deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 S Cdnard Otlmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Teſebedingungen. S5 ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ t pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von I jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 5 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 —————— auf 1 Monat:—. 1 Wi. 50 Pf. 2 M.— Pf⸗ 6 „ 2 ſt. 5. Auswärtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wenn ihn aber jemals irgend Einer noͤthig hatte, oder er ihm lieb war, oder er daruͤber Freude empfand, ſo bin ich Einer von dieſen. Denn von meiner fruͤheſten Tugend an bin ich bis jetzt uͤber alle Maßen von der hoͤchſten und edlen Liebe entſtammt geweſen, und vielleicht mehr; als es einem Jeden,⸗dem ich es erzaͤhle, ſchei⸗ nen wuͤrde, daß es ſich füͤr meinen niedern Stand geſchickt haͤtte; und wenn ich auch gleich von denen, die billig waren, und die davon Kenntniß erhalten hatten, daruͤber gelobt, und von noch weit mehreren geachtet ward, ſo hatte ich doch den groͤßten Kum⸗ mer daruͤber auszuſtehen; freilich wohl nicht wegen der Granſamkeit der Geliebten, ſondern wegen der ubermäßigen Glut, die von der ungezugelten Lei⸗ denſchaft in meinem Imern entſtanden war, und die, weil ſie mich bei keinem ſchicklichen Ziele ſtill ſtehen 6 Vorrede. ließ, mir oftmals läſtiger ward, als es noͤthig gewe⸗ ſen waͤre. In dieſem Zuſtande gaben mir die freund⸗ lichen Reden eines Freundes, und ſeine lobenswuͤrdi⸗ gen Troͤſtungen ſolche Erquickung, da ich feſt uͤber⸗ zeugt bin, dieſe allein haben es dahin gebracht, daß ich nicht geſtorben bin. Aber weil es dem gefiel, der, da er ſelbſt unendlich iſt, das unwandelbare Geſetz gab, daß alles Irdiſche ein Ende haben ſollte, daß auch meine Liebe, gluͤhender als jede andere, und die keine Kraft der Vorſtellung, oder des guten Rathes, oder der augenſcheinlichen Schande oder Ge⸗ fahr, die mir daraus entſtehen koͤnnte, weder bre⸗ chen noch beugen gekonnt hatte, ſich im Verlauf der Zeit durch ſich ſelbſt ſo ſchwaͤchte, daß ſie mir jetzt in der Erinnerung nur das Vergnuͤgen zuruckgelaſſen hat, was ſie demjenigen zu gewahren pflegt, der es nie gewagt hat, ihre gefaͤhrlichſten Untiefen zu durch⸗ ſchiffen. Deshalb fuͤhle ich, daß, ſo kummervoll ſie auch fruͤher zu ſeyn pflegte, jetzt, da aller Schmerz verſchwunden, nur eine angenehme Ruͤckeriunerung von ihr zuruckgeblieben iſt. Indeſſen, wenn auch gleich die Qual ein Ende genommen hat, ſo iſt dar⸗ um doch nicht das Andenken an die empfangenen Wohlthaten, die mir von denen gereicht wurden, denen, wegen ihres mir geſchenkten Wohlwollens, meine Qualen ſelbſt druͤckend waren, entflohen, und wird, wie ich glaube, nur mit meinem Fode verlo⸗ ſchen. Und weil, nach meinem Dafuͤrhalten, Dank⸗ barkeit unter den andern Jugenden vorzuͤglich em⸗ pfohlen, und das Gegentheil getadelt werden muß, Vorrede. 7 ſo habe ich, um nicht undankbar zu erſcheinen, es bei mir ſelbſt beſchloſſen, mit dem Wenigen, was in meinen Kraͤften ſteht, ſtatt deſſen, was ich empfan⸗ gen habe, jetzt, da ich mich frei nennen kann, wenn auch nicht denen, die mir halfen, und die der Huͤlfe zu ihrem Gluͤcke, entweder ihres eigenen Verſtandes, oder ihres guͤnſtigen Geſchickes wegen, nicht beduͤr⸗ fen, wenigſtens doch denen, bei welchen ſie Statt finden kann, einige Erleichterung zu gewaͤhren. Und obgleich meine Unterſtuͤtzung oder mein Troſt, wie man es nennen will, fuͤr die Beduͤrftigen nur ſehr gering ſeyn kann, und auch wirklich nur iſt, ſo ſcheint es mir doch deſſenungeachtet, daß ich beides da, wo die Noth ſich am groͤßten zeigt, theils weil es mehr Nutzen dort ſtiften kann, theils weil es dort auch viel willkommener ſeyn wird, darreichen muß. Und wer mag es laͤugnen, daß es ſich mehr ſchicke, beides, wie es auch ſeyn mag, eher den lieblichen Frauen, als den Maͤnnern zu ſchenken? Denn jene, ſtets fuͤrchtend und ſich ſchaͤmend, halten die Liebes⸗ flammen in ihrer zarten Bruſt verſchloſſen, welche eine weit groͤßere Gewalt haben, als die offenbaren, wie Jeder weiß, der es erfahren hat. Und uͤberdies werden ſie eingeſchraͤnkt von dem Willen, dem Ge⸗ fallen, dem Befehl der Vaͤter, der Muͤtter, der Bruͤ⸗ der, der Maͤnner, leben die groͤßte Zeit in dem klei⸗ nen Bezirk ihrer Zimmer eingeſchloſſen, und bei ihrer Muße bald wollend, bald nicht wollend, durchkreu⸗ zen ſich bei ihnen in einer Stunde verſchiedene Ge⸗ danken, die unmoͤglich alle froͤhlich ſeyn koͤnnen. — 8 Vorrede. Und wenn durch dieſe alsdann ein gewiſſer Truͤbſinn, durch einen feurigen Wunſch aufgeregt, ihren Geiſt überfaͤllt, ſo muß er zu ihrem groͤßten Kummer in ihm ausdauern, wenn er nicht durch neue Vernunft⸗ gruͤnde bekämpft wird, nicht zu gedenken, daß ſie weit weniger ſtark ſind zum Ertragen, als die Män⸗ ner; dies iſt aber mit verliebten Maͤnnern nicht der Fall, wie man das ſehr deutlich ſehen kann. Dieſe haben, wenn Truͤbſiun oder laſtige Gedanken ſie quälen, viel mehr Mittel und Wege, ſich jenen zu erleichtern oder dieſe zu vertreiben. Denn wenn ſie wollen, koͤnnen ſie herumgehen, vieles hoͤren und ſehen, Voͤgel fangen, jagen, fiſchen, reiten, ſpielen oder Handel treiben. Von allen dieſen vermag jedes das Gemuͤth ganz oder zum Theil an ſich zu ziehen, und es von laͤſtigen Gedanken abzubringen, wenig⸗ ſtens auf eine Zeit lang, wodurch alsdann auf eine oder die andere Art ein Troſt erſcheint, oder die Qual geringer wird. Damit alſo durch mich der Fehler des Geſchickes, welches hier in Austheilung der Kraft, wie wir es bei den zarten Frauen ſehen, hier mehr in Verleihung der Huͤlfe karg war, zum Theil verbeſſert werden moͤge, iſt es meine Abſicht, zur Huͤlfe und Unterſtuͤtzung derer, die da lieben, (denn den Andern genuͤgt Nadel, Spindel und Rocken) gewiſſe Novellen, oder Fabeln, oder Parabeln, oder Hiſtorien, wie man ſie nennen will, zu erzahlen, welche ſich eine anſtändige Geſellſchaft von ſieben Damen und drei jungen Maͤnnern, zur Zeit der toͤdt⸗ lichen Peſt erzahlt hat, und einige Kinder von den 2 Vorrede. vorgenannten Frauen zu ihrem Vergnügen geſungen. Und in dieſen Novellen wird man angenehme und harte Faͤlle der Liebe, aber auch andere gluckliche Begebenheiten finden, ſo wie ſie ſich ſowohl in neue⸗ ren als auch in aͤlteren Zeiten zugetragen haben⸗ woraus Jeder, der ſie leſen wird, eben ſo gut Ver⸗ gnuͤgen uͤber die darin erzählten kurzweiligen Vor⸗ faͤlle, als auch nuͤtzlichen Rath wird ſchoͤpfen koͤnnen, inſofern ſie daraus werden erkennen koͤnnen, was ſie fliechen, oder wem ſie nachſtreben muͤſſen, was doch, wie ich glanbe, ohne vorher uberſtandenes Ungemach nicht erfolgen konnte. Wenn dies nun geſchieht,(und Gott gebe, daß es geſchieht), ſo moͤgen ſie Amorn dafuͤr danken, daß er, der mich von ſeinen Feſſeln befreit hat, mir die Kraft verliehen hat, auf ihr Vergnuͤgen Acht zu haben. — — Erſter Tag, an welchem, nachdem der Verfaſſer gezeigt hat, aus was ß diejenigen Perſonen, welche fuͤr Gruͤnden es geſchah, da nachher auftreten⸗ ſich zu ihrer Unterhaltung vereinigten⸗ unter Pampinea's Regierung⸗ uͤber das geſprochen wird, was einem Jeden am meiſten zuſagt⸗ ginleitung.⸗ Sy oft ich, geneigteſte Leſerinnen, in meinen Ge⸗ danken mir vorſtelle, wie Ihr von Natur zu jedem menſchlichen Gefuͤhle ſo geneigt ſeyd, ſo erkenne ich deutlich, daß gegenwärtiges Werk, Eurer Meinung nach, einen eben ſo ernſten und verdruͤßlichen Anfang haben muß, als die ſchmerzliche Ruͤckerinnerung an jene durchlebte moͤrderiſche Peſt, im Allgemeinen fuͤr einen Jeden, der ſie ſelbſt ſah, oder auf eine andere Art kennen gelernt hat, nachtheilig iſt, da dieſes Werk ſie an der Stirne traͤgt. Doch wuͤnſchte ich eben nicht, daß Euch dieſes vom Weiterleſen abſchreckte, als wenn Ihr nur zmmer unter Seufsern und Thraͤ⸗ nen weiter leſen ſolltet. Dieſer ſchreckliche Anfang ſoll für Euch nichts anders ſeyn, als was fuͤr Wan⸗ derer ein rauher und ſteiler Berg iſt, neben welchem eine ſchoͤne und liebliche Wieſe gelegen iſt; welche Einleitung 11 ihnen um ſo angenehmer wird, je beſchwerlicher das Steigen und Klettern war. Und ſo wie der Schmerz mit dem letzten Moment der Froͤhlichkeit anfaͤngt, ſo wird auch das hoͤchſte Elend von bald darauf fol⸗ gender Freude begraͤnzt. Auf dieſe kurze Unannehm⸗ lichkeit(ich ſage kurze, inſofern ſie in wenigen Worten enthalten iſt) wird unmittelbar Annehmlich⸗ keit und Vergnuͤgen erfolgen, ſo wie ich es zum Voraus verſprochen habe, und man es vielleicht von einem ſolchen Anfange nicht, wenn ich es nicht vor⸗ hergeſagt haͤtte, erwartet haben wuͤrde. Und in Wahrheit, haͤtte ich Euch ſchicklicher Weiſe auf einem andern Wege dahin, wo ich wuͤnſche, fuͤhren koͤnnen, als auf einem ſo rauhen Pfade, wie dieſer nun ein⸗ mal iſt, ſo haͤtte ich es gern gethan; aber mag auch der Grund, aus welchem das erfolgte, was Ihr her⸗ nach leſen werdet, ſeyn, welcher,er wolle, ſo konnte ich es Euch doch ohne jene Erinnerung nicht dar⸗ thun, und darum fuͤge ich mich gezwungen in die Nothwendigkeit, es zu ſchreiben. Und ſo ſage ich denn alſo: Schon war die Zahl der Jahre ſeit der heil⸗ bringenden Menſchwerdung des Sohnes Gottes bis auf 1348 gekommen, als in die treffliche Stadt Flo⸗ renz, vor allen andern italieniſchen die ſchoͤnſte, die toͤdtliche Peſtilenz eingedrungen war, welche durch Einwirkung der oberen Maͤchte, oder wegen unſerer ruchloſen Handlungen, von Gott in ſeinem gerechten Zorn zu unſerer Beſſerung uͤber die Sterblichen ge⸗ ſandt, einige Jahre vorher in dem Hrient begonnen, 12 Erſter Tag. hier eine unzählbare Menge Menſchen hinweggerafft, und, ohne Aufhören ſich von einem Orte zum andern fortpflanzend, ſich auf eine kläͤgliche Weiſe bis zum Occident ausgebreitet hatte. Es half auch dagegen kein menſchlicher Verſtand, keine Vorſicht; denn wenn gleich die Stadt, durch dazu angeordnete Be⸗ amte, von vielen Unſauberkeiten gereinigt worden, jedem Kranken hereinzukommen verboten ward, viele Beſchluͤſſe zur Erhaltung der Geſundheit abgefaßt wurden, und viele demuͤthige oͤffentliche Gebete, nicht Ein Mal, ſondern mehrmals in Prozeſſionen angeord⸗ net, und auch. auf andere Weiſe zu Ehren Gottes von anderen frommen Leuten angeſtellt worden wa⸗ ren: ſo fing ſie dennoch etwa im Fruͤhjahr des oben genannten Jahres ihre ſchmerzlichen Wirkungen auf eine füͤrchterliche und wundervolle Art zu zeigen an. Und nicht etwa war, wie es im Orient der Fall gewe⸗ ſen, das ein Zeichen des unvermeidlichen Todes, fuͤr ihm das Blut aus der Naſe drang; einen Jeden, wenni ſondern es entſtanden anfuͤnglich bei den Maͤnnern, ſo wie bei den Frauen ſowohl im Schvoße, als auch unter den Achſeln, gewiſſe Geſchwuͤlſte in der Groͤße eines gewoͤhnlichen Apfels, andere wie ein Ei, einige mehr, andere weniger, welche die gemeinen Leute Peſtbeulen nannten. Und eine ſolche toͤdtliche Peſt⸗ beule fing an, an den beiden gedachten Theilen des Koͤrpers in kurzer Zeit nach allen Seiten hin zu wachſen und zuzunehmen; und von hier verwandelte ſich alsdann der Charakter der vorgedachten Krank⸗ heit in ſchwarze oder mit Blut unterlaufene Flecken⸗ — 13 welche an den Armen und an den Schenkeln, oder auch an jedem andern Theile des Koͤrpers bei Vielen erſchienen, und zwar bei dieſem groß aber ſeltener, und bei jenem klein aber haͤufiger. Und ſo wie die Peſtbeule anfaͤnglich die ſicherſte Anzeige des Todes geweſen war, und auch noch war, ſo wurden es auch dieſe fuͤr Jeden, bei dem ſie ſich zeigten. Zur Heilung dieſer Krankheit ſchien nun weder der Rath eines Arztes, noch die Kraft irgend einer Me⸗ diein etwas zu vermoͤgen oder von Nutzen zu ſeyn; ja, entweder ertrug es die Natur des übels nicht, oder die Unwiſſenheit der Urzte(deren Anzahl, außer den wiſſenſchaftlich gebildeten, ſich ſowohl an Maͤn⸗ nern als Frauen, welche nimmermehr irgend einigen Unterricht in der Arzneiwiſſenſchaft gehabt hatten, unendlich vermehrt hatte) ſah nicht ein, woher ſie entſtanden war, und konnte folglich auch kein gehoͤ⸗ riges Mittel dagegen anwenden. Und daher genaſen nicht nur Wenige, ſondern beinahe Alle ſtarben inner⸗ halb drei Tagen nach Erſcheinung der gedachten Zei⸗ chen, der ſchneller, der ſpaͤter, und die meiſten ohne irgend ein Fieber oder einen andern Zufall. So hatte dieſe Peſt die groͤßte Gewalt erhalten, weil ſie ſich von den Kranken zu den Geſunden durch An⸗ ſteckung fortpflanzte, nicht anders, als wie das Feuer trockene oder oͤlichte Sachen ergreift, wenn ſie ihm nahe gebracht werden. Und was noch mehr ein Grund des übels ward, war, daß nicht allein das Reden und der Umgang mit den Kranken den Geſun⸗ den die Krankheit mittheilte, oder ein Grund zum Einleitung. Erſter Tag. gemeinſchaftlichen Tode ward, ſondern auch das Be⸗ ruͤhren der Kleider oder jeder andern Sache, welche von den Kranken beruͤhrt oder gebraucht worden wa⸗ ren, ſchien dieſe Krankheit durch das bloße Beruͤhren hinuͤber zu tragen- Ganz wunderbar iſt das, was ich noch ſagen muß, was, wenn es nicht von Vieler, und ſelbſt von meinen Augen geſehen worden waͤre, ich kaum zu glauben, viel weniger zu ſchreiben wagen wurde, wenn ich es auch von Glaubwurdigen gehoͤrt haͤtte. Die Eigenſchaft naͤmlich der gedachten Peſt, ſich von Einem an den Andern anzuhaͤngen, war von ſolcher Wirkſamkeit, daß dies nicht bloß von einem Menſchen an den andern geſchah, ſondern was noch weit oͤfter und wohl gar ſichthar der Fall war, naͤm⸗ lich, wenn Sachen eines Menſchen, der krank gewe⸗ ſen, oder an dieſer Krankheit geſtorben, von einem anderen lebendigen Weſen, was nicht zum Menſchen⸗ geſchlechte gehoͤrte, beruͤhrt worden war, ſo ward dieſes nicht allein von der Krankheit angeſteckt, ſon⸗ dern es ward auch in ſehr kurzer Zeit getödtet.— Hiervon hobe ich mit meinen eigenen Augen(wie ich es ſo eben geſast habe) unter andern eine ſolche Er⸗ fahrung gemocht. Es wurden einmal die Lumpen eines Armen, der an dieſer Krankheit geſtorben war, auf die öffentliche Straße hingeworfen; zwei Schwei⸗ ne, welche da hinzu gekommen waren⸗ und ihrer Ge⸗ wohnheit nach ſie zuerſt mit der Schnauze und mit den Zaͤhnen ſich einander fortgeriſſen, und um die Backen herumgeſchlagen hatten, ſtarben in kurzer Zeit nach einigen Verzuckungen, als wenn ſie Gift Einleitung. genommen haͤtten, und fielen uͤber die hin⸗ und her⸗ geriſſenen Lumpen zur Erde. Aus ſolchen Umſtaͤn⸗ den und noch vielen andern dieſen aͤhnlichen, oder auch wohl noch wichtigeren, entſtand bei denen, die am Leben geblieben waren, mannichfaltige Furcht und Einbildungen, welche faſt alle zu einem ſehr grauſamen Zwecke abzielten, naͤmlich die Kranken zu vermeiden, und ſie nebſt ihren Sachen zu ftiehen; und hierdurch glaubte ein Jeder fur ſich ſelbſt Ret⸗ tung zu gewinnen. Und es waren Einige wirklich der Meinung, daß ein maͤßiges Leben, und ſich vor jedem üebermaß in Acht zu nehmen, viel dazu bei⸗ truͤge, einem ſolchen Zufalle zu widerſtehen; und hatten ſie eine Geſellſchaft alsdann zuſammenge⸗ bracht, ſo lebten ſie von Allem getrennt, begaben ſich und ſchloſſen ſich in diejenigen Haͤuſer ein, wor⸗ in kein Kranker war, und um beſſer zu leben, ge⸗ noſſen ſie uͤberaus mäßig die delikateſten Speiſen und die beſten Weine, flohen jede üppigkeit, und unter⸗ hielten ſich, ohne ſich von Jemanden ſprechen zu laſ⸗ ſen, oder von außen her etwas vom Tode oder Krank⸗ ſeyn hoͤren zu wollen, mit Muſik und allen den Ver⸗ gnuͤgungen, die ſie haben konnten. Andere wieder, zu der entgegengeſetzten Meinung hingezogen, verſi⸗ cherten, hinreichend zu trinken, ſich einen guten Tag zu machen, und ſingend herum zu gehen, und luſtig zu ſeyn, der Luͤſternheit nach jeder Sache, ſo viel man nur könne, Genuͤge zu thun, und uͤber alles, was vorfiele, zu lachen und zu ſpotten, wäre das ſicherſte Mittel gegen ſo ein übel; und dies ſetzten 16 Erſter Tag⸗ ſie auch, ſo wie ſie es ſagten, nach ihren Kraͤften ins Werk. Tags und Nachts gingen ſie bald nach dieſer, bald nach jener Schenke hin, tranken ohne Maß und Ziel, und thaten dies oͤfters in fremden Haͤuſern, bloß um dort was zu hoͤren, was ihnen angenehm waͤre oder Vergnuͤgen machte. Sie konn⸗ ten dies auch um ſo leichter thun, weil ein Jeder (als wenn er doch nicht laͤnger leben wuͤrde) ſowohl ſich ſelbſt, als auch alles das Seinige Preis gegeben hatte; woher denn die meiſten Haͤuſer gemeinſchaft⸗ lich geworden waren, und jeder Fremde bediente ſich ihrer, wenn er darauf zu gekommen war, gerade ſo, als wie ſich der eigene Herr ihrer bedient haben wuͤrde; und bei dieſem unſinnigen Benehmen flohen ſie aus allen Kraͤften vor den Kranken. In ſolcher Noth und in ſolchem Elende unſerer Stadt war das ehrwuͤrdige Anſehen der goͤttlichen und menſchlichen Geſetze faſt ganz geſunken, und durch die Diener und Vollſtrecker derſelben aufgeloͤſt, welche, wie jeder Andere, Alle entweder geſtorben oder krank, oder ſo von Leuten enthloͤßt waren, daß ſie ihr Amt gar nicht verſehen konnten; weshalb es denn einem Veden erlaubt war, zu handeln, wie es ihm gut dunkte. Viele Andere beobachteten zwiſchen dieſen beiden oben genannten einen Mittelweg, indem ſie bei den Lebensmitteln ſich nicht ſo einſchraͤnkten, wie die Er⸗ ſten, noch beim Trinken und andern Zugelloſigkeiten ſich ſo gehen ließen, wie die Andern, ſondern nach ihrem Apypetit ſich derſelben bedienten, herumgingen, ohne ſich gerade einzuſchließen⸗ in den Haͤnden Blu⸗ Einleitung. 17 men, wohlriechende Kraͤuter und verſchiedene Speze⸗ reien trugen, und ſich oft an die Naſe hielten, in⸗ dem ſie glaubten, das Beſte waͤre, ſich das Gehirn mit ſolchen Geruͤchen zu ſtärken, weil ihnen die Luft ganz und gar von dem Geſtank der todten Koͤrper und der Krankheit, wie auch der Arzeneien einge⸗ nommen und verpeſtet zu ſeyn ſchien. Einige hatten eine noch weit grauſamere Mei⸗ nung(ob ſie gleich ungluͤcklicherweiſe die ſicherſte war); ſie ſagten naͤmlich, keine andere Arzenei waͤre gegen die Peſt beſſer, oder ſo gut, als ihr ganz und gar zu entfliehen. Und von dieſem Bewegungsgrunde an⸗ getrieben, verließen viele Maͤnner und Frauen, die ſich um nichts anderes, als nur um ſich, bekuͤmmer⸗ ten, die eigene Stadt, die eigenen Haͤuſer, ihre Be⸗ quemlichkeit, ihre Anverwandten, und alles das Ih⸗ rige, und ſuchten fremdes Eigenthum, oder wenig⸗ ſtens fremde Gegenden; in der Meinung, als wenn der Zorn Gottes, um die Verderbtheit der Menſchen mit dieſer Peſtilenz zu beſtrafen, nicht bis dahin, wo ſie jetzt waͤren, reichte, ſondern in ſeinem Eifer nur diejenigen zu unterdruͤcken beabſichtigte, welche ſich innerhglb der Mauern ihrer Stadt befaͤnden; oder ſie bildeten ſich wohl gar ein, es ſollte kein Menſch darin uͤbrig bleiben, und das letzte Stuͤndlein waͤre gekommen. So wie nun zwar keineswegs alle, die ſo verſchiedener Meinung waren, ſtarben, ſo wanderten ſie dennoch Alle aus; hingegen erkrankten von jeder dieſer Klaſſen viele und ſchmachteten an jedem Orte dahin, obgleich dieienigen, die geſund blieben, ihnen Boccaccio's ſäͤmmtl. W. 1. 2 Einleitung. gel an ſie Bedienenden litten, entſtand eine Gewohn⸗ heit, von der man vorher nie etwas gehoͤrt hattes naͤmlich, daß, wenn eine artige, ſchoͤne und edle Frau erkrankte, ſie ſich nicht darum kuͤmmerte, ob ſie zu ihrer Bedienung einen Mann, was es auch fuͤr einer waͤre, er mochte jung oder alt ſeyn, hatte, und ob ſie ihm, ohne irgend eine Schaam, jeden Theil ihres Koͤrpers entbloͤßte, nicht anders als wie ſie es gegen eine Frau gethan haben wuͤrde, bloß weil es die Noth⸗ wendigkeit der Krankheit erforderte; was denn die⸗ jenigen, die wieder geſund wurden, in der Folge der Zeit, in den Ruf minderer Anſtaͤndigkeit ſetzte. Aber auch uberdieß erfolgte bei vielen der Tod, die viel⸗ leicht, wenn ihnen geholfen worden waͤre, haͤtten ge⸗ rettet werden koͤnnen. Hierdurch war, theils aus Mangel an gehoͤriger Bedienung, welche die Kranken doch einmal nicht haben konnten, theils auch durch die Gewalt der Peſt, in der Stadt die Menge derer, welche Tag und Nacht ſtarben, ſo groß geworden, daß es zum Erſtaunen iſt, zu ſagen, oder gar mit angeſehen zu haben. Und dieſerhalb entſtanden unter den Buͤrgern, welche leben geblieben waren, der Noth⸗ wendigkeit wegen, Sitten, die von den fruͤhern ganz verſchieden waren. Es war gebrauchlich(ſo wie wir es auch noch heute im Gebrauch ſehen), daß Frauen, Anverwand⸗ tinnen und Nachbarinnen ſich in dem Hauſe des Ver⸗ ſtorbenen verſammelten, und dort mit denen, die ihm die Naͤchſten geweſen waren, trauerten; und anderen Theils, daß ſich vor dem Hauſe des Verſtorbenen die 20 Erſter Tag. Nachbaren, ſo wie auch andere Buͤrger mit ſeinen naͤchſten Anverwandten verſammelten, auch wohl nach dem Stande des Verſtorbenen die Kleriſey hinzukam, und derſelbe alsdann auf den Schultern ſeines Glei⸗ chen mit einem Leichen⸗Gepraͤnge bei Wachslichtern und Geſaͤngen nach der Kirche hingetragen wurde, die er vor ſeinem Tode ſich erwaͤhlt hatte. Dies un⸗ terblieb, da die Gewalt der Peſtilenz zu ſteigen be⸗ gann, entweder gaͤnzlich oder doch groͤßtentheils, und es trat ganz etwas anderes an dieſe Stelle. Dieſer⸗ halb ſtarben die Menſchen nicht nur, ohne daß ſie mehrere Frauen um ſich herum gehabt haͤtten, ſon⸗ vern es waren auch viele, die ohne Zeugen aus der Welt gingen, und deren aͤußerſt wenige, denen mit⸗ leidige Klagen oder bittere Thraͤnen ihrer Anverwand⸗ ten waͤren verſtattet geweſen; ja, anſtatt dieſer, lach⸗ ten, ſcherzten und ſtellten ihre Freunde wohl gar Feſte an; und dieſen Gebrauch hatten die Frauen mit Hintanſetzung ihres weiblichen Mitgefuͤhls, zu ihrem igenen Wohl ganz vortrefflich erlernt. Diejenigen waren ſelten, deren Leichnam von mehr als von zehn is zwolf ihrer Nachbaren zur Kirche begleitet wor⸗ den waͤren, von welchen dann nicht die geehrteſten oder wertheſten Buͤrger, ſondern eine Art von hinzu⸗ gelaufenen Todtengraͤbern aus der unterſten Volks⸗ klaſſe, welche dieſes Geſchaͤft gedungen thaten, die Bahre trugen; und auch dieſe trugen ſie alsdann mit ſchuellen Schritten und in Begleitung von vier oder ſechs Geiſtlichen, mit einem Paar Kuͤſtern, oftmals mit gar keinem, nicht nach der Kirche, die er vor Einleitung. 2¹ ſeinem Tode beſtimmt hatte, ſondern nach der naͤch⸗ ſten hin, worauf ſie ihn dann, ohne ſich bei langen und feierlichen Gebeten aufzuhalten, in das erſte beſte Grab, was ſie gerade leer fanden, begruben; bei den gemeinen Leuten, und auch großtentheils beim Wittelſtande, fand, ihres weit groͤßeren Elendes wegen, noch weniger Vorſichtigkeit Statt; denn dieſe wurden theils in Hoffnung, theils aus Armuth in ihren Haͤuſern feſtgehalten, und erkrankten daher ein⸗ ander immer ſo nahe, taͤglich zu Tauſenden; und da ſie weder bedient, noch mit irgend etwas unterſtuͤtzt wurden, ſo ſtarben ſie, ohne irgend eine Huͤlfe zu bekommen; dahin. Es waren ſogar auch viele, die auf oͤffentlicher Straße ſowohl bei Tage als auch in der Nacht verſchieden. Auch viele, die in ihren Haͤu⸗ ſern verſchieden, ließen es ihren Nachbaren eher durch den Geſtank ihrer angeſteckten Koͤrper, als anders wodurch merken, daß ſie geſtorben waͤren; und ſo war alles voll von ſolchen, die allenthalben entweder auf dieſe oder auf jene Art geſtorben waren. Von den meiſten Nachbaren ward eine und eben dieſelbe Weiſe beohachtet, da ſie alle nicht weniger von der Furcht, daß die Anſteckung der Todten auch ſie ergreifen moͤchte, als auch von der Liebe, die ſie gegen die Verſtorbenen gehegt hatten, dazu angetrie⸗ ben wurden. Sie zogen naͤmlich, ſowohl ſie allein, als auch mit Huͤlfe einiger Traͤger, wenn ſie welche habhaft werden konnten, die Koͤrper der Verſtorbe⸗ nen aus ihren Haͤuſern heraus, und legten ſie dann vor ihren Thuͤren hin, wo beſonders des Morgens 22 Erſter Tag. jeder Voruͤbergehende eine zahlloſe Menge ſehen konnte: dann ließen ſie Bahren bringen und legten ſie dar⸗ auf, Andere aber, in Ermangelung dieſer, auf Ti⸗ ſche. Auch lagen auf einer einzigen Bahre wohl zwei oder gar drei; ſo wie es auch wohl ſich ereig⸗ nete, und deren mag man wohl mehrere Faͤlle auf⸗ zaͤhlen koͤnnen, wo Mann und Frau, zwei oder drei Bruͤder, oder Vater und Sohn zuſammen lagen. Unendliche Male geſchah es auch, daß, wenn zwei Prieſter mit dem Kreuze einen vegleiteten, ſich drei oder vier Bahren, von Traͤgern getragen, an dieſe hinten anſchloſſen, und die Prieſter, wenn ſie einen Todten zu begraben glaubten, ſechs, acht und wohl gar noch mehr hatten. Dieſe wurden denn auch durch keine Thraͤne, oder Kerze oder Begleitung geehrt, vielmehr war es ſo weit gekommen, daß man ſich damals uͤber die Menſchen, welche ſtarben, nicht mehr bekuͤmmerte, als man ſich heut zu Tage uͤber die Ziegen bekuͤmmert. Daher ſieht man ſehr deut⸗ lich, daß ſogar Einfaͤltige verſchmitzt und leichtſinnig wurden, um groͤßere übel mit Geduld zu ertragen⸗ was der gewoͤhnliche Lauf der Dinge durch kleine und ſeltene Ungluͤcksfaͤlle bei den Kluͤgeren nicht hätte zu Wege bringen koͤnnen. Bei dieſer großen Menge von Leichnamen, wel⸗ che alle Tage, ja faſt alle Stunden, haufenweiſe nach allen Kirchen hingetragen wurden, war geweihte Erde zu den Begraͤbniſſen nicht hinreichend vorhan⸗ den, beſonders da man nach alter Sitte doch einem Jeden ſeine eigene Stelle geben wollte; man machte Einleitung⸗ 23 daher auf den Gottesäͤckern aller Kirchen, da Alles voll war, große Gruben, in welche man die neu Hin⸗ zukommenden zu Hunderten hinein warf. Und in die⸗ ſen aufgeſchichtet, wie man es mit Waaren in einem Schiffs⸗Raume zu machen pflegt, wurden ſie nur mit ein wenig Erde bedeckt, bis man in der Grube an den oberſten Rand gekommen war. Doch um nicht jedem beſonderen umſtande unſe⸗ res durchlebten Elendes, das unſere Stadt betraf, aͤngſtlich nachzuſpuͤren, ſage ich nur noch, daß, wenn auch gleich in derſelben die feindſeligſte Zeit verlau⸗ fen iſt, dennoch die umliegende Gegend durchaus von nichts verſchont blieb, und daß(ar nicht einmal der Schlöſſer zu gedenken, mit denen es, trotz ihrer Klein⸗ heit, derſelbe Fall, wie mit den Städten war) in den zerſtreuten Villen und auf dem Lande die elen⸗ den und armen Landleute und ihre Familien, ohne irgend einen Beiſtand eines Arztes oder Huͤlfe eines Bedienten, auf den Wegen oder auf ihren Feldern oder in ihren Haͤuſern ohne Unterſchied, bei Tage oder bei Nacht, nicht wie Menſchen, ſondern wie Thiere hinſtarben. Daher waren auch ſie, eben ſo wie die Staͤdter, ausgelaſſen geworden, kuͤmmerten ſich weder um ihre Sachen, noch um ihre Geſchaͤfte; vielmehr erwarteten ſie faſt alle an dem Tage, bis zu welchem ſie ſahen, daß ſie gekommen waren, den Pod, und ſtrengten ſich aus allen Kraͤften an, nicht etwa den kuͤnftigen Erzeugniſſen ihres Viehſtandes⸗ ihrer Laͤnder und ihrer vorhergegangenen Bemuͤhun⸗ gen nachzuhelfen, ſondern alles nur zu verzehren⸗ Erſter Tag. was ſie vorraͤthig fanden. Dadurch kam es denn, daß die Ochſen, die Eſel, die Schafe, die Ziegen, die Schweine, die Huͤhner, ſelbſt die den Menſchen ſo treuen Hunde, aus dem eigenen Aufenthalt ver⸗ jagt, auf den Feldern, wo das Korn Preis gegeben daſtand, ohne daß es nicht einmal abgeſchnitten, viel weniger noch eingeſammelt geweſen waͤre, wie es ihnen gefiel, herum liefen. Viele zwar, als wenn ſie Vernunft gehabt haͤtten, kehrten, wenn ſie am Tage hinreichend geweidet, Nachts, ohne irgend ei⸗ nes Hirten Leitung, geſaͤttigt nach ihrem Aufenthalts⸗ orte zuruͤck. Was laͤßt ſich nun wohl anders ſagen, wenn wir vom Lande wieder nach der Stadt zuruͤckkehren, als: ſo groß war die Grauſamkeit des Himmels und zum Jheil auch der Menſchen, daß zwiſchen dem Monat Maͤrz und dem naͤchſtfolgenden Julius, theils durch die Wuth der peſtartigen Krankheit, und theils weil ſo viele Kranke ſchlecht bedient, und von den Geſunden in ihren Beduͤrfniſſen gaͤnzlich verabſaͤumt wurden, gewiß uͤber hunderttauſend menſchliche Ge⸗ ſchoͤpfe, innerhalb den Mauern der Stadt Florenz, dem Leben entriſſen worden ſind; da man vor dieſer moͤrderiſchen Begebenheit kaum geglaubt haben wuͤrde, daß ſo viel darin waͤren. O wie viel große Pallaͤſte, wie viel ſchoͤne Häͤuſer, wie viel edle Wohnungen, ſonſt angefuͤllt mit großen Familien, mit Maͤnnern, Frauen, blieben bis auf den geringſten Diener leer! O wie viele denkwuͤrdige Geſchlechter, wie viel weit⸗ lauftige Erbnehmer, wie viel beruͤhmte Reichthuͤmer Einleitung. ſah man ohne rechtmaͤßigen Nachfolger zuruͤckblei⸗ ben! Wie viel tuͤchtige Maͤnner, wie viel ſchone Frauen, wie viel herrliche Juͤnglinge, die nicht nur jeder Andere, ſondern ſelbſt Galenus, Hippokrates oder Vskulap fuͤr die geſuͤndeſten wurden gehalten haben, ſpeiſten noch Morgens mit ihren Anverwand⸗ ten, Gefaͤhrten und Freunden, und aßen, wenn der Abend kam, zu Nacht mit ihren Vorangegangenen in der andern Welt! Mich ſelbſt widert es an, mich noch laͤnger bei ſolchem Jammer zu verweilen; daher will ich den Theil deſſelben, den ich ſchicklicherweiſe uͤbergehen kann, bei Seite geſtellt ſeyn laſſen, und ſage nur, da es mit unſerer Stadt auf ſolchem Fuße ſtand, daß ſie an Einwohnern faſt ganz leer war, ſo ergab es ſich(wie ich von einem glaubwuͤrdigen Manne ge⸗ hoͤrt habe), daß in der ehrwuͤrdigen Kirche di Santa Maria Novella, eines Dienſtags Morgens, ſich, da faſt kein anderer Menſch noch zugegen war, ſieben junge Damen, nachdem ſie in Trauerkleidern, wie es ſich fuͤr ſolche Zeit ſchickte, das heilige Amt mit an⸗ gehoͤrt hatten, hier zuſammen fanden, die alle, eine mit der andern durch Freundſchaft oder Nachbarſchaft, oder Verwandtſchaft verbunden waren, und von de⸗ nen keine weder aͤlter als 28, noch juͤnger als 18 Jahr, jede klug, von edlem Herkommen, ſchoͤ⸗ ner Geſtalt, mit Sitten und freundlichem Anſtande geziert war. Ich wuͤrde ihre eigenen Namen anfuͤh⸗ ren, wenn nicht ein gerechter Grund mich davon ab⸗ hielte, ſie zu ſagen; und dieſer iſt, weil ich nicht Erſter Tag. will, daß irgend eine von ihnen uͤber das, was ſie nachher erzaͤhlen, oder was ſie in Zukunft mit anhoͤ⸗ ren werden, erroͤthen muͤßte, indem die Geſetze des Vergnuͤgens heut zu Tage etwas ſtrenger ſind, als damals, wo ſie aus den oben angegebenen Gruͤnden, nicht nur zu ihrer Zeit, ſondern auch noch fruͤher, viel milder waren. Auch will ich den Mißgunſtigen kei⸗ nen Stoff geben, welche gleich bereit ſind, jeden lo⸗ benswuͤrdigen Lebenslauf anzuzapfen, und bei jeder Handlung die Ehrbarkeit rechtlicher Frauen durch un⸗ ſchickliche Reden zu ſchmaͤlern. Und deshalb will ich, damit man ohne Verwirrung auffaſſen koͤnne, was Jede wohl ſage, ſie nachher bei Namen nennen, die den Eigenſchaften einer Jeden, entweder im Allge⸗ meinen, oder im Einzelnen, angemeſſen ſind. Die Erſte von ihnen, welche die Alteſte war, will ich Pampinea nennen, die zweite Fiammetta, Philomene die dritte, die vierte Emilia, und die fünfte will ich Lauretta, und die ſechſte Neiphile, und die letzte Eliſa, nicht ohne Grund nennen. Dieſe, durchaus von keinem Vorſatz angezogen⸗ ſondern ganz von un⸗ gefaͤhr, verſammelten ſich an irgend einer Stelle in der Kirche, und ſetzten ſich im Kreiſe nieder, unter⸗ ließen dann, nach vielen Seufzern, ihre Paternoſter herzubeten, und fingen an, uͤber die Zeitumſtaͤnde viel und mancherlei zu ſprechen. Nach einiger Zeit ſchwiegen die andern, und Pamyinea fing alſo zu re⸗ den an. Meine lieben Mädchen, ihr koͤnnt, eben ſo gut, wie ich, wohl oftmals gehoͤrt haben, daß es Keinem —— . — e— W W ie ne ch te u8 imn⸗ er⸗ ter nde eit re⸗ ut, em Einleitung. zum Vorwurf gereicht, wenn er ſeine Vernunft auf eine anſtaͤndige Art gebraucht. Jeder, der einmal geboren iſt, hat natuͤrlichen Grund, ſein Leben zu nutzen, zu erhalten und zu beſchuͤtzen. Und dies iſt einem Jeden in ſolchem Grade zugeſtanden, daß ſich oftmals der Fall ereignet hat, daß, um daſſelbe zu vertheidigen, die Menſchen ſich ohne irgend einen an⸗ dern Grund umgebracht haben. Und wenn die Ge⸗ ſetze, deren Furſorge doch vorzuglich dahin geht, je⸗ dem Sterblichen ein angenehmes Leben zu verſchaf⸗ fen, dies verſtatten, um wie viel mehr iſt es unſere, und jedes ehrlichen Menſchen Pflicht, ohne Jemand an⸗ ders zu kraͤnken, fuͤr die Erhaltung unſeres Lebens die Mittel zu ergreifen, die in unſerer Gewalt ſte⸗ hen? So oft ich auch uͤber unſer Verhalten an die⸗ ſem Morgen oder auch an den vergangenen, Betrach⸗ tungen anſtelle, und, wie auch unſere Meinungen ſeyn moͤgen, daruͤber nachdenke, ſo begreife ich ſehr wohl, und auch Ihr koͤnnt es begreifen, wie eine jede von uns uͤber ſich ſelbſt in Sorgen ſeyn muß. Doch daruͤber wundere ich mich gar nicht, aber dar⸗ uͤber wundere ich mich gar ſehr, wenn ich ſehe, daß jede von uns, die doch ein weibliches Gefuͤhl hat, nicht fuͤr das, was eine jede von uns mit Recht furch⸗ tet, irgend einigen Erſatz ſich verſchafft. Wir hal⸗ ten uns, meiner Meinung nach, hier ans keinem an⸗ dern Grunde auf, als nur, daß wir davon Zeuge ſeyn wollten oder muͤßten, wie viel Todte hier zum Begraͤbniß hergebracht worden, oder zuzuhoren, ob die Patres, deren Anzahl beinahe auf Nichts zuſam⸗ — ——— 28 Erſter Tag. mengeſchmolzen iſt, dort drinnen zu den gehoͤrigen Stunden ihren Kirchendienſt ſingend verrichten, oder jedem, der vor uns erſcheint, durch unſern Anzug die Groͤße und die Menge unſeres Elendes zu zeigen. Und wenn wir von hier heraus gehen, ſo ſehen wir rings umher entweder Todte oder Kranke forttragen, oder wir ſehen die, welche, kraft der oͤffentlichen Geſetze, ihrer Verbrechen wegen zwar zur Verban⸗ nung verurtheilt waren, aber doch jener ſpottend, weil ſie ſehen, daß die Vollſtrecker derſelben entwe⸗ der todt oder krank ſind, mit dem widerwaͤrtigſten Ungeſtuͤm auf dem Lande herumſtreichen; oder wir ſehen, wie die Hefen unſerer Stadt, von unſerem Blute aufgereizt, ſich Fodtengraͤber nennen, zu un⸗ ſerm Verderben allenthalben umher laufen und jagen, und uns in uranſtaͤndigen Geſaͤngen unſern Verluſt vorwerfen. Auch hoͤren wir nichts anders, als: der und der iſt todt, die liegen im Sterben; und wenn hier Einer noch klagen konnte, ſo wurden wir allenthal⸗ ben ſchmerzliche Klage hoͤren. Kehren wir nach unſern Haͤuſern zuruͤck(ich weiß zwar nicht, ob es Euch ſo geht wie mir), und finde ich von einer großen Familie keinen Andern, als mein Maͤdchen, ſo erſchrecke ich, und fuͤhle es, wie mir alle Haare auf dem Kopfe zu Berge ſtehen; und es ſcheint mir, wo ich auch nur gehe oder ſtehe, als wenn ich in dieſer den abgeſchie⸗ denen Geiſt derjenigen erblickte, welche hinuͤber ge⸗ gangen ſind, und, als wenn ſie, nicht mit den Ge⸗ ſichtern, mit welchen ich ſie immer geſehen habe, ſondern mit einem furchterlichen Ausſehen, ich weiß Einleitung. nicht, wo ſie es neuerdings her haben, mich er⸗ ſchreckten. Daher duͤnkt es mir, ich beſinde mich hier, ſo wie außerhalb, als auch in meinem Hauſe, ſchlecht, und das um ſo mehr, je mehr es mir vor⸗ kommt, daß kein anderer Menſch, der nur noch die Kraft hat, zu gehen wohin er wolle, ſo wie r ſie haben, anders hür gebliebe iſt, als wir. Und habe mehrmals(und waͤren es auch nur einige Mal) geſehen und gehoͤrt, wie eben dieſe Leute, ohne irgend einen Unterſchied zu machen zwiſchen dem, was ſich ſchickt und was ſich nicht ſchickt, ſondern wonach es ſie gerade geluſtete, allein und in Beglei⸗ tung, bei Tage und bei Nacht, das thaten, was ih⸗ nen am meiſten Vergnuͤgen machte. Und nicht allein freie und ungebundene Perſonen, ſondern auch die in Kloͤſtern eingeſchloſſenen, bilden ſich ein, daß auch ihnen das anſtaͤnde und nicht verdacht wuͤrde, was Andere thaten, die von allem Gehorſam gegen die Geſetze ſich losgeriſſen, und den ſinnlichen Luͤſten er⸗ geben haben, und ſind, in der Meinung, auf ſolche Art Allem zu entgehen, uͤppig und ausgelaſſen geworden⸗ Wenn dem nun alſo iſt(und man ſieht deutlich⸗ daß es ſo iſt), was machen wir hier? was zoͤgern wir hier? was traͤumen wir? warum ſind wir fuͤr unſer Wohl traͤger und ſaumſeliger als die uͤbrigen Buͤrger? halten wir uns fuͤr weniger werth als alle Andern? oder glauben wir, daß unſer Leben mit ſtaͤr⸗ kern Banden an unſern Koͤrper gefeſſelt iſt, als das der Andern, und daß wir uns auf ſolche Art um nichts zu bekuͤmmern haͤtten,; was ihm nachtheilig 30 Erſter Tag. werden könnte? Da irren wir ſehr, da betruͤgen wir uns, da wären wir ſehr einfaͤltig, wenn wir das glaubten. Wenn wir uns nur einmal erinnern wol⸗ len, was fuͤr, und wie viel junge Maͤnner und Frau⸗ en von dieſer grauſamen Peſt aufgerieben worden ſind, ſo ſehen wir den deutlichen Beweis davon. Da⸗ mit wir nun weder aus Starrſin, noch aus Fahr⸗ läſſigkeit nicht in den Fehler fallen, dem wir gluck⸗ licherweiſe auf irgend eine Art, wenn wir nur wol⸗ len, entgehen konnten(ich weiß zwar nicht, ob Ihr dieſelbe Anſicht habt, die ich habe), ſo wuͤrde ich es fuͤr das Beſte halten, wenn wir, ſo wie wir hier ſind, und ſo, wie es viele vor uns ſchon gethan ha⸗ ben und noch thun, aus dieſer Gegend auszoͤgen, die unanſtaͤndigen Beiſpiele der Andern, wie den Tod, ſlohen, und uns auf eine ehrenvolle Art auf unſere Beſitzungen, deren Jede von uns in hieſiger Gegend eine große Menge hat, vegaben, und dort jede Luſt, jede Freude, jedes Vergnuͤgen, doch ohne im gering⸗ ſten ein vernuͤnftiges Ziel zu uͤberſchreiten, mitnäh⸗ men. Dort wollen wir die Voͤgel ſingen hoͤren, dort ſehen, wie Huͤgel und Thaͤler in Grun ſich kleiden, und wie dort die mit Baͤunien und Getreide auf tau⸗ ſenderlei Weiſe angefullten Felder, nicht anders als das Meer, Wellen ſchlagen, und wie der Himmel weit freier, uns, wenn er auch in Trauer ſich huͤllt, ſeine ewigen Schoͤnheiten nicht verſagt, die doch viel ſchoͤner anzuſchauen ſind, als die leeren Mauern un⸗ ſerer Stadt. überdies iſt die Luft dort weit friſcher, und die Fulle alles deſſen, was in jetziger Zeit zum e ee ie re nd ſt, ig⸗ h⸗ ort en, au⸗ als mel illt, viel un⸗ cher, Einleitung. 34 Leben nothwendig iſt, weit groͤßer, dagegen aber die Zahl der Unannehmlichkeiten viel geringer. Wenn daher auch die Landleute dort eben ſo ſterben, wie hier die Buͤrger, ſo iſt doch dort das Mißvergnuͤgen daruͤber weit geringer, weil Haͤuſer und Bewohner dort weit ſeltener ſind, als in der Stadt. Hier im Gegentheil, verlaſſen wir, wenn ich recht ſehe, Kei⸗ nen, vielmehr können wir uns mit Recht die Verlaſ⸗ ſenen nennen; denn die Unſrigen ſind entweder ge⸗ ſtorben oder dem Tode entflohen, und haben uns, als wenn wir gar nicht die Ihrigen wären, allein in dieſer Betruͤbniß zuruͤckgelaſſen. Es kann uns daher kein Tadel treffen, wenn wir einem ſolchen Entſchluſſe folgen; aber Schmerz, Kummer, vielleicht wohl gar der Jod koͤnnte, wenn wir ihm nicht folgten, daraus entſtehen. Wenn Ihr daher meint, ſo nehmen wir unſere Bedienung, laſſen ſie uns mit den noͤthigen Sachen folgen, und ſuchen heute hier und morgen dort Vers igen und Unterhaltung, wie wir beides in dieſer Zeit haben koͤnnen; dieß, glaube ich, wird das Beſte ſeyn, was wir thun koͤnnen; und auf dieſe Art laßt uns ſo lange verweilen(wenn der Tod uns nicht vorher uͤberraſcht), bis wir ſehen, daß der Him⸗ mel damit ein Ende gemacht hat. Noch fuͤhre ich Euch zu Gemuͤthe, daß uns um ſo weniger ein Vor⸗ wurf gemacht werden koͤnne, wenn wir auf eine an⸗ ſtaͤndige Art gehen, als einem großen Theile der An⸗ dern, wenn ſie auf eine weniger anſtaͤndige Art bleiben. Die anderen Frauen lobten nicht allein Pampi⸗ neg's Rath, den ſie ſo eben gehoͤrt hatten, ſondern —————— 32 Erſter Tag. hatten, begierig ihm zu folgen, ſchon einzeln mit einander daruͤber zu verhandeln angefangen, gleich⸗ ſam, als ſollten ſie, ſobald ſie von ihren Sitzen auf⸗ geſtanden waͤren, allmaͤhlig ſich auf den Weg ma⸗ chen. Aber Philomene, welches die geſcheuteſte war, ſagte: Frauen, ſo ſchön auch Pampinea jetzt geſpro⸗ chen hat, ſo muͤſſen wir doch nicht ſo laufen, wie es ſcheint, daß Ihr es thun wollt. Bedenkt, daß wir alle Frauen ſind, und keine iſt noch ſo ſehr Kind, daß ſie nicht einſehen ſollte, wie Frauen unter ein⸗ ander zu raiſonniren pflegen, und wie ſie ohne Vor⸗ ſicht irgend eines Mannes ſich nicht recht zu beneh⸗ men wiſſen. Wir ſind ſchwankend, ſtoͤrriſch, arg⸗ woͤhniſch, kleinmuͤthig und furchtſam; daher furchte ich ſehr, wenn wir keinen andern Fuͤhrer nehmen, als uns ſelbſt, ſo wird ſich unſere Geſellſchaft nur zu fruͤh ſchon wieder aufloͤſen, und das mit ſehr we⸗ nig Ehre fuͤr uns. Daher iſt es noͤthig, daß wir uns, ehe wir anfangen, gehoͤrig vorſehen. In Wahrheit, ſagte hierauf Eliſa, die Maͤnner ſind der Kopf der Frauen, und ohne ihre Anordnung ninmt irgend ein Werk von uns ſelten einmal ein lobenswuͤrdiges Ende. Aber wo ſollen wir dieſe Männer hernehmen? Jede von uns weiß, daß die ihr bekannten, großtentheils geſtorben, und die an⸗ dern am Leben gebliebenen, hierhin und dahin, in verſchiedenen Geſellſchaften, ohne daß wir wuͤß⸗ ten, wohin, eben dem entflohen ſind, dem wir zu ent⸗ fliehen ſuchen; und Andere zu bitten, wuͤrde nicht ſchicklich ſeyn⸗ Wenn wir daher unſerem Wohle — + FV r. es ir d, n⸗ or⸗ h⸗ eg⸗ hte en, nur we⸗ wir nner ung ein dieſe die an⸗ ahin, wuͤß⸗ nent⸗ nicht wohle Einleitung. 33 nachgehen wollen, ſo muͤſſen wir uns auf eine ſolche Art einzurichten ſuchen, daß uns nicht dahin, wohin wir zum Vergnuͤgen und zur Ruhe gehen wollen, Langeweile und Trgerniß nachfolge. Als die Frauen auf dieſe Art unter einander ſprachen, ſiehe, da traten in die Kirche drei junge Maͤnner ein, von welchen der juͤngſte nicht viel mehr oder weniger als 25 Jahr alt war; bei denen weder die Verderbtheit der Zeit, noch der Verluſt der Freunde oder Verwandten, noch die Furcht öͤber ſich ſelbſt, die Liebe hatte erkalten, viel weniger ganz und gar ausloͤſchen koͤnnen. Von ihnen hieß der eine Pamphi⸗ lus, Philoſtratus der zweite, und der letzte Dioneus, jeder freundlich und von feinen Sitten; zu ihrem einzigen Troſte, ſuchten ſie in ſolcher Zerſtoͤrung al⸗ ler Dinge, ihre Geliebten auf, welche ſich zufuͤlliger Weiſe alle drei unter den genannten ſieben befanden, da auch uͤberdies noch von den andern einige ihre nahe Anverwandtinnen waren. Dieſe fielen ihnen nicht ſo⸗ vald in die Augen, als auch ſie wieder von jenen ge⸗ ſehen wurden; daher fing Pampinea laͤchelnd an: Seht einmal, wie guͤnſtig das Gluͤck unſerm Unter⸗ nehmen ſich zeigt, es fuͤhrt uns drei beſcheidene und tuͤchtige junge Maͤnner zu, welche gern unſre Fuͤhrer und Diener ſeyn werden, wenn wir ſie zu dieſem Amte anzunehmen nicht verſchmaͤhen. Neiphile, vor Schaam uͤber das ganze Geſicht errothend, da einer dieſer drei jungen Maͤnner ihr Geliebter war, ſagte: Bedenke, Pampinea, was Du ſprichſt! Ich weiß es nur zu ſehr, man kann Voccaccio's ſaͤmmtl. W. 1. 3 Erſter Tag. von einem Jeden dieſer Dreien nichts anderes als Gutes ſagen, und ich halte ſie fuͤr noch viel mehr, als nur dazu tuͤchtig; aber eben ſo bin ich auch der Meinung, ihre gute und anſtaͤndige Geſellſchaft muͤſſe nicht nur uns, ſondern noch weit Schoͤnere und Achtbarere als wir ſind, feſſeln. Indeſſen, da es ziemlich bekannt iſt, daß ſie in einige, die hier un⸗ ter uns ſich befinden, verliebt ſind, ſo fuͤrchte ich, es moͤchte uͤbele Nachrede oder gar Tadel, ohne un⸗ ſere oder ihre Schuld, fuͤr uns erfolgen, wenn wir ſie mitnahmen. Da ſagte Philomena: Das ſchadet nichts; weny ich ſelbſt nur ehrbar lebe und mein Gewiſſen mir nichts vorwirft, ſo mag das Gegentheil reden, wer da will, Gott und die Wahrheit werden ſchon die Waffen fur mich ergreifen. Wolle nur der Himmel, ſie wären ſchon entſchloſſen, herzukommen, dann koͤnn⸗ ten wir in Wahrheit ſagen, was Pampines ſagte: das Glück ſey uns guͤnſtig. Die Andern, da ſie dieſe ſo reden hoͤrten, ſchwie⸗ gen nicht ſowohl ſtill dazu, ſondern ſagten Alle mit einmuͤthiger Zuſtimmung, ſie ſollten gerufen, ihre Meinung ihnen geſagt und ſie gebeten werden, daß ſie es ſich doch gefallen laſſen moͤchten, ihnen bei dieſer Aus⸗ flucht Geſellſchaft zu leiſten. Daher ſtand Pampinea, welche mit einem derſelben durch Blutsfreundſchaft verwandt war, ohne Weiteres auf, ging auf ſie zu, die ſie feſt anſahen, und gruͤßte ſie mit freundlichem Geſichte, dann eroͤffnete ſie ihnen ihre Entſchließung, und bät ſie im Namen Aller, daß ſie ſich doch auch e Einleitung. entſchließen mochten, ihnen mit reinem, braͤderlichem Gemuͤthe Geſellſchaft zu leiſten. Die jungen Maͤnner hielten dies anfaͤnglich fuͤr Spott; indeſſen da ſie ſahen, daß die Dame im Ernſt ſpräche, antworteten ſie freudig, ſie wären bereit. Und um der Sache keinen Aufſchub zu geben, ſelbſt wenn ſie auf der Stelle abreiſen wollten, brach⸗ ten ſie alles in Ordnung, was ſie zur Reiſe zu be⸗ ſorgen noͤthig hatten. kachdem ſie alles Nöthige zubereitet, und vorher dahin geſandt hatten, wohin ſie zu gehen beabſichtigten, verließen die Damen mit einigen ihrer Mädchen, und die drei jungen Männer mit ihren drei Bedienten, am folgenden Morgen, das iſt den Mittwoch, gegen Anbruch des Tages die Stadt, und machten ſich auf den Weg; ſie ent⸗ fernten ſich aber nicht weiter von derſelben, als nur wei kleine Meilen, wo ſie an den Ort hinkamen, den ſie zuerſt beſtimmt hatten. Der gedachte Ort lag auf einem kleinen Ge⸗ birge, auf allen Seiten von unſern Straßen etwas entfernt, und gewaͤhrte durch die verſchiedenen Bau⸗ me und Geſtraͤuche, ganz mit gruͤnem Laube bedeckt, einen erfreulichen Anblick. Auf der Hoͤhe deſſelben lag ein kleines Schloß mit einem ſchoͤnen und gro⸗ ßen Pofe in der Mitte, mit Gallerien, mit Saͤlen, mit Zi von denen jedes fuͤr ſich ſchon, und durch heitere Gemaͤlde ſich auszeichnete und geſchmuͤckt war, ringsum mit Wieſen, kuͤhlen Springbrunnen und Gewölben voll koſtlicher Weine; was ſich zwar alles eher fuͤr neugierige Trinker ſchickte, als fuͤr Erſter Tag. nuchterne und ehrbare Frauen. Dieſes fand die Ge⸗ ſellſchaft zu ihrem nicht kleinen Vergnuͤgen bei ihrer Ankunft, reingefegt, in den Kammern die Betten aufgemacht, alles voll Blumen, wie man ſie in der Jahreszeit haben konnte, und mit Kalmns ausge⸗ ſtreut. Nachdem ſie ſich gleich nach ihrer Ankunft nie⸗ dergeſetzt hatten, ſagte Dioneus, welcher vor allen andern ein frohlicher und witziger junger Mann war: Meine Damen, mehr Ihr Scharfſinn, als unſere Porſicht hat uns hierher gefuͤhrt. Ich weiß nicht, worauf Ihre Gedanken gehen, was wir hier machen ſollen; meine habe ich innerhalb der Thore der Stadt gelaſſen, als ich mit Ihnen, es iſt noch nicht lange her, hinausging; und darum entſchließen Sie ſich, entweder mit mir zu ſcherzen, zu lachen und zu ſingen,(verſteht ſich, ſo viel als es ſich mit Ihrer Würde vertragt), oder erlauben Sie mir, daß ich zu meinen Gedanken wieder zuruckkehre, und mich in der Stadt abqusle. Hierauf antwortete Pampinea nicht anders, als wenn ſie alle truͤbe Gedanken von ſich gejagt haͤtte, frohlichen Muthes: Wohlſprochen, Dioneus, luſtig wollen wir leben, und kein anderer Grund, als die Traurigkeit, hat uns zum Fliehen gebracht. Aber weil alles, was kein Maß und Ziel hat, nicht lange dauern kann, ſo bin ich, als die Urheberin desjeni⸗ gen Geſpraͤchs, worauf ſich dieſe ſchoͤne Geſellſchaft gebildet hat, wenn wir unſere Frohlichkeit fortzu⸗ ſetzen gedenken, der Meinung, daß wir nothwendig Einleitung. 37 daruͤber uͤbereinkommen muͤſſen, es ſey einer unter uns der Erſte, den wir als den Vornehmſten ehren und gehorchen, wofuͤr er denn wieder mit allem Fleiß darauf denken muß, alles zu einem froͤhlichen Leben für uns einzurichten. Und damit ein Jeder die Laſt der Bekuͤmmerniß zugleich aber auch das Vergnuͤgen der Majoritaͤt kennen lerne, und folglich weder von dem einen noch von dem andern angezogen, Kei⸗ ner, der es nicht kennt, den andern beneide: ſo bin ich der Meinung, daß einem Jeden die Laſt und die Ehre fur einen Tag zugetheilt werde. Wer der Erſte von uns ſeyn ſolle, beruhe auf unſerer Aller Wahl; uͤber die, welche folgen ſollen, moͤge, wenn die Abendſtunde naht, derjenige oder diejenigen, wel⸗ che dieſen Tag die Herrſchaft gefuͤhrt haben, wie es ihnen gefäkt, dieſen oder jenen beſtimmen; und die⸗ ſer moͤge dann wieder, nach ſeinem Gutduͤnken, uͤber die Zeit, die ſeine Hertſchaft dauert, uͤber den Ort und uͤber die Art und Weiſe, wie wir leben ſollen, gebieten und disponiren. Dieſe Worte gefielen ungemein, und Sie ward einſtimmig fuͤr den erſten Tag zuerſt erwaͤhlt: Da lief Philomene ſchnell zu einem Lorbeerbaum hin, weil ſie oftmals gehoͤrt hatte, welcher Ehre die Blätter deſſelben fuͤr werth gehalten worden waͤren, und wel⸗ cher Ehre ſie denjenigen werth machten, der ver⸗ dienter Weiſe damit bekraͤnzt worden, brach einige Zweige davon ab, und machte daraus einen recht in die Augen fallenden Ehren-Kranz; und dieſer, auf den Kopf geſetzt, war dann, ſo lange die Geſellſchaft Erſter Tag. dauerte, fur jeden Andern ein deutliches Zeichen der koniglichen Herrſchaft und Majorität. Pampinea, zur Koͤnigin gemacht, befahl, ein Je⸗ der ſolle ſchweigen, nachdem ſie die Bedienten der drei jungen Männer, und ihre Mädchen, deren vier wa⸗ ren, hatte vor ſich rufen laſſen, und da Alles ruhig war, ſagte ſie: Damit ich euch Allen das erſte Bei⸗ ſpiel gebe, wodurch unſere Geſellſchaft, immer zum Beſſern fortſchreitend, mit Ordnung, mit Vergnu⸗ gen, und ohne alle Schande beſtehen und fortdauer“ kann, ſo lange es uns Verguuͤgen macht; ſo beſtim⸗ me ich zuerſt den Parmeno, Dioneus Bedienten, zu meinem Seneſchal, und uͤbertrage ihm die Sorg und die Bemuͤhung fur unſere ganze Familie und fü das, was zum Dienſt im Saale gehoͤrt. Siriskus, Pamphilus Bedienter, will ich, ſoll unſer Wirth⸗ ſchafter und Schatzmeiſter ſeyn, und Parmeno's Be⸗ fehle befolgen. Tindarus, in Philoſtratus und der beiden Anderen Dienſten, warte in ihren Zimmer: auf, wenn die Andern, von ihrem Dienſte verhind dort nicht aufwarten koͤnnten. Miſia, mein, und Li⸗ ciska, Philomenens Maͤdchen, werden beſtaͤndig in der Kuͤche ſeyn, und die Speiſen ſorgfaͤltig bereiten, die ihnen Parmeno aufgeben wird. Chimera, Lau⸗ rettens, und Stratilia, Fiammettens Maͤdchen, wol⸗ len wir, ſollen auf die Ordnung der Zimmer Acht haben, und auf alle die Srter, wo wir uns aufhal⸗ ten werden. Und uͤberhaupt wollen und gebieten wir, daß ein Jeder, wenn ihm unſere Gnade werth iſt, ſich wohl vorſehe und, wohin er auch gehe oder Einleitung. 39 woher er auch komme, was er auch hoͤren oder ſehen mag, uns keine andere Nachricht, als nur eine froͤh⸗ liche von außen her bringe. Nachdem ſie dieſe Be⸗ fehle ſummariſch gegeben hatte, und ſie von Allen mit Beifall aufgenommen waren, ſtand ſie froͤhlich auf, und ſagte: Hier ſind Gaͤrten, hier ſind Wieſen und andere angenehme Hrter genug, wo ein Jeder, nach ſeinem Vergnuͤgen ſich unterhaltend, hingehen mag, aber wenn es neun Uhr geſchlagen, ſey ein Je⸗ der hier, damit wir im Kuͤhlen eſſen koönnen. Nachdem die froͤhliche Geſellſchaft von der neuen Koͤnigin beurlaubt worden war, und die jungen Maͤn⸗ ner mit den ſchoͤnen Damen uͤber ergoͤtzliche Gegen⸗ ſtaͤnde ſprachen, gingen ſie langſam, ſich ſchoͤne Kraͤnze von verſchiedenem Laube flechtend, und lieb⸗ lich ſingend in einem Garten umher. Und nachdem ſie in demſelben ſo lange verweilt hatten, als ihnen von der Koͤnigin Zeit dazu verſtattet worden war, kehrten ſie nach Hauſe zuruͤck und fanden Parmeno eifrig bemuͤht, ſein Amt anzutreten; denn als ſie in einen Saal auf ebener Erde eintraten, fanden ſie darin die Tiſche mit ganz weißen Tiſchtuͤchern gedeckt, und mit Bechern, welches ſilberne zu ſeyn ſchienen, beſetzt, und alles mit Kalmusbluͤthen be⸗ ſtreut; und nachdem einem Jeden, auf Gutduͤnken der Koͤnigin und Parmeno's Meinung, Waſchwaſſer gereicht worden war, ſetzten ſich Alle nieder. Die Speiſen, auf das Delikateſte zugerichtet, kamen, und auch die feinſten Weine wurden gereicht; wie denn auch die drei Bedienten ohne weiteres am Tiſche auf⸗ 40 Erſter Tag. warteten. Hieruͤber, wie alles ſo ſchon und ſinnig eingerichtet war, freuete ſich ein Jeder, und Alle aßen bei froͤhlicher Unterhaltung und vielem Jubel. Nachdem die Tafel aufgehoben, gebot die Koͤnigin, da alle Damen, eben ſo gut auch die jungen Män⸗ ner, tanzen, und ein großer Theil von ihnen auch ſehr ſchoͤn ſpielen und ſingen konnte, daß Inſtru⸗ mente gebracht wuͤrden; dann nahm, auf ihr Gebot, Dioneus eine Laute und Fiammetta eine Guitarre, und fingen an, einen Tanz zu ſpielen. Hierauf trat die Koͤnigin mit den andern Damen und auch den beiden jungen Maͤnnern zu einem Ringeltanz an, und tanzten denſelben durch, da ſie die Dienerſchaft zum Eſſen hinausgeſchickt hatten. Als der Tanz geendet war, ſangen ſie niedliche, froͤhliche Liederchen. Auf dieſe Weiſe blieben ſie zuſammen, bis es der Koͤni⸗ gin Zeit zu ſeyn ſchien, ſchlafen zu gehen; nachdem ſie daher Alle beurlaubt hatte, gingen die drei jun⸗ gen Mäͤnner nach ihren, von denen der Damen ge⸗ trennten Zimmern, und da jene darin die gemachten Betten und alles ſo mit Blumen erfuͤllt fanden, wie den Saal, und auch dieſe die ihrigen eben ſo, ent⸗ kleideten ſie ſich, und begaben ſich zur Ruhe. Es hatte kaum drei Uhr geſchlagen, als die Koͤ⸗ nigin aufſtand, und alle andern Damen, eben ſo auch die jungen Maͤnner wecken ließ, da ſie verſi⸗ cherte, zu viel ſchlafen am Tage waͤre ſchaͤdlich. Und ſo gingen ſie dann auf einen Anger, groß und voll gruͤnen Raſens, und auf welchen die Sonne von kei⸗ ner Seite recht wirken konnte; hingegen da ſie merk⸗ N— Einleitung. ten, es wehe daſelbſt ein angenehmes Luͤftchen, ſo ſetzten ſich Alle, nach dem Willen der Koͤnigin, auf den Raſen in einem Kreiſe nieder, worauf jene als⸗ dann ſich zu Allen mit den Worten wandte: Wie Ihr ſeht, ſteht die Sonne hoch und die Hitze iſt groß, man hoͤrt auch nichts anders, als die Heimchen auf den Oliven zirpen; daher wuͤrde es gewiß Thorheit ſeyn, jetzt anders wohin gehen zu wollen. Hier iſt es ſchoͤn und kuͤhl; hier ſind, wie Ihr ſeht, Damen⸗ und Schachbretter, und ein Jeder kann, je nachdem es ihm am meiſten gefaͤllt, ſein Vergnuͤgen finden. Aber wenn hierin meiner Mei⸗ nung gefolgt wurde, ſo brächten wir dieſe heiße Ta⸗ geszeit nicht mit Spielen hin, wobei das Gemuͤth des einen Theils ohne zu großes Vergnuͤgen des an⸗ dern, oder deſſen, der zuſieht, unruhig werden muß, ſondern vielmehr mit Erzählen, was Sedem, der zu⸗ hoͤrt, Vergnügen gewährt, wenn auch nur Einer zu der ganzen Geſellſchaft ſpricht. ewiß wird jeder von Euch noch nicht ſeine Erzaͤhlung vollendet haben, ſo hat ſich die Sonne ſchon geneigt, und die Hitze nachgelaſſen, und dann koͤnnen wir da, wo es uns mehr gefaͤllt, dem Vergnügen nachgehen. Und des⸗ halb laßt es uns, wenn Euch das, was ich ſage, gefaͤllt, (doch auch ich bin bereit, hierin Eurer Meinung zu folgen), ſo machen; wenn es Euch aber nicht gefaͤl ſo mag ein Jeder bis zur Abendſtunde thun, was ihm mehr gofällt. Die Damen ſowohl als auch die Männer waren alle mit dem Erzaͤhlen zufrieden. 42 Erſter Tag. Wohl dann, ſagte die Koͤnigin, wenn Euch dies fuͤr den erſten Abend gefaͤllt, ſo will ich, daß es einem Jeden frei ſtehe, uͤber den Stoff zu ſprechen, der ihm am meiſten zuſagt; und zu Pamphilus ſich wendend, der zu ihrer Rechten ſaß, ſagte ſie freund⸗ lich, daß er mit einer Erzaͤhlung fuͤr die Anderen, den Anfang machen moͤchte. Sobald Pamphilus den Befehl vernommen hatte, und Alle auf ihn yoͤrten, fing er ſeine Erzählung alſo an: Erſte Novelle. Ser. Ciappelletto hintergeht mit einer falſchen Beichte einen frommen Bruder, und ſtirbt; und ob er gleich ein ſehr ſchlechter Menſch im Leben geweſen war, ſo wird er doch im Tode fuͤr einen Heiligen gehalten und der heilige Ciappelletto genannt. Schicklich iſt es, geliebte Damen, daß alles, was der Menſch thut, in dem bewunderungswuͤrdi⸗ gen und heiligen Namen Deſſen angefangen werde, welcher der Schoͤpfer aller Dinge iſt; darum iſt es meine Abſicht, da ich, als der Erſte, Euer Erzäh⸗ len anfangen ſoll, mit einer ſeiner wunderbaren Tha⸗ ten zu beginnen, damit, nach Nnhoͤrung derſelben, unſere Hoffnung auf ihn, als etwas Unwandelbares, ſich befeſtige, und immer ſein heiliger Name gelbbt ſeyn moͤge. Was Bekanntes iſt es, daß, ſo wie die zeitlichen Dinge alle vergaͤnglich und ſterblich ſind, ſie auch in ſich und außer ſich dem Kummer, Schmerz und Truͤbſal, und unendlichen Gefahren worfen ſind, gegen die wir Alle ganz unfehlbar, nachdem 8 es en, ich nd⸗ en, tte, ing chte eich und en res, öbt die d, terz 43 wir einmal mit ihnen ſo eng verbunden, und ein Theil von ihnen ſind, uns weder abhaͤrten, noch uns vor ihnen ſchuͤtzen koͤnnten, wenn nicht Gottes beſon⸗ dere Gnade uns Kraft und Einſicht verliehe, wel⸗ che, wie wohl nicht zu glauben ſteht, daß ſie auf uns und in uns durch irgend unſer Verdienſt herab⸗ komme, ſondern nur von ſeiner ihm eigenen Gnade in Bewegung geſetzt, und durch das Flehen derjenigen erworben wird, die, ſo wie wir es noch ſind, ſterb⸗ lich waren, und eben ſo gut ihren Vergnuͤgungen nachgingen, als ſie noch im Leben waren, jetzt aber mit ihm ewig und ſelig geworden ſind. Dieſen, die als Verweſer aus Erfahrung von unſerer Hinfällig⸗ keit unterrichtet ſind, bringen wir ſelbſt dann unſere Bitten dar, die wir ſelbſt vielleicht nicht kuͤhn genug ſind, uͤber Dinge, die wir fuͤr uns zuträglich halten, einem ſolchen Richter vorzutragen. Und dann auch bemerken wir noch um ſo mehr in ihm, der ſo voll der liebreichſten Mildthaͤtigkeit gegen uns iſt, daß da wir mit der Schaͤrfe des ſterblichen Anges die Geheimniſſe des goͤttlichen Geiſtes auf irgend eine Weiſe nicht durchdringen koͤnnen, und es zuweilen ſich wohl gar zutraͤgt, daß wir, von einer Meinung getaͤuſcht, dieſen oder jenen zum Verweſer bei ſeiner Majeſtat machen, der durch eine ewige Verbannung davon verjagt iſt, er, dem nichts verborgen iſt, mehr auf die Reinheit des Bittenden ſehend, als auf ſeine Unwiſſenheit, oder auf die Verbannung des Gebetenen, nichts deſto weniger diejenigen doch er⸗ hoͤrt, die ihn bitten. Dieß kann deutlich aus der Erſte Novelle. 44 Erſter Tag. Novelle hervorgehen, die ich zu erzählen die Abſicht habe; deutlich ſage ich, nicht in Hinſicht des Urtheils Gottes, ſondern der Menſchen. Man erzaͤhlt alſo, daß ein gewiſſer Franzoſe, Muſchatto, aus einem reichen und großen Kaufmann ein Cavalier geworden, als er mit Carl ohne Land, dem Bruder des Konigs von Frankreich, nach Toskana gekommen war, wozu derſelbe vom Papſt Bonifacius aufgefordert worden war, merkte, daß ſeine Geſchaͤfte, wie die der Kaufleute oftmals wohl zu ſeyn pflegen, hierhin und dahin ſehr verwickelt waͤren, und da er ſie nicht ſo leicht und ſchnell in Ordnung bringen komnte, darauf dachte, ſie Mehreren zu uͤbertragen. Fuͤr alle fand er Rath; nur daruͤber blieb er allein noch zweifelhaft, wer dazu wohl tuͤchtig waͤre, ſeine an verſchiedene Bur⸗ gunder ausſtehende Schulden einzutreiben. Der Grund ſeines Zweifels war, daß er wußte, die Burgunder ſind zaͤnkiſche, treuloſe Leute und von ſchlechter Ge⸗ ſinnung, und ihm auch nicht ſogleich einſiel, wer wohl ein ſo ſchlechter Menſch ware, auf den er aber doch ein gewiſſes Zutrauen ſetzen koͤnnte, um ihn ihrer Schlechtigkeit entgegen zu ſtellen. Da er nun hier⸗ uͤber lange nachgedacht hatte, kam ihm ein gewiſſer Ser. Ciapperello da Prato in den Sinn, der in ſei⸗ nem Hauſe zu Paris haͤufig aus- und eingegangen war. Weil er klein von Perſon und ſehr ſtutzermä⸗ ßig war, und die Franzoſen nicht wußten, was Cep⸗ parello wohl heißen moͤchte, vielmehr glaubten, Cap⸗ pello waͤre ſo viel, als nach ihrer Sprache, ein me ner gec ma er wr da er odi get oft eig Erſte Novelle. 45 Kranz, ſo nannten ſie ihn, weil er klein war, nicht, wie wir in Ftalien thun wuͤrden, Capello, ſondern Ciappelletto; und ſo war er allgemein unter dem Namen Eiapypelletto bekannt, und Wenigen nur un⸗ ter dem Ser. Ciapperellvo. Dieſes Eiappelletto Le⸗ bensart war nun etwa dieſe: Als Rotar ſchaͤmte er ſich im hoͤchſten Grade, wenn eines ſeiner Inſtru⸗ mente(ob er gleich nur wenige aufnahm) anders als falſch befunden ward: und ſolcher würde er ſo viel gemacht haben, als man nur von ihm beh ngt haͤtte auch dieſe lieher umſonſt, als ein ande s fuͤr grße Belohnm Falſche Zeugniſſe legte er it dem groͤß⸗ ten Verguugen, dazu aufgefordert und nicht auſge⸗ fordert, ab; und ob man gleich zu damaliger Zeit in Frankreich die Eide fuͤr ſehr heilig hielt, ſo kuͤm⸗ merte er ſich doch nicht darum, falſche abzulegen; wenn er nur dadurch ſo viel ſchlechte Prozeſſe gewin⸗ nen konnte, als er aufgefordert ward, die Wahrheit gegen ſeine überzengung zu beſchw ren Ein uͤber⸗ mäßiges Vergnuͤgen hatte er, ja vielleicht ſtudierte er auch wohl gar recht darauf, unter Freunde, Ver⸗ wandte und alle Andere Unheil, Feindſchaften, Irgerniſſe auszuſtrenen, und je groͤßeres übel er daraus herkommen ſah, deſto groͤßere Freude hatte er daruͤber. Ward er zu einem Morde aufgefordert, oder zu irgend einer andern Schandthat, ſo nahm er gern daran Antheil, ohne es jemals zu verweigern; oftmals fand er ſich auch gern geneigt, Leute mit eigener Hand zu verwunden oder niederzuſtoßen. Gott und allen Heiligen zu fluchen, darin war er 46 Erſter Tag⸗ ſtark, und uͤber das Unbedeutendſte ward er ſogleich, mehr als irgend ein Anderer, jahzornig. In die Kirche ging er niemals, und alle heilige Sakra⸗ mente verſpottete er, als ganz was Gemeines, mit den abſcheulichſten Worten. Im Gegentheil aber die Kneipen und die andern unanſtaͤndigen Orter beſuchte er gern und war darin zu Hauſe. Anſtaͤndige Frauen hatte er ſo gern, als Hunde die Pruͤgel; an den an⸗ dern aber fand er, als jeder andere ſchlechte Kerl, ſein Vergnuͤgen. Geſtohlen und geraubt haͤtte er mit einem Gewiſſen, wie es nur ein Heiliger haͤtte haben konnen. Ein Freſſer und Saͤufer war er in ſolchem Frade, daß es ihm zuweilen ſelbſt uͤber alle Maßen zum Ekel war. Als Spieler und falſcher Wuͤrfler war er beruͤhmt; doch wozu laſſe ich mich in ſo viele Worte aus. Er war der ſchlechteſte Kerl, der je⸗ mals geboren war. Seine Vosheit unterhielt Meſſer Muſchatto durch ſeine Macht und ſein Anſehen lange Zeit, deſſentwegen er mehrmals von Privatperſonen, denen er oͤfters Unrecht gethan, und vom Hofe, dem er es beſtaͤndig anthat, ennoch geduldet ward. Da alſo dieſer Ser. Cepparello Meſſer Muſchat⸗ to'n in den Sinn gekommen war, der ſein Leben am veſten kannte, ſo dachte er, dies waͤre gerade der, ſo wie ihn die Bosheit der Burgunder verlangte; deshalb ließ er ihn ſich rufen, und ſagte zu ihm: Ser. Eiappyelletto, wie Du weißt, will ich mich von hier ganz zuruckziehen, und da ich unter andern auch Burgundern zu thun habe, Menſchen voller T mit den rug, ſo weiß ich nicht, wen ich tauglicher Liſt und als beiz nich gehe verſ treil und auch Zeit ſchle gedr ſie d pelle lung gund an, das men ren betri Bruͤ aus lich der diene ſeine war war, Erſte Novelle. 47 als Dich dazu finden koͤnnte, das Meinige von ihnen beizutreiben. Und deswegen, weil Du doch jetzt eben nichts zu thun haſt, denke ich, wenn Du darauf ein⸗ gehen willſt, Dir die Beguͤnſtigung des Hofes zu verſchaffen, und Dir von demjenigen, was Du bei⸗ treibſt, einen angemeſſenen Theil zu ſchenken. Ser. Ciappelletto, der ſich gerade geſchaͤftslos und in weltlichen Dingen uͤbel berathen ſah, uberdieß auch noch ſah, daß derjenige fortging, welcher lange Zeit ſein Unterhalt und Anhalt geweſen war, ent⸗ ſchloß ſich ohne Zoͤgern, und gleichſam aus Noth gedrungen, und ſagte, daß er es gern thun wollte. Als ſie daher mit einander einig geworden, Ser. Ciap⸗ pelletto die Procura, ſo wie auch die Empfeh⸗ lungsbriefe vom Koͤnig erhalten hatte, ging er, ſo⸗ bald Meſſer ſchatto abgereiſt war, nach Bur⸗ gund, wo ihn kein Einziger kannte, und hier fing er an, ganz gegen ſeine Natur, guͤtig und freundlich das beizutreiben und zu thun, weshalb er hergekom⸗ men war, ſo, als wenn er es ſich bis zuletzt verſpa⸗ ren wollte, zornig zu werden. Da er ſich nun ſo betrug, zog er in das Haus zweier florentiniſchen Bruͤder, welche dort auf Zinſen liehen, und die ihn aus Liebe fuͤr Meſſer Muſchattv ſehr ehrten. Ploͤtz⸗ lich aber ward er krank. Da ließen die beiden Braͤ⸗ der ſchnell Arzte holen, und Aufwaͤrter, ihn zu be⸗ dienen, und thaten alles was noͤthig war, daß er ſeine Geſundheit wieder erhielte. Aber alle„ ulfe war umſonſt, weil der gute Menſch, der ſchon alt war, und, wie die Urzte auch ſagten, unordentlich 48 Erſter Tag. gelebt häͤtte, mit jedem Jage ſchlechter ward, und den JTod im Innern hatte. Hieruͤber betruͤbten ſich die beiden Bruͤder ſehr und als ſie eines Tags ſich in der Naͤhe der Kammer befanden, in welcher Ser. Ciappellato krank lag, ſprachen ſie mit einander uͤber ihn. Was ſollen wir mit dem da anfangen? ſagte einer zum andern. Wir haben uns ſeinetwegen einen ſchlechten Handel auf den Hals geladen; denn, woll⸗ ten wir ihn, ſo krank, aus unſerm Hauſe ſchicken, ſo wuͤrde man uns ſehr tadeln, und es ein Beweis von ſchlechter Geſinnung ſeyn, wenn die Leute ſaͤhen, daß wir ihn erſt aufgenommen, dann haͤtten bedie⸗ nen und ſorgfaͤltig kuriren laſſen, und jetzt, ohne daß er uns etwas koͤnne gethan haben, was uns mißfällig geweſen waͤre, da er bis zum Tode krank iſt, ſo ſchnell aus unſerm Hauſe hinaus ſchicken. Auf der andern Seite iſt er ein ſo ſchlechter Menſch geweſen, daß er weder beichten, noch irgend ein Sa⸗ krament der Kirche wird nehmen wollen; und ſtirbt er ohne Beichte, ſo nimmt ſeinen Leichnam wieder keine Kirche, vielmehr werden ſie ihn wie einen Hund in einen Graben werfen. Und wenner auch beichtet, ſo ſind ſei⸗ ne Suͤnden ſo groß und ſo fuͤrchterlich, daß es nichts Uhnliches gibt; daher wird weder irgend ein Pater noch irgend ein Prieſter ſeyn, der, wenn er auch wollte, ihn wuͤrde abſolviren können, und darum wird er ohne Abſolution in einen Graben geworfen werden. Und geſch'eht das, ſo wird das Volk in dieſem Lande, welches theils wegen unſeres Hand⸗ n l⸗ 8 e⸗ ne ns nk n. ⸗ ine ten ei⸗ hts ter uch um fen in nd⸗ Erſte Novelle. 49 werks, was ihnen das ungerechteſte zu ſeyn ſcheint, und worauf ſie den ganzen Tag ſchimpfen, theils aus dem uͤbeln Willen, den ſie haben, uns zu be⸗ ſtehlen, wenn es das ſieht, im Tumult aufſtehen und ſchreien: Dieſe lombardiſchen Hunde, welche in unſere Kirche nicht haben aufgenommen werden wol⸗ len, wollen wir nicht mehr leiden; dann werden ſie nach unſern Haͤuſern laufen, uns auf gut Gluͤck nicht allein nehmen, was wir haben, ſondern uns ſelbſt uberdieß noch todtſchlagen! Kurz, ſtirbt er, ſo ſieht es auf alle Weiſe ſchlecht mit uns aus. Ser. Ciappelletto, der, wie wir geſagt haben, neben an lag, wo dieſe ſo mit einander ſprachen, und da er ein ſehr feines Gehoͤr hatte, wie wir oft⸗ mals ſehen, daß Kranke es haben, hoͤrte er, was dieſe uͤber ihn ſprachen. Er ließ ſie daher zu ſich rufen und ſagte zu ihnen: Ich will nicht, daß Ihr uͤber mich in etwas in Verlegenheit kommet; fuͤrch⸗ tet daher nicht, durch mich irgend einen Schaden zu erhalten. Ich habe gehoͤrt, was Ihr uͤber mich ge⸗ ſprochen habt, und ich bin voͤllig gewiß, daß das ſo erfolgen wuͤrde, wie Ihr ſpracht, wenn die Sache ſo ginge, wie Ihr meint; aber ſie wird anders gehen. Ich habe bei meinem Leben unſerm Herrgott ſo viel Schmach angethan, daß es gar nicht darauf ankommt, ob ich jetzt bei meinem Tode ihm eine mehr oder weniger anthue. Deshalb ſchafft mir nur einen recht frommen und tuͤchtigen Prieſter, ſo gut wie Ihr ihn nur haben koͤnnt, wenn es einen gibt, und dann laßt mich machen; denn ich werde Eure Boccaccio's ſämmtl. W. 1. 50 Erſter Tag. und meine Sachen ſchon ſo einzurichten wiſſen, daß ſie ganz gut ſtehen ſollen, und Ihr mit mir zufrie⸗ den ſeyn werdet. Die beiden Bruder, ob ſie gleich eben nicht große Hoffnung dazu hatten, gingen dennoch ſelbſt gleich nach einem Moͤnchskloſter, und baten um einen recht heiligen und weiſen Mann, der einem Lombarden, der in ihrem Hauſe trank lage, die Beichte abneh⸗ men moͤchte; und ſie erhielten einen bejahrten Bru⸗ der, von recht heiligem und gutem Leben, der ein großer Meiſter in der heiligen Schrift, und ein ſehr verehrungswurdiger Mann war, gegen den alle Buͤr⸗ ger die groͤßte ja, eine gans beſondere Ehrfurcht hatten, und dieſen nahmen ſie mi Als dieſer in die Kammer ge Ser. Ciappelletto lag, und ſich ihm zur Seite nie⸗ dergeſetzt hatte, fing er an, ihm erſt gütig Troſt einzuſprechen, dann fragte er ihn, in welcher Zeit er ſonſt wohl immer gebeichtet haͤtte. Hierauf antwortete Ser. Eiappellettv„ der in ſeinem Leben nicht gebeichtet hatte: Heiliger Vater, gewoͤhnlich pflegte ich alle Woche wenigſtens ein Mal zu beichten, ohne die zu rechnen, wo ich noch oͤfter gebeichtet habe; freilich, ſeitdem ich krank bin, das iſt ſchon acht Jage her, habe ich nicht gebeichtet, und das iſt eben mein groͤßter Kummer, den mir meine Krankheit verurſacht hat. Darauf ſagte der Bruder: Da haſt Du wohl daran gethan, und ſo thue hinfort immer; und auf ſolche Art werde ich, wie ich ſehe, wenig Muhe nen war, wo in er, tal ter das tet, mir ohl auf tühe Erſte Novelle. 51 haben, Dich mit anzuhoͤren, oder Dich zu fragen, da Du ſo oft gebeichtet haſt. Ser. Ciappelletto ſprach: Herr Frater, das ſaget nicht, ich habe nicht ſo viel und oftmals ge⸗ beichtet, daß ich nicht immer noch im Allgemeinen uͤber alle meine Suͤnden beichten ſollte, deren ich mich von dem Tage an, an welchem ich geboren ward, bis zu dem, an welchem ich gebeichtet habe, erinnere; und deshalb bitte ich Euch, mein guter Vater, daß Ihr mich puͤnktlich um alles, alles fragt, als wenn ich nie gebeichtet hätte. Schont mich nicht etwa, weil ich krank bin, denn ich will lieber die⸗ ſem meinem Fleiſche mißfallen, als ihm zu Gefallen etwas thun, was mir zum Verluſt meiner Seele gereichen konnte, die mein Heiland mit ſeinem koͤſt⸗ lichen Blute erkauft hat. Dieſe Worte geſielen dem heiligen Manne ſehr⸗ und ſchienen ihm das ſicherſte Zeichen einer wohl zubereiteten Seele zu ſeyn und nachdem er Ser. Ci⸗ appelletto'n uͤber dieſe Lebensart ſehr gelobt hatte, fragte er ihn zuerſt, ob er mit irgend einer Fran die Suͤnde der Unzucht begangen haͤtte. Worauf Ser. Ciappelletto mit Seufzen ant⸗ wortete: Meln Vater, hieruͤber ſchaͤme ich mich, Euch die Wahrheit zu ſagen, fuͤrchtend in eitler Ruhm⸗ redigkeit zu ſuͤndigen. Darauf ſagte der heilige Bruder: Rede nur dreiſt; denn wer die Wahrheit ſagt, ſuͤndigt nie⸗ mals, weder in der Beichte noch in einer andern Handlung. 6 52 Erſter Tag. Nun, ſagte Ser. Ciappelletto, weil Ihr mich deſ⸗ ſen verſichert, ſo will ich Euch die Wahrheit ſagen. Ich bin noch ſo ganz unſchuldig, als ich aus meiner Mutter Leibe gekommen bin. O Du Geſegneter des Herrn, ſagte der Bru⸗ der, wie haſt Du ſo wohl gethan! und um wie viel mehr haſt Du verdienſtlicher gehandelt, da es in Deinem freien Willen ſtand, das Gegentheil zu thun⸗ als wir und jeder Andere, die wir durch eine ſtrenge Regel dazu geswungen ſind. Und hierauf fragte er ihn, ob er wohl durch Vergehungen der Gefraͤßigkeit Gott habe mißfallen können, worauf Ser. Ciappelletto laut ſeufzend antwortete: Ja! und vielmals! denn außer den Faſten in der Faſtenzeit, die doch von frommen Perſonen ſtrenge beobachtet wurden, habe er gewoͤhnlich wö⸗ chentlich wenigſtens drei Jage bei Waſſer und Brot gefaſtet, aber das Waſſer alsdann mit ſolchem Ver⸗ gnuͤgen und mit ſolcher Begierde getrunken, und be⸗ ſonders wenn er durch Beten oder beim Pilgern einige Beſchwerde ausgeſtanden, als die Erzſaufer den Wein zu trinken pflegen; und manchmal habe er ſolche Begierde nach feinem Kraͤuterſalat bekommen, als die Frauen nur haben koͤnnen, wenn ſie auf 5 Land ziehen, ja zuweilen haͤtte er geglaubt, das Eſ⸗ ſen wäre doch beſſer, als es derjenige hätte glauben ſollen, der, ſo wie er, aus Andacht faſtete. Worauf der Bruder antwortete: Mein Sohn, dieſe Sunden ſind natuͤrlich, und ſind ſehr leicht, und deshalb will ich nicht, daß Du „ Erſte Novelle. 53 Dein Gewiſſen mehr damit beſchwerſt, als es nothig iſt. Jedem Menſchen, und wenn er auch der hei⸗ ligſte waͤre, ſcheint es, nach langem Faſten zu eſſen, und nach großer Beſchwerde zu trinken, was Gutes zu ſeyn. O, ſagte Ser. Ciappelletto, mein Vater, ſagt mir das nicht, um mich nur zu beruhigen, ich weiß es ſo gut wie Ihr, daß man das, was man zum Dienſte Gottes thut, rein und ohne Groll im Her⸗ zen thun muß, und wer es anders thut, der ſuͤndigt. Ganz zufrieden ſagte der Bruder: Ich bin zu⸗ frieden, daß Du in Deiner Seele ſo feſt davon uber⸗ zeugt biſt, und Dein reines gutes Gewiſſen hierin gefaͤllt mir ſehr. Aber ſage mir, haſt Du im Geiz wohl geſundigt, daß Du nach Mehrerem verlangt haͤtteſt, als es ſchicklich war, oder daß Du das be⸗ halten haͤtteſt, was Du nicht haͤtteſt behalten ſollen? Hierauf ſagte Ser. Ciappelletto: Mein Vater, ich wuͤnſchte nicht, daß Ihr denkt, weil ich im Hauſe dieſer Wucherer bin, ſo— ich habe hier nichts zu thun, vielmehr war ich hierher gekommen, um ſie zu ermahnen und zu zuͤchtigen, und von dieſem ab⸗ ſcheulichen Gewinnſte abzubringen; ich glaube auch, es wuͤrde mir gelungen ſeyn, wenn mich Gott nicht auf dieſe Art heimgeſucht haͤtte. Aber Ihr muͤßt wiſſen, daß mein Vater mich als einen reichen Mann zuruͤckgelaſſen hat, von deſſen Vermoͤgen ich den größten Theil als Almoſen hingegeben habe; dann aber habe ich, theils um mein Leben zu erhal⸗ ten, theils um die Armen in Chriſto unterſtuͤtzen zu Erſter Tag. eönnen, meinen kleinen Handel damit getrieben; da⸗ bei habe ich immer zu gewinnen geſucht; was ich aber damit gewonnen habe, habe ich getheilt, und meine Haͤlfte habe ich zu meinem Nutzen verwandt, die andere Haͤlfte jenen gegeben; und hierbei hat mein Schoͤpfer mich ſo gut unterſtutzt, daß ich mei⸗ ne umſtände immer verbeſſert habe. Du haſt wohl gehandelt, ſagte der Bruder, aber wie, haſt Du Dich wohl oft vom Zorne hinreißen laſſen? O, ſagte Ser. Ciappelletto, das muß ich Euch freilich ſagen, habe ich oft gethan. Und wer koͤnnte ſich wohl halten, wenn er die Menſchen alle Tage ſo ruchlos handeln ſieht, wie ſie die Gebote Gottes nicht halten und ſein Gericht nicht fuͤrchten. Es ſind mehrere Tage geweſen, an welchen ich lieber todt als lebendig haͤtte ſeyn moͤgen, wenn ich die Jugend der Eitelkeit nachjagen ſah, ſah, wie ſie ſchwuren, falſch ſchwuren, wie ſie in die Wirthshaͤuſer gingen, die Kirche nicht beſuchten, und eher auf den Pfaden der Welt einhergingen, als auf Gottes Wegen. Da ſagte der Bruder: Mein Sohn, das iſt ein löblicher Zorn, und ich, meines Theils, koͤnnte Dir keine Buße dafur auflegen. Aber haͤtte Dich zufal⸗ ligerweiſe der Zorn wohl verleiten koͤnnen, einen Jodtſchlag zu begehen, oder einen zu ſchimpfen, oder ihm ein Unrecht anzuthun? Hierauf antwortete Ser. Eiappelletto: Ach, mein Herr, entweder ſcheint Ihr mir ein Mann Got⸗ tes zu ſeyn, wie koͤnntet Ihr mir ſonſt ſolche Worte in ir l⸗ en er ch, ot⸗ Erſte Novelle. 55 ſagen? oder wenn ich nur den leiſeſten Gedanken ge⸗ habt haͤtte, eins von demjenigen zu thun, was Ihr da ſagtet, glaubt Ihr wohl, ich haͤtte jemals ge⸗ glaubt, Gott wuͤrde mich ſo lange erhalten haben? Das koͤnnen wohl Straßenraͤuber und gottloſe Men⸗ ſchen chun; ſobald ich aber einen ſolchen mr erblickte, ſo ſagte ich immer ſogleich: Geh' mit Gott, der moͤge Dich bekehren. Nun, ſagte der Bruder, jetzt ſage mir, mein Sohn, der Du recht ein Geſegneter des Herrn biſt, haſt Du wohl jemals falſch Zeugniß gegen Jemand abgelegt, oder Boͤſes von Jemanden geſprochen, oder Vemandem wider ſeinen Willen letwas entwendet⸗ was ſein war? Niemals, antwortete Ser. Ciappelletto, habe ich Boͤſes von Jemanden geſprochen; denn als ich einſt⸗ mals einen Nachbar hatte, der zum groͤßten Arger⸗ niß der ganzen Welt nichts anders that, als ſeine Frau pruͤgeln, ſo ſprach ich einmal Boͤſes von ihm gegen die Eltern der Frau, ſo ſehr jammerte mich die arme ungluͤckliche, die er jedesmal, wenn er zu viel getrunken hatte, gotteserbaͤrmlich zerwalkte. Da ſagte der Frater: Nun wohl! ſage mir, da Du doch ein Kaufmann geweſen biſt, haſt Du nie⸗ mals einen betrogen, wie die Kaufleute wohl zu thun pflegen? Bei meiner Tren, ſagte Ser. Eiappelletto, Herr, ja! aber ich weiß nicht, wer es geweſen iſt; nur das weiß ich: es hatte mir Jemand Geld ge⸗ bracht, ſo er mir fur Tuch ſchuldig war, was ich 56 Erſter Tag. ihm verkauft hatte, ohne es nachzuzaͤhlen, lege ich es in eine Kaſſe, und da fand ich wohl nach vier Wochen, daß es um vier Heller zu viel war, als es ſeyn mußte. Weil ich nun aber den nicht wieder ſah, und ſie ihm ein Jahr aufgehoben hatte, um ſie ihm zuruͤck zu geben, ſo gab ich ſie zum Almoſen. Der Frater ſagte: Das war eine Kleinigkeit; indeſſen, es iſt gut, daß Du ſo gehandelt haſt, wie Du gehandelt haſt. So fragte ihn nun der heilige Frater noch mehr dergleichen, worauf er uͤber Alles eben ſo antwortete. Und da er mun zur Abſolution ſchreiten wollte, ſagte Ser. Ciappelletto: Herr, noch habe ich eine Suͤnde, die ich Euch noch nicht geſagt habe! Der Frater fragte: was fuͤr eine? und jener ſagte: Ich erinnere mich, daß ich einmal an einem Sonnabende nach der None, von meinem Diener das Haus habe auskehren laſſen, und daß ich dem heili⸗ gen Sonntage nicht die Achtung bezeigt habe, ſo wie ich es mußte. O, ſagte der Frater, mein Sohn, das iſt was Geringes. Nein, ſagte Ser. Ciappelletto, nennt das nicht was Geringes, denn der Sonntag kann nicht genug geehrt werden, weil an ſolchem Tage unſer Herr vom Tode wieder in's Leben auferweckt worden iſt. Da ſagte der Frater: Haſt Du ſonſt noch was gethan? Erſte Novelle. 57 Herr, ja! antwortete Ser. Ciappelletto; denn ich habe einmal, ohne daß ich daran dachte, in dem Gotteshauſe ausgeſpuckt. Der Frater fing an zu lachen, und ſagte: Mein Sohn, daruͤber brauchſt Du Dich nicht zu kuͤmmern: wir, die wir Ordensmaͤnner ſind, ſpucken alle Tage darin aus. Da ſagte Ser. Ciappelletto: Da thut Ihr ſehr unrecht daran, weil nichts ſo ſauber gehalten werden ſoll, als der heilige Tempel, worin Gott Opfer ge⸗ bracht werden. Und ſo ſagte er ihm kuͤrzlich noch vie⸗ les, und doch fing er zuletzt noch an zu ſeufzen und bitter zu weinen, weil er das thun konnte, ſo viel er nur wollte. Da ſagee der heilige Bruder: Mein Sohn, was haſt Du? Ser. Ciappelletto antwortete: Ach, Herr, noch eine Suͤnde iſt mir uͤbrig geblieben, die ich niemals gebeichtet habe, ſo ſehr ſchaͤme ich mich, ſie zu ſa⸗ gen, und allemal, wenn ich daran denke, weine ich, wie Ihr ſehet, und es ſcheint mir nur zu gewiß, daß Gott nimmermehr, wegen dieſer Suͤnde, Barmher⸗ zigkeit mit mir haben wird. Hierauf ſagte der heilige Bruder: Schene Dich nicht, Sohn, was willſt Du noch ſagen? Wenn alle Suͤnden, die jemals von allen Menſchen begangen ſind, oder welche alle Menſchen noch begehen ſollen, ſo lange nur die Welt dauert, alle in Einem Men⸗ ſchen waͤren, und er fuͤhlte ſolche Reue, und wäre ſo zerknirſcht, wie ich Dich ſehe, ſo iſt die Guͤte und 58 Erſter Tag. die Barmherzigkeit Gottes ſo groß, daß er ſie ihm, wenn er ſie beichtete, gern vergeben wuͤrde, und dar⸗ um ſage ſie frei heraus. Darauf ſagte Ser. Eiappelletto, immer heftig weinend: Ach, mein Vater, meine Suͤnde iſt zu groß, und kaum kann ich glauben, wenn Ihr Eure Bitten nicht anwendet, daß ſie mir jemals von Gott vergeben werden kann. Hierauf ſagte der Frater: Sage ſie nur dreiſt, denn ich verſpreche Dir, Gott fuͤr Dich zu bitten. Ser. Ciappelletto aber that nichts als weinen, und ſagte nichts, wenn auch gleich der Frater ihm immer zuredete, es zu ſagen. Indeſſen da Ser. Ei⸗ appelletto den Bruder eine lange Weile ſo mit Wei⸗ nen hingehalten hatte, ſtieß er einen Seufzer aus und ſagte: Mein Vater, weil Ihr mir verſprechet, Gott für mich zu bitten, will ich es Euch ſagen. So wiſſet denn, daß, als ich noch klein war, ich ein⸗ mal meiner Mutter fluchte; und als er dieß geſagt hatte, fing er von Neuem wieder heftig an zu weinen. Der Frater ſagte: O, mein Sohn, das ſcheint Dir alſo eine große Suͤnde? Ach, die Menſchen flu⸗ chen Gott den ganzen Tag, und er vergibt dem gerne, den es gereuet, ihm geflucht zu haben; und Du glaubſt nicht, daß er Dir vergeben ſollte? Weine nicht, beruhige Dich, denn ſicherlich, ſelbſt wenn Du einer von denen geweſen waͤreſt, die ihn an's Kreuz hefteten, ſo wuͤrde er, bei dieſer Zerknirſchung, die ich bei Dir ſehe, Dir verzeihen. Jetzt ſagte Ser. Ciappelletto: Ach, mein Va⸗ nt e, du ne nn *8 ig⸗ Erſte Novelle. 59 ter, was ſagt Ihr? Meine ſuͤße Mama, die mich neun Monate Tag und Nacht unter ihrem Herzen trug, und die mich mehr als hundert Mal an ihrem Buſen getragen hat.— Nein, ich that zu großes übel daran, daß ich ihr fluchte, und mein ee iſt zu groß; und wenn Ihr fuͤr mich nicht Gott bit⸗ tet, ſo wird es mir nie verziehen werden. Da nun der Frater ſah, daß ihm nichts mehr uͤbrig war, was er Ser. Ciappelletto'n haͤtte ſagen koͤnnen, ſo gab er ihm die Abſolution und ſeinen Segen, da er ihn fuͤr den heiligſten Menſchen hielt, weil er feſt uͤberzeugt war, daß das wahr waͤre, was Ser. Ciappelletto geſagt hatte. Und wer waͤre wohl derjenige, der es nicht geglaubt haͤtte, wenn er einen Menſchen im Sterben ſo was ſagen hört? Darum ſagte er endlich noch zu ihm: Ser. Ciap⸗ pelletto, mit Gottes Huͤlfe werdet Ihr bald ſelig ſeyn; indeſſen, wenn es denn doch geſchaͤhe, daß Gott Eure gebenedeite und ſo wohl zubereitete Seele zu ſich riefe, wäre es Euch wohl recht, daß Eue⸗ Leichnam auf unſerem Kirchhofe begraben wurde? Worauf Ser. Ciappelletto antwortete: Herr, ach ja! ich moͤchte es auch nirgends anders lieber, weil Ihr mir verſprochen habt, fuͤr mich Gott zu bitten, nicht zu gedenken, daß ich vor Euerm Orden immer eine beſondere Ehrfurcht gehabt habe. Und deshalb bitte ich Euch, wenn Ihr wieder an Ort und Stelle werdet gekommen ſeyn, ſorget dafuͤr, daß mir der wahre Leib Chriſti, den Ihr am Morgen auf Eurem Altare conſecrirt habt, gebracht werde; denn, ob ich Erſter Tag. gleich deſſen nicht wuͤrdig bin, ſo gedenke ich doch, ihn mit Eurer Erlaubniß zu nehmen, und darauf die heilige letzte Hlung zu empfangen, damit ich, der ich wie ein Suͤnder gelebt habe, wenigſtens als ein Chriſt ſterben mag. Der heilige Mann ſagte, daß ihm dies ſehr ge⸗ fiele und daß er wohl geſprochen habe, er wuͤrde es ſchon veranlaſſen, daß er ihm ſogleich gebracht wurde; und ſo geſchah es denn auch. Die beiden Bruͤder, welche ſehr bezweifelten, daß Ser. Eiappelletto ihn hintergehen wuͤrde, hatten ſich hinter einen Verſchlag geſtellt, welcher die Kam⸗ mer, in welcher Ser. Ciappelletto lag, von einer andern trennte, und hoͤrten alles, was Ser. Ciap⸗ pelletto dem Frater ſagte; da glaubten ſie denn zu⸗ weilen laut auflachen zu muͤſſen, wenn ſie die ſchoͤ⸗ nen Sachen hoͤrten, die er gethan zu haben beichtete, ſo daß ſie ſich kaum halten konnten, und einer zum andern ſagte: Was iſt das fuͤr ein Menſch, den weder Alter, noch Krankheit, noch Furcht vor dem Tode, dem er ſich ſo nahe ſieht, noch vor Gott, vor deſſen Gericht er doch den Augenblick zu ſtehen erwarten muß, von ſeiner Schlechtigkeit zuruͤck, noch ihn ſelbſt dahin haben bringen koͤnnen, daß er nicht ſo, wie er gelebt hatte, auch ſtuͤrbe? Indeſſen, da ſie ſahen, daß er ſo geſprochen hatte, daß er ſelbſt zum Begraben in der Kirche aufgenommen werden ſollte, ſo kuͤmmerten ſie ſich um das übrige gar nicht. Ser. Ciappelletto kommunizirte nun wirklich vald hierauf, und erhielt, da er uͤber die Maßen ——„n M Erſte Novelle. 61 ſchlechter geworden war, die letzte Hlung; und nach⸗ dem der Abend beinahe voruͤber war, ſtarb er noch an demſelben Tage, an welchem er die ſchoͤne Beichte abgelegt hatte. Nachdem darauf die beiden Bruͤder aus ſeinem Nachlaß beſtimmt hatten, wie er anſtaͤndig begraben werden koͤnnte, ließen ſie die Fratres um die Stelle des Begräbniſſes bitten, und daß ſie doch kommen moͤchten, um noch dieſen Abend und den andern Morgen fuͤr den Verſtorbenen die gewöhnlichen Vi⸗ gilien zu halten; hierzu richteten ſie dann auch alles ein. Der heilige Bruder, bei dem er gebeich⸗ tet hatte, ſprach ſogleich, als er gehoͤrt, daß er goſtorben waͤre, mit dem Prior über die Begrab⸗ nißſtelle, ließ zum Capitel länten, und bewies den darin verſammelten Bruͤdern, daß Ser. Ciappel⸗ letto nach dem, was er in ſeiner Beichte vernom⸗ men haͤtte, ein Heiliger geweſen waͤre. und da er gewiß hoffte, unſer Herrgott werde durch ihn viele Wunder thun, ſo uͤberredete er ſie, daß dieſer Leich⸗ nam mit der groͤßten Verehrung und Devotion em⸗ pfangen werden muͤßte. Hiermit ſtimmte der Prior und die anderen leicht⸗ gläubigen Moͤnche uͤberein, und gingen daher am Abend alle dahin, wo Ser. Ciappelletto's Leichnam lag, hielten uͤber ihn eine große und feierliche Vi⸗ gilie; am andern Morgen zogen alle in weißen Hemden gekleidet, mit dem Pluvial angethan, mit Buchern in den Haͤnden, und mit Crucifiren voran, ſingend nach dem Leichnam hin, und holten ihn mit 62 Erſter Tag⸗ vielem Pomp und großen Feierlichkeiten nach ihrer Kirche, wobei faſt das ganse Volk aus der Stadt folgte, Maͤnner und Weiber. Nachdem ſie ihn in der Kirche niedergeſetzt, ſtieg der fromme Bru⸗ der, der ihm die Beichte abgenommen hatte, auf die Kanzel, und fing an, von ihm und von⸗ ſeinem Le⸗ ben, von ſeinem Faſten, von ſeiner Jungfrauſchaft, von ſeiner Einfalt, unſchuld und Heiligkeit wunder⸗ bare Sachen zu predigen, indem er unter andern auch das erzůͤhlte, was Ser. Ciappelletto ihm als ſeine groͤßte Sunde gebeichtet hatte, und wie er es ihm kaum hätte koͤnnen in den Kopf bringen, daß. Gott es ihm wuͤrde vergeben haben; dann wandte er ſich zolk, was unten zuhoͤrte, ſchalt es und ſagte: Und Ihr, vor Gott Verdammten, uͤber jeden Stroh⸗ halm, der Euch vor den Fuͤßen liegt, fluchet Ihr Gott und die heilige Mutter und die ganze Heer⸗ ſchaar des Paradieſes. Und üͤberdies ſagte er auch noch vieles Andere uͤber ſeine Rechtlichkeit und ſeine Unbeſcholtenheit; kurz, er ſetzte dem Volke durch ſeine Worte, denen die ganze umgegend volliges Ver⸗ trauen ſchenkte, ſo vieles in den Kopf, daß alle, die da waren, in der groͤßten Verehrung, nachdem das Amt vollendet war, hinliefen und im aͤrgſten Ge⸗ draͤnge ihm die Fuͤße und die Haͤnde kuͤßten, und alle Kleider ihm vom Leibe geriſſen wurden, indem ſich Jeder gluͤcklich ſchaͤtzte, der nur einen Fetzen da⸗ von bekommen konnte. Und ſo mußte es den ganzen Tag gehalten werden, damit er von Allen geſehen und beſucht werden konnte. Dann ward er in der 26 ne r⸗ ie as nd em da⸗ zen hen der Erſte Novelle. 63 kommenden Nacht in einem marmornen Sarze ehren⸗ voll in einer Kapelle beigeſetzt, und am folgenden Tage ſing das Volk nach und nach an, hinzugehen, Lichter anzuzuͤnden und ihn anzubeten; ja, in der Folge ihm Geluͤbde darzubringen und Wachsbilder⸗ chen uha ngen, je nachdem ſie es verſprochen hat⸗ ten. nte er de ſſen wuchs der Ruf ſeiner Heiligkeit und der 6 reh tung gegen ihn ſo, daß faſt kein Einziger mehr der, wenn er in eine Widerwaͤrtigkeit ge⸗ rieth, einem andern Heiligen als ihm ſich geweiht und ihn angerufen haͤtte. Sie nannten ihn heiliger Ciappelletto und verſicherten, Gott habe ſchon viele Wunder durch ihn gezeigt, und zeige dem noch alle Tage welche, der ſich ehrfurchtsvoll ihm empfoͤhle. So alſo lebte und ſtarb Ser. Cepparello da Prato, und ward zum Heiligen, wie Ihr es gehoͤrt habt. Ich will es zwar nicht laͤugnen, daß es möglich ſeyn koͤnnte, er wäre vor Gott ſelig; denn, obgleich ſein Leb ben gottlos und ſchaͤndlich geweſen war, ſo konnte er doch gegen das Ende eine ſolche Zerknir⸗ ſchung gehabt haben, daß Gott vielleicht Barmher⸗ zigkeit mit ihm hatte, und ihn in ſein Reich auf⸗ genommen hat. Aber weil doch das dunkel iſt, ſo urtheile ich nach dem, was man ſehen kann, und ſage; der muß in den Haͤnden des Teufels eher in die ewige Verdammniß, als in das Paradies kom⸗ men Und wenn dem ſo iſt, ſo koͤnnen wir daraus die große Langmuth Gottes gegen uns erkennen, wel⸗ che nicht auf unſern Irrthum, ſondern auf die Rein⸗ 64 Erſter Tag. heit unſeres Glaubens Ruͤckſicht nimmt, und, wenn wir auf ſolche Art auch einen ſeiner Feinde, den wir fuͤr ſeinen Freund halten, zu unſerem Mittler machen, und uns erhoͤrt, ſo, als wenn wir zu einem wahrhaft 3 Heiligen, als zu einem Vermittler ſeiner Gnade, un⸗ ſere Zuflucht genommen haͤtten. und damit wir durch ſeine Gnade in der gegen⸗ waͤrtigen Widerwaͤrtigkeit ſowohl, als auch in dieſer Geſellſchaft, wohl und geſund bleiben moͤgen, ſo wollen wir, lobend ſeinen Namen, in welchem wir angefangen haben, ihn in Ehrfurcht behalten, uns— in unſerer Nothdurft ihm empfehlen, und dann uͤber⸗ zeugt ſeyn, erhoͤrt zu werden. Und hier ſchwieg er. Zweite Novelle. Der Jude Abraham, von Giannotto di Civigni aufgereizt⸗ geht noch dem roͤmiſchen Hofe, und als er daſelbſt die Schlechtigkeit der Eleriſey bemerkt, kehrt er nach Pa⸗ ris zurück und wird ein Chriſt. Pamphilus Novelle ward zum Theil belacht und ſehr von den Damen gelobt; und nachdem man ſie ſorgfältig mit angehoͤrt hatte, ſo befahl die Koͤni⸗ gin, als ſie ihr Ende erreicht hatte, Neiphilen, wel⸗ che neben ihm ſaß, daß ſie in der Ordnung der an⸗ gefangenen Unterhaltung fortfahren und eine andere erzählen moͤchte. Sie, die ſich nicht weniger durch feine Sitten als auch durch Schoͤnheit auszeichnete, antwortete freudig: Sehr gern, und fing in dieſer Art an: Pamphilus hat durch ſeine Erzaͤhlung gezeigt, S — — N S 8 8* er Zweite Novelle. daß Gottes Guͤte auf unſern Irrthum nicht achte, wenn er von etwas herkomme, was wir nicht einſe⸗ hen koͤnnen; und ich denke Euch in der meinigen zu zeigen, wie ſehr eben dieſe Guͤte, wenn ſie die Feh⸗ ler Derjenigen geduldig ertraͤgt, welche, ſowohl durch ihre Werke, als auch durch ihre Worte, den wahre⸗ ſten Beweis uͤber ſie abgeben ſollten, und auch, wenn ſie gerade das Entgegengeſetzte thut, dennoch den Beweis ihrer untruͤglichen Wahrheit fuͤhrt, damit wir dem, was wir glauben, mit deſto mehr Feſtig⸗ keit des Geiſtes und Herzens folgen moͤchten. So wie ich, freundliche Damen, einſt gehoͤrt habe, war in Paris ein großer Kaufmann und dabei ein guter Menſch, mit Namen Giannotto di Civig⸗ ni, rechtlich und gerade, trieb einen großen Verkehr mit Tuchwaaren, und ſtand mit einem ſehr reichen Juden, Namens Abraham, der ebenfalls ein Kauf⸗ mann und ein gerader und rechtlicher Mann war, in beſonderer Freundſchaft. Da Giannotto ſeine Recht⸗ lichkeit und Redlichkeit ſah, ſo dauerte es ihn ſehr, daß die Seele eines ſo braven, ſo klugen und ſo gu⸗ ten Mannes, aus Mangel am wahren Glauben, ver⸗ loren gehen ſollte. Darum fing er an, ihn freund⸗ lich zu bitten, er moͤchte doch die Irrthuͤmer der juͤ⸗ diſchen Religion verlaſſen, und ſich zu der wahrhaf⸗ tigen chriſtlichen hinwenden, die, wie er ſehen koͤnnte, als eine heilige und gute, ſtets gedeihe und ſich ver⸗ mehre, da er hingegen deutlich wahrnehmen koͤnne, daß ſich die ſeinige verringere und zu nichts wuͤrde. Der Zude antwortete, daß er keine andere weder fuͤr Boccaccio's ſammtl. W. 1. ———— 5 Erſter Tag. heilig noch fuͤr gut hielte, als nur die juͤdiſche, da⸗ her wolle er in dieſer, in welcher er geboren waͤre, leben und ſterben, und es waͤre nichts, was ihn da⸗ von abbringen könnte. Giannotto beruhigte ſich da⸗ vei nicht, daß er nicht nach einigen Tagen wieder dieſelben Reden gegen ihn gebraucht haben ſollte, in⸗ dem er ihm ſo plump, wie die Kaufleute es viel⸗ mals zu thun pflegen, bewies, aus was fur Gruͤn⸗ den unſere Religion beſſer wäre, als die juͤdiſche. Indeſſen, ob der Jude gleich ein tuͤchtiger Meiſter in den juͤdiſchen Geſetzen war, ſo fingen doch Gian⸗ notto's Gruͤnde an, ſey es, daß die große Freund⸗ ſchaft, die der Jude gegen Giannotto'n empfand, ihn bewegte, oder daß es die Worte, welche der heilige Geiſt einem ſchlichten Manne in den Mund legte, thaten, dem Juden ſehr zu gefallen; dennoch aber plieb er feſt dabei, daß er ſich in ſeinem Glauben nicht wollte wankend machen laſſen. Allein, je hart⸗ näckiger er blieb, je weniger hörte Giannotto auf, in ihn zu dringen, bis der Jude endlich, des ewigen Quaͤlens muͤde, ſagte: Sieh, Giannotto, Du moͤch⸗ teſt gerne, daß ich ein Chriſt wuͤrde; gut, ich will es werden, aber unter der Bedingung, daß ich erſt nach Rom gehe, und den ſehe, der, wie Du ſagſt, der Statthalter Gottes auf Erden iſt, und ſeine Le⸗ bensweiſe und ſeine Sitten bevbachte, ſo wie auch die ſeiner Brüder, der Cardinäle; und wenn dieſe mir alsdann ſo erſcheinen, daß ich ſowohl durch Deine Worte, als auch durch dieſe einſehen kann⸗ daß Eure Religion beſſer iſt, als die meinige, wie Zweite Novelle. 67 Du Dir einbildeſt, mir zu beweiſen, dann will ich thun, was ich Dir verſprochen habe; wenn aber das nicht ſo iſt, ſo bleibe ich ein Jude, wie ich es ge⸗ weſen bin. Als Giannotto dieß hoͤrte, ward er ſehr betruͤbt und ſagte bei ſich im Stillen: Nun iſt alle meine Muͤhe verloren, die mir ſo vortrefflich angewandt zu ſeyn ſchien, da ich glaubte, ich hätte den da bekehrt; aber wenn er nach Rom an den Hof geht, und ſieht das ſchaͤndliche, ſchmutzige Leben der Geiſtlichen, ſo wuͤrde er, wenn er ein Chriſt geworden waͤre, ohne Zweifel eher zum Indenthum wieder zuruͤckkehren, und alſo noch viel weniger aus einem Juden ein Chriſt werden. Er wandte ſich alſo zum Abraham, und ſagte: Hoͤre, Freund, warum willſt Du Dich in ſolche Strapazen einlaſſen, und Dir ſo große Un⸗ koſten machen, von hier nach Rom zu gehen? nicht zu gedenken, daß zu Waſſer und zu Lande fuͤr einen reichen Mann, wie Du biſt, alles voll Gefahr iſt. Glaubſt Du hier nicht Einen zu finden, der Dich taufen koͤnnte? Und wenn Dir etwa des Glaubens wegen einige Zweifel noch aufſtoßen ſollten, ſo will ich Dich wo hinweiſen, wo noch viel groͤßere Mei⸗ ſter und noch viel weiſere Maͤnner darin ſind, als dort, die Du, wenn Du willſt, entweder fragen kannſt, oder die Dir Erklaͤrung geben koͤnnen Da⸗ her iſt doch Deine Reiſe, meines Dafuͤrhattens, uͤber⸗ flüſſig. Denke, daß die Prälatei dort eben ſo ſind, wie Du ſie hier nur ſehen kannſt, und noch bei wei⸗ tem beſſer, um ſo näher ſie dem Hanpthirten ſind. — ——— 68 Erſter Tag. und darum verſpare Dir dieſe Muͤhe bis auf ein an⸗ der Mal, wenn Du meinem Rathe folgen willſt, bis zu einem Ablaß, wobei ich Dir alsdann vielleicht Ge⸗ ſellſchaft leiſte. Hierauf antwortete der Jude: Ich will es wohl glauben, Giannotto, daß es ſo iſt, wie Du ſagſt; aber mit einem Worte: willſt Du, daß ich das thun ſoll, warum Du mich ſo ſehr gebeten haſt, ſo bin ich nun einmal feſt entſchloſſen, hinzureiſen, anders thue ich nichts. Da Giannotto ſeinen Willen ſah, ſagte er: So geh in Gottes Namen! ind bei ſich dachte er, der wird nimmermehr ein Ehriſt, wenn er den Hof in Rom geſehen hat; indeſſen, da er nichts dabei verlor, ſo war er ruhig. Der Jude ſtieg zu Pferde, und ging, ſobald er nur konnte, nach dem roͤmiſchen Hoflager. Als er daſelbſt angekommen war, ward er von ſeinen Juden anſtäͤndig aufgenommen. Und da er ſich nun hier aufhielt, fing er, ohne irgend Jemanden zu ſagen, warum er hergekommen waͤre, ganz vorſich⸗ tig an, auf die Sitten des Payſtes, der Cardinale, der andern Praͤlaten und aller Hofleute Acht zu haben; da er nun aber als ein Menſch, der ſehr vorſichtig war, und ſo, als wenn er noch dazu von einem wäre vorher benachrichtigt worden, im Stillen ſeine Bemerkungen machte, fand er, daß vom Hoͤheren bis zum Niederen, Ale guf die unverſchaͤmteſte Art ſün⸗ digten in der üppigkeit, und nicht allein in der natuͤr⸗ lichen, ſondern auch in der ſodomitiſchen, ohne irgend daß er ein Chriſt werden wuͤrde, ging er zu ihm, einen Zuͤgel der Gewiſſensbiſſe oder der Scham, ſo daß die Macht der Maitreſſen und der Knaben, um die großten Sachen zu erhalten, daſelbſt nicht gering war. überdieß erkannte er ſie ganz oͤffentlich als Schlemmer, Saͤufer, Trunkenbolde und mehr dem Bauche dienend, gleich unvernuͤnftigen Thieren, und mehr der üppigkeit, als etwas anderem, ergeben. Und da er weiter umherſchauete, ſah er uͤberhaupt, wie ſie Alle ſo geizig und begierig nach Geld waren, wie ſie gleichermaßen menſchliches Blut, ja und ſo⸗ gar chriſtliches, und alles Goͤttliche, was es auch ſeyn mochte, entweder den heiligen Kirchendienſt oder die geiſtlichen Pfruͤnden betreffend, fuͤr Geld feil hatten und erkauften, und mit allem dieſem einen groͤßeren Handel trieben, als in Paris mit Tuch oder anderen Waaren getrieben ward, indem ſie der offen⸗ baren Simonie den Namen Procuratur, der Schlem⸗ merei, den der Unterhaltung gegeben hatten, gleichſam als wenn Gott, die Bedeutung der Worte nicht achtend, aber auch den Sinn der ſchlechteſten Gemuͤther nicht erkennend, ſich wie die Menſchen von dem Namen der Dinge hintergehen ließe. Alles dies, und noch vieles andere mehr, was ich beſſer verſchweige, miß⸗ fiel dem Inden, als einem beſcheidenen, enthaltſamen Manne, nun ganz gewaltig, und er beſchloß daher, da er glathte, genng en zu haben, wieder nach s zuruͤckzukehren, was er denn auch bald that. Sobald Giannotto nur erfahren hatte, daß er zuruͤckgekommen waͤre, und nichts weniger hoffte, als Zweite Novelle. 69 70 Erſter Tag. und Beide freneten ſich ſehr, einander wieder zu ſehen. Nachdem der Jude ſich einige Tage ausge⸗ ruhet hatte, fragte ihn Giannotto, was er denn nun von dem heiligen Vater, den Cardinaͤlen und den an⸗ dern Hoͤflingen hielte. Worauf der Jude ſchnell zur Antwort gab: Bei Gott im Himmel, nichts Gutes von Allen, ſo viel ihrer nur ſind; und ich ſage Dir, daß, wenn ich anders recht geſehen habe, ſo glaube ich dort nicht das Mindeſte von Heiligkeit, Froͤmmigkeit, nicht ein einziges gutes Werk oder Beiſpiel im Leben, oder ſonſt dergleichen bei irgend einem, der nur ein Geiſt⸗ licher war, erblickt zu haben; ſondern es ſchien mir, als wenn üppigkeit, Geiz, Gefraͤßigkeit und alle dergleichen, und noch weit ſchlechtere Dinge(wenn es noch irgend ſchlechtere nur geben kann) bei Allen in ſolcher Gunſt ſtaͤnden, daß ich Rom eher fuͤr eine Werkſtatt teufliſcher, als gottlicher Werke halte. Und nach dem, was ich mit aller angewandten Muͤhe, aller Anſtrengung und aller Kunſt davon in Erfah⸗ rung gebracht habe, ſo duͤnkt es mir, Euer Hirte und folglich auch alle Andere, gaben ſich rechte Muͤhe, die chriſtliche Religion zu zernichten und ganz aus der Welt zu vertreiben, und beſonders da, wo ſie doch die Stutze und der Grund derſelben ſeyn ſoten Und eben darnm, cet ich ſehe, daß vasjenige nicht erfolgt, wonach ſie ſtreben, ſondern daß Eure Religion ſich vermehrt, immer heller und glaͤnzender wird; ſo glanbe ich deutlich daraus zu erſehen, daß der heilige Geiſt, gerade dgrum weil ſie mehr als irgend n, m ht in er ſ⸗ ir, lle nn ne te. he, ah⸗ rte hte anz eyn ure der der Dritte Novelle. 7¹ eine andere wahr und heilig iſt, ihr Grund und ihre Stutze iſt. Und eben deshalb, da ich gegen Dein Zureden hart und feſt blieb, und durchaus nicht Chriſt werden wollte, ſage ich Dir jetzt ganz frei, daß ich es fur nichts in der Welt unterlaſſen moͤchte, ein Chriſt zu werden. Geh mit mir daher in die Kirche, und laß mich dort nach der pflichtmaͤßigen Gewohnheit Eures heiligen Glaubens taufen. Giannotto, der gerade einen dieſem Schluſſe ganz entgegengeſetzten erwartete, war, als er dieſes hoͤrte, der zufriedenſte Menſch, der jemals geweſen war. Und da er mit ihm nach Notre⸗Dame in Pa⸗ ris gegangen war, bat er die Geiſtlichen derſelben, daß ſie Abraham taufen moͤchten. Sobald dieſe ge⸗ hoͤrt hatten, was er gebeten, thaten ſie es gleich; und Giannotto hob ihn aus der heiligen Quelle, und nannte ihn Johann; dann ließ er ihn von tuͤchtigen Maͤnnern in unſerer Religion vollkommen unterrich⸗ ten, die er auch bald lernte, und ſo ward er nach⸗ her ein tuͤchtiger Mann von frommen Lebenswandel. Dritte Novelle. Melchiſedek, ein Jude, entgeht durch eine Erzählung von drei Ringen einer großen Gefahr, die ihm vom Sul⸗ tan zubereitet war. Nachdem Neiphilens Erzaͤhlung von Allen gelobt worden war, fing Philomena, ſo wie es der Koͤni⸗ gin gefiel, zu reden an: Neiphilens Erzahlung ruft mir einen ſonderba⸗ ren Fall in's Gedaͤchtniß zuruͤck, der einem Juden Erſter Tag. einſt begegnet ſeyn ſoll. Und da uͤberdieß ſchon hin⸗ reichend von Gott und der Wahrheit unſerer Reli⸗ gion geſprochen worden iſt, ſo wird es mir nicht verſagt ſeyn, wenn ich heute einmal auf Begeben⸗ heiten und Handlungen der Menſchen zuruͤckkomme, und Euch eine erzaͤhle, die, wenn Ihr ſie werdet gehoͤrt haben, Euch vielleicht vorſichtiger in Beant⸗ wortung der Euch vorgelegten Fragen machen wird. Denn, liebliche Gefaͤhrtinnen, Ihr werdet wiſſen, ſo wie Thorheit oftmals dieſen oder jenen aus einem gluͤcklichen Zuſtande heraus, und in das groͤßte Elend hineinzieht, ſo reißt Verſtand den Weiſen aus den groͤßten Gefahren, und verſetzt ihn in große und ſichere Ruhe. Und, ſo wahr es auch iſt, daß Jhor⸗ heit aus einem gluͤcklichen Zuſtande uns in's Elend bringen kann, was man an mehreren Beiſpielen ſieht, ſo iſt es doch jetzt nicht meine Sorge, derglei⸗ chen zu erzaͤhlen, da uns taͤglich tauſend Beiſpiele davon vorkommen; aber daß Verſtand uns Troſt geben kann, das will ich, ſo wie ich es verſprochen habe, durch eine Erzaͤhlung beweiſen. Der Sultan, deſſen hoher Werth ſo groß war, daß er ihn nicht allein von einem unbedeutenden Manne zum Sultan von Babylon machte, ſondern ihn auch mehrere Siege uͤber ſaraceniſche und chriſt⸗ liche Koͤnige erringen ließ, hatte in verſchiedenen Kriegen, und bei ſeiner großen Prachtliebe, ſeinen ganzen Schatz verſchwendet; durch irgend einen ihm zugeſtoßenen Zufall aber hatte er eine bedeutende Summe Geldes noͤthig, von der er gar nicht ein⸗ — Dritte Novelle. ſah, woher er ſo ſchnell, als er ſie bedurfte, nehmen ſollte. Da kam ihm ein reicher Vude, Na⸗ mens Wechiſedet, in's Gedaͤchtniß, der in Aleran⸗ drien auf Zinſen lieh, und er dachte, der waͤre im Stande, ihm zu helfen, wenn er nur wollte. Allein der war ſo geizig, daß er es aus gutem Wil⸗ len nie wuͤrde gethan haben, und Gewalt wollte er ihm doch auch eben nicht anthun; indeſſen, da ihn die Noth ſehr draͤngte, ſann er alles Er uſe s darauf, irgend ein Mittel zu finden, daß der Jude ihm die⸗ nen muͤſſe, und da kam er auf die S ihm, unter einem ſcheinbaren Vorwande, eine Gewalt anzuthun. Er ließ ihn daher zu ſich rufen, empfing ihn ſehr freundſchaftlich, hieß Thn ſich bei ſich niederſetzen und t dann zu ihm: Guter Freunde ich habe von vielen Leuten gehoͤrt, daß Du, als ein ſehr klu⸗ ger Mann, in goͤttlichen Dingen ſehr weit ſaͤheſt, und darum moͤchte ich gern von Dir wiſſen, welche von den drei Religionen Du wohl fuͤr die wahre hielteſt, die juͤdiſche, die ſaraceniſche oder die chriſt⸗ liche? Der Jude, der wirklich ein geſcheuter Mann war, merkte nur zu gut, daß der Sultan darauf ausginge, ihn in 8 Worten zu fangen, um mit ihm irgend einen rreit anzuzetteln, und dachte, er duͤrfe von dieſen dreien keine einzige mehr als die andere loben, damit der Sultan ni ſeine Abſicht erreichte. Daher nahm er V nd zuſam⸗ men, weil er einer Antwort hatte, durch welche er nicht gefangen werden koͤnnte, und es kam ———— 74 Erſter Tag. ihm auch ſchnell ein, was er antworten ſollte, und er ſagte: Mein Herr, die Frage, die Sie mir vorlegen, iſt vortrefflich, und um Ihnen zu ſagen, was ich daruber denke, muß ich Ihnen eine Novelle erzählen, wie Sie ſie gleich hoͤren ſollen. Wenn ich nicht irre, ſo erinnere ich mich, oft⸗ mals gehoͤrt zu haben, daß einſt ein großer und rei⸗ cher Mann geweſen ſeyn ſoll, der unter andern ſehr theuren Edelſteinen, die ſich in ſeinem Schatze be⸗ fanden, auch einen ſehr ſchoͤnen und koſtbaren Ring hatte, den er ſeines Werthes und ſeiner Schoͤnheit wegen gern in Ehren halten, und auf ewige Zeiten vei ſeinen Nachkommen zuruͤcklaſſen wollte; daher befahl er, derjenige von ſeinen Soͤhnen, bei dem dieſer Ring ſo gefunden wuͤrde, als er ihm von ihm hinterlaſſen, derjenige ſollte, wie es ſich dann von Jelbſt verſtände, ſein Erbe ſeyn, und von allen an⸗ dern, als der Alteſte, geehrt und geachtet werden. Der, dem dieſer Ring von dem Erſten war hinter⸗ laſſen worden, hielt eine aͤhnliche Ordmung unter ſeinen Nachkommen, und machte es ſo, wie es ſein Vorgaͤnger gemacht hatte. So ging dieſer Ring in kurzer Zeit von Hand zu Hand unter vielen Nachfol⸗ gern; endlich aber kam er in die Haͤnde Eines, der drei ſchoͤne und tugendhafte Sohne hatte, die auch ihrem Vater ſehr gehorſam waren, weshalb er ſie auch alle Drei gleich liebte. Von den Juͤng⸗ lingen aber, die den Gebrauch des Ringes kannten, bat ein Jeder fur ſich, da Jeder begierig war, der Dritte Novelle. 75 Geehrteſte unter den Seinigen zu ſeyn, den Vater, der ſchon alt war, ſo ſehr er nur wußte und konnte, ihm doch, wenn es mit ihm zum Tode kaͤme, den Ring zu hinterlaſſen. Der brave Mann, der ſie Alle gleich lieb hatte, und auch ſelbſt nicht zu wählen wußte, wem er ihn wohl hinterlaſſen wollte, dach⸗ te, da er ihn einem Jeden verſprochen hatte, ſie alle Drei zu befriedigen, und ließ in's Geheim von einem guten Meiſter zwei andere machen, die dem erſten ſo ahulich waren, daß der, der ſie hatte machen laſſen, kaum ſelbſt erkannte, welcher der wahre waͤre. Als es nun mit ihm zum Tode kam, gab er jedem ſei⸗ ner Soͤhne den ſeinigen; und da, nach dem Tode des Vaters, Jeder von ihnen die Erbſchaft und die Ehre in Beſitz nehmen wollte, brachte ein Jeder, zum Be⸗ weiſe, daß er es mit Recht koͤnne, ſeinen Ring her⸗ vor. Die Ringe wurden aber, einer dem andern, ſo ähnlich gefunden, daß man nicht erkennen konnte, welcher wohl der wahre ſeyn moͤchte, und daher blieb die Frage, welcher wohl der wahre Erbe des Vaters ſey, ungewiß, und iſt es noch. Und eben das ſage ich auch, gnädiger Herr, uͤber die drei von Gott dem Vater den drei Voͤlkern gegebenen Reli⸗ gionen, woruͤber Sie mir die Frage vorgelegt haben. Jeder glaubt ſeine Erbſchaft, ſeine wahre Religion und ſeine Gebote zu haben und zu befolgen, aber wer ſie wirklich hat, daruͤber iſt die Frage noch eben ſo unentſchieden, als uber die Ringe. Der Sultan ſah ein, wie ſchoͤn Jener aus der Schlinge ſich herauszuwickeln gewußt hatte, die er Erſter Tag. ihm vor die Fuͤße gelegt, und deshalb beſchloß er, ihm ſein Anliegen zu eroͤffnen, um zu ſehen, ob er ihm dienen wollte, und das that er denn ſogleich, indem er ihm erklaͤrte, was er zu thun im Sinne gehabt, wenn er nicht ſo klug, wie er es wirklich gethan, geantwortet haͤtte. Der Jude diente dem Sultan freiwillig mit jeder Summe, die er verlangte, und der Sultan be⸗ friedigte ihn nachher vollkommen, machte ihm uͤber⸗ dieß noch große Geſchenke, behielt ihn immer als ſeinen Freund, und erhielt ihn in hohem und ehren⸗ vollem Stande bei ſich. Vierte Novelle. Ein Mönch, der in eine Suͤnde verfallen war, woruͤber er die haͤrteſte Strafe verdient haͤtte, macht ſich da⸗ durch von derſelben los, daß er ſeinem Abte eben die⸗ ſelbe Schuld auf eine feine Art vorwirft. Schon ſchwieg Philomena, da ſie mit ihrer No⸗ velle fertig war, als Dioneus, der neben ihr ſaß, ohne einen andern Vefehl von der Koͤnigin abzuwar⸗ ten, indem er ſchon nach der einmal angefangenen Ordnung einſah, daß es an ihm ſtände, zu erzahlen, auf ſolche Art zu reden anfing: Liebliche Damen, wenn ich die Meinung Aller richtig aufgefaßt habe, ſo ſind wir hier verſammelt, um uns durch Erzahlen ein Vergnuͤgen zu machen, und darum glaub' ich,(bloß damit nicht dagegen gehandelt werde), es muß Jedem erlaubt ſeyn, unb ſo hat ja unſere Koͤnigin kurz zuvor ſelbſt geſagt, diejenige Novelle zu erzaͤhlen, von welcher er glaubt, + — Vierte Novelle. daß ſie vorzuglich ergotzen werde; da wir nun gehoͤrt haben, daß auf Giannotto's di Civigni guten Rath Abraham ſeine Seele gerettet hat, und Melchiſedek durch ſeinen Verſtand ſeine Reichthuͤmer gegen die Nachſtellungen des Saladins vertheidigte, ſo geht meine Abſicht dahin, Euch, ohne daß ich einen Vor⸗ wurf von Euch Seizber erwarte, kurz zu erzaͤhlen, durch welche Vorſicht ein Moͤnch ſeinen Körper von einer ſehr ſchweren Strafe befreiete. In Lunigiana— ein von hier nicht ſehr entfern⸗ tes Land— war einſt ein Kloſter, an Heiligkeit und MWoͤnchen weit zahlreicher, als es heute iſt; und in dieſem war unter andern ein junger Moͤnch, deſſen kraͤftiges und jugendlich⸗friſches Alter weder Faſten nach Nachtwachen herunterbringen konnte. Dieſer ging von ungefaͤhr eines Tages gegen Mittag, als die andern Moͤnche alle ſchliefen, ganz allein um ſeine Kir⸗ che herum, die an einem ſehr einſamen Orte lag, ſpa⸗ tieren, da ſah er ein ſehr huͤbſches, junges Maͤdchen, vielleicht die Tochter eines Arbeiters aus der Gegend, welche auf den Feldern umherging, Kraͤuter zu ſu⸗ chen. Dieſe hatte er nicht ſobald geſehen, als ihm eine gewaltige Fleiſchesluſt antrat. Er näherte ſich ihr ließ ſich mit ihr in Worte ein, und kam dann voneinem auf's andere dahin, daß er mit ihr einig geworden war, ſie in ſeine Zelle zu fuͤhren, ſo daß es kein Menſch werden ſollte. Als er nun, von zu großer Begierde fortgeriſſen, weniger vorſichtig mit ihr ſcherzte, begab es ſich, daß der Abt, vom Schlafen aufgeſtanden, ganz leiſe vor ſei⸗ — 78 Erſter Tag. ner Zelle vorbeiging, und das Geraͤuſch hoͤrte, was dieſe mit einander machten. Um nun beſſer noch die Stimmen zu erkennen, trat er ganz ſtill an die Thur und horchte, da erkannte er denn deutlich, daß dar⸗ innen ein Frauenzimmer waͤre. Sogleich war er willens, ſich die Thuͤr oͤffnen zu laſſen, doch aber dachte er, er wolle es hier auf eine andere Weiſe verſuchen; er kehrte daher nach ſeiner Kammer zu⸗ ruͤck und wartete, bis der Moͤnch herauskam. Der Moͤnch, obgleich zu ſeiner großen Luſt und Freude mit dieſem Maͤdchen beſchaͤftiget, ſchoͤpfte nichts deſto weniger doch Argwohn; und da er glaubte, er haͤtte ſo ein Scharren der Fuͤße durch das Schlaf⸗ zimmer gehoͤrt, ſo hielt er ſein Auge an ein kleines Loch, bemerkte ganz deutlich, daß der Abt da ſtände und ihn belauſchte, woher er denn ganz wohl ein⸗ ſah, der Abt habe es erkennen koͤnnen, daß dieß Maͤdchen in ſeiner Zelie wäre, worauf er aber auch wußte, daß eine große Strafe erfolgen mußte. Er war daher ſehr betruͤbt; indeſſen, ohne dem Maͤd⸗ chen nur im geringſten etwas von ſeinem Kummer merken zu laſſen, uͤberdachte er ſchnell bei ſich vie⸗ lerlei, ſuchend, ob er nicht irgend einen heilſamen Rath finden koͤnnte; und da fiel ihm eine neue Bos⸗ heit ein, mit welcher er nach vielem Hin⸗ und Her⸗ überlegen endlich auf's Reine kam. Und da er ſich ſtellte, als wenn er nun lange genug mit dem Maͤd⸗ chen zuſammen geweſen wäre, ſagte er zu ihr: Ich muß nun Mittel und Wege ſuchen, wie Du von hier, ohne geſehen zu werden, wieder herauskommſt, „ Vierte Novelle. deshalb bleib ganz ſtille hier bis zu meiner Ruͤck⸗ kehr. Nachdem er hierauf herausgegangen war und die Zelle mit dem Schluͤſſel wieder verſchloſſen hatte, ging er geradezu nach dem Zimmer des Abtes hin, und als er ihm, ſo wie es jeder Moͤnch zu thun pflegte, wenn er ausging, den Schluͤſſel uͤberreicht hatte, ſagte er mit einem recht freundlichen Geſichte zu ihm: Gnaͤdiger Herr, ich konnte dieſen Morgen nicht alles Holz herbringen laſſen, das ich faͤl⸗ len ließ, deshalb will ich mit Ihrer Erlaubniß nach dem Holze zuruͤckgehen, und dafuͤr ſorgen, daß es herkomme. Der Abt, um ſich deſto beſſer von ſeinem Vergehen ganz vollkommen unterrichten zu koͤnnen, ſtand in der Meinung, daß Jener es nicht bemerkt haͤtte, wie er ihn geſehen habe, freuete ſich uͤber dieſen Zufall, nahm den Schluͤſſel gern an, und gab ihm eben ſo auch die Erlaubniß. Sobald er ſah, daß er fortge⸗ gangen war, uͤberdachte er ſogleich, was er zuerſt thun wollte: ob er in Gegenwart aller Moͤnche Jenes Zelle oͤffnen, und ſie ſein Verbrechen ſehen laſſen ſollte, damit ſie nicht Grund haͤtten, gegen ihn zu murren, wenn er den Moͤnch beſtrafte, oder ob er ſelbſt erſt zuſehen wollte, wie der Handel eigentlich ſtände. Dann dachte er auch bei ſich ſelbſt, es könn⸗ te vielleicht die Frau oder Tochter dieſes oder jenes Mannes ſeyn, weswegen er ihr nicht die Schande anthun wollte, ſie allen Moͤnchen zu zeigen, und de war er der Meinung, erſt zuzuſehn, wer i 80 Erſter Tag. ware, und darnach wollte er alsdann ſeinen Entſchluß faſſen. Darum ging er ganz ruhig nach der Zelle, oͤffnete ſie, trat hinein und verſchloß die Thuͤr wie⸗ der. Sobald das Maͤdchen den Abt kommen ſah, fing es ganz verwirrt und angſt vor Scham an zu weinen. Der Herr Abt, nachdem er ſein Auge auf ſie geworfen und geſehen hatte, daß ſie ſchoͤn und bluͤhend war, füͤhlte plotzlich, wenn er auch gleich ſchon alt war, die brennenden Reizungen des Flei⸗ ſches nicht minder, als ſie der junge Moͤnch gefuͤhlt hatte, und fing ſo bei ſich ſelbſt an zu ſchwatzen: Warum nehme ich doch nur nicht auch einmal mein Vergnuͤgen, wenn ich es haben kann, da Mißver⸗ gnuͤgen und Langeweile, ſo oft ich nur will, fuͤr mich bereit ſtehen? Dieß iſt ein huͤbſches Maͤdchen und iſt hier, wovon aber kein Menſch ein Wort weiß. Wenn ich ſie dahin bringen kann, daß ſie mein Vergnugen erfüllt, ſo weiß ich nicht, warum ich es nicht mitnehmen ſollte; wer weiß es denn? Kein Menſch wird es je erfahren und ein verborge⸗ nes Vergehen iſt ſchon halb verziehen. Dieſer Fall wird vielleicht nie ſich wieder ereignen, und ich denke doch, es iſt vernuͤnftig, ſich des Guten zu bedienen, wenn unſer Herrgott es uns zuſchickt. Und da er vei dieſen Worten ſeinen Vorſatz, mit welchem er he gekommen war, ganz hatte fahren laſſen, naͤherte er ſich dem Maͤdchen, ſi fing an ſie nach und nach zu beruhigen und ſie zu bitten, daß ſie aufhoͤren mochte zu weinen; und ſo gab denn ein Wort das andere, bis er dahin kam, ihr ſeinen Wunſch zu eroͤffnen⸗ Der Moͤnch, der ſich zwar geſtellt hatte, als wollte er in das Holz gehen, dennoch aber ſich in der Schlafkammer verſteckt hatte, war nun, da er ſah, daß der Abt nach ſeiner Kammer gegangen war, ganz ſicher, und in der gewiſſen Hoffnung, ſein An⸗ ſchlag wuͤrde gelingen; da er ihn aber noch gar in⸗ wendig einſchließen hoͤrte, ſo bekam er die gewiſſe überzeugung davon. Als er nun von da, wo er ſich befand, wieder hervorgekommen war, ging er ganz ſtille dahin, wo er durch ein Loch ſehen und hoͤren konnte, was der Abt machte oder ſprach. Nachdem der Abt nun meinte, er wäre lange genug bei dem Maͤdchen geblieben, ſchloß er es wie⸗ der ein und kehrte nach ſeinem Zimmer zuruͤck; als er aber nach einiger Zeit den Moͤnch hoͤrte, und glaubte, er wäre aus dem Holze zuruͤckgekehrt, nahm er ſich vor, ihn tuͤchtig herunter zu machen, und dann einſperren zu laſſen, damit er allein die gewon⸗ nene Beute im Beſitz behielte. Er ließ ihn daher rufen, gab ihm, mit boͤſem Geſichte, den ernſteſten 5 Voctaccio's ſämmtl. W. 1. 6 1 ſpreche ich Shnen, wei S hen wollen, hierin niemals wieder zu fehlen, mehr will ich es immer ſo machen, wie ich es Sie habe machen ſehen. Der Abt, der ein kluger Mann war, merkte bald, daß dieſer nicht nur mehr von ihm erfahren, ſondern auch das geſehen habe, was er gethan häͤtte; weil ihn daher ſein eigenes Gewiſſen ſchlug, ſchmte er ſich doch, an dem Moͤnch das zu vollziehen, was er ſo gut, als Jener verdient hatte. Er verzieh ihm alſo, legte ihm aber uͤber das, was er geſehen hatte, ein Stillſchweigen auf, und dann ſuchten ſie das Maͤdchen mit Gott und mit Ehren fur diesmal wie⸗ der hinaus zu bringen, aber, man kann wohl glau⸗ ben, daß ſie es werden oftmals haben zuruͤckkehren Iuͤnfte Novelle. Die Mäerkiſe von Montferrat unterdruͤckt durch ein Huͤhne Gericht und einige witzige Worte, die thoͤrichte Liebe des Koönigs von Frankreich. 8 mte vas hm tte, das wie⸗ lau⸗ hren hner⸗ Fuͤnfte Novelle. 83 Die Novelle, Dioneus erzaͤhlt hatte, kiz⸗ zelte die verſchaͤmten Herzen der Frauen, als ſie ſie mit anhoͤrten, anfangs ein wenig, wovon die anſtän⸗ dige Roͤthe, die auf ihren Geſichtern erſchien, ein Be⸗ weis war, und waͤhrend eine die andere anſah, konn⸗ ten ſie ſich des Lachens kaum erwehren, ſondern ki⸗ cherten und hoͤrten zu. Aber da ſie das Ende er⸗ reicht hatte, und ſie ihm mit einem paar fuͤßen Wor⸗ ten einen kleinen Stich gegeben hatten, wollten ſie doch zeigen, daß es ſich eben nicht ſchickte, derglei⸗ chen Novellen unter Frauenzimmern zu erzählen, und die Koͤnigin, die ſich nach Fiammetta'n, welche ne⸗ ben ihm auf dem Graſe ſaß, hingewandt hatte, be⸗ fahl dieſer, daß ſie in der Reihe foge ſollte, und ſie fing auch ſogleich mit aller ihrer Liebenswuͤrdig⸗ keit und Freundlichkeit ihres Geſichtes an. Fheils, weil es mir ſehr gefuͤllt, daß wir dar⸗ auf gekommen ſind, durch Novellen zu beweiſen, was fuͤr eine Kraft ſchoͤne und ſchnelle Antworten haben, theils aber auch, weil es bei den Maͤnnern ein Zei⸗ chen von großem Verſtande iſt, wenn ſie immer . von hoͤherer Abkunft, als ſie ſelbſt ſind, lie⸗ ben, ſo wie es wiederum bei den Frauen ein Zeichen groͤßerer Vorſicht iſt, wenn ſie ſich davor in Acht zu nehmen wiſſen, ſich von Liebe gegen einen hoͤheren Mann, als ſie ſelbſt ſind, einnehmen zu laſſen; ſo iſt es mir in den Sinn gekommen, meine ſchoͤnen Frauen, Ihnen in einer Novelle, die zu erzählen ietzt an mir iſt, zu zeigen, wie eine edle Dame, ſowohl 4 6 84 Erſter Tag. durch Handlungen als auch durch Worte ſich davor huͤtete, und auch einen Mann von ſich abwehrte. Der Marcheſe di Montferato, ein Mann von hohem Werthe, Gonfaloniere der Kirche, war in einer Haupterpedition der Chriſten mit gewaffneter Hand uͤber das Meer gezogen, und es ward am Hofe des Koͤnigs Philipp des Einaͤugigen von ſeinem Mu⸗ the viel geſprochen, denn dieſer ruͤſtete ſich ebenfalls, dieſe Landung von Frankreich aus auch zu thun; dabei erwaͤhnte ein Cavalier, daß wohl unter den Sternen kein aͤhnliches Paar mehr anzutreffen ſeyn moͤchte, als eben das des Marcheſe und ſeiner Gemahlinz denn ſo wie der Marcheſe unter allen Cavalieren durch jede vorzügliche Eigenſchaft beruͤhmt wäre, ſo waͤre auch ſie unter allen Frauen in der Welt die ſchoͤnſte und trefflichſte. Dieſe Worte drangen auf ſolche Art ſo tief in die Seele des Koͤnigs von Frankreich ein, daß, ohne ſie jemals geſehen zu haben, er plotzlich ſie heiß zu lieben anfing, und ſich vornahm, zu der Landung, zu welcher er eben auf dem Wege war, nirgends anders zur See gehen zu wollen, als in Genua, damit er dort, noch zu Lande, einen anſtaͤndigen Grund haͤtte, die Marcheſin zu beſuchen, indem er glaubte, daß, da der Marcheſe nicht gegenwaͤrtig waͤre, er ſeinen Wunſch um ſo eher wurde erreichen koͤnnen, und dieſem ſeinen Gedanken gemaͤß, ſchritt er ſogleich zur Ausfuͤhrung. Er ſchickte deshalb alle ſeine Leute voran, und machte ſich dann mit weniger Begleitung von einigen ſeiner Edelſten auf den Weg⸗ Sobald — 5——— — w— Funfte Novelle. 85 er ſich dem Gebiete des Marcheſe naͤherte, ließ er der Dame einen Tag vorher ſagen, daß ſie ihn den folgenden Morgen zu Mittag bei ſich erwarten moͤchte. Die kluge und vorſichtige Dame antwortete ganz froͤh⸗ lich, es wuͤrde ihr die groͤßte Gnade, und er ſehr willkommen ſeyn. Hierauf uͤberdachte ſie bei ſich, was das wohl zu bedeuten haͤtte, daß ein ſolcher Koͤnig gerade dann, wenn ihr Mann nicht zu Hauſe waͤre, ſie beſuchen wollte; und der Argwohn, daß der Ruf ihrer Schoͤn⸗ heit ihn vielleicht dazu verleitet haͤtte, betrog ſie hier⸗ uͤber nicht. Demohnerachtet war ſie, als eine beſon⸗ nene Dame, feſt entſchloſſen, ihn zu empfangen; ſie ließ daher die redlichen Männer, die bei ihr zuruck⸗ geblieben waren, rufen, und richtete alles Noͤthige nach deren Rathe ein; das Mahl und die Speiſen aber wollte ſie ſelbſt anordnen. Zu dem Ende ließ ſie merzuglich ſo viel Huͤhner, als in der ganzen Gegend nur waren, zuſammenbringen, und ließ von ihren Koͤchen aus dieſen allein, verſchiedene Gerichte zu dem koͤniglichen Mahle zubereiten. Der Koͤnig kam an dem beſtimmten Tage, und ward von der Dame mit großen Feierlichkeiten und Ehrenbezeigungen empfangen. Nachdem er ſie be⸗ trachtet hatte, ſchien ſie ihm noch weit ſchoͤner, treff⸗ licher und von weit feineren Sitten zu ſeyn, als er aus den Worten des Cavaliers geahnet hatte; er war daher ganz voller Verwunderung daruͤber, und konnte gar nicht aufhoͤren, ſie zu loben. Hierdurch aber ward ſeine Leidenſchaft nur noch immer mehr erhitzt, be⸗ Erſter Tag. ſonders da er fand, daß die Dame ſeine fruͤhere Mei⸗ nung von ihr bei weitem uͤbertraͤfe. Nach einigen Augenblicken der Ruhe in den Zim⸗ mern, die mit allem ausgeſchmuͤckt waren, was nur dazu gehoͤrt, einen ſolchen Koͤnig zu empfangen, na⸗ hete die Zeit zur Tafel heran. Der Koͤnig und die Marcheſin aßen an einem Siſche, und die Anderen wurden, ihrer Wuͤrde gemaͤß, an anderen Tiſchen be⸗ dient. Als nun der Koͤnig nach und nach mit vielen Gaͤngen, wie auch mit den beſten und koͤſtlichſten Weinen, war bedient worden, und uͤberdies auch noch mit dem groͤßten Vergnügen die ſchoͤne Marcheſin von Zeit zu Zeit angeſehen hatte, ſo befander ſich uͤberaus wohl. Indeſſen, da ein Gang Spi h dem andern kam, fing der Koͤnig an, ſich zu verwundern, daß, wiewohl die Speiſe ſehr verſchieden waren, ſie doch nichts deſto weie von etwas anderem, als nur allein von Huͤhnern iten⸗ Und da der Koͤnig wohl wußte, daß der Ort, Wö er ſich befaͤnde, verſchiedene Arten Wild in großer Menge haben muͤßte, er auch ſeine Ankunft der Da⸗ me gehoͤrig vorher angezeigt, und er ihr alſo Zeit genug gegeben haͤtte, jagen zu laſſen: ſo wollte er doch, ſo ſehr er ſich auch daruͤber wunderte, aus nichts anderem die Veranlaſſung hernehmen, ſich mit ihr in ein Geſpraͤch einzulaſſen, als eben nur über ihre Huͤhner. Er wandte ſich daher mit froͤhlichem Geſichte zu ihr, und ſagte: Gnaͤdige Frau, kom⸗ men denn in dieſem Lande nur Huͤhner ohne irgend einen einzigen Hahn zur Welt? — ——˖ —,— M —— — Fuͤnfte Rovelle. 87 Die Marcheſin, welche die Frage vollkommen verſtand, glaubte, Gott haͤtte ihr, auf ihren Wunſch⸗ eine becueme Zeit verſchafft, ihre Meinung zu erklaͤ⸗ ren; ſie wandte ſich daher zum Koͤnig, und erwie⸗ derte ihm auf ſeine Frage gans freimuͤthig: Nein⸗ gnaͤdiger Herr, aber die Frauen ſind, wenn ſie ſich auch gleich in der Kleidung und im Stande von ein⸗ ander auszeichnen, dennoch hier alle eben ſo gemacht⸗ wie anderwaͤrts. Nachdem der Konig dieſe Worte gehoͤrt hatte, las er ſogleich bei ſich den Grund uͤber das Gaſtmahl der Hühner, und auch uͤber den verborgenen Sinu der Worte zuſammen, und merkte ſehr wohl, daß es vergebens ſeyn wuͤrde, ſich mit einer ſolchen Frau auf einen Wortſtreit einzulaſſen, und Gewalt faͤnde hier gar nicht Statt. Deshalb ſuchte er, ſo unbe⸗ dachtſamer Weiſe er ſich auch von ihr hatte entflam⸗ men laſſen, doch wiederum kluglicher Weiſe zu ſei⸗ ner Ehre, die auf eine ſo ungluͤckliche Art entſtan⸗ dene Liebesgluth zu vertilgen. Und ohne ſie noch mehr zu necken, da er ſich vor ihren Antwortemfuͤrch⸗ tete, aß er ohne alle Hoffnung fort; und nachdem die Tafel beendigt war, damit er durch eine ſchnelle Abreiſe ſein nicht gans ehrenvolles Kommen in Schatten ſtelle, dankte er ihr fuͤr die von ihr em⸗ pfangene Ehre, empfahl ſie Gott und kehrte nach Genua zuruͤck. Sechſte Novelle. Ein tüchtiger Menſch ſchlägt, mit einem ſchönen Witzwort, die ſchändliche Scheinheiligkeit der Moͤnche zu Boden⸗ ——— Erſter Tag. Emilie, welche neben Fiammetta'n ſaß, fing, da der Muth und die feine Zuͤchtigung der Marcheſin gegen den Koͤnig von Frankreich von Allen gebilligt worden war, nach dem Wunſch der Koͤnigin dreiſt zu reden an. So will denn auch ich den Stich nicht verſchweigen, den ein tuͤchtiger Weltgeiſtlicher einem geizigen Moͤnche durch ein bon mot gab, was nicht weniger zu belachen als zu empfehlen iſt. Es lebte alſo, geliebte Freundinnen, vor nicht gar langer Zeit in unſerer Stadt ein Minorit, als Inquiſitor der ketzeriſchen Verderbtheit, welcher, ob er ſich gleich alle Muͤhe gab, als ein heiliger und inniger Verehrer des chriſtlichen Glaubens zu erſchei⸗ nen, ſo wie ſie es freilich wohl alle machen, dennoch aber auch nicht weniger jeden, der nur einen vollen Beutel hatte, als auch den, der etwa ſchwach im Glauben waͤre, auszuſpuͤren wußte. Bei dieſer Sorg⸗ ſamkeit ſtieß er zufaͤllig auf einen braven Mann, der eben ſo mit Geld als wie mit Verſtand ziemlich be⸗ gabt war, dem aber, nicht ſowohl aus Mangel an wahrem Glauben, als weil er vielleicht vom Wein oder uͤbermaͤßiger Froͤhlichkeit erhitzt, einmal unſchul⸗ diger Weiſe gegen ſeine Geſellſchaft ein Wort ent⸗ ſchluͤpft war, daß er einen ſo trefflichen Wein be⸗ ſaͤße, den Chriſtus ſelbſt wohl wuͤrde getrunken ha⸗ ben. Sobald dieß dem Inquiſitor hinterbracht wor⸗ den war, und er erfahren hatte, daß er tuͤchtige Be⸗ ſitzungen und einen geſpickten Geldbeutel haͤtte, eilte er wuͤthend cum gladiis et fustibus hin, ihm einen Prozeß an den Hals zu werfen, indem er hierdurch Sechſte Novelle. 89 beabſichtigte, nicht nur den unglauben bei dem In⸗ quiſiten zu ſchwaͤchen, ſondern auch ſeine eigenen Haͤnde mit einigen Goldſtuͤcken anzufuͤllen. Dieß, meinte er, muͤſſe doch nothwendig erfolgen, und da⸗ her fing er zu operiren an. Er ließ ihn rufen, und fragte ihn, ob das wahr waͤre, was uͤber ihn geſprochen wuͤrde. Der gute Mann antwortete ja, und ſagte ihm die Art und Weiſe. Wort der gllerheiligſte und dem heiligen Jo⸗ hannes Barbadoro geweihete Ingquiſitor ſagte: So haſt Du alſo unſern Herrn Chriſtum zum Saͤufer genacht, der nach koſtlichem Wein luͤſtern waͤre, als ein rechter Erz Saufaus, oder ſonſt einer von Euch Frunkenbolden oder Kneipen⸗ Bruͤdern? Und jetzt willſt Du durch Dein demuͤthiges Reden wohl zeigen, daß das ſehr was Leichtes waͤre Das iſt es nicht, wie Du es wohl glaubſt. Du heſt den Scheiterhau⸗ fen verdient, wenn wir mit Dir, ſo wie wir ſollten, verfahren wollten. In dieſen und noch weit anderen Worten ſprach er, mit einem recht bärbeißigen Geſichte, zu ihm, als wenn er Epikur ſelbſt geweſen wäre, der die Fortdauer der Seele geleugnet haͤtte. Und ſo ſetzte er in kurzem ihn ſo in Furcht, daß der gute Mann durch einige Mittels⸗Perſonen ihm mit einer tuͤchti⸗ gen Quantitat Fett des heiligen Johannes Barba⸗ doro die Haͤnde einſalben ließ, welches gegen die Schwachheit des peſtilenzialiſchen Geizes der Kleri⸗ ſey, und beſonders der Minoriten⸗Bruͤder, die kein Erſter Tag. Geld anzuruͤhren wagen, ſehr heilſam iſt, damit er doch barmherzig gegen ihn verfahren moͤchte. Dieſe Salbung wirkte indeſſen als eine ſehr wirkſame, ob⸗ gleich Galenus an keinem Orte ſeiner Heilkunde da⸗ von ſpricht, auf eine ſolche Art, und ſo viel, daß der ihm angedrohete Scheiterhaufen aus Gnade in ein Kreuz verwandelt wurde, und man ihm, gleich als wenn er eine Reiſe uͤber's Meer machen ſollte, wozu man ihm doch eine ſchoͤnere Flagge geben wol⸗ len, gelbe Blumen auf ſchwarzen Grund ſetzte. Außer dieſem empfangenen Gelde behiee ihn auch noch mehrere Tage bei ſich, id legte ihm als Pönitenz auf, daß er alle Morgen im heiligen Kreuz eine Meſſe anhören, und zur Eſſenszeit ſ bei ihm einſtellen ſollte, dann koͤnnte er den uͤber thun, was er wollte. Da Zener dies nun ſeht ſofäktig that, ergab es ſich unter andern eines Morgens, daß er in der Meſſe ein Shangelium mit anhoͤrte, worin dieſe Worte abi wurden: Ihr werdet fuͤr einen Jeden einſt het empfangen und das ewige Leben ererben. Sieſe Worte behielt er feſt im Ge⸗ daͤchtniß, und da er dem Befehle gemäß, ſich zur Mittagszeit vot dem Inquiſitor einſtellte, fand er ihn ſchon ſpeiſen. Der Inguiſitor fragte ihn, ob er dieſen Mor⸗ gen die Meſſe gehort habe; worauf er ſchnell: Ja, gnaͤdiger Herr! antwortete. Hierauf ſagte der Ingquiſitor: Haſt Du darin nichts gehört, worüber Du einen Zweifel haͤtteſt, und wonach Du wohl fragen moͤchteſt? —— —— —— — Sechſte Novelle. 9¹ Wehrlich, antwortete der gute Mann, uͤber nichts, was ich gehoͤrt habe, habe ich den geringſten Zweifel, vielmehr glaube ich, iſt aes völlig wahr. Zwar habe ich ſo was gehoͤrt, weshalb ich Euch und andere Eurer Brüder im hoͤchſten Grade bemitleide, wenn ich an den erbärmlichen Zuſtand denke, welchen Ihr einmal in jenem Leben werdet haben muͤſſen. Der Inguiſitor ſagte hierauf: Was war denn das fuͤr ein Wort, das Dein Mitleiden gegen uns ſo aufgeregt hate Der gute Mann antwortete: Herr, es war das Wort im Evangelium, wo es heißt; Ihr werdet fuͤr einen Jeden einſt hundert empfangen. Der Inquiſitor ſagte Das iſt wahr, aber war⸗ um hat Dich dieß Wort ſo aufgeregt? Herr, antwortete der gute Mann, das will ich Euch ſagen. So lanhe ich nun hier bin, habe ich alle Tage vielen armen Leuten bald einen, bald zwei große Keſſel mit Suppe herausgeben geſehen, die doch den Bruͤdern dieſes Convents, ſo wie auch Euch ſelbſt, als uͤberfluͤſſig vorher weggenommen worden ſind; wenn Euch aber einſt dort fuͤr einen jeden hundert werden wiedergegeben werden, ſo kriegt Ihr ja ſo viel, daß Ihr alle mit einander darin erſaufen muͤßt. Ob nun gleich wohl die Andern alle, welche an des Inquiſitors Jafel ſaßen, lachten, ſo merkte doch der Inquiſitor, daß der Stich ihrer waͤſſerigen Schein⸗ heiligkeit galte, und ward ganz unruhig daruͤber; und haͤtte er nicht hefurchten muͤſſen, uͤber das, was 92 Erſter Tag. er gethan, laut getadelt zu werden, ſo wuͤrde er ihm noch einen andern Prozeß an den Hals geworfen haben, weil er ihn und die andern Lumpenkerle mit einem ſo lächerlichen Witzworte gekniffen hatte, und daher befahl er aus Urger, er koͤnne thun was er wollte, ohne ihm je wieder vor Augen zu kommen. Siebente Novelle⸗ Bergamino ſtichelt mit einer Novelle uber Primaſſo und den Abt von Clugny auf einen Geiz, der dem Herrn Cane della Scala angekommen war. Emiliens freundliches Weſen und ihre Novelle regte die Koͤnigin und alle Andern zum Lachen auf, und ſie lobten Alle die dem Krenzbruder gegebene neue Warnung. Nachdem aber das Lachen aufgehoͤrt, und ſich ein Jeder beruhigt hatte, fing Philoſtratus, an dem das Erzählen ſtand, auf dieſe Art zu ſprechen an: Es iſt ſehr was Schoͤnes, wackere Maͤdchen, gerade in's Schwarze zu treffen, wenn es niemals verruͤckt wird; aber das iſt doch noch weit was Wun⸗ derbareres, wenn etwas Ungewoͤhnliches ploͤtzlich er⸗ ſcheint und plotzlich von einem Schuͤtzen getroffen wird. Das laſterhafte und ſchmutzige Leben der Moͤnche, in vielen Dingen ein ſicherer Beweis der Schlechtigkeit, gibt Jedem, der es nur wuͤnſcht, ohne Schwierigkeit Stoff genug, daruͤber zu reden, es zu keſpoͤtteln und zu tadeln. Und obgleich der tuͤchtige Wenſch recht daran that, daß er dem Inquiſitor ͤber die ſcheinheilige Menſchenliebe der Mönche, wel⸗ che den Armen geben, was ſie eher den Schweinen geben oder gar wegwerfen koͤnnten, einen derben — Siebente Novelle. 93 Hieb verſetzte; ſo glaube ich doch, daß derjenige noch mehr Lob verdient, von dem ich, durch die vo⸗ rige Novelle darauf geleitet, jetzt reden will. Dieſer zog nämlich den Herrn Cane della Scala wegen eines ploͤtzlichen und ungewoͤhnlichen Geizes, den er blicken ließ, in einer artigen Novelle tuͤchtig durch, indem er einem Andern andichtete, was von ſich und ihm zu ſagen ſeine Abſicht war; und dieſe Novelle iſt folgende: Nach dem beruͤhmten Rufe, der beinahe durch die ganze Welt erſchallt, war der Herr Cane della Scala, dem das Gluck bei vielen Gelegenheiten ſehr wohl wollte, einer der merkwuͤrdigſten und pracht⸗ liebendſten Herrn, von denen man von Kaiſer Frie⸗ drichs des Zweiten Zeit an bis jetzt in Italien weiß. Dieſer hatte beſchloſſen, ein ausgezeichnetes und wundervolles Feſt in Verona zu veranſtalten, wozu auch viel Menſchen, und aus verſchiedenen Gegenden⸗ gekommen waren, beſonders aber ſolche, die an kei⸗ nem Hoflager fehlten; indeſſen ploͤtzlich, was auch der Grund davon ſeyn mochte, beſann er ſich anders, verſah indeſſen doch alle Angekommenen mit dem Noͤthigen und beurlaubte ſie. Nur allein einer, Na⸗ mens Bergamino, ein ſo ſchneller und feiner Witz⸗ ling, wie Keiner glaubte, der ihn nicht gehoͤrt hatte, blieb, ohne mit etwas verſehen oder beurlaubt wor⸗ den zu ſeyn, immer in der Hoffnung da, als waͤre das nicht ohne irgend einen Nutzen fuͤr ihn geſche⸗ hen. Aber Herrn Cane ſchwebte es ſo in Gedanken, als ware doch alles, was ihm geſchenkt wuͤrde, noch Erſter Tag. weit ärger verloren, als wenn es in's Feuer gewor⸗ fen wuͤrde. Doch hieruͤber ſagte er ihm weder ſelbſt etwas, noch ließ er ihm etwas ſagen. Da indeſſen Bergamino nach einigen Tagen ſah, daß er weder gerufen, noch irgend zu etwas aufgefordert wurde, was zu ſeinem Handwerk gehoͤrte, vielmehr ſich mit ſeinen Pferden im Wirthshauſe verzehrte, ſo fing er an daruͤber mißmuͤthig zu werden; wartete aber doch noch immer, da er nicht wohl daran zu thun glaub⸗ te, wenn er abreiſete. Und da er drei ſchoͤne und reiche Kleider mitgebracht hatte, die ihm von ande⸗ ren großen Herren geſchenkt worden waren, um an⸗ ſtandig bei den Feſten erſcheinen zu koͤnnen, ſein Wirth aber bezahlt ſeyn wolkte, ſo gab er ihm zu⸗ erſt das eine; nachher aber, da noch viel ruͤckſtaͤndig geblieben war, mußte er, wenn er mit ſeinem Wir⸗ the in fernerem Verkehr bleiben wollte, ihm auch das zweite gebenʒ ja er fing ſchon an, auf das dritte loszuzehren, entſchloſſen, die Sache ſo lange mit an⸗ zuſehen, als dieſes vorhielte, und dann abzureiſen. Jetzt nun, da er an dem dritten Kleide aß, geſchah es, daß er ſich eines Tages, als der Herr Cane ſpeiſete, in einem ſehr truͤbſinnigen Ausſehen vor ihm befand, Da Meſſer Cane ihn ſah, ſagte er zu ihm, mehr um ihn zu foppen, als un an irgend einem ſeiner Bonmots Gefallen zu haben: Bergamino, was haſt Du? Du ſtehſt ſo truͤbſinnig da, ſprich doch was! Da erzaͤhlte Bergamino, ohne ſich lange zu beſin⸗ nen, ſo als wenn er ſchon lange vorher ſich beſonnen S—— ——— — Siebente Novelle. 95 haͤtte, eine Novelle, die auf ſeine Lage ſehr paſſend war. Mein Herr, ich muß Ihnen ſagen, daß Pri⸗ maſſo ein tüͤchtiger Grammatiker, ſo wie anch äber jeden Andern ein großer und ſchneller Dichter war; dies hatte ihn ſo ausgezeichnet und ſo beruͤhmt ge⸗ macht, daß allenthalben, wo er auch nicht perſoͤnlich bekannt war, beinahe kein Einziger war, der nicht dem Namen oder dem Rufe nach gewußt haͤtte, wer Primaſſo waͤre. Nun geſchah es, daß er ſich ein⸗ mal zu Paris in einem armſeligen Zuſtande befand⸗ wo er die meiſte Zeit eines Talentes wegen ver⸗ weilte, was gerade von denen, die es am vorzuͤg⸗ lichſten koͤnnen, am wenigſten geachtet wird. Hier hoͤrte er von dem Abt zu Clugny ſprechen, welchen man, ſeiner Einkuͤnfte wegen, fuͤr den reichſten Pra⸗ laten haͤlt, den die Hirche Gottes hat, den Payſt allein nur ausgenommen, und hoͤrte merkwuͤrdige und praͤchtige Sachen von ihm erzählen, daß er beſtaͤndig Hof hielte, und daß Keinem, wer nur da hinkäme, wo er ſich aufhielte, weder Eſſen noch Trinken ver⸗ ſagt wuͤrde, nur muͤßte er es gerade dann, wenn der Abt ſpeiſte, verlangen. Sobald Primaſſo dieß hoͤrte, der gern tuͤchtige Menſchen und große Herren beſuchte, beſchloß er auch hingehen zu wollen, und die Pracht des Abtes ſelbſt zu ſehen; er erkundigte ſich daher, wie weit er von Paris wohne. Vielleicht ſechs Miglien bis zu einer ſeiner Be⸗ ſitzungen, erhielt er zur Antwort. ſſi Dahin dachte Primaſſo noch zur Eſ enszeit zu 96 Erſter Tag. kommen, wenn er des Morgens bei guter Zeit weg⸗ ginge. Er ließ ſich daher den Weg ſagen; weil er Kei⸗ nen fand, der mitginge, ſo furchtete er, er moͤchte ihn ungluͤcklicher Weiſe verfehlen und nach einer Gegend hinkommen, wo er ſo bald nichts zu Eſ⸗ ſen faͤnde; deßwegen dachte er, wenn dies ſich ja ereignen ſollte, damit er vom Hunger keine Unan⸗ nehmlichkeiten zu leiden haͤtte, etwa drei Brote mitzunehmen, und meinte, Waſſer(wovon er eben kein Freund war) wuͤrde er wohl allenthalben finden. Nachdem er dieſe alſo bei ſich geſteckt, machte er ſich auf den Weg, und es gelang ihm ſo gut, daß er noch vor der Eſſensſtunde da, wo der Abt war, hinkam. Als er angekommen war und ſich allent⸗ halben umgeſehen hatte, bemerkte er die große Menge gedeckter Tiſche, die große Zubereitung in der Kuͤche und vieles Andere zum Mittagseſſen angeordnet. Wahrhaftig, ſagte er da bei ſich ſelbſt, der iſt ſo prachtliebend, wie man nur einen nennen kann. Und indem er noch ſo alles umher aufmerkſam betrach⸗ tete, gebot der Seneſchall des Abtes,(denn es war gerade die Stunde des Eſſens), daß Handwaſſer ge⸗ bracht wurde, und nachdem dieſes gereicht war, wies er einem Jeden ſeinen Platz am Tiſche an. Zufaͤllig traf es ſich, daß Primaſſo der Thuͤr des Zimmers gerade gegenüber geſett ward, aus wel⸗ chem der Abt in den Speiſeſaal kommen mußte. An dieſem Hofe war es gebräuchlich, daß auf die Tafel weder Fleiſch noch Brot, noch irgend ſonſt r l⸗ ie Siebente Novelle. 97 etwas zu eſſen oder zu trinken je eher geſetzt ward, als bis der Abt gekommen war und ſich an den Tiſch niedergeſetzt hatte; hatte alsdann der Seneſchall die Tiſche zubereitet, ſo ließ er dem Abte ſagen, daß, wenn es ihm gefaͤllig waͤre, das Eſſen fertig ſey. Es ward daher dem Abte die Thuͤr geoͤffnet, um in den Saal hineinzutreten; und als er beim Herein⸗ treten ſich umſah, war von ungefaͤhr der erſte Menſch, der ihm in die Augen fiel, Primaſſo, der ziemlich ſchlecht gekleidet war und den er von An⸗ ſehen nicht kannte. Sobald er ihn aber geſehen hatte, kam ihm ein ſchlechter Gedanke in den Sinn, den er noch nie gehabt hatte, und er ſagte ſo bei ſich: da ſehe man einmal, was fuͤr Leuten ich zu eſſen gebe. Hierbei wandte er ſich um, befahl, daß das Zimmer verſchloſſen wuͤrde, und fragte die, die um ihn waren, ob Jemand den Schuft da kenne, der gerade der Thuͤr ſeines Zimmers gegenuͤber am Ti⸗ ſche ſaͤße. Jeder antwortete: Nein. Primaſſo, der Appetit zum Eſſen hatte, da er gegangen war, und es eben nicht ſeine Gewohnheit war, zu faſten, zog, da er einige Zeit gewartet und den Abt immer noch nicht kommen ſah, eins von ſeinen drei Broten, die er mitgenommen hatte, heraus und fing an zu eſſen. Nachdem der Abt einige Zeit etwas ruhig gewe⸗ ſen war, befahl er einem ſeiner Diener, er ſollte einmal zuſehen, ob dieſer Primaſſo ſchon fort waͤre. Der Bediente antwortete: Nein, gnädi⸗ Boccaccio's ſämmtl. W. 1. Erſter Tag⸗ Vrot, was, wie ich glau⸗ 8 be, 1 6 . ſſen ein Brot verzehrt am 3 it 35 868 ni uch ſchon zu e ſen, welches denn auck zu wieder geſagt war d. Hm! S dieſe ſo bei ſich ſelbſt, ir eine Sonderbarkeit, die s iſt das fuͤr und uͤber einen „ der es nur ob er ein vor⸗ ob er reich 5 meinem hat, ohne da Menſch oder ein ob er ein S fma 17 S ——,— Siebente Novelle. 99 wäre, der mir durch dieſen in den Sinn gefahren iſt; und, wah tig, dieſes unbedeutenden Men⸗ ſchen wegen ſollte ſich doch auch der Geiz meiner nicht bemaͤchtigen. Der, der mir ſo ein arger Lump zu ſeyn ſcheint, kann gerade was rechts ſeyn, da er meinen Geiſt davon ſo ganz abwendig gemacht hat, Sn ein⸗ Ehre anzuthun. Nachdem er ſo geſprochen, wollte er miſlet wer es waͤre, und da er gefunden rimaſſo war, der hierher gekommen, ſich von dem zu uͤberzeugen, was er von ſeiner b und da auch gleichfalls der ſſo als einen tuͤch tigen M enſch chen durch den Ruf kennen gelernt b atte, er ſich und ſuchte auf alle nur moͤgliche t ler wieder gut zu machen, und ihn zu en Nac dem eſn St er Primaſſo'n, wie es auf eine anſtän⸗ ſein 2 gilen ob er leiben wollte. Primaſſo, hiermit zufrie⸗ hm den beſten Cande wie er nur konnte, er zu Fuß gekom⸗ aͤndiger Herr war, Erklrung vollkommen, was und ſagte lächelnd: Ber⸗ i Schaden, uch was Du ig, ich bin ni jetzt gegen T Erſter Tag. gezeigt habe, befallen worden; aber ich will ihn mit dieſem Stock, den Du ſo ſchon geſchildert haſt, ver⸗ treiben. Nachdem er hierauf Bergamino's Wirth hatte bezahlen, ihn ſelbſt auf eine ſehr anſtaͤndige Art mit einem Kleide kleiden laſſen, ihm auch Geld und ein Reitpferd geſchenkt hatte, uͤberließ er es dies Mal ſeiner Willkuͤhr, ob er gehen oder bleiben wollte. Achte Novelle. Wilhelm Borſiere ſtichelt mit einem Witzworte auf des Herrn Herminius von Grimaldi Geiz. Neben Philoſtratus ſaß Lauretta, die, da ſie hoͤrte, daß Bergamino's Empfindſamkeit gelobt ward, und auch merkte, daß ſie jetzt etwas erzählen muͤßte, al⸗ ſo freundlich zu reden anfing, ohne noch erſt einen Befehl abzuwarten: Die vorhergehende Novelle, ge⸗ liebte Gefaͤhrtinnen, veranlaßt mich, zu erzaͤhlen, wie ein tuͤchtiger Mann vom Hofe die Gierigkeit eines ſehr reichen Kaufmannes beſpoͤttelte, die, obgleich die Wirkung mit der vorigen aͤhnlich iſt, Euch den⸗ noch nicht weniger lieb ſeyn wird, wenn Ihr bedenkt, daß doch zuletzt was Gutes dadurch entſtand. Es war alſo in Genua, eine ziemliche Zeit iſt ſchon daruͤber vergangen, ein Edelmann, Namens Herr Herminius von Grimaldi, der, wie Jeder⸗ mann es glaubte, große Beſitzungen hatte und an baarem Vermoͤgen ſelbſt den reichſten Buͤrger bei weitem uͤbertraf, den man nur in Italien kannte. So wie er aber jeden Italiener an Reichthuͤmern ——0—— N—— —— Achte Novelle. 101 uͤbertraf, ſo that er es auch jedem andern ſchmuzi⸗ gen Geizhalſe an Geiz und Schmuzigkeit uͤber alle Maßen zuvor. Denn nicht allein, um Andern eine Ehre zu erweiſen, war ſein Geldbeutel verſchloſſen, ſondern auch bei dem, was ſeine eigene Perſon be⸗ traf, ertrug er, ganz gegen die allgemeine Sitte der Genueſer, die wohl gewohnt ſind, ſich anſtaͤndig zu kleiden, den groͤßten Mangel beim Eſſen und beim Trinken; deshalb, und das mit Recht, war bei ihm der Zuname Grimaldi ganz verſchwunden und er ward von Allen nur Herr Herminius Geizhalz ge⸗ nannt. In dieſer Zeit nun, wo eben dieſer ſein Vermoͤ⸗ gen dadurch, daß er nichts ausgab, vermehrte, ge⸗ ſchah es, daß nach Genua ein braver und feiner Pofmann kam, der ſich auch gut mit Reden zu be⸗ helfen wußte, Namens Wilhelm Borſiere, der aber auch nicht im mindeſten denen aͤhnlich war, wie ſie heutiges Tages ſind, die, nicht ohne Schande fuͤr die verdorbenen und tadelnswerthen Sitten derer, die jetzt Edelleute und Herren genannt und dafuͤr gehal⸗ ten ſeyn wollen, vielmehr nur Tölpel heißen koͤnnten, welche eher in dem Unflath aller Schlechtigkeit der gemeinſten Menſchen, als an den Hoͤfen groß gewor⸗ den ſind. Daher war es auch zu damaliger Zeit ihr Geſchaͤft, ihre Muhe darauf zu verwenden, wie ſie da, wo Krieg oder Verdruß zwiſchen edlen Leuten entſtanden war, Frieden ſtifteten; oder wie ſie Ehen, Verwandtſchaften, Freundſchaften ſchloͤſſen, und mit ſchoͤnen und artigen Reden die Herzen der Bekuͤm⸗ 102 merten erfreuten und die Soͤfe unt auch mit bitterm Jadel, wie Boͤſen durchnahmen, und dies all Belohnung; dagegen heute bemuͤher Zeit damit hinzubringen, de Einem zum Andern tragen, Za u ges und Schaͤndliches ſprechen und, was noch ter iſt, es in Gegenwart der Menſchen auch n lich ausuͤben, und Einer dem Andern Boͤſes, Schlech⸗ tes und Schaͤnbliches, es mag wahr oder unwahr ſeyn, vorwerfen, und mit falſchen Schmeicheleien edle Menſchen zu gemeinen Handlungen und Buben⸗ ſtuͤcken verleiten. Daher iſt denn auch der, der die abſcheulichſten Reden fuͤhrt und Handlungen thut, den elenden und ſittenloſen großen Herren der liebſte, und wird am meiſten von ihnen geehrt und mit den groͤßten Belohnungen erhoben. Schimpf und Schan⸗ de fur die jetzige Welt, und ein klarer Beweis, daß alle Tugenden ſich von hienieden entfernt und die armen Sterblichen in den Hefen der Laſter zuruͤckge⸗ laſſen haben. Doch, um zu dem wieder zuruͤckzukommen, wo⸗ mit ich angefangen und wovon mich gerechter Eifer etwas weiter abgefuͤhrt hatte, als ich es ſelbſt glaub⸗ te, fahre ich fort: Der gedachte Wilhelm ward von allen edeln Leuten in Genua geehrt und gern geſehen. Nachdem er einige Tage ſich in der Stadt aufgehalten, und Vieles uͤber die Schlechtigkeit und den Geiz des Herrn Herminius gehoͤrt hatte, wollte er ihn doch auch ken⸗ dann aber ͤngel der — —— ——— n em d „—— 6 ſich mit ihm in viele und ver che ein, und führte ihn waͤhrend des Sprechens mit noch andern Genneſen, welche bei ihm waren, in ein neues Haus, was er ſehr ſchoͤn hatte erbauen laſſen; und nachdem er es in ganz gezeigt, ſagte er: Nun, Herr? il⸗ helm, Sie, der Sie ſo viel geſehen und gehoͤrt haben, koͤnnten Sie mir nicht etwas angeben, was noch nirgends iſt geſehen worden, was ich alsdann .: ncler in dem Saale dieſes meines Hauſes koͤnnte malen laſſen? Wilhelm, da er ſein ungeboͤhrlick hoͤrt hatte, antwortete: Herr, et vas, geſehen iſt, glaube ich nicht, Ihren ange nen, wenn es nicht etwa das Nie 6i8 oder ſo etwas dergleichen waͤre; indeſſen, wenn Sie es erlauben, will ich Ihnen wohl etwas angeben, was ich glaube, da Sie nie geſehen haben. Herr Herminius ſagte: O, ich bitte Sie, ſagen Sie mir, was iſt das? indem er wohl nicht erwar⸗ tete, daß Jener das antworten wuͤrde, was er ant⸗ wortete. Pierauf ſagte alsdann Wilhelm ſchnell: Laſſen Sie ſich die Wohlthaͤtigkeit hinmalen. Als Herr Herminius dieſes Wort gehoͤrt hatte, 6 s noch 1 104 Erſter Tag. uͤberfiel ihn ploͤtzlich eine ſolche Schaam, daß ſie die Kraft hatte, ſein Gemuͤth beinahe ganz in das Ge⸗ gentheil von dem umzuwandeln, was er bis jetzt geweſen war. Er ſagte daher: Herr Wilhelm, ich will ſie hier ſo malen laſ⸗ ſen, daß weder Sie, noch irgend ein Anderer jemals mit Recht ſoll ſagen koͤnnen, ich haͤtte ſie weder ge⸗ ſehen noch gekannt. Und von dieſem Augenblick an(ſo kraͤftig war jenes von Wilhelm geſprochene Wort) war er der liberalſte und freundlichſte Mann, und, was noch mehr iſt, ehrte Fremde und Buͤrger mehr, als ir⸗ gend Einer, der zu ſeiner Zeit in Genua lebte. Neunte Novelle. Der Koͤnig von Cypern wird, nach den Stichelreden einer Gascognerin gegen ihn, aus einem Feigen ein beherz⸗ ter Mann. An Eliſen war nun noch der letzte Befehl der Koͤnigin uͤbrig; allein, ohne dieſen abzuwarten, fing ſie frohen Muthes an: Meine jungen Damen, ſchon oft geſchah es, daß das, was bei einem Menſchen weder Tadel noch ſelbſt Strafen haben bewirken koͤnnen, oftmals ein zufaͤlli⸗ ges Wort, gar nicht es proposito*) geſprochen, be⸗ wirkt hat. Dieß geht deutlich aus der Novelle her⸗ vor, die uns Lauretta erzaͤhlt hat, und ich denke es Euch ebenfalls durch eine andere noch kurzere zu zei⸗ *) Mit Abſicht. — Neunte Novelle. 105 gen; und darum muß man, weil die guten immer nutzlich ſeyn konnen, ſie mit aufmerkſamem Gemuͤth annehmen, es mag ſie auch erzaͤhlt haben, wer da wolle. Ich ſage alſo: Zu den Zeiten des erſten Koͤnigs von Cypern, nach der Eroberung des gelobten Lan⸗ des durch Gottfried von Bouillon, trug es ſich zu, daß eine Dame aus Gasconien eine Pilgerfahrt nach dem heiligen Grabe machte, und als ſie von da wie⸗ der zuruͤckkehrte, und in Cypern angekommen war, von einigen Schurken unanſtaͤndig behandelt ward. Da ſie ſich hieruͤber, ohne irgend einige Genugthu⸗ ung zu erhalten, ſehr betruͤbte, ſo gedachte ſie ſich daruͤber beim Koͤnige zu beblagen; indeſſen es ward ihr geſagt, daß die Muͤhe verloren waͤre, indem er ein ſo ſchlaffes und werthloſes Leben fuͤhrte, daß er, weit entfernt, Anderer Schmach nach der Gerechtig⸗ keit zu ahnden, ſogar unzaͤhlige ihm ſelbſt, mit der ſtrafbarſten Gemeinheit, angethane Beſchimpfungen ertruͤge, und zwar in einem ſo hohen Grade, daß ein Jeder, der irgend eine Kraͤnkung erfahren, ſein Muͤthchen dadurch kuͤhlte, wenn er ihm einen Schimpf oder eine Schande angethan hatte. Da die Dame dies hoͤrte, verzweifelte ſie an der Rache, indeſſen nahm ſie ſich doch vor, zu irgend einem Troſt ihres Irgers die Erbaͤrmlichkeit des Koͤnigs einmal an⸗ zapfen zu wollen. Sie trat ihn alſo mit einer Klage an und ſagte zu ihm: Gnädiger Herr, ich draͤnge mich nicht in Ihre Gegenwart, um Rache fur die Beleidigung zu er⸗ 106 wie ich hoͤre, Ihnen it ich, auf dieſe Art be⸗ me ertragen kann, welche, en gern ſchenken wollte, wenn wuͤßte, da Sie ein ſo guter lehrt, auch die Gott weiß es, ich Sl 6 es nur anzuſt räger d erſelben ſind. Der Koͤnig, der bisher ſot ä und faul gewe⸗ ſen war, ward wie vom Schla eweckt, und fing bei der dieſer Dame angethanen Bele idigung, die er 8 auf's ſtrengſte ahndete, an, ein unerbittlicher Ver⸗ folger eines den werden, der von jetzt an nur irgend etwas die Ehre ſeiner Krone verbrach. Zehnte Novelle. Meiſter Albert von Bologna macht eine Dame auf eine ſehr anſtändige Art darüber ſchamroth, daß ſie, weil er in ſie verliebt ware, ſeiner ſpotten wollte. Da Eliſa ſchwieg, ſtand zuletzt die Reihe zu er⸗ zählen an der Koͤnigin, welche denn auch ſogleich mit jungfraͤulichem Anſtande zu reden anfing: Wackere Juͤnglinge, ſo wie an hellen Abenden die Sterne Schmuck des Himmels, und im Lenz die Blumen es den gruͤnen Wieſen ſind, ſo ſind es auch feine Witzworte fuͤr lobenswerthe Sitten und eine angenehme Unterhaltung. Eben min aber, weil dieſe kurz ſind, ſchicken ſie ſich weit beſſer fuͤr Frauen als d à: den Fraue 36 5 fuͤr Maͤnner; denn an den Frauen wird viel und langes Sprechen, beſonders wenn es ohne beides ſeyn 7 —— — en verw und d titſche e glaubt, 6 muͤßte für weit m mehr als die Andern gechrt rt en Sie bede aber nicht, daß, wenn man einem Eſel eben ſo viel an⸗ oder wirklich auftegen wollte, er noch viel mehr irgend eine von ihnen, tragen wuͤrde, und doch fuͤr nichts hoͤher zu achten waͤre, 6 einen Eſel. Ich ſchaͤme mich nicht, es auszuſ en, weil ich eben das, was ich gegen Andere ſagte, mich ſelbſt ſagen muͤßte. Dieſe ſo geputzten, ſo ge⸗ malten, ſo bunten Damen ſtehen entweder wie Mar⸗ morbilder, ſtumm und ohne Gefuͤhl da, oder ant⸗ worten auf alles, wenn ſie gefragt werden, mit Ja! ſo daß es waͤre, ſie haͤtten ganz und gar ge⸗ ige Aber ſie bilden ſich ein, es kaͤme aus Reinheit der Seele her, daß ſie weder unter Frauen, noch mit tuͤchtien Maͤnnern ſprechen koͤnnen, und darum haben ſie ihrer Albernheit den Namen der Ehrbarkeit gegeben, gleichſam als wenn es anders keine ehrbare Frau mehr gaͤbe, als nur die, die mit — Erſter Tag. ihrer Koͤchin, oder ihrer Waͤſcherin, oder ihrer Bak⸗ kerin ſpricht. Wenn die Natur das gewollt haͤtte, wie ſie ſich's weiß machen wollen, ſo wuͤrde ſie ihnen das Plaudern ſchon auf eine andere Art ein⸗ geſchraͤnkt haben. Es iſt wahr, auch hierbei muß, wie bei allen andern Dingen, auf Ort und Zeit und mit wem man ſpricht, Ruͤckſicht genommen werden; denn oft ſchon iſt es geſchehen, daß, wenn eine Frau oder auch wohl ein Mann glaubt, einen Andern durch ein feines, witziges Wort ſchamroth zu machen, ſie dage⸗ gen, wenn ſie ihre Kraͤfte nicht gegen die des Gegners gehoͤrig abgemeſſen hat, fuͤhlt, daß dieſe Scham⸗ roͤthe, die ſie einem Andern in's Geſicht zu jagen glaubte, auf ſie ſelbſt zuruͤckfaͤllt. Damit Ihr Euch alſo vorſehen lernt, und uͤberdieß auch, damit nicht das Sprichwort auf Euch angewendet werden moͤge, was ſo allgemein bekannt iſt, naͤmlich, daß die Frauen alles beim unrechten Zipfel anfangen, ſo ſoll Euch dieſe letzte Novelle fuͤr heute, die ich Euch noch erzaͤhlen muß, lehren, daß, ſo wie Ihr durch den Adel des Geiſtes von Andern unterſchieden ſeyd, Ihr auch zeigen muͤßt, Ihr ſondert Euch durch die Vor⸗ trefflichkeit Eurer Sitten von ihnen ab. Es ſind noch nicht viele Jahre verfloſſen, als in Bologna ein ſehr großer Arzt war, deſſen Ruf ſich beinahe durch die ganze Welt verbreitete, und der vielleicht auch noch lebt, ſein Name war Meiſter Albert; und ob er gleich ſchon alt war und beinahe 70 Jahre zaͤhlte, war die Vortrefflichkeit ſeines Gei⸗ ſtes dennoch ſo, daß, wenn auch aus ſeinem Koͤrper ——— Zehnte Novelle. ſchon alle natuͤrliche Waͤrme entflohen war, er den⸗ noch nicht verſchmaͤhte, die Flammen der Liebe bei ſich auflodern zu laſſen, als er einmal bei einem Feſte eine ſchoͤne Wittwe erblickt hatte, die, wie Einige ſagen, Madonna Malgherida Chiſolieri hieß. Dieſe gefiel ihm ſo außerordentlich, daß er jene Flamme nicht anders, wie ein junger Mann, in ſei⸗ ner vollgereiften Bruſt empfing und er keine Nacht gut ruhen zu koͤnnen glaubte, wenn er den vorher⸗ gehenden Tag nicht das liebliche und zarte Geſicht⸗ chen der ſchoͤnen Frau geſehen hatte. Daher ſetzte er es ununterbrochen fort, theils zu Fuß, theils zu Pferde, wie ihm gerade die Luſt dazu ankam, vor dem Fenſter dieſer Dame zu erſcheinen. Den Grund dieſes ſeines Vorbeigehens und Reitens merkte ſie und auch viele andere Frauen, und ſie ſcherzten meh⸗ rere Male daruͤber, daß ſie einen Mann, ſchon ſo alt an Jahren, und von ſo verliebtem Gemuͤthe ſaͤhen, nicht anders, als wenn ſie glaubten, dieſe freund⸗ liche Leidenſchaft der Liebe koͤnne nur in den thoͤrich⸗ ten Seelen junger Leute, aber nirgends anders, Wur⸗ zel faſſen und ausdauern. Als daher Meiſter Albert ſein Gehen und Reiten immer fortſetzte, traf es ſich einmal an einem Feſttage, daß, als dieſe Frau mit vielen anderen Frauen vor ihrer Thuͤre ſaß, und ſie Meiſter Albert ſchon von weitem hatten kommen ſehen, ſie ſich mit einander vornahmen, ihm entge⸗ gen zu gehen, ihn mit Anſtand zu empfangen und ihn alsdann uͤber ſein Verliebtſeyn zu foppen; was ſie denn auch wirklich thaten. Sie ſtanden deshalb Alle 1¹0 Erſter Tag. . luden ihn ein, fuͤhrten ihn in einen kuͤhlen Vorſaal, wohin ſie feine Weine und Eonfect brin⸗ gen ließen, und fragten ihn endlich mit ſchoͤnen und ſcher zhaften Worten, wie er nur darauf gekommen wo ſ in dieſe Dame zu verlieben, da er doch wohl wiſſe, daß ſie von vielen ſhönen artigen und feinen jungen Maͤnnern geliebt worden wäre. Da der Meiſte giebte daß er auf eine hoͤfliche durchgezogen wuͤrd hte er 3 froͤhliches am, daß ich liebe, ſch wunder n, e, 7 — ar oh . und antwort er d, die e zu d den 1 E— hnen doch w elbſt erkengi⸗ Soffin ung, welche ie, von ſo vie⸗ rn geliebt, iſt dieſe: ich mals tig geweſen, wo ich Frauen habe vespern und Lupinen und Lauch e ſſen ſehen. leick iche eben nichts gut iſt, ſo der Kopf deſſelbe en gerade nicht d für den Mund das Angenehmſte, atn i n einem ver⸗ kehrten verticet in der Hand, und kauen die Blätter, n he gar nichts taugen und einen haͤß⸗ lichen Geſchmack haben. Was weiß ich, Madam, abern ge * vie 112 Erſter Tag. es doch nicht, als wenn derjenige, der nicht ſchon ein wenig zum voraus ſeine Zeit wahrgenommen hat, ſich fuͤr die Zukunft gehoͤrig vorſehen koͤnne, und da⸗ mit die neue Koͤnigin ſich auf das vorbereiten koͤnne, was ihr fuͤr morgen gut duͤnkt, zu uͤberlegen, ſo waͤre ich der Meinung, daß die folgenden Tage immer zu dieſer Zeit anfangen ſollen. Aus Ehr⸗ furcht daher fuͤr denjenigen, in dem alles lebt, und zum Troſt fuͤr uns, wird Philomena, das beſcheidene Maͤdchen, fuͤr den folgenden Tag, als Koͤnigin unſer Reich leiten. Nachdem ſie dies geſprochen, ſtand ſie auf, nahm ſich den Lorbeerkranz ab, und ſetzte ihn ihr ehrerbietig auf, worauf ſie zuerſt, alsdann die andern alle, und eben ſo auch die jungen Maͤnner, ſie als Koͤnigin begruͤßten, und ſich freundlich ihrer Herrſchaft darboten. Philomena, aus Schaam dar⸗ uͤber, daß ſie ſich mit der Regierung bekraͤnzt ſah, ein wenig erroͤthend, und der kurz vorher von Pam⸗ pinea geſprochenen Worte ſich erinnernd, erdreiſtete ſich, um nicht albern zu erſcheinen, dann beſtatigte ſie zuerſt alle von Philomenen ausgetheilten Amter, und beſtimmte, was fur den naͤchſten Morgen und fuͤr das naͤchſtfolgende Abendeſſen geſchehen ſollte, indem ſie da verbleiben wollten, wo ſie wären und hierauf fing ſie alſo zu ſprechen an: Liebe Gefaͤhrtinnen, obgleich Pampinea mich mehr aus Hoͤflichkeit, als meiner Verdienſte wegen, zu Eurer Koͤnigin gemacht hat, ſo bin ich doch keineswegs dazu geneigt, daß wir in der Art und Weiſe unſerer Lebensart, meiner Meinung allein, Zehnte Novelle. ſondern mit der meinigen zugleich auch der Eurigen folgen. Und damit Ihr das, was mir zu thun u⸗ thig ſcheint, wiſſen moͤget, und folglich nach Eu⸗ rem Gefallen etwas hinzuthun oder abnehmen koͤnnt, ſo will ich Euch meine Abſicht in wenig Worten dar⸗ legen. Wenn ich genau heute auf die von Pampi⸗ nea eingefuͤhrte Lebensweiſe Acht gegeben habe, ſo glaube ich ſie als lobenswurdig und erfreulich kennen gelernt zu haben; und bis ſie durch zu lange Fort⸗ ſesung oder aus einem andern Grunde nicht lang⸗ weilig geworden iſt, denke ich ſie nicht zu veraͤndern. Wenn ich daher Befehl zu dem gegeben habe, was wir ſchon angefangen haben zu thun, ſo wollen wir uns von hier erheben, etwas ſpazieren gehen, und wenn die Sonne ganz und gar untergegangen ſeyn wird, wollen wir im Kuͤhlen eſſen, und nach einigen Can⸗ zonetten und andern Ergoͤtzlichkeiten, wird es wohl⸗ gethan ſeyn, wenn wir ſchlafen gehen. Morgen, wenn wir im Kuͤhlen werden aufgeſtanden ſeyn, wol⸗ len wir uns wieder irgendwo die Zeit vertreiben mit etwas, was einem Jeden gefaͤllig ſeyn wird; dann wollen wir eben ſo, wie wir es heute gethan haben, zur gehoͤrigen Zeit eſſen, tanzen, und, wenn wir wieder von der Nachmittagsruhe aufgeſtanden ſind, ſo wie heute, zuſammen kommen, uns etwas zu er⸗ zäͤhlen, worin, wie mir daͤucht, der groͤßte Theil des Vergnuͤgens und zugleich auch des Nutzens be⸗ ſteht. Freilich das, was Pampinea nicht thun konnte, weil ſie ſo ſpät zur Regierung erwaͤhlt worden war, damit will ich anfangen, nämlich das, woruͤber wir Boccaccio's ſaͤmmtl. W. 1. 114 Erſter Tag. was erzählen wollen, innerhalb einer beſtimmten Grenze einſchraͤnken. Und dies will ich Euch vorher angeben, damit ein Jeder Muße hat, daruͤber nach⸗ zudenken, um eine ſchoͤne Novelle uͤber den gegebenen Gegenſtand zu erzahlen, und dieſer ſoll, wenn es Euch gefaͤllig iſt, der ſeyn: daß, wenn auch gleich vom Anfähnge der Welt an, die Menſchen von ver⸗ ſchiedenen Ungluͤcksfaͤllen bedrohet worden ſind, und bis an's Ede werden bedrohet werden, doch ein Je⸗ der hieruͤber ſagen muß: wer auch von noch ſo ver⸗ ſchiedenen Dingen verfolgt wurde, kam doch endlich, wider alle Hoffnung, an ein gluckliches Ziel. Die Frauen und Maͤnner waren alle mit dieſer Einrichtung ſehr zufrieden, und ſagten, daß ſie die⸗ ſelbe befolgen wuͤrden. Nur Dioneus ſagte, nachdem Alle ſchwiegen: Madame, was ſo eben alle Andern geſagt ha⸗ ben, das ſage ich auch, die von Ihnen eingerichtete Ordnung iſt uͤberaus angenehm und lobenswerth; aber als eine beſondere Gnade erbitte ich mir etwas von Ihnen, und ich wuͤnſche, daß es mir fuͤr die ganze Zeit, als unſere Geſellſchaft dauern wird, zu⸗ geſtanden werde; dieß beſteht darin, daß ich nach die⸗ ſem Geſetze nicht verbunden bin, eine Novelle uͤber den gegebenen Gegenſtand nicht anders zu erzaͤhlen, als wenn ich ſelbſt will, ſondern uͤber etwas, wor⸗ über es mir, was zu erzählen, gefaͤllt. Damit aher keiner glauben ſoll, ich verlangte dieſe Gunſt, weil ich keine Novellen bei der Hand haͤtte, ſo bin ich es —— — —— ——,— 3 Zehnte Novelle. bis jetzt zufrieden, immer der Letzte zu ſeyn, der ſpricht. Die Königin, die ihn als einen aufgeweckten und luſtigen Mann kannte, und ſehr wohl wußte, daß er dies nur darum verlangte, um die Geſellſchaft, wenn ſie vom Sprechen ermudet waͤre, durch irgend eine laͤcherliche Novelle wieder zu ermuntern, geſtand ihm dieſe Gunſt mit Beiſtimmung der Andern gern zu. Nachdem ſie daher von ihren Sitzen aufgeſtan⸗ den waren, gingen ſie mit langſamen Schritten nach einem Bach voll klarem Waſſer, der von einem klei⸗ nen Huͤgel in ein von vielen Baͤumen beſchattetes Thal zwiſchen lebendigen Steinen und gruͤnen Kraͤu⸗ tern herab kam. Hier gingen ſie entſchuhet und mit entbloͤßten Armen durch das Waſſer, und trieben un⸗ ter einander manchen Scherz Indeſſen nahte die „Stunde des Abendeſſens, und ſie kehrten nach dem Schloſſe zuruͤck, wo ſie mit Vergnugen zu Abend aßen. Nach dem Eſſen ließen ſie Inſtrumente brin⸗ gen, und die Koͤnigin gebot, daß ein Tanz begonnen wuͤrde; Lauretta fuͤhrte ihn auf, Emilie ſang ein Lied dazu, und Dioneus begleitete ſie mit der Laute. Nachdem dieſes Tänzchen beendigt war, und ſie dann noch andere Ringeltänze aufgefuͤhrt hatten, ge⸗ fiel es der Koͤnigin, dem erſten Tage ein Ende zu machen; ſie ließ daher die Wachskerzen anzuͤnden, und gab den Befehl, daß ein Veder bis zum andern Morgen ausruhen moͤchte, und paher kehrte ein Je⸗ der nach ſeinem Zimmer zuruͤts. Ende des erſten Tages. 3weiter Tag⸗ an welchem unter Philomenens Regierung von Leuten ge⸗ ſprochen wird, die von verſchiedenen Umſtänden heimge⸗ ſucht, dennoch gegen ihre Hoffnung an ein gluckliches Ziel kamen. Schon hatte die Sonne mit ihrem Lichte allent⸗ halben hin den neuen Tag gebracht, und die Voͤgel, auf den gruͤnen Zweigen ihr liebliches Lied anſtim⸗ mend, gaben auch den Ohren den Beweis daruͤber, als zu gleicher Zeit auch alle Damen und die drei jungen Maͤnner aufgeſtanden waren, in den Garten eintraten, und mit leichtem Schritt uͤber die bethan⸗ ten Kraͤuter hinſchlupften, indem ſie ſich lange Zeit damit unterhielten, ſchoͤne Blumenkraͤnze zu winden und von einem Orte zum andern herumzugehen. Und ſo wie ſie es an dem vergangenen Jage gemacht hatten, ſo machten ſie es auch an dem gegenwaͤrti⸗ gen, daß ſie im Kuͤhlen aßen, nach einem anz ſich zur Ruhe begaben und nach dieſem gegen die None ſich wieder erhoben, auf einer kuͤhlen Wieſe, wie es ihrer Konigin geſiel, zuſammenkamen, und ſich um ſie herum ſetzten. Sie, die ſo ſchoͤn und von ſo àu⸗ ßerſt freundlichem Ausſehen, und mit ihrem Lorbeer⸗ kranze gekroͤnt war, ſammelte ſich ein wenig, blickte. Erſte Novelle. 117 dann ihre ganze Geſellſchaft in's Angeſicht, und ge⸗ gebot Neiphilen, daß ſie mit einer Novelle zu den folgenden den Anfang machte; dieſe fing auch, ohne noch weiter eine Entſchuldigung vorzubringen, froͤh⸗ lich zu reden an. Erſte Novelle. Martellino ſtellt ſich, als wenn er contract wäre, unb gibt vor, als wenn er uͤber den heiligen Heinrich wieder geſund wuͤrde; da aber ſein Betrug entdeckt war, ward er durchgepruͤgelt, dann feſtgeſetzt, und kommt in Ge⸗ fahr, aufgehängt zu werden, entgeht derſelben aber zu⸗ letzt doch gluͤcklich. Schon oft, liebe Freundinnen, iſt es der Fall geweſen, daß auf denjenigen, der ſich vorgenommen hatte, Andere und beſonders Dinge zu beſpotteln, die Ehrfurcht verdienen, der Spott und zuweilen auch der Schaden, allein wieder zuruͤckgefallen iſt. Damit ich nun dem Befehle der Koͤnigin gehorche, und mit meiner Novelle den Anfang der Aufgabe mache, will ich Euch erzaͤhlen, was ſich mit einem unſerer Burger, anfänglich ſehr ungluͤcklich, dann aber doch gegen alle ſeine Gedanken ziemlich glucklich ereignete. Es war vor nicht gar langer Zeit in Treviſo ein Deutſcher, Namens Heinrich, der als ein armer Menſch ſich mit Laſttragen fuͤr Geld ernaͤhrte, und auf dieſe Art von Allen fuͤr einen Menſchen vom heiligſten und beſten Leben gehalten wurde. Daher, ſey es nun wahr oder nicht, ſollen, als er geſtor⸗ ben, wie alle Treviſaner es verſichern, in der Stun⸗ Zweiter Tag. de ſeines Fodes alle Glocken der größten Kirche zu Treviſo von ſelbſt, ohne daß ſie von irgend Einem gezogen worden wären, zu lauten angefangen haben. Da man dies fuͤr ein Mirakel hielt, ſo ſagten Alle, Heinrich waͤre ein Heiliger. Sogleich lief das ganze Volk aus der Stadt nach dem Hauſe hin, in wel⸗ chem ſein Koͤrper lag, trug dieſen, wie den Koͤrper eines Heiligen, nach der Hauptkirche, indem Blinde, Contracte, Lahme und Andere, die von jeder Krank⸗ heit oder Gebrechen verhindert wurden, mitgenom⸗ men wurden, damit Alle durch Beruͤhrung dieſes Koͤrpers wieder geſund werden moͤchten. Bei dieſem Auflauf und Zuſammenſtroͤmen des Volkes traf es ſich, daß drei unſerer Buͤrger nach Treviſo kamen, von denen der eine Stecchi, der andere Martellino und der dritte Marcheſe hieß, Leute, welche, da ſie die Hof⸗Feſte der großen Herrn beſuchten, die Zuſchauer damit ergoͤtzten, daß ſie ſich ſelbſt verſtellten und jedem Andern mit neuen Gebehrden nachmachten. Da ſie noch nie hier geweſen waren, und Alles hin⸗ und herlaufen ſahen, verwunderten ſie ſich; nachdem ſie aber den Grund vernommen hatten, woher es käme, vekamen ſie Luſt, auch hinzugehen und es mit anzu⸗ ſehen. Sie legten daher ihre Sachen in einem Wirths⸗ hauſe ab, und da ſagte Marcheſe: Laßt uns doch auch hingehen, dieſen Heiligen zu ſehen, nur ſehe ich nicht, wie wir dahin kommen koͤnnen; denn wie ich gehoͤrt habe, iſt der ganze Platz voll Deutſcher und anderer Bewaffneter, welche der Herr dieſes Landchens hier hat aufſtellen laſſen, damit kein Sper⸗ S„ 5 Erſte Novelle. 119 takel geſchieht, und uͤberdieß ſoll auch die Kirche, wie man ſagt, ſo voller Leute ſeyn, daß kein Menſch mehr hineinkommen kann. Martellino, der ſehr begierig war, die Sache mit anzuſehen, ſagte hierauf: Darum wollen wir nicht wegbleiben, da will ich ſchon Mittel und We⸗ ge finden, um bis zu dem heiligen Leichnam ſelbſt hinzugelangen. Marcheſe ſagte: Wie? Das will ich Dir ſagen, antwortete Martellino. Ich will mich ſtellen, als wenn ich contract waͤre, und Du unterſtuͤtzeſt mich auf der einen Seite und Stecchi auf der andern, ſo als wenn ich von ſelbſt nicht gehen koͤnnte, und Ihr thut dann ſo, als wenn Ihr mich dahin fuͤhren wolltet, damit dieſer Heilige mich wieder geſund mache; dann wird gewiß kein Einziger ſeyn, der, wenn er uns ſieht, nicht Platz machen und uns gehen laſſen ſollte. Marcheſe'n und Stecchi'n gefiel dieſer Vorſchlag; ſie verließen daher ohne Verzug das Wirthshaus und begaben ſich alle Drei nach einem einſamen Orte, und hier verdrehete Martellino die Haͤnde, die Finger, die Arme und Beine, und uͤberdieß noch den Mund, die Augen und das ganze Geſicht auf ſolche Art, daß es ſchrecklich war mit anzuſehen; und es waͤre gewiß kein Einziger geweſen, der ihn geſehen und nicht ge⸗ ſagt haben ſollte, er waͤre am ganzen Koͤrper ver⸗ ſtuͤmmelt und contract. Und auf ſolche Art dann von Stecchi und Marcheſe angefaßt, richteten ſie ihren Weg nach der Kirche hin, und baten mit dem Zweiter Tag. erbarmungswuͤrdigſten Ausſehen, demuͤthig und um Gottes willen einen Jeden, daß er ſich vorſehen und ihnen Platz machen moͤchte. Dieß erhielten ſie auch leicht, und da ſie bald von Allen mitleidsvoll ange⸗ ſtaunt wurden und ſie ſelbſt allenthalben ſchrien: Platz! Platz! kamen ſie wirklich dahin, wo der Koͤr⸗ per des heiligen Heinrich lag; hier nahmen dann gewiſſe gute Menſchen, die hier herumſtanden, Martellino und legten ihn auf den Leichnam, da⸗ mit er ſogleich die Wohlthat ſeiner Heiligkeit er⸗ füͤhre. Das ganze Volk war mun begierig, zu ſehen⸗ was daraus werden wuͤrde, und als Martellino einige Zeit ſo gelegen hatte, fing er an, da er die Sache ſehr gut verſtand, ſich ſo zu ſtellen, als wenn er ſchon einen Finger ausſtrecken koͤnnte, dann die Hand, darauf den Arm, und alles ſo, als wenn es nach und nach käme. Da das Volk dieß ſah, machte es, zum Lobe des heiligen Heinrich, einen ſo argen Laͤrm, daß man dafuͤr den Donner nicht wuͤrde ge⸗ hoͤrt haben. Von ungefaͤhr aber ſtand nicht weit davon ein Florentiner, der Martellino'n kannte, aber ihn nicht erkannt hatte, als er ſo verſtellt hergefuͤhrt worden war; allein nachdem er ſich gerade aufgerichtet und er ihn dann ſogleich wieder erkannt hatte, fing er an zu lachen und ſagte:*s iſt doch ein verfluchter Kerl; wer haͤtte nicht geglaubt, als er ihn kommen ſah, daß er wirklich contract wäre? Dies hörten einige Treviſaner, die ſogleich frag⸗ ten: Wie? war er denn nicht contract? ——— —,— Erſte Novelle. Worauf der Florentiner antwortete: Nein, Gott behuͤte! der iſt immer ſo gerade geweſen, als nur Einer unter uns; aber er verſteht ſich beſſer als je⸗ der Andere, wie Ihr es habt ſehen koͤnnen, auf ſolche Narrenspoſſen, ſich in jede Geſtalt zu ver⸗ ſtellen. Als jene dies gehoͤrt hatten, brauchte es gar nichts weiter; ſie draͤngten ſich mit Gewalt hervor und fingen an zu ſchreien: Haltet ihn feſt, den Ver⸗ raͤther, der Gott und ſeine Heiligen ſpottet, der iſt nicht contract! um unſern Heiligen und uns zu ver⸗ ſpotten, iſt er wie ein Contracter hierher gekommen. und mit dieſen Worten griffen ſie ihn, zogen ihn von da herunter, wo er lag, faßten ihn bei den Haa⸗ ren und riſſen ihm alle Kleider vom Leibe; dann ſchlugen ſie mit Faͤuſten auf ihn ein und traten ihn mit Fuͤßen, ſo daß er ſelbſt glaubte, ein Jeder, der da waͤre, wuͤrde auf ihn zulaufen. Nun fing Mar⸗ tellino an zu ſchreien: Gott erbarme ſich! und dann erholte er ſich, ſo gut er nur konnte. Aber das war alles umſonſt; das Gedraͤnge der Menſchen ward im⸗ mer groͤßer. Als Stecchi und Marcheſe dies ſahen, ſagten ſie ſo bei ſich ſelbſt, daß die Sache doch ſchlecht ſtände, und da ſie fuͤr ihre eigene Perſon ſehr in Angſten waren, wagten ſie es nicht, ihm zu helfen; vielmehr ſchrien ſie mit allen den Andern, daß er todt wäre, und dachten allerdings nur auf dieſe Art ihn dem Volke aus den Händen zu reißen, das ihn gewiß todtgeſchlagen haben wuͤrde, wenn nicht noch ein 422 Zweiter Tag. Mittel geweſen waͤre, was Marcheſe ſogleich ergriff. Es war naͤmlich die ganze Dienerſchaft der ganzen Signorie draußen; Marcheſe lief daher, ſobald er nur konnte, zu demjen gen hin, der ſtatt des Po⸗ deſta da war und ſagte: Gottlob! da iſt dort ein ſchlechter Kerl, der mir meinen Geldbeutel geſtohlen hat, mit ſammt wohl hundert Florenen in Golde, ich bitte Euch, laßt ihn feſthalten, damit ich wieder zu dem Meinigen komme. Sogleich, als man dies ge⸗ hoͤrt hatte, liefen wohl an zwoͤlf Sergeanten dahin, wo der arme Martellino ohne Kamm gekaͤmmt ward, brachen mit der groͤßten Muͤhe von der Welt durch das Gedraͤnge durch und fuͤhrten ihn, nachdem ſie ihn ganz zerwalkt und zerſchlagen dem Volke aus den Haͤnden geriſſen hatten, nach dem Gerichtshauſe. Dahin folgten ihm viele, die ſich von ihm fuͤr ver⸗ ſpottet hielten, und da ſie hoͤrten, daß er als ein Beutelſchneider waͤre feſtgehalten worden, und glaub⸗ ten, ſie koͤnnten keinen beſſern Grund bekommen, um ihn dafuͤr buͤßen zu laſſen, ſo ſagte ſogleich ein Je⸗ der, ihm haͤtte er auch die Taſchen ſpoliert. Da der Richter, der ein ſehr rauher Mann war, dies hoͤrte, ließ er ihn bei Seite fuͤhren und fing ſogleich mit ihm die Unterſuchung an. Aber Martellino antwor⸗ tete ſpaßhaft, ſo als wenn er ſein Feſtnehmen fuͤr nichts hielte. Der Richter, hieruͤber aufgebracht, ließ ihn an die Wippe binden, und ſo Einige aus dem Salze aufzaͤhlen, in der Meinung, ihn zum Ge⸗ ſtaͤndniß deſſen zu bringen, was jene von ihm ſag⸗ ten, und dann an den Galgen aufknuͤpfen zu laſſen. — Erſte Novelle. Aber ſobald er wieder auf die Erde war her gelaſſen worden, fragte ihn der Richter, ob wahr waͤre, was jene gegen ihn ausgeſagt haͤtten, und da ihm alle ſein Laͤugnen nichts half, ſagte er endlich: Herr Richter, ich bin bereit, die Wahrheit zu geſtehen, aber erſt laßt doch einen der mich anklagt, ſagen, wann und wo ich ihm die Taſchen ſpoliert haͤtte und dann will ich frei geſtehen, was ich gethan und was ich nicht gethan habe. Der Richter ſagte: Das gefaͤllt mir. Er ließ daher Einige rufen, und der Eine ſagte: Mir hat er ſie vor acht Tagen ſpoliert, der Andere, vor ſechs, ein Anderer wieder vor vier, und Einige ſagten, an dieſem Tage ſelbſt. Als Martellino dies hoͤrte, ſagte er: Herr, das luͤgen ſie Alle in ihren Hals hinein; und daß ich die Wahrheit ſage, daruͤber kann ich dieß als Beweis anfuͤhren. Sch bin noch in meinem Leben nicht in dieſes Land gekommen, und bin auch noch nie drin⸗ nen geweſen, als nur erſt ſeit kurzer Zeit; und als ich hierher kam, wollte ich zu meinem Ungluͤcke den heiligen Leichnam ſehen, wobei ich ſo garſtig gekämmt worden bin, als Ihr ſelbſt ſehen koͤnnt. Und daß das, was ich ſage, wahr iſt, kann mir der Diener des Herrn bezeugen, der da bei der Anſage ſteht, ſo wie auch ſein Buch und mein Wirth. Wenn Sie denn alles ſo finden werden, als ich es geſagt habe, ſo laſſen Sie mich nicht auf Andringen dieſer ſchlech⸗ ten Menſchen zerreißen und umbringen. Waͤhrend die Sachen nun ſo ſtanden, ſagten Zweiter Tag. Marcheſe und Steechi, da ſie ſahen, daß der nich⸗ ter ſo barſch gegen ihn verfuhr, ihn ſogar ſchon hatte wippen laſſen, und daher ſehr um ſeinet⸗ willen in Angſt waren, bei ſich ſelbſt: Das ha⸗ ben wir ſchlecht gemacht; wir haben ihn aus dem Regen in die Traufe geſtellt. Sie gingen daher ſorgfältig allenthalben herum, ſuchten ihren Wirth auf und erzaͤhlten ihm, wie ſich die Sache verhielte. Nachdem dieſer herzlich daruͤber gelacht hatte, ging er mit ihnen zu einem gewiſſen Alexander Agolanti, der in Treviſo wohnte, und bei dem Herrn viel galt, und baten ihn, nachdem ſie alles, wie es ſich wirk⸗ lich verhielt, erzaͤhlt hatten, daß er ſich Martelli⸗ no's annehmen moͤchte. Und dieſe, die ſich ſeiner ſo annahmen, fanden ihn wirklich ſchon im Hemde vor dem Richter ſtehen, ganz verwirrt und erſchrok⸗ ken, weil der Richter nichts zu ſeiner Entſchuldi⸗ gung horen wollte, vielmehr, da er einigen Haß gegen die Florentiner hegte, feſt entſchloſſen war, ihn aufknuͤpfen zu laſſen und ihn auf keine Art dem Herrn zuruͤckgeben wollte; bis er nicht gezwungen wuͤrde, ihn wider ſeinen Willen loszulaſſen. Als er nun vor dieſen hingefuͤhrt worden war und er ihm alles, wie es wirklich ſich verhielt, ge⸗ ſagt hatte, legte er ſich auf's Bitten, er moͤchte ihn doch zum Beweiſe ſeiner hochſten Gnade laufen laſſen, denn, ſo lange er nur noch in Florenz waͤre, wuͤrde er immer das Meſſer ſaͤße ihm an der Kehle. Der Herr brach in ein gewaltiges Lachen über „ Zweite Novelle. dieſen Vorfall aus; und da er jedem einen Rock hatte geben laſſen, kehrten ſie alle Drei, ganz gegen ihre Hoffnung, einer ſo großen Gefahr wohl und geſund entkommen zu ſeyn, nach Hauſe zuruck. Zweite Novelle. Reinhold von Aſti geht, da er beſtohlen war, nach Caſtel Wilhelm, wird daſelbſt von einer Wittwe beherbergt, und kehrt dann, nachdem ihm ſein Verluſt erſetzt wor⸗ den, geſund und wohl nach Hauſe zuruͤck. Die von Neiphile erzaͤhlten Unfaͤlle Martellino's wurden ganz außerordentlich von den Damen, und unter den jungen Männern beſonders von Philoſtrat belacht, dem die Königin, weil er Neiphilen zunächſt ſaß, befahl, daß er im Erzählen ihr folgen moͤchte. Dieſer ſing unverzuͤglich an: Schoͤne Damen, ich fuͤhle mich veranlaßt, Euch eine Novelle zu erzaͤhlen, in welcher fromme Sachen, Ungluͤcksfalle und Liebesgeſchichten mit einander ver⸗ miſcht ſind, und von der es nicht anders ſeyn kann, als daß ſie zum Nutzen mit angehoͤrt werden wird, beſon⸗ ders von denen, die die unſichern Länder der Liebe durchwandert, in welchen Jeder, der nicht vorher das Paternoſter des heiligen Julianus gebetet hat, im beſten Bette doch eine ſchlechte Herberge findet. Zu den Zeiten des Marcheſe Azzo von Ferrara alſo kam ein Kaufmann, Namens Reinhold von Aſti, ſeiner Geſchaͤfte wegen nach Bologna, und nachdem er dieſe abgemacht, kehrte er nach Hauſe zuruͤck. Kaum aus Ferrara heraus, ſtieß er, auf dem Wege nach Verona hinreitend, auf Einige, die er fuͤr 126 Zweiter Tag. Kaufleute hielt, in der That aber Beutelſchneider waren, und Leute von der ſchaͤndlichſten Lebensart und Geſinnung; er begleitete ſie, und ließ ſich un⸗ vorſichtiger Weiſe mit ihnen in's Geſpraͤch ein. Da ſie ihn ſogleich fur einen Kaufmann erkannten und dachten, er muͤſſe wohl Geld bei ſich haben, beſchloſ⸗ ſen ſie, ſobald ſie nur ihre Zeit abſehen koͤnnten, ihn zu berauben; damit er aber keinen Argwohn ſchoͤpfen ſollte, ſprachen ſie, als beſcheidene Leute mit den redlichſten Geſinnungen, unterwegs mit ihm von nichts anderem, als anſtaͤndigen Dingen und von Treue und Redlichkeit, und erwieſen ſich gegen ihn ſo freund⸗ lich und zuvorkommend, als ſie nur konnten; er ſchätzte ſich daher ſehr gluͤcklich, ſie gefunden zu haben, weil er nur mit einem Diener zu Pferde wäre. Als ſie mun ſo mit einander gingen, kamen ſie in ihren Geſpraͤchen, wie das ſo zu geſchehen pflegt, von einem auf's andere, und zuletzt auch auf's Beten, und der eine der Beutelſchneider, es waren ihrer Drei, ſagte zu Reinhold: Und Sie, edler Mann, was pflegen Sie wohl fur ein Gebet unter⸗ wegs zu beten? Hierauf antwortete Reinhold: In der That, ich vin in dergleichen Dingen ſehr roh und ungeſchickt, da ich ſo ganz nach alter Art und Weiſe lebe und gerne fuͤnf gerade ſeyn laſſe. Dennoch aber iſt es ſo meine Gewohnheit immer geweſen, wenn ich des MWorgens aus einem Wirthshauſe abreiſe, ein Pater⸗ noſter und ein Ave Maria fuͤr die Seele des Vaters und der Mutter vom heiligen Julianus zu beten, und „ Zweite Novelle. 127 dann bitte ich Gott und ihn, daß ſie mir auch die andere Nacht ein gutes Wirthshaus beſcheren moͤch⸗ ten. So iſt es mir denn ſchon mehrmals in meinem Leben gegangen, daß, wenn ich unterwegs auch in große Gefahren gerathen war, ich ihnen allen gluͤcklich entgangen bin, und doch wenigſtens die Nacht an einem guten Orte und in einem guten Wirthshauſe zugebracht habe. Daher bin ich denn auch des feſten Glaubens, daß der heilige Julianus, zu deſſen Ehre ich dieß ſage, mir dieſe Gnade von Gott erbeten hat, und es iſt mir, als wenn ich weder gut rei⸗ ſen, noch die Nacht gut ankommen koͤnnte, wenn ich nicht am Morgen ſo gebetet habe. Hierauf ſagte der, der ihn befragt hatte: Haben Sie es auch dieſen Morgen gethan? teinhold antwortete hierauf: Ja, allerdings. Wohl Dir, ſagte nun der, der ſchon wußte, wo die Sache hinaus ſollte, zu ſich ſelbſt, wenn Du Dich nicht täuſcheſt, Du wirſt meiner Meinung nach doch ein ſchlecht Nachtguartier haben. Dann fuhr er zu ihm fort: Ich bin zwar⸗auch ſchon ſehr oft gereiſt, habe es aber in meinem Leben noch nicht gebetet, ob ich gleich ſchon von Bielen es habe ſehr empfeh⸗ len gehort; es iſt mir auch niemals eingekommen, und dennoch habe ich immer nicht anders als ein gutes Nachtquartier gehabt. Selbſt dieſen Abend werden Sie ſehen, wer beſſer beherbergt ſeyn wird, Sie, der Sie thaben, oder ich, der ich es nicht gebetet habe. Ich habe dagegen, ich geſtehe es ganz frei, ſt immer das Dirupisti, In- 128— Zweiter Tag. temerata*) oder das Deprofundi gebraucht, wel⸗ che, wie meine ſelige Großmutter zu ſagen pflegte, von der beſten Wirkung ſind. Und ſo von mancherlei Dingen ſprechend, ſetzten ſie ihren Weg fort, indem jene nur Ort und Zeit abwarteten, um ihr ſchaͤndliches Vorhaben auszufuͤh⸗ ren. Da es nun ſchon ſpaͤt geworden war, und ſie von hier nach dem Caſtel Wilhelm durch einen Fluß mußten, fielen die Drei, da ſie ſahen, daß es ſchon ſpäͤt geworden, und der Ort ganz einſam und abge⸗ ſchloſſen war, uͤber ihn her, beraubten ihn, ließen ihn zu Fuß und im Hemde liegen, und gingen mit den Worten fort: Nun ſiehe zu, ob Dein heiliger Julianus Dir dieſe Nacht ein eben ſo gut Quartier wie unſer Heiliger uns geben wird, dann ſetzten ſie üͤber den Fluß und gingen ihrer Wege. Reinholds Diener lief, da er ſeinen Herrn ſo anfallen ſah, wie ein Schuft davon, that nichts zu ſeiner Huͤlfe, ſondern warf das Pferd herum, auf welchem er ſaß, und hielt im Jagen nicht eher ſtill, als vor Caſtel Wilhelm, wo er dann, da es ſchon ſpaͤt war, einritt, und ohne ſich um etwas zu be⸗ kuͤmmern, uͤbernachtete. Reinhold, der im Hemde und bloßen Fuͤßen zu⸗ *) Soll von einem langen Gebete, was ſich: O inte⸗ merata anfing, ſo genannt worden ſeyn, wie Sal⸗ vini zu der Fiera des Buanarotti bemerkt. Mit den andern beiden Worten fangen Pſalme nach der Vul- gata gu die ebenfalls als Gebete gebraucht werden. Zweite Novelle. ruckgeblieben war, wußte anfangs, da die Kälte ſehr groß war, und es auch gewaltig ſchneiete, nicht, was er machen ſollte; ferner, da die Nacht heranruͤckte, und er zitternd mit den Zaͤhnén klapperte, fing er doch an, ſich umzuſehen, ob er nicht irgendwo her⸗ um einen Aufenthaltsort erblickte, wo er die Nacht nur bleiben könnte, damit er nicht vor Kaͤlte um⸗ kaͤme; aber da er nichts von allem dem erblickte (enn kurz zuvor war in der Gegend hier Krieg ge⸗ weſen, und Alles herum verheert und verſengt wor⸗ den), ſo trabte er, von Kaͤlte getrieben, nach dem Gaſtel Wilhelm zu, ohne zu wiſſen, ob ſein Diener dort, oder anderswo hingeflohen waͤre, und dachte, daß, wenn er nur da hineinkommen koͤnnte, ihm un⸗ ſer Herrgott ſchon eine Hulfe zuſchicken wuͤrde. Aber die finſtere Nacht uberfiel ihn, als er wohl noch eine Miglie von dem Caſtel entfernt war, und er konnte daher, als er ſo ſpaͤt dort ankam, daß die Thore ſchon verſchloſſen, die Bruͤcken ſchon aufgezogen wa⸗ ren, nicht mehr hineinkommen. Voller Schmerz und untroͤſtlich, ſah er klagend umher, ob er ſich denn nirgends wo hinlegen koͤnnte, daß er nur nicht ver⸗ ſchneiete. Gluͤcklicherweiſe aber ſah er uͤber der Mauer des Caſtels ein Haus, was ein wenig her⸗ vorſprang, unter dieſen Vorſprung dachte er hinzu⸗ treten und zu warten, bis es Tag geworden. Er ging daher nach dieſem hin, und da er an dieſem Vorſprunge eine Thuͤr gefunden hatte, die zwar ver⸗ ſchloſſen war, ſo brachte er doch am Fuße deſſelben ein wenig altes Stroh zuſammen, was in der Nähe Boccaccio's ſämmtl. W. 1. 130 Zweiter Tag. lag, und ſtand betruͤbt und traurig da, ſich uͤber den heiligen Jultanus beklagend, daß dieß das Zutrauen ſchlecht belohnen hieße, was er doch in ihn geſetzt haͤtte. Aber der heilige Julianus gedachte ſeiner wohl, und bereitete ihm unverzuglich ein gutes Nacht⸗ quartier zu. Es befand ſich in dieſem Caſtel eine Wittwe, fo ſchön von Geſtalt, wie nur irgend eine, dieſe liebte der Marcheſe Azzo mehr wie ſein Leben, weshalb er auch die gedachte Frau, auf ihr Bitten, in dem Hauſe wohnen ließ, unter deſſen Erker ſich Reinhold hingefluͤchtet hatte. Von ungefaͤhr war der Marcheſe den Tag vorher hierher gekommen, um die Nacht mit der Dame zuzubringen, und hatte ſtillſchweigend in ihrem Hauſe ein Bad und ein treffliches Abend⸗ eſſen zubereiten laſſen; alles war bereit, und nichts mehr ward erwartet, als die Ankunft des Marcheſe; da erſchien ploͤtzlich an der Thuͤr ein Bedienter, der dem Marcheſe Nachrichten brachte, worauf er ſogleich fortreiten mußte. Er ließ daher der Dame ſagen, ſie moͤchte ihn mur nicht erwarten, und machte ſich ſchnell auf den Weg. Die Dame, anfangs ein wenig troſtlos daruͤber, wußte nicht, was ſie anfangen ſollte, und beſchloß daher, in's Bad zu gehen, was der MWarcheſe ſich hatte zubereiten laſſen, dann zu eſſen⸗ und ſich zu Bette zu legen; und ſo ging ſie in's Bad. Dieß Bad war nicht weit von der Thuͤre, wo ſich der ungluͤckliche Reinhold auf dem Boden nieder⸗ gelegt hatte, daher hoͤrte die Dame, als ſie im Bade —— er n, ig te, er n, 8 wo er⸗ v— Zweite Novelle. 13¹ war, das Winſeln und Klappern Reinholds, nicht anders, als wenn er ein Storch geworden wäre. Da rief die Dame ihr Maͤdchen, und ſagte zu ihr: Geh' einmal zur Mauer hinauf, und ſieh zu, ob un⸗ ten an der Thuͤr wer iſt, wer es iſt, und was er da macht. Das Maͤdchen ging, und mit Huͤlfe der ſchon heller gewordenen Luft, ſah ſie jenen im Hemde und mit bloßen Fuͤßen dort ſitzen, wie ſchon geſagt, und am ganzen Leibe zitternd; ſie fragte ihn daher, wer er ware. Reinhold, der ſo bebte, daß er kaum ein Wort hervorbringen konnte, ſagte ihr, ſo kurz wie möglich, wer er waͤre, wie und warum er hierher gekommen⸗ und dann bat er ſie um Gotteswillen, ſie moͤchte ihn, wenn's moͤglich waͤre, nicht in der Nacht vor Kaͤlte umkommen laſſen. Das Maͤdchen, mitleidig geworden, kehrte zu der Dame zuruͤck, und ſagte ihr Alles. Dieſe, eben⸗ falls mitleidig geworden, erinnerte ſich, daß ſie den Schluſſel zu dieſer Thuͤr haͤtte, die oftmals zu den verborgenen Beſuchen des Marcheſe diente, und ſagte: geh', und mach' ihm ganz leiſe auf; Abendeſſen iſt hier, aber Keiner, der es ißt, und um ihn zu beher⸗ bergen, auch noch Platz genug. Das Maͤdchen lobte die Dame ſehr uͤber ihre Leutſeligkeit, ging hin und machte ihm auf; nach⸗ dem er hereingelaſſen, und ganz erſtarrt daſtand, ſagte die Dame zu ihm: Guter Mann, geh' nur gleich in dieſes Bad, das noch warm iſt. Und er Zweiter Tag. that es auch ſogleich, ohne noch auf laͤngeres Nothi⸗ gen zu warten, von Herzen gern, worauf er denn, durch die Waͤrme geſtaͤrkt, glaubte, er kehre vom Tode zum Leben wieder zuruͤck. Die Dame ließ Klei⸗ der von ihrem kurz vorher verſtorbenen Mann brin⸗ gen, die, nachdem er ſie angezogen, wie fuͤr ihn ge⸗ macht zu ſeyn ſchienen, und ſo in Erwartung deſſen, was die Dame weiter uͤber ihn gebieten wuͤrde, dankte er Gott und den heiligen Julianus, daß er ihn von einer ſo boſen Nacht, wie er erwartet hatte, befreit, und nach einem ſo ſchoͤnen Quartier, wie ihm dies zu ſeyn ſchien, geleitet hätte. Als die Dame hierauf ein wenig gernhet, und in einem ihrer Zimmer ein tuͤchtiges Feuer hatte an⸗ machen laſſen, ging ſie in daſſelbe hinein, und fragte nach dem guten Manne, was aus ihm geworden waͤre. Madam, antwortete das Maͤdchen, er hat ſich angekleidet und iſt ein ſchoͤner Mann, ſcheint auch recht artig und wohlgeſittet zu ſeyn. Nun, ſo geh' denn, ſagte die Dame, ruf' ihn, und ſage ihm, daß er hierher zum Feuer kommen, und dann zu Abend eſſen moͤchte, denn ich weiß es, er wird noch nichts gegeſſen haben. Als Reinhold in das Zimmer eintrat und die Dame geſehen hatte, die ihm nichts Geringes zu ſeyn ſchien, gruͤßte er ſie ehrfurchtsvoll und dankte ihr, ſo ſehr er nur konnte, fuͤr die ihm erwieſene Wohl⸗ that. Nachdem ebenfalls auch die Dame ihn angeſe⸗ hen und angehoͤrt hatte, er ihr auch derjenige zu 2— — Zweite Novelle. 133 ſeyn ſchien, wie das Maͤdchen geſagt, empfing ſie ihn ganz frohlich, hieß ihn freundlich am Feuer bei ſich niederſitzen, und befragte ihn genauer um die Veranlaſſung, die ihn hierher gefuͤhrt haͤtte; wor⸗ auf ihr denn Reinhold alles der Reihe nach erzaͤhlte. Die Dame hatte ſchon, als Reinholds Diener nach dem Caſtel gekommen war, von dieſem etwas gehoͤrt, weshalb ſie das, was er ſelbſt erzählt hatte, voll⸗ kommen glaubte; und daher erzaͤhlte ſie ihm nun das, was ſie ſchon von ſeinem Bedienten erfahren hatte, und wie er ſelbſt es am folgenden Morgen leicht wuͤrde erfahren koͤnnen. Nachdem aber, auf Befehl der Dame, der Tiſch war ſervirt worden, Reinhold ſich mit ihr die Haͤnde ⸗ gewaſchen hatten, ſetzten ſie ſich zum Eſſen. Er war groß von Perſon, ſchoͤn, von angenehmer Ge⸗ ſichtsbildung, lobenswuͤrdigem Weſen, voll Anmuth und in mittleren Jahren; alles dieß diente ihm bei der Dame ſehr zur Empfehlung, ſo, daß ihr Blick mehrmals auf ihn zuruͤckfiel, und er fuͤr den Mar⸗ cheſe, der mit ihr die Nacht hatte zubringen ſollen, und ihren luͤſternen Sinn erweckt hatte, in ihrem Herzen Aufnahme gefunden hatte. Sie berieth ſich daher mit ihrem Maͤdchen, ob es ihr wohl Recht zu ſeyn ſchiene, daß ſie, da der Marcheſe ſie habe ſiz⸗ zen laſſen, eines Gutes genöſſe, was ihr das Gluͤck in die Hände geſpielt hätte. Das Maͤdchen, welches das Verlangen der Dame erkannte, rieth ihr, ſo viel es nur wußte und konnte, demſelben zu folgen; daher kehrte die Dame zum 3 Zweiter Tag. Feuer zuruͤck, wo ſie Reinholden allein gelaſſen hatte, ſah ihn mit liebevollen Augen an, und ſagte dann zu ihm: He! Reinhold, warum ſo in Gedanken? Glauben Sie denn, daß ein Pferd und einige Sa⸗ chen, die Sie verloren haben, nicht erſetzt werden konnten? Beruhigen Sie ſich, ſeyn Sie frohen Wuthes, Sie ſind hier zu Hanſe. Ja, ich will Ihnen noch mehr ſagen: als ich Sie ſo in dieſen Kleidern erblickte, welche meinem verſtorbenen Manne gehoͤr⸗ ten, habe ich Sie fuͤr ihn gehalten, und ich bin die⸗ ſen Abend wohl ſchon hundert Mal willens geweſen, Sie zu umarmen und zu kuͤſſen, und wenn ich nicht gefürchtet haͤtte, daß es Ihnen mißfällig geweſen wäre, wuͤrde ich es auch gewiß ſchon gethan haben. Als Reinhold dieſe Worte hoͤrte, das Funkeln in den Augen der Dame ſah, er ſelbſt aber auch nicht auf den Kopf gefallen war, ging er ihr mit of⸗ fenen Armen entgegen, und ſagte: Madam, bedenke ich, daß ich einzig und allein nur durch Sie am Le⸗ ben erhalten worden zu ſeyn ſagen kann, und ſehe ich auf das zuruͤck, woraus Sie mich geriſſen haben, ſo wuͤrde es von mir ſehr unhoͤflich ſeyn, wenn ich mich nicht beſtreben wollte, alles zu thun, was Ih⸗ nen angenehm waͤre, daher befriedigen Sie Ihr Ver⸗ gnuͤgen, mich zu umarmen und zu kuͤſſen, ich werde noch mehr als gern Sie wieder umarmen und kuſſen. Mehrerer Worte bedurfte es nicht. Die Dame, ganz von dem heißen Wunſche der Liebe entbrannt, warf ſich ihm ſogleich in die Arme, und nachdem ſie ihn tanſend Mal ſehnſuchtsvoll an ihre Bruſt ge⸗ —— —— . — Zweite Novelle. 135 druͤckt und gekuͤßt hatte, und ſie eben ſo oft von ihm war wieder gekuͤßt worden, ſtanden ſie von hier auf, gingen in das Schlafzimmer, und legten ſich unverzuͤglich nieder, wo ſie alsdann ihre Wuͤnſche⸗ ehe der Vag erſchien, mehr als ein Mal vollkommen befriedigten. Aber da die ſtanden ſie nach dem Wunſche damit kein Menſch dieſen Vorfall nur ahnen koͤnnte, gab ſie ihm einige ſchlechte Kleider und fullte ſeine Boͤrſe wieder ein wenig an; dann bat ſie ihn, die Sache geheim zu halten, zeigte ihm den Weg, den er nehmen muͤßte, um ſeinen Bedienten wieder zu finden, und entließ ihn aus eben der Thuͤre, durch welche er hereingekommen⸗ Da es nun Tag geworden, that er, als wenn er von weitem herkäme, ging, da die Thore geoff⸗ net waren, in das Caſtel hinein und ſuchte ſeinen Bedienten auf. Als er hierauf ſeine eigenen Kleider wieder angesogen hatte, die ſich noch in dem Fellei⸗ ſen befanden, und er eben im Begriff war, auf das Pferd ſeines Bedienten zu ſteigen, geſchah es, gleich⸗ urch ein gottliches Wunder, daß die drei Beutelſchneider, die ihn den Abend vorher beraubt hatten, wegen eines andern von ihnen begangenen Bubenſtucks bald darauf eingefangen worden waren⸗ und nach dem Caſtel gebracht wurden. Da ſie Alles geſtanden hatten, ward ihm ſein Pferd, ſeine Klei⸗ der und ſein Geld zuruͤckgegeben, und er verlor nichts weiter, als ein Paar kleine Guͤrtel, von denen die Morgenrothe anzubrechen begann, der Dame auf, und 136 Zweiter Tag. Beutelſchneider nicht wußten, was ſie damit gemach haͤtten. Reinhold dankte nun Gott und den heiligen Ju⸗ lianus, ſtieg zu Pferde und kehrte geſund und wohl nach ſeinem Hauſe zuruͤck; die drei Beutelſchneider aber mußten den folgenden Tag haumeln. Dritte Novelle. Drei junge Maͤnner verarmen, da ſie ihr Vermogen durch⸗ gebracht. Ein Neffe derſelben trifft mit einem Abte zuſammen, kehrt in Verzweiflung nach Hauſe zuruͤck, findet aber, daß es die Tochter des Konigs von Eng⸗ land iſt, die ihn zum Gemahl genommen, und nachdem er ſeinen Vettern ihren Verluſt erſetzt hat, kommen ſie wieder in beſſere Umſtände. Reinhold's von Aſti Begebenheiten wurden von den Damen mit Verwunderung angehoͤrt, ſeine Froͤm⸗ migkeit ſehr gelobt, und Gott und dem heiligen Ju⸗ lianus Dank geſagt, daß ſie ihm in ſeiner groͤßten Noth Huͤlfe geleiſtet. Auch die Dame ward darum eben nicht fur eine Thoͤrin gehalten, ob man es gleich auch nur ſo halb und halb im Verborgenen ſagte, daß ſie ſich eines Gutes bemeiſtert haͤtte, was ihr zufalligerweiſe von Gott ware zugeſandt worden. und wäͤhrend ſie ſchmunzelnd uͤber die gute Nacht ſprachen, die jene gehabt haben mochte, merkte Pampinea, welche dicht neben Philoſtratus ſaß, daß, wie es ſeyn mußte, die Reihe an ihr ſtaͤnde; ſie 2 ſammelte ſich daher, uͤberdachte, was ſie ſagen ſollte, und fing, nach dem Befehl der Koͤnigin, nicht weni⸗ ger dreiſt als froͤhlich, alſo zu reden an: Brave Maͤdchen, je mehr man von Gluͤckszufaͤl⸗ ——— —— Dritte Novelle. 137 len ſpricht, je mehr vleibt einem Jeden, wenn er nur auf ſeine eigenen Schickſale zuruckblicken will, davon zu reden uͤbrig. Niemand darf ſich daher wun⸗ dern, wenn er es beſcheiden bedenkt, daß alles, was wir thoͤrichterweiſe Unſer nennen, doch nur in den Haͤnden des Gluͤckes liegt, und daher von ihm, nach ſeinem verborgenen Gutachten, ohne irgend einen Stillſtand, nach und nach bald von dieſem auf jenen, vald von jenem auf dieſen, ohne daß wir eine Ord⸗ nung darin wahrnehmen koͤnnten, zugeſpielt wird. Ov ſich nun dieſes gleich bei allen Dingen in der Welt, und an jedem Tage zeigt, und auch in eini⸗ gen Novellen vorher gezeigt worden iſt, ſo will ich dennoch, da es unſerer Koͤnigin ſo gefaͤllt, daß hier⸗ uͤber geſprochen werde, vielleicht auch nicht ohne Nuz⸗ zen der Zuhoͤrer, zu den ſchon erzaͤhlten Novellen auch meine noch hinzufuͤgen, die, wie ich denke, ge⸗ fallen ſoll. Es war in unſerer Stadt ein Cavalier, mit Na⸗ men Meſſer Theobald, der, wie Einige wollen, aus der Familie der Lamberti, Andere aber behaupten aus der Familie der Agolanti herſtammen ſoll*). Doch laſſen wir es dahin geſtellt ſeyn, aus welchem der beiden Häuſer er geweſen, ſo ſage ich nur bloß, daß *) Boccaccio ſcheint ſich hier nur, um ein froſtiges, und noch dazu unuͤberſetzbares Wortſpiel mit dem Namen anzubringen, läͤnger dabei aufzuhalten⸗ aus welcher von beiden genannten Familien der gute Theobald ei⸗ gentlich abſtamme⸗ 138 Zweiter Tag. er zu ſeiner Zeit einer der reichſten Cavaliere gewe⸗ ſen iſt, und drei Söhne hatte, von denen der erſte Lambert, der zweite Theobald, und der dritte Ago⸗ lante hieß. Alle ſchoͤne und einnehmende Juͤnglinge, obgleich der älteſte noch nicht das achtzehnte Jahr erreicht hatte, da Meſſer Theobald, als ein reicher Mann, mit Tode abging, und ihnen, als ſeinen rechtmaͤßigen Erben, ſein ganzes Vermögen, ſowohl liegendes als auch bewegliches, hinterließ. Als dieſe nun ſahen, daß ſie eben ſo reich an baarem Gelde, wie an Beſitzungen, wie auch uͤbri⸗ gens ohne alle andere Leitung geblieben waren, als der ihres eigenen Vergnuͤgens, ſo fingen ſie an, ohne Zügel und Ruͤckhalt zu verſchwenden; eine große Dienerſchaft, viele und ſchoͤne Pferde, Hunde, Voͤgel zu halten, große Geſellſchaften zu geben, zu ver⸗ ſchenken, und allerhand Waffenſpiele anzuſtellen; und zwar nicht bloß ſo, wie es Edelleuten zukommt, ſondern ſo, wie es ihnen nach ihrer jugendlichen Luſt zu thun ankam. Indeſſen trieben ſie ein ſolches Le⸗ ben nicht lange, als der ihnen vom Vater hinterlaſ⸗ ſene Schatz immer kleiner ward; und da ihre Ein⸗ kuͤnfte zu ihren angefangenen Ausgaben nicht mehr hinreichten, ſingen ſie an zu verkaufen, die Beſitzun⸗ gen zu verpfuaͤnden, und heute eine und morgen die andere zu veraußern, ſo daß ſie nicht eher gewahr wurden, ſie wurden bald auf Nichts herunter gekom⸗ men ſeyn, als bis ihnen die Armuth die Augen oͤffnete, welche der Reichthum verſchloſſen gehalten Dritte Novelle. 139 Daher rief Lambert die beiden andern eines Ta⸗ ges zu ſich, und ſagte ihnen, in welchem Anſehen ihr Vater geſtanden, und in welchem ſie, wie groß ſein Reichthum geweſen, und dagegen ihre Armuth ſey, in welche ſie durch ihr unordentliches Verſchwen⸗ den gerathen waͤren. Er rieth ihnen alſo, ſo gut er nur konnte, ſie moͤchten, ehe ihr volliges Elend be⸗ kannt wuͤrde, zugleich mit ihm das Wenige verkau⸗ fen, was ihnen noch übrig geblieben wäre, und dann ganz und gar fortgehen. Sie thaten es; und ohne weiteren Abſchied zu nehmen, oder irgend ein Auf⸗ ſehen zu machen, verließen ſie Florenz und ruhe⸗ ten nicht eher, als bis ſie nach England gekommen waren. In London warfen ſie alles zu Einer Kaſſe zu⸗ ſammen, machten ſehr geringen Aufwand, und fin⸗ gen an kuͤmmerlich auf Zinſen auszuleihen. Das Gluͤck war ihnen auch hierin ſo gunſtig, daß ſie in wenig Jahren eine große Summe Geld eruͤbrigt hat⸗ ten. Hiermit kehrten ſie nach und nach, Einer nach dem Andern, nach Florenz zuruͤck, kauften groͤßten⸗ theils ihre Beſitzungen wieder, wie auch außer die⸗ ſen noch viele andere, und nahmen Frauen. Indeſ⸗ ſen liehen ſie in England fortwaͤhrend aus, und hat⸗ ten zu dieſem Geſchäft einen jungen Menſchen, Na⸗ mens Alexander, hingeſchickt; ſie alle Drei aber ver⸗ gaßen in Florenz bald wieder, wohin ihr unuͤberleg⸗ tes Verſchwenden ſie ſchon einmal gebracht hatte, und verſchwendeten, ob ſie gleich Familie erhielten, übermäßiger als je, ſo daß man ſie allgemein für 140 Zweiter Tag. große Kaufleute und von außerordentlichem Vermoͤgen hielt. Die Koſten hierzu auszuhalten, half ihnen das Geld, was ihnen Alexander ſchickte, welcher ange⸗ fangen hatte, Baronen auf ihre Schloͤſſer und an⸗ dere ihre Einkuͤnfte zu leihen, und dieſes Unterneh⸗ men entſprach mit dem groͤßten Vortheile. Als nun die drei Bruͤder ſo reichlich verſchwen⸗ deten, und, wenn ihnen die Gelder fehlten, borgten, indem ſie ihre Hoffnung immer auf England hatten, geſchah es, daß gegen Jedermanns Meinung in England ein Krieg ausbrach zwiſchen dem Koͤnige und ſeinem Sohne; woruͤber ſich die ganze Inſel zertheilte, und dieſer es mit dem einen und jener mit dem andern hielt. Aus dieſem Grunde wurden alle Schloͤſſer der Barone dem Alexander genommen, und keine Rente blieb ihm, die ihm irgend in etwas entſprochen hätte. Indeſſen hoffte er von Tage zu Tage, daß zwiſchen Vater und Sohn wieder Frie⸗ den, und folglich auch ihm alles, ſowohl Capital als Zinſen, erſetzt werden wuͤrde; darum auch ver⸗ ließ Alexander die Inſel nicht, ſo wie die drei Bruͤ⸗ der, die in Florenz waren, ihre großen Ausgaben in nichts einſchraͤnkten, ſondern mit jedem Tage immer mehr borgten. Indeſſen, da ſie in mehreren Jahren keinen Er⸗ folg ihrer Hoffnung ſahen, verloren die drei Bruͤder nicht nur ihren Kredit, ſondern da auch diejenigen, die bezahlt ſeyn mußten, bezahlt ſeyn wollten, wur⸗ den ſie mit einem Male feſtgenommen. Ihre Beſiz⸗ zungen waren zur Bezahlung nicht hinreichend„ da⸗ Dritte Novelle. 141 her blieben ſie ſelbſt fuͤr den Reſt im Gefängniſſe, und ihre Frauen mit den kleinen Kindern gingen theils auf's Land, die eine hier⸗ die andere dahin, und in ſo armſeligen Umſtänden, daß ſie nicht wuß⸗ ten, was ſie anders zu erwarten haͤtten, als auf im⸗ mer ein elendes Leben. Alexander, der in England den Frieden mehrere Jahre erwartet hatte, beſchloß ebenfalls, da er ihn immer nicht erfolgen ſah, und fur ſein eignes Leben in Zweifel zu kommen ſchien, nach Italien zuruͤckzu⸗ kehren, und machte ſich ganz allein auf den Weg.⸗ Als er eben aus Bruͤgge ging, ſah er, daß eben ſo auch ein Abt, weiß gekleidet, von vielen Moͤnchen beglei⸗ tet, mit einer großen Dienerſchaft und vielem Ge⸗ paͤcke vorauf, herauskam; bald auf ihn folgten zwei alte Cavaliere und Anverwandte des Koͤnigs, zu wel⸗ chen ſich Alexander, da er ſie nicht kannte, geſellte, und auch gern in ihre Geſellſchaft wieder aufgenom⸗ men ward. Indem Alexander mit dieſen ging, fragte er ſie ganz ſanft, wer die Moͤnche waͤren, welche mit einer ſo großen Dienerſchaft voran ritten, und wo ſie hingingen. Worauf einer der Cavaliere antwortete: Der, der vorauf reitet, iſt ein junger Vetter von uns, der kuͤrzlich zum Abt einer der großten Abteyen in Eng⸗ rand erwahlt worden iſt; und weil er noch zu jung iſt, als es die Geſetze zu dieſer Wuͤrde verſtatten, ſo gehen wir mit ihm nach Rom, um es von dem heiligen Vater zu erhalten, daß er ihn wegen ſeines zu jungen Alters dispenſire, und ihn dann in der 142 Zweiter Tag. Wüͤrde beſtätige. Aber hieruͤber darf mit keinem Andern geſprochen werden. Als der Abt nun bald vor, bald neben ſeinen Dienerſchaft herritt, wie wir alle Tage ſehen, daß es die Herren auf der Reiſe machen, ſah er einmal ganz in ſeiner Naͤhe Alexandern, der jung und ſchoͤn von Angeſicht war, dabei, wie es nur einer ſeyn konnte, wohl geſittet, gefaͤllig und von artigem We⸗ ſen; er gefiel ihm gleich beim erſten Anblick ſo ganz außerordentlich, wie ihm nur je einer gefallen hatte, rief ihn daher zu ſich, und fing freundlich mit ihm zu reden an, fragte ihn, wer er waͤre, woher er käme und wohin er ginge. Alexander eroͤffnete ihm ganz frei ſeine ganze Lage, genuͤgte dem, was er gefragt, und erbot ſich zu jeder Dienſtleiſtung, ſo wenig auch nur in ſeinen Kräften ſtaͤnde. Da der Abt ſein ſchoͤnes und wohlgeordnetes Re⸗ den vernahm, und ſeine Sitten genauer betrachtete⸗ gedachte er ſo bei ſich ſelbſt, wie doch ſein Geſchaͤft nur ſklaviſch, und er ſo ein edler Menſch waͤre, und ward immer von groͤßerem Wohlgefallen uͤber ihn eingenommen, ſo daß er endlich, ganz mitleidig uͤber ſeine Ungluͤcksfalle geworden, ihm freundlich Troſt einſprach und zu ihm ſagte, er moͤchte guter Hoffnung ſeyn, Gott wuͤrde ihn, da er ein ſo braver Menſch waͤre, gewiß da wieder hinſetzen, von wo ihn das Gluͤck herabgeworfen haͤtte, und wohl gar noch hoͤher; dann bat er ihn, da er nach FToskana hin ginge, er moͤchte gefaͤlligſt in ſeiner Geſellſchaft — Dritte Novelle. bleiben, beſonders da er ebenfalls auch dahin gehen wollte. Alexander dankte ihm fuͤr ſeinen Troſt, und ſagte, daß er zu jedem ſeiner Befehle bereit waͤre. Da ſie nun ſo ihre Reiſe fortſetzten, und dem Abte immer was Neues uͤber Alexandern, mit dem er ſo zuſammengetroffen, in den Kopf kam, traf es ſich, daß ſie nach einigen Tagen in ein Dorf anlang⸗ ten, welches eben nicht mit den beſten Wirthshauſern 3 verſehen war; da aber der Abt hier uͤbernachten 3 wollte, ließ ihn Alerander in dem Hauſe eines Wiv⸗ thes abſteigen, der ein Bekannter von ihm war, und ihm an einem nicht ungelegenen Orte des Hauſes 6 ein Zimmer zubereiten; und da er gleichſam der Se⸗ neſchall des Abtes geworden war, ſo quartierte er, 3 3 als einer, der ſehr gut Beſcheid wußte, ſein ganzes uͤbriges Gefolge, ſo gut er nur konnte, in dem gan⸗ j zen Dorfe umher, den Einen hier den Andern dort, ein. Waͤhrend deſſen war es ziemlich in die Nacht hineingekommen, und Alles hatte ſich ſchon ſchlafen gelegt, da fragte Alexander den Wirth, wo er ſchla⸗ fen könnte. Wahrhaftig, das weiß ich nicht, antwortete der Wirth, Du ſiehſt, alles iſt voll, und kannſt ſelbſt mich ſehen, wie ich mit den Meinigen auf den Baͤn⸗ ken herum ſchlafen werde; indeſſen in der Kammer des Abtes ſind gewiſſe Speicher, da kann ich Dich hinfuͤhren und Dir noch ein Bett nachweiſen, gefällt es Dir, ſo lege Dich fuͤr dieſe Nacht dahin ſo gut Du kannſt. 144 Zweiter Tag. Nlerander ſagte ihm darauf: Wie kann ich in die Kammer des Abtes gehen, da Du weißt, wie klein ſie iſt und ſo eng, daß nicht einmal einer von ſeinen Moͤnchen hat dort ſchlafen koͤnnen? haͤtte ich das vorausgeſehen, als die Betten gemacht wurden, ſo hatte ich ſeine Moͤnche auf den Kornboden ſchla⸗ fen laſſen, und mich dahin gebracht, wo die Moͤnche ſchlafen. Pierauf ſagte der Wirth: Die Sache ſteht nun einmal ſo, und wenn Du willſt, kannſt Du es dort am allerbeſten haben. Der Abt ſchlaͤft, und wenn die Vorhaͤnge herunter ſind, will ich Dir ganz im Stillen ein kleines Federbettchen reichen, und dann ſchlaf geſund. Da Alerander ſah, daß das, ohne dem Abte die mindeſte Beſchwerde zu machen, geſchehen konnte, war er es zufrieden, und richtete ſich ſo ſtille wie möglich ein. Der Abt, der aber nicht ſchlief, viel⸗ mehr ſehr lebhaft an die Befriedigung ſeiner neuen Wünſche dachte, hoͤrte alles, was der Wirth und Alexander zuſammen ſprachen, und hatte auch eben ſo gemerkt, wo Alexander ſich niederlegte; deshalb fing er auch ſehr zufrieden bei ſich an: Gott hat die Zeit der Erfuͤllung meiner Wuͤnſche kommen laſſen, wenn ich ſie nicht ergreife, ſo kehrt ſie vielleicht auf ſolche Art in langer Zeit nicht wieder. Und daher entſchloſſen, ſie zu ergreifen, rief er, da er glanbte, daß im Wirthshauſe Alles ſtille waͤre, mit ganz lei⸗ ſer Stimme Rlexandern, und ſagte ihm, er moͤchte ſich bei ihm niederlegen; was denn derſelbe auch nach 8—* — Dritte Novelle. 145 vielem Widerſpruch endlich that. Der Abt legte ihm die Hand auf die Bruſt, und beruͤhrte ihn nicht an⸗ ders, als huͤbſche Maͤdchen es gegen ihre Liebhaber zu thun pflegen; Alexander war hieruͤber ſehr verwun⸗ dert, und gerieth in Zweifel, ob der Abt, etwa von einer unanſtändigen Liebe eingenommen, ihn auf dieſe Art betaſtete. Der Abt, der dieſen Zweifel entweder aus eigener Vermuthung oder durch etwas, was Alerander that, ſogleich merkte, laͤchelte, ſchob das Hemde, was er anhatte, fort, nahm Alexanders Hand und legte ſie ſich auf die Bruſt, indem er ſagte: Alexander, laß Deinen thoͤrichten Gedanken fahren, und wenn Du ſuchſt, wirſt Du hier das er⸗ kennen, was ich verberge. Alexander legte hierauf die Hand dem Abte auf die Bruſt, und fand zwei runde, feſte und zarte Waͤrzchen, nicht anders, als wenn ſie von Elfenbein geweſen wären. Nachdem er dieſe gefunden und nun daran erkannt hatte, daß er ein Maͤdchen waͤre, umarmte er ſie ſchnell, ohne noch eine andere Einladung zu erwarten, und wollte ſie nun kuͤſſen, als ſie zu ihm ſagte: Ehe Du Dich mir noch weiter näherſt, höre, was ich Dir ſagen will. Wie Du nun wiſſen kannſt, bin ich ein Maͤdchen, aber kein Mann, und bin als eine reine Jungfrau aus meinem Hauſe abgereiſt zum Papſt, damit er mich verheirathen ſollte. Zu Dei⸗ nem Gluͤck oder zu meinem Ungluͤck entbrannte ich⸗ da ich an jenem Tage Dich ſah, von ſolcher Liebe gegen Dich, daß kein Mädchen jemals einen Mann ſo geliebt hat, und darum habe ich beſchloſſen, Dich Boctaccio's ſammtl. W. 1. 10 — 146 Zweiter Tag. vor allen Andern zum Gemahl zu nehmen; willſt Du mich nicht zu Deiner Gattin, ſo entferne Dich ſogleich von hier, und geh an Deinen Ort zuruͤck. Obgleich Alerander ſie nicht kannte, ſo nahm er doch Ruͤckſicht auf die Begleitung, welche ſie um ſich hatte, und glaubte, ſie muͤßte eben ſo edel und reich ſeyn, als er geſehen hatte, daß ſie ſchoͤn war, deshalb antwortete er, ohne ſich lange zu beſinnen, daß, wenn es ihr gefiele, es ihm ſehr willkommen waͤre. Sie ſetzte ſich dann im Bette auf vor einem Tiſchchen, auf welchem das Bild unſers Herrn ſtand, ſteckte ihm einen Ring an den Finger, und vermählte ſich mit ihm; nachdem ſie ſich dann wieder umarmt hatten, brachten ſie, ſo viel von der Nacht noch uͤbrig war, zum groͤßten Wohlgefallen beider Theile, vergnuͤgt hin. Als ſie darauf ihrem Thun Maß und Ziel geſetzt hatten, ſtand Alexander, ſobald der Tag anbrach, auf, und ging auf eben die Art, auf welche er in die Kammer hineingekommen war, auch wieder hinaus, ohne daß irgend Einer erfahren haͤtte, wo er die Nacht geſchlafen. Den andern Tag aber machte er ſich, uͤber alle Maßen hoͤchlichſt erfreut, mit ſeiner Geſellſchaft wieder auf den Weg, und nach vielen Tagereiſen kamen ſie in Rom an. Nachdem ſie hier einige Tage ausgeruhet hatten⸗ ging der Abt mit den beiden Cavalieren und mit Alerander ohne weiteres zum Payſt, und da ſie ihm die ſchuldige Achtung vezeigt hatten, fing der Abt ſo an zu ſprechen: — — — it m Dritte Novelle. Heiliger Vater, da Ihr beſſer wie jeder Andere wiſſen muͤßt, daß ein Jeder, der gut und anſtaͤndig leben will, jede Gelegenheit, die ihn zum Gegentheil fuͤhren koͤnnte, fliehen muß, ſo viel er nur kann; damit ich, die ich ſehr wuͤnſche anſtaͤndig zu leben, dieß auch vollkommen erreichen moͤchte, bin ich in der Kleidung, in welcher Ihr mich ſeht, heimlich mit dem groͤßten Theil der Schaͤtze des Koͤnigs von Eng⸗ land, meines Vaters, entflohen, da er dem Koͤnige von Schottland, einem alten Herrn, mich, ſo jung wie Ihr mich hier ſeht, vermaͤhlen wollte, und habe mich, um hierher zu kommen, auf den Weg gemacht, damit Eure Heiligkeit mich vermaͤhlen moͤchte. Und nicht ſowohl das Alter des Koͤnigs von Schottland hat mich zur Flucht gebracht, als vielmehr die Furcht, aus S hwachheit meiner Jugend, wenn ich mit ihm verheirathet waͤre, etwas zu thun, was gegen die goͤttlichen Geſetze, und gegen die Ehre und das koͤnigliche Blut meines Vaters wäre. So ent⸗ ſchloſſen kam ich hierher; aber Gott, der allein am beſten weiß, was einem Jeden Noth thut, hat, wie ich glaube, nach ſeiner Barmherzigkeit, mir denjeni⸗ gen, der ihm gefiel, daß er mein Gemahl wurde, vor die Augen gefuͤhrt, und das war dieſer junge Mann, Chierbei zeigte ſie auf Alexander), welchen Ihr hier neben mir ſehet. Seine Sitten und ſein uͤbriger hoher Werth verdienen jedes vortreffliche Maͤdchen, wenn auch gleich der Adel ſeines Blutes vielleicht nicht ſo beruhmt iſt, als ein koͤnigliches. Ihn alſo habe ich genommen, ihn will ich, und Zweiter Tag. nimmermehr verlange ich je einen Andern, was auch mein Vater oder jeder Andere daruͤber denken mag. Da nun der Hauptgrund, weshalb ich mich auf den Weg gemacht, aus dem Wege geraͤumt iſt, ſo gefiel es mir doch, meinen Weg fortzuſetzen, theils um die heiligen und verehrungswuͤrdigen Hrter, wo⸗ mit dieſe Stadt angefullt iſt, und Eure Heiligkeit ſelbſt zu beſuchen; theils aber auch, damit ich durch Euch den zwiſchen Alexander und mir, nur allein in Gegenwart Gottes geſchloſſenen Ehecontract in Eu⸗ rem, und folglich auch aller andern Leute Beiſeyn öffentlich vekannt machen koͤnnte. Deßhalb bitte ich Euch demuͤthigſt, daß das, was Gott und mir gefiel, auch Euch angenehm ſeyn moͤchte, und daß Ihr dar⸗ uͤber Euren Segen ſprecht, damit wir mit dieſem unter deſto groͤßerer Gewißheit der Zufriedenheit des⸗ jenigen daruͤber, deſſen Stellvertreter Ihr ſeyd, zu⸗ gleich zu Gottes und Eurer Ehre leben und zuletzt ſterben koͤnnen. Alexander wunderte ſich, als er hoͤrte, ſeine Frau ſey eine Jochter des Koͤnigs von England, und war voll wunderſamer Freude daruͤber. Aber mehr noch verwunderten ſich die beiden Cavaliere, und kamen daruͤber ſo außer ſich, daß, wenn ſie anders⸗ wo als in des Papſtes Gegenwart geweſen wären, ſie Alexandern, und vielleicht auch wohl gar der Prinzeſſin einen Schimpf angethan haben wuͤrden. Auf der andern Seite wunderte ſich eben ſo auch der Papſt uͤber die Kleidung der Dame ſowohl, als auch uber ihre Wahl; aber da er einſah, daß ſie nicht Dritte Novelle. wieder zuruͤckkonnte, wollte er ihrer Bitte genügen. Zuerſt beruhigte er daher die Cavaliere, die er ſah, wie ſie außer ſich waren, und nachdem er den Frie⸗ den mit der Dame und Alexandern unter ihnen wie⸗ der hergeſtellt hatte, gab er Beſehl zu dem, was geſchehen ſollte. Sobald der von ihm anberaumte Tag gekommen war, und er alle Cardinale, und viele andere bedeutende Maͤnner zu dem großen von ihm angeſtellten Feſte hatte einladen laſſen, ließ er die Dame kommen, die, koͤniglich gekleidet, ſo ſchoͤn und freundlich erſchien, daß ſie mit Recht von Allen gelobt wurde, und eben ſo auch Alexandern, reich gekleidet und in einem Ausſehen und mit einem An⸗ ſtande, keineswegs eines jungen Mannes, der auf Zinſen ausgeliehen hatte, ſondern vielmehr mit einem koͤniglichen Anſtande, und unter den großten Ehren⸗ bezeigungen der beiden Cavaliere. Der Papſt ließ hierauf die Verlobung noch einmal feierlich vollzie⸗ hen, und beurlaubte ſie, nach der herrlichen Hoch⸗ zeit und den praͤchtigen Feſten, mit ſeinem Segen. Alexandern und ſeiner Gemahlin gefiel es, als ſie Rom verließen, uͤber Florenz zu gehen, wohin der Ruf dieſe Nachricht ſchon gebracht hatte. Da ſie von den Buͤrgern mit den hoͤchſten Ehrenbezeigun⸗ gen empfangen worden waren, ließ die Dame die drei Bruͤder wieder frei machen, nachdem ſie vorher einen Jeden bezahlt, und ſie und ihre Frauen in ihre Be⸗ ſitzungen wieder eingeſetzt hatte. Alerander reiſte hierauf unter den Segenswuͤn⸗ ſchen Aller, Agolante mit ſich fuͤhrend, von Florenz 150 Zweiter Tag. ab, und ward, als er nach Paris kam, vom Koͤnige mit allen Ehren empfangen. Von hier gingen dann die beiden Cavaliere nach England ab, und bewirk⸗ ten bei dem Koͤnige ſo viel, daß er ihr ſeine Gunſt wieder ſchenkte, und ſie und ſeinen Schwiegerſohn mit großen Feierlichkeiten empfing, den er bald dar⸗ auf mit großen Ehren zum Ritter machte, und ihm die Grafſchaft Cornwallis zum Geſchenke gab. Er war es alsdann im Stande, und wußte es da⸗ hin zu bringen, daß er den Sohn mit dem Vater verſoͤhnte, woraus der Inſel ein großes Gluͤck er⸗ wuchs, und er ſich die Gunſt und die Liebe Aller er⸗ warb. Auch Agolante erhielt alles wieder, was man ihm ſchuldig war, und kehrte uͤber die Maßen reich nach Florenz zuruͤck, nachdem ihn Alexander vorher zum Cavalier gemacht hatte. Der Graf lebte hier⸗ auf mit ſeiner Gemahlin im groͤßten Ruhme, und, wie Einige ſagen wollen, eroberte er durch ſeinen Verſtand und ſeinen Muth, auch mit Huͤlfe ſeines Schwiegervaters, nachher Schottland, und ward zum König daruber gekroͤnt. Vierte Novelle. Landolf Ruffolo verarmt, wird ein Cörſar, und von den Genueſen gefangen, ſtuͤrzt er in's Meer; entkommt aber auf einem Kaͤſichen, voll der theuerſten Edelſteine⸗ und wird in Corfu von einer Frau aufgenommen, worauf er dann reich nach ſeinem Wohnorte zuruͤckkehrt. Neben Pampinea ſaß Lauretta, welche, da ſie merkte, daß jene mit ihrer Novelle zu einem ruͤhm⸗ —— Vierte Novelle. 151 lichen Ende gekommen war, ohne noch länger zu warten, auf ſolche Art zu reden anfing: Reizende Maͤdchen, meiner Meinung nach kann man keinen groͤßeren Gluͤcksfall ſehen, als wenn Je⸗ mand aus dem tiefſten Elende in einen koͤniglichen Stand verſetzt wird, wie uns Pampinea's Novelle gezeigt hat, daß es mit ihrem Alexander geſchehen iſt. Und weil ein Jeder, welcher dem aufgegebenen Stoff gemaͤß erzahlen will, in dieſen Graͤnzen blei⸗ ben muß, ſo ſtehe ich nicht an, eine Novelle zu er⸗ zählen, welche, wenn ſie auch gleich das groͤßte Elend enthaͤlt, dennoch einen ſehr glaͤnzenden Erfolg haben wird. Ich weiß ſehr wohl, daß, wenn man auf dieſen nur Ruͤckſicht nehmen will, meine Erzäh⸗ lung mit weit weniger Aufmerkſamkeit wird angeh rt werden; aber da ich nicht anders kann, glaube ich hinlaͤnglich entſchuldigt zu ſeyn. Mon haͤlt die Seekuͤſte von Reggio bis Caeta fuͤr die angenehmſte Gegend von Italien, auf wel⸗ cher in der Naͤhe von Salerno eine Spitze uͤber das Meer hinausſieht, von den Bewohnern die Spitze von Amalfi genannt, und welche, wie nur irgend eine andere, voller Staͤdte, Gaͤrten, Quellen, rei⸗ cher und in Handlungsgeſchaͤften ſehr ruhriger Leute iſt. Uunter den gedachten Staͤdten iſt eine, Ravello genannt, in welcher, obgleich heute noch viel reiche Leute darin wohnen, einſt ein uͤberausreicher Mann, Namens Landolf Ruffolo, war. Da ihm ſein Reich⸗ thum immer noch nicht genug war, und er ihn im⸗ mer zu verdoppeln begehrte, ſo lief er beinahe Ge⸗ 15² Zweiter Tag. fahr, ſich ſelbſt mit ſeinem ganzen Reichthum zu Grunde zu richten. Denn nachdem er, wie es bei Kaufleuten gebraͤuchlich iſt, ſeine Einrichtungen ge⸗ troffen hatte, ſchaffte er ein großes Schiff an, be⸗ lud es gaͤnzlich mit Wagren aus ſeinem baaren Ver⸗ moͤgen, und ging damit nach Cyprus. Hier aber fand er, daß viele andere Schiffe, welche eben die⸗ ſelben Wa⸗ gebracht hatten, angekommen waren; deßhalb mußte er alles, wa. gebracht hatte, nicht allein ſehr wohlſeil verkar fen, ſondern vielmehr, wenn er ſeine Waarer abſeten wollte, ſie wegwer⸗ fen; daher ſtand er in Gefahr, einen ſehr großen Verluſt zu machen. Indem er hieruͤber bei ſich ſehr bekuͤmmert ward, da er nicht wußte, was er machen ſollte, weil er ſah, daß er von einem reichen Manne in kurzer Zeit ein armer Mann werden wurde, ſo vachte er entweder zu ſterben, oder durch Rauben den Schaden zu erſetzen damit er dahin, von wo er reich abgereiſt, nicht arm wieder zuruͤckkehrte. Nachdem er einen Kaͤufer zu ſeinem großen Schiffe gefunden hatte, kaufte er mit dieſem Gelde und dem andern, was er aus ſeinen Waaren geloͤſt hatte, ein leichtes Raubſchiff, verſah es mit allem zu ſolchem Zwecke Noͤthigen, und ruͤſtete es auf's Beſte aus; dann fing er an, alles fremde Gut, und beſonders, was den Tuͤrken gehoͤrte, zu dem ſeinigen zu machen. Hierzu war ihm das Gluͤck gunſtiger, als es ihm zu ſeinem Handel geweſen war. Er raubte ungefaͤhr ein Jahr und hatte ſo viel tuͤrkiſche Schiffe gekapert, daß er nicht allein das i 5 Vierte Novelle. Seinige, was er beim Handel verloren, wieder erhal⸗ ten zu haben glaubte, ſondern daß er es bei weitem verdoppelt hatte. Belehrt durch den erſten Schmerz uͤber ſeinen Verluſt, ſah er ein, daß er jetzt genug haͤtte, um nicht in einen zweiten zu verfallen, und dachte bei ſich ſelbſt, das, was er haͤtte, ſolle ihm genügen, ohne noch mehr haben zu wollen und deß⸗ halb beſchloß er damit nach Hauſe zarückzukehren. Furchtſam geworden endel, ließ er ſich auch wei⸗ ter gar nicht daran ſein Geld auf eine andere Art wieder anzu! er ſtieß mit demſelben Schiffe, mit hem er das Geld gewonnen hatte, in See, un rrat die Ruͤckkehr an. Schon war er in den Archipelagus gekommen, als ſich Abends ein Suͤdoſtwind erhob, der nicht allein ſeiner Reiſe ganz entgegen war, ſondern auch das Meer ſehr hoch trieb, was ſein kleines Schiff⸗ chen nicht gut haͤtte ertragen koͤnnen, und er ſich daher in einen Meerbuſen, den eine kleine Inſel bil⸗ dete, gegen dieſen Wind zuruͤckzog, in der Abſicht, hier beſſeres Wetter abzuwarten. Er hatte in die⸗ ſem Buſen noch nicht lange gelegen, als auch zwei genueſiſche Brigantinen, die von Conſtantinopel ka⸗ men, mit Muͤhe hier eintrafen, um dem zu entflie⸗ hen, dem Landolfo ebenfalls entflohen war. Das Schiffsvolk, nachdem es das Schiffchen erblickt, ihm den Weg, wieder abzufahren, verſchloſſen, und er⸗ fahren hatte, wem es gehoͤrte, auch ſchon durch den Ruf wußte, daß dieſer ſehr reich ſey, be⸗ ſchloß, als Menſchen, die von Natur nach Geld 154 Zweiter Tag. begierig und raubſuͤchtig ſind, auch dieß noch haben zu wollen. Sie ſetzten daher einen Theil ihrer Leute mit Schießgewehren, und auch uͤbrigens gut bewaffnet, an's Land, und ließen ſie ſo ſich ſtellen, daß Keiner von dem Schiffchen heruntergehen konnte, wenn er von ihnen nicht wollte getroffen ſeyn; nachdem ſie ſich alsdann in einem kleinen Nachen, mit Huͤlfe des Meeres, hatten forttreiben laſſen, naͤherten ſie ſich Landolf's kleinem Schiffchen, und hatten es mit geringer Muͤhe und in kurzer Zeit, mit der ganzen Mannſchaft, ohne daß ſie einen Mann dabei verlo⸗ ren, in ihrer Gewalt. Hierauf ließen ſie Landolf auf eine ihrer Brigantinen bringen, nahmen Alles von ſeinem Schiffchen herunter, bohrten es in den Grund, und vehielten ihn in einem armſeligen Jaͤck⸗ chen zuruͤck. Den folgenden Tag änderte ſich der Windz die Brigantinen ſegelten nach Weſten zu, und legten ihre Fahrt den ganzen Tag uͤber gluͤcklich zuruͤck; aber gegen Abend erhob ſich ein ftuͤrmiſcher Wind, der die See ſehr hoch trieb, ſo daß die beiden Brigantinen von einander getrennt wurden. Durch die Gewalt dieſes Windes geſchah es, daß die, auf welcher der arme, ungluͤckliche Landolf war, mit größter Wuth gegen eine Sandbank auf der Inſel Cephalonien ge⸗ worfen ward, und nicht anders, als wie ein Glas, das gegen eine Mauer geworfen wird, borſt und zer ſchellte. Die armen Ungluͤcklichen, die darauf waren, ſuchten, da das Meer ſchon ganz voll war Vierte Novelle. von herumſchwimmenden Waaren, von Kaſten, von Brettern, und ob es gleich die finſterſte Nacht war, und das Meer ſehr hoch ging, und immer noch mehr anſchwoll, dennoch, wer ſchwimmen konnte, zu ſchwim⸗ men, und ſich an alles anzuklammern, was ſich gluͤcklicher Weiſe nur vor ihnen zeigte. Unter dieſen befand ſich auch der elende Landolf, der, ob er gleich den Tag vorher ſehr oft den Tod gerufen hatte, in⸗ dem er bei ſich lieber den waͤhlte, als nach Hauſe arm, wie er war, zuruͤckkehren zu wollen, ſich doch davor furchtete, da er ihn in der Naͤhe ſah, und lieber, gerade ſo wie die Andern, ſich an ein Brett, was ihm in die Hände kam, anklammerte, ob doch vielleicht wohl Gott, der ihn zu erſaͤufen zögerte, ihm zu ſeiner Rettung eine Huͤlfe ſendete. Er ritt daher auf demſelben, ſo gut er nur konnte, und hielt ſich, obgleich er vom Meere und vom Winde bald hierhin bald dorthin gettieben ward, darauf bis an den hellen Tag. Als er dieſen erblickte, ſchäute er rings um ſich herum, ſah aber nichts anders, als Wolken, Meer und ein Kaͤſtchen, welches auf dem Meere herumſchwamm, und ihm oftmals zu ſeiner großen Furcht ſo nahe kam, daß er fuͤrchtete, dieß Kaͤſtchen moͤchte ſo an ihn heranprellen, daß es ihn erſaͤufte; ſo oft es ſich ihm daher naͤherte, ſuchte er es mit der Hand, ſo viel er nur konnte, ob er gleich nur noch wenige Kraͤfte hatte, immer von ſich zu entfernen. Aber, ob ihm das gleich immer noch gelungen war, ſo ereignete es ſich doch, daß ſich plotzlich in der Luft ein Wirbelwind erhob, guf das Zweiter Tag. Meer ſtieß, und ſo arg auf das Kaͤſtchen ſtuͤrmte, und dieſes wieder gegen das Brett, auf welchem Lan⸗ dolf ſaß, daß dieſes mit Gewalt umſtuͤrzte, Landolf unter die Wellen kam, und als er, mehr von der Furcht als von ſeiner eigenen Kraft unterſtuͤtzt, wie⸗ der herauftauchte, das Brett weit von ſich entfernt ſah; weil er daher fuͤrchtete, er wuͤrde zu demſelben nicht wieder hinkommen, ſo naͤherte er ſich dem Kaͤſtchen, was ihm ſehr nahe gekommen war, legte ſich mit der Bruſt auf den Deckel deſſelben, und hielt es mit den Armen immer ſo gerade, wie er nur konnte. Auf dieſe Art vom Meere bald hierhin bald dahin geworfen, blieb er, ohne was zu eſſen, da er nichts hatte, dagegen aber mehr zu trinken als er wollte, und ohne zu wiſſen, wo er wäre, noch irgend was anders zu erblicken uls das Meer, dieſen gan⸗ zen Tag und die kommende Nacht. Am folgenden Tage, entweder war es Gottes Wille, oder machte es die Gewalt des Windes, kam er, da er wie ein Schwamm geworden, und immer noch mit beiden Haͤnden die Raͤnder des Kaͤſtchens feſthielt, wie wir ſehen, daß derjenige thut, der, in Gefahr zu ertrinken, nach dem Erſten dem Beſten greift, an das ufer der Inſel Gurfo, wo zum Gluͤck eine arme Fran ihr Kuͤchengeraͤth mit Sand und Seewaſ⸗ ſer wuſch und putzte. Da dieſe ihn ankommen ſah, und an ihm gar keine Geſtalt erkennen konnte, erſchrak ſie und lief ſchreiend zuruͤck. Er konnte nicht ſpre⸗ chen, ſah wenig oder nichts und ſagte daher kein Wort. Indeſſen da ihn das Meer doch an's Land — e e+ e e——— — 2— — e — ur d iſ⸗ nd ak re⸗ in nd Vierte Novelle. brachte, erkannte ſie die Geſtalt des Kaͤſtchens, und als ſie noch genauer hinſah, erkannte ſie zuerſt die uͤber das Kaͤſtchen ausgebreiteten Arme, dann er⸗ kannte ſie naͤher das Geſicht, und dachte nun wohl, daß es das waͤre, was er wirklich war. Vom Mit⸗ leid daher getrieben, watete ſie ein wenig in's Meer hinein, was nun ſchon ruhiger geworden war, er⸗ griff ihn bei den Haaren, und zog ihn ſammt dem Kaͤſtchen auf's Land. Nachdem ſie ihm hier die Haͤnde von dem Kaͤſtchen losgemacht, und dieſes einem kleinen Maͤdchen, was bei ihr war, auf den Kopf gegeben hatte, trug ſie ihn, wie ein kleines Kind, an's Land, und da ſie ihn in eine Stube ge⸗ bracht, rieb ſie und wuſch ſie ihn mit warmem Waſ⸗ ſer ſo lange, bis die entflohene Waͤrme und die ver⸗ lornen Kraͤfte bei ihm wieder zuruͤckkehrten. Sobald es ihr weiter Zeit zu ſeyn ſchien, hoͤrte ſie mit Rei⸗ ben und Waſchen auf, und ſtaͤrkte ihn mit ein we⸗ nig gutem Wein und Gebackenem; dann pflegte ſie ihn noch einige Tage, ſo gut ſie nur konnte, bis er alle ſeine Kraͤfte wieder erlangt hatte, und ſich be⸗ wußt ward, wo er waͤre. Nun glaubte die gute Frau, ſie mßte ihm ſein Kaͤſtchen wiedergeben, was ſie ihm gerettet hatte; ſie that es, und ſagte ihm dann, daß er ſein Gluͤck nun weiter verſuchen ſollte. Jener erinnerte ſich des Kaͤſtchens gar nicht mehr, indeſſen nahm er es doch an, da die gute Frau es ihm uͤberreichte, in der Meinung, es könne doch wohl nicht ſo wenigen Werth haben, daß es ihm nicht ein⸗ 158 Zweiter Tag. ſtens Unterhalt gewähren ſollte; allein, da er es ſehr leicht fand, ſank ſeine Hoffnung gar ſehr; in⸗ zwiſchen, als die gute Frau einmal nicht zu Hauſe war, brach er es auf, um zu ſehen, was darin waͤre, und er fand darin viele koſtbare Steine, gefaßte und ungefaßte; weil er ſich nun hierauf ſo etwas ver⸗ ſtand, erkannte er, ſobald er ſie nur ſah, daß ſie von großem Werthe wären; er lobte daher Gott, der ihn doch immer noch nicht habe verlaſſen wollen, und gab ſich gans zufrieden. Da er aber in kurzer Zeit ſo wuͤthend von dem Glücke zwei Mal war umhergeſchleudert worden, ſo furchtete er ſich vor dem dritten Male, und dachte, es wäre wohl ſeine Pflicht, mehr Vorſicht anzuwen⸗ den, um dieſe Sachen gluͤcklich bei ſich nach Hauſe zu bringen. Er wickelte ſie daher, ſo gut er konnte, in einige Lumpen ein, ſagte der guten Frau, daß er des Käſtchens nicht mehr beduͤrfte, ſondern ſie moͤchte ſo gut ſeyn, ihm einen Sack geben, und dies dafuͤr behalten; was denn auch die gute Frau gern that. Nachdem er ihr alsdann fuͤr die von ihr em⸗ pfangene Wohlthat dep groͤßten Dauk geſagt hatte, ſchlug er ſeinen Sach um den Hals, nahm von ihr Abſchied, und beſtieg eine Barke, auf welcher er nach Brindiſi kam; von hier ging er dann immer am Meere entlang, vis nach Trani, woſelbſt er ei⸗ nige ſeiner Mitbuͤrger fand, welches Zeughaͤndler wa⸗ ren; dieſe kleideten ihn fuͤr einen Gottes⸗Lohn, da er ihnen alle ſeine Zufalle, außer den mit dem Kaͤſt⸗ chen, erzaͤhlt hatte, und nachdem ſie ihm ein Pferd ſe e⸗ d ie tte, mer ei⸗ wa⸗ „da daͤſt⸗ ferd Fuͤnfte Novelle. geborgt, und Geſellſchaft bis nach Rovello mitgege⸗ ben hatten, wohin er zuruͤckkehren zu wollen ſagte, ſchickten ſie ihn fort. Da er nun daſelbſt ſicher zu ſeyn glaubte, dankte er Gott, daß er ihn bis hierher gefuͤhrt haͤtte, und oͤffnete ſein Saͤckchen. Sorgfaͤltiger, als er es vor⸗ her gethan, durchſuchte er alles, und fand, daß er ſo viel und ſolche Steine haͤtte, daß, wenn er ſie fuͤr ei⸗ nen gehoͤrigen Preis, und auch allenfalls noch darun⸗ ter, verkaufte, er doppelt ſo reich waͤre, wie damals, als er abgereiſ't war. Er fand auch bald Gelegen⸗ heit, ſeine Steine abzuſetzen, und ſchickte ſogleich eine anſehnliche Summe Geld nach Gurfo, um die gute Frau dafuͤr, daß ſie ihn aus dem Meere herausgezo⸗ gen hatte, zu belohnen; eben das that er auch nach Trani, an diejenigen, die ihn gekleidet hatten; den Reſt behielt er mit dem Vorſatze, nie wieder Handel zu treiben, und ſo lebte er anſtaͤndig bis an ſein Ende. Fuͤnfte Novelle. Andreas von Perugia geht nach Neapel, um Pferde zu kau⸗ fen, in der Nacht beſteht er drei Abentheuer, entkommt aber allen gluͤcklich, und kehrt mit einem Rubin nach Hauſe zuruͤck. Die von Landolf gefundenen Steine, fing Fiam⸗ metta an, an welcher das Erzaͤhlen ſtand, bringen mir eine Novelle in's Gedaͤchtniß zuruͤck, die nicht weniger Gefahren enthaͤlt, als die von Lauretta er⸗ zahlte; aber doch in ſo fern von ihr unterſchieden, indem jene innerhalb mehrerer Jahre, dieſe aber in 16⁰ Zweiter Tag. einer einzigen Nacht ſich zutrugen, wie Ihr hoͤren werdet. Wie ich gehört habe, war in Perugia ein jun⸗ ger Mann, Namens Andreas von Perugia, ein Roß⸗ täuſcher, dieſer erfuhr, daß in Neapel ein guter Pferdemarkt wäre; er ſteckte daher 500 Goldguͤlden in den Beutel, ging mit andern Kaufleuten zuſam⸗ men, da er noch nie aus dem Hauſe geweſen war, dahin, und kam eines Sonntags Abends, gegen die Vesper, daſelbſt an. Von ſeinem Wirthe unterrichtet, ging er den andern Morgen auf den Markt, beſah da⸗ ſelbſt viel Pferde, es gefielen ihm auch mehrere, nüd er handelte bald um dies, bald um das, konnte aber uber kein einziges einig werden; indeſſen, um doch zu zeigen, daß er des Kaufens wegen hier wäre, zog er, als ein Unerfahrner und wenig Vorſichtiger, mehrmals in Gegenwart eines Jeden, der ging und kam, ſeinen Beutel mit den Goldſtuͤcken heraus, den er bei ſich hatte. Als er bei ſo einer Unterhandlung auch ein Mal ſeinen Beutel gezeigt hatte, ereignete es ſich, daß eine junge, ſehr ſchoͤne Sicilianerin, die aber fuͤr geringen Preis einem Jeden zu Gefallen lebte, vor⸗ beiging, ohne daß er ſie ſah, und die ſeinen Geldbeu⸗ tel erblickte. Sogleich ſagte ſie bei ſich ſelbſt: Wer wäre beſſer daran als ich, wenn dieſes Geld mein wäre! und ging dann weiter. Bei dieſem jungen Mäadchen vefand ſich noch eine Alte, ebenfalls eine Sicilianerin, welche, ſobald ſie den Andreas ſah, das junge Madchen weiter gehen ließ⸗ und hinlief⸗ — S S—*N* r d — P ß r er en ne h, Fuͤnfte Novelle. ihn zartlich zu umarmen. Sobald das junge Mäd⸗ chen dies ſah, blieb ſie ein wenig ſtehen und erwar⸗ tete die Alte. Andreas wandte ſich zu der Alten um, und da er ſie erkannt hatte, that er ſehr erfreut daruͤber, und verſprach ihr, ſie in ihrer Wohnung zu beſu⸗ chen; ſie ging darauf, ohne ſich noch bei vielen Re⸗ den aufzuhalten, fort, und Andreas kehrte zu ſeinem Handel zuchck, kaufte aber dieſen Morgen nichts. Das Maädchen, welches zuerſt Andreas Geldbeu⸗ tel, dann aber auch die Vertraulichkeit ihrer Alten mit ihm geſehen hatte, fing, um zu verſuchen, ob ſie nicht irgend ein Mittel finden koͤnnte, wie ſie zu dem Gelde, ganz oder wenigſtens zum Theil, kom⸗ men moͤchte, ganz vorſichtig zu fragen an, wer das waͤre, wo er her waͤre, was er hier machte, und ob ſie ihn kennte. SJene ſagte ihr uͤber Andreas umſtaͤndlich alles, ſo, als wenn er es ihr mit kurzen Worten ſelbſt ge⸗ ſagt haͤtte, daß er lange Zeit bei ihrem Vater in Sicilien, und dann in Merugia ſich aufgehalten haͤtte; ferner erzaͤhlte ſie ihr auch, wo er logierte, und weshalb er hergekommen waͤre. Sobald das Maͤdchen vollkommen von ſeiner Verwandtſchaft und ſeinem Namen unterrichtet war, gruͤndete ſie darauf ihre Abſicht, ihrer Begierde durch eine feine Bosheit zu genuͤgen, und ſchickte daher die Alte den ganzen Tag uͤber in Geſchaͤften aus, damit ſie zum Andreas nicht wieder hinkommen koͤnnte. Hierauf nahm ſie ihr Maͤdchen, was ſie ſelbſt zu Voccaccio's ſämmtl. W. 1. 11 162 Zweiter Tag. dergleichen Dienſten abgerichtet hatte, und ſchickte es gegen Abend nach dem Wirthöshauſe hin, in welchem Andreas logierte. Als dieſe dorthin gekommen war, traf ſie zufälligerweiſe den Andreas ganz allein an der Thuͤre, und erkundigte ſich bei ihm nach ihm ſelbſt. Er antwortete ihr, daß er es ſelbſt waͤre, wor⸗ auf ihn das Maͤdchen bei Seite zog, und zu ihm ſagte: 5 Mein Herr, ein artiges Maͤdchen von hier wuͤnſchte wohl, wenn es Fhnen gefaͤllig wäre, Sie zu ſprechen. Sobald er dieſe Worte gehoͤrt, war er nur ein⸗ zig auf dieſelben bedacht, und da es ihm ſchien, als wäre es ein recht huͤbſches Dienſtmädchen, ſo war er der Meinung, jene Dame muͤßte wohl in ihn verliebt ſeyn, gleich, als wenn ſich kein junger Menſch in Neapel faͤnde, der ſchoͤner waͤre, als er, und er ant⸗ wortete daher ſchnell, daß er bereit dazu waͤre, und fragte ſie nur noch, wo und wann ihn dieſe Dame ſprechen wollte. Das Maͤdchen antwortete hierauf: Mein Herr, wenn Sie jetzt gleich kommen wollen; ſie erwartet Sie in ihrem Hauſe. Andreas, ohne irgend etwas im Wirthshanſe weiter zu ſagen, erwiederte ſchnell: Nun, ſo geh' nur voran, ich folge Dir. Das Maͤdchen fuͤhrte ihn nach dem Hanſe jener, welche in einer Gegend wohnte, die Schandloch hieß; was das für eine anſtändige Gegend war, er bt in nt⸗ nd me rr, tet uſe eh ner, och Fuͤnfte Novelle. zeigt der Name ſelbſt ſchon. Er aber, der hiervon nichts wußte noch ahnete, vielmehr glaubte, an einen ſehr anſtaͤndigen Ort hinzugehen, und zu einem lie⸗ ben Maͤdchen, trat, da das Maͤdchen voranging, ganz unbefangen in ihr Haus ein und ſtieg die Treppe hin⸗ auf, und da das Maͤdchen ſchon ihre Herrſchaft ge⸗ rufen und ihr geſagt hatte: ſehen Sie, da iſt An⸗ dreas, ſo ſah er ſie oben an der Treppe ſtehen und ihn erwarten. Sie war noch ſehr jung, groß von Perſon und ſchoͤn von Angeſicht, dabei ſehr anſtän⸗ dig gekleidet und geputzt. Als Andreas ihr näher gekommen war, ging ſie wohl an drei Stufen mit offenen Armen ihm entgegen, ſchlang ſich ihm um den Hals, und ſtand, ohne ein Wort zu ſprechen, ſo, als wenn uͤbergroße Zaͤrtlichkeit ſie daran verhin⸗ derte, dann kuͤßte ſie weinend ihm die Stirn, und ſagte mit etwas unterbrochener Stimme: Liebes Andreschen, willkommen! Er, verwundert uͤber ſolche zaͤrtliche Schmeiche⸗ leien, antwortete ganz erſtaunt: Mamſell, ich freue mich, Sie kennen zu lernen! Sie nahm ihn dann bei der Hand, fuͤhrte ihn hinauf in den Saal, und von da, ohne weiter noch ein Wort mit ihm zu reden, trat ſie in ihr Zimmer hinein, welches durch und durch von Roſen, Oran⸗ genbluͤthen und andern Wohlgeruͤchen duftete. Hier erblickte er ein ſchoͤnes Bette mit Vorhaͤngen, und an den Riegeln umher, wie es da Sitte war, viele Kleider und andere ſehr ſchoͤne und reiche Gerathſchaf⸗ ten. Daher glaubte er, ſo ein Neuling, als er wat, 164 Zweiter Tag. ganz gewiß, ſie koͤnne nichts anders, als eine vor⸗ nehme Dame ſeyn; und als ſie ſich mit einander auf ein Kaͤſtchen, was zu Fuͤßen des Bettes ſtand, niedergeſetzt hatten, fing ſie folgendergeſtalt mit ihm zu reden an: Andreas, ich bin feſt uͤberzeugt, Du wunderſt Dich uͤber die Liebkoſungen, mit welchen ich Dich empfangen habe, ſo wie uͤber meine Thraͤnen, da Du mich gar nicht kennſt, und vielleicht Dich auch gar nicht erinnern kannſt, je etwas von mir gehoͤrt zu haben; aber Du ſollſt bald Dinge hoͤren, woruͤber Du noch weit mehr erſtaunen wirſt, namlich, daß ich Deine Schweſter bin. Ich ſage Dir alſo, nach⸗ dem mir Gott eine ſolche Gnade erwieſen hat, daß ich vor meinem Ende noch einen meiner Bruͤder ge⸗ ſehen habe(ob ich gleich herzlich wuͤnſche, ſie glle zu ſehen), will ich gern in dieſem Augenblicke ſterben, denn ich ſtuͤrbe zufrieden. Und wenn Du etwa hier⸗ von noch nie etwas gehoͤrt haſt, ſo will ich es Dir jetzt erzählen. Mein und Dein Vater, Pedro, hat, wie ich glaube, daß Du wiſſen wirſt, lange Zeit in Palermo gewohnt, und war daſelbſt wegen ſeiner Herzensguͤte und Annehmlichkeit, und iſt auch noch jetzt, von allen die ihn kannten, ſehr geliebt. Aber von allen, die ihn liebten, war meine Mutter, die eine ehrliche Frau, und damals Wittwe war, dieje⸗ nige, die ihn am meiſten liebte, ſo, daß ſie trotz der Furcht vor ihrem Vater, trot ihrer Bruͤder und ihrer Ehre, ſo vertraut mit ihm war, daß ich ge⸗ voren ward, und ſo geworden bin, wie Du mich hier Fänfte Novelle. 165 ſiehſt. Plötzlich reiſte Pedro, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, von Palermo ab, kehrte nach Pe⸗ rugia zuruͤck, und ließ mich, als ein ganz kleines Maädchen, mit meiner Mutter zuruͤck, ohne jemäls, wie ich nicht anders weiß, ſich weder meiner, noch ihrer zu erinnern. Hieruͤber nun wuͤrde ich ihm, waͤre er nicht mein Vater, ſehr bittere Vorwuͤrfe machen, wenn ich die Undankbarkeit bedenke, welche er gegen meine Mutter bewies(gar nicht zu gedenken der Liebe, die er doch fuͤr mich, ſeine Fochter, nicht von einem Dienſtmaͤdchen oder gemeinem Weibe ge⸗ boren, wohl hatte hegen ſollen), die ihm all' ihr Gluͤck und ſich ſelbſt, ohne weiter einmal zu wiſſen, wer er waͤre, nur von der treueſten Liebe aufgeregt, in ſeine Haͤnde gab. Doch, wozu dies? Schlechte, aber laͤngſt vergangene Geſchichten ſind leichter zu tadeln als zu verbeſſern. Er ließ mich als ein klei⸗ nes Maͤdchen in Palermo zuruͤck, wo ich, wie Du ſiehſt, ſo herangewachſen bin, daß mich meine Mut⸗ ter, die eine reiche Frau war, mit einem Girgenti⸗ ner verheirathete, der ein braver und wohlhabender Mann war, und aus Liebe zu meiner Mutter und mir, ſich in Palermo niederließ. Hier fing er, als ein eifriger Welfe, an, mit unſerem Koͤnige Karl in Verbindungen ſich einzulaſſen, die aber, nicht ſobald vom Koͤnig Friedrich in Erfahrung gebracht, als ſie hatten ausgefuͤhrt werden koͤnnen, der Grund wupden, daß wir aus Sicilien fliehen mußten, gerade da, als ich dachte, eine der vornehmſten Damen zu werden, die jemals auf dieſer Inſel gelebt haben. Daher ————— 3 165 Zweiter Tag. nahmen wir das Wenige, was wir nur nehmen konn⸗ ten, zuſammen(ich ſage Weniges, in Hinſicht des Vielen, was wir hatten), ließen unſere Laͤndereien und Schloͤſſer zuruͤck, und flohen in dieſes Land, wo wir den Koͤnig Karl gegen uns ſo dankbar fanden, daß er uns den Verluſt, den wir ſeinetwegen erlitten hatten, zum Theil durch die Beſitzungen und Haͤu⸗ ſer erſetzt hat, die er uns geſchenkt, und noch fort⸗ waͤhrend meinem Manne, der Dein Schwager iſt, eine gute Beſoldung giebt, ſo wie Du es allerdings ſehen kannſt; und auf dieſe Art lebe ich jetzt hier, wo ich, mit Gottes Huͤlfe, aber ohne Dein Zuthun, Dich, lieber Bruder, ſehe. Nachdem ſie ſo geſprochen, umarmte ſie ihn von neuem, und kuͤßte, unter vielen Thränen, ihm zärt⸗ lich wieder die Stirn. Andreas, der dieſe Fabel ſo ordentlich und ſo zuſammenhaͤngend von ihr erzaͤhlen gehoͤrt hatte, wel⸗ cher auch bei keiner Stelle nur irgend ein Wort zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen erſtorben waͤre, noch die Zunge geſtockt hätte, und der ſich erinnerte, daß ſein Vater wirklich in Palermo geweſen, auch durch ſich ſelbſt die Sitte der jungen Leute kannte, die gern in ihrer Jugend Liebeleien treiben, und der dann zuletzt noch die zärtlichen Thraͤnen, die Umarmungen und ehrba⸗ ren Kuͤſſe bemerkte, hielt das, was ſie ſagte, für mehr als wahr, und antwortete ihr, da ſie geſchwie⸗ gen hatte: Madam, es muß Ihnen nicht auffallen, wenn ich mich wundere, weil ich in Wahrheit, ſey es nun, daß mein Vater, er mag es gethan haben, ſo i⸗ ge ſt er ch ur ie⸗ en, ſey en, Fuͤnfte Novelle. 167 warum er auch nur wollte, niemals von Ihrer Mut⸗ ter oder von Ihnen geſprochen hat, oder ſey es, daß, wenn er davon ſprach, nichts davon zu meiner Kennt⸗ niß gekommen iſt, niemals von Ihnen ſelbſt, ja nicht einmal von Ihrem Daſeyn auch nur das Min⸗ deſte gehoͤrt habe; ſo iſt es mir um ſo lieber, in Ihnen eine Schweſter gefunden zu haben, da ich hier ſo ganz allein bin, und das am allerwenigſten hoffte. Und in der That, ich wuͤßte keinen Mann, von noch ſo hohem Verdienſte, dem Sie nicht werth ſeyn ſoll⸗ ten, um ſo vielmehr mir, der ich nur ein kleiner Kaufrann bin. Aber um Eins bitte ich Sie, erklaͤ⸗ ren Sie mir es doch, woher wiſſen Sie denn, daß ich hier bin? Hierauf antwortete ſie: dieſen Morgen ſagte es mir ein armes Weib, das ſich ſo zu mir haͤlt, weil ſie bei unſerm Vater, wie ſie mir geſagt hat, lange Zeit ſowohl in Palermo, als auch in Perugia, ge⸗ weſen iſt; und wenn es mir nicht anſtaͤndiger ge⸗ ſchienen haͤtte, daß Du zu mir unter die Deinigen kameſt, als ich zu Dir unter fremde Leute, ſo wuͤrde ich ſchon längſt zu Dir gekommen ſeyn. Nach dieſen Worten fing ſie nun an, noch be⸗ ſt'mmter namentlich nach allen Anverwandten zu fra⸗ gen, worauf ihr Andreas uͤber alle Antwort gab, und daher das um ſo weit eher glaubte, was er um ſo weniger hätte glauben ſollen. Da ſie nun lange mit einander geſchwatzt hatten⸗ und die Hitze groß war, ließ ſie Wein und Confekt bringen, und gab Andreas zu trinken; als dieſer ———— 168 Zweiter Tag. darauf fortgehen wollte, weil es Zeit zum Abendeſ⸗ ſen war, hielt ſie ihn zwar ganz und gar nicht da⸗ von zuruͤck, ſondern that nur, als wenn ſie ſich ſehr daruͤber bekuͤmmerte, und ſagte, ihn umarmend: Ich Ungluckliche, da ſehe ich doch ganz deutlich, wie we⸗ nig lieb ich Dir bin! Denn was ſoll ich davon den⸗ ken, daß, da Du bei einer Schweſter, die Du noch nie geſehen haſt, und in ihrem eigenen Hauſe biſt, wo Du ſogleich, als Du hierher kamſt, haͤtteſt ab⸗ ſteigen ſollen, von dieſer fortgehen, und im Wirths⸗ hauſe eſſen willſt? Nein! Du mußt mit mir eſſen; und obgleich mein Mann nicht zu Hauſe iſt, was mir ſehr leid thut, ſo werde ich Dich doch, wenn ich auch nur ein Weib bin, ſchon ein wenig zu un⸗ terhalten wiſſen. Andreas, der hierauf nichts anders zu antworten wußte, ſagte: Ich habe Dich ſo lieb, als man eine Schweſter nur haben kann, allein, wenn ich nicht ginge, wuͤrde man mich den ganzen Abend erwarten, und das waͤre unartig von mir. Hierauf antwortete ſie: Gottlob! ich habe al⸗ lenfalls noch einen, den ich hinſchicken kann, um ſagen zu laſſen, daß ſie nicht auf Dich warten ſollten; noch hoͤflicher wuͤrde es freilich ſeyn, und wohl gar Deine Pflicht, wenn Du Deinen Gefaͤhrten ſagen ließeſt, ſie moͤchten zum Abendeſſen hierher kommen, und wenn Du alsdann doch fortgehen wollteſt, ſo koͤnn⸗ tet Ihr alle in Geſellſchaft gehen. Andreas antwortete: er verlange dieſen Abend nach ſeiner Geſellſchaft gar nicht, aber, wenn ſie es ſo haben wollte, wuͤrde er ihren Wunſch erfuͤllen. Sie that hierauf, als ſchickte ſie nach dem Wirthshauſe hin, und ließe daſelbſt ſagen, daß man ihn zum Abendeſſen nicht erwarten duͤrfte. Nach vie⸗ len Geſpraͤchen ſetzten ſie ſich hierauf zum Eſſen, und koͤſtlich mit vielen Speiſen bedient, zog ſie liſti⸗ gerweiſe es bis in die ſinkende Nacht in die Länge; als ſie dann vom Tiſche aufgeſtanden waren, und Andreas fortgehen wollte, ſagte ſie, das wuͤrde ſie durchaus nicht zugeben, denn Neapel waͤre kein Ort, um daſelbſt in der Nacht zu gehen, und beſonders fuͤr einen Fremden; ſie haͤtte daher ſogleich, als ſie das Abendeſſen haͤtte abſagen laſſen, auch beſtellen laſſen, daß man ihn im Wirthshauſe nicht weiter erwarten ſollte. Er, der dies glaubte, und der ſich freute(von falſchem Klguben bethoͤrt), bei ihr zu ſeyn, blieb. Es wurde⸗ daher nach dem Eſſen noch viele und lange Unterhaltungen nicht ohne Grund gepflogen, und nachdem ein Theil der Nacht verſtrichen war, ließ ſie Andreas mit einem kleinen Maͤdchen, was ihm zeigte, wenn er ein Beduͤrfniß haͤtte, zuruͤck, ſie ſelbſt aber ging mit ihrer Bedienung in ein anderes Zimmer. Die Hitze war groß. Sobald daher An⸗ dreas ſich allein ſah, kleidete er ſich aus in ein Jack⸗ chen, zog die Beinkleider ab, und legte ſie ſich zum Kopfe des Bettes hin. Da es nun das natuͤrliche Beduͤrfniß erforderte, den überfluß des Leibes abzu⸗ legen, fragte er, wo er das thun koͤnnte, und das — —————— 170 Zweiter Tag. Mäͤdchen, was in einem Winkel des Zimmers ſaß, zeigte ihm eine Thuͤr, und ſagte: Gehen Sie nur da hinein. Andreas ging dreiſt hinein, ſetzte aber den Fuß ungluͤcklicherweiſe auf ein Brett, was auf der entge⸗ gengeſetzten Seite von dem Balken, auf welchem es lag, losgegangen war, und deshalb mit ihm uͤber Kopf von oben bis unten herabſtuͤrzte. Indeſſen er, ein Liebling Gottes, that ſich bei dieſem Falle, ob⸗ gleich er ein bischen hoch berabfiel, keinen Schaden, ſondern beſchmuzte ſich nur gans und gar mit dem Kothe, mit welchem der Ort angefuͤllt war. um ſowohl das, was ich geſagt habe, als auch das, was folgen wird, beſſer zu verſtehen, muß ich dieſen Ort, wie er beſchaffen war, genauer beſchrei⸗ ben. Es war naͤmlich ein ſchmales Gäßchen, und wie wir es oftmals zwiſchen zwei Haͤuſern ſehen, la⸗ gen zwiſchen dem einen und dem andern Haufe auf zwei Balken, einige Bretter genagelt, Wvrauf ein Ort zum Sitzen angebracht war, und von jenen Bret⸗ tern war das, was mit ihm herunter fiel, das eine. Als ſich nun Andreas unten in dem Gaͤßchen befand, fing er, den Fall doch ſchmerzlich fuͤhlend, an, das Maͤdchen zu rufen; aber das Maͤdchen war ſogleich, als es ihn fallen gehoͤrt hatte, fortgelaufen, um es der Dame zu ſagen. Dieſe eilte ſchnell nach dem Zimmer hin, ſuchte nur, ob ſeine Kleider da waͤren, und da ſie dieſe, und mit ſammt ihnen auch das Geld, was er mißtrauiſch thoͤrichterweiſe immer bei ſich trng, gefunden, und mun wirklich im Beſitz deſ⸗ d, as ch⸗ n, s Fünfte Rovelle. ſen war, weswegen ſie, aus Palermo, ſich zur Schwe⸗ ſter eines Perugianers gemacht, und die Schlinge gelegt hatte, kuͤmmerte ſich um ihn nicht mehr, und verſchloß eiligſt die Thuͤre, aus welcher er herausge⸗ gangen und dann niedergeſtuͤrzt war. Andreas fing an, da das Maͤdchen ihm nicht antwortete, immer ſtaͤrker zu rufen; aber alles um⸗ ſonſt. Nun ſchoͤpfte er Verdacht, ahnete zu ſpaͤt den Betrug, und ſprang deshalb auf eine Mauer, die dieſes Gäßchen von der Straße ſchied; von hier auf die Straße hinabgeſtiegen, ging er an die Thuͤr des Hauſes, was er ſehr gut erkannte, und, nachdem er auch hier lange Zeit vergebens geſchrieen hatte, rut⸗ telte und ſchlug er daran aus allen Kraͤften. Da er nun ſo ſein Ungluͤck deutlich einſah, klagte er laut daruͤber und ſagte: O ich Ungluͤcklicher! in wie kur⸗ zer Zeit habe ich doch 500 Gulden und eine Schwe⸗ ſter verloren! Und nach noch vielen andern Worten fing er von neuem an, an die Thuͤr zu klopfen und zu ſchreien; und dies betrieb er ſo arg, daß viele von den umherwohnenden Nachbaren aufgeweckt wurden, und, da ſie den Laͤrm nicht mehr aushalten konnten, aufſtanden. Ja, eine von den dienſtbaren Geiſtern der Dame, ganz ſchlaftrunken im Geſichte, trat an's Fenſter und donnerte herunter: Wer klopft da? Ach! ſagte Andreas, ach, kennſt Du mich denn nicht? Ich bin Andreas, Madam Fiordaliſa's Bru⸗ der! Maulaffe, gab jene zur Antwort, wenn Du zu viel getrunken haſt, ſo geh und ſchlaf aus, dann 4172 Zweiter Tag. komm morgen wieder. Ich weiß weder wer Andreas iſt, noch was dies fuͤr Narrenspoſſen ſind, die Du da ſchwatzeſt; geh zum Henker, und laß andere Leute ſchlafen, wenn Du willſt ſo gut ſeyn. Was, ſagte Andreas, Du weißt nicht, wer ich bin? Du weißt es gewiß! Aber wenn die Verwandt⸗ ſchaften in Sicilien ſo beſchaffen ſind, daß man ih⸗ rer ſo bald vergißt, ſo gib mir wenigſtens meine Kleider wieder, die ich bei Euch zuruckgelaſſen habe, dann will ich gern gehen. Worauf ſie lachend antwortete: Narr! Du trͤumſt. Und dies ſagen, ſich umkehren und das Fenſter zumachen, war eins. Andreas, der nun ſeines Schadens ganz gewiß war, und deſſen großer Zorn ſich vor Schmerz in Wuth verwandelte, nahm ſich vor, durch Schimpf⸗ und Schmaͤhreden das wieder zu haben, was er durch gute Worte nicht hatte erhalten koͤnnen; er nahm daher wieder einen großen Stein, und fing wuͤthend an, mit noch aͤrgeren Schlaͤgen, als zuvor, an die Thuͤr zu pochen. Da viele von den Nachbaren, welche ſchon vor⸗ her aufgewacht und aufgeſtanden waren, hierdurch glaubten, es waͤre irgend ein Unzufriedener, der dieſe Worte vorgab, um die gute Frau zu kraͤnken, ſo tra⸗ ten ſie, da ihnen das Klopfen, was er that, zuwider war, an die Fenſter und ſchrieen, ſo wie alle Hunde aus einer Gegend auf einen fremden Hund losbellen, auf ihn ein: Es waͤre recht ſchaͤndlich, zu dieſer Zeit vor den Höuſern anſtandiger Frauen ſolche n h d r⸗ ch ſe e de n, ſer Fuͤnfte Novelle. 173 dumme Streiche zu machen. Geh zum Henker, dum⸗ mer Kerl, und laß uns ſchlafen; haſt Du was mit ihr, ſo komm morgen wieder, aber fall' uns hier nicht ſo zur Laſt. Durch dieſe Worte ward einer, der im Hauſe war, vielleicht ein Kuppler der ſchoͤnen Dame, von dem er aber vorher weder was geſehen noch gehoͤrt hatte, ſo dreiſt, daß er an's Fenſter trat, und mit einer groben, fuͤrchterlichen und wilden Stimme her⸗ unter rief: Wer iſt da unten? Andreas hob bei dieſen Worten den Kopf in die Hoͤhe, und ſah einen, der, nach dem Wenigen, was er bemerken konnte, ein wichtiger Mann zu ſeyn ſchien, mit einem ſchwarzen und dicken Bart im Ge⸗ ſichte, und, ſo als wenn er aus dem Bette oder aus dem Schlafe ſich erhoͤbe, gaͤhnte und ſich die Augen rieb. Er antwortete daher nicht ganz ohne Furcht: Ich bin ein Bruder der Dame da drinnen. Jener aber wartete nicht, bis Andreas die Ant⸗ wort vollendet hatte, ſondern ſagte noch weit rauher als zuvor: Ich weiß nicht, was mich nur abhaͤlt, daß ich nicht runter komme, und ſo lange auf Dich los ſchlage, bis Du Dich nicht mehr ruͤhren kannſt, Du unausſtehlicher, verſoffener Eſel, daß Du uns in der Nacht nicht ſchlafen laͤßt. Einige Nachbaren, die dieſen Herrn beſſer kann⸗ ten, ſprachen Andreas freundlicher zu, und ſagtenz Armer Teufel, mach' daß Du fortkommſt, wennz dieſe Nacht hier nicht willſt maſſakrirt werden. Andreas, durch jenes Stimme ſowohl 174 Zweiter Tag. ſeinen Anblick in Furcht gejagt, und durch das Zure⸗ den der Andern, die aus Mitleiden ihm zuzureden ſchienen, vermocht, nahm, kummervoll als nur ir⸗ gend einer, und uͤber ſein Geld ganz in Verzweif⸗ lung, dahin, von wo aus er dem Maͤdchen gefolgt war, ohne zu wiſſen, wo er doch eigentlich hingehen ſollte, ſeinen Weg, um nach dem Wirthshauſe zu⸗ ruͤck zu kehren. Und des Geruches wegen, der ihm von ſich ſelbſt zukam, ſich ſelber zuwider, wollte er ſich nach dem Meere hinwenden, um ſich zu reini⸗ gen; er hielt ſich daher links, und ſchlug eine Straße ein, welche die Catalana⸗Gatze hieß. Als er nun ſo nach der See⸗Seite in der Stadt hinging, ſah er von ungefaͤhr zwei, die, mit einer Laterne in der Hand, auf ihn zukamens er hielt ſie fuͤr Hä⸗ ſcher, oder die ſonſt was Boͤſes im Schilde fuͤhrten, und verkroch ſich ganz ſtill, um ihnen zu entfliehen, in ein altes verfallenes Haus, was er in der Naͤhe erblickte. Dieſe aber, als wenn ſie nach demſelben Ort hinwollten, traten in daſſelbe verfallene Haus ein; hier legte einer von ihnen eine Menge eiſerner Werkzeuge, die er auf den Schultern hatte, ab, und betrachtete mit dem Andern ſie, indem ſie allerhand mit einander daruͤber ſchwatzten. Und waͤhrend ſie ſo ſprachen, ſagte der eine: Was iſt das? Das ſtinkt ja hier, wie ich nimmermehr ſo was gerochen abe? Bei dieſen Worten hob er die Laterne ein rig in die Hoͤhe, und als ſie den ungluͤcklichen An⸗ erblickt hatten, fragten ſie genz erſtaunt: Wer 5 e⸗ den ir⸗ if⸗ gt hen zu⸗ hm er ini⸗ aße Als ing, in ten, hen, ähe ben aus rner und an ſie Das chen ein An⸗ Wer Funfte Novelle. Andreas ſchwieg; aber da ſie mit dem Lichte ihm näher kamen, fragten ſie ihn, was er ſo be⸗ ſchmuzt hier mache? Andreas erzaͤhlte ihnen dar⸗ auf alles, was ihm begegnet waͤre. Zene ahneten ſogleich, wo dieß wohl geſchehen ſeyn koͤnnte, und ſagten zu ihm: Lieber Freund, wenn Du auch gleich all Dein Geld verloren haſt, ſo kannſt Du Gott nicht genug dafuͤr danken, daß es Dir ſo ergangen iſt, daß Du heruntergefallen biſt, und nicht in das Haus haſt wieder zuruͤckkommen können; denn wenn Du nicht heruntergefallen waͤrſt, ſo kannſt Du über⸗ zengt ſeyn, daß, ſobald Du nur waͤrſt eingeſchlafen geweſen, ſie Dich umgebracht huͤtten, und Du haͤt⸗ teſt Dein Geld und Dein Leben eingebuͤßt. Drum was hilft es jetzt, noch daruͤber zu klagen? Da kannſt Du ſo wenig einen Pfennig wieder kriegen, als einen Stern vom Himmel, vielmehr kannſt Du noch todtgeſchlagen werden, wenn der Kerl erfaͤhrt, daß Du ein Wort davon geſprochen haſt. Nach die⸗ ſen Reden beriethen ſie ſich ein wenig mit einander, und ſagten dann zu ihm: Hoͤre, wir haben Mitlei⸗ den mit Dir, und darum glauben wir, wenn Du bei dem, was wir machen wollen, uns etwas helfen willſt, uͤberzeugt ſeyn zu können, daß der Autheil, der auf Dich fallen ſoll, weit mehr ausmachen wird, als Du verloren haſt. Andreas antwortete, wie in Verzweiflung, er waͤre bereit. Es war an dieſem Tage ein Erzbiſchof ven Nea⸗ 176 Zweiter Tag. pel, Namens Meſſer Philipp Minutola,*) begraben worden, und zwar im reichſten Schmuck, mit einem Rubin am Finger, der weit mehr als fuͤnfhundert Goldgulden werth war, und dieſen wollten jene rau⸗ ben, wie ſie dem Andreas ihre Meinung daruͤber mittheilten. Andreas, mehr begierig als uͤberlegt, machte ſich mit ihnen auf den Weg; und da ſie nach der Hauptkirche zugingen, Andreas aber immer noch ſehr ſtank, ſagte der Eine: Koͤnnten wir denn kein Mit⸗ tel finden, daß dieſer ſich nur ein bischen wuͤſche, wo es auch ſeyn moͤchte, damit er nicht ſo entſetz⸗ lich ſtaͤnke? Der Andere ſagte: Ja! wir ſind hier nahe bei einem Brunnen, wo immer ein großer Eimer an der Winde haͤngt; laßt uns dahin gehen und da wollen wir ihn geſchwind waſchen. Als ſie zum Brunnen hingekommen waren, fanden ſie, daß das Seil wohl da wäre, aber der Eimer war weggenommen; daher beſchloſſen ſie mit einander, ihn an dem Seile feſt⸗ zubinden und in den Brunnen hinunter zu laſſen, damit er ſich da unten waſche; wenn er ſich dort gewaſchen haͤtte, ſolle er an dem Seilt ſchuͤtteln, dann wollten ſie ihn wieder hinaufziehen; und das thaten ſie denn auch. 12 Da ſie ihn in den Brunnen hinabgelaſſen hat⸗ ten, kamen einige von der Polizei, die ſowohl der ò————— *) Der Name iſt wahr⸗ aber die Geſchichte erbichtet⸗ e er en en hl er ſt⸗ nit en ten enn t⸗ der Fuͤnfte Novelle. 177 Hitze wegen, als auch weil ſie hinter Einem herge⸗ laufen waren, Durſt hatten, an diefen Brunnen, um einmal zu trinken; als die Beiden dieſe erblickten, nahmen e ſogleich die Flucht, ohne daß die Polizei⸗ diener, welche nur um zu trinken hergekommen waren, ſie bemerkt haͤtten. Nachdem Andreas unten in dem Brunnen ſich gewaſchen hatte, ſchuttelte er am Seile; Jene aber, durſtig, legten ihre Geraͤthſchaften, ihre Waffen und ihre Kleider ab, zogen das Seil herauf, in der Meinung, daß der Eimer voll Waſſer daran hinge. Als Andreas ſah, daß er dem Rande des Brun⸗ nens nahe genug waͤre, ließ er das Seil mit den Haͤnden los, und ſchwang ſich heraus. Sobald jene dieß ſahen, ließen ſie, von Furcht ergriffen, ohne ein Wort zu ſagen, das Seil fahren und liefen davon, ſo weit ſie nur konnten. Andreas, hieruͤber ſehr erſtaunt, waͤre wohl gar, zu ſeinem groͤßten Schaden, wo nicht gar todt, in den Brunnen wieder hinabgeſtuͤrzt, wenn er ſich nicht recht feſtgehalten haͤtte; indeſſen er ſtieg her⸗ aus, und da er die Waffen fand, von denen er doch wußte, daß ſeine Gefaͤhrten ſie nicht gehabt hatten, wunderte er ſich noch mehr. Aber in ſolcher Unge⸗ wißheit, ſelbſt nicht wiſſend was, und mißmuͤthig uͤber ſein Geſchick, beſchloß er, ohne etwas anzuruͤh⸗ ren, fortzugehen; und ſo ging er, ohne ſelbſt zu wiſſen wohin. Indeſſen, als er ſo vor ſich hin ging, ſtieß er wieder auf ſeine beiden Gefaͤhrten, welche zuruͤckkamen, um ihn aus dem Brunnen zu ziehen. Boccaccio's ſämmtl. W. 1. 2 —— 178 Zweiter Tag. Sobald ſie ihn erblickten, wunderten ſie ſich ſehr, und fragten ihn, wer ihn denn aus dem Brunnen gezogen haͤtte. Andreas antwortete, das wiſſe er ſelbſt nicht, erzahlte ihnen aber ganz ordentlich, wie alles gekom⸗ men waͤre, und was er am Brunnen gefunden hätte. Jene, die wohl wußten, was geſchehen war, lachten daruͤber und erzaͤhlten ihm, warum ſie ent⸗ flohen waͤren, und wer die geweſen, die ihn aus dem Brunnen heraufgezogen hätten. Dann gingen ſie, ohne weiter ein Wort zu ſprechen, da es ſchon um Mitternacht war, nach der Hauptkirche hin, und als ſie mit leichter Muͤhe in dieſelbe hineingekommen waren, wandten ſie ſich nach dem Grabmale hin, welches von Marmor und ſehr groß war, auch einen ſehr ſchweren eiſernen Deckel hatte; dieſen hoben ſie in die Hoͤhe, bis ein Menſch hineinkommen konnte, und dann ſtutzten ſie ihn auf. Nachdem ſie hiermit fertig waren, fragten ſie, wer ſoll nun hinein? Der Eine antwortete: ich nicht! Ich auch nicht, ſagte der Andere, Andreas muß hinein! Das will ich wohl bleiben laſſen, ſagte Andreas! Beide wandten ſich darauf gegen ihn, und ſag⸗ ten: Was? Du willſt nicht hinein? Wahrhaftigen Gott, wenn Du nicht hinein willſt, ſo ſchlagen wir Dich mit dieſer eiſernen Stange ſo lange auf den Kopf, bis Du todt zu Boden ſinkſt. Andreas kroch daher voller Furcht hinein, und als er drinnen war, dachte er bei ſich ſelbſt: die —— ——— Fuͤnfte Nobelle. haben mich hereingetrieben, um mich zu n denn, wenn ich ihnen Alles werde herausgereicht haben, und ich mich quale, um aus dem Kaſten wieder raus zu kommen, werden ſie ihrer Wege gehen, und ich bleibe hier ohne irgend etwas. Deß⸗ halb dachte er, ſeinen Antheil vorweg zu nehmen; und da er ſich des koſtbaren Ringes erinnerte, von dem er ſie hatte reden gehoͤrt, zog er, ſobald er mir hinuntergekommen war, dein Erzbiſchof dieſen vom Finger und ſe ihn ſich an, dann reichte er ihnen den Biſchofsſtab, die Muͤtze, die Handſchuh, und, bis er ihn Hemde ausgekleidet hatte, alles hin und ſagte, nun haͤtte er nichts mehr. Jene verſicherten, es muͤſſe noch der Ring da ſeyn, und ſagten ihm, er moͤchte nur noch allenthal⸗ ben herumſuchen; aber er antwortete, er faͤnde ihn nicht, und that, als wenn er ſuchte, wodurch er ſie ein wenig hinhielt. Indeſſen, da ſie eben ſo bos⸗ haft waren als er, ſagten ſie immer, er moͤchte nur ſuchen, und da ſie ſo ihre Zeit abſahen, zogen ſie die Stuͤtze fort, die den Deckel hielt, und flohen da⸗ von, indem ſie ihn in dem Kaſten verſchloſſen zu⸗ ruͤckließen. Wie Andreas zu Muthe ward, als er dies merk⸗ te, kann ſich ein Jeder leicht denken. Er verſuchte es mehrere Male, theils mit dem Kopfe, theils mit den Schultern, ob er den Deckel aufheben koͤnnte, aber er muͤhete ſich vergebens. Vom Schmerz uͤber⸗ wunden, ſank er endlich ohnmaͤchtig uͤber den todten Koͤrper des Erzbiſchofs hin. 180⁰ Zweiter Tag. Und wer ihn damals geſehen haͤtte, wuͤrde ſchwer⸗ lich erkannt haben, wer mehr todt geweſen waͤre, der Erzbiſchof oder er. Indeſſen da er wieder zu ſich ſelbſt gekommen war, fing er laut an zu wei⸗ nen, indem er ohne allen Zweifel vorausſah, daß ſein Ende auf eine oder die andere Art erfolgen muͤſſe; entweder er muͤßte in dieſem Kaſten, wenn Keiner kaͤme und ihn oͤffnete, verhungern, oder vor Geſtank unter den Wuͤrmern des todten Koͤrpers um⸗ kommen, oder, wenn Jemand kaͤme und ihn hier drinnen faͤnde, wuͤrde er wie ein Dieb aufgehenkt werden. Als er dieß ſo bei ſich bedachte, und ganz troſt⸗ los war, hoͤrte er viele Leute in der Kirche herum⸗ gehen, und mit einander ſprechen, die, wie er merk⸗ te, eben das thun wollten, was er mit ſeinen Ge⸗ faͤhrten ſchon gethan hatte; er furchtete ſich daher ſehr. Allein, nachdem dieſe den Kaſten geoͤffnet und geſtutzt hatten, geriethen ſie daruͤber in Streit, wer hinunterſteigen ſollte und Keiner wollte es thun Endlich, nach langem Zanken, ſagte ein Prieſter: Was fuͤrchtet Ihr Euch denn? Glaubt Ihr, daß er Euch freſſen wird? Die Todten eſſen keine Men⸗ ſchen; ich will hinein, ich! Und nachdem er dieß geſagt hatte, legte er ſich mit der Bruſt auf den Rand, hielt den Kopf heraus und fuhr mit den Bei⸗ nen hinein, um ſich ſo hinunter zu laſſen. Da An⸗ dreas dieß ſah, ſtand er gerade auf, faßte den Prie⸗ ſter bei dem einen Fuß, und that, als wenn er ihn himmterziehen wollte. Da der Prieſter dieß merkte, . W Sechſte Novelle. 181 ſtieß er einen gewaltigen Schrei aus, und ſchwang ſich ſchnell wieder aus dem Kaſten heraus. Die An⸗ dern, hieruͤber erſchrocken, ließen den Kaſten auf, und flohen alle mit einander, nicht anders, als wenn ſie von hunderttauſend Teufeln verfolgt wuͤrden. Sobald Andreas dies ſah, ſprang er froher, als er je nur hoſſen konnte, heraus, und verließ auf eben dem Wege, auf welchem er gekommen war, die Kirche. Da ſich der Tag ſchon näherte, ging er auf gut Gluͤck mit ſeinem Ringe am Finger fort, kam nach der Seeſeite hin, und von da gluͤcklich wieder nach ſeiner Herberge, woſelbſt er ſeine Gefährten und den Wirth, welche die ganze Nacht uͤber ihn in Sorgen zugebracht hatten, wiederfand. Nachdem er ihnen erzaͤhlt hatte, was ihm begegnet war, ſchien es ihm, auf den Rath des Wirthes, am beſten, daß er Neapel verlaſſen moͤchte. Das that er auch ſo⸗ gleich und kehrte nach Perugia zuruͤck, nachdem er einen Ring mit ſeinem Gelde erworben hatte, wo⸗ mit er, um Pferde zu kaufen, ausgereiſt war. Sechſte Novelle. Mabame Beritola wird mit zwei Ziegen auf einer Inſel gefunden; nachdem ſie zwei Soͤhne verloren, geht ſie nach Lunigiana. Hier nimmt einer von ihnen, bei dem Herrn davon, Dienſte, und wird wegen des zu ver⸗ trauten Umgangs mit ſeiner Tochter in's Gefängniß geſetzt. Nachdem Sizilien gegen den Konig Carl rebel⸗ lirt hat, und der Sohn von der Mutter wieder er⸗ kannt worden, heirathet er die Tochter des Herrn, findet ſeinen Bruder wieder, und kommt mit dieſem wieder in eine gluͤckliche Lage. Zweiter Tag⸗ Die Frauen hatten eben ſo, wie die jungen Män⸗ ner, die Schickſale des Andreas, ſo wie ſie Fiam⸗ metta erzaͤhlt hatte, ſehr belacht, als Emilie merk⸗ te, daß die Novelle beendigt war, und auf Befihl der Koͤnigin alſo anfing: Die mannichfaltigen Be⸗ wegungen des Schickſals ſind oftmals ſehr druͤckend und kummervoll, und ſo oft irgend etwas daruͤber geſprochen wird, ſo oft wird unſer Gemuͤth davon aufgeweckt, welches ſonſt leicht bei ſeinen Schmeiche⸗ leien eingeſchläfert werden konnte; ich bin daher der Meinung, es duͤrfte wohl niemals unangenehm ſeyn, ſowohl fuͤr Gluckliche, als auch fuͤr Ungluͤckliche, der⸗ gleichen mit anzuhoͤren, indem dadurch die Erſteren vorſichtig, und die Andern getroͤſtet werden. Und mag auch gleich ſchon viel Großes vorher daruͤber geſagt worden ſeyn, ſo beabſichtige ich doch, Euch daruͤber eine Novelle zu erzaͤhlen, die nicht weniger wahr als intereſſant iſt, und die, wenn ſie auch gleich ein froͤhliches Ende nahm, doch mit ſo lang⸗ wieriger Bitterkeit erfuͤllt war, daß ich ſelbſt kaum glauben moͤchte, die erfolgte Freude haͤtte ſie jemals wieder verſuͤßen koͤnnen. So wiſſet denn, geliebte Maͤdchen, daß nach dem Tode des Kaiſers Friedrich des Zweiten Man⸗ fredi zum Koͤnig von Sizilien gekroͤnt ward. In großem Anſehen ſtand bei ihm ein Edelmann aus Neapel, Namens Heinrich Capece, welcher zur Ge⸗ mahlin eine ſchoͤne und edle Dame, ebenfalls aus Sizilien, hatte, mit Namen Madonna Beritola Ca⸗ racciola. Da dieſer Heinrich die Regierung der In⸗ M —* * Sechſte Novelle. ſel in Haͤnden hatte, und erfuhr, daß der Koͤnig Carl I. Manfredi'n bei Benevent uͤberwunden und ge⸗ todtet haͤtte; daß ſich das ganze Reich ihm zuwen⸗ dete, er auch wenig Zutrauen in die kurze Treue der Sizilianer ſetzte, und durchaus kein Unterthan von dem Feinde ſeines Herrn werden wollte, ſo ruͤſtete er ſich zur Flucht. Allein ſobald die Sitzilianer dieß erfuhren, ward er und noch viele andere Freun⸗ de und Diener des Koͤnigs Manfredi als Gefangene dem Koͤnig Carl uͤberliefert, und dieſem auch als⸗ dann der Beſitz der Inſel eingeraumt. Madonna Beritola, die bei ſolchen Umwälzun⸗ gen nicht wußte, was aus Heinrich geworden waͤre, und immer das, was noch kommen koͤnnte, befurch⸗ tete, ließ, aus ſittſamer Furcht, Alles im Stich, beſtieg, ſelbſt in andern umſtaͤnden und arm, mit einem Sohn, von etwa acht Jahren, Namens Gott⸗ fried, eine Barke, und floh nach Lipari; hier gebar ſie einen zweiten Knaben, den ſie den Vertriebe⸗ nen nannte. Nachdem ſie eine Amme angenommen, begab ſie ſich mit allem Ihrigen zu Schiff, um nach Neapel zu ihren Eltern zuruͤckzukehren. Allein es er⸗ folgte anders, als ihre Abſicht war; denn durch die Gewalt des Windes ward das Schiff, was nach Neapel ſegeln ſollte, nach der Inſel Ponzo verſchla⸗ gen, wo ſie in einen kleinen Meerbuſen einliefen, um beſſeres Wetter zu ihrer Reiſe abzuwarten. Madame Beritola, die, wie die Andern, auf der Inſel an's Land geſtiegen war, hatte auf der⸗ ſelben einen einſamen und entlegenen Ort gefunden, — ———. 184 Zweiter Tag. wo ſie ſich ganz dem Schmerz uͤber den Verluſt ihres Heinrichs uͤberließ, und hierher ging ſie alle Tage. Als ſie auch einmal mit ihrem Schmerz hier beſchaͤf⸗ tigt war, landete ploͤtzlich, ohne daß es nur irgend Jem and von dem Schiffsvolke, oder ſonſt ein Ande⸗ rer bemerkt haͤtte, eine Galeere mit Corſaren, welche Alle ohne Ausnahme zu Gefangenen machten, und dann wieder davon ſegelten. Nachdem Madame Beritola ihr tägliches Kla⸗ gen beendigt hatte, kehrte ſie nach dem Ufer zuruͤck, um ihre Soͤhne zu ſehen, wie ſie es zu thun gewohnt war; aber ſie fand keinen Menſchen mehr daſelbſt. Anfangs verwunderte ſie ſich daruͤber, dann aber, argwoͤhnend, was geſchehen ſeyn moͤchte, warf ſie ihr Auge uͤber's Meer hin, und ſah die Galeere, die noch nicht weit entfernt war, und das Schiff hinter ſich her ziehen. Deutlich ſah ſie jetzt ein, daß ſie, ſo wie ihren Gemahl, auch ihre Kinder verlohren haͤtte; und, ſich hier arm, allein, verlaſſen, ohne zu wiſſen, wo ſie je nur irgend einen Menſchen wie⸗ derfinden wuͤrde, erblickend, ſank ſie halb todt, nach ihrem Gemahl und ihren Kindern rufend, am Ufer nieder Hier war Keiner, der nur mit einem Tropfen friſchen Waſſers, oder mit einem andern Mittel ihre verirrten Kraͤfte wieder zuruͤckgerufen haͤtte; und da⸗ her konnte ihr Geiſt nach Gefallen hinſchwaͤrmen, wohin er wollte. Indeſſen da die verlornen Kraͤfte in ihren elenden Koͤrper, zugleich mit den Thränen und den Klagen, wiedergekehrt waren, rief ſie lange nach ihren Kindern, und lief in alle Hoͤhlen umher, N W Sechſte Novelle. 185 ſie zu ſuchen. Aber da ſie einſah, daß ihre Muͤhe vergebens waͤre, und da ſie bemerkte, daß die Nacht hinzukaͤme, hoffte ſie, ohne zu wiſſen was, und fing nun an, um ſich ſelbſt bekuͤmmert zu werden; ſie ent⸗ fernte ſich daher vom ufer und kehrte nach der Hoͤhle zuruͤck, wo ſie gewoͤhnlich zu weinen und zu klagen pflegte. Nachdem alsdann die Nacht in großer Furcht und unſaͤglichem Schmerz zugebracht war, der neue Tag erſchien, und neun Uhr herannahete, mußte ſie, vom Hunger gezwungen, da ſie den Abend vorher nichts gegeſſen hatte, ſich entſchließen, ſich mit einigen Kraͤutern zu ſättigen, und nachdem ſie dieſe genoſſen, uͤberließ ſie ſich weinend den mancherlei Gedanken uͤber ihr zukuͤnftiges Leben. Ganz in die⸗ ſe verſunken, ſah ſie eine Ziege kommen, welche in eine nahe Hoͤhle hineinging, dann bald wieder her⸗ auskam und ſich im Gebuͤſche verlohr; ſie ſtand da⸗ her ſchnell auf, ging da hinein, wo die Ziege her⸗ ausgekommen war, und ſah daſelbſt zwei junge Zie⸗ gen, die wohl denſelben Tag erſt geboren zu ſeyn ſchienen. Nichts Angenehmeres und Suͤßeres konnte ihr auf der ganzen Welt ſeyn als dieſes, und da ihr von der letzten Niederkunft die Nahrung noch nicht vergangen war, legte ſie ſie zaͤrtlich an ihre Bruſt. Dieſe, den Dienſt nicht verweigernd, ſogen ſo, als ſie an der Mutter gethan haben wuͤrden, und mach⸗ ten auch nachher keinen Unterſchied mehr zwiſchen der Mutter und ihr. Auf dieſe Art ſchien es der guten Frau, als haͤtte ſie an dieſem einſamen Orte Zweiter Tag. doch irgend eine Geſellſchaft gefunden, und war, ſich mit Kraͤutern naͤhrend und Waſſer trinkend, da⸗ bei, ſo oft ſie ſich ihres Gemahls, ihrer Soͤhne und ihres verfloſſenen Lebens erinnerte, in Thraͤnen ausbrechend, entſchloſſen, hier zu leben und zu ſter⸗ ben. Mit den Ziegen war ſie eben ſo vertraut ge⸗ worden, als ſie es mit ihren Kindern geweſen war. Auf dieſe Art hier lebend, war die gute Frau faſt zur Wilden geworden, als nach mehreren Mo⸗ naten gluͤcklicher Weiſe ein Piſaniſches Schiff gerade da anlangte, wo ſie fruͤher angekommen war, um einige Tage daſelbſt zu verweilen. Auf dieſem Schiffe vefand ſich ein edler Mann, Namens Conrad Mar⸗ cheſe Maleſpina, mit ſeiner wackern und frommen Frau, welche von einer Pilgerreiſe nach allen heili⸗ gen Hrtern, die ſich in Apulien befinden, herkamen, und nach Hauſe zuruͤckkehrten. Um ſich und ſeiner Gemahlin die Grillen zu vertreiben, ging er mit ſeinen Leuten und ſeinen Hunden eines Tages auf der Inſel umher, und nicht weit von dem Orte, wo ſich Madame Beritola befand, fingen Conrad's Hunde an die zwei Ziegen zu verfolgen. Als dieſe Ziegen von den Hunden ſo gejagt wurden, wußten ſie nirgends anders hinzufliehen, als nach der Hoͤhle, in welcher Madame Beritola ſich befand. Sobald dieſe dieß ſah, ſtand ſie auf, nahm einen Stock und. trieb die Hunde zuruͤck; da kamen aber Conrad und ſeine Gemahlin, die ihren Hunden nachgegangen wa⸗ ren, hinzu, und verwunderten ſich nicht wenig, als ſie dieſe, die ſo braun, mager und behaart geworden ————— ———„—— Sechſte Novelle. 187 war, ſahen, und ſie erſtaunte noch weit mehr als jene. Nachdem Conrad auf ihre Bitten ſeine Hunde zuruͤckgerufen hatte, baten ſie ſie inſtaͤndig, ihnen zu ſagen, wer ſie waͤre und was ſie hier machte. Sie eroͤffnete ihnen umſtaͤndlich ihre ganze Lage, ihr ganzes ungluͤck und ihren wilden Vorſatz. Sobald Conrad, der Heinrich Capece ſehr gut gekannt, dieß gehoͤrt hatte, bemuͤhete er ſich mit den beſten Worten, ſie von ihrem wilden Vorſatze zuruͤckzubringen, indem er ihr anbot, ſie nach ihrem Hauſe zuruͤckzubringen, oder ſie bei ſich zu behalten, ſo als wenn ſie ſeine Schweſter waͤre; dann moͤchte ſie ſo lange bleiben, bis Gott ihr ein beſſeres Schick⸗ ſal zuſenden wuͤrde. Da die Frau dieſe Anerbietungen nicht annahm, ließ Conrad ſeine Gemahlin bei ihr, und ſagte ihr, daß er zu eſſen wurde herbringen laſſen, und daß ſie dafuͤr ſorgen möchte, jene, die ganz abgeriſſen war, mit ihren eigenen Kleidern zu bekleiden, und ſie zu bewegen, daß ſie mit ihnen ginge. Nachdem die edle Frau mit ihr zuruͤckgeblieben war, und zuerſt mit Madame Beritola uͤber ihre ungluͤcksfalle aufrichtig geweint hatte, konnte ſie ſie nur mit der groͤßten Muͤhe dahin bringen, ſowohl die angekommenen Kleider anzunehmen, gls auch von den Speiſen zu eſſen; und da ſie zuletzt nach vielen Bitten immer noch dabei blieb, daß ſie nirgends wo hingehen wurde, wo ſie erkannt werden konnte, brachte ſie ſie doch endlich dahin, daß ſie ſammt den zwei Zweiter Tag. Ziegen, und der Mutter, welche während dieſer Zeit auch hinzugekommen war, und, nicht ohne große Verwunderung der edeln Frau, ſehr froͤhlich um ſie herumſprang, mit ihr nach Lunigiana gehen wolle. Das Wetter hatte ſich wieder aufgeheitert, und ſogleich beſtieg Madame Beritola mit Conrad und ſeiner Gemahlin das Schiff, zugleich aber auch mit ihnen die alte Ziege und die beiden jungen;(ſie ſelbſt ward, da Keiner ihren rechten Namen wußte, Ca⸗ vriuola*) genannt) und kamen mit gutem Winde bis an die Muͤndung der Magra, wo ſie dann an's Land ſtiegen, und die Reiſe bis nach ihren Schloͤſ⸗ ſern fortſetzten. Hier lebte Madame Beritola in Trauerkleidern, und als eine ihrer Hofdamen, an⸗ ſtandig, demuͤthig und abhaͤngig, dabei immer voll Liebe gegen ihre Ziegen, die ſie ſorgfaͤltig aufzog. Die Corſaren, welche bei Ponzo das Schiff ge⸗ kapert hatten, worauf Madame Beritola gekommen war, gingen mit dem andern Schiffsvolke, denn ſie hatten ſie nicht geſehen und alſo zuruͤckgelaſſen, nach Genna; hier theilten die Herren der Galeere die Beute, und dabei fiel die Amme der Madame Be⸗ ritola, mit den beiden Kindern derſelben einem Herrn, Gasperino von Oria, durchs Lvos zu. Dieſer ſchickte ſie ſammt den beiden Kindern nach ſeinem Hauſe, und behielt ſie wie einen Hausdienſtboten bei ſich. Die Amme, im hoͤchſten Grade betruͤbt uͤber den *) So heißt im Stalieniſchen auch eine Zlege. Sechſte Novelle. 189 Verluſt ihrer Herrſchaft, und uͤber das Elend, wor⸗ in ſie und die zwei Kinder verfallen waren, klagte lange Zeit daruber; allein da ſie ſah, daß ihre Thraͤ⸗ nen nichts halfen, und ſie mit ihnen dienen mußte, war, wenn auch gleich ein armes Weib nur, den⸗ noch geſcheut und vorſichtig. Sie gab ſich daher, ſobald ſie nur konnte, zufrieden; dann uͤberdachte ſie, wohin ſie gekommen waͤren, und ſah wohl ein, daß, wenn die beiden Kinder erkannt wuͤrden, ihnen viel Hinderniſſe moͤchten in den Weg gelegt werden; uͤbri⸗ gens aber hoffte ſie, daß, es moͤchte auch ſeyn wenn es wollte, ſich ihr Schickſal doch wohl einmal aͤn⸗ dere, und ſie, wenn ſie nur am Leben blieben, doch einmal wieder in ihren verlornen Stand zuruͤckkehren könnten. Daher dachte ſie keinem Menſchen anzu⸗ vertrauen, wer ſie waͤren, bis ſie nicht eine gelegene Zeit dazu abſaͤhe; ſie ſagte daher einem Jeden, der ſie danach fragte, daß es ihre Kinder wären, und nannte den älteſten nicht Gottfried, ſondern Johann von Procida, um dem juͤngſten ſeinen Namen zu ver⸗ aͤndern, darum bekuͤmmerte ſie ſi ich nicht; dann er⸗ kläͤrte ſie es auch mit allem Fleiß Gottfried, warum ſie ſeinen Namen veraͤndert hätte, und welche Ge⸗ fahr es fuͤr ihn haben koͤnne, wenn er erkannt wuͤr⸗ de; und dieß brachte ſie ihm nicht Ein Mal, ſondern mehrere Mal in Erinnerung. Der Knabe, der recht verſtändig war, folgte den Lehren der Amme auf*5 Beſte. Die beiden Knaben blieben daher, immer ſo ſchlecht gekleidet, und noch elender beſchuhet, und bei den gemeinſten Dienſten beſchaͤftiget, ganz gedul⸗ — — 190 Zweiter Tag. dig mit der Amme mehrere Jahre im Hauſe des Herrn Gasperino. Aber Johann, ſchon ſechzehn Jahre alt, zeigte mehr Geiſt, als fuͤr einen Bedienten noͤthig war, und verachtend die Gemeinheit einer dienenden Lage, beſtieg er eine Galeere, die nach Alexandrien ging, trat in die Dienſte des Herrn Gasperino, verſuchte es in verſchiedenen Parthieen, aber in keiner wollte es ihm gluͤcken. Endlich, nach Verlauf von drei oder vier Jahren, nach der mit Perrn Gasperino gemachten Abreiſe, kam er, da er ein ſchoͤner junger Mann und von anſehnlicher Groͤße geworden war, und gehoͤrt hatte, daß ſein Vater, den er fuͤr todt hielt, noch am Leben wäre, aber vom Koͤnig Cark in Gefangenſchaft und Sklaverei gehalten wuͤrde, und er, gleichſam an ſeinem Gluͤcke verzweifelnd, als ein Vagabonde umherſchweifte, nach Lunigiana, trat daſelbſt als Bediente in die Dienſte des Herrn Conrad Maleſpina, und diente ihm ſehr ordentlich und gern. Ob er hier gleich ſeine Mutter, welche ſich bei Conrads Gemahlin aufhielt, ſehr oft ſah, erkannte er ſie nicht ein einziges Mal, noch ſie ihn, ſo ſehr hatte das Alter den Einen und die Andere gegen das, was ſie waren, als ſie ſich das letzte Mal ſahen, veraͤndert. Waͤhrend Johann nun ſich in Conrads Dienſte befand, ereignete es ſich, daß eine Tochter Conrads, deren Name Spina, und die, als Wittwe eines Ni⸗ colaus von Grignano zuruckgeblieben war, in das Haus ihres Vaters zuruckkehrte, welche ſehr ſchoͤn, einneh⸗ ——— —„—„—————— —— n he Sechſte Novelle. 191 mend und kaum etwas uͤber ſechzehn Jahre alt war, ihre Augen auf Johann warf und er die ſeinigen auf ſie, ſo daß ſie Beide heiß in einander verliebt wur⸗ den; dieſes Lieben hlieb nicht lange ohne Wirkung, doch aber dauerte es einige Monate, ehe ein Frem⸗ der nur das Geringſte davon gewahr ward. Hier⸗ durch ſicher gemacht, wurden ſie weniger vorſichtig, als es dergleichen Dinge verlangen; und da ſie eines Tages in einem ſchoͤnen und dicken Gehoͤlz mit ein⸗ ander ſpazieren gingen, vertieften ſie ſich darin ſo ſehr, daß ſie ihre andere Geſellſchaft ganz und gar zuruͤckließen. Da ſie glaubten, ſie waͤren vor den Andern ein gut Stuͤck Weges voran, ruheten ſie an einem angenehmen Orte, der voller Blumen und Kraͤuter, und rings mit Baͤumen umſchloſſen war, aus, und fingen an die Freuden der Liebe zu genie⸗ ßen. Nachdem ſie lange Zeit auf dieſe Art mit ein⸗ ander zugebracht, denn die große Wonne hatte ihnen die Zeit weit ſchneller vergehen laſſen, wurden ſie zuerſt von der Mutter, und dann von Conrad ſelbſt uͤberraſcht. Tief uͤber alle Maßen betruͤbt, als er dieß ſah, ließ er, ohne nur ein Wort fuͤr ſeinen Grund weiter zu ſagen, ſie von dreien ſeiner Die⸗ ner feſtnehmen, und gebunden in eins ſeiner Schloͤſ⸗ ſer bringen. Knirſchend vor Zorn und Wuth wollte er ſie auf die ſchmaͤlichſte Art ſterben laſſen. Die Mutter, obgleich auch ſie ſehr aufgebracht war, und die Tochter wegen ihres Fehlers der haͤrteſten Strafe wuͤrdig hielt, konnte es dennoch nicht ertragen, was Conrad gegen die Schuldigen im Sinne hatte und 192 Zweiter Tag. eilte deßhalb, da er einige Worte daruͤber gegen ſie hatte fallen laſſen, mit ihrem Gemahl zu ſprechen. Inſtaͤndigſt bat ſie ihn, er moͤchte ſich doch von ſei⸗ nem Zorne nicht uͤberraſchen laſſen, noch in ſeinem Alter der Moͤrder ſeiner Tochter zu werden, und ſeine Hand mit dem Blute eines Dieners zu beſu⸗ deln; er moͤchte lieber auf eine andere Art ſeinem Zorne genuͤgen, ihn einkerkern und im Gefaͤngniſſe ſchmachten und ſein begangenes Vergehen beweinen laſſen. Solche und noch viele andere gute Worte mehr gab ihm die fromme Frau, damit ſie ſeinen Sinn davon abbraͤchte, ſie zu toͤdten; und rieth ihm dagegen, er moͤchte Jeden von ihnen an verſchie⸗ denen Ortern in's Gefaͤngniß einſetzen laſſen; dort könnten ſie, wohl bewacht, bei weniger Speiſe und vielen Unbequemlichkeiten ſo lange ſitzen, bis er ein Anderes uͤber ſie beſchloͤſſe. Und dieß geſchah denn auch. Was fuͤr ein Leben ſie in der Gefangenſchaft fuͤhrten, bei fortwaͤhrenden Thraͤnen und längerem Faſten, als es fuͤr ſie noͤthig geweſen ware, kann ſich ein Jeder leicht denken. Da min Johann und Spina ein ſo klaͤgliches Le⸗ ben fuͤhrten, was ſchon ein Jahr gedauert hatte, ohne daß Conrad ſich ihrer erinnert haͤtte, geſchah es, daß der Koͤnig Peter von Arragonien, durch Unter⸗ handlungen mit Meſſer Johann von Procida, die Inſel Sizilien zur Empoͤrung veranlaßte, und ſie dem Koͤnig Carl wieder wegnahm; hieruͤber war Con⸗ rad, als Gibelline, ſehr erfreut. Da Johann dieß — — Sechſte Novelle. von einem der ihn Bewachenden hoͤrte, ſtieß er einen tiefen Seufzer aus und ſagte: Ich ungluͤcklicher, vierzehn Jahre ſind verfloſſen, daß ich mich kuͤm⸗ merlich durch die Welt quaͤle, und nichts anderes erwartete als dieß, was jetzt, da es erfolgt iſt, da⸗ mit ich kein Gluͤck mehr zu hoffen haben ſoll, mich im Gefaͤngniſſe findet, aus welchem ich nicht an⸗ ders als todt jemals herauszukommen hoffen darf! Nun, ſagte der Gefangenwaͤrter, was geht denn Dich das an, was die groͤßten Koͤnige mit einander vorhaben? Was hätteſt Du denn in Stilien zu thun? Worauf Johann antwortete: O! das Herz moch⸗ te mir zerſpringen, wenn ich daran denke, was mein Vater einſt da zu thun hatte, den ich, obgleich ich noch ein Kind war, als ich daraus fluͤchtete, mich erinnere, als einen großen Herrn dort geſehn zu haben, bei Lebzeiten des Koͤnigs Manfredi. und wer war denn Dein Vater? fuhr der Ge⸗ fangenwaͤrter fort. Mein Vater? ſagte Johann, jetzt kann ich es ganz ſicher offenbaren, da ich doch in der Gefahr mich befinde, vor welcher ich mich fuͤrchtete, wenn ich es je entdeckte. Es war, und iſt noch, wenn er lebt, Heinrich Capece, und mein Name iſt Gottfried, aber nicht Johann; und ich zweifle gar nicht, daß, wenn ich hier heraus ware und nach Sizilien zuruͤck⸗ kehrte, ich nicht daſelbſt einen bedeutenden Platz be⸗ kommen ſollte. Der ehrliche Mann erzahlte, ohne noch weiter Boccaccio's ſämmtl. W. 1. 13 194 was zu fragen, Conraden alles dieß, ſobald er nur Zeit dazu bekam. Als Conrad dieß gehort hatte, ging er, ob er gleich gegen den Gefangenwaͤrter that, als wenn es ihn gar nicht kuͤmmerte, ſogleich zur Madonna Be⸗ ritola, und fragte ſie freundlich, ob ſie mit Hein⸗ rich einen Sohn gehabt haͤtte, deſſen Name Gott⸗ fried geweſen. Die Dame antwortete mit Thraͤnen in den Au⸗ gen, daß, wenn der aͤlteſte von ihren beiden Soͤh⸗ nen, die ſie gehabt haͤtte, noch lebte, er ſo heißen und etwa zwei und zwanzig Jahr alt ſeyn wuͤrde. Da Conrad dieß hoͤrte, war er der Meinung, er muͤſſe es ſelbſt ſeyn, und ſogleich fiel es ihm ein, wenn es wirklich ſo waͤre, ſo koͤnne er mit einem Male einen großen Beweis ſeiner Mildtha⸗ tigkeit ablegen, und ſeine und ſeiner Tochter Schan⸗ de vertilgen, wenn er ſie ihm zur Frau gaͤbe. Er ließ daher den Johann ganz im Stillen kommen, und eraminirte ihn Punkt fuͤr Punkt uͤber ſein fruͤ⸗ heres Leben; und da er aus deutlichen Anzeigen fand, er waͤre wirklich Gottfried, der Sohn Hein⸗ rich Capece's, ſagte er zu ihm: Johaun, Du weißt, was fuͤr einen, und was fuͤr einen großen Schimpf Du mir in meiner eige⸗ nen Tochter gngethan haſt, da doch Du, den ich ſo gut und ſo freundlich behandelte, meine Ehre unt alles das Meinige, wie es die Pflicht eines Diener iſt, haͤtteſt zu befoͤrdern ſuchen ſollen. Viele an meiner Stelle wuͤrden, wenn Du ihnen das ange⸗ Zweiter Tag. Sechſte Novelle. 195 than haͤtteſt, was Du mir angethan haſt, Dir auf die ſchmähligſte Art den Tod gegeben haben, was ich aber nicht uͤber mein Herz bringen konnte. Wenn die Sachen ſich nun jetzt ſo daß Du der Sohn eines verhalten, wie Du ſägſt, edeln Mannes und einer edeln Frau biſt, ſo will ich Deinen Qualen, wenn Du ſelbſt willſt, ein Ende machen, und Dich aus ſ dem Elende und aus der Gefangenſchaft, worin Du bis jetzt geſchmachtet haſt, herausreißen, und zu gleicher Zeit Deine und meine Ehre auf die ihr ge⸗ zuruckfuͤhren. Wie Du weißt, iſt Spina, fuͤr welche Du eine in Liebe ausgeartete Freundſchaf ſie ſchickte, hegſ t, wie ſie ſich weder fuͤr Dich noch fuͤr t, Wittwe; ihre Ausſteuer iſt groß und gut, und was ihre Familie betrifft, ſo kennſt Du ihren Vater und ihre Mutter; uͤber Deinen gegenwaͤrtigen Stand ſage ich nichts. Willſt Du daher, ſo bin ich es zufrieden, daß ſie, die unan⸗ ſtandiger Weiſe Dir Freundin ward, Weiſe Deine Frau werde, anſtaͤndiger und daß Du als mein Sohn hier bei mir und mit ihr verweilſt, ſo lange es Dir gefaͤllt. Das Gefaͤngniß hatte Johann zwar abgema⸗ gert, aber den edeln Geiſt ſeiner Abkunft hatte es im geringſten nicht vermindert, noch die innige Liebe, die er fur ſeine Geliebte fuhlte, geſchwaͤcht. Und ob er gleich ſehnlichſt das wuͤnſchte, was Conrad ihm antrug, und er auch ſah, daß es in ſeiner Ge⸗ walt ſtande; ſo hatte doch alles dieß auch nicht den geringſten Einfluß auf ihn, ſo, daß die Groͤße ſei⸗ Zweiter Tag. ner Seele ihm nicht an die Hand gegeben haͤtte, was er ſagen ſollte, und deshalb antwortete er: Conrad, weder das Verlangen nach Herrſchaft, noch die Begierde nach Geld, noch irgend ein ande⸗ rer Grund hat mich jemals dazu vermocht, als ein Verraͤther Deinem Leben oder allen dem Deinigen Fallen zu legen. Ich liebte Deine Tochter, liebe ſie noch und werde ſie ewig lieben, und wenn ich mich, nach der Meinung der Philiſter, weniger anſtaͤndig gegen ſie betragen habe, ſo habe ich ein Vergehen begangen, was der Jugend ſtets eigen bleiben wird, und wollteſt Du es aus der Welt fortſchaffen, ſo muͤßteſt Du erſt die Jugend fortſchaffen; und woll⸗ ten die Alten ſich dann ferner erinnern, daß ſie auch jung waren, und Anderer Fehler mit den ihri⸗ gen, und die ihrigen mit Anderer vergleichen, ſo wuͤrde, was ich als Freund, aber keineswegs als Feind begangen habe, weder Dir noch den Andern ſo ſtrafbar erſcheinen. Das, was Du zu thun mir angeboten haſt, habe ich immer ſehnlichſt gewuͤnſcht, und wenn ich haͤtte glauben koͤnnen, daß es mir wuͤrde zugeſtanden werden, ſo haͤtte ich es ſchon längſt erbeten; und darum iſt es mir jetzt um ſo werther, je geringer meine Hoffnung dazu war. Haſt Du aber das nicht auch wirklich im Sinn, was Deine Worte zeigen, ſo nähre mich nicht mit fal⸗ ſchen Hoffnungen, laß mich in's Gefaͤngniß zuruck⸗ kehren, und laß mich dort, ſo lange es Dir gefaͤllt, lich guälen, immer werde ich Spina lieben, immer aus Liebe fuͤr ſie Dich lieben und Dich in Ehrfurcht — 8ð halten, magſt Du auch mit mir verfahren, wie Du willſt. Da Conrad dieß hoͤrte, erſtaunte er uͤber die Hoheit ſeiner Seele, erkannte ſeine heiße Liebe und gewann ihn darum nur um ſo lieber; deßhalb ſtand er auf, umarmte ihn und kuͤßte ihn, und ohne nur einen Augenblick noch zu verziehen, befahl er, daß Spina ganz unbemerkt hierher gefuͤhrt wuͤrde. Sie war im Gefaͤngniß ebenfalls mager, blaß und ſchwach, ja gleichſam ein ganz anderes Frauen⸗ zimmer geworden, als ſie geweſen war, und ſchien eben ſo wie Johann ein ganz anderer Menſch; den⸗ noch wurde in Gegenwart Conrads mit allgemeiner übereinſtimmung die Verlobung, nach unſern Sit⸗ ten, vollzogen. Und da mehrere Tage verfloſſen waren, ohne daß irgend ein Menſch gemerkt haͤtte, was geſchehen war, er aber das, was ſie noͤthig hatten, oder zu ihrem Vergnuͤgen gereichte, hatte in Stand ſetzen laſſen, ſchien es ihm Zeit, auch den Muͤttern die Freude zu machen. Er ließ daher ſeine Gemahlin und Cavriuola rufen, und redete ſie dan ſo an: Was wuͤrden Sie wohl ſagen, Madame, wenn ich Ihnen Ihren alteſten Sohn wieder verſchaffte, und noch dazu als den Gemahl einer meiner Töchter? Worauf Gavriuola antwortete: Ich koͤnnte Ihnen nichts anders ſagen, als: wäre es moglich, daß ich Ihnen noch verpflichteter ſeyn koͤnnte, als ich es ſchon bin, ſo wirde ich es Ihnen dadurch werden, wenn Sie mir etwas wiedergaͤben, was mir lieber Sechſte Novelle. 197 —— — Zweiter Tag. iſt, als ich mir ſelbſt bin; und gaͤben Sie mir es gar auf die Art wieder, als Sie ſagen, ſo wuͤrden Sie Eine von allen meinen verlornen Hoffnungen wieder in's Leben zuruͤckrufen. Hier ſchwieg ſie wei⸗ nend. Hierauf ſagte Conrad zu ſeiner Frau: Und was duͤnkt Dich wohl, Frau, wenn ich Dir einen ſolchen Schwiegerſohn gaͤbe? Darauf antwortete die Frau: Wenn er Dir ge⸗ fiele, wuͤrde er mir angenehm ſeyn, waͤre er ſelbſt auch ein armer Schelm, und keiner von denen, wel⸗ che vornehme Herren ſind. Nun ſagte Conrad: In ein paar Tagen hoffe ich Euch dieſe Freude zu machen.— Nachdem er hierauf ſah, daß die beiden jungen Leute ihre erſte Geſtalt wieder erhalten hatten, und ſie auch anſtän⸗ dig gekleidet waren, fragte er Gottfried: Wie viel lieber als die Frende, die Du jetzt haſt, wuͤrde Dir wohl die ſeyn, wenn Du Deine Mutter hier ſaͤheſt? Hierauf antwortete Gottfried: Es iſt faſt nicht zu glanben, daß der Schmerz uͤber die ſie betroffe⸗ nen Ungluͤcksfaͤlle ihr ſo lange das Leben gelaſſen haͤtte; aber wenn es denn doch waͤre, ſo wuͤrde es mir uͤberaus lieb ſeyn, weil ich dann glauben koͤnnte, durch ihren Rath einen großen Theil meines Vermoͤ⸗ gens in Sizilien wieder zu erlangen. Hierauf ließ Conrad beide Frauen kommen. Bei⸗ de waren hoch erfreut uͤber die junge Braut und wun⸗ derten ſich nicht wenig, was fuͤr ein guter Geiſt — e⸗ el⸗ * — Sechſte Novelle. 199 durch ſeine Eingebung in Conrad eine ſolche Gute erweckt haͤtte, daß er Johann mit ihr verbunden. Dieſen ſah nun Madame Beritola, auf die Wor⸗ te, die ſie von Conrad ſo eben gehoͤrt hatte, ſchaͤr⸗ fer an, und da eine innere geheime Kraft bei ihr die Erinnerung an die Geſichtszuͤge ihres Sohnes aus den Kinderjahren her, erweckte, lief ſie, ohne noch irgend eine andere Hinweiſung zu erwarten, mit ausgebreiteten Armen ihm an den Hals; aber die uͤbermächtige Liebe, und die muͤtterliche Frohlich⸗ keit verſtatteten ihr nicht, ein Wort hervorzubringen⸗ vielmehr laͤhmten ſie jede Kraft ihrer Sinne, und ſie ſank wie todt in die Arme des Sohnes. Dieſer, obgleich er voll Verwunderung daſtand, erinnerte ſich allerdings, daß er ſie mehrmals vor⸗ her in dieſem Schloſſe geſehen, und niemals erkannt haͤtte; jetzt aber erkannte er ſogleich den muͤtterlichen Zug, und indem er ſich ſelbſt uber ſeine bisherige Fahrlaͤſſigkeit Vorwuͤrfe machte, ſchloß er mit Thraͤ⸗ nen ſie in ſeine Arme und kußte ſie zaͤrtlich. Aber ſobald nur Madame Beritola, liebevoll von Conrads Gemahlin und Spina unterſtuͤtzt, durch friſches Waſſer und andere dergleichen Kuͤnſteleien, ihre entflohenen Kraͤfte wieder in ſich zuruͤckgerufen hatte, umarmte ſie ihren Sohn unter tauſend Thraͤ⸗ nen wieder von neuem, und kuͤßte ihn mit muͤtter⸗ licher Zaͤrtlichkeit immer wieder, wogegen er ſie mit kindlicher Ehrfurcht anblickte und an ſein Herz druͤckte. Nachdem aber die zuͤchtigen und froͤhlichen Um⸗ 200 Zweiter Tag. armungen drei bis vier Mal, nicht ohne allgemeine Freude und Vergnuͤgen der Umſtehenden, waren wie⸗ derholt worden, auch Einer dem Andern ſeine Schick⸗ ſale erzaͤhlt hatte, und Conrad, der ſeinen Freun⸗ den mit innigem Wohlgefallen ſeine neue Verwandt⸗ ſchaft mitgetheilt, und ein ſchoͤnes und praͤchtiges Feſt angeordnet hatte, ſagte Gottfried zu ihm: Conrad, Sie haben mich durch ſo Vieles ſo gluͤcklich gemacht, und meine Mutter ſo lange in Ehren bei ſich behalten; allein, damit nichts von dem zu thun uͤbrig bleibe, was durch Sie gethan werden kann, ſo bitte ich Sie, daß Sie meine Mut⸗ ter, dieſes mein Feſt und mich ſelbſt vollkommen froh machen, durch meines Bruders Gegenwart, den Meſſer Gasparino von Oria als Diener bei ſich in ſeinem Hauſe hat, und der, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, ihn und mich zur See geraubt hat; und dann, daß Sie Jemanden nach Stzilien ſchicken, der genaue Erkundigungen uͤber die Lage und den Zuſtand des Landes einziehe, und zu erfahren ſuche, was aus meinem Vater Heinrich geworden, ob er todt iſt oder ob er noch lebt, und in welchem Zuſtande; und dann von Allem gehoͤrig unterrichtet zu uns zu⸗ ruͤckkehre. Conrad gefiel Gottfrieds Bitte, und ſandte un⸗ verzuglich die umſichtigſten Leute nach Gema und Sizilien. Der nach Genua gegangen war, ſuchte Meſſer Gasparino auf, und bat ihn in Conrads Namen in⸗ ſtaͤndig, daß er ihm den Vertriebenen mit ſei— — Sechſte Novelle. 201 ner Amme ſchicken moͤchte, und erzaͤhlte ihm der Reihe nach alles, was von Seiten Conrads fuͤr Gottfried und die Mutter waͤre gethan worden. Meſſer Gasparino wunderte ſich ſehr, da er dieß hoͤrte und ſagte: Allerdings wuͤrde ich fuͤr Con⸗ rad thun, was ihm gefiele und was nur in meinen Kraͤften ſteht; es iſt auch andem, daß ich, es moͤgen wohl vierzehn Jahr her ſeyn, den Knaben im Hauſe gehabt habe, und auch ſeine Mutter, die ich ihm Beide gern ſchicken wuͤrde; aber ſage ihm in meinem Namen, er moͤchte ſich in Acht nehmen, ihm nicht zu viel trauen, oder gar die Maͤhrchen glauben, die Johann erzaͤhlt hat, der ſich heute Gottfried nennt, denn es iſt ein viel ſchlechterer Kerl, als er vielleicht ſelbſt glaubt. Und nachdem er ſo geſpro⸗ chen, erzeigte er dem braven Manne zwar alle Ehre, ließ ſich aber doch im Stillen die Amme rufen, und forſchte ſie vorſichtig uͤber alles aus. Sobald dieſe von der Rebellion in Sizilien ge⸗ hoͤrt und erfahren hatte, daß Heinrich noch lebte, ließ ſie alle Furcht fahren, die ſie bis jetzt gehabt hatte, ſagte ihm alles ganz ordentlich, und zeigte ihm den Grund an, warum ſie die Gruͤnde, nach welchen ſie gehandelt, ſo feſt befolgt haͤtte. Da Meſſer Gasparino ſah, daß die Reden der Amme mit denen des von Conrad Geſendeten voll⸗ kommen uͤbereinſtimmten, fing er an ihren Worten Glauben beizulegen, ſtellte, als ein liſtiger Mann, auf eine und die andere Art Unterſuchungen hieruͤber an, und da er immer mehr Gruͤnde fand, die ihn in ——————————— 202 Zweiter Tag. ſeinem Glauben beſtärkten, ſo ſchaͤmte er ſich der niedrigen Behandlung, die er gegen den jungen Mann visher beobachtet hatte, und ſuchte die Sache wieder gut zu machen. Er hatte eine ſchoͤne Tochter von elf Jahren*), und da er wußte, wer Heinrich gewe⸗ ſen, und vielleicht noch ware, gab er ſie ihm mit einer anſehnlichen Mitgift zur Gattin. Nachdem er ein großes Feſt hieruͤber angeſtellt, beſtieg er mit dem jungen Manne, ſeiner Vochter und der Amme eine wohl ausgeroͤſtete Gallevte und ſegelte nach Lerici; hier empfing ihn Conrad, und ging mit der ganzen Geſellſchaft nach einem ſeiner Schloͤſſer, was nicht weit von hier lag, woſelbſt dann ein allgemei⸗ nes Feſt gefeiert ward. Wie groß die Freude der Mutter war, als ſie auch dieſen ihren Sohn wieder ſah, wie groß die der beiden Bruͤder, wie groß die fuͤr alle Drei und für die treue Amme, wie groß die, welche Meſſer Gasparino daruͤber empfand, und ſeine Vochter, und auch alle Andere, wie ſich Alle dann auch mit Con⸗ rad, mit ſeiner Gemahlin und ſeinen Kindern und ſeinen Freunden daruͤber erfreuten, kann nicht mit Worten ausgedruͤckt werden, und ich uͤberlaſſe es daher Euch ſelbſt, meine Damen, es Euch vorzu⸗ ſtellen. *) Martinelli ſchon ſagt, daß die Vollziehung einer ſo unreifen Heirath wenigſtens jetzt in Italien nicht er⸗ laubt werden würde. In Spanien ſollen ſie in noch fruͤhern Jahren erlaubt ſeyn. t 2 e 0 7 Sechſte Novelle. 203 Damit aber dieſes Feſt vollkommen wuͤrde, woll⸗ te Gott, der reichlichſte Geber, wenn er einmal zu geben angefangen hat, noch die froͤhliche Nachricht von dem Leben und dem Wohlbeſinden Heinrich Ca⸗ pece's hinzufuͤgen. Als daher das Feſt am glaͤn⸗ zendſten war, und die geladenen Herren und Damen noch bei dem erſten Gericht zur afel ſaßen, kam der, welcher nach Sizilien gegangen war, und er⸗ zäͤhlte unter andern von Heinrich, daß er vom Koͤ⸗ nig Carl noch waͤre in Gefangenſchaft gehalten wor⸗ den, als ſich der Aufſtand gegen den Koͤnig im Lande erhoben haͤtte; das Volk aber wäre wuthend nach dem Gefaͤngniß gelaufen, habe die Wachen ge⸗ toͤdtet, und ihn herausgezogen; dann ihn, als den Hauptfeind des Konigs, zu ihrem Anfuͤhrer gemacht, und waͤren ihm gefolgt, als die Franzoſen verjagt und getodtet worden. Daher wäre er beim Koͤnig Peter vorzuͤglich in Gnaden gekommen, und von die⸗ ſem in alle ſeine Guͤter und Ehrenſtellen wieder ein⸗ geſetzt; und auf dieſe Art befaͤnde er ſich in großem und vorzuͤglichem Anſehen. Er fuͤgte noch hinzu, daß er ihn mit der groͤßten Ehre empfangen, und ſeine Freude uͤber ſeine Frau und ſeinen Sohn laut geaußert habe, da er ſeit ſeiner Gefangennehmung nichts mehr von ihnen gehoͤrt haͤtte. Ueberdieß ſchicke er ihnen auch noch eine Fregatte, welche mit einigen edeln Männern nachkommen wuͤrde. Dieſe Nachricht wurde mit der lauteſten Freude und Froͤhlichkeit gehort und angenommen, und Con⸗ rad ging ſogleich mit einigen Freunden den edeln 204 Zweiter Tag. Maͤnnern entgegen, die wegen Madame Beritola und Gottfried kamen, empfing ſie froͤhlich und fuͤhrte ſie ſogleich nach dem kleinen Gaſtmahl, was er nicht weit davon hatte zubereiten laſſen. Dieſe hier zu ſehen, waven ſowohl die Dame und Gott⸗ fried, als auch alle die Andern ſo erfrent, als es ſich nicht ſagen laͤßt; ehe ſie ſich aber zu Tiſche ſetzten, gruͤßten und dankten ſie ſo gut ſie nur wuß⸗ ten und konnten, im Namen Heinrichs vorzuͤglich Conrad und ſeine Gemahlin fuͤr die der Dame, dem Sohne und ihm, Heinrich ſelbſt erwieſene Ehre, fuͤr den ſie ihnen jede Dienſtleiſtung verſprachen, die nur in ſeinen Kraͤften ſtuͤnde. Hierauf wandten ſie ſich auch zum Herrn Gasparino, deſſen Wohlthat ſo ganz unerwartet kam, und ſagten, ſie waͤren uͤberzeugt, daß, wenn Heinrich wuͤßte, was er fuͤr den Vertriebenen gethan haͤtte, er ihm eben ſo vielen, und vielleicht noch groͤßern Dank dafuͤr ſagen wuͤrde. Dann aßen ſie froͤhlich an dem zu Ehren der beiden neuen Ehepaare angeſtellten Feſte. Und nicht allein dieſen Tag weihete Conrad der Froͤhlich⸗ keit fuͤr ſeinen Schwiegerſohn und die andern Ver⸗ wandten, ſondern noch viele andere. Nach dieſen Feierlichkeiten glaubten Madame Beritola und Gottfried und auch die Andern, daß ſie an die Abreiſe gedenken muͤßten, und ſie beſtiegen unter vielen Thraͤnen von Seiten Conrads und ſei⸗ ner Frau, wie auch des Herrn Gasparino, die Ga⸗ leere, nahmen Spina mit ſich fort und ſegelten ab. Bei gluͤcklichem Winde kamen ſie bald nach Sizilien ————————— —— „— Sechſte Novelle. 205 hin, woſelbſt ſie alle zuſammen mit ſolcher Freude von Heinrich, und die Sohne mit ihren Frauen in ganz Palermo empfangen wurden, als ſich nicht be⸗ ſchreiben laͤßt. Hier ſollen ſie lange Zeit gluͤcklich gelebt haben, und immer dankbare Freunde Gottes fuͤr die empfangenen Wohlthaten geblieben ſeyn. Ende des erſten Baͤndchens. ———————— Literariſche Anzeige. Neue, elegante ante Taſchenausgaben, welche bei 6. B aſſe in Quedlinburg, ſo⸗ die in allen uͤbrigen Buchhandlungen zu haben ſind: Sſſian's Gedichte. Neu uͤberſetzt von L. G. Foͤrſter.(In 3 Baͤnd⸗ chen.) In Taſchenformat. Geheftet. 18 Baͤnd⸗ „chen. 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