelegt und ſo konſtruirt werden: mentre la Anmerkungen. 185 quale(Ia figliuola) teneva il padre in parole di se medesima. Indeſſen mehrere Ausleger ſind der Mei⸗ nung geweſen, daß zwiſchen den Worten mentre und di jei das Wort madre ausgelaſſen ſey, und muͤſſe es an dieſe Stelle wieder eingeſetzt werden; weshalb auch die Ausgabe vom Jahre 1527 es geradezu in den Tert aufge⸗ nommen hat. Shre Gruͤnde zu dieſer Verbeſſerung ſind allerdings triftig genug, denn, ſagen ſie, es iſt wol nicht wahrſcheinlich, daß die Jungfrau in einem ſo entſcheidenden Augenblick bei den Schmerzen der Geburt. ſich mit dem Vater in einen weitlaͤuftigen Wortwechſel eingelaſſen haben ſollte; das konnte eher die Mutter. Dieſer Meinung tritt der Canonikus Dioniſi, und mit dieſem auch Colombo bei; allein ich moͤchte auch kaum das Letzte glauben, daß eine Mutter in ſolchem Augenblicke es vermoͤchte. Andere haben die Worte di lei il padre fuͤr il padre di lei geſetzt wiſſen wollen. Dieſe Verſetzung wäre aber doch zu ungewöhnlich und zu hart. Ich trete daher auf Fiac⸗ chi's Seite, nach deſſen Verbeſſerung nur hoͤchſtens ein Lleiner Buchſtabe s ſtatt der zwei bedeutenden Worte la madre ausgefallen, oder von den Abſchreibern uͤberſehen worden wäre. Dieſer meint naͤmlich, es moͤchte wol da⸗ geſtanden haben tenevasin parole, fur si teneva in parole. Hiernach wuͤrde dann die Stelle ſo zu erklären ſeyn: mentre il padre si teneva in parole di lei, was ich ſo zu überſetzen geglaubt habe, w ährend der Vater noch in Worten uͤber ſie ſich ausließ. S. 137. Z. 8, nach Campi⸗, einem kleinen Schlöß⸗ chen, etwa ſechs Miglien von Florenz enternt. S. 144. 3. 10, in der Schuͤſſel, im Original sul tagliere. PTagliere iſt eigentlich das Brett oder der Kuͤchentiſch, auf welchem die Speiſen zum Aufgeben zubereitet oder vorgeſchnitten werden; es wird aber uͤber⸗ haupt auch fuͤr piatto oder piattello, Schuͤſſel oder Teller gebraucht. Ferrario erklaͤrt es durch una spe⸗ cie di piatto di legno sn cui la povere génte al di d'oggi porta in tavola le vivande, eine holzerne Schuͤſſel, worin arme Leute die Speiſen aufgeben. ———— — Anmerkungen. S. 145. 3. 22, ich will lieber einen Manne. Sſt, wie Plutarch im Leben des Themiſtokles erzaͤhlt, eine Antwort, welche dieſer gab, als er um die Verheirathung ſeiner Tochter befragt ward: er verlange weit eher einen Mann, der Geld nothig hätte⸗ als Geld ohne Mann. S. 148. 8. 7 und will— flott machen. Bwei ſprichwoͤrtliche Redensarten, an welchen die italienie ſche Sprache einen ſo großen überfluß hat, die ich aber durch keine mir bekannte deutſche habe wiedergeben koͤnnen, ſondern ſie dem italieniſchen Original nahe zu bringen ge⸗ ſucht habe. Das erſte: andare in zoccoli per l'as- ciutto, erklaͤrt das Dizion: della Crusca mit folgen⸗ den Worten: maniera di parlar furbesco, chs vale Esser macchiato del nefando vizio di sodomia, und hierbei wird eben unſere Stelle citirt. Von dem an⸗ dern: Portare altrui in nave per 10 piovoso ſagt Ferrario in der Anmerkung zu dieſer Stelle in der May⸗ läͤnder Ausgabe des Decamerone: proverbio, indi- cante il contrario del precedente. Ebd. vorl. Z. daß ich mich— ergetzt. Ich uͤber⸗ ſetze nach Ferrario's Leſeart quelli naͤmlich giovani(jun⸗ gen Männern) und nicht nach der gewoͤhnlichen Leſeart quello. Das würde heißen, auf eben die Art wie mein Mann; das aber will die nach wahrem Genuſſe luͤſterne Dame nicht ſagen. S. 149. 3. 8, Verbiana, der Name einer Heilie gen, welche ſelbſt den Schlangen Futter gab; ihre Kirche liegt in Florenz auf der ghibelliniſchen Straße neben der Mauer, dem Kloſter der Murate gegenuͤber. S. 150. 8. 10. Pulver auf meine verroſtete Pfannegeben will; das Original gibt freilich den Sinn mit andern Worten, nämlich chi mi desse fuoco a cencio, d. h. der Feuer auf meinen Zunder gaͤbe. Sanſovino ertheilt folgende Erklärung uͤber dieſe ſprich⸗ wortliche Redensart: in Gegenden, wo ein Haus von dem andern entfernt liegt, und dies iſt, ſetzt Scipꝛo Ammi- rato in ſeinen Sentenze e Proverbi hinzu, in der Um⸗ gegend von Florens der Fall, holen ſich die Frauen Feuer⸗ 8 Anmerkungen. nicht auf einer Schuͤppe, ſondern auf Zunber von alten Lumpen, theilè weil ſich der leichter als gluͤhende Kohlen oder ein Brand forttragen laͤßt, theils auch weil es nicht ſo leicht wieder ausloͤſcht. Fuͤr uns⸗ glaube ich, iſt es verſtändlicher, was die Alte haben will, wenn ſie ſagt, es gibt keiner mehr Pulver auf meine verroſtete Pfanne, als es gibt keiner Feuer auf meinen Hader⸗Lumpen⸗Zunder. S. 150. 3. 25, Gleiches mit Gleichem ver⸗ goͤlteſt, nach dem Original rendere pan per focac- cia, heißt eigentlich Brot fuͤr Brotkuchen geben; allein Menzini(Sat. VIII. not. 35.) erklaͤrt es durch vender la pariglia, und Sanſovino ſagt: il medesimo per il medesimo, eins wie's andere, ma in forma di- versa, aber in verſchiedener Geſtalt, als Brot und als Kuchen. S. 151. 3. 6,»s iſt nichts mit den alten Weibern. Ich bin allerdings hier von den Worten, aber, wie ich glaube, nicht von dem Sinne des Grund⸗ textes abgewichen; dieſer gibt: alle giovani i buoni pocconi et alle vecchie gli stranguglioni, d. h. Schnapphäppchen den Jungen, den Alten den Straͤngel. Aber ſchon der Reim bocconi und stranguglioni laͤßt mich ein altes, damals vielleicht bekanntes, jetzt aber ver⸗ loren gegangenes Volkslied, dem von mir gebrauchten ähnlich, ahnen, beſonders da Boccaccio ſelbſt ſagt: ſie machen Lieder auf uns. S. 152. 8. 7, ließ keine Gelegenheit vor⸗ uͤber, nach der Erklärung der Grusca, ciod; ogni volta, che le si presentava l'occasione, ſo oft ſich ihr die Gelegenheit darbot. Ebd. Z. 13, Erkolano. Menzini bezeichnet in der erſten Satire Vers 31. unter dieſem Namen einen Schlem⸗ er. S. 137. 8. 1, in die Gegend. Das Original heißt: s'avvenne per me' Ferrari und mit ihm Co⸗ lombo erklaͤrt es durch per mezzo; auch Sanſovino und Rolli ſagen: quasi per mezzo, per apocope a1 dirimpetio(in Verkuͤrzung ſo viel als geradeuͤber.). Das —————— Anmerkungen. Vocabolario ſagt uͤber die Redensart per me' ober per mei, vale per mezzo, nel mezzo, vicino, allato, dirimpetto, o in quel luogo appunto di cui si ragiona. Fiacchi entſcheidet eigentlich gar nichts uͤber die Bedeutung dieſer zwei Worte, ſondern ſagt: bei ſo vielen im angefuͤhrten Vocaholario angegebenen Bedeu⸗ tungen würde es wol eben nicht ſchwer ſeyn, eine paſ⸗ ſende herauszufinden. Die beſtimmteſte Bedeutung für un⸗ ſere Stelle finde ich in dem ſchon oft angef. Ragiona- mento, wo es heißt: per me' cioè a lato ma non per mezzo o inver, cioè inverso, e anche non al dirimpetto. Questo ultimo dirimpetto vale tanto quante dirincontro(geradeüber); e la parola verso usava Boccaccio ogni volta che dir volle che uno andasse, ma non fusse ancor ginnto colà dove d'andare intendeva. Il verbo s'avvenne altro non significa, se non s'abbatte. Nach dieſen Worten glaube ich richtig uͤberſetzt zu haben: gerieth er in die Gegend des Korbes. S. 158. 1. 3., bei Gott im Himmel, die Worte des Originals: alla croce di Dio hätte ich vielleicht durch: bei denfüͤnf Wunden uͤberſetzen ſollen. S. 159. 8. 6, Betſchweſter. Boccaccio ſagt pic- chiapetto, welches Wort Sanſovino erklaͤrt durch: Heuch⸗ ler, der ſich bei jedem Heiligen-Bilde, das er erblickt, an die Bruſt ſchlägt, und Pater⸗Noſter und andere Ge⸗ bete herplappert. S. 161. 3. 4, Regierung, die auf dem Tert der Deputirten begruͤndete Mailaͤnder Ausgabe, ſo wie auch die von Colombo in Parma veranſtaltete⸗ lieſt im Texte ſelbſt: ragionamento; der Cavaliere Elem. Vannetti ver⸗ theidigt zwar auch dieſe Leſeart ragionamento, und be⸗ zieht suo auf Dioneus, aber nicht auf die Koͤnigin, wel⸗ che einſah, daß nicht ſowol das Ende ihrer eigenen Regierung(il proprio reggimento) gekommen ware, als vielmehr, daß Dioneus Erzoͤhlung(ragiona- mento) das Ende erreicht haͤtte; allein der Canonikus Dioniſi hält dieſe Leſeart dennoch füͤr unecht, und verthei⸗ — — Anmerkungen. digt mit guten Gruͤnden, ſtatt ragionamente zu leſen reggimento. Denn man ſagt, ſeiner Meinung nach, nicht: è venuta il fine d'una predica, ſondern: fini- to è la predica; daher wuͤrde Boccaccio auch nicht ge⸗ ſagt haben: Giunto era il fine del ragionamento, weil man, im Allgemeinen geſprochen, auf dieſe Art nur von ſolchen Dingen zu reden pflegt, welche von ſich ſelbſt, unabhaͤngig von dem Willen des Menſchen, ein Ende neh⸗ men. Dieſer Sitte gemaͤß wuͤrde Boccäccio alſo ſich ſo ausgedruͤckt haben: e la reina conoscendo, che egli (cioè Dioneo) era al fine del suo ragionamento venuto. Im Gegentheil, da mit dem Ende der Erzaͤh⸗ lungen auch das Ende von der Regierung der Koͤnigin her⸗ angekommen war, ſie mochte wollen oder nicht, ſo ſah ſie ein, daß, da Dioneus ſeine Erzaͤhlung, als die letzte, ge⸗ endigt hatte, auch das Ende ihrer Regierung(regimen⸗ to) gekommen ſey ꝛc. In der Anmerkung zu dieſer Stelle tritt Colombo auch der Meinung des Dioniſt bei, und⸗ wie ich glaube, mit Recht. Denn will man das Fuͤrwort suo auf Dioneo beziehen, ſo wuͤrde es zwar, wenn man ſich auch den Zwiſchenſatz: meno per vergogna— po- co diletto hinwegdenkt, dem Worte, Dioneo, worauf es ſich beziehen ſoll, naͤher gebracht, allein es wuͤrde eben dadurch auch wieder ein doppelt uͤberfluſſiger Pleonasmus entſtehen, naͤmlich: nachdem die Novelle des Dioneus ge⸗ endigt war, und die Konigin einſah, daß ſeine Erzaͤhlung (oder will man auch das Wort ragionamento mit Vanet⸗ ti durch Scherzreden uͤberſetzen, mit welchen Dioneus ſeine Erzaͤhlung beſchloſſen haͤtte, tale ragionamento di che Dioneo aveva alla sua novella fatto unn piacevole chiusa) ihr Ende erreicht hatte ꝛc. Ich habe alſo nach Dioniſi's Verbeſſerung uͤberſetzt wie ich dieſe Leſeart, reg- gimento, ſchon von A. M. Bandiera in ſeinen Deca- merone sipurgato angenommen finde. S. 162. vorl. Z., aber wir ſind ja noch nicht im October, naͤmlich wo die Weinleſe faͤllt, an welche Zeit der Anfang des Liebchens ihn erinnert, denn dieſe Worte gehoͤren, nach der Meinung der Deputirten, nicht 190 Anmerkungen. mehr zu dem Liedchen, ſondern Dioneus unterbricht ſich ſcherzweiſe mit denſelben in ſeinem Geſange. übrigens ſind die abgeriſſenen, in Haͤkchen eingeſchloſſenen Worte, Anfaͤnge von alten Liedern, welche ſchon von eben dieſer ernſten Koͤnigin nicht mehr fuͤr der Muͤhe werth gehalten wurden, wieder ins Leben zuruͤckgerufen zu werden. Wir laſſen ſie daher auch ruhen. S. 166. 8. 6, Troilus und Creſſida. Die Liebe des Troilus und Creſſida hatte Boccaccio ſchon fruͤ⸗ her zum Hauptgegenſtande eines romantiſchen Gedichtes in achtzeiligen Stanzen(ottava rima) gewählt, und hier⸗ nach Shakeſpeare das Schauſpiel gleiches Namens gedichtet. S. 168. 3. 11, So wie an hellen Abendenec. Eben mit dieſen Worten hat Boccaccio auch Pampinea ihre Erzaͤhlung(die zehnte im erſten Tage) anfangen laſſen. Was nun aber die Erzählung ſelbſt betrifft, ſo glaubs ich, liegt derſelben wol ein ganz anderer Sinn unter, als die Worte und Buchſtaben ſagen. Wortlich hieße naͤmlich ſchon die überſchrift: er wolle ſie mit zu Pferde neh⸗ men, und ihr eine Novelle erzaͤhlen. Allein wo bekommt der Ritter mit einem Male ein Pferd her, da doch Boc⸗ caccio ſagt, daß ſie Alle zu Fuß und zum Vergnuͤgen von einem Orte zum andern gegangen waͤren? Der unter die⸗ ſer Novelle verborgene Sinn iſt von etwas ſchluͤpfrigerer Art, nämlich: a cavallo heißt auch ſo viel als in aller Eil, in aller Geſchwindigkeit, uͤber Hals und Kopf; ei⸗ nem Maͤdchen das ſchönſte Hiſtoͤrchen von der Welt erzäh⸗ len, iſt wot eben ſo viel, als solus cum Kola pater noster orare non praesumuntur; daß der Ritten Madonna Oretta tragen will, iſt wol umgekehrt ſo zu ver⸗ ſtehen, wie der Moͤnch in der vierten Novelle des erſten Tages noch nicht wußte, daß er ſich von den Mäͤdchen hätte druͤcken laſſen ſollen; daß dem Ritter alsdann das Schwert zur Seite beſſer geſtanden haben wird, als die Zunge zum Erzaͤhlen, laͤßt ſich auch wol leicht vermuthen. Und ſo kann man alles übrige, was der Ritter oder die Madonna khut oder ſpricht, ſehr leicht in einen allegori⸗ ſchen Sinn, ohne mein weiteres Zuthun, erklären und — —⁸ Anmerkungen. verſtehen, beſonders da Boccaccio ſelbſt in der Einleitung zu dieſer Novelle ſagt, daß nur Wenige zu gehoͤriger Zeit ein Witzwort anzubringen wiſſen, oder wenn eins geſagt worden iſt, es verſtehen, wie es verſtanden ſeyn muß. Daher mag man aber auch mir nicht den Vorwurf ma⸗ chen, als ginge ich nur darauf aus, Zweideutigkeiten her⸗ auszuſuchen, wie jener Rector, der ſelbſt dem keuſchen Virgil Soten an emendirte, wenn ich darauſ aufmerkſam mache, ob wol nicht durch dieſe verſteckte, ich moͤchte ſa⸗ gen allegoriſche, Zweideutigkeit die ganze Erzählung erſt witzig wird, da doch der ganze Scherz immer lahm bliebe⸗ wenn man den Sinn derſelben nach den Buchſtaben und Worten auslegen wollte; denn nur alsdann erſt wird man lächeln, wenn man den Ritter unter der Laſt ſeiner Dame ſich umſonſt abmuͤhen ſieht, ihr ein angenehmes Hiſtoͤrchen zu erzaͤhlen, womit er aber nicht zu Ende kommen kann, oftmals anſetzte, ſich verwirrte, ſo daß der Dame ſelbſt der Angſtſchweiß daruͤber ausbrach, und ſie endlich unwillig ihn bat, ſie nur loszulaſſen. S. 169. Z. 11, Hretta, verkuͤrzt fuͤr Lauretta, ſo wie Geri fuͤr Ruggeri. Ende des vierten Baͤndchens. —— ———— Buͤcher⸗Anzeige. 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