„ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens: 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: — für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 „ 5 2„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleibezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſynders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———————— Siebente Novelle. Der Sultan von Babylon ſchickt eine ſeiner Toͤchter an den Koͤnig von Garbo zur Gemahlin, die durch ver⸗ ſchiedene Zufaͤlle in einen Zeitraume von vier Jahren neun Maͤnnern an verſchiedenen Orten in die Hände kommt. Zuletzt wird ſie ihrem Vater wieder zuruͤckge⸗ bracht und geht als Jungfrau, wie zu aller erſt, zum Koͤnig von Garbo als Gemahlin. Wireicht haͤtte Emilias Novelle nicht viel länger dauern muͤſſen, ſo wuͤrde ſie das Mitleid der jungen Damen mit Madame Beritola's Unfaͤllen zu Thrä⸗ nen gebracht haben. Nachdem ſie aber ein Ende genommen hatte, gefiel es der Koͤnigin, daß Pam⸗ philus mit der Erzählung der ſeinigen folgen ſollte, weshalb er auch ganz gehorſam anfing. Es iſt ſchwer, freundliche Damen, das immer z erkennen, was wir thun ſollten, weil, wie es ſich ſchon oftmals gezeigt hat, Viele glauben, wenn ſie nur reich geworden waͤren, dann koͤnnten ſie ohne Sorgen und ſicher leben, und daher dies nicht allein von Gott erbaten, ſondern es aͤngſtlich und keine Muͤhe oder Gefahr ſcheuend, auch zu erhalten ſuch⸗ ten; allein, wenn dieſe nun ihren Zweck erreicht hat⸗ ten, ſo fanden ſich wieder ſolche, die aus Begierde nach einer ſo bedeutenden Erbſchaft, diefenigen wohl gar umbrachten, welche, ehe ſie reich geworden wa⸗ ———————ÜÜ 65 Zweiter Tag. ren, ihr Leben ſo lieb hatten. Andere, von niederem Stande, ſchwangen ſich durch tauſend gefahrvolle Kaͤmpfe mitten durch das Blut ihrer Bruͤder und Freunde zur Hoͤhe von Koͤnigreichen empor, und machten, in der Meinung, daß hier nur die hoͤchſte Gluͤckſeligkeit ohne die unendlichen Bekuͤmmerniſſe und Schreckniſſe vorhanden waͤre, da ſie doch ſahen und merkten, wie auch dieſe davon ganz voll waren, zu⸗ gleich mit ihrem Jode die Erfahrung, daß man aus Gold an koͤniglichen Tafeln nur Gift trinke. Viele waren dann wieder, welche nach koͤrperlicher Kraft und Schoͤnheit, und einige, welche nach Zierden mit der vrennendſten Begier trachteten, und nicht eher ein⸗ ſahen, wie irrig ihr Beſtreben geweſen, als auch zugleich, daß dies gerade fuͤr ſie der Grund zum Tode und zu einem kummervollen Leben geworden wäre. Und um nicht einzeln von allen menſchlichen Wuͤnſchen zu reden, ſo behaupte ich, es gibt auch nicht Einen, der, als frei von allen unvorhergeſehenen Zufaͤllen, von den Sterblichen mit vollkommener Vorſicht erwaͤhlt wer⸗ den koͤnnte, ſo daß, wenn wir rechtlich handeln wollen, wir uns nur das zu nehmen und zu beſitzen an⸗ ſchicken muͤſſen, was uns Derjenige gibt, der allein das, was uns zutraͤglich iſt, einſieht und uns ſchen⸗ ken kann. Aber, ſo wie die Maͤnner auf mangich⸗ faltige Art bei ihren Wuͤnſchen fehlen, ſo fehlt ihr, liebliche Damen, vorzuͤglich auch auf eine Art, wenn ihr euch ſchoͤn zu ſeyn wuͤnſchet, ſo daß euch die Schoͤn⸗ heiten, die euch von der Natur zugeſtanden ſind, nicht gengen, und ihr ſie durch wunderbare Kuͤnſte Siebente Novelle. noch zu erhöhen ſucht. Daher will ich euch erzäh⸗ len, wie ungluͤcklich eine ſchoͤne Sarazenin war, der es ihrer Schoͤnheit wegen widerfuhr, in etwa vier Jahren neun Mal neue Heirathen zu ſchließen. Es iſt ſchon eine geraume Zeit vergangen, als in Babylon ein Sultan war, mit Namen Bemine⸗ dab, dem in ſeinem Leben vieles nach ſeinen Wuͤn⸗ ſchen eingetroffen war. Dieſer hatte unter mehreren Kindern, maͤnnlichen und weiblichen Geſchlechts, eine Tochter, Namens Alatiel, welche, nach dem, was ein Jeder von ihr ſagte, die ſchoͤnſte Frau war, die damals auf der Welt lebte; und da ihm in einer großen Schlacht, die er gegen eine große Menge Araber, welche ihn uberfallen hatten, liefern mußte, der Koͤnig von Al⸗ garbien auf eine wundervolle Weiſe beigeſtanden hatte, ſo gab er ſie dieſem, der ihn als eine beſondere Gunſt darum gebeten hatte, zur Gemahlin. Nachdem er nun ein Schiff, unter einer ehrenvollen Begleitung von Her⸗ ren und Damen, mit koͤſtlichen und reichen Geraͤth⸗ ſchaften hatte ausruͤſten laſſen, beſtieg ſie daſſelbe, und ſandte er ſie, da er ſie Gott empfohlen hatte, ihm zu. Sobald die Schiffsleute ſahen, daß das Wetter gelegen waͤre, ſpannten ſie die Segel, legten aus dem Hafen von Alexandrien ab, und ſchifften mehrere Tage die Fahrt ganz gluͤcklich fort. Schon waren) ſie Sardinien paſſirt und glaubten, dem Ziele ihres Weges nahe zu ſeyn, als ſich eines Ta⸗ ges ploͤtzlich verſchiedene Winde erhoben, welche, da ein ieder uͤber alle Maßen wuͤthend war, dem Schiffe, auf welchem ſich die Jungfrau befand, ſo zuſetzten, — 8 Zweiter Tag. daß die Schiffsleute ſich mehreremale fuͤr verloren hielten. Indeſſen, als tuͤchtige Leute, die alle Kunſt und Kraͤfte anwandten, hielten ſie den Sturm, mit dem ſie zu kämpfen hatten, zwei Tage lang aus, und obgleich nun ſchon, ſeitdem der Sturm angefangen, die dritte Nacht anbrach und er auch in dieſer noch nicht auf⸗ hoͤrte, ſondern immer noch wuchs, ſie gar nicht mehr wußten, wo ſie waren, es auch nach den Schifffahrts⸗ grundregeln nicht herausbringen konnten, am aller⸗ wenigſten aber, da der Himmel durch die Wolken und die finſtere Nacht ganz verdunkelt war, durch den Blick merkten, daß ſie nicht weit hinaus uͤber Majorka waͤren, ſo gewahrten ſie, daß das Schiff ſich aus den Fugen trenne. Zetzt ſahen ſie kein an⸗ deres Mittel zu ihrer Rettung mehr vor ſich, weil ein jeder nur auf ſich ſelbſt und auf keinen andern bedacht war, als daß ſie ein Boot ins Meer aus⸗ warfen, in welches die Schiffsherren hineinſprangen, weil ſie ſich lieber dieſem, als dem aus den Fugen getriebenen Schiffe anvertrauen wollten. Von allen Menſchen, ſo viel deren im Schiffe waren, ſprang einer nach dem andern in dieſes Boot hinein, ohg gleich die, welche zuerſt hineingeſtiegen waren, mitk den Dolchen in der Hand, es ihnen verwehrten, bis ſie ſich alle hineingeworfen hatten, und dem Tode, dem ſie zu entfliehen geglaubt, in die Haͤnde fielen. Denn da bei dem widerwaͤrtigen Wetter das Boot ſo viele nicht faſſen konnte, ſo ging es unter und alle kamen um, da hingegen das Schiff, welches von der Gewalt des Windes fortgeſtoßen, ob es gleich Siebente Novelle. 9 aus den Fugen getrieben und faſt ganz mit Waſſer angefuͤllt, auch niemand anders mehr darauf geblie⸗ ben war, als nur die Prinzeſſin mit ihren Frauen⸗ welche alle der Meeresſturm und die Furcht ſo dar⸗ nieder geworfen hatte, daß ſie wie todt dalagen, im ſchnellſten Lauf an eine Kuͤſte der Inſel Majorka gejagt ward und zwar mit ſolcher Gewalt, daß es etwa einen Steinwurf weit vom Ufer auf dem Sande feſtſitzen blieb, und hier blieb es, in der Nacht von den Wellen des Meeres beſtuͤrmt, ganz ruhig liegen, da es vom Winde nicht mehr hin und her getrieben werden konnte. Sobald es wieder heller Tag geworden war und ſich der Sturm etwas gelegt hatte, hob die Prin⸗ zeſſin, die beinahe halb todt war, den Kopf in die Hoͤhe und rief, ſo ſchwach ſie auch war, bald den einen, bald den andern von ihrer Diener⸗ ſchaft; aber ſie rief vergebens, da die Gerufenen zu entfernt waren. Weil ſie aber keinen antworten hoͤrte und auch keinen ſah, ſo verwunderte ſie ſich ſehr und fing an ſich gewaltig zu fuͤrchten; ſie er⸗ hob ſich alſo, ſo gut ſie konnte, und nachdem ſie ſo⸗ wohl den Frauen, die in ihrer Geſellſchaft waren, als auch den anderen mehrere Male zugerufen hatte, wollte ſie ſie aufruͤtteln. Allein ſie fand, daß nur wenige noch Beſinnung hatten, da ſie ſowohl wegen der Beſchwerden des Magens, als auch aus Furcht, weshalb die Furcht auch bei der Dame immer groͤßer ward, wie todt dalagen; indeſſen, da ſie die Noth drängte, ſich zu entſchließen, ſie ſich aber ganz allein 1⁰ Zweiter Tag. fand und nicht ſah und wußte, wo ſie war, ſo ruͤt⸗ telte ſie die, welche noch einiges Leben hatten, ſo lange, bis ſie ſie auch zum Aufſtehen brachte. Sie fand aber, daß auch dieſe nicht wußten, wo die Maäͤn⸗ ner geblieben waͤren, und daß das Schiff, mit Waſ⸗ ſer angefuͤllt, aufs Land geworfen waͤre, und fing daher mit dieſen an jaͤmmerlich zu weinen. Schon war die Mittagszeit voruͤber und noch immer ſahen ſie keinen weder am Ufer, noch irgend anderswo, den ſie zu ihrer Huͤlfe haͤtten mitleidig machen koͤnnen; als gluͤcklicherweiſe gegen Abend ein edler Mann, der von ſeinem Landgute zuruͤckkehrte, Namens Pericon von Viſalgo, mit ſeinen Leuten zu Pferde hier vorbeikam. Sobald dieſer das Schiff gewahr ward, ſtellte er ſich gleich vor, was wohl geſchehen waͤre, und befahl einem ſeiner Bedienten, unverzüg⸗ lich auf das Schiff zu ſteigen, und ihm Nachricht zu bringen von dem, wie es da waͤre. Der Bediente, ob er es gleich mit Schwierigkeiten that, ſtieg den⸗ noch hinein, und fand die edle Jungfrau mit der kleinen Begleitung, die ſie bei ſich hatte, unter dem Schnabel am Vordertheil des Schiffes ganz aͤngſtlich verſteckt. Sobald ſie dieſen ſahen, flehten ſie ihn mehr⸗ mals mit Thraͤnen um Huͤlfe an; aber da ſie merk⸗ ten, daß er ſie, ſo wie ſie ihn nicht verſtaͤnden, ſuchten ſie ihm durch Geberden ihr Ungluͤck zu ſchil⸗ dern. Der Bediente, der alles bemerkt hatte, er⸗ zaͤhlte, ſo gut er nur konnte, an Pericon, wie es dort ausſaͤhe. Dieſer ließ die Frauen ſogleich — 1 Siebente Novelle. 11 herausholen, und zugleich auch alle Koſtbarkei⸗ ten, welche ſich im Schiffe befanden und deren man habhaft werden konnte, und nahm ſie dann alle mit nach ſeinem Schloſſe. Hier ſtarkte er durch Speiſen und Ruhe die Frauen, und an ihren reichen Geraͤthſchaften merkte er ſogleich, daß die Jungfrau, die er gefunden hatte, eine edle Dame ſeyn muͤſſe, und beſonders an der Ehrerbietung, mit welcher er alle andere dieſer einzigen begegnen ſah. Und ob ſie gleich blaß und ihre ganze Geſtalt durch die Be⸗ ſchwerden des Meeres ſehr zerruttet war, ſo ſchien ſie Pericone'n doch ſehr ſchoͤn zu ſeyn: er war da⸗ her bald mit ſich einig, ſie, wenn ſie keinen Mann haͤtte, zur Frau zu nehmen, und, wenn er ſie nicht als Frau haben koͤnnte, wenigſtens ihre Freundſchaft zu erhalten. Pericone war ein Mann von ſtolzem Anſehen und ſehr kraͤftig; und da er die Dame ei⸗ nige Tage aufs Beſte hatte bedienen laſſen, weshalb ſie auch ganz wieder hergeſtellt war, und er ſie uͤber alle Beſchreibung ſchoͤn fand, ſo ſchmerzte es ihn ſehr, daß weder er ſie, noch ſie ihn verſtehen koͤnnte, und er daher auch nicht zu erfahren im Stande waͤre, wer ſie ſeyn moͤchte. Deſſenungeachtet war er uͤber alle Maßen von ihrer Schoͤnheit ſo eingenom⸗ men, daß er ſich durch ein freundliches und liebe⸗ volles Betragen alle Muͤhe gab, ſie dahin zu brin⸗ gen, ſeinen Wuͤnſchen nicht mehr zu widerſtreben; aber das half ihm alles nichts. Sie verſagte ganz und gar ſeinen genauern Umgang; deſto mehr aber ward Pericone's Glut entftammt. 12 Zweiter Tag. Da die Dame dies ſah, und, nachdem ſie nun ſchon einige Tage dort verweilt hatte, an den Sit⸗ ten und Gebraͤuchen wahrnahm, daß ſie unter Chri⸗ ſten waͤre, unter denen es ihr wenig daran lag, ſich, wenn ſie es auch gekonnt haͤtte, zu erken⸗ nen zu geben, ſo merkte ſie es auch eben ſo gut, daß ſie mit der Zeit doch entweder aus Zwang, oder aus Liebe Periconen wuͤrde zu Gefallen leben muͤſſen; deshalb nahm ſie ſich mit einer Seelen⸗ groͤße vor, das Elend ihres Geſchickes unter die Fuͤße zu treten, und befahl ihren Frauen, deren ihr nur noch drei uͤbrig geblieben waren, daß ſie keinem Men⸗ ſchen jemals entdecken moͤchten, wer ſie waͤren, es muͤßte denn ſeyn, daß ſie ſich in dem Fall befaͤnden, wo ſie offenbare Huͤlfe zu ihrer Freiheit ſähen. überdies beſtaͤrkte ſie ſie vorzuͤglich darin, ihre Keuſchheit zu bewahren, indem ſie verſicherte, ſie waͤre feſt entſchloſſen, keinem Andern als nur ihrem Gemahl etwas uͤber ſich zuzugeſtehen. Die Frauen gaben ihr voͤllig Beifall und ſagten, daß ſie ihren Befehl nach allen ihren Kraͤften beobachten wuͤrden. Pericone ward von Tage zu Tage immer hitzi⸗ ger, und das um ſo mehr, je naͤher er ſich dem er⸗ wuͤnſchten und ſich immer mehr verweigernden Ge⸗ genſtande befand, und da er ſah, daß alle ſeine Schmeicheleien ihm nichts halfen, ſo entſchloß er ſich zur Liſt und zu Kunſtgriffen, und ſparte ſich die Gewalt bis zuletzt auf. Da er einmal bemerkt hatte, daß die Dame Geſchmack an Wein faͤnde, ob⸗ Siebente Novelle. 13 gleich ſie denſelben nach ihren Geſetzen, die ihn ver⸗ boten, nicht gewohnt war zu trinken, ſo glaubte er ſie durch dieſen, als einen Diener der Venus, fangen zu koͤnnen. Er that, als wenn er ſich gar nicht mehr darum bekuͤmmerte, daß ſie ſo ſproͤde gegen ihn waͤre, ſtellte aber eines Tages ein feierliches Abendeſſen an, wozu die Dame ebenfalls erſchien, und als man waͤhrend des Mahles anfing, ſehr froͤh⸗ lich zu werden, gab er dem, der ſie bediente, den Befehl, daß er ihr verſchiedene Weine zum Trinken unter einander miſchen ſollte; was denn dieſer auch ganz vortrefflich that. Sie, die ſich deſſen nicht verſah, wurde durch die Lieblichkeit des Getraͤnkes dahin gebracht, mehr davon zu trinken, als es ihr der Anſtand erlaubte, und, aller ihrer ausgeſtande⸗ nen Widerwärtigkeiten vergeſſend, ward ſie endlich ſo froͤhlich, daß, als ſie einige Frauen nach majoli⸗ ſcher Weiſe tanzen ſah, ſie nach alexandriniſcher Art zu tanzen anfing. Sobald Pericone dies ſah, ſchien es ihm, als ſey er dem, was er wuͤnſchte, ganz nahe; er ſetzte daher das Abendeſſen mit Speiſen und Getraͤnk noch bis ſpaͤt in die Nacht fort. Als dann endlich die Gaͤſte fortgegangen waren, trat er mit der Dame allein in ein Zimmer ein, welche, mehr von Wein erhitzt, als von Zuͤchtigkeit zuruͤckgehalten, ſich, a's wäre Pericone eine ihrer Frauen, ohne Ruͤckhalt von Scham, in ſeiner Gegenwart auszukleiden anfing, und dann ins Bett legte. Pericone ſtand nicht an, ihr zu fol⸗ Zweiter Tag. gen, ſondern legte ſich ihr, nachdem alle Lichter ausge⸗ loͤſcht, zur Seite, ſchloß ſie in ſeine Arme, und fing an ſich mit ihr, ohne den geringſten Widerſpruch von ihrer Seite, der Liebe zu erfreuen; und nach⸗ dem ſie gemerkt, was ſie vorher nimmer gekannt hatte, mit was fuͤr einem Horne die Maͤnner ſtießen, gereuete es ſie faſt, den Schmeicheleien Pericone's nicht eher nachgegeben zu haben; ſie lud ihn daher, ohne zu warten, daß ſie zu ſo ſuͤßen Naͤchten ein⸗ geladen wuͤrde, oͤfter ſelbſt ein, und zwar nicht mit Worten, denn damit konnte ſie ſich nicht verſtaͤndlich machen, ſondern mit Thaten. Bei dieſem großen Vergnuͤgen, was Pericone und ſie hatten, war doch das Schickſal nicht damit zufrieden, daß es, ſie, ſtatt zur Gemahlin eines Koͤnigs, zur Freundin eines Schloßhauptmanns gemacht hatte, ſondern es ſparte ſie fuͤr noch grauſamere Freundſchaften auf. Pericone hatte einen Bruder von etwa 25 Jah⸗ ren, ſchoͤn und bluͤhend wie eine Roſe, deſſen Name Marato war; da dieſer ſie geſehen und ſie ihm au⸗ ßerordentlich gefallen hatte, duͤnkte es ihn, ſo viel er aus ihrem Betragen abnehmen konnte, daß er bei ihr ziemlich in Gunſt ſtände, und er meinte, es ver⸗ hindere ihn an dem, was er von ihr verlange, nichts weiter, als die ſorgfaͤltige Obhut, welche Pericone uͤber ſie hegte; er verfiel daher auf einen grauſamen Gedanken, und auf den Gedanken erfolgte ſogleich ohne Verzug die ſchaͤndliche Ausfuͤhrung. ge⸗ ing uch ch⸗ nnt en, es er, in⸗ mit ich en och ſie, din ern ten ⸗ me u⸗ iel bei er⸗ s ne en ich Siebente Novelle. 15 Von ungefaͤhr lag in dem Hafen der Stadt ein Schiff bereit, welches, mit Waaren beladen, nach Chiaranza in Romanien abgehen ſollte, und von welchem zwei junge Genueſer Beſitzer waren. Schon waren die Segel beigeſetzt, um mit dem erſten gu⸗ ten Winde abzufahren, als Marato es mit ihnen abmachte, daß er mit der Dame in der folgenden Nacht ven ihnen aufgenommen werden ſollte. Als es nun hierauf Nacht geworden war und er alles Noͤthige beſorgt hatte, ging er unerkannt mit einigen getreuen Gefaͤhrten, die er u dem, was er zu thun beabſichtigte, erbeten hatte, nach Pericone's Haus, der ſich nichts Boͤſes von ihm verſah, und verbarg ſich, wie es un⸗ ter ihnen verabredet, im Hauſe. Nachdem ein Theil der Nacht verſtrichen war, eroͤffnete er ſeinen Gefaͤhr⸗ ten, wo Pericone mit der Dame ſchlief, und ſobald er das Zimmer geoͤffnet hatte, ward Pericone im Schlafe getoͤdtet, und die Dame, welche erwacht war, und der fie ebenfalls mit dem Tode droheten, wenn ſie ihre Klagen laut werden ließe, fortgeriſſen. Dann machten ſie ſich unbemerkt mit einem großen Theil von Pericone's Koſtbarkeiten nach dem See⸗ ufer, und hier beſtieg Marato, ohne weitern Ver⸗ zug mit der Dame das Schiff, ſeine Gefaͤhrten aber kehrten nach Hauſe zuruͤck. Die Schiffer hatten guten und kuͤhlen Wind, und gingen ſogleich unter Segel. Die Dame weinte bitterlich uͤber ihren erſten Unfall, und eben ſo ſehr auch uͤber dieſen zwei⸗ 16 Zweiter Tag. ten; aber Marato mit dem heiligen Ereſci*), den wir von Gott ſelbſt erhalten haben, in der Hand, fing an, ſie nach und nach ſo zu troͤſten, daß, je mehr ſie ſich mit ihm verband, ſie Pericone's um ſo eher vergaß. Und ſchon ſchien ſie ſich ganz wohl zu befinden, als das Gluͤck ihr auch ſchon wieder neue Trauer zubereitete, gleich, als waͤre es mit der vergangenen nicht zufrieden; denn da ſie, wie wir ſchon einigemal geſagt haben, ſehr ſchön und von dem lobenswuͤrdigſten Benehmen war, ſo verliebten ſich die beiden jungen Herren des Schiffes ſo gewaltig in ſie, daß ſie, alles Andere daruͤber ver⸗ geſſerd, nur einzig und allein darauf bedacht wa⸗ ren, ihr zu dienen und ihr zu gefallen, ſich aber doch wohl huͤteten, daß Marato nicht den Grund davon merken moͤchte. Und da ſie einer des andern Liebe gewahr geworden waren, ſprachen ſie inge⸗ heim mit einander daruͤber, und kamen dahin über⸗ ein, den Gewinſt dieſer Liebe gemeinſchaftlich mit einander zu theilen, als wenn die Liebe eben das leiden muͤßte, was der Handel oder der Gewinſt leiden muß. Allein da ſie ſahen, daß Marato ſie au⸗ ßerordentlich bewachte, und ſie deshalb an ihrem Vor⸗ haben behindert wuͤrden, ſo beſchloſſen ſie einmuͤthig eines Tages, als das Schiff mit vollen Segeln dahin⸗ fuhr und Marato am Hintertheile des Schiffes ſtand und ins Meer ſchaute, ihn von hinten zu er⸗ „) Die Anſpielung hier ſoll unten weiter erklaͤrt wer⸗ den. *), der aß⸗ e ich on ſie, on fes er⸗ d* ber nd n ge⸗ er⸗ nit s nſt 1u⸗ in⸗ fes er⸗ Siebente Novelle. 17 greifen und ins Meer zu ſtuͤrzen, ohne daß er ſich deſſen von ihnen verſehen koͤnnte; und wirklich hatten ſie ſich auch ſchon uͤber eine halbe Meile weiter entfernt, ehe nur einer bemerkt haͤtte, daß Marato ins Meer gefallen wäre. Sobald die Dame es er⸗ fuhr, und kein Mittel ſah, ihn wieder zu erhalten, äußerte ſie ihren Schmerz auf dem Schiffe von neuem; ſogleich kamen die beiden Liebenden herbei, ſie zu troͤſten, und ſuchten ſie mit ſuͤßen Worten und den groͤßten Verſprechungen, obgleich ſie nur wenig davon verſtand, und ſie nicht ſowohl den ver⸗ lornen Gemahl, als ihr Ungluͤck beweinte, zu beruhi⸗ gen. Nachdem ſie ein und das andere mal eine lange Unterredung mit ihr gepflogen hatten, und es ihnen vorkam, als haͤtten ſie ſie hinlaͤnglich ge⸗ troͤſtet, kam es unter ihnen ſelbſt zur Unterhandlung, wer ſie zuerſt von ihnen ins Bett fuͤhren ſollte. Und da ein jeder der erſte ſeyn wollte, unter ihnen aber keine Vereinigung Statt finden konnte, ſo fingen ſie zu⸗ erſt mit ernſten und harten Worten einen Zwiſt an, und von dieſem zum Zorn entftammt, griffen ſie zu den Dolchen und verſetzten ſich(da diejenigen, die auf dem Schiffe waren, ſie nicht von einander trennen konnten,) mehrere Stiche, ſo daß der eine ſo⸗ gleich todt niederfiel, der andere aber, obgleich an ſeinem Koͤrper ſchwer verwundet, dennoch am Le⸗ ben blieb. Dies mißfiel der Dame ſehr, beſonders da ſie ſich hier ganz allein ohne Hülfe befand, und von Keinem irgend einen Rath erwartete; ſo fuͤrchtete 2 Boccaccio's ſämmtl. W. 2. ————— 18 Zweiter Tag. ſie ſehr, der Zorn der Verwandten oder Freunde der beiden Schiffsherren moͤchte auf ſie fallen; allein die Bitten des Verwundeten und die ſchnelle Ankunft in Chiaranza befreiten ſie von der Gefahr des Todes. Nachdem ſie mit dem Verwundeten ans Land geſtiegen war, und mit ihm in einem Wirths⸗ hauſe verweilte, verbreitete ſich das Geruͤcht von ihrer Schoͤnheit bald durch die Stadt, und kam vor die Ohren des Prinzen von Morea, der ſich damals in Chiaranza aufhielt; er wollte ſie daher ſehen, und nachdem er ſie geſehen hatte, und ſie ihm noch weit ſchoͤner zu ſeyn ſchien, als das Geruͤcht davon ging, verliebte er ſich ſo ſehr in ſie, daß er an nichts anderes mehr denken konnte. Und nachdem er gehoͤrt hatte, auf welche Art ſie hierher gekommen waͤre, glaubte er, er koͤnne ſie auch haben. Er ſuchte daher Mittel und Wege, und da die Anver⸗ wandten des Verwundeten dies erfuhren, ſchickten ſie ſie ihm ſogleich zu, ohne auch nur noch einen Augen⸗ blick zu zaudern; dem Prinzen war es außerordent⸗ lich lieb, und auch der Dame ſelbſt, weil ſie einer großen Gefahr entgangen zu ſeyn glaubte. Da der Prinz bald ſah, wie ſie außer ihrer Schoͤnheit auch mit koͤniglichen Sitten geziert waͤre, ſo hielt er dafuͤr, da er gar nicht anders erfah⸗ ren konnte, wer ſie waͤre, ſie muͤſſe eine edle Dame ſeyn, und ſeine Liebe verdoppelte ſich deshalb gegen ſie; er behandelte ſie ſehr ehrenvoll, und hielt ſie nicht als eine Geliebte, ſondern als ſeine eigene Ge⸗ mahlin. Run glaubte die Dame, ſie befände ſich, —————— in wo un daf zog haſ Pr zu ie: mit Chi mit mit der der hier vieln ſie d ſich! richte mit! ihrer nicht halte verſte Siebente Nobelle. 19 unde in Hinſicht ihrer ausgeſtandenen Unglücksfälle, ganz llen; wohl, beruhigte ſich daher gaͤnzlich, ward froͤhlich, nelle und ihre Schoͤnheit bluͤhete wieder von neuem ſo auf, fahr daß ganz Romanien von nichts anderem mehr ſpre⸗ ans chen zu konnen glaubte. Hierdurch bekam der Her⸗ rths⸗ zog von Athen, jung, ſchoͤn und von der vortheil⸗ von hafteſten Bildung, ein Freund und Anverwandter des vor Prinzen, Luſt, ſie zu ſehen. Er gab ihm deshalb mals zu verſtehen, daß er ihn beſuchen wollte, wie er das ehen, ie zuweilen zu thun gewohnt war, und kam daher noch mit einer ſchoͤnen und ehrenwerthen Geſellſchaft nach avon Chiaranza, woſelbſt auch er wieder ehrenvoll und ran mit vielen Feierlichkeiten empfangen ward. m er Nach einigen Tagen kamen ſie, im Geſpraͤch imen. mit einander, auf die Schoͤnheit dieſer Dame, und Er der Herzog fragte, ob ſie denn wirklich ſo ein Wun⸗ wer⸗ der waͤre, als man ſagte. n ſie Weit mehr als das, antwortete de- Prinz; doch gen⸗ hiervon ſollen Dich nicht nur meine Worte, ſondern dent⸗ vielmehr Deine eigenen Augen uͤberzeugen. einer Nun lag der Herzog dem Prinzen ſehr an, daß ſie doch mit einander dorthin gehen moͤchten, wo ſie ihrer ſich befaͤnde. väre, Sie, die von ihrer Ankunft vorher war unter⸗ fah⸗ richtet worden, empfing ſie uͤberaus anſtaͤndig und ame mit heiterem Geſichte; indeſſen, obgleich ſie ſie in egen ihrer Mitte ſich niederſetzen ließen, konnten ſie doch ſie nicht das Vergnuͤgen haben, ſich mit ihr zu unter⸗ Ge⸗ halten, weil ſie von dieſer Sprache wenig oder nichts ſich, verſtand. Ein jeder ſah ſie daher wie ein Wunder — 20 Zweiter Tag. an, und beſonders der Herzog, der kaum glauben konnte, daß ſie ein ſterbliches Weſen waͤre; und da er, ſie nicht mit den Angen verlaſſend, des lieb⸗ lichen Giftes nicht gewahr ward, welches er mit den Augen einſog, und nur ſeinem Vergnuͤgen dadurch, daß er ſie beſtaͤndig anſah, zu genuͤgen glaubte, ſo verwickelte der Ungluͤckliche ſelbſt ſich ſo, daß er ſich gluͤhend in ſie verliebte. Nachdem er zugleich mit dem Prinzen ſie ver⸗ laſſen und Zeit gewonnen hatte, bei ſich ſelbſt dar⸗ uber nachdenken zu koͤnnen, hielt er den Prinzen fuͤr gluͤcklicher, als jeden andern, daß er eine ſolche Schoͤnheit zu ſeinem Vergnuͤgen beſaͤße, und nach vielen und mannichfaltigen Gedanken, indem er mehr ſeine gluͤhende Liebe als ſeinen Anſtand in Betrach⸗ tung zog, beſchloß er, es moͤchte auch daraus entſte⸗ hen, was da wolle, den Prinzen dieſer Gluͤckſelig⸗ keit zu berauden, und ſich nach ſeinen Kraͤften da⸗ mit zu begluͤcken. Und da er glaubte, die Sache be⸗ ſchlennigen zu muͤſſen, ſo ſetzte er Recht und Ge⸗ rechtigkeit ganz bei Seite, und lenkte allen ſeinen Sinn auf Betrug. Eines Jages, nachdem er mit einem geheimen Kämmerier des Prinzen, welcher Ciuriaci hieß, den ſchaͤndlichen Entſchluß gefaßt hatte, ließ er zu⸗ gleich im Stillen alle ſeine Pferde und ſeine Sachen in Bereitſchaft ſetzen, um fortgehen zu koͤnnen. Dar⸗ auf ward er in der folgenden Nacht zugleich mit ei⸗ nem Gefaͤhrten, Beide bewaffnet, von dem gedach⸗ ten Ciuriaci unvermerkt in das Schlafzimmer des uben und lieb⸗ tden urch, „ſo ſich ver⸗ dar⸗ fuͤr olche nach mehr rach⸗ tſte⸗ ſelig⸗ da⸗ e be⸗ Ge⸗ einen imen hieß, zu⸗ achen Dar⸗ it ei⸗ dach⸗ des Siebente Novelle. 2¹ Prinzen eingefuͤhrt; hier ſah er dieſen, der großen Hitze wegen, ganz entkleidet am Fenſter ſtehen,— die Dame ſchlief ſchon— und nach dem Meere zu hingekehrt, um ein wenig friſche Luft zu ſchoͤpfen, die von dieſer Gegend herkam. Da der Herzog ſei⸗ nen Gefaͤhrten ſchon vorher davon unterrichtet hatte, was er zu thun haͤtte, ging er ganz ſtill durch das Zimmer bis an das Fenſter, durchbohrte den Prin⸗ zen mit einem Dolche, und üuͤrzte ihn zum Fenſter hinaus. Der Pallaſt lag am Meere und war ſehr hoch, und das Fenſter, an welchem der Prinz ſtand, ſah uͤber einige Haͤuſer hinweg, welche von der Ge⸗ walt des Waſſers niedergeriſſen waren, und weshalb daſelbſt ſelten oder niemals irgend ein Menſch zu gehen pflegte; hierdurch kam es denn, ſo wie es der Herzog vorhergeſehen hatte, daß naͤmlich der Fall des todten Koͤrpers des Prinzen von Keinem be⸗ merkt ward, noch bemerkt werden konnte. Sobald der Gefaͤhrte des Herzogs ſah, daß Alles vollbracht war, warf er einen Strang, den er hierzu mitge⸗ bracht hatte, dem Ciuriaci, unter einer verſtellten Schmeichelei, um den Hals, zog ihn ſo zu, daß Ciuriaci auch nicht einen Laut von ſich geben konnte; und, nachdem der Herzog mit dazu gekommen war, ſtrangulirten ſie ihn und warfen ihn eben da, wo ſie den Prinzen hinausgeworfen hatten, auch hinaus. Nachdem dies vollbracht war, und der Herzog ſich deutlich uͤberzeugte, daß ſie weder von der Dame, noch von ſonſt irgend einem bemerkt worden waͤren, i i i jo Hand Vonchtatn N— nahm er ein Licht in die Hand, lenee dür ete das Bett und betra Zweiter Tag. chtete ruhig die Dame, welche feſt ſchlief; er ſah ſie genau au, und wenn ſie ihm angekleidet gefallen hatte, ſo gefiel ſie ihm entklei⸗ det uͤber allen Vergleich noch weit mehr. Ent⸗ flammt daher von gluͤhender Begierde, und gar nicht erſchrocken uͤber das ſo eben von ihm veruͤbte Ver⸗ brechen, legte er ſich, mit noch blutigen Haͤnden, ihr zur Seite, und blieb bei ihr, die ganz ſchlaftrunken glaubte, es waͤre der Prinz, liegen. Indeſſen, als er einige Zeit mit dem groͤßten Vergnugen bei ihr verweilt hatte, ſtand er auf, und ließ, da er einige ſeiner Gefaͤhrten hatte kommen laſſen, die Dame ſo nehmen, daß ſie kein Geraͤuſch machen konnte; nach⸗ dem ſie dann durch eine verſteckte Thuͤr, durch wel— che er ſelbſt gekommen war, getragen und auf ein Pferd geſetzt worden war, machte er ſich ſo inge⸗ heim, als er nur konnte, mit allen den Seinigen auf den Weg, und kehrte nach Athen zuruͤck. Iber da er eine Gemahlin hatte, brachte er ſie, die mehr als jemals betruͤbt war, nicht nach Athen ſelbſt hin, ſondern nach einem ſchoͤnen Aufenthaltsorte, den er außerhalb der Stadt am Meere hatte; hier hielt er ſie ganz verborgen, und ließ ſie auf das an⸗ ſtaͤndigſte mit allem, was ſie bedurfte, bedienen. Am andern Morgen hatten die Hoͤflinge des Prinzen bis gegen MWittag gewartet, daß er aufſte⸗ hen moͤchte; aber da ſie nichts merkten und ſie, nach⸗ dem ſie die Thuͤren des Zimmers aufgeſtößen hatten, die nur bloß verſchloſſen waren, auch keinen Menſchen weiter fanden, glaubten ſie, er hätte ſich ganz im — 8 8 8 eche ihm Ent⸗ nicht Ver⸗ ihr nken als ihr inige e ſo tach⸗ wel⸗ ein nge⸗ auf rda nehr lbſt rte, hier an⸗ des ſte⸗ ach⸗ ten, hen im Siebente Novelle. 23 Stillen irgend wohin begeben, um daſelbſt mit ſei⸗ ner ſchoͤnen Frau einige Zeit ungeſtoͤrt zu verleben. Sie gaben ſich daher weiter keine Muͤhe. So ſtanden die Sachen, als eines Tages ein Bloͤdſinniger, der zwiſchen den Ruinen umherging, wo die Koͤrper des Prinzen und des Ciuriaci lagen, den Ciuriaci an dem Strange herauszog, und ihn hinter ſich her ſchleppte. Nicht ohne große Be⸗ wunderung ward er von Mehreren erkannt, welche ſich nach vielen guten Worten von dem Narren da⸗ hin fuͤhren ließen, von wo er den Leichnam hergeso⸗ gen haͤtte, und hier fand man zum groͤßten Schmers der ganzen Stadt auch den des Prinzen, welcher ſo⸗ dann anſtandig begraben ward. Hierauf ward dem Thaͤter eines ſolchen Frevels nachgeſpuͤrt, und da man bemerkte, daß der Herzog von Athen nicht mehr da war, ſondern heimlich abgereiſt ſey, glaubte man, wie es denn auch wirklich war, daß er die That begangen, und die Dame mit ſich fortgefuͤhrt habe. Es ward daher an die Stelle ihres Prinzen ſchnell ein Bruder des verſtorbenen geſetzt, der aus aller Macht zur Rache aufgereizt ward. Nachdem dieſer ſich durch noch mehrere umſtaͤnde uͤberzeugt hatte, daß es wirklich ſo waͤre, als man vermuthete, ſo forderte er Freunde, Anverwandte und Diener⸗ ſchaar von verſchiedenen Seiten auf, brachte ſchnell ein ſchoͤnes, großes und wichtiges Heer zuſammen, und ſchickte ſich an, dem Herzoge von Athen den Krieg zu machen. Da der Herzog dies hoͤrte, bot er zu ſeiner Vertheidigung ebenfalls alle ſeine Kräfte 24 Zweiter Tag. auf, und es kamen ihm viele Mächte zur Huͤlfe, worunter auch der Kaiſer von Conſtantinopel ihm ſeinen Sohn, Conſtantin, und ſeinen Neffen, Ma⸗ nuel, mit einem ſchoͤnen und anſehnlichen Heere ſandte. Sie wurden vom Herzoge ehrenvoll empfangen, und mehr noch von der Herzogin, da es ihre Schweſter war. Da ſich nun Alles von Tage zu Tage immer mehr zum Kriege neigte, ſo erſah die Herzogin die Zeit, und ließ beide Bruͤder zu ſich in ihr Zimmer kommen; hier erzaͤhlte ſie ihnen unter vielen Thraͤnen und mit vielen Worten die ganze Geſchichte, ſagte ihnen ausfuͤhrlich den Grund des Krieges, und zeigte ihnen den Schimpf, den ihr der Herzog durch jene Perſon anthaͤte, welche er vor ihr verborgen zu halten glaubte. Sie beklagte ſich bitter daruͤber, und bat ſie, daß ſie zur Ehre des Herzogs und zu ihrem Troſte jedes Mittel anwenden moͤchten, was ſie fuͤr das beſte hielten. Die jungen Maͤnner wußten den ganzen Hergang der Sache, und darum troͤſteten ſie die Her⸗ zogin, ſo gut ſie nur konnten, ohne ſie noch weiter zu befragen, und gaben ihr die beſte Hoffnung; und nachdem ſie von ihr unterrichtet worden waren, wo ſich die Dame aufhielte, reiſten ſie ab. Da ſie die Dame ſchon wegen ihrer wundervol⸗ len Schoͤnheit oͤfters hatten ruͤhmen hoͤren, ſo verlang⸗ ten ſie ſehr, ſie zu ſehen, und baten den Herzog, daß er ſie ihnen doch zeigen möchte. Er, ſich nicht mehr daran erinnernd, wie es dem Prinzen ergan⸗ gen war, der ſie ihm gezeigt hatte, verſprach es, zu ihm Ma⸗ dte. und ſter ner die ner nen nen nen ſon te. aß es ſte en r er d vo Siebente Novelle. 25 thun; und da er in einem ſehr ſchoͤnen Garten, der an dem Orte war, wo ſich die Dame aufhielt, ein praͤchtiges Mittagseſſen hatte zubereiten laſſen, fuͤhrte er am andern Morgen ſie und noch einige andere Freunde mit ihr zu ſpeiſen hin. Als nun Conſtantin neben ihr ſaß, und er ſie immer mit mehr Bewun⸗ derung anſah, war er bei ſich uͤberzeugt, daß er nie etwas Schoͤneres geſehen habe, und daß der Herzog, und auch jeder Andere, deshalb ſehr zu entſchuldigen waͤre, der, um ſolch eine Schoͤnheit zu beſitzen, eine Verraͤtherei oder ſonſt irgend etwas Ungeziemendes begehen koͤnnte. Und da er ſie mehrere Male ange⸗ ſehen und ſie immer ſchoͤner gefunden hatte, ging es ihm nicht anders, als es dem Herzog gegangen war. Ganz in ſie verliebt ging er fort, ließ jeden Gedanken an Krieg fahren, und dachte nur allein darauf, wie er ſie dem Herzoge rauben koͤnnte, ver⸗ hehlte aber gegen einen Jeden ſeine Liebe durchaus. Als er nun auf dieſe Art ganz entbrannt war, ruͤckte die Zeit heran, dem Prinzen entgegen zu gehen, wel⸗ cher ſich den Laͤndern des Herzogs ſchon naͤherte. Deshalb zogen der Herzog, Conſtantin und alle die Andern, nach einem von Athen aus erhaltenen Be⸗ fehle, bis an die Grenzen hin und beſetzten dieſe, da⸗ mit der Prinz nicht weiter vorruͤcken koͤnnte. Da ſie hier mehrere Tage verweilten, ſo glaubte Conſtan⸗ tin, der ſeinen Sinn und ſeine Gedanken nur ſtets auf die Dame gerichtet hatte, daß er jetzt, wo der Herzog nicht in der Naͤhe waͤre, ſehr gut ſein Ver⸗ gnuͤgen wuͤrde erreichen koͤnnen, und gab ſich als 26 Zweiter Tag. krank an, um einen Grund zu haben, nach Athen zuruͤckzukehren. Er uͤbergab daher, mit Erlaubniß des Herzogs, ſein Kommando an Manuel, und kehrte zu ſeiner Schweſter nach Athen zuruͤck. Nachdem er einige Tage bei ihr verweilt, und ſie durch ſeine Re⸗ den noch mehr uͤber die Schmach aufgereizt hatte, welche der Herzog ihr durch die Dame, die er un⸗ terhielt, zuzufuͤgen ſchien, ſagte er zu ihr, daß, wenn ſie nur wollte, er ihr gern beiſtehen wuͤrde, um dieſelbe von da, wo ſie wäre, wegzuholen und fortzufuͤhren. Die Herzogin, in der Meinung, Conſtantin thaͤte dies aus Liebe zu ihr, aber nicht zur Dame, ſagte, er thaͤte ihr einen großen Gefallen, wenn er wirklich es nur ſo zu veranſtalten wuͤßte, daß der Herzog es niemals erfuͤhre, daß ſie darin eingewil⸗ ligt haͤtte. Dies verſprach ihr Conſtantin vollkom⸗ men; und die Herzogin war zufrieden, daß er han⸗ delte, wie es ihn am beſten duͤnkte. Conſtantin ließ daher ganz im Stillen eine leichte Barke ausruͤſten, und ſandte ſie eines Abends in die Naͤhe des Gartens hin, wo die Dame ſich aufhielt, und, nachdem er einige ſeiner Leute, die ſich darauf befanden, von dem, was ſie zu thun haͤtten, unter⸗ richtet hatte, ging er mit anderen nach dem Pallaſte, in welchem die Dame war. Hier ward er freund⸗ lich von denen, die bei der Dame die Aufwartung hatten, und auch von der Dame ſelbſt, empfangen, und ging mit ihr, begleitet von ihrer Dienerſchaft, und von den Gefaͤhrten Conſtantins, nach ihrem Ge⸗ then bniß hrte m er Re⸗ atte, un⸗ daß, ide, und ntin ame, ner der wil⸗ om⸗ han⸗ ichte die rauf ter⸗ aſte, und⸗ tung gen⸗ aft, Ge⸗ Siebente Novelle. 27 fallen in dem Garten umher. Und gleichſam, als wollte er von Seiten des Herzogs mit der Dame re⸗ den, wandte er ſich allein mit ihr nach einer Thuͤr hin, welche nach dem Meere hinaus fuͤhrte, und welche ſchon einer ſeiner Gefaͤhrten geoͤffnet hatte. Auf ein gegebenes Zeichen rief er die Barke, ließ die Dame ſchnell ergreifen und nach der Barke brin⸗ gen; dann wandte er ſich zu ihrer Dienerſchaft und ſagte zu derſelben: Keiner ruͤhre ſich oder ſpreche ein Wort, wenn er nicht des Todes ſeyn will. Meine Abſicht iſt nicht, dem Herzoge ſeine Geliebte zu rauben, ſon⸗ dern die Schande zu tilgen, die er meiner Schweſter anthut. Hierauf wagte Niemand etwas zu erwiedern, und Conſtantin beſtieg mit den Seinigen die Barke, naͤherte ſich der klagenden Dame, und befahl, die Ruder ins Meer zu tauchen und fortzufahren. So kamen ſie, nicht rudernd, ſondern fliegend mit An⸗ bruch des folgenden Tages nach Agina. Hier, ans Land geſtiegen, ergoͤtzte ſich Conſtantin mit der Da⸗ me, die ihre ungluͤckſelige Schonheit laut beklagte. Dann beſtiegen ſie die Barke wieder, kamen innerhalb weniger Tage nach Chios, und hier beliebte es Con⸗ ſtantin, aus Furcht vor Vorwuͤrfen von ſeinem Va⸗ ter, und daß ihm die geraubte Dame auch wie⸗ der genommen werden moͤchte, wie än einem ſichern Orte zu bleiben: woſelbſt dann die ſchoͤne Dame mehrere Tage ihr Ungluͤck beweinte. Indeſ⸗ ſen, von Conſtantin getroͤſtet, wie er es ſchon fruͤ⸗ ———————— 28 Zweiter Tag. her gethan hatte, fing ſie an, ſich mit dem zu er⸗ freuen, was ihr das Schickſal zubereitet hatte. Waͤhrend die Sachen nun ſo ſtanden, kam Os⸗ vek, damals Beherrſcher der Tuͤrken, welcher mit dem Kaiſer in beſtaͤndigem Kriege lag, gerade um dieſe Zeit von ungefaͤhr nach Smyrna; hier hoͤrte er, was für ein uͤppiges Leben Conſtantin mit einer Dame, die er geraubt hatte, ohne die mindeſte Vor⸗ ſicht, in Chios fuͤhrte; er ging daher in einer Nacht auf einigen bewaffneten Schiffen dahin, drang in al⸗ ler Stille mit ſeinen Leuten in die Stadt, machte meh⸗ rere, ehe ſie es gewahr wurden, daß die Feinde da⸗ zu gekommen waren, in den Betten gefangen, und toͤdtete endlich auch einige, welche, vom Schlaf er⸗ wacht, zu den Waffen liefen; dann ſteckte er Alles in Brand, brachte die Beute und die Gefangenen auf die Schiſſe, und kehrte nach Smyrna zuruͤck. Hier angekommen, fand Osbek, der ein junger Mann war, als er die Beute unterſuchte, auch die ſchoͤne Dame darunter, und erkannte ſie fuͤr die, welche mit Conſtantin im Bette ſchlafend war gefangen ge⸗ nommen worden. Außerordentlich erfreut, als er ſie ſah, machte er ſie unverzuͤglich zu ſeiner Gemahlin, feierte ſogleich die Hochzeit, und verbrachte mehrere Monate ſehr vergnuͤgt mit ihr. Der Kaiſer, welcher vorher, ehe alles dies vor⸗ gefallen war, mit Baſano, dem Koͤnige von Kappa⸗ docien, einen Vertrag geſchloſſen hatte, daß dieſer mit ſeiner Macht von der einen Seite auf Oöbek losgehen moͤchte, waͤhrend er ihn von der andern an⸗ —— 8 u er⸗ Os⸗ mit um hoͤrte einer Vor⸗ Nacht n al⸗ meh⸗ e da⸗ und f er⸗ Alles genen truͤck. Nann choͤne elche n ge⸗ er ſie hlin, hrere vor⸗ appa⸗ dieſer Osbek n an⸗ Siebente Novelle. 29 fallen wurde, dies aber noch nicht vollkommen hatte ausfuͤhren können, weil er Verſchiedenes, was Ba⸗ ſano verlangt hatte, er aber nicht fur noͤthig hielt, noch nicht hatte thun wollen. Indeſſen jetzt, da er erfahren hatte, wie es ſeinem Sohn ergangen war, und dies ihn uͤber alle Maßen ſchmerzte, erfuͤllte er ohne Zoͤgern, was der Koͤnig von Kappadocien be⸗ gehrte, und lag ihm nun an, ſo viel er nur konnte, uͤber Osbek herzufallen, und auch er ruͤſtete ſich ſelbſt, von der andern Seite auf ihn loszugehen. Sobald Osbek dies merkte, zog er ſogleich ſein Heer zuſammen, ehe er von den zwei maͤchtigen Herren in die Mitte zuſammengedraͤngt wuͤrde, und ging dem Koͤnige von Kappadocien entgegen, waͤhrend er ſeiner ſchoͤnen Frau in Smyrna einen ſeiner Ver⸗ trauten zum Schutz zuruͤckließ. Nach einiger Zeit kämpfte er ſelbſt mit dem Koͤnige von Kappadocien in einem Gefechte, ward aber in der Schlacht ge⸗ todtet und ſein Heer geſchlagen und zerſtreuet. Ba⸗ ſano zog daher frei und ungehindert als Sieger in Smyrna ein, woſelbſt er ſah, daß ihm Alles entge⸗ gen kam und gehorchte. Oösbeks Vertrauter, deſſen Name Antiochus war, und dem die ſchoͤne Frau zu beſchuͤtzen uͤbertragen worden, fand, obgleich ſchon bejahrt, wie ſie ſo ſchoͤn wäre, und, ohne ſeinem Freunde und Herrn ſein Wort zu halten, verliebte er ſich in ſie. Da er be⸗ ſonders auch ihre Sprache verſtand, was ihr ſehr lieb war, indem ſie alle dieſe Jahre her wie eine Taube oder Stumme hatte leben muͤſſen, weil ſie ————— 30 Zweiter Tag. keinen Menſchen verſtanden hatte, noch ſie von ir⸗ gend einem war verſtanden worden, ſo entſpann ſich unter Beiden, von Liebe aufgeregt, in wenigen Ta⸗ gen ſolche genaue Bekanntſchaft, daß ſie nach nicht langer Zeit gar keine Ruͤckſicht mehr auf ihren Herrn nahmen, der ſich unter den Waffen und im Kriege befand, und eine Vertraulichkeit, nicht wie unter Freunden, ſondern wie unter Liebesleuten errichteten, indem der eine ſich des andern unter dem Deckbett auf eine wunderbare Art erfreute. Da ſie aber erfuhren, daß Osbek uͤberwunden und getoͤdtet ſey, und Baſano bald erſcheinen und Alles mitnehmen wuͤrde, faßten ſie einſtimmig den Entſchluß, dies hier nicht abzuwarten, vielmehr nah⸗ men ſie den groͤßten Theil von Osbeks hier zuruͤck⸗ gelaſſenen Guͤtern, und gingen ganz im Stillen nach Rhodus; hier hatten ſie ſich noch nicht lange auf⸗ gehalten, als Antiochus toͤdtlich erkrankte. Von un⸗ gefaͤhr wohnte ein Kaufmann aus Cypern mit ihm zuſammen, den er als ſeinen Freund ſehr liebte; da er nun merkte, daß es mit ihm zu Ende ginge, dachte er darauf, ihm das Seinige und auch ſeine liebe Frau zu hinterlaſſen. Sobald er dem Tode ſich ganz nahe fühlte, rief er ſie Beide zu ſich, und ſprach auf folgende Art zu ihnen: Ich ſehe es ganz deutlich, wie ich immer ſchwä⸗ cher werde, und das ſchmerzt mich ſehr, weil es mich nimmermehr ſo erfrent hat, zu leben, als ge⸗ rade jetzt. Doch ich bekenne, wenn ich einmal ſter⸗ ben muß, ſo ſterbe ich uber Etwas ſehr erfreut, naͤm⸗ lick der Siebente Novelle. 31 lich, daß ich ſehe, ich ſterbe in den Armen derer bei⸗ den Menſchen, die ich mehr liebe, als irgend etwas, was in der Welt iſt, naͤmlich in Deinen Armen, mein theuerſter Freund, und in den Armen dieſer Frau, die ich, ſeitdem ich ſie kennen gelernt habe, mehr liebte, als mich ſelbſt. Es iſt wahr, druͤckend iſt es mir, wenn ich bedenke, daß ſie nach meinem Tode hier als eine Fremde, und ohne Huͤlfe und ohne Rath zuruͤckbleibt; jedoch noch druͤckender wuͤrde es mir ſeyn, wenn ich nicht wuͤßte, daß Du hier waͤreſt, und daß Du, wie ich glaube, aus Liebe zu mir, eben dieſe Sorge fuͤr ſie haben wirſt, die Du fuͤr mich wuͤrdeſt gehabt haben; daher bitte ich Dich, ſo viel ich nur kann, wenn es wirklich mit mir zum Tode kommen ſollte, laß Dir meine Angelegenheiten und ſie empfohlen ſeyn, und thue ſowohl fuͤr die er⸗ ſten, als auch fuͤr die andere das, was Du glaubſt, das fuͤr meine Seele Beruhigung ſeyn koͤnnte. Und Dich, geliebtes Weib, bitte ich, vergiß mein nicht nach meinem Tode, damit ich mich auch dort noch ruͤhmen koͤnne, ich ſey hienieden von dem ſchoͤnſten Weibe geliebt worden, was nur jemals die Natur gebildet hat. Wenn ihr mir zu dieſen beiden Hoff⸗ nung macht, ſo verlaſſe ich, uͤber jeden Zweifel be⸗ ruhigt, dieſe Welt. Der Handelsfreund, und auch eben ſo die Frau, weinten ſehr, da ſie dieſe Worte hoͤrten, und nach⸗ dem er ausgeredet hatte, beruhigten ſie ihn und ver⸗ ſprachen ihm auf ihr Wort, zu thun, was er von ihnen gebeten haͤtte, wenn er wirklich ſterben ſollte. ———————— 32 Zweiter Tag. Es dauerte auch nicht lange, ſo verſchied er, und ſie und begruben ihn auf das anſtändigſte. war Als nun der Kaufmann aus Cypern nach eini⸗ und gen Tagen ſeine Geſchaͤfte in Rhodus abgemacht hatte, ren, und nach Cypern auf einer Brigantine von Catalani, wei welche damals eben da war, wieder zuruͤckkehren wollte, fragte er die ſchoͤne Frau, was ſie denn zu nes thun geſonnen waͤre, da er nach Cypern wieder zu⸗ gon ruͤckkehren muͤſſe? ſtan Wenn es ihm gefaͤllig waͤre, antwortete die klei Dame, ſo wuͤrde ſie gern mit ihm gehen, indem fur ſie hoffte, er wuͤrde, aus Liebe zum Antiochus, ſie das wie ſeine Schweſter behandeln und dafuͤr annehmen. ging Der Kaufmann antwortete, daß auch er mit die dem, was ihr gefiele, zufrieden waͤre; und damit mar er ſie vor aller Kraͤnkung, die ihr etwa angethan war werden moͤchte, wenn er in Cypern ſeyn wuͤrde, be⸗ Fen ſchuͤtzen koͤnnte, wolle er ſagen, ſie waͤre ſeine Fran. ſehr Hierauf beſtiegen ſie das Schiff, und da ihnen legt in dem hintern Raume ein Stuͤbchen angewieſen habe worden war, ſchlief er, um nicht mit ſeinen Re⸗ nich den in Widerſpruch zu kommen, mit ihr zuſammen in einem ſehr kleinen Bettchen. Daher geſchah denn, Sch was beim Abreiſen von Rhodus weder des einen, noch naͤhi des andern Abſicht geweſen war, naͤmlich, daß ſie, ten, aufgereizt durch die Dunkelheit, das Wohlbehagen ſah, und die Wärme des Bettes, deren Kraͤfte nicht Vat ſchwach ſind, der Freundſchaft und der Liebe gegen ſehe den verſtorbenen Antiochus vergaßen, faſt von glei⸗ daß cher Luſt gereizt, ſich einander zu necken anfingen, Sta B d ſie eini⸗ atte, lani, hren n zu die dem ſie nen. mit mit han be⸗ rau. nen eſen Re⸗ men enn, noch ſie, en icht gen lei⸗ gen⸗ Siebente Novelle. 33 und ehe ſie nach Baffa kamen, wo der Cyprier her war, Verwandtſchaft mit einander gemacht hatten, und ſie, als ſie in Baffa wirklich angekommen wa⸗ ren, noch eine geraume Zeit bei dem Kaufmann ver⸗ weilte. Von ungefaͤhr traf es ſich, daß nach Baffa, ei⸗ nes Geſchaͤfts wegen, ein Edelmann, Namens Anti⸗ gonus, hinkam, deſſen Alter groß, aber deſſen Ver⸗ ſtand noch groͤßer, hingegen deſſen Reichthum nur klein war, weil, da er ſich in verſchiedene Dienſte fur den Koͤnig von Cypern eingelaſſen hatte, ihm das Gluͤck immer entgegen geweſen war. Dieſer ging eines Tages vor dem Hauſe vorbei, in welchem die ſchoͤne Frau wohnte, als eben der cypriſche Kauf⸗ mann mit ſeinen Waaren nach Herminien abgereiſt war, und ob er ſie gleich nur ſo von ungefaͤhr am Fenſter geſehen hatte, ſo richtete er dennoch, weil ſie ſehr ſchoͤn war, ſeine Augen feſter auf ſie, und uͤber⸗ legte ſo bei ſich, daß er ſie ſchon irgendwo geſehen haben muͤßte, doch aber wo, konnte er ſich durchaus nicht erinnern. Die ſchoͤne Frau, welche lange ein Spiel des Schickſals geweſen war, ſich aber ietzt dem Ziele naͤherte, wo ihre Ungluͤcksfaͤlle ein Ende haben ſoll⸗ ten, erinnerte ſich ſogleich, als ſie den Antigonus ſah, daß ſie ihn in Alexandrien in Dienſten ihres Vaters, und eben nicht in einer geringen Lage, ge⸗ ſehen haͤtte; ſie faßte daher ſogleich die Hoffnung, daß ſie durch ſeinen Rath wieder in den koͤniglichen Stand wuͤrde zuruͤckkehren koͤnnen, und ließ auch, da Boccaccio's ſämmtl. W. 2. 8 ———— n 5 34 Zweiter Tag. ſie wußte, daß ihr Kaufmann nicht gegenwaͤrtig war, Leben den Antigonus, ſobald ſie nur konnte, zu ſich rufen. und i Da er zu ihr kam, fragte ſie ihn ganz ver⸗ ſchen ſchaͤmt, ob er Antigonus von Famaguſta waͤre, ſo dem wie ſie es glaubte. bitter Antigonus antwortete: Ja! und ſagte dann noch uͤberdies: Madame, ich glaube Sie zu kennen, aber verza ich kann mich durchaus auf nichts weiter erinnern;„ len E ich bitte Sie daher, wenn es Ihnen nicht beſchwer⸗ und lich iſt, rufen Sie mir doch ins Gedaͤchtniß zuruͤck, doch wer Sie ſind. Gott Da die Dame hoͤrte, daß er es ſelbſt wäre, koͤnne weinte ſie heftig und warf ſich ihm mit beiden Ar⸗ men um den Hals, und fragte ihn dann, der ganz Dich verwunderungsvoll daſtand, ob er ſie nicht in Alex⸗ ſaͤhe andrien geſehen haͤtte. Sobald Antigonus dieſe Frage hoͤrte, ekan⸗ habe er ſie ſogleich fuͤr Alatiel, die Tochter des Sultans, vor von welcher man glaubte, daß ſie auf dem Meere haͤtte umgekommen waͤre, und wollte ihr daher die ſchul⸗ von! dige Ehrfurcht bezeigen; aher ſie gab es nicht zu, ſehen ſondern bat ihn, er moͤchte ſich ein wenig bei ihr jeden niederſetzen. Antigonus that es, und fragte ſie dann ehrer⸗ ſchick bietig, wie, wann und von wo ſie hieher gekommen Vate waͤre, weil man in ganz Agypten fuͤr ganz gewiß wirſt glaubte, ſie waͤre ſchon vor mehreren Jahren auf Art dem Meere umgekommien. kann Hierauf antwortete die Dame: Ich wuͤnſchte Du ſehr, das waͤre eher geſchehen, als daß ich das wär, ufen. ver⸗ „ſo noch aber nern; wer⸗ tuͤck, waͤre, Ar⸗ ganz Alex⸗ annte tans, Neere ſchul⸗ ihr hrer⸗ nmen wiß auf ſchte das Siebente Novelle. 35 Leben ſo behalten habe, wie ich es behalten habe, und ich glaube, daß auch mein Vater daſſelbe wuͤn⸗ ſchen wuͤrde, wenn er es jemals erfuͤhre; und nach⸗ dem ſie dies geſprochen hatte, fing ſie von neuem bitterlich an zu weinen. Daher ſagte Antigonus zu ihr: Gnaͤdige Frau, verzagen Sie nicht eher, als es noͤthig iſt. Erzaͤh⸗ len Sie mir, wenn ich bitten darf, Ihre Zufaͤlle, und wie Ihr Leben geweſen iſt; die Sache kann doch vielleicht wohl ſo geweſen ſeyn, daß wir mit Gottes Huͤlfe irgend ein Ausgleichungsmittel finden koͤnnen. Antigonus, ſagte die ſchoͤne Frau, ſobald ich Dich ſah, war es mir, als wenn ich meinen Vater ſahe, und von dieſer Liebe, von dieſer Zaͤrtlichkeit, die ich fuͤr ihn zu hegen ſchuldig bin, getrieben, habe ich mich gegen Dich offenbart, da ich mich doch vor Dir verbergen konnte, und wenige Perſonen haͤtte mir das Gluͤck vor die Augen fuͤhren koͤnnen, von denen es mir ſo angenehm geweſen waͤre, ſie zu ſehen, als es mir angenehm iſt, daß ich Dich vor jedem Andern geſehen und erkannt habe; und dar⸗ um will ich alles, was ich in meinem widrigen Ge⸗ ſchick einem Jeden verborgen habe, Dir, wie meinem Vater, entdecken. Siehſt Du dann, wenn Du es wirſt gehoͤrt haben, daß Du mich auf irgend eine Art in meinen vorigen Stand wieder zuruͤckbringen kannſt, ſo bitte ich Dich, wende Alles an; ſiehſt Du es nicht, ſo bitte ich Dich, ſage nimmermehr ————————— 36 Zweiter Tag. irgend Einem, daß Du mich geſehen oder nur das Ge⸗ ihrem ringſte von mir gehoͤrt haͤtteſt. peliel Nachdem ſie ſo geſprochen, konnte ſie noch im⸗ ſo wi mer nicht aufhoͤren zu weinen, doch erzaͤhlte ſie ihm ſehr! alles, was ihr begegnet war, von dem Tage an, daß d als ſie bei Majorka Schiffbruch gelitten, bis auf den danke gegenwaͤrtigen Augenblick. Auch Antigonus fing aus 2 Mitleid an daruͤber zu weinen, und ſagte dann, nach⸗ dem er ein wenig nachgedacht: ſoglei Gnaͤdige Frau, weil es bei Ihren Ungluͤcksfaͤl⸗ ſie n len gänzlich verborgen geblieben iſt, wer Sie ſind, und d ſo wird es ohne allen Zweifel Ihrem Vater ſehr und lieb ſeyn, wenn ich Sie zuerſt ihm und dann dem ward. Koͤnige von Garbo als Gemahlin wiedergebe. nigin Sie fragte ihn: wie? worauf er ausfuͤhrlich tw darlegte, was er thun wollte; und damit kein An⸗ derer beim Verzug dazwiſchen kaͤme, kehrte Antigonus darau ſogleich nach Famaguſa zuruͤck, ging zum Koͤnige peten und ſagte zu ihm: gleitu Gnädiger Herr, wenn es Ihnen beliebt, ſo koͤn⸗ britin nen Sie zu gleicher Zeit ſich den groͤßten Ruhm er⸗ feierl werben, und auch mir, der ich Ihretwegen verarmt ganze bin, den groͤßten Nutzen, ohne Ihre Koſten, gewähren. iſt, † Der Koͤnig fragte: Wie?§ Darauf ſagte Antigonus: Die ſchoͤne, junge wollt Tochter des Sultans, von der ſo lange das Geruͤcht ſie di geweſen iſt, als waͤre ſie ertrunken, iſt nach Baffa et gekommen, und hat, um ihre Tugend zu erhalten, Wort lange Zeit das groͤßte Ungemach ertragen; iſt aber 2 ietzt in den armſeligſten Umſtaͤnden, und wuͤnſcht zu Ge⸗ ch im⸗ ſie ihm ge an, auf den ng aus „nach⸗ e ſind, er ſehr n dem uͤhrlich in An⸗ igonus Koͤnige ſo koͤn⸗ m er⸗ erarmt B ähren. junge zeruͤcht Baffa halten, taber ſcht zu Siebente Novelle. 32 ihrem Vater wieder zuruͤckzukehren. Wenn es Ihnen beliebte, ſie unter meinem Schutze zuruͤckzuſchicken, ſo wuͤrde das ſehr ehrenvoll fuͤr Sie, und fuͤr mich ſehr vortheilhaft ſeyn; und ich kann nicht glauben, daß der Sultan einen ſolchen Dienſt je aus den Ge⸗ danken verlieren wuͤrde. Der Koͤnig, getrieben von koͤniglichem Edelmu⸗ the, antwortete ſchnell, ſo gefiele es ihm; ſchickte ſogleich auf eine ehrenvolle Art zu ihr hin, und ließ ſie nach Famaguſa kommen, woſelbſt ſie von ihm und der Koͤnigin mit auserordentlichen Feierlichkeiten und mit prachtvollen Ehrenbezeigungen empfangen ward. Als ſie darauf vom Koͤnige und von der Koͤ⸗ nigin um ihre Begebenheiten befragt worden war, antwortete ſie nach der, vom Antigonus ihr gegebe⸗ nen Belehrung, und erzaͤhlte Alles. Einige Tage darauf ſandte der Koͤnig ſie, wie ſie es ſich ausge⸗ beten hatte, mit einer ſchoͤnen und ehrenvollen Be⸗ gleitung von Männern und Frauen unter Antigonus Leitung an den Sultan zuruͤck. Ob ſie von dieſem feierlich, ſo wie auch ebenfalls Antigonus mit ſeiner ganzen Geſellſchaft mit Freuden empfangen worden iſt, frage Keiner. Nachdem ſie Alle ein wenig ſich erholt hatten, wollte der Sultan wiſſen, wie es zugegangen, daß ſie doch noch lebe, und wo ſie ſo lange Zeit ver⸗ weilt habe, ohne daß ſie ihn auch jemals nur ein Wort von ihrem Zuſtande haͤtte wiſſen laſſen. Die Dame, welche Antigonus Lehren ſehr wohl ——— ——— Sue ——— 35 E 4 38 SZweiter Tag. im Sinne behalten hatte, fing alſo zu ihrem Vater ſie zu reden an: viel Vater, ungefaͤhr vierzehn Tage nach meiner Ab⸗ eint reiſe von Euch, ward unſer Schiff durch ein wüͤthen⸗ klo des Ungewitter verſchlagen und zerſchellte in einer auc Nacht auf irgend einem Strande nach Weſten zu, in der no Naͤhe eines Ortes, der Aquamorte hieß; was aber mi dabei aus den Menſchen geworden iſt, welche auf Di unſerem Schiffe waren, weiß ich nicht, und habe es Fr auch nie erfahren; nur ſo viel erinnere ich mich, daß he ich, als es Tag ward, wieder vom Fode zum Leben be zuruͤckkehrte, und, da die Landleute das geſcheiterte ge Schiff erblickten, und aus der ganzen Gegend zu⸗ wi ſammenliefen, um es zu pluͤndern, ich mit zweien fuͤ von meinen Frauen an das Land gebracht ward, wel⸗ m che ſogleich von jungen Maͤnnern gefangen genom⸗ te men wurden, und der eine mit einer hierhin, und n der andere mit einer anderen dorthin flohen. Was G aus ihnen geworden, habe ich nie erfahren. Ich wehrte re mich, aber zwei junge Maͤnner ergriffen mich und h ſchleppten mich bei den Haaren fort; indeſſen, da v ich aus allen Kraͤften weinte, und die, welche mich u fortſchleppten, uͤber eine Straße mußten, um in ein 2 ſehr großes Gebuͤſch hinein zu kommen, kamen eben n vier Maͤnner zu Pferde hier voruͤber; ſobald aber die, i welche mich fortſchleppten, dieſe erblickten, ließen ſie 6 mich ſogleich los und entflohen. Die vier Maͤnner, wel⸗ che mir dem aͤußeren Anſehen nach ſehr ehrenwerth zu ſeyn ſchienen, eilten, als ſie es ſahen, auf mich zu, frag⸗ ten mich viel, ich antwortete Ihnen auch viel; aber weder PVater er Ab⸗ uͤthen⸗ einer in der s aber e a abe es h, daß Leben eiterte nd zu⸗ zweien N wel⸗ enom⸗ „ und Was wehrte ch und n, da e mich in ein en eben er die, ßen ſie r, wel⸗ erth zu „frag⸗ rweder Siebente Novelle. 39 ſie verſtanden mich, noch ich ſie. Nachdem ſie ſich viel mit einander berathen hatten, ſetzten ſie mich auf eines ihrer Pferde, und fuͤhrten mich in ein Frauen⸗ kloſter nach ihrer Religion, woſelbſt ich, was ſie auch daruͤber ſagen mogten, von Allen guͤtig aufge⸗ nommen und immer in Ehren gehalten ward, und mich in der groͤßten Ehrfurcht dann mit ihnen dem Dienſte des heiligen Cresci in Valcava, dem die Frauen in dieſer Gegend ſehr zugethan ſind, gewei⸗ het habe. Indeſſen, nachdem ich mich einige Zeit bei ihnen aufgehalten, und etwas von ihrer Sprache gelernt hatte, fragten ſie mich, wer und woher ich waͤre? Da ich nun einſah, wo ich mich befand, und fuͤrchtete, daß, wenn ich die Wahrheit ſagte, ſie mich als eine Feindin ihres Glaubens fortjagen moͤch⸗ ten, antwortete ich, daß ich die Tochter eines vor⸗ nehmen Mannes aus Cypern waͤre, der mich nach Creta hin verheirathet, wo wir auch hingeſegelt waͤ⸗ ren, aber unglucklicher Weiſe Schiffbruch gelitten haͤtten. Nachdem ich nun mehrere Mal, aus Furcht vor Schlimmerem, ihre Gebrauche mitgemacht hatte⸗ und ich von der aͤlteſten dieſer Frauen, welche ſie Ibtiſſin nannten, befragt worden war, ob ich denn nicht nach Cypern zuruͤckkehren wollte, antwortete ich, daß ich nichts ſehnlicher wunſchte, als eben das. Sie aber, ſehr beſorgt fuͤr meine Ehre, wollte mich durchaus keinem Andern anvertrauen, der nach Cy⸗ pern ginge, als etwa vor zwei Monaten, einem Paar ehrlicher Maͤnner, die aus Frankreich mit ihren Frauen dorthin kamen und mit der Ibtiſſin verwandt 40 Zweitkt Tag. waren. Als ſie von dieſen hoͤrte, daß ſie nach Je⸗ ruſalem gehen wollten, um das heilige Grab zu be⸗ ſuchen, wo derjenige, den ſie fuͤr Gott halten, be⸗ graben ward, nachdem ihn die Juden umgebracht hat⸗ ten, empfahl ſie mich dieſen, und bat ſie, daß ſie mich meinem Vater in Cypern wieder zuruͤckgeben moͤchten. Wie dieſe edeln Menſchen mich in Ehren hielten, und mit ihren Frauen mich ſo liebevoll auf⸗ nahmen, wurde eine lange Geſchichte zu erzaͤhlen ſeyn. Wir beſtiegen ein Schiff, und kamen nach mehreren Jagen in Baffa an; indeſſen, da ich kei⸗ nen Menſchen kannte und nicht wußte, was ich den guten Leuten, die mich meinem Vater wieder zu⸗ fuͤhren wollten, wie es ihnen von der wuͤrdigen Frau aufgetragen worden war, ſagen ſollte, ſchickte es Gott, den es meiner vielleicht jammerte, daß zu eben der Stunde, als wir in Baffa ans Land ſtiegen, Antigonus ſich am ufer befand. Dieſen rief ich ſo⸗ gleich und ſagte ihm in unſerer Sprache, um weder von den braven Maͤnnern, noch von ihren Frauen verſtanden zu werden, wie er mich gans als ſeine Jochter aufnehmen moͤchte. Er verſtand mich ſo⸗ gleich, war hoͤchlichſt daruͤber erfreut, erwies den trefflichen Moͤnnern und ihren Frauen, nach ſeiner armen Moͤglichkeit, alle Hoͤflichkeiten, und fuͤhrte mich zum Koͤnige von Eypern, welcher mich mit ſo großen Ehrenbezeigungen empfing und zu Euch her⸗ geſandt hat, daß ich es nicht zu erzaͤhlen im Stande bin. Wäre ſonſt noch was zu ſagen uͤbrig, ſo mag es als e⸗ e e † L ie en en f⸗ en ch ei⸗ en zu⸗ au en en, ſo⸗ der nen ine ſo⸗ den ner rte ſo her⸗ nde nag Siebente Novelle. 41 es Antigonus erzäͤhlen, der meine Ungluͤcksfaͤlle mehr als ein mal von mir gehoͤrt hat. Hierauf wandte Antigonus ſich zum Sultan, und ſagte: Gnaͤdiger Herr, ſo wie ſie es mehrere Male, und auch jene braven Maͤnner und Frauen, mit de⸗ nen ſie kam, mir geſagt haben, hat ſie es auch jetzt erzuͤhlt. Nur Eins hat ſie unterlaſſen Euch zu ſa⸗ gen, was, wie ich glaube, ſie darum gethan hat, weil es ihr zu ſagen nicht anſteht; und das iſt, was die edeln Maͤnner und Frauen, mit denen ſie gekom⸗ men war, von ihrem anſtaͤndigen Leben, welche ſie mit den Nonnen gefuͤhrt hat, und von ihrer Tu⸗ gend, und von ihren lobenswuͤrdigen Sitten, von den Thraͤnen und Klagen der Frauen und Maͤnner ſagten, die, als ſie ſie mir uͤbergeben hatten, ſich von ihr trennten. Wenn ich alles das, was ſie mir daruͤber ſagten, vollſtändig erzäͤhlen wollte, wuͤrde weder der heutige Tag, noch die kuͤnftige Nacht da⸗ zu hinreichend ſeyn; nur das allein will ich geſagt haben, was hinreichend iſt, daß, ſo wie es ihre Worte bewieſen, und was ich habe ſehen koͤnnen, Ihr Euch ruͤhmen koͤnnt, die beſte, tugendhafteſte und muthigſte Tochter zu haben, als ſie nur irgend ein Großer hat, der heute eine Krone traͤgt. Der Sultan war wunderbar hieruͤber erfreut, bat Gott mehrere Male, daß er ihm die Gnade er⸗ weiſen moͤchte, allen denen, die ſeine Tochter geehrt hatten, und beſonders dem Koͤnige von Cypern, der ſie ihm ſo ehrenvoll zuruckgeſandt hatte, ſo wie ſie es verdienten, danken zu koͤnnen; und nachdem er 42 Zweiter Tag. nach einigen Tagen fuͤr Antigonus große Geſchenke hatte zubereiten laſſen, entließ er ihn, um nach Cy⸗ pern zuruͤckzukehren, dem Koͤnige ſelbſt aber dankte er in Briefen und durch eigens abgeſchickte Geſand⸗ ten auf das verbindlichſte fuͤr alles, was er ſeiner Vochter gethan hatte. Da er hierauf auch wollte, daß das, was angefangen war, auch vollendet wuͤrde, namlich, daß ſie die Gemahlin des Koͤnigs von Gar⸗ bo wuͤrde, meldete er dieſem alles, und ſchrieb ihm, daß, wenn es ihm noch gefiele, ſie zu haben, er ſie moͤchte holen laſſen. Der Koͤnig von Garbo, außerordentlich hieruͤber erfreut, ließ ſie mit allen Ehren holen und empfing ſie mit großen Freuden. Und ſie, die mit 8 Maͤn⸗ nern vielleicht atauſend Mal geſchlafen, ward als reine Jungfrau ihm zur Seite gelegt, machte ihm weis, daß ſie es wirklich waͤre, und lebte lange Zeit fröylich als Koͤnigin mit ihm. Und darum heißt es: Gekuͤßter Mund, wird nicht wund, er verjuͤngt ſich, wie der Mond. Achte Novelle. Der Graf von Anvers geht, faͤlſchlich angeklagt, ins Exil, und laͤßt ſeine beiden Kinder an verſchiedenen Orten in England zuruͤck; nachdem er dann wieder nach Schott⸗ land zuruͤckgekehrt iſt, findet er ſie in einer glůcklichen Lage: er geht als Stallknecht mit der Armee des Kö⸗ nigs von Frankreich, wird füͤr unſchuldig erkannt, und kehrt in ſeinen vorigen Zuſtand zuruͤck. Die Frauen ſeufzten uͤber die mannichfaltigen Un⸗ gluͤcksfälle der Dame; aber wer weiß, was fuͤr ein enke Cy⸗ nkte and⸗ iner Ute, rde, Sar⸗ ihm, ſie uͤber fing Nän⸗ as ihm Zeit es ſich, Exil, n in chott⸗ lichen 3 Kdo⸗ und nUn⸗ r ein Achte Novelle. 43 Grund dieſe Seufzer aufregte? Vielleicht waren es ſolche, die nicht weniger aus dem Wunſche nach eben ſo vielen Vermählungen, als aus Mitleid uͤber die Dame geſeufzet wurden. Indeſſen wir wollen das bei Seite geſetzt ſeyn laſſen. Da ſie uͤber die von Pamphilus zuletzt ausgeſprochenen Worte gelacht hatten, und die Koͤnigin ſah, daß ſeine Novelle mit eben dieſen beendigt waͤre, wandte ſie ſich an Eli⸗ ſa und geboth ihr, mit einer von den ihrigen in der Reihe zu folgen, was dirſe auch gern that, und alſo anfing: Das iſt ein ſehr weites Feld, auf welchem wir heute umherſchweifen, und es iſt gewiß keiner unter uns, der nicht auf demſelben, wo nicht zehn Mal, doch gewiß ein Mal ſich verſucht haben ſollte, ſo haͤufig hat das Schickſal uns neue und ernſte Ver⸗ anlaſſungen dazu gegeben, und daher will ich von denen, deren es unendliche gibt, auch eine erzaͤhlen. Als das roͤmiſche Reich von den Franzoſen auf die Deutſchen uͤbergegangen war, entſtand zwiſchen beiden Nationen die groͤßte Feindſchaft, und ein heftiger und fortwährender Krieg; weshalb der Koͤ⸗ nig von Frankreich zugleich mit ſeinem Sohne, theils zur Vertheidigung des eigenen Landes, theils zum Angriff des feindlichen, mit aller Anſtrengung ſo⸗ wohl ihres Reiches, wie auch deſſen ihrer Freunde und Anverwandten, die es nur vermochten, ein ſehr maͤchtiges Heer zuſammenzog, um auf die Feinde loszugehen. Ehe ſie indeſſen dies wirklich aus fuͤhr⸗ ten, S ſie, um das Reich nicht ahne Regie⸗ 44 Zweiter Tag. rung zu laſſen, dem Grafen Walther von Anvers, den ſie fuͤr einen edlen und verſtaͤndigen Mann und uͤberdieß auch fuͤr ihren treuen Freund und Diener hielten, und der, ob er gleich ein großer Meiſter in der Kriegskunſt war, ihnen dennoch zu den Fein⸗ heiten des Lebens geſchickter, als zu jenen Muͤhſelig⸗ keiten zu ſeyn ſchien, an ihrer Stelle die Regierung des ganzen Koͤnigreichs Frankreich als General⸗Vi⸗ karius, und zogen dann ins Feld. Walther fing da⸗ her mit Ordnung und Verſtand das ihm uͤbertra⸗ gene Geſchaͤft an, indem er immer uͤber Alles mit der Koͤnigin und ihrer Schwiegertochter conferirte, welche er, ob ſie gleich ſeiner Obhut und Jurisdik⸗ tion unterworfen waren, beſtändig als ſeine Gebie⸗ terinnen anſah und als ſeine Vorgeſetzten ehrte. Der gedachte Walther war von ſehr ſchoͤner Ge⸗ ſtalt und etwa vierzig Jahre alt, dabei ſo gefaͤllig und wohlgeſittet, wie es nur immer ein Edelmann ſeyn kann, und uͤberdies der artigſte und feinſte Cavalier, den man zu jener Zeit nur kannte, und der ſich auch am vortheilhafteſten zu kleiden verſtand. Da nun, wie geſagt, der Koͤnig von Frankreich mit ſeinem Sohne ſich im Kriege befand, Walthers Gemahlin geſtorben war, und ihm einen Sohn und eine Toch⸗ ter, noch als ganz kleine Kinder hinterlaſſen hatte und er auch weiter mit Keinem, als den gedachten Frauen umging, weil er oftmals mit ihnen uber die Angelegenheiten des Reichs ſprechen mußte, ſo er⸗ eignete es ſich, daß die Gemahlin des Sohnes des Koͤnigs, welche die Augen auf ihn warf, und mit — e n r, ch n, in te en ie r⸗ es nit Achte Novelle. 45 der groͤßten Leidenſchaftlichkeit ſeine Perſon und ſeine Sitten betrachtete, von verborgener Liebe gegen ihn ergluͤhte. Da ſie ſich uͤberdies noch jung und im bluͤhenden Alter fuͤhlte, und er ohne Gattin war, ſo glaubte ſie, ihr Wunſch wuͤrde um ſo eher erfuͤllt wer⸗ den koͤnnen, und beſchloß, in der Meinung, es ſtaͤnde ihr nichts, als nur die Scham entgegen, dieſe zu ver⸗ ſcheuchen, und ihm alles ohne Ruͤckhalt zu ent⸗ decken. Eines Tages, da ſie allein war, und es ihr Zeit zu ſeyn ſchien, ſchickte ſie ſo, als wollte ſie von ganz anderen Gegenſtaͤnden mit ihm ſprechen, zu ihm. Der Graf, deſſen Gedanken von denen der Dame weit entfernt waren, ging ohne Verzug zu ihr, und nachdem er ſich, ſo wie ſie es haben wollte, mit ihr auf ein Ruhebette in einem Zimmer ganz allein niedergeſetzt und der Graf ſie ſchon zweimal gefragt hatte, warum ſie ihn habe rufen laſſen, ſie aber immer ſchwieg, ſo fing ſie endlich, von Liebe getrieben, und vor Scham ganz roth geworden, faſt mit Thraͤnen in den Augen und zitternd, mit abge⸗ brochenen Worten ſo zu ſprechen an: Mein liebſter, ſuͤßer Freund und Herr, Ihr koͤnnt, als ein kluger Mann, leicht einſehen, wie hin⸗ faͤllig die Maͤnner und die Frauen ſind, und aus ver⸗ ſchiedenen Urſachen die einen es mehr hierin, die andern es mehr darin ſind; weshalb denn auch bil⸗ ligerweiſe ein und eben daſſelbe Vergehen, von ver⸗ ſchiedenen Perſonen begangen, von einem gerechten Richter nicht mit einer und eben derſelben Strafe 46 Zweiter Tag. belegt werden darf. Und wer waͤre doch wohl der⸗ jenige, der da behauptete, daß ein armer Mann, oder eine arme Frau, die durch eigene Muͤhe das erwerben muͤſſen, was zu ihrem Lebensunterhalt gehoͤrt, nicht weit mehr zu tadeln waͤren, wenn ſie, von Liebe getrieben, eben das zu erhalten ſuchten, was einer Frau zuſteht, die reich und muͤßig iſt, und der nichts fehlt, was ſie nur wuͤnſchen kann? Ich glaube gewiß, nicht ein einziger. Aus dieſem Grunde bin ich der Meinung, daß die gedachten Punkte den groͤßten Theil der Entſchuldigung zu Gunſten derjenigen ausmachen muͤſſen, bei der ſie zuſammentreffen, wenn ſie ſich etwa zur Liebe hin⸗ locken laͤßt; das übrige haͤngt dann von der Wahl eines weiſen und tuchtigen Liebhabers ab, wenn die⸗ jenige, welche liebt, ſie einmal getroffen hat. Wenn nun, meiner Meinung nach, beides bei mir zuſam⸗ mentrifft, und außer dieſem noch mehreres Andere, was mich zum Lieben verleitet, als meine Jugend, die Entfernung meines Gemahls, ſo muß beides auch mir zur Entſchuldigung meiner feurigen Liebe in Euern Augen dienen; und wenn ſie bei Euch das vermoͤgen, was ſie bei weiſen Maͤnnern muͤſſen ver⸗ mogen koͤnnen, ſo erſuche ich Euch, daß Ihr mir in dem, warum ich Euch vitte, Rath und Huͤlfe gebt. Es iſt wahr, bei der Entfernung meines Gemahls kann ich weder den Reizungen des Fleiſches, noch der Macht der Liebe langer noch widerſtehen, welches veides von ſolcher Gewalt iſt, daß es die ſturkſten Männer, und um ſo viel mehr die zarten Frauen — „ ——„— er⸗ in hls och hes ſten en — ——— Achte Novelle. 47 ſchon oftmals uͤberwunden hat, und noch alle Tage uͤberwindet; ich auch uͤbrigens in ſolcher Lage und in ſolcher Muße bin, in welcher Ihr mich ſehet, welches beides den Freuden der Liebe befoͤrderlich iſt, ſo daß ich mich auch habe uͤberraſchen laſſen, verliebt zu werden. Und obgleich ich wohl einſehe, daß, wenn dies bekannt wuͤrde, es eben nicht ſehr ehren⸗ voll ſeyn moͤchte, ſo halte ich es, da es verborgen iſt und verborgen. bleiben ſoll, durchaus in nichts fuͤr unanſtaͤndig; vielmehr iſt es mir bei einer ſol⸗ chen Liebe ſehr dankenswerth, daß ſie mir nicht nur die geziemende Einſicht bei der Wahl meines Ge⸗ liebten nicht genommen, ſondern mir bei derſelben ſo viel geleiſtet hat, daß ſie mir Euch, den ich, wenn meine Meinung mich nicht taͤuſcht, fuͤr den gefaͤlligſten, artigſten und kluͤgſten Cavalier halte, der nur im ganzen Koͤnigreiche Frankreich gefunden werden kann, als wuͤrdig gezeigt hat, von einer Frau, wie ich bin, geliebt zu werden; und ſo wie ich ſagen kann, daß ich ohne Mann bin, ſo ſeyd Ihr ohne Frau. Ich bitte Euch daher um der Liebe willen, die ich fuͤr Euch hege, verſagt mir die Eure nicht, laßt Euch meine Jugend ruͤhren, die wahrlich wie das Eis am Feuer ſich fuͤr Euch verzehrt. Bei dieſen Worten brachen ihre Thraͤnen in ſolchem übermaße hervor, daß ſie, die noch mehr Bitten vorzubringen im Sinne hatte, nichts weiter mehr ſprechen konnte, ſondern das Geſicht nieder⸗ ſenkte, und wie vom Weinen uͤberwaͤltigt, ihren Kopf an die Bruſt des Grafen fallen ließ. 48 gweiter Tag⸗ Der Graf, der ein rechtlicher Ritter war, ta⸗ delte mit den ernſteſten Vorwuͤrfen eine ſo thoͤrichte da Liete, und ſtieß ſie, die ſich ihm ſchon an den Hals 95 werfen wollte, zuruͤck, indem er ihr mit den heilig⸗ it ſten Eidſchwuͤren bekraͤftigte, daß er eher gevier⸗ ya theilt werden wollte, als zu ſo etwas gegen die lr Ehre ſeines Herrn weder fur ſich, noch fuͤr Andere lar ſeine Zuſtimmnug zu geben. b Da die Dame dies hoͤrte, vergaß ſie plotzlich 5 ihre Liebe und zur Wuth entflammt ſagte ſie: So S ſoll ich denn, verachtlicher Ritter, auf dieſe Art in meinem Wunſche von Dir verſpottet werden? Gott W verzeihe mir's, wenn ich Dich, der Du mich umbrin⸗ gen willſt, nicht eher toͤdte oder aus dem Lande Lon verjage. dii Und da ſie dies geſagt hatte fuhr ſie ſogleich leb mit den Haͤnden ſich in die Haare, zerraufte und zerzauſte ſie, riß ſich die Kleider von der Bruſt, und die fing aus vollen Kraͤften an zu ſchreien: Huͤlfe, Huͤlfe, dig der Graf von Anvers will mir Gewalt anthun! geb Da der Graf dies ſah, und mehr uͤber den z 1 Hofneid, als uͤber ſein eigenes Gewiſſen in Sor⸗ En gen ſtand, und eben deshalb fuͤrchtete, es moͤchte der Ve ² Bosheit dieſer Frau mehr Glauben beigemeſſen wer⸗ Ste den, als ſeiner Unſchuld, ſtand er auf und verließ, Fi ſo ſchnell er nur konnte, das Zimmer und den Pa⸗ zwe 3 laſt, floh nach ſeinem Hauſe, wo er, ohne ſich lange Zuf zu beſinnen, ſeine Kinder auf ein Pferd ſetzte er ſie ſelbſt ein anderes beſtieg, und ſo ſchnell, wie es ihIm dan nur moͤglich war, nach Calais ging. neh E ———— —— in⸗ nde eich und und ulfe den Sor⸗ der wer⸗ rließ, Pa⸗ lange er zihm Achte Novelle. 49 Bei dem Laͤrm der Dame eilten Viele hinzu, die, da ſie ſie geſehen, und den Grund ihres Rufens ge⸗ hoͤrt hatten, nicht allein ihren Worten Glauben bei⸗ maßen, ſondern auch noch hinzuſetzten, der Graf haͤtte ſeine Feinheit und ehrenvollen Manieren ſchon laͤngſt dazu angewendet, um zu ſeinem Zwecke ge⸗ langen zu koͤnnen. Sie liefen daher wuͤthend nach dem Hauſe des Grafen, um ihn zu arretiren; allein, da ſie ihn nicht fanden, pluͤnderten ſie es erſt rein aus, und riſſen es dann bis auf den Grund nieder. Die Geſchichte kam, ſo verkehrt wie ſie erzahlt ward, ins Lager zum Koͤnig und deſſen Sohn, welche, im hoͤchſten Grade aufgebracht, ihn und ſeine Nach⸗ kommen zu ewiger Verbannung verdammten, und dem große Geſchenke verſprachen, der ihn todt oder lebendig ihnen braͤchte. Der Graf, daruͤber betruͤbt, daß er ſich durch die Flucht von einem Unſchuldigen zu einem Schul⸗ digen gemacht habe, kam, ohne ſich zu erkennen zu geben, oder erkannt zu werden, mit ſeinen Kindern nach Calais, und ging von da ſogleich nach England uͤber, wo er in armſeliger Kleidung ſeinen Weg nach London hin nahm. Ehe er indeſſen in die Stadt eintrat, unterrichtete er erſt ſeine beiden klei⸗ nen Kinder mit vielen Worten und beſonders in zwei Punkten: erſtlich, ſie moͤchten den armſeligen Zuſtand, in welchen das Geſchick ohne ihre Schuld ſie mit ihm verſetzt habe, geduldig ertragen, und dann, ſie moͤchten ſich mit aller Vorſicht in Acht nehmen, Keinem zu entdecken, woher ſie kaͤmen und Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 2. 4 50 gweiter Tag. weſſen Kinder ſie waͤren, wenn ihnen ihr Leben lieb waͤre. Der Sohn, Namens Ludewig, war etwa neun Jahre alt, und die Jochter, welche Violante a ſieben Jahre; beide aber verſtanden, je nachdem es ihr zartes Alter zuließ, die Lehren ihres Vaters ſehr wohl, und bewieſen es auch nachher durch die That. Um dies um ſo leichter ins Werk zu richten/ ſchien es ihm gut, daß er ihre Namen veraͤnderte, und das that er auch, nannte den Knaben Perotto und das Mädchen Jeannette, und da ſie ſo armſelig gekleidet nach London gekommen waren⸗ zingen ſie wie franzoſiſche Landſtreicher an öu bet⸗ teln. Da ſie nun eines Morgens die ſes Handwerk pei einer Kirche betrieben, ereignete es ſich⸗ daß eine vornehme Dame, die Gemahlin eines im Dienſte des Koͤnigs von England ſtehenden Marſchalls, als ſie aus der Kirche kam, den Grafen mit ſeinen beiden Kindern betteln ſah, und ihn fragte, wo er her waͤre, und ob das ſeine Kinder waͤren. Er antwortete, daß er aus der Piecardie waͤre, und wegen einer Mißhandlung ſeines aͤlteſten unge⸗ rathenen Sohnes mit dieſen Beiden ſich haͤtte aus dem Staube machen muͤſſen. Die Dame, welche mitleidig war, wandte ihr Auge auf das Maͤdchen, was ihr vorzuglich, weil es huͤbſch, artig und zuvorkommend war, gefiel, und Guter Mann, wenn Du es zufrieden biſt, Deine Tochter, bei mir zu laſſen, ſo will ich il ſie ein ſo gutes Ausſehen hat, zu mir neh⸗ und wenn ſie ein tuͤchtiges Maͤdchen wird ge⸗ ſagte: dieſe ſie, we men, wo me ter bet je 8 er rk en en ſo n, et⸗ erk ine des ſie den her äre, nge⸗ aus ihr weil und biſt, ll ich neh⸗ d ge⸗ Achte Novelle. 51 worden ſeyn, will ich ſie, wenn es Zeit ſeyn wird, verheirathen, ſo daß es ihr gut gehen ſoll. Dem Grafen gefiel dieſe Bitte ſehr, und er antwortete ſogleich: Ja! Dann uͤbergab er ſie ihr mit vielen Thraͤnen, und empfahl ſie ihr auf das Beſte. Nachdem er ſeine Jochter ſo angebracht hatte, und auch wohl wußte, bei wem, beſchloß er, hier nicht laͤnger zu verweilen, ſondern ging bettelnd durch die ganze Inſel, und kam, weil er zu Fuß zu gehen eben nicht gewohnt war, nicht ohne viele Muͤhe mit Perotto nach Gales. Hier war ein an⸗ derer Marſchall des Koͤnigs, der in glaͤnzenden Um⸗ ſtaͤnden lebte, und eine große Dienerſchaft hielt, an deſſen Hofe der Graf zuweilen mit ſeinem Sohne hinkam, um dort zu eſſen zu bekommen. Im Hauſe war ein Sohn des Marſchalls und noch andere Kin⸗ der adliger Leute, welche daſelbſt allerlei Kinder⸗ ſpiele betrieben, als Laufen, Springen. Unter dieſe fing Perotto nach und nach an ſich zu miſchen, und machte alles, was ſie unter ſich vornahmen, ſo ge⸗ ſchickt, wie es nur irgend einer von den anderen machte. Dies ſah der Marſchall einigemal, und da ihm die Manieren und das Benehmen des Knaben ge⸗ fielen, fragte er, wer er wäre. Man ſagte ihm, es waͤre der Sohn eines ar⸗ men Mannes, der um Almoſen zuweilen herkaͤme. Der Marſchall ließ den Grafen um den Knaben bit. ten, und der, da er zu Gott um nichts anderes betete, uͤberließ ihm denſelben freiwillig, obgleich 52 Zweiter Tag. es ihm ſehr ſchmerzhaft war, ſich von ihm zu trennen. Nachdem der Graf den Sohn und die Pochter untergebracht hatte, dachte er nicht laͤnger mehr in England bleiben zu wollen, ſondern ging, je eher je lieber, nach Schottland und ward, ſobald er nach Stamford gekommen, Bedienter bei einem Cavalier vines Grafen auf dem Lande, wo er alle Dienſte verrichtete, die einem Bedienten zukommen. Hier blieb er, ohne von irgend einem erkannt zu werden, lange Zeit, mit vieler Beſchwerde und Unbehag⸗ lichkeit. Violante, jetzt Jeannette genannt, wuchs bei der Dame in London an Jahren, Geſtalt und Schoͤnheit, und erwarb ſich die Gunſt ſowohl der Dame, als auch die ihres Gemahles, jedes Andern im Hauſe, und eines Jeden, der ſie kennen lernte, ſo, daß es zum Bewundern war; und es war Keiner, der, wenn er auf ihre Sitten und ihre Manieren ſah, nicht geſagt haͤtte, ſie waͤre des groͤßten Gluͤckes und aller Ehre werth. Daher hatte ſich die edle Dame, welche ſie von ihrem Vater erhalten hatte, ohne iemals anders zu erfahren, wer ſie waͤre, als ſie von ihm gehoͤrt, vorgenommen, ſie dem Stande gemaͤß, von welchem ſie glaubte, daß ſie wäre, anſtaͤndigerweiſe zu ver⸗ heirathen. Aber Gott, der gerechte Beurtheiler an⸗ derer Verdienſte, der ſie als ein edles Frauenzimmer kannte, und daß ſie unſchuldig das Vergehen eines Andern buße, beſchloß es anders; und damit die edle Jungfrau nicht einem gemeinen Menſchen in die er in je ſte er u, ⸗ er it, s nd im agt hre ſie ers rt, em er an⸗ ner nes dle die Achte Novelle. 53 Haͤnde fiele, muß man glauben, erfolgte das, was er nach ſeiner Guͤte zu ließ. Die edle Dame, bei welcher Jeannette ſich auf⸗ hielt, hatte mit ihrem Gemahl einen einzigen Sohn, den ſie und der Vater ſehr liebten, ſowohl, weil er ihr Sohn war, als vielmehr auch, weil er es durch Tugenden und Verdienſte verdiente, da er mehr als ein anderer ſittſam, kraftvoll, wacker und ſchoͤn von Perſon war. Er war etwa ſechs Jahre aͤlter als Jeannette, die er ſo ſchoͤn und angenehm fand, daß er ſich ganz und gar in ſie verliebte, und nur ſie beſtaͤndig vor Augen hatte. Allein, da er glaubte, daß ſie von niederer Herkunft waͤre, getraute er es ſich nicht nur nicht, ſie von ſeinen Eltern ſich zur Gattin zu erbitten, ſondern hielt aus Furcht, daruͤber Vorwuͤrfe zu bekommen, daß er einen ſo niederen Gegenſtand ſeiner Liebe gewaͤhlt habe, ſeine Liebe ganz verborgen; aber eben deshalb quaͤlte ſie ihn weit mehr, als wenn er ſie offenbaret haͤtte. Er ward daher aus uͤbermaͤßigem Kummer krank, und zwar bedeutend krank. Die zu ſeiner Heilung her⸗ beigerufenen Arzte unterſuchten ein Symptom nach dem andern, konnten aber durchaus nicht bis auf den Grund ſeiner Krankheit dringen, und verzweifelten daher einſtimmig an ſeiner Wiederherſtellung. Es laßt ſich nicht ſagen, in welchen Schmerz und Truͤb⸗ ſinn ſowohl der Vater als auch die Mutter des jungen Mannes verfielen; ſie baten ihn daher mehrmals mit den dringendſten Bitten um den Grund ſeines übels; worauf er entweder nur mit Seufzen antwortete⸗ 54 Zweiter Tag. oder daß er fuͤhle, wie er ſich gaͤnzlich aufzehre. Als aber eines Tages einmal ein noch ſehr junger Arzt, dennoch aber voll tiefer Gelehrſamkeit, neben ihm ſaß, und ihn da am Arme hielt, wo man den Puls ſucht, trat Jeannette, die, aus Achtung gegen ſeine Mutter, ihn ſorgfaͤltig bediente, aus irgend einem Grunde ins Zimmer, in welchem der junge Mann lag. Sobald er dieſe erblickte, fuͤhlte er, ohne auch nur ein Wort zu ſprechen, oder eine Bewegung zu machen, die Lichesglut mit deſto großerer Stärke im Innern, weshalb der Puls weit ſtärker als gewöhnlich zu ſchlagen anfing. Dies merkte der Arzt ſogleich, verwunderte ſich daruͤber, war aber ruhig, um zu beobachten, wie lange dieſes Schlagen dauern wuͤrde. Als Jeannette wieder aus dem Zim⸗ mer hinausging, hoͤrte das Schlagen auf, weshalb der Arzt ſogleich glaubte, den Grund zur Krankheit des jungen Mannes gefunden zu haben; er blieb in⸗ deſſen noch ein wenig da, ließ aber Jeamnetten, als wolle er ſie um etwas befragen, zu ſich rufen, wo⸗ bei er den Kranken immer beim Arme feſthielt. Sie kam ſogleich, kaum aber war ſie ins Zimmer einge⸗ troffen, ſo kehrte das Pulsſchlagen bei dem jungen Manne zuruͤck, und hoͤrte bei ihrem Entfernen ſogleich wieder auf. Der Arzt glaubte daher hinlaͤngliche Ge⸗ wißheit zu haben, ſtand auf, zog den Vater und die Mutter des jungen Mannes bei Seite, und ſagte: Die Geſundheit Eures Sohnes ſteht nicht bei den Przten, ſondern liegt in Jeannettens Händen, die, wie ich aus ſichern Anzeigen deutlich erkannt habe, —, lls zt⸗ m uls ine em nn uch zu irke als der ber gen im⸗ alb heit in⸗ als wo⸗ Sie nge⸗ ngen leich Ge⸗ die gte: den die, habe, Achte Novelle. 55 k der junge Mann gluͤhend liebt, obgleich ſie nach dem, was ich geſehen, es nicht merkt. Jetzt wißt Ihr⸗ was Ihr zu thun habt, wenn Euch ſein Leben lieb iſt. Der edle Mann war, eben ſo wie ſeine Gattin, ſehr zufrieden, da ſie dies hoͤrten, daß ſich doch irgend ein Mittel zu ſeiner Geneſung faͤnde, wenn es ſie auch gleich ſehr bekummerte, daß es gerade das waͤre, worüber ihnen ſo mancher Zweifel aufſtieg, daß ſie namlich Jeannetten ihrem Sohne zur Frau geben ſollten. Dennoch aber gingen ſie, nachdem der Arzt ſich entfernt hatte, zum Kranken, und die Frau ſprach auf folgende Art zu ihm: Mein Sohn, ich haͤtte nimmermehr geglaubt, daß ich irgend einen Deiner Wuͤnſche Dir ver⸗ wehrt haben ſollte, daß Du darum, wei und beſonders, wena ich ſah⸗ Uer nicht erfuͤllt wuͤrde, gans von Kraͤften kameſt, da Du doch überzeugt ſeyn konnteſt und ſeyn mußt, daß nichts in der Welt iſt⸗ was ich, wenn ich es zu Deiner Beruhigung thun Lonnte, ſelbſt, auch wenn es minder ſchicklich ſeyn ſollte, nicht ſo, als fuͤr mich ſelbſt thaͤte; aber, weil Du es einmal gethan haſt, ſo iſt Gott barmherziger gegen Dich geweſen, als Du ſelbſt, und er hat mir, damit Du an dieſer Krankheit nicht ſterben ſollſt, den Grund Deines übels gezeigt, welcher in nichts anderem beſteht, als in der übermaͤßigen Liebe, welche Du füͤr ein Maͤdchen, was es auch fuͤr eins ſeyn moͤge, hegſt. Und wahrhaftig, deſſen haͤtteſt Du Dich nicht nothig gehabt, zu ſchaͤmen, da es — 6 ———— 56 Zweiter Tag. Dein Alter mit ſich bringt; denn im Gegentheil, ich wuͤrde herzlich wenig von Dir halten, wenn Du Dich nicht verlieben koͤnnteſt. Darum, mein Sohn, ſcheue Dich nicht vor mir, ſondern entdecke mir frei jeden Deiner Wuͤnſche; den Truͤbſinn aber und die Gedanken, die Du Dir machſt, und woraus Deine Krankheit herkommt, jage fort, faſſe Muth und uͤberzeuge Dich, daß nichts iſt, was, wenn Du es zu Deiner Zufriedenheit mir zu thun auflegſt, ich nicht nach meinen Kraͤften thun wuͤrde, da ich Dich mehr als mein Leben liebe. Verſcheuche die eitle Scham und die Furcht, und ſage mir, ob ich fuͤr Deine Liebe etwas bewirken kann, und wenn Du fin⸗ deſt, daß ich nicht dafuͤr ſorge, und es fuͤr Dich nicht zur Ausfuͤhrung bringe, ſo halte mich fuͤr die graufamſte Mutter, die je einen Sohn geboren hat. Da der junge Mann dieſe Worte ſeiner Mut⸗ ter hoͤrte, ſchaͤmte er ſich zwar anfaͤnglich; dann aber bedachte er bei ſich, es koͤnne doch Niemand beſſer ſeinem Wunſche entgegen kommen, und ſagte daher, da er die Scham bei Seite geſetzt: Mutter, nichts anderes iſt Schuld daran, wes⸗ halb ich meine Liebe verborgen gehalten, als, weil ich an ſo vielen Leuten bemerkt habe, daß, wenn ſie zu Jahren gekommen ſind, ſie gar nicht mehr daran denken wollen, daß ſie auch einmal jung wa⸗ ren. Aber, weil ich ſehe, daß Ihr hierin nachſich⸗ tig ſeyd, ſo will ich nicht allein das, was Ihr be⸗ merkt zu haben ſagt, gar nicht als unwahr verlaͤug⸗ nen, ſondern auch Euch ſelbſt den Gegenſtand geſte⸗ ——— dD— in ru il, Du n, rei ne nd Achte Novbelle. 57 hen, und zwar unter der Bedingung, daß Ihr Euer Verſprechen nach Euern Kraͤften erfuͤllen wollt, denn auf dieſe Art koͤnnt Ihr mich nur wieder geſund machen. Die Dame, zu feſt darauf vertrauend, daß es in der Art, in welcher er es bei ſich gedachte, nicht gelingen wuͤrde, antwortete mit aller Frei⸗ muͤthigkeit, er moͤchte ihr nur jeden ſeiner Wuͤnſche voll Vertrauen eroͤffnen, ſie wolle ſich, ohne Anſtand zu nehmen, bemuͤhen, alles zu thun, damit er ſein Vergnuͤgen erreichte. Mutter, ſagte hierauf der junge Mann, die hohe Schoͤnheit und die lobenswuͤrdigen Sitten unſerer Jeannette, und daß ich ſie niemals fuͤr meine Liebe habe weder aufmerkſam, noch theilnehmend daran machen koͤnnen, ja, daß ich es niemals gewagt habe, ſie irgend wem zu entdecken, hat mich in den Zuſtand verſetzt, in welchem Ihr mich ſehet, und erfolgt das, was Ihr mir verſprochen habt, nicht auf die eine oder die andere Art, ſo ſeyd uͤberzengt, daß mein Leben nur noch von kurzer Dauer ſeyn wird. Die Dame, der es jetzt mehr Zeit zum Troſt, als zu Vorwuͤrfen zu ſeyn ſchien, ſagte laͤchelnd: Alſo darum mein Sohn, haſt Du es ſo weit mit Dir kommen laſſen? Gib Dich zufrieden, und laß mich nur machen, alsdann wirſt Du ſchon wieder geſund werden. Der junge Mann, voll der beſten Hoffnung, gab in ſehr kurzer Zeit Zeichen der vollkommenſten Beſſe⸗ rung, woruͤber die Dame ſehr zufrieden, ſich entſchloß, 58 Zweiter Tag. zu verſuchen, wie ſie das, was ſie verſprochen haͤtte, erfuͤllen konnte. Sie rief daher eines Tages Jean⸗ nette, und fragte mit freundlichen Worten, ob ſie nicht einen Liebhaber haͤtte. Jeannette, ganz roth geworden, antwortete: Gnaͤdige Frau, einem armen, aus ihrem Hauſe ver⸗ triebenen Maͤdchen, wie ich es bin, und die in An⸗ derer Dienſten lebt, wie ich es muß, kommt es nicht zu, und ſteht es nicht wohl an, an Liebe zu denken. Die Dame antwortete: Wenn Du noch keinen haſt, ſo wollen wir Dir einen geben, mit dem Du ganz vergnuͤgt wirſt leben, und an dem Du Dich mehr, als an Deiner Schoͤnheit wirſt ergoͤtzen koͤnnen; denn es taugt nichts, daß ein ſo huͤbſches Maͤdchen, als Du biſt, ohne Liebhaber ſeyn ſollte. Hierauf gab Jeannette zur Antwort: Gnaͤdige Frau, Sie haben mich aus der Armuth mei⸗ nes Vaters weggenommen und mich als Ihre Joch⸗ ter aufwachſen laſſen, darum iſt es meine Schuldig⸗ keit, in Allem nach Ihrem Vergnuͤgen zu leben; aber wenn ich hierin nicht nach Ihrem Vergnuͤgen lebe, ſo glaube ich recht zu handeln. Wenn es Ihnen be⸗ liebt, mir einen Mann zu geben, ſo werde ich den zu lieben mich bemuͤhen, aber einen anderen nicht. Denn da mir von meinen Voreltern keine andere Erb⸗ ſchaft uͤbrig geblieben iſt, als die Sittſamkeit, ſo will ich dieſe bewahren und erhalten, ſo lange mein Leben dauert. Dieſe Antwort ſchien der Dame demjenigen itte, ean⸗ ſie tete: ver⸗ An⸗ t es e inen Du Dich tzen ſches te. aͤdige mei⸗ Toch⸗ uldig⸗ aer lebe, en be⸗ ch den nicht. eErb⸗ it, eſo mein enigen Achte RNovelle. 59 ganz entgegen zu ſeyn, worauf ſie zu kommen ge⸗ dachte, da ſie ihrem Sohne doch einmal ihr Ver⸗ ſprechen halten wollte, ol ſie gleich, als eine ver⸗ ſtaͤndige Dame, bei ſich ſelbſt mit dem Maͤdchen ſehr zufrieden war; ſie ſagte daher zu ihr: Wie, Jeannette, wenn der Koͤnig, der doch ein junger Herr iſt, ſo wie Du ein huͤbſches Maͤdchen biſt, von Deiner Liebe ein Vergnuͤgen haben wuͤrdeſt Du es ihm verſagen? Worauf ſie raſch antwortete: Gewalt koͤnnte mir der Koͤnig anthun, aber mit meiner Zuſtimmung koͤnnte er nie etwas anderes von mir erhalten, als was anſtaͤndig iſt. Die Dame merkte wohl, wie ſie geſonnen waͤre, ließ daher alle Worte bei Seite geſetzt ſeyn, und dachte ſie auf die Probe zu ſtellen. Sie ſagte da⸗ her ihrem Sohne, als er wieder geneſen war, ſie wolle ihn mit ihr in ein Zimmer zuſammenbringen, und da moͤchte er ſich bemuͤhen, mit ihr einig zu werden, indem es ihr fuͤr ſie nicht ſchicklich ſchiene, als eine Freiwerberin den Sohn herauszuſtreichen, und ſeine Geliebte zu bitten. Hiermit war der junge Mann nicht zufrieden, und er ward in gewiſſer Art ploͤtzlich bei weitem wieder ſchlechter; ſobald die Dame dies ſah, eroͤ ff⸗ nete ſie Jeannetten ihre Abſicht. Sie fand ſie aber noch viel ſtandhafter, als je; daher erzaͤhlte ſie ihrem Manne, was ſie gethan haͤtte, und ſo ſchwer es es ihnen auch ankam, waren ſie doch einſtimmig der Meinung, ſie ihrem Sohne zur Frau zu geben, in⸗ ————————— 60 Zweiter Tag. dem ſie ihren Sohn lieber mit einer Frau, wenn ſie ſich auch nicht ganz fuͤr ihn paßte, am Leben erhal⸗ ten wollten, als ihn, ohne eine Frau, todt zu wiſſen. und dies thaten ſie endlich nach vielem Hin⸗ und Herreden. Jeannette war ſehr erfreut daruͤber, dankte Gott mit frommem Herzen, daß er ihrer nicht vergeſſen haͤtte, und nannte ſich nie anders, als die Tochter eines Piccarden. Der junge Mann ward gaͤnz⸗ lich geſund, feierte eine ſo froͤhliche Hochzeit als nur irgend Jemand, und lebte froh und zufrieden mit ihr. Perotto, welcher in Gales bei dem Marſchall des Koͤniges von England geblieben war, wuchs eben⸗ falls heran, kam ſehr in Gnaden bei ſeinem Herrn, und ward ein ſchoͤner Mann, und wackerer, als nur einer auf der Inſel war, waͤhrend auch im Kampfe und Turnierſpiele Keiner im Lande das vermochte, was er leiſtete. Daher war er, der von ihnen Pe⸗ rotto der Piccarde genannt wurde, allenthalben be⸗ kannt und beruͤhmt; und wie Gott ſeine Schweſtgr nicht verlaſſen hatte, ſo zeigte er auch, daß er ihn im Gedaͤchtniſſe behalten habe. Als daher in dieſer Gegend eine peſtartige Sterblichkeit ausgebrochen war, hatte dieſe beinahe die Haͤlfte der Menſchen weggerafft, nicht zu gedenken, daß ein großer Theil der übriggebliebenen aus Furcht nach anderen Ge⸗ genden hingeflohen war, ſo daß das ganze Land wie verlaſſen zu ſeyn ſchien. Bei dieſer Sterblichkeit war der Marſchall, ſein Herr, und deſſen Gemahlin ſie al⸗ en. nd ott ſen ter 13 mur en Achte Novelle. 61 ſein Sohn, und viele Andere von ſeinen Bruͤdern und Enkeln und Anverwandten ums Leben gekommen, und Keiner weiter uͤbrig geblieben, als eine mannbare Jochter von ihm, und mit noch einigen anderen Hausgenoſſen Perotto. Dieſen hatte, da die Peſt ein Ende genommen, das Maͤdchen gern, und auf Anrathen einiger am Leben gebliebener Bewohner, weil er ein tuͤchtiger, kraͤftiger Menſch war, zum Manne genommen, und ihn von Allem, was ihr durch die Erbſchaft zugefallen war, zum Herrn ge⸗ macht. Es verging auch nicht lange Zeit, daß, als der Koͤnig von England hoͤrte, der Marſchall waͤre geſtorben; er, da er Perotto's des Piccarden Werth kennen gelernt hatte, dieſen an die Stelle des Ver⸗ ſtorbenen zu ſeinem Marſchalle machte. Und dies war kurz das Schickſal der beiden un⸗ ſchuldigen Kinder des Grafen von Anvers, die er ganz verloren hingegeben hatte. Es war nun ſchon das achtzehnte Jahr verfloſ⸗ ſen, ſeitdem der Graf von Anvers aus Paris ent⸗ flohen war, als ihm, da er in Irland wohnte, und er, waͤhrend dieſer Zeit, in einem ſehr elenden Le⸗ ben viel ausgeſtanden hatte, und alt geworden war, die Luſt ankam, wenn es moͤglich waͤre, zu erfahren, was aus ſeinen Kindern geworden ſeyn moͤchte. Als er daher ſah, daß ſich ſeine ganze Geſtalt, wie ſie fruͤher geweſen, voͤllig geaͤndert habe, und er fuͤhlte, daß er durch die lange Arbeit noch weit kraͤftiger geworden waͤre, wie er es nicht geweſen, da er als ein junger Mann in Muße ſein Leben zugebracht 62 Zweiter Tag⸗ hatte, reiſte er ziemlich arm ab, und kam in ſchlech⸗ ter Bekleidung, ſich von dem, bei welchem er ſeit langer Zeit geweſen war, trennend, nach England. Dort ging er dahin, wo er Perotto'n gelaſſen hattes er fand, daß er Marſchall und ein großer Herr ge⸗ worden, ſah, daß er geſund, kraͤftig und von ſchoͤner Geſtalt war; allein, ſo angenehm ihm dieſes auch war, wollte er ſich ihm doch nicht eher zu erkennen geben, bis er nicht wuͤßte, was aus Jeannetten ge⸗ worden. Er machte ſich deshalb wieder auf den Weg und ruhete nicht eher, als bis er in London angekom⸗ men war; hier fragte er ganz vorſichtig nach der Dame, welcher er ſeine Jochter uͤberlaſſen hatte, und nach deren Schickſal, wo er denn hoͤrte, daß Jeannette die Frau ihres Sohnes waͤre. Das ge⸗ fiel ihm außerordentlich, und er achtete alle ſeine ver⸗ gangenen Widerwärtigkeiten fur gering, weil er ſeine Kinder am Leben und im Wohlſtande gefunden hatte; indeſſen wuͤnſchte er doch, ſie auch einmal ſehen zu koͤnnen, und deshalb hielt er ſich als ein armer Mann oͤfters in der Naͤhe ihres Hauſes auf. Als ihn daher eines Tages Jacob Lamiens, ſo hieß Jeannettens Gemahl, erblickte, jammerte ihn ſeiner, weil er ſah, daß er arm und alt war; er be⸗ fahl daher einem ſeiner Bedienten, daß er ihn nach ſeinem Hauſe braͤchte, und ihm um einen Gotteslohn zu eſſen geben ließe; was auch der Bediente gern that. Achte Novelle. 63 Jeannette hatte mit Jacob mehrere Kinder, von welchen das aͤlteſte nicht uͤber acht Jahre alt, und alle anderen die ſchoͤnſten und artigſten Kinder von der Welt waren. Als ſie den Grafen ſo eſſen ſahen, waren ſie alle um ihn herum, und freuten ſich uͤber ihn, gleich, als wenn ſie ſich von einer un⸗ vekannten Gewalt gegen ihn, als ihren Großvater, hingezogen fuͤhlten. Er, der da wußte, daß es ſeine Enkel waͤren, war freundlich gegen ſie, und machte ihnen Liebkoſungen; daher wollten die Kinder gar nicht wieder von ihm fort, ſo viel auch der, der die Aufſicht uͤber ſie fuͤhrte, ſie rief. Da Jeannette dies hoͤrte, kam ſie aus ihrem Zimmer heraus, und ging dahin, wo der Graf war, drohte ſie zu ſchla⸗ gen, wenn ſie nicht thaͤten, was ihr Lehrer haben wollte. Die Kinder fingen an zu weinen, und ſagten, ſie wollten bei dieſem braven Manne bleiben, der ſie lieber haͤtte, als ihr Lehrer. Hieruͤber lachte die Frau und der Graf. Der Graf ſtand auf, aber ganz und gar nicht als Vater, ſondern als ein ar⸗ mer Mann, um der Tochter, als einer vornehmen Frau, ſeine Achtung zu bezeigen, bei deren Anblick er ein wundervolles Vergnuͤgen in ſeinem Innern empfunden hatte. Aber ſie erkannte ihn weder jetzt, noch nachher wieder, da er gegen das, was er gewe⸗ ſen, ganz veraͤndert, alt, grau, mit greiſem Barte, mager und braun geworden war, und eher ein ganz anderer Menſch, als der Graf zu ſeyn ſchien. Da nun aber die Dame ſah, daß die Kinder 64 Zweiter Tag. ſich nicht von ihm trennen wollten, und vielmehr weinten, wenn ſie von ihm ſollten, ſo ſagte ſie zu ihrem Lehrer, daß er ſie nur noch ein wenig laſſen moͤchte. Waͤhrend die Kinder bei dem ehrlichen Manne waren, kehrte Jacobs Vater nach Hauſe zuruͤck, und als er vom Lehrer gehoͤrt hotte, was geſchehen waͤre, ſagte er, dem Jeannette zuwider war: So laß ſie, zum Henker! ſtehen; ſie zeigen, von wem ſie abſtam⸗ men. Von ihrer Mutter wegen kommen ſie von einem Bettler her, und darum iſt es nicht zu verwundern, wenn ſie ſich gern bei Bettlern auf⸗ halten. Als der Graf dieſe Worte hoͤrte, gingen ſie ihm ſehr nahe; indeſſen er zuckte die Achſeln und ertrug dieſe Kraͤnkung ſo, wie er ſchon viele andere ertragen hatte. Jacob ſelbſt aber, da er geſehen hatte, was ſich die Kinder fuͤr ein Feſt mit dem redlichen Manne, dem Grafen, machten, ſie aber dennoch, ob ihm dies gleich mißſiel, nicht minder als vorher, da er ſie weinen ſah, liebte, befahl, daß, wenn der ehr⸗ liche Mann irgend zu einem Dienſte bei ihm woh⸗ nen bleiben wollte, er angenommen werden ſollte. Dieſer antwortete: das wolle er gern; nur ver⸗ ſtaͤnde er nichts anderes, als die Pferde warten, wozu er ſein ganzes Leben hindurch gewoͤhnt waͤre. Es ward ihm alſo ein Pferd uͤbergeben, und nachdem er dies zugeritten, dachte er den Kindern damit ein Vergnuͤgen zu machen. Waͤhrend das Schickſal auf die erzaͤhlte Art ehr zu ſen nne ind re, ſie, m⸗ von zu uf⸗ hm rug gen vas hen er⸗ en, ind ern Art Achte Novelle. 65 den Grafen von Anvers und ſeine Kinder fuͤhrte, begab es ſich, daß der Koͤnig von Frankreich, nach⸗ dem er verſchiedene Waffenſtillſtaͤnde mit den Deut⸗ ſchen abgeſchloſſen hatte, ſtarb, und an ſeiner Statt ſein Sohn gekroͤnt ward, deſſen Gemahlin diejenige war, um deretwegen der Graf war vertrieben worden. Nachdem der letzte Waffenſtilltand abgelaufen, fing dieſer mit den Deutſchen wieder einen heftigen Krieg an, wozu ihm der Koͤnig von England, als ein neuer Vetter, viele Huͤlfsvoͤlker unter dem Commando, ſeines Marſchalls Perotto und Jacob Lamiens, des Sohnes des anderen Marſchalls, ſändte. Mit dem letzteren zog auch der alte wackere Graf mit aus, und blieb, ohne daß er von irgend einem erkannt worden waͤre, eine ziemliche Zeit bei dem Heere als Knecht bei den Pferden; hier wirkte er, wie ein tuͤchtiger Menſch, mit Rath und That mehr Gutes, als man von ihm foderte. Wäͤhrend des Krieges erkrankte die Koͤnigin von Frankreich ſehr ſchwer, und da ſie ſelbſt fuͤhlte, daß ſie ſterben wuͤrde, beichtete ſie, zerknirſcht uͤber alle ihre Suͤnden, andaͤchtig dem Erzbiſchof von Ronen, der allgemein fuͤr einen ſehr frommen und braven Mann gehalten ward. Dieſem erzählte ſie unter anderen ihrer Suͤnden, auch die, daß der Graf von Anvers ihretwegen großes Unrecht erlitten haͤtte. Und nicht allein damit zufrieden, es ihm zu ſagen, erzaͤhlte ſie auch noch in Gegenwart vieler anderer braven Maͤnner, Alles, wie es geweſen waͤre, und bat ſie, ſie moͤchten ſich bei dem Koͤnige dahin verwen⸗ Boccaccio's ſämmtl. W. 2. 5 66 Zweiter Tag. den, daß der Graf, wenn er noch am Leben, und wenn nicht, irgend eins ſeiner Kinder, wieder in ihren vo⸗ rigen Stand verſetzt werden moͤchten. Hierauf dauerte es nicht lange, ſo ſchied ſie aus dieſem Le⸗ ben und ward ehrenvoll begraben. Als dem Koͤnige dieſe Beichte erzaͤhlt ward, be⸗ ſeufzte er ſchmerzlich das dem braven Manne ſo nnverdienterweiſe angethane Unrecht, und ließ ſo⸗ gleich durch das ganze Heer, und auch noch in vielen anderen Gegenden, durch einen oͤffentlichen Aufruf bekannt machen, daß, wer ihm den Grafen von An⸗ vers, oder eins ſeiner Kinder nachwieſe, auf die aus⸗ gezeichneteſte Art fuͤr jeden belohnt werden ſollte, weil er unſchuldig an dem waͤre, weshalbver ſich verbannt haͤtte. Er habe daruͤber das Geſtaͤndniß der Koͤnigin, und er ware willens, ihn in ſeinen vo⸗ rigen Stand, und in einen noch hoͤheren wieder zu⸗ ruͤckzuverſetzen. Sobald der Graf, als Stallknecht, dies hörte, und ſich uͤberzeugte, daß es wahr waͤre, ging er ſchnell zu Jakob und vat ihn, daß er ſich mit ihm zu Perotto begeben moͤchte, weil er ihnen das nach⸗ weiſen wollte, was der Koͤnig ſuchte. Da nun alle drei bei einander waren, ſagte der Graf zu Perotto⸗ der ſchon im Begriffe ſtand, ſich zu erkennen zu ge⸗ geben: Perotto Jakob, der hier zur Stelle iſt, hat Deine Schweſter zur Frau, und hat niemals eine Mitgift erhalten, und darum, damit Deine Schwe⸗ ſter nicht ohne Mitgift ſeyn mag, denke ich, daß er, und kein Anderer, dieſe große Wohlthat erhalte, nn o⸗ uf Le⸗ be⸗ ſo ſo⸗ len ruf An⸗ us⸗ Ute, ſich dniß vo⸗ zu⸗ örte, g er ihm nach⸗ alle otto, u ge⸗ „hat eine chwe⸗ ß er, halte, Achte Novelle. 67 welche der Koͤnig fuͤr Dich, und gib Dich als den Sohn des Grafen von Anvers zu erkennen, ſo wie auch fuͤr Violante, Deine Schweſter, und ſeine Frau, als auch fuͤr mich, der ich der Graf von Anvers und Euer Vater bin, ausgeſetzt hat. Da Perotto dies hoͤrte, ſah er ihn ſcharf an, erkannte ihn ſogleich, und warf ſich ihm mit Thraͤ⸗ nen zu Fuͤßen, und ſagte, nachdem er ihn umarmt hatte: Mein Vater, ſey mir herzlich willkommen! Jacob, ſobald er hoͤrte, was der Graf geſagt hatte, und ſah, was Perotto that, war zu gleicher Zeit von ſolchem Erſtaunen und ſolcher Freude er⸗ griffen, daß er kaum wußte, was er thun ſollte; indeſſen, da er den Worten Glauben beimaß, und ſich uͤber die beleidigenden Worte ſehr ſchaͤmte, die er gegen den Grafen als Stallknecht gebraucht hatte, fiel er ihm mit Thraͤnen zu Fuͤßen, und bat ihn demuͤthigſt wegen aller vorhergegangenen Beleidigun⸗ gen um Verzeihung, welche ihm der Graf guͤtigſt zugeſtand, da er ihn ſogleich wieder aufhob. Nachdem ſie ſich alle Drei ihre mannichfaltigen Schickſale erzaͤhlt, und manche Thraͤne daruͤber ver⸗ goſſen hatten, erheiterten ſie ſich wieder, und da Perotto und Jakob den Grafen kleiden wollten, gab er es auf keine Art zu, ſondern verlangte, daß Ja⸗ kob, wenn er zuvoͤrderſt die Gewißheit auf die ver⸗ ſprochene Belohnung haͤtte, ihn in dieſer Bedienten⸗ kleidung dem Koͤnige vorſtellen ſollte, um dieſen um deſto mehr zu beſchaͤmen. Jakob ging deshalb mit dem Grafen und mit Perotto zum Koͤuige und er⸗ 68 Zweiter Tag. vot ſich, ihm den Grafen mit ſeinen Kindern vorzu⸗ ſtellen, wenn er ihn nach der oͤffentlichen Bekannt⸗ machung belohnen wollte. Der Koͤnig ließ ſogleich den für Alle ausgeſetzten Preis herbeibringen, der in Jakobs Augen wunder⸗ voll war, und befahl, daß er ihn ſogleich nehmen könne, wenn er ihm in Wahrheit den Grafen und ſeine Kinder, ſo wie er es verſprochen hätte, an⸗ zeigte. Da kehrte Jakob ſich um, und ſtellte den Grafen, als ſeinen Stallknecht, und Perotto vor ſich hin und ſagte: Gnädiger Herr, hier iſt der Vater und der Sohn; die Tochter, welche meine Frau iſt, iſt nicht hier, aber mit Gottes Huͤlfe, ſollt Ihr ſie bald ſehen. Da der Koͤnig dies hoͤrte, ſah er den Grafen an und ob er gieich von dem, was er zu ſeyn pflegte, ſehr verändert war, erkannte er ihn, nach⸗ dem er ihn noch eine geit lang angeſehen hatte, dennoch wieder; und veinahe mit Thraͤnen in den Augen, hob er ihn, der einen Fußfall vor ihm ge⸗ than, in die Höhe, kuͤßte und umarmte ihn; empfing auch Perotto ſehr freundlich und befahl, daß der Graf ſogleich mit Kleidern, Dienerſchaft, Pferden und allem Noͤthigen ſo verſehen wuͤrde, wie es ſein Stand erfordere. Dies geſchah augenblicklich; uber⸗ dies aber ehrte der Koͤnig noch Jakob ſehr, und wollte von ihm alle ſeine vergangenen Schickſale wiſſen. Als Jakob hieranf die Geſchenke dafuͤr, daß er en n h⸗ te, en e⸗ ng er en ein er⸗ nd ale Neunte Novelle. 69 den Grafen und ſeine Kinder nachgewieſen, an ſich genommen hatte, ſagte der Graf zu ihm: Nimm alles dies von der Mildthaͤtigkeit des Koͤnigs, Dei⸗ nes Herrn, und vergiß nicht, Deinem Vater zu ſagen, daß Deine Kinder und meine Enkel, durch ihre Mutter von keiner Bettlerfamilie abſtammen. Jakob nahm die Geſchenke und ließ ſeine Fran und Schwiegermutter nach Paris kommen, woſelbſt auch Perotto's Gemahlin hinkam; hier lebten ſie in großen Freuden mit dem Grafen, den der Koͤnig ganz wieder in ſeine vorigen Guͤter eingeſetzt und noch groͤßer gemacht hatte, als er je geweſen war. Nachher kehrte ein Jeder mit ſeiner Genehmigung nach ſeinem Hauſe zuruͤck; der Graf ſelbſt aber lebte bis an ſeinen Tod, ruhmvoller als nur je, in Paris⸗ Neunte Novelle. Bernhard von Genua, betrogen von Ambroſius, verkiert alles das Seinige, und gibt den Befehl, daß ſeine un⸗ ſchuldige Frau umgebracht werde. Sie entkommt, und tritt in Mannskleidern beim Sultan in Dienſte; ſie fin⸗ det den Betruͤger wieder, und Bernhard fuͤhrt ſie nach Alexandrien hin, woſelbſt der Betruͤger beſtraft wirdz und nachdem ſie wieder weibliche Kleider angenommen, kehrt ſie reich mit ihrem Manne nach Genua zuruͤck. Nachdem Eliſa durch ihre ruͤhrende Erzaͤhlung ihrer Pflicht nachgekommen war, ſagte Philomena, die Koͤni⸗ gin, die ſo ſchoͤn und von hohem Wuchſewar, und deren Geſicht, mehr als das einer jeden anderen, ſo hold und ſo ſuͤß laͤchelte, nachdem ſie ſich dazu recht in woſitur geſetzt hatte: Halten muß ich den dem 70 Zweiter Tag. Dyoneus zugeſtandenen Vertrag, und da keiner mehr, als er und ich, zum Erzählen uͤbrig ſind, ſo will ich meine Erzaͤhlung zuerſt vortragen, und er mag, nach der ſich erbetenen Gunſt, der Letzte ſeyn, welcher ſpricht: Nachdem ſie dies geſagt, fing ſie auf fol⸗ gende Art an: Man hoͤrt im gemeinen Leben oft das Sprich⸗ wort: der Betruͤger unterliegt dem Betrogenen; es ſcheint zwar nicht, als wenn es mit irgend einem Grunde ſich als wahr erweiſen koͤnne, indeſſen er⸗ geben ſich oftmals Zufuͤlle, wo es ſich doch als wahr beweiſet. Unſer Vorhaben daher befolgend, will ich Euch, geliebte Mädchen, darthun, daß das wahr ſey, was man ſagt. Es wird Euch auch nicht unlieb ſeyn, mich angehoͤrt zu haben, damit Ihr Euch vor Betruͤgern in Acht zu nehmen lernt. Zu Paris trafen in einem Wirthshauſe einige italieniſche Kaufteute, und zwar, wie es bei ihnen gobraͤuchlich iſt, dieſer, wegen dieſes, und jener, we⸗ gegen eines anderen Handelsgeſchaͤftes zuſammen. Rachdem ſie eines Abends froͤhlich mit einander ge⸗ geſſen hatten, fingen ſie an, uͤber Verſchiedenes zu ſprechen, und kamen, vom einem aufs andere, auch auf ihre Frauen, die ſie zu Hauſe zuruͤckgelaſſen haͤt⸗ ten, und einer fing witzelnd alſo an: Ich weiß zwar nicht, was meine Frau jetzt machen mag, indeſſen das weiß ich wohl, wenn mir hier ſo ein junges Maͤdchen vorkaͤme, das mir ge⸗ fiele, ſo ſetzte ich die Liebe, die ich fuͤr meine Frau — — Neunte Novelle. 7¹ hege, einmal bei Seite, und vergnuͤgte mich mit je⸗ nem, ſo viel ich koͤnnte. Ein anderer antwortete: Das wuͤrde ich auch thun, ich glaube, daß dann, wenn meine Frau ſich ein Vergnuͤgen zu verſchaffen weiß, ſo nimmt ſie es mit, und wenn ich es nicht glaube, ſo thut ſie es doch, und deshalb Wurſt wieder Wurſt; wie man in den Wald hineinſchreit, ſchallt es wieder heraus. Der dritte war in ſeinen Reden derſelben Mei⸗ nung: und kurz alle ſchienen darin uͤbereinzuſtim⸗ men, daß, weün die Frauen von ihnen allein gelaſſen wuͤrden, ſie ihre Zeit ebenfalls nicht verlieren wollten. Nur ein Einziger, Namens Bernhard Lomellin, aus Genua, behauptete das Gegentheil, und ſagte, er haͤtte durch Gottes beſondere Gnade eine Frau, die vollkom⸗ menſte an allen Tugenden, welche eine Frau, oder auch wohl vorzuglich ein Ritter, oder ein junger Edelmann nur haben koͤnne, ſo daß in Italien keine zweite mehr wäre. Denn ſie ware ſchoͤn an Körper, noch ſehr jung, geſchickt, ſchlank von Perſon; es waͤre ferner nichts, was einer Frau zukäme, etwa als in Seide zu ſticken, oder aͤhnliche weibliche Arbeiten zu ver⸗ fertigen, die ſie nicht weit beſſer machen koͤnne, als jede andere. überdies gaͤbe es keinen Knappen oder Bedienten, wie man ihn auch nennen wollte, der beſſer und aufmerkſamer den Tiſch ſeines Herrn be⸗ dienen koͤnnte, als ſie, die ſo ſittſam, klug und ſo außerordentlich beſcheidep waͤre. Hierauf ruͤhmte er von ihr, ſie wiſſe beſſer ein Pferd zu reiten, einen Vogel zu fuͤhren, zu leſen, zu ſchreiben, und eine — 5 2 zz——————— 72 Zweiter Tag. Rechnung anzulegen, als wenn ſie ein Kaufmann waͤre; und nach vielen anderen Lobeserhebungen kam er endlich auf das, wovon hier die Rede war, und woruͤber er mit einem Eide bekraͤftigte, man koͤnne keine tugendhaftere und keuſchere Frau finden, als eben ſie; daher glaube er gewiß, daß, er moͤchte auch zehn Jahre, oder auf immer ſich außer dem Hauſe aufhalten, ſo wuͤrde ſie doch nimmermehr bei all' dergleichen Schnack auf einen anderen Mann hoͤren. Unter dieſen Kaufteuten, die ſich auf ſolche Art unterhielten, befand ſich ein junger Kaufmann, Na⸗ mens Ambroſius aus Piacenza, der uͤber das letzte Lob, was Bernhard ſeiner Frau ertheilt hatte, herz⸗ lich zu lachen anfing, und ihn ſpoͤttelnd fragte, ob der Kaiſer ihm dies Privileginm mehr, als allen anderen Maͤnnern zugeſtanden hatte. Bernhard, hieruͤber ein wenig aufgebracht, ſagte, daß nicht der Kaiſer, ſondern Gott, der doch noch ein bischen mehr koͤnnte, als der Kaiſer, ihm dieſe Gnade zugeſtanden haͤtte. Hierauf ſagte Ambroſius: Bernhard, ich zweifle ganz und gar nicht, daß Du die Wahrheit zu ſagen glaubſt, aber nach dem, wie es mir ſcheint, haſt Du auf die Natur der Dinge wenig Ruͤckſicht genommen; haͤtteſt Du darauf Ruͤckſicht genommen, ſo halte ich Dich nicht von ſo plumpem Verſtande, daß Du nicht ſo manches ſollteſt kennen gelernt haben, was Dich uͤber dieſe Mo“ twas gemaͤßigter haͤtte ſprechen laſſen. Und damit Du nicht glaubſt, daß wir, die wir viel milder von unſern Frauen ge⸗ — — ——„—,— 8——+—. nd ne 18 ſe —„ Neunte Novelle. 73 ſprochen haben, etwa glanbten, wir haͤtten andere Frauen, und von ganz anderer Beſchaffenheit, als Du, ſondern, daß wir aus natuͤrlichen Wahrnehmun⸗ gen bewogen, ſo geſprochen haben, ſo will ich einmal uͤber dieſe Materie mit Dir ein wenig philoſophi⸗ ren. Ich habe immer gehoͤrt, daß der Mann das edelſte Weſen waͤre, was Gott unter den Sterblichen erſchaffen habe, und dann erſt komme das Weib. Aber der Mann iſt, wie man im Allgemeinen glaubt, und man es auch wirklich ſieht, weit vollkommener, und eben, weil er nun mehr Vollkommenheiten hat, muß er ohne Zweifel auch weit mehr Feſtigkeit und Standhaftigkeit haben, weil die Frauen im Allge⸗ meinen viel beweglicher ſind; das Warum koͤnnte ich Dir durch tauſend ganz natuͤrliche Gruͤnde be⸗ weiſen, das will ich aber fuͤr jetzt bei Seite geſtellt ſeyhn laſſen. Wenn alſo der Mann von groͤßerer Feſtigkeit iſt, und man doch nicht behaupten kann, daß er dennoch nicht, ich will nicht einmal ſagen, gegen eine, die ihn bittet, nachgiebig ſeyn, ſondern daß er nicht nach einer ein Verlangen tragen ſollte, die ihm gefaͤllt und außer dieſem Verlangen nicht auch thun ſollte, was er nur kann, damit er mit die⸗ ſer zuſammen ſeyn koͤnnte, und daß ihn dies nicht etwa nur alle vier Wochen einmal, ſondern des Tages wohl tauſendmal einkommt; was kannſt Du nun wohl hoffen, daß eine von Natur beweglichere Frau bei deu Bitten, bei den Schmeicheleien, bei den Geſchenken und bei den tauſend anderen Arten, die ein kluger Mann anwendet, daß ſie ihn liebe, thun wird? Glanbſt 74 Zweiter Tag. Du, daß ſie ſich halten kann? Wahrlich, wenn Du es auch gleich betheuerteſt, ſo glaube ich doch nicht, daß Du es glaubſt. Und Du ſelbſt ſagſt ja, daß Deine Frau ein Weib iſt, und doß ſie Fleiſch und Blut hat, wie die anderen. Wenn das nun ſo iſt, ſo muß ſie auch dieſelben Wuͤnſche und dieſelben Kräfte haben, wie ſie ſich bei den anderen finden, dieſem naturlichen Hange zu widerſtehen. Daher iſt es ſehr moͤglich, mag ſie ſo tugendhaft ſeyn, wie ſie wolle, daß ſie eben das, was die anderen thun, ebenfalls auch thut; und nichts, was moͤglich iſt, muß man weder ſo bitter verneinen, noch das Ge⸗ gentheil davon behaupten, wie Du gethan haſt. Hierauf antwortete Bernhard und ſagte: Ich bin ein Kaufmann, aber kein Philoſoph, und als Kaufmann will ich Dir antworten; und darum ſage ich: das, was Du behaupteſt⸗ ſehe ich wohl ein, kann bei Thoͤrinnen Statt finden, die keine Scham haben; aber die, die weiſe ſind, die ſind fuͤr ihre Ehre ſo beſorgt, daß ſie weit ſtärker werden, als die Maͤnner, die ſich nicht darum bekuͤmmern, ſie ſo zu vewahren; und ſolch eine iſt meine Frau. Wahrhaftig, ſagte Ambroſius, wenn den Frauen jedesmal, wenn ſie auf ſolchen Schnickſchnack hoͤren, ein Horn an der Stirne wuͤchſe, was einen Beweis von dem gaͤbe, was ſie gethan, dann wuͤrden freilich wenige darauf hoͤren; aber da ihnen kein Horn waͤchſt, und bei denen, die klug ſind, weder eine Spur, noch ein Zeichen davon erſcheint, und die Schande und Verletzung der Ehre nur in dem du t, aß nd ſt, en en, vie un, iſt, Se⸗ Ich als age ein, am hre die zu uen ein von lich orn eder und dem Neunte Novelle⸗ 75 Bekanntwerden beruht, ſo thun ſie es, ſobald ſie es aur heimlich thun koͤnnen, oder unterlaſſen es aus Dummheit; darum ſey uͤberzeugt, daß nur die keuſch iſt, die niemals gebeten, oder die, die niemals er⸗ hoͤrt worden iſt, wenn ſie gebeten hat. Und ob ich gleich einſehe, daß dies aus natuͤrlichen und wahr⸗ haftigen Gruͤnden ſo ſeyn muß, ſo wuͤrde ich doch nicht ſo zuverſichtlich davon ſprechen, wenn ich nicht vielmals und mit Vielen die Probe gemacht haͤtte. Und ich ſage Dir, wenn ich mit Deiner uͤberheiligen Frau Gemahlin zuſammen kaͤme, ſo glaube ich, ich wuͤrde ſie in kurzer Zeit eben dahin bringen, wohin ich ſchon andere gebracht habe. Bernhard antwortete ein wenig unruhig: Das Streiten mit Worten moͤchte uns doch nur zu weit fuͤhren; Du wuͤrdeſt ſagen, und ich wuͤrde ſagen, und am Ende kaͤme doch nichts heraus. Aber weil Du ſagſt, daß alle gleich gefuͤgig ſind, und Du Dir ſo viel zutraueſt, ſo will ich, um Dich von der Tugend meiner Frau zu uͤberzeugen, mir den Kopf abhauen laſſen, wenn Du ſie jemals zu dem, was Du willſt, verfuͤhren kannſt; und wenn Du es nicht kannſt, ſo verlange ich, daß Du nichts anderes ver⸗ lieren ſollſt, als tauſend Goldgulden. Ambroſius, uͤber dieſe Reden etwas erhitzt, ant⸗ wortete: Bernhard, ich wuͤßte nicht, was ich mit Deinem Blute anfangen ſollte, wenn ich gewoͤnne; aber wenn Du Luſt haſt, die Probe von dem zu ſe⸗ hen, was ich geſagt habe, ſo ſetze fuͤnftauſend Gold⸗ gulden, die Dir doch weniger lieb ſeyn muͤſſen, als — 76 Zweiter Tag. Dein Kopf, gegen meine tauſend, und wenn Du kei⸗ nen Zeitpunkt beſtimmſt, ſo mache ich mich anheiſchig, nach Genua zu gehen, und innerhalb drei Monat von heute an, wo ich von hier abreiſen will, mit Deiner Frau meinen Willen erreicht zu haben; und zum Beweiſe daruͤber will ich mitbringen, was ihr von ihren Sachen das Liebſte iſt, und ſolche und ſo viele Anzeigen, daß Du ſelbſt geſtehen ſollſt, es iſt wahr; ſo gewiß wie Du mir aber auf Deine Ehre ver⸗ ſprechen mußt, während dieſer Zeit, weder ſelbſt nach Genua zu kommen, noch irgend etwas hieruͤber an ſie zu ſchreiben. Bernhard ſagte, er waͤre es zufrieden; und ob⸗ gleich die andern Kaufleute, welche dort gegenwaͤrtig waren, ſie hiervon abzubringen ſuchten, da ſie vor⸗ herſahen, daß großes übel daraus entſtehen koͤnnte, ſo waren doch einmal die Gemuͤther der beiden Kaufleute ſo erhitzt, daß ſie wider den Willen der uͤbrigen, ſich einer gegen den andern durch foͤrmliche Handſchriften verpflichteten. Nachdem der Vertrag geſchloſſen, blieb Bern⸗ Jard zuruͤck und Ambroſius ging, ſobald er nur konnte, nach Genua. Nachdem er ſich einige Tage dort verweilt, und mit vieler Vorſicht ſich nach dem Namen der Straße und den Sitten der Frau erkun⸗ digt hatte, hoͤrte er uͤber ſie das, und noch mehreres, was er von Bernhard ſelbſt gehoͤrt hatte. Es duͤnkte ihm daher, er haͤtte ſich in ein thoͤrichtes Wageſtuͤck eingelaſſen. Indeſſen, da er ſich mit ei⸗ nem armen Weibe beſprochen hatte, das in dem Hauſe kei⸗ hig, onat mit und von iele hr; ver⸗ bſt uͤber ob⸗ rtig vor⸗ inte, iden der liche ern⸗ nur Tage dem kun⸗ eres, Es chtes t ei⸗ aue Neunte Novelle. 77 aus⸗ und einging, und welchem die Frau wohlwollte, ſo beſtach er dieſes Weib, da er es mit nichts anderem konnte, mit Geld, und ließ ſich von demſelben in einem, nach ſeiner Weiſe, kuͤnſtlich eingerichteten Kaſten nicht nur in das Haus, ſondern ſogar in die Schlafkammer der edlen Dame bringen, woſelbſt die Alte, ſo wie Ambroſius es ihr empfohlen hatte, ſie bat, denſelben einige Tage, waͤhrend deſſen ſie irgend anderswo hin gedaͤchte, aufzubewahren. Nachdem auf dieſe Art der Kaſten in der Kam⸗ mer zuruͤckgeblieben, und die Stunde in der Nacht gekommen war, wo Ambroſius glaubte, daß die Dame ſchliefe, oͤffnete er ihn mit ſeinem Schluͤſſel und ſtieg ruhig in die Kammer hinaus, in welcher ein Licht brannte. Vermittelſt dieſes betrachtete er die Lage der Kammer, die Gemaͤlde und alles Be⸗ merkenswerthe, was darin war, und praͤgte es ſorg⸗ fältig ſeinem Gedaͤchtniſſe ein. Hierauf nahte er ſich dem Bette, und da er bemerkte, daß die Dame und ein kleines Maͤdchen, welche bei ihr war, feſt ſchliefen, ſo betrachtete er ſie, nachdem er ſie leiſe aufgedeckt hatte, und ſah, daß ſie eben ſo ſchoͤn ent⸗ blößt, als angekleidet war; allein ein Zeichen ſah er gar nicht, worauf er ſich beziehen koͤnnte, indeſſen doch eins, naͤmlich ein Mahl, was ſie unter der lin⸗ ken Bruſt hatte, und um welches herum einige blonde Haͤrchen wie Gold ſtanden. Nachdem er dies vemerkt, deckte er ſie ſtill wieder zu, ob er gleich gerne, da er ſie ſo ſchoͤn ſah, ſein Leben daran ge⸗ wagt haͤtte, ſich ihr zur Seite legen zu koͤnnen. —— B 78 Zweiter Tag. Indeſſen aber, da er gehoͤrt hatte, wie ungeſtuͤm und wild ſie bei dergleichen Hiſtorien waͤre, wagte er es nicht; ſondern nahm nur, da er den groͤßten Theil der Nacht nach ſeinem Gefallen im Zimmer blieb, einen Geldbeutel und einen langen Rock aus einem der Schraͤnke, einen Ring und einen Guͤrtel mit, legte alles in ſeinen Kaſten, kehrte alsdann ſelbſt darin wieder zuruͤck, und verſchloß ihn, wie er vor⸗ her geweſen war. Dies that er zwei Naͤchte hin⸗ durch, ohne daß die Dame das Geringſte davon merkte. Am dritten Tage kam das Weib, der Verabredung gemaͤß, nach ihrem Kaſten wieder, und trug ihn dahin zuruͤck, wo ſie ihn weggenommen hatte. Sobald Ambroſius wieder herausgeſtiegeß war und das alte Weib, ſeinem Verſprechen gemaͤß, vefriedigt hatte, kehrte er, ſobald er nur konnte, mit dieſen Sachen, noch vor dem geſetzten Termin nach Paris zuruͤck. Nachdem er die Kaufleute hatte rufen laſſen, die bei den Reden und bei dem Pfandſetzen gegen⸗ wärtig geweſen waren, ſagte er in Bernhards Bei⸗ ſeyn, er habe das unter ihnen geſetzte Pfand gewon⸗ nen, weil er das geleiſtet habe, deſſen er ſich geruhmt haͤtte. Und daß das wahr waͤre, beſchrieb er die Geſtalt der Kammer, die Gemaͤlde in derſel⸗ ben, und dann zeigte er die Sachen vor, die er mit⸗ gebracht, und von ihr erhalten zu haben verſicherte. Bernhard geſtand, daß die Kammer ſo, wie er ſagte, beſchaffen ſey, und uͤberdies erkenne er auch, daß dies Sachen ſeiner Frau geweſen waͤren; aber, — fu di nd es eil eb, em it, bſt Or in⸗ von der und men aß, mit nach ſſen, gen⸗ Bei⸗ won⸗ ſich rieb rſel⸗ mit⸗ rte. ie e auch, aber, — Neunte Novelle. 79 fuhr er fort, er koͤnne von einem der Hausbedienten die Lage der Kammer erfahren, und auf aͤhnliche Art die Sachen erhalten haben; wenn er daher nichts anderes ſagte, ſo glaube er nicht, daß es genug wäre, um gewonnen zu haben. Hierauf ſagte Ambroſius: Wirklich, dies koͤnnte genug ſeyn, aber weil Du es haben willſt, daß ich noch mehr ſagen ſoll, ſo will ich's ſagen. Ich ſage Dir alſo, daß Madame Ginevra, Deine Frau, un⸗ ter der linken Bruſt ein ziemliches Mahl hat, um welches herum etwa ſechs blonde Haͤrchen, wie Gold, ſich befinden. Als Bernhard dies hoͤrte, glaubte er, es ginge ihm ein Meſſer durch's Herz, ſolchen Schmerz em⸗ pfand er; und im ganzen Geſichte verändert, auch wenn er nicht ein Wort geſprochen haͤtte, gab er doch deutlich genug zu verſtehen, was Ambroſius ſagte, waͤre wahr. Nach einiger Zeit ſagte er als⸗ dann: Meine Herren, was Ambroſius ſagt, iſt wahr, und eben deshalb, weil er gewonnen hat, kann er zu mir kommen, wenn es ihm gefaͤllt, und er ſoll bezahlt werden. Und wirklich ward Ambroſius auch am folgenden Tage voͤllig bezahlt. Bernhard ging hierauf, erbittert in ſeinem Ge⸗ muͤthe gegen ſeine Frau, von Paris ab und kam nach Genna. Da er ſich der Stadt naͤherte, wollte er nicht hineingehen, ſondern blieb etwa zwanzig Miglien auf ſeiner Beſitzung davon entfernt, und ſchickte einen ſeiner Bedienten, auf welchen er viel⸗ Vertrauen ſetzte, mit zwei Pferden und einem Briefe —— „——————— 80 Zweiter Tag. nach Genua ab; ſchrieb ſeiner Frau, er waͤre zu⸗ ruckgekehrt, und ſie moͤchte mit dem Bedienten zu ihm kommen. Dem Bedienten aber gab er ganz im Geheimen auf, daß, wenn er mit der Frau an einen Ort gekommen waͤre, der ihm tauglich ſchiene, er ſie ohne Barmherzigkeit toͤdten, und dann zu ihm zuruͤck⸗ kehren ſolle. ge Sobald der Bediente nach Genua gekommen war, die Briefe abgegeben und ſeine Sendung ausgerichtet ke hatte, ward er von der Dame mit vielen Freuden empfangen, welche auch gleich am andern Morgen mit dem Bedienten zu Pferde ſtieg, und ſich auf 2 den Weg nach ihres Mannes Landgut machte. Un⸗ 6 terwegs, da ſie von Verſchiedenem mit einander ge⸗ d ſprochen hatten, kamen ſie in ein tiefes, einſames Thal, welches ringsum von Hoͤhlen und Baͤumen ein⸗ 6 geſchloſſen war; hier glaubte der Diener, wäre es Fr ſicher genug, wenn er den Befehl ſeines Herrn aus⸗ S fuͤhren wollte; er zog daher ein Meſſer hervor, nahm die Dame am Arm, und ſagte: Madame, befehlen Sie Ihre Seele Gott, denn Sie muͤſſen, ohne wei⸗ ter zu gehen, ſterben. ſch Als die Dame das Meſſer ſah und die Worte voͤrte, ſagte ſie ganz erſchrocken: Um Gottes Wil⸗ ir len, ehe Du mich umbringſt, ſage mir doch erſt, wo⸗ durch habe ich Dich ſo beleidigt, daß Du mich um⸗ zi bringen willſt. ihr Gnädige Fran, ſagte der Bediente, mich haben we Sie mit nichts beleidigt, aber wodurch Sie Ihren dat Gemahl beleidigt haben, das weiß ich nicht; er ⸗ zu m en ſie ck⸗ Neunte Novelle. 81 hat mir nur befohlen, Sie unterweges umzubringen, und hat mir gedrohet, mich, wenn ich es nicht thaͤte, aufzuhängen. Sie wiſſen recht gut, wie zugethan ich ihm bin, und wie ich zu allem, was er mir be⸗ fiehlt, nicht nein ſagen kann; Gott weiß es, Sie gehen mir nahe, aber ich kann nicht anders. Hierauf antwortete die Dame mit Thraͤnen: Ach, um Gottes Barmherzigkeit willen, werde doch kein Moͤrder an mir, die ich Dir nie etwas zu Leide gethan habe, um einem Andern zu dienen. Gott, der Alles ſieht, weiß es, daß ich nimmermehr etwas gethan habe, weshalb ich von meinem Manne ſol⸗ chen Lohn empfangen muͤßte. Aber laſſen wir das dahin geſtellt ſeyn; Du kannſt, wenn Du willſt, zu gleicher Zeit Gott gefaͤllig werden, Deinem Herrn und mir, und zwar auf dieſe Art, daß Du meine Kleider nimmſt und mir nur bloß Dein Zaͤckchen und eine Kappe gibſt; mit jenen kehre Du dann zu mei⸗ nem und Deinem Herrn zuruͤck, und ſage ihm, daß Du mich umgebracht haͤtteſt, und ich ſchwoͤre Dir bei dieſem Leben, das Du mir ſchenkſt, daß ich ver⸗ ſchwinden und dahin gehen will, von wo weder an ihn, noch an Dich, noch in dieſe Gegenden irgend eine Nachricht von mir tzerbstiien ſoll. Der Bediente, der ſie ungern tödtete, ward bald mitleidig. Er nahm daher ihre Kleider, und gab ihr ſeine alte Jacke und eine Kapye, ließ ihr das wenige Geld, was ſie hei ſich hatte, und bat ſie, daß ſie ſich aus dieſen Gegenden fortmachen moͤchte. Dann verließ er ſie in dem Thale, und zwar zu Fuß, Voccaccio's ſämmtl. W. 2. 6 82 Zweiter Tag. er aber kehrte zu ſeinem Herrn zuruͤck, zu welchem er ſagte, daß er nicht nur ſeinen Befehl ausgefuͤhrt, ſondern auch den todten Koͤrper von ihr unter eini⸗ gen Woͤlfen zuruckgelaſſen haͤtte. Nach einiger Zeit kam Bernhard auch wieder nach Genua zuruͤck, und da die That bekannt gewor⸗ den, ward er allgemein getadelt. Die Dame, welche allein und gans troſtlos zu⸗ ruͤckgeblieben war, als die Nacht heranruͤckte, ent⸗ ſtellte ſich, ſo viel ſie nur konnte, und ging nach einem nahen Doͤrfchen, verſchaffte ſich daſelbſt von einer Alten, was ſie bedurfte, verkuͤrzte ſich das Jaͤckchen nach ihrem Koͤrper, und machte ſich aus ihrem Hemde ein Paar Beinkleider; dann ſchnitt ſie ſich die Haare ab, und ging, gans in einen Matro⸗ ſen umgewandelt, nach dem Meere zu, wo ſie von ungefaͤhr einen edlen Catalanier fand, der Segner Encararh hieß, und aus ſeinem Schiffe, welches etwas entfernt von hier lag/ ausgeſtiegen war⸗ um ſich durch eine Quelle zu erquicken. Mit dieſem ließ ſie ſich ins Geſpraͤch ein, verdung ſich bei ihm als Bedienten, und beſtieg das Schiff unter dem Namen Sikuran von Finale. Von dem edlen Manne in beſſere Kleidung ver⸗ ſetzt, pediente ſie ihn ſo gut und ſo aufmerkſam, daß er ſie außerordentlich lieb gewann. Nicht lange Zeit darauf geſchah es, daß dieſer Catalanier mit einer Ladung nach Alexandrien ſchiffte, dem Sultan einige fremde Falken uͤberbrachte, und ſie ihm vor⸗ ſtellte. Da der Sultan dieſen einige Mal zur Tafel —.—— m t, i⸗ e or⸗ zu⸗ nt⸗ ach von das aus ſie tro⸗ von gner lches um ließ 1 als amen ver⸗ kſam, lange mit utan 1 vor⸗ Tafel ——„—— Neunte Novele. 83 bei ſich eingeladen, und die Sitten Sikurano's, der ſich immer ihn zu bedienen beſtrebte, bemerkt hatte, gefielen ihm dieſe, und er hat den Catalanier um ihn, welcher ihn auch, ob es ihm gleich ſehr ſchwer ward, dem Sultan uberließ. Sikurano erwarb ſich durch ſein gutes Beneh⸗ men in kurzer Zeit die Gunſt und die Liebe des Sul⸗ tans, ſo wie es bei dem Catalanier der Fall gewe⸗ ſen war. Daher geſchah es im Verlauf der Zeit, daß, da ſich zu einer gewiſſen Zeit des Jahres, wie zu einer Meſſe, verſchiedene chriſtliche und ſaraceni⸗ ſche Kaufleute in Akre, welches unter der Herrſchaft des Sultans ſtand, verſammeln, und der Sultan, da⸗ mit ſowohl die Kaufleute, als auch ihre Waaren ſicher wären, immer, außer ſeinen uͤbrigen Beam⸗ ten, noch einen von ſeinen bedeutenden Maͤnnern mit einigen Leuten dahin zu ſchicken pflegte, welche auf die Sicherheit Acht haben mußten, daß, ſag⸗ ich, der Sultan, da die Zeit hierzu heranruͤckte, Siku⸗ rano dahin zu ſchicken beſchloß, da⸗ er die Sprache ſchon ganz vollkommen verſtand. Nachdem alſo Sikurano als Herr und Befehls⸗ haber der Schutzwache fuͤr die Kaufleute und des Handels nach Akre gekommen war, ging er, da er alles, was zu ſeinem Amte gehoͤrte, auf's beſte und ſorgfaͤltigſte verrichtete, allenthalben umher, ſah viele ſicilianiſche, piſaniſche, genueſiſche, veneziani⸗ ſche und andere italieniſche Kaufleute, und ließ ſich in Erinnerung an ſeine vaterlaͤndiſche Gegend gern mit ihnen in Geſpraͤche ein. Da traf es ſich unter —— —— ——————— 84 Zweiter Tag. andern, daß er in ein Gewoͤlbe venezianiſcher Kauf⸗ leute eintrat, und unter andern koſtbaren Waaren auch einen Geldbeutel und einen Guͤrtel bemerkte, die er ſogleich fuͤr ehemals die ſeinigen erkannte, und ſich ſehr daruͤber wunderte; doch ohne irgend etwas ſich merken zu laſſen, fragte er freundlich, wem ſie gehoͤrten, und ob ſie zu verkaufen waͤren. Sobald Ambroſius von Piacenza, der mit vielen Waaren auf einem venezianiſchen Schiffe auch hie⸗ her gekommen war, hoͤrte, daß der Befehlsha⸗ ber der Schutzwache fragte, weſſen dieſe Sachen wären, trat er hervor und ſagte mit laͤchelnder Wiene: Herr, dieſe Sachen ſind mein, aber ich verkaufe ſie nicht; indeſſen, wenn ſie Euch gefallen, will ich ſie Euch ſehr gern ſchenken.. Sikurano, als er jenen ſo laͤcheln ſah, arg⸗ wöhnte, ob dieſer ihn etwa an irgend einer Gebehrde erkannt habe; er machte daher ein ernſtes Geſicht, und ſagte: Du lachſt vielleicht, weil Du mich, als einen Soldaten, nach dergleichen Weiberſachen fragen hoͤrſt? Ambroſius ſagte: Herr, daruͤber lache ich eben nicht, ſondern ich lache uͤber die Art, auf welche ich zu dieſen Sachen gekommen bin. Worauf Sikuran ſagte: Wenn Dir Gott einen guten Markt geben ſoll, oder es ſich ſonſt etwa nicht ſagen läßt, ſo ſage, wie Du dazu gekommen biſt. Herr, ſagte Ambroſius, dies und noch mehreres Andere ſchenkte mir einſt eine artige Dame aus Ge⸗ nua, Namens Madonna Ginevra, die Frau Bern⸗ — —— c e — — S 8 8 8 — — G. nen icht eres ern⸗ — Neunte Novelle. 85 hards Lomellin, in einer Nacht, die ich mit ihr zu⸗ gebracht hatte, und bat mich, es aus Liebe zu ihn zu behalten. Jetzt lachte ich, weil es mich an Bern⸗ hards Narrheit erinnerte, der ſo thoͤricht war, fuͤnf⸗ tauſend Goldgulden gegen tauſend zu ſetzen, daß ich ſeine Frau nicht meinen Wuͤnſchen ſollte gefaͤllig machen koͤnnen. Ich that es, und gewann das Pfand. Er aber, der weit eher ſich ſelbſt uͤber ſeine Dumm⸗ heit haͤtte beſtrafen ſollen, als ſie daruͤber, daß ſie das gethan hatte, was alle Frauen thun, kehrte von Paris nach Genua zuruͤck, und ließ ſie, wie ich ge⸗ hoͤrt habe, umbringen. Sobald Sikurano dies hoͤrte, ſah er ſogleich ein, was der Grund zu Bernhards Zorn gegen ſie geweſen wäre, erkannte deutlich, dieſer hier wäre ganz allein der Grund zu allem ihren Ungluͤck, und dachte ſogleich bei ſich, ihm das nicht ungeſtraft hingehen zu laſſen. Sikurano ſtellte ſich alſo, als wenn ihm dieſe Nachricht ganz außerordentlich lieb waͤre, und knuͤpfte liſtiger Weiſe eine recht enge Freundſchaft mit ihm an, ſo daß auf ſein Zureden Ambroſius, nach beendigter Meſſe, mit ihm und mit allen ſeinen Sachen nach Alexandrien ging, wo Si⸗ kurano ihm behuͤlflich war, ein Gewoͤlbe anzulegen, und ihm auch von ſeinem Gelde in die Haͤnde gab, damit, wenn er einen bedeutenden Nutzen dort ab⸗ ſähe, er um deſto lieber da bliebe. Sikurano indeſ⸗ ſen, nur einzig darum bekuͤmmert, Bernhard zu uͤberzeugen, daß er uechuldig waͤre, ruhete nicht eher, als bis er durch duͤlfe einiger anſehnlichen ge⸗ 86 Bweiter Tag. nueſiſchen Kaufleute, welche in Alerandrien waren, ihn unter neu aufgefundenen Gruͤnden ebenfalls hatte dahin kommen laſſen. Da nun dieſer in ſehr arm⸗ ſeligen Umſtaͤnden ankam, mußte er ganz insgeheim bei einem Freunde Sikurano's ſo lange verbleiben, bis es dieſem Zeit ſchien, das auszufuͤhren, was er im Sinne hatte. Sikurano hatte dem Sultan dieſe Geſchichte ſchon von Ambroſius ſelbſt erzaͤhlen laſſen, und der Sultan hatte viel Vergnuͤgen daran gefunden; da er jetzt aber wußte, daß Bernhard hier waͤre, und glaubte, er brauche es nun nicht laͤnger mehr zu ver⸗ ſchieben, ſo ſah er eine gelegene Zeit ab, in welcher er es vom Sultan erhielt, daß er Ambroſius und Bern⸗ hard vor ſich kommen ließe, und alsdann in Gegen⸗ wart des letzteren dem Ambroſius ernſtlich, wenn es nicht leicht anders geſchehen koͤnnte, die Wahrheit entlockte, wie es mit dem zuſammenhinge, deſſen er ſich von Bernhards Frau ruͤhmte. Ambroſius und Bernhard mußten daher kom⸗ men, und der Sultan gebot mit ſtrenger Miene, in Vieler Gegenwart dem Ambroſius die Wahrheit von dem zu ſagen, auf welche Art er 5000 Goldgulden vom Bernhard gewonnen habe. Auch Sikurano war dabei gegenwaͤrtig, auf welchen Ambroſius viel Ver⸗ trauen ſetzte, der ihm aber mit ſehr zorniger Miene die haͤrteſten Qualen androhte, wenn er es nicht ſagte. Ambroſius alſo, von allen Seiten in Furcht geſetzt, und ſelbſt etwas beſtinzt, erzaͤhlte, in Bern⸗ hards und vieler Anderer Beiſeyn, deutlich alles, — —* ⸗ ne ht ht n⸗ 6, Neunte Novelle. 87 wie es geweſen ware, indem er keine andere Strafe erwartete, als die Zuruͤckgabe der 5000 Goldgulden und der Sachen. Nachdem Ambroſius dies erzählt hatte, wandte ſich Sikurano jetzt, als Willensvollſtrecker des Sul⸗ tans, zu Bernhard und ſagte: Und Du, was haſt Du auf dieſe Luge mit Deiner Frau gemacht? Worauf Bernhard antwortete: Hingeriſſen vom gorn uͤber den Verluſt meines Geldes und uͤber die Beſchimpfung, die ich von meiner Frau erhalten zu haben glaubte, ließ ich ſie von einem meiner Leute umbringen, und iſt ſie, nachdem was er mir davon erzahlte, ſogleich von Wölfen verzehrt worden. Obgleich dies Alles in Gegenwart des Sultans geſprochen und von ihm mit angehoͤrt und verſtanden worden war, ſo wußte dieſer doch noch immer nicht, was Sikurano, der alles ſo angeordnet und erbeten hatte, damit bezweckte; daher ſagte Sikurano zu ihm: Gnaͤdiger Herr, da konnt Ihr recht deutlich ſehen, was fur eines Liebhabers, und was fuͤr eines Mannes ſich dieſe gute Frau ruͤhmen kann; denn der Liebhaber beraubt ſie mit einem Male ihrer Ehre, da er durch Luͤgen ihren guten Ruf ſchmaͤlert, und bringt ſie um ihren Mann; und der Mann, der viel eher Anderer Luͤgen, als der Wahrheit glaubt, die er doch aus langer Erfahrung langſt haͤtte einſe⸗ hen muͤſſen, läßt ſie umbringen und von Woͤlfen ver⸗ zehren; und uͤberdies iſt die Guͤte und die Liebe, die der Freund und der Mann fuͤr ſie hegten, ſo groß, daß von den beiden, die lange mit ihr beiſam⸗ 88 Zweiter Tag⸗ men gewohnt haben, doch keiner ſie wieder erkennt. Aber damit Ihr um ſo beſſer einſehet, was ein Je⸗ der von ihnen verdient hat, ſo will ich, wenn Ihr mir die beſondere Gnade erweiſen wollt, den Betruͤ⸗ ger beſtrafen und dem Betrogenen verzeihen, und die Frau hier in Eure und ihre Gegenwart herkommen laſſen. Der Sultan, der bereit war, Sikurano'n hierin ganz nach Gefallen zu leben, ſagte, er waͤre es zu⸗ frieden, daß er die Frau kommen ließe. Bernhard wunderte ſich ſehr, da er ſie ganz ge⸗ wiß fuͤr todt hielt, und Ambroſius, der, ſein Un⸗ gluͤck ahnend, ſchon ganz etwas Schlimmeres, als nur das Geld wieder zu bezahlen, fuͤrchtete, und nicht wußte, was er hoffen oder fürchten ſollte, wenn die Frau wirklich hier erſchiene, erwartete indeſſen doch mit vieler Verwunderung ihre Ankunft. Nachdem alſo der Sultan dem Sikurano die Erlaubniß zugeſtanden hatte, warf er ſich weinend dem Sultan zu Fuͤßen, und gleichſam, als wenn ihn mit einem Male die maͤnnliche Stimme, und uͤber⸗ haupt der Wille, als Mann zu erſcheinen, verlaſſen haͤtte, ſagte er: Gnadiger Herr, ich bin dieſe ar⸗ me ungluͤckliche Ginevra, die ſechs Jahre ſich als Mann in der Welt herumgequaͤlt hat, von dieſem Verräther Ambroſins falſchlich und boͤslich beſchimpft worden iſt, und die dieſer grauſame und ungerechte Mann von einem ſeiner Diener hat umbringen und von den Woͤlfen auffreſſen laſſen. Und da ſie ſich pierbei die Kleider herabriß und ihre Bruſt zeigte, —,—.— ——. —— c —n S—„ G M* v 8 S — S* —,—.— ———— Neunte Novelle. 89 bewies ſie, daß ſie eine Frau waͤre, und erklaͤrte es dem Sultan und einem Jeden frei heraus; dann wandte ſie ſich an den Ambroſius, und fragte ihn auf eine be⸗ ſchimpfende Weiſe, wenn er, ſo wie er es ſich vorher beruͤhmt haͤtte, mit ihr zuſammengekommen wäre. Er, der ſie auch ſchon wieder erkannt hatte, und vor Schaam ganz ſtumm geworden war, ſagte kein Wort. Der Sultan, der Sikurano immer fuͤr einen Mann gehalten hatte, gerieth, da er dies ſah und hoͤrte, in ſolche Verwunderung, daß er ſehr oft das, was er doch ſah und hoͤrte, eher fuͤr einen Traum als fuͤr Wahrheit hielt. Indeſſen, da dieſe Ver⸗ wunderung nach und nach ſchwand, und er die Wahr⸗ heit erkannte, pries er mit den hoͤchſten Lobſpruͤchen das Leben, die Standhaftigkeit, die Sitten und die Tugend Ginevra's, die bis jetzt Sikurano geheißen hatte. Und nachdem er ihr anſtaͤndige weibliche Klei⸗ der und Frauen hatte kommen laſſen, die ihr zur Geſellſchaft dienen ſollten, ſchenkte er, auf ihre Bitte, Bernhard den verdienten Tod. Sobald dieſer ſie erkannt hatte, warf er ſich ihr mit Thraͤnen zu Fuͤßen, und bat ſie um Verzeihung, welche ſie ihm auch, obgleich er ihrer nicht ganz werth war, guͤtig zugeſtand; und nachdem ſie ihn wieder aufgehoben hatte, umarmte ſie ihn zaͤrtlich als ihren Mann. Hierauf befahl der Sultan, daß Ambroſius unver⸗ zuͤglich auf irgend einem Platze in der Stadt gegen die Sonne an einen Pfahl gebunden, mit Honig be⸗ ſchmiert, und nicht eher von da fortgebracht werden —— ———— — ———————— 90 Zweiter Tag. ſollte, als bis er ſelbſt niederfiele. Und dies geſchah auch ſogleich. Hierauf befahl er, daß alles, was dem Ambroſius gehoͤrt hatte, der Frau uͤbergeben wurde, und dies war nichts Geringeres, als daß es nicht über zehntauſend Dublonen werth geweſen waͤre. Als er hierauf ein herrliches Feſt veranſtaltet hatte, wobei Bernharden, als dem Gemahle der Madonna Ginevra, und der Madonna Ginevra ſelbſt, als einer ſo mu⸗ thigen Frau, alle Ehre widerfuhr, veſchenkte er ſie noch mit Edelſteinen, goldenen und ſilbernen Gefaͤ⸗ ßen, und mit Geld, was noch mehr werth war als zehntauſend Dublonen. Dann ließ er ein Schiff zu⸗ ruͤſten und ſtellte es ihnen nach einem großen Feſte frei, nach Genua abznreiſen, wenn es ihnen geſiele; als ſie dahin wieder zuruͤckgekehrt, und ſie, beſon⸗ ders aber Madonna Ginevra, welche von Allen fuͤr todt geglaubt ward, mit ausgezeichneter Ehre em⸗ pfangen worden waren, ſtanden ſie, ſo lange ſie leb⸗ ten, daſelbſt in der groͤßten Achtung. Ambroſius ward noch an demſelben Tage, als er an den Pfahl gebunden und mit Honig beſchmiert worden war, zu ſeiner großten Qual von den Flie⸗ gen, Wespen und Horniſſen, woran das Land einen großen überfluß hat, nicht allein getoͤdtet, ſondern bis auf die Knochen verzehrt; und da dieſe ganz weiß gebleicht und nur noch an den Sehnen hingen, dienten ſie noch lange Zeit, ohne daß ſie fortgenom⸗ men wurden, jedem, der ſie ſah, zum Zeugniß ſei⸗ ner Schlechtigkeit. Und ſo unterlag der Betruger dem Betrogenen. —,— 8 n t 18 ei a U⸗ ſie d 6 u⸗ le; n fuͤr m eb⸗ als iert lie⸗ nen en anz gen, om⸗ ſei⸗ uger —,— —— Zehnte Novelle. 9¹ Zehnte Novelle. Paganino von Monaco raubt dem Meſſer Richard von Chinzika ſeine Frau; nachdem dieſer erfahren hat, wo ſie iſt, geht er dahin, wird mit Paganino bekannt, und verlangt ſie von ihm zurück; jener ſtellt es ihr frei, wenn ſie es ſelbſt wollte. Sie will mit ihm nicht wie⸗ der zuruͤckkehren, und nach Meſſer Richards Tode wird ſie Paganino's Gattin. Jeder aus der ehrenwerthen Geſellſchaft lobte die von ihrer Koͤnigin erzaͤhlte Novelle als ganz vor⸗ zuͤglich ſchoͤn, und beſonders Dioneus, an dem es al⸗ lein nur noch ſtand, fuͤr den heutigen Tag zu erzaͤh⸗ len. Nach vielen Lobeserhebungen uͤber dieſelbe, ſagte dieſer: Schoͤne Damen, ein Theil von der Erzäh⸗ lung der Koͤnigin hat meinen Entſchluß, Euch eine zu erzählen, die ich im Sinne hatte, dahin geaͤndert, daß ich Euch eine andere erzaͤhlen will, und das iſt die Dumm⸗ heit Bernhards, obgleich ſie ihm gluͤcklich von Statten ging, und auch aller der andern, welche eben das glau⸗ ben wollen, was er zu glauben zeigte, naͤmlich, daß ſie ſich einbilden, die Frauen legten, wenn ſie zu Hauſe geblieben waͤren, und ſie in der Welt ſich bald mit dieſer, bald mit jener die Zeit vertrieben, die Haͤnde in den Schooß, ſo, als wenn wir, die wir mit ihnen geboren werden und aufwachſen, nicht wuͤßten, wo⸗ nach ſie luͤſtern waͤren. Wenn ich dieſe erzaͤhle, ſo will ich Euch ſogleich zeigen, wie groß die Thorheit al⸗ ler ſolcher iſt, und um wie viel groͤßer die Thorheit dererjenigen ſey, die, wenn ſie ſich fuͤr ſtaͤrker als die Natur halten, durch leere Demonſtrativnen das ————— 92 Zweiter Tag. zu vermoͤgen glauben, was ſie doch ſelbſt durchaus nicht vermoͤgen und ſich quaͤlen, Andere zu dem zu machen, was ſie ſind, wenn es auch die Natur de⸗ rer, bei denen ſie noch in ihrer Kraft iſt, ganz und gar nicht leidet. Es war alſo in Piſa ein Richter, mehr mit Verſtandes⸗, als mit körperlichen Kraͤften begabt, deſſen Name Meſſer Richard von Chinzika war; dieſer, glaubend vielleicht, ſeiner Frau mit denſel⸗ ben Arbeiten zu genuͤgen, die er bei ſeinen Studien anwendete, ſuchte, weil er ſehr reich war, mit nicht geringer Sorgfalt, eine ſchoͤne junge Frau zu be⸗ kommen, da er doch ſowohl das eine wie das andere haͤtte fliehen ſollen, wenn er eben ſo ſich ſelbſt wie andern zu rathen gewußt haͤtte. Es gelang ihm; denn Meſſer Lotto Gualandi gab ihm zur Frau eine ſeiner Toͤchter, deren Name Bartholomea war, eine der ſchoͤnſten und artigſten jungen Maͤdchen in Piſa, wenn es auch gleich wenige nur geben mag, die nicht von der Eidechſen⸗Natur ſeyn ſollten*). Dieſe fuͤhrte der Richter mit großen Feierlich⸗ keiten heim, ſtellte eine herrliche koſtbare Hochzeit an, und in der erſten Nacht unterfing er es ſich ein⸗ *) Unſer Voß gibt in ſeiner ſchwergereimten Ode an Reimbold hierzu den beſten Commentar, wenn er ſingt: Man ſagt, ein Maͤdchen ſey kein' Eider, Sie hege, gleich dem Juͤngling, Feu'r; Nur ſchalkheitsvolle Heuchelei deck's: Im Dunkeln ſey ihr Kuß nicht theu'r. ht 2 re ie n ine ſa, cht ich⸗ zeit in⸗ ten enn Zehnte Novelle. 93 mal, um die Ehe zu vollziehen, ſie zu beruͤhren, aber es fehlte nicht viel, ſo haͤtte er doch nur blin⸗ den Laͤrm gemacht. Indeſſen, am andern Morgen mußte er, weil er mager und duͤrr war und keinen Athem hatte, mit Wein, ſtaͤrkenden Mitteln und an⸗ dern Arzeneien wieder ins Leben zuruͤckgebracht wer⸗ den. Nun ſing unſer Herr Richter, der ſeine Kraͤfte hoͤher angeſchlagen hatte, als ſie waren, an, ihr einen Kalender zu lehren, der fuͤr Kinder gut ſeyn kann, die erſt anfangen zu leſen, und wie er viel⸗ leicht wol in Ravenna uͤblich ſeyn mag; denn nach ſeinen Lehren war kein Tag im Jahre, der nicht vloß Ein Feſt, ſondern mehrere gehabt hätte, zu deren heiliger Feier Mann und Frau aus verſchiede⸗ nen Gruͤnden dergleichen Gemeinſchaft ſich enthalten muͤßten; hierzu kamen noch die Faſten, die vier Zeiten, die apoſtoliſchen Vigilien und tauſend anderer Heiligen, die Freitage und Sonnabende, die Sonn⸗ tage des Herrn und die ganze Faſtenzeit, dann noch gewiſſe Zeitpunkte des Mondes und viele andere Aus⸗ nahmen, indem er vielleicht glaubte, daß es ſich eben ſo gut ſchicke, ſolche Ferien mit den Frauen im Bette, als in den Gerichtshoͤfen beim Prozeſſiren zu machen. Und nicht ohne großen Kummer der Fran, der es hoͤchſtens im Monate ein Mal nur einfiel, beobachtete er dieſe Sitte lange Zeit, immer aber wohl darauf ſehend, daß ſie nicht etwa durch einen andern die Werktage kennen lernte, wie er ihr die Feiertage kennen gelehrt hatte. Als nun einmal die Hitze ſehr groß war, kam 94 Zweiter Tag. Herrn Richard die Luſt an, zum Vergnuͤgen auf ſein ſchoͤnes Landgut, in der Naͤhe des Monte Nero, zu gehen, und, um die Landluft zu genießen, dort ei⸗ nige Tage zu verweilen und ſeine Frau mit dahin zu nehmen. Als ſie ſich hier aufhielten, ließ er ei⸗ nes Tages, um ihr ein Vergnuͤgen zu machen, ſiſchen, wozu ſie auf zwei Barken, er mit den Fiſchern auf der einen, ſie mit andern Frauen auf der andern, hinfuhren; und da das Vergnuͤgen ſie immer weiter lockte, fuhren ſie, ohne es ſelbſt gewahr zu werden, einige Miglien ins Meer hinein. Waͤhrend ſie hier ganz aufmerkſam zuſahen, erſchien ploͤtzlich eine Ga⸗ leotte des Paganinoda Mare, eines damals beruͤhm⸗ ten Corſaren; als dieſer die Barken erblickte, ſtenerte er auf ſie zu, welche aber nicht ſo ſchnell entfliehen konnten, daß nicht Paganin die, auf welcher die Frauen waren, erreicht haben ſollte. Da er auf die⸗ ſer die ſchoͤne Frau erblickte, nahm er ſie, im An⸗ geſicht Meſſer Richards, der ſchon auf dem Lande war, in ſeine Galeotte und ſegelte mit ihr davon. Ob der Herr Richter, der ſo eiferſuͤchtig war, daß er die Luft ſelbſt furchtete, als er dies ſah, dar⸗ üͤber betruͤbt war, bedarf keiner Frage. Ohne Nutzen beklagte er ſich ſowohl in Piſa, als auch anderwaͤrts über die Bosheit der Corſaren, ohne daß er wußte, wer ihm ſeine Frau geraubt, und wohin er ſie ge⸗ bracht habe. Paganino war, da er fand, daß ſie ſo ſchoͤn war, ganz außer ſich, dachte, weil er keine Frau hatte, ſie als ſolche bei ſich zu behalten, und fing —,—— n, uf n, n, er G* n⸗ rte en ie⸗ n⸗ de ar, ar⸗ zen rts te, ge⸗ hoͤn rau ing Zehnte Novelle. 95 nach und nach an, ihr, die laut weinte, Troſt ein⸗ zuſprechen. Als nun die Nacht herangenaht, und ihm der Kalender aus dem Guͤrtel gefallen, zu glei⸗ cher Zeit aber auch alle Feſt- oder Feiertage aus dem Sinne gekommen waren, fing er an, ſie mit Thaten zu troͤſten, da es ihm ſo vorkam, als haͤt⸗ ten ſeine Worte am Tage wenig geholfen. Auf ſol⸗ che Art beruhigte er ſie dergeſtalt, daß, ehe ſie noch nach Monaco gekommen waren, der Richter, ſammt ſeinen Geſetzen ihr ebenfalls aus dem Gedaͤchtniß entfallen war, und ſie mit Paganino auf die froͤh⸗ lichſte Art von der Welt zu leben anfing. Nachdem er ſie denn wirklich nach Monaco gefuͤhrt hatte, hielt er ſie, außer den Troͤſtungen, die er ihr Tag und Nacht gab, ganz ehrenvoll wie ſeine Fräu. Als darauf nach einiger Zeit dem Meſſer Ri⸗ chard zu Ohren gekommen war, wo ſeine Frau waͤre, fuͤhlte er ein brennendes Verlangen nach ihr, meinte aber, es koͤnne keiner beſſer als er das ausfuͤhren, was dazu noͤthig ſey, und deshalb beſchloß er ſelbſt, ſich zu ihr auf den Weg zu machen, feſt entſchlof⸗ ſen, zu ihrer Loskaufung jede Summe Geldes anzu⸗ wenden. Er ging daher zur See nach Monaco, und da ſah er ſie und ſie ihn. Am Abend erzahlte ſie es Paganino wieder, und unterrichtete ihn von ihrem Vorhaben. Am folgenden Morgen beſuchte Meſſer Richard Paganino, ließ ſich mit ihm ins Geſpraͤch ein, und ward in weniger als einer Stunde gegen ihn ganz vertraut und freundſchaftlich; Paganino aber ſtellte Zweiter Tag. ſich, als kenne er ihn gar nicht, und wartete nur, wo das hinaus ſollte. Als daher Meſſer Richard meinte, jetzt moͤchte es wol Zeit ſeyn, entdeckte er ihm auf eine ſo freundliche Art, wie er nur konnte, den Grund, aus welchem er hergekommen waͤre, bat ihn, er moͤchte fordern, was er wollte, nur moͤchte er ihm ſeine Frau wieder zuruckgeben. Mit froͤhlichem Geſichte antwortete ihm Paga⸗ nino: Seyd mir willkommen, lieber Herr, und laßt Euch in kurzer Antwort dienen, wenn ich Euch ſage: Es iſt wahr, ich habe eine junge Dame im Hauſe, ob es aber Eure oder eines andern Frau iſt, das weiß ich nicht, denn ich kenne Euch gans und gar nicht, und ſie auch nicht weiter, als ſeitdem ſie ei⸗ nige Zeit bei mir ſich aufgehalten hat Seyd Ihr ihr Mann, wie Ihr ſagt, ſo will ich, da Ihr mir ein artiger, edler Mann zu ſeyn ſcheint, Euch zu ihr fuͤhren, und ich bin gewiß, ſie wird Euch ſo⸗ gleich wieder erkennen. Sagt ſie, daß ſich die Sa⸗ che ſo verhaͤlt, wie Ihr ſagt, und will ſie mit Euch gehen, ſo könnt Ihr, bloß wegen Eurer Artigkeit, zum Loͤſegeld fuͤr ſie geben, was Ihr ſelber wollt; verhält ſich die Sache aber nicht ſo, ſo waͤre es ſehr unartig von Euch, wenn Ihr ſie mir nehmen woll⸗ tet. Ich bin ſelbſt ein junger Mann, und kann eben ſo gut, wie jeder andere, eine Frau haben, und be⸗ ſonders dieſe, die ſo liebenswuͤrdig iſt, wie ich keine andere je geſehen habe. Darauf ſagte Meſſer Richard: Ganz gewiß, es iſt meine Frau, wenn Du mich nur hinfuͤhrſt, wo in r e, t te — ßt e⸗ as ar ei⸗ hr ir zu ſo⸗ uch it, ehr oll⸗ ben be⸗ ine viß, wo gehnte Novelle. 97 ſie iſt, ſo ſollſt Du es bald ſehen, denn ſie faͤllt mir gewiß ſogleich um den Hals; und darum ver⸗ lange ich gar nicht, daß es anders, als Du es ſelbſt beſtimmt haſt, ſeyn moͤge. So wollen wir gehen, ſagte Paganino. Sie gingen hierauf nach Paganino's Hauſe, und ſobald ſie ſich in einem Saale befanden, ließ Paga⸗ nino ſie rufen. Sie kam, nett gekleidet, aus einem Zimmer dahin, wo Meſſer Richard und Paganino ſich befanden; aber ſie ſprach mit Meſſer Richard kein anderes Wort, als ſie mit jedem andern Frem⸗ den geſprochen haben wuͤrde, der mit Paganino nach ſeinem Hauſe gekommen waäre. Als der Richter, der da erwartete, von ihr mit vielen Freuden empfangen zu werden, dies ſah, verwunderte er ſich ſehr und ſagte bei ſich ſelbſt: vielleicht hat mich der Truͤb⸗ ſinn und der lange Schmerz, den ich uͤber ihren Verluſt empfunden habe, ſo entſtellt, daß ſie mich nicht wieder erkennt. Daher ſagte er zu ihr: Frau, ſehr theuer kommt es mir zu ſtehen, Dich zum Fiſch⸗ fang gefuͤhrt zu haben, denn einen aͤhnlichen Schmerz habe ich nie gefuͤhlt, als den ich ſeitdem fuͤhle, daß ich Dich verloren habe; und Du ſcheinſt mich gar nicht wieder zu erkennen, ſo fremd ſprichſt Du mit— mir. Siehſt Du denn nicht, ich bin Dein Meſſer Richard, der hergekommen iſt, fuͤr Dich Alles zu bezahlen, was der brave Mann nur fordern wird, in deſſen Hauſe wir jetzt uns befinden, damit ich Dich wieder habe und wieder mit zuruͤcknehmen kannz Voccaccio's ſaͤmmtl. W. 2. 7 98 Zweiter Tag. und er will auch ſo guͤtig ſeyn, Dich mir fur das, was ich ſelbſt beſtimme, wiederzugeben. Die Frau wandte ſich zu ihm und ſagte mit ei⸗ nem ſpoͤttiſchen Laͤcheln: Mein Herr, ſprechen Sie mit mir? Sehen Sie ſich vor, daß Sie mich nicht verwechſeln, denn ich, meines Theils, erinnere mich nicht, Sie jemals geſehen zu haben. Meſſer Richard verſetzte: Sieh Du Dich vor bei dem, was Du ſprichſt, plicke mich doch nur ein⸗ mal recht an, und wenn Du Dich dann erinnern willſt, ſo wirſt Du gewiß ſehen, daß ich Dein Ri⸗ chard von Chinzika bin. Die Frau ſagte: Mein Herr, verzeihen Sie mir, es iſt wol eben nicht ſo ſchicklich fuͤr mich, wie Sie es ſich einbilden, Sie viel anzuſehen; allein ich habe Sie deſſen ungeachtet ſo viel angeſehen, daß ich vollig uberzeugt bin, ich habe Sie nie geſehen⸗ Meſſer Richard glaubte, ſie thaͤte dies aus Furcht vor Paganino, daß ſie in deſſen Gegenwart nicht ge⸗ ſtehen wollte, ihn zu erkennen, und bat daher Pa⸗ ganino um die Gefaͤlligkeit, ihm zu erlauben, daß er in einem Zimmer allein mit ihr reden koͤnnte. Paganino ſagte, daß er ganz aufrichtig damit zufrieden waͤre, nur muͤſſe er ihr nicht wider ihren Willen einen Kuß geben wollen; und gebot daher der Frau, ſie moͤchte mit ihm in ein Zimmer gehen, horen, was er ihr ſagen wollte, und ihm antworten, was ihr gefiele. Nachdem ſie alſo, die Frau und Meſſer Richard⸗ gllein in ein Zimmer gegangen waren und ſich da⸗ ſelb zu ſuße Dei liebt denr ein noch ſehr nicht char bei nicht ſen, doch viel und ſen, und nach War als mir wohl Feſte tage Ihr ſo vi as, ei⸗ Sie icht mich vor ein⸗ nern Ri⸗ Sie wie nich daß en. urcht ht ge⸗ Pa⸗ daß damit ihren daher gehen, vorten, ichard, ch da Zehnte Novelle. 99 ſelbſt niedergeſetzt hatten, fing Meſſer Richard alſo zu ſprechen an: O Du Herz meines Koͤrpers, meine ſüße Seele, meine Hoffnung, ietzt auch willſt Du Deinen Richard nicht wieder kennen, der Dich mehr liebt als ſich ſelbſt? wie iſt das moͤglich? bin ich denn ſo veraͤndert? Liebliches Ange, ſieh mich doch ein wenig nur an! Da fing die Frau an zu lachen, und ohne ihn noch weiter reden zu laſſen, ſagte ſie: Ihr wißt ſehr wohl, daß ich nicht ſo vergeßlich bin, Euch nicht wieder zu erkennen, denn Ihr ſeyd Meſſer Ri⸗ chard von Chinzika, mein Mann; aber, als ich bei Euch war, thatet Ihr, als wenn Ihr mich gar nicht kenntet, denn wenn Ihr damals geſcheit gewe⸗ ſen, oder wenn Ihr es jetzt noch waͤret, wie Ihr doch dafuͤr angeſehen ſeyn wollt, ſo mußtet Ihr ſo viel Verſtand haben, einzuſehen, daß ich jung, friſch und froͤhlich bin, und folglich auch mußtet Ihr wiſ⸗ ſen, daß junge Frauen mehr verlangen, als zu eſſen und ſich zu kleiden, wenn ſie es auch gleich aus Schamhaftigkeit nicht ſagen; und das wißt Ihr, nach Euren Handlungen zu urtheilen, ſehr wohl. War Euch aber das Studiren in den Geſetzen lieber, als die Frau, ſo mußtet Ihr keine nehmen; ob es mir gleich ſo vorkommt, als waͤret Ihr nicht ſo⸗ wohl ein Richter, als vielmehr ein Verkuͤndiger der Feſte und Feiertage, ſo gut wußtet Ihr die Faſt⸗ tage und die Vigilien. uUnd ich ſage Euch, wenn Ihr die Arbeiter, die Eure Beſitzungen bearbeiten, ſo viel Faſttage haͤttet machen laſſen, als Ihr den⸗ —* ———— 100 Zweiter Tag. den v jenigen habt machen laſſen, der mein kleines Feld⸗ chen zu bearbeiten hatte, ſo haͤttet Ihr von all' S Eurem Getreide auch nicht ein Korn eingeerntet„ Gluͤcklicherweiſe habe ich nach Gottes Willen den z Sh getroffen, der mitleidig auf meine Jugend herab⸗ geſehen hat, mit dieſem lebe ich hier in dieſem Zim⸗ mer, in welchem man nicht weiß, was Feſttage ſind. (ich meine ſolche Feſttage, die Ihr, mehr Gott, als Bin dem Dienſte der Frauen ergeben, ſo andaͤchtig feierth, ferner kommt zu dieſer Thuͤre jemals weder ein Sab⸗ bath, noch ein Freitag, noch eine Vigilie, noch die Ft vier Zeiten, noch die Faſten, welche beſonders ſehr e lange dauerten, herein, vielmehr wird Tag und 3 Racht hier gearbeitet und das Eiſen geſchmiedet;. und wenn es auch gleich dieſe Nacht Fruͤh⸗Metten gelaͤutet hat, ſo weiß ich doch ſchon aus Erfahrung, wie das zu nehmen iſt. Daher denke ich bei ihm zu 5 pleiben und mit ihm zu arbeiten, ſo lange ich noch tung bin; die Feſte, den Ablaß und die Faſten aber he zu halten, das will ich verſparen, bis ich alt ſeyn werde. Daher geht in Gottes Namen, je e ſeynz lieber, und haltet ohne mich Feſttage, ſo viel es Euch gefaͤllt. n Als Meſſer Richard dieſe Worte hoͤrte, empfand änaſt er unertraͤglichen Schmerz, und ſagte, da er merkte, daß ſie ſchwieg: Ach, meine ſuͤße Seele, was ſind inp das fuͤr Worte, die Du eben geſprochen haſt? Be⸗ Sun venkſt Du nicht mehr die Ehre Deiner Eltern und 185 Deine eigene? Willſt Du denn lieber hier die Bei⸗ e ſchlaferin dieſes Menſchen ſeyn, und in Tod⸗ Suͤn⸗ Feld⸗ n al⸗ erntet. den an⸗ herab⸗ m Zim⸗ ge ſind ott, als feierth, in Sab⸗ noch die ers ſehr a n miedet; Metten fahrung, ihm zu ich noch ten aber alt ſeyn eher, je viel es empfand merkte, was ſind ſt? Be⸗ tern und die Bei⸗ Zehnte Novelle. 101 den verharren, als in Piſa meine Frau ſeyn? Der wird Dich, wenn er Dich wird uͤberdruͤſſig haben, zu Deiner eigenen Schande fortjagen; ich wuͤrde Dich immer lieb haben und immer, ſelbſt wenn ich nicht mehr wollte, wuͤrdeſt Du Frau in meinem Hauſe bleiben. Willſt Du denn, dieſer verkehrten und unanſtaͤndigen Neigung wegen, Deine Ehre ver⸗ laſſen, mich verlaſſen, der ich Dich mehr als mein Leben liebe? O Du meine einzige Hoffnung, ſprich nicht mehr ſo, komm mit mir! Ich will mich von jetzt an, nachdem ich Dein Begehren kennen gelernt habe, zwingen, und darum, Liebchen, aͤndere Dei⸗ nen Entſchluß, komm mit mir, der ich kein Gluͤck mehr kenne, ſeitdem Du mir genommen biſt. Hierauf antwortete die Frau: Was meine Ehre betrifft, ſo glaube ich, es kann kein Menſch daruͤber empfindlicher ſeyn, als ich, waͤren es nur meine El⸗ tern eben ſo geweſen, als ſie mich Euch zur Frau gaben; waren ſie es nun damals nicht fuͤr meine, ſo bin ich auch nicht geſonnen, es jetzt fuͤr ihre zu ſeyn; und wenn ich jetzt auch in eine Tod⸗Suͤnde verfalle, ſo laſſe ich mich wie ein hungriges Voͤgel⸗ chen mit einem Stoͤßer fuͤttern. Seyd darum nicht ängſtlicher fuͤr mich beſorgt. Ich ſage Euch ferner, hier glaube ich Paganino's Frau zu ſeyn, hingegen in Piſa wuͤrde ich mir wie Eure Beiſchlaͤferin vor⸗ kommen, wenn ich bedenke, daß durch die Aſpekten des Mondes und durch geometriſche Zirkel erſt zwi⸗ ſchen Euch und mir die Planeten mußten vereinigt werden, wogegen Paganino mich hier die ganze Nacht — ———— 102 Zweiter Tag. im Arme haͤlt, mich druͤckt, mich beißt und mir mit⸗ ſpielt, daß es Gott bekannt iſt. Noch ſagt Ihr, daß Ihr Euch zwingen wollt: ja, aber wozu?.... 2 Ich weiß es, ſeitdem ich Euch nicht geſehen habe, ſeyd Ihr ein gar tapferer Ritter geworden. Geht doch, und zwingt Euch einmal, zu leben, denn ſeitdem Ihr hier nur ſo hausinne wohnt, ſcheint Ihr mir noch weit ſchwindſuͤchtiger und abgemergelter, als je geworden zu ſeyn. Auch ſage ich Euch noch, daß, wenn dieſer jemals mich verlaſſen ſollte, wozu er mir aber noch gar nicht geneigt zu ſeyn ſcheint, wenn ich nur bleiben will, es mir doch nie in den Sinn kommen wuͤrde, jemals zu Euch wieder zuruck⸗ zukehren, aus dem ich, wenn ich Euch auch ganz und gar zerdruͤckte, doch nicht einen Tropfen Naß herauspreſſen wuͤrde. und weil ich denn nun zu mei⸗ nem groͤßten Schaden und Nachtheil bei Euch gewe⸗ ſen bin, ſo will ich mein Fortkommen anderwärts ſuchen. Darum ſage ich es Euch nochmals, hier iſt weder Feſttag noch Vigilie, und darum bleibe ich hier. und nun geht, ſobald Ihr nur konnt, mit Gott; wo nicht, ſo fang' ich an zu ſchreien, als haͤttet Ihr mir Gewalt anthun wollen. Da Meſſer Richard merkte, daß es hier gefähr⸗ lich mit ihm ſtände, und ſeine Thorheit, als ein Schwaͤchling eine junge Frau genommen zu haben, einſah, verließ er betruͤbt und traurig das Zimmer, und machte gegen Paganino noch viel Worte, die aber auch nicht ſo viel halfen. Endlich ver⸗ ließ er, ohne noch was anderes zu unternehmen, mit⸗ Ihr, ſehen rden. denn t Ihr elter, noch, wozu heint, den uruͤck⸗ ganz Naß tmei⸗ gewe⸗ waͤrts er iſt be ich mit als efaͤhr⸗ s ein haen, mmer, „ die er⸗ hmen, Zehnte Novelle. 103 die Frau, und kehrte nach Piſa zuruͤck; hier verfiel er aus Gram in ſolche Narrheit, daß er in Piſa herumging, und Jedem, der ihn gruͤßte oder warum befragte, nichts anders, als: Ein ſchlechtes Loch will immer gebohrt ſeyn, zur Antwort gab. Er ſtarb näch nicht lanzer Zeit darauf. Da Paganino dies hoͤrte, und wußte, wie ſehr die Frau ihn liebte, heirathete er ſie als ſeine recht⸗ maͤßige Frau, und ohne ſich an Feſttage und Vigi⸗ lien zu kehren, oder Faſttage zu halten, arbeiteten ſie, ſo lange die Beine ſie nur tragen konnten, und machten ſich gute Tage; daher, lieben Maͤdchen, ſcheint es mir, als hätte ſich Herr Bernhard bei ſeinem Disput mit Ambroſius eine dreifache Naſe drehen laſſen.* Dieſe Novelle gab der ganzen Geſellſchaft ſo viel zu lachen, daß auch nicht Einer ddrunter war, dem nicht die Kinnladen wehe gethan haͤtten; und alle Maͤdchen ſtimmten darin uͤberein, daß Dioneus Recht habe, und Bernhard ein Eſel geweſen wäre. Da aber die Novelle beendigt war, und das La⸗ chen aufgehoͤrt hatte, ferner die Königin ſah, daß es ſchon ſpaͤt waͤre, Alle erzäͤhlt haͤtten und auch das Ende ihrer Herrſchaft gekommen ſey, nahm ſie, nach hergebrachter Ordnung, ſich den Kranz vom Kopfe, und ſetzte mit froͤhlichem Geſichte ihn Neiphilen auf, indem ſie ſagte: Nun, liebe Freundin, ſey die Regierung dieſes kleinen Volkchens Dein, und hierauf ſetzte ſie ſich wieder nieder. Neiphile errothete ein wenig uͤber die empfan⸗ 104 Zweiter Tag. gene Ehre, und ward im Geſichte, wie eine junge Roſe im April oder Mai ſich beim Anbrechen des Tages zeigt, mit feurigen Augen, die zwar glaͤnzend, nicht anders, als der Morgenſtern, doch aber ein wenig geſenkt waren. Allein, nachdem das ehrenvolle Ge⸗ murmel der umſtehenden, worin ſie ihre Zufrieden⸗ heit uber ihre Koͤnigin ſo froͤhlich ausſprachen, ſich etwas gelegt, und ſie wieder Muth gefaßt hatte, hub ſie, ein wenig vornehmer als gewoͤhnlich ſitzend, an: Weil es denn einmal nun ſo iſt, daß ich Eure Königin bin, ſo will ich mich von der Gewohnheit, welche diejenigen gehalten haben, die vor mir gewe⸗ ſen ſind, und deren Regierung Ihr durch Euren Ge⸗ horſam gebilligt habt, nicht entfernen, und Euch in wenig Worten meine Meinung darlegen, welcher, wenn ſie durch Euren Beſchluß wird gebilligt ſeyn, wir folgen wollen. Wie Ihr wißt, iſt morgen Frei⸗ tag, und der dann folgende Tag Sonnabend. Tage, welche durch die Speiſen, die man dann zu genießen pflegt, vielen Voͤlkern ein wenig verhaßt ſind, nicht zu gedenken, daß doch der Freitag, in Hinſicht deſ⸗ ſen, daß an dieſem Tage Derjenige, der fuͤr unſer Leben ſtarb, ſeine Leiden trug, der Verehrung wohl wurdig iſt. Daher wuͤrde ich es fur gerecht und an⸗ ſtaͤndig halten, daß wir zur Ehre Gottes lieber Pre⸗ digten als Novellen anhoͤrten. Und da an dem fol⸗ genden Sonnabend es Gebrauch iſt, daß die Frauen ſich den Kopf waſchen, allen Staub und Unrath von ſich ſchaſſen, der ſich durch die Arbeiten die ganze — o—— e O 2.— ₰ 8)— c —+ ————„———+— c„— ge es d, rig e⸗ en⸗ ich te, nd, ure eit, we⸗ Se⸗ in er, yn, rei⸗ ige, ßen icht deſ⸗ nſer oh an⸗ Pre⸗ fol⸗ men von anze Zehnte Novelle. 105 vergangene Woche hindurch bei ihnen angeſammelt hat; auch wol viele zur Ehre der jungfraͤulichen Mutter des Sohnes Gottes zu faſten, und uͤberdies noch zur Ehre des kommenden Sonntags von aller Arbeit vorher auszuruhen pflegen; ſo halte ich, da wir doch die von uns ergriffene Lebensart an dieſem Tage nicht vollkommen fortſetzen koͤnnen, es auf eine aͤhnliche Art fuͤr ſehr wohl gethan, wenn wir an dieſem Tage mit Erzaͤhlen ruhen. Ferner, da wir hier nun ſchon vier Tage verweilt haben, und wir dem aus dem Wege gehen wollen, daß kein Fremder mehr zu uns ſtoßen ſoll, ſo halte ich es fuͤr ſehr zutraͤglich, uns von hier fortzumachen, und anders wohin zu gehen; wohin, das habe ich ſchon bedacht und vorgeſehen. Wenn wir daher am Sonntag, nachdem wir ausgeſchlafen haben, wieder verſam⸗ melt ſeyn werden, ſo denke ich, da wir heute ein weites Feld gehabt haben, uns uͤber Verſchiedenes zu unterhalten, theils weil Ihr mehr Zeit haben werdet zum Nachdenken, theils weil es auch weit beſſer ſeyn wird, daß die Freiheit, zu erzaͤhlen, ein wenig eingeſchraͤnkt werde, ſo denke ich, wir ſpraͤ⸗ chen uͤber einen der vielen Gluͤckszufaͤlle; und zwar koͤnnte es wol der ſeyn, wie Jemand etwas heiß Erſehntes mit Muͤhe erhalten, oder das Verlo⸗ rene wieder bekommen hat. Ein Jeder denke nun daruͤber nach, etwas zu ſagen, was der Geſell⸗ ſchaft nuͤtzlich oder erfreulich ſeyn koͤnnte, mit Aus⸗ nahme indeſſen des dem Dioneus zugeſtandenen Vor⸗ rechts. 106 Zweiter Tag. Ein Jeder lobte die Worte und die Einrichtung der Koͤnigin, und ſie beſchloſſen, daß es ſo ſeyn ſollte. Nachdem ſich dieſelbe ihren Seneſchall hatte ru⸗ fen laſſen, gab ſie ihm vollkommen an, wo er fur die⸗ ſen Abend die Tiſche hinſetzen, und was er alsdann noch auf die ganze Zeit ihrer Herrſchaft thun ſollte; dann ſtand ſie mit ihrer ganzen Geſellſchaft auf, be⸗ urlaubte ſie, und ſtellte es einem Jeden frei, zu thun, was ihm beliebte. Die Frauen und die Maͤnner nahmen daher ihren Weg nach einem Garten hin, und nachdem ſie ſich dort ein wenig beluſtigt hatten, und die Stunde zum Abendeſſen gekommen war, aßen ſie vergnuͤgt und froͤhlich zu Abend. Sobald ſie vom Tiſche aufge⸗ ſtanden waren, fuͤhrte, ſo wie es der Koͤnigin gefiel, Emilie den Tanz an, waͤhrend Pampinea, mit den Andern abwechſelnd, dazu ſang. Endlich aber glaubte die Koͤnigin, es waͤre Zeit, ſich zur Ruhe zu begeben, daher ging ein Jeder bei vorgetragenem Lichte, nach ſeinem Zimmer; indeſſen die beiden folgenden Tage feierten ſie auf die Art, wie es die Koͤnigin vorher beſtimmt hatte, und erwarteten ſehn⸗ ſuchtsvoll den Sonntag. —— an welchem, unter Neiphilens Regierung, von denen ge⸗ ſprochen ward, die nach irgend etwas ſehr verlangten, es mit Muͤhe erhielten, oder das Verlorene wieder bekamen. Scon fing die purpurgeroͤthete Aurora an, beim Annaͤhern der Sonne ſich goldgelb zu färben, als die Koͤnigin ſich am Sonntage erhob, und ihre ganze Geſellſchaft aufſtehen hieß; da ferner der Seneſchall lange vorher ſchon mehreres, was noͤthig war, und auch einen, der alles das, was ſie bedurften, da zubereiten ſollte, wo ſie hingehen wollten, hinge⸗ ſandt hatte, er auch uͤberdies ſchon die Koͤnigin ſich auf den Weg machen ſah, ſo ließ er ſchnell noch al⸗ les andere zuſammenpacken, und zog mit der Ba⸗ gage, ſo, als wenn ein Lager aufbricht, fort; er ſelbſt aber blieb mit der Dienerſchaft in der Naͤhe der Damen und Herren. Die Koͤnigin, mit langſa⸗ men Schritten begleitet und gefolgt von ihren Da⸗ men und den drei Herren, und unter der Leitung des Geſanges von wol zwanzig Nachtigallen und andern Vogeln, nahm auf einem nicht ſehr beſuchten Fuß⸗ wege, aber voll von Kraͤutern und Blumen, die ſich der kommenden Sonne erſchloſſen, den Weg nach Abend zu, und ſchaͤkernd, ſcherzend und lachend mit ihrer Geſellſchaft, fuͤhrte ſie ſie, ohne daß ſie wei⸗ 108 Dritter Tag. ter als etwa zweitauſend Schritte gegangen waren⸗ noch vor halb neun Uhr nach einem ſchoͤnen und rei⸗ chen Pallaſte, der von der Ebene etwas erhoͤhet auf einem Huͤgel lag. Als ſie darin eingetreten, allent⸗ halben herumgegangen waren, und die großen Saͤle, die reinlichen und geſchmuͤckten Zimmer, die mit al⸗ lem angefullt waren, was zu einem Zimmer gehoͤrt, betrachtet hatten, lobten ſie alles außerordentlich und hielten den Beſitzer von allem dieſem fuͤr einen ſehr reichen Mann. Hernach ſtiegen ſie hinab, und nach⸗ dem ſie den geraͤumigen, freundlichen Hof, die Kel⸗ ler, voll der ſchoͤnſten Weine, und das kuͤhle Waſ⸗ ſer, was hier in ſolcher Menge hervorgnoll, betrach⸗ tet hatten, lobten ſie ihn noch weit mehr. Dann ſetzten ſie ſich, als waͤren ſie nach Ruhe begierig, auf einen Balkon, von welchem herab man den gan⸗ zen Hof uͤberſehen konnte, auf welchem alles mit ſolchen Blumen, wie ſie die Jahreszeit mit ſich brachte, und mit Zweigen erfullt war; hierauf kam der beſcheidene Seneſchall, der ſie mit dem koͤſtlich⸗ ſten Gebackenen und den ſchoͤnſten Weinen empfing und erquickte. Nach allem dieſen ließen ſie ſich den Garten eroͤffnen, er lag dem Pallaſte zur Seite, und traten in denſelben ein, der rings umher mit einer Mauer umgeben war. Da er ihnen allen gleich bei ihrem erſten Eintritt von einer wundervollen Schoͤn⸗ heit zu ſeyn ſchien, fingen ſie an, die einzelnen Theile deſſelben aufmerkſamer zu betrachten. Breite Wege, alle gerade wie Pfeile und mit Weinlauben bedeckt, welche in dieſem Jahre hinlaͤnglich Trauben Dritter Tag. 109 zu geben ſchienen, liefen rings um ihn herum, und durchſchnitten ihn in der Mitte in viele Theile al⸗ les ſtand in der Bluͤthe und verbreitete durch den ganzen Garten einen ſolchen Geruch, daß es ſchien, als wenn er, vermiſcht mit dem der vielen anderen Sachen, die den ganzen Garten durchdufteten, aus all' den Spezereten beſtaͤnde, welche der Orient nur vervorbringt. Die Raͤnder dieſer Wege waren alle mit weißen und rothen Roſenſtoͤcken und Jasmin eingefaßt, daher konnte man, nicht nur des Mor⸗ gens, ſondern wenn die Sonne auch noch ſo hoch ſtand, unter dieſem duftenden und erfreulichen Schat⸗ ten, ohne von ihren Strahlen getroffen zu werden, allenthalben dahin wandeln. Wie viel und was fuͤr Pflanzen, und wie geor net ſie waren, wuͤrde zu weitlaͤufig zu erzaͤhlen ſeyn; aber es gibt keine lo⸗ venswuͤrdige, welche unſern Himmelsſtrich vertraͤgt, und nicht im überfluß da geweſen wäre. Mitten in dieſem Garten lag, was nicht weniger, ja vielmehr noch ſchaͤtzbarer war als alles andere, was ſich dar⸗ in befand, eine Wieſe voll der zarteſten Kraͤuter, und ſo gruͤn, daß ſie beinahe ſchwarz zu ſeyn ſchien, geſchmuͤckt mit wohl tauſenderlei mannichfaltigen Blumen, ringsum eingeſchloſſen von gruͤnen, leben⸗ digen Pomeranzen und Eitronen, welche, da ſie alte und neue Fruͤchte und ſogar auch Bluͤthen trugen, nicht allein dem Auge einen angenehmen Schatten, ſondern auch dem Geruche ein Vergnügen gewaͤhrten. Mitten auf dieſer Wieſe war ein Springbrunnen von weißem Marmor, mit wundervollem Schnitzwerk ein⸗ 110 Dritter Tag. gefaßt. Dort ſprang, ich weiß nicht, ob durch Kunſt oder von Natur, aus einer Figur, welche in der Mitte auf einer Saͤule aufgerichtet ſtand, ſo viel Waſſer und ſo hoch gen Himmel, daß es als⸗ dann wieder mit einem ergoͤtzlichem Geplaͤtſcher in die ſo klare Quelle zuruͤckfiel, daß eine Muͤhle zum Mahlen weniger noͤthig gehabt haͤtte. Dieſes Waſ⸗ ſer, ich meine das, was der Brunnen als uͤberfluͤſ⸗ ſig nicht faſſen konnte, ſtroͤmte auf einem verborge⸗ nen Wege auf der Wieſe heraus, und, durch kleine niedliche Kanaͤle, die ſehr kuͤnſtlich gemacht wa⸗ ren, hervorgekommen, lief es rings um die Wieſe herum, floß in aͤhnlichen kleinen Kanaͤlen durch den ganzen Garten, und ſammelte ſich irgend⸗ wo wieder, wo es ſeinen Ausgang aus dem ſchoͤ⸗ nen Garten fand; von hier lief es nach der Ebene hin, und trieb aber, ehe es dahin kam, mit der groͤßten Kraft zu nicht geringem Vortheil des Herrn, zwei Muͤhlen. Der Anblick dieſes Gartens und die ſchoͤne Ordnung in demſelben, die Pflanzen und die Springbrunnen, mit denen da herauslaufenden Baͤ⸗ chen, geſiel jedem Maͤdchen und den drei jungen Männern ſo ſehr, daß ſie alle in die Bekraͤftigung ansbrachen: wenn ein Paradies auf Erden gebildet werden ſollte, ſo wuͤßten ſie nicht, ob ihm eine an⸗ dere Geſtalt, als die dieſes Gartens, gegeben werden durfte, indem ſie es ſich uͤberdies gar nicht denken rönnten, daß ihm noch eine Schoͤnheit konne hinzu⸗ gefuͤgt werden. Da ſie nun ſehr zufrieden hier umhergingen, ſich Dritter Tag. 111 aus verſchiedenen Blumenzweigen ſchoͤne Kraͤnze floch⸗ ten, waͤhrend ſie die mannichfaltigſten Geſaͤnge der Voͤgel, als wenn dieſe gleichſam um die Wette ſaͤn⸗ gen, hoͤrten, bemerkten ſie noch eine ganz vorzuͤgliche Schoͤnheit, die ſte, uͤberraſcht von den andern, noch gar nicht bemerkt hatten. Sie ſahen naͤmlich den Garten wol mit hunderterlei Arten von ſchoͤnen Thie⸗ ren angefuͤllt, und machten ſich einander darauf auf⸗ merkſam, wie hier Kaninchen hervorkamen, dort Ha⸗ ſen ſprangen, dort Rehe lagen, und anderswo junge Hirſche weideten, und außer dieſen noch vielerlei Ar⸗ ten unſchaͤdlicher Thiere, jedes nach ſeinem Gefallen, wie Hausthiere, zum Vergnuͤgen herumliefen. Alles dies, außer den andern Freuden, erhoͤhete ihr Ver⸗ gnuͤgen nur noch um ſo mehr. Indeſſen, da ſie bald dieſes, bald jenes beſe⸗ hend, genug herum gegangen waren, ließen ſie die Tiſche um die ſchoͤne Quelle herum ſetzen, und nach⸗ dem ſie hier ſechs Canzonetten geſungen, und einige Taͤnze aufgefuͤhrt hatten, fingen ſie, nach Gefallen der Koͤnigin, an zu ſpeiſen. Mit ſchoͤnen und feinen Speiſen auf eine große, ſchoͤne und ruhige Weiſe bedient, und nach und nach immer froͤhlicher gewor⸗ den, ſtanden ſie auf und tanzten zur Muſik und zum Geſang noch einige Taͤnze, bis es der Koͤnigin, bei der zunehmenden Hitze, Zeit zu ſeyn ſchien, daß ein Jeder, wenn es ihm gefiele, Mittagsruhe halten koͤnnte. Es gingen daher Einige fort, Andere, zu ſehr von der Schoͤnheit des Ortes angezogen, wollten Dritter Tag⸗ nicht fortgehen, ſondern blieben da und laſen Ro⸗ mane, ſpielten Schach oder Dame, waͤhrend die An⸗ dern ſchliefen. Nachdem ſie aber nach drei Uhr Nachmit⸗ tags aufgeſtanden waren, und ſie ſich das Geſicht mit friſchem Waſſer gewaſchen hatten, kamen ſie, wie es der Koͤnigin beliebt hatte, auf der Wieſe an dem Spring⸗ brunnen zuſammen, und ſetzten ſich, nach der gewoͤhn⸗ lichen Art, bei einander nieder, um zu erwarten, daß uͤber die von der Koͤnigin vorgeſchlagene Mate⸗ rie zu erzaͤhlen angefangen wuͤrde. Der erſte, dem die Koͤnigin den Auftrag gab, zu erzaͤhlen, war Phi⸗ loſtrat, der auf dieſe Art anfing. Erſte Novelle. Maſetto von Lamporecchio ſtellt ſich ſtumm, und wird Gärtner in einem Frauenkloſter⸗ woſelbſt alle bei ihm ſchlafen wollen. Schoͤne Damen, es gibt ſolcher Maͤnner und Frauen genng, die ſo thoͤricht ſind, wirklich zu glauben, daß, ſobald ein junges Maͤdchen die weiße Binde um den Kopf angelegt, oder den ſchwarzen Habit angezogen hat, ſie aufhoͤrt, ein Weibſen zu ſeyn, ſie keine weiblichen Leidenſchaften mehr fuͤhlt, gerade als wenn das Nonnenwerden ſie zu Stein gemacht haͤtte; und hoͤren ſie dann etwas gegen dieſen ihren Glauben, ſo kommen ſie daruͤber ſo außer Faſſung, als wenn das groͤßte und gottloſeſte Verbrechen gegen die Na⸗ tur begangen worden waͤre, indem ſie weder ſich ſelbſt, welche die volle Freiheit, zu thun, was ſie wollen, nicht ſaͤttigen kann, noch die große Gewalt — * it⸗ it g n⸗ en, te⸗ pi⸗ ird ihm nen aß, den gen eine enn und ben, enn Na⸗ ſich s ſie walt — Erſte Novelle. 113 der Muße und des Kummers bedenken, oder darauf Ruͤckſicht nehmen wollen. Eben ſo gibt es auch wie⸗ der ſolche genug, die alles Ernſtes glauben, daß Karſt, Schwinge, grobe Speiſen und Unbequemlich⸗ keiten den Landbauern die luͤſternen Begierden gaͤnzlich nehmen, und ſie am Verſtande und am Witze plump machen. Aber wie ſehr ſich alle diejenigen, die die⸗ ſes glauben, taͤuſchen, das will ich, weil es die Koͤ⸗ nigin mir befohlen hat, und ich mich von dem von ihr gethanen Vorſchlag nicht entfernen will, durch eine kleine Frzaͤhlung Euch deutlich machen. In unſerer Gegend war, und iſt auch noch jetzt ein wegen ſeiner Heiligkeit ſehr beruͤhmtes Frauen⸗ kloſter, was ich aber nicht nennen will, um auch im geringſten nicht ſeinen Ruf zu ſchmaͤlern, in wel⸗ chem, vor nicht gar langer Zeit, nicht mehr als acht Nonnen mit einer Abtiſſin, alle noch ganz jung, und ein ehrlicher guter Menſch, der in ihrem ſehr ſchoͤ⸗ nen Garten Gaͤrtner war, ſich befanden. Da er mit ſeinem Gehalte nicht zufrieden war, ſchloß er mit dem Caſtellan der Nonnen ſeine Rechnung ab, und kehrte nach Lamporecchio, wo er her war, zuruͤck. Unter mehreren Anderen, die ihn freundlich aufnah⸗ men, war ein junger Arbeiter, ſtark, kraͤſtig, und, fuͤr einen Mann auf einem Dorfe, von ſchoͤner Ge⸗ ſtalt, deſſen Name Maſetto war, dieſer fragte ihn, wo er denn ſeit ſo langer Zeit geweſen waͤre. Der. ehrliche Narr, der Nuto hieß, ſagte es ihm. Da fragte ihn Maſetto weiter, was er in dem Kloſter fuͤr einen Dienſt gehabt haͤtte. Boccaccio's ſämmtl. W. 2. 8 114 Dritter Tag. Nuto antwortete ihm: Ich habe ihren ſchoͤnen und großen Garten bearbeitet, und uͤberdies ging ich zuweilen in den Buſch nach Holz, ſchopfte Waſſer aus dem Brunnen, und that dergleichen Dienſte mehr; aber die Nonnen gaben mir ſo wenig Lohn, daß ich nicht einmal die Schuhe davon bezahlen konnte. Dazu ſind ſie noch alle jung, und es kam mir ſo vor, als haͤtten ſie alle mit einander den Teufel im Leibe, weil man ihnen nichts zu Danke machen konnte; denn wenn ich in dem Garten einmal hier arbeitete, ſo ſagte die eine: Pflanze das hierher, und die an⸗ dere: Pflanz' es dahin; die andere nahm mir den Karſt aus der Hand, und ſagte: Das taugt nichts, und ſie machten mir ſo viel zu ſchaffen, daß ich die Arbeit liegen ließ, aus dem Garten herausging, und ich um dies und das nicht laͤnger mehr da bleiben wollte. So vin ich hierher gekommen. Ihr Caſtel⸗ lan bat mich, wenn ich nach Hauſe käme, moͤchte ich ihm doch, wenn ich etwa einen an der Hand hätte, der der Sache gewachſen waͤre, denſelben ſchicken und das habe ich ihm verſprochen; aber mag er die Kraͤnke kriegen, ehe ich ihm Einen verſchaffe, oder gar Einen zuſchicke. Als Maſetto die Worte Nuto's hoͤrte, kam ihm ein ſo heftiger Wunſch in den Sinn, zu dieſen Nonnen hinzukommen, daß er ſich halb todt daruͤber quaͤlte, da er es nach Nutols Worten wohl einſah, er waͤre dem vollkommen gewachſen, was jener ver⸗ langte. Und da er nun merkte, daß es ihm nimmer⸗ mehr gelingen wuͤrde, wenn er Nuto'n das Geringſte ind len em ber icht azu als ibe, nte; „ſo an⸗ den die und iben ſtel⸗ e ich atte, icken r die a ffe, ihm ieſen ruͤber nſah, er⸗ nmer⸗ ingſte Erſte Novelle. 115 davon ſagte, ſo ſagte er zu ihm: Das haſt Du gut gemacht, daß Du hergekommen biſt! Denn wie mag's ein Mann doch nur mit Weibern aushalten? Viel eher mit dem Teufel ſelbſt: von ſieben Mal wiſſen ſie ſechs Mal ſelber nicht, was ſie wollen. Indeſſen, nachdem ſie ihrer Unterredung ein Ende gemacht hatten, dachte Maſetto darauf, wie er es wohl anzufangen habe, um mit ihnen zu ſam⸗ men zu kommen; da er wußte, daß er die Dienſte, wie ſie Nuto angegeben hatte, auch wohl zu verrichten verſtände, ſo beſorgte er eben nicht, durch dieſen darum zu kommen, ſondern furchtete, daß, weil er zu jung und zu auffällig waͤre, er nicht angenommen werden moͤchte. Nachdem er alſo vieles bei ſich uͤberlegt hatte, beſchloß er fol⸗ gendes: der Ort iſt ziemlich entfernt von hier, und Keiner kennt mich daſelbſt, und wenn ich mich daher ſtumm ſtelle, werde ich gewiß angenommen werden. Bei dieſer Idee blieb er, nahm ein Beil auf den Buckel, und ging, ohne irgend einem Menſchen ein Wort zu ſagen, wo er hin wollte, wie ein armer Teufel, nach dem Kloſter. Als er daſelbſt angekom⸗ men, ging er hinein, und fand zufaͤllig den Caſtellan auf dem Hoſe; dieſem machte er ſogleich ſolche Beichen vor, wie die Stummen zu thun pflegen, wodurch er ihm zu verſtehen gab, daß er ihm um einen Gotteslohn moͤchte zu eſſen geben, und daß er ihm, wenn er es noöthig haͤtte, Holz ſpalten wollte. Der Caſtellan gab ihm gerne zu eſſen und 115 Dritter Tag. dann legte er ihm einige Kloͤtze vor, welche Nuto yi nicht hatte ſpalten konnen, die er aber, als ein ſehr ſtarker Menſch, in kurzer geit vollig geſpaltet hatte.„ 3 Der Caſtellan, der nach dem Holze gehen mußte, nahm ihn mit ſich, und ließ ihn hier Holz fallen, al dann fuͤhrte er ihm einen Eſel vor, und gab ihm 3 durch Zeichen zu verſtehen, daß er ihn nach Hauſe ſ treiben ſollte. Auch das verrichtete er gans gut; ſe und da der Caſtellan noch einige noͤthige Geſchaͤfte 7 zu verrichten hatte, behielt er ihn mehrere Tage bei ſich. Da geſchah es denn, daß ihn die Ibtiſſin ei⸗ ya nes Fages ſah⸗ und den Caſtellan fragte, wer das Ze waͤre? Gnaͤdige Frau, ſagte der Caſtellan, das iſt ein i armer Taubſtummer, der eines Tages hier bettelte, ih ich habe ihm gutlich gethan, und ihn dafuͤr Verſchie⸗ ſei denes thun laſſen, was noͤthig war. Wenn er im Garten zu arbeiten verſtände, und er hier bleiben wollte, glaube ich, ſo wuͤrden wir ihn gut brauchen pe können, da wir einen nothig haben; er iſt auch ſtark zu genug und der Menſch wuͤrde das ſchon thun koͤn⸗ e6 nen, wenn er nur wollte; auch duͤrfen Sie uͤberdies ih nicht denken, daß er die Zeit mit Ihren jungen Non⸗ 5i nen verplaudern moͤchte. di Darauf ſagte die Ibtiſſin: Wahrhaftigen Gott S Du haſt Recht; ſieh zu, ob er arbeiten kann, und kuͤ bei uhs zu behalten, gib ihm ein ge ſuch' ihn hier Paar Schuhe und einen alten Hut, thu' ein bischen 6* tto ehr te. zte, len, hm uſe ut; afte age ei⸗ das ein elte, chie⸗ rim iben ichen ſtark kon⸗ rdies Non⸗ Gott, und nein ischen Erſte Novelle. 117 huͤbſch mit ihm, zieh ihn an Dich, und gib ihm gut zu eſſen. Der Caſtellan ſagte, er wollte es thun. Maſetto, der nicht weit davon war, aber that, als kehrte er den Hof, hatte alle dieſe Worte gehoͤrt, und ſagte froͤhlich bei ſich ſelbſt: Wenn Ihr mich nur erſt hineinlaßt, ſo will ich Euch den Garten ſchon ſo bearbeiten, wie er Euch noch nie bearbeitet worden iſt. Da nun der Caſtellan geſehen, daß er ſehr gut arbeiten konnte, und er ihn durch Zeichen befragt hatte, ob er da bleiben wollte, jener wieder durch Zeichen ihm geantwortet, daß er thun wolle, was er von ihm verlangte, ſo nahm er ihn an, gab ihm auf, den Garten zu bearbeiten, und zeigte ihm, was er zu thun haͤtte. Er ging hierauf ſeinen anderen Geſchaͤften im Kloſter nach, und ver⸗ ließ ihn. Da er nun ſo einen Tag nach dem andern ar⸗ beitete, fingen die Nonnen an, ihn zu plagen und zum Beſten zu haben, wie wir oft ſehen, daß man es mit Stummen zu machen pflegt, und ſie ſagten ihm die gottloſeſten Worte von der Welt, da ſie nicht glaubten, von ihm verſtanden zu werden; und die Ubtiſſin, die vielleicht meinte, daß ihm auch wohl etwas anderes noch fehle, als nur die Sprache, kuͤmmerte ſich wenig oder gar nicht darum. Nun geſchah es einmal, daß, als er eines Tages tuͤchtig gearbeitet hatte, und ſich ausruhete, zwei jnnge Ponnen, welche durch den Garten gingen, ſich dem 118 Dritter Tag. Orte näherten, wo er war, und ihn, der ſich ſtellte, als ſchliefe er, genau betrachteten. Daher ſagte die eine, die etwas ausgelaſſener war, zu der andern: Wenn ich nur wuͤßte, daß Du mir Wort hielteſt, ſo wollte ich Dir einen Gedanken ſagen, den ich ſchon oft gehabt habe, und der Dir auch lieb ſeyn wuͤrde. . O, ſagte die andere, rede nur frei heraus, denn gewiß, ich ſage keinem Menſchen ein Wort davon⸗ Darauf fing die Ausgelaſſene an: Ich weiß nicht, ob es Dir auch, ſo wie mir in dem Sinne ſteckt, wie eingezogen wir hier gehalten werden, daß kein Mann es jemals wagen darf, hier herein zu kommen, als nur der Caſtellan, der ſchon alt iſt, und dieſer Stumme; und ich habe es oftmals von vielen Maͤdchen, die zu uns hergekommen ſind, ge⸗ hoͤrt, daß alle andere Freuden in der Welt nur Nar⸗ renpoſſen gegen die wären, wenn ein Maͤdchen Um⸗ gang mit einem Manne habe. Deshalb habe ich es mir ſchon oftmals in meinen Gedanken vorgenom⸗ men, weil ich es mit einem Andern nicht kann, es einmal mit dieſem Stummen zu verſuchen, ob es denn wirklich ſo iſt. Und gerade dieſer iſt dazu der allerbeſte, weil er es, wenn er auch wollte, weder könnte noch wuͤßte, wieder zu ſagen. Denn ſieh nur einmal, es iſt doch ein erzdummer Junge, und weit vor dem Verſtande voraus aufgeſchoſſen. Nun möchte ich auch gerne hören, was Du davon haͤlſt Herr Je! ſagte die andere, was ſprichſt Du — () 18 2 2 c9 S te, die rn: ſt, eyn enn veiß nne daß zu iſt, von ge⸗ Nar⸗ Um⸗ h es wom⸗ „es b es der eder nur weit Nun Du Zweite Novelle. 123 alſo einmuͤthig, nachdem ſie ſich alle einander mit⸗ getheilt, was ſie alle zuſammen vorher gethan hat⸗ ten, zu Maſetto's Vergnuͤgen ſo an, daß die Leute herum glauben mußten, durch ihr Gebet und durch Huͤlfe ihres Heiligen, nach welchem das Klo⸗ ſter benennet war, haͤtte Maſetto, der lange Zeit ſtumm geweſen, die Sprache wieder erhalten, und ſie ihn darauf zu ihrem Caſtellan gemacht; auf ſolche Art vertheilten ſie ſeine Arbeiten ſo, daß er dabei beſtehen konnte. Ob er nun gleich genug Noͤnnchen hier erzeug hatte, ſo hatte die Sache doch ſo im Stillen ihren Fortgang, daß man nichts eher davon merkte, als nach dem Tode der Ibtiſſin, wo Maſetto auch bei⸗ nahe ſchon alt geworden war, und als ein reicher Mann nach ſeiner Heimath zuruͤckzukehren wuͤnſchte. Sobald man dies erfuhr, ward es ihm gern geſtat⸗ tet. Und ſo kehrte denn Maſetto alt, als Vater, und reich, ohne daß er Muͤhe oder Koſten gehabt hätte, Kinder zu ernaͤhren, weil er Klugheit ge⸗ nug beſeſſen hatte, ſeine Jugend gut anzuwenden, dahin wieder zuruͤck, von wo er mit einem Beile auf dem Buckel weggegangen war. Zweite Novelle. Ein Stallmeiſter ſchlaͤft bei der Gemahlin des Königs Agilulf; dieſer wird es gewahr, ſucht ihn auf, und 124 Dritter Tag. ſcheret ihn; der Geſchorne ſcheret die andern alle, und ſo entgeht er dem Ungluͤck. Sobald das Ende von Philoſtrato's Novelle gekommen war, uͤher welche die Damen zuweilen ein wenig erroͤthet waren, ein andermal aber ge⸗ lacht hatten, gefiel es der Koͤnigin, daß Pampinea im Erzahlen fortfuͤhre. Dieſe fing mit läͤchelnder Miene an, und ſagte: Es gibt Leute, die ſo wenig discret ſind, daß ſie auf alle Art zeigen wollen ſie kennen und wiſ⸗ ſen, was ihnen zu wiſſen, doch gar nichts nutzet; wenn ſie alsdann die aus Unvorſichtigkeit begange⸗ nen Fehler Anderer ſcharf tadeln, ſo glauben ſie ihre eigene Schande auszuloͤſchen, da ſie ſie doch un⸗ endlich vermehren. Daß dies wahr iſt, denke ich Euch, liebe Frauen, in der Klugheit eines muthigen Koͤ⸗ nigs zu beweiſen, wenn ich Euch im Gegentheil werde die Liſt eines Menſchen gezeigt haben, der vielleicht weniger Werth hatte, als Maſetto. Agilulf, Koͤnig der Longobarden, ſuchte auf eben die Art, wie ſeine Vorfahren es in Pavia, der Hauptſtadt in der Lombardey, gemacht hatten, den Thron ſeines Reiches dadurch zu befeſtigen, daß er die von dem Koͤnig ebenfalls der Longobarden, Au⸗ taris, zuruͤckgelaſſene Wittwe, Teudelinga, zur Ge⸗ mahlin nahm. Sie war eine ſchoͤne, kluge und ſehr ſittſame Dame; aber ſehr ungluͤcklich mit ihrem Liebhaber. Nachdem durch die Tapferkeit und die Klugheit eben dieſes Koͤnigs Agilulf die Angelegenheiten der le en ge⸗ ea der aß iſ⸗ et; ge⸗ ſie un⸗ uch, Koͤ⸗ heil der auf der den ß er Au⸗ Ge⸗ ſehr rem heit tder —— Zweite Novelle. 125⁵ Longobarden in einen gluͤcklicheren und ruhigeren Zuſtand gebracht worden waren, begab es ſich, daß ein Stallmeiſter der genannten Koͤnigin— ein Menſch, was ſeine Geburt anbetrifft, von der nie⸗ drigſten Herkunft, uͤbrigens aber fuͤr einen von ſo gemeinem Handwerke viel zu ſchoͤn von Geſtalt, und groß, als wenn er der Koͤnig waͤre— ſich grenzen⸗ los in die Koͤnigin verliebte. Und da ihn ſein nie⸗ driger Stand doch noch nicht aller überlegung ſo beraubt hatte, daß er nicht eingeſehen haͤtte, wie dieſe ſeine Liebe ſo ganz unſchicklich waͤre, ſo war er wenigſtens ſo klug, ſie Keinem zu offenbaren, ja, nicht einmal ihr ſelbſt, wagte er es, ſie durch Blicke zu entdecken. Und ob er gleich ohne alle Hoffnung lebte, ihr jemals zu gefallen, ſo war er doch bei ſich ſelbſt ſtolz darauf, daß er ſeine Gedanken auf einen ſo hohen Gegenſtand gerichtet habe, und be⸗ muͤhete ſich, von der gluͤhendſten Liebe entbrannt, vor jedem anderen ſeiner Kameraden, alles zu thun, was er glaubte, daß es der Koͤnigin angenehm ſeyn muͤßte. Daher kam es auch, daß die Koͤnigin, wenn ſie ausreiten wollte, dasjenige Roß, was er ver⸗ pflegte, lieber ritt, als jedes andere; wenn dies dann geſchah, ſo ſah er es fuͤr die groͤßte Gnade an, ging eher nicht vom Steigbuͤgel fort, ſondern pries ſich ſelig, wenn er nur ihr Kleid beruͤhren konnte. Aber, wie wir es oft ſich ereignen ſehen, daß die Liebe nur um ſo ſtaͤrker wird, je mehr die Hoffnung ſchwindet, ſo geſchah es auch mit dieſem armen Stallmeiſter, bis es ihm endlich uͤberaus druͤckend ward, den hei⸗ 126 Dritter Tag. ßen Wunſch noch laͤnger ſo verborgen zu ertragen, wie er es mußte, da er von gar keiner Hoffnung un⸗ terſtuͤtzt ward, und er, weil er ſich von dieſer Liebe durchaus nicht losmachen konnte, oftmals bei ſich ſelbſt zu ſterben beſchloß. Und da er uͤber die Art und Weiſe bei ſich nachdachte, faßte er den Vorſatz, dieſen Jod durch etwas herbeizufuͤhren, wodurch es offen⸗ var wuͤrde, daß er aus Liebe, die er fuͤr die Koͤnigin gehegt habe, und noch hege, geſtorben waͤre; eben dies aber ſollte darin beſtehen, daß er ſein Gluͤck verſuchen wolle, ſeinen Wunſch entweder ganz oder auch zum Theil nur zu erfuͤllen. Dennoch aber wollte er der Königin weder ein Wort ſagen, noch ſie ſchriftlich ſeine Liebe wiſſen laſſen, indem er wohl wußte, daß er umſonſt reden und ſchreiben wuͤrde, ſondern er wollte alles aufbieten, ob er nicht durch Liſt bei der Königin ſchlafen koͤnnte. Hierzu blieb ihm kein anderes Mittel und kein anderer Weg uͤbrig, als eine Gelegenheit zu finden, wie er in der Perſon des Koͤnigs, von welchem er wußte, daß er nicht beſtaͤndig bei ihr ſchliefe, zu ihr kommen, und in ihre Kammer gelangen koͤnnte. um daher zu ſehen, auf welche Art und in welcher Kleidung der Koͤnig, wenn er zu ihr ginge, ſich be⸗ faͤnde, verbarg er ſich mehrere Naͤchte in einem gro⸗ ßen Saale in dem koͤniglichen Schloſſe, der ſich zwi⸗ ſchen den Zimmern des Königs und denen der Koͤ⸗ nigin befand; und da ſah er einſtmals des Rachts den Koͤnig in einen großen Mantel gehuͤllt aus ſei⸗ nem Zimmer herauskommen⸗ in der einen Hand ein n, n⸗ be ich nd ſen en⸗ gin ben uͤck der ber och er ben icht kein den, ner ihr nnte. lcher be⸗ gro⸗ zwi⸗ Koͤ⸗ achts s ſei⸗ d ein Zweite Novelle. 127 brennendes Licht, und in der andern ein kleines Stoͤckchen, und ſo auf die Kammer der Koͤnigin zu⸗ gehen, wo er, ohne weiter ein Wort zu ſagen, ein oder zweimal mit dem Stoͤckchen an die Thuͤre ſchlug, worauf dieſe ihm dann ſogleich geoͤffnet und das Licht aus der Hand abgenommen ward. Da er ſowohl dies, als auch nachher ihn ſo wieder hatte zuruͤckkehren ſehen, dachte er, er wolle es eben ſo machen; und da er ein Mittel gefunden, ſich ei⸗ nen Mantel, ahnlich dem, den er am Koͤnige geſehen, ſo wie auch eine Wachskerze, und ein Stäbchen an⸗ zuſchaffen, ſich ſelbſt auch vorher in einem Zimmer tuͤchtig abgewaſchen hatte, damit nicht etwa der Ge⸗ ruch des Miſtes der Koͤnigin zuwider ſeyn, oder ihr den Vetrug verrathen moͤchte, verbarg er ſich mit jenen Sachen, wie er es gewohnt war, in dem gro⸗ ßen Saale. Sobald er merkte, daß Alles ſchliefe, und es ihm Zeit zu ſeyn ſchien, daß er ſeinen Wunſch in Erfullung bringen, oder ſich bei ſeiner hohen Abſicht zum erſehnten Tode auf den Weg machen mußte, machte er mit Stein und Stahl, was er bei ſich hatte, ein wenig Feuer und zuͤndete ſeine Kerze an, dann ging er, in den Mantel verborgen und eingehuͤllt, an die Kammerthuͤr, und klopfte mit dem Stoͤckchen zweimal an. Die Kammer ward von einer ganz verſchlafenen Kammerjungfer geoͤffnet, das Licht abgenommen und verborgen; er trat daher, ohne ein Wort zu ſagen, in das Schlafgemach ein, legte den Mantel ab, und ſtieg in das Bett, in wel⸗ chem die Koͤnigin ſchlief. Sehnſuchtsvoll ſchloß er 128 Dritter Tag. ſie in ſeinen Arm, zeigte ſich ein wenig unruhig, (denn er wußte, es waͤre des Koͤnigs Gewohnheit, daß, wenn er unruhig war, er nichts hoͤren wollte), ſo daß er, ohne ein Wort zu reden, oder auch, ohne daß ihm etwas geſagt ward, die Koͤnigin mehrere⸗ male fleiſchlich erkannte. Und ob es ihm gleich ſchmerzhaft duͤnkte, wegzugehen, ſo fuͤrchtete er den⸗ noch, das zu lange Verweilen moͤchte fuͤr ihn ein Grund werden, daß ſich die gehabte Luſt in Trau⸗ rigkeit verwandele; daher ſtand er auf, nahm ſeinen Mantel und das Licht, ging ohne ein Wort zu ſa⸗ gen, fort, und kehrte, ſo ſchnell er nur konnte, in ſein eigenes Bette zuruͤck. Kaum konnte er dahin zuruͤckgekehrt ſeyn, ſo ſtand der Koͤnig auf und ging nach der Kammer der Königin, die ſehr verwundert daruͤber war; nachdem er in das Bette hineingekommen und ſie freundlich begruͤßt hatte, ward ſie uber ſeine Froͤhlichkeit ſo dreiſt und ſagte zu ihm: O, mein Herr, wie iſt das ſo ganz was neues in dieſer Nacht? Ihr ſeyd die⸗ ſen Augenblick erſt von mir weggegangen und haht ganz wider die gewoͤhuliche Weiſe Euer Vergnuͤgen mit mir gehabt, und dennoch kehrt Ihr ſobald von neuem wieder dazu zuruͤck; ſeht doch, was Ihr thut. Sobald der Koͤnig dieſe Worte hoͤrte, vermu⸗ thete er ſogleich, die Koͤnigin muͤſſe durch die Uhn⸗ lichkeit des Betragens und der Perſon getaͤuſcht worden ſeyn; indeſſen als ein kluger Mann, uͤber⸗ tegte er ſchnell, daß, da die Königin, eben ſo wenig, wie nich geſa wer dure viell bege wuͤrt brack veru mehr den nicht gleic wied Herr auf * guten ſchwe Herz hatte ſeiner dem zufint war, der a Bo ig, eit, te)⸗ hne re⸗ eich en⸗ ein au⸗ nen ſa⸗ in ſo der dem lich it ſo das die⸗ habt uͤgen von Ihr rmu⸗ Uhn⸗ uſcht uͤber⸗ enmi, Zweite Novelle. 129 wie ein anderer nichts gemerkt haͤtte, er ſich auch nichts wolle merken laſſen. Viele Thoren wuͤrden das nicht gethan, ſondern geſagt haben: Ich, ich bin doch nicht hier geweſen; wer aber war hier? wie kam er her? wer kam her? — Daraus wuͤrde viel Laͤrm entſtanden ſeyn, wo⸗ durch er die Koͤnigin mit Unrecht betruht, und ihr vielleicht Veranlaſſung gegeben haͤtte, das wieder zu begehren, was ſie einmal gekoſtet hatte; ferner wuͤrde das, was ihm, wenn er ſchwieg, keine Schande brachte, ihm, wenn er davon ſpraͤche, großen Schimpf verurſacht haben. Der Koͤnig antwortete ihr daher, mehr nur in ſeinem Sinne, als im Geſichte oder in den Worten beunruhigt: Koͤnigin, ſcheine ich Euch nicht Mann's genug zu ſeyn, um, wenn ich auch gleich ſchon einmal hier geweſen bin, nicht hierher wieder zuruͤckkehren zu koͤnnen? Die Koͤnigin antwortete hierauf: O ja, mein Herr; indeſſen aber bitte ich Euch doch, daß Ihr auf Eure Geſundheit Acht habt. Hierauf ſagte der Koͤnig: Gern will ich Eurem guten Rathe folgen, und diesmal, ohne Euch be⸗ ſchwerlich zu ſeyn, zuruͤckkehren. Und da er das Herz ſchon voll Groll und boͤſem Willen uͤber das hatte, was er ſah, das ihm geſchehen war, nahm er ſeinen Mantel und ging aus der Kammer hinaus, mit dem Vorſatze, denienigen ſchon ganz im Stillen auf⸗ zufinden, der das gethan hätte, weil er der Meinung war, es muͤſſe einer aus dem Harſe geweſen ſeyn, der auch, es moͤchte ſeyn, wer es wolle, noch nicht Boccaccio's ſämmtl. W. 2. 9 130 Dritter Tag⸗ aus demſelben herausgegangen ſeyn könnte. Er zu nahm daher ein ganz kleines Licht in ein Laternchen, etr ging damit nach einem langen Gebaͤude, welches in er ſeinein Schloſſe uͤber den Pferdeſtäͤllen lag, woſelbſt ha ſeine ganze Bienerſchaft in verſchiedenen Betten da ſchlief; denn, dachte er, demjenigen, wer es auch ge⸗ ihr weſen ſeyn mag, der das gethan hat, was die Koͤni⸗ wi gin ſagte, kann weder der Puls, noch das Klopfen er des Herzens uͤber die gehabte Anſtrengung, ruhen. Darum ſing er gans ſtillſchweigend von dem einen er Ende des Gebaͤudes an, allen die Bruſt zu berüͤhren, net um zu wiſſen, ob es ihm ſchluͤge. zu Ob nun gleich jeder andere feſt ſchlief, ſo ſchlief zut doch derjenige, der bei der Koͤnigin geweſen war, Pf noch nicht; darum gerieth er, da er den Konig kom⸗ in men ſah, und wohl merkte, was er wollte, ſehr in Al Furcht, ſo daß zu dem Klopfen uͤber die gehabte ab. Muͤhe, die Furcht noch ein weit groͤßeres hinzu⸗ ber fuͤgte; und er dachte ganz ſicher, daß der Koͤnig, ſo⸗ vald er es merkte, ihm den Fod geben wuͤrde. Und der ob ihm gleich viele edanken durch den Kopf gin⸗ ger gen, was er thun ſollte, ſo beſchloß er, da er ſah, erſ daß der Koͤnig doch ganz ohne Waſſen war, ſich zu oh ſtellen, als wenn er ſchliefe, und abzuwarten, was der der König thun wuͤrde. Nachdem der Koͤnig Viele unterſucht, aber Kei⸗ do nen gefunden hatte, von dem er glaubte, daß er es die geweſen ware, kam er zu jenem, und fand, daß ihm ſie das Herz gewaltig ſchlug. Das iſt er, ſagte er ſo⸗ nn leich vei ſich ſelbſt. Aber da er von dem, was er Er chen, s in elbſt etten ge⸗ doni⸗ pfen then. einen hren, chlief war, kom⸗ hr in habte inz⸗ g, ſo⸗ Und f gin⸗ rſah, jch zu was r Kei⸗ er es ß ihm er ſo⸗ vas er Zweite Novelle. 131 zu thun beabſichtigte, nicht wollte, daß irgend einer etwas erfuͤhre, ſo that er ihm nichts anderes, als daß er ihm mit einer Scheere, die er mit ſich genommen hatte, auf einer Seite die Haare abſchor, welche zu damaliger Zeit ſehr lang getragen wurden, damit er ihn an dieſem Zeichen am andern Morgen ſogleich wieder erkennen koͤnnte. Nachdem er dies gethan, ging er wieder fort, und kehrte in ſein Zimmer zuruͤck. Jener, der alles dies bemerkt hatte, ahnete, da er ſchlau genug war, deutlich, warum er ſo bezeich⸗ net worden waͤre; er ſtand daher, ohne weiter noch zu warten, ſchnell auf, ſuchte eine Scheere, deren zum Gluͤck einige im Stalle, zum Gebrauch bei den Pferden, vorhanden waren, ging damit zu Allen, die„ in dem Hauſe ſchliefen, ganz leiſe hin, und ſchnitt Allen auf aͤhnliche Art uͤber den Ohren die Haare ab. Nachdem er dies vollbracht hatte, ohne daß er bemerkt worden waͤre, legte er ſich wieder ſchlafen. Als der Koͤnig hierauf am Morgen aufgeſtan⸗ den war, befahl er, daß, ehe die Thore des Pallaſtes geoffnet wuͤrden, ſeine ganze Dienerſchaft vor ihm erſcheinen ſollte; und das geſchah. Da ſie nun alle, ohne etwas auf dem Kopfe zu haben, vor ihm ſtan⸗ den, ſah er ſie alle an, um den von ihm Geſchornen heraus zu erkennen; allein, da er den groͤßten Theil derſelben mit abgeſchnittenen Haaren auf eine und eben dieſelbe Art ſah, verwunderte er ſich, und ſagte bei ſich ſelbſt: Der, den ich ſuche, zeigt, wenn er auch gleich nur von niederem Stande iſt, deutlich, daß er einen 132 Dritter Tag. hohen Verſtand hat. Da er ferner auch ſah, daß er ohne großes Aufſehen das, was er verlangte ⸗ nicht haben koͤnne, auch eben nicht Willens war, durch eine kleinliche Rache ſich große Schande zuzu⸗ bereiten, hielt er es fuͤrs Beſte, ihn mit einem ein⸗ zigen Worte zu ermahnen, und ihm zu zeigen, daß er es bemerkt habe; deshalb wandte er ſich zu allen mit den Worten: Wer's gethan hat, thu's nimmer⸗ mehr wieder, und nun geht mit Gott. Ein anderer wuͤrde ihn haben wollen wippen, torquiren, unterſuchen und inquiriren laſſen;»aber gerade hierdurch wurde er das entdeckt haben, was ein jeder zu verbergen ſuchen muß; und haͤtte er es entdeckt, ſo wurde er, ſelbſt wenn er die vollſtaͤn⸗ digſte Rache auch an ihm genommen, dennoch ſeine Schande nicht ausgelöſcht, ſondern um Vieles ver⸗ zroͤßert, und den guten Namen ſeiner Gemahlin be⸗ ſleckt haben. Alle, die jene Worte gehoͤrt hatten, verwunder⸗ ten ſich und ſannen lange bei ſich nach, was der Koͤ⸗ nig damit habe ſagen wollen; aber keiner verſtand ſie, ausgenommen der, den ſie angingen. Dieſer, eben⸗ falls geſcheit, ſprach, ſo lange der König lebte, nie ein Wort daruͤber, und ſetzte ſein Leben zu der⸗ gleichen Streichen nie mehr aufs Spiel. Dritte Novelle. unter dem Schein der Beichte und des reinſten Gewiſſens bringt eine⸗ in einen jungen Mann verliebte Frau ei⸗ nen wohlbekannten Frater dahin, daß er, ohne es ſelbſt ————————— un he der un ver der ten au eir hit — aß te⸗ u⸗ in⸗ aß len er⸗ en, ber vas es an⸗ ine oer⸗ be⸗ der⸗ Koͤ⸗ and ben⸗ nie der⸗ iſſens 1ei⸗ ſelbſt Dritte Nobelle. gewahr zu werden, ihr die Gelegenheit verſchafft, ihrer Luſt mit ihm vollkommen zu genießen. Schon ſchwieg Pampinea, und die Kuͤhnheit und Vorſicht des Stallmeiſters, wie auch die Klug⸗ heit des Koͤnigs, war von den Meiſten gelobt wor⸗ den, als die Koͤnigin ſich zu Philomenen wandte, und ihr zu folgen gebot; weshalb Philomena ganz verſchaͤmt alſo zu reden anfing: Ich gedenke, Euch einen Scherz zu erzählen, der wirklich von einer ſchoͤnen Frau einem bekann⸗ ten Moͤnch geſpielt ward, und jedem Layen um ſo mehr gefallen muß, je mehr jene großtentheils thoͤ⸗ richten und auf eine ſo neue Art geſitteten und ge⸗ witzten Leute glauben, in allen Dingen viel mehr zu verſtehen und zu wiſſen, als jeder andere, da ſie es doch, um wer weiß wie viel, weniger ſind, weil ſie, ihres niedrigen Gemuͤthes wegen, nicht Witz und Verſtand genug beſitzen, um, wie andere Leute, ſich mit dem Noͤthigen ſelbſt zu verſorgen, ſondern ſich wie die Schweine zu ſaͤttigen ſuchen, wo ſie nur koͤnnen. Dieſen Scherz will ich Euch, liebliche Frauen, erzaͤhlen, nicht allein um die aufgegebene Ordnung zu befolgen, ſondern auch, um Euch einen Wink zu geben, wie auch ſelbſt Ordensmaͤnner, denen wir, die wir ſo leichtglaͤubig ſind, in ſo hohem Grade vertrauen, haben hintergangen werden koͤnnen, und auch zuweilen nicht nur von Maͤnnern, ſondern von einer von uns auf eine vorſichtige Weiſe wirklich hintergangen worden ſind. In unſerer Stadt, die voller iſt von Betrug, 134 Dritter Tag. als von Lieb' und Treue, war, es ſind noch nicht viel Jahre her, eine edle Frau, geziert mit Schoͤn⸗ heit und von der Natur mit feinen Sitten, hohem Geiſte und zarter Vorſicht, wie nur irgend eine an⸗ dere, ausgeſtattet; ihren Namen, noch ſonſt irgend etwas, was fuͤr die gegenwaͤrtige Novelle gehoͤren moͤchte, will ich, ob ich gleich alles weiß, nicht be⸗ kannt machen, weil noch einige von denen leben, die hieruͤber unwillig werden moͤchten, ſtatt daß ſie es mit einem Laͤcheln uͤbergehen ſollten. Dieſe alſo, welche ihre hoͤhere Abkunft wußte, und ſich an einen Wollarbeiter verheirathet ſah, konnte, da er nur ein Handwerker war, den Unwillen ihres Herzens daruͤber nicht ablegen, weil ſie glaubte, daß kein Mann, gemeineren Standes, wenn er auch noch ſo reich, einer edlen Frau werth wäre. Da ſie auch uͤberdies noch ſah, daß er mit allen ſeinen Reichthuͤ⸗ mern nicht weiter gekommen war, als uͤber die Mi⸗ ſchung der Wolle zu ſprechen, oder ein Gewirk an⸗ zubsumen, oder mit einer Spinnerin uͤber das Ge⸗ ſpinſt zu disputiren, ſo nahm ſie ſich vor, ſeine Umarmungen auf keine andere Weiſe anzunehmen, als in ſo fern ſie ihm dieſelben nicht verſagen könnte, aber ſich nach ihrem eigenen Geſchmacke ei⸗ nen zu ſuchen, der ihr alles deſſen wurdiger waͤre, als es der Wollarbeiter ihr zu ſeyn ſchien; und ſie verliebte ſich in einen tuͤchtigen Mann von mittlerem Alter, in einem ſolchen Grade, daß, wenn ſie ihn an einem Tage nicht ſah, ſie die folgende Nacht nicht ohne Verdruß zubringen konnte. n icht hoͤn⸗ hem an⸗ gend oͤren be⸗ „die ie es alſo, inen nur zens kein h ſo auch Mi⸗ an⸗ Ge⸗ ſeine men, ſagen ke ei⸗ waͤre, d ſie lerem e ihn Racht Dritte Novelle. 435 Der gute, ehrliche Mann aber, der hiervon nichts merkte, kuͤmmerte ſich um nichts, und ſie, die ſehr vorſichtig war, wagte auch nicht, es weder durch eine weibliche Geſandtſchaft, noch durch einen Brief ihn wiſſen zu laſſen, da ſie die daraus erfolgenden moͤglichen Gefahren fuͤrchtete. Dagegen bemerkte ſie, daß dieſer viel mit einem Ordensgeiſtlichen um⸗ ginge, der, ob er gleich ein feiſter, plumper Menſch war, dennoch aber, da er ein ſehr heiliges Leben fuͤhrte, faſt bei allen den Ruf eines ganz vorzug⸗ lichen Bruders hatte; ſie meinte daher, dieſer wuͤrde die beſte Mittelsperſon zwiſchen ihr und ihrem Ge⸗ liebten ſeyn können. Nachdem ſie bei ſich die Art und Weiſe uͤberdacht hatte; wie ſie ſich zu benehmen haͤtte, ging ſie zu einer ſchicklichen Zeit nach der Kirche, wo er wohnte, ließ ihn zu ſich rufen, und ſagte, ſie wolle, wenn es ihm geſiele, bei ihm beichten. Der Frater, der, als er ſie geſehen hatte, ſie fuͤr eine edle Frau hielt, hoͤrte ſie gern an, und ſie ſagte nach beendigter Beichte alsdaun zu ihm: Mein Vater, ich muß zu Euch meine Zuflucht nehmen, um von Euch Huͤlfe und Rath uͤber das zu erhalten, was Ihr jetzt hoͤren werdet. Ich weiß, daß Ihr nach dem, was ich Euch geſagt habe, meine Eltern und meinen Mann kennet, der mich mehr als ſein Leben liebt, ſo daß ich keinen Wunſch hege, den er, als ein ſo reicher Mann, der es auch allen⸗ falls wohl thun kann, mir nicht ſogleich erfuͤllte; deshalb liebe ich ihn auch wieder mehr als mich 136 Dritter Tag⸗ ſelbſt; aber eben darum behuͤte mich auch der Him⸗ mel, daß ich das Mindeſte thaͤte, oder auch nur dächte, was gegen ſeine Ehre, oder ſein Vergnuͤgen waͤre, denn alsdann waͤre keine Frau jemals des Feuers wuͤrdiger, als ich. Indeſſen aber Einer, deſſen Namen ich in der That nicht einmal weiß, der mir jedoch ein braver Menſch zu ſeyn ſcheint, und wenn ich nicht irre, viel mit Euch umgeht, da⸗ bei auch ein ſchoͤner, wohlgewachſener Mann iſt, in ſehr anſtaͤndiger brauner Kleidung geht, der inzwi⸗ ſchen vielleicht gar nicht einmal darauf ächtet, daß ich eine ſolche Abſicht im Sinne habe, dieſer Eine ſcheint mich foͤrmlich zu belagern, denn ich kann mich nicht an der Thuͤre oder am Fenſter ſehen laſ⸗ ſen, noch aus dem Hauſe gehen, ohne daß er mir nicht ſogleich vor Augen tritt; und ich wundere mich, daß er jetzt nicht hier iſt. Das thut mir ſehr wehe, denn dergleichen ziehet ehrlichen Frauen ohne ihre Schuld oftmals großen Tadel zu. Ich hatte mir einmal vorgenommen, ihm dies durch meine Bruͤder ſagen zu laſſen, aber dann habe ich wieder bedacht, die Maͤnner fuͤhren dergleichen Geſandtſchaf⸗ ten zuweilen auf ſolche Art aus, daß die Antworten ſchlecht ausfallen, wodurch es denn zu Worten und von Worten zu Thaͤtlichkeiten kommt; damit alſo nichts Boͤſes und kein Skandal daraus entſtehen moge, habe ich geſchwiegen und beſchloſſen, es lieber Euch, als einem andern zu ſagen, theils, weil es mir ſo vorkommt, als waͤret Ihr ſein Freund, theils auch, weil es ſich beſſer fuͤr Euch ſchickt, nicht ſowohl n⸗ ur en es r, ß, t, in ne nn UE nir ere hr ne tte ine der af⸗ ten on hs ge⸗ ch, ſo ch, ohl Dritte Novelle. 137 Bekannte als auch Fremde auszuſchelten. Daher erſuche ich Euch um Gottes Willen, ſtellt ihn dar⸗ uͤber zur Rede und bittet ihn, daß er davon abſtehe. Es gibt andere Weiber genug, die zu dergleichen Dingen ganz bereit ſind, ſich gern von ihm werden begucken und beliebaͤugeln laſſen, da es mir, als einer Frau, die fuͤr ſo etwas gar keinen Sinn hat, ſehr zuwider iſt. Nachdem ſie ſo geſprochen, ſenkte ſie den Kopf, ſo, als wenn ſie weinen wollte. Der heilige Mann merkte ſogleich, daß ſie den wirklich meinte, von dem ſie ſpraͤche; und da er ſie ſehr uͤber dieſe ihre gute Geſinnung gelobt hatte, indem er feſt davon uͤberzeugt war, daß das, was ſie ſagte, vollkommen wahr waͤre, ſo verſprach er ihr, alles nur Moͤgliche zu thun, daß ſie nicht mehr von dieſem Menſchen velaͤſtigt werden ſollte. Da er ferner wußte, däß ſie reich wäre, lobte er ſie ſehr wegen ihrer Mild⸗ thaͤtigkeit und Freigebigkeit, und empfahl ihr ſeine Beduͤrfniſſe. Die Dame gab ihm hierauf zur Antwort: Ich bitte Euch um Gottes Willen, ſagt ihm, wenn er es etwa läugnen wollte, nur ganz dreiſt, daß ich ſelbſt es Euch geſagt, und mich ſehr gegen Euch üͤber ihn beklagt haͤtte. Nachdem ſie hierauf ihre Beichte abgelegt und Buße gethan hatte, erinnerte ſie ſich der Lobeserhebungen, die ihr der Frater über die Mildthätigkeit gegen Arme gemacht hatte, und füllte ihm daher heimlich die Hand mit einigen Gold⸗ ſtuͤcken, wofur ſie ihn bat, eine Meſſe fuͤr die Ser⸗ 138 Dritter Tag. len ihrer Verſtorbenen zu leſen; dann ſtand ſie von ſeinen Fuͤßen auf und kehrte nach Hauſe zuruͤck. Nicht lange darauf kam, wie er es gewohnt war, der junge Mann zu dem heiligen Bruder. Nach⸗ dem ſie alsdann uͤber eins und das andere zuſammen geſprochen hatten, zog der heilige Mann ihn bei Seite, und verwies ihm auf eine ganz freundſchaft⸗ uiche Art ſein Betragen und ſein Liebaͤugeln mit die⸗ ſer Dame, wie wes nach dem, was ſie ihm daruͤber zu verſtehen gegeben hatte, fuͤr wirklich glaubte. Der junge Mann verwunderte ſich ſehr, da er ſie nimmermehr angeſehen hatte, und äußerſt ſelten vor ihrem Hauſe vorbeizugehen pflegte; er wollte ſich daher entſchuldigen, aber der Bruder ließ ihn nicht ausreden, ſondern ſagte zu ihm: Thue nur nicht, als wenn Du Dich wunderteſt, und verliere weiter kein Wort, es zu laͤugnen, weil Du es doch nicht laͤugnen kannſt. Ich habe alles dieſes nicht etwa nur von Nachbarinnen gehoͤrt, nein, ſie ſelbſt, die ſich ſehr uͤber Dich beklagt, hat es mir geſagt. Und wenn auch ſchon alle dergleichen Narrenpoſſen ſich gar nicht fuͤr Dich ſchicken, ſo ſage ich Dir noch ihrer Seitö: habe ich je eine Frau getroffen, die ſolche läͤppiſche Dinge haßt⸗ ſo iſt es dieſe; da⸗ her bitte ich Dich ſowohl um Deiner eigenen Ehre willen, als auch zu ihrer Beruhigung, bleib damit zu Hauſe, und laß ſie in Ruhe. Der junge Mann, gewitzigter als der heilige Bruder, verſtand unverzuͤglich die Verſchlagenheit der Damez er that daher, als ſchaͤme er ſich ein we⸗ re ſt, gt. ſen ir en, da⸗ hre mit lige heit we⸗ Dritte Novelle. 139 nig, und ſagte, er wolle ſich ins Kuͤnftige nicht mehr darauf einlaſſen. Hierauf ging er ſogleich von dem Frater fort, und hin nach dem Hauſe der Dame, welche beſtaͤndig an einem kleinen Fenſterchen ſtand, und aufpaßte, um zu ſehen, ob er wohl vorbeiginge. Da ſie ihn kommen ſah, zeigte ſie ſich ihm ſo ver⸗ gnügt und ſo freundlich, daß er vollkommen merken konnte, er habe die Worte des Fraters verſtanden. Und von dieſem Tage an ging er ununterbrochen mit vieler Vorſicht zu ſeiner Freude und zum groͤßten Ver⸗ gnuͤgen und Troſt der Dame, und deutlich zeigend, daß kein anderes Geſchaͤft der Grund dazu wäre, durch dieſe Straße. Indeſſen da die Dame nach weniger Zeit ſchon merkte, daß ſie ihm eben ſo gefiele, als er ihr, und ſie begierig war, ihn noch mehr anzufeuern, und ihn uͤber die Liebe, die ſie fuͤr ihn hegte, immer mehr zu gewiſſern, waͤhlte ſie Zeit und Gelegenheit, um zu dem heiligen Bruder wieder zuruͤckzukehren, ſetzte ſich dann in der Kirche ihm zu Fuͤßen nieder, und fing wieder an zu weinen. Sobald der Frater, dies ſah, fragte er ſie theil⸗ nehmend, was ſie denn wieder Neues haͤtte. Die Dame antwortete: Was ich Neues habe, betrifft nichts anders, als Euren von Gott verdamm⸗ ten Freund, uͤber den ich mich jenes Tages einmal ſo bitter bei Euch beklagte, weil ich nicht anders glauben kann, als daß er zu meiner groͤßten Plage geboren iſt, und mich zu etwas bringen wird, wor⸗ uͤber ich zeitlebens unzufrieden ſeyn, und es nie 140 Dritter Tag. mehr wagen wuͤrde, mich zu Euren Fuͤßen zu ſetzen. Wie, ſagte der Frater, hat er es noch immer nicht unterlaſſen, Dir Verdruß zu machen? Ach nein, ſagte die Dame; im Gegentheil, ſeit⸗ dem ich mich uͤber ihn bei Euch beſchwert habe, geht er, glaube ich, füͤr jedes ein Mal, das er ſonſt vorbeiging, wohl ſieben Mal vorbei. Und wollte Gott, das Vorbeigehen und mich anſehen wäre ihm genug geweſen, aber er iſt ſo dreiſt und un⸗ verſchamt geworden, daß er ſogar geſtern eine Frau mit Nachrichten und Faſeleien von ſich, mir zu⸗ ſchicte, ünd mir, als wenn ich nicht Beutel und Guͤrtel genug haͤtte, einen Beutel und einen Guͤrtel ſchickte. Das nahm ich und nehme ich auch jetzt noch ſo uͤbel, daß ich glaube, hätte ich nicht an die Suͤnde und an Eure Guͤte gedacht, ich waͤre wuͤthend geworden. Allein ich habe mich gemaͤßigt, und habe nichts eher thun und ſagen wollen, ehe ich es Euch nicht zu wiſſen gethan haͤtte. Ich gab zwar den Guͤrtel und den Beutel der Frau, die beides ge⸗ bracht hatte, zuruͤck, um es ihm wieder mitzunehmen, und gab ihr noch einen ſchoͤnen Abſchied oben einz indeſſen, da ich furchtete, daß ſie es fuͤr ſich behal⸗ ten, und zu ihm ſagen moͤchte, ich haͤtte es angenom⸗ men, wie ich glaube, daß ſie es wohl zu machen pflegen, rief ich ſie wieder um, nahm ihr beides zor⸗ nig aus der Hand und bringe es Euch, damit Ihr es ihm wiedergeben und ſagen moͤchtet, ich beduͤrfte ſeiner Sachen nicht, denn ich haͤtte, Gott ſey Dank, von ich ich nod blei ſag da tige dar kon ſche hef und ren kon er aͤrg kan mel geft abe ich neu wa Abe Zor Dei 36 er it⸗ er nd re n⸗ au u⸗ nd tel tzt die end abe uch den ge⸗ en, inz al⸗ m⸗ hen or⸗ Ihr rfte ank, Dritte Novelle. 141 von meinem Manne ſo viel Beutel und Guͤrtel, daß ich ihn darin erſticken koͤnnte. Und nun entſchuldige ich mich gegen Euch, als waͤret Ihr mein Vater, nur noch daruber, daß, wenn er damit nicht zu Hauſe bleibt, ich es meinem Manne und meinen Bruͤdern ſagen werde, und mag auch daraus herkommen, was da wolle, ſo will ich doch lieber, daß er einen tuͤch⸗ tigen Wiſcher daruͤber erhält, und den muß er auch daruͤber erhalten, als daß ich durch ihn ins Gerede komme, und, ehrwuͤrdiger Herr, da geſchähe ihm ſchon Recht. Nachdem ſie dieſe Worte geſprochen, zog ſie, heftig weinend, unter ihrem überkleide einen ſchoͤnen und reichen Beutel mit einem niedlichen und koſtba⸗ ren Guͤrtel hervor, und warf es dem Frater auf den Schooß, der das, was die Frau geſagt hatte, voll⸗ kommen glaubte. über alle Maßen beſtuͤrzt, nahm er es und ſagte: Liebe Tochter, wenn Du Dich uͤber dieſe Dinge aͤrgerſt, ſo wundere ich mich nicht daruͤber, auch kann ich Dir deshalb keinen Vorwurf machen; viel⸗ mehr lobe ich Dich, daß Du hierin meinem Rathe gefolgt biſt. Ich habe ihn erſt ehegeſtern vorgehabt, aber er hat ſchlecht gehalten, was er mir verſprach; ich werde ihm daher dafuͤr und auch fuͤr das, was er neuerdings wieder gethan hat, ein bischen den Kopf waſchen, damit er Dir kein Trgerniß mehr gibt. Aber Du laß Dich unter Gottes Beiſtand nicht vom Zorne ſo hinreißen, daß Du es irgend einem der Deinigen ſagteſt, denn daraus koͤnnte nichts Gutes 142 Dritter Tag⸗ erfolgen. Sey unbeſorgt, hieraus ſoll für Dich kein Vorwurf je erwachſen, denn ich werde Dir immer vor Gott und vor allen Menſchen der kraftigſte Zeuge Deiner Unſchuld ſeyn. Die Frau that, als wenn ſie ſich ein wenig zu⸗ frieden gaͤbe, ſie ſchwieg alſo hiervon, da ſie aber ſeinen und der andern Geiz kannte, ſagte ſie: Herr, in dieſen Naͤchten ſind mir mehrere meiner Anver⸗ wandten erſchienen, und es kam mir ſo vor, als lit⸗ ten ſie große Qualen, und als baͤten ſie um nichts, als um Almoſen; ganz beſonders aber meine Mut⸗ ter, die mir ſo bekuͤmmert und ſo ungiücklich zu ſeyn ſchien, daß es ein Jammer war, mit anzuſehen. Ich glaube, ſie war daruͤber ſo betruͤbt, daß ſie mich von ſolchem Feinde Gottes gequält ſah, und deshalb wünſchte ich, daß Ihr mir fuͤr ihre arme Seeke vierzig Meſſen des heiligen Gregorius laͤſet, und fuͤr ſie beten moͤchtet, damit ſie Gott aus dieſer Feuerqual herauszoͤge. Und nachdem ſie ſo geſpro⸗ chen, druͤckte ſie ihm einen Gulden in die Hand. Der heilige Frater nahm ihn frendig an, und veſtärkte ſie mit guten Worten und vielen Beiſpie⸗ ten in ihrer Froͤmmigkeit, und nachdem er ihr ſeinen Segen gegeben hatte, entließ er ſie. Nachdem die Frau fort war, ſchickte er, da er keinesweges merkte, daß ihm eine Naſe gedreht wor⸗ den, zun ſeinem Freunde. Sobald dieſer gekommen war, und jenen in ſolcher Unrhe ſah, merkte er ſo⸗ gleich, daß er Nachrichten von der Frau haͤtte, und — ein ner ſte 3. ber rr, er⸗ lit⸗ ts, ut⸗ zu en. ich alb eebe und eſer ⸗ und pie⸗ inen a er wor⸗ men und Dritte Novelle. 143 war in voller Erwartung, was der Frater ſagen wuͤrde. Dieſer wiederholte die Worte, die er ihm ſchon oft geſagt hatte, ſprach dann von Neuem ſehr belei⸗ digend und hoͤchſt aufgebracht zu ihm, und gab ihm uͤber das, was die Frau ihm geſagt hatte, daß er gethan haben ſollte, einen ſcharfen Verweis. Der junge Mann, der noch nicht abſehen konnte, wo der Frater hinaus wollte, laͤugnete ziemlich lau, daß er den Beutel mit dem Guͤrtel geſandt habe, damit er dem Frater nicht etwa den Glanben daran benaͤhme, wenn vielleicht die Frau ihm denſelben wirklich gegeben haͤtte. Allein der Frater, der ganz warm ward, ſagte: Wie kannſt Du, ſchlechter Menſch, das laͤugnen? Sieh, mit Thraͤnen hat ſie ſelbſt es mir gegeben, erkennſt Du es nicht? Der junge Mann that, als wenn er ſich ſehr ſchaͤmte und ſagte: Ja, freilich erkenne ich es wohl, und geſtehe Euch, daß ich nicht recht gethan habhe; aber ich ſchwoͤre es S da ich ſehe, wie ſie geſon⸗ nen iſt, ſo ſollt Ihr hieruͤber nimmermehr ein Wort wieder hoͤren. Hierauf erfolgten noch viele Worte mehr; bis endlich Bruder Schaf ſeinem Freunde den Ber tel mit dem Guͤrtel gab und ihn, nach vielen gnten Lehren, bat, er moͤchte doch davon abſtehen; jener verſprach's, und er ward entlaſſen. Der junge Mann, hoͤchſt erfrent uͤber die Ge⸗ wißheit der Liebe, welche die Fran fuͤr ihn zu haben 144 Dritter Tag. ſchien, und ber das ſchoͤne Geſchenk, ging, ſobald er den Frater verlaſſen hatte, dahin, wo er ſeine Dame auf eine vorſichtige Art konnte ſehen laſſen, daß er das eine, wie das andere erhalten habe; woruͤber die Frau ſehr zufrieden war, und beſonders daruber, daß ihr Plaͤnchen immer beſſer von Statten ginge. Sie wartete daher auf nichts ſehnlicher, als, daß ihr Mann einmal irgend wohin verreiſen moͤchte, um dem Werke die Krone aufzuſetzen; und wirklich traf es ſich, daß nicht lange darauf der Mann ein⸗ mal bis nach Genna reiſen mußte. Sobald dieſer am Morgen zu Pferde geſtiegen und abgereiſt war, ging die Frau ſogleich zu dem heiligen Manne, und nach vielen bittern Klagen ſagte ſie mit Thraͤnen zu ihm: Mein Vater, jetzt muß ich es Euch nun ſagen, ich kann es nicht mehr aushalten; aber weil ich Euch neulich verſprochen habe, nichts zu thun, ehe ich es Euch nicht geſagt haͤtte, ſo komme ich, mich bei Euch zu entſchuldigen. Und damit Ihr um ſo eher glauben möget, daß ich Recht habe, zu weinen und mich zu beklagen, ſo will ich Euch ſagen, was Euer Freund, oder vielmehr der Teufel aus der Hoͤlle, mir dieſen Morgen kurz vor Tagesanbruch gethan hat. Ich weiß gar nicht, durch welchen ungluͤcklichen Zufall er erfahren haben muß, daß mein Mann geſtern fruͤh nach Genua ge⸗ reiſt iſt; denn ſchon dieſen Morgen kam er um die Stunde, wie ich Euch ſagte, in meinen Garten und ſtieg auf einem Baume bis vor das Fenſter mei⸗ ner Schlafkammer, die nach dem Garten hinaus r rz t, n — * ie 1d i⸗ 16 Dritte Novelle. 445 liegt. Schon hatte er das Fenſter geoͤffnet, und wollte in meine Kammer hinein kommen, als ich er⸗ wachte und ſchnell aus dem Bette ſprang. Ich fing an zu ſchreien, und ich wuͤrde noch aͤrger geſchrien haben, wenn er ſelbſt, der noch nicht hereingekom⸗ men war, mich nicht um Gottes und Euretwillen gebeten haͤtte, indem er mir ſagte, wer er waͤre. Sobald ich dies hoͤrte, ſchwieg ich Euretwegen ſtill, und lief, ſo unbekleidet, wie mich Gott erſchaffen hat, um ihm das Fenſter vor der Naſe zuzuſchlagen. Hierauf glaube ich, ging der Ungluͤckliche fort, denn ich ſah und hoͤrte nichts mehr von ihm. Ihr wer⸗ det nun ſelbſt wol einſehen, ob das anſtaͤndig und auszuſtehen iſt; ich aber bin gar nicht geſonnen, es länger noch zu ertragen, denn ich habe ihm ſchon, aus Liebe zu Euch, zu viel nachgeſehen. Sobald der Frater dies hoͤrte, gerieth er in die äußerſte Verlegenheit von der Welt, und wußte gar nicht, was er ſagen ſollte, ſondern fragte ſie meh⸗ rere male, ob ſie ihn auch gewiß erkannt haͤtte, daß es nicht ein Anderer geweſen waͤre. Hierauf antwortete die Dame: Gottlob, fuͤr einen Andern habe ich ihn nicht verkannt. Ich ſage Euch, er war's, und wenn er es etwa laͤugnen wollte, ſo glaubt es ihm nur nicht. Da ſagte der Frater: Jochter, hierauf iſt nichts anderes zu ſagen, als daß das zu dreiſt, und eine zu ſchlechte Handlung iſt; aber Du haſt gethan, was Du thun mußteſt, naͤmlich, ihm die Wege weiſen, wie Du gethan haſt. Doch aber will ich Dich bitten, Boccaccjo's ſömmtl. W. 2. 10 146 Dritter Tag. weil Gott Dich vor der Schande bewahrt hat, daß, wie Du meinem Rathe ſchon zwei Mal gefolgt biſt, Du es auch dies mal thun moͤchteſt, naͤmlich, ohne Dich bei irgend einem Deiner Verwandten daruͤber zu beklagen/ es mir zu uͤberlaſſen, der ich ſchon zu⸗ ſehen will, wie ich dieſem Teufel, der von allen Banden los iſt, und den ich fuͤr einen wahren Heili⸗ gen hielt, einen Zaum anlege; und wenn ich es da⸗ hin bringen kann, ihm dieſe wilde Luſt zu benehmen, ſo wird es ſehr heilſam ſeyn; kann ich es nicht, ſo gebe ich Dir bis dahin mit meinem Segen mein Wort, daß Du alsdann thun kannſt, was Du nach Deinem Sinne fuͤr's Beſte haͤltſt. Gut, ſagte die Dame, für dies mal will ich Ench nicht weiter beunruhigen, und gegen Euch un⸗ gehorſam ſeyn; aber thut auch Euer Moͤglichſtes, vaß er ſich in's Kuͤnftige huͤtet, mich noch laͤnger zu velaͤſtigen, und ich verſpreche es Euch, aus dieſem Grunde nie wieder zu Euch zu kommen. Hierauf ging ſie ohne noch weiter ein Wort zu ſagen, wie ganz beſturzt, von dem Frater fort. Indeſſen die Dame war kaum aus der Kirche, als der junge Mann auch hinzu kam, von dem Fra⸗ ter aber ſchnell gerufen und bei Seite genommen ward. Dieſer gab ihm die ſchaͤrfſten Verweiſe, die je einem Menſchen gegeben worden ſind, nannte ihn einen Treuloſen, einen Meineidigen, einen Verraͤther uber den andern. Jener, der nun ſchon zwei Mal erfahren hatte, wo die Verweiſe dieſes Fraters hinaus wollten, ſtand t 1e = t⸗ = n in ch ich in⸗ es, em auf wie he, ra⸗ nen die ihn ther tte, tand Dritte Novelle. 147 aufmerkſam, aber ganz perplex zum Antworten da; indeſſen, da er ſich alle Muͤhe gab, um ihn mehr noch zum Reden zu bringen, ſo ſagte er fuͤr's erſte: Herr, wozu dieſe Vorwuͤrfe? Hab' ich denn Chri⸗ ſtum an's Kreuz geſchlagen? Hierauf antwortete der Frater: Seh' einer den Ausverſchämten! da hoͤre man, was er ſagt, ſpricht er doch gerade ſo, als wenn ein, oder wol gar zwei Jahre daruͤber hingegangen waͤren, daß er ſeine dum⸗ men Streiche und Unanſtaͤndigkeiten in der Länge der Zeit ganz und gar vergeſſen haͤtte! Iſt es Dir denn von heute ganz fruͤh bis jetzt voͤllig aus dem Sinne gekommen, andere Leute beleidigt zu haben? Wo warſt Du heute fruͤh kurz vor Tage? Der junge Mann antwortete: Das weiß ich nicht mehr, wo ich geweſen bin; Ihr müßt ſehr ſchnelle Botſchaft daruͤber bekommen haben. Ja, das habe ich, ſagte der Frater, ich habe Botſchaft daruͤber bekommen; ich glaube gar, Du denkſt, weil der Mann nicht zu Hauſe war, ſoll die brave Frau Dich ſogleich in den Arm nehmen. J, Musjechen! Sieh doch! aus dem Tugendſpiegel iſt ein Nachtſchwärmer geworden, ein Gartenoͤffner, ein Bäumekletterer. Glaubſt Du durch Unverſchaͤmtheit die Unbeſcholtenheit dieſer Dame zu uͤberwinden, wenn Du Nachts auf den Bäumen ihren Fenſtern Dich naͤherſt? Nichts in der Welt iſt ihr mehr ver⸗ haßt, als gerade das, was Du thuſt, und doch thuſt Du es immer wieder! Wahrhaftig, ich will nicht ein Wort daruͤber ſagen, daß ſie es Dir ſchon ſo 148 Dritter Tag⸗ oftmals gezeigt hat, aber auf meine Zuͤchtigungen haſt Du Dich ſchoͤn gebeſſert. Indeſſen, das will ich Dir doch nur ſagen, ſie hat bis jetzt, nicht etwa aus Liebe, die ſie fuͤr Dich hegt, ſondern auf meine dringenden Bitten von dem geſchwiegen, was Du gethan haſt; aber länger wird ſie nicht mehr ſchwei⸗ gen, ich habe ihr die Erlaubniß zugeſtanden, daß, wenn Du nur im geringſten ihr noch mißfaͤllig biſt, ſie ganz nach ihrem Gefallen verfahren kann. Was wirſt Du denn thun, wenn ſie es ihren Bruͤdern ſagt? Der junge Mann hatte hinreichend verſtanden, was er noͤthig hatte, und beruhigte den Frater, ſo gut er nur wußte und konnte, mit den groͤßten Ver⸗ ſprechungen. Dann ging er fort von ihm. Sobald aber der Morgen des folgenden Tages nur anbrach, ging er in den Garten, kletterte auf den Baum hin⸗ Kuf, und da er das Fenſter offen fand, ſtieg er in die Kammer hinein, und begab ſich, ſo ſchnell er nur konnte, in die Arme ſeiner ſchoͤnen Dame. Dieſe, die ihn ſchon mit der groͤßten Sehnſücht erwartet hatte, empfing ihn freudig und ſagte: Großen Dank dem Herrn Frater, der Dir ſo ſchoͤn den Weg hieher zu kommen gelehrt hat. Sie erfreuten ſich hierauf einer des andern, ſprachen und lachten herzlich uͤber die Einfalt des dummen Fra⸗ ters, ſpotteten uͤber die Werk⸗Butzen, uͤber die Kämme, die Karden, und ergoͤtzten ſich zuſammen mit großem Vergnuͤgen. Hierauf richteten ſie es mit einauder ſo ein, wie ſie, ohne erſt zu dem Herrn n ill va ne u i — Vierte Novelle. 149 Frater immer wieder ihre Zuflucht nehmen zu muͤſ⸗ ſen, ſich auch in andern Naͤchten mit eben ſo vielem Vergnuͤgen zuſammenfinden koͤnnten. Ich bitte Gott, daß er nach ſeiner heiligen Barmherzigkeit mich und alle chriſtlichen Seelen, die Luſt dazu haben, eben auch dahin geleiten moͤge. Vierte Novelle. Don Felir belehrt den Bruder Puccio, wie er ſelig wer⸗ den könnte, wenn er irgend eine Buße thäͤte; Bruder Puccio thut ſie, und unterdeſſen vertreibt ſich Don Fo⸗ lix mit der Frau des Bruders die Zeit. Als Philomena ihre Novelle geendigt hatte, ſchwieg ſie, und Dioneus lobte den Verſtand der Dame mit ſehr ſuͤßen Worten, und auch beſonders die von Philomenen zuletzt noch hinzugefuͤgte Bitte. Da blickte die Koͤnigin laͤchelnd auf Pamphilus hin und ſagte: Jetzt, Pamphilus, unterhalte Du unſer Vergnuͤgen noch mit irgend etwas Scherzhaftem. Gern, antwortete Pamphilus, und fing an: Koͤnigin, es gibt viele Leute, die, waͤhrend ſie ſich alle Muͤhe geben, ins Paradies zu kommen, ohne es ſelbſt zu merken, einen Andern hinein ſchicken; das begegnete unſerer Landsmaͤnnin vor nicht langer Zeit, wie Ihr hoͤren werdet. Wie ich einmal erzaͤhlen gehoͤrt habe, ſoll ne⸗ ben St. Pankraz ein guter und reicher Mann ge⸗ wohnt haben, welcher Puccio von Rinieri hieß, und der, da er ſich ganz und gar der Froͤmmigkeit erge⸗ ben hatte, und ein Kuttentraͤger des heiligen Franzis⸗ 450 Dritter Tag. kus geworden war, Bruder Puccio genannt ward. Dieſem ſeinem geiſtigen Leben folgend, lag er, weil er keine andere Familie hatte, als eine Frau und ein Dienſtmäͤdchen, und eben deshalb ſich auch keiner Kunſt zu befleißigen brauchte, viel in der Kirche. Da er ferner ein Erz⸗Idiot, und ein ganz alberner Menſch war, ſo betete er ſeine Paternoſter ab, ging in alle Predigten, kniete in der Meſſe, fehlte nie⸗ mals, außer daß er alsdann nicht gegenwaͤrtig war, wenn die Weltgeiſtlichen die Laudes ſangen, faſtete und kaſteiete ſich ſo, daß man einander ganz heim⸗ lich ſich zufluͤſterte: der gehoͤrt zu den Geißelbruͤdern. Die Frau, Monna Iſabetta war ihr Name, war noch jung, etwa 28 bis 30 Jahr, friſch, ſchoͤn, rund⸗ lich, und hatte ſo rothe Baͤckchen, wie ein Apfel⸗ mußte aber wegen der Heiligkeit ihres Mannes, viel⸗ leicht auch wol ſeines Alters wegen, ſehr oft viel zu lange Faſten halten, als ſie es wuͤnſchte; und wenn ſie dagegen etwa hatte ſchlafen oder mit ihm ſcher⸗ zen wollen, erzahlte er ihr was aus Chriſtus Leben, oder aus den Predigten des Bruder Anaſtaſius, oder us den KFlageliedern der heiligen Magdalena, oder ſonſt dergleichen Dinge. Gerade zu der Zeit kam aus Paris ein Moͤnch zuruͤck, Namens Don Felir, Conventual des heiligen Pancraz, der noch ſehr jung, von einnehmender Ge⸗ ſtalt war, einen feinen Verſtand hatte, und tiefe Wiſſenſchaft beſaß; mit dieſem ſchloß Bruder Puc⸗ cio ein enges Freundſchaftsbuͤndniß. Weil dieſer ihm nun alle ſeine Zweifel ſo ſchoͤn zu loͤſen wußte, und eil nd er he. 1er ng ie⸗ ar, ete rn. bar nd⸗ fel. iel⸗ zu enn ER en, der der nch gen Ge⸗ iefe uc⸗ hm und Vierte Novelle. 151 uͤberdies noch, da er ſeine ganze Lage kannte, ihm wie ein Heiliger vorkam, fing Bruder Puccio an⸗ ihn je zuweilen mit ſich nach Hauſe zu nehmen, und vehielt ihn, wie es gerade die Gelegenheit gab, zum Mittag⸗ und Abendeſſen bei ſich; auch die Frau war ebenfalls aus Liebe fuͤr den Bruder Puccio ver⸗ trauter mit ihm geworden, und bewirthete ihn recht gern. Da nun der Moͤnch den Umgang in Bruder Puc⸗ cio's Hauſe fortſetzte, und taͤglich die vluͤhende rund⸗ liche Frau ſah, merkte er, was das wol waͤre, wor⸗ an ſie vorzuglich Mangel litte, und dachte bei ſich ſo daruͤber nach, ihr, wenn er es koͤnnte, denſelben zu erſetzen, und den Bruder Puccio der Muͤhe zu uͤberheben. Und da er ein und ein ander Mal ſchlauer⸗ weiſe ſein Auge auf ſie geworfen hatte, brachte er es dahin, daß er in ihrem Sinne daſſelbe Verlangen entflammte, was er hatte. Kaum hatte der Moͤnch dies gemerkt, ſo entdeckte er ihr, ſobald ſich ihm nur die Gelegenheit dazu darbot, ſeinen Wunſch. Ob er nun zwar gleich ſie ganz bereitwillig dazu fand, das Werk der Vollendung nahe zu bringen, ſo war doch kein Mittel dazu ausfindig zu machen, weil ſie an keinem andern Orte in der Welt ſich getrauen wollte, mit dem Moͤnch allein zu ſeyn, als nur in ihrem Hauſe, und in ihrem Hauſe konnte das nicht ſeyn, weil Bruder Puccio nimmermehr das Feld räumte; woruͤber denn der Moͤnch großen Verdruß hatte. Nach langer Zeit endlich fiel ihm ein Mittel ein, wie er ohne allen Verdacht mit der Frau in 152 Dritter Tag. — ihrem Hauſe allein ſeyn koͤnnte, wenn auch ſelbſt Bruder Puccio zu Hauſe waͤre. Als näͤmlich Bruder Puccio eines Tages zum Beſuch zu ihm gekommen war, ſagte er zu demſel⸗ ben: Ich habe es ſchon oftmals bemerkt, Bruder Puccio, daß Dein Tichten und Trachten dahin geht, ein Heiliger zu werden; dazu ſcheinſt Du mir aber einen viel zu langen Weg einzuſchlagen, da es doch einen gibt, der weit kuͤrzer iſt, von dem aber der Papſt und ſeine anderen hoͤheren Prälaten, die ihn kennen und gebrauchen, nicht wollen, daß er Andern gezeigt werde, weil alsdann der Orden der Cleriſey, der vorzuͤglich von Almoſen lebt, unverzuͤglich zer⸗ ſtoͤrt ſeyn wuͤrde, indem die Layen weder durch Al⸗ moſen, noch ſonſt irgend wodurch mehr, auf ihn ach⸗ ten wuͤrden. Indeſſen, da Du mein Freund biſt, und mich ſo geehrt haſt, weshalb ich glaube, daß Du es keinem Menſchen in der Welt offenbaren wirſt, ſo will ich ihn Dir zeigen, wenn Du ihm folgen willſt. Bruder Puccio, der hiernach ſehr begierig ge⸗ worden war, fing zuerſt an, ihn auf das inſtaͤndigſte zu bitten, daß er ihn ihm doch zeigen moͤchte, dann ſchwur er, daß er nimmermehr, wenn er es nicht haben wollte, es einem Andern wieder ſagen wuͤrde, und verſicherte, daß er ſich ſogleich auf den Weg machen wolle, wenn er ihm nur irgends folgen könnte. Weil Du es mir denn auf ſolche Art verſprichſt, ſagte hierauf der Moͤnch, ſo will ich ihn Dir auch m er t, er er n rn y⸗ ⸗ ſt, ß ſt, en e⸗ ſte un e, eg en ſt, ch Pflock anlehnen, ſo kannſt Du das thun. Auf dieſe Vierte Novelle. 153 zeigen. Du mußt wiſſen, daß die heiligen Doctores behaupten, derjenige, der ein Heiliger werden will, muß eine Buße thun, wie Du gleich hoͤren ſollſt; aber verſteh' mich auch recht. Ich ſage nicht, daß Du nach der Buße kein Suͤnder mehr waͤreſt, ſo, wie Du es wirklich biſt, nein, das nicht! aber das wird der Erfolg davon ſeyn, daß die Suͤnden, die Du bis zur Buße begangen haſt, alle abgebuͤßt und Dir vergeben ſeyn werden; und die, die Du nachher begehen wirſt, werden Dir nicht zur Verdammniß geſchrieben werden, ſondern werden durch das Weih⸗ waſſer verſchwinden, wie jetzt die laͤßlichen. Der Menſch muß daher vor allen Dingen mit der groͤß⸗ ten Sorgfalt ſeine Suͤnden beichten, wenn die Buße beginnen ſoll; hierauf muß er ein Faſten und die ſtrengſte Enthaltſamkeit anfangen, welche 40 Tage dauern muß, in welchen Du Dich nicht ſowohl an⸗ dere Frauen, als vielmehr Deine eigene zu beruͤhren enthalten mußt. überdies mußt Du in Deinem eige⸗ nen Hauſe irgend einen Ort haben, an welchem Du in der Nacht den Himmel ſehen, und dann in der Complet⸗Stunde dahin gehen kannſt; hier mußt Du einen großen Tiſch ſo geſtellt haben, daß, wenn Du auf den Fuͤßen ſtehſt, Du Dich mit den Lenden daran anlehnen kannſt; wenn Du alsdann die Fuͤße auf dem Boden aufſetzeſt, mußt Du die Arme wie ein Crueifix ausſtrecken; willſt Du dieſe an einen Weiſe mußt Du nun den Himmel anſchauen, und ohne die geringſte Bewegung bis zur Fruͤh⸗Mette 154 Dritter Tag. ſtehen bleiben. Und wenn Du leſen koͤnnteſt, ſo muͤßteſt Du waͤhrend dieſer Zeit gewiſſe Gebete ab⸗ leſen, die ich Dir geben wuͤrde, doch aber, weil Du das nicht kannſt, ſo mußt Du 300 Paternoſter, mit 300 Ave⸗Maria, zur Ehre der heiligen Dreieinigkeit, herſagen; und indem Du nach dem Himmel ſchauſt, mußt Du immer im Gedächtniß behalten, daß Gott der Schoͤpfer Himmels und der Erden iſt, und wenn Du auf ſolche Art ſtehſt, an das Leiden Chriſti den⸗ ken, der eben ſo am Kreuze hing. Dann, wenn es zur Fruͤh⸗Metten läutet, kannſt Du, wenn Du willſt, weggehen und Dich ſo gekleidet auf Dein Bett werfen und ſchlafen; den Morgen darauf mußt Du in die Kirche gehen, und daſelbſt wenigſtens drei Meſſen hören, und 50 Paternoſter und eben ſo viel Ave⸗Maria beten. Hierauf kannſt Du dann in aller Einfalt Deine Geſchaͤfte betreiben, wenn Du welche haſt, kannſt eſſen, mußt aber hernach zur Vesper in der Kirche ſeyn, dort gewiſſe Gebete thun, die ich Dir aufgeſchrieben geben will, ohne welche gar nichts geſchehen kann, und dann wieder gegen die Complet⸗ Stunde zu der geſagten Weiſe zuruͤckkehren. Wenn Du dies ſo thuſt, wie ich es ſchon gethan habe, ſo hoffe ich, daß Du, noch ehe das Ende der Buße her⸗ annahet, merkwuͤrdige Folgen der ewigen Seligkeit verſpuͤren wirſt, wenn Du alles mit Andacht gethan haſt. Bruder Puccio ſagte hierauf: das iſt eben nicht weder was zu Schweres, noch was zu Langes, und das läßt ſich recht gut thun; darum will ich es auch ſo ab⸗ Du mit eit, uſt, zott enn en es ein mußt drei viel Mer che r in ich ichts olet⸗ benn ſo her⸗ gkeit than nicht das guch Vierte Novelle. 157 Bruder Puccio war daher ruhig, und legte wie⸗ der Hand an ſeine Paternoſter; die Frau aber, und mein Herr Moͤnch, ließen von dieſer Nacht an ein Bett nach einer andern Stelle im Hauſe bringen, und vergnuͤgten ſich in demſelben uͤber alle Maßen, ſo lange Bruder Puccio's Poͤnitenz dauerte; zu der⸗ ſelben Zeit aber, wenn der Moͤnch fortging, kehrte die Frau in ihr Bett zuruͤck, wo denn auch Bruder Puccio, bald nach beendigter Poͤnitenz, hinkam. Da nun der Frater auf ſolche Weiſe ſeine Poͤnitenz, und die Frau ihr Vergnuͤgen mit dem Moͤnch vollbracht hatte, ſagte ſie oft ſcherzweiſe zu dieſem: Du läͤßt Bruder Puccio'n die Poͤnitenz thun, damit wir das Paradies gewinnen. Und da das der Fran recht wohl zu bekommen ſchien, ſo gewoͤhnte ſie ſich ſo an die Speiſen des Moͤnches, daß, da ſie von ihrem Manne in langen Faſten gehalten worden war, und auch ſelbſt noch nachher, als Bruder Puccio's Pönitenz ein Ende hatte, ſie doch noch Mittel und Wege fand, an ei⸗ nem andern Orte von ihm zu naſchen, und auch noch lange nachher, bei gehoͤriger Vorſicht, ihr Vergnuͤgen mit ihm hatte. Daher kam es denn auch, damit die letzten Worte nicht mit den erſten im Widerſpruch ſtehen, daß Bruder Puccio, der durch ſeine Poͤni⸗ tenz ſich in's Paradies zu bringen hoffte, den Moͤnch, der ihm den Weg, um ſchnell dahin zu kommen, ge⸗ zeigt hatte, und auch die Frau darin verſetzte, die mit ihm in großer Beduͤrftigkeit deſſen gelebt hatte, 158 Dritter Tag. woruber ihr der Herr Moͤnch, als ſo barmherzig, große Reichthumer zukommen ließ. Fuͤnfte Novelle. Ein Sierling ſchenkt an Herrn Francesko Vergelleſt ein Roß, wodurch er die Erlaubniß erhaͤlt, mit der Frau deſſelben reden zu duͤrfen; da ſie aber ganz ſtill ſchweigt⸗ antwortet er ſich ſelbſt in ihrer Perſon, und ſeiner Ant⸗ wort gemaͤß, geſchieht der Erfolg. Pamphilus hatte nicht ohne Gelaͤchter der Frauen die Novelle von Bruder Puccio geendet, als die Koͤ⸗ nigin Eliſen ganz iüngferlich gebot, fortzufahren. Dieſe, etwas ſproͤder noch, wie ſonſt wol, doch eben nicht aus Bosheit, als vielmehr aus alter Gewohn⸗ heit, fing ſo zu reden an; Es glauben viele, die viel wiſſen, daß ein An⸗ derer nichts wiſſe, und die ſehr oft, indem ſie An⸗ dern eine Falle zu legen glauben, nach der That ein⸗ ſehen, daß ihnen von Andern eine Falle gelegt wor⸗ den. Daher halte ich es fuͤr eine große Thorheit, wenn es ſich Jemand ohne Noth einfallen laͤßt, den Verſtand eines Andern auf die Probe ſtellen zu wol⸗ len. Indeſſen, weil vielleicht nicht Jeder meiner Meinung ſeyn moͤchte, ſo will ich, um der Reihe im Erzählen zu folgen, Euch das erzaͤhlen, was ei⸗ nem Cavalier aus Piſtoja begegnet iſt. Es war in Piſtoja, in der Familie Vergelleſi, ein Cavalier, Namens Meſſer Franceskv, ein ſehr rei⸗ cher, kluger und üͤberaus vorſichtiger, aber grenzenlos geiziger Menſch. Dieſer ſollte als Stadtrichter nach ſelb nur gen den im Nat ſehr gekl Ziet den uͤber der eber Da ſer dieſ aus bekt den ver! Ge er auc wol mei g⸗ in au nt⸗ en do⸗ en. en n⸗ n An⸗ in⸗ 0k⸗ eit, den vol⸗ iner eihe ei⸗ lleſi, rei⸗ nlos nach Fuͤnfte Novelle. 159 Mailand gehen, und hatte ſich, um ehrenvoll da⸗ ſelbſt zu erſcheinen, mit allem Noͤthigen verſehen, nur fehlte es ihm noch an einem Roſſe, was ſchoͤn genug fuͤr ihn geweſen waͤre; und da er keins fin⸗ den konnte, was ihm gefiel, ſo ging ihm das ſehr im Kopfe herum. Damals befand ſich in Piſtoja ein junger Mann, Namens Richard, von geringem Herkommen, aber ſehr reich, und welcher immer ſo zierlich und nett gekleidet umherging, daß er allgemein von Allen der Zierling genannt ward. Schon lange Zeit hatte er Meſſer Francesko's Frau geliebt, doch ungluͤcklich den Hof gemacht, denn ſie war ſehr ſchon, aber auch uͤberaus ſittſam. Dieſer beſaß gerade damals eins der ſchoͤnſten toskaniſchen Reitpferde, und hatte es, eben ſeiner Schoͤnheit wegen, außerordentlich lieb. Da es allgemein bekannt war, daß er der Frau Meſ⸗ ſer Francesko's den Pof machte, ſo ſagte einer zu dieſem, daß, wenn er den darum bäte, er es gewiß aus Liebe, welche der Zierling fuͤr ſeine Frau hegte, bekommen wuͤrde. Herr Frances o, vom Geize getrieben, ließ ſich den Zierling rufen, bat ihn, ihm ſein Reitpferd zr verkaufen, damit der Zierling es ihm allenfalls zum Geſchenk anbieten moͤchte. Als der Zierling dies hoͤrte, kitzelte es ihn, und er antwortete dem Cavalier: Herr, wenn Ihr mir auch Alles, was Ihr auf der Welt nur habt, geben wolltet, ſo koͤnntet Ihr durch Kauf nimmermehr mein Pferd bekommen; aber zum Geſchenk konnt 160 Dritter Tag. Ihr es erhalten, wenn Euch dieſe Bedingung gefällt, daß ich, ehe Ihr es hinnehmt, mit Eurer Erlaub⸗ niß, und unter Eurem Beiſeyn einige Worte mit Eurer Gemahlin reden darf, und zwar ſo weit von jedem andern Menſchen entfernt, daß ich von Keinem, als nur von ihr, gehoͤrt werden kann. Der Cavalier, vom Geiz gelockt, und in der Hoffnung, jenem eine Naſe zu drehen, antwortete, das wäre er zufrieden, und ſo lange er nur wollte. Er verließ ihn ſogleich im Saale ſeines Pallaſtes, und ging in das Zimmer ſeiner Frau; und da er ihr geſagt hatte, wie er auf eine ſo leichte Art das Roß erhalten konnte, forderte er von ihr, daß ſie, um den Zierling anzuhoͤren, mit ihm kommen, aber ſich wohl vorſehen moͤchte, daß ſie ihm auf alles, was er ſagte, auch nicht ein Wort antwortete. Die Frau fand dies ſehr tadelnswuͤrdig, indeſ⸗ ſen, da ſie den Wuͤnſchen ihres Mannes nachkom⸗ men wollte, ſagte ſie, ſie wuͤrde es thun. Hierauf folgte ſie ihrem Manne nach dem Saale, um zu hoͤ⸗ ren, was ihr der gierling ſagen wollte. Nachdem der Cavalier den Vertrag noch einmal feſt gemacht hatte, ſetzte jener ſich an der einen Seite des Saales, von jedem Andern weit entferut, mit der Dame nieder, und fing ſo zu reden an: Achtbare Frau! Ihr ſcheint mir, ohne allen Zweifel, ſo weiſe zu ſeyn, daß Ihr ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit ſehr wohl habt einſehen koͤnnen, was fuͤr eine Liebe zu Euch Eure Schoͤnheit, welche ohne alle Widerrede jede andere uͤbertrifft, die ich jemals nur ————— S —— Ut, ub⸗ mit von em, der ete, te. tes, er das ſie, ber Mes, deſ⸗ o⸗ rauf ho⸗ mal inen rut, Mlen lan⸗ fuͤr alle nur ——— 6 Fuͤnfte Novelle. 161 geſehen zu haben glaube, in mir erweckt hat; aller der lobenswuͤrdigen Sitten und einzigen JTugenden, die ſich bei Euch finden, und die jeden Menſchen von der erhabenſten Geſinnung feſſeln muͤßten, nicht zu gedenken; daher bedarf es wol nicht erſt der Worte noch, um Euch zu beweiſen, daß meine Liebe groͤßer und gluͤhender iſt, als ſie je ein Mann gegen eine Frau empfunden hat, und daß ſie immer die⸗ ſelbe bleiben wird, ſo lange mein elendes Leben dieſe Glieder aufrecht erhaͤlt, und noch mehr, wenn man auch dort noch, ſo wie hier, liebt, ſo werd' ich Euch ewig lieben. Darum koͤnnt Ihr gewiß ſeyn, Ihr habt nichts, was es auch ſeyn mag⸗ ſo werth oder unwerth, was Ihr in ſolchem Grade das Eu⸗ rige nennen, oder worauf Ihr bei jeder Gelegenheit ſo rechnen koͤnntet, als auf mich, was fuͤr einen Werth ich auch immer nur haben mag, oder auf ir⸗ gend Etwas von dem Meinigen. Und damit Ihr hieruͤber den ſicherſten Beweis bekommen moͤget, ſo ſage ich Euch, das wuͤrde ich für ein weit groͤßeres Glück halten, wenn es Euch gefallen moͤchte, mir et⸗ was, was ich ausfuͤhren koͤnnte, anzubefehlen, als wenn auf meinen Wink mir ſogleich die ganze Welt gehorchte. Wenn ich daher der Eurige in dem Grade vin, wie Ihr gehoͤrt habt, daß ich es bin, ſo darf ich mich wol nicht unverdienter Weiſe erdreiſten, meine Bitten Eurer Hoheit vorzutragen, von wel⸗ cher allein nur, und von ſonſt nichts anderem, alle meine Ruhe, all' mein Gluͤck und mein einziges Wohl abhaͤngen kann, und daher bitte ich, als Euer Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 2. 11 162 Dritter Tag. unterthänigſter Knecht, Euch, meinen theuerſten Schatz und einzige Hoffnung meines Lebens, welches ſich in dieſer Liebesgluth nur allein durch die Hoff⸗ nung auf Euch erhaͤlt, daß Eure Guͤtigkeit ſo groß, und Eure Härte, die Ihr bis ietzt gegen mich, der ich doch ganz der Eurige bin, bewieſen habt, ſo gemildert ſeyn moͤchte, daß ich, durch Euer Mitlei⸗ den geſtärkt, mit Recht ſagen koͤnnte, ſo wie ich von Liebe fuͤr Euch durch Eure Schoͤnheit eingenommen ward, ſo habe ich auch eben durch dieſe das Leben wieder erhalten; dingegen, wenn Euer edles Herz nicht durch meine Bitten erweicht wuͤrde, muͤßte es ohne allen Zweifel dahin ſchwinden, ich des Jodes ſeyn, und Ihr wuͤrdet meine Moͤrderin genannt werden Lönnen. Und nicht zu gedenken, daß mein Tod Euch keine Ehre bringen wuͤrde, ſo glaube ich doch nichts deſto weniger, daß, wenn je zuweilen das Gewiſſen Euch daruͤber ſchlagen ſollte, es Euch doch wehe thun wuͤrde, ſo gehandelt zu haben, und Ihr dann, veſſeren Sinnes, nicht einmal zu Euch ſelbſt ſagen ſolltet: Wie unrecht habe ich doch gethan, daß ich mit meinem Zierling nicht mehr Erbarmen gehabt habe, und wenn dieſe Reue dann umſonſt ſeyn wird, dann wird es Euch zu deſto groͤßerem Kummer ge⸗ reichen. Darum, damit dies nicht einmal erfolgen moͤge, ſo laßt es Euch jetzt, wo Ihr mir helfen koͤnnt, nicht verdrießen, und laßt Euch, ehe ich ſterbe, zum Erbarmen fuͤr mich, bewegen, da es nur allein bei Euch ſteht, mich zum gluͤcklichſten oder ſchmerzensvollſten Menſchen zu machen, der nur auf —— ern Fuͤnfte Novelle. 163 Erden lebt. Ich hoffe, Eure Willfährigkeit wird ſo groß ſeyn, daß Ihr nicht zugeben werdet, ich ſollte fuͤr meine große und innige Liebe den Tod zum Lohn erhalten, ſondern Ihr werdet durch eine freund⸗ liche und liebevolle Antwort meine Lebensgeiſter ſtaͤr⸗ ken, welche furchtſam bei Eurem Anblick erbeben. Hier ſchwieg er, und da er nach tiefen Seufzern einige Thraͤnen ſeinen Augen entfallen ließ, erwar⸗ tete er, was die edle Dame ihm antworten wuͤrde. Die Dame, welche weder durch das lange S⸗ ren, die Waffenſpiele, die Morgenmuſiken, noch durch die von dem Zierling aus Liebe fuͤr ſie ange⸗ ſtellten aͤhnlichen Sächelchen, hatte geruͤhrt werden können, ward durch die von dem feurigſten Liebhaber geſprochenen Worte ſo geruͤhrt, daß ſie, was ſie an⸗ fangs nicht gefuͤhlt hatte, zu fuͤhlen anfing, näm⸗ lich, daß es Liebe waͤre. Und ob ſie gleich, um dem ihr von ihrem Manne gegebenen Befehl nachzukom⸗ men, ſchwieg, ſo konnte doch ein Seufzerchen das nicht verbergen, was ſie dem Zierling gern durch eine Antwort deutlich geſagt haben wuͤrde. Nachdem der Zierling ein wenig gewartet hatte, und ſah, daß keine Antwort erfolgte, wunderte er ſich anfangs, dann aber merkte er, was der Cava⸗ lier wol fuͤr Kuͤnſte angewendet haben moͤchte. Er ſah ſie daher ſcharf in's Geſicht, und bemerkte ei⸗ nigemal ein gewiſſes Blinzeln mit den Augen nach ſich hin, überdies unterdruͤckte ſie Seufzer, die ſie nicht mit aller ihrer Macht ihrer Btuſt entſteigen ließ; deshalb faßte er einige gute Hoffnung, und, 164 Dritter Tag. von dieſer nnterſtutzt, einen neuen Entſchluß, ſo daß er im Geiſte der Frau, als wenn ſie auf ſeine Re⸗ den gehoͤrt haͤtte, ſich ſelbſt auf dieſe Art zu ant⸗ worten anfing: Mein Zierling, wahrlich, ſchon ſeit langer Zeit habe ich es gemerkt, wie groß und vollkommen Deine Liebe zu mir iſt, und jetzt erkenne ich es durch Deine Worte noch um ſo mehr, und ich freue mich dar⸗ uͤber, ſo wie es meine Schuldigkeit iſt. So oft ich Dir daher auch wol hart und grauſam geſchienen haben mag, ſo mochte ich doch nicht gern, daß Du glaubteſt, ich waͤre in meinem Sinne das wirklich geweſen, was ich in meinem Geſichte zeigte; viel⸗ mehr habe ich Dich immer geliebt, und vor jedem andern Mann lieb gehabt; aber ſo habe ich handeln muͤſſen, theils aus Furcht vor Andern, theils um den Ruf meiner Tugend zu erhalten. Allein nun kommt die Zeit, wo ich Dir deutlich werde zeigen koͤnnen, ob ich Dich liebe, und wo ich Dir den Lohn werde fuͤr die Liebe geben koͤnnen, die Du fuͤr mich gehabt haſt und noch haſt. Darum gib Dich zufrie⸗ den, und lebe guter Hoffnung, denn Meſſer Fran⸗ cesko wird, wie Du weißt, in einigen Tagen als Stadtrichter nach Mailand gehen, wozu Du ihm, aus Liebe zu mir, das ſchoͤne Reitpferd geſchenkt haſt; ſobald er nun fort ſeyn wird, verſpreche ich Dir bei meiner Treue, und bei der aufrichtigen Liebe, die ich fuͤr Dich hege„ ſollſt Du unfehlbar in ein paar Tagen zu mir kommen, wo wir uns unſerer Liebe froͤhlich und ganz und gar dahin geben wollen. aß Re⸗ nt⸗ eit ine ine ar⸗ ich en du ich el⸗ ln m un en hn e⸗ h⸗ ls n, kt n er . — Fuͤnfte Novelle. 165 Und da ich doch wol von jetzt an kein anderes Mal mehr mit Dir hieruͤber reden werde, ſo ſieh zu, daß Du am Abend des Tages, an welchem Du am Fen⸗ ſter meiner Kammer, welche uͤber unſerm Garten liegt, zwei Handtuͤcher wirſt ausgeſpannt ſehen,— aber, nimm Dich wohl in Acht, daß Dich Keiner ſieht— durch die Garrenthuͤr zu mir kommſt; dann wirſt Du mich finden, ich werde Dich erwarten, und die ganze Nacht wollen wir in Freud' und Vergnuͤ⸗ gen, Einer mit dem Andern, ſo wie wir es wuͤn⸗ ſchen, zubringen. Nachdem der Zierling in der Perſon der Dame alſo geſprochen hatte, fing er nun wieder fuͤr ſich ſelbſt an zu reden, und antwortete auf folgende Art: Geliebteſte Frau, die zu große Freude uͤber Eure herrliche Antwort hat alle meine hoͤheren Kräfte ſo eingenommen, daß ich kaum eine Antwort hervor⸗ bringen kann, um Euch meinen ſchuldigen Dank zu ſagen, und wenn ich auch, wie ich es wuͤnſchte, re⸗ den könnte, ſo wuͤrde dennoch kein Ausdruck ſo ſtark ſeyn, daß er mir hinreichend waͤre, um Euch ſo danken zu koͤnnen, wie ich es wuͤnſchte, und wie es mir zu thun zukaͤme; darum bleibe es Eurem guͤti⸗ gen Ermeſſen uͤberlaſſen, das, was ich wuͤnſche, ſelbſt einzuſehen, da ich es mit Worten nicht aus⸗ druͤcken kann. Nur allein das ſage ich Euch, daß ich alles Ernſtes darauf denken werde, es ſo auszu⸗ fuͤhren, wie Ihr es mir auferlegt habt; und dann, durch das große Geſchenk, was Ihr mir zugeſtanden habt, vielleicht noch um ſo mehr ermuthiget, werde 166 Dritter Tag. ich mich nach allen Kraͤften bemuͤhen, Euch den mir nur moͤglich groͤßten Dank dafuͤr abzuſtatten. Fuͤr jetzt bleibt mir nichts weiter zu ſagen uͤbrig, und deshalb, geliebteſte Frau, gebe Euch Gott die hoͤchſte Freude und das hoͤchſte Gluͤck, wie Ihr ſelbſt es Euch nur wuͤnſchen moͤget, und hiermit Gott befoh⸗ len! Auf alles dies antwortete die Dame auch nicht ein Wort. Deshalb ſtand der Zierling auf und wandte ſich zu dem Cavalier, der, da er ſah, daß Jener aufgeſtanden war, ihm entgegen kam und la⸗ chend zu ihm ſagte: Nun, was meinſt Du? Habe ich mein Verſprechen gehalten? Herr, antwortete der Zierling, keineswegs! denn Ihr verſprachet mir, mich mit Eurer Frau reden zu laſſen, aber Ihr habt mich mit einer Statue von Marmor reden laſſen. Dies Wort gefiel dem Cavalier ausnehmend, der, ob er gleich ſchon eine ſehr gute Meinung von ſeiner Frau hatte, doch jetzt noch eine weit beſſere von ihr bekam, und ſagte: Nun iſt alſo doch das Roß, was Dein war, mein? Hierauf gab der Zierling zur Antwort: Aller⸗ dings, Herr, und wenn ich geglaubt haͤtte, aus die⸗ ſer von Euch erhaltenen Gunſt den Nutzen zu ziehen, den ich wirklich daraus gezogen habe, ſo wuͤrde ich es Euch, ohne daß Ihr mich erſt darum gebeten haͤt⸗ tet, geſchenkt haben, und wollte Gott, ich haͤtt' es gethan, denn Ihr habt das Roß kaͤuſtich an Euch gebracht, aber ich habe es nicht verkauft. ir ir d te 6 ht d * be t⸗ 7 — „—— Fuͤnfte Novelle. 167 Der Cavalier lachte hieruͤber, und da er nun mit einem Roſſe verſehen war, machte er ſich nach einigen Tagen auf den Weg, und ging nach Mai⸗ land in das Stadtrichter⸗Amt. Die Dame, welche nun frei in ihrem Hauſe ge⸗ blieben war, dachte jetzt wieder an die Worte des Zier⸗ lings, an die Liebe, die er fuͤr ſie hegte, und an das aus Liebe fur ſie verſchenkte Roß; und da ſie ihn ſehr oft vor ihrem Hauſe hatte voruͤbergehen geſe⸗ hen, ſagte ſie bei ſich ſelbſt: Was ſoll ich thun? warum wollte ich nur meine Jugend verlieren? der iſt nach Mailand gegangen, und kehrt vor ſechs Mo⸗ nat nicht wieder zuruͤck; und wenn wird er mir dieſe nur jemals wieder erſetzen? wenn ich alt ſeyn werde? Und dann uͤberdies noch, wenn werde ich wol jemals einen ſolchen Liebhaber, als den Zierling wieder fin⸗ den? Ich bin allein, und brauche mich vor Keinem zu fuͤrchten. Ich weiß nicht, warum ſoll ich dieſe gute Zeit nicht wahrnehmen, da ich es doch kann. Es wird mir nicht immer ſo gut geboten werden, als jetzt. Kein Menſch wird das je erfahren; und wenn man es auch ia erfahren ſollte, wahrlich, fo iſt es beſſer, thun und bereuen, als nicht thun und bereuen. Nachdem ſie dies bei ſich uͤberlegt hatte, hing ſie eines Tages zwei Handtuͤcher an dem Gar⸗ tenfenſter auf, ſo wie es der Zierling geſagt hatte. Sobald der Zierling voller Freuden dieſe geſehen patte, begab er ſich ganz im Stillen und allein nach der Gartenthuͤr der Dame, und fand dieſelbe offen; hierauf ging er nach einer andern Thur, welche hin 168 Dritter Tag. zum Hauſe fuͤhrte, und hier fand er die Dame, die ihn erwartete. Sobald ſie ihn kommen ſah, ſtand ſie auf, ging ihm entgegen, und empfing ihn mit vielen Feierlich⸗ keiten; er umarmte ſie, und nachdem er ſie wohl hunderttauſend Mal gekuͤßt hatte, folgte er ihr die Treppe hinauf. Ohne Verzug legten ſie ſich nieder und gelangten an das letzte Ziel der Liebe. Auch war dies nicht, ſo wie es das erſte Mal war, nicht das letzte Mal, weil der Zierling, ſo lange der Ca⸗ valier in Mailand abweſend war, und auch noch nachher, nach ſeiner Ruͤckkehr, zum groͤßten Vergnuͤ⸗ gen eines jeden Theiles, oftmals wieder zuruͤckkehrte. —„ 4— — — v— N— ————— Anmerkungen, Zuſaͤtze und Verbeſſerungen zum erſten Baͤndchen. 8 u Seite 5. Vor dieſer Vorrede befinden ſich in den aͤlteren Aus⸗ gaben noch einige Zeilen, welche, uͤberſetzt, ſo lauten wuͤr⸗ den: Hier fängt an das Buch, genannt Dekameron⸗, mit dem Beinamen Prinz Galeotto, worin hundert Novellen enthalten ſind, in zehn Tagen erzaͤhlt von ſieben Frauen und drei jungen Maͤnnern. Ich habe ſie weggelaſſen, da man ihre Aechtheit be⸗ zweifelt, und ſie in ſpaͤterer Zeit hinzugefuͤgt zu ſeyn glaubt. Ich ſetze ſie indeſſen hieher, um Gelegenheit zu haben, den Titel des ganzen Werkes erklären zu können. Das Wort Dekameron naͤmlich, iſt Griechiſch, und bedeu⸗ tet ſo viel, als zehn Tage, oder Etwas, was in dem Zeitraume von zehn Tagen ſich ereignet hat. Unſer Wie⸗ land hat hiernach ſein Hexameron(Zeit von ſechs Tagen) von Roſenhafn gebildet. Daß dieſe Worte nicht urſpruͤng lich von Boccaccio ſelbſt herſtammen, will man beſonders durch den Zuſatz: mit dem Beinamen Prinz Ga⸗ leotto beweiſen, weil, wenn er ſeinen Novellen einen eigenen Titel zugefuͤgt haͤtte, er ſich ſelbſt widerſprechen würde, da er in der Einleitung zum vierten Tage aus⸗ druͤcklich ſagt, daß er dieſe Novellen ohne Titel ge⸗ ſchrieben habe. Es iſt daher ſehr zu bezweifeln, daß Boc⸗ caccio ſeinen Novellen dieſen Titel Dekameron mit dem Beinamen Prinz Galeotto gegeben habe. Galeotto aber war der Name des Unterhaͤndlers zwiſchen der Liebe Lanzellott's und Ginevra's, eines damals bekannten Lie⸗ besromans. Auch Dante erwäͤhnt deſſelben im fuͤnften Ge⸗ ſange der Holle, als des Vermittlers und Verfuͤhrers zwi⸗ ſchen Franceska von Rimini und ihrem Schwager Paolo Malateſti. Weil nun in dieſem Dekameron groͤßtentheils 170 Anmerkungen. ähnliche Gegenſtände abgehandelt werden, ſo erhielt es den Beinamen, Prinz Galeotto. Seite 7 Zeile 21, welche— hat; dem Origi⸗ nalterte gemaͤßer, muß es heißen: und was dieſe fuͤr eine weit groͤßere Gewalt haben, als die offenbaren, weiß ein Jeder, der es erfahren hat. Seite 8 letzte Zeile iſt ein arger Druckfehler ſtehen geblieben, indem man einige Lieder, ſtatt einige Kinder leſen muß. Seite 9 Zeile 6, woraus Jeder ꝛc., woraus die ſchon genannten Frauen, die ſie leſen werden, eben ſo gut —— werden ſchoͤpfen koͤnnen. S. 11. Z. 22. Schon war ꝛc. die nun folgende Beſchreibung der Peſt, welche zu Boccaccio's Zeiten Flo⸗ renz beſonders und faſt ganz Italien verheerte, iſt lange ſchon als ein Meiſterwerk anerkannt worden, und gewiß ein Jeder wird ſie auch dann noch gern leſen, wenn er ſelbſt ſchon eine aͤhnliche Beſchreibung derjenigen Peſt, wel⸗ che Athen verwuͤſtet:, im Thucydides, als Geſchichtſchrei⸗ ber, und im Lukrez als Dichter geleſen hat. Ich kann dabei nicht unbemerkt laſſen, wie ein jetzt lebender italie⸗ niſcher Dichter, Manzoni, ſich offenbar den Boccaccio zum Muſter vorgeſetzt hat, bei der Beſchreibung, welche er be⸗ ſonders im zweiunddreißigſten Kapitel ſeines neueſten Ro⸗ mans, 1 promessi sposi(die Verlobten), von der Peſt macht, welche im Anfange des ſiebzehnten Jahrhunderts Mailand verheerte. Man wird darin mehrere Stellen fin⸗ den, als z. E. uͤber den Unfug, den dabei angeſtellte Un⸗ terbediente betrieben, welche fuͤr die Fortſchaffung der Todten aus der Stadt und von den Straßen, und die Be⸗ erdigung derſelben Sorge tragen mußten, woraus offenbar hervorgeht, daß der neuere Dichter ſich einige Stellen des älteren zur Nachahmung vorgeſetzt hat. Einleitung zum erſten Tage. S. 17 8. 25, das letzte Stuͤndlein: ſein letz⸗ tes Stuͤndlein. S. 20 3. 25, hinzugelaufenen Todtengrä⸗ MN M S e** S N 3⸗ Anmerkungen. 171 bern. Vielleicht ſolche, welche bei Manzoni apparitori heißen, und deren Amt darin beſtand, vor den Leichenwa⸗ gen voraufzugehen, und durch ein Glockchen den Voruͤber⸗ gehenden ein Zeichen zu geben, daß ſie ſich entfernen ſoll⸗ ten. Dies mißbrauchten alsdann viele, um einen ſchaͤnd⸗ lichen Vortheil fuͤr ſich daraus zu ziehen. S. Ebd. Z. 2 v. unten: Kuͤſtern: Lichtern. S. 22 3. 19, daher ſieht man?c. Bei noch⸗ maliger Durchſicht dieſer ſchwierigen Stelle habe ich eine etwas andere Anſicht derſelben bekommen, die zwar in der Hauptſache mit meiner gegebenen Ueberſetzung uͤberein⸗ ſtimmt, nur die Folge der Saͤtze dem Originale gemäßer beibehaͤlt. Ich ordne naͤmlich die Saͤtze ſo:„daher wird es ſehr deutlich, daß eben das, was beim natuͤrlichen Laufe der Dinge die Weiſeren nicht durch kleine und ſel⸗ tenen Unglucksfälle hatte uͤberzeugen können— man muͤſſe mit Geduld die Große der Ungluͤcksfaͤlle ertragen— ſogar auch die Einfaͤltigeren daruͤber hat klug und unbekuͤmmert machen können.“ Ich laſſe naͤmlich den Infinitiv far auch von den vorhergehenden Worten aveva potuto abhaͤngen⸗ und konſtruire den Satz im Hriginal ſo: apparvé, che quello, che.. mostrare(cioe), doversi con pazienza passare la grandezza dé mali(che quello aveva potuto) far eziandio i semplici scorti e non curanti di cjo. In der Stellung der Saͤtze, in meiner erſten Ueberſetzung hatte ich mich durch Rolli verleiten laſ⸗ ſen, welcher kar in fa veraͤndert und dann ſo konſtruirt: apparve, che, doversi— mali, fa eziandio— curanti: quello che il naturel corso— mostrare. Nach meiner angegebenen Conſtruktion braucht es weder einer Aenderung irgend eines Wortes, noch einer Aende⸗ rung in der Stellung und Folge der Saͤtze. Aldo und Giolito haben dieſem Satze dadurch zu helfen geglaubt. daß ſie cioè vor doversi eingeſchaltet, und das che vor quello als uͤberfluͤſſig weggeſtrichen haben. Ich glaube nicht, daß es gerade noͤthig wäre, ciod in den Tert ein⸗ zuſchieben, es iſt genug, wenn man es ſich zur Deutlich⸗ keit des Satzes nur hinzudenkt. Ueber die Erklaͤrung des 172 Anmerkungen. neuen Herausgebers des Bocc. Colombo, ſo wie uͤber die des Sig. L. Muzzi in ſeinem Saggio sulle permuta- zioni della italiana orazione kann ich nichts ſagen⸗, da ich beide Werke noch nicht habe erhalten können. Fi⸗ acchi in ſeinen Osservazioni sul Decamerone Firen- ze 1311, verfaͤhrt ſehr eigenmaͤchtig, haͤlt mehreres fuͤr uͤberfluͤſſig und glaubt Ordnung in dieſe Stelle gebracht zu haben, wenn er ſie ſo lieſt: apparve, la grandez- za de' mali eziandio i semplici fare scorti e non curanti di quello, che il natural corso delle cose non avea potuto con piccoli e radi danni a, savi mostrare, doversi con pazienza passare. Und dann ſetzt er noch hinzu: Wer wiſſen will, was man mit Ge⸗ duld ertragen und voruͤbergehen laſſen müſſe, kann es im vorhergehenden Perioden finden. S. 27 3. 7, ohne irgend einen andern Grund: ohne ſich irgend ſtrafbar zu machen. S. 36 3. 19, und mich in der Stadt ab⸗ quale: und in der geplagten Stadt bleibe. Ebd. Z. 24, und kein anderer Grund ꝛe.: und kein anderer Grund hat uns den Truͤbſinn zu entflie⸗ hen vermocht. Erſte Novelle. S. 45 Z. 1, weiler klein war nicht, wie wir in Jtalien thun wuͤrden, Capello: muß heißen: weil er, wie wir ſagten, nicht Capello ꝛc. S. 48 Z. 24, daß es nichts Aehnliches gibt: daß daſſelbe erfolgen wird. S. 59 8. 17, ſelig: geſund. S. 60 3. 10, welche ſehr bezweifelten, daß— ihn— welche ſehr fuͤrchteten, daß— ſie—. Zweite Novelle. S. 64 8. 1„ belacht und im Ganzen ſehr ꝛc. Ebd. 8. 2, muͤſſen die Säͤtze in dieſer Ordnung fok⸗ gen: und nachdem man ſie ſorgfaͤltig mit angehoͤrt, und ſie ihr Ende erreicht hatte, ſo befahl die Koͤnigin Neiphi⸗ len ꝛc. Anmerkungen. 173 S. 91 8. 10, indem man ihm gelbe Blu⸗ men auf ſchwarzen Grund ſetzte, eine Witzelei auf die Kleidung der zum Feuertode Verdammten, die mit allerlei furchtbaren Figuren, brennenden Flammen u. dgl. bemalt oder beſetzt wurde. Achte Novelle. S. 100 8. 2, Empfind ſamkeit: Erfindſam⸗ keit. S. 101 8. 16, ein Hofmann. Man muß dar⸗ unter nicht nach unſerer jetzigen Zeit einen Hoͤfling verſte⸗ hen, ſondern wie Sismondi in ſeiner Literatur des ſuͤdli⸗ chen Europa's ſagt: Es waren Aerzte, Sterndeuter, Er⸗ zaͤhler und Troubadoure, welche die Kenntniſſe und Kuͤnſte Spaniens nach dem Norden brachten Ihr Ehrgeiz ging vielleicht nicht weiter, als die geſchaͤftsloſen Großen zu unterhalten, und ihnen durch Schmeicheleien zu gefallenz die Belohnung, die ſie ſich verſprochen hatten, und die ſie von den Fuͤrſten erhielten, beſtand in der Theilnahme an den Feſten, welche ſie durch ihre Erzaͤhlungen und Ge⸗ ſänge belebten, und in Geſchenken an Kleidern und Pfer⸗ den. Sie theilten den Fuͤrſten die ganze poetiſche Ge⸗ müthsbewegung mit, welche ſie ſelbſt fuͤhlten, und indem der Gegenſtand ihrer Geſaͤnge ihren eigenen Charakter er⸗ hob, wurden ſie die Lehrer der Fuͤrſten. Anfänglich ſan⸗ gen die Troubabouren ſelbſt ihre Gedichte(Trouves) an den Hofen und Feſten, in der Folge aber ließen ſie ſie ſingen von ihren Jongleurs. Dieſe, in einem durchaus untergeordneten Verhaͤltniß, uͤbernahmen es, die Geſell⸗ ſchaften, wo ſie Zutritt hatten, mit ihren Erzaͤhlungen, mit den Verſen, die ſie gelernt hatten, und die ſie auf verſchiedenen Inſtrumenten begleiteten, und mit Taſchen⸗ ſpieler- und Poſſenreißerſtüͤckchen zu erluſtigen, wie wir ſie unter andern in der erſten Novelle des zweiten Tages werden kennen lernen. Und gegen dieſe iſt dis folgende Invektive unſeres Boccaccio gerichtet. Zehnte Novelle. S. 110 3. 13, und obgleich ꝛe. 174 Anmerkungen. Die erſt nach dem Erſcheinen des erſten Baͤndchens der unter meinem Namen erſchienenen Ueberſetzung des De⸗ Lameron des Boccaccio erhaltenen Osservazioni di L. Fiacchi sul Decamerone di M. G. Boccaccio Firen- ze 1821, hat mir eine andere Erklaͤrung dieſer ſchwieri⸗ gen Stelle an die Hand gegeben. Ich uͤberſetze ſie naͤmlich ietzt ſo:„Und wenn auch gleich den alten Maͤnnern die Kraͤfte genommen ſind, die zu den Liebesuͤbungen erfordert werden, ſo fehlt ihnen doch weder der gute Wille, noch die anſchauende Erkenntniß deſſen, was zu lieben iſt; und dieſe haben ſie um ſo mehr der Natur zu verdanken, da ſie weit mehr Einſicht, als die jungen Leute haben.“ Sal⸗ viati glaubt dieſer Stelle alle Haͤrte und alle Schwierig⸗ keit zu benehmen, wenn er vor dem Worte natura noch loro vorſetzt. Dies ſcheint mir nicht noͤthig; Boccaccio ſagt im Allgemeinen: durch die Natur, die ihnen ein rei⸗ feres Urtheil zu fllen verliehen hat, als jungen⸗ unerfah⸗ renen Leuten, erkennen ſie, was wirklich liebenswerth iſt. Zweiter Tag. Erſte Novelle. S. 124 3. 14, annehmen moͤchte. Nach vie⸗ lem Lachen ging Alexander zu dem Herrn hin, und erhielt von ihm, daß nach Martellino geſchickt werden ſollte⸗ und das geſchah auch wirklich. Und diejenigen, die nach ihm geſchickt wurden, fanden ihn ꝛc. Zweite Novelle. S. 131 8. 4, geh'einmal, wer iſt e. Geh geſchwinde, und ſieh⸗ ob außerhalb der Mauer unten an dieſer Thür wer iſt ꝛc. Dritte Novelle. S. 136 8. 9, was ihr zufälligerweiſe v. Gott— ward: was ihr von Gott wäre ins Haus geſandt worden. S. 137, Zuſatz zur Note*). Sollte dieſes Wort⸗ —)—— e— — — — Anmerkungen. 175 5 ſpiel uͤberſetzt werden, ſo koͤnnte es etwa ſo geſchehen: a Der Beweis hieruͤber wird mehr aus dem Handwerk, was 2 die Soͤhne nachher betrieben, und welches Aehnlichkeit mit 1. dem hatte, was die Agolanti betrieben und noch betreiben, i⸗ hergenommen werden, als aus etwas anderem.— Der ch italieniſche Name Agolanti, muͤßte in Nageler oder ie Nadeler verdeutſcht werden, weil Boccaccio unter Ago⸗ rt lanti Nagel- oder Nadelfabrikanten verſteht. ch S. 143 3. 7, in den Kopf kam, in der Bruſt nd umherwaͤlzte. da ⸗ Fuͤnfte Novelle. g⸗ S. 161 3. 6, und verſprach ihn KX., und ſie ch verſprach ihm, ihn in ſeinem Wirthshauſe zu beſuchen. io S. 178 3. 15, auch einen ſehr ſchweren ei⸗ ei⸗ ſernen Deckel hatte ꝛc.: auch einen ſehr ſchweren h⸗ Deckel hatte; dieſen hoben ſie mit ihrem Eiſen in die ſt. Höhe. Sechſte Novelle. S. 183 8. 14, und immer das c., und nach dem, was geſchehen war, immer in Furcht ſtand, ließ, ie⸗ aus Schamhaftigkeit, Alles im Stich ꝛc. elt S. 188 3. 14, hier lebte— in Trauerklei⸗ nd dern, bei Conrad's Gemahlin, und als eine ihrer m Hofdamen. Ebd. Z. 20, gekommen war, ließen dieſe zuruͤck, da ſie ſie nicht geſehen hatten, und gingen mit allen den Andern nach Genua. zeh S. 190 8. 7, trat in ꝛc., verließ er die Dienſte an des Herrn G., verſuchte es in verſchiedenen Laͤndern, aber — in keinem 2c!— nach der Trennung mit Herrn G., kam er ꝛc. v. aus rt⸗ 176 Anmerkungen. Anmerkungen und Erläuterungen zum zweiten Baͤndchen. S. 6 8. 14, als auch zugleich rc. In den ſchon angeführten Osservaz. di L. Fiacchi aͤndert der Verf. dieſe Stelle im OHriginal auf dieſe Art: che si uelle cose 1. di m. dessero 0 di d v. cagione: ſtatt che essi— essere, und meint, che si waͤre durch die Ausſprache in ch' essi oder che essi verwandelt wor⸗ den; die willkuhrliche Aenderung dessero⸗ ſtatt essere, will er durch eine ähnliche Stelle aus der vita di Dante des Voccaccio rechtfertigen. Ich behalte die gewoͤhnliche Leſeart, che essi— essere bei, ſupplire auch nicht nach cagione mit einigen provarono, ſondern conſtruire: nè prima S'avvidero d'aver mal disiderato, che (nmlich s'avvideroche) quelle eose essere essi loro cagione dim o di d. v. Ich gebe zu, daß nach s'av- videro eine doppelte Conſtruktion folgt⸗ was man aber im Boccaccio häufig findet; und daß essi loro fuͤr ess1 oft gebraucht werde, ſichere ich durch Bottari's nota 463 alle lettere di fra Guittone: Molti scrittori han- no in uso di aggiugnere quasi sempre al prono- me loro questo esso in tulti i casi, e con tutti le preposizioni. S. 15 8. 17, und ſobald er das Zimmer geöffnet, ſo uͤberſetze ich nach Fiacchi's Erlaͤuterung die Worte im Original, e quella aperta, und beziehe das Wort quella auf das Hauptwort camera, was Boccaccio'n in Gedanken vorgeſchwebt hat, ohne daß er es wirklich ausdruͤckte. Das erſte aperto hat die figuͤrliche Bedeutung von eroffnen⸗ bekannt machen, zeigen; und das zweite aperta die eigentliche, öffnen, aufmachen⸗ S. 39 8. 8 des heiligen Cresci in Val⸗ cava, daß dieſer Ausdruck ſowohl hier, als auch wei⸗ ter oben bildlich zu verſtehen ſey, und eine kleine Zwei⸗ veutigkeit darunter verborgen liegt⸗ ergibt ſich ſogleich⸗ wenn man ſich die italieniſchen Worte in den heiligen Schweller im hohlen Thale verdollmetſcht; in⸗ 2 cr—— 2„„c c— P.— — en er S2 te che ach te: he w- ber 881 63 no tii er ung iehe was iche en hen⸗ a l⸗ wei⸗ wei⸗ gen in⸗ Anmerkungen. 177 deſſen gibt es doch auch wirklich ein Thal, Namens Val- cava, und Villani ſagt im erſten Buche im achtundfunf⸗ zigſten Kapitel ſeiner Geſchichte: Als der Kaiſer Decius in Florenz war, ließ er den heiligen Cresci mit ſeinen Gefährten verfolgen, weil er der Partei der Deutſchen zu⸗ gethan, und ein Edelmann war. In den Waͤldern von Mugello, woſelbſt er als ein Buͤßender lebte, und noch heutiges Tages die Kirche San Cresci a Valcava ſteht⸗ ſtarb er den Märtyrertod. S. 93 Z. 2, ſo hätte er doch nur blinden Laͤrm gemacht. Im Original heißt es, che egli quella non fece tavola. Ein beim Schachſpiel ge⸗ bräuchlicher Ausdruck, welcher ſo viel bedeutet, als das Spiel nicht beenden. Martinelli ſetzt hinzu:„ſo als wenn gar nicht geſpielt worden waͤre.“ Die Crusca fuͤgt noch die Bemerkung bei: qui figuramente, e vale: non arrivd a consumare l'atto carnale, er brachte es nicht dahin, die Ehe wirklich zu vollziehen. Ebd. 8. 11, wie ervielleicht in R. uͤblich ſeyn mag. Sanſovino ſagt in ſeiner Dichiarazione di tutti i vocaboli del Boccaccio: In Ravenna ſind ſo viel Kirchen, als Tage im Jahre, daher nahmen die Kinder, um nicht in die Schule zu gehen, alle Tage den Kalender zur Hand, und ſahen zu, ob der Tag, wie Ha⸗ gedorns Seifenſieder ſagt, roth gefärbt war. In einem alten Cöder, der nach Manni's Meinung, uͤber 1650 hin⸗ ausreicht, wird erzaͤhlt, daß dieſe Kalender zu Boccaccio's Zeiten ſehr gebräuchlich waren, und daß man ſie, wie die Brillen in Futteralen, am Guͤrtel zu tragen pflegte⸗ Soll⸗ ten etwa die Lorgnetten, die unſere jungen Herren jetzt an ſilbernen Kettchen tragen, eine eben ſolche omineuſe Be⸗ deutung haben?— S. 98 Z. 6, dennich, meines Theils; ſo uberſetze ich nach Cinonio Osservazioni etc., Vol. IV. pag. 61. VIII. welcher die Worte quanto è durch duan- to d in me erklaͤrt. Faſt alle Ausleger haben ſich an dieſe Stelle gemacht; die am wenigſten bekannte iſt die, welche ich in dem Ragionamento havuto in Lione, da Boccaccio's ſämmtl. W. 2. 12 178 Anmerkungen. Claudio de Herberé gentil uomo franzese e da Alessandro degli Uberti gentil uomo fiorentino, sopra alcuni ſuoghi del Cento Novelle die Boc- caccio. In Lione 1557 in 4to gefunden habe. Hier wird dieſe Leſeart vorgeſchlagen: Che? quanto d 2 5 io non mi ricordo etc., und dieſe auf folgende Art er⸗ Llärt: durch dieſe abgebrochene Rede antwortet Barto⸗ lomea mit einem einzigen Worte auf alles, was ihr Mann ihr geſagt hatte. Che? Was ſagt Ihr? Ihr wollt mich verloren haben, als Shr mich zum Fiſchen ausführtet? uanto e. Was iſt das, oder: Warum ſeyd Ihr hier⸗ hergekommen? Und auf die Worte Richards, daß er ihv Mann waͤre antwortet ſie verwundernd: oh! io non mi ricordo S. 102 3 3 Ja⸗ aber wozu? 2 Im Priginal heißen die Worte, di che? di farla in twe ace, e rizzare à mazzata? Kein Ausleger erklaͤrt den Sinn und die Anwendung dieſes von einem in Italien bekannten Kinderſpiel hergenemienen Sprichworts. Das Vocabolario della Grusca ſagt H⸗ XVI. far pabe, o esser pace diciamo nel giuoco. Quando due hanno il punto pari, o sono egualmente distanti da un certo segno und§ XVII. E figuramente in sentimento disonesto, und hier wird nun unſere Stelle unmittelbar folgend woͤrtlich angefuͤhrt⸗ aber weiter keine Erklärung daruͤber gegeben. Die Note in der Mailander Ausgabe des Dekameron, ſagt äber die gedachten Worte: cioe in tre colpi kinirla et impattarla che tu ti stii, ed io mi stija. Sanſovino in ſeiner Dichiara- zione etc., erklaͤrt wol ziemlich weitläufig das hierunter verſtandene Kinderſpiel, aber in wiefern daſſelbe auf un⸗ ſere Stelle eine Anwendung finden konne, und was fuͤr eine lockere Anſpielung darunter verborgen liege, davon ſagt er kein Wort; auch ſelbſt ſeine Erklärung des Kin⸗ derſpiels gibt dieſes dennoch nicht ganz deutlich an. Seine Worte lauten: preso di quel ginoco d'Aliossi, il quale usano ancora in Firenze i fanciulli con sei legnetti(mit ſechs kleinen Holzchen) e con segno in W — o — — — m irt ien as e, ne nti elle in der rte: ti ra- nter un⸗ fuͤr avon Kin⸗ eine ei in ——— Anmerkungen. 179 terra(und mit einem auf dem Boden abgeſteckten Ziele), a modo di scapperuccio di cappa(wie eine Kapu⸗ ſche an einem Mantel) attraversato in mezzo con un altro segno(vielleicht wie bei unſerem Scheibenſchießen⸗ wo das Ziel, worin die Schuͤtzen hineintreffen muͤſſon, oft⸗ mals einer Jungfrau irgendwo angebracht iſt; wenigſtens laſſen die folgenden Worte: e quivi con una mazza pisogna mandarvi i detti Aliossi che sono in pie () es allenfalls vermuthen); e facendolo alle tre volte(und wer dies drei mol hinter einander vermag) si dice ella è pace, cioè patto(von dem heißt es als⸗ dann, er hat Ruhe oder er hat das Seinigs gethan und vollbracht). Die Erklärung der noch folgenden Worte: rizzare a mazzate gibt der Angefuüͤhrte ohne alle Ver⸗ bindung mit dem Vorhergehenden mit folgenden Worten: ciod a pastonate dandovi su, referendo al baciel- l0(dieſes letzte Wort nach der Erklärung der Grusca im §. I. genommen: per similit: diciamo al membro virile). Aus dieſen beiden letzten Erklaͤrungen zuſammen⸗ genommen, ſcheint mir der unter dieſer Huͤlle verſteckte un⸗ keuſche Sinn dieſer zu ſeyn: Noch ſagt Ihr, daß Ihr Euch zwingen wollt; ja! aber wozu? mit mir Friede zu machen, wenn Ihr mir drei mal in's Ziel getroffen haͤbt, und dann glaubt, ich ſoll damit zufrieden ſeyn; wenn Ihr dann aber ſehet, daß mir das nicht genuͤget, ſo denkt Ihr Euch zu neuen Kraͤften aufzupeitſchen. Sollte die Stelle deutſch wiedergegeben zu werden verdienen, ſo wuͤßte ich ſie durch eine von einem Kinderſpiel hergenommene ſprich⸗ woͤrtliche Redensart nicht, allenfalls aber durch eine von einem Spiele Erwachſener, vom Scheibenſchießen hergelei⸗ tete, zu uͤberſetzen, wenn naͤmlich bei einem Schuſſe ins Schwarze, eine als ein Hanswurſt(Jokel) geſtaltete Puppe zugleich über der Scheibe erſcheint: Ihr wollt Euch zwin⸗ gen? La, aber wozu? zu einem Frieden mit mir, wenn Ihr den Jokel drei mal herausgeſchoſſen, und ihn zum gierten mal mit Brennneſſeln emporgepeitſcht habt. S. 108 3. 13, ſich eine dreifache Naſe dre⸗ hen ließ. Ein neues Sprichwort der italieniſchen Spra⸗ ———— 180 Anmerkungen. che im Original, cavalcasse la capra in verso i1 chino. Die Crusca gibt von demſelben eine doppelte Erklärung, erſtlich unter dem Worte capra§. IV., wo es heißt: Cavalcar la capra inverso 11 chino è proverbio, che vale andare a rompicollo, andar in rovina, in precipizio; detto cosl dall' esser pericoloso il cayalcar la capra, e tanto piu verso chino(a pendio, abſchuͤſſig, von einem Verge her⸗ ab); die zweite unter dem Worte cavalcare§. V. lau⸗ tet: Cavalcar la capra, o cavalcar una cosa, e maniera proverh. che vale Lasciarsi dare e darsi ad intendere una cosa per un' altra, alſo ſo viel, als ſich etwas aufbinden oder weis machen laſſen. Und dieſe letzte Bedeutung kann es hier nur haben; denn dieſe Be⸗ merkung des Dioneus bezieht ſich auf die vorhergehende Novelle der Philomena, wo Bernhard⸗ nachdem er die Treue ſeiner Frau auf's Aeußerſte vertheidigt hatte, ſich dennoch vom Ambroſius hätte Etwas gegen ſie aufbinden laſſen. Auch Sanſovino gibt in der ſchon angef. Dichiara- zione etc. eben dieſe Erklaͤrung, wenn er ſagt: Prover- pio metaph. dalla capra, Elle hanno le gambe di- nanzi piu corte; onde chi le cavalca alla china, aggiunge errore ad errore; perchè bisogna chè caggia, se non si attiene alle corna, laonde Ber- nabo cavalcava la capra non conoscendo l'errore, ciod tenendo che le Donne non fussero mohbili, der Zuſatz in verso il chino ſoll alſo nur bloß den Sinn des Sprichwortes verſtärken. Ein deutſches Sprichwort unter demſelben, oder nur einem ähnlichen Bilde zu fin⸗ den, war mir nicht moͤglich; ich habe daher das: Je⸗ manden eine Naſe drehen, gewaͤhlt, und durch die dreifa⸗ che Naſe ebenfalls zu verſtärken geſucht. S 108 8 5, und die großen Säle ꝛc. Der neuere Herausgeber des Dekameron, Colombo, fuͤgt eben ſo, wie auch ſchon fruͤhere Herausgeber gethan haben, im Originale, wo dieſe Stelle ſo lautet: et avendo le gran sale, le pulite, et ornate camere compiuta mente ripien di ciò, chè a camera s'appartiene, 1— — — Mnn— — d 8 8 8 — Anmerkungen. 181 dem Gerundium avendo, noch das Participium vedute hinzu; Salviati aber und Fiacchi in ſeinen Osserva- zioni verwerfen dieſen Zuſatz und beziehen avendo nicht auf die Damen und Herren der Geſellſchaft, ſondern ſie meinen, es gehoͤre zu den Worten sale und camere, und konſtruiren: avendo le sale. et camere. pie- ne(da die Saͤle und Zimmer angefüllt waren mit allem was ꝛc.). Ich trete aber doch der Meinung Colombo's bei; denn wenn man den ganzen Satz Nel quale— il signor di quel o zuſammenfaßt, ſo ſieht man deutlich, daß die Herren und Damen, aus welchen die Geſellſchaft beſtand, das Hauptſubſect dieſes Satzes ſind, welche, nach⸗ dem ſie durch das Ganze herumgegangen, und die Säle und Zimmer mit allem, was zu einem Zimmer gehoͤrt, verſehen, in Augenſchein genommen haben, der Meinung ſind, der Pallaſt muͤſſe einem reichen Manne gehoͤren. Be⸗ zieht man aber die Worte avendo ripiene auf die Zim⸗ mer und Saͤle, ſo bekommt der Satz dadurch ein zweites Subject, was die Einheit des ganzen Satzes ſtoͤrt und zer⸗ reißt; beſſer, glaube ich, man ſchaltet nach avendo noch veduto ein, und erhaͤlt ſowohl dadurch dem Satze ſeine eigene Einheit, als auch die Einheit ſeines Hauptſubjectes. Ueberdies glaube ich, wuͤrde auch wol in der Bedeutung: die Saͤle und Limmer waͤren angefüllt, essendo ripiene vielleicht beſſer geſagt ſeyn, als avendo ripiene. Uebrigens ſoll nach Angabe der Entfernung nahe bei Camerata ſich eine Villa befinden, Namens il podere della fonte, welche immer und auch bis heute noch die Villa des Boccaccio geheißen hat. S. 110 8. 1. Dort ſprang ꝛc. Auch dieſe Stelle iſt von den Auslegern auf mannigfaltige Art angefochten und verbeſſert worden, durch Hinzuſetzen und Hinwegſtrei⸗ chen dieſes oder jenes Wortes. Ich glaube, daß es weder des Einen noch des Andern bedarf; ich nehme das Sub⸗ ject zu dem Verbo gittava aus dem vorhergehenden Satze, naͤmlich una fonte, und konſtruire: ivi gittava una fonte entro per una figura— tanta acqua. Daß Anmerkungen. Boccaccio oftmals das Subject von weitem her aus dem Vorhergehenden hernimmt, iſt nichts Seltenes. S 113 8. 1, und des Kummers ꝛc. Den Auslegern hat es viel zu ſchaffen gemacht, ob ſie solitu- dine oder sollecitudine leſen ſollen. Manelli ſagt: credo che abbia a dire solitudine. Salviati behaͤlt sollecitudine, und erklaͤrt es per una cotal malin- conia ed accidia(tedia del ben fare, la Grusca. Verdroſſenheit); Colombo tadelt dieſe Erklaͤrung und meint, es waͤre ſo gut come sarehhe a dire bianco nero; daher behaͤlt er, als die beſſere Leſeart, so- itudine. Fiacchi glaubt der Leſeart des beſten Textes zu folgen, wenn er mit Salviati lieſt: sollecitudine; und hierin ſtimme ich ihm bei, nur in Hinſicht ſeiner Er⸗ klärung dieſes Wortes bin ich ſeiner Meinung nicht. Er ſagt naͤmlich: la sollecitudine, cioè lintensa pre- mura di maneggiare diligentemente gli affari, che dovrebbhe diminuire le passioni nei solitari. Wie er dieſen Sinn hineinbringen kann, verſtehe ich nicht. V. ſpricht doch von denen, welche die Nonnen tadeln, daß ſich, trotz deſſen, daß ſie Nonnen ſind, auch bei ihnen Fleiſch und Blut regt, und nicht bedenken, daß die volle Freiheit, zu thun⸗ was ſie wollen, die Luſt bei ihnen ſelbſt eben ſo wenig ſaͤttigen kann, als bei jenen, den Nonnen, weder die Muße, noch die Unzufriedenheit oder der Kummer daruͤber, daß ſie eben in ſolcher Muße leben mäſſen. Wie kann nur Piacchi sollecitudine durch eine angeſt engte fleißige Betreibung ihrer Geſchaͤfte erklären, welch⸗ die Leidenſchaften bei Einſamen verringern muͤßte2 Ich begruͤnde meine Ueberſesung des Wortes sollecitu- din durch Kummer mit der Crusca, welche sollesi- tudine im F. durch Gura, Pensiero, Affanno erklaͤrt. Auch in einer ſranzoͤſiſchen, uͤbrigens ziemlich freien Ueber⸗ ſetzung(à la Haye 1733) finde ich: 1 oisive té et la contrainte. Das wuͤrde ich eher gelten laſſen⸗ und ſtimmt mit meiner Deutung ziemlich uͤberein, denn con- trainte erkläre ich mir durch den Zwang⸗ den ſich die ar⸗ — — ——— S. Anmerkungen. 183 men Nonnen anthun muͤſſen, die ſuͤßeſten Gefuͤhle und Re⸗ gungen zu unterdruͤcken. S. 140 3. 13, und mir— einen Beutel und Guͤrtel ſchickte. Sanſovino ſagt in ſeiner Dichiara- zione etc. hieruͤber folgendes: Die Alten pflegten uͤber dem Wamſe ein Jaͤckchen zu tragen, was ſie mit einem ſammtenen Guͤrtel befeſtigten, und von welchem wieder ein Beutelchen oder Täſchchen herabhing. Dieſes Beutelchen oter Täſchchen fuͤhrte den eigenen Namen borsellino, war wn Atlas oder Sammet, geſtickt und von feiner Arbeit. Dies war zu damaliger Zeit ein gewöhnliches, aber ſehr hrenwerthes Geſchenk fuͤr die jungen Leute gegen einan⸗ der. Auch Marrini gibt in einer Note zur achtzehnten Stange des Lamento di Gecco da Verlungo hieruͤber folgende Erklärung: piccola tasca, che si tien cu- cita alla cintola de' calzoni;(eine kleine Taſche, die an dem Guͤrtel der Beinkleider angenaͤhet iſt.) Gewiß trug Meſſer Richard von Chinzika ſeinen Kalender in eben ei⸗ nem ſolchen Beutelchen immer bei ſich. S. 142 8. 17, vierzig Meſſen des heil. G. Manni glaubt, man muͤſſe trenta(dreißig) ſtatt qua- ranta(vierzig) leſen, weil dieſer Fehler aus der Verwech⸗ ſelung der Zahlen XXX und XXXX, wie die Zahl in ei⸗ nigen Handſchriften mag geſchrieben geweſen ſeyn, entſtan⸗ den ſeyn koͤnne. Allein ſollte B. wol nicht auch uͤber die Menge der fuͤr Todte zu leſenden Meſſen ſeinen Scherz betrieben haben dadurch, daß er die gewoͤhnliche Zahl der Meſſen fuͤr den heiligen Gregor noch um zehn vermehrte? Die Entſtehung dieſer dreißig Todtenmeſſen, deren auch Grazzini(Cen. II. nov. 1.) erwaͤhnt, iſt aus dem Le⸗ ven dieſes Heiligen bekannt, den das Volk nach ſeinem Tode dreißig Tage lang beweinte und beklagte, und alle Tage eine Meſſe fuͤr ihn leſen ließ. S. 147 8. 22, Musjechen! Ich habe das ita⸗ lieniſche Meccere, was das Vocaholario della Crusca durch die Worte erklaͤrt: l0 stesso, che Messere, ma deito per ischerno, e in diligione, durch das deut⸗ ſche, faſt in eben der Bedeutung im gemeinen Leben ge⸗ Anmerkungen. 184½ t. Auch Martinelli ſagt zur brauchte Musjechen uͤberſet Ertlärung, detto per jscherzo ma in collera S. 149 letzte Zeile. Kuttentrager. Sanſovi⸗ no's Erklaͤrung dieſes Wortes, im Original hizzocco, lau⸗ tet: Die Betbruͤder, Scheinheiligen und die ſich dem drit⸗ ten Orden des heil. Franziskus ergeben, kleiden ſich gewohn⸗ lich grau, aber nicht gerade himmelgrau, ſondern eſels⸗ grau, und dieſe heißen Bizzocchi oder Pinzocchi. S. 150 8. 10 die Laudes ſind in der katholi⸗ ſchen Kirche gewiſſe Lobgeſaͤnge, welche des Morgers gleich nach der Fruͤhmeſſe auf dem Chore geſungen werder. — Die Geißelbruͤder waren im Mittelalter eim Sekte, die herumzogen und ſich geißelten, als wenn ſie dadurch ein verdienſtliches Werk vollbrachten. S. 153 3. 22 Gompletſtunde iſt die Stunde, in welcher das Vollendungs- oder Schlußgebet comple- tortum) nach der Vesper gehalten wird. 1 Nachtrag zu S. 172 3. 4, nach den Wor⸗ ten: erhalten konnen. erläutert nach der Leipz. Litt. Zeit. 1812, Letzterer indeſſen ſchwere Stelle alſo:— a' savi mos- IV. 2421 dieſe trare, doversi con päten? passare, lagrandezza de mali, eziandio i semplici(potè) far(di do- versi con paꝛien?a passare) scorti e(di quello stesso) non curanti In einer Lettera sopra il De- cam. del Bocc. dell' 1736 in der Raccolta d Opu- scoli scienufici e filologici di Galogera Tom. 1. ag. 321 wird zur Erlaͤuterung hinzugeſetzt: Ed è questa mali che il B. giudiciosamente ad- duce incontro a que' piccoli e rari danni, co'- uali il natural corso delle cose, non avea Por tuto a' sävj mostrare doversi con pazienza Päs- sare etc. grandezza de' Ende des zweiten Bändchens.