Leihbibliothek᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Cduurd Otlmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Geſebedingungen. Em⸗ 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr vis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich Pücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.——— auf 1 Monat: 1 N.— Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 5. Auswärtige vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Ladenpreis erſetzt werden.— der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i beſonders darg der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. e Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Kupfern ꝛc.) muß der — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird auf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen W Sechſte Novelle. Richard Minutolo liebt die Frau Philippello Fighinolfi's; da er merkt, daß dieſe eiferſuͤchtig iſt, ſpiegelt er ihr vor, Philippello wolle den folgenden Tag mit ſeiner Frau in einem Bade zuſammen kommen; dadurch bringt er es dahin, daß ſie hingeht, und da ſie glaubt, daß fie mit ihrem Manne zuſammen geweſen waͤre, findet es ſich daß ſie ſich bei Richard aufgehalten hat. Nicts blieb Elifen mehr zu ſagen uͤbrig, als die Koͤnigin, nachdem ſie die Verſchmitztheit des Zierlings gelobt hatte, Fiametter aufgab, mit etwas hervorzutreten. In vollem Lachen antwortete dieſe: Gern, gua⸗ dige Frau, und fing an: Wir muͤſſen einmal uns aus unſerer Stadt hinausmachen, die, ſo wie ſie an andern Dingen, ſo auch an Beiſpielen zu jeglichem Gegenſtande einen überfluß hat, und wollen, wie ſchon Eliſa gethan, von etwas erzählen, was ſich in einer andern Himmelsgegend zugetragen hat. und wenn ich mich denn deshalb nach Neapel begebe, ſo will ich erzaͤhlen, wie eine von jenen Betſchweſtern, die ſich fuͤr die Liebe 1. hat ſo ſtoͤrriſch bezeigen, dennoch durch die Klugheit ihres Liebhabers dahin gebracht ward, daß ſie eher die Fruchte der Liebe genoß, ehe ſie ihre Bluͤthen kennen gelernt hatte. Dritter Tag. Dies kann Euch fur die Zukunft zur Warnung die⸗ nen, und uͤber die Vergangenheit Vergnuͤgen ge⸗ waͤhren. In Neapel— eine ſehr alte Stadt, und viel⸗ leicht ſo angenehm, ja wohl angenehmer noch, als jede andere in Italien— lebte einſt ein junger Mann, beruͤhmt durch den Adel ſeines Blutes, und glaͤnzend durch ſeine vielen Reichthuͤmer, mit Namen Richard Minutolo. Ob er gleich eine ſehr ſchoͤne, junge und liebenswurdige Frau hatte, verliebte er ſich dennoch in eine, welche nach Aller Meinung alle anderen neapolitaniſchen Frauen an Schoͤnheit bei weitem uͤbertraf, Catella hieß, und die Frau eines jungen, ebenfalls edlen Mannes, Namens Philippel Fighinolfo, war, den ſie, als eine ſo ſittſame Dame, über Alles liebte und ſchaͤtzte. Da alſo Richard Minutolo dieſe Catella liebte, und alles that, wo⸗ durch man nur die Gunſt und die Liebe einer Frau ſich erwerben kann, trotz dem allen aber zu keinem ſeiner Wuͤnſche bei ihr gelangen konnte, ſo verzwei⸗ felte er beinahe; und da er ſich von ſeiner Liebe nicht loszureißen wußte, noch konnte, ſo mochte er weder ſterben, noch daß es ihm zu leben erfreut haͤtte. In dieſer Lage ward er von Frauen, welche ſeine Anverwandten waren, eines Tages ſehr zuge⸗ ſetzt, er möchte doch vor er Liebe davon bleiben, weil er ſich umſonſt abn hte, und Catella kein an⸗ deres Gut vatte, als Philippello, auf den ſie ſo ei⸗ er en 6 Sechſte Novelle. 7 ferſüͤchtig waͤre, daß ſie von jedem Vogel, der in der Luft flöge, glaubte, er nähme ihn ihr. Da Richard von Catella's Eiferſucht gehoͤrt hatte, faßte er, um zu ſeinem Vergnuͤgen zu gelan⸗ gen, einen ganz andern Entſchluß, that, als wenn er an Catella's Liebe verzweifelte, und als habe er nunmehr ſeine Liebe einer ganz anderen edeln Frau zugewendet, ſtellte ſich auch, als wenn er aus Liebe fuͤr dieſe anfinge, Waffenſpiele zu betreiben, zu tur⸗ nieren und alles dergleichen zu thun, was er aus Liebe zu Catella einſt zu thun pflegte. Dies hatte er noch nicht lange fortgeſetzt, als faſt alle Neapoli⸗ taner und Catella ſelbſt, der Meinung waren, daß er nicht mehr Catella'n, ſondern dieſe andere Dame vorzuglich liebe; und hierbei beharrte er ſo lange, bis man ſich allgemein feſt davon uͤberzeugt hielt, ſo daß nicht allein die andern, ſondern Catella ſelbſt die Unzufriedenheit fahren ließ, die ſie um der Liebe willen, die er fuͤr ſie bewies, gegen ihn hegte, und ihn freundlich, wie einen Nachbar, wenn er kam und ging, begruͤßte, ſo wie jeden Andern. Hierauf begab es ſich, da eine große Hitze ein⸗ getreten war, daß mehrere Geſellſchaften von Damen und Herren, nach neapolitaniſchem Gebrauch, zu ihrem Vergnuͤgen an die Kuͤſten des Meeres hingingen, um dort zu Mittag und zu Abend zu ſpeiſen. Da Richard erfahren hatte, daß Catella mit ihrer Geſellſchaft dahin gegangen waͤre, ging er mit ſeinen Bekannten ebenfalls dahin, und als er in die Geſellſchaft der Damen Catellas aufgenommen 8 8— S 8 Dritter Tag. ward, ließ er ſich erſt gar ſehr dazu bitten, als wenn es ihm eben nicht ſonderlich lieb waͤre, darin zu bleiben. Hier fingen nun die Damen, und zugleich auch mit ihnen Catella an, mit ihm uͤber ſeine neue Liebe zu ſcherzen, woruͤber er, da er ſich ſtellte, von derſelben außerordentlich entflammt zu ſeyn, ihnen immer mehr Stoff zu witzeln gab. Endlich, da eine Dame, wie das an dieſen Orten wohl zu geſchehen pflegt, hierhin, die andere dorthin ging, Catella aber mit einigen da, wo Richard ſich aufhielt, zu⸗ ruͤckgeblieben war, ſo warf Richard ſo einige Worte uͤber eine gewiſſe Liebe Philippello's, ihres Mannes, gegen ſie hin, wodurch ſie ſogleich in eine plotzliche Eiferſucht verſetzt ward, und in ihrem In⸗ nern der Wunſch entbrannte, zu erfahren, was Richard damit ſagen wollte. Nachdem ſie ſich an⸗ fangs ein Weilchen gehalten hatte, endlich aber ſich doch nicht mehr halten konnte, bat ſie Richard bei der Liebe fuͤr diejenige Dame, die er am meiſten liebte, er moͤchte es ſich doch gefallen laſſen, ihr über das, was er von Philippello geſagt haͤtte, Licht zu geben. Hierauf ſagte er zu ihr: Sie beſchwoͤren mich bei einer Perſon, der ich das nicht abzuſchlagen wage, warum Sie mich bit⸗ ten; darum bin ich bereit, es Ihnen zu ſagen, nur daß Sie mir verſprechen, niemals irgend ein Wort weder mit ih., noch mit einem Andern daruͤber zu ſprechen, ehe Sie nicht in der That wirklich geſehen haben, daß das wahr iſt, was ich Ihnen erzaͤhlen, und —— „ c* 5 8 E 5 n⸗ ei en hr cht ich it⸗ mur ort en nd Sechſte Rovelle. 9 was ich Ihnen, wenn Sie nur wollen, zeigen will, ſo daß Sie es mit eigenen Augen ſehen koͤnnen. Die Dame war mit dem zufrieden, warum er bat, und weil ſie glaubte, es wäre wahr, ſchwur ſie ihm noch um ſo mehr, Keinem ein Wort davon zu ſagen. Sie gingen daher bei Seite, ſo daß ſie von Niemand gehoͤrt werden konnten, worauf als⸗ dann Richard alſo zu reden anfing: Madame, wenn ich Sie noch liebte, ſo wie ich Sie wirklich einſt geliebt habe, ſo wuͤrde ich nicht ſo dreiſt ſeyn, Ihnen etwas zu ſagen, wovon ich glaubte, daß es Ihnen wehe thun muͤßte; allein, da dieſe Liebe voruͤbergegangen iſt, ſo kuͤmmere ich mich weniger darum, Ihnen von allem die Wahr⸗ heit zu eroͤffnen. Ich weiß nicht, ob Philippello ſich die Liebe, die ich fuͤr Sie hegte, jemals zur Schande gerechnet, oder auch nur geglaubt hat, daß ich von Ihnen geliebt wuͤrde; indeſſen mag das doch ſeyn, wie es wolle, gegen mich hat er ſich nie auch nur das Geringſte daruber merken laſſen. Allein jetzt, wo er vielleicht nur die Zeit hat abwarten wollen, da er glaubte, ich haͤtte weniger Ver⸗ dacht, jetzt zeigt er, daß er mir das anthun wolle, was ich furchte, daß er beſorgte, ich moͤchte es ihm angethan haben, naͤmlich, meine Frau zu ſeiner Luſt haben zu wollen; denn ich merke, daß er ſie ſeit eben noch nicht langer Zeit ganz im Stillen durch mehrere Abgeſandte beſchickt hat. Alles dies habe ich von ihr ſelbſt wieder erfahren, und ſie hat ihm darauf ihre Antworten gegeben, wie ich es ihr auf⸗ 10 Dritter Tag. getragen habe; indeſſen aber fand ich doch dieſen Morgen, ehe ich hierher kam, mit meiner Frau ein Weib in geheimer Berathung, das ich ſogleich fuͤr dasjenige erkannte, was ſie wirklich war; daher rief ich meine Frau, und fragte ſie, was das Weib von ihr haben wollte. Hierauf ſagte ſie mir: Es iſt Philippello's Quaͤlgeiſt, den Du mir dadurch auf den Hals gezogen haſt, daß Du ihm haſt Antwor⸗ ten geben und ſogar Hoffnung machen laſſen; nun läßt er mir ſagen, er moͤchte nur vor allen Dingen wiſſen, was ich zu thun willens waͤre, und daß, wenn ich ſo wollte, er es ſchon zu veranſtalten wiſ⸗ ſen wuͤrde, wie ich ganz in geheim nach irgend ei⸗ nem Bade in dieſer Gegend hinkommen koͤnnte; und daruͤber bittet und guält mich dieſe. Und wenn Du mich nicht, ich weiß nicht warum, dieſen Troͤdel haͤtteſt durchmachen laſſen, ſo wuͤrde ich ihn mir auf eine Art vom Leibe geſchafft haben, daß er in ſeinem Leben nicht haͤtte dahin ſehen ſollen, wo ich waͤre. Nun glaubte ich denn doch, das ginge zu weit, und das waͤre nicht laͤnger mehr zu ertragen, daher muͤßte ich es Ihnen ſagen, damit ſie einſaͤhen, wie Ihre unverletzliche Treue belohnt wird, die mich faſt dem Tode nahe gebracht hat. Und damit Sie etwa nicht glauben, dies waͤren nur Worte oder Maͤhrchen, ſondern daß Sie, wenn Sie Luſt dazu haben, es ganz offenbar ſehen und mit Haͤnden greifen koͤnnen, ſo habe ich meine Frau jener, die ihrer noch immer erwartete, dieſe Antwort ſagen laſſen: Sie wuͤrde morgen gegen die None, wenn Alles noch ſchliefe, in Sechſte Novelle. 11 dieſem Bade ſeyn; woruͤber das Weib ganz zufrie⸗ den fortging. Nun denke ich doch wohl, Sie werden nicht glauben, daß ich ſie dahin ſchicken werde; im Gegentheil, wenn ich in Ihrer Stelle waͤre, ſo wuͤrde ich es ſo veranſtalten, daß er mich an die Stelle derjenigen, die er dort zu finden glaubte, daſelbſe träfe; und waͤre ich denn eine Zeit lang mit ihm zuſammen geweſen, ſo wuͤrde ich ihn merken laſſen, mit wem er wirklich zuſammen geweſen waͤre, und ihm den Lohn zukommen laſſen, der ſich fuͤr ihn ſchickt. Wenn Sie das thaͤten, ſo glaube ich, wurde er eine ſolche Beſchaͤmung daruͤber erhalten, daß die Kränkung, die er ſowohl Ihnen, als auch mir an⸗ thun wollte, mit einemmale gerochen ſeyn wuͤrde. Sobald Catella dies hoͤrte, gab ſie, wie es die Eiferſuͤchtigen gewoͤhnlich zu machen pflegen, ohne weder darauf, wer der war, der ihr dies ſagte, noch auf ſeine Betruͤgereien Ruͤckſicht zu nehmen, dieſen Worten Glauben, und reimte ſo manches, was etwa vorher gegangen ſeyn mochte, hiermit zuſammen. Dann antwortete ſie, vom ploͤtzlichen Zorne ent⸗ flammt, ſie wuͤrde es gewiß thun, denn dies waͤre eben nicht ſo etwas Schweres, und wenn er denn nur hinkame, wuͤrde ſie ihm gewiß eine ſolche Schande anthun, daß es ihm, ſo oft er nur eine Frau ſaͤhe, wieder zu Kopfe ſteigen wuͤrde. Richard, hieruͤber ſehr zufrieden, bekraͤftigte es ihr, da er glaubte, daß ſein Rath vortrefflich gewe⸗ ſen waͤre und ſicher anſchlagen wuͤrde, noch mit vie⸗ len anderen Worten, und machte es ihr dadurch noch 12 Dritter Tag. glaubwuͤrdiger, daß er ſie nichts deſto weniger bat, ſie moͤchte ja nimmermehr ſagen, daß ſie es von ihm gehort hätte; was ſie ihm deun auch auf ſich ſelbſt verſprach. Den folgenden Morgen ging Richard zu einem alten Weibe, welche das Bad, was er an Catella genannt hatte, hielt, ſagte ihr, was er zu thun im Sinne hätte, und bat ſie, daß ſie ihm hierin, ſo viel ſie nur könnte, behuͤlflich ſeyn möchte. Das alte Weib, das ihm ſehr zugethan war, ſagte, das wolle ſie ſehr gern thun, und verabredete mit ihm alles, was ſie zu thun oder zu ſagen hatte. Die Alte hatte in dem Hauſe, in welchem das Bad war, ein ſehr finſteres Zimmer, weil kein Fen⸗ ſter dahin ging, wodurch es haͤtte Licht bekommen können. Dieſes Zimmer richtete das Weib nach Richards Angabe ein, und brachte ein Bette darin an, ſo gut es nur gehen wollte, worin ſich Richard, ſobald er gegeſſen hatte, hineinlegte, und dann Ca⸗ tella erwartete. Die Frau, ſobald ſie Richards Worte vernom⸗ men, und ihnen mehr Glauben beigelegt hatte, als ſie geſollt, kehrte voll Verdruß am Abend nach Hauſe, wohin Philippello, zufaͤllig den Kopf mit anderen Gedanken angefuͤllt, auch zuruͤckkehrte, und ihr vielleicht nicht dieſe Aufmerkſamkeiten bewies, wie er es ſonſt wohl zu thun pflegte. Da ſie dies ſah, vermehrte ſich ihr Argwohn, und ſie ſagte bei ſich ſelbſt: — — — 8 ſt 8— 8 5 5 nit nd es, ies bei Sechſte Novelle. Wahrhaftig, der hat die Gedanken bei jener Frau, mit der er morgen ſeine Luſt und Freude zu haben denkt; aber fuͤrwahr, das ſoll nicht geſchehen! Und mit dieſen Gedanken und Einbildungen, was ſie ihm ſagen wollte, wenn ſie mit ihm allein ſeyn wuͤrde, brachte ſie die ganze Nacht zu. Doch was weiter?— Da die Zeit der None gekommen war, ging Catella, ohne ihren Eutſchluß auch nur im mindeſten zu aͤndern, mit ihrer Gefaͤhrtin nach dem Bade, welches ihr Richard geſagt hatte, und da ſie das alte Weib hier fand, fragte ſie dieſe, ob Phi⸗ liypello an dieſem Tage hier geweſen waͤre? Das alte Weib, von Richard geſtempelt, ant⸗ wortete ihr: Seyd Ihr die Dame, die, um mit ihm zu reden, hierher kommen ſoll? Catella gab zur Antwort: Ja, ich bin's! Wohl, ſagte das alte Weib, ſo geht nur zu ihm. Catella, die das ſuchte, was ſie eben nicht zu finden wuͤnſchte, ließ ſich nach dem Zimmer hinfuͤh⸗ ren, in welchem Richard war, und mit ver⸗ huͤlltem Kopfe eingetreten, ſchloß ſie hinter ſich zu. Sobald Richard ſie kommen ſah, erhob er ſich, empfing ſie in ſeine Arme, und ſagte ganz leiſe: Willkommen, o Du mein Leben! Catella, um zu zeigen, daß ſie eine ganz Andere wäre, als ſie wirklich war, umarmte und kuͤßte ihn und bewies ihm die groͤßte Zaͤrtlichkeit, ohne ein Wort zu ſprechen, da ſie fuͤrchtete, daß, wenn ſie ſpräche, ſie von ihm erkannt werden moͤchte. Dritter Tag. Das Zimmer war ganz finſter, woruͤber beide Theile ſehr zufrieden waren, ſo daß auch ſelbſt nach laͤngerem Verweilen darin, die Augen noch immer die Kraft zu ſehen nicht wieder erhielten. Richard fuͤhrte ſie zum Bette hin, und ohne zu reden, damit Keiner an der Stimme erkannt werden moͤchte, ver⸗ weilten ſie eine lange Zeit mit dem groͤßten Vergnu⸗ gen und mit der groͤßten Wonne, ſo wie des einen, wie auch des andern Theiles darin. Allein, nachdem es Catella Zeit zu ſeyn ſchien, ihren lange verhaltenen Unwillen auszulaſſen, fing ſie, von gluͤhendem Zorne entbrannt, zu reden an: Ach, wie jammervoll iſt doch das Loos der Frauen, und wie iſt die Liebe ſo vieler gegen die Maäͤnner ſo ſchlecht angebracht! Ich Elende! acht Jahr ſchon ſind es, daß ich Dich mehr als mein Le⸗ ben geliebt habe, und Du, wie ich erfahren muß, biſt ganz entbrannt und verzehrſt Dich in Liebe ge⸗ gen eine fremde Frau, boͤſer, gottloſer Mann, der Du biſt! Mit wem glaubſt Du aber wohl, daß Du zuſammen biſt? Du biſt mit der zuſammen gewe⸗ ſen, die Du ſchon, wer weiß wie lange, mit falſchen Schmeicheleien hintergangen und der Du Liebe er⸗ logen haſt; da Du doch in eine Andere verliebt biſt. Ich bin Catella, bin nicht Richards Frau, Treu⸗ vergeſſener, Betruͤger, Du! Hoͤre, Du wirſt meine Stimme ſchon wieder erkennen, ich bin es ſelbſt; und ich kann die Zeit nicht erwarten, bis wir bei hellem Tageslichte zuſammen kommen, um Dich ſo zu beſchaͤmen, wie Du es verdienſt, Sechſte Novelle. 15 Du— o, ich Elende! fuͤr wen habe ich ſeit ſo vielen Jahren her ſolche Liebe gehegt! Für dieſen Treuvergeſſenen, der, eine fremde Frau im Arm zu haben glaubend, mir mehr Liebkoſungen und Liebesbezeigungen in dieſer kurzen Zeit, in welcher ich hier mit ihm zuſammen geweſen bin, gemacht hat, als die uͤbrige ganze Zeit, daß ich die Seinige bin. Heute haſt Du Dich, Verruchter, ſo kraͤftig erwieſen, da Du Dich zu Hauſe ſo ſchwach, ſo er⸗ ſchoͤpft und ſo kraftlos zu zeigen pflegſt. Aber, gottlob! daß Du Dein eigen Feld, und nicht, wie Du glaubteſt, ein fremdes, bearbeitet haſt. Kein Wunder, daß Du Dich die vergangene Nacht mir gar nicht genaͤhert haſt; Du hoffteſt Dich der Laſt anderwaͤrts zu entledigen, und wollteſt als ein ganz friſcher Ritter in die Schlacht treten. Aber Gott ſey gelobt, durch meine Vorſicht iſt das Waſſer da hinab⸗ gelaufen, wohin es ſollte. Warum antworteſt Du nicht, ſchlechter Mann? warum ſprichſt Du auch nicht ein Wort? biſt Du ſtumm geworden, nachdem Du mich gehoͤrt haſt? Bei Gott, ich weiß nicht, warum ich mich noch halte, warum ich nicht mit beiden Haͤnden Dir nach den Augen fahre, und ſie Dir ausreiße. Du glaubteſt dieſe Verraͤtherei ganz verborgen auszuuͤben; aber, Gott ſey Dank, was ein Anderer weiß, weiß ich auch: diesmal iſt es Dir nicht gelungen; ich habe beſſere Spuͤrhunde am Schnurchen gehabt, als Du glaubſt. Richard freute ſich im Geiſt uͤber dieſe Worte, und ohne zu antworten umarmte und kuͤßte er ſie, Dritter Tag. und machte ihr noch groͤßere Liebkoſungen als zuvor⸗ daher fuhr ſie in ihrer Rede fort und ſagte: Ja! Du glaubſt wohl mit Deinen endloſen Ga⸗ reſſen mir jetzt zu ſchmeicheln, Unausſtehlicher! mich 3 zu verſoͤhnen, mich zu beruhigen; aber, da irrſt Du Dich! Ich werde uͤber dieſen Streich nicht eher wie⸗ d der ruhig werden, als bis ich Dich nicht vor allen n Anverwandten, Freunden und Nachbaren, ſo viel wir deren nur haben, heruntergemacht haben werde. ic Bin ich, häßlicher Kerl, nicht eben ſo ſchoͤn, als er Richard Minutolo's Frau? bin ich nicht eine eben h ſo allerliebſte Frau? Warum antworteſt Du nicht, Du Hundsfott? Was hat ſie mehr, als ich? Scher' S Dich bei Seite! ruͤhre mich nicht an, fuͤr heute haſt B Du genug gefochten. Ich weiß es ganz wohl, daß ſie Du, nachdem Du nun erfahren haſt, wer ich bin, det das, was Du thun wuͤrdeſt, doch mur gezwungen ſch 6 thäteſt; aber mit Gottes Huͤlfe denke ich Dir den we Brotkorb höher zu haͤngen. Und ich weiß gar nicht, hin warum ich nicht Richard holen laſſe, der, wenn er ode mich auch mehr, als ſich ſelbſt geliebt hat, ſich doch ein nicht ruͤhmen kann, daß ich ihn nur ein einzigesmal kon angeſehen hätte; aber ich weiß wahrhaftig nicht, doc was waͤre es denn nun, wenn ich es thäte? Du eige haſt geglaubt, ſeine Frau hier zu haben, und ſo viel wür auf Dich ankommt, iſt es eben ſo gut, als wenn Du ich ſie gehabt hätteſt, darum konnteſt Du mich auch mit ſage Recht gar nicht tadeln, wenn ich ihn hier hätte. durt Jetzt waren der Worte genug, und das Weh⸗ pre klagen der Frau war gufs hoͤchſte geſtiegen; indeſſen — Sechſte Novelle. 17 dachte doch Richard endlich, wenn er ſie mit dieſem Glauben gehen ließe, moͤchte wohl noch viel was Schlimmeres daraus erfolgen; er beſchloß alſo, ſich zu entdecken, und ſie aus dem Irrthume zu reißen, in welchem ſie ſich befand; er ſchloß ſie daher wie⸗ der in ſeine Arme, und hielt ſie ſo feſt, daß ſie gar nicht entkommen konnte, dann ſagte er zu ihr: Meine ſuͤße Seele, ereifern Sie ſich nicht, was ich nicht auf dem einfachen Wege der Liebe fuͤr Sie erhalten konnte, hat Amor mich durch Betrug zu er⸗ halten gelehrt, ich bin Ihr Richard. Sobald Catella dies hoͤrte und ihn an der Stimme erkannte, wollte ſie den Augenblick aus dem Bette ſpringen, aber ſie konnte es nicht; nun wollte ſie ſchreien, aber Richard hielt ihr mit einer Hand Mund zu und ſagte: Madame, was eben ge⸗ ſchehen iſt, kann inmer nehr ungeſchehen gemacht werden, wenn Sie abcch die ganze Zeit Ihres Lebens hindurch ſchrien; und wenn Sie denn auch ſchreien oder ſonſt etwas thun wollten, wodurch es irgend ein Menſch erfuͤhre, ſo wuͤrde zweierlei daraus her⸗ kommen. Das erſte, und warum es Ihnen eben doch nicht wenig zu thun ſeyn muß, waͤre, daß Ihre eigene Ehre und Ihr guter Ruf verloren gehen wuͤrden; denn, wenn Sie auch immerhin ſagten, daß ich Sie durch Liſt hierher gelockt hätte, ſo wuͤrde ich ſagen, das waͤre nich wahr, vielmehr haͤtte ich Sie durch Geld und Geſchenke hierher gelockt, die ich Ihnen verſprochen haͤtte; allein, weil ich mein Ver⸗ ſprechen nicht ſo erfullt, wie Sie geglaubt, ſo Voccaccio's ſammtl. W. 3. 2 4⁸ Dritter Tag. wären Sie daruͤber aufgebracht geworden, und haͤt⸗ ten deshalb dieſe Worte und dieſen Lärm gemacht; und Sie wiſſen, die Leute ſind geneigter eher das Boͤſe als das Gute zu glauben; darum wuͤrde man denn auch Ihnen weniger als mir glauben. Alsdann wurde zwiſchen Ihrem Manne und mir eine toͤdtliche Feindſchaft entſtehen, und es koͤnnte leicht ſo weit gehen, daß entweder ich ihn oder er mich, um⸗ brachte; und daruͤber koͤnnten Sie doch nimmermehr weder vergnuͤgt, noch ruhig ſeyn. Und deshalb, Seele meines Lebens, bringen Sie ſich nicht in Schande, und ſetzen Sie Ihren Mann und mich nicht in Gefahr und Zwiſtigkeiten. Sie ſind nicht die Erſte und werden auch nicht die Letzte ſeyn, die hintergangen worden, und ich habe Sie nicht hinter⸗ gangen, um Ihnen Ihre Liebe zu rauben, ſondern aus dem übermaß derjenigen Liebe, die ich gegen Sie fühle, und ich werde immer bereit ſeyn, dieſe gegen Sie zu füͤhlen, und Ihr unterthänigſter Diener zu ſeyn. und ob es gleich ſchon eine geraume Zeit iſt, daß ich, alles das Meinige, und alles, was ich nur kann und vermag, ganz das Ihrige und zu Ihren Dien⸗ ſten geweſen iſt, ſo geht doch meine Abſicht dahin, daß Alles von jetzt an noch viel mehr das Ihrige ſeyn ſolle. übrigens ſind Sie in allen andern Fäl⸗ len ſo weiſe, und daher bin ich uͤberzeugt, Sie wer⸗ den es auch in dieſem ſeyn. Gatella weinte, wahrend Richard disſe Worte ſprach, ſehr, und ob ſie gleich uͤberaus aufgeregt war, und ſich ſehr beklagte, ſo gab die Vernunft — nicht „Die nter⸗ dern Sie kann Dien⸗ ahin, hrige Fäl⸗ wer⸗ Worte geregt rnunft Sechſte Novelle. 19 doch Richards aufrichtigen Reden ſo viel nach, daß ſie einſah, es Lonnte doch wohl moͤglich ſeyn, es käme ſoz. wie Richard geſagt hatte, und deshalb ſagte ſie: Richard, ich weiß zwar nicht, wie es mir unſer Herr Gott nachſehen wird, daß ich die Belei⸗ digungen und den Betrug erttagen mag, den Du mir angethan haſt; aber ich will hier keinen Lärm machen, wo meine Einfalt und meine uͤbermaßige Eiferſucht m hergefuͤhrt haben; doch das ſey ver⸗ ſichert, ich werde nicht eher ru mich nicht auf die eine hig ſeyn, als bie ich oder die andere Art, uͤber das, was Du mir angethan haſt, gerochen ſehen werde; darum laß mich los, halte mich nicht laͤnger. Du haſt erhalten, was Dug gewuͤnſcht, und haſt nur gewollt haſt. Nun n, drum laß mich, ich handelt, wie Du haſt Du Zeit, mich loszul e Dich. 1 Richard, der zwar merkte, d noch laſſen, bis er 19 an, ſie mit den zu birten, ſprach, ſe ſd lange, his ſie uͤber⸗ wunden ſich mit ihm ausföhnte. Dann blieben ſie, Jeder aus eigenem Willen, zu ihrem groͤßten Vergnß⸗ gen noch eine ganze Weile bei die Dame ei Kuͤſſe des G 5 um und bat, und beſchwor iſah, um wie viel w hlſc liebten, als die des Me verwandelte ſich ihre Härte Richard, ſie liebte ihn von die Dritter Tag. zärtlichſte, und wußte es kluͤglich zu veranſtalten, vaß ſie noch recht oft ihrer Liebe froh wurden. Gott mache uns der unſrigen auch froh! Siebente Novelle. Fedaldo veruneinigt ſich mit ſeiner Geliebten, und geht von Florenz fort, kehrt aber als ein Pilger nach ei⸗ niger Zeit dahin wieber zuruͤck, ſpricht mit der Dame, benimmt ihr ihren Irrthum, und befreit ihren Mann von der Todesſtrafe, weil man dieſem wollte überwieſen haben, er hätte ihn umgebracht. Dann ſohnt er ihn noch mit ſeinen Bruͤdern aus, und ergotzt ſich endlich auf eine verſtaͤndige Art mit ſeiner Geliebten. Schon ſchwieg Fiametta, die von Allen gelobt ward, als die Koͤnigin, um keine Zeit zu verlieren, ſchnell Emilien auftrug, zu reden. Dieſe fing dann an: Ich will in unſere Stadt wieder zuruͤckkehren, woraus zwei meiner Vorgaͤngerinnen ſich emfernt haben, und Euch ſagen, wie einer unſerer Buͤrger ſeine verlorne Geliebte dennoch wieder erhielt. Es war alſo in Florenz ein junger Edelmann, mit Namen Tedaldo, von der Eliſeiſchen Familie, welcher ſich uber alle Maßen in eine Frau, Monna Ermelina genannt, und Gattin Aldobrandino Paler⸗ mini's, verliebte, und wegen ſeiner lobenswuͤrdigen Sitten wohl verdiente, zu ſeinem Zwecke zu ge⸗ langen. Dieſer Freude widerſetzte ſich das den Glücklichen feindliche Geſchick. Denn, was auch der Grund dazu geweſen ſeyn mag, nachdem die Dame eine Zeit lang Tedaldo'n Manches uͤber ſich zugeſtan⸗ den hatte, ſo wollte ſie ihm doch mit einem Male Siebente Novelle. ganz und gar nicht mehr gefällig ſeyn, und keine ſeiner Sendungen weder anhoͤren, noch auf irgend eine Art einmal anſehen, woruͤber er in einen wil— den Truͤbſinn und Melancholie verfiel. Indeſſen er hatte dieſe ſeine Liebe immer ſo geheim gehalten, daß Niemand glaubte, ſie ware der Grund zu ſeiner Melancholie. Nachdem er ſich auf verſchiedene Weiſe bemuͤht hatte, die iebe wieder zu erhalten, die er, ohne ſeine Schuld verloren zu haben glaubte, aber immer fand, daß alle Muͤhe vergebens waͤre, ſo beſchloß er, aus der Welt ganz zu verſchwinden, um derjenigen, welche der Grund zu ſeinem Ungluͤcke waͤre, nicht die Freude zu machen, daß ſie ſaͤhe, wie er ſich abzehre. Er raffte daher einige Thaler, ſo viel er nur bekommen konnte, zuſammen, und ging damit ganz im Stillen, ohne Freund oder Anver⸗ wandtem auch nur ein Wort daruͤber zu ſagen, bis auf einen Gefaͤhrten, der um alles wußte, fort, und kam unter dem angenommenen Namen, Philipp von Sanlodeccio nach Ancona. Hier ſchloß er ſich an einen reichen Kaufmann an, trat bei ihm in Dienſt, und ging mit ihm zu Schiffe nach Cypern. Seine Sitten und ſein Betragen gefiel dem Kaufmanne ſo, daß er ihm nicht nur einen guten Gehalt anwies, ſondern ihn auch zum Theil als Compagnon an⸗ nahm, und uͤberdies noch ſeinen Haͤnden einen großen Theil ſeiner Geſchaͤfte anvertraute. Dieſe verwal⸗ tete er ſo gut, und mit ſolcher Sorgfalt, daß er in wenig Jahren ein tuͤchtiger, reicher und beruͤhmter Kaufmann ward. ——— —— Dritter Tag. Ob er nun wohl gleich in dieſen ſeinen Ge⸗ ſchaften ſich oftmals ſeiner harten Geliebten erin⸗ nerte, und wohl oft ſich noch tief von Liebe verwun⸗ det fühlte, und ſehnlichſt wuͤnſchte, ſie wieder zu ſe⸗ hen, ſo hatte er doch ſo viel Standhaftigkeit, daß er die⸗ ſen Kampf ſieben Jahre lang uͤberwand. Allein zu⸗ faͤllig horte er in Cypern eines Tages ein Lied ſin⸗ gen, was er ſelbſt einmal gemacht hatte, und deſſen Inhalt die Liebe war, die er fuͤr ſeine Geliebte, und ſie fuͤr ihn hegte, und die Wonne, die er über ſie empfande, und daher glaubte, es waͤre doch wohl unmoͤglich, daß ſie ihn ſo ganz und gar vergeſſen haben ſollte. Dieſer Gedanke fachte bei ihm eine ſolche Sehnſucht an, ſie wieder zu ſehen, daß er es nicht mehr ertragen konnte, und ſich entſchloß, nach Florenz zuruͤckzukehren. Er brachte daher alle ſeine Angelegenheiten in Ordnung, und machte ſich ganz allein mit einem ſeiner Bedienten auf den Weg nach Ancona; von hier aus vbefoͤrderte er alle ſeine Sachen, ſobald ſie nur daſelbſt angekommen waren, nach Florenz, an einen Freund ſeines anconatiſchen Compagnons, er ſelbſt aber ging als ein Pilger, der vom heiligen Grabe kaͤme, mit ſeinam Bedienten nach. Sobald er in Florenz angekommen war, ging er nach einem kleinen Wirthshauſe zweier Bruͤder hin, das dem Hauſe ſeiner Geliebten zunaͤchſt lag. Anfaͤnglich nahm er ſeinen Weg nirgends anders wohin, als nur vor ihrem Hauſe voruͤber, um ſie, wo moͤglich, zu ſehen. Aber er ſah, daß Fenſter, Thuͤren und alles verſchloſſen war, woraus er ganz Siebente Novelle. 23 gewiß vermuthete, ſie moͤchte wohl gar geſtorben, oder von hier weggezogen ſeyn. Gedankenvoll kehrte er daher nach dem Hauſe der Bruͤder zuruͤck, vor welchem er vier von ſeinen Bruͤdern, ganz ſchwarz gekleidet, erblickte; hieruͤber verwunderte er ſich gewaltig. Indeſſen, da er ſelbſt wußte, wie entſtellt er durch ſeinen Anzug und an ſeiner ganzen Geſtalt gegen das wäre, was er zu ſeyn pflegte, als er fortging, ſo daß er ſo leicht nicht erkannt werden konnte; ſo trat er ganz dreiſt einen Schuhmacher an, und fragte den, warum die da ſchwarz gekleidet waͤren. Der Schuhmacher antwortete ihm: Die ſind ſchwarz gekleidet, weil es noch nicht vierzehn Tage her iſt, daß ein Bruder von ihnen, der ſeit langer Zeit nicht hier war, Namens Fedaldo, erſchlagen worden iſt, und es iſt mir ſo, als wenn ich gehoͤrt hätte, ſie haͤtten bei Hofe bewieſen, daß ein gewiſſer Aldobrandino Palermini, der auch feſtgeſetzt iſt, ihn erſchlagen haͤtte, weil er ſich mit ſeiner Frau gut verſtanden und ganz unerkannt hierher zuruͤckgekehrt waͤre, um mit ihr zuſammen zu ſeyn. Tedaldo wunderte ſich ſehr, daß einer ihm ſo ähnlich geweſen ware, daß man den für ihn gehal⸗ ten haͤtte, und Aldobrandino's Mißgeſchick jammerte ihn. Indeſſen, da er gehoͤrt hatte, daß die Frau noch am Leben und geſund waͤre, ſo kehrte er, da es ſchon Nacht geworden, voll mancherlei Gedan⸗ ken, nach dem Wirthshauſe zuruͤck, woſelbſt ihm, nachdem er mit ſeinem Bedienten zu Abend gegeſſen hatte, faſt auf dem oberſten Boden des Hauſes eine Dritter Tag. Schlafſtelle angewieſen ward. Allein Tedaldo Konnte wegen der vielen Gedanken, die ihn aufregten, viel⸗ leicht auch wohl wegen des ſchlechten Bettes, oder wegen des Abendeſſens, was nur ſehr mager geweſen war, nicht einſchlafen, wenn auch gleich ſchon die halbe Nacht verfloſſen war. Als er daher einmal wieder aufwachte, kam es ihm um Mitternacht vor, als wenn von dem Dache des Hauſes Leute ins Haus hinunterſtiegen, und durch die Ritzen in der Kammerthuͤr ſah er auch ein Licht ſchimmern. Er trat alſo ganz leiſe an die Spalte hin, um zu ſehen, was das ſeyn ſollte; und da ſah er ein recht huͤb⸗ ſches Maͤdchen dies Licht halten, und drei Maͤnner, die von dem Dache herunter gekommen waren, auf ſie zugehen; und nachdem ſie ſich mit einander ein Vergnuͤgen gemacht hatten, ſagte einer von ihnen zu dem Maͤdchen: Heute koͤnnen wir doch, gottlob! ruhig ſeyn, weil wir nun gewiß wiſſen, daß Tedaldo Elieſei's Tod von ſeinen Bruͤdern an Aldobrandino Pa⸗ lermini uͤberwieſen worden iſt, und er ihn eingeſtan⸗ den hat, woruͤber denn auch ſchon das Urtheil ge⸗ faͤllt worden iſt. Indeſſen muͤſſen wir doch immer noch ſchweigen, denn wenn es jemals herauskaͤme, daß wir es geweſen waͤren, ſo ſetzten wir uns der⸗ ſelben Gefahr aus, in welcher Aldobrandino ſich be⸗ findet. Nachdem ſie dies geſprochen, ſtiegen ſie mit dem Maͤdchen, was daruͤber ſehr vergnuͤgt zu ſeyn ſchien, hinunter, und legten ſich ſchlafen. Da Fedaldo dieſe Worte gehoͤrt hatte, uͤber⸗ legte er ſo bei ſich ſelbſt, in wie viel und in was NM 6—* Siebente Novelle. 25 fuͤr Irrthuͤmer doch der menſchliche Verſtand ver⸗ fallen könnte; dann dachte er zuerſt an ſeine Bruͤder, die einen Fremden ſtatt ſeiner beklagt und begraben haͤtten, und nachher an den auf falſchen Verdacht unſchuldig Angeklagten, der durch unwahre Beweiſe dahin gebracht worden ware, daß er ſterben ſollte, und uͤber alles dies an die blinde Strenge der Ge⸗ ſetze und deren Vollſtrecker, welche oftmals als ſorg⸗ faͤltige Erforſcher des Wahren, grattſam werden, das Falſche beweiſen laſſen, und ſich Diener der Gerechtigkeit und Gottes ſelbſt nennen, da ſie doch Vollſtrecker der Ungerechtigkeit und des Teufels ſind. Hierauf wandte er ſeine Gedanken auf Al⸗ dobrandino's Befreiung, und erwog, was er yierbei zu thun habe. Als er nun den Morgen aufgeſtanden war, ließ er ſeinen Bedienten zuruͤck und ging, ſobald es ihm Zeit zu ſeyn duͤnkte, allein nach dem Hauſe ſeiner Geliebten; zum Gluͤck fand er die Thuͤre offen; er trat daher hinein, und ſah ſeine Geliebte in einem Saale im Erdgeſchoß am Boden ſitzen, in Thraͤnen und Kummer zerfließend. Aus Mitleiden weinte auch er, und ſagte dann, ſich naͤhernd, zu ihr: Madame, bekuͤmmern Sie ſich nicht, Ihre Ruhe iſt nahe. Sobald die Dame dies hoͤrte, hob ſie das Ge⸗ ſicht in die Hoͤhe und ſagte mit Thraͤnen: Guter Mann, Du ſcheinſt mir ein fremder Pilger zu ſeyn, was weißt Du von meiner Ruhe, oder von meinem Kummer? Dritter Tag. Der Pilger antwortete: Madame, ich bin aus Conſtantinopel, und komme jetzt eben von Gott ge⸗ ſandt, Ihre Thraͤnen in Lachen zu verwandeln, und Ihren Gemahl vom Tode zu befreien. Wie, ſagte die Dame, wenn Du aus Conſtan⸗ tinopel biſt, und jetzt eben hier ankommſt, was weißt Du, wer mein Mann iſt, oder wer ich bin? Der Pilger fing an, die ganze Geſchichte von Aldobrandino's Todesgefahr weitlaͤufig zu erzählen, und ſagte ihr, wer ſie waͤre, wie lange ſie verhei⸗ rathet geweſen, und noch andere Dinge mehr, die er ſehr wohl wußte. Die Dame verwunderte ſich gar ſehr, hielt ihn fuͤr einen Propheten, und kniete zu ſeinen Fuͤßen nieder, bat ihn um Gottes Willen, daß, wenn er zu Aldobrandino's Errettung gekommen waͤre, er doch eilen weil die Zeit nur ſehr kurz waͤre. Der Pilger ſihn die Miene eines ſehr heili⸗ gen Mannes an, und ſagte: Stehen Sie auf, Ma⸗ dame, und weinen Sie nicht; geben Sie wohl Acht auf das, was ich Ihnen ſagen werde, aber huͤten Sie ſich, je einem Menſchen ein Wort davon zu ſa⸗ gen. Nach dem, was Gott mir offenbaret, erdulden Sie dieſes Drangſal jetzt einer Suͤnde wegen, die Sie einſt begangen haben, und Gott hat durch dieſe Noth Sie zum Heil von derſelben reinigen wollen, und will nun, daß Sie ſie ganz und gar abbuͤßen; wo aber nicht, ſo wuͤrden Sie in einen noch groͤ⸗ ßeren Kummer zuruͤckſinken. rer get het gut des der füͤh zur ſich nich wen gen nac dar ſehe offer gen meit gelie gebe trau mich geger ſeine as t ge⸗ und ſtan⸗ weißt on hlen, rhei⸗ ie er t ihn uͤßen mn er er kurz heili⸗ Ma⸗ Acht huͤten u ſa⸗ ulden die dieſe ollen, uͤßen; groͤ⸗ Siebente Novelle. 2½ Die Dame ſagte hierauf: Herr, ich habe meh⸗ rere Suͤnden, aber ich weiß nicht, fuͤr welche Gott gerade will, daß ich buͤßen ſoll; wenn Ihr ſie da⸗ her wißt, ſo ſagt ſie mir, und ich will alles thun, was ich nur kann, um ſie wieder gut zu machen. Madame, ſagte der Pilger, ich weiß es recht gut, was es fuͤr eine iſt, ich befrage Sie auch nicht deshalb, darum, um ſie beſſer noch zu erfahren, ſon⸗ dern damit Sie ſelbſt deſto mehr Reue daruͤber fuͤhlen, wenn Sie ſie geſtehen; doch laſſen Sie uns zur Sache kommen. Sagen Sie mir, erinnern Sie ſich wol, jemals einen Liebhaber gehabt zu haben? Da die Dame dies hoͤrte, ſtieß ſie einen tiefen Seufzer aus, und wunderte ſich ſehr, weil ſie gar nicht glaubte, daß noch irgend wer darum wuͤßte, wenn auch gleich von dem Tage an, als der Erſchla⸗ gene fuͤr den Tedaldo begraben worden war, man nach gewiſſen, von dem Gefaͤhrten Tedaldo's, der darum wußte, nicht ganz verſtaͤndig gebrauchten Worten, davon munkelte; ſie antwortete daher: Ich ſehe, Gott hat Euch alle Geheimniſſe der Menſchen offenbaret, und darum bin ich bereit, Euch die meini⸗ gen nicht zu verhehlen. Es iſt wahr, ich habe in meiner Jugend den ungluͤcklichen jungen Mann ſehr geliebt, deſſen Tod jetzt meinem Manne Schuld ge⸗ geben wird; ich habe ſeinen Tod eben ſo ſehr be⸗ trauert, als er fur mich ſchmerzhaft war, weil, ob ich mich gleich vor ſeiner Abreiſe ſehr hart und rauh gegen ihn bewies, weder ſeine Entfernung, noch ſeine lange Abweſenheit, noch ſein ungluͤckſeliger 28 Dritter Tag. Fod ihn ganz aus meinem Herzen haben herausreißen koͤnnen. Hierauf ſagte der Pilger: Den unglucklichen jungen Mann, der umgebracht worden iſt, den haben Sie nie geliebt, ſondern den Vedaldo Eliſei. Allein ſagen Sie mir doch, was war denn der Grund, warum Sie ſich mit ihm veruneinigten? Hat er Sie jemals beleidigt? Worauf die Dame zur Antwort gab: Gewiß, er hat mich nimmermehr beleidigt, ſondern der Grund zu der Zwiſtigkeit waren die Worte eines verdammten Fraters, bei dem ich ein Mal beichtete; denn als ich ihm von der Liebe ſagte, die ich gegen ihn hegte, und von der Vertraulichkeit, in welcher ich mit ihm ſtände, ſo machte mir der einen ſolchen Syuk im Kopfe, daß ich noch ganz ansſt daruͤber bin; wenn ich davon nicht abließe, ſagte er zu mir, ſo wuͤrde ich gerade zu dem Teufel in dem unterſten Abgrund der Hoͤlle in den Rachen fahren, und in das ewige Straffeuer geſteckt werden. Hieruͤber in ſolche Furcht gejagt, beſchloß ich, nicht mehr in Vertraulichkeit mit ihm zu bleiben, und um gar keinen Grund mehr dazu zu haben, wollte ich weder Briefe noch Sendungen mehr von ihm annehmen, wenn ich auch gleich glaube, daß, wenn er aus⸗ dauernder geweſen waͤre,(denn, wie ich vermuthe, iſt er ganz in Verzweiflung fortgegangen und ich geſehen hätte, daß er ſich wie Schnee an der Sonne verzehrte, mein harter Vorſatz ſich wuͤrde gebeugt en en ben ſei. nd, er iß, der nes te; gen her hen ber nir, ſten in in in gar eder nen, ms⸗ the, ich onne eugt — Siebente Novelle. haben, weil ich keinen innigern Wunſch in der Welt hatte, als dieſen. Hierauf ſage der Pilger: Madame, dies iſt die einzige Sunde, die Sie jetzt quäͤlt. Ich weiß gewiß, daß Tedaldo Sie keinesweges dazu zwang, als Sie ſich in ihn verliebten, Sie thaten es aus eigenem Willen, weil er Ihnen gefiel, und da Sie ſelbſt es wollten, kam er zu Ihnen und nahm Ihre Vertraulichkeit an, wobei Sie ihm ſowol mit Wor⸗ ten, als auch mit Thaten ſo viel Freundlichkeit be⸗ zeigten, daß, wenn er Sie auch zuerſt liebte, Sie ſeine Liebe auf tauſendfache Weiſe verdoppelten. Und wenn es ſo war, wie ich weiß⸗ daß es war, was fuͤr ein Grund konnte Sie doch nur dahin brin⸗ gen, ihm Ihre Liebe mit ſolcher Strenge zu entzie⸗ hen? Alles dergleichen muß man vorher bedenken, und wenn Sie glaubten, Sie wuͤrden es einmal, als was unrecht Gethanes, bereuen, ſo mußten Sie es gar nicht thun. So wie er der Ihrige ward, ſo wurden Sie die Seinige. Daß er nicht der Ihrige ward, das konnten Sie ganz nach Ihrem Gefallen eben ſo gut bewirken, als daß er der Ihrige ward; aber daß Sie ſich ihm wieder entzogen, nachdem Sie die Seinige geworden waren, das war ein Raub, und ungebuͤhrlich, wenn nicht auch ſein Wille dabei war. Jetzt müſſen Sie wiſſen, daß ich auch ein Frater bin, und deshalb alle Sitten derſelben kenne; wenn ich daher zu Ihrem Nutzen mich des Breiteren uͤber ſie auslaſſe, ſo wird ſich das fuͤr mich weit eher ſchicken, als fur einen Anderen. Und Dritter Tag⸗ deshalb habe ich Luſt, ein wenig uͤber ſie zu ſprechen, damit Sie ſie fuͤrs Kuͤnftige beſſer kennen lernen⸗ als es bis jetzt der Fall geweſen zu ſeyn ſcheint⸗ Die Fratres waren einſt heilige, tuͤchtige Maͤnner, aber die, die ſich heutiges Tages Fratres nennen, und dafuͤr gehalten ſeyn wollen, hahen von einem Frater nichts weiter als die Kappe, und dies iſt auch nicht einmal die eines Fraters mehr. Denn die von den Stiftern der Fratres angeordneten wa⸗ ren eng, ſchlecht und von grobem Tuche, ſo daß ſie von einem Innern zeugten, was die zeitlichen Dinge verachtete, da es den Koͤrper in ein ſo ſchlechtes Kleid huͤllte; dagegen machen ſie ſie heutiges Tages weit, doppelt, 81½ u i. von dem feinſten Tuche, geben ihr ei ali Geſtalt, ſo daß nit in den Kirchen und a im zu ſtolziren, wie i mit ihren Kleidern. Und wie die ele Fiſche auf Ei⸗ ſch n Trommelnetz Le nem Zuge im Fluſſe fangen wollen, ſo bemuͤhen ſie ſich, in ihren weiten ren dahinwallend, viel Betſchweſtern, viele ttwen, und viele andere thoͤ⸗ richte Weiber und M darin zu fangen; und dies iſt, mehr als jer 1 * B de andere Bemühung, ihre groͤßte Sorge. Und daß ich noch um ſo wahrhafter rede, auch nicht einmal die Kappen der Fratres ſelbſt ha⸗ d ven ſie mehr, ſondern allein nur die Farben der Kappen. Und ſo wie die aͤltern nur das Wohl der Menſchen wuͤnſchten, ſo begehren die heutigen nur Weiber und Reichthimer; und ihr einziges Verlan⸗ p— — 8 f„„ e † Siebente Novelle. 31 gen haben ſie darauf gerichtet, und richten ſie dar⸗ auf, mit Schreckensgeſchichten und furchtbaren Bil⸗ dern die Gemuͤther der Thoren in Furcht zu jagen, um zu zeigen, daß die Suͤnden nur durch Almoſen und Meſſen abgebußt werden können, damit ihnen, die durch Gemeinheit, nicht durch Froͤmmigkeit ihre Zuflucht zum Moͤnchwerden nahmen, und die jede Muͤhe und Anſtrengung ſcheneten, dieſer Brot brächte, jener Wein ſchickte, und wieder Andere für die Seelen ihrer Verſtorbenen eine Mahlzeit zukom⸗ men ließen. Wahr iſt es allerdings, daß Almoſen und Gebete von Suͤnden reinigen; aber wenn dieje⸗ nigen, die ſie verrichten, ſähen, wem ſie ſie darbraͤch⸗ ten, oder dieſe kennten, ſo wuͤrden ſie ſie entweder lieber fuͤr ſich behalten, oder wol gar eher eben ſo vielen Saͤuen vorwerfen. und weil ſie wohl einſe⸗ hen, wie wenig ſie Beſitzer großer Reichthuͤmer ſind, ſo fuͤhren ſie um ſo mehr ein recht bequemes Leben, und Jeder von ihnen bemühet ſich durch Schreckensgeſchichten oder durch Schreckensbilder An⸗ dere von demjenigen zuruͤckzuhalten, was er wuͤnſcht, daß es fuͤr ihn allein uͤbrig bleiben mochte. Sie ſchreien uͤber die üypigkeit gegen die Maͤnner, da⸗ mit, wenn ſie die Beſchrienen ſich vom Leibe ge⸗ ſchafft haben, die Weiber fuͤr die Schreier zurück⸗ bleiben. Sie verdammen den Wucher und den ſchändlichen Gewinnſt, damit, wenn ſie zu irgend einem Erſatz einmal angehalten werden, ſie ſich vor⸗ her erſt davon die weiteſten Kappen machen laſſen, und Bisthuͤmer oder andere Prälaturen anſchaffen Dritter Tag. können, die einen groͤßeren Werth haben, als dasje⸗ nige, was, wie ſie behaupteten, den, der es beſaß, ins Verderben bringen wuͤrde. Und wenn man ſie uͤber dies, und vieles andere, was ſie ungebuͤhrlicher Weiſe thun, zur Rechenſchaft zieht, ſo antworten ſie: Thut nach unſern Worten, aber nicht nach un⸗ ſern Thaten, und glauben alsdann, ſie haͤtten ſich dadurch jeder drückenden Laſt entledigt, gleichſam, als wenn es den Heerden möglicher wäre, ſtandhaft und eiſenfeſt zu ſeyn, als den Hirten. Und wie viele derer wohl ſeyn moͤgen, denen ſie dieſe Antwort ge⸗ ben, die ſie gar nicht in der Art, wie ſie ſie ſagen, verſtehen, weiß ein großer Theil von ihnen ſehr gut. Die heutigen Fratres wollen, daß Ihr das thut, was ſie ſagen, naͤmlich: Ihr ſollt ihnen den Beutel mit Geld fuͤllen, ſollt ihnen Eure Geheim⸗ niſſe anvertrauen, ſollt die Keuſchheit beobachten, ſollt geduldig ſeyn, ſollt Beleidigungen verzeihen, ſollt Euch ſchlecht zu ſprechen in Acht nehmen. Alles gute, alles anſtaͤndige, alles fromme Sachen; aber warum dies? damit ſie das thun koͤnnen, was, wenn's die Weltlichen thaͤten, ſie nicht thun könn⸗ ten. Wer weiß nicht, daß man ohne Geld nicht lange ein ſchlechter Kerl ſeyn kann? Wenn Du zu Deinem Vergnuͤgen Geld durchbringſt, ſo kann ja der Frater nicht in ſeinem Orden auf der Baͤrenhaut liegen. Wenn Du bei den Weibern herumgehſt, ſo kann der Frater daſelbſt kein Ankommen finden. Wenn Du nicht geduldig viſt, und Beleidigungen verzeihſt, ſo darf es der Frater nicht wagen, Dir na 5 au ter da Tr res gro der wir ein ben das de Siebente Novelle. 33 ins Haus zu kommen und Deine Familie zu beſu⸗ deln. Doch wozu rechne ich dies alles ſo ſorgfältig her? ſie klagen ſich ſelbſt an, ſo oft ſie ſich gegen Verſtändige auf dieſe Art entſchuldigen wollen. Warum bleiben ſie nicht lieber zu Hauſe, wenn ſie nicht glauben, enthaltſam oder fromm ſeyn zu kön⸗ nen? oder, wenn ſie es nun einmal ſeyn wollen, warum befolgen ſie nicht auch das ändere heilige Wort des Evangeliums: Chriſtus ſing an zu han⸗ deln und dann zu lehren? Moͤchten ſie doch auch zuerſt handeln, und dann Andere belehren. Ich habe in meinem Leben Tauſende geſehen, die nicht allein weltliche Frauen, ſondern auch welche aus den Kloͤſtern beliebäugelten, liebten und beſüch⸗ ten, und das waren gerade die, die den meiſten Lärm auf den Kanzeln machten. Solchen ſollten wir alſo nachfolgen? Thue ein Jeder, was er thun will, Gott weiß doch, ob er weiſe handelt. Aber geſetzt auch, Sie haͤtten das zugeben muͤſſen, was der Fra⸗ ter, der ſie ausſchalt, zu Ihnen ſagte, nuͤmlich, daß es das groͤbſte Vergehen waͤre, die eheliche Treue zu verletzen, iſt es nicht noch ein weit groͤbe⸗ res, einen Menſchen zu berauben? nicht das aller⸗ groͤbſte, ihn zu todten, oder ihn zu verbannen, daß er in der Welt ſich kuͤmmerlich durchquälen muß. Das wird doch ein Jeder zugeſtehen, daß eine Frau mit einem Manne in einer gewiſſen Vertraulichkeit ſteht, iſt ein ganz natuͤrliches Vergehen; aber ihn berau⸗ ben, ihn ums Leben bringen, oder ihn fortjagen, das kommt aus einer Schlechtigkeit des Herzens her. Voccaccio's ſämmtl. W. Z. 3 34 Dritter Tag. Daß Sie Tedaldo beraubt hatten, das geſchah, wie ich Ihnen ſchon eben gezeigt, dadurch, daß Sie ſich ſeiner entzogen, da Sie doch aus Ihrem freien Wil⸗ len die Seinige geworden waren. Ferner ſags ich, daß Sie ihn, ſo viel es auf Sie ankam, ums Leben gebracht haben, weil es an Ihnen nicht gelegen hat, daß er ſich, da Sie ſich täglich härter gegen ihn be⸗ wieſen, nicht mit eigener Hand umbrachte, und das Geſetz will, daß derjenige, der zu einem übel, was einmal geſchehen iſt, die Veranlaſſung gab, in derſelben Schuld ſeyn ſoll, in welcher derjenige iſt, der es ſelbſt thut. Und daß Sie nicht an ſeiner Verbannung und daran Schuld geweſen ſeyn ſollten, daß er in der Welt ſich ſieben Jahre herum qualen mußte, das kann doch gar nicht gelaͤugnet werden. Auf dieſe Art haben Sie in Hinſicht eines jeden der drei genannten Punkte eine weit groͤßere Sünde began⸗ gen, als Sie in der Vertranlichkeit mit ihm wirk⸗ lich begingen. Aber wir wollen einmal ſehen, viel⸗ leicht verdiente Jedaldo dies alles: wahrlich, das hat er nicht! Sie ſelbſt haben es ſchon geſtanden, nicht zu gedenken, daß ich es auch weiß, wie er Sie mehr, als ſich ſelbſt geliebt hat. Nichts ward je von ihm ſo geehrt, ſo geruͤhmt, ſo lobgeprieſen, als Sie es mehr, als jede andere Frau von ihm wurden, wenn er ſich irgendwo befand, wo er anſtändiger⸗ weiſe und ohne Verdacht zu erregen, nur von Ihnen ſprechen konnte. Sein ganzes Gluͤck, ſeine ganze Ehre, ſeine ganse Freiheit, kurz, Alles hatte er in —. — e„p ð—— Ihre Haͤnde gegeben. War er nicht ein edler, junger wie ſich Lil⸗ ich, ben hat, be⸗ das was lben elbſt und der das dieſe drei gan⸗ wirk⸗ viel⸗ das nden, Sie rd je als den, diger⸗ Ihnen ganze er in junger Siebente Rovelle. Mann? war er nicht unter allen ſeinen Mitbuͤrgern ſchön? war er nicht tuͤchtig in allem, was einem jungen Manne zukommt? nicht geliebt? nicht geachtet? nicht von einem Jeden gern geſehen? und Sie werden doch dazu nicht Nein ſagen? Wie koͤnnten Sie alſo um eines thoͤrichten, gefuͤhl⸗ loſen und neidiſchen Fraters willen, einen ſo grau⸗ ſamen Entſchluß gegen ihn faſſen? Ich weiß nicht, was das fuͤr ein Irrthum der Frauen iſt, daß ſie die Maͤnner verachten und ſie ſo wenig ſchaͤtzen, da ſie, wenn ſie an daäs dächten, was ſie ſind, und was fuͤr einen Adel Gott vor allen andern lebendigen Geſchoͤp⸗ fen dem Manne gegeben hat, ſich freuen mußten, wenn ſie von irgend nur einem geliebt wuͤrden, dieſen uͤberaus werth halten muͤßten, und ſich mit aller Sorgfalt bemuͤhen, ihm zu Gefallen zu leben, damit er niemals aufhoͤrte, ſie zu lieben. Ob Sie, von den Worten eines Monches, der gewiß nur ein Tel⸗ ler Lecker und ein Kuchenmaul war„aufgeregt, das gethan haben, wiſſen Sie ſelbſt; und vielleicht wollte er ſich an die Stelle ſetzen, von welcher er einen Andern zu verdraͤngen, ſich bemuhte. Dies iſt alſo das Verbrechen, was die gottliche Gerechtigkeit, welche mit gerechter Wage alle ihre Schickungen zur Wirklichkeit bringt, nicht unbeſtraft hat wollen hingehen laſſen; und ſo wie Sie ſich ſelbſt ohne Grund Tedaldo'n haben entziehen wollen, ſo iſt auch ihr Gemahl um Tedaldo's willen ohne Grund in Gefahr geweſen und noch darin, und Sie in Angſt. Wenn Sie daher davon befreit ſeyn wollen, ſo iſt, Dritter Tag. was Sie verſprechen, und noch um ſo mehr thun muͤſſen, folgendes: Traͤgt es ſich jemals zu, daß Tedaldo von ſeiner langen Verbannung hieher zuruͤck⸗ kehrt, ſo geben Sie ihm Ihre Gunſt, Ihre Liebe, Ihre Gewogenheit, Ihre Vertraulichkeit wieder zu⸗ ruͤck, und ſetzen Sie ihn wieder in den Stand, in welchem er vorher bei Ihnen ſtand, ehe Sie thoͤrich⸗ ter Weiſe dem Narren von Frater glaubten. Der Pilger hatte ſeine Worte geendet, als die Frau, welche ſie aufmerkſam auffaßte, weil ihr ſeine Gruͤnde vollkommen wahr ſchienen, und ſie glaubte, ſie wurde dieſer Sunde wegen, da ſie es ſo von ihm horte, gequält, zu ihm ſagte: Freund Gottes, ich erkenne alles, was Ihr geſprochen habt, fuͤr wahr, und größtentheils erkenne ich auch durch Euern Be⸗ weis, was die Fratres, die ich bis jetzt alle fuͤr hei⸗ lig gehalten habe, ſind, und ſehe ohne den minde⸗ ſten Zweifel ein, daß mein Verſehen, was ich gegen Fedaldo begangen habe, groß geweſen iſt, und daß ich es, wenn ich es nur koͤnnte, gern auf die Art wieder gut machen moͤchte, wie Ihr geſagt habt. Aber wie kann das geſchehen? Tedaldo kann hieher nimmermehr wieder zuruckkehren, denn er iſt todt; und darum ſehe ich nicht ein, warum es nothig waͤre, Euch das zu verſprechen, was durchaus nicht geſchehen kann. Pierauf antwortete der Pilger: Madame, Te⸗ daldo iſt, nach dem, was mich Gott davon ſehen läßt, nicht todt, ſondern er lebt, iſt geſund und in ganz guten umſtaͤnden, wenn er nur Ihre Gunſt be⸗ ſaͤße. Siebente Novelle. 37 Darauf ſagte die Frau: Bedenkt, was Ihr ſprecht; ich habe ihn todt vor meiner Thoͤre liegen ſehen, er hatte mehrere Meſſerſtiche, und ich habe ihn in dieſen Armen gehalten, waͤhrend ich ſein er⸗ blaßtes Geſicht mit vielen Thraͤnen benetzte, und eben dieſe Thränen waren vielleicht die urſache, daß ſo viel, und nicht ganz anſtaͤndig daruͤber geſprochen ward. Da ſagte der Pilger: Madame, was Sie auch daruͤber ſagen moͤgen, ſo verſichere ich Sie, Te⸗ daldo iſt am Leben; und wenn Sie das verſprechen wollen, um es auch zu halten, ſo hoffe ich, daß Sie ihn bald ſehen werden. Die Frau antwortete hierauf: Das thue ich, und werde es gern thun, denn es koͤnnte nichts ge⸗ ſchehen, was mir eine aͤhnliche Freude machte, als wenn ich meinen Mann, ohne Schaden frei, und Tedaldo lebendig ſäͤhe. Nun ſchien es Tedaldo Zeit, ſich zu entdecken, und die Frau durch eine gewiſſere Hoffnung uͤber ihren Mann zu troͤſten; er ſagte daher: Madame, um Sie uͤber ihren Mann zu beruhigen, muß ich Ihnen ein Geheimniß entdecken, was Sie aber bei ſich behalten muͤſſen, und Ihr ganzes Leben hindurch nicht bekannt machen duͤrfen. Sie waren in einem ſehr entlegenen Zimmer, und ganz allein, und die Frau hatte auch uͤberdies noch das groͤßte Zutrauen zu der Heiligkeit gefaßt, welche ihr der Pilger zu haben ſchien, deshalb zog Tedaldo einen Ring hervor, den er mit der groͤßten Dritter Tag. Sorgfalt aufbewahrt, und den ihm die Frau in der letzten Nacht, als ſie bei einander geweſen waren, geſchenkt hatte, und ſagte, indem er ihr denſelben zeigte: Madame, kennen Sie dieſen? Als die Frau dieſen erblickte, erkannte Sie ihn ſogleich, und ſagte: Herr, ja, ich ſchenkte ihn einſt⸗ mals Tedaldo. Da ſtand der Pilger auf, warf ſchnell den Pil⸗ gerrock und die Kapuze von ſich, und ſprach ganz florentiniſch: Und kennen Sie mich denn noch? Sobald die Frau ihn anſah, und erkannte, daß es Tedaldo waͤre, war ſie ganz beſtuͤrzt, und er⸗ ſchrak ſo uͤber ihn, wie man uͤber Verſtorbene er⸗ ſchrecken wuͤrde, wenn man ſie lebendig herumgehen ſahe, und ging ihm, nicht wie Tedaldo'n, der aus Cypern kam, entgegen, ihn zu empfangen, ſondern wollte voller Furcht vor ihm fliehen, wie vor Te⸗ daldo, der aus dem Grabe zuruͤckkehrte. Hierauf ſagte Tedaldo: Zweifeln Sie nicht, Madame, ich bin Ihr Tedaldo, ich lebe, bin ge⸗ ſund, und bin niemals geſtorben, noch umgebracht, was Sie und meine Bruͤder auch glauben moͤgen. Die Frau, etwas beruhigt, doch aber vor ſei⸗ nen Reden erſchrocken, ſah ihn von neuem wieder an, und uͤberzeugte ſich um ſo mehr, daß es Te⸗ daldo gewiß waͤre; dann warf ſie ſich mit Thraͤnen ihm an den Hals, und kuͤßte ihn unter dieſen Wor⸗ ten: Mein ſuͤßer Tedaldo, herzlich willkommen.⸗ Tedaldo kuͤßte und umarmte ſie wieder, dann aber ſagte er: Madame, jetzt iſt es nicht Zeit zu der en, ben ihn nſt⸗ pil⸗ ans daß er⸗ er⸗ hen aus dern Te⸗ icht, ge⸗ acht, ſei⸗ jeder Te⸗ aͤnen Vor⸗ dann Siebente Novelle. einem innigeren Empfange. Ich will gehen, und alles thun, damit Aldobrandino Ihnen geſund und wohl wiedergegeben werde, und woruͤber Sie, wie ich hoffe, noch vor morgen Abend Nachrichten hoͤren werden, die Ihnen gefallen ſollen, ſo daß, wenn ich, wie ich glaube, Ihnen über ſeine Erhaltung gute werde gebracht haben, ich den Abend zu Ihnen zu kommen gedenke, und Ihnen alles mit mehr Be⸗ quemlichkeit erzaͤhlen will, als ich es jetzt kann. Nachdem er hierauf ſeinen Pilgerrock und die Kapuze wieder angelegt hatte, kuͤßte er die Dame noch einmal, gab ihr gute Hoffnung, und verließ ſie. Er nahm ſeinen Weg dahin, wo Aldobrandino im Gefaͤngniß, mehr in Furcht uͤber den ihm bevor⸗ ſtehenden Tod, als uͤber die Hoffnung ſeiner kuͤnfti⸗ gen Errettung, gedankenvoll daſaß; er trat als ein Troͤſter der Gefangenen zu ihm hinein, ſetzte ſich zu ihm und ſagte dann: Aldobrandino, ich bin Dein Freund, und bin von Gott zu Deiner Rettung her⸗ geſandt, den Deine Unſchuld jammert; wenn Du daher, aus Ehrfurcht gegen ihn, mir ein kleines Ge⸗ ſchenk, warum ich Dich bitten werde, zugeſtehen willſt, ſo wirſt Du unfehlbar vor morgen Abend, wo Du das Todesurtheil erwarteſt, Deine Freiſpre⸗ chung hoͤren. Hierauf antwortete Aldobrandino: Guter Mann, da Du Dich um mein Wohl ſo kuͤmmerſt, ſo mußt Du, ob ich Dich gleich nicht kenne, und mich nicht erinnere, Dich je geſehen zu haben, wohl mein Freund ſeyn, wie Du ſagſt. Und in Wahrheit, das Dritter Tag. Verbrechen, woruͤber man ſagt, daß ich zum Tode verurtheilt werden ſoll, habe ich durchaus nicht be⸗ gangen; andere habe ich allerdings begangen, die mich vielleicht hieher gebracht haben. Aber ſo ſage ich Dir hier vor Gott: wenn er ſich jetzt meiner er⸗ barmen will, ſo will ich iedes Wichtige, und nicht nur etwas Unbedeutendes, gern thun, und nicht bloß verſprechen; darum verlange, was Du willſt, ich werde, unter der Bedingung, daß ich entkomme, mein Verſprechen gewiß halten. Darauf ſagte der Pilger: Was ich verlange, iſt nichts anders, als daß Du den vier Bruͤdern Tedal⸗ do's verzeiheſt, daß ſie Dich auf dieſen Punkt ge⸗ bracht haben, weil ſie Dich fuͤr ſchuldig an den Tod ihres Bruders hielten, und nimm ſie fuͤr Deine Bruͤ⸗ der und Deine Freunde an, wenn ſie Dich werden um Verzeihung gebeten haben. Hierauf gab Aldobrandino zur Antwort: Nur wer Beleidigungen erfahren hat, weiß, wie ſuͤß die Rache iſt, und mit welcher Hitze man ſie erwuͤnſcht; indeſſen, da Gott auf mein Wohl bedacht iſt, ſo will ich ihnen gern verzeihen, und verzeihe ihnen ſchon jetzt, und wenn ich lebendig und gerettet von hier herauskomme, ſo verſpreche ich es auf eine Art zu thun, die Dir angenehm ſeyn ſoll. Dies gefiel dem Pilger ſehr, und er bat ihn, ohne ihm weiter noch etwas ſagen zu wollen, über⸗ haupt mr, er moͤchte frohes Herzens ſeyn, da er ge⸗ wiß noch vor Ende des kommenden Tages die gewiſ⸗ ſeſte Nachricht uͤber ſeine Errettung hoͤren wuͤrde. de e⸗ ie ge r= ht ß e⸗ 2 * Siebente Novelle. 41 Von hier ging er nach der Regierung, und ſagte insgeheim zu dem Cavalier, der eben die Sitzung hielt: Mein Herr, es ſollte ſich zwar ein Jeder be⸗ muͤhen, daß die Wahrheit von Allem an den Tag kame, aber vorzuglich ſollten es die, die auf einem ſolchen Poſten ſtehen, wie Ihr auf einem ſteht, da⸗ mit nicht diejenigen beſtraft wuͤrden, die das Ver⸗ brechen nicht begangen haben, ſondern die wahren Verbrecher die Strafe empfingen. Und damit Ihr hieruͤber die Ehre davon truͤget, und der, der es verdient hat, den Schimpf, bin ich darum herge⸗ kommen zu Euch. Wie Euch bekannt ſeyn wird, iſt gegen Aldobrandino Palermini ſehr ſtrenge verfah⸗ ren, weil Ihr gefunden zu haben glaubt, er waͤre derienige, der den Tedaldo Eliſei erſchlagen hat, und Ihr ſteht im Begriff, ihn zu verdammen. Das iſt aber grundfalſch, wie ich Euch noch vor Abend zu beweiſen glaube, da ich Euch die Moͤrder des jungen Mannes auszuliefern gedenke. Der brave Mann, dem Aldobrandino nahe ging, lieh den Reden des Pilgers willig ſein Ohr, und nachdem er viel mit ihm hieruͤber geſprochen hatte, ließ er nach ſeiner Einleitung die beiden Bruͤder aus dem Wirthshauſe mit ihrem Dienſtmaͤdchen im er⸗ ſten Schlafe feſtnehmen, und wollte ihnen ſogleich, um zu erfahren, wie die Sache zuſammenhinge, dio Lortur geben laſſen; allein ſie ließen es dahin nicht kommen, ſondern geſtanden offenherzig Jeder fur ſich, und dann Alle zuſammen, daß ſie es geweſen waͤren, 42 Dritter Tag. die den Tedaldo Eliſei umgebracht, wenn ſie ihn auch gleich nicht gekannt haͤtten. Als ſie nach dem Grunde befragt wurden, ſag⸗ ten ſie: Weil er der Frau des einen von ihnen, da ſie nicht im Wirthshauſe gegenwaͤrtig geweſen wä⸗ ren, viel Verdruß gemacht, und ſie haͤtte zwingen wollen, ihm zu Willen zu ſeyn. Sobald der Pilger dies erfahren hatte, beur⸗ laubte er ſich bei dem edeln Manne, ging fort, und kam ganz verborgen nach dem Hauſe der Madame Ermeline. Da alle Andern im Hauſe ſchon ſchlafen gegangen waren, fand er ſie, die ſeiner wartete, ganz allein, eben ſo begierig, gute Nachrichten von ihrem Manne zu hoͤren, als ſich mit ihrem Tedaldo voͤllig wieder auszuſoͤhnen. Er redete ſie daher, ſo⸗ bald er gekommen war, freundlich an: Mein liebes Frauchen, ſey ruhig, denn morgen haſt Du ganz ge⸗ wiß Deinen Aldobrandino hier geſund und munter wieder; und um ihr deſto groͤßere Gewißheit daruͤber zu geben, erzaͤhlte er ihr vollſtändig alles, was er gethan hatte. Die Frau, ganz voller Freuden, wie es nur Eine geweſen war, uͤber dieſe beiden ſo plotzlichen Begebenheiten, naͤmlich, Tedaldo'n lebendig wieder zu haben, da ſie ihn wirklich todt geglaubt und be⸗ weint hatte, und Aldobrandino'n aus aller Gefahr befreit zu wiſſen, den ſie auch in wenigen Tagen als todt beweinen zu muͤſſen glaubte, umarmte und kuͤßte ihren Tedaldo von ganzem Herzen; und da ſie mit einander zu Bett gegangen waren, ſchloſſen ſie ei⸗ hn 8* da en — nd ne en te, on do o⸗ es en er er ur en er e⸗ hr s jte it Siebente Novelle. nen freundlichen und vergnuͤgten Frieden, indem ei⸗ ner dem andern die hoͤchſte Luſt zugeſtand. Sobald der Tag herannähete, ſtand Tedaldo auf, und da er der Frau ſchon geſagt hatte, was er thun wollte, bat er ſie von neuem, Alles geheim zu halten; dann ging er, immer noch in ſeiner Pil⸗ gerkleidung, aus dem Hauſe der Frau fort, um ſich, wenn es Zeit ſeyn wuͤrde, den Angelegenheiten Al⸗ dobrandino's noch weiter zu widmen. Die Regierung ließ, da ſie glaubte, von allem hinlaͤnglich informirt zu ſeyn, ſobald es Tag gewor⸗ den, Aldobrandino frei, und in einigen Tagen dar⸗ auf den Miſſethaͤtern den Kopf auf eben derſelben Stelle, wo ſie die That begangen hatten, abſchla⸗ gen. Da nun Aldobrandino zu ſeiner, ſeiner Frauen und aller ſeiner Freunde und Verwandten großen Freude frei war, und offenbar einſah, daß es durch Vermittelung des Pilgers geſchehen waͤre, ſo fuͤhr⸗ ten ſie ihn in ihr Haus, fuͤr ſo lange, als es ihm in der Stadt zu bleiben gefiele, und konnten nicht aufhoͤren, ihm alle nur moͤgliche Ehre anzuthun und Vergnuͤgungen zu machen; beſonders aber die Frau, da ſie wußte, wem dies alles geſchah. Nach einigen Tagen inzwiſchen ſchien es ihm Zeit, ſeine Bruͤder wieder mit Aldobrandino zu ver⸗ einigen, welche, wie er merkte, daß ſie nicht allein wegen ſeiner Entweichung beſchimpft waͤren, ſondern auch aus Furcht immer bewaffnet gingen; er erin⸗ nerte alſo Aldobrandino an ſein Verſprechen; wor⸗ ——— — 44 Dritter Tag. auf Aldobrandino auch ſogleich frei antwortete, er ſey gern dazu bereit. g Der Pilger ließ hierauf fuͤr den folgenden Tag u ein ſchoͤnes Mahl zubereiten, zu welchem, wie er e ſagte, er wuͤnſchte, daß er ſelbſt mit ſeinen d a v Verwandten und deren Frauen, und ſeme eigenen Bruͤder mit ihren Frauen gegenwaͤrtig ſeyn moͤchten, und, ſetzte er hinzu, ich ſelbſt will ſie zu dieſer Aus⸗ ſoͤhnung und zu dieſem Mahle meinerſeits einladen. t Da Aldobrandino mit allem, was der Pilger n wuͤnſchte, zufrieden war, ging der Pilger ſogleich l zu den vier Bruͤdern, ſprach mit ihnen in Ausdruk⸗ u ken, wie ſie zu ſolcher Veranlaſſung erforderlich wa⸗ d ren, und brachte ſie endlich mit unwiderleglichen E Gruͤnden dahin, daß ſie Aldobrandinv um Verzei⸗ ſe hung und ſeine Freundſchaft von neuem wieder zu n erlangen baten. Nachdem dies geſchehen, lud er ſie b und ihre Frauen auf den folgenden Mittag zum Eſ⸗ 8 ſen bei Aldobrandino ein, und ſie, ſich auf ſein et Wort dreiſt verlaſſend, nahmen die Einladung an. u Den folgenden Tag alſo, zur Eſſenszeit, kamen zuerſt Tedaldo's vier Bruder, ſchwarz gekleidet, wie fi ſie immer gingen, mit einigen ihrer Freunde in Al⸗ 1l dobrandino's Haus, wo ſie ſchon erwartet wurdenz er 3 und hier warfen ſie, in Gegenwart aller der Uebri⸗ gen, welche noch zu der Geſellſchaft eingeladen wa⸗. w ren, die Waffen auf den Boden, und ganz ſich in b Aldobrandino's Haͤnde dahingebend, baten ſie ihn w varuͤber um Verzeihung, daß ſie ſo gegen ihn ge⸗ la handelt haͤtten, Siebente Novelle. 45 Aldobrandino nahm ſie, mit Thraͤnen in den An⸗ gen, freundlich auf, kuͤßte ſie alle auf den Mund und erklaͤrte mit wenigen Worten, daß er ihnen alle empfangenen Beleidigungen verziehe. Hierauf traten die Schweſtern und ihre Frauen, braun gekleidet, auch hinzu, welche von Madonna Ermelina, ſo wie von den andern Frauen liebreich empfangen wurden. Nachdem ſie praͤchtig bei dem Gaſtmahl bewir⸗ thet worden waren, und alles, ſowohl fuͤr die Maͤn⸗ ner als auch fuͤr die Frauen, dabei nicht anders als lobenswuͤrdig, bis auf eins, ausgefallen war,— daß naͤmlich der friſche Schmerz, durch die dunkeln Klei⸗ der der Verwandten Tedaldo's dargeſtellt, zuweilen ein Schweigen hervorgebracht hatte, weshalb einige die⸗ ſen Plan und das von dem Pilger veranſtaltete Gaſt⸗ mahl auch ſehr tadelten,— ſo ſtand er, da er dies bemerkte, und nun nach ſeiner Dispoſition die Zeit gekommen war, alles aus dem Wege zu räumen, endlich auf, waͤhrend die Andern noch Fruͤchte aßen, und ſagte: Nichts fehlt bei dieſem Gaſtmahl, um es recht froͤhlich zu machen, als Tedaldo; indeſſen, da Ihr ihn immer um Euch gehabt habt, und ihn nur nicht erkannt habt, ſo will ich ihn Euch zeigen. Hierauf warf er den Pilgermantel und alles, was zu ſeinem Pilgeranzuge gehoͤrte, ab, und be⸗ hielt nichts an, als ein gruͤnſeidenes Jaͤckchen; da ward er von Allen mit groͤßter Verwunderung eine lange Zeit angeſtaunt und endlich erkannt, ehe ein Dritter Tag. Einziger es wirklich zu glauben wagte, daß er es ſelbſt waͤre. Als Tedaldo dies ſah, erzählte er ihnen rieles von ihrer Verwandtſchaft, was unter ihnen vorgefal⸗ len waͤre, und ſeine eigenen Schickſale; da liefen denn endlich die Bruͤder, und auch alle die anderen Maͤnner hinzu, um, mit Thraͤnen der Freude in den Augen, ihn zu umarmen; und eben das thaten auch die Frauen, ſowol Anverwandte als auch nicht An⸗ verwandte, nur Monna Ermelina nicht. Als Aldobrandino dies ſah, ſagte er: Was iſt das, Ermeline, Du willſt Tedaldo nicht ſo frohlich empfangen, wie die anderen Frauen? Hierauf antwortete die Frau ſo, daß Alle es hoͤrten: Es iſt wol Keine hier, die ihn lieber froͤh⸗ licher empfangen haͤtte, als ich es thun moͤchte, da ich ihm mehr als jede Andere verpflichtet bin, wenn ich bedenke, daß ich Dich nur durch ſeine Huͤlfe wie⸗ der habe; allein die unanſtaͤndigen Worte, welche an dem Tage geſprochen wurden, an welchem wir denjenigen beweinten, den wir fuͤr Tedaldo hielten, machen, daß ich zoͤgere. Hierauf ſagte Aldobrandino; Geh, geh, meinſt Du, daß ich Klaffern Glauben beimeſſe? Er, der mein Wohl ſo vefoͤrdert hat, hat hinlaͤnglich bewie⸗ ſen, daß das Gerede falſch geweſen iſt; ohne das freilich wuͤrde ich es wol nie geglaubt haben. Hur⸗ tig! ſteh auf, geh, umarme ihn!“ Die Frau, die nichts anders wuͤnſchte, war nicht traͤge, ihrem Manne zu gehorchen. Daher ſtand ſie — — ₰— e c— eles fal⸗ efen eren den auch An⸗ iſt lich ees roͤh⸗ da venn wie elche wir lten, einſt der wie⸗ das Hur⸗ nicht Siebente Novelle. 37 auf, umarmte ihn ſo, wie es die Andern gethan hat⸗ ten, und bewies ihm ihre Freude. Dieſe Liberalitat Aldobrandino's gefiel den Bruͤdern Tedaldo's ganz außerordentlich, ſo wie auch allen den Maͤnnern und Frauen, welche gegenwaͤrtig waren; und aller heim⸗ liche Groll, der in einigen Herzen uͤber geſprochene Worte entſtanden war, verſchwand auch hierdurch. Da nun ein Zeder ſich uͤber Tedaldo gefreut hatte, riß er ſelbſt den Bruͤdern die ſchwarzen, und die braunen Kleider den Schweſtern und uͤbrigen An⸗ verwandten ab, und beſtand darauf, daß ſie ſich an⸗ dere Kleider bringen ließen. Sobald dieſe angekom⸗ men, war des Singens und Tanzens und anderer Ergoͤtzlichkeiten in Fuͤlle, wodurch denn das Gaſt⸗ mahl, was einen ſehr ſchweigenden Anfang genom⸗ men hatte, ein wohltoͤnendes Ende bekam. In der groͤßten Freude gingen nun alle, ſo wie ſie waren, nach Tedaldo's Wohnung, und aßen da⸗ ſelbſt zu Abend; da ſie dieſe Lebensart auch nachher noch mehrere Tage beibehielten, ſo lebten ſie in fort⸗ geſetzten Feſten. Die Florentiner indeſſen ſahen Te⸗ daldo'n noch mehvere Tage lang als einen vom Tode erſtandenen Menſchen, und als eine große Merkwuͤr⸗ digkeit an, und Vielen, ſelbſt den Bruͤdern, blieb immer noch ein ſchwacher Zweifel ubrig, ob er es wirklich waͤre, oder nicht, und wuͤrden ſie es auch noch lange Zeit nicht geglaubt haben, wenn ſich nicht ein Zufall ereignet haͤtte, der ſie voͤllig daruber in's Klare ſetzte, wer wol der Erſchla⸗ gene geweſen ſeyn moͤchte; und dieſer war. Ei⸗ 48 Dritter Tag. nes Tages gingen Soldaten aus Lunigiana vor dem Hauſe vorbei, vor welchem Tedaldo ſtand; da dieſe ihn ſahen, gingen ſie auf ihn zu und ſagten zu ihm: Gott gruͤße Dich, Faziolo. Hierauf gab Tedaldo in Gegenwart ſeiner Bruͤ⸗ der ihnen zur Antwort: Ihr verwechſelt mich. Jene, da ſie ihn reden hoͤrten, ſchaͤmten ſich und ſagten, indem ſie ihn um Verzeihung baten: In Wahrheit, Ihr ſehet einem unſerer Gefaͤhrten, er heißt Faziolo von Pontremuoli, ſo ähnlich, wie wir nur je geſehen haben, daß ein Menſch einem andern ähnlich ſieht; er kam, es moͤgen etwa vier⸗ zehn Tage her ſeyn, hierher, aber wir haben nim⸗ mermehr wieder erfahren koͤnnen, was aus ihm ge⸗ worden iſt. Es iſt wahr, wir haben uns uber den Anzug gewundert, denn er war, ſo wie wir es ſind, Soldat. Sobald der aͤlteſte Bruder Tedaldo's dies hoͤrte, ging er ſogleich auf ſie zu, und fragte ſie, wie jener Faziolo gekleidet geweſen waͤre. Dieſe ſagten es, und es fand ſich, daß Jener es gerade ſo geweſen war, wie dieſe es ſagtens wo⸗ her man denn an dieſen und noch einigen anderen Kennzeichen ſogleich erkannte, daß derjenige, welcher erſchlagen worden war, Faziolo, aber nicht Tedaldo geweſen waͤre. Auf dieſe Art war aller Argwohn uͤber ihn bei den Bruͤdern und allen Andern ver⸗ ſchwunden. Tedaldo aber, der als ein ſehr reicher Mann zuruck⸗ gekehrt war, danerte in ſeiner Liebe aus, und die Da⸗ m ſe U⸗ n, ie r n⸗ e⸗ en Achte Novelle. me benahm ſich, ohne ſich mehr zu beunruhigen, ſo fein, daß ſie lange noch ſich ihrer Liebe erfreuten. Gott laſſe uns der unſrigen uns auch erfreuen! Achte Novelle. Ferondo wird, da er ein gewiſſes Pulver verzehrt hat⸗ fuͤr todt begraben; der Abt, der ſich mit ſeiner Frau ergötzt, zieht ihn aus dem Grabe wieder hervor, läßt ihn aber ins Gefängniß ſetzen, und macht ihm weiß, er wäre im Fegefeuer; dann wieder auferweckt, zieht er den Sohn, den der Abt mit ſeiner Frau erzeugt hat, als den ſeinigen auf. Sobald das Ende von Emiliens langer Novelle gekommen war, welche zwar eben ihrer Laͤnge wegen Keinem mißfallen hatte, ſondern von Allen die Mei⸗ nung gehegt worden war, daß ſie, hinſichts der Menge und Mannichfaltigkeit der darin aufgefuͤhr⸗ ten Begebenheiten, ſehr kurz erzählt worden wäre, gab die Koͤnigin Lauretten durch einen Wink ihren Wunſch zu verſtehen, und veranlaßte dieſelbe, alſo anzufangen: Liebe Freundinnen, es ſtellt ſich mir Euch zu erzaͤhlen, eine Wahrheit vor, welche weit mehr das Anſehen einer Luͤge, als deſſen hat, was ſie wirklich iſt, und dieſe führt mir ins Gedaͤchtniß zu⸗ rck, gehoͤrt zu haben, daß einer fuͤr einen anderen betrauert und begraben worden ſey. Ich will daher erzaͤhlen, wie ein Lebender fuͤr todt begraben, wieder dann ſelbſt ſich fuͤr einen Auferſtandenen, und nicht für einen Lebendigen hielt, und auch viele Andere Voccaccio's ſämmtl. W. Z. 4 50 Dritter Tag. glaubten, er waͤre wirklich wieder aus dem Grabe her⸗ vorgegangen, er deshalb wie ein Heiliger angebetet ward, der viel eher als ein Strafbarer haͤtte ver⸗ dammt werden muͤſſen. Es war alſo, und iſt in Toscana noch eine Ab⸗ tey, ſo wie wir viele dergleichen ſehen, an einem Orte gelegen, eben von Menſchen nicht viel be⸗ ſucht, und in welcher ein Moͤnch Abt ward, der in allen Dingen ein ſehr frommer und heiliger Mann war, ausgenommen, was die Frauen betraf; dies aber wußte er ſo vorſichtig zu betreiben, daß faſt Niemand es wußte, ja nicht einmal ahnete, da er in allen Stuͤcken für uͤberaus heilig und gerecht gehalten wurde. Nun ereignete es ſich, daß ein uͤber⸗ aus reicher Bauer, welcher Ferondo hieß, mit dem Abte vielen Umgang hatte. Dies war zwar ein plumper, uͤber alle Maßen grober Menſch, indeſſen dem Abte gefiel ſein Umgang allein nur des Ver⸗ gnugens wegen, was ihm ſeine Einfalt verſchaffte, und daß er hierbei entdeckte, Ferondo habe eine ſehr ſchoͤne Frau, in welche er ſich ſo ſterblich verliebte, daß er weder Tag noch Nacht an etwas Anderes dachte. Indeſſen er hoͤrte, ſo dumm und einfaͤltig Ferondo auch in allem Anderen waͤre, ſo geſcheit wäre er doch, dieſe ſeine Frau zu lieben, und ſie zu huͤten; daher verzweifelte er faſt. Deſſen ungeachtet aber brachte er, als ſo abgewitzigt, Ferondo doch dahin, daß er nit ſeiner Frau je zuweilen nach dem Garten der Abtey hinkam, und ſich darin vergnügte hier ſprach er dann mit ihnen von der Gluckſeligi m e d, er Achte Novelle. 51 des ewigen Lebens, von den heiligen Werken vieler verſtorbenen Männer und Frauen, auf eine ſehr be⸗ ſcheidene Weiſe, ſo daß der Frau der Wunſch auf⸗ ſtieg, bei ihm zu beichten, ſie deshalb ſich von Ferondo die Erlaubniß dazu erbat, und ſie auch erhielt. Als ſie daher zum groͤßten Vergnuͤgen des Abtes zur Beichte zu ihm gekommen war, und ſich ihm zu Fuͤ⸗ ßen niedergeſetzt hatte, fing ſie, ehe ſie auf etwas Anderes zu ſprechen kam, an: Herr, wenn Gott mir einen Mann gegeben, oder lieber gar keinen gegeben haͤtte, ſo wurde es mir vielleicht mit Euern Lehren leicht geworden ſeyn, den Weg zu betreten, der, wie Ihr ſo eben gelehrt habt, zum ewigen Leben fuͤhrt. Aber wenn ich bedenke, wer Ferondo, und wie groß ſeine Dummheit iſt, ſo kann ich mich wohl Wittwe nennen, und bin dennoch verheirathet, in ſo fern ich, ſo lange er lebt, keinen anderen Mann bekommen kann; und er, ſo ein Gimpel er auch iſt, iſt, ohne allen Grund ſo grenzenlos eiferſuͤchtig auf mich, daß ich mit ihm nicht anders als in Kummer und Noth leben kann. Ehe ich daher zu einer anderen Beichte komme, bitte ich Euch ſo demuͤthig, wie ich nur kann, laßt es Euch gefallen, mir hieruͤber einigen Rath zu ertheilen, weil, wenn hierbei nicht der Grund zu meinem guten Handeln anfaͤngt, mein Beichten, oder alles Andere mir nur ſehr wenig wird nuͤtzen koͤnnen. Dieſe Reden ruͤhrten das Herz des Abtes mit großer Freude, und es ſchien ihm, als haͤtte das Gluͤck ihm den Weg zu ſeinem eifrigſten Wunſche Dritter Tag. geoͤffnet, und er ſagte: Meine Tochter, ich glaube allerdings, daß es fuͤr eine ſchoͤne und zaͤrtliche Frau, wie Ihr ſeyd, ein großer Kummer ſeyn mag, einen Einfaltspinſel zum Manne zu haben; aber noch fuͤr einen weit groͤßeren halte ich es, einen eifer ſuͤchtigen zu haben; weil Ihr aber ſowohl den einen, als auch den andern habt, ſo glaube ich gern alles, was Ihr üͤber Euern Kummer ſagt. Aber, wenn ich es Euch kurz ſagen ſoll, ſo ſehe ich dafuͤr weder einen andern Rath, noch ein anderes Mittel, als nur ein einziges, und das iſt, daß Ferondo von dieſer Eiferſucht ge⸗ heilt werde. Die Arzenei, die ihn heilen ſoll, weiß ich recht gut zuzubereiten, wenn Ihr nur das Herz habt, das geheim zu halten, was ich Euch ſagen werde. Die Frau ſagte: Mein Vater, daran zweifelt nicht; denn eher wuͤrde ich mich umbringen laſſen, ehe ich einem Andern das ſagte, was Ihr mir ge⸗ ſagt habt. Aber wie kann das geſchehen? Der Abt antwortete: Wenn wir wuͤnſchen, daß er geheilt werden ſoll, ſo iſt es durchaus nothwen⸗ dig, daß er durchs Fegefeuer gehe. Wie, ſagte die Frau, kann er lebendig dadurch gehen? Erſt muß er ſterben, ſagte der Abt, und dann geht er dadurch; und wenn er dann ſolche Strafe wird ausgeſtanden haben, daß er von ſeiner Eifer⸗ ſucht wird geheilt ſeyn, dann bitten wir Gott in gewiſſen Gebeten, daß er ihn in dieſes Le⸗ ben zuruckkehren läßt, und das wird er thun. Achte Novelle. 53 So muß ich, ſagte die Frau, als Wittwe zuruck⸗ bleiben? Ja, antwortete der Abt, auf eine gewiſſe Zeit, in welcher Ihr wohl darauf Acht haben muͤßt, daß Ihr Euch nicht an einen Andern verheirathen laßt, weil Gott damit ſehr unzufrieden ſeyn wuͤrde, und kehrt Ferondo alsdann zuruͤck, ſo muͤßt auch Ihr wieder zu ihm zuruͤckkehren, ſonſt wuͤrde er noch ei⸗ ferſuͤchtiger werden, als er es nur jemals gewe⸗ ſen iſt. Die Frau ſagte: Na! wenn er nur von dieſer ungluͤckſeligen Geſinnung geheilt wird, daß ich nicht immer wie im Gefuͤngniſſe ſitzen muß, bin ichs zu⸗ frieden; darum thut, wie es Euch gefaͤllt. Da ſagte der Abt: Das will ich thun; aber was krieg' ich fuͤr einen Lohn von Euch fuͤr dieſen Dienſt? Mein Vater, ſagte die Frau, was Euch gefaͤllt, wenn es nur in meinen Kraͤften ſteht. Aber was koͤnnte wohl ſo eine, wie ich, thun, was ſich fuͤr einen ſolchen Mann, als Ihr ſeyd, ſchickte? Worauf der Abt ſagte: Frau, Ihr koͤnnt fuͤr mich nicht weniger thun, als das iſt, was ich fuͤr Euch thun will; denn ſo wie ich mir vornehme, das zu thun, was Euer Wohl und Euer Troſt ſeyn ſoll, ſo koͤnnt auch Ihr das thun, was Heil und Rettung fuͤr mein Leben iſt. Da ſagte die Frau: Wenn das, ſo bin ich be⸗ reit dazu. Alſo, ſagte der Abt, werdet Ihr mir Eure Liebe 54 Dritter Tag. ſchenken, und werdet mich durch Euch ſelbſt be⸗ gluͤcken, fuͤr die ich ganz und gar ergluͤhe, und mich verzehre. Da die Frau dies hoͤrte, antwortete ſie ganz be⸗ ſtuͤrzt: O weh! mein Vater, was iſt das, was Ihr begehret? Ich glaubte, Ihr waͤret ein Heiliger; nun aber ſchickt es ſich wol fuͤr heilige Maͤnner, von Frauen, die ſich bei ihnen Raths erholen, der⸗ gleichen zu verlangen? Hierauf ſagte der Abt: Liebliche Seele, ver⸗ wundert Euch nicht, denn hierdurch wird die Heilig⸗ keit nicht geringer, dieſe wohnt ja nur in der Seele, und das, was ich von Euch begehre, iſt nichts als eine Suͤnde fuͤr den Koͤrper. Aber es mag ſeyn, wie es auch wolle, Eure reizende Schoͤnheit hat eine ſolche Macht gehabt, daß die Liebe mich ſo zu han⸗ deln zwingt. Und ich ſage Euch, Ihr koͤnnt, mehr als jede andere Frau, auf Eure Schoͤnheit ſtolz ſeyn, wenn Ihr bedenkt, daß ſie Heiligen gefallen hat, die nur gewohnt ſind, die des Himmels zu ſehen; und uͤberdies, wenn ich auch gleich ein Abt bin, ſo bin ich doch ein Menſch, wie Andere, und, wie Ihr ſehet, bin ich auch noch nicht alt. Auch muß es Euch nicht ſchwer fallen, das zu thun, vielmehr muͤßt Ihr es wuͤnſchen, weil ich, waͤhrend Ferondo im Fegefeuer iſt, und ich Euch in der Nacht Geſell⸗ ſchaft leiſten werde, Euch den Troſt zukommen laſ⸗ ſen will, den er Euch geben ſollte. Und hiervon wird kein Menſch je etwas merken, da ein Jeder von mir das, und noch mehr glaubt, als was Ihr e— e—— — ce„— cen „—c— . Achte Novelle. 55 kurz vorher von mir geglaubt habt. Weiſet die Gnade nicht von Euch, die Gott Euch zuſendet, denn es ſind deren genug, die nach dem verlangen, was Ihr haben koͤnnt und haben werdet, wenn Ihr kluͤglich meinem Rathe glaubt. überdies beſitze ich ſchoͤne und theure Kleinodien, die ich beabſichtige, daß ſie kein Anderer, als nur Ihr, beſitzen ſoll. Darum, meine ſuͤße Hoffnung, thut fuͤr mich eben das, was ich fuͤr Euch ſo gern thue. Die Frau ſchlug das Geſicht nieder, und wußte nicht, wie ſie Nein ſagen ſollte, und ſich ihm zuzu⸗ geſtehen, ſchien ihr auch nicht wohlgethan; daher glaubte der Abt, als er ſah, daß ſie ihn angehoͤrt hatte und mit ihrer Antwort zoͤgerte, er habe ſie ſchon halb bekehrt, und, da er mit noch vielen anderen Worten zu den erſten fortfuhr, ehe er noch gaͤnzlich aufhoͤrte, er habe ihr ſchon in den Kopf geſetzt, daß das ganz recht gethan waͤre; daoher ſagte ſie denn ganz verſchaͤmt, ſie waͤre zu jedem ſeiner Be⸗ fehle bereit, doch aber koͤnnte ſie es nicht eher, als bis Ferondo ins Fegefeuer gegangen waͤre. Sehr zufrieden hiermit, ſagte der Abt: Nun ſo wollen wir machen, daß er ſogleich hingeht, ſor⸗ get Ihr nur dafuͤr, daß er morgen oder den andern Tag zu mir bommt, und bei mir verweilt. Nach⸗ dem er ſo geſprochen hatte, ſteckte er ihr heimlich einen Ring an den Finger, und entließ ſie. Die Frau ſehr erfreut uͤber das Geſchenk, und in der Erwartung noch andere zu bekommen, er⸗ zaͤhlte, als ſie zu ihren guten Freundinnen zuruͤckge⸗ Dritter Tag. kehrt war, wunderbare Sachen von der Heiligkeit des Abtes, und kehrte dann mit ihnen nach Hauſe zuruͤck. Nach einigen Tagen ging Ferondo nach der Ab⸗ tei; ſobald der Abt ihn ſah, nahm er ſich gleich vor, ihn ins Fegefeuer zu ſchicken. Er ſuchte daher ein Pulver, von wunderbarer Kraft, hervor, welches er in der Levante von einem großen Fuͤrſten erhalten hatte, und von welchem dieſer verſicherte, daß es der Alte vom Berge zu gebrauchen pflegte, wenn er Jemanden ſchlafend in ſein Paradies ſchicken, oder wieder herausziehen wollte. Dieſes Pulver, mehr oder weniger gegeben, brachte, ohne irgend eine Ver⸗ letzung, denjenigen, der es genommen, auf laͤngere oder kurzere Zeit in Schlaf, ſo daß kein Menſch geſagt haben wuͤrde, er haͤtte, ſo lange die Wirkung dauerte, nur noch das mindeſte Leben. Von dieſem nahm er ſo viel, als hinreichend war, daß er drei Jage ſchliefe, und ließ, ohne daß es Ferondo merkte, es ihn in ſeiner Zelle, aus einem Glaſe mit eben nicht ſehr klarem Weige, austrinken, dann fuͤhrte er ihn ins Kloſter, wo er und noch mehrere andere von ſeinen Moͤnchen, uͤber ſeine Narrheiten ihr Vergnuͤ⸗ gen hatten. Es dauerte nicht lange, ſo wirkte das Pulver, es uͤberfiel ihn ein ſo ploͤtzlicher und wuͤthender Schlaf, daß er ſtehend einſchlief, und ſchlafend nie⸗ derfiel. Der Abt ſchien uͤber den Zufall beunruhigt, ließ alles Feſte an ihm aufbinden, kaltes Waſſer bringen, ihm ins Geſicht ſpritzen, und viele andere eit ſe Achte Novelle. von ſeinen Mitteln anwenden, als wäre er von Blä⸗ hungen, oder ſonſt dergleichen, befallen, um das ent⸗ flohene Leben und die Beſinnung bei ihm wieder zuruͤckzurufen; allein, da ſowol der Abt, als auch die Moͤnche ſahen, daß er von allem dieſen nichts fuͤhlte, ſie ihn an den Puls faßten, und keine Be⸗ ſinnung an ihm mehr fanden, waren alle feſt uͤber⸗ zeugt, er waͤre todt. Sie ließen es daher ſeiner Frau und ſeinen Anverwandten ſagen, welche alle ſchnell herbeikamen; nachdem ihn die Frau mit ſei⸗ nen Anverwandten ein wenig beweint hatten, ließ ihn der Abt, ſo angekleidet, wie er war, in eine Gruft legen. Die Frau kehrte nach Hanſe zuruͤck und ſagte, ſie waͤre geſonnen, ſich niemals von dem kleinen Kinde zu trennen, was ſie von ihm haͤtte; auf ſolche Art blieb ſie zu Hauſe, erzog den Knaben, und verwaltete das Vermoͤgen, was Ferondo hinter⸗ laſſen hatte. Der Abt ſtand ganz ſtill in der Nacht mit ei⸗ nem bologneſer Moͤnch, in den er großes Vertrauen ſetzte, und der an eben dieſem Tage aus Bologna gekom⸗ men war, auf, Beide zogen Ferondo aus dem Grabmahle hervor, und trugen ihn in ein Gewolbe, worin man kein Licht ſah, und was zum Gefaͤngniſſe fuͤr diejenigen Mönche gemacht war, die gefehlt hatten. Seine Kleider zogen ſie ihm aus, und als ein Moͤnch ge⸗ kleidet, legten ſie ihn auf ein Bund Stroh, und lie⸗ ßen ihn ſo lange da liegen, vis er wieder zu ſich kam. Der bologneſer Moͤnch, der unterdeſſen von dem Dritter Tag. Abte von dem unterrichtet worden war, was er zu in thun hätte, wartete, ohne daß irgend ein anderer tuͤ Menſch das Geringſte davon erfuhr, bis Ferondo un Am folgenden Tage ging der Abt mit einigen ſeiner Moͤnche, wie zu einer Viſitation, zur Frau ins Haus, welche er ſchwarz gekleidet und ſehr be⸗ . wieder zu ſich kam. truͤbt fand; er ermahnte ſie ein wenig, und bat ſie ſei ganz leiſe um ihr Verſprechen. ſpr Da die Frau ſich frei, und von Ferondo, oder einem Andern, unbelaͤſtigt ſah, ſagte ſie, indem ſie unt einen andern Ring an des Abtes Finger bemerkte, Ha ſie waͤre bereit, und verabredete mit ihm, daß er die folgende Nacht kommen möchte. Sobald die bri Nacht gekommen war, ging der Abt, in Ferondo's wa Kleidern verkleidet, und von ſeinem Moͤnche beglei⸗ hat tet, hin, und blieb zur groͤßten Freude und Wonne un bis zum Morgen bei ihr, wo er alsdann nach der Abtey wieder zuruͤckkehrte. Da er dieſen Weg zu fro einem ſolchen Dienſte oft machte, und von irgend ſtat Einem auf dieſem Hin⸗ und Hergehen war begegnet und worden, glaubte man, es waͤre Ferondo, welcher hier, nor um Buße zu thun, herumginge; und hiernach er⸗ pie zählte das dumme Volk aus dem Dorfe ſich und hat auch der Frau, welche wol wußte, was es zu be⸗ nich deuten hatte, noch viel andere Geſchichten mehr. ſie, 11 Da Ferondo wieder zu ſich ſelbſt gekommen war, Faf und ſich hier befand, ohne daß er wußte, wie er her⸗ gekommen waͤre, trat der bologneſer Moͤnch mit ei⸗ der ner furchterlichen Stimme, und mit einigen Ruthen ther zu rer ndo gen rau be⸗ ſie oder ſie kte, daß die do's lei⸗ nne der gend gnet hier, er⸗ und be⸗ war, her⸗ t ei⸗ then Achte Novelle. 59 in der Hand, hinein, ergriff ihn, und gab ihm eine tuͤchtige Tracht Schlaͤge. Ferondo heulte und ſchrie, und fragte nur immer, wo bin ich denn? Der Moͤnch antwortete: Du biſt im Fegefeuer. Was, ſagte Ferondo, bin ich denn todt? Ja wohl! ſagte der Moͤnch. Nun fing Ferondo an, uͤber ſich ſelbſt, uber ſeine Frau und uͤber ſeinen Sohn zu jammern, und ſprach das dummſte Zeug von der Welt. Hierauf brachte ihm der Moͤnch etwas zu eſſen und zu trinken. Da Ferondo dies merkte, ſagte er: Ha! eſſen denn auch die Todten? Ja, erwiederte der Moͤnch, und was ich Dir bringe, iſt das, was die Frau, die einmal Dein war, dieſen Morgen nach dem Kloſter hingeſchickt hat, um fuͤr Deine Seele Meſſen zu leſen; aber unſer Herrgott will, daß es Dir hier vorgeſetzt werde. Darauf ſagte Ferondo: Gott gebe ihr einen froͤhlichen Tag. Ich war ihr recht gut, che ich ſtarb, ſo, daß ich ſie die ganze Nacht im Arme hielt, und nichts that, als ſie kuͤſſen, und ich that ihr auch noch etwas anderes, wenn mir die Luſt ankam. Und hierauf fing er an zu eſſen und zu trinken, denn er hatte großen Hunger; da ihm aber der Wein eben nicht ſonderlich zu ſeyn ſchien, ſagte er: Gott ſtrafe ſie, daß ſie dem Geiſtlichen nicht Wein aus dem Faſſe an der Mauer ſchickt. Nachdem er gegeſſen hatte, fing der Moͤnch wie⸗ der von neuem an, und gab ihm mit denſelben Ru⸗ then noch eine tuͤchtige Fracht Pruͤgel. Da Ferondo Dritter Tag. hieruber arg geſchrien hatte, ſagte er: Warum thuſt Du mir denn das? Der Moͤnch ſagte: Weil unſer Herrgott es ſo befohlen hat, daß es alle Tage zwei Mal gegen Dich geſchehen ſoll. Und aus welchem Grunde denn? fragte Ferondo. Weil Du eiferfuͤchtig warſt, gab der Moͤnch zur Antwort, da Du doch das beſte Weib, was nur in Deiner Gegend war, zur Frau hatteſt. Ach, ſagte Ferondo, Du haſt Recht, und die ſuͤßeſte: ia, ſie war zuckerſuͤßer als Confekt. Aber ich wußte ja nicht, daß es unſer Herrgott uͤbel naͤh⸗ me, wenn der Mann eiferſuͤchtig wre; denn wuͤrde ich es ja nicht geweſen ſeyn. Das mußteſt Du merken, ſagte der Moͤnch, waͤh⸗ rend Du dort warſt, und Dich beſſern; und wenn Du jemals dahin wieder zuruͤckkehrſt, ſo vergiß das nicht, was ich jetzt mit Dir vornehme, damit Du nicht mehr eiferſuͤchtig biſt.. Da ſagte Ferondo: Ei, kehrt denn jemals der dahin wieder zuruͤck, der geſtorben iſt. Der Moͤnch ſagte: Ja, der, den Gott will. Ach, ſagte Ferondo, wenn ich jemals dahin wie⸗ der zuruͤckkehre, will ich der beſte Mann von der Welt ſeyn, will ſie nie wieder ſchlagen, will ſie nie wieder ſchimpfen, nicht einmal uͤber den Wein, den ſie uns dieſen Morgen geſchickt hat, auch hat ſie uns nicht einmal ein Licht mitgeſchickt, weshalb ich hier im Finſtern eſſen muß. ae haf ich doch thu war ſehr von zu e lang ſchli ſonſ Du allei von wir rond komt Eſſe hing weiſe huſt ſo Dich ndo. z rin die Aber naͤh⸗ urde waͤh⸗ wenn das t Du s der wie⸗ nder e nie „den t ſie lb ich weiſe die ſchöne Frau fehr oft beſuchte, und mit ihr Achte Novelle. 61 Der Moͤnch ſagte, ſie hat es allerdings gethan, a er ſie brennen in der Meſſe. Ach, ſagte Ferondo, Du haſt Recht, und wahr⸗ haftig, wenn ich je wieder zu ihr zuruͤckkehre, will ich ſie thun laſſen, was ſie will. Aber ſage mir doch, wer biſt denn Du, der Du mir dies Alles an⸗ thuſt? Der Wönch antwortete: Ich bin auch todt, und war aus Sardinien. Weil ich aber meinen Herrn ſehr daruͤber lobte, daß er eiferſuchtig ware, bin ich von Gott zu dieſer Strafe verdammt, daß ich Dir zu eſſen und zu trinken und Schläge geben muß, ſo lange bis Gott ein Anderes uͤber Dich und mich be⸗ ſchließt. Ferondo ſagte: Iſt denn Keiner weiter yier ſonſt, als nur wir Beide? Der Moͤnch ſagte: Ja, zu Tauſenden, aber Du kannſt ſie weder ſehen noch hoͤren, außer nur Dich allein. Ferondo ſagte: He, wie weit ſind wir denn von unſerer Gegend entfernt? Hoho, ſagte der Moͤnch, ſo viele Meilen, daß wir mit Einem Sch nicht darauf ausreichen. Meiner Seele, das iſt weit genug, ſagte Fe⸗ rondo, und da muͤſſen wir ja wol, wie es mir vor⸗ kommt, weit aus der Welt hinaus ſeyn. unter ſolchen und ähnlichen Geſpraͤchen, und Eſſen und Pruͤgeln ward Ferondo an zehn Monate hingehalten, waͤhrend welcher der Abt gluͤcklicher⸗ 62 Dritter Tag. ſich die Zeit auf die ſchoͤnſte Art von der Welt ver⸗ trieb. Aber wie die Schickſale zu gehen pflegen⸗ die Fran gerieth in andere umſtaͤnde, und ſobald ſie dies merkte, ſagte ſie es dem Abte; Beide glaub⸗ ten daher, Ferondo muͤſſe unverzuͤglich aus dem Fe⸗ gefeuer ins Leben zuruͤckgerufen werden, zu ihr zu⸗ ruckkehren, und ſie ſagen, daß ſie von ihm ſchwan⸗ ger waͤre. Der Abt ließ daher in der andern Nacht Ferondo im Gefaͤngniſſe mit verſtellter Stimme rufen, und zu ihm ſagen: Ferondo, ermanne Dich, denn Gott gefaͤllt es, daß Du in die Welt wieder zuruckkehrſt, woſelbſt Du bei Deiner Ruͤckkehr von Deiner Fran einen Sohn erhalten wirſt, welchen Du Benedict nennen ſollſt, weil er auf die Gebete Deines from⸗ men Abtes und Deiner Frau, und aus Liebe fuͤr den heiligen Benedict Dir dieſe Gnade erweiſet. Sobald Ferondo dies hoͤrte, ward er ſehr froh, und ſagte: Das iſt mir ſehr lieb. Gott gebe doch dem lieben Herrn Herrgott, und dem Abt, und dem heiligen Benedict, und meiner liebevollen, honig⸗ und zucker⸗ ſuͤßen Frau einen froͤhlichen Sag. Der Abt ließ ihm in dem Wein, den er ihm zu⸗ geſchickt hatte, von dem Pulver ſo viel geben, daß er etwa vier Stunden danach ſchlief, legte ihm ſeine Kleider wieder an, und brachte zugleich mit ſeinem Moͤnch ihn wieder in die Gruft zuruͤck, in welche er begraben war. Am Morgen, mit Tagesanbruch, kam Ferondo wieder zu ſich, und ſah durch ein Loch in der Gruft ein gef leb au daſ ber fin hal ten ſal all ger nel mi unt lan er ter bet mi in“ daf unk tes bald gte: ieben ligen icker⸗ n zu⸗ daß ſeine einem che er rond Gruft Achte Novelle. einen Lichtſtrahl, den er wohl in zehn Monaten nicht geſehen hatte; weil er nun glaubte, er waͤre wieder lebendig geworden, fing er an zu ſchreien: Macht mir auf, macht mir auf! und hierbei ſtemmte er ſich ſo gewaltig mit dem Kopfe an den Deckel der Gruft, daß er ihn fortſchob, denn er war leicht fortzuſchie⸗ ben, und ihn ſchon ganz und gar fortzubringen an⸗ fing, als die Moͤnche, welche gerade Fruͤhmetten ge⸗ halten hatten, hinliefen, Ferondo's Stimme erkann⸗ ten, und ihn ſchon aus dem Grabmahle hervorſteigen ſahen. über dieſe Neuigkeit erſchreckt, flohen ſie alle, und gingen zum Abt hin. Dieſer that, als ſtaͤnde er eben vom Morgenſe⸗ gen auf, und ſagte: Kinder, fuͤrchtet Euch nicht, nehmt das Crucifix und Weihwaſſer, kommt mit mir, und laßt uns ſehen, was die Allmacht Gottes uns zeigen will; und ſo machten ſie es. Ferondo war ganz bleich, als einer, der in ſo langer Zeit den Himmel nicht geſehen hat, aus der Gruft herausgeſtiegen. Sobald er den Abt ſah, warf er ſich ihm zu Fuͤßen, und ſagte: Mein Va⸗ ter, wie mir offenbaret worden iſt, haben Eure Ge⸗ bete, die des heiligen Benedict und meiner Frau mich aus den Qualen des Fegefeuers gerettet, und in's Leben zuruͤckgebracht, weshalb ich Gott bitte, daß er Euch ein froͤhliches Jahr, und einen recht frohen erſten Jag in jedem Monat geben mag, hente und immerdar. Der Abt ſagte: Gelobt ſey die Allmacht Got⸗ tes. Geh alſo, mein Soyn, weil Gott Dich wieder 64 Dritter Tag. hieher geſandt hat, und troͤſte Deine Frau, welche ſtets, ſeitdem Du aus dieſem Leben gingeſt, in Thraͤ⸗ nen geweſen iſt, und ſey von jetzt an ein Freund und Diener Gottes. Da ſagte Ferondo: Herr, das habt Ihr gut zu mir geſprochen, laßt mich aber nur machen, denn ſo wie ich ſie finden werde, ſo will ich ſie kuͤſſen⸗ ſo herzlich gut bin ich ihr. Der Abt, welcher mit ſeinen Mönchen zuruͤckge⸗ blieben war, bewies ihnen, was dies fuͤr ein großes Wunder waäre, und ließ in aller Demuth ein Mi⸗ ſerere ſingen. Ferondo kehrte nach ſeinem Dorfe zuruͤck, wo Jeder, der ihn ſah, vor ihm ftoh, wie man vor fuͤrchterlichen Dingen zu thun pflegt; er rief ſie aber wieder vm, und verſicherte, daß er von den Todten auferweckt waͤre. Auch die Frau fuͤrchtete ſich eben ſo vor ihm. Indeſſen, da die Leute wieder etwas Muth gegen ihn gefaßt hatten, und ſahen, daß er lebendig wore, fragten ſie ihn um Vieles, und er antwortete als ein weiſer Auferſtandener Allen, brachte ihnen Nach⸗ richten von den Seelen ihrer Anverwandten, und er⸗ ſann durch ſich ſelbſt die ſchoͤnſten Mährchen von der Welt uͤber das Fegefeuer, und erzahlte beim verſam⸗ melten Volke, daß ihm wären dieſe Offenbarungen durch den Mund Ragnolo Braghiello's vorher zuge⸗ kommen, ehe er wieder auferweckt worden waͤre. Er kehrte daher mit ſeiner Frau nach Hauſe zuruͤck, und trat wieder in den Beſitz ſeiner Guͤter. Sie ward ſeines Dafurhaltens noch von ihm ſchwanger, und zum Gluͤck — e 5„ d ut in e es wo or er ten th dig ete ch⸗ er⸗ der m⸗ gen ge⸗ und ines luͤck Neunte Novelle. gebar die Frau zur gehoͤrigen Zeit, nach der Mei⸗ nung der Thoren, welche glauben, daß die Frauen gerade neun Monate die Kinder unter ihrem Herzen tragen, ihm einen maͤnnlichen Erben, welcher Bene⸗ dict Ferondi genannt ward. Die Ruͤckkehr Ferondo's, und ſeine Worte, da faſt ein Jeder glaubte, daß er auferweckt ware, ver⸗ groͤßerten den Ruf von der Heiligkeit des Abtes un⸗ endlich. Ferondo aber, der fuͤr ſeine Eiferſucht ſo viele Prugel erhalten hatte, war, da er, nach dem Verſprechen des Abtes an die Frau, davon geheilt worden war, in Zukunft nicht mehr eiferſuͤchtig, woruͤber die Frau ſehr zufrieden, anſtaͤndig, wie ſie es gewohnt war, mit ihm lebte, und zwar ſo auf⸗ richtig, daß ſie ſich, wenn ſie es fuͤglich konnte, gern mit dem frommen Abte zuſammenfand, der ſie ſo gut und fleißig in ihren groͤßern Beduͤrfniſſen be⸗ dient hatte. Neunte Novelle. Giletta von Narbonne heilt den Koͤnig von Frankreich von einer Fiſtel, und erbittet ſich dafuͤr Veltram von Rouſ⸗ ſiglion zum Gemahl aus; dieſer heirathet ſie wider Willen, geht aus Verdruß darüber nach Florenz, wo er ſich in ein junges Maͤdchen verliebt, an deren Stelle Giletta bei ihm ſchlaͤft, und zwei Kinder von ihm be⸗ kommt. Hierdurch gewinnt er ſie ſo lieb, daß er ſie fuͤr ſeine Frau annimmt. Jetzt blieb, weil Dionens ſein Vorrecht nicht brechen wollte, allein nur noch der Koͤnigin zu ſpre⸗ chen übrig, da Laurettens Novelle beendigt war. Ohne daher darauf zu warten, daß ſie von den Ihri⸗ Voccaccio's ſaͤmmtl. W. 3. 5 65⁵ —— . Dritter Tag⸗ rt werden moͤchte, fing ſie mit aller 65 gen aufgeforde Anmuth ſo an zu reden. Wer kann jetzt noch ſchoͤn ſchiene, wenn er 2 wiß, es war ſehr gut, denn alsdann wurden wenige von den eine Novelle erzählen, die auretten's gehoͤrt hat? Ge⸗ daß ſie nicht die erſte war, andern noch d das glaube ich, wird der Fall die fuͤr dieſen Vag noch er⸗ zählt werden ſollen. Doch mag ſie geweſen ſeyn, wie ſie wolle, ſo werde ich die, die mir uͤber die vorgegebene Materie beifaͤllt, Euch erzahlen. In dem Koͤnigreiche Frankreich lebte ein vorneh⸗ mer Mann, Namens Iſnard, Graf von Rouſſiglion, der, weil er kränklich war, immer einen Arzt, ge⸗ nannt Gerhard von Narbonne, bei ſich hatte. Der gedachte Graf hatte, außer einen kleinen Sohn, mit Namen Beltram, keinen weiter, und dieſer war ſehr ſchoͤn und freundlich. Zugleich mit ihm wurden noch andere Kinder ſeines Alters erzogen, worunter ſich eine Tochter des genannten Arztes befand, welche Giletta hieß. Dieſe hegte, mehr als es ihrem zarten Alter zukam, die brennendſte Liebe fur dieſen Bel⸗ tram. Da der Graf bei ſeinem Tode ihn den Haͤn⸗ den des Koͤnigs uberlaſſen hatte, mußte er nach Pa⸗ ris gehen, worüber das junge Mädchen ganz untroͤſt⸗ lich vlieb; und da auch ihr Vater bald darauf ver⸗ ſtorben war, wuͤrde ſie, wenn ſie nur einen anſtän⸗ digen Grund haͤtte finden können, gern nach Paris um Beltram zu ſehen; allein da ſie gegangen ſeyn, ſehr beobachtet ward, weil ſie reich und allein zu⸗ gefallen haben; un auch mit denen ſeyn, n, ie Neunte Novelle. 67 rückgeblieben war, ſah ſie keine anſtandige Veran⸗ laſſung dazu. Nachdem ſie mannbar geworden, und Beltram nie hatte vergeſſen koͤnnen, hatte ſie Viele, mit denen ihre Anverwandten ſie hatten verheirathen wollen, ausgeſchlagen, ohne weiter einen Grund da⸗ zu anzugeben Nun traf es ſich, daß, da ſie immer noch eben ſo, wie nur jemals, von Liebe gegen Bel⸗ tram entbrannt war, weil ſie hoͤrte, daß er ein ſehr ſchoͤner junger Mann geworden waͤre, ihr die Nach⸗ richt zukam, wie der Koͤnig von Frankreich durch ein Gewächs, was er an der Bruſt gehabt und ihm ſchlecht war kurirt worden, eine Fiſtel behalten haͤtte, die ihm viel Schmerzen und Bekuͤmmerniß machte, und ſich noch kein Arzt hätte finden konnen, ob man gleich mit vielen den Verſuch gemacht hatte, der ihn davon haͤtte heilen koͤnnen; ſondern alle haͤtten es nur ſchlimmer gemacht; darum verzweifelte nun des Koͤnig ganz und gar, und wollte von Keinem weden Rath noch Huͤlfe mehr annehmen. Das junge Mädchen war hieruber ſehr er frert, und dachte, hierdurch nicht nur einen rechtmaͤßigen Grund zu bekommen, nach Paris zu gehen, ſondern auch, wenn dieſe Krankheit ſo wäre, wie ſie glaubte, auf eine gute Art Beltram zum Gemahl zu erhal⸗ ten. Da ſie nun von ihrem Vater mancherlei erlernt hatte, bereitete ſie aus verſchiedenen fuͤr dieſe Krank⸗ heit, wie ſie glaubte, daß ſie ware, dienlichen Kräu⸗ tern, ein Pulver, ſtieg zu Pferde, und ging nach Pa⸗ ris. Zuerſt that ſie nichts anderes, als daß ſie ſich bemühete, Beltram zu ſehen, und dann, vor die Au⸗ 68 Dritter Tag. gen des Koͤnigs gekommen, bat ſte es ſich zur Gnade“ aus, daß er ihr ſeinen Schaden zeigte. Sobald der Koͤnig das ſchöne und zuvorkom⸗ mende Maͤdchen ſah, konnte er ihr nicht widerſpre⸗ chen, und er zeigte ihr denſelben. Kaum aber hatte ſie ihn geſehen, ſo war ſie ſogleich bei ſich uͤberzeugt, daß ſie ihn heilen wuͤrde, und ſagte daher: Gnadi⸗ ger Herr, wenn Sie erlauben, ſo hoffe ich zu Gott, Sie ohne irgend eine Beſchwerde oder Muͤhe fuͤr Sie, in acht Tagen, von dieſem übel wieder geſund zu machen. Der Konig ſpottete bei ſich ſelbſt uͤber ihre Worte, und ſagte: Was die groͤßten Arzte von der Welt nicht gekonnt und gewußt haben, wie ſollte das in junges Mädchen wiſſen? Er dankte ihr alſo für ihren guten Willen, und antwortete, er haͤtte ſich vorgenommen, keinem äͤrztlichen Rathe mehr zu fol⸗ gen. Hierauf ſagte das junge Mädchen: Gnaͤdiger Herr, Sie verſpotten meine Kunſt, weil ich ſo jung und ein Maͤdchen bin; aber ich will Sie nur darauf aufmerkſam machen, daß ich nicht vermittelſt meiner Wiſſenſchaft, ſondern mit Gottes Huͤlfe und der Wiſſenſchaft Gerardo aus Narbonne heile, der mein Vater und ein beruͤhmter Arzt war, ſo lange er lebte. Da ſagte der Koͤnig bei ſich ſelbſt: Vielleicht iſt mir die von Gott zugeſandt; warum ſoll ich nicht einmal verſuchen, was ſie kann, mich, wie ſie ſagt, ohne Schmerzen in kurzer Zeit heilen zu wol⸗ ——— ——„ — e—+— — r— e de m⸗ rer tte gt. di⸗ tt, fuͤr ind hre der das fuͤr ſich fol⸗ iger ung rauf iner der nein e er eicht ich e ſie wol⸗ Neunte Novelle. len? Und mit ſich uͤbereingekommen, es zu verſu⸗ chen, ſagte er: Manſell, wenn Sie mich aber nicht heilen, wodurch Sie unſern Vertrag brechen, was wollen Sie, daß alsdann die Folge davon ſeyn ſoll? Gnädiger Herr, antwortete das Mädchen, laſſen Sie mich bewachen, und mich, wenn ich Sie inner⸗ halb acht Tagen nicht heile, verbrennen; wenn ich Sie aber heile, was erfolgt dann fur ein Lohn fuͤr mich? Darauf antwortete der Koͤnig: Sie ſcheinen noch keinen Mann zu haben, wenn Sie es ausfuͤh⸗ ren, wollen Wir Sie gut und vornehm verheirathen. Pierauf ſagte das Maͤdchen: Gnaͤdiger Herr, wahrlich, das bin ich zufrieden, daß Sie mich ver⸗ heirathen, aber ich will einen Mann, ſo wie ich ihn von Ihnen erbitte, ohne daß ich einen von Ihren Soͤhnen, oder von dem königlichen Hauſe haben wollte. Der Koönig verſprach es ſogleich zu thun. Das Maͤdchen fing ihre Cur an, und noch in kuͤrzerer Zeit, als der geſetzte Termin war, hatte ſie ihn wieder hergeſtellt. Sobald der Koͤnig fuͤhlte, daß er geheilt war, ſagte er: Mamſell, Sie haben den Mann vollkommen gewonnen. Hierauf antwortete ſie: Wohl, gnädiger Herr, ſo habe ich Beltram von Rouſſiglion gewonnen, den ich ſchon in meiner Kindheit zu lieben anfing, und dann immer geliebt habe. Dem Koͤnig kam es ſchwer an, ihn ihr zu geben; Dritter Tag. aber weil er es ihr verſprochen hatte, wollte er ſein Wort nicht brechen, ſondern ließ ihn ſich rufen, und ſagte zu ihm: Beltram, Ihr ſeyd jetzt groß und ein gemachter Mann, ich will daher, daß Ihr wie⸗ der zuruͤckkehrt, um Euer Land zu regieren; dazu muͤßt Ihr ein Maͤdchen mitnehmen, daß Wir Euch zur Frau gegeben haben. Beltramo ſagte: Was iſt das fuͤr ein Mäd⸗ chen, gnaͤdiger Herr? Hierauf antwortete der Koͤnig: Es iſt die, die uns durch ihre Arzenei die Geſundheit wiedergegeben hat. Beltramo, der ſie kannte und geſehen hatte, aber doch wußte, obgleich ſie ihm ſehr ſchön zu ſeyn ſchien, daß ſie nicht von einer Familie waͤre, wel⸗ che ſich zu ſeinem Adel ſchickte, ſagte ganz un⸗ willig: Gnaͤdiger Herr, ſo wollen Sie mir eine Quackſalberin zur Frau geben? Gott behuͤte, daß ich jemals eine ſolche Frau nehme. Hierauf ſagte der Köͤnig: So wollt Ihr alſo, daß ich mein Wort verletzen ſoll, was ich, um meine Geſundheit wieder zu erhalten, dem 2 Maͤdchen gege⸗ ben habe, welches zur Belohnung dafuͤr Euch zum Manne verlangte? Gnädiger Herr, ſagte Beltramo, Sie koͤnnen mir nehmen, was ich beſitze, und mir, als Ihren Unterthan, ſchenken, was Ihnen gefaͤllt; aber das verſichere ich Sie, mit ſolcher Verbindung werde ich nimmermehr zufrieden ſeyn. Ihr werdet es allerdings, ſagte der Koͤnig, weil Neunte Novelle. das Mädchen ſowohl ſchoͤn als auch klug iſt, und Euch ſehr liebt; und deshalb hoffe ich, werdet Ihr mit ihr ein weit gluͤcklicheres Leben fuͤhren, als mit einer Dame, die von weit hoͤherem Herkommen iſt. Beltramo ſchwieg, und der Koͤnig ließ zu dem Hochzeitsfeſte große Zubereitungen machen; und da der dazu beſtimmte Tag gekommen war, heirathete Beltramo, ſo ungern er es auch that, in Gegenwart des Königs das Mädchen, das ihn mehr als ſich ſelbſt liebte. Nachdem dies geſchehen, ſagte er, da er bei ſich ſchon uͤberlegt hatte, was er thun wollte, daß er nach ſeinen Guͤtern zuruͤckkehren, und dort die Heirath vollziehen wurde; deshalb beurlaubte er ſich beim Koͤnige. Er ſtieg zu Pferde, ging aber nicht nach ſeinen Gutern, ſondern nach Toskana. Nachdem er erfahren hatte, daß die Florentiner mit den Saneſen im Krieg laͤgen, beſchloß er, auf Je⸗ ner Seite zu treten; hier ward er, froͤhlich und mit Ehren angenommen, zum Hauptmann uͤber eine Anzahl Leute gemacht, und blieb, da er eine gute Beſoldung von ihnen empfing, in ihren Dienſten⸗ und zwar eine ziemliche Zeit. Die junge Frau, mit ſolchem Looſe eben nicht ſehr zufrieden, hoſſte, ihn durch ihr gutes Beneh⸗ men wieder nach ſeinen Guͤtern zuruckzuziehen, und ging nach Rouſſiglion, wo ſie von Allen als ihre Herrſchaft aufgenommen ward. Da ſie hier durch die lange Zeit, in welcher der Graf nicht gegenwaͤr⸗ tig geweſen war, alles verdorben und unordentlich fand, brachte ſie, als eine kluge Frau, mit großem Dritter Tag. Fleiß und Sorgſamkeit alles wieder in Ordnung. Die Unterthanen waren hiermit ſehr zufrieden, hat⸗ ten ſie außerordentlich lieb, und ihre Liebe wuchs immer mehr, ſo daß ſie den Grafen daruͤber ſehr tadelten, daß er mit ihr nicht zufrieden wäre. Nach⸗ dem die Frau das ganze Land ſo wieder in Ordnung gebracht hatte, ſchickte ſie zwei Cavaliere an den Grafen ab, und bat ihn, daß, wenn es an ihr laͤge, daß er auf ſeine Guͤter nicht wieder zuruͤckkäme, er es ſie moͤchte wiſſen laſſen, wo ſie alsdann, ihm zu Gofallen, ſogleich abreiſen wuͤrde. Dieſen antwortete er ſehr rauh: Sie kann thun, was ſie will, ich meines Theils werde nicht eher zu ihr zuruckkehren, als bis ſie dieſen Ring am Finger, und einen Sohn von mir auf den Armen traͤgt. Er hatte dieſen Ring ſo lieb, daß er ihn einer innern Kraft wegen, die man ihm geſagt hatte, daß er be⸗ ſaͤße, niemals von ſich ließ. Die Cavaliere ſahen dieſe harte, beinahe auf zwei unmöglichkeiten beruhende Bedingung wohl ein, und da ſie merkten, daß ſie ihn durch ihre Worte von ſeinem Vorſatz nicht abbringen konnten, kehrten ſie zu der Frau zuruͤck, und brachten ihr ſeine Ant⸗ wort. Sehr betruͤbt uͤberlegte ſie nach vielem Hin⸗ und Herſinnen, wie ſie es wol erfahren konne, ob es nicht moglich waͤre, dieſe beiden Bedingungen zu er⸗ fuͤllen, um alsdann ihren Mann wieder zu erhalten. Und nachdem ſie entworfen hatte, was ſie thun muͤſſe, verſammelte ſie einen Theil der vornehmſten und vorzuglichſten Maͤnner ihrer Grafſchaft, ſetzte ihnen — e„—„ eo f— —„ c— Neunte Novelle. der Reihe nach und mit freundlichen Worten alles aus einander, was ſie aus Liebe fuͤr den Grafen ſchon gethan haͤtte, und zeigte ihnen, was der Er⸗ folg davon geweſen; endlich ſagte ſie, wie es nicht ihre Abſicht waͤre, daß der Graf ihres Aufenthaltes wegen in einer ewigen Verbannung bleiben ſollte, vielmehr ginge ihre Abſicht dahin, den Reſt ihres Lebens in Pilgerſchaften und in Dienſten der Barm⸗ herzigkeit zum Heil ihrer Seele zuzubringen. Sie bate ſie daher, die Aufſicht und die Regierung der Grafſchaft zu uͤbernehmen, und dem Grafen bekannt zu machen, ſie hätte ihm den Beſitz frei und unbe⸗ hindert gelaſſen, und ſich mit der Abſicht entfernt, nie wieder nach Rouſſiglion zuruͤckzukehren. Waäͤhrend ſie ſo ſprach, floſſen die Thraͤnen der guten Leute, und ſie trugen ihr ihre inſtändigen Bit⸗ ten vor, es moͤchte ihr doch gefallen, ihren Entſchluß zu ändern, und zu bleiben; aber ſie richteten nichts aus. Sie empfahl ſie Gott, und machte ſich mit ei⸗ nem Vetter von ſich und einer Kammerfrau in Pil⸗ gerkleidern, hinreichend mit Gelde und koſtbaren Edelſteinen verſehen, auf den Weg, ohne daß irgend Jemand wußte, wo ſie hinginge, und ruhete nicht eher, als bis ſie nach Florenz gekommen war. Hier blieb ſie von ungefaͤhr in einem unbedeutenden Wirths⸗ hauſe, was eine gute ehrliche Witfrau hielt, als eine arme Pilgerin, aber begierig, Nachrichten uͤber ihren Herrn zu erfahren. Den andern Tag traf es ſich, daß Beltramo zu Pferde mit ſeiner Kompagnie vor 74 Dritter Tag. dem Wirthshauſe vorbei kam; ob ſie ihn nun wol gleich gut erkannte, ſo fragte ſie doch die gute Frau des Wirthshauſes, wer das wäre? Die Wirthin gab ihr zur Antwort, es iſt ein fremder Edelmann, und heißt Graf Beltram, der freundlich und hoͤftich und in der Stadt ſehr geliebt iſt. Er iſt ſterblich in unſere Nachbarin verliebt, die ein braves Maͤdchen, aber arm iſt. Es iſt wahr, es iſt ein ſehr ehrbares Mädchen, das, Armuths we⸗ gen, ſich noch nicht verheirathet hat, mit der Mut⸗ ter, die eine ſehr kluge und gute Frau iſt, zuſam⸗ men wohnt, und vielleicht, wenn dieſe ihre Mutter nicht waͤre, wol ſchon erfuͤllt hätte, was des Grafen Wunſch iſt. Die Graͤfin uberlegte die ſo eben gehorten Worte bei ſich ſehr wohl, und dirch noch genaueres Aus⸗ forſchen hinter jeden einzelnen Uumſtand gekommen, und von Allem gut unterrichtet, ſtand ihr Entſchluß feſt; und da ſie das Haus, den Namen der Frau und ihrer von dem Grafen geliebten Vochter erfah⸗ ren hatte, ging ſie ſtillſchweigend in Pilgerkleidung eines Tages hin. Sie fand die Frau und das Maäd⸗ chen in ſehr armſeligen umſtaͤnden, gruͤßte die Frau und ſagte zu ihr, ſie moͤchte wol, wenn es ihr nicht ungelegen wäre, mit ihr ſprechen. Die gute Frau ſtand auf, und ſagte, ſie waͤre bereit, ſie anzuhoͤren; ſie gingen daher allein in eine Kammer, und nachdem ſie ſich niedergeſetzt hatten, fing die Graͤfin an: Liebe Frau, es ſcheint mir, als wäre das Glück — ₰— n, ß au h⸗ ng d⸗ au ht ire ine en, Neunte Novelle. 75 eben ſo feindlich gegen Euch, als gegen mich; allein wenn Ihr wolltet, koͤnntet Ihr vielleicht Euch und mir helfen. Die Frau antwortete: ſie wuͤnſche nichts mehr, als ſich auf eine anſtaͤndige Art zu helfen. Da fuhr die Graͤfin fort: Ich bedarf Eures Zutrauens, und wenn ich mich darauf verlaſſe, Ihr mich aber hintergeht, ſo wuͤrdet Ihr Eure und meine Angelegenheiten ganz und gar verderben. Sagen Sie mir frei, erwiederte die gute Frau, alles was Sie wollen, und Sie werden ſich nie von mir hintergangen ſinden. Da fing die Graͤfin von ihrem erſten Verlieben an, und erzaͤhlte ihr auf dieſe Art, wer ſie wäre, und was ihr bis auf dieſen Jag begegnet ſey, ſo daß die gute Frau ihren Worten Glauben beimaß, beſonders da ſie ſchon zum Theil ſie von Andern ge⸗ hört hatte, und Mitleiden fuͤr ſie fuͤhlte. Nachdem aber die Graͤfin ihre Schickſale ihr erzaͤhlt hatte, fuhr ſie fort: Ihr habt unter dem andern mich be⸗ troffenen Ungemach gehoͤrt, welches die zwei Bedin⸗ gungen ſind, die erfuͤllt ſeyn muͤſſen, wenn ich mei⸗ nen Mann wieder haben will. Nun kenne ich aber keinen Menſchen weiter, der mir dazu verhelfen koͤnnte, als nur Euch, wenn das wahr iſt, was ich gehoͤrt habe, nämlich, daß der Graf, mein Mann, Eure Tochter in einem ſo hohen Grade liebt. Hierauf ſagte die Frau: Gnädige Frau, ob der Graf meine Tochter liebt, weiß ich nicht, wenigſtens —— Dritter Tag. aber ſtellt r ſich ſehr ſo. Inzwiſchen, was kann ich deshalb bei dem thun, was Sie verlangen? Gute Frau, antwortete die Graͤfin, das will ich Euch ſagen; vorerſt aber will ich Euch zeigen, was mein Wille iſt, das daraus erfolgen ſoll, wenn Ihr mir helfet. Ich ſehe, Eure Tochter iſt huͤbſch, und groß genug, um einen Mann zu nehmen; aber, ſo wie ich gehoͤrt habe, und es ſelbſt zu bemerken glaube, ſo iſt das, daß Ihr kein Vermögen habt, ſie zu ver⸗ heirathen, Schuld daran, daß Ihr ſie zu Hauſe be⸗ haltet. Meine Abſicht geht alſo dahin, ihr, zur Belohnung fuͤr den Dienſt, den Ihr mir thun wer⸗ det, ſogleich aus meinem Vermögen diejenige Mit⸗ gift zu zahlen, die Ihr ſelbſt anſtaͤndigerweiſe fuͤr hinreichend haltet, um ſie zu verheirathen. Der allerdings beduͤrftigen Frau gefiel der An⸗ trag, aber da ſie doch von edler Geſinnung war, ſagte ſie: Gnädige Frau, ſagen Sie mir, was ich fuͤr Sie thun kann, und wenn es anſtaͤndig fur mich iſt, ſo will ich es gern thun, und dann koͤnnen Sie machen, was Ihnen beliebt. Die Graͤſin ſagte: Es iſt nothig fur mich, daß Ihr durch irgend Jemand, auf den Ihr Euch ver⸗ laſſen koͤnnt, dem Grafen, meinem Manne, ſagen laßt, Enre Fochter waͤre bereit, jeden ſeiner Wuͤn⸗ ſche zu erfuͤllen, wenn ſie nur gewiß ſeyn koͤnnte, daß er ſie ſo liebe, wie er es zeigte, was ſie aber eher nimmermehr glauben wurde, als bis er ihr nicht den Ring ſchickte, den er an der Hand truͤge, und den er, wie ſie gehoͤrt haͤtte, ſo werth hielte. Wenn nd Neunte Novelle. 77 er ihn Euch ſchickt, ſo gebt ihn mir, und dann laßt ihm ſagen, Eure Fochter ſey bereit, ſeine Wuͤnſche zu erfuͤllen; laßt ihn dann ganz verſtohlen herkom⸗ men, und im Verborgenen vertauſcht Eure Tochter mit mir. Vielleicht erweiſt Gott mir die Gnade, daß ich ſchwanger werde, und ſo werde ich alsdann, mit ſeinem Ringe am Finger, und dem von ihm er⸗ seugten Sohn auf dem Arme, ihn wieder erhalten, und mit ihm zuſammen leben, wie eine Frau mit ihrem Manne zuſammen leben muß. Und hierzu werdet Ihr der Grund ſeyn. Dies ſchien der guten Frau bedenklich zu ſeyn, da ſie fuͤrchtete, es moͤchte ihrer Tochter vielleicht ein Vorwurf daraus entſtehen. Indeſſen, da ſie bedachte, es waͤre doch etwas Ehrenvolles, der guten Dame dazu zu verhelfen, daß ſie ihren Mann wieder erhielte, und daß ſie ſich aus einem guten und anſtaͤndigen Zwecke dazu verſtande, es zu thun, indem ſie auf ihre gute und redliche Zuneigung ver⸗ traute, ſo verſprach ſie der Graͤfin, nicht nur es zu thun, ſondern hatte auch innerhalb weniger Tage mit der, nach ihrer Anleitung gegebenen, geheimen Vorſicht, ſowol den Ring— wenn dies auch dem Grafen hart anging— als ſie auch, ſtatt ihrer Toch⸗ ter, ſie dem Grafen meiſterhaft unterſchob. Gleich in der erſten, von dem Graſen ſo leiden⸗ ſchaftlich geſuchten Vereinigung, ward, nachdem, wie es Gott gefiel, die Frau ſchwanger mit zwei Kindern maͤnnlichen Geſchlechts, wie es ſich nachher bei der Geburt wirklich auswies. Und mun erfreute ———— — 7⁸ Dritter Tag. die gute Fran die Gräfin mit den Umarmungen ihres Mannes nicht nur einmal, ſondern mehrere mal, und derführ dabei immer ſo geheim, daß man auch kein Wort davon erfuhr, und der Graf immer glanbte, er hätte ſich nicht mit ſeiner Frau, ſondern mit der, die er liebte, zuſammen befunden, der er, wenn er des Morgens von ihr ging, mehrere ſchoͤne und theure Edelſteine geſchenkt hatte, welche dann alle die Graͤfin ſorgfaͤltig aufbewahrte. Sobald dieſe ſich in andern Umſtänden fuͤhlte, wollte ſie der guten Frau durch ihre Dienſtleiſtungen nicht mehr beſchwer⸗ lich ſeyn, ſondern ſagte zu ihr: Gott und Euch, gute Frau, habe ich das zu verdanken, was ich wuͤnſchte, und darnm iſt es Zeit, daß nun ich das⸗ jenige thue, was Euch lieb ſeyn wird, damit ich alsdann wieder abreiſen koͤnne. Das edle Weib ſagte, es waͤre ihr ſehr lieb, wenn ſie etwas gehabt haͤtte, was Ihr angeſtanden, aber aus irgend einer Hoffnung zu einer Belohnung haͤtte ſie es nicht gethan, ſondern weil es ihr geſchie⸗ nen hätte, thun zu müſſen, um Gutes zu thun. Hierauf ſagte die Gräfin: Liebe Fran, das iſt mir zwar ſehr angenehm, aber auch anderer Seits bin ich gar nicht geſonnen, Euch das, warum Ihr mich bitten werdet, als einen Lohn zu ſchenken, ſon⸗ dern auch, um Gutes zu thun, was ich glaube, nun ſo thun zu koͤnnen. Das gute Weib, aus übergroßer Nothwendigkeit gezwungen, bat mit großer Schamhaftigkeit um hun⸗ dert Livres, ihre Tochter damit auszuſtatten. —— e S en — e — 8„ z) Neunte Novelle. Die Gräfin, ihre Schamhaftigkeit erkennend, gab ihr, da ſie ihre maͤßige Forderung hoͤrte, fünf⸗ hundert, und ſo viel ſchoͤne und koſtbare Edelſteine, die wenigſtens noch einmal ſo viel werth waren; und die gute Frau, hieruͤber mehr als zufrieden, dankte, ſo ſehr ſie nur konnte, der Gräfin, welche, von ihr ſich entfernend, nach dem Wirthshauſe zuruͤckkehrte. um Beltramo jeden Grund, zu ſchicken oder in ihr Haus zu kommen, abzuſchneiden, ging die gute Frau mit ihrer Tochter auf das Land nach der Woh⸗ nung ihrer Anverwandten; und Beltramo, der von den Seinigen auf kurze Zeit nach Hauſe gerufen ward, kehrte, da er hörte, daß ſich die Gräfin ent⸗ fernt haͤtte, dahin zuruͤck. Sobald die Graͤfin erfuhr, daß er von Florenz abgereiſt, und nach ſeinen Guͤtern zuruckgekehrt waͤre, war ſie daruͤber außerordentlich vergnuͤgt, und blieb nur ſo lange noch in Florenz, bis die Zeit ihrer Niederkunft gekommen war. Sie gebar zwei Soͤhne, die ihrem Vater vollkommen aͤhnlich waren, und ließ ſie ſorgfaͤltig aufziehen. Als es ihr dann Zeit zu ſeyn ſchien, machte ſie ſich auf den Weg, ohne von irgend Einem erkannt zu ſeyn, und kam nach Montyelier; hier ruhete ſie einige Tage, und nach⸗ dem ſie uͤber den Grafen, und wo er ſich aufhielte, Erkundigung eingezogen und gehoͤrt hatte, daß er am Tage aller Heiligen, in Rouſſiglion Herren und Damen ein großes Feſt geben wuͤrde, ging ſie, in der Geſtalt einer Pilgerin, wie ſie es immer gewohnt war, dahin. Nachdem ſie dann erfahren hatte, daß Dritter Tag. die Herren und Damen in dem Schloſſe des Grafen verſammelt wären, um zur Tafel zu gehen, ſtieg ſie, ohne ihren Anzug zu veraͤndern, mit ihren bei⸗ den Kindern auf dem Arme, mitten durch alle Leute die Treppe nach dem Saale R und ging dahin, wo ſie den Grafen erblickte. Sie warf ſich ihm zu Fuͤßen, und ſagte mit Thraͤnen: Herr Graf, ich bin Deine ungluͤckliche Gattin, die, damit Du zu⸗ ruͤckkehren und in Deinem Hauſe wohnen koͤnnteſt, lange Zeit herumgeirrt iſt. Ich bitte Dich bei Gott, daß Du mir die Bedingung erfuͤllſt, welche Du mir durch die zwei Cavaliere, die ich an Dich ſandte, gemacht haſt; ſiehe hier auf meinen Armen nicht Ei⸗ nen Sohn von Dir, ſondern zwei, und hier ſieh Deinen Ring. Daher iſt es Zeit, daß ich von Dir, Deinem Verſprechen gemaͤß, als Gattin angenommen werde. Da der Graf dies hoͤrte, ward er ganz außer ſich, erkannte den Ring und auch die beiden Kinder, ſo aͤhnlich waren ſie ihm; indeſſen ſagte er doch: Wie kann dies zugegangen ſeyn. Die Graͤfin erzaͤhlte hierauf, zu großer Ver⸗ wunderung des Grafen und aller der Andern, die gegenwaͤrtig waren, alles der Reihe nach, was und wie es geweſen waͤre. Da der Graf hierdurch erkannte, daß ſie die Wahrheit ſage, er ferner ihre Ausdauer, ihren Ver⸗ ſtand und endlich auch die beiden ſo huͤbſchen Kinder ſah, legte er, um das zu halten, was er verſpro⸗ chen hatte, und aus Gefaͤlligkeit gegen alle ſeine —„.)„5———„ 8 6 Zehnte Novelle. 84 Herren und Damen, welche einſtimmig ihn baten, daß er ſie doch, als ſeine rechtmaͤßige Gattin, an⸗ nehmen und ehren moͤchte, ſeine hartnaͤckige Strenge ab, hob die Graͤfin auf, umarmte und kußte ſie, und erkannte ſie fur ſeine rechtmaͤßige Gattin, und die Kinder fur die ſeinigen. Nachdem er ſie alsdann mit fuͤr ſie anſtaͤndigen Kleidern hatte bekleiden laſſen⸗ ſtellte er zum groͤßten Vergnuͤgen derer, ſo viel nur anweſend waren, und aller ſeiner uͤbrigen Vaſallen, welche dies gehoͤrt hatten, nicht allein dieſen ganzen Tag über, ſondern auch noch an anderen mehr ein uͤbergroßes Feſt an; und ehrte, liebte und ſchaͤtzte ſie außerordentlich hoch von dieſem Tage an beſtän⸗ dig, als ſeine Gattin und Gemahlin. Zehnte Novelle. Alibeck wird eine Einſieblerin, der Moͤnch Ruſtico lehrt ihr, den Teufel nach der Hölle ſchicken, ſie aber von dort weggeholt, wird Neerbale's Frau. Dioneus, welcher die Novelle der Koͤnigin auf⸗ merkſam angehoͤrt hatte, fing, da er merkte, daß ſie beendet, und er nur allein noch zu erzaͤhlen ubrig wäre, ohne einen Befehl zu erwarten, laͤchelnd au zu reden: Liebliche Frauen, vielleicht habt Ihr nie etwas davon gehoͤrt, wie man. den Teufel in die Poͤlle ſchickt, und darum will ich, ohne mich eben von dem Erfolge zu entfernen, uͤber welchen Ihr dieſen ganzen Tag geſprochen habt, es Euch ſagen. Vielleicht koͤnnt Ihr dadurch Euer Seelenheil retten, wenn Ihr es werdet gelernt haben; werdet dadurch Beccaccio's fämmtl. W. 3. 6 — 3⁵ Dritter Tag. einſehen, daß, wenn auch Amor gleich die fröhlichen Paläſte und die uͤppigen Zimmer lieber als die ar⸗ men Huͤtten bewohnt, er doch nicht auch zuweilen in dicken Buͤſchen, und auf den eisſtarren Alpen und in oden p ſeine Kräfte ſollte fuͤhlen laſſen. Woher nlan denn leicht einſehen kann, daß ſeiner Macht Alles unterworfen iſt. Doch zur Sache: In der Stadt Capſa in der Barbarei lebte einſt ein ſehr reicher Mann, der un⸗ ter ſeinen andern Kindern eine ſchoͤne und artige Fochter hatte, deren Namen Alibeck war. Da ſie keine Chriſtin war, von vielen Chriſten aber, die in der Stadt wohnten, den chriſtlichen Glauben und den Gottesdienſt ſehr ruͤhmen hoͤrte, fragte ſie eines Ta⸗ ges einen, auf welche Art und wie man mit den we⸗ nigſten Beſchwerden Gott dienen koͤnnte. Dieſer gab ihr zur Antwort, vuß Diejenigen Gott am beſten dienten, welche am meiſten die weltlichen Dinge flö⸗ hen, ſo wie diejenigen thaͤten, welche ſich in die Sinſamkeit der Wüſte Thebais begeben haͤtten. Das Maädchen, etwa vierzehn Jahr alt, noch ſehr einfäl⸗ tig, und nicht von einem geregelten Wunſche, ſon⸗ dern von einem kindiſchen Geluͤſte getrieben, machte ſich, ohne irgend einem Menſchen etwas zu ſagen, den andern Morgen ganz in geheim und allein auf, um nach der Wuͤſte Thebais hinzugehen. Mit großer Muͤhe Hunger und Durſt ertragend, kam ſie in einigen Sogen nach dieſer Wuͤſte hin, und da ſie von weitem eine kleine Hütte erblickte, ging ſie auf dieſe zu, wo ſie am Eingange derſelben einen froin⸗ 5 5 —„* Zehnte Novele. 7 Und daher bin ich der Meinung, ein Jeder, der auf etwas Anderes, als Gott zu dienen, denkt, iſt ein Rindvieh. Deshalb ging ſie denn oft zu Ruſtico hin, und ſagte zu ihm: Mein Vater, ich bin her⸗ gekommen, um Gott zu dienen, und nicht um mu⸗ ßig zu liegen; komm, wir wollen den Teufel in die Hoͤlle ſtecken! Wenn ſie nun das thaten, ſagte ſie zuweilen: Ruſtico, ich weiß nicht, warum der Teufel immer wieder aus der Hoͤlle herausflieht; waͤre er ſo gern in der Hoͤlle, als die Hoͤlle ihn aufnimmt und feſt⸗ haͤlt, er ginge nie wieder heraus. Da ſie auf dieſe Art den jungen Ruſtico vft ein⸗ lud, und zum Dienſte Gottes ermunterte, hatte ſie ihm die Wolle ſo von der Jacke gezerrt, daß er fror, wo ein Anderer geſchwitzt hätte; und deshalb ſagte er zu dem jungen Maͤdchen, man duͤrfe den Teufel nicht anders zuͤchtigen, oder in die Hoͤlle ſtecken, als wenn er aus Stolz den Kopf in die Hoͤhe hoͤbe, und wir haben ihm mit Gottes Huͤlfe den Irrwahn ſo benommen, daß er Gott bittet, in Ruhe zu bleiben. Auf dieſe Art legte er dem Maͤdchen etwas Still⸗ ſchweigen auf. Indeſſen aber, da ſie ſah, daß Ru⸗ ſtico ſie nicht aufforderte, den Teufel wieder in die Hoͤlle zu ſtecken, ſagte ſie eines Tages zu ihm: Ruſtico, wenn Dein Teufel gezuͤchtigt iſt, und Dir nichts mehr zu ſchaffen macht, ſo laͤßt mich doch meine Hoͤlle nicht zufrieden; darum wirſt Du gut thun, wenn Du mit Deinem Teufel mir die Wüth mei⸗ ner Hoͤlle beſchwichtigen hilfſt, ſo wie ich mit mei⸗ 88 Dritter Tag. ner Hölle Dir geholfen habe, den Stolz Deines Ten⸗ fels zu demuͤthigen. Ruſtico, der von Kräutern, Wurzeln und Waſ⸗ ſer lebte, und ſeinem Poſten nicht recht mehr ge⸗ wachſen war, ſagte zu ihr, daß mehrere Teufel er⸗ forderlich wären, die Holle zu beſchwichtigen, aber er wuͤrde ſein Moͤglichſtes thun, was er nur koͤnnte, und ſo befriedigte er ſie je zuweilen; doch das ge⸗ ſchah ſo ſelten, daß es nichts anders war, als dem Löwen eine Bohne in den Rachen werfen. Hieruͤber murrte das Maͤdchen, welche glaubte, ſie diene Gott nicht ſo viel, als ſie es wollte, nicht wenig; indeſ⸗ ſen, waͤhrend zwiſchen Ruſtico's Teufel und Alibeck's Hoͤlle, aus zu großer Begierde und dem minderen Vermoͤgen, dieſe Zwiſtigkeit obwaltete, begab es ſich, daß in Capſa ein Feuer ausbrach, wobei Ali⸗ beck's Vater mit ſammt allen ſeinen Kindern und ſeiner uͤbrigen Familie in ſeinem eigenen Hauſe ver⸗ brannte, wodurch aber Alibeck Erbin ſeines ganzen hinterlaſſenen Vermoͤgens blieb. Als dies ein junger Mann, Namens Neerbale, der ſein ganzes Vermoͤgen in Aufwartſamkeiten ver⸗ ſchwendet hatte, horte, daß ſie noch am Leben wäre, machte er ſich auf, ſie zu ſuchen, und fand ſie auch noch eher als der Hof die Guͤter ihres Vaters, der als ohne Erben verſtorben waͤre, in Beſitz nahm, zu Ruſtico's großem Vergnuͤgen, und fuͤhrte ſie gegen ihren Willen nach Capſa zuruͤck; dann nahm er ſie zur Frau, und ward zugleich mit ihr Erbe des gro⸗ ßen Vater⸗Gutes⸗ Zehnte Novelle. 89 Als ſie aber von den Franen gefragt ward, wo⸗ mit ſie denn Gott in der Wuͤſte gedient haͤtte, ant⸗ wortete ſie, noch ehe Neerbale bei ihr geſchlafen, ſie haͤtte ihm dadurch gedient, daß ſie den Teu⸗ fel in die Hoͤlle geſteckt, und Neerbale habe eine f große Suͤnde begangen, daß er ſie dieſem Dienſte entzogen haͤtte. 6 Die Frauen fragten: Wie ſteckt man denn den Teufel in die Hoͤlle? Das Maͤdchen erklaͤrte es ihnen mit Worten und mit Thaten. Hieruͤber lachten ſie dermaßen, daß ſie noch im⸗ merfort lachen, und ſagten: Mache Dir keinen Kummer, Maͤdchen, das geſchieht hier auch; Neer⸗ bale wird mit Dir eben ſo gut Gott dienen. Da dies nun Eine der Andern in der Stadt wie⸗ der erzaͤhlte, ſo machten ſie es zu einem gemeinen Sprichwort, daß der angenehmſte Dienſt, den man Gott erweiſen koͤnnte, der waͤre, wenn man den Teufel in die Hoͤlle ſteckte; und dieſes Sprichwort, von da uͤber's Meer gekommen, dauert noch fort. ⸗ Darum junge Mädchen, die ihr der Gnade Got⸗ , S tes bedurftig ſeyd, lernet den Teufel in die Hoͤlle ſtecken, denn das iſt Gott ſehr angenehm, den dabei r Intereſſirten gereicht es zum Vergnuͤgen, und es kann viel Gutes daraus entſtehen und erfolgen. n Tauſend Mal und auch noch oͤfter wol hatte die e Novelle des Dioneus die ehrbaren Damen zum La⸗ 3 chen bewegt, von der Art ſchienen ihnen ſeine Worte zu ſeyn. Als er ſie daher beſchloſſen hatte, Dritter Tag⸗ und die Koͤnigin einſah, daß das Ende ihrer Herr⸗ ſchaft gekommen wäre, nahm ſie ſich den Lorbeer⸗ kranz vom Kopfe, ſetzte ihn mit vielem Anſtande dem Philoſtratus auf das Haupt und ſagte: Bald werden wir ſehen, ob der Wolf die Schafe beſſer zu leiten wiſſen wird, als die Schafe die Wolfe gelei⸗ tet haben. Philoſtratus ſagte laͤchelnd, da er dies hoͤrte: Wenn man mir geglaubt hätte, ſo wuͤrden die Woͤlfe den Schafen eben ſo gut gelehrt haben, den Teufel in die Hoͤlle zu ſtecken, als Ruſtico Alibeck, und dar⸗ um nennt uns nicht Woͤlfe, wenn Ihr nicht Schafe geweſen ſeyd; indeſſen werde ich, auf jeden Fall, je nachdem es mir zuſteht, das mir anvertraute Reich ſchon regieren. Hierauf antwortete Neiphile: Höre, Philoſtra⸗ tus, wenn Ihr uns haͤttet unterrichten wollen, ſo hättet Ihr auf eben die Art lernen koͤnnen, gewiz⸗ zigt zu werden, wie Maſetto aus Lamporeechio von den Nonnen es lernte, und die Sprache gerade zu der Zeit wieder bekam, als die Knochen ohne Mei⸗ ſter wuͤrden pfeifen gelernt haben. Da Philoſtratus einſah, daß ſich nicht weniger Sicheln faͤnden, als er Pfeile haͤtte, ließ er das Witzeln unterwegs, und fing an ſich der Regierung des übertragenen Reiches zu widmen. Er ließ ſich daher den Seneſchall rufen, um zu hoͤren, wie es mit allen Sachen ſtaͤnde; und uͤberdies gab er, nach⸗ dem er den Beſcheid erhalten, daß es gut damit ſtände, und daß er für die Geſellſchaft ſo lange da⸗ — N„* —*„*— r 6 8 5 h⸗ it 3 Vierter Tag. 9⁵ wie wahr das iſt, was die Weiſen zu ſagen pflegen,⸗ daß nur immer die Erbaͤrmlichkeit in der Gegen⸗ wart neidlos iſt. Es ſind, freundliche Mädchen, einige geweſen, die, nachdem ſie dieſe Novellen geleſen, geſagt haben, daß Ihr mir zu ſehr ge⸗ ſielet, und daß es eben nicht ſehr anſtaͤndig wäre, wenn ich ſo viel Vergnuͤgen daran faͤnde, Euch zu gefallen und Euch zu troͤſten; Andere haben gar noch Irgeres geſagt, warum ich Euch ſo erhoͤbe, wie ich es thaͤte. Andere, die recht altklug zu ſprechen zei⸗ gen wollten, haben geſagt, daß es ſich fuͤr mein Al⸗ ter gar nicht ſchicke, jetzt noch hinter ſolchen Din⸗ gen her zu ſeyn, als mit Frauen zu ſprechen, oder ihnen zu gefallen. Viele, die eine recht zarte Sorg⸗ falt füͤr meinen Ruf zu haben zeigten, ſagten, daß ich geſcheiter handeln wuͤrde, wenn ich mich bei den Muſen auf dem Parnaß aufhielte, als daß ich mich mit ſol⸗ chen Narrenpoſſen unter Euch miſchte. Auch ſind ſolche, welche, mehr veraͤchtlich als weiſe ſprechend, geſagt haben, ich wurde kluͤger thun, darauf zu den⸗ ken, wo ich Brot hernähme, als durch ſolche Faſe⸗ leien mich mit Wind zu fuͤttern. und noch gewiſſe Andere laſſen es ſich ſehr angelegen ſeyn, zum Rach⸗ theil meiner Bemühung zu beweiſen, daß die von mir erzaͤhlten Begebenheiten ganz anders wären, als ich ſie Euch wieder vorbraͤchte. Und ſo bin ich, durch ſo viele und ſo arge Ohrenbläſereien, durch ſo viele giftige und ſcharfe Zaͤhne, wackere Frauen, während ich in Euren Dienſten fechte, herumgeſtoßen, geplagt, und bis auf's Leben verwundet. Alles dies aber hoͤre — Vierter Tag. und vernehme ich, Gott weiß es, mit froͤhlichem Sinne. Und ob zwar hieruber meine ganze Ver⸗ theidigung Euch zukame, ſo bin ich doch nichts deſto weniger gar nicht geſonnen, meine Kraͤfte zu ſparen; vielmehr will ich, ohne darauf zu antworten, wie es ſich gebuͤhrte, mit einer gans leichten Antwort ſie mir vom Halſe ſchaffen, und das zwar ohne Ver⸗ zug. Denn wenn auch gleich, da ich noch nicht bis zum Drittheil meiner Arbeit gekommen bin, ihrer Viele ſind und eine hohe Meinung hegen, ſo glaube ich, ihre Zahl wuͤrde, ehe ich bis ans Ende ge⸗ langt wäre, ſo zugenommen haben, daß, wenu ſie nicht von Anfang an gleich einen Widerſpruch erfahren, ſie mit der allergeringſten Muͤhe mich 3 zu Boden werfen, und daß ſelbſt Eure Kraͤfte, ſo groß ſie auch immer ſeyn moͤchten, doch nicht hinreichend ſeyn wuͤrden, Widerſtand zu thun. Ehe ich indeſſen dahin gelange, irgend Jemanden eine Antwort zu geben, will ich zu meinen Gunſten zwar nicht eine ganze Novelle erzahlen, damit es nicht ſcheint, als wollte ich meine eigenen Novellen mit denen einer ſo lobenswuͤrdigen Geſellſchaft, als die war, wie ich ſie Euch vorgefuͤhrt habe, vermengèn⸗ ſondern nur einen Theil von einer, damit ihre Män⸗ gel ſelbſt zeigen, es ſey keine von jenen. Ich wende mich nun zu meinen Verfolgern und ſage: Es war in unſerer Stadt, eine ganze Zeit iſt ſchon darüber verfloſſen, ein Bürger, welcher Philipp Balducci benannt war, von nur geringem a — —, — Vierter Tag. Stande, aber reich, geſchickt und erfahren in allem, was ſein Stand mit ſich brachte. Er hatte anch eine Frau, die er uͤber Alles liebte, ſo wie ſie ihn; ſie fuͤhrten ein ganz ruhiges Leben, und waren um nichts ſo ſehr bekuͤmmert, als wie ſie einander ſo recht innig gefallen moͤchten. Nun geſchah es, wie es mit allen geſchieht, daß die gute Frau aus die⸗ ſem Leben ſchied, und ihrem Philipp nichts anderes von ſich hinterließ, als einen von ihr gebornen Sohn, der etwa zwei Jahr alt war. Durch den Tod ſeiner Frau blieb er ſo troſtlos zuruͤck, als nur je einer zuruͤckblieb, der etwas Geliebtes verlor. Und da er ſich von dieſer Gefaͤhrtin, die er ſo uber Alles liebte, verlaſſen ſah, beſchloß er, gar nichts mehr mit der Welt zu ſchaffen zu haben, ſondern ſich dem Dienſte Gottes zu ergeben, und ein Glei⸗ ches auch mit ſeinem kleinen Sohnchen zu thun. Nachdem er alles das Seinige zum Almoſen hingegeben, ging er ohne Verzug auf den Berg Aſinajo, und wohnte auf demſelben in einem kleinen Zellchen mit ſeinem Sohne. Mit dieſem lebte er von Almoſen in Faſten und Beten, nahm ſich vor allen Dingen davor in Acht, da, wo jener zugegen war, nicht von weltlichen Dingen zu ſprechen, noch ihm irgend dergleichen ſehen zu laſſen, was ihn von ſolchem Dienſt abzöge; ſondern ſich beſtaͤndig mit ihm nur von der Herrlichkeit des ewigen Lebens, Gottes und der Heiligen unterhaltend, lehrte er ihm nichts anders, als heilige Gebete. In dieſer Lebens⸗ art hielt er ihn mehrere Jahre hin, ließ ihn nicht Boccaccio's ſämmtl. W. 3. 7 ——— ——— 98 Vierter Tag⸗ aus der Zelle hinausgehen, und zeigte ihm nichts anders, als nur ſich ſelbſt. Der fromme Mann kam gewöhnlich einige⸗Mal nach Florenz, wo er nach ſeinen Beduͤrfniſſen von den Freunden Gottes unterſtuͤtzt ward, und dann nach ſeiner Zelle wieder zuruͤckkehrte. Run geſchah es eines Tages, daß, da der Knabe etwa ein Alter von achtzehn Jahren erreicht hatte, und Philipp alt geworden war, er dieſen fragte, wo er denn hinginge. Philipp ſagte es ihm. Wor⸗ auf der Knabe antwortete: Mein Vater, Du biſt alt, und kannſt die Be⸗ ſchwerlichkeiten des Alters mit Muͤhe nur noch er⸗ tragen, warum nimmſt Du mich nicht einmal mit nach Florenz, damit, wenn Du mir Gottes und Deine Freunde und Ergebene kennen gelehrt haſt, ich, der ich noch jung bin, und beſſer die Beſchwer⸗ lichkeit ertragen kann als Du, unſerer Beduͤrfniſſe wegen nach Florenz gehe, wenn Du es fur noͤthig findeſt, und Du hier bleibſt. Der fromme Mann dachte, ſein Sohn waͤre ſchon groß, und an den Dienſt Gottes ſo gewoͤhnt, daß das Irdiſche ihn wohl ſchwerlich noch anzieher wuͤrde, und ſagte bei ſich ſelbſt: Der hat Recht! Als er daher einmal wieder hingehen mußte, nahm er ihn mit. Sobald der Zungling die Paläſte, die Häuſer, die Kirchen und alles andere ſah, wovon man ie ganze Stadt ſo voll erblickt, wunderte er ſich, da er dergleichen nie geſehen zu haben ſich er⸗ — . Vierter Tag. 99 innerte, ſehr und fragte ſeinen Vater häufig, was das wäre, und wie das hieße. Der Vater ſagte es ihm, und wenn er es ange⸗ hoͤrt hatte, war er ruhig und fragte nach etwas An⸗ derem. Indem nun der Sohn fragte, und der Va⸗ ter antwortete, ſtießen ſie von ungefähr auf eine An⸗ zahl hubſcher junger geputzter Mädchen, welche von einer Hochzeit herkamen. Sobald der junge Menſch dieſe ſah, fragte er ſogleich den Vater, was das fuͤr Dinge waͤren. Hierauf gab ihm der Vater zur Antwort: Mein Sohn, ſchlag die Augen zur Erde nieder, ſieh ſie nicht an, das iſt ſehr was Schlechtes. Da ſagte der Sohn: Wie heißt man denn das? Der Vater, um in der luͤſternen Begierde bei dem Juͤnglinge nicht einen noch weniger als nutzli⸗ chen begehrlichen Hang zu erregen, wollte ſie nicht bei ihrem eigenen Namen, naͤmlich Frauenzimmer, nennen, ſondern ſagte, es waͤren Gaͤnſe-Kuͤchen. Wunderbar war es jetzt mit anzuhoͤren, wie der⸗ jenige, der in ſeinem Leben keine geſehen hatte, nun ſich weder um Paläſte, noch um Ochſen, noch um Pferde, noch um Eſel, noch um Geld, noch um ir⸗ gend ſonſt etwas, was er geſehen hatte, bekuͤmmerte, ſogleich ſagte: Vater, ich bitte Euch, macht, daß ich eins von dieſen Gaͤnſe⸗Kuͤchen kriege! D, mein Sohn, ſagte der Vater, ſchweig, das iſt das Boͤſe. ragend ſagte der Juͤngling: So, das iſt das Boͤſe? ——— Vierter Tag. Ja! ſagte der Vater. Da ſagte jener: Ich weiß gar nicht, was Ihr ſprecht, noch warum das was Boͤſes ſeyn ſoll; mir kommt es gerade ſo vor, als haͤtte ich noch nie was Schoͤneres, was Lieblicheres geſehen, als dieſe hier ſind. Sie ſind ja ſchoͤner als die Engels⸗Bilder, die Ihr mir ſo vft gezeigt habt. Ach, ich bitte Dich, wenn Du mich lieb haſt, laß uns eine davon mit hinauf nehmen, ich will ſie futtern. Der Vater ſagte: Ich will nicht, Du weißt ja nicht, womit Du ſie füttern ſollſt; und ſogleich merkte er, daß die Natur mehr Kraft habe, als ſein Vorſatz, und es gereuete ihn, ihn nach Florens mit⸗ genommen zu haben. Doch da ich mit gegenwaͤrtiger Novelle bis hie⸗ her gekommen bin, mag es genug ſeyn, und wende ich mich wieder zu denen, fuͤr die ich ſie erzählt habe. Es ſagen alſo einige von meinen Tadlern⸗ daß ich Unrecht daran thue, Ihr jungen Mädchen⸗ wenn ich es mir zu angelegen ſeyn laſſe, Euch zu gefallen, und Ihr mir wieder zu ſehr gefallt. Das geſtehe ich ganz frei, daß Ihr mir gefallt, und daß ich mich bemuhe, Euch wieder zu gefallen; und ich frage ſie, ob ſie ſich wol daruͤber wundern koͤnnen, wenn, ich will gar nichts von denen ſagen, welche die liebevollen Kuͤſſe, die ſuͤßen Umarmungen, und die entzuͤckenden Vereinigungen, die man von Euch, ſuße Mädchen, oͤfter empfängt, kennen gelernt, ſondern nur geſehen haben, und fortwaͤhrend die zierlichen Sitten, die reizende Schoͤnheit, die ſchmuck⸗ — — Vierter Tag. 101 volle Anmuth, und uͤberdies noch Euren jungfräuli⸗ chen Anſtand ſehen, ſondern wenn einer, der ernaͤhrt, erzogen und aufgewachſen auf einem wilden einſamen Berge, innerhalb der Graͤnzen einer kleinen Zelle, ohne alle andere Geſellſchaft, als nur die ſeines Vaters, Euch, ſobald er Euch nur ſah, allein nur verlangte, allein nur wuͤnſchte, allein nur mit ſeiner Zuneigung folgte. Moͤgen ſie mich doch tadeln, moͤgen ſie auf mich doch ſticheln, mogen ſie auf mich doch loshauen, wenn ich, deſſen Körper der Himmel ſo ganz nur um Euch zu lieben ſchuf, ja, wahrlich, wenn ich von meiner Kindheit an, fuhlend die Kraft des Strahles Eurer Augen, die Lieblichkeit Eurer honigſuͤßen Worte, und die durch Eure liebevollen Seufzer ent⸗ flammte Gluth meine Seele Euch hingab; wenn Ihr mir gefallet, oder wenn ich mich bemuͤhe, Euch zu gefallen, beſonders wenn ich bedenke, daß Ihr eher, als irgend etwas Anderes, einem Einſiedler, einem Knaben ohne Gefuͤhl, ja, einem rohen Wilden ge⸗ fielet? Wahrlich, wer Euch nicht liebt, und von Euch nicht wuͤnſcht geliebt zu werden„ der mag als ein Menſch, der weder die Freuden noch die Staͤrke der natuͤrlichen Zuneigung eben ſo wenig fuͤhlt als kennt, mich auf ſolche Art tadeln, ich kuͤmmere mich wenig darum. Und die, welche gegen mein Alter ſprechen, zei⸗ gen, wie ſie ſich ſo wenig darauf verſtehen, daß, wenn auch die Zwiebel einen weißen Kopf hat, der Stil doch noch gruͤn ſeyn kann. Ohne mich nun weiter ————— 102 Vierter Tag. um ihr Wortgewitzele zu bekuͤmmern, gebe ich ihnen zur Antwort: Nimmermehr werde ich es mir bis ans Ende meines Lebens zur Schande rechnen, allen denen zu gefallen, denen es ſich Guido Cavaleanti, 3 Dante Alighieri in ihrem Alter, und Meſſer Cino von Piſtoja, noch als Greis zu gefallen, zur Ehre hielten, und deren liebſtes Vergnuͤgen es war. Und kaͤme ich nicht ganz von meiner gewoͤhnli⸗ chen Weiſe der Unterhaltung ab, ſo wuͤrde ich noch Geſchichten vortragen, in welchen ich zeigen koͤnnte, daß tuͤchtige Maͤnner der Vorzeit ſelbſt in ihren rei⸗ feſten Jahren ſich beeifert haben, den Frauen zu ge⸗ fallen; doch wenn ſie das nicht wiſſen, ſo moͤgen ſie hingehen und es lernen. Daß ich mich bei den Muſen auf dem Parnaß aufhalten ſollte, gebe ich zu, iſt ein guter Rath; aber unausgeſetzt kann weder ich mit den Muſen, noch ſie mit mir verweilen, da es doch wohl ge⸗ ſchehen kann, daß der Menſch ſich von ihnen trennt, und es auch nicht zu tadeln iſt, ſich daran zu vergnü⸗ gen, Etwas, was ihnen aͤhnlich iſt, zu ſehen. Die Muſen ſind Jungfrauen; und wenn auch gleich die Jungfrauen nicht den Werth haben, den die Muſen haben, ſo haben ſie doch auf den erſten Anblick Aehn⸗ lichkeit mit einander. Wenn ſie mir daher auch aus kei⸗ nem andern Grunde gefielen, ſo mußten ſie mir doch aus dieſem gefallen, nicht zu gedenken, daß die Maͤdchen mir ſchon die Veranlaſſung zu tauſend Verſen gewe⸗ ſen ſind, dahingegen die Muſen noch zu keinem ein⸗ zigen. Sie haben mir allerdings geholfen, und dieſe Vierter Tag. tauſend zu machen gezeigt; und vielleicht auch bei dieſem Geſchreibſel, mag es auch noch ſo unbedeu⸗ tend ſeyn, haben ſie mir zuweilen beigeſtanden, zu Gunſten und zur Ehre der Aehnlichkeit, welche die Mädchen mit ihnen haben; und deshalb habe ich mich, als ich dieſe Arbeit aufbäͤumte, weder von dem Berge Parnaß, noch von den Muſen entfernt, wie viele ungluͤckſeliger Weiſe der Meinung ſind. Aber was ſoll ich zu denen ſagen, die mit mei⸗ nem guten Rufe ſolches Mitleid haben, daß ſie mir den Rath geben, ich ſollte doch nur furs liebe Brot arbeiten. Wahrlich, das weiß ich nicht; außer daß ich, wenn ich bei mir ſo bedenke, wie wol ihre Ant⸗ wort ſeyn wuͤrde, wenn ich ſie im benoͤthigten Falle darum baͤte, ſie im Geiſte wurde ſagen hören: Geh! das mußt du bei Narrenpoſſen ſuchen! Und das haben Dichter ſchon mehr unter ihren Narrenpoſſen gefun⸗ den, als viele Reiche unter ihren Schaͤtzen. Ja! viele haben, wenn ſie ihre Narrenpoſſen verfolgten, dadurch ihr Zeitalter bluͤhend gemacht, da im Ge⸗ gentheil Viele, die nur immer mehr Brot zu gewin⸗ nen ſuchten, als ihnen noͤthig war, auf eine bittere Art umgekommen ſind. Was weiter? Moͤgen doch dieſe Ungluͤcksvoͤgel mich, wenn ich ſie bitten ſollte, von ſich jagen, jetzt habe ich es, Gott ſey Dank! nicht noͤthig; und ſollte mich die Noth dazu uͤberraſchen, ſo weiß ich nach dem Apoſtel Ueberfluß zu haben und Noth zu ertragen; und deshalb mag ſich keiner um mich mehr bekuͤmmern, als ich ſelbſt. Denjenigen, die da ſagen, die Sachen waͤren Vierter Tag. nicht ſo geweſen, wuͤrde ich es vielen Dank wiſſen, wenn ſie die Originale hervorbraͤchten; ſtimmten alsdann dieſe nicht mit nuͤberein, wie ich es ge⸗ ſchrieben habe, ſo wuͤrde ich ihren Tadel gerecht fin⸗ den, und mich bemuͤhen, mich ſelbſt zu verbeſſern. Aber bis nicht etwas anderes, als bloße Worte er⸗ ſcheinen, laſſe ich ſie bei ihrer Meinung, folge der meinigen, und ſage von ihnen eben das, was ſie von mir ſagen. Fuͤr dies Mal will ich hiermit genug geantwor⸗ tet haben, und nur noch ſo viel ſagen, daß ich, be⸗ waffnet mit Gottes und Eurer Huͤlfe, liebliche Maͤdchen, auf welche meine Hoffnung ſteht, und mit guter Geduld, weiter vorzuſchreiten gedenke, indem ich dieſem Winde den Ruͤcken zudrehe, und ihn bla⸗ ſen laſſe. Denn ich ſehe nicht, daß etwas anderes fuͤr mich daraus entſtehen koͤnnte, als was fuͤr den nichtsbedeutenden Staub daraus entſteht, den ein wuͤthender Wirbelwind vom Boden entweder gar nicht in die Hoͤhe hebt, oder wenn er ihn hebt und in die Hoͤhe treibt, ihn oftmals auf den Koͤpfen der Menſchen, auf den Kronen der Koͤnige und Kaiſer, ja wohl zuweilen auf hohen Pallaͤſten und erhabenen Thuͤrmen liegen laͤßt; faͤllt er alsdann von dieſen herab, ſo kann er nicht wieder hoͤher kommen, als der Ort iſt, von dem er aufgeregt worden war. Wenn ich daher geſucht habe, mit aller meiner Kraft Euch in irgend Etwas zu gefallen, ſo werde ich mich jetzt mehr als je fuͤr Euch beſtreben, weil ich uberzengt bin, daß Keiner mit Recht Etwas anders ſa⸗ Vierter Tag. 105 gen kann, als daß alle Anderen und ich, die wir Euch lieben, ganz natuͤrlich zu Werke gehen. Die⸗ ſen Geſetzen, naͤmlich der Natur, ſich entgegenſetzen wollen, erforderte viel zu große Kraͤfte, und welche dennoch ſehr oft, nicht allein umſonſt, ſondern zum groͤßten Schaden des ſich Abmuͤhenden angewendet werden. Dieſe Krafte, ich geſtehe es, habe ich nicht, und wuͤnſche auch gar nicht ſie hierbei zu haben; und wenn ich ſie haͤtte, wurde ich ſie lieber einem Andern leihen, als ſie fur mich anwenden. Daher moͤgen dieſe Beißigen nur ſchweigen, und wenn ſie nicht erwaͤrmt werden koͤnnen, moͤgen ſie wie ſtarre Eisklumpen leben, und vei ihren Vergnuͤ⸗ gungen und verdorbenen Begierden verbleiben, mich aber in dieſem kurzen Leben, was mir beſchieden iſt, bei den meinigen verbleiben laſſen. Doch, ſchöne Damen, weil ich ſchon zu weit ausgeſchweift habe, ſo muß ich dahin wieder zuruck⸗ kehren, von wo ich ausgegangen bin, und der ange⸗ fangenen Ordnung folgen. Schon hatte die Sonne vom Himmel jeden Stern, und von der Erde den feuchten Schatten verjagt, als Philoſtratus ſich erhob, und ſeine ganze Geſellſchaft ſich erheben hieß. Nachdem ſie darauf in dem ſchoͤnen Garten umhergegangen waren, fin⸗ gen ſie an ſich darin zu ergoͤtzen, und als die Zeit zum Eſſen gekommen war, ſpeiſten ſie ebendaſelbſt, wo ſie den vergangenen Abend zu Nacht gegeſſen hat⸗ ten. Sobald ſie alsdann, als die Sonne ihren hoͤch⸗ ſten Punkt erreicht hatte, vom Schlafe wieder auf⸗ —————— W — 106 Vierter Tag. geſtanden waren, ſetzten ſie ſich nach der gewohnten Art nahe bei dem ſchoͤnen Spring nieder. Hier ge⸗ both Philoſtratus Fiammetten, daß ſie mit den No⸗ vellen den Anfang machen moͤchte; welche auch, ohne läͤnger noch zu warten, als es ihr geſagt worden war, ganz juͤngferlich alſo anfing. Erſte Novelle. Tankred, Fuͤrſt von Salerno, tödtet den Geliebten ſeiner Tochter und ſchickt ihr das Herz deſſelben in einem gol⸗ denen Becher; ſie gießt vergiftetes Waſſer daruͤber, trinkt es aus und ſtirbt. Einen grauſigen Stoff zum Erzaͤhlen hat unſer Koͤnig uns heute aufgegeben, in der Meinung, daß⸗, ob wir gleich zu unſerm Vergnuͤgen hieher gekommen ſind, wir auch von Anderer Thraͤnen erzaͤhlen ſollten, uͤber die man doch nicht anders ſprechen kann, als daß nicht derjenige, der ſie erzaͤhlt und der ſie an⸗ hoͤrt, Mitleid daruͤber fuͤhlen ſollte. Vielleicht hat er es gethan, um die Froͤhlichkeit, die wir in den vorhergehenden Tagen genoſſen haben, ein we⸗ nig einzuſchraͤnken; indeſſen, was ihn auch dazu be⸗ wogen haben mag, und da es mir nicht zukommt ſeinen Willen abzuaͤndern„ ſo will ich Euch einen traurigen, ja wohl einen ungluͤckſeligen Fall erzaͤh⸗ len, der Eurer Thraͤnen wohl werth iſt. Tankred, Fuͤrſt von Salerno, war ein ſehr pn⸗ maner Herr, und von ſehr milden Geſinnungen, wenn er nicht in ſeinem Alter die Haͤnde mit dem Blute zweier Liebenden befleckt haͤtte. Er hatte in der gan⸗ — 2 —,— —— —Z Erſte Novelle. zen Dauer ſeines Lebens nur Eine Tochter, und er wuͤrde gluͤcklicher geweſen ſeyn, wenn er anch dieſe nicht gehabt haͤtte. Sie ward von ihrem Vater ſo zaͤrt⸗ lich geliebt, als nur irgend eine Tochter von ihrem Vater jemals geliebt worden iſt; und aus dieſer zärtlichen Liebe konnte er, da ſie auch ſchon meh⸗ rere Jahre uͤber das Alter, wo ſie einen Mann haͤtte bekommen muͤſſen, hinaus war, ſich nicht von ihr trennen, und verheirathete ſie eben deshalb gar nicht⸗ Endlich indeſſen gab er ſie doch dem Sohne des Her⸗ zogs von Capua, mit dem ſie aber nur kurze Zeit gelebt hatte, dann Witwe ward und zu ihrem Va⸗ ter wieder zuruͤckkehrte. Sie war ſchoͤn vom Koͤrper und von Seſicht, wie nur irgend eine Frau es je geweſen, jung, kraͤftig, aber ernſter, als es ſich wohl fuͤr ein Frauenzimmer ſchickte. Ob ſie nun gleich, wie eine vornehme Dame bei ihrem zaͤrtlichen Vater in vielen Freuden lebte, doch aber ſah, daß er aus Liebe, die er fuͤr ſie hegte, ſich wenig Muͤhe gab, ſie wieder zu verheirathen, und es ihr auch nicht anſtaͤndig ſchien, ihn darum zu bitten, ſo dachte ſie ganz in geheim, wenn es moͤglich waͤre, einen wackern Liebhaber zu erhalten. Am Hofe ihres Vaters ſah ſie, daß mehrere Män⸗ ner, ſowohl adelige als auch andere Zutritt hatten, ſo wie man es wol an Hoͤfen zu ſehen gewohnt iſt, und ſie betrachtete die Manieren und Sitten vieler, unter andern auch eines jungen Dieners ihres Va⸗ ters, Namens Guiſchard, eines Menſchen von ziem⸗ lich niederem Herkommen, aber durch Tugend und 106 Vierter Tag. Sitten edler als jeder andere. Dieſer geſiel ihr, und ſie ward im Stillen, da ſie ihn oft ſah, ſo maͤchtig von ihm eingenommen, daß ſie allewege ſein Benehmen mehr als zu viel lobte. Der junge Mann, der zwar eben noch nicht ſehr ſcharfſichtig war, hatte aber doch ſo etwas gemerkt, und hatte ſie ſo feſt in ſein Herz geſchloſſen, daß er beinahe von allem Anderen, als nur ſie zu lieben, ſei⸗ nen Sinn abgewendet hatte. Da ſie nun auf dieſe Art einander im Stillen liebten, ſo wuͤnſchte die Jung⸗ frau nichts mehr, als nur ein Mal mit ihm zuſam⸗ men zu kommen; doch aber wollte ſie ſich dieſer Liebe wegen keinem Andern anvertrauen, und dachte daher auf eine neue Liſt, um ihn davon zu benachrichtigen. Sie ſchrieb einen Brief, und zeigte ihm darin an, was er am folgenden Tage zu thun haͤtte, um mit ihr zuſammen zu kommen, ſteckte denſelben in einen Knoten⸗Rohrſtock und ſagte im Scherz zu ihm: Laß ihn dieſen Abend als Blaſebalg von Deiner Auf⸗ waͤrterin gebrauchen, wenn ſie Dir Feuer macht. Guiſchard nahm ihn mit dem Gedanken, den haͤtte ſie ihm wol nicht ohne Grund gegeben, ging fort und kehrte damit nach ſeinem Hauſe heim. Nach⸗ dem er das Rohr hier beſehen und gefunden hatte, daß es geſpaltet war, oͤffnete er es und fand den Brief von ihr darin. Er las ihn, und merkte ſehr wohl, was er zu khun haͤtte, froͤhlich, wie ie ein Menſch nur geweſen, bemuͤhte er ſich, auf die Art, wie ſie es ihm angegeben, zu ihr zu kommen. Seitwaͤrts des fuͤrſtlichen Palaſtes hoͤhlte ſich, ———— —„———— — 20 e c —— Erſte Novelle. 109 ſeit undenklichen Zeiten her, eine Grotte tief in ei⸗ nen Berg hinein, in welche durch eine kuͤnſtlich in den Berg gemachte Heffuung etwas Licht fiel, jn⸗ deſſen da die Grotte ganz und gar nicht mehr be⸗ ſucht ward, war dieſe Heffnung von daruͤber hinge⸗ wachſenen Dornen und anderem Geſtraͤuch verſtopft. In die Grotte ſelbſt konnte man aus einer der Kam⸗ mern im Erdgeſchoſſe des Pallaſtes, welche die Dame inne hatte, vermittelſt einer verborgenen Treppe ge⸗ langen, wenn auch gleich eine feſte Thuͤr den Zu⸗ gang dazu verſchloß. Dieſe Treppe war dem An⸗ denken Aller ſo entfallen, weil ſie ſeit undenklichen Zeiten nicht mehr war gebraucht worden, daß ſich beinahe Keiner mehr erinnerte, ſie waͤre da. Aber die Liebe, deren Augen nichts ſo verborgen bleibt, daß ſie nicht dahin gelänge, hatte ſie in das Anden⸗ ken der liebenden Jungfrau zuruckgebracht. Dieſe, damit auch Niemand davon etwas gewahr werden moͤchte, hatte ſich viele Tage her in ihren Gedanken damit gequält, ehe es ihr gelingen wollte, die Thuͤr zu öffnen; nachdem ſie dieſe aber geoͤffnet, ſie al⸗ lein in die Grotte hinabgeſtiegen war, und die Sff⸗ nung bemerkt hatte, theilte ſie Guiſchard mit, wie er durch dieſe in die Hoͤhle zu kommen ſuchen moͤchte, weshalb ſie ihm die Hoͤhe angab, welche ſie bis auf den Boden haben koͤnnte.. Guiſchard ſchaffte ſich ſchnell hierzu ein Seil mit Knoten und Schleifen an, um vermittelſt der⸗ ſelben hinab⸗ und wieder heraufſteigen zu konnen, er ſelbſt kleidete ſich in Leder, um ſich vor den Dor⸗ 110 Vierter Tag. nen zu ſchützen, aber keinem Menſchen ließ er von allem dieſem etwas merken. So ging er dann die folgende Nacht zu der Hoͤhle hin, befeſtigte das eine Ende des Seiles feſt an einen tuͤchtigen Baumſtamm, der uͤber der Oeffnung geratſen war, ließ ſich durch dieſe in die Hoͤhle hinunter, und erwartete die Jung⸗ frau. Dieſe ſtellte ſich den andern Tag, als wolle ſie ſchlafen, ſchickte daher ihre Kammer⸗Damen fort, und verſchloß ſich in ihrem Zimmer; dann öffnete ſie die Thuͤr, trat in die Hoͤhle ein, und als ſie Guiſchard daſelbſt ſchon fand, waren ſie wundervoll einer uͤber den andern erfreut. Als ſie hierauf in ihr Zimmer angekommen waren, verweilten ſie da⸗ ſelbſt zu ihrer groͤßten Freude mit einander einen großen Theil dieſes Tages; und nachdem ſie mit aller Vorſicht fuͤr ihre verliebten Zuſammenkuͤnfte ſolche Einrichtungen getroffen hatten, daß ſie ganz verborgen blieben, kehrte Guiſchard in die Grotte zuruͤck, ſie verſchloß die Thuͤr und trat zu ihren Frauen wieder hinaus. In der folgenden Nacht ſtieg Guiſchard auf dem Seile, durch eben die Oeffnung, durch welche er gekommen war, wieder hinaus, und kehrte nach Hauſe zuruͤck. Indeſſen, da er dieſen Weg einmal kennen gelernt hatte, kehrte er darauf im Verfolge der Zeit noch oftmals wieder zuruck. Allein das Gluͤck, neidiſch uͤber ein ſo großes und ſo lange fortdauerndes Vergnuͤgen, verwandelte durch einen ſchmerzlichen Erfolg die Freude der bei⸗ den Liebenden in traurige Klagen. — — Erſte Novelle. 111 Tankred war gewohnt, zuweilen ganz allein in die Kammer ſeiner Tochter zu kommen, ſich bei ihr zu verweilen, mit ihr zu unterhalten und dann wie⸗ der fortzugehen. Eines Tages kam er auch nach dem Eſſen hinunter, als gerade die Jungfrau,— ihr Name war Sigismunda— mit allen ihren Damen nach dem Garten gegangen war; da er ohne von Jemand geſehen oder gehoͤrt worden zu ſeyn, in das Zimmer eingetreten war, und er ſie in ihrem Ver⸗ gnugen nicht ſtoͤren wollte, ſetzte er ſich, da er die Fenſter des Zimmers geſchloſſen, und die Vorhaͤnge des Bettes herabgelaſſen fand, zu Fuͤßen des letztern in einen Winkel auf ein Tabouret nieder; den Kopf auf das Bett gelegt, zog er die Vorhäͤnge uͤber ſich zu, ſo als wenn er ſich mit allem Fleiß verſtecken wollte, und ſchlief ein. Waͤhrend er ſo ſchlief, trat Sigismunda, welche zum Ungluͤck Guiſchard zu kom⸗ men beſchieden, und deshalb ihre Frauen im Garten zuruͤckgelaſſen hatte, leiſe in ihr Zimmer hinein; nachdem ſie daſſelbe verſchloſſen, und, ohne zu be⸗ merken, daß Jemand darin waͤre, Guiſchard, der ſie erwartete, die Thur geöffnet hatte, gingen ſie, wie ſie gewohnt waren, ſcherzend und ſchäkernd, nach dem Bette hin, als Tankred erwachte, merkte und ſah, was Guiſchard und ſeine Tochter vornahmen. Im hoͤchſten Grade daruͤber betruͤbt, wollte er an⸗ fänglich ſie tuͤchtig herunter machen, doch aber be⸗ ſann er ſich nachher und ſchwieg, blieb ſo verborgen als er nur konnte, um deſto vorſichtiger, und mit der wenigſten Schande fuͤr ſich ſelbſt, das anszufüͤh⸗ 112 Vierter Tag. ren, was ihm thun zu muͤſſen in den Sinn gekom⸗ men war. Die beiden Liebenden blieben lange Zeit beiſammen, ſo wie ſie es gewohnt waren, ohne Tan⸗ kred zu bemerken; als es ihnen dann Zeit zu ſeyn ſchien, erhoben ſie ſich von dem Bette, Guiſchard kehrte nach der Grotte zuruͤck, und ſie verließ das Zimmer, aus welchem Tankred, ſo alt er auch ſchon war, durch ein Fenſter ſich in den Garten hin⸗ abließ, ohne daß Jemand es bemerkte. Bis zum Tode betrubt kehrte er nach ſeinem Zimmer zuruͤck. Auf einen von ihm gegebenen Befehl, ward Gui⸗ ſchard, ſo wie er in ſeinem ledernen Anzuge behin⸗ dert war, beim Ausgange der OHeffnung, in der fol⸗ genden Nacht, gegen den erſten Schlaf, von Zweien ergriffen und ganz in geheim vor Jankred gefuͤhrt. Sobald dieſer ihn erblickte, ſagte er faſt mit Thrä⸗ nen zu ihm: Guiſchard, meine Guͤte gegen Dich haͤtte doch wol den Schimpf und die Schande nicht verdient, den Du mir in dem Meinigen angethan haſt, und wie ich es heute mit meinen Augen geſehen habe. Hierauf antwortete Guiſchard weiter nichts, als: Die Liebe vermag mehr, als Ihr und ich koͤnnen. Pierauf befahl Fankred, daß er ganz im Stillen auf eine Kammer gebracht, und daſelbſt bewacht wuͤrde. Und es geſchah. Als der folgende Tag gekommen war, Sigis⸗ munde von allem dieſem nichts wußte, Jankred aber vielerlei und mancherlei bei ſich uberdacht hatte, ging er nach dem Eſſen ſeiner Gewohnheit gemaͤß in das Zimmer ſeiner Tochter, und, nachdem er ſie Erſte Novelle. 113 ſich hatte rufen laſſen, und ſich mit ihr darin ver⸗ ſchloſſen, fing er mit Thränen alſo an: Sigis⸗ munde, ich dachte Deine Tugend und Deine Ehrbar⸗ keit zu kennen, und daher wärde es mir nie in den Sinn gekommen ſeyn, wenn es mir auch geſagt wor⸗ den wäre, haͤtte ich es nicht mit meinen Augen geſe⸗ hen, daß Du Dich einem Menſchen, der nicht Dein Gemahl geweſen, hinzugeben, nur einmal gedacht, viel weniger wirklich gethan haben wuͤrdeſt. Dies wird mir fuͤr den kurzen Ueberreſt des Lebens, ſo viel mein Alter mir noch aufſpart, immer ſehr ſchmerzhaft bleiben, ſo oft ich daran denke. Und wollte Gott, daß, wenn Du einmal zu ſolcher Schande hinabſinken wollteſt, Du einen Mann erwählt hät⸗ teſt, der Deinem Adel angemeſſen geweſen wäre; aber unter ſo Vielen, die an meinem Hofe Zutritt haben, haſt Du Guiſchard gewählt, einen iungen Menſchen von dem niedrigſten Herkommen, der an unſerem Pofe, faſt um Gottes Willen, von klein auf bis heute aufgezogen worden iſt. In dem ge⸗ waltigen Seelen- Kummer, worin Du mich verſetzt haſt, weiß ich nicht, was ich fuͤr einen Entſchluß uͤber Dich faſſen ſoll. Was ich mit Guiſchard, den ich dieſe Nacht, als er aus der Oeffnung herauskam, habe fangen und ins Gefängniß bringen laſſen, ma⸗ chen ſoll, daruͤber ſteht mein Entſchluß ſchon feſt, aber was mit Dir zu machen iſt, das weiß ich, bei Gott! nicht. Auf einer Seite zieht mich die Liebe, die ich immer in ſolchem Grade fuͤr Dich gefuͤhlt habe, wie mur ein Vater ſie fuͤr ſeine Tochter je Voccaccio's fämmti. W. 3. 8 114 Vierter Tag. gefuͤhlt hat; auf der andern zieht mich der gerech⸗ teſte Unwille uͤber Deine Thorheit. Jene will, daß ich Dir verzeihe, und dieſer will, daß ich ganz ge⸗ gen meine Natur grauſam gegen Dich werde. Doch, ehe ich irgend eins erwähle, verlange ich von Dir zu hören, was Du darauf ſagen kannſt. Und nach⸗ dem er ſo geſprochen hatte, neigte er ſein Geſicht und fing ſo heftig an zu weinen, wie ein hart gezuͤch⸗ tigtes Kind nur thun wärde. Sigismunde, da ſie den Vater ſo reden hoͤrte, und einſah, daß nicht allein ihre heimliche Liebe ent⸗ deckt, ſondern auch, daß Guiſchard gefangen waͤre, fuͤhlte unſaͤglichen Schmerz, und war mehrmals im Begriff, ihn laut und mit Thraͤnen, wie meiſten⸗ theils Frauen zu thun pflegen, zu zeigen; doch ihr ſtolzer Sinn uͤberwand dieſe Gemeinheit, mit be⸗ wunderungswuͤrdiger Gewalt behielt ſie ihren feſten Blick, und beſchloß bei ſich ſelbſt, ehe ſie eine Bitte für ſich thäte, wollte ſie lieber nicht laͤnger am Le⸗ ben bleiben, da ſie uͤberdies ihren Guiſchard ſchon fuͤr todt hielt. Daher ſprach ſie, nicht wie ein trau⸗ erndes Weib, das ſeinen Fehler erkannte, ſondern unbekummert, muthig, mit trockenem und offenem Blick, und von nichts beunruhigt, ſo zu ihrem Vater: Tankred, es kommt mir nicht ein, weder zu leugnen, noch zu bitten; das Eine wuͤrde mir nichts helfen, und das Andere will ich nicht, daß es mir was helfen ſoll; auch uberdies geht meine Abſicht auf keine Weiſe dahin, Dein Wohlwollen und Deine h⸗ e⸗ h, ir h⸗ nd ch⸗ te, nt⸗ re, im en⸗ ihr be⸗ ſten itte Le⸗ chon rau⸗ dern nem rem r zu ichts mir uſicht Deine Erſte Novelle. Liebe für mich geneigt zu machen, ſondern, wenn ich die Wahrheit geſtehe, zuerſt meinen Ruf durch wahrhafte Gruͤnde zu vertheidigen, und dann durch Thaten kraͤftig der Größe meines Geiſtes zu folgen. Wahr iſt es, daß ich Guiſchard geliebt habe und ihn liebe, und ſo lange ich lebe, was nicht lange mehr ſeyn wird, ihn lieben werde, und, wenn man auch nach dem Tode noch liebt, nicht aufhören werde ihn zu lieben. Aber hierzu hat mich nicht ſowohl meine weibliche Hinfaͤlligkeit verleitet, als vielmehr Deine wenige Sorgfalt, mich zu verheirathen, und ſein ho⸗ her Werth. Es muß Dir bekannt ſeyn, Tankred, daß Du, von Fleiſch und Blut, eine Tochter eben⸗ falls von Fleiſch und Blut, aber nicht von Stein und Eiſen, erzeugt haſt; Du mußteſt und mußt Dich erinnern, wenn Du auch gleich ſchon alt biſt, wie, auf welche Art, und mit welcher Kraft die Geſetze der Jugend ihr Recht behaupten, und, ob Du gleich als Mann in Deinen beſſern Jahren Dich in den Waffen geubt haſt, mußteſt Du doch um nichts weniger einſehen, was Muße und Wohlleben bei Al⸗ ten, und noch um ſo mehr bei Jungen Ich bin daher, als von Dir erzeugt, und Blut, habe aber ſo wenig gelebt, jung, und ſowohl des einen wie des ar voll ſinnlicher Begierden bin, welche a vermoͤgen. von Fleiſch daß ich noch ndern wegen, if eine wun⸗ ten haben, daß ich, ſchon ein Mal verheirathet, ken⸗ nen gelernt habe, wie groß das Vergnuͤgen iſt, dieſe Begierde zu befriedigen. Dieſer Gewalt habe ich 116 Vierter Tag⸗ nicht widerſtehen koͤnnen, und habe mich, noch jung und Weib dem zu folgen, wozu ſie mich hinzog, hingegeben und mich verliebt. Und wahrlich, ich habe alle meine Kraft dagegen geſetzt, um ſowohl Dir als mir in dem, wozu mich natürliche Schwäche hinzog, ſo wenig Schande zu machen, als ich es nur immer vermochte. Hierzu aber ließ die mitleidige Liebe und ein gütiges Geſchick mich einen verbor⸗ genen Weg finden, und zeigten ihn mir, auf wel⸗ chem ich, ohne daß es Jemand merkte, zum Ziele meiner Wuͤnſche gelangte; und wer es Dir auch an⸗ gezeigt haben mag, oder auf welche Art Du es auch erfahren haſt, ich laͤugne es nicht. Ich habe Gui⸗ ſchard nicht von ungefähr genommen, wie das Viele thun; ſondern ich habe ihn nach reiflicher überlegung vor jedem Andern gewaͤhlt, nach vorſichtigem Beden⸗ ken bei mir eingefuͤhrt, und mit weiſer Beharrlich⸗ keit, ſowohl von meiner, als auch von ſeiner Seite, lange mein Verlangen befriedigt. Hieruͤber aber, meinen Fehler, den ich aus Liebe begangen habe, bei Seite geſetzt, ſcheint es mir, als wenn Du mehr dem allgemeinen Vorurtheil, als der Wahrheit folg⸗ teſt, wenn Du, mich mit um ſo groͤßerer Bitterkeit tadelnd, ſagſt(gleichſam als würdeſt Du viel weni⸗ ger aufgebracht ſeyn, wenn ich einen Edelmann hier⸗ zu erwählt haͤtte), daß ich mich mit einem Manne von niederem Stande eingelaſſen habe⸗ Hierbei aber vedenkſt Du gar nicht, daß Du nicht mein, ſondern das Verſehen des Gluckes beſtrafſt, welches ſehr oft vit nicht Wuͤrdigen in die Höhe hebt und die Wuͤr⸗ le n⸗ ti⸗ le ng n⸗ ch⸗ te, er, bei ehr g⸗ keit eni⸗ ier⸗ mne aber dern oft zur⸗ Erſte Novelle. 147 digſten unten laßt. Doch laſſen wir das bei Seite geſetzt, und ſieh nur ein Mal auf den Grund der Dinge, und dann wirſt Du ſehen, daß wir Alle, aus Fleiſch und Blut gebildet, auch Fleiſch und Blut ha⸗ ben, und daß von einem und eben demſelben Schoͤpfer alle Seelen mit gleicher Staͤrke, mit gleichen Fa⸗ higkeiten, mit gleichen Kraͤften erſchaffen worden ſind. Die Tugend unterſchied uns, die wir Alle gleich geboren wurden und noch geboren werden, zuerſt von einander, und diejenigen, die einen größeren Autheil an ihr erhielten oder anwendeten, wurden edel ge⸗ nannt, und die Uebrigen alle blieben nicht edel. Und mag auch eine entgegengeſetzte Gewohnheit dieſes Geſetz verdunkelt haben, ſo iſt es doch noch nicht gaͤnzlich abgeſchafft, und weder von der Natur noch von den guten Sitten verderbt worden; darum zeigt ſich derjenige, der tugendhaft handelt, offenbar edel, und derjenige, der ihn anders nennt, nicht derjenige, der anders genannt wird, ſondern derjenige, der ihn anders nennt, begeht einen Fehler. Blick' unter al⸗ len Deinen edeln Maͤnnern umher und unter ſuche ihre Tugend, ihre Sitten, ihr Betragen, und von der andern Seite betrachte Guiſchard's; und wenn Du dann unparteiiſch urtheilen willſt, ſo wirſt Du ſa⸗ gen, daß er edel iſt, und Deine Edeln alle gemein ſind. über Guiſchard's Tugenden und hohen Werth habe ich dem Urtheile keines Andern geglaubt, als nur dem Deiner Worte und meiner Augen Wer hat ihn jemals mehr empfohlen, als Du, wenn Du ihn in allen dem Lobenswuͤrdigen empfahlſt, was Vierter Tag. einem tuͤchtigen Menſchen zur Empfehlung dienen kann? Und wahrlich, nicht mit Unrecht; denn wenn meine Augen mich nicht taͤuſchten, ſo ward ihm von Dir uͤber nichts ein Lob ertheilt, was ich nicht geſe⸗ hen haͤtte, daß er ausfuͤhrte, und wundervoller aus⸗ fuͤhrte, als es Deine Worte nur ausdruͤcken konnten; und wenn ich hierin mich dennoch getaͤuſcht haͤtte, ſo waͤre ich durch Dich getauſcht worden. Wie kannſt Du alſo ſagen, daß ich mich mit einem Manne von niederem Stande eingelaſſen hätte? Da wuͤrdeſt Du nicht die Wahrheit ſagen. Aber wenn Du etwa geſagt haͤtteſt: mit einem Armen, dann koͤnnte man nur zu Deiner Schande zugeben, daß Du einen trefflichen Menſchen, der Dein Diener iſt, auf ſol⸗ che Art haͤtteſt in beſſere Umſtaͤnde verſetzen koͤnnen; Armuth aber benimmt Keinem den Adel, wohl aber die Lebensmittel. Es gab und gibt noch viele Koͤnige, viele große Fuͤrſten, die einſt arm waren, und viele unter denen, welche hacken und graben und das Vieh huͤten, die einſt reich waren, und es noch ſind. Den letzten Zweifel, den Du in Anregung bringſt, nämlich, was Du mit mir machen ſollſt, den verjage ganz und gar, wenn Du entſchloſſen biſt, in Deinem Alter das zu thun, wozu Du in Deiner Jugend nie gewoͤhnt warſt, naͤmlich grauſam zu ſeyn. Laß Deine Grauſamkeit gegen mich aus, die ich, auf keine Bitte gewillet bin, Dir als den erſten Grund zu dieſem Vergehen, wenn es ein Vergehen iſt, auszulegen; denn ich verſichere Dich, alles was Du an Guiſchard gethan haſt oder thun wirſt, werden, wenn Du mit mir 8 8 8 * N —* 8 8 85 8 Erſte Novelle. nicht daſſelbe thuſt, meine eigenen Haͤnde an mir thun. Auf dann! mit Weibern zerfließ in Thraͤ⸗ nen, werde grauſam und mit Einem Schlage, wenn es Dir gut duͤnkt, daß wir es verdient haben, morde! Der Fuͤrſt erkannte die Seelengroͤße ſeiner Toch⸗ ter, doch aber glaubte er nicht, daß ſie ſo feſt, wie ſie ſagte, zu dem entſchloſſen waͤre, was ihre Worte ausdruͤckten. Nachdem er daher von ihr gegangen war, und den Gedanken, nur im geringſten gegen ſie ſelbſt grauſam verfahren zu wollen, von ſich ent⸗ fernt hatte, gedachte er, durch des Andern Untergang ihre gluͤhende Liebe abzukuͤhlen; er befahl daher den Beiden, welche Guiſchard bewachten, ihn ohne alles Geraͤuſch in der folgenden Nacht zu ſtranguliren, das Herz ihm auszureißen und ihm zu uͤberbringen. So wie es ihnen befohlen war, ſo fuͤhrten ſie es aus. Sobald der folgende Tag gekommen, ließ ſich der Fuͤrſt einen großen, ſchoͤnen goldenen Becher brin⸗ gen, that Guiſchard's Herz hinein, und ſandte ihn alsdann durch ſeinen geheimſten Diener der Tochter zu, mit dem Auftrage, ihr, wenn er ihr denſel⸗ ben uͤberreichte, zu ſagen: Dein Vater ſchickt Dir dies, um Dich fuͤr das zu troͤſten, was Du am mei⸗ ſten liebſt, ſo wie Du ihn uͤber das getroͤſtet haſt, was er am meiſten liebte. Sigismunde, keineswegs von ihrem wilden Vor⸗ ſatze abgebracht, hatte ſich giftige Kraͤuter und Wuv⸗ zeln bringen laſſen, zog dieſe, ſobald als ihr Va⸗ ter ſie verlaſſen hatte, in Waſſer ab, um es 120 Vierter Tag. ſogleich zur Hand zu haben, wenn das, was ſie fuͤrchtete, erfolgen ſollte. Sobald daher der Diener mit dem Geſchenk und den Worten des Fuͤrſten ein⸗ getreten war, nahm ſie, feſten Blickes, den Becher, und da ſie ihn aufgedeckt, das Herz geſehen und die Worte gehoͤrt hatte, war ſie feſt uͤberzeugt, dies waͤre Guiſchard's Herz. Hierauf ihr Geſicht zum Diener erhebend, ſagte ſie: Ein minder würdiges Grabmal, als von Gold, kam einem Herzen, wie dieſes iſt, nicht zu; darin hat mein Vater ſehr ver⸗ ſtändig gehandelt. Alſo geſprochen, naͤherte ſie es ihrem Munde, kuͤßte es und ſagte: In allen Din⸗ gen habe ich immer, und bis auf dieſen letzten Mo⸗ ment meines Lebens, meines Vaters Liebe gegen mich uͤberaus zärtlich gefunden, jetzt aber mehr als jemals; deshalb zolle ich meinerſeits ihm fuͤr ein ſo großes Geſchenk den letzten Dank, wie ich es nur immer muß. So ſprach ſie; dann wandte ſie ſich wieder nach dem Becher hin, den ſie feſt in der Hand hielt, und ſagte, auf das Herz hinblickend: O du ſuͤßeſter Quell aller meiner Freuden, verwuͤnſcht ſey die Grauſamkeit deſſen, der mich dich mit den Augen an der Stirn jetzt ſehen laͤßt. Genng ſchon war es mir, dich zu jeder Stunde mit denen des Geiſtes zu betrachten. Du haſt deinen Lauf voll⸗ bracht, und, wie ihn das Schickſal dir vergoͤnnte, ſchnell vollendet. Gekommen biſt du an das Ziel, nach welchem ein Jeglicher laͤuft. Daheim gelaſſen haſt du die Erbärmlichkeiten der Welt und ihre Muͤhſeligkeiten, und von deinem Feinde ſelbſt dieje⸗ ————— 8 e S c S NM — — 8 Erſte Novelle. 12¹ nige Beſtattung erhalten, welche dein hoher Werth verdient hat. Nichts fehlte Dir, daß du das voll⸗ kommenſte Leichenbegaͤngniß erhielteſt, als die Thra⸗ nen derjenigen, die du im Leben ſo geliebt haſt; damit du aber auch dieſe erhielteſt, floͤßte Gott es dem liebloſen Herzen meines Vaters ein, daß er dich mir zuſandte; und ich will ſie dir darbringen dieſe Thränen, ob ich gleich mir vorgeſetzt hatte, mit trockenen Augen und mit einem Blicke, der von nichts erſchuttert werden ſollte, zu ſterben; und habe ich ſie dir dargebracht, ſo ſoll ohne irgend einen Ver⸗ zug meine Seele ſich mit dieſer vereinigen, welche du— und allein nur du vermochteſt dies— einſt ſo theuer aufbewahrt haſt. und in welcher Beglei⸗ tung konnte ich beſſer oder ſicherer an unbekannte Orte gelangen, als mit ihr? Ich bin feſt uberzeugt, daß ſie ſich ſogar noch darin befindet, und nach den Denkmalen ihrer und meiner Freuden hinblickt, und ſie, wie ich auch davon uͤberzeugt bin, mich liebt, die meine erwartet, von der ſie ſo uͤberaus geliebt iſt. Nachdem ſie ſo geſprochen, fing ſie, ohne ir⸗ gend einen weibiſchen Lärm zu machen, uͤber den Be⸗ cher gebengt, nicht anders, als haͤtte ſie eine leben⸗ dige Quelle Waſſer in ihrem Haupte gehabt, an, ſo viel Thraͤnen zu vergießen, daß es ein Wunder war mit anzuſehen, indem ſie unzaͤhlige Mal das todte Herz kuͤßte. Ihre Frauen, welche herum ſtanden, konnten nicht begreifen, was das fur ein Herz ſeyn moͤchte, noch was die Worte, die ſie geſprochen hatte, ſagen 122 Vierter Tag. ſollten. Indeſſen, von Mitleid geruͤhrt, weinten ſie alle und fragten theilnehmend ſie nach dem Grunde ihrer Klagen, allein umſonſt, um deſto mehr aber bemuͤhten ſie ſich, ſie zu troͤſten, ſo viel ſie nur konnten. Nachdem ſie genug geweint zu haben glaubte, richtete ſie den Kopf in die Hoͤhe, und nachdem ſie ihre Augen getrocknet hatte, ſagte ſie: O du vielgeliebtes Herz, jegliche meiner Pflich⸗ ten gegen dich iſt vollbracht, und nichts bleibt mir mehr zu thun uͤbrig, als mit meiner Seele der dei⸗ nigen Geſellſchaft zu leiſten. Nachdem ſie dies geſprochen, ließ ſie ſich den kleinen Krug reichen, in welchem das Waſſer war, was ſie den Tag vorher zubereitet hatte, dies goß ſie in den Becher, in welchem das in ſo vielen ihrer Thraͤnen gebadete Herz war, und, ohne alle Furcht an den Mund geſetzt, trank ſie es aus. Als ſie es ge⸗ trunken hatte, begab ſie ſich, mit dem Becher in der Hand, nach ihrem Bette, legte, mit allem nur moͤg⸗ lichſten Anſtande den Koͤrper ganz daruͤber hin, und ihr Herz, feſt an das ihres gemordeten Geliebten druͤckend, erwartete ſie, ohne nur noch ein Wort zu reden, den Tod. Ihre Frauen, welche dies alles geſehen und ge⸗ hoͤrt hatten, wenn ſie auch gleich nicht wußten, was das fuͤr Waſſer geweſen, was ſie getrunken hatte, ließen Tankred alles ſagen. Dieſer, ahnend ſchon, was geſchehen ſeyn koͤnnte, eilte nach dem Zimmer ſeiner Tochter hin, in wel⸗ ches er eben eintrat, als ſie ſich auf das Bett legte; ——„——— —— — 5 Erſte Novelle. 123 zu ſpät erſchien er mit ſuͤßen Worten zu ihrem Troſte, denn er ſah, auf welchen entſcheidenden Punkt es mit ihr gekommen war; er fing daher ſchmerzlich zu klagen an, worauf ihm die Jungfrau zur Antwort gab: Tankred, ſpare dieſe Thraͤnen zu einem minder erſehnten Geſchick auf, als dieſes iſt, auch weihe ſie mir nicht, denn ich verlange ſie nicht. Wer hat wol jemals Einen klagen ſehen uͤber das, was er ſelbſt gewollt hat? Indeſſen, wenn auch nur noch ein Funken von der Liebe, die Du einſtens für mich heg⸗ teſt, in Dir lebt, ſo gewaͤhre mir, als das letzte Geſchenk, weil Du es nicht genehmigteſt, daß ich ſtillſchweigend und im Verborgenen mit Guiſchard leben konnte, daß mein Koͤrper mit dem ſeinigen, wohin Du auch ſeinen Leichnam haſt hinwerfen laſ⸗ ſen, oͤffentlich zuſammen ruhe. Die Todesqual des Schmerzes verſtattete dem Fuͤrſten nicht zu antworten; als daher die Jung⸗ frau merkte, daß ihr Ende ſich näͤhere, druckte ſie das todte Herz immer feſter an ihre Bruſt und ſagte: Bleibt mit Gott, denn ich ſcheide. Und nachdem ſie die Augen verhuͤllt und jeden Sinn verloren hatte, ſchied ſie aus dieſem qualvollen Leben. So war das ſchmerzliche Ende der Liebe Gui⸗ ſchard's und Sigismundens, wie Ihr gehoͤrt habt. Nach vielen Thraͤnen, und zu ſpaͤt ſeine Grau⸗ ſamkeit bereuend, ließ Tankred, mit allgemeiner Trauer aller Salernitaner, Beide, ehrenvoll in ein und daſſelbe Grabmal begraben. Vierter Tag. Zweite Novelle. Bruder Albert macht einem Maͤdchen weis, daß der Engek Gabriel in ſie verliebt waͤre, und in dieſer Geſtalt ſchläft er mehrere Male bei ihr; aus Furcht vor ihren Anverwandten entſpringt er aus dem Hauſe, fluͤchtet ſich indeſſen in das eines armen Mannes, der aber in Geſtalt eines Wilden ihn am folgenden Tage auf den Markt fuͤhrt; dort wird er erkannt, von ſeinen andern Bru⸗ dern feſtgenommen und ins Gefaͤngniß geworfen. Die von Fiammetta erzaͤhlte Novelle hatte noch mehrere Male ihren Gefaͤhrtinnen die Thränen in die Augen gelockt; allein da dieſelbe beendigt war, ſagte der Koͤnig mit ernſtem Blicke; Mein Leben wuͤrde mir wenig Werth zu haben ſcheinen, wenn ich es auch nur fuͤr die Haͤlfte des Vergnuͤgens hin⸗ geben ſollte, was Sigismunde mit Guiſchard genoſ⸗ ſen hatte; es darf ſich daher keine von Euch wun⸗ dern, däß, wenn ich auch gleich mein ganzes Leben hindurch ſtundlich tauſend Fode fuͤhle, mir doch für alle dieſe auch nicht das kleinſte Vergnuͤgen zu Theil geworden iſt. Doch von meinen Schickſalen jetzt kein Wort weiters mein Wille iſt, daß Pampinea in den graͤßlichen und zum Theil meinem Schickſale äͤhnli⸗ chen Erzaͤhlungen folge, und wird ſie dann, ſo wie Fiammetta angefangen hat, fortfahren, dann werde ich doch ohne Zweifel wol einigen Thau guf meine Gluth herabfallen fuͤhlen. Sobald Pampinea merkte, daß der Befehl an ſie gelangt waͤre, und ſie den Sinn ihrer Gefaͤhr⸗ tinnen mehr aus ihrer eigenen Neigung, als den des et lt en ch ut 6 in r en nn n⸗ n⸗ en eil ein den Ui⸗ wie rde ine hr⸗ des Zweite Novelle. 125 Königs aus ſeinen Worten erkannte, ſo fuͤhlte ſie ſich eben darum geneigter, jene ein wenig zu ergoͤz⸗ zen, als den Koͤnig, ausgenommen, was ſeinen Be⸗ fehl betraf, zu befriedigen; und daher entſchloß ſie ſich, eine Novelle zum Lachen zu erzaͤhlen, ohne je⸗ doch gerade die Aufgabe zu verlaſſen, und fing an: Man hat im gemeinen Leben ſo ein Sprichwort: Sey nur ein Schurke mit frommen Geſicht, dann kannſt du ſtehlen, man glaubt es doch nicht. Dies gibt mir hinreichenden Stoff, von dem was mir vor⸗ geſchrieben iſt, zu erzaͤhlen und auch zu zeigen, wie groß und von welcher Art die Scheinheiligkeit der Moͤnche iſt, welche mit weiten und langen Kleidern, mit erkuͤnſtelt blaſſen Geſichtern und mit demuͤthiger und ſanfter Stimme fremdes Gut fordern, mit ſtol⸗ zer und wilder aber an Andern ihre eigenen Laſter tadeln und zeigen, daß ſie— wenn ſie nehmen, An⸗ dere— wenn ſie ihnen geben, zum Heil gelangen, und die ſich uͤberdies nicht als Menſchen, ſo wie wir, das Paradies erwerben mußten, ſondern die wie Beſitzer und Herren deſſelben einem Jeden nach ſeinem Tode, der Summe Geldes gemaͤß, die er ihnen hinterlaſſen hät, einen mehr oder weniger vor⸗ zuͤglichen Platz geben, und hiermit vor allen andern zuerſt ſich, wenn ſie dieſen Glauben haben, und dann diejenigen, die hieruͤber ihren Worten Glauben bei⸗ meſſen, zu taͤuſchen bemuͤhen. Wenn mir hievvon ſo viel als ſich ſchickte, zu zeigen erlaubt wäre, ſo wuͤrde ich vielen Schwachen bald kund thun, was ſie in ihren weiten Kappen verborgen haben. Doch aber 126 Vierter Tag⸗ waͤre es jetzt nur Gottes Wille, daß es mit ihren Luͤgen allen ſo ginge, wie einſt einem Minoriten⸗ Bruder, der gar nicht mehr jung, ſondern als einer von den älteſten war, die in Aſſiſi leben, und ſich in Venedig aufhielt; von dem ich Euch uͤber⸗ haupt etwas erzaͤhlen will, damit Eure uͤber Sigis⸗ mundens Tod von Mitleid erfuͤllten Gemuͤther durch Lachen und Froͤhlichkeit wieder ein wenig aufgehei⸗ tert werden. Es war alſo, wackere Mädchen, in Immola ein Menſch von dem gottloſeſten und verdorbenſten Leben, welcher Berto dalla Maſſa hieß. Seine ver⸗ worfenen Handlungen, welche den Immoleſern voll⸗ kommen bekannt waren, brachten es dahin, daß Kei⸗ ner in Immola war, der ihm nicht einmal die Wahr⸗ heit, geſchweige die Luͤgen noch glaubts. Als er daher merkte, daß ſeine Betruͤgereien dort nicht mehr Statt fanden, begab er ſich, wie in Verzweiflung, nach Venedig, der Beherbergerin iedes Unflathes, und hier dachte er fuͤr ſeine ſchaͤndliche Lebensart eine andere Weiſe zu finden, wie er es anderswo nicht wuͤrde gekonnt haben. Und wie von Gewiſſensbiſſen uͤber die in ſeinem fruͤhern Leben begangenen ſchlech⸗ ten Streiche getrieben, zeigte er ſich jetzt von der hoͤchſten Demuth ergriffen, und rechtgläubiger als urgend ein anderer Menſch geworden, ging er hin, ward ein Minoriten⸗Bruder, und ließ ſich Bruder Albert von Immola nennen. Und in ſolcher Klei⸗ dung fing er ſcheinweiſe an ein rauhes Leben zu fuͤh⸗ ren, Vielen Buße und Enthaltſamkeit zu empfehlen; S et N* * K Zweite Novelle. 127 aß je weder Fleiſch noch trans er Wein, wenn er keinen hatte, der ihm gefiel. Kurz man hatte nie einen Menſchen geſehen, der aus einem Spitzbuben, aus einem Kuppler, aus einem Betruͤger, aus einem Moͤrder ſchneller ein großer Prediger geworden wäre, ohne daß er die vorgedachten Laſter abgelegt haͤtte, wenn er ſie nur auf eine verborgene Art ausfuͤhren konnte. überdies noch hatte er ſich zum Prieſter ge⸗ macht, der ſtets am Altare, wenn er celebrirte, und von Vielen geſehen ward, das Leiden des Erloͤſers beweinte, wie einer, dem die Thraͤnen nichts koſten, wenn er ſie haben will. und in kurzem wußte er durch ſeine Predigten ſowohl, als auch durch ſeine Thraͤnen, die Venezianer ſo zu kirren, daß er bei⸗ nahe von jedem Teſtamente, was gemacht ward, der treue Bevollmaͤchtigte, Aufbewahrer und Verwalter der Gelder von Vielen, und der Beichtiger und Be⸗ rather des groͤßten Theiles der Maͤnner und Frauen wurde. Und ſo war er aus einem Wolfe ein Hirt und der Ruf ſeiner Heiligkeit hier weit groͤßer gr⸗ worden, als der des heiligen Franz von Aſſiſi nur jemals geweſen war. Da begab es ſich, daß ein junges, läppiſches und dummes Mädchen, gewoͤhnlich Quirino's Lies⸗ chen genannt, und an einen großen Handelsmann ver⸗ heirathet, der mit ſeinen Galeeren nach Flandern gegangen war, mit noch andern Frauen bei dieſem Frater zur Beichte ging. Als ſie ihm nun ſo zu Fuͤßen ſaß, entdeckte ſie ihm, wie eine echte Vene⸗ zianerin(und das ſind alle Put⸗Gaͤnſe), einen Theil ——— 128 Vierter Tag. ihrer Geheimniſſe, ſo daß Bruder Albert ſie fragte, ob ſie denn keinen Liebhaber haͤtte.. Mit einem boͤſen Geſichte antwortete ſie: Hm! Herr Frater, habt Ihr keine Augen im Kopfe? Glaubt Ihr denn, daß meine Schoͤnheit ſo, wie die: der Andern waͤre? Ich wuͤrde nur zu viele haben, 1 wenn ich welche haben wollte, aber meine Schoͤnheit iſt nicht ſo, daß ich mich von dieſem oder jenem lie⸗ ben ließe. Wie viele ſeht Ihr denn wohl, deren 3 Schoͤnheit ſo wie meine iſt? Auch im Paradieſe e wuͤrde ich ſchoͤn ſeyn. Und nun ſchwatzte ſie uͤberdies noch ſo viel von 6 ihrer Schoͤnheit, daß es ein Ekel war mit anzuhoͤ⸗ ren. A Bruder Albert merkte den Augenblick, daß ſie te ein Gänschen waͤre, und wohl ſo etwas fuͤr ſeinen ei Schnabel ſeyn möchte; er verliebte ſich daher ſo⸗ n gleich uͤber alle Maßen in ſie, doch aber ſparte er ur ſich die Schmeicheleien bis zu einer gelegenern Zeit fo auf Indeſſen aber, um ſich doch wie einen Heili⸗ H gen zu zeigen, that er für dies Mal ſo, als wollte er ſie tuͤchtig ausſchelten, und ſagte ihr, das waͤre da eitele Ruhmſucht, und dergleichen Hiſtoͤrchen mehr. die Das Mädchen ſagte ihm hierauf, daß er ein wr Eſel waͤre, und eine Schoͤnheit nicht vor der andern zu unterſcheiden wuͤßte. zu Inzwiſchen nahm ihr Bruder Albert, da er ſie An nicht noch mehr beunruhigen wollte, die Beichte ab, unt und ließ ſie mit den Andern gehen. Nach Verlauf 3. Eu einiger Tage aber, nahm er einen treuen Gefaͤhrten en ſ⸗ eit li⸗ Ute àre ein ern ſie ab, auf ten Zweite Novelle. von ſich und ging mit dem nach Jungfer Lieschens Hanſe; hier zog er ſie in einem Zimmer, wo er von Keinem geſehen werden konnte, bei Seite und ſagte, da er ſich ihr zu Füͤßen geworfen hatte: Liebe Frau, ich bitt' Euch um Gottes Willen, vergebt mir, was ich Sonntags, als Ihr von Eurer Schoͤn⸗ heit mit mir ſprachet, Euch geſagt habe, denn ich bin in der folgenden Nacht ſo grauſam daruͤber ge⸗ zuͤchtigt worden, daß, als ich nun ſo da lag, nicht eher, als heute erſt habe wieder aufſtehen koͤnnen. Ganz betruͤbt ſagte die Frau: Und wer hat Euch denn ſo gezuͤchtigt? Das will ich Euch ſagen, antwortete Bruder Albert: Als ich in der Nacht mein Gebet verrich⸗ tete, wie ich das immer zu thun pflege, ſah ich mit einem Male einen hellen Glanz in meiner Zelle, und noch hatte ich mich nicht einmal umdrehen können, um zu ſehen, was das waͤre, als ich einen ſehr ſchoͤnen Juͤngling, mit einem großen Stocke in der Hand, uͤber mir ſah, der mich bei der Kapuze faßte, mich zu Boden zog und ſo auf mich einſchlug, daß er mir alle Knochen im Leibe zerbrach. Als ich dieſen nun fragte, warum er das gethan hätte, ant⸗ wortete er: Weil Du Dich heute unterſtanden haſt, die himmliſchen Schönheiten von Jungfer Lieschen zu tadein, die ich, Gott ausgenvmmen, über alles Andere liebe. Da fragte ich: Wer biſt Du denn? und er gab mir zur Antwort, daß er der Engel Ga⸗ briel wire. O, Herr, ſagte ich darauf, ich bitte Euch, vergebt es mir. Da ſagte er: Ich verzeihe Boccaecio's ſämmtl. W. 3. 130 Vierter Tag. Dir, unter der Bedingung, daß Du zu ihr gehſt, ſobald Du nur kannſt, und es Dir von ihr verzeihen laͤßt; vergibt ſie es Dir nicht, ſo komme ich wieder und werde Dir ſo viel geben, daß Du die ganze Zeit uͤber, die Du hier noch leben wirſt, genug daran ha⸗ ben ſollſt. Was er mir weiter noch ſagte, wage ich nicht Euch eher zu ſagen, wenn Ihr mir vorher nicht vergeben habt. Jungfer Hohlkopf, die herzlich wenig Gruͤtze darin hatte, war ganz voller Freude, als ſie dieſe Worte hoͤrte und glaubte, daß ſie alle wahr waͤren; deshalb ſagte ſie bald darauf: Ich ſagt' es Euch wohl, Bruder Albert, daß meine Schoͤnheit himm⸗ liſch waͤre; aber, ſo wahr mir Gott helfe, Ihr dauert mich, und fuͤr jetzt, damit es Euch nicht noch ſchlimmer ergehen moͤge, verzeihe ich Euch aufrich⸗ tig, doch nur, wenn Ihr mir das ſagt, was der Engel noch weiter zu Euch geſagt hat. Bruder Albert ſagte: Frau, weil Ihr mir ver⸗ ziehen habt, ſo will ich es Euch gern ſagen; indeſ⸗ ſen, an Eins erinnere ich Euch doch, daß Ihr Euch wohl in Acht nehmt, das, was ich Euch ſage, kei⸗ nem Wenſchen, der nur in der Welt iſt, weiter wie⸗ der zu ſagen, wenn Ihr nicht Alles verderben wollt; denn Ihr ſeyd das gluͤcklichſte Weib, was heute nur auf Erden lebt. Das war's, was der Engel Ga⸗ briel mir ſagte, daß ich Euch ſagen moͤchte, Ihr gefielet ihm ſo ſehr, daß er ſchon mehrmals die Nacht wuͤrde zu Euch gekommen ſeyn, wenn Ihr Euch nicht erſchrocken haͤttet. Jetzt läßt er Euch ſe n3 ich m⸗ hr ch ch⸗ er er⸗ eſ⸗ uch ei⸗ ie⸗ mr a⸗ öhr die hr uch Zweite Novelle. durch mich ſagen: daß er mal eine Nacht zu Euch kommen will, und ein bischen bei Euch bleiben; al⸗ lein, weil er ein Engel iſt, und in Geſtalt eines Engels kommt, weshalb Ihr ihn nicht wuͤrdet an⸗ ruͤhren koͤnnen, ſo ſagt er, will er, aus Liebe zu Euch, in Menſchengeſtalt kommen, und deshalb, ſagt er, moͤchtet Ihr ihm doch ſagen laſſen, wenn Ihr wollt, daß er kommen ſollte und in weſſen Geſtalt; und ſo wuͤrde er kommen. Hieruͤber nun koͤnnt Ihr Euch ſeliger ſchaͤtzen, als irgend eine Frau, die da lebet auf Erden. Madam Sperr s⸗Maul⸗auf ſagte hierauf, daß es ihr ſehr angenehm waͤre, wenn der Engel Gabriel ſie liebte, denn ſie haͤtte ihn doch gar zu lieb, und es koͤnnte Keiner ſagen, daß ſie ihm nicht immer ein Dreierlicht angezuͤndet haͤtte, wo ſie ihn auch nur abgemahlt geſehen; wolle er alſo jetzt zu ihr kom⸗ men, ſo wuͤrde er ihr ſehr willkommen ſeyn, und er ſolle ſie ganz allein in ihrer Kammer antreffen, aber unter der Bedingung, daß er ihretwegen die Jung⸗ frau Maria nicht verließe; denn es waͤre ihr geſagt, daß er ihr ſehr wohl wolle, und es ſchiene auch wirklich ſo, weil allenthalben, wo ſie ihn nur ſaͤhe, er vor ihr auf den Knien läge überdies aber ſtäͤnde es ganz in ſeinem Belieben, in welcher Geſtalt er zu ihr kommen wollte, wenn er ſie nur nicht er⸗ ſchreckte. Darauf ſagte Brnder Albert: Frau, Ihr habt ſehr weiſe geſprochen, und ich will alles ſchon ſo gut mit ihm verabreden, als Ihr es mir geſagt Vierter Tag. habt. Aber Ihr könnt mir einen großen Gefallen thun, der Euch doch gar nichts koſten wird; und dieſer Gefallen beſteht darin, daß Ihr wuͤnſcht, er moͤchte in dieſer meiner Geſtalt kommen. Nun hoͤrt, in wie fern Ihr mir einen Gefallen thut: Er wird meine Seele aus meinem Koͤrper herausziehen und ſie ins Paradies verſetzen, dafuͤr geht er denn in mich hin⸗ ein, und ſo lange er bei Euch iſt, ſo lange wird meine Seele im Paradieſe ſeyn. Da ſagte Frau Maißel⸗drätig: Das bin ich zufrieden und ich wuͤnſche, daß Ihr fuͤr die Puͤffe, die er Euch meinetwegen gegeben hat, doch dieſen Troſt haben moͤget. Darauf ſagte Bruder Albert: Run, ſo veran⸗ ſtaltet es denn nur ſo, daß er dieſe Nacht Eure Hausthuͤre offen findet und hineingehen kann; denn kommt er in einem menſchlichen Koͤrper, wie er kommen wird, ſo koͤnnte er nicht anders hinein kom⸗ men, als durch die Thuͤr. Die Frau antwortete, das ſolle gemacht werden. Bruder Albert ging fort und ſie blieb zuruͤck, vor Freuden ſo herumſpringend, daß ihr die Roͤcke hinten wehten, da es ihr tauſend Jahre duͤnkten, bis der Engel Gabriel zu ihr käme. Bruder Gabriel, der Meinung, daß er ein Rit⸗ ter, aber kein Engel in der Nacht ſeyn muͤßte, fing an ſich mit Confect und andern huͤbſchen Sachen zu ſtaͤrken, damit er ſo leicht nicht vom Pferde gewor⸗ fen werden moͤchte. Nachdem er daher den Licent erhalten hatte, trat er mit einem Gefaͤhrten, ſobal — — S 8 ——— —* Zweite Novelle. 133 es Nacht geworden war, in das Haus einer Freun⸗ din ein, von welchem aus er ſonſt ſein Wettrennen anfing, wenn er nach Stuten umherlief. Von hier aus ging er, als es ihm geit zu ſeyn duͤnkte, um⸗ geſtaltet, nach dem Hauſe ſeiner Geliebten, und als er in daſſelbe eingetreten war, verwandelte er ſich durch ſeine Firlefanzereien, die er mitgebracht hatte, in einen Engel, und nachdem er oben hinauf⸗ geſtiegen war, trat er in die Kammer der Jung⸗ frau. Sobald dieſe etwas Weißes ſah, warf ſie ſich vor ihm auf die Knie nieder, dagegen ſegnete ſie der Engel, richtete ſte wieder auf und gab ihr ein Zeichen, ſich nach dem Bette hinzubegeben. Wil⸗ lig gehorchend that ſie das ſchnell, und der Engel legte ſich bei ſeiner fromm Ergebenen nieder. Bruder Albert war ein wohlgebildeter Menſch, kraftvoll und ſtand ſtolz auf beiden Beinen ſicher und feſt. Als er ſich daher mit Frau Liſetten zu⸗ ſammen befand, die ganz friſch und rundlich war, bereitete er ihr eine ganz andere Lage im Bette zu, als der Mann, und flog in dieſer Nacht ſehr oft ohne Flugel, woruͤber ſie ſich ſehr gluͤcklich pries, da er ihr uͤberdies noch vieles von der himmliſchen Glorie vorſagte. Als hierauf ſich der Tag naͤherte, und Anſtalt zum Zuruͤckkehren gemacht wurde, ging er in ſeinem Anputze fort und kehrte zu ſeinem Ge⸗ fahrten zuruͤck, welchem die gute Hausfrau, damit er ſich nicht fuͤrchten ſollte, allein zu ſchlafen, freund⸗ lich Geſellſchaft geleiſtet hatte. 134 Vierter Tag. Nachdem die Frau zu Mittag gegeſſen hatte, nahm ſie eine Begleiterin und ging mit ihr zum Bruder Albert, erzaͤhlte ihm Neuigkeiten vom En⸗ gel Gabriel und was ſie von ihm uͤber den Glanz des ewigen Lebens gehoͤrt hatte, wie alles zugegan⸗ gen und fuͤgte noch wunderbare Hiſtorien hinzu. Hierauf ſagte Bruder Albert: Madame, ich weiß nicht, wie Ihr Euch mit ihm befunden habt; nur das weiß ich ſehr wohl, daß, als er dieſe Nacht zu mir kam und ich ihm Eure Geſandtſchaft an ihn aus⸗ gerichtet hatte, er ſogleich meine Seele unter ſo viele Blumen und unter ſo viele Roſen verſetzte, als ich nimmermehr hienieden ſo viel geſehen habe, da be⸗ fand ich mich denn an einem der reizendſten Oerter, wie es nur einen geben kann, bis heute am Morgen; was aus meinem Koͤrper geworden iſt, das weiß ich nicht. Habe ich es Euch nicht geſagt? antwortete die Frau, Euer Koͤrper befand ſich die ganze Nacht in meinen Armen mit dem Engel Gabriel; und wenn Ihr mir nicht glauben wollt, ſo ſeht einmal unter Eurer linken Bruſt zu, da habe ich dem Engel ei⸗ nen ſo tuͤchtigen Kuß gegeben, daß das Merkmal da⸗ von einige Tage zu ſehen ſeyn wird. Darauf ſagte Bruder Albert: So will ich denn heute etwas thun, was ich ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr gethan habe: ich will mich entkleiden, um zu ſehen, ob Ihr die Wahrheit ſagt. Nach vielem Poſſen⸗Geſchwaͤtz kehrte die Frau nach Hauſe zuruͤck, zu welcher Bruder Albert in Ge⸗ c———,„„———„5——— ecren— Zweite Novelle. 135 e, ſtalt des Engels noch oftmals hinging, ohne irgend m ein Hinderniß zu erfahren. Eines Tages indeſſen ⸗ begab es ſich, daß, als Madame Lieschen mit einer 13 Frau Gevatterin ein Mal zuſammen war, und ſie ⸗ mit einander uͤber die Schoͤnheit ſtritten, ſie, die ſo wenig Gruͤtze im Kopfe hatte, um der ihrigen ß den Vorzug vor allen andern zu geben, ſagte: Wenn r Ihr nur wuͤßtet, wem meine Schoͤnheit gefaͤllt, 1 wahrlich, dann wuͤrdet Ihr ſchon von der Anderer ⸗ ſchweigen. le Die Frau Gevatterin, begierig, etwas zu hoͤren, h ſagte, da ſie ſie recht gut kannte: Madame, Ihr ⸗ moͤgt allenfalls wol die Wahrheit ſagen; indeſſen, da man doch eben nicht weiß, wer das wol ſeyn moͤchte, ſo iſt ein Anderer auch gar nicht ſo leicht 5 von ſeiner Meinung abzubringen. Die Frau, die von ſehr leichtem Gehalt war, 5 ſagte: Frau Gevatterin, das laͤßt ſich nicht ſo ſa⸗ n gen, aber meine Inklination iſt der Engel Gabriel, n der mich mehr liebt, als ſich ſelbſt, weil, nach dem, die es nur zu Waſſer und zu Lande geben kann. Die Frau Gevatterin hatte große Luſt zu lachen, indeſſen ſie hielt ſich, um ſie noch weiter ſprechen n zu laſſen; ſie ſagte daher: Bei Gott, Madame, rwas er zu mir geſagt hat, ich die ſchoͤnſte Frau bin, t wenn der Engel Gabriel Eure Inklination iſt, und Euch das ſelbſt geſagt hat, ſo muß es wol an dem ſeyn; aber ich glaubte nicht, daß die Engel ſo et⸗ 3 was auch thaͤten. Die Frau ſagte: Gevatterin, Ihr ſeyd im 436 Vierter Tag. Irrthume, bei den Wunden Gottes, er macht's beſ⸗ ſer, wie mein Mann und er ſagt mir, daß er es dort oben eben ſo mache; aber weil ich ihm ſchoͤner vorkäme, als keine einzige die im Himmel iſt, ſo haͤtte er ſich in mich verliebt und wuͤrde ſehr oft zu mir kommen. Schauen Sie? Als die Frau Gevatterin Madame Lieschen ver⸗ laſſen hatte, duͤnkten es ihr tauſend Jahre, ehe ſie ſich da wo befand, wo ſie dies wieder erzaͤhlen koͤnnte, und da ſie ſich an einem Feſttage mit einer großen Geſellſchaft Frauen verſammelt hatte, erzählte ſie ihnen ganz umſtaͤndlich die Neuigkeit. Dieſe Frauen ſagten es ihren Maͤnnern und andern Frauen, und dieſe wiederum anderen, ſo daß in weniger als in zwei Tagen ganz Venedig voll davon war. Aber unter andern, denen dieſe Sache zu Ohren kam, befanden ſich auch ihre Anverwandten, welche, ohne ihr ein Wort davon zu ſagen, es ſich zu Her⸗ zen nahmen, den Engel herauszufinden und zu er⸗ fahren, ob er auch wirklich fliegen koͤnnte. Sie ſtell⸗ ten ſich daher mehrere Naͤchte auf die Lauer. Von ungefaͤhr kam Bruder Albert ſo etwas von dieſer haͤßlichen Geſchichte zu Ohren, der, um der Frau einen Verweis zu geben, eine Nacht wieder zu ihr ging; aber kaum hatte er ſich entkleidet, als ihre Anverwandten, die ihn hatten kommen ſehen, an der Thuͤr ihrer Kammer erſchienen, um ſie zu eroͤff⸗ nen. Bruder Albert, der dies merkte und ſah, wie es wirklich war, ſtand auf, und da ihm keine andere Zuflucht uͤbrig blieb, oͤffnete er ein Fenſter, was ſie nd Zweite Novelle. 137 nach dem großen Caual ging, und warf ſich aus demſelben ins Waſſer. Der Graben war ſehr tief, aber er konnte gut ſchwimmen, ſo daß er ſich keinen Schaden that. Er ſchwamm nach dem andern ufer des Canals hinuͤber, ging ſchnell in ein Haus hinein, das offen ſtand, und bat den darin ſich befindenden Mann um Gotteswillen, daß er ihm das Leben ret⸗ ten moͤchte, und erzaͤhlte ihm eine Lurre, warum er ſich zu dieſer Zeit und unbekleidet hier befaͤnde. Der gute Mann, zum Mitleid aufgeregt, ließ ihn, da er ſelbſt ſeinen Geſchaͤften nachgehen mußte, ſich in ſein Bett legen und ſagte zu ihm, daß er ſo lange, bis er wieder kaͤme, darin bleiben koͤnnte; dann ſchloß er ihn ein und verrichtete ſeine Geſchaͤfte. Die Anverwandten der Frau fanden, als ſie in die Kammer eintraten, daß der Engel Gabriel, der ſeine Fluͤgel zuruͤckgelaſſen hatte, davon geflogen ware und ſagten, da ſie glaubten, ſie waͤren zum Beſten gehabt, der Frau viele Grobheiten, ließen ſie zuletzt ganz troſtlos ſtehen, und kehrten mit dem Staate des Engels Gabriel nach ihren Wohnungen zuruͤck. Unterdeſſen war es heller Tag geworden, und der gute Mann hoͤrte auf dem Rialto, wo er ſich gerade befand, daß der Engel Gabriel dieſe Nacht bei Madame Lieschen geſchlafen haͤtte; allein da er von ihren Verwandten waͤre gefunden worden, habe er ſich aus Furcht in den Canal geſtuͤrzt und man wuͤßte nicht, was aus ihm geworden waͤre. Er ver⸗ meinte daher ſogleich, daß Derjenige, den er im 138 Hauſe habe, Vierter Tag. es ſelbſt ſeyn muͤſſe. Sobald er alſo wieder dahin gekommen war und ihn erkannt hatte, fand er nach vielem Hin⸗ und Herreden ſich dahin mit ihm ab, daß, wenn er nicht wolle, daß er es ihren Verwandten ſagen ſollte, er ihm 50 Dukaten zuſtellen muͤßte; und das geſchah denn auch wirk⸗ lich. Als hierauf Bruder Albert nun verlangte, von hier fortzukommen, ſagte der gute Mann zu ihm: Hier gibt es dazu keine andere Art, als wenn Ihr nur dieſe eine erfuͤllen wollt. Wir feiern heute ein Feſt, bei welchem Einer einen Menſchen fuͤhrt, der wie ein Baͤr ausgekleidet iſt, einen, der wie ein Wil⸗ der, und der wie dies, und der wie das ausſieht; dann wird auf dem Sanct⸗Marecus⸗Platze eine Jagd gehalten, wenn dieſe vorbei und das Feſt beendet iſt, geht ein Jeder, mit dem was er gefuͤhrt gebracht Wollt Ihr nun, ehe es aus⸗ gekundſchaftet wird, daß Ihr hier ſeyd, daß ich auf irgend eine dieſer Arten Euch fuͤhren ſoll, ſo kann hat, wohin er will. ich Euch dann hinfuͤhren, wohin Ihr wollt; auf eine andere Art ſehe ich nicht wohl, wie Ihr yier herauskommen koͤnntet, ohne erkannt zu werden, be⸗ ſonders da die Verwandten der Frau, welche der Meinung ſind, daß Ihr doch hier irgendwo ſeyn muͤßt, nach allenthalben hin Wachen ausgeſchickt haben, um Euch in die Haͤnde zu bekommen. Ob es gleich Bruder Albert hart ankam, auf ſolche Weiſe fortzugehen, ſo brachte ihn doch die Furcht, die er vor den Anverwandten der Frau hatte, lſo tte, hin es ten rk⸗ Zweite Novelle. 139 dazu, daß er dem Manne ſagte, wo er hingefuͤhrt ſeyn wollte und er es zufrieden waͤre, wie er ihn dahin fuͤhren moͤchte. Nachdem ihn dieſer nun ganz und gar mit Ho⸗ nig beſchmiert, und daruͤber mit Flaum⸗Federn an⸗ gefuͤllt, ihm eine Kette durch den Mund gezogen und eine Maske uͤber den Kopf geſetzt, ihm dann in die eine Hand einen großen Stock, und in die andere zwei große Hunde gegeben hatte, die er von der Fleiſchbank mitgenommen, ſandte er einen nach dem Rialto, der ausrufen ſollte, wer den Engel Gabriel ſehen wollte, moͤchte nach dem Sanct⸗Marcus-Platze gehen. Das war ſo eine venezianiſche Biederkeit. Nachdem dies geſchehen, fuͤhrte er ihn ein we⸗ nig heraus, ließ ihn vorangehen, indem er ihn hin⸗ terwaͤrts an eine Kette hielt, und nicht ohne großen Rumor Vieler(denn Alle ſagten: Was iſt das? was iſt das?), fuͤhrte er ihn auf den Platz, woſelbſt ſowohl von denen, die hinterher gekommen, als auch von denen, welche durch den Ausruf vom Rialto hie⸗ her gelockt waren, eine Menge Volks ohne Ende zu⸗ ſammengelaufen war. Sobald jener dahingekommen war, band er auf einem hohen und erhabenen Orte ſeinen Wilden an eine Saͤule an und that, als wenn er die Jagd erwgrte; dem andern aber machten die Muͤcken und die Fliegen, weil er mit Honig be⸗ ſchmiert war, viel zu ſchaffen. Als nun jener ſah, daß der Platz recht voll war, that er wieder, als wollte er ſeinen Wilden von der Kette los machen, zog aber dem Bruder Albert die Larve ab und ſagte: Vierter Tag Meine Herren, weil das Schwein nicht zur Jagd gekommen iſt und dieſe auch nicht gehalten wird, ſo ſollt Ihr, damit Ihr nicht umſonſt gekommen ſeyd, den Engel Gabriel ſehen, der in der Nacht vom Himmel herabſtieg, um die venezianiſchen Damen zu troͤſten. Sobald die Larve herunter war, ward Bru⸗ der Albert den Augenblick von Allen erkannt; da er⸗ hob ſich von Allen ein Geſchrei, indem ſie ihm die ſchimpflichſten Worte und groͤßten Läſterungen ſag⸗ ten, die nur je einem Schurken geſagt worden ſind; uͤberdies warfen ſie ihm dieſer ſolchen, ein Anderer jenen Koth ins Geſicht, und behielten ihn ſo lange da, bis die Nachricht davon zu ſeinen andern Fratres gekommen war. Da machten ſich etwa ſechs von ihnen auf, kamen hierher und warfen ihm eine Ka⸗ puze uͤber; dann machten ſie ihn von der Kette los und fuͤhrten ihn, nicht ohne den groͤßten Rumor hin⸗ ter ihm drein, nach ihrem Hauſe, woſelbſt ſie ihn einſperrten, bis er, wie man glaubt, nach einem elenden Leben geſtorben iſt. So ward dieſer, den man fuͤr gut gehalten hatte, und von dem man, da er ſchlecht handelte, es nicht glauben wollte, ſo dreiſt, daß er ſich zum Engel Gabriel machte, und als er ſich darauf in einen Wilden verwandelt, endlich ſo, wie er es verdient hatte, beſchimpft, und beweinte, ohne daß es ihm was geholfen, ſeine Suͤnden. Wollte Gott, es koͤnnte allen Andern eben ſo gehen! k* 5 Dre d il — 2c e e nea' nig Gut End vieli dari und wen gege fuͤr um welc ſie i geſp inſe ubt, zagd „ſo ey d, vom zu Sru⸗ er⸗ die ſag⸗ nd; erer nge tres von los in⸗ ihn em tte, icht gel nen ent hm ſo Dritte Novelle. Dritte Novelle. Drei junge Maͤnner lieben drei Schweſtern und fliehen mit denſelben nach Creta. Die aͤlteſte toͤdtet aus Eiferſucht ihren Geliebten. Die zweite uͤberläßt ſich dem Herzoge von Creta, befreit die erſte vom Tode, ihr Geliebter bringt ſie um und entflieht mit der erſten. Der dritte Liebhaber wird mit der dritten Schweſter deſſen beſchul⸗ digt; feſtgenommen, geſtehen ſie es ein, aber aus Furcht vor dem Tode beſtechen ſie mit Geld die Wache, entfliehen arm nach Rhodus und ſterben dafelbſt in Duͤrf⸗ tigkeit. Nachdem Philoſtratus das Ende von Pampi⸗ nea's Erzaͤhlung gehoͤrt hatte, ſtand er erſt ein we⸗ nig bei ſich an, dann ſagte er zu ihr: Ein wenig Gutes und was mir gefallen hat, war gegen das Ende Eurer Novelle; aber vorher war in derſelben vieles zu belachen, und das, wuͤnſchte ich, wäre nicht darin geweſen. Dann wandte er ſich zu Lauretten und ſagte: Fraͤulein, folgen Sie mit einer beſſern, wenn es ſeyn kann. Laurette antwortete lächelnd: Ihr ſeyd auch gegen die Liebenden zu grauſam; indeſſen, wenn Ihr fuͤr ſie ein ungluͤckliches Ende verlangt, ſo will ich, um Euch zu gehorchen, eine von dreien erzählen, welchen es auf gleiche Weiſe ſehr uͤbel erging, da ſie ihrer Liebe wenig froh wurden. Nachdem ſie ſo geſprochen hatte, fing ſie an: Meine junge Damen, Ihr werdet ganz deutkich inſehen, wie jedes Lager demjenigen, der es aus⸗ uͤbt, und ſehr oft auch Anderen, den groͤßten Nachtheil —————— — — 142 Vierter Tag. bringt; und was unter andern uns am meiſten mit verhaͤngtem Zuͤgel von Gefahr zu Gefahr fort⸗ reißt, iſt, wie es mir ſcheint, allerdings wol der Zorn. Er iſt nichts anders, als eine ploͤtzliche und unbedachte Bewegung, aufgeregt durch das Gefuͤhl eines Truͤbſinns, der, alle Vernunftgruͤnde verſcheu⸗ chend und die Augen des Geiſtes mit Finſterniß um⸗ huͤllend, unſere Seele zur gluͤhendſten Wuth ent⸗ flammt. und wenn auch dies oͤfter wol bei Maͤn⸗ nern zu geſchehen pflegt, und bei dem einen mehr wie bei dem andern, ſo hat man es doch auch nichts deſto weniger bei den Frauen, zu ihrem groͤßten Nachtheil bemerkt, weil der Zorn eben bei dieſen ſich um ſo leichter entzuͤndet, mit hellerer Flamme aufbrennt und ſie bei geringerer Zuruͤckhaltung fort⸗ reißt. Und das iſt gar kein Wunder; denn wenn wir genauer darauf Achtung geben wollen, ſo wer⸗ den wir ſehen, daß das Feuer, ſeiner Natur nach, weit eher das Leichte und Weiche ergreift, als das Harte und Schwere; und wir ſind doch(die Maͤn⸗ ner mögen es nicht uͤbel nehmen) viel zarter als ſie und viel beweglicher. Da wir uns alſo von Natur weit geneigter dazu fuͤhlen und da, naͤher betrachtet, unſere Sanftmuth und Guͤte bei den Männern eine groͤßere Ruhe und Gluckſeligkeit hervorbringt, wo⸗ durch wir ſie geſitteter machen ſollen; ſo iſt fuͤr uns der Zorn und die Wuth von dem groͤßten Nach⸗ theil und von großer Gefahr. Daß wir uns aber mit deſto größerer Seelenſtärke davor ſchuͤtzen müſ⸗ ſen, das will ich Euch durch meine Novelle von der Lie che den unt auf und leu wa nie ein ſitz me ter ren hei Ruͤ Sy ſter zw Nit wa nun ſie ohr hat ſich jun Ugl en t⸗ er nd hl u⸗ m⸗ t⸗ n⸗ hr s ten ſen me rt⸗ nn er⸗ ch, das än⸗ ſie tur tet, ine wo⸗ fuͤr ach⸗ ber uͤſ⸗ der Dritte Novelle. 143 Liebe dreier jungen Maͤnner und eben ſo vieler Maͤd⸗ chen, wie ich oben ſchon geſagt habe, welche durch den Zorn der einen aus einer gluͤcklichen Lage in die ungluͤcklichſte verſetzt wurden, beweiſen. Marſeille iſt, wie Ihr wißt, in der Provence auf dem Bebelande gelegen, eine alte ſehr edle Stadt, und war einſt an reichen Leuten und großen Kauf⸗ leuten zahlre her, als ſie es heute iſt. Unter dieſen war einer Namens Narnald Cluada, ein Mann vom niedrigſten Herkommen, aber von bekannter Treue, ein loyaler Kaufmann und unermeßlich reich an Be⸗ ſitzungen und an Geld; mit ſeiner Frau hatte er mehrere Kinder, von welchen drei Maͤdchen und al⸗ ter waren, als die andern maͤnnlichen Geſchlechts. Zwei von dieſen waren Zwillinge von funfzehn Jah⸗ ren, die dritte war vierzehn Jahr; zu ihrer Ver⸗ heirathung warteten ihre Anverwandten nur auf die Ruͤckkehr Narnalds, der mit ſeinen Waaren nach Spanien gegangen war. Die Namen der beiden er⸗ ſten waren und zwar der aͤlteſten Ninette, und der zweiten Magdalene, die dritte hieß Bertella. In Ninette war ein junger Mann, wenn er gleich arm war und Reſtagnone hieß, verliebt, ſo, wie man es nur ſeyn kann, und das Maͤdchen auch wieder in ihn; ſie hatten es ſo zu veranſtalten gewußt, daß ſie, ohne daß irgend ein Menſch in der Welt es gemerkt hatte, ſich ihrer Liebe erfreuten; und zwar hatten ſie ſich derſelben ſchon eine ganze Zeit erfreut, als zwei junge Freunde, von denen der eine Folco, der andere Ughetto hieß und Beide, da ihre Väͤter geſtorben 144 Vierter Tag. waren, ſehr reich zuruͤckgeblieben waren, der eine ſich in Magdalene, der andere in Bertella verliebte. Da Reſtagnone dies bemerkt hatte, indem er von Ninetten darauf aufmerkſam gemacht worden war, ſo glaubte er, er koͤnne durch ihre Liebe ſeine Armuth erleichtern. Er machte daher Bekanntſchaft mit ihnen und begleitete bald den einen, bald den andern, auch zuweilen wol Beide, um ihre Gelieb⸗ ten, ſo wie auch die ſeinige, zu beſuchen; und als er mit ihnen bekannt genug und ihr Freund gewor⸗ den zu ſeyn vermeinte, bat er ſie eines Tages zu ſich in ſeine Wohnung und ſagte zu ihnen: Meine kieben jungen Freunde, unſer Umgang kann Euch uͤberzeugt haben, wie groß die Liebe iſt, die ich fuͤr Euch hege, und daß ich fuͤr Euch thun wuͤrde, was ich fuͤr mich nur gethan haͤtte; und eben weil ich Euch ſo gut bin, ſo will ich Euch darthun, was mir ſo in den Sinn gekommen iſt, und dann könnt Ihr mit mir zugleich einen Entſchluß faſſen, wie er Euch der beſte zu ſeyn ſcheint. Wenn Eure Worte nicht luͤgen und auch nach dem, was ich aus Euren Handlungen bei Tag' und bei Nacht abgenommen zu haben glaube, ſo ſeyd Ihr von der heftigſten Liebe gegen die beiden geliebten Schweſtern entbrannt, und ich gegen die dritte. Fuͤr dieſe Gluth ſagt mir mein Herz, wenn Ihr ebenfikls darin mit einſtimmen wollt, ein ſuͤßes und liebliches Mittel gefunden zu haben, naͤmlich dieſes: Ihr ſeyd ein Paar ſehr reiche junge Maͤnner, das bin ich nicht. Wollt Ihr Beide Eure Reichthuͤmer in Eins zuſammenwerfen, und mich zu⸗ gl un he fuͤ ſic mi her ner als der die ode ßen lane Gel wir Mät gen cher hen hatte Maͤn len C terne nicht ohne tre Dritte Novelle. 145 gleich mit Euch zum dritten Beſitzer davon machen und uberlegen, nach welchem Welttheile wir hinge⸗ hen wollen, um mit ihnen ein frohliches Leben zu fuͤhren, ſo glaube ich Euch ganz unfehlbar die Ver⸗ ſicherung geben zu koͤnnen, daß die drei Schweſtern, mit einem großen Theile von dem Vermoͤgen ihres Vaters, mit uns gehen werden, woͤhin wir nur ge⸗ hen wollen; dort koͤnnte ein Jeder alsdann mit ſei⸗ ner Geliebten und wir zuſammen wie drei Bruͤder, als die zufriedenſten Menſchen leben, die es nur in der Welt gibt. Jetzt ſteht es nun bei Euch, ob Ihr dieſen Entſchluß, Euer Gluck zu machen, faſſen, oder fahren laſſen wollt. Die beiden jungen Maͤnner, die uͤber alle Ma⸗ ßen von Liebe entbrannt waren, quälten ſich nicht lange, ſich zu beſinnen, da ſie hoͤrten, daß ſie ihre Geliebten erhalten ſollten, ſondern ſagten, wenn das wirklich erfolgte, ſo wären ſie bereit, es zu thun. Nachdem Reſtagnone dieſe Antwort der jungen Maäͤnner erhalten hatte, ſuchte er nach einigen Ta⸗ gen mit Ninetten zuſammen zu kommen, zu wel⸗ cher er nicht ohne große Schwierigkeiten hinge⸗ hen konnte; und da er einige Zeit bei ihr verweilt hatte, ſagte er ihr, was er mit den zwei jungen Maͤnnern verabredet haͤtte, und bemuͤhte ſich, mit wie⸗ len Gruͤnden ſie dahin zu bringen, daß ſie dieſes Un⸗ ternehmen billigte. Indeſſen das ward ihm eben nicht ſehr ſchwer, weil ſie weit mehr, als er, wuͤnſchte, ohne Verdacht mit ihm zuſammen ſeyn zu koͤnnen, und daher gab ſie ihm ganz frei zur Antwort, es Vorcgecio's ſaͤmmtl. W. 3. 10 146 Vierter Tag. wäre ihr ſchon recht und die Schweſtern wuͤrden das, was ſie wolle, gewiß auch thun; er moͤchte daher, ſagte ſie weiter zu ihm, alles hierzu Noͤthige ſo bald einrichten, wie er es nur koͤnne. Reſtagnone kehrte hierauf zu den beiden jungen Männern zuruͤck, welche uͤber das, was er mit ihnen veſprochen hatte, ſehr in ihn drangen, und ſagte zu ihnen, daß von Seiten ihrer Geliebten die Sache völlig in Richtigkeit wäre. Nachdem ſie mit einander nach Creta zu gehen beſchloſſen hatten, verkauften ſie einige Beſitzungen⸗ welche ſie hatten, unter dem Vorwande, mit dem daraus geloſten Gelde einen Handel anzulegen, mach⸗ ten dann ihre uͤbrigen Sachen noch zu Gelde, kauf⸗ ten davon eine Fregatte, welche ſie ganz im Stillen auf's Beſte ausruͤſteten und erwarteten den feſtge⸗ ſetzten Termin. Von der andern Seite feuerte Ninette, welcher die Wuͤnſche ihrer Schweſtern vollkommen bekannt waren, ihren Entſchluß hierzu mit ſo ſuͤßen Worten an, daß ſie glaubten, nicht leben zu koͤnnen, bis ſie zum Ziele gelangt waͤren. Sobald daher die Nacht gekommen war, in welcher ſie das Schiff beſteigen wollten, nahmen die drei Schweſtern aus dem geoͤff⸗ neten großen Geldkaſten ihres Vaters eine tuͤchtige Menge Geld und Edelſteine heraus, gingen da⸗ nit nach der getroffenen Verabredung, heim⸗ lich zum Hanſe hinaus und fanden ihre drei Liebha⸗ ber, ohne den geringſten Verzug die Fregatte, tauchten die ſie erwarteten; mit dieſen beſtiegen ſie wit noc gen auc jetz gen wai ließ Maͤ hatt auch auff ten bem hen en em ch⸗ uf⸗ Uen tge⸗ cher mnt rten ſie acht igen eoͤff⸗ tige da⸗ eim⸗ bha⸗ ſie chten Dritte Novelle. 147 die Ruder ins Meer und fuhren ab. Ohne ſich ir⸗ gend an einem Orte noch weiter aufzuhalten, kamen ſie den andern Abend nach Genua, wo die neuen lie⸗ benden Paare zuerſt ihrer Liebe ſich erfreuten. Als ſie ſich hier mit dem, deſſen ſie benoͤthigt waren, von neuem erfriſcht hatten, gingen ſie weiter von einem Hafen zum andern, ſo daß ſie vor dem achten Tage, ohne irgend einen Aufhalt nach Creta kamen. Hier erkauften ſie ſehr große und ſchoͤne Beſitzungen, mach⸗ ten aus denſelben in der Naͤhe von Candia ſchoͤne und reizende Wohnungen, woſelbſt ſie mit einem großen Hausſtande, Hunden, Voͤgeln und Pferden, in Schmauſereien, Feſten und Freuden mit ihren Frauen, wie die zufriedenſten Menſchen auf der Welt, nach Art großer Herren zu leben anfingen. Da ſie nun auf ſolche Art lebten, erfolgte, was wir alle Tage erfolgen ſehen,— wie alles, was auch noch ſo ſehr gefaͤllt, wenn wir es uneingeſchraͤnkt genießen koͤnnen, zuletzt doch weniger gefaͤllt,— daß auch Reſtagnone, der Ninetten uͤberaus geliebt hatte, jetzt aber, da er ohne allen Verdacht jedes Vergnu⸗ gen mit ihr genießen konnte, gleichgultig gegen ſie ward, und folglich auch in der Liebe gegen ſie nach⸗ ließ. und da ihm bei einer Feierlichkeit ein junges Maͤdchen aus der Gegend außerordentlich gefallen hatte, was ſchoͤn und von edler Herkunft war, er⸗ auch daſſelbe mit allem Eifer verfolgte und ihr Sie auffallendſten Hoͤflichkeiten bezeigte und Feierlichkei⸗ ten veranſtaltete, ſo empfand Ninette, ſobald ſie es bemerkte, eine ſolche Eiferſucht daruͤber, daß er kei⸗ Vierter Tag. nen Schritt thun konnte, den ſie nicht ſogleich wie⸗ der erfahren haͤtte, und dann nicht ihn und ſich mit Worten und Vorwuͤrfen daruͤber gequaͤlt haben ſollte. Doch ſo wie ungehinderter Beſitz Ueberdruß er⸗ zengt, und ſo wie verweigerte Wuͤnſche die Begierde vermehren, ſo entflammten auch Ninettens Vorwuͤrfe die Gluth von Reſtagnone's neuer Liebe nur noch um ſo mehr. Und wenn es ſich auch im Erfolge der Zeit erſt ergeben haben möchte, ob Reſtagnone die Freund⸗ ſchaft ſeiner Geliebten wirklich beſaß oder nicht, ſo hielt Ninette doch alles, was man ihr hinterbrachte, ſchon fuͤr wahr. Hieruͤber verfiel ſie in einen ſolchen Unmuth und von dieſem in ſolchen Zorn, der in der Folge in ſolche Wuth hinauslief, daß ſie, nachdem die Liebe, die ſie fuͤr Reſtagnone gehabt, in den bit⸗ terſten Haß ſich verwandelt hatte, von ihrem Zorne ver⸗ blendet, ſich vornahm, die Schmach, die ſie empfan⸗ gen zu haben glaubte, mit Reſtagnone's Tode zu raͤchen. Nachdem ſie daher ein altes griechiſches Weib, wel⸗ ches eine große Meiſterin in Zubereitung von Giften war, durch Verſprechungen und Geſchenke dahin ge⸗ bracht hatte, ihr ein toͤdtendes Waſſer zu bereiten, gab ſie daſſelbe, ohne weiteres Bedenken, eines Abends den erhitzten Reſtagnon, der ſich deſſen gar nicht verſah, zu trinken. Die Kraft dieſes Waſſers war ſo maͤchtig, daß es, ehe der Morgen kam, ihn getoͤdtet hatte. Sobald Folco und Ughetto, und auch deren Frauen von dem Todesfalle hoͤrten, beweinten ſie, da ſie nicht ahneten, wie er an Gift geſtorben ſeyn ſol lie Ha Ni auf die geſ her ner um rin ſie gen To heit erfo wat alle nett ſie ſehr gebe rech von gen haͤtt ließ ie⸗ nit te. er⸗ rde rfe och eit nd⸗ ſo te, hen der em bit⸗ er⸗ an⸗ en. vel⸗ ften ge⸗ ten, ines gar ſers ihn eren ſie, eyn Dritte Novelle. ſollte, zugleich mit Ninetten, ihn ſehr bitter und ließen ihn anſtaͤndig begraben. Allein nach einigen Tagen begab es ſich, daß einer andern ſchlechten Handlung wegen die Alte feſtgenommen ward, welche Ninetten das vergiftete Waſſer zubereitet hatte, und auf der Folter unter andern ihrer Bubenſtuͤcke auch dieſes geſtand und vollkommen entdeckte, was dadurch geſchehen ware. Der Herzog von Creta beſetzte da⸗ her, ohne weiter ein Wort daruͤber zu ſagen, in ei⸗ ner Nacht ganz in Stillem Folco's Hötel rings her⸗ um, nahm ohne alles Geraͤuſch und ohne den ge⸗ ringſten Widerſpruch Ninetten gefangen und fuͤhrte ſie mit fort. Von ihr erfuhr er ſchnell, ohne ir⸗ gend eine Folter, das, was er von Reſtagnonen's Jod hoͤren wollte. Folco und ughetto hatten in ge⸗ heim vom Herzoge, und von ihnen wieder ihre Frauen erfahren, weshalb Ninette feſtgenommen worden waͤre. Dies mißfiel ihnen gewaltig und ſie wandten alle Muͤhe an, wenigſtens das zu bewirken, daß Ni⸗ nette dem Feuertode entgehen moͤchte, wozu ſie, wie ſie glaubten, verurtheilt werden moͤchte, da ſie ihn ſehr wohl verdient hatte; dies alles aber ſchien ver⸗ gebens, weil der Herzog feſt darauf beſtand, die Ge⸗ rechtigkeit vollſtrecken zu laſſen. Magdalene, welche als eine huͤbſche Juſgfrau von dem Herzoge ſchon lange mit ſehr wohlgefälli⸗ gen Augen angeſehen worden war, ohne daß ſie je haͤtte thun wollen, was ihm gefaͤllig geweſen waͤre, ließ ihm, da ſie glaubte, die Schweſter vom Feuer retten zu koͤnnen, wenn ſie ihm gefaͤllig waͤre, Vierter Tag. durch einen vorſichtigen Abgeſandten ſtecken, daß ſie fuͤr jeden ſeiner Befehle bereit waͤre„ wenn zweier⸗ lei darauf erfolgte: eins, daß ſie ihre Schweſter ge⸗ rettet und frei wieder erhielte, und dann, daß alles geheim bliebe. Der Herzog hoͤrte die Geſandtſchaft, die ihm al⸗ lerdings gefiel, mit an; doch aber dachte er lange bei ſich daruͤber nach, ob er es thun wollte; endlich aber verſtand er ſich dazu und ſagte, er waͤre bereit. Er ließ daher mit Zuſtimmung der Dame, Folco und Ug⸗ hetto eine Nacht nicht aus dem Gerichte fortgehen, unter dem Vorwande, uͤber die That weiter bei ihnen nachzuforſchen, und begab ſich dafuͤr in geheim zu Magdalenen. Darauf gab er vor, er habe Ninetten in einen Sack ſtecken laſſen, um ſie noch in dieſer Nacht zu ſacken, nahm ſie aber mit ſich zu ihrer Schweſter und ſchenkte ſie ihr zur Belohnung fuͤr dieſe Nacht; beim Weggehen am andern Morgen bat er ſie dann, daß dieſe Nacht, welches die erſte in ihrer Liebe geweſen waͤre, nicht auch die letzte moͤchte geweſen ſeyn. Ueberdies noch trug er ihr auf, daß ſie die ſtrafbare Jungfrau fortſchicken moͤchte, damit man es ihm nicht zu Schulden legte, oder er gezwungen wuͤrde, von neuem grauſam ge⸗ gen ſie verfahren zu muͤſſen. Sobald Folco und Ughetto am andern Morgen gehoͤrt hatten, daß Ninette in der Nacht geſackt wor⸗ den waͤre, und das auch fuͤr wahr annahmen, wur⸗ den ſie freigelaſſen und kehrten nach Hauſe zuruͤck, um ihre Frauen uͤber den Tod ihrer Schweſter zu —. f— c—„— — e ſie eier⸗ ge⸗ alles al⸗ e bei aber Er Ug⸗ hen, hnen zu tten ieſer hrer fuͤr rgen erſte letzte ihr icken egte, ge⸗ rgen wor⸗ wur⸗ Dritte Novelle. 151 troͤſten. Ob ſich nun aber gleichwol Magdalene alle Muͤhe gab, ſie ſehr zu verbergen, ſo bemerkte Folco doch, daß ſie da wäre; er wunderte ſich gewaltig daruͤber und ſchoͤpfte alsbald Argwohn(denn er hatte es ſchon gehoͤrt, daß der Herzog Magdalenen geliebt hatte), fragte ſie, wie es moͤglich ſeyn koͤnnte, daß Ninette hier waͤre. Magdalene drehte ſogleich, um es ihm zu erklaͤ⸗ ren, eine lange Geſchichte zuſammen, die er aber nach ſeiner tuͤckiſchen Gemuͤthsart nicht glaubte, ſondern er drang nur noch mehr in ſie, ihm die Wahrheit zu ſagen, die ſie ihm dann auch nach vielen Worten geſtand. Folco, uͤberwaͤltigt von Schmerz, und von Wuth fortgeriſſen, zog den Degen und toͤdtete ſie, die ver⸗ gebens um Gnade bat. Fuͤrchtend indeſſen den Zorn und die Gerechtigkeit des Herzogs, ließ er ſie todt in dem Zimmer zuruͤck, eilte dahin, wo ſich Ninette befand und ſagte mit einem angenommenen froͤhli⸗ chen Anſehen zu ihr: Laß uns ſchnell dahin eilen, wo es von Deiner Schweſter beſtimmt worden iſt, daß ich Dich hinfuͤhren ſoll, damit Du dem Herzoge nicht wieder in die Haͤnde faͤllſt. Ninette, welche dies glaubte und in ihrer Angſt nur fortzukommen begehrte, machte ſich mit Folco, ohne von der Schweſter Abſchied zu nehmen, denn es war ſchon in der Nacht, auf den Weg und Beide gingen mit dem Gelde, was Folco gerade zur Hand hatte, und freilich nur wenig war, nach dem Meere 152 Vierter Tag. hin und beſtiegen eine Barke. Wo ſie hingekommen, hat man nie erfahren. Sobald der andere Tag genahet, und Mag⸗ dalene getoͤdtet gefunden worden war, waren ſogleich einige, welche, aus Neid und Haß, den ſie gegen Ughetto hegten, es dem Herzoge hinterbrachten. Der Herzog, der Magdalenen ſehr liebte, rannte in vol⸗ len Flammen nach dem Hauſe hin, nahm Ughetto und ſeine Frau feſt und zwang ſie, die durchaus noch von nichts wußten, weder von Folco's noch von Ni⸗ nettens Abreiſe, zu geſtehen, ob ſie mit Folco zu⸗ ſammen an Magdalenens Tod Schuld wäͤren. Da dieſe nun durch ein ſolches Geſtaͤndniß verdienter weiſe den Tod fuͤrchteten, beſtachen ſie mit vieler Liſt die, die ſie bewachten, gaben ihnen eine Summe Geld, welche ſie in ihrem Hauſe fuͤr benothigte Faͤlle verborgen aufbewahrten, und beſtiegen zugleich mit den Wachen, ohne daß ſie Zeit gehabt haͤtten, noch irgend etwas von dem Ihrigen mitzunehmen, eine Barke und entflohen in der Nacht nach Rhodus, wo ſie in Armuth und Elend noch eine ganze Zeit lebten. Zu ſolchem Ende fuͤhrte Reſtagnone's tolle Liebe und Ninettens Zorn ſie und Andere. Vierte Novelle. Gerbin beſtuͤrmt, gegen das vom Koͤnig Wilhelm, ſeinem Großvater, gegebene Wort, ein Schiff des Koͤnigs von Tunis, um ſeine Tochter zu rauben, welche von denen getödtet wird, die darauf waren, er tödtet dieſe wieder, und endlich wird ihm ſelbſt der Kopf abgeſchlagen. Laurette, die ihre Erzaͤhlung geendet hatte, em on en er, te, Vierte Novelle. 153 ſchwieg und bald betrauerte der Eine mit dieſem, der Andere mit jenem aus der Geſellſchaft das Ungluͤck der Liebenden, und Einer ſagte dies, der Andere je⸗ nes daruͤber, als der Koͤnig, wie aus tiefen Gedan⸗ ken aufgeriſſen, das Geſicht erhob und Eliſen ein Zeichen gab, daß ſie nun ſprechen ſollte; worauf ſie demuͤthig anfing: Freundliche Damen, es gibt deren genug, welche glauben, daß Amor mur durch die Augen entflammt, ſeine Pfeile abſchicke, indem ſie diejenigen verſpot⸗ ten, welche behaupten wollen, man koͤnne ſich auch durch Hoͤrenſagen verlieben. Daß dieſe ſich taͤuſchen, wird deutlich genug ſich in einer Novelle zeigen, welche ich zu erzaͤhlen beabſichtige. In dieſer wer⸗ det Ihr ſehen, daß nicht allein der Ruf, ohne ſich je geſehen zu haben, dies bewirkt hat, ſondern es wird Euch auch offenbar werden, daß fuͤr Jeden ein elender Tod daruͤber erfolgt iſt. Wilhelm der Zweite, Koͤnig von Sizilien, hatte, wie die Sizilianer behaupten, zwei Kinder, einen Sohn, Namens Ruggieri und eine Tochter, genannt Conſtanze. Ruggieri, der vor ſeinem Vater ſtarb, hinterließ ebenfalls einen Sohn, Gerbino. Dieſer, von ſeinem Großvater mit Sorgfalt erzogen, ward ein ſehr ſchoͤner junger Mann, und durch ſeine Japferkeit und feine Bildung beruͤhmt. Und nicht allein in den Graͤnzen Siziliens blieb ſein Ruf ein⸗ geſchloſſen, ſondern in verſchiedenen Weltgegenden hin erſchallend, ward er auch in der Barbarei ſehr beruͤhmt, welche zu damaliger Zeit dem Koͤnige von 154 Sizilien tributpflichtig war. Unter andern, zu deren Ohren der hochgeprieſene Ruhm der Tugenden und der Sittlichkeit Gerbins drang, war auch eine Toch⸗ ter des Koͤnigs von Tunis, welche, nach dem, was ein Jeder, der ſie geſehen hatte, von ihr ſagte, eins der ſchoͤnſten Geſchoͤpfe war, welche jemals die Na⸗ tur gebildet hatte, im hoͤchſten Grade geſittet und von edlem und hohem Gemuͤthe. Sie hoͤrte gern von trefflichen Maͤnnern reden, daher faßte ſie mit ſo großer Leidenſchaft alles auf, was ſie von dieſem oder jenem uͤber Gerbino's edles Handeln erzaͤhlen hoͤrte, und das gefiel ihr ſo ſehr, daß, indem ſie es ſich bei ſich ſelbſt einbildete, wie er wol ausſehen moͤchte, ſie ſich heftig in ihn verliebte, am liebſten von ihm als von einem andern ſprach und den, der von ihm ſprach, anhoͤrte. 5 Auf der andern Seite war eben ſo wie ander⸗ waͤrts hin, auch nach Sizilien der große Ruhm von ihrer Schoͤnheit und von ihrem außerordentlichen Werth gedrungen, und nicht ohne das groͤßte Ver⸗ gnuͤgen, noch umſonſt bis zu den Ohren Gerbins ge⸗ langt, ſo daß er nicht weniger in ſie, als in ihn die Jungfrau entbrannt war und ſich verliebt hatte. Bis er daher aus einem anſtaͤndigen Grunde vom Groß⸗ vater die Erlaubniß erhielt, nach Tunis zu gehen, und er doch uͤber alle Maßen begierig war, ſie zu ſehen, trug er jedem Freunde, der dort hinging, auf, daß er ihr nach ſeinen Kraͤften ſeine geheime und große Liebe auf eine Art mittheilen moͤchte, Vierter Tag. . — Vierte Novelle. 155 wie er ſie fur die beſte hielte, und ihm wieder Nach⸗ richten von ihr bringen ſollte. Einer von dieſen that es auf eine ſehr ſchlaue Art, indem er ihr Frauenſchmuck brachte, und, wie die Kaufleute zu thun pflegen, zeigte, bei welcher Gelegenheit er ihr dann Gerbino's Liebe vollkommen eroͤffnete und ihn ſelbſt mit allem, was er haͤtte, zu ihren Befehlen bereit, antrug. Mit froͤhlichem Geſichte nahm ſie ſowohl den Geſandten als auch die Geſandtſchaft auf, und ant⸗ wortete ihm, daß ſie, von gleicher Liebe entbrannt, ihm zum Beweiſe daruͤber einen ihrer ſchoͤnſten Edel⸗ ſteine uͤberſchickte. Gerbin empfing denſelben mit einer ſolchen Freude, mit welcher man nur irgend etwas Liebes empfangen kann; ſchrieb ihr durch eben dieſen meh⸗ rere Male, ſchickte ihr koſtbare Geſchenke, und machte mit ihr gewiſſe Unterhandlungen ab, wie ſie ſich, wenn es das Gluͤck ihnen zugeſtaͤnde, ſehen und zu⸗ ſammenkommen koͤnnten. Aber da die Sachen auf dieſe Weiſe fortgingen und ſich etwas mehr in die Laͤnge zogen, als es noͤthig geweſen waͤre, und von der einen Seite die Jungfrau und von der andern Gerbin, immer mehr entbrannten, ereignete es ſich, daß der Koͤnig von Tunis ſie an den Koͤnig von Granada vermaͤhlte. Sie haͤrmte ſich ſehr hieruͤber, indem ſie dachte, daß ſie ſich nicht allein in einer weitern Entfernung von ihrem Geliebten entfernte, ſondern daß ſie ihm vielmehr ganz und gar genom⸗ men worden waͤre; ſo daß, wenn ſie nur eine Art —— 156 Vierter Tag. abgeſehen haͤtte, ſie gern, damit das nur nicht ge⸗ ſchehen moͤchte, von ihrem Vater entflohen und zu Gerbino gekommen waͤre. Eben ſo lebte auch Gerbin, da er von dieſer Verbindung hoͤrte, in unmaͤßigem Schmerz, und uͤberdachte es oftmals bei ſich ſelbſt, ſie, wenn er nur eine Art abſehen koͤnnte, mit Gewalt zu rauben, falls ſie etwa zur See zu ihrem Gemahl yingehen ſollte. Der Koͤnig von Tunis hoͤrte ſo etwas von dieſer Liebe und von Gerbino's Vorſatz, ließ aber doch uber ſeinen Muth und ſeine Macht beunruhiget, den Koͤnig Wilhelm, da die Zeit heranruͤckte, ſie abzu⸗ ſenden, wiſſen, was er zu thun beabſichtige und er auch, wenn er ihm die Verſicherung gaͤbe, daß er weder von Gerbino, noch von irgend einem Andern in ſeinem Namen verhindert werden wuͤrde, wirklich thun wolle. Der Koͤnig Wilhelm, der ein alter Herr war, und nicht das Geringſte gemerkt hatte, daß Gerbin verliebt waͤre, konnte nicht begreifen, warum dieſer⸗ halb eine ſolche Sicherheit verlangt wuͤrde, geſtand ſie freiwillig zu und uberſchickte zum Beweiſe daruber dem Koͤnige von Tunis einen Handſchuh. Nach⸗ dem dieſer die Verſicherung erhalten hatte, ließ er in dem Hafen von Carthagena ein ſehr großes und ſchoͤnes Schiff ausruͤſten und mit allem verſehen, was fuͤr die, welche darauf fortfahren ſollte, noͤthig war, ließ es auszieren und ausſchmuͤcken, um ſeine r in r⸗ nd er er nd n, ig ne Vierte Novelle. Tochter darauf nach Granada zu ſenden. Und ſo er⸗ wartete er nichts weiter, als die Zeit. Die Jungfrau, die dies alles erfuhr und ſah, ſchickte heimlich einen ihrer Diener nach Palermo und trug ihm auf, den ſchoͤnen Gerbino von ihrer Seite zu gruͤßen und ihm zu ſagen, daß ſie in eini⸗ gen Tagen nach Granada gehen und es ſich jetzt zei⸗ gen wuͤrde, ob er ein ſo muthiger junger Mann waͤre, als man ſagte und ob er ſie ſo liebe, als er es ihr ſo oft geſchrieben habe. Derjenige, dem die⸗ ſer Auftrag gemacht worden war, richtete die Ge⸗ ſandtſchaft auf's Beſte aus und kehrte nach Tunis zuruͤck. Als Gerbino dies hoͤrte und erfahren hatte, daß der Koͤnig Wilhelm, ſein Großvater, dem Koͤnige von Tunis die Verſicherung gegeben haͤtte, wußte er nicht was er thun ſollte; indeſſen, von Liebe ge⸗ trieben, ging er, da er die Worte der Jungfrau ge⸗ hoͤrt hatte und um nicht feigherzig zu erſcheinen, nach Meſſina, ließ dort in aller Eil zwei leichte Ga⸗ leeren ausroͤſten, ſetzte einige tuͤchtige Maͤnner dar⸗ auf und ſegelte damit nach Sardinien, in der Mei⸗ nung, daß das Schiff mit der Jungfrau dort vor⸗ beikommen muͤßte. Der Erfolg ſeiner Meinung blieb auch nicht lange aus; denn er hatte kaum einige Tage daſelbſt verweilt, als das Schiff mit wenigem Winde, nicht weit von dem Orte, wo er, um daſ⸗ ſelbe zu erwarten, ſtille lag, daruͤber herzu kam. Sobald Gerbino dies ſah, ſagte er zu ſeinen Ge⸗ faͤhrten: Meine Herren, wenn Ihr wirklich ſo mu⸗ 157 158 Vierter Tag. thig ſeyd, als wofuͤr ich Euch halte, ſo glaube ich, es wird keiner unter Euch ſeyn, der nicht Liebe ge⸗ fuhlt hat oder noch fuͤhlt, und ohne welche, wie ich bei mir ſelbſt der Meinung bin, kein Sterblicher je eine Tugend oder irgend etwas Gutes beſitzen kann; und wenn Ihr verliebt geweſen ſeyd oder noch ſeyd, ſo wird es Euch leicht werden, meinen Wunſch zu begreifen. Ich liebe und die Liebe verleitet mich dazu, Euch jetzt dieſe Muͤhe zu machen, und der Gegenſtand, den ich liebe, verweilt auf dem Schiffe, was Ihr da vor Euch ſeht, welches noch zugleich mit dem, wonach mein ſehnlichſter Wunſch geht, mit den groͤßten Reichthuͤmern angefullt iſt, die wir, wenn Ihr beherzte Maͤnner ſeyd, mit leichter Muͤhe, maͤnnlich kämpfend, erlangen koͤnnen. Fuͤr dieſen Sieg will ich, daß mir nichts weiter zu Theil werde, als nur eine Jungfrau, fuͤr deren Liebe ich die Waf⸗ fen fuͤhre, alles Uebrige mag von jetzt an Euer ſeyn. Auf alſo! und mit gutem Gluͤcke laßt uns das Schiff angreifen; Gott, der unſerm Unternehmen guͤnſtig iſt, haͤlt es, ohne ihm Wind zukommen zu laſſen, fuͤr uns feſt. Der ſchoͤne Gerbino hatte ſo vieler Worte gar nicht noͤthig, denn die Meſſineſer, die mit ihm wa⸗ ren, nach Raub begierig, waren im Geiſte das zu thun ſchon bereit, wozu Gerbino ſie mit Worten zu bereden ſuchte; denn am Ende ſeiner Rede erhoben ſie ein großes Geſchrei, daß es wirklich ſo wäre, ſtießen in die Trompete, ergriffen die Waffen, tauch⸗ ar ⸗ zu en re, Vierte Novelle. 159 ten die Ruder ins Meer und kamen an das Schiff heran. Diejenigen, welche auf dem Schiffe ſich befan⸗ den, ſahen von weitem die Galeere ankommen und machten ſich, da ſie nicht entfliehen konnten, zur Vertheidigung bereit. Als der ſchoͤne Gerbin dem⸗ ſelben nahe genug war, geboth er, daß die Herren deſſelben auf die Galeeren geſandt werden moͤchten, wenn ſie keinen Kampf haben wollten. Die Sara⸗ zenen uͤberzeugt, wer ſie waͤren und was ſie verlang⸗ ten, ſagten, ſie waͤren gegen das vom Koͤnige gege⸗ bene Wort von ihnen angefallen worden, zeigten zum Beweiſe deſſelben den Handſchuh des Koͤnigs Wil⸗ helm, und erklaͤrten gerade zu, ſie wuͤrden ohne Kampf weder ſich ſelbſt ergeben, noch irgend et⸗ was von dem, was auf dem Schiffe waͤre, ihnen herausgeben. Gerbino, der vom Hintertheile des Schiffes die Jungfrau noch fuͤr viel ſchoͤner erkannt hatte, als er es bei ſich geglaubt, ward noch weit mehr ent⸗ flammt, als vorher und antwortete, beim Vorzeigen des Handſchuhes, daß hier keine Falken wären, wes⸗ halb ein Handſchuh noͤthig ſey; wenn ſie daher nicht die Jungfrau herausgeben wollten, ſo moͤchten ſie ſich zum Kampfe bereit machen. Dieſer begann auch ſogleich wuͤthend mit Bogenſchuͤſſen und Stein⸗ wuͤrfen, und ward lange Zeit zum Nachtheil beider Parteien auf ſolche Art fortgeſetzt. Endlich aber, als Gerbin ſah, daß er wenig Vortheil ſchaffe, nahm er ein kleines Fahrzeug, was er von Sardinien mit⸗ 160 Vierter Tag. genommen hatte, zuͤndete in demſelben ein Feuer an und brachte es mit den zwei Galeeren dem feindli⸗ chen Schiffe naͤher. Sobald die Sarazenen dies ſahen und ſich uber⸗ zeugten, daß ſie ſich entweder ergeben oder ſterben muͤßten, ließen ſie die Koͤnigstochter auf das Ver⸗ deck bringen, welche unten im Raume weinte, und fuͤhrten ſie auf das Vordertheil des Schiffes; dann riefen ſie Gerbin, todteten ſie vor ſeinen Augen, ſo ſehr ſie auch um Gnade und Huͤlfe rief, und ſtuͤrz⸗ ten ſie mit dieſen Worten ins Meer: Da, nimm ſie, wir geben ſie Dir, ſo wie wir es koͤnnen und Deine Treue ſie verdient hat. Als Gerbin ihre Grauſamkeit ſah, ließ er ſich, begierig zu ſterben und ſich weder um Pfeilſchuͤſſe noch um Steinwuͤrfe bekuͤmmernd, näher an das Schiff heran bringen, dann ſprang er, trotz Aller, ſo viel auch nur darauf waren, auf daſſelbe hinauf, und nicht anders, als wenn ein hungriger Loͤwe in eine Heerde junger Stiere einfällt, bald dieſen bald jenen toͤdtet, und eher mit den Zähnen und mit den Klauen ſeine Wuth wie ſeinen Hunger ſaͤttigt, toͤd⸗ tete Gerbin auf eine grauſame Weiſe viele Saraze⸗ nen, indem er bald dieſen bald jenen, mit dem Schwerte in der Hand, niederhieb. Als mun ferner das Feuer auf dem angezuͤndeten Schiffe immer wuchs, ließ er von den Schiffsleuten, zu ihrer Be⸗ friedigung, herunter nehmen, was ſie nur konnten, und ſtieg ſelbſt des Sieges, den er uͤber ſeine Feinde erkaͤmpft hatte, wenig froh von demſelben wieder hinab. ſeyn Da aus mit zur ger kan fah gekl uͤbet ten gen ließ keit fang Kein durc ſeine weil weni zen v merli Die 2 erſc an li⸗ er⸗ ben er⸗ ind nn rz⸗ m nd ſſe as r, f⸗ ld en er er n, de Fuͤnfte Nobelle. 161 Dann ließ er den Leichnam der ſchoͤnen Jungfrau aus dem Meere herausziehen, beklagte ihn lange und mit vielen Thraͤnen und ging nach Sicilien wieder zuruͤck, wo er ihn in uſtica,— eine kleine Inſel, gerade uͤber Frapani,— anſtaͤndig begraben ließ. In Schmerz verſunken, wie es ein Menſch nur ſeyn kann, kehrte er darauf nach Hauſe zuruͤck. Sobald der Koͤnig von Tunis die Rachricht er⸗ fahren hatte, ſchickte er ſeine Geſandten, ſchwarz gekleidet, an den Koͤnig Wilhelm, beklagte ſich dar⸗ uͤber, daß ihm das gegebene Wort ſo ſchlecht gehal⸗ ten wäre, und ließ ihm ſagen, wie es ſich zugetra⸗ gen habe. Der Koͤnig Wilhelm, hieruͤber ſehr beſtürzt, ließ, da er keinen Ausweg ſah, ihnen die Gerechtig⸗ keit zu verſagen, welche ſie verlangten, Gerbin ge⸗ fangen nehmen und er ſelbſt verurtheilte ihn, da Keiner ſeiner Großen war, der es gewagt hätte, ihn durch Bitten davon abzubringen, zum Tode. In ſeiner Gegenwart ließ er ihm den Kopf abſchlagen, weil er lieber ohne Enkel bleiben, als ein Koͤnig ſeyn wollte, der ſein Wort nicht gehalten habe. Auf dieſe Weiſe ſtarben auf eine elende Art in wenig Tagen zwei Liebende, ohne irgend einen Nuz⸗ en von ihrer Liebe genoſſen zu haben, eines jäm⸗ merlichen Todes, ſo wie ich es Euch erzählt habe. Fuͤnfte Novelle. Die Bruder Liſabetta's bringen ihren Geliebten um; er erſcheint ihr im Traume und zeigt ihr, wo er begraben Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 3. 11 162 Vierter Tag. liegt. Sie gräbt in geheim den Kopf aus, legt ihn in ein Gefäͤß von Baſilicum und weint alle Tage eine ganze Stunde daruͤber. Die Bruͤder nehmen es ihr und ſie ſtirbt bald darauf vor Schmerz. Da Eliſa's Novelle beendigt war und der Kö⸗ nig ſie allenfalls gelobt hatte, ward Philomenen auf⸗ gegeben, daß ſie ſprechen ſolle; dieſe, ganz mitleids⸗ voll uͤber den unglucklichen Gerbino und ſeine Ge⸗ liebte, fing, nach einem gefuhlvollen Seufzer, alſo an: Meine Novelle, freundliche Damen, betrifft nicht Leute von ſo hohem Stande, als die waren, von denen Eliſa erzahlt hat, aber ſie wird darum Euer Mitleid nicht weniger aufregen; und das erſt kurz vorher erwaͤhnte Meſſina, woſelbſt der Vorfall ſich ereignete, regt die Erinnerung daran in mir auf. Es lebten alſo in Meſſina drei Bruͤder als Kauf⸗ leute, welche nach dem Vode ihres Vaters, der aus St. Gemignano herſtammte, als ſehr reiche Leute zuruͤckgeblieben waren. Sie hatten eine Schweſter, Liſabetta genannt, ein ſehr ſchoͤnes, ſittſames Mäd⸗ chen, welches ſie aber, mag der Grund auch gewe⸗ ſen ſeyn, welcher er wolle, doch noch nicht verheira⸗ thet hatten. veberdies hatten dieſe drei Brüder in ihrem Gewoͤlbe einen jungen Piſaner, mit Namen Lorenzo, welcher alle ihre Gef fte leitete und aus⸗ fuͤhrte; dieſer, ein recht ſchoͤner und ſehr einneh⸗ mender junger Mann, fing an, Liſabetta'n, da ſie ihn mehrmals zu ſehen Gelegenheit hatte, außeror⸗ dentlich zu gefallen. Sobald L renzo dies ein oder zwei Mal bemerkt hatte, ließ auch er eben ſo alle ſeine andern Lieb⸗ tet nin ganze d ſie Koͤ⸗ auf⸗ eids⸗ Ge⸗ an: trifft aren, arum erſt rfall auf. Kauf⸗ aus Leute eſter, Maäd⸗ gewe⸗ er in amen aus⸗ merkt Lieb⸗ Fuͤnfte Novelle. ſchaften fahren, und richtete ſeinen Sinn ganz allein nur auf ſie, und die Sache kam bald ſo weit, daß, da der Eine dem Andern auf gleiche Weiſe gefiel, es nicht lange dauerte, daß ſie, Beide von einander uͤberzeugt, thaten, was ein Jeder wuͤnſchte. Da ſie nun dieſe Lebensart fortſetzten, und mit einander rechte gute Zeit und viel Vergnügen genoſſen, wuß⸗ ten ſie es doch nicht ſo geheim zu halten, daß in ei⸗ ner Nacht, als Liſabetta da hinging, wo Lorenzo ſchlief, der aͤlteſte Bruder es nicht ſollte entdeckt haben, ohne daß ſie es gewahr geworden war. Als ein kluger, junger Mann, ſo vielen Kum⸗ mer es ihm auch machte, ſo etwas zu erfahren, gab er doch einem edleren Entſchluſſe Raum und war⸗ tete, ohne ein Wort zu ſagen, aber manches bei ſich uͤber dieſen Punkt uͤberlegend, bis zum folgenden Morgen. Nachdem aber der Tag gekommen war, erzählte er ſeinen Bruͤdern, was er in der vergange⸗ nen Nacht von Liſabetta und Lorenzo geſehen hatte, und nachdem er zuſammen mit ihnen eine lange Be⸗ rathung gehalten, beſchloß er hieruͤber, damit wed ihnen noch der Schweſter eine Schande daraus er⸗ wachſen moͤchte, es ſtillſchweigend hingehen zu laſ⸗ ſen und ſich zu ſtellen, als haͤtte er nie irgend et⸗ was geſehen oder erfahren, bis ein Mal eine Zeit käme, in welcher ſie, ohne Schimpf und Schande fuͤr ſich, dieſen Schandfleck, ehe es noch weiter da⸗ mit käme, ſich aus den Augen fortſchaffen könnten. In dieſer Willensmeinung blieben ſie, ſcherzten und lachten mit Lorenzo, wie ſie es gewohnt warenß in⸗ Vierter Tag. deſſen einſt thaten ſie, als wollten ſie alle drei ein Mal zu ihrem Vergnuͤgen die Stadt verlaſſen, und nahmen zu dem Ende Lorenzo mit ſich; als ſie aber an einen ſehr einſamen und abgelegenen Ort gekom⸗ men waren und einen ſchicklichen Zeitpunkt abgeſe⸗ hen hatten, brachten ſie Lorenzo, der ſich davor gar nicht bewahrt hatte, um und vergruben ihn ſo, daß Niemand etwas davon gewahr werden konnte. Als ſie darauf wieder nach Meſſina zuruͤckgekehrt waren, ſagten ſie einem Jeden, ſie haͤtten ihn in ihren An⸗ gelegenheiten verſchickt. Dies glaubte man ſehr leicht, weil ſie ihn gewoͤhnlich oftmals herum zu ſchicken pflegten. Indeſſen Lorenzo kehrte nicht wieder und Liſa⸗ betta fragte die Bruͤder oft ſehr angelegentlich, da ihr ſeine lange Abweſenheit ſehr druͤckend ward. Als ſie aber eines Tages einmal ſehr dringend fragte, ſagte einer der Bruͤder zu ihr: Was ſoll das heißen? was haſt Du mit Lo⸗ renzo zu ſchaffen, daß Du ſo oft nach ihm fraͤgſt? fraͤgſt Du noch mehr danach, ſo werden wir Dir ſo eine Antwort geben, die ſich fuͤr Dich paßt. Das Mädchen, betruͤbt und traurig, fuͤrchtend und nicht wiſſend was, fragte nicht weiter, ſondern rief ihn oftmals in der Nacht ſehnſuchtsvoll und flehete, daß er doch kommen moͤchte; ja zuweilen wol klagte ſie mit bittern Thraͤnen uͤber ſeine lange Abweſenheit, und wartete unaufhoͤrlich ohne an ir⸗ gend einer Frende Theil zu nehmen. In einer Nacht indeſſen, da ſie uͤber Lorenzo viel geweint hatte, daß er dar Tre riſſ ſag rufi und den heſi dem ver nich ſchi ſie and ihr nah hen Tr end ern und len nge cht daß Fuͤnfte Novelle. 165 er gar nicht wiederkehrte und ſie endlich weinend daruͤber eingeſchlafen war, erſchien ihr Lorenzo im Traume, bleich, ganz zerzauſt, alle ſeine Kleider zer⸗ riſſen und beſchmutzt, und es kam ihr ſo vor, als ſagte er zu ihr: O Liſabetta, Du thuſt nichts anders als mich rufen, betruͤbſt Dich uͤber meine lange Abweſenheit und klagſt mich hart mit Deinen Thraͤnen an, dar⸗ um wiſſe denn, ich kann nicht wieder zuruͤckkehren, denn an dem letzten Tage, an welchem Du mich ſa⸗ heſt, haben mich Deine Bruͤder umgebracht. Nach⸗ dem er ihr alsdann den Ort angedeutet, wo ſie ihn vergraben hatten, ſagte er zu ihr, daß ſie ihn nicht mehr rufen und erwarten moͤchte, und er ver⸗ ſchwand. Das Maͤdchen erwachte und weinte bitterlich, da ſie der Erſcheinung Glauben beilegte. Sie ſtand den andern Morgen auf, hatte aber nicht das Herz, ihren Bruͤdern nur das Geringſte zu ſagen, ſondern nahm ſich vor, an den angezeigten Ort hinzuge⸗ hen und zu ſehen, ob das wahr waͤre, was ihr im Traume erſchienen war. Sobald ſie daher die Ge⸗ nehmigung erhalten hatte, in Geſellſchaft Einer, die ſonſt wol bei ihnen geweſen war und die um alle ihre Angelegenheiten wußte, zu ihrem Vergnuͤ⸗ gen ein wenig aus der Stadt zu gehen, ging ſie, ſo ſchnell ſie nur konnte, dahin und nachdem ſie ei⸗ nige duͤrre Blaͤtter, welche ſich an dem Orte befan⸗ den, weggeraͤumt hatte, grub ſie da, wo ihr der Boden am wenigſten hart zu ſeyn ſchien, nach. Sie Vierter Tag. hatte auch in der That nicht lange nachgegraben, als ſie den Leichnam ihres ungluͤcklichen Geliebten fand, der noch gar nicht verweſet oder entſtellet war, woran ſie deutlich erkannte, daß ihre Erſcheinung wahr geweſen waͤre. Troſtlos, mehr als eine andere Frau es nur ſeyn koͤnnte, aber wol einſehend, daß Klagen hier nichts nuͤtzten, wuͤrde ſie gern, haͤtte ſie es nur gekonnt, den ganzen Koͤrper mitgenommen haben, um ihm ein anſtaͤndiges Begräbniß zu ge⸗ ben; allein da ſie einſah, daß das nicht moͤglich wäͤre, ſo loͤſte ſie mit einem Meſſer, ſo gut wie ſie es im Stande war, den Kopf von dem Rumpfe ab und wickelte ihn in ein Handtuch; dann warf ſie die Erde wieder uͤber den andern Koͤrper und legte jenen der Dienerin auf den Schooß. Ohne von Je⸗ mand geſehen zu ſeyn, ging ſie wieder fort von hier und kehrte nach Hauſe zuruͤck. Hier ſchloß ſie ſich mit dieſem Kopfe in ihrer Kammer ein, weinte lange und bitter uͤber ihn, ſo lange, bis ſie ihn ganz mit ihren Thraͤnen abgewa⸗ ſchen hatte, wobei ſie ihm allenthalben tauſend Kuͤſſe gab. Dann nahm ſie ein großes und ein ſchoͤnes Ge⸗ faͤß, worin man Majoran oder Baſilicum einpflanzt, und legte ihn, in ein ſchoͤnes Tuch eingewickelt, da hinein, dann vergrub ſie ihn unter der Erde, pflanzte einige Reiſer von ſchoͤnem Salernitaniſchen Baſili⸗ cum darauf, und benetzte dieſen niemals mit ande⸗ rem Waſſer, als mit Roſenwaſſer oder von Oran⸗ genbluͤthe oder mit ihren Thraͤnen. Sie hatte es zur Gewohnheit, ſich immer neben dieſem Gefaͤße en, ten ar, ung ere daß ſie nen ge⸗ lich ſie ab ſie gte Je⸗ ier rer ſo wa⸗ uͤſſe Ge⸗ nzt, da zte ſili⸗ de⸗ an⸗ es aͤße Fuͤnfte Novelle. 167 hinzuſetzen und nach dieſem mit der liebevolleſten Sehnſucht hinzublicken, ſo als hielte er ihren Lo⸗ renzo verborgen; und hatte ſie ihn alsdann lange ge⸗ nug angeblickt, ſo ſturzte ſie uͤber ihn hin, fing an zu weinen und weinte ſo lange fort, bis der Baſili⸗ cum beinahe ganz in ihren Thraͤnen ſchwamm. Der Baſilicum ward, theils durch die lange und fortge⸗ ſetzte Pflege, theils durch die Fettigkeit der Erde, welche aus dem verweſenden Kopfe, der darin lag, entſtand, immer ſchoͤner und uͤberaus wohlriechend. Da das Maädchen dieſe Gewohnheit ununterbrochen fortſetzte, ſahen ſie ihre Nachbarn mehrere Male. Dieſe ſagten endlich zu den Braͤdern, welche ſich uͤber ihre zernichtete Schoͤnheit, ſo wie auch daruͤber ſehr wunderten, daß ihnen ihre Augen wie aus dem Kopfe verſchwunden zu ſeyn ſchienen; wir haben bemerkt, daß ſie alle Tage ſolche Weiſe beobachtet. Als die Bruͤder dies hoͤrten und es auch ſelbſt vemerkt hatten, tadelten ſie ſie einige Mal daruͤber, und da dies nichts half, ließen ſie dies Gefaͤß unbe⸗ merkt von ihr fortſchaffen. Da ſie daſſelbe nicht wiederfand, verlangte ſie es mit den dringendſten Bitten zuruͤck, und da es ihr nicht zuruͤckgegeben ward, und weder ihre Klagen noch ihre Thränen auf⸗ hoͤrten, erkrankte ſie und forderte in ihrer Krankheit nichts als das Gefäß zurück. Die Männer wunderten ſich ſehr uͤber dieſes Fordern und wollten doch deshalb ſehen, was darin waͤre; und nachdem ſie die Erde herausgeſchuͤttet hatten, erblickten ſie das Tuch und in dieſem den „ 168 Vierter Tag. noch nicht ſo verzehrten Kopf, daß ſie nicht an dem krauſen Haare erkannt haben ſollten, es wäre Lo⸗ renzo's Kopf. Hieruber noch mehr in Erſtaunen ge⸗ ſetzt, furchteten ſie, daß die Sache bekannt werden moͤchte; ſie gruben ihn daher wieder ein, ohne wei⸗ ter etwas davon zu ſagen, verließen vorſichtigerweiſe Meſſina, richteten alles ein und gingen, da ſie ſich von hier wegbegaben, nach Neapel. Das junge Maͤdchen, welches nicht aufhoͤrte zu klagen und nur ihr Gefaͤß zuruͤckforderte, ſtarb un⸗ ter dieſen Thraͤnen; und auf ſolche Art endete ihre ungluͤckliche Liebe. Indeſſen dieſer Vorfall war doch nach einiger Zeit unter Vielen ruchtbar geworden; es fand ſich ſogar einer, der dieſes Lied darauf dich⸗ tete, welches noch heute geſungen wird, nämlich: Wer war doch nur der boͤſe Chriſt Der die Phiole mir geraubt u. ſ. w. Sechſte Novelle. Andriuola liebt Gabriotto. Sie erzaͤhlt ihm einen Traum und er ihr einen andern. Er ſtirbt plotzlich in ihren Armen. Waͤhrend ſie mit einem ihrer Dienſtmaͤdchen ihn nach ſeinem Hauſe traͤgt, werden ſie von der Polizei aufgegriffen und ſie erzählt, wie die Sache zuſammen⸗ haͤngt. Der Richter will ihr Gewalt anthun, ſie lei⸗ det es nicht. Dies hoͤrt ihr Vater, der ſie befreit, nachdem er ſie für unſchuldig befunden hat. Sie will durchaus nicht laͤnger mehr in der Welt bleiben, und wird eine Nonne. Dieſe Novelle, welche Philomena erzäͤhlt hatte, war den Damen ſehr lieb, weil ſie dieſe Canzone e⸗ en i⸗ zu re 13 Sechſte Novelle. 169 oft ſingen gehoͤrt hatten und niemals, ſo oft ſie auch danach gefragt, hatten erfahren koͤnnen, was wol die Veranlaſſung geweſen ſeyn moͤchte, aus wel⸗ cher ſie gemacht worden waͤre. Nachdem aber der Koͤnig das Ende derſelben gehoͤrt hatte, gab er Pam⸗ philus auf, daß er der Reihe nach folgen ſollte. Pamphilus ſagte hierauf: Der in der vorhergehenden Novelle erzaͤhlte Traum gibt mir Veranlaſſung, Euch eine zu erzaͤh⸗ len, worin von zweien die Rede iſt, welche etwas, was kommen ſollte, wie jener etwas, was geſchehen war, enthalten und von welchen diejenigen, die ſie gehabt hatten, kaum die Erzaͤhlung beendet hatten, als ſchon von beiden die Erfuͤllung erfolgte. Und eben darum, liebreiche Damen, ſollt Ihr wiſſen, daß es die allgemeine Leidenſchaft eines Jeden iſt, der da lebt, im Traume mancherlei zu ſehen, was zwar dem, der da ſchlaͤft, ſo lange er ſchlaͤft, voͤl⸗ lig wahr zu ſeyn ſcheint, von dem er aber ſelbſt, ſo bald er erwacht iſt, einiges fuͤr wahr, anderes fuͤr wahrſcheinlich und einen Theil außer aller Wahr⸗ heit haͤlt, wenn er auch gleich findet, daß vieles eingetroffen iſt. Daher legen Viele einem jeden Traume ſo viel Glauben bei, als ſie nur immer dem beilegen wuͤrden, was ſie im Wachen wirklich ſe⸗ hen, und werden durch ihre Traͤume ſelbſt traurig oder vergnuͤgt, je nachdem ſie durch dieſelben fuͤrch⸗ ten oder hoffen. Im Gegentheil aber ſind auch wie⸗ der welche, die nichts davon eher glauben, als bis ſie ſehen, daß ſie wirklich in die ihnen vorher ge⸗ 170 Vierter Tag. zeigte Gefahr gerathen ſind. Hiervon lobe ich we⸗ der das eine noch das andere, weil ſie weder immer wahr, noch jedes Mal falſch ſind. Daß ſie nicht alle wahr ſind, wird ein Jeder von uns wol oft ſchon eingeſehen haben; und daß ſie nicht alle falſch ſind, iſt uns ſchon oben in Philomena's Novelle be⸗ wieſen, und denke ich es Euch auch durch die mei⸗ nige, wie ich vorher geſagt habe, zu beweiſen. Da⸗ her bin ich der Meinung, wer tugendhaft lebt und handelt, darf keinen dieſem entgegenſtehenden Traum fuͤrchten, noch deshalb ſeine guten Vorſuͤtze fahren laſſen. Bei ſchlechten und verkehrten Handlungen aber glaube Keiner den Traͤumen, wenn ſie dieſelben auch noch ſo ſehr zu beguͤnſtigen ſcheinen, und den, der ſie gehabt hat, mit entſprechenden Beweiſen be⸗ kraͤftigen moͤgen; ſo wie er im entgegengeſetzten Falle allen vollen Glauben gebe. Doch laßt uns zur Novelle kommen! In der Stadt Brescia war einſt ein edler Mann, genannt Meſſer Negro da Ponte Carraro, welcher unter mehreren andern Kindern eine Tochter hatte, Namens Andreuola, jung, recht ſchoͤn und unverhei⸗ rathet; dieſe verliebte ſich zufaͤlligerweiſe in ihren Nachbar, welcher den Namen Gabriotto fuͤhrte, zwar ein Mann von gemeinem Herkommen, aber von lo⸗ benswuͤrdigen Sitten, ſchoͤner Geſtalt und einneh⸗ mend. Mit Huͤlfe des Dienſtmaͤdchens brachte es die Jungfrau dahin, daß Gabriotto nicht allein erfuhr, er wuͤrde von Andreuola geliebt, ſondern daß er auch in einen Garten ihres Vaters mehrere Mal zum Sechſte Novelle. 171 Vergnuͤgen ſowol des einen als auch des andern Thei⸗ les eingefuͤhrt ward. Und damit kein anderer Grund als nur der Tod dieſe ihre zaͤrtliche Liebe jemals trennen moͤchte, wurden ſie ganz in geheim Mann und Frau. Da ſie nun auf ſolche verſtohlne Weiſe ihre Verbindung fortſetzten, geſchah es, daß die Jung⸗ frau, als ſie eine Nacht ſchlief, im Traume zu ſe⸗ hen glaubte, ſie befaͤnde ſich in ihrem Garten mit Gabriotto und hielte ihn mit dem groͤßten Vergnuͤ⸗ gen eines Jeden, in ihren Armen. Waͤhrend ſie nun ſo bei einander waren, kam es ihr vor, als draͤnge etwas ſchwarzes und fuͤrchterliches, wovon ſie aber die Geſtalt nicht recht erkennen konnte, aus ſei⸗ nem Koͤrper hervor; dies ſchien ihr Gabriotto'n zu ergreifen, ihn, trotz aller ihrer Anſtrengung mit wundervoller Kraft aus ihren Armen zu reißen und mit ſich unter die Erde fortzuziehen, ſo daß ſie we⸗ der das eine noch den andern je wieder ſehen konnte. Im Gefuͤhle des unſaͤglichſten Schmerzes hieruͤber wachte ſie auf, und wenn ſie gleich aufgewacht ſich ſehr freute, da ſie ſah, daß das nicht ſo waͤre, wie ſie geträumt haͤtre, ſo verſetzte ſie das Traumgeſicht dennoch in Furcht. Und deshalb gab ſie ſich, da Gabriotto die folgende Nacht zu ihr kommen wollte, alle Muͤhe, es dahin zu bringen, daß er den Abend nicht kaͤme; indeſſen, da ſie ſeinen Wunſch merkte, und er nichts anderes argwoͤhnen moͤchte, empfing ſte ihn in der folgenden Nacht in ihrem Garten und nachdem ſie viele weiße und rothe Roſen gepfluckt — 172 Vierter Tag. hatte, weil es um dieſe Jahreszeit war, ging ſie mit ihm nach einer ſchoͤnen und klaren Fontaine hin, welche im Garten war. Nachdem ſie hier lange und recht vergnuͤgt mit einander zugebracht hatten, fragte Gabriotto ſie, was doch die Urſache wäre, weshalb ſie ihm heute herzukommen verweigert haͤtte; das Mädchen gab ſie ihm an, indem ſie ihm erzaͤhlte, was ſie die Nacht vorher im Traume geſehen und was fuͤr einen Argwohn ſie aus demſelben geſchoͤpft habe. Gabriotto lachte als er dies hoͤrte und ſagte, daß es eine große Thorheit waͤre, auf Fraͤume zu bauen, weil ſie entweder aus übermaß der Speiſen, oder aus Mangel derſelben herkaͤmen, und man es alle Tage ſaͤhe, wie eitel alle waͤren. Dann fuhr er fort: Wenn ich mich haͤtte an Traͤume kehren wollen, ſo wuͤrde ich nicht hergekommen ſeyn, nicht ſowohl Deines Traumes wegen, als vielmehr wegen eines, den ich ſelbſt in der vergangenen Nacht gehabt habe, und dieſer war: Es kam mir vor, als befuͤnde ich mich in einem ſchoͤnen und reizenden Walde, in welchem ich jagte, und eine ſo ſchoͤne, liebliche Hindin gefangen hatte, wie man nur je eine geſehen hat; es ſchien mir, als waͤre ſie weißer wie Schnee und in kurzer Zeit fuͤr mich ſo zahm geworden, daß ſie ſich gar nicht von mir trennte. Dagegen kam es mir vor, als waͤre auch ſie mir ſo lieb geworden, daß, ob ſie gleich nicht von mir ging, ſie ein goldenes Halsband unt ie n, d te b 8 e⸗ d ft 8 1 3, e, e, e⸗ r, it [8 ie d Sechſte Novelle. um den Hals zu tragen ſchien, was ich an einer gol⸗ denen Kette in den Haͤnden hielt. Hierauf ſchien es mir, als wenn dieſe Hindin ſich ein Mal ausruhte und den Kopf mir in den Schooß legte; da ſprang, ich weiß nicht, woher, ein Jagdhund hervor, ſchwarz, wie eine Kohle, ausgehungert und fuͤrchterlich dem Anſehen nach, und kam auf mich los. Es war, als thäte ich ihm gar keinen Widerſtand, weshalb es mir vorkam, als ſetzte er mir die Schnauze in die linke Seite und nagte an derſelben ſo lange, bis er an das Herz gekommen war, welches er, um es mit ſich fortzunehmen, mir auszureißen ſchien. Hieruͤber empfand ich einen ſolchen Schmerz, daß mein Schlaf wie abgeriſſen war, und aufgewacht, fuhr ich ſchnell mit der Hand hin, um in der Seite zu ſuchen, ob ich dort etwas hätte; allein da ich mich nicht uͤbel befand, lachte ich mich ſelbſt aus, daß ich erſt ge⸗ ſucht haͤtte. Aber was ſoll das bedeuten? Solche, und noch weit furchtbarere Traͤume habe ich gehabt, und deshalb iſt mir in der Welt doch, nichts mehr und nichts weniger begegnet; darum laſſen wir ſie fahren und denken wir nur darauf, uns die Zeit an⸗ genehm zu vertreiben. Die Jungfrau, ſchon durch ihren eigenen Traum in Furcht und Schrecken geſetzt, ward es, da ſie die⸗ ſen hoͤrte, nur noch mehr; doch um Gabriotto'n keinen Grund zum Mißvergnuͤgen zu geben, verbarg ſie ihre Furcht, ſo viel ſie nur konnte. Indeſſen, ob ſie ihn gleich umarmte und mehrere Mal kuͤßte, und auch wieder von ihm umarmt und gekuͤßt wor⸗ 173 174 Vierter Tag. den war, gab ſie ſich zwar zufrieden, doch immer mehr als gewoͤhnlich argwoͤhnend, ohne zu wiſſen, was, ſah ſie ihn mehrmals ins Geſicht und dann wieder im Garten herum, ob ſie etwa irgend woher was Schwarzes kommen ſaͤhe. Als ſie auf ſolche Art bei einander ſaßen, ſtieß Gabriotto einen Seufzer aus, umarmte ſie und ſagte: O, meine Seele, hilf mir, ich ſterbe! und nachdem er dies geſprochen, ſank er auf den Boden in das Gras der Wieſe nieder. Da die Jungfrau dies ſah, zog ſie den Nieder⸗ ſinkenden ſich in den Schvoß und ſagte mit Thraͤ⸗ nen: O, mein ſuͤßer Gatte, was fehlt Dir? Gabriotto antwortete nichts, ſondern tiefer ſeuf⸗ zend und ſchon im Todes ſchweiß, ſchied er nach nicht langer Zeit aus dieſem Leben. Wie ſchmerzhaft und kummervoll dies der Jung⸗ frau war, die ihn mehr als ſich ſelbſt liebte, mag ſich ein Jeder denken. Sie beweinte ihn aus voller Seele und rief ihn oft, aber umſonſt; allein als ſie endlich merkte, daß er voͤllig todt waͤre, da ſie ihn an allen Theilen des Koͤrpers unterſucht hatte, und ihn allenthalben erſtarrt fand und nicht wußte, was ſie ſagen oder thun ſollte, ging ſie ganz in Thränen aufgeloͤſt, wie ſie war und in voller Angſt hin, um ihre Waͤrterin zu rufen, welche um dieſe Liebe wußte und ſagte ihr ihren Jammer und ihren Schmerz. und nachdem ſie viel Thraͤnen uͤber Ga⸗ briotto's erblaßtes Geſicht mit einander vergoſſen hatten, ſagte die Jungfrau zu der Wärterin: Da Sechſte Novelle. 175 mir Gott dieſen genommen hat, ſo iſt mein Ent⸗ ſchluß gefaßt, auch nicht laͤnger am Leben zu blei⸗ ben. Aber ehe ich mich ſelbſt toͤdte, wuͤnſchte ich, daß wir auf eine ſchickliche Art meine Ehre und die verborgene Liebe, die unter uns Statt fand, rette⸗ ten und daß der Koͤrper, aus welchem die edle Seele entftohen iſt, begraben waͤre. Hierauf ſagte die Waͤrterin: Kind, ſage das nicht, daß Du Dich toͤdten willſt, denn wenn Du Dich umbringſt, darum, weil Du ihn hier verloren haſt, ſo wuͤrdeſt Du ihn auch in jener Welt verlie⸗ ren, denn Du wuͤrdeſt in die Hoͤlle hinabfahren, wo ich uͤberzeugt bin, daß ſeine Seele nicht gekommen iſt, weil er ein ſo guter junger Mann war. Viel beſſer iſt's, Du troͤſteſt Dich und denkſt ernſtlich dar⸗ auf, wie Du ſeiner Seele durch Gebet und andere gute Handlungen zur Huͤlfe kommſt, wenn es etwa irgend einer begangenen Suͤnde wegen nöthig waͤre. Was das Begraben betrifft, ſo iſt hier in dieſem Garten die beſte Art, was kein Menſch je erfahren wird, weil Niemand weiß, daß er jemals hierher gekommen iſt; und willſt Du das nicht, ſo wollen wir ihn draußen vor den Garten hinlegen und dort liegen laſſen, dann wird er morgen gefunden, nach ſeinem Hauſe gebracht und von ſeinen Anverwandten begraben werden. Obgleich die Jungfrau voll Betruͤbniß war und fortwaͤhrend weinte, ſo hoͤrte ſie doch auf den Rath ihres Dienſtmaͤdchens; zu dem erſten Theile konnte 176 Vierter Tag. ſie ſich nicht verſtehen, auf den zweiten aber ant⸗ wortete ſie: Gott bewahre, daß ich zugeben ſollte, ein ſo werther junger Mann, der von mir ſo geliebt ward und mein Gemahl war, wie ein Hund verſcharrt und auf der Straße liegen bleiben ſollte. Ihm ſind meine Thraͤnen gefloſſen, und ſo viel ich es nur kann, ſollen ihm auch die ſeiner Verwandten fließen. Ich habe ſchon im Sinn, was wir hierbei zu thun haben. Schnell ſchickte ſie ſie hin, ein ſeidenes Tuch zu holen, was ſie in ihrem Kaſten hatte, und da dies angekommen war, breiteten ſie es auf den Bo⸗ den aus und legten den Koͤrper Gabriotto's darauf, dann legten ſie ihm den Kopf auf ein Kopfkiſſen, ſchloſſen ihm unter vielen Thraͤnen die Augen und den Mund, machten ihm einen Kranz von Roſen und bebeckten ihn ganz mit Roſen, die ſie dazu ge⸗ pfluͤckt hatten. Darauf ſagte ſie zu der Wärterin: Von hier bis vor die Thuͤr ſeines Hauſes iſt nur ein kurzer Weg, darum wollen wir, Du und ich, ihn ſo, wie wir ihn zubereitet haben, dorthin tragen und vor die Thuͤr hinlegen. Es iſt nicht lange mehr, bis der Tag anbricht und dann wird er gefunden werden; und wenn dies auch fuͤr die Sei⸗ nigen kein Troſt weiter ſeyn wird, ſo wird es doch fuͤr mich, in deren Armen er geſtorben iſt, eine Freude ſeyn. Nachdem ſie ſo geſprochen hatte, warf ſie ſich von neuem mit unzaͤhligen Thraͤnen ihm uͤber das Geſicht und beweinte ihn lange Zeit noch. Endlich ab reg ſie ſte ner ſich me ſche ein der und ſein der derr mit gier da ſ nich vielt zu g hänc greit nd nd n, n. Sechſte Novelle. 177 aber von der Waͤrterin auf das dringendſte aufge⸗ regt, da der Tag ſich immer mehr naͤherte, richtete ſie ſich auf, zog den Ring, durch welchen ſie ſich mit Gabriotto vermählt hatte, vom Finger und ſteckte ihn ihm an den Finger, indem ſie mit Thrä⸗ nen ſagte: Theurer Mann, wenn Deine Seele jetzt meine Thraͤnen ſieht, oder wenn dem Koͤrper, nachdem jene ſich entfernt hat, keine Empfindung oder Gefuͤhl mehr bleibt, ſo nimm doch freundlich das letzte Ge⸗ ſchenk von der an, die Du im Leben ſo geliebt haſt. Nachdem ſie dies geſprochen hatte, fiel ſie noch ein Mal halb todt uͤber ihn hin; dann kam ſie wie⸗ der zu ſich, erhob ſich und nahm zugleich mit der Waͤrterin das Tuch, auf welchem der Koͤrper lag, und Beide gingen damit zum Garten hinaus, nach ſeinem Hauſe ſich hinwendend. Unterwegs traf es ſich zufaͤllig, daß die Diener der Polizei, welche gerade um dieſe Zeit eines an⸗ dern Vorfalles wegen hier gingen, ſie fanden und mit dem todten Koͤrper feſthielten. Andreuola, be⸗ gieriger nach dem Tode, als nach dem Leben, ſagte, da ſie die Polizeidiener erkannte, ganz frei: Ich weiß, wer Ihr ſeyd und weiß, daß es mir nichts helfen wuͤrde, wenn ich auch entfliehen wollte, vielmehr bin ich bereit, mit Euch zu Eurem Herrn zu gehen und ihm zu ſagen, wie dies zuſammen⸗ haͤngt. Aber Keiner von Euch wage es, mich anzu⸗ greifen, wenn ich Euch gehorche, noch irgend etwas Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 3. 12 178 Vierter Tag. von dieſem Leichnam fortzunehmen, wenn er nicht von mir angeklagt ſeyn will. Sie ging daher, ohne von irgend einem ange⸗ ruͤhrt zu werden, mit dem unverſehrten Koͤrper Ga⸗ briotto's nach dem Gerichtshauſe. Sobald der Rich⸗ ter hiervon hoͤrte, ſtand er auf und unterrichtete ſich, da er mit ihr allein im Zimmer war, von dem, was vorgefallen waͤre, und da er von ſichern Aerzten hatte unterſuchen laſſen, ob der arme Menſch durch Gift oder auf eine andere Art umgekommen waͤre, ſo ver⸗ ſicherten Alle: Nein! ſondern es wäre ihm viel⸗ mehr eine Ader am Herzen zerriſſen, die ihn erſtickt haͤtte. Da er dies hoͤrte und einſah, wie wenig ſtraf⸗ bar ſie nur waͤre, ſo bemuͤhte er ſich, ihr zu zeigen, daß er ihr ſchenken wolle, was er ihr nicht verkau⸗ fen koͤnnte und ſagte: Wenn ſie ſich ſeinen Wuͤn⸗ ſchen ergeben wollte, wuͤrde er ſie frei laſſen. In⸗ deſſen, da dieſe Worte nichts vermochten, wollte er gegen alle Schicklichkeit Gewalt gebrauchen⸗ Andreuola aber, von Unwillen entflammt und ſtark geworden, vertheidigte ſich mannlich und wies ihn mit ſchimpflichen und ſtolzen Worten zuruͤck. Sobald indeſſen der helle Tag gekommen und alles an Meſſer Negro erzaͤhlt worden war, war er bis zum Tode betruͤbt und eilte mit mehreren ſeiner Freunde nach dem Gerichtshofe; nachdem er hier vom Richter uͤber alles war unterrichtet worden, bat er mit Thraͤnen, daß ihm die Fochter zuruͤckgege⸗ ben werden moͤchte. cht ge⸗ a⸗ ich⸗ ich, vas tte zift er⸗ iel⸗ ickt raf⸗ gen, kau⸗ zun⸗ In⸗ e er und wies und rer einer hier bat gege⸗ Sechſte Novelle. 179 Der Richter, welcher lieber eher ſich ſelbſt uͤber die Gewalt anklagen wollte, die er ihr hatte anthun wollen, als von ihr angeklagt zu werden, lobte vor⸗ erſt das junge Maͤdchen und ihre Standhaftigkeit, und um dieſer ſeinen Beifall geben zu koͤnnen, ſagte er alsdann das, was er gethan hätte. Denn eben darum, weil er eine ſolche vortreffliche Standhaf⸗ tigkeit an ihr geſehen haͤtte, habe er ſich ihr mit aller Liebe zugewandt und wuͤrde ſie, ware es nur derjenige, der ihr Vater waͤre und auch ſie ſelbſt zu⸗ frieden geweſen, trotz deſſen, daß ſie einen Mann von niedrigem Herkommen gehabt, gern zu ſeiner Frau genommen haben. Waͤhrend dieſe mit einander ſprachen, trat An⸗ dreuola ihrem Vater vor die Augen, warf ſich mit Thraͤnen ihm zu Fuͤßen und ſagte: Mein Vater, ich glaube wol nicht erſt nothig zu haben, daß ich Dir die Geſchichte meines unternehmens und meines Mißgeſchicks erzäͤhle, denn ich bin uͤberzengt, daß Du ſie gehoͤrt haſt und ſie weißt, und deshalb bitte ich Dich, ſo ſehr ich nur kann, wegen meines Feh⸗ lers um Verzeihung, daß ich, naͤmlich ohne Dein Wiſſen, denjenigen zum Manne genommen habe, der mir ſo gefiel. Und hierum bitte ich nicht, damit mir das Leben geſchenkt ſeyn moͤge, ſondern damit ich als Deine Tochter und nicht als Deine Feindin ſterb könne; dann fiel ſie weinend ihm zu Fuͤßen. Meſſer Negro, der ein alter Biedermann und ein Mann von Natur freundlich und liebevoll war, fing ſelbſt, da er dieſe Worte hoͤrte, an zu weinen, 5¹ 9 en Vierter Tag⸗ hob mit Thraͤnen ſeine Tochter zärtlich in die Hoͤhe und ſagte: Meine Tochter, viel lieber waͤre es mir aller⸗ dings geweſen, Du haͤtteſt einen ſolchen Mann ge⸗ habt, wie er ſich nach meinem Dafuͤrhalten fuͤr Dich geſchickt, oder haͤtteſt Du einen genommen, ſo wie er Dir gefiel, dann wuͤrde er auch mir gefallen ha⸗ ben; aber daß Du ihn mir verborgen gehalten, das macht mir Deines wenigen Vertrauens wegen vielen Kummer, und zwar um ſo mehr, da ich ſehe, daß Du ihn eher verloren haſt, als ich darum gewußt habe. Doch, da es nun ein Mal ſo iſt, ſo will ich das, was ich, um Dich zufrieden zu ſtellen, bei ſei⸗ nem Leben gern gethan haben wuͤrde, naͤmlich ihn wie meinen Schwiegerſohn zu ehren, jetzt bei ſeinem Jode thun. Hierauf wandte er ſich zu ſeinen Kin⸗ dern und uͤbrigen Verwandten mit dem Auftrage, Gabriotto'n eine große und ehrenvolle Todtenfeier zu veranſtalten. Unterdeſſen waren die Anverwandten und auch die Anverwandten des jungen Mannes zuſammenge⸗ laufen, ſobald ſie die Nachricht erfahren hatten und beinahe alle Frauen und Maͤnner, ſo viel deren nur in der Stadt waren. Nachdem daher der Koͤrper mitten auf dem Hofe auf Andreuola's Tuch mit al⸗ len Roſen hingelegt worden war, ſo ward er nicht allein von ihr und den Anverwandten, ſondern oͤf⸗ fentlich faſt von allen Frauen in der Stadt und auch von vielen Maͤnnern beweint und nicht wie ei⸗ ner vom gemeinen Volke, ſondern wie ein Herr mit der En ang zah ohn No ſein daß verl r⸗ e⸗ ich ie ⸗ as en aß ßt ich ei⸗ hn m n⸗ 3e er ch e⸗ nd ur er cht f⸗ nd ei⸗ nit Siebente Novelle. oͤffentlichem Anſehen, auf den Schultern der vor⸗ nehmſten Buͤrger mit den groͤßten Ehrenbezeigungen zu Grabe getragen. Nach einigen Tagen fing der Richter wieder von dem an, was er gebeten hatte und Meſſer Negro ſprach mit ſeiner Jochter; ſie wollte aber von nichts hoͤren; vielmehr und darin wollte ihr der Vater auch gern gefaͤllig ſeyn, ward ſie und ihre Waͤrte⸗ rin in einem durch ſeine Heiligkeit beruͤhmten Klo⸗ ſter Nonne und lebten in demſelben noch lange Zeit darauf ſehr anſtaͤndig. Siebente Novelle. Simona liebt Pasquino. Sie ſind zuſammen in einem Garten; Pasquino reibt ſich die Zähne mit einem Sal⸗ beiblatte und ſtirbt daran. Simona wird feſtgenommen⸗ und da ſie dem Richter zeigen will, wie Pasquin ge⸗ ſtorben iſt, reibt ſie ſich ebenfalls mit einem ſolchen Blatte die Zaͤhne und ſtirbt auf eine aͤhnliche Art. Pamphilus war mit ſeiner Novelle fertig, als der Koͤnig, kein Mitleiden mit Andreuola beweiſend, Emilien anſah und ihr ein Zeichen gab, daß es ihm angenehm waͤre, wenn ſie zu denen, welche ſchon er⸗ zahlt haͤtten, im Reden fortfuͤhre. Sie fing auch, ohne eine Zoͤgerung zu machen, an: Liebe Geſpielen, die von Pamphilus erzaͤhlte Novelle veranlaßt mich, eine zu erzaͤhlen, die der ſeinigen in nichts anderem aͤhnlich iſt, als darin, daß, ſo wie Andreuola im Garten ihren Geliebten verlor, ſo auch die, von der ich ſprechen will; ſie ward eben ſo feſtgenommen, als es Andrexola ward, 182 Vierter Tag. und ſie vefreite ſich nicht durch Gewalt noch durch Verſtand, ſondern durch einen unvermutheten Tod von der Unterſuchung. Und, wie es ſchon oͤfter un⸗ ter uns geſagt worden iſt, obgleich Amor gern die Wohnungen der Edleren bewohnt, ſo ſchlägt er doch auch die Herrſchaft uͤber die der Armen nicht aus, vielmehr zeigt er auch an dieſen zuweilen ſeine Macht ſo, wie er ſich bei den Reichen als den maͤchtigſten Herrn furchten macht. Dies wird, wenn auch nicht durchaus, doch großentheils in meiner Novelle ſich zeigen, mit welcher es mir gefallt wieder in unſere Stadt zuruckzukehren, aus welcher wir, uͤber verſchie⸗ dene Dinge ſo verſchieden ſprechend, und durch ver⸗ ſchiedene Himmelsgegenden in der Welt herum⸗ ſchweifend, uns ſo weit entfernt haben. Es war alſo vor noch nicht langer Zeit in Flo⸗ renz ein recht ſchoͤnes und nach ſeinem Stande arti⸗ ges junges Maͤdchen, die Tochter eines armen Va⸗ ters, welche den Namen Simona hatte; und ob ſie gleich das Brot, was ſie eſſen wollte, mit ihren ei⸗ genen Armen gewinnen und durch Wolleſpinnen ihr Leben unterhalten mußte, ſo war ſie doch nicht ſo arm am Geiſte, daß ſie es nicht gewagt haben ſollte, Amor'n in ihrem Herzen aufzunehmen, welcher durch das Betragen und die freundlichen Worte eines jun⸗ gen Menſchen, von nicht hoͤherem Herkommen als ſie, und der von ſeinem Herrn, einem Wollarbeiter, zu ihr geſchickt ward, ihr Wolle zum Spinnen zu bringen, vor langer Zeit ſchon gezeigt hatte, wie er ſo gern dahin eindringen moͤchte. Da ſie ihn alſo der ſic ße ſie er ch od n⸗ die och us, cht ten icht ſich ſere hie⸗ ver⸗ um⸗ Flo⸗ arti⸗ Va⸗ b ſie nei⸗ ihr t ſo ollte, durch jun⸗ als eiter, en zu vie er alſo Siebente Novelle. 183 unter dem freundlichen Angeſichte des Juͤnglings, den ſie liebte und deſſen Name Pasquino war, bei ſich aufgenommen hatte, ſpann ſie zwar, voll hei⸗ ßer Sehnſucht, doch aber nicht wagend, weiter vor⸗ zuſchreiten, als daß ſie bei jedem Faden Wolle, den ſie ſpann und auf die Spindel aufwickelte, tauſend Seufzer, heißer wie Feuer, ausſtieß und ſich deſſen erinnerte, der ſie ihr zu ſpinnen gegeben hatte. Da er von der andern Seite weit ſorgſamer daruͤber geworden war, daß die Wolle ſeines Herrn gut geſponnen wurde, ſo ward— gleichſam als wenn allein nur aus der, welche Simona ſpann und aus keiner andern das ganze Stuͤck verfertigt werden muͤßte— eben dieſe weit oͤfterer als irgend eine an⸗ dere ſorgſam unterſucht. Auf dieſe Art nun, da der eine ſich bekuͤmmerte, die andere ſich freute, daß man ſich um ihn bekuͤmmerte, begab es ſich, daß, da der eine mehr Dreiſtigkeit bekam, als er gewoͤhnlich nicht hatte, die Andere die Furcht und die Scham verjagte, die ſie zu haben pflegte, ſie mit einander ſich zu ihren gemeinſchaftlichen Vergnuͤgungen ver⸗ einigten. Und dieſe gefielen dem einen Theile wie dem andern in ſolchem Grade, daß Einer nicht bloß vom Andern erwartete dazu aufgefordert zu werden, ſondern daß ſie, einer den andern auffordernd, Beide ſich einander entgegen kamen. Und ſo ihr Vergnuͤ⸗ gen von einem Tage zum andern fortſetzend und im⸗ mer ſich durch die Fortſetzung mehr anfeuernd, kam es dahin, daß Pasquino zur Simona ſagte, wie er uͤberhaupt wuͤnſchte, ſie moͤchte doch auf irgend eine 184 Vierter Tag. Art ſuchen, nach einem Garten hinzukommen, wo er ſie hinfuͤhren wollte, damit ſie dort gemächlicher und bei wenigerem Verdachte zuſammen ſeyn koͤnn⸗ ten. Simona ſagte, ſie waͤre es zufrieden, und da ſie ihrem Vater weiß gemacht hatte, ſie wolle am Sonntage nach dem Eſſen in St. Gallo zur Beichte gehen, ging ſie mit einer Begleiterin, Namens La⸗ gina, nach dem von Pasquino ihr angegebenen Gar⸗ ten. Auch er fand ſich mit einem Begleiter daſelbſt ein, welcher Puccino hieß, aber Stramba genannt ward; da ſich aber zwiſchen Stramba und Lagina eine alte Liebſchaft erneuerte, ſo begaben jene Beide ſich zu ihrem Vergnuͤgen nach einem Theile des Gar⸗ tens und ließen Stramba mit der Lagina in einem andern. In dem Theile des Gartens, wohin Pas⸗ quino und Simona gegangen waren, ſtand ein gro⸗ ßer, ſchoͤner Salbeiſtrauch, bei welchem ſie ſich nie⸗ derſetzten; nachdem ſie ſich daſelbſt eine ziemliche Weile mit einander die Zeit vertrieben und uͤber das Vesperbrot geſprochen hatten, was ſie in dieſem Garten mit ruhigem Gemuͤthe einzunehmen geſonnen waͤren, wandte ſich Pasquin zu dem Salbeiſtrauch, pfluͤckte davon ein Blatt ab und rieb ſich mit dem⸗ ſelben die Zaͤhne und das Zahnfleiſch, indem er ſagte: daß Salbei ſie ſehr reinigte von allem, was an dem⸗ ſelben nach dem Eſſen ſitzen geblieben wäre. Und nachdem er noch einige Zeit ſie ſo gerieben hatte, kam er auf ſeine Rede uͤber das Vesperbrot, wovon er fruͤher geſprochen hatte, zuruͤck. Er hatte noch — ———„— —„— ſt nt 16 de b⸗ 5 * e⸗ he as en h, 6 * nd te, on Siebente Novelle. 185 nicht lange daruͤber zu ſprechen fortgefahren, als er ſich im ganzen Geſichte zu veraͤndern anfing, und nach dieſer Veraͤnderung dauerte es nicht lange, ſo verlor er das Geſicht und die Sprache, und kurz darauf war er todt. Sobald Simona dies bemerkte, fing ſie an zu weinen und zu ſchreien und rief ſogleich Stramba und Lagina, dieſe liefen ſchnell hinzu und ſahen, daß Pasquino nicht allein todt, ſondern ſchon geſchwol⸗ len, und auf dem Geſichte und am Koͤrper voll ſchwarzer Flecken geworden war. Da rief Stramba ſogleich: Schaͤndliches Weib, Du haſt ihn vergif⸗ tet! und da der Laͤrm immer groͤßer ward, hoͤrten ihn Viele, die in der Naͤhe des Gartens wohnten. Dieſe kamen bei dem Laͤrm ſogleich hinzugelaufen, und da ſie den Todten ganz geſchwollen fanden und Stramba klagen und Simona daruͤber anklagen hoͤr⸗ ten, daß ſie ihn hinterliſtig vergiftet haͤtte, ſie aber aus Schmerz uͤber den ploͤtzlichen Zufall, der ſie ihres Geliebten beraubt hatte, beinahe außer ſich war und ſich gar nicht vertheidigen konnte, ſo glaub⸗ ten Alle, daß die Sache ſich wirklich ſo verhielte, wie Stramba ſagte. Deshalb ward ſie, ſo ſehr ſie auch immerfort weinte, feſtgenommen und nach dem Palaſte des Richters gefuͤhrt. Hier beſtanden Stramba, Attir⸗ ciato und Malagevole, Pasquino's Begleiter, welche dazu gekommen waren, darauf, daß ein Richter, ohne die Sache laͤnger noch in die Länge zu ziehen, die That ſogleich unterſuchen ſollte; und da dieſer 186 Vierter Tag. nicht begreifen konnte, wie die Angeklagte hierbei boshafterweiſe gehandelt haben ſollte, noch daß ſie ſchuldig wäre, ſo wollte er, in ihrem Beiſeyn den todten Korper, den Ort und die Art und Weiſe, wie ſie den Vorfall erzaͤhlte, genauer unterſuchen, weil ihm aus ihren Worten alles noch nicht klar hervorging. Er ließ ſie daher, ohne weiteres Auf⸗ ſehen zu erregen, dahin fuͤhren, wo der Korper Pas⸗ quino's lag, der wie eine Krote aufgeſchwollen war, und als er naͤher herantrat und ſich uͤber den Tod⸗ ten verwunderte, fragte er ſie, wie es denn zuge⸗ gangen waͤre. Sie naͤherte ſich dem Salbeiſtrauche, und nachdem ſie ihm jeden vorhergegangenen Um⸗ ſtand erzaͤhlt, rieb ſie ſich, um ihm den Vorfall ganz ſo, wie er ſich ereignet hatte, zu zeigen, und ſo wie es Pasquino gemacht hatte, mit einem die⸗ ſer Salbeiblaͤtter die Zähne. Als nun Stramba, Atticciato und die andern Freunde und Gefaͤhrten Pasquino's alles dies als eitel und unnuͤtz in Ge⸗ genwart des Richters verſpottet und ihre Boösheit nur um ſo dringender angeklagt hatten, indem ſie um nichts anderes baten, als daß das Feuer die Strafe ihrer Bosheit werden moͤchte, verfiel die Un⸗ gluͤckliche, welche uͤber den Schmerz des verlornen Geliebten, und aus Furcht vor der vom Stramba geforderten Strafe ganz beklommen da ſtand, und weil ſie ſich die Zaͤhne mit Salbei gerieben hatte, in denſelben Zuſtand, in welchen Pasquino vorher auch verfallen war, nicht ohne große Verwunderung aller derer, ſo viel ihrer mur gegenwaͤrtig waren. v— — 1⸗ ie ie en ba nd te, er ng Siebente Novelle. 187 O ihr begluͤckten Seelen, denen es zu Theil ward, an einem und eben demſelben Tage die glü⸗ hende Liebe und das ſterbliche Leben zu enden, gluͤck⸗ licher noch, wenn ihr mit einander an einen und eben denſelben Ort hingewandert ſeyd, und am aller⸗ gluͤcklichſten, wenn man ſich in dem zukuͤnftigen Le⸗ ben wieder liebt und ihr dort Euch eben ſo liebt, wie ihr euch hier liebtet! Aber vor allen andern iſt die Seele Simona's um viel gluͤcklicher, ſo viel wir, die wir lebend nach ihr zuruͤckgeblieben ſind, einſe⸗ hen koͤnnen, deren Unſchuld das Schickſal nicht ver⸗ ſtattete, unter dem Zeugniſſe eines Stramba, Attic⸗ ciato und Malagevole, vielleicht Wollkäͤmmer, oder wol gar noch gemeinerer Menſchen zu erliegen, ſie vielmehr einen edleren Weg finden ließ, um ſich durch einen mit ihrem Geliebten ähnlichen Tod von der Schande loszumachen, und der von ihr ſo gelieb⸗ ten Seele ihres Pasquino zu folgen. Der Richter, faſt mit allen, ſo viel nur da wa⸗ ren, uͤber den Vorfall ganz beſtuͤrzt, wußte nicht, was er ſagen ſollte, ſtand lange bei ſich an, bis er endlich, zu einem beſſern Einſehen gekommen, ſagte: Ein Beweis, daß dieſe Salbei giftig geweſen ſeyn muß, was doch ſonſt bei der Salbei nicht der Fall zu ſeyn pflegt. Indeſſen, damit kein Ande⸗ rer auf eine aͤhnliche Art gefaͤhrdet werden koͤnne, moͤge ſie bis auf die Wurzeln abgehauen und ins Feuer geſteckt werden. Dies that der, welcher der Aufſeher des Gar⸗ tens war, ſogleich in Gegenwart des Richters; er 188 Vierter Tag. hatte aber nicht ſobald dieſen großen Strauch in der Erde umgehauen, als der Grund zu dem Tode der veiden Liebenden erſchien. Es befand ſich unter die⸗ ſem Salbeiſtrauch eine Kroͤte von wundervoller Große, von deren giftigem Anhauche, wie ſie der Meinung waren, dieſe Salbei muͤßte vergiftet worden ſeyn. Da nun Keiner die Dreiſtigkeit hatte, ſich dieſer Kroͤte zu naͤhern, ſo legten ſie rings herum einen großen Haufen Reiſig zuſammen und verbrannten dieſen mit der Salbei. So ward der Prozeß des Herrn Richters uͤber des ungluͤcklichen Pasquino Tod geendigt; und er ward mit ſeiner Simona, ſo geſchwollen wie ſie waren, vom Stramba, Atticciato, Guccio Imbratta und Malagevole in der Pauls⸗Kirche begraben, zu welcher ſie zufaͤlligerweiſe gehoͤrten. Anmerkungen zum dritten Baͤndchen. S. 30 3. 4, die Fratres ꝛc. Man wird dem alten Boccaccio dieſe etwas lange Invektive gegen die Moͤnche verzeihen, des Haſſes wegen, den er ſeiner freien Denkungsart nach gegen die damals in ſo hohem Grade verdorbene Geiſtlichkeit hegte. Um ſich zu uͤberzeugen, daß ar ſein Gemaͤlde keineswegs uͤbertreibt, darf man ſich nur an die heilloſen Graͤuel erinnern, durch welche ſie den Kreuzzug gegen die ungluͤcklichen Albigenſer erregten, wel⸗ che ſie im Verlaufe deſſelben fortwaͤhrend begingen, und welche der damaligen Zeit noch naͤher lagen und in friſche⸗ rem Andenken ſtanden, in welchen Boccaccio lebte und ſchrieb. Simonde Sismondi gibt in ſeiner Literatur des ſuͤdlichen Europa's(1 Thl: S. 132 ꝛc. deutſche Ueberſetzung) ein ſehr grelles Gemaͤhlde davon. Wir koͤnnen in unſeren Zeiten um ſo weniger Anſtoß daran nehmen, und es uns nicht verdrießen laſſen, dieſen bitteren Ausfall vom An⸗ fange bis zu Ende durchzuleſen, da er, dem Himmel ſey Dank, jetzt keine Anwendung mehr findet. S. 38 3. 10, ganz florentiniſch. Vielleicht eine Nachahmung des Dante, welchen der eble Farinata degli Uberti ebenfalls an der Sprache in der Hoͤlle erkannte, als er zu ihm ſagte: La tua loquela ti fa manifesto Di quella nobil patria natio etec. Vielleicht auch wol ein Compliment gegen die Fſorentiner; denn die Ausleger bemerken noch bei dieſer Stelle, daß das Wort conoscete richtiger nach florentiniſcher Ausſprache ohne i als mit bemſelben conosciete hier geſchrieben blei⸗ ben muͤßte. Hierauf habe ich in der Ueberſetzung, ſowol bei dieſer Stelle, als auch bei andern keine Rückſicht neh⸗ men koͤnnen, wo Boccaccio vielleicht abſichtlich, um dieſe oder jene Nationalitaät zu charakteriſiren, Schreibart, Stellung⸗ Conſtruction ꝛc. danach gemodelt hat. —— Anmerkungen. S. 45 8. 8, nachdem ſie ꝛc. Die Critiker ha⸗ ben ſowol in dem Punkte: Et essendo— accorto große Unordnungen bemerkt und dieſe zu verbeſſern geſucht⸗ als auch den folgenden: Ma, come etc. nicht in ganz ge⸗ nauer Verbindung mit dem vorhergehenden gefunden, und eine beſſere Verbindung durch veränderte Interpunktion hin⸗ ein zu bringen geglaubt. Die Verbeſſerung des neueren Herausgebers Golombo iſt, nach Fiacchi's Meinung, die ſcharfſinnigſte, indem er nur bloß ſtatt ne avendo avuto geleſen wiſſen will non ebbe, weil, wie er hin⸗ zufugt, die aͤlteren Schriftſteller fra Guittone, Villani, und andere, das Gerundium oft wie die beſtimmte Zeit und Perſon des Zeitworts gebrauchen, Fiacchi ſelbſt aber in⸗ terpungirt und verbindet beide gebachte Punkte, ſo, daß mir Borcaccio's Sinn deutlich daraus hervorzugehen ſcheint⸗ und ich daher ſeiner angegebenen Leſeart gefolgt bin. Er verwirft nämlich die großeren Unterſcheidungszeichen nach Pedaldo das: und nach accorto den. und ſchließt die Worte per la qual cosa bis accorto in Klammern ein⸗ Die Entfernung der Partikel ma von dem, worauf ſie ſich bezieht, verliert das Harte, wenn man die Saͤtze in Ge⸗ danken zuſammenreihet; non awendo avuto nel son- vito cosa alcuna altro che laudevole, se non la taciturnità ma venuto il tempo di torla via, si levò in pis. Die Worte altro che ſind ad⸗ verbialiſch gebraucht, nicht aber als ſich auf cosa bezie⸗ hend, wo es alsdann wol altra che hätte heißen muͤſſen. S. 48 8. 17, Soldat. Im Hriginal masna- diere, was eigentlich ein Straßenräuber, Beutelſchneider bedeutet, allein Villani verſteht darunter einen Infanteri⸗ ſten, oder uberhaupt Soldaten; und hiernach habe auch ich uberſetzt, da mir Straßenräuber doch nicht gans paßlich zu ſeyn ſchien, daß dieſe ſo frank und frei in der Stadt umher gingen. S. 51 3. 10⸗ oder lieber gar keinen gege ven hätte, ſo überſetze ich die Worte des Originals: o non me lo avesse dato nach Manni's Erklärung. S. 56 Z. 10, der Alte vom Berge. Die De⸗ e n. ch e⸗ 1— la la d⸗ ie⸗ n. a- der ri⸗ ich ich adt 8* s: Anmerkungen. putirten ſagen, dieſe Geſchichte des Alten vom Verge hätte B. aus einer Reiſebeſchreibung des Marco Polo, eines Venezianers, genommen, welche zu damaliger Zeit unter dem Namen il Milione bekannt war.(Nach Salviati ſoll dieſes Buch im Jahre 1298 bekannt geworden ſeyn.) Man⸗ ni erzaͤhlt dieſe Geſchichte ausfuͤhrlich mit den lateiniſchen Worten des Ramuſius, daß in dem Königreiche Tinochaim, in einer Provinz Malete, ein ſchlechter Fuͤrſt geherrſcht habe, unter dem Namen Senex de Montanis. Dieſer habe ſich mit einigen Meuchelmoͤrdern verbunden, durch welche er ieden, den er gewollt, hätte umbringen laſſen. Hierzu häͤtte er ſie durch folgenden Betrug gebracht: Es haͤtte in den Bergen ein reizendes Thal gelegen, was er durch Anlegung von Gaͤrten, Palaͤſten ꝛc. mit allem verſehen, was üppigkeit, Ausſchweifung und Wolluſt nur im Stande waͤren hervorzubringen, noch reizender und verführeriſcher gemacht haͤtte. Zu dieſem Luſtorte habe nur Ein Eingang⸗ und zwar durch ein ſehr feſtes Caſtel, gefuͤhrt. Außerhalb dieſes waͤre der Alte unter dem Namen Alardin bekannt geweſen, und er habe kuͤhne und muthige junge Leute in der mahomedaniſchen Religion unterrichten laſſen, welche ihren Anhaͤngern nach dem Tode den Genuß aller ſinnlichen Luͤſte verheißen haͤtte. um ſichenun dieſe deſto anhaͤngli⸗ cher und gegen jede Gefahr deſto unerſchrockener zu ma⸗ chen, habe er ihnen einen Trank gegeben, wodurch ſie wie ſinnlos geworden, und dann in einen tiefen Schlaf verfal⸗ len wären. Wäͤhrend deſſelben habe er ſie alsdann nach jenem Garten bringen laſſen, wo, wenn ſie wieder aufge⸗ wacht waͤren, ſie in das Paradies verſetzt zu ſeyn geglaubt, und alle ſinnlichen Freuden und Vergnuͤgungen in reichli⸗ chem Maße genoſſen haͤtten. Nach einigen hier verlebten Tagen habe er ihnen einen einſchläfernden Trank geben⸗ und ſie wieder aus dem Paradieſe hinausbringen kaſſen. Bei ihrem Erwachen wäre ihnen dann das wirkliche Leben ſchal und ekelhaft vorgekommen, und ſie hätten ſich den Tod wieber zuruͤckgewuͤnſcht, um jene Freuden ununterbro⸗ chen genießen zu können. Dann haͤtte der Tyrann, der ſich fuͤr einen Propheten Gottes ausgegeben, dieſe Stim⸗ ——— Anmerkungen. mung der jungen Männer benutzt, und durch ihre Verach⸗ tung des Todes ſie zu allen nur moͤglichen Schandthaten⸗ Morden und Rauben verleitet⸗ und ſich ſelbſt auf dieſo Art furchtbar gemacht. Von einem ſolchen Alten vom Berge, ſetzt Manni noch in einer Note hinzu, iſt auch in der Geſchichte von Piſtoja die Rede. Colombo, deſſen Ausgabe ich erſt erhielt, als die er⸗ ſten Bogen dieſes Vaͤndchens ſchon abgedruckt waren⸗ bringt in dieſen etwas verwickelten Perioden viel Licht und Deut⸗ lichkeit, dadurch, daß er die Worte: il quale affermava bis colui in se aver in vita in Parentheſe einſchließt, und dadurch die Worte: e ritrorata una polvere bis da un gran Principe mit den nach der Parentheſe fol⸗ genden: e di questa tanta presane eic. in nahere Verbindung bringt. Endlich ſtreicht er dann noch das Wort et zwiſchen sufficiente fosse und in un bic⸗ chier fort. Colombo's Meinung ahnend, ehe ich ſie Lannte, habe ich, was er durch Parentheſen einſchließt, durch Punk'e von der Hauptidee des Satzes abgeſonbert. S. 61 8. 22, ſo viele Meilen ꝛc. So gemein⸗ gewoͤhnlich habe ich die Worte des Originals: Sevvi di lungi delle miglia piu di pella cacheremo uber⸗ ſetzt, von denen ſchon Martinelli ſagt: Dieſer Miſchmaſch von bis auf den höchſten Grad ſonderbaren Worten, druͤckt ein gemeines Sprichwort aus, um zu ſagen unzählige Meilen. Um es einem⸗ der nicht von Geburt ein Tos⸗ kaner iſt, analytiſch erklaͤren zu koͤnnen⸗ wuͤrden die Sca⸗ liger, die Caſaubone und die Barberacchi vergebens den ganzen Schatz ihrer Gelehrſamkeit verſchwenden. Alle übri⸗ gen Erklärer des Voccaccio, die mir zur Hand ſind, gehen darüber hinweg, ohne auch nur ein Wort weiter zur Er⸗ klärung davon zu ſagen. Indeſſen nach Colombo's gram⸗ matikaliſcher Vemerkung über den Sinn und die Bedeu⸗ tung der Partikeln vi, si u. dgl., je nachdem ſie vor oder hinter dem Verbo ſtehen, hätte ich dem Sinne des Driginals noch gemäßer überſetzt: Du biſt ſo viel — 7 e F. — — F 6 7 Anmerkungen. Meilen davon entfernt, um nicht mit ꝛe. aus⸗ zureichen. S. 67 3. 28, ſtieg zu Pferde. Man darf ſich nicht wundern, daß ein junges Maͤdchen die Reiſe aus der Provinz nach Paris zu Pferde macht. Boccaccio laͤßt ſeine Reiſenden ihre auch noch ſo weiten Reiſen, nach damali⸗ ger Sitte, alle zu Pferde machen. Der Jude Abraham (, 2.) ging zu Pferde nach Rom; ſo auch die Tochter des Koͤnigs von England(11, 3.)3 der Graf von Anvers floh mit ſeinen Kindern ebenfalls zu Pferde nach Calais (11, s.) und auch Lomellino's Gemahlin beſteigt eins der uͤberſandten Pferde, und macht ſich auf den Weg nach ihres Mannes Landgut(11, 9.). Und ſo werden wir auch in der Folge noch mehrere, männliche und weibliche, Reiſende zu Pferde antreffen. S. 72 8. 24, ſehr betruͤbt zc. Nach Colombo's ſinnreicher Verbeſſerung, um mehr Ordnung und Zuſam⸗ menhang in das Original zu bringen, wuͤrde ich jetzt dieſe Perioden ſo überſetzt zu haben wuͤnſchen; Sehr betruͤbt überlegte ſie nach vielem Hin⸗ und Herſin⸗ nen, wie ſie es wolerfuͤhre, ob und wo dieſe beiden Bedingungen erfüllt werden könnten⸗ damit ſie alsdann ihren Maun wieder er⸗ hielte. Colombo nämlich ſtreicht das Unterſcheidungszei⸗ chen(.oder„) hinter katte gänzlich fort, verbindet dove vermittelſt der in dem Hriginal-Manuſcript offenbar aus Verſehen ausgelaſſenen Verbindungspartikel e mit dem vor⸗ hergehenden, und ſchließt den Perioden bei avesse mit dem Punkt. Mit den folgenden Worten Et avendo quelle, fängt alsdann ein neuer Satz an. S. 85 3. 3, von unten wie Dir gefärrt, den uͤberfluͤſſigen Zufatz einiger Ausgaben mettervi il diavo- 10, verwirft Colombo mit Recht. S. 90 8. 24, wo die Knochen zc. pfeifen ge⸗ lernt haben; naͤmlich wenn ſie durch den vielen Ge⸗ brauch ſo hart geworden wären, baß, wie wir fagen, der Wind häͤtte durchpfeifen koͤnnen. S. 92 3. 2, vielkmehr da es ꝛc.. Auf weſſen Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 3. ———— 194 Anmerkungen. Rechnung, auf Voccaccio's ſelbſt, oder ber folgenden Ab⸗ ſchreiber oder Herausgeber, das Mangelhafte dieſes Perio⸗ den zu ſchreiben wäre, wage ich nicht zu entſcheiden, ge⸗ nug, daß derſelbe, ſo wie wir ihn in allen Ausgaben fin⸗ den, mit Mängeln auf uns gekommen iſt. Wahrſcheinlich hat ihn Boccaccio ſelbſt wol currente calamo geſchrie⸗ ben, denn Manelli bemerkt ſchon bei den Worten à se- quitare: e soverehio und hierauf ſich ſtuͤtzend, haben einige Herausgeber dieſe Worte, andere die fruͤheren à sequire fortſtreichen wollen. Die Deputirten haben nichts geaͤndert, laſſen daher beide Zeitwoͤrter ſtehen, und geben den Sinn ſo an: Da die Sonne, welche ſchon lauer ward, es nicht mehr beſchwerlich machte, die Rehe, Kaninchen ꝛc. zu verfolgen(nämlich fuͤr den, der ſie zu verfolgen Luſt hatte), ſo fingen einige aus der Geſellſchaft an, ſie wirk⸗ lich zu verfolgen. Ihrer Meinung und Angabe des Sin⸗ nes bin ich gefolgt. Salviati in den Avvertimenti dells lingua sopra'l Decamerone etc. beſtimmt den Sinn folgender Geſtalt mit dieſen eigenen Worten: Da die ſchon lauer gewordene Sonne keine Beſchwerlichkeit mehr verurſachte, fingen einige an, die Rehe und die Ka⸗ ninchen zu verfolgen, Andere hingegen fingen an die an⸗ dern Thiere zu verfolgen, welche ſich in dieſem Garten befanden, und ihnen zur Laſt fielen, ihnen nämlich, wäh⸗ rend ſie da ſaßen, indem ſie wol hundert Mal bei ihnen durchſyrangen.— Allein ich weiß nicht, ob auf dieſe Art der Sinn nicht auf eine faſt eben ſo verwickelte, und in einan⸗ der verſchobene Weiſe erklärt wird. Ich bin daher lieber der Erklärung der Deputirten gefolgt; Colombo tritt Manelli's Meinung bei, daß Boccaccio die Worte a se- guitare am Schluſſe des Perioden wiederholt habe, ohne ſich zu erinnern, daß er ſchon am Anfange deſſelben a se- guire geſagt hatte, und beruft ſich auf eine ähnliche Stelle(Tag 3. Nov. 3.), wo es unſerm Novelliſten mit der Wiederholung des Wortes le diede eben ſo gegangen wäre; indeſſen in Hinſicht des ganzen Sinnes folgt er ebenfalls den Deputirten. S. 92 3. 10, von Meiſter Wilhelm und der X*v S 3 3*8 v S5 k⸗ n⸗ ti en Da eit da⸗ an⸗ ten sh⸗ nen der an⸗ ber ritt se- hne se- iche mit gen Anmerkungen. Dame Vergiu. Wahrſcheinlich damals bekannte Lie⸗ der, die haͤufig geſungen wurden. S. 93 3. 7, nach Art der Mailänder ꝛc. Ein kleiner Stich auf die Leckerhaftigkeit der Mailaänder. Das hier von Boccaccio gebrauchte Wort tosa ſtammt nach Menage's Meinung aus dem Lombarbiſchen her, und wäre das verkürzte lateiniſche intonsa, indem die jungen Mäb⸗ chen ihr Haar unverkuͤrzt, d. i. unverſchnitten getragen hatten. Noch jetzt werden an einigen Orten im Venezia⸗ niſchen die unverheiratheten jungen Madchen ſo genannt. S. 94 8. 19, ſie haben keinen eigenen Ti⸗ tel. Schon in der Anmerkung zur Vorrede des Dekame⸗ ron(Th. 2. S. 169.) habe ich dieſe Stelle zum Beweiſe angefuͤhrt, daß Boccaccio ſeinem Dekameron keineswegs den Beinamen Prinz Galeotto ſelbſt gegeben habe. Da man hieruͤber nichts anders, als nur conjecturiren kann, ſo ſey auch mir eine Conjectur uͤber den Sinn die⸗ ſer Stelle erlaubt. Ich glaube naͤmlich nicht, daß Boccaccio dieſen ſeinen Dekameron uno tenore, und mit dem feſten Vorſatze ge⸗ ſchrieben habe, ihn als eine eigene Sammlung von gerade hundert Novellen erſcheinen zu laſſen, ſondern daß er viel⸗ leicht zur Ergötzlichkeit der bekannten uͤppigen Königin Jo⸗ hanne von Neapel erſt einige Novellen hinwarf, und, nach⸗ dem er eine Novelle zur andern hinzugefuͤgt, endlich eine ziemliche Anzahl von Novellen zuſammen hatte, dann erſt auf den Gedanken kam, ihre Zahl auf hundert zu ſteigern, das Ganze in zehn Bücher, oder wie er es nannte, zehn Tage einzutheilen, und ihm den, nach damaliger Sitte, gräziſirenden Litel Dekameron zu geben. Vielleicht waren dieſe Novellen ſelbſt damals noch nicht unter dem Titel Dekameron erſchienen. Denn daß Boccaccio an dieſem Werke lange und in großen Zwiſchenräumen gearbeitet hat, ſagt er ſelbſt am Schluſſe deſſelben, mit dieſen Worten: „Obgleich eine lange Zeit verſtrichen iſt, ſeitdem als ich zu ſchreiben anfing, bis jetzt, wo ich an das Ende meiner Arbeit gelangt bin, ſo habe ich doch dabei nie aus den 196 Anmerkungen. Gedanken verloren, daß ich dieſe meine Vemühung nur muͤßigen Leuten, aber keinen andern, dargeboten habe.“ Ich denke, meine obige doppelte Behauptung, wie und fuͤr wen Boccaccio dieſes Buch geſchrieben⸗ liegt in jenen Worten feſt begruͤndet. Wie wenig Werth aber Voc⸗ caccio, beſonders in ſpäteren Jahren, eben auf dieſen ſei⸗ nen Dekameron legte, und beſonders auch, daß er ihn nicht in der Abſicht anfing, ihn als ein eigenes fuͤr ſich beſte⸗ hendes Werk herauszugeben⸗ beweiſt auch wol der Um⸗ ſtand, daß von einem doch erſt in neueren Zeiten(naämlich in Hinſicht der griechiſchen und römiſchen Claſſiker) geſchrie⸗ benen Buche keine einzige Handſchrift, von dem Verfaſ⸗ ſer ſelbſt weder noch vorhanden, noch nach derſelben das Buch ſelbſt zum erſten Mal im Druck erſchienen iſt, dieſe Ehre widerfuhr der Handſchrift des Amaretto Manelli, welcher diefe Kopie 9 Jahre nach Boccaccio's Tode von dem Originale deſſelben genommen hat. Daß es auch Boccaccio ſelbſt vielleicht zu keiner offentlichen Erſcheinung beſtimmte, ergibt ſich auch wol aus den kleinen Nachlaͤſ⸗ ſigkeiten im Styl, die man doch hin und wieder in dem Werke antrifft. Wenn ferner dieſe Novellen, ſo viel oder wenig da⸗ von oͤffentlich ſchon bekannt geworden waren, unter der da⸗ maligen Geiſtlichkeit auch eine gewaltige Gährung hervor⸗ brachten, ſo iſt doch eben gar nicht zu glauben, daß ſie auch unter den damaligen Gelehrten eben ſo viel Aufſehen gemacht haͤtten; denn Petrarcha, der doch ein ſo guter Freund des Boccaccio war, ſchreibt ſelbſt an ihn in einem Briefe, der leider ohne Datum iſt:„Dein Buch, was Du in unſerer Mutterſprache, und wie ich glaube, noch als junger Menſch, einmal geſchrieben haſt, iſt mir, ich weiß nicht wie und woher, zugekommen.“ Es iſt mir daher ſehr wahrſcheinlich, daß dieſe No⸗ vellen zuerſt von der Geiſtlichkeit verſchrieen wurden, wel⸗ che ihre unter dem Deckmantel der Froͤmmigkeit und Hei⸗ ligkeit begangenen Schandthaten darin zu Tage gofoͤrdert ſahen, und deshalb das Buch, deſſen Inhalt ſie verdamm⸗ ten, unter die verbotenen ſetzten, ja ſogar verbrennen lie⸗ — — e—— e 8 8 —— S 3 S* S S N S*„ — iſ⸗ en ter Anmerkungen. ßen; eben hierdurch aber dann die Layen, aufmerkſam darauf gemacht, ihm erſt eine Celebritaät verſchafften. Denn eben Petrarcha ſagt in dem oben angefuͤhrten Briefe, mit welchem er ſeinem Freunde ſeine lateiniſche überſetzung der zehnten Novelle des zehnten Tages ſchickt:„Ich hoͤre an⸗ derwärts, daß ſie Dein Buch wie Hunde mit den Zähnen angefallen haben, daß Du es aber trefflich mit dem Pruͤ⸗ gel und mit Deinen eigenen Worten vertheidiget haſt.“ Wenn wir nun das jetzt hier Geſagte zuſammenfaſſen und auf dieſe Stelle anwenden, ſo geht zur Erklärung der⸗ ſelben offenbar daraus hervor, daß Boccaccio ſo viel ſagen wollte:„Was zerfetzt ihr mit neidiſchem Zahne dieſe meine anſpruchsloſen Novellen, die nicht einmal als ein foͤrmliches Buch in der gelehrten Welt erſcheinen ſollen⸗ und alſo auch noch nicht einmal einen eigenthuͤmlichen Na⸗ men(Titel) haben, ſondern nur zur Ergotzlichkeit fuͤr dieſe oder jene, in ſchlichter niedriger Mutterſprache geſchrieben ſind?“ Denn ein Buch, was als das Werk eines Ge⸗ lehrten in der damaligen gelehrten Welt erſcheinen, und, um Aufſehen zü machen, auftreten ſollte, mußte durchaus — das war gär nicht anders moglich— in lateiniſcher Sprache geſchrieben ſeyn. S. 97 8. 20, auf den Berg Aſinajo. Dieſer Berg hieß in alten ſchriftlichen Denkmälern mons sana- rius, zuſammengezogen aus mons sani aöris. Giani in ſeinen Annalen des Servitenordens ſagt von dieſem Berge, er läge auf den Hoͤhen desjenigen Gebirges, wel⸗ ches die Huͤgel bei Feſula und die Ebene von Florenz von dem Thale Mugella trennte; er hieße mons sanarius wegen der geſunden Luft, welche auf ihm herrſchte; auch würde er wol sinarius genannt, weil er uͤber ſechs Berge, die um ihn herum laͤgen, hervorragte; in einigen paͤpſt⸗ lichen Schreiben kämen auch fratres de monte somaio vor, Boccaccio aber nenne ihn der gemeinen Bauernſprache nach monte asinsjo. Vielleicht wuͤrde der von letzterem dahinter verborgene Scherz noch deutlicher geworden ſeyn⸗ wenn ich den Berg etwa mit deutſchem Namen Eſels⸗ berg hätte nennen koͤnnen. Anmerkungen. S. 101 3. 9, mogen ſie mich ꝛc. Dieſer Satz hat den Auslegern viel zu ſchaffen gemacht. Ruscelli fin⸗ det die Worte se io des Originals ohne Beziehung, und alſo uͤberfluͤſſig; Rolli verandert die Worte del quale in il quale, und konſtruirt se io vi disposi il corpo, il quale etc. Eolombo läßt alles unveraͤndert, entſchul⸗ digt aber die offenbare Unordnung dieſes Satzes durch das Feuer, mit welchem Boccaccio hier ſich vertheidigt und daher, meint er, käme es, wenn ihn nach den Worten se ijo eine ſolche Fuͤlle von Gedanken uͤberſtroͤme, daß dadurch der ruhige Gang derſelben geſtoͤrt werde. Ob dieſe Ent⸗ ſchuldigung hinreichend iſt, bezweifle ich, indeſſen ich glaube auch nicht, daß Voccaccio ihrer bedarf. Meiner Meinung nach, beſteht der Satz nach der gewohnlichen Leſeart ganz gut, ohne irgend ein Wort wegzuſtreichen, oder zu ndern. Die Hauptglieder des Satzes ſind naämlich dieſe: Ripren- derannomi morderannomi, lacerannomi costoro, sc io— et io dalla mia pnerizia l'anima vi dis- osi— 0 se 10 di piacervi m'ingegno; die andern Sätze ſind Zwiſchenſaͤtze, welche die erſteren nzr noch mehr erläͤutern ſollen; und die Worte et io ſind die mit grö⸗ ßerem Nachdruck wiederholten erſten Worte se io, nach dem Zwiſchenſatz il corpo del quals il Ciel produsse tutto atto ad amarvi: ja! wahrlich, wenn ich ꝛc. daß die Partikel et oder e dieſe Bedeutung haben kann, dar⸗ uͤber iſt Ginonio mein Gewaͤhrsmann, welcher ſie Vol. II. pag 179 nr. XV. durch certamente, in vero, ſo wie das lateiniſche sane, profecto erklaͤrt. Und die⸗ ſer Erklaͤrung gemaͤß lautet meine überſetzung. S. 102 3. 4, Guido Cavalcanti, Dante Alighieri, Cino da Piſtoja ſind wol einem jeden als Dichter bekannt, doch vielleicht nicht in der Hinſicht, in welcher ſie hier von Voccaccio aufgefuͤhrt werden. Dante und ſeine Geliebte Beatrice, aus dem Hauſe Portinari, kennt gewiß ein Jeder, der die Divina Comedia deſſel⸗ ben geleſen hat; die andern beiden genannten Dichter aber ſind mit ſammt ihren Geliebten vielleicht weniger bekannt. Der erſte Guido Cavalcanti war zwar an eine Toch⸗ 198 d*8 W 8 u* Nenmerkungen. ter des Farinats, aues der Familie Uberti, verheirathet⸗ dennoch aber verliebte er ſich auf einer Pilgerreiſe in Tou⸗ louſe in eine gewiſſe Mannetta, welche er von da an in allen ſeinen Gedichten feierte. Eben ſo war eine gewiſſe Selvaggia, aus der Familie Vergiolesi, der geliebte Ge⸗ genſtand, dem Cino da Pistoja ſeine Verſe widmete⸗ weshalb auch Pekrarcha ihn in einem Sonett auf ſeinen Tod il nostro amoroso Messer Cino nennt; den Petrarcha ſelbſt, als das Muſter eines treuen, doch nie erhoͤrten Liebhabers aufzufuͤhren, unterließ Boccaccio wol⸗ um nicht von einem damals noch Lebenden und ſeinem Freunde zu ſprechen. S. 103 3. 6, als ich dieſe Arbeit auf⸗ bäumte. Ich habe dieſe von der Weberei im Original entlehnte Metapher beibehalten. S. 106 8. 7, Erſte Novelle. Dieſe Novelle, welche als ein Meiſterſtuͤck der Eloquenz, allem, was uns von den eleganteſten Schriftſtellern des Alterthums uͤbrig geblieben iſt, gleich geſetzt worden iſt, gefiel dem bekann⸗ ten Leonhard Wretino ſo ſehr, daß er ſie mit der groͤßten Anmuth und Zierlichkeit ins Latein uͤberſetzte*) Nuch Francesco Accolti, ebenfalls aus Arezzo, er⸗ zohlte ſie in einem eigenen Capitolo in Terze Eime nach⸗ und Philipp Beroaldo uͤbertrug ſie in elegiſchem Sylbenmaße ins Latein. Alle dieſe drei Arbeiten fuͤhrt Manni in ſeiner Illustrazione istorica del Boccac- cio S. 247 2c. an. Mehrere italieniſche Dichter haben ſie als einen Stoff zu einem Trauerſpiele benutzt. Auch verſchiedene Dichter Frankreichs und Englands haben dieſen Stoff auf mancherlei Art verarbeitet, woruͤber Ginguené in ſeiner Hist. litter d'Italie III. 105 etc nachzuſe⸗ hen iſt. Unter den deutſchen Nachahmungen und Bearbei⸗ tungen dieſes Stoffes iſt die bekannteſte Buͤrgers Romanze Lenardo und Blandine. S. 108 8. 13, Knoten⸗Rohrſtock, vielleicht *) Wiederum ins Deutſche uͤberſetzt findet man ſie in. Jagemanns Magazin der Ital. Litter. 1 Th. S. 48 2c. 200 Anmerkungen⸗ eben ſolche als bie ausgehohlten Wanberſtäbe waren, worin perſiſche Moͤnche die Eier der Seidenwuͤrmer verſtohlner⸗ weiſe nach Europa brachten; eigentlich iſt Boccinolo im Originale der Swiſchenraum von einem Schoß am Rohre zum andern. S. 111 3. 13, Tabouret. Ich habe das von Voccaccio im Original gebrauchte Wort carello gegen Sanſovino's Erklärung dennoch durch Tabouret uͤberſetzt. Dieſer ſagt naͤmlich in ſeiner Dichiarazione etc.: Ca- rello non è predello o scanno, iſt Lein Schemel oder Bank, ſondern mit ſeinen Worten: cosa tonda di tela e piena di stoppa, con la quale si stop- pano i cessi o i condutii, d. h. eine Walze von Lei⸗ newand mit Werg ausgeſtopft, um Nachtſtuͤhle ꝛc. damit zu verdecken. Sie unterſchiede ſich, faͤhrt er fort, von dem eigentlichen Kiſſen dadurch⸗ daß ſie zwar wie dieſe von einzelnen Tuchſtuͤckchen von verſchiedenen Farben zu⸗ ſammengenähet waͤren, aber nicht wie die eigentlichen Kiſ⸗ ſen(guanciale) von Leder gemacht waͤren, und an den Ecken Quaſte haͤtten. Die Crusca ſagt geradezu: guan- ciale di panno, per 10 piü fatto a scacchi(wür⸗ felicht) di pih colori, e ripieno di bora. Naͤher wäre ich der eigentlichen Bedeutung vielleicht gekommen, wenn ich es durch Ohrkiſſen(oreiller) uͤberſetzt haͤtte, deſ⸗ ſen man ſich bei unſern Sopha's bedient, um ſich etwa zu einer Sieſte darauf zu legen. Indeſſen die Koͤnigliche Ma⸗ jeſtät hatte doch faſt etwas zu niedrig geſeſſen, ich habe daher das Tabouret gewaͤhlt, worauf ſich der Koͤnig hin⸗ ter den Vorhängen zum Lauſchen niederſetzte, und den Kopf auf das Bett ſelbſt gelegt, daruͤber aber einſchlief. S. 117 8. 24, unparteiiſch, ſo habe ich bas Hriginal senza animositä nach der Erklaͤrung in dem ſchon mehrmals erwaähnten Ragionamento ete.„cioè senza partialita“ uͤberſetzt, auch die Grusca fuͤhrt dieſe Stelle zum Beweiſe dieſer Bedeutung des Wortes animo- sità an, per quella passione, che procede da in- teresse, e parzialità. S. 119 3. 4, morde! Colombo haͤlt nach den — ——— Anmerkungen. Worten im Originale: con un medesimo colpo dieſe drei Worte lui eme, welche auch die Ausgabe vom Jahre 1527 hat, durchaus fuͤr nothwendig; ich bin nicht der Mei⸗ nung, ſondern glaube vieimehr, daß der kräftige Schluß von Sigismundens entſchloſſener Rede dadurch ſehr ge⸗ ſchwaͤcht werde; man verſuche es, und ſetze zu dem Worte: morde, noch die Worte mich und dich hinzu. S. 119 8. 16, ſo wie es ihnen befohlen war, ſo ꝛc.(cosi, come loro era stato commandato, cosi operarono). Manelli hat das zweite cosi als uͤberfluͤſ⸗ ſig aus dem Originale weggeſtrichen, und hiernach iſt es auch in der Mailäͤnder Ausgabe ausgeblieben; Colombo aber, ſich auf die Ausgaben von 27 und 73 ſtützend, hat es in ſeinem gelieferten Texte wieder aufgenommen, und ſagt noch zu ſeiner Rechtfertigung: Boccaccio hat mit allem Fleiß gewiſſe, in der gewoͤhnlichen Sprache ubliche Lizenzen abſichtlich in dieſem Werke beibehalten, um dem Stile, in welchem er zu ſchreiben beabſichtigte, eine ge⸗ wiſſe Negligenz zu geben, die dieſem Stile eine ganz ei⸗ gene Grazie gibt. S. 121 3. 14, ſo theuer aufbewahrt haſt. Colombo wiederholt die Anmerkung der Mailaͤnder Aus⸗ gabe: Giod quelle anima; e questo dice con la opinione de' Platonici, che vogliono che il cuore sia seggia dell' anima. Sigismunde will alſo hiernach ſo viel ſagen, als: meine Seele, die ſich immer mit der Deinigen zu verbinden ſtrebte, welche Du(das tobte Herz Guiſchards anredend) ſo theuer aufbewahrteſt, will ſich mit der Deinigen wieder vereinigen, welche noch in dieſem Herzen(quicentro) weilt, und der meinigen erwartet. So erklaͤre ich das Adverbe quicentro, von welchem die Deputirten ſagen: ristringe in poco spazio i ter- mini, e quasi accenna il luogo con mano, come che sia intorno a quel letto, non che in quelle proprie stanze; bagegen fuͤr quincentro, ihrem Aus⸗ ſpruche nach, sono i termini piu larghi. Hiernach wäre alſo Guiſchard's Seele noch in dieſem Zimmer, in welchem ſich Sigismunde befand⸗ gegenwaͤrtig, meiner Mei⸗ 202 Anmerkungen. nung nach aber iſt ſie in dieſem Herzen, was fruͤher ihr Aufenthalt war, noch ſo lange eingeſchloſſen, bis ſich meine Seele jenſeits wieder mit ihr vereinigt fuͤr die Ewigkeit. S. 126 8. 4, die in Aſſiſi leben. Um meine überſetzung zu begruͤnden, bedarf es vor allen Dingen erſt die Berichtigung des Original⸗Textes. Die gewoͤhnliche Leſeart bis auf die neueſten Ausgaben des Dekameron Milano 1803. Parma 1813.) iſt dieſe de' maggior Cassesi oder casesi. Das Vocabolario della Grusca hat dieſes Wort gar nicht, weder mit einem noch mit ei⸗ nem doppelten s in der Mitte deſſelben. Man findet es auf beide Arten in verſchiedenen Ausgaben, in einigen iſt es auch zu zwei Woͤrtern getrennt: Case si. Auch in der neueſten Ausgabe des Vocabolario di Verona fehlt es. Es ſcheint daher wohl, als wenn ſeine Ichtheit in Zweifel gezogen werden konnte. Rolli, der ſich wundert, daß dieſes Wort nur allein dem Fr. Alunno bekannt ge⸗ weſen, erklaͤrt es durch: quei ch' amano stare in Casa e sfuggono le compagnie(die lieber zu Hauſe bleiben und die Geſellſchaften fliehen), doch aber meint Rolli, dieſe Bedeutung koͤnnte man eher dem Worte Ga- salingo geben, und ob dieſe Bedeutung auch gerade auf den Bruder Albert paſſen moͤchte, weiß ich nicht. In den beiden Ausgaben der Grusca wird dieſe Stelle ſo geleſen: di quelli che de' maggiori era tenute a Vinegia; indeſſen Alunno bemerkt, daß cassesi die Leſeart der älteſten handſchriftlichen Texte waͤre, und ſo findet man es auch bei Manelli. Der Canonikus Dioniſi conjecturirt in ſeinen Bland'menti funebri(Padova 1794 in 4to) daß das Wort cassesi vielleicht nach eben der Art, wie borghese aus borgo, Santese aus Sante gebildet wor⸗ den, aus casse vom Boccaccio gemacht worden wäre, ſo daß alſo de' maggior cassesi ſo viel bebeute, als: von den älteſten und angeſehenſten Fratres, welche gleichſam die Gefaße(arche) des Verſtandes und der Heiligkeit gewe⸗ ſen. Auch koͤnnte wol gar, faͤhrt er fort, die wahre Le⸗ ſeart classesi, aus classe gebildet, geweſen ſeyn, mit annähernder Bedeutung an den Ausdruck Claſſiker, d⸗ — 6 „. ——— — Anmerkungen. h. die auf dem hoͤchſten Punkt des Anſehens und der Wuͤrde, ſtehen; in welcher Bedeutung Voccaccio auch oben in der Inhaltsanzeige der dritten Nov. des dritten Tages solen- ne frate geſagt habe. Der Cavaliere Vanetti glaubt casese von caso(Gewiſſensfall) in der Bedeutung ablei⸗ ten zu koͤnnen, daß dieſe Fratres die verwickelteſten Ge⸗ wiſſensſcrupel von der Fauſt weg zu entſcheiden im Stande geweſen, und alſo ſo viel bedeute, daß dieſe Fratres die größten Caſuiſten waͤren. Colombo ſagt in ſeiner Note zu dieſer Stelle uͤber die Bedeutung dieſes ſonderbaren Wortes nichts, und geht daruͤber hin, als über ein vollig bekanntes, und ſucht nur die Leſeart zu berichtigen ſo als wenn dieſe die einzige Schwierigkeit dieſer Stelle ware; und da geht ſeine Meinung dahin, daß ſtatt era tenuto geleſen werden muͤßte erano tenuti, weil das vorherge⸗ hende Relativum che ſich auf das naͤchſte quelli, nämlich Frati, beziehen muͤſſe, nicht aber auf frate minore ſich beziehen konne, und alſo auf das Verbum erano tenuti heißen muͤſſe. Ich muß mich wundern, daß dieſer ſorgfältige Com⸗ mentator nicht der einzig richtigen Erklarung des Claudio de Herberé in deſſen ſchon oft angefuͤhrten Ragiona- mento gefolgt iſt, und im Teyte aufgenommen, oder we⸗ nigſtens in ſeiner Note angefuͤhrt hat. Dieſer ſagt näm⸗ lich, daß das Wort Casesi von denen nur einzig herſtam⸗ me, die es zuerſt falſch ſchrieben, indem ſie aus zwei Woͤrtern Eins gemacht hätten, da Boccaccio wahrſcheinlich ch' a Scesi gemeint haben wuͤrde; indem er(ſo lauten ſeine eigenen Worte, perlando de' frati di 8. Fran- cesco potè forse volere inferire, de' meggiori, cioe de' migliori, chè a Scesi fussero) von den Fratres des heil. Franciskus ſprach, konnte er vielleicht ſo viel haben ſagen wollen, als; die älteſten, welche in Scesi waren; da die Bruͤderſchaft des heil Franciskus, Mino⸗ riten⸗Bruder(Frati minori) genannt, in Scesi ihr vor⸗ zuglichſtes Kloſter hat. Auf dieſe Verbeſſerung ſtuͤtzt Fiac- chi in ſeinen Osservazioni die ſeinige, welche Boccae⸗ Anmerkungen. cio's Sinn noch deutlicher angibt, wenn er zu leſen vor⸗ ſchlagt: de' maggiori ch' ha Ascesi. Die alte Benennung der Stadt Aſſiſi aber war Ascesi oder Asciesi; die letzte finden wir etwas weiter unten in eben dieſer Novelle des Boccaccio, und die erſte im Dante und mehreren alten Schriftſtellern; auch wird die Stadt wol Scesi genannt, Salvini ſagt in ſeinen Discorsi Part. III. pag. 81.: Cosi Assisi venne a dirsi As- cesi. Ich habe daher in meiner Uberſetzung geradezu A ſ⸗ ſiſi geſagt, und maggiori durch aͤlteſten uͤberſetzt. Her⸗ bers fagt zwar a. D. daß maggior jmit migliori, und migliori wiederum mit maggrori oftmals verwechſelt wuͤrde, und daher auch hier unter maggiori offenbar die beſſeren gemeint waͤren. Ich bin aber doch nicht ganz ſeiner Meinung bei gegenwäͤrtiger Stelle, ſondern ahne vielmehr ein kleines, freilich nicht zu uͤberſetzendes Wort⸗ ſpiel mit dem frate minore und den maggiori. S. 127 letzte 8., Put⸗Gänſe, ſo habe ich das Original bergoli uͤberſetzt, dem Boccaccio ſelbſt(Tag 6 Nov. 4) eine von dieſer ganz verſchiedenen Bedeutung gibt. Die Crusca erklärt es durch leggieri, volubile, e quel, che noi diremmo Corribo, cioè presto al credere e al muoversi, da Vergola, che val Barca, cos detta da' Vintziani, perchè di leggieri si rivolta. Im§. I. wird noch hinzugefüͤgt: quel che altrimenti si direbbe nuovo zugo, und letzteres erklaͤrt eben die⸗ ſelbe: uno di quelli, che sono piacevoli, e buon compagni, ma, anzi che no, semplici; alſo etwa ein luſtiger Tropf. Dieſes letzte Hauptwort paßt wohl auf Jungfer Lieschen, aber das Beiwort nicht, des⸗ halb habe ich dieſen zugo zu einer zuga gemacht. San⸗ ſovini widerſpricht der Meinung der Crusca, daß unſer Wort von Vergole abgeleitet waͤre, weil dieſe Art Fahr⸗ zeuge zu Boccaccio's Zeiten noch gar nicht bekannt geweſen wären; vielmehr meint er, die berghinelle wären frü⸗ her borghinelle genannt worden, welches ſo viel bedeu⸗ ten ſolle, als Marktſchreier, Poſſenreißer, um welche ſich der Poͤbel und der Hefen des Volkes in den Vorſtädten — Anmerkungen. (per i porghi) zu verſammeln pflegez jener Poöbel aber waͤre anfaͤnglich borghigiani, dann aber verdorben ber- goli oder Perghinelli benannt worden. Ruscelli haͤlt jede Erklaͤrung dieſes Wortes fuͤr hart, die zu keinem fe⸗ ſten Reſultat fuͤhre, indem Boccaccio ſelbſt dieſem Worte wol einen beſonderen Sinn gegeben haben moͤchte; ich daͤchte aber der eines gutmuͤthigen luſtigen Tropfes lage ganz offenbar darin. S. 131 3. 12, Madam Sperrs Maul aufz im Original Madonna Baderla. Sanſovino's Erklärung hat meine überſetzung veranlaßt. Dieſer entwickelt naͤm⸗ lich den Spitznamen einer einfältigen Perſon, deren in die⸗ ſer Novelle, ſo wie auch noch in andern mehrern vorkom⸗ men, auf dieſe Art. Baderla da pada, quasi paloe- ca, cioè scempia, perche coloro diciamo che paloccano e badano, che per ogni cosa che essi veggano quantunque volgata, si fermano e come cosa nuova stupiscano, quasi insensati, d. i. ſol⸗ che, die bei dem Gewöhnlichſten, was ſie ſehen, ſtill ſte⸗ hen und es angucken. Ebd. 3. 16, ein Dreier⸗Licht, im Original candela d' un mattapan. Nach der Erklaͤrung der Cruscs, ſoll mattapane eine alte venezianiſche Silber⸗ muͤnze von geringem Werthe ſeyn; Manni ſpricht von einer Sammlung dieſer Muͤnsarten⸗ die bald nach dem Jahre 1200 anfange. S. 132 3. 10, Maißel⸗drätig. Ob Boccac⸗ cio's Ausdruck donna poco fila durch den meinigen er⸗ ſetzt wird, muß ich dahin geſtellt ſeyn laſſen, ich gebe ihn gern gegen einen beſſern auf. Boccaccio iſt unerſchopflich, dieſer dummen von ſich Eingenommenen, die pofſierlichſten Namen zu geben. Der von ihm hier gebrauchte wird in der Mailänder Ausgabe alſo erklärt: si dice per is- cherno alle donue da nulla(d. i. ſpottweiſe geſagt, Frauen die nichts taugen.) Sanſovino ſagt nichts über die⸗ ſes Wort. Ich bin von dem Begriff des Nichts tau⸗ gen bei einem großen Eigenduͤnkel beim Auffinden eines Wortes ausgegangen, was bei der Weberei oder Spinns⸗ Anmerkungen. rei angewendet werden könnte, da das Hriginal auch dar⸗ auf anſpielt; denn Kilare heißt ſpinnen, einen Faden aus⸗ ziehen. Daher der Ausdruck il vino fila, der Wein laͤuft nur noch wie ein Faͤdchen aus dem Faſſe; aͤhnliches ſagen wir vom ſchlechten oder verdorbenen Champagner. Mai⸗ ßel⸗drätig, aber heißt nach Friſch teutſch⸗lateiniſchem Worterbuche ein Faden, der zu ſtark gedrehet iſt, ſo daß er im Waſchen zuſammenlaͤuft; und weshalb er nichts taugt und nicht zu gebrauchen iſt. In Schleſien nennt man einen ſolchen Faden zwieſeldrätig. S. 132 8. 22, che non le toccava il cul la camiscia dieſen freilich etwas unſaubern aber dennoch ſehr charakteriſtiſchen Ausdruck des Originals habe ich mit dieſen treffenden Worten unſeres Buͤrger am beſten wie⸗ dergeben zu können geglaubt, daß ihr die Roͤcke hin⸗ ten wehten. S. 135 8. 19, Inklinazion. Rolli erklaͤrt das Original intendimento mit folgenden Worten: per quello che intende dire; allein das kann hier wol ſchwerlich der Sinn ſeyn, den Boccaccio dieſem Ausdruck gegeben wiſſen will, ſondern nach der Erklaͤrung des Di- zionario dell Grusca ſoll es wol das bedeuten, wie ich es uͤberſetzt habe; die Worte des angef. Dizionario lau⸗ ten nämlich§. III. Intendenza, per la persona ama- ta, amica, desickerium, und zum Beleg wird unſere Stelle ſelbſt angefuͤhrt. S. 137 3. 1, den großen Canal; iſt ein Arm des Meeres, der in einer ziemlichen Breite mitten durch Venedig laͤuft; jetzt heißt er canal grande. S. 147 8. 10, in der Naͤhe von Candia. Die ehemalige Inſel Creta hieß in der Folge Candia; Boccaccio aber ſcheint hier unter Creta, ſo wie er dieſelbe Inſel in den vorhergehenden Zeilen nennt, die ganze Inſel ſelbſt, und unter Candia nur die Hauptſtadt derſelben ver⸗ ſtanden zu haben. Ebd. 8. 15, großer Herren. In den älteſten Zeiten war harone ein Ehrentitel, der ſogar Heiligen beigelegt worden ſeyn ſoll; nach und nach aber ſank die c* 4 c — —— Anmerkungen. 207 ehrenvolle Bedeutung dieſes Wortes immer tiefer, zuletzt bis zum Schurken hinab; in welchem Sinne es auch jetzt noch in Italien gebraucht wird. S. 148 letzte 8., wie er an Gift, der Canonikus Gian-Jacop Pionisi meint in ſeinen im Jahre 1794 zu Pabua erſchienenen Werkchen De' plandimenti fu- nebri o sia delle acclamazioni sepolcrali cristiane (156 S. 4) man muͤſſe leſen senza säper che di vele- no fosse morto, oder senza saper di che fosse mor- to, mit gaͤnzlicher Hinweglaſſung des veleno. Denn alle Zuruͤckgebliebenen, ſetzt er hinzu, konnten wol nicht auf eine Vergiftung ahnen, ſonſt hätten ſie die Sache nicht ſo ruhig, ohne irgend eine Unterſuchung daruͤber angeſtellt zu haben, koͤnnen hingehen laſſen. Nach handſchriftlichen, dem Verf. des gedachten Werkes, von dem Gav. Cle- mentino Vannetti mitgetheilten Bemerkungen, meint letzterer, der Ausdruck des Voccaccio enthielte etwas ſprich⸗ woͤrtliches oder wie etwas eigenthuͤmliches(un certo che di proverbio o di cotal modo notabile) was ſo viel ſagen ſollte, als: ohne daß ſie haͤtten merken können aus welcher Gegend der Schlag gekommen(da qual parte fosse venuta la freccia) oder durch was fuͤr eine Art von Gift er gerade getoͤdtet worden wäre(di che vele- no colui fosse stato ammazzato.). Allein, widerlegt der Canonikus dieſe Meinung, darauf kommt gar nichts an, daß die Hausbewohner nicht wußten, woraus das Gift beſtanden, da ſelbſt Ninette dies nicht einmal wußte; und im figuͤrlichen Sinne kann veleno hier auch nicht ein⸗ mal genommen werden. Daher findet er eine oder die an⸗ dere ſeiner beiden vorgeſchlagenen Leſearten begruͤndet. Co⸗ lombo iſt der Meinung, daß der Fehler durch die erſten Copiſten entſtanden ſey, welche die beiden Partikeln di und che verſtellt hätten, ſo daß man che di ſtatt di che leſen muͤſſe. Die Stelle ſcheint mir allerdings eine von denen zu ſeyn, deren im Boccaccio mehrere vorkom⸗ men, und bei welchen man nicht bloß Ein Wort oder Ei⸗ nen Satz in Gedanken wiederholen muß, ſondern eine ganze Folge von Saͤtzen oder auch wol gar von vorgefallenen Bege⸗ Anmerkungen. benheiten und Ereigniſſen in Gebanken annehmen ober vor⸗ ausſetzen muß. Ich denke mir alſo die Gedankenfolge⸗ welche Voccaccio vorausſetzt⸗ ſo: Nachdem der ploͤtzli⸗ che Tod Reſtagnonens unter den Schweſtern und Schwaͤ gern bekannt geworden war, muthmaßten ſie allerdings verſchiedene Gründe und Veranlaſſungen dazu, dieſer oder jener aus der Geſellſchaft rieth auch wol auf eine Vergif⸗ tung, aber ſie konnten nicht ahnen, wie er an Gift, oder durch was fuͤr eine Art von Gift er geſtorben ſeyn ſollte. Und dies ſoll meine überſetzung ausdruͤcken, ſie ahneten nicht, wie er an Gift geſtorben ſeyn ſollte. S. 168 3. 17 Phiole. Im Terte ſelbſt lieſt die Mailänder Ausgabe nach dem Tepte der Deputirten, gras- ca, Colombo grasta. Redi in den Anmerkungen zum 136. Verſe ſeines Bacco in Poscana ſagt, das vom Boccaccio gebrauchte ſicilianiſche Wort Grasta ſtamme ger wiß von dem griechiſchen Worte Tooroe ab, welches ein Trinkgefß⸗ mit einem ziemlich dicken Bauche bedeute. Auch das Pizionario erklärt das Wort Grasta auf fol⸗ gende Art: Pesto, dove si mette dentre passilico, persa, 0 altra piccola pianta. Bei den Provenzalen heißt es Engrestara, oder vielmehr Ingrastara, und auch inguistara; ſo kommt es auch bei Redi a. a. O. in den Wovell. antich. nov. 40 und in dem bekannten komiſchen Gedichte Bertoldo Bertoldino e Cacasenno. Cant. KV. st. 47 vor. Unter dem Worte Guastada gibt das Dizionar. dieſe Erklärung baruͤber: Vaso di vetro, corpacciuto, con piede, e col collo stret- 1o, Caraffa Lat: Phiala. Auf dieſe Autorität habe ich es Phiole uͤberſetzt. Als andere Leſearten fuͤhren die Deputirten noch an: 6he mi furd il basilico Saler- nitano, Seramentano, Beneventano, und eine die gänzlich hiervon abweicht: Chi gussta l'altrui cose fa villania. Hieruͤber zu rechten würde unnuͤtz ſeyn, da uberhaupt dieſes Lied wol zu der Zeit, als Boccaccio es Philomenen anfuͤhren ließ, bekannt geweſen iſt, es auch unter denen von Lorenzo de' Medici, Poliziano und An⸗ deren gedruckt geweſen ſeyn mag⸗ doch aber vollig inkorrekt, verſtüm weglaſſt aber g S art va geben den ſo leſen darau tes⸗ im» erken me 9 gleid wun Ebe: che letzt La Die ra 21 fů ni mmelt, nicht in ſei 8 mehrerer unbekann verſtü weglaſſun m art varié geben(ie den ſchon obe leſen ebenfall darauf an, d tes, d. i. eitle Bilder im wache erkennt⸗ me geſehen⸗ gleich uͤberzeu wunderung finde Eben ſo wenig che vede be letzteren ich au S. 172 Deputirten⸗ ch uͤber d La g Die Critik raccontogli Lielo contò fuͤr die richtige nicht durch un aber ſcheint mi Meinung nach, wenn er den W ſi disse la gehenden in un bringt⸗ habe. ganz en. Das Wort einige Schwi ſeiner ſchon dieſes von aͤr tiges Tages oft a Boccaccio's ſäy Anmerkungen⸗ t geworden iſt. n angefuhrten s vane); aß der Träume nden Zuſtande 6 d kann ich auch ſſer findet als eC ſetzt habe⸗ as Mädchen gab ſi er haben dieſe S ſtatt raccon Leſeart. d ſondern durch ganz deutlich i orten gliele e cagion mittel ſo wie auch ich es S. 178 8. 12 erigkeiten gema ztlichen allgemein für postema gebr ner gehoͤrigen Folge und mit Hin⸗ heutiges Tages Worte⸗ ancherlei vane cose de nde Nichtiges un ht „ im Traume ſie aum der Ruscelli beip he dorme, eihm ane gliele contdò. Aldo druckte die Worte änderung artikel e 7 und ſtrich hält dieſe Ver o erklärt die P ch(anche); Fiacchi der, meiner faßt zu haben⸗ edeutung gibt: mit dem vorher⸗ und guſammenhang rüberſetung gethan weg. i Colomb au occaccio⸗ des B i odllig ge e, un bare Verbindung i in meine eine Ader am Herzen zerriſ⸗ Originale posta hat den Auslegern cht. Schon Sanſorino ſagt in n Pichiarazione etc., daß Uern abgekurzte Wort, heu⸗ braucht wuͤrbe, und im efuͤhrte ng Schriftſte nmtl. W. 3. Anmerkungen. die Crusca fuͤhrt, bei dem Worte posta, H. XII. gera⸗ dezu unſere Stelle des Boccaccio zum Beweiſe an, daß posta fuͤr postema gebraucht werde. Ferrario erklaͤrt es in der Note zur Mailaänder Ausgabe der Claſſiker ge⸗ radezu durch vena, und hierauf gruͤndet ſich meine über⸗ ſetzung dieſes Wortes durch Ader. S. 183 3 9, er von der andern Seite ꝛ. Die gewoͤhnliche Leſeart im Originale iſt: Quegli dall“ altra parte molto sollicito divenuto, che ben si Flasse la lana del suo maestro, quasi quella sola che ja Simona filava, e non alcuna altra, tutta la tela dovesse compiere, pid spesso che l'altra era sollicitata. Rubcelli verbeſſert die letzten Worte in folgende piu sp. che Paltre lei sollecitava: er trieb ſie weit oͤfterer als die anderen Wollſpinnerinnen an unb ſagt, bei der andern Leſeart bleibt quegli ohne Folge, und die Worte piu sp— sollicitata haben nichts, wor⸗ auf ſie ſich beziehen. Aber da alle Handſchriften uͤberein⸗ ſtimmend punktlich die gewohnliche Leſeart haben, ſo iſt, wie Colombo ſagt⸗ nicht zu vermuthen, daß ſie falſch, und die Verbeſſerung Ruscelli's noͤthig waͤre. Dieſer letztge⸗ dachte Herausgeber ordnet die Worte und Saͤtze dieſer Pe⸗ riode auf folgende Art: Dall' altra parte, divenuto qnegli molto sollicito che la lana del suo mae- Siro si kilasse bene, quella sole chè filava la Si- mona, e non altra, quasi dovesse compiere tutta la tela, era sollicitata piu spesse che Taltra Und nach dieſer ſehr annehmlichen Erlauterung dieſer Stelle habe ich ſie uͤberſetzt. Ende des dritten Väͤndchens.