—— Leihbibliothek„ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf bezahlr. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. CQaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 6 2 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für bchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 3 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene over veferte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleikezeit. Dieſelbe iſt auf 14 age feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmertſam gemacht, daß das Weiterverleihen F der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 4 — 6 22 ez— *62 8 S— — 8 H 8 2 E— &** v5 1 — — — — — — — 5 — a 2 —. ——==— § 5— S — S— 3 S 1 7 1 4 2 0 3 — 4 „6 S W. Blumenhagen's ſimmtliche Schriſten. Zweite vermehrte Auflage in 16 Bänden mit 17 Stahlſtichen. Sechszehnter Jand. —O G 4 d Stuttgart: Scheible, Rieger x Sattler. 1844. De 8 8 — ¹ Der — Stiefmutter Königin Ausgeſtoßene deutſche Helot Arabella Inhalt: I. 197 Die Stiefmutter. — e 3 —— Eine Nobelle. Blumenhagen. XvI. Mitternacht war nahe. Der Chevalier Melae ver⸗ ſchmähte trotz des ermüdenden Rittes, den er heute im ſchlechten Herbſtwetter gemacht, den Schlaf, und ſaß noch wach und munter in dem kleinen Gemache, das man ihm gaſtfrei im Schloſſe des Herrn von Eſenheim angewieſen. Der junge Mann hatte das Fenſter aufge⸗ ſtoßen und horchte auf das dumpfe Gebraus des Rhein⸗ ſtromes, welcher tief unter ihm floß, und ſah zugleich in das milde Licht des Mondes, der ſchmal und ſichelförmig im letzten Viertel ſich zeigte, und, einem goldenen Kahne gleich, langſam durch das ſtill gewordene, gereinigte Luft⸗ meer dahinfuhr. Beides, das ſanfte Himmelslicht und das geheimnißvolle Lied der Wellen, ſchien dem beweg⸗ ten Gemüth des Einſamen wohl zu thun, und er ver⸗ ſank nach und nach in jenes träumeriſche Sinnen, dem ein gewiſſes Alter ſich ſo gern hingibt, weil es nur ſchwankende, halb erkennbare Bilder darbeut, die dem ungewiſſen Wollen, dem unſichern Hoffen, dem verän⸗ derlichen Begehren ähneln, welche in dieſen Lebensjahren den Uebergang vom Jünglinge zum Manne charakteri⸗ ſiren. Doch mit jeder Minute, in welcher Melae ſich dieſer Träumerei überließ, mit jedem Blick der halb geöffneten Augen auf die im Halblicht der Mondnacht erhellte Gegend außen oder innen auf die Wände und Mobilien des Zimmers verdeutlichten ſich die Gegen⸗ ſtände und Geſtalten ſeiner Phantaſie, und die Erinne⸗ 4 rung wiederholte ihm eine Periode ſeines Lebens, die ihm zwar unvergeßlich geblieben, welche ſich aber in den drei Jahren, ſeitdem ſie verronnen, nie ſo deutlich ihm dar⸗ geſtellt als jetzt, wo der Zufall ihn wiederum auf ihren Schauplatz gerufen. Drei Jahre waren verfloſſen, ſeit er in dieſer Gegend einen ſchönen Monat verlebt. Von ſeinem Onkel, dem Marechal de Camp, Grafen von Melac, welcher ihn, der frühe eine Waiſe geworden, väterlich beſchützt und erzo⸗ gen hatte, wurde er damals dem neuen Geſandten am däniſchen Hofe, dem Marquis Bourepeaur, als Cava⸗ lier mitgegeben, um auf der Reiſe zum Norden und im Auslande Welt⸗ und Menſchenkenntniß zu ſammeln und ſich für eine glänzende Zukunft vorzubereiten. Der Am⸗ vaſſadeur erkrankte in Mainz, ſein Uebel zog ſich in die Länge und verzögerte die Weiterreiſe um viele Wochen. Die jungen Edelleute im Gefolge des Marquis, unter denen ſich auch der junge Rouſſeau, des berühmten Jean Jacques Vater, befand, deſſen poetiſcher Geiſt auf ſeine Gefährten unwiderſtehlich einwirkte, zerſtreuten ſich zu nahen und fernen Ausflügen in die herrliche Gegend, und der junge, ſchwärmeriſch⸗ritterliche Philibert Melac, der bisher nur Paris, den Hof des Königs, die Fecht⸗ ſchule und das College, und höchſtens die Dorfſchaften und Rittergüter auf ſechs Meilen in der Runde der Hauptſtadt Frankreichs als das Theater ſeines Lebens gekannt, ward von dem prangenden Gottesgarten, wel⸗ cher den majeſtätiſchen deutſchen Grenzſtrom umkränzt, in ſolches Entzücken verſetzt, daß er gleich einem irren⸗ den Ritter alle ſeine Höhen und verſteckteſten Winkel durchwanderte, und von ſeinen Gefährten, welchen das üppige Treiben in der großen Stadt des geiſtlichen Erz⸗ — — fürſten mehr zuſagte, getrennt, oft ſeine Enideckungs⸗ reiſen weit an dem Strome hinauf oder hinunter aus⸗ dehnte. So verlor er ſich auch in die Gegend, wo ein Herr von Eſenheim mit ſeiner Familie ein altes Steinſchloß bewohnte, das den jungen Ritter durch ſein antikes Aeu⸗ ßere, ſeine köſtliche Lage feſſelte, und in welchem er mit ſeinem kleinen normanniſchen Roſſe eine gaſtifreie Auf⸗ nahme nicht vergebens ſuchte. Doch nach wenigen Ta⸗ gen feſſelte ihn die wirthliche Familie mehr als die Na⸗ turumgebung, und bewog ihn, ſeine Urlaubszeit bis auf den letzten Termin der neuen, den erſt ſeit Kurzem in die fremde Welt eingetretenen Jüngling von mehrfachen Seiten ergreifenden Bekanntſchaft zu weihen. Der Herr des Schloſſes, ein kleiner, hagerer Mann mit ſcharfen Geſichtszügen, die mehr Geiſt verſprachen, als hinter ihnen wohnte, hatte am erzbiſchöflichen Hofe einen Ehrenpoſten bekleidet. Sein Verſtand genügte den bewegten, ſcharfen Weltverhältniſſen nicht, ſein aufbrau⸗ ſendes, eigenſinniges Weſen ſagte dem biſchöflichen Trei⸗ ben nicht zu, und ſo folgte es natürlich/ daß Herr von Eſenheim ſich zurückgeſetzt ſah, indem man weder ſeine unbeholfenen Dienſtleiſtungen ſuchte, noch ſeiner rauhen Unbeſonnenheit die Geheimniſſe des Staates zu ver⸗ trauen ſich geneigt fühlen konnte. Er gab unwillig den Hofdienſt auf und zog ſich nach ſeiner Stammburg zu⸗ rück, wo er ſelbſt den König ſpielen konnte, wo jedoch das einzig ſich darbietende Vergnügen der Jagd und die Geſellſchaft wilder Jagdgeſellen das Bischen Licht ſei⸗ nes Geiſtes faſt gänzlich verlöſchte und dagegen die ihm angeborene Rohheit und den ihm zur Natur gewordenen Jähzorn wachſen ließ in ungezügelter Naturfreiheit. Herr von Eſenheim ſtand auf der Spitze des Mannesalters, doch war er geſund und kräftig: die Natur erſetzte, was ſie an geiſtigen Schätzen verſagt, durch eine unzerſtör⸗ pare Conſtitution des Leibes, und der faſt ſechszigiährige Nimrod durfte ſich allen Lebensgenüſſen ungeſtraft hin⸗ geben, und er verſchmähte keinen derſelben, der ſich ihm in ſeiner freiwilligen Verbannung darbot. Als etwas Neues zog der Chevalier in den erſten Tagen des Schloßherrn Theilnahme an, aber ſchnell ging ſie in Rauch auf, da der Pariſer Junker ſich ſo wenig als ein Meiſter auf der Jagd, noch als ein Wein⸗ kenner bewies, und ſeine Erzählungen von dem neuen Garten zu Verſailles, Le Notre's Meiſterſtück, von Lul⸗ ly's, des neuen Orpheus, Zaubertönen, von den Feen⸗ feſten der Maintenon und Montespan, oder gar ſeine Geſpräche über Fenelons Telemach und Moliére's Tar⸗ tuffe und Vaubans neuen Feſtungsbau Herrn von Eſen⸗ heim bis auf den Tod langweilen mußten. Deſto willkommener wurden jedoch dieſe Berichte aus einer neuen Welt den übrigen Burgbewohnern. Die Edel⸗ frau war eine zarte Dame, die, im ſcharfen Contraſt mit dem Gemahl, von der Natur einen ſo feinen Kör⸗ per erhalten, daß die Seele allenthalben durch die Haut, die an Farbe und Durchſichtigkeit dem Porzellan gleich, hervorleuchtete. Wie der arme Schmetterling, den eine frühe trügeriſche Sonne aus der Puppe gelockt und den der wieder einbrechende Nachtfroſt tödtet, ſo ward ſie aufgerieben durch den unauflöslichen Bund mit dem materiellen Gemahl, und, ein Bild der langſamen Auf⸗ löſung, ſaß ſie, lilienweiß und ſtill duldend, unter ihren Kindern in ſtummer Ergebung, die nur durch den Blick auf das freundliche Dreiblatt der Lieblinge geſtört wurde, — und gern hörte ſie des Fremden Geſchwätz, das ihre trüben Träume auf eine Zeitlang verſcheuchte. Melac fühlte ſich wunderbar von dem feinen Leidensbilde an⸗ gezogen, und es däuchte ihm, als ſey ihm in ihr ſeine Mutter erſchienen, die er nie gekannt, und mit raſchge⸗ ſchloſſener Freundſchaft ſchloß er ſich an den Junker Je⸗ rome, einen achtzehnjährigen, offenen, vielverſprechenden Jüngling; mit zarter Neigung, deren Tiefe er erſt nach der Entfernung erkannte, huldigte er dem ſechszehnjähri⸗ gen Fräulein Klara, und wiegte den kleinen, lieblichen Spätling, die dreijährige Angela, auf ſeinem Knie, die ſich bald als ſeine Herrſcherin geberdete, ihn wie einen Pagen und Haushofmeiſter in ihrer Puppenwelt ge⸗ brauchte, und durch ihre naiven, klugen Einfälle ihn für den ſeltſamen Dienſt zu gewinnen und feſtzuhalten wußte. Doch außer dieſen Familiengliedern ward noch eine Perſon nicht von ihm überſehen, die zwar eine unterge⸗ ordnete Rolle zu ſpielen ſchien, deren geheimer Einfluß aber bald von ihm erkannt wurde. Es war ein Frauen⸗ zimmer, Aurora benannt, welche als Geſellſchafterin von Mainz mitgenommen worden, und welche bei der Kränk⸗ lichkeit der Edelfrau alle Functionen der Haushofmeiſte⸗ rin, der Gouvernante, der Wirthſchafterin, überhaupt im weiteſten Sinne der Stellvertreterin ihrer Dame in ſich vereinigt zu haben ſchien. Demoiſelle Aurora ſchwebte auf der böſeſten Jahresſtufe ihres Geſchlechts: ſie feierte ihren Geburtstag noch unter der Zahl dreißig, erröthete jedoch jedes Mal, wenn der Geburtstagskuchen, den ihr die Kinder brachten, eine Zahl in ſeinem ſüßen Centro ſehen ließ. Uebrigens berechtigte ſie ihre Außenſeite zu der Unwahrheit und Verhehlung, denn ihre Geſtalt trug 8 alle Blüthe der Jugend, ihre Größe überſchritt die an⸗ genehme Mitte nicht, welche die Männer vorziehen, über einer ſchlanken Taille hob ſich eine üppige Bruſt, die lockende Wölbung der Hüften trug ein zierlicher Fuß, natürliches Roth malte die runde Wange, unter breiter Augenbraue blitzte ein dunkles Auge, aus dem gleich dem Farbenwechſel des Chamäleons jetzt kecke Laune, dann verlockende Sentimentalität, dann brennende Lei⸗ denſchaft, und jetzt wieder ſtiller, anziehender Tieffinn an das Licht trat, wie es der Beſitzerin paſſend ſchien, und eine Gewandtheit und Lebhaftigkeit ihres Beneh⸗ mens, eine faſt unbegreifliche Kunftfertigkeit, ſich in alle Hausgenoſſen zu fügen, Allen gerecht zu ſeyn, gab ihr eine myſteriöſe Gewalt, mit der ſie, die Untergeordnete, die arme, bürgerliche Waiſe, Alle, denen ſie zu dienen ſchien, auf wunderbare Art beherrſchte. Keine Woche war verlaufen und auch Philibert fühlte ſich unterjocht und gebunden. Freilich mußte ſie dem jun⸗ gen Pariſer, der wenigſtens von fern dem Hofleben des vierzehnten Ludwigs zuſchauen gedurft und deſſen Sinne von dem feinen narkotiſchen Dunſtkreiſe oft in einen Ahnungsſchwindel gerathen waren, am meiſten zuſagen, denn die Edelfrau verbot durch den heiligen Nimbus, der ſie als eine Halbverklärte umgab, jede Aeußerung der Galanterie, Fräulein Klara hörte zwar gern ſeine Huldigung, verſtand aber in ihrer Kindlichkeit wenig davon und gab nichts zurück, Aurora aber ging in leicht⸗ finniger Verwegenheit in das romantiſche Spiel ein, ohne welches einmal kein Pariſer, wäre er auch kaum Page geworden, leben kann, und das ihm nöthig iſt wie Luft und Licht. Aber das über die Jahre der Unerfahrenheit hinaus gewachſene Mädchen lockte ihn vald über die Pe⸗ ———— —.——— rioden der Sonette, der Blicke und Seufzer hinweg, und mit Schrecken ſah ſich der junge Ritter faſt ohne ſein Zuthun, faſt ohne ſeinen Willen von dieſer ſchönen Eirce in ein ſehr enges Band verflochten, das zwar in ſeiner Neuheit, ſeinem Geheimniß, ſeinem Sinnentaumel ihn berauſchte, ihn zu beglücken ſchien, aber ihn erröthen machte, wenn er der lieblichen reinen Klara gegenüber ſtand und ihr lichtblaues Auge vertrauend und vertraut ſich zu ihm aufſchlug. Im ſeltſamſten Widerſpruch hielt ſeine innerſte Empfindung ihn bald feſt, bald trieb ſie ihn fort von dem Orte, wo ſein Weſen aus allen ge⸗ wohnten Schranken geriſſen worden, und ſo ſchwer er ſich von Klara's feiner Hand losmachte am Scheidungs⸗ morgen, ſo ſchmerzlich er ſich am Abende vorher aus Aurora's Sammetarm losgeriſſen, ſo ſagte er ſich doch, als er, zurückſchauend, die alte Burg auf ihrer Höhe ſchon weit hinter ſich liegen ſah, daß ſein Urlaubstermin wohl zu rechter Zeit abgelaufen ſeyn möchte. Drei Jahre hatte der Chevalier im Gewühle der dä⸗ niſchen Seeſtadt verlebt. Die Verſchiedenheit der Sitte und Lebensweiſe, die Nähe des Meeres, die großartigen Verhältniſſe eines Seeſtaates, das Studium der Schiff⸗ fahrt und des Flottendienſtes, das den jungen Mann unwiderſtehlich anzog, wie es jeden Jüngling von Phan⸗ taſie, Geiſt und Feuer in ſeiner Gefährlichkeit, ſeiner kühnen Wirkſamkeit, da es geſchiedene Welten verbin⸗ det, anziehen muß, dazu die Geſchäfte, welche ihm der Geſandte auftrug, ließen ihn kaum ſeiner Vergangenheit gedenken. Doch wenn ihm in König Chriſtians Schloſſe im Zirkel der ſteifen, gezierten Schönheiten Kopenhagens die Luft ſchwül und beklemmend däuchte, ſtand manches Mal die liebliche, zarte Blume der Rheinfelſen, die an⸗ 10 ſpruchsloſe Klara, vor ſeinen Augen, und in ſehnſüchti⸗ ger Träumerei ſprach er geheim wie ein Einſamer mit⸗ ten im glänzenden Hoffeſte zu ihr in die Ferne hinaus. Ein Schreiben ſeines Oheims, des Marſchalls, gab ihm plötzlich die Ausſicht auf eine erwünſchte Verände⸗ rung ſeiner Verhältniſſe. Der Graf war Gouverneur der wichtigen occupirten Feſtung Landau geworden, und er rief ſeinen Neffen zu ſich, um Theil zu nehmen an den großen Ereigniſſen, welche vor der Thüre waren, und von denen der Alte höheren Rang und Platz zu hoffen verführt wurde. Trotz dem vergaß er jedoch ſei⸗ nen Neffen nicht, und im Gegenſatz zu ſeiner bekannten Charakterrohheit und Grauſamkeit als Soldat rief er mit faſt rührender Vaterſorgfalt ihn auf, die guten Zeug⸗ niſſe, welche der Geſandte dem Hofe zu Paris von ihm zukommen laſſen, nun auch durch höhere, männlichere Selbſtſtändigkeit zu beſiegeln, und durch Waffenthat zu beweiſen, daß ihm außer der Courtvifie und Höflings⸗ tugend auch die übrigen Eigenſchaften eines franzöſiſchen Edelmannes nicht mangelten. Mit innerer Freude be⸗ urlaubte ſich der junge Melac und durchflog ohne Aufent⸗ halt die niederſächſiſchen Provinzen und das Heſſenland. Als jedoch die ſchönen Ufer des Rheinſtroms ihn umfin⸗ gen, als er die Geſänge der fröhlichen Winzer vernahm, da umklammerte ihn die Erinnerung wie mit unbezwing⸗ lichen Liebesarmen, und er konnte ſich nicht verſagen, ihr einige Tage zu opfern. Er kam ſpät Abends im Schloſſe der Eſenheim'ſchen Familie an, aber keines der jüngern MWitglieder ſprang ihm entgegen, Hof und Gebäude ſchie⸗ nen leer und entvölkert. Zwei junge Dienſtboten, ein Burſch und ein Mädchen, ſchauten ihn neugierig an, und als er ſich der Herrſchaft hatte melden laſſen, be⸗ — — kam er die Antwort, der Schloßherr ſey nicht daheim, ſondern zur Jagd hinaus, die Edelfrau bedaure, den Fremden ſo ſpät nicht ſelbſt empfangen zu dürfen, heiße ihn jedoch willkommen und würde gaſtliche Sorgfalt für ihn üben laſſen. Betroffen ſtieg der Chevalier vom Sat⸗ tel und folgte dem jungen Diener zu einem Seitenflügel des Schloſſes, wo ihm ein kleines Zimmer aufgeſchloſſen wurde, das ihm gar bekannt war, denn Junker Jerome hatte hier gewohnt, und Alles darin, die Mobilien, die Waffen an der Wand, der Arbeitstiſch, der Bücherſchr k, das Bett im Cabinet, Alles ſtand noch ebenſo wie dazu⸗ mal, und Melac meinte, der junge Freund, der ihm einſt ſo viel Liebes erwieſen, müßte jeden Augenblick herein⸗ ſtürmen und ſich an ſeine Bruſt werfen. Er fragte den Diener, der die Kerzen anzündete, forſchte bei der Magd⸗ welche einige kalte Speiſen und den ſilbernen Deckelkrug mit Wein vor ihm auf den Tiſch pflanzte: Beide waren erſt ſeit einigen Wochen im Dienſt, Beide zeigten einen Reſpekt vor der Herrſchaft, der wie Furcht ließ, Beide kannten keine Kinder des Edelherrn, gaben die Hausge⸗ noſſenſchaft als nur aus dem Herrn, der Dame, dem Leibjäger und einer kranken Verwandten beſtehend an, und vermehrten ſo die Räthſel, welche der Unterſchied ſeiner erſten und zweiten Aufnahme bei derſelben Fa⸗ milie bereits in dem lebhaften Franzoſen erregt hatte. Doch mit dem leichten Sinne ſeines Alters und ſeiner Nation tröſtete er ſich mit der gewiſſen Auflöſung am nächſten Morgen, meinte, die jungen Eſenheimer könnten ja ſchon ſeit Wochen eine Reiſe zu Verwandten oder zur Weinleſe gemacht haben, freute ſich des Wohlſeins der verehrten Edelfrau und gedachte ſelbſt ohne große Theil⸗ nahme der kranken Aurora, weil ihm dadurch ein Er⸗ 12 röthen und die Beklemmung, welche er ſchon bei dem Gedanken an ihre erſte Begegnung empfand, erſpart werden möchte. Er hatte das dargebotene Mahl nicht verſchmäht, der herrliche Rebenſaft hatte ſeine Müdig⸗ keit verſcheucht; nachdem er ſeinen Reitknecht fortgeſchickt, hatte er Fenſter und Thüre geoͤffnet, um die dumpfe Luft des vielleicht lang verſchloſſenen Gemachs zu vertreiben, und ſaß jetzt, von dem Zuge der lauen Nachtluft er⸗ quickt, am Fenſter. Mitternacht ſchlug die Schloßuhr mit ſcharfen Metalltönen, da polterten Schritte im Gange, und in ſeiner Thüre erſchien eine Geſtalt, die durch ihren Anzug und ihren Jammerton in dieſer Tageszeit auch dem Beherzten ein augenblickliches Erſchrecken erwecken mußte. Er ſprang auf und haſchte nach ſeinem Degen, aber augenblicklich erkannte er ſeinen Baptiſt, ſeinen Diener, der im Hemde und niederhängenden Strüm⸗ pfen, mit leichenblaſſem Geſicht und von der Stirne ſich aufwärts ſträubendem Haar hereinſchwankte, athemlos ſich zu ihm flüchtete und faſt neben ihm niederſank. Was iſt Dir geſchehen? Biſt Du fieberkrank? fragte er beſorgt den treuen Burſchen, indem er den Knieenden umfaßte und ihm das ſchwarze, kurze Haar auf die Stirne niederſtrich, wobei er kalte Schweißtropfen an ſeinen Fingern fühlte. Herr! ſtotterte der junge Gascogner, um des hei⸗ ligen Joſephs willen ſchließt die Thüre, ehe Ihr weiter fragt. Furcht alſo? fragte Melaec ärgerlich, indem er die linke Hand zurückzog und mit der rechten den Diener nicht eben ſanft vom Boden aufriß. Pfui über die Memme! Du weißt von unſerer erſten Reiſe her, ich dulde das nicht, und ich glaubte Dich geheilt von dem „—— 8 13 angeerbten Makel, ſeit ich ſah, wie Du den Fäuſten der däniſchen Schifferknechte wie ein braver Franzmann zu begegnen wußteſt. Was gibt's denn nun hier Gefähr⸗ liches im ſtillen Schloſſe? Schnell heraus damit, oder Du fühlſt einmal wieder meine blanke Klinge auf den Schultern. O Herr, jammerte der bleiche Bub, habt Mitleiden und höret mich an zuvor. Das iſt's eben, daß das alte Schloß ſo ein ſtilles Schloß iſt. Hier, wo Ihr ſprecht und ſcheltet, wird mir auf der Stelle beſſer um's Herz Mit ſcheuen Blicken zur Thüre erzählte er jetzt, was ihm begegnet. Auch ihm hatte der Diener des Schloſſes ein gutes Kämmerlein angewieſen, und zwar in dem⸗ ſelben Flügel, jedoch ganz am Ende der Gallerie, ein rundes, gewölbtes Gemach, welches in einem Eckthurme der Burg zu liegen ſchien. Wohlgemuth, geſättigt durch ein tüchtiges Abendbrod, müde vom Ritte hatte er ſich entkleidet, das Lämpchen gelöſcht und das Bett einge⸗ nommen. Schon ſtreute der Schlafgott den Inhalt ſei⸗ ner Mohnköpfe über ihn aus, da ſchlug ein Ton an ſein Ohr, der plötzlich alle Müdigkeit verſcheuchte, ſeine Au⸗ gen weit aufriß und ihn aufrecht im Bett ſitzen machte. Es war ein wimmernder, herzdurchſchneidender Ton, un⸗ beſchreibbar ſein Ausdruck, wie von unten heraufquellend und ſich in kurzen Zwiſchenräumen wiederholend. Bap⸗ tiſt fühlte ſich augenblicklich wie in Schweiß gebadet, als jetzt aber zwiſchen dem Gewimmer ſich ein lauterer gellender Schrei erhob, war er mit beiden Füßen zu⸗ gleich aus dem Bett und ſtand mitten auf dem kalten Eſtrich. Scheu ſah er ſich um im runden, mondhellen Gemach, das jedoch bei ſeinen wenigen Geräthſchaften Niemand verbergen konnte. Er wankte zur Thüre, öff⸗ 14 nete mit zitternder Hand und blickte bebend auf den Gang hinaus. Horch, da regte es ſich fern; ganz am Ende der Gallerie, die, hie und da halb vom Mondlicht erleuchtet, ſich faſt endlos dehnte, bewegte ſich ein wei⸗ ßes Weſen, und zurück flog er in den finſterſten Theil ſeines Kämmerchens. Mit Todesſchauern hörte er das Geziſchel näher kommen, jetzt ſchlüpfte das weiße Ge⸗ ſpenſt an ſeiner offenen Kammerthüre hin und verſank dicht neben ihr in den Boden. Einige Minuten noch nd er an die kalte Steinwand gelehnt, da wimmerte es wiederum dicht unter ihm, ſeine Füße hoben ſich wie in Krämpfen, zur Thüre ſtieß es ihn, fort, hinaus, bis er die grote Schloßtreppe vorbeigeflohen, bis er da, wo ſich der Flügel winkelicht zum Mittelgebäude fügte, das Kerzenlicht aus ſeines Herrn Zimmer leuchten ſah und kaum die Tbüre deſſelben zu erreichen vermochte. Herr, ſchloß er ſeinen Bericht, dieſes Schloß iſt verwünſcht, wie ſo manches alte Steinneſt in unſerm Frankreich, wo die Barone ſpuken müſſen bis zum jüngſten Gericht, weil ſie Bauern und Fröhner in ihren Erdlöchern zu Tode gemartert. Die deutſchen Freiherren mögen auch nicht aus der Art geſchlagen ſeyn, und wer weiß, welch ein alter Mordritter hier umgeht und aus Langeweile fremden Reiſenden das Genick abſtößt. Lieber Herr, ge⸗ gen derbe Menſchenfäuſte und bei Tage die Bruſt her⸗ zuwenden habt Ihr mich gelehrt, aber gegen Begra⸗ bene, die das Sargkleid abſchütteln und durch welche Fauſt und Degen durchfährt wie durch einen Irrwiſch, dürft Ihr kein gutes Chriſtenkind hetzen, wenn Ihr ſelbſt ein gläubiger Chriſt ſeyd. Muſter von einem Waffenknecht, rief verächtlich la⸗ chend der Chevalier, ich muß mir nur doch eine Motion machen, um dem jämmerlichſten Sohn der tapferſten am Provinz eine gute Nacht zu bereiten, aber die Fleder⸗ cht maus oder das Käuzchen⸗ welches ich, an meinen Degen ei⸗ geſpießt, aus dieſem Feldzuge mitbringe, ſollſt Du un⸗ eil gebraten verzehren, ſo wahr ich eines Melacs Sohn as mich nenne. Und raſch ergriff er eine der Kerzen mit je⸗ der linken Hand, ſeinen Degen mit der rechten, ſtieß nk den armen Burſchen, der nach ſeinem Aermel faßte, zu⸗ ch rück, und ſchritt ſo ſchnell in den Gang hinaus, daß er rte nur noch von ferne die Stimme des Verlaſſenen ver⸗ ie nahm, welcher jammernd rief: Kehrt zurück, lieber Herr! is O⸗ wenn Ihr nicht wiederkämet, hätte der Baptiſt Eure vo arme Seele auf dem Gewiſſen und würde hier allein in 8 der langen Nacht ebenfalls am Herzbruch ſterben ohne d Beichte und Abſolution. 3 r,— Melac ſetzte ſeinen Marſch ohne Anfenthalt fort, war t, ihm doch jeder Winkel im Schloſſe, auch jenes Thurm⸗ gemach, welches die ſchönſte Ausſicht in das Land ge⸗ 1 t, währte und wo Aurora ihre Wohnung gehabt, bekannt. n Er fand es ſogleich, an der offenſtehenden Thüre es er⸗ ch kennend, und leuchtete, ehe er eintrat, die Wendeltreppe 2 ch hinab, die dicht daneben in die unteren Thurmzimmer le führte. Alles blieb todtenſtill, und nachdem er jetzt das 0 Gemach ſelbſt durchleuchtet, mit dem Degen unter das 6 . Bett geſtoßen, einen Schrank geöffnet und nichts Ver⸗ 1 dächtiges vorgefunden, auch als er lange ſchweigend ge⸗ e horcht, keinen Ton vernommen, ausgenommen einen Eu⸗ , lenſchrei außen und den Schnabelſtoß des Nachtvogels ſt gegen das Fenſterglas, ſo ſchritt er wiederum zur Thüre, um den Rückmarſch anzutreten und den albernen Bur⸗ 6 ſchen zu ſeinem Bett zurückzufuchteln; da hörte er ein n Hüſteln, welches von unten ſchallte, und ſchnell ent⸗ 16 ſchloſſen löſchte er das Licht, zog den Degen und ver⸗ barg ſich hinter der halb offenen Thüre. Wirklich nä⸗ herten ſich leichte, langſame Tritte, und es ſtieg weiß herauf an der Wendeltreppe: eine weibliche Geſtalt machte Halt vor dem offenen Gemach und ſchaute eine Minute lang ſtarr hinein. Der Mond ſtand dem Fen⸗ ſter gegenüber und ſchoß ſeine Strahlen gerade in das Antlitz der nächtigen Wanderin. Nein, Melac konnte ſich nicht täuſchen: es war Aurora; die üppige Geſtalt in dem dünnen Nachtgewand war die ihrige; die gro⸗ ßen, runden Augen unter den dichten Augenbrauen, die wie träumend in das Mondlicht gafften, gehörten ihr; aber ihr Geſicht ſchien aus Marmor gehauen und trug die Farbe einer bleichen Statue. Der Ritter ſtand un⸗ entſchloſſen in ſeinem Verſteck und kam zu keinem Ent⸗ ſchluſſe. Jetzt, in dieſer Stunde ihr zu begegnen⸗ konnte ihm nicht angenehm ſeyn, denn die Stimme ſeines Her⸗ zens, das in Hoffnung auf ein Wiederſehen der lieben Klara ihn hierhergezogen, nannte es eine Schändlichkeit, den ſündhaften Roman mit Klara's böſeſter Nebenbuh⸗ lerin in den erſten Stunden wiederum anzuſpinnen und ſich der ſtillen Jungfrau auf's Neue unwürdig zu ma⸗ chen. Wohl wallte ſein Blut einen Augenblick auf, denn Aurora's Geſtalt war reizend, verlockend wie einſt, aber ein Blick in ihr Geſicht tauchte die Wallung in Eis. Er hatte unter ſeinen Bekannten einen Nachtwandler geſe⸗ hen, und Aurora's Erſcheinung mahnte ihn an jenes Bild geſpenſtiſchen Lebens; ſie war ſicherlich die Kranke im Schloſſe, dieſes nächtliche Umgehen war ihre Krank⸗ heit, war vielleicht eine Buße, vom Himmel geſandt für früheren Mißbrauch der heiligen Mitternacht; wenn er jetzt hervortrat, wenn er ſie anrief, der Name ſie weckte, 6„„+„— ſie dann vielleicht erſchreckt niederſank, wie er es bei jenem Kranken geſehen, wenn er dann die Bewohner des Schloſſes wach rufen mußte, ihr beizuſtehen, ſie in ihr Krankenzimmer zurückzuführen, in welche üble, pei⸗ nigende Lage konnte er gerathen! Längſt ſtand die Erſcheinung nicht mehr auf ihrem platze, als er ſeine Ueberlegung zu Ende gebracht, und als er vorſichtig auf den Gang trat, ſah er, ſo weit ſein Auge reichte, nichts mehr von ihr. Völlig erſchöpft fühlte er ſich vom Schreck und der unwillkommenen, nicht geahnten Ueberraſchung, und er ſetzte ſich deßhalb eine Weile auf den nächſten Seſſel, harrend, ob die Wan⸗ dernde zurückkommen möchte. Sie kam nicht, und lang⸗ ſam, oft ſtillſtehend und horchend, ſchlich er zu ſeinem Zimmer zurück, fand aber die Thüre deſſelben zu ſeiner Verwunderung feſt verſchloſſen. Er pochte, nichts regte ſich, er pochte lauter, da hörte er Baptiſtens Stimme, die: Alle guten Geiſter! ausſtieß; wie jedoch ſein Zorn⸗ wort jetzt zwiſchen die Beſchwörung donnerte, ſprang der Gequälte ſchnell herbei und ſchob den Riegel zurück. Ein tüchtiger Backenſtreich traf das blaſſe Geſicht des Gascogners, aber trotz der unerwarteten ſchmerzlichen Begrüßung fuhr der bewegliche Diener unter dem ge⸗ hobenen Arm des Herrn hindurch und verſchloß die Thüre mit ſichtlich bebenden Händen ohne Aufſchub, ohne über die Mißhandlung mit einer Klage Einſpruch zu thun. Herr, ſagte er dann, ſich in die Kniee werfend, ſchla⸗ get mich mit Allem, was Euch vor die Hand kömmt, nur zieht den Riegel nicht wieder zurück, bis die liebe Gottesſonne in das Fenſter ſcheint. Ach! wüßtet Ihr, wie viele Paternoſter ich indeſſen für Euch und Eure arme Seele gebetet habe, und wie bitterliche Thränen um Euch Blumenhagen. XVI. 2 mir die Augen gebiſſen, Ihr hättet Eure Fauſt weniger hart fallen laſſen. Wie könnt Ihr aber nur meinen, ge⸗ ſtrenger Herr, da Ihr doch ſonſt ſo klug ſeyd, daß alle Menſchenkinder aus Erz gebacken, wie Ihr ſelber? Euer Vater, Großvater, Urgroßvater waren Kriegsleute, und wurden gewohnt, in Blut ſpazieren zu gehen, und oft in einer kleinen Stunde einige hundert Spanier oder Niederländer an ihren baumlangen Degen zu ſpießen. Deßhalb habt Ihr die Tapferkeit im Mark und Blut, und habt ſicherlich ſchon in der Wiege ohne Furcht den Währwolf oder das Hexenweib, welche nach den Kindern gehen, durch Eure Trompeterſtimme zurückgejagt. Doch wie ſollte unſers Gleichen zu ſo Etwas kommen? Alle meine Väter und Großväter ſind geprügelt worden und haben Fußtritte bekommen von Euern erlauchten Ahnen und von Jedermann, der einen beſſeren Rock trug, und darum iſt das Fürchten eine Familientugend geworden, die in der Haut und den Füben ſteckt, und die kein Pater und kein Ritterſchlag hinaustreibt. Plappermaul! fiel Melac ein. Steh' auf und ſage ohne Woſſerbrühe, warum Du Dich eingeſchloſſen ohne meinen Befehl dazu. Möget Ihr ſchelten, antwortete mit freierem Athem der Burſch, aber einen klügeren Einfall hat keiner der Söhne meiner Mutter zur Welt gebracht, und ſind wir Beide wierer lebendig bei einander, ſo iſt dieſer ſchnelle Finger allein Schuld daran, der, als Ihr gegen alle Vorſicht eines geſcheidten Ritters Euch in den Weg des Höllenſpuks ſtürztet, gerade noch Kraft genug hatte, den kleinen Eiſenſtab von der Stelle zu rücken. Ich gab Euch verloren und zog den Roſenkranz unter dem Bruſtwammſe hervor, um Euch wenigſtens mit einem warmen Bitt⸗ iger ge⸗ alle Euer und oft oder ßen. Blut, den dern Doch Alle und hnen und rden, Pater ſage ohne them r der wir hnelle alle g des „den Euch mmſe Bitt⸗ ſpruch bei den Heiligen das Geleit zu geben als ein treuer, redlicher Dienſtmann. Aber kaum hatte ich meine Ge⸗ danken zum Himmel erhoben, ſo pochte es leiſe an der Thüre und verſuchte zu öffnen. Herr, daß mir das Herz nicht zerſprungen wie eine Nuß, auf die der Holzſchuh eines näſchigen Buben tritt, iſt ein Wunder Gottes, und der Fürbitte meines Schutzpatrons anzurechnen. Und wie⸗ der klopfte es lauter und rief mit einer Stimme Euern Namen, mit einer Stimme, Herr, wenn der Stier auf dem Pachthofe zu Hauſe und des Müllers Langohr und die alte Kaſtellanin auf Euers gnädigen Oheims Schloſſe ihre Stimmen alle zugleich hören ließen, würde nichts ſo Fürchterliches zu Stande kommen, als die Stimme, mit der das Geſpenſt dreimal Euern Namen rief. Da preßte mir die Todesangſt den Leib zuſammen, daß der Athem mir aus der Bruſt fuhr wie aus einem Blaſe⸗ balg, und die Beſchwörungsformel des ehrwürdigen Pater Auguſtin, an die ich eben gedacht, ohne mein Wiſſen und Willen laut aus dem eiskalten Munde quoll. Der ehrwürdige Pater hatte ſie uns im frommen Mitleid gelehrt, als er terminiren ging mit dem Zwergſack bei uns, und als er hörte, wie wir uns fürchteten, Nachts durch den Birkengrund zu gehen, in dem ſich der Mu⸗ ſikus, der durſtige Fiedler, erhängt, und jetzt wie ein feuriger Irrwiſch zwiſchen den weißen Baumſtämmen um⸗ ging. Und die gute Formel des Paters Auguſtin that auch hier ihre Wirkung, denn kaum hatte ich ausgeredet, ſo wurde es ſtill, und kein Mäuschen rührte ſich, bis Euer Klopfen auf's Neue meinen armen Rücken mit Schweiß bedeckte. Der Chevalier hatte im tiefen Sinnen dem Berichte über dieſes neue Abenteuer zugehört, ohne das Geſchwätz ——— des treuherzigen Baptiſts zu unterbrechen, der neu be⸗ lebt ſchien durch des Herrn ſchützende Gegenwart. Als der Knecht pauſirte, ſchüttelte er lächelnd ſeinen Kopf und ſchlug ſpöttiſch mit leichter Hand dem erſtaunten Burſchen vor die Stirne. Armer Tölpel, ſagte er dazu, Dein Meiſterſtreich mit dem Riegel hat Dich um ein Glück gebracht, um welches alle Pagen im Louvre Dich be⸗ neidet haben würden, und der König ſelbſt hätte es viel⸗ leicht nicht verſchmähet, Dir Deinen Platz mit einer Hand voll neugeprägter Louis abzuhandeln, wär's möglich ge⸗ weſen.— Baptiſt ſtarrte ihm neugierig in's Geſicht, doch ſchnell wieder ernſt werdend, befahl Melac dem Diener, ihn zu entkleiden, und legte ſich ohne weitere Erörterung zu Bett, vergönnte jedoch dem Gefährten, vor ſeinem Lager auf dem Fußboden von den Reiſemänteln ſich eine Ruheſtätte zu bereiten, und bekümmerte ſich weiter nicht darum, wie der Sorgſame den Tiſch vor die Thüre ſtellte als eine Schanzwehr, den entblößten Degen neben das Bett lehnte und die Kerze brennen ließ. Melac hatte längſt die Augen zugedrückt, wovon er jedoch träumte, verrieth dem lauſchenden, im Nachregen des beſtandenen Wetters unruhigen Diener kein ungetreuer Geſichtszug. Eine freundliche Sonne ſtrahlte in die Fenſter, als Melac erwachte; neben dem Bett auf dem Eſtrich ſchnarchte Baptiſt mit unmelodiſchen Tönen und ſchien ſattſam im Tageslicht nachzuholen, was ſeine mitternächtige Geſpen⸗ ſterfurcht ihn hatte verſäumen laſſen, und ſelbſt der Che⸗ valier hatte Mühe, in dauernder Schlaftrunkenheit ſich ſogleich alles Deſſen wieder zu erinnern, was ihm in u be⸗ Als Kopf unten dazu, Glück h be⸗ viel⸗ Hand ch ge⸗ doch iener, erung einem heine nicht ſtellte ndas längſt rrieth etters „als archte m im eſpen⸗ Che⸗ it ſich m in 21 dieſer letzten Nacht begegnet. Er weilte noch einige Zeit mit offenen Augen gegen ſeine Gewohnheit im Bett, bis ſein Geiſt klar geworden und ihm vorerzählt, wobei ihm ebenfalls einfiel, daß er ſchon einmal wach geworden, als der Tag eben unter dem Mantel der Nacht hervor⸗ geblinzelt, daß eine Muſik von Jagdhörnern ihn geweckt, die vielleicht die ſpätfrühe Heimkehr des Schloßherrn an⸗ gekündigt, daß er jedoch über dem Gemurmel ferner Stim⸗ men und dem dumpfen Geräuſch im Schloſſe unter ihm wieder entſchlummert ſeyn müßte. Er griff über den Rand des Bettes hinab nach dem Ohrzipfel des Gascogners, und der Gezupfte ſtarrte ihn ſogleich aus weitaufgeriſſe⸗ nen Augen an und ſtand dann mit Einem Satze kerzen⸗ grad im Zimmer, ſich wie vorher der Herr auf die Er⸗ eigniſſe beſinnend, welche ihn in ſolche ungewöhnliche Lage gebracht. Es blieb jedoch den beiden Nachtgefährten we⸗ nige Zeit, ſich zu verſtändigen, denn man klopfte bald nach ihrem Erwachen an die Thüre, und der junge Schloß⸗ diener lud den Ritter im Namen des Herrn von Eſen⸗ heim zum Frühſtück. Neugierde und neben ihr eine innere Unruhe und ein Gefühl von Beklemmung, denen er keine beſtimmte Ur⸗ ſache zu geben wußte, hießen ihn ſeine Toilette beſchleu⸗ nigen, und bald trat er unten in den Geſellſchaftsſaal ein, wo ihn der Schloßherr neben einer wohlbeſetzten Tafel erwartete. Herr von Eſenheim ſchien ihm in den drei Jahren weit älter und ſehr häßlich geworden, ſein Haar hatte an Dünne und Weiße zugenommen, ſein Rücken hatte ſich mehr gebogen, und dagegen war als Erſatzgabe für die Abnahme ſein faltiges Geſicht mit einer Unzahl rother Rubinknötchen beſetzt worden, welche ihm ein widerwärtiges, unheimliches Anſehen gaben. ſ 22 Freundlich begrüßte er den Gaſt, drückte ihm derb die Hand, und bedauerte, daß er geſtern Abend ohne eine Bewillkommnung des Wirthes geblieben, da ſein züch⸗ tiges, zartſinniges Gemahl in ſeiner Abweſenheit den Em⸗ pfang eines jungen Mannes nicht ſchicklich gehalten. Er lachte ſelbſt ſpöttelnd über die übertriebene Furcht der Dame vor ſeiner flammenwerfenden Eiferſucht, und ſetzte maſſiv witzelnd hinzu: Freund Melae ſey ihm von ſeiner vorigen Anweſenheit als ein zu ſchlechter Jäger bekannt, um einen alten Waidmann, wie er ſey, abzuſchießen, und die Leichtfertigkeit der jungen Pariſer pflege auf deutſchem Boden Bleigewicht an den Flügeln zu fühlen, ſeit ihnen der Troubadour von der deutſchen Dame ge⸗ ſungen, die ihre Untreue neben dem Gerippe des frän⸗ kiſchen Buhlen gebüßt und aus ſeinem kaltküſſigen Schä⸗ del den Nachttrunk habe nehmen müſſen zur wohlver⸗ dienten Buße. Der Chevalier fuhr unwillkürlich zuſammen, und der Gedanke an das Wimmern, welches ſein Baptiſt im Thurm gehört, drängte ſich ihm auf, er wußte nicht wie. Er erwiederte jedoch die unhöfliche Bemerkung im Geiſte ſeiner Nation, indem er ſagte: Euer Scherz, mein ver⸗ ehrter Herr, verwundet nur mich, und auch mich nur leicht; denn wer Eure Gemahlin zu kennen beehrt wurde, weiß, daß ſie zu jenen ſeltenen Frauen gehört, welche durch ihren Wandel und ihre reine Gefinnung eine himm⸗ liſche Glorie um die irdiſche Geſtalt zogen, in deren Nähe jeder ſündige Trieb erliſcht, und der leichtfertige Bube ſeine Niedrigkeit erkennen, bereuen und in Buße die Kniee beugen muß. Der Schloßherr lachte laut auf. Halt, mein junger Freund! rief er ſpöttiſch, Ihr ſteigt ja höher in die iuf⸗ „———+——— die eine üch⸗ Em⸗ Er der etzte iner nnt, ßen, auf en, ge⸗ rän⸗ Schä⸗ lver⸗ der tim wie. zeiſte ver⸗ nur rde, elche mm⸗ eren rtige Buße nger luf⸗ 8 23 tigen Wolken als der flüchtigſte Edelfalke. Steigt her⸗ nieder zu uns, denn ich verſichere Euch, unſere Baronin würde kein Wohlgefallen an ſolcher windigen Huldigung ſinden. Oder, ſetzte er mit verfinſterter Stirne hinzu, wolltet Ihr vielleicht eine Grabſchrift dichten? Wir lie⸗ ven die Vergangenheit nicht, und überlaſſen die Sorge für die Zukunft dem Schickſale. Doch ich höre die Frau vom Hauſe und habe die Ehre, ſie dem Herrn von Melac vorzuſtellen. Wirklich that ſich raſch eine Seitenthüre auf und her⸗ ein trat— Aurora, und begrüßte frei und unbefangen die Anweſenden. Aurora? ſtieß Melac hervor in der Ueberraſchung des unbewachten Augenblicks.— Der Schloßherr ſchoß einen funkelnden Blick auf ihn und die Dame. Die Baronin von Eſenheim, ſeit einem Jahre ſchon, denn ſo lange iſt es, als uns der Himmel von unſerer erſten Gemahlin erlöste, der die Erde zu arm war, und die mit ihrem durchſichtigen Körper und ihrem heiligen Wandel nie die Erde hätte beſuchen ſollen, ſagte er ſcharf und mit ſpitzi⸗ ger Betonung. Verzeiht, gnädige Frau! erwiederte der Ritter mit hochrother Wange und ſich leicht verneigend. Mein Aus⸗ ruf galt einer Erinnerung an die fröhliche Kinderzeit, welche vor wenigen Jahren in dieſen Zimmern ein Pa⸗ radiesleben erſchuf und in welche mich das Glück bei meiner erſten Anweſenheit verſetzte, ſo daß ich wieder ein glücklicher Knabe wurde. Ja, im ſchelmiſchen Pfänderſpiele, oder wenn wir die anmuthigen Räthſelſpiele, die Ihr uns lehrtet, auf⸗ führten, nannten wir uns bei den Taufnamen, fiel Au⸗ rora ein, indem ihr Auge weit offen und faſt mit herri⸗ 24 ſchem Ausdruck den Herrn von Eſenheim fixirte. Es iſt eine feine Galanterie, daß der Herr Chevalier im erſten Augenblicke des Wiederſehens zeigen will, wie ſich ſein Gedächtniß mit dem Namen einer ihm damals ſo unbe⸗ deutenden Perſon beläſtigte. Der Freiherr ſchwieg und winkte zur Tafel, doch blieb auf ſeiner Stirne eine dickgewölbte Falte und die Rubinen ſeines Antlitzes blitzten dunkler als zuvor. Der Chevalier wagte uoh indeß der Schloßherr das Wildpret zerlegte, die ihm gegenüberſitzende Dame feſter zu betrachten. Ihre Formen trugen die jugendliche, verführeriſche Fülle wie ſonſt, und die reichere, mehr der Mode huldigende Klei⸗ dung hob die natürlichen Schätze höher noch als vordem, doch das Geſicht hatte einen fremden Charakter ange⸗ nommen. Die Roſen der Wangen, welche ſonſt gleich⸗ mäßig und ſanft gefärbt dem eben ſteigenden Morgen⸗ roth glichen, lagen jetzt gedunkelt und mehr zuſammen⸗ gezogen unter dem großen Auge, wie der Widerſchein eines inneren, verhehlten Brandes; das Auge ſelbſt, wel⸗ ches ſonſt frei, keck und feſt ſeinen Gegenſtand faßte und bis in die Seele hinab drang, funkelte jetzt unſtät unter den zuſammengezogenen Augenbrauen bald rechts, bald links, als ſcheuete es den fremden Blick, und der einſt ſo lockend geſchwollene Mund ließ ſeine Winkel wie erſchlafft niederhängen, was dem Geſicht jede Spur der ein⸗ ſtigen jugendlichen Leichtfertigkeit und Fröhlichkeit raubte, und dagegen eine unheimliche Traurigkeit und die An⸗ ſtrengung, ſie zu verhüllen, aufdrückte. Der Chevalier wurde ängſtlich ſeiner Verführerin ge⸗ genüber. Er ſuchte ein Geſpräch zu beginnen, indem er nach dem Junker Jerome eine freundliche Frage that. Der Junge taugte nicht mehr im Hauſe, ſeit ſeine ſten ſein nbe⸗ lieb inen alier te, Ihre wie Klei⸗ em, nge⸗ eich⸗ gen⸗ nen⸗ chein wel⸗ aßte nſtät chts, der wie ein⸗ bte, An⸗ ge⸗ ner ſeine Mutter ſtarb, antwortete der Freiherr; auch hatte er das Alter erreicht, wo es Zeit wird, in der Fremde ſich Selbſt⸗ ſtändigkeit zu gewinnen, um der Verweichlichung nicht anheim zu fallen. Schon ſeit fünfzehn Monden iſt der Junkherr auf Reiſen und beſieht ſich die Wunder der Schweiz und das geprieſene Wälſchland. Er wird be⸗ dauern, wenn er heimkehrt, Euch verfehlt zu haben. Auch ich bedaure es zweifach, verſetzte der Ritter lebhaft, denn ich würde mich hochgeehrt, höher erfreut gefühlt haben, hättet Ihr den jungen Telemach, wenn er einmal in die Welt fliegen ſollte, meiner Mentorſchaft übergeben. Wäre der Mentor auch kein Graubart ge⸗ weſen, würde er deſto mehr als eifriger Freund den Jüng⸗ ling mit allen Schätzen der Wiſſenſchaft und des Ritter⸗ thums unſeres herrlichen Frankreichs vertraut gemacht haben. Er hat vielen Anflug von franzöſiſcher Natur, fiel ſpitzig der Freiherr ein, und der Zögling würde ſicherlich nicht hinter dem Meiſter geblieben ſeyn. Der Freund würde ſich des glücklichen Rivals gefreut haben, antwortete Melac mit Beſtimmtheit und ſetzte dann mit Bitterkeit hinzu, weil ihn das veränderte Benehmen des Freiherrn beläſtigte und er eine Abwehr verſuchen mußte: Müßte ein Vater nicht ſtolz ſeyn, wenn er einen Sohn beſäße, der an dem erſten Hofe der Welt, am Throne des geiſtreichſten Königs und in der Mitte des gebildetſten Volkes eine Meiſterſchaft gewonnen? Fühlte er nicht dieſen Stolz, möchte er eben kein guter Vater geweſen ſeyn. Der Schloßherr zuckte kaum merklich zuſammen und ſetzte raſch ſein volles Glas an den Mund, der Che⸗ valier, welcher jetzt in ſeiner Aufwallung ſeine völlige 1 26 Beſonnenheit und Geiſteskraft wieder errungen hatte, fragte nun ruhig nach der kleinen, lieblichen Angela. Auch ſie ſchläft im Gewölbe unter der Kapelle, ein böſes Fieber nahm ſie hin, antwortete eintönig der Freiherr. Todt, rief der Chevalier, der liebliche Engel? Ja, ja, die Mutter konnte nicht ſeyn ohne den herzigen Lieb⸗ ling, und zog ihn mit ſich. Aber wie ertrug Fräulein Klara alle dieſe harten Schläge des Schickſals? ſetzte er lebhafter hinzu. Erlag auch ſie vielleicht? O, wenn das grollende Geſchick einmal ein Haus ſich auserſehen zum Ziele ſeines Haſſes, ſo fallen die Niobepfeile Schuß auf Schuß ohne Mitleid. Die Freifrau nahm dem Gemahl die Antwort ab. Unſere liebe Klara, ſagte ſie, litt viel und kränkelte lange, darum brachte ſie der ſorgſame Vater nach Straß⸗ burg zu der Familie eines Freundes, um durch die Zer⸗ ſtreuungen der großen Stadt ihr Gemüth zu heilen und die traurigen Eindrücke zu verlöſchen. So ſeyd Ihr allein im weiten Eigenthume? fragte mit jugendlicher Aufwallung der Ritter. Allein, wo ſonſt ſo freundliche Geſellſchaft Euch umgab? Ihre Geiſter müſſen Euch umtanzen und Eure Einſamkeit muß Euch deßhalb oft marternd erſcheinen. Die Freifrau ſchien ſehr bewegt, ihre Bruſt hob ſich gegen das Seidengewand und ihr Auge ſenkte ſich auf ihren Schooß; der Schloßherr aber ſagte barſch: Eine gute Hausfrau hat zur Genüge an der Geſellſchaft ihres Ehegatten, die Sorge für ſeine Bequemlichkeit vertreibt ihr am ſchnellſten die Zeit, und die Frauen am Rheine wiſſen, Gott erhalt's! noch nichts von dem Geiſterver⸗ kehr, in dem die feinen Pariſerinnen ihre Taubenſeelen hatte, ela. ein g der Ja, Lieb⸗ äulein tzte er in das nzum uß auf rt ab. inkelte Straß⸗ e Zer⸗ en n fragte o ſonſt Geiſter Euch ob ſich ich auf Eine t ihres rtreibt Rheine terver⸗ nſeelen 27 baden. Man vergreift ſich leichtlich zum erſten Male, aber das Alter macht nicht immer trübe Augen, und die neue Freifrau von Eſenheim iſt von uns zu einer ſolchen gemacht, weil ſie keinen Schwindel kennt und keine Seuf⸗ zerliebe gleich der jetzigen Weiberwelt, weil ſie kein Dutzend Domeſtiken bedarf, ſondern ſelbſt die Hände rührt, und weil das Vergnügen des Eheherrn und ſein Wohlſtand von ihr als Lebenszweck und Lebensfreude betrachtet wurde. Betrachtet einmal, mein Freund, die ſcharfkantigen Strebepfeiler dieſer Burg: ſo wie ſich je⸗ der Sturmläufer an ihnen die Naſe blutig ſtoßen würde, ſo ſind wir gewiß, daß die ſämmtliche Chevalerie Eurer Hauptſtadt, würde ihre verrufene Frechheit das kecke Auge auf die Gebieterin dieſes Schloſſes richten, einem glei⸗ chen Schickſale verfallen dürfte. Der Leibjäger, ein ältlicher Menſch mit einem von rauhem Bart beinahe verdeckten Antlitz, in deſſen Zügen eine kalte, widerwärtige Rohheit herrſchte, trat ein und meldete die Ankunft des Jagdwagens, beladen mit dem erlegten Wild und mit dem beſchädigten Leibhunde. Früh⸗ ſtück, Gaſt und das hitzige Geſpräch vergeſſend, ſprang der Freiherr auf, ſeinen Liebling zu empfangen, um mit eigenen Händen den Verband ſeiner rühmlichen Wunden zu bereiten. So wie die Thüre hinter den Waidmännern ſich ge⸗ ſchloſſen, erhob ſich die Freifrau von ihrem Seſſel. Me⸗ lac, Philibert, rief ſie, was habt Ihr, was haſt Du gemacht, welche freundlichen Tage haſt Du uns ver⸗ dorben? Meine Seele ahnete Deine Unbeſonnenheit; warum gelang es mir nicht, Dich vor ſeiner Ankunft zu ſprechen. Alſo Ihr ginget durch die Nacht? Ihr ginget um 28 meinetwillen? fragte der Chevalier zurückgezogen und ohne Erwiederung ihrer Vertraulichkeit. Aber wie war es Euch möglich, dieſem Manne Eure Hand zu reichen⸗ deſſen leeres Herz, weit geöffnet in allen ſeinen Falten⸗ Euch ſeit Jahren offen gelegen, und nur traurige Er⸗ fahrungen Euch geboten? Tadelt mich nicht zu raſch, junger Mann, antwor⸗ tete ſie, indem ſie den Blick finſter auf den anmaßenden Frager richtete; Abhängigkeit und Magdthum drückten meine Jugend und zertraten meine Blüthen: nur eine Wahnwitzige hätte das Regiment, die Sorgloſigkeit, die ſichere Zukunft ausgeſchlagen, die ſich ihr darbot. Ja, lächelt nicht ſo ungläubig: dieſer rauhe deutſche Bär iſt mein Sklave, tanzt an der Kette, welche er nicht ſieht. Seine Gewehrkammer, ſeine Hunde und ſein Wald lie⸗ gen außer meinem Zepter, das Uebrige iſt mein, mir allein unterthan, und es fehlt mir nichts in meiner Reſidenz als der Freund, der dem Herzen zu ſpenden vermöchte, was ihm freilich mangelt und was es in jeder einſamen Stunde entbehrt. O Philibert, warum kam der Name Aurora in dieſem Tone von Euern Lip⸗ pen! Denn nur eine Leidenſchaft iſt der böſe Geiſt mei⸗ nes Paradieſes: es iſt die Eiferſucht des Barons, die mit der Blutgier des Jägers Einen Schritt geht. Er iſt blind, ſo lange man ihm keine Fackel vor das Auge hält; er iſt raſend in ſeinem Argwohn, raſend in ſeiner Rachſucht, wenn die Unbeſonnenheit ihm die Bahn, die nächtige Leiter den verdeckten Laubengang eines ſtillen Geheimniſſes zeigt. Aurora machte alſo ſchon Erfahrungen darin? fragte ſpitzig der Ritter.— Sie erröthete, trat aber dreiſt zu ihm heran und legte ihre Hand auf ſeinen Arm. Philibert, und war chen, lten Er⸗ wor⸗ nen ickten eine Ja, är iſt ſieht. d lie⸗ mir teiner enden es in arum Lip⸗ mei⸗ „ die . Er Auge ſeiner „ die ſtillen fragte u ihm libert, 29 ſprach ſie mit den Schmeicheltönen der Sirene und dem Zauberblick einer Armida, biſt Du gekommen, mir weh' zu thun, Du, der mir Dank ſchuldet oder wenigſtens ein Erinnerungsopfer? Aber Du gehörſt vielleicht, ſeit Du Mann geworden, zu jenen Selbſtſüchtigen, welche die Blüthe, die ſie in der Laune des Augenblicks vom Stamm brachen, wenn die Laune ſich gewandelt, zer⸗ pflücken und unter die Füße treten? Ja, ja, drei Jahre ſind viele Tage, viele, viele Stunden, und Ein ein⸗ ziger Tag kann üm den Menſchen und am Menſchen ſelbſt gar Vieles ändern! Du wareſt anders, die Zeit war anders, als Du zum erſten Male durch jene Thüre dort mir entgegen trateſt und mein Herz ſchneller klopfte und das Klopfen ſagte: Das iſt ein ſchöner Mann und man ſieht ihm an, wo er geboren. Auch Du biſt an⸗ ders als da, und ich? Ihre Blicke ſanken zum Boden, eine Wolke legte ſich über ihr ganzes Geſicht, aber ihre runde Hand gleitete vom Arm herunter zu des Ritters Hand, und ihre weichen, warmen Finger ſchlugen ſich feſt und feſter um die ſeinigen. Dann fuhr ſie plötzlich wie aus einem Traume empor, und krampfhaft warf ſie ihren Arm um des Ueberraſchten Schultern und preßte ihn feſt an ihre volle Bruſt, und all' ſein Blut ſchoß ihm vor das Auge und er konnte ſie nicht abwehren und ſprach nur mit halbem Athem den Namen: Aurora! aus. O warum ſprachſt Du dieſen Namen vorhin im Tone des Neides, der Traulichkeit vor fremden, feindlichen Ohren! rief ſie wiederum mit Heftigkeit und Wallung. Ich hatte einen Plan geträumt in dieſer Nacht, für Dich, für mich von einem Weinleſefeſt geträumt ohne Glei⸗ chen. Dein Wort hat wie ein Nachtfroſt jede ſüße Traube gedörrt und Liebesblut zu Eſſig geſäuert. Ha, vielleicht ————— verließ er uns nur, um uns ſicher zu machenz vielleicht gab er ſchon dem blutgewohnten Sigbert Befehle; hüte Dich vor dem ſcharfen Jagdmeſſer und der weitfliegen⸗ den Büchſenkugel. O es iſt hart, daß ich Dich nicht be⸗ halten kann, aber härter wäre es, müßte ich Dich ver⸗ wundet, gefährdet wiſſen um meinetwillen. Melac ſchüttelte den Kopf und ſah ihr forſchend in das große, feurig rollende Auge. Räthſelhaftes Weib⸗ ſagte er, ſchönes Chamäleon, welches iſt eigentlich Deine rechte Farbe? Ich ſah Dich demüthig und dienſtfertig, arbeitſam und kindlich, heiter und leichten Sinnes; ich ſehe Dich gebieteriſch, befehlend, eine Sultanin auf dem Divan, ſtarr und hart, düſter und tragiſch. Wie kann ich. Vertrauen faſſen, wo ein Wellenmeer ohne Ruhe mir den feſten Boden verbirgt? Du ſprichſt Gefühl, Sorg⸗ falt, Liebe für mich aus in Worten, die der Wahrheit Wärme, der Wahrheit Töne tragen, und doch konnteſt Du Dich einem Andern hingeben, den Du ſelbſt Deiner unwerth achteſt, konnteſt die Magd eines rohen Wald⸗ menſchen werden, der ſelbſt ſeine ſo arg von Dir ge⸗ fürchtete Eiferſucht vergißt, weil ſein Hund blutet. Man lehrte mich, daß die Lüge die erſte Waffe des Weibes ſey, eine Waffe, ſchärfer als des Mannes Schwert, ſtärker als Rolands Arm. Kann Lüge auch das Herz ſo klopfen machen? fragte ſie, ſeine Hand unter ihre linke Bruſt legend. Aurora, entgegnete er wärmer und befangener, Du dauerſt mich, denn, wenn mich die Vernunft nicht trügt, ſo haſt Du viel geopfert, um eine Herrin, eine Dame zu werden. Das iſt ja der gewöhnliche Mädchenglaube: es gäbe kein Glück für ſie auf Erden als durch den Trauring, und die Ehe mit einem Kain, einem Cartouche, lleicht hüte egen⸗ ht be⸗ er⸗ nd in Deine ertig, s; ich f dem kann e mir Sorg⸗ hrheit nnteſt einer Wald⸗ ir ge⸗ Man Leibes ſtärker fragte r„Du Dame laube: ch den touche, 31 einem Blaubart oder Nero ſey dem Mädchenſtande vor⸗ zuziehen ohne Frage. Arme Geſchöpfe! Elendes Zeitalter, wo der Holzſchuh der Köchin mehr gilt als das feine geiſtige Daſein der Freundin, der Erzieherin einer ver⸗ laſſenen Menſchheit! Aurora, ich habe als Knabe mir meinen Schutzgeiſt, die Schutzgeiſter aller Menſchen im⸗ mer als himmliſche Jungfrauen gedacht. Hätteſt Du nicht auch hier eine ſolche ſeyn können? Rief Dich nicht Alles auf dazu, als die arme Freifrau aufgezehrt worden durch dieſen dörrenden Sirocco, dem ihre Lebensflur Preis gegeben? Aurora, ich bin ein Mann, ich kann mich nicht verſetzen mitten in Deine Seele, wage darum kein Ur⸗ theil; aber ich weiß, meine Vernunft würde nicht nach dem Warum gefragt haben, mein Herz würde freudig im Wiederſehen Dir entgegen geſchlagen haben, hätte ich Dich nicht ſo allein gefunden, hätte ich Dich im Kreiſe der lieben Verwaisten gefunden: Klara, Angela, die Gott auf Deine Seele gelegt, als Du den Ring ihrer Mutter an Deinen Finger ſchobſt, und das gehäſſige Bild einer herzloſen Stiefmutter hätte ſich nicht ſtatt Aurora's Bild in meine Phantaſie gedrängt. Als hätte die kalte Haut einer Schlange ſie berührt, ſo haſtig zuckend fuhr die Hand der Freifrau aus ſeiner Hand, ſo konvulſiviſch faſt fuhr ſie ſelbſt einen Schritt von ihm zurück. Mit einem Blick, worin Zorn und Arg⸗ wohn, forſchendes Mißtrauen und Haß wechſelten, ſah ſie ihn einige Augenblicke an, der Name„Melac“ drängte ſich kaum hörbar zwiſchen ihren Zähnen hervor, und zu⸗ gleich brannten ihre Wangen im dunkeln Leuchtfeuer des Seelenſturms. Dann verzog ſich der rundgeſchwollene Mund zu einem Bogen des Hohns, der Pfeile der Ver⸗ achtung abſchießt. Ihr ſeyd nichts als ein Mann! ſagte 32 ſie lächelnd, und ſo drehte ſie ſich langſam auf dem klei⸗ nen Fuße herum und ſchritt zum Fenſter, als wäre Nie⸗ mand außer ihr in der Halle. Der Chevalier ſtand betroffen da und mußte ſich zwingen, ihr nicht zu folgen und abzubitten, denn die Zürnende kam ihm reizender, anlockender vor, als er ſie in ihrer höchſten Zärtlichkeit geſehen, und es war ihm zum Glücke, denn mit Haſt ward die Thüre geöffnet und der Baron trat raſch ein. Seine rothgerandeten Augen fuhren hin und her, vom Gaſte zur Hausfrau, doch er⸗ blichen die Rubinen ſeines Geſichts merklich, als er ſeine Rekognoscirung zu Ende gebracht. Ihr ſteht gelangweilt da, Chevalier? ſprach er. Seht Ihr, wie recht ich vorher urtheilte, als ich Euch ein Porträt meines Weibchens malte. Kommt mit hinaus, wenn's Euch gefällig, und beſchaut den ungeheuern Feiſt⸗ hirſch, den mein tapferer Haſſan mir zum Schuſſe ge⸗ bracht und an deſſen Wehr er faſt ſein Leben geſetzt. Ein trefflicheres Prachtgeweih iſt nimmer die Zierde dieſer Burg geworden, ſo lange ſie ſtand, und ein Faß Hochheimer ſoll fließen als Libation bei dem Feſte, wo dieſe Trophäe ihren Platz im Ritterſale einnehmen wird. Im Unmuth, den des Schloßherrn Anblick vermehrt und der in ihm durch das Gefühl der Unfreiheit ſeines Gemüths, durch das Bewußtſein ſeines Schwankens zwi⸗ ſchen Zuneigung und Haß gegen die Schloßfrau geweckt, antwortete Melac mit Humor: Ich bin bereit, Herr Baron! denn ſo ein abgeſchiedener Würdeträger des Wal⸗ des ſieht ſich gar lieblich an, iſt ein friedlicher Geſell⸗ ſchafter, und es grämt mich, daß des ſtrengen Ohms Ordre mich abruft und ich dem Feſte nicht beiwohnen da lat m klei⸗ e Nie⸗ te ſich nn die s er ſie ihm et Augen och er⸗ r ſeine Sceht uch ein hinaus, n Feiſt⸗ uſſe ge⸗ geſetzt. Zierde und ein n Feſte, nehmen ermehrt t ſeines ens zwi⸗ geweckt, t, Herr e Wa⸗ Geſell⸗ n Ohms iwohnen 33 darf, wo das größte Gehörn am Rhein ſeine Gratu⸗ lationen entgegen nimmt. Der Freiherr überhörte im Fortſchreiten das ſtechende Wort, aber Aurora drehte ſich raſch um, und ein Feuer⸗ blick warf ihm ſeinen Blitzkeil nach. Kurze Zeit nachher trat der Chevalier in ſein Zim⸗ mer und befahl dem traurigen Baptiſt, die Pferde zu ſatteln, indeß er ſelbſt das Gepäck in Ordnung bringen würde. Der Gascogner that einen Freudenſprung und ſchwur bei dem Brautkleide ſeiner Mutter, man würde ihn nie wieder im Steigbügel ſeiner däniſchen Stute geſehen haben, hätte er noch eine Nacht in dieſen alten Mauern zugebracht. Melac war bald mit ſeiner Arbeit fertig, denn der Mantelſack hatte nur das Nothwendigſte hergegebenz er ſchnallte ſchon am Riemenwerk, da trat plötzlich die junge, vollwangige Hausmagd herein, und als ſie den Herrn allein fand, legte ſie ſchnell mit ver⸗ ſchmitztem Lächeln ein Briefchen auf den Tiſch und ent⸗ floh, ehe ſie der Ritter faſſen und feſthalten konnte. Der Brief war von Aurora geſchrieben, und mit Staunen las Melac Folgendes: „Welcher böſe Geiſt konnte Zwietracht zwiſchen uns anfachen, zwiſchen uns, die wir durch unauflösliches Band verknüpft worden! Geheimniß iſt ſein Knoten und ſehnſüchtige Erinnerung ſein Wächter. Ich bat Dich zu fliehen, aber die Urſache der Bitte iſt erloſchen durch des Zufalls Gunſt, und wenn Aurora Dir befehlen darf, ſo ſpricht ſie: Bleibe! bleibe, ſo lange Du vermagſt, und ſey der Stern an meinem düſtern Himmel! Eſenheim belacht ſelbſt ſeine gegebene Blöße, ſeine Eiferſüchtelei; er nannte Dich einen bartloſen Knaben, einen Pariſer Fant, den kein ſtattlicher Burgherr fürchten dürfte. Aber Blumenhagen. XVI. 3 34 Du mußt dem ungalanten Waldmann das zu gut halten, ſollſt ihn nicht zu Rede ſetzen darum, dem Ritter nicht wieder ſagen, was die plauderhafte Geliebte ihrem ſchönen Adonis anvertraute, um ihm die Sicherheit, die Beſonnenheit zu geben, die uns Noth thut. Wollteſt Du die beleidigte Ehre rächen, ſo könnteſt Du bluten und Aurora würde verzweifeln, vder Du könnteſt ſie zur Wittwe machen und— die Morgenröthe müßte ſich in ſchwarze Wolken bergen. Vielleicht ginge ſie dann heiterer auf aus der Trauernacht, und es bedürfte keiner widrigen Opfer mehr um des Guts und der Habe willen, welche des Barons Teſtament der Bedrängten längſt geſichert. O, wenn der Liebe erlaubt würde, Alles mit der Liebe zu theilen! Man ſagt, das ſoll den Himmel zur Erde tragen! Bleibe, mein Freund, Idol meiner Liebe. Morgen ſchon wird im Ritterſaal das Feſt der Jagdge⸗ ſellen bereitet, und wenn um Mitternacht die Köpfe der Trunkenbolde zu Kreiſeln werden und ihr Verſtand zu Null und ihre Augen zu todten Glastropfen, dann ſpricht ein dürſtender Mund mehr zu dem einzigen Nüchternen im Schloſſe.“ Melac zerknitterte das Papier in ſeiner Hand. Schlange! ſagte er in ſich, ich verſtehe Dich. Du biſt eine ſchamloſe Eva, welche die Giftfrucht ohne Erröthen ausbietet. Aber die Ehre iſt ein zu hoher Preis für den Apfel der Sünde, und jeder Reiz, den die Natur Dir gab, war eine ſchändliche Verſchwendung. Eine Stunde ſpäter trabte der Chevalier und ſein Knecht am Rheinufer hinauf, und der junge Champagner ſchaute nicht ſchmerzlich zurück nach den grünen Zinnen und ſchwarzen Schieferdächern wie ehemals, ſondern wahrte beſorgt die Weinhügel und Verftecke am Wege, als er⸗ w B fr S an halten, r nicht ihrem eſt Du n und Wittwe hwarze er auf idrigen welche eſichert. r Liebe Erde Liebe. agdge⸗ pfe der tand zu ſpricht hternen hlange! hamloſe usbietet. pfel der b, war nd ſein npagner Zinnen nwahrte als er⸗ 35 warte er einen boshaften Schützen hinter ihnen, indeß Baptiſt, der mit dem Herrn die Rolle getauſcht, ſorgen⸗ frei und überluſtig ein vaterländiſches Lied mit einer Stimme ohne Sordüne in die Luft ſandte und alle Echo's des Rheinufers rebelliſch machte. Erſt dann, als die Ebene ſich vor ihnen dehnte, wurde der Chevalier ruhig und antwortete, wie er gern that, auf Baptiſts Poſſen. Sieh' da, eine nette Stadt! Sie ſoll uns heute die Herberge geben, ſchaut ſie doch wunderlich aus dem Zick⸗ zack der Mauern und Wälle, und der dünne ſpitzige Thurm macht ſie einem Storchneſt ähnlich, über deſſen breite Wandungen der lange Schnabel des brütenden Mütter⸗ chens herausragt. Die Aehnlichkeit iſt einladend, denn wo der Storch ein Dach erwählt, kommt mit ihm nach alter Sage Glück und Sicherheit unter das Dach! So ſprach ein langaufgeſchoſſener, blutjunger Menſch, in⸗ dem er einen tüchtigen keulenartigen Wanderſtab in das Gras warf und ſich ohne Umſtände neben den treuen Reiſegefährten niederſtreckte. Es war um die Veſperzeit. Die Sonne, welche zu Mit⸗ tag heiß gebrannt, ſchoß ſchon ſchiefe Strahlen und ſtrich ſchräg über die Dächer der Stadt und Feſtung Landau hin, denn dieſe war es, an die der Wanderer ſeine Apoſtrophe gerichtet, und auf dem Kanale ſah man ſchon die Kähne der Landleute von der Stadt zurückrudern, welche am Morgen Frucht und grüne Waare zum Markt hineingebracht nach gewohnter Weiſe. Der junge Menſch hatte etwas Ungewöhnliches in ſeinem Aeußern, das die Blicke der Vorübergehenden, denn die Straße war be⸗ gangen von Städtern und Bauern, neugierig feſſelte. 36 Sein unbärtiges Geſicht trug nicht die Züge der niedri⸗ gen Klaſſen, ſondern etwas Geregeltes, ja faſt Edles war ihm aufgeprägt; er ſtand in der Lebenszeit, wo der Körper üppig aufzuſchießen pflegt und ſich mehr in die Länge als Breite dehnt⸗ doch fehlte ſeiner ſchlanken Geſtalt die jugendliche Muskelfülle nicht, welche innere Kraft verkündete, der nackte Hals war nervicht, und um die gebräunte, mit der Farbe der Geſundheit geſchmückte Wange ringelte ſich kurzes helles Haar in hundert na⸗ türlichen Löckchen, und das blaue deutſche Auge ſchaute lebensmuthig und ſorglos auf die vorüberziehenden Gaffer. Die Tracht des müden Reiſenden hatte nichts Vorneh⸗ mes, indeß gehörte ſie auch nicht ganz dem untern Stande an: der kurzgeſchnittene braune Laufrock war abgetragen⸗ hatte aber einen ritterlichen Schnitt und feine Nätherei am Kragen und Aufſchlag, ein weißer feiner Hemdkra⸗ gen ſchlug ſich über die Schultern breit herab, dagegen war das bauſchichte Beinkleid von grauem Zwillich, die Strümpfe und dickſohligen Schuhe erinnerten an das Ty⸗ rolerland, und ebenfalls der helle, breitrandige Filzhut, den jedoch ſtatt des rothen Bandes und des Blumen⸗ ſtraußes ein phantaſtiſch befeſtigter Adlerflügel ſchmückte; an einem breiten Riemen, der über die rechte Schulter zur linken Hüfte lief, und auf dem allerlei Jagdfiguren in Weiß genähet waren, hing eine Wandertaſche und eine Korbflaſche, und in einer rothgelben Schärpe, die unter dem Rock ſichtbar wurde, ſtack ein breites Jagd⸗ meſſer mit einem Griffe von rauhem Hirſchhorn. Der Fremdling, denn als ſolchen bezeichnete ihn ſeine Tracht, warf den Hut vom Krauskopfe herab zu dem Knittel in's Gras, trank aus ſeinet Flaſche, ſpeiste von einem Weißbrodreſt aus ſeiner Taſche, und lag da in edri⸗ dles o der ndie inken nnere m ückte t na⸗ haute affer. rneh⸗ tande agen⸗ therei dkra⸗ gegen , die 8 Ty⸗ ilzhut, umen⸗ ückte; hulter guren e und e, die Jagd⸗ nſeine u dem te von da in 37 jener Behaglichkeit, die dem Beſitzer wie dem Beſchauer gar wohl thut, weil ſie das Bild der höchſten Glückſelig⸗ keit auf Erden, der Zufriedenheit mit ſich ſelbſt und der Welt darbietet. Wer weiß, wie lange der Fremde ſo dagelegen, hätte nicht eine äußere Erſcheinung ihn aus ſeinem träumeriſchen Nichtsthun aufgerufen. Auf einem lehnanſteigenden Hügel in der Nähe befanden ſich einige Gartenanlagen, mit einem leichten Holzgehäge eingezäunt. Von ihnen her kam ein Mann, von einem halben Dutzend ihn wild und kläffend umſpringender, gut genährter Hunde vegleitet. Der Mann war großer Statur⸗ hatte einen breiten und maſſiven Körper, trug einen grauen, ſteif⸗ ſchößigen Oberrock, Reitſtiefeln von ungegerbtem Leder und eine violettblaue Sammetmütze mit dicker, goldener Troddel. So wie der Mann den Leuten auf der Land⸗ ſtraße ſichtbar geworden, ſo kam eine unruhige Bewe⸗ gung in die Meiſten: Einige beſchleunigten ihren Marſch zur Stadt bis zum Wettlauf, Andere bogen von der Straße in kleine Fußwege ein, welche in die Fruchtäcker oder zu niederen Gebüſchplätzen führten, und bald erklärte ſich die Urſache der Furcht und Flucht. Der Mann hatte kaum mit ſeinen Hunden die Straße erreicht, ſo zer⸗ ſtreuten ſich die böſen, aufgehetzten Thiere mit wüſtem Gebell und muthwilligen Sprüngen, und ſprengten auf die Wanderer ein, als wenn ſie abgerichtet worden⸗ menſchliche Geſtalten zur Scheibe ihres Angriffs zu ma⸗ chen. Hier warfen ſie ein ſchreiendes Kinderpaar mit dem Schlage ihrer täppiſchen Pfoten in den Sandz fuhren dort einem ſchwer beladenen Laſiträger in die Waden, daß er im Schreck und Schmerz vorn über⸗ ſtürzte, unter ſeiner Bürde vergebliche Anſtrengungen machte, ſich zu erheben, und einer Schildkröte gleich mit 3 6 6 6 1 1. 1 4 8 5 den Gliedern ſparlte; dort ſtellten ſie einen Sonntags⸗ reiter, deſſen ſcheues Pferd vor Entſetzen über die un⸗ bändigen Beſtürmer, die mit weit offenen, geifernden, zahnreichen Rachen an ihm aufſprangen, ſich bäumend zur Seite bog und dann in unaufhaltbarer Flucht mit dem armen Herrn, der nach verlorenem Zügel erbar⸗ mungswürdig den Sattelknauf umklammert hielt, über die abgeernteten Stoppelfelder in's Weite flog; und der Mann mit der violettblauen Kappe lachte dazu laut und ſchallend, und ſchien ein menſchenfeindliches, grauſames Gaudium an dieſer ſeltſamen Jagd zu finden, das, aller Galanterie und jedes Zartgefühles ſpottend, auch da ſich zu erkennen gab, als eine der blutbefleckten Beſtien auf ein Paar junge Damen ſchoß, die in der Abendkühle ihren Spaziergang machten, ihnen Mantilla und Schleier zerfetzte, und den ſilberberandeten Hut, den ihr kleiner Page muthig zur Wehr vorſtreckte, dem Knaben aus den Händen riß, ſpielend zerfetzte und dann dem Herrn wie im Triumphe apportirte. Der Fremdling hatte mit hohem Staunen dem aus der Ferne zugeſehen und ſich ſelbſt gefragt, wer der Unmenſch ſeyn möchte, der ſich dergleichen unterfing und den Niemand von den kräf⸗ tigen Männern auf der Straße in ſeinem ſchändlichen Muthwillen zu ſtören und zu ſtrafen wagte. Jetzt, da das wilde Heer ihm näher kam, drückte er ſeinen Filzhut auf den Kopf und faßte nach ſeinem Knittel. Ein altes Mütterchen, das am Stabe ſchlich und ein Körbchen am Arme trug, in welchem es Obſt heimbrachte, ging jetzt einige zwanzig Schritte von ſeinem Ruheplatze vorüber, und ein ſchwarzer Saufänger, den ſein wilder Kreislauf gerade in ihre Bahn führte, fuhr auch ohne Weiteres auf ſie ein, faßte mit den Zähnen ihren Stab und riß ihn rau ihr, ſchn Keu blu „Hr hat und er erbi wüt Sch gan Rüt rech vor Gu: mit geg teſte bou Luf und thei une Liel ſchl zur tira tags⸗ n⸗ nden, tmend mit erbar⸗ über id der tt und ſames aller da ſich en au dkühle chleier kleiner naus Herrn te mit nd ſich er ſich kräf⸗ lichen t„da ilzhut altes en am g jetzt rüber, islauf eiteres nd riß ihn aus ihrer zitternden Hand. Ehe die der Stütze be⸗ raubte Alte jedoch umſank, ſtand der Fremde ſchon neben ihr, hielt ſie in ſeinem linken Arm und traf, da die ſchwarze Beſtie einen zweiten Sprung nach dem kleinen Schultermantel der Greiſin that, das Thier mit ſeinem Keulenſtocke ſo tüchtig zwiſchen die Zähne, daß es mit blutendem Maule laut heulend zurückflog. Ein lautes „Hoho“ ſchallte vom Munde des Herrn, und der Fremde hatte kaum Zeit, die Alte ſanft auf den Boden zu ſetzen und ſich nach einem alten Baumſtamm zu flüchten, als er ſich von der ganzen Meute angefallen ſah, die wie erbittert durch die Behandlung ihres Kameraden zum wüthigſten Angriffe auf ihn anſetzte. Ein merkwürdiges Schauſpiel, wie es dieſe Gegend wohl nie erblickt, be⸗ gann in dieſem Moment. Den breiten Eichenſtamm im Rücken, die Füße feſt in den Sand gedrückt, dabei das rechte Bein in der Stellung des römiſchen Gladiators vor ſich geſtreckt, die linke Hand feſt am Waidmeſſer im Gurt, ſchwang der junge Menſch ſeine knorrige Keule mit bewunderungswürdiger Geſchicklichkeit und Stärke gegen die erbosten Thiere. Wie ein Wirbel des geüb⸗ teſten Fahnenſchwenkers oder des kunſtgerechteſten Tam⸗ bours flog die ſchwere Waffe um ihn her, durch die Luft, bald hoch, bald tief, ſeinen ganzen Leib deckend, und in jeder Sekunde einen Schlag an die Gegner aus⸗ theilend. Einige Minuten ſah der koloſſale Mann dem unerwarteten Schauſpiele zu, als aber hier einer ſeiner Lieblinge am Kopf getroffen hinterrücks einen Purzelbaum ſchlug, dort ein an der Pfote Verletzter mit Wehgeſchrei zur Seite hinkte, da pfiff er aus voller Bruſt zur Re⸗ tirade, und die Thiere ſchienen gern zu gehorchen, denn ſie ſammelten ſich alle hinter dem Herrn, als dieſer mit — ———————————————— — — ————— —— — 40 hochrothem Geſicht und in der Haſt des Zornes auf den erhitzten Fechter losſchritt. Teufelsjunge! rief der Mann, ſicht Dich der Toll⸗ wurm, daß Du es wagſt, meine tavfere Leibwache zu Schanden zu ſchlagen? Den Tod auf Deinen Kopf, Du unverſchämter Landſtreicher Du! Der Fremde ſetzte ſeinen Knittel in Ruhe, holte tief Athem und ſah den Scheltenden mit flammenden Blicken an. Salvirt Euern eigenen Kopf, entgegnete er kurz und dreiſt, denn mein Arm iſt einmal heiß geworden, und mein' Seel! mir wächst die Luſt, meine gute Wehr an einem beſſern Ziel zu verſuchen als an dem unvernünf⸗ tigen Viehe dort. Und bei dem gerechten Gott, ſetzte er heftiger und den Knittel wiederum erhebend hinzu, wer hindert mich, an Euch den Unfug zu beſtrafen, zu dem Ihr als ein Menſch, dem Gott Vernunft gab, den Gehorſam Eurer Thiere mißbraucht? Aehnlicher als ich ſeyd Ihr überhaupt einem Landſtreicher und Friedens⸗ brecher, und vagabondirtet Ihr im guten Schweizerlande alſo mit Eurer Jagdkoppel durch's Land, ſchöße man Euch die gefährlichen Beſtien vor den Füßen todt, und Ihr ſelbſt müßtet büßen mit Gut und Leib für den Frevel an Euern Nächſten. Der Mann mit den Reitſtiefeln war ſtutzig einen großen Schritt zurückgetreten, ſein Geſicht wurde bläſſer und er ſirirte einige Augenblicke mit ſeinen ſcharfen Augen den jungen Menſchen, wobei ſein Mund ſich allmälig in ein möglichſt freundliches Lächeln hinüberzog. Du führſt Deine Zunge faſt ſo gut wie Deinen We⸗ berbaum, ſagte er dann mit Laune und Gemüthlichkeitz ſage, wo haſt Du dieſe Fechtkunſt erlernt? Ihr müßt nicht weit über Eure Schwelle inausge⸗ kom die gen Unt Aſt Ihr Reu gew Fau Du Küh wert her ant derg es ſi ſeyd Buſt Ja, ich f meir woll Eurt Beir mich heili etwa ein ſich f den Toll⸗ he zu „Du e tief licken z und „und hr an nünf⸗ tte er „wer dem „den s ich dens⸗ lande man „und Frevel rßen ind er nden in ein n We⸗ chkeit; ausge⸗ kommen ſeyn, antwortete der Fremde mürriſch, daß Ihr die Schwinger von Uri nicht kennt! Habt Ihr Vergnü⸗ gen, in dem ſchönen Spiele der Aelpler auf der Stelle Unterricht zu nehmen, ſo brecht Euch einen knorrigen Aſt vom Baume hier, und in einer Viertelſtunde ſollt Ihr wiſſen, wie man am Waldſtädter See oder an der Reuß ungeſchliffenen Leuten die gute Sitte einbläut. Hoho! rief der große Mann, Du biſt ja ein gar gewaltiger Goliath, aber Dein Großmaul hat eine gute Fauſt vorangeſchickt, und Du gefällſt mir darum, denn Du gibſt mehr, als Dein bartloſes Kinn verſprechen konnte. Kühle Deinen Ingrimm, mein Bübchen, laß uns Freunde werden, und ſage mir vor Allem, wer Du biſt und wo⸗ her Du kommſt? Der Fremde ſah den vertraulichen Frager verächtlich an und entgegnete leichthin: Meint Ihr, es beliebe mir dergleichen? Nach dem, was ſich hier begab, meine ich, es ſtände mir weit eher an, zu fragen, wer denn Ihr ſeyd, der Ihr die Straßen unſicher macht und eher einem Buſchhelden als einem ehrlichen Menſchenkinde gleicht. Ja, ja, verzieht nur nicht den Mund ſo ſpaßig, denn ich fordere Euern Namen, damit ich in der Stadt da meine Klage anbringen kann. Und ohne Umſtände— wollt Ihr nicht etwa auch meinen Schwingerſtab koſten— Euren Namen und was Ihr hier zu treiben habt! Der große Mann lachte laut auf und ſagte heftig: Beim Saint⸗Denis, es iſt nur Einer auf Erden, der mich ſo fragen darf, und der ſitzt auf dem Stuhle des heiligen Louis! Aber, ſetzte er milde und das Haupt etwas beugend, wie in Unterwürfigkeit, hinzu: Du biſt ein ſo eindringlicher und furchtbarer Frager, daß man ſich gezwungen fühlt, Dir ohne Rückhalt zu antworten, —— als wäreſt Du Miniſter Louvois in eigener Perſon. Ja, Du haſt ganz Recht, wenn Du mich einen Landſtreicher und Buſchklepper nennſt: ich gehöre zu der Sorte, und die Holländer und das Niederland bis Amſterdam hinab wiſſen von mir zu reden, denn ich habe Manchen dort das Dach über dem Kopfe eingebrannt, Manchen für immer von den Beinen geholfen. Nun, werde nur nicht ungeduldig, mein junger Freund, laß mir den Hirn⸗ ſchädel ganz, ich möchte gern mit Dir noch einige Be⸗ cher ſtürzen und einige gute Hausſchüſſeln leer machen. Ich beichte ja ſchon und bekenne Dir, Du Gewaltiger, daß man mich Melac nennt, daß mich die Majeſtät mei⸗ ner Sünde wegen zum Marechal de Camp gemacht, und daß man mich als einen bekannten großen Taugenichts dort in die Feſtung verwieſen, wo ich den äußerſten Vorpoſten des Landes commandire, damit nicht ſolche Wagehälſe wie Du ein Stücklein des ſchönen Frankreichs im Wanderſacke nach Hauſe tragen möchten. Der junge Fremde ſtand ein wenig verdutzt, doch ſah man, es war nicht Furcht und Schrecken, ſondern —— mehr Ueberraſchung, Erſtaunen, was ihn gefaßt, ja, in ſeinen Mienen leuchtete ſogar ein Fünkchen von Wohl⸗ gefallen hindurch, als er jetzt ſeinen Gegner mit grö⸗ ßerer Genauigkeit in das Auge faßte. Und dieſes Wohl⸗ gefallen mußte ſehr räthſelhaft erſcheinen, denn der Mar⸗ ſchall Melac hatte nie das Glück gehabt, durch ſein Aeußeres irgend einem Menſchen zu gefallen, indem die Natur ſehr geizig und ſtiefmütterlich gegen ihn gehan⸗ delt. Es würde dem phantaſiereichſten Maler, ſelbſt einem Höllen⸗Breughel, ſchwer gefallen ſeyn, ein häßlicheres Antlitz zu erſchaffen: dieſe gelbe, faltige Haut, auf breite Backenknochen geſpannt; dieſer weite Mund voll hervor⸗ ſtehe Spa tani knir ſtülp Aug gehe Reiz und und den Mar den den zugl ſten 2 Mar wem lich C befa ande gar traf, Eink 2 Jede mich laſſe haſt ſchla Ja reicher u hinab ndort en für r nicht Hirn⸗ ge Be⸗ achen. tiger, ät mei⸗ enichts ßerſten t ſolche nkreichs t„ doch ſondern ßt, ja, Wohl⸗ tit grö⸗ Wohl⸗ Mar⸗ ch ſein dem die gehan⸗ ſt einem licheres f breite hervor⸗ ſtehender Zähne, die in die aufgeworfenen Lippen tiefe Spalten gedrückt, diaboliſch widrig, wenn er lachte, ſa⸗ taniſch entſetzlich, wenn der Zorn ihm die Form des knirſchenden Tigerrachens gab; dazu eine breite, aufge⸗ ſtülpte Naſe, große, vorſpringende Augen, deren eines Augenlid, durch einen Säbelhieb geſpalten und ſchlecht geheilt, halb über den Apfel herabhing, und alle dieſe Reize eingekränzt von einem ſchlichten, harten Kopfhaar und Bartwulſt, deſſen Färbung ein Gemiſch von Schwarz und Grau zeigte; ſo, einem indiſchen Götzenkopfe gleich⸗ den man auf einen koloſſalen Felspilar geſtellt, ſah der Mann aus, der ſich dem jungen Keulenſchwinger als den Gewalthaber der Gegend genannt, den der Ruf als den tapferſten Soldaten der franzöſiſchen Armee, aber zugleich als den grauſamſten, unerbittlichſten und ſtreng⸗ ſten General Frankreichs bezeichnete. Nun, mein Freund, begann nach einer Weile der Marſchall, haſt Du die Sprache verloren, ſeit Du weißt, wem Du den Unterricht in Deiner Fechtkunſt ſo freund⸗ lich angeboten? Euer Name iſt mir bekannt, ſagte der Fremde un⸗ befangen, aber ich hatte mir den braven Marſchall etwas anders gedacht, und mein Verſtummen findet ſeinen Grund gar leicht in der ſeltſamen Liebhaberei, in der ich Euch traf, und die ich mit Euerm hohen Stande in keinen Einklang zu bringen weiß. Das iſt ſo mein Plaiſir, ſagte leichthin der Marſchall⸗ Jeder geht ſeinem Geſchmacke nach. Das Schickſal hat mich zum Menſchenjäger gemacht, und ich kann's nicht laſſen, auch in Friedenszeit den Beruf zu üben. Du haſt Deine Luſt daran, Arme und Beine entzwei zu ſchlagen; ich ſchaue gern ſo eine Hatz auf kreiſchendes 44 Frauenvolk, das mir nie und dem ich nie beſonders gut war, ihre Purzelbäume ergötzen mich, und Dir möchte es nicht ſo leicht werden⸗ die gebrochenen Kno⸗ chen zu bezahlen, wie es mir wird, eine zerriſſene Man⸗ tilla oder ein zerfetztes Unterröckchen zu erſetzen. Der junge Menſch ſah ihn unmuthig an und wandte ſich halb ab von ihm. Nie habe ich den Arm gehoben gegen Wehrloſe, ſagte er abgeſtoßen, nie im Muthwill verwundet. Was hadern wir, ſprach der Marſchall. Du wirſt mir meine Unart vielleicht abgewöhnen, wenn Du Dich bequemſt, als Mentor gütigſt bei mir zu bleiben. Ge⸗ Falle ich Dir nicht, gefällſt Du mir deſio beſſer, und ich lade Dich ein, es eine Weile zu verſuchen, wie es ſich im ſchlechten Hauſe eines alten Soldaten lebt. Du kannſt mich in den Thurm ſetzen laſſen, wenn Du mich einmal hinter jenen Mauern haſt, entgegnete der Fremde überlegend; aber was thut es, ſetzte er raſch hinzu, ich habe Schlimmeres erlebt, und man muß Alles verſuchen in der Welt. Beide gingen zuſammen zur Stadt; wenn der Junge ſich aber bei einem Rückblick darüber zu ergötzen ſchien, daß die mächtigen Hunde nur von fern folgten und ſich ſchmeichelnd und mit ſcheuen Blicken auf die gefährliche Keule weit hinten hielten, ſo lächelte auch der Alte und faſt boshaft. Der Marſchall fragte jetzt wiederum nach Namen und Heimath ſeines Gaſtes, und nach kurzem Beſinnen nannte ſich der Fremde Hieronymus von Ge⸗ ſtinen, die Schweiz ſein Geburtsland, und erzählte dazu, der Vater habe ihn aus dem Gebirgsthal fortgeſchickt, weil er groß genug, ſich ſelbſt in der Welt zu verſuchen und ſich ein Gewerb zu erwählen. Gäbe es Krieg⸗ würde er lé pilge um; ſchen die e ſtolze plap hinei lich mäch die 2 ſalut Waf des liche drück leicht über Gatt Bau Baſt im C Krie mit von hina — — gen breit dicht ſelnd ſo er ſonders nd Dir n Kno⸗ e Man⸗ wandte gehoben duthwill u wirſt Du Dich n Ge⸗ er, und wie es lebt. „ wenn tgegnete ſetzte er nan muß erJunge n ſchien, und ſich fährliche Alte und um nach kurem von Ge⸗ te dazu, geſchickt, verſuchen 3 würde 45 er längſt gewählt haben; ſo wolle er eine Weile herum⸗ pilgern bis zum Norden hinauf und zum Süden hinab, um zu ſehen, was in den Winkeln der Erde für Men⸗ ſchenkinder lebten; zugleich zeigte er zwei Goldſtücke vor, die er wie ein vollkommen ausreichendes Reiſegeld mit ſtolzer Freude zu betrachten ſchien.— Der alte General plapperte vertraulich mit ſeinem Begleiter bis zur Stadt hinein, doch wurde dem jungen Geſtinen etwas wunder⸗ lich zu Muthe, als ſie über die Zugbrücke, durch das mächtige Thor und die düſtern Fortificationen einſchritten⸗ die Wache in's Gewehr trat und die bärtigen Füſeliere ſalutirten, wobei die dumpfe Trommel das Geklirr dex Waffen begleitete. Er ſah ſich jetzt in völliger Geſalt des von ihm nicht eben höflich Behandelten; ſeins häß⸗ liche Fratze, ſein boshafter Blick, ſeine ſeltſamen Plaiſirs drückten ihm jetzt erſt recht auf das Gemüth, doch ſein leichter Sinn ſiegte und er folgte dreiſt dem Marſchall über den Wall zu einer Steintreppe, die ſich an einer Gatterthüre endete und von der man über einen großen Baumgarten hinſah, welcher zwiſchen den drohenden Baſtionen dalag wie eine blühende königliche Jungfrau im Schutze eines Rieſen, und als des alten, einſamen Kriegers Lieblingsplatz bekannt war, den er nur gern mit dem Feldlager vertauſchte, wenn die Trompete ſeines von ihm vergötterten Königs rief. Der General ſtieg hinab und ſchloß die Pforte auf, Hieronymus folgte. Zuerſt ſchritten ſie durch Baumreihen, an deren Zwei⸗ gen das ſchönſte Obſt liebäugelte, dann kamen ſie in einen breitern Raum, mit hohem Graſe bewachſen und von dichtem Gebüſch und ſchattigen Baumgruppen abwech⸗ ſelnd durchbrochen. Nicht weit waren ſie hier gegangen, ſo erblickte der Jüngling auf dem Grasplatze einige blanke — ——— Stücke Rothwild, welche zahm und furchtlos ihre Atzung ſuchten; kaum hatte jedoch der Herr des Gartens einen Jägerpfiff erſchallen laſſen, ſo erhob ein ſtattlicher Schau⸗ felhirſch ſein Haupt, ſchüttelte den breiten, bemähnten Hals, ſtieß einen grellen Ton aus und nahte ſich zuerſt im Schritte, dann im Trabe, und ſenkte zugleich ſein Geweih. Der Gaſt ſah ſich um nach dem Wirth, als jedoch ein recht boshaftes Lächeln den Mund deſſelben verzerrte, wandte er ſein Geſicht ſchnell wieder von ihm, denn ſchon hatte ihn das ſtarke Thier faſt erreicht und unverkennbar war die Wuth in ſeinen großen, blitzen⸗ den Augen, und, das ſcharfe Geweih auf ihn gerichtet, ſtürzte es zum tödtenden Angriff heran. Schweiß trat dem Befährdeten auf die Stirne, doch als ein wackerer Gemsjäger mit ſolcher Gefahr bekannt und ſeiner Kraft bewußt, ſprang er geſchickt zur Seite, ließ ſeine Keule fallen und griff von der Seite zugleich mit beiden Fäu⸗ ſten in das Gehörn und ſchwenkte ſich mit dem erſchrocke⸗ nen Thiere ſo lange hin und her, bis beide Ringer zu⸗ gleich zu Boden fielen, wobei die Spitze des Geweihes ihm die Wange blutig riß. Der alte Sonderling ſtand jetzt im Sturmmarſch neben ihnen: couchez vous, Ac- teon! rief er mit einer Rieſenſtimme, und der Hirſch lag gehorſam auf der Seite wie ein Todter, und des Generals Hand half dem jungen Sieger ſelbſt ſorgſam vom Boden auf. Iſt das auch Euer Plaiſir? fragte er im Aufſtehen mit unverhaltenem Groll; doch der alte Herr wiſchte ihm freundlich das Blut ab vom Geſicht und antwortete ſchmunzelnd: Nichts für ungut, mein Söhnchen! die wilde Beſtie ſieht Niemand als mich in dieſem Revier und iſt eiferſüchtig auf Dich geworden. Aber Du kannſt wie ein thei mir unte geri cher. Wor man Geſi druc Han ſo 1 Der und hohe ben, bene wen: traſt Scht von lens, Waf muß die 1 Atzung s einen Schau⸗ nähnten h zuerſt ich ſein th, als eſſelben on ihm, cht und blitzen⸗ erichtet, iß trat wackerer rKraft e Keule en Fäu⸗ ſchrocke⸗ iger zu⸗ weies g ſtand us, Ac- r Hirſch und des ſorgſam ufſtehen wiſchte twortete en di Revier u kannſt 47 Dir einen Driumphatorenſtolz erlauben, denn ſieh nur, wie ſcheu das edle Geſchöpf die Augen zu Dir aufſchlägt. Wäre es aber eine Probe geweſen, ſo hätteſt Du ſie wie ein Held beſtanden, und willſt Du bleiben bei mir, theilen Brod und Becher und Bett mit mir, ſo ſollſt Du mir willkommen ſeyn für immer, und ein Offizierplatz unter meinen Leibſchützen ſteht Dir zu Dienſt, wenn ſolche geringe Ehre dem jungen Roland nicht zu ſchlecht dünkt. Der junge Mann blickte ungläubig auf den Spre⸗ cher, um zu forſchen, ob Ernſt oder neuer Hohn in den Worten zu ſuchen ſey, aber er fand die Züge des Kriegs⸗ mannes gänzlich verwandelt, und aus dem häßlichen Geſicht leuchtete ein ſo väterlicher und wohlwollender Aus⸗ druck zu ihm herüber, daß er kräftig in die dargebotene Hand einſchlug und dazu ſprach: Auf Tod und Leben, ſo lange Ihr wollt, aber nicht als Euer Söldner!— Der Marſchall ſchüttelte in ſichtlicher Freude die Hand, und ſie gingen weiter durch den Garten, bis ſie zu dem hohen Commandantenhauſe kamen, das am Ende deſſel⸗ ben, von einer Reihe hoher Linden umgeben, erſchien. Mehrere Wochen waren verlaufen. Der neugewor⸗ bene Schütz fühlte ſich ganz behaglich auf ſeinem Platze, wenn auch ſein jetziges Verhältniß den ſchroffſten Con⸗ traſt zu ſeiner vorigen Lebenslage bildete. Frei wie die Schwalbe unter den Wolken war er von Berg zu Berg, von Thal zu Thal gezogen, alleiniger Herr ſeines Wil⸗ lens, ſeiner Zeit, ſeiner That; jetzt mußte er ſich in den Waffen üben, die Wache beziehen, Ordres ſchreiben, mußte nach dem Trommelſchlage ſeinen Tag einrichten, die Uniform anthun und ablegen, vom Bett aufſtehen — und ſich niederlegen; aber das junge Blut ſchien ſich leicht und freudig in den Lebenszwang zu finden, und wie ein farbenvoller Schmetterling, nachdem er die Puppe zerbrochen, mit jeder Minute ſich ſchöner entfaltet, ſo wandelte ſich der rohe, ungeſchlachte Naturburſche mit jedem Tage mehr in einen ritterlichen, ſtattlichen Sol⸗ daten, und bewies an ſich die Vortheile⸗ welche die Ord⸗ nung des Kriegerlebens dem rauheſten Dörfler zuwendet. Die alten gedienten Schützen⸗ ein ausgeſuchtes Corps, hatten von ſeinen Abenteuern mit des Marſchalls wilden Rüden und ſeinem Hirſch, die von ganz Landau ge⸗ fürchtet wurden⸗ gehört, und achteten den unbärtigen Offizier, und ihr Reſpekt verdoppelte ſich, da ſie den alten Melac, deſſen Geſicht ſie niemals freundlich ge⸗ ſehen und das ihnen einer ewig am Himmel haltenden, Blitz und Donner verſendenden Wetterwolke glich, ſo väterlich und traulich mit dem jungen⸗ wie in die Fe⸗ ſtung hereingeſchneiten Fremdling umgehen ſahen. Hieronymus hatte die Wache am Thor, als der Che⸗ valier Melac mit ſeinem Gascogner einritt, jedoch nur leichthin ſeinen Namen nannte, keinen Blick auf den fra⸗ genden Offizier warf und ohne Aufenthalt zum Com⸗ mandantenhauſe forttrabte. Der Marſchall empfing den Neffen ernſt, betrachtete ihn mit raſchem Blick von oben bis unten, und wehrte ihn faſt hart ab, als dieſer gewohnter Weiſe ſich beugte, ihm die Hand zu küſſen. Gerade auf, commandirte er, Kopf in die Höh', Bruſt heraus! Wer einen Bart trägt, darf nicht an ſolche knechtiſche Pagenpoſſen denken. Beim Saint⸗Denis, Du biſt ein ſchmuckes Mannsbild geworden, Philibert, aber die glatte Höflingsmanier guckt aus Dir heraus vom die quett den, Scht 2 jedot fich möch mach rer( chen ſeyn in d der Fran nicht und uns ſuche ich w und in de zu be lichſte und hin n beſtir auf's en ſich n„ und Puppe tet, ſo ſche mit n Sol⸗ ie Ord⸗ wendet. Corps, wilden a ge⸗ ärtien ſie den ltenden, lich, ſo die Fe⸗ n. der Che⸗ ch nr den fra⸗ m Com⸗ trachtete wehrte begte, an ſolche „Denis, hilibert, heras 49 vom Scheitel bis zur Sohle, die muß fort, fort, denn die Melacs haben nie ihr Glück auf den Schloßpar⸗ quets geſucht und gefunden. Ein Soldat ſollſt Du wer⸗ den, und kannſt bei meinem jüngſten Lieuienant in die Schule gehen, der ein ganz anderer Kerl iſt wie Du. Der Chevalier wurde blutroth im Geſicht, verſicherte jedoch unterwürfig dem gefürchteten Onkel, er würde fich gern hinſtellen laſſen, wo der Ohm es wünſchen möchte, und hoffe überall dem Namen Melac Ehre zu machen. Brav, mein Sohn! entgegnete der Alte mit milde⸗ rer Stimme. Wer commandiren will, muß zu gehor⸗ chen verſtehen. Doch wird das Kunſtſtück nicht leicht ſeyn, ohne Exercierzeit ſogleich aus dem Sammtkleide in den Lederkoller zu ſteigen, und es drängt die Zeit, der Krieg iſt vor der Thüre, ohne daß eine Seele außer Frankreichs Grenzen es ahnet. Schon iſt eine Armee nicht fern von uns, welche Louvois auf Straßburg ſchickt, und jede Stunde kann der Courier eintreffen, der auch uns zum Aufbruch ruft. Nimm Dich drum zuſammen, ſuche Dir einen Wappenrock aus meinem Magazin, denn ich wünſche Dich als meinen Aide de Camp mitzunehmen und ſelbſt einzuführen in das Freudenfeld der Schlacht, in den einzigen Feſtſaal, wo ſich ein ächter Mann wohl zu befinden vermag. Der Neffe dankte für die Auszeichnung auf das Herz⸗ lichſte, und der Marſchall griff wieder zu den Landkarten und Papieren, die ihn vorhin beſchäftigt, erzählte leicht⸗ hin nur noch von dem jungen Schweizer, den er adop⸗ tirt, den er dem Chevalier zum brüderlichen Kameraden beſtimmt, und den er ihm, ſobald er ſich ſehen ließe, auf's Zimmer ſchicken würde. Blumenhagen. XvI. 4 Nach dieſem kurzen Zwieſprach entlaſſen, ging der Ritter, nicht ganz zufrieden mit dem Empfang, und wirklich verſtimmt über den ihm als Muſter geprieſenen Fremdling, mit dem er die Gunſt des Ohms theilen ſollte, ja, mit ihm darum zu ringen gezwungen war. Die Wachtpoſten wurden Mittags gewechſelt, und kurz nachher meldete der luſtige Baptiſt den jungen Geſtinen an. Mit krauſer Stirne hob ſich der Chevalier läßig vom Seſſel, als der Schütz in dem grünen feinen Wamms mit den ſilbergeſtickten Aufſchlägen eintrat, und belei⸗ digt warf er ſeinen Kopf ſtolzer nach hinten⸗ als der Offizier an der Thüre ohne die ſchickliche Begrüßung ſtehen blieb, die Melac als Neffe des Marſchalls er⸗ warten durfte. Da ſtreckte der junge Mann beide Hände nach ihm aus und rief mit vor Rührung bebender Stimme: Philibert, iſt es möglich, haſt Du wirklich Deinen Jerome und das Eſenheimer Schloß ſo bald vergeſſen? Der Chevalier ſtutzte, ſchaute ſchärfer hin, ſchien ſeinen Augen nicht zu trauen⸗ erkannte jedoch ſchnell den Freund, und Beide lagen Bruſt an Bruſt, ſaßen bald traulich nebeneinander, und Melac konnte ſich nicht ſatt ſehen an dem hoch aufgeſchoſſenen, kraftvollen Jüng⸗ linge, den er ſich immer noch knabenhaft und unſelbſt⸗ ſtändig gedacht. Aber welch Wunder brachte Dich hieher? fragte er kopfſchüttelnd; was warf Dich in dieſes Kleid, in mei⸗ nes rauhen Onkels Herz und Gunſt, und warum ver⸗ achteſt Du Deines Vaters Namen⸗ mein Jerome, der Dir wie mir ſo lieb ſeyn muß? Still, ſtill, ſagte ſcheu der Schütz; wenn Du mich liebſt wie ſonſt, ſo darfſt Du den Namen Eſenheim nicht der und nen ilen var. kurz inen vom ums elei⸗ der ung er⸗ ände ender rklich bald ſchien l den bald t ſatt züng⸗ ſelbſt⸗ te er mei⸗ er⸗ der mich nnicht 51 kennen, mich nicht kennen. Der Marſchall würde mir nie den Trug vergeben, und gönnſt Du mir das Bischen Gunſt bei Deinem ſtrengen Anverwandten und biſt nicht neidiſch darauf, wirſt Du mir die erſte Bitte nach un⸗ ſerm Wiederfinden nicht verſagen. Ich Klara's Bruder verrathen? rief Melac mit Be⸗ wegung. Aber heile meine Neugier, erzähle! Wir ſind ſicher vor jeder Unterbrechung, denn der Ohm vermu⸗ thet den Neffen auf dem Bett, ruhend von der Reiſe, und wird vor der Tafelglocke mich nicht ſtören laſſen. Er legte traulich ſeine Rechte in Jerome's Hand, und dieſer begann ſeine Erzählung, nachdem der Ritter zur Vorſicht den Baptiſt angewieſen, vor dem Zimmer Wache zu halten und jeden Störer ſchleunigſt anzumelden. Seit Du fortgeritten von unſerm Schloſſe, ſprach der junge Eſenheim, war es uns Allen, als ſey der gute Geiſt von uns gewichen, und als wäre an die Stelle eines heitern Frühlings plötzlich und ohne Uebergang der langweilige, freudenleere Winter eingetreten. Mir fehlteſt Du allenthalben; warſt Du doch der Erſte ge⸗ weſen, der ſich zu mir geneigt in Freundſchaft und Ver⸗ trauen, und Alle ſchienen meinen Gram zu theilen: die kleine Angela fragte ſtündlich nach Dir und bat, man möchte Dich wieder holen, denn alle ihre Püppchen wein⸗ ten, Schweſter Klara ſchlich ſtumm und traurig umher und ſaß ſtundenlang an dem Fenſter, von dem ſie Dir den Abſchied gewinkt, und auch die Mutter, welche, ſo lange Du bei uns weilteſt, heiterer geweſen wie ge⸗ wöhnlich, kränkelte auf's Neue und verließ bald das Bett nicht mehr, von dem ſie wenige Monden darauf zu Grabe getragen wurde. Ach, Melac!— er drückte ſchmerzlich des Ritters Hand an ſeine Bruſt— ich hatte 52 früher nicht bedacht, was eine Mutter dem Kinde iſt, der wilde Bube hatte ſie oft gekränkt im Eigenſinn und Ungehorſam, hatte ſich nicht ſo um ſie bekümmert, wie er geſollt; jetzt an ihrem Sarge fiel mir das Alles wie eine drückende Laſt auf das Herz, und ich mag mich wohl ſehr ungeberdig betragen haben, wie man die ſchneebleiche, gute Frau zur Gruft hinabtrug, denn der Vater fuhr mich hart an und ſchalt mich einen albernen Knaben, und Aurora, Du erinnerſt Dich der Jungfrau vielleicht, die bei uns wohnte, ermahnte mich, vor den Leuten mich nicht lächerlich zu machen, die den Reſpekt vor ihrem heulenden Junker verlieren müßten. Ja, ich erinnere mich, feufzte Melar. Aber weiter, weiter! Aurora's Wort hatte ein beſonderes Gewicht für mich, ohne daß ich wußte warum, fuhr Jerome fort⸗ weit mehr als des Vaters Scheltwort, und ich bezwang mich, und der Mutter Bild wurde bald ſchwächer in meiner Phantaſie, und ich weinte in ſündhaftem Leicht⸗ ſinn nicht mehr um die Verlorene. Aber Aurora trug auch hier wiederum die Hälfte der Schuld durch ihr Benehmen gegen mich, das ſeit dem Verſchwinden der Mutter ſich gänzlich verändert hatte. Ohne ſie hätte ich mich ſicher unerträglich allein und recht elend im öden Schloſſe gefühlt, doch ſie ſchien meine einſame Lage mit⸗ leidig zu erkennen, und in allen Stunden⸗ worin ſie der Sorge des Haushalts ſich entziehen durfte, gab ſie mir ihre Aufmerkſamkeit kund, ſie ſchwatzte und las mit mir, wir ſprachen von Dir und meiner Zukunft, ſie trieb mich zu den Waffenübungen mit dem Jäger Sigbert und lobte meine Fortſchritte, ſie trieb mich, Theil zu nehmen an des Vaters Jagden, um ſeiner Liebe mich zu verge⸗ wiſ lich em ein hat vbr nal iſt eig Rä hin ſch na bal me zur me au wo ſei lät kle wa ein Ar und wie wie mich die der rnen frau den ſpekt eiter, für fort⸗ wang rin eicht⸗ trug h ihr nder te ich öden mit⸗ ie der e mir t mir, mich t und hmen erme⸗ 53 wiſſern, ſie ſorgte für meine Kleidung, meine Bequem⸗ lichkeit, mehr wie es faſt die Mutter gethan, und ich empfand eine Neigung, ein Zutrauen für ſie, wie es die einſilbige Schweſter Klara niemals in meinem Herzen hatte erwecken können. Du armes, junges Blut! ichſehe die Kataſtrophe voraus, fiel Melac ein, indem er mit doppelter Theil⸗ nahme zuhörte. Ich wette für das Gegentheil, antwortete Jerome; iſt mir, der ich Alles ſelbſt erlebt, doch das ganze Er⸗ eigniß ein Räthſel geworden, wie mir das Gefühl ein Räthſel vlieb, was ſo auf einmal mich zu einem Weſen hinzog, das ich doch ſchon ſo lange gekannt hatte, das ſchon ſo lange dicht neben mir gelebt. O mein Freund, ich kann Dir nichts erzählen von den nächſten Monden nach dem Tode der Mutter, von dieſer Zeit, wo ich mich bald glücklich, bald techt unglücklich wähnte: ich fühle meinen Kopf brennen, mein Herz klopfen wie da, als ich ihr die erſte wilde Ente, meinen erſten Jagdpreis, zur Küche trug und ſie mich im fröhlichen Scherz über mein Jagdglück beim Kopfe nahm und zwei warme Küſſe auf meinen Mund drückte. Das ſüße Spiel that mir ſo wohl, und ich geſtehe Dir ſchamroth, ich bat und nahm ſeitdem gar oft, was ſie nur ſelten weigerte. Unſchuldiger Herkules in der Wiege, rief Philibert lächelnd, die Eva mit dem Apfel der Erkenntniß in der kleinen Hand mag wohl manchem erfahrenern Adam warm gemacht haben, daß es ihm war, als hätte nicht ein Weib, ſondern eine tobende Windsbraut ihn in die Arme genommen. Die ſchöne Zeit nahm einen gar zu traurigen Ab⸗ ſchied, fuhr der junge Schütz ſchwermüthig fort; höre 54 nur, was ſich begab. Eines Abends, der Vater war auf der Jagd, ſaßen Aurora und ich allein im Zimmer und ich mußte ihr vorleſen aus dem franzöſiſchen Ge⸗ dichtbuche, das Du bei uns zurückgelaſſen. Ich las das Poem von dem Bruder, der ſeine Schweſter liebt und recht unglücklich iſt, bis ſich's entdeckt, daß die Schwe⸗ ſter nicht ſeine Schweſter iſt. Es hatte mir gedäucht, als hätte ich einen Hund anſchlagen hören weithin im Hofe, aber Aurora verneinte es und legte den runden, warmen Arm traulich um meinen Nacken, und ich mußte fortleſen. Als ich nun kam zu dem Schluſſe des Ge⸗ dichts, wo ſich Braut und Bräutigam in die Arme ſtür⸗ zen, da fiel es plötzlich wie Schuppen mir vom Auge, und ich hielt ein, denn mir mangelte der Athem, und ich ſah auf zu ihr mit Blicken, vor denen Feuerſterne tanzten. In jedem Auge ſtand ihr eine Thräne, und doch leuchteten die Augen durch die Thränen heller und ſchöner als Sternenſchimmer und Morgenlicht. Da warf ich mich an ihre Bruſt und ſchlug beide Arme um ſie und hing lange an ihrem Halſe. O ſchrecklicher Augen⸗ blick! Der Vater war hereingetreten, ſeine wilde Stimme und ſeine harte Fauſt weckten mich aus einer Betäubung, die alle meine Sinne getödtet; furchtbar traf mich ſein Zornwort und zernichtete mich faſt. Ich hörte Aurora's Entſchuldigung nur halb, ſie verklagte mich, ſprach von Verfolgung, von Wehr. Was konnte die Arme anders thun? Wie konnte ſie des Vaters Mißhandlung anders von ſich abhalten? Warf ſie ſich doch zwiſchen ihn und mich, ſo daß ich nach meinem Ztmmer zu flüchten ver⸗ mochte! Am andern Morgen folgte nach einer bangen Nacht die Strafe für meine ſündhafte Unart. Der Jäger Sigbert brachte mir im Namen des Vaters eine Rolle — 3—„ war mmer Ge⸗ das und chwe⸗ äucht, n im nden, nußte Ge⸗ ſtür⸗ Auge, und ſterne und und warf m ſie ugen⸗ imme bung, ſein ora's n nders nders und er⸗ nen äger Rolle 55 mit Goldſtücken und zugleich den Urtheilsſpruch, ohne Aufſchub das Schloß zu verlaſſen und bei Fluch und Enterbung nicht früher zurückzukommen, bis mir des Vaters Befehl dazu geworden. Ich ſehe klar, ſtieß Philibert hervor und ſeine Hände ballten ſich. Die Schlange ſpie ihr Gift in Deinen Le⸗ benstrank. O pfui über die Entweibte! Und für ewig bleibt es wahr: kann ſich kein Mann erheben zu der En⸗ gelshöhe des Weibes, zu der Herrlichkeit reiner Frauen⸗ natur, ſo kann auch kein Mann ſo tief ſinken wie das Weib, wenn es geſunken. Jerome ſah verdutzt und fragend auf den Freund⸗ dieſer aber ſprach: Bringe nur Deine Geſchichte von dem verlorenen Sohne zu Ende, dann wird Ein Wort von mir Dir den Räthſelknoten zerhauen. Ich ging vom Schloſſe, erzählte Jerome weiter, froh, dem Zorne des Vaters zu entrinnen. Ohne Sorge pil⸗ gerte ich in die fremde Welt, und bald ſchien mir die Strafe ein liebes Geſchenk, ſah ich doch täglich Neues und Herrliches, fand ich doch überall freundliche Men⸗ ſchen, war ich doch frei, Herr meiner Zeit und meines Willens. Ich wanderte am Rheine hinauf, durch die Schweiz bis an Italiens Grenzen; aber dort gefiel es mir nicht: die Menſchen wurden finſter und feindſelig, die Sprache mir fremd, man betrachtete mich mit Arg⸗ wohn, man beſtahl mich, und entſchloſſen kehrte ich um und pilgerte zurück zu einem gaſtlichen Hauſe, das un⸗ fern der Teufelsbrücke, umringt von duftigen Weide⸗ plätzen, lag, das mich einſt beherbergt, und wo ſechs wackere Brüder, alle nicht weit im Alter über und un⸗ ter mir, dazumal einen Freundſchaftsbund mit mir ge⸗ ſchloſſen. Man nahm mich fröhlich auf, ich wurde wie 56 der ſiebente Bruder gehalten und lebte zwei Jahre in dieſer lieben Familie. Aber meine Goldrolle ward im⸗ mer kürzer, denn ich ſparte ſie nicht, und mehr als früher gedachte ich der Heimath; auch war ich verſtän⸗ diger geworden durch das Geſpräch der Alten, dem wir Jungen oftmals zuhorchten. Ich kannte jetzt meine Rechte, meine Anſprüche, und nahm Abſchied, um zu ſchauen, wie es ſtände zu Hauſe, um den Verſuch zu wagen, in unſers Schloſſes Nähe geheim mit der freundlichen Au⸗ rora in Verkehr zu treten und durch ſie den Vater zu verſöhnen. Da fand mich Dein Oheim, ſeine Anträge ſchmeichelten meinem Ehrgeiz, es ſchien mir günſtiger für mein Schickſal, in dem Kleide eines Soldaten vor den Vater zu treten als in der Tracht des Aelplers, ſein Name erinnerte mich an Dich, ich hörte von Deiner baldigen Ankunft, und ich blieb, um Dir mein Herz zu vertrauen, von Dir Rath und Hülfe zu nehmen bei dem Schritte, der für meine Zukunft ſo wichtig erſchien. Der Jüngling ſchwieg und der Chevalier nahm wie⸗ der wie anfangs Jerome's Hand zwiſchen ſeine beiden Hände. Du ſollſt Dich nicht getäuſcht haben, Du guter, treuherziger, arg betrogener Menſch, ſagte er mit Wärme und Lebhaftigkeit. Dein guter Engel warf dieſe Barriere mitten in Deinen Weg, denn Deine Aufnahme im Va⸗ terhauſe möchte Dir eine Teufelsbrücke geworden ſeyn, gefährlicher als jene zwiſchen Deinen Eisbergen. Vor wenig Tagen war ich dort und ſprach Deinen Vater. Hochauf fuhr der Jüngling. Und wie lebt der Vater, die Schweſtern und Aurora? rief er mit Herzlichkeit. Ein Wort zuerſt, antwortete der Chevalier, es beant⸗ wortet vielleicht alle Deine Fragen: Aurora, die ſchöne, zärt⸗ liche, ſeelengute Aurora iſt Deine Stiefmuiter geworden. — e e— 57 te in Mit einem Schrei ſank Jerome in ſeinen Seſſel zu⸗ im⸗ rück. Aurora meine Mutter, Aurora meines Vaters als Frau? ſtotterte er, und ſeine Wangen waren plötzlich ſtän⸗ bleich geworden wie die Wand und ſeine Augen ſtarrten wir ungläubig und wie erlöſchend in des Freundes Geſicht. chte Melac erzählte ihm jetzt, was er dort gefunden und uen nicht gefunden, jedoch ohne ſein eigenes Geheimniß preis⸗ in zugeben. Thränen floßen aus des Jünglings Augen Au⸗ um die kleine Angela, als er aber Klara's Entfernung 1 vernahm, ſtutzte er und verſicherte, daß er weder Bluts⸗ räge freunde noch Bekannte ſeiner Familie in Straßburg kenne, tiger ja daß er ſelbſt ſich ganz vor Kurzem mehrere Tage in vor Straßburg verweilt und nichts von der geliebten Schwe⸗ ſein ſter dort gehört noch geſehen. einer Aber Aurora meines Vaters Frau? ſo ſchloß er meh⸗ 3 zſ rere Mal ſeine abgeſtoßenen Reden, als wenn dieſer Ge⸗ dem danke vor den übrigen ſich unmöglich in ſeinen Verſtand einbürgern könnte, und zuletzt ſetzte er hinzu: Melac, wie⸗ wäre es nicht Dein Mund, der der wackern Jungfrau iden ſolchen Makel aufbürdet, ich ſchölte ihn ein Lügenmaul. uter, So biſt Du ganz ohne Ahnung, ſo ſiehſt Du nicht irme durch den Nebel? fragte Melac unmuthig. Ja, die riere falſche Sünderin kannte Dich, und darum wagte ſie das Va⸗ große Spiel um Dein Erbe, denn Du, der den Schwe⸗ eyn⸗ ſtern zum Schutz von der Vorſicht berufen, warſt blind Vor geworden, ſtockblind in dem Trugſchimmer der vor Dir r. ausgelegten, freilich, ja freilich nur zu preiswürdigen ter, Reize. Dich ließ ſie verbannen, nachdem ihre Komödie . mit dem Papa gelungen, das kleine Engelchen ſtarb ihr ant⸗ zu rechter Zeit, und Klara, die liebenswürdige, fromme ärt⸗ Klara— den. Der Gascogner trat herein und bat um Verzeihung⸗ 58 daß er ſeinen Poſten verlaſſen, aber es ſey ein beſon⸗ derer Lärm losgebrochen in der Stadt, eine beſondere Unruhe auch im Commandantenhauſe, eine Ordonnanz ſey auf ſchweißtriefendem Gaule eingeritten, die Oberſten wären ſchon alleſammt bei dem Herrn Marſchall ver⸗ ſammelt. Laufe zum Salon, ſprach im erweckten Dienſteifer der Schützenoffizier, und frage nach, was es Beſonders gibt und bringe ſchnell uns Nachricht zurück. Der Chevalier hatte jedoch ſtarr, und ohne ſeine Rede zu vollenden, auf den Gascogner geblickt, und als Bap⸗ tiſt eilfertig davon ſprang, fuhr er wie ein Menſch, der ein Geſpenſt erblickt, deſſen Anblick ihn verſteinerte, deſſen Verſchwinden ihn wieder zum Leben ruft, vom Seſſel auf mit erblichenem Geſicht und mit Augen, in welchen das Entſetzen ſeiner Seele zu leſen war. Klara iſt nicht im Schloß, iſt nicht in Straßburg, rief er im Selbſtge⸗ ſpräch, wo iſt ſie hin? Mußte ſie nicht auch aus dem Wege, um der Habgierigen den ganzen Reichthum des verliebten alten Thoren zu ſichern? Wenn er doch recht gehabt und gute Ohren gehabt, der alberne Burſch in ſeinem Thurme? Wenn jene wimmernde Stimme— wenn ſie mich gerufen, den Freund, den Geliebten? Wenn— o es iſt entſetzlich! Und ich hörte nicht ihre Stimme, nicht die Stimme des Himmels, die mich for⸗ derte? Entſetzlicher Traum! Geſpenſt des Macbeth! furcht⸗ barſtes Bild, das je ein Menſch in ſeiner innerſten Seele aufſteigend erblickte! Was iſt Dir, Freund? unterbrach Jerome ſeine un⸗ heimlichen Ausrufungen. Kalter Schweiß deckt Deine Stirne, Deine Glieder zittern. Haſt Du eine Krankheit von der Reiſe mitgebracht und muß ich den Feldarzt rufen? eſon⸗ dere nanz rſten ver⸗ eifer ders Rede Bap⸗ der eſſen Seſſel lchen nicht ſtge⸗ dem des recht ch in 2— ten ihre for⸗ ucht⸗ Seele un⸗ eine kheit fen? 59 Laß es gut ſeyn, mein Bruder, ſagte Melac matt, indem er ſich an Jerome's Schulter lehnte. Das ſchre⸗ ckenvolle Traumbild, das mich beunruhigt, iſt zu grauen⸗ haft, als daß es der Wirklichkeit angehören könnte. Es iſt vorüber, iſt verſchwunden und ich bin erwacht. Aber⸗ ſetzte er lebhafter hinzu, wir müſſen dennoch ohne Säum⸗ niß hin zu Deinem Schloſſe, müſſen wiſſen, wo Klara iſt, müſſen ſie ſchützen vor der ſchleichenden Feindin. Komm, ſogleich wollen wir um Urlaub bitten bei mei⸗ nem Oheim; Du mußt mich begleiten, denn mich könnte man fragen, welch ein Recht ich mitgebracht, ſo tief und ernſtlich zu forſchen. Kopfſchüttelnd entgegnete Jerome: Und was könnte der Schweſter geſchehen im Vaterhauſe, unter des Va⸗ ters Augen? Armer Burſch, antwortete der Chevalier heftig und indem er ihn fortzog, wäreſt Du ſtatt in die Schweizer⸗ berge nach Paris gewandelt, ſo würdeſt Du mißtraui⸗ ſcher geworden ſeyn, würdeſt in der großen Sittenver⸗ derbniß den Menſchen nackt geſehen haben, wie das erſte Sündenpaar vor dem Feuerſchwerte des Racheengels war. Mich ſchaudert vor einer Möglichkeit, die ich nicht in Dein unbefangenes Herz vergiftend zu werfen wage. Deine treffliche Mutter, die kleine Angela— es iſt mir, als ſtiegen ſie auf aus der Gruft der Burg am zürnend rauſchenden Rhein und winkten mir befehlend. Fort, zum Oheim; meine Phantaſt e droht mich umzuwerfen, und darum will ich Du hätteſt nicht unrecht, denn ein Teufel kann Kieben, nicht einmal Liebe heucheln, und meine Gedänken ſpielen mit etwas, wel⸗ ches mehr als teufliſch genännt werden müßte. Er riß ihn fort, aber ehe ſie noch das Zimmer ver⸗ 60 laſſen, hörten ſie auf einmal draußen in der Stadt Trom⸗ melgemurr erwachen, bald Trommeln von allen Seiten raſſeln, und unterſchieden den Generalmarſch, der die Truppen mit ſeiner bekannten dumpfen Stimme aus den Quartieren zu den Allarmplätzen rufen mußte. Jerome hatte ſich losgemacht von der Hand des Freun⸗ des, um ſich auf den Poſten zu begeben, wohin ihn die kriegeriſchen Töne befehligt: zu der nahe gelegenen Ka⸗ ſerne der Leibſchützen des Marſchalls, vor deren Pforten bereits der Hornbläſer ſeine langgezogenen Signale in die Luft blies, um die etwa in der Stadt zerſtreuten Büchſenträger einzuberufen. Der Chevalier, den die Neugier betreff der Urſache des unvermutheten Allarms in etwas aus ſeinen düſtern Träumen erweckt, eilte zu dem Zimmer des Marſchalls, mußte jedoch eine geraume Zeit dort verharren, bis die Oberſten entlaſſen und ihm die Erlaubniß zum Eintritt verkündet worden. Er fand den Marſchall vor einer Landkarte, in die eine Menge Knopfnadeln eingeſteckt waren, und indem ſeine Augen auf dem Papier die bezeichneten Gegenden muſterten, aß er aus einer Schüſſel, die ein ſimples Fleiſchgericht enthielt, mit Haſt und ohne die Biſſen an⸗ zuſehen, die ſeine Gabel zum Munde trug. Ach, der Herr RNeffe! ſagte er recht heiter, nachdem er einen Blick nur auf den Eintretenden geworfen. Nun ohne Säumniß zu Pferde, mein Rekrut! Aus dem Em⸗ pfangſchmauſe für meinen theuern Blutsverwandten kann für heute nichts werden; laß Dir, wie ich es that, aus der Küche eine Schüſſel bringen und ſpeiſe ſie auf dem Servietichen, nimm dann einen Degen aus meiner Waf⸗ S li ri ch om⸗ eiten die aus eun⸗ die Ka⸗ orten le in uten die arms te zu aume ihm ndie ndem enden nples nan⸗ chdem Nun Em⸗ kann „aus dem Waf⸗ 6¹ fenkammer und thue die Reiterſtiefeln an. In einer Stunde geht's hinaus in's Feld, und Dank dem hei⸗ ligen Dionis, daß wir einmal wieder aus dieſem trau⸗ rigen Käfig kommen. Und von woher ſind wir bedroht? fragte Philibert. Welcher Feind hat Frankreichs Grenzen überſchritten?— Mit wildem Hohn lachte der Marſchall auf. Du blei⸗ cher Hofjunker, rief er, hat Dich der Trommelwirbel trunken gemacht? Frankreich macht ſich ſeine Kriege ſelbſt, der Franzoſe iſt immer der Herausforderer. Du haſt im Norden die Hiſtorie der Ludwige vergeſſen, ich werde ſie aber ſchon mit Dir repetiren, und praktiſch, wie es geſcheidte Lehrmeiſter machen. Horch, die luſtigen Trom⸗ peten! Aiguillon führt ſeine Dragoner ſchon zur Zug⸗ brücke, uns den Weg zu zeigen. Ja, ja, mein ſchmuckes Herrchen, Straßburg iſt unſer, die ſtolze Reichsſtadt brachte ihren goldenen Schlüſſel nach dem erſten Kanv⸗ nenſchuſſe in Louvois Lager. Vive la reunion! Durch den Nimwegner Frieden iſt ein ſchwarzer Strich gemacht, und Alles, was dießſeits des Stromes liegt, muß mit der Lilienkrone eine Wiedervereinigung finden, ja ich hoffe, wir tragen Schwert und Sieg dieſes Mal mit hinüber in das Herz des Landes der Bärenhäuter, welche eitel prunken mit der Krone des großen Charles und ihrer Kaiſergruft im nahen Speier und ihrem Kaiſer⸗ ſchloſſe zu Wien, und deren geprieſenes Kaiſerreich doch nur einem Flickkleide des Harlekins ähnelt, da man nach jeder Tagereiſe eine neue Grenze und ein neues Fürſtenwappen auf dem Gränzpfahle findet. Aber wohin geht unſer Schnellmarſch, wenn wir keinen Feind vor uns haben? forſchte Philibert ver⸗ wundert. 62 Hinunter am Rheinſtrom, jubelte der Alte, hochroth im verzerrten Antlitz, mir recht, wenn Gott will, bis nach Amſterdam, der reichen Krämerſtadt, welche leider vor drei Jahren dem Racheſchwerte des tapfern Condé entging. Das Commando des linken Flügels iſt mir vertraut; bis er ſich zu mir hergedehnt, führe ich die Hälfte unſerer Garniſon hinaus, und jedes Fleckchen am Strom bis Mainz und Koblenz hinunter ſoll von mir beſetzt werden, damit der Rücken der großen Armee ſicher ſteht und ſie ſich ausbreiten darf ohne Sorge, ei⸗ nem austretenden Meere gleich, dem nicht Damm, nicht Ufer Widerſtand zu leiſten vermag. Der Chevalier horchte mit Aufwallung auf die letzten Worte ſeines kriegsluſtigen Oheims. Was er mit dem jungen Eſenheim geſprochen, ſiel ihm ein, und er freute ſich innerlich, daß Louvois Kriegsplan ſeine Wünſche ſchnell zu bewilligen ſchien, ohne daß es der Bitte um Urlaub oder einer Erklärung gegen den Marſchall be⸗ durfte, der doch ſeinem Charakter nach die Sache viel⸗ leicht als eine kleinliche Weiberhiſtorie oder einen ihm verächtlichen Familienprozeß betrachtet haben möchte. Kurze Zeit darauf ſah man den Marſchall ſchon völlig uniformirt auf den Steinſtufen erſcheinen, die zu 8 der Pforte des Commandantenhauſes führten. Hier trat ihm der Schützenlieutenant entgegen und machte ihn auf ein Getümmel aufmerkſam, das auf einem Stadt⸗ platze, den man von hier zur Hälfte überſah, ſich ſo eben erhoben. Der Marſchall ſah ſcharf hinab, konnte aber ſelbſt nicht die Urſache entdecken, die dieſen Knäuel von Wagen, Pferden, Bürgersleuten und Soldaten in einander geworfen, und wollte eben den herzutretenden Philibert abſenden, als ein erhitzter Trainoffizier heran⸗ oth bis der dé nir die en on nee ei⸗ cht ten em ute che um be⸗ el⸗ on zu rat hn dt⸗ nte uel en 63 ſtolperte und, ſich vor dem Commandanten richtend, im halben Athem mit Anſtrengung ſeinen Bericht abſtattete. Um dem unerwartet ſchnell marſchirenden Corps die Bedürfniſſe des nächſten Tages zu ſichern, waren auf Befehl des Marſchalls ſämmtliche Bäckerladen und alle Fleiſchkammern der Metzger gewaltſam geleert worden. Die einzelnen Bürger hatten ſich in ihren Häuſern der ungewöhnlichen Maßregel nicht widerſetzt, ſpäter aber, mit ihren Nachbarn vereint, ſich rottirt und die zum Abmarſch bereiteten Proviantwagen auf dem Flatze an⸗ gehalten und ihre Abfahrt gehindert. Zum Teufel, Capitän, rief der Marſchall, ſchämt Ihr Euch nicht, unter Eurer weißen Kokarde eine ſolche Botſchaft auszuſprechen? Ludwigs Soldaten laſſen ſich durch die Canaille von Zünſtlern ihr Abendbrod vor dem Munde wegfiſchen? Schämt Euch vor dem kleinen Hornbläſer dort, der kaum an Eure Schärpe reicht. Fort, werft die Bürgerlumpen in ihre Hausthüren oder ich werfe Euch aus der Armeeliſte. Der Offizier zuckte die Achſeln. Herr Marſchall, thut, was Ihr möget, ſagte er reſignirt, wir thaten unſere Pflicht. Der heilige, wunderthätige Ludwig würde ver⸗ gebens mit zwölf Musketieren, und wären es lauter Bayards, an tauſend erhitzte und bewaffnete Bürger auseinander zu ſprengen verſuchen. Bah, lachte der alte Kriegsmann höhniſch, gib Acht, wie man eine ſolche Viehheerde zu Paaren treibt. Das Getümmel hatte ſich genähert, das Geſchrei hatte ſich vermehrt, ein Theil des aufgeſtandenen Pö⸗ bels drängte ſich zum Commandantenhauſe. Der Mar⸗ ſchall ſah ſich nach der Hofpforte um, vor der ſeine Dienerſchaft mit den Sattelpferden und Packgäulen und . 64 auch ſein Jäger mit der Meute ſeiner Hatzhunde ver⸗ ſammelt ſtand. Die Hunde los! befahl er zurückſchau⸗ end, dann trat er allein gegen den bunten Knäuel des Volks, und mit einer Stimme, die wirklich furchtbar und wie ein mißtöniger, knatternd hallender Wetter⸗ ſchlag erſchallte, ſchrie er dem Haufen zu: Habt ihr den Sonnenſtich bekommen, ihr Beſtien! Halt und rechtsum, ihr drehkranken Hammel, oder der Melac ſetzt euch den rothen Hahn auf die Dächer, daß euch für dieſe Nacht nur die Miſthaufen eurer Ratzenneſter zur Schlafſtätte übrig bleiben ſollen. Und als die Vorderſten ſtutzig Halt machten, ſetzte er luſtig hinzu: Huſſah, huſſah, meine Hündchen, helft den Haſen dort auf ihre zwei Beine, damit ſie ihre Löcher wieder finden. Die grimmigen Hunde ſetzten, des Hetzwortes ge⸗ wohnt, mit wüthigem Geheul gegen den Feind und ſielen in den dichten Haufen verwundend und nieder⸗ reißend, aber die Wirkung dieſes hohnvollen Angriffs wurde eine entgegenſetzte für des Generals Erwartung. Ein furchtbares Gebrüll tönte zum Himmel, die bewaff⸗ neten Metzger hieben mit Beil und Meſſer mehrere der Thiere nieder, und die Schimpfworte: Boshafter Men⸗ ſchenjäger! Höllenhund! Tyrann! Blutſäufer! Barbar! Rieder, nieder mit ihm! ſchallten laut herüber, und ein rieſiger Hufſchmidt ſchleuderte gegen den Marſchall ſei⸗ nen ſchweren Hammer, daß er ſauſend wie eine Stück⸗ kugel dicht neben dem Federhute deſſelben vorbeiflog. Mit ſechs mächtigen Schritten ſtand der Marſchall wie⸗ der an ſeiner Hauspforte und ſein Angeſicht war gräß⸗ lich anzuſchauen. Seine Augen ſprühten rothes Feuer und das geſpaltene Augenlid zuckte krampfhaft, ſein Mund glich dem Rachen einer wüthigen Hpäne: die Zäl lich der ſich zog ger Vo das Pa ſpre nich ſatz Zal Ihr uns ſere Ver glei gert ten, ſcha den wac neb 65 ver⸗ Zähne knirſchten weit vorgeſtreckt und waren mit weiß⸗ ſ hau⸗ lichem Schaume bedeckt. des Ein Regiment herbei! rief er einem Oberſten zu, tbar der verdutzt daſtand. Kein Glied dieſer Rebellen darf 3 tier⸗ ſich geſund morgen in der Werkſtatt rühren. den Die Dragoner ſind voraus, Picardie und Auvergne z um⸗ zogen ebenfalls ſchon aus dem Thore, ſtotterte der An⸗ den gerufene, beklommen auf die immer ſichtbarer werdende tacht Volksflut blickend. tätte Durch den Hof in die Stadt, donnerte der General, utzig das Regiment Bretagne heran, Sturmſchritt, ſcharfe ſſah, Patronen, Bajonet voran! Habt Acht, meine Schützen! zwei Vorgerückt, Lieutenant, und Feuer auf die Wahnwitzigen. Der Chevalier faßte den Marſchall an dem Arm und ſprach ſo ängſtlich wie lebhaft: Theurer Onkel, ſetzt Euch und nicht aus! ſchonet die Armſeligen! verſprecht ihnen Er⸗ eder⸗ ſatz aus den Magazinen der Feſtung, verſprecht ihnen riffs Zahlung oder laßt ihnen die Paar Dutzend Wagen, ehe ung. Ihr um die elende Ladung Bürgerblut vergießt! Laßt waff⸗ uns in das feſte Haus treten, die Schützen decken un⸗ der ſere Thüre, bis das Regiment Bretagne anrückt und die Men⸗ Verführten mit den Ladſtöcken züchtigt. bar! Bis zur höchſten Wuth ſteigerte ſich der Zorn des d ein Marſchalls bei dieſen Verſöhnungsworten, als er zu⸗ ſei⸗ gleich bemerkte, wie die Offiziere der Scharfſchützen zö⸗ tück⸗ gerten und mit geſenkten Degen ſich zu ihm wende⸗ iflog. ten, als bäten ſie um Zurücknahme des Befehls. Zwei wie⸗ ſcharfgeladene Feldſtücke ſtanden nach Kriegsgebrauch an gräß⸗ den Seiten der Hauspforte des Commandanten und die Feuer wachhabenden Arquebuſire mit brennenden Lunten da⸗ ſein neben. Auf einen derſelben ſtürzte ſich der Marſchall, die riß ihm den Zündſtock aus der Hand, und obgleich ſein Blumenhagen. XvI. 5 Arm vor Ingrimm zitterte, ſo traf er doch ſicher mit der feurigen Spitze die Stupine. Donnernd entlud ſich das Geſchütz, der Traubenſchuß praſſelte weithin zwi⸗ ſchen das Volt, Wehgeheul trat an die Stelle des über⸗ müthigen Tobens, und als die Wolke von Pulverdampf, welche einige Minuten die Stelle einhüllte, ſich gehoben⸗ ſah man Verwundete ſich wälzen auf dem Pflaſter, ſah den Menſchenknäuel durchbrochen und in flüchtige Haufen zerſtückelt; zugleich ſchallte der Kriegsmarſch des Regi⸗ ments Bretagne im Rücken des Volks, denn ſein Com⸗ mandant hatte ſchon früher von dem Auflaufe gehört, und weiße Uniformen ſchimmerten durch die dunkeln Bür⸗ germaſſen und Bajonete blitzten ſtoßend und klirrten im Gedränge. Ein lautes, entſetzliches Lachen tönte aus des Mar⸗ ſchalls Munde, und mit grinſend freundlichem Geſichte ſagte er zu ſeiner Umgebung: Habt ihr jetzt gelernt⸗ ihr junges, bartloſes Rekrutenpack, wie ein Soldat ſol⸗ chen Karnevalsfratzen ein Ende macht? Man ſollte ein Halbdutzend der Unverſchämten an den Gaſſenecken auf⸗ hängen und eine Straße niederbrennen, damit ein Denk⸗ zettel behalten werde für die Folge. Stadt und Bürger mögen zur Hölle fahren, denn nur die Feſtung iſt uns zur Bewahrung anvertraut von des Königs Majeſtät, und nächſt dem der Reſpekt vor dem Soldaten überalb das Nöthigſte. Merkt Euch das, mein weichherziger Herr Ambaſſadeur, wenn man Euch einmal in Zukunft einen ſcharfen Poſten anvertrauen ſollte. Mit ſichtlicher Gemüthsruhe beſtieg er ſein Streitroß, der junge Jerome legte jedoch ſeine linke Hand dem bleich und verſtummt daſtehenden Chevalier auf die Schulter und ſagte leiſe, indem er mit ihm einen verſtändlichen Blick dem lerne 2 war Louv führt eine burg Haup ſich denn ſeits gang Mela ren1 ihr d Spitz naſſe wette lend, Härte ſich ü mente zügen große der e geſtü er wt mit ſich zwi⸗ ber⸗ mpf, ben, ſah ufen tegi⸗ om⸗ Bür⸗ im Mar⸗ ſichte ernt ſol⸗ e ein auf⸗ Denk⸗ ürger uns berall Herr einen itroß, bleich hulter lichen — 57 Blick tauſchte: Es iſt doch ein ſchweres Handwerk, zu dem wir getreten, und wir werden noch Manches ver⸗ lernen müſſen. Der Plan des kriegskundigen franzöſiſchen Miniſters war mit der bekannten Scharfſichtigkeit des gewaltigen Louvois den beſten und tauglichſten Männern zur Aus⸗ führung in die tapferen Hände gelegt worden. Ehe nur eine der bedrohten Regierungen eine Ahnung davon ge⸗ habt, ſtand Frankreichs Heeresmacht vereinigt in Straß⸗ burgs Nähe, nahm die Reichsſtadt und machte ſie zu ihrem Hauptſtützpunkte. Der linke Flügel derſelben ſchwenkte ſich alsdann nach Weſten und ward zur Avantgarde, denn der Kriegsplan gebot, ſich zuerſt alles Bodens dieß⸗ ſeits des Rheines zu bemächtigen, ehe man den Ueber⸗ gang zum rechten Ufer bereiten möchte, und Marſchall Melac war der rechte Mann, dieſe Avantgarde zu füh⸗ ren und der Armee die geforderte Sicherheit im Rücken, ihr die nöthigen Anhaltspunkte zu gewinnen. Der alte, rauhe Soldat verließ keine Stunde die Spitze ſeiner Truppen: ohne Raſt, faſt ohne Schlaf, die naſſe Beiwacht, den Marſch durch ſtürmiſches Herbſi⸗ wetter, die elende Koſt mit pem gemeinſten Reiter khet lend, wurde er ein Muſter ſeiner Kriegsleute, und ſeine Härte im Garniſonsdienſt, ſeine Unerbittlichkeit vergaß ſich in wenigen Tagen, und die ihm zugetheilten Regi⸗ menter vergötterten ihn, wie ſie es in den vorigen Feld⸗ zügen gethan, und das Vertrauen zu dem Führer, die große Seele der Schlacht, wurzelte immer tiefer in je⸗ der einzelnen Bruſt. Der Marſchall riß ſein Corps un⸗ geſtüm mit ſich fort, ohne Aufſchub und Raſttag, denn er wußte, die verdoppelte Anſtrengung der Märſche er⸗ 68 hielt ihm die Braven⸗ welche bei der Sammlung der ſeindlichen Kräfte dem Tode verfallen konnten. Die Städte, welche, durch hinlängliche Garniſon gedeckt, ſich zur Wehr anſchickten, ließ er nur von kleinen Corps umſtellen, ihre Einnahme dem nachrückenden Haupicorps überlaſſend; die Beſatzungen kleiner Orte ließ er nieder⸗ ſäbeln, wenn ſie ſich unterfingen, Widerſtand zu leiſten, auch manche wiverſpenſtige Ortſchaft der plündernden Soldateska preisgeben und ſie darauf in einen Aſchen⸗ haufen verwandeln⸗ Er hatte die Ueberzeugung, daß ſeinem Könige durch dieſe Nothwendigkeit, wie er der⸗ gleichen nannte, und welcher er mit kaltem, eiſernen Antlitze zuſchaute, in der gewonnenen Zeit Menſchen und Geld geſpart würden, und wenn er dadurch auch die gemißhandelten Einwohner erbitterte, wenn ſich aus den Elenden, die Hunger und Rachſucht ſpornte, ein⸗ zelne Raubbanden bildeten, die ſeinen Zug beunruhig⸗ ten, ſo achtete er Hdieſe flüchtig im nächtlichen Dunkel herumprellenden Horden nur wie der Bär die Meute der Hunde achtet: er ſchlug ſie nieder, wo er ſie fand, und fing er einzelne dieſer Freijäger lebendig⸗ ſo waren die Unglücklichen auch eines qualvollen Endes gewiß. Auf einem felſigen Hügel, nicht weit vom Rhein⸗ ſtrome, lagerte ein weit vorgeſchobenes Piquet franzö⸗ ſiſcher Schützen. Das Nachtfener flackerte noch in eiv⸗ zelnen Flämmchen über dem großen⸗ rothglühenden Koh⸗ lenhaufen, umlagert von einem Dutzend Soldaten⸗ die ſich feſt in ihre grauen Mäntel gewickelt hielten, und denen die ſchwarzgrünen Hahnenfedern der Hüte, durch⸗ näßt vom dicken, dumpfigen Morgennebel, ſchlaff über die Geſichter herabhingen. Der Hügel ging von der einen Seite lehn bergauf, an der andern ſchnitt ſich der Elle tete weit balli aufr jetzt tuch des baui gen, gede zwei mür ten ſo el die ſein Miet C nig, Tiſc tücki nach daru weni leidi und Tag Euch vern der Die ſich orps orps eder⸗ iſten, nden ſchen⸗ daß der⸗ ernen nſchen auch h aus ein⸗ ruhig⸗ dunkel Meute fand waren wiß. Rhein⸗ franzö⸗ n eiv⸗ n Koh⸗ en, die und durch⸗ ff über der ſich der 69 Felsblock, der ihm zur Baſis diente, gerade ab an acht Ellen ſteil hinunter, und vor der abfallenden Höhe brei⸗ tete ſich ein ebenes, vom niedern Buſch unterbrochenes, weites Terrain aus, in welchem ſich die weißen Rebel⸗ ballen wälzten, jetzt ſich wie ungeheure Geſpenſter hoch aufrichteten und die wunderbarſten Formen annahmen, jetzt ſich wiederum niederſenkten und lang wie ein Bahr⸗ tuch auf die grüne Fläche ſich ausdehnten. Am Rande des Abſchuſſes hatten die Soldaten eine Laubhütte er⸗ baut, und in ihr ſah man den Offizier am Boden lie⸗ gen, den großen beſilberten Federhut auf ſein Antlitz gedeckt; am lehnen Aufweg des Hügels jedoch ſtanden zwei Bauern mit verbrannten, unwilligen Geſichtern, mürriſch auf ihre Knittel geſtützt, und ganz unten hiel⸗ ten ein Paar blaue Dragoner, welche dieſe Landleute ſo eben auf ihrer Morgenſtreiferei aufgefangen und in die Linie gebracht. Der Korporal des Piquets hatte ſein Examen beendigt und drehte ſich mit verächtlicher Miene und unbefriedigt von den Arreſtanten. Ihr habt gut thun und reden, Euch bezahlt der Kö⸗ nig, und außerdem nehmt Ihr vorlieb, wo Ihr einen Tiſch gedeckt findet, ſagte der ältere der Batern mit tückiſchem Seitenblicke; wir aber müſſen dem Verdienſte nachgehen, und müſſen hungern, wenn wir faul ſind; darum laßt uns unſeres Weges ziehen oder meldet es wenigſtens dem Herrn Offizier, der vielleicht ein mit⸗ leidiger Herz in der Bruſt hat und arme Arbeitsleute und ihr Weib und Kind daheim nicht um den geringen Tagelohn bringen wird ohne Grund und Vortheil ſür Euch. Schweig', oder ich laſſe Dich den Kolben koſten, Du vermaledeites deutſches Ochſenmaul! ſchalt der Korporal, 70 ſich halb zurückwendend. Beim heiligen Namen Gottes, das wäre der Mühe werth, um ſolch Geſindel den wa⸗ ckern Lieutenant aus dem Schlafe zu wecken, der ihm ſo Noth thut, da er die gauze Nacht ſelbſt bei der äußer⸗ ſten Vedette gewacht hat, und dazu ſo feſt und ſüß ſchläft, daß ihn, der ſonſt wie ein Kranich auf einem Beine den Schlaf abmacht, ſelbſt die beiden Schüſſe, vie drüben im Felde ſielen, nicht munter gerufen. Mar⸗ ſchirt nur ab, Kameraden, ſetzte er, den Dragonern winkend, hinzu, auf euern Poſten⸗ und Du, Schildwacht, laß die Lumpen nicht aus den Augen. NWit giftigen Blicken ſetzte ſich der ältere Bauer auf einen großen Feldſtein und ſtützte den Kopf auf die Hände, wurde aber bald zur neuen Aufmerkſamkeit ge⸗ reizt, als vom fernen Lager her, deſſen weiße Zelt⸗ ſpitzen nach und nach im höher ſteigenden Sonnenlichte ſichtbar geworden, zwei andere Reiter herantrabten und an dem Hügel Halt machten. Sieh da, Monſieur Baptiſt! rief der Korporal. Was Teufel! ſchon im Sattel? Ich meinte, an der Garonne und in Marmande ließen ſolche Cavaliere wie Du ſich erſt um Mittag von der Sonne aus den Federn rufen. Und bei dem Saint Etienne von Baigorri, welche furcht⸗ pare Waffe baumelt links an Deinem Gurt? Willſt Du die Mainzer Thore einſchlagen oder biſt Du als Schmied⸗ knecht zu den Arquebuſiren getreten? Baptiſt reichte dem Korporal treuherzig die Rechte, indem er zugleich mit der linken Hand den ſchweren Hammer, der an ſeiner Hüfte hing, etwas in die Höhe hob und eine gar ſtolze Geberde dazu machte. Ein Ehrenandenken iſt's, antwortete er, von unſerer Bataille her mit der Bürgertanaille zu Landau. Habt Ihr nicht ſ de ih ru ni eit vi ra ne Was onne ſich ufen. ucht⸗ Du mied⸗ echie, veren Höhe Ein taille nicht 7 davon gehört, wie ich dieſes furchtbare Eiſen dem tollen Schmied aus der Fauſt riß, als er damit gerade nach des Herrn Marſchalls Stirne zielte? Der Kerl maß ſieben Fuß zwei Zoll und hatte vier Pariſer Schuh in der Breite. Um fiel das Rindvieh von einem Fußſtoße wie eine Saatgurke, und ich trage die Beute unſerm Herrn Marſchall zu Ehren, der mir zehn blanke Louis für das Heldenſtück verabreichen ließ, und der Hammer ſoll dereinſt, was der heilige Joſeph jedoch noch lange verſchieben wolle, über meinem Grabe eingemauert wer⸗ den, daß die Kindeskinder wiſſen, was für ein Mann ihr Herr Vater geweſen. Alles lachte, der Gascogner fuhr aber, indem er rund umberſah, geſchwätzig fort: Sprechen wir aber nicht mehr von uns und von ſolchen Bagatellen, die einem guten Franzoſen täglich begegnen; denken wir vielmehr an die neueſten Kriegsthaten. Freund Korpo⸗ ral, habt Ihr noch nichts von dem Marſchall und mei⸗ nem Herrn erblickt? Von dem Herrn Marſchall? fragte der Angeredete verwundert, und die Soldaten alle ſprangen bei dem Namen vom Boden auf und ordneten ihr Waffenwerk, als ſähen ſie den ſtrengen General ſchon vor ſich. Von ihm, verſicherte Baptiſt. Schon mit dem Hahn⸗ ſchrei im nächſten Dorfe ritt er mit mir und dem Chevalier, meinem Herrn, und noch zwei leichten Rei⸗ tern aus dem Lager in das Feld hinaus, weit vor⸗ wärts, faſt bis dort, wo der graue Thurm über die Nebel guckt. Zwei Schnapphähne ſchoßen nach uns aus dem Buſch, und die Kugel des einen der Schurken traf meinen Herrn am Arme. Er blutete wie ein geſchlach⸗ teter Gänſerich, wollte aber den General nicht verlaſſen, und ich mußte voran zum Lager traben und den Herrn Chirurgien⸗Major hier zum letzten Piquet commandiren. Die mordſüchtigen Schützen waren vor den Reitern in ihre Höllenverſtecke entwiſcht, und ich hatte allein auf meinem kleinen Bretagner die lange Tour zu machen durch Nebel und Buſch. Der Herr wußte, wen er ab⸗ ſchickte und gab mir darum nicht einmal einen der Rei⸗ ter mit zur Sauvegarde. Der Offizier des Poſtens hatte ſich ſchon bei Bap⸗ tiſts Eintreffen erhoben, war vor die Laubhütte getre⸗ ten und ſtand auf dem Gipfel der Höhe mit unterſchla⸗ genen Armen, in Gedanken verſunken und über das Feld hinſchauend. JZetzt drehte er ſich zu den Leuten und fragte, indem er den Mantel abwarf: Biſt Du es⸗ Baptiſt? Und was willſt Du hier? was ſoll der Chi⸗ rurgien? und was iſt's mit dem Chevalier? Die Schützen zogen ſich zur Seite und Baptiſt wie⸗ derholte ſeinen Bericht, dem der Lieutenant mit großer Theilnahme zuhorchte. Der Bauer aber, der ſchon bei Baptiſts Ankunft ſeinen breiten Filzhut tief in das Ge⸗ ſicht gezogen, ſchien von der Stimme des Offiziers be⸗ ſonders angeregt und ſtarrte von der Seite zu dem großgewachſenen jungen Manne hinauf, der in dem grü⸗ nen Wappenrocke mit dem reichen Silberbeſatz, dem brei⸗ ten weißen Bandelier und dem großen, von beiden Sei⸗ ten aufgeſchlagenen und mit Federn ausgefütterten Hute recht ritterlich daſtand und über ſeine bärtigen Schützen hinausragte, obgleich er der Jüngſte ſchien. Bei dem Saint Hubertus, murmelte er vor ſich, iſt es ein Spuk oder er ſelbſt? Ungelegener als der Fant könnte uns gerade jetzt Niemand in den Weg laufen. Sitze wieder auf und reite ihm entgegen, treuer „ w rrn ren. in auf chen ab⸗ Rei⸗ gap⸗ etre⸗ hla⸗ Feld und es Chi⸗ wie⸗ roßer nbei Ge⸗ s be⸗ dem grü⸗ brei⸗ Sei⸗ Hute hützen i dem Spuk e uns treuer geſandt, da Du das Ding von Deiner Reiſe her innen 73 Burſch; eine Kugelwunde iſt ſchlimmer als ein Säbel⸗ riß, und es könnte Gefahr haben, ſagte der Lieutenant mit unruhiger Bewegung. Aber der Gascogner antwor⸗ tete freudig: Es thut nicht Noth⸗ denn da ſind ſie ſchonk Der Herr Chevalier galoppirt munter wie in der Pa⸗ riſer Manege. Vier Pferdeköpfe wurden im Unterbuſche ſichtbar und wenige Minuten ſpäter hielten ſie am Hügel. Der Mar⸗ ſchall warf ſich zuerſt aus dem Sattel und ſtieg ſogleich⸗ den ſalutirenden Wachtpoſten grüßend und an der Schü⸗ zenreihe vorbeiſchreitend, auf die Spitze der Höhe. Der Chevalier, dem Baptiſt vom Pferde geholfen, ſtieß mit der Fauſt den Bauer von ſeinem Steinſitze, daß er in den Sand polterte, ſetzte ſich erſchöpft nieder, und, nach⸗ dem ihm Mantel und Uniform abgezogen, begann der Chirurg Unterſuchung und Verband, wobei der Lieute⸗ nant ſorgſam fragend und tröſtend dem Bleſſirten ſich näherte. Der Marſchall droben ſchien jedoch mit an⸗ dern Gedanken beſchäftigt. Du haſt Recht, Philibert, rief er herab, das Ding dort iſt ein feſtes Neſt, und wie es da jetzt mit ſeinen Schieferdächern und ſpitzen Zinnen auffſteigt, wird es mir immer willkommener und eignet ſich ganz für meinen Zweck. In drei Tagen muß es Rochechouart mit ſeinen Ingenieuren zu einem ſichern Quartier der Generale umſchaffen können. Unſer muß es werden, denn nur zu gewiß dürfte es ein Samm⸗ lungsplatz der Brigands, die der Teufel lebendig holen moge, ſeyn, welche in dieſen Tagen manchem Braven von uns das croix d'honneur ſtahlen, das ihm hätte werden müſſen. Schade, daß Dein Arm bleſſirt, gern hätte ich Dich mit einem flüchtigen Corps dahin voraus und außen kennen willſt, und ein coup de main viel⸗ leicht das Neſt und die Ratten darin zugleich gewönne. Der Chevalier wollte unten antworten, indeß nahm ihm der Schmerz die Worte von der Zunge, da gerade der Chirurg die Kugel mit ſeinem Zänglein aus der Wunde hervorzog. Der Marſchall kehrte ſich indeß her⸗ um und fragte nach den Bauern, und als er den Rap⸗ port des Korporals, der ſie als eingebrachte Spione ſig⸗ naliſirte, gehört, trat er herunter, riß mit gewaltiger Hand den Aelteſten vom Boden auf und donnerte auf ihn ein: Sprich, Schurke, wenn Du Dich vom Galgen retten willſt, wer bewohnt jetzt dort jenes Schloß? ſind viele Männer darin? halten die Gandiebe dort ihren Convent? haben ſie Waffen und Munition? hat ſich vielleicht Militär in die Steinhaufen geworfen? Du mußt das wiſſen, denn ihr deutſchen Hammel klebt ja zuſammen wie Pech, wenn es blitzt. Sprich, oder ich laſſe Dir die ſteife Zunge aus dem Halſe reißen. Der große Filzhut des Bauern war zu Boden ge⸗ fallen, und trotzig ſah der ſtämmige Menſch mit den zuſammengekniffenen Augen dem Marſchall in's Geſicht. Was wiſſen wir von dem Schloſſe? antwortete er tückiſch. Der Bauer geht nicht gern da hinauf, wo es für ihn nur die Peitſche und eine Hundeſuppe gibt. Wir ſind dem Eſenheim nicht Frohn und Handdienſt ſchuldig; wir ſitzen im Erzbiſchöflichen. Wie er ſprach, hatten ſich ſogleich die Augen des Lieutenants und des Chevaliers zu ihm gewandt. Sig⸗ bert! ſtieß der Erſtere erſchrocken hervor.— Der junge Melac aber drückte den Chirurg zur Seite und rief mit zornblitzenden Augen: War es doch meine Ahnung, als die Kugel mich traf! Schützen, packt den Mordbuben! el⸗ ne. hm de der ap⸗ ſig⸗ ger auf gen ind ren ſich Du t ja ge⸗ den icht. iſch. ihn ſind wir des Sig⸗ inge mit 75 knebelt ihn, ſchlagt ihn nieder, wenn er ſich ſräubt; ihr macht in ihm einen eurer boshafteſten Feinde un⸗ ſchädlich. Das iſt Buße für Aurora! ſeufzte er leiſer dem Lieutenant zu, als ihn Schwäche und Weh wieder⸗ um auf den Stein zurückzogen.— Der Bauer, oder viel⸗ mehr der Leibjäger Sigbert, überflog mit ſchnellem rol⸗ lenden Tigerblick den Kreis, in welchem ſich Arme und Gewehre überall zu ſeinem Verderben erhoben und der ihm die Flucht vom Hügel herab abgeſchnitten. Abge⸗ ſtoßen und mit heiſcherer Stimme rief er dann: Wohl bekomme der Aderlaß dem verliebten Monſieur! Näch⸗ ſtens ſoll das Blei ein wenig mehr applicirt wer⸗ den. Was jedoch das Schlagen und Hängen anbetrifft, ſo iſt es beſſer, wir Beide incommodiren uns nicht da⸗ mit. So ſprang er unerwartet den Hügel hinan und warf ſich ohne Beſinnen von der ſteilen, abſchüſſigen Seite deſſelben in das Feld hinunter, raffte ſich, nach⸗ dem der tolle Sprung gelungen, vom Boden auf und flog wie ein abgeſchoſſener Pfeil über das Feld den ber⸗ genden Gebüſchen zu. Drei Schüſſe geſchahen von den erbitterten Schützen nach ihm: der dritte traf, er ſtürzte, aber augenblicklich ſtand er wieder auf den Beinen, taumelte in den Unter⸗ buſch und man ſah ſein ſchwarzes flatterndes Haar wei⸗ terhin noch einige Mal über den niedern Gruppen der Zwerggewächſe. Der alte Marſchall fluchte gräulich über die verlorene Beute und commandirte ſeine Reiter, der Spur des Flüchtlings zu folgen, und gelobte einen gol⸗ denen Preis für ſeinen Kopf, indem er den zitternden⸗ blaſſen Gefährten des S ſogleich zum Tode zu führen befahl. Ein düſterer Abend lag über der Gegend, der Wind fuhr kalt und ſtrichweiſe über die Felder, und es rauſchte unheimlich in den Baumgruppen. An einem Weingar⸗ ten machte ein Soldatentrupp nach einem lautloſen, vor⸗ ſichtigen Marſche Halt. Der Chevalier und ſein Begleiter ſtiegen von den Pferden und ließen ſie feſtbinden an das Pfahlwerk, welches den Weinberg umgab. Wir müſſen uns an dieſer Stelle theilen, ſagte er als Commandant der Attake. Du, Lieutenant, kennſt Deinen Weg: nimm die Hälfte der Schützen, die jüng⸗ ſten, denn es gibt eine Gemsjagd für ſie, eine Erklette⸗ rung über Stock und Stein am Abgrunde hinauf. Mir folgen ſechs Freiwillige zum Burgthore; Ihr⸗ Capitän Iffoire, bleibt hier mit dem Reſt der Leute unter den Waffen; nehmt jenen ſchwarzen Thurm feſt in das Auge: ſobald eine Fackel in ihm leuchtet, ſo folgt im Sturm⸗ laufe dieſem Pfade rechts zum Thore; wir bedürfen dann Eurer Hülfe oder rufen Euch zur Beſetzung des ge⸗ wonnenen Platzes. Ihr, guter Paliſſe, mögt Euch auch hier niederlaſſen, bis wir Euch einladen: Ihr ſeht, mein Arm hält ſich gehorſam und ſtill wie ein treuer Dienſt⸗ mann, als wüßte er, wie ſein Herr hier ſo nöthig iſt und niemand Anderm dieſes Abenteuer anvertrauen darf. Laßt mich meine Pflicht thun, ſo ſtreng und getreu⸗ wie Ihr die Eure thut, Chevalier, erwiederte der Chi⸗ rurgien. Ich verſprach dem Herrn Marſchall, keinen Schritt von Eurer Seite zu weichen, und werde mein Wort zu halten wiſſen.— Melar reichte dem Lieutenant die Hand, drückte ſie feſt und ſagte: Mit Goit, Jerome! In einer halben Stunde ſehen wir uns wieder.— Mir klopft das Herz, antwortete leiſer der Lieutenant, fürme ich doch feindlich gegen meine Wiege und ſoll meine ter ſet zůc Kn „ Kriegsfahne pflanzen auf das ſtille Grab meiner Mutter. Sie hatten ihre Hände noch nicht getrennt, ſo ver⸗ nahmen ſie trotz dem Verbot einen Wortwechſel zwiſchen den Soldaten, welche ſchon einige Schritte weiter mar⸗ ſchirt waren, und fanden ſie verſammelt um einen Ge⸗ genſtand, welcher den Fußſteig ſperrend am Boden lag. Es war ein Leichnam, und als Jerome die Blendleuchte, welche er ſelber trug, öffnete, erkannte er den Leibjäger Sigbert und mußte den Schützen ein hartes Befehls⸗ wort entgegenwerfen, damit Die, welche nach dem Flücht⸗ ling geſchoſſen, nicht in ein Jubelgeſchrei ausbrachen. Der Todte lag auf dem Bauch, die gekrümmten Finger in die Erde gedrückt; als er umgewendet, ſah man ſein Leinenzeug vollauf mit Blut geröthet, das Blei war durch den Rücken in den Leib gedrungen, und das Lei⸗ chengeſicht trug die Verzerrung der Wuth noch im Tode. Wie nahe war der Verräther ſeinem Ziele! rief der Chevalier entſetzt. Ein Pfund Blut mehr in dieſem Leibe und wir würden einen böſen Empfang erwarten müſſen. So hat auch der Böſewicht ſeine Tugend, denn dieſer Schurke opferte ſich für den Herrn mit furchtbarer Entſchloſſenheit. Der Lieutenant blickte tiefſinnig und wortlos nieder auf den ſtillgewordenen Trotzkopf: er ſah in ihm den erſten Pfeiler ſeines Vaterhauſes in den Sand geſtürzt und bebte in ſchwarzen Ahnungen. Man warf den Tod⸗ ten zwiſchen die Weinſtöcke, und die getrennten Rotten ſetzten ihre verſchiedenen Märſche fort und verloren ſich mit kaum hörbaren Schritten und ſtumm wie Geiſter⸗ züge in dem Dunkel. Jerome, mit jedem Punkte der Gegend von ſeinen Knabenſpielen her bekannt, unternahm es, ſeine leicht⸗ 78 bewaffneten Leute auf einem Wege in das Schloß zu bringen, den vielleicht die Schloßbewohner ſelbſt nicht einmal kannten. Dort, wo die Steinmaſſe, auf der die Burg erbaut, am abſchüſſigſten und ungangbarſten er⸗ ſchien, kannte er eine Bahn, auf der man von Stein zu Stein, von den einzelnen Zwergeichen und Wachholder⸗ büſchen als Anhaltspunkte gehoben, bis dicht an die Mauern zu gelangen vermochte. Oft hatte er dieſe Teu⸗ felsſteige kletternd und rutſchend auf und ab gemacht⸗ wenn er den Neſtern der kleinen Sangvögel nachſtellte oder dem Rothkehlchen Sprenkel hing. In der Mauer ſelbſt wußte er eine niedere, eingeſtürzte Stelle, die ihm als Knabe zum geheimen Ausgangsthore gedient, von wo man in einen engen, unbenutzten Hof gelangte, der die Rückſeite des großen Wartthurms berührte. Mit be⸗ wegtem Gemüth und geſpannten Sinnen begann Jerome die Erſteigung und freute ſich der leichten Basken und der kühnen Söhne der Pyrenäen und Ardennen⸗ die gleich der gewandten Gemſe ihm im Scheine ſeiner ge⸗ öffneten Blendlaterne nachkletterten; dennoch möchte das Wagſtück nicht ohne Unglück abgegangen ſeyn, wäre nicht, als die Kecken gerade den gefährlichſten Platz berührten, ein Theil des Rachthimmels wolkenfrei geworden und hätte das Sternenlicht herabgeſendet. Der Chevalier näherte ſich unterdeſſen dem Burg⸗ thore, trat ohne Hinderniß allein mit ſeinem Baptiſt an die Eichenpforte und ließ dreiſt die dumpfen, weit⸗ ſchallenden Schläge des Klopfers daran ertönen. Ein Kopf erſchien bald im Schießloche der Warte und fragte, und an der Stimme erkannte der Gascogner ſogleich den jungen Hausknecht. Oeffne, mein Junge, rief Baptiſt, öffne ſchnell und ruf mit unk ken teſt. hab del ſen eige herz Nie nur euch 6 der nen Gas breit ſtaut wie ſtum Meli Hau das aus und ſtehei betra V Ritte Euch 3u ie u⸗ t Ate ter m er be⸗ me nd die s ht⸗ en, nd rg⸗ tiſt eit⸗ Ein te eich ind 79 rufe Deinen wackern Herrn. Wir ſind's, Dein Kamerad, mit dem Du Brüdertreu' getrunken vor wenigen Tagen, und der Monſieur Philibert iſt's, der Dir einen blan⸗ ken Kronthaler geſchenkt, als Du ihm den Bügel hiel⸗ teſt. Wir ſind verwundet, beſtohlen, ohne Pferde, und haben nur noch das Leben ſalvirt vor dem Raubgeſin⸗ del, das an dem Rheine lagert. So iſt es doch wahr, ſo ſind die vertrackten Franzo⸗ ſen doch ſchon in der Nähe und verſchonen ſelbſt ihre eigenen Landsleute nicht? entgegnete der Burſch treu⸗ herzig. Nun, wartet nur ein Weilchen. Es iſt freilich Niemand heim als ich und die Madame, aber ſeyd ihr nur erſt herein, ſoll Niemand hinter dem guten Thore euch ein ferneres Leid anthun. Bald thaten ſich die ſchweren Flügel von einander, der Knecht machte dem raſch eintretenden Chevalier ſei⸗ nen Kratzfuß, erſchrack aber nicht wenig, als ihn der Gascogner faſt zu herzlich umarmte, ihm zugleich die breite Hand auf den Mund legte, und zu ſeinem Er⸗ ſtaunen mehrere Soldaten mit blankglänzendem Gewehr wie aus der Erde wuchſen und in ernſter Ordnung nach ſtummem Commando ſich an dem Eingange aufſtellten. Melac gelangte durch den bekannten Bogengang in das Hauptgebäude, und kaum hatte er einige Schritte in das Innere gethan, ſo öffnete ſich eine Thüre, und her⸗ aus trat Aurora im Nachtkleide, die Kerze in der Hand, und blieb vor der fremden Erſcheinung wie feſigebannt ſtehen, mit vorgeſtrecktem Licht und ſtarren Augen ihn betrachtend. Verzeiht, ſchöne Frau, den ſpäten Beſuch, ſagte der Ritter. Grollt mit dem Schickſale, welches mich zwingt, Euch ſobald wieder zu beläſtigen. Melac! rief Aurora mit Ueberraſchung, die jedoch nicht unangenehm ſchien. Ihr ſelbſt? Das macht die kühnſte Hoffnung zu Schanden. Aber indem ſie noch ſprach, hatte der Chevalier ſchon galant ihre Hand ge⸗ nommen und führte ſie in das Zimmer zurück, aus dem ſie getreten. Weniger artig legte der Gaſt dann⸗ ohne um Erlaubniß zu bitten, ſeinen Hut und Mantel ab, und neuerdings überraſcht blickte Aurora auf den Kriegs⸗ rock, den Degen und die weiße, breite Feldbinde ihres einſtigen Galans. Hohe Röthe hatte ihr Geſicht be⸗ deckt, aber mit der Beſonnenheit, die das ſchlaue Weib nie im Stiche läßt, verbarg ſie unter einem leichten Lächeln ihre Betroffenheit, ſetzte die Kerze nieder, trat dem Chevalier traulich näher, ſo daß ihr noch immer ſchönes Antlitz faſt ſeine Bruſt berührte und legte ihm⸗ dreiſt die Hand auf die Schulter. Ha, jetzt verſtehe ich Deinen nächtlichen Ueberfall, mein lieber Freund! ſagte ſie lebhaft. Jetzt iſt mir der Grund Deines myſteriöſen Eintritts klar. Du haſt das Hofkleid mit der Uniform vertauſcht, und es ſteht Dir wahrlich vortheilhaft, Du ſchöner Mann. Du biſt ein Held geworden, und der dankbare Ritter gedachte ſeiner Dame und eilte⸗ ſie zu ſchützen in ihrer Eremitage gegen Mordbrenner und Plünderer. Melac ſixirte mit ſeinen Augen die ihrigen. Seyd Ihr deſſen ſo gewiß, fragte er, meine ſchöne Frau? Und wenn ich nun gegentheils gekommen, mich zum Herrn des Schloſſes und ſeines Inhaltes zu machen? Immerhin, ſagte ſie leichthin; Philibert ſpielte ja ſchon einſt in dieſen Steinhallen den erobernden Alexan⸗ der, und wir werden ihn gern eintauſchen gegen einen grämlichen Waidmann, der⸗ wie Du ſiehſt, ſeine Dame doch die noch ge⸗ dem ohne ab, iegs⸗ hres be⸗ Weib chten trat nmer ihm⸗ e ich ſagte iöſen form „Du der ſie zu und Seyd Frau? zum en? lte ja lexan⸗ einen Dame ſogar in dieſer nahen Kriegsnoth und in gefährlicher Nacht verläßt und preisgibt. Wo iſt der Herr von Eſenheim? fragte ernſter der Chevalier, indem er einen Schritt zurücktrat.— Forſchend und geſpannter ſah ſie ihn an, dann antwortete ſie lang⸗ ſam und mit Vorſicht: Der Baron zog wie gewöhnlich auf die Jagd und hat ſich bei einem Trinkgelage ſeiner Genoſſen ſicher verſpätet; wir erwarten ihn jede Minute. Sind keine dieſer Genoſſen im Schloſſe verſteckt? fragte ſtrenger der Ritter. Sind hier keine Zuſammen⸗ künfte gehalten? Zog der Baron heute nicht auf eine edlere Jagd als gewöhnlich? Aurora, glaubt Ihr, der Baron habe nichts gewußt von dieſem guten Schuſſe. Er deutete auf ſeinen Arm, den er in der Binde trug, und das Weib erblich, aber das Entſchuldigungs⸗ wort erfror auf ihren Lippen, als ein Geräuſch ihr Auge zur Thüre zog und ſie den Schützenhauptmann und hinter ihm die Köpfe einiger Soldaten, unter denen auch Baptiſts apfelrundes Geſicht ſich zeigte, erblicken mußte. Sie ſank in einen Seſſel; Melac trat den Waffenbrü⸗ dern entgegen. Der Hauptmann meldete, daß von der Seite des Stroms ſich Pferdegetrappel fernher verneh⸗ men ließe, und verlangte Ordre; als ihm der Chevalier geantwortet, drängte ſich aber der Gascogner herein mit langem Geſicht und unſichern Blicken. Herr, ſagte er ſtammelnd, man begehrt Euch! Der Herr Lieutenant iſt herein, iſt im Thurm, und, o Saint Etienne! es hat wieder gewimmert wie damals, als Eure liebe Hand meine Backen etwas derb klopfte, und Ihr ungläubig waret wie der Apoſtel Thomas. Haſtig ergriff Melac Hut und Licht und folgte, ohne der Dame vom Hauſe zu achten, dem Diener. Blumenhagen. XVI. 6 ———— —— 82 Der Furchtſame hatte nicht gelogen; als der Che⸗ 1 valier durch die langen Schloßgänge im alten Thurm— ankam, fand er den jungen Eſenheim mit ſeinen Be⸗ Tht gleitern vor einer Eiſenthüre verſammelt, deren Schloß iſt die menſchliche Kraft zu Schanden machte. Me Glücklich hatte Jerome ſein Vaterhaus erklettert, durch die eine Fenſteröffnung gelangte der kecke Trupp aus dem ihe kleinen Hofe in ein Gewölbe, wo ohne Nachſuchung das Licht der Laterne einen Vorrath an Waffen und mehrere mit Patronen gefüllte Fäſſer entdecken ließ. Zur Eile Mu durch dieſe Entveckung getrieben/ führte der Lieutenant Sac die Soldaten in den Thurm⸗ aber gleich die erſte Thüre Soh feſſelte ihn, denn unverſtändliche Menſchenſtimmen ſchie⸗ len nen daraus hervorzudringen. Sie war aber verſchloſſen⸗ und als man klopfte, drohte, befahl, verſtummte das blei gehörte Geräuſch ſogleich. Jerome ließ die mitgebrach⸗ ten Windlichter anzünden und ſchickte nach dem Chevalier, ſank ohne den er nichts unternehmen mochte. Hier ſtecken ſicher vali die Schurken, die wir ſuchen und durch die Du geblutet⸗. rief ihm der Lieutenant entgegen; ich hoffe, einen unbe⸗ tiſts zahlbaren Fund gethan zu haben⸗ träg Vielleicht! entgegnete Melac, den ein unbezwinglicher hab Schauder ſchüttelte; vielleicht aber ein Fund, wie Du teſte nimmer hätteſt ſuchen mögen. Korporal, eilet in's Haus ſärk und fordert der Schloßfrau die Schlüſſel ab, fordert und ſtreng, nöthigenfalls mit Gewalt. ſatze Doch ehe er ausgeredet, fühlte er ſeine Hand von Arm eiskalten Fingern gefaßt, ſich mehrere Schritte zurück⸗ der gezogen und ſah Aurora, einer Leiche gleich, bebend grell wie die vom Wind durchſtrichene Espe, vor ſich. 3 Melac, ſagte ſie, und die Lippen zitterten bei jedem Worte, Melac, Du wareſt dieſem Herzen nahe, ſo rette he⸗ urm Be⸗ hoß urch dem das rere Eile nant hüre ſchie⸗ ſſen, das rach⸗ alier, ſicher lutet, unbe⸗ licher e Du Haus ordert d von urück⸗ een jedem o rette 83 dieſes Herz und bringe es nicht zur Verzweiflung. Dieſer Thurm umſchließt ein Geheimniß des Barons, aber es iſt unſchädlich für Dich und Alle, die mit Dir ſind. Melac, gehe nicht weiter! Commandire die Männer in die große Halle, ſie ſollen dort in vollem Maß bewir⸗ thet werden; Dir will ich dann, Dir allein vertrauen, was dieſer Thurm verbirgt. Mir werdet Ihr die Schlüſſel doch nicht verweigern, Mutter! ſprach Jerome, indem er vortrat in den hellen Fackelſchein. In des Vaters Abweſenheit darf wohl der Sohn, der einzige, ſchon einmal den Hausherrn zu ſpie⸗ len wagen. Als hätte ſie auf eine Natter getreten, ſchoß das bleiche Weib zurück und in ſich zuſammen, und als ſie den Junker wirklich erkannt, that ſie einen Schrei, ſank in die Kniee und drückte ihre Augen in des Che⸗ valiers Kleid. Erlaubet, ihr Herren, den Verſuch? tönte da Bap⸗ tiſts Stimme, der in der Mitte der kühnen Büchſen⸗ träger jeder natürlichen Bangigkeit Valet gerufen zu haben ſchien; dieſer wackere Hammer hat dem berühm⸗ teſten Schloſſermeiſter Landaus zugehört, ehe ihn meine ſtärkere Fauſt eroberte, und ich meine, er wird Schlüſſel und Dietrich zu erſetzen vermögen. Da ſeinem Vor⸗ ſatze kein Widerſpruch geſchah, ſo erhob er mit kräftigem Arme den Hammer zum Schlage. Aber kaum verhallte der hohle Schlag, kaum ſprang das Schloß mit einem grellen Tone und fiel klirrend auf das Steinpflaſter, ſo that Aurora einen entſetzlichen Schrei, raffte ſich auf und floh ſchnell wie mit dem Flugſchuß des Falken die Wendeltreppe hinauf. Alle ſahen ihr einige Augenblicke nach, dann traten die Anführer zur Eiſenthüre, die ſich ſchon halb geöffnet, von der jedoch der tapfere Baptiſt einige Schritte zurück⸗ gewichen war. Man konnte anfangs von fern nichts erkennen, als aber Melae einem Schützen das Windlicht aus der Hand genommen und vorſichtig hineingetreten, ſah er hinten an der Mauer ein niedriges Ruhebett: eine weiße, feine Menſchengeſtalt ſaß darauf. So wie jedoch Lichter und Menſchen eindrangen⸗ ſank ſie mit einem Seufzer zurück und ſchloß die Augen. Der Ritter trat raſch zum ſchmalen Bett, er leuchtete hinab: Klara! rief er mit Entſetzen, und das Licht fiel aus ſeiner zuckenden Hand. ———————— Ja, es war die unglückliche, verſchollene Klara; auch der Bruder erkannte mit erſtarrendem Schreck, als er und die Seinen näher getreten, die hingeopferte Schwe⸗ ſter. In einem engen Steingemach mit rauhen, feuchten Wänden, in welches kein Sonnenſtrahl, nur eine Spur von Licht durch ein Gitterfenſter in der Höhe zu dringen vermochte, und welches nur das Nothwendigſte enthielt, lag das junge Mädchen da, abgemagert und bleich wie ein Bild aus griechiſchem Marmor, und als wäre ſie ſelbſt das ſchöne Steinbild auf dem eigenen Grabe. Die Augen waren mit den langen Wimpern verſchloſſen, kein Athemzug hörbar, die feinen Glieder ſtarr, ſie glich einer weißen Frühlingsblüthe, welche der Sturm vom Baume geriſſen und auf den Sand geworfen. Ihre Bekleidung zeugte von der Vernachläßigung ihrer Wärterin, auf dem groben Tiſch am ſchmalen Bett ſtand ein leerer Waſſer⸗ krug und eine kleine Schüſſel ohne Labung. fnet, rück⸗ ichts licht eten, bett: wie mit Ritter lara! ſeiner zauch ls er chwe⸗ uchten Spur ringen nthielt, ich wie äre ſie . Die n, kein heiner Baume leidung uf dem Waſſer⸗ 85 Iſt es denn möglich? ſchrie Jerome mit wildem Ausbruch ſeines Gefühls. Klara, ſprich! Wie kameſt Du hieher? Wer hat Dich in dieſen furchtbaren Zuſtand geworfen? Fragſt Du noch, blinder Tobias? entgegnete Melac mit dem kalten Tone der Verzweiflung. Fallen die Schuppen noch nicht von Deinem Auge? Erräthſt Du noch jetzt nicht, welche Furie aus Neid, Haß, Habſucht dieſe Folterkammer erfunden? Man taufte ſie mit dem Namen des lebenerweckenden Morgenroths, aber Megäre hätte man ſie taufen müſſen, zu menſchenfreundlicher Warnung für Alle, welche dieſem weiblichem Teufel ſich genähert. O, ſie iſt todt! ſetzte er weich und den Thränen nahe hinzu, indem er ehrerbietig die kalte hagere Hand ergriff. Unſer ſtürmiſcher Einbruch hat die letzten Lebens⸗ funken in ihrem ſchwachen Körper verlöſcht. Und ich hätte ſie retten können, wäre ich der Spur gefolgt, die meines dummen Baptiſts Geſpenſterfurcht mir bezeichnet. O ewiger Gott, nimmer kann der Fluch des Mordes und der Mitſchuld nun von meinem Haupte genommen werden! Sie iſt nicht todt, rief der Lieutenant, ihr Herz ſchlägt. Nur hinaus aus dieſer giftigen Luft, die ſelbſt das geſundeſte Herz erdrücken könnte. Und mit rieſiger Stärke hob er die Schweſter auf ſeinen Arm von dem Lager und trug ſie wie ein Wickelkind leicht und ſicher durch die Reihen der mitleidig ſtaunenden Schützen fort, die Steige hinauf, den Gang hinab, bis in das luftige Gemach, das einſtens das ſeinige geweſen.— Der Cheva⸗ lier folgte langſam mit gefalteten Händen und geſenkiem Kopfe und betete leiſe: Herr der Liebe, nimm dieſe Schuld von mir, laß ſie leben; es wäre zu gräßlich, wenn die Licbe, welche ſie zu retten kam, ſie in das Grab legen müßte, die erſt eben in die Frühlingsflur der Liebe ge⸗ treten. Palliſſe, rief er dann lebhaft, als er den her⸗ veikommenden Chirurgen erblickte, nicht des Marſchalls Befehl, nein, Gottes allmächtige, allgütige Hand hat Euch hieher beordert. Hinein⸗ zeigt Eure Kunſt, thut ein Wunder! Und hättet Ihr hundert Todeswunden ge⸗ heilt, hundert zerſchoſſene Kameraden gerettet, Euer Be⸗ wußtſein könnte Euch nicht ſo ſtolzen Lohn geben, als wenn Ihr dieſe zertretene Blume wieder aufblühen macht und den Dank aus dieſen frommen Himmelsaugen em⸗ pfangen dürft. Der Hauptmann erſchien in dieſem Augenblicke, mit ihm der Freiherr von Eſenheim. In Begleitung vier bewaffneter Reiter war er unbeſorgt in das Burgthor geritten, im Hofe jedoch ſogleich ergriffen, ſammt ſei⸗ nem Geleit entwaffnet und zu Gefangenen im eigenen Hauſe gemacht worden. Beſtürzung mit heimlicher Wuth gemiſcht lag auf ſeinem Geſicht. Hinein, Du entſetzlicher Vater! brach Philibert aus, indem er ihn gewaliſam in das Gemach ſtieß. Hier er⸗ wartet nicht den Feind das Kriegsgericht Frankreichs, nein, Gottesgericht fordert hier den Kindesmörder vor ſeinen Stuhl. Verwundert ſtand der Freiherr mitten im Zimmer; als aber jetzt Jerome ſich ihm näherte und mit dem Ausrufe: Vater, was iſt hier geſchehen und wie habt Ihr ſolche Unthat gelitten! ſeine Arme ihm entgegen⸗ breitete, da bekam ſein Grimm Worte, und die Rubinen ſeines Geſichts leuchteten wie Karfunkelſteine. Er ſtieß den Sohn zurück und ſagte mit verbiſſener Wuth: Fort von mir, Verräther am Vater und an dem Voterlande! Ri ger we un 87 egen Die Farben, welche Du trägſt, geben Zeugniß Deiner ge⸗ Schlechtigkeit, vor der mich zu rechter Stunde ein treuer her⸗ Mund gewarnt. Plündere mein Haus, ſtoße Dein fal⸗ halls ſches Gewehr in Deines Vaters Bruſt, aber nenne Dich. hat nie mehr des Vaters Sohn, deſſen Fluch Du hundert⸗ thut fach verdienteſt. n ge⸗ Empört ergriff der Ritter den Wüthigen wiederum Be⸗ am Arm und ſtieß ihn weiter zu dem Ruhebett, auf das „als man die arme Klara gelegt. macht Kindesmörder! ſchrie er mit kreiſchender Stimme. em⸗ Rühre ſie an und ſchwöre, Du habeſt nicht Theil am Morde dieſer Unſchuld! Rühre ſie an mit Deinem Fin⸗ ,mit ger, ſie wird bluten, ſie muß bluten! ſ ier Klara! ſtammelte der alte Nimrod tief erſchüttert; rgthor welche Hand hat das gethan? t ſei⸗ Sind denn Alle hier im Schloſſe blind und verrückt, genen und ich der einzige Vernünftige? lachte Philibert mit Wuth wahnſinnigem Hohne. Erkennſt Du nicht die ſchöne Stief⸗ mutter, die nach des alten Sünders Erbe geſtrebt und t aus, aus ihrem Schlangenwege geräumt, was ihr hinderlich, ier er⸗ und Dich um Vaterſeligkeit hier unten, Dich dort oben reichs, um die Seligkeit Deiner Seele beſtohlen? Siehſt Du er vor den Geiſt der edlen Freifrau nicht ſtehen neben dieſem Bett, und drohend von Dir fordern ihre zertretenen 1 mmer; Kinder? it dem Der Freiherr taumelte, verbarg ſein dunkles Antlitz hat mit beiden Händen, flüſterte den Namen: Aurora, und tgegen⸗ ſank wie vom Wetterſchlage gelähmt in einen Seſſel. tubinen Er ſtieß Fort Aus des Vaters Munde, aus den einzelnen, ſchwa⸗ rlande! chen Aeußerungen des durch des thätigen Arztes Hülfe „ wieder in das Leben gerufenen Fräuleins erfuhren die ale beiden Freunde ſpäter den ſchrecklichen Zuſammenhang ſei dieſer beiſpielloſen Unthat. Als der Bruder aus dem lich Schloſſe geſtoßen, als der Vater die Anſtalten zu ſeiner des neuen Vermählung gemacht und ſeine Abſicht nicht länger We verhehlte, war plötzlich ein ſtarker, finſterer Geiſt in das ſtille, kindliche Mädchen gefahren. Das Gefühl, wie arr verlaſſen ſie daſtand, hatte alle ihre Kraft auf einmal mi reif gemacht. Mit freiem, kühnen Worte mahnte ſie den ein Vater, abzulaſſen von ſeinem Vorſatz, in welchem ſie del eine Beleidigung der entſchlafenen, heißgeliebten Mutter lich erblickte, in welchem ſie eine Beleidigung für ſeine Kinder, Ho ſeine Familie, ſein altes Wappen zu ſehen vermeinte. der Der Vater ſtieß ihre Warnung hart von ſich, aber ſein Va rauhes Wort, ſeine Mißhandlungen ſelbſt ſchüchterten das wie aufgeregte Kind nicht ein, und auch nach vollzo gener Ket Hochzeit ſprach ſie laut ihren Abſcheu und Haß aus und ent ſah auf die ihr aufgedrungene Mutter mit jener ſcharfen nac Verachtung, mit der die Herrin die ſchlechte Magd be⸗ vor ſtraft, und durch welche in dem böſen, verlorenen Her⸗ die zen der Stiefmutter eine Rachſucht erweckt wurde, die die bald bis zur Todfeindſchaft ſich ſteigern mußte. Nach ihr einer heftigen Scene, wie ſie täglich zwiſchen Klara und mit Aurora vorfielen und zu welcher der Freiherr kam, trieben der die Klagen und Thränen der ſcheinheiligen Frau den den Vater ſo weit, daß er ſich verſchwor, nie wieder die Rei Tochter vor ſeine Angen zu laſſen, daß er ſeinem Leib⸗ gißt ſchützen befahl, das Kind in ein fernes Zimmer zu ſper⸗ derl ren, daß er Aurora die völlige Gewalt und Aufſicht über ſein die Verſtoßene vertraute. Seine ſinnlichen Genüſſe, ſeine das Jagden ließen ihn bald die Bedauerungswürdige ver⸗ geſſen, und er achtete kaum darauf, als Aurora ihrer ſtan die ang dem iner er das wie mal den ſie utter der, inte. ſein das ener und arfen d be⸗ Her⸗ „die Nach und ieben tden r die Leib⸗ ſper⸗ t über ſeine e ver⸗ ihrer als einer Kranken erwähnte, und war zufrieden, daß ſein wüſtes Leben nicht mehr durch den Anblick der täg⸗ lichen Mahnerin, die ihm als ſein neben ihm wandern⸗ des Gewiſſen erſchien, nicht mehr durch die feindlichen Wechſelreden der Weiber getrübt werden konnte. Aber die feindlichen Gewalten, deren Eigenthum die arme Klara geworden, ſäumten nicht, vorſichtig, jedoch mit kälteſter Grauſamkeit, ihr Ziel zu verfolgen. Wie eine Miſſethäterin wurde die Tochter des Hauſes behan⸗ delt, das ſchlechteſte Gemach ihr beſtimmt, alle Bequem⸗ lichkeit ihr geraubt, und zugleich ihr täglich mit kaltem Hohne von der Stiefmutter und dem tückiſchen Sigbert, der eine Kreatur Aurora's geworden, der Befehl des Vaters als Urſache ihrer Marter vorgeſchoben. An dieſen wiederholten Dolchſtößen brach die Kraft ihrer Seele. Kecker ſchritt jetzt Haß und Habſucht vorwärts. Man entzog der Verlaſſenen die ſtärkende Nahrung nach und nach, man gab ihr die ſchlechteſte Koſt, man vergaß ſie vorſätzlich Tage lang, und Nachts trat dann überdieß die entweibte Furie zu ihr ein, hörte mit ſataniſcher Luſt die Klagen, die jammervollen Bitten der Gefolterten, ihr Flehen nach des Vaters Anblick, und erwiederte ſie mit giftiger Verhöhnung und weidete ſich mit Luſt an der täglich zunehmenden Entkräftung ihres Opfers, an dem ſichtlichen Abwelken der lieblichen Blume, deren Reiz ſie von jeher beneidet. Ein geſunkenes Weib ver⸗ gißt nie die ihr gezeigte Verachtung, und nur im Ver⸗ derben des Beleidigers findet ſie Befriedigung, nur auf ſeinem Grabhügel Sühne und Auslöſchung des Wortes, das ihr eine ewig brennende Giftwunde ſtieß. Auf ſolche Weiſe war Klara in den armſeligen Zu⸗ ſtand gerathen, worin Bruder und Freund ſie fand, und 90 nach wenigen Tagen möchten die Retter zu ſpät für ſie erſchienen ſeyn, denn auch jetzt gab der Arzt geringe Hoffnung, wenn ihm auch Jugend und die treue An⸗ wendung aller denkbaren Heil⸗ und Pflegemittel die beſte Unterſtützung ſeiner heiligen Kunſt darboten. Als die nächſte Morgenröthe eben die Gipfel der fer⸗ nen deutſchen Gebirge bemalt, weckte lautes Hundegebell ſchon die gemiſchte Einquartirung des Schloſſes, die theil⸗ weiſe erſt ſpät vom gewünſchten Schlafe in die will⸗ kommene Vergeſſenheit eingewiegt worden. Es war der WMarechal de Camp, der, von ſeiner Meute umgeben⸗ eingeritten. Durch ſeine gefürchtete Commandoſtimme aufgerufen, ſtand Alles ſchnell in Zeug und Waffen und ſelbſt der Chevalier, obgleich von Fieberfroſt und Wun⸗ denpein als Folge ſeiner leichtſinnigen Vernachläßigung der Bleſſur ergriffen, trat dem Oheim in der großen Halle entgegen. Der alte, rührige Krieger hatte ſchon bei Offizier und Gemeinen ſich den umſtändlichſten Rap⸗ port erfragt, und ſeine erſte Frage traf den Freiherrn von Eſenheim, welcher ihm durch geſtern ſpät eingebrachte Gefangene als Commandant eines Freicorps genannt worden, das, da es aus lauter jagdgerechten Waidmän⸗ nern zuſammen geſtellt, bereits der franzöſiſchen Armee bedeutenden Schaden zugefügt hatte. Als der finſtere Frei⸗ herr aus ſeiner Haft vor ihm erſchienen und in ſeiner gedrückten Stimmung auf die Zornworte des Alten nichts erwiederte, befahl dieſer, der ſein Schweigen für Trotz und Verachtung hielt, ihn ohne Aufſchub in dem Hofe des eigenen Schloſſes niederzuſchießen. Da brach Je⸗ rome ſelbſt das Siegel ſeines Geheimniſſes, trat heran⸗ ſie nge An⸗ eſte fer⸗ bell eil⸗ vill⸗ der ben, nme und ßun⸗ zung oßen ſchon Rap⸗ ern achte annt män⸗ rmee Frei⸗ ſeiner nichts Trotz Hofe Je⸗ eran, 91 nannte ſich den Sohn des Gefangenen und bat um des Vaters Leben, der ihn enterbt und verſtoßen. Der Mar⸗ ſchall fuhr hoch empor, aber ein Courier aus dem Haupt⸗ quartier hatte ihm in dieſer Nacht das Patent eines General⸗Lieutenants überbracht, und ſo waltete eine gute Laune in ihm, und ſein Zorn war nur Wetterleuchten ohne Schlag und Donner. Ei! rief er mit grinſender Freundlichkeit, bei der Hexe von Orleans, die Frankreich gerettet und doch be⸗ trogen, biſt Du ehrlicher Kautz mit den derben Schwei⸗ zerfäuſten auch ein Quintenmacher und Komödienmenſch? Sieh' ſieh', wer hätte in dem rauhen Keulenſchwinger von der Teufelsbrücke ein rheiniſches Jünkerlein geſucht? Aber freilich, wenn Dich der alte boshafte Freiſchütz dort um Deinen Namen gebracht, ſo hatteſt Du ein Recht, Dich zu taufen, wie es Dir am beſten klang. Du haſt mir ein franzöſiſches Herz gezeigt, und ſo magſt Du das Leben des bleichen Cavaliers nehmen, obgleich ich gewünſcht, Du hätteſt Dir einen beſſern Lohn für Deine guten Dienſte erbeten. Aber auf der Stelle muß er nach Landau in die Kaſematten, und das im Geheim und gut bedeckt, denn begegneten ihm die Schweizer der Garde, denen ſeine Buſchklepper geſtern ihren Major erſchoſſen, möchte kein Fetzen von ihm in der Feſtung ankommen. Mit meinem Neffen mußt Du Dich außer⸗ dem abfinden, der dort im Wundfieber zittert, denn ich ſündige an ihm, da ich ſein Blut ungerächt laſſe. Der Lieutenant dankte mit freudigem Lächeln, und der Chevalier drückte dem Freunde die Hand und flü⸗ ſterte: Iſt er doch Klara's Vater, wenn er es auch nie verdiente zu ſeyn! Spätere Erörterungen und des Freiherrn Frage brachte die Schloßfrau, die verbrecheriſche Aurora, in das Ge⸗ dächtniß zurück; doch vergebens ward ſie in der Burg geſucht. Endlich fand ein Schütz ihre Haube in einem Rebenhofe des weiten Gebäudes, und ihr Tuch hangend an der hölzernen Befriedigung des unergründlichen Fel⸗ ſenbrunnens, der die Burg mit Waſſer verſah. Die Elende hatte ſich ſelbſt gerichtet. Reue Marſchordres, das Anrücken der deutſchen end⸗ lich aufgeweckten Heeresmacht, die Annäherung der Nie⸗ derländer riefen den General⸗Lieutenant baldigſt von dannen, und der ſchwer erkrankte Chevalier vermochte nicht, ihm zu folgen; er blieb in der Nähe der geliebten Klara, und es ward ihm der Troſt, nur durch eine Wand von ihr geſchieden, ſtündlich von ihr zu hören, und jeden Schein von Beſſerung als beſte Arznei empfangen zu können. Der furchtbarſte aller Kriege, die Frankreich je ge⸗ fochten, begann: das halbe Europa trat gegen Ludwig den Vierzehnten in die Waffen, und neun Jahre hindurch rang der Stolzeſte der Könige mit ſeinen Gegnern um den Sieg. Frankreich zu decken, entwarf der gewiſſen⸗ loſe Louvois den Plan, eine Wüſte um ſeine Grenzen zu bilden, und er fand in dem General⸗Lieutenant Me⸗ lac die eiſerne Hand dazu. Die Verheerung der reichen Pfalz, die Einäſcherung ihrer ſchönſten Städte, die Gräuel⸗ thaten des von der Verantwortung losgeſprochenen Sol⸗ daten ſtehen zur Schande Frankreichs unauslöſchlich auf den Tafeln der Weltgeſchichte, und die Nemeſis folgte der Unmenſchlichkeit, denn Ludwigs ſtolzer Plan erlangte ſein Ziel nicht, und nach zahlloſer Hinopferung ſeiner Braven nußte er das längſt Gewonnene wieder hin⸗ geben, und ſah ſein Land nach Louvois Tode verarmt und ſeine Krone bedrohter als je zuvor. in zut die gre lin auf ger den ſeit un! zer unt er dät keit Eit unt Fre unt von ihr ſtell loh Jer und lich zu hel e⸗ rg em end el⸗ nde nd⸗ tie⸗ von chte ten and den en. ge⸗ wig urch um ſen⸗ zen Me⸗ chen uel⸗ Sol⸗ auf gte ngte iner hin⸗ armt 93 Der Lieutenant Eſenheim war ſeinem alten General in alle Gefährlichkeiten des Krieges gefolgt, hatte ſich zum Capitän hinaufgeſchwungen und ſich den Orden ver⸗ dient. Aber Verwüſtung der vaterländiſchen Gauen, die grenzenloſen Grauſamkeiten, die er an Weib und Säug⸗ ling üben ſah, empörten ſeine Seele, und er nahm mitten auf der Bahn des Ruhmes Abſchied von dem ihm lieb⸗ gewordenen Stande, und achtete nicht den Unwillen, mit dem ihn der General⸗Lieutenant entließ. Als er zuerſt ſein Vaterhaus beſuchte, fand er es eingeäſchert und eine unbewohnbare Ruine. Düſtern Blicks ſtand er an den zertrümmerten Mauern, welche die Gräber der Mutter und der kleinen Angela überſchüttet hatten, da dachte er der verbrecheriſchen Stiefmutter, und die Trümmer däuchten ihm ein Richtplatz der himmliſchen Gerechtig⸗ keit, und ohne Thränen und Trauer zog er weiter. In Landau erfuhr er den Tod ſeines Vaters: die Einſamkeit und Beſchränkung hatten die Kräfte des alten, unverwüſtlichen Nimrods verzehrt. Nachrichten von dem Freunde Philibert lockten ihn in das ſüdliche Frankreich, und hier, an den Ufern der Rhone, in den Roſengärten von Vauecluſe, trat ihm die geneſene Klara an Melacs, ihres Gatten, Seite freundlich entgegen: die liebende Sorgfalt des Freundes hatte das Wunderwerk ihrer Her⸗ ſtellung bewirkt, und ſie hatte die Liebe durch Liebe be⸗ lohnt. Doch nicht lange konnte der Feuergeiſt des braven Jerome das ſpbaritiſche Leben in den Gärten Petrarca's und ſeiner Laura ertragen; es zog ihn wieder zum nörd⸗ lichen Schauplatz der Männerthaten, und er traf gerade zu rechter Zeit ein, um ſich mit ſeinem alten Kriegs⸗ helden Melac in die Feſtung Landau zu werfen, und dieſe mit dem rauhen, unerſchütterlichen Roland ſo lange zu vertheidigen, bis das letzte Pferd verzehrt und das letzte Stück vom Silbergeſchirr des General⸗Lieutenants zur Zahlung des Soldes der tapfern Garniſon zerſchla⸗ gen worden. Jerome theilte den Lohn ſeines Generals: eine Offizierſtelle in der Gensdarmerie des Königs wurde ſein, und in dem glänzenden Paris, das von der Ver⸗ armung des Landes wenig empfand, wenigſtens nichts zeigte, traf er die ſchöne Klara mit ihrem Gatten zum zweiten Mal wieder, und ſein nach dem Frieden wieder gewonnenes Erbe ſetzte ibn in den Stand, ſeiner Hoch⸗ ſtellung und dem Schwager Ehre zu machen, und den Glanz einer Familie wieder herzuſtellen, welche durch die Verbrechen einer laſterhaften Stiefmutter dem Erlöſchen nahe gebracht worden. das ants hla⸗ als: urde Ver⸗ ichts zum eder och⸗ den h die ſchen — —— D II. ie Rönigin. Hiſtoriſche Erzählung. In einer Fenſterwölbung des Königsſchloſſes lehnte Niclas von Gara, der Sohn und Erbe des gleichnami⸗ gen Palatins, kaum Mann geworden und dennoch ſchon durch die Hochſtellung ſeines Vaters Ban von Machow. Ein rüſtiger, eben aufgeblühter Jüngling, ein Muſter⸗ abdruck der Nationalität ſeines kräftigen, kriegeriſchen Volksſtammes, lehnte er ſchon lange dort ſtarr und eiſig wie der Wintermonat, deſſen rauhe Winde draußen mit den trockenen Lindenblättern in den Winkeln des Schloß⸗ hofs ihr Wirbelſpiel trieben. Sein Leben ſchien ſich tief in ſein Innerſtes zurückgezogen zu haben: er hörte nicht das lärmende Getöſe, welches den heftigen Wortſtreit verrieth, der in dem nahen Saale geführt wurde; er ver⸗ nahm nicht die harten Schritte und das Sporengeklirr und Säbelgeraſſel der dicht hinter ihm durch die Vorhalle eilenden Hauptleute und beſtaubten Huſaren, welche Bot⸗ ſchaften brachten und Befehle forttrugen; nur in ſeinem ſchwarzen Auge, mit dem er hinaus auf den Platz ſtarrte, lebte ſeine Seele, und Licht und Glut ſtrahlte ſie aus unter den düſteren Augenbrauen, gleich der Sonne, die in Gewittern aufgeht, als jetzt außen im Thor einige Hofherren ſichtbar wurden, welche mehreren verſchleier⸗ ten und ſchwarz gekleideten Damen voranſchritten. Ein tiefer, langer Athemzug drängte ſich aus dem aufgewor⸗ fenen zuſammengepreßten Munde, er drückte die Hand — Blumenhagen. XVI. 98 feſt auf die große Stirne und gegen die breitgewölbte Bruſt, als wenn er Etwas, was da ſich vordrängte, zu bergen wünſchte; die ſcharfen, wie mit einer Schatten⸗ rißſcheere geſchnittenen antiken Geſichtszüge zuckten, ähn⸗ lich dem Wetterleuchten am Saume der rabenſchwarzen Racht, er ſah ſich in der Halle rundum, wie ein aus ſchweren Träumen erwachender Morgenſchläfer, griff be⸗ ſchämt die zum Eſtrich gefallene ſchwarzbefiederte Mütze auf, zog den Säbel mit der Linken gegen den Leib und ſchritt langſam dem Eingange zu, deſſen Pforte der wachhabende Pandur bereits aufgeſtoßen und in welcher ſich ſchon Ungarns jugendliche Königin, die ſchöne, vom Schickſal ſchwet bedrängte Maria zeigte. Sind ſie noch nicht zu Ende drinnen? fragte die Kö⸗ nigin, raſch auf den Jüngling zutretend, indem ihr Ohr der lauten Stimmenſchlacht zu horchen ſchien und zu⸗ gleich das zarte lilienweiße Geſicht von einer raſchauf⸗ ſteigenden Röthe vedeckt ward, die jedoch nicht auf freu⸗ dige Bewegung des Gemüths deutete. Ich flüchtete zum Hauſe des Herrn, fuhr ſie fort, zu vergeſſen, was hier vereitet werden ſollte; mein Gebet ſtehete: Laß den bit⸗ tern Kelch ſchnell und leicht vorübergehen! Aber es fand den Weg nicht zum Ohre des Allgütigen, und zu früh kehrte mein Fuß in das Gewühl dieſer Unbändigen. Warum vliebt Ihr nicht daheim, wo die milde hei⸗ lige Verſöhnerin ſo nöthig? entgegnete der junge Edel⸗ mann mit Haſt; doch als ſeine Blicke, ſcharf wie Schwert⸗ ſpitzen, das Lilienfeld des noch ſo jungfräulichen Antlitzes der Königin berührten, wandelte ſich die Schärfe der Augen und Züge wunderbar: mädchenhafte Weiche leuch⸗ tete mild aus beiden, und ſelbſt die volle, tiefe Stimme klang in höhern Tönen. Verzeihe es Euch Sanct Ste⸗ bte zu en⸗ hn⸗ zen aus be⸗ ütze und der cher vom Kö⸗ Ohr zu⸗ auf⸗ freu⸗ zum hier bit⸗ fand früh . hei⸗ Edel⸗ wert⸗ tlitzes e der leuch⸗ imme Ste⸗ 99 phan, ſetzte er faſt ſchüchtern hinzu, der Eure Krone ſchirmt und unter ihr das liebe Haupt, daß Ihr ſo ſehr der Herzensangſt Euch hingabt, den Himmel zu ſuchen, da die Erde Euch forderte. Woran ſollten die jugend⸗ lichen Krieger Eures Reichs da drinnen ſich halten, wenn ihre Fahne fehlte, wenn Ihr ſelbſt ihnen das Idol ent⸗ zoget, in deſſen Anblick die jungen Gemüther ihren ein⸗ geſchüchterten Heldenſinn erſtarken müſſen, um den eher⸗ nen Eigenſinn des Palatins, um der Furcht der erſchreck⸗ ten Königswittwe Widerſtand leiſten zu können? Hättet Ihr auf dem Throne geſtanden, das verjüngte Abbild der reinen Mutter des Herrn, der donnernde Ruf: Maria, rex Hungariae semper et semper! würde die ſchlaue Rede der Selbſtſucht und der Furcht erdrückt ha⸗ ben, und der wilde Ruf ungariſcher Treue wäre bis zu der Küſte des adriatiſchen Meeres geflogen und hätte dieſen falſchen Durazzo in ſein verrätheriſches Schiff zu⸗ rückgeſchreckt. Der Königin lichtblaues Auge verdüſterte ſich. Nicht Angſt, Herr Niclas von Gara, trieb uns zu dem Altar der Heiligen, ſagte ſie; wir wichen dieſem gewichtigen Reichsrathe aus, weil wir die Schwäche des jungen Herzens fürchteten, und nicht ſtörend der vielgeprüften Weisheit des Kronfeldherren, der berühmten Erfahrung unſerer Mutter entgegentreten mochten, die bis jetzt in ſchwerer Zeit ſo treu für uns regierten. Der Ungar ſenkte den dunkeln Blick zum Eſtrich und zuckte die Schultern unwillkürlich. Und, fuhr die Königin mit einem Anflug von Bitterkeit fort, wenn Ihr Zweifel daran zu hegen ſcheint, warum entzoget denn Ihr Euch der Verſammlung? Frei ſpricht der Ungar ſeine Mei⸗ nung aus; wie ſein Schwert leicht aus der Scheide fährt, 100 dient auch ſeine Zunge leicht und mit Freimuth der Seele. Als hätte er eine Wunde empfangen von verſteckter Hand, ſo zuckte der junge Mann zuſammen und ſchmerz⸗ lich ſchlug er das Auge auf. Es war mein Vater und mein Herr und Freund, die ſich mit heftigen, ſchneiden⸗ den Worten bekämpften, antwortete er halblaut; der Zwieſpalt der Gefühle zerfleiſchte mich, daß ich der un⸗ erträglichen Qual entfliehen mußte. Die Königin reichte ihm die zarte Hand hinüber und er faßte ſie und drückte wie ein Andächtiger einen leiſen Kuß darauf. Ihr ſeyd ein wohlbewährter, tapferer Freund⸗ ſagte Maria ſanft; mein Sigmund iſt von Euch geehrt, geliebt, und weiß den ſeltenen Freund zu ſchätzen nach Gebühr. Glaubt mir, Eure Treue gegen den Gemahl nimmt die Halbſcheid der ſchwerſten Sorge von Mariens Bruſt; Ihr werdet nie von ſeiner Seite weichen, das ſänftigt der Trennung Schmerz. Sein leichter Sinn, ſein kecker Jugendmuth lockt überall Gefahr auf ihn heran! Euer Arm wird über ihm wachen, Euer ernſter Geiſt ſein Warner ſeyn, wenn Mariens Stimme ihn nicht zu er⸗ reichen vermag. Nielas, wohl ſeyd Ihr nicht älter wie Eure Königin und ihr Gemahl, aber Euer ernſter Sinn hat früh das freie Flügelkleid der Kindheit abgeſchüttelt; Ihr habt Euch ſelbſt zum Mann gemacht, und im wei⸗ ten Reiche weiß Eure Königin Keinen, dem ſie ſo ver⸗ trauen könnte wie Euch. Wollet Ihr dieſes Vertrauen ehren immerdar? Des Ungarn dunkle Augen brannten wie Leuchtfeuer in der Nacht, er drückte ſeine Rechte auf's Herz und bog unmerklich faſt das rechte Knie. Wie plötzlich ihrer Rede ſich veſinnend, fragte er dann mit Haſt: Ihr ſpracht von der kter erz⸗ und den⸗ der un⸗ der Kuß und, ehrt, nach mahl riens das ſein ran! tſein u er⸗ rwie Sinn ittelt; wei⸗ er⸗ rauen tfeuer d bog Rede 101 Trennung, von Gefahr? Wie deutet das der treueſte Mann in Eurem Volke? Warum verließet Ihr den Reichsrath? entgegnete die Fürſtin mit trüber Miene. Ihr dürftet dann nicht fra⸗ gen nach dem, was meine Lippen wundet, wenn ich's ſagen muß. Der König Carl iſt gelandet zu Zeng, aber Ihr wiſſet nicht, daß er unſern Botſchaftern zu Agram geantwortet: Er ſey gekommen, das durch Parteiung zerrüttete Ungarn zu beruhigen, Eintracht zu ſtiften unter den uneinigen Magnaten, die Rebellion zu vernichten, den Thron ſeiner Schweſter, ſo nennt mich der böſe Vetter, feſter zu ſtellen, und das Alles um das Gedächt⸗ niß Königs Ludwig willen, deſſen Verdienſte um ihn und ſein Haus und ſeine Krone von Neapel der Falſche dankbar zu vergelten ſchwöret. Trauet ihm nicht! rief Niclas heftig. Laßt den Arg⸗ liſtigen nicht in das Herz Eures Reichs. Seyd Ihr ein Roland, ein Herkules, und wollet Ihr ihn aufhalten mit der Einen Bruſt? antwortete die Kö⸗ nigin ſchmerzlich. Die Horwathi's mit ihren Kroaten decken ſeine Reiſe; Vetter Twartko, der wilde Bosniak, und Stephan Latzkowitſch haben alle unruhigen Gemü⸗ ther im Ungarlande für dieſen Carl geworben und zie⸗ hen gegen uns heran. Es ſind die wüſten, rachedurſtigen Feinde Eures Vaters, die, was er ihnen that, an ihrer ſchuldloſen Königin zu rächen geſonnen. Sie nennen unſere Krönung übereilt und unrechtmäßig vollzogen; fie ſchreien: nicht die Königin Mutter, nur der Gara regiere. Paul Horwathi, der Biſchof von Agram, hat ſelbſt den Frem⸗ den an dieſes Reiches Küſten geleitet, um dem ſchwachen Weiberregimente ein Ende zu machen. Vergebens habe ich dem Adel und den Comitaten für ewig alle Freiheiten 102 veſtätigt, die ihnen die heiligen Könige verliehen: die bärtigen Männer ſtanden unentſchloſſen, haben vergeſſen, daß ſie mein edler Vater groß und reich gemacht, daß er die Krongüter vergeudet, um ihre Dienſte über Maß zu lohnen; das Volk hat vergeſſen, daß er die Frei⸗ holde dem Edelmanne gleichgeſtellt⸗ daß ſeine Hand des Drients Handelsſtraße durch dieſes wüſte Land geleitet, daß er dieſe Stadt zur Königsſtadt erhoben, daß er die Nation vor einer ganzen Welt ſo hoch geſtellt, daß ſein ganzes Leben ein langes Opfer war für die, welche ihm der Himmel anvertrauet. Kein Aufruf ward voll⸗ zogen; nur einige der Obergeſpane führten uns ihre Wappner zu. Darum müſſen wir unſer Geſchick der Hand des Allmächtigen anvertrauen⸗ und der geliebte Gemahl, unſer Sigmund, muß fort von hier, fort noch in dieſer Nacht. Der Markgraf, den die Barone ſelbſt zum Schutz⸗ herrn Ungarns ernannt, flüchtig vor einem fremden Abenteurer, welcher im Bann des Papſtes liegt, und ſelbſt ſein Neapel voll Rebellen weiß? fragte Niclas ſtutzig. Es muß ſo ſeyn! Man vefeindet den Sigmund, weil man ſein Herz, ſeinen Geiſt nicht kennt, wie Ihr und 5 ich, weil des Ungarn Eiferſucht die Herrſchaft nicht dem Luxemburger gönnt, weil der Ungar fürchtet, daß die Untugenden ſeines Vaters Carl, und Wenzels, ſeines Bruders, auch auf ihn vererbt ſeyn möchten. Er darf die Ankunft des Durazzo nicht erwarten, der ihn per⸗ ſönlich haßt, und deſſen Herzloſigkeit und grauſames Gemüth ſelbſt das Leben des Geliebten antaſten könnte. Doch warum denn Trennung? Warum wollet Ihr auf einem andern Wege Sicherheit ſuchen? Warum nicht mit Eurem Gatten ziehen? „— ——„+— — . 103 Maria's zarte Geſtalt ſchien ſich zu erheben wie auf die ſſen, unſichtbaren Fittigen; die ſcharf gezeichneten, dunkeln daß Augenbrauen zogen ſich gegen die weiße Stirne hinauf; Maß feſt wie ein Mann preßte ſie die kleine Hand gegen den Frei⸗ ſchön gewölbten Buſen. Ich flüchtig, ich, Ungarns Köni⸗ ddes gin und die Tochter des großen Ludwigs? fragte, ſie von eitet, ſchönem Zorn erhitzt. Wir ſollten die Krone in den Sand r die hinter uns werfen, damit der Abenteurer ein Recht hätte, ſein das verlaſſene Kleinod aufzuheben? 11 velche Dann wird auch Herr Sigmund nimmer weichen, voll⸗ fiel mit gleicher Glut der kräftige Magnatenſohn ein. ihre Dann werden wir ſtehen in dem Thore der Königsburg⸗ der und nur über den zerfleiſchten Leibern wird dieſer falſche eliebte Blutsfreund ſeinen Einzug halten. 3 t noch Maria's Augen verloren den Ausdruck des Unwillens, indem ſie auf den Jüngling ſchaute, der, die Hand am Schutz⸗ Schwertgriff, mit den Blicken eines Helden eine ganze emden Welt herauszufordern ſchien. Sie ſeufzte tief auf und ſelbſt wandte ſich ab von ihm der Flügelthüre des Thronſaales tzig. zu, aus welchem mit heftigem Schritt und hochrothem weil Geſicht ihr Gemahl in die Vorhalle ſtürmte. hr und Weißt Du darum, Maria? fragte Prinz Sigmund ht dem mit kurzem Athem, die ihm entgegengeſtreckte Hand der aß die Gattin faſt unſanſt ergreifend. Wie einen Schulknaben ſeines haben ſie mich gemeiſtert, der bocksbärtige Palatin und Er darf Deine zärtliche Mutter. Alle Sünden meiner Kindheit, hn per⸗ ſelbſt die elenden Prager Groſchen, die ich von meinen uſames mähriſchen Vettern auf das kleine Wagland geborgt, tönnte. haben ſie mir jüdiſch vorgerechnet gleich einer Todſünde, det Ihr und mir zuletzt gar höflich den Stuhl vor die Thüre un neh geſetzt. O ich weiß, was dieſe Eigennützigen im Sinne tragen. Wenn ſie in Kampf gingen mit dieſem Durazzo, 104 könnten ſie ein Stücklein des goldenen Rockes einbüßen, mit welchem Dein edler Vater die Blößen ihres rohen Leibes bedeckt. Sie wollen Handel treiben mit Seel' und Ehre, Handel treiben mit Dir ſelbſt. Man will unſer Eheband zerreißen und Dich dem Herzoge von Orleans antragen, um Frankreichs Macht für ſich als Brautſchatz zu gewinnen und den unwillkommenen Uſur⸗ pator dadurch fortzuſcheuchen. Maria, ſprich, ſchwöre bei der Gnadenmutter, weißt Du um den entſetzlichen, kir⸗ chenräuberiſchen Plan dieſer Gottesläſterer? Und das frägt Sigmund, das mein König ſeine Maria? entgegnete die Königin erſchüttert. Du haſt ein friſches Beiſpiel ſolchen Frevels! ſtürmte der Prinz weiter; warf nicht die Schweſter Hedwig den wackern Oeſterreicher, den das Sakrament an ſie gebun⸗ den, fort, und nahm des heidniſchen Jaghels unſaubere Hand, um nur die Krone Polens zu gewinnen? Um⸗ ſonſt hatten wir unſer Blut gewagt gegen dieſe Litthauer, umſonſt unſer ſcharfes Schwert dem Semovit gezeigt und das Polenland beben gemacht: wie heute ſiegte dort die Zunge im weibiſchen Reichsrathe, den die Natur zum Spott mit ſtattlichen Bärten geziert. Maria umſchlang den Gemahl mit beiden Armen und legte ihr ſchönes Haupt an die breite Bruſt des kräfti⸗ gen, ſtattlichen Fürſten. Maria iſt keine Hedwig, ſagte ſie leiſe, doch bebte ihre Stimme im Seelenſchmerz; unſer Gelübde hörte der Himmel, und nur der Tod kann es löſen. O Sigmund, ſollte nicht Mariens Vertrauen wan⸗ ken, wenn der Mann ihrer Seele im Mißtrauen ſchwankt? Der Fürſt drückte ſie feſt an ſich und ſtreichelte be⸗ ſchämt ihre Wange. Mit leichtem Tone rief er dann: So mag's d'rum ſeyn! Auf, Freund Riclas, laßt die mi ßen, hen eel will von als ſur⸗ bei kir⸗ eine rmte den bun⸗ bere Um⸗ mer, und t die zum und äfti⸗ ſagte unſer n es wan⸗ inkt? e be⸗ ann: t die 105 Pferde ſatteln; ich mag keine Stunde mehr unter dieſen ſeelenloſen Larven wandeln, und beſtelle auch ein ſanftes, ſicheres Thier für unſern Schlick da: er hat gar ver⸗ ſtändig gefochten für unſere Sache, freilich eben ſo frucht⸗ los, wie die mächtige Donau die Felſen am eiſernen Thor bekämpft, um ſich eine freiere Bahn zu öffnen. Er deutete dabei mit lächelndem Blick zurück auf einen ſchmächtigen jungen Mann in ſchwarzer Kleidung, der mit ihm eingetreten, doch ſich in ſcheuer Ferne hielt. Und Ihr wollet die Königin zurücklaſſen, ihr heilig Haupt Preis geben dem blutbefleckten, gewiſſenloſen Feinde? fragte mit ſichtlichem Beben Gara. O ſo laſſet wenigſtens mich bleiben, laſſet mich haften mit meinem Herzblut für die Sicherheit der Herrin! Wer könnte ſie antaſten, die gekrönte Heilige! rief Sigmund, mit glühenden Blicken in das Antlitz der Gattin ſchauend. Sie iſt geſchützt durch ſich ſelbſt, durch das Gedächtniß des Vaters, das im Volke lebt. Iſt ſie ſich ſelbſt und mir getren, wird ſie die Siegerin ſeyn, und hätte der Durazzo ſein ganzes Banditenvolk und alle ſeine Lazzaronen ausgeſchifft. Auch ſoll ſie uns nicht lange entbehren. Zum Bruder Wenzel reiten wir: er ſoll uns Geld geben und böhmiſche Wappner; dazu werben wir an Deutſchlands Grenze ein tüchtig Häuflein eiſerne Lanz⸗ knechte, und ehe der Mond ſich wieder füllt, ſind wir wiederum zu Ofen und fegen dieſe feigen Italiener in das Meer, und feiern das Chriſtfeſt unter Lichterbäumen fröhlich und ſorgenlos, wie wir's als Kinder thaten. Ihr könnet ſcherzen, wo mir das kalte Entſetzen durch die Gebeine ſchleicht! ſagte der junge Edelmann. Laſſet uns fort, doch nicht die Donau hinauf, ſondern hinab, mit ihrem ſiegrauſchenden Laufe dem Feinde entgegen. 106 Führet die Königin mit hinweg aus dem Bereich dieſer falſchen Gewalten, zeiget ihr gekröntes Madonnenhaupt dem Volke, das reinern Sinn für das Große und Edle hat, als die zagenden Höflinge und die verderbten Bür⸗ ger. Meine innerſte Stimme ruft: Sieg mit der könig⸗ lichen Maria! Schmach und Unheil ohne ſie! Du viſt Deines Vaters ächter Sohn, lächelte Sig⸗ mund, hitzig wie Hundstagsſonne, brauſend wie Fels⸗ waſſer, nur der Vater in ſeiner Weiſe gegen uns, Du in der Deinigen für uns. Ich will Dir auszubrauſen geben, was in Dir ſprudelt: Du ſollſt unſer junges Heer geradeaus führen gegen den Feind. Willſt Du mit uns, Maria? Der Einfall gefällt mir ſeiner Ritterlich⸗ keit wegen und würde alle Pfiffe dieſer weiſen Reichs⸗ räthe zu Schanden machen. Du kannſt Dir den Platz wählen hinter meinem Sattel, oder auf dem Roſſe dieſes tapfern Turnhelden. Nur in der Trennung ſehe ich Hoffnung und Heil⸗ antwortele die Königin. Zwiſchen zwei Parteien, ſich zwar feindlich, doch gleich im Haſſe gegen den Mann meiner Liebe, würdeſt Du jedenfalls das Opfer ſeyn. Mich bindet die Pflicht; der König, welcher lebend ſeine Krone läßt, verdiente nie den goldenen Reif! ſprach Vater Ludwig. Grauſam iſt mein Weſen geſpalten von Schickſals Hand: ich möchte Dich feſt umklammern, Dich ſchirmen mit der ſchwachen Bruſt, und wieder kämpfe ich mit tödtlicher Angſt, ſo lange ich Dich in dieſen tückiſchen Mauern weiß. Löſe ſchnell die Folterqual: reiſe und achte meines Jammers nicht. Und Euch befiehlt die Königin, ihrem Gemahl zu folgen, wie es Treue und Pflicht erheiſcht. — Sie barg erſchöpft das Antlitz an des bewegten Gatten li ieſer aupt Edle Bür⸗ nig⸗ Sig⸗ Fels⸗ Du uſen inges mit rlich⸗ eichs⸗ Platz dieſes Heil, ſich Mann ſeyn. ſeine ſprach n voen kämpfe dieſen reiſe hlt die ue und Gatten 107 Bruſt, indeß Gara verſtummt ſich beugte in ſchmerz⸗ lichem Gehorſam. Der alte Reichspalatin ſtörte die Scene. Den langen ſchwarzen Knebelbart mit den Fingern ſtreichelnd, trat er mit ſtechenden Blicken heran. Noch nicht zu Roß, Herr Sigmund? fragte er mit Hohn. Euren ſtachlichten Wor⸗ ten nach glaubten wir Euch ſchon längſt jenſeits der Donau. Haben wir Euch zu unſerm Reiſemarſchall ernannt? fragte Sigmund heftig zurück. Wir reiſen, Herr Pala⸗ tinus, aber wir kehren bald wieder, und mit Gott in tüchtigerer Geſellſchaft, als die, der wir ausweichen. Spöttiſch antwortete der Palatin, indem er einen verächtlichen Blick auf den ſchwarzen jungen Mann warf, der beſcheiden fern ſtand: So nehmet denn auch eine Lehre mit für die Zeit Eurer Rückkehr, Prinz. Bringet nie wieder eine ſolche plaudernde Elſter mit, wo die Adler und Falken ſitzen; ihre ſcharfen Krallen und Schnäbel möchten nicht immer das Mitleid gelten laſſen wie heute. Sigmund maß den bärtigen Ungar vom Kopf bis zur Sohle; ſein krauſes Lockenhaar ſchien zu wallen über dem männlichen ſchönen Angeſichte, und wahrhafte Kö⸗ nigswürde ſtrahlte aus Augen und Geſtalt des jungen Fürſten, der zu den ſchönſten Prinzen ſeiner Zeit gerech⸗ net wurde. Herr Nicolaus, ſprach er mit Kälte, ich ſah nur einen Adler im Reichsrathe: ich ſaß dem Spiegel gegenüber! Der Andere gehörte zum Geſchlecht der Ha⸗ bichte und Eulen, die nicht in's Sonnenlicht zu ſchauen berufen. Verdienſt und Wiſſen gilt uns mehr als Fauſt und Prahlſucht, denn wir können an Einem Tage tau⸗ ſend Edelleute machen, aber in tauſend Jahren nicht Einen Gelehrten. Auf Wiederſehen, Herr Palatinus! —————— 108 Marien an der Hand wandte er ſich raſch nach der Thüre, die in das Innere des Schloſſes führte, doch der erbitterte alte Gara trat ihm nach und rief: Die Regentin verlangt nach Euch, Maria; ohne Säumniß, lautet ihr Befehl. Hat meine Mutter heiß und treu den Vater geliebt, wird ſie nicht zürnen ob meinem erſten Ungehorſam, entgegnete Maria mit Schärfe, aber auch mit Wehmuth. Zuerſt den Abſchied auf lange von dem Gatten, dann zur Mutter! Das junge Königspaar verſchwand, mit ihnen der Doctor; der Palatinus knirſchte heimlich mit den Zähnen und ſchlug die Sporen zuſammen, dann drehte er ſich raſch um, lachte hell und murmelte: Auf immer, wenn der heilige Stephan mit uns iſt! Als er ſich umgewandt, ſtutzte der alte Nicolaus, denn ſein Sohn ſtand ihm gegenüber, und düſter fra⸗ gend ſtarrten des Lieblings Augen in die ſeinen. Auf immer? hauchte halblaut des Jünglings Stimme ihn an. Welch ein Wort im Munde des Erſten am Throne, des getreueſten der ungariſchen Magnaten? Auf immer! wiederholte laut und ſtark der Pala⸗ tinus. Sie mögen gehen und ſich noch ein Stündlein ſchnäbeln gleich den girrenden Turteltauben. Man gön⸗ net dem Miſſethäter ja das traurige Feſtmahl am letzten Lebensabend. Daß dieſem ſtolzen, länderloſen Prinzen ſich ſich die Thüre der Königsburg, ja das Thor des Ungar⸗ landes nicht wieder öffnen ſoll, dafür wird Gara ſorgen. Vater, zum erſten Male verſteht der Sohn Dich nicht, lallte der verſtörte Jüngling. Könnteſt Du den ſtolzen, freien Nacken beugen unter des Neapolitaners Joch? Der Palatinus lachte laut und ſchallend auf. Knabe, Du biſt von meinem Blut, ſprach er dann leiſer, und Dr Lu thã Pf ſetz aut des vit ſich iſt. ſeir tro ſche drä mit zu Rel tig Nic ſelb ger, ben der doch Die — niß, ebt, am, uth. ann mit mit ann Auf aus, fra⸗ Auf ihn one, ala⸗ lein gön⸗ tzten ſich gar⸗ gen. lzen, tabe, und 109 Du ahneſt nichts von meinem innern Leben? König Ludwig war ein großer Mann, fromm und ſtreng, wohl⸗ thätig und tapfer, er dachte nie an ſich, ſondern nur an Reich und Volk. Ihm gehorſamen war des Ungars Pflicht und Stolz. Daß er uns dieſen Sigmund herein⸗ ſetzte, war ſeine einzige Sünde, und die Saat iſt ſchon aufgegangen in Diſteln⸗ und Neſſelwuchs. Dem Sohne des ſchlechteſten Kaiſers, dem Bruder des böhmiſchen Trunkenboldes, dem Verſchwender, dem Leichtfertigen, dieſem glattzüngigen Markgrafen von Brandenburg beugt ſich kein Männerhaupt, das der eigenen Kraft bewußt iſt. Höre Deines Vaters tiefſtes Geheimniß, und ehre ſein Vertrauen durch ſtrengen Gehorſam. Er ſah ſich in der leeren Halle um und zog den be⸗ troffenen Sohn in die Fenſterwölbung. Längſt ſah mein ſcharfer Sinn voraus, fuhr er fort, was da kommen mußte, ſchloß der Tod des Königs Augen. Darum drängte ich mich an die ſchwache Königswittwe, riß ſie mit heißer Neigung in meine Ketten, daß ſie nichts mehr zu weigern hatte und mein Spiel geworden. Ich bin Regent von Ungarn und hoffe⸗ Niemand ſoll mir's künf⸗ tig wehren. Und doch ließeſt Du den Durazzo landen? fragte Niclas, mit Beben zuhorchend. Ich glaube nicht an ſeine Tollkühnheit. Doch da er ſelbſt ſich keck in meine Hand gegeben, ſo iſt's mein Aer⸗ ger, daß er nicht den Sohn mit ſich gebracht, den Kna⸗ ben Ladislaus, für den er die Krone Ungarns gewinnen will. Die kluge Margareth hat lange flehen müſſen, che er den Sohn in ihrem Schooße ließ. Durazzo wird einziehen in Ofen, aber frage nach zwei Monaten, wer ſeinen Rückzug geſehen. 110 Doch Sigmund, unſer Herr? drängte der junge Gara mit ängſtlicher Ungeduld. Geſchieden iſt er auf ewig von der Königin, ſobald ſein Pferd ihn heute über die Donau getragen! erwie⸗ derte trotzig der Palatinus. Schon ſorgt der Kardinal Demetrius für den günſtigen Spruch des Papſtes. Zu⸗ gleich iſt die Verſöhnung ſchon bereitet mit dem Könige von Bosnien, dem mächtigen Twartko, wenn er auch in dieſem Augenblicke noch an der Seite des verwegenen Carls in Feindes Maske gegen uns heranzieht. Die Slaven alle, dieſe Horwathi's, Palisna's und Szecks ſol⸗ len im Staube kriechen unter der gewaltigen Hand des Gara's, dem ſie Gehorſam geweigert. Kein Fremder ſoll die Krone wieder tragen: ein Magyar von ächtem Blute ſoll herrſchen in dem Reiche, das ſeine Väter, des Urals tapfere Söhne, einſt erobert. Und welches Haupt hältſt Du der Krone werth? forſchte Niclas ſcheu. Der Palatinus faßte den Sohn mit ſcharfen, leuch⸗ tenden Blicken und drückte ihm die breite Hand feſt auf die Schulter. Du biſt der Mann, rief er mit Triumph, Du ſelber ſollſt in dieſem Schloſſe herrſchen, der glück⸗ liche Stammherr eines neuen Herrſcherhauſes. Erbleicht wich der Jüngling zur Wand zurück, als hätte eine Geiſterhand ihn berührt. Ohne darauf zu achten, fuhr der Palatin fort mit wachſender Glut: Ich ſelbſt hätte mir mit ſtarrer Hand den goldenen Reif um die graue Scheitel legen können, aber das Volk liebäugelt gern mit einem jungen Herrſcher und gibt ihm ſich leichter zu eigen, weil es gleich einer beſtechlichen Buhlerin auf ſeine Schwäche hofft und weniger von ihm fürchtet. Du biſt mein Stolz, mein neu aufblühend Ich, ſo werde ich als De kun ver 2 nic ter, das Die Dit wet in! Kin Kro der Her herv acht Stir ſagte Voll und von ſchw mußt tige herv Nach Man ara ald wie⸗ inal Zu⸗ nige auch nen Die ſol⸗ des ſoll lute rals ſchte euch⸗ auf mph⸗ lück⸗ leicht eine fuhr hätte raue gern er zu ſeine biſt als 1¹1 Dein erſter Unterthan Dich unterweiſen in der Königs⸗ kunſt, und was mir das Geſchick an Lebensjahren noch vergönnen möchte, ſoll Dir dienen, feſtzuſtellen Deinen Thron, und Dich mächtig zu machen vor ganz Eurvopa. Und Maria? ſtammelte der junge Gara.— Lächelnd nickte der Alte. Sie iſt des allgeliebten Ludwigs Toch⸗ ter, ſprach er launig, ſie wird das heilige Palladium, das Dein neues Recht beſchirmen ſoll. Litt ſie doch gern Dich neben ſich als jugendlichen Geſpielen und zeichnete Dich aus, ſeit Dein Bart am Kinn geſproßt; ich möchte wetten, ſie wird den eitlen Sigmund leicht verſchmerzen in des ernſten Niclas Armen. Und ſollteſt Du das ſchöne Kind verſchmähen? Maria wird Dein Weib, ſie wird Krone und Bett mir Dir theilen, und ſo ſoll das Recht der Erbin uns Gewähr leiſten für die ſchlau erſiegte Herrſchaft. Maria? ſtieß der Jüngling wie ein Schwindelnder hervor. Kein edles Fürſtenblut rollt in des Gara Adern; Verachtung würde den frechen Werber tödten und Ver⸗ achtung von ihr! Er preßte beide Hände gegen die heiße Stirne. Die erſten Könige waren ſtarke, kühne Kriegsmänner, ſagte der Palatin mit Kraft, die den wilden Stier, Volk genannt, zu rechter Zeit bei den Hörnern faßten und ihn niederwarfen in den Sand. Du biſt berauſcht von der Botſchaft Deines unerwarteten Glücks. Träume, ſchwelge darin, und laß den Vater ſorgen. Auch Du mußt reiſen dieſe Nacht: der künftige König darf die blu⸗ tige Gefahr nicht theilen, muß rein an Hand und Herz hervortreten, wenn die Krönungsſtunde geſchlagen. Reite Nachts nach Machow, ſammle, ſo viel Du kannſt, an Mannſchaft und warte unſeres Winks, dann ziehe raſch 447 nach Süden hin. Auf dem Schloſſe Gorian ſetze Alles in Bereitſchaft, die Königinnen zu empfangen: der Vater wird Dir die Geliebte bringen. Du haſt Zeit bis dahin, in feinſter Rede Dich zu üben, den ſchönſten Platz zu wählen und zierlich auszuſchmücken, wo Du Dein erſtes Herzenswort der Braut in den erröthenden Buſen zu werfen geſonnen. Daß ſie Dir kein Nein zurückgibt, da⸗ für bürgt Dir Dein Vater und die Königin Eliſabeth. Die Stunden drängen, an jedweder hängt ein ſchwer Gewicht auf Leben und Tod, wie es ſich hier oder dort hinſenket. Ein Weiteres darum zu Gorian, und ſo lebe denn wohl auf fröhlich Wiederſehen. Er ſchüttelte feſt dem Jünglinge die Hand, deſſen Verſtummen er als freu⸗ dige Ueberraſchung deutete, weidete ſeinen ſelbſtſüchtigen Blick noch einmal wohlgefällig an des Sohnes edler Geſtalt und ging in den Saal des Reichsraths zurück. So wie der Vater verſchwunden und eine tiefe Stille in der leeren Halle waltete, löste ſich des Jünglings Er⸗ ſtarrung in ein krampfhaftes Leben auf. Er warf die Augen ſcheu umher in jeden Winkel, als hätte in dem einſamen Steinbau Geſpenſterfurcht ihn ergriffen: er rannte gegen die Thüren hin, als ſuche er Flucht oder Hülfe; doch ohne ſie zu öffnen, kehrte er um, taumelte gegen das Fenſter und ſtieß es auf. Der kalte Athem des rauhen Oſt, der herein blies, ſchien den Brand in ihm zu dämpfen und ihm Befinnung zurückzugeben. Heiliger Stephan, ſchrie er in die fliegenden Wolken hinauf, laß die Verſuchung an mir vorübergehen! Aber iſt nicht der Eine ſündige Gedanke ſo gut wie Frevel⸗ that? ſetzte er heftiger hinzu, und in die Kniee ſtürzend, die Hände vorhaltend, ſprach er mit Haſt und Inbrunſt: Vergib, Maria! Mein iſt nicht dieſe Schuld. Ein fremdes lles ater hin, zu ſtes zu da⸗ eth. wer dort lebe feſt reu⸗ igen dler ück. tille Er⸗ f die dem ier oder melte them d in eben. olken Aber evel⸗ zend, unſt: mdes 113 Gift raste einen Augenblick lang mir im Gehirn und durch des Herzens Adern. Vergib, du fromme Maria, du fleckenloſe Königin. Auf ſprang er dann. Ich will ſie büßen dieſe Schuld, als hätte ich ſelber ſie auf mich ge⸗ laden. Ich will entbehren, was mir iſt wie Licht und Luft. Fort muß ich jetzt mit ihm und ſogleich. Des Va⸗ ters Abſicht gibt ihr Schirm, mehr als ſie von mit ha⸗ ben konnte. Sie iſt das Juwel in ſeinem ſtolzen Traume; er wird das Leben daran ſetzen, dieſes koſtbare Kleinod nicht zu verlieren. Doch ich muß verſchwinden, mit mir ſeine Hoffnung. Der Vater darf mich niemals wieder⸗ ſehen. Und ſie? Auch ſie nimmer ſchauen, hören, nicht mehr blicken in dieſe Augen mit der Empfindung des Knaben, der zum Sternenhimmel aufſchaut? nicht heim⸗ lich mehr mich weiden an der königlichen Geſtalt, ſo wie man von fern zu dem umſtrahlten Gnadenbild die Au⸗ gen ſcheu erhebt? Wirſt Du's ertragen, Gara? Fort, Verſucher! Ich breche deine Schlingen! Niclas! Sie nannte Dich den treuen Freund; ſie gab Dir arglos ihr Vertrauen. Verdiene Beides! Maria, Niclas Gara gehorcht der Königin, und wäre ſein Gehorſam Tod und Hölle. Erſtaunt ſahen die Reichsräthe und Barone, die aus dem Saale getreten und mit verdüſterten, ſorgenvollen Mienen ſchweigend die Vorhalle durchſchritten, den Jüng⸗ ling mitten durch ſie hinſtürmen und ohne Ehrfurcht ſich gewaltſam Platz machen bis hin zur äußern Pforte. Der Undank iſt ein gemeines Laſter, aber zur Schande der Menſchheit eines der allgemeinſten. So ſehr dieſes Vergeſſen empfangener Wohlthaten, dieſes Losſagen von 8 Blumenhagen. XVI. 13 3 114 der natürlichſten Verbindlichkeit, die, der reinen menſch⸗ lichen Natur angehörig, ſich ſo wahr und lieblich im un⸗ mündigen Kinde ausſpricht, das edle Gemüth empört und mit Abſcheu erfüllt, ſo ſind dennoch alle Blätter, die von der Geſchichte des Geſchlechts, das ſich die Herren der Erde nennt, erzählen, mit zahlloſen Beiſpielen beſchmutzt, die darthun, daß der Undank heimiſch geworden unter den Menſchen, daß dieſe Seelenpeſt durch Hütten und Paläſte fortſchlich, kein Volk und keinen Stand verſchont, und ihr Gift, ſo lange Menſchen leben, nicht getilgt ſeyn wird. Iſt es doch dem verdorbenen und ſchlechten Ge⸗ müth ſo bequem, ſich loszuſagen von dem, was es drückt, beläſtigt, und was mit heimlicher Stimme, doch darum deſto quälender, täglich fordert. Carl von Durazzo, der zum Schrecken des ſchon durch Parteiung zerfleiſchten Landes ſeinen Fuß zu Zeng an's Land geſetzt, dankte Alles, was er war, dem großen Ludwig, dem Vater der Königin Maria. Ludwig hatte ihm in Ungarn eine Zuflucht gewährt, als die Herr⸗ ſcherin Neapels, die grauſame Johanna, die Anſprüche des alten Herzogs von Durazzo auf ihr Reich mit ihm in einem Kerker vergrub, der zu ſeinem Grabe wurde. Ludwig hatte ihn erzogen, zum Feldherrn gebildet, ihm durch Rath und Heereshülfe die Krone Neapels verſchafft und die eigenen Anſprüche auf dieſes Erbe der norman⸗ niſchen Guiskarde und Tankrede wie der Hohenſtaufen, auf dieſes Paradies Italiens, ſeinetwillen aufgegeben. Dafür aber hatte ſich Ludwig in Sorge um ſeiner Töch⸗ ter Erbtheil die Verzichtleiſtung auf die Kronen Ungarns und Polens von dem jungen Vetter beſchwören laſſen, deſſen Charakter ſchon damals der weiſe Monarch ſcharf⸗ — ſinnig durchſchaut. Die Schlange ſchmiegte ſich in den tors Agr deſſi wei ſein blic ſch⸗ un⸗ ind on der tzt, ter ind nt, n Ze⸗ ckt, um rch s. en tte rr⸗ che de. hm fft in⸗ en, en. ch⸗ n, rf⸗ en 11⁵ Staub, ſo lange der alte Löwe lebte, ſo lange die An⸗ ſprüche des Hauſes Anjou ihm zu ſchaffen machten. Jetzt aber, ſtolz geworden durch das errungene Glück, erhob die Schlange das Haupt mit dem blutigen Kamm, ihre Feuerblicke ſchoßen in begieriger Glut hinüber nach dem Reich der tapfern Magparen, das ihm unerſchütterliche Kriegsmannen geben konnte und in ſeinen Gebirgen Gold und Silber bewahrte: die beſten Waffen in drängender Zeit. Entartete Söhne Ungarns, ehrgeizige, ſelbſtfüch⸗ tige Rebellen ſpornten des Neapolitaners Begier; leicht ſchien der Sieg über die Unerfahrenheit und Schwäche weiblicher Regenten, die nur eine ſchwache Stütze an dem leichtfertigen Sigmund finden konnten, und keck be⸗ ſtieg Carl das Schiff und warf den läſtigen Ballaſt des Dankes und der Erinnerung in die Wellen des adriati⸗ ſchen Meeres, in dem günſtigen Südwinde, der ſeine Segel füllte und ihn ſchnell und unbefährdet von der Streifflotte der Venetianer zum Ziele trug, das gün⸗ ſtige Omen ſeiner Herrſcherpläne entgegennehmend. Von dem Scheitel bis zur Sohle durcht einen leicht gearbei⸗ teten Silberpanzer bedeckt, ritt der kleine, ſchmächtige Fürſt in das Land hinauf, deſſen Krone ſeine unerſätt⸗ liche Herrſchbegier zu gewinnen gedachte. Aber in dem flachsumlockten, milchweißen Antlitz, welches aus dem aufgezogenen Helmviſir geſpenſtig faſt hervorſchaute, ſtrahlte nicht die Sicherheit eines glücklichen Triumpha⸗ tors. Mißtrauiſch blickte er jetzt auf den Biſchof von Agram, der auf einem ſtillen Maulthier neben ihm ritt, deſſen Wort ihn herübergelockt trotz der Warnung der weinenden, ahnungtrüben Gattin, trotz der Kindesbitte ſeines Prinzen: Bleibe bei uns, Vater! Mißtrauiſch blickte er zur andern Seite auf das wilde, von Leiden⸗ 1¹6 ſchaft gefurchte Angeſicht des Johannes Horwathi, der in unverhehlter blutdürſtiger Freude ſeinen Hengſt tum⸗ melte, und, je näher ſie der Königsſtadt kamen, je lau⸗ ter und ungeſtümer den kleinen Heerhaufen zottenbärtiger Kroaten, die hinterdrein zogen, mit keckem Wort von Sieg und Beute zu erhitzen ſuchte. Furcht ſchreitet überall dicht neben dem Verbrechen. Nur der Blick voraus, wo ſeine italieniſche Leibgarde, geführt von dem ſtattlichen Grafen Alberigo, ernſt und geſchloſſen ritt, ſchien auf Augenblicke in ſeiner Seele die unkönigliche Beklemmung zu mildern. Doch keine Feindesſchaar trat, wie ſie ge⸗ fürchtet, ihnen entgegen. Das Land ſchien ein Haus, wo man Thüren und Fenſter den Räubern zum bequemen Einbruch geöffnet. Als ſie jetzt um eine Gebirgsecke zu beügen im Be⸗ griff waren, hielt der König unerwartet ſein Roß an und fragte ſcheu: Was hebt ſich dort ſo dräuend zu den Wolken gleich des Veſuvs zackigtem, zerriſſenen Gipfel? Habt Ihr die Gegend vergeſſen, mein edler Herr, wo Ihr Eure Jugend durchlebt? fragte der Biſchof zu⸗ rück. Jene Siberfläche dort links iſt der Plattenſee, auf dem Ihr gar oft im Boot gefiſcht; dort rechts rauſcht die Donau Euch eine Willkommenshymne Namens ihrer Söhne; vor uns am Schluſſe des Thales zwiſchen Berg und Strom begrüßt uns das Ziel unſerer Wünſche: jene beiden Spitzen, die in den Strahlen der Mittagsſonne herüberleuchten, ſind die Zinnen vom Schloß Wiſſegrad und der Königsburg zu Ofen. Schon? ſtieß der König in Vergeſſenheit hervor. Endlich! Majeſtät, ſolltet Ihr rufen! jubelte Johann Horwathi und ließ den krummen Säbel um ſein Haupt ſchwirren. Bald ſind wir am erſehnten Platze, um den wa Eu gen pel beg Ba ter trei Sie abe Nec ſtra der m⸗ au⸗ ger von rall wo hen auf ung ge⸗ wo nen Be⸗ an den fel? err, zu⸗ auf ſcht hrer er jene nne rad ann upt den 117 hochmüthigen Eunuchen dieſer Sultaninnen die Kehlen zu kitzeln, uns die verpfändete Ehre einzulöſen mit dem Herzblute dieſes Gara, der gleich einem Könige ſich er⸗ dreiſtete, Bans zu machen und abzuſetzen, und deſſen Kopf ſich köſtlich auf der Lanze eines Kroaten ausneh⸗ men wird. Keine Blutthat, kein Rachefeſt ohne Noth! antwor⸗ tete der König ſtreng. Wir ſind nur gekommen, der Ungerechtigkeit jener Stolzen ein Ende zu ſtecken, und den Ruin des ſchönen Reichs, das unſer großer Vetter reich und ſtark gemacht, durch eine Verſöhnung der ſtrei⸗ tenden Parteien zu hindern. Wir wollen in der Königs⸗ ſtadt erſcheinen als ein Friedensfürſt und, zwingt uns keine Widerſpenſtigkeit, mit Freuden das Schwert in der Scheide laſſen. Ihr belobt den ſeligen Herrn Ludwig? fragte Hor⸗ wathi mit höhniſch aufgeworfenem Munde. Und doch ſpricht man laut davon, durch Königs Ludwig Rath ſey Euer Vater erwürgt worden, weil er ein Mitſchuldiger geweſen an dem Morde, den Eure Vorgängerin in Nea⸗ pels Herrſchaft, die ſtolze Johanna, an dem Gemahle Andreas, dem Bruder Ludwigs, beging oder wenigſtens begehen ließ, ſie, die vierſpännige Ehefrau! Der König biß die Lippen mit den Zähnen. Herr Ban von Dalmatien, Ihr habt mir ein Pferd von ſchlech⸗ ter Schule gegeben, ſagte er; Ihr ſehet, mein Sporn treibt es nicht aus der Stelle. Kein kräftiger und edler Roß ward auf den Weiden Siebenbürgens erzogen, entgegnete Horwathi boshaft; aber der Majeſtät Gedanken ſind nicht hier, ſondern in Neapel, ſonſt würde Eure Hand die Zügel nicht ſo ſtraff anziehen und dem Thiere Raum geben, Euch 118 im Fluge ſtolz dahin zu tragen, wo eine Krone Eurer wartet. Welch eine Staubwolke erhebt ſich dort vor uns! rief der König veſchämt und zugleich neu aufgeregt. Seht⸗ unſer tapferer Alberigo ſpringt ſchon hinan, um zu er⸗ kundigen, was uns drohen dürfte. Horwathi rief ſeinen Kroaten zu, ſich zum Kampfe bereit zu machen. Doch als er ſich nachher hoch in die Bügel geſtellt und mit dem Falkenauge ſcharf hingeſchaut, rief er laut lachend: Die Sünder können's nicht erwar⸗ ten, bis wir kommen zum Gericht. Schneeweiße Un⸗ ſchuldsfähnlein wehen vor dem Zuge, ja ich erkenne ſogar den goldenen Rieſenwagen der Königinnen. Man kommt, Euch einzuholen wie einen Bräutigam, und wahrlich, ich fange an zu fürchten, wir hätten umſonſt unſere Damascener zu einem Blutfeſte geſchliffen. Und des wilden Ungars Scharfblick hatte nicht ge⸗ trogen. Es waren wirklich die beiden Königinnen, die in der Staatskaroſſe, umgeben von der friedlichen, doch hochgeſchmückten Hofdienerſchaft, und nur von einem kleinen Geleit der jüngſten Barone des Reichs begleitet, dem Feind ihrer Ehre und Hoheit entgegen kamen. Auch dieſer ſeltſame Staatsakt war in dem träumeriſchen Hirn des Palatinus entſprungen, und es ſchien faſt, als habe er ein Wohlgefallen an der Erniedrigung der königlichen Familie, um demnächſt durch die neue Erhebung aus dem Staube, durch die blutige Ausgleichung dieſer De⸗ müthigung, die er ſeiner eigenen Hand vorbehalten, ſeine Wichtigkeit, ſeine Unentbehrlichkeit vor den Fürſtinnen wie vor dem ganzen Reiche friſch zu beleuchten, und für ſeine ſtolzen Pläne ſich die Bahn zu ebnen. Auf meines Vaters Thron, unter meiner Krone werde rer ns! ht, er⸗ pfe die rut, ar⸗ Un⸗ nne Nan und onſt ge⸗ die doch nem itet, Auch Hirn habe ichen aus De⸗ ſeine nnen für erde 1¹9⁰ ich den falſchen Blutsfreund und die verrätheriſchen Edeln erwarten, ſprach die Königin Maria, deren Muth wuchs, je näher die Gefahr dräute, wie es immer ſich zeigt in edeln, reinen Seelen; ich will die Hand erwarten, die es wagen wird, von meinem ſchuldloſen Haupt das Erb⸗ theil des großen Ludwigs zu reißen. Die Hand wird ſich finden, und die Hand könnte mit der Krone das Haupt herabnehmen, entgegnete der Pa⸗ latin ſcharf und ohne Zartgefühl, obgleich er die Königin erbleichen ſah. Euer Vater war ein tapferer Herr, aber meinet Ihr, er ſey je in die Schlacht geritten ohne Pan⸗ zer, oder habe, wenn tauſend Tartaren ſeine hundert Ritter bedrängten, nicht einen verſteckten Waldweg ein⸗ geſchlagen, um ihnen zu entkommen? Alles zu ſeiner Zeit: hie die Fauſt, dort den Verſtand; Beides ſind Gaben von Gott zur Wehr der Größe gegen das arm⸗ ſelige Geſindel, das neidiſch ſich in ſeinem Schlamme wälzt. Um die Perle zu gewinnen, die hier an Euerm Halſe ſchimmert, tauchte der Fiſcher hinab in die trüben Tiefen des Meeres; um das Gold Eures Haarreifs an's Licht zu bringen, ſtieg der Bergmann in den ſchmutzigen Schacht. Die Rebellen haben uns überliſtet; wir müſſen ſie ſtärker erkennen als die Macht, die in dieſer Stunde uns zu Gebote ſtehet; aber unſere Schlauheit ſoll wett machen ihr raſches Spiel, und des Niclas Gara Kopf ſtehe Euch zum Pfande dafür: dieſe Spazierfahrt ſollen jene ungebetenen Gäſte Euch bezahlen mit gutem Preiſe. Beuge Dich, mein Kind! ſagte dringend die Königin Mutter; auch die Zeiten der Prüfung und Buße ſchickt der Herr. Der Palatin beſaß Deines Vaters Vertrauen, und hat er es nicht auch uns bewährt? Folge ihm; 120 Deine Mutter legt ihr Schickſal ganz in ſeine erprobte Hand. Soll ich dem Manne vertrauen, der den gelieb⸗ ten Gatten, den mir der Vater zum Schirm meines Lebens erkoren, von meiner Seite ſtieß? fragte Maria mit Bitterkeit. Er hat mich ſchutzlos gemacht, damit auch meine wehrloſe Jugend ganzhin ſein Netz fallen mußte, mit dem er Eure Klugheit, Euer Herz ſchon längſt umgarnt. Frau Eliſabeth erröthete bis zum Bu⸗ ſen hinein und wandte ſich ab. Ja, Herr Niclas, fuhr Maria fort, ich ſpreche es Euch ohne Hehl, wäre mein Sigmund nicht fort, fern ſchon in der Fremde, ich würde ihn jetzt nicht laſſen, ich würde ihm folgen in die Verbannung. Einſam ſtehe ich unter der eiskalten Krone, die nur, mit dem Geliebten getheilt, mir ein ſchoner Lebensſchmuck geweſen, und Eure kalten, heim⸗ lichen Anſtalten gaben mir eine lange Todesqual und umringen mich mit ſchaurigen Geſpenſtern. O warum mußte die Furcht um Sigmunds Leben alſo meine Sinne umſchleiern, daß ich nicht über jene Trennungsſtunde hinausſah? Der große König Ludwig blieb auch ein Menſch, antwortete Gara mit Härte. Daß er bei dem ſchutzloſen Knaben Sigmund Euren und Ungarns Schutz ſuchte, gehört nicht zu des Königs klügſten Gedanken. Trotzig und herriſch ging er zur Thüre und rief nach dem Wa⸗ gen. Die Königin verbiß die Antwort, denn ſie hielt es unter ihrer Frauenwürde, mit einem Vaſallen um eine Beleidigung zu hadern, die zu ſtrafen jetzt nicht in ihrer Macht ſtand, und als die Mutter jetzt mit bitten⸗ dem Blick ihre Hand ergriff, folgte ſie ihr zu der des Schloſſes. zum fols läch dieſ Geſ ten bech Eue ſtra thro mer Gar licht Ung den Zau legt Zau dem win Nic könr alsd Sch Han Zug bte eb⸗ es ria nit len on u⸗ uhr ein in ten ein im⸗ und nne nde ſch, ſen hte, tzig Pa⸗ ielt um in ten⸗ orte 12¹ Tief beugte ſich der Palatin in ſpöttiſcher Demuth zum Abſchiede. Ihr beſteiget nicht Euer Pferd? Ihr folget uns nicht? fragte die Königin überraſcht. Vollauf beſchirmt ſeyd Ihr durch Eure Schönheit, lächelte der Palatin, durch Eure Klugheit. Gebraucht dieſe ſiegreichen Waffen nach Weiberart. Mein ſtarres Geſicht möchte die Freundlichkeit des Empfanges beſchat⸗ ten und dem lieben Gaſte Wermuth in den Willkomms⸗ becher ſchütten. Alſo verlaſſen! ſprach Maria feſt. Sigmund und Euer Sohn hätten anders gethan. Aber die Sonne ſtrahlt feſt und unverlöſchlich über uns, und über ihr thronet, der ſie ſchuf und uns, und ſeines Engels Flam⸗ menſchwert iſt ſchärfer als das Eure. Mit feſtem Schritt ging ſie zum Wagen; Nielas Gara aber bog ſich wie zum Handkuß gegen die könig⸗ liche Wittwe und ſagte halblaut: Eliſabeth, hütet die Ungezogenheit des Kindes. Verſüßet, was ſie Bitteres den ſchlimmen Gäſten auftiſchen möchte. Laßt all' Euren Zauber los, um ihn trunken zu machen. Euer Freund legt ſelbſt ſeiner Eiferſucht für einige Tage den eiſernen Zaum an, um in einer langen Zukunft dafür Erſatz in dem ungekränkten Beſitz ſeines höchſten Gutes zu ge⸗ winnen. Geht ſtolz und ſicher dieſen rauhen Weg: der Niclas haftet für ſein Verſprechen; ſein Tod allein könnte ihn wortbrüchig machen, doch ſein Schatten würde alsdann mitternächtig dem Grabe entſteigen und Euer Schloß von dieſem Ungeziefer reinigen. Eliſabeth drückte dem bärtigen, ſtolzen Krieger die Hand, und zu der Tochter ſtieg ſie in den Wagen. Seht Ihr den Palatin, den Gara an der Spitze des Zuges? fragte Konig Carl den Horwathi, als die fürſt⸗ 3 122 liche Karavane immer näher rückte, und die krankhaften Roſen auf ſeinem bleichen Geſicht erzählten, ohne daß er's gewollt, von ſeinem Herzklopfen⸗ indem er den ge⸗ fürchteten Namen ausſprach. Der alte Fuchs wird ſich in ſeinen Bau verſteckt ha⸗ ven, als er Euch, den gewaltigen Jäger, geſpürt, ant⸗ wortete Horwathi. Auch der Brandenburger Sigmund ſcheint nicht dabei, denn ich ſehe nirgends des eiteln Junkers langflatternde Stutzerlocken. Alberigo läßt ſei⸗ nen Schecken neben der Kutſche tanzen und ſchwenkt den Federhut im Reſpekt mit der Rechten. Der König that einen tiefen Athemzug und, aller Belaſtung frei, verklärte ſich ſein Antlitz und ſeine kleine Geſtalt ſchien im Sattel mehrere Zoll zu wachſen. Kühne Frauen! Gut franzöſiſch Blut! ſtieß er hervor. Das Vertrauen der Damen ehret uns, und wir wollen es zu verdienen ſuchen! Er ſetzte ſein Pferd in Galopp, und nicht lange, ſo trafen beide Züge auf einander. Als Carl beide Königinnen wirklich im Wagen erblickte, ſchien der Reſt vom Menſchlichen in ſeinem Herzen aufzuwal⸗ len: er ſtieg ſogleich vom Sattel, löste den Helm vom Haupte und näherte ſich in ſichtlicher Verlegenheit, und dieſe wuchs, als Maria ohne Bewegung in den pur⸗ purnen Kiſſen lehnte, ſeinen Gruß nicht erwiederte, aber mit dem Blicke der großen, leuchtenden Augen Alles, was in ihrem ſtürmiſch wogenden Buſen laut ſprach, ihm entgegenſtrahlte. Die verſchmitzte Eliſabeth nahm jedoch ſogleich das Wort und verwiſchte den böſen Ein⸗ druck. Des Himmels Segen über Euch, Vetter! ſprach ſie laut. Mögen die Heiligen den Beſchützer unſerer Rechte ſchirmen in ſeinem Werk. Als ſolcher bin ich da, antwortete der König raſch; hat ich⸗ des ſo nie arr wir nut Lei ver keit unſ mel kan keir dar wir laſſ den gro als Rei für ver! uns erle zun ften daß ge⸗ ha⸗ ant⸗ und teln ſei⸗ den aller leine ühne Das s zu und Als chien wal⸗ vom und pur⸗ aber llles, rach, nahm Ein⸗ prach ſerer raſch; 123 Mitleid mit dem herrlichen Reich des edlen Ludwigs hat mich herbei gerufen. Ausſöhnen, gut machen will ich, was die Zwietracht der Parteien verdarb. Der Geiſt des großen Königs, ſein Bild rief mich zu Euch; denn ſo lange ich athme, wird das Gedächtniß an ſeine Gunſt nie in Carls dankbarem Herzen verlöſchen. Wenn die Seligen Dank herabſenden können, wenn ſie ſich kümmern dürfen um das Geſchick Derer, die im armſeligen Erdenthale nachblieben, ſo wird er für Euch wirken am Throne des Allmächtigen, wie Eure Geſin⸗ nung es verdient, entgegnete Eliſabeth faſt feierlich. Leichter ſetzte ſie hinzu: Ihr opfertet viel um uns. Ihr verließet das Paradies Eures Landes, die Bequemlich⸗ keit Eurer glänzenden Königsſtadt, Eure liebevolle Ge⸗ mahlin und Euren hoffnungsvollen Prinzen. Was kann unſer rauhes Land, durch den Sturm des Bürgerkrieges mehr zerriſſen als durch den winterlichen Nord, was kann die für Euch geöffnete Burg Königs Ludwig, die keinen ſchönen Damenkranz, keine üppigen Nachtfeſte darbeut, Euch für Erſatz leiſten? Die ehrwürdige Baſe, die ſchöne Schweſter Maria wird uns Alles vergeſſen machen, was wir zurückge⸗ laſſen, antwortete der König galant; aber nimmer wer⸗ den wir unſere Wohnung nehmen in den Zimmern des großen Ludwigs, damit wir jeden Schein vermeiden, als hätte uns irgend eine tadelnswerthe Abſicht zu dieſer Reiſe bewogen. Es wird ſich ſchon ein beſcheidenes Haus für uns finden in der Stadt, wo wir unſere liebe Jugend verlebt. Aber da Ihr, edle Frauen, ſo gnädig geweſen, uns ſo weit vom Ziel der Reiſe zu bewillkommnen, ſo erlaubt, daß wir die Gunſt mit Freude ſchlürfen bis zum Boden des Kelchs, und Platz nehmen bei den Freun⸗ 124 dinnen, um im traulichen Zwieſprach den Reſt des Weges zu vollenden. Schnell ward der König von ſeinen Dienern ent⸗ wappnet; ſelbſt ſchlang er ſich die neapolitaniſche Sei⸗ denbinde wieder um den ſchmächtigen Wuchs, und mitten zwiſchen den Königinnen nahm er ſeinen Sitz im Wa⸗ gen, mit leichter Galanterie das Geſpräch fortführend, an dem Maria keinen Theil zu nehmen entſchloſſen ſchien, wenn auch der Mutter Blick ihr ängſtlich winkte. Johann Horwathi veabſichtigte mit ſeinen Kroaten die Karoſſe zu umſchließen, aber die jungen Barone hatten ſchon ihre trefflichen Roſſe gewandt und geſchloſ⸗ ſen den Wagen eingekreist, und halblaute Flüche aus⸗ ſtoßend mußte der ſtolze Rebell hinterdrein ziehen, und verwünſchte heimlich den geckenhaften Herrn, der ſein neues leichtgewonnenes Regiment nicht mit einem Blut⸗ feſte einzuweihen und zu beginnen den Muth gehabt. Carl Durazzo hatte wirklich Wort gehalten: er war mit den Königinnen in Ofen eingefahren, aber ehr⸗ furchtsvoll hatte er ſie an den Thoren des Schloſſes verlaſſen, und den Palaſt eines geflüchteten Edelmannes dicht am Schloßberge bezogen. Die Fürſtinnen wur⸗ den faſt irr an ihm durch die Achtung, die er ihnen heuchelte. Doch nach wenigen Tagen drückte den heiß⸗ blütigen Italiener ſchon ſeine Maske; er ſah, wie das Volk und die Bürger Ofens wenig Theilnahme für ihre Königin äußerten, und mit ruhiger Verwunderung, ja mit dem Zeichen knechtiſcher Ergebung zu ihm auf⸗ ſtaunten, wenn er hochgeſchmückt an der Spitze ſeiner Leib woh Her Frei ten den Ade! Kön Hert garr Schl den, Vett mit des folgt nach zuſte Thei ausz ausſ zu e 5 beſet ben iſt, liefe Bew Rau und es nt⸗ ei⸗ ten La⸗ en, ten one loſ⸗ us⸗ und ſein lut⸗ war ehr⸗ ſſes anes ur⸗ nen eiß⸗ das für ung⸗ auf⸗ einer 125 Leibgarden die Straßen durchritt; er ſah, wie die nächſt⸗ wohnenden Edelleute, meiſt ſolche, welche durch die Herrſchſucht und den Geiz des alten Palatins in ihren Freiheiten und Rechten gekränkt worden, zur Stadt ſtröm⸗ ten und ſich den Horwathi's anſchloßen. So ließ er denn den Mantel fallen, rief zu ſich Alles, was ſich vom Adel in Ofen befand, und mit Schrecken hörten die Königinnen in ihrem Gemach den Trompetenſchall der Herolde, welche den König Carl als Gubernator Un⸗ garns verkündeten, ſahen, wie ihre Haustruppen im Schloſſe von den Italienern und Kroaten abgelöst wur⸗ den, und mußten wenige Stunden hernach den tückiſchen Vetter im Schloſſe ſelbſt empfangen, wo er dieſen Schritt mit der Nothwendigkeit und dem Drang der Barone und des Volks zu entſchuldigen verſuchte. Doch dem erſten, ſo wohlgelungenen Staatsſtreiche folgte der zweite gewaltſamere dicht auf den Ferſen nach. Unter dem Vorwande, ſchnell die Eintracht her⸗ zuſtellen und allen im Lande feindlich ſich bekämpfenden Theilen Genüge zu thun, ihre Beſchwerden zu hören und auszugleichen, ließ der neue Gubernator einen Reichstag ausſchreiben, und alle Prälaten, Würdeträger und Barone — zu einem großen Rath berufen. Der Tag erſchien, und die Herrentafeln zeigten ſich beſetzt, denn nur des Gara's vertrauteſte Freunde blie⸗ ben fern von der Höhle des fremden Löwen. Bekannt iſt, daß die Landtage Ungarns einſt ſehr ſtürmiſch ver⸗ liefen; das heiße Blut der öſtlichen Volksſtämme, das Bewußtſein körperlicher Kraft, gewohnte Ungebundenheit, Rauheit der Sitte und Härte des Wortes vereinigten ſich leicht, den Sturm, welchen ungebändigte Leidenſchaft und perſönlicher Haß herauf beſchworen, in wilden, ver⸗ 126 hoerenden Orkan zu verwandeln. Auch dieſes Mal zier⸗ kecke ten die Ruhe und Beſonnenheit, die Zucht und männ⸗ Witt liche Würde, die einer Einigung der Volksverteter den dem heiligen Charakter aufdrücken ſoll, dieſe Verſammlung nicht. und Carl Durazzo, faſt feenhaft beladen mit neapolita⸗ Reich niſchem Schmuck, eröffnete den Reichstag, und rief Je⸗ Ludm dermann auf, ſeine Beſchwerde auszuſprechen; doch ſetzt, kaum hatten mehrere Barone ſich von ihren Seſſeln er⸗ ſchlei hoben, ſo trat ſtürmiſch Paul Horwathi und der Biſchof Gem von Agram zu dem Sitze des Königs. Wozu der un⸗ ſeider nützen Worte, mein König, und warum die Zeit vergeu⸗ verfü den, die wie Wolken fliegt ohne Rückkehr? rief Letzterer ſeiner mit ſeiner mächtigen Prieſterſtimme. Volliet Ihr den Be⸗ det. ſchwerden horchen und alle die Klagen in Euer königli⸗ komm ches Ohr aufnehmen, die das gemarterte Reich ausſtoßen aufge willet vürfte, möchtet Ihr und dieſe edeln Herren zehn Mor⸗ genröthen erſcheinen, zehn Mitternächte herabſteigen ſehen. Heere Es bedarf keiner Beſchwerden, keiner Anklage und Er⸗ kraft, wiederung, ſobald ein Spruch erſchollen durch dieſen Frieg Saal, der Alles zu entſcheiden und zu verſöhnen, und Dutze den hellſten Tag aus langer Nacht heraufzurufen vermag. Sitte Und dieſer Zauberſpruch iſt? Nennet ihn uns mit dem heiligem Munde, Hochwürdiger, denn aus der geweihten Natu Lippe redet Gott! fiel der König ein mit ſichtlicher Kron⸗ Spannung. die Z Ungarn iſt eine Wittwe, welcher die eigenen Söhne garns die Kleider zerreißen, daß ſie ſchamroth daſteht vor den Krone Rachbarn, die ihr Schüſſel und Becher zerſchlagen, daß ſie Haupt hungert und dürſtet im eigenen Hauſe, fuhr der Biſchof König Ce mit Erhitzung fort. Ungarns Krone, der Schmuck der heiligen Könige, iſt in den Staub geworfen und von Horw frechen Händen beſudelt worden. Der Palatinus, ein Gott n⸗ en ht. a⸗ e⸗ och er⸗ hof un⸗ eu⸗ rer Be⸗ gli⸗ ßen r⸗ en. Er⸗ eſen und ig. mit hten cher öhne den ß ſie ſchof der von 127 kecker, undankbarer Günßtling, der Buhle einer königlichen Wittwe, nutzte die weibliche Ohnmacht und hauſet in dem königlichen Erbe, als wäre es ſein Räuberſchloß, und wir, die Diener der Kirche, die freien Barone des Reichs, ſeine Knechte. Die väterliche Schwäche Königs Ludwig hat die ſchwere Krone auf ein Kinderhaupt ge⸗ ſetzt, das nur geſchaffen, einen Myrtenkranz oder Nonnen⸗ ſchleier zu tragen, und der Fremdling, den er ihr zum Gemahl gegeben, iſt ein leichtfertiger Knabe, der ſeine ſeidenen Flatterlocken ſalbt, die Weiber ſeiner Diener verführt und im Prunkmahl und Tanzfeſt zur Genüge ſeiner Lüſte die letzten Reſte des Kronſchatzes verſchwen⸗ det. Wie ſollte von Dieſem Heil und Troſt und Balſam kommen? Haben wir auch das ritterliche Haus der Anjou aufgenommen auf unſern Thron, ſo ſind wir nicht ge⸗ willet geweſen, einen Weiberrock als Oriflamme unſerm Heere voranflattern zu ſehen, denn nur der Mannes⸗ kraft, nur der Mannestugend ſchmiegt ſich ein tapferes Kriegervolk, und dieſes Reich, auf deſſen Boden ein Dutzend Stämme wohnen, ſo ungleich an Abkunft als Sitte, bedarf vor allen der männlichen Fauſt, um mit dem Zügel von Erz zu lenken und zu zähmen, was die Natur ungleich erſchaffen und ſcharf geſchieden. Ungarns Krone auf eines ſtarken Mannes Haupt, und das Leid, die Zwietracht, das Unheil hat ein ſchnelles Ende! Un⸗ garns Männer, gebt die Krone dem Manne, der eine Krone zu erkämpfen und zu bewahren wußte, krönet das Haupt des rechten Erben, des Blutfreundes, des Zöglings Königs Ludwig! Carl von Reapel ſey unſer König! Carl von Neapel Ungarns König! brüllte Johann Horwathi. Fort mit der weiblichen Einfalt! Carl, von Gott geſandt, helfe dem Reiche! Tod den Verräthern 128 unſerer Freiheit! Vivat Carl, Ungarns König! Seine Freunde hallten im tobendſten, endloſen Geſchrei ſeinen Ausruf nach, ſo daß der Reichsrath für die, welche drau⸗ ßen horchten, einem tumultuariſchen Zechgelage trunkener Wüſtlinge oder dem wüſten Gewühl einer nomadiſchen Horde, die ſich durch thieriſches Gekreiſch zur Schlacht begeiſtern will, ähnlich erſcheinen mußte. Als endlich durch freundliches Winken und gnädiges Grüßen der König den Tumult gebändigt, und eine Stille der Erwartung auf ſein Fürſtenwort folgte⸗ ſah man einen Greis mitten im Saale ſtehen, kahl ſein ehrwür⸗ diges Apoſtelhaupt, lang herabfließend auf ſein reiches Pelzkleid der ſilberweiße Bart. Der König verſtummte und ſtarrte die Erſcheinung an. Sohne der Magyaren, wo iſt Euer Stolz⸗ Euer Hoch⸗ ſinn, Eure Treue? rief der greiſe Ungar, und ſeine Stimme bebte im Zorn und ſchlug gegen Aller Herzen. Nein, nicht ungewarnt ſollet Ihr die Ehre Eurer Väter zu Grabe tragen. Unterjocht werden kann ein edel Volk ohne Schmach und in Ehre untergehen; aber wenn ein Volk Verträge zerreißt, mit Undank ſich befleckt, heilige Eide bricht, dann ziehet der Himmel ſeine Hand von ihm, und ehrlos und verſtoßen irret es bis zum letzten Gericht unter den Fremden umher, ſelbſt ein verhaßter Fremdling überall gleich den verworfenen Kindern Iſraels, welche den Sohn Gottes verſpottet und getödtet. Ein treuloſes, ungerechtes Volk gibt ſich mit eigener Hand das Brand⸗ mahl, das unaustilgliche, der ewigen Schande. Söhne der Magyaren, ich warne Euch vor der Zunge der Ruch⸗ loſen und Eigenſüchtigen! Brechet die Treue nicht, denn es lebt Euer König, den Ihr gekrönet, dem Ihr geſchwo⸗ ren: es lebt die unbefleckte, ſchuldloſe Maria. gen unſ grei ler küm ruhi mei Gra und mei des des ihre eine ohn mal gold den dem unſi eine tiefl wor in B die nach treul ſehe ine nen au⸗ ner hen acht iges tille man vür⸗ iches imte och⸗ ſeine rzen. äter Volk ein ilige ihm, ericht dling velche loſes, rand⸗ Söhne Ruch⸗ denn ſchwo⸗ 129 Johann Horwathi fuhr ein auf den kecken Sprecher. Wer rief Dich, kindiſcher Emmanuel, von Deinen Ber⸗ gen? Was ſtöreſt Du, unbekannt mit unſern Plagen, unſer Werk? Grabe Dein Grab in Deinem Felſenſchloß, greiſer Thor, denn was kann den kinderloſen Einſied⸗ ler die Wohlfahrt des Reiches und ſeiner edeln Häuſer kümmern? Du haſt Recht, Horwathi, antwortete der Greis mit ruhiger Würde; ich bin der Letzte meines Stammes, mein Wappenſchild wird gebrochen werden an meinem Grabe, meine Schlöſſer werden der Krone heimfallen, und vielleicht ein Lohn des Schlechteſten werden. Aber meine Söhne fielen in offener Feldſchlacht gegen die Feinde des Vaterlandes, meine Väter ſaßen auf den Stufen des Thrones, als die Deinen um ein Kleid beitelten, ihre Blöße zu decken, und darum iſt das Reich mir wie eine Schweſter, deren Beſchimpfung ich nicht ſchauen kann ohne Blut und Todeskampf, und ich rufe daher noch⸗ mals: Söhne der tapfern Magyaren, hütet Euch, die goldenen Greife Ungarns ſchlagen ſchon unwillig mit den ſchwarzen Fittigen nach Euch. Wahret Eure Ehre, denn die verlorene kauft keine Reue zurück! Der König fuhr vom Seſſel empor. Wer iſt der unſinnige Alte? rief er heftig.— Der Greis trat ihm einen Schritt näher, und faßte des Königs Blick mit den tiefliegenden, halberloſchenen Augen. Auch Dich warne ich, wortbrüchiger Fremdling, der die Hand ſchon tief genug in Blut getaucht! ſprach er mit einer Geiſterſtimme. Zieh' die blutige Hand zurück und greife nicht ferner räuberiſch nach der Krone Deines Pflegevaters. Suche eilig das treuloſe Schiff, das zum Verderben Dich herantrug. Ich ſehe Blut an Deiner Stirne hell und friſch. Eine weiße Blumenhagen XVr. 9 130 Taube hackt mit dem zarten Schnabel an Deinem Hirn. Flüchte hinweg, eitler Prinz⸗ ſonſt wird Dein Sohn nicht weinen auf ſeines Vaters Grabhügel. Der König faßte ſich mit Entſetzen an das Haupt und ſchrie abgewandt: Befreit uns von dem Wahnſinni⸗ gen! und der Biſchof hallte nach: Hinaus mit dem Tollen, dem kindiſchen Alten! Werft ihn vom Fenſter hinab. Doch der Greis ſchien verſchwunden. Erſchöpft war er auf ſeinen Sitz geſunken, und die nächſten der jungen Edeln, die keiner von beiden Parteien angehörten und denen nur die ſichtliche Uebermacht Hand und Zunge band, pedeckten und verhüllten den Greis mit ihren Leibern. Raſch einen Entſchluß zu gewinnen, erweckten die Horwathi's von Neuem den vorigen Sturm. Man trug nochmals dem Könige die Krone an, er nahm ſie und ſofort wurde der Reichsſchluß gefaßt, Abgeordnete zu der Königin Maria zu ſenden, und ihr die Verzichtleiſtung auf Ungarns Herrſchaft abzupreſſen. Der Reichstag wurde im Schloſſe gehalten, und ſein Gelärm ſchallte hinüber bis in das einſame Frauenge⸗ mach. Wohl einſam und gar verlaſſen ſaßen die Für⸗ ſtinnen, umgeben von einer unheimlichen Stille, die oft dem Gewitter vorangeht, und was an ihre zarten Ohren ſchlug, glich dem dumpfen Gebraus heranſchwellender Meereswogen, wurde durch die Ungewißheit ſeiner Be⸗ deutung noch grauſenhafter, und übergoß ſie mit heim⸗ lichem Erbeben. Maria ſtand am Fenſter und ſchaute nach Weſten hinaus, wo vor dem Winde ſchwergeballte Wolken in ſeltſamen Formen heranzogen. Sie dachte der fernen Frer ſie t Heet zu i beth reich denk Eliſ kein Eph ſtolz feuch lige wan an i ſie, mrüg Mar Euch bis den mels 2 frag was Stu mäch mög beſch ſolch n. cht upt ni⸗ en, ab. er zen ind nd, die rug nd der ung ſein ge⸗ ür⸗ oft ren der Be⸗ im⸗ ſten 131 Freunde, ſie wünſchte ihnen die Fittige des Nordwindes, ſie träumte ſich dieſe dunkeln Luftmaſſen als ein tapferes Heer, das ihr zur Hülfe heranwogte. Die Mutter war zu ihr getreten, und ein ſchwerer Seufzer, der ſich Eliſa⸗ beths Bruſt entwand, weckte ſie. Sie drehte ſich und reichte der Mutter die Hand. Ob fie wohl unſerer ge⸗ denken? fragte ſie wehmüthig. Der Palatin hätte nicht reiſen ſollen! antwortete Elifabeth. Ein armſelig Weſen iſt das Weib, wenn ihm kein Mann, kein Freund zur Seite ſteht. Wir ſind dem Epheu gleich: an die ſchlanke Buche gerankt, treiben wir ſtolze Blätter und Blüthen, ohne ſie kriechen wir im feuchten Mooſe dahin, jeder Fußtritt zermalmt uns. Nicht ſo, Mutter, entgegnete die Königin. Die hei⸗ lige Jungfrau iſt der Weiber Schirm; wir ſind ihr ver⸗ wandter als das ſtärkere Geſchlecht und liegen näher an ihrer göttlichen Bruſt. Was die Himmliſche getragen, ſie, mit dem zweiſchneidigen Schwerte in dem Buſen, wüge kein Mann. Der Palatin entwich ohne Grund! Mariens Freunde ſchieden, gezwungen durch ihn und Euch, aber ſie werden kommen zu rechter Stunde, und bis dahin wird Maria ihrer werth ſtehen mitten unter den Widerſachern, und ſollte ſie allen Schmerz der Him⸗ melsmutter erdulden müſſen. Was für eine Wehr haben wir gegen die Gewalt? fragte die Mutter. Und eine ſchwarze Ahnung von dem, was jener Lärm gebiert, martert mich ſchon ſeit einer Stunde. Als ich an Deines Vaters Seite ging, als der mächtige Gara mir zur Seite ſtand, glaubte ich's nicht möglich, daß je ein ſolches unkönigliches Bangen mich beſchleichen und überwältigen dürfte. Darf denn auch ſolch gemeines Leid, darf die Sorge um Leben, Sicher⸗ 132 heit, um das gewohnte Bedürfniß ſogar ſich Denen nahen, chie die auf den Höhen der Welt, über den Häuptern der viſ Völker ſitzen? O was hat denn der fürſtlich Geborene voraus vor jenem verkrüppelten Bettler, der dort im rauhen Wetter auf dem Stoßſtein des Schloßthors la⸗ peit gert und ſeine dürre Hand nach jedem Vorübergehenden Bett ausſtreckt, damit er eſſen möge, ehe er ſeine ſchmutzige Schlafſtelle im Winkel eines verlaſſenen Stalles ſucht? zb Maria ſah auf den Bettler hinab, der ſchon ihre ptit Aufmerkſamkeit angeregt. Zuſammengekauert lag der Sohn des Elends am Pfeiler, zuſammengekrümmt war ſein Bein, ein ſchwarzes Tuch umwand die Hälfte ſeines Su Geſichts, die andere beſchattete eine zerriſſene Fuchsmütze. ₰ Ein ſchmutziger Schafpelz deckte ſeine Schultern, und die 5 Krücken, die neben ihm lagen, verkündeten ſeine Hülf⸗ woſigkeit. Trotz dem konnte die Königin ihre Blicke nicht Le von ihm wenden; ſie hatte längſt bemerkt, wie ſein eines unverhülltes Auge ſtarr und funkelnd unter der Um⸗ te hüllung auf ſie gerichtet blieb; ſie verwunderte ſich jetzt 4 plötzlich ſelbſt, daß ihr nicht in den Sinn gekommen, Ihr ihm ein Almoſen hinabzuwerfen. Doch indem ſie dazu pn Anſtalt machte, veränderte ſich plötzlich die Geſtalt des Sün Krüppels: hoch ſtreckte er ſich auf dem ausgeſtreckten Bein, ſchlank war ſein Rücken, ſein Kopf warf ſich ſtolz zurück, und gleich einer Keule ſchwang er die Krücke wie zur Wehr gegen einen Angriff. Erſtaunt und in weiblicher Neubegier wollte ſie das Fenſter öffnen, da ſah ſie mit Gedankenſchnelle den ganzen Hof ſich füllen mit Kroaten die 1 und italieniſchen Soldaten, die aus den Wachthäuſern w zuſammenſtrömten, und zwiſchen die ſich einige der Ba⸗ nit rone aus dem Schloſſe ſtürzten und mit heftigen, halb⸗ 2 verßaͤndlichen Worten ihnen eine Neuigkeit zu verkünde ppric n, er ene im la⸗ en ige ht hre der ar nes tze. die ilf⸗ icht nes m⸗ etzt en, azu des ein, ück, zur cher mit ten ſern Ba⸗ b⸗ den 133 ſchienen, die durch Waffengeklirr und kriegeriſchen Freu⸗ denruf begrüßt wurde. Zurück, mein liebes Kind! rief die Mutter. Man be⸗ droht unſer Leben. Die heilige Muiter ſey uns gnädig, denn kein Fluchtweg iſt offen.— Die Königin vergaß den Bettler, und führte die ſchwankende Mutter zum Divan. Wenige Minuten nachher ſtand Johannes de Palisna, der bäueriſche Johanniter⸗Prior von Vrana, begleitet von einigen der ungariſchen Edeln, vor den Königinnen, und verkündete ihnen mit hartem Tone die Wahl des neuen Königs, und verlangte mit Kälte Mariens Entſagung. Die Königin erhob ſich mit Heftigkeit gegen ihn. Prior, ſagte ſie, Ihr traget auf dem Mantel das weiße Kreuz des heiligen Täufers, würdet Ihr es Euch ab⸗ reißen laſſen, ohne das Schwert zu gebrauchen, welches neben ihm an Eurem rothen Gürtel hängt? Prior, Ihr gehoͤrt zu den Verfechtern der Armee Jeſu, und leidet, daß man die Unſchuld und Schwäche befehdet? Prior, Ihr ſtandet dabei, als mein Vater ſein Recht auf mich vererbte, und Eure Hand erhub ſich mit zum Schwure, die Erbin zu ſchützen; Ihr waret dabei, als man Un⸗ garns Krone auf unſer Haupt ſetzte, und ſchwuret Treue und beugtet Euer Knie, und dennoch erlahmte Eure Zunge nicht, ehe ſie Eurer Königin ſolches Schmachwort ſprach? Euer Kreuz gab Euch eine Menſchenhand, dieſe Krone gab uns Gott, und wie Ihr Euer Kreuz gegen die Ungläubigen vertheidigen würdet bis in den Tod, werden wir unſere Krone feſthalten gegen Meineidige und Abtrünnige, ſo lang Athem in dieſer Bruſt iſt. Mitleidig lächelte Palisna. Nicht der Johanniter ſpricht zu Euch, Prinzeß, antwortete er kalt, ſondern ein Ungar, beleidigt wie das ganze Reich durch der Günſt⸗ linge Hochmuth und des Weibes kindiſche Schwäche. Wir wollen einen Mann unter der Krone, und wir haben den Würdigen gefunden. Wohl, ſagte die Königin mit Feſtigkeit, der Ueber⸗ macht muß ſich der Menſch fügen; Gott nur iſt der All⸗ mächtige. Doch möge mein Mund auf ewig verſtummen, ehe er dieſe Entſagung ausſpricht. Ludwigs Tochter wird nie den großen Vater im Grabe beſchimpfen. Sprecht zum Könige von Neapel: weil er eine Wehrloſe über⸗ fallen im eigenen Hauſe, ſo weiche ſie der Gewalt und mache ihm Raum; Maria werde zur Stunde fortziehen aus ihrem Königsſchloſſe; ſie werde reiſen zu ihrem Ge⸗ mahl, und der Himmel möge dann entſcheiden zwiſchen dem heuchleriſchen Carl und ihr. Der Johanniter verzog ſein vergelbtes Geſicht zu ei⸗ ner Larve des tückiſchen Hohnes, und Eliſabeth⸗ welche las, was hinter der Larve dräuete, überwand ihre Schwäche und trat zwiſchen ihn und die Königin. Nicht ſolche Botſchaft ſollt Ihr zurückbringen, Palisna! ſtam⸗ melte ſie. Mein armes Kind iſt überraſcht, erſchrocken durch den grellen Wechſel des Schickſals. Verweilet einige Augenblicke im Vorgemach. Eine beſſere Antwort ſoll Euch werden. Die trotzigen Abgeſandten gingen, und Eliſabeth umfaßte bebend die ſtarr daſtehende Tochter. Willſt Du Gott verſuchen, Unglückſelige? ſtürmte ſie auf die Er⸗ ſchütterte ein. Willſt Du Dich und mit Dir Deine Mut⸗ ter verderben? Ich bin die Königin! ſprach Maria mit dumpfer Geiſterſtimme. Gott iſt mit den Herrſchern, die Niemand Gewalt angethan. Sie werden nicht wagen⸗ mein ge⸗ ſalt zuſe wei dieſ auc los ihn heil heit das der der Net kne kön blic Sic ken blu nfi⸗ Wir ben ber⸗ All⸗ nen, vird recht ber⸗ und ehen Ge⸗ ſchen 1ei⸗ elche ihre Richt tam⸗ ocken eilet wort beth 1Du Er⸗ Mut⸗ npfer mand n ge⸗ 180 ſalbtes Haupt anzutaſten, und ſterben wir, gehen wir zuſammen dem Lohn der Seligen entgegen. Sie werden uns morden, wenn wir in ihrem Wege weilen! rief Eliſabeth bewegter. Vergaßeſt Du, wie dieſer Carl mit der Johanna umſprang, deren Haupt auch ein geſalbtes war, und die ihn einſt als Knaben losgebettelt, als man die junge Schlange mit der alten⸗ ihn mit ſeinem Vater vertilgen wollte. Sie wurde an heiliger Stätte erdroſſelt. Das Gift des Undankes iſt heimiſch in dieſem italieniſchen Blute. Dein Trotz wird das ſichere Werk unſerer Rettung zerſtören. Wir werden der Mißhandlung dieſer thieriſchen Kroaten, wir werden der Wuth des Volkes anheimfallen, das immer dem Neuen zuſtrömt und ſich der Stunde freuet, wo ſeine knechtiſchen Hände gegen die verlaſſenen Herrſcher wüthen können. O, es iſt mehr zu verlieren in ſolchen Augen⸗ blicken, als das Leben. Kannſt Du es denken, Deinen Sigmund nimmer wiederzuſehen, kannſt Du den Gedan⸗ ken faſſen, das Haupt Deiner Mutter vor Dir in den blutigen Sand rollen zu ſehen? Maria zuckte zuſammen und ſank in die Polſter des Divans. Noch iſt nichts verloren, fuhr die Mutter drin⸗ gend fort; nur der Tod hat keine Hoffnung an ſeiner Seite. Beſinne Dich, mein Kind; laß mich das Wort Entſagung vor dem Könige ausſprechen!— Maria be⸗ deckte ihr Geſicht mit dem Schleier und winkte mit der Hand. Die Königin Mutter eilte ſogleich hinaus zu dem Prior, und trat, von ihm geführt, in den großen Saal⸗ wo König Carl noch mit den Würdeträgern in geſpann⸗ ter Erwartung ſaß. Mit geſenkten Augen erklärte ſie die Verzichtleiſtung der Königin. Ihr ſeyd ein Abkömm⸗ ling des Hauſes Anjou, ſetzte ſie mit bebender Stimme 136 hinzu, nehmet das Zepter, welches der zarten Hand ei⸗ ner faſt noch jungfräulichen Regentin zu ſchwer iſt. Möge Ungarns Heil an dieſem Augenblicke hangen. Lebhaft ergriff der König Eliſabeths Hand. Wohl rühmet man Euch gerecht als eine kluge Frau, ſprach er mit haſtiger Zunge, und der Dank für dieſe Botſchaft ſoll Euch nicht ausbleiben. Grüßet die ſchöne Maria; ich werde ſie als Schweſter, Euch als Mutter ehren⸗ und will als ſolche Euch von Allen geehrt wiſſen. Nichts ſoll ſich ändern in Eurer Wohnung und Euren Umge⸗ bungen, ſondern der Glanz, der Euch ſchmückte, ſoll durch mein Gebot vermehrt werden. Schaltet frei in dieſem Schloſſe, verkehrt, mit wem es Euch gut dünkt; allen Euren Freunden ſoll meine königliche Vergebung für geſchehene Unbill werden, Niemand ſoll klagen über den neuen Herrn, der ein Verſöhner ſeyn möchte, ein Arzt aller Wunden. In ſeinem Freudenrauſch bemerkte der herrſchſüchtige Uſurpator nicht den flüchtigen Stachel⸗ blick, den Eliſabeth bei dem Schluſſe ſeiner Rede auf ihn ſchnellte, und ehrfurchtsvoll führte er ſelbſt die Fürſtin bis zu ihrem Flügel zurück. Maria ſaß indeß im tiefſten Schmerz verſunken, doch der Himmel ſchenkte ihr Erleichterung, denn die Wunde, welche ihr der Mutter Wort in dem Bilde der ewigen Trennung von dem geliebten Gatten geriſſen, preßte ihr Thränen in's Auge, die heftiger und heftiger floßen und ihr Weh auflösten. Da klirrte plötzlich vor ihren Füßen etwas auf den Eſtrich hin, und als ſie erſchreckt aufſah, lag ein kleiner blinkender Dolch vor ihr am Boden. Sie blickte bebend umher, da ſah ſie in der halbgeöffneten Thüre den Bettler vom Schloßhofe: niedergekauert ſchaute er durch die Spalte und ſein funkelndes Auge blickte be⸗ deu plö non der ſoll hoc Ste von ſich Hat Jal und der ſtad wat des geg füll der wu Hei ritt den dad ged nich deu erſt kon Eb i⸗ ge hl ch ft a n, e⸗ l in t; 9 er in kte el⸗ uf tin ch e, en hr nd en h, Sie ten ute 137 deutſam bald auf ſie, bald auf den Dolch. Sie erkannte plötzlich dieſes Auge, und als ſie mit Haſt die Waffe ge⸗ nommen und geküßt und im Buſen geborgen, verſchwand der Fremdling hinter dem Thürflügel. Stuhlweißenburg, die unbefleckte königliche Alba, ſollte ebenfalls beſchmutzt werden durch der Rebellen hochverrätheriſche Frevel. Im hohen Dome, dem heiligen Stephanus geweiht, vor dem Altar des Schutzpatrons von Ungarn, über den Gräbern der alten Könige wollte ſich Carl wie zum Hohn derſelben die alte Krone auf's Haupt drücken laſſen. Es war am letzten Tage des Jahres 1385, ein hohes Schneetuch bedeckte die Straßen und das mächtige Dach der Kirche, dicht bewölkt hing der Himmel wie ſchwer geſenkt über der königlichen Frei⸗ ſtadt, und Decemberſtürme kämpften in den Lüften. Es war kein gutgewählter Krönungstag. Doch die Bewohner des Landes, ein ſtarker Menſchenſchlag, unempfindlich gegen die rauhe Witterung, ſtrömten zur Stadt, und füllten Platz und Dom neugierig, den Mann zu ſehen, der es gewagt, ihr unberufener Herrſcher zu ſeyn. Ver⸗ wundert ſah man den fremden Fürſten einziehen in das Heiligthum, nicht im Purpur oder Hermelin, ſondern ritterlich, wenn auch mit Pracht gerüſtet, nicht als Frie⸗ densfürſt, ſondern als ein Schlachtenführer. Hatte er dadurch ſeiner kleinen Geſtalt mehr Würde zu geben gedacht, ſo war ſein Zweck verfehlt, denn ſein feines, nicht unangenehmes Geſicht ward im Eiſenſtuck unbe⸗ deutend und knabenhaft, ſein leichter, gewandter Gang erſchien ſchwerfällig und krankhaft, und der Neapolitaner konnte den Froſt im kalten Metallputz nicht verbergen. Eben ſo verwundert ſah das Volk keinen ſchimmernden Hoſſtaat hinter dem Könige, nicht die mit Edelſteinen überladenen Prunkkleider der Magnaten, ſondern ein ſchwergewappnetes Geleit raſſelte und klirrte wie zum Spott der kirchlichen Feier dicht an ſeinen Ferſen, be⸗ zeichnend den eingedrungenen Gewalthaber und das unſichtbare, innere Zagen, welches meiſtens die Ritter des Glücks begleitet. Aber Carls unglücklichſter Einfall war, daß er die Königinnen mit ſich brachte, daß er ſie gezwungen, gleichſam um ſein Recht zu heiligen, Zeugen ihrer Entehrung zu ſeyn, daß ſie in ſeinem Krö⸗ nungszuge gleichſam wie Gefangene im Triumphmarſch des Siegers gehen mußten. Er hatte ſie im reichen Putz erwartet, doch Beide kamen in tiefen Trauerkleidern, faſt nonnenhaft, und er wagte nicht, obgleich er ſie mit finſtern Blicken beſchaute, ein Wort des Vorwurfs da⸗ rüber auszuſtoßen. Als ſie jetzt aber mitten im Dom aus dem Zuge traten, an König Ludwigs Grabſteine auf die Knice ſanken und Maria mit ihrer weißen Stirne den kalten Marmor berührte, als wollte ſie den ſtarken Vater erwecken und aufrufen ſich zum Schutz⸗ da zog ein gefährliches Murmeln durch die Menge, und die Frauen drängten ſich weinend heran und warfen ſich neben der Herrin auf den Eſtrich, ihre Gebete mit den ihrigen zu miſchen. Nicht auf dem König hafteten die Blicke des Volkes: die beiden trauernden, erniedrigten Frauen feſſelten jedwede Aufmerkſamkeit, und auch hierin hatte der Uſurpator ſeine Abſicht verfehlt. Das Gebet der Königin ward geſtört. Flehet Ihr um Rache, heilige Maria? flüſterte eine wie in ver⸗ hehlter Wuth bebende Stimme dicht neben ihrem Ohr. Betet für die verworfene Seele des Feindes, indeß meine Hand dem Laſterleben ſeines Leibes ein Ende macht. rin hr er⸗ hr. ine 139 Die Königin ſah ſcheu zur Seite, und dicht neben ihr kniete wiederum der Bettler vom Schloßhof, doch ſeine Rechte hielt den blanken Griff eines kurzen Schwertes umfaßt, deſſen Schneide unter dem ſchmutzigen Schaf⸗ pelze verborgen blieb. Wer ſeyd Ihr? ſtammelte ſie mit Entſetzen. Der Bettler ſchob die Binde ſeines Hauptes auf einen Augen⸗ blick zurück. Um der Mutter Gottes willen, Nicläs, was wollt Ihr beginnen?— Gruß Euch bringen von Eurem Herrn, war die leiſe, aber raſche Antwort; melden, daß er recht bald nahen wird, Eurer Pein ein Ende zu machen; ſchauen, wie es ſteht um die herrlichſte Frau der Erde. Aber ich bebe ob der Schmach, die Euch ange⸗ than, und nahe Euch, um Euch vorzubereiten, damit Ihr nicht erſchreckt, wenn Blutruf dieſe heilige Halle füllt und Kampfgetöſe von dieſen geweihten Wänden widerhallt; denn meine Freunde ſind unter den Slavaken verſteckt, und ehe die Krone das verbrecheriſche Haupt berührt, wird dieſer Stahl zwiſchen die Panzerfugen des Feiglings fahren und ihn treffen zum Tode. Glut überflog der Königin Angeſicht. Kein Blut, ſtieß ſie hervor in tiefer Angſt, kein Blut um mich, kein Blut am Altar! Wonmit ſollte die kirchenſchänderiſche Sünde wiederum abgewaſchen werden? Grüßt meinen Herrn! Möge er kommen auf Adlerflügeln, zu erlöſen ſein Weib. Aber, Niclas, ſo lieb Euch meine Gunſt iſt, kein Blut! Ward der fromme Daniel befährdet zwiſchen den Löwen? Eure Königin vertraut dem Himmel auch in tiefſter Schmach, und befiehlt Euch ein Gleiches!— Ein italieniſcher Hauptmann näherte ſich, den Königinnen ihren Platz auf dem Chore anzuweiſen. Maria traf vorher noch mit einem Blick des Bettlers Auge, aber ———— ——— —————————— 140 in dieſem Blicke ſpiegelte ſich ihre ganze Seele, und der Angeblickte beugte ſich tief zuſammen zwiſchen ſeinen Krücken, zermalmt im Kampfe der Empfindungen, des Ingrimms, der Ehrfurcht und der Anbetung. Der Krönungsakt ward nach Landesſitte vollzogenz als aber der Erzbiſchof von Gran vom Hochaltare her die Verſammelten fragte: Iſt euch dieſer als König ge⸗ nehm? antwortete nur ein zweideutiges Gemurmel, wel⸗ ches jedoch die erſchrockenen Horwathi's durch ein lautes Zujauchzen ihrer Wappner zu erſticken wußten. Der Krönungszug begab ſich jetzt in derſelben Ordnung zu⸗ rück, nur daß die Königinnen dem Könige, der zuletzt das Heiligthum verließ, voraustraten. Ein furchtbarer Sturm, wie ihn die Aelteſten kaum erlebt, hatte ſich indeſſen draußen aufgemacht. Kinder⸗ hört ihr die Dächer brechen und die Steine raſſeln! ſchrie eine breite Wallachin, ſich feſt in ihr Kopftuch ver⸗ mummend. Das iſt der jüngſte Tag, und die Heiligen moͤgen für alle Sünder beten! Beim Sanct Chriſtoph, der der gewaltigſte Lanzen⸗ träger war, es wird Nacht am Mittage und der Sturm hat die Sonnenlampe rein ausgeputzt, rief ein eisgrauer Pandur, als er aus der Kirchthüre trat, und wickelte ſich ſcheu umherblickend in ſeinen rothen Mantel.— Nicht doch, Vater, antwortete ein junger Kaleiner, ſeht Ihr denn die Rabenſchaaren nicht, die wie ein ſchwarzes Heer von kleinen Teufeln vor dem Winde treiben und matt auf das Kirchdach und die Hausgiebel niederfallen? Höret Ihr nicht, wie die Galgenvögel krächzen und ſich grimmig anfallen und ſtreiten, als wäre ein gefallen Aas in der Nachbarſchaft? Gar ſchlimme Zeichen! ſtöhnte der Pandur, die roth⸗ rän Lud geg geh dac der ſchr ſie Eut kan den Vo des der ließ in ver Hei get und Sa ſo raſ die ver ver ohn hin 1 er h⸗ n n f et ig er — 141 rändrigen Augen zudrückend. Bei der Krönung des Königs Ludwig ſchien die Sonne hell, als wäre ſie doppelt auf⸗ gegangen. Sanct Stephan ſey dem gnädig, den's an⸗ geht! Wären wir nur daheim, und fänden das Stroh⸗ dach an alter Stelle. Königin Maria bemerkte wiederum den Bettler in der Vorhalle; er lag am Boden zwiſchen einem Haufen ſchmutziger Slavaken. Geht heim, armer Menſch! ſagte ſie im Vorüberſchreiten. Hier iſt kein gut Wetter für Euch. Kehret raſch unter das ſichere Dach, von wo Ihr kamt, und ſie löste ein Perlenarmband und ließ es in den Schvoß des Bettlers fallen, und das umſtehende Volk pries laut ihre Gnade. Jetzt aber nahte von Innen des Königs Bannerträger, dicht hinter ihm der Gekrönte, der ſich die heilige Fahne Sanct Stephans vortragen ließ, wie es Gebrauch. Doch der wüthende Sturm, der in die Pforten hereinſauste, und das wilde Rabengeſchrei verwirrte den Fähndrich, daß er nicht achtete auf das Heiligthum, das vierhundert Jahre hindurch ſeinen Dienſt gethan, und die goldene Spitze ſtieß gegen das Portal und fiel klingend vor die Füße des Königs. Des Himmels Zeichen gegen den Eingedrungenen! Sanct Stephan ruft zur Rache! Nieder mit dem Räuber! ſo murrte es im Kreiſe der Slavaken, und zwölf Meſſer wurden blank auf Eins. Aber der Krückenträger fuhr raſch vom Boden auf und verdeckte mit ſeiner Geſtalt die Gefährten. Keiner rühre ſich! rauſchte ſeine dumpf verhaltene Stimme. Sie hat's verboten! Und die Meſſer verſchwanden, und König Carl ſchritt unverſehrt, und ohne die nahe Gefahr zu bemerken, durch die Vorhalle hinweg. Zwei Monate des neuen Jahres waren faſt verfloſſen, und in dem Schickſale der Fürſtinnen hatte ſich nichts geändert. Der König waltete als Herr und ſchien die Gegenwart der Königinnen kaum zu beachten; verachtete er die ſchwachen Frauen wirklich, oder harrte er auf ge⸗ legenere Zeit zu ißrer Entledigung? Sie lebten in klö⸗ ſterlicher Abgeſchiedenheit zu Ofen im Schloſſe, Maria in frommer Reſignation, Eliſabeth der Verzweiflung oft gar nahe, oſt die Tochter mit Vorwürfen überhäufend, daß ſie dem Rächerarm des jungen Gara unzeitig Ein⸗ halt gethan. Da füllte ſich eines Nachmittags der Schloßhof mit reiſigem Troß, doch Reiter und Fußknechte erſchienen gleich einer wehrloſen Dienerſchaft eines Reichen im Lande, und der alte Niclas von Gara ſtieg unbefangen von ſeinem Roſſe und bat den italieniſchen Hauptmann⸗ ihn bei dem Könige zu melden. Carl erblich vor dem Namen des Gefürchteten; doch er ſah ſich umkreist von ſeinen beſten Wehrmännern, und ließ den Grafen ein⸗ treten. Heil dem gekrönten Herrn des Reichs! ſprach der alte Gara, ſein graues Hanpt entblößend, und ſich tief neigend vor dem Feinde, den ſeine Seele unter allen Lebendigen am meiſten gehaßt. Der leichtbewegliche Sinn des Königs erſtarkte ſich ſchnell an der unverhofften Unterwürfigkeit, und, ſtolz auf Gara zutretend, entgegnete er: Wohl gar ſpät ſehen wir Euch, Herr Niclas, an den Stufen unſeres Thrones. Der einſtige Palatinus Ungarns hätte nicht fehlen dür⸗ fen bei unſerm Krönungsfeſte, wollte er unſerer Gnade gewärtig ſeyn und ſeiner Kronwürde gewiß verbleiben. Das Alter tauſcht nicht leicht die Meinung, antwor⸗ tete Gara immer noch gebückt, und ſein kindiſcher Aber⸗ ch uf ir 6. r⸗ de 1½ T⸗ witz hält Schwur und Wort zuweilen für höher, als er ſollte. Der Himmel ſprach für Euch, mein König. Ich kehre deßhalb reuig, um mich ſelbſt zu ſtrafen für Blind⸗ heit und Uebermuth, indem ich des Reiches erſte Würde in Eure geheiligte Hand zurückgebe. Ihr machtet Euren Pferden unnöthige Mühe, antwor⸗ tete der König raſch und herriſch, denn der Entſagung bedurfte es nicht, da wir längſt einen uns Getreuen für ſolch hohes Amt beſtimmten. Dennoch nehmen wir Eure Reue gnädig auf, und es ſoll Euch nicht Schaden ge⸗ ſchehen an Leib und Gut, aber bleiben könnet Ihr nicht, denn wir mögen nicht durch lebende Geſpenſter erinnert ſeyn an die böſe Zeit dieſes Landes. Gut, daß die Horwathi's unten in der Stadt, flüſterte Alberigo dem Herrſcher zu; ſie würden Eure Milde nicht beſonders gut heißen. Ich bin der König! ſprach Carl mit Stolz. Verachtung bedarf des Henkers nicht. Wohin werdet Ihr reiſen? Auf meine Schlöſſer im Verötzer Comitate, antwor⸗ tete der Palatin. Zu werben wider uns? Unruhen zu wecken neuer⸗ dings? fuhr der König auf ihn ein.— Der alte Palati⸗ nus lächelte. Wird ein Rebell ſeinen Kopf zum Throne tragen, wenn der Mordfunken in ſeinem Hirn leuchtet? fragte er. Ungarns König mag mich neben ſich behal⸗ ten, ſo lang als der Argwohn ihn foltert. Wir haben Euren mächtigen Fuß nicht hindern können, als er ſich auf unſere Küſte ſetzte, wie ſollten wir jetzt Euren Wil⸗ len hemmen, da Ihr im Herzen des Landes thronet? Möget Ihr berufen ſeyn, das Reich zu einem Friedens⸗ reiche umzuſchaffen, wie ihm Noth gethan. Neue Herr⸗ ſcher bedürfen junge Helden. Darum haben wir das 144 Kriegsſchwert heimgelaſſen, und wollen bei einem Frie⸗ densfeſte vergeſſen, was ehedem den Mann erfreuet, wol⸗ len die liebe Tochter vermählen und Enkel wiegen. Er⸗ laubt die Majeſtät, der königlichen Mutter, die Pathe meines Kindes iſt, anzuzeigen, was wir beabſichtigen, und uns bei ihr zu beurlauben? Es mag geſchehen! ſtieß der König ſchnell hervor. Aber morgen muß Ofen hinter Euch liegen. Höret Ihr, Herr Niclas, morgen! Ich möchte nicht, daß Ihr und die Horwathi's zuſammen träfen, und Unfriede unſere Ruhe ſtöre. Höret Ihr, morgen, Herr Niclas! Morgen! Villeicht ſchon heute vor Nacht! murmelte der Palatin mit tiefem Tone, und demüthig, wie er kam, verließ er das Zimmer.„ Der König athmete freier, als die mächtige Helden⸗ geſtalt aus ſeinen Augen entwichen, und leicht höhnend wechſelte er mit ſeinen Italienern Scherzworte über den zahnloſen, geſchmeidigen Löwen, und als bald nachher ein Kämmerling der Königin Eliſabeth ihn einlud, ſich zu dem Damenflügel zu bemühen, weil ein Bote vom Mark⸗ grafen Sigmund aus Böhmen mit wichtigen Briefſchaf⸗ ten eingetroffen, nahm er neugierig den Antrag an, und ließ ſich nur von ſeinem Alberigo und dem Ban Alma⸗ kerek, einem ſeiner neuen, durch königliche Geſchenke feſt⸗ gebundenen Günſtlinge, begleiten. Die Königinnen ſaßen im Geheimgemach, der Biſchof von Fünfkirchen, ihr Beichtiger, ſtudirte in Scripturen. Als des Königs Schritte hörbar wurden, rief der Pa⸗ latin den Königinnen zu: Standhaftigkeit! die Stunde nahet! und Maria ſah verwundert in die funkelnden Blitze, welche von den Augen des alten Helden durch das trübe Abendlicht ſchoßen. an des ſch gin vot bli ſey ber ten He — ie⸗ ol⸗ r⸗ the nd or. hr, ind ere elte im, en⸗ end den ein zu ark⸗ af⸗ und ma⸗ feſt⸗ chof ren. Pa⸗ inde den urch 145⁵ Wer ſeyd Ihr? herrſchte der König einem bärtigen, anſehnlichen Mann zu, der zunächſt der Thüre ſtand. Blafius Forgäcs, antwortete der Gefragte, der Urenkel des Andreas, welcher den König Bela aus der Tartaren⸗ ſchlacht errettete, Reichsbaron und Mundſchenk der Köni⸗ gin, ſo eben als Bote angelangt vom Herrn Sigmund. Von Sigmund? ſtammelte Maria, faſt tonlos und von Ahnung durchbebt. Ihr auch noch hier, Gara? fragte der König umher⸗ blickend. Bleibt nur, Herr Expalatinus, damit Ihr Zeuge ſeyd, wie wir unſer Regiment zu führen wiſſen und kna⸗ benhaften Anſprüchen begegnen. Wo ſind die Briefſchaf⸗ ten des tapfern Gubernators Ungarns, des mächtigen Herrn von Brandenburg? Briefe von Sigmund? ſtieß die Königin lauter hervor. Ihr wiſſet nicht davon? fragte der König ſtutzig. Wir verſchwiegen ihr, fiel Eliſabeth ein, was nur in Eurer Gegenwart verhandelt werden durfte. Der König ſetzte ſich zum Tiſch und mühete ſich im Abendſchimmer, die Schriften zu ſtudiren, welche ihm der Biſchof vorgelegt. Welch Gezänke auf dem Hofe? fuhr er auf nach kurzer Weile.— Es ſcheint ein fremder Knecht, der mit den Wachen im Wortſtreit, antwortete Alberigo, vom Fenſter hinabſchauend.— Vielleicht von Euren Leu⸗ ten, Herr Nielas? entgegnete Carl mit Schärfe. So der Herr, ſo der Knecht. Gehet hinab und laſſet den Störer in den Thurm werfen, der den Schloßfrieden brach, ſey er ein Baron oder Leibeigener. Höret Ihr, Herr Gara? Wir dulden keine hochmüthigen Günſtlinge im Adlerneſte. Auf die ſumſende Bremſe gehört die harte Sohle. Auch Ihr könnet gehen und Zucht halten unter den Euren, und wollet Ihr in dieſem Schloſſe den letz⸗ Blumenhagen. XvI. 10 146 ten Höflingsdienſt verrichten, ſo befehligt die Pagen, Kerzen zu bringen, damit wir mit dieſen verworrenen Schriftzügen zu Ende kommen. Der Palatinus knirſchte mit den Zähnen und winkte dem Forgäcs, und raſch entblößte dieſer den Säbel und hieb mit mächtigen Arme nach dem Könige. Das Blin⸗ ten des Stahles traf des Königs Blick, und er bückte ſchnell ſich zum Tiſche, doch verfehlte der gutgeführte Hieb nicht ſein Ziel und zerſchnitt Stirne und Auge, und mit einem Mordgeſchrei fiel der König zu Boden, und⸗ von ſeinem Blute beſpritzt⸗ mit ihm zugleich die ohn⸗ mächtige Maria. Der Ban hatte in demſelben Angen⸗ blicke den Säbel gezogen, fing den zweiten Hieb des Mundſchenken auf, und verwundete den Mörder an der Schulter. Doch ſchon donnerte des Palatinus Feldge⸗ ſchrei vom Fenſter in den Hof. Vivat Maria rex! Der Tyrann iſt todt! und ſeine Reiſigen, ſchnell mit verbor⸗ genen Waffen verſehen, gaben den Schlachtruf zurück. Gara und Forgäes trieben den Ban vor ſich zum Ge⸗ mach hinaus gegen die Wälſchen, welche die Schloßſtiege heraufſtürmten, bald aber von den tüchtigen Schlacht⸗ helden herabgeworfen wurden in die ſcharfen Klingen der heraneilenden Ungarn und Haustruppen. König Carl hätte vielleicht gerettet werden können, denn im verlaſſenen Zimmer hatte er ſich vom Boden aufgerafft, hatte die Thüre und durch die leeren Gänge ſein Gemach erreicht, aber vergebens rief ſeine Stimme der Angſt nach ſeinem Alberigo. Der neapolitaniſche Hauptmann hatte im Schreck des Unerwarteten die Be⸗ ſinnung verloren. Er hörte den Ruf: der König iſt er⸗ mordet! er hörte das Wehgeheul ſeiner hingemetzelten Italiener; er ſtürzte zum Schloßhofe hinaus, die im Lager lieg wo Aus geg Str geh eine die ten heif wa Aeu Sa keit letzt Hu blu Erz eine den wel ſter lud wa Leie Aet kes n„ kte nd in⸗ kte rte nd nd, hn⸗ en⸗ des der ge⸗ Der or⸗ ück. Ge⸗ ee cht⸗ gen len, den inge nme iſche Be⸗ er⸗ lten ager 147 liegenden Truppen herbeizuführen, doch als er kehrte, war das Schloß bereits gewonnen, gereinigt von allen Ausländern, deren Leichen man ihm von der Mauer ent⸗ gegenwarf, und ſein gefangener Fürſt lag verblutend im Schloßthurme, büßend für ſeine Unbedachtſamkeit, und die Strafe duldend, die dem Kronenraube an der Ferſe zu gehen pflegt. Die Stadt Ofen wurde auf dieſe Eineſ Racht zu einem Schlachtfelde. Wie ein elektriſcher Funke durchlief die Nachricht die Gaſſen. Aus Palaſt und Hütte ſtürm⸗ ten bewehrte Männer. Vivat Maria! hallte tauſendfach heiß auf zu dem froſtigen Sternenhimmel. Vergebens wagte der Johann Horwathi mit ſeinen Kroaten das Aeußerſte und ſchlug ſich wie ein verwundeter Tieger am Sabbathsthore bis Mitternacht: ſeine raſende Tapfer⸗ keit diente zu nichts, als dem feigen Alberigo und ſeinen Wälſchen die Flucht zu leichtern, und er ſelbſt mußte zu⸗ ietzt, der Uebermacht weichend, ſein Leben den getreuen Hufen ſeines Roſſes verdanken, und konnte nur mit Noth, blutend und voll Ingrimm, der Liſt und Gewalt ſeines Erzfeindes entrinnen. Der anbrechende Morgen fand ein anderes Ungarn: eine befreite Königin, die in der Mitte ihres jauchzen⸗ den Volkes wie eine bleiche Lilie ſtand, und die Mittel, welche ihr die Freiheit gebracht, verdammte, und einen ſterbenden König, deſſen Leiche, da Kirchenbann ihn be⸗ lud, die Rachſucht ſeiner Widerſacher unbegraben hin⸗ warf auf den Acker des Kloſters St. Andre, gleich der Leiche eines gemeinen Straßenräubers den Raben zur Aetzung, die zu Stuhlweißenburg ſtatt des jubelnden Vol⸗ kes ihn widrig und prophetiſch bewillkommnet hatten. ——— 148 Eilende Boten flogen durch das ganze Land, flogen über die Grenzen hinaus, zu verkündigen die gewaltige Männerthat. Nicht überall fanden ſie gleichen Empfang: hier das laute Willkommen, dort den Abſcheu, den un⸗ vertilglichen Haß und die neu entzündete Rachluſt. Der fremde Thrann war hinweggeräumt, aber nicht die Re⸗ bellen, die ihn eingeführt, die uneingeſchüchtert ihr altes Spiel von vorn begannen, nur die Fahne und den Feld⸗ ruf tauſchten, und ſtatt des Vaters Carl jetzt auf den Knaben Ladislaus, den die kluge Mutter in Neapel be⸗ wahrte, ihre ſelbſtſüchtigen Hoffnungen ſetzten. Anarchie, Parteiung, perſönlicher Blutkampf zerrießen auf's Neue die Familienbande, die ſo nöthige Eintracht der Magna⸗ ten, und zerfleiſchten mit wachſender Grauſamkeit Volk und Land. Der alte Palatinus hatte ſich ſogleich nach jenem Blutabende der Reichsregierung bemächtigt⸗ und, ver⸗ eint mit den Prälaten und Baronen ſeiner Partei, that er täglich neue Schritte, ſeinen alten Hochmuthsplan zum Ziele zu führen und den Prinzen Sigmund vom Throne auszuſchließen. So hatte die unglückliche Maria nur die Ketten gewechſelt; doch trug ſie leidend und tief erſchüt⸗ tert, eine Büßerin für fremde Unthat, dieſe Kette gedul⸗ diger, weil eine Mutter, die ihr ſo theuer war als der Geliebte, geſichert ſchien, und mit dem Gewalthaber im Einverſtändniß deſſen Schritte, als zum Beſten führend, betrachtete. Sigmund, durch ſeine Getreuen von Allem benach⸗ richtigt, was man zu Ofen brütete, ſäumte nicht, mit ju⸗ gendlicher Kühnheit, was ihn befeinden ſollte, zu ent⸗ kräften. Er wußte ſeinen Bruder, den ſchwachen Kaiſer Wenzel, zu bewegen, daß er ſich zu Mariens Vormund n⸗ er e⸗ tes ld⸗ en be⸗ eue na⸗ olk em er⸗ hat um one die hüt⸗ dul⸗ der im end, ————— 149 erklärte, er wußte dem Geſchmeichelten Geld und Sol⸗ daten abzulocken, und ſo gelang es ihm, mit einem Heere böhmiſcher Krieger und deutſcher Söldner in das Reich einzurücken, das faſt wie ein herrenloſes Land be⸗ trachtet werden konnte. Seine Herolde kündeten ihn an als den Herrn und Capitaneus Ungarns, und überall ſtrömten ungariſche Kriegsleute ſeinem Heere zu. Der eitle Fürſt war freudetrunken ob des unverhofften Glücks, und verweilte ſich gern, um die einzelnen Huldigungen entgegen zu nehmen; aber Niclas Gara kämpfte mit vöſen Vorempfindungen und trieb den Säumigen zur Eile, immer Maria's, der Trauernden, Bild ihm vor⸗ malend. So erreichte man die Gegend von Ofen, ohne einem Feind begegnet zu ſeyn. Sieh da, ein Heer, das gegen uns heranrückt! lachte Sigmund, auf einen Kinderhaufen deutend, der im Soldatenſpiele mit einer Fahne an der Spitze über eine Uferwieſe des Donauſtromes heranzog. Wackere Kämpen, rief der Prinz den Fahnenträger an, wem die⸗ net ihr?— Der kleine Fähndrich ſtellte ſich gerade auf und antwortete keck: Dem Reiche Ungarn.— Und wer iſt euer König?— Sigmund der Schöne, rief der Knabe.— Und wie nennt man Dich, Du kühner Kro⸗ nenverſchenker? fragte luſtig der Prinz weiter.— Mein Vater ſchreibt ſich Guth und iſt ein Edelmann.— Orfzag ſollſt Du heißen, was Reich bedeutet, weil Du mir ein Reich geſchenkt, und ſollſt mein Ehrenpage ſeyn von Stund' an, entgegnete Sigmund. Nimm den Fähndrich auf Dein Pferd, Niclas, ſetzte er hinzu; ſein Fähnlein wird uns glücklicher voranwehen, als das Banner St. Stephans dem Carl gethan. Nur mit Unwillen fügte ſich Gara in die Spielerei, 15⁰ denn je näher ſie der Königsſtadt kamen, je beklomme⸗ ner fühlte der tapfere Jüngling ſeine Bruſt. Sie zogen ein in Ofen unter Jubel und tobendem Volksgelärm; ſie ſprengten in den Hof der Burg, aber nur ernſte Wachtmänner traten ihnen entgegen, kein freundlicher Frauengruß winkte von den verhangenen Fenſtern, kein Liebesblick lächelte unter dem Portal. Beſtürzt ſtürmten ſie in das Schloß: nur der graue Ka⸗ ſtellan beugte ſein Haupt tief vor dem Herrn. Das Schloß war leer: der Palatin war mit den Königinnen und ſeinen Freunden fortgereist, wohin, hatte er Nie⸗ manden vertraut. Markgraf Sigmund tobte, ſeine Fauſt faßte den alten Diener, ihm ein Bekenntniß abzuzwin⸗ gen. Sprich, rief er heftig, ging die Königin freiwillig? Wich ſie der Begegnung ihres Gatten abſichtlich aus? Frau Maria ward nicht gezwungen, ſtotterte der Kaſtellan, aber bleich und mit gefalteten Händen ſtieg ſie in den Wagen. Ich hörte den Herrn Niclas bei dem Frühmahle ſprechen: Wolle ſie eine Königin ſeyn, müſſe ſie ſelbſt eigen handeln als ſolche, nicht auf die Seifen⸗ blaſen hoffen, die ein unmündiger Knabe ihr vorgemacht, nicht durch fremde Macht die Krone, die ihr Gott neu zurückgeſchenkt, gewinnen wollen. Der Norden des Reichs ſey beruhigt; es bedürfe nur ihrer Gegenwart, auch die ſüdlichen Provinzen, die Seeküſten zu unterwerfen; darum würde er ohne Säumniß ſie dahin führen, wo ihre Er⸗ ſcheinung gleich einer Heeresmacht, unterſtützt von den ſtets getreuen Bewohnern Zara's, Zauber wirken ſolle. Scheu und zagend beichtete dieß der Alte, und ſah ſich mit Freude losgegeben von dem zornigen Herrn, der ſich jetzt zu dem verſtummt daſtehenden Freunde wandte. Alſo auch der Palatinus ein Verräther? rief der Prinz. ne⸗ em ber ein en al. da⸗ as en ie⸗ in⸗ 151 Ein ſchlimmerer, heimtückiſcherer als dieſe Horwathi's ſelbſt, da er uns den Preis dicht vor dem Munde hin⸗ wegnimmt und neidiſch unſere ſchönſte Stunde vernich⸗ tet? So muß ich alſo auch den Namen Gara auf die Tafel meiner Feinde ſchreiben? Nicht vorſchnell, mein königlicher Herr! ſprach Gara tief gekränkt. Laßt mich gut machen, was der Vater eigenwillig, doch ſicher in guter Abſicht gethan. Das Alter macht herriſch und der ſieggewohnte Greis gönnet uns den Ruhm nicht, der ſeinen Lorbeer welk machen dürfte; er will ſich und der Königin den Triumph be⸗ reiten, ohne uns die Krone gewonnen zu haben. Ver⸗ zeihet dem verwöhnten Schlachtengewinner, dem ver⸗ zogenen Günſtlinge der Könige ſeinen Gewaltſchritt. Verwöhnt? Ja, entgegnete Sigmund hart, verwöhnt durch die Liebkoſungen einer ſchmachtenden Wittwe, die, ihrem veralteten Herzen zu gefallen, das junge Herz der Tochter bricht. Beim Sanct Georg, ich werde meine Günſtlinge nicht verwöhnen, und mit der ſcharfen Lanze dieſen von Stolz geſchwollenen Lindwurm treffen, der alle meine Pläne durchkreuzt. Zürnet, Herr! fiel der junge Ungar ein, aber ver⸗ geßt nicht darob, was der Augenblick befichlt. Ihr ſa⸗ het mich nie verzagen, doch mein Herz erbebt, denke ich, wohin des Vaters Tollkühnheit unſere Königin verleitet. Die verſprengten Rebellen ſtreifen dort; an jeder Stunde hängt Tod oder Leben. Darum gebt mir die deutſchen Reiter, laſſet mich folgen der Ferſe des Vaters; meinen Kopf zum Unterpfande, ich bringe die Fürſtinnen zurück, oder man bringt Euch meine Leiche. Dein Vater ein Verräther an mir, und ich ſollte dem Sohne anvertrauen das beſte Volk meines Heeres, 152 daß er es zu ihm hinüberführe? fragte der Prinz mit unbedachter Haſt. Gara ſtand tief erſchüttert; langſam löste er ſeinen Säbelgurt und ließ mit ihm die brave Waffe zu des Fürſten Füßen fallen. Doch ſchon hatte Sigmund bereut, was er geſprochen; die verſtändliche Handlung ſchoß den Pfeil auf ſein leicht beweglich, doch nicht unedles Herz zurück. Er umfaßte den wackern Freund raſch und feſt. Reiſe, Niclas, ſagte er mit bewegter Stimme, ſpare die Sporen nicht, nimm Panzermänner und Huſaren! Keine Hand als die Deine ſoll mir Ma⸗ rien zuführen, und ich werde das Kleinod doppelt werth halten, bringt's mir der Freund. Mich bindet die Fürſten⸗ pflicht, ich muß mir die Krone ſichern, den Augenblick benutzen, um das blutige Diadem mir aufzuſetzen, daß es nicht in eines zweiten Räubers Hände falle, muß dann ſchnell mit dem Heere der Rebellenhorde entgegen, die, wie die Boten ſprachen, unter des abtrünnigen Vetters, des Bosniaken⸗Königs, Schutze neu verſtärkt heranzieht. Auf, Freund! Ritter meiner Königin! Du nach Süd, ich nach Oſt! Mögen wir Beide uns bald glückgekrönt wiederſehen! Gara raffte ſein Schwert vom Boden auf, drückte wortlos wie zum Schwure die Hand auf die breite Bruſt, und unter dem Rufe: Mit Maria oder nimmer zurück! eilte er vom Schloſſe hinab. In dem Palaſt ſeiner Familie ſtand dem jungen Helden jedoch noch ein grimmiger Schmerz bevor, der ſeinen Eifer bis zur Wahnſinnsglut erhöhte. Der ver⸗ trauteſte Diener des alten Palatins übergab ihm ein Schreiben des Vaters.„Du biſt ungehorſam geweſen, ſchrieb der Alte, haſt eine Krone und eine junge Braut verſchmäht, um der Knecht eines armſeligen Markgrafen zu bleiben. Der Vater will gut machen, was Dein in kra ler: wa Erz Ber nit ve tte he ch nd er r R⸗ ick aß ß n„ en kt u d a r⸗ in t 153 Leichtſinn verſchuldet, und vergeben, wenn Du bereuſt. Namens des Reichs habe ich das Bündniß mit den wackern Venetianern erneuert; ſchon muß der tapfere Barbadigo auf den Schiffen der Republik gelandet ſeyn, und ſeinem auserleſenen Kriegsvolke führe ich die Kö⸗ nigin entgegen. Sie ſelbſt ſoll ſich des Vaters Krone erobern, aber ſo lange Niclas Gara lebt, nie ſie thei⸗ len mit dem leichtſinnigen Sohne des falſchen Kaiſers Carl. Das Aufgebot von Machow, die treuen Gallizier, haben ihren Zug über die Karpathen begonnen auf un⸗ ſern Befehl. Du, der Ban von Machow, magſt ſie her⸗ abführen zu uns. Oder treibt Dich ſchneller die Reue des Ungehorſams, ſo folge uns allein nach Gorian. Auf unſerm Stammſchloſſe findeſt Du den verſöhnten Vater, findeſt die reizende Braut, und ein Ziel, des letz⸗ ten Erben vom alten Geſchlechte der Druſina's würdig. Folge uns ohne Säumniß, daß der Vater den Sohn in Dir erkenne, und der Flecken, welchen Dein Thun auf unſer Wappenſchild warf, verlöſcht ſey.“ Mit bebenden Händen, fiebernd vor Grimm und Angſt, zerriß Niclas das Unglücksblatt zu kleinen Fetzen und warf es auf den Eſtrich. Ich folge, Vater, ich folge, um Flecken abzuwaſchen, aber nicht die meinen! rief er in höchſter Entrüſtung und riß ungeduldig und wie in krankhafter Raſerei ſelbſt die Waffenſtücke von den Pfei⸗ lern des Saales, ſich und ſeine Hausleute ſchwerer zu wappnen im böſeſten Zuge des Sohnes gegen den Erzeuger. Ein ſchwüler Tag nahte ſich ſeinem Ende. Die Berghöhen Slavoniens warfen bereits ihre Rieſenſchat⸗ ten über das Land, und die Sonne ſchien ſich ſchon zwi⸗ 154 ſchen ihren Baumgipfeln ein Ruhebett erkoren zu haben. Ein beſtaubter, abgematteter Reiterzug zog von Norden her auf der Fläche hin und eilte der nicht mehr fernen Biſchofsſtadt Diakowar zum Nachtquartier entgegen. Es war der junge Niclas Gara mit ſeinen Panzerreitern. Die Spur der Reiſenden, die er zu ereilen trachtete, hatte ihn am Donauſtrom hinabgeführt, er hatte die Drau überſchritten, doch der Vorſprung, den der Pala⸗ tin gewonnen, war zu groß, und ſeine Eile war nicht geringer als die des Sohnes; ſo war der dreitägige Eilritt unnütz gemacht, Männer und Thiere waren er⸗ ſchöpft, und die Ungeduld des jungen Führers mußte der Unmöglichkeit nachgeben. An einer dichten Holzung, die vom Gebirg in's Land griff, führte die Straße hin, und mußte auch der Ban von Machow ſein ſchaumbe⸗ decktes, ſtrauchelndes Roß ſchonen, ſo blitzte doch ſein Auge weit vorweg ſuchend über die Ebene hinaus, als verſpotte die Seele den Leib, deſſen faſt tödtliche Ermat⸗ tung auf den erſchlafften Zügen des männlich⸗ſchönen Antlitzes und in der Bläſſe der ſchweißbedeckten Wangen deutlich ausgeprägt worden. Plötzlich hielt er ſeinen Rap⸗ pen ſo raſch und feſt an, daß das ermüdete Thier durch den Schenkelſchluß und Zügelriß erbebte. Bubeck, was ſiehſt Du dort? rief er mit ſeltſam verhaltener Schauer⸗ ſtimme dem Ritter zu, der ihm zunächſt ritt.— Wo meinſt Du, Freund? fragte der Angerufene, die von Hitze und Staub getrübten Augen aufreißend aus der Schlafſucht, die ihn im Sattel überraſcht.— Dort, wo die Sonne durch das Fenſter jener Schlucht hell den Sand beleuchtet, ſetzte der Ban hinzu, unverwandt das ſtarre Auge auf die bezeichnete Stelle richtend. Ich ſchaue ein Heer von Raben, die krächzend über der bei un letz der ihr der unt den den get hol gef hat Ro we Wi Pfe ihn led ver kün nen ein ßen the leb en Es rn. je, die la⸗ cht ige er⸗ ßte ng⸗ in, be⸗ ein als at⸗ nen gen ap⸗ ch vas er⸗ Wo von der wo den das 155 den Platz Faitern und mit einem Paare gewaltigi Geier um eine Beute kämpfen, antwortete Bubeck. Aber beim Sanct Stephan, dort hat's Fleiſchriſſe gegeben und mancher Mutter Sohn hat dort ſeiner Fauſt zum letzten Male eine Schwertluſt geſchenkt. Todte Pferde decken den Sand und ihre Reiter liegen ſtill dabei, und ihrer ſind nicht wenige. Tüchtig iſt man da aneinan⸗ der geweſen; mögen's nur Kroaten ſeyn, die vom Schel⸗ menleben ausruhen. Gara that einen wilden Kreiſch, und ſchon flog ſein geſporntes Roß über den Sand hin dem Platze zu. Ritter Bubeck hatte gut geſehen; bald hielt man an dem Orte, wo die Mutter Erde das Blut ihrer Söhne getrunken, wo Kains Greuelthat ſich vervielfacht wieder⸗ holt und dazu auf gräßliche Weiſe. Die Art, wie hier gefochten, ward den Kriegsmännern ſofort deutlich. Wenige waren dem Angriff von Vielen erlegen, und hatten den Kampf durchgeführt in der Weiſe der edeln Roſſe auf der Steppe oder der Heerde muthiger Stiere, welche ſich angefallen ſieht durch eine Legion hungriger Wölfe. Am Rande des Blutplatzes fanden ſich einige todte Pferde kleiner, magerer Art, leicht gezäumt, und bei ihnen ein Dutzend Leichen, deren verzerrte, breitknochige, lederbraune Larven den Stamm, von dem ſe erzeugt, verrathen mußten, hätte auch die Tracht ihn nicht ver⸗ kündet. Dann traf man auf einen Kreis von erſtoche⸗ nen Roſſen und Menſchen durcheinander, an vierzig, ein wahrer Wall von Körpern, alle die Köpfe nach au⸗ ßen, die Wunden vorn, ſichtlich in der getreuen Ver⸗ theidigung eines Schatzes gefallen, den ſie gleich einer lebendigen Feſtung umſchloſſen gehalten. Geſchirr und 156 Tiacht, obſchon was irgend werthvoll an Waffen, Klei⸗ derſchmuck, Gold⸗ und Silberbeſatz, den Leichnamen ge⸗ raubt worden, ließ Leibwachen und Hausdiener der Kö⸗ nigin in dieſen wackern Todten erkennen. Niclas Gara und alle Führer waren ſogleich aus den Sätteln und vor ihnen auf rauſchte der Rabenſchwarm und zerſtreute ſich auf die nächſten Bäume und auf das Feld; nur die Geier ſchoßen mehrere Male im Kreiſe, wie herausfor⸗ dernd, dicht über die Helmbüſche der Reiter hin⸗ ehe ſie ſich in die höhern Lüfte hinaufſchwangen, dort auf ge⸗ waltigen Fittigen ihren Zirkelflug begannen und mit ſcharfen Blicken immer ihr Beutefeld bewachten. Gara trat ungeſtüm über Roß und Menſchen weg, das In⸗ nere des Blutplatzes zu gewinnen, indeß die Andern einen bequemern Eingang ſuchten und auch bald eine Lücke fanden, wo Menſchenhände ſichtlich Raum gemacht und die Todten bei Seite geſchoben. Sie fanden den Ban, wie er ſtumm, mit verſteinerten Geſichtszügen und brennenden Augen unſtet umherſchritt, mit hochſchlagen⸗ der Bruſt etwas ſuchend, was er doch zu finden ſich ängſtigte. Der Sohn Gottes ſey uns gnädig, ſagte Bubeck, das iſt eine entſetzliche Geſchichte. Freund Niclas, ſchau her! Erkennſt Du das gelbe Wamms mit den ſilbernen Trod⸗ deln? Das iſt der Blaſius Forgäcs; die kroatiſche Lanze hat ihn durch und durch geſpießt wie der Koch den Hirſch⸗ braten; die Haiducken⸗Gliedmaßen ſind nicht zu verken⸗ nen, obgleich man ihm nach türkiſcher Manier den Kopf genommen; auch ſah ich ihn in dieſem Staatskleide zu Pferde ſteigen, um dem Zuge der Königinnen vorzurei⸗ ten. Und hier, Teufel! Das iſt Dein Ohm Johannes; doch ein Ritterſchwert hat ihm ehrlich dahin geholfen und ſein getl tiſch eine ein leib ihm des mit lich der des vor dar ſie nit ra ern ine cht den ind en⸗ ſich das er od⸗ nze en⸗ opf rei⸗ es; und 157 ſein bärtiges Angeſicht bis zum Kinn in zwei Hälften getheilt. Schau da, welch ein Leichenberg! Ein kroa⸗ tiſcher Rattenkönig, man ſieht nur Arme und Beine in einander gepfercht, und daneben wieder ein Kopfloſer. O Du armer Niclas! Bei der Gnade des Himmels, ein Dutzend zerbrochener Pfeile ſtecken in dieſem Helden⸗ leibe und ein Dutzend Säbelklingen haben ſich ſtumpf an ihm gehauen, aber ſollte ich's auf die Hoſtie ſchwören, müßte ich bekennen, es iſt der Heldenleib Deines Vaters, des Palatins. Sie haben ſeinen und des Forgäcs Kopf mitgenommen, um der Margareth von Neapel ein tröſt⸗ lich Schaugericht auf ihre Wittwentafel zu ſtellen, doch der alte Held hat ſich ſelbſt einen Grabhügel von Fein⸗ desleibern aufgethürmt, der Jeden erröthen machen muß von denen, die ihn meuchleriſch anfielen und unverdient davonkamen. Der Ban von Machow ſtand zwiſchen den Leichen, ſtarrte hin, knirſchte mit den Zähnen, ballte die Hände, aber ſprach nicht eine Sylbe. Jetzt aber kam neues Leben in ihn durch einen Gegenſtand, den ſein ſuchend Auge getroffen. Es war ein weißes Maulthier, ein Zugthier mit dem königlichen Geſchirr, das, von Wurfgeſchoßen getödtet, im Sande lag. Sie war dabei! rief er mit heiſerer Stimme. Die Königin war in der Mitte dieſer Gräuel! Auf in die Sättel, Tod und Verderben über ihre Entführer! Er wollte hinaus zu den Reitern, doch Bubeck hielt ihn am Arme. Verdamme Gott meine Seele, wenn es angeht, Freund! ſprach er beſänftigend. Beſinne Dich. Keines unſerer Thiere macht noch eine Stunde ohne gebrochene Glieder. Und ſieh umher, dieſe Leichen find kalt und ſtarr, das Blut iſt überall geronnen und ſih Die Schandthat iſt nicht ſo eben erſt verübt, daß wir das Mordgefindel im nächſten Buſch zu erwi⸗ ſchen vermöchten. Gara ſchien ſich zu befinnen, ein tiefes Stöhnen gquoll aus ſeiner Bruſt und ermattet ſetzte er ſich auf den Leib eines todten Pferdes nieder. Da klan⸗ gen Stimmen aus dem Gehölz, und ein Menſchenhaufe ward ſichtbar. Der Ban fuhr auf, und mit blanken Waffen ſtürzten Alle den aus dem Gebüſch hervortreten⸗ den Männern entgegen. Ein Haufen Bauern war's mit Schaufeln bewaffnet; an ihrer Spitze ein Greis in der Tracht der Edeln des Landes, ein Petruskopf mit langwallendem Schneebarte. Der Greis wich nicht in Furcht, ſondern ſchaute verwun⸗ dert auf den Anlauf, und die Schwerter der jungen Ritter ſanken in ſeiner Nähe. Emanuel Drugeth, rief Bubeck, was führt Euch hie⸗ her? Der Greis wandte ſich an den jungen Gara, der ebenfalls, ſowie er den Alten erkannte, ſeinen Anlauf gehemmt hatte, und mit bebenden Gliedern auf ſein Schwert gelehnt ſtand. Tröſte Euch der Himmel, mein junger Held, ſprach der Greis. Ihr kamet zeitig genug, um der Beſtattung Eures Vaters beizuwohnen, denn ich bin im Begriff, im Geleit meiner Gehörigen die Gräuel der Menſchen mit Erde zu bedecken, die geduldig Sündern und From⸗ men die letzte Herberge gibt. Wiſſet Ihr von der Königin? Iſt ſie gerettet? Wie und wo? ſtotterte Nielas. Der Greis ſah ihm feſt, doch etwas verwundert in's Auge. So frägt der Sohn? ſagte er. Aber ich verſtehe Euch. Ihr waget nicht zu fragen nach dem Gottesge⸗ richt, welches heute früh hier gehalten; denn der Him⸗ mel gebraucht die Schlechten, um die Böſen zu tilgen: der Blu geht in e geri der hen dieſe nen bedi näch nich wun dieſ verl Joh Nat taut ſchn an er i im rich ſein Er dem dieſ Par der ie⸗ en n⸗ ie ch he e⸗ n⸗ R: 159 der Bär tödtet den Wolf und der Wolf den Fuchs. Wer Blut geſäet, darf ſich nicht wundern, wenn Blut auf⸗ geht. Carl Durazzo fiel durch Meuchlerhände, fiel nicht in ehrlicher Männerſchlacht; dort vor uns iſt das Hoch⸗ gericht ſeiner Meuchler. Aber die Königin? knirſchte Niclas. Maria war eine Heilige unter den Frevlern, fuhr der Alte ruhig fort; die Heerſchaaren des Himmels ſte⸗ hen bei ihr, Niemand wird ihr ein Leides thun. Hinter dieſem Gehölz liegt ein Dorf, das mein iſt; dort kön⸗ nen Eure Reiſigen Quartier nehmen, denn ſie ſcheinen's bedürftig. Euch ſteht mein Schlößchen offen, welches die nächſte Bergſpitze trägt. Von den Königinnen wiſſen wir nichts; aber im erſten Hahſe des Dorfes liegt ein Ver⸗ wundeter, der einzige, den ich noch lebend fand unter dieſem Leichenberge, als ich am Mittage den Platz der verbrecheriſchen Rachluſt betrat. Es iſt Jwan Olah, der Johanniter, welcher im Geleit Eures Vaters ritt. Olah? rief der Graf neu belebt. O Stern in der Nacht; er muß von Mariens Schickſalen wiſſen. Fort taumelte er auf dem Fußpfade, der das Gehölz durch⸗ ſchnitt. Der Greis ſchüttelte ſein Apoſtelhaupt. Möge an Dir nicht gerächt werden die Sünde der Väter, ſprach er in ſich. Aber wehe dem Vater, von dem der Sohn im Tode ſich abwenden muß, ſchaudernd vor dem Ge⸗ richt, das den Erzeuger traf, und keine Thräne hat an ſeinem Sarge, obgleich er ein guter Sohn geweſen. Er gab den Landleuten die nöthigen Befehle, und nach⸗ dem dieſe ſich aufgemacht zu dem grauenvollen Werk dieſer Todtenbeſtattung, führte er die Ritter und ihre Panzermänner in den Wald hinein auf dem Wege, den der Ban von Machow genommen. —.————— 160 In einer Hütte lag auf armſeligem Bette ein Rei⸗ tersmann, entkräftet, hohläugig und mit verbundenem Haupte; aber ſein Zuſtand ſchien beſſer geworden, ſeit Freunde und Waffenbrüder ſein Lager dicht umſtanden, und er hatte ſich halb erhoben und ſtützte mit dem lin⸗ ken Arme den Kopf, da der rechte in einer Wundbinde hing. Sie thaten ihnen kein Leides, aber ſie führten ſie mit ſich fort, antwortete er auf Gara's ſtürmiſche Fra⸗ gen nach den Königinnen. Sicherlich haben ſie vor, die koſtbare Beute nach Neapel zu ſenden, um dafür neue Hülfsvölker zu erkaufen. Sie iſt verloren, ſeufzte Niclas, tiefſinnig vor ſich hinſtarrend. Die Sonne wird verlöſchen und der Tag des Lebens iſt verronnen. O Schmach über Ungarn, über mich, die wir des Landes Krone uns rauben ließen! Vielleicht kommen ſie nicht hinüber, tröſtete der Jo⸗ hanniter; denn der Palatinus war noch geſtern voller Hoffnung, und erwartete bei jedem Schritte, den wir weiter machten, auf die Boten des Feldherrn der Vene⸗ tianer zu treffen. Gara ſprang auf und faßte des Greiſes Hände. Herr Emanuel, bat er dringend, gebt mir Pferde, ſo viele Ihr habt! Ich verpfände Euch dafür alle meine Erb⸗ güter. Kehre ich nicht, ſeyd Ihr der Eigner; dieſe Ba⸗ rone ſind Zeugen zwiſchen uns. Laſſet ſatteln, denn es gilt der Königin Ehre und Leben, wer dürfte da geden⸗ ken des ermatteten Leibes! Der Greis ſchüttelte den Kopf. Meine Pferde ſind nur Ackergäule, nicht gewohnt, gerüſtete Männer zu tragen, und mein Stall iſt nur klein, antwortete er. Ein Arma⸗ liſt wie ich hält nur Ein kumaniſches Leibroß, und auch das weigere ich Euch, denn ich will nicht an Eurem Un ſine den haf den geſ Tr ſeir im der gin daf und gle gin der lich Br chet den und er ſeir lich Wi hin Hu ſchö ein ei⸗ em eit n, in⸗ de ſie ra⸗ die eue iur en, na⸗ uch 161 Untergange Schuld tragen, und das Geſchlecht der Dru⸗ ſina's ſoll nicht durch meinen Unverſtand erlöſchen. Gara verhüllte verzweifelnd ſein Geſicht mit den Hän⸗ den und ſank auf einen Schemel nieder; doch der leb⸗ hafte Bubeck trat jetzt näher zum Bett und ſprach zu dem Kranken: Vermagſt Du es, Jwan, ſo erzähle, wie's geſchah; denn Alles dünkt uns ja noch wie ein neblichter Traum, an den nur Kinder glauben. Der Wunde begann, doch oftmals unterbrochen von ſeiner Schwäche. Wir machten eine ungefährdete Reiſe im ſchönſten Wetter, und mit jedem Tage wuchs uns der Muth, denn Dörfer und Städte jubelten der Köni⸗ gin zu, und wir theilten bald des Palatinus Glauben, daß der kühne Schlag zu Ofen die Rebellen alle verſprengt und in ihre Fuchslöcher verſcheucht habe muthlos und irr gleich dem Bienenſtock, der ſeinen Weiſel verlor. Geordnet ging unſer Zug immer tiefer in's Land hinab; voran der Forgäcs und ich mit den Huſaren, dann der könig⸗ liche Wagen, und um ihn und hinter ihm die beiden Brüder Gara mit dem Kern der Leibwächter. So bra⸗ chen wir auch heute früh mit dem erſten Morgenroth aus dem Nachtquartier, und Herr Niclas war bei guter Laune, und Ernſt und Strenge ſchien von ihm gewichen, denn er hoffte mit ſeinen hohen Schützlingen noch vor Abend ſein Stammſchloß zu erreichen, und pries die Bequem⸗ lichkeiten und Freuden, die er uns Allen als ſplendider Wirth zu ſpenden gedachte. Am Gebirgswald ritten wir hin, bequem im Sattel und locker in den Bügeln; die Huſaren ſangen ein luſtig Lied, wir freueten uns der ſchönen Gegend oder erzählten uns eine Kriegsmähr oder ein Herzensabenteuer. Da rauſchte es auf einmal wie Blumenhagen. XVI. 0 41 162 Gewitterſturm oder Erdbeben rundum. Jedermann ſchlug ſpr ſogleich die Augen gen Himmel, wo aber kein Wölkchen gli hing und der heiterſte Julitag ſich mehr und mehr ent⸗ feig faltete. Aber ehe voch die Blicke zu Boden kamen, hör⸗ wu ten, ſahen und fühlten wir, welche Geiſter den Sturm unt gemacht. Kroaten brachen aus dem Buſche auf uns ein⸗ wa vorn und hinten, rechts und links, überall wie eine Heerde tap hungerstoller Wölfe. Hunderte von Speeren ziſchten heran mit von allen Seiten; die Pfeile flogen um unſere Köpfe bra gleich Schloßenwetter, und die Stimme des Johannes St Horwathi bellte gleich der eines heiſchen Sauhundes: Hir Nieder mit den Königsmördern! Nieder mit den. nus weibern der Mörder! ſcho Ein wilder Fluch hallte gleichzeitig von den vippn gef der bärtigen Männer, jede Fauſt fiel auf den Säbelgriff Pfe und der junge Gara knirſchte faſt tonlos: Engelreine Rie Maria! Der Kranke fuhr fort: pie Der erſte Anlauf traf vorn die Huſaren. Alles hatte dem ſchnell die Waffen blank gemacht, aber die Ueberraſchung ihn gab den Angreifern ein ſchweres Uebergewicht. Der Rieſe Gat Blaſius Forgäcs ward zuerſt mit einer Lanze durchſtoßen. er1 Der Speer eines Kroaten, welcher mir ein gleiches Lvos hin zugedacht, traf meines Pferdes Bruſt, zugleich durch⸗ mei ſchnitt jedoch ein ſcharfer Säbelhieb meinen Arm; mein eine ſchweres Roß ſtürzte, wälzte ſich ſterbend auf mich, und jun wie ein lebend Begrabener lag ich unter dem Thier, faßt regungslos gleich einem Geknebelten, Höllenſchmerz in den auf gequetſchten Gliedmaßen, und mußte mit offenen Augen Gef die Gräuel anſehen, und gleich einem Verdammten in edle dem Verderben der Freunde den Tod hundertfach ſchmecken. glei Des Palatinus tapfere Stimme ordnete bald einen Schlacht⸗ über kreis, und wer ſich ihm näherte, that den thörichten An⸗ ung 163 8 ſprung nicht zum zweiten Male. Aber die tapfere Wehr n glich der fruchtloſen Wuth des umftellten Bären. Die t⸗ feigen, heulenden Hunde blieben fern, fochten mit Speer⸗ r⸗ wurf und Geſchoß, und bald ſank nach und nach Roß m und Mann; doch wer ſich an den Wall der Sterbenden . wagte, den traf noch von unten der Schwertſtoß der e tapfern Ungarn, bis Tſchakaturn, der wüthige Woiwode, n mit ſeinen ſiebenbürgiſchen Harniſchen in den Kreis fe brach, und dem Johannes Gara mit Einem grimmen 6 Streiche den Kopf ſpaltete bis zur Bruſt, daß das Hirn die Königinnen im Wagen beſpritzte. Der Palati⸗ s⸗ nus, er, der Letzte und Einzige, denn Alles wälzte ſich ſchon todtwund oder von den Riemen der Kroaten ein⸗ gefangen und geknebelt im Sande, ſprang jetzt vom ff Pferde, und deckte allein den Wagen der Fürſtinnen. e Nie ſah ein Menſchenauge ſolchen Kampf! Ein Goliath ſpielte mit einer Knabenhorde. Er hatte vor ſich hin mit te dem Schwerte einen Wall von Leichen gethürmt, der ig ihn ſchützte; was Horwathi hinanhetzte, blieb vor des ſe Gara Füßen; die Pfeile, die ſeinen Leib trafen, brach n. er mit der Linken in der Wunde, damit ſie ihm nicht 6 3 hinderlich im Kampfe, und trotz meiner Schmerzen jubelte k ₰ mein Herz ob dem glorreichen Schauſpiele. Da fällte in eines Fuchſes Liſt den alten, blutbegoſſenen Leu. Ein d junger, bartloſer Kroat kroch unter den Wagen, um⸗ 5 faßte des Helden Kniee und riß ihn zu Boden. Er ſiel en auf das Antlitz, und ſchnell ſtürzte Horwathi zu dem en Gefallenen und trennte mit Einem Schwertſchlage das in edle Haupt vom Heldenleibe, daß ſein ſiedendes Blut n. gleich zwei dunkeln Springbrunnen hoch und weit ſpritzte über ſeine Feinde, als wollte es ſie verſengen und mit ⸗ unauslöſchlichem Brandmahle zeichnen. 164 Teufliſcher Henkersknecht Horwathi, wer wird Dich richten? rief Bubeck. Doch was geſchah mit den Frauen? Die Königin Eliſabeth ſprang aus dem Wagen und warf ſich vor den Horwathi in die Kniee. Schonet! ſtammelte ſie.— Könnet Ihr noch hoffen? höhnte der herzloſe Ban. Gefällt er Euch nicht mehr, der blutige Galan, der unter Eurem Namen die Edlen tyranniſirte, als wären ſie ihm leibeigen? Treuloſes Weib, müßt Ihr nicht wünſchen, neben dem Buhlen zu liegen im gleichen Schandbett? Tödtet mich gleich ihm! rief die alte Königin und rang jammervoll die Hände. Ja, ſchonet mich nicht, denn ich und er bereiteten den Angriff auf König Carl. Tödtet mich, aber leget Eure Hand nicht an das ge⸗ ſalbte Haupt Eurer Königin! Maria iſt ſchuldlos, ich ſchwöre es bei dem Gotte, deſſen Zorn mich traf, der die Schuldigen in Eure Hand gegeben zu dieſer Stunde! Verſchonet mein Kind und nehmet mein Blut zur Sühne! Roh riß der Barbar die königliche Frau von der Erde auf und ſchleuderte ſie gegen den Wagen. Denket an Mariens Vater, ſtöhnte ſie erſchöpft. König Ludwig hat Euch groß und reich gemacht, wie ſo Viele, die ihm nicht gedankt. Der Ban lachte wild auf. Ich danke, wie ſein Weib ihm gedankt, als die Schamloſe ſich dem grauköpſigen Palatin ergab, entgegnete er ſchonungslos, und befehlend ſetzte er hinzu: Werfet das Klageweib in die Karoſſe, oxdnet den Zug und vergeſſet mir die Köpfe der Mörder nicht. In Neapel ſitzet die Richterin dieſer armſeligen Sultaninnen, und wir wollen ihr einen kräftigen Wund⸗ balſam bringen für ihren Wittwenſchmerz. Was ſich weiter begab, weiß ich nicht, ſchloß der Johanniter ſeine ————— m w w S di lic Le w Be zu ſa mi re de ve ur kei ih kri —— 165 grauſe Erzählung; ein ſterbendes Pferd wälzte ſich zu mir heran, ich fühlte einen harten Schlag am Kopſe, wahrſcheinlich vom zuckenden Huf des Thieres, und meine Sinne ſchwanden mir wie im Tode. Die erſchütterten Männer ſtanden verſtummt, da weckte ſie Waffengeraſſel: der junge Gara war vom Schemel herab an die Wand geſunken. Man riß ihm die Eiſenſtücke vom Körper: er ſchien einem Todten ähn⸗ lich, doch der Wein, welchen der greiſe Edelmann vom Schloſſe hatte herbeiholen laſſen und mit dem ſein Leibbube eben eintrat, wurde benutzt, ſein Geſicht zu waſchen und ihn zu laben, und der Freunde emſiger Beiſtand rief ihn in ein Leben zurück, das dem Ver⸗ zweifelnden und ſeinem zwiefach verwundeten Herzen ge⸗ häſſig und reizlos erſcheinen mußte. Wir erwecken ihn, ſagte der alte Emanuel, während er die freundliche Be⸗ mühung theilte; wir müſſen als Chriſten, aber thun wir recht als Menſchen? Wer ſah, was dieſem heut geſchah, der ſchliefe beſſer den ewigen Schlaf. Aber auch er wird vergeſſen; der Nebel der kommenden Zeit verhüllt die Gegenwart, und wenn der Stachel ſolcher Wunden ſpitzig und ſcharf bliebe ein Menſchenleben hindurch, ſo regierte kein Gott der Gnade über dem Sternenhimmel! Viele Wochen waren ſeitdem vergangen. Der ohne Widerſpruch gekrönte Sigmund kämpfte nicht ohne Gliick um ſein Reich, wenn auch die Menge ſeiner Feinde u ihre Vereinzelung die Mühſeligkeiten dieſes innern Reichs⸗ krieges vermehrte und in die Länge zog. Doch trug an⸗ dererſeits gerade ſolches dazu bei, ihm die Zuneigung 166 der Ungarn zu gewinnen. Sein edles Aeußere, die maͤnnliche Schönheit, welche ihm die Natur geſchenkt, veſtach das Volk; die ritterlichen Tugenden, die er wäh⸗ rend des Krieges zu entwickeln Gelegenheit fand, ſeine jugendliche Tollkühnheit in der Verfolgung der Rebellen, deren Kriegsmanier ſich derjenigen der ſpaniſchen Gue⸗ rilla's unſerer Zeit näherte, ſeine ſchnelle Umſicht in der geldſchlacht, ſein raſcher Entſchluß, wenn es galt⸗ ſeine verſchwenderiſche Freigebigkeit, wenn ſein Schatz zufällig gefüllt worden, mußte ihm bald die feurigſte Anhäng⸗ lichkeit Aller verſchaffen, die in ſeine Nähe kamen, und wandelte ſelbſt manchen ſeiner Widerſacher zum Freunde. So ſchien die Beruhigung des Reiches nicht mehr fern; diejenigen der Empörer, welche zu ſchwer belaſtet, um Gnade zu hoffen, lagen verſchanzt in ihren Schlöſſern. Pwartko der Bosnier, Lazar der Servier Fürſt und der wallachiſche Woiwode Myrtſche waren halb beſiegt, und in den Grenzen Siebenbürgens ruhten die durch den Maroſchfluß geſchiedenen Heere, und Unterhändler be⸗ ſtreiften das Waſſer hin und zurück. An einem heitern Herbſttage kam ein düſterer Reiter in ſchmuckloſen Waffen und auf beſtaubtem Roſſe im ungariſchen Lager an und fragte nach dem Könige. Nicht in ſeinem Gezelte, nicht in dem Kreiſe der zechenden Offiziere wurde der junge Herrſcher gefunden, bis ein königlicher Stallmeiſter, welcher in dem Fremden den Ban Niclas Gara erkannt hatte, dieſem lächelnd ver⸗ traute, er möchte den Herrn wohl treffen, wenn er nicht ſäumte, ein Landhaus der Morſinay's zu erſpähen⸗ welches nicht fern hinter der Lagerlinie am Gebirge zu finden ſey. Iſt Eure Botſchaft jedoch ohne Eil, ſetzte der Hofviener verſchmitzt hinzu, ſo ſtört die Majeſtät nicht und we zu me da ſta an ga m ter ſta nu wr eig Tr in 167 wartet bis zur Dämmerung, wo der Herr täglich heim⸗ zukehren gewohnt iſt. Der junge Gara ließ ſein Pferd im Schutz des Stall⸗ meiſters und trat den Marſch an. Jedermann kannte das Landhaus, und bald war er zurechtgewieſen, bald ſtand er am Gatterthor der kleinen Mauer, welche die angenehme Beſitzung umzog. Er trat in den zum Luſt⸗ garten gewandelten Holztheil, und auf einer Raſenplatte valgte ſich der Leibpage, der kleine Orfzag, mit einem mächtigen Hatzhunde herum und ſchonte ſeinen begolde⸗ ten Scharlachpelz nicht. Zehn Schritte weiter, und er ſtand vor einer Rebenlaube, in die das breite Weinlaub nur ein mattes Tageslicht einließ. Des Jünglings Fuß wurzelte am Boden, ſein Athem ſtockte, er traute dem eigenen Auge nicht, denn nur ein muthwilliger böſer Traum konnte ihn mit dem Bilde necken, was vor ihm ſich zu entſchleiern begann. Ein Mädchen, ſchön und üppig geformt, gleich einer Odaliske des Serails, ſaß oder lehnte vielmehr in ei⸗ ner Stellung, die in ſüßtrunkener Hingebung alle ihre Reize entfaltete, auf der Laubenbank, und Sigmund lag an ihre Schulter geſchmiegt, ſeine brennende Wange an ihrg volle Bruſt gedrückt und mit einem Blicke an ihren großen, dunkeln Augen hangend, der dem unver⸗ mutheten Beſchauer dieſes Geheimniſſes nichts verſchwieg von dem, was hier geſchehen und was hier waltete. Aufgeſchreckt vom Geräuſch ſprang Sigmund aus ſeiner beneidenswerthen Stellung und trat mit einem Zorn⸗ worte dem Störer entgegen. Doch der Fluch blieb halb auf ſeiner Lippe und wandelte ſich um in den Ruf des Staunens: Beim Himmel, Du hier, Freund Gara? Ja, mein König und Herr, antwortete ernſt und 168 bitter der Ban, verzeihet dem Unberufenen, der wie ein finſterer Geiſt Eure Feſtſtunde beleidigt. Das Mädchen hatte ſcheu und mit hochgeröthetem Geſicht ebenfalls ihren Sitz verlaſſen, doch jetzt ſchrie ſie laut auf, faßte wie eine Taumelnde des Königs Arm und fragte mit Heftigkeit: Wie, Du— Ihr ſeyd der König? Sigmund wollte ſie lächelnd umfaſſen, doch ſie machte ſich mit Haſt los von ihm, rief nochmals: Ihr, der König! O dann bin ich verloren, verloren! Schluchzen erſtickte ihre Stimme, Thränen drangen mit Macht aus den ſchönen Augen, und ihr Geſicht in das Kopftuch verbergend, floh ſie durch den Garten dem Hauſe zu. Niclas ſtand ſtumm vor ſeinem Herrn, aber ſeine Augen hafteten vorwurfsvoll auf dem Verlegenen, der ſeine Beſchämung durch ein leichtes Zürnen zu verdecken trachtete. Du hätteſt Deine Zeit beſſer wählen können, mein guter Freund! ſagte er leichten Tones. Du hätteſt den Pagen ſchicken ſollen, daß er Dich melde. Wie haſt Du nun dieß liebliche Kind erſchreckt! Wie biſt Du gleich einem böſen Zauberer in dieſes Paradies gedrungen und haſt durch ein dämoniſches Wort Armida's Garten in ein Diſtelfeld verwandelt! Elsbeth Morſinay iſt aus edelm Geſchlecht und nicht unwerth, daß ein fürſtlich Herz Erholung und Erfriſchung nach rauhen Schlacht⸗ tagen bei ihr zu finden wünſcht. Unbeſonnener Kriegs⸗ mann, zum Höflinge wurdeſt Du nicht geboren! Konnte ich fürchten, den König Sigmund alſo zu finden? fragte der Ban mit Schärfe. Nun, was geſchah denn Großes, mein ſtoiſcher Sit⸗ tenprediger? entgegnete der König. Iſt das Weib, iſt die pfa uns ßem beth irge frac Geſ ſtert Du will die haß wat Tod Kör und ſolc Haf tige von Fra in d wüt aus rett 169 die Schönheit nicht da, um Männerhuldigung zu em⸗ pfangen? Pflanzt die Natur nicht die duftende Blume uns an den Weg, daß wir uns kränzen damit nach hei⸗ ßem Tage, daß ſie lohne die Männerthat? Und Els⸗ beth iſt ſchön, reizvoll, reich an Huld und Geiſt, wie irgend ein Weib der Erde! Schöner, reiner, tugendreicher als Königin Maria? fragte Gara. Der König ſchlug unruhig das Auge nieder. Das Geſchick hat Dir weh gethan und Dein Gemüth verfin⸗ ſtert, antwortete er lebhaft und herzlich. Armer Niclas, Du verloreſt den Vater, verloreſt den Ohm um unſert⸗ willen. Warum aber ſtürzte ſich der Palatinus ſelbſt in die Wolfsheerde? That er's doch nur, weil er mich haßt und mir Leid zu thun gedachte. So hat er nun, was er ſelbſt ſich bereitet. Tröſte Dich, Freund! Laß die Todten ſchlafen und genieße mit den Lebenden. Dein König wird Dir vergelten, wo er's vermag. Viel verlor ich, ſprach Gara in derſelben Stellung und mit demſelben Tone. Aber Ihr verloret mehr: eine ſolche Königin! Ja, ſie iſt verloren, ich weiß, ſtieß Sigmund mit Haſt hervor, als wünſchte er nach Art aller Genußſüch⸗ tigen ſchnell über die düſtere Erinnerung hinwegzugehen. Ich weiß, als die Unmenſchen von unſerer Krönung, von unſern Siegen gehört, haben ſie die Mutter, die Frau Eliſabeth vor den Augen der unglücklichen Tochter in den Waſſern der Boſſut ertränkt. Arme Maria! Der wüthenden Megäre, der Margareth von Neapel iſt ſie ausgeliefert worden. Arme Maria! Sie iſt nicht zu retten. Ohnmächtig, wie wir daſtehen, müſſen wir das liebe Weib, deren Jugend wir mit reichen Lebenskränzen 170 zu ſchmücken gedachten, dem grauſamen Schickſalsgotte überlaſſen; es iſt ein hartes Abrahamsopfer. Aber ge⸗ denkſt Du noch Deines letzten Wortes zu Ofen? ſetzte er hinzu, um die Gedanken zu wenden. Du ſtehſt ja vor mir, und wollteſt nur kehren mit ihr oder nimmer! Ein Grauſen ſchien bei dem faſt in Scherz geſpro⸗ chenen Vorwurfe durch Gara's Glieder zu rieſeln. Näch⸗ tiger noch ward ſein Geſicht, er preßte die Rechte auf das hochklopfende Herz und ſagte: Wäre ſie verloren, wie Ihr ſo leicht von der Zunge ſchlüpfen ließet, bei meines Vaters Grabe, ſo hätte der König niemals den Mann wieder geſehen, den er den Ritter ſeiner Königin genannt. Ich wäre der angebeteten Tochter des großen Ludwigs nachgeſchwommen durch den brandenden Golf, und hätte am Schaffot der heiligen Märtyrerin den Todeskampf mit ihren Henkern gekämpft. Aber ſie iſt nicht verloren; ſie iſt faſt ſo gut als gerettet, und damit mein Geheim⸗ niß nicht vor der Zeit fremde Ohren träfe, damit meinem Könige nicht die höchſte Wolluſt vorenthalten würde, ſei⸗ ner Königin Gefängniß ſelbſt zu öffnen, that ich dieſen faſt unwillkommenen Eilritt zu Euch. Maria gerettet! Maria nicht nach Italien und noch in unſerm Bereich? rief der König aufglühend. O rede, Du ſteinern Bild! Jedes Wort wiegt eine Krone. Vergebens bemühten ſich die Rebellen, ihren unſchätz⸗ baren Fang über das Meer zu bringen. Venedig that ſeine Schuldigkeit. Die Schiffe des wackern Frangepani ließen Fiſcherboote von der Küſte, und der tapfere Capi⸗ tano Barbadigo verlegte mit ſeinem gelandeten Kriegs⸗ volke den Verräthern überall die Wege und trieb ſie in's Land zurück, wo ſie von Felsſchlucht zu Felsſchlucht, von Schloſſe zu Schloſſe irrten, wie der Fuchs, der das ge⸗ mu um kan ſche iſt Ge! ſtrö nod Zel nac Sti und otte ge⸗ tzte ja er! ro⸗ äch⸗ auf wie nes ann nnt. igs ätte mpf en; im⸗ em ſei⸗ eſen och ede, ätz⸗ that anmi api⸗ gs⸗ in's von 171 fangene Schneehuhn nicht laſſen will, doch vergebens ſich mühet, es durch den Kreis der wachſamen Rüden in ſeinen ſichern Bau zu tragen. Zerſprengt zuletzt überließen die Rebellen die Königin dem Palisna, dem Johanniter⸗ Prior, der ſich mit ihr in die Feſte Nowigrad geworfen. Und das nenneſt Du gerettet? fragte der König un⸗ muthig. Die Venetianer und meine Deutſchen haben den Platz umftellet, fuhr der Ban lebhaft fort; keine Waſſerratte kann heraus, und nur der Vogel hinein. Aber die Mann⸗ ſchaft iſt zu ſchwach zum Sturme. Euer Kriegsheer hier iſt doppelt ſo ſtark als nöthig, um die friedenbittenden Gegner im Schach zu halten, und aus allen Comitaten ſtrömen Euch täglich junge Soldaten zu. Darum laſſet noch in dieſer Nacht die Hälfte Eures Fußvolkes die Zelte abbrechen, führet die vom Sieg erhitzten Krieger nach Nowigrad: Maria! ſey ihr Feldruf, und in Einem Sturme iſt der Platz unſer, und Eure Königin liegt frei und glücklich an Eurem Herzen. Arme Maria! ſeufzte Sigmund. Du warſt immer ein guter Träumer, Freund, doch dieſes Mal muß Dein Traum ſo ſüß geweſen ſeyn, daß Du vor Trunkenheit nicht zum Erwachen kameſt. Sey es, wir erſtürmten den ſtarken Ort: glaubſt Du, jene rohe, blutdürſtige Rebellen⸗ horde würde uns die Wonne gönnen, eine lebende Maria zu finden? Ihre Hände ſind ſo tief in Blut getaucht, ihre Scheitel ſind ſo ſchwer mit Hochverrath belaſtet, daß ſie keine Gnade von uns erwarten dürfen. Haben wir das Thor geſprengt, wird man uns den blutenden Kopf der armen Königin entgegen ſchleudern, und ihre Henker werden ſich hohnlachend und in Teufelsluſt in die Helle⸗ barden der ſiegenden Venetianer ſtürzen. 172 Gara ſchüttelte ſich wie im Todesſchauer. Nein, nein, rief er wie außer ſich, es iſt ein Gott, ein väterlicher Schirmvogt! Nicht an ſeine Gerechtigkeit glauben, iſt Lä⸗ ſterung. Die Schuldigen fielen vor ſeinem Zorn; die Un⸗ ſchuld wird ihn verkünden, die Gerettete vor allen Völkern. Und woher alle dieſe Nachrichten? fragte der über die Aufwallung des ernſten Mannes verwunderte König. Der Prior rief alle Ritter ſeines Ordens durch einen Kapitelbrief nach Nowigrad. Auch Jwan Olah, von ſeinen Wunden geheilt, ſtellte ſich. Mit Erſtaunen er⸗ füllte ihn die Gegenwart der Königin im Schloſſe, und obgleich man ihn mißtrauiſch beachtete, fand er dennoch Gelegenheit, mir einen getreuen Boten zu ſenden, von dem wir die Freudenpoſt wie ein Evangelium empfingen. Ein plötzlich aufgehender Stern erhellte unſere tiefe Nacht. Die Beſatzung iſt ſo gering als muthlos. Nur der Prior und die Horwathi's befeuern ſie durch raſenden Spruch der Rachſucht, durch Hoffnung auf Neapels Hülfe, durch Geſchenke und die Geiſter von Tockay und Tarc⸗ zal. Säumet darum nicht, mein Fürſt! Haſcht die For⸗ tuna am flatternden Haarſchweif! Mit den Wagigen iſt die ſchlaue Kupplerin Gelegenheit. Ich bin nur der Diener; Ihr ſeyd der Geliebte, der Gatte, der über allen Menſchenwunſch hoch Beglückte, und Ihr ſitzet nicht ſchon zu Roſſe? O, beim Gott der Frommen und Ge⸗ rechten, könnte ich glauben, ein zauberiſcher Liebestrank habe meinen Herrn auf einen Abweg geführt und kar⸗ pathiſches Eiswaſſer in ſeine Adern geflößt, mein gutes Schwert würde vor Euren Augen den buhleriſchen Buſen der Circe durchſtoßen, die das beſte Herz zur Untreue verlockte, die edelſte Frau der Erde tödtlich beleidigte, und die Schlange des reinſten Paradieſes wurde. auff Wal Gar verg auf. Lieb ich i meit könn für ₰ Hun Deit ziehe und flecke ſcher die ſieg unſe 2 die da ſ 2 Elsb Der Sie mit 3 ein, her Lä⸗ Un⸗ rn. ber nig. nen von er⸗ und noch von gen. tiefe Nur den ilfe, arc⸗ For⸗ n iſt der über nicht Ge⸗ rank kar⸗ utes uſen treue 8 173 Halt an, Du grimmiger Bußprediger! fiel Sigmund auffahrend in ſeines Ritters Rede; doch im Gefühl der Wahrheit ſetzte er ſchnell hinzu: Haſt Du nie geliebt, Gara? Haſt Du nie in eines ſchönen Weibes Armen vergeſſen, was die Prieſter Sünde und Tugend nennen? Der Ban hob die dunkeln Augen zu den Wolken auf. Nie! ſprach er feſt. Was Ihr und die Menſchen Liebe ſchelten, wohnte nie in meinem Herzen, und was ich in heiliger Ahnung ſo nennen möchte, hat nichts ge⸗ mein mit dem verlockenden Reiz, den Frauen bieten können, und iſt darum wohl auf Erden nicht zu treffen für mich. Du Wunder Ungarns, entgegnete der König mit Humor, man muß Dich Joſephus taufen, und weil ich Deinen Worten glaube, ſoll Dir die böſe Predigt ver⸗ ziehen ſeyn, und ich will Deiner Jungfräulichkeit Reue und Buße opfernd zu Füßen legen. Auf denn, mein fleckenloſer Seraphin, nach Nowigrad! Aus reinem, keu⸗ ſchen Leibe ſollen ſich die alten Wunder gebären, ſagt die Mähr. So wirſt Du uns über Gräben und Wälle fliegen machen und auf weißen Fittigen in das Gemach unſerer lieben Frau ohne Schwertſchlag hinüber tragen. Der König verließ den Garten und Gara folgte ihm, die Kränkung des launigen Scherzwortes niederdrückend, da ſein Gemüth mit Wichtigerem beſchäftigt war. Als ſie am Landhauſe hinſchritten, trat die ſchöne Elsbeth Morſinay mit verweinten Augen in die Thüre. Der König blieb vor ihr ſtehen und nahm ihre Hand. Sie ergriff jedoch die Hand des Königs und preßte ſie mit fieberhafter Heftigkeit an ihre Lippen. Was weinet die ſchönſte Blume von Hunpad? fragte der König, ſichtlich in tiefer Gemüthsbewegung. Sey ſtolz — 174 auf Deine Liebe, Du kräftige Maid der Berge, denn Dein König bekennt, er hat ein hohes, unvergeßliches Glück an Deinem Herde gefunden. Und was ſoll aus der zarten Blume werden, wenn ſie zum Spott am Wege liegt? fragte das Mädchen wie in Wahnfinns Wirre. Des Königs Fuß tritt über ſie hinweg, doch die Verlaſſene bleibt ehrlos unter den Spöttern.— Sigmund zog ſeinen Siegelring vom Fin⸗ ger und ſteckte ihn an des Mädchens weiße Hand. Die königlichen Dörfer in der Hunyader Geſpanſchaft und das Schloß im Thale Hatſpeg ſind Dein eigen von heute an. Wer mir dieſen Ring nach Ofen bringt, ſoll gewährt haben, was er uns bitten möchte. Beglücke den armen Bojar, den Woik Buti, der nur ſeinem Könige wich. Er wollte ſie umarmen, doch getroffen von Gara's Blicken küßte er ſie nur auf die freie Stirne. Der Held Hunyades, den die Geſchichte ſpäterhin als Ungarns Retter preist, nannte ſich dieſer Elsbeth Sohn. Schluchzend war das liebliche Weib hinter ihrer Thüre verſchwunden, und der König ging mit Haſt und finſterm Antlitz ohne Rückblick an Gara's Seite dem Lager zu. Schritt und Mienen ſprachen es aus, daß er gewaltſam ſich losge⸗ riſſen. Du trafeſt ſo eigentlich nicht die rechte Zeit für Deine Ankunft, ſo brach er endlich das Schweigen, das ihn ſelbſt zu drücken ſchien. Früher oder ſpäter wäre beſſer geweſen. Ja wohl, mein Fürſt, früher um meiner gekränkten Königin willen! antwortete ernſt der Angeredete. Und fürchtet Sigmund nicht die rächenden Gewalten, welche von den alten Dichtern als Nachtreterinnen der Sünde geſchildert werden, nicht jene Furien des Oreſtes und Dedipus? Der Frevel, den wir begehen, wird gar oft zum pral derſ Mö koſte verd er, gleic auch Kenr was die ihr d verzo heit, frau, verſch Dazu heißet Feuer letzt! gefäh Weibt zum dieſe Er den B langſe eine prückt ſtimm nn hes enn wie ſie den in⸗ Die ind on ſoll den ige a's eld ter end en, hne ind ge⸗ für as äre ten nd che de ind oft 175 zum Pfeile, der auf des Schützen eigenc Bruſt zurück⸗ prallt und alsdann das Herz doppelt wundet, das ſich derſelben Schuld bewußt iſt, die an ihm begangen wird. Möge König Sigmund nimmer dieſes Pfeiles Schärfe koſten! Der König ſah dem kühnen Mahner überraſcht in's verdüſterte Geſicht. Unſere Maria iſt eine Heilige, ſagte er, die uns ſolcher Furcht überhebt, wenn wir auch zu⸗ gleich bekennen müſſen, daß wir keinen ſterblichen Mann, auch uns ſelbſt nicht, ihres Beſitzes würdig erachten. Kennte ſie ihres Gatten Schwäche, ſie würde vergeben, was nicht die Seele, die ihr ganz gehört, ſondern nur die Sinne ſündigten. Doch weder ich noch Du werden ihr den Gram bereiten. Wir Männer ſind nun einmal verzogene, lüſterne Kinder des Augenblicks; wo viel Frei⸗ heit, iſt auch viel Verlockung. Glücklicher iſt die Jung⸗ frau, ein Küchlein unter dem Flügel der Mutter, zu deren verſchloſſenem Cloſet die Sünde gar keine Pforte findet. Dazu iſt Weiberehre ein Spiegel, den jeder Hauch der heißen Leidenſchaft befleckt, indeß der Mann aus ſolchem Feuer dem Salamander gleich ſo unbefleckt als unver⸗ letzt hervorgeht, und ſeine Ehre anderswo gewinnt und gefährdet. Doch ich vergaß den Joſeph, der darin dem Weibe ähnelt, glaube jedoch, Du wirſt Dich dieſes Mal zum Manne halten, die Zunge wahren, und am beſten dieſe Stunde ganz aus Deinem Gedächtniß tilgen. Er ging, als wie erzürnt, voraus. Gara aber warf den Blick in die Wolken und nahm dann, indem er ihm langſamer nachſchritt, aus ſeinem geöffneten Bruſtwamms eine Perlenſchnur hervor, betrachtete ſie lange und drückte ſie feſt an ſeinen Mund. Möge keine Verräther⸗ ſtimme meine Königin wunden, flüſterte er, und möge . 176 das tückiſche Geſchick, das ſo gern ſolch Geheimniß hohn⸗ lächelnd entſchleiert, je tiefer es des Menſchen Witz ver⸗ vorgen glaubt, gütig ſeyn gegen die Unſchuld. Dann varg er ſchnell ſein Kleinod wieder am Herzen, aber auf dem Wege zum Lager folgte ihm der Rückblick in die Vergangenheit, das Andenken an des Vaters ſtolze Pläne und hochfahrende Hoffnungen⸗ der frevelnde Gedanke, ob er nicht würdiger geweſen dieſer herrlichen Königstochter, und mit Freude hörte er das Schnauben der Streitroſſe an den Lagerpfählen, hörte die Trompete, die zum Kriegs⸗ rath rief, und ſchwur ſich, die eiteln Bilder ſeiner Phan⸗ taſie bereuend, im höchſten Opfer mit Gut und Blut die frevelhaften Träume dieſer Sünde abzubüßen. Im Lande der Molarchen, einem Völkchen, das um⸗ ringt von Nationen, welche die Zeichen aſiatiſcher Ab⸗ ſtammung an ſich tragen und an einer Küſte des adria⸗ tiſchen Meeres heimiſch, durch blondes Haar und blaue Augen in der Mehrzahl ſeiner Kinder, wie durch ein viederes, gefälliges Weſen und geraden Sinn in mit⸗ täglicher Zone einen nordiſchen Charakter zeigt, im Lande dieſes beſondern Volksſtammes lag die kleine Veſte No⸗ wigrad, welche der unbeugſame Starrſinn und die mit⸗ leidsloſe Roheit verzweifelter Empörer zum Gefängniß der ſchönſten und unglücklichſten Fürſtin ihrer Zeit ge⸗ macht hatten. So klein das Schloß mit ſeinen Paar Steinhäuſern ließ, die zwiſchen einige graue Thürme eingeklemmt waren, ſo ſtark und unbezwinglich war es durch die verſtändige Wahl ſeines Platzes. Oeſtlich nach dem Lande zu deckte es ein Halbzirkel felſiger Gebirgs⸗ » we we fü ſie in ha nn uf die ine er, oſſe an⸗ die um⸗ Ab⸗ ria⸗ aue ein mit⸗ inde No⸗ mit⸗ gniß ge⸗ baar irme 177 höhen, deren unwegſame Fußpfade die Annäherung großer Soldatenmaſſen nicht zuließ; jedoch fehlten auch hier nicht die Wälle, Mauern und vom wilden Waſſer gefüllte Gräben. Weſtlich dem Meere zu ward ſeine hohe Mauer von zwei Bergflüſſen beſpült, die, von Süd und Nord ſich entgegen rauſchend, dicht vor ihm in einen ſcharfen Winkel zuſammenſtießen, ſich vereinten und dann in einem breitern und tiefern Bett dem Meere zuſtürzten, wo ſie ein kleiner Golf aufnahm und ihre Waſſer dem Kanal bfizriſt⸗ den die langgeſtreckte ſchmale Inſel Pago parallel mit der Landesküſte bildete. Die hatten klüglich dieſen Platz gewählt, weil ſie von hier aus jede Gelegenheit benutzen konnten, welche ſich darbot, ihre koſtbare Beute nach Neapel zu führen, eine Hoffnung, die ihr Starrfinn feſthielt, wenn ſie auch bislang durch die venetianiſche Felucke, die ſich in den Kanal poſtirt und jedes Fiſcherbvot feindlich be⸗ handelte, vereitelt worden. Johann de Palisna, der Johanniter⸗Prior von Vrans, befehligte in der Veſte ein auserleſenes Häuflein verwege⸗ ner Männer, die faſt ſämmtlich ſo tief in die Verſchwö⸗ rung gegen das Herrſcherhaus verwickelt waren, faſt ſämmtlich ihre Hände ſo tief in das Blut der Königlichen getaucht hatten, daß ihr Lebensglück und ihr Leben ſelbſt nur von verzweifelter Wehr, von einer Hülfe von außen und von neuen verbrecheriſchen Siegen durch dieſe ab⸗ hängig geworden war. Auch der unmenſchliche Johann Horwathi, die Seele der Rebellion, warf ſich in den Platz, nachdem Niclas Gara, der mit ſeinem höchſten Dienſt, der Aufſuchung der geraubten Maria, die Pflicht der Blutrache an ſeines Vaters Mördern verknüpfte, ihn Blumenhagen Xvl. 12 [78 überall im Lande gehetzt und aus ſeinen Schlupfwinkeln vertrieben hatte. Doch die Lage der eingeſchloſſenen Empörer ward mit jedem Tage bedenklicher. Zwiſchen der Küſte und den Bergſtrömen lagerte Hauptmann Barbadigo mit ſeinen Venetianern. Ungariſche und deutſche Soldaten bewach⸗ ten die ſchmalen Ebenen zwiſchen Berg und Flüſſen, und die Molarchen, ſo durch ihre Biederkeit wie durch Gara's Geſchenke für Sigmunds gerechte Sache gewonnen, hielten die waldigen Berge und ihre Klippenpfade beſetzt, und ſchnitten Schloß Nowigrad von der Welt alſo ab, daß es einer einſamen Inſel glich im unbefahrenen Ocean. Im ſüdlichen Thurme der Veſte lag ein kleines Ge⸗ mach, das durch die Anweſenheit eines unbefleckten Weibes zu einer heiligen Kapelle geworden. Wie ſie es täglich gewohnt in ihrem einförmigen, lichtloſen Leben, hatte Maria Abends am Fenſter, das in den Burghof ging⸗ geſtanden, und den Wolken, die nordwärts über den klei⸗ nen Himmelsraum flogen, den ſie zu ſehen vermochte, ihre Wünſche mitgegeben. Da die Nacht jetzt vollends und faſt ſternlos herabgeſunken war, machte ſie ſich be⸗ reit, vor dem Betſtuhle ihr Herz zu ergießen, und dann geſtärkt den rauhen Prior zu erwarten, der vor Mitter⸗ nacht immer ihr einen unwillkommenen Beſuch machte, um ſich ihrer Gegenwart zu verſichern, und ſie nicht allein um einige Stunden des Schlafes, des letzten Freundes aller Verwaisten, beſtahl, ſondern durch Stachelwort und Hohn gar oft noch ihre Träume zu beſchweren und ihr ſchlechtes Bett im kleinen Nebengemach mit heißen Thrä⸗ nen zu befeuchten verſtand. Maria war bleicher geworden; Gram, Entſagung und die Schlange der Hoffnungsloſigkeit, die lange Tage an Sgr — Ro der me dat hat ged Lei unt all bitt ſich ihr pen räu den Er ter des St mer hin wes frü beb gnc 179 an ihrem Herzen geſogen, hatten viel von der Fülle und der Blüthe ihrer Jugend gepflückt; aber die königliche Roſe hatte ſich in eine heilige Lilie gewandelt; die blen⸗ dend weiße Geſtalt, umhüllt vom Trauergewande, ſchim⸗ merte gleich einer Verklärten; noch ſiegreicher leuchtete das große Auge im Schmelz der Sehnſucht; der Schmerz Hatte den kindlichen Zügen nur einen höhern Reiz auf⸗ gedrückt, und im Gang und der Haltung des ſchlanken Leibes hatte ihr die lange Haft nichts von jener Würde und Anmuth geraubt, die ihr einſt im Königsſchmuck alle Herzen gewonnen und durch welche ſie jetzt noch ihre bitterſten Feinde in einer gewiſſen Ferne zu halten und ſich vor jeder Gewaltthat zu ſichern wußte. Die Königin hatte ſich am Betpult niedergelaſſen und ihre zarte Hand griff nach dem Kruzifix, es an ihre Lip⸗ pen zu drücken, da wurde ſie aufgeſchreckt durch ein Ge⸗ räuſch und erhob ſich ſchnell, den Prior zu empfangen, den ſie ſo früh nicht erwartet. Der Schlüſſel klirrte im Schloß der Thüre und zwei Männer traten herein, der Erſte in der Haustracht der Johanniter, der Zweite hin⸗ ter ihm dicht in den ſchwarzen, weißbekreuzten Mantel des Ordens gewickelt. Wie, Jwan Olah, Ihr oder Euer Geiſt in dieſer Stunde und in dieſem Gemach, das außer dem Thür⸗ mer, der mich ſpeiste, nur Einer betrat lange Monden hindurch? fragte die Königin erſtaunt, doch freudig be⸗ wegt. Ja, Jwan ſteht vor Euch mit der treuen Bruſt von früher, antwortete der Ritter ſchnell, leiſe und mit bebenden Lippen; Jwan, der ſich vom Himmel hoch be⸗ gnadigt fühlen würde, wäre er erleſen, ein Werk Eurer Rettung zu ſeyn. Aber er ſtände nicht vor Euch, hätte 180 dieſes Freundes übermenſchliche Tollkühnheit ihn nicht gezwungen, ſolches Wageſtück zu thun; denn wer dürfte ſich verhehlen, daß das blanke Todesſchwert von Diako⸗ war, ſcharf und unerbittlich wie dort, über dieſer Stunde ſchwebt, über Euch, über mich und über dieſem. Und wer iſt dieſer Mann, in welchem ich den Hen⸗ ker des Priors zu erblicken wähnte, als Ihr eintratet? fragte die Königin in höchſter Spannung. Der Verhüllte bog raſch ſein Knie vor der Fürſtin, ſchlug den Mantel auseinander und ſtarrte ſie mit den blitzenden Augen an, die er von ſeinem Erſcheinen an auf ſie gerichtet und die ihr Furcht gemacht. Niclas Gara, rief ſie im Gemiſch von Freude und Entſetzen, Ihr mitten unter unſern blutgierigen Feinden? Wohl gefangen, gleich mir, und dem Martertode auf⸗ geſpart? Euch zu befreien oder vor Euern Füßen zu ſterben, entgegnete Gara, indem er die ihm entgegengeſtreckte Hand der Königin ergriff und an ſeinen Mund preßte. Iſt's denn kein Traum, und wie geſchah denn das? ſtieß Maria verwirrt hervor. Freund Niclas hatte Vieles mit mir berathen durch den Boten, der ab und zu konnte, ehe das Schloß ſo feſt umſponnen war, erzählte der Johanniter mit Eile und Aengſtlichkeit. Ein morlachiſcher Schwimmer näherte ſich Nachts im nördlichen Fluſſe der Burg, nahm von einer heimlich über die Mauer hinausgehangenen Fiſcher⸗ ruthe den Brief und hing einen andern an die Angel. In der erſten Stunde dieſer Nacht ſchwamm der kühne Gara ſelbſt den Fluß herab bis zur Mauer, und ich zog ihn mit Hülfe meines getreuen Serventen an einem Knotenſeile auf den Wall und hüllte in meiner Klauſe ver der Ge vo fei get en er het wo , kte te. 87 rch ile rte on er⸗ el. hne z08 em uſe 181 ihn zur Sicherheit in die Ordenstracht. Der hejlige Baptiſta ließ den erſten Schritt gelingen und ſchlug die müden Wächter mit Blindheit. Mein Servent ſtahl den Schlüſſel des Thürmers ſchon geſtern und feilte einen ähnlichen zurecht. Möge der mächtige Sanct Johannes uns ferner mit ſeinem Schutz bedecken. Aber deßhalb auf vom Boden, Gara! Vorhin ein ziſchend Flammen⸗ ſchwert, ſcheint Ihr jetzt ein kaltes Steinbild geworden. Auf, und redet mit der Königin, denn die Zeit iſt ge⸗ meſſen; die Stunde des Nachtmahls ſchlug, und fehlte ich, möchte man Verdacht ſchöpfen; ich eile darum hinab, um zu rechter Zeit Euch wiederum abzurufen. Der Ritter verließ das Gemach und ſchloß die Thüre hinter ſich. Als der Schlüſſel aus dem Schloſſe gezogen, ſchau⸗ derte Maria zuſammen. Höret Ihr den grauſigen Ton⸗ Gara? ſprach ſie. Gleich mir ſcheidet er auch Euch jetzt von der Welt und Ihr ſeyd in der Gewalt Eures un⸗ menſchlichen Gegners, lebt unter dem Schwerte des Erz⸗ feindes Eures Stammes. O warum habt Ihr mir das gethan? Ich bin an meinem Platze, antwortete Gara feſt und entſchloſſen; mein König ſelbſt hat mich dahingeſtellt, als er mich Euren Ritter nannte. Nur das Geſchick trug bis heute meines Ungehorſams Schuld. Was macht mein lieber Herr? fragte Maria lebhaft. Er iſt geſund und ſiegreich überall. Seit Biſchof Benedict von Veszprim ihn zu Sanct Stephan gekrönt, war das Glück ihm treu, und indeß wir die ſlavoni⸗ ſchen Comitate reinigten, zwang er Bosnien zur Unter⸗ werfung. e Königin blickte in der Stellung einer Beitenden ewölbe empor. Mich belog man? er ſollte gefan⸗ 2 182½ Se ſeyn wie ich, Ihr outet„ Sſe liegen auf den yd verwundet. Die Lüge iſt der Schlechten etzit Wehr Abet d der Wahrheit Licht duldet keine Wolken und nuch dieſe Lüg⸗ ner ſollen uShedn und Spott werden durch die eigene Falſchheit. Die Königin ſetzte ſich, ermattet von der geiſtigen Aufregung. Mein Dankgebet ſteigt inbrünſtig zum Him⸗ mel, ſagte ſie; Sismu iſt gekrönt und Sieger. O möge Euch der höchſte Lohn beſchieden ſeyn für dieſe Freudenpoſt, den erſten Sonnenſtrahl in langer Nacht für Eure Königin. Aber dieſe Freude iſt in mir nur das letzte, nutzloſe Aufflackern des ſterbenden Lämpchens. Gara, man hat mich hart behandelt; ich habe geduldet, was nur auf eine Menſchenbruſt geworfen werden konnte. Ich mußte meine Mutter ſterben ſehen gewaltſam, rin⸗ gend mit den mitleidsloſen Henkern. O das vergiftet ein ganzes Menſchenleben! Blut und Mord hat mich zu zweien Malen berührt. O Gara, daß das ſchwache Weib ſolche Gräuel, daß Ludwigs Tochter ſolche Schmach ertrug, zähle ich zu den Wundern, zu den Räthſeln der ewigen Vorſehung, und habe mich tief gebeugt in de⸗ müthiger Buße vor ihrer Unerforſchlichkeit. Doch ge⸗ dachte ich, es ſey überſtanden und ich würde verlöſchen ſtill und fromm und ergeben in dieſem einſamen Stein⸗ grabe. Da tratet Ihr zu mir, warfet Euch muthig in den Tod, nur um meine Qual zu mehren, und auch Euch ſoll ich nun vor meinen Blicken tödten ſehen; denn was könnt Ihr hoffen, was kann dieſer Schritt für Nutzen bringen? O, ihr Männer ſeyd harte Weſen und das Weib iſt iſen euch die Pappel auf der Berghöhe,, die von ſtreitenden Orkanen zerriſſen wird. be in de S Ar — ni M de S wi ni di da er m en R⸗ ſe n⸗ zu 3 183 Ich ſtehe an Eurer Seite, Maria, entgegnete Gara vewegt; iſt Euch das nicht ein Pfand des Himmels für Freiheit und glückſelige Zukunft? Nicht planlos trat ich in dieſes Räuberneſt; die Gelegenheit wird ſich darbieten, der Augenblick iſt Bündner des Muthigen, und Ungarns Schutzgeiſt wird mir die Seligkeit bereiten, Euch in die Arme Eures Herrn zu führen zu neuem Leben, zu neuem Lebensglücke. Und was ſoll ich in der Lebensſonne? fragte die Kö⸗ nigin ſchwermüthig. Ich bin eine gebrochene Pflanze, das Mark des Lebens iſt in mir zerſtört durch Gram und Schrecken. Was wird mein Sigmund, der Lebensmuthige, der Jugendkräftige, an der Verzehrten haben, die, von den Schauern der Erinnerung belaſtet, in ſeine Freuden tritt wie ein Nachtgeſpenſt, mit des Geiſtes gebrochenen Fittigen nicht nachzufliegen vermag ſeinem Königsfluge? Beſſer, die entblätterte Blume welket vollends hier im Dunkel, daß er nicht weine an meinem frühen Sterbebette. Und er wird nicht meinen Tod ſchauen, aber Ihr werdet mein Grabesführer ſeyn, und den heimlichen Platz, wo ſchlechte Hände die Königin verſcharren, durch Euren Muthwillen mit mir theilen müſſen. Der junge Held warf ſich in höchſter Aufwallung vor ihr hin in die Kniee und faßte ihre Hand. Nein⸗ heilige Maria, rief er, was dem Himmel verwandt, können Erdenmächte nicht zernichten! Feſt ſteht es in mir wie der Glaube an Chriſti heilige Lehre: Ihr kön⸗ net nicht erliegen unter den Klauen dieſer Tiger und Wölfe. Was Euren Geiſt umnachtet, iſt nicht Schwäche, nicht Krankheit, iſt nur der Nebelſchleier des Schick⸗ ſals, der Eurer Augen Klarheit trübt, weil er Euch ſo lange den Blick in die Welt verſagte, die Euch gehört⸗ die ſich ʒu neuen grihhen für Euch ſchon feſtlich ſchmückte. Nichts vermiſſe ith an meiner Königin, was ihr einſt alle Häupter in Ehrfurcht beugte, und war's doch dieſe un⸗ ſichtbare Krone, welche bis heute die freche Mörderhand von Euch zurückhielt. Tretet eine Stunde hinaus in das Sonnenlicht der Freiheit, und die Schatten, die Euren Blick umdüſtern, müſſen fallen; ſtolz und muthig, herrlich und hehr werdet Ihr wieder ſtehen über Eurem Volk, und Euch freuen der treuen Herzen, die Alle⸗ Alle Euch entgegen jauchzen, Euch, dem neuaufgegan⸗ genen Sterne ihres Glückes. Die Königin ſah mit ſchwimmendem Blick nieder auf den hocherglühten Mann, drückte leiſe ſeine Hand und ſagtezmild: Ich verſtehe Euch, Niclas! In der langen Einſamkeit, wo nichts Aeußeres die Gedanken ſtöret und die ſchleichenden Minuten keinen Wechſel bringen, ſchauet der Geiſt klarer und tiefer. Das Buch der Vergangen⸗ heit ſchlägt ſich auf und das ſtille Auge liest lang⸗ ſam jeden Buchſtaben und ſinnt über die Bedeutung jedes Wortes. So habe auch ich geleſen und wieder geleſen in den Lebensblättern, die von den Tagen er⸗ zählen, welche vorüber ſind. Was ich nicht geglaubt, habe ich erkennen müſſen. Ausſprechen darf ich's in dem Augenblicke, wo vielleicht ſchon der Fittig des Todes⸗ engels uns Beide umſchwirrt, denn mich ehrt's und Euch bringt's keine Schande: ja, es gibt auch eine Männer⸗ liebe, die fleckenlos iſt und ohne Eigennutz— Niclas, Ihr liebt die unglückliche Maria. Nicht wahr, Ihr liebt mich, Gara? Erſchrocken hob ſich der Ueberraſchte vom Boden, legte beide Hände gekreuzt auf die Bruſt, und ſenkte Augen und Haupt in Ehrfurcht: Ihr ſeyd meine ange⸗ mit Him hint ein was Ma auft Bat Cer der als wür den einf dem Put Ung 185 betete Königin, ſagte er halblaut, und ich bin meines Königs treueſter Diener! Maria wandte ſich ab, ihm die Thräne zu bergen, welche ihre Wange näßte, doch ſchnell fuhr ſie vom Seſſel auf und ſtreckte entſetzt die Hände gegen die Thüre. Höret Ihr das Sporengeklirr, die ſtampfenden Füße auf der Stiege? ſtammelte ſie. Das iſt nicht unſer Freund. Niclas, die ſchwarze Stunde iſt vor der Thüre. Meine Ahnung hatte recht, uns Beiden naht das Verderben. Ich bin bewaffnet! ſprach Gara. Keine Feindesfauſt ſoll Euch berühren. Alſo wieder Blut und immer Blut! ſtieß die Königin mit Abſcheu hervor. O warum verſtieß der grauſame Himmel das Weib auf dieſe Erde? Raſch dort hinein, hinter den Vorhang meines Cabinets! Und wenn Ihr ein Mann ſeyd, ſo regt Euch nicht, es geſchehe auch, was da wolle. Und kaum hatte ſich der Gehorchende verborgen und Maria ſich auf ihren Betſchemel niedergelaſſen, ſo ward aufgeſchloſſen, und der Frivelhatienn und mit ihm der Ban Johann Horwathi traten in das Gemach. Seyd gegrüßt, Frau Maria, ſagte der Prior ohne Ceremonie und Reſpekt; ich bringe Euch einen Bekannten, der ſich an Eurem Wohlſein zu erfreuen gewünſcht. Ihr ſeyd friſch und wohlauf? fragte Horwathi rauh⸗ als die Königin ihren rohen Wächter keiner Antwort würdigte. Nun, das freut mich, ſo könnt Ihr würdig den jungen Ladislaus von Neapel empfangen, wie Ihr einſt liſtig den König Carl empfinget. Wir erlauben's, denn Eurer Schlinge ſind ſeitdem die Knoten abgeſchnitten. Putzt Euch, Prinzeß! Bald wird der neue König, den Ungarns Sehnſucht erwartet, landen; Ihr mögt nächſtens 186 eine friſche Brautkrone flechten für dieſe ſeidenen Locken: Herr Sigmund iſt aufgerieben von Siechthum und Ge⸗ fängniß, denket mehr an das heilige Oel als an Euren Wiederſehenskuß, und wird bald Platz machen ſo dem jungen, feurigen Könige wie dem ſchönen Brautwerber. Ihr lüget, Horwathi! ſprach die Königin empört und kräftig, ſich ihm gegenüberſtellend. Möge Euch der Tod nicht treffen, ehe Ihr die Lüge bereut habt. Unſer Herr und König iſt geſunder als Ihr, trägt kräftiger ſeine Waffen als Ihr, ſeine Kriegsſtimme ſchallt nicht weit von uns, und führt ſeine ſiegenden Reiter heran Euch zur Furcht und Vernichtung! Warum ſeyd Ihr betroffen? Bleibt Euch doch ein Aſyl in dem befreun⸗ deten Neapel, wenn Venedigs flinke Galeeren Euch nicht etwa hindern, den Weg zu Margarethens Söhnlein zu finden, wie ſie das verweichlichte Knäblein, welches Ihr König ſcheltet, von Euch entfernt halten. Horwathi ſchoß einen fragenden Flammenblick auf ſeinen Begleiter, und der Prior fragte unbeſonnen: Wie wiſſet Ihr das? Woher*kam die Kunde zu Euch?— Die Königin lächelte ſchmerzlich. Ihr ſeyd ein Haupt des frommen Ordens, antwortete ſie, Ihr ſeyd ein ge⸗ weihter Kirchenfürſt, und errathet's nicht? Grüßte nicht die heilige Eliſabeth der Engel? Flog nicht der Himm⸗ liſchen Einer zu dem Täufer herab in die Wüſte? Rief nicht des Cherubs Stimme im Blitzſtrahle: Saul, was verfolgſt du mich? Wenn Ihr ſchlafet nach dem lär⸗ menden Becherfeſte, das meinen Schlummer verſcheucht, dann beſuchen mich die tröſtenden Schutzgeiſter, Stern⸗ flocken fallen vor meinem Fenſter nieder, und glaubt Ihr, den Ueberirdiſchen wäre das Gewölbe Eures Thur⸗ mes undurchdringlich? en: Ge⸗ ren em er. ört der ſer ger icht ran Ihr un⸗ icht zu 31 auf Wie upt ge⸗ icht im⸗ tief vas är⸗ cht. rn⸗ ubt ur⸗ 187 Der Prior ſtand verdutzt, der Ban aber fuhr höh⸗ niſch auf: Weiberwahnwitz! Hat Dein Thürmer ge⸗ ſchnackt, Freund Palisna, ſo laß ihn hängen. Doch da Ihr ſo Vieles wiſſen wollt, Frau Maria, wandte er ſich an die Königin zurück, ſo wollen auch wir thun, als wär's alſo. Was meint Ihr nun, wenn's ſich zutrüge, daß der Markgraf käme und erſtürmte die Veſte? Wäh⸗ net Ihr, wir würden ihm ſein Gemahl auf den Händen entgegentragen, und unſere Köpfe dazu auf den Block? Auch Ihr ſeyd betroffen, und das Roth Eurer Wangen erliſcht; denn die kluge Frau weiß voraus, daß Ihr Sterbeſtündlein ſchlägt, ſchlagen muß, ſo wie der erſte Söldner Sigmunds ſeine Sohle auf den erſtürmten Wall geſetzt. Verzaget nicht, fallet nicht in Ohnmacht auf Euren Seſſel, ſondern öffnet meinen Worten Ohr und Geiſt; hat doch Eure thörichte Traumgeſchichte mir die Mühe des Einganges erſpart, und ich komme ohne Umſchweif zur Sache, um die ich Euer Gemach beſucht. Was gäb's zwiſchen Maria von Ungarn und dem Henker der Königin Eliſabeth Ju verhandeln? fragte mit geſammelter Faſſung die Königin. Horwathi ſtutzte, doch griff er nach dem Kruzifir⸗ nahm es vom Betſtuhl und hielt es der Königin vor. Auch die Soldatenfortuna hat ihre Launen gleich allen Weibern, ſagte er, und was ſollten wir's läugnen, der Frangepani und Barbadigo halten uns ſcharf im Schach, wenn ſie auch ihr Spiel ſo leicht nicht gewinnen möchten. Dazu ſind wir des unruhigen Lebens faſt ſatt, der Erz⸗ feind Gara iſt todt und tyranniſirt nicht mehr, darum wäre Frieden möglich, wenn Ihr wolltet. Maria ſtand raſch auf und fragte: Nennet die Be⸗ dingungen ohne Aufſchub! Da ſie von Euch kommen, 188 ſind ſie zu errathen, und das Wort Friede wird in ihnen früher untergehen, ehe eine dürſtende Lippe ſeinen Silber⸗ quell gekoſtet. Schwöret auf dieſes Bild des Herrn, nie zu rächen, was geſchehen, nicht an uns, noch an den Geringſten unſerer Freunde! Schwöret, mit Eurem Seelenheil unſere Sicherheit zu verpfänden bei Eurem Gemahl und ſeinen Anhängern, und mich als Euren Lebensretter zu preiſen bei ihnen! Schwöret, uns wiederum einzuſetzen in unſere Würde und den Beſitz aller unſerer Güter, wie wir ſie hatten, ehe denn König Ludwig ſtarb! Beſchwöret dieſes Verheißen und ſtellet einen königlichen Brief darüber aus, bekräftiget mit Eurer Ehre und beſiegelt, dann ſoll morgen Albert von Ungh zu Sigmunds Lager reiten und die Verhandlung um Eure Freiheit und den Frieden beginnen. Und ſo wie die Acht, in der Ihr lebt, gebrochen, ſo wie dieſe Mauern, die Euch zur Wolfsgrube gewor⸗ den, Euch nicht mehr zwängten, färbtet Ihr die weiße Friedensfahne auf's Neue mit Blut zum Kriegspanier? verſetzte die Königin. Nein, entſetzlicher Menſch, habt Ihr auch Eure Königin durch Schmach und unwürdige Behandlung erniedrigen wollen zu einer Magd Eures Willens, habt Ihr Mariens Herz gebrochen durch die Gräuel, mit der Ihr ſie umgabt, Ludwigs Geiſt lebt noch in ihr: nie wird ſie zur Lüge ſich erniedrigen, nie dem Gericht Goites in den Arm greifen, und Verbrecher gleich Euch der gerechten Strafe entziehen. Das ſchwöre ich bei dem Erlöſer, deſſen Bild Eure freche Hand zu betaſten gewagt. Der Ban warf das Kruzifir zur Erde und griff nach dem Meſſer im Gurt. So habe es denn, wüthete er auf Du der ſon den ber geſ nich der ma trit mit nen er⸗ en, ſten ſere nen ſen ere ſie ſes ber inn ten den en, or⸗ iße er? abt ige res die ebt nie her öre zu ach —— auf, finntolles Kind einer hirnſchwachen Mutter! Ja, Du biſt meine Magd, und ſo ſtirb den ſchlechten Tod der Leibeigenen, die gegen des Herrn Willen anbellte. Die Koͤnigin bebte, nicht vor dem gezückten Meſſer, ſondern weil ihr ſcharfhorchend Ohr ein Geräuſch hinter dem Vorhang vernahm; doch der Johanniter⸗Prior hatte bereits die Hand des Horwathi ergriffen und ihn zurück⸗ geſchoben. Keine Gewaltthat, Johannes, befahl der Prior, die nicht Nutzen gäbe, ſondern uns das beſte Zwangsmittel der Gegner entrieße! In dieſen Thürmen befiehlt Nie⸗ mand als ich. Darum geht hinaus zum Hoſpiz und trinket Euren Jähzorn nieder, indeß ich unſere Gefangene mit gutem und nützlichern Rath erleuchte. Als der Ban zähneknirſchend das Gemach verlaſſen, führte Palisna die Königin zu einem Thurmfenſter und ſtieß es auf. Schauet hinüber in die Ferne, Frau Ma⸗ ria! ſagte er bedeutend. Seht Ihr dort auf dem Felſen⸗ hange das Feuerpünktchen, das bald aufflackert, bald zu erlöſchen droht? Die Venetianer ſind ſo gute Kaufleute als Kriegsleute, und waren jenes früher als dieſes. Unſer Gold fand auch unter ihnen ächte Iſraeliten, die den Judasſäckel nicht verſchmähen mochten. Jenes Feuer⸗ pünktchen erzählt uns, daß noch in dieſer Nacht eine Zufuhr in unſer Thor einziehen wird, die erſchöpften Magazine zu füllen, daß noch in dieſer Nacht ein Bote von Neapel eintreffen wird, der uns vielleicht von den Mitteln Bericht ertheilt, die uns und Euch, ſobald wie⸗ der die Sonne hinter die Appenninen ſinkt, über das Meer bringen werden, dorthin, bedenkt's! wo Eure bitterſte Feindin blutdürſtig auf Euch wartet. Maria, bedenkt darum, was Ihr thut! Und käme der günſtige Boie auch nicht ſo eilig, ſchauet hier hinaus— er führt ſie an ein Fenſter der entgegengeſetzten Seite und öffnete auch dieſes— betrachtet dieſe Thürme, dieſe Wälle, die gigantiſch in die dunkle Nacht aufſteigen; horcht auf das Scherzgeſpräch der muthigen Wachen, auf den kräf⸗ tigen Geſang der Ritter im Trinkſaale! Euer und unſer Grab kann dieſer Steinbau werden, aber kein Sigmund, kein Frangepani, kein Gara wird die Platten dieſes Burghofs betreten, ſo lange wir athmen. Die Königin that einen Angſtſchrei, denn ſie ſah in dieſem Augenblick ein blankes Stilett dicht an ihrem Auge hinfahren; doch wie ſie zur Seite getaumelt, er⸗ kannte ſie den jungen Gara, der ſchon den im jähen Schreck erſtarrten Prior gefaßt und in die Mitte des Zimmers geriſſen hatte. Den wie vom Himmel gefallenen Feind erkennend, verſuchte Palisna eine Wehr, aber der iunge Ungar, ihm überlegen an Stärke und Gewandt⸗ heit, hatte ſeinen Gegner raſch zu Boden geworfen, rief ihm mit halb verhaltener, doch grimmerfüllter Stimme zu: Ein Wort, ein Laut Eures Mundes, und mein Stahl zerſchneidet Eure Gurgel! und feſſelte wunderhaft ſchnell mit dem eigenen Gurt und der eigenen Halsſchnur die Hände des Priors. Ihr könnt Euer armſeliges Leben retten, ſagte er dann mit Haſt, wenn Ihr Alles thut, Alles ſprecht, wie ich's gebiete. Doch eine verrathende Sylbe, ein Fehlwort, und mein Dolch trifft Euren Nacken, das ſchwöre ich Euch bei meines Vaters ſchändlich ver⸗ goſſenem Blute! Der Prior lag wie vernichtet durch den plötzlichen Wechſel ſeiner Rolle, durch die Unmög⸗ lichkeit, der Todesgefahr zu entweichen, denn er kannte die Gara's und ihre Unerſchrockenheit, und ſo ließ er ſich von dem lõwenſtarten Jünglinge zu dem venſter ſchleifen und grin Dol beri er* vom Tha ten, gede ( auf den Wer ( keuck los äf⸗ ſer nd, ſes em er⸗ en des en der ief me ahl ell die en ut, ide en, er⸗ rch ög⸗ nte ſich 191 und ſprach gehorſam, wenn auch mit verbiſſenem In⸗ grimm nach, was ihm der Feind vorflüſterte, deſſen kalte Dolchſpitze ſtets das kurzgeſchorene Haar ſeines Nackens berührte. Ritter Emerich, ſeyd Ihr auf Eurem Poſten? fragte er über den Schloßhof hinaus. Bin es, Hochwürdiger! antwortete eine tiefe Stimme vom Walle. Kann Euer Ange nichts Beſonderes außen in der Thalſchlucht erkennen, nicht M ii und Zugvieh? Schon längſt beachteten wir ſchwarze Schatten drun⸗ ten, die bald halten, bald näher heranziehen, und ſchon gedachte ich dem Hochwürdigen Anzeige zu machen. Es ſind Freunde, Emerich! Stecket Eure Wachtleuchte auf eine Lanze und pflanzt ſie zunächſt dem Thore auf den Wall. Nähert man ſich, ſo ſprecht das Feldwort: Wer kommt zum Täufer vom Jordan? Eine Pauſe entſtand, in welcher man den Prior ſchwer keuchen hörte, indeß Gara und die Königin faſt athem⸗ los lauſchten. Hochwürdiger, die ſchwarzen Maſſen ſind ſchon dicht am Graben, ſie laſſen eine Blendlaterne funkeln; aber die Zahl dieſer Nachtwandler ſcheint nicht gering, hallte die Stimme jetzt wieder vom Thor herüber. Je mehr, je beſſer, erwiederte der Prior, gezwungen zum Nachbeten. Sie bringen uns Brod und Arme. Thut den Feldruf! Bald tönte am Thor: Wer kommt zum Täufer vom Jordan? und fern, kaum hörbar, klang die Antwort: Der Leu des Evangeliſten ohne Krallen! Oeffnet das Thor ſchnell und weit! flüſterte Gara, doch der Prior wand ſich wie die Schlange vom Adler 192 gepackt, als aber des Dolches Spitze die Haut kitzelte, ſtieß er verzweifelnd auch dieſen Spruch des eigenen Ver⸗ derbens aus trockener Kehle hevor. Die Angeln des alten Thores kreiſchten, die Ketien der Brücke raſſelten, dann folgte wieder eine ängßtliche Pauſe. Jetzt hörte man ein dumpfes Murmeln, gleich dem eines Waldbaches, der durch eine Felſenſpalte herab⸗ ſchießt; jetzt klirrten Eiſenſtücke, dann folgten harte Män⸗ nerworte und mit ihnen Säbelgeklirr. Hier Sanct Markus, hier Sanct Stephan! donnerte es dann laut durch den Burghof hin und an den grauen Thürmen hinauf, und das wildeſte Schlachtgelärm ent⸗ wickelte ſich ſteigend wie ein Meer, das immer höher über die Ufer ſchwillt, und füllte bald das ganze Schloß. Vivat Maria! ſchrie im höchſten Freudentaumel der junge Gara vom Fenſter über das mächtige Gewühl hinaus. Königin, hört Ihr die Glockenklänge der Frei⸗ heit? Das iſt des tapfern Kaniſa's Stimme; er hat den Wall gewonnen, und ſein Ruf töbtet wie Rolando's Rieſenhorn. Hört Ihr den Ladislaus von Laſſontz? Er empfängt die Zecher aus dem Trinkſaale und weiß ſie ſchnell nüchtern zu machen. Hört Ihr den brüllenden Stier, den Pereny, den Obergeſpan von Obaujvar, wie er mit gewohnten Flüchen jeden Schwertſtreich begleitet? Und dort ſpricht der wackere Jwan Olah und ermahnt die Johanniter, ihre Waffen zu ſtrecken und nicht länger gegen ihre Königin und die gerechte Sache zu ſtreiten. Er ließ den Prior los aus ſeiner quetſchenden Fauſt, und zerſchnitt mit einem Meſſerzuge die Bande, welche des vor Wuth und Furcht Bebenden Hände auf den Rücken gefeſſelt. Dank Euch, Palisna, ſprach er zugleich, Ihr ſeyd uns ein getreuer Bündner geweſen! Gara hält lte, er⸗ ten iche eich ab⸗ än⸗ erte uen ent⸗ her loß. der ühl rei⸗ den do's ſie den wie tet? ahnt nger iten. und des icken Ihr hält 193 darum ſein Wort und legt Eure Rettung in die eigene Hand. Eilet hinab, ſuchet den Heldentod im Gedränge des Burghofes, oder flüchtet zum Waſſerthore und lernet von den Fiſchen die Flucht. Ihr ſeyd frei und Eures Schickſals Herr! Der Prior war ſchnell verſchwunden, Gara aber beugte ſein Knie vor der Königin und ſprach mit In⸗ brunſt: Wohl mir, daß ich dieſen Tag erleben durfte! Er iſt der ſchönſte, ſeit mich die Mutter gebar, und mein verpfändet Wort iſt eingelöst. Doch faſt zu frühe hatte der junge Heldenſohn ſeinen Triumphgefühlen Worte gegeben. Feſter Tritt ſtürmte draußen über den Eſtrich her. Horwathi's Stimme ſchallte dumpf herein, ehe man noch den Wüthenden erſchauete. Prior, ſtach Euch der Tollwurm, daß Ihr mit dem Weibe koſet, indeß der Verrath uns ſchlachtet und das Schloß verloren geht? Sie ſoll nicht leben, brüllte er in der offenen Thüre, ſoll den Sieg nicht ſehen, und ihre elenden Knechte ſollen betrogen ſeyn um den Preis ihrer Büberei! Der Blutdürſtige ſtürzte ſo mit gezücktem Stahle gerade auf die Königin. Doch Gara hatte ſich ſchnell er⸗ hoben und dem ſichern Mörder entgegen geworfen. Glück⸗ lich ſchlug er den tödtenden Arm in die Luft, aber die zweiſchneidige Waffe zerſthnitt ihm die linke Wange. Hor⸗ wathi taumelte durch den Stoß zur Seite, er ließ das Mordgewehr fallen. Geſpenſt des alten Gara, kommſt Du aus der Hölle? ſchrie er, und ſein braunrothes Haar ſträubte ſich auf, und die rothglühenden Augen rollten im Kopfe. Mit einem Kreiſch ſprang er dann zum Fen⸗ ſter und warf ſich hinaus auf den Wall, ehe es Gara zu hindern vermochte. Blumenhagen. XvI. 13 194 Als Hauptmann Barbadigo und Ritter Jwan und viele der edeln Ungarn ſich bald nachher in den Thurm drängten, die befreite Herrin zu begrüßen, fanden ſie Marien emſig beſchäftigt, wit weißem Tüchlein das Blut des Niclas Gara zu trocknen, und nur mit Freudenthrä⸗ nen und holden Liebesblicken vermochte die ſchöne Frau ihren Dank den Befreiern an den Tag zu legen. Zu Agram war es, wo die Königin unter dem Jubel des herbeigeſtrömten Volkes mit ihrem Gatten zuſammen⸗ traf. Vor allen Kriegsleuten, welche ſie hergeleitet, warf ſich die erſchütterte Fürſtin an Sigmunds Bruſt und um⸗ ſchlang ihn feſt mit den zarten Armen. Ich athme an Deinem Herzen, ſtammelte ſie mit Blicken voll Glückſeligkeit, nur noch ein einziges Mal wünſchte ich mir dieſen Platz. Dank den Heiligen, die den Wunſch gehört! Aber wirſt Du Deine Maria, Dein abgeblühtes, im Leidenswetter geknicktes Weib noch lie⸗ ben können wie ehedem? König Sigmund erröthete, denn Gara's ernſter Blick begegnete gerade jetzt dem ſeinigen. Maria, antwortete er, und ſie hörte in der ſchwankenden Stimme des Ge⸗ liebten nur daſſelbe Gefühl, das ihr Herz bewegte, Ma⸗ ria, höheres Feſt als unſer Brautfeſt zu Trentſchin bringt dieſer Augenblick. Dich, meine Königin, wieder auf den Thron Deines Vaters zu heben, iſt der Silberblick mei⸗ nes Daſeins, und wenn auch von heute an kein Goldreif, kein Schlachtenlorbeer mehr vom Geſchick für meine Stirne gehegt ſeyn möchte. Behalte Du Krone und Zepter! rief Maria ſchmerz⸗ lich; mir haben beide nur Dorn und Stachel gehabt. lau neu geſ Unt ſen! obg bla irdi nat ver e⸗ a⸗ gt en ei⸗ if, ne z⸗ . 195 Der König zog die Königin mit der Linken feſt an ſein Herz, mit der Rechten löste er ſein reich mit köſt⸗ lichem Edelgeſtein beſetztes Wehrgehäng. So eben läuft die Nachricht ein, ſprach er gegen die Krieger gewendet, daß der Horwathi in den Schluchten des Gebirges von Morlachen ergriffen und ſchon nach Fünfkirchen geliefert worden, wo ihm ein grauenvoller Tod als Buße ſeiner Gräuelthat und zum ſchreckenden Beiſpiel ſeiner Genoſ⸗ ſen bereitet werden ſoll. Doch, ſtrafen wir den Feind aus Königspflicht, wollen wir auch die höhere, den Königs⸗ dank, nicht verſäumen. Maria, gürte den tapfern Bar⸗ badigo mit dieſem Angedenken unſerer Freundſchaft: wir kennen des Inſelſohnes Hochſinn, und fürchten, andere Gaben unſerer Huld verſchmäht zu ſehen. Ihr, Jwan Dlah, wünſchtet einſt der Herr von Sylokoch zu heißen: Euer iſt der Diſtrikt von heute an. Doch Du, getreuer Niclas, Dein königlicher Freund iſt arm, ſucht er den Dank für Deine Treue. Mein Arm, mein Herz Euch und der Konigin! Er⸗ laubt Ihr ferner mir den Ehrendienſt, habt Ihr zum neuen Schuldner mich gemacht. Gott ſchütze Euren neu⸗ geſchloſſenen Liebesbund, daß nimmermehr Verrath und Untreue ihn zerreiße! So ſprach der edle Gara mit ge⸗ ſenkten Blicken. Herr Sigmund verſtand den Doppelſinn, obgleich er dazu lächelte. Die Königin zog ein blutbeflecktes Tüchlein aus ihrem Buſen. Es gibt Empfindungen, ſagte ſie, und über die blaſſen, ſchönen Wangen flog ein leichtes Roth, die über⸗ irdiſch bleiben im Heiligthum des Herzens, weil ſie nie nach außen ſtrebten. Es gibt ſtille Opfer, für die man vergebens einen Lohn ſucht auf der weiten Erde. Ken⸗ net Ihr dieſes Siegesfähnlein? fragte ſie dann gerührt. 196 Ich hege es der Braut, die bald der treueſte Freund ſei⸗ ner Königin ihr zuführen möge, daß Mariens Hand ſie würdig ſchmücke zum heiligen Kirchgange mit dem edel⸗ ſten der Männer. Da wird das Fähnlein lang ſich bergen müſſen, ſiel Sigmund ein nicht ohne Spott und Schärfe.— Siehſt Du nicht, wie der Weiberfeind ſich wendet, und abwehrt, was ihm Deine Gunſt verheißen will? ſagte Sigmund, aber mit freundlichſter Wärme ſetzte er ſchnell hinzu: Dennoch wollen wir ihn zwingen, ſich zur Stunde zu ver⸗ mählen: die Braut ſey Ungarn, unſer ſchoͤnes Reich. Mit uns beherrſche und beglücke unſer Land der Freund, der Held von Machow, Niclas Gara, jetzt unſer Palatinus. MI. Der Ausgeſtoßene. Ruf dem Gebirgsarme des Thüringer Waldes, welcher von Coburg nach Rudolſtadt ſich ausſtreckt, ging ein einſamer Reiſender. Er blickte oft zu den Gipfeln der thurmhohen Tannen empor, die wie eine grüne Wand ſich dicht und unabſehbar zur Seite des Fußpfades er⸗ hoben, auf dem er wandelte, und in ſeinem Auge war eine Spur von Beſorgniß nicht zu verkennen, als er die Zweige der hohen Bäume von den Strahlen der unter⸗ gehenden Sonne immer ſchräger vergoldet ſah, und die Dämmerung, die ihn umgab, immer höher an den ſchlan⸗ ten Stämmen hinauffſtieg. Er war unwillig auf ſich ſelbſt. . daß er, von der großen, herrlichen Natur ergriſſen, ſich unbedachtſam zu oft und zu lange auf ſeinem Marſche verweilt hatte, daß ihn auf den kahlen Bergeshöhen manche Ausſicht angezogen, daß er dem falzenden präch⸗ tigen Auerhahne zugeſehen, wie er ſich gebrüſtet auf dem dunkeln Fichtenaſte, daß er am Meiler der ehrlichen Koh⸗ lenbrenner geraſtet und mit den ſchmutzigen, halbnackten Kindern ſein Veſperbrod aus dem kleinen Torniſter, den er trug, getheilt hatte. Vergebens ſchaute er ſich jetzt, da es zu ſpät war, nach einem Führer um, und ſtiller wurde mit jeder Stunde der düſtere Wald, und wäre unſer Wanderer weniger jung, weniger reinen Herzens geweſen, ſein Selbſtver⸗ trauen und der daraus entſprungene Muth würde durch 3 200 die Schauergeſtalten, welche die einbrechende Nacht in der großen, ihn umkreiſenden Natur erſchuf, bald ver⸗ loſchen ſeyn. Die vom Sturme und Blitze zerriſſenen Tannen nahmen die Formen rieſiger Menſchenbilder an; kahle, aus dem Gebüſche hervorragende Felsblöcke er⸗ ſchienen wie furchtbare Ungethüme der Urwelt, der ſchmale Pfad verlor ſich unter ſeinen Füßen, er ſtolperte über rauhe Baumwurzeln, tief herniederhangende Zweige ſchlu⸗ gen ihm mehrere Male ſeine Reiſekappe von dem blon⸗ den Haare, und im Schweiße gebadet, ermüdet von der fruchtloſen Anſtrengung, den Weg zu finden, ſtand er endlich ſtill und ergab ſich der Nothwendigkeit, die keine Wahl zuließ. Ein Waldbach plätſcherte nicht ſichtbar, nur hörbar im Dunkel vor ihm von der Steinhöhe nieder, doch ließ ſein ſtärkeres Rauſchen in der Tiefe vermuthen, daß eine Gefahr drohende Schlucht nahe ſey; an einem abgerun⸗ deten Felsblocke, den, wie die prüfende Hand entdeckte, rundum weiches Moos umgab, ſetzte der junge Mann getroſt ſich hin, that einen Trunk aus der Korbflaſche, die ihm am Halſe hing, legte ſeinen blanken Hirſchfänger neben ſich, ſchob den ledernen Torniſter unter den Kopf, und nach einem kurzen Abendgebete hatte er ſich geſtärkt dem Entſchluſſe ergeben, den um Mitternacht aufgehen⸗ den Mond oder, müßte es ſeyn, den erſten Sonnenſtrahl hier zu erwarten, da dann das Ritterſchloß, welches das Ziel ſeiner Reiſe ſeyn ſollte, baldigſt erreicht werden mußte. Er wollte wach bleiben, nur die Glieder ſollten ausruhen, aber vergebens bemühte ſich der Geiſt, den jugendlichen Körper zu zwingen: das Plätſchern des Wald⸗ baches, das eintönige Rauſchen der Tannenwipfel ver⸗ mehrte die Müdigkeit, und dieſe Wiegenlieder der Mutter er⸗ nen anz er⸗ ale ber u⸗ on⸗ der er ine bar ieß ine un⸗ kte, nn che, ger pf, irkt en⸗ ahl das den ten den d⸗ er⸗ 201 Erde lullten den Ruhenden baldigſt in einen ſo feſten Schlaf, als hätte er in dem weichſten Flaumbette der Biſchofsſtadt Bamberg, oder in der verwahrteſten Zelle ihrer gaſtfreien Klöſter gelegen. Seelenruhe und Her⸗ zensunſchuld ſind die Cherubim am Lager der Sterb⸗ lichen, die als unbezwingliche Wächter jeden irdiſchen und unterirdiſchen Teufel davon zurückſcheuchen. Mitternacht war längſt vorüber. Des Mondes Silber⸗ ſcheibe leuchtete hell und klar vom wolkenleeren Himmel durch die Bergſchlucht herein und umwebte mit einem glänzenden Schleiernetze die Gruppen des ſchwarzen Fich⸗ tenwaldes, da ward der feſte Schlaf des jungen Reiſen⸗ den plötzlich unterbrochen. Es däuchte ihm, als träume er von einer Schlacht, wie ſie in dem kriegeriſchen Zeit⸗ alter Napoleons mehrere Male die Städte berührt hatte, in denen er gelebt. Er vernahm das Gepraſſel des Schießgewehrs, er hörte das Wiehern wilder Hengſte, das laute Feldgeſchrei des Angriffs berührte ſein Ohr; das Gekreiſch der Sterbenden, das Wehklagen Verwun⸗ deter, den Angſtlaut der Fliehenden unterſchied er deut⸗ lich. Weit riß er die Augen auf und erhob zugleich das Haupt etwas von dem harten Polſter ſeiner Schlafſtätte. Freundlich ſtill ſchauete ihn der Mond an; die Tannen⸗ zweige rauſchten vor ihm, der Bach plätſcherte ihm zur Seite, er wachte, das wurde ihm gewiß, aber deſto überraſchender blieb es, daß der Lärm ſeines Traumes fortdauerte, und daß er deutlich hinter ſeinem Rücken die Stimmen der Kämpfenden zu unterſcheiden vermochte. Er rieb ſich die Augen, erhob ſich langſam auf dem linken Arme, und mit der rechten Hand den Hirſchfänger faſſend, beugte er ſich über das runde Felſenſtück hin⸗ aus, welches bisher zur Stütze ſeines Rückens gedient hatte. Schauder und Beklemmung der Bruſt waren die Folgen des erſten Blickes, den er hinabwarf auf die Nachtſcene, welche ihm ſo nahe geſpielt wurde. Die Fahrſtraße des Gebirges lief in einem breiten Hohlwege einige Klaftern tief unter ſeinem Stande hin. Steile Steinufer ſchloßen den Weg ein, den eine Menge menſchlicher Geſtalten füllte, wie ſie Salvator Roſa in der Staffirung ſeiner italieniſchen Waldgemälde malte. Eine Poſtkutſche füllte die Mitte; niedergeſchoſſen wälzte ſich der blutende Poſtillon zwiſchen den ſchlagenden, in die eigenen Stränge verwickelten Pferden, in deren Kopf⸗ geſchirre mehrere dunkelgekleidete Männer von wildem Anſehen die Fäuſte gewickelt, ſie zu bändigen. Aehnliche Männer rangen noch mit bewaffneten Paſſagieren, andere lösten mit Eile das Gepäck von dem Wagen, in dieſem kreiſchten Weiberſtimmen; ein Iſraelit lag knieend am Boden und winſelte zu einem großen, koloſſal gebauten Manne hinauf, der eine Waffe über ihm geſchwungen hielt, indem er zugleich mit der Linken einen hagern, ſchwarzgekleideten Jüngling ſchüttelte, der vergebens ſei⸗ nen kurzen Säbel zu gebrauchen verſuchte, und dabei im ſeltſamſten Gegenſatze ſinnverwirrt und höchſt pathetiſch Sprüche der Bibel deklamirte; große Hunde ſprangen dazwiſchen und ſchlugen mit tiefen Stimmen bisweilen an. Wie erſchütternd dieſer Anblick auf unſern Wanderer, der eben aus dem Friedensparadieſe des Schlafes trat, einwirken mußte, läßt ſich denken. Straßenraub und Mord umgaben ihn; helfen, retten konnte der Einzelne nichtz das Damoklesſchwert der Gefahr hing über ſeinem eige⸗ nen Haupte; ſo ging der Schrecken in Erbeben, das Erbeben in Erſtarrung über, und der Beweglichkeit be⸗ raubt, als hätte er das verſteinerte Meduſenhaupt erblickt, den Er! lag beft gef ihr ſar fra anz und dief mit arn in wat ſchu wie aus dur ver Gli dere ſehn zeig und ſchr hab gab die die iten hin. nge in te. lzte in pf⸗ em iche ere ſem am ten gen rn, ſei⸗ iſch gen an. rer, at, ord ht; ge⸗ das be⸗ zur rechten Hüfte hinab; im breiten Ledergurte ſteckte 203 wußte er die feſtgebannten Augen nicht abzuwenden von dem, was vor ihm geſchah. Der erſte Akt des Trauerſpiels ſchien vor ſeinem Erwachen beendet. Ein halbes Dutzend der Paſſagiere lag blutend oder geknebelt am Rande der Straße; die befleckten Meſſer der Räuber ſchnitten jetzt in nicht ſo gefährlicher Thätigkeit Stricke und Riemen durch und ihre Beile zerſchlugen Schlöſſer und Kiſten, und ein ſelt⸗ ſamer Haufe widriger Amazonen, eine zigeunergelbe Alt⸗ frau an der Spitze, beeilte ſich, aus dem Gebüſch her⸗ anzukommen, und in die Tragkörbe den Inhalt der Koffer und Pakete zu verſetzen. Nur der koloſſale Mann bekümmerte ſich nicht um dieſes Kleinigkeitstreiben ſeiner Geſellen, ſondern ſetzte mit kontraſtirendem Humor ſeinen Verkehr mit den beiden armſeligen Menſchen fort, die ihm des Schickſals Laune in die Hände geſchleudert hatte. Der Platz, wo er ſtand, ward durch keinen nahen Baum beſchattet, und der Mond ſchuf faſt Tageshelle; ſo konnte man deutlich erkennen, wie er vor den übrigen Dieben und Straßenrittern ſich auszeichnete. Sechs Fuß Maß und darüber, erhöht noch durch eine Art Uhlanenkappe von rothem Tuche, gab ihm, verbunden mit einer breiten Bruſt und muskelvollen Gliedern, ein Uebergewicht gegen die Rotte der Plün⸗ derer, welche meiſtens aus kleinen, ſchmächtigen, unan⸗ ſehnlichen Burſchen beſtand. Sein Geſicht war gebräunt, zeigte jedoch keine gemeine Phyſiognomie, nur der Bart und das tiefliegende Schwarzauge machten es wild, ja ſchrecklich faſt. Seine Kleidung war eine Art Schiffer⸗ habit von dunkelm Tuche, ein braunes Mäntelchen um⸗ gab zuſammengerollt die Bruſt von der linken Schulter 204 ein langes Meſſer nebſt einer Piſtole, und das ſchwere Brecheiſen, das Zeichen der Hauptmannſchaft, führte er gleich einer Keule in der Rechten. Das Gewehr weg oder Dein Genick bricht wie Schwe⸗ felholz! herrſchte er mit einem brüllenden Tone dem ſchwarzen Jünglinge zu; aber wie im Krampfe des Todes zückte dieſer dennoch die ſcharfe Waffe, und würde ge⸗ troffen haben, hätte die gelbe Alte nicht gerade herge⸗ ſchaut und mit Jugendeile und Kraft von hintenzu dem Armen den Säbel und mit ihm die letzte Hoffnung entriſſen. LZolles Jüngelchen, kreiſchte ſie mit heiſerer Dohlen⸗ ſtimme, am großen Höͤllenhunde wollteſt Du Dein Mei⸗ ſterſtück machen? Arme Canaille! Für den iſt ein län⸗ geres Schwert geſchmiedet, und ein Thron gebauet in Luft und Sturmwetter, zu dem Dein kurzer Arm nicht hinaufreicht. Nun, was ſtehſt Du da, Meiſter, und glotzeſt in die Leere? ſetzte ſie, den Räuber anrufend, hinzu. Siehſt Du wieder Geſpenſter auf den Wolken reiten? Mach's kurz! fertige die Beiden ab, daß wir vor Tage noch wieder über die Grenze kommen zum Hölzer⸗ lips, dem Kochemer Kaffer(dem Vertrauten), ehe die Suppe hier kalt wird! Geh' an Dein Geſchäft, Mutter Zunderdai! fuhr der Räuber ſie mürriſch an. Stehlen und Hehlen iſt Euer Handwerk; ich treibe meine Nachtarbeit mit einer höhern Luſt, und iſt nicht eine Art Satansſpaß dabei, ſo reuet mich der Schuß Pulver, den ich daran wandte, oder die Scharte, welche die Klinge dabei bekam. Halt, Du Schwarzer! Schaue Dich nicht ſo liſtig im Buſche um, denn in den Ferſen Dein Heil zu ſuchen, wäre vergebene Mühe. Du ſcheineſt mir ein wackerer Kanzel⸗Cavalier oder dergleichen; iſt es nicht ſo? „ den Jen wer zu den ſten find bau fah Cic fütt zu von Sti alte niſc es liel Bli und fliei eine diſc ich vere e er we⸗ dem des ge⸗ rge⸗ dem ſſen. len⸗ Nei⸗ län⸗ in icht und end, lken vor zer⸗ die der uer ern euet oder um, bene lier 205 Der todtenbleiche junge Mann nickte mechaniſch mit dem Kopfe. Bin ein Student der Gottesgelahrtheit aus Jena und will zur Heimath, des alten Vaters Hülfe zu werden, ſagte er bebend. Ich bin blutarm, habe nichts zu verlieren als das Leben, das Euch nichts nützt, aber dem Vater und ſeiner Gemeinde vielleicht nöthig iſt. Arm, wie die Mäuſe eurer Kapellen, find die mei⸗ ſten Deinesgleichen, lachte der gräßliche Mann; darum find eure gebrechlichen Hütten ſicher vor unſerm Renn⸗ baume und Brecheiſen, denn es gibt nichts darin zu fahen als verblichene Mäntel, etwa einen Seneka und Cicero in Schweinsleder gebunden, und obendrein ein Dutzend kleiner Schreihälſe, deren wir ſelbſt genug zu füttern haben an Ställen und Zäunen, indeß die erſten zu durchſichtig ſind, um ein Diebswamms für Nacht und Wetter abzugeben. Aber dennoch kannſt Du Dein Leben von mir kaufen, wenn Du willſt. Wie kann ich's? fragte der Jüngling ermuthigt. Stimmt es zu Moral und FPflicht, ſo will ich's um des alten Vaters willen. Du gefällſt mir, entgegnete der Räuber mit höh⸗ niſcher Freundlichkeit, denn Du wareſt der Einzige, der es wagte, den Fänger zu gebrauchen, und tapfere Leute liebe ich überall, wenn es auch einige Pfunde eigenen Blutes gekoſtet hätte. Du biſt doch eine Art von Mann und kein ſolch verzagtes Schlachtvieh wie der bärtige Schmutzhund da vor mir im Sande. Höre an! Dort fließt Waſſer klar und rein im Felſenbecken. Halte mir eine Feuerpredigt hier vom Fels herab; bekehre das jü⸗ diſche Thier, und ihr Beide ſollt des Lebens gewiß ſeyn. Es iſt lange, daß ich keinen Sermon dieſer Art hörte; ich bin geſtimmt dazu, was ſelten kommt, und ſolch ein Johannes in der Wüſte, den Raben ſpeisten, Menſchen verſtießen und Tyrannen mordeten, iſt mir ein werther Geſell, und den kannſt Du jetzt vorſtellen, da Ort und Gelegenheit paſſen. Gott Abrahams, du haſt verlaſſen deinen Benjamin, deinen Schmerzensſohn! jammerte der Iſraelit, mit dem Geſicht den Boden berührend und ſeinen Rock über der Bruſt in Fetzen reißend. Warum bin ich nicht geſtorben von Mutterleib an? Warum hat man mich geſetzet auf den Schvoß? Warum iſt das Licht gegeben den Müh⸗ ſeligen und das Leben dem betrübten Herzen? O die Nacht müſſe verloren ſeyn, darin ich geboren ward, und müſſe nicht ſehen die Augenbrauen der Morgenröthe! Ein bleicher, breitſchulteriger Räuber mit einem gut⸗ müthigen Angeſichte und hellen Angen trat zu dem Iſrae⸗ liten und hob ihn am Kragen von der Erde auf. Was lamentirſt Du, toller Narr? fragte er mit heiſerer Stimme, Du ſiehſt, der Ballmaſſematten(General) hat ſeine gute Stunde: er läßt Dich waſchen, und Du gehſt frei aus. Da, ſetzte er hinzu und hielt ihm einen klei⸗ nen Roſinenſack vor, den er unter der Beute gefunden, koſte einmal und ſtärke Dich daran, ſie ſind ſüß wie Honig aus Goſen. Aber gar theurer, lieber Herr! antwortete der Jude, und mir iſt über Nacht aller Appetit weg. Laß das Thier, Lumpenjoſt! rief der Hauptmann jetzt. Sperre die großen Ohren weit auf, denn unſer Berg⸗ prediger beginnt. Der Kandidat hatte indeß mit finſtern Blicken rund⸗ um die Mitglieder der philantropiſchen Geſellſchaft an⸗ geſchaut, die meiſtentheils um den Hauptmann verſam⸗ melt ſtanden, den Weibern das Fortſchaffen der Beute übe ſtie von doch und gell füht Cat ich Gle hat Fich ſcho Hin ſich ſam Bli beg Sil geſe er gew wie meit wür in 2 Gei mei Die hen her und tin, em der ben auf üh⸗ die und ut⸗ ae⸗ Sas rer hat ehſt lei⸗ en, wie de, tzt. rg⸗ d⸗ n⸗ m⸗ 207 überlaſſend. Die ſchwarzen, verzerrten Höllengeſichter ſtießen gräuelvolle Scherze und ſataniſches Gelächter von ſich. Der junge Prediger ſchien anfangs unentſchloſſen, doch mehr und mehr glühete ihm Auge und Wange auf, und als jetzt der gemeinſte unter den Kerls, ein ver⸗ gelbtes Zigeunergeſicht, auftrat und frech zu dem An⸗ führer ſagte: Langer Fritz, Euer Pfaff wartet nur auf Cantor und Küſter; bin ich gleich der Heidenpeter, weiß ich doch Beſcheid in Kirche und Kapelle und habe manche Glocke vom Stuhl herunter geholt; unſer Taigmaul dort hat die ſtärkſte Cantorſtimme vom Blocksberge bis zum Fichtelgebirge: wir Zwei wollen dem blaſſen Herrn ſchon zur Seite ſtehen— da fuhr es wie ein zückender Himmelsſtrahl durch den frommen Jüngling. Mit Kraft erhob er das geſenkte Haupt und ſchwang ſich auf einen abgeplatteten Stein, und mit Aufmerk⸗ ſamkeit horchte die Bande. Gleich Blitzen ſchoßen die Blicke des Miſſionärs durch die wilde Rotte, bevor er begann, und ſeine Stimme tönte wie ein geſchlagener Silberſchild an den Wäldern hin. Umringt ſehe ich mich von euch, ihr wilden Nacht⸗ geſellen, wie von einem Kreiſe wüthender Wölfe, ſprach er mit dem Tone apoſtoliſchen Gottvertrauens; mord⸗ gewohnte Hände wetzen die blanken Meſſer gegen mich; wie hungrige Tiger blöckt ihr die Zähne und glaubt, mein Herz müßte brechen vor euerm Anblicke, und ich würde mich fügen eurer Gottesläſterung und Theil haben in Angſt und Todesſchrecken an eurer Sünde gegen den Geiſt, gegen den Allmächtigen, der über euerm und meinem Haupte die ſtarke Hand hält. Ich fürchte nicht Die, welche zuſammt dem Leibe nicht tödten können die 208 ewige Seele. Der, welcher die Haare zählt auf jedem Menſchenſcheitel, hat mich geworfen in dieſe Schreckens⸗ nacht, mich berufen auf dieſen Platz, euch zu verkündigen das Wort ſeines Zorns. Sein Wille geſchehe; denn wie er führet, ſo iſt es gut, und ſeine Wege ſind unerforſch⸗ lich. Amen! Die wilden Männer ſahen ſtutzig ſich unter einander an, und dann auf ihren Hauptmann, der mit überein⸗ andergeſchlagenen Armen unbeweglich daſtand und ſeine düſteren Augen nicht von dem Prediger verwandte. Was ſeyd ihr auf der Erde? fuhr dieſer heftiger fort. Seyd ihr nicht gleich dem unnützen, ſtechenden Dornſtrauch, den ein Jeder vertilgt vom Felde und in das Feuer wirft? Wo iſt eure Heimath? Welches iſt das Werk, das ihr aufzeigen könnet zum Preiſe des Herrn und zum Nutzen der großen Gemeinde Gottes? Euer Haus iſt die Felſenſchlucht, euer Bruder iſt das wilde Thier der Wüſte, keine Raſt, kein Friede weilt über euerm Bett, denn der Henker und ſeine Ketten und ſein Beil ſtehen in euern Träumen; kein Weib⸗ kein Kind pfleget euer Alter, und der Fluch der Menſchen folget euch zum Hochgerichte, auf dem eure zerſchlagenen Ge⸗ beine bleichen. Gehet in euch! Kehret um vom Laſter⸗ wege, denn die Gnade des Herrn iſt unermeßlich, und er wird ſich erbitten laſſen von den Bekehrten und wird die Reuigen heilen mit der Milch ſeiner Vergebung. Aber wehe euch, wehe euch, bleibet ihr fernerhin auf dem Schmutzpfade der Sünde, denn ihr werdet erſchrecken wie die Weiber, wenn der Herr Zebaoth die Hand aus⸗ ſtrecken wird nach eurem Halſe! Des Herrn ſcharfes Schwert wird heimſuchen die ſchlechte Schlange und die krumme Schlange! Wie im Hagelſturme und im Waſſerſturze cken us⸗ vert ume urze 209 wird er kommen über Die, ſo gemacht haben einen Bund mit dem Tode und mit der Hölle einen Verband, deren Zuflucht war die Heuchelei und die Lüge ihr Schirm. So laſſet nun euer Spotten, daß Bande und Strafe nicht härter werden! Denn wehe Denen, die verborgen ſeyn wollen vor dem Herrn, und ihr Thun vermeinen in Finſterniß zu halten, als wenn der Topf ſpräche vom Töpfer: er kennet mich nicht! Dieſe Stunde iſt noch euer zur Buße; dann werden Hunderte fliehen vor dem Schatten des Einzigen, und der Odem des Herrn wird euch verwehen gleich der Spreu vor dem Winde, und mit vielerlei Plagen wird er euch faſſen: mit dem Schwert, das euch zerreißt; mit den Hunden, die eure Leiber ſchlei⸗ fen; mit den Vögeln des Himmels und den Thieren der Erde, die euch nagen und zerfleiſchen. Wer wird ſich eurer erharmen, die ihr ſelbſt kein Erbarmen hattet! So kehret um, ehe die Stunde der Buße verlaufen, ehe der Herr des Himmels, ehe die Völker der Erde rufen Fluch, dreifachen Fluch, Wehe, dreifaches Wehe über die Gewaltthätigen und Ungerechten! Der Sprecher hielt erſchöpft inne, und eine Minute lang dauerte noch unter der Bande das Schweigen der Ueberraſchung fort, welche die beiſpielloſe Verwegenheit des Bußpredigers auf ſie geworfen hatte. Da kreiſchte die Stimme der alten Zunderdai: Seyd ihr Mannsbilder und duldet des Knaben Spott? und wie eine Fackel in das Pulverfaß geſchleudert, ſprengte das Wort die Geduld der böſen Rotte in die Lüfte. Herunter mit dem Salbader! Schnüret ihm die Schand⸗ kehle zu! Reißt ihm die ſcheltende Zunge aus dem Ra⸗ chen! An den Baum mit ihm, und hänget den Juden kopfunters daneben! So ſchrien Alle durch einander, Blumenhagen. XvI. 14 210 herandrängend im Sturme, und Cantor und Küſter, de Taigmaul und der Heidenpeter ergriffen den Pre rigen indem zugleich einige Andere den Juden vom Boden aufzerrten, der jammernd ſchrie: O hätte der Chriſten⸗ prophet nur getauft, ich hätie ſtill gehalten zwei Tage lang! Unſer junger Wandersmann oben im Verfteck hatte visher ſtill und ſtaunend der unbeſchreiblich ſeltſamen Scene zugeſchauet, und die Erwartung des Ausganges hatte durch die Achtſamkeit und Reugierde ſeine Beklem⸗ mung gemindert; jetzt, als er den kecken Redner nieder⸗ werfen ſah, als man ihm die Glieder zuſammenſchnürte, ein Räuber ſchon den Sträng drehte, ihn daran aufzu⸗ ziehen, da überwand das natürliche Gefühl die Erſtar⸗ rung des Schreckens und die Vernunft und mit einem unbedachtſam gerufehen: Haltet ein, Böſewichter! ſtürzte er ſich von der Whe hinab mitten in das Ge⸗ wühl der Mordgeſellen. Ein paniſcher Schreck fuhr in die Bande. Die Streif⸗ wache iſt da! ſchrien Mehrere, und gerade die Wildeſten nahmen Reißaus in die Gebüſche. Der junge Mann hatte keinen glücklichen Sprung gethan. Er fiel zu Boden dicht vor die Füße des langen Fritz, und ſein Hirſchfänger zerbrach klingend auf einem Kieſel der Straße. Der Diebsgeneral trat einen Schritt zurück und erhob zum Schlage das ſchwere Brecheiſen; als ſich jetzt aber der Gefallene vor ihm aufrichtete und vom klaren Mondſcheine beleuchtet vor ihm ſtand im blonden Haare und der nackten Bruſt, ſank die eiſerne Keule auf einmal; mit ſtarrem Blick ſah er den plötz⸗ lich Erſchienenen an und riß dann heſtig die Mutter zu dem Jünglinge her. K dem trat. vor die 1 geſto Men unter T fieler rief Zieh ich's Witt iſt k. bern hina haſti Oeff er d und des iſt, Die Gei loſe licht taſit der er, en en⸗ ge tte en ges m⸗ er⸗ te, zu⸗ ar⸗ mit er! Fe⸗ if⸗ ten ng gen em ritt en; ind rne ötz⸗ tter 1₰ 5 1 —— Kennſt Du dieſes Geſicht, Altmutter? fragte er mit dem Bebetone Eines, dem ein Geſpenſt in den Weg trat. Ihr Geiſt iſt es nicht, denn Geiſter erſchrecken nicht vor Menſchen, und dieſe Wange bleicht vor mir und die rothe Lippe zittert. Aber der Todten Bild hat er geſtohlen, und ſie mahnet mich lebendig aus ſeinem Auge. Menſch, wer biſt Du und welchen Namen trägſt Du unter den Menſchen? Der Jüngling ſammelte Athem zur Antwort, da fielen nicht weithin zwei Schüſſe. Dragoner im Walde! rief es rechts her.— Es ſtürmt im Dorfe! Packet aufl Ziehet ab, Kochemer(Gauner)! ſchrie es links.— Habe ich's nicht gekaſpert(geweiſſagt)! kreiſchte die Alte. Wittiſch(dumm) biſt Du, Höllenhund, und die Suppe iſt kalt geworden durch Dich.— Sie ſtürzte den Räu⸗ bern nach, die ſich in einem dichten Haufen die Straße hinaufwarfen. Nur der Hauptmann verweilte noch einen Angenblick, faßte die Hand des jungen Mannes und ſagte haſtig: Dort hinunter dem Bache entlang, da gibt's eine Heffnung! Ich werde Dich wiederfinden. So ſprang er den Seinigen nach, und unſer Wanderer zögerte nicht und ſolgte der freundlichen Weiſung mit der Schnelle des Hirſches. Was für eine welke Pflanze der warme Regenguß iſt, das wird für eine gepreßte Seele das Morgenlicht. Die unheimliche Nacht verdoppelt Alles, was Herz und Geiſt bedrückt; zentnerſchwer wird die Sorge dem Schlaf⸗ loſen, der Gram, den wir mitnehmen auf das nächt⸗ liche Lager, martert vis zur Verzweiflung; die Phan⸗ taſie ſchafft in der Racht die gewöhnlichen Schickſalsbe⸗ 212 drängungen des Lebens zu vernichtenden Schlaglawinen um und ermattet den Muth und vertilgt die Hoffnung; doch mit dem anbrechenden Tage lüftet die Pſyche ihre Hülle und bricht ſich hindurch zum Lichte, in dem ihre Heimath iſt. Kraft und Ausdauer ſind die Kinder des Tages; von der Sonne beſchienen, iſt dem Menſchen Ver⸗ zagen und Selbſtmord fremd, und auch darin liegt ein Zeugniß, daß er nicht dem Irdiſchen allein angehört. Auch unſer Wandersmann empfand dieſe Wahrheit. Er hatte der Stimme des Räubers unbedingt Folge ge⸗ leiſtet, doch war der Rath leichter gegeben als ausge⸗ führt. Freilich ſchien ein Fluchtweg am Waldbache hin⸗ unter vor Zeiten betreten geweſen, aber der üppige Sommer hatte viele Stellen mit wuchendem Brombeer⸗ ſtrauche und dornvollen Roſenzweigen ſo überzogen, daß der Flüchtling oft gezwungen ward, durch das Bett des Waſſers zu waten; hie und da ragten Felsſpitzen her⸗ ein, um die er mit Gefahr ſich winden mußte, und zu⸗ dem war der Bach ſo mäandriſch geſchlängelt, daß die verzehnfachte Länge des Weges die ganze Stärke des Jünglings verzehrt hatte, als er endlich die hohen Bäume neben ſich verſchwinden und durch kleinen Unterbuſch ein breites Mondſcheinmeer vor ſich ausgebreitet ſah. Er ſank nieder auf den Teppich von Waldgras, und als dem Horchenden die tiefe Stille der Gegend ſeine völlige Rettung verſicherte, ſelbſt der Wind hier unten in den Zweigen ſchlummerte, und das Waldwaſſer, zum Wieſenbache gewandelt, geräuſchlos im breitern Blumen⸗ ufer hinkräuſelte, da erhob er ſich auf die Kniee und betete inbrünſtig zu dem Allmächtigen hinauf, der ihn aus ſolcher Stunde errettet. Aber ſelbſt das Gebet konnte nicht völlig den Druck wegnehmen, der auf ſeinem inen ung; ihre ihre des Ver⸗ t ein rt. heit. ge⸗ 6ge⸗ hin⸗ pige beer⸗ daß t des her⸗ dzu⸗ die des iume h ein und ſeine nten zum men⸗ und ihn Hebet inem 213 Gehirne lag und wie ein eiſerner Gürtel die Bruſt beengte. Er ſtreckte ſich lang in das Gras zum Schlafe; auch dieſer Freund der Jugend verließ ihn und wollte die Schreckensgeſtalten nicht verſcheuchen, mit denen die Er⸗ innerung ihn umgab. Immer noch ſah er den langen Fritz vor ſich ſtehen, und vergebens quälte er ſeinen Verſtand, des wilden Mannes Benehmen zu enträthſeln. Auch des Predigers gedachte er jetzt wieder und machte ſich Vorwürfe, den Unglückskameraden im Stiche gelaſſen und ihn nicht zum Begleiter auf den Rettungsweg ge⸗ rufen zu haben; daß er ihm hatte helfen wollen, mochte er ſich nicht anrechnen, denn es war bewußtlos faſt wie durch Inſtinkt geſchehen; daß er ihn vielleicht gerettet hatte, konnte er nur dem Zufalle, dem Schickſale, nicht ſich beimeſſen. So waren mehrere ſtille Stunden verlaufen, als der erſte Tagesſtrahl vor ihm in Oſten erſchien. Eine Lerche rührte ſich auf dem Anger, eine Wachtel ſchlug leiſe an im Felde, und ein Roſenſaum umzog die Höhen des Horizonts. Mit jeder neuen Himmelsfarbe, die jetzt lang⸗ ſam dem Nachtgewölk entquoll, ſtrömten freiere Athem⸗ züge durch die Bruſt des Jünglings, mit jedem Laut erwachender Mitgeſchöpfe, der zu ihm drang aus Flur und Hain, mehrte ſich ſein Lebensmuth, und wie ein ſchwerer Traum ſchritt das Ereigniß dieſer Nacht zurück in dunklere und entferntere Räume. Er ſtand auf, wuſch ſich im Bache, ordnete ſein blondes Ringelhaar und reinigte ſein Kleid von den Tannennadeln und dem Schmutze der Waldſtraße. Er band ſein Mützchen feſt unter dem Kinne, da er es glücklich vor der Flucht aufgegriffen; die zerbrochene Klinge des 244 Hirſchfängers verbarg er in der Scheide, ein Morgen⸗ trunk fand ſich noch in der Feldflaſche, nur der Tor⸗ niſter mit einiger Wäſche und Toilettebagatellen war verloren; jedoch hatte er glücklicher Weiſe die nöthigen Briefſchaften und ſein kleines Reiſegeld in der Bruſt⸗ taſche getragen und daher gerettet. Aber wohin nun? fragte er ſich. Das Thal, welches vor ſeinen Augen ſich immer mehr aus Nacht und Mor⸗ gennebel entwickelte, prunkte in den reichſten Schätzen des Erntemonats. Immer mehr der Dörfer ſtiegen rechts und links aus den Gebüſchen und Obſtbaumhaufen. Schlöſſer und Landhäuſer deckten die Hügel, und alte Ritterburgen ſtarrten mit ihren grauen Thürmen von den Bergſpitzen in die Wolken hinauf. Der Wanderer ſuchte getroſt den erſten betretenen Weg zwiſchen den Aeckern und ging raſch auf ihm fort den Menſchenwohnungen zu, deren freundlich⸗friedlicher Anblick ihm nach ſeinen letzten Lebens⸗ ſcenen doppelt erquicklich war. Bald traf er einen Bauer, der ſich früh mit der Sichel beſchäftigte, und ſeine Fragen erhielten die freudvolle Antwort, wie das Ziel ſeiner Reiſe kaum eine Wegſtunde von da entfernt lag. Erquickt durch ein Eierbier in der Schenke des erſten Dorfes bedachte er, langſam durch die Felder ſchlendernd, welche neue Lebenslage ſich ihm öffnen ſollte, und zugleich erwog er bei ſich, ob er den unbekannten Menſchen, zu denen ſein Stern ihn führen würde, die Begebenheit dieſer Mitternacht entdecken ſollte oder nicht. Dem Gotte, welcher ihn bisher ſo gnädig geführt, wollte er auch hier ſich hingeben und ſeine Winke befolgen; fand er herzliche, offene Menſchen, wollte er eben ſo herzig und offen ihnen ſein Innerſtes darlegen, im Gegentheile aber ſchweigen, da ihn Erfahrung ſchon 3 2 ————— —. gen⸗ Tor⸗ war ien ruſt⸗ lches Nor⸗ des und öſſer rgen itzen den ging eren ens⸗ ichel olle nde der urch ihm den ren lte dig inke er en, hon 6 — 10 mehrfach belehrte, daß die Verwicklung in ſolche Ge⸗ ſchichten nie ohne Gefahr und Unbequemlichkeit auch für den Unſchuldigſten erſcheine. Und vor ihm ſtieg ein großer Steinbau empor von ſeltſamer Bauart, wie ihm ſein Pflegevater und Lehr⸗ herr die Wohnung des Herrn von Gaiſer beſchrieben, und ein Hirt, der ſeine blanken Rinder zur Weide trieb, ſagte ihm, als er den Namen nannte: Ganz recht, dort oben im alten Eulenneſte wohnt der ſtumme und unſicht⸗ pare Baron! Er wollte ſtutzig mehr fragen⸗ doch der Hirt hatte ſchon weiter getrieben, und das Gebrüll des Stieres und das Gekläff des Hundes verſchlang ſeinen Nachruf. So blieb ihm nichts übrig, als ſei⸗ ner Neugier noch eine Weile Zaum anzulegen, und, wei⸗ ter marſchirend, ſich das Gebäude recht genau zu be⸗ trachten. Ein Haus, einſt Kloſter oder Ritterburg geweſen, erhob ſich hinter hohen und dicken Mauern, die in einem Achteck mit weit vortretenden ſpitzen Winkelthürmen den Rand einer Erhöhung ſo dicht einkreisten, daß rundum ihnen nur jähe Tiefe blieb. Einzig an der vordern Seite kroch die Erhöhung fort bis zum Gebirge, das, einen weiten Bogen um das Thal bildend, hier wieder her⸗ austrat und etwa ein Viertelſtündchen weit vom Schloſſe ſchwarz und düſter den Horizont der Landſchaft abſchnitt. Das Gebäude, welches nur mit dem Dache und der oberſten Fenſterreihe über den Rieſenmauern ſichtbar wurde, beſtand aus zwei verſchiedenen Theilen, deren einer die alte gothiſche Struktur unverletzt zeigte in ſpitzen Giebeln, langen Fenſtern und allerlei buntem Schnitzwerke, indeß der andere Theil mit neuen Dachziegeln⸗ weißen Wän⸗ den und viereckigen Spiegelfenſtern daran hing, wie das 216 Ballkleid eines Prinzen unſerer Zeit neben der roſtigen Stahlrüſtung ſeines Ahnherrn. Der Fahrweg, auf dem unſer Reiſender ging, ſchlän⸗ gelte ſich dicht um die Mauer in der tiefen Haide bis zu dem mit dem Walde in Verbindung ſtehenden Erd⸗ walle; auch hier ging er in Windungen hinauf und lei⸗ tete zu dem größten der Thürme des Achtecks, unter dem ein eiſenbeſchlagenes Thor den Eingang in die koloſſale Steinmaſſe andeutete. Keine Seele regte ſich um das Gebäu, kein Laut tönte von innen heraus, und viele gegen das Thor ge⸗ führte Fauſtſchläge blieben ungehört, bis unſer unge⸗ duldiger Held eine Kette erblickte, die zur Seite herab⸗ hing. Er zog an dem Eiſenringe derſelben, und alſobald erklang im Thurme eine helle Glocke. Nicht lange her⸗ nach näherte ſich eine brummende Stimme, dem Knurren eines Kettenhundes ähnlich; aus einem in der Höhe des Thurms geöffneten Fenſter ſchaute ein rothbraunes Mond⸗ geſicht heraus, und ein ungeheurer Mund fragte mür⸗ riſch nach dem frühen Begehren des Fremden und nach Stand und Namen, wie ein geſtrenger Feſtungscom⸗ mandant. Serenus Franke, Baukünſtler aus München, von dem Herrn von Gaiſer verſchrieben und mit einem Briefe des Hofarchitekten hier angelangt, berichtete militäriſch der Ankömmling.— Künſtler? Architekt! murmelte der Pförtner. Sonſt hieß das Zimmermann, Baumeiſter. Die neue Zeit iſt gar eine kurioſe Zeit: lauter hohe Na⸗ men, aber nichts beſſer. Nun, werde melden! Müſſen warten! Damit ſtieg er langſam zurück, und Serenus war genöthigt, noch eine langweilige Viertelſtunde ſeine Ge⸗ in⸗ bis d⸗ m le e⸗ e⸗ b⸗ duld zu üben, bis endlich Schlüſſel klirrten, Riegel raſ⸗ ſelten, das Thor langſam ſich aufthat und ihn einnahm⸗ Durch einen dumpfigen, überwölbten Gang ſchritt er dem ſchwerfälligen Cicerone nach, der dem Frauenwächter Zumiv an Ungeſtalt in ſeiner altfränkiſchen Kleidung nichts nachgab, bis ein großer Hofraum hinter einer zweiten Pforte ſich öffnete und der Pförtner mit der Hand auf einen Mann deutete, der am andern Ende deſſelben mit Holzſpalten beſchäftigt ſchien. Hier geht es aus einer Hand in die andere, wie bei einer türkiſchen Audienz, dachte Serenus, und ſchritt auf den Arbeitsmann los. Will Er ſo gut ſeyn und mich zum Herrn von Gaiſer führen? redete er den Holz⸗ ſäger an. Seine Säge in die Ruhe ſetzend, blickte dieſer auf, ſah ihn eine Weile ſtarr an und entgegnete dann kalt und eintönig: Der Baron bin ich! Wo hat man den Brief? Erſchrocken zog Serenus ſein Mützchen ab, ſtammelte eine Bitte um Verzeihung und nahm aus ſeiner Brief⸗ taſche das Schreiben, welches der alte Herr mit großer Bedachtſamkeit mehrere Male durchlas, dem Jünglinge dadurch Muße laſſend, ſich von ſeiner Ueberraſchung zu erholen und den ſonderbaren Reichsfteiherrn zu mußtern. Der Edelmann ſchien ein Sechsziger, klein und hager, doch ſprangen die Muskeln der Arme und Waden derb hervor und zeigten geſparte Lebenskraft. Sein Geſicht war durch eine gebogene Naſe ſcharf gezeichnet; in den Falten der Stirne und des Mundes, und in den kleinen, grünlichen Augen wohnten Verſchlagenheit und Mißtrauen als Charakterzüge, die auf den Beobachter einen ab⸗ ſtoßenden und faſt widrigen Eindruck machten. Der Edel⸗ 2¹8 herr ſollte ſehr reich ſeyn; dem widerſprach Bekleidung und Geſchäft. Die wollenen Strümpfe und grünen Pan⸗ toffeln waren eben nicht reinlich zu nennen, einem kur⸗ zen leinenen Unterbeinkleide fehlten die Kniebänder, und das graue Frieskamiſol trug manchen Fleck, ein verſchoſſe⸗ nes rothes Sammtkäppel deckte das graue glatte Haar, und am Holzhaufen hing ein grüner wollener Hausrock, der ein halbes Säculum mitgemacht zu haben ſchien. Ein Irrthum in der Perſon konnte wohl nicht ſtatthaben; ſo fand Serenus bald die Erſcheinung, welche ſeine von Hofprunk und Wohlleben träumende Phantaſie ſo arg getäuſcht hatte, ergötzlich und anziehend durch den Gegen⸗ ſatz, und ergab ſich in die Ausſicht auf ein ſpartaniſches Leben mit ſchwarzer Suppe und Zwangarbeit, die ihm zu dräuen ſchien. Der Baron ſchlug den Brief bedächtlich wieder zu⸗ ſammen und ließ ſeine ſtechenden Augen eine Weile im Nachfinnen auf dem Fremden ruhen, ſo wie man etwa Jemand zu betrachten pflegt, den man ſchon vormals ge⸗ ſehen zu haben glaubt. Mit ſich ſelbſt im innern Ge⸗ ſpräche ſchüttelte er dann, wie verneinend, ſein graues Haupt, zog den grünen Oberrock an und winkte Sere⸗ nus, ihm in das Wohnhaus zu folgen. Gar nicht zu ſeinem Bewohner ſich ſchickend, fand Serenus das Innere des ſchlichten Gebäudes geſchmack⸗ voll, ja ſogar elegant ausgebaut und ausgeziert. Die Geräthe und Möbeln einer Reihe heller und hoher Zim⸗ mer waren nicht allein für die höchſte Bequemlichkeit gewählt, ſondern modern gearbeitet und mit reichen Stoffen beſchlagen und mit Goldzierathen faſt überdeckt. Auf den Klang einer Silberſchelle trat flink eine runde, blühende Bauerndirne herein im ſchwarzbunten Mieder en; hes hm zu⸗ im we 3e⸗ e⸗ tes 249 und dem ſchwarzen Kopftuche, wie die Dörfler jener Gegend zu tragen pflegen, und eilte eben ſo ſchnell zu⸗ rück, das befohlene Frühſtück herbeizubringen. Und mit neuer Verwunderung bemerkte unſer Mann, wie ſie für ihn trefflich bereitete kalte Küche und guten Wein⸗ für den Herrn aber einen Krhſtallbecher mit klarem Quellwaſſer und einen Silberteller mit einem Weizenbrode auf die Tafel ſetzte, deſſen ſokratiſchen Genuß der Alte auch ſofort begann. Die gewohnte Motion Hunger und iſt ein wohlfeiles Gewürz, ſagte der Baron, mit dem wohlge⸗ fälligen Lächeln der Ueberlegenheit das linkiſche Stau⸗ nen ſeines Gaſtes beſpöttelnd. Doch ſoll Ihnen die Weiſe der Reſidenzſtädter nicht mangeln. Jedem ſein Wille und ſeine Art! Das iſt hier Grundſatz, und da wir wohl einige Monate beiſammen bleiben möchten, ſo halten Sie ſich auch gefälligſt nach dieſem Geſetz. Beſchränkung iſt Gift in dem Lebensbecher, und die Menſchen würden ſich nirgends feindlich berühren, zwängte Eigenſinn nicht ſo oft dem Andern den fremden Geſchmack auf, und ſtände das erſte Naturgeſetz: Jedem ſeine Weiſe! auf der Rnsn Charta der Völker oben an. Serenus antwortete nicht, bewies aber ſeine Geleh⸗ rigkeit durch tüchtiges Zulangen bei dem kalten Wildpret und feurigen Portweine. Der Wirth ſchien ſich ſeines Appetits zu freuen, denn gute Eſſer ſind ſelten gefähr⸗ liche und verdächtige Leute, und die fortgeſetzte ſcharfe Rekognoscirung ſeiner Angen verhehlte nicht, wie Arg⸗ wohn und Mißtrauen zu den Gebrechen ſeiner Seele gehörten. Ich verlangte von meinem Freunde einen guten Bau⸗ meiſter, begann er freundlicher, als ſein Waſſer und 220 ſein Brod zu Ende gegangen, weil ich Niemand von hieſiger Gegend aus Grundſatz in meinen Haushalt blicken laſſen mochte. Ich lebe wie eine Art Robinſon auf mei⸗ ner ummauerten Inſel, will nichts mehr vom Leben draußen, mag aber auch nicht, daß die da draußen auf mich Anſprüche geltend machen. Freilich vermuthete ich nicht, daß mein Freund mir einen ſo jungen Meiſter ſenden würde, aber ſein Schreiben empfiehlt den Herrn Frank als ſehr tüchtig, und dieſes alte Neſt vor Ein⸗ ſturz zu ſichern, einige neue Bauten meiner Laune aus⸗ zuführen, werden Sie ſo gut verſtehen als irgend ein Anderer, und der Punkt des Briefes, welcher mir ver⸗ kündet, Sie ſtänden allein als eine Waiſe in der Welt, erfüllt meine beſonderen Wünſche und macht mir die Wahl Ihres Lehrers recht angenehm. Mein wohlthätiger Lehrer ſprach die Wahrheit, ant⸗ wortete Serenus ſchwermüthig; iſt ein Menſch allein in der Welt, ſo bin ich es. Keine Verwandte? keine Heimath? fragte der Baron nochmals mit ſcharfen, durchdringenden Blicken auf des Jünglings blühendes, einnehmendes Geſicht. Wahrſcheinlich gab der tödtende Krieg mir das Da⸗ ſein und ſtieß mich dann unbarmherzig wieder von ſich, erwiederte der Gefragte. Man fand mich nach einer blu⸗ tigen Schlacht unter den Trümmern eines brennenden Dorfes. Ein Soldatenmantel umhüllte mich. Mitleidig verpflegte ein ehrlicher Schulmeiſter meine Jugend; ein Hang zur Zeichenkunſt erwachte frühe in mir;z ich malte in meine Schreibebücher die Leichenſteine des Kirchhofs und die Perückengeſichter der Titelkupfer aus den geiſt⸗ lichen Büchern meines Ziehvaters nach, ſo gewann ich des Predigers Aufmerkſamkeit, ſo kam ich zu ſeinem Ver⸗ v 8 8 V 8—— 8 — — M — N* 22¹ wandten in die Reſidenz, zu dem königlichen Architekten, der mich gleich einem Sohne erzog und bildete, und mein ganzer Lebenslauf iſt mit den wenigen Sätzen be⸗ ſchrieben. Brav, brav! nickte der Alte. Alles das paßt mir. Der Freund vergaß meine Launen nicht, und ich muß ihm danken in Duplo.— Das Frühſtück endete damit, und Serenus durfte jetzt auf einem bequemen Zimmer⸗ chen einige Stunden hindurch der Ruhe pflegen. Dann holte ihn der Baron ſelbſt herunter und wanderte mit ihm rundum im Schloſſe und dem Garten innerhalb der Mauern, zeigte ihm die Fehler am Gebäude und ließ ſich mit Kenntniß über die gewünſchten Verbeſſerungen aus, bemerkte, wie er hier ein Treibhaus, dort einen warmen Bienenſtand, im Garten außerdem ein Baſſin für Fiſche und eine Voliere zu haben wünſchte, und wie vorzüglich die Kapelle im alten Burggebäude, die den Einſturz drohe, hergeſtellt und ein anſtändiges Familien⸗ Begräbniß darin eingerichtet werden müßte. Maurer, Zimmerleute und ſonſtige Handwerker ſollten aus den nächſten Ortſchaften herbeigeſchafft werden, ſobald der Baumeiſter ihm nur zuvor Pläne und Riſſe zu Allem vorgelegt haben würde. Wie Serenus bei dieſem Spaziergange vor dem alt⸗ gothiſchen Gebäude ſtand, deſſen untere Fenſter ſchwer vergittert, die obern aber ſämmtlich durch dichte Läden verſchloſſen waren, konnte er die Bemerkung nicht unter⸗ drücken, warum das kräftig daſtehende Gebäude nicht beſſer erhalten ſey und mehr benutzt würde. Des Barons Geſicht überzog bei dieſer Frage eine ſonderbare Röthe. Wir haben genug am neuen Hauſe, antwortete er barſch und ſtrafend, und ich bin kein alberner Verehrer des maſſiven Mittelalters, wie meine poetiſchen Zeitgenoſſen. Von ferne her zog ich, Ruhe und Ein⸗ ſamkeit ſuchend, kaufte dieſe Beſitzung wohlfeil in der Kriegszeit und will den ehrwürdigen Eiſenmännern, die in jenen finſtern Zimmern wohnten, den Spuck nicht ſtören, den ſie in der beſtaubten Heimath treiben mögen. So drehte er ſich wie unwillig um und wendete ſchnell das Geſpräch auf unbedeutendere Gegenſtände. Doch in Serenus Bruſt verblieb ein ſeltſamer Ein⸗ druck von dieſer Rede. Der Baron kam ihm ſeitdem noch unheimlicher und abſchreckender vor, ohne daß er ſich einen klaren Grund dafür anzugeben wußte, und eine eben ſo wenig erklärbare Neugierde folterte ihn zugleich, die ihn zwang, mehrere Male rückwärts gewendet ſeine Augen auf das alte Gebäude zu richten, welches der Baron mit wachſendem Unwillen zu bemerken ſchien. Der Mittag war indeſſen gekommen. Nach alter guter Weiſe wurde frühe getafelt, und der Hausherr begehrte jetzt Erſatz zu ſuchen für ſein kärgliches Frühſtück, denn der Tafel mangelte nichts, und die größte Ueberraſchung wartete noch des Gaſtes, nachdem zwei ſimpel montirte Jäger, denen man anſah, daß ſie nicht eben großen Geiſtes waren, die Schüſſeln aufgeſetzt, denn ein junges Frauenzimmer von ſeltener Schönheit trat in den Saal und begrüßte mit Freundlichkeit den Baron wie ſeinen Geſellſchafter. Meine Nichte Albina, mein Schweſterkind! ſo ſtellte ſie der Baron vor; ſetzte aber ſofort hinzu, da er die blinkenden Augen ſah, mit denen Serenus die liebliche Erſcheinung betrachtete: Meine einzige Verwandte, die Erbin meines Vermögens und meiner Güter. Er that recht, wenn er durch dieſe Erklärung ſofort ————— di ſil wr al un de —3 223* des Jünglings aufwallende Gefühle in ihre Ufer zurück⸗ ſchlug, denn der erſte Anblick Albina's hatte wirklich mit der Allmacht unbefleckter Schönheit auf das junge, ſchuld⸗ loſe Herz deſſelben gewirkt. Albina's zarte, ätheriſche Geſtalt, mit jungfräulicher Fülle gepaart, das roſige Geſicht voll Friſche und Unſchuld, Vertrauen und Fröm⸗ migkeit im Taubenauge, die leichte Bewegung, die fein⸗ geformte weiße Hand, die vollen, kaſtanienbraunen, kurz⸗ geſchnittenen Locken erinnerten den Jüngling an die Engel auf Raphaels Gemälden, wie er ſie oft in des Königs Gallerie mit Inbrunſt betrachtet, und der Wunſch, ſeinen Seraph lebend zu ſchauen, ſchien ihm hier in Erfüllung gegangen. Aber wie ein niederfallender Donnerkeil ſchreckten ihn die ernſten, bedeutſamen Worte des Alten aus ſeinem Traume, und während der Tafelzeit blieb er ein ein⸗ ſilbiger Geſellſchafter und vermochte nur ſpärliche Ant⸗ worten auf die Fragen des Barons zu geben, der von allen Verhältniſſen des Baierlandes, der Königsſtadt und ſeiner Bekannten daſelbſt vielfache und faſt endloſe Erkundigungen einzog. Albina horchte mit Acht auf des jungen Künſtlers Antworten; ihr Blick traf oftmals unverſehens in ſein großes Auge, und daß der Blick weilte, daß er nicht ſcheu und mit der Koketterie der Weltdame flüchtete, das gab ihm Troſt und Genuß bei der langdauernden Mahl⸗ zeit, die ihm räthſelhaft peinigend vorkam, ohne daß er auch dafür ſich den Grund klar zu bedeuten wußte. Wir müſſen nun mehrere Wochen überſpringen, in denen nichts vorſiel, was unſere Leſer unterhalten dürfte. 224 Serenus hatte ſich eingewohnt unter den neuen Bekann⸗ ten. Der alte Baron gab ihm ſeine Zufriedenheit über die gefertigten Pläne und Zeichnungen zu erkennen, und das Holz wurde im Walde geſchlagen, die Steinmetzen arbeiteten im Steinbruche an dem nöthigen Material, ſie hinzuſtellen und auszuführen. Den Baron befiel in dieſer Zeit eine Unpäßlichkeit, die ihn an das Bett feſſelte, und die Aufſicht, welche er immer ſelbſt geführt, wurde ſeinem Großvezier, dem runden Pförtner Fabian, übergeben. Serenus durfte mit dem Wechſel nicht unzufrieden ſeyn, denn wenn Albina auch den größten Theil des Tages der Kranken⸗ pflege des Oheims widmete, ſo gab der Stubenarreſt deſſelben ihr doch Gelegenheit, in der Frühſtückszeit, wo der Alte nach ſchmerzvoller Nacht noch ſchlief, im Gar⸗ ten, wo ſie Gemüſe pflückte, Nachmittags, wo ſie in den Burghöfen Luft genoß, offener ſich dem Jünglinge anzuſchließen, welcher das einzige Weſen in der Burg war, das durch Jugend und Empfindung ihr gleich ſtand, und das ſie ſchon Jahre lang in ihrer Verſchloſſen⸗ heit vermißt hatte. Daß bald eine reine, herzige, ge⸗ ſchwiſterliche Freundſchaft Beide mit ihrer weißen Roſen⸗ kette umſchlang, werden die ſchönen Leſerinnen natürlich finden, und wie wohl es dadurch dem Serenus wurde, wie heimathlich ihm von da an das alte Kerkerneſt vor⸗ kam, wie er aber zugleich ſeufzend das Ende dieſer Ver⸗ hältniſſe bedachte, wird den jungen Leſer ebenfalls nicht in Verwunderung ſetzen. Serenus fühlte ſein ganzes Gemüth verändert: die Schwermuth, welche ſein Schickſal, ſeine Verwaiſung von früh an über ihn ausgegoſſen, verſchmolz mit jedem Tage mehr; er fühlte ſich erhoben, muthiger, lebens⸗ nge urg eich en⸗ ge⸗ en⸗ lich rde, or⸗ er⸗ icht die ung dem ns⸗ 225 froher; ſeine Phantaſie, ſonſt nur der Kunſt gewidmet, ſchwärmte im Eldorado ſchöner Zukunftsträume; ſeine Gedanken wurden Poeſie, und ein Handdruck von Albinen, ein freundliches Wort von ihr machten ihm den dunkeln Wald und die finſtern Steingruben, wohin ihn jetzt oft ſeine Meiſterpflicht rief, zu Paradieſes⸗Landſchaften, denn Albinens Bild ging überall ihm zur Seite. So ſtand er auch in einer Mitternacht am offenen Fenſter, das in einen innern Hof führte, welcher den alten Theil der Burg berührte. Sinnend blickte er in den Nachthimmel, der mit tauſend goldenen Sonnen tief herabhing, ſinnend auf die ſchwarzen Gebirgsmaſſen, welche ſich, wie den Himmel tragend, über die grauen Schloßmauern erhoben. Wo ward ihm das Lebensziel geſteckt? Wo beſtimmte ihm das Schickſal die Ruheſtätte? War nicht die Hoff⸗ nung auf Albina's Beſitz der Raſerei eines Tollhäuslers ähnlich? Aus ſolchen Gedanken ſtörte ihn ein Geräuſch auf, ungewöhnlich für die ſpäte Zeit, und ein Lichtſchimmer, der bleich über die offene Gallerie hinſtreifte, durch welche das neue Gebäude mit dem alten in Verbindung ſtand, verwandelte die Kinder ſeiner Phantaſie aus Engeln in Geſpenſter. Ihm fielen die Erzählungen der Jäger und der Magd ein, wie die weiße Schloßfrau dort umgehe und Nachts mit Klagetönen die öden Zimmer erfülle; er gedachte der Sage, die er unter den Holzſchlägern des Waldes gehört, wie dem Baron die Schloßfrau er⸗ ſchienen ſey und er von dem Augenblicke an ſtumm ge⸗ worden, eine Sage, die ſich auf die Gewohnheit des Edelmanns gründete, nie ſein Schloß zu verlaſſen und mit den Frohnbauern im Schloſſe nie ein Wort zu wechſeln, Blumenhagen. XVI. 15 226 ſondern nur durch Winke oder durch ſein Hausgefinde ihnen ſeine Befehle bekannt zu machen. Mechaniſch löſchte Serenus ſeine Rachtlampe aus und ſtarrte alsdann mit angeſtrengten Augen, die ſich an Schärfe mit jedem Jägerblicke meſſen durften, in den gelben Schimmer, der ſich allmälig verſtärkte. Jetzt er⸗ ſchien eine Menſchengeſtalt auf der Gallerie, aber keine Ahnfrau, ſondern ein ſehr körperliches Weſen trat her⸗ vor: Fabian, der Pförtner, ſeine Stallleuchte tra⸗ gend, und noch etwas Anderes in der Linken haltend, welches die geringe Helle nicht erkennen ließ. Der Nachtwandler ſchritt dreiſt, doch langſam in die Hallen des alten Gebäudes, und Serenus Neubegier, die Un⸗ tugend der kühnen Jugend, ſpannte ihn auf eine böſe Folter, da die Idee, dem dicken Geſpenſterbeſchwörer ſofort nachzugehen, nur von der Gewißheit der Erzür⸗ nung des Schloßherrn durch ſolches Eindrängen in ſeine Geheimniſſe gezügelt wurde. Was konnten dieſe Mauern verbergen? Alle jene Schauergeſchichten in den Romanen der Engländer und deutſchen Kramerianer paßten nicht für das Jahrhundert und zu der Perſönlichkeit der Schloßbewohner, und den⸗ noch mußte hier etwas ganz Ungewöhnliches obwalten. Der athemlos Horchende hörte jetzt Läden öffnen und Fenſterflügel klirren, dazwiſchen war es, als wenn wirk⸗ lich ſeltſame Klagetöne aus den gelüfteten Oeffnungen zu ihm herüber wehten. Nach einem Halbſtündchen raſ⸗ ſelten die Fenſterläden wieder zu, und bald wanderte auch der feiſte Fabian mit ſeiner Laterne durch die Gal⸗ lerie zurück, mit ſeinem letzten Schritte und Verſchwin⸗ den der tiefen, ſchaurigen Stille der Nacht wieder ihre Herrſchaft übergebend. aus ſich den er⸗ ine er⸗ ra⸗ nd, Der len Un⸗ öſe rer ür⸗ ine ene und ert en⸗ en. und irk⸗ gen raſ⸗ erte 5 zal⸗ in⸗ hre 227 Hitze und Froſt wechſelten in Serenus Gliedern; das gänzlich Unerforſchliche iſt ſtets eine Stachelgeißel für den Geiſt, darum führte der Gedanke der Unſterblichkeit ſchon manchen Denker zum Wahnſinne. Schlaflos lag darum Serenus dieſe Nacht hindurch auf weichem Lager, das ihm ſonſt nach ſchweren Taggeſchäften Freund war, und er freute ſich der erſten Roſenblüthe des Morgenlichtes, die ihm ſonſt oft zu früh kam. Er ſtand auf und kramte unter ſeinen Rechnungen und Zeichnungen, aber nichts vertrieb die Erinnerung an jene Klagetöne und des Pförtners geheime Wanderſchaft. Als er ſpäter hinabging, Höfe und Garten durch⸗ kreuzte, um ſich der Spannung der Gedanken zu ent⸗ ſchlagen, die ihm ſeine Arbeit zu verleiden anfing, fand er die Kapellenthüre geöffnet: die Jäger lüfteten die graue Halle und räumten Schutt heraus, unterdeß der faule Fabian als Aufſeher in der gothiſchen Spitzthüre lehnte, deren Giebel ein ſteinerner Sanct Jakob mit dem Anker und der Hand auf der Bruſt beſetzt hielt, deſſen Nähe aber den durſtigen Schwelger nicht ſcheu machte, fleißig ſeinem mitgebrachten Fläſchchen zuzuſprechen. Mit Widerwillen betrachtete Serenus das unförm⸗ liche Menſchenbild, deſſen rothes Vollmondsgeſicht mit den matten chineſiſchen Augen nichts von dem Geheimniß zu wiſſen ſchien, deſſen Vertrauter er ſeyn mußte. Albina's Annäherung ſtörte ihn in ſeinem ſtillen For⸗ ſchen auf angenehme Art. Sie trug ein Körbchen voll Samenkörner, die ihren ſchneeweißen Tauben und ſchwar⸗ zen Haubenhennen beſtimmt waren, und mehr als freund⸗ lich begrüßte ſie den ernſten Jüngling. Sollte ſie darum wiſſen? dachte er und lenkte das Geſpräch auf die Ka⸗ pelle und das Schloß. Ihre Antworten gaben ihm keine 228 Befriedigung. Sie war erſt ſeit einem Jahre von dem Onkel auf das Schloß gerufen, da ihre unvermögenden Eltern ſie als Waiſe zurückgelaſſen hatten. Sie warnte den Freund bei ſeinem Bau, da Jedermann das worſche Gebäude dem Einſturze nahe glaube und darum der Baron überall den Eintritt verboten. Sie lachte über die Sage von der geſpenſtiſchen Frau, da doch Weiber gern zu Weibern hielten und ſie nie einen Beſuch von ihr erhalten. Der Onkel ſollte die Ruinen niederreißen laſſen, meinte ſie treuherzig, und, ſtatt neue Grabſtätten für Todte zu bauen, mit dem Platze den Garten für Lebendige ver⸗ größern. Wo man ſchliefe nach dem Leben, ſey wohl gleich, und ihr ſey die Ausſicht auf ein Bett unter einem grünen Hügel voll Grasblumen angenehmer als ſolch eine kalte Todtenkammer von Stein, wo neugierige, frevelhafte Nachkommen nach Jahrhunderten die heilige Ruhe ſtören könnten und Spoit mit den Reſten der Ver⸗ westen treiben dürften. Auch iſt mir von je ſolch ein Gewölbe zuwider ge⸗ weſen, ſetzte ſie hinzu, denn eine Zigeunerfrau weiſſagte mir einmal als Kind, ich würde mein Glück nur in einer Todtenkammer finden, und eine irdiſche Auferſtehung führe mich zur Seligkeit. Sie mag das vielleicht recht fromm gemeint haben, wie die Religion es lehrt, aber mir grauet ſeitdem, ſeh' ich ein ſolch Gewölbe den hohlen Mund aufthun. Freilich ſchlüge ich auch tieber die alten Wände ein, entgegnete Serenus, und baute ein Frenſchloß auf den ſchönen Platz, eine freundliche Heimath für Albina's Leben, ein Paradies für ihren beglückten Gemahl und eine ſichere für ihre Nachkommen. O dann wäre ich gewiß, daß Albitza ſich meiner erinnerte, wenn ich — —„ 8— em en ite che on ge zu en. ate zu r⸗ hl em ch g ⸗ 2 ler en *s nd re M—— 229 fern ſeyn werde in fremder Welt und an meiner Gra ſtätte Niemand Thränen vergießt. Auf des Fräuleins Geſicht verwandelten ſich die rothen Roſen der Schamhaftigkeit ſchnell in die weißen des Schmerzes. Nein! ſagte ſie mit beſonderer Haſt, ich will keinen Gemahl. Mein Kloſter iſt dieſes einſame Haus, worin ich den Onkel pflegen werde, bis ſeine Zeit kommt, und dann— dann iſt Flatz darin für einen Freund, wenn er bis dahin keinen beſſern fand in der reichen Welt. Unwillig und zugleich verſchämt erſchien ſie, als ſie jetzt ſchnellen Scheidegruß nickte und hin zu ihrem Hühnerhofe eilte. Serenus ſah ihr ſchwermüthig nach, dann ging er zu dem Burgthore, welches ſeit einigen Tagen der Arbeitsleute wegen immer geöffnet ſtand, je⸗ doch nicht ohne die aufmerkſame Schildwache eines mit der Büchſe bewaffneten Jägers im Thurme. Seine Geſchäfte im Steinbruche waren bald abge⸗ macht. Des Fräuleins liebe Worte hatten neue Träume, neue Phantaſiebilder in ihm aufgeweckt, und glücklich in der Spielerei mit ihnen ſchlenderte er müßig und planlos auf den Fußpfaden des Waldes hin, bis die Heerſtraße und das einſame Wirthshaus darauf ihn erinnerte, daß er zu weit vom Hauſe ſich verlaufen habe, und eilen müſſe, wolle er den Mittag nicht verſäumen. 5 b⸗ Der Tag war heiß, und ein Trunt friſcher Milch ſolie ihn zum Rückwege ſtärken. So ſchritt er über die Straße, die von mancherlei Volk, welches zum Jahrmarkte des nächſten Städtchens zog, ſehr belebt war, gerade auf das Wirthshaus zu. Junger Herr, ſchenkt mir einen Sechſer, und zeigt mir die ſeine Hand, daß ich Euch Glück prophezeihe! rief ein altes Zigeunerweib ihn q und faßte ſeinen 230 N Rockſchooß. Er wandte ſich zu ihr, und ſein Auge über⸗ lief verwundert die nette, phantaſtiſche Tracht. Sein Erſtaunen ſtieg aber, als die Alte, ſo wie ſie ſein Geſicht ſah, mit einem Angſtgeſchrei ſein Kleid losließ, und mit jugendlichen Sprüngen im Gebüſche verſchwand. Auch ihm kam jetzt ihr gelbes Runzelgeſicht bekannt vor, doch ohne der Mühe ſich hinzugeben, darob zu forſchen, trat er in die geräuſchvolle Schenkſtube und trank bald ſeine reine Milch, von der Hand der rüſtigen Wirthsdirne eingefüllt. Wie er aber im Trinken abſetzte und dabei die Geſellſchaft an den eichenen Tiſchen hinter den Zinn⸗ krügen betrachtete, ſtand ſein Herzſchlag faſt ſtill, und das große Glas zitterte in ſeiner Rechten. In ſchneller Beſinnung erkannte er die Hälfte der Gäſte. Dieſer breitſchultrige Roßkamm im grünen Rocke, dreizipfeligem Hute, mit Sporen und langer Peitſche, der hinter ſeinem Rücken die Thüre ſperrend auf⸗ und abſchritt, war der Lumpenjoſt aus dem Berge, der den Juden mit Roſinen fütterte. Jener Tabulettkrämer am Fenſter mit den dicken Lippen war der Taigmaul, und in dem ſchmutzigen Keſſelflicker neben ſich konnte er den Heidenpeter nicht verkennen; aber am furchtbarſten fiel ihm ein Geſicht in die Augen, faſt ganz von Bart und Haar bedeckt, deſſen Beſitzer eine verblichene Dragoner⸗ Uniform trug, ihn mit ſtarren, glühenden Klapperſchlan⸗ genaugen anſah, und, dabei mit dem Ladſtock klirrend, die Ladung ſeines Karabiners nachſtieß. Man hatte ihn erkannt, die Räuber würden den Verräther nicht unge⸗ hindert entlaſſen, da ſein Erbleichen ihnen geſtanden, daß er ſie nicht vergeſſen, er war verloren, das dachte und empfand er an dem Flüſtern der Diebsgeſellen unter einander, an ihren Bewegungen ſeine Gefahr erkennend. ——,— „— — — — r⸗ ht it 1 ch ne ne bei n= nd er ke, he, nd en m nd en iel nd Er⸗ mn⸗ ad, ge⸗ en, hte ter nd. 231 Da ſlog die Thüre auf, und ein reichlich, ja faſt vor⸗ nehm gekleideter Jägersmann trat ungeſtüm ein, ſtieß den Roßhändler grob zur Seite und ergriff Serenus Hand, wie man einen Bekannten anfaßt. Die Unruhe ver Diebe nahm ſofort ein Ende. Als wäre nichts ge⸗ ſchehen, ſo fuhren ſie in ihrer alten Beſchäftigung mit Krug und Kartenſpiel wieder fort, nur verſtohlen nach dem Eingetretenen ſchielend. Biſt Du endlich gekommen? redete dieſer den Ueberraſchten vertraulich an. Ich habe lange warten müſſen⸗ und hätte Dich verfehlt ohne die Botſchaft des Zigeunerweibes. Komm mit mir und laß uns reden draußen, denn meine Zeit läuft hin, und ich muß zur Förſterei zurück. Mechaniſch ließ ſich Serenus hinausziehen, ſtumm dem jetzt gleichfalls ſchweigenden Jäger folgend, in welchem er ſogleich den Räuberge⸗ neral, den ſogenannten langen Fritz, erkannt hatte. Erſt nachdem ſie einige hundert Schritte durch den Wald ge⸗ wandelt, drehte ſich der Räuber zu ihm und ſtand. Welche Teufel werfen Dich in unſern Weg, unbe⸗ ſonnener junger Menſch? fragte er jetzt mit düſterm Geſicht. Die tollen Eber kennen den Hund, der ſie ein⸗ mal biß, und ohne Zunderdais Nachricht an mich büß⸗ teſt Du blutig Deinen Vorwit. Glaubſt Du, die Kerle pätten mir ſchon vergeben, daß ich Dich entwiſchen ließ? Ver Galgen und Rad in jedem Nachttraume ſieht, dem iſt ein ſolches Leben wie das Deine federleicht gegen die Fucht des Verrathes. Ich bin kein Angeber, antwortete Serenus, ermu⸗ thigtdurch des wilden Mannes Ton und Geberde. Zufall trieb mich in die Herberge; mein Geſchäft bindet mich an dieß Gegend; ich wohne in dem nächſten Ritterſchloſſe. jenes Dorf hinaus? Bei dem alten, ſtum⸗ 232 6 men, unſichtbaren Einſiedler? fragte der Jagdmann ſtutzig undmit aufglühenden Blicken. Er iſt ein närriſcher Kauz, den ich kenne, ſetzte er, ſeine Bewegung ſichtbar unter⸗ drückend, hinzu. Beſchreibe mir doch den Mann und ſeine Lebensweiſe, ob ſie ſo drollig iſt, wie das Bauernvolk in der ganzen Gegend erzählt. Serenus berichtete offenherzig, was er im Schloſſe geſehen, gehört, und wie er hineingerathen, doch fiel ihm auf, daß der Räuber, indem ſie ſo nebeneinander auf dem Waldpfade gingen, mit geſpanntem Aufmerken und doch ganz ſtumm zuhörte, zuweilen mit dem dun⸗ keln Kopfe nickte und einige Mal die Zähne wie im Zorne zuſammenbiß. Er ſtutzte, plötzlich von einer grauſen Idee ergriffen. Ihr habt doch keine Abſicht auf das Schloß? fragte er haſtig mit einem wunderbaren und lächerlichen Zutrauen. Auch durchzog des Hauptmanns düſteres Antlitz ein Lächeln über dieſe jugendliche Zutraulichkeit, und er antwortete, indem er ſich am Rande des Waldes auf einen umgeſchlagenen Buchſtamm ſetzte, und, auf ſeine Doppelflinte geſtützt, das vor ihnen liegende Schloß betrachtete: Sey ohne Sorge, Baumeiſter! Ein ſolches Mauerwerk zu beſtürmen fehlen uns Bombenkeſſel und Vierundzwanzigpfünder. Unſer Pulver reicht nicht aus für eine Sprengmine, und Rennbaum und Brecheiſen wären unnütz. Ueberdieß wird der alte, filzige Holzſäge: und Waſſertrinker keine übervollen Kiſten bewahren, de ein Chasne⸗Malochnet, einen Sturm nennt es der Spl⸗ dat, werth ſeyn möchten. Sorge nicht, weder für Doh, noch für Deine neuen Freunde darin; denn der Jihr⸗ markt in der Nähe iſt unſere letzte Ergötzlichkeit in ſieſer Gegend, wo die neue Polizei ſchon allarmirt wurdſ. In drei Tagen ziehen wir zurück nach der ſchönen Weterau, tzig uz⸗ er⸗ ine olk e 233 und bis dahin rathe ich Dir, Dein Schloß nicht zu ver⸗ laſſen. Mit einer beſondern Theilnahme ergriff der J Jüng⸗ ling die Hand des Freiſchützen. Friedrich, ſagte er mit Milde, Ihr ſcheint nicht unter die beſtialiſchen Menſchen zu gehören, mit denen Ihr wandelt. Eure Sprache, Euer Benehmen, das Mitleid mit mir, den Schutz, den Ihr mir gabt, Alles ſagt mir, daß die Welt an Euch verlor, als Ihr aufhörtet, ein Bürger, aufhörtet, ein Menſch zu ſeyn. Seltſam fühle ich mich zu Euch hingezogen, und darum wagt der Jüng⸗ ling, Euch, den Mann, zu beſchwören, zu warnen. Kehret um! Verlaßt die Wolfsbrut, die Euch dienet! Behaltet die Tracht, die Ihr heute als Maske anlegtet, und die Euch ſo wohl ſteht. Krieg iſt jetzt überall, der kühne Mann gilt in jedem Winkel der Erde. Die Welt iſt groß, größer die Gnade des ewigen Richters für reuige Sünder. O werdet wieder ein nützlicher, guter Bürger der Erde! Bedenket das Ende! Spät oder früh müſſet Ihr in die Hände der Gerechtigkeit fallen, und die Teufel, die Ihr befehligt, verrathen zuletzt Euch ſelbſt, denn unter Teufeln galt nie ein Eid oder ein ehrliches Bündniß. Der Räuber ſaß in tiefe Gedanken verſunken. Sich daraus aufreißend faßte er Serenus Hand feſter und zog ihn neben ſich zum Sitzen auf den Baumſtamm, indem zugleich ſein düſterer Blick die geſictstih des Jünglings genau muſterte. Schon lange bin ich quitt mit der Welt, ſprach er in dumpfen Tönen. Sie hat mich ausgeſtoßen, und zur Vergeltung ſtieß auch ich ſie zurück. Gibt es einen Gott, ſo bin ich von ihm vergeſſen unter den Millionen, denen er wohlthut; mich traf dann nur ſein Strafblic, indeß 234 die Faulen und heimlichen Sünder mit allen ſardana⸗ paliſchen Wollüſten verhätſchelt werden. Sieh' nicht ſo widerwärtig auf mich, junger Menſch; höre meine kurze Geſchichte und richte dann; weiß ich doch ſelbſt nicht, welch ein geheimer Zwang mich nöthigt, beſſer vor Dir erſcheinen zu wollen als vor all den Andern, die mir zu verächtlich waren, vor ihnen eine Entſchuldigung mei⸗ nes Wandels leuchten zu laſſen. Dein Geſicht hat eine Aehnlichkeit, die Erinnerungen in mir aufgerufen, lieb und marternd zugleich, und um dieſer Züge willen muß ich meine Verächtlichkeit, mein Gewerbe in Deinen Augen vertheidigen. Erwartungsvoll ſetzte ſich Serenus und hörte zu. WMein Vater war ein reicher Mann, ein angeſehener Mann durch Geburt und Würde, begann der Räuberge⸗ neral, und an meiner Wiege ſtanden Gevattern mit Ster⸗ nen und Ordensbändern. Sie gelobten damals vor Gott, dem Knaben Rath und Schutz zu geben, aber ſie haben niemals Wort gehalten, da auch dieſer religiöſe Akt, wie ſo vieles Heilige, Komödienſpiel geworden iſt in der leichtfertigen Zeit. Ich wuchs auf in dem reizend⸗ ſten Thale des Baierlandes, und meine Kinderjahre waren eine Reihe von Stunden der Luſt und der Be⸗ friedigung aller Sinne. Als ich zu denken anfing und von dem Bewußtſein des Ich's zu der Erkenntniß des Nächſten neben mir überging, fand ich bald in meinem Vater einen finſtern Schwärmer, der den frühen Tod meiner Mutter, den Tod meiner Geſchwiſter für eine Strafe ſeiner Jugendſünden anſah, und jetzt aus dem Weltmanne zum frommen Kopfhänger geworden war, in ihren Ketten hielten. Um mich bekümmerte ſich Niemand; ich lernte Vieles, doch nicht —— 235 viel, aber die Sinne und ihre Leidenſchaften zügeln lehrte mich keiner von meinen Dutzend Präceptoren. Ich ward Jüngling. Meine Begierden wurden un⸗ erſättliche Raubthiere; meine Freunde waren Schmeich⸗ ler und Sklaven, denn ich hieß ja der einzige Erbe eines reichen und gebrechlichen Mannes. Hinweg über dieſe Jahre der Verirrungen; es ging mir, wie ſo vielen Verwahrlosten, in denen das Höchſte untergeht durch die Schuld ihrer natürlichen Vormünder. Ich wurde der Präſident aller Trinkgelage, der König aller Spielhäuſer, der ſiegende, unwiderſtehlichſte Cäſar der lockern Damen⸗ welt, der Adonis der Hauptſtadt. Lachend hörte ich die Ermahnungen, die frommen Bußpredigten des Vaters, mit welchen er die oftmaligen Zahlungen meiner Schul⸗ den zu begleiten pflegte. Da ſtieß mich das Schickſal in einen Streit mit einem jungen Manne aus der erſten Familie des Landes, und er fiel durch meinen Degen. Flüchtig mußte ich Vaterſtadt und Vaterland verlaſſen, und eine lutheriſche Univerſität ward mein Aufenthalt. Was binnen der Jahresfriſt, die ich dort verlebte, im Vaterhauſe vorgegangen, weiß ich nicht, weiß nicht in einzelnen Thatſachen, wie ich dort verläumdet, wie der ſchwache Mann bearbeitet worden; ſpätere Nachrich⸗ ten ließen mich aber in dem Bruder meines Vaters einen ſchleichenden Giftmolch und meinen heimtückiſchen Feind entdecken. Mein Vater ſtarb; ſein Teſtament nannte mich öf⸗ fentlich einen Vatermörder, einen verwilderten Böſewicht⸗ einen Ketzer und Ketzerfreund, einen unverbeſſerlichen Verſchwender und Libertin; Fluch und Enterbung ſprach das gräßliche Blatt aus, und ſetzte des Vaters Bruder zum alleinigen Erben der Reichthümer meiner Familie 236 ein. Ich tobte nicht, ich raste nicht; aber wie vernichtet ſtand ich vor dem Papiere, das, von meines Oheims Hand beſchrieben, dieſe Rachricht enthielt und mir eine glückliche Reiſe in das nächſte Waſſer wünſchte. Bald jedoch erhob ſich wieder mein unbeugſamer Charakter; ich warf trotzig Stand, Namen und Anſprüche weg; ich fühlte einen Stolz darin, Alles zu ſeyn durch mich ſelbſt, und da der Soldatenſtand meinem verwilderten, herri⸗ ſchen Gemüthe, wie ich wähnte, am meiſten zuſagte, ſo nahm ich Dienſte in der franzöſiſchen Armee, die damals von allen Seiten eindrang in das deutſche Land. Anfangs behagte mir das ungebundene Zwangsleben in ſeinen Widerſprüchen von Elend und Herrlichkeit, Freiheit und Knechtthum, doch bald fühlte ich mich gar ſehr allein unter den Fremden. Da traf ich eine Mar⸗ kedenterin bei dem Heere, ein altes grimmiges Weib— Du kennſt ja die Mutter Zunderdai— aber dieſe wüſte Hexe führte eine Tochter mit ſich, die ihr ſo unähnlich war, wif der Frühlingstag der Winternacht. Meine blonde, ſchlanke Joſephine hatte Unſchuld und Scham⸗ haftigkeit bewahrt mitten unter den rohen Kriegsvölkern. Die Deutſche zog den deutſchen Mann an, ſie wurde mein Weib und folgte mir durch alle die tauſend Tode des Kriegerlebens muthig nach. Das Schickſal ſchien verſöhnt und in jener Zeit war ich zum erſten Male zufrieden mit ihm und mit mir. Da kam ein gräß⸗ licher Schlachttag: an der Spitze eines ſtürmenden Gre⸗ nadierbataillons wurde ich verwundet, gefangen und weithin in das wüſte Polenland geſchleppt. O dieſe Jahre, die ich unter Thiermenſchen und ſchmutzigen Juden verleben mußte, büßten alle Schuld meiner Jugend ab! Endlich ſchlug auch uns der Tag der Erlöſung. Richt —₰ e e tet ns ne lichen Gabe. Die Alte verzehrte gemüthlich das Geſchenk, 237 an Soldatenglück und Soldatenruhm dachte ich mehr: Joſephine war meine einzige Sehnſucht; ſie ſuchte ich allein in der weiten, ohne ſie ſo leeren Welt. Von einem Kriegskameraden hörte ich, daß ſie mit der Mutter noch lange bei dem Heere geweſen, daß ſie ein Kind geboren, daß Beide aber umgekommen wären. Da faßte mich der alte Drache der Verzweiflung auf's Neue; da höhnte ich Alles, was Menſchen heilig glauben; da ſchloß ich mich einer Bande verwegener Burſchen an, die ausge⸗ ſtoßen waren wie ich, und brandſchatzte mit ihnen die Menſchheit. Die Mutter Zunderdai fand ich nicht lange hernach, doch was ſie mir berichtete, fachte die Glut in meiner Bruſt zum rothen Höllenbrande an, der vul⸗ kaniſch aufloderte und den kein Element der Erde bisher zu löſchen vermochte. Nur mein Kind war geſtorben im Kriegselend, Joſephine und die Alte waren gefangen von wilden Horden, fortgeriſſen von den Fremden, ſpäter jedoch befreit worden durch geregelte Truppen. Joſephine, durch den Verluſt des Kindes mit doppelter Sehnſucht nach mir, dem Gatten, erfüllt, faßte den Entſchluß, mei⸗ nen Oheim aufzuſuchen, ſeine Menſchlichkeit anzuſprechen, durch ſeine Wohlthat ſich mir rein und treu zu bewahren, durch ihn Nachricht über meinen Aufenthalt einzuziehen, durch ſein Geld und ſeinen Einfluß den Gefangenen auszulöſen. Wackere Weiberpläne, ohne Ae niß entworfen! Joſephine ward, fuhr der Räuberhauptmann nach einer Pauſe in ſeiner Erzählung fort, über Erwartung wohl aufgenommen. Der Wollüſtling war gerührt worden durch ihre Schönheit; er behielt ſie freundlich in ſeinem Hauſe, die Mutter aber entfernte er mit einer anſehn⸗ und als es zu Ende gegangen, fragte ſie wieder nach. Doch bei der dreiſten Anfrage wurde ſie hart abgewieſen, und ſeitdem war ihr keine Nachricht von der Tochter geworden, und ſie mußte nun leben auf ihre eigene Hand. Wuth der Eiferſucht fiel mich jetzt an mit Furienkrallen; von allen Qualen, die mein Leben mir gebracht, ſollten auch dieſe nie gekannten, letzten, furchtbarſten mich ver⸗ zehren. Ich brach auf und flog in die Heimath; Mord⸗ gedanken begleiteten mich, aber ſie blieben unbefriedigt. Die Güter meiner Familie waren verkauft, mein Ohm war verſchwunden; es hieß, er habe mit ſeinen Reich⸗ thümern ſich in einen andern Welttheil überſchiffen wollen. Ich durchſchlich das ganze Baierland, kein Thal⸗ keinen Bergwinkel ließ ich undurchſpürt: die Fährte des alten Ti⸗ gers war nirgends aufzufinden. Ich durchforſchte Deutſch⸗ land mit meinen Geſellen, deren Spürnaſen ſonſt nichts entgeht; alle Häfen durchſuchten wir, doch nicht die lei⸗ ſeſte Vermuthung wurde mir, wo der Entführer meiner Joſephine ſich hingewendet, und ſo ſuche ich noch, mit Blut und Jammer meine Straße färbend, und werde ſuchen, bis mein bleicher Schädel vom Radespfahle herab andeutet, daß ich mein Ziel gefunden. Mit blaſſen Wangen und mit Grauen und Mitleid zugleich hörte Serenus die Geſchichte bis zu Ende. Armer Mann! ſagte er leiſe, als der Räuber jetzt ſtumm daſaß und ſeine Augen in die Erde bohrten, als woll⸗ ten ſie dort das Verlorene ausgraben. Unglücklicher Mann, dem kein Freund Stütze wurde im Lebensſturme, den nicht die milde Stimme der Religion ſtark machte und duldſam. O warum kann ich Dir nicht helfen?k Warum weiß ich kein Mittel, Dich zurückzuführen von der Laßerbahn! ——„—— 1 1—„—„— e ch. en, ter nd. en; ten er⸗ rd⸗ igt. hm ich⸗ len. nen Ti⸗ ſch⸗ chts lei⸗ ner mit erde rab leid nde. mm oll⸗ cher me, chte en? von Wenn ich ihn gefunden, dann ſtehe ich ſtill und be⸗ denke! antwortete der Hauptmann mit gräßlicher Stimme. Raſch ſtand er dann auf, betrachtete noch einmal das Schloß und kehrte ſich zum Walde. Lebe wohl! ſagte er noch, und ſchüttelte des Jünglings Hand. Hauſe drei Tage wie ein Mönch in jenen Mauern, und wage Dich nicht zum Holze. Späterhin wirſt Du ſicher ſeyn. Mit ſchnellen Schritten ging er darauf in die Gebüſche und verſchwand, ehe noch der Jüngling, dem viele Fra⸗ gen auf dem Herzen lagen, eine davon in ſeiner Be⸗ ſtürzung auf die bebenden Lippen zu bringen vermocht hatte. Serenus gehorchte dem wohlgemeinten Rathe, nur wurde dabei ſein zartfühlendes Gemüth auf's Neue ge⸗ martert durch die ſchuldloſe, erzwungene Mitwiſſenſchaft um das Treiben dieſer furchtbaren Genoſſen. Wie viele Menſchen wurden vielleicht unglücklich durch ſein Schwei⸗ gen, wie Manchen konnte es Vermögen, Geſundheit, ja das Leben koſten. Mit Grauſen erinnerte er ſich der Blicke, mit welchen der Diebesgeneral das Schloß betrachtet hatte, und mit Aengſtlichkeit beſah er bei der Heimkehr Mauern und Thore, die jedoch in ihrer rieſigen Stärke jede Sicherheit verſprachen. Zerfallen war er mit ſeinem moraliſchen Gefühle, mit ſeinem innern Richter, und verdoppelt wurde dieſer Zwieſpalt in ihm dadurch, daß er keinen Vertrauten hatte, dem er die Hälfte der Laſt zuwälzen, mit dem er ſich berathen konnte, denn Albina's unbefangene klare Seele mochte er nicht mit ſolchen Schreckbildern empören, und ſie blieb das einzige ihm befreundete Weſen. Mit größerer Anſtrengung betrieb ——.———————————— —— 240 er jetzt ſein Baugeſchäft, und da er das Schloß nicht verließ, ſo legte er ſelbſt mit Hand an, ſchneller Kapelle und Erbbegräbniß herzuſtellen, um den Baron, der ſeiner Geneſung entgegenſchritt, bei dem erſten Ausgange mit dem fortgerückten Werke zu überraſchen. Am dritten Tage nach dem Geſpräche mit dem Waid⸗ manne weilte Serenus zufällig gegen Abend allein in dem alten Bethauſe. Neue Baumaterialen waren ſo eben angelangt, und alle Bauleute befanden ſich draußen im Hofe, die angekommenen Fuhrwerke abzuladen. Bei der Ausräumung der Kapelle hatte man heute einige geſchloſſene Betſtühle abgebrochen, weil ſie den Raum beengten, und, Käfigen gleich hineingebaut, die erſte ſchöne Form entſtellten, und ihr Holzwerk ſich ſehr morſch fand. Serenus ſtand vor dem Platze, das Tünch⸗ werk der Wand betrachtend, welches theilweiſe mit den Stühlen heruntergeriſſen war und deſſen Material dem kundigen Baumeiſter entdeckte, daß es auch ein Werk neuerer Zeit geweſen. Die alte betäfelte Wand blickte an mehreren Stellen hervor, und neugierig durch die Spuren von Schnitzwerk daran gemacht, nahm er eine daliegende Hacke und löste mechaniſch, nach der Gewohn⸗ heit der Werkleute, mit dem Eiſen die angeworfene feſte Kalkſchicht. Aber Alter und Feuchtigkeit hatten ihre Herrſchaft geübt, und unerwartet brach das ganze Wand⸗ ———— — ———————— ſtück los, ſtürzte mit Gepraſſel vor ihm herab, und hüllie ihn in eine weiße, dicke, den Athem beengende Staub⸗ wolke. Serenus trat beftürzt zurück, als aber die Staub⸗ wolke verflogen war und dem Auge Raum gab, erſtaunte er, denn hinter der Kalkwand erſchien eine freigewordene icht elle ner mit ute den die ehr nch⸗ den em erk ickte die eine hn⸗ feſte ihre nd⸗ illte ub⸗ mub⸗ unte dene ————,——— 241 gothiſche Thüre, mit ſchönem Schnitzwerke und vielen Heiligenbildern geziert. Schnell machte der Neugierige ſich Raum in dem Schutt; das Thürſchloß war von Roſt zerfreſſen und gab bald dem jungen Arme nach: kreiſchend drehte ſich der Flügel auf den Angeln, und eine dunkle Treppe führte aufwärts. Die Kapelle lag im äußerſten Winkel des alten Schloſ⸗ ſes, die Treppe führte hinauf in daſſelbe, er war ohne Zeugen, das Geheimniß jener Nacht lockte ihn, Niemand ahnete ſeine Mitwiſſenſchaft um Fabians Gänge, und ſo blieb ſein Forſchen ein unbefangenes, und konnte niemals als ein keckes Eindrängen in die Rechte des Edelmannes ausgelegt werden. Dieſes Alles bedenkend ſchritt er raſch die Stiege hinauf, und drang durch eine zweite unverriegelte Pforte in das Innere des alten Hauſes ein. Ein großes Zimmer nahm ihn auf und feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit durch die Rudera einſtiger Pracht und einſtigen Glanzlebens, welches jeder Gegenſtand andeu⸗ tete. Dunkelblaue, lange Vorhänge deckten die hohen Fenſter, halbvermodert, hie und da zerfett, doch noch glänzend durch ihre Goldbeſetzung, deren Aechtheit ein Jahrhundert nicht zerſtören konnte. Bunte Teppiche, auf welche kunſtreiche Hände Jagden und Schäferſcenen ge⸗ wirkt hatten, bekleideten die Wände, ein Raub der Mot⸗ ten und am Boden zernagt durch die Zähne der Ratten und Mäuſe. Krummbeinige Seſſel und geſchnitzte Tiſche erzählten noch von einer gediegenern Zeit durch ihre ſchweren Maſſen und die Feſtigkeit ihres wurmſtichigen Holzwerkes, und die Decke trug auf Gips gemalte Götterbilder und ovidiſche Verwandlungsgruppen, deren lebendige Farben die Meiſterſchaft des Malers ausſpra⸗ Blumenhagen XvI. 16 chen. Die Fenſter waren innen mit Läden verſchloſſen⸗ welche nur oberhalb ein ſpärliches Tageslicht einließen, deſſen magiſche Halbbeleuchtung den Eindruck das Gan⸗ zen noch verſtärkte und faſt zum geſpenſtiſch Schauer⸗ lichen erhob. Liebe für das Alterthum und ſeine Ueberbleibſel iſt meiſtens mit der Baukunſt ſo enge gepaart wie mit der Poeſie; ſo blieb es natürlich, daß Serenus, plötzlich von dieſen Schätzen umgeben, das Geheimniß vergaß, und mit Kennerblicken jeden Gegenſtand genau muſterte, und ſtets mehr gefeſſelt durch jede neu entdeckte Rarität der Malerei und Schnitzkunſt ſich vertiefte in genauere Un⸗ terſuchung des kleinſten Gegenſtandes. Da erweckte ihn ein ſeltſames Geräuſch am entgegengeſetzten Ende des Gemachs, das Gekreiſch einer Thüre erſchallte, ihm folgte ein ſonderbarer Klagelaut von einer menſchlichen Stimme, und als der Jüngling ſich dahin wandte, ſtand die weiße Frau, das Geſpenſt des Schloſſes, in der Flügelthüre, und breitete beide Arme lang und geiſterhaft nach ihm aus. Im erſten Augenblicke rieſelte eine eiſige Kälte an Serenus Gliedern hinab, doch ſchon im zweiten kam ihm Beſonnenheit und Klarheit der Ideen zurück, und was er zuerſt mit verſchwimmenden Blicken angeſtarrt hatte, beſah er nun mit ſcharfen Forſcheraugen, wobei ihm die hellen Strahlen der Abendſonne zu Hülfe ka⸗ men, welche durch die oberen Lücken und die vielen Spal⸗ ten in den Läden der weſtlich gelegenen Fenſter wie zitternde Goldfäden und flatternde Goldbänder überall eindrangen, und die Dämmerung dieſer Moderkammer belebten. Die Frauengeſtalt in der Pforte war keine Geſtorbene, kein Geiſt, ſo bleich und krank auch ihr Geſicht erſchien. Ihre blaßblauen Augen, wenn auch 4— 24 5 23 umrandet von dem dunkeln Kreiſe des Grames, bewegten ſich lebhaft, ihre blaßrothen Lippen zuckten, als ſuchten ſie den Muth zur Rede, und leichtes ungewohntes Roth flog hie und da über des Antlitzes Lilienhaut, und ver⸗ kündete die gemiſchte Empfindung des Erſchreckens, des Erſtaunens und der Freude. Reſte ehemaliger Schönheit waren unverkennbar an der Erſcheinung; die Kleidung war vergelbt, doch reinlich, der Wuchs noch immer regel⸗ recht, nur das Haupt beugte ſich in Schwäche nach der Schulter, und als ſie jetzt mit ſchwankendem, doch be⸗ eiltem Schritte auf Serenus zukam, wich er nicht zu⸗ rück, ſondern that, angezogen durch das Aeußere der Leidensgeſtalt, ſelbſt einige Schritte ihr entgegen. Kommſt Du endlich? fragte ſie mit einer ſanften, doch etwas be S Stimme. Du kommſt mich zu holen, mich zu erretten. Ja, ich wußte, von dieſer Seite mußte mein Engel kn nmen, kam doch von jener immer mein Teufel! Wer ſind Sie? fragte Serenus drängend. Warum iſt dieſes alte Haus Ihr Gefängniß? Und haben Sie vielleicht mehr Geſellſchaft hinter ſich? Die Arme der Fremden fielen erſchlafft am Körper herab, und bei der Erinnerung von Traurigkeit über⸗ wältigt, ſchüttelte ſie langſam das Haupt. Nein, ſagte ſchmerzlich, Niemand iſt bei mir in dieſer Oede. Die Fledermaus und der Uhn ſprechen mit mir, die fleißige Spinne und die zahme Maus leiſten mir Geſellſchaft, und die Todtenuhr in den Wänden erzählt mir allein von der Zeit. Der böſe Herr ſagt, ich ſey krank und geiſtes ſchwach, und deßwegen dürfte ich nicht unter die Menſchen. Aber ich bin nicht krank, ſonſt wäre ich hier längſt geſtorben; ich bin nicht wahnwitzig, denn ich weiß —— — mein ganzes Leben mir herzuerzählen mit allen ſeinen Freuden und Leiden. Da ſitze ich denn und erzähle mir das täglich vor als Troſt und Buße, denn ich bin eine große Sünderin und verdiene Strafe, nur nicht dieſe Hölle der langſam ſich hinſchleppenden Zeit⸗ indeſſen Er, der die größeſte Schuld trug, ungeſtraft und in Herrlichkeit und Hochmuth unter den Menſchen wandelt. Sie ſchwankte wie ermattet in der neuen Lebenslage, und Serenus ſchob ihr den nächſten Seſſel unter. Seine Neugier ließ ſich nicht mehr bezähmen, wenn er ſich auch ſagte, daß er vadurch den Baron beleidigen würde⸗ daß dadurch Albina ſofort für ihn verloren ginge, und er fragte dreiſt: Aber wer ſind Sie denn, und was iſt der Herr von Gaiſer für Sie geweſen? Was er mir geweſen? fragte ſie nach mit ſtarker Stimme, und ſtemmte dabei die Hand auf die vergoldete Seſſellehne. Was er mir geweſen? Der Teufel meines Lebens, der Teufel meiner Liebe, der Räuber der Güter meines Mannes, der Verführer meiner Tugend, der Dieb meiner Seligkeit. Iſt das nicht genug in Einer Perſon? Serenus ſtutzte. Wie kamen Sie aber in ſeine Ge⸗ walt? Wie hierher in dieſen grauſigen Aufenthalt? fragte er dringender, ein Licht ſuchend, das zugleich ſeine innere Ahnung fürchtete. Ich kam zu ihm als eine Bittende, antwortete die Frau mit ſtarren Augen, als wenn ſie ſich auf Fernes beſänne. Ich legte mein Schickſal in ſeine Hand. Oer ſchien mir ein Engel der Hülfe, ſo ſanft und ſchmei⸗ chelnd klangen ſeine Worte. Ich hatte viel gelitten im rauhen Kriegsleben, ich hatte Hunger und Blöße erfah⸗ ren; er gab mir ſorgenfreie Tage und verſprach mir en hle nur eit, raft hen ge, ine uch daß der rker dete ines üter ieb on? Ge⸗ agte nere die rnes O er mei⸗ mim fah⸗ 245 eine glückliche Zukunſt. Ich ehrte ihn, wie die Tochter den Vater ehret. O, daß ich es nicht verhehlen kann dem Unbekannten, daß das Herz mich drängt, es aus⸗ zuſchreien zum erſten Male in ein Menſchenohr. Er mißbrauchte meine Dankbarkeit, meinen Rauſch des un⸗ gewohnten, ſorgloſen Lebens. Mein Hochmuthsteufel half, und ich ward durch ihn eine Sünderin, welcher der Him⸗ mel nie mehr verzeihen kann. Ihr Haupt ſank tief auf die Bruſt, und eine ängſtliche Pauſe entſtand, die Se⸗ renus nicht zu unterbrechen wagte. Ja, ja, ſagte ſie nach einer Weile, zu dem Jünglinge die Hand ausſtreckend, ich verdiene mein Loos, ſo hart es iſt, und Du wirſt mich nun auch verachten und mich einſam laſſen in dieſem Kerker. Oder iſt der Alte todt, und ſeyd Ihr geſendet, mich abzuholen? Iſt mein Mann wieder gekommen und hat mich frei gemacht? Er war ein tapferer Soldat und hat manche Schanze vor ſeinen Kameraden erſtiegen!— Wie ein Blitz ſchoß ein Gedanke durch Serenus Gehirn, den er mit Schaudern der bö⸗ ſeſten Art auffaßte. Doch da er in dieſer Idee gleichſam verſteinert ohne Antwort daſtand, fuhr ſie ſanfter fort: Nein, das kann wohl nicht ſeyn. Das Grab gibt nicht zurück, nicht den Mann, der im Polenlande ſtarb, wie der Baron ſagte, nicht das verbrannte, liebe, liebe Kind, das unter den Aſchenhaufen von Talnitz begraben liegt. Mir aber kam die Reue nach der Sünde, und als ich tobte, raste und ſchrie, da ſchleppte der ſtarke Helfers⸗ helfer mich bei Nacht in den Wagen, da verband man mir Augen und Mund, und ich ſah nicht früher das Licht wieder, als in dieſen Mauern, wo der Baron oder ſein böſer Fabian mich nächtlich füttert. Serenus hielt ſich nicht länger; das Dorf Talnitz ———————————— ——— ————— 246 war ſeine Heimath; in einer beängſtenden Traumwelt irrte ſeine Phantaſie umher, und er mußte Raum für ſeine Gedanken in der Wirklichkeit ſuchen. Nennen Sie ſich Joſephine? fragte er ſo haſtig als unbeſonnen. Hieß Ihr Gatte Friedrich und diente den Franzoſen? War er ein Brudersſohn des Schloßherrn? Die beweglichen Geſichtszüge der weißen Frau wur⸗ den feſt und ſtarr bei dieſen Fragen. Ihre großen Augen hefieten ſich mit beſonderem Ausdrucke auf Serenus Ant⸗ litz, und eine Weile ſaß ſie ſo ſprachlos. Dann zuckte plötzlich ihr Mund wie im Fieberkrampfe, ihre Augen ſprühten Glut und rollten wahnſinnsgleich, mit Ueber⸗ ſpannung der Kraft hob ſie ſich aus dem Seſſel, faßte des Erſchreckenden Hand, und riß ihn mit ſich fort dicht zu dem Fenſter in die flimmernden Sonnenſtrahlen. Wer biſt Du, daß Du das Alles weißt? ſchrie ſie, mit angſtvollem Forſchen jeden Zug ſeines Geſichts gleichſam einſaugend, und mit ſteigender Lebendigkeit in Miene und Wort rief ſie dann plötzlich in abgeſtoße⸗ nen Sätzen: Dieſe Züge ſind ähnlich meinen Traum⸗ geſtalten! Dieſes herzförmige Mal am Kinne trug der Kleine! und ſeine Hand gegen das Licht haltend, ſetzte ſie in hohen Tönen kreiſchend hinzu: Dieſe Narbe iſt die Stelle, wo der Wundarzt Dir den ſechsten Finger⸗ das Familienzeichen, wegſchnitt! O⸗ ich bin nicht allein mehr! Mein Retter iſt mein verlorenes, von Gott mir geſchicktes Kind! Du biſt mein Sohn, mein Frangois! Mit jener Heftigkeit, die nur höchſter Schmerz und hoͤchſte Freude im Menſchen erwecken, umklammerte ſie den ſtaunenden Jüngling, und fortgeriſſen von ähnlicher Empfindung mußte er, faſt ſinnverwirrt durch das un⸗ erhörte Ereigniß, ihre Küſſe erwiedern, ihre Umarmung velt für Sie rer vur⸗ gen Ant⸗ uckte igen ber⸗ aßie dicht ſie, ichts gkeit toße⸗ um⸗ der ſetzte e iſt ner, llein mir gvis! und te ſie licher un⸗ mung theilen, bis ſie erſchöpft hinſank, und er Mühe hatte, ſie zu dem Seſſel zurück zu leiten. Wie ein Berauſchter kam Serenus ſich vor, und vergebens ſtrich er mit heißer Hand über ſeine Stirne, die ſeltſamen Bilder fortzutrei⸗ ben, die vor ihm ſpukten, denn Alles däuchte ihm faſt wie ein fabelhafter, unglaublicher Traum voll Masken⸗ geſtalten. Mutter, was ſoll aber nun werden? ſtieß er endlich halblaut hervor. Was werden ſoll? fragte ſie zürnend und mit er⸗ neuerter Heftigkeit zurück. Ich habe einen Sohn, einen Schützer, und darf jetzt nicht länger dulden. Hinunter führe mich zum Baron, erſchrecken wird er, aber Du wirſt mich rächen, mich und Deinen Vater. Dein Arm wird den Schändlichen beſtrafen, denn Du biſt rüſtig und jung und ein guter Sohn. Ich will ja, ich will, ſtotterte der Jüngling.— Was willſt Du? entgegnete ſie, und ſah ſcharf in ſeine nie⸗ dergeſchlagenen Augen. Ja, Mutter will ich Dich nennen, fuhr er ſich erman⸗ nend fort, iſt mir auch Alles noch ſo räthſelhaft, ſo un⸗ glaublich, und kam es doch auch ſo unerwartet, daß mir die Sinne ſtille ſtehen wie die Räder einer gerüttelten Uhr. Ich will, ich muß Dich Mutter nennen, denn Deine Stimme und Deine Züge ſprechen zu mir, und mein Herz ſpricht es nach, das liebe, nie mir früh ge⸗ lehrte Wort. Aber höre mich zuvor, und laß uns Rath halten, daß wir im raſchen Eifer nicht das gefundene Glück wiederum zerſtören. Der Vater lebt, aber— Er lebt? ſchrie die Frau auf mit Tönen des Ent⸗ zückens. Mein Friedrich lebt? Und Du weißt von ihm? Du kennſt ihn? Du ſaheſt ihn? Und Dein Einbruch in mein heimliches Gefängniß war Verabredung mit ihm 248 und ſein Werk? O daran erkenne ich den Muthigen, den Unerſchütterlichen! Krampfig ſchlug ſich ihre Hand um Serenus Arm, der ſie nur mühſam niederhielt im Seſſel.— Ich kenne ihn! antwortete er erſchöpft beinabe bei der Einſtürmung des Geſchicks auf ihn. Ich weiß von ihm, er aber kannte mich nicht. Es iſt nicht Alles gut, nicht Alles, wie es ſeyn ſollte mit ihm. Frage mich nicht weiter, Mutter. Nur Gottes Hand leitete mich zu Dir, und ich werde mit ſeiner allmächtigen Hülfe Deinen Kerker ſprengen, und Strafe und Beſchämung über den Verbrecher bringen. Aber, Mutter, halte Dich ruhig, nur noch wenige Stunden ruhig! Ich will hinab, will hintreten vor den Baron, will durch die Sprache der Wahrheit und Unſchuld ihn erſchüttern; er wird in ſich gehen, wird Deine Bande löſen; Du und ich, wir werden unſern Platz wieder einnehmen in der Welt mit Ehren und ohne Gewaltthat, und auch der Vater, auch der verirrte Vater vielleicht! ſetzte er mit ſinkender Stimme hinzu. Du glaubſt an gütlichen Vergleich mit dem Bar⸗ baren, der Deiner Mutter Ehre und Freiheit ſtahl? ſiel ſie zornig in ſeine Rede. O, er iſt härter und grauſamer als die wilde Beſtie der Wälder. Seine Frechheit fürchtet kein Geſetz und kein moraliſches Band der Menſchen. RNein! nein! Mit der Gewalt der her⸗ eindonnernden Ueberraſchung muß man ihm begegnen; öffentlich vor ſeinem Geſinde muß er entehrt werden, ſonſt gewinnt er durch eine ſchlaue Lüge ſie gegen uns, und Alles, was das Schickſal uns heute vor ihm vor⸗ aus gab, wäre verloren. Zur That darum ſogleich und ohne Verweilen.— Aber laß uns bedenken, fiel Serenus ein, indem vor ſeiner Seele alle Hinderniſſe ſchnell em⸗ — — 6———. „—— nd ne nd — v nz n, r⸗ nd us — 249 porſtiegen, die der Baron und ſeine Umgebungen ihm, dem Sohne eines Räubers, und einer Gefangenen ent⸗ gegenwerfen könnten. Bedenken? fragte Joſephine mit loderndem Grimm. Feigherziger, Du zögerſt? Biſt Du des kriegeriſchen Va⸗ ters unwerth? So will ich ſelbſt Dir voranfliegen und Dich führen zur That und zur Rache! Und ehe Serenus es verhindern konnte, war ſie aufgeſprungen, hatte die Thüre, durch welche er gekommen, erreicht, und obgleich er ſchnell hinterdrein eilte, war ſie ſchon die Stiege hinabgeſchlüpft, hatte die Kapelle betreten und ſuchte die Pforte nach dem Hofe zu gewinnen. Die Gewandtheit der Jugend half Serenus nichts auf der gewundenen, morſchen Treppe; er ſtolperte im Dunkel, fiel, und als er nach ihr die Kapellenthüre er⸗ reichte, war ſie ſchon in der offenen Vorhalle, und er ſah ſie ſchwanken im ungewohnten Tageslichte und vom Eindrucke der ſcharfen Abendluft in nahender Ohnmacht zur Seite finken gegen den Pfeiler, welcher den Schwib⸗ bogen trug. Die Bauern und Arbeiter, welche im Hofe beſchäf⸗ tigt waren, ergriff ein paniſcher Schrecken, ſo wie ihre Blicke durch das Geräuſch der Kommenden zu der Ka⸗ pelle gezogen wurden. Die weiße Frau! Das Schloß⸗ geſpenſt! ſchrie der Haufen und ſtob auseinander. Nur eine Stimme erſcholl ſpäter noch aus dem Getümmel, und ihr Ton fuhr wie ein jäher Donnerſchlag in Se⸗ renus Ohr. Joſephine! Hölle und Satan! Joſephine! rief die tiefe, dröͤhnende Stimme, und als Serenus den Rufer ſuchte, erblickte er einen rieſenhaften Köhler mit von Ruß gefärbtem Antlitz und zerlumpten Kleidern, der — ———— 250 mit ſtarren, glühenden Augen zu der Ohnmächtigen hin⸗ ſchaute, als er ſich aber von dem Baumeiſter bemerkt ſah, mit geflügelten Schritten den Hof durcheilte und am Thore verſchwand. Serenus geübte Sinne hatten nur zu wohl den Wuchs und die Stimme erkannt. Was in den ſchwerſten Stunden des Lebens dem Menſchen begegnet, das vergißt er nie wieder, ſey es Geſtalt oder Klang. Es war der Hauptmann der Diebsbande geweſen, und ſeine Gegenwart, ſeine Mitwiſſenſchaft konnte nur das Schrecklichſte herbeiführen. Von dieſen Gedanken gefaßt wie mit Feuerkrallen, ſtand er eine Minute da ohne Beachtung der Umgebung, und als er ſich löste von den Polypenarmen der fürchterlichſten Idee, ſah er nur noch, wie der Pförtner Fabian die unglück⸗ liche Frau gewaltthätig ergriffen hatte, ſie in die Ka⸗ pelle zurückſchleifte und die ſchwere Pforte hinter ſich und ihr zuſchlug. Die Lage ſeiner armen Mutter, ſeine eigene rathloſe, kraftloſe Lage trat jetzt gänzlich hell und klar vor ſeine Seele, und ſeine Kraft brach: faſt bewußtlos ſank auch er auf die Steinſtufen der Vor⸗ halle und ſeine Sinne umfing ein dichter Nebel. Die Dämmerung ſchied ſchon den Tag von der Nacht, da fand ſich Serenus erſt wieder, und das Erſte, was ihm in's Auge fiel, war der feiſte Fabian, der aus der Kapellenthüre zu ihm herantrat mit über den Schmer⸗ bauch gefalteten Händen, worin er Hammer und Nägel trug, durch die er die Thüren zu ſeiner Gefangenen neu verwahrt hatte. In ſeinem rothen Geſichte zeigte er eine verzerrte Freundlichkeit, die halb wie Beſorgniß, halb wie neugierige Liſt ausſah. ———————— ne ell aſt ht, as er⸗ el eu iß, 254 Haben Sie geſchlafen, junger Herr, auf ſo hartem Beit? fragte er mit verſchmitzten Blicken. Oder hat auch Sie das Geſpenſt erſchreckt, wie die dummen Bur⸗ ſchen und feigen Geſellen?— Serenus ſtand langſam auf und ſah unſicher im leeren Hofraume umher, wie Jeder thut, der aus tiefem Schlafe geweckt wird.— Sie ſollen herauf zum Herrn kommen, fuhr der Pförtner fort, als Serenus nicht ſogleich antwortete; er iſt heute recht munter. Fremde aus der Stadt ſind bei ihm, und auch Sie ſind geladen zu der Geſellſchaft, welcher das Fräulein ſchon das Abendbrod zurecht macht. Haben auch Sie die närriſche Spukerei, die wahnwitzige Baſe geſehen, ſo rathe ich, ſagen Sie oben kein Wort davon, denn unſer Baron hört nichts ſo ungern und wirft einen Haß auf Jeden, der ihn daran erinnert. Richten Sie ſich darnach! Guter Rath trifft gute Statt. Und hier iſt auch der große Schlüſſel wieder zur Kirchthüre, der in Ihren Gewahrſam gehört nach des Herrn Befehlen. Serenus nickte nur mit dem Kopfe, denn die Ant⸗ wort wäre ihm ſchwer geworden, und als der Pförtner ihn an der Treppe verließ, ſtieg er langſam hinauf zu ſeinem Erkerzimmer, ſich zu ſammeln und zu überlegen, ehe er unter die Menſchen trat, die nach dem Vorgefal⸗ lenen wunderbare Eindrücke auf ihn machen mußten. Konnte es denn möglich ſeyn? War er wirklich der Sohn eines Straßenräubers, der Sohn einer Vagabun⸗ din, der verſtoßenen Buhlin ſeines ſchlechten Großoheims? Sollte er, der ſich ſo verlaſſen gefühlt ohne Angehörige, jetzt, da er dieſe zu Hauf gefunden, ſich Aller ſchämen, Alle verwünſchen müſſen? Und wen ſollte er ſchonen, für wen Strafe heraufrufen? Der lange Friedrich wußte um das Geheimniß des Schloſſes, und wie er dieſen 252 wagehalfigen Höllenſtürmer kannte durch eigene Erfah⸗ rung und durch ſeine Erzählung im Holze, durſte die⸗ ſes Schloß, trotz ſeiner Eichenthore und dicken Mauern, keine Stunde vor ſeinem Ueberfalle ſicher ſeyn, da über⸗ dieß der Bau und die Krankheit des Burgherrn den Zauber der alten Verſchloſſenheit gelöst hatte und die weitläuſigen, menſchenleeren Gewölbe Raum zu Schlupf⸗ winkeln Derer darboten, die ſich in gleicher Verkappung wie der Diebeshauptmann eingeſchlichen haben konnten. Sollte er den Baron der Rache des Mordgeſindels über⸗ laſſen? Sollte er dem Schickſale vorgreifen und der Re⸗ meſis in die Zügel fallen? Wohin ſenkte ſich die Wage, mit der ſein moraliſches Gefühl die beiden ihm ver⸗ wandten Frevler wog? So beunruhigt, ſo ohne Rath, ohne Muth und Ent⸗ ſchließung zu irgend etwas und der geiſtigen Erſchlaf⸗ fung nahe, ſchritt er in ſeinem Stübchen auf und nie⸗ der. Da ſiel ſein Auge von ungefähr auf Albina's Bild, das er in ſchwarzer Kreide begonnen hatte, und die freundlichen, zarten Umriſſe lächelten ihn an und mach⸗ ten wie mit Feenzauber auf einmal ſeiner Wahl, ſeinem Schwanken, ſeiner ganzen Entmannung ein Ende. Al⸗ bina war ja auch ſeine Verwandte, zwiefach dazu, zu⸗ erſt durch das Blut und mehr noch durch das Herz und die gleiche Stimmung der Seelen. War ſie, ihr Friede, ihr Leben nicht in Gefahr, wenn er das Schickſal und die böſen Menſchen walten ließ? Was konnte nicht Alles auf das unſchuldige Mädchen einſtürmen, wenn dieſe arge Rotte unmenſchlicher Frevler Herr des Schloſſes wurde! Mit eiſigem Schauder zuckte dieſe Phantaſie durch ſeine Nerven von der Stirnhaut bis zur Ferſe, und ſchnell entſchloſſen vertauſchte er in Eile ſeine Ar⸗ ——— —„.„—— ————„ e—„8„ 8—3 — er e9 8 — e 53 beitskleider mit einem beſſern, gefäuberten Anzug und ſtieg hinab zu dem Herrenzimmer, indem er nur noch überlegte, welches die raſcheſte und ſicherſte Art ſeyn dürfte, die Geliebte vor allen jenen Schrecken zu be⸗ wahren, welche die ſeltſamſte Verbindung verwickelter Familienſchickſale auf ſie herabzurufen drohte. Die Idee, der Engel der Lieblingin werden zu dürfen, verſöhnte ihn wohlthätig wieder mit allen Härten ſeines Lebens, und die Waltung der ewigen Vorſicht ſtrahlte wiederum mit väterlichem Antlitze zu ihm hernieder. Serenus fand größere Geſellſchaft bei dem kranken Freiherrn, als er vermuthet hatte. Einer der oberſten Juſtizherren der nächſten Stadt war nebſt ſeinen Unter⸗ gebenen zugégen, und auf dem Tiſche, an dem derſelbe mit dem Schloßherrn ſaß⸗ lagen zwei eben verſiegelte große Pakete. Mehr ſeitwärts ſtand ein ſchlanker jun⸗ ger Mann in Prieſtertracht, der ſich mit dem Fräulein unterhielt, indeß dieſes an zierlich gedeckter Tafel die kalte Küche zerlegte und dem Jäger im Ordnen der Gläſer und Flaſchen behülflich war. Der junge Geiſt⸗ liche kam unſerm Helden beſonders bekannt vor, und ſtutzig verweilte er an der Thüre, in ſeinem Erinne⸗ rungsbuche ſuchend nach dieſer unvergeßlichen Geſtalt. Da warf auch der Geiſtliche einen Blick auf den Ein⸗ tretenden und eilte ſogleich mit einem Ausrufe der Ver⸗ wunderung und mit Mienen der Freude zu ihm her. Finde ich Sie endlich wieder? Sie, meinen Lebensretter, den Sin⸗ der vom Himmel niederſtieg, als mein irdiſches Daſein keinen Heller mehr galt unter den Bö⸗ ſen!— Serenus erkannte jetzt ebenfalls den Bußpre⸗ diger aus der furchtbarſten ſeiner Erdennächte, und die dargebotenen Hände beide ergreifend, zog er den Prie⸗ ſer wie zur Umarmung feſt an ſich und flüſterte ihm in's Ohr: Still und verſchwiegen! kein Wort von jener Mitternacht, wenn ich Ihnen lieb wurde; wir ſprechen uns nachher allein auf meinem Zimmer. Die kurze Scene hatte die Aufmerkſamkeit der Ge⸗ ſellſchaft rege gemacht, und der alte Baron dehnte ſich lang in ſeinem Polſterſtuhle, und mit freundlicherem Ge⸗ ſicht, als ihm ſonſt gewöhnlich, nickte er ſeinem Haus⸗ freunde zu und winkte ihn zu ſich auf den nächſten Seſſel. Das iſt mein Generalgouverneur, Geheimerath, Oberbauintendant und Polizeiinſpektor, ſo ſtellte er lä⸗ chelnd den Jüngling dem fremden Juſtizherrn vor, der, während ich hier an der vornehmſten Krankheit, an dem kaiſerlichen und königlichen Zipperlein darniederlag, meine Stelle vertreten, als wäre er mein Erſtgeborener, und der ſogar meinem Premierminiſter, dem Herrn Fabian und Weinſchlauch, Reſpekt einzupredigen gewußt hat, wenn er Cabinet und Keller verwechſelt hatte. Dank Ihnen dafür, lieber Serenus! Sie hören, ich weiß Alles, und habe als ein guter Regent meiner geheimem Po⸗ lizei dort im Mädchenkleide auch in düſterer Leidens⸗ kammer täglich Andienz gegeben. Serenus konnte nur durch ernſte Verbeugungen ant⸗ worten, denn der Anblick dieſes Mannes, der ſein Groß⸗ oheim und zugleich der Verderber ſeiner Eltern war, er⸗ ſchütterte die tiefſten Tiefen ſeines Gemüths. Der Juſtiz⸗ mann fragte jetzt genauer nach dem Vorgeſtellten. Ein Anverwandter, Herr Baron? die Geſihtszüge haben ei⸗ nige Familienſchrift zwiſchen ſich.— Sie haben Recht, antwortete der Baron, und das gewann vielleicht dem Krauskopfe ſofort mein Vertrauen, mit dem ich ſonſt nicht zu walten pflege wie mit Kreuzermünze, ſondern ——— — S— — wie mit Goldmedaillen. Er hat aber meine Ausnahme gerechtfertigt. Mit ihm iſt in mein einſiedleriſches Haus ein anderes Leben gekommen, das, ohne meine Gewohn⸗ heiten zu ſtören, Alles freundlicher geſtaltete. Er iſt ein Künſtler, und wo ein Künſtler einzieht, da kommt im⸗ mer ein Gefolge kleiner, niedlicher Genien mit. Der Juſtizrath ſah den jungen Menſchen verwundert an, wie er auf ſolche ſchmeichelnde Worte ſo gar nichts erwiederte, ſondern einer Bildſäule gleich da ſaß und nach dem verſiegelten Pakete ſo ſtarr hinſah, als wollte er durch den Umſchlag die innere Schrift entziffern. Es mochten in dem Juſtizrathe, der den Inhalt kannte, da⸗ bei gar argwöhniſche Gedanken aufſteigen; indeß Sere⸗ nus ſah nur die Hand, welche der alte Baron breit auf das Papier gelegt hatte, und an welcher er mit Staunen wirklich die ſechs Finger, das von der Gefau⸗ genen angedeutete Familienzeichen, vorfand. Die letzte Spur des Verdachts, daß vielleicht eine Wahnſinnige ihn getäuſcht und Zufälligkeiten ſich zum Bilde der Wahr⸗ heit verſponnen, ſchwand vor dieſem Zeugniſſe. Ich that nicht gar viel, ſtammelte er endlich, als er des fremden Herrn ſtechende Blicke bemerkte; des Fräuleins Güte hat ſicher manches kleine Verdienſt vergrößert, manches Zu⸗ fällige mir angerechnet.— Ja, des Fräuleins Güte, fiel der Baron ihm mit einem Schelmengeſicht in die Rede, die iſt freilich ein Bischen ſtark in's Licht getre⸗ ten, und Kranke, die abgeſondert im Dunkeln liegen, wie ich, haben ßtärker⸗ Einbildungskraft, und addiren im Kerker der Langeweile Manches zuſammen, was im Kreiſe der Beſchäftigung Rull ſchien. Albina ſprang herbei und ſchenkte eilfertig die Gläſer vor den Sitzenden voll. Trinken Sie, Ohm! ſagte ſie e e —— ———— 285 mit Wangen, die der dunkelſten Roſe glichen, der Wein macht Stumme zu Schwätzern und Geſchwätzige ſtumm. Das Letztere ſoll mir gelten? fragte der Alte. Nun böſe war es nicht gemeint, und wer möchte es der ver⸗ zauberten i verdenken, wenn ſie dem Einzigen, der ihre Verzauberung brechen und vernünftig mit ihr plaudern konnte, Freundin wurde. Aber ernſthaft jetzt, Serenus! ſetzte er hinzu. Wie iſt's mit dem Erbbe⸗ gräbniß? Wer ſo nahe wie ich dieſes Mal am Grabe hinſegelte, der behält die ernſten Gedanken daran, bis er wirklich hinuntergeht. Acht Tage noch, ſtotterte Serenus, deſſen Blick jetzt mit andern Empfindungen an Albinens redenden Augen hing, die bei dem Füllen des Glaſes leicht ſeine Hand gedrückt, zehn Tage höchſtens, und das Ganze ſteht wie⸗ derum feſt für Jahrhunderte. Morgen denke ich ſelbſt hinunterzuſteigen und die Wunderwerke zu beſichtigen, antwortete nachdenkend der Baron. Und damit Jedes, woran mich die quälende Krankheit erinnerte, vor meinem erſten Ausgange be⸗ ſeitigt worden, ließ ich heute dieſe Herren zu mir bitten. Geiſtlicher und weltlicher Beiſtand iſt mir geworden. Mein Teſtament liegt da vollzogen und beſiegelt, und will Serenus, der, wie er oſtmals ſagte, heimathlos in der vollen Welt ſteht, hier eine Si finden und feſthalten, ſo iſt auch er bedacht.Doch ein anderes Mal mehr davon. Die Gäſte wollen weichen Betten nicht beehren; der Herr Collaborstor muß morgen pre⸗ digen für den ehrwürdigen Herrn Vater, und den Herrn Juſtizrath fordert ein drängendes Commiſſarium. Dar⸗ um, Mädchen, ſchnell die Schüſſeln heran! Sugfigelt zehifen, meine lieben Herren! — ———— Wein mm. Nun ver⸗ igen⸗ ihr bbe⸗ rabe bis jetzt ugen an wie⸗ die der ende be⸗ ten. den. und hlos und Mal tten pre⸗ errn ar⸗ nkt, ———————— „ 257 Der Mond geht vor Mitternacht nicht unter, ſprach der Juſtizrath, indem er dem leckern Puterbraten zu⸗ ſprach, und bis dahin ſind wir lange daheim. Serenus aber, den die Mitternacht lebhaft an die Gräuelthaten der Nachtſöhne erinnerte, ſtand unruhig auf, und nach einem Halbſtündchen der Tafelfreuden folgte ihm, durch ſeinen Wink gerufen, der Candidat in die leere Vorhalle, wo nur ein Wandlicht ihrem ein⸗ ſamen Geſpräche leuchtete. Warum geboten Sie mir Stillſchweigen? wärum ver⸗ ſchmähten Sie meinen warmen, lauten Dank? fragte der Prieſter mit Vorwurf. Weil mein Bewußtſein mir das Verdienſt abſpricht, entgegnete Serenus; weil ich nur halb vollführte, was mir ein Gott eingab, deſſen Allmacht Alles allein that bei unſerer beiderſeitigen Errettung, und weil ich über⸗ dieß bei Ihrem Anblicke ſofort den Willen hatte, von Ihnen ſtatt des Dankes Vergeltung zu fordern, die meine machtloſe Unbeſonnenheit federleicht aufſchnellen wird. Und welche wäre das? Wie könnte ich wett machen? fiel der Gaſt ein. Der Baron iſt ein Kranker, fuhr Serenus leiſer fort, das Fräulein iſt ein ſo gutes, zartes Weſen, dem ich um keinen Preis auch nur Eine bange Stunde nothlos heraufrufen möchte; hätten Sie unſere Begebenheit vor⸗ getragen, Beide würden ſich ſelbſt hinter dieſen feſten Mauern nicht mehr für ſicher gehalten haben. Und lei⸗ der zage ich ſelbſt hinter dieſem Bollwerke ſeit heute. Wie das? fragte der Candidat mit Verwunderung. Der ſeltenſte Zufall, entgegnete Serenus, ließ mich entdecken, daß jene nächtlichen Raubtpiere noch in dieſer Blumenhagen. XVI. 17 —B ee 258. Gegend verweilen; ja ich muß ſogar vermuthen, daß ſie auch auf dieſes Schloß ein hämiſches Auge geworfen haben, daß jede Nacht ein Anſchlag dagegen im Werke ſeyn kann. Vielleicht gar dieſe Nacht ſchon? fragte heſtig der Candidat. So laſſen Sie uns hier bleiben; wir ſind zu fünf, und wollen wachen und ſie gerüſtet erwarten. Und uns verlachen laſſen, wenn es nichts würde2 und durch die Alteration dem Burgherrn den Tod brin⸗ gen? widerſprach Serenus. Nicht doch! ſo leicht brechen ſie nicht durch dieſe Steinwände, und meine Achtſamkeit ſoll ein leuchtender Mond bleiben, bis der Tag wieder⸗ kehrt. Fahren Sie zur Stadt; melden Sie dort ſogleich„ dem Commandanten der Landdragoner, was ich Ihnen jetzt vertraute; laſſen Sie ihn augenblicklich Patrouillen ſenden bis an die Grenzen dieſes Schloſſes und bitten Sie ihn, morgen hier einzutreffen und Berichte von mir zu Protokoll zu nehmen, die mir und andern Betheilig⸗ ten höchſt wichtig ſind. Machen Sie ihm die Sache ſo dringend wie möglich; eine Räuberhorde aufheben iſt ja für ſolche Herren ſo viel wie ein Königreich erobern, und jenes oft belohnenswerther als dieſes. Auch Sie kennen ja den langen Fritz und ſeine kühnen Wolfshunde. Aber auch Sie erbitte ich mir dann noch guf Morgen zum Beſuch, der Zuſpruch der Religion möchte hier nöthig ſeyn. Und bis dahin Adieu! Der Candidat hatte mit Staunen dem Redeſchwall des erhitzten jungen Mannes zugehört; jetzt wollte er fragen, da ertönte ſchon des Juſtizraths Stimme in der Flügelthüre. Nach dem Wagen rief er, die Gerichts⸗ boten ſprangen herbei, und der prieſterliche Jüngling mußte, ohne weitern Aufſchluß verlangen zu können, ſie fen rke er 259 hinabſteigen zum Hofe, ſeine Neugier auf morgen ver⸗ tröſten, und konnte nur noch dem Befreundeten durch einen feſten Handdruck die genaue Erfüllung ſeiner Auf⸗ träge zuſichern. Die Gäſte waren abgezogen; der hohe Damm hallte dumpf nach von den rollenden Rädern der Karoſſe, und der Pförtner ſchloß die Thorflügel und hing die inwen⸗ digen Sperrbalken vor. Serenus hatte den Fremden im Namen des Burgherrn bis zum Ausgange das Geleit gegeben; er verweilte dort und ſah nach, wie der alte Fabian mit dem ſchweren Eiſenwerk umging. Mit Ar⸗ gusaugen durchforſchte er dann jeden Winkel des feuch⸗ ten Gewölbes der Einfahrt; jedes Magazin, jede Stal⸗ lung, die heute geöffnet geweſen, ließ er durchſuchen, und zuletzt machte er noch ſelbſt einen Rundgang an der innern Seite der Ringmauer, trug in jede Vertie⸗ fung, die der Mond nicht erreichte, das Licht ſeiner Blendlaterne, traf aber nirgend etwas Verdächtiges an. Die Andachtſtille des tiefſten Friedens herrſchte in den weiten Höfen wie in den gangreichen Gebäuden, und nur bei ſeinem Rückgange fand er ſie geſtört durch den feiſten Fabian, der ſeinen bellenden Spitzhund von ei⸗ nigen unabgeladenen Holzwagen fortpeitſchte, auf die nach ſeiner Ausſage ſich ſo eben des Hundes Erzfeind, der Hauskater Chevalier, geflüchtet hatte. Als er in das Schloß kam, war der alte Herr ſchon zur Ruhe gegangen; Albina räumte mit den Dienern das Gaſtzimmer auf, und nur ein freundliches Kopf⸗ nicken von dem niedlichſten aller Lockenköpfe Deutſch⸗ lands, nur eine zarte gute Nacht von den roſigſten Lip⸗ pen im Sachſenlande durfte er mitnehmen auf ſein leeres Stübchen als Gegengift für die Höllengeburten, welche 3 . 260 wiederum vor ſeiner Seele ſich tummelten, ſobald er ſich einſam fühlte. Er ſtieß ein Fenſter auf und ſchaute hinaus über die Mauer hinweg in die Gebirgsgegend. Ein großer Rieſendom, auf den der Himmel ſich lehnte, lag der Gebirgswald da; hehr wölbten ſich die dunkeln Tem⸗ pelkuppeln, hochauf ragten die ungeheuren Säulen, doch das Ganze war ſtill und unbelebt, und keines lebenden Weſens Ton ſchwoll zu ihm her; es ſchien die Nacht⸗ feier der Natur, wie ſie ſtumm und heilig das Uner⸗ forſchliche anbetet. Er nahm ein Paar Taſchenpiſtolen, die er ſeit Kur⸗ zem ſich verſchafft, von der Wand, lud ſie ſcharf und legte ſie auf den Tiſch neben die Lampe, die er reichlich mit Oel verſehen hatte. Dann zog er den bequemen Hausrock an, rückte einen Lehnſtuhl neben das offene Fenſter und beſchloß, in demſelben unausgekleidet dieſe verhängnißſchwangere Nacht auszudauern, und die Be⸗ dürfniſſe des müden Körpers durch geiſtige Gewalt, durch eine Reiſe in das Land ſeiner muthmaßlichen Zukunft zu überwältigen. Die erſten Verſuche gelangen; er nahm das Nächſte zuerſt vor, malte ſich alle ſchrecklichen Mög⸗ lichkeiten aus bis auf die kleinſte Zuthat in den Bege⸗ benheiten, und ſtellte ſich dann das Problem, allen die⸗ ſen geringſten Ereigniſſen zu begegnen. Dann malte er ſich die überwundene Gefahr, durch ihn überwunden, und ſchloß daran Albina's Dank, Albina's Rettungsdank mit all den Maienbildern, die ſolche Scenen zu umweben pflegen und mit all den aufknoſpenden Roſen, die in einem ſolchen Lenze ihm und der Geliebten ſich darbieten mußten. So war beinahe ſchon die Mitternacht heraufgekom⸗ — M * P 261 men. Der Mond verſank; Myriaden Geftirne glänzten funkelnd zu ihm herunter, und der ſilberne Heſperus ſtrahlte ihn an wie ein Land der Verheißung, wo für fromme Sterbliche eine milde Seligkeit gehegt würde. Die friedliche Ruhe in den weiten Gebänden vertrieb ſeine trüben Ahnungen zur Hälfte, und als er jetzt den Pförtner Fabian mit ſeiner Laterne den gewöhnlichen Gang in das alte Schloß antreten ſah, als durch die Gräberſtille das Knarren der Fenſterläden flüfterte, durch deren Oeffnung man der Gefangenen friſche Luft ge⸗ währte, ſo wurde nach und nach ſeine Furcht zur Si⸗ cherheit und machte dem Gedanken an die Unglückſelige, die er wahrſcheinlich Mutter nennen mußte, Platz. Schon wieder, wie ſo oft in den wenigen Jahren ſeines ſelbſtſtändigen Lebens, mußte er unzufrieden mit ſich ſeyn. Hätte er nicht raſcher und kräftiger handeln müſſen für die Gefundene? hätte er nicht alle Verhält⸗ niſſe durchreißen und das volle Licht in dieſe Räthſel⸗ nacht tragen müſſen? wäre das ihm nicht erſte Pflicht geweſen, wenn er in der Unglücklichen auch nicht ſeine Mutter erkannt? Er ſchalt heftig mit ſich. Immer ja ertappte er ſich gerabe in den bedeutſamſten Lebenslagen auf einer zurchtſamteit. einem verzweifelten Schwanken, durch welches die ſchönſten Momente ſeines Daſeins, die er mit herrlichen Denkmälern hätte zieren können, tha⸗ tenlos vorübergegangen waren. Nachher zur Beſinnung gekommen, hatte er ſich immer dann gedacht, wie groß und kühn er da und dort zu handeln vermocht hätte, wie man ihn gerühmt, ihn vergöttert haben würde; aber der Augenblick war unwiderruflich vorüber, kam nie wieder und ließ nur die quälende Empfindung der Unmännlichkeit und einer charakterloſen Schwäche zurück, 262 der er noch nicht Herr werden konnte. Er tröſtete ſich bei dieſem jüngſten Falle in Etwas durch das, was er ſich vorgeſetzt und was er bereits auf den morgenden Tag beſtimmt und völlig eingeleitet hatte. Der Com⸗ mandant des Polizeicorps und der Candidat ſollten im Schloſſe ankommen; Beiden wollte er Alles anvertrauen, was ſein Herz beſchwerte; mit Beiden verbunden zu Schutz und Trutz, unter weltlicher und geiſtlicher Garde, wollte er den hartherzigen Baron zu einer Erklärung drängen; die Mutter mußte dadurch ſofort frei werden, und vielleicht ließ ſich auch über des Vaters ſchwarzen Nächten eine Sonne heraufbeſchwören, ſollte ſie auch dem Verſtoßenen, dem Tiefgeſunkenen erſt in einem an⸗ dern Welttheile leuchten dürfen. Freilich quälte den Träumer in ſeiner Schickſalsfa⸗ brik die Idee, wie die Mutter, die neu Verlaſſene, jetzt in verdoppelter Verzweiflung auch ihn, den ſteinherzigen Sohn, verwünſchen dürfte, wie jetzt ihr Kerkerleben mit doppeltem Gewichte auf ihr ruhen müßte, wie vielleicht der grobe Fabian die verſuchte Flucht ſie durch rauhere Behandlung entgelten laſſen möchte; doch verſchleierte Serenus alle dieſe Trauerbilder durch das freunvliche Wort: Morgen! Morgen ſollte der Auferſtehungstag kommen, ihr und ihm und dem Vater, und wenn ſich die Dinge nach ſei⸗ ner Anſicht ordneten, ſo mußte er ein Familienglied des Barons von Gaiſer werden, und Albina ſtand ihm dann auch nicht mehr ſo fern, vielmehr kam ſie ihm nahe, recht nahe, faſt näher als alle die, welche dann zu ihm gehörten. Der ſtete Blick auf die feſtſtehende Welt der flim⸗ mernden Firſterne, auf ihr einförmiges Funkeln, die 263 kühle Luft, die an den Fenſtern vorüberſtrich, die Oede rings umher, die nicht ein lebendiger Athemzug außer dem ſeinigen unterbrach, wirkten zuletzt wie ein Schlaf⸗ trunk auf Serenus Sinne: der gedankenſchwere Geiſt wurde matter und matter in der Anſtrengung, fortzuden⸗ ken, die gröberen Stoffe zogen auch ihn nieder, und der junge Mann verſank auf dem bequemen Lehnſeſſel in einen feſten Schlummer, in welchen ſelbſt keiner der vielen und mannigfach bunten Träume hinüberſpielte, die vor dem Einſchlafen ihren Kettentanz um ſeine Seele ge⸗ halten hatten. Der Donner eines nahen Schuſſes weckte ihn mit der krampfhaften Erſchütterung des höchſten Schreckens. Sie ſind da! der Gedanke machte ihn hell wach. Raſch auf fuhr er aus dem Seſſel; alle Wärme wich aus ſeinen bleichenden Wangen, der Athem hielt einen mi⸗ nutenlangen Stillſtand, und horchend in der anſtrengen⸗ den Spannung der Angſt lauſchte er lange am Fenſter, kerzengerade daſtehend, ohne Bewegung, als hätte die Starrſucht ihn umwickelt. Einige Minuten blieb es ſtill in dem Burghofe, der vor ihm lag, dann ſah er den Pförtner ſich eiligſt heraustummeln aus der Pforte und ſeine dicke Geſtalt, nachdem er die Thüre hinter ſich zu⸗ geworfen, mit höchſter Anſtrengung die Gallerie hinab⸗ kugeln. Jetzt fiel ein zweiter Schuß, und zugleich er⸗ ſcholl ein widriges Gejohle vieler rauhen Stimmen vom vordern Hofe her, deſſen Schauerliches durch Dunkelbeit und Ungewißheit für ihn vertauſendfältigt ward. Wer konnte das ſeyn als der lange Fritz und ſeine Rache⸗ ſchaar? Nur der Eine Gedanke fand Raum in Serenus Seele und ſtand wie eine Mordflamme hell ihm vor Augen. Er raffte ſich zuſammen, ſteckte eines der Ter⸗ —— — 264 zerole in die Bruſittaſche ſeines Hausrocks, die geſpannte zweite faßte er mit der Rechten, ergriff mit der Linken die Lampe und ſchritt ſo der Thüre zu, dem Zufalle überlaſſend, wohin der Ruf der Noth zuerſt ſeine Schritte lenken würde. Kaum hatte er die Thüre behutſam aufgethan und horchte hinab, ſo umrollten ihn auch ſogleich die Schlan⸗ genwirbel des gräßlichen Ungeheuers, welches in dieſer Nacht zum Verderben des Schloſſes herangekrochen war. Er hörte Fenſter klirren, hörte heftiges Stoßen an die Thüren; Angſtgeſchrei ſtieg aus dem Unterhauſe herauf, Flüche tobten dazwiſchen, flüchtige Schritte hallten auf der Treppe, Gepolter grober Fußſohlen folgte, und als Serenus kaum ein Drittheil des ſchmalen Ganges ent⸗ lang, der zu ſeinem Zimmer führte, dem Lärm entge⸗ gengetreten war, flog Albina von der letzten Stiege ihm entgegen mit dem kurzen Athem des gehetzten Rehes, ihr Angſtgeſchrei aufgeſchmolzen in ein ſterbendes Ge⸗ kreiſch, mit dem ſie vor Serenus niederſtürzte, die nack⸗ ten Arme um ſeinen Leib ſchlang und das marmorweiße Geſicht und die ſtarren Augen in den Schooß ſeines Klei⸗ des drückte, als fürchte ſie das Wiedererblicken der Ge⸗ genſtände, welche ſie in ſolche Furcht geworfen hatten. Der Jüngling hatte kaum einen ſchnellen Blick auf die Geſtalt der Geliebten geſenkt, die im lockerſten Nacht⸗ gewande, ohne Tuch, mit entblößtem Nacken und unbe⸗ kleideten Füßen dem Retter zuflog; er konnte kaum ein Wort des Verſprechens, der tröſtenden, ſtarken Liebe ihr zurufen, kaum mit der Bewegung des ſie umſchlingen⸗ den Armes ihr thätige, opfernde Hülfe verheißen, ſo nahmen die Verſolger der Lieblichen ſchon ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. 3 * e 265 Hilf mir, Serenus! ſchrie Albina, als fie die ſtarken Schritte hinter ſich hörte. Nur über meine Leiche zu Dir! entgegnete er mit gehobener Stimme, indem er mit einer leichten Wen⸗ dung ſich halb vor das Mädchen ſtellte, die mit deut⸗ lichem Zucken der Gliedmaßen und in dem Krampfe nahender Sinnloſigkeit ſich feſter um ſeine Glieder klam⸗ merte. Jetzt ſtanden die Feinde ihm gegenüber. Er erkannte den gelben, grimmigen Zigeuner, den Heiden⸗ peter, bewaffnet mit dem Sarras und ein Windlicht tragend; ihm folgten noch zwei ſchmutzigere Geſellen, deren erſter einen Knittel ſchwang, der zweite einen ver⸗ roſteten Karabiner in der Hand hielt. Zurück! rief Serenus, die Piſtole vorhaltend, zurück, wer Luſt zu leben hat, denn ſo wahr ein Gott lebt, einen Schritt vor und ich brenne los! Die Kerle ſtanden mauerfeſt, aber der Hinterſte legte ſein Gewehr an. Hahn in Ruh'! commandirte ihm der Heidenpeter zu, indem er das kurze Flackerlicht hoch hielt gegen den unerwarteten Feind. Das iſt des Ball⸗ maſſematten Liebling, von dem er geſchworen, daß, wer ihm ein Haar krümmte, ſolle des Teufels werden, ehe der Morgen heraufkäme. Alles Andere iſt heute für uns, nur der macht die Ausnahme. Junger Herr, fuhr er fort, einen Schritt näher tretend und ſein gelbes An⸗ geſicht zu einer freundlich grinſenden Maske verzerrend, Ihr hört, wie es ſteht: der General hat Euch pardon⸗ nirt, aber nun müßt Ihr uns auch nicht im Wege ſtehen, ſonſt geht der Pardon in die Erbſen. Das Dirnel da müßt Ihr uns überlaſſen; es iſt das einzige Menſchen⸗ 4 das wir jetzt in dem verwünſchten Hauſe aufſpür⸗ ten, Alles iſt geflohen oder verſteckt, und wir müſſen 266 einen Wegweiſer haben in den langen Kreuzgängen, ſie muß die Schlüſſel ausliefern, muß uns die Wege zeigen zu Koffer und Kiſte, zum Geld⸗ und Silberſchreine, zu Uhr und Weißzeug. S Zurück! rief heftiger Serenus, als der Heide die Hand ausſtreckte nach des Mädchens weißer Schulter. Nun, nehmt Raiſon an! fuhr der Räuber auf, und ſeine ſchmalgeſchlitzten Augen funkelten ſtärker. Ihr wer⸗ det uns Dreien doch nicht Wiverſpiel halten wollen mit der ſchmalen Bruſt und den Puppengliedmaßen? Der da ſoll kein Leid geſchehen, und von der Kurzweil in flüchtiger Zeit ſtirbt ſie nicht. Laßt ſie los in des Sa⸗ tans Namen, oder ich achte des Hauptmanns Beſehh keines Pfeifenſtiels werth mehr. Er hob den Sarras über Albina's Scheitel, da brannte Serenus ſein Schießgewehr los, die Kugel fuhr wohlgezielt durch des Raubmörders Stirne und warf ihn rochelnd rückwärts über. Der wilde Burſch hinter dem Gefallenen ſchoß ſeinen Karabiner ab, ſein Blei ſchlug aber über Serenus hin in die Thüre, hatte Furcht ihm die Hand unſicher gemacht, oder das mit dem Heiden⸗ peter zu Boden geſtürzte Licht ihm das Ziel verrückt. Mit Gedankenſchnelle war in Serenus rechter Hand ſtatt des weggeworfenen Terzerols das zweite geladene, und ehe er es noch gebraucht, flüchteten die feigen Diebe ſchon zurück, polterten im Dunkel die Stiegen hinab⸗ und ſein Schuß, der hinter ihnen drein ſauste, traf nur das hölzerne Geländer. Wie es meiſtens bei ſolchen ſchwankenden Naturen geſchieht: die Gefahr hatte in Serenus völlig jene Be⸗ ſonnenheit erweckt, die man ſo oft an Eiſenherzen und Helden anſtaunt. Nicht achtend des röchelnden Peters * —— — z. 267 ſie und ſeines am Boden flackernden Windlichtes riß er die en Geliebte hoch herauf an ſeine Bruſt und heiſchte ihr zu ½ Muth und Standhaftigkeit zu, die hier allein Hülfe zu * geben vermochten. Albina erholte ſich; mit der dop⸗ 2 pelten Inbrunſt der Liebe und Dankbarkeit, nicht achtend die Nachtſtunde und den lockern Anzug, warf ſie die nd Arme um ſeinen Nacken, ſobald ſie die Verfolger un⸗ 63 ſchädlich ſah. Engel, mir vom Himmel geſendet, rief ſie, rette mich er ganz, rette mich Dir, rette uns Beide aus dieſer Un⸗ in glücksnacht. Mag kommen, welch ein Morgen will, Dein bin ich dann, Dein, und wenn eine ganze Welt Nein riefe. Mir nach! rief der Jüngling, indem er einen Kuß auf ihre Stirne preßte. Um ſolchen Preis iſt Tod und Hölle kein Geſpenſt mehr! Er trug ſie ſchleunigſt in ſein Zimmer und verrie⸗ gelte die Thüre feſt von innen, dann zog er das Mäd⸗ chen durch ſeine Kammer zu einer Hintertreppe, die ſchneckenförmig in einem der pfefferbüchſen⸗ähnlichen gothiſchen Thürmchen hinabführte, welche das alte Schloß mit dem neueren Gebäude durch kleine Gallerien ver⸗ banden. Als ſie auf der runden Treppe ſtanden, blies er die Lampe aus, und mehr von ihm getragen als ſelbſt die Stufen berührend, gelangte Albina hinunter, wo ein Spitzpförtchen auf einen Mittelhof des Schloſſes ſtieß, in welchem noch die ganze Stille der Nacht herrſchte. Wohin aber jetzt? das war die böſe Frage. Wo R& fand ſich ein Ausweg zur Flucht, oder, wenn dieſe un⸗ möglich, wo ein ſicheres Verſteck? Serenus erſter Ge⸗ nd danke traf das große Burgthor. Vielleicht waren die ers Räuber dort eingebrochen, und während der Durch⸗ . — ———————— 268 ſuchung des Schloſſes fand ſich ihr Eingang unbeſetzt und in Raubluſt verlaſſen. Er führte das Fräulein, das zit⸗ ternd und ſtumm ihm maſchinengleich folgte, gegen den Gang, der vom innern zum äußern Hofe leitete. Aber wild erneuert erſcholl ihnen von da das Geheul der Bande entgegen, eine Menge Lichter leuchtetdn, und um die achteckige Mauer knallte jetzt ein Luſtfeuer einzelner Flintenſchüſſe und verkündete, daß die Räuber es nicht auf einen ſtillen, verſteckten Einbruch, ſondern, wie es ſchon mehr geſchehen, auf einen offenen, durch Lärm ſchreckenden Sturm abgeſehen hatten, und, indem ſie die Eroberung mit einem Kreiſe von Schützen umſtellt hielten, in Furcht jede Dorfſchaft zurückzuſchrecken beab⸗ ſichtigten. Flucht blieb darum gänzlich unmöglich, nur ein Schlupfwinkel für die Geliebte bot Hoffnung, und der Sturm, der jetzt durch die Nacht fuhr und mit her⸗ aufgejagten Wolken alle Sterne verlöſchte, machte für die Leichtbekleidete die ſchnellſte Hülfe nöthig und preßte des Mannes Herz noch mehr in Angſt zuſammen. Da ſchlug ſeine Hand von ungefähr an ſeine Rock⸗ taſche, und er fühlte den ſchweren Schlüſſel des Bet⸗ hauſes noch darin, den ihm der Pförtner eingeliefert. Sein Entſchluß bekam ſchnelle Reife: von ſeinen Armen umſchlungen wurde das zagende Fräulein bald aus dem Bereiche des Lärmens der entgegengeſetzten Fronte des alten Schloſſes zugeführt; trotz der Dunkelheit erſchloß der Schlüſſel, die Kapelle nahm ſie auf, die Eichenflügel fielen ſchirmend hinter ihnen zu und das zugedrückte Schloß trennte ſie von der Menſchenbrut, die heute die⸗ ſer Gegend Herr geworden. In tiefer Finſterniß ſtanden ſie jetzt, die noch grau⸗ licher wurde durch die Idee der Umgebung, in der ſie —, E — —— — ,— nd it⸗ — ,— —— 269 nicht einmal den bequemen Ruheſitz zu ſuchen vermoch⸗ ten, ohne Gefahr zu leiden zwiſchen dem Bauholze, den eingeriſſenen Wänden und den offenen Grüften. Da halfen die Feinde ſelbſt: Fackelglanz erhellte auch dieſen Raum des Schloſſes von außen und ſtrahlte wie Mond⸗ licht durch die bemalten Kirchenfenſter. Serenus forſchte ſogleich nach dem Aufgange in das alte Schloß, durch den er ſeine Mutter gefunden, aber mit ſtarken Querſtangen hatte der Pförtner die Thüre dahin übernagelt. Da ſah er die Familiengruft offen, die vor dem Altare weitgähnend ihre Fallthüre aufge⸗ than, und die er geſäubert, gelüftet und ſicherer wußte als irgend einen andern leicht zu entdeckenden Schlupf⸗ winkel der Kapelle, wo die bekannte Luſt des Geſindels nach dem Kirchengute wahrſcheinlich keine lange Zuflucht zuließ. Wie iſt Ihnen, Albina? fragte er. Werden Sie mir folgen dreiſt und ſtark, wohin ich Sie auch leite? Du! rief das Mädchen mit fieberhafter Heftigkeit, Du von heute an bis zum Todestage! O, das Herz ſprach es längſt. Führe mich! ich werde folgen auch in das Sargbett und zum Todtentanze. Das gerade nicht, Du liebe Seelel antwortete der Jüngling, durch ihre Traulichkeit erſtarkt. Doch unter die Erde und zu den Todten müſſen wir freilich. Sorgſam leitete Serenus die Geliebte jetzt hinunter auf den ſchmalen Steinſtufen in das Gewölbe, führte ſie zu einem breiten Steine, der nicht weit von einem Luftloche ſich befand, eilte dann zurück, über ſich und hinter ſich die ſchweren Fallthüren des Einganges zu ſchließen, und ſich wieder zu der Theuren tappend, deren Stimme ihm den Weg zeigen mußte, umfing er die 270 Froſtige nun mit ſeinen warmen Armen, verhüllte ſie mit ſeinem Oberrocke, umwand ihren Kopf mit ſeinem Halstuche, legte, indem er ſich vor ſie hin auf den Bo⸗ den ſetzte, ihre nackten Füßchen in ſeinen Schooß, mit den Händen und ſeinen Knieen die ſeidenweichen Glieder vor der Nachtluft bewahrend, und mit der Ueberredung heißeſter Liebe Beruhigung und Ausdauer in das zagende Gemüth predigend. Mit der kehrenden Wärme ſchien Friede zurückzukommen in den ſchuldfreien Buſen der Holden. Die ſtille Finſterniß, welche um ſie weilte, ließ das wohlthuende Gefühl der Sicherheit bei ihr ein, und vertraulich ſich an den Mann ſchmiegend, der, mit ihr geſchieden von der ganzen Welt, jetzt ihre ganze Welt ausmachte, erzählte ſie nun erſt die kurze Geſchichte ihres Schreckens und wie ſie zu Serenus Zimmer gekommen. Auch ſie hatten die Schüſſe erweckt aus dem erſten, ſüßen Schlummer, und da ihre Fenſter nach dem vordern Hofe hinausgingen und ſie dieſen von Fackellicht erleuchtet ſah, ſo hielt ſie die Schüſſe für Nothzeichen, von den Dienern gegeben, glaubte Feuersnoth in der Burg und eilte aus ihrem Zimmerchen, zu rufen und nach dem Oheim zu fragen. Da ſah ſie hinab in das Unterhaus, ſah meh⸗ rere fremde, ſchreckliche Geſtalten, ſah durch ihren Angſt⸗ ruf ſich verrathen, entdeckt, verfolgt die Gänge entlang, die Treppen hinauf, bis Serenus Erſcheinung, zu deſſen Gemach ſie inſtinktartig geflohen, ihr die von Gott ſo inbrünſtig erflehte Hülfe brachte. O Himmel! ſchloß ſie, was wäre aus mir geworden ohne Dich? Und was wird werden aus dem alten, kran⸗ ken Manne? Soll ich hin? fragte Serenus mit einer Bewegung zum Aufſtehen. Soll ich forſchen und helfen, wo ich 271 e ſie kann? Du biſt hier geſichert; meine Thatloſigkeit aber inem dünkt mir Feigheit, und muß mir ſpäter bei den Leuten Bo⸗ ſchaden wie jetzt bei Dir! mit Nein, nein, Du mußt bleiben! rief Albina. Ich ver⸗ 5 ieder ginge ja hier allein vor innerem Schrecken. Und was dung wollteſt Du draußen? fuhr ſie ſchmeichelnd fort, ihn feſt ene in ihre runden Arme und gegen den wogenden Buſen chien preſſend. Was könnteſt Du gegen die vielen Bewaffneten, der gegen die Mordſüchtigen? Räuber ſind es, Diebsbanden ließ an den Gebirgen, wovon der Gerichtsherr heute Abend und erzählte, wie man ſchon überall ihnen nachſpürt und ſie t ihr verfolgt. Kann der Ohm mit den drei rüſtigen Män⸗ Welt nern ſie nicht abſchlagen, ſo würde Deine junge Kraft ihres auch nimmer dieſen Abgehärteten widerſtehen, die keine men. Schonung kennen und kein Geſetz achten. Gott wird üßen. helfen! Gott iſt ja der Schirm aller Guten. Hofe Aber Gott iſt auch der züchtigende Herr Zebaoth ſah, aller Sünder, und ſeine ſtrafende Hand findet den Bö⸗ nern ſen, wohin er ſich auch flüchten möchte, fiel Serenus aus ernſt in des Mädchens Rede. Sein Blut war aufge⸗ n zu regt worden durch die engen Umhalſungen des lieblichen meh⸗ weiblichen Geſchöpfs; in ſeiner Phantaſie waren durch ngſt⸗ ihre letzten Reden die Begebenheiten dieſer jüngſten Tage ang, aufgefriſcht, und es drängte ihn, das Vertrauen ihrer eſſen n zu vergelten mit gleicher Offenheit, und in t ſo Dieſer heißen Angſtſtunde, die ſo nie wieder kam, ſie auf ewig ſich zu gewinnen oder ewig von ihr geſchieden zu rden werden. ran⸗ Wie meinſt Du das ſo ernſt? fragte das Mädchen. Ich bin gut, wirklich gut, und bete fromm jeden Abend un vor dem Einſchlafen. Und Du biſt doch auch kein ſünd⸗ ich hafter Menſch, denn Dein Auge iſt ſo klar und frei, 272 wie es der Sünder nicht haben kann. Warum ſollten wir Gottes Rache in dieſer Stunde fürchten müſſen? Nicht wir, entgegnete Serenus; nicht ich, nicht Du, himmliſcher Engel, Du Kindergemüth ohne Flecken und Wurmſtich; aber Andere, die uns nicht fremd ſind, ha⸗ ben Gottes Zornwetter herabgezogen auf dieſes Haus, und wie Gute und Böſe in Feuersnoth und Waſſerflut müſſen wir vielleicht mit untergehen im Gericht des Him⸗ mels. O wie Du mich ängſtigeſt! ſeufzte Albina. Wenn Du mir ſo innig zugethan wäreſt, wie ich Dir bin, Du quälteſt mich nicht mit ſolchen Räthſelſprüchen. Höre! ſprach Serenus feierlich da, und nahm ihre beiden Hände und drückte ſie feſt gegen ſeine ſtürmende Bruſt; höre, Albina, dieſe Minute entſcheidet über mein Leben und meine Seligkeit, dieſe Minute trennt und bindet uns ewig. Höre achtſam und richte. Deines Ohms Verbrechen, o mehr als Meuchelmord und Straßenraub! haben dieſe Gewitter über ſein und Dein und mein Haupt zuſammengezogen. Es ſind nicht Räuber allein, die in dieſer Nacht über ihn hereinbrachen: es ſind die Rächer ſeiner gräßlichen Schuld; ich kenne dieſe Män⸗ ner, ich kenne ihren Anführer, er iſt— mein Vater! Mit einem Zetergeſchrei und als hätte ſie der elek⸗ triſche Krampffiſch berührt, ſprang Albina von ſeinem Schooße in die Höhe, ſchwang ſich auf den breiten Stein und klammerte ihre Händchen um die Eiſenſtangen der runden Oeffnnug, durch die ihnen Luft zuſtrömte. Dein Vater? ſtammelte ſie bebend. Und du wußteſt um die abſcheuliche That? Du riefſt ſie herein? Du öffneteſt ihnen das Thor? Albina! ſeufzte Serenus mit dem Tone des tiefſten lten Du, und ha⸗ tus, flut im⸗ enn ihre ende nein und hms ub! nein lein, die dän⸗ 2 elek⸗ nem tein der Dein die eteſt fſten 273 Vorwurfs und der bitterſten Bekümmerniß; das iſt Dein Glaube an mich? Nur einen Augenblick bedurfte das Fräulein zur Be⸗ ſinnung, dann ließ ſie raſch die Eiſenſtäbe fahren und ſprang herab und warf ſich an ſeinen Hals. O vergib! jammerte ſie. Die Schrecken dieſer Nacht haben mich um Sinne und Verſtand gebracht. Du tödteteſt ja den Räuber, befleckteſt Dich mit Blut um mich⸗ biſt in die⸗ ſer Schauergruft bei mir. Aber gib mir Licht; erzähle, was hinter Deinen grauſen Worten verborgen liegt. Magſt Du ſeyn, wer Du willſt, hier in den Gräbern gilt kein Stand noch Menſchenhoheit, und wie es um uns ſteht, wenn das nächſte Morgenroth über dem Ge⸗ wölbe der Kapelle aufgeht, liegt noch fern, ganz fern in des Schickſals Hand. Albina ſetzte ſich wieder zurecht in ihre erſte trauliche Stellung, und langſam und umſtändlich berichtete ihr jetzt Serenus Alles, was ſein Leben und das Leben ſeiner Eltern betraf, ja ſcheute ſich nicht, von der Dun⸗ kelheit vor eigener und fremder Schamröthe bewahrt, dem Mädchen jene Begebenheiten vorzumalen, die ſie wiſſen mußte, wollte ſie das ganze Gräuelbild über⸗ ſchauen, und die er ihr am Tage und vor ihren hellen Unſchuldsaugen nie hätte vorerzählen können. Er fühlte während der langen Erzählung, wie ſie auf das Innigſte Theil nahm, wie ſie bebte, zuckte, zuſammenſchrack, den Athem anhielt, ſtill weinte, je nachdem ihr Gemüth ſo oder ſo gefaßt worden. O der böſe Baron, den ich nicht mehr Oheim nen⸗ nen werde! rief ſie aus, als Joſephinens gedacht wurde. Und die unglückliche Frau lebte mir ſo nahe, und ich durfte ſie nicht tröſten, nicht verpflegen, und ſie war Blumenhagen. XVI. 18 9*— — dazu Deine Mutter! Das iſt gar ſchrecklich, zu abſcheu⸗ ſcheulich und ſchändlich von dem Baron. Er büßt vielleicht jetzt ſchon dafür, ſetzte Serenus finſter hinzu. Und Du biſt alſo mein Vetter? fragte ſie dann wie⸗ der mit einer Art Freude. Und dieſes Gut und Alles, was der Baron hat, und was er mir geſtern im Teſta⸗ mente vermachte, gehört eigentlich Dir und Deinem Vater, und ich kann das Meine thun für Dich und den Baron bercden, den Raub herauszugeben? O das iſt nun wieder recht gut und herrlich und wird mir höchſte Luſt gewähren. Und vergiſſeſt Du, wo Dein Geliebter Dich um⸗ fangen hält im erſten Brautkuſſe? ſtörte Serenus ihrer Vergeſſenheit roſige Träume. Ueber uns fordert ein wüthender Neffe, der betrogen wurde um Weib und Kind und Gut, mit der blutgewohnten Hand und dem Mordſtahle Rechenſchaft von dem Betrüger. Kein Ent⸗ rinnen iſt gedenkbar für dieſen, wenn Gott nicht den Retter ſendet, den ich beſtellte. Lebendig kommt er nim⸗ mer aus dieſen Löwenklauen. Und, Albina, der, wel⸗ cher mit dieſer Gewaltthat, wenn ſie auch Verzweiflung entſchuldigen könnte, eine neue Stufe zur Hochgerichts⸗ leiter erſteigt, dieſer blutgierige Mörderhauptmann iſt mein Vater. O wie wirſt Du Dein Leben knüpfen an das Leben eines Mannes, der mit ſeinem Vater entehrt ward? wie wirſt Du am Schaffot den Vater Deines Gatten ſuchen mögen? Still, ßill! ſiel Albina dem Lieferſchütterten in die Rede. Solche Worte ſollſt Du hier unten nicht ſprechen, wo überdieß das Grauen in genugſamer Menge wan⸗ delt. Morgen, wenn der Tag uns frei machte, will ich ie⸗ es, ta⸗ ent en iſt ſte rer ein ind em nt⸗ den m⸗ el⸗ ing ts⸗ iſt hrt nes die en, an⸗ 275 darauf antworten. Aber fühlſt Du nichts? Iſt mir's doch, als zöge ſtinkender Rauch durch die Gewölbe und beengte meine Athemzüge. Du fühlſt recht, entgegnete Serenus aufmerkend und vom Boden ſich erhebend. Um Gott! Es wird wie tages⸗ hell draußen, und fernhin geht das wilde Getümmel und Geſchieße wieder an. Jeſus und Maria, das iſt Feuersbrunſt, Mordbrand, und irre ich nicht, ſo ſteht über uns das alte Schloß in Flammen. Großer Gott! ich ſterbe, ich erſticke! ſtöhnte durch die Einbildung beinahe ſchon getödtet das Mädchen. Er aber zog ſie mit ſich dicht an das Luftloch, und als er ſie neuerdings mit den Kleidern verhüllt hatte, krachte über ihnen ein Schlag, donnernd und erderſchütternd, als wäre das Himmelsgewölbe gegen die Erde herab⸗ geſtürzt, und über Beide ergoß ſich eine Betäubung des Schreckens, die, wenn ſie auch ihre Arme nicht löste, mit denen ſie ſich wechſelſeitig, wie für ewig hier und jenſeits, wie Unzertrennliche umſchlungen hielten, dennoch ihnen auf längere Zeit Beſinnung und Bewußtſein raubte. Wir müſſen von den Verlaſſenen, den Verſchütteten uns auf einige Zeit entfernen, und da wir für jetzt ihnen nicht zu helfen vermögen, nachſchauen, was unter⸗ deß mit den übrigen Bewohnern des Schloſſes geſchah. Der Räuber Gaiſer, genannt der lange Fritz, hatte mit der Wolluſt, welche rohe Rachgier begleitet, endlich da ſeines Treibens Ziel gefunden, wo er es am wenig⸗ ſten vermuthet. Durch eine dunkle Ahnung aufgerufen, durch Serenus Erzählung aufmerkſam geworden, durch die Gewohnheit des Räuberlebens, alle Wohnungen der 276 Vornehmen in unenideckbaren Vermummungen durchzu⸗ ſpähen, in das Schloß geführt, welches durch ſeine Ver⸗ ſchloſſenheit und die Unſichtbarkeit des Edelmannes ſolche Gäſte vorzüglich reizen mußte, ſchwanden ſeine Zweifel⸗ ſobald er den alten Fabian ſah, in welchem er einen frühern, verſchmitzten Diener des Onkels erkannte, ob⸗ gleich aus dem ſchmächtigen Schleicher und Schwänzler ſeitdem eine anſehnliche Fleiſchboſſel geworden war. Als aber Joſephinens geſpenſtiſche Erſcheinung in der Ka⸗ pellenthüre ſeinen Blick berührte, da packte Freude und Schmerz zugleich das in Gewaltthaten verwilderte Ge⸗ müth. Mit aller Kraft des geſammelten Willens mußte er ſeine brauſende Leidenſchaft zügeln und zwängen, und wäre er nicht fortgeſtürzt nach dem erſten Augenblicke der Erkennung, ſo würde er losgebrochen ſeyn zur Stelle, und hätte dann ſelbſt ſeinen Racheanſchlag, das lang⸗ gehegte Lieblingskind ſeiner düſtern Seele, in der Ge⸗ burt vernichtet. Wie ein Trunkenbold taumelnd, la⸗ chend, jauchzend kam er in dem Verſtecke ſeiner Ge⸗ ſellen an. Zunderdai, Mutter, jubelte er, lege Dein Ehrenkleid an; ſie iſt gefunden und heute noch werde ich Hochzeit machen! Mit wem, Du ſündiger Spaßvogel? grinste die Alte. Du wirſt doch nicht das Sakrament ſchänden und eine Andere nehmen, ehe Du an Finchens Grabe ge⸗ weint haſt? Der Räuber ſtellte ſich breit hin vor die Alte und hielt ihr beide Fäuſte geballt entgegen. Kennſt Du den Fritz? brüllte er, wie der brünſtige Stier heult auf der Waide, wenn er den Nebenbuhler ſucht. Kennſt Du den Fritz und wagſt ſolch ein Wort zu ihm? Du warſt e l, n er ls d⸗ nd e⸗ te nd cke le, g⸗ je⸗ la⸗ e⸗ eid eit die nd ge⸗ ind den der Du arſt 277 dabei, als ich dieſe Hände eintauchte in das ſpringende Herzblut des Erſten, der mir als Probeſtück bei der Bande zufiel. Meine zehn Finger hielt ich in die Nacht hinauf und ſchwur bei allen böſen Geiſtern, Rache für Joſephine und mich ſollte die einzige That der Luſt in meinem zertretenen Leben werden. Und jetzt, da die Stunde da iſt, frägſt Du nach Alfanzerei und gemeinem Buhlwerk? Was? Du hätteſt das Finchen? ſtotterte die Alte, und ihr gebräuntes Geſicht wurde vor Ueberraſchung ſo gelbbleich wie der unreife Kürbiß. Joſephinen habe ich und ihn dazu, ihn, den ich mit den Zähnen zerfleiſchen will, mit den Händen erwürgen will ohne Waffen! antwortete der Räuber zähneknir⸗ ſchend. Jenes Schloß, das wie ein einziger Steinblock rauh und unanſehnlich auf dem Hügel hängt, iſt ihr Gefängniß, iſt ſeine Wolfsſchlucht, in welcher er meine Schätze verborgen hält. Und Du ſahſt ihn, warſt darin, und haſt ihn nicht ſogleich geriſſen, nicht ſofört niedergeſchlagen? fragte Zunderdai. Du biſt ein beſſerer Kochemer, ein derberer romaniſcher Gauner als ich gemeint, denn Deine Wuth hätte Alles verderben können. Nun laß uns hinein wie ächte Schränker auf der Diebesleiter oder durch ein weites Schild(Einbruchsloch) in der Mauer; da kann ich mit und kann's dem Schuft gedenken, wenn er im ſeidenen Schlafrocke unter uns winſelt, daß er mich hochmüthig abgewieſen von ſeiner Hausthüre. Ich ſah ihn nicht, er ſoll krank liegen, antwortete der Hauptmann, kälter geworden während der Rede der Mutter und mit düſtern Augen vor ſich hinſtarrend. Aber ſie habe ich geſehen, nur Eine Sekunde, aber lange ge⸗ nug, um alle Qualen dieſer Jahre zuſammengeſchmolzen noch einmal zu fühlen. O ſie ſah ſo bleich und abge⸗ härmt aus, und doch war ſie noch ſchön wie einſt, als ſie am Rheinſtrome meine kriegeriſche Laubhütte im Bi⸗ vouak mit Herbſtblumen und Waldbeeren verzierte. Er verſank einen Augenblick in dieſe Erinnerungen, dann aber fuhr er neuerdings und furchtbarer auf, wie ein Orkan, der oft Minuten ruht, um neue zerſtörende Kraft zu ſammeln. Taigmaul, Peter, Löffelhannes, rief er den drei Geſellen zu, die mit offenen Mäulern und mit kurzen, ſchwarzgebrannten Tabackspfeifen in den Händen ihn umſtanden hatten, brecht auf wie losge⸗ laſſene Hatzhunde und gießt Oel in eure Schuhe! Wie Raben im Sturme ſchießt umher und ſammelt, was noch hier herumliegt von der Mannſchaft. Gewehr, Pul⸗ ver und Blei zur Hand, ſo viel nur anzuſchaffen! Eine Viertelſtunde vor Mitternacht muß Alles ſich einſtellen bei der großen Mahleiche, ihr wißt ſchon, wo das Kreuz und die Krone eingehauen. Halloh! jauchzte der Peter, da gibt es einmal einen Sabbath, wo der Krug nimmer leer iſt und die Schüſſel überfließt. Viel muß darin liegen an blankem Gut, antwortete der lange Fritz, und Alles ſoll euer ſeyn, wenn ihr brav thut. Meinen Theil gebe ich obenauf. Nichts will ich für mich, als den Herrn darin. Willſt ein Menſchenfreſſer werden? lachte roh der Heidenpeter. Sie ſagen, ſolche Koſt ſoll ſicher machen gegen Hieb und Stich, aber der alte Baron muß zäh ſeyn, und ich nähme lieber das Schloßfräulein, die ſoll ſchauen wie Milch und Blut. Der Schneckenjäger, der als Tyroler mit hinein war, hat davon erzählt. P n, ie de ef nd en e⸗ ie as U⸗ ne en uz ſel ete av ich er en h oll er 279 Fort, rief der Anführer; Schwank findet ſeine Zeit hernach. Den ſchmalen Baſt und den kleinen Schnecken⸗ jäger ſchickt mir her; ſie müſſen zurück in das Schloß in's Verſteck, ehe die Arbeiter herauskommen und die Thore ſich ſchließen. Alſo doch kein Sturm? fragte der Löffelhannes be⸗ trübt. Nur eine miſerable Leiterreiſe über die Mauer? Gräme Dich nicht, entgegnete der Hauptmann, ſchilt nicht vor der Zeit. Jene Mauer iſt zu ſteil und ihre Pforte ſprengt kein Rennbaum; aber zum Sturme führe ich euch dennoch, einen Chasne⸗Malochnet ſollt ihr ha⸗ ben, wie der auf der Bernshäuſer Hehrmühle war, und mehr dabei erobern, ſo wahr ich das große Eiſen trage an eurer Spitze. Die Schnelligkeit, mit der des Generals Befehle von den Führern der Bande vollbracht wurden, hätte dem bravſten Voltigeurcorps einer disciplinirten Armee Ehre gemacht. Unter den Landleuten der Gegend gab es, wie in Gebirgsdörfern gewöhnlich, der Hehler und Abneh⸗ mer oder Schärfenſpieler genug, und kaum ein Stünd⸗ chen verlief, ſo hatte man aus dem Walde auf einem Wagen voll zugerichteten dünnen Bauholzes, der für das Schloß beſtimmt geweſen, im Stroh und Latten⸗ werk die beiden verſchmitzten Diebe, die der Hauptmann dazu erleſen, in den Schloßhof ſpedirt, woſelbſt wegen einbrechender Nacht wohlberechnet das Fuhrwerk bis zum Morgen unabgeladen ſtehen blieb. Die Diebsliſt mußte noch leichter gelingen, da zu dieſer Zeit der liſtige um⸗ ſichtige Fabian ſich gerade in der Kapelle beſchäftigte, ſeine Gefangene in ihrem Verſchluſſe wieder feſt zu machen und den Zugang zu ihr auf die ſtärkſte Weiſe zu verrammeln. 280 Die Fremden fuhren jetzt fort vom Schloſſe; Sere⸗ nus und Fabian machten ihre Runde, wobei der bellende Hund den beiden verſieckten Burſchen keinen geringen Angſtſchweiß auspreßte, und die verhängnißvolle Nacht begann. Im großen Gebäude ſchliefen bald die wenigen zerſtreuten Bewohner, und der Pförtner, welcher die Vormitternacht in ſeinem Thurme verſchnarcht batte, ließ ſich gewohnter Weiſe von dem Jäger ablöſen, um ſein Habakuksamt bei der Sünderin im alten Bau auszu⸗ üben. Kaum hatte der Jäger in der Warte ſich auf das warme Lager gemächlich hingeſtreckt, ſo hörte er auswärts, nicht fern von der Ringmauer, das Geheul eines Wolfes, den der Hunger quälen mußte, ſo heiſcher und jämmerlich klang ſeine hohlbellende Siimme. Der Jäger dachte bei ſich: wär's nur Tag, ſo wollte ich dir Eins auf den Pelz brennen, das deinem Hunger ſchnell ein Ende machen ſollte. Gnade Gott dem Schäfer und ſeiner ſchönen Heerde, dem du begegneſt. Hier iſt's warm und ſicher, und du wirſt in der Mauer dir den beſten Zahn ausbeißen, ſollteſt du nach des Fräuleins weißen Zwillingslämmern zu ſpüren wagen. So mit ſich redend zog er den großen Wachtmantel hoch über ſein Geſicht und überließ ſich dem Schlummer als ge⸗ duldige Beute. Kaum aber waren die Sinne durch die ausgeſtreuten Mohnkörner des Schlafgottes in die erſte Betäubung gerathen, ſo ſchreckte ihn ſchon wieder ein fremdartiges Geräuſch auf. Es däuchte ihm, als wäre der große Eiſenriegel innen am Thore aus eines Oeff⸗ nenden unvorſichtiger Hand geſtürzt und gegen die Stein⸗ platten hinabgepraſſelt, wie es ihm ſelbſt vor einigen Tagen paſſirt war. Verwundert ſtand er auf, brummte: was hat denn der Fabian noch einzulaſſen oder hinaus⸗ — — 281 5 zugehen? und ſchob gemächlich das Schiebfenſter auß e⸗ e das von dem runden Gemach in den innern gewoölbten n Gang hinabging, wo die große Schloßlaterne brannte. t Der Jäger hatte nicht unrecht gehört, doch in der en urſache hatte er ſich zu ſeinem Verderben getäuſcht. Mit ie der Mitternacht ſtand die ganze Bande bei der Mahl⸗ ß eiche und zog langſam in den Vertiefungen zu beiden in Seiten des Dammes an das Schloßthor heran. Der ⸗ Heidenpeter, ein komiſches Naturgenie, der die Stim⸗ f men aller Vögel und Vierfüßler nachzuäffen vermochte, er gab durch das Wolfsgeheul das verabredete Signal der ul Ankunft, und alsbald wickelte ſich das verſteckte Diebs⸗ er paar aus ſeinem läſtigen Schlupfwinkel heraus, ſchüt⸗ telte Kleider und Gliedmaßen zurecht und prüfte Stein te und Kraut auf den Taſchenpiſtolen. Tief und lange hol⸗ er* ten die beiden Nachfolger des Ulyſſes Athem, der ihnen er † in ihrem trojaniſchen Roſſesbauche gemangelt hatte, und 6 wie auf Seidenſchuhen ſchlichen ſie dem nahen Gewölbe n zu, das zu dem ſchweren Eichenthore den Weg bildete. 16 Die erſte Pforte ſicherte nur ein leicht bewegter Riegel⸗ it aber die zweite und äußerſte hielten eiſerne Sperrbalken verſchloſſen und ein großes Hangſchloß verband die ge⸗ e⸗ kreuzten Riegel. ie Die grünglaſige Laterne warf gerade Licht genug te herab, um die Diebsgeſchicklichkeit nicht in Verlegenheit in zu bringen. Ein Dietrich, von gewandter Hand gedreht, re. öffnete das maſſive Schloß von deutſcher Arbeit und ohne f⸗ engliſche Kunſt gefertigt; bei dem Abheben der Sperr⸗ ⸗* ſtangen von ihrem Haken verſah es aber der kleine eil⸗ n fertige Schneckenjäger, und die Stange glitt aus ſeiner es Hand und ſchlug praſſelnd nieder. Erſchrocken und kein Glied regend ſtanden die beiden Nachtſöhne ſogleich dicht ———— 282 an den Wänden wie lebloſe Bildſäulen, ſchlau den Er⸗ folg erwartend, als das Fenſter über ihnen knarrte und der unglückliche Jäger ſein: Wer da? herunterrief und drollig hinzufügte: Spukt Er, Herr Fabian, oder hat Er Wolfsgebell mit dem Hahngeſchrei verwechſelt? Es war des armen Burſchen letztes Scherzwort hienie⸗ den, denn der ſchmale Baſt hatte vorſichtig und leiſe ſein Schießrohr geſpannt, und da er jetzt losbrannte, ſchlug der Schuß mitten in das Geſicht des Wächters, und er ſagte fürderhin kein Wort mehr. Auf den los⸗ gebrannten Schuß entſtand ſofort draußen ein wildes Gejohle; der Hauptmann, höchlichſt beunruhigt, ſchoß ſein Gewehr ab, und ſeine Stimme ward laut wie Lö⸗ wenzorn und ſein Fußtritt donnerte gegen das Thor. Seine Beſorgniß ging ſchnell zu Ende, denn mit ver⸗ doppelter Kraft und Eile hatten, von der eigenen Ge⸗ fahr geſpornt, ſeine Helfer inwendig die Riegel fortge⸗ hoben, die ſchweren Flügel drehten ſich auf und herein wälzte ſich das Heer ſchrecklicher Gäſte wie ein über⸗ ſchwemmender Waldſtrom, welcher Wieſe und Aecker und Dorf verſchlingt im Sekundenfluge des Gedankens. Der Fritz und die Mutter Zunderdai marſchirten an der Spitze. Mit der Umſicht eines klugen Heerführers ſuchte der Hauptmann zuerſt das Freie des Hofes zu gewinnen, doch blieben an jedem Eingange Schildwachen zurück, die mit den Außenwachen, welche ſich rings um das Achteck der Mauer verbreitet hatten, durch öſteren pe⸗ riodiſchen Zuruf eine ſtete Verbindung unterhalten muß⸗ ten. Das Hauptcorps ſtellte ſich jetzt auf im Hofe; man zündete im Nu eine Menge Fackeln und Windlichter an und vertheilte ſich dann zu Drei und Drei, um die Thüren im Schloſſe zugleich zu ſprengen, die Verthei⸗ 283 r⸗ digung dadurch fruchtlos zu machen und von allen Sei⸗ nd ten mit ſtürmiſchem Eindrange die Bewohner niederzu⸗ nd ſchmettern. at Dem jungen Baumeiſter kein Haar gekrümmt, oder Es ihr werdet ein Braten des Teufels vor Tage! hört das ie⸗ noch einmal; die bleiche Frau darin hier zu der Mutter iſe gebracht, den Schloßherrn zu mir, wo ihr ſie findet; te, Habe und Gut nehmt, ſo viel ihr tragen könnt! und s, ſo darauf in des ſchwarzen Freijägers Namen! Alſo s⸗ 1 commandirte der Diebsgeneral, und wie auf Flügeln es der hölliſchen Geiſter, denen ſie Alle längſt verfallen oß waren, flogen die finſtern Zunftgenoſſen rechts und links ö⸗ an die Arbeit, mit den flackernden Windlichtern in den Händen den Furien der Alten nicht unähnlich. r⸗ Der Anführer, der den Commandoſtab, das unge⸗ e⸗ heure Brecheiſen, trug, forcirte den Haupteingang in e⸗* das neue Gebäude, doch fand er die Thüre ſo wohl in verwahrt, daß er mit ſeinen Geſellen keine leichte Ar⸗ r⸗ beit bekam. Glücklicher war die Rotte des Heidenpeters: d durch eine Seitenthüre und ein Fenſter gelangten ſie 2 bald in den Flügel, durchſtöberten das leere Unterhaus, e. trafen oben auf das Schloßfräulein, und wie es ihnen r bei der Verfolgung dieſer flüchtigen Gazelle erging, haben 1, wir ſchon im vorhergehenden Abſchnitte erfahren. Die * zweite Kugel, welche Serenus den erbärmlichen Geſel⸗ ihrem wohlverſtändlichen Geziſche ſo lange nach, bis die Jurcht die beiden flüchtigen Diebe unten auf dem Vor⸗ . platze dem Räuber Friedrich entgegenwarf, der eben über die mit dem Rennbaume eingeſtoßene Hausthüre herein⸗ e ſtieg. ⸗ Was flüchtet ihr? wer warf euch? wer hat geſchoſ⸗ 8 len des erſchoſſenen Heidenpeters nachjagte, wirkte mit ſen? Mit dieſen dreifachen Zornfragen fuhr ihnen ihr Herr entgegen, und ſeine Hand warf die bleichen Pol⸗ trons, die auf ihn geſtolpert, rechts und links zur Seite, wie der Polenbär die Hatzhunde wirft. Schützt Euch, Fritz! rief der Eine zur Antwort auf den groben Empfang. Sie ſind wach dort oben und haben Licht und Gewehr. Der Herr hat dem Heiden⸗ peter in's Geſicht gebrannt, daß er nimmer den Mond ſieht, und das Frauenzimmer iſt bei ihm und hat das ganze Haus wach geſchrieen. Joſephine und er! brüllte der Hauptmann. Und wo geht's hinauf zu ihnen? Die furchtſamen Burſchen zeig⸗ ten die Treppe, welche Gaiſer ſogleich hinanſtieg, von ſeinen Wackerſten begleitet. Aber was erblickten ſie, als ſie oben ankamen? Das hingefallene Windlicht des Heidenpeters hatte einen wurmſtichigen Schrank voll alter Papiere berührt und die Flamme den Nahrungszunder ſchnell gefaßtz Brennmaterial, für den Winter geſammelt, befand ſich im nächſten Bodenraume; die Zugluft der offenen Gang⸗ fenſter förderte den Brand, der ſchnell die Erker ergriff, durch den Sturm draußen auf das alte Schloß gewor⸗ fen ward und mit unbegreiflicher Schnelle das ehrwür⸗ dige Gebäude, welches mehreren Jahrhunderten Trotz geboten hatte, anfraß. Dicker Qualm, durch den die rothen Flammen zün⸗ gelten, quoll den Räubern entgegen, nur der Hauptmann drang einige Schritte hinein und ſchrie dabei: Rettet ſie, rettet mein Weib! Der Böſewicht will ſeiner Bü⸗ berei die Krone aufſetzen, indem er ſie mit ſich tödtet und mir die Rache und den Preis zugleich entwendet! Aber das unbezwinglichſte und furchtbarſte der Elemente hr ⸗ te, uf nd n⸗ nd as g⸗ on 1s tte hrt t; ich g⸗ ff⸗ or⸗ ür⸗ in⸗ nn tet zü⸗ tet et! 285 ſetzte ſchnell ſeiner Stärke wie ſeiner Tollheit ein Ziel, und zurück mußte er, wollte er anders nicht erſticken. Da rief einer von des Hauptmanns Geſellen, der vor dem Qualme ſich an ein Fenſter geflüchtet hatte: Trügt mich der ſchwache Sternſchein nicht, ſo fliehen ſie da unten über den innern Hof. Dort am Eckſteine flat⸗ tert ein weißes Kleid im Winde und daneben ſchlüpft eine ſchwarze Figur um den dicken Tragpfeiler! Hinab! wüthete der Hauptmann. Wer ſie mir haſcht, dem ſtehle ich eine Königskaſſe! aber lebendig, lebendig müßt ihr mir das Tigerthier liefern! Flüchtiger als die Rotte Korah hinaufgeſprungen war, ſtürmte ſie jetzt hinunter, und hier fand ſich des Führers Wunſch zur Hälfte ſchon erfüllt, denn an der Pforte des Hauſes brüllte der feiſte Fabian wie ein geſchlagener Pfingſtſtier in ſeinem Blute, und der Baron wurde mit blutrünſtigem Antlitz eben in den Hof geſchleppt, indem er ſich gegen zwei menſchliche Ungeheuer noch immer wehrte und mit ſeinem zerſplitterten Stoßdegen ihnen zu ſchaden ſuchte. Kennſt Du mich, Bube? ſchrie der Räuber Fritz fürch⸗ terlich, indem er ein Windlicht ergriff und mit ihm dicht vor den erblichenen Schloßherrn hintrat. Kennſt Du den Fritz, den Dein jeſuitiſcher Lügenſinn zu den Straßen⸗ räubern hinausjagte, und der jetzt kam, ſein Erbe und ſeinen Vaterſegen von Dir zu fordern? Der Baron ſtarrte einige Sekunden in das braune⸗ wüſte Geſicht, als aber die Erinnerung ihm die Fami⸗ lienzüge immer mehr verdeutlichte, als er den Neffen nicht mehr verkennen konnte, da ſank ihm Beſonnenheit und Muth und Trotz in dieſer Gefahr, die für ſein Gewiſſen jetzt den entſetzlichſten Charakter annahm; der Degen enifiel ſeiner erſtarrten Hand und Todeskälte deckte ſeine Marmorwangen. Da erblickte der Räuber das Blut an der Stirne des Gefangenen. Welcher Schurke hat das gewagt? fragte er grimmig. Welche Bubenhand hat nach ihm gegriffen, deſſen Leib ganz meine Beute bleiben ſollte, ſo wie ſeine Seele längſt ganz dem Satan gehört? Kerls! was hatte ich befohlen, was geſchworen? Er ſtieß mir den ſpitzen Degen durch den Arm, ant⸗ wortete mürriſch der Taigmaul; da bleibe der Henker gelaſſen! Ich ſchlug ihm dafür mit der Kolbe Degen und Vogelnaſe entzwei, und das von Rechtswegen nach unſerer Manier. Dein Glück, daß der Schlag nicht an's Leben ging⸗ fuhr der Hauptmann ein auf ihn, denn der da ſoll nicht ehrlich ſterben, hat er gleich Seele und Seligkeit daran geſetzt, ſich hier unten gut und bequem zu betten. Menſch, donnerte er in des Barons Ohren, deſſen Lippen im Willen zu reden bebten, deſſen Vertheidigung und Gna⸗ denbitte indeß nicht auf den Mund wollte, Menſch, Du haſt Dein eigen Blut, den letzten Erben Deiner Väter dahin gebracht, daß jeder Tag ihn führen kann zu Gal⸗ gen und Rad. So ſollſt Du denn vorangehen in den nämlichen Tod, den Du Deinem Neffen bereitet haſt. Erſt ſprich: wo iſt Joſephine? Liefere ſie aus, oder ich brate Dich im Feuer Deines Schloſſes mit Kannibalen⸗ grimm. Liefere ſie aus! Und dann⸗ Geſellen, eingepackt, was leicht zu ſchleppen iſt, und mit dieſem zum Hoch⸗ gerichte am Gebirge; da wollen auch wir einmal einen Henkerſabbath halten, daß morgen die ehrlichen Leute ſich verwundern mögen, wenn ſie dieſen hochgeborenen Edelmann hochgeſtorben am Dreibeine baumelnd finden. — ———, —— „„—— — — te Der Baron ſchrack ſichtlich zuſammen, als der mit⸗ ternächtige Gerichtsherr über Tod und Leben ſein Ur⸗ ie theil ansſprach; ſeine Kniee ſchlotterten und er drehte den Kopf nach allen Seiten, als ſuche er Hülfe, die ihm m ſo fern lag, und von den Thiermenſchen, die ihn um⸗ e, ſtanden, nimmer kommen konnte. Da trat unerwartet t2 eine neue Scene in das zu Ende laufende Trauerſpicl. Der Brand hatte mit den rothen Glutarmen fürch⸗ t⸗ terlich ſchnell um ſich gegriffen; ſchon praſſelten jenſeits er Balken nieder, und jetzt wurde auch der dießſeitige Hof en wie mit ſchwefelgelbem Tageslichte erleuchtet, und das ch Spitzdach des alten Schloſſes fuhr wie eine breite Fackel in Lohe auf. Aber mit Schrecken und Staunen ſahen g alle eine weiße Frauengeſtalt in einem der hohen Spitz⸗ cht fenſter erſcheinen, in der Rauchwolke, welche ſie hervor⸗ an zutragen ſchien, einem geiſtigen Weſen zwiefach äbnlich. ch, Fritz, rief ſie mit Angſtgeſchrei, Deine Stimme ruft im mich. Mein Sohn hat Dich hergeladen; Du biſt da, a⸗ Du biſt da! O rette, rette! Ich verbrenne! Du Alle ſtarrten aufwärts zu der Schreienden, und die ter alte Zunderdai ſchrie kreiſchend: Sie iſt es ſelbſt! Mein al⸗ Finchen iſt's! Hilf, Friedrich, es iſt wahrhaftig Dein den Weib! aſt. Aus ſeiner erſten Erſtarrung fuhr der Räuber em⸗ ich por. Leitern her! donnerte ſeine Stimme in die plötz⸗ en⸗ liche Verwirrung. Betten und Heu unter das Fenſter! ckt, Sprengt die Thüren! Klettert wie Katzen hinauf! Ver⸗ och⸗ zage nicht, Joſephine! Ich komme ſelbſt zu Dir hinauf! nen Aber die Unglückliche achtete nicht auf ſein Troſtwort. ute Todesfurcht und Freude zuſammen warfen ſie in die Wirbel des Wahnſinnes. Du biſt da! rief ſie. Mein nen Friedrich iſt endlich gekommen! Ich muß zu Dir! Die en. 288 Flammekgreift nach mir; der Rauch erſtickt mich. Fried⸗ rich, fange mich auf in Deine Arme, ich muß ja hin⸗ unter zu Dir! Und ſie ſprang aus dem Fenſter, und ehe der Räuber zu ihr hinſtürzen konnte, lag ſie ſchon vor ſeinen Füßen auf dem rauhen Steinpflaſter. Selbſt dem roheſten der Geſellen fuhr der Schlag durch Mark und Gebein, und die Lage der Herabgeſprungenen, das leichte Zucken der Gliedmaßen, der röchelnde Athem zeigte deut⸗ lich an, daß ihr Genick gebrochen und es aus ſey mit ihr für dieſes Leben. Mit gräßlichem Wehgeheul warf ſich die alte Zunderdai über den zerbrochenen Körper, der lange Friedrich ſtand daneben regungslos, einer Bild⸗ ſäule gleich, mit hervorquellenden Augen, und der Baron war in die Kniee geſunken: keine Rettung gab es ja nun für ihn, und gichteriſche Zuckungen ſchrieben ſeine Ge⸗ fühle mit ſcharfen Zügen ihm auf das Angeſicht. Verdächtig laut wurde es jetzt außerhalb der Burg⸗ mauer; Schuß fiel auf Schuß, eine Menge Stimmen erwachten plötzlich im Felde, und ein Diebsgenoß, dem die Angſt auf den Wangen zu leſen, eilte vom Thore heran: Rette ſich, wer kann! ſtöhnte er. Die Landreiter und Tauſende vom Bauernvolke ſind da. Wir ſind um⸗ zingelt und Pardon iſt nicht zu finden! Da erwachte der Hauptmann, und eine Glut, röther und fürchterlicher wie die Feuersbrunſt über ihm, flog ſeine braune Stirne hinan. Eine Streifwache wird's ſeyn, die der Haſe in der Finſterniß tauſendfach gezählt, entgegnete er. Hinaus, Joſt und Taigmaul, ſammelt die Mannſchaft! Rücken an die Mauer! Breit aus ein⸗ ander die Leute! Nicht in das Blinde geſchoſſen, die Kugeln für die Nähe geſpart; Lärm gemacht, als wären wir zu Hunderten! Faſſet die Reiter ſcharf, der Bauer e 8—. er og s lt, elt in⸗ die en er 289 wagt ſich ſo nicht heran! Ich bin in einer Minute bei euch und bringe euch ſelbſt hindurch. Und ſo drehte er ſich, ſuchte mit Pardelblicken den Schloßherrn heraus aus dem tumultuariſchen Haufen, war mit Blitzesſchnelle auch ſchon vor ihm und riß ihn rieſenſtark an der Schulter auf vom Boden, ihn in der Schwebe haltend über der Erde. Meineſt Du, Dich nähmen die Retter aus meiner Fauſt? fragte er hohnlachend wie ein verzweifelter Teufel. Was man ſo lange geſucht, wie ich Dich, was man ſo mit Sehnſucht geliebt, wie ich den Durſt nach Dir, das gibt man, gefunden, nicht wieder in des Zufalls Windſtrich. Ich hatte Dir ein anderes Bett zugedacht als neben dieſer Geopferten, doch der Satan iſt Dir gnädiger als ich und ſchenkt Dir einen Soldatentod, den Du nimmer verdient haſt. So fahre zur Hölle, Du zweiköpfiges Un⸗ geheuer und erwarte mich dort als Deinen Ankläger. MWit einem freudigen Gejauchze ließ er ihn fallen zur Erde, ſchwang mächtig das ſchwere Brecheiſen durch die Luft, daß es ſauſend niederſchlug und die Scheitel des ſchon halbtodten Barons zerſplitterte, daß ſein Blut und Hirn verſpritzte über die Mordgeſellen. Ein wildes Bravo ertönte aus den rohen Kehlen zu ihres Blut⸗ meiſters Ruhm. Fahre hin, Fourierſchütz, und beſtelle gut Quartier, ſprach dieſer dumpf und ſchritt fort zum Schloſſe hinaus, dem Kampfe entgegen. Draußen ſtand jedoch die Sache ſchlimmer, als die kecken Burſchen vermuthet hatten. Eine Menge Land⸗ reiter trabten mit blankem Gewehre durch die Felder, um die Flüchtigen einzufangen; ein Kreis von Schützen hielt die Straße vom Schloßthore verſperrt, und viele Rotten bewaffneter Bauern ſtrömten auf allen Fußſteigen her zur Burg. Dazu läuteten überall die Sturmglocken der Blumenhagen. XVI. 19 290 Dörfer und machten das Entſpringen für die verbre⸗ cheriſche Rotte gefahrvoller. Kaum hatte der lange Fritz von ſeinen Vorpoſten die nöthigen Rapports vernommen⸗ ſo war auch ſein Plan gemacht. Alle rief die Diebsparole, die nur die Seinigen verſtanden, zuſammen, einen Phalanx ließ er formiren nach Sparter Art, ein Halbdutzend der Schwächſten mit den geraubten Effekten wurde in die Mitte gebracht, und ſo begann die Bande einen Seitenmarſch, ſich durch⸗ ſchlagend zu einem Fluſſe, deſſen Furt ſie kannten, und wo jenſeits Buſch und Moor Gelegenheit zur einzelnen Flucht darbot. Aber nicht weniger gewandt waren die Wachtmeiſter, welche ihre ehrlichen Feinde befehligten. Kaum hatten dieſe die Richtung der Flucht entdeckt, ſo ſprengten die vereinigten Reiter theils ihnen nach, theils auf Seitenbögen ihnen vorüber. Ihr allgemeiner Angriff that die ſchnellſte Wirkung, wenn auch Mehrere dabei durch die Schüſſe der Räuber ſchwere Wunden erhielten. Bald war der größte Theil der Bande niedergeſäbelt oder gefangen, nur dem Hauptmanne gelang es, den Fluß zu erreichen, doch für ihn zum Unglück an ſeiner reißendſten Stelle. Umdrängt, und nachdem er Büchſe und Säbel verloren, wehrte er ſich noch mit ſeinem kurzen Meſſer, machte ſich Raum durch einige kräftige Stöße und benutzte die gewonnene Sekunde, ſich hinab in den Fluß zu ſtürzen. Aber auch ſein Schickſal ſollte heute entſchieden werden. Statt, wie er gehofft, ſich von den rettenden Kühlungswellen umſpielt zu fühlen, ſah er ſich in ein großes Fiſchnetz verwickelt, welches die uferbewohner am Abend zwiſchen Weidenbäume und ſtarke Stangen ausgeſpannt hatten. Seine Verfolger erblickten, da einige Fackelträger ſich genahet, bald den wichtigen it ei n. elt er hſe m e ab Ute on ah die rke en⸗ en 291 Fang, ſich wälzend im ſtarken Stricknetz. Eifrig ſprangen ſie am ſteilen Ufer hinunter, zogen die Seile zu ſich, mußten aber ihre Hoffnung nur halb erfüllt ſehen, denn nichts als eine blutende Leiche erbeuteten ſie: der Räuber Gaiſer hatte ſein getreues Meſſer gegen ſich ſelbſt ge⸗ richtet, Hals und Herz mit ſicherer Hand durchſchnitten, und ſo ſich aller ihm von Hunderten angewünſchten und verdienten Qualen entriſſen. Mit bleichem, wortloſen Erſtaunen trug man die wichtige Beute auf das Ufer, und Soldaten und Fiſcher umſtanden den todten Gegner mit ſcheuen Geſichtern, den Feind, der durch ſein Ende noch gezeigt, welche gefahrvolle Geißel er dem ſchwachen, friedſamen Landbewohner geweſen ſeyn mußte. Das regenſchwere Nachtgewölk ballie ſich in graue, luftige Ungethüme zuſammen; der friſche Oſtwind wälzte es vor ſich her, und blutroth ſtieg die Sonne langſam auf am Horizonte, als wäre ſie mit befleckt worden durch die Gräuel der letzten Nacht, und als ſchäme ſie ſich der undankbaren Bewohner ihres vom Schöpfer mit Segen überſchütteten Wunderreiches. Die thätigen Landleute hatten bereits den Brand des Schloſſes gelöſcht und den größten Theil der Gebäude gerettet. Der ſchwerverwundete Fabian ſaß auf dem be⸗ quemen Sorgenſtuhle wohlverbunden in der Geſindeſtube, wohin man auch die Leichen des Barons, der unglück⸗ lichen Joſephine und des Jägerburſchen getragen hatte. Die gefangenen Spitzbuben, von denen nur die Altmutter entkommen war, wurden in dem Thurme bewacht, und die von ihnen wiedergewonnenen Sachen lagen in der Vorhalle unter der Obhut eines bärtigen Dragoners, 292 als in einer Chaiſe der Juſtizmann und der Candidat, die geſtern hier geweſen, und mit ihnen der Comman⸗ dant der Gensdarmerie vom nächſten Städtchen eintrafen. Des Geiſtlichen erſte Frage geſchah nach dem Baumeiſter Frank, die zweite nach dem Fräulein, und ſein Schauer über den Anblick der gehäuften Leichen ward in Entſetzen verwandelt, als Niemand Rachricht von Beiden zu geben vermochte, Niemand ſie in der Nacht, wie am Morgen, geſehen haben wollte. Da ſtürzte die junge Magd, die wir vom zweiten Kapitel her kennen, in das Zimmer und ſchrie und bat um Hülfe für ihre Herrſchaft, die in der Brandruine verſchüttet und dem Tode gar nahe ſey. Die treue Dirne hatte das Glück gehabt, bei dem Ein⸗ bruche, deſſen Gelärm ſie erweckte, unbemerkt von den Räubern ſich aus einem Fenſter in den Garten zu retten⸗ und in ſeinem tiefſten Gebüſch unter dichtes Lerchengehölz ſich zu verbergen. Sie allein hatte am frühen Morgen ſogleich der jungen Herrin gedacht und überall ihr nach⸗ geforſcht. Ein in der Gegend der Kapelle gefundenes Tuch brachte ſie auf die Spur, und indem ſie die Brandſtätte umging, traf ein ſchwacher Ton von Serenus Stimme ihr horchendes Ohr. Bald erblickte ſie ſeinen Arm, her⸗ vorgeſtreckt durch das Gitter des Grabfenſters, und ver⸗ ſtand ſeinen Hülferuf für die dem Tode nahe Geliebte. Wer nur in der Burg geſunde Arme haite, eilte ſo⸗ gleich zu dem angezeigten Platze, und Hunderte ſtrengten die verbundene Kraft an, den Schutt fortzuräumen, das Mauerwerk zu ſprengen und das junge Paar aus ſeiner gefährlichen Lage zu befreien. Es gelang: bald lag die von Angſt und Mangel der Luft beſinnungslos gewor⸗ dene Albina in der reinen Morgenfriſche auf einer Bank des Gartens, und Serenus, bleich und erſchöpft, beugte ,—— 293 ſich mit Trauerblicken über ſie und mühete ſich zugleich mit den Bekannten, ſie durch alle vorhandenen Mittel in das Leben zurückzurufen. Sie ſchlug das ſchöne Auge aufz der Schrecken der Erinnerung faßte ſie auf's Neue bei der Menge fremder Geſtalten, krampfig umſchlangen ihre Arme Serenus Hals, und ſie ſtammelte angſtvoll: Sie ſind ſchon wieder da! O rette mich nochmals, mein theurer Serenus! Das ſchönſte Roth der Beſchämung und Jungfräu⸗ lichkeit färbte zwar Buſen und Wangen des Mädchens, da es jetzt ſeinen Irrthum wahrnahm, aber Albinens Neigung war durch die Schickſale dieſer Nacht ſo er⸗ kräftigt worden, daß ſie alle Scheu abwarf und ihren Retter öffentlich für den Mann ihres Herzens, für ihren Bräutigam erklärte. Mit Schauder hörte Serenus die Schickſale jener Menſchen, welche ihm ſo nahe angehört hatten, wenn auch Niemand ſeine Verhältniſſe zu ihnen ahnte. Um ſeinem Gewiſſen Genüge zu thun, entdeckte er ſich dem jungen Prieſter, und dieſer zuſammt Albinen riethen ihm, die Geheimniſſe der Todten mit ihnen in die Gräber zu verſenken, da nirgend ein Nutzen, ſon⸗ dern nur Verwirrung und Schaden aus der Enthüllung entſtehen mußte. Hat der ſchlechte Ohm Dich um Dein Erbtheil be⸗ ſtohlen, ſprach die holde Braut zu ihm, ſo empfängſt Du Alles durch mich zurück, denn der Juſtizrath hat mir ſchon als Erbin Gratulation abgeſtattet, und ich bin für ewig Dein mit Herz, Leben und Habe, Dein, Du guter, getreuer Menſch, der mein Schutzengel war, und ohne den ich in dieſer Nacht Tod oder gar mehr als Tod, mehr als Hölle hätte erdulden können. Was weiter geſchah, erräth der Leſer ſchon ſelbſt. Die ſchöne Albina beſchleunigte mit Hülfe der Freunde die Regulirung ihrer Angelegenheiten. Sie verkaufte das halbzerſtörte Rittergut, um den böſeſten Erinnerungen ihres Lebens zu entfliehen. Mit dem Gemahle zog ſie in das ſchöne Baierland zurück, und jenes herrliche Berg⸗ thal, wo ihre Vorfahren gelebt, wurde die Wiege ihres neuen, ſchuldloſen, ungetrübten Glückes. Nur einen böſen Lebenstag hatte Serenus noch, als er einſt eine ſteinalte, zerlumpte Bettlerin krank und ohnmächtig hin⸗ geſunken an dem Gitterthore ſeines Landhauſes fand, und in ihr mit Entſetzen Zunderdai, die Altmutter der. Räuberbande, erkannte. Er ließ ſie in ein Krankenſpital bringen, doch kam ſie nicht zur Beſinnung zurück, und in etwas verſöhnte er ſich mit dem ſtiefmütterlichen Schick⸗ ſale wieder dadurch, daß es ihm vergönnte, die letzten Stunden ſeiner Großmutter milder zu machen und ihr ein ſtilles, ehrliches Grab zu bereiten. O ——, 6 IV. Der dentſche Helot. Erzählung. — 2 „— Ich bin auch aus dem Himmel, und bin ein verſtoßenes Kind.—“ H. Laube. Tidian war ein Hirte, aber ein Eigenbehöriger. Er beſaß nichts, er war auch ſo eigentlich nichts, denn ſeine Perſon, ſein Blut, ſein Hals galt für Eigenthum ſeines Leibherrn, der ihn ererbt, wie man ein Geräth, ein Kleinod, einen Jagdhund, einen Stier zu ererben pflegt. Man gab ihm ein Kämmerchen über dem Stalle und ein Lager von friſchem Stroh: er fand ſeine Schlafſtelle luftig und doch regendicht, und lobte den Hausmeiſter, welcher das Stroh gehörig wechſeln ließ. Man gab ihm Kleidung aus Schafpelzen oder derbem Rindsleder oder ſchlechtem, jedoch ſtarken Zeug, und er hatte ſeine Freude daran, wenn die Zeit kam, in welcher der Ka⸗ ſtellan die abgeriſſene Tracht mit einer neuen zu tauſchen befahl, und ſtolzirte eitel damit durch Thal und Wald. Sobald die helle Glocke, die über dem Schloßthore hing, läutete, ſo ſetzte er ſich mit den Uebrigen, welche dem Erbherrn leibeigen, im Geſindeſaale an der langen Ei⸗ chentafel nieder und ſchmauste mit Luſt, bis die Schüſſel den blanken Boden zeigte, und bedauerte oftmals die Herrſchaft, der die Speiſung der Leute ein Tüchtiges koſten müſſe. Der junge, ſchlanke, friſche Burſch kannte nicht Kümmerniß, nicht Noth; er dachte nicht weiter, 298 als er ſah; wie es mit ihm war, ſo war's geweſen mit ſeinem Vater und ſeinem Eltervater, ſo mit den übri⸗ gen Dienſtleuten im Schloſſe; ſeine einzige Sorge blieb, daß ihm kein Stück ſeiner Heerde abhanden käme, und wenn die Kloſterglocke Abends mit langſamen, dumpfen Schlägen, die weit in das Thal herunter klangen, zum Gebet mahnte, der Hausmaier die Zahl der eingetriebenen Vließe richtig fände, daß kein Thier durch ſeine Schuld im unvorhergeſehenen Regenwetter oder durch das kalte Bad im Bergbach erkranke, oder gar zwiſchen den Stein⸗ klippen und Felsſchluchten Schaden nähme. Er war ſogar gewöhnt, die Blumen, die er mit Sorgfalt im Walde geſucht, die bunten Federn des Holzhähers oder der Rin⸗ geltaube, welche Vögel er mit ſelbſtgeſchnitzter Armbruſt erlegt und ihren ſchillernden Prunk zum Schmuck ſeiner Kappe ſorgſam geſammelt, nicht als ſein Eigenthum zu betrachten, und hielt geduldig ſtill, wenn des Schloß⸗ herrn Kinder ſie ihm von Bruſt und Haupte rießen; ja als ihm einſtmals das Jünkerchen eines ritterlichen Gaſtes ſogar ſelbſt die Kappe von Iltisfell und Marderpelz vom Kopfe zog und ſie zum eigenen Putz behielt, jammerte ihn freilich die langweilige, nächtliche Mühe, welche er zum Einfangen der liſtigen, flinken Hühnerdiebe ver⸗ wandt, und er trauerte um den hinten herabfallenden rauhen Schweif von ſeltener Schönheit, auf den er vor ſeinen Geſellen ſich etwas gewußt, aber er fand den Raub nicht in der Unordnung, und trachtete geduldig⸗ ihn durch neue, glückliche Fänge zu erſetzen. Der Hirtenſtand gehört auch noch gegenwärtig nicht zu den geachtetſten; die Dorfgemeinde vertraut ſolches Amt meiſtens dem ärmſten und ſchlechteſten ihrer Mit⸗ glieder an und betrachtet ihn und die Seinigen als eine —„—— G nit ri⸗ 299 Art von Paria. Aber gefallen wir uns auch nicht mehr in den faden Träumen von idylliſchen Arkadiern, wie ſie einſt Mode geweſen, ſo liegt dennoch in dem Leben und in dem Geſchäft des Hirten etwas Poetiſches, welches wir nicht wegläugnen können, wenn auch die Erfahrung lehrt, daß die Mehrzahl ſeinesgleichen ſtumpf und roh wie ihre tägliche Geſellſchaft geworden. Gottes weite Natur iſt des Hirten Haus; bequem und unbequem wan⸗ dert er darin umher: bequem, wenn die Jahreszeit lacht und Sternennächte über ſeiner kleinen Hütte oder ſeinem engen Schäferkarren hinziehen; unbequem, wenn es weitert, wenn aus den geöffneten Schleuſen des Him⸗ mels die Wolkenſtröme auf ihn niederrauſchen, wenn der kalte Sturm ſein unſicheres Bett umtobt, wenn der erſte feuchte Schnee ſeine Sohlen kältet. Er ſteht dort auf dem Hügel ſtundenlang, müßig auf ſeinen Stab gelehnt, vor ſich hinſtarrend in todter Gedankenloſigkeit, und ſein Anblick langweilt uns eben ſo ſehr, wie wir ihn von Langeweile gemartert glauben. Dann ſchleicht er mit dem Schneckengange des Faullenzers am Saume der Wieſe oder auf dem Rande der Haidfläche hin, und ſein Tagewerk ſcheint ein verächtliches, denn wir erblicken nichts davon, als dann und wann einen Erdwurf zwi⸗ ſchen die Heerde, mit welcher er dem Hunde, ſeinem ewig getreuen Pylades, den Platz andeutet, wo eine Unordnung entſtanden; ſein langer Tag hat nur zwei anregende Momente: die Stunde, wo er ſeine gehorſame Armee zum Auszuge commandirt, und die, wo er ſie zum Nachtlager treibt. Welch ein Geſchäft für ein We⸗ ſen, in dem eine Menſchenſeele niſtet, einfach und ein⸗ förmig bis zur dürrſten Leere; in ſterilſter Wüſte das Fünkchen Geiſt verlöſchend, was noch etwa vorhanden 300 geweſen, in täglich fortſchreitender Erſchlaffung die Ge⸗ fühlskeime vertrocknend, die der Entfaltung durch die Reize des Lebens geharrt! Eine elende Menſchenvege⸗ tation! Aber dem iſt nicht immer ſo, und der Spruch vom trügenden Schein hier mehr, als man erwarten ſollte, an ſeiner Stelle. Warum fände man ſonſt unter den Hirten ſo häufig die gewitzigſten, aufgeweckteſten Burſchen ihrer Gegend? Warum wären die Hirtenknaben ſonſt meiſtens die munterſten Führer für Reiſende? Treibt doch gerade die einfache Lebensweiſe die Führer der Heer⸗ den zu Betrachtungen, zu Unterhaltungen, die weit über dem Stande hängen, in welchem ſie geboren wurden, auf welche keiner der andern Dörflinge verfallen konnte; drängt gerade dieſe einförmige, ungeſtörte Einſamkeit ſie doch unwiderſtehlich zum innigſten und unmittelbarſten Verkehr mit der Natur, die Jedweden, welcher mit Wärme und Freundlichkeit ſich zu ihr neigt, ihre ſchön⸗ ſten Geheimniſſe aufſchließt. Es liegt nichts im Men⸗ ſchen, auch noch ſo klein und verſteckt, das nicht nach Außen, nach Entwickelung, nach Licht und Luft ſtrebte und triebe; das iſt eben ein Hauptkunſtſtück in der Magie der Natur, daß ſie jedes Unſichtbare ſichtbar macht, den Dunſt als Volke, das Samenkörnchen als Blume, den Kern als Rieſenbaum, den unterirdiſchen Brand als Vulkan. Vor Allem iſt dem Hirten Zeit zum Studium ihrer verſteckten Kräfte, ihrer geheimen Künſte geboten, und er benutzt ſie gar häufig. Iſt nicht mancher Schäfer der berühmteſte Arzt und Chirurg auf ſeiner Flur und heilt Gebrechen, an welchen die erſten Hippokrate zu Schanden wurden? Schnitzelt und künſtelt er nicht Ar⸗ beiten zuſammen, die mit den mittelalterlichen Meiſter⸗ ſtücken der frommen Kloſterbrüder, ſeiner Collegen betreff He⸗ die ge⸗ ten ter ſten ben eibt er⸗ ber en, te; keit ſten mit ön⸗ en⸗ ach bte der cht, ne, als um en, fer nd Ar⸗ er⸗ eff 301 der Einſamkeit und Muße, rivaliſiren dürfen? Und wenn wir nach dem Autor manches kräftigen Volksliedes forſch⸗ ten, das in den Spinnſtuben und am Erntefeſte uns überraſchte, wird nicht gar oft dann der Schäfer ge⸗ nannt? Und da wir uns die Poeſie nun einmal nicht ohne Herzensbewegung zu denken vermögen, auf wie manche zärtliche Scene würden wir ſtoßen unter dem düſtern Ulmenbaume oder am von Dämmerung umflor⸗ ten Rain des ſtillen Angers, zu dem ſich die friſche Schnit⸗ terin auf dem Heimwege mitleidig verlor, hielten wir es der Mühe werth, bäuriſche Dramen aufzuſuchen, und triebe der Hirt nicht Abends meiſt fern von der Heer⸗ ſtraße und in den ungangbarſten Feldfluren. Tidian gehörte zu denen, welche wir eben geſchildert. Es gab keinen freundlichern, ſinnigern, gefälligern Bur⸗ ſchen in Thal und Wald. Jedermann hatte den ſtillen Menſchen gern, und auch in ſeiner Bruſt wohnte nichts Feindſeliges, denn er wünſchte nicht, und Wünſche ent⸗ zweien die Menſchen am öfterſten, weil ſie leichtlich in fremde Grenzen greifen. Er kannte jede Blume des Ge⸗ birgs, kannte jedes Heilkraut und jede Giftwurzel durch den lockenden oder abſtoßenden Inſtinkt ſeiner Thiere, und obgleich er jung, riefen die Ackersleute ihn dennoch lieber zum Krankenbett der Ihrigen, als den mürriſchen Bruder Medicus des Hagenroder Kloſters. Aber er kannte auch die Zeichen der Veränderungen in den überirdiſchen Reichen; der Jäger, welcher an ſeiner Heerde früh Mor⸗ gens hinſtrich, forſchte bei ihm, ob der Tag gut bleiben würde zum Waidwerk, und der Graf im Schloß ſetzte keinen Ritt, keine Reiſe an, bevor er nicht mit dem* jungen Schäferknecht Rath gepflogen. Tidian war ſtolz darauf, doch ſchadete das ſeiner kindlichen Frömmigkeit 302 nicht, und wenn er Nachts auf der kahlen Klippe ſaß und ſein helles Auge an den goldenen Sternen hing, die ihm alle bekannt wie freundliche Geſpielen, ſo hob ſich ſeine Bruſt oft hoch, er dachte ſich ein anderes, gar herrliches Leben, deſſen Schauplatz der große, ſo maje⸗ ſtätiſch erleuchtete Sternenſaal ſeyn müſſe, und freute ſich darauf, ohne ſich aber in ſeiner Zufriedenheit dar⸗ nach zu ſehnen, und wer ſeine brünſtigen, aus eigenem Gefühl gleich jungfräulichem, unberührten Felſenquell hervorſprudelnden, keiner fremden Zunge mechaniſch nach⸗ nachgeplapperten Dankgebete für das, was ihm gegeben⸗ angehört, hätte ihn für einen Auserwählten auf Erden, für einen an Reichthum und Standeshöhe Ausgezeichne⸗ ten und Bevorrechteten halten müſſen. Tidian war eine Waiſe. Sein Vater war an den Folgen einer Züchtigung zu Grunde gegangen, welche an ihm auf Befehl des alten Leibherrn barmherzigkeitslos vollzogen worden, weil er das erhitzte Leibroß deſſelben zu früh zum kühlen Trinkteiche geführt und dem edeln Geſchöpf ein Bruſtübel verurſacht. Seine Mutter war in den tiefen Schluchten eines nicht fernen Klippenthales verunglückt, als die Schloßfrau ſie in einer finſtern Herbſtnacht zur nächſten Stadt geſchickt, um für ein Feſt, welches Tages darauf ſpät eingekehrten Gäſten pereitet werden mußte, im ſchwerbeladenen Tragkorbe das Nöthige herbeizuſchaffen. Die Botin kehrte nicht zur Burg, unbegraben lag ſie irgendwo, wenn der Wald ſie nicht mit ſeinem fal⸗ lenden, weichen Herbſtlaube zugedeckt, und im Schloſſe hörte der Knabe ſtatt des Trauerſermons ſie eine Un⸗ geſchickte und Pflichtvergeſſene ſchelten. Aber ſein Ge⸗ müth ward von beiden Begebenheiten wenig berührt, —z————— ſaß ng, hob gar aje⸗ ute ar⸗ em uell ach⸗ ben, en, hne⸗ den che slos lben deln rin ales ſtern ein iſten orbe lag fal⸗ loſſe Ge⸗ ihrt, 303 denn es war ja der Herr, welcher den Vater hatte züch⸗ tigen laſſen; es war die Erbfrau, welche auf die todte Mutter ſchalt, und Beider Wille war die höchſte Inſtanz in der ganzen Grafſchaft. Er vermißte auch nicht viel durch dieſe Verluſte, denn der Hausmeiſter wußte den täglichen Frohndienſt ſo geſchickt zu berechnen, daß die Halseigenen nichts übrig behielten von den ſchönen Got⸗ tesſtunden, als die Friſt zum beſchleunigten Mahle und zum kurzgemeſſenen Schlafe, und was ſie in Schmerz geboren und in Freude am Licht geſehen, dem zur Für⸗ ſorge überlaſſen mußten, der die Lilie auf dem Felde kleidet und ohne den kein Sperling vom Dache fällt. Aber auch Tidians Lebensfrühling kam, wo des Blu⸗ tes Wellen gleich eisbefreiten Bächen ſchneller ſtrömen und die Knoſpe Leidenſchaft ſich mächtig regt und die Schollen ſpaltend durchdringt, welche ſie banden und drückten; wo ein räthſelhaftes Begehren nach unbekann⸗ tem Gut Schatzgräberei treibt, die Einſamkeit auch den Geduldigſten beängſtet, und der Bibelſpruch: Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey! mit ſeiner Gottesſtimme den Schlummernden weckt, daß er emſig der Bedeutung des räthſelhaften Wortes nachforſcht, und wenn ſie ihm klar geworden, nach dem Weſen ſucht, welches ſein Pa⸗ radies wohnlicher zu machen beſtimmt ſeyn möchte. Auch Tidian ſchaute um ſich, und es bedurfte keines Blickes in weite Ferne. Viele Mädchen der Gegend ſam⸗ melten rothe und ſchwarze Beeren im Walde zur Som⸗ merszeit, oder ſchnitten Stäbe vom ſchlanken Holz für des Vaters Werkſtatt am Flüßchen, das im Thale hin⸗ rauſchte, oder füllten ihre Körbe mit weichem Felsmooſe für die Schlafſtätten. Alle hatten freundliche Augen und herziges Wort, wenn ſie in die Nähe des friſchen, roth⸗ 304 wangigen Schäfers kamen, der ihnen munter half bei ihrem Geſchäft und die Zeit mit netten Liedern vertrieb; aber die anmuthigſte und ſchlankſte von ihnen, Zilla nannten die Gefährtinnen die Jungfrau, kam am öfterſten in die Gegend, wo er die Heerde bewachte, weilte am längſten, wo der ſchöne Hirte ſaß, und wenn der Ton ſeiner Schalmei klang, wußte ſie ſich immer durch Buſch und Dorn zu ihm zu finden und ſcheute den gefährlichen Klippenſteig nicht, tönte jenſeits der lockende, bekannte Liebesruf.. Eine andere, fremde Welt entfaltete ſich ſeitdem für den armen Tidian, obgleich ihre verführeriſchen Schätze auch dann noch ſeiner Ahnung entgingen. Wie jeder tägliche Umgang ſeinen Eindruck nirgend verfehlt, ſo war auch er im Kreiſe der ſtillen harmloſen Thiere, welche er hütete, milde und ſanft geblieben; ſelbſt die wärmſte und mächtigſte aller Leidenſchaften regte ihn nur freund⸗ lich auf, und wenn Zilla neben ihm im Graſe ſaß, ließ es nicht einmal, als wenn Bruder und Schweſter kosten, nein, es war der Zwieſprach, die Traulichkeit, der Scherz zweier Schweſtern, welche der Einklang der Seelen in die Einſamkeit getrieben, um ungeftört ihre Gedanken und Empfindungen tauſchen zu können. Der ſchönſte Sommer im ſchönſten Thale des Harzgebirges begün⸗ ſtigte den frommen Bund, den dieſe kindlichen Menſchen geſchloſſen, und die reizenden Umgebungen verſchönerten ihre Stunden, die ſämmtlich Feierſtunden geworden, ſie mochten Hand in Hand auf dem grünen Sammetanger ſitzen, durch den die Selke ſich ihre ſchlängelnde Bahn gebrochen, oder getrennt der geſtrigen Scherze geden⸗ ken und ſich auf die morgenden zum Voraus freuen. In ihrem Paradieſe wuchs wohl auch der Baum der y——„,————— ℳ— ————+ ——,— 305 Erkenntniß, aber er trug noch keine Giftfrucht, die ihr Verlangen hätte reizen können, dennoch konnte der Duft ſeiner Blüthen ihnen nicht lange unbemerkbar bleiben. Tidian wußte ſich anfangs kaum in ſeine neue Se⸗ ligkeit zu finden. Statt ſeines ſtummen Freundes, eines rauhhaarigen mächtigen Hundes, den er Wolfszahn ge⸗ nannt, da der mit Keule und Meſſer wohlbewehrte Gebirgshirt von ihm utterſtützt manches Raubthier ab⸗ getrieben oder gar erlegt hatte, war ihm wie vom Him⸗ mel ſelbſt eine Geſellin geſchickt, die ihm Antwort gab, mit der er nicht durch Zeichen ſich zu verſtändigen nöthig, die ihm erzählte von ihrem Leben im freiliegenden Dorf, und Bilder in ſeiner Seele erleuchtete, deren früheres Daſein ihm bewußt war, die er aber niemals beachtet hatte. Den Sommer hindurch liefen ihm die Tage ſchnell genug vorüber, denn er hatte zu bauen an Lau⸗ ben und Schattenſitzen hie und da, wo die ihm anbe⸗ fohlenen Weideplätze wechſelten, aber als die Tage kürzer wurden, kamen die erſten Sorgen und Bedenken. Wie ſollte es werden, wenn das Laub gefallen, wenn Waſſer⸗ ſtürze die Thäler ungangbar machten, wenn Eis und Schnee die ganze Gegend vergrub, wenn die Heerde in den Ställen verſchloſſen blieb, und die ſommerlichen Geſchäfte der Mägde zu Ende gingen und ſie daheim bleiben mußten am mütterlichen Herde bei der Spindel und hinter dem Webeſtuhle? War ihm doch, als ſey es nicht mehr möglich, einen Tag zu durchleben, an dem ihm Zilla nicht die Hand gereicht und er mit ihrem wei⸗ chen Flachshaar getändelt. Die Blüthen am Baume der Erkenntniß formten ſich ſchon zum Fruchtkelch. Oben im Schloſſe geſchahen ebenfalls gewichtige Veränderun⸗ Blumenhagen. XvI. 20 306 gen. Der alte Graf ſtarb und wurde in der Kloſter⸗ kirche zur Ahnengruft getragen, und der junge Erbherr, der im Kaiſerheere ſich die Sporen verdient, unter dem alten Seifried Schweppermann die Schlacht bei Ampfin⸗ gen mitgeſchlagen, und Ludwig den Baier auf ſeinem gefährlichen Römerzuge begleitet hatte, ja zu Rom Zeuge der merkwürdigen Taufe ſeines dort geborenen Erbprin⸗ zen geweſen war, kam zurück aus der Fremde und brachte ſein junges Weibſen mit, die er ſich aus dem Kreiſe der Edelfräuleins gewonnen durch Ritterlichkeit und Adel der Geſtalt. Umgewälzt ſchien von da an Alles oben auf dem gewaltigen Falkenſtein. Wo das düſtere, klangloſe Leben des eisgrauen Wittwers mit klöſterlicher Stille gewaltet, lärmte jetzt der Muthwille der Jugend und tobte jetzt der Uebermuth der Genußſucht. Schwärme von Gäſten ſcheuchten den Staub und die Oede aus den Zimmern und Sälen, die ſonſt kaum einmal des Jahres vom Hausmeiſter geöffnet worden, wenn der Herr Be⸗ richt über die Baulichkeiten verlangte. Die Nächte wur⸗ den zum Tage gemacht, und von den Pechpfannen und Fackelkränzen, welche Ritterſpiel, Bankett und Mummen⸗ ſchanz beleuchten mußten, wurden die Rabenſchwärme ausgetrieben, die den hohen Thurm und die Zinnen und Dächer ſo lange als ihr Eigenthum und als die Kolonie ihrer zahlloſen Geſchlechter betrachtet hatten. Graf Burg⸗ hard fand die väterlichen Truhen und Säckel ſo übervoll, daß er es für Pflicht hielt, den Ueberfluß wiederum in die Welt zu ſchwemmen, woher er gekommen, und ſeinem ſchönen Gemahl damit einen geringen Erſatz für das ungeheure Opfer zu erkaufen, freiwillig die Genüſſe einer kaiſerlichen Hofhaltung mit dem Leben in einer einſamen Steinburg vertauſcht zu haben. el oſe Ule nd on en res Be⸗ ur⸗ ind en⸗ me ind nie rg⸗ oll, die rem das iner men 307 So wenig Tidian mit dieſem Feſtleben der Hohen und Edeln in Berührung kam, blieb dennoch der Ein⸗ fluß auf ihn nicht aus. Der Junker, welcher einſt ſich zum Spiele mit ihm herabgelaſſen, ſtand jetzt als ein hochgeſchoſſener, unumſchränkter Herr vor ihm, trat kräf⸗ tig auf, fuhr wie ein Gewaltiger durch alle Winkel der Burg, ſchalt, wetterte und züchtigte, wo die Einſchläfe⸗ rung des ſchlammigen Stromes der Gewohnheit einen Uebelſtand angeſetzt, oder die Altersſchwäche ſeines Vor⸗ gängers das Unkraut Läßigkeit und Eigenwillen hatte erwachſen und reifen laſſen. Der Bedarf des Schloß⸗ lebens war groß und der Graf umſichtig genug, der Zukunft zu gedenken und zu beobachten, daß das tiefſte Schatzkäſtlein einen Boden habe. Tidian dachte zum erſten Male daran, daß der Menſch mehr und ein an⸗ derer werden kann, wenn das Geſchick ihm günſtig und er Willen und Kraft hat, des Geſchickes Gunſt nicht un⸗ genutzt zu laſſen. Die kleinen Früchte am Baume der Erkenntniß rundeten ſich ſchon. Der Erbherr koste frei im Schloſſe mit ſeiner ſchwarz⸗ lockigen Gattin, herzte ſie im Ringeltanz, hob das volle, blühende Weib zu ſich auf den Apfelſchimmel, wenn es zur Jagd hinaus in's Feld ging mit dem Falken auf der Hand. Die Gäſte, meiſtens an Jahren der Herr⸗ ſchaft gleich, luſtige Junker, üppige Frauen und rofige Edelfräulein, ſtreiften die Ketten des Hoflebens in der Kaiſerpfalz und die Schnürwämmſer der Stadtgeſetze mit Luſt von ſich ab und haſchten mit Begier den Erſatz, den die Gaſtlichkeit des Wirthes, das zwangloſe Feſtleben in Mitte der Berghöhen und Urwälder, wohin keine hüſtelnde Oberhofmeiſterin, kein gichtiſcher Hofmarſchall mit dem Ceremonienſtabe ſich wagte, ihnen darbot. Ti⸗ 308 dian hatte Augen und Ohren; das ſtille Herz klopfte zu Zeiten hoch und laut, und die Früchte am Erkenniniß⸗ baume fingen ſchon an ſich zu röthen und ſeine Blicke auf ſich zu ziehen. Als er mit dem erſten Strahle des Tages ſeine Heerde hinabtrieb vom Schloſſe, wo die ermatteten Schläfer noch alle in ihren Flaumenbetten Erholung fanden, eine Grabesſtille nach lauter Taumel⸗ nacht herrſchte, nur hie und da auf dem großen, ge⸗ ebneten, von ſchattigem Gehölz eingekränzten Vorplatze der Burg eine zertrümmerte Zither, oder eine verlorene Schleife, oder ein am Hülſenbuſch zerfetzter Schleierreſt, oder eine zerbrochene Kanne Zeugniß gab, welche Or⸗ gien geſtern dieſen Platz belebt, da zog zum erſten Male eine Trauer durch ſein Gemüth, und er fragte in ſich hinein, warum er fern ſtehen müßte von ſolchem Jubel; warum nicht er gleich Jenen von einer Mutter geboren, die befehlen durfte, ſtatt zu gehorchen; warum ihm ſein Vater keinen Namen gegeben, bei dem die Diener ſich beugten und an die Geißel dachten; warum er bleiben müſſe, was er ſo lang ſchon geweſen, und keine Aus⸗ ſicht habe auf ein Mehr, auf ein tüchtigeres, bequeme⸗ res und gehaltreicheres Daſein? Die Worte Knecht, Hals⸗ eigener, Bluteigener wurden zum erſten Male für ihn bedeutſam und er begann aberwitzig ihrer Bedeutung nachzudenken, und drückte ſich damit einen Dorn in das Herz, der ſich für immer feſthakte. Aber ſein na⸗ türlicher Verſtand, durch Umſchauung geübt, fand außen in ſeiner Einſamkeit einen Balſam für den Stich. Sah er doch auch in der Natur nicht Alles gleichgeſtellt und gleich hochbegabt; gab es doch neben den Rieſenbäumen des Urwaldes, neben den thurmhohen Eichen und ſchlank⸗ haftigen Buchen auch geſchmeidige Silberbirken, Haſel⸗ 5 ————————————————————————— 309 büſche und krauſes Beerengeſträuch, ſprang doch der Haſe an dem ſtolzen Hirſch vorüber, ſchlich ſich doch der Fuchs geſchmeidig über den Ruheplatz der blanken Stiere, duckte ſich doch das kleine, muntere Geſchwärm der Mei⸗ ſen und Finken in Buſch und Gras, wenn der ſcharf⸗ krallige Habicht über das Thal hinſchoß, oder gar hoch unter den Wolken ein Geier mit weit geſpannten Fitti⸗ gen ſeinen Kreis zog. Der Himmel hatte es ſo gewollt, und der Himmel mußte wiſſen warum. Schlimmere Sorge ſcheuchte dieſen Seelennebel, denn auch an ſeiner Zilla ward ſeit einigen Tagen ein Trübſinn ſichtbar, der ihn kümmerte, obgleich er ihn auf den herannahen⸗ den Herbſt und die Geſpräche über die ihrem Herzen bevorſtehenden Entbehrungen bezog, die ſie in jüngſter Zeit natürlich nicht ſelten gepflogen. Ihr Lieblingsplatz war ein ſaftiges, friſches Gebüſch geworden, das ſich dicht um eine rauhe Felswand gedrängt und ſogar ge⸗ wagt, an den Abſatzen des klüftigen, rohen Geſteins hinauf zu klimmen. In der Steinwand öffnete ſich eine zackichte Höhle, eng und niedrig, ſcheinbar nicht tief ver⸗ laufend und innen durch rauhe Brocken und Geſchiebe geſchloſſen. Die ſchmale und mit Kieſelgeröll beworfene Straße, welche vom Gebirg hexrab am Saume des Fluſſes im Thale zum Fuße des Burgberges hinablief, veſtreifte das Gebüſch, die Heerde hatte Raum, in der Nähe unter Wolfzahns Wache zu ruhen, jedes Geräuſch auf der Straße machte der Widerhall leichtlich hörbar, die Höhle verſprach ein Schutzdach bei übler Witterung und darum hatte der junge Hirt dieſen Ort vor allen zum Aſol ſeiner beſcheidenen Freuden auserkoren, als ein vom Pfeil getroffener Vogel einſt in das Dickicht gebluſtert und mit ihm der Sucher das anſprechende 340 Verſteck gefunden. Ein dünner Steig, durch den Buſch W ſeitwärts gebrochen, mußte dem ſchärfſten Auge entgehen; lic er leitete jedoch den Kundigen zu einer Moosbank, die ein geebneter Kreis umgab; rund umher war das wu⸗ in chernde Zweigwerk vom Meſſer beſchnitten, die höheren Aeſte jedoch zum ſchattenden Laubdach gebogen und ver⸗ di flochten. Auf dieſem Platze ſaß der geduldige Hirt und S harrte, bis ſein Mädchen von den Gefährtinnen ſich los⸗ S gemacht; hier ſchnitzte er aus weichem Holze feines Geräth für ſie: Löffel mit Heiligenbildern am Griff, Spindeln mit Blumen und Laubranken umwunden; hier kränzte er jeden Morgen die Zweige mit friſchen Blüthendolden, f und in der kühlen Höhle barg er das Krüglein mit Milch, ſie zu laben, barg er ſeine feinen Schnitzwerke, 8 damit Niemand im Schloß ihm nehmen oder entwenden möchte, was er, nur mit ihr beſchäftigt, mühſam für ſie vollendet hatte. Eines Abends trat Zilla zu dem getreuen Tidian, reichte ihm die warme Hand und ſetzte ſich ſchweigend an ſeine Seite. Der ſcharfe Blick des Burſchen hatte ſchon die Kummerwolke um ihr Auge entdeckt und er drückte ſchmerzlich ihre Hand. Da lehnte ſie ſich an ſeine Schulter, wie vom innern Weh überwältigt, und er ſchaute tief bewegt der Thräne nach, die ſich langſam von der langen Wimper herab über die blühende Wange ſchlich. Ja, es kommt der Feind, der Friedenſtörer, ſagte er halblaut und in den Sand ſtarrend. Die Buche hat ſchon rothe Blätter, der Haſelbuſch wird licht und durch⸗ ſichtig, die Vogelbeere färbt ſich, das Kraut vergelbt und die rothen Beeren in Deinem Korbe werden die letzten ſeyn, welche Du heimbringſt. Wie wird Tidian den langen Winter durchleben können, nach ſolcher Som⸗ — —, — — — 311 merszeit, in welcher ihm war, wie den frommen Se⸗ ligen im Himmelreich ſeyn mag! O wär's nur der Winter, ſprach ſie wie ſein Echo in gleich traurigen Tönen. An hellen Froſttagen würdeſt Du die Heerde hinauftreiben nach dem Gebirg, über den dünnen Schnee ſpränge Zilla Dir zu, und indeß Deine Schaafe genügſam den einzelnen grünen Halm aus dem Eiſe ſcharrten, fänden auch wir in gleicher Weiſe die liebe, kleine Freude. Aber unſer Feind iſt böſer als der Winter und weicht nicht gleich dieſem. Unſer Feind? Dein Feind? Wo iſt er, wie heißt er? fragte der Hirt aufhorchend und angeregt. Ich habe geſchwiegen, Tidian, entgegnete ſie; es war wohl nicht recht von mir, aber wer trägt nicht lie⸗ ber die Laſt allein, als daß er ihre Hälfte dem Freunde aufdrückte? Dachte ich doch, mein täglich Gebet würde Gnade finden bei der Mutter des Herrn. Ich habe nicht fromm genug gebetet, wareſt Du doch beſtändig zwiſchen mir und der Heiligen, und meine Wünſche zogen mich ſo ſtark zu Dir wie zum Himmel. Darum iſt heute der Schlag gefallen wie ein Wetterſtrahl mitten zwiſchen uns; o Tidian, bald wirſt Du ganz allein ſeyn, immer allein, und Dein Mädchen wird noch einſamer bleiben als Du, und ſich abhärmen, bis ihr Herz gebrochen. Rede, wer iſt der Feind, der wie der Wetterſtrahl niedergefallen zwiſchen Dir und mir? fragte der Hirt raſch, aber bleich geworden wie das feinſte Vließ unter ſeinen Lämmern. Andreas iſt's, der Bergmannsſohn von Badeborn, ſtotterte ſie. Schon lange kam er öfter in des Vaters Viehhof, als das Geſchäft forderte. Die Mutter merkte ſeine Abſicht und ſprach gut von ihm⸗ Vater und Bruder 312 empfingen ihn immer freundlicher. Iſt er doch geſund und gern geſehen bei den Leuten im Gebirg, und ein gutes Stück Wald gehört dem alten Wulf, der Eiſenſtein ſteht tief auf ſeinem Grund, er ernährt manch' Dutzend Arbeiter in ſeinen Schächten, und ſammelt jährlich viel Geld ein für ſeine ſchweren Steine. Heute trat Vater Vuff ſelbſt bei uns vor; es wurde ganz kalt und ſtiill unter meiner Bruſt, als ich ihn ſah, und ich meinte, es ſey Zeit zu ſterben. Aber der mitleidige Tod kam nicht, und Zilla mußte zuhören, wie der alte Wulf ſeinen Spruch that und vom Vater Henning die Tochter in Ehren begehrte für den Andreas, und wie Vater und Mutter das Wort mit Freudigkeit nahmen und die Hände zur neuen Blutsfreundſchaft ineinander ſchlugen. Der Hirt war aufgeſprungen und ſeine Hand lag feſt an dem Meſſergriff im Gurt. Dich freien will er? rief er zitternd in Schreck und Zorn. Dich freien will der Andreas? Was denn anders? fragte das Mädchen verwundert. Und nun wird man mich quälen und ſchimpfen und ſchlagen, bis der Gehorſam, den ein Chriſtenkind Vater und Mutter ſchuldig iſt, mich zur Kirche ſchleppt, und ich werde zum Spott werden als eine Jammerbraut mit abgezehrten Wangen und naſſen Augen, und erſt im Leichentuche wieder Frieden finden. Und Zilla iſt doch ſo jung noch, und es war ſo ſchön in der Welt, ſeit wir uns zufammen gefunden. Aber nicht um mich überfiel mich der Gram ſo ſehr, ſetzte ſie hinzu, nachdem ſie ihre Blicke zu ſeinem Leichengeſicht erhoben, ſondern am meiſten doch um Deinetwegen. Was wird werden aus Dir, wenn Du die Zilla nicht mehr haſt? Biſt Du doch ſo ganz allein, und ſo gut und fromm dazu, und id in in d el er s n n S S— 8 8 8 313 des beſten Mädchens werth. O es iſt ein recht jämmer⸗ liches Schickſal. Tidians Augen rollten unſtet im Kopfe, er faßte mit beiden Händen des Mädchens Schultern, als wenn ein Wolf ihm den Liebling hätte entreißen wollen. Kannſt Du denn jemanden Anders freien? Biſt Du nicht mein, meine Schweſter, Sponſe, Braut? Darf ein Anderer nach Dir die Hand ausztrecken, ſo lange Tidians Augen es anſehen und ſeine Hände ihn erwürgen können? Und wenn es zu freien gilt, hat nicht Tidian das Vorrecht, das Du ihm ſelbſt gegeben, und das Niemand ihm neh⸗ men ſoll? ſtöhnte der Hirt wie ſinnenverwirrt. So dachte ich auch in der erſten Stunde, ſeufzte das Mädchen und ſchlug die ſchönen thränennaſſen Augen auf die im Schooße gefalteten Hände nieder. Als ſie ſich um die Schüſſel ſetzten, welche Mutter Elſe ſchnell bereitet, und als der große Krug voll Honigbier herum gegangen, da verhandelten die Alten laut und viel von Habe und Gut, und berechneten die Koſten des jungen Haushaltes und frohlockten über ihr Glück, daß ſie thun könnten mit dem Ihrigen, wie ihnen beliebt, wirthſchaf⸗ ten könnten auf ihrem Erbſitz nach Gefallen, und nicht einmal gleich den Freigelaſſenen weder Hemdſchilling, noch Frauenzins, noch Buſenhuhn zu bezahlen hätten an Edelherrn oder Abt, wenn ihre Kinder freiten. Des Andreas Großvater bekam Wald und Grund geſchenkt vom Kaiſer, deſſen Waffenſchmied er geweſen, und Vater Henning erzählte, wie einſt Einer aus ſeiner Familie mit hinausgezogen in das heilige Land, dorthin, wo die Läſterer den Sohn Gottes gekreuzigt, wie Alle, welche dazumalen mit dem rothen Kreuze auf der Schulter in der heiligen Stadt gebetet, von dem Papſte zu Rom frei „. 344 gemacht für ſich und Kindeskind auf ewige Zeiten, und wie der Heimgekehrte ſich von der mitgebrachten Feld⸗ beute Haus und Acker gekauft da, wo wir ſitzen, er darum freilich erbunterthänig ſey von denen von Anhalt, welchen der Boden gehört hatte, doch ſelbſt die mächtigen Grafen ſich nicht um ſeine Wirthſchaft kümmern dürften⸗ ſo lange er nach dem Kaufbriefe Zehnten und Oſtereier gezahlt. Und dann— Dann? fragte Tidian die Verſtummende.— Dann⸗ fuhr ſie leiſer fort, gedachten ſie in ihrem Danke zum Himmel. Auch der alte Wulf iſt ein gar frommer Weiß⸗ kopf! Dann gedachten ſie auch der Armen, welche es nicht ſo gut hätten wie ſie, die nichts haben und nichts dürfen, denen die Luft nicht eigen, die ſie einziehen, und meinten, an dem Hochzeitstage der Kinder wollten ſie auch dieſen wohl thun, und wenn's die Herrſchaften zu⸗ gäben, den Sittigen unter ihnen ein Mahl und einen Trunk bereiten. Wen wollen ſie füttern mit ihrem Rabenmahl? tobte Tidian empor. Die Bluteigenen und Halseigenen! ſtieß das Mädchen klanglos hervor. Der Schrei eines ſcharf getroffenen Wildes tönte aus des Hirten Bruſt und wie gelähmt ſetzte er ſich neben das Mädchen. Eine lange ängſtliche Stille herrſchte zwiſchen Beiden. Wer waren denn meines Vaters Väter? fragte end⸗ lich der Hirt todteskalt und tiefſinnig an den Fels hin⸗ aufſtarrend. Sie ſprachen auch darüber. Die Eigenen ſind Ge⸗ fangene, die man aus den Kriegszügen mit herüber in die Grenzen geſchleppt oder ſie wurden gekauſt von frem⸗ den Herrſchaften für Geld oder Landesſtücke. kal ſie Ic zuz nd d⸗ en n⸗ er n im ⸗ s nd ſie zu⸗ 1n bte en en mt che nd⸗ 315 Warum nahmen denn nicht Alle das Kreuz aus des frommen Bußpredigers Hand? murrte Tidian in ſich. Hätte ich ein Kind, und wär's der elendeſte Bankert, kropfigt und krumm, ich zöge in's wilde Meer und in den wildern Tod, um dem armen Wurm das Kreuz ab⸗ zunehmen, das wohl ſo arg guetſcht wie jenes, das die Gottloſen dem Herrn aufgelegt. Das Wort Kind mochte dem Jünglinge einen ganzen Zug von Gedanken blitzesſchnell durch das Hirn gejagt haben. Heftig um⸗ ſchlang er das erſchrockene Mädchen und ſtieß rauh her⸗ vor: Und doch muß Tidian Dich freien, denn er kann nicht zur ewigen Hölle verdammt ſeyn, da er nie Böſes gethan.— Das Mädchen ſchüttelte traurig das Köpfchen. Du mich freien? Der Eigene die Tochter des Frei⸗ manns? O dann müſſen wir hinauffliehen in das Fel⸗ ſenthal, wo nur der Wolf und der Habicht niſten, von Waldbeeren leben, und den langen Winter in der Moos⸗ höhle ſchlafen wie die Haſelmaus, ſagte ſie. Und doch würden ſie uns finden, und die Mutter würde ſterben, wenn ſie den Schimpf erführe, und der Leibherr würde Dich zum Krüppel ſchlagen, und das Ende würde noch ſchlimmer ſeyn als der Anfang. Wenn ich kniete vor dem Herrn wochenlang, wenn Du knieteſt vor der ſchönen Edelfrau, ſollte ſie nicht weich werden? ſprach der Hirt wie in Gedanken ver⸗ ſunken. Ich habe im Schloſſe gehört, daß es auch un⸗ gläubige, ruchloſe Heiden gibt oben im Lande nach dem kalten Meere zu; daß die Heerzüge gegen ſie ziehen und ſie zwingen und taufen, daß man ſolchen Zug auch eine Kreuzfahrt nennt und zu den frommen Werken rechnet. Ich will den Grafen anflehen, daß er mir erlaubt, mit⸗ zuziehen, will ihm die ganze Beute verſprechen für den 316 Freibrief. Habe ich ihm doch getren gedient und nie die Peitſche gefühlt. Und er weiß, welche ſchlimme, tückiſche Burſche unter ſeinen Eigenen leben. Zilla ſeufzte tief; das kluge Mädchen ſah die bunt⸗ farbigen Seifenblaſen, in welchen ſich des lieben Burſchen Träume ſpiegelten. Die Natur hatte auch ſie willenlos in ihr Netz verſponnen, aber durch den Zwieſprach der Greiſe war ihr Alles klar bis zur Blendung geworden, was ſie entweder nie bedacht oder im leichten Sinne aus den Gedanken getrieben. Sie war ohne Hoffnung, und das iſt das höchſte Unglück. Der Seufzer ſprach dieſes Bewußtſein aus, doch wurde er vom hoöchſten Schreck erſtickt, als ihr Name nicht gar fern deutlich und laut über die Büſche hertönte, und die Felswand ihn wie verrätheriſch nachſprach. Beide ſprangen empor. Es iſt des Bruders Stimme! flüſterte ſie mit Fieberfroſt. Horch! da ſpricht auch der Andreas, der die Braut ſucht! ſtammelte ſie nach einer Pauſe. Tidian, ſtoß mir Dein Meſſer in's Herz, ehe die Schande es bricht. Das Wort Schande ſchien den Burſchen zu treffen wie Keulenſchlag. Ein Grimm zog durch ſeine wilden Züge, der ſie bis zum Entſetzen des Mädchens entſtellte. Mit der Linken griff er nach dem Korbe, mit der Rechten faßte er Zilla's Hand, zog ſie zum Höhleneingange und riß ſie gewaltſam in die dunkle Schlucht. Sie horchten und hörten ihren Herzſchlag wie Ver⸗ brecher, die man auf der That ertappt hat. Die Stim⸗ men kamen näher, ganz nahe. Der Bergmann äußerte ſeine Beſorgniß, die Jungfrau möchte verirrt oder in ein Unglück gerathen ſeyn, da alle Dorfmädchen ihnen bereits auf dem Heimwege begegnet wären. Der Bruder lac fäh ſtei erb den gut ſah die ſeir ſpã ger hiel Hir Kol Mä Hät ver Abe näc Lich Aut geſt Bot Arr wir Ste ten voll und Dri nie nt⸗ en os n, ne ig, ach ten nd hn e! er er die fen en te. ten nd rte ien der ——————————— 317 lachte den ängſtlichen Freier aus, tröſtete, die Zilla kenne Weg und Steg, und im Selkethale gäbe es keinen ge⸗ fährlichen Erzſchacht, kein Raubthier, und der Falken⸗ ſteiner dulde kein Geſindel in ſeinem Gau. Die Sucher erblickten jetzt die weidende Heerde und den anſchlagen⸗ den Hund; ſie riefen den Tidian. Es iſt ein ſtiller, guter Junge, mit dem die Dirnen gerne plaudern; er ſah ſie gewiß, meinte der Bruder. Aengſtlicher horchten die Verſteckten. Jetzt fand der Bergmann, gewöhnt durch ſein Tagesgeſchäft, Verborgenes und Lichtloſes zu er⸗ ſpähen, den Pfad im Gebüſch, rief den künftigen Schwa⸗ ger herauf zu dem wunderbaren Laubenſitz, und Beide hielten ſich bei der Beſchauung auf und beſtaunten des Hirten Machwerk, den Armen, Gelangweilten bedauernd. Kohlen brannten unter Tidians Sohlen; er zog das Mädchen vorſichtig noch tiefer in den Raum und ſeine Hände prüften die großen Steinbrocken, welche den Weg verſperrten. Es konnte jenſeits ein finſterer, grundloſer Abgrund gähnen; zerſchmettert, zerriſſen konnte er im nächſten Augenblicke für immer von der Welt und dem Lichte geſchieden liegen; aber die Furcht war nur des Augenblicks Kind, im nächſten hatte er ſich auf den Block geſchwungen, ließ ſich jenſeits hinab und fühlte feſten Boden unter ſeinen Füßen. Ohne Zögern ſtreckte er ſeine Arme zurück, hinüber zu der in tödtlicher Angſt Ver⸗ wirrten, mit Rieſenſtärke fühlte ſie ſich gehoben, rauhe Steinzacken faßten oben ihr langes Flachshaar und hiel⸗ ten und zerrten es: ſie fühlte den Schmerz nicht; ihre vollen Arme ſtreiften an ſcharfen Kanten, welche ſchnitten und ſtachen; die athemloſe Bruſt hatte keinen Schrei. Drüben lag ſie in tiefſter Grabesfinſterniß an der Bruſt des Geliebten, klammerte ſich gleich dem ertrinkenden 318 Schwimmer in ſeine Kleidung, preßte ihr kaltes Antlitz auf ſeine Bruſt, um nichts mehr zu hören, nichts mehr mit ihren Sinnen zu empfinden. Tidian hielt ſie feſt, aber gegentheils verdoppelte die Noth alle ſeine Sinne. Die Verfolger ſprach noch immer; ſie kamen zur Höhle und der Bergmann wagte ſich neugierig in den Schlund⸗ bis ſeine Fauſt gegen die Sperrwand ſtieß. Der Bruder blieb ferner und warnte: Die Finſterniß ſey des Böſen Reich, ſagte er, und der Schwarze mit ſeinem Spuck ver⸗ lockte Niemanden ſo gern als Brautleute in Löcher und Sumpf zum ſchlechteſten Bettſprunge.— Es iſt nur ein elendes Mundloch, antwortete der kecke Knapp, nicht an⸗ brüchig und hinten eingeſchloſſen. Der alte Mann mag drinnen ſchlafen und manches reich und edle Geſtein hämiſch bergen und bewahren. Beide vereinten ſich dann zu dem Vorſatz, die Mühle und das Forſthaus gegen den Burgberg hin zu beſuchen, da das Mädchen dort gute Freunde, ſogar eine Pathe habe, und vielleicht flink bis dahin gewandert, um die neue Mähr von dem Freier brühwarm zu verkünden. Die Stimmen entſernten ſich, wurden ſchwächer, ver⸗ ſchwanden, der Hund ſchlug nochmals an; dann legte ſich tiefe Stille auf den Platz. Lange weilte das ver⸗ borgene Paar noch in ſeiner Stellung; die Herzen klopf⸗ ten nicht langſamer, aber die Bruſt athmete freier und ihre Umhalſung ward milder, wenn auch nicht weniger innig. Tidian hätte eine Ewigkeit hindurch ſeinen Platz nicht gewechſelt, längſt ſchon war jedes Gefühl von Angſt aus ihm entwichen und nie noch hatte er ſich ſo wohl, ſo zufrieden gefühlt. War er doch zum Kampf auf Leib und Tod mit den Eindrängern entſchloſſen geweſen; und was liegt noch hinter einem ſolchen Entſchluß? kor üb for röt Un nie pat ihr Ko une dor Ha tha den Ha Hin auf ſie pfn unb und klag nac Ant itz hr ne. le id, er ſen er⸗ nd ein in⸗ ag ein nn en ort ink ier er⸗ gte er⸗ pf⸗ ind ger atz igſt hl, eib ind Des Mädchens bange Stimme weckte ihn unwill⸗ kommen. Sie ſind fort; jetzt ohne Säumniß zur Flucht! flüſterte ſie. Langſam nur ließ er die ſchöne Beute aus ſeinen Armen, und vorſichtig und zögernd half er ihr über die Bruſtwehr. Nachdem er die Gebüſche durch⸗ forſcht, kehrte er dann und führte ſie an das Licht. Seine Augen ruhten lange auf dem Mädchen, das hochge⸗ röthet, mit aufgelöstem Haar vor ihm ſtand und die Unordnung zu tilgen verſuchte. Schöner war ſie ihm nie erſchienen. Meinen Korb! bat ſie ietzt. Unſer Schutz⸗ patron deckte ihn mit dem Mantel, daß im Dunkel keiner ihrer Füße an ihm ſtolperte.— Er holte gehorſam den Korb. Bleibe, ſagte er da mit plötzlicher Wallung; laß uns kehren in die Nacht, und von aller Welt geſchieden dort leben und ſterben!— Sie ſtürzte ſich an ſeinen Hals und umſchlang ihn feſt, wie ſie's nie zuvor ge⸗ than. Morgen! ſtammelte ſie unter ſeinen Küſſen. Schei⸗ dend vermißte fie ein kleines Eiſenkreuz, das ſie am Halſe getragen. Er verſprach es zu ſuchen, ihr zum Waſſerfalle zu bringen, und flüchtig wie eine leichte Hindin flog ſie auf dem Wieſenrande der Selke thal⸗ aufwärts, und mit ſchwer bedrückter Bruſt ſah der Hirt ſie in der Windung des Buchenwaldes verſchwinden. Hat die höchſte Weisheit es gut gefunden, ihre Schö⸗ pfung ſo recht reich und bunt zu machen, hat ſie in einer unbegrenzten Ungleichheit ihre Menſchenwelt geſpalten und geſchieden, und ſchreien tauſend Stimmen darüber klagend zum Himmel als wie zu einem Haushalter, der nach Willkür die Einen bevorzugt zum RNachtheil der Andern: in einem Punkte hat die Allweisheit ihr Erden⸗ 320 volk gleichgeſtellt, und wie die Wage auch ſchwankte, wenn ſie das Irdiſche abwog, als ſie die große Ur⸗Pſyche in Myriaden leuchtender Sternchen zerſtäubte und aus jedem eine Menſchenſeele machte, vertheilte ſie Licht und Feuerſtoff in gleichem Maße und mit gnadenvoller Ge⸗ rechtigkeit. Das Talent iſt ſo wenig an Rang und Reich⸗ thum gebunden als das Gefühl. Tugend und Großthat hängt nicht allein wie prunkende Goldquaſte am Her⸗ melin und Sammetrock. Das Glück, welches dem Herzen entquillt, ſtrömt für jeden Geſchaffenen und ſtellt das große Gleichgewicht her. Liebt die Bettlerin ihr Kind weniger als die Herrin des Palaſtes? Fühlt ſich der er⸗ müdete Ackersmann weniger glücklich im Abendkreiſe der Seinigen nach ſchwerem Tagewerke, als der Höfling, welcher, durch Langeweile ermattet, Mitternachts ſeine ſeidenen Pfühle ſucht? Sollte der Bauerknecht mit gerin⸗ gerer Glut, mit geringerem Entzücken ſeine Dirne um⸗ fangen, wenn er ſeine Empfindungen auch nicht in ſolch gekünſtelten Wortſchwall zu wickeln vermag, wie der poetiſirende Stadtjunker? Die Opfer, welche der Menſch aus dem Volke den Seinigen, ſeiner Neigung, ſeiner Leidenſchaft bringt, bekräftigen das Gegentheil, zeugen für die Gerechtigkeit der Allgüte, die in dem höchſten Gute, was ſie ihren Erdenbürgern gab, Keinen zurück⸗ geſetzt. Die Liebe und das Grab bedürfen keiner Erden⸗ flitter. Tidian ſchlich heute nicht wie ſonſt gemächlich ſeiner Heerde nach; raſcher und kräftiger ſelbſt trieb er mit ſeinem Ruf die Thiere über das Brücklein zum Vor⸗ werk, und als er ſie in ihre Scheuer eingeſchloſſen, ſtieg er mit keckerm Schritte den Burgberg hinan. Im Zwie⸗ ſprach mit dem Mädchen, in der Umhalſung dort in der tön get ſich Kn wi un bek Ei kra vo! kra ner ieg ie⸗ der 321 unheimlichen Bergesſchlucht hatte ſich ihm plötzlich auf⸗ gethan, daß auch er Anſprüche habe auf eine Welt, die Gott den Menſchen zum Turnplatze und Banketſaal hin⸗ geworfen. Die Gefahr zu verlieren hatte ihm gezeigt, was er beſaß, was er nicht verlieren durfte, ſollte ſein Daſein noch irgend einen Werth behalten. Er wollte mit dem Burgherrn reden frei und dreiſt; hatte er doch mit dem Junker vor Zeiten ſich im Sande der Ring⸗ bahn getummelt; war er doch der Htrſch geweſen, wenn das Büblein Jagd ſpielen, Roß oder Eſel, wenn es reiten wollte; hatte der Graf doch erſt eben die ſchöne Hausfrau heimgeführt; wie ſollte er ihm denn nicht gönnen, wodurch er ſo hochbeglückt geworden; warum ſollte er ihn mit einem neidiſchen Ferſenſtoß von der Himmelsleiter ſtürzen, die ihm ſelbſt ein guter Engel gehalten; warum dem Dürſtenden den Kelch verſagen, deſſen erſte, ſüßeſten Züge er eben eingeſchlürft? Er trat in den vordern Schloßhof lebensmuthig und faſt froh; der Muth ſelbſt iſt ja eine Freude. Ein ſcharf⸗ tönendes Geſchrei hemmte ſeinen Schritt. Aus dem Zwin⸗ ger ſchallte der Schmerzesruf, und neugierig näherte er ſich der offenen Eiſenpforte, an welcher ein Haufe der Knechte verſammelt lauſchte. Was erblickte er! Einige Fackeln beleuchteten den öden Raum, an deſſen rauhen Steinwänden das Burggeſinde ſcheu umherſtand, wie ein Kreis lebender Leichen mit erloſchenen Blicken und ſchlaffen, regungsloſen Gliedmaßen. Eine ihm wohl⸗ bekannte junge Magd hing, die Hände hoch in einen Eiſenring gebunden, an der Wand, und ein Paar der krausbärtigen italieniſchen Wappner, welche der Graf von der letzten Reiſe mitgebracht, übten die Schwung⸗ kraft ihrer Arme und die Zähigkeit junger Haſelzweige Blumenhagen. XvI. 21¹ 322 auf den friſchen, glänzenden Gliedern der Magd⸗ die ſich blutig rötheten unter jedem Streich, zitterten und ſich wanden wie der Aal am Angeleiſen. Wüſtes Hohn⸗ gelächter der Folterer miſchte ſich in das Qualgeſchrei und Geächze der Gemarterten, und jenes ſchnitt tiefer in Tidians Herz als dieſes. Was gibt's hier? Warum leidet Ihr den ſchändlichen Unfug der Fremden? fragte er hitzig den Rüdenwärter, der ihm zunächſt ſtand. Still, toller Burſch! flüſterte der Angeredete mit ei⸗ nem Armſtoß. Haſt Du Begehr, neben der Barbara den leeren Platz am Ring auszufüllen? Siehſt Du den Herrn nicht dort unter der Fackel, wie er vergnüglich die bli⸗ zenden Augen rollt? Warum waren ſie ſo unklug und lernten nicht vom Fuchs! Und welche Unthat beging die Dirne? fragte Tidian erſchüttert. 5 Die Barbara und der Rolf trieben's heimlich und ſchlichen zu einander Mittags und Nachts, wenn's keine offenen Augen gab im Schloß, raunte der Nachbar ihm in's Ohr. Einer der Schwarzbärte, welcher ſelbſt der runden Dirne nachging, verrieth's dem Herrn. Der Graf ertappte ſie ſelder, und es mag den Beiden ge⸗ weſen ſeyn, wie Einem, der aus dem Schmelzofen in den Eisteich purzelt. Nun liegt der Rolf im Block wie ein zuſammengeſchnürter Rehbock, und man hat ihm von zwei Ohren nur Eines gelaſſen für die nächſte Sünde. Die Barbara ſoll, wenn ſie ſauber und zärtlich mit Eſſig gewaſchen, noch Nachts fort zum Stackelnburger, dem ſie der Herr auf der Stelle für eine Mark Silber, den Preis einer Milchkuh, verhandelt. Tidian fühlte ſein Herz in der Bruſt unordentlich — 6— ——„ N —— — 323 5 zittern, als wollte es hinaus aus dem Käfig in grimmer Angſt. Der Rolf trug kein Meſſer, als man ſie von ihm riß! ſagte er zu ſich ſelbſt hinein, aber der Gedanke verſank wie ein Irrlicht vor dem Fußtritt des uner⸗ ſchrockenen Wanderers, als jetzt des Grafen bekannte Herrſcherſtimme hohlſchallend durch's Gewölbe erklang. Die von der Wand gelöste Magd war auf ihre hinge⸗ worfenen Kleidungsſtücke zuſammengeſunken. Nehmt ein Exempel! donnerte der Graf. Ihr ſollet lahm ſeyn, bis ich ſpreche: geht und regt euch! Ihr ſollet ſtumm ſeyn, bis ich befehle: redet! Ihr ſollet blind ſeyn, bis ich euch erlaube zu ſehen. Ihr ſeyd wie das Kraut unter meinem Fuße, das ich ausraufe, wenn's mir ge⸗ lüſtet und es mir unnütz iſt. Euer Fleiſch, euer Blut iſt mein eigen; ihr ſeyd nicht mehr wie die Bäume in meinem Garten, die ich pflanze und ausrode, und ge⸗ fällt's mir, von eurer Schurkenbrut Nachwachs zu haben, ſo harret, bis ich euch zuſammenſpanne in's Ochſenjoch und euch den Pater gnädig zuſende. Und ſo geſchieht's nach meinen und meines Stammes Gerechtſamen von Gott und des Kaiſers wegen. Tidian warf ſich wund an Seele und Herz, entzündet im ganzen Blute und voll gährender wilder Gedanken auf ſeine Streu. Eine Frage und Bitte an dieſen Herrn zu richten, dazu war ihm Muth und Entſchluß für immer vergangen, und er ſah die ganze Nacht hindurch in grau⸗ ſen Träumen bald die ſchöne Zilla, bald ſich ſelber an dem Blutpfoſten der gegeißelten Magd. Erſchlafft an Leib und Seele, wankend wie ein Kran⸗ ker trat er am Morgen darauf unter ſeine Unglücksgeſel⸗ len. Mit innerm Grauen ging er durch die gewölbten, dumpfigen Hallen und an der mit Epheuranken bewach⸗ 324 ſenen Mauer hin; er meinte, die dicken Wände und der große kantige Thurm müßte ſich über ihn hinwerfen und ihn erſchlagen. Aber auch im Freien ward's nicht viel beſſer. Die Sonne blickte matt und trüb; das Gehölz ließ triſt und trocken wie nach langer Dürre; der Fluß- rollte träg und langſam ſeine Schaumwellen, und ſein geheimes Flüſtern, dem er ſonſt ſo gern gehorcht, klang ihm ſchwermüthig oder wie höhniſches Geziſch. Seines Verſprechens gedenkend, trieb er ſeine Wollträger nach der einſt ſo geliebten Gegend; die kühle Frühe hielt jeden menſchlichen Fußtritt noch fern. O wie ſchmerzlich be⸗ trachtete er den Wohnplatz ſeiner geſtörten Freuden, und als er der Höhle nahte, zuckte der Schmerz noch ſchär⸗ fer durch Hirn und Herz und es glühete wie ein heißes Morgenroth auf ſeinen Wangen. Er hatte ſich mit dem Nöthigen verſorgt, und bald brannte der Kienſpahn und beleuchtete die unterirdiſche Finſterniß. Im Hellen war das Gewölbe nicht ſo un⸗ zugänglich; die Sperrwand, welche es zu ſchließen ſchien, ſpaltete ſich oben an mehreren Orten bald weiter, bald enger, die Noth des Augenblicks hatte ihn geſtern nicht zu dem bequemſten Ueberſteig geführt. Er wälzte Steine heran, ſich eine Treppe zu bilden, und leuchtete mit dem fackelnden Spahn hinüber. Wüſt und tief lag es drin⸗ nen weit gedehnt, und wenn der Zugwind die rothgelbe Flamme bewegte, war es, als ob ſchwarze Geſtalten mit glühenden Augen ſich im Grunde der Schlucht aufrich⸗ teten, und, nachdem ſie ihn angeblickt, vorüber ſchlüpften. Zwiſchen eine Wandſpalte klemmte er den Spahn, zog den Roſenkranz hervor und betete andächtig. Ermuthigt, das Muß ſeines Wagſtücks bedenkend, zündete er alsdann das zweite Kienholz an, und ſtieg hinüber. Das Ge⸗ ſuchte war ſchnell gefunden, da er ſich aber bückte, das ſchwarze Kreuzlein aufzuheben, gewahrte er die Fuß⸗ ſtapfen, die er und Zilla geſtern dem tiefen Sande ein⸗ gedrückt. Da überfiel die Erinnerung wie ein gewalt⸗ thätiger, erdrückender Feind den kräftigen Menſchen, er bog das Knie, beleuchtete die Spuren, das Kreuzchen, das an Zilla's Halſe gehangen, bebte in ſeiner Hand, und er meinte, er müſſe augenblicks bitterlich weinen, wie ein geſchlagener Knabe weint. Aber der große Kien⸗ ſpahn dampfte mächtig und u ungab ihn mit einem weiß⸗ lichen Qualm der in ſeltſamen Formen ſich an die Zacken⸗ wände legte und auf und nieder zu klimmen ſchien, und durch den Qualm ſchoßen große Fledermäuſe, welche von der Helle in ihrem Tagesſchlafe geſtört worden. Sein ſinkender Blick ſah noch efumnt nieder zu dem Platze, wo er ihren Herzſchlag, ihren warmen Athem, die ganze Fülle ihrer Schönheit ſich ſo nahe, ganz in ſeinem Beſitz gefühlt; die Spuren der Füße glänzten wie der ſchönſte Kieß, den er oft auf den Haidflächen am Bergrücken ge⸗ funden; da kam ihm der Einfall, dieſe Zeugen ſeines Glückes mit fort zu nehmen, den FPlatz außen vor dem Moorſitze damit zu beſtreuen, daß Zilla ſich des neuen ſeltenen Schmucks erfreue. Er füllte ſeine Ledermütze, ſtieg zurück zum Eingang und löſchte die Fackeln. Aber was ſoll's? ſprach er bitter in ſich hinein, als er unter der Laube ſtand. Iſt ja doch unſer Schutzort verrathen, von fremden Füßen betreten und keine fromme Kapelle mehr. Sollen Andere hier ausruhen, vielleicht gar ärger⸗ liche Dinge treiben, wo Zilla geſeſſen, wo ſie geſprochen zu mir, was Engel ihr zugeflüſtert? Nein! nein! Und mit raſcher Hand zerriß er die Zwiegeflechte, zertrat wie im Zorne den Raſen und das Moos, brach die ſchlanken 326 Stauden zuſammen, daß in wenig Minuten kaum eine Spur des gepflegten Aſyls zu erkennen war. O wie gar betrübt blickt mich's nun an! ſeufzte er dann. Aber ſie würde doch nimmer wieder ohne Furcht hier geſeſſen haben. Ein ungewöhnliches Geklingel und Geläut tönte in der Nähe; er hob mechaniſch die Kappe vom Boden auf⸗ und ſtieg mit ihr zum Thalwege hinunter. Seine Heerde überwallte die ganze Straße, und zwei wohlgekleidete Männer machten Anſtalt, die in Furcht ſich noch enger häufenden Schafe mit ihren Peitſchen vom geſperrten Wege zu treiben. Ein Diener zog ihnen zwei Maul⸗ thiere nach, welche, ſchön geſattelt, die Federbüſche des Kopfgeſtells in der friſchen Frühluft ſchüttelten, und die Silberſchellen daran und das gelbe Glöckchen unter ihrem Halſe klingen machten. In fremder voller Sprache herrſchte bei Tidians Hinzutritt der jüngſte der Männer dieſem heftige Worte zu. Mürriſch überſah der Hirt die Fremdlinge, denn als ſolche verriethen ſie ſich durch Tracht und Sprache, aber ihre dunkeln Augen, ihre gekrausten ſchwarzen Bärte, ihre gelbe Geſichtsfarbe ſchüchterte ihn nicht ein. Er ſetzte ſeine Mütze hin, und kalt und lang⸗ ſam pfiff er dem Hunde, ſtieß den Speer am Stabe in den lockern Grund und ſchleuderte den Erdenkloß gegen die Heerde, und der kläffende Wolfzahn ſprang dem Wurfe nach und trieb die Thiere nach dem Fluſſe hin. In Vorbeiſchreiten auf der geöffneten Bahn fiel des erſten Fremden Blick in die Hirtenkappe, er hielt ſogleich an und beugte ſich tief, griff hinein und ließ dreiſt den Sand durch ſeine Finger rollen. Schaut hinein, Hilario! rief er lebhaft dem ältern Gefährten zu. Beim Sanct Marco, wie kommt der Mann zu ſolch ſeltenem Gute? Der Ael⸗ ——— —,— ——— — n 327 tere nahm mehrere glänzende Körner zwiſchen die ſau⸗ vern und feinen Finger und prüfte ſie bedächtig auf der flachen Hand. Wo fandeſt Du den Plunder? Und wofür iſt er Dir feil? fragte indeß der Jüngere in gebrochenem Deutſch, mit ſichtlichem Zwang innere Gier und Luſt verbergend. Tidian war durch ſein Leben an der Fahr⸗ ſtraße gewandt und gewitzigt worden, und ſeinem geüb⸗ ten Auge entging die Aufregung der Fremden nicht. Er ſchob ſein Käppchen zur Seite. Der Plunder taugt zum Ausſtreuen meines Kämmerleins beſſer als Tannennadeln und Sägeſpähne. Die Straße iſt offen; Glück auf die Reiſe! ſagte er trotzig.— Raſch zog der Fremde eine große Silbermünze aus der Bruſttaſche, ließ ſie blitzen zwiſchen den Fingern und ſprach: Die Schaumünze möchte Deinen Hals köſtlicher putzen als der Streuſand den Eſtrich Dei⸗ ner Hütte. Doch der Aeltere ließ die klugen Augen auf den unempfindlichen Geſichtszügen des Bergſohnes haften und ſchob den Freund zur Seite. Es iſt ein ſchlechter Handel, das Kalb zum Spottpreis erſtehen, wo man den Stier billig zu kaufen gedenkt, ſagte er dabei, und mit ehrlichem Ton den Hirten deutſch anredend, ſetzte er hinzu: Wir ſind zwar Fremde in dieſem Lande, mein Sohn, kommen weit her von der großen Stadt Venedig, die Du wohl kaum nennen hörteſt, denn mehrere hun⸗ dert Meilen ſcheiden uns von der Vaterſtadt, aber wir ſind ehrliche Handelsleute, und haſſen den Betrug, der das Geſchäft ſchimpft und ihm keinen Segen bringt. Gute Rechnungen machen gute Freunde. Was Dein Baret enthält und womit Du den Stall beſtreuen willſt, iſt Gold, und, bei dem heiligen Giacamo! vom feinſten Korne, wie es nur irgend ein ungariſches oder deutſches Gebirg in ſich trägt. Du darfſt es vor jedem Kenner ————————— ———. ——————————— 328 Jungferngold ſchimpfen. Wo Du es fandeſt, muß des Schatzes mehr liegen, und daß Du heute erſt den reichen Fund gethan, iſt gewiß, denn es gibt der Verſtändigern ſo viele in dieſen Bergen, welche Dir ſogleich die Augen aufgeſchloſſen haben würden, und bei einem guten Wein darf man nicht erſt einen Kranz ausſtecken. Tidian ſtarrte den gewandten Sprecher ungläubig an. Die Heiligen haben Dir ein beſonderes Glück be⸗ ſcheert, fuhr der Venetianer fort, wenn Du allein um die Sache weißt und in Zukunft zu ſchweigen verſtehſt; die Rathsherren zu Goslar mit ihrem Rambsberge, und die Harzgrafen, welche aus der Ilſe und Ecker mühſam ſolchen Schatz waſchen, würden Dir Dein Geheimniß gut bezahlen; doch wir zahlen ehrlicher, und da Du ein armer Knecht ſcheinſt, möchte Dein Herr wenig von dem Kaufſchilling in Deine Hand fallen laſſen. Darum laß uns einen Bund ſchließen für immer, einen ſtillen und heimlichen, bei welchem ſo Du wie wir nicht ohne Vor⸗ theil bleiben. Er winkte dem Gefährten, der aus dem Gepäck des Maulthiers eine feine Wagſchale flink herantrug, und ohne Weiteres den Gehalt der Hirtenkappe zu wägen begann. Suche den Platz durch, wo dieſer Schatz gelegen, und ſammle fleißig, was dort ſich Aehnliches findet, ſprach der Fremde weiter während des Geſchäfts. Wir ziehen oft durch die Harzberge, kaufen Braunſtein und bunten Fluß und anderes Erz, welches wir daheim bei unſern Schmelzungen und Fabriken auf der Inſel Murano be⸗ dürfen. Wir verkaufen feines Silbergeräth und Gold⸗ ſchmuck in der Biſchofsſtadt und zu Goslar, und in Nord⸗ hauſen und Magdeburg wohnen wir und unſere Leute bei vertrauten Gaſtfreunden. Sammle tüchtig, mein 329 6 wackerer Sohn, ſchweig und birg, was Du gefunden. n Mit der Zeit und dem Stroh werden die Miſpeln gut. n Um Mariä Empfängniß, und, wenn die Straßen gang⸗ n bar bleiben, auch um die Zeit des Chriſtfeſtes wird hier n von uns der Rinaldo oder ich ſelber nachfragen auf die⸗ ſem Platze oder in der nahen Mühle. Iſt Deine Hand . geſegnet, ſo will Gott Wunder thun an Dir wie an einem ⸗ Auserwählten, und die Zeit wird nicht fern ſeyn, wo n Du Dein rauhes Kleid mit einem feinen Wammſe ver⸗ tauſchen darfſt, wo Du die eigene Heerde durch fremde d Hände hüten läßt, wo Du bequemlich ſitzen und faul⸗ n lenzen darfſt im ſtattlichen Landhauſe auf der ſchönſten ß Berghöhe. n Unterdeſſen hatten die Männer den Inhalt des Käp⸗ n pels behutſam in ein ſchwarzes, polirtes Käſichen ge⸗ ß ſchüttet, ja jedes zur Erde gefallene Körnchen ſorgfältig d aufgeleſen. Der Aeltere hatte einen buntdurchnähten leder⸗+ ⸗ nen Säckel gezogen, das Geld daraus geſchickt durch die Finger laufen laſſen, und Tidian ſah ſein Mützchen mit j 8 blitzenden Kaiſergülden gefüllt, wie eben aus der Münze e gekommen, und der lächelnde Handelsmann warf ihm . den ſchönen Säckel oben drauf. Raſch beſtiegen dann . Beide ihre Maulthiere, ritten davon, und nickten zurück⸗ ſchauend noch mehrere freundliche Grüße dem verſtummt n und wie verſteint ihnen nachſtarrenden Hirten zu. n Den Nordpol und Südpol der Erde umhüllt ewiges n Eis und Todesfroſt für alles Lebendige. Die Pole des ⸗ Schickſals, Glück und Unglück, werden wie jene oſt tödt⸗ ⸗ lich für den Menſchen, der unerwartet ihnen zugeſchleu⸗ ⸗ dert wurde. Hingeſunken lag Tidian auf hartem Sande e der Straße, bleich, eiſig, mit ſtockendem Blute einem n Sterbenden gleich. Dann ſchien ihm das Erlebte ſchwe⸗ rer, boshafter Traum; aber die blanke Münze verſchwand den weit offenen Augen nicht. Dann dünkte es ihm wie eine Wundermähr, wie ſo manche in den Bergen erzählt wurde, und er wagte die Hand nicht auszuſtrecken, weil er mit ihr ſengende Kohlen zu faſſen fürchtete. Ein Knabe, welcher ein munteres Lied in die Morgenluft pfiff, ward ſein Wecker. Des Köhlers Sohn war's, der Sprenkel und Dohnen trug, um den kleinen Waldvögeln nachzuſtellen. Tidian griff ſchnell nach dem blanken Schatze; die Münzen klangen recht angenehm, als die bebenden Finger ſie in den feinen Säckel ſchoben, und als der Säckel tief unter ſeinem Wammſe verſteckt lag, ſtrömte es wie Feuer durch ſeinen Leib, das ſtarre Blut begann zu ſieden, und wie ein geſtörtes Wild ſprang er mit Haſt vom Lager empor. Zilla war ſein erſter heller Gedanke. Er bat den Knaben, ſeine Heerde eine Stunde lang zu hüten, er verſprach ihm dafür das treffliche Meſ⸗ ſer in ſeinem Gurt; die gewohnten Geſten wieſen dem Hunde ſeinen Wächterplatz an, und dorthin flog er mit heißen Athemzügen am Bergwaſſer hinauf. Nicht gar lange, ſo rauſchte der Waſſerfall vor ihm, und die Nym⸗ phe der Selke ſchien ihn, fröhlich wie ſein Herz, zu be⸗ grüßen: ſchöner geſchmückt wie je im ſchneeigen Schleier und ſilbernen Perlſchmuck glaubte er ſie am bunten Ge⸗ ſtein tanzend und im Morgenbade ſpielend zu erblicken. Als er näher gekommen, ſprang ſein Mädchen ihm in die Arme. Du guter Tidian! rief ſie, als ſie der Athemloſe feſt umfing, wußte ich doch, daß Du kameſt und das Kreuz⸗ chen gefunden⸗ welches die Mutter ſchon vermißte. Aber ſetze Dich her und ruhe und trockne Stirn und Wangen. Auch Zilla kann Dir etwas Freundliches verkünden. Er ſaß Gu leh bri Ler ſan mit ten ner dre dre ebe ber De mi nit nd vie hlt eil in uft der eln ken die ind ag⸗ lut er ller nde eſ⸗ em mit gar m⸗ be⸗ eier Ge⸗ ken. in feſt euz⸗ lber gen. Er 331 ſaß auf einen Steinblock und gab das Kreuz aus ſeinem Gurt. Sieh, mein Freund, ſprach ſie fort, ſich an ihn lehnend und niedriger im Graſe ruhend, wie es Heil bringt, wenn man Vertrauen hat und nicht ſchlechten Leuten glaubt, welche ſprechen, die Menſchen wären alle⸗ ſammt bös geboren, und man dürfe Niemanden trauen, mit dem man nicht Salz und Brod mondenlang gegeſſen. Da iſt der Andreas; die Burſchen aus den Schmelzhüt⸗ ten haben alle viel Finſteres und Abſchreckendes, und die Dirnen halten ſie für boshaft und hämiſch wie die klei⸗ nen Erdgeiſter, mit denen ſie Verkehr haben. Der An⸗ dreas iſt nicht ſo, iſt ein herziger Burſch, und als ich dreiſt genug war, freundlich ihn anzuſprechen, hat er eben ſo geantwortet gleich dem Widerhall am Meiſen⸗ berge. Tidians Stirne faltete ſich von ſchwellenden Adern. Der Andreas? ſtieß er heftig heraus. So biſt Du einig mit ihm* Haſt treulos ihm gelobt, ihm gegeben, was nicht Dein mehr war? Nicht doch! beſchwichtigte ſie den Erregten. Horche nur geduldig, wie Du ſonſt ſo gern gethan. Biſt Du doch mein frommer, ſanftmüthiger Tidian, und mußt es bleiben Dein Lebelang. Sie erzählte nun, daß ſie geſtern mit Zagen heimgekommen, mit größerem Zagen die Heim⸗ kunft der Beiden erwartet. Der Bräutigam hatte ſich viel um ſie zu ſchaffen gemacht und ſich mit koſendem Wort und Liebesſpruch ihr angedrängt. Da faßte ſie ſich ein Herz und ſprach offen und zutraulich zu ihm, wie ſie bis da mit Niemandem als ihrem Tidian geſprochen. Sie ſagte ihm, wie ſie meine, daß mit dem Freien nicht zu ſcherzen ſey, da es mit ihm nicht ſey wie mit einem Tanz am Pfingſtmorgen, ſondern wer leichtfertig gefreit⸗ ———————————— 332 es oft lange Jahre bereut; ſie warnte, wie der Himmel es ſtrafe, wenn man an einem Sakrament frevle, ſie erinnerte ihn daran, daß mehr als Geld und Gut und Haus und Kuh zu einem glücklichen Zuſammenleben nöthig, und verſicherte feſt und kühnlich, wie ſie lieber Magd im Schweſternkloſter werden würde, als einen Mann freien, den ſie nicht länger gekannt und von dem ſie nicht ge⸗ wiß, daß er ihr lieb und leidlich geworden für lange und für immer. Der Bergmann hatte ihre Rede gar gut aufgenommen und gleiche Geſinnung ausgeſprochen; er hatte ſie aber auch zugleich getröſtet, und geäußert, daß der Wille der Väter gar günſtig ihren Wünſchen entgegen gekommen. Der alte Wulf hatte gemeint, man müſſe das junge Volk nicht in's Ehebett hetzen, wie der Jäger das Wild in ſein Netz, ſondern ſie mitſammen den Brautſtand koſten laſſen bis zur Sättigung, dann trügen ſie Laſt und Leid, die im Eheſtande als Beigift kämen, duldſamer. Zilla's Vater habe alsdann von einem Hauſe geſprochen, das dicht neben dem ſeinigen gerichtet werden ſolle, damit der Mutter die einzige Tochter nicht zu fern zöge, und ſo hätten Beide wenigſtens eine Jah⸗ resfriſt Raum, Gutes und Böſes an ſich auszukundſchaf⸗ ten und ihr Wort danach zu wägen, was doch immer die Hauptſache bleibe, wenn auch die Väter ſich bereits den Handſchlag gegeben. Ein Jahr älſo noch, Tidian, ſchloß das Mädchen ihre Erzählung, obgleich mit herab⸗ gedrückter Fröhlichkeit, und die Wieſe wird noch einmal Blumen tragen, ehe der Trauertag kommt. O das iſt lange hin, und viel Waſſer läuft bis da durch's Thal und Manches kann anders werden. Es muß anders werden, es ſoll anders werden bis da! ſagte der Hirt mit ſo gewaltigem als beſtimmten Aus blick als nicht auch beſtr wen grün denn Ruf Spo eiger woh nun . Tidi ſtutz zog Pelz und 6 wie er 1 Hoff das für . heit ter verſi mel und hig, im ien, ge⸗ inge gar hen; ßert, chen man der men ann igift nem chtet nicht Jah⸗ haf⸗ mer reits ian, rab⸗ mal s iſt Thal bis mten 333 Ausdrucke, daß die Jungfrau verwundert zu ihm empor⸗ blickte. Aber er ſoll auch nicht gelten und ſich handthieren als Dein Bräutigam. Ich will's nicht und ich duld's nicht! Kannſt Du's hindern? fragte ſie mitleidig. Vielleicht! entgegnete er faſt übermüthig, und wenn auch der Kirchweg ſchon mit weißem Sande und Blumen beſtreut wäre, wenn die Kerzen ſchon qualmten, und wenn das Haus ſchon ſtände und der Zimmermann die grüne Bänderkrone auf den Giebel gepflanzt; vielleicht dennoch!— Sie drückte naſſe Augen auf ſeinen Aermel. Rufe das Böſe nicht! bat ſie; es kommt ungerufen. Spotte nicht in Verzweiflung; die Spötter ſprechen ihr eigen Urtheil. Zilla wird nicht lange in dem Hauſe wohnen, in deſſen Thürbalken der Meiſter Zimmermann nun einmal Deinen Namen nicht einſchnitzen darf. Und thut er es nicht, kann ich's ſelber, antwortete Tidian mit einer hochmüthigen Sicherheit, welche ſie ſtutzen machte, und als er zugleich den Säckel hervor⸗ zog und die blanken Münzen auf dem Schooße ſeines Pelzwammſes ausſchüttete, da ſprang ſie erſchrocken auf und ſtarrte von ferne ihn an. Fürchteſt Du Dich vor dem Glücke, das unvermuthet wie der Schnee um Oſtern auf uns herabfällt? fragte er lächelnd; o laß ſie nur hoffen und harren: unſer Hoffen ſteht auf feſterm Stein. Komm heran und ſchau'! das ſind nur die glatten Eier, aus denen fette Hühner für uns erwachſen ſollen. Umſtändlich erzählte er ihr jetzt die ganze Begeben⸗ heit und wunderte ſich, da ſie immer ernſter und betrüb⸗ ter zu werden ſchien und kein Freudenroth ihr Antlitz verſchönerte. 334 Und Du gutmüthiger, ſchlichter Knabe glaubſt, der Herr im Schloſſe würde Dein Glück fördern und feſt⸗ ſtellen, wenn Du ihm den reichen Fund anſagteſt und den vollen Beutel überbrächteſt? Das iſt Dem wie Tro⸗ pfen im Brunnen; er wird Dich loben, vielleicht Dir vom Kaſtellan eine Maaß Wein reichen laſſen, und Du vleibſt, was Du geweſen! ſagte ſie, als er geendet. Den Fund entdecken? Die ſchönen Gulden hingeben? Glaubſt Du, ein Sonnenſtich aus den Hundstagen habe mich getroffen? fragte er zurück. Iſt es nicht des Herrn Eigenthum? Gehört ihm nicht der Grund? Und biſt Du nicht?.. Sie verſtummte. Ein leibeigener Knecht, weniger wie der räudigſte Jagdhund in den Ställen des Schloſſes! fiel Tidian mit Grimm ihr in's Wort. Warum ſprichſt Du's nicht aus, da ich durch Deinen Mund gelernt, daß ich ſchon im Mutterleibe ein Ausgeſtoßener geweſen, daß Alles, was veſſer geboren, mein Feind iſt, der mich mit der Ferſe treten darf? Aber auch das Thier wehrt den Feind ab: der Hamſter beißt die Hunde lahm, der Reiher ſpießt den Edelfalken. Warum ſoll der Menſch länger ſtill⸗ halten, als er muß? Sieh', Zilla, fuhr er mit weicherm Tone fort und ſtreckte die Hand zu ihr aus, die guten Geiſter ſchützen die guten Menſchen; warum ſollten ſie denn für uns keine Hülfe haben und warum ſollten nicht für uns Wunder geſchehen können? Und iſt's nicht wie Wunder, daß der harte Bergmann Dir Friſt gab? Iſt's nicht ein Wunder, daß mir gerade an dem Tage, der uns ſcheiden wollte für immer, der Schatz wie vom Him⸗ mel in die Hände fiel? Sie ſaßte ſeine Hand und warf ſich an ihm nieder. Tidian, rief ſie weinend, laß ab und kehre um! Mein Her den zähl für den⸗ kind Her Sä hän in i leich ſchn Kob alſo der im doch ſche wer nun ſam zu voll mit viel Tid wat ben kna der eſt⸗ Dir Du n2 abe 335 Herz ſagt es, Du gehſt einen böſen Weg. Gedenkſt Du denn nicht der tückiſchen Kobolde, von denen man er⸗ zählt, daß ſie den Frommen verlocken durch die Reichthü⸗ mer in den Bergen? Iſt es nicht der böſe Feind, der für Gold Blut und Seelen einhandelt? Die Männer, von denen Du erzählſt, waren ſchwarz und häßlich: Höllen⸗ kinder ſind's geweſen, die Dich zur Untreue gegen Deinen Herrn zu verführen verſucht; wie hätten ſie ſonſt für Sänd ſo viel Silber gegeben. O ich höre ſie lachen hämiſch und boshaft, daß Deine argloſe Seele ſo leicht in ihre Falle gegangen! Tidian lächelte und zog ſie herauf zu ſich. Es waren Menſchen wie wir, ſagte er, und redliche Menſchen; leichtlich hätten ſie mir ja die loſe Waare um nichts ab⸗ ſchwatzen mögen. Du ſagſt, die Schätze gehören den Kobolden und ſie verſchenken ſie nach Gunſt. So ſind ſie alſo nicht dem Grafen eigen, ſind Niemanden als Dem, der ſie gefunden. Sammelſt Du doch frei die Beeren im Forſt; fängt doch der Vogelſteller die Vögelein; ſucht doch die Bettlerin das trockene Holz ungeſtraft. Gott ſchenkt's für Alle, und ich bin auch aus dem Himmel, wenn auch bislang ein verſtoßenes Kind. Und wenn nun ein Jahr ſchnell hingegangen, ich darin ſo viel ge⸗ ſammelt, daß es genug für uns Beide, wenn ich dann zu den fremden Männern ſpräche: Macht eure Wohlthat voll, gebt mir Kleider, die mich verſtecken, nehmt mich mit, mich und mein Mädchen mit in das ferne Land, viele hundert Meilen von hier, wo Niemand den armen Tidian kennt, Niemand ihn ſuchen wird, und der alte, wackere Mann thut's gewiß, wollteſt Du dann hier blei⸗ ben im düſtern Thal, hier bleiben bei dem rauhen Berg⸗ knappen, der Dir niemals ſo gut ſeyn kann wie ich⸗ 336 wollteſt Du Deine jungen Jahre verweinen in dem neuen Hauſe? O wenn Du das könnteſt, dann viſt Du falſch wie das morſche Eis im Bach; dann hätteſt Du nie Dich zu mir ſetzen ſollen am Fels; dann trägſt Du die ſchwere Schuld, mich aus meinen Träumen geweckt, meine Augen hell gemacht zu haben bis zum Entſetzen! Und ſie ſchlug ihre runden Arme um ſeinen Hals, weinte laut an ſeiner Bruſt und hatte kein Wort des Widerſpruchs mehr. Ein ſeltſam Ding iſt es um das Gold. Der ſeltene, glänzende Naturſchatz iſt wie verwandt mit Thränen und Blut, denn ausgenommen um den Glauben und Wahn iſt um nichts Anderes in der Welt davon ſo viel gefloſſen. Und iſt ſein Werth doch auch ein Wahn und ſeine götzen⸗ dieneriſche Anbetung ein Glauben. Die Felder Peru's und Mepico's, die Grabhügel zweier darunter verſcharr⸗ ter Völker erzählen noch davon, und durch die weſtlichen Rieſenwälder rauſchen noch die Namen Cortez und Pi⸗ zarro wie Fluchworte, von ruheloſen Geiſterſchaaren ge⸗ ſeufzt, die um Gold gehetzt und zerriſſen wurden von Centauren und Hetzhunden und Donnerbüchſen, und jenes Oſtland, wo Tippo's Pfauenthron prangte, trägt ein ähn⸗ lich Denkmal, nach welchem ein anderes Volk, das gar gern mit hochherzigem Freiheitsſinn zu prahlen pflegt, reuig zurückblickt. Es iſt als wohnte in dem glatten und kalten Stoffe ein zauberiſches, geheimes und gewaltiges Leben, das ſchon durch das Anblicken Alles zu ſich ver⸗ lockt und ſich ſinnverwirrt unterthänig macht. Tauſend Schaffote wären leer geblieben ohne das Gold, Millio⸗ nen Verbrechen weniger in den Schuldbüchern des Men⸗ ſchengeſchlechts, und doch bleibt es die Weltſeele, und die Welt beugt ſich vor Dem, der dieſes Amulet bei ſich — nd hn n⸗ *s en i⸗ 3e⸗ on tes n⸗ ar gt⸗ nd es er⸗ end io⸗ en⸗ ind ſich 337 trägt, eben ſo tief als vor irgend einer irdiſchen oder geiſtigen Gewalt, und wäre er der ſchmutzigſte Schacher⸗ jude. Das lautet freilich ſo betrübt wie empörend, aber es iſt, und der Volksſpruch, der ſelten fehl ſchießt, weil er aus der Erfahrung ſchöpft, ſymboliſirt gar ſinnig das Gold als eine Geburt des Höllenfürſten, deſſen Dä⸗ monen die dünnen, kaum ſichtbaren, aber unzerreißlichen Fäden des edelſten Metalls zu Netzen verſpinnen, um Menſchenſeelen zu fangen darin. Hochſtehende, hochgebildete Menſchen ſchändeten ſich ſelbſt und ihr Gedächtniß um des Goldes willen durch Meineid, Treubruch, Verrath und jeden geiſtigen Roſt⸗ fleck; wen kann es darum verwundern, daß ein armer und ſchlichter Hirte daran ſtrauchelte? Man ſah ihn noch gehen gleich einem Träumer, wo er ſonſt gegangen, aber ſeine Träume waren ganz anderer Art denn zuvor. Eine verfallene, alte Veſte, vor Zeiten vom Löwenherzog zer⸗ ſtört, lag zur Seite des Selkethales oben auf der Berg⸗ wand und mitten im dichten Wald. Der Aberglaube umſpann die grauen Trümmer mit ſchädlichem Spuck. In der Nähe dieſer unbekannten Ruine ſuchte ſich Tidian einen hohlen Eichbaum, verſenkte in ihn ſeinen Säckel und ſchnitt ein T als Beſitzzeichen in ſeine Rinde mit nicht geringerm Dünkel, als ein Weltumſegler die Flagge ſeines Vaterlandes in die neuentdeckte Inſel ſtößt. Zwi⸗ ſchen dieſer ſeiner Schatzkammer und ſeinem Goldſchacht theilten ſich jetzt ſeine Gedanken, und nur Zilla's Bild ſchwebte dazwiſchen wie das Königszeichen auf des Welt⸗ entdeckers Wimpel. Vom Morgen bis zur Nacht ſtrebte ſeine Sehnſucht nach den beiden Punkten, welche ihm zu Lebenspolen geworden, und ſeine Fußſohlen brannten, bis die Gelegenheit ihm den ſichern Beſuch erlaubte. Die Blumenhagen. XvI. 22 6 338 Höhle am Thal bot einen Reichthum ohne Gleichen, als habe das Gebirg hier ſein Edelſtes in Verwahr zu Hauf gelegt, und Tidian fühlte anfangs oftmals ein unheim⸗ liches, kaltes Durchrieſeln, wenn ihm der Gewinn ſo leicht wurde und dabei die flehenden Warnungsworte ſeines zagenden Mädchens ihm beifielen. Er ſprach dann ſogleich ein frommes Gebet, das ihn ſtärkte, aber bald kam das Fieberfröſteln nicht mehr, die Furcht vor hölli⸗ ſchen Mächten und Schatzhütern verlor ſich in der Ge⸗ wohnheit, deren ſchwerer, täglicher Fuß viel Rauheres und Schlimmeres glatt tritt, und auch das Gebet ward vergeſſen. Die finſtere Felſengrotte barg nicht allein jenen ſchimmernden Goldſand, nein, als der kühne Hirt ſich allmälig in ihre tiefern Seitengänge und verzweigten Nebenkämmerchen wagte, fand er die Zacken der Wände mit zahlloſen Glanzblättern bedeckt, ja ſogar mächtige Maſſen und Klümpchen des unſchätzbaren Metalls blick⸗ ten aus den Druſenlöchern wie buhleriſche Nixenaugen zu dem Begierigen her. Ein Waldbach mußte ſicherlich ehedem durch dieſe Schlucht ſich den Weg in's Freie ge⸗ bahnt, und als ſein Quell verſiegt war, den Staub, welchen et aus dem Innern fortgeriſſen, am Boden zu⸗ rückgelaſſen haben. Tidian war geizig geworden; er beſaß ja jetzt etwas, durfte etwas eigen nennen: eine Freude, die ihm ſonſt völlig unbekannt geweſen; wie hätte er ein Stück ſeines Schatzes vergeuden und ſo ſeine Luſt verkleinern können? Lieber nahm er aus dem Magazin des Kaſtellans die Säckchen und Beutel, die ihm nöthig geworden; lieber veſuchte er die Eiſenhämmer und Schächte der Bergleute und verſchaffte ſich dort ohne Kaufgeld Schlegel, Eiſen und Grubenlämpchen, wie er's in ſeiner unterirdiſchen „ e⸗ 8, nſt es n2 die er ute ſen en 339 Werkſtatt bedurfte. Nach wenigen Wochen kehrten die Italiener zurück und ſtaunten über den Gehalt deſſen, was der junge Schatzgräber ſeitdem eingeſammelt. Sie zahlten jetzt kein ſchlechtes Silber mehr, ſondern gepräg⸗ tes Gold für das rohe Naturprodukt, und immer mäch⸗ tiger ſchwoll des Hirten Herz, ſaß er oben zwiſchen den Bergtrümmern, zählte ſeine Reichthümer und hörte aus jedem Stück ſein Freiheitslied klingen gleich immer höher in die Wolken ſteigendem Lerchengeſange. Aber Tidian war nicht mehr der ſinnige, friedliche Burſch unter ſeinen Geſellen: er fing an, ſich mehr zu dünken als ſeine Un⸗ glücksgefährten, er wurde hoffärtig, abſprechend, zän⸗ kiſch, ſtörriſch, träg und unzuverläßig in ſeinem Geſchäft; die Knechte mieden ihn und er blieb nicht mehr der Lieb⸗ ling aller Burgmänner; Kaſtellan und Hausmaier hatten zu ſchelten an ihm und bedräueten ihn oft; aber was ihm einſt tiefe Schaam und Reue geweckt haben würde, machte ihn jetzt nur verdroſſener und feindſeliger. Er hatte die ganze überreife Frucht vom Baume der Erkennt⸗ niß verzehrt, dazu mit unmäßiger Haſt, und der Engel mit dem Flammenſchwerte ſchwebte unſichtbar ſchon über ſeinem Haupte und harrte des Spruchs, ihn zu jagen aus dem Garten des Paradieſes, der nur kindliche und ſchuldloſe Bewohner duldet. Das Schickſal ſchien zu der größern Gunſt auch jede kleinere hinzuzufügen, als wäre es geſonnen, an dem erwählten Lieblinge Gerechtigkeit zu üben für alle die Verſtoßenen ſeiner Art. Ein trockener Winter bedeckte die Vorgebirge nur oberflächlich mit leichter Schneedecke und verſchüttete weder Weg noch Wald. Klüglich ſchloß ſich der Hirt den Holzfällern an, da ſein Sommertag⸗ werk niederlag, und der Kaßlellan belobte ihn, daß er 340 die ſchwerere Arbeit im Forſt dem trägen, unmännlichen Treiben an der Spindel in der Geſindehalle vorzog, und vergaß darüber ſeine früheren Fehler. Doch Tidian wußte draußen ſeine Zeit beſſer zu nutzen als mit dem Beile am harten Eichenſtamme; zur Goldſchlucht ſtahl er ſich, oder zog ſeinen ſchnellbeladenen Holzſchlitten über die Eisbahn rüſtig im Thale hinauf und begrüßte Zilla's Haus, wo man ihm gaſtfrei das Ruheſtündchen am gewärmten Herde nicht verſagte. Mit glühenden⸗ begehrlichen Blicken ſah er dann hinüber nach dem Webſtuhle, von wo trübe, trauernde Augen ihm begegneten. Auch der Schloßherr reiste, als die Züge der Kraniche und Schwäne über den Burgthurm hin nach Süden ſtrichen, fort zum Kaiſer⸗ hofe und den Verwandten der Gräfin, mit ihm der Schweif der Gäſte, und im verödeten Schloſſe blieb Niemand, deſſen ſcharfes, umſichtiges Auge des Hirten heimlichem Werke hätte gefährlich werden können. So kam der Früh⸗ ling, ſo erſchien der Sommer; das Gold fehlte nicht, die Käufer blieben nicht aus und der im hohlen Baume niedergelegte Schatz wuchs zum Erſtaunen des Beſitzers, und oftmals ſaß er wie trunken an der Ruine auf dem Rande des tiefen, halbverſchütteten Brunnens und wog ſeine Beutel in den Händen, und bemerkte die buntge⸗ fleckten Kaninchen nicht, die überall aus den Büſchen und Sandhöhlen ihre klugen Augen auf ihn richteten, bis die Bewegung des neben dem Herrn ſchlafenden Hundes ſie windesſchnell verſchwinden ließ. Zilla kam zu ihm in's Thal, doch ſeltener als ſonſt; ſie war ſcheuer geworden vor den Nachforſchungen des Bruders und Bräutigams, auch fand ſie den Geliebten nicht immer an den bekannten Plätzen, wo er ehedem ſtill und ge⸗ duldig ihrer geharrt, und ſaß die bleicher gewordene ————————— ———, t, e⸗ ————————— 341 Jungfrau neben ihm im Holz, fühlten Beide dennoch, daß ſie nicht glücklich waren wie ſonſt; die Unbefangen⸗ heit, die ſüße Vertraulichkeit wollte ſich nicht wieder fin⸗ den. Prunkend ſprach er immer von ſeinem wachſenden Reichthume, von der Höflichkeit, mit der die ſchlauen Venetianer ihn behandelten, von den Verſprechungen, welche die Fremden ihm bereits betreff ſeines Fluchtplans geleiſtet, oder er malte ihr aus, wie ſie im ſchönern Lande, wo kein Winter käme, üppig und arbeitsfrei leben würden, wie er die Braut dort ausſtaffiren würde gleich einer Edelfrau, wie ſie ſich bedient ſehen ſollte von Gürtelmägden und Leibdienern; aber je feuriger er malte, je ſchweigſamer ward das blaſſe Mädchen, und niemals konnte er ſie bereden, mit ihm zu den Ruinen des Sausberges hinaufzuſteigen und ſich an dem gewich⸗ tigen Inhalt ſeiner Schatzkammer zu weiden. Sie ge⸗ ſtand ſich heimlich in ihrem Kämmerlein: es war nicht der Tidian mehr, deſſen frommer Sinn, deſſen knaben⸗ hafte Züchtigkeit ſie ſo allmächtig angezogen und gebun⸗ den, und als er einſtmalen auf dem Bauplatze ſtand, wo Andreas und ſeine Werkleute am neuen Hauſe zim⸗ merten, und er wie mit Hohnblicken den wachſenden Bau betrachtete und ſpöttelnd ſprach: Bergmann, Du baueſt ein gar ſchwaches Neſt; wenn die Windsbraut vom Blocks⸗ berg herabfährt, wird ſie Dich, Haus und Bräutlein in ihrem Wagen davon führen! und der Andreas darauf ſinnig antwortete: Jeder ſtreckt ſich nach ſeiner Decke, und ich wette doch, Dein Leibherr wird in ſeinem Stein⸗ haus nicht ſanfter ſchlafen als wir hinter der Lehmwand; da erſchrack ſie über das tückiſche Geſicht, welches der Hirt zeigte, und ſeine grimmige Geberde, aus welcher der Haß roth und zerſtörend hervorflammte; und doch 342 liebte ſie ihn innig wie ſonſt, denn für ſie war er ja ein Anderer geworden und dieſer Mordbrand des Haſſes hatte ſich an ihrem Liebesfeuer entzündet. Eines Abends kam plötzlich und unangeſagt der Graf und die Gräfin auf dem Falkenſteine an. Sie hatten das volle Jahr in den Erblanden des Kaiſers verleben wollen, und der unvorbereitete Kaſtellan verwunderte ſich nicht wenig, als die Herrſchaft wie hergezaubert im Burghofe vor der hohen Schloßtreppe unter den ſchatten⸗ den Linden hielt, mehr aber noch, als der Graf, ehe er noch von ſeinem Rappen geſtiegen und die Edelfrau vom ſilbergrauen Zelter gehoben, mit Haſt und Lebhaf⸗ tigkeit nach dem Hausſtande und dem Geſinde fragte, dann nach dem Tidian forſchte und ob der wackere, rü⸗ ſtige Burſche wohlauf ſey, und ihn aufzuſuchen und in die inneren Gemächer der Burg, die nie ein Eigener bvetreten durfte, zu beſcheiden befahl. Der eifrige Ka⸗ ſtellan ſandte ſogleich zum Viehhof im Thal, und nach⸗ dem er die hohen Ankömmlinge bedient und befriedigt nach Pflicht, trat er ſelbſt vor das Thor hinaus, um nach dem Geforderten auszuſchauen. Wo am Abſatz des Burgberges in gemauerter Riſche ein großes Kruzifir ſtand, ſtieß er auf den Hirten, der langſam und gedankenvoll den Pfad heraufſtieg. Die Nachricht von der Ankunft des Herrn, der räthſelhafte Ruf zum Schloſſe hatte den ſchuldbewußten Jüngling erſchüttert, obgleich er nicht an die Entdeckung ſeines Geheimniſſes denken konnte. Die Furcht iſt das Kind der Sünde. Rege die Glieder, mein braver Burſch! rief der Ka⸗ ſtellan zu ihm hinunter. Das Glück iſt ein Kahlkopf, man muß es bei ſeinem kleinen, armſeligen Haarſchopf — er ie fte ng es nd a⸗ pf⸗ —,.— — 343 erfaſſen, kommt's in die Nähe. Irre ich nicht, ſo ſchlägt Dir eine gute Stunde. Freude leuchtete im Auge des Grafen, als er Deinen Namen ſprach. Man ſagt, er werde Kriegsvolk dem Kaiſer zuführen; wer weiß, wozu er Dich auserſehen? Biſt Du doch der rüſtigſte und mannlichſte unter dem Geſinde, und ward aus dem Kna⸗ ben David ein König in Iſrael, kann aus Dir leichtlich ein Leibknapp' werden. Tidians Blick fiel auf das Gottesbild, welches, von der Abendſonne beleuchtet, aus allen ſeinen Wundmäh⸗ lern friſch zu bluten ſchien. Es war in ihm, als müſſe er ein banges Gebet ſprechen; doch konnte er die Worte nicht finden. Der Leibknecht, und wär's gar der Waf⸗ fenmeiſter, kam ihm jetzt ungelegen, und er dachte ſich ſelbſt beruhigend: Was kann der Herr wollen? Meinen Schatz ſah kein Menſchenauge, und morgen iſt es Jo⸗ hannistag. Dann kehren die Fremden und müſſen die Flucht ohne Aufſchub bereiten. Der Schatz iſt groß ge⸗ nug; ein Sprung zu der Zilla, und der Tidian wird nicht mehr den ſteilen Berg hinauf keuchen, und wenn auch der Herr mit tauſend Poſaunenſtimmen nach ihm riefe. Der Graf befand ſich indeſſen mit ſeinem Hauskaplan im Geheimzimmer der innerſten Burg. Der lange, ausge⸗ pörrte, alte Mönch ſah zwar verwundert der Lebhaftigkeit des jungen Schloßherrn zu, der mit blitzenden Augen auf dem Eſtrich hin und her ſchritt, wie mit ſich ſelber be⸗ rathend dann und wann am Fenſter weilte, und deſſen Bewegungen eine heftige innere Unruhe verriethen, aber er fragte nicht und brachte befohlenermaßen ſein Schreib⸗ geräth in Ordnung. Aufgetrocknet an Leib und Seele im geiſtigen Pienſte dreier Falkenſteiner, gewöhnt, gut zu heißen, was auch um ihn geſchah, weil Widerſpruch E——— — e 344 ſeinen bequemen Platz gefährden konnte, kam ihm nichts mehr unerwartet, und ſein milchweißes Antlitz glich ei⸗ ner ſeelenloſen Menſchenmaske und verrieth durch keinen Zug ſeiner ſtereotypen Falten, was über oder unter ihm vorging. Der Graf lehnte ſich plötzlich mit beiden Hän⸗ den auf das Tiſchlein. Ehrwürdiger Vater, fragte er mit Haſt, hat der Leibeigene, der Halseigene auch eine Seele gleich andern Menſchenkindern? Der Mönch ſtutzte. Wie kommt mein edler Gebieter auf ſolch abſonderliche Frage? entgegnete er gedehnt und forſchend. Was geſchaffen gleich dem Ebenbilde Gottes, dem hauchte der Herr auch ein ſeinen lebendi⸗ gen Odem. Wer da ſpricht mit vernünftigen Worten, wer ſein Geſchäft vollzieht mit Verſtand, wer da betet und die Diener der Kirche ehrt, dem muß auch einwoh⸗ nen das unſterbliche Theil, welches den Menſchen von den Thieren des Feldes unterſcheidet, und wenn auch der weiſe Schöpfer ſeinen göttlichen Odem nicht überall gleichermaßen vertheilte, damit Dieſer regiere und Jener gehorſame, wie es die große Weltordnung erfordert. So darf ich nicht tödten den Knecht, der mein eigen iſt, wie ich das Wild tödte im Forſt? So heißt es Mord, ob ich den ebenbürtigen Junker niederſteche oder den Schädel des elenden Knechtes einſchlage? fuhr der Junker unruhig empor. Und doch ſpricht man, ihr Blut und Leben ſey mein! Der Mönch ſeufzte. Zucht und Buße ſteht in des Leibherrn Hand, und wie ſchwer er ſie auflege, hat er mit ſich ſelber abzurechnen, denn Niemand ſchaut auf Erden in ſein Schuldbuch. Aber das Leben iſt ein hohes Gut, das nur der Himmel beſchert, und was wir nicht geben, dürfen wir auch nicht nehmen ohne Urſache. — — — S c e— c„—— — G— v —— * Meine feigen Söldner treibe ich in der Schlacht mit dem Schwert vor mir her in die Eiſenſpitzen; meine Burgleute ſchicke ich auf der Mauer in den Tod. Sind ſie nicht beſſer als der elende Sklave, der geboren, daß ich meinen Fuß auf ihn abſtreife? Dürfte ich ihn nicht, ohne mich zu beladen, aus meinem Wege werfen, wenn er mich hinterging, die Treue brach, mir entzog, was mir gebührt? Der Mönch hob die glanzloſen Augen wie mitleidig zu dem Herrn auf. Das verändert den Casum, ſagte er eiskalt, und Euer gnädiger Vater und Großvater würde darum keine Frage geſtellt haben. Schon in den älteſten Zeiten lebte in der Republik Sparta eine Men⸗ ſchenklaſſe, Heloten genannt. Es war ein bezwungener Volksſtamm, den die tapfern Lacedämonier aus ihrer Heimath fortgeſchleppt. Sie waren bekleidet mit dem Felle der Katze und durften nur lederne Mützen tragen. Sie gehörten dem Staate, dem ganzen Volke, mußten für die Bürger und Vornehmen das Feld bauen und Handwerk treiben. Ueber ihre Freiheit, ihr Leben befahl der Staat, die Volksverſammlung, und thaten ſie, was gegen ihre Pflicht, wurden ſie an das Kreuz genagelt, oder den wilden, wüthigen Thieren vorgeworfen. Sie ſind das Urmuſter der Leibeigenſchaft, und was damals dem Senate zuſtand, iſt in vollem Maße auf Fürſten und Ritterſchaft übertragen worden. Der Graf zog einen Seſſel heran und nahm Flatz. Horcht zu, Vater Sabinus, und richtet! Wir lebten draußen im Baierlande, wohin der Kaiſer ſeinen gan⸗ zen Hof geladen. Seit lange hatte ich Gnade vor den Augen des wackern Herrn gefunden, und ſeine Gunſt übertrug mir die Anordnung manches Feſtes, das er mit 346 kaiſerlicher Großmuth und Verſchwendung in ſeiner Erb⸗ ſtadt der fremden Ritterſchaft bereiten ließ. Meine Dienſte genügten ihm, und als die Abſchiedsſtunde kam, hing der Hochherzige mit eigener Hand mir dieſe koſtbare Eh⸗ renkette um den Hals, einen Silberbecher voll goldener Münzen mußte der Truchſeß mir reichen, und der Kaiſer ſprach lächelnd dazu: Ich zahle Eure Mühewaltung mit dem, was Euer Vaterland uns ſpendete. Es iſt eitel Tidians⸗Gold, und unſere Münzmeiſter und Juwelirer haben es eigen für Euch zu den Geſchenken unſerer Gnade und Dankbarkeit verarbeitet, damit ſolche einen zwie⸗ fachen Werth für unſern galanteſten und dienſtwilligſten Ritter erhalten möchten. Tidians⸗Gold! der Name fuhr mir durch den Sinn, aber ich wagte nicht zu fragen und meine Neugier bloß zu ſtellen vor der Majeſtät und den anweſenden Hofherren. Der Name iſt nirgend gäng und gäbe im deutſchen Reiche, nur auf dem Falkenſtein hörte mein Ohr ihn von früh an. Ihr meint den Schäfer, edler Herr? ſtutzte der Mönch. Tidi, Tidian, ſo taufte ihn ein engliſcher Ritter, ein munterer Gaſtfreund des ſeligen Grafen, weil der Knabe munter, zuthunlich und geſchickt zu mancherlei Dingen ſich ſchon als Kind bewieſen, und der Graf ließ ihm die fremdländiſche Benennung zum Gedächtniß des beliebten Kumpans, mit dem er manchen Tumler geleert. Der Name klang in meinem Ohre die ganze Nacht hindurch, fuhr der Graf lebhafter fort; des Knechtes Geſtalt ſchritt durch alle meine Träume. Ich forſchte bei dem Goldſchmied, ehe denn ich die Roſſe ſatteln ließ. Der Mann legte mir venetianiſche Prunkketten vor, fein wie Seidenfäden, kramte vor mir aus Spangen und Halsgeſchmeide vom zarteſten Gewebe und rühmte ſie „ —— eG„—„„ 347 als Tidians⸗Gold, als Metall vom feinſten Korne, wel⸗ ches ſeit Kurzem in Menge durch italiſche Handelsleute verbreitet worden, das man im Harzgebirge fände, in einem Thale nahe einer Biſchofsſtadt, und mit dem ein armer Hirt daſelbſt Handel treibe. Erhebt nicht Halber⸗ ſtadt dem Selkethale nahe die ſtolzen Thürme ſeines Doms? Heißt Tidian nicht der Hirt des Falkenſteins, und war der Burſche nicht von Kindheit an ein ver⸗ ſchloſſener, ſchweigſamer und dennoch verſchmitzter Menſch, bei dem Betrug und Unterſchleif zu argwöhnen ſeyn dürfte? Der Mönch ſchüttelte das kahle Haupt. Und Ihr wollet ihm an das Leben? fragte er mit geſpitztem Munde. Die Eigenen ſind ſtörriſch wie der Zugſtier. Er wird ſein Geheimniß mit in die Grube nehmen, und Ihr werdet dem reichen Schatze, der Eurem Hausſtande wohl bekommen möchte, vergebens nachſuchen. Man hat eine alte Fabula vom Affen, der die Pfoten der Katze g vrauchte, um die gebratenen Kaſtanien aus der heißen Aſche zu holen. Aber der Affe würgte die Katze nicht, bevor er des Leckerbiſſens gewiß war. Der Graf beſann ſich eine kurze Zeit. Schreibt einen Freibrief für den Tidian! befahl er dann.— Der Mönch ſpitzte den Federkiel. Ihr wollet theilen mit ihm? Ein reicher Fund erheiſcht guten Finderlohn, und Ihr ſeyd voll Güte und Großmuth. Es wird eine abſonderliche Compagnie werden zwiſchen Herrn und Knecht; nur hü⸗ tet Euch, daß der flüchtige Compagnon, wenn Ihr ihm vas freie Jagdſchiff gebaut, nicht damit in's weite Meer hinaus ſteuert.— Schreibet! befahl der Graf herriſch und im Tone des Unmuths, ſtieß das buntbemalte Fenſter auf und ließ die kähle Abendfriſche über ſein erhitztes ℳ Geſicht hinſtreichen. Nachdem das Pergament beſchrieben und vefiegelt, ward der Pfaff von dem Herrn mit der Weiſung entlaſſen, den Kaſtellan nebſt Leibknecht herzu⸗ ſenden. Tidian fand den Herrn bequem im Seſſel ausge⸗ ſreckt und näherte ſich gebückt und demüthig mit über die Bruſt gefalteten Händen, doch entgingen ſeinen zu Boden gerichteten Augen die ſtechenden Blicke nicht, mit denen der Graf ihn eine Weile muſterte. Haſt Du Klage, LTidian, über meine Burgmänner? fragte der Herr dann mit erzwungener Ruhe und Sanft⸗ heit. Hat der Hausmaier die Koſt verſchlechtert? Iſt Deine Kleidung ſchlecht und zerriſſen? Schläfſt Du kalt und hart? Haſt der Kaſtellan Dich ungerecht gezüchtigt in unſerer Abweſenheit? Sprich frei, ich will es hören und abſtellen. Der Hirt ſah verwundert auf und antwortete leiſe: Mir geht nichts ab, ich bin zufrieden. Und dennoch treulos, dennoch betrügeriſch gegen den Herrn, der Dich füttert und kleidet und gut hielt Dein Lebenlang? fuhr der Graf empor, und Tidian drückte ſich erſchreckt und in gewohnter Scheu zuſammen, als der hochgewachſene, ſtattliche Mann ſtolz und hoch auf ihn eintrat. Kennſt Du dieſe Kette? Kennſt Du dieſes Gold? Es iſt durch Deine Hände gegangen. Läugne nicht: Unrecht, noch ſo fein geſponnen, beleuchtet end⸗ lich doch die Sonne. Wie ein Donnerkeil fuhr das Wort auf des Leib⸗ eigenen Scheitel, er ſah Geißel, Marter, Tod, und ſtürzte ſich vor des Herrn Füße in den Staub. Der Braf lächelte im höhniſchen Triumphe. Steh auf, Tidian, ſagte er mit Ernſt, aber ruhig, ——— S 8 it 349 ich will nicht Deiner Böswilligkeit, ſondern Deinem Un⸗ verſtande die Sünde zurechnen. Du kannteſt nicht den Werth deſſen, was Du mir ſtahlſt, und die liſtigen Hau⸗ ſirer, die betrügeriſchen Diebeshehler mögen Dir wenig genug gezahlt haben für die willkommene Beute. Sieh⸗, ich will nicht einmal fragen, wo Du das Geld gelaſſen, wie Du es durchgebracht und verſchwendet. Aber mein Eigenthum fordere ich von Dir: Du ſollſt mir den Ort zeigen, wo das Gold ſich findet, und ich ſichere Dir Dein Leben. Der Knecht horchte aufmerkſam, indem er ſich halb vom Eſtrich erhob; ein Hoffnungsſtrahl berührte ſein Gemüth. Das Waſſer im Thale führt's, ich wuſch es mühſam aus dem Sande, ſtotterte er. Du lügſt, rief der Graf. Das konnteſt Du nicht im Geheim, und ſolche Maſſe wäſcht ſich nicht aus in Jah⸗ resfriſt; nur der Berg, der ſich Dir aufgethan, ſpendet dergleichen. Reize mich nicht, Tidian! Ich kann Dich foltern, Dir Deine Glieder zerſchneiden laſſen, kann Dich über dem Feuer aufhängen, ich kann Dich ſterben laſſen hundertfältigen Tod, denn Du biſt mein Ge⸗ ſchöpf. Führe mich zu dem Ort des Schatzes, Knecht, und ich ſichere Dir Dein Leben mit meinem ritterlichen Worte; und mehr noch, Tidian, dort liegt Dein Frei⸗ brief, ich lege ihn in Deine Hand, ſobald Du reuig Deine Schuld verſöhnt durch freimüthiges Geſtändniß. Du biſt ein glücklicher Schatzgräber, mein Burſche, ver⸗ ſtehſt Dich ſicherlich auf Gabelruthe und Alraunwurzel, und wirſt im herrenloſen Gebirg noch manche Fundgrube zu finden vermögen, ſo lange Dir die Augen offen bleiben, ſetzte er ſcherzend hinzu. In Tidians Kopfe jagten ſich die Gedanken; Zilla's —— mm m———,———* 350 Reden am Waſſerfalle klangen wieder in ſeinem Gedächt⸗ niß; des Leibherrn gute Laune friſchte ſeinen Muth auf; „ein verborgener Reichthum blieb ungefährdet, der Frei⸗ prief machte ſeine Kette morſch; ſo ſchien nichts verlo⸗ ren und leichtlicher wie vorher ließ ſich ſein gehegter Plan ausführen, und ſelbſt das Mävchen mußte ſich eher zu der Flucht mit dem Freigelaſſenen bequemen. Er er⸗ hob ſich völlig vom Boden und antwortete entſchloſſen: Der Flatz iſt nicht weit, ich werde den Herrn hinfüh⸗ ren, wenn er's begehrt. Der Graf rief eilig nach dem weißköpfigen Kaſtellan, gab ihm geheime Befehle, und als aus dem Abende völlig Nacht geworden, ließ er ſich leicht waffnen, und die Drei ſtiegen hinab zum Thale. Groß war das Staunen des Herrn und des alten Dieners, als der Hirt ihnen vor⸗ leuchtete in dem verborgenen Labyrinth⸗ und die der Sache Kundigen ſofort die Unſchätzbarkeit des Fundes erkann⸗ ten. Tidian ſah die funkelnden, begierigen Blicke, und ein Grauen durchſchlich ihn, als der kleine, verwachſene Ka⸗ ſtellan, von dem man ſprach, daß er in einem verbor⸗ genen Kämmerchen des Schloſſes geheime Kunſt treibe und den Stein der Weiſen ſuche, ſeine Taſchen füllte, und mit lüſterner Haſt hie und da Felsbrocken loshäm⸗ merte. Er kam dem Hirten vor wie ein höckeriſcher Gnom, und die ſchielenden Blicke, die der Kleine zu Zei⸗ ten nach ihm hinwarf, dünkten ihm verdächtig, und als er ihn flüſtern hörte: Für ſolch ein güldenes Venusgärt⸗ lein hätte der Befitzer an Einem Auge genug! wünſchte er ſich weit von dannen und dieſe Nacht erſt hinter ſich. Doch der Graf blieb freundlich und guter Laune, und der Knecht mußte ihm folgen wieder hinauf in das Schloß. Hier iſt der Brief, ſagte er kalt, als ſie im t⸗ 5 0. er r⸗ n: h⸗ n, de nd en or⸗ che an⸗ ein da⸗ or⸗ ibe lte, im⸗ her Zei⸗ als ärt⸗ chte ſich. und das 351 Gemach ſtanden; ich lege ihn in Deine Hand, wie ich gelobt. Aber Du mußt fort aus meiner Burg und ſo⸗ gleich. Der Dienſt wird ſolch rüſtigem und verſchmitz⸗, ten Menſchen nirgend fehlen. Trifft man Dich jedoch je wieder auf dem Boden, der mir gehört, ſchreiteſt Du mit einem Tritt über die Grenzmark, an welcher der Falke dräuet, ſo iſt mein Wort gelöst, ſo iſt Dein Le⸗ ben dem Eiſen meiner Wappner verfallen. Leuchtet ihm durch das Schloß, Odo, zum Ausfallpförtchen! Niemand ſehe ſeinen Weg, Niemand erfahre, wohin er gegangen. Der Graf wandte ſich ab und Tidian barg mit freierem Athemzuge den Freibrief unter ſeinem Bruſt⸗ wammſe, und ſchritt dem Kaſtellan eilfertig voran, ſo wie ihm dieſer befahl. Ueber mehrere ſtille Gallerien des Flügels ging der Weg, langſam keuchte der verkrüp⸗ pelte Greis mit dem Lichte ihm nach, da wich plötzlich der Boden unter Tidians Füßen, er ſchoß in einen fin⸗ ſtern, engen Schlott hinunter, und als er unten lag und nach Beſinnung haſchte, ſah er ein weites, qualm⸗ gefülltes Gewölbe um ſich, ein rothes Feuer kniſterte auf der Erde, mehrere bärtige, halbnackte Männer warfen ſich auf ihn, er fühlte ſich gepackt, gehalten wie von Rieſenfäuſten, vor ſeinen Augen flammte und ziſchte es wie Blitz, ein entſetzlicher Schmerz ſtach durch ſein Ge⸗ hirn, und er ſank beſinnungslos zuſammen. Nicht ſelten trifft's ſich, daß zürnende Stimmen der Natur menſchliche Unthaten begleiten; es iſt, als wenn die unſichtbaren Gewalten, die den Elementen einwoh⸗ nen, ſolche Gräuel beachteten, und den Thäter, welcher ſeine Macht mißbrauchte, mahnen wollten an einen Hö⸗ 352 hern als er, der zu Recht ſitzt. Wilde Wetter hatten in den Bergen getobt und die rabenſchwarze Nacht mit flammenden Blitzen lichthell gemacht; entzündete Bäume hatten wie Lärmfackeln auf den Höhen gebrannt; der Orkan hatte alte Eichen entwurzelt und wie Rohr zer⸗ ſplittert; der Fluß war aus ſeinem Bett getreten und rauſchte noch am Morgen mit ungewohntem Getöſe und hochſchäumend durch das Thal. Früh ſuchte die junge Gräfin nach dem Gemahl. Wie konntet Ihr Euer Geſpons verlaſſen in ſolch ſchrecklicher Nacht, wo alle vöſen Geiſter Eurer wilden Heimath losgelaſſen waren? klagte ſie. Was iſt meinem edeln Herrn begegnet, daß er bleich und verſtört in ſeinem Seſſel hängt, als hätte auch ihn kein Schlaf er⸗ quickt? O laſſet uns fort von hier, denn eine ähnliche Nacht würde mir den Tod der Angſt bringen! Klang nicht bis zum Morgen eine dumpfe, furchtbare Stimme im Schloſſe mit den entſetzlichſten Tönen übermenſchlicher Marter tief aus dem Boden herauf? Heulte nicht ein wilder Wehrwolf unter den Fenſtern, als wollte er den unterirdiſchen Kumpan begleiten in ſeiner Höllenmuſik? Das Grauſen wird Euer Gemahl lange ſchütteln. O laßt uns reiſen ohne Aufſchub, habe ich doch dieſe Mauern nie gern geſehen; iſt mir's doch immer geweſen, als wachſe aus ihnen mir etwas Furchtbares entgegen, furcht⸗ varer, weil es unerkannt blieb. Der Graf zog das ſchöne Weib zu ſich und ſchmei⸗ chelte ihr mit erzwungener Heiterkeit. Den Burgherrn feſſelte die Pflicht gegen die Seinigen, und entfernte ihn vom Kämmerlein ſeiner Liebſten, antwortete er. Es brannte im Dorf auf der Ebene, Hülfe mußte den Erb⸗ unterthänigen geſandt werden. Ein beſeſſener Knecht lag im geh der Hut leg den ſetz Kai voll der mut Gr paa auf gen flin ant ma unt ſchů der ſein Rat zen Gol wer hat Chr — ch 353 im Jammer, mit Tagesanbruch ward der Kloſtermedicus geholt, deſſen Kunſt die Pein des Kranken ſchnell gelin⸗ dert. Der Wehrwolf war nur ein toller, herrenloſer Hund, dem die Schützen bereits nachſtellten und ihn er⸗ legten. Eine Harzgräfin muß dergleichen gewohnt wer⸗ den, denn unſere Berge ſind voll grauſigeren Spuks, ſetzte er lächelnd hinzu, aber wir reiſen bald zurück zur Kaiſerin Margareth und ihren anmuthigen Frauenkreiſen. Sobald die Zehnten und Geſchoſſe eingetrieben, die Ernte vollbracht und der Säckel zur Luſt meiner Trauten wie⸗ der gefüllt, ſoll Theodula's Leibroß nicht mehr mit Un⸗ muth die kalte Harzluft einſchnaufen. Unten am Falkenſtein gedachten Andere mit gleichem Grauſen dieſer Nacht. Der Rüdenwärter führte die blanke, paarweiſe gekuppelte Rotte der gräflichen Hunde zum Morgenſpaziergang vom Burgberg herab, und ſtieß dort auf die Schafheerde und ihren Hüter. Haſt Du den Flatz gewechſelt, Boring? fragte er verwundert, und liegt der flinke Tidian krank auf dem Schragen?— Weiß nicht, antwortete der griesgramige Knecht, mir gab der Haus⸗ maier Stecken und Horn. Der Tidian ging in's Schloß und Niemand ſah ihn zurückkommen, fuhr Jener ſich ſchüttelnd fort, und der alte Hexenmeiſter, der Odo, den der Satanas gezeichnet, hat wieder die ganze Nacht in ſeiner Zauberkammer gebraut und gehämmert: gelber Rauch und lichte Funken ſtiegen aus der Eſſe zum ſchwar⸗ zen Himmel hinauf. Er macht da drinnen Edelſteine und Gold aus Koth und ſchlechten Bachkieſeln, und bedarf Menſchenblut und friſche Herzen zu dem Teufelskunſi⸗ werke. Wer weiß, ob der arme Tidian nicht ſein Brſtes hat dazu hergeben müſſen. Die Heiligen moögen jedes Chriſtenkind vor einem ſolchen Hausgenoſſen bewahren. Blumenhagen XVI. 8 23 354 Aber die ſchlimmſte Angſt folterte ſpäterhin ein from⸗ mes Herz im Dörfchen am Eingange des Thales. Zilla ſuchte in einer Frühſtunde den Freund an einem Platze, der ihnen die letzten Monden hindurch zum Stelldichein gedient; ſie harrte umſonſt und ſchlich traurig heim. Ihr Trauter hatte ſeit Kurzem mehrmal gezögert und dann zerſtreut bei ihr geweilt und ſie war bedrängter als je: das neue Haus ſtand faſt fertig da, die Alten drängten, der Bräutigam bat, und nur die Drohung, in das Drübecker Jungfernſtift zu flüchten und Kloſtermagd zu werden, wenn Andreas nicht bei den Eltern eine neue Friſt bis zu Weihnacht auswirkte, hatte den betrüb⸗ ten Bergknappen zum Aufſchub beſtimmt und ihr Luft gemacht. Gegen Mittag kehrten fremde, ſchwarzbärtige Männer im Hauſe vor, traten zum Herd und forſchten nach dem Schloßſchäfer, den ſie ſchon in den Mühlen und Jagdhäuſern geſucht und nirgend gefunden. Sie errieth⸗ wer die Männer ſeyn mochten, wurde leichter im Ge⸗ müth, als ſie weiter gezogen, aber ſchwerer um's Herz⸗ als ſie ſich fragte: Weßhalb der Tidian auch dieſen, ſeinen geheimen Bündnern, nicht Wort gehalten? Da tönte ein hohles Winſeln vor der Hütte, und als ſie die Thüre auſſchob, kroch Wolfzahn, der rauhe Schäferhund, von Koth veſudelt, mit blutiger Schnauze und einen ſcharfen Bolzen im gelähmten Schenkel zu ihr heran und heulte laut auf an ihrem Knie. Wie von Eiswaſſer be⸗ goſſen ſtand ſie da, und das irdene Geſchirr entfiel ihrer Hand und zerbrach auf dem Boden. Ein großes Unglück war geſchehen; die Scherben vor ihren Füßen erzählten vom zernichteten Lebensglück, und ſie wußte nichts, durfte nicht forſchen, konnte nichts thun, als das vertraute Thier, den einzigen Zeugen ihrer ſchonen Zeit, im Stalle weich bett heit voll loſe zu l ſcha und Als verl gew trug nich Föh nich raſc vor und lag durt ließ Fint am erka Wer ihm das ihr, hin den beke R⸗ la E m. nd er en gd ine ib⸗ uft ige ten ind th Se⸗ rz⸗ en, Da die nd⸗ nen und be⸗ er lück lten rfte ier, 355 betten und ihm die Wunden verbinden. Die Ungewiß⸗ heit über das Schickſal geliebter Menſchen iſt marter⸗ voller als der Schmerz an ihrem Sarge, und der end⸗ loſe Tag laſtete auf der Armen, die ſogar ihre Thränen zu bergen gezwungen war. Gewißheit mußte ſie ſich ver⸗ ſchaffen, und ſollte ſie darum ſelbſt das Leben einſetzen, und die Kluge wählte das kürzeſte und das rechte Mittel. Als die Nacht gekommen, als Jedermann ſchlief im Hauſe, verließ ſie Kämmerlein und Gehöft, und dem im Kloſter geweihten Kreuze vertrauend, das ſie auf dem Buſen trug, ging ſie im ſtundenlangen Thal hinab, achtete nicht auf die geſpenſterhaften Geſtalten der Fichten und Föhren, nicht auf den hohlen Ruf der Eule am Fels, nicht auf das Wild, welches durch den nahen Buſch raſchelte. Raſtlos eilte ſie dem Ziele zu und ſtand bald vor dem Eingange der finſtern Höhle, wo ſie die bängſte und ſüßeſte Stunde ihres Daſeins durchlebt. Die Nacht lag ſtill und laulich um ſie, einzelne Sterne blinkten durch's Gewölk und ſie ſetzte ſich tief in's Gebüſch und ließ wortlos die Kügelchen ihres Roſenkranzes durch die Finger gleiten und harrte lange, aber geduldig. War das nicht der Schimmer eines Lichts, der ſich am Waſſer heraufwärts bewegte? Es kam näher: ſie erkannte eine dunkle Geſtalt, welche eine Laterne trug. Wer konnte es anders ſeyn als Tidian, ihr Tidian! Schon ſtützte ſie ſich auf die Hand, ſich zu erheben und ihm entgegen zu ſpringen, da hörte ſie Stimmen, mehrere, das kleine Licht bog von der Straße ab, aufwärts zu ihr, und der Athem ſtand in ihrer Bruſt. Faſt über ſie hin fuhr der blendende Schimmer und ſpiegelte ſich auf den feuchten Blättern des Geſträuchs; ſie ſah die wohl⸗ bekannten Geſtalten des Grafen und des Kaſtellans dicht 356 an ſich hinſtreifen und in dem Felſenloche verſchwinden. Jetzt war es gewiß: ihr Getreuer war todt, grauſam gerichtet; ſie wußte ja die alten Sagen von den bluti⸗ gen Strafſprüchen der Falkenſteiner. Sie ſtand auf zur Flucht, aber die Füße waren wie eingewurzelt, das Blut wie gefroren in ihr, ſie war nicht Herrin ihrer Glieder und lehnte lange am Baumſtamm, als hätte ein böſer Zauber ſie in das feuchte Nonnenbild der tropfenden Höhle verwandelt. Das Licht kam endlich zurück, der Graf trug die Leuchte und der höckerige Kaſtellan keuchte ihm nach unter ſchwerer Laſt. Du biſt ein ſchlechtes Pack⸗ thier, Odo, lachte der Falkenſteiner in ihrer Nähe, die ſchlagenden Zweige mit der Linken fortbeugend. Aber wer die goldene Braut heimführen will, muß ſich auch mit der grauen, ſchwerfälligen, nichtsnutzigen Mutter veladen. Des Tidians breite Schultern mögen rüſtiger den Raub fortgeſchafft haben; doch der Schurke macht dieſen Weg nicht wieder! Ihre Glieder ſchlotterten, ihre Zähne ſchlugen zuſam⸗ men hinter den kalten Lippen, ſie ſah nur noch, wie das ſchielende Auge des Kaſtellans in den Buſch nach ihr zu funkeln ſchien und er dann raſcher ſeine Bürde dem Grafen nachſchleppte. Wie ſie in ihr Kämmerchen zurückgekommen, wußte ſie ſerber nicht, ſo wenig, wie ſie die Nacht zugebracht. Am Morgen aber fühlte ſie ſich wie verändert. Gleich einem friſchen Feuer glühte es überall in ihr, nur wo das Herz ſaß, lag es todt und ſchwer. Sie liebte nicht mehr, ſie liebte nichts mehr; das war hin, war vorüber. Sie weinte nicht, ſie klagte nicht, aber ſie haßte heiß⸗ und Rachegedanken füllten ſie vom Kopf bis zur Zehe. Als ſie den Hund ſtreichelte und ſalbte, ſprach ſie — ———— en. m ti⸗ zur lut der ſer den der hte ack⸗ die ber uch tter ger acht m⸗ wie rach irde ßte cht. eich ticht ber. eiß, he. —————— „ 357 dabei: Wimmere nicht, altes Thier, die Wittwe Deines Herrn wird Dich gut halten, wie er's gethan. Wir Beide haben keine Freude mehr, aber auch die Böſen ſollen ſich nicht an ihrer Beute erluſtigen. Sie ging zu den Eiſenſchächten und ſuchte den Andreas, der fröhlich ſein eiſernes Gezähe hinwarf und zu ihr ſprang. Kannſt Du in kurzer Friſt Steine ſprengen und einen Berg zuſammenſtürzen? fragte ſie mit fieberhafter Haſt. Der Knapp ſah ſie ſtutzend an, wie ſie mit hochrothem Geſicht und hohlliegenden Augen vor ihm ſtand. Stein iſt nicht Stein, ſagte er mit Unruhe. Iſt die Friſt kurz und der Fels hart, müſſen viele Hände und viel Eiſen dabei ſich ſammeln. Nein, Du allein mußt es vollbringen, entgegnete ſie, Du einzig und allein, verſchwiegen und heimlich; ſollſt Du doch allein den Lohn einſtreichen. Ihr Bergleute, ſagt man, macht euch ja den Weg durch Erde und Fels mit geheimer Kunde. Andreas, Du ſprachſt mir von der Höhle, in welcher Du und der Bruder mich geſucht. Ein Traum hat mich gewarnt mit bängſter Qual, aus jener finſtern Schlucht käme mir und Dir und Allem, was meinem Herzen lieb, Unheil und Verderben. Von einem der nächſten Mittage an bis zur Mitternacht muß Dein Werk vollendet ſeyn, zuſammenſtürzen mußt Du die Schlucht, daß ihr Zugang verſchüttet liege und Nie⸗ mandes Fuß ſie je mehr zu betreten vermöge. Kannſt Du das, ſo bin ich am Sonntage Dein Weib, Dein treues, redliches Weib, nur Dir gehörig, bis Goit mich von Dir ſcheidet. Der Bergmann faßte mit lebhafter Geberde nach des bebenden Mädchens Hand. Sinnend ſprach er dann: Es lebt ein engliſcher Bergmann in den nahen fürſtlichen Gruben, der hat oft ſchon geredet von einem Geheim⸗ mittel, welches ein Mönch in ſeinem Vaterlande erfun⸗ den, der ſich auf ſchwarze⸗Künſte verſtanden und Gläſer geſchliffen, durch die man eine Mücke groß gleich einem Stier geſchaut. Iſt mir's recht, ſo ſoll er Kohle von Erlen und Haſeln mit Schwefel und Salpeter gemengt und ſich erdreiſtet haben, zu verſprechen, mit einer Hand⸗ voll davon Städte und Thürme, Reiter und Roſſe, Schiffe Lund Mauern, wie durch Donner und Blitz, zu vernichten. Es ſey ein gefährlich Ding, meinte der engliſche Berg⸗ mann, aber es möchte gar trefflich im Gebirge zu ge⸗ prauchen ſtehen. Und gilt's Gefahr und Leben, ſetzte er mit Wallung hinzu, um ſolchen Lohn gibt man's ohne Zagen, und ich will mit dem Manne ſprechen⸗ Aber Keiner von euch darf eindringen in den Berg⸗ kein Licht darf dieſes Haus der Hölle beleuchten, und heimlich vor Abend müßt ihr arbeiten. Das gelobſt Du mir, und ich halte mein Wort wie Du das Deine. Ich gelobe! ſprach der Treuherzige⸗ und ſie ſank an ſeiner Schulter hinab, und der Erſchrockene ſchleppte die Kranke mit Mühe in das Elternhaus. Der Alchymiſt arbeitete eifrig in ſeinem Laboratorio auf der Veſte und ſein Schmelztigel wurde nicht kalt; der Graf freute ſich höchlich des glänzenden Gewinns, ſah im Geiſt ſchon den fürſtlichen Prunk, mit dem ſeine Theodula den Neid und die Bewunderung der Höflinge des kaiſerlichen Hoflagers erregen würde, dachte ſchon auf Erweiterung der Marken ſeiner Grafſchaft durch Ankauf benachbarter Feldfluren, und zu mehreren Malen hatte er mit täglich wachſender Begier den trägern Mit⸗ wiſſer ſeines Geheimniſſes vermocht, dem Goldberge neuen iſer em von ngt nd⸗ iffe ten. erg⸗ ge⸗ e er ohne erg und Du k an die torio kalt; nns, ſeine linge ſchon durch talen Mit⸗ hößhhöeet⸗ 359 Tribut abzudringen. Wieder geſchah's ſo in einer ſtern⸗ klaren Nacht, und ſie ſchritten nicht mehr fern dem Ziele ihrer Nachtfahrten am Fluſſe hin. Da zuckte es mit einmal wie Lichtwerk hinter dem Buſchwerk, und jetzt abermals. Und wie ein feuriger Vorhang rollte es ſich ihnen gegen⸗ über empor hoch an der Steinwand hinauf, ſilberweiße Zacken und gelbe Schlangen ſchoßen aus der Lichtwand, und ein Knall gleich dem heftigſten Wetterſchlage ward gehört, der zu zehn Malen zwiſchen den Bergen wieder⸗ hallte und die Erde erbeben machte unter ihren Füßen. Alles das füllte nur eines Augenblickes Raum, dann ward Alles dunkel und ſtill, und eine dicke, finſtere Dampf⸗ wolke wälzte ſich von dem Platze aufwärts gegen den Sternenhimmel. Der Kaſtellan lag in den Knieen und bekreuzigte ſich, der Graf ſtand eingewurzelt und das Schreckensbild an⸗ ſtarrend mit geblendeten Augen. Was war das? fragte er. Das Reich der Finſterniß iſt losgelaſſen in dieſer Stunde, ſtammelte der Verkrüppelte, der rothe Leu krieget gegen Sol und Luna. Fühlet Ihr nicht die Erde wan⸗ ken, und ſahet Ihr ſeine Geſchoße nicht herüberfliegen bis zu uns, und die heißen Ballen ziſchend fallen in des Fluſſes Wellen? Ihr glaubtet nicht an die geſpenſtiſche weiße Frau, welche ich bei unſerer erſten Pilgerfahrt ſitzen ſah und dräuen aus dem Buſch. Wir haben des Schatzes Wächterin erzürnt, weil wir derſelben nichts geopfert, weder Kinderblut noch kohlſchwarze Erſtlings⸗ thiere. Glaubt mir, der Schatz wird verſunken ſeyn für immer, und des Tidians Fluch wurde von den finſtern Mächten gehört, und willig, wie jeder böſe Gedanke, zur That gemacht. 360 Was fluchte der heilloſe Burſche? fragte der Graf, indem Beide eben nicht langſam den Rückweg ſuchten. Der ihn füttert in ſeinem Käſig, erzählte mir's mit Grauſen, entgegnete der Kaſtellan, bang zurückſchauernd. Erſt rief er in ſeinem Wahnſinn den Himmel an und alle Heiligen, Rache zu ſchlendern auf Euer edles Haupt. Dann aber bäumte er ſich gleich einem wilden Thiere und beſchwur das Reich der Hölle mit den gräßlichſten Worten, und rief den ſchwarzen Fürſten der Finſterniß und alle ſeine Diener auf, Euren Händen zu entreißen den köſtlichen Raub, der ihm und nicht Euch gebühre. Starr liegend wie ein Leichnam, flüſterte er dann vor ſich hin und ſein Geſicht verzerrte ſich zum grinſenden Lächeln: Er wird's nicht behalten, ſie nehmen ihm, was er genommen, und nimmer wird der Schatz wieder an das Licht ſteigen, bis dem Schloßherrn geboren werden drei Kinder, ein Lahmer und ein Stummer und ein Blinder, wie er ſie haben wollte unter ſeinen Bluteigenen. In tiefes Nachdenken verſunken erſtieg der Graf den Burgberg, doch als er mit dem erſten Tagesſchimmer dreiſt und allein die Höhle beſuchte, und ſie verſchüttet, den Eingang mit gewaltigen, über einander geſtürzten Felsbloͤcken, den Zugang völlig ungangbar fand, und dazu das Geſtein von ſchwarzen Brandflecken beſchmutzt erſchien, da fühlte ſich das ſtolze Gemüth erſchüttert und getroffen, und von bangen Ahnungen gejagt ließ er die Roſſe ſatteln, und der Mittag fand den herrſchaftlichen Reiſezug ſchon fern im flachen Lande auf der Heerſtraße, die gen Süden führte. af, nit nd pt. ere ten niß en or en as an en ein en. en er et, ten nd tzt nd die en e, 361 Viele Monate waren verſtrichen, und das Leben in dem Thale, welches der Schauplatz dieſer Erzählung geworden, war in ſeiner Einförmigkeit hingeſchlichen, und kein neues Ereigniß hatte die tägliche Gewohnheit ſeiner Bewohner verrückt. Der Herbſt hatte den Wald mannigfaltiger gefärbt, der weiße Wintermantel nachher die Berge zum langen Schlaf eingehüllt, und jetzt ſprang der muntere, jugendliche Frühling ſchon aus der grünen⸗ den Ebene herein in die Gebirgsthäler, zupfte muthwillig den Alten am weißen Barte, ſo daß dieſer, um Ruhe zu finden, vor dem judendkräftigen Knaben immer höher in das Gebirge ſich hinaußzog. Da zeigte ſich eines Tages ein bedeutender Reiterzug von Meißdorf her, und der Thurmwart blies fröhliche Weiſen in ſein Horn, denn er hatte an der vorausſpren⸗ genden Vorhut die Farben der Falkenſteiner erlugt. Graf Burghard ritt in das Schloß und mit ihm eine Anzahl geiſtlicher Herren von hohem Anſehen, wie die Stoffe ihrer prieſterlichen Tracht und die reichen Kreuze und rothen Schleifen auf der Bruſt anſagten. Erſchrocken aber ſchauten die Burgleute auf ihren edlen Herrn und erkannten ihn kaum. Eine gelbe Krankheitsfarbe deckte ſein eingefallenes Antlitz, die herrlichen, ſtolzen Glanz⸗ augen lagen unter den Haarringeln wie ausgebrannte Lichter, die nur noch zu Zeiten aufflackerten in der Wehr gegen das letzte Erlöſchen; ſein Anzug war ſchwarz⸗ nachläßig angelegt und entbehrte jeder ehemals gern gebrauchten eitlen Zierde; geſenkten Hauptes und mit gebeugtem Nacken beſtieg er wie mühſam die hohe Burg⸗ treppe, grüßte Niemanden, ſprach zu Niemanden, und die zurückſchreckende Antwort auf den Bewillkommnungs⸗ gruß des vertrauten Kaſtellans beſtand in einem ſtieren, 362 zürnenden Blicke. Mit den geißtlichen Herren und ſeinem Leibdiener verſchloß er ſich alsdann in dem innern Ge⸗ bäude, und das Geſinde, das ſie mit den nöthigen Bedürfniſſen verſehen mußte, ſah den Grafen in den Archiven wühlen und ſeine Begleiter mit alten Papieren und Schreibwerk ernſt und emſig beſchäftigt. Später ſchauten die Dienſtleute jedoch die Hochgeſtalt des Ge⸗ bieters mehrere Stunden lang oben auf der Thurmgallerie, und ſie ängſtigten ſich, als er ſo da ſtand im Trauerkleide und bewegungslos in die Gegend ſtarrte, dem Schatten gleich ſeiner vorigen Geſtalt, ſchon ſeinem eigenen Ge⸗ ſenſt ähnlich, ehe er noch in die Gruft gebettet worden. Am andern Morgen öffnete ſich das Innere der Burg, aber der Herr ward nicht ſichtbar, nur die mit ihm Ge⸗ kommenen zerſtreuten ſich im Schloſſe und beſichtigten achtſam die Einzelheiten deſſelben. Zu ſelbiger Zeit trat der Leibdiener in das Gemach des Kaſtellans, und der in ſorgenvollem Sinnen verſunkene Alte eilte aus ſeinem Winkel dem befreundeten Dienſtgenoſſen neugierig ent⸗ gegen. Wüthet die Peſt und der ſchwarze Tod im Reich, fragte er, daß ihr mit ſolcher Trauerprozeſſion den lu⸗ ſtigen Falkenſtein verhöhnt und alle Getreuen unfein an ihr Ende mahnt? Hat der heißblütige Herr Felonie be⸗ gangen oder ein anderes Verbrechen, über welches Kaiſers Zorn und Achtſpruch verhängt wird? Sprich doch, Du triſter Geſell, was habt Ihr außen gemacht mit dem edlen, rüſtigen Blut, und wo weilt die friſche Blume des Stammes, wo ließet Ihr die edle Frau? Der Leibdiener ſetzte ſich wie ermattet von ſchwerer Mühſal auf einen Schemel und deutete mit der Rechten erſt zur Erde, dann zur Decke. Da unten hat man ſie eingeſargt; da oben ſollen ihr die Freuden zugerechnet rer ten 363 werden, auf die ihre Jugend hier noch Anſpruch gehabt. So ſagen wenigſtens die, welche mehr davon verſtehen als wir, entgegnete er mit eiſigem Geſicht. Der Kaſtellan ſchüttelte ſich. Todt wäre die Edelfrau, vegraben ſchon die friſche, muntere Jugend? Der Tod iſt ein eigenſinniger, geiziger Patron, er läßt die Alten, die zu ihm rufen, mit ihrer Gebrechlichkeit ſitzen; er geht hämiſch vorüber an den Gemarterten; wie ſollte er nach ſolcher Beute greifen, an die er kein Recht hat? Du willſt mit einer Mähr mich äffen, Konrad, und zur Unzeit. Hättet Ihr's angeſehen, wie ich's ſah, murrte der Leibdiener, der Glaube daran würde Euch noch wirbeln im geſträubten Haar und der Froſt Euch in den Gebei⸗ nen bleiben, ſo lange ſie Euch gehörten! Es ging gar luſtig her dieſen Winter hindurch in der ſchönen Stadt München, und unſere edle Herrſchaft prunkte überall vorn an, und des Herrn Ludwigs Wohlgefallen ſchien durch die kurze Abweſenheit gewachſen zu ſeyn bis zum Liebes⸗ rauſche, denn er erwies unſerm ſtattlichen Paare kleiner und großer Gunſt ſo manche, daß der Graf faſt über⸗ müthig auf die bairiſchen Ritter niederſchaute und ſie nicht ſelten beim Bankett mit ſtachelndem Spottwort in die Enge trieb. Am Neujahrstage war's, als die Herr⸗ lichkeit ſo gar plötzlich ein Ende nahm. Der Frau Mar⸗ gareth, der Kaiſerin, zur Ehre und Luſt wurden gar prächtige Ritterſpiele gehalten, und Alles, was im Lande anſehnlich, ward geladen. Auch Ringelrennen wurden ge⸗ halten und große Aufzüge, die Junker ſtachen und ſchoßen nach Reif und Stange, waren als Mohren und Türken und abgöttiſche Heiden vermummt, und das Volk konnte ſich nicht ſatt ſehen und ſatt ſchreien über die goldene und ſilberne Pracht und die bunte Larvenwelt und das 364 Getümmel der geſchickten Reiter. Aber das Beſte hatte man bis zuletzt gehegt, denn Frauen und Jungfrauen ſollten auch Theil haben an dem Jubel der Menge und dem Beifall der gnädigen Majeſtät, nicht bloß zuſchauen gleich nickenden Kaminſigürchen, und zogen zuletzt in die Stechbahn, angethan mit wunderlicher Pracht und Pelzwerk von Silberflor, vorſtellend eine mächtige Fei mit ihren Jägerinnen, und ſollten ſtechen mit leichten Lanzen nach ſchimmernden Kränzen von eiteln Silber⸗ und Goldblättchen, die man aufgehangen. Glaubt mir, Herr Odo, unſere Gräfin ließ anmuthiger als die Fei, in welche man eine hohe Prinzeß vermaskirt, und als ſie unſer edler Herr zum Sattel erhob und ſie gleich einer Königin von oben ſich umſchaute, ertönte ein all⸗ gemeines weithallendes Freudengemurmel, ſo auf dem Balkon als unten an den Schranken im Volke. Wer ein friſches Kind laut überlobt, bringt ihm Krankheit und Schaden, und wir dachten in eigener Freude nicht daran, einen heimlichen Schutzſpruch zu flüſtern. Ich hielt das ſchlanke ſilbergraue Thier am Kopfgeſtell, und hörte, wie der Herr mit unruhiger Geberde ſprach: Seyd vorſichtig und ohne Uebermuth, Theodula! Spielet nur und flecht nicht ernſtlich nach dem goldenen Kranze! Auch ohne ſolchen verlockenden Preis bleibet Ihr überall und immer die Siegerin! Ich ſah, wie er mit Widerwillen die Hand vom Zaum und Bügel fortnahm, und zu zweien Malen wiederum herantrat, nochmals am Riemenwerk zu forſchen. Er mag ein ſchwarzes Haar in der Goldſchüſſel ge⸗ funden haben! murmelte der Kaſtellan in ſeinen grauen Bart. Solch ſchimmerndes Spektakel hat niemalen Euer Auge ergoͤtzt, Herr Odo, ſo alt Ihr auch geworden! er 365 fuhr der Leibdiener fort in ſeiner Erzählung. Der Kopf ward dem Anſchauer wirr, als hätte man drei Tumler des beſten Weines nüchtern und ohne Abſatz getrunken. Trompeten ſchmetterten muntern Aufruf, die Jubelhörner blieſen fröhlichen Marſch, und im Kreiſe flogen die ſchönſten Roſſe durch die Bahn, ſiolz auf die ſchönere Bürde, die ihre Sättel zierte. Ihr habt wohl oft den Sonnenaufgang betrachtet vom Thurm oder der Berg⸗ kuppe, wie im Felde die weißen Nebel ſich wälzen und tummeln, und zwiſchen ihnen das Frühroth durchblitzt und ſie mit allen erdenklichen Farben beſtrahlt. Solch herrliche Augenluſt erſchufen die fliegenden Schleier und Federn und die ſchimmernden Edelſteine, und mitten drin ſchwebten die freien Frauengeſtalten windesſchnell vorüber, augenblicks eine Andere und dieſelbe wieder neu und reizvoller, als hätten ſie's darauf angeſetzt, der jungen Ritterſchaft zuſammt die Köpfe zu verrücken. Un⸗ ſere Edelfrau hielt ſich tapfer und lenkte ihr Roß mei⸗ ſterlich. Die Prinzeß und zwei andere Fräulein hatten bereits mit kecker Hand ein Goldkränzlein abgeſtochen und ſich auf die flatternden Ringellocken gedrückt. Da mochte Neid und Eitelkeit das Gemüth der Herrin be⸗ wegen und überwältigen: ſie hob Arm und Speer und ſich ſelber im Sattel, und ſtach glücklich ein Kränzlein herunter. Hatte ſie dabei die Zügelhand außer Acht ge⸗ laſſen, hatte das zujauchzende Volk das ſilbergraue Thier geſcheut, war vielleicht durch den Winterfroſt der Sand in der Stechbahn glatt und ſchlüpfrig geworden: das Pferd trat fehl, ſtolperte, ſchlug vorn nieder, und die Reiterin ward vom Sattel auf's Antlitz geworfen. Ein einziger, wüſter Angſtſchrei füllte den Raum, Jedermann ſürzte, um Hülfe zu leiſten, nach dem Platze, 3 Nie⸗ 366 mand kam früh genug. Das ſcheue Pferd hatte ſich aufgerafft und ſprengte dem Vorpferde nach, aber— o des entſetzenvollen Anblicks!— der Fuß der Edelfrau hing eingeklemmt im breiten Goldbügel, und ſie ward nach⸗ geſchleift, geſchleudert an das Bohlwerk, geſchlagen an den Heroldspfahl, zertreten von den in Verwirrung ge⸗ rathenen, zu einem Käuel verwickelten Thieren, aus denen überall ſcharfe Hufe traten und haueten, und welche von den ſchreienden erblichenen Herrinnen nicht gebändigt werden konnten. Und als der Knäuel endlich durch die Kraft und durch die wagig das Leben einſetzende Rit⸗ terlichkeit der Männer zerriſſen worden, was lag vor uns im vlutbefleckten Sande! Eine Zerſchlagene, die hundert Wunden trug und jede ein Tod! kein Menſchen⸗ bild, nein, ein zerfetzter, zerriſſener Leichnam, in dem ſelbſt die Mutter ihre Tochter nicht erkannt haben würde. Und Graf Burghard? fragte mit zuckenden Lippen der Kleine. Er hatte kein Glied geregt. Einer Bildſäule gleich ſtand er anfangs, dann hing er über der Schranke wie ein Gelähmter, ſtarrte das Schauerbild an und mußte fortgetragen werden mit der Todten. Die Kaiſerin war ohnmächtig geworden, alle Damen kämpften mit böſen Zufällen, das Volk ſchrie Zeter, und das Unglücksfeſt ward augenblicklich ausgeblaſen wie ein Licht. Und was that Graf Burghard weiter? wiederholte der Kaſtellan dringender. Wenig kann ich Euch ſagen von ihm. Seit jenem Tage iſt kein Laut über ſeine Lippen gegangen; ſtumm iſt er dem Sarge gefolgt, ſiumm hat er die Troſtworte von all den fürſtlichen und hohen Perſonen angehört. Die Zeichen, womit er befahl, mußten wir errathen⸗ 8S— —— W F 7— 8 8 X e m 367 und was wir wiſſen, erfuhren wir durch den Mund der Domherren, mit denen er geſtern zu Halberſtadt und heute im Geheimzimmer verhandelte. Der Kaiſer Lud⸗ wig hat, als er vom Römerzuge heim kam, da, wo er zuerſt wiederum das alte getreue Baierland betrat, zu Ettal, ein Kloſter geſtiftet. Nicht allein gelahrte Mönche ſollen dort wohnen, ſondern auch fromme und aus⸗ gediente Rittersleute und Wittwen der in der Schlacht gefallenen Führer. Dorten erbat ſich unſer Graf eine Zelle, und der Kaiſer, für den er oft gefochten, ſagte ſie ihm zu. Den Falkenſtein aber und alles Land und Gut ſchenkte der Herr dem Donmſtifte zu Halberſtadt, und bedung ſich dafür nur einen Freihof in der Biſchofsſtadt und einen Forſt zu ſeinem dürftigen Unterhalte. Die geiſtlichen Herren ſind nicht träg im Zugreifen, und in einer Stunde ſollt Ihr Alles, was lebendig iſt auf und um den Falkenſtein, zuſammentreiben, damit der Graf ſie den neuen Gebietern überantworte. Mich allein hat er beſtimmt, ihm zu folgen zwiſchen die fremdlän⸗ diſchen Schneeberge, in das Trauerhaus, und ich gehe willig mit in die Einſamkeit; denn wer anſchauen mußte, was wir erblickt, dem ſind die Wirren der Welt wider⸗ wärtig geworden bis zum Eckel. Euch, Herr Odo, will der Herr jedoch ſprechen vor ſeiner Abreiſe, und Ihr ſollet Alles, was gefangen oder in Zucht ſitzt auf dem Schloſſe, löſen und fortſchaffen vor der Uebergabe. Der Kaſtellan nahm das Schlüſſelbund vom Nagel. Der Krummſtab ſoll weich ſeyn, ſprach er vor ſich hin; man kann's mit ihm auch einmal verſuchen. Jedenfalls iſt man dann der Abſolution ſicher und einer ungeſtörten Ruheſtatt dereinſt. Der Leibdiener ſtaunte mit finſterer Geberde die 368 Schlangenkälte des Burgmanns an, und indem er ihm mit Mienen des Abſcheus folgte, ſprach auch er zu ſich ſelbſt: der hat's am beſten gehabt von Allen, und in der Herrſchaft Namen manchen Unfug üben lönnen. Hat dieſer keinen Dank, wo ſollte er dann bei den Andern herkommen, und wer möchte die mit Neid anſehen, welche hoch, aber gar allein ſtehen! Die kleinen Boten, welche die Blumenkönigin vor⸗ ausſchickt, ihre Wiederkunft zu verkünden, Primel, Schlüſ⸗ ſelblume und Viole, drängten ſich im Selkethale ſchon durch die friſchen Grasſpitzen; am Strauche ſchwollen ſchon die ſaftigen Knoſpen, der Wind blies lau und mild aus Süden, die Vögel ſprachen auf den unbelaub⸗ ten Baumzweigen zwitſchernd die Freude aus, daß die Wintersnoth überſtanden, lockten die Weibchen und ſahen ſich nach dem FPlatze zum neuen Neſte um. Aber mitten durch das junge Leben ſchlich ein Men⸗ ſchenbild, zwar auch jung, aber welk, verdorrt, gebrochen durch Menſchenhand. Die neue Kleidung, welche ihm der mitleidige Hausmaier als letztes Abſchiedsalmoſen gereicht, hing locker auf den eingetrockneten Gliedmaßen, wachsbleiche Haut deckte die dürren Wangen, und wo die Spiegel der Seele leuchten, ſtarrte der Tod aus zwei leeren, wundrothen Höhlen in die Welt hinein, die der Erbarmenswürdige nicht ſah, von der er nichts mehr empfangen, aufnehmen und wiedergeben konnte, und wie wüſte Halme über einem Grabe hängen, ſo hing das verwilderte ſtraffe Haar um dieſe Todtenmaske. Und doch ſchimmert es wie ein Freudenlicht aus dieſen verfinſterten Menſchenzügen; er war ja frei, er war ent den geh nich Ta ſein gar ihn ver ſten Kne deck nich ſper um dem die erkl zwi das den leut mit wo bm ich Hat ern che or⸗ üſ⸗ hn len und ub⸗ die hen en⸗ hen hm ſen en, aus die ehr und ing ske. ſen war 369 entlaſſen, oder vielmehr hinausgeſtoßen und blind dem Schickſal hingeworfen, wie man ein wehrloſes Lamm in den Circus wirft, worin Raubthiere zur Erluſtigung gehegt werden. Tidian dachte und fühlte das Letztere nicht. Man hatte ihn geſpeiſet, man hatte ihm zwei Tage Zeit gelaſſen, die gekrümmten und verſteiften Glied⸗ maßen zu dehnen und an ihren Dienſt zu gewöhnen; ſein ehrlicher Kamerad, der Rüdenwärter, hatte ihm ſo⸗ gar ſein ſiebenjähriges Söhnchen mitgegeben, daß es ihn führe in das Gebirg hinauf, wonach er dringend verlangte. Langſamen Schrittes, auf den Stab geſtützt, oft ra⸗ ſtend auf einem Steinblocke, ſchlich der Blinde an des Knaben Hand daher. Er ſah nicht die grüne Sammt⸗ decke der Wieſen, nicht das Blau des reinen Himmels, nicht die kleinen Blumen, nicht die ſaftigen Blätterkno⸗ ſpen, aber es wehte doch etwas von Frühlingsluſt auch um die armſelige Geſtalt, und er yorchte aufmerkſam dem Zwitſchern und dem Geblöck und den Rinderglocken, die hie und da an ſeinem Pfade oder aus dem Berge erklangen. Sind wir nicht neben den beiden rothen Steinen, zwiſchen denen vier Silberweiden wachſen? fragte er jetzt, das Geſicht plötzlich zur Rechten und aufwärts richtend. Wenn Du den Fuß ausſtreckſt, kannſt Du ſtoßen an den rothen Stein, antwortete der Knabe. Es wetter⸗ leuchtete in Tidians Mienen. Führe mich rechts hinauf in das Dickicht, ſagte er mit Haſt; wir wollen dort nach einem Felsloch ſuchen, wo ich wohnen will, bis mich irgend Jemand aufnimmt. Nein, nein, Tidian, rief der Knabe ängſtlich, dahin 24 Blumenhagen. XVI. 70 geh' ich nicht mit, da wohnt der Böſe, und der Vater ſelber würde ſich dorthin nicht mit Dir hinauf wagen. Kennſt Du das Loch? fragte ſtreng der Hirt. Wir ſahen's nicht, aber viel erzählten ſie davon im Schloſſe, antwortete der Knabe. Der alte Herr Odo ſoll dort einen Schatz gegraben haben, doch der böſe Feind hat ihm den Schatz mißgönnt und in einer ſchreck⸗ lichen Nacht die ganze Bergwand eingeſtürzt, daß Nie⸗ mand mehr hinzu kann. Ein hohnvolles Lächeln zog über Tidians Geſicht. So hat der Leibherr auch nichts weiter heraus geholt? fragte er mit Haſt. Der Kaſtellan trieb einmal die Fröhner alle hinan, und ſie mußten arbeiten mit Hacken und Schaufeln. Da fand man aber unter den erſten Steinen einen ſchwarz⸗ gebrannten, zerſchlagenen, todten Mann, und Jeder⸗ mann nahm die Flucht und Alle wollten ſich eher todt⸗ peitſchen laſſen, als wieder einen Fuß auf den FPlatz ſetzen. Vater Kurt erzählte zwar⸗ im Dorfe ſage man ſich, die verwegenen Bergknappen hätten den Einbruch angerichtet und ein fremder Wagehals habe dabei das Leben eingebüßt, aber Niemand glaubt daran, und ſelbſt am hellen Mittage wagt ſich keine Menſchenſeele auf den verrufenen Platz. Der Hirt ſtarrte ſinnend vor ſich hin und ließ ſich weiter führen. Unrecht gebiert Buße! Den ſchwarzge⸗ ſenkten Leichnam des Grafen werden ſie gefunden haben. Nur ſein Grabgeläut' durfte mich wecken aus meinem Steingrabe, ſprach er vor ſich hin. Du irreſt: Graf Burghard ritt geſtern auf ſeinem Rappen den Burgberg hinunter auf Nimmer⸗Wieder⸗ kommen, widerſprach der lebhafte Bube. Hörteſt Du 1 0 ſe k⸗ e⸗ . 2 a 3⸗ r⸗ t⸗ 371 denn nicht, Tidian, was Vater Kurt den Leuten er⸗ zählte, was ihm der Pater Sabinus vertraut, als man Dir die warme Suppe auf der Küchenſchwelle vorſetzte? Ich hörte nichts, ich empfand nichts als die friſche, liebe Luft, die von der Schloßtreppe zu mir einſtrömte wie ein kalter, weckender Lebensquell, antwortete der Hirt, und meine Seele war weit in die Ferne geflogen. So weißt Du nicht, daß die edle Frau geſtorben iſt, ferne von hier in der Fremde, und eines böſen, ſchmerz⸗ lichen Todes, daß der Graf Haus und Hof verſchenkt hat und nimmermehr rückkehren wird zu uns? ſagte der Kleine. Tidian hob mit raſcher Bewegung den Kopf gegen die Wolken auf. Trifft denn auch des Himmels Geſchoß zu Zeiten fehl, und fällt die Unſchuld ſtatt der Schuld? rief er laut. Oder wirſt er die ſtrafenden Donnerkeile auf das, was dem Schuldigen das Liebſte iſt, um ihn am härteſten und längſten zu züchtigen dadurch? Der Knabe verſtand ihn nicht und ſchwieg. Wir müſſen bald am Brücklein ſeyn, wo es zum Hausberge hinauf geht, ſprach Tidian wieder nach einer langen Zeit; wenn wir hinkommen, führe mich hinüber und hinauf. Was willſt Du dort? Der Weg iſt ſteil und voller Spalten und rauher Steine vom Winterwaſſer. Deine Füße ſind ſchwach, Deine Kniee zittern. Du wirſt nicht auf die rauhe Höhe kommen, wenn gleich wir ſchon am Brücklein ſind. Schon? enigegnete der Hirt mit freudiger Stimme und dehnte ſich lang am Stabe, ſchöpfte ſchneller Athem und verſuchte ſtärkere und raſchere Schritte. Leite mich hinan, Chriſtel. Ich will's! befahl er mit Heftigkeit. Am Brunnen dort oben wächst ein graues Moos, das —) — heilt die blinden Augen der Schafe, das muß ich mir ſuchen.— Aber Du haſt ja keine Augen, armer Tidian! antwortete ſchüchtern und doch mitleidig der Knabe, und leitete gehorſam den Unglücklichen zur Seite. Sie haben Alle im Schloſſe für Dich gebeten, ſetzte er hinzu, man möchte Dir im Stall ein Plätzlein laſſen, aber der böſe Herr Odo ſprach: der Herr hab's ſo befohlen; es ſey eine große Barmherzigkeit, daß Du lebendig vom Schloſſe gehen dürfteſt, und die neue Herrſchaft müſſe geſunde Knechte finden. Sie ſagten, Du würdeſt verkommen im Walde gleich dem nackten Vögelein, das aus dem Neſt gefallen und noch kein Futter ſuchen kann. Die groben Bauersleut' im Gebirg würden Dich von ihrer Thüre weiſen, und arbeiten könnteſt Du doch nirgend. Aber ſey nur getroſt, armer Tidian; ich ſoll Kunde nach Hauſe bringen, wo Du geblieben und Quartier gefunden, dann wollen ſie Dir täglich ſenden, was ſie von Schüſſel und Krug ſich abgeſpart. Tidian lächelte ingrimmig und ſpöttiſch. Arme Ge⸗ ſellen ihr ſelbſt! ſtieß er wie zornig heraus. Leite mich zum Brunnen, dort wächst, was ich bedarf. Mühſam erſtiegen ſie die bewaldete Höhe; eine innere Glut ſchien den Blinden zu beleben, ſein Geſicht röthete ſich, ſeine Kraft wuchs in der Anſtrengung, und mit innerer Acht⸗ ſamkeit wachte er über den Weg und fragte bei jedem Hinderniß, ob es Baumſtrunk oder Felsblock, die ſein Fuß zufällig berührte. Er ſetzte ſich auf den Rand des Brunnens und taſtete ringsum auf dem zerbrochenen Mauerkranze. Dann rief er den Knaben auf⸗ Blümlein zu ſammeln im Holz, Immergrün und Epheu und blaue Violen, die in den Schatten der Ruinen blühen, und als der Knabe ſorglich warnte, der Brunnen ſey tief ————————— — 1— 8 S—— — 8—— S ſe e m n re er ſe in ief und er könne hineinfallen, legte er ſich nebenbei in das Gras und ſagte, er wolle ſchlafen, bis der Kleine zurück gekommen, und wolle dann erſt nach dem grauen Mooſe ſuchen. Der Knabe ſprang fort und pflückte und brach und vertiefte ſich im Geſträuch; als er jedoch nach kurzer Weile kehrte, fand er den Platz leer und rief erſchrocken des Schäfers Namen und jammerte laut auf. Da trat der Hirt nicht weit davon hinter alten Bäumen hervor, und ſchalt auf ihn und hieß ihn ſchweigen, zeigte ihm frohlockend das Moos in der Hand, welches er gefun⸗ den, und das ihm ſicherlich Geneſung bringen würde, und trieb zum Abmarſch, wobei er jeden Schritt weiter mit beweglichen Lippen zu zählen ſchien und in ſeiner ſtillen Aufmerkſamkeit gar nicht ferner auf das Geplauder des zuthätigen Bürſchleins merkte. Mittag war ſchon vorüber. Ein alter Bauersmann ſchärfte an ſeinem Herde die Sichel und beſſerte am Arbeitszeug; da kläffte der Hund laut und hell im Ge⸗ höft, und als er aufſah und ein: Wer da? der fremden, eben nicht anmuthigen Menſchengeſtalt entgegenrief, die über die Halbthüre des Hauſes ſich forſchend lehnte, öff⸗ nete der unbekannte Wanderer wie bekannt die Riegel, trat mit dreiſtem, wenn auch unſicherm Schritt auf die Tenne, ſtreckte die Hand aus und rief ein: Glück auf! herein, welches mit ſeinem erbärmlichen Aeußern im ſeltſamſten Widerſpruche erklang. Wer ſeyd Ihr? was wollt Ihr? fragte der Bauer rauh und zurückweiſend.— Der Blinde tappte zum Herde und ſetzte ſich feſt auf ihn. Ihr ſeyd der Zilla Vater! 374 ſtammelte er in freudiger Bewegung. Nun bin ich ſicher, bin bei Euch zu Hauſe und am Ziele.— Der Bauer ſchaute ſtutzig auf den Armen. Warum ſchicktet Ihr den Buben fort? fragte er unwillig. Ihr ginget irre, hier iſt die Schenke nicht. Blind ſeyd Ihr freilich und ſeht nicht eben zum Beſten aus, aber hier kann Eures Blei⸗ bens nicht ſeyn: der Dorfſaße hat des Raumes im Hauſe nicht mehr als er bedarf, und reicht er dem Bettler ein Brodſtück, thut er chriſtlich ſo viel als der Edelherr, der ihm einen Silbergroſchen hinwirft. Ruft den Knaben zurück, damit er Euch zum Kloſter bringe; dort werden die frommen Väter Euch die Herberge nicht weigern. Ich bin kein Bettler, Vater, und bedarf des Almo⸗ ſens nicht. Kennt Ihr mich denn nicht mehr? Seht Ihr denn nicht, wie der Wolfzahn an mir aufſpringt und fröhlich heult und ſeinen Herrn beleckt? Tidian! rief der Alte erſtaunt und ſchlug die Hände zuſammen. Ihr lebt, und in welch erbärmlicher Weiſe? So ſeyd Ihr geflüchtet vom Falkenſtein, und die Reiter werden Eurer Ferſe folgen und Euch zurückſchleppen, und in dem Grimm, der an Euch gewüthet, vielleicht dem Hehler und Herberger den rothen Hahn auf's Dach wer⸗ fen. Fort mit Euch zum Kloſter! Tidian zog ein ſchmutziges Pergament unter ſeinem Wammſe hervor und hielt es dem Alten hin. Ich bin ein Freimann, ſagte er haſtig, kein Halseigener, kein Bluteigener mehr! Und als wenn er ſich erſt beſänne auf ſeine Vergangenheit, ſetzte er hinzu, indeß der Bauer das Pergament beſichtigte: Es iſt freilich vieles anders mit mir geworden, ſeit ich zum letzten Mal meine Heerde vis zu Eurem Markſteine getrieben; ſind doch neun Jahre ſeitdem hingeſchlichen. Sie hatten mich eingeſargt in — — 8 8 8„ 3 ein kaltes, ſteinernes Bett; ich konnte die ſteifen Glied⸗ maßen kaum ſtrecken und wenden darin, und wenn der vöſe Matz, der mich fütterte, die Thüre zuſchlug, wurde es heiß und eng in meinem Grabe, daß ich oftmals zu ſterben vermeinte. Aber das iſt vorüber, und ich bin jetzt bei Euch und will bei Euch leben und Euer Sohn ſeyn, und Ihr ſollt keinen beſſern haben, keinen, der Euch mehr liebt, Euch, Mutter und Bruder Klaus und Zilla. O wo iſt denn die Zilla? Der alte Bauersmann ſah mitleidig auf den Unglück⸗ lichen, den er ſinnverwirrt hielt. Neun Monden ſind's, ſeitdem Ihr nicht wieder kamet, verſetzte er. Aber wie ſuchtet Ihr eben uns? Wir erwerben im Schweiß den Hausbedarf; Ihr könnet nicht helfen. Die reichen Klo⸗ ſterherren ſind beſſere Pflegeväter für Euresgleichen. Neun Monden nur? rief der Hirt. O ſo iſt die Zilla noch hübſch und friſch, wie ich ſie verlaſſen. Was be⸗ varf's der Arbeit! Euer neuer Sohn bringt Euch mit in das Haus, was frei macht von Hacke und Schaufel und Pflugſchar. Nehmet⸗ ſchauet an, das iſt mein und Euer. Und oben im Walde liegt noch zehnmal ſo viel, das holen wir Nachts in das Haus, und Ihr ſollet Alles haben und hegen, Ihr und die Zilla. Mir würde man's nehmen, fehlt mir doch die Wehr und die Acht gegen die ſchlimmen Leute. Traurig ſank ſeine Stimme, aber er hatte ein Beutelchen aus dem Gurt gezogen und auf den Herd gelegt, und der Alte ſtaunte die blanken Gold⸗ ſtücke an, die, als er den Säckel geöffnet, ihm in die Hand rollten. So war die Mähr kein Lug, rief er mit gierigen Blicken, welche ſprach, Du hätteſt einen großen Schatz gefunden, und der Leibherr habe ihn Dir genommen 75 376 und Dich mit dem Tode bezahlt? Und mehr, ſagſt Du, liege im Berg verſteckt? Wo, Tidian, wo? Ihr und die Zilla ſollt den Reichthum holen und erben, ſprach der Schäfer bedächtig. Aber ſo ruft mir doch die Zilla! Der Alte barg das Gold und ging. Tidian ſpielte mit dem Hunde, gab ihm Schmeichelnamen, und horchte mit Unruhe dabei nach der Thüre hin. Ein feiner Schrei tönte nach einer Weile in der Ferne, und eilige Tritte kniſterten auf den Tannennadeln, womit man den Hofraum beſtreut hatte. Das iſt Zilla's Stimme! rief der Hirt und hob ſich auf vom Herde.— Tidian! antwortete es in der Thüre, aber erſchreckt ſtand ſie und ſchaute ihn an und ſagte leiſer und mit Zittern: So iſt es ſchon an der Zeit, und die Todten ſind auf⸗ erſtanden?— Er ſtreckte ſeine bebenden Hände tappend ihr entgegen. Wo biſt Du, Zilla, wo? rief er ſchmerz⸗ lich. O, ſie haben mir doch viel, recht viel geraubt! Ich ſehe Dich nicht, und werde Dich nimmer wieder ſehen dürfen. Aber um Deinetwillen iſt's geſchehen, für Deinen Beſitz lud ich ihren Haß auf mich, und ſo ſoll's getragen werden ohne Murren. Da ſchluchzte ſie laut auf, ſprang zu ihm her, und ihre Augen ſenkend vor ſeinem entſtellten Antlitze, fiel ſie an ihm nieder und drückte ihr Geſicht gegen ſeine Kniee. Armer, unglücklicher Tidian! ſeufzte ſie, von Erbarmen erſchüttert.— Mit Haſt taſteten ſeine Hände über ſie hin; er erhob ihr Geſicht am Kinne und ſtrich mit den Fingern über Wangen und Stirne, er ſtreichelte ihr weiches Haar, und bog ſich und küßte ihre Scheitel. Nicht unglücklich mehr, nicht arm, Zilla! fagte er dann abgeſtoßen, von innerſter Freude bewegt. Freiheit und u, nd nir lte hte der rz⸗ t er ür nd iel ne on de ich lte el. nn nd 377 Gold iſt gerettet; ſie haben es nicht gefunden, gute Geiſter ſchützen unſern Reichthum. Ja, als ich verlaſſen lag und gefangen in der langen Nacht, da war Tidian un⸗ glücklich und grollte ſelbſt mit dem Himmel. Als die Kälte ihn ſchüttelte im ſteinernen Bett, als Niemand ihm antwortete, wenn er rief, als er nichts hörte als das Raſſeln der Ratten in ſeinem Stroh, als die Zeit ſo langſam und ewig lang an ihm hinſchlich, und er allein war, immer allein mit ſeinen böſen Gedanken, da war Tidian recht unglücklich. Aber das iſt vorüber, und es iſt noch Fröhlichkeit und Muth für ihn und in ihm geblieben. Jetzt iſt er bei Dir und auf Nimmer⸗ Scheiden. Du wirſt immer bei ihm ſeyn, ihn führen durch die dunkle Welt, wirſt ihm erzählen, wie es außen zugeht. Du erzählſt ſo gut, und Tidian hörte ſonſt ſo gern auf Dich. Vater Henning will ja, wie ich will; ſein ſey das Geld; ich habe mich zu ſeinem Sohn damit gekauft, und Dir bleibe es als Brautſchatz. Sieh, das war mein einziger, langer Traum in dem Grabe auf dem Falkenſtein, daran habe ich gezehrt die lange Zeit, das war das Oel auf meiner Lampe, das ſie nicht ganz erlöſchen ließ, und nur die Sorge, ſie möchten auch meinen Baum durch Wünſchelruthe und Zauberkünſte ausgeforſcht haben, quälte mich zu Zeiten mit Höllenangſt. Aber dann kamſt Du zu mir, und weinteſt auf mein Geſicht und in meine heißen Augen, und es ward wieder ſtill in mir, ganz ſtill und geduldig. Die Thränen, die ich nicht abzuwiſchen wagte, die ich nur mit den trockenen Lippen einſog, mögen wohl nur das Waſſer geweſen ſeyn, das aus den feuchten Mauern tropfte, aber es brachte doch Troſt, war wie Wundbalſam, und mit ihm wurde Dein liebes Bild heller in mir. Weinteſt 37 Du doch auch, als wir zuletzt uns ſahen am Waſſer⸗ falle. O Tidian, hätteſt Du meine Thränen erhört, wäreſt Du meinem Rathe gefolgt, wie anders ſtände es dann um uns! klagte ſie. Nein, nein! rief er bös und heftig, ſo durft's nicht bleiben. Bin ich doch jetzt ein Freimann und reich, rei⸗ cher als Dein Vater und Dein Bruder. Er zog ſie zu ſich auf den Herd, ſchmeichelte ihr auf's Neue, und erzählte, was ihm der Knabe von der Strafe des Schloßherrn geplaudert, und koste ſanft und kindlich mit ihr, wie er es einſt gethan auf der Moosbank an der Unglückshöhle. Aber Zilla faß wie auf glühenden Kohlen unter ſeinen Liebkoſungen; ein furchtbares Bangen überfiel ſie, ſie wußte, daß dieſer ängſtlichen Ruhe noch etwas recht Böſes und Hartes folgen mußte. Bei jeder Frage, die der Blinde that, klopfte ihr Herz höher, aber er that in ſeiner glückſeligen Träumerei die gefürchtete Frage nicht, und ſie freute ſich, freier athmend⸗ als die Nachbarn ſich ſammelten, welche neugierig, den armen gemißhandelten Schäfer zu ſehen, herankamen, von dem ihnen Zilla's Vater ſo Wunderſames erzählt hatte. Ein neuer Tag beſchien die Hütten, die ſich ver⸗ trauend an das mächtige Gebirge lehnten, und, an das Grollen der rieſigen Natur gewöhnt, ſie nicht mehr fürch⸗ teten, da ſie ihnen Schutz und Nahrung gab. Zilla war ſchon früh in's Vaterhaus geſchlüpft, und hatte nach dem armen Gaſte bei der Mutter Elſe gefragt. Die von Gicht gelähmte Alte deutete mit dem Krückſtock auf das Kämmerlein. Guter Schlaf lobt das Bett der ſſer⸗ ireſt ann nicht rei⸗ ſie ee, des dlich k an nden igen noch eder aber htete die men dem ver⸗ das ürch⸗ war nach Die auf der 379 Wirthin, ſchmunzelte die Greiſin. Mit dem Hahne ging er ſchlafen und hat ſich noch nicht gerührt, obgleich der Vater bei dem Holzſchlagen im Hofe eben nicht ſacht geweſen.— Er mag lang der weichen Ruheſtätte entbehrt haben, antwortete die Tochter mit naſſen Augen. Gott ſchenke ihm Frieden und vergebe ihm jede Unbill, die er faſt unwiſſend begangen. Er war ein fromm Ge⸗ müth, man iſt hart mit ihm umgegangen; o möchte des Himmels Zorn verſöhnt ſeyn, und nichts Schmerzliches mehr auf ihn warten. Später hörte die Alte den Ruf des Hirten, und ſie ſchleppte ſich mühſam hin zur Kammer; die Lahme führte den Blinden, wie in der Fabel, und brachte ihn zur Stube, wo ſein Frühmahl bereitet ſtand. Warum führte Zilla mich nicht? Warum legt ſie mir die Koſt nicht vor? fragte Tidian unmuthig. Koſtet nur, entgegnete die freundliche Wirthin; der Honig iſt rein, das Brod gut aufgegangen, die Milch von der jüngſten Kuh. Die Zilla war da, ging jedoch zur Arbeit, und wird Mittags ſchon wieder vorſprechen, denn ſie hält große Stücke auf Euch, und hat oft ge⸗ klagt um Euch, wie die böſen Gerüchte vom Schloſſe in's Dorf getragen wurden; auch ließ ſie ſogar Meſſe für Euch leſen im Kloſter, denn wir glaubten Euch todt; aber davon darf der Vater Henning nicht das Kleinſte erfahren. Zilla ſoll nicht mehr fort don mir, ſiel der Blinde unwillig in ihr Geplauder. Zilla ſoll nicht mehr ar⸗ beiten. Iſt nur der Abend da, ſo werdet Ihr ſehen, Mutter, was ich und der Vater in's Haus getragen, und welch' einen Sohn Euch der Himmel geſchickt. Müßiggang iſt der Sünde Faulbett, und Arbeit 380 hält jung und geſund, antwortete die Mutter. So lange wir konnten, haben wir Alten die Hände gerührt, die Jungen müſſen auch nicht läßig gehen; gut Werk macht den Tag kurz und die Nacht ſüß. Aber ich will's nicht! ſprach Tidian kurz und be⸗ ſtimmt. Die Zilla kann ſich Mädge halten, ſie kann ſich Leibknechte kaufen. Mutter, im Walde ſteckt genug, um ihr ein Edelgut zu erhandeln. Die Zilla ſoll nur für mich da ſeyn, nur für mich arbeiten, wenn ſolches ihr noch gelüſtet. Die Alte ſah ihn verwundert mit den blöden Augen an. Da müßt Ihr mit dem Andreas ſprechen, ſagte ſie nach einigem Sinnen; Vaters Gewalt und der Mutter Recht haben bei ihr ein Ende genommen. Andreas? fragte der Blinde laut, als wenn plötzlich eine Erinnerung in ihm zu dämmern begänne. Andreas? Was ſoll der Andreas? Er baute ein Haus, aber Nie⸗ mand iſt mit ihm hineingezogen. Ja doch, lieber Freund, fiel die redſelige Mutter ein, und die Freude verklärte ihr faltiges Geſicht. Das Haus ſteht feſt, das beſte im Dorf, und die Wirthſchaft drin geht gut und wohlbeſtellt und in Gottesfurcht, wie es der Spruch ſagt am Thürbalken. Der Wind hat noch keinen Schiefer vom Dache genommen und die heiligen Engel haben den Giebel geſchützt vor Feuers⸗ noth. Am Sonntage nach letztem Johannis war die Hochzeit, und die Alten haben nicht geſpart und manche Schaumünze aus dem Sparſäckel wandern laſſen. War doch die Zilla die einzige Tochter und der Andreas der einzige Sohn, und Beide gehorſame Kinder, die kein Waſſer getrübt und ſich wohl zuſammen befinden mußten. Wäret Ihr damals nicht weggekommen, man wußte nicht wi fur get Lal abi übe ſich lah Ti — üb ger nir der tre wi pac leb ten den unt ſich lief Läl unt na gri ange die tacht be⸗ ſich um für ihr igen agte nter lich as? Nie⸗ tter Das haft wie hat die rs⸗ die che Lar der ein en. — — 381 wie und wohin, ſo hättet Ihr an der Kinder Ehrentage wohl auch einen vollen Krug für Euch hingeſtellt ge⸗ funden. Der Blinde ſaß einige Augenblicke wie vom Donner getroffen; langſam ſchien ſeine Seele erſt den Pfad im Labyrinth der ſtürmenden Gedanken zu ſuchen. Dann aber fuhr er empor, ſo wie der erſte Stoß eines Orkans über das ſtille Meer fährt. Seine Mienen verzerrten ſich bis zum Unkenntlichen und Entſetzlichen, daß die lahme Greifin vor ihm in einen Winkel zurückwich, und Tiſch und Geräth warf er vor ſich weg. Sie das Weib des Andreas! ſchrie er mit heiſerer, überſchlagener Stimme. Und darum elend und zerſchla⸗ gen! Schlangenbrut! Otterngezücht! Nirgend Glaube und nirgend Treue! Und ich der Verſpottete, der Verrathene, der ewig Verlaſſene! Hinaus! Iſt doch Alles falſch und treulos in der Welt! Hinaus! Die Falſchheit ſoll nicht wieder lachen, wie ſie lachten im Gewölb, als ſie mich packten und mir das Licht nahmen und mich einſargten lebendig. Mit ſeinem Stabe hatte er im Gemach herumgefoch⸗ ten, mit Angſt ſah die erſchrockene Alte zu, wie er über den Vorplatz ſtolperte, wie er durch den Hof taumelte, und mit dreiſten Schritten, den Stab vorausſtreckend, ſich hinaus auf die Straße fühlte, die zum Thal hinab⸗ lief. Sie ſchrie, ſie jammerte; der Schreck hatte ihre Lähmung gemehrt, und erſt ſpät ſprang der alte Bauer und lief die Tochter herbei, und folgten dann eilig, von Sorge und Angſt geſpornt, dem armſeligen Flüchtlinge nach. Die kalte Nacht hatte mit leichtem Märzſchnee die grünenden Fluren dünn beſtreut, und die Sonne war 382 weder hoch genug geſtiegen, noch tief genug in das Thal gedrungen, um ihn aufzuſaugen. Auf der weichen Decke fanden ſie Tidians Fußtapfen und die Fährte ſeines Hundes, der ihm vorangeſprungen. Er war oft dem Rande des Fluſſes nahe gekommen, er war mehrere Male ausgeglitten und gefallen; leicht ließ ſich das erkennen und mehrte ihre Angſt und ihr Mitleid. Am ſteilen Hausberge hinauf liefen die Fußtapfen, und als ſie nach⸗ ſtiegen, ſprang der graue Wolfzahn ihnen mit frohem Gebell entgegen. Schon ſahen ſie den Steinrand des Brunnens, aber ſtutzig ſchauten ſie an, was ſich an dem Platze begab. Sicher wie ein Sehender trug der Blinde Beutel auf Beutel aus dem Gehölz heran und ſetzte ſich ſogleich auf den Brunnenring. Eine furchtbare Ahnung glühte auf im Gehirn des jungen Weibes. Tidian! Was brüteſt Du? rief ſie und ſtieg mit Anſtrengung den letz⸗ ten Abſatz des Felſens hinan. Der Blinde ſtutzte und kehrte raſch ſein Antlitz zu ihr; doch einen Augenblick darauf hörte ſie ſein ſchallen⸗ des Gelächter. Mein iſt's, nicht für die Falſchen! ſchrie er, und mit beiden Händen ſtrich er die Beutel von Steinrande hinab in den Brunnen und ſtürzte ſich ſelbſt dann ohne Beſinnen den verſenkten Schätzen nach. Sie taumelte hinan; ein Todesgeſtöhn aus der grundloſen Tiefe ſchien ſie zu rufen, ſie nachzuziehen, ſchon gleitete ihr Kopftuch vom Haar in den Schlund, da faßte des Vaters ſtarker Arm ſie um den ſchwankenden Leib und zog ſie zu ſich zurück auf das beſchneite Waldgras. Lang⸗ ſam nur erholte ſie ſich, und blickte mit Scheu umher, gleich einem Kinde, das man mitten in einem quälenden Traum erweckte. Dann lehnte ſie ſich an den ſcheltenden, zornigen Alten und ſagte leiſe: Schilt nicht, Vater Hen⸗ Thal Decke eines dem Male nnen eilen nach⸗ ohem des dem linde e ſich nung Was letz⸗ tz zu llen⸗ chrie vom ſelbſt Sie loſen eitete des und ang⸗ her, nden den, Hen⸗ ning! Verwünſche ihn nicht! Beklage nicht den Verluſt! Was er mitgenommen, hätte nur Unheil in Dein Haus gebracht, und uns wie ihm den Frieden geraubt, der doch das höchſte Gut iſt in der armen Welt. Es mußte ſo enden, mir ſagten's ſchon geſtern viele heimliche Stim⸗ men. Aber, nicht wahr, Vater, ſetzte ſie ſinnend hinzu, wenn man einem Todten Etwas von einem Lebenden mit in das Grab gibt, ſo zieht's den Lebenden nach über kurz oder lang. Iſt es nicht ſo? Dann wird's auch nicht gar lange dauern mit uns, und wir wollen bis dahin eifrig für die arme verlorene Seele beten. Vier Jahrhunderte ſind ſeitdem verronnen. Die Welt hat ſich umgeſtaltet, das Geſetz ſchützt zur Zeit auch den Geringſten, und jeder Geborene hat Theil am Recht, das die Natur ihm mit in die Wiege gab als erſtes Ange⸗ binde. Aber auch jetzt noch erzählt das Bergvolk die Sage vom Tidian; die Tidianshöhle wird den Reiſenden gezeigt im reizenden Selkethale, doch iſt ſie noch unzu⸗ gänglich wie damals, und des blinden Goldgräbers Fluch iſt in Kraft geblieben. In der edeln Familie, welcher ſpäterhin der noch immer bewohnbare Falkenſtein zu eigen ward, ſah man bis heute kein brüderliches Dreiblatt von ſolch bedaurungswürdiger Art, keinen Lahmen, Stum⸗ men und Blinden zugleich, und Niemand wird dem treff⸗ lichen und wohlgeehrten Geſchlecht es wünſchen, daß ihm das Schickſal für ſolch ſchlimmen Kauſpreis die ver⸗ wünſchte Schatzkammer der Berggeiſter erſchließen möchte. POE— Arabella. Erzählung. Blumenhagen. XVI. 1. In einer nicht gar geräumigen Felſenſchlucht an der Weſtküſte Schottlands brannte ein kleines Feuer und ne⸗ ben ihm ruhten auf dem Steinboden zwei Männer, feſt in ihre Wollmäntel eingewickelt. Die Schlucht öffnete ſich gegen das Meer, und nur eine ſchmale Fahrſtraße lag zwiſchen ihr und dem aufgeregten Ocean, deſſen ſchäumende Wogen ſchon ein Drittheil des von ihnen früher durch Anſpülung des Seeſandes ſelbſt erſchaffe⸗ nen Raumes überflutet hatten, und, vom Sturme aufge⸗ peitſcht und immer höher ſteigend, die eigene Schöpfung gänzlich zu verſchlingen drohten. Wildes Unwetter tobte ringsum. Ein ſpätes, der Jahrzeit nach ungewöhnliches Gewitter hatte den Octobertag verkürzt, mit einem dichten ſchwarzen Trauertuche den Himmel verhüllt und aus dem Abende frühe Nacht gemacht. Ueber dem Meere raste im ununterbrochenen hohlen Gebrüll der Orkan, als wollte er die Gewäſſer aufrühren in ihren unergründlichſten Tiefen, und von Zeit zu Zeit ziſchten der Blitze feurige Rieſenſchlangen durch die Nacht, und der Donner ſchlug knatternd und dumpf rollend durch den Sturm, als kämpfte er mit ihm um das Recht der Herrſcherſtimme, und die in ſeltſamen und gefährlichen Gruppen überein⸗ andergethürmten Felſen, bekriegt von zwei feindlichen Gewalten, erbebten in ihren Grundfeſten und ließen ihre 388 lockeren Glieder zum Meere hinabrollen. Scharf wie kalte Meſſerwürfe rauſchte zugleich der Regen nieder und der Windſtoß ſchleuderte zuweilen ſelbſt in die von Stein⸗ blöcken bedachte Schlucht ſeine Spritzwolken, die ziſchend in die kleine Flamme fielen und ſie zu löſchen verſuchten. Wir werden gegen unſern Willen hier Nachtquartier machen müſſen, Vater Nykin, denn der wüſte Luftgeiſt und die verwegene Meerfrau ſcheinen vor Mitternacht ihren Frieden nicht feiern zu wollen. Nun, wir können ihrem Gezänk ruhig zuhorchen, jedes Ding hat ſein Ende, und die Lady vom See war uns doch günſtig, da ſie uns Reiſig und Trümmerwerk genug an dieſes Stein⸗ loch geſpült, um unſer Wachfeuer die lange Nacht hin⸗ durch ſpeiſen zu können. Laßt uns trinken auf ihr Wohl, und mag die Wehr der weißen Jungfrau gegen den un⸗ geſtümen Laird, der wie ein trunkener Highlander mit ihr umſpringt und ſie mit ſeinem ſchwarzgewürfelten Plaid würgen möchte, ihr den Sieg bringen! So ſprach ein ſchlanker, etwa dreißigjähriger Land⸗ mann, mit einem freien, gutmüthigen und heitern Ge⸗ ſicht, indem er zu dem Haferbrod und Käſe, die er aus ſeinem Reiſeſack gepackt, die Flaſche fügte und ſeinem Gefährten hinreichte. Der Angeredete war ein älterer Mann, faſt ein Greis, aber eine von den rüſtigen Ge⸗ ſtalten, an denen die Zeit machtlos vorübergegangen, und die man nicht ſelten unter den ſchottiſchen Landleuten findet. Zwar deckte ſein Haupt ein ſchlichtes und dünnes Silberhaar, zwar trug ſein breites, ſtarkknochiges Antlitz manche Furche und Falte auf Stirne und Wangen, aber der nackte Hals war fleiſchig, die halbentblöste Bruſt zeigte derbe Muskeln und aus den tiefliegenden Augen leuchtete die ungeſchwächte Seelenkraft. „ wie und tein⸗ hend ten. rtier geiſt acht anen nde, ſie tein⸗ hin⸗ ohl, un⸗ mit lten and⸗ Ge⸗ aus nem erer Ge⸗ gen, uten ines tlitz ber ruſt gen 89 Bab, man ſoll die Geiſter nicht reizen, die Gewalt haben über den Menſchen, antwortete er ernſt. Wer hindert ſie, den grauen Block da über uns herabzuwer fen und uns platt zu quetſchen wie einen Gerſtenkuchen? Wer hindert ſie, das ſalzige Waſſer bis hier heraufzu⸗ treiben und mit unſern Leibern morgen die Fiſche zu füttern? Es wäre nicht das erſte Mal, daß ſolche Spring⸗ flut dieſes Steinloch ausgewaſchen hätte. Iſt denn unſer Gwiſſen belaſtet, Vater? fragte der Jüngere furchtlos. Die Geiſter unſerer Berge, Ufer und Wieſen ſfind gute Geiſter und deßhalb dem Guten zuge⸗ than, wenn ſie ihn auch zuweilen necken und unſchuldi⸗ gen Scherz mit ihm treiben. Du haſt das Recht immer vor Augen gehabt, ſo ſprechen alle Nachbarn in Hoch⸗ ſtaun, und ich meine, ganz aus der Art geſchlagen wäre Dein Sohüauch nicht und dürfte Jedermann frei in's Geſicht ſchauen. Und haben dieſe luftigen Weſen Macht über die Menſchen, ſo haben ſie ja auch an uns ihre Güte und Gerechtigkeit gezeigt. Warſt Du doch vordem ein armer Hirt und Dienſtknecht, und mußte ich doch ſchon als Knabe auf den Feldern des Herrn arbeiten von früh bis ſpät und habe damals manche bittere Thräne un⸗ verſtändig geweint, wenn die ſchwache Hand am ſchweren Spaten wund und ſchwielig geworden, oder der tückiſche Verwalter meine ſchmalen Schultern mit einer Mannes⸗ laſt belud. Jetzt ſitzen wir feſt auf unſerm eigenen Pacht⸗ gut, der Jahreszins hat noch nie gefehlt, Heerde und Ackerfrucht gedeihen, und wenn Du Deine Kraft mehr ſchonteſt und nicht immer noch den jungen Mann ſpielen wollteſt, Dich nicht oft übernähmeſt wie heute auf dem ſauern Marſche von Girvan, ſo könnteſt Du daheim am Herde ſitzen, ausruhen wie ein Chlanhäuptling, und zählen, 390 rechnen und hegen, was Deines Baptiſts Arme willig zuſammenbringen. Wer vor der Zeit müßig geht, gräbt ſich ſelbſt ſein Grab, erwiederte der Alte. Bring' mir ein gutes Weib in's Haus, die mir der Mutter Platz ausfüllt, ſchaffe mir Buben auf das Knie, denen ich lehren kann, was ich Dich lehrte, dann möcht's gehen mit dem Heimbleiben. Der Mann erröthete unter der gebräunten Wangen⸗ haut, doch ſagte er leichtfertig: Meinſt Du, Vater Nykin, ich dächte nicht daran von früh bis ſpät? Nur die Rechte fand ich noch nicht, die werth, des Vaters Nykins Tochter zu ſeyn und Mutter Patty's Stuhl einzunehmen. Die Meerfrau wird mir zu rechter Zeit ſchon ſolch Weibchen ſenden, denn in ganz Air⸗Shire habe ich mich bis zur Zeit umſonſt und wahrhaftig recht ſcharf darnach umge⸗ ſehen. Ich ſelbſt ſah keine, die unſerer Bell geglichen, ſagte der Greis mit einem ſcharfen Blicke auf den Sohn; mit ihr kam das Glück in meine elende Hütte und iſt bei uns geblieben, auch nachdem das Schickſal ſie von uns nahm. Sie iſt glücklich; gönnen wir dem lieben Kinde, was ihr der Himmel gab. Für eines Fermers Herd war ſie von je zu fein, und ihr zartes Geſicht hätte unter der rauhen Weiberkappe ſich gemacht wie ein Goldbecher in eines Bettlers ſchmutziger Fauſt. Mit trüben Blicken ſtarrte dabei der rüſtige Mann in die Kohlenglut. Der Alte legte aber ſeine trockene Hand wie im Mitleid auf des Sohnes Arm und fragte ernſt: Bab, iſt in dieſer Stunde nichts wach geworden in Deinem Gedächtniſſe? Seit die Flamme dieſen Platz hell gemacht, blitzte es wie heiße Funken durch meinen Kopf, und es drückt auf „—.„—( e, ei n 391 mein Haar, als hätte der Sturm einen ſchweren Stein hinaufgeworfen. Kennſt Du den Ort nicht mehr, Bab! Der Jüngere warf die blanken Augen rund um und hinaus in die Nacht und ſprang dann auf vom Boden, als habe eine Schlange ihn geſtochen. Bei Mutter Patty's Aſche! rief er; hier war's! Hier war's! ſagte der Greis eintönig vor ſich hin; es war ein Tag wie heute, rauh, kalt und ſtürmiſch. Ich nahm Dich mit, als Du von der Gartenarbeit aus Schloß Glenlai heimkamſt, um mir den verlorenen eng⸗ liſchen Schafbock ſuchen zu helfen. Uebermorgen wird das achtzehnte Jahr voll ſeitdem, und das Verbrechen plieb ſo dicht verhüllt, als hätte in den achtzehn Jahren keine Sonne geleuchtet. Doch die es begingen, wird Gott ſchon gefunden haben und hätten ſie ſich in die tiefſte Nacht geflüchtet. Vater, mir wird nicht wohl zu Muthe, ſeitdem Du mich daran erinnert, ſagte der Jüngere, indem er zu dem Ausgange der Schlucht trat. Der Regen hat auf⸗ gehört, der Landwind treibt die Wolken in's Meer hin⸗ aus und die Mondesſichel läßt ſich ſchon drüben ſehen. Laß uns weiter gehen. Iſt der Bergpfad feucht und glatt geworden, ſo trägt Dich mein Rücken. Das Stünd⸗ chen iſt bald zurückgelegt, und wettert es ſchlimmer, ſtei⸗ gen wir zum Schloſſe hinauf und finden ſchon in der Dienerhalle ein Schlupfwinkelchen. Der Greis erhob ſich langſam, doch als auch er vor den Eingang getreten und nach dem Himmel ſich umge⸗ ſchaut, ſtutzte er plötzlich und neigte ſich horchend in's Freie. Hörſt Du nichts? fragte er mit gedämpfter Stimme. Das Meer braust noch hoch und der Wind ſaust noch in den Bäumen auf der Höhe. *. —— 8—— —— ——————— 392 Nein, nein! rief der Alte. Neige Dein Ohr der ein Erde zu. Das iſt Hufſchlag, trabende Roſſe, eins, zwei, eun drei und mehrere. Was thun die hier auf der ſchlechten nic Straße am Waſſer und warum ziehen ſie nicht den Heer⸗ weg von Turnbury nach Maybole? Der kriegsluſtige Eit Monmouth ſoll im Lande werben; ſagten nicht ſo die gle Schiffer in Girvan und der Wollhändler von Gleudrichach? Ro Sicherlich iſt es angeworbenes junges Geſindel, das mit unſern gefüllten Querſäcken eine uns gar unwillkommene ba Freundſchaft ſchließen könnte. wi Der Sohn nahm ſeinen knotigen Knittel von der ſch Erde auf und Beide horchten auf den Schall, der ſich lar immer mehr zu nähern ſchien, bis eine ſchwarze Gruppe rei ſichtbar wurde und wie ein großer, wandelnder Schatten au vor der weißen, ſchäumenden Brandung des Meeres er⸗ ſchien. Nicht lange, ſo ließen ſich die Reiter erkennen: jet es waren ihrer vier, alle in dunkle, durchnäßte Mäntel nu gehüllt, zwei von breiten Hüten bedeckt, auf denen dicke, un doch vom Regen erſchlaffte Federn ſtolzirten, alle aber Pl von trefflichen, wenn auch beſchmutzten und ermüdeten Pferden getragen. los Da iſt das Licht, rief der Vorderſte in engliſcher un Mundart. ſto Aber bei dem heiligen Joſeph, das leuchtet aus kei⸗ un nem Wohnhauſe, ſondern aus einer Spelunke, in der bes eine Belzebubsbrut zu hauſen ſcheint, die uns eine böſe De Traufe nach dem wüſten Schlagregen bereiten dürfte. tri Er hatte ſein Roß raſch angehalten, doch der Zweite ſch ſprengte ohne Anhalt bis dicht an die Schlucht, parirte un ſeinen Schimmel erſt dicht vor derſelben, und, indem er den Mantel zurückwarf und mit der Rechten über den Fre Sattelknopf weg nach dem Schwerte griff, rief er mit thu 393 einer rauhen, herriſchen Stimme auf Schottiſch: Werfet eure Waffen weg und legt euch, wenn eure Hirnſchalen nicht gern Hochzeit mit unſern Eiſen machen wollen. Der Alte ſtand ruhig, doch der Jüngere hob die Eichenkeule und trat einen Schritt vor, indem er zu⸗ gleich die Linke nach dem Kopfgeſchirr des ſchnaubenden Roſſes ausſtreckte. Nicht einen Schritt weiter, Sir, erwiederte er gleich barſch und beſtimmt, oder das Maul Eures guten Thiers wird morgen ſeinen Hafer mit einigen Zähnen weniger ſchroten! Iſt's doch nicht manierlich im ganzen Schott⸗ land, einen ſiebenzigjährigen Mann faſt in's Feuer zu reiten, und hättet Ihr's vollbracht, möchtet Ihr ſchneller aus dem Sattel als wieder hinauf gekommen ſeyn. Ein mannlicher Burſch! rief der Andere, welcher jetzt auch herangeritten. Laß ihn, Bob! Sind ihrer doch nur Zwei und ohne Eiſenwerk. Sprecht, wer ſeyd ihr, und welch Geſchäft treibt ihr hier an ſolch unheimlichem Platze? Der Alte, der ſeine Augen bis dahin feſt und furcht⸗ los auf die Fremden gerichtet, trat jetzt mehr hervor und ſagte mit Reſpekt: Wir ſind Landleute aus Hoch⸗ ſtoun, ſitzen auf Pachtgrund des Herrn von Craigdow und Glendaih, und waren auf der Heimkehr von Girvan begriffen, wo wir Vorrath für die Winterzeit eingekauft. Das Unwetter, welches auch die Herren nicht verſchonte, trieb uns in dieſes Verſteck, und hätten eure Thiere ſchnellere Füße gehabt, hättet ihr es am Feuer ſo gut und trocken haben können wie wir. Der greiſe Burſch hat nicht Unrecht, Bob! lachte der Frager. Für unſer Mißtrauen ſind wir ihm eine Genug⸗ thuung ſchuldig, und wollen darum Platz nehmen in *— — E— ———————— ſeiner Drachenhöhle. Er ſaß ab und Alle folgten ihm. Die beiden Hinteren jedoch, die Diener, koppelten die Pferde, indeß die, welche ſchon geſprochen, ihre Mäntel abnahmen und ſie an den Vorſprüngen der Felſenſchlucht zum Trocknen aufhingen, ſich ſelbſt aber auf die Stein⸗ blöcke lagerten, auf welchen zuvor die Landleute ge⸗ feſſen. Wirf noch mehr Splitterholz auf die Kohlen, Burſch, begann das Geſpräch nach einer Weile derſelbe wieder, welcher augenſcheinlich der Vornehmſte der Geſellſchaft war, obgleich ſein Begleiter ihn an Höhe des Wuchſes, an jugendlicher Friſche und Kraft zu übertreffen ſchien. Unſere Hände ſind ſo ſtarr am Zügel geworden, als hätten wir auf dem Decemberſchnee ein Rudel Hochwild gehetzt, und über den Rücken rieſelt's froſtig hinunter wie auf der Winterparade im zugigen Hof von Verſail⸗ les. Alter, Du ſcheinſt ein vorſichtiger Reiſender, und haſt ſicherlich auch einen heißen Trank im Schubſack. Reiche davon wie ein gaſtlicher Schotte, Du alter— wie nennt man Dich? Iſaak Mattok, und der da iſt mein einziger Sohn Baptiſt, antwortete der Greis, die Flaſche hervorholend und mit freundlichem Kopfgruße dem Fordernden dar⸗ bietend. Gute Namen aus alter, frommer Zeit, beſſer wie Dein Getränk, das ſcharf und herbe, die Kehle nicht beſonders kitzelt. Welches Glaubens ſeyd ihr? fragte er weiter. Wir ſind Independenten, verſetzte der Greis arglos. — Der Trinkende ſetzte die Flaſche nieder und über ſein heiteres Antlitz zog ein düſteres Gewölk. Schlimmer noch als die Episcopalen jenſeits des Tweed, die doch an etr ſeit ber mit ter un ſeit Eis hät ryr feil Va oht Wi der hal es rec vo Kli bri der der der ohn end ar⸗ wie icht er os. ſein och an 395 etwas Göttliches glauben, murrte er halblaut und zu ſeinem Gefährten gewandt. Und darf man Treue ſuchen, wo der Glaube mangelt? Der Andere, der, ſeitdem der Erſte ſich des Geſprächs bemächtigt, ſich faſt reſpektvoll ſtill gehalten, fuhr ſofort mit hartem Ton und mißtrauiſchen Blicken gegen die Schotten ein. Ihr wollet Bauern ſeyn, aber eure Schul⸗ tern ſehen nicht nach dem Pfluge und der Schaufel aus, und der Herr von Craigdow müßte keine Löcher unter ſeinem Schloßthurm haben, duldete er ſolch trotzige Sprache, wie ihr zu Anfang geführt, unter ſeinen Eigenen. Ihr wollet zu Girvan eingekauft haben, und hättet doch näher kaufen können zu Maybole oder Dal⸗ rymple. In euren ſchweren Querſäcken mag ſich wohl⸗ feile Waare finden, die der Eigenthümer zum zweiten Mal theurer bezahlte als mit Schillingen und Pfunden. Baptiſt ſchüttelte unwillig den Kopf und ſah den Vater an. Als dieſer ſchwieg, ſo antwortete er nicht ohne Erhitzung: Kauft Ihr, Sir, nicht am liebſten die Wolle vom Schäfer und die Gerſte vom Ackersmann und den Salm vom Fiſcher? Wie wir es für das Beſte halten, geradeaus unſer Gebet an den zu richten, der es zu erhören vermag, ſo klopfen wir auch überall an die rechte Thüre. Unſern Whisky holen wir vom Brenner zu Air, den holländiſchen Usquebaugh weit herunter vom Lomondſee, aber was wir ſonſt von Wintervorrath, Kleidung und Geſchirr bedürfen, ſuchen wir in der Stadt am Meer, wo die Schiffer es ſelbſt auf den Markt bringen und Krämer und Hauſirer nicht den Preis ver⸗ derben. Ihr ſcheinet uns mißtrauiſch anzublicken, und der Vater Nykin ſagte Euch mehr von uns, als Frem⸗ den zu wiſſen nöthig. Was ſollen denn wir von Euch — 396 denken, die ihr zu Vier ſeyd, dazu tüchtig bewaffnet und Reden führt, als ſtündet Ihr auf einem Fleck Landes, das Euch für ſeinen Herrn erkennen müßte. Zieht Eure Straße und kümmert Euch nicht um uns; nur glaubt von uns das Beſte, ehe Ihr Böſes erfuhret. Noch ſtand kein Mattock vor dem Oberrichter mit bleichem Schuld⸗ geſichte, und in unſerm kleinen Hauſe ſchläft Jeder einen feſten Schlaf und fürchtet weder einen mitternächtigen Tückebold, noch das eigene Gewiſſen. Auch ſind wir keine Gaels von den nördlichen Bergen, keine Clanmänner, die gerne aus fremder Flaſche trinken, oder in fremder Heerde ſich den fetten Braten ſuchen. Wahre Dein Wort, Burſch! fiel der Reiter ein. Ich ſelbſt bin in den Bergen geboren. Wie man in den Wald ſchreit, ſo ſchallt's zurück! antwortete kalt Baptiſt und warf ſeinen Reiſeſack über die Schulter, ſich zum Abmarſch bereitend. Beim Sanct Patrik, der an dieſem Ufer ſeine erſte Kirchen baute, der Burſch predigt geſcheidter als Du, Bob, und traf Dich auf den Kopf, wie Du's verdient, lachte der Erſte der Reiter. Wir wollen Freunde bleiben, ſetzte er gutmüthig hinzu, doch Eines ſage mir zuvor: Wie kamſt Du, alter Nykin, zu der breiten Silberkette, die ſo verrätheriſch aus Deinem Bruſtwammſe hervor⸗ ſchimmert? Der Alte ſah auf den Schmuck und zog ihn höher an's Licht und legte ihn breiter um ſeine Schultern. Ich diente unter dem Monk, ſagte er mit Ernſt; ich zog mit gegen London, als wir den König Carl, den Gott ſegne, wiederum einſetzten in das blutbefleckte Haus ſeines Va⸗ ters. Unter des Generals Schützen war Nykin Mattock kein ſchlechter Mann, und beim Abſchied gab mir der od tet s, re bt t, n„ e, T⸗ er ch tit 397 Oberſt das blanke Denkzeichen als eine Erinnerung für guten Dienſt und als eine Mahnung für diejenigen, welche es dereinſt erben. Und Du bliebeſt nicht in der ſchönen Stadt und unter dem braven Kriegsvolk? fragte Jener verwundert. Der Schotte iſt nur auf ſeinen Haiden geſund, ant⸗ wortete der Greis; für die Stuarts, die Söhne vom Schloß Stirling, geht er in Blut und Tod, aber im Frieden iſt ihm der Schäferſtab daheim lieber als der Müßiggang unter der Partiſan' im Königshauſe. Der Ritter ſprang auf vom Steine und griff die Hand des Alten und drückte ſie mit Wärme. So kenne ich die Schotten; ſo ſuche ich die Schotten! rief er mit Aufwallung. Du mußt unſer Führer ſeyn, denn wir find irr geritten in dem Unwetter. Ich ſelbſt lebte einſt fröhliche Stunden in dieſen Bergen, doch das iſt lang her, und mein Freund dort wollte einen Richtweg kennen nach Culleanhouſe und verlor ſich auf dieſe rauhe Mord⸗ ſtraße am Waſſer. Haben wir weit bis zum Ziel? Eine Stunde höchſtens, erwiederte der Greis. Schauet Ihr dort hoch oben auf der kahlen Berghöhe die ſchwar⸗ zen Pfeiler, auf welche gerade jetzt der Mond ſein Licht herabwirft? Das iſt der Thurm des alten Schloſſes, Old⸗Cullean genannt, wo vordem die Grafen von Cullean und Manchremore ihren Sitz hatten; das neue Schloß ſteht unten am Rande des Waldes, dem Meere zugekehrt. Ich weiß ſchon, fiel raſch der Ritter ein. Lebt der alte Herr Davy noch und reſidirt er zur Zeit im Schloſſe? Bis das Laub herunter und der Schnee gefallen, woh⸗ net er in Culleanhouſe. Dann zieht er nach Air hinunter oder wohl gar nach Edinburgh hinüber, wo der gnädige Schwiegerſohn zu Moorheaderaygs ſeine Güter hat. 398 Sein Schwiegerſohn? fragte Jener lebhaft. Iſt Lady Conſtanze, die ſchönſte Dame am Meer, eine Frau gewor⸗ den? Werden wir ſie auch zu Culleanhouſe antreffen? Lady Conny iſt als eine brave Frau bekannt im gan⸗ zen Shire und verläßt den Vater nicht. Es find faſt ſiebenzehn Jahre, daß ſie Hochzeit hielt in Culleanhouſe. Sie freite einen Wittmann, den Viscount von Levingſtone, der ihr den Ellick als einen ſchmucken Sohn zubrachte. Seitdem hat ſie Gott mehr noch geſegnet: Miß Aſſy und Junker Gef ſind Kinder, wie ſie eine Mutter wünſchen mag, und geſundes ſchottiſches Blut brennt auf ihren Wangen. Du gehörſt nicht zu des Grafen Unterthanen, und doch ſcheineſt Du ſehr heimiſch im Schloſſe? Es wohnet uns ein Freund dorten: der Hauptpachter der gräflichen Aecker und Wieſen. Ein wackerer Mann, der durch Vorſchuß und Rath auch uns zu etwas gehol⸗ fen und ſich uns gar zugethan bezeigt ſeit vielen Jahren. Herr Nump kehrt oft vor in dem kleinen Hauſe der Mattocks, wenn er ſeine Grenzwieſe bereitet. Und— ſetzte er mit geſunkenem Tone hinzu— eine Verwandte von uns dienet bei der Herrſchaft. Alſo der alte Humphrey Draff auch noch vorhanden? jubelte der Frager. Der gefällige Kammerdiener, blind und ſchweigſam wie ein Maulwurf, wo es galt? Er liebt den heißen Trunk und die blanke Münze wie alle Schotten, aber er überſchwemmt nie ſeinen Verſtand zur Zeit, wo er ihm nöthig, und für das Geld liefert er auch redlich die Waare. Bob, wir ſuchten in guter Stunde zuerſt dieſen Winkel des Landes, wo Niemand uns ſuchen wird, und wir Freunde vollauf finden. Schnell zu Roſine darum! Der alte Schütze des Monk mag ſeinen Ple etw Hol Ta ſche ſont Ihr den Da zur wo So ma nen leich war will gra Alte und zum Fab Hal Mit Her ſie! hina dy or⸗ an⸗ faſt ſe. ne, te. nd en ren nd n2 nd Er lle ur ter nd ell 399 Platz hinter Senny's Sattel nehmen und uns zum guten Quartier als Vorhut führen. Der angerufene Cavalier zog den fröhlichen Reiter etwas bei Seite und flüſterte halblaut: Seht Euch vor, Hoheit! Es iſt lange her, ſeit Ihr in Air⸗Shire freudige* Tage durchlebt. Die Zeit ändert Vieles an den Men⸗ ſchen, und gräbt ihre Furchen nicht allein auf das Antlitz, ſondern auch in die Seelen. Wiſſet Ihr ſo ſicher, ob Ihr dieſelben Geſinnungen auf Culleanhouſe wieder fin⸗ den werdet, die man Euch bei dem Abſchiede ſehen ließ? Dazu ſind wir in der Jahreszeit, wo die Gutsherren ſich zur Reiſe in die Winterquartiere anzuſchicken pflegen, wo ſie vor der Abfahrt in die Städte den Schluß des Sommers mit Wechſelſchmäuſen begehen. Ihr könntet manch fremdem Geſichte begegnen, deſſen widrige Mie⸗ nen nicht zu Euren Planen paßten. Der Erſtere ſann eine kurze Weile, dann ſagte er leichthin: Graf Davy iſt ein wackerer Katholik; ſein Haus war einſt wie das meine, und wer Wichtiges vollführen will, muß nicht die Steine im Wege zählen. Höre Du, grauer Iſaak, gibt's viel Geſellſchaft auf Culleanhouſe? Wir waren vier Tage vom Hauſe, antwortete der Alte. Am Tage zuvor war mein Sohn Bab im Schloſſe und brachte ſeiner Schweſter feine Wolle von letzter Schur zum Winterwebſtuhl und eine neue Mütze von Irwiner Fabrik. Damals tranken fremde Gäſte genug in der Halle. Aber laßt mich nachſinnen. Ja, morgen wird's Mittwoch, da gibt's eine große Fuchsjagd, wozu unſer Herr alle Jäger der Umgegend nach Craigdow geladen; ſie wollen jagen bis zu der Ebene am See von Carving hinauf, und da wird's einige Tage einſam werden um des alten Grafen Faulſtuhl im Schloſſe am Meere. 400 Trefflich! rief der Reiter aus. Dann verſchieben wir unſern Einzug bis morgen, und Du, alter Nykin Mattock, mußt uns ſchon Quartier geben in Deinem Hauſe bis dahin, verſteht ſich, daß unſer Säckel ohne Abzug zahlt, was Du forderſt. Euer Eintritt ehret mein kleines Haus, antwortete der alte Mattock ehrerbietig, denn das Wort Hoheit war ſeinem ſcharfen ſchottiſchen Ohre nicht entgangen. Der Milchkrug wird Euch gaſtlich empfangen; ein Lager von Gerſten⸗ und Haferſtroh thut nach ſcharfem Ritte den ſteifen Gliedern wohl; nur Eure Pferde werden ihr ge⸗ wohntes Logis vermiſſen, denn der Mattocks Ställe ſind niedrig und enge. Die Karavane ordnete ihren Zug; der alte Schott⸗ länder ſtieg ganz gelenk und anſtändig hinter einen der Diener auf, deren Thiere ebenfalls mit den Reiſeſäcken der Landleute beladen wurden, und Baptiſt, ſeinen Keu⸗ lenſtab auf der Schulter, ſchritt rüſtig dem Reiterzuge voran und bog bald von dem Meerufer in die Berge hinein. 2 Die Landſchaft Air, wenn auch Südſchottland zuge⸗ hörig, beſitzt beſonders gegen ihre weſtlichen, vom Welt⸗ meere beſpülten Gränzen hin treffliche Berghöhen, welche theils mit üppigem Laubholz bedeckt prangen, theils von den Stürmen kahl gefegt, von Regenzüſſen abgewaſchen und von den Ueberſchwemmungen des Meeres untergra⸗ ben, hie und da groteske Felsgruppen, graue Baſalt⸗ lager und bunte Lavamaſſen, wie man ſie höher hinauf überall antrifft, dem Tage enthüllt zeigen. Doch nur an einzelnen Orten berühren die Höhen das Meer, ziehen ſich bald wieder davon zurück und bilden dadurch geſon⸗ vir ock bis t, ete ar er on en ge⸗ ind tt⸗ der ken eu⸗ ge ge⸗ lt⸗ che on en ra⸗ lt⸗ uf an en n⸗ —— — 401 derte und eingeſchloſſene Räume, und in ihnen die an⸗ genehmſten, die entzückendſten Landſchaftsbilder. In einem ſolchen Rundthale lag Culleanhouſe. Das Schloß, in gothiſchem Style erbaut, war mit ſeiner Fronte dem Meere zugewandt, doch trennte eine große ſchimmernde Wieſenmatte es von dem ſandigen, ſeichten Geſtade. Seine Hinterſeite dagegen lehnte ſich an einen weiten Park, der das Gebäude im Halbkreiſe umſchloß und unmittelbar mit einem Walde von uralten Eichen und unberührten Nußbäumen zuſammenhing, wel⸗ cher den lehnanſteigenden Berg, von Schattengängen und engen Schleichwegen durchkreuzt, in größter Ueppigkeit ſeiner wahrhaft majeſtätiſchen Vegetation bedeckte. Nur auf dem Gipfel der anſehnlichen Höhe verlor ſich, wie abgeſchnitten, das einladende Laubholz. Dunkle Fichten⸗ in größere und kleinere Gruppen vertheilt, u hier plötzlich und unerwartet den ſteigenden Wanderer mit ihren unheimlichen Schauern, die Sangbögel ver⸗ ſtummten hier, und küt die Schläge des hackenden Spechts am wurmſtichigen Baumſtamme ſchallten weit durch die ſchweigſamen Räume, und ein einſamer Auerhahn falzte, vielleicht ſich im Sonnenſtrahle brüſtend, auf einem tief herabhängenden Fichtenaſte. Der Boden ward von da an zerriſſen und felſig und von düſtern Moosflechten über⸗ filzt, und endete zuletzt in eine leere Platte von nicht geringem Umfange, auf der unter mehreren zerfallenen Mauerbrocken ſich ein grauer, großer Thurm erhob, der wie ein unverwüßtlicher Rieſengreis, welcher in trauriger Einſamkeit alle ſeine Zeitgenoſſen überlebte und Jahr⸗ hunderten und tauſend Stürmen trotzte, über Berge und Landſchaft und Meer ſtolz hinausblickte, als wo er ſein altes Herrſcheramt auch jetzt noch, obgleich morſch und Blumenhagen. XvI. 26 402 wehrlos geworden, ſich nicht ohne Kampf entwinden laſſen. Im Schloſſe ſaß der alte Graf, eine finſtere Grei⸗ ſengeſtalt, vor dem Kamine, und neben ihm ſtand der einſtige Gefährte ſeiner beſſeren Tage, Humphrey Draff, doch zeigten Beider Mienen, daß ihr Frühgeſpräch nicht mit angenehmen Jugenderinnerungen beſchäftigt geweſen. Draffs lange, ausgedörrte Figur hatte in ungewoͤhn⸗ licher Aufregung die Krümmung des Nackens überwun⸗ den; ſteif und faſt trotzig ſtand er vor dem mächtigen Herrn, ſein Geſicht kämpfte ſichtlich damit, die innere Wärme der Leidenſchaft nicht über die gewohnte Kälte in ſeinen Zügen ſiegen zu laſſen; nur ſeine kleinen⸗ verſchmitzten Augen ſahen ſcharf auf den Gebieter herab⸗ und nur die zahlloſen Falten auf der großen, flach zum vünnen Kraushaar hinüberlaufenden Stirne bewegten ſich in einer jeden Augenblick veränderten, faſt dräuenden Hieroglyphenſchrift. Ihr habt ſchlecht geſchlafen, Mylord, in der windi⸗ gen Nacht! ſagte Draff mit erzwungener Ruhe und ei⸗ nem faſt boshaſten Lächeln um den ſchmalen, eingeklemm⸗ ten Mund; die Windfahnen kreiſchten, das hohle Gebrüll des Waſſers, das Brauſen im Eichwalde ſtörte Eure Ruhe, und dazu das frühe Gelärm der wilden Jagd⸗ compagnie, das Hundegekläff und Pferdegetrappel, das muthwillige Probiren der Hüfthörner, der fröhliche Auf⸗ bruch der Geſellſchaft zu einer Luſtbarkeit, die Ihr ſonſt mit Poſſion triebt und die Euch jetzt leider verſagt iſt, das zuſammen ſammelte eine Legion böſer Geiſter um Euer Bett, ſonſt würde Euer treubewährter Diener keine ſo ſtrenge Antwort von Eurem Munde gehört haben. Der Muthwille der Jugend denkt nicht der Alten, die das Stuhlhein zu hart auf den Kopf ſeines Beleidigers † 403 ihr doch durch Sorge und Mühe die Luſt vorbereitet; aber es iſt eben ſo wenig gerecht, fremden Muthwill dem in böſer Sorge und tiefſtem Gram verſunkenen Vertrauten entgelten zu laſſen. Der Graf zog die dicken grauen Augenbrauen noch tiefer zuſammen und mit einem kurzen, aber flammen⸗ den Blicke zu dem Stehenden hinauf rief er: Du haſt meine Antwort, Du quälender Patron! Ich kann nicht Schlecht in Gut verwandeln. Ich will nicht unnütze Bitt⸗ worte hören, wo ich nichts, gar nichts zu thun vermag. Und wer ſonſt als Ihr könntet helfen, Mylord? fragte Draff. Seyd Ihr nicht Lord of Justiciary? Uebt Ihr nicht in zwei königlichen Grafſchaften das Königs⸗ recht? Und wenn Ihr im nächſten Monat Euren Umgang haltet und zu Air oder New⸗Galloway zu Gericht ſitzet, ſteht's dann nicht Euch zu, was Ihr verhandeln wollet, was nicht; vermöget Ihr nicht den königlichen Advokaten durch Euer gewichtig Wort zu ſtempeln, was er als ſchwer, was er als leicht auf den Tiſch legen ſoll, und habt Ihr mit ihm im Bunde nicht die geheime Macht, durch der Rede Zauber den Spruch der nachbellenden Jury voraus zu beſtimmen, wie Ihr möchtet? Es iſt mein Sohn, mein einziger Sohn, Mylord, und Vaterſchmerz iſt ein Weh, das Jeder ehrt, der ſelber graue Haare trägt. Warum haſt Du Deinen Sohn nicht ſtrenger ge⸗ zäumt? ſagte mit Härte der Graf. Eine ſchlechte Schule macht ein unbändig Pferd. Dein Burſche iſt ein Todt⸗ ſchläger, und das Geſetz fordert Buße. Der ſiebenzehnjährige Junge iſt heftigen Gemüths und voll Lebensluſt. Waren wir's nicht auch? Der Junge hat ohne Abſicht geſündigt und, vom Whiskygeiſt betäubt, 404 fallen laſſen. Wem von uns hätte das nicht auch in unſern heißen Tagen begegnen können? Bin ich kein ſtrenger Vater geweſen, woran lag das, als weil ich meine beſten Jahre im Dienſt auf Culleanhouſe wie ein Mönch verlebte, und als die Frucht meines ſpäten Ehe⸗ bettes herangewachſen, für ſie nur die Liebe eines Grei⸗ ſes hegen konnte, der für ſeine wenigen Jahre ſich die Zärtlichkeit des Kindes nicht durch Härte mindern mochte. Soll ich Amt, Schwur und Ehre verletzen? Dein Sohn iſt ein Mörder. Laß die Zeugen ſprechen, laß den Buchſtaben des Geſetzes walten; dahin wende Deine Hoffnungen, nicht auf mich. Ein Mörder? fragte der Alte mit ſcharfklingendem, feinem Tone. Mylord, der Menſch, der von ſeinem Schlage am Tode liegt, war von je ein Taugenichts, ein Schlemmer, der ſein Gut verpraßt, ſein Weib zum Tod mißhandelt, im ganzen Shire der verrufenſte Schotte. Ich meine, wenn man ſein Leben in die Wagſchale würfe und in die andere das Leben eines neugeborenen, zarten, unſchuldigen Kindleins, dann müßte die letztere Schale ſinken mit drückendem Zentnergewicht. Der Graf fuhr wie von einem Stachel getroffen in ſeinem Seſſel herum. Unthier, was heulſt Du? rief er mit aſchgrauen Wangen; der todtſchwache, bleiche Wurm? Was athmet, das lebt. Gott gibt, Gott nimmt das Leben. Welcher Menſch hat ein Maß dafür? antwortete Draff eiſig kalt. Wird mein Sohn noch als Mörder vor dem Oberrichter erſcheinen? Der Graf ſtand riſch auf vor dem Dränger, wie der kranke Löwe ſich hebt gegen die Schlange. Folterknecht, warſt Du nicht frei wie ich? fragte er mit Ingrimm. Frei wie die Hand zum Haupte, frei wie der Knecht —˙— in ich in ei⸗ ie te. aß ne n, m s, m te. fe le 12 as te or er t. ht 405 zum Herrn, frei wie der übergetreue Diener dem ver⸗ zweifelnden Gebieter gegenüber, verſetzte Draff, ohne eine Miene zu ändern. Matt ſetzte ſich der Graf wieder. Humphrey, ſagte er, die geballte Faſt auf ſein Herz preſſend, laß die alte Zeit in ihrer Nacht. Sey nicht wie das kältende, gif⸗ tige Herbſtwetter, das jede alte Narbe ſchmerzen macht. Es gibt Unglück, das nur durch Unglück geſühnt wird; es gibt Vergehen, die nur durch Vergehen getilgt wer⸗ den. Rühren wir nicht in der Nacht umher, die ſolch böſe Dinge gutmüthig zugedeckt. Und darfſt Du klagen, alter Nump? Du biſt mehr mein Vertrauter als mein Diener geweſen, und meine Hand war nicht karg gegen Dich. Als Du gebrechlich ſchienſt, gab ich Dir den be⸗ ſten Theil meiner Güter in Pacht; fünf gute Schotten hatten höheres Gebot gethan: ich gab ſie Dir, und Du biſt wohl gefahren dabei, biſt ein achtbarer Landwirth in der Grafſchaft geworden, haſt Deine Geſundheit zurückgewonnen bis zum Wageſprung in das Ehebett, ſtehſt vor mir wie ein Baum, der zum zweiten Mal im Jahre grünt, indeß ich mit ausgedörrtem Marke, mit Höllenpein in jedem Gelenk vor Dir ſitze, an den Stuhl gefeſſelt, den ich zum Sarge wünſche. Nump, Dein Herr war nicht undankbar, darum ſey zufrieden und geh'. Jedweder trägt ſein Schickſal, und wir Alle ſind trotz unſeres Hochmuths und unſeres Wiſſens nur Knechte jener grauen, unerbittlichen Macht. Geh'! lallte Humphrey eintönig nach. Wohin gehen? Heim, in mein Haus, wo mein Weib ſich die Haare rauft und den Sohn von mir fordert und nicht glauben will, daß meine Bitte bei meinem gnädigen Herrn fruchtlos ſeyn könne? Oder gehen, um das alte Stein⸗ 406 haus am Ende von Eunoch herumſchleichen, worin mein kräftiger, ſtattlicher James auf Stroh wimmert und im faulen Loche täglich ein Blatt von ſeinen Roſen verliert? Er iſt kein todtſchwacher, winſelnder Wurm, welcher athmet gleich dem erlöſchenden Licht. Er war der ge⸗ ſundeſte Burſch in den Bergen; wenn er den ſchwarzen Stier bei den Hörnern faßte, ſo ſtand die wilde Beſtie wie angenagelt; er bog die junge Eiche wie der Hoch⸗ länder ſeinen Bogen mit Einer Hand; er trug zwei ſchwere Mutterſchafe auf den Schultern durch den reißen⸗ den Bergbach, als wären's Kaninchen; der tollſte Herz ward zahm zwiſchen ſeinen Schenkeln, und ſo weit wie er traf kein Jäger. Und ſolch einen Burſchen ſollte man im gelben Haar unter den Sand ſchaufeln, weil er ein Glas heißes Waſſer über den Durſt getrunken? Mylord, der Gedanke, ihn kalt und ſtumm vor mir liegen zu ſehen, geſchlachtet, weil der geiſtloſe Buchſtabe befiehlt, wirft Höllenbrände in mein ſtarres Blut; ſolch Entſetz⸗ liches müßte Entſetzliches gebären. Herr, erhaltet dem alten Vater ſeinen Verſtand; ohne ihn könnte er nicht gutſagen für That und Rede. Der Graf ſchleuderte einen Blick voll höchſten Zornes und tiefſter Verachtung auf ihn. Verräther werden? Nicht wahr? fragte er hohnlachend. Dürre Fichte, was kannſt Du gegen den Blitz, der die Macht hat, Dich zu brechen? Gewürm im faulen Mooſe, was kannſt Du unter der ehernen Sohle meines Fußes? Ich bin hier der König. Und darum hinaus ſogleich! Laß Dich nicht wieder ſehen auf Culleanhouſe, ſonſt nehme ich Dir wieder, was ich dem Undankbaren gegeben. Hinaus, oder die Knechte zeigen Dir die Thüre! Draff ſtand unerſchüttert. Ihr werdet Euch beſinnen, 1⸗ — 8 — 8 — S 8S 6 — — 407 Herr, ſagte er wiederum ganz erkaltet; in drei Tagen wird der Draff nochmals anfragen. Und ohne ehrerbie⸗ tigen Gruß verließ er das Zimmer des Herrn. 3. Indem der Großpachter, in finſteres Nachſinnen ver⸗ tieft, mit gekrümmtem Rücken, die Blicke ſtarr am Boden, langſam durch den Vorſaal ging, hörte er ſich gerufen von einer verhaltenen Stimme, und als er ſich nach dem Tone drehte, trat Lady Conſtanze aus einer Seitenthüre. Die ſchlanke Schloßfrau horchte einige Sekunden, dann kam ſie leicht und behutſam zu dem Pachter her. Ihr lilienblaſſes, aber edles Geſicht erſchien ſchmerzlich ent⸗ ſtellt; bittend ſchaute ſie aus den großen, thränenfeuchten Augen zu ihm auf, reichte ihm die rechte Hand, und als er die ſeinige mit Ehrfurcht hineingelegt, wandte ſie dieſelbe und drückte mit ihrer Linken ein ſchweres Geld⸗ ſäckchen hinein. Was wünſcht Mylady von ihrem Knechte? fragte der düſtere Mann. Humphrey, mich ängſtigt, mich martert Deine Lage, antwortete ſie mild und herzlich. Meines Vaters Stimme ſchallte laut und hart bis zu meinem Zimmer. O, Du weißt es, er iſt ſonſt gütig und lieb, nur wenn es das Geſetz und ſein Kronamt gilt, kennt er allein den Einen Weg, den gewohnten, den er lange Jahre ſtreng durch⸗ ſchritten. Er wird dieſes eine Mal aus dem Gleiſe beugen müſſen, ſo wahr der Draff ſeiner Mutter Sohn iſt! ſprach der Pachter mit ernſter Entſchloſſenheit. Du kennſt ihn wie ich, Humphrey. Er thut es nicht, ſiel die Lady ängſtlich ein. 408 So iſt das Band gelöst, woran er mich ein halbes Menſchenleben gehalten. Der Hund beißt durch den morſchen Strick und vertheidigt ſein Junges. Die Lady zitterte. O überlege, ehe Du thuſt, was nicht zurückgethan werden kann! Trittſt Du auf als der Feind des Grafen Davy, wirſt Du dann nicht auch der meinige? Zernichteſt Du nicht auch ein ſchwer gewon⸗ nenes Glück, einen Kranz, den Du mit ſo vielen heim⸗ lichen Thränen befeuchten ſaheſt? Treuer Mann, habe ich Dir je Leides gethan, und kannſt Du ein Weib, deren Jugend Du herauf pflegteſt, deren Ehre Du be⸗ wahrteſt, die von früh an der ſichern Leitung der Mutter entbehren mußte, die Du ſo oft bei dem zürnenden Va⸗ ter vertrateſt, die Du leidend ſiehſt an der Seite eines nicht geliebten, ihr aufgezwungenen, herriſchen und rohen Gemahls, kannſt Du deren wenige letzte Jahre vergiften wollen mit dem entſetzlichſten aller Erdengifte? Läge Euer Geffery an meines James Platz, hättet Ihr eine Wahl? fragte Draff mit der Eiſeskälte der Verzweiflung. Darum ſprecht, was ſoll es mit dieſem Beutel? Die Lüge iſt wie ein Schlingkraut, das den Taucher feſthält, ſobald er hineingerieth, ſtieß die Lady ſchaudernd aus. Wehe, wer die erſte Lüge nicht mied: ſie gebiert die zweite und iſt fruchtbar bis in die Unendlichkeit. Be⸗ nutze das Geld, alter unglücklicher Vater! Es iſt viel, Alles, was ich heute beſitze. Beſtich die Schließer, be⸗ freie Deinen Sohn, wirb Landſtreicher dafür und erſtürme das alte Steinhaus, erkaufe Zeugen dafür, flüchte den Sohn damit auf die Inſeln, ſende ihn über das Meer, ja bediene Dich meines Namens, ſprich zu dem Vogt: der Graf wolle den James frei wiſſen und befehle du lül ren wa mö ter die ble am blie Se lan als Du wet Sie leic ſent Jur Rei gon ich, gen dert zwij 409 durch mich; thue was Du willſt, nur brich Dein Ge⸗ lübde nicht gegen das Haus von Cullean und Manch⸗ remore, in das Deine Füße mit ſo feſten Wurzeln ver⸗ wachſen ſind, daß Du ſie nur blutig herauszureißen ver⸗ möchteſt. Der Alte ſchien erſchüttert. Er den Beutel un⸗ ter dem Bruſtwammſe und reichte der Lady dann wieder die Hand. Ihr dauert mich, Mylady! ſagte er mit Wärme. Betet, damit der Himmel nicht verſchloſſen bleibt, wenn Vaterangſt nach ſeiner Gnade wimmert. Er wollte geben, doch die Lady faßte ihn nochmals am Arme und hielt ihn auf. Weile noch einen Augen⸗ blick, ſagte ſie, tief Athem ſchöpfend. Wem könnte meine Seele mehr vertrauen als Dir, der mir die Treue ſo lange bewahrt, ſie mir zum Grabe bewahren wird. Mehr als eine Sorge belaſtet mich in dieſer Stunde und nur Du kannſt helfen. Die Arabella iſt es, die neue Un⸗ wetter über mich herauftreibt. Die kleine Magd? fragte Draff ſcharf aufhorchend. Sie iſt ein Liebſtickel aus den Bergen. Was könnte das leichte Ding Euch für Sorge bringen? Seit Wochen ſchon trage ich allein die Laſt mit wach⸗ ſender Angſt, fuhr die Dame fort. Das Kind iſt zur Jungfrau gereift, und ehe ich es beachtet, haben ſich ihre Reize wunderbar entfaltet. Sie iſt ſo geſund und friſch wie ein Kind von Glas⸗ gow, nickte der Alte lächelnd. Ich dachte zu ſpät daran, und mit Schrecken bemerkte ich, daß mein Stiefſohn, der Ellick, ſeine Augen zu ihr gewandt, ja mit Entſetzen erſpähte ich, daß ſie erwie⸗ dert, was er antrüg, daß ein verſtecktes, enges Bündniß zwiſchen ihnen ſtatthat. —— 410 Nun, der Junker Alexander hat keinen ſchlechten Ge⸗ ſchmack, unterbrach ſie der Pachter und in ſeinen Mienen trat ein Zug von Bosheit an's Licht. Schickt ſie fort, zurück zu ihrem Vater nach Hochſtoun. Würde das Mittel helfen bei Ellicks trotzigem, vom Vater gepflegten Charakter? Es würde zum Aeußerſten kommen, ehe er die ſchöne Beute fahren ließe. Und auf wen träfe des Viscounts Zorn, der ebenfalls ſchon eine Fährte des Freibeuters zu ſpüren ſcheint, als auf mich? War ich es nicht, die darauf drang, das Kind im Schloſſe zu behalten und zur Geſpielin meiner Aſſy zu machen? habe ich ſie nicht mehr als Kind denn als Magd be⸗ handelt und dadurch ſie die Grenzen vergeſſen laſſen, welche die Sitte gezogen? Haben wir ſie nicht zur guten Chriſtin gemacht? Die Ketzertochter waͤre dem Ellick ver⸗ haßt geblieben. Ja, ja, ich ſehe es noch wie vor acht Jahren! murrte Draff in ſich hinein. Die große Feuersbrunſt in Hoch⸗ ſtoun hatte das nette Dirnlein aus dem Bett, aus dem Dorfe und in die Berge geſcheucht. Als wir vom Schloſſe zu Hülfe eilen wollten, kam die Bell uns entgegenge⸗ ſprungen wie ein gehetztes Rothwild, die Beine nackt, die Bruſt entblößt, das ſchöne Braughaar flatternd im Winde. Wir glaubten eine Elfe zu ſchauen, die ſich auf den Blumen der Maſch heiß getanzt. Ich ſehe es noch, wie Junker Alexander, damals war er vierzehn Jahre alt, die kleine Dirne wie eine Puppe auf ſeinen Armen in das Schloß trug, wie die ſechsjährige Alice ihr Tüch⸗ lein um die blutenden Füße der weinenden Arabella wickelte, und wie Ihr, Mylady, ſie im Schooße hattet und dem ſinnverwirrten Kinde Muth einſpracht. Auf Euern Befehl mußte ich dann in der Gegend nach den Eltern Bli die ten ind ern ern 411 forſchen, und den Schäfer Nykin Mattock bereden, daß er Euch ſein Töchterlein überließ, wofür Ihr dem wackern Mann nach und nach zu etwas Beſſerem geholfen und ihn in ein ſicheres Neſt geſetzt. Siehſt Du, Draff? verſetzte die Lady. Auf mich würde die Schuld gewälzt werden, und darum mußt Du mir helfen, das wieder in's glatte Gleis zu führen, was wir damals unvorſichtig auf einen Irrweg gelenkt, und mein Plan wird Dir beifällig erſcheinen. In den nächſten Wochen verlaſſen wir Culleanhvuſe. Graf Davy reist nach Air zum jährigen Umgange in der Grafſchaft. Ich⸗ meine Aſſp und Arabella begleiten ihn dahin. Der Viscount mit ſeinen Söhnen bricht zugleich auf nach Edinburgh, wohin Graf Davy mit uns ſpäterhin zu fol⸗ gen geſonnen. Auf der Fahrt mach Air oder auch dort muß Arabella verſchwinden; es wird leicht ſeyn, ſie in Deine Hände zu liefern. Ich weiß, Du haſt Vettern oben in Dumbarton, auf der Inſel Inchmurin, mitten im Lomondſee. Dorthin bringſt Du das Mädchen und es ſoll ihr an nichts mangeln, was ſie irgend bedürfte. Nur verſchwunden muß ſie bleiben für Ellick, für uns, ſelbſt für ihren Vater und Bruder, bis des Viscount Plan, den Sohn 5 einer reichen Erbin in Mid⸗Lothian zu vermählen, ausgeführt wurde. Dann kannſt Du die Kleine ihren Blutsfreunden wiederum ausliefern, ein Märchen dazu erfinden, und eine reiche Ausſteuer wird den Fragern den Mund verſchließen und ihr den beſten Mann in Carrick zuführen. Der Pachter ſah mit einem ſeltſamen, verſchmitzten Blick in der Lady Geſicht, deren weiße Wangen durch die lange drängende Rede gefärbt worden. Sicherer könnte ſie mein James mitnehmen über 412 das Meer, ſo wären Beide für immer davon, denn der Bab, der Bruder der Bell, iſt ein ſchlimmer⸗Patron und führt einen gewaltigen Prügel, ſagte er mit tückiſchem Ausdrucke. Alles fort, hinaus aus der Welt, was die Herrlichkeiten beläſtigt! Nun, wir wollen's bedenken. Der Himmel ſchicke uns ſeine Boten und erhalte uns den Verſtand, daß wir uns nicht ſelbſt mit dem Meſſer ſchnei⸗ den, mit dem wir die Stricke zu löſen verſuchten, die uns binden. Er ging mit raſchem Schritt; die Lady ſah ihm nach bis zur Thüre, von dem Tone und dem eigenen Aus⸗ drucke ſeiner räthſelhaften Worte betroffen. Mit innerm Erbeben ſchlich ſie dann in ihr Gemach zurück. 4. Der Großpachter wurde auf dem Vorplatze, da er ſchon ſich der Ausgangspforte näherte, wiederum durch Jemand aufgehalten, der ihn in Anſpruch nahm. Haſt auch Du ein Anliegen? Und begehrt an dieſem Morgen das ganze Schloß Beiſtand von mir, der ich ſelber ein rathloſer Mann bin? fragte er die kleine Arabella, die ihm die Hand gereicht und ſcheu mit niedergeſchlagenen Augen vor ihm ſtand, und nach Worten zu ſuchen ſchien für etwas Beängſtigendes, was ſich auf ihrem friſchen Geſichte deutlich genug ausſprach. Der Alte betrachtete ſie eine kurze Weile mit einem Ausdrucke von Wohlwol⸗ len, legte die Linke auf ihre Scheitel, von der das ka⸗ ſtanienbraune glänzende Haar, nur durch ein ſchmales, roth und grünes Wollband um der Stirne gehalten, frei und langlockigt zum Racken herabſiel, und ſchien ſich gleich einem begehrlichen Liebhaber an dem jugendlich vollen Wuchs des Mädchens zu weiden, der durch die er rch aſt en ein die en ien en ete ol⸗ ka⸗ es, rei ich ich 4¹³ ländliche Tracht, das enge Corſett und gekürzte Röckchen von roth und braun ecarrirtem Breakan weder entſtellt noch verſteckt wurde. Lady Conſtanze hat nicht Unrecht, murrte er dazu in ſich hinein, die Goldfrucht iſt reif bis zum Platzen. Töch⸗ terchen, Du biſt in zwei Monden um zwei Jahre älter geworden, ſetzte er laut hinzu. Doch warum hängt das Täubchen die Flügel, als hätte ein Platzregen das mun⸗ tere Thierchen matt und krank gemacht? Mein Engel hat Euch mir zugeführt, guter Herr Draff, nachdem ich die ganze Nacht nur an Euch gedacht, nur Euch zu mir gewünſcht hatte, ſagte das Mädchen ſchüchtern. Du irrſt Dich in der Perſon, Püppchen, lächelte der Pachter. Ich bin ein alter gebeugter Mann, bin keiner von den ſchmucken Lordſchaften und Baronen, die hier aus und ein fliegen, und habe kein Anrecht mehr auf die Träume einer Jungfrau, wie Du biſt. Du verſprichſt Dich am Ende und verwechſelſt mich mit dem Junker Alexander. Arabellens Wangenroſen verwandelten ſich in dunkle Purpurblumen und ſie hob furchtſam und forſchend das runde, dunkle Augenpaar zu ihm auf; da ſie jedoch ſei⸗ nem ruhigen, faltigen Geſichte begegnete, ſo ſchmiegte ſie ſich traulich an des Alten Arm und ſprach lebhaft, doch nur halblaut: Du mußt mir helfen, Väterchen, wenn Dein Mund nicht log, als er mir ſo oft geſchmeichelt. Ich muß fort aus dem Schloſſe. Der Bruder Baptiſt muß kommen, heute noch oder morgen, und mich holen nach Hochſtoun. Ei, das wäre! rief der Pachter aus, indem er ſich auf eine Bank niederſetzte und die Kleine an ſein Knie 414 zog. Und was hat denn meinem Hirſchkälbchen auf ein⸗ mal das ſtattliche Herrenhaus, den leckern Tiſch, das weiche Daunenbett ſo verhaßt gemacht, daß ſie das Stroh⸗ dach des alten Nykin und ſeine räucherige Stube all dieſen Herrlichkeiten vorzieht? O, es war recht ſchön hier im Schloſſe bis zu letztem Johannistage, verſetzte das Mädchen. Da ſpielten wir im Garten und Ellick küßte mich, wie er ſchon oft ge⸗ than, als Lady Conſtanze dazu kam. Seitdem iſt die freundliche Mutter, denn ſie war es gegen mich, als wäre ich ihrer Aſſp Schweſter geweſen, gar bös auf mich, ſie und der alte Graf und auch der Herr von Le⸗ vingſtone. Sie ſpricht ſeitdem von gar nichts als von dem niedern Stande, in welchem ich geboren, und daß ſie Unrecht gethan, mich zu verwöhnen, und überall muß ich jetzt Magddienſt verrichten, und thu' ich's ungeſchickt, ſchilt man mich vor Jedermanns Ohren. Obendrein aber ſpricht man von nichts im Schloſſe, als von dem reichen Erbe, das dem Ellick ſeine Mutter nachgelaſſen, und das er gar bald antreten würde, und wie dann die ſchönſte und vornehmſte Dame in ganz Schottland ihm in der Kirche angetraut werden ſolle. Ihre Stimme war zuletzt ganz weinerlich geworden. Draff faßte ſie aber unter das runde Kinn, und ſeinen Finger in das ſchöne Grübchen deſſelben drückend, fiel er ein: Die vornehmſte Dame in ganz Schottland? Das wäre möglich. Aber was kümmert das Dich, mein Kind? Oder hatte der Kuß des Junkers mehr Bedeutung als eine Pfandſpiel⸗ gabe? Vater Nump, Du ſollſt Alles wiſſen. Ja, der Ellick iſt mir lieb wie Du, wie Vater und Bruder, und ich hab's ihm auch geſagt, und er ſagte mir früher ein Gle neh uns ſieh Aus die derl Blr und zwi mit ſie hier Kin lich ten' ſog lan gar das Ell unt Du ſint wie ſell ein⸗ das oh⸗ eſen tem wir ge⸗ die als auf Le⸗ von daß nuß ickt, rein em ſen, die ihm var ber öne nſte ber der iel⸗ llick ein 3 415 Gleiches, und daß er nicht laſſen würde von mir in Ewigkeit. In der Zeit dachte ich nicht daran, wie vor⸗ nehm und reich er iſt, und wie tief und niedrig ich. Hat uns doch Alle derſelbe Gott erſchaffen, und Miß Aſſy ſieht nicht anders aus wie ich. Aber jetzt ſind mir die Augen hell geworden, und die Kammerfrau und auch die alte Amme der Aſſy haben mir erzählt, wie es ſon⸗ derbar hergeht in der Welt, wie es edles und ſchlechtes Blut gibt, wie Armuth ſchändet und der Name hoch und tief ſtellt. Ich habe einen böſen Zank hören müſſen zwiſchen der Lady und dem hitzigen Ellick: ſie hat ihm mit dem Vater gedräut, als der Trotzkopf ihr vorwarf⸗ ſie ſey nicht ſeine Mutter. Und darum muß ich fort von hier, ehe man mich mit Schimpf aus dem Hauſe ſtößt, wo ich nicht Zwietracht ſäen möchte zwiſchen Eltern und Kind. Dich aus dem Hauſe ſtoßen! rief der Alte mit plötz⸗ lich veränderter heftiger Stimme und Geberde; ſie ſoll⸗ ten's wagen! Fürchte Dich nicht, Püppchen, ſetzte er aber ſogleich ruhig und mit gezwungenem Lächeln hinzu, ſo lange Humphrey Draff lebt, ſoll Niemand hier und in ganz Schottland Dir ein Leides thun dürfen. O nimm mich lieber ſogleich mit Dir hinweg! drängte das Mädchen. Sie ſind jetzt Alle zur Jagd, auch der Ellick; den Andern wird ein Gefallen damit geſchehen und Niemand mich zurückfordern laſſen. Guter Vater, Du weißt nicht, welche Angſt mein Herz zu brechen droht. Seit die Herrſchaft mir ſchlecht und ungütig begegnet, ſind die fremden Herren nicht mehr ſo artig gegen mich wie ſonſt. Und vor Allen iſt es der fremde Herzog aus England mit den rothgelben Locken, der mich quält und ſelbſt vor Aller Augen und in Ellicks Gegenwart mich 416 ſo dreiſt verfolgt, daß ich immer weinen und mein Kämmerchen nie mehr verlaſſen möchte, wenn ich nur dürfte. Der Monmouth? fragte ſtaunend der Pachter. Frei⸗ lich fällt der Apfel nicht weit vom Stamme, und Vater und Mutter haben dem Junker ein lockeres und üppiges Beiſpiel gegeben. Das ändert freilich die Sache, und morgen ſoll Vater und Bruder auf Culleanhouſe ein⸗ treffen und Dich abfordern ehrlich und in gutem Recht. Gegen die Herrſchaft kann der Draff Dich ſchützen, doch wenn er auch hundertäugig wäre, bliebe er doch nur ein unſicherer Schirm gegen dieſe wüſten, herriſchen Zeiſige, ohne die hundert Arme jenes Rieſen, von dem das Mär⸗ chen erzählt. Nein, nein, Du mußt fort; dieſe Blume, die ich ſo lange treu gepflegt, ſoll mir keine Weſpe verderben. Er hatte in ſeltſamer Erhitzung die langen Arme um das Mädchen geſchlagen, ſo daß ſie verwundert ihn anſtaunte, da unterbrach ein Lärm im Schloßhofe dieſes warme Geſpräch. Ein geſchmücktes Reiterpaar trabte, von zwei Dienern in netter und reicher Livree gefolgt, vom Thore her zur Pforte. Der Erſte trug eine glänzende Militär⸗Uniform, der Zweite und Jüngere prunkte in voller Tracht des Hochlandes: von feinem Stoff gewebt ſchimmerte weithin in blau und weiß ſein Fillibeg und Plaid, der kreuzweis geſtreifte Strumpf deckte das nackte Bein nur zur Hälfte, im Luftzuge flog weit nach die lange einzelne Feder der blauen Mütze, und die ſilberbelegten Piſtolen und der Dirk, der ſcharfe ſchottiſche Dolch, fehlten im Gurte ſo wenig, wie an demſelben die Taſche von Otterfell. Beide Reiter ſaßen ohne Umſtande ab, als kehrten ſie 417 im eigenen Hauſe ein und ſchritten ohne Anfrage in die Pforte. Unſer Schutzpatron ſegnet unſern Eintritt, denn das da iſt unſer alter Humphrey wahrhaſtig, und der, den eine Freundesflagge am Hafeneingange ſalutirt, der darf ſicher Anker werfen. Der Pachter war erſtaunt aufgeſtanden, doch kaum hatte er den Fremden ſcharf in's Auge gefaßt, ſo belebten ſich ſeine Mienen in auffallender Weiſe: er ergriff haſtig die dargebotene Hand und bückte ſich und drückte meh⸗ rere Küſſe hinauf, und als wäre alles Blut in ſeine Bruſt geſtrömt und hinderte den Athem, ſtammelte er: Prinz Jakob, Ihr hier? Täuſcht mich mein altes Auge nicht? Ihr, Prinz Jakob, auf Culleanhouſe? Ja, ich bin's, ſagte der königliche Herr, bin es ſelbſt, und Dir gewogen wie ſonſt. Du biſt weiß geworden und etwas dünnlcibig, aber ſtehſt geſund da wie eine kräftige Tanne in euren Bergen. Nun, auch wir ſind nicht mehr der junge, tolle Jäger, welcher vordem das Rothwild rar machte in euern Holzungen. Es iſt eine vöſe Einrichtung, Vater Nump, daß der Menſch nicht ſo bleiben kann, zie er ſich ſelbſt und Andern am Be⸗ ſten gefiel; ging's hinauf, ſo geht's auch hinab, und wir müſſen ſtill dazu halten, wie es die Väter und Groß⸗ väter mußten. Doch Du, weißer Rabe, ſcheinſt noch dem Naſchen nicht entwöhnt zu ſeyn. Wer iſt das reizende Kind, das Du gar zärtlich umſchlungen gehalten? Der Pachter ſah bald auf das ſcheue Mädchen, bald auf den fürſtlichen Herrn. Es iſt eine Dienerin im Schloſſe, Arabella genannt, das Kind eines Schäfers zu Hochſtoun. Nur eine Dienerin, Hoheit, antwortete er mit Betonung. Sicher das Töchterlein des Monk'ſchen Schützen, die Blumenhagen. XVI. 27 418 Schweſter des trotzigen Burſchen, deſſen Keule Deinen lockigen Schädel bedrohte! ſprach lächelnd der Prinz zu ſeinem Begleiter. Ihr kennet den Nykin? fragte Draff mit Haſt und faſt erſchreckt. Er gab uns letzte Nacht ein hartes, aber ſicheres Nachtlager, antwortete der Prinz leichthin. Aber, Bob, ſetzte er hinzu, fällt Dir dieſes rofige Geſichtchen nicht auf? Erkennſt Du keine ſeltſame Aehnlichkeit? So wahr ich ein Stuart bin, es iſt zum Erſtaunen. Bob, denke an das Wandbild über des Königs Marmortiſch zu Whitehall. Es iſt eine liebe, aber keine glückliche Aehn⸗ lichkeit. Gott ſchütze Dich, Du Kleine! Wahrlich, Hoheit, zum Erſtaunen! fiel der Hochlän⸗ der ein, und ſein Feuerauge haftete feſt auf den Zügen der verſchämten und erſchreckten Jungfrau. Doch jetzt zur Herrſchaft, befehligte der Prinz. Iſt keiner der trägen Laffen zur Stelle, um uns anzumelden, thun wir ſelbſt den Dienſt des Portiers, als wären wir in Kind vom Hauſe. Fürchte Dich nicht vor uns, ſetzte er im Jortgehen hinzu, indem er Arabellens Wange kniff, Dein Geſichtchen iſt uns gar angenehm, und wir ſind Dir in Gnaden gewogen. So ſchritt er mit ſeinem Begleiter zur großen Stein⸗ treppe; der alte Draff aber ftreichelte die Scheitel des eingeſchüchterten Mädchens und ſagte leiſe zu ihr und gar freundlich: Die Gnaden könnten Dir zu rechter Zeit gekommen ſeyn, mein Töchterchen, und wir wollen ſie nicht von uns ſtoßen. Gehe an Dein Geſchäft, doch ohne Sorge, wenn auch die Gefahr vielleicht gewachſen iſt. Der Draff reitet nur mit ſcharfen Sporen zu einem gar nothwendigen Geſchäft, doch Nachts iſt er wieder im ſeine . befr Dar ſtück nicht melt Geſi das gebr Der kend ( nöth wide liche alte verg heit Gro chen als Har Kop geli hr ke 419 im Schloſſe und wird ſchon einen Vorwand dafür in ſeinem altſchottiſchen Gehirne finden. . Kaum hatte ein Hausdiener zwei namenloſe, aber befreundete Gäſte in dem Zimmer angeſagt, wo Graf Davy und die ſchweigend duldende Lady bei dem Früh⸗ ſtücke ſaßen, welches von des Vaters bittern Worten nicht angenehm gewürzt wurde, ſo ſtürmten die Ange⸗ meldeten ſchon ſelber in die Thüre. Prinz Jakob, ſtammelte Conſtanze, und ihr blaſſes Geſicht wandelte der Schreck zu einem Todenantlitze; doch das, was ſie wie gelähmt im Seſſel feſthielt, riß den gebrechlichen Grafen ſtarr in die Höhe, indem er rief: Der Herzog von York hier und heute? und dabei ſchwan⸗ kend die Lehne ſeines Stuhles faßte. Es iſt nicht ein Geſpenſt, vor dem Ihr zu erſchrecken nöthig, antwortete der Prinz lebhaft, indem er die faſt widerſtrebende Hand des Schloßherrn drückte. Es iſt in Perſon Euer geſunder Jakob, Euer Sohn, mein väter⸗ licher Freund, der mit Vergnügen einmal wieder ſeinen alten Platz bei Euch einzunehmen gedenkt, und ſich nicht vergeſſen glaubt. Ihr wiſſet Euer Andenken für ewig feſtzuhalten, Ho⸗ heit! verſetzte der Graf mit einem ſichtlichen Kampfe des Grolls und der Gaſtlichkeit in ſeinen Zügen. Doch wel⸗ chem Zufall verdankt dieſes ſchlechte Haus Eure ſo ehrende als unerwartete Gegenwart? Setzet Euch, Vater Davy! Läßt auch Euer edles Haupt noch immer wie ein Löwenhaupt, wie der herrliche Kopf des donnernden Jupiters, Euer Piedeſtal ſcheint gelitten zu haben auf der großen Lebensjagd, auf welcher 420 wir Alle das gehetzte Wild vorſtellen. Setzet Euch, ich ſitze ſchon da, wo ich am liebſten geſeſſen. Aber die ſchöne Conny hat kein melodiſches Willkommen für uns? Er hatte ſeinen Seſſel dicht zu dem der Lady gerückt, die noch von Ueberraſchung befangen, doch nicht ohne Dheilnahme in ſein freimüthig und offenes, wenn auch nicht mehr in Jugendblüthe wie einſt ſchimmerndes Ge⸗ ſicht ſchaute. Wie könnte die Erinnerung Euch ein Willkommen verweigern! ſagte ſie mit unſicherer Stimme. Daß die Lippe dazu dem Herzen ihren Dienſt verſagt, muß dem Erfahrenen die Wärme der Empfindung verbürgen. Ihr ſeyd noch immer die ſchöne, die gute Connyp, Mylady! Viele Jahre, weite Landſtriche lagen zwiſchen uns, doch die Zeit ſchonte den ſeltenſten Liebreiz, ſie gab Euch, ſtatt zu nehmen: die rothe Roſe hat ſich nur in ihre blendendere weiße Schweſter verwandelt. Eine geknickte! Gott verdamm's! murrte der alte Graf in ſich hinein. Ihr fragtet nach unſerer Vergangenheit? wandte ſich der Prinz wiederum zu dem Grafen. Wir reisten lange auf dem Continente; das Parlament hatte die fremde Luft für uns zuträglich gefunden. Aber unſer königlicher Bruder iſt ſehr leidend, ſeine Geſundheit hat gefährliche Anfälle erlitten, und wir eilten zurück in das Vaterland in Begleitung unſerer getreuen Lords von Kerſebay und Kilmarnock. Ihr wiſſet, Graf, wir haben immer die braven Landsleute, die Schotten, den abtrünnigen Eng⸗ ländern vorgezogen. Doch ich vergaß, Euch meinen Gefährten vorzuſtellen. Es iſt Herr Robert Ewin Mac⸗ Nab von Dunrobin, aus dem edeln Geſchlecht der Su⸗ therland, ſo jung er auch noch, doch durch Freundſchaft und an u Jako W keitse weiß Pflic Köni ſetzte nach zu pf jeſtät nichte Grof auf die den erhal Stuc ſich . Prin denkt derz Lady Baſt 2 und frag quen zu n ich die 62 ickt, hne uch Ge⸗ nen die ent ny, hen gab in alte ſich nge nde her iche ind ind die ng⸗ nen u⸗ aft 421 und Vertrauen feſt wie Niemand, Euch ausgenommen, an unſere Perſon gebunden. Nur näher, mein Bob; Jakobs Freunde ſind hier wie Kinder vom Hauſe. Wir kehrten alſo, fuhr er nach den beendeten Höflich⸗ keitsceremonien zwiſchen den Anweſenden fort, nach den weißen Kreiveküſten Albions, gerufen von der Ehre und Pflicht für unſere Völker. Wir beſuchten den kranken König, kosten mit unſern Freunden in London, und ſetzten dann unſere Fahrt fort über den ſchmalen Tweed nach Norden, um mit unſern hieſigen Vertrauten Rath zu pflegen im Falle des Ablebens der brüderlichen Ma⸗ jeſtät. Wir mögen mit den Londoner Torys und Whigs nichts zu ſchaffen haben, die ſchon unſerm trefflichen Großvater viel Aergerniß gaben; wir vertrauen allein auf unſere hochherzigen, rechtgläubigen Schottländer, die uns den Titel eines Königs von Gryßbritannien, den unſer Großvater ſich beilegte, im vollſten Glanze erhalten werden; ſind wir doch der letzte und einzige Stuart im Reiche, ſobald die Augen des Königs Carl ſich geſchloſſen. Der einzige? fiel Graf Davy unvorſichtig in des Prinzen lebendige Rede. Zweifelt Ihr, Graf? fragte der Prinz ſtutzig. Ge⸗ denkt Ihr vielleicht des Monmouth, jenes übermüthigen Herzogs, der unglücklichen Liebesfrucht der verſchmitzten Lady Barlow, des verwöhnten und überall gehaßten Baſtards eines ſchwachen Königs? Mir erröthenden Wangen hatte ſich die Lady erhoben und zun Fortgehen angeſchickt, und als der Prinz ſie fragend aufhielt, ſchützte ſie vor, als Hausfrau für Be⸗ quemlichkit und Bewirthung des rhen Luſe⸗ ſ zu müſſen und entfernte ſi ch. 42 Ihr ſeyd ein ſtrenger Richter Eures königlichen Bru⸗ ders, ſagte der alte Graf eintönig und finſter. Der Prinz ſah mit einer Art von Betroffenheit for⸗ ſchend in des Greiſes Augen, doch da er dieſe feſt auf den Boden gerichtet fand, ſo fuhr er ohne Einhalt fort: Wir waren auch jung, mein Väterchen, und nicht ohne Fehler, doch befährdeten wir durch unſere Leidenſchaft nie die Ruhe des Reiches. Die Liebe iſt eine ſchöne Duftblume auf der Maienflur der Jugend; wer pflückte ſie nicht gern, wenn die Zeit winkt? Doch wehe, wenn der Mann ſie in ein Gift taucht, das ſeine oder fremde Ehre befährdet. Der Graf ſpielte ohne Antwort mit den Frühſtücks⸗ meſſern. Sahet Ihr den Monmouth? Ich hörte, er ſey in Schottland? fragte der Prinz. Er war auf einigen Schlöſſern in Air⸗Shire; man ſprach von ihm in dieſer Gegend, antwortete der Greis unbeſtimmt. Ich weiß, der tolle Baſtard trägt mächtige Seifen⸗ blaſen in ſeinem Hirn. Er wagt ein Heer zu werben, um nach der Krone zu greifen mit unreinen Händen. Er iſt Proteſtant, und kann im Lande keinen Anklang finden. Und Ihr, Hoheit? fragte Graf Davy ſpitz und lauernd. Habt Ihr mich nicht gekannt von je? erwiederte der Prinz Jakob zutraulich und ihm näher rückend. Ich war Katholik und bin es noch, und werde nie dem heiligen Glauben meiner Ahnen entſagen. Sitzet die Kryne feſt auf meinem Haupte, ſo falle jeder Schleier, dann ſoll ein rechtgläubiger König dieſe ſchönen Länder reinigen von jedem Irrlehrer und ſeine ganze Nation mit kräf⸗ tige We rück glä mic Nie ſteit ſind her diſe des ſen den m ru⸗ or⸗ auf rt: hne at öne ckte enn nde an eis en⸗ en, 423 tigem, unerſchütterlichen Willen auf den einzig rechten Weg durch die allein ſeligmachende Kirche zum Heil zu⸗ rückführen. Deßhalb bin ich hier, deßhalb will ich die gläubigen Hochländer, die tapfern Clans der Gebirge um mich ſammeln, deßhalb alle treugebliebenen Schotten der Niederlande zu einer großen Kette vereinen, deren Schluß⸗ ſtein ihr Stuart, ihr König iſt. Meine treuergebenen Lords ſind ſchon in Edinburgh, um unſer großes Werk vorzu⸗ bereiten. Ein Trupp tapferer Bergſchotten, den unſere nor⸗ diſchen Freunde uns entgegengeſchickt, ſucht ſchon die Fährte des rebelliſchen Monmouth und ſeines aufgeblaſenen Bu⸗ ſenfreundes, des Marquis von Agyle, um ſie der gebühren⸗ den Strafe entgegen zu ſchleifen. Wir aber eilten zuerſt m Euch, dem bewährteſten, umſichtigſten Freunde unſerer Jugend, den wir zum Lord Siegelbewahrer unſerer Kö⸗ ngreiche beſtimmten, und der unſerm Plane das ſichernde urd heiligende Siegel ſeiner Erfahrung aufdkücken ſoll. Auf einige Augenblicke ſchien der alte Herr bewegt, und die Eitelkeit drängte das froſtige Blut der ſtarren Adem ſtärker gegen das Haupt, doch dauerte die Erregung nicht lange, und in dem vorigen Tone kühler Ehrerbie⸗ tung dankte er für die hohe Gnade und ſetzte zweideutig hinzu: Die Familie Cullean hegt in ihrer Erinnerung ſne Beweiſe von der Huld, dem Edelmuthe, der Aufrichtigkeit des Herzogs von Jork, daß ſie zur Genüge dzran hat und haben wird, bis ihr letzter Zweig unter dz ſchottiſchen Haide ſchläft. Der Prinz war beläſtigt von der Förmlichkeit, theils ve gen, theils verſtimmt, und abbrechend erkundigte er ſich nur noch nach dem Viscvunt, dem Schwiegerſohn 424 herr und der wildeſte Jäger dieſſeits der Tweed, war die Antwort, doch aller Hofſitte ſo fremd wie jeder Höf⸗ lingsintrigue. Er iſt kein Mann für Eure Pläne, Ho⸗ heit; rechnet nicht auf ihn, denn ſelbſt wenn die Schwer⸗ ter ihren Tanz begännen, möchte er gefährlich werden. D'rein ſchlagen würde er, doch in ſeiner Jägerhitze viel⸗ leicht auf Feind und Freund zugleich, und ſo Euer gutes Wetter verderben. Befangen durch den zuletzt faſt ſpöttiſchen Ton des Grafen und unbefriedigt entgegnete der Prinz mit einem leichten Unwillen: Wir hatten uns helleres Wetter ver⸗ ſprochen für unſere redlichen Abſichten, aber wir ſehen düſtere Wolken über uns da, wo wir ſie nicht e Unſer Troſt bleibt jedoch Euer ſchottiſches Sprichwort, Schlecht Wetter wird nie klar ohne Regen. — 3 6. Der Tag war langweilig pinabgeſchlichen, denn die Wirthe ſtrengten ſich nicht beſonders an, ihren Geſten angenehm zu ſeyn, obgleich Reſpekt und Bewirthung dem fürſtlichen Fremden angemeſſen war, und frühe zog ſich Prinz Jakob mit ſeinem Begleiter in die ihm bereiteten Zimmer des nördlichen Schloßflügels zurück. Der Schlo diener hatte den Nachttrunk in zwei großen Silberpokal auf den Tiſch geſtellt, der Prinz wechſelte die unbequene Tracht mit einer leichtern, und Robert Mac⸗Nab ſchrib einige Briefe, die ihm Jakob diktirte. Wirf die Feder weg, Bob, es geht nicht: die Ge⸗ danken wollen nicht gehorchen, unterbrach das Geſchift der umhergehende Prinz, indem er ſich neben den Freind in einen Lehnſeſſel ſtreckte. Ich muß Dir offen geſteen, mir iſt ſeit heute Morgen, als ſchliefe ich auf h ſich Dr au bli die rie kot en t „ 425 Bett nach einer durchſchwelgten Nacht, und der Bauch, von Auſtern und ſchwerem Burgunder belaſtet, rächte ſich in ſchweren Träumen. Sprich aufrichtig, wie findeſt Du das Schloß und ſeine Bewohner? Nicht ganz ſo, wie Euer lebhaftes Wort ſie mir vor⸗ ausgezeichnet, Hoheit! antwortete der Hochländer. Die Farben des Bildes ſind in den achtzehn Jahren ſehr er⸗ blichen. O, die böſe Zeit iſt eine garſtige, neidiſche Matrone, die nichts duldet, was friſch blüht und glücklich lächelt, rief der Prinz unruhig aus. Speiſe den Gaſt, wenn er kommt, fördere ihn, wenn er geht, ſpricht der Schotte. ich dünkt, das Letztere würde man hier getreulich an ns erfüllen, das Erſtere jedoch ſcheint man aber nur wie gezwungen zu thun. Hoheit ſprechen aus, was ich ſchon vor Stunden ge⸗ dacht. Wir ſind nicht willkommen. Der Schotte ſpricht auch: Am Geſicht und Wort des Dieners erkennſt Du die Geſinnung des Herrn! und ſo wahr ich mit hoch⸗ ländiſchem Seewaſſer getauft worden, dieſe niederlän⸗ diſchen Schurken, welche uns bedienten, ſind ſo ſteif und maulfaul, als hätten ſie die plapperhafte Elſternatur ihter Väter und Mütter im Beichtſtuhl als eine Pöni⸗ tehz abſchwören müſſen. Uund ſelbſt Lady Conſtanze? ſprach der Prinz tief⸗ ſinnig in ſich hinein. Ich verſtehe ſie nicht. Der Alte iſt krank, ein wenig Geiz gehörte immer zu ſeinen Untugenden, und das Gedränge der Gäſte belaſtet die Alten; aber ſie? Bob, ſetzte er lebhafter hinzu, Du biſt ein ſchlauer Gaelsmann und wirſt längſt errathen haben, was mein gepreßtes Gemüth Dir zu vertrauen ſich fühlt. Ja, ich habe in dieſem Schloſſe die 426 ſchönſten Sonnentage meiner Jugend verlebt. Ich ward geliebt, wie nie ein Mann geliebt worden. Man ſagt, die Weiber hätten ein getreuer Gedächtniß als wir, und ihr Gefühl, einmal angefacht, brennte unauslöſchlich. Warum hat ſie denn Alles vergeſſen und ſteht vor mir ſchön wie ſonſt, leuchtenden Auges wie ſonſt, und doch wie ein weißer Fels, an den ich umſonſt ſchlage, damit er Waſſer gebe für den Dürſtenden? Hoheit weckten einſt vielleicht kühne, hochſchwindelnde Hoffnungen in der jungen Miß; oder der ſtrenge Vater kam nach Eurer Abreiſe auf die Spur des kecken Hühner⸗ diebs; oder die ſcheue Frau fürchtet die ſcharfen Augen des eiferſüchtigen Gemahls. Nein, nein! erwiederte der Prinz mit Heſtigkeit. Wie ich ſie kenne, wie ſie mir verbunden geweſen, hätten alle dieſe Urſachen ein anderes Benehmen gebären müſſen. Nein, Bob, Du kennſt die Frauen noch nicht: den Mann, dem ſie ſich ganz ergeben, vermag keine länger zu haſſen, als eine Thräne gebraucht, um vom Auge bis auf das Buſentuch zu rinnen. Ich folgte ihr nach der Tafel bis zu ihrem Gemach. Wir gingen allein: ich ließ alle Sai⸗ ten der Erinnerung erklingen und regte ſie ſo ſehr auf, daß ihre alabaſterweiße Haut das zarte Blut überall durchſchimmern ließ. Dennoch tönte nicht ein harmo⸗ niſcher Rückklang meinem Ohre, und als ich an ihrer Thüre ihre Hand ergriff, zog ſie dieſelbe aus meinen Fingern, ihr feuchtes Auge blickte mich an, daß ich es fühlte wie die Spitze eines italiſchen Stiletts auf meiner Bruſt, und wie mit einem Geiſtertone ſagte ſie: Prinz, die Conſtanze, von der Ihr redet, iſt längſt begraben. Der ſie getödtet, ſollte die Todte nicht herauf beſchwören; ſie würde ihm kein Heil bringen. Lebt wohl, Prinz, ſetzte —— ee — — rd ⸗ nd h. ir ch tit de r⸗ en ie le n. n, n„ 18 is i⸗ f, ll U⸗ en es 3 te 427 ſie ſchneller hinzu, und iſt wirklich das Andenken der Ver⸗ gangenheit Euch nicht ohne Werth, ſo eilet aus dieſem Trauerhauſe hinweg mit ſchnellem Roſſe. Gut für Euch und mich, flöße das Meer zwiſchen uns für immer! Hoheit, ich meine, den Verſtand habe die Dame nicht durch den Gram um Euch eingebüßt, und ein geſcheidtes Wort ſoll nicht ſchlafen im Ohre eines Klugen, fiel der Hochländer ein. Mir iſt ſelber unheimlich in dieſen Mauern, doch müſſen wir zuvor morgen die Geſellſchaft kennen lernen, die vielleicht beſſer zu unſerm Vorhaben taugen könnte, als Graf Davy und die grauſame Dido. Doch horch, da klingen die Hörner, da bellen die edeln Fuchshunde, Roſſe ſtampfen, und die Thüren der untern Halle wer⸗ den zugeſchlagen. Schade, daß unſere Wirthe uns alſo verſtimmten; die Jagdpartie iſt heimgekehrt und die Becher werden bis Mitternacht kreiſen. Haſt Du Ge⸗ fallen, Bob, Deine Stimme noch in ein vaterländiſches Chor zu miſchen, ſo ſoll es Dir freiſtehen. Der Prinz hatte bei dieſen Worten ein Fenſter aufgeſtoßen, welches nach dem Garten ging, und horchte den Fanfaren der Jäger, die das Echo des Bergwaldes zurücktönte. Plötzlich winkte er mit Heimlichkeit den Hochländer heran und deutete in den Garten hinab. Eine weibliche Geſtal dort in der Allee, flüſterte er; ſiehſt Du ſie? Es iſt ih Wuchs, ihr Gang, und ſie beugt ſich aus den Schatten der Eſchen nach dem Gebüſch. O ich kenne den Platz⸗ ſo ſtill, ſo verſteckt wie die Lauben der reizenden Armida! Es kann Niemand ſeyn als Conſtanze. Das Wetter hat ſich geändert, der Wind bläst lauer aus Süd. Sie weiß, daß ich die geheime Stiege im Winkel dieſes Flügels kenne, ſie ſah unſere Lichter, ſie ahnet, daß auch mein 428 Blick durch die Nacht hin jenes Plätzchen ſuchen mußte. Ich will hinab und eine Erklärung ihrer räthſelhaften Worte fordern; vielleicht bringe ich mehr zurück. Ehe der Hochländer Einſpruch thun konnte, eilte Ja⸗ kob davon, und Dunrobin legte ſeinen Callimore, von der Scheide entblößt, neben die Piſtolen auf den Tiſch, und lauſchte als ein getreuer Kamerad am Fenſter. Er harrte nicht lange in Freundesſorge. Der Prinz kehrte nach einer Viertelſtunde mißmuthig zurück, doch machte ſein Mißmuth ſchnell wieder ſeinem gewöhnlichen Leicht⸗ ſinne Platz. Ich fand keinen Fiſch im Netz für mich, ſagte er lächelnd; doch wurde mir eine niedliche Ergötz⸗ lichkeit geboten. Ein zärtliches Stelldichein entwickelte ſich auf dem lieben Theater, doch die Schauſpieler waren gewechſelt, und ich mußte im Gebüſch den durſtigen und ſchweigſamen Zuhörer ſpielen. O Dunrobin, es iſt doch etwas Köſtliches um die erſte, junge Liebe, ſo poſſirlich ſich die unerfahrenen Leutchen auch dabei benehmen. Das iſt wie Frühling, friſche Farbe, friſche Blüthe, kein gelbes Blatt, kein dürrer Zweig, milde Luft, Wahrheit im Tauſche kindlicher Empfindungen! Man möchte ſich in die Zeit zurückwünſchen, wo man noch nichts von er⸗ hitzender Sommerglut wußte, und am Blümchen Genüge hatte, weil man die Süße der Frucht noch nicht erkannt. Es war die kleine Zofe, die Arabella, und Er war der älteſte Junker, Ellick nannte ſie ihn. Der Burſch iſt nicht ohne Geſchmack, Du weißt, das Mädchen ähnelt der Königin Maria, und unſere Urgroßmutter galt für die ſchönſte Frau in Großbritannien und Frankreich. Sie ſoll, ſie will fort vom Schloſſe. Der bartloſe Ritter ſchwur wie ein Mac⸗Donald bei Schwert und Ehre: er ließe ſie nicht ziehen, und ſollte Culleanhouſe ein ————————+—„— —„„„— ——, „— — 429 Schlachthaus, ſein Ahnenſchloß ein Aſchenhaufen werden. Bob, glücklich Der, welcher ſolche Schwüre mit ehrlichen Lippen auszuſprechen vermag! Doch ſetze Dich zu den Briefen; das Kußgeliſpel hat mein Blut bewegt und wir wollen uns in den froſtigen Phraſen an den Lord⸗ Provoſt von Glasgow abzukühlen verſuchen. 7. Die Nacht war vorgerückt, und die ſteigende Stille außen in der Natur bewirkte, daß die unmelodiſchen Geſänge der Zecher in der großen Halle noch ſchärfer und widerwärtiger durch das ganze Schloß und bis in die fernſten Winkel ertönten. Der Prinz war im Begriff, ſich vollends zu entkleiden und die Schlafſtätte zu ſuchen⸗ da vernahm man auf dem gewölbten Gange einen har⸗ ten, geſpornten Männertritt und zugleich ein dumpfes Angſtgetön, wie von drängender Noth geboren. Jakob nahm ſogleich das Licht, öffnete die Zimmerthüre und trat auf den Gang hinaus. Was er erblickte, über⸗ raſchte ihn höchlichſt. Ein ſtämmiger Mann in Ritter⸗ tracht ſchleppte ein Weib den Gang herauf, das gegen die Gewaltthat fruchtlos ſich ſträubte, indem des Man⸗ nes linker Arm ſie feſt gegen ſeine Bruſt gehoben und ſeine rechte breite Hand ihren Mund bedeckte, ſo daß ſie nur mit gedämpftem Wimmern, wie eine Sterbende faſt, ihre grauſe Angſt hören zu laſſen vermochte. So wie das Licht der Kerze die böſe That beleuchtete, lösten ſich die Arme des Räubers und ſeine Beute fiel auf den Eſtrich. Indeß er ſich aber die wirren gelbrothen Locken, in welche des Weibes Hände gekrallt geweſen, aus dem Geſichte ſtrich, um ſeinen Störer anſchauen zu können, erhob ſich die Gefallene wieder vom Boden, that einen 430 Kreiſch und ſprang dann wie ein verwundetes Reh flüchtig und ſchnell zurück durch die Schatten der dun⸗ keln Pilare. Der Prinz hatte Arabellen erkannt, doch ſein zweiter Blick auf den Gewaltthätigen feſſelte ſeinen Fuß im größeren Schreck. Der Fremde ſtand vor ihm auf Schrittes Länge, ſtarr und wortlos gleich ihm, die weit aufgeriſſenen Augen gleich ihm auf ſeinen Gegner gerichtet. Ihr, Jakob?— Ihr, Monmouth? ſo riefen Beide zugleich und griffen Beide zugleich zur unbewaff⸗ neten Hüfte, Beide wiederum unwillig verſtummend, da die Hände nicht fanden, was ſie geſucht. Da ſchien der rothhaarige Herzog einen Sprung gegen den Prin⸗ zen thun zu wollen, doch ſich beſinnend zog er die ſchon ausgeſtreckten Fäuſte zurück, man hörte ein Geknirſch wie von dem Gebiß eines hungrigen Raubthiers, dann drehte er ſich und ging feſt und trotzigen Ganges durch die Pfeiler zur Stiege hinweg. Monmouth? fragte Dunrobin erſtaunt, als der Prinz in das Zimmer zurückgetreten und die Thüre hinter ſich verriegelte.— Es war der Baſtard, antwortete der Prinz in heftiger Aufregung. Er ſelbſt, unſer Erzfeind, der die frechen Hände ſo kühn nach unſerer Krone wie nach einem Mädchenkranze auszuſtrecken ſich erdreiſtet. O warum war mein guter Degen mir nicht zur Hand! Seine Finger wären jetzt ſtarr und Culleanhouſe wäre ein zu ehrlich Grabgewölbe für ihn geworden! Robert, alle Räthſel dieſes düſtern Tages ſind mir gelöst durch dieſe Erſcheinung! Sollte Graf Davy mit ihm im Einverſtändniſſe ſeyn? fragte Dunrobin. Unmöglich, Hoheit! Ein ſchottiſcher Earl beugt ſeine ſtolze Stirne nicht vor einem ungeſetz⸗ lichen Herrn, der die Stunde ſeiner Geburt nicht ohne ken der iſt au die ſuc Sc wa ver er thu in leg zur Ge Ho tret S* „ ü 431 Schaam zu nennen vermag; der Katholik macht nimmer Partie mit dem Ketzer. Vielleicht kam der Monmouth un⸗ erwartet mit der Jagdgeſellſchaft in das Schloß. Doch wollte ich, Ihr hättet die Bergſchotten nicht von uns verſchickt. Der Prinz ſprang raſch wieder auf von dem Seſſel, in welchen er ſich geworfen. Sey es wie es wolle, wir müſſen nicht ſäumen, zu thun, was nöthig, denn wir kennen die Stärke des Feindes nicht. Schnell in das Zeug und in die Waffen! Wollen wir hinab in die Halle, Bob? Ueberraſchung gab ſchon oft den Sieg, und zwei Nüchterne ſind wie ein Heer einem Dutzend ſolcher Trun⸗ kenbolde gegenüber. Schonet Euer heilig Leben, Hoheit! bat der Hochlän⸗ der. Sind Cullean und Levingſtone mit dem Herzog, ſo iſt auch die ganze Dienerſchaft, der ganze Jägertrupp auf der Seite unſerer Feinde. Laſſet uns warten, bis die Zecher ſich zur Ruhe gelegt, dann aber unſere Pferde ſuchen und das Schloß verlaſſen. Hat Monmouth keine Schaar ſeiner Geſellen neben ſich, ſo wird er auch nicht wagen, in der Nacht einen Anfall auf Eure Perſon zu verſuchen. Iſt die Familie des Schloſſes für ihn, zog er umgeben von ſeiner Rotte ein, ſo können wir thun, als unſer Leben theuer verkaufen. Der Prinz gab dem Freunde Recht. Beide ſetzten ſich in guten Kriegsſtand, ſahen ihre Schießgewehre nach, legten, was ſie von Waffen, Pulver und Blei beſaßen, zurecht, und lauſchten lange und aufmerkſam auf jedes Geräuſch im Schloſſe, worin es plötzlich ſtumm geworden. Ein leiſes Klopfen an der Thüre riß ſie auf. Oeffnet, Hoheit, öffnet ſchnell; es iſt Humphrey Draff, Euer ge⸗ treueſter Knecht! ſo erklang außen eine bekannte Stimme. 432 Der Prinz öffnete und der Großpachter trat ein, an ſeiner Hand die ſchöne Arabella. Draff war im Reiſe⸗ rock und in hohen Reitſtiefeln, auf ſeiner Schulter hing die lange Flinte, ohne die Nachts kein Schotte reitet, und an ſeiner Hüfte trug er die rauhe Jagdtaſche. Er ſchob das verſtörte, ſcheue Mädchen vor ſich herein und ſchloß ſorgfaltig die Thüre hinter ſich ab. Sir, Ihr ſeyd ein tüchtiger Kriegsheld, das Gerücht hat nicht gelogen, ſagte Draff, auf die Rüſtung der Gäſte blickend; wer den Waſſereimer zurecht geſtellt, darf die Feuersbrunſt nicht fürchten. Du bringſt Friedensbotſchaft in ur iſi e Feſtung, Alter, denn die weiße Taube fliegt vor Dir her, antwortete Jakob mit freierem Athem. Aber Deine ſchöne Schützlingin iſt eine gefährlich Circe. Sie lag heute ſchon an zwei Männerherzen, und Du, greiſer Kuppler, führſt ſie dem Dritten in die Arme? Arabella erröthete und ſchlug die Augen nieder; Draff aber ſprach: Scherzt nicht, Sire! dieſe Nacht könnte für ganz Schottland ein ſchweres Gewicht haben. Die Kleine nennt Euch ihren Erretter, Prinz, und als ich ſie zitternd in einem Winkel des Schloßhofes fand⸗ drängte ſie mich, zu Euch zu gehen, Euch zu wecken vom Schlafe, denn ſie möchte vergelten, was Ihr an ihr gethan. Er ſprach dem Mädchen Muth ein, der Prinz firei⸗ chelte ihre Scheitel und hieß ſie niederſitzen, und ſo er⸗ zählte ſie, nachdem ſie ſich gefaßt, Athem gewonnen und durch die Gegenwart dreier ſtattlich Bewaffneter ermuthigt ſchien, was ihr begegnet, ſeitdem ſie aus den Armen ihres Räubers ſo unverhofft und wie durch ein Wunder des Himmels erloͤst worden. an ſe⸗ ng et, nd cht der 6 T ar er ete gin wei em x. cht en. als nd, en rei⸗ er⸗ nen eter den ein Der Herzog hatte Arabellen, als er auf dem Wege zu ſeinem Zimmer war, getroffen, und da Schmeichel⸗ worte und Verlockung ſie nicht bewegen konnten, ihm zu folgen, mit harter Hand ſeine Wünſche zu erzwingen verſucht. Gerettet floh ſie zu dem ſüdlichen Flügel des Schloſſes, in den Zimmern der Lady Schutz zu ſuchen und ihr in Entrüſtung zu klagen, welcher Gefahr ſie entgangen. Lady Conſtanze hatte ſich längſt niederge⸗ legt, und vergebens pochte die Jungfrau mit wachſen⸗ der Seelenangſt. Da näherten ſich Stimmen dem Vor⸗ ſaale, die Schritte mehrerer Männer ſchallten auf der Stiege, das laute Wort des Herzogs klang vorauf und machte ſie erbeben, und in höchſter Noth ſuchte ſie einen Verſteck und fand denſelben im ausgebrannten Kamine, deſſen vorſpringende Säulen ſie völlig verdeckten. Gleich nachher ſtürmten die Männer durch den Saal, der Her⸗ zog, zwei ſeiner Begleiter und der Viscount von Leving⸗ ſtone, gerade hinein in das Gemach des Schloßherrn, der noch wach ſaß und ſich von ſeinem Beichtvater, dem Erzieher ſeiner Enkel, vorleſen ließ. Die ungeſtümen Männer ließen die Thüre weit offen, und Arabella ver⸗ nahm jedes ihrer heftigen Worte. Monmouth und Levingſtone überfielen zuerſt den Gra⸗ fen Davy mit Vorwürfen, weil er ihnen die Anweſen⸗ heit des Herzogs von York verſchwiegen gehalten. Der alte Herr erinnerte ſie an ihre verſpätete Rückkehr, an ihre Gier nach den Tafelfreuden, durch welche ſie ver⸗ geſſen, ſich gebührend ihrem Wirthe zu zeigen, und mit Strenge verwies er ihnen die Ungebühr dieſes nächt⸗ lichen, unangemeldeten Eindranges. Prinz Jakob iſt als ein Gaſt eingeritten in dieſes ſchottiſche Haus, ſetzte er hinzu, und wenn ich ihn auch Blumenhagen XVI. 28 434 haſſe gleich euch, ſo iſt mein Haß doch kein Zwillings⸗ bruder des eurigen. Ihr, Herzog, haßt ihn aus Eigen⸗ nutz und Herrſchbegier, Du, Levingſtone, weil Dich die Verſprechungen dieſes edeln Herrn geködert und weil Du mit allen Deinesgleichen fürchteſt, der Prinz möchte Schottland in ein Bethaus verwandeln, Deine Fuchs⸗ hunde aufhängen laſſen und hohe Zölle auf den heißen Usquebaugh ſetzen. Mein Haß aber hat ſeine Wurzeln in den Tiefen der Seele, in den verborgenen Quellen des Lebens, und ſtirbt nur mit ihm. Doch wenn ich auch lechze nach einer Genugthuung, wenn ich ſie ſuche mit Begier, wenn ich mich freuen werde am Verderben des Verhaßten, ſo halte ich doch heilig das Heilige, da⸗ mit ich nicht die Sünde begehe, die der Feind beging, und darum ſolltet ihr das Gaſtrecht ehren, das befehle ich; der Falſche ſoll unbefährdet aus meinem Schloſſe reiten, und ich will nicht leiden, daß irgend eine Hand das Wappen der Cullean und Manchremore beſchimpfe in ihren eigenen Mauern. Euer Haß iſt ein furchtſamer Knabe, fiel der wilde Monmouth ein, der nicht nach dem Meſſer greift, weil es die Finger verletzen könnte. Des Glückes Gunſt fällt ſelten ſo unerwartet und voll wie heute auf ein Men⸗ ſchenhaupt. Dieſer Jakob, dieſer Heuchler, gab ſich ohne Geleit in ſeines bitterſten Feindes Hand. Rundum in den Dörfern liegen meine Söldner. Es weiß vielleicht Niemand von ſeinem Schleichritt, denn er liebte von ieher Heimlichkeit und verkappte Abenteuer. Es iſt Him⸗ melsfügung, daß er hier verſchwinden ſoll ſpurlos und ſchnell. Unſere Ferſe tritt den Sand ſeines Grabhügels nieder, und nicht ein krächzender Rabe verräth, wo die⸗ ſer ſtolze Stuart ſein Hochgericht fand. Ich bin Euer G 8 — ( — S — —— g⸗ en⸗ die eil hte s⸗ en n en ich che en a⸗ g⸗ Ne ſſe d fe de il künftiger Herrſcher, und ich will und ich laſſe den Fuchs nicht aus der Falle. Er hat in dem Hofe in Whitehall mir den Rücken zugekehrt und gefragt, ob ich den Fächer in mein Wappen aufgenommen, mit wel⸗ chem meine Mutter ihre rothen Wangen verdeckt, ſo oft ſie mich angeſehen. Bei dem blutigen Haupte meines Großvaters ſchwöre ich, ſein Rappe ſoll ihn nicht durch das Thor von Culleanhouſe hinaustragen und ſollte mein Kopf darum auf denſelben Eichblock zu liegen kom⸗ men, den Königs Carl letzter Athem befeuchtete. Der alte Graf erhob ſich mit finſterm Unwillen. Herzog, ſagte er ernſt, Ihr ſeyd mein geehrter Gaſt, doch ich bin der Herr in dieſen Wänden. Wird man Euch die Krone von Stirling aufgeſetzt haben und Ihr klopft alsdann in Mitte Eurer Leibgarden an das Thor von Culleanhouſe und fordert Einlaß im Namen der Majeſtät, ſo wird man öffnen, und Ihr mögt dann thun, was Ihr zu verantworten vermögt. Iſt der Prinz über die Grenze meines Gebietes hinaus, ſo ſteht es Euch frei, Eure tapfere Fauſt mit Eurem Gegner zu meſſen; der Bote, der mir Jakobs Tod anſagt, wird mich nicht in Trauer ſehen, und ich werde ſelbſt meinem Schwie⸗ gerſohne nicht hinderlich ſeyn, ſeinen Degen an Eurer Seite zu ziehen und eine Beleidigung zu rächen, die ſo ſchwer iſt, daß ich ſie ſelbſt meinen Kindern bis heute verſchwieg. Aber jetzt geht hinaus, ihr Herren, ver⸗ ſchlaft die heißen Geiſter, ſtört den Gottesfrieden dieſer Nacht nicht und überlegt im Schimmer der Morgenröthe nüchtern und kühl, was Euch und dem Reiche frommen dürfte. Auf die erhitzten Männer wirkte die Beſtimmtheit des Ausſpruchs vom Mnnde des Schloßherrn: ſie traten aus 436 dem Gemach und die Thüre deſſelben fiel nicht eben ſanft in das Schloß. Doch im Vorſaal begann ihr Zwieſprach auf's Neue, wenn auch leiſer und behut⸗ ſamer. Monmouth ſpottete des ſchwachen, hirnkranken Greiſes, der wie ein zaghaft Weib haſſe und die ge⸗ fällige Fortuna nicht bei dem Schopfe zu faſſen wage. Der Marquis von Argyle fand des Schloßherrn Beneh⸗ men verdächtig und glaubte eine Achſelträgerei darin zu ſchauen. Er drang auf raſchen Ueberfall, Gefangen⸗ nehmung oder Tod des Prinzen, und der trunkene Vis⸗ cvunt ſtimmte ihm bei, ſchonte mit dem Hohn der Zunge den Vater ſeiner Gattin nicht, und prahlte mit ſeiner Herrſchaft über den gichtiſchen Betbruder und ſeine thrä⸗ nenreiche Tochter. So beſchloß das giftige Dreiblatt, ohne Aufſchub zum Werke zu ſchreiten, vor Allem die Pferdeſtälle zu ſchließen und bewachen zu laſſen, dann ſich der Diener des Prinzen zu bemächtigen, einen Bo⸗ ten in die nächſten Dörſer zu ſchicken, um einen Theil der geworbenen Anhänger Monmouths herbeizurufen, und ſogleich nach ihrer Ankunft das Bubenſtück, zu wel⸗ chem ihnen allein der Muth gebrach, mit fremden Armen auszuführen. Arabella verließ, nachdem die Männer den Vorſaal geräumt, ihr Verſteck; rathlos, geängſtet durch das Gehörte klopfte ſie nochmals an der Thüre der Lady, doch Alles ſchien dort im Todesſchlafe zu liegen; das Geheimniß drückte ſie wie eine eigene Sünde; aber wer konnte helfen? Sie irrte im dunkeln Schloſſe umher, ſie ſuchte den Junker Alexander, da traf ſie den Großpach⸗ ter, der zu rechter Stunde ſein Verſprechen gehalten und eben zum Schloſſe gekehrt. Der Prinz hatte mehrmals durch Ausrufungen des Erſtaunens oder des Abſcheus die ſchöne Erzählerin un⸗ —— —— — 6—„„—„—— —* U M —— * MN 43 terbrochen, doch in wachſender Neugier ſie gedrängt, zum Schluſſe zu kommen. Verdammt! rief er jetzt, da iſt wahrhaftig des Jägers Bein in das Eiſen gerathen, welches er dem Hühnergeier geſtellt, und aus dem ge⸗ hofften cypriſchen Feſte könnte ein ſchwarze Bartholo⸗ mäusnacht werden. Robert, Du mußt auf's Pferd! Sprenge, den Bauch an der Erde, nach Air und Irwin, Dein Bruder iſt Obriſt der grauen Dragoner, laß auf⸗ ſitzen und führe heran, was nur einen Sattelgurt hat. Du, treuer Nump, eile hinaus und ſuche den ſchnellſten Läufer unter Deinen Hirten; hier iſt ein Brief an den Lord⸗Provoſt von Glasgow, hier unſer königlicher Sie⸗ gelring. Wir befehlen, daß die Milizen zur Stunde aufbrechen ſollen, den Erben der großbritanniſchen Kro⸗ nen zu befreien. Was dem Stadtvogt an Wägen und Gäulen zu Gebote ſteht, ſoll er benutzen; er iſt ein treuer Mann und uns dankbar verbunden. Wir ſelbſt wollen uns in dieſer Schanze noch feſter eingraben und mit Gott vertheidigen, bis der Succurs ſeine Kriegs⸗ muſik hören läßt. Und kommt die Hülfe zu ſpät, wird ſie doch ſicherlich früh genug da ſeyn, um uns auf ſchot⸗ tiſche Weiſe zu rächen. Da ſey Gott vor, daß ich Euch verließe! rief der Hochländer; Draff jedoch ſchüttelte mit dem graulockigen Haupte, und ſeine ſchlauen Augen blitzten, indem er ſprach: Bravo, mein königlicher Stuart! Euer Kriegs⸗ plan iſt eines ſchottiſchen Hirnes würdig. Doch ver⸗ ſchmäht Ihr einen niedern, aber freundlichen Rathgeber nicht, wie es die hohen Herren oft zu ihrem Rachtheile gethan, ſo möchten Adler und Fuchs im Bunde dgs Ziel leichter erreichen. Rede, Draff; Du biſt der einzige Treugebliebene in 438 dieſem verwünſchten Schloſſe! fiel der Prinz ein, ihm die Hand auf die Schulter legend. Die Ställe ſind feſt verwahrt, ich hörte ſelbſt den Viscount das Commando dabei führen, als ich in den Hof ſchlich. Auch die Boten des Monmouth ſind abge⸗ ſendet. Aber ein guter Engel gab mir ein, meinen kleinen hochländiſchen Braunen in der nächſten Wild⸗ hüterhütte ſtehen zu laſſen, weil es mir genehm war, unbemerkt mein Nachtquartier auf Culleanhouſe zu ſuchen. Mein Thier läuft gleich dem beſten Wettrenner ſeine neun Stunden ohne Trank und Hafer, und wird den jungen Laird ſchnell genug nach Air und Irwin fördern, denn bis Glasgow ſind's fünfzehn Stunden, und des Lords MWilizen möchten nach abgehobener Tafel eintreffen. Doch für Euch, Hoheit, weiß ich bis dahin eine ſicherere Schanze, und Ihr ſollt nicht einſam wie eine verlorene Schild⸗ wacht und von dieſen Heckenreitern umbraust die langen Stunden zu zählen haben. Folgt mir ohne Säumniß; haben die blutgierigen Trunkenbolde einen einzigen Aus⸗ weg vergeſſen, ſo hoffe ich, der alte Draff ſoll in dieſer Nacht um die Krone von Schottland ein Verdienſt ge⸗ winnen, das dem Kronfeldherrn und allen ſeinen Obri⸗ ſten zu hoch gehangen. Nimm die Waffen, Bob! der Humphrey hat nie⸗ malen ſeine Angel ohne Köder ausgeworfen, verſetzte der Prinz entſchloſſen; Arabella jedoch jammerte: was wird aber aus mir? Du marſchirſt mit uns, Töchterchen, antwortete der Alte mit Humor. Wär's doch ſündhaft, das feine Lieb⸗ ſtöckel da zu laſſen, wo gar harte, wüthige Sohlen ſtam⸗ pfen werden, wenn ſie einen leeren Bienenſtock gefunden. Und thäte es Noth, magſt Du immerhin ein Piſtol auf 1 439 unſere Widerſacher losbrennen, ohne Dein jungfräulich Chriſtenherz dabei fragen zu müſſen, denn bei dem hei⸗ ligen Jakob! dieſer Feldzug könnte Dich ſo nahe an⸗ gehen, wie irgend Einen von uns Andern. 8. Der Aufbruch der vier Flüchtlinge geſchah mit mög⸗ lichſter Vorſicht. Man ließ die Kerzen brennen und hing die befiederten Reiſehüte an die Fenſter, um etwaige Späher im Park zu täuſchen. Jene Winkeltreppe, die heute der Prinz ſchon einmal, doch mit leichterem Her⸗ zen betreten, fand ſich unbeſetzt, die kleine Pforte zum Garten unverſchloſſen. Draff führte den Zug auf den ſchmalſten Schlingpfaden am Rande der niedern, rauhen Steinwand hin, die den Park umſchloß. Bald erreichte man den Wald; der Führer bog in einen Winkel ab, bat den Weg zu verlaſſen und auf dem weichen Mooſe weiter zu gehen, und Alle ſtiegen ermuthigt durch den günſtigen Beginn der Flucht berghinan. Ein Pferd wieherte laut im Gebüſch; die Ritter er⸗ ſchracken. Es iſt mein Harefort, tröſtete Draff. Seine feine Naſe wittert den Herrn. Heraus mit dem Thiere und flink in den Sattel, und ſchonet die Sporen nicht. Ihr habt neun ſchottiſche Meilen bis nach Air, achtzehn bis Irwin; die Dragoner von Air können, wenn Ihr keinen Unfall habt, ehe die Sonne ihr zweites Auge aufthut, zur Stelle ſeyn. Nicht ich, Ihr müßt dieſen Sattel beſteigen, Hoheit! rief drängend der Hochländer. Dieſer alte Narr iſt toll⸗ daß er mich entfernen will, ſo lange Euer Leben ge⸗ fährdet iſt. Scheltet, aber reitet! ſiel Draff ungeſtüm ein. Hört 440 Ihr nicht, wie ſchon die harten Stimmen aus dem Park zu uns herauf ſchallen? wir ſind bereits vermißt und jeder Augenblick wiegt eine Krone. Möchtet Ihr des Prinzen Leben auf den Fehltritt meines Harefort ſetzen? Könnten ihn nicht die edeln Roſſe von Cullean, von denen ſicherlich ſchon jedes ſeinen hitzigen Mann trägt, einholen? Könnte er nicht in die Hände der Söldner des Monmouth fallen? Euch ſchützet Eure Tracht; an einem Reiter aus dem Lande der Gaels vergreift ſich ſo leicht Niemand. Reitet, Sir! und wenn Ihr kehrt, ſo führt Eure Männer oben hinauf zur Koboldsplatte. Je⸗ der Bauernburſch kennt den Ort. Mit meinem Kopfe hafte ich für des Prinzen Leben, ſobald wir meine Fe⸗ ſtung erreicht haben, wo er ſich zwei Tage lang ſo ſicher halten ſoll, als ſäße er auf Schloß Edinburgh. Steigt auf, in's Teufels Namen, und folgt dieſem breiten Holz⸗ weg links hinab, haltet Euch immer zum Meer, bis Ihr zum Fluſſe kommt, und laßt dem weichmäuligen Thiere den Zaum, es kennt ſchon ſelbſt die Straße. Jakob hatte ſinnend geſtanden, jetzt befahl er ent⸗ ſchloſſen dem Freunde, zu reiten, und da ein Gelärm tobender Stimmen immer deutlicher hörbar ward, warf ſich Dunrobin auf das Pferd und trabte davon. Ein tiefer Seufzer ſtahl ſich doch aus des Prinzen Bruſt, er reichte dem Oberpachter die Hand und ſagte mit Bedeu⸗ tung: Jetzt ſind wir ganz in Deiner Hand, Humphrey! Der Schotte drückte ſie derb und antwortete: Möch⸗ tet Ihr nie in eine ſchlimmere gerathen, Hoheit! und Beide faßten jetzt das furchtſame Mädchen und eilten, ſo ſchnell der rauhe Weg und das ſchwache Sternenlicht, das durch die Waldlücken ſich ſiehlend den Weg beleuch⸗ tete, erlaubten, immer den Berg hinauf. tra der rk nd es 2 n t, er n ſo ſo e⸗ E⸗ er 3t r e — 8 8S— 8 W 441 Ein Bach plätſcherte ihnen entgegen. Der Pachter trat in das ſeichte Waſſer und rieth dem Prinzen, ein Gleiches zu thun, indem er zugleich ſeine Arme nach Arabellen ausſtreckte. Doch Jakob hatte das Mädchen ſchon auf ſeine Arme genommen und wadete im Waſſer dem Pachter nach, der freundlich dazu nickte und vor ſich hinmurmelte: Der Apfelbaum trägt die Blüthe, alſo gehört es ſich! Ein halbes Stündchen wanderten ſie in dieſem naſſen Pfade, dann traten ſie wieder hinauf auf's Trockene und bogen nach einer andern Richtung ab. Die Fuchshunde ſollen nun an unſerer Fährte nicht ſo leicht ihre Naſe reiben, lachte Draff mit Sicherheit. Aber ſetzt jetzt das Kind ab, Hoheit, der Platz könnte ihm gefährlich wer⸗ den, und die Bell hat keine verwöhnte engliſche Füße und marſchirt zehn Puddingeſſer zu Schanden. Prinz Jakob ſchien wirklich nicht ohne Widerſtreben die warme Kleine aus ſeinen Armen zu laſſen, doch fügte er ſich, behielt ſie aber an ſeiner Hand. Sie kamen jetzt in ein verworrenes Geſtrüpp von Tannen und Fichten, und gleich darauf traten ſie in die helle Nacht hinaus und befanden ſich auf jener wei⸗ ten Bergpläne, die ſchon oben beſchrieben worden. Der Wind ſtrich ſcharf an ihnen hin und kältete die erhitzten Wangen, der Prinz aber ſprach umherſchauend: Das da iſt der alte Thurm des Geffery Cullean. Ich kenne den Ort; Miß Conny beſuchte einſt oft und gern mit mir dieſe ſtille Gegend. Aber wie werden wir in der offenen Ruine Schirm finden? Der Menſch thut oft mancherlei Unbedeutendes lange voraus, ohne zu wittern, daß ihn eine unſichtbare Hand darauf geleitet und er für die Zukunft ſich dadurch das 442 beſte Korn ausgeſäet. Was ich ſage, darf nur Sir Ja⸗ kob, nicht der Thronerbe Schottlands hören. Als ich vor Jahren mir dieſe alte, verlaſſene Steinburg in Stand ſetzte, die feſten Keller zum Bewahr für mancherlei Waa⸗ ren und Vorräthe einrichtete, von denen der alte Guts⸗ herr und die Nachbarn gerade nichts zu wiſſen nöthig hatten, als ich das ſchmutzige Erkergemach zu meiner Schießkammer machte und dort manchen feiſten Rehbock ausweidete, von deſſen Geweih Graf Davy keine Spitze bekam, gedachte ich nicht, wie unbezahlbar mir dieſer wüſte Ort dereinſt werden könnte. Ei, Du alter Freiſchütz und Freikäufer! rief ſtutzig, doch mit Laune, der Prinz. Nimm Dich in Acht, daß nicht König und Kronprinz und Oberrichter in Deine Karte ſchauen. Dein rüſtiges Schienbein würde den Eiſenring mit großem Unmuth ertragen. O der Humphrey Draff iſt ein noch weit ſchlimmerer Sünder, fuhr der Pachter fort, indem er mit erkünſtel⸗ ter Demuth ſein Haupt tief vor dem Prinzen beugte. Es iſt Geſellſchaft im Thurme: ein armer Schelm, deſſen Noth der unſrigen nicht nachſteht. Wer hungrig in das Wirthshaus kommt, ſchaut nur in die Schüſſeln, nichz auf die Miteſſer, und ſo muß der Königsſohn nicht ſchmollen, wenn man ihn für eine Nacht zu einem Aus⸗ reißer, zu einem flüchtigen Mörder bettet. Ein Mörder? ſtieß der Prinz mit Abſcheu aus, und das Mädchen ſchmiegte ſich mit Angſt an ihren Führer. Unerſchrocken erzählte aber der alte Schotte die Unglücks⸗ geſchichte ſeines Sohnes, wie er ihn mit dem Gelde der Lady Conſtanze heute glücklich aus dem Gefängniß von Eunoch und aus den Krallen des habſüchtigen Schließers gelöst und ihn bis auf weitern Rath im Thurme ver⸗ borg lung Stit daß Ma zule Kint und Prir ein in il und ſollf ern gab Licht vorf eine ren Vat dem dem lich und dan ſah Wei ( Du or ra⸗ ts⸗ ig er ock tze ſer ig⸗ aß ne en l⸗ te. en 6 ht -,,— borgen, und als das Vaterherz am Schluſſe der Erzäh⸗ lung überfloß, in tiefer, unverhaltener Bewegung die Stimme brach und man den weicheren Tönen anhörte, daß die Augen des eiſenfeſten, ſtarrköpfigen, unverzagten Mannes ihre ungeſehenen Thränenbäche geöffnet, und er zuletzt wiederum gefaßt hinzuſetzte: es iſt mein einziges Kind, aber ich opfere ſeine Sicherheit Eurer Rettung⸗ und niemalen ſoll mich's gereuen! da umfaßte ihn der Prinz und ſprach ergriffen: Es ſoll's nicht, ſo wahr ich ein Stuart bin! Was Lady Conny begonnen, wird Jakob in ihrem Sinne ausführen. Laß uns eintreten, Vater, und glaube mir, ſo lange Jakob ſeine Augen offen hat, ſollſt Du nicht weinen um Deinen Sohn. Der Pachter klopfte an die Thurmthüre, doch mußte er mehrmals rufen, ehe eine dumpfe Stimme Antwort gab und die inneren Riegel ſich bewegten. Das matte Licht einer Hornlaterne fiel dann durch die Spalten der vorſichtig erſchloſſenen Thüre, und das hagere Geſiht eines kurzen, gelblockigen Burſchen glotzte ſie mit ſtie⸗ ren Augen an, und es dauerte lange, ehe das Wort des Vaters vermochte, die Züge des heftigſten Entſetzens aus dem Antlitz des Sohnes zu verſcheuchen. Draff machte dem Prinzen die eiſenbeſchlagene Doppelthüre bemerk⸗ lich, er führte ihn in das höher liegende Hauptgemach, und zeigte ihm triumphirend ein Paar treffliche Kugel⸗ büchſen und einen bedeutenden Vorrath Schießbedarf, dann aber wandte er ſich wiederum zu ſeinem Sohne, ſah ihn mit ſcharfen Blicken an, und ſchien dabei eine Weile mit ſich ſelbſt zu kämpfen. James, begann er dann mit faſt unſicherer Stimme, Du mußt hinaus, und das ſogleich. Und wohin, Vater Nump? fragte erſtaunt der Burſche. 444 Doch nicht wieder in die Koſt bei dem groben, filzigen Adam? Lieber befehl' mir, von den Felſen zu Archolan in das Meer zu ſpringen. Der Alte drehte ſich zu dem Prinzen. Die Dragoner könnten ſpät eintreffen, dem hochländiſchen Herrn könnte unterwegs ein Unfall be⸗ gegnen, man könnte uns aufſpüren trotz aller Vorſicht, und Anſtalt machen, uns zu beſtürmen oder wenigſtens zu blokiren. Dafür iſt nicht Proviant und Munition in unſerer Feſtung. Du mußt darum hinunter, James, zuerſt nach Hochſtoun. Klopfe dort die Mattrocks auf vom Haferſtrob, und ſprich, ſie ſollten ohne Aufſchub auf⸗ brechen zum Thurme, ſollten verkehren in Draffs Hauſe, und von dort unſere drei Knechte mitnehmen, beladen mit Allem, was in den Speiſeſchränken vorräthig von Koſt und Getränk, ſollten auch die beiden langen Flinten an meinem Bett nicht vergeſſen, noch die Lochaber⸗Axt des Urgroßvaters an der Wand, und die große Taſche voll Blei und Zündkraut. Du darſſt nur ſagen, die kleine Arabella ſep in Noth, und es gelte ein Kriegs⸗ ſtück, wie jenes unter dem Monk, ſo wird Baptiſt und der greiſe Nykin die Schuhe nicht ſchonen. Iſt das voll⸗ bracht, ſo eileſt Du weiter nach Mapbole, weiter über den Fluß nach Dalrymple, und weckſt die Stadtvögte und ſprichſt: Der Stuart ſey in Gefahr, um Krone und Leben zu kommen, und ſie ſollten die Milizen im Eil⸗ ſchritte ſenden nach dem Gefferpthurme auf der Kobolds⸗ platte! Haſt Du das gethan, dann ſorge für Dich, und denke an den eisherzigen Lord Oberrichter, die einſylbige Jurp und den zähen Hanſſtrick, und laß Deine Beine nicht ruhen, bis Du mit dem Waſſer der Loch⸗Lomond Dir den Staub aus den Augen geſpült, und in des Vetters Hauſe erwarte alsdann geduldig die Botſchaft Deines Vaters! 2 ſtrich Müt Wert ſchen eren Z antn herv mens und chen C der die 6 dann horc wille den quen Näh Aral Wol und Freu die aber Thu ſeine „. 445 gen Der kurze Burſche kratzte ſich hinter den Ohren, doch lan ttrich er ohne Widerſpruch ſein gelbes Haar glatt, nahm em WMütze und Stock und machte ſich zum Abmarſch fertig. em Werden mir aber die gewaltigen Herren Vögte Glauben be⸗ ſchenken, wenn ſie mir auch Luft und Licht laſſen? fragte cht, eer niedergeſchlagen. ens Du biſt nicht weniger geſcheidt, als der Dich erzeugte, ion antwortete lebhaft der Prinz, indem er ſein Taſchenbuch es, hervorzog. Nimm! Dieſes Blättchen mit Siegel und Na⸗ auf menszug wird Dich zu einem königlichen Voten ſtempeln⸗ uf⸗ und dieſer Siegelring Dein Wort ſo laut klingend ma⸗ iſe, chen, als hätte Jakobs Mund es ſelbſt geſprochen. den Ermuthigt ſchied der Burſche, doch zuvor nahm ihn on der alte Pachter feſt an ſeine Bruſt, küßte ihn heiß auf ten die Stirne und ſchob ihn ſelbſt zur Pforte. Nachdem er Axt dann ſich außen nochmals ſcharf umgeſchaut und lange ge⸗ ch horcht— vielleicht mehr um des James als um der Feinde die willen— verſchloß er die Doppelthüre mit Vorſicht, führte s⸗ den Prinzen hinauf in den Thurm, wies ihm ein be⸗ quemes Lager an, lud ſeine Büchſe und ſetzte ſich in die ll⸗ Nähe der Thüre zu ſchlafloſer Wacht, und als die kleine 6 ber Arabella ſich zu des alten Freundes Füßen auf einige zte Wolldecken hingeſtreckt, loſchte er das Licht in der Laterne 5 nd und empfahl in einem ſtillen Gebete den Sohn und die il⸗ Freunde ſeinem Schutzheiligen. nd 9. ge Die lange Herbſtnacht verſchleierte noch den Wald und cht die Niederungen, auf der hohen Bergplatte dämmerte en aber ſchon ein ſchwacher Tagesſchimmer; da pochte es am ſe Thurme und der alte Draff, der zuletzt ebenfalls über 81 ſeine Büchſe entſchlummert war, fuhr vom Sitze empor. 446 Bekannte Stimmen klangen außen, doch oben vom Thurme herab tönte ſchon die Stimme des muntern Prinzen und rief in die Morgenluft hinaus: Laß die Zugbrücken nieder, Du träger Schloßkaſtellan! Unſere mannliche Hülfsarmee rückt ein, und den tapfern Schütz des Monks ſehen wir als Generaliſſimus an ihrer Spitze. Es wa⸗ ren die Schäfer von Hochſtoun nebſt den Knechten, Alle bepackt gleich Saumthieren, und ſie zogen hinein in die weite Steinhalle und entluden ſich ihrer Bürden. Ara⸗ hella flog ſogleich mit einem Freudenrufe an des greiſen Iſaaks Hals und reichte dem Bruder Baptiſt zugleich das weiße Händchen. Da iſt ſie ja und geſund und ohne Gefährde! froh⸗ lockte der junge Mann.— Wo iſt aber der Stuart? ſetzte der Greis von Hochſtoun hinzu.— Herze nur noch erſt ein⸗ mal Dein Töchterchen, Freund Nykin, antwortete Draff mit bedeutſamem Tone. In der Nähe der Hoheit möchte Dir's nicht wieder ſo gut werden. Und, auf den Prin⸗ zen deutend, welcher die Wendelſteige herabſtieg, ſetzte er hinzu: Beugt eure Kniee, ihr Schotten, denn dieſer da iſt euer künftiger König! Der Prinz hinderte den Ausbruch der Ehrfurcht, welche nicht an dieſe Stelle paſſe; ſein leutſeliges Betragen zerſtörte ſchnell die Verlegenheit der Mattocks, die bald in ihm den fremden Reitersmann erkannt hatten, dem ſie in der Schlucht bei Arlochan nicht eben zu hoöflich entgegen gekommen waren; Draff ſetzte mit kurzen Kraft⸗ worten ſeinen Freunden die Lage, in der man ſich befand, auseinander, indem er zugleich mit der Behendigkeit eines jungen Burſchen die mitgebrachten Sachen ordnete und ſeinen Knechten anwies, wo ſie untergebracht werden ſollten, und am Schluſſe und ehe er die Pforten wieder ſchle ſein beſt der ihn ruth vert faſt als den Faſſ eing lauf er d ſpek Sch eine Heer tern ung Und die bere Feld Leib ( me zen ken iche nks va⸗ llle die ra⸗ ſen ich tzte in⸗ aff te n⸗ zte ſer he en ld t⸗ it te n er 447 ſchloß, ein Fäßchen vor die Thüre hinausrollte und aus ſeinem Horne den Deckel deſſelben mit Schießpulver Welch ſchottiſcher Witz ſchläft in dem Faſſe? fragte der Prinz neugierig. Sollte der Monmouth einen Sturm wagen, ſo mag ihn die Pulvertonne erſchrecken, die wir durch eine Zünd⸗ ruthe von oben zu ſprengen drohen, lächelte Draff. Korſar, das iſt ein zu gefährlicher Schanzkorb und verboten durch den heiligen Glauben! ſprach der Prinz faſt ſo unwillig wie beunruhigt. Die elftauſend Jungfrauen waren nicht unſchuldiger als das Ding da, antwortete der Pachter, und ſchob den letzten Riegel vor; es iſt gutes Weizenmehl in dem Faſſe, das noch dazu keinem engliſchen Zöllner einen Penny eingebracht. Aber iſt euch kein Haſe über den Weg ge⸗ laufen, oder eine graue Drude euch begegnet? fragte er dann den alten Iſaak, der mit dem Sohne ſich re⸗ ſpektvoll fern gehalten. Die Nacht war ſtill wie ein Kirchhof, antwortete der Schäfer, nur am großen Steinbruche trafen wir auf eine Rotte, die durch das Gebüſch raſſelte gleich einer Heerde Schwarzwild. Sie durchſtöberten mit ihren La⸗ ternen den tiefen Schlund, und wir marſchirten indeß ungeſehen auf der Höhe vorüber. Der heilige Jakob iſt mit uns überall! jubelte Draf. Und jetzt hinauf in das Gemach. Die ſchöne Bell mag die Wirthin ſpielen, und uns ein tüchtiges Frühſtück bereiten. Iſt der Leib geſtärkt, wird unſer königlicher Feldherr uns ſeinen Schlachtplan eröffnen und ſeine Leibwächter anftellen. Eine freundliche, ungetrübte Sonne beſtrahlte ſchon 4148 den öden Hochplatz; ein einzelner Rehbock zeigte ſich am Fichtenbuſche und weidete ſorglos auf dem Mooſe, und einige Raubvögel ſchoßen aus dem Walde auf und ſchwan⸗ gen ſich in langſamen Kreiſen himmelan. Die Männer im Thurme hatten wohlbewehrt ihre Poſten an den Oeff⸗ nungen eingenommen, und hoch auf der Zinne ſaß der Prinz und Humphrey Draff, und Beide ſchauten, ver⸗ deckt von den Vorſprüngen der Mauerkrone, über Buſch und Wald weit hinaus, ob ſie noch nichts von den be⸗ ſtellten Dragonern zu erkennen vermöchten, und die fruchtloſe Anſtrengung ihrer Augen ſchien Beide immer düſterer zu ſtimmen. Wie ſich die Zeiten ändern und der Menſch mit ihnen! ſagte der Prinz nach einer Weile, in welcher er faſt ſchwermüthig die Umgegend betrachtet hatte. Wie oft zog ich durch jenes Dickicht an der Seite des Grafen Davy in fröhlicher Jagdgeſellſchaft? Wie manches Mal wanderte früh, wenn noch Alles im Schloſſe ſchlief, die ſchöne Conny mit mir jenen ſchmalen Waldpfad herauf? Und gerade hier, wo wir jetzt ſitzen als Flüchtlinge und in ſchwarzer Sorge, träumten wir roſige Maienträume miteinander. Die Zeit hat das Weiberherz kühl gemacht, Numpz; aber ich meine, ſie wird auf Culleanhouſe nicht ruhig ſitzen, ihre Seele wird gequält ſeyn um uns, wenn ſie von der Bosheit jener wilden Jäger erfährt. Habt Ihr verdient, Sir, daß der Lady Auge ſich trübt um Euer Schickſal? Habt Ihr immerdar ſo edel⸗ müthig an der armen Conny gehandelt, daß Ihr Euch der Thränen der Lady würdig wißt? fragte der Pachter mit einer Strenge, die den Prinzen ſtutzig machte. Was ſoll die Frage? fragt dieſer ſcharf zurück. Weißt Du um das Räthſel, das in Culleanhouſe waltet? Kennſt Di Gr die oh Di n aſt oft en al ie f2 449 Du das finſtere Geheimniß, welches den Haß des alten Grafen gebar, das Geheimniß, das mir in den Reden dieſer ſchönen Kaſſandra ſinnverwirrend erklang. Rede ohne Zaudern! Wir ſind allein, und längſt hätte ich in Dir geforſcht, hätte die Gelegenheit ſich geboten. Auch ich wartete nur der rechten Stunde, und habe Euch nicht ohne Vorſatz auf dieſe einſame Zinne geführt, verſetzte Draff mit Ernſt. Herr, Ihr ſeyd ein Koͤnigs⸗ ſohn, vielleicht balv ſelbſt König eines mächtigen Reichs, aber der elende Diener Eures Dieners muß in dieſem Augenblicke zu Euch ſprechen wie zu einem Sohne, den er eines verhehlten Frevels zu zeihen hat. Vollet Ihr hören wie ein guter, reuiger Sohn? Eines Frevels? ſprach der Prinz nach, und Glut ſlog auf ſein Geſicht. Die Großen der Erde nennen's vielleicht nicht ſo; denn wo die Macht, iſt die Freiheit. Uns kleinen Sün⸗ dern wird's jedoch hoch angerechnet, ſobald es der Tag beſchaut, und uns fehlen die Mittel, es zu bergen vor dem Lichte der wachſamen Nachbarn. Sagt Euch Euer Gewiſſen nichts, Sir, was den Haß des alten Herrn auf Culleanhouſe bis zu einer Flammenſäule entzünden konnte? Habt Ihr nie von dem Wuthgift gehört, wel⸗ ches das mildeſte Blut bis zur Tollheit vergiftet, wenn das Vaterauge ein verführtes, ein entehrtes Kind zu ſeinen Füßen ſieht? Miß Conſtanze wäre—? ſtammelte der Prinz in ſichtlicher Befangenheit. Ich forſche nicht, ich frage nicht nach Dingen, die vor Euren Veichtvater gehören und über welche nur der König der Könige zu Recht ſitzt, antwortete Draff. Nur er⸗ zählen will ich, was ſich begeben, nachdem Ihr Cullean⸗ Blumenhagen. Xvl. 29 450 houſe verlaſſen, und was kein Bote Euch berichten konnte. Die junge Miß, ſie war damals kaum zur Jungfrau aufgeblüht, trauerte anfangs nur leicht, wie ein Kind trauert, dem ein liebes Spielwerk abhanden gekommen, und verlor wenig von ihrer Munterkeit. Als jedoch kein Brief von Euch ihr Tröſtung brachte, als man vernahm, wie das Parlament Euch wegen vermeinter Conſpiration gegen den König, gegen die Charte, gegen die Religion Englands nach dem feſten Lande verwieſen hatte, da. rannen die Thränen der Miß Conny ungezählt, und ſie kränkelte, und die Roſen ihrer Wangen welkten lang⸗ ſam ab. Fünf Monden ſpäter warb der Viscount von Levingſtone um die Hand der reichen Erbin, und der Graf Davy ſagte zu, trotz der Widerſprüche der ſchönen Connp. Da tagte jener Schreckensmorgen, der mich zum Mit⸗ wiſſer des entſetzlichſten Geheimniſſes machte. Ich fand Miß Conſtanze zu des Grafen Füßen, ſie wand ſich wie der Wurm unter der Ferſe, ſie wimmerte wie eine Ster⸗ bende. Es war des Grafen einziges Kind, aber ich meine, ſein Fuß hätte ſie zertreten, wäre ich nicht hinzugekom⸗ men, denn ſie hatte bekannt, was ihr die Amme ent⸗ räthſelt: Eure Sünde, Herr, lebte unter dem Herzen der Unglücklichen. Der Prinz that einen Schrei wie in Todesnoth und drückte ſein Geſicht in beide Hände. Kalt wie ein Henker und ohne auf ihn zu merken, fuhr der Pachter fort: Es kam darauf eine ſchreckliche Zeit für das arme Kind. Sie ward eingeſchloſſen in das düſterſte Gemach des Schloſſes; ſie hieß todtkrank vor der Welt, und ſie war es wirklich, doch gab der Graf ihr keinen Arzi; ſelbſt den Troſt der Kirche verſagte er der Jammernden und ſprach oft zu mir mit der Stimme eines Entmenſchten: — — 451 Bringe mir die Nachricht, daß ich nicht mehr Vater bin⸗ RNump, und ich will Dich mit der Hälfte meiner Habe belohnen! 3 Der Unmenſch! O die Verlaſſene! ſeufzte Jakob aus enger Bruſt. Die ſchwarze Stunde kam endlich heran, von Keinem⸗ der darum wußte, freundlich begrüßt, mit Höllenangſt erwartet, mit unmenſchlichen Empfindungen eingeleitet. Die alte Amme leiſtete der Verlaſſenen Beiſtand, und ſie gebar unter den Flüchen des ſinnverwirrten Vaters. Wo iſt das Kind? rief der Prinz. Iſt es ein Sohn? Wäre es doch ein Sohn! O ich will gut machen; er ſoll mir willkommen ſeyn. Ich will den Fluch des ent⸗ menſchten Großvaters von ihm nehmen, ich will ihn groß machen vor ganz Schottland, iſt er doch ein Pfand meiner heißeſten, inbrünſtigſten, o ich kann ſagen, mei⸗ ner einzigen Liebe. Das Kind war ſchwach, athmete kaum, und die Amme bangte um ſein Leben. Der hinzutretende Graf rief der Kranken in's Bett: Gott ſey ihr gegen Verdienſt gnädig geweſen. Die Frucht ihrer Schamloſigkeit ſey todt, und die Schloßgruft werde die Schande der Culleans auf ewig verdecken! Miß Conny lag leblos da, und dieſen günſtigen Augenblick benutzend, winkte er mir, das Kind ihm nachzutragen, und ich nahm das Würmchen in ein Betttuch gewickelt und brachte es ihm auf ſein Zimmer. Sir, der Graf war fürchterlich in dieſer Stunde: aus ſeinen gerötheten Augen brannte die Hölle; er verfluchte ſich, ſein Geſchlecht und Euch; er ſchwur in gräßlichen Worten Euch den Tod; ich hatte Mühe, zu hindern, daß er nicht ſelber die Mordhand legte an das neugeborene Geſchöpf. Mit zornbebenden Fingern gab er mir den * 452 Schlüſſel zur Win berden und wüſtem Herrnwort, ohne Aufſchub den Zeugen ſeiner Schande fortzuſchaffen, das Kind dahin zu tragen, keltreppe, befahl mir mit wilden Ge⸗ wo des Meeres Brandung an die Felſen ſchlägt, und es den Fluten zu übergeben. Bitten, Beſchwörung, Mah⸗ nung an Gottes Gebot, an die Stunde der Rechenſchaft, Alles das war leerer Schall am Ohre des Wüthigen; er drohte ſelbſt auszuführen, was er befohlen, drohte, mein Zeugniß blutig zu vertilgen bei neuer Widerſetz⸗ lichkeit. Ich nahm die entſetzliche Bürde und ging. Und vollführteſt die Schandthat? raste der Prinz auf. Ich war der ohnmächtige, an Gehorſam gewöhnte Knecht, und wußte damals noch nicht, was V heißt und was ein Kind vor den Augen der Eltern, antwortete Draff mit gedrückter Stimme. Herbſtſtürme tobten um die Schloßmauern wie Weltuntergang, und auch mein Blut ſchlug ſtürmiſch gegen die Wände mei⸗ ner Bruſt, als wollte es den Sünder erſticken vor der That, doch an meinem Ohre ſummte der böſe Feind mit der Stimme des Grafen: Du mußt gehorchen! In mei⸗ nem Hirn ging es um wie ein brauſendes Mühlrad, doch durch das wüſte Getöſe klang dieſelbe Stimme: Du mußt gehorchen! Ich legte meine Bürde auf mein Faulbett und ſuchte nach einem Tragkorbe, ſuchte nach Mantel und Mütze. Dann horchte ich nach dem Bette hin und dachte: Stürbe es doch vor der That! Aber ich hoͤrte leiſes Athmen und raffte meine verwirrten Sinne zuſammen ünd verſuchte zu eilen. Die Leuchte brannte, der Korb ſtand vor mir, der armſelige Sarg für die bülfloſe Unſchuld, den Sproß der edelſten Geſchlechter. Und es war mir, als dürfte ich ſolch edles Blut nicht ohne WMitgift in die Fremde ſtoßen, denn längſt ſtand mein — ater ſeyn —— M nen Füßen, und als ich hinableuchtete, w Entſchluß feſt, wenigſtens zum Morde nicht die ehrliche Hand zu leihen. Ein Käſichen, zierlich geſchnitzt und vemalt, ſo wie es die Schiffer, mit Gewürzen gefüllt⸗ aus fremden Welttheilen mitbringen, ſtand im geoffneten Schranke. Ich warf einen Beutel hinein, der meinen Sparpfennig und meinen jüngſt empfangenen Lohn ent⸗ hielt, fügte ein Silberbeſteck hinzu, das mir ein hollän⸗ diſcher Kaufmann geſchenkt, und legte das Käſtchen in den Korb. Dann riß ich den aus buntem Tartan ge⸗ webten Teppich vom Tiſche, breitete ihn über das Käſt⸗ chen, ſenkte das Kind in ſeinen Lailach hinein und hüllte es ſorgſam in die Decken. Da rauſchte etwas unter mei⸗ ar es ein Blatt Papier, welches vom Teppich gefallen. Und ich ergriff vas Blatt und ſchrieb darauf den Namen der ſeligen Gräfin, der mir gerade beifiel, und darunter: Chriſt, gib ihm die Taufe! Warum ich's that⸗ weiß ich noch heute nicht; vielleicht ſtand die ſelige Lady neben mir und hauchte mir's zu, denn ich fröſtelte wie im Geiſter⸗ wehen. Der Zettel lag mit im Tragkorbe, der Riemen hing über meine Schulter, der Mantel deckte Korb und Leuchte, und ſo ſchritt ich wankend durch den Flügel des Schloſſes, von jedem Geräuſch, von der vorüberziſcheln⸗ den Maus, vom knarrenden Eſtrich erſchreckt gleich dem ſcheuen Diebe, in die frühe, unheimliche Nacht hinaus. Die grauenvollſte Stunde meines Lebens hing über mir⸗ ich habe ſie nur ein einziges Mal wieder erlebt: da, als man mir die Nachricht brachte, mein Sohn, mein James, ſäße im Gefängniß zu Eunoch, des Mordes ſchuldig. Faſt eine Stunde ging ich am Meeresufer hin⸗ unent⸗ ſchloſſen, denn das Kind ſchien mir oft geſtorben; doch dann klang ein leiſer Wimmerton unter meinem Mantel ——— ——— 454 und trieb mich weiter. So kam ich zu der Schlucht von Arlochan und trat hinein, denn der Schlagregen ward immer heftiger und meine Kniee wollten mich kaum mehr tragen. Waren mir doch alle Glieder gelähmt, als hätte ich die Ladung eines ganzen Schiffes bis dahin zu ſchleppen gehabt. Ich legte das Kleine in ſeinen Hüllen zwiſchen die Felſenbrocken, betrachtete das weiße Würmchen noch⸗ mals bei dem Scheine der Blendlaterne, warf das Blatt Papier zu ihm, nebſt Allem, was mein Korb enthielt, und floh wie ein Kain von dannen. Der Prinz faßte mit Heftigkeit den Alten am Arm und rief: Böſewicht, Dir konnte ich mein Leben ver⸗ trauen, Dir, Du Ungeheuer, das keine Barmherzigkeit hatte bei dem Anblicke der hülfloſen Unſchuld, auf deſſen Kopf der Mord eines Stuarts laſtet? Der Pachter zog den ſchmerzenden Arm mit böſer Miene aus der Hand, die ihn umkrallt hielt. Sachte, Herr! Höret geduldig das Ende. Durfte ich armſeliger Menſch es wagen, den Schimpf eines ſo mächtigen Hauſes aus dem Dunkel zu ziehen? Stand mir eine Rettung zu Gebot in der kurz gemeſſenen Zeit? Ich gab ſein Geſchöpf in Gottes Hand; er konnte die Flut über daſſelbe wälzen nach ſeiner unerforſchlichen Weisheit, er konnte es retten, denn er iſt der Allmächtige. Aber, Herr, als ich am Mittage darauf mich hinabwagte an den Schreckens⸗ ort und die Schlucht leer fand, da ſtand ich wie ein Gerichteter, und wenn auch der Graf mich ſeitdem mit Gnaden überſchüttete, wenn auch der Orkan im Schloſſe ſchwieg, die Ruhe wich dennoch von meinem Belt, und als mein Weib mir wenige Monden nachher den James gebar, ſah ich mit Schauder auf den ſchreienden Buben, als müßte an ihm ſich meine Unthat rächen, und in den zehn Jahren, wo ich nichts von dem weggeworfenen Kinde erfuhr, bießen die giftigſten Schlangen an mei⸗ ner Bruſt, ich büßte reichlich in meinen ſtillſten Stun⸗ den und beneidete den Grafen, der ſo leicht vergeſſen konnte, und kaum ein Jahr nach jener That von Edin⸗ durgh nach Culleanhouſe zurückkehrte und die Hochzeit der Miß Conſtanze mit fürſtlicher Pracht begehen ließ. Und was geſchah nach den zehn Jahren? fragte un⸗ geduldig der Prinz. Sprich, Du langweiliger Schwätzer⸗ Du Empfindungsloſeſter aller Folterknechte! Der Pachter ſtand auf und trat zur Schneckentreppe, vie von der Zinne in den Thurm hinabführte. Nyplin! rief er hinunter. Alter Burſche, ſteige herauf, Du biſt uns nöthig! Es bevarf eines Zeugen für meine Ge⸗ ſchichte, die Ihr ſonſt für eine feine Lüge nehmen könntet⸗, um Euer Vertrauen zu meinem Vortheile Euch abzu⸗ gewinnen. Aber haltet Euch ernſt und beſonnen, Hoheit! Welche Bedeutung die Mähr des alten Schäfers hat⸗. wiſſen nur wir Zwei, und es ſteht bei Euch allein, den Ausgang zu erſchaffen, wie's Euch beliebt. Langſam hatte der greiſe Iſaak die Zinne erſtiegen⸗ und reſpektvoll ſtand er an dem Geländer und erwartete die Befehle des Herrn. Draff faßte ſeinen Arm und ſchob ihn zu dem Platze der Rundbank dem Prinzen gegenüber⸗ den er eben verlaſſen hatte. Schöpfe Athem⸗ Freund, und rede vom Herzen! ſagte er mit dreiſtem Tone. Könige löſen die Zunge und ſchließen den Mund, und Hoheit hat mir wie Dir das Siegel von den Lippen genommen. So darf ich Dich auch Deines Eides ent⸗ binden und fordern, daß Du geireu erzählſt, was heute vor achtzehn Jahren in der Schlacht bei Arlochan ſich begab. * 456 Der Greis ſah verwundert und ungläubig bald auf den Pachter, bald auf den Prinzen, als jedoch Beide ungeduldig drängten, ſo antwortete er mit bedächtigem Zögern: Ja, ja, Herr Humphrey hat ſein Gedächtniß nicht in Whisky ertränkt, wie manche der wackern Land⸗ beſitzer in Air⸗Shire. Heute iſt der Tag, es fiel mir bei, als die liebe Bell im Morgenlichte mir vor Kurzem den Bart ſtreichelte und dabei ſprach, daß es bis in die Seele drang: Guten Tag, Du atter, guter Papa! Ohne Vorrede, mein grauer Schütz! Schieße ſchnell, wie Du unter des Monks Commando gethan! befeh⸗ ligte Jakob. Wohl, Hoheit! ſtotterte der erſchreckte Greis. Wenn man die Nutzanwendungen verſchlucken darf, wird die Geſchichte ſich auch ganz eilig erzählen laſſen. Ich war damals ein Hirt des Lord Craidow auf Glenday und hütete die gefleckten Schafe und die ſchwarzen Ochſen und Rinder an den Bergen, und hatte ein ſaures Ge⸗ ſchäft und geſtrenge Aufſeher. Eines Abends, als ich die anſehnliche Heerde zurückgetrieben, fehlte mir in der Hürde der ſchönſte Schafbock von engliſcher Zucht; er mußte ſich in den Bergen verlaufen haben, denn ich trieb im düſtern Abendlichte und vei ſtürmiſchem Wetter zu Hauſe, und mein Dienſt ſtand auf dem Spiele, ja die Ehre, denn Keiner der Mattock hatte noch je eine Strafe an Leib oder Gut erlitten, wenn der Steer nicht wieder zur Stelle geſchafft wurde. So brach ich denn ohne Bedenken auf mit dem grauen Hunde, Buſch und Wald und Feld zu durchſuchen, und da mir mein Sohn, der Baptiſt, auf dem Schloßwege begegnete, er war dazu⸗ mal nur noch ein kleiner Burſch, und der Gärtner ge⸗ brauchte ihn, das Feld zu graben und das Obſt zu 457 pflücken, weil dem ſteifen Samuel die Leitern zu ſteil geworden, alſo da der Baptiſt zu mir traf, ſo nahm ich ihn mit zu dem ſorgenvollen Nachtgeſchäft. Umſonſt ſuchten wir lange weit hinunter bis zur Meeresküſte; der Schafbock blieb verloren und der düſtere Himmel goß ſein Waſſer ſo ſcharf hernieder, daß wir uns im Walde bergen mußten wohl Stunden lang. Endlich klärte ſich's auf, die Nacht ward heller, denn der liebe Mond hatte ſein volles Geſicht aus dem Meere geſteckt, und wir ver⸗ ließen das Schirmdach der alten Eiche, und traurig be⸗ ſchloßen wir, das verlaufene Vließ verloren zu geben und den ſchlimmen Heimweg anzutreten. Da that mein Burſch einen hohen Freudenſprung und rief: Vater Nykin⸗ hoͤrſt Du nicht? Das iſt die ſcharfe Stimme des Spy⸗ und er ſchlägt ſo kurz an, als riefe er uns mit einer Menſchenzunge. Vater Nykin, was gilt's, der Bock iſt gefunden und der Verwalter um die Luſt gebracht, Euch auszuſchimpfen. Der Hund kläffte weithin am Meere, kam nicht zurück, ſo oft und laut ich auch in mein Hirten⸗ horn ſtieß, und wir mußten zu ihm mühevoll über die Klippen und Steinkuppen klettern, bis wir die Küſten⸗ ſtraße gewannen. Es war, wie's der Bab vorhergeſagt. Das kluge Thier ſtand feſt vor einer Schlucht, in welche das Mondlicht ſo ſilberklär hineinſchoß, als hätte der gelbe Nachtbote nur unſertwegen ſeine Augen ſo weit aufgeriſſen. Unſer Schafbock lag ermattet in der Schlucht, aber als ich hineinſchoß, mich des Schatzes zu verſichern, ſiel mein Blick noch auf einen zweiten Gegenſtand, der mich beinahe den erſten vergeſſen ließ. Ein Bündel lag am BVoden, ich warf den Hut ab, ſetzte den Stab bei⸗ ſeite, und in der Hoffnung⸗ vielleicht ein reiches Gut zu finden, was das ſtürmiſche Meer vis hieher geſpült, 458 zog ich das Leinen auseinander und— ſank im höch⸗ ſten Schrecken in die Kniee. Das weite, feine, entfaltete Tuch barg ein gar abſonderliches Strandgut, denn vom Mondlicht beleuchtet lag ein weißes Kindlein darin, zart wie eine Blüthe am Baume, ſchlafend oder todt, das blieb im Zweifel, denn das Kleine rührte ſich nicht, und der furchtloſe Schütz des Monk wagte nicht, die Hand darnach auszuſtrecken. Aber der Bab war kecker als ich, denn kaum hatte auch er einen ſtarren Blick auf den Fund geworfen, ſo rief er in kindiſcher Freude: Vater Nykin, die Meerhexe hat ihre gute Stunde gehabt und unſer Unglück in ein Doppelglück verwandelt. Der Bock iſt für uns, das Engelchen da aber für Mutter Paddy, die ſich gar oft ſo ein Spielding gewünſcht. Welche Wahl blieb mir? Das verlaſſene Geſchöpf, deſſen Eltern wir vom Meere verſchlungen glaubten, liegen zu laſſen, wäre ja unchriſtlich geweſen; ſo hob ich es vorſichtig vom Boden, hüllte es wiederum in das Leinentuch und den bunten Teppich, und legte es in den Gärtnerkorb, den der Bab getragen. Der mitleidige Burſch jubelte über ſeine Ladung, doch als ich jetzt Anſtalt machte, den Schafbock auf meinen Nacken zu nehmen, ſah ich den Bab ſtolpern. Ein Käſichen lag unter ſeinen Füßen, ein beſchmutztes Papier daneben, und Beides ward geborgen und machte die Heimreiſe mit, verſetzte uns aber bei dem Lampen⸗ lichte in unſerer Hütte mehr in Grimm als Erſtaunen. Herr, nicht Sturm und Meer hatten die Schlucht zu einem Unglücksplatze gemacht, nein, ein Bubenſtück, ein ſchändlich Verbrechen war an dem grauenvollen Orte begangen, das Herz eines grauſamen Wolfs hatte ſich in eine Menſchenbruſt verirrt, denn das Kind war boͤs⸗ — 1 459 willig hingelegt, war mit Vorbedacht dem Tode preis⸗ gegeben, hätte die ewige Vorſicht nicht uns dorthin ver⸗ lockt. Auf dem Papiere, das der Pfarrherr am andern Morgen las, ſtand mit großen⸗ ſteifen Buchſtaben der Name: Arabella, und daneben: Chriſt, gib ihm die Taufe! Arabella! rief der Prinz überraſcht, und ſeine Augen funkelken wie ein Leuchtfeuer. Ja, die kleine, ſchöne Arabella war's, nickte freudig der Greis, die ich Tochter rufe, weil ſie mir Gott ſelbſt geſchickt und Niemand bis dahin mir mein liebes Recht beſtritten. In unſerer Hütte glich ſie einem verlorenen Kinde, und Mutter Paddy meinte, wir hätten unſern Glücksfund nur ſofort zum Todtengräber bringen mögen. Aber im Himmel war's anders beſchloſſen. Als der Bab das Käſichen ausſchüttete, in welchem ſich blanke Münzen und Silbergeräth vorfanden, ward Mutter Paddy rüh⸗ riger, denn die Noth hatte ſie den Werth des Geldes kennen gelehrt, und als das Kind am Herde erwärmt und mit friſcher Milch erquickt worden, erholte es ſich ſchnell und wunderbar, füllte das kleine Haus mit ge⸗ ſundem, kräftigen Geſchrei, gedieh von Tage zu Tage zu unſerer Freude, und war zehn Jahre die Luſt unſerer Augen. Da trieb ſie ein Zufall nach Culleanhouſe, und wir mußten ſie miſſen, weil Herr Humphrey uns in das Gewiſſen ſprach, dem Glücke des friſchen, lieben Mäd⸗ chens nicht im Wege zu ſtehen. Aber ich meine, die Mutter Paddy backte noch ihre Haferkuchen, hätte ſie ihren Augapfel am Herde behalten. Draff, der indeſſen abgewendet in die Gegend ge⸗ ſchaut, wandte ſich lebhaft zu dem Prinzen: Sehet hin⸗ über, Sir, dort hinab durch die geſpaltenen Bergkuppen! 460 Der blinkende Silberſtreif iſt das Meer, jener braune Kegel iſt der Fels, unter dem der unglückliche Glücks⸗ platz des Nykin ſich gefunden. Es iſt derſelbe Ort, wo Hoheit zu unſerm Feuer trat, ſetzte der greiſe Schäfer hinzu. Wunderbare Fügung! ſeufzte der Prinz, in Gedanken vertieft. Doch, Draff, es fehlt noch ein Schlußring zu Deinem ſeltſamen Märchen. Richtig, Sir! und Ihr ſollt ſogleich bedient werden, antwortete der Pachter. Die kleine Bell, einer Feuers⸗ noth entronnen, flüchtete zufällig in Graf Davy's Schloß. Man fand ſie ſo nett, ſo klug und angenehm, daß be⸗ ſonders Lady Conſtanze ihr Bleiben verlangte. Ich mußte forſchen in der Gegend, fand die Hütte, der ſie ange⸗ hörte, und vernahm Iſaaks Erzählung. Ihr vermöget zu errathen mit welchen Empfindungen! Das Geheim⸗ niß blieb mein, denn es war mir wie ein Gnadenſpruch vom Himmel, und auch die Mattocks gelobten mir, auf Culleanhouſe die Bell nur als ihre leibliche Tochter be⸗ trachten zu laſſen, und wie ſie zu dem Kinde gekommen, gegen Jedermann zu verſchweigen. Waren ſie doch Alle der Bell zu gut, um ſie dem Spotte der Dienerſchaft durch den Makel ihrer Geburt preiszugeben. Doch wie konnte der Fund Dir verſchwiegen bleiben, wie den Culleans, da Pfarrer und Friedensrichter darum wußten und ihr Amt ſie zu Nachforſchungen verpflichtet? fragte der Prinz faſt mißtrauiſch. Graf Davy reiste am folgenden Morgen nach der Hauptſtadt, und ich mit ſämmtlicher Dienerſchaft mußte ihn begleiten, antwortete ohne Beſinnen der Pachter. Die kranke Miß Conſtanze blieb der Pflege ihrer Amme überlaſſen. Ob Letztere von Mattocks Fund etwas er⸗ 461 fahren, iſt zweifelhaft; als wir mit dem Sommer wieder zurückkehrten, war die Amme kurz zuvor am Fieber ge⸗ ſtorben. Außerdem gehört Arlochan wie Hochſtoun einer andern Herrſchaft, ein anderer Richter befiehlt dort, und der presbyterianiſche Geiſtliche hatte nie Verkehr mit dem rechtgläubigen Schloßgeſinde. Hump, hat die Hoheit Zweifel an meiner Geſchichte? fragte mit ſchwer verhaltenem Unwillen der alte Iſaak, der des Pachters Antwort nicht begriffen. Der Eng⸗ länder trauet dem Schotten ſo wenig⸗ wie der Schotte dem Engländer, aber Hoheit gehört doch ſo eigentlich zu uns, und ſollte keinen Landsmann ohne Grund für einen Lügner halten. Wären wir nicht in dieſem Ratzen⸗ neſte, könnte die Schrift, das Käſtchen, der Teppich⸗ das Silbergeräth für die Wahrheit zeugen, denn als das Kind und was bei ihm geweſen, uns zugeſprochen⸗ hegten wir ihm die einzigen Gedächtnißzeichen ſeiner Ab⸗ kunft ſo heilig, als wären ſie eine reiche Erbſchaft ge⸗ weſen. Aber die Blutsfreunde der Bell waren ſicher vöſe Fremdländer, die nur gelandet, um ſich des un⸗ willkommenen, vielleicht ſündhaften Himmelsſegens zu entledigen, und die nach der That ohne Aufſchub die Segel wiederum ausgeſpannt zur Flucht. Wer weiß, ob ſie nicht augenblicklich das trügeriſche Meer geſtraft⸗ ihrem Gewiſſen werden ſie ſicher nicht entlaufen ſeyn, denn der Gläubiger hat eine Stimme wie der Thurm⸗ wart auf Stirling, und Pfunde ſtopfen ihm den Mund vergebens. In großer Bewegung erhob ſich der Prinz, riß ſein Sammetwamms auf und häkelte eine feine Goldkette los, die er darunter getragen. Nein, Du logeſt nicht, ehrlicher Schotte! ſagte er mit Wärme. Das Geſiht 462 Deiner lieben Pfleglingin zeugt mehr dafür als Schrift und Käſichen. Da, nimm! Der Monk gab Deiner Treue ein ſilbern Zeugniß, Dein Fürſt fügt das goldene hinzu und wünſcht, daß Du beide noch tragen magſt, wenn Du vielleicht in Weſtminſter ſeinem Leichenzuge nachfolgſt. Der Greis ſtrebte das Geſchenk abzuwehren. Wer ohne Verdienſt Gnade empfängt, ſündigt an dem Neben⸗ manne, der ſie verdiente. Heget den Ehrenſchmuck, bis mein Sohn für Euch gethan, was ich für den König Carl! ſagte er. Da knallte ein Schuß aus dem fernen Fichtenbuſche, und die Flintenkugel pfiff über den Kopf des Prinzen hin und zerfetzte die hohe Feder auf ſeiner Mütze. Da haben wir's! ſchrie Draff mit Entſetzen. Warum zeigt Ihr Euch auch über der Mauerkrone! Jetzt gilt's! Hinunter an die Schießlöcher! Keinen Schuß zu frühe, keinen in's Blaue! Die grauen Dragoner ſind Lang⸗ ſchläfer, und ihre Faulheit wird dem Sohne mancher braven Mutter einen unwillkommenen Schlaf bringen. 40. Die kleine Beſatzung des Thurmes hatte ihre Gewehre ergriffen und ihre Poſten eingenommen, auch der Prinz mit ihnen, nachdem er zuvor zur Verwunderung der Mattocks die kleine Arabella ohne Scheu und als müßte es ſo ſeyn, in die Arme genommen, die Erröthende tüchtig geherzt, ſie ſeine Arabella! genannt, und mit ängſtlicher Vorſorge in die ſicheren Keller hinabgetrieben hatte. Humphrey Draff war allein mit ſeiner langen Flinte auf der Zinne geblieben, und in den ſtarren Zügen ſeines Geſichts arbeitete eine ungewöhnliche Lebendigkeit, als wollte eine geheime große Freude die feſten Falten 463 glätten und die froſtige Maske auf's Neue verjüngen. Wie von einem Triumph über Furcht und Vorſicht er⸗ hoben, ſah er kühn hinunter auf die gefahrdrohenden Waldbüſche und legte ſein Gewehr unerſchrocken auf die Brüſtung zum Schuſſe bereit. So biſt Du endlich am Ziele, Draff, ſprach er dabei zu ſich ſelbſt, welches Dein Witz lange vorher im Auge gehabt. Ein kluger Hund bellt zu rechter Zeit und mit halber Stimme. Auch Du haſt das böſe Geheimniß nicht zur Unzeit genutzt, die Perle nicht den Säuen hingeworfen. Schenket der Him⸗ mel einen guten Abend, ſo muß Dir ein langer Ehren⸗ tag glänzen. Den ſtolzen Grafen machteſt Du zu Dei⸗ nem Knechte, Draff; dieſen heißblütigen, eiteln Fürſten haſt Du jetzt nicht weniger in Deinem Garne, und Dein beſcheidenes Ruderſchiff wird von dem königlichen Drei⸗ decker fortgeſchleppt werden, wer weiß vielleicht zur Ka⸗ ſtellanſchaft zu London oder zu einem andern Glückspoſten, der Dir ein fröhliches Alter und Deinem James einen bequemern Sitz als unter den niederländiſchen Viehtrei⸗ bern zu ſchaffen vermag. Und der alte Spruch wieder⸗ polt ſeine Wahrheit: Man ſoll nicht jedes Schelmſtück von der Hand weiſen, ſobald ein Helfer dabei, dem man den Strick zuſchieben kann. Sein Selbſtgeſpräch ward durch einen Blick in die Ferne unterbrochen. Er meinte, in der Waldſchlucht blinkende Waffen zu erblicken, ſein ſcharfes Auge glaubte ſogar an ihrer Spitze einen Bauernburſch zu ſehen, der ſeinem Sohne ähnelte; doch als der Menſchenhaufen, den er erkannt zu haben wähnte, eben ſo ſchnell wieder hinter den Bergkuppen verſchwand, ſo ſchüttelte er den Kopf und ſprach lächelnd: Der James iſt weit von hier und hat von ſeiner Mutter ſolch ein lammweiches Herz 464 ererbt, daß ſeine Tapferkeit ſich nicht außerhalb den Wänden der Schenkſtube ſehen läßt. Doch nähere Ereigniſſe nahmen ihn jetzt in Anſpruch. Die Stille, welche nach jenem erſten Schuſſe auf der geräumigen Bergebene geherrſcht hatte, wurde jetzt plötz⸗ lich durch ein lautes mißtönendes Schlachtgeſchrei unter⸗ brochen, und in demſelben Angenblicke ſchien ſich jede Fichte oder Tanne am Rande der Pläne in einen Wehr⸗ mann zu verwandeln. Wie ein Kreis geübter Treiber, die ein edles Wild umſtellt, ſtieg eine zahlloſe Rotte ſtämmiger Männer rundum aus dem tiefern Walde her⸗ auf, und auf flachem Boden angekommen, ordneten ſie ſich ſchnell Schulter an Schulter, ohne eine Lücke zum Durchbruch des Fanges zu laſſen, und ihr furchtverbrei⸗ tendes Geheul verdoppelnd, liefen Alle zugleich gegen den Thurm an. Man unterſchied auf der Hauptſeite, der Thurmthüre gegenüber, ohne Mühe die drei Führer ſowohl an der Tracht, denn die Mehrzahl der Stürmer ſchien buntgekleidetes, mitunter ſogar zerlumptes Ge⸗ ſindel, als auch am lauten Befehlsworte und ſpornen⸗ den Zurufe. Drei Schüſſe knallten jetzt aus dem Thurme: ſdrei der Feinde wälzten ſich auf dem Kieſelgeröll des Kampf⸗ platzes, und der raſche Anlauf hemmte ſich ſo plötzlich⸗ wie er begonnen, einer Meute junger Hunde gleich, die kläffend vor dem Jäger auf die Wildbahn ſpringen, doch wenn der ſchäumende Keiler ſich ſtellt, wie gebannt ſtehen und winſelnd den Buſch ſuchen. Das Neſt iſt voller Jakobiten! ſchrie der wüthende Herzog von Monmouth aus. Welcher Teufel mag ſie durch die Luft hineingeführt haben? Bei meinem Schwerte, der offene Eingang iſt mit k— . 6 * einer guten Thüre vermacht, und beim änct Barnabas, ein Pulverfaß drohet ſogar an der Pforte. Sollten die Korſaren den Muth haben, ſich und uns gegen die Wolken ſpringen zu laſſen? rief der Viscount von Lebinaß mit ſichtlichem Erſchrecken. Es erſaufen mehr im Becher wie im Bache! ſchalt der Marquis von Agyle. Hättet ihr geſtern nicht Alle ſo viel Heißes genoſſen, und das Wort ohne ee in That umgeſetzt, wäre der Fuchs nicht aus dem Bau entkommen. Zurück in den Wald und Leitern herbei zum Sturme! Abermals krachten drei Schüſſe vom Thurme, git⸗ mals fielen drei Männer mit Wehgeſchrei, und ein vier⸗ ter Schuß hoch aus den Lüften ſtreifte die Wange des Monmouth, daß augenblicks der weiße A ltlas ſeines Bruſt⸗ — wammſes einer rothgefleckten Forellenhaut glich. In dem⸗ ſelben Momente ſah man wie auf Commando nur noch derbe Rückentheile und flatternde Haarſchweife, und wie vurch Hexenſpruch erſchien die Bergebene wieder gerei⸗ nigt und leer bis auf die Erſchoſſenen und Einige, die ſich wund auf dem Steinboden wälzten, und der ganze Spuk war wiederum hinter dem Verſteck des buſchigen Randes verſunken. Nur die breite Figur des Viscount ragte moch über einen zwergigen Nadelſtrauch hervor; mit giftfunkelnden Augen ſah er zurück und ſtreckte die Fauſt nach dem Thurme aus, der, von weißen Dampf⸗ wolken umkräuſelt, einer Feenburg glich Lacht nur noch ein kurzes Stündchen, rief er boshaft, dann wird ſich's zeigen, ob der Herr von Old⸗Cullean die Eulen aus ſeinem Kaſtelle zu vertreiben weiß, ob nicht. Um⸗ ſtellt den Berg, Sir, und laßt keine Ratte davon. Ich ſchaffe die kleine Kanone aus dem Schloßhofe herauf „ Blumenhagen. XVI. 30 466 und wette dieſe meine rechte Hand, drei Schüſſe aus dem gelben Ding ſind genug, das lumpige Thor zu ſprengen, oder das ganze alte Gebäu zuſammen zu ſchmeißen. Paſſet auf, ſo wie ſie den ehernen Mund geſchaut, werden ſie Chamade ſchlagen und die weiße Fahne aufſtecken. Der Viscount verſchwand, doch ſein auf der Berg⸗ höhe verſtändlich ſchallendes Wort war nicht ohne Wir⸗ kung von den Thürmen vernommen worden. Der Pach⸗ ter ſtieg von der Zinne herab und trat zum Prinzen. Der Viscount iſt ein toller Hund, ſagte er mit Unruhe, und wer hätte unter der breiten Ochſenſtirne ſolch einen geſcheidten Einfall vermuthen mögen? Hätten wir den Hochverräther im Edinburgher Ka⸗ ſtell, wahrlich, er ſollte ſeine Rechte nicht umſonſt ver⸗ wettet haben! zürnte der Prinz. Aber was iſt zu thun? Der Eiſenkugel widerſteht die ſchlechte Pforte nicht. Ich meine, wir öffnen ſelbſt und ſtürzen hinaus, Alles auf— 5 einen Punkt. Die Ueberraſchung gab ſchon oft dem ſchwächſten Heerhaufen den unverhofften Siegeskranz. Höret Ihr das Geknall rundum, und wie das Blei von den alten Steinen zurückprallt? verſetzte Draff vor ſich hinſtarrend. Ihr ſeyd nicht gefeit und feſt in ſolchem Hagelwetter, ich noch weniger und am wenigſten die kleine Arabella, die wir dem Geſindel doch nicht als Spielball ihrer Lüſte zurücklaſſen würden. Warum mußte auch dieſes Eine Geſchütz aus der Schlacht von Naſeby gerade hieher gerettet werden? Horch! fuhr da der Prinz auf. Welche kreiſchende Muſik! Das iſt der Dudelſack; das klingt wie ein Schlacht⸗ lied der Söhne des Nebels! Und das iſt meines James Stimme! rief der Pachter — ———— * 467 it einem Tone, in dem Jubel und Schreck ſich ver⸗ mählten. Der Burſch brüllt wie der ſchwarze Zuchtſtier. Höret Ihr, Hoheit, was aus der geſunden Bruſt des beſten ſchottiſchen Burſchen für ein Feſtlied erklingt? König Jakob hoch! König Jakob für immer! Der König iſt todt, hoch lebe der König! Hinauf, hinauf zu der Zinne! 11. Die Scene hat ſich verändert. Eine Partie der bunt⸗ ſcheckigen Geſellen des Monmouth ward von einem Corps tapferer Bergſchotten aus dem Walde herauf ge⸗ jagt und über den Plan gehetzt. Die kurzen Schwerter klirrten, die Flinten knallten, das Feldgeſchrei: König Jakob! ſchallte über die Berggipfel weit hinaus in die Thäler, und nicht fern vom Thurme ſchwenkte James ſein buntgewürfeltes Tuch und ſchrie gleich einem Kronherold ſeinen Jubelſpruch ohne Ende. Der Prinz hatte einen ſeiner Vertrauteſten in dem Getümmel erkannt, ſprang die Stiege wieder hinab und ließ die Pforten öffnen. Kerſebay, willkommen zu rechter Stunde! rief er einem ritterlichen Herrn zu, der zu dem Thurme eilte, indeß die Bergſchotten den Feind in den Wald gen Cullean⸗ houſe zu werfen fortfuhren. Der Offizier beugte das Knie und küßte die Hand des Prinzen, indem er ſichtlich bewegt ausrief: Gott ſegne meinen königlichen Herrn und ſchenke ihm eine lange und glückliche Regierung! Mein Bruder? fragte Jakob überraſcht. Tauſchte die irdiſche Krone mit der himmliſchen, ant⸗ wortete der Graf Kerſebay, und das Parlament ließ Euch, mein gnädiger Herr, als den letzten Stuart in den Straßen Londons zum Könige ausrufen. Eilboten kamen nach Edinburgh, und jch durchflog das Nieder⸗ ———Üꝓ=— ————— 468 land, um Euch zu ſuchen und der erſte Verkündiger ſolch großer Botſchaft zu ſeyn. Da traf ich in jüngſter Nacht Eure Bergſchotten. Ein junger Landburſch hatte ſie auf⸗ gerufen, Euch aus böſer Gefahr zu befreien, und von ihm auf den kürzeſten Wegen geführt langten wir an⸗ éhe der Monmouth, deſſen Nähe ich mit Schauder ver⸗ nommen, ſeinen Mordplan vollführt. Er iſt uns gegenüber, rief der König aus, und ſeine meuchleriſche Kugel berührte uns. Auf, mein Freund, daß er uns nicht entrinne! Er eilte mit dem Freunde dem Walde zu, da ſchmet⸗ terten jenſeits der Holzung hellklingende Trompeten, und der König hemmte, ſich beſinnend, den Eilſchritt. Endlich! rief er; das iſt der Dunrobin mit den grauen Drago⸗ nern. Eilet hinab zu ihnen, Graf! Sie ſollen Nie⸗ manden entkommen laſſen, ſie ſollen das Schloß be⸗ ſetzen. Mich hält noch ein Geſchäft auf dieſer Höhe, doch bin ich ſogleich an Euren Ferſen.* Wie konnte ich ſie vergeſſen? murmelte er vor ſich hin, indem er zurück zum Thurme ging, von wo die Mattocks ihm ſchon die ſchöne Arabella entgegenführten. Da hemmte ein unerwarteter Anblick ſeinen Fuß und machte ſein hochwallendes Blut erſtarren und ließ ihn Rettung und eben gewonnene Krone vergeſſen in grauen⸗ voller Ahnung. Die drei Knechte des alten Draff um⸗ ſtanden wehklagend eine Trauergruppe. James lag auf dem Mooſe, er war durch den Kopf geſchoſſen, und über ihn ſah man geſtreckt und wie leblos die lange Geſtalt des alten Großpachters. Gott des Himmels, welch ein Opfer um mich! Meine Retter, meine Getreueſten geſchlachtet in derſelben Stunde, welche mir die Krone gab! O all' ihr Heiligen, löſchet ———— — . —.——————————— — — —— — ———————— . ———— ———— ————, 5———— 469 aus das ſchwarze, geſpenſtiſche Omen! So klagte der König, beugte ſich ſelbſt und hob mit Hülfe des Schä⸗ fers Iſaak den alten Draff vom Boden empor. Beſinne Dich, armer Vater! Faſſe Dich, braver Mann! rief er dem Unglücklichen zu, der mit todesblei⸗ chen Wangen und ſchlotternden Gliedern in ſeinen Ar⸗ men hing. Draff ſchlug die Augen auf, ſein Blick ſtarrte lange auf das blutbefleckte Antlitz des Sohnes; mit einer kreiſchenden Stimme, die alle Herzen zerſchnitt, ſchrie er: Kein Kind mehr! Im grauen Haare, und kein Kind mehr! Dann löste er mit krampfiger Gewalt ſeine Arme und hob ſie zuckend gegen den Himmel, und auch ſeine Blicke funkelten aufwärts. Unbarmherzige Macht! blitze nur! Donnere nur! Ich ſtehe, ſtehe Deinem Gerichte! Allwiſſend? Und doch— du trafeſt den Rechten nicht! und er ſtreckte die bebende Hand ſtarr hinaus nach Cullean⸗ houſe, und ſeine Züge verzerrten ſich, ſeine Arme ſanken erſchlafft, er ſtürzte zuſammen und lag ohne Leben neben der Leiche des Sohnes zum Entſetzen Aller, welche Zeugen dieſes grauſen Schickſals ſeyn mußten und denen ver⸗ ſchleiert blieb, welche finſtere Macht hier gewaltet und den verſchmitzteſten Uebermuth mitten in ſeinem Triumphe zu Schanden gemacht. 12. Das friedliche Culleanhouſe hatte völlig ein kriegeri⸗ ſches Anſehen bekommen. Bärtige Dragoner hielten auf ihren grauen Roſſen mit langen, blanken Waffen das Thor und den Hofraum beſetzt; die Milizen der nahen Ortſchaften lagerten auf den Wieſen oder rückten noch immer in ungeordneten Zügen heran, von Landleuten umſchwärmt, welche Neubegier von den Aeckern gelockt, indeß die erſchreckten und ängſtlichen Hirten ihre ſchwarzen Rinder und ſcheckigen Schafe höher an den Bergen hin⸗ aufzutreiben ſich mühten. Verwundete wurden in die Ställe des Schloſſes geſchleppt, und die bleiche, verſtörte Hausdienerſchaft zeigte ſich furchtſam in den Thüren und Fenſtern. Kriegeriſche Muſik näherte ſich jetzt den Mauern und wurde von dem Trompetengeſchmetter und dem Kö⸗ nigsrufe der Dragoner begrüßt. Zuerſt ſchritt ein ſtatt⸗ 470 licher, langbärtiger Ziegenbock, nach hochländiſcher Sitte der getreue Führer, gleichſam die Fahne jeder militäri⸗ ſchen Colonne, durch das Thor, und dicht hinter ihm mar⸗ ſchirten die blaſenden Sackpfeifer. Dann folgte ernſt und zu Drei, Schulter an Schulter geſchloſſen, das Corps der Bergſchotten in buntfarbiger Nationaltracht; nach ihnen der König, von dem Landvolke angeſtaunt, welches ſich wahrſcheinlich einen König ganz anders und nicht ohne die ſchwere Krone und den ſchleppenden Hermelinmantel gedacht, dennoch ergriffen von dem Anblicke des Fürſten, der ſich ſo eben wie der Gemeinſte um ſein Leben ge⸗ wehrt, Hüte und Mützen zog und vor Reſpekt nicht in den Jubelruf der Krieger einzuſtimmen wagte. Jakob ſchien all' den Seinigen wie verwandelt. Die friſche Farbe ſeines Geſichts war erblichen, ſein helles Auge verdüſtert, kein Zug des vormaligen heitern und leichten Sinnes in ſeinen Mienen, ſo daß Graf Dun⸗ robin nur mit Scheu ſich ihm näherte, als er die Ver⸗ ſpätung ſeiner Rückkehr mit ſeiner Verirrung in dem Gehölze, mit einem Sturze des Harefort am Flußufer und mit der Abweſenheit des Obriſten, der von Air nach Irwin zur Herbſtübung der Reiter gezogen, zu entſchul⸗ digen verſuchte. Laß es gut ſeyn, Bob! ſagte der König abgeſpannt mit finſterm Geſicht. Es waren gerade genug Freunde neben uns, um die erſte Stufe unſeres Thrones mit theurem Blute zu beſprengen. Wo iſt der Obriſt? Mein Bruder ſucht ſeine Verſpätung gut zu machen, antwortete Dunrobin. Er iſt mit der beſten Schwadron dem Monmouth und Agyle nach, und ich bin gewiß, er wird die beiden hochverrätheriſchen Herren Euch zu Füßen werfen, ehe die Sonne untergeht. Er ſoll nicht! ich will ſie nicht ſehen! fuhr der König auf, von innerm Schauder geſchüttelt. Man ſoll ſie ohm; Aufſchub nach Edinburgh bringen; die Lords of Session mögen mit ihnen thun, was ihre Pflicht ihnen eingibt! Bewegt von dem Bilde, das ſich ihm aufdrängen mochte, ging er raſch weiter, die ſchöne Arabella an der Hand mit ſich führend. Das Mädchen folgte ihm willen⸗ los, wenn auch mit ſichtlicher Aengſtlichkeit in ihrem ganzen Weſen. Der Anblick von Culleanhouſe erſchreckte 471 ſie, da ſie nur Widerwärtiges in dieſen Mauern erwarten durfte, und ihren feſten Schirmer, den alten Draff, vor ihren Füßen todt auf dem blutigen Mooſe geſehen. Nur die Gegenwart der Mattocks, die nicht von ihrer Ferſe wichen, fachte den kleinen Reſt von Muth in ihrer Seele wieder an, wenn er dem Erlöſchen nahe war, und eine inſtinktartige Empfindung ließ ſie ſich feſthalten an dem Könige, wenn ſie ſich auch ſeine Liebkoſungen, ſeine Theil⸗ nahme, ſeine Vertraulichkeit vergebens zu erklären be⸗ mühte; ſie hatte nicht Furcht, nicht Einen böſen Ge⸗ danken dabei: väterliche Zärtlichkeit iſt ja immer mit einem heiligen Gottesſiegel bezeichnet, und die ritterliche Entſchloſſenheit, welche der Fremde vor ihren Augen ge⸗ zeigt, ließ ſie auch für ſich hoffen ſelbſt dem ſtrengen Grafen und dem jähzornigen Vater ihres Ellicks gegen⸗ über. Arabella wußte nicht, daß ſie die Haupttriebfeder aller der Gräuel geweſen war, die dieſen Tag befleckt hatten, daß ſie, die keinen Haß kannte, dieſe Wuth ent⸗ flammt, noch ehe ſie geboren; ſie wußte nicht, daß ſie ſelbſt die eigentliche, wenn auch paſſive Heldin dieſer Begebenheit war, und als eine Hauptperſon dieſes feſt⸗ lichen Einzuges im Culleanhouſe erſchien. Der ernſte Befehl des Königs hielt Alle, die mit ihm waren, im Vorſaale auf. Er allein trat in das Zimmer des Grafen Davy. Der alte Herr ſaß, wie ein todtwunder Leu, zuſammengezogen, gekrümmt in ſeinem Lehnſeſſel, doch ſeine tiefliegenden Augen ſchoßen unter den breiten Augenbrauen ſengende Blitze auf den Ein⸗ tretenden. Lady Conſtanze trat aber ſogleich ihm ent⸗ gegen, bleich wie der Harm und ſchwankenden Ganges wie die Todesahnung, drückte ihre beiden Kinder, die ſie führte, auf die Kniee, ſenkte ſich ſelbſt vor ihm, und hauchte mit Beben die Worte hervor: Seypd gnädig, Hoheit, damit Gott auch Euch ſeine Gnade ſchenke! Jakob erhob ſie raſch vom Boden und führte ſie zu einem Seſſel. Richt alſo, Conny, ſprach er mit hoher Wallung. Willſt Du mich mit Schaam daran erinnern, daß ich knien müßte vor Dir, abbitten müßte in Reue und Buße, was ein ganzes Menſchenleben hindurch nicht genügend gebüßt werden kann? Sey ruhig, ganz ruhig; Du biſt der gute Engel⸗ dem die ſchwarzen Geiſter, die ſich über Cullcanhouſe geſammelt, nimmer Stand halten. Stutzend ſah ihm die Lady in's Auge, der Graf aber ſtand mit erzwungener Kraft auf und hob ſtolz und trotzig ſein graues Haupt. Wo ſind die Ketten? fragte er in fieberhafter Erregung. In welchem Kerker ſoll der letzte Cullean Quartier nehmen? Vollendet Euer Werkz iſt's doch am zuträglichſten für Euch, wenn Ihr das Wappen⸗ ſchild, das Ihr einſt beflecktet, jetzt zerbrechen laßt und Sandberge darüber wälzt⸗ damit keine lebende Zunge die Glocke Eurer Edelthaten werde. Mit Ruhe trat der König dem Greiſe näher. Trotzet nicht, Vater, antwortete er ganz ohne Schärfe; reißt die Wunden nicht größer, die Eure wilde, unmenſchliche Hand faſt bis zum Tode bluten gemacht. Ich hätte ein böſes Recht gegen Euch, denn meine Todfeinde haben in Euren Betten geſchlafen. Ihr, der Lord Oberrichter dieſer Grafſchaft, wußtet um ihr Verbrechen, und Euer Haß hetzte ſie gegen Euren königlichen Herrn. Erinnert Ihr Euch daran, wie der edle Staffort ſein greiſes Haupt zu London auf den Block legen mußte, wie mein getreuer Foloman verblutete, Beide um meinetwillen, als ich nach Brüſſel geflüchtet, um teufliſchem Argwohne zu entgehen? Und was hatten ſie dem Carl gethan gegen das, was Ihr und Euer Schwiegerſohn mir gethan? Solche Bei⸗ ſpiele taugen nicht für den Nachfolger im Regimente. Aber Conny ſchirmet Euer Haupt, ſchirmet Euer Haus, denn wie unmenſchlich Ihr Euch auch vergangen habt an dieſer Märtprerin meiner Sünde, Ihr bleibet doch einmal ihr Vater. Prinz, Ihr wiſſet? rief mit dem Ausdrucke des höchſten Schreckens die Lady. Lord Oberrichter, fuhr Jakob mit gehobener Stimme fort, Ihr, dem König Carl die Wacht gab über Recht und Unrecht, dem er das Schwert der Strafe und den Scepter der Gnade anvertraute, antwortet Eurem Könige: Wo iſt Jakobs Tochter, wo iſt die Stuart, welche in Culleanhouſe das Licht ſah Der Graf ſtand einer Steinſäule ähnlich, Conſtanze aber bedeckte das Geſicht mit den Händen und ſtammelte: die ten. ber tzig in etzte iſt's en⸗ und inge otzet reißt liche ein aben chter Euer nnert at reuer nach hen was Bei⸗ tente. aus, bt an nmal chſten imme Recht d den önige: che in ſtanze melte: 473 § aller Fürbitte der Heiligen, laſſet die Gräber in uhe! Jakob umfaßte ſie ſanft und bog ſich zu ihr nieder. Du wurdeſt betrogen wie ich durch dieſen Mann, ſagte er mit tiefer Empfindung. That ich auch an Dir wie ein leichtfinniger Knabe, ein Mahnungsbrief von der Hand des Vaters hätte mich zur Pflicht geführt, denn ich liebte Dich wahrhaft, und nur das Gedränge der bunten Welt trübte Dein Bild in meinem Herzen. Aber ſtatt dieſer väterlichen Mahnung, ſtatt dieſes heiligen Vor⸗ rechts des Alters und der Weisheit, dem die Jugend meiſtens ſich beugt, griff der Wüthende zum Meſſer und wollte die Ehre fühnen durch Mord. Mord! kreiſchte Conſtanze, und der alte Graf knirſchte: Draff! wo iſt der verrätheriſche Bube? und ſank wie betäubt in den Seſſel. Draff iſt todt und iſt einen guten Tod geſtorben, verſetzte der König mit einem ſchweren Athemzuge. Das Geheimniß iſt wohlverwahrt, denn nur wir Drei tragen es in unſerer Bruſt, und dort ſoll es bleiben, bis der Sargdeckel es für ewig verbirgt. Ich könnte gut machen, Conny, ich bin ein freier Wittwer, ich könnte eine Krone auf Dein ſchwer gedrücktes Haupt ſetzen, mit dem Her⸗ melin alle Wunden Deines Herzens verdecken. Der Vis⸗ cvunt iſt dem Gerichte verfallen; ich könnte Dich zur Wittwe machen und zur Braut zugleich, und jenem flolzen Laird mit dem blutigen Gewiſſen Genüge thun. Entſetzlicher Gedanke! Wie konnte Jakobs Mund ihn ſprechen? jammerte die bleiche, zitternde Frau.— Der König drückte ihre Hand an ſein Herz. O warum riß mich das hämiſche Schickſal von der einzigen Stelle, wo ich gekannt worden, rief er aus. So lange ich dieſe reine Hand in der meinen halte, kann kein böſer Geiſt Theil an mir gewinnen. Ich könnte dieſen Alten da ſeinen ſchwarzen Geſpenſtern überlaſſen, dem Wimmern des Kindes, das mitternächtlich ſein Lager beſucht, aber auch ihn will ich verſöhnen, will glühende Kohlen auſ ſeinem Haupte ſammeln, will Conny's Vater weicher betten, damit ſein graues Haupt ein ſanfteres Sterbekiſſen finde. Graf, Ihr ſeyd kein Moͤrder. Ob der Himmel Vorſatz * 474 für That nimmt, das mag Euer Beichtvater entſcheiden. Das Kind, welches Ihr zu tödten befohlen, lebt, meine Tochter lebt mir zur Luſt und Freude, und ich werde ſie lieben, wie ich meine andern Töchter liebe, ich werde ſie ſo groß und glücklich machen, wie es mir irgend der Himmel vergönnen mag. Der Graf ſaß in ſtummer Zerknirſchung, Conſtanze hatte mit einem Kreiſch die Arme nach dem Könige aus⸗ geſtreckt, als wolle ſie von ihm die unbekannte Gabe empfangen, hatte die Augen im Zimmer umher geworfen, als ſuche ſie, was ſie nie gekannt und doch geliebt; zu⸗ letzt rang ſie mit einer Ohnmacht. Faſſe Dich, Freundin meiner Seele! Der Augenblick fordert Kraft und Beſonnenheit, wollen wir nicht Gift zum ſüßen Becher miſchen! Er ſchritt zum Eingange und ſtieß beide Flügelthüren auf. Sein erſter Blick fiel auf den Viscount von Levingſtone, der mit mehreren Ge⸗ fangenen zwiſchen den hochländiſchen Wächtern ſtand. Der rohe Jäger war wie ein Wachsbild geworden, und in ſeinen ſcheuen Augen, auf ſeinen bleichen Lippen ſtand deutlich das Jammerwort: Gnade! das die gelähmte Zunge nicht auszuſprechen vermochte. Ihr habt Eure rechte Hand verwettet, Viscount, und wir haben die Wette gewonnen, ſprach Jakob hart und wie im Zorne. Es wird Schade ſeyn um die ſchußſichern Finger, wenn ſie am Pfahle auf dem Markte zu Air im Sonnenbrande dörren müſſen. Der kräftige Menſch ſtürzte wie vom Blitze getroffen in die Kniee und riß ſeinen Sohn Alexander an ſeine Bruſt: Gnade, Sire! brüllte er wie ein verendender Keiter. Der tolle Herzog verführte uns Alle. Aus dem heißen Becher guoll unſer Unſinn. O nur keinen ſchimpf⸗ lichen Tod um dieſes ſchuldloſen Buben willen, keine Schande!— Ei, wie brüllſt Du nun in anderer Melodie, Du papierner Tiger! ſagte der König ſpöttiſch. Wie ſagte der Agyle? Es verſaufen mehr in dem Becher als in dem Bache. Und wer das Unkraut vertilgen will, muß die Wurzeln nicht ſtehen laſſen, denn Verräther zeugen Verräther! ſetze ich hinzu ais einen gleich wahr⸗ haften Volksſpruch. —— 1 475 Der Viscount ſchlang in entſetzlichſter Angſt beir Arme um den Sohn. Der König trat hinzu und löste den jungen Mann aus des Vaters Armen, welcher ihn mit ſtarren Augen anſtierte, jedoch ſich nicht zu wider⸗ 3 ſetzen wagte. Der Herr der Heerſchaaren begnadigte X uns heute mit der ſchönſten Krone, und hat auch der N Frevel dieſen Tag mit gutem Schottenblute beſprengt⸗ wir wollen uns nicht gleichſtellen dieſen Schlechten. Ver⸗ tilgt ſey aus unſerm Gedächtniſſe, was hier geſchah; Culleanhouſe ſoll nicht wie ein Fluch in unſerer Erinnerung verbleiben. Wollet Ihr Eurem Könige ſo Vaterpflicht wie Vaterrecht auf Euren Ellick abtreten, ſo ſollet Ihr Euch nicht beſchweren dürfen über Jakobs Strafe. Ich will, will Alles, wie Ihr's beſtimmt! ſtammelte der Viscount, auflebend wie der welke Baum im Früh⸗ regen. Dunrobin, ſo führt ihn hinweg, befahl Jakob. Bringet den Viscount unter ſicherm Geleite nach dem Hafen von Girwan. Das erſte franzöſiſche Schiff nehme ihn mit nach Frankreich, und zwei Jahre bleibe er dort, um feinere Sitte zu lernen. Ein Empfehlungsſchreiben an den edeln Colbert ſoll ihn begleiten und uns Bürgſchaft werden für ihn. Und jetzt wollen wir uns einen Feſtkranz ſchenken, damit die heutige Dornenkrone weniger ſteche! wandte ſich der König mit freundlicher Würde zu ſeinen Offi⸗ zieren, nachdem die Gefangenen abgeführt. Es iſt eine ſchöne Haidblume, aus Blut und Schmerz für uns er⸗ wachſen. Arabella, komm in meine Arme, um nie mehr daraus zu ſcheiden! Schauet nicht finſter darein, Du ſ alter Schütz des tapfern Monk und Du trotziger Burſch 6 aus der Schlucht von Arlochan! Was Ihr gethan an dieſem Kinde, kann Euer König nimmer bezahlen. Ihr habt eure Hütte mit ihr getheilt: ſo theile ſie von nun an mit euch ihr Schloß, ihr Wohlleben, und laſſe euch nie mehr aus ihrer Nähe. Und Du, liebliches Kind, ſcheueſt Du Dich, Deine Arme um den Mann zu ſchlingen, den Gott Dir zunächſt geſtellt und deſſen Blut in Deinen Adern fließt? Wirſt Du nicht gern Jakobs Tochter ſeyn, wenn der König auch den Ellick mit dem Namen ſeines Sohnes begrüßt? Ja, meine Ritter, höret es und höre N e S— W*— Lady Conſtanze, wohin der König ſeine Arabella be⸗ gleitete, dieſen verhängnißreichen Tag beſchloß, mag ſich der Leſer ſelbſt auszumalen verſuchen; er kennt ja die darin handelnden Perſonen und ihre Weiſe. Ob Arabella je erfahren, wer ihre Mutter geweſen, bezweifeln wir; die kleine kluge Dame möchte es denn aus dem Betragen der Lady errathen haben. Muttergefühl iſt ein Immergrün, das in keinem Froſt erſtirbt und durch alle laſtenden Hüllen neu und ewig jung hervorſproßt; ſeine Wurzel liegt in der tiefſten Seele und ſtirbt nur mit ihr, alſo nimmer. Die Weltgeſchichte ſchweigt von Arabellen, und er⸗ zählt nur von den beiden legitimen Töchtern Jakobs, die ihm auf Englands Throne folgten. Aber in den Me⸗ moiren eines Laird von Kilmarnock findet ſich eine ſpätere Spur von unſerer Heldin. Als nach ſeiner kurzen, fünf⸗ jährigen Regierung Jakob der Zweite, von ſeinem Volke, ſeinem Parlament, ſeinem Kriegsheere, von ſeinen Kin⸗ dern ſelbſt verlaſſen, vor dem eigenen Schwiegerſohne, dem Prinzen von Oranien, aus England geflohen war und unter Frankreichs Lilien Schutz geſucht hatte, wurde unter den Getreuen, die ihm freiwillig in die Verbannung folgten, eine Viscounteß von Levingſtone auf Moorhead⸗ eraygs genannt. Ob ſie Arabella oder Conſtanze ge⸗ tauft worden, ſagen die Blätter jenes Familienbuches nicht. Sie theilte die Entbehrungen, die Demüthigungen, welche der unglückliche Monarch, dem ſein Glaube mehr galt als drei Kronen, zwölf Jahre hindurch im Aus⸗ lande ertragen mußte, und drückte ihm zu Saint Ger⸗ main mit einer Liebeshand die müden Augen zu, welche des Argen genug erblickt, um willig und gern die Arm⸗ ſeligkeiten der Erde hinter ſich zu ſehen. d O o- 8 ganz Schotiland; iü Jafobs Tochtg ———— 5