2 Lrihbi büiothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vor Eduard Oltma nn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Ri ickgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenvmmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt. Bf 5— „ 3 Auswärtige Khonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung uer Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . Schadenersatz. 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Kſe Signihs Hof 317 Vanina In einem jener fruchtbaren Thäler, welche, den Daſen in der Wüſte Arabiens gleich, den Wanderer zwiſchen den vüſt und regellos auf einander gethürmten Eisgebirgen Salzburger Landes überraſchen durch den Wieſen⸗ eppich, der ſich unerwartet um ſeine Sohlen ſchmiegt, und durch die grüne, vollbelaubte Holzung, welche ihm Schatten und Schirm vor dem ſtrengen Fönwinde ver⸗ ſpricht, ſtand ein einſames Gehöft, deſſen Aeußeres, ob⸗ gleich ſichtlich verfallen und vernachläßigt, doch noch auf den Wohlſtand ſeiner ehemaligen Beſitzer ſchließen ließ, da ſein ſchwarzblaues Schieferdach ſich höher erhob als die meiſten Landwohnungen der Gegend, die Wände, die einen bedeutenden Hofraum umgaben, von derbem Ge⸗ ſtein breit und hoch aufgeführt waren, und ſelbſt der Reſt des einen Thorflügels, welchen noch die eine verroſtete Rieſenangel feſthielt, Schnitzwerk ſehen ließ, das einem Wappenbilde ähnelte und von keiner ungeſchickten Hand aus dem derben Eichenholze herausgeſchnitten worden war. Wohl mochte dort ein ſtattliches Geſchlecht gehaust haben, hatte doch der Name derer von Spauer noch einen guten Klang im Lande; aber die ſteten Kriege im Innern Deutſchlands, die Verarmung des Vaterlandes durch die⸗ ſelben, die Steuern, welche der Sieger wie der Befiegte erpreßte, brachten auch dieſes Haus, wie ſo viele ſeines Gleichen, aus dem Sattel zur Erde, und die Nachkom⸗ men eines edeln Geſchlechts bargen Stammbaum und — oc 8 ——, — ———— 4 Ritterſchild im Geheimgemach, weil ihnen Alles mangelte, was dazu nöthig iſt, einem Wappen und Namen die ge⸗ bührende Ehre vor der Welt zu verſchaffen. Die jetzigen Beſitzer des Gehöfts wußten wenig mehr von der Glanz⸗ zeit ihrer Voreltern und dachten kaum mehr daran; das verfallene Thor ward nicht durch ein neues erſetzt, denn man hatte nichts zu bergen dahinter, was den Raub⸗ luſtigen zu locken vermochte; der ſtolze Marſtall barg einige Stücke geringes Vieh; keine Meute jagdgewohnter Rüden kläffte im Hofe; die Hälfte des Wohnhauſes lag eingeſtürzt und die andere Hälfte zeigte nur am äußerſten Eck durch die unzerbrochenen Fenſterſcheiben den Platz, wo die Herrſchaft ihr beſcheidenes Neſt aufgeſchlagen. Ein geräumiges Zimmer, ſicher und bequem einge⸗ richtet, umſchloß an dem Abende, wo unſere Erzählung beginnt, die ganze Hausgenoſſenſchaft; im Kamine loderte ein luſtiges Feuer, die mächtigen Tannenſcheite kniſterten und knatterten in der Flamme, als knirſchten ſie und murrten bei ihrer ſchmälichen Zerſtörung, und dicke, weiße Schaumperlen quollen aus den friſchen Aeſten wie Thränen und Blut der Dryaden, deren Daſein an das Leben des hohen Waldbaumes gebunden worden. In einem krumm⸗ armigen Lehnſeſſel, dem wärmenden Feuer zunächſt, ſaß die zeitige Herrin, Frau Martha Spauer, eine blinde, vor der Zeit gealterte Wittfrau, im ſchlichten Matronen⸗ kleide, mit einem bleichen, hagern Geſichte, in welchem die fromme Reſignation ſich längſt ſchon die Hauptzüge unterworfen hatte, obgleich jetzt in die ſtarre Schickſals⸗ ſchrift eine ungewohnte Lebendigkeit gekommen zu ſeyn ſchien, die ſich ebenfalls durch das horchende Hinüber⸗ beugen des Kopfes und die ausgeſtreckte Hand ausſprach, mit der ſie die Linke eines Mannes gefaßt hielt, welcher Wg] neben ihr bequemlich, auf einer an der Wand hinlaufen⸗ den Faulbank geſtreckt, halb lag, halb ſaß, und durch ſein Erzählen die Abendſtille unterbrach. Der Sprechende zeigte eine wohlgewachſene, kräftige Geſtalt, ſchien noch nicht lange in das Mannesalter über⸗ getreten, ſeine Geſichtszüge waren regelmäßig und nicht gemein, aus ſeinem Auge ſprach Geiſt und kühnes Be⸗ wußtſein, ſein lichtbrauues Haar hing verſchnitten und geſcheitelt zu beiden Seiten der Stirne herab, der Bart war über den Lippen und am Kinne fein zugeſtutzt, und ſein gemsledern Wamms mit ſchwarzen Puffen an Schul⸗ tern, Bruſt und Armen, ſeine beſpornten Stiefel und ſein mit Silberbuckeln beſchlagener Leibgurt kündeten in ihm einen Fremdling an in dieſen Thälern, welches durch die blanke Pickelhaube, den Bruſtharniſch und den breiten Flamberg, die zur Seite gehäuft am Boden lagen, be⸗ ſtätigt ward, da im ganzen Gemach zwiſchen Truhen und Schreinen nur Ackergeräth und friedliche Maſchinen zur Hausarbeit und zum Vogelfang ſich vorfanden, und nichts Kriegeriſches zu ſehen war, als etwa eine Armbruſt und zwei alte Jagdſpieße, die hoch an der Wand hingen und, von Spinnenweb und Staub überzogen, ihre Nutzloſigkeit für den jetzigen Herrn ſelbſt ausſprachen. Aber nicht die alte blinde Frau allein horchte auf⸗ merkſam und ſchweigend auf das Wort des Soldaten, denn als ſolcher verrieth ſich der Fremde durch ſein Aeuße⸗ res wie ſeine Sprechweiſe; noch zwei Perſonen bildeten den Kreis der Zuhörer. Der eine war ein junger, acht⸗ zehnjähriger Burſch, der Laufknecht des Hauſes; er hatte ſich nicht weit von dem Wehrmanne auf die Erde ge⸗ kauert neben den großen, ſchwarzen Wolfshund deſſelben, 8 mit dem er durch eine Schüſſel Milch und Brodbrocken ſchnell Freundſchaft geſchloſſen, und mit halb offenem Munde ſtarrte er bald den Fremden, bald einen zweiten Mann an, welcher jenem gegenüber auf einem Schemel ſaß, die Ellenbogen auf die Kniee geſtützt und das von wüſtem Scheitel⸗ und Barthaar umflogene Haupt vorgebeugt in beide Hände geleegt hielt. Und wahrlich mehr moch als das lebendige Wort und die reichhaltige Mähr mußte dem jungen Burſchen der Anblick der beiden gegen ein⸗ ander über ſitzenden Männer auffallen: war doch Einer des Andern Spiegelbild, ſein Schatten konnte ihn nicht getreuer abkonterfeien, und hätte nicht die Tracht ſie un⸗ terſchieden, denn der auf dem Schemel trug das grüne Wollwamms und die grauen weiten Beinkleider des Ge⸗ birgsvolks, ſo würde für Jedermann die Unterſcheidung dieſer beiden Menſchen eine Räthſelaufgabe ohne mög⸗ liche Löſung geblieben ſeyn. Leo und Andreas Spauer waren Zwillingsbrüder; ſchon als Kinder wurden ſie im Lande als ein Wunder⸗ ſpiel der Natur betrachtet, und mancher Fremde machte den Umweg in das Gebirgsthal der Knaben wegen, und mancher reiſende Maler nahm das Bild det derben, rothwangigen Bergbuben mit in ſeinem Skizzenbuche ne⸗ ben den romanesken Anſichten des Gleenthales und Wolf⸗ gangſees, oder neben den gigantiſchen, grotesken Zeich⸗ nungen vom Hochhorn und dem Großglockner in die Heimath. Der alte Spauer hatte noch von ſeinen Altvordern 8 her manches Ritterliche in ſeinen Neigungen und ſeiner Geſinnung behalten. Nur mit Unmuth ßiörzie er den Acker und kümmerte ſich wenig um das kleine Wollvieh; Pferdezucht und Waidwerk ſagten ihm mehr zu. Unter 5 2 den berübmten Fohlenheerden Salzburgs galten Spauers . Zöglinge ſtets für die edelſte und fehlerfreieſte Koppe auf den Marktplätzen; auch fand man in Spauers Ge⸗ höft manchen ungeſchlachten Büffelochſen mit ſeltſam ge⸗ bogenen Hörnern, den der wilde, herkuliſche Jägersmann auf den Gebirgshöhen ſelbſt eingefangen und mit Mühe gezähmt hatte, um ihn zur Veredlung ſeiner Rinderheer⸗ den zu gebrauchen. Früh ſchon gewöhnte der alte Nim⸗ rod ſeine Zwillingsſöhne an ſeine Lieblingsgeſchäfte. Beide wurden ſchon als Knaben wackere Reiter, und als J Jüng⸗ linge galten ſie für die beſten Schützen mit der Armbruſt und als die gefürchtetſten Schläger im Fauſtkampf. Vater Spauer hatte durch ſeine Betriebſamkeit den Wohlſtand ſeiner Familie ziemlich gehoben, da ſtürzte er bei einer winterlichen Gebirgsreiſe mit ſeinem Roß von einem Brücklein, welches zwei Felshöhen verband, zu Tode, und im Sommer darauf traf der Blitz eine Zwergeiche, unter welcher die Mutter Spauer Schutz geſucht, und der Wetterſtrahl verlöſchte das Augenlicht der Wittfran für immer. Die Bewirthſchaftung der Spauer'ſchen Güter fiel nun den beiden Söhnen zu, indeß ſchien der Segen, welcher 4 des Vaters thätiger Hand geruht, mit ihm gewichen. Leo liebte das Herumſchweifen auf Gebirg und Wald⸗ höhe, ſein unruhiger Geiſt konnte ſich nicht an das ein⸗ förmige Hausleben, noch an irgend ein geordnetes Ge⸗ ſchäft gewöhnen; Andreas dagegen blieb zu gern 1da heim, ſeine Trägheit hinderte ihn an der der ein⸗ träglichen väterlichen Handelsprojekte. Mit Widerwillen machte er anfangs die nöthigen Reiſen it in die Städte und auf die Fleckenmärkte und verſäumte ſie bald ganz und gar. So kam mit jedem Jahr das Hausweſen zurück, aber die Brüder entbehrten lieber, als daß ſie ihren Neigungen Zwang angethan, und die blinde Mutter merkte wenig davon, da die Nothdurft ihr nicht verſagt wurde, indem das Nothwendigſte für die in den Gebir⸗ gen aufgewachſene Greiſin ohne viele Mühewaltung durch Knecht und Magd geſchafft werden konnte. Der Ungarkönig Matthias hatte dazumal einen großen Theil der öſterreichiſchen Lande und ſelbſt die Hauptſtadt Wien im Beſitz, aber die vertriebenen rechtmäßigen Herr⸗ ſcher gaben ihr Eigenthum nicht auf trotz des ſieges⸗ trunkenen Uebermuths des ſtolzen Ungars, welcher mit jedem Jahre des unbefehdeten Beſitzthumes wuchs. Kaiſer Maximilian warb heimlich in Böhmen und Mähren, und die ihm befreundeten Fürſten thaten ein Gleiches. So geſchah es ebenfalls von dem Salzburger Erzbiſchof, und der Erbſchenk Graf von Künburg bot überall die junge Mannſchaft auf und ſammelte ſie unter ſeine Fahnen. Für den jungen Leo kam dieſes Aufgebot als das er⸗ wünſchteſte Ereigniß. Er meldete ſich ſofort zum frei⸗ willigen Dienſt, und der Erbtruchſes, der Fürſt von Lam⸗ berg, fand ſo großes Wohlgefallen an dem ſtattlich auf⸗ tretenden, in allen Turnkünſten ſo wohlgeübten Jüng⸗ linge, daß er ihn auf der Stelle als Rottmeiſter bei ſeinen Leibreitern einſtellte. Leo zog gen Wien, und Auſtria's Schutzengel ſchwebte über dem Heere, dem die Salzburger ſich angeſchloſſen. König Matthias war plötz⸗ lich geſtorben und ſein Statthalter, Zapolhya, zur Königs⸗ wahl nach Ungarn gereist. Erbherzog Max, des Kaiſers Erſtgeborener, benutzte den glücklichen Moment; zehn Tage ftürmten die Deutſchen, dann räumten gegen freien chrenvollen Abzug die tapfern Ungarn Burg und Kaiſer⸗ ſtadt. Leo hatte ſich ausgezeichnet; das Glück wollte, daß Prinz Maximilian in ſeiner Nähe an der Schulter ver⸗ wundet wurde und er mit ſeiner vom Vater erlernten Kenntniß des Wundbindens dem Fürſten Beiſtand leiſten konnte. Der Günſtling des Erbherzogs, Sigmund von Dietrichſtein, nahm ihn ſofort als Stallmeiſter in ſeinen Dienſt; dort erfuhr der achtzigjährige Biſchof von Wien, Herr Leo von Spauer, von ihm, welcher von der tyro⸗ liſchen Linie des alten Geſchlechts abſtammte und ſeinen Namensvetter nicht über die Achſel anſah, ſondern eine Freude darin fand, einen Sprößling des abgeſtorbenen, welken Seitenzweiges wiederum zu heben und in's Grüne zu treiben. Der weißlockige Erzprieſter fand kein Be⸗ hagen daran, ſeinen mannlichen Vetter im Dienſte eines Vaſallen zu wiſſen, und als Prinz Max nach Kaiſer Friedrichs Ableben die Krone auf dem Haupte trug, raſtete der Biſchof nicht eher, bis der junge Leo einen Platz unter den kaiſerlichen Küraßreitern erhalten hatte, wo⸗ durch ihm die Gelegenheit ward, im nächſten Kriege ſich leicht zum Offizier empor zu ſchwingen. Der alte Herr rüſtete den jungen Spauer auf's Freigebigſte aus, doch ſeine Abſicht kam nicht zum Ziele; Maximilians Regierung blieb friedlich zum Heil ſeiner Länder, und Leo blieb, vas er geworden. Leicht ward es ihm jedoch, alle ſtolzen Wünſche niederzudrücken, die der hohe Verwandte in ihm geweckt, da ihm das ehrenvolle Soldatenleben in der Kaiſerſtadt, der Ehrenpoſten im Schloſſe gefiel, und man⸗ ches andere Verhältniß ihm Erſatz gab für die unerfüllten Pläne des Biſchofs, welche dieſer in der zunehmenden Schwäche ſeines Greiſenalters auch ſelbſt zu vergeſſen ſchien, obgleich Leo ihm täglich zur Morgenſtunde ſeinen Beſuch machen und ihm vom Leben im Schloſſe und der Stadt vertrauten Bericht abſtatten mußte. So waren über zehn Jahre verlaufen; daheim hatte man den Sohn ————— und Bruder bereits als einen Todten vder Verſchollenen aufgegeben, weil er ſo gar nichts hatte von ſich hören laſſen, als Andreas an einem Frühlingsabende, indem ſeine Gedanken nur mit dem Abendbrod und dem er⸗ ſehnten Faulbett beſchäftigt waren, mit Verwunderung einen derben Kriegsmann im blanken Zeug hoch auf einem wohlgenährten Rappen den Schluchtweg herab⸗ traben ſah, dem ein junger Reitburſch auf einem kleinen Ungar folgte. Der ungewöhnliche Anblick hielt den Frei⸗ ſaſſen feſt in der Mitte des Hofes zwiſchen Stall und Herrenhauſe, aber ſeine Neugier ging in Staunen über, als der Reiter ohne Umſtände und wie bekannt durch das alte Thor einritt, ſich ohne Anfrage aus dem Sattel warf und in einer derben Umarmung ſich als den Bruder kund gab. Der träge Sohn des Gebirges ſchien wirklich tief aufgeregt, als er in dem ſtattlichen Manne ſeinen Zwillingsbruder erkannte; wider Gewohnheit ſchrie er laut nach Knecht und Magd, zog den Leo raſch zum der blinden Mutter, und als der kaiſerliche Küraßreiter der Mutter, wie ein Sühnopfer für das lange Schweigen, einen gemsledernen Beutel mit fünfzig Silbergülden in die Hand legte, als er dann, nachdem das Abendbrod werzehrt, von den Herrlichkeiten der Kai⸗ ſerſtadt und ſeinem Glücksleben in derſelben erzählte, da funkelten die geiſtloſen Augen des Andreas, in ſeine hängenden Züge kam Lebendigkeit und Charakter, und Stephan, der Laufburſch, gaffte mit jeder Minute ver⸗ wunderter auf die Brüder, denn mit jeder Minute wurde der Andreas dem Leo immer ähnlicher. Ja, Mutter, ſprach der ſchmucke Leo, könnte ich Euch mit den blanken Sparpfennigen das Augenlicht wieder erkaufen, Ihr müßtet Euch auf meines Brauſers Croupe ſetzen und mit mir ziehen zur Stadt Wien, daß Ihr das ſchönſte Wunderwerk von Menſchenhand ſähet, ehe Ihr zur Ruhe ginget. O Ihr ſolltet ſie ſchauen dieſe Welt im Kleinen, wie ſie da liegt im Halbmonde an dem breiten Strome, der ihre hohen Mauern küßt, wie ein verliebter Page die Pantoffelſpitze und den Mantelſaum ſeiner jungen Königin. Ihr ſolltet ſitzen einmal in den großen Gärten voll von Laubgängen und Fruchtbäumen, wo jeden Tag Gaſtgebote und Tanzgelage wechſeln, und Alles, was jung iſt und ſchön, ſich ſammelt, wenn der Abend ruft. Jedes Mannsbild heißt da Euer Gnaden und jedes Mädel ein Fräulein, und ſie verdienen's auch⸗ denn unſer Erbtruchſes ſieht neben einem Wiener 2 gersmann aus wie ein Hauptmann der Suue und um eine blonde Wienerin mit dem Geſicht von Mil Roſe, dem hellen Schelmenaug' und der vollen ve die weiß glänzt von fern und blendet, als wenn man im Sonnenſchein auf das Eisfeld am großen Kogel hin⸗ ſchaut, um ſolch' ein Frauenbild, wenn ſie auf dem kleinen Füßel hinſpaziert und die Spitzbübin zur Parade das runde Beinel ſehen läßt, ſchlügen ſich alle Salzburger Buben unter einander die Rippen ein, daß Keiner ein ganzer Mann bliebe. Aber in der großen Stadt muß es ja traurig S wegen der hohen Mauern, über die nicht Wald und Be hineinſchaut, fiel Andreas ein, und mir würde es dari gemuthen wie in den Kerkerlöchern zu Hohen⸗Salz⸗ burg. Wäreſt Du nur dort, guter Burſch, entgegnete Leo ſpottend, trügeſt Du gern die 4 ver⸗ gäßeſt das Heimweh. Wohl freue ich mich, m r ein⸗ mal wieder die hohen Käſe zu beſteigen und an den tie ging's die Erſt gar oft ſo, bis ich die Rechte herausge⸗ — hinabzugleiten, und all' die Plätze zu beſuchen, wo ich den erſten Gemsbock ſchoß und wo ich mit dem Vater zur Büffeljagd zog, aber tauſchen möchte ich nicht wieder. Der Stephansthurm und die Liebfrauenkirche und die Schotten⸗Abtei ragen eben ſo ſtattlich zu den Wolken hinauf als die weißen Gotteszinnen hier in den Bergen, und man wird nicht ſo ſchauerlich dabei zu Sinn, und das Geläut der Thürme klingt auch um ein ganz Stückel majeſtätiſcher als das Bimmeln unſerer Rinderſchellen. Und geht man nun durch die Stadt ſelbſt, da weiß man nicht, wohin man ſchauen ſoll und wohin nicht. Haus ſteht an Haus, und jedes ſtattlicher wie die Schlöſſer unſerer Salzburger Grafen und Herren; die Fenſter blitzen wie Stern und Regenbogen von den bunt gemalten Glasſcheiben, und wirft man einen Blick durch ſie hinein, blenden die großen Spiegel die neugierigen Augen wie zur Strafe, und in jedem der Fenſter ſchauſt Du Ge⸗ wächſe und Blumen, wie Du ſie nie geſehen, und hun⸗ derterlei Vögel, groß und klein, grün, roth und gelb, hängen dazwiſchen im vergoldeten Käfig und ſingen und ſchlagen, daß die Ohren ſich nicht zurechtfinden können, und man meint, mitten in einem luſtigen Birkenwäldlein zu wandeln; und was dann ganz zuletzt noch hervor⸗ ſchaut hinter dem Blumenkram und dem Vögelgelän! O mein Andreas, ſäheſt Du die Engelsköpflein, ſo lieb und fein, wie ſie gemalt ſtehen über dem Altar in der Biſchoieliſche und wie ſie freundlich lachen und blicken, als wollten ſie ſagen: Komm herein, junger Geſell! der 2 iſt willkommen, wenn er munter iſt, aber dabei ehrbar zu thun verſteht! Andreas, das Herz quölle Dir her⸗ auf bis zum Hals und der Odem bliebe Dir aus. Mir funden, deren Gaſt ich in ächter und frommer Ehrbarkeit für immer ſeyn möchte. Auch ein Schatzel iſt dorten Dein worden? ſtaunte der rauhköpfige Bruder. Wer könnte mitleben im Lande Kanaan, lächelte der Soldat, wo man den heißen Wein trinkt von früh bis ſpät und das Gebratene und die feine Mehlſpeis nicht vom Tiſch kommt, und ſelbſt die Faſtenzeit den Bauch mit neuen Leckerbiſſen kitzelt, wer könnte da mitleben, ohne nicht heißes Blut zu fühlen und ſich nach einem Liebchen umzuſchauen? Aber es iſt dort ein gefährlich Ding mit den verbuhlten Frauen und mannsluſtigen Jung⸗ fern, und mancher Junggeſell iſt dabei zu Grund ge⸗ gangen an Leib und Seele. Drum dank' ich Gott, der mich bewahrt und mich bald vor die rechte Herberge ge⸗ führt, denn gute und wahre Liebe iſt der beſte Küraß für Verführung und die beſte Blendkappe für die verlocken⸗ den Evenäpfel. Hat man ein fein und ſittiges Liebes⸗ bild im Herzen, ſo ſieht man nicht mehr hin, wenn ſo eine kleine Schelmin und Seelenverkäuferin die runden lebendigen Paradieſesfrüchte zur Schau legt, wendet den Blick ab und nennt des Liebchens Namen, welcher ſo gut hilft wie drei Kreuze und ein: Hebe dich weg von mir! Und wer iſt Deine Erwählte, mein Sohn? fragte die Mutter mit vor Freude und Neugier zitternder Stimme. Ihr dürft Euch ihrer nicht ſchämen, antwortete Leo mit Aufwallung, denn wenn Ihr alle Mägde hier auf zehn Meilen in die Runde zuſammentreibt und von jeder das Schönſte nehmt, was ſie an ſich trägt, möchtet Ihr aus all' dem Reiz noch nicht meine Kathi zuſammen⸗ bringen. Sie ſtammt zwar nicht aus hohem Geſchlecht und der Herr Veiter Biſchof meinte, ich hätte immer noch 14 warten ſollen, bis ich mir die,Ritterſporen verdient, die mein Herr Urgroßvater verloren, und ſeine und meine Ahnherren möchten ſcheel ſehen zu meiner Wahl, aber als er ſich nach Kathi's Blutsfreunden erkundigt, hatte er kein Widerwort mehr und meinte, wer wie Herr Baſtian Mangold mit im Rathe als Hubmeiſter ſeinen Platz habe, dem Alles, was er bedürfe, auf eigenem Grund und Boden wachſe, der in ſeinem Gaſthauſe über der Erde zwei Dutzend dienſtbare Geiſter commandire, und d'runter im Gewölb' eben ſo viele unterirdiſche Rie⸗ ſenfäſſer voll Ungar und Rheiniſchen, der dürfe ſich ſchon als ebenbürtig neben einen armen Schlucker von Berg⸗ edelmann ſetzen, wenn er auch kaiſerlicher Küraßreiter ſey und einen Biſchof Vetter nennen könnte. Der ehrwürdige Herr hat recht, fiel haſtig Frau Mar⸗ tha ein; volle Vorrathskammern und Fleiß im Hauſe adeln ſicherer als Schild und Wappenbilder, mögen ſie auch Kronen vorſtellen und gemalte Drachen, die ge⸗ malte Schätze bewachen. Säume nicht, mein Sohn, und gewinne Dir die Jungfrau, denn wer eine ſittige, feine und wohlausgeſtattete Hausfrau heimführt, darf keine Alraunwurzel graben und heimtragen, um das Glück an ſein Dach zu knüpfen. Bring' mir die Jungfrau recht bald, daß ich ſie einſegne zur Mutter des neuen Geſchlechts der Spauer, denn der Andreas wird mir nie eine Tochter zuführen, die mein altes Haupt weicher legt, als die Hand der Magd thut, und meine langen Tage kürzt durch freundlich Geſchwätz und Geſang und Kurzweil. Ihr hörtet ja ſelbſt, Frau Mutter, entgegnete rauh und finſtern Blicks Andreas, daß alle Dirnen hier zu Lande auf zehn Meilen rund nicht ſo viel gelten als eine einzige Jungfrau aus der Wienerſtadt. Wie möget Ihr — 3 denn meinen, die grobſchlachtige, breithüftige und groß⸗ füßige Art ſollte mir gefallen, der ich ſo gut ein Spauer in wie der Leo Freilich nußte ich bislang einen Tag wie alle Tage in der ſchmutzigen Vogelhütte kauern und Netze flechten, Wachtelfallen ſchnitzen und Kloben zimmern, oder mußte die Zwergkiefer ſchlagen und Scorpione ſuchen, um den Hauſirern für Krumholzöl und Scorpionöl die blanken Kreuzerſtücke aus der Leibkatz zu locken. Aber deßhalb blieb ich doch ein Spauer und achte die Stall⸗ magd nicht höher als ſie gilt, und dürfte ich nur mit dem Bruder, ich finge mir ein vier, fünf der reichen und hochbrüſtigen Jungfrauen in einem nebelichten Morgen gerade hinter ihren Blumen weg. Aber Ihr ſeyd ja blind und könnt dem Hauſe nicht vorſtehen, und da muß der Andreas im Wollwamms ſitzen bleiben ſein Lebenlang, wie der graue Kettenhund an der Stallpforte. Die Mutter fühlte ſich ſchwer bewegt, das ſah man an dem Wechſel ihrer Farbe und dem Beben ihres Haup⸗ tes. Gott verzeihe Dir das Wort, ſtotterte ſie; Du ſprichſt ia wie ein Türk oder ein Heide, dem der Eheſtand nicht als ein Sakrament gilt. Und wenn Du Dich hier dem alten Sultan ähnlich fühlſt, ſo ziehe nur getroſt morgen mit dem Leo in die Fremde; das verhüte der Himmel, daß die Mutter Denen ein Stein im Wege zum Glück werden ſollte, die ſie mit ihrem Herzblut geſäugt, und gehütet wie die Gluckhenne die Brut, als ſie noch ſtol⸗ perten. Leo ſtand raſch auf, legte ſeinen Arm um den Hals der erzürnten Frau und drückte ſeinen bärtigen Mund auf ihre weiße Stirnc. Traget nicht Groll im Herzen auf den Bruder, welcher ſo getreu bei Euch ausge⸗ halten viele Jahre lang, die ich in weit größerer Ver⸗ — 16 ſchuldung fern von Euch zubrachte unter dem luſtigen Kriegsvolke und wie ein Tagedieb und Schlemmer auf dem Wachthauſe der kaiſerlichen Hofburg. Wurde der Andreas unmuthig und neidete mein Leben, ſo bin ich ja ſelbſt Schuld daran, indem ich meine Herrlichkeiten unvorſichtig auskramte, ihn lüſtern machte durch meine Mähr, und ihm doch nichts verſprach, was ihm Troſt bieten mochte. Aber ich will es ſogleich gut machen. Sehet, liebe Mutter, mein Gewiſſen trieb mich zu Euch, ich konnte meine Hand nicht reichen der ſchönen geliebten Braut, ohne Euren Segen für dieſes Bündniß erbeten zu haben; aber wenn Ihr verlangt, daß ich die ſchlanke Kathi Euch zuführen ſoll, ſo habe ich dabei ein Bedenken, und dürfte das wohl erſt geſchehen können, wenn der Herbſtwind die Heerden von den grünen Matten hernieder treibt auf die Thalwiſch. Der erſte Blick, den ich über unſer Freigut warf, ſagte mir, was hier gefehlt, und die Tochter des Hubmeiſters Mangold möchte den Reſpekt vor ihrem Geſpons verlieren, wenn ſie durch unſer zer⸗ brochenes Thor ihren Einzug hielte. Aber dem ſoll ab⸗ geholfen werden. Einen Monat hat man mir als Urlaub zugeſchrieben, darnach wird ein großer Fürſtentag ge⸗ halten werden zu Wien, und des Kaiſers Enkel werden Verlobung feiern mit zwei Königstöchtern, und mitten in dieſen fürſtlichen Gelagen will der Hubmeiſter auch ſein einziges Töchterlein ihrem glücklichen Bräutigam überliefern ganz und gar und für immerdar. Sehet, iſt nun der herrliche Tag vorüber, ſo werde ich dem Bruder Andreas von Monat zu Monat ein Sümmchen ſenden, das er verwenden ſoll, um den Freihof wiederum her⸗ zuſtellen, wie er geweſen unter Vater Spauers Regiment. Kommt dann die ſchöne Zeit der Weinleſe, und hat der vollführt, was ich gewünſcht, ſo ziehe ich her⸗ at mit der jungen Frau und dem Geleit ihrer S freunde, und bringe ein halb Dutzend ſchöner Baſen mit, aus welchen ſich der Andreas die netteſte nehmen darf zur Hausfrau, und dann wollen wir hier im Grunde Feſtabende feiern, daß der Jubel durch das ganze Ziller⸗ thal hinunter dröhnen ſoll bis Salzburg hinab, und Ihr, gute Mutter, die Freude mit vollen Ohren ein⸗ ſaugen und mit den Händen greifen ſollt, wenn Ihr auch leider unſere Luſt nicht anzuſchauen vermöget. Frau Martha legte ihren Kopf auf des Sohr Bruſt, der Bruder Andreas aber zog hinter d res Rücken ein ſeltſam Geſicht, aus dem der beſt S nicht hätte. ſnun, ob frendiger Seifell rbiſſener? Ingrim die Züge ſo durch einander riß und zuckenden V Setterleuchten jede Sekunde verän derte; dazu trommelte er mit den geballten Fäuſten auf ſeine beiden Kniee und ſummie ein altes Lied dabei, das die Büffelfäger zu fingen pflegten, wenn ſie auf den 9 fährlichen Fang auszogen mit der ledernen Sangſ über der Schulter, und de angen Spieß, an dem blanke Schlagaxt dräute, in der mächtigen Jägerfauſt. wie im N Der Frühling hatte in dieſem Jahre früher als ge⸗ wöhnlich ſeine Ankunft angemeldet: von Italien herauf zog der Sübwint den die Gebirgsvölker, wenn er zur Sommerzeit als ein Krankheit bringender Sirokko er⸗ ſcheint, beſonders fürchten, zur Verwund derung des noch im Pelz wandernden Jägers durch die Wa Strich⸗ thäler und Gebirgsſpalten und ſchmolz die untern Schnee⸗ lager, ſo daß die anmuthige Matte ſchon Blumen trieb do und den Hirten zum voreiligen Austreiben verführte. Doch die Freude dauerte nicht ununterbrochen, und gerade die erſten Tage nach Leo's Ankunft auf dem väterlichen Ge⸗ höft hatte ſich der Wind nach Oſt umgeſetzt, und warf Nachts von den Steiermärker Alpen ganze Wolkenberge feinen Staubſchnees herüber und füllte Tages die Nie⸗ derungen mit feuchten Nebelballen und legte ſie wie un⸗ geheure gefalzte Spitzenkragen um die glatten, glänzen⸗ den Hälſe der himmelhohen Eiskuppen. Leo ſehnte ſich nach einem Marſch in die heimathlichen Berge; er wollte zuerſt die Knabenzeit durchſpielen, waſſerhelle Kryſtalle ſuchen auf den Höhen, die, wie die ſechskantigen Spitzen der Wunderblumen eines unterirdiſchen Geiſtergartens, aus dem ſchwarzen Geſtein heraufſprießen; er wollte den blauen, ſchmalen Cyanenſtein losſchlagen und den grü⸗ nen Schörlſtein brechen, der wie ein dunkles, verhärte⸗ tes Kohlgewächs in den Spalten wuchert. Seiner Braut wollte er die Schätze ſeines Landes mitnehmen, ihr Klo⸗ ſett damit auszuzieren. Dann hatte er ſich vorgeſetzt, auch ſeine Jünglingszeit neu herauf zu citiren: im Walde wollte er Stier und Bär herausfordern, und auf dem Zerner jagen nach Gems und Steinbock, nach Lämmer⸗ geier und Adler. Der Himmel ſetzte ſeine Geduld auf die Probe: ſelten nur gewährte der Blick vom Fenſter ihm eine Ausſicht, wenn die Mittagsſonne ihm einen Theil der Nebel gelöst und verdünnt; an eine Bergfahrt war bei dem feuchten Schmutz der Pfade und Steige gar nicht zu denken. Verdüſtert durch die getäuſchte Hoff⸗ nung, bekümmerte ſich Leo in dieſen Tagen mehr als er vielleicht ſonſt gethan um das Innere ſeines väter⸗ lichen Erbes, und der arme Andreas mußte manches Wort hören, von dem ſich nicht läugnen ließ, daß es 46 ( 9 nur unangenehm für ihn erkl insß⸗ konnte. Den Verfall des größern Hausraumes tadelts Leo mit harten Wor⸗ ten und befahl, vielleicht zu herriſch für ſein Verhältniß zu dem Bruder, der getren daheim geblieben, ſofort ei⸗ nen Boten an den Baumeiſter nach Sanct Johann zu ſchicken, damit er während ſeiner Anweſenheit noch ſelbſt über den Herſtellungsplan des Gebäudes mit dieſem reden und abſchließen möchte. Ebenſo ſchalt er Knecht und Magd über die Unreinlichkeit der Ställe und Melkkam⸗ mern, ohne zu bedenken, daß der Schimpf mehr den Aufſeher traf als die Dienerſchaft. Beſonders jedoch ſchien er ärgerlich, daß des Vaters herrliche Pferdezucht gänzlich eingegangen ſey; er ſtand mit naſſen Augen vor den großen Verſchlägen und Geſtütſcheuern und vermaß ſich mit heftigen Schwüren, binnen Jahresfriſt müßte das einträgliche Geſchäft hergeſtellt ſeyn, und er würde nicht raſten, bis er das ganze Regiment der Küraßreiter aus den Spauer'ſchen Ställen zur Ehre des väterlichen Namens remontirt habe. Knecht und Magd hörten alle dieſe gehauften Vor⸗ vürfe, die ſich wie die Schneelähnen immer wachſend auf ſie niederwarfen, nicht ohne Muxxen, obgleich die ſtörriſchen Gemüther durch die Aehnlichkeit des Tadlers mit ihrer gewohnten Herrſchaft und durch das Impoſante ſeines ſolvatiſchen Weſens abgehalten wurden, ihm der⸗ bere Erwiederung zukommen zu laſſen; deſto größer war aber ihre Verwunderung, daß Herr Andreas gleichmüthig und ſogar freundlich dieſe Meiſterung aufnahm, da er doch ſonſt nicht der Duldſamſte genannt werden durfte, und da beſonders Alles, was ihm in ſeinem täglichen Gewohnheitsgleiſe Hinderniß gab, ihn in den Harniſch zu jagen und bis zum Jähzorn zu erhitzen pflegte. Andreas ni icht 35 den Augen, 3 ſet an ei e und ithot ſich in kleinen Ge ſutngienen, ſo wie es — — verblendetſte Mann in der Nähe der ſpröden Geliebte kann; ſeine Seele ſchien nur mit Träumen von d Stadt beſchäftigt, die ſeinem Zwillingsbruder zu ſo un⸗ erwartetem Glücke verholfen, ſein Gemüth ſchien ſich nur in der Theilnahme an den Schickſalen des Bruders zu erluſtigen und faſt in Freude zu berauſchen, denn wie ein wißbegierig unermüdliches Kind fragte er von früh bis ſpät nach jedem kleinſten Verhältniß. Leo ſich faſt heiſer erzählen, aber er fühlte ſich nicht gequält oder ermüdet durch die öftere Wiederholung: die brüd derliche Aufmerkſamkeit weckte auch in ihm ein erhöhtes Wohl⸗ wollen, und ſprach er doch ſelbſt gern von Dingen, die ihm ſo werth waren und jetzt fern lagen, und wenn er ſeine liebe Braut dann zum zwölften Male vom Stirn⸗ bande bis zur Silberſchnalle des Schuhes beſchrieben, wenn er die ganze Sippſchaft bis zum kleinſten Vetter abporträtirt, wenn er die liebſten ſeiner Kameraden auf⸗ gezählt, ſein ganzes Tagewerk vom Appell bis zur Pa⸗ rade, vom Wachtdienſt bis zur Ablöſung, als diktire er das Befehlsbuch, abgeplappert hatte, ſo ſeufzte Andreas jedesmal tönender und ſprach mit blinkenden, freundlich⸗ ſchmerzlichen Augen: O Du Glückskind! warum muß auch der Weiterſtrahl gerade unſerer Mutter vor den Augen herabgefahren ſeyn wie mit dem weißen Blend⸗ tuche! Könnteſt Du mich mitnehmen als gemeinſten Schü⸗ zen⸗ oder Wagenknecht in des Kaiſers Heer, oder mich nur anſtellen als Becherſchwenker in des Herrn Hubmei⸗ ſters Gaſtſaal, ſo wahr ich unſerer Mutter Sohn bin, ich wollie Niemanden verrathen, daß ich ein Spauer ſey, F S % ich k na2 eim weh ſolte dur ch Mi keir* Zeug⸗ en vier Tagen, welche in ſolchen Beſchäftigun⸗ gen und ei verliefen, ſchien ſich das Band der brüderlichen Eintracht und Liebe, das ſo an zerriſſen geweſen, immer enger um die beiden letzten Stamm⸗ halter zuſamm enzuziehen! Andreas Nachgiebigkeit ſpannte den ſoldatiſchen Herrenton Leo's herab, und vielleicht aus Selbſ ſtvorwurf behandelte dieſer jetzt den Bruder doppelt liebreich und überſah ſein unzier liches 2 Aeußere, was dem an Ordnung und ſchmucker Körperhaltung ge⸗ wöhnten Kriegsmann vorzüglich anſtößig geweſen mochte. Selbſt auf das Hausgeſinde ſchien das ſchöne Bild brüderlichen Vertrauens einzuwirken, denn es ward rühriger in ſeiner Arbeit und ſtrengte ſich an, ebenfalls des fremden Beifall zu gewinnen, und auch an der Mutter Marthe ging das neue Leben in ihrem Hauſe nicht unbemerkt vorüber: an dem Tone, in dem die Zwilling mit einander ſprachen, hörte die auf⸗ merkſame linde den Einklang der Herzen heraus, und mit ner Stunde ſchwanden aus ihrem pleichen Geſichte mehrere der Züge von Gram und Beſorgniß, die früher ihre abhängige Lage und die Ungewißheit ihrer Zukunft darauf gegraben, und wenn die Söhne ſie Abends zu ihrem Kämmerlein führten, ſo drückte ies zeiden die Hände gleich mütterlich, ſprach den Segen gleich warm über Beide aus und ſchloß Beide gleich lich in ihr Rachtge bet. bend aufgeklärt, wolkenfrei ein friſcher, ſcharfer Weſt⸗ Bodens au und wenn 22 Lev aus dem Thale ſeinen Falkenblick hinauf hob zum Gebirge, konnte er die Spitze der Gletſcher durch die Schlucht der Bergſtraße frei und vom Abendſtrahl ver⸗ goldet erblicken und die Geier erkennen, welche große Kreiſe um die Eiskuppel zogen, wie um die Gegend, klugen Burgmännern gleich, zu recognosciren, ehe ſie zu ihrem Geniſt ſich hinabließen. Morgen müſſen wir hinaus, müſſen hinauf morgen, die Silberbahn hinan, hinein in den Palaſt von Kryſtall, wo ein friſcher Athemzug die ganze Winterqual wegſpült aus der Bruſt! rief Lev mit ſehnſüchtigem Entzücken und einem Antlitz voll Kinderfreude. O es iſt mir, als könnte ich nur da oben dem Herrgott ſo recht brünſtig, und wie es ſeyn muß, danken für all' die Gnade, die er mir er⸗ wieſen, und daß er mich nicht ſtrafte für mein ſündiges Vergeſſen, und daß ich die Mutter noch am Leben fand und in ihr Alter vielleicht einige Freudenſtunden zu flech⸗ ten vermag, und daß mir der einzige Bruder geſund zur Seite ſteht. O Andreas, richte Alles vor, denn mit Sonnenaufgang muß ich dort oben wie ein Siegesheld mein Banner aufpflanzen. Andreas nickte, und auch ihn ſchien die Idee des er⸗ ſten Bergganges freudig erregt zu haben, denn ſein ge⸗ bräuntes Antlitz röthete ſich tief unter dem zottigen Barte. Er ging und blieb einige Stunden unſichtbar, und erſt nachdem Leo mit der Mutter das Abendbrod genommen und ſie zur Ruh' gebracht, und auf der eigenen Kammer bereits ſich halb entkleidet, trat der Bruder ein, zwei Wanderſtangen und ein gefülltes Ränzlein und ein Paar Korbflaſchen, welche in Riemen hingen, tragend und ſorgſam im Winkel niederlegend. Leo, der im Hemde und Unterkleidern ſich bereits 23 auf das gemeinſame Lager geſtreckt, richtete ſich empor und reichte dem Bruder treuherzig die Hand entgegen. Andreas, ſprach er dazu, ich bin Dir eine Abbitte ſchul⸗ dig. Wie ich Dich zu kennen glaubte von der Kindheit her, wie Du Dich mir boteſt bei meiner Ankunft, hielts ich Dich für unbeweglicher, gemächlicher, ja für ſelbſt⸗ ſüchtiger, als Du heute auftrittſt. Du theilſt nicht allein des Bruders Freude, nein, Du quälſt Dich für ſein Ver⸗ gnügen. Nimm des Bruders Dank dafür und verzeihe ihm, daß er Dich verkannt; ja, ich verdiene die Freude nicht, Dich ſo zu finden. Was iſt es denn Großes? antwortete Andreas, indem er die Lampe zurecht putzte, daß ihr trüber Schein heller durch die Kammer ſtrich. Warum ſollte ich nicht für den Bruder thun, wo die Pflicht mahnt, was ich für man⸗ chen Reiſenden that aus freiem Willen? Ich hoffe, Du wirſt mit meinen Anſtalten zufrieden ſeyn. In dem en⸗ gen, koſtbaren Lederkoller mit den feinen Puffen, in den faltigen Reithoſen und ſchweren Reiterſtiefeln kannſt Du weder in die Bärenhöhle hinabrutſchen, noch die glatten Höhen beſteigen; doch geziemt es ſich auch nicht für einen kaiſerlichen Gardiſten, in dem gemeinen Zeuge des Ge⸗ birglers ſich ſehen zu laſſen, und der Hirt treibt ſchon in den Unterhöhen, der Salzmann zieht ſchon mit ſeinem einſpännigen Fuhrwerke durch die Hohlwege, und der Jäger benutzt ſicherlich den ſchönen Morgen, um ſich eine Beute zu holen. Darum habe ich in unſer Wet⸗ terhäuschen an dem Kreuzſtein, dort, wo der Weg in die Gebirge hinaufgeht, Alles geſchafft, was Dir Noth thut, vom Hute bis zum wohlbeſchlagenen Schuh, und dort kannſt Du Dich in wenig Zeit umgeſtalten und bequem machen, und Niemand weiß hier im 2 ½ — höfte und bei den Nachbarn von Deiner Verklei⸗ dung. Du achteſt des Kaiſers Rock gar hoch, lachte Leo, und den Mann darin noch höher. Ich ſelbſt würde kaum in dem Kleidertauſch ein Mittel gegen ein ſolch' Maje⸗ ſtätsverbrechen gefunden haben. Aber Deine Sorgfalt mag recht meinen, und gerne werde ich Dir als dem Marſchcommiſſarius gehorſamen. Doch ſchlimmer als die beleidigte Ehre wäre der Unfall, wenn ein greif⸗ luſtiger Wandersmann während unſerer Pilgerfahrt aus der Hütte am Kreuzſtein die kaiſerlichen Kleider mitgehen hieße, und wir fänden rückkehrend ein leeres Neſt. Haſt Du die Ehrlichkeit des Bergvolks vergeſſen in Deiner geprieſenen Stadt? antwortete Andreas ſpöttiſch. Das Wetterhäuschen iſt unſer Eigenthum, vom Vater zum Schutze der Pferdebuben erbaut, und kein Fremder würde wagen, den vorgeſchobenen Riegel aufzuziehen. Auch kann Dein großer Fanghund dort liegen bleiben, als ein ſtarker, gefürchteter Wächter. Vom Hofe laſſ' ich Dich nicht gehen in Wamms und Wollſtrumpf, da⸗ mit der tückiſche Knecht und die ſpitznaſige Magd kein Gerede und keinen Hohn daraus preſſen; und in dem ſchweren Gezeug mag ſich's gut zu Pferde ſitzen, oben auf dem Schneepfad aber möchte die beſte Bruſt und die ſtärkſte Huft keine zwanzig Klafter weit damit ſpa⸗ zieren, ohne Gottes Erdboden zu küſſen auf Nimmer⸗ Auferſtehen. Andreas hatte ſich unterdeß entkleidet, und wie zum Scherz bei ſeinen letzten Reden die Stiefel über ſeine vollwadigen Beine gezogen, das gemslederne Reiter⸗ wamms angethan, den Silbergurt darum gelegt, und zuletzt gar die blanke Pickelhaube auf's Haupt geſtürzt. 3 „ Fröhlich über den Anblick ſprang Leo auf vom Bett und tanzte mit Händeklatſchen um den neuen Kriegskamera⸗ den, der ſich ſteif aufrecht geſtellt und eine grimmige Kriegsmiene nachzubilden ſich bemühte. Ein prächtiger Rekrut wäreſt Du, jubelte er dazu, faſt noch ſtämmiger und fleiſchiger als ich. Wenn der Wolkerſtorf, der Oberſt, Dich ſähe, er ließe Dich nicht wieder heraus aus dem Schmucke. Hätten wir nur einen Spiegel zur Hand aus Deinen Prunkſtuben zu Wien! ſagte Andreas. Ich möchte mich ſelbſt einmal beſchauen in der edlen Tracht, vielleicht würde alsdann das alte Blut der Spauer rührig in mir nach Mutter Marthens Wunſche. Aber poſſierlich muß der rauhe Bart und das wüſte Haarneſt unter der blanken Kapuze laſſen, und ich fürchtete mich vielleicht ſelbſt vor mir, wenn ich ſo grämlich aus dem Spiegel mir entgegen marſchirte. Freilich ſiehſt Du einem wilden Kroaten ähnlicher als einem Leibwächter der Hofburg, enigegnete mit lu⸗ ſtigem Humor der Soldat, und as Pagenvolk und die ſchmächtigen Zofen würden ſchreiend flüchten, ſähen ſie Dich ſo Wacht halten auf der Gallerie. Aber dem ſoll bald abgeholfen werden. In kindiſcher Spielerei nahm er dem Bruder die Me⸗ tallhaube ab, drückte ihn nieder auf den nächſten Schemel und hing ſeinen grauen Reitermantel über die Schultern des Verwunderten. Dann ſuchte er aus ſeinem Reiſeſack das Putzzeug hervor, und mit Scheere und Kamm war in wenigen Minuten das wulſtige Haar des Andreas in in dünnes, ſchlichtes Scheitelgelock verwandelt, in nicht längerer Zeit der grimmige Bart geſtutzt und der Mode gerecht gemacht. Da Leo dann zuletzt noch aus dem 8 Salbenbüchschen ſeinem Meiſterwerk die nöthige Glätte und letzte Zierde gegeben, ſo warf er jetzt wiederum den Mantel herunter, drückte die Pickelhaube wieder auf des Bruders Kopf, ſtand aber dann wirklich erſtaunt und verſtummt vor dem Geputzten, deſſen Geſicht durch eine ſichtliche Heiterkeit den größten Theil ſeines ſtumpfen Cha⸗ rakters verloren hatte. Nein, Sohn meiner Mutter, rief er laut, hier be⸗ darf's keines Spiegels, denn ſelbſt das größte Kryſtall⸗ glas aus dem Geheimzimmer der Kaiſerin könnte uns das eigene Bild nicht ſo vollkommen zurücktragen. Seh' ich Dich an, ſo iſt mir, als ſähe ich mein Spiegelbild, und Du darfſt darum nur auf mich blicken, um zu wiſ⸗ ſen, was Dir der Herrgott für eine Geſtaltung ange⸗ than. Gut, daß mein Bräutlein fern iſt, denn begeg⸗ neteſt Du ihr ohne mich, möchte ſie irr' werden, und die Verwechslung könnte mir einen argen Schabernack auf den Leib hetzen. Andreas lachte ſtill zu den Scherzworten und nickte nach ſeiner Gewohnheit mehrere Male mit dem Kopfe, was er immer zu thun pflegte, wenn ein heiterer Ge⸗ danke in ihm lebendig geworden, dem er nicht ſofort Worte zu geben vermochte. Er reichte dann dem Bruder wie zum Danke die derbe Hand und ſagte treuherzigen Tones, aber dabei mit halbgeſchloſſenen Augen Leo an⸗ blinzelnd: Kleid und Haar macht nicht den Mann! Der Bauer würde in der erſten Stunde zu Tage kommen, und die galante Jungfrau würde den Irrthum an ihm mit Fußtritten wett machen. Wer weiß? antwortete Leo, der Weiber Geſchmack iſt wunderlich. Vielleicht wüßte die Kathi Vorzüge an Dir zu entdecken, die mir ermangeln. Und eiferſüchtig — J —7 dürfte ich keineswegs mich geberden, die Untreue wäre Sünde ohne Schuld, denn die Liebkoſungen, welche ſie meinem Ebenbilde gethan, wären ja doch zur Hälfte mir ſelbſt anzurechnen. — Andreas ſchmunzelte, wie in ſüßen Träumen befan⸗ gen, indem er ſeinen an Freiheit gewöhnten Leib wieder aus den beengenden Kleidungsſtücken losmachte. Beide ſtreckten ſich dann auf das Lager, und Leo ſchlug ſeinen Arm um des Bruders Hals, plauderte noch mancherlei, bis er, da Andreas keine Antwort gab, dieſen, von der Sorge für die Bergfahrt ermüdet, eingeſchlafen glaubte, und auch ſich der Ruhe und angenehmen Träumen hingab. Einer jener Frühlingstage war heraufgeſtiegen, die man nur in den höhern Gebirgslanden genießt, wo ſich — die Luft leichter reinigt und die Ausdünſtungen der Tie⸗ fen und der menſchlichen Anſiedelungen keine ſo große und wiederholte Wirkung auf den Aether ausüben. Die ſcharfen Winde, nachdem ſie den Boden getrocknet, das Gewölk vor ſich her gejagt, waren gänzlich ſtill gewor⸗ den; der Himmel wölbte ſich blau und klar und faſt durchſichtig bis in ſein Innerſtes über den mannigfaltigen 5 koloſſalen Formen der Gebirgshöhen, und die Friſche der Nacht verlor ſich allmälig, ſo wie die Sonne höher und höher ſtieg in Oſten und den wärmenden Goldſchleier— über die ganze Natur verbreitete, unter dem die Knoſpe ſchwoll und der Grashalm ſich kräftig aufrichtete, und deſſen wohlthätigem Zauber nur die Eisſchichten der Berg⸗ hörner Widerſtand zu leiſten vermochten, obgleich der mächtige Sonnengott auch an ihnen ſeine Kraft verſuchte und langſam den ſchweren Sieg verfolgte, indem er mit ſeinen ewig kehrenden Pfeilen die oberſte Hülle des ewi⸗ gen Eiſes verwundete und die hundertjährigen Kryſtall⸗ ſäulen bluten ließ in leiſe rinnenden Bächen, bis ſie, ausgeſogen, zuſammenſtürzen mußten. Die Brüder Spauer waren früh auf und verließen das Gehöft zur Reiſe gerüſtet, ſobald das erſte Morgen⸗ roth am Rande des Thales die Fahne ausgeſteckt. Sie ſtiegen raſch aus dem Schluchtweg herauf, durchſchritten einen Theil des Kiefernwaldes und kamen bald auf das freie Gebirg und von da zu dem Wetterhäuslein, von dem Andreas am Abend geſprochen. Das Auge iſt der eigentliche Sinn des Lebens, denn Leben iſt Wechſeltauſch des Aeußern gegen Inneres, Er⸗ kennen, Einſaugen, Wiederſtrahlen; Blinde leben kaum zur Hälfte, und darum wünſchen ſich die armen Erblin⸗ deten, je älter ſie werden, je öfter den Tod; ihr Da⸗ ſein iſt ja ſchon ein Halbtod, denn es fehlt der Ver⸗ mittler zwiſchen ihnen und der Welt. Leo's Augen lebten heute zwiefaches Leben; ſchon auf den erſten niedern Vorhöhen haftete ſein Fuß, und, die Arme gekreuzt gegen die klopfende Bruſt preſſend, rief er: O mein Vaterland, mein ſchönes, herrliches Va⸗ terland, wie konnte dein undankbarer Sohn dich ver⸗ geſſen! Wie die Beiden ſo langſam die lehnen Hügel hinan⸗ ſchritten, ſchien Leo in ſeiner Kriegstracht größer, ſchlan⸗ ter, edler geſtaltet, auch trug er den Kopf hoch, die Schultern gerade, indeß Andreas etwas gebogen und geſtützt auf den langen Eisſtab, wie es ſchien, lähmig und träg dem Bruder folgte, und wenn Jener ſtill ſtand und die Hand vor die Pickelhaube legte, gleich einem Schirm, und ſeine Blicke weit ſchweifen ließ in das o Fa⸗= ieen Schritte ſich breiter und enifal tterte dieſer indeß den ſchwarzen Hatz⸗ h, aus ſeinem Schnappſacke und h ind wann und gleichſam ſcheu das Auge zu einer der nächſten Firnen. Ohne Zaudern traten Beide in die Bretterhütte, und als das Pförtlein ſich nach einem Viertelſtündchen öffnete und vor dem inwendig heulenden verſperrten Hunde ſich wieder ſchloß, war das Paar der Wanderer merkwürdig anders geworden. Si Hirt, der unten in einer Felsſchlucht ſeine Ziegen wei⸗ dete, hatte ſie zum Häuschen ſteigen ſehen und ein vornehmer Fremder würde von dem gemietheten Stei⸗ ger zu einem Schau⸗dich⸗ um der Gege. geleitet. Jetzt ah er ein Paar Landsleute neben einander ſteigen, Ei⸗ ner wie der Andere ſich gleich an Klihng⸗ Wuchs Heſtal und als Beide ſich gegen Oſt wendeten und die Sonne ihre Geſichter beſtrahlte, ſah dieſelbe Menſchen⸗ larve jedem der grauen Filzhüte hervor: es waren die wunderſamſten Doppelgänger, Jeder des Andern Schatten, aber nicht grau und undeutlicher Umriß, ſon⸗ dern farbevoller, materieller Abdruck. Beide ſtiegen immer höher über die Maiten bis zu der Schneeregion hinan, wo mancher der weißen Glet⸗ cher mitten auf grüner Matte, wie vom Zufall hinge⸗ tellt, beginnt, und ſein ausgehöhlter Fuß Kämmerchen und Höl hlen bildet, aus denen das klare Eiswaſſer her⸗ ieſ ſ F — * vorrieſelt und die Thäler wäſſert. Bald ſchritten neben einander, bald hinter einander, wenn der Pfad ſchmal oder gefährlich wurde; hier ſetzten ſie vorſichtig, di e rinagn gebrauchend, über einen ſchäumenden sbat 3 t reichte der Vordermann dem Nachmanne ie eget e Rechte, ihn an einer abhängigen Wand, wo 282 nur flach eingeſchlagene Stufen dem Fuß einen Anhalt boten, hinauf zu helfen. Jetzt ſtanden die Wanderer an einem Gabelwege: die eine Spitze führte höher zu den Firnen, die andere ſenkte ſich lehn⸗abwärts, und wenn das Auge dem ſchmalen Schlangenſtreif des Letz⸗ tern folgte, traf es auf groteske, ſchwarze Felsmaſſen, wie von einer Rieſenhand in wilder Zerſtörungswuth über einander geſchüttet, mehrere Gewölbe bildend, die mit zwei bis drei weit gähnenden Oeffnungen einen Blick in das Unterirdiſche darboten. ollten wir nicht hier rechts hinunter in die Bären⸗ höhle? fragte der Eine.— Nein, nein, rief der Andere lebhaft, jetzt kein Dunkel, keine Tiefe! Was ſollen wir bei dem Moder und den Knochen der alten Zeit? Dort hinauf in das Licht, zu den Wolken, dort einen langen Blick thun auf das Paradies der jüngſten Schöpfung, das ſoll uns ſtärken für die nächſten, vielleicht düſteren Lebensmonate! Mit einer Sehnſucht, die ich nie hatte zuvor, zieht es mich dort hinauf: die Sehnſucht iſt ſtür⸗ miſcher, heftiger faſt als der Gedanke an die Braut; die Sehnſucht iſt wie ein Schmerz, und doch mir ſo lieb! Wenn wir uns dort oben berauſcht haben in Ju⸗ gendluſt und Erinnerung, wenn wir uns ſatt geweint haben am Gedächtniß des mächtigen Vaters, der uns auf die Eisſpitzen trug, wie der Bär ſein Junges, dann wollen wir in die Knochenhöhle hinabſteigen, wieder nüchtern zu werden und die geblendeten Augen zu er⸗ quicken und zu heilen. Der zweite Wanderer nickte mit dem Kopfe und ein nicht wohllaſſendes Lächeln zog durch ſeine Züge. Sie ſtiegen höher, da rief ein gellendes Gebell ihre Köpfe rückwärts. Es kam von dem großen Fanghunde. Das Thier hatte eine ausgeſchwemmte Stelle im Boden des Wetterhäuschens gefunden, ſich in Verzweiflung durch⸗ gearbeitet, und folgte jetzt ſeinem Herrn in Sprüngen auf dem gefaͤhrlichen Wege. Der Hund wird verunglücken und oben auf der Firn könnte ſein Geheul verderbliche Lähnen losreißen, ſagte unwillig der hinten Gehende. Laß ihn, er iſt von böhmiſcher Art und im Gebirg geboren, antwortete der Vordere; doch drohte er dem Thiere mit dem Eisſtocke und mit zürnender Geberde, und der Hund duckte das Haupt, winſelte nur leiſe und folgte den Weiterſchreitenden nur ſchleichend, von fern und mit hängendem Schweife. Schon wandelten die Brüder jetzt auf der Schnee⸗ bahn, und nur ſelten glotzte geſpenſtiſch eine braune Felsmaſſe ihnen zur Seite aus der eiſigen Kruſte, die das ganze Geſtein überzog; bald wurden die Kuppen völlig zu Eis, und in der ſchönen Beleuchtung des Mor⸗ genlichts wandelte ſich Alles um ſie her zu ſchimmern⸗ dem, halb durchſichtigem Kryſtall, zu blitzenden Demant⸗ haufen, und wären ſie nicht Söhne des Berges, ſondern ſüdliche Poeten geweſen, ſo würde ihre Phantaſie von einer Verſetzung in den Glas⸗ und Juwelenpalaſt eines Gnomenkönigs geträumt haben. Der glatte Pfad ver⸗ ſchmälerte ſich jetzt, indem er zwiſchen zwei hohen Eis⸗ ppramiden hindurch führte; als ſie jedoch durch dieſen Schauerpaß geſchlüpft waren, nahm eine breite Platte ſie auf, und Leo jauchzte hoch und rief, als yätte er eine Ungarnſchlacht geſchlagen, ein tönendes Hurrah in die Luft, welches faſt ſchauerlich durch die tiefe Feier⸗ ſtille hinhallte, die in dieſer Region ſelten geſtört wurde. Bis an den zußern Rand des Plateaus ſchritten die 5— Schauluſtigen vor und ſtanden hier ſtumm und nur mit den Augen genießend. Köſtlich war aber auch das große, faſt endloſe Rundbild, das hier ſich entſchleierte und mit jeder veränderten Stellung ſich weiter entfaltete. Sie ſtanden auf einem Vorſprunge der Salzburger Alpen, und nördlich dehnte ſich das ganze Biſchofsland vor ih⸗ nen aus: das Thal, in dem die geſchlängelte Salza ihr Silberband hingelegt, bald frei und breit, bald wie ein ſchmaler Metalldraht, bald ganz verborgen unter den dunkeln, ſich zum Gewölb zuſammenbauenden Uferfelſen, war dem Blick aufgethan bis nach dem ſtolzen Salzburg hinauf; das feſte S die Metropolitankirche ließen ſich von dem geübten 2 luge ausfinden. Rechts und links ſtiegen die Gebirgsſpitzen auf: das Hochhorn und der große Kogel, und dazwiſchen leuchteten in der Tiefe, wie große Schalen voll geſchmolzenen Silbers, der Wolf⸗ gangſee und das Fuſchermeer. Nach Oſten ſah man weit hin in die Steiermark, und nach Weſten bis gen Ins⸗ bruck hinab, nur nach Süden verſagte die weiße Eis⸗ wand der Tyroler Gletſcher den Fernblick, doch bildet auch hier der Ortelos, der höchſte Berg des deutſchen Landes, einen köſtlichen Proſpekt, da er, wie eine flammende Feuerſäule, von den öſtlichen Sonnenblitzen entzündet, Strahlen und Funken und Dampf nach al⸗ len Seiten auszuſtoßen ſchien. Senkte das Auge des Schauenden, ermüdet vom Fernblick, jetzt halbbedeckt vom Augenlide ſich nieder, ſo traf es auf 3 Phan⸗ taſie nicht weniger bewegende Landſchaft. Rand der Eisplatte lief faſt ſteil hinunter in eine— Tiefe, und am Fuße der glatten, glänzenden Wand breitete der Landſee ſeinen Spiegel aus, und ſein er ſchien klar wie Licht durch das Bild der Eiswand, welches er zurück⸗ 00 5 5 freundliche Dörfer hoben ſich aus den lichten Flecken der Waldung, und von ihnen ſtieg ſeitwärts die Matte tel— und die Brüder ſahen dort den Hirten wieder von vorhin: er ſchien ihnen langſam nachgezogen zu ſeyn, doch war er dort unten klein anzuſehen wie ein Knäbchen, und ſeine kletternden Zicklein glichen Schnee⸗ flocken, die ein Strichwind an den Hügeln verſtreut hatte; richt viel größer erſchienen einige andere Dörfler, die im lichten Buſch eine Zwergeiche niederſchlu⸗ . man ſah, wie ihre Beile ſich hoben und ſielen, aber man hörte den Schlag der den harten Stamm verwundete. Wie ſcharf iſt doch das Gedächtniß aus der Knaben⸗ zeit! ſprach der Eine der Bergſteiger, im Anſchauen ver⸗ tieft. Ein Dutzend Jahre ſind verronnen, eine Welt voll bunter Begebenheiten hat ſich dazwiſchen gelegt, und doch kennt der Sinn noch Alles und nennt es ohne Anſtoß. Sieh dort die beiden runden Schneehügel, denen wir, wilde Buben, den Spottnamen der Säugamme gaben; ſieh dort den ſeltſamen Gletſcher, der, wie die Hand eines heidniſchen Rieſen, ſeine fünf weißen Finger zu dem Himmel ausſtreckt, als wäre die Hand Si indem ſie frevelnd nach dem S Heiligſten gegriffen. Weißt Du noch, wie wir zitterten und das Geſicht fortwende⸗ ten, wenn der Vater uns die Rieſenhand zeigte und di Mähr erzählte? Er drehte ſich bei dieſen Worten halb nach dem Be⸗ gleiter um, doch in demſelben Augenblicke ſchwankte er wie von einem Stoß that einen Schrei und verſchwand am Rande der furchtbaren Eiswand. Der Bruder ſtieß mit dem Springſtab hinterdrein und tau⸗ Schwarze Fichtenwaldung umgränzte den See, e e e . 8 34 melte mit abgewendetem Geſicht zurück, daß ihm die Kniee einbrachen und ſein Kopf faſt den Boden berührte; der ſchwarze Fanghund aber, welcher hinten auf der Platte niedergekauert gelegen, fuhr heulend herbei, fletſchte ge⸗ gen den Liegenden die Zähne, und warf ſich dann über die ſteile Wand dem Geſtürzten nach in die ungeheure Tiefe hinunter. Unten nicht fern vom Wetterhäuschen trafen nicht lange darauf vier Menſchen aus verſchiedenen Richtungen zuſammen. Der Eine war der Hausburſch des Spauer⸗ ſchen Gehöͤfts: er hatte ſich beladen mit einem Tragkorbe voll Geſchirr und Kienholz und Feuerzeug und Victua⸗ lien, denn als Frau Marthe den Marſch der Söhne er⸗ fahren, ſandte ſie ihnen ſogleich nach, um in der Senn⸗ hütte für die Kehrenden eine warme Suppe zu bereiten. Die Andern waren der Ziegenhirt und zwei Holzfäller; die letztern Drei ſtiegen faſt athemlos auf verſchiedenen Steinpfaden an dem ſchroffen Felsabfall herauf. Es iſt ein Unglück auf der Teufelstafel geſchehen! rief den Andern der zuerſt auf die Matte Tretende ent⸗ gegen. Ein Menſch gegen den Seech hinab; ſahet Ihr's auch? entgegnete der Zweite. Wohl ſchaute deutlich, ſagte der Hirt, aber richtig war's nicht damit. Zwei ſtiegen hinauf, Beide ſahen ſich gleich wie zwei Zwillingslämmer, ein Spuk war's ſicherlich, und der Eine der Boͤſe, denn er führte den Andern dicht an den Tafelſaum und zeigte ihm die Herrlichkeiten der Welt, und als der Verführte blinzelte vechts und links, da ſtreckte der Satanas den Arm aus id ſtieß ihn hinab, und fuhr dann in einen ſchwarzen f verwandelt hinter ihm hinunter in den Schlund, rme Scele friſch zu verſchlucken. ah es deutlicher, denn die Sonne ſtand hinter uns, ſprach der Holzfäller. Der Gefallene hing noch an einem Eiszapfen, aber der Andere oben ſchlug mit dem Eiſen nach dem Zapfen, und da erſt fuhr der arme Menſch wie ein Schneeſchlitten die ſchräge Wand hinab und mag unten ein ſchlechtes Bett gefunden haben. Der Hausburſch hatte mit Entſetzen zugehört, jetzt ſchrie er Zeter und ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſammen. Unſere Herrſchaften ſind es, rief er jammernd aus; o, daß Gott erbarm! warum ſtiegen ſie ſo früh nach dem feuchten Wetter! Aber Nachbarn, helft, viel⸗ leicht iſt noch Hülfe möglich; in Häuschen dort liegen das Rettungsſeil und Hülfshaken, ſo viel wir bedürfen. Alle ſtiegen jetzt vollends die Höhe hinauf, da öffnete ſich die Thüre der Hütte und heraus trat Herr Spauer Be S — — im Gemskoller, Silbergurt und der Pickelhaube; ſein Antlitz glühte tiefroth, ſeine Augen brannten unheimlich und die Aepfel ſchienen aus Höhlen getreten. Seyd Ihr ſchon da? fragte er mit rauher, halbverhaltener Stimme. Hinauf und verſucht die Ret der Andreas iſt von der geſtürzt, die über C hä Und ſo ließ er die Erſtaunten e ſei. Weg fort půntitet zum Thale. H raum Magd und Knecht und den Noßbn ben, der en bei der rbeit Auch ihnen rief er herriſch zu: Der Andreas iſt v u inter den beiden Spitzhüten! ich zahle wie — 3 * Als jedoch die Diener vor Schrecken bleich und ſtumm fortgerannt waren, ließ er durch ſeinen Buben die Pferde anſchirren, packte ſelbſt den Mantelſack, und warf ſich, ohne der Mutter ein Lebewohl zu ſagen, auf ſeinen Rap⸗ pen, und verließ im Trabe das Gehöft raſch und ver⸗ droſſen, wie auf Nimmerwiederkehren. Faſt zwei Monate ſpäter trat in der weltberühmten Stadt Wien um Mittag, als ſchon die Uhr auf dem Stephansthurme mit zwölf weitſchallenden alle guten Bürger von der Arbeit zum wohlſchmeckende Lohne gerufen hatte, der Hubmeiſter, Herr Baſtian e gold, erhitzt in ſein kleines Schreibgemach, und eine innere Unbehaglichkeit ſchien ihn zu der Eile anzuſpor⸗ nen, mit welcher er die Staatskleider loszuwerden ſuchte das gelbe Seidenbarett auf den Tiſch legte, den kurzen Degen mit vergoldetem Griff an den Wandhaken hing, das Silberkettchen am Halskragen des ſchwarzen Sam⸗ metmantels losneſtelte und den Mantel ſelbſt über des Seſſels Lehne warf, ſich aber dann, wie ermüdet und abgeſpannt, in den weichgepolſterten Stuhl hinſtreckte. Doch keine Minute lag der wohlbeleibte, reiche Gaſt⸗ geber und Rathsverwandte in behaglicher Träumerei, ſo öffnete ſich die mit Schnitzwerk gezierte Thüre, und zwiſchen dem grimmigen Goliath, der auf den Pfoſten paradirte, und dem kleinen David, der über dem Thür⸗ ſchloſſe ſeine Schleuder ſchwang, zeigte ſich das blonde Köpfchen der roſenwangigen Katharine, und ihr ſcheues Stimmchen fragte: Iſt's erlaubt, Herr Vater? Nur herein! rief der Alte, indem ſein Geſicht ſich ethtiterte und die Hand ſich nach dem Töchterchen aus⸗ 2— 37 — ſtreckte; aber keife mir nicht über den verbrannten Wäl⸗ ſchen, oder den vertrockneten Auflauf. Der Herr Prätor 1 er Herr Quäſtor und alle achtzehn Rathsmänner haben mir die Ohren ſo taub geſchrieen und das Hirn im Haupt ſo wirr geplappert, daß all Dein Predigen über die verſäumte Mittagszeit nur unnütz, wie in den Sturm hinaus gerufen ſeyn möchte. Trage auf für die Leute, Töchterchen; mir laß noch ein Stündchen Ruh, denn mit erhitztem 2 Nagen ſetzt ſich nur ein Leichtfuß zu Tiſch, der nicht ſorgt, daß ihm über's Jahr die Gottes⸗ gabe noch munden möchte. Meine Kathi, wäre nur der Herbſt erſt da, dann ſäßen wir auf unſern Rebenhügeln und dürften uns nicht um ſolche Königsfeſte abmühen, von denen wir die Laſt, Andere die Freude haben. Und auf wen fällt der größte Mühlſtein? Ihr, Vetter Man⸗ gold, ſeyd dabei geweſen, habt den Kaiſer mit gekrönt zu Aachen und die Königstochter mit gefreiet zu Paris, Euch wird die Stadt ernennen zum Plaiſirmeiſter, und Euer Vorrath von Witz wird unerſchöpflich ſeyn in In⸗ ſchriften und Feuerfiguren und italieniſchem Maskenſpek⸗ takel zur Ehre Eurer Mitbürger! ſo ſprachen der Herr Prätor; aber den ſchlimmern Auftrag hingen ſie daran, wie die Kopfpein an den Kind kuſſchmsns: doppelte Trankſteuer ſoll der Hubmeiſter anſetzen und zum Vor⸗ aus von ſeinen lieben Nachbarn eintreiben laſſen; nun ſieht doch der größte Tölpel ein, daß die lieben Wiener, wenn man ihnen zuvor den Beutel gefegt und das lieb⸗ liche Getränk verſalzen hat, ein gar miſerables Vivat ſchreien werden, und ohne ſolche menſchliche Jubelmuſik iſt, wie bekannt, jedes Königsfeſt eine trockene Mumie und einem Scharlachmantel gleich, von dem die Mäuſe und Motten die gefleckten Hermelin⸗Zipfelchen herunter gefreſſen. Doch auch das würde Dein duldſamer und der Lebenslaſt gewohnter Vater tragen, mein Töchter⸗ chen, wäre nur ein Lohn mir nicht verſagt, den ich mir ſelber ausgedacht, und den ich mir auch ſelber zu zahlen gern gewilligt. Kaiſers Majeſtät verlobt ſeine Enkel, und um ſeine Gnade vor aller Welt Augen auf ſeinen Günſtling, den edlen Herrn Dietrichſtein, ganz abſon⸗ derlich hinabzuſenken, hat er befohlen, daß die Hochzeit deſſelben mit dem ſchönen Fräulein von Rottal mitten in dieſen Feſtgelagen, welche die Zuſammenkunft ſo vieler gekrönter Häupter hervorrufen wird, begangen werden ſoll. Ich wollte hundert Gulden in das Hoſpital zum heiligen Geiſt ſchicken, könnte ich mein einziges Töchter⸗ lein auch verfreien in dieſen Tagen, daß es in der Chro⸗ nik geſchrieben ſtände mitten zwiſchen den hohen Namen für ewige Zeit; aber da iſt nun der Spauer fortgereist in ſeine kahlen Berge, und läßt nichts hören, und ver⸗ diente, daß die ſchmucke Braut den kalten Schneemann von Geſpons ſitzen ließe in ſeinem Eis und ſich einen Andern herausſuchte zur Stelle aus den fremden Geleits⸗ männern, die aus Dänemark, Mecklenburg und Braun⸗ ſchweig eingeritten ſind in unſere Thore. Haſt Du Luſt dazu und willſt den Saumſeligen ſtrafen, nur zu, mein Käthchen, der Vater zahlt dem Ausreißer Abſtandsgelder, ſo viel ſein Familienneſt zwiſchen den Eisbergen werth ſeyn mag. Die ſchöne Kathi hatte geduldig die lange Rede des Vaters angehört, weil ſie wußte, daß es dem guten alten Herrn ein Labſal und wahre Arznei war, wenn er nach ſolchen Rathsſitzungen, bei denen Sitte und Reſpekt ihm den Mund geſchloſſen, dem Herzen Luft zu machen ver⸗ mochte. Sie lehnte an ſeinem Knie, hatte den Arm um 39 ſeinen Hals gelegt und ſtand wie in Gedanken ver⸗ ſenkt. Jetzt aber fuhr ſie raſch aus ihrem Traum, zog die Hand zurück und ſagte langſam und gedehnt: Wenn's nur Das wär', was Euch quält, Herr Vater, ſo ſendet den Franzel mit dem Beutel in's Hoſpiz, denn der Leo iſt wieder da, und ſchon heut' Morgen zum Gruß hier im Haus geweſen. Der Hubmeiſter ſchob ſie zurück, ſtand lebhaft erregt auf und that einen kleinen Freudenſprung, ſo viel ihm die Leibescorpulenz ſolche Ausſchweifungen erlaubte. Kathi, biſt Du krank, rief er, zugleich die breiten Hände zuſammenſchlagend, daß Du ſolche Poſt ganz ge⸗ gen die Evenart, zu der Du doch auch gehörſt, ſo lange bei Dir behältſt, und mich plaudern läßt von tauſend Dingen, die für uns Lappalien ſind gegen ſolche eng⸗ liſche Freudenpoſt? Aber wie ſtehſt Du da, triſt wie ein Nönnchen und mit hängendem Köpfchen, eine kranke Taube? Hat der Liebſte vielleicht das Geſicht geſchunden an einer Eiswand, oder hat ihm ein Bär das Auge aus⸗ geriſſen, daß er wie ein Popanz ausſieht, und iſt er dem eiteln Püppchen nicht mehr ſchmuck genug? Wenn's nur das wär'! lallte die Tochter nach. Nun, beim heiligen Nepomuk, lachte der Alte, für ein Jüngferchen iſt das heroiſch geſprochen. Was aber denn, wenn das nicht? Iſt er etwa ungetren worden, hat er ſich in eine fette Melkerin daheim verliebt und iſt hergeritten, Dir den Kauf aufzuſagen? Keine wei⸗ biſchen Albernheiten, keinen Eigenſinn, fügte er ernſthaft hinzu, indem er ſich wiederum niederſetzte und eine rich⸗ terliche Gravität annahm; Du weißt, ſo lieb ich mein Käthchen habe, derlei Dorn und Diſtel dulde ich in meinem Hauſe nicht. Der Leo iſt mir längſt lieb wie ein 40 eigener Sohn, denn er iſt ein Mann, der, wenn er vor vreihundert Jahren im Geleit des ſtreitbaren Friedrichs mitge ritten, ſicherlich von dem Herzog ſo gut den Rit⸗ terſchlag bekommen hätte, als die Zweihundert, welche jetzt die erſten Paläſte der Kaiſerſtadt bewohnen. Darum tritt hier heran, dicht an mein Knie, das Geſicht in die Höh', das Auge aufgeſchlagen, und nun ohne Hehl ge⸗ ſprochen: was drückt Dein Herzchen, und was haſt Du gegen den Bräutigam? Nichts gegen den Leo, daß mich die heilige Mutter Bottes bewahre! entgegnete die Jungfrau. Iſt er doch wieder da und ſtand eben ſo rüſtig und ſchmuck vor mir, als er bei dem Scheiden war, wenn er auch die rechte Hand bei einem Sturz mit dem Pferde verletzt hat und noch in dem Bindriemen trägt. Aber bangen thue ich um den Leo, ich kann's Euch nicht ſagen, Vater, wie ſehr, denn es muß etwas Beſonderes mit ihm vorgegan⸗ gen ſeyn, weil er ganz anders kam als er ging. Er ſieht aus, wie er beim Scheiden war, und doch ſoll er anders ſeyn, als er ging? Mädel, reiß mir den Geduldsfaden nicht! fiel der Hubmeiſter faſt zürnend ein. Bitte, bitte, Väterchen! ſprach ſie ängſtlich und hob die feinen Hände zuſammengelegt auf zu ihm. Höret nur Euer Kind ganz aus und urtheilt dann ſelber. Als der Leo in's Haus trat, hat er den Kellner gefragt nach der Jungfrau Mangold und ihn gebeten, ihm das Ge⸗ mach zu zeigen, wo ſie zu finden. Nun, Vater, wißt Ihr doch ſo gut als ich, daß die große ſchwarze Tafel des Hausmeiſters nicht Platz haben würde, wollten wir ür jeden Beſuch, den mir der Leo auf meinem Zimmer zu jeder ehrbaren Tageszeit gemacht⸗ einen Kreideſtrich auf das Brett zeichnen. Der Franzel lacht, als Spauer jedoch die Forderung wiederholt, zeigt er ihm die Steige hinauf und deutet ihm meine Thür' an. Still ſitze ich darin und hefte mir die großen weißen Sammetpuffen auf das blaue Seidenkleid, das Ihr mir zu dem Kaiſer⸗ feſt geſpendet, und die Bäschen ſitzen neben mir und helfen an der Nätherei. Da tritt er ein zu uns, und als die blonde Chriſtel, die ihm die nächſte ſtand, ſich zuerſt nach ihm gekehrt, ſo fährt er auf ſie zu, ergreift ihre Hand und ſpricht mit Heſftigkeit: Glück zu, herzliebe Braut! Da bin ich wieder und freue mich Eurer Ge⸗ ſundheit! Wir Andern ſahen herum, klang mir doch auch die Stimme gar bekannt, obwohl ſie rauh und heiſer tönte vom langen Ritt im heißen Sommerwetter, und als ich den Leo erſchaue, ſpringe ich auf, werfe Kleid und Nadel an den Boden, und fliege, freudig auf⸗ ſchreiend, an ſeine Bruſt und nenne ihn meinen lieben Lev, und ſchmäle, daß er ſeine Katharina ſo lange ohne Botſchaft gelaſſen. Er ſteht wie verdutzt, ſein gebräun⸗ tes Geſicht wird hochroth, er ſchaut bald auf die Chri⸗ ſtel, bald auf mich, bis ich ihn frage, ob er mich denn gar nicht erkenne. Da kommt Leben und Rührung in ihn, und er umfaßt mich ſo derb und herzt mich ſo heiß, und überhäuft mich nun mit ſo unſäglich vielen Liebes⸗ worten und Schmeichelreden, daß jetzt an mich die Reihe kam, zu ſtutzen und zu fragen. Er entſchuldigte ſich nun, daß er einen Scherz gemacht bei dem Eintritt, und bat, das fremde Fräulein möchte ihm den Einfall verzeihen, und es war doch Bäschen Chriſtel, mit der er längſt, auf Du und Du ſtand, die er oft in die Schaukel ge⸗ hoben und im Eisbock gefahren. Als ich ihn darob ver⸗ lachte, wurde er ganz ernſt und ſah mich recht bös an, wie er ſonſt nie gethan, daß ich mich gefürchtet hätte vor dem Blick, wäre er nicht aus Leo's Angeſicht zu mir gekommen; ſchnell aber lachte er wieder recht freundlich und herzte mich heftig, und ſprach nun raſch und ohne Ende von ſeiner Reiſe und von ſeiner Mutter und ihrem Gruß und Segen für uns, und von unſerer Hochzeit, und wie ich Euch bitten möchte, dazu zu thun, daß ich, die verwundert bei ihm ſaß, ſtumm zuhörte und mir kaum ein Wörtchen dazwiſchen zu werfen erlaubt blieb. Ueber die Mädchenpoſſen! rief ungeduldig der Vater zwiſchen die Plapperworte; wenn das all' Deine Klage iſt, ſo wirſt Du ab und zur Ruhe verwieſen, und der Leo ſoll ſich obendrein die Koſten von Dir zahlen laſſen. Seh' mir die kleine Aeffin: ſoll ſich der Liebſte nicht ein⸗ mal einen kleinen Spaß erlauben, um ihre Eiferſucht zu erproben; ei, Du angehender Haustyrann! Und wo lebt im ganzen deutſchen Reiche eine Dirne außer Dir, die Klage führte, daß des Liebſten Kuß zu heiß und ſeiner Umhalſungen und Herzlichkeiten zu viele geweſen? Du biſt ein ſeltener Goldvogel, Mädchen, aber Deine Sonder⸗ heit kann mir vor der Hochzeit nicht ſonderlich gefallen. Das Mädchen ſchlug verſchämt die Augen nieder. Ihr möget ſpaßen oder zürnen, antwortete ſie, ſo bleibt's dabei: es iſt nicht Alles, wie es geweſen. Des Leo Liebe war ja meine höchſte Freude, und der Tag ward mir lang, bis die Stunde ſchlug, wo er kommen durfte; wie ſollten mir denn ſeiner Liebkoſungen zu viele werden? Aber wenn er ſonſt bei mir ſaß, legte er nur ſanft und faſt ſcheu den Arm um mich, und ſein Wort klang mild zu meinem Ohr, wie Glockenklang, der zur Mette ruft, und die Liebesgabe, die er wünſchte, begehrte er nur mit dem Auge, und nahm ſie zart wie ein glückliches Kind⸗ Heute ſchien mir das Alles ganz anders: er weckte mir Furcht ſtatt Wonne, Angſt ſtatt Seligkeit; o Vater, er⸗ laß mir das Weitere, ſchämt Eure Tochter ſich doch ſelbſt vor Euch über das Geſagte. Abex wenn Ihr Eure Ka⸗ tharine lieb habt— ſie drückte inbrünſtig des Vaters Rechte zwiſchen ihren Händen— ſo kümmert Euch um ihn, denn er iſt krank, recht krank, glaubt es meiner Ahnung: ich ſah es in ſeinen entſtellten Zügen und den unſteten Blicken ſeines ſonſt ſo ſtill leuchtenden Auges; ich hoͤrte es in ſeiner ſcharf und unheimlich tönenden Sprache; ich fühlte es an ſeinem rohen und doch zitternden Handdruck. O Ihr hättet's auch ſogleich herausgefunden, hättet Ihr ihn zuletzt noch geſehen, als ihn die Baſe fragte, ob er auch an die Geſchenke gedacht, die er uns mitzubringen verheißen: Ohrgehänge von buntem Geſtein, und glatt gedrehtes Geräth von grün⸗ſchwarzem Serpentin, und feine Stahlkettlein von Ebenau; er ward bleich wie die Zimmerdecke und ſtotterte unverſtändliche Antwort. Und als ich ihn darauf an Euch erinnerte und ihm er⸗ zählte, wie Ihr ſo oft von ihm geredet, und wie Ihr, wenn er heute das Mittagbrod mit uns nehmen wollte, mit Vergnügen von ihm hören würdet, wie es ſtände um ſeiner Väter Gut im Gebirge, und wie er Mutter und Bruder gefunden, und ob er auch vorbereitet und angeſagt die verſprochene Reiſe mit uns dahin, da ſprang er heftig auf, ſprach von dem Oheim, dem hochwürdigen Biſchof, und daß er dieſem ſeinen Beſuch zu machen, und ehe wir's gedacht, war er auf und davon. Der Hubmeiſter wurde, je länger die Jungfrau ſprach und je länger die Stimme der Tochter mit dem Tone der klagenden Nachtigall zu ſeinem Ohre klang, je gedan⸗ kenvoller und aufmerkſamer zugleich. Jetzt legte er ſeine Hand ſanft auf das ſchlichte Flachshaar des ſchönen Kin⸗ des, und ſtrich ihm mehrere Male über die lilienweiße Stirne, wo ſeine Finger feuchte Angſttropfen verwiſchten. Du haſt recht, mein gutes Käthchen, ſprach er vä⸗ terlich; aus der Beſchreibung würde ich meinen gemüth⸗ lichen, beſonnenen, offenen Leo nicht herausfinden. Es iſt ihm Etwas begegnet daheim, was er vielleicht Dir verſchweigen möchte, um Dir eine Unruhe zu erſparen. Einen ſchlechten Streich hat er nicht begangen, das ver⸗ bürgt mir ſein Blick, der mir auch jetzt vor der Seele ſteht, da er fern iſt. Beruhige Dich; wir wollen nach der Mahlzeit den Franz zu Leo's Quartier ſenden und ſeinen Roßbuben hercitiren laſſen. Der wird ſchon beich⸗ ten, und will er nicht, gehe ich ſelbſt und ſpionire für die Ruhe meines Kindes. Das Mittagsmahl war verzehrt, der Kellner verſchickt worden, und auf demſelben Fleck, wo die letztere Scene ſpielte, ſaßen dieſelben Perſonen, und vor ihnen ſtand Konrad, der Roßbub, und mußte ein peinliches Verhör aushalten. Doch der Hubmeiſter merkte ſchnell, daß er der Daumſchrauben hier ſo wenig bedürfen würde, wie der ſchlauen Schlingreden und Fangfragen, denn der junge Knecht befriedigte, ſobald er nur erſt wußte, was man von ihm gewollt, die Neugier der Examinatoren freiwillig und auf das Vollſtändigſte. Freilich, berichtete er, ſey der Herr Spauer als ein ganz Anderer heimgekehrt, und ihm ſey anfangs recht graulich und bang in ſeiner Nähe geweſen, aber wer die Urſache wiſſe wie er, könne ſich darob nicht abſonderlich verwundern. Breit und ausführlich erzählte er nun ihre Ankunft in dem Salzburger Alpenthale und von der — 4 linden Mutter und dem Bruder, und wie die Beiden ſo zärtlich mitſammen gethan, daß es eine Gottesfreude geweſen, zuzuſchauen. Fünf Tage habe leider nur die Herrlichkeit gedauert; da, an dem Unglückstage, wären die Brüder in die Eisberge geſtiegen, aber nur Einer, ſein Herr, ſey zurückgekehrt, denn der Andere ſey von der höchſten Gletſcherwand in den See hinabgefallen und habe einen gräßlichen Tod gefunden. Er beſchrieb mit der grellen Malermanier ſeines Standes, wie Herr Lev ausgeſehen, als er die Trauerpoſt im Hofe ausgeſchrieen, wie er ge⸗ glaubt, den Herrn würde der Schlag treffen, ſo kirſch⸗ braun ſey ſein Geſicht geweſen und ſo ſtarr hätten die Augen ihm vor dem Kopf gelegen; auch müſſe ihn eine Fieberangſt von dem Hofe getrieben haben, ſo ſchnell ſey die Abreiſe von ihm beſchafft worden. Die erſten Tage, ſo lautete ſein Bericht fernerhin, ſprach Herr Spauer kein Wort, ſtarrte immer über den Pferdekopf hinaus und maltraitirte den Rappen nicht wenig, der durch die fünftägige Raſt muthwillig und heiß geworden; er aß und trank dabei gar wenig, und in der Nachtherberg wälzte er ſich auf dem Lager, ſchlief nicht viel und rie oft den Leibknecht an. Er nahm nicht den geraden Weg nach Wien zurück, ſondern bog rechts ab in's Kärnthner⸗ land hinein, und folgte dem Zuge der Bergreihen bis nach Laibach hinauf; dann bog er wieder links in's Steiermärkiſche auf Grätz zu, und kam ſo langſam und auf einem großen Umwege zum Ziele. Nach einigen Ta⸗ gen ſchien ſeine Zunge wiederum aufgethauet, er ſchien das Bedürfniß der Mittheilung, der Zerſtreuung zu füh⸗ len; er fragte den Knecht, der bislang reſpektvoll hinter ihm geritten, nach Mancherlei, was auf dem Wege vor⸗ kam, und der Bube, froh, daß der Maulzwang von ihm 5 — — genommen, planderte jetzt ungefragt, wie er es ſonſt mit dem Herrn gewöhnt, merkte aber dabei zu ſeinem nicht geringen Schrecken, daß Herr Spauer durch den unglücklichen Tod des Bruders Schaden genommen haben müſſe, denn ſein Gedächtniß war zum Erſtaunen ſchwach geworden, ja ſchien zuweilen völlig verloſchen, denn er nußte ſich auf die Herrengaſſe beſinnen, wo doch der Herr Dietrichſtein reſidirte, bei dem er in großen Gna⸗ den geſtanden; er wußte nichts von dem im ganzen Lande berühmten Baſilisken, aus Stein gehauen, der an dem Hauſe des Herrn Mangold zu ſehen iſt, kannte nicht einmal den heiligen Kreuzerhof, welcher doch dicht bei dem Hauſe zum rothen Kreuz gelegen war, worin ſeiner Braut Wiege geſtanden und worin auf ihn das Braut⸗ pett wartete. Aber noch wunderbarer kam es dem Roß⸗ vuben vor, daß ſein Herr dieſe Schwäche ſeines Gedächt⸗ niſſes ſelbſt zu bemerken ſchien und doch nichts davon merken laſſen wollte, denn wurde er daran erinnert, ſo fuhr er gar ungeberdig auf, und unchriſtliche Flüche, wie man ſie ſonſt nie von ihm gehört, ſtrömten aus ſeinem Munde, und es vergingen dann Stunden, ehe er ſich wieder vis zu der Freundlichkeit zurechtfand, die ihm von jeher zu eigen war und ihn beliebt gemacht bei Jedermann. Auch hier, in Wien, der Freudenſtadt, von der er vor einigen Monaten ſich ſo ſchwer und ſchmerz⸗ lich getrennt und auf jeder Berghöhe nach ihr umgeſe⸗ hen, war bislang der böſe Geiſt nicht von ihm gewichen. Als er geſtern Abends angelangt, hatte er ſich in ſein Stübchen verſperrt, und ſeine Meldung durch den Konrad vollziehen, auch anzeigen laſſen, daß er krank heimge⸗ kehrt und die Verſtauchung ſeiner Hand ihn vor's Erſte untüchtig zum Dienft machen würde. Einſylbig hatte er — M v 3 — 4 den vifitirenden Hauptmann begrüßt und von ſeinen F meraden bis jetzt Keinen zu ſich gelaſſen, und als er Morgens ſich angeputzt, um das Haus der Braut zu be⸗ ſicſeh⸗ hatte er ſtundenlang in ſeiner Truhe gewühlt und alle ſeine Kleidungsſtücke im Zimmer verworfen, ehe er mit dem Anzug zu Stande gekommen Die ſchöne Katharina bewies den Antheil, welchen ſie an der umſtändlichen Erzählung des Buben nahm, durch die Thränenperlchen, welche ſich unter den langen Augen⸗ wimpern hervorſtahlen und zuletzt zu einem fließenden Bächlein wurden, welches den Schultertheil von ihres Vaters Hausrock, an den ſie das Geſicht bergend gelehnt, wacker durchnäßte. Auch der alte Hubmeiſter verhehlte die tiefe, innere Bewegung nicht; weich vor Rührung nahm er die Tochter in ſeine Arme und ſprach: Siehſt Du, mein Kind, wie voreilig der Menſch aburtheln und verdammen kann, wo er ehren und beklagen ſollte! Der Leo iſt ein Ehrenmann und muß noch höher ſtehen bei uns als vorher, denn die hat ihn bis auf den Tod verwundet. Wo der ſein Wort gegeben, da bricht er's nicht, und der xaß d Außenwelt konnte ein ſolch' herrliches Gemüth nicht abwenden von meiner frommen, fleißigen Kathi. Aber laß uns nun auch den armen erkrankten Freund pflegen, wie es ſeine tiefe, gar ſchmerzliche Krankheit bedarf. Nichts ſoll ihn erinnern an ſeinen großen Verluſt, und macht er ſich vielleicht Vorwürfe, daß ſeine Reiſe zum Bruder Schuld geweſen an dem entſetzlichen Unglück, und iſt in dieſem gräßlichen Angedenken vielleicht Vieles von dem aus ſeinem Ge⸗ dächtniß verloren gegangen⸗ was früher darin aufge⸗ nommen, ſo wollen wir uns bemühen, das Schreckens⸗ bild durch neue, freundli ihe Lebensbilder zu verwiſchen. Ja, mein Käthchen, ich hoffe, Du wirſt ihm der beſte Arzt ſeyn, und da ein guter Arzt ſolch' bedenklichen Kran⸗ ken immer in ſtrengſter Aufmerkſamkeit bewahren muß, will er ſeine Pflicht vollauf erfüllen, ſo werde ich eiligſt ſorgen, daß Du ihn völlig in Deine Gewalt bekommſt, und ftündlich, ja augenblicklich Deine S Heilmittel anzu⸗ wenden vermagſt. Ich wette, nach einem? Jährchen wird er der alte Leo ſeyn und gar andere bunte Grillen und annehmliche Sorgen an der Stelle dieſer ſchwarzen Ge⸗ ſpenſter in der Seele tragen. Er entließ den Konrad beſchenkt mit einem großen Silberſtücke, nachdem er ihm das Verſprechen des Schwei⸗ gens über dieſes Examen abgenommen und ihmm ehrere Lehren in Betreff ſeines Verhaltens gegen den Herrn gegeben hatte. Katharinchen aber legte ſich dem wackern Vater in heißer Dankbarkeit an's Herz: in keinem Mo⸗ mente ihres Lebens hatte ſie bis jetzt es ſo eindringlich empfunden, wie wohl ein Kind daran iſt, über deſſen Haupte ein verſtändiger, liebender, ſorgſamer Putie waltet, und welche fromme Pflicht es iſt, ihn als d höchſte Wohlthat des Himmels zu ehren und ihm dur ſtrengſten Gehorſam zu vergelten. Der Roßbub des Herrn Spauer hatte jedoch Gele gnheit⸗ ſich noch einige Mal im romantiſchen Style der Volkserzähler zu üben, und er trug jedesmal di Trauermähr von dem verlorenen Bruder umſtändlicher und zugleich grauenhafter vor, weil er merkte, daß die Biergelder, die man ihm dafür verabreichte, mit dem Maßſtabe ſeiner Ausmalungen wuchſen. Zuerſt mußte er bei dem Biſchofe, dem hochwürdig⸗ ſten Herrn Leo von Spauer, Beichte ſitzen. Als der junge M g — 8 49 Spauer den Ohm zu beſuchen kam, traf er einen klei⸗ nen, unanſehnlichen, alten Mann, der einen grauen ab⸗ getragenen Kapuzrock trug und das dünne, weiße Haar mit einem ſchwarzen Käppel bedeckt hielt, an einem Krückſtock auf dem offenen Corridor herumſchlich und an den blühenden Gewächſen, welche in großen Porcellan⸗ töpfen auf dem breiten Rande der Gallerie aufgeſtellt waren, ſeine trüben Augen und ſeinen Geruchsfinn mit dem Vergnügen eines guten Schmeckers zu ergötzen ſchien. Spauer trat herriſch und in hochmüthiger Haltung zu ihm und fragte kurz, ob der hochwürdige Herr zu ſpre⸗ chen und welche von den vielen Thüren des Corridors die ſeines Audienzzimmers ſey? Der Alte am Krückſtock erhob ſeinen gekrümmten Nacken in Etwas und brach alsdann in ein lautes Gelächter aus. Spauer ſtutzte und in Unwillen aufglühend faßte er den Greis unſanft bei dem Aermel und ſprach haſtig: Wiſſet Ihr, wer vor Euch ſteht? Der Vetter des gewaltigen Herrn Biſchofs wird es nicht ohne Anklage leiden, wenn ſeines Oheims erbärmlichſter Diener ihn alſo beleidigt.— Der Alte hielt ſchnell mit Lachen ein und fixirte mit Anſtrengung ſeiner Augen den Erzürnten. Mein ſchmuckes, geputztes Männ⸗ lein, fragte er mit Humor, ſage mir, hat der ſtarke Duft des Jasmins oder dieſer weißen Jungfrauenlilie Dein Hirn eingenommen, oder biſt Du von einer Viper ver⸗ wundet, oder haſt Du auf dem Ritt einen Sonnenſtich bekommen?— Spauer ſchoß einen wilden Blick auf den Spötter; verächtlich ſprach er jedoch dazu: Was ver⸗ führt mich zu der Thorheit, mit einem kindiſch gewor⸗ denen Graukopf die Zeit zu verſchwenden? Zeigt mir die Thüre, die ich ſuche; wo nicht, ſo wird ein anderer Diener des Biſchofs geſchmeidiger das Trankgeld ver⸗ Blumenhagen. XV. 4 50 dienen. Er wollte vorüber ſchreiten, da faßte ihn die Hand des Alten, ſein faltiges Geſicht nahm ſchnell eine ernſte und beſorgliche Miene an und er ſagte: Leo, biſt Du denn wirklich ſieberkrank und hirnverwirrt? Komm ſchnell in mein Gemach, daß ich Dir einen Kühltrank gebe. He, Martin, Euſtazius! rief er lauter, als man von dem ſchwachen Körper hätte glauben mögen, her⸗ bei, eilet, Du zu dem gelahrten Herrn Fugger, er ſoll eine Ader ſchlagen, und Du zu dem Schweizer Wunder⸗ poktor, dem berühmten Herrn Paracelſus Bombaſtus, er ſoll uns von ſeinem Laudanum ſenden, denn unſer geliebter armer Vetter iſt ſchwer erkrankt und in ſicht⸗ licher Lebensgefahr, weil, wo das Hirn leidet, der Tod leichtlich ohne Prologus und ex abrupto zu erfolgen pflegt.— Die Diener des Biſchofs flogen herbei und Spauer ſtand einen Augenblick verdutzt, dann warf er ſich, ſeinen Irrthum erkennend, in die Kniee vor dem Greiſe und drückte ſein erblichenes Geſicht feſt auf die dürren Hände des beſorgten Prieſterfürſten. Ruhig, mein guter Burſch, bat dieſer, bei einem ſolchen Uebel iſt jede alteratio animi höchſt nachtheilig. Wohl uns, wenn der Paroxismus vorüberging, doch muß darum die Vorkehr nicht verabſäumt werden.— Spauer nannte ſich ſelbſt jetzt ſinnverwirrt, klagte über böſes Blut, Schwindel und quälende Träume, deren Bilder vielleicht mehr den prieſterlichen Exorcismus als den leiblichen Arzt nöthig hätten. Der gutmüthige Greis ſorgte ſich um ihn wie eine Pflegamme um das verweinte Kind, entließ ihn bald, um ſich zu Haus auszuruhen, ſendete aber ſogleich zum Konrad, und erfuhr von ihm die ſchon erzählte Hiſtorie. Etwas Aehnliches geſchah bei der erſten Begegnung Spauers und ſeiner lußtigen Kameraden. Drei derſelben V ſ eſuchten ihn, ſobald der Konrad Erlaubniß erhalten, Beſuch einzulaſſen, und luden ihn zu einem Schmauſe, den ſie ſogleich veranſtaltet, um ihn zu ehren. Spauer empfing ſie mit laut geäußerter Frende, nur verwechſelte er im fernern Geſpräch bald den Rampersdorfer mit dem Floßhard, bald dieſen mit dem Moſtbruner. Die Erſtern ſchienen dieſes ſeiner Gemüthsbewegung zuzurech⸗ nen, der Letztere aber, welcher als luſtiger Rath in der Kaſerne und Wachtſtube zu agiren gewohnt war und ſich nicht leicht eine Gelegenheit entwenden ließ, einen witzi⸗ gen Ausfall zu thun, griff den Spauer an die Schulter, und ihn mit ſimulirtem Ernſt zu ſich drehend, ſprach er im barſchen Tone: Halten zu Gnaden, Herr Bruder Löwenherz, wie iſt die Sache eigentlich gemeint? Hätte man mich Leo oder Floßhard benannt, ſo ließe ein Mann, der Etwas auf ſich hält, ſich derlei gefallen, ob⸗ gleich Jeder am liebſten bleibt, was er iſt, denn Jeder⸗ mann iſt ſich doch ſelber das Beſte. Aber mich mit des Rampersdorfers langweiligem Namen zu rufen, iſt wie ein Stich mit dem Ellenbogen oder ein Stoß mit dem Fäuſtel; denn kann der arme Bub auch nichts dafür, daß ſeine Naſe zu klein gerathen und, mit der ſtumpfen Spitze dem Himmel zugerichtet, einer aufgeknackten Zwil⸗ lingsnuß ähnlich ſieht, kann er nichts dafür, daß er mit ſeinem Speckwanſte zu Roß eher dem weißen Sack des Donaumüllers als einem kaiſerlichen Gardiſten ähnelt, ſo iſt es doch ſehr anzüglich, wenn man ſich vermißt, ein anderes wohlgeſtaltetes Menſchenkind mit ſolchem Namen zu rufen, und deßhalb frage ich den Herrn Bru⸗ der, was er mit ſolchem ernſten Spaße vermeinen thut? Spauer machte ſich mit ſeiner natürlichen Kraft ſchnell und heftig von dem Angreifer los und enigegnete im b 5 Tone des Unwillens: Bleib' mir vom Arm! Ein recht⸗ licher Kerl leidet keine fremde Hand an ſeinem Fleiſche. Poſſen mag Jeder treiben, wie er will, darf ich nur nicht einen Flicken zu der Narrenjacke liefern. Hoho! rief der Moſtbruner luſtigen Tones, der Herr Bruder ſind nicht aufgeräumt oder ſind gar hochmüthig geworden. Ja, ja, die Reiſe zu Dero ſtattlichem Fami⸗ lienſchloß ließ nichts Anderes erwarten. Wie befindet ſich denn der höchſtedle Herr Bruder Andreas, von dem Hochdieſelben uns früherhin manche herrliche Schnurre erzählt, die unſern ächten Wiener Bären nichts nachgab? Trägt der Herr Andreas noch ſtatt des Haupthaars ein Vogelneſt auf der Scheitel, in welches eine Eule ihre Brut ſetzen könnte, und in welchem er in der Dämme⸗ rung die Fledermäuſe fängt? Und hat der Herr An⸗ dreas annoch ſolchen geſegneten Murmelthiers⸗Schlaf, daß man ihm brennenden Zunder auf die Finger legen muß, um ihn zur Mittagszeit an die Schüſſel zu rufen? Wer ſagte das von dem Andreas? brüllte Spauer. Ein Schurke, wer's zuerſt erzählt, ein Schurke, wer es nachgeſchwatzt!— Er fürzte in plötzlich erwachter wil⸗ der Wuth nach der Wand, wo das Schwert hing, und Alle fuhren erſchrocken von ihm weg, da öffnete ſich die Thüre und der Hauptmann trat herein. Spauer, ſagte der Offizier, es thut mir leid, aber Ihr habt Arreſt und müßt mir folgen zum Thurm. Ihr werdet bleich wie die Wand; Ihr zittert und laßt die Klinge fallen? ſetzte der Gutmüthige hinzu. Freilich iſt einem Ehrenmanne, der nie im Dienſt eine Strafe er⸗ hielt, die erſte wie ein halber Tod; doch habt Ihr kei⸗ nen Schimpf dabei, denn die Disciplinarſtrafe trifft Euch nur, weil Ihr über die Urlaubszeit draußen geweſen, ind könnet Ihr beweiſen, daß Euer S Sturz zu Grätz und der verletzte Arm den Aufenthalt geboten, ſeyd Ihr mor⸗ — — — — 3 S —= — — — — 1 — — S S — ₰ — — — —— S — S — — — G S 6 8 — — — — — = L ein We taht ihn erſchüttert i den Wen aug enblicks zum Lamme gewandelt. Jetzt aber trat d 5 8 5½ Moſtbru mner zu ihm und ſchlug traulich den Arm um 0 7 7 0 7 ſeine Schulter. e S fagte e Mann mit Bitttone, laßt den wackern Leo noch hier⸗ gebt 2 A tüfſchu, bis wir und die ganze Compagnie für ihn Freundeswort eingelegt. Im Thurme ſind ſchmutzige Fußboden und Wände, und der weiße Koller eines Leib⸗ reiters erträgt ſolche Flecken nicht gut. Müßt Ihr aber auf der Stelle einen zweibeinigen Paſſagier dort einlo⸗ giren, ſo nehmt mich für's Erſte: mein leichtfertiger Sinn ſchüttelt den Platzregen leichter ab, und ich ſchnalle das über den Flec. er Hauptmann lächelte über den ehrlichen Burſchen und wollte gerade verneinend ahpr n„ da kam der ihm ie und rief. zum Oberſt, bei dem der hochwürdige Biſchof Vorbitte wegen des Arre⸗ ſies gethan. Der Jähzorn, den ſeine Kameraden an Freund Leo in dem Maße nie bemerkt, und nicht weniger die Art der Verwendung des Biſchofs bei einer ſo geringfügigen Veranlaſſung erregten die Nachf forſchung der Neubegier, und bald war Spauers unglückliche Niſe in das Va⸗ terl ah der Gegenſtand des Ge in allen Tabernen der Stadt wie in den Gemächern Kaiſerburg bis hinauf zu dem prunkvollen Lrfeenng der Majeſtät ſelbſt, und überall wurde der junge Soldat bedauert und ſeine geiſtige Zerrüttung geachtet als eine Geburt der innigſten, edelmüthigſten Bruderliebe; man betrachtete ihn mit Hochachtung, man behandelte ihn mit Auszeich⸗ nung; ſelbſt in den d Umgebungen des Kaiſers ſprach man darüber, daß ein ſo tief empfindender Mann, der dazu in der ungariſchen Fehde ausgezeichnet brav gedient, eine beſondere Rückſicht auf Beförderung ver⸗ diene, und die Jungfrauen der Lürgerſchh neideten die blonde Mangold ſeitdem doppelt um den Bräutigam, von dem man ja die zarteſte Herzlichkeit gegen die Liebſte erwarten durfte, da er als ein Märtyrer der Bryde erliebe daſtand. Der Hubmeiſter aber bemühte ſich beſonders und ächt väterlich, der Arzt ſeines Lieblings zu werden, und er⸗ freuete ſich auch von Tag zu Tag über den Anſcheit des Gelingens ſeiner Kur. Spauers Tiefſinn, ſeine Zerſtreutheit, ſeine Scheu in Geſellſchaften, ſein heftiges, gereiztes Weſen, ſeine Empfindlichkeit verloren ſich mehr und mehr, er fand ſich wieder zurecht im gewohnten Lebensgleiſe, und auch ſein Gedächtniß ſammelte ſich wieder, ſeitdem man es mied, ihn auf die Irrthümer deſſelben aufmerkſam zu machen. Die ſchöne Katharina ſchien am lebhafteſten auf ſeine Geneſung einzuwirken: bei ihr war er bald der freie, fröhliche, glückliche Buhle, und ſie theilte ſeine Fröhlichkeit, wenn ſie ſich auch erſt nach und nach an Manches in Weiſe und Benehmen gewöhnen mußte, was ihr bei dem Geliebten als fremd aufſtieß. Jetzt kam die Zeit, wo eine Verſammlung vieler ge⸗ krönten Häupter den freudeluſtigen Wienern einen monat⸗ langen Feſttag verſprach, eine endloſe Wonnezeit, deren — Vorbereitung ſchon für eine Reihe von Jubeltagen gel⸗ ten konnte, weil ſie in dem Anblick der bereiteten Herr⸗ lichkeiten Sinn und Herz in Hoffnungen auf tauſendfäl⸗ tige Genüſſe voraus berauſchte. Die Haupturſache die⸗ ſeß fürſtlichen Vereins in der Kaiſerſtadt war doppelter Art. Zuerſt galt es den längſt gewünſchten Abſchluß ei⸗ nes engen Freundſchafts⸗Bündniſſes zwiſchen dem Kaiſer Mar und dem Könige Sigmund von Polen; dann hatte ſich der Ungarkönig Wladislav bei dem Kaiſer zum Be⸗ ſuch angemeldet nebſt ſeinem Sohne Ludwig und ſeiner Tochter Anna, und eine feierliche Verlobung des Erſtern mit Maria, der Enkelin des Kaiſers, und der Letztern mit Ferdinand, dem Enkel des Kaiſers, ſollte dieſem Beſuch eine höhere Bedeutung und eine heilige Weihe geben, da der Friede zwiſchen drei Nachbarländern dadurch auf lange Zeit beſchworen und dem Volke die Verheißung einer lang entbehrten Sicherheit geſpendet wurde. Würdig des großen Zweckes erſchienen dieſe Feſtwochen und bil⸗ deten die einzige merkwürdige Periode in Maximilians Regierungszeit. Acht Tage hindurch turnirte man zu Ernſt und Scherz, und zwanzig fremde Fürſten, darun⸗ ter die Königin von Dänemark, der Herzog von Braun⸗ ſchweig, der Brandenburger Markgraf, die Herzoge von Bayern und Mecklenburg, mehrere Kardinäle und eine zahlloſe Menge italieniſcher, ungariſcher und polniſcher Edelleute zierten Valkon und Stechbahn, und hatten Phantaſie und Schatz aufgeboten, um ſich in Pracht und Herrlichkeit zu überbieten. Das Prunkkleid des Kai⸗ ſers ward auf eine Million an Werth geſchätzt, und bei den täglichen Gaſtgeboten, wo lurulliſche Verſchwendung und Leckerei auf den Tafeln herrſchte, blendete der Reich⸗ thum der goldenen und ſilbernen Geräthe die Augen, 56 und die ausgezeichnetſten Gerichte wurden in Schüſſeln aufgetragen, deren Rand mit den köſtlichſten Edelſteinen ausgelegt worden. In der letzten Feſtwoche richtete der Kaiſer ſeinem Günſtlinge, Herrn Sigmund Dietrichſtein, die Hochzeit aus mit dem Fräulein Barbara von Rottal, und mehrere der Edeln wie der Bürger Wiens beeilten ſich vor dem Schluſſe des Feſtmonats, für ihre Familien einen Erinnerungstag an dieſe Zeit zu knüpfen, ſey es e Verlobung, einen Ritterſchlag, oder irgend eine andere wichtige Hausbegebenheit. Auch Herr Baſtian Mangold, der Hubmeiſter, hatte nicht ermangelt, alles Nöthige zu der Erfüllung ſeines Lieblingswunſches vorzubereiten, und der biſchöfliche Greis, der edle Dietrichſtein, der Oberſt der Küraßreiter, Herr von Wolkerſtorf, ja ſelbſt des Kai⸗ ſers Majeſtät und mehrere der fürſtlichen Gäſte, denen die Trauerhiſtorie des wackern Spauers nicht unbekannt geblieben war, bewieſen ihre Theilnahme durch die rei⸗ chen Geſchenke, die am Tage vor der beſtimmten Hoch⸗ zeit in das Haus der ſchönen Braut geſendet wurden. Herr von Dietrichſtein 1 und hing ihm eine goldene Ehrenkette um, wie er ſagte für die treuen Dienſte, die der Stallmeiſter ihm in Ita⸗ lien geleiſtet, und verkünde daß ſofort nach der Hochzeit ihn der Biſchof zu ſeinem Erben und zum Beſitzer der Familienſchlöſſer in Tyrol erklären, der Kaiſer aber ihn nach gnädigſt ertheiltem Ritterſporn zum Bannenträger der berittenen Garde er⸗ durch eine Hochze lange gepflegten nennen würde. it, ein — den Bräutigam zu ſich laden te ihm zugleich im Vertrauen, Der junge Spauer ſchien betäubt von dem Uebermaße von Schickſalsgunſt, die ſich ſo plötzlich über ihn ergoß; mit Betrübniß bemerkten, die am nächſten ſtanden, Rück⸗ 2 fälle von ſeiner vorigen Geiſteskrankheit, von Verwirrung und Menſchenſcheu, hofften jedoch in dem höchſten Feſt⸗ tage, zu er ſelbſt mit heftiger Sehnſucht gedrängt, die ſicherſte Medicin, und täuſchten ſich nicht darin, denn je näher der teien kam, je ruhiger und feſter wurde Spauers Benehmen, ja man ſah in ſeinem ſtolzern Gange, ſeinem zurückgebogenern Haupte, ſeinen leuchten⸗ den Blicken einen Triumph vorblicken, ein Siegergefühl durchſchimmern, welches der ſchönen Kathi gar wohl ge⸗ fiel, da ſie ſich den größten Theil davon zurechnete und auch vielleicht zurechnen durfte. Der feſtliche Morgen war aufe egangen, und das ſtattliche Haus zum rothen Kreuz glich einer Noahsarche, ſo überfüllt zeigten ſich die G aſtzimmer von den gelade⸗ nen Blutsfreunden, Nachbarn und ausw ärtigen Bekann⸗ ten, denn der Hubmeiſter hatte ſich's angelegen ſeyn laſſen, bei dem höchſten Ehrentage ſeines Töchterleins ſeinem Familiennamen und ſeiner Vaterſtadt Ehre zu machen. Aber nicht allein die meiſten der Wuen und der reichſten Kaufleute waren zugegen, ſonder mancher ſtattliche Junker von altem Geſ ſchlechte ſiu Ladung nicht verſchmäht und die Geleg genheit benutzt, d Bekanntſchaft mit Herrn Mangvlds trefflichen Keer⸗ ſchä 65 zu erneuern und unter den jungen galanten Bür⸗ gerf. während ihre ältlichen Sponſen vom Spiel und Set cher gebunden ſeyn würden, neue willkommene Be etanntſchaf en abzuſchließen. Selbſt Herr Dietrichſtein hatte ſich eingefunden und nebſt dem Quäſtor der Stadt zum Brautführer angeboten, und ſchon war die Straße außen gefüllt von neugierigem V zolksgedräng jeden Alters und Geſchlechts, ſchon ſtellten ſich die Stadtpfeifer und Poſauniſten auf dem Vorplatze zurecht, ſchon ordnete ſich in dem Hauptſaale der Hochzeitszug, um den Marſch in die Kirche anzutreten, als ein Geſpann ſilberfarbener Maulthiere im Seitenhofe die Ankunft des biſchöflichen Ohms anſagte, und bald darauf der hochwürdigſte Prie⸗ ſter, auf ſeinen Hauskaplan geſtützt, ſelber unter den Hochzeitsgäſten erſchien, welche, von dieſer unvermutheten Ehre betroffen, ſich zuſammendrückten und um den hohen Geiſtlichen und das Brautpaar einen weiten Kreis for⸗ mirten, der den Hauptperſonen freien Raum gewährte. Tief neigte ſich das Brautpaar vor dem Biſchofe, dieſer aber dehnte ſeinen gebeugten Nacken aus, und, würdevoll daſtehend in ſeinem weißen, ſchlichten Seidenhaar und in dem reichen kirchlichen Gewande, erhob er die dürren Hände beide und ſprach mit aufwärts gerichteten Augen: Der Herr iſt ſo gnädig als groß, ſo milde als allmäch⸗ tig! Preiſet mit mir den Herrn, der über dem Guten iſt und ihn überſchüttet mit den Zeichen und Pfändern ſeiner Liebe am Tage ſeines Heils! Höre, mein gelieb⸗ ter Vetter, höret Ihr es Alle, welche kamen, dieſe Feier mit zu begehen. Auch ich wollte bringen mein Geſchenk zu dieſem rechtſchaffenen Paare, ich war bewegt in Freude, daß mir der Herr geſpendet hatte in den Tagen meines Alters einen Blutsfreund, würdig des Stammes, dem er entſproſſen, würdig, der neue Stammherr des Ge⸗ ſchlechts der von Spauer zu werden. Ich wollte ihm geben all' die Güter und all' die Hab', welche der gnä⸗ dige Gott mir zugewandt, damit durch ihn der alten Familie aus den Gebirgen neue Ehre erwachſe und neue Blüthe keime aus dem faſt erſtorbenen Baume, und ich thue ſolches hiermit hier vor dieſer Verſammlung, wie ich es ſchon gethan vor dem Obergerichte unſerer Stadt. Aber wie armſelig iſt mein Geſchenk gegen das, was der ewige Vater ſelber Dir ſendet, mein Lev, an Deinem Ehrentage! Was ſind irdiſche Güter gegen den Schatz⸗ welcher Dir die Ruhe wiederſchenken wird für Dein Le⸗ ben, obgleich Du Dir nur im überwogenden Gefühle der brüderlichen Liebe Vorwürfe einer Schuld machen konn⸗ teſt, die Dir nicht laſtete, ſondern dem Zufall anheim⸗ ſiel. Ja, mein Leo, es geſchehen noch Wunder; es flie⸗ gen noch unſichtbare Engel und ſchirmen die Guten am Abgrunde. Leo, ſey feſter und ſtärker in der Freude als Du es wareſt im Schmerz; Leo, Du haſt einen Bruder verloren: er iſt wiedergefunden; Du haſt einen Bruder beweinet, als wäre er geſtorben: laß Deine Seele jauch⸗ zen, denn er lebet! Schau her, hier iſt Dein Bruder Andreas! Mit immer geſteigerter Spannung hatte der geſchmückte Bräutigam die Rede des Greiſes angehört, man ſah an dem Beben ſeines Federhutes, an den wallenden Bewe⸗ gungen ſeines Scharlachmantels, wie ihn der Sinn der Worte immer mächtiger ergriff. Als aber jetzt der Bi⸗ ſchof ſich zurückwendete und in den Haufen von Geiſt⸗ lichen und Pagen, die ihm gefolgt, hineingriff, und einen Mann in der Tracht der Salzburger Aelpler hervorzog, da that der Bräutigam einen ſcharfen, gellenden Schrei, wie der Lämmergeier ſchreit, wenn des Jägers Pfeil ihn hoch in der Luft erreicht, und bleich und bebend tau⸗ melte er zurück, ließ die Hand der ſchönen Braut fahren, und ward nur durch die dichte Wand der hinter ihm ſte⸗ henden Gäſte aufrecht erhalten. In höchſter Neugierde faßten die Augen Aller den Ankömmling an der Hand des Biſchofs feſt. Ja, es war kein Zweifel: der Fremde mußte der verunglückte Bruder ſeyn, die Aehnlichkeit erſchien Jedem an das Wunderbare gränzend, obgleich ———— — — der Angekommene eine breite dunkelrothe Narbe über der Stirne trug, die durch die linke dunkle Augenbraue fuhr, obgleich eine zweite Wundnarbe ſein Kinn ſpaltete, und obgleich das ungepflegt gewachſene Haupthaar in dichten, braunen Locken auf dem ſchlichten Wollrock des Landmannes ſpielte, und all' dieſe Beſonderheiten bei näherer Betrachtung einige Unterſcheidung zwiſchen den Zwillingsbrüdern zuließen. Der Angekommene trat mit feſtem Schritt dem Bräu⸗ tigam näher; ernſt waren ſeine Züge, doch blickte eine eigene Sanftheit, welche dem Mitleiden ähnelte, aus ſeinem Antlitze. Er ſtreckte die Hand aus und ſprach ſanft und in Tönen, welche wie Wehmuth erklangen: Bruder, freueſt Du Dich nicht, daß mich Gottes Hand errettet? Ja, ja, Du mußt Dich freuen, um Deines Heils willen freuen, und nur die Ueberraſchung des Augenblicks läßt Deine Freude nicht zu Tage aus der bepanzerten Bruſt. Bruder! Wir ſahen uns zuletzt in einer böſen Stunde, und ein böſer Geiſt war mit ſeinen dunkeln Fittigen über uns. Das ſey vergeſſen und nur um Deines Glückes willen habe ich die Reiſe gemacht, ehe noch alle meine Wunden ver⸗ harrſcht waren. Komm, mein Bruder, mit mir zurück in Dein Kämmerlein, ehe Du dieſen Zug zur Kirche, die einem allwiſſenden Gotte geweiht wurde, fortſetzeſt. Nur zwei Worte tauſche mit mir vorher. Niemand ſoll wiſ⸗ ſen von dem Tauſche, geheim bleibe er ewig, wie der Tauſch im Wetterhäuschen, und nach dieſem Tauſche des innerſten und geheimſten Gedankens feiere der Bru⸗ der des Bruders Feſt als wie ſein eigenes. Die Umſtehenden horchten der unverſtändlichen und doch ſo eindringlich geſprochenen Rede, die Allen wie eine Moyſterie klang, als aber der Sprecher mehrere 61 Male das Wort Tauſch ſo bedeutend betonte, fuhr der Bräutigam aus ſeiner Erſtarrung auf, ſein Geſicht hinan flog dunkle Gewitterflamme und ſeine Hand ballte ſich zur Fauſt. Hinweg, ſchrie er mit furchtbar kreiſchender Stimme und ſchwer ausgeſtoßenem Athem, hinweg mit dieſem Betrüger! Packt ihn, Kameraden und Freunde, werft ihn hinaus zur Pforte, ſchlaget ihn nieder, hinab mit ihm in den Donauſtrom, denn er iſt ein Gebild des Sa⸗ tanas, heraufgeſchickt vom Vater der Lüge, um mich zu verderben und mein Glück zu zertreten. Nein, ich habe keinen Bruder, ich erkenne keinen Bruder mehr. Der Sohn meiner Mutter hängt mit zerſchlagenem Gebein an der Eiswand, oder ſchläft im Gedärm der Fiſche des Fuſcherſees. Nieder darum mit dem Betrüger, der ſeine Geſtalt vom Teufel empfing.— Er trat ſchwankend vor und ſeine Rechte haſchte nach dem Seitengewehr des ihm zunächſt ſtehenden Moſtbruners, doch der alte Mangold fiel ihm in die Arme und fragte erſchreckt: Sohn Leo, kommt zu Euch. Löſet unſer Staunen! Iſt Dieſer Euer Bruder nicht? Sprecht, aber veſonnen und ohne dieſes krankhafte Wüthen! Für einen Betrüger und Schelm, der nur kam, unſer Feſt zu ſtören, hat unſere Stadt Kerker, Ketten und Schandbühne. Der Bräutigam biß verſtummend die Zähne zuſam⸗ men, aber des Salzburgers blaſſes Geſicht röthete ſich jetzt ebenfalls, wenn auch mit ſanfter Roſengluth, er trat zurück und ſchaute freimüthig im ganzen Kreiſe um⸗ her. So höret denn, ihr Anweſenden Alle, ihr, von denen ſo Viele meinem Herzen heiß befreundet waren, Ihr, mein hochwürdiger Ohm, mein Wohlthäter und Vater, ihr, meine braven Kameraden, und Du, polde 62 Blume Oeſterreichs, höret mich ihr Alle, denen ich durch einen unerhörten Betrug, durch das gräßlichſte Verbre⸗ chen, das erſte, was Gott richtete am erſten Sünder, ent⸗ fremdet worden! Ich kam hieher, nicht zu vergelten Bos⸗ heit mit Haß, Verbrechen mit Rachſucht, Betrug mit Be⸗ ſchimpfung. Nein, ich wollte die Bruderpflicht erfüllen auch gegen den, der ſie nie verdient, der ſich ihrer ent⸗ äußert gegen alle Natur. Ich hoffte, mein Anblick ſollte ihn erſchüttern, niederſchlagen, und er ſollte freiwillig und geheim mir meine geſtohlenen Rechte wieder abtre⸗ ten. Er wüthet gegen mich mit des Raubthiers Wild⸗ heit, welche ſein ganzes Weſen verderbt hat, und ich darf ihn nicht ſchonen um der holden Jungfrau willen, die ihm zur Seite ſteht und eine lange Hölle haben würde, bliebe ſie an ſolcher Stelle. So hört denn, ihr gottesfürchtigen Wiener, höre es, Du ehrwürdiger Prä⸗ lat, hört es, hoher Graf und ihr, Richter dieſer Stadt, ich klage den Bruder an des Verbrechens, welches Kain gegen Abel beging, ich klage ihn an des boshaften Be⸗ trugs, des Diebſtahls meiner Perſon und meines Na⸗ mens: denn Jener dort, dem das Gewiſſen die Züge des Geſichts verzerrt und die Zähne zuſammenſchlägt, der ſich ſchon ſelbſt verrathen, da er mich nicht als An⸗ dreas anerkennt, obgleich ich noch kein Klagewort geſpro⸗ chen hatte, dieſer in Scharlach und Ehrenkette iſt Andreas Spauer, mein Zwillingsbruder, und ich bin Leo, ſeit vier Jahren im Regiment des Oberſten Wolkerſtorf, der beglückte Verlobte meiner heißgeliebten, tugendſamen Kathi, und ich fordere den Bruder auf, an Gott, den Richter der Sünde, den Allwiſſenden, zu gedenken, und durch Reue und augenblickliches Bekenntniß gut zu machen die ſchwere Schuld, zu der ihn ein ſchlimmer ———— 63 Höllengeiſt getrieben, als ſeine Seele ſchwach und befan⸗ gen war. Die Verſammelten ſahen mit höchſtem Erſtaunen auf den Sprecher, und ſeine wohlgeſetze Rede, das Feuer, das in dem treffenden Worte glühte, die Feſtigkeit, mit welcher der ſchwere Spruch vorgetragen erklang, wirkte ſo auf die Gemüther, daß im erſten Augenblicke jede Zunge ſchwieg, jeder Athemzug angehalten wurde. Der lebhafte Moſtbruner war der Erſte, der ſich aus der Seelenerſchütterung erholte. Was zaudern wir, rief er, die wir des ächten Leo Freunde find? Was leiden wir, daß der Salzburger Bauer da unſern Kameraden be⸗ ſchimpft und hämiſch ihm den Feſttag verdirbt? Hat uns denn nicht oft der Leo von dieſem Andreas erzählt, daß er von Kindheit an ein träger, fauler und zugleich ein boshafter und neidiſcher Burſch geweſen ſey. Müßig⸗ gang iſt aller Laſter Anfang und des Teufels Ruhe⸗ bank. Der Neid hat ihn hergetrieben, weil der Leo durch Bravheit ſich des Fortunatus Wünſchhütlein er⸗ rungen, und ſeine Faulheit ihn auf dem Miſt gelaſſen. Leidet ſolche Frechheit nicht, Kameraden, die am Bruder noch ſchändlicher läßt; greifet ihn, ſchlaget ihn weich zu Biermuß, wenn er ſich zur Wehr ſetzt; den Büt⸗ tel und Thurmvogt herbei, ihm das rechte Logis anzu⸗ weiſen! Der benarbte Mann im Bauernkleide ſtreckte ſeine Hand gegen den Angreifer aus, und ſagte kopfſchüttelnd und mit wildem Blicke: Und Du, Moſtbruner, fällſt zuerſt von mir ab? Du, die luſtige Wachtelpfeife, willſt Deinen Zeltkameraden vor dem Stubenthor auf das faule Stroh im Thurme betten? Wär' es noch der Rampersdorfer da, unſer guter Plunzenmann, geweſen; aber Du? Pfui über die luſtige Wachtelpfeife, das klang wie falſcher Ton aus ihr. Stutzig zog der Moſtbruner die ausgeſtreckten Fäuſte zurück. Woher weiß der Bauer die Spottnamen, welche wir uns gegeben? fragte er, an den Bräutigam gewen⸗ det. Sprich, Leo, haſt Du dem Burſchen davon erzählt, und will er mich fangen durch die Wachtelpfeife? Der Hubmeiſter hatte inzwiſchen mit ſcharfem Auge die beiden Brüder beachtet und gemeſſen; er umfaßte jetzt die Braut, welche bleich, bebend, faſt wie zerſchmet⸗ tert an ſeiner Schulter mit hangendem Kopfe gelehnt hatte, und fragte: Katharina, was ſpricht Dein Herz⸗ was wählt Dein Auge? Die Liebe ſoll ihre eigene Sprache, ihre Geheimſchrift, ihr wunderſames Ahnen haben. Daß Du Dir von Dieſem hier das Moyrthenkrön⸗ lein haſt ſetzen laſſen auf den Scheitel, ſpricht für ihn trotz der ſchweren Klage. Willſt Du entſcheiden? Du mußt uns eine ſalomoniſche Richterin werden. Vater, ſtammelte die Jungfrau, mir iſt, als wenn allmälig Schuppen von meinen Augen fielen. Aber wie könnt ich wagen, zu ſprechen jetzt, wo mein Herz zu zerſpringen droht vor entſetzlicher Angſt? Hier Leo und dort Leo! O vringt mich hinein, daß ich nicht vergehe vor dem Grauen dieſes Geſpenſterſpuks. Auch Du? fragte heftiger der mit den Narben im Geſicht. Ich mag gewaltig entſtellt ſeyn von dem furcht⸗ varen Sturze, aber daß die Braut, die drei Jahre ko⸗ ſend in mein Auge blickte, mich verläugnen könnte, hätte ich nimmer erwartet, und hätte ich's ahnen können, wäre ich wahrlich nicht gekommen, Dich aus den Keiten jenes Fürchterlichen zu löſen. Daß Dein Auge ſich ver⸗ irren konnte ſeiner Geſtalt wegen und ſeiner Züge, die *„ W W „ 65 mir ähneln wie Ei dem Ei, ſchien mir möglich; daß aber Deine Seele, Dein Herz den Betrug nicht ausfand den erſten Stunden, iſt mir ein Räthſel, das mich ſehr betrübt, mir das Leben vergällt und mir den Wunſch bringt, ich möchte nicht durch Gottes Wundermacht und der Anſtrengung guter Landsleute errettet ſeyn, dicht vor dem Tode hinweg. Die Liebe ſoll ja die Herzen austau⸗ ſchen, da hätteſt Du doch das Deine ſuchen müſſen und nicht finden können in des Andreas froſtiger Eisbruſt. Katharina machte eine heftige Bewegung gegen ihn mit ausgeſtreckten Händen, als ihr aber die beiden glei⸗ chen Geſtalten zugleich in das Auge fielen, ſchauderte ſie mit einem lauten Seufzer zurüc und barg ſich wie⸗ derum furchtſam in des Vaters Arme. Der Hubmeiſter ſprach 6i mit hartem Tone und ſtrengem Blick zu dem geputzten Bräutigam: Und Ihr ſagt nichts, Spauer, und thut zu Eurem Rechte?— Thun? Sagen? ſtieß dieſer mibe 1d hervor. Ihr haltet mich ja, und hindert mich, dem Schändlichen den Garaus zu machen, wie er es verdient. 3. höret ja geduldig zu, ſtatt ihn durch's Fenſter auf die Straße zu ihn mit Verachtung in den Koth zu treten, und über ſeinen Leib den Weg Kirche fortzuſetzen. Daß ein Bruder in ſolcher Art ge⸗ gen den Bruder auſtritt, ſollte Euch empören wie mich, es macht das Schelmenſtück zu einem Kirchenraube. Es iſt wahr, rief der Floßhard. Sahen wir doch Alle, wie er um den todten Bruder getrauert, wie er krank und faſt ſinnverwirrt geworden um den, der ihm jetzt ſo ſchwere Beſchimpfung thut. Der Salzburger aber hob Arm und Hand zum Him⸗ mel auf und ſprach mit dumpfer, kräftiger Stimme: Andreas, der ewige Gott höret Dich! Er hat Deine Ih te Bſumenhanen—— Slumenh 1 4 hagen. KV. That geſehen, und ich fordere Dich vor ſein Gottesge⸗ richt, in dem nur der Reine und Schuldloſe beſteht. Was rein, was Gottesgericht! brüllte der Bräutigam⸗ deſſen Arme noch immer die Kameraden feſthielten, um ihn an einer Uebereilung zu hindern. Beweiſe, Beweiſe, und hier zur Stelle in des Teufels Namen! Der Biſchof warf dem Tobenden einen Blick des Unwillens zu, dann trat er in die Mitte zwiſchen Beide und gebot Stille. Du nannteſt Dich, als Du vor einer Stunde bei mir ankamſt, Andreas, fragte er den Be⸗ narbten; warum ſprachſt Du alſo zu mir und warum ſprichſt Du hier anders? Warum entdeckteſt Du mir Dein Geheimniß nicht, da Du, wenn Du der Rechte biſt, doch mich kannteſt als Deinen Freund und als Dei⸗ nen beſten Schirmer? Der Angeredete nahm des Greiſes Hand und küßte ſie ehrerbietig. Ehrwürdiger Mann, ſagte er mit ſicht⸗ licher Bewegung des Gemüths, durfte ich denn ſelbſt Euch, meinem liebevollen Vater und Gönnersmann, ent⸗ decken, was geſchehen, ehe ich den Bruder geſprochen, und ehe denn ich verſucht, ihn zum geheimen Erſatz zu beſtimmen? Nicht den Hausleuten in der Spauersſchlucht⸗ nicht meinen Errettern, ſelbſt nicht einmal der blinden Mutter yabe ich verrathen, daß ich nicht der Andreas vin, für den ſie mich gehalten. O, ich wollte ja des Bruders Blutthat nicht nackt hinſtellen vor die Augen der Welt, wollte nicht theilhaftig werden einer ähnlichen Schuld, da ich nimmer meinte, einen ſolchen Verſtockten in dem Sohne meines rechtſchaffenen Vaters und meiner gottesfürchtigen Mutter zu finden. Aber der Augenblick drängte, der Brautzug an der Pforte vernichtete meinen Plan, Gott wollte ein öffentlich Gericht haben, und 67 meiner Kathi Seelenheil und Erdenglück forderte meine Anklage heraus ohne weiteres Bedenken. Vater, es iſt der Leo! rief die Jungfrau laut; der Biſchof aber gebot abermals Stille, und fragte: Haſt Du Beweiſe hier, wo die gewöhnlichen mangeln, da die Natur ſo wunderbar die äußern Zeichen verwirrt hat? Beweiſe? fragte nachſinnend der Benarbte zurück. Der mir das Leben zu rauben gedacht, raubte mir auch all mein Eigenthum mit folgerechter Hinterliſt! meine Kleidung, meine Pergamente, all' meine Habe iſt in ſei⸗ ner Gewalt. Aber mit Gott denke ich mein Recht zu vertheidigen vor dieſen Allen und, wenn es ſeyn muß, vor der ganzen Kaiſerſtadt. Wohl! antwortete der Prieſter. Die Sache kann nicht allein als eine weltliche betrachtet werden, denn es iſt nicht bloß von irdiſchem Raube die Rede: der Kläger will in dieſem ſeltenen Rechtshandel um ſich ſelbſt, um ſeine Perſon, ſein Weſen betrogen ſeyn. So erlaube ich mir, als der erſte Geiſtliche dieſes Sprengels, als der Aelteſte in dieſer Verſammlung, ja als der Senior der Familie, in welcher ſolches Unerhörte ſich ereignet, das Nothwendigſte anzuordnen, damit das Licht der Gerech⸗ tigkeit das Wahre zu Tag bringe. Kläger und Beklag⸗ ter ſind meine Vettern: dem Einen derſelben hatte ich Sohnesrecht verheißen, hatte Vaterpflicht für ihn mir an⸗ gelobt. Der da im Bräutigamsputz iſt im Beſitz und wir Alle haben ihn für den ächten Leo anerkannt und geachtet; dieſer hier trägt dieſelbe Geſtalt und ſpricht mit dem Freimuth und der Dreiſtigkeit des Wahrhaſtigen. Wenn er ein neidiſcher Betrüger wäre, der gekommen, das Glück ſeines Bruders zu untergraben, ſo hätte ihn die Dummheit am kindiſchen Gängelbande hergebracht, denn ſein Gebäude müßte zerfallen wie das Kartenhaus des Knaben. Aber wer möchte in dieſem Augenblick der Erſchütterung, der Erhitzung einen Urtheilsſ sſprich wagen⸗ der nur Denen zukommt, welche dazu berufen durch den Mund der höchſten Gewalt? Darum a eure Jubel⸗ hörner verſtummen, legt die Hochzaileider ab, und laßt Trauer eintreten ſtatt der Freude. Wehe, wehe! Einer dieſer Beiden iſt ein Verbrecher, und welcher es ſey, es iſt ein Mann meines Ramens. Dieſen, der ſich als Andreas angemeldet und jetzt als Leo geberdet, nehme ich ſelbſt in meinen Verwahrſam und werde Sorge tra⸗ gen, daß er, wenn er ein teufliſcher Lügner war, der Strafe nicht entfliehe. Jenen da, der uns als der Leo galt und jetzt ein Pſeudv⸗Leo, ja, ſchrecklicher Weiſe! ein brudermörderiſcher Kain und Seelenräuber ſeyn ſoll⸗ überantworte ich Euch, Herr Hubmeiſter Mangold. Be⸗ rathet Euch mit dem würdigen, hier gegenwärtigen. Ouaestor capitalium criminum über das Nöthige; Ihr werdet haften für ihn mit Eurem Haupt und Vermögen, bis entſchieden worden, welcher dieſer Beiden dem Blut⸗ banne verfiel. Trauriges Schickſal, das dem Greiſe an der Schwelle der Gruft begegnet; aber gefaßt bete ich: der Allwiſſende hebe den Gerechten empor auf den Eh⸗ renſtuhl, den er verdient, und ſey dem Sünder gnädig! Amen! ſprachen unwillkürlich die Umſtehenden, und ſtill wie nach einem Begräbniß löste ſich die Verſamm⸗ lung auf, die, um einen Jubeltag zu feiern, vor einigen Stunden zuſammengetreten war. Hatte Konrads, des Roßbuben, Erzählung von dem verunglückten Alpenſteiger und der tiefen Trauer des Bruders um denſelben früherhin die Theilnahme der gtzen Kaiſerſtadt geweckt, um wie vie ehr mußte das eue Ereigniß, das eng mit dem erſten verknüpft erſchien, Jedermann aufregen und jedes Gemüth in Anſpruch neh⸗ men. In der Wirthsſtube des geringſten Bierverſellers an der Tafel des Kaiſers wurde nichts verhandelt eſer ſeltſame Rechtsſtreit, und bei der yöchſten wie 5 geringſten Klaſſe der Einwohner vildeten ſich arteien, von denen jede Einen der 2 Brüder favo⸗ ber nicht mit Worten allein verfocht jeder Theil ſeinen Liebling, nein, wo der Wein die Köpfe erhitzte, wurde auch in dieſer Sache, wie es überhaupt dazumal in Wien gewöhnlich war, die Meinung mit der Fauſt und der erſten beſten Waffe verfochten, und die Stadt⸗ polizeiherren griffen eine Menge blutrünſtiger Arreſtanten auf und ſtraften ſie als Schuldige, ehe noch der eigent⸗ Prozeß, wofür ſie als Märtyrer gelitten, in den Sang gebracht worden. — Kaiſ er nahm hohes Intereſſe an der Sache, nicht bloß weil ſie einen ſeiner Gardiſten betraf, ſondern weil, wie die Majeſtät ſich ſelbſt ausdrückte, die Entſcheidung möge fallen wie ſie wolle, ein Menſch gegen den, der mit ihm zugleich unter demſelben Mutterherzen gelegen, nur getrieben von Neid und Eigennutz, das empörendſte Verbr echen beabſichtigt, und der Kain mit der blutbe⸗ fleckten Keule oder der Jakob mit den betrügeriſchen Zie⸗ genfellen ſich wiederholt hätte. Maximilian gab ſelbſt die beſonderen Befehle für dieſe ſeltene Gerichtsſitzung, und beſtimmte dem Schuldigen voraus eine beſonders ausg wählte und geſchärfte Strafe. Den dritten Tag nach dem geſtörten Hochzeitsmorgen ſtrömte die Hälfte der Einwohner Wiens zum Stadt⸗ 3 0 s di d 70 hauſe; wer nicht durch Krankheit oder durch Hausgeſchäft oder Staatsdienſt gefeſſelt wurde, der machte ſeiner Neugier das Feſt, und ſelbſt das Frauengeſchlecht wurde nicht durch die Furcht vor den Ellenbogenſtößen und Quetſchwunden des Gedränges, noch vor den Hellebarden der Stadtwächter, ja nicht durch die Ausſicht auf zerfetz⸗ ten Modeputz abgehalten, die wunderbare Aehnlichkeit der Brüder, die den meiſten unglaublich däuchte, mit ſelbſteigenen Augen zu beurtheilen. Im großen Rathsſaale ſaßen die erkorenen Gerichts⸗ herren am langen Tiſche. Das Conſulat und der ganze innere Rath war verſammelt; der Stadtſchultheiß und Stadtrichter ſaßen auf ihren Poſten; dem Erzbiſchof von Salzburg, deſſen Landeskinder Kläger und Beklagter waren und den die hohen Kaiſerfeſte nach Wien gelockt, war ein Ehrenplatz geboten worden, und als außeror⸗ dentliche Commiſſarien des Kaiſers ſah man die Herren von Wolkerſtorf und Dietrichſtein in ihren reichſten Prunk⸗ kleidern rechts neben dem Vorſitzenden ihre Plätze neh⸗ men. Der weite Raum des Saales vor den Schranken, welche eine Reihe wohlbewaffneter Stadtwächter beſetzt hielt, erſchien dicht gedrängt voll Volkes aus jedem Stande, ja jenſeits der offenen Flügelpforte ſah man die Vorhallen bis auf die Steintreppe, die in's Freie führte, gefüllt von einem Menſchengewühl, wie man es vor we⸗ nigen Tagen kaum größer und tumultuariſcher bei dem Turnier und den kaiſerlichen Aufzügen zu ſehen bekom⸗ men; die Gallerien, welche in der Höhe den Saal um⸗ kreisten, hatten die Vornehmern inne: Hofherren, Edel⸗ damen und Fräuleins ſaßen im bunten Kranze unter dem hohen Gewölb, und das Gerücht ſagt, ſelbſt die kaiſerliche Familie habe von einem verhangenen Fenſter 71 aus, nach der Sitte des Morgenlandes, dieſer mertkwür⸗ digen Verhandlung beigewohnt. Jetzt trat der Stadtfrohn mitten in den Saal und rief zur Ordnung, und Todesſtille füllte mit Einem Mal die weiten Hallen: das große, buntfarbige, menſchliche Tulpenbeet, welches bislang ſich wie im Sturmwind be⸗ wegt, ſtand plötzlich regungslos in Windſtille, jedes Ohr horchte, jeder Athem ward angehalten, und nur als er weiter Kläger und Beklagten geladen, und hier und da eine Seitenthüre ſich öffnete, wurde ein ziſchendes Ge⸗ räuſch laut, denn Alles erhob ſich auf den Zehen, alle Hälſe wurden länger, Jeder ſuchte den beſten Ort zum Schauen, und war es auch der Rücken des Vorder⸗ manns. Von der rechten Seite führte jetzt der Biſchof von Wien den Einen, von der linken der Hubmeiſter Man⸗ gold den andern Bruder vor die Schranken. Jener trug noch die Salzburger Landestracht, dieſer war in der Uniform der Küraßreiter, ſah ſtolz durch die Verſamm⸗ lung hin, verächtlich auf den Bruder, und ſtellte ſich feſt und in ſoldatiſcher Haltung an die Tafel. Der Biſchof und der Hubmeiſter gaben zuvörderſt ihre Verſicherung ab an Eidesſtatt, daß ſie die beiden ihnen Anvertrauten bis dahin in gutem Verwahr gehalten und Niemand zu ihnen gelaſſen worden, noch ſie Verkehr getrieben mit irgend Jemanden in oder außer der Stadt. Merkwürdig und faſt unheimlich klang es, als auf die erſten Fragen des Quäſtors nach Namen, Heimath, Alter und Stand Beide ſich Leo Spauer nannten, Beide denſelben Geburtsort, denſelben Geburtstag, daſſelbe Geburtsjahr angaben, Beide ſich den Küraßreitern der Hofburg zuzählten. Der Kläger wurde nun ermächtigt, —0 ſeine Anklage vorzutragen. Der im Salzburger Wammns holte tief Athem, ſo daß es klang wie ein von herbem Schmerz geborener Seufzer, dann begann er mit oftmals ſchwankender Stimme ſeinen Spruch. Er erzählte von ſeiner Reiſe zur Spauerſchlucht, zu dem väterlichen Gehöſt, erzählte, was ihm dort begeg⸗ net, bis er auf der Teufelstafel mit dem Bruder geſtan⸗ den und, von der Anſicht der vaterländiſchen Herrlichkeit berauſcht, dem Rande der ſteilen Eiswand nahe getreten. Plötzlich fühlte er hier den Stoß von der Fauſt ſeines Gefährten an der Hüfte: er taumelte, der Eisſtab entfiel ſeiner Hand und er gleitete über den Rand der Berg⸗ platte hinaus. Doch trotz des Schreckens ſchärfte die Gefahr ſeine Sinne, ſeine Beſonnenheit, und kaum zwei Ellen hinabgegleitet, erfaßte er eine hervorſtehende Eis⸗ ſpitze und hielt ſich glücklich an dem zerbrechlichen Ret⸗ tungsaſte. Da— ſchaudernd ſprach es der Ankläger— ſchlug der Bruder mit dem eiſenbeſchlagenen Stabe nach ihm herunter: der ſcharfe Stahl traf Hand und Eiszapf, jener entſchwand im Schmerz die Kraft, dieſer zerbrach unter dem Schlage, und verloren fuhr er jetzt dem Ab⸗ grunde zu. Aber tiefer hinab fand ſich die Eiswand nicht ſo glatt und abgeſchliffen, wie ſie von oben dem Auge erſchienen: die Sonne hatte hie und da eine Kluft hinein geleckt, der Schnee, welcher von oben herabge⸗ rutſcht, hatte ſich hie und da auf einem kleinen Vor⸗ ſprunge gehäuft und ein kleines Vorgebirg in die Luft hinein erſchaffen. Der Fallende fühlte ſich durch einen ſolchen Vorſprung aufgehalten, die Todesangſt gab ihm neue Kraft, ſich mit den blutenden Fingern in die Eis⸗ fläche einzugraben, und jetzt rauſchte der getreue Hund hinter ihm drein, wurde gleichfalls aufgefangen von dem 9 6 2 Abſatz, packte mit den Zähnen den Schooß des Wamm⸗ ſes von ſeinem Herrn, klemmte ſich rückwärts mit dem Hinterleibe in eine der Klüfte, grub ſich feſt mit— mächtigen Klauen, und hielt ihn auch da noch, als d Hände des Unglücklichen erlahmten und als die Sut- bäche, welche aus der breiten Stirnwunde und der zer⸗ riſſenen Haut des Angeſichts— die ſcharfen Eisſpitzen und Kanten hatten ihn alſo ſchwer verwundet— verſtröm⸗ ten und ſeine Lebenskraft mit jeder Minute mehr zu verſchwemmen drohten. Gräßlicher Zuſtand eines Leben⸗ den: hangen zwiſchen Himmel und Erde, zwiſchen Tod und Leben, und dazu das Bewußtſeyn der Hülfloſigkeit! Und wer hatte den Unglücklichen in dieſe Lage ge⸗ worfen! Wackere, unermüdete Landsleute waren indeß ebenfalls bemüht geweſen, alles Mögliche zu ſeiner Hülfe in's Werk zu richten. Das Rettungsſeil wurde zuge⸗ richtet und in Stand geſetzt, und der kleine Stephan ließ es ſich nicht nehmen, an der gefährlichen Knotentreppe ſih hinab zu laſſen, Fangſeile und Schlingen um den Verunglückten zu in und, als man ihn mit ihm die gefährliche Luftreiſe zu machen. Alles gelang über Erwarten güctich⸗ nur das arme, getreue Thier, der Fanghund, der das Kleid ſeines Herrn nicht aus den Zähnen ließ, wurde durch den erſten ſtarken Zug der Männer, die oben auf der Platte ſtanden, aus der Eis⸗ kluft hervorgeriſſen und ſtürzte in die unermeßliche Tiefe hinab. Er ſtarb den ſchönen Tod der Treue als Opfer für ſeinen Herrn, nahm für ihn den grauſen Todesplatz⸗ und kein Dank konnte die Treue belohnen. Ein Thier übte die ſchönſte Tugend; ein Menſch hatte an ihr ge⸗ frevelt! Der Sprecher hielt hier mehrere Minuten inne, ehe er fortzufahren im Stande war. Es läßt ſich ver⸗ muthen, in welchem Zuſtande der Gerettete auf der Eis⸗ tafel ankam: in halber Ohnmacht, mit blutenden Wun⸗ den, mit gequetſchten Gliedmaßen trugen ihn die wackern Helfer in das Thal hinab, in ſeiner Väter Haus, wo er viele Wochen ſchwer erkrankt lag, denn Schrecken und Entſetzen hatten das Innerſte ſeines ganzen Weſens zerrüttet. Er galt bei der Mutter und dem Gefinde für den Andreas, und er ſelbſt verhielt ſich ſtill dazu, denn er konnte nicht zum Entſchluß kommen, und ſchwankte baldigſt wieder, wenn ſein Unmuth, der mit der Gene⸗ ſung wuchs, ihm rieth, der Ankläger des Bruders zu werden. Da kamen reiſende Kaufleute mit ihren Maul⸗ thieren durch's Gebirg von Wien herauf: ſie erzählten von der Ankunft des Reiters Spauer in der Stadt, ſie kannten die Geſchichte, freuten ſich über die Rettung des Andreas, und erwähnten der baldigen Hochzeit des Bru⸗ ders und der ſchönen Mangold. Das ſchlug wie Feuer⸗ funken in das Pulverfaß und ſprengte das Herz des armen Beraubten faſt aus einander. Solche verwegene Keckheit hatte er nicht erwartet, hatte die Ausführung unmöglich geglaubt, und ohne Zögern veranſtaltete er die Abreiſe und kam unter den Fittigen ſeines guten Engels gerade zu rechter Zeit am Ziele an, wo er eine Stunde ſpäter nur ſein auf immer verlorenes Erdenglück hätte beweinen müſſen. Die ganze Verſammlung hatte in unheimlichem Schwei⸗ gen dieſe furchtbare Anklage angehört, und die Schauer des Eindrucks malten ſich auf die verſchiedenſte Weiſe in den zahlloſen Geſichtern, die den Hintergrund der Scene bildeten. Der Quäſtor wandte ſich jetzt zu dem Beklag⸗ ten und forderte von ihm eine Erklärung über die ge⸗ hörte Klage. Dieſer ſchlug jedoch mit dem ſchweren 75 Stulphandſchuh, mit welchem während dem ſeine Rechte geſpielt, auf die Tafel, ſchoß wüthende Blicke auf den Kläger und ſtieß nur die Worte: Beweiſe! Beweiſe! hervor. Der Kläger drehte ſein benarbt Geſicht von ihm ab⸗ wiederum den Richtern zu, und ſprach ruhig und geſetzt: Bereit bin ich, meine Ausſage durch dem ſchwerſten Eid zu bekräftigen und das heilige Sakrament darauf zu neh⸗ men. Da aber derjenige, welcher in dieſer Stunde als mein tödtlichſter Feind mir gegenüber ſteht, mein nächſter Blutsfreund iſt, ſo ſoll ſein Wille geſchehen. Drei Be⸗ weiſe will ich ihm ſtellen und durch ſie drei lebende Zeu⸗ gen gewinnen, die ihn bewegen werden⸗ abzuſtehen von ſeinem Unrecht, herauszugeben, was er mir raubte, und reuig ſich der ſelbſt herangelockten Buße zu überliefern. Der Quäſtor nahm den Antrag an im Namen des Gerichts, und der Kläger ging zu der Thüre, von wo er gekommen, und auf ſeinen Ruf führte der kleine Stephan aus dem Gehöft in der Spauerſchlucht die blinde Mut⸗ ter Martha herein, leitete ſie in die Mitte des Saales zu einem Schemel, wo die Alte ſich niederſetzen mußte, indem ſie horchend ihr bleiches Antlitz nach allen Seiten umher wandte. Was ſoll ich hier, Andreas? fragte ſie. Und was vedeutet das Gemurmel rings um uns? Sind wir im Haidthal und hat ein flüchtiger Immenſchwarm ſich an den Baum gehängt? Befehlet, ihr gewaltigen Herren, daß mein Gegner mir nachthue, was ich beginne! bat der Kläger, und als vas Gericht ihm den Wunſch zugeſagt, bog er ſein Knie vor der Mutter und ſagte zu ihr: Kennet Ihr mich⸗ liebe Mutter, und wer bin ich?— Die Alte ſtrich leicht — b 76 mit der Hand über ſein Geſicht und betaſtete ſeine Klei⸗ dung; dann ſagte ſie lächelnd: Du biſt ja mein Sohr Andreas; wie ſollte ich Dich nicht kennen? Deine Nar⸗ ben ſind gut geheilt, aber ſchmerzen werden ſie mehr von der Reiſe und der Mittagsſchwüle. Tröſte Dich, Gott hat Dich gerettet, nachdem er die ſchwere Prüfung ge⸗ ſchickt, die Dir gut gethan, denn Du biſt freundlicher und frömmer geworden ſeitdem, und Deine Mutter hat Dich ſeitdem immer ihren beſten Sohn nennen dürfen. Auf den Wink des Quäſtors kniete jetzt der Beklagte auf denſelben Platz und faßte der Greiſin Hand und legte ſie auf ſein Geſicht. Schnell ſtrich Mutter Martha bis zum Kinn hinab und über ſeine mit der Ehrenkette gezierte Bruſt und über ſein Wamms hinunter. Leo! mein Sohn Leo! rief erregter die Alte. Biſt Du eben⸗ falls da, und kommſt Du, Abbitte zu thun, daß Du uns verließeſt in ſo großer Noth, was nicht recht war, nicht brüderlich und nicht chriſtlich? Der Knieende ſprang raſch empor und ſprach laut mit triumphirendem Tone: Nun, ihr Herren, bin ich nicht Leo? Und ſteht der Betrüger nicht jetzt entlarvt und nackt vor Euch? Was ſagſt Du, mein Sohn Andreas? rief dazwiſchen die horchende Blinde. Der Kläger aber ſagte mit der vorigen Ruhe: Noch einen Augenblick Geduld, meine Herren, ehe ihr aburtheilt! Mutter Martha, fragte er, kennet Ihr nicht ein kleines, heimliches Zeichen, woran Ihr Eure Zwillingsſöhne zu unterſcheiden vermocht, als ſie noch klein in gleicher Tracht auf Eurem Hofe zwi⸗ ſchen den Fohlen des Vaters ſpielten, und noch keines der Charaktermale ſich in ihnen entwickelt hatte, die vielleicht das Mannesalter ihnen ſpäterhin gegeben? Er trat zugleich wieder näher zu ihr und bückie ſich nieder zu ihr. Ein Merkmal? O ja wohl! ſprach die Mutter ſpannt. Der Leo trug es. Sie tappte mit der Hand, und als ſie ſeinen Kopf getroffen, faßte ſie in ſein een haar. Hier iſt es, ein kleines Gewächs wie eine— beere im Haar, dicht über dem linken Ohre. Ja, Du biſt Leo, mein Sohr Der Kläger richte 5 ſich raſch wieder auf und fragte: Nun, Bruder Andreas, der Du Dich Leo nennſt, kannſt Du dieſes Merkzeichen ebenfalls auſweiſen? Der Be⸗ klagte hatte ſich unwillkürlich, wie im an die bezeichnete Stelle gefaßt, jetzt ließ er ſchnell die Hand ſinken und entgegnete: Neuer Trug, ihr Ver⸗ abredung mit dem Lieblingskinde! Ich bin der Leo, und nie hörte ich von dieſem Abzeichen, das der Leo getragen. Die Mutter Martha ſchüttelte unwillig das Haupt. Sündige nicht, mein Kind Andreas, ſagte ſie zitternd. Deine Mutter hat ſich niemals mit einer L Lüge befleckt, und die weiſe Frau im Dorfe lebt noch und kennt die Erdbeere auch, denn ſie hat zuerſt ſolches Kennzeichen, was nöthig geweſen, ausgefunden. Ein Gemurr erhob ſich unter den Anweſenden, man tauſchte halblaut die Meinungen aus, der Kläger aber trat wieder zum Tiſche und wandte ſein Wort jetzt an den Hubmeiſter Mangold. Nicht wahr, mein verehrter Herr, begann er, Eure tugendſame Tochter gab mit Eurer Erlaubniß ihrem Bräutigam einen Ring, daß er auch fern von ihr eingedenk ſey ſeines Gelöbniſſes, und ein Pfand ſeines Glücks ihn überall begleite auf ſeinen Wegen? Sehet, der Finger, woran der Verlobte ſolch ich 78 Kleinod zu tragen pflegt— er ſtreckte hiebei ſeine ver⸗ ſtümmelte Hand aus— iſt mir genommen;z das Eiſen, mit dem mein Verderber nach mir ſchlug, als ich an der Wand hing, zerſchnitt Fleiſch und Knochen. Kann er nun zeigen den Ring, oder ſagen, wie er beſchaffen war, ſo will ich mich gefangen geben und ihn für den erkennen, welcher er ſeyn will. Alle ſchauten geſpannt auf den Beklagten, der eine Weile ſinnend daſtand und eine innere Unruhe nicht zu bergen vermochte. Der Ring? ſtotterte er dann. Sehet, wie heimtückiſch der Andreas mich zu martern verſucht. Weiß er doch recht wohl, daß der Ring mir vom Finger ſiel in der Bärenhöhle und in den Felsſpalten verloren ging, was ich bisher verſchwieg, um der Braut keinen Verdacht zu wecken. Wie er beſchaffen? Nun— es war ein Gold⸗ reif mit einem Herzlein daran und mit einem Namens⸗ zuge, gerade ſo wie die Jungfer Kathi das Gegenftück noch heut' am Finger trägt. Lächelnd entblößte jetzt der Kläger ſeine Bruſt und löste von ſeinem Halſe eine ſchmale Schnur, an welcher ein Ring befeſtigt hing. Er reichte ihn dem Hubmeiſter und fragte: Theurer Vater, ich verlor den Ring nicht, ich trug ihn auf der Bruſt, damit ihn der Schwertgriff nicht beſchädigen, damit er mir auf der Reiſe nicht ab⸗ handen kommen möchte. Entſcheidet Ihr, ob es der rechte iſt, oder ob der Ring, den Eure ſchöne Tochter mir gab, ſo geformt war, wie ihn Jener dort aus ſeiner lügen⸗ den Phantaſie beſchrieb. Der Hubmeiſter nahm den Ring und entgegnete freu⸗ dig: Ja, es iſt der Granat mit dem geſchnittenen Käfer darin. Hier, meine Herren, ſteckt an meinem Finger der 79 Bruder deſſelben, ihm faſt gleich, bis auf das Einge⸗ ſchnittene. Ich kaufte einſt beide von einem Armenier, der den Steinen geheime Zauberkräfte zuſchrieb. Der Ring rettete vielleicht den Leo, und der Armenier log nicht, denn Dieſer iſt unſer Leo, und es bedarf keines weitern Zeugniſſes.— Er wollte den Liebling umarmen, der Salzburger aber drückte ihn ſanft zurück und ſprach: Es ſind drei Beweiſe verſprochen und drei Zeugen. Der dritte fehlt noch, und ein ehrlicher Mann muß ſein Wort halten. Zu meinem dritten Zeugen rufe ich einen ſehr vornehmen Herrn auf, und der edle und geſtrenge Herr Sigmund Dietrichſtein mag mir verzeihen, daß ich alſo thue zur Nothwehr und um mein Recht. Ich habe vernommen, wie der genannte hohe Herr meinem Gegner eine Ehrenkette geſchenkt hat zu ſeinem Ehrentage. Solch' Zeichen der Huld pflegt nur der treue Diener zu empfangen für beſondere Dienſtleiſtung. Kann mir nun der, welcher jetzt dieſe Ehrenkette ſtolzirend trägt, ohne daß ſie ihm gebührt, ſagen, welcher Dienſt, den er als Stallmeiſter ſeinem damaligen Herrn erwies, ihm der wichtigſte ſchien, und für welchen Dienſt ihm ſein Herr das Gelübde that beſonderer und unerſchütterlicher Huld? Der Gefragte ſtand verſtummt wie eine Bildſäule, ſein Geſicht erblich immer merklicher, und ſeine Augen wurzelten an dem Getäfel des Fußbodens.— Vergnügt drehte ſich der Kläger der Gerichtstafel zu und faßte Herrn Dietrichſtein in's Auge, der mit aufglühenden Wangen daſaß und nicht ganz ruhig geblieben ſchien. Des Herrn Geheimniß muß dem Diener heilig ſepn; aber als der alte Berg ſeinen Rachen aufgethan und Feuergarben gen Himmel warf und die Stadt Neapel in Schrecken ſetzte, als drei trunkene Vettern mit blanken 80 Waffen im Garten rasten und eine Leiter zertrümmert lag unter den Orangebäumen, ſprengte in jener Grauen⸗ nacht nicht eine deutſche Fauſt die Pforte von Zedern⸗ holz gar nützlicher Weiſe und zu rechter Zeit? Herr Dietrichſtein ſprang von ſeinem Seſiel empor. Es iſt genug, mein guter Feund! rief er kaut und mit Hitze. Du biſt der Leo Spauer, ſo wahr ich ein Edel⸗ mann bin, und wer Dich nicht dafür erkennt, dem werfe ich meinen ritterlichen Handſchuh hin und will Dein Recht im ernſten Schwertſpiele ihm auf Tod und Leben beweiſen. Wer iſt an dieſer Tafel, der nicht überzeugt wäre wie ich? Niemand erhebt ſich, Niemand hat ein Wort für den Schändlichen, der dort vergeht in Scham und Ingrimm zugleich, und doch in rohem Starrſinn kein Knie beugt, keine Gnade erfleht. Wohlan denn, neh⸗ met ihm die Ehrenkette, die ehrenvolle Kleidung, welche er unrechtmäßig trägt, legt ihn in Eiſen und ſtoßt ihn in den Kerker, bis der Herr Quäſtor den Blutbann hegen wird gegen den Uebelthäter. Das verſammelte Volk jauchzte dem Spruche nach⸗ aber die Erbitterung der aufgeregten Menge ſprengte nach ſo langem Zwange des Zuhorchens und der Auf⸗ merkſamkeit die Feſſeln. Vom Gemurmel ſtieg es zum Geſchrei. Liefert uns den Brudermörder aus! Er iſt kei⸗ nes Richtſpruchs werth! Gebt ihn uns, daß wir ein be⸗ ſonder Gericht üben an ihm! Fangt ihn, ſchleift ihn auf die Gaſſen, reißt das Tigerthier in Stücken! Streut ſeine Glieder auf den Schindanger; er darf nicht ſterben wie ein Menſch, nicht ein Grab haben wie andere Menſchen! ſo brüllte es aus dem furchtbaren Volksknäuel, und das vielköpfige Ungeheuer bewegte ſich immer näher und tauſend Arme ſtreckten ſich aus, die Schranken krachten 8S1 und brachen, die Leibwächter wankten und wichen, der entlarvte Andreas ſtützte ſich, von Fieberfroſt geſchüttelt, an den Frohn, der ihm die Ehrenzeichen zu nehmen be⸗ gonnen, und Leo rief die Hülfe des Gerichts mit drin⸗ genden Angſttönen auf. Da ſtürzte Oberſt Wolkerſtorf mit blankem Schwert hinter dem Tiſche hervor und gerade hinein auf die ftür⸗ mende Menge, die ſein blitzender Stahl halten machte. Im Namen der kaiſerlichen Majeſtät! Achtung vor dem Geſetz! donnerte ſeine Stimme über die Menſchenwolke hin: es ward ruhig und die treue Bürgerſchaft beugte ſich dem verehrten Angedenken ihres väterlichen Beglückers. Ueberlaßt dem Richter das Urtheil, ſetzte der Oberſt hinzu, er wird ſolche Schandthat nicht mit ſeidenen Händen ſtrafen; aber wollet ihr eure Theilnahme zeigen, ſo führet dieſen wackern Mann, der faſt um ſein Alles be⸗ trogen worden, zu ſeinem Brauthauſe, daß er ſich ſeines beſten Schatzes verſichere. Jubelnd empfing das Volk den Rath, und die Hände der Vorderſten ſtreckten ſich aus und ergriffen den freund⸗ lichen Leo, und auf den Schultern getragen ſchwebte er von Arm zu Arm, von Haufen zu Haufen, bis ihn zu⸗ letzt ſeine Kameraden empfingen und ihn nicht weiter ließen, und ihn mitten in dem lärmenden, jauchzenden Gedränge durch die Hauptgaſſen Wiens trugen, den Mär⸗ tyrer zu zeigen Jedermann, bis ſie endlich an das Haus zum rothen Kreuz kamen, wo ſie den Triumphator gegen ſeinen Willen nach einem tobenden und bis zu dem fern⸗ ſten Winkel der Stadt hallenden Vivat frei gaben. Innen im Hauſe trat die blonde Kathi an des Vaters Hand dem Sieger entgegenz mit betrübtem Blicke und verfin⸗ ſtertem Geſicht ſah er auf die liebliche Braut ſie ſtürzte 1 Blumenhagen. XNV 6 ſich aber laut weinend an ſeine Bruſt, und ſchmerzlich preßte er ſie an ſich. Der Hubmeiſter legte ſeine Hand auf Leo's Schulter und ſagte freundlich: Bis morgen, mein lieber Sohn! Nicht wahr, bis morgen Aufſchub! Dann aber zur Kirche, daß Du Erſatz findeſt für die traurige Entbehrung. Lev ſchüttelte wehmüthig ſein Haupt. Rein, nein, guter Vater, bat er, opfert mir Euren Lieblingswunſch wie ein Schmerzensgeld! Wir haben Vieles zu vergeſſen, und wenn das Jahr zu Ende geht, und das Feſt des Herrn, des Erlöſers, kommt mit den Chriſtgaben, mag es der Kathi und mir das Vertrauen und die Zufrieden⸗ heit wieder beſcheeren, auf die jedes fromme Brautpaar ſein neues Haus erbauen muß, ſoll es auf feſtem Grund ſtehen und der Friede es zum Paradieſe machen.— Die ſchöne Kathi ſchluchzte lauter; der Hubmeiſter aber nahm, dem beleidigten Bräutigam beiſtimmend, ſeine betrübten Kinder in die väterlichen Arme. Kaiſer Maximilian ſprach laut ſeine innerſte Empoͤ⸗ rung und ſeinen Zorn aus über ein Verbrechen, das als unerhört in der Chriſtenheit, wenigſtens nie geſehen in den frommen Provinzen Auſtria's, auftrat. Er wollte eine nie geübte, furchtbare, der Sünde die Wage hal⸗ tende Strafe dafür erſonnen wiſſen. Da warf ſich Leo zu den Füßen des kaiſerlichen Herrn und erbat ſich das Leben des Bruders, und der Kaiſer, ſeinen ehémaligen Wund⸗ arzt in ihm erkennend, vermochte nicht, ihm die Gnaden⸗ bitte abzuſchlagen. Auf des Kaiſers beſondern Befehl wurde der ruchloſe Andreas zu den Karthäuſern in den Seitzerhof geſteckt, ihm zum lebenslänglichen Gedächtniß 83 ſeiner Sünde der Kloſtername Bruder Kain beigelegt, und, die ſtrenge Regel für ihn noch beſonders geſchärft und zur Pönitenz gemacht. In der Spauerſchlucht aber am Fuße der Eisgebirge und Salzburger Gletſcher fanden nach einigen Jahren die Reiſenden ein neugebautes Schlößchen, wohlverwahrt durch Mauer und Thor und geziert durch ein ritterliches Wappen über dem Sigsgewi völb. Die Hauſirer ſuch⸗ ten vergebens das verfallene Gehöft und fragten verge⸗ bens nach dem Scorpionöl und den abgerichteten Finken und Dompfaffen. Eine ſchöne Zucht junger Pferde fand ſich in den Stallgebäuden und jagdluſtige Hunde kläfften auf dem Hofe. Meiſtens ſah man zwar nur eine blinde, greiſe Herrin in der kleinen Burg, bedient von ſorg⸗ ſamen Mägden und geſchützt von mannhaften Dienern; aber in der wärmern Jahreszeit erſchien ein ſtattlicher Mann mit ſeiner lieblichen Hausfra u im Schloſſe: Ehren⸗ kette, Schärpe und goldene Sporen zierten den Mann, und er trug die Abzeichen hoher Würden im kaiſerlichen Dienſt. Dann es n Feſttag im Schlößchen, und die Gäſte ſtreiften in der G egend umher zur Jagd und zur Bergſohrt; nur eine Sei eite des Gebirges berühr⸗ ten ſie nie: es war jene, wo das v irfe Wetterhäus⸗ chen lag und wo der ſchmale Pfad zwiſchen den beiden Spitzhüten zur großen Eistafel führte. M. Der Roßtrapp. Eine norddeutſche Sage. Ver dem gewaltigen Thore der in Felſen und Flip⸗ pen ausgehauenen und eingebauten Veſte des alten Harzkönigs drängte ſich das Volk. Schmutzige Höhlen⸗ ſiedler waren gemiſcht mit rußigen Köhlern; die wilden Thiergeſichter rieſenhafter Holzfäller und ſchwarzer Hüt⸗ tenleute mengten ſich mit den weißen Schafspelzen der Hirten und den ſtruppigen Wolfsſchuren der Jäger, doch die erzgepanzerten Wächter am gigantiſchen Eichenthore hielten Alle mit ihren langen Barden im Zaume und vom Innern der Veſte zurück, wo die Keſſelpauke tönte und wo gellende Trompetenſtöße des Volkes, vor allen der kreiſchenden, gedrückten Weiber Neugier marterten. Es war dazu ein herrlicher Wintertag: wie die geöffnete Schatzkammer eines unterirdiſchen Geiſterfürſten ſtrahlte das mächtige Harzgebirge mit ſeinem vom Glatteiſe über⸗ zogenen Firnen und ſeinen mit Eiszapfen behangenen Felſenzinnen; wie aufgethürmte Haufen von Diamanten, Rubinen und Saphiren glänzten die runden Vergkuppen; von den Schneefeldern und beeisten Höhen fiel das Son⸗ nenlicht blendend zurück wie von Brennſpiegeln, und dazwiſchen lagen die ſchwarzen Tannenwälder wie Ver⸗ ſtecke hölliſcher Gewalten oder menſchlicher Unthaten. Da trat aus dem Thore der alte Oberſteiger der Silbergrube, des Königs Liebling, und jauchzen um⸗ ringte ihn die Menge. ſchon vorbei? Wer hat ſich am Beſten gehalten? Und wie Viele ſind umgekommen? Wie Viele von den zehn Freiersleuten haben das Genick gebrochen? Hat der König entſchieden? Und wer hat die Braut und die Goldkrone? ſo fragten hundert Stimmen, und mit Mühe und erſt nach harten Stößen der Holzfäller und gehobenen Spie⸗ ßen der Jagdleute wurde es ſtill, daß man den Greis vernehmen konnte. Hochzeit morgen! rief der weißlockige Alte. Und der edle Herr läßt euch ſämmtlich laden zum Tanze und beſten Gerſtentranke und feinſten Weizenkuchen. Und wer iſt Bräutigam und Kronerbe? fragte ein goldlockigt Mägdlein, keck hervor ſich drückend. Nun wer, Naſeweis! entgegnete der Greis. War voraus zu ſehen; denn Der iſt ja wie der alte Thor, der Donnergott mit dem Zentnerhammer! Der rieſige Isländer mit dem rothen Zottenhaare und dem krauſen Schnauzbarte, welcher leuchtet wie Koboldsflämmchen in feuchten Stollen, hat ſie Alle hingeworfen; nur der braune Saſſenritter, der das lange Silberkreuz auf dem Panzer trägt und als Schildſchmuck das weiße Roß im Rautenkranze, machte ihm die Braut eine kleine Weile ſtreitig. War wohl eine Luſt anzuſchauen, wie die zwei edeln Herren im Kreiſe wandelnd mit den Dolchen und Speeren ſich warfen, gerade ſo wie glühende Donner⸗ keile ziſchen durch die Föhrenwipfel, und doch ſo tändelnd und freundlich, wie des Puchwerks Knaben ſich ſchnee⸗ ballen. War der Eine der Sturmwind, war der Andere der beugſame Birkſtamm; Dolche und Speere fing der Jslandsheld auf dem ungeheuren Schilde; wie im Scherz⸗ ſpiele ließ der gewandte Saſſe ſie fliegen bei ſich hin Iſt es zur⸗Entſcheidung gekommen? Iſt der Kampf 89 und über ſich hin, bis Beide, des Spieles ſatt, ſich un⸗ verwundet auf die Roſſe ſchwangen, und Jedermann nun zu zagen begann für den edlen Deutſchländer, in⸗ dem der kohlſchwarze Hengſt mit ſeinen Bärenknochen gerade den ſchlanken deutſchen Schweißfuß ſo hoch über⸗ ragte, wie der ſchwarzgeharniſchte Nordlandsrecke den ſilbergeſchmückten Rittersmann. Auch ſchon im erſten Anlaufe entſchied ſich's, denn das Rieſenroß, beißend und ſchlagend zugleich, warf Pferd und Reiter in den Sand des Rennplatzes, daß die Ritter gar nicht zuſam⸗ mentrafen mit dem Blitz der blanken Schwerter. Da keuchte mit gebrochenem Genick der verendende Fuchs⸗ und mein Saſſenritter konnte nicht auf, denn der ein⸗ gedrückte Helm hatte ihn betäubt. Alles ſchrie; er aber mußte ſich halb ohnmächtig überwunden geben, und der Isländer ſchenkte ihm das Leben und lud ihn ſpöttiſch zum Brauttanze. Aber iſt nicht der isländiſche Herr ein Heidenkind? fragte ein Hirt. Giftig ſahen ihn mehrere der Holzfäller an und hoben die Aexte. Weiß man's doch nicht, ſiel der Greis ein, ob er dem neuen Glauben zugethan und ein Kreuzesbruder iſt, wie Biſchof Winfred den König werden ließ! Doch uns mag's Eins ſehn! Ein tapferer, ſtarker Herr iſt ein guter Schutz, und paßt der tolle, rohſinnige Kämpe auch weniger gut zu dem wunderſchönen Königskinde, ſo hat der alte Königsmann ihn deſto lieber, dem er den Sieg gewann über das Katten⸗ und Haſſenvolk, die dem gebrechlichen Alten gar zu gern das reiche Gebirgs⸗ land genommen hätten. Seht da, das iſt der Sieger und unſer künftiger Herr und König! und Wachen und Volk wichen furchtſam zurück, als aus dem Thore auf kohlſchwarzem Rieſengaule im leich⸗ ten, ledernen Rennthierkoller und mit fliegendem, rothen Lockenhaare der furchtbar-lange Ritter Hialf hervor⸗ ſprengte, ſein mißgeſtalteter, grinſender Knappe auf gleich hohem hellbraunen Mutterpferde hinter ihm. Das iſt ihr gewöhnlicher Mittagsritt, deutete der Oberſteiger dem Bergvolke. Werden die rieſigen Thiere nicht täglich abgejagt bis zum Kniebrechen, ſo ſchlagen ſie Stallwand und Wärter zu Schande! Alle ſtaunten dem halsbrechenden Ritte nach, der durch Schlucht und über ſteilen Bergpfad ging, und die Menge verlief ſich; nur das goldlockigte Mägdlein ſah traurig in die Pforte des Schloßhofes und ſeufzte: Dem kann das ſchöne Königskind doch nimmer gut ſeynk Im ſtillen, halbdüſtern Erkerzimmer ſaß indeß die hochbuſige Amala, mit langem blonden Haare die Thrä⸗ nen trocknend. Hinaus ſchaute ſie in die wüſte Berg⸗ landſchaft, ſich ſchaudernd, wie der verwegene Bräuti⸗ gam über die Tiefe ſetzte und das ſchäumende Thier den glatten Eispfad hinan trieb. In die Taubenſeele kamen verbrecheriſche Wünſche: ſie rief die Gnomen an, die Klippe verrollen zu laſſen unter den Füßen des Hoch⸗ müthigen, doch ſchnell bereuend, bat ſie dem erſt kürzlich erkannten, doch innig aufgenommenen Gotte der Liebe ab, was der Haß und die Noth in ihr geboren. Aber mit welch freudigem Schrei fuhr ſie zuſammen und ver⸗ gaß alle Mühſal, als das Pförtlein ſich regte, das auf heimlicher Windelſteig des Thurmes von Zwinger herauf⸗ führte, und wie ſchnell hatte die Liebe wieder alle Roſen 94 auf ihre zarten Wangen getrieben, als an der alten Amme Hand der ſchlanke Luithold erſchien. Raſch, aber ernſt trat er zu ihr, nahm die darge⸗ botene Hand und drückte ſie mit Inbrunſt an ſeinen Koller. Die Scham kommt mit der Liebe! ſagte er halb⸗ laut.— Willſt Du Schwimmer ſeyn bergan im Wald⸗ ſtrome? Oder willſt Du ſtützen die brechende Mutter⸗ tanne? fragte ſie.— Bezwangen mich auch Kräfte der Natur! ſeufzte er, ich bin bezwungen, bezwungen vor Amala's Augen!— Laß den Ritterſtolz jetzt, mein geliebtes Herz! fiel ſie ängſtlich ein, wieder in die Zeit tretend und von der Gegenwart erſchreckt. Bald kehrt der grimme, eiferſüchtige Wächter, darum höre das letzte Wort, nimm den letzten Kuß der dem dunkeln Surtur und ſeiner Hölle geopferten Jungfrau. Warum den letzten? Weil Sterben das einzige Hoffnungswort iſt, welches der gute Geiſt mir flüſtert. Sterben? Du, Königin des Lebens, ſterben? Wo bliebe Leben in der Natur ohne Dich? Die Frühlings⸗ roſe ſtirbt im RNachtfroſte, ehe ſie den ganzen Kelch entfaltet und beglückend der Welt ihre Pracht gezeigt? Sterben? Ich kenne ein holderes, lichteres Wort: Flucht heißt es! Schnelle Flucht! Die Jungfrau fuhr zuſammen. Flucht! lallte ſie nach. Ich bin ja des alten Königs einziges Kind. Und der alte König, fiel Luithold zornig ein, will das einzige Kind dem Böſen opfern, will in Höllen⸗ flammen Dich werfen ſchon auf Erden, will dem heid⸗ niſchen, ungeſchlachten Manne ſein einziges Kleinod hinwerfen. Er hat ſich losgeſagt, nicht Du, meine Taube. 6 Sie ſchüttelte gedankenvoll das Köpfchen. Iſt doch auch Flucht Unmöglichkeit, wenn ſich das Herz Dir auch ergeben möchte. Wohin? Durch wen? Der Schnee ver⸗ räth der flüchtigen Liebe Spur und ſeine Rieſenroſſe überfliegen den Orkan! Doch auf den Rieſenroſſen? rief triumphirend der Saſſenritter.— Amala ſchauderte.— Kameradſchaft hat mein Leibbub gemacht mit dem zwergigen, verboge⸗ nen Diener der Islandsrecken. Die Gäule ſind milder als man meint, und haben ſich ſchon an ſeine fütternde Hand gewöhnt; er will ſie hinausſchaffen, wenn Abends das Mahl die Ritter feſſelt und der Zwerg den Rauſch verſchläft. O willſt Du nur, ſo führt die Liebe muthig uns fernhin zum ſchönen Pleiße⸗Thal, wo keine rauhen Winter ſind wie hier, wo die Menſchen nicht roh ſind und hart und kalt gleich dem Schauergebirge wie hier, wo man nicht Menſchen ſchlachtet und Seelen opfert dem Aberglauben, wo, gleich dem Frühlinge jener Fluren, alles Leben freundlicher ſich geſtaltet, und wo man holder und ſittiger und ehrfurchtsvoller um die Frauen minnet. Sie ſank und ſchwankte; da ſprang auf die Flügel⸗ thüre und der alte Harzkönig drängte mit hochrothem Zorngeſicht, glühenden Nordſchein auf dem Silbergelock des Haupt⸗ und Barthaares, die Amme zur Seite. Iſt das die gaſtliche Ehrfurcht, mein Rittersmann? Das die Tugend, die ſtrenge, Eures Ritterthums und des Adelbuchs Eures großen Karls? fragte er wild eindrin⸗ gend. Und Du? Willſt du der Mutter Steingrab ſchän⸗ den, daß ſie kehrt aus dem Tode um Mitternacht und in die Fackeltänze des Brauttages tritt, anklagend die Braut verbrecheriſcher Lüſte und der Jungfrauenzucht frecher Verletzung? 93 Es war ja nur das letzte Wort! ſtieß Amala ängſt⸗ lich hervor. Und in der Hütte des Waldmanns harrt ſchon der Knappe mit dem Reiſeroſſe, fiel Luithold ein. Erſt ſoll der Bräutigam die Beſchimpfung rächen, ſagte der König finſter.— Vater! Du könnteſt? bebte Amala an ſeinem Halſe. Er iſt ein Chriſt; darfſt Du ihn ſo verderben?— Wer die Ehre des Hauſes ſchimpft, iſt verfallen an Heid und Chriſt! zürnte der Greis.— Nicht Er brach die Pforte! Meine verzweifelnde Liebe lud ihn zu mir. Zu des Richters Füßen zagte alfo die erblichene Maid. Da riß der Saſſenheld ein Got⸗ tesbild von der Wand und hielt es dem Königsgreiſe entgegen. Kennſt Du ihn? ſprach er in drängendem, gehobenen Tone. Kennſt Du ihn, der ſich opferte für Alle, bei Dem Du Heil ſuchteſt, der alle Deine Sünden von Dir wuſch? Willſt Du umkehren von ihm und wieder ſeyn der gräßlichſte Götzendiener, wenn Du Dein Kind ſchleu⸗ derſt in das Sündenfeuer des Himmelsſtürmers? Willſt Du verderben Dein ganz Geſchlecht, noch ehe es gebo⸗ ren, es dem Heile entziehen und der Gnade? Er iſt die Liebe! jammerte das Mädchen auf. Willſt Du die Liebe morden? O wer iſt eines Kindes Schutz⸗ wenn ſelbſt der Vater ihm das Glück zertritt? Ich liebe Dieſen; abſcheulich iſt mir der Heide und wird es ewig pleiben, denn er verdirbt mich und Dich und Dein Volk! Vielleicht wird Hialf bekehrt durch Dich; vielleicht biſt Du erkoren, gleich jenen heiligen Jungfrauen, ſeine Seele zu erretten und ihm ein zwiefach Glück zu berei⸗ ten, ſagte ſtillern Sinnes der König.— Der iſt aus 94 Heklas Eis geballt, weinte ſie, und die Blume kann nur erfrieren in ſeiner Winterhalle. Finſterer wurde des Greiſes Geſicht. Der Mann iſt da zur That, ſagte er in dumpfern Tönen, das Weib zum Opfer: das iſt ihre Tugend; und mein Volk bedarf, ich ſelbſt bedarf des unbeſiegten Eidams. Und wenn ich möchte wie ein Schwächling, ſprich, wer löste mein Wort? Iſt er nicht Herr ſchon längſt in meinem Hauſe? Frohe Hoffnung verklärte Luitholds Geſicht. Nur weil Du willſt! rief er. Ein Wort von Dir, und alle Ritter, längſt überdrüſſig dieſes Hochmuths und des Ungeſchliffe⸗ nen, vernichten dieſes gigantiſche Geſchöpf. Und deutſcher Gaſtbruch würde ein Fluch dem Hauſe! Und die ehrwürdige Harzburg würde ein Spottwort für alle Völker des Gebirgs, die in ihren Hütten ſelbſt des Todfeindes Haupt unantaſtbar halten! Rein, ſich erge⸗ ben in das Unabänderliche muß meine Tochter. Hat ſie doch vorher gewußt, was kommen ſollte, und damals nicht geredet, als es Zeit war. Wurden doch alle Müt⸗ ter ihres Stammes durch das Schwert und die Streit⸗ kolbe gewonnen und geehrt durch den Kampf der Ta⸗ pfern um ſie; denn nur der Tapferſte iſt der Königs⸗ tochter würdig, der Herzog ſoll vorn vor dem Heere zie⸗ hen. Doch weil Du das Schloß verlaſſen willſt und nimmer ſie wieder ſehen, will ich vergeben; aber geſchie⸗ den ſey ſogleich; denn, bei meinem Barte und der Harz⸗ krone! wechſelſt Du ein Wort noch mit der Magd da vor uns, ſo laſſe ich Dich werfen in den Todtenſchlund, wo die böſen Wetter ziehen, und die Nattern niſten, und die verſteinerten Menſchenbilder Dein Todeslager um⸗ ſtehen, und die klingende Säule Dein Todtenlied fingt. Und betrübt ſah Amala den Liebling an und winkte 95 weinend ihn fort. Er aber legte die Hand auf's Herz und ſchritt hinweg mit geſenkten Augen. Die Liebe hat eine Sprache, welche kein Fremder entziffert, und die doch ſo leſerlich ſchreibt. Beide wußten, ſie waren treu bis zum Pode, und das miſchte Wolluſt in den Schmerz der Trennung. Harte Scheltworte donnerte der weißhaarige Herr noch der Amme in's Ohr, ſchloß dann ſelbſt die Winkel⸗ pforte, und ließ die blonde Maid wieder in ihrer Ein⸗ ſamkeit, in die wie Eulenlied vom Hofe herauf des ſchon Ernſte Nacht, mit deinem Gedankenſpiele, mit dei⸗ ner Verſchleierung des bunten Lebens, mit deinem Nach⸗ denken, deiner zaubervollen Erweckung einer geiſtigen Welt; ernſte Nacht mit deinen Nachträumen und Vor⸗ träumen, mit deiner ſcheinbaren Oede, in welcher jeder Lichtfunken, jeder hämmernde Holzwurm eine Rolle ſpielt, o, du biſt die treue Freundin, welche nie die Stunde des Troſtes verſäumt; du biſt die ſorgſamſte Pflegerin wunder Herzen, ihr Arzt, welcher den lindernden Beſuch niemals vergißt! Die feſtlichen Anſtalten, von welchen ſie ſich umgeben ſah, und die man mit ungewohntem Gepolter und Ge⸗ hämmer in allen Räumen der Harzburg betrieb, hatten Amala nicht von der Folterbank gelaſſen. Zum morgen⸗ den Feſte ſchmückte man mit Tannenzweigen alle untern Hallen, ſo wie den ganzen Hofraum, damit ein Schein des Frühlings den Brauttag umkränze; das ſchwarze ſtechende Grün für Wieſenſchmelz und Blumenpracht ſchien der Jungfrau ein Vorbild ihres Frauenlebens. 96 Dann fuhren die Bergknappen die Stechbahn voll blin⸗ kenden Kiesſandes und erbauten einen Grottenthron von ſeltſamem Anſehen zur morgenden Huldigung: große Granitblöcke dienten als Grund und Stufen, rothbunte Marmorſitze waren darauf errichtet, und Alles daran war ausgeziert mit ſchimmernden Kryſtalldruſen und Bleiglanzgruppen. Die Abendſonne funkelte zurück von den tauſend Flächen der ſchönen Geſteine, aber ihr ſchien es eine Marterbühne voll blitzenden Henkersfeuers und mit Thränentropfen und Blutflecken bedeckt. Und als nun der zwergige Nordknapp eine Silberrüſtung ſeines Herrn keuchend in den Zwinger ſchleppte und unter einem krächzenden Fabelſang vom Nibelungenhort die einzelnen Waffenſtücke abricb, und faſt zugleich der alte Hausmeier mit mehreren Dienern zu ihr eintrat, die Prunkkleider ihrer Mutter vor ihr ausbreitete und auf den grünen Serpentintiſch die alte, goldene Krone der M Harzkönige ſtellte, aus reinem, ſchweren, heimiſcher Me talle der vaterländiſchen Berge geformt, und mit ſelt⸗ ſamen Hieroglyphen und Zauberzeichen geziert, da ſtand die morgende Herrlichkeit, in welcher eine Seligkeit un⸗ terging, ſo lebhaft vor ihr, daß ſie ſchluchzend auf ihr Bett ſank und das erblichene Angeſicht mit den zarten Händen verdeckte, weil ihr war, als rauſchten die Fittige des Todes um ſie her, und als erhöbe ſich hinter der Serpentin⸗Tafel ein weißgebleichter, hohläugiger Schä⸗ del und ſetze ſich die goldene Krone auf das gräßliche, kahle Haupt. Ritter Luithold hatte ſeinem Worte gemäß Mittags ſchon die Felſenburg verlaſſen; in ſtumpfſinniger Ver⸗ 97 zweiflung durchirrte er die Waldpfade, die ſeinem ſchö⸗ nen Vaterlande zuführten; er ſagte ſich nicht deutlich, warum, aber ſorgſam merkte er ſich die gefährlichen Stellen und die verführeriſchen Kreuzwege. Als die Nacht kam, wanderte er, magnetiſch gezogen, wieder der Veſte zu, und ſtieg den engen Klippenſteig hinan, der auf die bewachſene Seitenhöhle führte, wo der Wald zu Gängen und Sitzplätzen ausgehauen war und wie ein weiter, wahrhaft königlicher Garten das Schloß um⸗ gab. Er ſchlich an den Gebäuden und Mauern umher: Alles war ſtill und todt, längſt erloſchen die Lampe in der Geliebten Fenſter; traurig, doch ſcharfen Blicks, erſah er auch hier jeden Platz, jegliches Gebüſch, und wollte dann den Rückweg beginnen. Doch erſchrocken ſtand er am Felſenrande, denn den ſchmalen Felſenpfad herauf ſtieg eine ſchauerlich ſeltſame Weibergeſtalt, langſam, doch ſichern und feſten Schrittes. Er floh in den Garten zu⸗ rück und ſchmiegte ſich in ein Wachholdergeſträuch, das einzige dichte Verſteck im winterlichen Park. Der Mond ſtand am Himmel, doch von dickem Schneegewölke um⸗ ſchirmt und verdüſtert. Da ſtieg über den Klippendamm in die Gartenfläche ein Weib, anzuſchauen wie ein Geiſt der Vorzeit. Ueber Männergröße war ihr Wuchs, ebenmäßig waren ihre Glieder, doch kriegerſtark, ein hochroth Geſicht glänzte im Halblichte, von langen, ſchön⸗blonden, doch ungelock⸗ ten Haaren wie von Roßſchweifen umflogen; einen be⸗ ſondern Kranz von feinen Tannenzweigen, in denen kleine Zapfen hingen, trug ſie auf der Scheitel, und ein weißes, wollenes Gewand, hoch aufgeſchürzt, umflatterte die feſtgewölbten Hüften, unter der üppigen Bruſt mit einem ſtählernen Gürtel und blitzender Schnalle geheftet, Blumenhagen. XV. 7 98 indeß grell abſtechend ſcharlachrothe Binden von der Zehe bis zum Knie das markige Bein umwickelten. Einen Augenblick ſtand ſie auf der Felswand ſtill und ſchien in das Thal hinabzuwinken, dann faßte die Gewaltige das große, hölzerne Kreuz, welches allda, das Land über⸗ ſchauend, aufgerichtet ſtand, brach es mit einem Stoße ab an ſeinem Grunde, und ſchleuderte es mit heimlichem Hohngelach in den Grund hinab. Langſam ſchritt ſie als⸗ dann den Gang einher bis zu den Wachholderbüſchen. Und vom Schloſſe heran knirſchten Schritte im Schnee, und Ritter Hialf, im Koller und eine Bärenhaut um Schulter und Bruſt, kam der Fremden entgegen. Die Fremde, an Größe ihm gleich, reichte ihm die weiße Hand, doch ſie faſſend, riß er das Weib mit einem ge⸗ waltſamen Zuge in ſeine Umarmung. Luithold bebte. Es war ihm, als zittere die ganze Erde unter ihm bei die⸗ ſer Umarmung; ſie ſchien ihm ein wilder Bund des Ver⸗ derbens für alles Lebendige. Bräutigam! ſagte die Fremde wie im Vorwurfe. Die Krone mein! rief der Rieſe jauchzend auf. Doch für Dich! Wann? Und wie? Spöttiſch lachte Hialf durch die Nacht. Glaubſt Du, dieſes zerbrechliche, armſelige, puppengleiche Mäd⸗ chenbild ſey meinem Herzen genug, ſch eine würdige Braut für mein Königsbett? Glaubſt Du, des thö⸗ richten Zwergvaters Verheißungen verlockten mich? Ich will ſie quetſchen in meinen Armen, daß ſie das Lie⸗ ben in Weh vergießt, will Spaß und Spiel treiben mit ſeiner Kronenpracht und mit ſeinem Schatze, den er den Gnomen des Gebirges entwendet. Aber wenn die Mainacht kommt, wenn die Flammenſäule ſteigt vom 99 Brockengipfel, und um Mitternacht alle Odins⸗Kinder ſich ſammeln zum tönenden, durch die Gebirge weithin ſchallenden Feſte, und die feigen Kreuzesbrüder den Teu⸗ fel ziehend glauben und die Höllenjagd, dann feiert Hoch⸗ zeit König Hialf und ſein Runenmädchen, und das falſche Chriſtenblut des alten Königs und der bleichen Königs⸗ dirne tränkt den Altarſtein und den Gottesthron auf dem heiligen Berge und färbt den bunten Granit mit ſchönem Brautroth. Und wir trinken Verſöhnung aus dem Blutbecher! ſtimmte die Allrune mit gräßlicher Stimme ein. Und bis dahin? fragte der Rieſe.— Bleibt die Höhle verſchloſſen und bewacht von Bär und Wolf! Bis dahin kein Liebesfeſt, mein treuloſer Buhle und Geſpons!— Er wollte Einrede thun, ſie aber legte die Hand auf ſeine bärtigen Lippen und ſprach: Unten wartet der Prie⸗ ſter; er will reden mit Dir. Soll er kommen? Unwirſch und in ſich gekehrt nickte Hialf; ſie aber ging zurück und rief einen Ton in das Thal hinunter, welcher klang wie der Nachtſchwalbe Ruf, wenn ſie über Sumpfgebüſchen flattert. Es währte nicht lange Zeit, da erſchien eine ſchwarze Mannsgeſtalt und näherte ſich mit der Rune. Es war in ſtämmiger Greis, Arme und Beine nackt, die Füße nur mit Iltishäuten umwickelt; ein blinkendes, unge⸗ heures Meſſer ſtack im Gürtel ſeines ſchwarzen Kleides, und über dem grauen rauhen Haare und verwirrten langen Barte umglänzte ein breiter Goldreif die nackte, große Stirne. Ritter Hialf, biſt Du ein Abtrünniger? fragte er dumpf, wie fernes Weltergeroll klingt. Willſt Du die alten, ächten Götter Deiner Väter verlaſſen, und ver 400 läugnen, die Dich ſtark machten und Deinen Stamm herrlich und Deine Eiſenfauſt unüberwindlich? Willſt auch Du die gottesläſterliche Fauſt legen an Wodans hei⸗ ligen Baum und Deine tapfern Väter für Verdammte und ſündhafte Frevler erklären? Willſt auch Du Dich zu⸗ geſellen den Wahnwitzigen, welche einen Gott anbeten, der ſterben konnte wie ſie? Willſt auch Du den Zorn des Donnerers herabrufen auf Dein Haupt, indem Du Gemeinſchaft treibſt mit den Verſtoßenen? Schweigt Dein Prophetengeiſt, hochwürdiger Greis? fragte ehrerbietig der Rieſ zurück. Bringe mir Segen und Götterſpruch, denn ich werde die ſchönen Höhen von Wodans Feinden reinigen und den alten Dienſt frei ma⸗ chen und wieder königlich, und dieſes hohe, weiſſagende Mädchen wird Königin ſehn mit mir über den ganzen hereyniſchen Gau. Die Götter lieben ſie, ich werde eifern mit den Göttern um die höhere Liebe. Islands Hünenſohn, antwortete feierlich der Prieſter, Du biſt ein Berufener der Götter, ein Walhallaskind; nach Nebelheim und Naſtrand wirſt Du ſchicken die Ge⸗ waſchenen, wo Hela, die bleiche Todtengöttin, herrſcht, und wo mit ihr Locki, der böſe Gott, die Böſen im gift⸗ hauchenden Abgrunde martert. Halte Wort und Du wirſt dereinſt wohnen im Walhalla, dem Heldenhimmel, ein⸗ gehen dürfen in die Stadt Afagarda und Glaſor, den unverwelklichen Götterhain, und Alfadur wird an ſeinem Throne unter den Taxusbäumen der Idaflur Dich ſeg⸗ nen und Dir ſchenken das in Blut gekühlte Zauberſchwert Malmharniſſa, daß Du auch dort unbeſiegbar ſtrahlſt unter Walhalla's Helden, wie hier unter den Söhnen Teuts, des herrlichen Erſtgeborenen des Mani und der Hertha. Aber hüte Dich: die Nachtvögel krächzien ſon⸗ —+—„— e— — — 101 derbare Warnungsreden, da ging ich, Dich zu ſuchen. Binde mit dreifachen Ketten Dein Leibroß, denn von ihm drohet Dir Gefahr und Mühſal und große Noth! Was kann das wilde Thier? fragte übermüthig Hialf. Hat es mein Schenkel doch zuſammengequetſcht, mein Sporn es wund und matt gehetzt bis zur Ohnmacht vor wenig Stunden noch. Hüte Dich! ſprach der Prieſter nochmals. Die Götter ſprechen leiſe, aber ſicher. Die Allrune ſah ſuchend umher. Ich ſpüre fremden Athem! ſagte ſie. Weilt ein Menſchenkind verrathend in der Nähe, den Wodans⸗Kindern Schaden zu bringen? Ich gewahre nichts! antwortete Hialf, ſich umſchauend, und mit blankem, langen Schwerte ſchlug er durch die Wachholderbüſche; tief bückte ſich Luithold. Auf den fer⸗ nen Höhen zogen jetzt Fackeln wie Kometenſchweife; hie und da flackerte ein Feuerchen auf und ein eintöniges Gebrüll tönte aus der Weite herüber. Gehſt Du mit? fragte der Prieſter. Willſt Du das Reujahrsfeſt, die Jubelfeier begehen mit den Feuergenoſ⸗ ſen? Wir haben im Föhrenwalde zum Hochzeitsfeſte zie⸗ hende Chriſtenritter aufgefangen und dort oben ſchlachtet ſie das/heilige Meſſer. Ilhſt wagigen Männer! Doch ſchlachtet ſchnell, denn vielleſcht iſt der blonde Saſſenfant darunter, der keck und ſtolz, um die Krone warb gleich mir, und der heute Abend das Schloß verließ. Aber dabei ſeyn kann ich nicht, denn ich ſſelbſt muß wachen wie ein Zauberdrache über mein kleines Liebchen und ihren Goldſchatz. Wie die Schlange Irmungondur die Erde, alſo umkreiſe ich ſie. Sol⸗ 8 ſprechend, umſchlang Hialf nochmals das Weib. het jetzt! ſetzte er hinzu. Morgen ſpiele ich Hochzeit 102 mit Kindern; doch wenn zu dreien Malen der Mond ſein Antlitz in den Trauerſchleier hüllte, weil die Sonnen⸗ ſchweſter ſeine Liebe verſchmäht, dann tönet Odurs, des ritterlichen Gottes, Hornlied von dieſen Zinnen den Hoch⸗ zeitsreigen für die herrlichſte Braut, für die geborene Herrin des Gebirges! Alle Drei drückten ſich die Hände, ſchieden nach ent⸗ gegengeſetzten Seiten und verſchwanden bald. Lange noch lag Luithold verſteckt, dann trieb ihn die Kälte auf, und da er ſich nicht hinabwagen konnte in die Nacht, durch welche feurige, heulende Haufen der Götzendiener zogen, ſo ſuchte er einen alten Rüdenzwinger und brachte ſchlaflos, das gräßliche Gehörte bedenkend, und jetzt zu der verwegenſten That und ſelbſt zum Todesſchritte be⸗ reit, auf hohem Heu ruhend die langen Stunden hin. Indeſſen war der junge Leibbub des Ritters beſchäf⸗ tigt, mit den Rieſenroſſen eine trauliche Bekanntſchaft zu ſchließen. Wenn er ihnen in der flachen Hand den goldenen Hafer, mitgebracht aus den Kornthälern ſeiner üppigen Heimath, reichte, ſo ſahen ihn die edeln Thiere mit freundlich⸗glänzenden Augen an und ſtießen unwillig die tauben Körner der Gebirgsſaat aus ihren Kpippen. Verwundert ſchaute der zwergige Normann zu, ne die Thiere, denen ſonſt Niemand ohne Scheu nahen därfte, ſo ſtill den weißköpfigen Knaben eintreten ließen in ühren Stand, und die mächtigen Köpfe an ſeine Schulter drücktſen. Die Thiere kennen das freundliche Herz! ſagte dehnn der Bub, und wer ihnen furchtlos und friedlich natht, der macht ihnen auch weder Furcht noch Groll. D der Zwerg hielt's für Hexenwerk und Spuk, und ſchehrih den Knaben ſeitdem. Fe 103 Auch jetzt putzte der Bube eben die dichten, langhän⸗ genden Mähnen des ſchwarzen Hengſtes, da keuchte der Zwergknappe herein. Säßeſt Du im Heklas⸗Geiſer! ſtöhnte der Halbmenſch, ſäßeſt Du mitten darin mit Deinem ſchmeichelnden Ge⸗ ſchwätz und Deiner freundlichen Lache! Nun werde ich ausbaden müſſen, daß ich Dir Willen ließ und Herberge gab. Der Herr kommt fluchend Peaht auf den Stall los, und findet er trotz ſeines Verbots einen fremden Knecht um ſeine Thüre, ſo wirft er uns ohne Erbarmen an die nächſte Wand, daß wir platt werden wie die Matzkuchen auf Morgen. Was iſt's denn ſo Ungeheures? fragte der Bub zu⸗ rück. Will ich doch Dienſte ſuchen bei ihm, weil ich nicht bleiben mag bei meinem beſiegten und flüchtigen Herrn. Kannſt das ja ſagen ihm auf der Stelle. O, den kennſt Du nicht! jammerte der Zwerg. Der iſt gebraut und zuſammengebacken aus Kieſelfinter im Schwefelpfuhle des vaterländiſchen Vulkans! Nun, jammere nur nicht, erwiederte der Bube. Ich will Deinen Schaden nicht, Du Haſenherz! Und dabei legte er ſich dreiſt zu des Hengſtes Füßen in das hoch⸗ gelagerte Stroh.— Dem Ritter entgeht er und dem Wurfe an die Mauer; aber zerſtampft begrabe ich ihn wohgn murmelte der Zwerg. Und ein trat Hialf, mit ihm der Waffenſchmied. Da, lege die Ketten an Halfters Statt! befahl er mürriſch, und der Schmied that, wie er geboten. Morgen raſten die Roſſe im Stalle, und kein ſcharfes Futter, daß ſie zahm bleiben und ſtill. Niemand kommt herein, bei meinem Zorne! So donnerte er den zagenden Knappen anz; als er aber nun hinzutreten wollte und ſtreicheln den Hengſt⸗ 104 holte dieſer ſcharf aus und ſtreifte mit tollem Hufſchlage des Ritters Bruſt. Holla, Geſell! rief Hialf. Merkſt Du die Kette? So ſprach Allrünchen und ihr Genoß doch die Wahrheit. Nur geduldig, ſo etwas ſtraft nach der Hochzeit Sporn und Gerte. Der Hengſt ſchüttelte zornig die Mähnen und ſah mit Feueraugen dem gehenden Ritter nach. Eine Pauſe trat ein, wo der Zwerg furchtſam und unſchlüſſig auf das Strohlager blickte, doch das blonde Büblein wickelte ſich munter und unbeſchädigt heraus⸗ und der Hengſt wieherte wie fröhlich, als er wieder neben ihm ſtand, und ihm die noch halb gefüllte Fauſt voll Körner vorhielt. Du biſt mein Aſen⸗Schützling! ſagte ſtaunend der Zwerg. Ich hätte das Lager unter den vier Hufeiſen nicht mit Dir getheilt, und hätteſt Du mir alle Gold⸗ und Silberſtufen verſprochen, welche die Gnomen da oben in der Bergkuppe bewachen, wo der Edward ſeine Klaaſe hat, und die Zellen der Herthinge und Flam⸗ minge der kleinen Berggeiſter im Felde zu Hunderten ſich öffnen.— Ein gutes Gewiſſen iſt ein Zauberſchild und Siegfrieds Hort, antwortete der Bub, und als der halb⸗ berauſchte Zwerg ſich bald darauf auf ſein Lager ſtreckte, ſchlich er noch in der Burg herum, die Waffenſchmiede ſuchend, dort Feile und Hammer zu erbeuten, um damit den edlen Thieren und ſich die Freiheit zu erliſten. Wohl ganz verſchiedener Weiſe hatten die Hauptperſo⸗ nen des kommenden Feſtes die rauhe Neujahrsnacht zuge⸗ pracht. Schlaflos wälzte der alte Harzkönig ſich auf ſeinen Decken; die Geſtalt ſeines edeldeutſchen Weibes wanderte 105 mit bleichem, ernſten Antlitze an ſeinem Lager vorüber, und ſeufzte tief auf und ſah ihn ſo bekümmert an. Er gedachte der Thränen ſeines Kindes, und zugleich mit ihrem Bilde erſchienen ihm ſeine ehrlichen Gebirgsvölker, blutend unter Geiſel und Beil des wilden Rieſenkönigs. Wenn nun der Morgenwind ſcharf um die Zinnen ſtrich, ſo dünkte das ihm wie Volksgeſchrei und Aufruhrsgeheul, und wenn die Nachtvögel draußen kreiſchten, fuhr er zuſammen, als riefe ihn der Tochter Gewimmer. Tief barg er das graue Haupt in ſeine Bärendecken und be⸗ ſchwichtigte ſein pochendes Gewiſſen mit dem Aushelf⸗ mittel aller Schwächlinge: mit der Nothwendigkeit. Ritter Hialf, des Weines voll, träumte Hochmuths⸗ träume und ein ſchwelgeriſches Leben in wüſter Doppelehe. Abgeſchloſſen mit ſich ſelbſt, ſeit es ihm klar gewor⸗ den, daß hier ſchnellſte Rettung kommen müſſe, und hinge Tod an jedem dazu ausgeſtreckten Finger, ſeit er erfahren, daß hier noch mehr dräue als ein liebeloſes Weibesleben, ganz abgeſchloſſen mit ſich, mit der Welt, mit ſeinem Gotte, ſchlief Ritter Luithold mit ſchöneren Träumen ruhig unter den drei Kreuzen, welche er ein⸗ ſchlafend über ſich gemacht als Engelsſchutz. Wenn der Menſch nur recht feſt gefaßt hat, was er will und wollen muß, ſo gleicht er dem gefrorenen Meere, deſſen äußerer Spiegel tobende Wellen darunter zwängt und bindet, und welches alle überhin ziehende Laſten leicht trägt und ohne Riß und Beule. Der Menſch mit einem echten Willen iſt das unbezwungene Gotteskind. Außerhalb der Veſte ſtrich bewegten Sinnes die Rune umher. Sie lag auf dem glühenden Roſte der Eiferſucht. Die langen Haare warf der Nachtwind wie Geiſelſchläge um den nervichten Hals. Mit weit offenen Blicken ſtarrte ſie in das Mondlicht, welches zu erbleichen ſchien in dem Feuer, das aus dieſen Augen zu ihm hinbrannte. So ſtand ſie hoch auf einer ſchroffen Klippe, und unter ihr toste ein Waldbach, ſeine dumpfen Töne wie eine harmoniſche Muſik beimiſchend ihren rollenden, düſteren Worten. Seyd ihr ſtill und ſchlaft mir, ſprach ſie, ihr fin⸗ ſteren Nornen, Drillingsſchweſtern, des Schickſals Wäch⸗ ter immer, deren Spruch ich jetzt bedarf? Du, der Zukunft Gebieterin, Skulda am Urdaborn, winke Deine Bilder herauf! Bleich auch, ich verſtehe ſie ſchon; winke mir ſie mit dem ewig ſproſſenden Eichenſtabe! Wo bleibt ihr? Iſt mein Zauber entflohen, ſind die Götter gewi⸗ chen von mir? Es nahet ein Unglück! Ich leſe in den Flecken der ſilbernen Scheibe der Nacht davon! Hela, des Todtenreichs traurige Herrſcherin, ſchleicht hinter mir und zeigt mir des Geliebten blutigen Helmſchirm. Iſt es ſo? Oder ſind die Todeszeichen geiſtiger, und deuten ſie auf Treubruch und Herzweh? O Wara, dann räche Du mich! Werde ewige Quälerin, wenn der ſchöne Sohn der Inſel, ſchön wie Noſſa und herrlich wie Teut, wenn er die Tochter des Waldes belog, wenn die ſchwan⸗ kende Birke ihm lieb ward, und er mehr ſucht als die Krone, unter der ſie gebückt geht! O Freya und Wara, dann rächt furchtbar die beleidigte Schweſter! Dann um⸗ gebt ſeines Athems Zug, ihr zehrenden Dünſte und Wet⸗ ter des Abgrundes! Dann trinke er von meiner Hand aus dem Schädelbecher des zerſchütteten Grubenknechts den Bergquell, der über bleichglänzende Erze ſchlich, der die Eingeweide zerreißt und die Gliedmaßen zuſammen⸗ biegt wie Hörner des Bogens, und, Iduna, gib Du ihm dazu den friſcheſten Apfel Deiner Unſterblichkeit! 107 So peitſchte ſie ihr Prophetengeiſt, doch waren die Geſtaltungen nicht klar, die ihre Einbildung folterten. Unglück ſey nahe! das fühlte ſie, und darum ſchrieb ſie auf alle Kreuzwege magiſche Zeichen, legte auf ihnen Ruthen und Steinchen zurecht, ſchlachtete ſchwarze Vögel und Thierchen an jeder Ecke der Veſte, die bemoosten Mauern mit Blut färbend, und erſt der Tag trieb ſie in die tiefe Felſenkluft zurück, wo heiliger Aberglaube ihr einen unberührten Aufenthalt ließ, und an welcher der gekettete Wolf ihr ein unlieblich Empfangslied heulte. War auch die Nacht der ſchönen Amala gleich pein⸗ voll, es ſtand doch keine ſolche Zerriſſenheit in ihr, und in unverhaltenen ſtillen Thränen wurde der harte Schmerz weich und ging in jene Wehmuth über, die das Leben klein macht und den Tod ſüß, mit Hoffnungen beſticht, wo die Wahrheit nicht ausreicht, und welche ihr den Retter von aller Erdenmühſal in der Auflöſung ihres ganzen Weſens zu verkünden ſchien. In dieſem willkom⸗ menen Gedanken entſchlief ſie feſt und ruhte noch unge⸗ ſtört, als ein jubilirend Hornlied die Neujahrsſonne be⸗ grüßte und ſie erweckend an den aufgegangenen Feſttag erinnerte, der ihr wie ein Opfertag war, wo ſie das Lamm abgab. Doch wie erſchrack ſie gar, als vor ihrem Bette in tiefen Gedanken der alte engliſche Mönch ſaß, welchen der biſchöfliche Apoſtel Winfred auf der Veſte gelaſſen als einen Hort des ausgeſtreuten Samens. Sie fuhr raſch von den Decken auf und weckte da⸗ durch den Greis aus ſeiner Betrachtung. Dein Vater ſchickt mich, Königskind! ſagte der Mönch mit ſeiner Silberſtimme, die wie eine Feierglocke des Münſters in 108 Ohr und Herz drang; ich ſoll Dich mahnen an Kindes⸗ pflicht und Gehorſam; aber ich will dich mahnen an Chriſtenpflicht und Opfer und Dich ermuthigen im ſchwe⸗ ren Tagwerke. Auf ſeine weiße, welke Hand warf Amala ihr Ge⸗ ſicht, ſie mit ehrfurchtsvollen Küſſen bedeckend; er beugte ſich zu ihr, und ſein langer⸗ ſchneeweißer Bart ſenkte ſich auf des Mädchens ſchöne Stirne. Bete zu der Mutter, die ihres göttlichen Sohnes Blut auf ſich herabträufeln ſah am Marterholze! Sie wird Dir Troſt geben und Muth! Sie iſt die Tröſterin gebrochener Herzen, ſelbſt das Schwert tragend in ſchmerz⸗ voller Bruſt. Aber erhebe zugleich Dein Gemüth, denn Gott hat zu mir geredet im Traume ſeines Dieners, und ich ſah Dich ſitzen in einem blühenden Thale auf einem Roſenthrone, und ein ſchönes Geſchlecht um Dich⸗ welches Dich Mutter hieß. Weizenhaufen umringten Dei⸗ nen Sitz, und Flüſſe rollten vor Deinen Füßen, welche reiche Schiffe trugen und die Schätze aller Zonen brach⸗ ten. Nein! Du wirſt nicht dem Heiden geſchlachtet werden; auch dieſes Land wird nicht wieder der Heiden Tempel ſeyn, wird keine neuen Blutſteine tragen, deren Dampf⸗ wolken für den Herrn der Heerſchaaren find wie Rache⸗ geſchrei und Todesgebete. Glaube mir, Dich ſchützt ein Engel, wenn auch mein ſchwaches, erlöſchendes Auge nicht ſieht der gläubigen Tochter Rettung und Glück, und mein Ende vielleicht nahe iſt im Kampfe der verirrten Götzendiener dieſer Wälder. Leiſe ſprach er das Letzte und hauchte einen geiſtigen Kuß auf Amala's Stirne. Sie wollte antworten und ihr Geheimniß und ihre Hoffnungen in des Beichtigers Buſen legen, doch des Nordländers dröhnender Schritt 109 machte ſie ſchweigen, und mit neuer Furcht ſah ſie den Verfolger eintreten, der ſie mit rohem, glühenden Blicke betrachtete wie der Jäger den Fang, und mit ſie erſchüt⸗ ternder Vertraulichkeit ihr den Morgengruß bot. Sein Knecht folgte ihm, unter einer ſchweren Druhe keuchend. Biſt Du mir zuvor gekommen, Du alter, grauer Holzwurm, und haſt mich um die Freude gebracht, das Bräutlein da zu wecken, wie es einem Buhlen geziemt am Tage der Erfüllung? ſo fragte er halb ſcherzend und halb unwillig den Prieſter. Und die Braut ſitzt bleich allda und mit einem Antlitz ſo nebelicht wie die Herbſt⸗ ſee. Warum noch nicht im hochzeitlichen Putze, ſchön Liebchen? Hat der da wieder geſalbadert und ſeine frommen Mährlein erzählt? Der Tag iſt gut und vom Herrn gemacht, antwortete gelaſſen der Mönch, den ein Gebet beginnt und den ein Anruf an den ewigen Schöpfer, den Wächter aller Le⸗ bensnächte, beſchließt. Betet nur zu! lachte der Ritter. Die Frauen kleidet die Frömmigkeit gar ſchmuck. Auch ich habe zu meinen Göttern geſprochen, und ſo iſt der Rechte doch gewiß getroffen. Du oder Ich! Einer fand den Weg, und dann bleibt der Tag ohne Unheil.— Amala ſeufzte tief.— Sehnet ſich mein Weibchen? fuhr der Hühne fort. Nur geduldig! Winters Tag iſt nicht lang! Und damit die Liebſte Spiel hat und Zeitvertreib, während die Ritier zechen, habe ich ihr eine Morgengabe mitgebracht, denn alſo iſt es Sitte auf meiner Inſel. Er ſchloß die Truhe auf, die der Knecht zu des Mädchens Füßen niedergeſetzt, gab Amala mit ſteifer Ritterweiſe den Schlüſſel, aus Gold gedreht, und be⸗ gann die Schätze auszukramen. 110 Seht! ſagte er dabei, Ihr ſeyd ein gar reiches Fräu⸗ lein gegen mich ſchlichten Rittersmann, aber die ganze Welt hat erſetzend herſpenden müſſen, was mir mein Vaterland und das wüſte Steinſchloß der Ahnen ver⸗ ſagte. Ich bin nicht arm, und die eiſerne Fauſt und das ſcharfe Schwert waren treffliche Schatzgräber. Da ſchauet zuerſt isländiſche Reichthümer! Das ſind Becher von ſeltenem Holze, welches das Meer auswirft, mei⸗ ſterlich geſchnitzt und mit den Hiſtorien meines Stam⸗ 1 mes verſehen in ritterlichen Bildern, die deute ich Euch in langen Abenden. Da ſeht Halsgehänge aus blankem Geſteine, Perlen aus ſchwarzem Lavaglas, und hier ein köſtlicher Mantel und eine ſchmucke Halskrauſe von den ſchönſten Schwanendaunen, weich wie Eure Seidenhaut und weiß wie die kleinen Hände. Doch da unten liegt Köſtlicheres, lauter Preiſe meines Schwertes, alle haben Blut gekoſtet, doch nicht ein Tröpflein von dem Eures Bräutigams. Amala ſchauderte. Möget wohl grauſen! fuhr er fort. Wenn manch Dämchen wüßte, welcher Le⸗ bensſchweiß an dem Schmucke hinge, den ſie leicht wie Blüthenflocke auf der Bruſt trägt, ſie würde gedrückter unter ihm hinflattern im Ringeltanze. Seht, an dieſem Reiherbuſche hängt noch Hirnblutsſpur des hohen Marok⸗ kaners, dem meine Streitart Turban und Stirn durch⸗ ſchlug, weil er die Landung an ſeiner Küſte uns wehren wollte. Dieſes ſilberne Käſtchen voll Goldſtücke mußte eine ſpaniſche Küſtenſtadt darbringen, um meinem Schiffsvolke die geraubten Frauen und Knaben abzukaufen, doch wacker täuſchten meine Wappner das Südvolk, denn längſt waren die Kinder verſtümmelt worden an der rechten Hand, und drei der ſchönſten Weiber wurden für getödtet gelogen und ſpäter nach Alleſſandria einträg⸗ 111 lich verkauft. Dieſe reichen Perlenſchnüre nahm ich ſelbſt einer jungen Frankenfürſtin vom ſchönen Halſe, die ich mit dem Geliebten in hoher See auf ſchwerbeladenem Schiffe fing, welches Beide in des Mannes Heimath, in die blühende Sicilia, bringen ſollte. Gar ungeberdig ſtellte ſich der junge Eheherr, da ließ ich Beide verdienſt⸗ lich zuſammenfeſſeln und einen Sprung ſie thun in die tiefe Meeresflut. O, ſie ſtarben einen ſüßen Tod! flüſterte Amala. Nicht ſo leicht und ſchnell, als Ihr glauben mögt! fiel der unzarte Buhle ein. Seht, wenn Ihr nun mein Weib geworden, ſo wollen wir recht oft auf gleiche Weiſe all meine Schätze und Beuteſachen auskramen, und vei jedem Stück kann ich Euch eine Waffenthat erzählen, und die langen Abende werden mit Wort und Kuß und Becher ſchnell dahinziehen. Gewiß! ſeufzte die Jungfrau, und faßte nach ihrem zuckenden Herzen. Nun wählet Euch aus, denn Ihr müßt ein Stück davon tragen am Ehrentage mir zur Ehre! Er hielt ihr viel Geſchmeide hin; langſam griff aber das ſchöne Kö⸗ nigskind nach der Perlenreihe von ſchwarzem Lavaglas, und hing ſie, zum Himmel aufblickend, ſich um den glänzenden Hals. Warum nichts Kößtlicheres? Verſchmäht Ihr meine Schätze, ſtolze Jungfrau? fragte Hialf. Es ſtammt aus Eurem Inſellande! antwortete ſie beſonnen. Ei ſo! ſprach der Recke geſchmeichelt. Und kleidet Euch auch ſo beſonders gut, daß es mich gemahnt, das erſte Bräutigamsrecht endlich einmal zu üben, damit ſich auch in meinem Leben der Brautſtand ſcheide vom 112 Eheſtande. Eure Schüchternheit gab ja bislang dem Werber kein Zeichen, für den Augenblick wohlſchmeckend und in der Erinnerung ein unverwelklicher Kranz. Um⸗ fangen wollte er bei den Worten die holde Amala, doch ſie entwand ſich ihm. Laßt die edle Magd anjetzo, bat der Mönch inbrün⸗ ſtig, ſie bedarf Faſſung und Bereitung zu dem wichti⸗ gen Tage. Schaut da nicht ſchon wieder eure mürriſche Art hindurch, ihr neuen Leute? höhnte der Ritter. Eine Braut ſoll guter Dinge ſeyn und ſingen und tanzen. Ihr macht das Leben zur Grabesprozeſſion und ſucht jenſeits, was ihr hier verſäumt. Nein, da waren doch die Vorzeiter ein anderer Schlag Leute, die ſich freuten auf das Walhalla⸗Schmauſen, aber hier keine Schüſſel ungeſchmeckt, keinen Becher voll ließen, der ſich darbot. Ihre Feuertaufe, das war die wahre, denn die macht das Blut ſieden durch die Kanäle, wie Geiſerwaſſer, und wenn Du, Alter, mir die Braut trübſinnig machſt mit Deinen Sprüchlein, ſo taufe ich Dich noch heute mit Feuer alſo, daß Du keine graue Locke mehr behalten ſollſt auf geröſtetem Glatzenſchädel. Hinaus mit Dir; die Braut ſoll ſich putzen, daß ſie die Gäſte ſtattlich empfan⸗ gen mag zu rechter Zeit. So nahm er den ſchwachen Greis vor die Fauſt und ſchob ihn der Thüre zu. Das Mädchen war geſtärkter worden durch des Prie⸗ ſters ernſte Worte, denn Jedermann hielt ihn für einen Heiligen und Propheten, da er ſelten ſprach, und nur in wichtiger Zeit immer rathend und verkündigend ge⸗ redet hatte, und darum klangen ihr jetzt die Hornlieder vraußen nicht ſo gar feindſelig mehr. Sie ſah vom Fen⸗ ſter aus, wie das Volk über die Straßen und Steige zur Königsburg ſtrömte, wie alle im Feſtſtaate waren, geſchmückt mit Spangen die Frauen, mit grünen Reiſern der Fichte die Männer, doch ſuchte ſie vergebens den Mann ihrer Seele unter irgend einer Verkleidung. Hof⸗ fen und Fürchten ſind Zwillingskinder der Liebe; beide ſitzen im Schvoße der Mutter, welche ſich im Wechſel⸗ ſpiele zu ihnen hinabneigt und ihre Kinderträume anhört. Amala hoffte Alles, Amala fürchtete Alles, wie gerade des Tages jetzt allenthalben erwachendes Gelärm ihr Gegenwart brachte oder Erinnerung. Indeſſen hatte Ritter Luithold für gutes Wort und blankes Geld einen Köhler gefunden, der ihm heimliche Herberge gab und ihm eine jüngſt ererbte Jägerkleidung verhandelte. Ein Wamms von rauchen Wolfspelzen ver⸗ ſtellte des Ritters ſchlanke Geſtalt, und was ſonſt noch kenntlich, verhüllte die Halskrauſe von buntem Iltisfell und die geſchweifte Fuchsbalgkappe, an welcher abenteuer⸗ lich zwei zarte Damhirſchgeweihe, wie ſchmuckbefeſtigt, in die Höhe ragten. Vergebens hatte er auf ſeinen Roßbuben gewartet. Als die Sonne im Mittage ſtand, überwog ſeine Unge⸗ duld die Vorſicht, und, mit einem Jagdſpieße bewaffnet zu Schutz und Wehr, trat er entſchloſſen die Wanderung zur Veſte an. Er war noch nicht lange im Holze forigeſchritten und kaum aus dem Bezirk der Köhlerhütte getreten, ſo hemmte Verwunderung ſeinen Eilſchritt, denn bei einem rauchenden Meiler beſchäftigt, fand er den Ritter Hialf, den er bei dem Hochzeitsfeſte vermuthen mußte. Der Rieſe hielt ein langes Tannenſcheit in der Hand Blumenhagen. Rv. 8 114 und ſtörte mit gewaltigem Fuße den Meiler auseinan⸗ der, um ſein Holz daran in Brand zu ſetzen. Als der große Kienſpahn endlich flammte, ſchritt er, ihn ſchwingend durch die Luft, fort am Rande des Nadelholzes hinunter. Luithold folgte ſeinem Gange, neugierig und neues Unheil vermuthend, auf den Höhen über ihm hin. Der Berg ſenkte ſich zwiſchen beeiste Klippen hinab, und plötzlich ſah Luithold drunten einen geräumigen Höhleneingang, zu welchem ein ſchmaler Fuß⸗ ſteig zwiſchen zwei gräßlichen Untiefen leitete, und zu dem der Rieſe ſeine Schritte hinlenkte. Schon mehrere Male hatte Luithold den Spieß ge⸗ hoben, zu werfen das Todesgeſchoß auf des Feindes Leib, doch immer ſprach es ſcheltend aus ihm heraus und rief: Meuchler! Doch jetzt ergriff ihn plötzlich der Gedanke, ſich hinunter zu werfen vom Abhange auf den Feind ſeines Glücks, den Räuber ſeiner Seligkeit, den Verderber ſeiner Amala, ihn zu faſſen, und mit ihm ſich zu ſtürzen vom ſchildbreiten Fußſteige hinab in die unermeßliche Tiefe. So war Amala gerettet und wurde frei durch ihn. Sein Fuß zuckte ſchon vorwärts, da hielt ihn ſein guter Engel, zeigte ihm lockend das Bild der möglichen Flucht und beſtach ihn mit des Bildes Lieb⸗ lichkeit. Unterdeſſen war der Rieſe angekommen vor der Höhle und ſah mit lang vorgeſtrecktem Halſe hinein und leuchtete hinab, wagte ſich aber nicht in die Tiefe voll Nacht. Du Nornenkind! Komm herauf! rief er endlich unwillig. Komm herauf, und ſteige an's Licht zu dem Liebſten heran! Hialf iſt es, der Dich fordert! Da fuhr ein grauer Wolf an langer Kette, widrig bellend und die Zaͤhne fletſchend, herauf gegen den Rufenden. Wü⸗ 115 thend nahm dieſer die Fackel und ſchleuderte ſie gegen des Thieres Haupt, daß es heulend zurückfuhr und ſein Gewinſel die Echoſtimmen im Innern der gewundenen Höhle graulich weckte, und es an das Freie klang, als würde das ganze Geiſterreich da unten wach und auf⸗ rühreriſch. Ein blitzendes Feuer zuckte jetzt auf und brach aus der Oeffnung, ein dicker, betäubender Rauch folgte, ſo daß Ritter Hialf betroffen zurücktrat. Als der Qualm in die Luft gezogen, ſtand das Runenmädchen, Zorn im Geſichte, am Eingange. Wortbrüchiger! zürnte ſie, hältſt Du ſo Deinen Pakt? Du haſt Unglückszeichen überall geſtellt, antwortete Hialf; ſchwarzes Blut fand ich am Eckſteine des Schloſ⸗ ſes, das ſchien ein Liebesruf um Hülfe. Was iſt geſche⸗ hen mit Dir? Kurzſichtiger! erwiederte ſie höhniſch, Du verſtehſt Dich darauf, Menſch und Thier zu hetzen, doch was die Geiſter quält und feſſelt, das verſtehſt Du nicht! Was höhnſt Du? fragte der rieſige Mann ſo wild zurück, daß der Wolf drinnen neu aufheulte in Furcht. Trieb mich doch Liebe her, Liebe zu Dir vom Braut⸗ mahle. Sie ſah ihm ſtarr in dos ſcharfgeſchnittene Antlitz. Ich will nicht zurück, will bleiben bei Dir und feiern mit Dir mein Hochzeitsfeſt! fuhr er fort. Deine ſchwarze Hau⸗ ſung lockt mich ſtärker als jenes zerbrechliche Königsbett. Luitholds Herz bebte frendig bei dem Entſchluſſe, der ihm Rettung bot. Aber die Rune trat einen Schritt von dem gewaltigen Buhlen weg, welcher ihr nahe gekommen war und den Arm nach ihr ausgeſtreckt hatte. Kindeshaupt! ſagte ſie mitleidig, Du wiegſt nur den Augenblick, und in der Zeit iſt Deine Luſt. Dafür iſt die Rune nicht Dein! Wenn dieſe engen Bethäuſer fal⸗ 116 len, die den großen, ewigen Geiſt einkerkern; wenn dieſe Zeichen zerbrechen, welche die Ewigkeit und den Himmel anziehen wollen wie der magnetiſche Spitzenberg das Ei⸗ ſenbeil des Holzfällers; wenn das Feuer wieder herrſcht, der belebende Urgeiſt der Welten; wenn Du die Krone mir bringſt mit den Zauberzeichen der Väter; wenn Du frei gemacht haſt alle edeln Völker dieſer herrlichen, von den Göttern geliebten Berge, dann theilt das weiſe Mädchen mit Dir das Leben, gibt dem Würdigen den unbefleckten Leib und die von der Mutter ererbte ge⸗ heime Wiſſenſchaft, und wird die Aſamora eines unſterb⸗ lichen Königsſtammes. Bis dahin verbirgt Dir die Geliebte dieſe Höhle und dieſe Nacht. Hialf wollte haſtig antworten, Ungeſtüm in den rol⸗ lenden Augen und in der Hände geballter Bewegung. Ziehe heim! ſetzte ſie aber ſchnell hinzu. Zu Hauſe drohet ein heimliches Gift. Ich ſeh's und ſeh's auch nicht. Deine rothen Glutwangen gleichen mir dem Zinnober⸗ Anſtrich prieſterlicher Tänzer, welcher aſchgraue Todten⸗ farbe deckt; Deine wüſten, feurigen Locken ſehen mir aus wie Blutſtröme eines dem Gotte Thor geſchlachteten Feindeshauptes. Gehe heim! Hier außen im öden Winter⸗ felde machſt Du meiner Liebe Angſt und ſtechende Sorge. Aber nur ein Stündchen laß mich ein zu Dir in Dein ſchattiges Gemach und an Deinen lockenden Herd! bat inſtändig der Isländer.— Die Rune ſchüttelte ihr Haupt⸗ reichte ihm traurig die Hand, und ging dann langſam in ihre Höhle zurück. Hialf ballte die Fauſt, ſein Mund zuckte, Liebe und Zorn kämpften. In verbiſſener Wuth mußte er, wie jeder thieriſche Sinn, etwas zernichten: ſeine Hand faßte die nächſte junge Tanne und brach den ſchlanken Stamm 117 mit einem Drucke; gut, daß kein Leben jetzt ihm in den Weg trat. Wie der ſchöne Stamm krachte, beſann er ſich und ſchritt haſtigen Trittes zur Burg zurück, wohin ihm eben ſo ſchleunig, eben ſo bewegt der Saſſenritter nachſchritt. Hochzeit iſt ein gewichtig Ding, und nicht ohne Grund wurde ſolche Zeit eine hohe Zeit genannt. Bedeuten⸗ dere Entſcheidung als der Moment der Geburt, welcher den Standpunkt des Menſchen in der Welt, bürgerliches Glück, künftige Neigung wie künftige Bahn und Wahl beſtimmt, trägt die Hore, die zwei Weſen zu einem neuen, einfachen Doppelleben verſchmilzt. Seligkeit und Hölle liegen in der Wagſchale. O ihr zertrümmerten Seelen, welche die Härte zer⸗ drückte und die Rohheit, die ihr unter den Hammer⸗ ſchlägen des Geſchicks weich wurdet bis zum Zergehen, in langſam zehrender Glut einer betrogenen Hoffnung aufgelöst in Thränen zerrinnt, oder gleich dem ſtrahlen⸗ den Diamant im Vulkanfeuer roher Wuth und Loderung ſeufzend verhaucht ſeyd! o ihr freigeborenen, herrlichen Geiſter, dem Himmel verwandt und über der Erde ſte⸗ hend wie farbige Regenbogen, Kinder des reinen Licht⸗ ſtrahles, zu dem alle Erdenbürger freundlich aufſchauen; wenn ihr, von den beweglichen Sinnen verlockt, die äußere Form liebend umfaßtet, mit des Geiſtes Gewicht ſie wägend und prüfend, und im jugendlichen Taumel die Kette nahmet, die nur der Tod zerreißt, o wenn dann Eitelkeit und Zwangluſt, die Alltäglichkeit und Zwing⸗ herrſchaft euch begegnen, wenn das arkadiſche Blumen⸗ gebüſch eine Frohnſtraße wird, wenn die Seraphsſittiche 118 wie Ikarus⸗Flügel in Einem Sonnenſche ine ſchmelzen, und der Schwärmer zum Staube niederſtürzt, weh euch alsdann! Wie der in das Eis gefrorne Goldkäfer, wie die ſchöne Sylphe, welche der gerinnende Bernſtein um⸗ ſchloß, liegt ihr da, und euer Leben wird das gräßliche Grab eines lebendig Beerdigten! Das empfand Amala, das waren ihre Gedanken, als voller Glanz der Königin ſie umgab und die Krone auf den Ringellocken prangte, ſie todeswund drückend. Allein ſtand ſie, verlaſſen war ſie, nur zwei Troſtmo⸗ mente lichteten das Dunkel dieſes Tages. Der alte Mönch hatte die Einſegnung, in welche ſich der heidniſche Hialf ganz artig gefügt, bis zur ſpäten Abendzeit verſchoben, kirchlichen Ritus bei Fürſtenehen vorſchützend, und den alten König durch das Bild beſtechend, wie der pracht⸗ volle Abendſchmaus und der glänzende Fackeltanz ſich dann ſofort an die Ceremonie ſchlößen. Das fiel ihr auf, und als ſie dann einmal an das hohe Fenſter trat, weil ihre Bruſt im Gedränge eng wurde und ſie hin⸗ aus mußte aus dem Wogen des Fürſtenſaales, wo Ritter und Frauen, Sänger und Fiedeler, Edelknaben und Diener, wie ein Meer im Mittagsſcheine ſchwellend und drückend, fortrießen und fortgeriſſen wurden, als ſie da einen Jägersmann heimlich und mit Haſt mit ihrem Mönche ſprechen ſah und des Waidmanns Züge eine Aehnlichkeit trugen mit dem Manne, an den ſie ewig dachte und den ſie Niemanden nennen durfte, da ermu⸗ thigte ſie ſich und faßte dicht an der Todesſtunde das innigſte Vertrauen zu der Vorſehung, die die Menſchen⸗ kinder leitet, aber auch auf dem Wege beſchützt. Schneegeſtöber und Sturm hatten die Ritter⸗ und Volksſpiele draußen in der Rennbahn nicht begünſtigt. 1¹9 Als nun der Tag ſich ſenkte, zogen ſich die Frauen und das junge Volk zu Tanz, Geſang und Räthſelſpielen in die inneren Gemächer zurück, große Tiſche wurden im Prunkſaale zuſammengerückt, und die bärtigen Streit⸗ männer lagerten ſich hinter ungeheure bauchige und maſſive Silberkannen und Becher. Auch Amala wollte den Frauen folgen, doch in roher Zärtlichkeit zog ſie der grobſinnige Bräutigam ſchon halbberauſcht zu ſeinem Sitze oben an die lange Tafel, und zwang ſie halb durch Bitte, halb durch Herrſcherblicke, ihm und dem Könige und den edeln Herren der Nachbarsgauen die Pokale zu füllen und mit roſenfarbenen Lippen zu kre⸗ denzen. Wie wuchs ihr Zagen, wie zitterte ihr kreden⸗ zender Mund! Die Stunde der Entſcheidung näherte ſich mehr und mehr wie ein entfleiſchtes gräßliches Todten⸗ geſpenſt, und alle Hoffnung auf Rettung erſtarb wie das letztet, leuchtende Kerzenlicht einer verirrten Wanderin. Siehe, da wurde es lebhaft an der Pforte des Trink⸗ ſaales, und herein trat im Prieſterrocke der alte Mönch, hinter ihm Kirchendiener und Chorknaben und alle ge⸗ ſchmückten Dienerinnen und Zofen der Königstochter. Der Zecher Gelärm und Jubel verſtummte, als der kirchliche, ſtille Zug zum Zechgelage trat. Hochgeprieſener Nordlandsheld, ſprach der Prieſter und neigte vor ihm ſein greiſes Haupt, glücklicher Bräuti⸗ gam! bald glücklichſter, beneideter Eheherr! erlaube jetzt dem Diener des Herrn und des einigen Gottes, daß er Dir nimmt auf kurze Zeit die ſchöne Braut, damit ſie würdiger und reiner noch der Weihe und Deiner Liebe entgegenkomme! Was willſt Du, Graukopf? fuhr der Ritter in die Höhe. Störe uns nicht! hier iſt Weihe, und dieſer treff⸗ 120 liche Moſt bereitet Bräutigam und Braut am ſchoͤnſten zur Feſtſtunde! Es mag dem Kriegsmanne alſo bedünken und auch Solches wohl anſtehen, fuhr der Mönch gelaſſen fort, doch der baldigen Hausfrau geziemt Zucht und fromme Sitte, und ſie wird mir folgen darum zur ſtillen Ka⸗ velle des Königshauſes, daß ſie ſich bereite im kurzen Gebete, und verſöhne den Herrn, ihren Gott, im Beicht⸗ ſtuhle nach der Verordnung der heiligen Biſchöfe! Haſt Du der Sünden ſo viele und ſchwere? fragte Hialf das Mädchen. Laß es gut ſeyn, mein Bräutchen! Lege alle Deine Sünde mir auf zu der meinen; die leichte Waare macht meine derbe Laſt nicht ſchwerer! Da bezwang Amala ihren Widerwillen in der Noth und Bedrängniß, legte ihren weißen Arm um des Trun⸗ kenboldes nervichten Hals und ſagte, ſchmeichelnd zu ihm geneigt und alle Lieblichkeit in Einen Blick ihres Seelenauges gießend: Laß mich die Sitte achten, mein Herr und Geſpons, daß ich nicht verſpottet werde von den Frauen des Landes! Frömmigkeit iſt Dir ja die Bürgſchaft der kindlichen Treue Deiner Hausfrau. Laß mich folgen dem heiligen Manne; bald bin ich Dein Eigenthum dann für immer! Und der nie gehörte zauberiſche Liebeston umfing des eiſernen Mannes Herz, wie zarte Arme ſich um den Liebling des Lebens legen, und er ſah tief in ihre ſee⸗ lenvollen Augen; ein Traum, ſüß wie Meth, ging an ſeinen Sinnen vorüber, und ein heimlicher Groll zugleich auf die verſagende Rune, deren Auge ihm nie ſo ge⸗ blickt. Mit Inbrunſt drückte er ſeinen rothen Schnauzbart auf ihren Arm, und ſprach nickend mit dem koloſſalen Haupte: Geh denn, mein Bräutlein, aber kehre flugs, — 1 1 1 . vaß bald die letzte Fackel verlöſche und ich ruhen mag am klopfenden Herzchen. Und Amala blickte auf ihres Vaters Angeſicht und ein Thränenguß ſtürzte aus ihren Augen, und ſie bog die Kniee vor ihm und küßte unzählige Mal ſeine welken Hände. Er ſtreichelte bewegt ihre Wange, dann aber ſagte er, plötzlich ſich beſinnend, mit harter Stimme: Freudenthränen! Nicht wahr, mein Kind? Auf dann, und gehorche ſchnell Deinem hohen Gebieter, dem un⸗ bezwungenen und tapfern Sohne nordiſcher Helden! Wieder erſchien die höchſte Gefahr vor Amala's Au⸗ gen: die Worte des Vaters ſelbſt waren ihr Mahnung daran, und trieben ſie fort mit den harten, unväter⸗ lichen Tönen. So verließ ſie ermuthigt in Eile den Saal und ging mit dem Greiſe und ſeinem Geleite der Kapelle zu. Doch der Rieſenritter war nicht ſo unbedacht und be⸗ thört, als Amala gehofft; er winkte den zwergigen Leib⸗ knappen herbei und befahl ihm heimlich, er ſolle ſpüren und wachſam auf Alles nachgehen, und das Liebchen nicht einen Augenblick aus den Augen laſſen. Der Mönch las die Meſſe und betete dann mit der Fürſtin, wohl gewahrend, wie der Zwerg am Pfeiler lehnte und horchte und herſchielte zum Altare. Prieſter und Braut gingen dann in den Beichtſtuhl; der Zwerg ſah ruhig dazu, denn er wußte nicht, daß zu des Prie⸗ ſters bequemem Fortgange bei gefülltem Gotteshauſe der Stuhl einen Ausgang hatte zum Walle, eine Keine Thüre auf die Umgebung der Burg. Muthig mit Gott jetzt, meine Tochter! ſprach der Greis, als er leiſe aufſchloß.— O, was waget Ihr um mich! rief Amala mit verhaltener Stimme.— Ich thue 122 ein Werk Gottes, antwortete der Prieſter im Tone jugend⸗ licher Schwärmerei. Ich fühle es ja an der ſeligen Ruhe, die mich erfüllt. Daß ich Gottes Dienſt zur Täu⸗ ſchung gebrauche, wird der Vater der Liebe verzeihen, rette ich ihm und ſeinem Worte dadurch die reinſte Seele dieſes verlorenen Landes! Und wenn Luithold mich rettet, wo bleibt aber Ihr, mein heiliger Vater? fragte Amala noch ängſtlicher. Des Rieſen Zorn wird Euer Alter nicht ſchonen; ich zittere um Euch und möchte rückkehren, denn ſolcher Preis iſt zu hoch für das Erdenglück eines armſeliges Weibes. Zage nicht! Zaudere nicht! Gott richtet über ihn und mich! erwiederte mit hoher Stärke der Gottesmann. Ehe man uns vermißt, bin ich den Fußpfad des Gartens pinabgeglitten, unten empfängt mich Luitholds Wirth, ein chriſtlicher Köhlersmann, und, von ihm geführt und verſteckt, verlaſſe ich morgen dieſes unglückſelige Land, bis ſeine rechtmäßige Fürſtin darin herrſcht, von Lui⸗ tholds Schwert und des Kaiſers Heeresmacht wieder in ihr Väterrecht eingeſetzt. Heraus traten ſie in die kalte Nacht, und Amala folgte dem Engel ſchweigend. In der Kapelle ſangen indeß die Chorknaben und der Zwerg lehnte ſchläfrig und gähnend an ſeinem Pfeiler. Ein Roßbube der Burg trat jetzt zu ihm, ſtieß ihn heim⸗ lich an und flüſterte: Kamerad, willſt Du noch einen Ritt machen, und hat Dein Herr den Sachſenknecht in Dienſt genommen? Wie das? kreiſchte das Zwerglein. Meine nur, weil Dein ſchönes Roßpaar aus dem Stalle gezogen iſt, und der fremde Milchbart, der ſich immer mit Dir herumtrieb, die Thiere dem Burgthore zuzieht. 123 Kann der Gauch Ketten brechen wie morſch Leder⸗ werk? fuhr der Zwerg empor. Aber bei dem Götter⸗ hammer, es ſoll dem Diebe Blutgeld bezahlt werden für die Uebelthat. Dacht ich's doch, daß es nicht richtig war mit dem Nachtritte! nickte der Knecht. Schwankend weilte der Zwerg noch einen Augenblick, bat dann den Knecht, Wache zu ſtehen für ihn in der Kapelle, und das Königsfräulein nicht aus den Augen zu laſſen, wenn es wieder aus dem Beichtſtuhle hervor⸗ ginge, und ſo ſprang er durch Gänge und Stiege auf und nieder, hinab dem Schloßthore zu. Doch wer malte ſeine Erſtarrung im Schrecken, als er jetzt in das Thor trat, wo keine Wache, kein Hellebardirer zu ſehen war, und oben auf dem Walle der Prieſter im vollen Ornate ſtand, und vom lichten Mondſcheine beleuchtet ein rüſti⸗ ger Mann, in Thierfelle gekleidet, die königliche Braut den ſchmalen, für die Wachpoſten gemauerten Pfad vom Walle herabtrug! Die goldene, weithin ſchimmernde Krone ließ ihm jeden Zweifel ſchwinden, und dazu hörte ſein feines Ohr vom fernen, äußerſten Zwinger her das bekannte, kraftvolle Wiehern des ſchwarzen Normanns. Eben dieſe in der Kirche! Jetzt Alle hier! Er traute ſeinen Augen kaum und wähnte, er ſehe Zauberſpiel, doch ſein Inſtinkt trieb ihn mechaniſch, zurückzuſtürzen in das Schloß, und alle ſeine Bewohner, wie ein Feuer⸗ wächter ſchreiend, in Aufruhr zu bringen. Wehe über dich, du zärtliches Liebespaar, wenn nun des Unglücksboten krächzend Eulenlied die Beleidigten aufruft vom Hochzeitsmahle, und Vater und Bräutigam und Genoſſen und alles Volk in Zorn und Trunkenheit doppelt grauſam herausſtürmt auf den verlorenen Fang! 124 Schon fallen die Seſſel, die Tafeln ſchon, die Kan⸗ nen ſchon mit vergoſſenem Labetranke, umgeſtürzt von der Fauſt der Erſchreckenden und von ihrem wüſten Auf⸗ bruche. Die fallenden Becher klirren, die Schwerter raſſeln, der ganze Lärm des Schloſſes tobt nach Außen, die Lieder find Sturm geworden, der Jubel Kriegsge⸗ ſchrei, der geregelte Tanz wildes Verfolgungsdrängen, und Hialf, vom Getümmel gehalten, ſchlägt mit zucken⸗ der Fauſt ein Fenſtergebäu ein, als ſey es morſches Bretterwerk eines Gruftbaues, und wie ein Rachegeiſt vom Heldenhimmel ſich niederſtürzt in ein verbrecheriſches Land, ſo trägt vom Saale ein kühner Sprung ihn hinab auf die Höhe des Burgwalles. Der betende Prieſter iſt das Erſte, was im Mon⸗ denlicht in ſein glühendes Auge fällt. Zur Flucht rafft der zu ſchnell überraſchte Alte ſich auf, doch ſchon faßt die mordgewohnte Fauſt ſein prieſterliches Kleid. Weißhaariger Betrüger! ſtammelte Hialf in ſchäu⸗ mender Wuth, iſt Jungfrauenraub Deines Gottes Dienſt und Betrug Dein Altarlied? Fahre hin, wo Dein Sa⸗ tan wartet! Und wie ein wilder Ur fällt er ihn an, reißt ihn auf vom Boden, da der Ohnmächtige hingeſtürzt, auf am weißen Gelock, und im Schwungſturz wirft er den leichten Greis hinab die ſchroffe Felswand. Unten lag der Prieſter mit zerſchlagenem Gebein neben dem zerſplitterten Kreuzbilde, welches der Rune frevelnde Hand in letzter Nacht hinabgeworfen. Die zuckende Rechte des Sterbenden faßte das heilige Holz und ſeine Lippe hauchte: Vergebung! Mit einem Satze war darauf der Rieſe vom Walle im Thore, und ſein donnernder Lauf dröhnte den Burg⸗ 125 weg hinunter, wo ſein ſcharfes Auge am äußerſten Zwin⸗ ger und Schlagbaume die Flüchtigen erkannte. So wirft die ungeheure Wildkatze, der blaue Tiger der nordiſchen Wälder, ſich auf das ſchwache weidende Reh: Kralle und Zahn und Auge glühen wie Kometenlicht in Mordluſt. Ritter Luithold ſaß ſchon hoch auf dem ſchwarzen Hengſte, der geduldiger, als er geglaubt, den fremden Reiter ertrug; eben hob der treue Leibknapp die faſt athemloſe Amala, an deren Leben Furcht und Hoffnung rießen, auf die breite Kruppe des Rieſengaules. Auf das Mutterpferd ſchwang ſich nun der dreiſte deutſche Bub. Da tönte des Ritters Donnerſtimme, hohl wie der Wind im Felſenkeſſel oder der Waldſtrom in ſchwar⸗ zer Bergſchlucht. Das Mutterpferd zitterte zuſammen vor der Stimme des Herrn, des Scheltenden, und ſtemmte ſich feſt und drehte zum Schloſſe den gebogenen Kopf, und keine Gerte, kein Ferſenſchlag bewegte das Thier vom Flecke. Doch der Hengſt, vielleicht ſich erinnernd an Schlag und Zornwort und Kette, bäumte ſich, und wollte davon. Luitholds Zaum hielt ihn noch. Eilig, Bube, rief der Sachſenheld, laß die Zügel los, Ferſe in die Weichen!— Fort! Fort! rief der Bube.— Und keine Waffe! ſchrie der Ritter verzweifelnd, der, als er Amala auf den Arm hob, ſeinen Spieß von ſich ge⸗ worfen hatte. Doch auf Fauſtſchlag dann! Zwingen wohl zwei den Einen Mann!— Fort! rief dringender der Bube. Alle Kriegsleute ſtrömen ſchon zum Thore heraus. Soll Euer edles Fräulein umkommen mit Euch? Amala ſchrie laut auf; da drückte Luithold dem Hengſte die Sporen ein, und er flog wie ein Sturm⸗ wind mit dem Liebespaare die Straße hin. Doch welch' ein Anblick traf des Mädchens Blick 126 und zerſchnitt ihre weiche Seele, daß ſie ſich kaum zu halten vermochte auf dem Roſſe und an des Geliebten Schultern! Angelangt am Schlagbaume, traf des hohen Jlän⸗ ders Fauſtſchlag das Genick des immer noch ſpornenden Buben. Beſinnungslos ſtürzte der blonde Knabe auf den Weg, ſein helles Blut färbte den Schneerand, und er bewährte im Tode die deutſche Treue, die er dem jugendlichen Herrn gelobt, als er den Flamberg empfing. Die grimmigſten Flüche und Verwünſchungen in den Nachtwind ſtoßend, warf ſich der Rieſe jetzt auf das keuchende Roß und ſprengte, wie ein Toller ſchlagend und hetzend, den Fliehenden nach. Haſt du die Sage gehört aus dem Munde der Amme oder am Kamine der freundlichen Großmutter, als du noch im Fallhütchen gingeſt und im Kinderröckchen: die Sage vom wilden Jäger und ſeinem Geleite, wie es Nachts durch die Lüfte zieht, und jedes Menſchenkind hineinſchreckt in des Strauches verdeckenden Schatten oder unter das ſchützende Deckbett? Haſt du gehört, wie den ruchloſen Waidmann alſo beſtrafend die Hölle hetzt mit ſchauerlichem Hallo, und alſo für Wildfrevel ſtraft und für Unmenſchlichkeit? Ihm gleich ſchien der Ritt dieſer Nacht. Schnaubend flogen die Roſſe über den Schnee an den Wachholder⸗ büſchen und Tannenwäldern hin; aufgeſchreckte Eulen umkreisten die fremden Geſtalten, welche in ihr ſtilles Reich ſo ungewohnter Weiſe ſich drängten. Amala ſah den tobenden Mörder auf ihrer Spur heranſprengen: wie umklammerte ſie den Geliebten! wie beſchwor ſie um Eile! welche Jammertöne bebten über ihre Lippen! Sie verbarg ihr Geſicht in Luitholds Pelzgewand, doch immer überhallten die Fluchworte des Rieſenritters den Hufſchlag des ſchwarzen Hengſtes, der den hinter ihm blaſenden Nord zu übereilen ſchien; ſah ſie die Gefahr nicht mehr, ſo hörte ſie dieſelbe deſto grauenvoller. Aber ſchwächer wurde des Isländers Stimme, und den wieder in ſcheuer Hoffnung gehobenen Augen wurde undeutlicher ſeine thurmhohe Geſtalt; ihr Herz jauchzte, denn augenſcheinlich hatte der ſtärkere Hengſt vor dem Mutterpferde einen beträchtlichen Vorſprung gewonnen, als unerwartet auf der Mitte der ſchmalen Bergſtraße, wie aus dem Boden gewachſen, eine wilde Frauengeſtalt erſchien, in welcher Luithold mit Grauen das Runen⸗ weib erkannte, die ein langes Meſſer zückte und die Linke nach dem Zügel des Roſſes ausſtreckte. Bis zum Ueber⸗ ſchlagen bäumte ſich der Hengſt vor ihr auf, und kaum erhielt ſich, den Führer umklammernd, auf ſeinem brei— ten Rücken das Königskind; dann ſetzte das Pferd, Zügel und Leitung verſpottend, die kahle Anhöhe hinauf, von welcher der Sturm die Schneedecke fortgerollt hatte, und ohne Straße flog es über die gebirgige Fläche hin. Der Aufenthalt hatte den Rieſen näher herange⸗ bracht. Luitholds Zaum hinderte und hielt oft den Lauf des ſchwarzen Thieres an, aus Beſorgniß für die Ge⸗ liebte in der gefahrvollen Gegend. Hialf, den Gebirgs⸗ ritt gewohnt und halbtrunken, half durch Zungenſchlag und Sporn, alle Zügel laſſend, ſeinem lichtbraunen Thiere fort; ſo tönte den Liebenden immer heller und heller wieder die Schauerſtimme des Mörders, ſein rachedurſti⸗ ger Ruf, und unten von der Straße herauf ſang die Rune ein Opferlied in langgezogenen, grauſigen Tönen. 12²8 Welchen Hort hat die Unſchuld in höchſter Noth? Amala betete mit Inbrunſt, und ihre Angen hingen nicht weinend, nein im ſchmerzlichern, trockenen Weh an dem glänzenden, freundlichen, aber verrathenden Monde. O ſchrecklich! Da hielt das Roß, feſt die Vorderfüße ſtem⸗ mend, oben auf ſteiler Felswand, die wie abgeſchnitten in eine Schlucht von unabſehbarer Tiefe hinabfiel; drun⸗ ten tief brauste ein raſcher Waldſtrom ſein rufendes Todtenlied, und gleich ſchroff leuchtete im Mondenlicht gegenüber die abgeglättete jenſeitige Wand der Spalte. Tod, Amala, hinter uns, vor uns! Und Dein Ritter hat nicht einmal eine Waffe zur Vertheidigung und zu einem ritterlichen Ende! Spring hinunter vom Roſſe! Dich verſchonet ſein Zorn, und mich ſoll der Abgrund aufnehmen, daß ich der Natur erliegen mag und dem eigenen Willen, doch nicht dieſem Heidenſohne, ihm Ruhm zu geben und einen ſpottenden Triumph! Herab wollte Luithold die bebende Magd ſetzen, fie aber umſchlang ſeinen Hals in Verzweiflung. Wollteſt Du Deine Taube dem Geier geben? Zu⸗ ſammen laß uns ſterben! Gemeinſamer Tod in Liebe kann nicht ſo ſchwer ſeyn! Horch! Schon ſprengt der Feind die Höhe herauf. Hörſt Du ſein keuchendes Pferd und das Schnauben ſeines Athems? Blutdurſt lechzet er und entſetzliche Racheluſt! Wehe! Da ſtürmt's herauf⸗ und die rothen Iſchariothslocken flattern! Und mit ſchnellem Entſchluß warf der Sachſenritter, vom kühnſten Gedanken belebt, den dampfenden Hengſt herum und trabte dem Rieſen einige Schritte entgegen⸗ der mit luſtigem Kampfgeſchrei immer näher jagend die erwünſchte Wendung begrüßte, doch, nahe dem im Zorne jubilirenden Gegner, riß Luithold des Gaules Haupt wie⸗ 129 der dem Abgrunde zu, und ſpornte mit den ſchärfſten Ferſenſchlägen das fliegende Roß zur Felſenſpalte. Das Rieſenthier hob ſich; Amala ſchloß ſchreiend die Augen; doch ein Meiſterſprung trug alle drei auf des Luftſtromes jenſeitiges Ufer, nur die goldene Krone fiel im Stoße des Anſprungs von dem Lockenkopfe der Jungfrau hinab⸗ und klatſchte ſpät nieder in die Fluthen des Stromes der Tiefe. In die Knie ſank drüben der Heldengaul, von Luitholds Zaume kaum aufrecht erhalten, und die wieder Athem ſchöpfende Amala ſah mit neuer Furcht den Rieſen Hialf ſich rüſten zu gleichem Sprunge. Gott ſchied das Gute und Böſe und war nahe in Noth! Gar herrlich flog das gehorſame braune Thier durch die Luft: aber kaum erreichte der zarte Huf den rettenden Vor⸗ ſprung, ſo ſchlug es über, hinab in die unermeßliche Tiefe, und Reiter und Roß verſchlang das Dunkel der Spalte. Unten lag der Stolze bei ſeiner Krone, bei dem Ziele ſeiner verwegenen Wünſche, doch Niemand hörte wieder von ihm. Die Liebenden verfolgten indeß ihren Weg unter Liebkoſungen und vereinigten Dankgebeten. Bald jauchz⸗ ten ſie auf über die Wunder ihrer Befreiung, bald dach⸗ ten ſie in demüthiger und ſchmerzlicher Andacht an den Tod des getreuen Knappen, und gelobten ihr Leben der Frömmigkeit und Tugend. Schwindel freudiger Träume, ſtilles Nachdenken über die Schickſale der erſten Tage dieſes Jahres wechſelten bei ihnen ab auf der langſamen Reiſe vom Gebirge in des frommen Ritters friedliche Heimath, wo alles Glück, das Seelenruhe und Wechſel⸗ liebe zu geben vermag, ſie erwartete. Des alten Harzkönigs Veſte wurde leer und verfiel. Das Volk ſprach: Der alte Herr iſt ſchwermüthig ge⸗ Blumenhagen. XV. 9 139 worden! Man ſah ihn ſelten; nur an dem FPlatze, wo der alte Mönch geſtorben und begraben war, ſaß er zu⸗ weilen, und ſeufzte tief, und ſtarrte mit trockenem ſuchen⸗ den Ange in die Ferne. Die Kinder und Mädchen der Gegend blickten dann mitleidig auf den einſamen, ſtillen, alten Held, und beweinten ihn; er aber ſchien ſie nicht zu ſchauen, ſeufzte beſtändig, und ſuchte mit erlöſchenden Augen in der Ferne; doch es kam ſein Kind nie zurück. Auch die Rune hatte ihre Höhlenwohnung mit Tan⸗ nenzweigen zugeflochten, und zeigte ſich dem Gebirgs⸗ volke nicht mehr. Ihre heilig gebaltenen, prophetiſchen Ausſprüche waren verklungen; auch ſah man keinen Ver⸗ kehr der alten heidniſchen Prieſter, wie ehemals, in der Gegend ihres Felſenhauſes. Schätzegrabende Bergleute wollten ſie zuweilen um Mitternacht haben ſitzen ſehen an der ungeheuren Felſenſpalte, wo ſie Beſchwörungen geſprochen und ſeltſame Liebesreden zu der Tiefe ge⸗ führt, in welcher man im Frühjahre bei dem Aufthauen der Eisdecken und dem Verrinnen des Waldwaſſers Spu⸗ ren von dem verunglückten Islandsrecken gefunden hatte. Die Sage iſt faſt verſchwunden in jener Gegend, nur die Spur vom gewaltig eingehauenen Hufſchlage des Rieſenroſſes in der Rinde des dieſſeitigen Felſens erhält noch ſichtbar das Angedenken des Wunderſprunges, und der Führer des Mineralogen, welcher die reichen Harz⸗ gebirge durchzieht, zeigt das ungeheure Mal und erin⸗ nert an die Wundermähre der Vorzeit. Auch in dem Kronſchatz eines herrlichen deutſchen Fürſtenhauſes, welches Luitholden, den Sachſenhelden, zu ſeinen Vorfahren zählt, liegt noch die ſchwarze islän⸗ diſche Perlenſchnur, das Brautgeſchenk des furchtbaren Nordländers; aber die Spur von Amala's Thränen iſt 131 1 nicht mehr daran, die Beſitzer kennen ihren Werth nicht und das Alterthum der Obſidian⸗Kügelchen; kaum wird noch je zuweilen von einem Neugierigen die Inſchrift am Goldſchloſſe der Halsſchnur geleſen, welche die ge⸗ rettete Königstochter darauf graben ließ mit frommem Sinne. Gott iſt der Unſchuld treuer Hort. Verzag'ſt Du, richt' an ihn Dein Wort! So lautet die Inſchrift und ſpricht das Leben der beiden Geretteten aus, welches in ſtiller Heiligung und in allen Tugenden, und in echter, in das Leben wirkender Deutſch⸗ heit ein Muſter ward für viele Geſchlechter. IM. Die Wächter des Thrones. Hiſtoriſche Erzählung aus Wiens Vorzeit. Im Hauſe des Herrn Konrad Vorlauf, des Bürger⸗ meiſters der mächtigen und anſehnlichen Stadt Wien, ging es ſehr lebhaft zu, und zwar an dem Orte, wo in guten, freundlichen Familien Hader und Zwietracht ver⸗ pönt ſind, wohinein der Unfriede der Außenwelt nicht reicht, wohin wie zu einer heiligen Hauskapelle der Haus⸗ herr aus dem Gedränge quälender Geſchäfte zu flüchten pflegt, Labe nach der Arbeit, Erholung nach den Stun⸗ den des Fleißes, Verſöhnung mit der Welt und mit ſich ſelbſt und Sporn zu neuer nützlicher Anſtrengung zu finden. Herrn Konrad hatte der Himmel ſchon ſeit lange ſolche Genüſſe des Familienzimmers verſagt, denn in ihm herrſchte Frau Beatrir aus dem adeligen Geſchlecht der Neudecker, die noch immer nicht vergeſſen konnte, daß ſie auf dem alten, verfallenen Bergſchloſſe ihres Vaters die Herrin über ein Dutzend, mit abgeſchabten Kriegs⸗ wämmſern und beulenvollen Küraſſen geputzter Knechte geweſen, daß ein ausgehungerter Kaſtellan ſie jeden Mor⸗ gen, wenn er Bericht über die traurige Ebbe des Speiſe⸗ magazins abſtattete, Freiin genannt, und daß nach des Vaters Hinſcheiden die wüſten Brüder Hans und Thomas ſie gezwungen hatten, den ehrſamen, aber reichen Wiener Bürgersmann zuſammt dem Prunkhauſe in der Herren⸗ gaſſe, zuſammt einem Dutzend Safrangärten und Fiſch⸗ weiher und herrlicher Weinberge und einem ſchwer ge⸗ füllten Eiſenkaſten, der gleich dem ächten bürgerlichen Ehrenmann unter rauher, düſterer Hülle das Edelſte, 136 was die Erde beut, verbarg, zu chelichen, theils um das verwöhnte, herriſche Schweſterchen los zu werden, theils mit freien Händen über den Reſt der väterlichen Erb⸗ ſchaft gebicten, und wenn dieſer Reſt gleichfalls durch Leichtſinn und Sittenloſigkeit in die Luft verflogen, im weiten Hauſe des Schwähers bequemes Quartier und an ſeinem wohlbeſetzten Tiſche freie Zeche ſuchen zu können. Frau Beatrir hatte heute ihren Gewittertag, an welchem ſie wie mit dem Zauberſtecken einer ſcandinavi⸗ ſchen Norne alle Wolken, die einzeln in der nächſten Ver⸗ gangenheit über ihrem Haupt hingezogen waren, zurück⸗ zurufen und zu einem Wettergewölk zuſammenzuballen wußte, ein Frauenkunſtſtück, welches, oft geübt, den kräf⸗ tigſten Eheherrn mürbe zu machen geeignet iſt, das aber zum tiefſten Grame der Frau Beatrix bisher ſeine ma⸗ giſche Kraft nicht beſonders gezeigt, und durch zwei wach⸗ ſame Genien zu Schanden gemacht wurde, die nimmer von Herrn Konrads Seite wichen: durch eine unverwüſt⸗ liche, von leichtem Humor ſtets neu belebte Geduld, und durch einen unerſchütterlichen Willen, der nie die Bahn verließ, die er einmal als die beſte erkannt, und an dem, ſo wie die ſchäumende, klatſchende Brandung vom braunen Meerfels in tauſend ziſchenden Tröpfchen zer⸗ ſtäubend abprallt, weder das hitzige Streitwort des Augenblickes, noch die langweilige Befehdung des tägli⸗ chen Widerſpruchs irgend einen Einfluß zu üben vermochte. Warum ſtreueſt Du Dir wieder Salz in das wohl⸗ ſchmeckende Morgenſüppchen? fragte lächelnd Herr Kon⸗ rad, indem er behaglich ſeine Schale leerte. Ich ſchmecke Dein Salz nicht, Mütterchen, wie Du Dir einbildeſt, denn meine Zunge hat einen reinen Geſchmack; Herz und Magen ſind drunter geſund. Warum verdirbſt Du 137 Dir ſelbſt das Wetter, da Du es ſo gut haben könnteſt wie Dein Eheherr? Du biſt noch immer die anſehnlichſte Frau im ganzen großen Wien; kein Fremder glaubt es, daß Du ein Töchterlein haſt, die morgen am Altar un⸗ ſerer Frauenkirche im Kränzlein ſtehen dürfte. Wie Du bei der letzten Weinleſe im Silberſtoff auf dem Raths⸗ ſtande erſchienſt, war ich ſelbſt dabei, wie die zwei Grafen aus dem Sachſenlande fragten, welchem Geſchlecht die hochgewachſene, vollblühende Edelfrau angehören möchte, und meinten, es müſſe wenigſtens eine Herzogin, viel⸗ leicht gar eine Königin aus dem Böhmerlande oder aus Ungarn ſeyn, die der in aller Welt geehrten Bürgerſchaft die Ehre ihres Beſuchs geſpendet. Die Beeren haben in den Bergen bereits wiederum voll angeſetzt und jeder Sonntag ſieht ſie runder aufquellen: willſt Du ſelbſt durch innere Zehrung Deine Wohlgeſtalt verderben und bei der nächſten Leſe mir den lieben Hochmuth auf mein ſtattliches Gemahl zu Grunde richten? Laſſet Eure Geckerei, Herr Konrad, mit der Ihr Kin⸗ der in den Schlaf lullen möget, jedoch keine verſtändige Frau, welche ritterliche Erziehung genoſſen und nicht mit Euren Wiener Gänſeleins auf die Trift gegangen, ant⸗ wortete Frau Beatrix, den Silberlöffel in die Schale werfend. Wohl mag es an Eurem hohen Markte Sitte ſeyn, daß die Frau des Hauſes unterthänig und ſtumm dem wohlweiſen Herrn von der Zunft oder von den Lauben gehorſamet, und ſich in Küche und Siall die harten Hände zu ſeinem Dienſte beſchmutzt, doch auf den hohen Burgen der edeln Geſchlechter ſpricht die Edelfrau mit, wenn es die Ehre des alten Stammhauſes gilt, und die noble Sitte macht das kluge Wort des Frauen⸗ mundes gewichtig ſelbſt den vornehmſten Blutsfreunden 138 gegenüber. Nicht ſtieg ich herab in das Bürgerhaus, um darin ſchweigend wie eine Himmelspförtner⸗Nonne anzuſchauen, wie des Hausherrn Eigenſinn mein Glück und das Glück meines Kindes gefährdet, wie er ohne Hochſinn und Gefühl für Ehre dem Verderben entgegen ſchreitet, und gleich einem thörichten Knaben die ſichere Gunſt des Schickſals von ſich ſtößt, um mit einer bunten Seifenblaſe, die er Bürgertreue betitelt, zu prahlen. Habe ich mich alles Glanzes und aller Anrechte meiner edeln Großmütter begeben müſſen, ſo werde ich doch das Recht der Mutter und Hausherrin, das mir geblieben und das jeder rechtliche Geſpons reſpectirt, zu verthei⸗ digen wiſſen bis zum letzten Odemzuge. Herrn Konrads breite Augenbogen zogen ſich hochauf gegen die große Stirne, doch lächelte der Mund darunter und er ſagte recht milde: Und wer beſtreitet Dir ſolch' heilige Gerechtſame, die der Herrgott ſelber unterſiegelt? Als wir Hochzeit machten, war Konrad Vorlauf nur Viertelsmeiſter, jetzt iſt er Bürgermeiſter, die erſte Per⸗ ſon in unſern Mauern, und Du biſt die Regentin dieſer erſten Perſon, und befehligſt durch ihn Stadt und Land. Als Gelter und Gelterin ſtehen wir Beide vor dem Herrn der Welt, der uns geſegnet mit Ehre und Gut, um das uns viele der Herren in den Blechkappen beneiden, die mit böſem Gewiſſen ihr täglich Brod in dieſer ſchlechten Zeit auf den Heerſtraßen ſuchen. Haſt Du Hochmuths⸗ grillen, ſo laß Dein Gefinde in den Feſttagsſchauben aufziehen und labe Dich an ihrer Zahl; geh' in das Silbergewölb und ſpiegle Dich in den blanken Bäuchen der Kannen und Schüſſeln; nimm den Schlüſſel zur Truhe und muſtere die goldenen Kaiſerköpfe und Har⸗ niſchmänner und venetianiſchen Löwen. Findeſt Du doch auch dabei das köſtliche Silbergeräth und den unſchätz⸗ baren Steinſchmuck, den König Sigmund, der mächtige Ungarnfürſt, uns in Verſatz zu geben die Gnade ge⸗ habt. Mütterchen, Herzöge und Biſchöfe werben um Deines Hausherrn Gunſt, und Du kannſt nicht das alte Eulenneſt vergeſſen, wo Dir der Sturm die Haube zer⸗ riß, und prahlſt mit dem bunten Wappenſchilde, deſſen Farbe und Drachenbilder ſchmutziges Moosgewächs über⸗ zogen? Frau Beatrix könnte, meine ich, Genüge haben für den gierigſten Hochmuth, wenn ſie nur den Schleier des Trotzes wegwerfen und ihren Ehegemahl mit dem klaren Auge der verſtändigen Frau betrachten wollte. Der Vorlauf tauſcht mit Niemanden im ganzen römiſchen Reiche, denn er hat, was ſein Herz begehrt: Ehre, Gut, Weib und Kind, wie ein deutſcher Mann es ſich wünſchen mag, und da Du ein Haupttheil zu ſeinem Glück ge⸗ bracht, ſo will er dem heutigen Tage zu gefallen Dir gern ſein Ohr leihen, zu Rathe ſitzen mit Dir, und freundlich anhören, was Dir an ihm und ſeinem Thun nicht anſtändig und einer Beſſerung bedürftig geſchienen. Treuherzig hatte er ihr die Hand über das Tiſchchen hingereicht, Frau Beatrix aber, in Begier, den Raum zu benutzen, bemerkte das Liebeszeichen nicht, ſondern begann ohne Aufſchub ihren Strafſermon. Was iſt Bürgerehre, ſprach ſie gewaltiglich, die mit Wagſchal' und Elle handthiert, gegen Wappenſchild und goldene Sporen, denen allein das gemißbrauchte Wort Ehre zuſteht? Was iſt der höchſte Stadttitel, bei dem der Zuſatz Meiſter ſchon an den niedrigen Urſprung und die ſchmutzigen Grenzen ſeines Regiments erinnert? Als der Bürgersſohn es gewagt, ſeinen Ring an die Hand eines Edelfräuleins zu ſtecken, tröſtete ſich das Fräulein 140 damit, daß der wageherzige Mann ſich auch erkühnen werde, nach Höherem zu ſtreben, wenn die Zeit dazu ſich geboten, glaubte, er würde es für ſeine erſte Pflicht halten, ihr zu ſchaffen, was ſie entbehrt um ſeinetwillen. Die Zeit iſt da, aber der Pflichtvergeſſene geht im alten Gleiſe wie das blinde Mühlpferd, und erntet nicht, was in vollen Garben ſteht für ihn. Wo iſt die Zeit? Wo liegt das volle Ackerfeld? fragte der Bürgermeiſter aufhorchend. Herzog Leopold, der herablaſſende, freundliche Herr, iſt ſeit drei Tagen wiederum eingezogen auf der Hof⸗ burg, mit ihm der hochwürdige Herr Berthold, der Bi⸗ ſchof von Freiſing. Haſt Du einen Schritt gethan auf die Burg, wie es ſich geziemt? Was hab' ich dort? Sollte ich mich beugen vor dem glattzüngigen Herrn, der auf ſeiner Brautfahrt in Bur⸗ gund gelernt, daß in einem Menſchen Wort und That ſo verſchieden ſeyn dürfte wie Winter und Sommer, wie Himmel und Hölle? Was ſollte der erſte Bürger Wiens dem ſtolzen Probſt bei Sanct Stephan gegen⸗ über, der die Welt ſeinetwegen erſchaffen wähnt, der vergaß, daß der Rath unſerer Stadt ihn auf die erſte Staffel ſeines Glückes gehoben, der zur Vergeltung Stadt und Land in's Verderben geſtürzt, deſſen Genoſſen den Pöbel und die Zünftler gegen Obrigkeit und Rath aufgehetzt, daß Bürgerblut fließen mußte, um Recht und Ordnung herzuſtellen, der ſich nicht ſchämte, böhmiſches und mähriſches Raubgeſindel, den blutdürſtigen Sockel und den dürren Teufel ſogar in Sold zu nehmen, und mit ihnen Allen, die nicht zu des ungerechten Leopolds Partei gehalten, Haus und Land zu verwüſten? Mann, wie ſprichſt Du alſo von Deinem gnädigen 141 Herrn und Herzog? unterbrach ihn entſetzt Frau Beatrix. — Mein Landesherr iſt nicht er, der ſich geberdet als ſolcher, ſprach Herr Konrad feſt, ſondern der durchlauch⸗ tigſte Herzog Albrecht, den Gottes Gnade und das deutſche Recht dazu gemacht. Ein Knabe, ein unmündig Kind, in der Gewalt ſeines Vormundes; Fieber und Blatter kann ihn jeden Augen⸗ blick tödten, und was habt ihr klugen, treuen Männer dann erzwungen; wer wird dann eure Treue ablohnen? Sieh, Beatrir, ſprach der Bürgermeiſter, und ſeine erhobene Hand bebte, das iſt es, wofür ich zittere, wenn mein Gedanke davon berührt wird, das iſt es, was meinen Schlaf mit quälenden Träumen füllt, was Mit⸗ tags mir Wermuth in den Becher miſcht. Nicht Blatter⸗ nicht Peſt fürchte ich, denn Gottes Auge wacht über dem edeln Prinzen, und was der Himmel ſendet, iſt immer⸗ dar das Veſte. Aber den Meuchler fürchte ich, gemiethet von der Hand des gleißneriſchen Ohms und Nachts zu des ſchönen Knaben Bette gelaſſen; den Morgentrunk fürchte ich, den des Biſchofs Hand kredenzt für den roth⸗ wangigen Erben des gütigen Albrechts, den ſein Oeſterreich noch im Grabe ſegnet. Und, glaube mir, nur die Furcht bindet ihre Hände, die Unſchuld nicht anzutaſten, aber nicht die Furcht vor Gott und ſeinem Strafengel mit dem Flammenſchwert, nein, die irdiſche Furcht vor dem Mitvormunde, dem braven Ernſt, die Furcht vor dem Kaiſer und dem Fürſtenbunde, ja mehr noch die kleinliche Furcht, das zu miſſen, in deſſen Beſitz ſie ſich ſchon ge⸗ ſetzt, und das ihnen mit des Prinzen Tode nicht unan⸗ gefochten verbleiben würde. Der Biſchof iſt ein guter Fiſcher: er hat Alles um ſich ſo trübe gemacht, daß ihm das Fiſchen in Fluß und See gar leicht wird. 142 Du ſchilderſt Deine Feinde wie ein italiſcher Maler⸗ meiſter, erwiederte Frau Beatrix mit Spott, und doch handelſt Du gegen ihre Macht, ihre Liſt ſo thöricht, wie der Knabe Albrecht kaum handeln könnte. Du ſiehſt, daß ſie ihre mächtige Hand ausſtrecken nach dem Landes⸗ ſchatze, ja in die Truhen der reichſten Bürger Deiner Stadt; haſt Du und Deine Genoſſen ihnen die Schlüſſel verweigern können, als ſie forderten? Du haſt geſehen, daß Herr Ernſt mit ſeinen tapfer geprieſenen Waldſees ſammt einem ſtattlichen Heere vor dem mächtigern Bru⸗ der von Korneuburg zurück nach Gratz flüchten mußte; warum bliebeſt Du und Deine tapfern Bürger zu Hauſe und halfen ihm nicht zu dem Siege? Haſt Du nicht ſelbſt am eigenen Leibe die Gewalt dieſes Herzogs ge⸗ fühlt, als ſfie Dich fingen auf der Reiſe nach Sanet Pölten im Wald von Burkersdorf, Dich und den Poll und Dorfner, und Dich ſchleppten in die Thürme von Kogel und Kreuzenſtein, bis Du mit zweitauſend Gulden Dein Leben ſalvirt? Der Tod des jungen Floßhart, der dort an Deiner Seite fiel, der Diebſtahl, den Du durch die Ranzion am Mahlſchatze Deiner Tochter begingeſt, hätte Dich bekehren müſſen, aus dem Saul hätte ein Paul werden müſſen, wenn Du auf Gottes Fingerzeige hätteſt achten wollen. Aber ſo geheſt Du hin in Blind⸗ heit, Starrſinn und Trotz, und verſchmäheſt, was ſich Dir bietet, bis in ſpäter Reue das Verderben über Dich und die Deinen hereinbricht. Und was bietet ſich? fragte der Bürgermeiſter auf⸗ horchend. Der edle Herr von Cilly, antwortete Frau Beatrir mit ſchneller Zunge und freundlicher Geberde, ſprach geſtern Abends gnädig vor bei uns, als Du zu Rathe . 5 5 gegangen. Er redete mit Reſpekt von Dir und lobte Deine Mannlichkeit und Umſicht und vielen Geiſtesgaben; er bedauerte, daß Du Dich auf eine falſche Seite ge⸗ ſchlagen, hoffte Deinen Uebertritt zum Herzog Leopold, ſprach, wie er dabei geweſen, als Gnaden ſammt ſeinem hochwürdigen Freunde Dich belobt, und wie ſie Dich das erkeuchtete Haupt der Wiener genannt, wie es in Deiner Macht ſtünde, dem Lande und der Stadt Frie⸗ den und Ruhe zu verleihen, wie kein Preis ihnen für Deine Freundſchaft zu hoch, zu theuer ſeyn könnte; vom Adelsbriefe, von reichen Schenkungen, vom Kanzlar des Herzogthums ſprachen ſie weiter. Konrad, Mann, er⸗ greift Dich die Jubelpoſt? Ja, ich ſchau' Dir's an. Du wirſt Dich aufreißen, Du wirſſt den Bürgermantel in den Schmutz, nimmſt das ritterliche Ehrenkleid und zeigſt Deiner Ehefrau, daß Du ſie hochhältſt und endlich ihr den Platz bereiteſt, der ihrem Namen zuſteht. Der Bürgermeiſter war raſch aufgeſtanden, doch be⸗ kämpfte er die innere Bewegung und ſtrich ſich mit der breiten Hand langſam über das verfinſterte Antlitz. Er blickte die Gattin mitleidig an und ſagte: Frau, haſt Du denn die alte, heilige Mähr vom Paradieſe ſo ganz vergeſſen? Noch ſteht der Baum der Erkenntniß, noch ſchlängelt ſich die bunte, hölliſche Schlange um den glatten Stamm, und immer noch iſt das ſchwache Weib bereit, den rothen Giſtapfel lüſtern zu nehmen und ihn ihrem Adam darzubieten. Haſt Du aber auch vergeſſen, was die letzten Tage Deinen Augen vorüber geführt? Haſt Du vergeſſen, daß Bürgerblut gefloſſen in dieſem unſeligen Streite, und daß Konrad Vorlauf ſeinen Na⸗ men ſchreiben mußte unter das Bluturtheil? Haſt Du vergeſſen, daß erſt vor fünf Monaten der Krämer Wolf⸗ gang und fünf ſeiner Genoſſen auf dem hohen Markte endeten unter dem Beile des Hohen-Diebesſchergen? Ich verdammte ſie als Rebellen gegen den Rath und gegen das Geſetz, als Rädelsführer des Pöbels, der ſeine Treue dem jungen Erbherzog gebrochen, und ich ſollte jetzt deſſelben Verbrechens mich theilhaftig machen, welches ich mit Blut ſühnen ließ? Ritter und Schloßherr und Kanzlar oben darauf? O die Schlauen wußten, wo die eitle Bürgermeiſterin krank war. Schau' auf dieſe gol⸗ dene Kette an meinem Halſe, die ich mir verdient auf der Kreuzfahrt gegen die Heiden im Preußenlande: macht ſie mich nicht ebenbürtig jedem Ritter ob und unter der Enns, und ich meine, der erſte Bürger Wiens habe ſelbſt des Kaiſers Kanzlar nicht zu beneiden. Arme, verblen⸗ dete Eva, gehe hin an das Leidensbett des edeln Fried⸗ rich von Waldſee, des Vorbildes aller der wackern Edel⸗ herren, welche Albrechts Andenken in ſeinem verlaſſenen Kinde ehren, gehe hin zu ihm und lerne, was von Schlangentreu zu halten. Teufliſches Pulver hat eine Meuchlerhand unter ſeinem Bett entzündet, die heilige Kirchenthüre der Nacht erbrochen, die Altardecke des un⸗ ſchuldigen Schlafs in heißer Lohe vernichtet, und, ſein edler Leib eine furchtbare Wunde, liegt der tapferſte Mann da in Höllenpein ohne Ende. Von wem kann ſolch' Entſetzliches kommen? Nur wer ſich über alles Recht, jedes Geſetz, über alles Heilige ſtellt, das ihm zu ſchützen anvertraut worden, iſt ſolcher Gräuelthaten fähig. Sie nennen mich das erleuchtete Haupt der Stadt? Wohl dann, ich will ihnen vorleuchten, daß ihnen bang werden ſoll in der unwillkommnen Helle, die von ihren Thaten die Nebel verſcheucht. Fürchten ſollen ſie dieſes Haupt, nicht loben, und wenn ſie ſich ———— 145 den höchſten Frevel erlaubten, und dieſes Haupt dem Hohen⸗Diebesſchergen überantworteten, ſo ſoll es ihnen erſcheinen auf der Schüſſel ihres ſchwelgeriſchen Mahles wie ein Johannishaupt, ihnen erſcheinen unter dem Deckel ihres berauſchenden Römers, ſoll ihnen erſcheinen in den Falten ihres Bettvorhanges, und ſchwimmend im Blute der Treue ſie Mittags, Abends und um Mitternacht mahnen an ihre Untreue und Gewaltthat! Frau Beatrix ſaß verſtummt vor des Mannes gewal⸗ tigem Wort und dem Feuer ſeiner großen, feſt auf ſie gerichteten Augen. Milder ſetzte er nach einer Pauſe noch hinzu: Den ſchönen Grafen Friedrich von Cilly aber laß mir aus dem Hauſe, Mutter. Das Gerücht nannte ihn immer einen ſchlechten Ehemannz er iſt Wittwer ge⸗ worden, doch ſpricht die Fama von dem ſchnellen Ende der tugendſamen Gräfin Modruſch gar Abſonderliches. Die ſchöne Teſchnitzerin, die ſchon lange bei Lebzeiten der unglücklichen Gräfin bald auf dieſem, bald auf je⸗ nem ſeiner Schlöſſer, in Krain und Unterſteier, Alles mit ihrer Meluſinenſchönheit verzaubert und rein toll gemacht hat, heißt Veronika. Mutter, hüte Dein Kind, daß des heißblütigen Schwelgers Auge und Hand nicht um des Namens willen ſich verirren möchte. Der Bru⸗ der der wollüſtigen Ungarnkönigin, welche die Erzfeindin Herzog Albrechts war und ihren Haß im Sohne fort⸗ geſetzt, kann die Schwelle des Bürgermeiſters von Wien nicht überſchreiten, ohne ihn bei den Guten verdächtig zu machen. Frau Beatrix hatte ſich ermannt zu einer polemiſchen Einrede, aber ſie kam nicht dazu, denn außen im Vor⸗ ſaale begann es plötzlich lebendig zu werden, und wie Blumenhagen. XV. 10 146 Feſtmuſik klang es von dort herein. Herr Vorlauf trat ſchnell zur Thüre und ſtieß ſie auf; doch freundlich über⸗ raſcht blieb er auf der Schwelle. Das Vorgemach zeigte ſich gefüllt von Menſchen. Im Hintergrunde ſtanden die Spielleute der Stadt und blie⸗ ſen einen kirchlichen Choral; die Mitte nahm ein Halb⸗ zirkel von jungen Rathsherren ein, welche die Sonntags⸗ kleider angethan; an den Wänden drängten ſich Diener und Laufboten in bunten Livreen, manches Köſtliche in Körben und Kiſtchen tragend, und ganz vorn ſtand eine Gruppe lieblicher Jungfrauen, und aus ihnen trat die ſchöne Veronika Vorlauf hervor, neigte ſich verſchönert noch durch die Roſen, welche Befangenheit und Kindes⸗ liebe auf ihre Wangen gehaucht, vor dem Vater, küßte ſeine Hand, ſetzte einen Kranz von dunkeln Roſen auf ſeinen Scheitel und reichte ihm einen koſtbar geſtickten Leibgürtel dar, indeß die Freundinnen den überraſchten Mann mit üppig gewundenen Blumenbändern umwan⸗ den und umfingen. Was ſoll mir denn das, meine Töchterchen? fragte er freundlich. Iſt nicht heute des Hauſes höchſtes Feſt, Dein Ge⸗ burtstag, mein Väterchen, zu dem wir Glück wünſchen Dir wie uns, und daß er kehren möge ſo froh und ſo oft noch, wie unſere Herzen es verlangen! antwortete die Jungfrau und ſchmiegte ſich an des Vaters Bruſt, indem ein Chor von Stimmen den Glückwunſch in man⸗ nigfacher Wortform und Weiſe wiederholte. Gerührt und eine Thräne im Auge küßte der Bürgermeiſter die Toch⸗ ter auf die weiße, freie Stirne, dann wandte er ſich aber zurück, ſtreckte den Arm aus und ſprach: Und Du ehlſt, Beatrix? 147 Mit hochrothem Angeſicht trat die Hausfrau heran und flüſterte mit geſenkten Blicken: Ich hatte den Tag vergeſſen. Wer vergäße in dieſer ſchweren Zeit nicht die klein⸗ lichen Ereigniſſe des Hauſes, ja ſich ſelbſt! rief Herr Konrad herzlich. Was thut's! Du biſt doch dabei, und was der Tochter rothe Lippe ſprach, kam aus dem war⸗ men Herzblut der Mutter. Feſt drückte er die Seinen an ſich, ſagte leiſer: Gott laſſe uns immer ſo feſt und treu zuſammen ſtehen! trat dann aber vor und empfing die Gratulationsrede der Abgeordneten des Rathes und ging freundlich im Kreiſe umher, die Zuſchriften und Geſchenke der Freunde ein⸗ zuſammeln, zugleich aber die Ueberbringer mit einer Hand, die nicht zählte, wenn ſie aus der Taſche kam, durch blanke Silbergulden freigebig beſchenkend. Sieh da vom Freunde Rock, ſprach er im Gehen; Herr Hanſen hat die Leidenskameradſchaft auf Schloß Kogel nicht vergeſſen: der beſte Sammet aus ſeinem reichen Lager; freilich ward der Mantel tüchtig zerſchabt auf den Steinbänken des Burgverließes. Körbe voll Flaſchen vom alten Rampersdorfer, Gewächs vom Rhein und Ofner⸗Ausbruch; meint der alte Gevatters⸗ mann, wir hätten das naſſe Futter nöthig, um im Zungenkampfe für die gute Stadt nicht an Trockniß zu laboriren? Ein ſchmucker Barettbuſch vom fröhlichen Mosbreuner, möge er uns bald putzen zu unſers jungen Herzogs Huldigungsfeſte! Was trägſt Du denn da, Knabe? Von wem die treffliche Armbruſt? ein Meiſter⸗ ſtück aus der Bognergaſſe? Du kennſt den Geber ſelbſt nicht, der Dich beſchickt? Ich ahne das treue Herz. Da nimm die drei Silberſtücke und ſage Dem, der Dich ge⸗ 148 ſendet: er habe mir die rechte Gabe geſpendet für un⸗ ſere Zeit, denn wenn Zunge und Federkiel ſich matt ge⸗ fochten, möchte wohl nur ein ſolcher Sachwalter zur Entſcheidung führen. Und dieß, und da? Zu viel der Freundesgaben in ſolch bedrängter Zeit, wo jeder Mor⸗ gen neue Sorgen bringt. Herr Konrad traf jetzt zu⸗ letzt auf einen baumhohen Haiducken, der in ſeiner ſchim⸗ mernden Tracht hochmüthig auf die übrigen Dienſtleute herniederſah, und ſteif und gleichgültig dem Feſtkönige ein Sammetkäſichen entgegenhielt. Von Gnaden dem Herrn Grafen von Cilly? fragte Herr Konrad verdü⸗ ſtert, als hätte er nicht recht gehört. Wie kommt ſolche hohe Gunſt zu uns? Und eine koſtbare Agraffe von buntem Edelgeſtein, mit der ein heidniſcher Paſcha vor ſeinem Sultan erſcheinen dürfte? Nein, mein Guter, nehmet dieſe zwei Goldſtücke für Eure Mühwaltung, ver⸗ meldet aber Eurem gnädigen Herrn, ſein Geſchenk ſey zu fürſtlich für einen Wiener Bürgersmann, und der Vorlauf wüßte nicht, womit er ſolchen Ehrenlohn ver⸗ dient oder je zu verdienen im Stande. Gnaden möch⸗ ten die Rückſendung nicht übel deuten, aber der ſchwache Menſch müſſe ſich hüten vor Veuocung zum Hochmuth und vor Ueberhebung. Der Haiduck ſtand verdutzt, die wurden ent⸗ laſſen, die Rathsherren in das Tafelzimmer zum Früh⸗ mahl gebeten. Herr Vorlauf ſetzte ſich jedoch, ehe er folgte, und ließ ſich von ſeiner Veronika und ihren Freundinnen den Tiſch mit allen ihm geſpendeten Gaben bepflanzen, und weidete in kindlicher Freude ſeine Augen an den Beweiſen der Freundſchaft und Achtung ſeiner Mitbürger. Du hätteſt aber doch den Haiduck nicht ſo zurückſchicken 149 ſollen, meinte Frau Beatrix. Haſt Du nicht Feinde ge⸗ nug oben auf der Hofburg? Freundesgruß iſt Schmuck und Labe an ſolchem Feſte; Freundesgabe, ſey ſie noch ſo gering, ein Kleinod für die Schatzkammer, antwortete Konrad, indem er die Armbruſt hochhielt. Wer ſich unberufen zu ſolchen Her⸗ zensfeſten drängt, verräth eine Abſicht, die ſolcher Stunde fremd iſt, und wer ſo überreich verſchenkt, will wieder haben, was ſchwer zu geben ſeyn möchte. Und die elende Schießwaffe! Erräthſt Du nicht, wer ſo dreiſt war, ſie zu ſenden? Wer erkennte nicht an der Meiſterarbeit den jungen Stephan Tirna, den beſten Bogner der Stadt? ſagte lächelnd der Mann; ſelbſt Herzog Leopold, der große Schütz, legt ſeine Bolzen nur auf einen ſolchen Schaft, der mit dem zierlich gewundenen S. T. den kunſtgerech⸗ ten Fertiger anſagt. Armer, braver Burſch der! Dein Großvater, der tolle Waffenſchmied, der als begünſtig⸗ tes Kind der Liebe einen der ſchönſten Namen der bei uns verburgrechteten Rittergeſchlechter trug, mußte blu⸗ ten am hohen Markt, und Du trägſt dem Richter das Unvermeidliche nicht nach! Und das verräth keine Abſicht? Das will nicht wie⸗ der haben, was ſchwer zu geben iſt? fragte Frau Beatrir ſpitzig. Der bettelhafte Geck und Baſtardsſproß ſchleicht Abends hin und her am Haus und ſchaut in Sanct Stephan mehr auf die Veronika als auf den Leutprieſter am Altar. Kannſt Du's dem Menſchen wehren, wenn er ſich freut an Gottes Schöpfung und den Herrn preist, in⸗ dem er bewundert, was ſeine Hand ſo lieblich geſchaf⸗ fen? fragte Herr Konrad zurück. Und wer weiß, wenn 150 ver Stephan muthig genug wäre, um mein Kind zu freien, ob mir das Nein über die Lippe könnte. Frau Beatrix ſchlug erſchreckt ein Kreuz vor ihrer Bruſt, doch außen auf der Gaſſe ließ ſich wilder Tumult hören; man lief, man ſtieß mit Knitteln auf die Steine; Gebrüll und wildes Fluchwort ſchallte herauf: Rieder mit dem ſtolzen Vorlauf! Nieder'mit dem mordgiesigen Bürgermeiſter! ſo ſchrieen viele Stimmen zum Entſetzen der Weiber, und als jetzt gar ein Steinwurf die Fen⸗ ſterſcheiben zerſchellte, flüchteteten die Erſchrockenen an die Hinterwand des Gemachs. Herr Konrad trat raſch zum Fenſter und ſtieß es auf: Trunkenes Geſindel, weiter nichts! Sie gratuliren auf ihre Weiſe und werden nach ihrer Weiſe den Lohr bekommen, denn ſchon treiben die Rumorknechte dieſe flüchtigen Haſen gegen die Schotten hinauf. Macht's nicht zu ernſt; heute ſoll der Stadtrichter und der Scherg keine Moleſtie haben. Aber dort kommt ein Gaſt, Kin⸗ derchen, der nicht zu den Geſchenken da paſſen möchte. Traget Alles hinein, Ihr rührigen Weibſen, und dann geht zu den Gäſten, die noch immer des kredenzenden Wirthes ermangeln. Wir folgen, ſobald dieſer Freund uns verlaſſen. Und kaum waren des Hausherrn Befehle vollführt, ſo trat ein kräftiger, anſehnlicher Rittersmann herein⸗ wohl bewaffnet mit Helm, Küraß und Schwert, doch Alles glanzlos und durch Trauerſchärpe und Trauerflor verdüſtert. Warum alſo, Herr Landeshauptmann? fragte der Bürgermeiſter ſtutzig, den Schritt, den er entgegen ge⸗ than, zurücktretend. Du frägſt noch, alter Freund? fragte der Ritter zu⸗ 151 rück und bot ihm die Rechte. Bruder Friedrich iſt heim⸗ gegangen in letzter Nacht, Gott verzeihe ſeinen Mör⸗ dern, wie der Bruder ihnen vergeben mitten in den Höllenqualen, die ſie ihm bereitet. Herr Konrad drückte beide Hände auf ſeine Augen. So iſt die ſtarke Zwillingseiche der Waldſee zerſpalten, welchs Oeſterreich Schirm und Schatten gab, ſprach er nach einer Pauſe. Wehe Denen, die ihm den Schatz des Lebens zu früh und gewaltſam abgefordert: ihre Rechenſchaft wird ſchwer ſeyn, wenn der Weltenrichter kommt, und Einer iſt vor ihm wie der Andere. Bruder Friedrich wird heute Abends fortgebracht wer⸗ den auf den Clausberg; er ſoll ſchlafen zu Obernwaldſee neben der Mutter, deren Liebling er geweſen. Sorge Du, daß der Pöbel ſeinen Trauerwagen ohne Unbill aus der Stadt laſſe. Ich reiſe voran, ich muß, ſieht es auch aus wie eine Flucht, des Bruders Befehl macht's zur Pflicht, und alle Lieblingswünſche, die in den letzten Monaten ſeinen leuchtenden Geiſt beſchäftigten, werden die heiligſten Geſetze meiner nächſten Zukunft ſeyn. Und welcher Wind weht von der Hofburg? Velche Hoffnung kannſt Du mir zum Troſte laſſen bei Deinem Abſchiede2 Der Ritter deutete mit der Rechten nach Oben. Der muß ſichtbar dazwiſchen treten, ſo mächtig wie in jener Wunderzeit, als ſein göttlicher Sohn auf Erden ging⸗ ſonſt kommt weder Ende noch Hülfe. Ich hoffte, der Leopold würde den Prinzen mit ſich führen nach Wien; wer weiß, zu welcher Glücksthat dann die verzweifelnde Treue geführt. Aber der ſchlaue Biſchof iſt ein wach⸗ ſamer Rath: hinter den Mauern von Neuſtadt und un⸗ ter der Obhut wohlbezahlter Geſellen iſt ihnen der Beſitz 152 des armen Prinzen gewiſſer. Milder, lauer Wind weht vroben in den fürſtlichen Hofgemächern, ein Wind, wie er uns gekühlt in den Thälern der ſchönen Sicilia. Aber über den Thälern drohet das ſchwarze Haupt des feuer⸗ werfenden Rieſen. Der Herzog ſammt Allem, was ihn umgibt, ſcheint die Milde ſelbſt; auf Niemanden wird geſcholten, Niemand wird getadelt über die Thaten⸗ die geſchehen. Wie mit eitel Friedensfahnen iſt der Thron umſtellt, doch die innere Seite der Paniere trägt die Blutfarbe. Die herzoglichen Brüder ſind eingeladen: Herr Ernſt von Gratz und Herr Friedrich aus Tyrol werden kommen zur Burg; man will die Vormundſchaft theilen, aber zuvor den Schatz des ſeligen Herrn plün⸗ dern, das Eigenthum des verlaſſenen Knaben. Ich reite nach Ebenfurt zu Herzog Ernſt, ihn noch einmal zu warnen, wenn er anders zu warnen iſt, dann nach Ofen zum König Sigmund. Haßte er auch den Vater, ſo hatte doch mein Wort vordem guten Klang in ſeinem Ohre. Und finde ich dort und da taube Ohren, ſo thue ich allein den letzten Gang, und der Adlerflügel meines Helms ſchlägt gegen Leopolds Herzogshut. Hat Gott die armen Schwabenritter in dieſes Land geführt durch den erſten Habsburger, ſie reich gemacht und mächtig unter Habsburgs Fahnen, ſo will ich auch an eines Habs⸗ burgers Recht dankbar ſelbſt das letzte meiner fünfzig Schlöſſer ſetzen. Reimbrecht, mich bangt um Deine Sicherheit, ent⸗ gegnete der Bürgermeiſter, mit Rührung beide Hände des biedern Freundes faſſend; es zerreißt alles Gute und Heilige unter dieſem ſtarken Bunde der Böſen. Der Friedrich iſt hin; o, mir iſt, als ſähe ich auch in Dein Auge zum letzten Male. 153 Meine beſten Leute reiten mit mir, antwortete Wald⸗ ſee, und an der Donau treffe ich den Pilgram Walch und den von Aurach mit einem tüchtigen Geleit. Aber Du ſelbſt ſey auf Deiner Hut, denn Du mußt aushalten nahe der Löwengrube und kein Eiſen deckt Dich. Doch Du biſt der Mann danach, und Deine Rechtlichkeit iſt ein Gottesſchild, das Niemand anzutaſten wagen möchte. Nur wahre Dich vor dem Wähing, vor dem Freiſinger Biſchof. Es kocht in ihm, und nur Gift kann aus die⸗ ſem Herzen vorſprudeln. Euer Rath hat ſeine Entfer⸗ nung von Wien und aus der Nähe des jungen Prinzen verlangt; Euer wackerer Dioceſan, der Paſſauer Georg, bedroht ihn mit dem Kirchenbann; der Trienter Biſchof, Georg von Lichtenſtein, erließ einen bittern Brief gegen ihn, auch er will ihn entfernen von der Vormundſchaft, dann will Er und König Sigmund Schiedsrichter wer⸗ den über Oeſterreich. Dreifache Kränkung für den ſtol⸗ zen Mann, und er wird nicht ſcheiden von ſeinem Platze, ohne blutige Fußtapfen nachgelaſſen zu haben. Gott über mir, die Treue links, die Ehre rechts mir zur Seite! ſprach Herr Konrad feſt. Was kann alle 5 Menſchenbosheit gegen ſolch Geleit! So geh' denn, Du Freund und Hort und Waffenbruder in der heiligſten Sache, und kehre bald und bringe uns den Friedens⸗ kranz. Die von Waldſee waren immer die Schutz⸗ geiſter der Habsburger. Du wirſt des Knaben Albrecht Engel ſeyn und den Glanz der Kronen theilen, die Du ihm auf das goldene Lockenhaupt geſetzt. Ich ſchaue das hell und licht, als ſtände ich in meiner Sterbeſtunde, wo die Augen mehr offen ſind für das Zukünftige.— Der Ritter blickte erſtaunt auf den Freund, wie ſeine ehrlichen Augen ſo wunderbar leuchteten, wie ſeine ge⸗ — 154 bräunte Geſichtshaut ſo klar und durchſichtig erſchien, wie um den wohlgeformten Mund ein faſt überirdiſches Lä⸗ cheln ſchwebte, und die ganze kräftige Mannesgeſtalt von dem Lichtnebel der Verklärung umhüllt daſtand, der über dem dichten, durch die Bedrängniſſe der Zeit freilich ſchon mit leichtem Grau ſchattirten Scheitelhaar ſich gleich einer Glorie zu ringeln ſchien. Er gab dem Gefühl, den Ge⸗ danken, die ihn tief ergriffen, keine Worte, ſondern drückte feſt des ältern Freundes Hand und wandte ſich zu der lieblichen Veronika, welche geſchäftig durch's Zim⸗ mer hüpfte. Das iſt Dein Engel, Freund Vorlauf, ſagte der Ritter bewegt, indem er der Erröthenden die Rechte auf die lichtbraunen Locken legte; ein böſer Geiſt kann Dich nicht antaſten, ſo lange dieſes Himmelsbild an Deinem Herde waltet. Ihr ſeyd im Reiſezeuge, Herr Reimbrecht? fragte die Jungfrau. Wollet vielleicht zu dem freundlichen Prinzen Albrecht und ihn uns heimbringen? Ihr kanntet den Prinzen? fragte Herr von Waldſee. Als Frau Johanna noch lebte, ſpielten wir Mädchen öfters Letzerlmann oder Stangenſchupfen und Pallen⸗ ſchlagen mit dem holden Knaben in der Hofburg. Dann kränzten wir ſein Goldhaar mit weißen Roſen und ga⸗ ben ihm einen Lilienſtengel in die Hand, und er mußte den Elfenkönig vorſtellen und mit dem Duftſcepter ſich eine Königin wählen. Und da bekamet Ihr meiſtens den Zepter, ſchöne Veronika! Zuweilen! flüſterte das Mädchen verſchämt. Doch jetzt iſt der Prinz ein großer Herr geworden, für den die Geſpielinnen nur beten dürfen, daß er bald den 3 155 Fürſtenhut empfange, und daß durch ihn der Friede käme, den er immer in den hellen blauen Augen trug. Auch Ihr betet für ihn? fragte eifrig Herr Reimbrecht. Abends und früh, ſogleich nach dem Gebet für Va⸗ ter und Mutter! verſicherte das Mädchen eifrig. Ich glaub's Euern Augen, antwortete warm der Rit⸗ ter, glaub's, daß kein Dritter in das fromme Dreiblatt ſich eindrängt. Aber betet immer noch hintendrein für einen Unbekannten, der zwar nicht ſo fromme Wünſche für den Liebling aller ächten Oeſterreicher zum Himmel ſendet, der aber All, was in ihgii dm. den letzten Blutstropfen an das zu ſetzen geſchworen hat. und wenn ihm ſein Vorſatz gelingh 3 Gebet die größere Hälfte des Gelt Freund Konrad, wäre mein Haar Nh Geſicht nicht von Wundnarben gefurcht wi ein acker, ſo könnteſt du morgenden Tages meinen Fr werber erwarten. Doch wer weiß, was die Zukun bringt. Ich reite auf Puechheim vor und herze mei Weib und meinen ſchmucken Buben einmal. Und nun getrennt, ohne weiteres Abſchiedswort, mein Freund! Ein Blick in ſolch Unſchuldsauge iſt ein Labetrunk, der für lange Tagesmühen vorhält. Beide Freunde ſahen ſich nochmals feſt in die treuen Augen und ſchieden, wußte doch Keiner auf wie lange; doch in Beider Bruſt war's wie eine Wunde, die nach innen blutete, langſam aber tödtlich, und die ihnen dieſer Augenblick, obgleich er mit den Blumen der ſten Freundſchaft geſchmückt geweſen, mitten at Kränzen herausgegeben. 156 Gleich einem wachhaltenden Rieſen, der ſich hinge⸗ lagert in die Mitternacht, der mit den Gliedern von Erz die Erde, mit Schulter und dem goldgekrönten Schei⸗ tel die Wolken berührt, und in ſeiner unantaſtbaren, überirdiſchen Kraft ſein Amt als Schirmherr mit ma⸗ jeſtätiſcher Ruhe verwaltet, ſo ragte der Stephansdom hoch über die Giebelhäuſer der Stadt hinaus, und dunkle Wetter zogen durch die ſternenleere Nacht an ſeinen Thürmen vorüber. Heiliger Gottesfriede waltete um den herrlichen Bau, doch nicht fern von ſeinen geweihten LVllen, vergeß ce warnende Nähe, verſammelten ſt Feier zu ſtören, die ſelbſt das ſelbſt den roheſten Genoſſen hei⸗ kberiſchen Gefindels, den Sohn der esklüfte mit geheimer Scheu und un⸗ urcht zu erfüllen pflegt. Die Biſchofs⸗ ſchlichen die Rotten. Am Lugeck vor dem öſeer Haus ſah man eine Reihe wohlgerüſteter Rei⸗ ſigen aufgeritten; keine bunte Feldbinde ward ſichtbar an ihnen, ſchwarze Mäntel deckten den blanken Bruft⸗ ſtahl, nur der weiße Balken im ſchwarzen Schilde ſchim⸗ merte auf dem großen, im Abendwinde flatternden Ban⸗ ner des Anführers, und das Rauſchen der Seidenfahne, die oft in Oeſterreichs Schlachten zuvorderſt geſehen, war das einzige geſpenſterartige Geräuſch in dem düſtern Haufen, in welchem keine Waffe klirrte, kein Roß ſchnob. Meber dem geſchloſſenen Hofthore ſtieg eine weiße, qual⸗ nende Dampfwolke heraus zur Gaſſe, unter ihr bemerkte Die züngelnden Flammen der Fackeln, welche den rwagen umgaben, auf welchen ſo eben eine wei⸗ Dienerſchaft den Sarg des Erbtruchſeß von Steier, s biedern Herrn Friedrich von Waldſee gehoben, da⸗ ——— M*3 N— M M— 1 M* . friſch aufgelegt, und Dein Schädel an ihn gedrängt, und drehte zugleich ſein Thier durch 157 mit er zu einer ſichern Ruheſtätte gebracht werden möchte, zu einem Friedensplatze, an welchem die Pfeile des Haſſes und der meuchleriſchen Bosheit ſtumpf werden. Die Umgegend war bis dahin menſchenleer geweſen, jedoch da jetzt der Thorweg langſam geöffnet wurde und der Zug der Fackelträger ſich nach der Straße her zu bewegen begann, erſchienen wie aus der Erde gewachſen jetzt hie, jetzt dort einzelne Menſchenrotten, welche aus Winkeln und Nebengäßchen ſich herbeidrängten, und bald Stiaße und Platz mit einem ieie Gedränge füllten, in welchem ein unheilvolles Gemugnäuendes Ge⸗ ſumſe, gleich dem fernen, dum 1 nahenden Gewitter, ſich hören lic Bleibe mir vom Roß! Seine nder Bekanntſchaft mit ihnen ſme der Reiter, welcher am S einem Halbdutzend der Zuſchauer, die ſich e Sporn und Zungenſchlag geſchickt alſo, daß die unarti⸗3 gen Dränger erſchreckt zurückplatzten. 5 Hoho! rief eine Stimme aus den Weichenden. Iſt für die Wiener Bürger kein freier Platz mehr auf ihren eigenen Gaſſen? Was dutzt ſolch tuumzulich Söldner einen Bürger von der Landskrongaſſe? ſchrie ein Zweiter voll Bit und; Galle. Werft dem Pferd ein Pulverfäſſel vor den höhnte ein Dritter. Es iſt das ein gut Mittel, mäuler und Prahlhänſe ſtumm zu machen. Ho liegt auch ſo Einer; aber er iſt ſtill geworden wis naniſche 158 Der Reiter biß die Zähne zuſammen, doch erwiederte er nichts, zog jedoch den ſchweren Pallaſch und ſtieß den blanken Schwertgriff auf den metallenen Sattelknopf, und der Ton, den die Waſen hören ließ, verfehlte die Wirkung iicht. Platz da, im Namen des hohen Raths! rief jetzt ein Korporhl der Rumorwächter, welcher dem Zuge der Fackelträger voranſchritt. Mit Zögern und ſichtlichem Widetwillen wich ein anderer Haufe, welcher die Mitte der Straße einge en asei WPas bellt der Hatzhund des F tief eine wilde Stimme aus E. ſge. Hermann, heran zu mir! der Deinem und meinem Vater ücken ſchnürte und ſie, als wärens Kſen, zum Schandgerüſt Der darf die Frühglocke vom Stephä bren, ſo wahr ich ein Zuter Sohn bin. 3 8 4 ſah man zwei nackte Arme ce Streitaxt über den Hau fen ſchwingen. Sey nicht toll, Wolfgang! rirf eine feinere Stimme. Eile mit Weil! Was kümmert uns der Schuft? Für den Bürgermeiſter hege den Schlag. Was hätten die Todten für Luſt daran, wenn man auch uns abthäte wie ſie, und der Feind ſtolzirte nach wie vor auf ihren Gräbern. Schreiderſeele, rief der Erſte, laß meinen Arm frei; kir möchten lang warten, bis ſich Deine Nadelbüchs Theil der Reiterper in Rotten im Schritt ſich vör belbegte, um dis zuges zu bilden, ſpaltete gleich eine —„ 159 aber die Zungen des Pöbels waren einml gelöst, Ge⸗ ſchrei und Schimpfreden tönte vübetal Ger da im ſchwarzen Bett war auch eei nd des Bos!— Gön⸗ net ihm die geweihte Epr. icht— In de Graben mit ihm!— Reißt das Hrörbanner in Fetze Wer dul⸗ det ſolch Wappen im freien Wien!— Herthhter mit den hochmüthigen Niern, die den Zünften daß Brod vom B ſtehlen— So ſchallten gefährliche Sprüche hier und ſelbſ die Stimme der großen Glocke vom d 2 im ernſen Grgbgelänte hell und vermochte de wüthige zu ker eue iden Hu en langſam fortwallenden bie von den Reitern dicht eingeſchloſſen mit Sprüngen u An⸗ und Abprallen begleitete, och dann und wann Steine ſchleuderte, von denen einige den Deckel des Fräuerwagens dumpf ſchallend be⸗„ rührten, andere von den Pickelhauben der Reiſigen klin⸗ gend zurückſprangen. Der ſchwarze Todtenwagen bog bald in den Lichten⸗ ſteg, und der beengte Raum vermehrte die Gefährlichkeit, des Volksauflaufs, denn den Charakter eines ſolchenz hatte bis dahin dieſe Nachtſcene völlig angenommen. Dig ſtarken ſteiriſchen Roſſe waren unwiverſtehliche Platzhg ter; die an die Hauswände gequetſchten Menſchen kreiſt z unp uchten, nachdem ihr Geſchlecht und Alter W K obgleich en nur von es gin t ohne leichte eſchädigungen zu, und Voll mit jeder Beüle Und jedem Blutstrop dene Naſe eines alten Hokenweibes 160 lor, und die Beſchließer des Trauermarſches fühlten be⸗ reits ſo arge Fauſtſtöße und von fern und im Fluge geführte Knittelſchläge, daß mehrere der Reiſigen ſich genöthigt ſahen, dann und wazn durch flache, ſpäter durch ſcharſe Klingenhiebe die Anfälle der Nachtgeſpen⸗ ſter abzuhalten oder zu beſtrafen. Zwei verhüllte Männer waren von Weitem dem Spek⸗ Mantelzipfel vom Geſicht. gehören ſie zu So er den Begleiter der tieſſte Unwille voktlg⸗ geſehen, daß Hon ſeinen Sh liger Akt befleckt worden, uns 6 man die Ruhe eines Todten ſtörte? Und* Todter? Hunderten dieſer Schreier gab er Arbeik u Brod! Hunderte dieſer Schreier zog ſeine barmherzig Hand aus dem Schlamme des Elends, und er fütterte die verſchmachteten Waiſen ihrer Brüder, und gab den Wittwen ihrer Vettern Decke für ihre Blöße. O ſteht das Menſchenvolk nicht höher über dem Thiere, wer möchte dann Ehre darin finden, an der Spitze dieſer piehiſchen Maſſen zu walten. Es wird böſer Ernſt, antwortete ſorglich der Zweite, ad es möchte nicht rathſam ſeyn, länger ſtiller Zu⸗ auer zu bleiben, geſtrenger Herr. Schauet nur hin, Reiſigen haben Noth, des vielköpfigen Schlangen⸗ zels ſich zu erwehren, und dort wirft man vom Gie⸗ erab einen Hagelſchauer von Dachziegeln auf die Korwacht. aus welcher die Schande — takel gefolgt, hatten ſich jedoch außer dem Gedrängs e halten. Jetzt ſtanden ſie ſtill und der Eine 161 Wir ſchlugen die Häupter der Hydra vergebens ab, antwortete verdüſtert der Erſte; ſie ſind neu gewachſen zum eigenen Verderben. Wehe der ſchönen herrlichen Stadt: ihre eigenen Kinder zerfleiſchen die Mutter, und zertreten die heiligen Glieder der, die ſie geboren. Sie wollen keine Milde, kein väterlich Wort; ſo mögen ſie's haben nach Wunſch. Auf, Herr Ponheimer; ſetzet Eu⸗ ren Schuhen Flügel an und ſpringt durch die Seiten⸗ ſteige. Laßt die Conſtabler ſogleich ausrücken und die Rebellen am hohen Markt empfangen. Laſſet Lärm ſchla⸗ gen auf jeder Stadtwacht und Lanzenknechte und Stadt⸗ reiter vordringen. Wer nicht auf die erſte Mahnung ſein Haus ſucht, ſchlafe auf der Pritſche oder im Nar⸗ renkotter den Rauſch aus. Und Ihr ſelbſt, Geſtrenger? Allein, ohne Schutz, fragte ängſtlich der Zweite. Thut Eure Pflicht, Herr Hubmeiſter! Mein gutes G wiſſen und mein Degen verlaſſen mich nirgend, antwo tete der Erſte. Der Kleinere flog eiligen Fußes davon, der Größere hüllte ſich dichter in ſeinen Ueberwurf und ſchien unent⸗ ſchlüſſig im Bedenken, wohin ihn zuerſt ſeine Pflicht for⸗ dern möchte. Da berührte eine Hand ſeine Schulter, und als er ſich raſch wendete, drängte ſich ein wohlbe⸗ waffneter Bürger dicht an ihn. Ich bin es, Herr Konrad! flüſterte eine wohltönende, doch gedämpfte Stimme. Um Gott, wie könnet Ihr Euch in ſolche Nacht wagen? Sieh da, Stephan Tirna! antwortete der Bürger⸗ meiſter. Führeſt Du auch Deine Genoſſen den Rebellen zu, und willſt Rathsherr werden, regieren, Münzen ſchla⸗ gen und Steuern einſtreichen nach eigenem Gefallen? Blumenhagen. XV. 11 e⸗ T— r⸗ 162 Es iſt nicht Zeit zum Scherz, lieber Herr, erwiederte haſtig der junge Mann. Glaubet mir, ich zittere um Euch wie um einen Vater, und als Eure Stimme an mein Ohr ſchlug, war mir's, als ſchöße der Blitz läh⸗ mend an meinen Gebeinen hinunter. Gehe heim, Stephan, und jeden Deiner Nachbarn, der Dir irgend lieb iſt, berede ebenfalls, ſich hinter ſei⸗ ner geſchloſſenen Hausthüre zu wahren. Dein Vater war ein wackerer Bürgersmann, mein Zeltkamerad auf der Preußenfahrt, und ich möchte nicht, daß der Scherg mor⸗ gen mit dem Sohne zu thun bekäme. O ich weiß, Ihr bandet des Vaters Wunden, Ihr wahrtet ihn vor der böslichen Gefangenſchaft, rießet ihn aus den Fäuſten der Heiden, welche ihre chriſtlichen Feinde entſetzlicher Weiſe lebendig begruben, fiel der Bogner bewegt ihm in die Rede. Er hat mir das ſo oft auf ſeinem Wundlager erzählt, noch in ſeiner letzten Nacht erzählt, daß der Stephan ſolch einen Vater nicht verdient hätte, wenn er es vergäße, ſo lange noch ein Athemzug in ihm iſt. Nicht um mich handelt ſich's jetzt, nur um Euch. Wie könnt Ihr Euer Haupt, an welchem das Heil der Stadt hängt, Preis geben den Trunken⸗ bolden und Blutſüchtigen? Und wie könnet Ihr Euer Haus bloßſtellen in ſolchem Tumult? O eilet heim, lieber Herr, ich begleite Euch und meine Bruſt ſey Euer Schild. Der Zug zum Burgthor muß ja die Herrengaſſe vorbei. Schließet Thür und Laden, ruft die beſten Eurer Wappner zu Euch, Ihr kennet dieſe Menſchen nicht wie ich ſie kenne, und heute gar hoffen ſie auf einen Haupt⸗ ſtreich. Ich ſah in der ſchmutzigen Fauſt des ärmſten Schuhknechtes fremdes Geld, und die meiſten haben ſich aus den Weinkellern den Muth geholt, der zu ſolchen 163 Schelmftücken nöthig iſt. Darum denkt an Eure Sicher⸗ heit, Herr, denkt an Weib und Kind. Ihr habt die höl⸗ liſchen Flüche nicht gehört, welche man auf Euer ehr⸗ würdiges Haupt herabgerufen. Du biſt ein guter Bürger, antwortete feſt der Bür⸗ germeiſter; thue Deine Pflicht, indem Du durch Wort und Beiſpiel deine Mitbürger von Frevelthaten abhältſt. Um mich habe keine Sorge. Zwanzig Bogenſchützen lie⸗ gen bei den Schotten; verborgen in den Kreuzgängen der Abtei halten ſie Wache zum Schirm der Meinigen. Ich vergebe den Undankbaren, die nicht wiſſen, was ſie thun, doch der Bürgermeiſter Wiens kann nichts von Furcht fühlen in der Mitte ſeiner Bürger, darum befehle ich Dir, mich zu Lerlaſſen, damit Deine Nähe mein ge⸗ heimes Thun nicht hindere. Gute Nacht, Freund Tirna. Mit ſcharfen Schritten ging der unerſchrockene Stadt⸗ herr über den Lichtenſteg und ließ den jungen Bogner betrübt und bangend zurück. Vorlauf fand den Trauerzug ſchon auf dem hohen Markt angekommen, und der weitere Raum vom breiten Stein und vom Leihhaus und Schuhhaus bis zur Ju⸗ denſchule und Wildwerkerſtraße ließ ihn beim Fackel⸗ ſchein den ungeheuern Anwuchs der Aufwiegler und des lärmſüchtigen Pöbels erkennen. Der Anblick der öffent⸗ lichen Schranne des ſtädtiſchen Richthauſes, über deſſen Pforte warnend und dräuend das koloſſale Rechtſchwert hing, wirkte nicht auf die Sinnloſen: Vorlauf ſah, wie eine ſchwarze Bande bereits den offenen Kampf mit der Stadtmiliz begann und im Vortheile zu ſeyn ſchien; er ſah, wie ein anderer Haufe, dem es mehr um Raub als Gefecht zu thun war, das Haus des reichen Engen⸗ bühls ſich zum Ziel erwählt: das Schild mit dem rothen 164 Krebs war bereits abgeriſſen, die Scheiben wurden mit Steinwürfen zerſchmettert, Läden und Thüren zerſchla⸗ gen, und unter furchtbarem Gebrüll brachen die Räuber in das Eigenthum ihres achtbaren Mitbürgers. Furcht⸗ var erſchüttert durch dieſen Anblick ſtürzte der Bürger⸗ meiſter gegen das Hubhaus, vor dem eine ganze Com⸗ pagnie der Rumorwächter gereihet ſtand, indeß ihr Rott⸗ meiſter unthätig an dem Eiſengitter des Narrenkotters lehnte und mit ſeiner Partiſan gemüthlich zu ſpielen ſchien. Seyd Ihr berauſcht, Ebner! rief ihm Vorlauf zu, mit ſtarker Hand ihn an der Schulter faſſend und ſchüt⸗ telnd. Gafft Ihr in das Spektakel, als wär's ein Pup⸗ pentheater? Wozu traget Ihr Waffen? Fort, Euren Kameraden zu Hülfe, und ſichert jenes Haus vor dem diebiſchen Geſindel. Mit Verlaub, Herr Bürgermeiſter, antwortete höh⸗ niſch der Rottmeiſter, indem er ſeine Schulter beleidigt zurückzog; ſaget uns zuvor gefälligſt, wer heute Nacht ſo eigentlich commandiren thut. Wir ſind im Dienſte der Bürgerſchaft, und die dort jubiliren, gehören doch auch dazu, und ſind in der Mehrzahl. Es ſind Gevattern und Nachbarn darunter, und wer weiß von uns, ob morgen nicht Jene zu Rathe ſitzen auf der Schranne und uns den Sold zahlen. Verrath? Auch das noch? Aber Du irreſt Dich und ſollſt Deinen Sold ſogleich von der rechten Hand empfangen, rief der Stadtherr, indem er mit der Linken dem Ungehorſamen die Partiſan entriß und mit der Rechten ihn der Conſtabler⸗Compagnie entgegen ſchleu⸗ derte, die eben im Sturmſchritte an der Schranne ein⸗ traf. Mit kurzem Wort gab er dem Hauptmanne die nöthigen Befehle; ſich ſelbſt ſetzte er dann an die Spitze der Rumorwacht und führte die Eingeſchüchterten dort⸗ hin, wo der Kampftumult am lauteſten tobte. Als wenn eine unſichtbare, heilige Schaar über der Leiche des edlen Erbtruchſeß ihre Flügel ausgebreitet gehalten, ſo war bis dahin mitten durch das wildeſte Getümmel der Trauerwagen immer noch unbefährdet fortgerückt. Seine ernſten Begleiter hatten im Bewußtſein ihres geweihten Amtes ſich nur auf Abwehr beſchränkt und dadurch den Ingrimm der Feinde gemildert, und der an mehreren Orten erfolgte Angriff der Stadtmiliz, der Aufruf zur Plünderung bei dem Anblicke der Häuſer manches verhaßten Reichen, die aufgeregte Zerſtörungs⸗ wuth, welche in den Gemüthern Derer überall ihr Reſt hat, die nichts beſitzen, waren Ableiter geworden, welche die erſte Abſicht der Friedensſtörer faſt vergeſſen machten. Im merkwürdigſten und ſchroffeſten Gegenſatze mit dem, was ihn ſo nahe umgab, wallte der Leichenconduct durch die Tuchlauben zum Kohlmarkte hinunter, ähnlich einem ſinnlichen Abbilde des heiligen Glaubens, der mitten durch das weltliche Gewühl, mitten durch Ketzerei und Läſterung, unbefleckt und rein, wie er dem Borne der ewigen Liebe entſtrömte, ein unbewehrtes Kind, aber geſchützt durch ſeine eigene, innere, himmelentſproſſene Macht, ſich Bahn bricht, und nach jeder ſinnloſen Be⸗ fehdung nur ſtrahlender leuchtet. Der Lärm hatte indeß nicht abgenommen, wenn auch durch die Anſammlung der zahlreichen Soldateska der Stadt dem ausgetretenen Volksſtrome mächtige Dämme entgegen geſtellt wurden. Wie Fluth und Ebbe wechſeln, ſo drängten ſich Volk und Wappner hin und zurück, aber Keiner konnte ſich Sieger nennen, Keiner den Gegenpart für beſiegt erklären. Man bemerkte jetzt mitten in dem 166 Gewühl auch mehrere ritterliche Hüte mit wallendem Fe⸗ derſchmuck, und ebenfalls ſchimmerte die bunte Tracht der Haiducken in der Nähe derſelben aus den Maſſen der dunkeln Bürgerwämmſer, jedoch blieb es zweifelhaft, ob ſie als Friedensſprecher oder als Aufreizer ſich dieſer ſchmutzigen Geſellſchaft zugemiſcht hatten. Einem betrun⸗ kenen Muſikanten, unter dem Namen des närriſchen Au⸗ guſtins allen Wienern bekannt, wäre es faſt geglückt, die ernſte Scene in eine luſtige Karnevalsfarge zu ver⸗ wandeln. Der tolle Menſch hatte ſich an die Spitze des Leichenzuges geſetzt und ſpielte taumelnd auf ſeiner Geige ein beliebtes Volkslied, welches wie ein Oberonshorn auf den Pöbel wirkte, der iminer gern von Extremen zu Extremen ſpringt. Das Wuthgebrüll löste ſich ſchon in Gelächter und Beifallsgeklatſche auf, als die Hellebarde eines Wächters den trunkenen Spötter zu Boden ſchlug, und dadurch ſchädlicher Weiſe, wenn auch gerecht, dem lu⸗ ſtigen Intermezzo des Trauerſpiels ein ſchnelles Ende ſetzte. Vivat Leopoldus! Tod ſeinen Feinden! rief jetzt eine Stimme, deren Ton nicht nach der Herberg und Werk⸗ ſtatt klang, und das tauſendfache Echo dieſes Rufes ſchien einen neuen Act des Verderbens anzukündigen. Mit ſeinen nackten Armen und der geſchwungenen Streitkolbe drängte der wilde Krämer Wolfgang ſich zugleich zu dem Vorſchreier, einem ſtattlichen Manne in ritterlicher Tracht. Seyd Ihr endlich am Platze? brüllte er mit ſichtlichem Vergnügen und vor Luſt rollenden Augen. Wo ſind die Wappner des Herzogs, wo die Trabanten von der Burg? Rücken ſie endlich heraus aus ihren Ratzenlöchern? Es iſt Zeit, denn Ihr ſehet, uns trieft der Schweiß von der Stirn' und der rothe Saſt leckt aus mancher Schramme des Arms. 167 Sind Eurer nicht genug? fragte der Mann unwillig. Fünfzig für Einen, und Ihr ruft ſchamlos nach Hülfe? Das Haupt fehlt und die tolle Heerde läuft links und rechts, wo es grüne Weide gibt, wenn kein Hirt ſie zu⸗ ſammenpeitſcht, antwortete Wolfgang. Setzet Euch an die Spitze, Ihr und Eure Freunde; dort öffnet ſich die Herrengaſſe. Voran Herr; dort hauſet unſer Erzfeind! Voran, und wenn der Tag kommt, iſt Herzog Leopold Herr in dieſen Mauern. Das hindere Gott und Sanct Stephan! Wahnwitzi⸗ ger Thor, möge die Hölle taub bleiben 3 Deinen gott⸗ loſen Wunſch, mit dem Du das eigene Verderben herab⸗ rufſt. So lange der Himmel die Wächter des Rechts ſchirmet, wird Dein elendes Wort keine Krone verſchenken. So ſchallte plötzlich die mächtige Stimme eines kräftigen Mannes, vor dem Alles zurückwich, ſo daß er auf einmal in einem freien Kreiſe ſichtbar wurde, indeß im Gedräng die Ausrufungen: Er iſt es! der Bürgermeiſter! Herr Vorlauf ſelbſt! Berge ſich, wer kann! ſich hören ließen. Schämet Euch, Berthold von Wähing, ſprach ernſt Herr Konrad fort, indem er ſich zu dem ritterlich Ge⸗ kleideten wandte, daß Ihr, ein Sohn der Stadt, die Euch reich und anſehnlich gemacht, Geſellſchaft haltet mit ih⸗ ren Verderbern. Iſt doch der Prieſter da, zur Sühne zu reden, an Ordnung zu mahnen, ohne welche die Welt zuſammenfällt, und Frieden zu predigen, wo Haß und Bosheit und Verheerung dräuet. Wie möget Ihr denn Eure Würde ſchänden und Gottes Gericht zwiefach auf Euch herabrufen? Laſſet ab, laſſet ab, hochmüthiger Mann, von Eurem Thun; tilget aus dem Herzen den Ehrgeiz, der Euch verführt, denn W Weg kann zu keinem guten Ende führen. 168 Hallo! brüllte da der Wolfgang und ſtürzte vor mit knirſchenden Zähnen; hallo! der alte Wolf iſt im Retze, Sanct Hubertus ſegne die Jagd! Du ſollſt nimmer wie⸗ der mit einem Bürgerkopfe am Rabenſteine Kegel ſchieben. Zum gräßlichen Hiebe hob er die Axt, doch ehe er noch ganz ausgeholt, fühlte er ſich von zwei rieſenſtarken Händen von vorn und an beiden Armen gepackt und durch eine unwiderſtehliche Wucht nach hinten geworfen. Ste⸗ phan Tirna war es, der ſich an der Spitze einer zahl⸗ reichen Schaar mit kurzen Schwertern und Armbrüſten bewehrter Burſchen athemlos und bleich zwiſchen den Mörder und ſein Opfer ſtürzte und mit ſeinen Genoſſen den leeren Platz ausfüllte. Wo iſt der Vorlauf? kreiſchte er, daß es heiſcher klang wie Rabetſſchrei und focht dabei mit Stahl und Armbruſt durch die Luft gleich einem Beſeſſenen. Wo iſt der Vorlauf? Mir gehört er. Wer will mir den Rach⸗ ſtreich vorweg nehmen? Hölle und Tod! Wem hat der Vorlauf einen Großvater umgebracht, der mit dem mei⸗ nen ſich meſſen dürfte? Wer hat die Hand in Blut ge⸗ taucht und ſolche Rache geſchworen wie ich? Wo iſt der Vorlauf? Dem ſchlägt meine Kolbe den Schädel in Scherben, der ihn mir vorweg nimmt! Der Bürgermeiſter fühlte ſich jetzt von den Händen des raſenden Jünglings an Mantel und Bruſtwamms ergriffen und gewaltiglich fortgeſchoben. Habe ich Dich, Du Prahler und Bürgertreter! ſchrie Tirna fort. Aber hier ſollſt Du nicht haben, was Dir gebührt; wo Du ungerecht Urtheil ſpracheſt, vor der Schranne ſollſt Du Deine Strafe finden. Und fort riß der Jüngling den Betroffenen, fort in der Mitte ſeiner ſtarken Schaar, und die Menge jauchzte —————— 169 blutdürſtig nach: Bravo, Stephan! Zur Schranne! Zur Schranne! Erſt in den Narrenkotter zum Spott! Und dann an den Pfahl! Sammelt Steine! Geſteinigt muß er werden, geſteinigt am Pfahl! Aber nicht zu dem Markte zurück, ſondern vorwärts zum Eingange der Herrengaſſe, wo, wie ſchon erzählt, ſein Haus ſtand, ward der Bürgermeiſter geriſſen und hineingeſchoben. Schnell unter Euer Dach, Herr Kon⸗ rad, und verzeiht Wort und Gewaltthat, oder beſſer noch in die Freiung der Schotten, und Sanect Gregor ſchirme Euch dort! flüſterte der kühne Bogner. Dann ſperrte er mit den Seinigen die Straße, immer noch ſchreiend und ſchimpfend; dennoch würden die Nachdrängenden bei der Breite des Raumes vielleicht zu früh ſeinen kecken Rettungsplan entdeckt haben, hätte nicht ein anderer Auf⸗ tritt die Aufmerkſamkeit gewaltſam an ſich geriſſen. Ein neuer Menſchenſtrom wogte heran. Halt auf! Schlagt nieder! brüllten neue Stimmen, und vorn zwiſchen den Anſtrömenden erblickte man einen breitſchultrigen, die Verfolger hoch überragenden Mann, der in langſamer Flucht und Wehr zugleich, indem er mit kampfgewohn⸗ ten Armen rechts und links die Nächſten zu Boden ſtieß, Raum und Freiheit zu gewinnen ſuchte. Er trug einen Lederkoller, eine leichte Stahlhaube mit rothem Feder⸗ kamm, und an ſeinen ſchweren Reiterſtiefeln klirrten ritterliche Sporen. Als die letzten Nachzügler des Tu⸗ mults die Tuchlauben paſſirten, ſtolperte dieſe koloſſale Geſtalt aus dem Weinkeller zum ſteinernen Kleeblatte auf die Straße, hatte ſich bald breit gemacht im Ge⸗ dräng und durch die deutlichen Kennzeichen eines tüchti⸗ gen Weinrauſches die Angen und Zungen der Zunftbuben auf ſich gelockt. Sein Gefolge blieb aber nicht gar lange 170 ſo unſchuldig wie anfangs, denn der Mond, welcher ſich durch das locker gewordene Nachtgewölk Bahn gebrochen, beleuchtete die auffallende Geſtalt des Trunkenboldes, und die Schimpfreden, die der grobe Platzmacher gegen die Wiener Bürgerſchaft und die Stadt ausſtieß, zogen auch die Handwerksmeiſter in natürlicher Erbitterung in ſeine Nähe. Es iſt der Lichtenecker, Gott ſey uns gnädig! rief da die ängſtliche Stimme eines Oelhändlers, der dem Rieſen im Lederkoller vor die Füße gerathen. Der Lichtenecker? Wo? Haltet auf! Der Unhold hat mir noch vorgeſtern eine Trift Rinder dicht vor dem Schottenthore abgejagt! ſchrie ein Fleiſchhauer. Der Lichtenecker? der am Oſtertage meiner Baſe am Kahlenberge den rothen Hahn auf's Dach geſetzt? rief ein Fiſcher, ſich mit ſeiner Kahnſtange zu dem Feinde Platz machend. Fanget den Raubritter! Haltet auf! Laßt ihn dem Galgen nicht entlaufen! brüllte der Chorus. Der Wegelagerer entgegnete anfangs mit gleicher Münze, und der Weindunſt ſchickte viel unverſtändigen Wortkram über ſeine Zunge. Hans, halte den Bügel feſt, Du Schurke! rief er und griff nach dem flatternden Halstuche eines vorüberflüchtenden Weibes, als haſchte er den Zügel ſeines Leibroſſes. Die Plempen heraus, Ihr Burſchen, und feget die Straße rein von der Ham⸗ melheerde! rief er weiter, mit dem ledernen Stolphand⸗ ſchuh um ſich ſchlagend, als wäre das Leder die ſcharfe Klinge, die er Tag und Nacht zu führen gewohnt. So⸗ wie jedoch ſein Rauſch in der Nachtluft ſich minderte, und die Fäuſte ſeiner Verfolger ihm immer fühlbarer wurden, ſchien er immer mehr das Bedenkliche ſeiner Lage zu erkennen und die Frechheit zu bereuen, die ihn in die von ihm ſo ſchwer beleidigte Stadt geführt, und ihn vielleicht durch die Hoffnung verlockt, in den bekann⸗ ten Unruhen Nachts einen guten Zug zu thun. Seine Wehr wurde immer mannlicher, ſeine Flucht immer raſcher; eine kühne Hand hatte ihm die Pickelhaube vom Kopf geriſſen, doch ihm zum Vortheile, denn das wüſte narbichte Antlitz, von einem Walde braunrother Locken umflattert, die Klopffechtergeſtalt mit den herkuliſchen Schultern ſcheuchte, vom Mondlicht grell beleuchtet, alle Begegnenden vor ihm hinweg. Da warf ihm ein toll⸗ kühner Schuſterbub einen Knittel vor die Füße und der baumlange Räuber ſchlug mit dem Gepraſſel eines ge⸗ fällten Baumes zu Boden, richtete ſich aber ſchnell, wenn auch mühſam, an einem Eckſteine wiederum halb in die Höhe. Von mir die Hände, ihr ſchmutziges Bürgerpack! kreiſchte er in Wuth und Verzweiflung. Achtet die Rit⸗ terkette! Ich gebe mich dem Stadtrecht zu Schirm und Spruch. Aber ſchon ſchwebte ſein ſchwarzer Engel über ihm. Der wüthende Fleiſchhauer, der ihm immer dicht an den Ferſen geweſen, ſchwang ſein Beil; krachend fiel der Schlag, ſicher geführt wie nach einem Stierhaupte, auf die breite Stirn des Straßenhelden, und das ſpritzende Blut, das verſprengte Hirn berührte wie glühende Me⸗ talltropfen die Umſtehenden, und das Entſetzen warf fie weit zurück von dem furchtbar gerichteten Feinde. Das Raubthier der Wüſte, ſelbſt das gezähmte, ſoll zur Mordſucht geweckt werden, ſobald es Blut geleckt, und die Hiſtorie fremder Völker erzählt uns, daß nicht ſelten der Ausbruch gräuelvollſter Staatsumwälzungen 172 durch den erſten tollkühnen Mordſtoß einer Frevlerhand, der einen ganzen Pöbel zum unerſättlichſten Blutdurſt aufgehetzt, vollſtändig geworden; doch wenn auch That⸗ ſache, bleibt ſolche Erfahrung ſtets im Widerſpruche mit der menſchlichen Natur, und die Geſchichte des deutſchen Volkes erzählt auf mancher Folie, wie der Anblick zu⸗ fällig oder vorſätzlich vergoſſenen Blutes manchem wil⸗ den Volkstumulte plötzlich ein Ende, die trotzigen Stür⸗ mer zu feigherzigen Flüchtlingen, die wüthigen Mörder zu ſcheuen Rehen gemacht. Iſt doch das Leben das hei⸗ ligſte Menſchengut, ein unerſetzbares, unwiderbring⸗ liches, ein Geſchenk, das nur der Unſichtbare in geheim⸗ nißvoller Spende ertheilt, und wie der Kirchenräuber den geraubten Pokal aus der bebenden Hand gleiten läßt, ſo muß auch der nicht ganz Entmenſchte ſtarren, ſchaudern, wenn er geraubt hat, was ihm ſelbſt das höchſte Gut iſt. Das Blut des Räubers, des gehaßten Feindes, ſo⸗ wie es die Steine Wiens gefärbt, wirkte gleich dem Oel⸗ das der Schiffer in das ſturmempörte Meer gießt. Wie von einem Fluchworte, das ein Strafengel aus den Wol⸗ ken rief, getroffen, verlief ſich das Volk, und bald waren die Conſtabler allein mit dem furchtbar anzuſchauenden Leichname, an dem die Volkswuth ihre Rache gekühlt, zugleich auch das Ziel ihrer ſinnloſen Verwirrung ge⸗ funden hatte. Ein Fremder, der am folgenden Tage durch die Straßen Wiens ging, hätte es Niemanden geglaubt, daß dieſes Pflaſter in letzter Nacht der Turnplatz von tauſend Herbergshelden geweſen. Kaum hatte das Prim⸗ glöcklein ſich hören laſſen, ſo füllten ſich Gaſſen und 173 Märkte mit der gewohnten, friedlichen Geſchäftigkeit. Fiſcherleute zogen mit ihren Karren voll Hauſen und Aalen, Krebſen und Sälmlingen und hundert andern Sorten der Undinen⸗Kinder in die Thore, als hätten ſie in allen Flüſſen und Seen des deutſchen Reiches eine bethlemitiſche Mordnacht gegen dieſe ſtummen Waſſeran⸗ beter gehalten; der Bauernmarkt füllte ſich mit grüner Waare und ſchnatterndem und kreiſchenden Geflügel aller Art; Legionen blöckender Kälber trieb man gleich ſtrau⸗ chelnden, nach der Mutter rufenden Kindern, die ein ſteinherziger Mohr zum Sklavenmarkte peitſcht, zum Lich⸗ tenſteg, Fuhrwerk voll Güter und Korn knarrten auf der Steinbahn, und den Hohenmarkt beengte eine Wagen⸗ burg, gefüllt mit den Leckerbiſſen der Wiener, mit der Beute des Jägers, mit Faſanen und Rohrhennen, mit dem friſcheſten Wildpret: dem zarten Reh, dem hochge⸗ hirnten Hirſch und dem borſtigen Keiler, und dieſes Todtenreich war durchmiſcht von friſchgefärbten Obſt⸗ haufen, in denen die goldene Melone mit dem buntge⸗ netzten Kürbiß die gemeineren Fruchtſorten überſtrahlte. Ein Kaiſer hätte daran genug gehabt, um alle Kurfürſten ſammt ihren Vaſallen und benebſt ihren wirklichen und geheimen Hofnarren zu bewirthen. Die Kramläden und Gewerkbuden ſtanden geöffnet und zeigten fleißige Arbei⸗ ter, und wie am Bau zu Babel überfluteten hundert Sprachen: hungariſch und wendiſch, niederländiſch und erabatiſch, polniſch und lateiniſch dieß Weltgewühl, doch immer wieder verſchlungen vom Wogenſturz des guten Wieneriſch, das manchen wohl erfundenen Bären zum Beſten gab. Nur die große Blutſpur dort, wo man den Raubritter geſchlachtet, nur die verſtärkten Rotten der Stadtmiliz vor den Wachthäuſern, nur der in dem 174 Sünderkäfig des Narrenkotters ſteckende Rottmeiſter, der ſeine kriegeriſche Tracht mit einem grauen Schimpf⸗ wammſe hatte vertauſchen müſſen, erinnerte an die ge⸗ fährlichen Nachtſcenen; wenig ſchien man jedoch auf das Alles zu achten, und die Blumenfrau verhandelte ihrer bunten Nägelkränze eben ſo viele an die ſchmucken und drallen Jungfern, wie ſie geſtern gethan. War es Scham oder Furcht, oder Reue und Beſſe⸗ rung, war es der Eindruck, den das mannliche, uner⸗ ſchrockene Benehmen ihres geſetzlichen Oberhauptes auf ſie gemacht: Keiner der Schreier und Fahnenträger der rebelliſchen Bürger ließ ſich ſehen in den Gaſſen, ſie ſchliefen ihren Rauſch aus und wuſchen die empfangenen Beulen, und ohne Geleit ſah man die Rathsherren, welche die Zielſcheibe der ruchloſeſten Drohungen geweſen, zum Stadthauſe gehen. Das Volk begrüßte ſie mit gewohnter Ehrerbietung, wenn auch mancher bedächtlichere Bürger in der Wipplingerſtraße ihnen trübſinnig nachblickte, und aus dem größeren Verkehr in den Vorhallen des mächti⸗ gen Gebäudes, aus dem Hin⸗ und Herrennen der Stadt⸗ boten, aus dem ungewöhnlichen Erſcheinen mehrerer rit⸗ terlichen Herren an der FPfeilerpforte neue Beſorgniſſe ſchöpfte, und in marternder Ungewißheit durch ernſten Zwieſprach mit dem Nachbar für dieſe neuen Räthſel eine Löſung zu finden verſuchte. Frau Beatrix ſchaute verwundert auf, als ihr Eheherr Nachmittags im vollen Ornate, geſchmückt mit ſchwarz⸗ ſammetnem Feſtmantel, dem Federhute und der goldenen Halskette in ihr Gemach trat. Nochmals zum Stadthauſe? fragte ſie. Hat die Weisheit der erlauchten Herren am langen Morgen das Straußenei nicht auszubrüten vermocht? Oder ſeyd Ihr 175 wieder eifrig bemüht, uns eine ähnliche Nacht voll Angſt und Schrecken heraufzurufen gleich der vorigen? Nicht zum Rath, ich gehe zur Burg hinauf, ant⸗ wortete ernſt Herr Konrad. Endlich! rief Frau Beatrix freudig aus. Alſo hat auch Euch die Furcht endlich aus dem Schlafe geweckt und Ihr erkanntet, was für Euch das Beſſere iſt? O Dank Denen, die in letzter Nacht den lieben Schlaf verſcheuchten; wir müſſen jedes böſe Wort, jede bittere Klage, welche ihnen galt, reuig zurücknehmen. Furcht? Haſt Du ihre bleiche Farbe auf Deines Haus⸗ herrn Geſicht geſehen? fragte der Bürgermeiſter mit ver⸗ düſterter Stirne. Vorlaufs Gattin ſollte um ihrer eigenen Ehre willen nie ſolch ſchändend Wort mit dem Namen vermählen, den ſie theilt. Der Herzog hat uns beſchickt; er wünſcht ein Ende des Unfriedens, welcher Sohn und Vater, Bruder und Bruder auf einander hetzt; er will Abgeordnete hören und mit ihnen berathen. Der ſtolze Tiernſtain kam herab zum Stadthauſe, aber mit ihm der treuherzige Volkenſtorf und Hans von Rohrbach, der graue Kriegsmann. Dieſer bürgte für Leopolds guten Willen, und ſo gehen wir mit Gott, und der Richter der Fürſten und Völker entſcheide zwiſchen uns, und ſein Geiſt ſchwebe über unſerm Wort. Mann, ſagte Frau Beatrix mit Erhebung und leuch⸗ tenden Augen, Du gehſt den Weg zum Glücke. Laß fallen von Dir die elenden Meinungen, die Du in Dei⸗ ner täglichen Geſellſchaft eingeſogen, und ſteige wie ein Phönix aus der Aſche. Du haſt in dieſer Mitternacht erfahren, wie man Dir dankt für die Opfer, die Deine falſche Schwärmerei von Treue und Bürgerſinn gebracht. Strafe die Undankbaren nach Verdienſt, indem Du ſie 176 hinwirfſt. Nutze die Stunde, die ſich nur einmal bietet. Sey nachgiebig, demüthig ſelbſt denen gegenüber, wel⸗ chen der Himmel Gewalt gab. Die Neudeckerin hat auch ihre Freunde unter den Hofherren des Herzogs. Gäbſt Du dem Leopold das, was jetzt ihm der höchſte Lecker⸗ viſſen ſcheint, wird er auch nicht verſagen, was Du wünſchen magſt. O Du ſelbſt wirſt ein Anderer wer⸗ den, ſobald Deine Bruſt einmal wieder in der Nähe eines Fürſten die reine, göttliche Luft geathmet; Du wirſt nicht vergeſſen, was an dieſen Augenblicken hängt, die nicht kehren möchten. Mann, darum gedenke, das, was Du thuſt in dieſer Stunde, thuſt Du für Dein Weib und Deine Tochter. Der Bürgermeiſter hatte geduldig den langen Ser⸗ mon angehört. Ernſter noch war ſein Auge geworden; er faßte die Hand der Gattin und drückte ſie herzlicher wie gewöhnlich. Du haſt recht; gewichtig iſt die Stunde, und ich werde gedenken an Weib und Kind, an mich und Gott! ſprach er tief ergriffen. Aber warum iſt meine Veronika ſo ſtattlich herausgeputzt? ſetzte er leich⸗ tern Tones hinzu, die Jungfran, die ſich an ſeinen Arm gedrückt, unter das roſige Kinn faſſend⸗ und ihr Seiden⸗ haar mit der weichen Vaterhand ſtreichelnd. Sie geht hinaus zu dem Garten der Eckersauerin vor dem Fiſcherthore, antwortete Frau Beatrir; der kleinen Floringa Hochzeit iſt morgen, und ſie muß der Freundin den Kranz winden helfen, und kann vielleicht den zwei⸗ ten, den Kranz der nächſten Braut, gewinnen. Hochzeit und Todſchlag, Wiege und Sarg, Braut⸗ krone und Dornenkranz, was verknüpft der Gang des Menſchenlebens nicht Alles zuſammen, gerade ſo wie in einer bunten Narrenkrone Schaumgold und Schelle, —————— —— 177 Blume und Diſtelknopf ſich einen müſſen, ſagte Herr Konrad tiefſinnig. Schaueſt Du nicht gern, daß ich zum Feſte gehe, ſo bleibe ich daheim, mein Väterchen! erwiederte ſchmeichelnd Veronika.— Er küßte das ſchöne Kind inbrünſtig auf Stirne, Wange und Mund. Geh', mein Töchterchen, ſprach er liebevoll dazu, freue Dich der Jugend, die nur einmal blühet, tanze auf glattem, dornloſen Pfade: Deine Freude iſt ja des Vaters Luſt, für Dich ſeine Ar⸗ beit, all ſeine That für Dein Erbe. Ungerecht wären die Alten, möchten ſie der Jugend verbieten, was ſie ſelbſt genießen durften, verbieten, weil ihnen den Geſetzen der Natur gemäß der Becher leer geworden. Lache und tanze, mein liebes Kind, und gewinne Dir den prophe⸗ tiſchen Kranz zur Freude der Mutter; ich werde Deiner Freude gedenken im ernſten Geſchäft, und Dein Bild wird mich verſöhnter ſtimmen und mein Wort milder machen. Aber weile nicht tief in die Nacht hinein, der Weg iſt lang vom Fiſcherthor, und der Riclas und Paul ſollen Dich heimholen. Roch einmal preßte er das liebliche Mädchen an ſich, dann riß er ſich wie gewaltſam los und verließ das Gemach mit Eile, ſo daß ſelbſt die Hausfrau ihm verwundert nachſah, und erſt nach einer Weile der Toch⸗ ter, die des Vaters Güte pries und mit kindiſchem Stolz ihn den beſten Vater nannte, den beſten Vater im gan⸗ zen römiſchen Reich, indem ſie ihr den ſilberdurchwirkten Schleier feſtneſtelte, mit einer triumphirenden Miene zur Antwort gab: Der Vater geht bedächtiger als ſonſt, und ſchien den leichten Sinn abgeſchüttelt zu haben. Wohl ihm; der Ernſt deutet auf Reue und er wird be⸗ friedigt kehren, als Kanzler kehren; der edle Graf ver⸗ Blumenhagen Rv. 12 178 ſprach's ja in des Herzogs Namen, und mein langer Gram wandelt ſich dann zu ſtolzer Freude. Gewinne Dir den Zukunftkranz, Du mein Stolz, mein Abgott, und kehret das Weihnachtsfeſt, wird in Deiner Beſche⸗ rung der Ritter nicht fehlen, der Dich zu ſeinem Schloſſe führet mit dem Pomp einer Königin, Pagen voraus und lange Haiducken hinterdrein. Kann man denn aber nur in einem Schloſſe fröhlich ſeyn, mein Mütterchen? fragte das Mädchen mit kind⸗ licher Neugier. Und ſind nur die Ritter geſchaffen, eine Jungfrau glücklich zu machen? Mir fehlte bislang eben noch nicht viel zur Fröhlichkeit hier in der Herrengaſſe, und wenn Vater und Mutter mir bleibt, wüßte ich nicht, was ich hinter den alten Mauern und tiefen Grä⸗ ben ſuchen ſollte. Die Mutter klopfte das Kind auf die zarte Hand, an der ſie eben die breite Goldſpange befeſtigte. Hoffe und träume, mein Herzel! Die Kinder dürfen den Lich⸗ terbaum nicht ſehen, ehe nicht die Schelle des Weih⸗ nachtsmännleins zu dreien Malen geläutet. Sieben anſehnliche Männer in bürgerlicher, aber reicher Tracht und ernſter Haltung ſchritten über die Zugbrücke und durch das Thor der Hofburg zu Wien, und man ſah es ihren Mienen an, daß ſie ſich wohl bewußt, welch einen Gang ſie gewagt, daß ſie ihn jedoch thaten mit feſtem Willen und unerſchütterlicher Ueber⸗ zeugung, daß er gethan werden mußte. Wie ſie Paarweiſe, der Vornehmſte voran, über den Schweizerhof gingen, begegnete ihnen am großen Brun⸗ nen der junge Bogner Stephan Tirna, dem ein Knabe ———— 6e Werkmeiſter ward bleich wie ein die Männer traf. Wo wollt Ihr hin, Herr Konrad? rief er, und man [5 1 Hor 7 ſchleppte. Der ju 3 Sterbender, als er „ hörte der bebenden Stimme an, wie ihn die Begegnun 8 2 — affſt Du hier? ant⸗ Lieb iſt mir's, daß ch das Tagesgeſchäft ſo ſchwer auf Deinem Schuldner, daß ihm nicht Zeit blieb, Dir einen Gruß des Dankes zu ſenden. Laßt das, geſtrenger Herr! erwiederte der Bogner mit fieberhafter Haſt. Ich ward befehligt, alte Waffen auszubeſſern, denn der Fürſt will Ringelrennen und Vogelſchießen geben. Aber Ihr, Herr Vorlauf, müßt umkehren mit mir, Ihr dürft nicht hinein. Bei allen Heiligen beſchwör' ich Euch. Wenn Euch das Wort ei⸗ tes ehrlichen Mannes gilt, der Euch mehr zugethan iſt als das ganze Wien, ſo gehet eiligen Schritts mit mir zurück, denn noch ſind jene Thorflügel nicht hinter Euch verriegelt worden. Was kommt Dir an, mein Jung'! ſprach mit Würde der Bürgermeiſter, indem er die Hand des Bogners, die ihn am Arm ergriffen, leicht von ſich löste. Darfſt Du meiſtern, was Deine Obrigkeit thut zum Beſten Dei⸗ ner Mitbürger? Der Bogner ließ demüthig die Arme ſinken und neigte das Haupt, aber bleicher noch wurden ſeine Wangen. Verzeihet, Herr; war die Meinung vorlaut, ſo war ſie doch gut und kam aus getreuem Herzen. Schauet Euch um, Herr. Schauet die fünf Thürme an, die wie die Unbarmherzigkeit ihre Spitzen kalt und ſtarr in die Wol⸗ Laß mich zurückfragen, was ſe wortete lächelnd der Bürgermeiſter. Dich meine Augen finden; lag dr — „ D — 180 ken ſtrecken! Schauet dort in dem Mußhauſe die ver⸗ gilbten, ziegenbärtigen Kriegsknechte, deren blinzende Katzenaugen ſchon jetzt zu Euch herſtarren, als witterten ſie einen friſchen Fraß. O lieber Herr, horcht auf das Wort der Einfalt. Laſſet die Herren, die mit Euch find, allein hinaufgehen; ohne Euch wird man ſie nicht be⸗ fährden, denn der Schlag wäre alsdann nutzlos und gefährlich. Ihr ſeyd die letzte Hoffnung aller Gutgeſinn⸗ ten in der Stadt. Ihr ſeyd das Haupt, die Seele von uns. Werden ſie droben der Verſuchung widerſtehen, die Eure Hingebung ihnen bereitet? Vorlaufs Antlitz verdüſterte ſich. Du beleidigſt meine Begleiter, indem Du mich überſchätzeſt, ſagte er vor⸗ wurfsvoll; Deiner Treuherzigkeit mögen ſie's verzeihen. Wir ſind Abgeſandte der Stadt, durch das Loos erwählt, und ſelbſt bei den Heiden ſchützt den Botſchafter ſein heiliges Amt! Miſche Dich darum nicht in Dinge, die Dir fremd ſind. Milder und wie gutmachend ſetzte er im Fortgehen hinzu: Morgen komm' in mein Haus, morgen, mein Sohn. Auch Du ſollſt Deinen Theil ha⸗ ben am guten Werk, und ich will Dir einen Platz unter Deinen Nachbarn geben, der Deiner Kraft und Fähig⸗ keit angemeſſen iſt, und worin Du wirken kannſt Dir zur Ehre und Deiner Vaterſtadt zum Ruhme. Morgen! lallte der Bogner nach und ſtützte ſich mit der Hand auf den Rand des Brunnens. Als er jetzt den Bürgermeiſter eintreten ſah in die offene Pforte des Tanz⸗ hauſes, bedeckte er die Augen mit der freien Hand und ein innerer Schauder ſchien ſeine Glieder brechen zu wollen. Im hochgewölbten Prunkzimmer über dem Ballhauſe ſaß Herzog Leopold, ſchon längſt umgeben von den mäch⸗ tigſten und reichſten der Ritter des Landes, die theils ſeiner Sache zugethan waren, theils ſich noch zu ihm gehalten, um durch ihre Gegenwart ein Gleichgewicht gegen ſeine böſen Rathgeber zu ſchaffen und verſöhnende, friedliche Ausgleichung zu bewirken. L opold war von Natur ein Herrſcher. Seine herviſche Geſtalt, durch welche jedoch die ebenmäßigen Formen männlicher Schönheit nicht beeinträchtigt wurden, machte ihm die ſchwächeren Gemüther auf den erſten Anblick unterthan; kräftigere und höhere Seelen unterwarf er ſich bald durch den le⸗ bendigen Geiſt, der aus den edlen, regelmäßigen Zügen ſeines Angeſichts leuchtete und durch die freundliche Her⸗ ablaſſung, mit der er ſeine gewandte Redeweiſe zu wür⸗ zen verſtand. Leider war aber beides nur eine trügliche Maske, hinter welcher ſich ein rauher Stolz, ein lodern⸗ der Eigenſinn und ein unwiderſtehlicher Trieb zur Ge⸗ waltthat, wenn jenen durch harten Widerſtand Zwang angethan ward, zu verhüllen ſuchten. Am Hofe des unerſchrockenen Johanns von Burgund, deſſelben, der auf der Brücke von Monterau durch den Franzoſen du Chatel erſtochen wurde, hatte er ſich zu einem Meiſter und Muſter in allen ritterlichen Uebungen ausgebildet, doch eben da auch allen Künſten der Schmeichelei und Verſtellung in ſeinem deutſchen Herzen eine Heimath gegeben. Seine Hofherren bemerkten, daß der Herzog ſeit lange keinen ſo guten Tag gehabt: durch eine gnä⸗ dige, ſogar ſcherzende Laune ſtrahlte die Hoheit, welche ſein Weſen umgab, nur noch glänzender; nur ward in ſeinem Thun und Reden eine Spannung und Ungeduld unverkennbar, und als der Biſchof von Freiſingen jetzt vom Fenſter mit Eile herzutrat und ihm die Ankunft der Rathsherren zuflüſterte, blitzte durch ſeine edlen Ge⸗ —— — — 3 — 182 ſichtszüge ein Zug von höhnender Schadenfreude, der ſie bis zum Widerwärtigen entſtellte, und obgleich ihre Spur augenblicks wieder erloſch, doch dem Landrichter Hans von Rohrbach, dem alten Kriegshelden, und gleichfalls dem jungen, lebhaften Ritter Roſenberg nicht entging, welche Beide darüber betroffen verſtändlich redende Blicke wechſelten. Auch die wackern Wiener Bürger, die von einem Kämmerling empfangen und durch eine Doppel⸗ reihe bärtiger, reich in Tracht und Waffen prunkender Trabanten die Steige heraufgeführt worden, den, als ſie eintraten, die Macht der Perſönlichkeit des a e 5 1 Herzogs, über deſſen Seſſel die F nen Baldachin bildeten, von deſſen lin umſäum⸗ tten reich beladen, ein wahrhaft fürſtlicher Glanz ihre Augen traf, deſſen breite Bruſt ſich ſo ehern wölbte unter der weißen, hochgeehr⸗ ten Binde, und deſſen Augen, mild beſchattet von den ſchwanenweißen Federn des rothen Barretis, ihnen ſo huldreich entgegen zu blicken ſchienen. Stutzend weilten ſie einen Augenblick an der Thüre, bis der gnädige Wink des Herzogs ſie zu ſeinem Seſſel rief, und ſie während des gebührenden Grußes Beſonnenheit und Ermuthigung zurück zu gewinnen vermochten. Willkommen bei uns, Ihr ehrlichen und weiſen Vä⸗ ter unſerer Stadt! ſprach der Herzog mit ſanfter, wohl⸗ klingender Stimme. Als ein gutes Zeichen dieſes Tages betrachten wir, daß ihr ohne Aufſchub unſerm Befehle gehorſamtet, und ſo glauben wir gewiß, daß dieſe Be⸗ gegnung uns und euch eine ſegensreiche werde. Amen! es möge ſo ſeyn, antwortete des Bürger⸗ meiſters tiefe Stimme mit Feierlichkeit. Ihr habet, Gna⸗ den, Botſchafter an den hohen Rath der Stadt Wien — geſendet, ſetzte er dann freier in Sprache und Geberde hinzu; Ihr habet, Gnaden, den Wunſch laut werden laſſen, Euch zu beſprechen mit Abgeordneten des hohen Rathes, und da die Männer, welche die Bürger der Stadt als ihre höchſte Obrigkeit anerkennen, in der Er⸗ füllung Eures Wunſches nichts gefunden, was ihren Pflichten, dem Recht und der bürgerlichen Freiheit ent⸗ gegen träte, ſo ſind wir geſendet worden, um zu hören, was der Himmel hat erwachen laſſen in Eurem Herzen, damit dieſe frevelhafte Entzweiung, dieſe heilloſe Ver⸗ wirrung und Zwietracht, die Ausſaat der Hölle, das Landes, wel⸗ ches einſt der Fremde Albrechts Roſengarten genannt, endlich ein Ende nehmen. Sprechet, Gnaden, und der Herr erleuchte Euch! Die ſtarke und gute Bürgerſchaft der Stadt, unerſchrocken in Gefahr, Blut und Gut ſetzend an ihr Recht und das Heil ihres rechtmäßigen Herrn, aber für Frieden und Sicherheit des Landes gern die größten Opfer bringend, wird eine Ehre darin finden, mit Gnaden Hand in Hand das Werk der Verſöhnung und Gutmachung, das Noth thut für Euch und uns erbauen zu helfen. Hört Ihr ſie ziſchen die Schlange Bürgerſtolz? flü⸗ ſterte Berthold von Wähing in des Herzogs Ohr. Wir vermeinen, auch ohne euch würde von uns dieſes Werk zur Vollendung kommen können, wollten wir all die Gewalt nutzen, die unſerm Willen zu Dienſte ſteht, mein Herr Rathsmann, ſagte der Herzog, und das unwillkürliche Lächeln auf Vorlaufs Munde bemer⸗ kend, fuhr er lebhafter fort: Wir fochten nur mit der linken Hand in dieſem Kampfe, unſere Rechte würde alle Gegner unſeres guten Rechtes zerſchmettert haben. Laſſet — ———— —— 184 uns ausreden, Herr Bürgermeiſter! Wir ſprachen von unſerm guten Rechte, und wollen uns herablaſſen, Euren Unverſtand darüber zu erleuchten. Der große Habs⸗ burger iſt unſer Ahn, und wir ſind der älteſte ſeines Stammes zur Zeit. Uns gebührt daher nach dem Geſetz der Natur das Recht, die Waiſen dieſes Stammes zu bevormunden pflichtig und getreu, wie es unſer Gewiſſen befiehlt. Alle, die uns daran hinderten, ſind allein Schuld an dem Unglück, das über das Land ge⸗ kommen, und auf ſie falle allein der Fluch und die Strafe ihrer ſinnloſen Frevel. Moͤge zwiſchen euch⸗ ihr Bürger Wiens, Niemand ſeyn, den bei dieſem Worte ſein Gewiſſen beängſtigt. Doch der Irrthum be⸗ herrſcht oft ſelbſt die höheren Geiſter. Unſere erlauchten Brüder meinen ein Anrecht zu haben, dieſe ſchwere Vormundſchaft, dieſe heilige, jedoch drückende Pflicht mit uns zu theilen. Vergebens haben wir ſie zu belehren verſucht, und des Haders müde ſind wir gewillet, nach⸗ giebig ihren Wünſchen zu entſprechen und wechſelnd das heilige Amt mit ihnen zu verwalten. So hoffen wir dem Lande, den Ständen, der widerſpänſtigen Ritterſchaft und auch euch Genüge zu thun, und fordern jetzt auch von euch die nöthigen Opfer, die Bürgſchaften der Sicherheit, damit nicht, wie noch in letzter Nacht, die raſenden Stimmen der Zwietracht und der Bürgerfehde zu unſerer Burg heraufſchallen, damit nicht zuletzt der Wordbrand die ſchönſte Perle im Erbe unſers Mündels vernichte, damit wir nicht gezwungen werden, unſere Kriegsleute auf das thöricht geleitete Volk dieſer Stadt zu hetzen, damit Ordnung und Gehorſam nicht mehr verſpottet bleibe in der Reſidenz und dicht unter dem Auge der Habsburger. Ihr habt ein gewichtig Wort geſprochen, Gnaden, begann da Herr Konrad; wohl uns, kam es aus Eurem Herzen, in welchem auch das Blut des großen Rudolphs klopft. Ein heiliges Amt habt Ihr den Platz des Vor⸗ mundes genannt, und bei dem heiligen Throne Gottes! es gibt kein heiligeres auf Erden. Wo iſt ein Chriſt im Reiche, der nicht den vor ſeiner Thüre von entmenſchter Mutterhand ausgeſetzten Säugling aufnähme und ihn thäte zu ſeinen Kindern? Die elternloſe Waiſe hat ein heiliges Anrecht an jedes Herz, in welchem der Glaube an eine ewige Vergeltung wohnt; ſie geht unantaſtbar durch die Welt. Wäre ſie eines Bettlers Kind, wer möchte ihr das Lumpenkleid nehmen, das ſie vom Vater erbte; wer möchte ihr Trank und Brod verſagen, klopfte ſie an ſein Haus? Wie möchte denn der, den Gott zum Vormund einer ſolchen Waiſe geſetzt, jemals ſeines hei⸗ ligen Amtes vergeſſen können, und ſich ſelbſt brandmar⸗ ken als einen Schänder des Göttlichſten? Der Vormund ſoll ſeyn mehr als Vater und Mutter, denn Beide ſind Eines in ihm geworden. Des Vormundes Mund, ſein Herz⸗ ſeine Hand ſoll ſprechen, ſchaffen, fechten für das elternloſe Weſen, dem der Rede Zauber, die Kraft der Fauſt, die Waffe mangelt. Nicht vor dem Munde weg⸗ nehmen ſoll er ihm das Erbtheil, wie ein altes Wiener Sprüchel witzelt. Ihr ſeyd der älteſte, der mächtigſte Blutsfreund unſeres jungen Herzogs, des Sohnes un⸗ ſers noch im Grabe allgeliebten Herrn Albrechts. Gna⸗ den, leget Eure mannliche, tapfere Rechte auf's Herz, und ſprecht, ob Ihr unſeres jungen Herrleins Vormund geweſen, wie es Gott gebeut. Verzeiht dem armſeligen Bürgersmanne das kühne Wort, welches der Augen⸗ blick heraufgefordert und horet mich gnädiglich bis zu ———————— 2—= 186 Ende. Gott gab Euch Alles, Gnaden, was den Fürſten zieret: Einſicht und Macht, Reichthum, Geſundheit und Leibeszier, Ihr ſeyd Gatte und Vater. Bedenkt, wenn Euch das Schickſal früh dahin raffte und ein anderer Blutsfreund würfe ſich auf zum Vormunde der Eurigen, und ſchleuderte den Brand in Euer Haus und hetzte Räuber und Straßendiebe in Euer Eigenthum, und ließe ſeine Genoſſen in unerſättlicher Schwelgerei vergeuden den Schatz, den Ihr ſparſam geſammelt, und ſchleppte Eure Kinder als Gefangene mit ſich herum, und ver⸗ ſagte ihnen Alles an äußerer Pracht, an Lebensfreude, was ihr Stand und ihr Erbrecht ihnen zuſagte? Würde Euer todter Leib ſich nicht wenden im Sarge; würde Euer zürnender Geiſt Ruhe haben an den Pforten der Ewigkeit? Verzeihet, Gnaden, das grelle Schauerbild! Nicht auf Euch ſoll ſein Inhalt fallen; aber Eure Nach⸗ ſicht und Langmuth hat an Freunden geduldet, was Ihr nimmer ungeſtraft gelaſſen, hättet Ihr's erkannt in ſei⸗ ner vollen Schuld, und Vieles von dem Geſagten trat in die Wirklichkeit und empörte die Herzen aller Guten im Lande, und warb Euch Feinde überall, geſchah das Böſe auch ohne Euer Wiſſen. Der Blitz der Hölle lähme Deine Zunge, Elender! rief des Biſchofs wilde Stimme, der bis da mühſam ſeinen Grimm gezähmt. Leopold, läßt Du ungeſtraft Deine Freunde von dieſem armſeligen Pöbelkönig ſchän⸗ den vor hundert offenen Ohren?— Ein zürnendes Ge⸗ murmel der Hofherren wurde zum Echo dieſer Frage. Vorlauf fuhr fort, unerſchrocken ob dem feindſeligen Gemurr, denn er bemerkte die Erſchütterung des Her⸗ zogs: Ihr wollet ein Ziel ſtecken dem Unfug. Iſt es auch ſpät, dennoch Heil und Dank Euch dafür von uns 187 und Kind und Kindeskind! Zeit die Krone lauchten Brüd Wohlthat findet des Dankes. dern die Vormundſchaft theilen? Gut das, ſo werden dreier edler Herren Augen wachen, daß fer⸗ ner kein Frevler Diſteln ſäe zwiſchen den Waizen. Aber warum yalb thun, was Euer edler, bislang verblende⸗ ter Sinn zum Vorſatz gewählt? Herzog Albrechts Groß⸗ jährigkeit iſt nahe; gebt ihm ſein volles Recht, gebt ihm ſein Erbe, ſetzet den Fürſtenhut auf ſein blühend Haupt, laßt ihn wohnen in dieſer Burg ſeiner V den Bürgern Wiens, laßt ihn wandeln unter ihnen, und verſöhnt wird ſeyn jede Zwietracht, jedes Gemüth wird beruhigt werden durch die Lieblichkeit ſeines Antlitzes; mein Haupt dann für jeden Unfrieden, und Ihr, Gng⸗ den, und Eure erlau*mögen dann wechſelnd als ächte Blutsfreunde mit ihm hauſen unter uns, und dem jungen Herrn väterlich rathen, wie er ein Vater ſeines Volkes zu werden vermöchte gleich ſeinem Vater, und unſer brünſtiges Dankgebet wird auch auf Eure hohen Häupter alle Segnungen herabrufen, die ein ge⸗ rechter Gott für die Gerechten hegt hier unten und dr ben, wo auf uns Alle eine ewige V Sergeltung wartet. Erſchöpft von dem ſchweren äter, zeigt ihn chten Brüde 0= Inhalt ſeiner Worte hielt der kühne Sprecher ein, doch der Herzog erhob ſich jetzt raſch in der ganzen Gen valt ſeiner angeregten Körper⸗ und warf den Hermelin von der Bruſt auf ſeine Schultern zurück. Wer hat Euch berufen zu unſerm Rathsherrn, Herr Vorlauf? ſprach er lauthallend mit dem Tone des verbiſſenen Grimmes. Wir ſind nicht un⸗ berathen, und werden Sühne fordern für die Schmä⸗ hung, die Eure vorlaute Zunge auf Männer ausgoß, die ihre Weisheit anderswo geſchöpft als in dem Moder zu jeder Ihr wollet mit den er⸗ —— eurer ſtädtiſchen Archive und aus dem Geſchnatter eurer Zunftconventikel. Warum habt Ihr Euch nicht einkleiden laſſen bei den Dominikanern oder bei den ſtolzen Schot⸗ ten, deren Nachbarſchaft trefflich auf Eure Beredtſamkeit gewirkt hat? Ihr wäret ein unwiderſtehlicher Bußpre⸗ diger geworden, Herr Vorlauf. Aber unſere fürftliche Geduld hat ein Ende, und da Ihr in Eurem Sermon die Hauptſache nicht berührtet, nur fordertet, wo Ihr gewähren ſolltet, ſo erinnern wir Euch daran, daß Ihr berufen wurdet, zu hören, was wir von Euch ver⸗ langen als gehorſame Mitwirkung zu den Vorſätzen, die wir in Gemeinſchaft mit unſern fürſtlichen Brüdern zu beſchließen geruheten. Wir hören! antwortete der Bürgermeiſter erſchüttert, indem er ſich neigte. Unſere Stadt iſt ſchlecht berathen, ſchlecht geleitet, ſprach der Herzog weiter mit einer leichten Verächtlich⸗ keit; die Erfahrung eines jeden Tages zeugt dafür. Wir müſſen Bürgſchaft haben für ein geſunderes Stadtregi⸗ ment. Und welche? fragte Herr Konrad aufhorchend. Zuerſt zahlet der Rath an uns die Summe von fünf⸗ zigtauſend Gulden. Wir bedürfen das Geld zu einer neuen Einrichtung der Hofburg, zum Solde für die Tapfern, die unſer Land reinigen ſollen von allen Uebel⸗ geſinnten. Binnen drei Tagen muß das Geld bei un⸗ ſerm Schatzmeiſter vorhanden ſeyn. Der Schatz der Stadt iſt geleert durch Eure Forde⸗ rungen, Gnaden, antwortete der Bürgermeiſter mit Ruhe. Wir werden thun, was möglich, und eine Steuer ausſchreiben auf Wein, Fäſſer und Hausgeräth. Keine neue Steuer! rief Leopold heftig. Wollet ihr die Armen noch ferner preſſen, indeß ihr ſelber ſchwel⸗ get von eurem rechtlos erworbenen Gute? Die Reichen ſollen zahlen, die Reichen, welche ſtolziren in Sammet und Goldketten und ſich Fürſten dünken. Schließet eure eigenen Eiſentruhen auf, reißet die Goldſpangen und Silbertroddeln von den Brüſten eurer eiteln Weiber, und die Summe wird da ſeyn ohne Beſchwerde. Thut es, oder ich ſende euch Leute, für deren Hauptſchlüſſel kein Schloß zu kunſtgerecht gearbeitet wurde. Sind wir denn herauf gekommen, um uns ſchänden zu laſſen gleich wehrloſen Schulbuben, und dazu von einem Herrn, der nicht der unſere iſt? fuhr Hans Rock, den die Wiener den Reichen nannten, erbittert auf. Recht⸗ los Gut? Bei allen Teufeln, wer das Erbe, das mein Vater mir nachließ, rechtlos nennt, ſchimpft Vater und Großväter in ihren Gräbern Schurken und Betrüger. Bürgergut gewinnt ſich nicht als Kriegsbeute, nicht im Sattel und hinter dem Zaun der Heerſtraße. Am Bür⸗ gergute hängt der Schweißtropfen des Fleißes und die bange Sorge der Sparſamkeit. Narren wir, die wir uns herſtreicheln ließen durch glattes Wort, damit der Hochmuth Bolzen ſchöße nach unſerer Eyrlichkeit. Herr Konrad, nehmt Euren Abſchied, denn ich meine, wir könnten nicht länger mit Ehre weilen in dieſer Luft. Der Bürgermeiſter unterbrach den veleid igten Hitz⸗ kopf mit geflügeltem Wort. Dräuet nicht, Gnaden, ſagte er feſt und kalt; Ihr wißt, Eure Drohungen waren bis⸗ lang wie Oel in der Flamme. Denket, daß Ihr zum Friedenswerk uns berufen. Die Reichen der Stadt ha⸗ ben der Opfer genug gebracht, haben ſie gern gebracht, ſo lange das Volk der Opfer ſich würdig zeigte. Plün⸗ dert Ihr die Begüterten, macht Ihr ſie arm, wer wird 190 alsdann dem tollen, neidiſchen Haufen Brod und Arbeit geben, deren Mangel er ſchon ſtürmiſch beklagt? Un⸗ tergrabet nicht die letzten Stützen der Stadt, die Euren Ahnherren vor allen lieb geweſen, die die glänzendſte Zierde ſeines Thrones war. Nehmet Eure Forderung zurück, ich beſchwöre Euch. Wie ſich die Geizigen wehren um ihre Geldkiſten! fiel Leopold höhnend ein. Unſer Aderlaß ſoll Euch nicht tödten, wir wollen als ein guter Medicus Euch nur von Dem befreien, was als Giftſtoff Euer Hochmuthsſieber verlängert. Darum das letzte Wort, Herr Bürgermeiſter: in dreien Tagen die Summe, und damit kein Tumult wie der geſtrige unſern Schlaf ſtöre, damit wir ſicher ſind vor Bürgertücke, ſo ſollet Ihr entlaſſen die Hälfte Eurer Miliz, ſollet die Straßenketten fortſchaffen, mit denen Ihr Eure Wolfshöblen zu ſperren pflegt, ſollet Eure Stadtmauer brechen vom rothen Thurm bis zum Stubenthor, und die Hälfte Eurer Wachthäuſer müſſen von morgen an durch meine Wappner beſetzt werden. Thut Ihr nach unſerm Willen, möget Ihr unter unſerm Schirm genießen Eures Reichthums, und unſere Gnade ſoll Euch größers machen, als Ihr träumtet. Bedenkt mein Wort, Herr Bürgermeiſter! Thut Ihr's nicht, ſo falle auf Euch jede Folge, welche die dauernde Zwietracht gebietet. Eine allgemeine Bewegung des Unwillens erſchütterte den Haufen der Stadtherren. Widerruft die Beſchimpfung, Herzog, die auf Euch ſelbſt zurückfällt! rief der Bürger⸗ meiſter in höchſter Entrüſtung. Ein Habsburger will uns zu Treubruch verführen, und Kinder der Stadt ſollen die Mutter würgen und die Moſestafel ihrer Grundge⸗ ſetze zertrümmern? Unerhört! Wir ſcheiden, Herr, denn jede fernere Antwort wäre Hochverrath. Und ihr Andern? fragte wild der Herzog. Wir ſcheiden, und Gott beſſere Euren Sinn! der weißlockige Rampersdorfer. Vorlauf guten Wiener meinen.— Wir ſcheiden ſtimmig und wandten ſich zur Thüre. Halt! rief da des Herzogs Donnerſtimme den Er⸗ taunenden nach. Ihr kamet als Abgeordnete, ihr blei⸗ bet als Angeklagte. Wir ſelbſt wollten uns überzeugen von eurem Trotz, überzeugen von der Tiefe eurer Falſch⸗ heit, überzeugen von eurer Schuld, und ließen uns darum herab zu dem läſtigen Zwieſprach. Ihr thut groß damit, daß ihr fochtet für das Heil der Stadt; eure Stadt ſelbſt ruft Fluch über euch. Schauet dort eure Anklä⸗ ger. Er winkte, eine Seitenthüre fog auf, und ein wüſter Knäuel von Bürgern und Handwerkern drängte ſich ſtür⸗ miſch herein. Laßt ſie nicht fort! rief der Vorderſte, ein Färber mit ſtruppicht hängendem Kopfhaar, und ſtreckte die gierig gekrümmten, himmelblauen Hände aus nach den Raths⸗ männern. Laßt ſie nicht aus der Fuchsfalle; ihr habt ſie nicht zum zweiten Male. B Sie haben uns beraubt, geſchunden gleich heidniſchen Türken, ſtimmte ein derber Lederer ein. Sie dürfen ihr glattes Fell nicht ungegerbt heimtragen. Reinigt den Rath, Hoheit, es iſt ihm eine ſcharfe tönte die ſubtile Bittſtimme eines ſprach ſprach, wie alle riefen Alle ein⸗ Wäſche vonnöthen! ſchmächtigen Pergamentmachers. Mit Blut! mit Blut! brüllte der Krämer Wolfgang darein. Haben ſie doch unſere Väter geſchlachtet in fre⸗ cher Willkür. Word klebt an ihren verfluchten Fingern. Blut um Blut! Wir fordern Gerechtigkeit, fordern ihr Blut für das unſrige. —— 192 Still! herrſchte der Herzog, und alle die Tobenden veugten erſchrocken und verſtummend ihre rauhen, ſchmu⸗ zigen Häupter. Was antwortet ihr dieſen Klägern? wandte er ſich dann zu den Männern des Raths. Mit feſtem Fuße trat Konrad Vorlauf einige Schritte gegen den Thron zurück; ſein Geſicht war bleich, doch ſein dunkles Auge faßte feſt den Herzog, und er hob die Rechte bedeutungsvoll. Herzog Leopold, ſagte er mit ſtarker Stimme und beſchwörendem Tone, denke an den Himmel und die freſſende Reue, welche früh oder ſpät das Kind ſolcher Thaten iſt. Klar wurde, warum Du uns zwiſchen dieſe Thüme lockteſt; ſo mißbrauche denn die Gewalt, die Dein iſt. Wirf uns in Ketten; ſtürze Land und Stadt in's Elend nach dem Wunſche jener Verblendeten; nimm Deinem edeln Mündel ſein Erbe und verpraſſe es mit Deinen gewiſſenloſen Geſel⸗ len; theile den Schatz des fleckenloſen Albrechts mit Dei⸗ nen verführten Brüdern. O heftet nur im eiteln Thun die drei Edelſteine Albrechts an Eure Stirne; der vierte wird der verlaſſenen Waiſe bleiben: es iſt die Treue der Wackern und Gerechten im Lande, die werden Deine Söldner ihm nimmer entreißen, und an ihr wird Deine ſtolze Herrſchſucht brechen, wenn auch wir an dem Tage des Triumphs nicht mehr dabei ſind. Mach' ein Ende, Herzog: rufe Deine Trabanten; hier iſt meine Bruſt für die Partiſan, hier mein Haupt für ihre Kolbe! Aber rühme Dich nicht, Bürgertreue erſchüttert zu haben, wenn Deine Hand auch Harniſche brach, Mauern ſtürzte und ſtolze Burgen gewann. Du biſt ein ſchwacher Menſch in all Deiner Größe; möge Gott Dich das erkennen laſſen vor Deiner Sterbeſtunde. Woyhin ſollen die Hochverräther? fragte der Biſchof mit freudiger Gier.— Der Herzog ſah ihn verdüſtert an, dann befahl er gedehnt und mit unſicherer Stimmet Bringet ſic in die Rudolfskapelle im Widmerthurme. Dort ſey ihnen Zeit vergönnt, in ſich zu gehen und das Beſſere zu erwählen, indeß wir uns über ihr Schickſal berathen. Kodioe Der folgende Tag ſenkte eine trockene Hitze auf die Stadt. Der ſcharfe Wind aus Oſt peitſchte den Staub durch die Gaſſen und verzerrte den Dunſtkreis, der die volkreiche Stadt überſchleierte zu ſeltſamen Nebelgeſtal⸗ ten. In der Stadt ſelbſt ließ ſich ein fremdartiges, un⸗ heimliches Leben nicht verkennen; Lärmen genug tönte hie und da, aber es war nicht die Stimme des froh⸗ ſinnigen, gemüthlichen, zufriedenen Treibens, welches ſonſt das tägliche Geſchäftsleben der Wiener charakteriſirt. Zu einem Tuchhändler, welcher früh in ſeine Thüre auf den Tuchlauben trat und nach der Witterung ausſah, ſchlich ſich ſein Nachbar, der Seidenhändler, heran. Laßt Euren Laden zu, flüſterte der Letztere; es iſt nicht rein am Himmel. Erſchreckt ſah ſich Jener rund um und fragte: Sind das nicht herzogliche Söldner, die dort am Keller die Geigen der Muſikanten zerſchlagen? Wie kommen die Raubvögel herein. Sind ſchon geſtern Abend in dichten ſchwarzen Hau⸗ fen heruntergeflogen von der Burg, antwortete der Nach⸗ bar ſchüchtern; haben die ganze Nacht getobt in der Stadt, und Mancher, der reich zu Bett ging, iſt als ein Armer aufgeſtanden. Wohl Jedem, für den Sanct Peter gewacht. ind wo bleiben die Rumorknechte? Und wie litt der Blumenhagen KV. 194 hohe Rath und der unerſchrockene Bürgermeiſter ſolch einen Eingriff in unſer Stadtrecht? Der gute Herr Vorlauf fitzet auf der Burg, liſpelte haſtig der Seidenhändler; er und noch drei Andere; vier find entlaſſen; doch weiß man noch nicht, wer die ſchwarzen, wer die weißen Looſe gezogen. Warum wa⸗ ren ſie ſo närriſch, ſich in die Mausfalle pfeifen zu laſſen. Die heilige Mutter ſey uns gnädig! ſtöhnte der rund⸗ bauchige Kaufherr. Was ſoll werden aus der Stadt und uns? Der blutdürſtige Wolfgang und ſeine Bande dominirt, erzählte der Seidenhändler weiter; ſie haben Nachts das Stadthaus eingenommen; die Stadtmilizen liefen aus⸗ einander wie eine Heerde ohne Hirten und Hund; darauf haben ſie den ſchmächtigen Pergamenter, den blöden Her⸗ mann, zum Bürgermeiſter gemacht, und ſpäter in den Bierhäuſern getollet, bis die liebe Sonne die verbrann⸗* ten Köpfe beſchienen. Gott erbarme ſich! Da iſt der jüngſte Tag vor der Thüre! Mir iſt, als hörte ich von Sanct Stephan her ſchon die Poſaunen, zitterte der Kaufherr. Jeder ſchließe ſein Hauptbuch ab, denn wer weiß, wie's um Mittag um uns ſteht. Beide drückten ſich ſcheu die Hände und flüchteten dann, da die Soldateska ſich näherte, hinter die verſchloſſenen Hauspforten. Nachdem wir dieſes kurze Frühgeſpräch belauſchten, eilen wir zu einem FPlatze, der die Hauptperſonen dieſer Erzählung, für welche wir die Theilnahme unſerer Leſer zu erwecken geſucht, näher angeht. Wer das Haus Kon⸗ rad Vorlaufs, des anſehnlichen Bürgermeiſters, geſtern beſucht, erkannte es heute nicht wieder. Eine Kroaten⸗ ſchaar hätte nicht ſchneller den Sitz bürgerlicher Wohl⸗ —„— habenheit und häuslichen Friedens in die Behauſung des Mitleids und der Zerſtörung zu wandeln vermocht, als es hier die entfeſſelte, losgelaſſene Meute der Landsleute getban. Durch heimiſche Beile zerſpalten lag das große, mit ſchönem Schnitzwerk verſehene Hausthor, kein Fenſter war heil, kein Gemach unzerſtört. Das koſtbare Haus⸗ geräth deckte in Trümmern Vorplätze und Hallen; die Scherben des zierlichen Geſchirrs machten die Gänge un⸗ gangbar; zerriſſene Teppiche flatterten überall, und ihre zerfetzten buntfarbigen Bilder ſchienen als Spottfähnlein ausgeſtreckt über der zernichteten Herrlichkeit. Menſchenleer ſtand das Haus, denn alles Geſinde war während des grimmen Tumults in die benachbarte Frei⸗ ung der Schotten geflüchtet. Nur in dem Einen Zimmer, dem Familiengemach, fanden ſich zwei Perſonen, deren Anblick mit ihrer Umgebung im ſchauerlichen Einklange war. In einem großen Lehnſeſſel, deſſen Arme und Backen zerſchlagen hingen, ſaß eine hochgewachſene Frau, und zu ihren Füßen kniete eine alte Dienerin. Der ganze Körper der Frau ſchien erſtarrt, ihr Geſicht war mit Todesbleiche bedeckt, welche durch die unordentlich her⸗ abfallenden dunkeln Haarſchweife noch greller gehoben wurde; ihre Arme hingen aus dem zerriſſenen Nachtge⸗ wande ſchlaff hervor, und man würde ſie als eine Leiche angeſehen haben, hätte der Mund nicht dann und wann krampfhaft gezuckt, hätten die großen Augen nicht zu⸗ weilen ſich geöffnet, mit dem furchtbarſten Ausdruck der Verzweiflung gerollt, und ſich dann wiederum, wie von Entſetzen geblendet, unter die langen Wimpern verborgen. Um der heiligen Schmerzensmutter willen, jammerte die alte Zofe, gebet einen Laut von Euch, Frau Beatrir! Sprecht, jammert, heulet, betet, ſchreiet Zeter; nur 109g laſſet mich hören, daß Ihr lebt, oder mich tödtet die Angſt an Eurem Knie. Die Frau ſchlug die Augen auf und ſtarrte zu der Jammernden hinunter. Du biſt noch da, Diemuth? fragte ſie mit tiefer, eintöniger Stimme. Warum biſt Du icht fort wie die Andern? O wie möchte ich Gnade hoffen im Himmel, weinte die Dienerin, könnte ich von Euch weichen in ſolcher Noth? Noth? fragte Frau Beatrix, und ſchauete langſam um ſich, als wenn ſie ſich ſchwer beſänne. Ja ſo! geſtern! Geſtern war ich die erſte Frau in der Stadt, geſtern hatte ich einen Mann, geſtern ein liebes, liebes Kind. Aber zwiſchen geſtern und heute liegen lange Jahre. Warum kann der Menſch in ſeiner Gebrechlichkeit nur ſo lange leben und dauern? Vir ſind alt und arm gewor⸗ den, Diemuth, Du und ich in unſerer Einſamkeit. Sage mir, Du bleiche Perſon, wie alt iſt die Frau Vorlauf, die ſtolze Frau des wackern Bürgermeiſters? Ihren ſtatt⸗ lichen Gemahl haben ſie verhungern laſſen im Thurme, und ihr Töchterlein, das liebe, unſchuldige Kind, hat der böſe Graf, der Cilly, geraubt, als es heimging von einem Hochzeitſchmauſe; ſagten nicht ſo die Leute? Liebe Herrin, nicht ſo, nicht wieder ſolch ſinnlos Ge⸗ ſchwätz wie die ganze Nacht, bat inbrünſtig die Alte. Der Herr wird heimkehren von der Burg, wie könnte man ſolch einen gewaltigen Mann feſthalten und ihm Leides thun? und er wird alle die Trunfenbolde auf's Härteſte ſtrafen, die uns ſolche Schrecken bereitet. Und unſere Veronika wird auch aufgefunden werden, gewiß⸗ lich, denn die gnadenreiche Mutter iſt der Unſchuld Hort Vielleicht flüchtete das Kind, als ſie dem Hauſe nahete⸗ ſich ſelbſt vor den Plünderern in einer Kirche heiligen 197 Schutz. Und über die Zerſtörung hier dürft Ihr Euch nicht graues Haar wachſen laſſen, denn der Niclas und die Ande rn haben viel gerettet zu den Schotten, ehe die Pforte einbrach: den Kannelſchrein voll Silber, und des Geldtruhe, und die Briefſchaften, und was ſonſt zu retten ſich darbot, und was fehlt, werden die Thäter urch Gut oder Leibesſtrafe büßen müſſen. Was können Menſchen büßen und ſtrafen? fragte nit rollenden Augen Frau Beatrix. Nur der Himmel weiß die Sünder zu finden in ihrem Hochmuth, und ſtraft ſie, wo es am grimmigſten brennet. Hörteſt Du denn nicht: die Bürgermeiſter⸗Frau ſoll eine gar ſchlimme Frau geweſen ſeyn. Der arme Mann hatte harte Stun⸗ den bei ihr und er war ſo geduldig. Sie dünkte ſich gar viel und ſah eitel hinunter auf die Nachbarn. Jetzt aber hat ſie der Himmel gar tief geworfen. Die Frau des armen Nadlers am Kohlmarkt iſt reich, iſt geſegnet. Sie hat einen rüſtigen Mann und ſechs Kinder, friſch wie das junge Obſt im Garten. Ein langer, tiefer Seufzer hob ſich aus ihrer Bruſt und ſie verdeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. Wohl uns, rief die Zofe einem Diener entgegen, der mit blaſſem Geſicht und ein blutbeflecktes Tuch um den Kopf in das Zimmer trat, da iſt der Paul. O wie konnteſt Du Deine Herrſchaft ſo lange allein laſſen? Frau Beatrix warf die Hände vom Geſicht und richtete mit Haſt den Oberleib auf. Paul! ſprach ſie lebhaft. Ja, Du biſt es. Schuell ſprich! Haſt Du ſie gefunden, wo war das arme Kind verſteckt? Und folgt ſie Dir auf dem Fuße? Der Diener ſchüttelte traurig das Haupt. Ich war überall, ſagte er, bei den Eckardsauers, bei den Palt⸗ foyt ort er Herrt * 61 — 198 rams, den Angerfelders und Küſſenpfennigs, alle ſind wohlauf und von den jungen Fräuleins fehlt Keine als— Unſere Veronika! ſchrie die verzweifelnde Mutter. Wie war's denn, Paul, erzählteſt Du nicht, ſie ſey ge⸗ raubt, mitten aus Euch heraus? Wo war's denn, ſag's noch einmalz o ich habe Alles längſt vergeſſen oder nie gehört. Der alte Diener ſtand mit gefaltenen Händen und plapperte halblaut und faſt tonlos: Wie Ihr wißt, ge⸗ ſtrenge Frau, auf dem Hof, nah an der Jaſomirgotts⸗ burg geſchah's, wo es bald umbiegt in's Bognergäſſel. Wir gingen mit den Fackeln voraus, Vogelhubers Ma⸗ thias ging neben mir, und hintendrein folgte die ganze fröhliche Compagnie, Jungherren und Fräuleins durch⸗ einander, und lachten und ſchäckerten, daß hie und da die Fenſter ſich aufthaten aus Neugier und den Schal⸗ meien und Flötenbläſern horchten, die hintennach ſchritten und ein luſtig Stückel hören ließen. Und Fräulein Ronel ging faſt dicht hinter den Fackeln, denn ich ſchaute mich noch um am Brunn und leuchtete gegen den Rennſtein, der vom Waſſer überfloß. Auf einmal trat uns ein ganzer Trupp Haiducken von der Seite her in den Weg und ſtürzte ſich unbeſcheiden zwiſchen die vornehme Ge⸗ ſellſchaft. Wir meinten, es wäre angetrunkenes Volk und wichen, und die Fräulein ſchrien und die Jungherren fluchten. Aber o mein Herr Gott! da ſchaut' ich, wie zwei der langen Hallunken unſer liebes Fräulein erfaß⸗ ten. Hui! warfen ſie ihr ein Tüchlein über den Kopf, hui! hatten ſie ſie auf dem Arm und über den Platz mit ihr, wie der Stoßvogel mit dem Täublein; ich ſprang hinzu und ſchlug dem Einen mit der Fackel in's Ange⸗ ſicht, daß er an die Wand turkelte, und griff das Fräu⸗ 199 lein, die laut unter dem Tüchlein ſchrie, am Kleide; da fuhr mir aber ein anderer Satanas mit dem Säbel⸗ griff üͤber den Kopf, daß ich nicht Licht mehr ſah, nicht Luft mehr ſchnaufte, und als ich mich wieder in der Welt zurückfand, lag ich allein mitten auf dem Platz⸗ nichts von der Geſellſchaft rundum, und nur eine ver⸗ löſchte Fackel qualmte noch neben mir. Ich band mir den Kopf und ſchwankte heim; doch das ging wie vom Regen unter's Traufdach, denn kaum ſtand ich vor Euch, fing ebenfalls hier der Mordſpektakel an. Und der Cilly wär's geweſen? Hat mir's nicht Je⸗ mand zugeſchrien? fragte Frau Beatrir mit bebenden Lippen. Er ſelbſt war nicht dabei, aber ſein Geſinde gewiß. Wer kennt nicht am Graben wie auf der Baſtei ſeine Farbe: blau und Silber, und der Pfahl von Kerl, dem meine Fackel die Augenwimpern verſengte, war derſelbe, der am Geburtstagsmorgen dem geſtrengen Herrn das Präſent gebracht. Ich könnte einen leiblichen Eid dar⸗ auf ablegen. Auf denn, ſo iſt es Zeit, erwiederte die Mutter, wir müſſen ſelbſt hinaus. Wie wird die Kleine zagen unter den Männern; die zarte Blume iſt keinen rauhen Wind gewohnt. Doch der Cilly iſt ein honetter Cavalier. Nicht wahr, Diemuth, es war nur ein ritterlicher Schalk⸗ ſtreich von ihm? Wer könnte einer Mutter die Tochter vorenthalten? Auf, faule Diemuth, rühr' Dich, die Ve⸗ ronika ruft Dir: Du mußt ihr die Häfteln legen und die Morgenhaube neſteln. O wie wird ſie der Mutter milde Hand vermiſſen; wie nach der ſanften Stimme des Va⸗ ters ſchmachten! Fort! Wir müſſen hinaus, hinaus, und wär's auch zum Herzog Leopold. Mutterrecht ſteht über ———— 200 Allem, auch über dem Herzoge, denn Gott hat es früher eingeſetzt, als eine Mutter einen Herzog gebar. Sie wollte aufſpringen, aber mit einer Schmerzensgeberde und einem Wehlaut ſank ſie zurück. Wo könntet Ihr hin, edle Frau? klagte mitleidig die Zofe. Ihr ſeyd ja nicht gekleidet und vergeſſet Euren Fuß, der durch den böſen Fall von der Steige ſo arg beſchädigt worden, als Euch die gottloſe Fauſt des wüthi⸗ gen Krämers gegen alle Zucht zur Seite ſtieß. Ein ſchlanker, blaſſer Bürgersmann ſchritt über den Vorplatz; er faltete die Hände, als er die Zerſtörung erblickte, ſah ſich ringsum, als trauete er den eigenen Augen nicht, mit ungläubigem Herzen, und da ſein Blick durch die offene Thür die Anweſenden erkannte, trat er mit Haſt in däs Gemach. Um Gott, geſtrenge Frau, wie muß ich Euch finden! Und welche Unmenſchen haben hier gehaust gleich Pan⸗ duren und Krvatenvolk? rief er mit Beklemmung der hochklopfenden Bruſt. Frau Beatrir ſchlug bei ſeiner Stimme die Augen auf, ſah ihn mit düſtern Blicken an, die immer feind⸗ ſeliger wurden, und ſprach langſam, aber ſchneidend: Was bringt Euch her zu dieſem Platze der Schande? Wollet Ihr nachſehen, ob das Werk Eurer Genoſſen und Zechbrüder wohl zu Stande gebracht? Habt Ihr nicht Genüge an dem Raube der Nacht, und kommet, eine einſame Nachleſe zu halten? Nehmet, ſtecket ein, was Ihr für Eure Bettelwirthſchaft gebrauchen könnet. Kein Schloß, kein Riegel hindert Euch. Der Adler iſt ausgeflogen, ſein Reſt iſt bloßgegeben der krächzenden Rabenſchaar, die anderer Zeit auf dem Anger und der Gaſſe die ſchmutzige Atzung findet. —— —— — D= Der junge Mann ſtand erſchüttert vor der harten Anklage, doch, ergriffen von dem betrübenden Anblicke der vom Schickſal zerſchmetterten Frau, trat er lebhaft näher und drückte die Rechte feſt auf ſein Herz. Erkennet mich, Frau Beatrix, ſagte er ſanft. Ich bin der Stephan Tirna, dem der geſtrenge Herr Bür⸗ germeiſter manch löblich Zeugniß ausgeſtellt, und den Niemand je geſehen unter den wüſten Geſellen der Stadt oder auf den naſſen Kellerſteigen, wo man die Vernunft gegen Tollheit eintauſcht. Geh' mir aus den Augen, fiel die Frau ihm in die Rede. Auch Dir hat der gutherzige Mann ſicher manche Wohlthat zugewandt. Auch Du gehörſt zu den Undank⸗ baren, die nach ihrem Vater geſchlagen. Geh' und er⸗ zähle, wie Du die erſte Frau der Stadt gefunden: eine Bettlerin, ohne Mann, ohne Kind. Sie werden ſich f weiden an der Nachricht. Geh' und laß mich unverhöhnt ſterben. Der junge Bogner beugte raſch ſein Knie vor der Frau des Jammers und küßte, ehe ſie es hindern konnte, mit ſchmerzlicher Ehrfurcht ihre kalte Hand. Habe und Gut und den Gemahl und das Kind dazu! ſeufzte er auf; es iſt ein entſetzliches Schickſal, und Stärkere möch⸗ ten ſolchem Schrecken unterliegen. Aber hoffet, Frau Beatrix, der allgütige Gott ſchläft nicht und läßt das ſe nur zu, daß Heil daraus erwachſe für die From⸗ Böſ men und Schwachen, die nie von ihm gewichen. Ich horte von dem Anfall, von dem Raube Eures Kindes, und flog Euch zur Tröſtung herbei. Welchen Troſt könnet Ihr bringen? fragte die Frau verächtlich, aber doch aufhorchend. Doch, doch vielleicht! ſprach er eindringlich und leb⸗ N —— —— ————— 202 haft. Die Maus zerfraß ſchon einſt des Leuen Netz, wie das alte Fabelbuch erzählt. Von dem frechen Grafen Cilly kam der Schlag, ſagt man. Aber der Geier iſt nicht fort⸗ geflogen mit dem ſchönen Raube. Wir find ihm auf der Spur, ich und die Freunde. Er ſoll die Taube nicht fortſchleppen in ſein wüſtes Ungarland. Beim Sanct Peter, er ſoll's nicht, ſo lange noch ein Tröpflein Blut dieſe Arme bewegt! Der Cilleyer Hof iſt umſtellt von meinen Geſellen: kein Wieſelchen kann unbemerkt her⸗ ausſchlüpfen, und kommt die Nacht, fallen wir hinein in das unbewachte Haus und holen Euch das edle Fräu⸗ lein aus dem Käfig. Was vermöchtet ihr Armſeligen gegen den Mächti⸗ gen! erwiederte Frau Beatrix, doch mit milderem Tone. Dennoch iſt Troſt in Eurem Wort, denn wenn das arme Kind nur da iſt, nur lebt, unbeſchädigt lebt, nicht in die Hände der Kriegsleute, des gemeinen Gefindels ge⸗ rieth, ſo iſt meiner Seele Angſt um die Hälfte verrin⸗ gert. Der Graf iſt ein edler Ritter; ich werde mich zu ihm bringen laſſen, er wird die Tochter nicht von der Mutter trennen. Finſter ſah ſie der Bogner an, und ein Schauder ſchien ihn zu ſchütteln. Hätte ich eine Schweſter, ſagte er ernſt, ich möchte ſie lieber todt, zertreten unter den eiſernen Schuhen der Fußknechte wiſſen, als Eine Stunde in der Gewalt dieſes Ungarn. Es iſt ſchon manche brave Dirne verſchwunden, ſeit dieſer Graf durch die Wiener Gaſſen geritten, und auf dem Cilleperhof ſoll ſich man⸗ cher ſeltſame Spuk hören laſſen ſeitdem, der wie Stimme der Unſchuld klang, die machtlos nach Gott ruft. Unruhig bewegte ſich die Mutter in ihrem Schmerzes⸗ ſeſſel. Wer könnte wagen? ſtieß ſie heraus. Wer könnte —— die Hand legen an das zarte Kind? Die Neudeckerin iſt ihre Mutter und Konrad Vorlauf heißt ihr Vater. Aber Tirna, ſetzte ſie ſchneller hinzu, und die Bilder der empörten Phantaſie drückten ſich auf ihrem Antlitze aus, Tirna, wenn Ihr ſie bringen könnet, ſäumet nicht. Nicht alles Gut der Vorlaufs iſt verloren gegangen: was noch übrig, ſchüttet die Mutter Dem in den Hut, der ihr die liebe, kleine Veronika an das gebrochene Herz legt. Wer fordert Geld für eine Seele! antwortete Tirna mit überfließenden Augen. Tröſtet Euch, arme Mutter, Ihr ſollet ſie wieder haben, ſo wahr der Bogner Ste⸗ phan noch nie ſein Wort gebrochen. Aber hier dürft Ihr ſie nicht erwarten. Schauet hinaus, da ſtreifen ſchon wieder zwei der blauen Haiducken um das Haus und wollen erſpioniren, was Ihr gegen die hohen Räuber im Schilde führen möchtet. Verlaſſet dieſen Ort. Wir wollen Euch nach Sanct Clara bringen: die ehrwürdige Frau Aebtiſſin iſt Euch zugethan, irrt mein Kopf nicht, ſogar die Pathe des Fräuleins; dort ſeyd Ihr wohl aufgehoben, und gelingt es, das Fräulein zu finden, thut ſich auch dort für ſie eine Freiung auf, die ſelbſt der Kaiſer nicht verletzen dürfte. Doch Heil uns, dort kommt noch ein Freund zur Hülfe: der Kürſchner Stichel iſt's. Er ging mit Herrn Konrad auf die Burg; er wird Botſchaft bringen, vielleicht die Ankunft des Herrn anſagen. O herein, laſſet Eure Füße fliegen, Vater Stichel, denn ſo lange Menſchen weinten, war nirgend eine Freudenpoſt nöthiger als hier, und ich— durfte keine ſolche hertragen. Ein alter Bürger mit faltigem, mürriſchen Geſicht ſchob ſich langſam durch die Thüre. Wos faſelſt Du junger Narr? Nicht ich, ſondern der heidniſche Türk“ müßte die Poſt bringen, denn nur Der fehlt uns noch, antwortete der Alte unwillig. Guten Morgen, geſtrenge Frau! Es iſt bei Euch eben ſo ſcharf hergegangen wie bei dem Rock und Rampersdorfer. Hab' ich doch geſtern noch Allen geſagt: Oi! mit dem Kopf bleibt ihr nicht in Wien! Wo iſt mein Mann? Kommt er? Iſt er auf dem Stadthauſe? Er muß kommen, ſtehet Ihr doch ohne Gefährde vor mir, ſprach fieberhaft aufgeregt die Frau Beatrix. Es iſt ein Unterſchied zwiſchen Rathsmann und Raths⸗ mann, und die großen Herren verſtehen das gleich dem beſten Steuerſchreiber, erwiederte der Kürſchner mit kalter Grämlichkeit. Der Stichel iſt ein Weißkopf, deſſen Arm keine Armbruſt mehr ſpannt; in ſeinem kleinen Hauſe im Kurrentgäſſel gibt's gar nichts zu ſpoliiren, ſie möch⸗ ten denn ein Gelüſt haben nach einem Dutzend alter Fuchsbälge auf der Mottenkammer. Doch iſt Armuth ein gut Ding ſolchen hohen Herrſchaften gegenüber; ſie ſchauen verächtlich auf Das, was ſie nicht beißen kann, laſſen den grauen, ſchlechten Spatzen fliegen, und ihr Gewehr zielt nur auf die bunten Habichte, die mit ſchar⸗ fen Waffen dräuen und fremde Kraft kaufen können. Darum ſind wir, der Aegerfeld, Schrull, Moſtbruner und ich, mit einer derben Lection in Gnaden entlaſſen worden. Und der Vorlauf? mein Mann? Wie lange wird man ihn halten? Löſe Deine Zunge, Du graue Krähe! rief die Kranke mit Anſtrengung. Unter dem Widmerthurm fitzt er mit den Andern, ſprach der Alte mit zu Boden ftarrenden Blicken. Schauet — 205 herum in Eurem Hauſe, Frau Vorlauf. Mit weſſen Eigenthume man alſo umſpringt, den hat man längſt zu den Todten gezählt. Nicht ein Zobelſchwänzlein möchte ich zur Wette um das Leben der drei lieben Herren ſetzen. Seyd Ihr raſend, Vater Stichel! rief der Bogner entſetzt. Und wollet Ihr die arme Frau tödten mit Eurer grundloſen Prophezeihung? Paul! Diemuth! rief die Frau, wenn ihr Menſchen ſeyd, hebt den Seſſel, tragt mich hinauf in die Burg! Bin ich nicht Vorlaufs Eheweib? Und ſoll nicht die Frau ſeyn, wo der Mann? Traget mich hinauf oder ich krieche durch den Staub zu Leopolds Füßen. Auch er hat ein Weib, die Stimme der Frau wird nicht ver⸗ hallen an ſeinem Ohre, und kein Scherg ſoll mich weg⸗ reißen von ſeinem Stuhl, von ſeiner Tafel, von ſeinem Bett, bis er aus Ekel vor meinem Wimmern mir den Mann zurückgegeben. Faules Gefindel, packet an! Fehlt euch die Peitſche des Herrn? O warum hat mich Gottes Hand ſo ſchwer geſchlagen, daß mir meine Knechte den Gehorſam weigern! Ihr dürfet nicht zur Burg, entgegnete der Kürſchner mit kalter Strenge. Herr Vorlauf ſelbſt verbietet es durch mich. Grüße Weib und Kind, ſprach der gewal⸗ tige Mann, als ich ſchied von ihm. Sie ſollen nicht wimmern, nicht winſeln; ſie ſollen nicht auf dem Knie rutſchen vor dieſem wortbrüchigen Herzog, vor dieſem blutgierigen Biſchof. Sie ſollen die Ehre des Konrad Vorlaufs nicht ſchimpfiren durch ſolche Erniedrigung, ſollen nicht die herzloſen Höflinge mit einer Faſchings⸗ comödie ergötzen. Ich verbiete es ihnen, ich der Mann, der Vater. Wenn ſie Gewaltthätigkeit wagen ſollten — ſie werden es nicht, denn auch ſie haben ein Gewiſſen 206 und ein Herz von Fleiſch! ſprach der unerſchrockene Mann— wenn ſie das Aeußerſte wagen ſollten, dann möge mein Weib, mein Kind beten gehen in Sanct Stephan, und zu Gott ſprechen für mich und meine Feinde. Würde ich ihnen entzogen auf lange, ſo ſollen ſie Schutz ſuchen bei dem edeln Reimbrecht, bei dem Waldſee, Wien verlaſſen und ihn auffordern, an meiner Statt für ſie zu thun, was Noth iſt. Er iſt todt, iſt ſchon gemordet! ſchrie Frau Beatrir auf. Es iſt ſein Teſtament, was von Eurer kalten Lippe mir entgegen tönet. Und ich bin ſeine Mörderin. Ich trieb ihn auf die Burg, ich reizte ihn zu dem tödtlichen Gange, und ſein Blut fällt auf mein ſchuldig Haupt. Gott iſt gerecht, mein Gericht iſt da; die Hölle greift nach mir! Greifet nur, ihr feurigen Krallen, wüthet in meiner Bruſt, ihr Natternzähne, quetſchet die Sünderin, ihr Schlangen! Nur ſchonet, ſchonet mein— Kind— mein armes— verlaſſenes— Kind! Leiſe erſtarb der Jammer der Mutter auf den Lippen, und mit Grauen umſtanden die Männer und Diener die Dhnmächtige, eine Niobe, deren Stolz die Götter ge⸗ züchtigt hatten und deren Sinne ihr zum Heile erloſchen waren.— Nach Sanct Clara! rief da mit Haſt der Bog⸗ ner. Auf Paul, Diemuth! Schaffet die Sänfte. Wir tragen ſie ſelbſt. Nach Sanct Clara mit der Unglück⸗ lichen! Jde große Stadt des deutſchen Reiches hat in den Pergamentblättern ihrer Chronikbücher ſchwarze Blätter, durch welche die Goldſchrift ihrer ſtolzeſten Triumphe, ihres weltbeſtaunten Bürgerruhmes beſchattet wird, und welche ſie gern der Nachwelt verbergen möchte, würde die Lücke nicht Verrätherin werden, und noch Böſeres vermuthen laſſen als das wahrhaft Geſchehene. Das Tagesblatt, über welchem der eilfte Julius des Jahres 1408 gezeichnet ſteht, iſt ſolch düſteres Tagesblatt in dem Eiſenbuche Wiens, der größten, der thatenreichſten Stadt des deutſchen Kaiſerreichs. Der Morgen des genannten Tages kämpfte noch mit der Nacht, die ihm nicht Raum geben wollte und ſich mit den finſtern Gewalten der Luft verbündet hatte, ihre Herrſchaft um einige Stunden zu verlängern. Eines der dräuendſten Hochgewitter zog in ſchwarzer Majeſtät aus Süden heran, ſeine zerriſſenen Vorwolken wälzten ſich ſchon über die Stadt, und das dumpfe Rollen des Donners wurde ſchon deutlicher, und die Berge antwor⸗ teten ihm in lang hinſchleppendem Widerhall. Eine falbe Dämmerung erhellte nur gering und un⸗ ſicher die Straßen der Stadt; die größere Hälfte ihrer Bewohner, die Reichern und den höhern Ständen Zuge⸗ hörigen, genoßen noch alle den ſorgenfreien, harmloſen Schlaf, in ſolch ſchwerer, unſicherer Zeit der treueſte Freund, der wohlthätigſte Arzt; doch war es ſchon laut in den Werkſtätten, und dicht an den Häuſern der Spie⸗ gelgaſſe wandelte flüchtigen Schrittes ein Pärchen dem Roßmarkte zu. Eile und Scheu war fichtbar in Haltung und Wandel, ob aber Beide Kinder des böſen Gewiſſens oder verfolgter Unſchuld waren, blieb zweifelhaft. Der ſchlanke Bub ſchritt voran, dicht neben ihm, etwas zu⸗ rück, doch die kleine vorgeſtreckte Hand auf ſeinen Arm gelegt, das tief verſchleierte Mädchen. Wie erſtarrt ſtand der Burſch, als er, um den Eckſtein auf den Platz beugend, plötzlich auf einen Trupp Landsknechte ſtieß, die, auf ihre Speere geſtützt, ſeinen Pfad verſperrten. Seine erſte Bewegung deutete auf flüchtige Umkehr, aber der harte Ruf: Wohin ſo früh? von dem bärtigen Munde des breiteſten der Kriegsleute feſſelte ſeinen Fuß, und als gerade ein leichter Blitz die Gegend erhellte, und er den ganzen Platz mit fremden Wappnern beſetzt un breite Auguſtinerſtraße mit Reitersleuten gefüllt ſah, von deren blanken Tartſchen und Eiſenhüten der Blitz wider⸗ ſtrahlte, gab ihm die unvermeidliche Gefahr Beſonnen⸗ heit und Muth zurück. Zum Kloſter! antwortete er ſchnell, indem er das bebende Mädchen nach ſich zog. Zu den frommen Mönchen hinüber? fragte lachend einer der Fußknechte, die das Paar umſtellt hatten. Ei, junger Burſch, Du treibſt früh ein böſes Geſchäft. Laß doch ſchauen, wie viel die Waare werth, mit der Du handelſt! Er griff nach dem Schleier, aber zornerglüht ſchlug der Burſch den ſtahlbeſchirmten Arm zurück. Laut wie der Donner, ſcharf wie der Wetterſtrahl war ſeine Stimme, indem er ſich kühn Raum brach. Fluch Dem, rief er, welcher antaſtet, was dem Himmel gehöret. Kein freches Auge ſoll das Antlitz meiner Schweſter ent⸗ weihen, die ich zur hochwürdigen Frau Priorin, zur Baſe Eures Herzogs, geleite, daß ſie Profeß thue. Wehe über den Spötter der Braut des Herrn! Der da donnert, höret den Spott, und ſein Feuerſtrahl wird rächen die Schmach, ehe die Läſterzunge ein Ave geſprochen. Die bärtigen Kriegsknechte ſchlugen ein Kreuz und wichen; der Burſch aber bog ſchnell mit ſeiner Beglei⸗ terin links auf den Platz und eilte weiter, doch hätte das Frühroth ſchon voll ſeine Geſtalt beleuchtet, würde das tiefe Erbeben nicht verborgen geblieben ſeyn, das vO 208 6 209 ihn durchſchüttelte, als er mitten auf dem Platze ein Gerüſt wahrnahm, von friſchem, ſchimmernden Gehölz erbaut; er ſtrauchelte faſt im Vorüberſchreiten, riß ge⸗ waltſam ſeine Begleiterin daran hin, und zog mit ſieber⸗ hafter Haſt an dem Metallringe, der ihm und ihr die Pforte des jungfräulichen Kloſters eröffnetc. Der Tag hatte ſich nun Bahn gebrochen mit ſeinem unſichern Licht, doch konnte die Sonne nicht durch die ſchwarzen Wetter, die jetzt rundum den Himmel bedeck⸗ ten. Wie in einer Seeſchlacht ſich Schiff an Schiff legt, und die ſchwimmenden Rieſengebäude wechſelnd ihr zer⸗ ſtörendes Feuer gegen einander entladen, ſo thürmte ſich das ungeheure Gewölk aneinander auf; für einen Au⸗ genblick ſchien der Himmel ein Feuermeer, im nächſten bebte die Erde von den ſich entgegen rollenden Donner⸗ ſchlägen; dazu jagte der Sturm Wolken von Staub durch die Gaſſen, denn das Hochgewitter blieb trocken, und nur dann und wann ſchlugen dicke Tropfen nieder, oder ein kurzer Hagelguß raſſelte über die Dächer pin. Die Warnung tönte vollauf, der Himmel ſprach deut⸗ lich, aber der Uebermuth der Menſchen blieb taub und hielt nicht ein mit dem begonnenen Trauerſpiel. Die Aufſtellung der Leopold'ſchen Söldner lockte das Volk heran; trotz des Unwetters mehrte die Neubegier, die Erbſünde des irdiſchen Geſchlechts, mit jeder Sekunde den Menſchenſtrom, der aus allen Theilen der Stadt zu dem Roßmarkte heranrauſchte, den die Gewaltthätigen wegen der Nähe der Hofburg zum ungewöhnlichen Schau⸗ platz blutiger Ungerechtigkeit erkoren hatten. Ehe das Haupt nicht gefallen, iſt nicht Dein die Stadt! Ehe das Haupt nicht gefallen, kein ruhiger Beſitz⸗ keine Verlängerung der Regentſchaft! Ehe das Haupt Blumenhagen Xv. 14 210 nicht gefallen, keine Sicherheit gegen dieſe Zunge von Erz, die uns ſchänden wird vor dem ganzen Reiche, das ganze Reich gegen uns aufrufen wird eben ſo kühn, wie ſie Dir heute Widerſpruch gethan! ſo ſprach uner⸗ müdet Berthold von Wähing, bis der Herzog den Blut⸗ vefehl über einen Mann, der ihm nicht unterthan war, unterzeichnet hatte. Doch den perſönlichen Haß zu ver⸗ kappen, wurden gewiſſenlos noch zwei unſchuldigere Na⸗ men auf das Blutblatt gezeichnet. Zwiſchen ſeinen Freunden, dem weißlockigen Ram⸗ persdorfer und dem ſtolzen Hans Rock, ſchritt bald der Bürgermeiſter durch die Schwerter- und Lanzen⸗Hecke der Wappner heran, dem Volke, für deſſen Rechte er ſich gevpfert, zur willkommenen Schau. Spott und Hohn empfingen das wackere Triumvirat, ſo wie es aus der Burg trat und begleiteten es auf ihrem ſchweren Wege. Konrad Vorlauf ſchritt fort mit mitleidigem Schweigen, doch traf ſein feſter Blick manchen der Schreier und machte ihn verſtummen. Wolfgang, der wüthige Krämer vom Lichtenſteg, fehlte nicht im Gedränge, und frech durch die Pferde der Reifigen ſich windend, trat er mit wuth⸗ verzerrtem Geſicht zu dem Bürgermeiſter. Nun, ſtolzer Patron, kreiſchte er, wie thut der Gang? wie ſchmeckt das Frühſtück, das man Euer Gnaden aufgetiſcht? Vorlauf ſtand und ſchaute ernſt ihn an. Armer Bub! ſprach er mitleidig. Ich ſehe Deine vatermörderiſche Hand ſchwarz herauswachſen aus dem Hügel Deines na⸗ hen Grabes. Dann nahm er dem betenden Minoriten, der neben ihm ging, das Kruzifix aus der Hand, küßte es und hielt es dem Wolfgang vor. Weißt Du, was der Göttliche ſprach, wie er ſtarb für Dich und mich? fragte er. Herr, vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was —— — 211 ſie thun! Feſten Schrittes ging er weiter. Nur als der Zug die Herrengaſſe vorüberzog, ſah man eine ſchmerz⸗ liche Bewegung auf dem Antlitze des kräftigen Märterers. Sein großes Auge ſtarrte einige Augenblicke hinein in die Straße, als ſuche er den Sitz ſeiner Glückſeligkeit, um Abſchied zu nehmen, als ſuche er die Augen ſeiner Lieben. Warum richtete er nicht den ſehnſüchtigen Blick nach der entgegengeſetzten Himmelsgegend? Der entfeſ⸗ ſelte, die Mauer durchdringende Blick ſeines Geiſtes hätte vielleicht dort aus einer Scene Troſt geſogen, die ſein Herz ſo nahe anging. Das Blutgerüſt war beſtiegen, der Prieſter betete laut, der Scherg entblößte ſein Schwert und ergriff den weißlockigten Rampersdorfer am Arm, den Greis zuerſt zu dem Sandhaufen zu führen. Der Bürgermeiſter trat raſch zwiſchen den Blutmann und ſeinen Freund, umfaßte dieſen und küßte ſeine ehrwürdigen Schneelocken. Nicht alſo! rief er mit feſter Stimme. Der Vorlauf war Euer Vorlaufer in dieſer Sache: auch hier bleibe ſein Name wahrz auch im Tode ſchreite Euer Bürgermeiſter Euch voran, wie er's im Leben gethan. Treue gegen den Sohn unſeres Herrn iſt unſere Schuld; droben em⸗ pfängt Albrecht die Freunde ſeines Kindes, und ein ge⸗ rechter Gott richtet uns und unſere Richter. Die Hand drückte er dem Hans Rock, der ingrimmig mit den Zähnen knirſchte; dann nahm er die goldene Kette vom Halſe, und ſchien einen Bekannten im Gedränge der Zuſchauer zu ſuchen. Vergebens forſchte ſein Auge, und mit einem Seufzer wandte er ſich an den Mönch und hing die Kette über des Prieſters Arm. Heget das Kleinod, ehrwürdiger Vater, ſagte erz ich trug's mit Ehren! es ſey beſtimmt für den künftigen Geſpons meines lieben Töchterleins. Und über die Augen fuhr er mit der Hand und kniete raſch in den Sand, ſeinen Hals dem Henker bietend. Der Scherg zögerte, und als Vorlauf zurückſah, war das breite Richtſchwert nicht gehoben und bebte in der Hand des erſchütterten Dieners der Gerechtigkeit. Warte Deines Amts und zage nicht! rief Konrad freundlich. Leide ich den Streich auch ohne Schuld, dennoch verzeihe ich ihn, aber führe ihn geſchickt. Beſchämt von der Mannlichkeit ſeines Opfers hob der bärtige Scherge den Stahl, und Vorlaufs Haupt rollte in den Sand. Da fuhren drei Blitze gleich feu⸗ rigen Rieſenſchlangen herab hie und da und dort; ein ungeheurer allgemeiner Angftſchrei hallte aus dem Volke; ein zerſchmetternder Donnerſchlag krachte augenblicks hin⸗ tendrein, und alle Köpfe beugten ſich im Entſetzen, und eine Menge der Zuſchauer ſtürzte zur Erde. Eine Todes⸗ ſtille der tiefſten Furcht begleitete die raſche Hinrichtung der Andern. Jetzt aber ſtürmte das Nothglöcklein bei den Auguſtinern, jetzt antwortete die Glocke von Sanct Michael, jetzt wiederholte ſich ferner vom Dach der Schot⸗ tenkirche der helle Klang, der nach Hülfe rief. Auf den Thürmen der Thore ward das Horn der Wächter wach⸗ und grauſig klang es durch die Stille: Feuer vor dem Kärntherthor! Feuer auf der Landſtraße. Es ſtürmt vom Erdberg bis Sanct Ulrich und bis in den Werd. Der Blitz hat gezündet! Eine allgemeine, gräßliche Leben⸗ digkeit kam in den unabſehbaren Menſchenknäuel. Gottes Gericht! ſchrie man. Die Stadt geht in Feuer auf gleich Sodom! Die Bürger ftürzten nach allen Seiten ausein⸗ ander, die herzoglichen Reiter ſprengten in Unordnung zur Burg, nicht ſchonend die kreiſchenden Weiber, die ſtrauchelnden Kinder auf ihrem Wege; die Fußknechte W* W* ———— 213 liefen in die nächſten Höfe, Schutz ſuchend gegen den in Strömen niederrauſchenden Regen und den ſchweren Schlag der fallenden Schloßen; der Mönch ſchrie: Sanct Auguſtin ſchütze! es brennt bei uns! und taumelte die Treppe des Schaffots hinunter; auch der Scherg warf ſein Schwert fort und ſprang vom Gerüſt, und als hätte der Engel des himmliſchen Zornes mit dem Flammen⸗ ſchwerte den Platz geſäubert, ſo leer war plötzlich der weite Roßmarkt, und die Leichen der Gemordeten lagen allein in dem frevelhaft vergoſſenen Blute, ſtumme, aber furchtbare Kläger bei dem Allgewaltigen, deſſen Nähe ſeine Wetter verkündigt hatten. Wir müſſen jetzt einige Tage zurückſchreiten, um der Beſorgniß unſerer ſchönen Leſerinnen nicht länger vor⸗ zuenthalten, was im Drange unſerer Erzählung wir ihnen bisher verſchweigen mußten. In jener Racht, in der das unerbittliche Schickſal ſeinen Grimm über der Familie Vorlauf entlud, ſtürzte athemlos und keuchend ein Mann von dem Platze, der von einem uralten Herr⸗ ſcherſitze bis jetzt: auf dem Hof! genannt wurde, herein in die Schatten der Bognergaſſe. Mit höchſter Anſtren⸗ gung ſeiner Kräfte trug er ein Weib auf den Armen, deren Kopf durch ein Tuch verhüllt war, unter dem ein Angßi⸗ gewimmer erſchallte. Still, um Gott, ſtill, mein Fräulein, oder wir ſind verloren! ſtöhnte der Mann, und die Angſt⸗ töne verſtummten ſogleich, als hätte die Klagende an der Stimme den Freund erkannt. Mit einbrechenden Knieen ſchleppte ſich der Mann bis zu der Thüre eines kleinen Hauſes, ſetzte hier ſeine ſchöne Laſt raſch zur Erde, riß das Tuch vom Kopfe des Mädchens, ſtieß ſie in die Thüre, 214 ſchaute nur mit Einem Blicke auf den Weg, den er ge⸗ kommen, folgte dann ſchnell, und verriegelte innen mit ängſtlicher, haſtiger Sorgſamkeit. O heilige Jungfrau! tönte die feine Stimme des Mädchens im Dunkel. Was war das? Warum that man mir das? Und wohin bringet Ihr mich, Herr Ste⸗ phan? denn Ihr ſeyd's gewiß; ich habe Eure Stimme ſogleich erkannt. Still, ſtill, mein liebes Fräulein! antwortete der Bogner Tirna, ſeinen Stirnſchweiß trocknend. Jeder Laut von Eurem Munde ſchafft Gefahr, die noch lang nicht vorüber. Nur ruhig, liebes Fräulein, denn Ihr ſeyd bei Menſchen, die Euch ſo hochhalten, wie irgend Je⸗ mand in der großen Stadt es thut. Hier ſoll und darf Euch nichts Uebles berühren, und wenn Haus und Hof darauf ginge. Aber höret Ihr die harten Schritte drau⸗ ßen, das wüſte Geſchrei auf der Gaſſe? Weh uns, ſie halten die Spur, da klopfen ſie ſchon mit feſter Fauſt an das Pförtlein. Hinein da, ganz ſtill und ohne Furcht! So lange des Stephans Herz lebendig ſchlägt, ſoll der frommen Veronika nirgend Leides geſchehen. Er riß eine Thüre auf und ſchob das Mädchen ſanft in ein matt erleuchtetes kleines Gemach, und tappte ſich dann nicht ohne Beben zu der ſchmalen Steige, welche in den Ober⸗ ſtock zu ſeiner Werkſtatt führte. Das Klopfen an der Hauspforte ward indeß immer heftiger, und als der Bogner droben behutſam ſein Fenſterlein öffnete, ſah er von einem Schwarm langer Haiducken ſein Haus belagert. Sie kann eben nicht weit ſeyn, ſprach eine rauhe Baßſtimme, die Laſt war zu ſchwer für den mächtigen Satan, und hier ſchauete ich zuletzt ihr weiß Gewändel flattern. 215 Gott verdamme meine Seele! fluchte wild ein Zwei⸗ ter, läßt ſich der Goliath niederwerfen von einem ma⸗ gern Zwerg und hält mit ſeinen Affenarmrn nicht einmal dabei die Beute feſt. Es kam, als wenn's vom Dach fiel, Tobias! brummte der Erſte. Ein Schlag vor das Schienbeinel, als bräch's die Knochen morſch entzwei, da denke der Teufel an das Madel und greife im Schreck nicht ſelbſt erſt nach den Wänden. Wir müſſen's wieder haben, oder der Graf legt uns in den Block um des Tölpels willen, dem Gott nur einen Stierkopf gab und kein Hirn drin. Hallo, hie liegt das Tüchel! Gefunden! ſchrie ein Dritter der Rieſen. Schlaget die Häuſer ein, dieſe Gaſſe muß ſie bergen. Heraus! Heda! Geöffnet im Namen des Herzogs! Die Thüre krachte unter den Fauſtſchlägen, und der Bogner bog ſich ſchnell zum Fenſter hinaus. Was ſoll die Unbill? rief er haſtig. Ihr tollen Schlemmer geht unrecht. Seyd ihr noch nicht voll genug und ſucht das Speiſehaus zum Kameel? Geht zehn Schritte weiter und moleſtirt keine nüchternen Bürgersleut'. Aufgemacht, Du Narr! ſchrie der Chorus. Gib das Madel heraus, das uns geraubt! Aufgemacht, oder wir ſetzen Dir den rothen Hahn auf's Dach und braten Dich lebendig an Deinem eigenen Holz. Hier ſteht kein Bierhaus, antwortete Tirna; ſperret eure Glotzaugen auf, ſo werdet ihr den Hobelſpähn⸗ buſch drüben erkennen. Und flüchtige Madels, die bei Nacht auf den Gaſſen fahren, ſucht nicht im ehrlichen Bürgerhaus. Fort, ihr groben Geſellen! Laßt die Fäuſte von meiner Thüre, oder beim Sanct Peter, es gereut euch! Hier wohnt der Bogner Dirna, und ſeine Werk⸗ ſtätt liegt voll Schießzeug und voll wohlgeſchärfter Bol⸗ zen. Schauet euch den Todtenkopf einmal an da über meiner Thür'! Schlaget noch einmal gegen das Holz, und meine Geſellen ſind zur Hand, und ihr langen Spektakler, wie ihr da ſeyd, ſollet in wenig Friſt allſammt dem Knochenkopfe ähnlicher ſehen als einer Nachteule. Die Haiducken ſtutzten, jedoch riefen einige nochmals: Mach auf, Du Schuft! Schieß herunter, wenn Du Eulenaugen haſt! Auf im Namen des Herzogs! Da eilte ein Mann im weißen Mantel und Feder⸗ hute, von einem Pagen gefolgt, zwiſchen ſie. Tolle Schurken! zürnte er halblaut; iſt's nicht genug, daß eure Tölpelei mir den Spaß verdorben, wollen die bläffenden Hunde noch die Ehre und den Namen ihres Herrn Preis geben? Zu Haus, ihr Hammel, oder auf Ehre, ich ſchlage euch den Reſt Hirn aus. Vor ſei⸗ ner treffenden Degenſcheide ſtäubten die Giganten aus⸗ einander. Langſam ſtieg der Bogner, als es ſtill geworden, in ſein Haus hinab und trat erſchöpft und bleich in ſein Wohngemach. Das Stübchen war eng, nur ſchlich⸗ tes Hausgeräth zierte es. Am Kamin ſaß in einem grob gearbeiteten Lehnſeſſel ein altes Mütterchen, ſprach mit dumpfſchnarrender Stimme vor ſich hin, und ſtockelte dann und wann mit dem Eiſenhaken in dem Feuer⸗ raume, obgleich weder Holz noch Kohlen ſich vorfanden, da es mitten im heißeſten Sommer war. Veronika ſtand mit gefalteten Händen dicht neben der Thüre, Fieber ſchien ſie zu ſchütteln, und ſo wie der Bogner eintrat, drehete ſie ſich ſchnell zu ihm, ſtreckte ihm beide Hände entgegen, und drückte ſich feſt an des herzuſchreitenden Mannes Schulter. O, wo habt Ihr mich hingebracht? klagte ſie. Und wer iſt die Frau, die mich ſo heftig geſcholten? Gelei⸗ tet mich heim, guter Stephan, wollet Ihr nicht, daß die Angſt mich tödte. Ihr ſeyd bei mir, entgegnete traurig und geſenkten Blickes der Bogner. Freilich iſt des Handwerkers arm⸗ ſelige Hütte ein trauriger Zufluchtsort für Euch, deren Gegenwart ſelbſt einen Kaiſerhof ſchöner machen müßte, aber Frömmigkeit und Zucht iſt hier zu Haus, und ein treuer Herz findet Ihr nicht im ganzen Reich. Was für Dummheit haſt wieder gemacht, Stephl! murrte die Alte vom Kamine her. Das iſt mir's rechte Stubenmadel, das da. Schick's fort zur Stell! Zwei⸗ mal hab's geſagt, ſie ſoll mir geſchnittene Hölzel holen aus der Wollzeil. Steht ſie da, wie die Säul' am Brunnen und gafft und flennet. O, welch ſchlechte Zeit . iſt hener. Niemand kümmert's, ob die Frau Mutter friert. Habt Geduld, Fräulein, es iſt die Großmutter, und zu Zeiten nicht richtig im Hirn, ſeit der Großvater... flüſterte der Vogner, und raſch abbrechend ſchob er einen Seſſel herbei, nahm die bunte Tyrolerdecke vom Tiſche, —— breitete ſie über den Stuhl und ließ die ſchwankende Veronika niederſitzen. Mutter Gertraud, ſagte er dann, 6 indem er zur Alten ging und ihr die runzliche Wange ſtreichelte, ſeyd gut. Es iſt Schlafenszeit und die Kathi 6 ſoll Euch in's warme Bett bringen. Das da iſt ein lie⸗ 6 ₰ ber, fürnehmer Gaſt, ein Fräulein, edler Eltern Kind, die Euer Stephan mit Müh' ſo eben aus dem Gewühl der Trunkenbolde gerettet, die außen ſo viel Gelärm getrieben. 248 Ja, ja, es iſt ein bös Laſter das Trinken, brummte die Alte in ſich hinein; Du biſt ein braver Bub, Stephl⸗ Du läßt Dich nicht von dem Tannenreiß verführen. Hätte der alte David Tirna nicht ſo viel Durſt gehabt, und wäre nicht ſo oft zur Schenke und in den Biſchofs⸗ keller geſtiegen, ſo hätte er den Kopf noch, ſäße am Kamin, und könnte der Gertraud den alten Pelz zu⸗ recht ziehen, wenn ſie frieret. Aber was ſoll ſolch für⸗ nehmer Leute Kind in unſerm Haus? fuhr ſie lebhafter fort, und ihr welkes Haupt erhob ſich und ihre ſtarren Augen fuhren unſtet im Zimmer umher. Schaff' ſie fort, Stephl! Soll ſie plappern, daß es noch rechtlich und ſchmuck iſt im Haus, daß noch blank Geräth ſteht auf dem Kannelſchrein, daß auf dem Gaſtſtübl ein ſilbern Gottesbild hängt über dem Bett? Schaff' ſie fort! Mor⸗ gen kommen ſonſt die Steuerknechte und nehmen Dir's und ſetzen Dich ſelbſt auf den Thurm, weil ſie nicht leiden können, daß Jemand hat außer ihnen, daß Wohl⸗ ſtand und Friede und Zufriedenheit im Hauſe iſt, die ſie am Graben nicht kaufen können, ob ſie's gern möchten. Höret nicht auf ſie! Denkt nur an Eure Erholung, und daß die Gefahr vorüber! bat der Bogner, da er ſah, wie Veronika verzagt und doch aufmerkſam auf die Alte horchte. Die Vornehmen taugen Alle nicht, murmelte die Alte fort. Dein Haus iſt ein fromm Schwalbenneſt, laß keinen Spatz hinein; das iſt ein beißig Thier. Sie blaſen ſich auf wie die Pfauen und ſchleifen durch die Gaſſe wie ein Indian; aber eitel Trug und Lug ſitzt unter dem bunten Narrenputz. Des Armen Schweiß trinken ſie aus güldener Kann', arbeiten nicht und ſpinnen nicht, und wer ihnen die Wahrheit ſagt, dem nehmen ſie die & &5 21¹9 Zung' und den Kopf dazu. O es iſt ein gar zu böſes Volk das. Höret nicht hin, lieb Fräulein, flüſterte Tirna be⸗ klommen; das Andenken des Großvaters ſpukt heute in ihr beſonders hell. Ich weiß davon! nickte Veronika ſchmerzlich und mit⸗ leidig. Da ſind die Vorlaufs oben an, ſprach die Alte wei⸗ ter. Der Mann ſoll nicht bös ſeyn, aber hart, felſen⸗ hart, wie der graue Pflaſterſtein auf der Gaß. Er hätte dem alten David wohl noch ſein klein Stückel Zeit bis zum ſtillen Sterben laſſen können. Aber das Weib dünkt ſich höher als der Knopf auf Sanct Peter, iſt eine ſtolze Jeſabel, und moleſtirt den Mann und reizt ihn zum böſen Sinn. Aber Hochmuth fällt tief; die alte Gertraud tauſcht nicht den Stuhl mit ihr, und höret der Himmel Gebete, ſo hört er auch, was die Gertraud... Haltet ein, Mutter! rief der Bogner wildheftig. Ihr wiſſet nicht, was und zu wem Ihr ſprecht. Um Gott, kein Wort mehr, wollet Ihr nicht den Fluch des Unglücks über Euren Enkel rufen. Nur ſacht', erwiederte die Alte erſchrocken; war's ja, als ob der alte David wetterte, wenn er aus der Schenke heimgekommen.— Veronika aber jammerte weinend: O meine Mutter! Guter Stephan, bringt mich zu meiner Mutter! Bittet um Alles, um mein Leben! wer gäbe nicht gern Eurer Bitte, was er hat? antwortete erglüht der Bogner; nur das bittet nicht. Wollet Ihr ſelbſt Euer Verderben? VWollet Ihr dem Ehrenräuber, dem Cilly, in die Hände laufen, aus denen mein ſchwacher Arm Euch kaum gerettet? Der Graf? fragte das Mädchen verwundert und unſchuloig. Er hat's gethan? Und was konnte der Herr mit mir wollen? Ihr ſehnet Euch nach der Mutter. Fallet Ihr ihm in die Hände, werdet Ihr nie Euer Haus, nie Eure Mutter wieder ſehen. In das ferne Ungarland, auf ſeine Burgen wird er Euch ſchleppen; Niemand wird von Euch erfahren, Niemand Euch finden, und der Himmel wird kein zweites Wunder thun und Euch er⸗ retten durch eines armen Bogners Hand. O fraget nicht weiter! bat er eindringlich. Ich darf Euch nicht fort laſſen, um der Ehrfurcht willen vor Eurem wackern PVater, der mir noch heute die Hand gedrückt. O ver⸗ trauet mir, um des Vaters willen. Ja, mein Vater lobte Euch oft, recht oft! antwortete das Mädchen, von des Bogners Worten durchſchauert, und unentſchloſſen umherblickend. Aber wie wird die Mutter ſich kümmern. O ſendet zum Vater! Er wird kommen und mich heimgeleiten, denn hier kann ich nicht dauern. Furchtſam ſah ihr Auge auf die Großmutter. Ein grimmer Schmerz verzog des Bogners edle Ge⸗ ſichtszüge, doch beſonnen antwortete er: Ihr ſollet auch nicht. Kommet und laßt Euch von mir in das Gaſtzim⸗ mer führen. Läßt das Haus auch klein und ärmlich⸗ das Gaſtbett, des Wieners Stolz, mangelt nicht darin. Das Hausmadel, die Kathi, ſoll bei Euch weilen, und ich ſende den Lehrburſch fort zur Frau Vorlauf, und ſteige dann ſelber über die Hofwand und bitte die edle Frau Puchberg her, die Euch den mütterlichen Schutz nicht verſagen wird, bis der eigenen Mutter Befehl zu uns gekommen. Eure Stimme, Euer Rath iſt mir wie des Vaters, 221 7— ſeufzte Veronika. Gehorſam will ich folgen, denn Ihr ſeyd ein braver Menſch, und der Vater wird die Mühe lohnen, die Ihr um ſein bedrängtes Kind gehabt. Ergriffen leitete ſie der Bogner mit dem Lämpchen zum Hintergebäude, aber wir erfuhren ſchon, daß die Ereigniſſe dieſer Nacht und die Schrecken des folgenden Tages ihn hinderten, die Verſprechungen zu halten, die er ſeinem ſchönen Schützlinge gethan. Die Geſellſchaft der Frau von Puchberg beruhigte die bange Kleine. Als eine Bekannte der Eltern ſprach ſie, nachdem ſie das Ereigniß vernommen, deutlicher mit dem Mädchen, und die Eingeſchüchterte ergab ſich in das Verbleiben im fremden Hauſe, beſonders da ihr am andern Morgen der Bogner ein Kleinod, das er im zertrümmerten Hauſe aufgegriffen, als Botenzeichen vor⸗ zeigte und ihr das erfundene Wort der Mutter verkün⸗ dete: ſie möge, da der Vater um einer Geſandtſchaft an den Herzog Ernſt willen verreist ſey und Niemand ſie ſchützen könne, gegen die Gewaltthat des mächtigen Cil⸗ leyer Grafen und der Herzoglichen, welche ſich der Stadt bemächtigt, in dem ſtillen Zufluchtsort verweilen, den auch die Mutterliebe als das ſicherſte Aſyl erkenne. Die arme Kleine, unbekannt mit Leidenſchaft und Welt, noch gewöhnt, von dem Willen Anderer ihr Leben beſtimmt zu wiſſen, fand ſich bald in ihr Schickſal, über⸗ ließ ſich der klugen Edelfrau und dem aufmerkſamen Freunde, die ihr bedächtlich nach und nach das über ihr Haus gekommene Unheil beigebracht, weinte und betete oft, ertrug jedoch ihre Lage mit der Standhaftigkeit, welche die Unſchuld und das ſündenfreie Herz überall vegleitet. Mit Aufmerkſamkeit beachtete ſie die Recht⸗ lichkeit und den Fleiß, die in des Bogners Hauſe wal⸗ zeten, erkannte nicht ohne angenehmes Empfinden die Weiſe, mit welcher der junge Mann in ſeiner Werkſtatt Herr war, das Gemiſch von Strenge und Milde, mit denen er ſich der rauhen Geſellen Reſpekt erhielt, die Sorgſamkeit, mit welcher er die Großmutter behandelte, und durch die ſie ſelbſt bewogen wurde, ſich dem geiſtes⸗ kranken Mütterchen zu nähern, ihr Hülfe zu leiſten, ob⸗ gleich die furchtbaren Worte der Alten, eine Flammen⸗ ſchrift im Moſesbuſch, unauslöſchlich in ihrem Gedächt⸗ niſſe brannten. Der junge Bogner durchlebte drei glückliche Tage, wenn er auch in ihnen rang zwiſchen Weh und Luft. Das Weſen, welches er ſchon lange abgöttiſch von fern angebetet, um die er die Schmach ſeiner Familie, mit gerechtem Sinne einſehend, daß des Großvaters Trunk⸗ ſucht und unbändiger Sinn ſie hergelockt, ertragen und vergeſſen, dem er in ſeinen kühnſten Träumen nie ſo nahe zu kommen gehofft, wohnte unter ſeinem niedern Dach, ſchlief in ſeinem Gaſtbett, er durfte ihr das kleine Mahl herauf tragen, ihr den Becher füllen, ſie ſchien ſein Familienglied geworden; o wie durchrieſelte Fieber⸗ froſt ſeine eben noch hochglühende Bruſt, dachte er, daß alles Das nur ein Traum vom Himmelreich ſey und das froſtige, leere Erwachen nicht fern liegen könne. Und ſo kam es nach dreien, kurz verflogenen Tagen. Der Graf von Eilly war nach Ungarn abgereist, ſein Hof ſtand leer und verſchloſſen; grauſam wäre es ge⸗ weſen, noch länger Mutter und Tochter zu trennen, und auf den Rath der Puchbergerin geleitete er das Fräulein nach Sanct Clara. Wir begegneten ihnen ſchon auf dem Wege zum Kloſter, aber es muß uns erlaſſen bleiben, das Wiederſehen auszumalen; es gibt Vieles im reichen Menſchenleben, was das Auge, das glänzende Thor der Seele, aufzufaſſen, das Herz, das Echo der Empfindung, nachzuklopfen, aber das Wort, der arme Dolmetſcher des Geiſtigen, nicht wieder zu erzählen vermag. Jauchzend warf ſich die Jungfrau über der Mutter Schmerzesbett, überſah die veränderte Geſtalt, die hohle Wange, das eingefallene Auge der geiſtig und körperlich gemarterten Frau, und dieſe ſtimmte ein in den Jubel der Lieblingin, drückte ſie, als hätte ſie eben erſt das Kind geboren, in ſchmerzlicher Freude an ſich, und das Mutterauge glänzte plötzlich hell, die bleiche Wange deck⸗ ten Flatterroſen, denn der Lebensengel hatte der Ent⸗ ſagenden, der in zehrenden Tiefſinn Verſunkenen noch einmal ſeinen ſüßeſten Labungsbecher dargereicht. Fern am buntfarbigen Fenſter der Zelle, ſie lag glück⸗ licher Weiſe tief nach dem Kloſterhofe hinaus, ſtand der Bog⸗ ner Tirna mit zerriſſenem Herzen; der Anblick, den er auf dem nahen Roßmarkte gehabt, deſſen Bedeutung er ahnte, hatte alle ſeine Stärke gebrochen, hatte ſeine Seele wie mit Wahnſinn gefüllt. Dort ſah er keine Hülfe mög⸗ lich, und fluchte ſeiner Ohnmacht; bier durfte er nicht fort, mußte als Wächter weilen, damit das Entſetzliche nicht tödtend eindringe in das Heiligthum der Mutter⸗ freude. Die Idee des ſchroffen Gegenſatzes der beiden Scenen, welche hier und dort, ſo nahe einander und durch ſo eng verknüpfte Perſonen vorgingen, zermalmte faft den ſtarken Mann. Wie horchte ſein Ohr auf das ſummende Geräuſch, welches zum Fenſter drang; wie bewachte er die Zellenthüre, daß kein Verräther ein⸗ dränge. Er war ſich ſelbſt ſo ſehr entfremdet, daß ihn der Mutter Wort kaum aufregte, die ihn den braven Stephan, ihren Engel, ihren Wohlthäter nannte. Was **= hätte er früher um ein ſolches Wort aus dem Munde der ſtolzen Frau gegeben! Und als nun Beide wechſel⸗ ſeitig von ihren Leidensſtunden ſich erzählten, als die Mutter ihn zu ſich rief, ihm den Preis, den ſie dem Retter zugeſichert, den ganzen Reſt ihres Vermögens an⸗ bot, da war es ihm, als wenn er ſich ſchwer beſinnen müßte, und er vermochte der mit einer Flut von glü⸗ henden Dankesworten ihn überſchüttenden Frau nichts zu erwiedern, als eine Bitte um Verzeihung für die Lügen der Noth, mit denen er Beide getäuſcht, die ihm das Schwerſte im Leben geweſen, da nimmer zuvor eine Unwahrheit ſeine Lippe befleckte: ein Schwur, den die ſchöne Veronika nicht ohne Theilnahme zu hören ſchien. Die furchtbaren, erderſchütternden Donnerſchläge, die Lärmglocken, der Feuerruf gaben den Verſtörten zuerſt ſich ſelber wieder zurück. Er glaubte ſich überzeugt, der Himmel ſelbſt habe das Werk der Tyrannei zerſtört und die Vollendung der Mordthat gehindert. Freier ward ſeine Bruſt, als die Aebtiſſin, die umſichtige Frau Anna Schenkin, eintrat, er aus ihrem Wink dieſelbe Sorge für Verheimlichung des Schrecklichen erkannte, und er ihrer Beſonnenheit die Glücklichen, welche durch die ſchreckenden Naturgewalten nicht in ihrem Entzücken ge⸗ ſtört worden, überlaſſen durfte. Er empfand ſelbſt den Abſchied von der Geliebten kaum, als er mit hochklo⸗ pfendem Herzen das Kloſter verließ. Wer malet ſein Entſetzen aber, als er jetzt die Schauerſtätte, die grauſig⸗einſame, betrat; als er an dem weißen Holzwerk, auf dem grauen Pflaſtergeſteine die Blutſtröme ſah, die zum Himmel ſchrien; als er jetzt oben ſtand zwiſchen den ſtarren Leichnamen, neben dem Körper des gemordeten Vorlaufs kniete und die kalte —,—— 225 Hand zu ſeinem Munde hob. Bleich wie die Todten, gedankenlos, mit ſchlotternden Gliedern, ſtand er da: man hätte ihn für den Mörder halten ſollen, den der Kainsfluch getroffen. Da zuckte plötzlich ein Gedanke an die Nähe des Kloſters durch ſein Gehirn. Er nahm die Goldkette des Bürgermeiſters, die der Mönch auf der Flucht hatte fallen laſſen, aus dem blutigen Sande und barg ſie unter ſeinem Wammſe, und wie vom Sturm⸗ winde gejagt, verließ er das Blutgerüſt. Bald nachher zeigte ſich ohne Scheu vor den zur Burg eilenden Fußknechten eine Schaar junger Burſchen auf dem Platze, der Bogner an ihrer Spitze. Bahren und Lailachs hatten ſie mit ſich, und ftill und andächtig tru⸗ gen ſie ungeſtört die Leichen nach Sanct Stephans Feit⸗ hofe. 6— Die Burg zu Wien ſah nicht mehr dem Hoflager eines friedlichen Fürſten, ſondern dem Hauptquartier eines Oberhauptes flüchtiger Nomadenſtämme gleich, das ſich in ein fremdes Kaſtell einquartirte. Waffenhaufen lagen auf den Höfen und in den Vorhallen; hochgeſat⸗ telte Roſſe umſtanden den Brunnen, mit den Zäumen an ſein Gelände geknüpft; Reiter ritten ab und zu; Wagen wurden gepackt, und umher geſtreute Fourage verunrei⸗ nigte die Plätze. In der Burg, und zwar im Vorzim⸗ mer des Herzogs, gab es nicht geringern Tumult: be⸗ ſtaubte Hauptleute des Herzogs, als Eilboten angelangt, drängten ſich zwiſchen den jungen Rittern des Hofes, er⸗ zählten dieſen von dem unvermutheten Anmarſch feind⸗ lich geſinnter Mannſchaften und hörten dafür die nicht weniger böſe Poſt, daß Herzog Leopold bedenklich ver⸗ wundet liege, obgleich er Wien nicht verlaſſen. Und ſo 226 war's wirklich. In ſeinem Gemach lag der Herzog auf dem Faulbett, und der Spittelmeiſter vom heiligen Geiſt⸗ orden, Bruder Daniel von der Littau, hatte eben mit Hülfe eines kunſterfahrenen Laienbruders den Verband um des Herzogs ſchwerverletztes Knie vollendet. Eine geſprungene Armbruſt hatte die Knieſcheibe zerſchlagen und das Fleiſch tief eingeſchnitten. Ihr habt mich arg gepeinigt, frommer Bruder, ſprach der Herzog mit Ungeduld; mögen die Heiligen Eurem Balſam zwölffache Kraft geben, denn Ihr ſeht, es iſt jetzt nicht Zeit zum Krankſein. Und doch iſt ſtrenge Ruhe vonnöthen, erwiederte der Spittelmeiſter ernſt und bedächtig, und wollte Hoheit ſich ferner ſo unruhig geberden, wie während der erſten Unterſuchung, dürfte daraus Euch nichts Gutes und dem Arzte wenig Ehre erwachſen. Das Lager des hohen Herrn ſey ſtill und einſam; kein Geräuſch der Waffen⸗ welt beunruhige Euren Kopf, keine Brotſchaft, ſey ſie gut oder ſchlimm, Eure Seele; Eure Koſt ſey ſchmal und ſtreng gewählt; dieſer kundige Bruder bleibe Euer Wächter, für drei Tage der Herr Eurer Umgebung, dem auch Ihr Gchorſam zollen müßt; nur dann dürft Ihr valdige Geneſung hoffen, und der berühmte Wundarzt des Bürgerſpittels, den Ihr, wie ich vernahm, ebenfalls berufen, wird meine Vorſchrift beſtätigen. Ueber des Herzogs Geſicht fuhr ein Seelenſchmerz, der die angenehmen Züge aber nicht entſtellte, ſondern zu veredeln ſchien. Er ſetzie ſich aufrecht und ſtreckte den muskelvollen Arm aus. Sollte ein knechtiſches Glied die⸗ ſen Volksbändiger hindern, ſeine Schuldigkeit zu thun? fragte er mit mannlichem Humor. Wär's ſo, bei un⸗ ſerm Schild, dann möchten wir lieber Euch bitten, ein )— 27 Beil zu greifen und uns das träge Glied zu nehmen, wic es der Babenberger Leopold, den man den Tugend⸗ haften genannt, zu Gratz thun ließ, als er im Ritter⸗ ſpiele vas Bein gebrochen. Der Herzog lebte nur fünf Tage nach dem Kunſt⸗ ſtück ſeines zu gehorſamen Kämmerlin s, antwortete der⸗ 5 3% 8 Spittelmeiſter mit Achſelzucken. Dürfen wir an ſolch einen Fleiſchriß denken, erwie⸗ derte der Herzog lebhaft, wenn wir die Todeswunden des Landes heilen ſollen? Seht, des Tierſtains breite Stirne trägt wiederum die Botſchaft eines Kranken zur Thüre herein, der in den letzten Zügen zu liegen ſcheint. Nun, Weickart? Sicht es wahrlich ſo ſchlimm und ver⸗ zerrt wie Dein Antlitz in der Stadt aus? Ich ritt durch die Gaſſen ohne Geleit, antwortete der finſtere Reiteroberſt. Viel Volks ſtreifte unruhig um⸗ her, aber man that nichts gegen mich, nur die Fäuſte ballten ſich und die Geſichter ſprachen Flüche. Eure Fuß⸗ knechte auf den Thorwachen ſind verjagt, ſind hinausge⸗ worfen aus den Mauern; auf allen Thürmen der Thore ſlattert die Stadtfahne, das weiße Kreuz im Blutfelde. Einen neuen Bürgermeiſter hat man gewählt, den Hans Felsberger, aus ſogenanntem alten Geſchlecht. Eure Partei regt ſich nicht mehr und ihr Haupt⸗Feuerbeuter, der Krämer Wolfgang, ſoll Nachts am Fieber geſtorben ſtyn. Werft ihnen von der Burg den rothen Hahn auf die Dächer und in die Kirchen, ſonſt habt Ihr Euer blutiges Poſſenſpiel auf dem Roßmarkte vergebens ge⸗ halten, und der alte Hochmuth hebt den Hahnenkamm. Dieſer Brief, den ſolch ein Stadtconſtabler eben im Thor ohne Reſpekt abgegeben, wird das erſie Zeugniß davon M. 228 Lies das Blatt, Berthold! ſagte Leopold zum Frei⸗ finger Biſchof, der an einem Tiſche voll Seripturen ſaß und keine wolkenfreie Stirne zeigte. Was kann's ſeyn, erwiederte der Wähing nach einer Pauſe, als der alte Schwindel von Stadtfreiheit, von Privilegien! Sie wollen ſo gnädig ſeyn, Frieden und Ordnung zu halten, wenn Ihr ſo gütig ſeyn wollt, den Schenk vom Oberforſtamt zu jagen, weil er die Bürger moleſtire, und mich nach Salzburg in mein neues Bis⸗ thum zu entlaſſen. Das: Sonſt! welches ſtylgerecht fol⸗ gen müßte, haben ſie für ſich behalten, doch läßt ſich's errathen. Der Herzog wird wohl dem neuen Herrn Bürgermeiſter gehorſamen müſſen, ſetzte er mit einer Hohnmiene und einem Höllenblicke hinzu, der tief in Leopolds Seele brannte. Und was ſchreibt der Ungarnkönig? fragte er düſter. Krieg dräuet Herr Sigmund, ſeiner Calppſo Bar⸗ vara zum erſten Male trotzend, antwortete der Biſchof ſpöttelnd. Und was aus Böhmen und Mähren? Der Prager Eilbote kam vom Freunde Cilly. Er warnet dringend, räth auf's Schleunigſte den Bocksbart, don äufgehetzten Sigmund, durch irgend einen Schein⸗ ſchritt zu verſöhnen. Das ganze Aufgebot zu Pferd im Böhmerland iſt ſchon im Sattel; der Eilbote ritt zwei raſche Gaule todt, um eher in's Stubenthor zu kommen als die Böhmen. Und Mähren, Mähren! rief der Herzog heftig. Ein Fehdebrief der Markgrafen, der Ritterſchaft, der Städte auch, ſobald Du nicht Geiſeln ſtellſt für Friede an den Gränzen, für Schutz des Handels, knirſchte Herr Berthold und ſchlenderte das Pergament an den Boden. — Eine Welt in Waffen gegen uns wie gegen Friedrich den Streitbaren! fiel Leopold ein, und ſein mattes Auge glühete auf. Tauſend Lanzen ſchlagen an des Habs⸗ vurgers Schild; o wie willkommen zu anderer Zeit! Aber der Len iſt wund, gelähmt durch des Schickſals Tücke. Wo iſt der falſche Meiſter! fuhr er, durch den Schmerz erinnert und hochzürnend, fort. Befahl ich nicht, zu ſchicken nach dem Bogner? Schaffet ihn heran mit Gewalt, daß ich an Einem ſofort die Wuth des Herzens zu kühlen vermag! Der Bogner Tirna wartet längſt im Vorſaal, ant⸗ wortete ein bebender Kämmerling. Herein mit ihm! herrſchte der Fürſt mit einem ver⸗ geblichen Verſuch, ſich vom Bett zu erheben, und bald ſchritt der Bogner Stephan gramgebeugt, leidend und düſter, aber ſo reſpektvoll als furchtlos heran. Was befiehlt die Hoheit? fragte der junge Mann, faſt ſchmerzlich auf den kranken Kriegesfürſten ſchauend, für deſſen Fertigkeit in ritterlichen Uebungen er als Waffenfreund immer eine Vorliebe gehabt. Du willſt eiz, Meiſter ſeyn, Freund Lirna?»fragte der Herzog, den Zorn niederkämpfend. Sich her, Dein Pfuſcherſtück! Ich habe Deine Kunſt geachtet, Deine Arbeit reich bezahlt; hier liegt Dein Gönner, ſchwer verletzt, ohnmächtig, da ſeine Kraft ihm gerade höchlich nöthig, und alles Das durch Deine ſchlechte Hand. Durch mich? Gott verhüt's! Und wie? fragte Tirna beſremdet. —— Ich probte Armbrüſte im Ballſaale, fuhr lebhaft der Herzog fort. Ein neu Gewehr ſpannte, an meinen Fuß geſetzt, die Eiſengabel; da ſprang der friſche Bogenſtahl mit widrigem Geſchrill und ſchlug das Knie entzwei. — 230 Das war nicht meine Arbeit, Herr; unmöglich ißt's, erwiederte erſchreckt der Bogner. Zeigt ihm die Pfuſcherei! befahl der Fürſt. Max, dort im Winkel liegt ſie. Nun, Meiſter, wirſt Du Dein Zeichen dreimal verläugnen, ehe der Hahn kräht. Ein Page brachte das zerbrochene Gewehr und ſchon von fern haftete Tirna's ſcharfer Blick daran. Die dicke Senne hat nicht der Tirna geknüpft, die iſt von ungeſchickter Hand für die zerriſſene feſtgeneſtelt, ſagte er ſchnell und mit Beſtimmtheit. Das aber hätte der erfahrene Schütz ſelbſt erkennen müſſen. Zu ſtraffe Senne bricht den beſten Stahl. Doch jetzt, da er das ſchöne, verderbte Gewehr in die Hand genommen und nahe betrachtet, ſchien ein jäher Schreck ihn zu erſchüttern. Die Hand mit der Armbruſt ſank wie gelähmt und ſeine Augen ſtarrten mit Grauſen in dem Gemach umher, als fürchteten ſie irgend etwas Unheimlichem zu begegnen. Was gibt's? fragte ſtutzig der Herzog. Herr, dieſe Waffe, ſagte der Bogner ſcheu und ab⸗ geſtoßen, nicht für Euch, nicht für Eure Rüſtkammer habe ich ſie gefertigt. Es war das beſte Stück, was lang aus meiner Werkſtatt hervorgegangen. Eure Fuß⸗ knechte plünderten der Bürger Wohnungen. Von dort, mit der Beute muß ſie heraufgekommen ſeyn! Ich kenne e Waffe nur zu gut. Wehe, eine Geiſterhand hat dieſen Stahl zerſprengt, denn dieſe Armbruſt, Herr, war Konrad Vorlaufs Eigenthum, den Ihr enthaupten laſſen. Der Herzog that einen grellen Schrei und faßte mit beiden Händen nach dem verbundenen Knie. Alle wichen, wie von demſelben Grauen gepackt, zu den Wänden zurück, — 231 nur der Biſchof ſprang hinzu und packte den Bogner am Arm. Du lügſt, Betrüger! rief er mit wildem Grimm, lügſt, um Deiner Unſchicklichkeit ein Mäntelchen umzu⸗ werfen. Auf der Folterbank wirſt Du Dich ſchon los⸗ ſagen von dem Spuck, mit dem Du unnatürlicher Weiſe ſelbſt Heldenherzen zu erſchüttern wußteſt. Leopold, gib nicht Raum dieſer Unmännlichkeit. In wenigen Tagen wird der Riß geheilt ſeyn und Dich der Sattel tragen zum Schrecken Deiner Feinde. Und wär's nicht, ſo führe ich Dein Heer. Du weißt, meine Bruſt trägt den. Panzer ſo leicht wie die Stola, meine Hand führt das Schwert ſo gern wie den Krummſtab. Und vor Allem gib ein Beiſpiel, das Deine Widerſacher einſchüchtere. Laß Feuer werfen auf die Dächer der rebelliſchen Wiener und dann erlaube, daß ich ſelbſt hinausbreche mit Deinen Reiſigen und nach Kriegesweiſe dieſe Bürger züchtige, die ſelbſt Dein Blutgericht nicht verwarnen konnte. Geht nicht hinab, Herr Berthold, entgegnete der Bogner, den Athemloſen mit dem Blick des ſchwer Be⸗ leidigten meſſend, geht nicht hinab, wenn Euer Leben Euch noch ein Kopfſtück werth iſt! An jedem Eck wartet ein Mordmeſſer, in jedem Erkerfenſter lauert ein ſcharfer Bolzen auf Euch. Ihr ſeyd im Kirchenbann, der Paſſauer hat es kund gethan, und nach dem Vogelfreien ſchießt man ohne Sünde mit leichter Hand wie beim Vogel⸗ ſchießen. Konntet Ihr auch den Einen Bogner bedrohen mit der Folter, viele hundert beſſere Bogenſchützen woh —— nen drunten und erwarten nur die rechte Scheibe. Still da, Ihr Schwätzer alle! gebot der bleiche Her⸗ zog. Was bringt uns der Trabantenhauptmann Neues? Vor Euch ſollte ich's aufwickeln, ſagte der Gardiſt, ſo ſprach der Knapp des Waldſees, der Küenberger, der's am Widmerthurme abgegeben. Eine blutrothe Schärpe? ſtaunte der Herzog. So wickle auf und laß den Inhalt ſehen. Der Trabant entfaltete die Seide, und ein Ritter⸗ handſchuh fiel hart vor Leopolds Füßen nieder. Der Biſchof hob den Handſchuh auf und ein Pergamentblatt ward in ihm ſichtbar; der Herzog ſelbſt griff ſchnell dar⸗ nach und las: Dem räuberiſchen Vormunde, dem ungerechten Herrſcher, dem Mörder des Vorlaufs Fehde von heut an auf Tod und Leben. Unterzeichnet; der Landeshauptmann Namens der Ritterſchaft ob der Enns. Gegeben am Tage Petri⸗Kettenfeier. Hochauf fuhr der Herzog, und an die Lehne des Faul⸗ bettes geſtützt, ſtellte er ſich feſt, als ſey er ohne Wunde. Vollauf iſt jetzt das Maß der Unbilde und Beleidi⸗ gungen, wie nimmer ſie eines Habsburgers Ohr erfah⸗ ren, ſprach er mit Kraft und Hoheit. Sey es dann, wie unſere Feinde es wünſchen! Ich gebe die Stadt Preis. Wien falle, flamme auf in warnender Lohe! Wähing, gib deine Liſte heraus, nenne jedem Hauptmann das Stadtviertel, bezeichne ihm die Häuſer der Hoffär⸗ tigen, die ſeiner Schaar zur Beute werden ſollen. Auf, ohne Zögerung! Blaſet Hörner und Trompeten; all mein Volk rüſte ſich. Graf Hardegg führe es dem Wald⸗ ſee entgegen. Boten ſendet an die getreuen Rittersleute, und mir ſelbſt bringet den Rappen an's Thor. Ihr ſeht, Herr Spittelmeiſter, es iſt nicht Zeit, Euren Ver⸗ band zu reſpektiren, und hinge das Leben an Eurer Vorſchrift. Was gilt ein ſolch armſelig Glied, was ſelbſt der Kopf dazu, wenn die Ehre gefährdet iſt! Und irr' — 233 ich nicht, höre ich des weiſen Bartholomäus Stimme außen. Sein Spruch wird nicht ſo ſtreng ſeyn als der Eure, und uns die Erlaubniß zu dem ſpaßigen Luſtritte geben. Ein ſeltſames Getümmel in dem Vorſaale kündete die Ankunft des berühmten Medicus an, jedoch auf eine höchſt ungewöhnliche Weiſe, deren Urſache jedoch klar wurde, ſobald der Berufene in das Gemach getreten. Alles ſchrack zurück vor der geſpenſtiſchen Figur, denn ein ſchwarzer, ſeidener Talar hüllte den Meiſter der wohl⸗ thätigſten Kunſt dicht ein vom Kopf bis zum Fuße; eine Kaputze mit zwei großen Glasaugen gab ihm ein dämo⸗ niſches, furchterregendes Anſehen; außer den zwei Fin⸗ gerſpitzen der rechten Hand war nichts Menſchliches an ihm ſichtbar, und mit ihnen hielt er behutſam an einer Goldkette das Oelgefäß. Wozu der ungeſchickte Mummenſchanz, Herr Bartho⸗ lomaͤus? fuhr ihn der Herzog an, doch mit unſicherer Stimme, denn bekannt mit der Tracht, ahnte er ſchon die neue und fürchterlichſte Unglückspoſt. Der Arzt löste die Kappe und nahm ſie vom Haupte, ſo das ernſte, ſtreng umherſchauende, von dichten, ſchwar⸗ zen Locken umwallte Antlitz enthüllend. Ich ſehe hier keinen Befallenen, ſprach er unwillig, keinen Sterbenden. Warum rief man mich denn fort von da, wo Gott mich hingeſtellt auf eine heilige Ehrenwacht? Helme ſchaue ich blitzen, ſehe zerbrochen Gewehr, Pergamente und große Inſiegel. Wie das? Ihr treibt hier weltliche Händel und Gott pocht an eure Thore? Thörichte Herren, gebt auf euer irdiſch Treiben und denket an euer ewiges Heil, denn ſeit geſtern wüthet die ſchwarze Schlange des Orients, die Peſt, in der Stadt. Die Peſt! ſtöhnte Leopold, und alle Uebrigen wichen ſchaudernd vor dem Medicus.— Der Bogner aber ſeufzte: die Peſt? O arme Veronika! Ja, Hoheit! es leidet keinen Zweifel, ſprach der Arzt gleichmüthig weiter. Ochſenhändler aus dem Ungerlande, die am Heidenſchuß und im Seitzerhof Quartier genom⸗ men, haben das garſtige Geſchenk mitgebracht. Ihre Treiber, die in der Vorſtadt geblieben, verbreiteten ſie dort zuerſt, doch verbarg der närriſche Pöbel ſeine Kran⸗ ken Seit der geſtrigen Veſper ſielen die Opfer in der Stadt in arger Zahl. Schon hat das Grauen⸗die Märkte und Straßen geleert. In den Beinhäuſern der Freithöfe häufen ſich die Gift aushauchenden Leichen. Schaaren⸗ weiſe zithen die Studenten durch die Thore, und die Reichen flüchten zu Roß und in der Sänfte hinaus auf die Berge. Thut ein Gleiches, Hoheit, denn ſolch furcht⸗ barer Anfang deutet auf lange Schrecken: die Geſtirne ſind mit der Seuche im Bunde: der bleiche Saturn re⸗ giert, und dürre Hitze verdarb das Blut der Menſchen. Der Würgengel wird ſein Schwert nicht ſobald ein⸗ ſtecken und ſeine Schreckenshand wird weit hinausgreifen in das Land. Wohl denen, die ihre Rechnung ehrlich abgeſchloſſen und im Gewiſſen ein gutes Facit geborgen haben. Der grauenhafte Todesbote bedeckte ſein Haupt wie⸗ derum mit der Schutzkappe und ging bedächtig davon durch die erſtarrten Kriegsmänner, welche ſcheu vor ihm wichen. Alle ſahen ihm ſtarr nach, als hätte des Todes kalte Hand ſie ſchon betaſtet, nur der Biſchof drängte mit Haſt den verſtummten Herzog: Der Himmel ver⸗ bündet ſich mit uns. Benutze den Augenblick, Leopold: die im Schreck erſtarrte Stadt iſt ohne Schwertſchlag 7 — 235 Dein. Züchtige die Geſchlagenen. Schnell auf zum Ueberfall und zur Plünderung. Der Herzog ſchauderte ſichtlich und ſchoß einen un⸗ heimlichen Blick auf den frechen Rathgeber. Die ſchwar⸗ zen Leichen willſt Du plündern und den Tod als Beute heimholen? fragte er halblaut und mit Abſchen, indem er erſchöpft auf ſein Faulbett ſank. Es ſind die Ge⸗ ſpenſter der Dreimänner, es ſind die unbezwinglichen Thronenwächter Albrechts, flüſterte er dann fort, wie zu ſich ſelbſt. Wir haben die Unerſchrockenen in den Tod geſchickt, und der Tod iſt ihr Bündner geworden und kehret mit ihnen, um ihre Feinde, um uns ſelbſt zu ver⸗ derben. Laut und mit innerer Angſt ſetzte er dann hinzu: Neuſtavt liegt zu nahe; das Gift könnte hinüber wehen und den Knaben ergreifen. Die Schuld würde auf uns fallen und noch mehr der Widerſacher gegen uns hetzen. Berthold, Du reiſeſt ſogleich— doch nein, unterbrach er ſich ſelber mit mißtrauiſchem Blicke, Hans der Laun ſoll hinüberreiten, mit ihm der Schenk; ſie ſollen unſer Mün⸗ del eiligſt führen nach Starhemberg in das Gebirg. Kei⸗ ner wage den Knaben anzutaſten, bei unſerm Zorn, denn ſein Leben iſt das Pfand unſerer Ehre und Sicherheit. Du, Wähing, ſchloß er abgewandt den Befehl, zieheſt vor Abend fort zum Bruder Ernſt, bringeſt ihm die Nachricht von Allem, was an dieſem ſchweren Tage uns betraf, ſprichſt ihm den Brudergruß und bitteſt ihn um brüderlichen Beiſtand in dem neuen Ungewitter. Wir erwarten hier, was da kommen wöchte; der wunde Aar wird geſunden und dann die böſen Geiſter zu ban⸗ nen wiſſen. Er ſtreckte ſich in quälender Ermattung, in geiſtiger und körperlicher Ohnmacht: hatten doch Gewalten zahllos 236 und ſchlagend auf ihn gewirkt, denen auch ein Menſch von Erz hätte erliegen müſſen, und kehrte ſein Antlitz zur Wand. Berthold von Wähing aber knirſchte und murmelte: Schändliche Schwäche! Triumph des Bür⸗ gervolks! Warum mußten wir dieſen Tag erleben? Ver⸗ gebens, ſtolzer Leopold, wirſt Du ihn dereinſt aus Dei⸗ nem thatenreichen Leben zu tilgen wünſchen. Eine ſchwere Zeit wie die der ägpptiſchen Landplagen hing ſeitdem über dem ſchönen Oeſterreich. Hatten vor⸗ hin die kleineren heimlicheren Ausbrüche der Zwietracht Gewerb und Handel geſtört, ſo zernichtete jetzt der nach Blut und Raub lüſtende offene Haß Bürgerfrieden und Bürgerfreude. Alles war Partei geworden und ſtritt mit jeder ihm verliehenen Kraft für ſeine Meinung. Niemand regierte, daher ſtand das Geſetz ohne Wächter, der verderblichſte Zuſtand einer Nation, denn die Will⸗ kür iſt der reißende Waldſtrom, der die feſteſten Säulen des Völkerglücks untergräbt und ſie zu ſtürzen weiß. Im Norden des Donauſtroms wie in den Landen ob und unter der Enns raste der kleine Krieg, welcher gewiſ⸗ ſer vernichtet als die Völkerſchlacht. Hier wütheten mit Schwert und Feuer Leopolds Bündner, der Graf von Hardegg, der grauſame Mödlinger Hauptmann Stückel⸗ berger, die Raubritter aus Mähren, deren Kameradſchaft mancher Ritter aus wackerem Geſchlecht, den Leopolds Perſonlichkeit oder der Verfall ſeiner Güter an ihn ge⸗ feſſelt hielt, nicht verſchmähte. Der unbeſtechliche Reim⸗ brecht von Waldſee, unermüdlich für die von ihm ver⸗ fochtene Sache, warb auf der andern Seite ſtets neue Genoſſen, jagte die Verwüſter, wo er ſie fand, vor ſich — — auf, gleich dem Theſeus und Hercules ein Vertilger der Räuber in ſeinem Vaterlande; doch fehlte auch ihm der Stützpunkt, und die Menge der Widerſacher zerſplitterte ſeine Macht. Dazu rückten fremde Heere an die Gren⸗ zen und ſandten bereits ſchon die verheerende Vorhut in's Land: wir nennen nur den Schrecken ſeiner Zeit, den in Grauſamkeit unerſchöpflichen Stibor, Siebenbür⸗ gens Woiwoden und des Waagthales Herzog. Was der Feind übrig ließ, verzehrte der Freund. Kornfelder, Weinberge, Safrangärten waren verwüſtet, Städte und Dörfer ausgebrannt; das reiche Herzogthum, der Roſen⸗ garten Albrechts, lag da, einer Wüſte ähnlich. Albrechts Prophezeihung, als er in ſeinen ſchönſten Lebensjahren todtkrank das Volk um ſeine Sänfte verſammelt ſah und ſchmerzlich ausrief: O mein gutes Volk! welche Ver⸗ wüſtung und Armuth wirſt du erleiden! ſchien völlig in Erfüllung zu gehen und Oeſterreichs Untergang nahe zu ſeyn. Schwarze Nacht ruhte auf dem Gebirg, doch ein Zug kühner, leichtgepanzerter Reitersleute kam durch den Hohlweg herab, nicht achtend die unfreundliche, menſchenfeindliche Stunde, nicht die Gefahr des Pfades. Sie führten zu Fuß die Roſſe an den Zäumen hinter ſich, und gingen einzeln und in weiten Zwiſchenräumen, um Beſchädigungen zu meiden und ſich verwarnen zu können. Da gab der Vorderſte ein Zeichen des Halts, und die, welche zurück waren, horchten beſorgt auf die Urſache. Ein Bauer und ſein Weib, beladen mit Trag⸗ korb und Bündeln und oben darauf den höhern Schatz⸗ ihre Kinder, ſchleppend, vermeinten eine ſichere Flucht durch den Felſenweg zu ſinden, und ſanken jetzt im jähen Todesſchreck vor dem ſchwarzgekleideten Ritters⸗ manne in die Kniee, der ihnen am Eingange des Hohl⸗ wegs wie aus dem Boden erwachſen in den Weg trat. Sie hielten ihn und ſeine Begleiter für Genoſſen der Verwüſter, die am Abende ihr Dorf geplündert und ein⸗ geäſchert hatien. Des Ritters milde Zurede beruhigte ſie, aber er forſchte mit Genauigkeit nach dem Lagerort der Mordbrenner, und als der Bauer ihn kannte, bofahl er dem Erſchrockenen, ihm dahin als Führer zu dienen, indeß ſein Weib und ſeine Kinder im Schutz ſeiner Rei⸗ ſigen verbleiben ſollten. Der beklommene Landmann mußte Folge leiſten, und nach einer kurzen heimlichen Beſprechung folgte die Hälfte des Heerhaufens mit Zu⸗ rücklaſſung der Pferde dem in Sorge um den Ausgang zitternden Guiden. Die Nachtwandler hatten ſich ſeitwäris durch den Unterbuſch des Waldes drängen müſſen, hatten einen brauſenden Waldbach durchwatet, bis ſie auf einen kah⸗ „ Bergfleck gekommen, an deſſen Saume ſie einen hellen Lichtfleck und über ihm eine weiße Dampfwolke eten Der Landmann deutete angſtvoll auf dieſelbe und rieth zur Umkehr, doch der Schwarze faßte ihn feſt an der Schulter und ſchritt allein mit ihm zum Rande der Steinplatte. Wie in einen ungeheuren Zauberkeſſel ſah man von der Höhe in einen alten, geräumigen Steinbruch hinab, aber nicht Hexen und Kobolde hielten darin einen Sab⸗ bath, ſondern, verderblich wie ſie, ruhte bewaffnetes Gefindel darin vom frevelvollen Tagewerke. Der Ritter erkannte deutlich rundum an den Steinwänden die zwi⸗ ſchen aufgehäuften Beutehaufen ſchlafenden Geſellen, er⸗ kannte an ihrer Tracht, wem ſie dienten, und überzählte ſchnell ihre Zahl, denn ein großes Feuer von Tannen⸗ ſcheiten flammte in der Mitte des Bergkeſſels und be leuchtete den Grund, indeß der Qualm des friſchei Brennmaterials die dunkle Höhe, auf welcher die Lau⸗ ſcher ſtanden, noch dichter verſchleierte. Dicht am Wachtfeuer lagerten die Anführer an einer breiten, halbbehauenen Steinplatte, die, ihnen zum Tiſch dienend, Becher und Kanne trug, und ſehr lebhoft ſchien ihr Geſpräch, that es der Inhalt der Krüge, that es der Gegenſtand der Berathung. Vorn, zunächſt dem Eingange des Steinbruchs, lag ein kurzer, aber derber Kriegsmann mit einem aufgeblaſenen purpurfarbenen Angeſicht: ſein Wamms war mit Fuchspelz beſetzt, ſeine fremdartige Mütze mit dem rauhen Schweif deſſelben Thiers geziert; der ſchwarze Reitersmann erkannte ſp⸗ gleich in ihm den berüchtigten Sockol aus dem Mähren⸗ lande. Nicht weniger ſchnell faßte ſein Falkenblick die Geſtalten des Zweiten und des Dritten auf, von denen der Eine, eine lange Figur ohne Fleiſch, aber mit Hů⸗ nenknochen, halb auf der Steintafel lag, halb ſaß, und drei Becher zugleich ſich vollgoß, der Andere aber am Rande des Steines die Scharten aus ſeiner breiten Schwertklinge ſchliff. Es waren ähnliche Mordgeſellen, unter dem Namen Hinko der dürre Teufel und Hyneck mit dem Beinamen der Würger bekannt, und im Nacht⸗ gebet des Landmanus dicht neben Türk und Satanas genannt. Nur der Vierte der Nachtvögel blieb ihm fremd, ſaß er doch auch zuſammengekauert auf einem Steinblocke und hatte den Leib in einen dunkeln Mamtel, das Haupt unter einem breitrandigen Hute verhüllt. Der Schwarze zog den Landmann nach dieſer Be⸗ ſichtigung raſch, aber vorſichtig zurück zu den Gefährten. Geht ein Fußpfad von der Söhe herab am Rande des 240 Steinbruchs? fragte er halblaut. Der Bauer deutete mit der Hand nach der Seite und bejahte. Führt von jenem Hohlweg, wo wir Dein Weib verließen, eine Straße in die Nähe dieſes Platzes? Der Bauer bejahte wie⸗ derum, doch laufe der Weg im Bogen am Gebirg herab, und ſey darum bedeutend weiter als der gerade Strich durch Buſch und Dorn, den ſie gewählt. Der Schwarze rief darauf einen der Reiter, der einen ſilberblanken Jagdhelm trug und den er Eckardsau nannte, zu ſich, und trug ihm auf, mit dem Landmann zurück zu gehen und eiligſt das ganze Geleit zu Roß zum Steinbruch zu führen, auch ſeine Ankunft demnächſt durch einen Stoß in's Horn kund zu thun. Der Schwarze mit ſeinen Gefährten näherte ſich dann langſam dem Bergrande, behutſam erſpähend, ob der angedeutete Pfad betretbar ſey und ſeiner Abſicht zu dienen vermöchte. Die Raubgeſellen unten ſaßen indeß traulich und guter Dinge, und beeiferten ſich, den Stand der Tages⸗ arbeit aus ihren unerſättlichen Kehlen zu waſchen. Glatte Worte, Herr, ſprach der dürre Teufel, glatt genug, um die Stelzbeine eines Grauthiers zum Marſche auf's Glatteis zu verführen, aber beſſer doch, Ihr hättet die blanke Münze voraus mit daher gebracht. Alles, was plinkt und blendet, ſtählet den Muth, ſey's edel Metall⸗ ſey's reiner Wein, ſey's eines Madels Schelmenaug'! Geh' nicht darauf hinein, Bruder Sockol, tönte die Poſaunenſtimme des Hyneck dazwiſchen, ſeltſam begleitet von dem widrigen Geſchrill ſeines Schleifwerkes. Unſere wilde Jagd gehört in's Freie: über die Landſtraße, durch den Buſch fährt die Hundemeute mit Luſt, geht's aber gegen eine Mauer oder gegen ein Burgibor, ſalviren die Bärenhäuter ihre Schädel und laſſen uns im Stich. 241 Ich weiß ja, wie ſie's mir gethan, als ich mit ihnen nach Wien hinein gewollt, um den Lichtenecker, die brave Biergurgel, loszuhauen: dicht am Thore machte die ganze Schaar Kehrteuch, weil ein Gaſſenbub ein Eſelsgeſchrei nachäffte, und mich hätten beinahe die Kahnknechte er⸗ wiſcht, weil ich hinter ihnen drein fluchte. Sonſt ſo tapfere Geſellen, ſprach der Verhüllte im verbiſſenen Grimm, und auf einmal zu Memmen ge⸗ worden? Wohl denn, ſo führe ich euch ſelbſt zum Werke. Was hälf's meinem langen Halſe, bräche ich ihn mit Eurem ſpeckigten Nacken zugleich? erwiederte mit Humor der dürre Teufel. Der einzige Vortheil Eurer Geſellſchaft möchte ſeyn, ſie könnte uns im böſeſten Falle am Fegfeuer vorbeiſpediren. Hört nicht auf den Geck, Hochwürdiger! fiel der roth⸗ glühende Sockol ein. Gebt die Umſtände näher kund, nennt beſtimmter den Preis und ſetzet die Sicherheit dafür, iſt er dann zu gewinnen von einer Hand, die fünf Menſchenfinger trägt, ſo ſollt Ihr Euren alten Fackelträger nicht faul finden. Schloß Starhemberg iſt ſchlecht bemannt, antwortete der Verhüllte näher rückend und milden Tones. Viel Gut und baare Münze hat der Leopold dort geborgen, und auch der Knabe Albrecht iſt dorten verwahrt. Ich kenne den Platz, fiel der Hyneck ein; das Thor iſt eiſern wie eine Höllenpforte und die Mauer hoch wie Babels Thurm. Ich ziehe nicht mit und bötet Ihr mir einen Kurfürſtenhut und Ablaß auf achtzig Jahre dazu. Ueberdieß ſoll der Waldſee dort am Berge ſtreifen. Dein Herz iſt ſchartig wie Dein Stahl, zürnte der 16 Blumenhagen. XV. 242 im Mantel. Hat dieſer Waldſee denn mehr als zwei Fäuſte und ein Leben? Sein Schwert reicht über drei Roſſeslängen und in ſeinen Augen ſitzt eine Zauberflamme, welche blind macht, ſagte mit dem Tone einfältigen Glaubens der Sockol. Ich ſelber erfuhr's an der Donau, als er auf mich hineinhieb und ich blind wie ein alter Rüd hinab⸗ ſtrauchelte in's Waſſer, freilich dazumal mir zum Ge⸗ winn, denn im Schwimmen kam ich davon, und das kalte Bad ſparte mir einige Pfund des heißen Blutes. Niemand wird uns begegnen auf dem einſamen Berg⸗ weg, ſprach dringlich der Mantelträger fort; was ſollte auch der Waldſee dort ſuchen, da er nicht weiß, was die Burg verſteckt? Mir, dem Freunde des Herzogs, öffnet ſich das Thor in der Nacht, ſo wie ich rufe; ihr ſtürmt mir nach, und euer iſt alles Gut in der Burg, mein nur der Knabe. Horch! rief der dürre Teufel. Klang nicht eine Schwertſcheide am Geſtein? Es war im Eck dort: der Stuckel glaubt im Traume ſich zu Roß und ſchlug die Sporenräder gegen einander, antwortete gleichgültig der Sockol. Aber ſagt mir, Hoch⸗ würdiger, wie kommt Ihr zu der ſeltſamlichen Manier, Eures herzoglichen Freundes Gut mit breiten Händen zu verſchenken, und was wollet Ihr mit dem Herzogs⸗ kinde, zu dem Ihr ohne das gelangen könnet? Das Wetter iſt nicht heut' wie geſtern, entgegnete der Gefragte. Leopold wird mir es danken, warf ich ſein Geld um Großes weg. Der kleine Zankapfel muß vom Platze, in ein ander Land, unerreichbar Denen, die ſich ſeine Ritter, die Wächter ſeines Rechts und Thrones nennen. . ½2 —40 Ah ſo! ſagte pfiffig der Sockol. So weiß der Leo⸗ pold darum und will nichts wiſſen, und Ihr ſpielt mit ihm unter einer Decke. Brettſpiel im Dunkeln! lachte der dürre Teufel. Eine geſchickte Hand dreht die Würfel alle auf ſechs, und kommt's Laternel, ſteht der Venuspatſch oben. Man kann lernen bei Euch, Herr, und wäre man auch fünf Hungerjahre des Satanas Ladenbub geweſen. Ein leiſer, langgezogener Hornruf wehte jetzt vom Holz her durch die Oeffnung des Steinkeſſels herein. Alle vier horchten ſchnell aufgeſprungen, aber plötzlich that der Hyneck einen Zeterſchrei, zeigte mit ſtarrem Arme in die Höhe, und kreiſchte mit halbgelähmter Zunge: Da iſt der, den Ihr gerufen! Und als Sockols Auge dem Wegweiſer, der ſtarren Hand, gefolgt, ſchrie auch er, in⸗ dem er die Kannen wie ein Raſender zuſammenſchlug: Es iſt der Adlerfittig am Eiſenhut; es iſt der Reimbrecht oder ſein Geſpenſt! Auf die Füße, ihr Burſchen, noch iſt die Wolfsſchlucht offen! Und wirklich ſtand dort, wo⸗ hin der Raubritter gedeutet, in einem Felſenſpalt, etwa Manneshöhe über dem Boden, der ſchwarze Ritter vom Gebirg, ähnlich einer Rolands⸗Statue, das lange Schwert ausgeſtreckt über die Söhne der Mitternacht, die er be⸗ horcht hatte. Doch jetzt kam gefährliches Leben in die Erſcheinung. Ja, es iſt der Reimbrecht, donnerte ſeine Stimme verdoppelt durch die Felswände; euer Gericht iſt da! Gebt euch, ihr Blutſauger des Vaterlandes! und mit einem gewagten Sprunge ſtand er unten, und ſtürzte gegen das Wachtfeuer heran. Die ſchlafenden Raubgeſellen waren von Sockols Kannenmuſik erwacht, aber ſchlaftrunken griffen die Meiſten nicht zu den Waf⸗ fen, ſondern zu der Beute und flüchteten mit dieſer ge⸗ 244 gen den Eingang, wo ihnen jedoch Speere und Klingen den Weg verſperrten. Der dürre Teufel ſprang gegen eine Steinwand und gleich einer Rieſenſpinne ſah man ihn geſchickt an den Vorſprüngen und Felslochern ſich emporringen, bis er oben zwiſchen den Dampfſchleiern verſchwand. Der weinglühende Sockol warf ſich gegen den Waldſee, doch nicht zur Wehr, ſondern gebückt ſchoß er unter dem gehobenen Ritterſchwerte hin, gewann die Heffnung der Felsſchlucht, und ſchlug wie ein Verzwei⸗ felter, der am Schaffot um das Leben kämpft, ſich durch die Gegner. Nur der Hyneck ſtellte ſich mit ſeinem ſchar⸗ tigen Schwerte gegen Herrn Reimbrecht; zwei Klingen⸗ ſchläge machten ihn wehrlos, der dritte ſtürzte ihn todt⸗ wund über die Tafel zwiſchen die Kannen und Becher, und ſein rothes Blut färbte die weiße Platte zum Ent⸗ ſetzen des Verhüllten, der ſtarr wie eine Bildſäule bis ietzt geſtanden, und, vom Schreck gelähmt, thatlos zuge⸗ ſchauet. Den Mantel warf er jetzt, ſich beſinnend, von den Schultern und griff zum Degen, aber Waldſee's Fauſt hatte ihn längſt gepackt, der ſcheue Degen flog zur Seite in das Dunkel, und des Ritters Hand drückte ihn gewaltſam auf ſeinen vorigen Sitz zurück. Dann warf Herr Reimbrecht ſein Schwert ebenfalls auf die Blutta⸗ fel und ſetzte ſich zum Ausruhen bequem auf den Rand derſelben, unbekümmert um den Waffenlärm im Ein⸗ gange, wo ſeine wackern Gefährten annoch im Schlachten des Gefindels begriffen waren. Das Alles geſchah wie ein Zauberwerk in wenigen Minuten. Ei, Herr Berthold von Wähing, ſprach der Waldſee dann mit launigem Tone, Glück auf zu ſolch unvermu⸗ theter Begegnung! Ueberall ſeyd Ihr ein gar trefflicher Hofmann, wo man Euch auch finden mag, und wißt das Nützliche mit dem Süßen zu verbinden. Auch hier miſchtet Ihr Tafelfreude und Staatsgeſchäfte. Schade nur, daß Eure edlen Reichsräthe als feige Geſellen ſich zeigten und ihr vorſitzend Haupt gegen alle Manier im Stich gelaſſen. Wer gibt Euch ein Recht, mein zu ſpotten, Herr Landeshauptmann? entgegnete der Biſchof, mühſam be⸗ müht, Faſſung und Hochſtellung zu gewinnen. Wehe der Hand, die mich ſo hart betaſtet! Fürchtet mich, fürchtet den Herzog, den Ihr in mir beleidigt. Wieder war er aufgeſtanden, doch Waldſee's ſtarke Hand ließ ihn nicht von der unwillkommenen Ruheſtätte. Ihr zürnet gar, und ſolltet mir Dank ſagen, mein edler Herr von Wähing, antwortete ernſt der Ritter. Nicht ohne Abſicht drängte ich mich in Eure Sitzung; nein, vergebliche Mühe wollte ich erſparen; Ihr ſolltet Geiſt und Leib nicht zwecklos ermüden. Darum, mein weiſer Fürſtenfreund, bleibet ſitzen zu traulichem Gekoſe und höret an, was ich zu Nutz und Frommen Euch offenbaren möchte. Er knüpfte einen kleinen Köcher vom Wehrgehäng los, öffnete die Kapſel und ſpielte mit den befiederten Bolzen, die darin ſichtbar geworden. Ihr ſeyd ein waffenkundiger Edelmann, Herr Ber⸗ thold, fuhr Herr Reimbrecht nach einer kleinen Weile zu dem verwirrten und doch ſcharf horchenden Geſellſchafter fort, habt manchen ſcharfen Bolzen verſandt, auch ſelbſt geſchnitzt und durch Andere abſchießen laſſen, aber ſolche Zauberpfeile ſind ſicherlich niemalen in Eure Hände ge⸗ rathen. Wir ſtreiften an der Donau, da fingen meine Poſten einen ſchmutzigen Knaben auf, ein kleines Un⸗ thier, rothhaarig und höckericht auf Bruſt und Schultern wie der Aeſopus, der in alter Zeit ein launig Fabelbuch 246 geſchrieben. Der Wechſelbalg ſchrie zwiſchen den Fuß⸗ knechten, als ſtäcke ſchon ſein krüppelhafter Leib an ihren Spießen; doch als er mich erblickte, ward er ſtill, be⸗ trachtete klug mein Helmzeichen und Schildeswappen und ſprach: Ihr ſeyd der Rechte, den ich ſuche. Dann riß er ſich das Wamms vom Leibe und die falſchen Höcker ver⸗ ſchwanden, und aus ihnen kam dieſes feine Geräth her⸗ vor: Ihr ſeht, ein Köcher iſt es mit drei nagelneuen Bolzen. Wir fragten, wer ihn ſende, da ſprach der kecke Bub: Bin nur ein Lehrburſch des wackern Bognermei⸗ ſters im Todtenkopf. Er ſendet dieß dem Ritter Wald⸗ ſee und ſoll ich ſprechen dazu: von Vorlaufs Freunde an Vorlaufs Freund! Verſteht Ihr, Herr Biſchof, vom Freunde des Vorlaufs, den Ihr morden laſſen. Herr Berthold erbebte vor dem Tone, zu dem des Ritters Stimme ſich bei ſeinen letzten Worten geſteigert: es war des Leuen Stimme, der den Raub ſucht. Ge⸗ laſſen fuhr jedoch der Ritter fort: Ich kannte den Bog⸗ ner wohl, ein treues, kluges Bürgerkind, und beſah mir ſein Geſchenk. Beſchaut gefälligſt mit mir dieſe Bolzen. Auf den erſten iſt ein B gekritzelt, ſein Gefieder iſt zer⸗ rupft und die Eule gab dazu die Federn. Gelahrter Herr, könnet Ihr vielleicht mir die Geheimſchrift deuten? Der zweite Bolzen trägt ſchwarzen Fittich, auf dem der Rabe durch die Lüfte ſchwebt, und ein 1. iſt in das Holz geſchnitten. Der Herzog liegt todtkrank zu Wien; auf Starhemberg wurden wir der Poſt gewiß, die der ver⸗ ſchmitzte Briefſteller hatte erzählen wollen. Leopold im Sterben, keuchte der erſchütterte Wähing, und Ihr auf Starhemberg? Beſchauet dieſen dritten Pfeil gefälligſt. Weiß wie Schwanflaum iſt ſein Fittich, und die Inſchrift iſt ein 247 zierlich A. Die Krone darüber, wie ſie nur ihm gebührt, und dabei: Auf Starhemberg! Das war Licht in Nacht, Quellwaſſer im Durſt, ein Frühlingskranz im Grabes⸗ gram. Die Roſſe fühlten die Sporen, und wie Euer mächtiger Rame dieſem Geſindel das Schloßthor öffnen ſollte zum Knabenraube, ſo ſprengte Walbſees Rame jene Riegel zur Freiheit des verfolgten Fürſtenkindes, denn manches brave, unverführte Herz ſchlug unter den Wächtern jenes Bergſchloſſes. Ja, Herr Berthold, Euer ſchwarzer Bau ſtürzt in Schutt und Trümmer, und da⸗ mit Ihr Euch nicht vergebens müht am Bau der Hölle, ſo ſage ich frei zu Euch: wir ziehen gen Eggenburg, der wohlbewahrten Feſte, und vierzig Boten reiten ſchon durch's Land, die Ritter und die Stände einzuladen zum längſt erſehnten Ritt, zur ſchnellen Huldigung des rech⸗ ten Herrn. Der Biſchof ſchwieg; Ueberraſchung, Ingrimm und Furcht lähmten ſeine Zunge.— Es thronet ein guter Gott im Himmel, ein gerechter, der nur dem Rechte hold iſt, nur Treue belohnt, indem er ihr den Sieg bereitet! ſprach der Ritter fort und ſeine Stimme erhob ſich zum Tone der Andacht, und er ſtand auf und ſtreckte die Rechte zu dem nächtigen Himmel auf. Ihr ſchweigt noch immer, Biſchof? Meinet Ihr, ich ſey ein luſtiger Märchenſänger geweſen? Herein Eckartsau mit Deinem Kleinod, daß dieſer Ungläubige an ſeinem Glanze er⸗ blinde. Und der Ritter Leopold von Eckartsau trat aus dem Haufen der Kriegsleute heran, und an ſeiner Hand ging ein ſchöner Knabe, der ſcheu auf die Leichname und die blutige Steinplatte blickte, und ſo wie er ihn erkannt, zu Herrn Reimbrecht ſprang und mit dem zarten Arm des hochgewachſenen Mannes Schulter umfaßte, vertrau⸗ 248 lich ſich an ihn ſchmiegend, wie der Epheu Schutz ſucht an der Eiche rauhem Stamme. Das iſt Oeſterreichs Herzog, auch Euer Herr, rief der ſchwarze Ritter. Die Rache wäre gerecht; denn wer trauert nicht im Herzogthum durch Eure Schuld? Fried⸗ richs von Waldſee Geiſt, Vorlaufs Grab, ein gemartert und beladen Volk klagt gegen Euch, doch Euer Leib iſt ein geweihter; ſo ſprecht, wohin Ihr wollet, daß man Euch geleite. Nach Kloſterneuburg! ſtammelte des Wähing Zunge, und Ritter Reimbrecht ordnete ſeinen Abzug ohne Säu⸗ men an.* Das ſchwerſte Leid wird vergeſſen, nahet die Freude und trägt die junge Hoffnung ihr den grünen Kranz voran; ein Allgütiger legte den Keim dieſer Tröſtung in jedes Menſchenherz. Vergeſſen war die jahrelange Trübſal, des Krieges entſetzliche Zerſtörung; ſelbſt das Wüthen der Peſt und die ihr gefallenen Opfer waren vergeſſen, als Wiens Glocken alle tönten, um den jungen Herzog herein zu laden zum Haus der Ahnen. Zaglos wogte das Volk vor den Thoren, in die Thore, auf den Märkten und Gaſſen. Der Clerus mit den Heiligthü⸗ mern, die Ritterſchaft im reichſten Waffenprunk, der Rath der Stadt im ernſten Schmuck gingen zum Empfange des Langerſehnten. Fahnen wehten jetzt von Thürmen * Der Biſchof Berthold überlebte nicht lange ſeinen Sturz und ſeine Schmach. Grimm und Haß ohne Thatkraft rieben ihn bald, nachdem er Leopolds Tod erfahren hatte, auf. Zu Kloſterneuburg liegt er im Kreuzgange des Stifts begraben. Die Sage ſpricht von ihm, er ginge nächtlich um und läutete ſelbſt zur Hora, und die Spuren ſeiner geſpenſtiſchen Hand wären Morgens am ſchwarzge⸗ brannten Glockenſtrange ſichtbar. 249 und Giebeln, Feſtmuſik erſchallte aus jedem Hauſe, und der hoͤchſte Jubel ſchwoll zum Himmel auf, als der an⸗ muthige junge Herzog im Schmuck der goldenen Locken auf milchweißem Pferde einzog in ſeine Stadt, und aus den großen, blauen Augen in aller Lieblichkeit der reinen Unſchuld tauſendfältige Grüße all' den fröhlichen Geſichtern entgegen ſandte, die ihm auf ſeinem langen Zuge begegne⸗ ten. Ihm zur Linken ritt Herr Reimbrecht von Waldſee, in ſeinem Trauerkleide, auf ſeinem Rappen ein Schattenbild im Lichtgemälde des Freudentages, aber überall begrüßt mit dem Zuruf: Das iſt der Retter! Der war Oeſter⸗ reichs Schutzgeiſt! Nicht zur Hofburg, nein, zum Sanct Stephans⸗Dom leitete der ernſte Landeshauptmann den Zug, und an ſeiner Hand trat der junge Albrecht durch das Rieſenthor. Weihrauchwolken füllten den heiligen Bau, Blumen und duftige Kräuter waren hingeſtreut; der Meiſter Pilgram und die fürnehme Gottesleichnams⸗ Brüderſchaft ſtanden im Oratorio des Heidenthurms, und der berühmte Baukünſtler überreichte dem Herzog ſeinen ſilbernen Hammer. Dann umringten ihn die Chorherren in ihren rothen Feiergewändern, mit goldenem Kreuz ge⸗ ziert, und Wilhelm Turſo, der Probſt, der geſtern erſt den unbeweinten Leichnam des ſtolzen Leopolds zur Gruft geleitet, ſprach, mit Freudethränen im Auge, über ihn den Friedensgruß. Herr Reimbrecht führte erſt den ſchö⸗ nen Knaben durch das Gotteshaus, er zeigte ihm in der Eingangshalle die Statue Rudolphs des Stifters, dann führte er ihn weiter in die Nähe des Hochaltars und zeigte bedeutungsvoll auf die ſteinerne Hand, die vom Gewölb ſich niederſtreckt und nach der nahen Gruft der Jürſten deutet. Bewegt warf ſich der ſchöne Knabe an des Ritters Brußt. 250 Ich verſtehe Dich wohl, Du guter Mann, verſtehe wohl die Lehre der Hand von Stein, ſagte er tief er⸗ griffen. Aber ich bin ein Waiſenkind, und habe nicht gelernt zu thun, wie die gethan, die dorten ſchlafen. O lehre Du mich's, Vater, ich will gehorſam ſeyn. Gott ſegne Deine Zukunft, Deine Thaten! ſprach der Ritter und legte ſeine Hand auf das goldumlockte Haupt des Knaben. Biſt Du doch Albrechts Sohn, den fremde Zungen das Weltwunder genannt; des edlen Vaters Geiſt wird mit Dir ſeyn, und Dein Volk ſteht bei Dir⸗ in ihm die Wächter Deines Thrones. Aber Freund, was ſoll der Silberhammer in meiner Hand, den mir der bleiche alte Mann gegeben? fragte darauf ſcheu der junge Fürſt. Erräthſt Du's nicht? Pilgram heißt jener Mann, antwortete Herr Reimbrecht. Ah ſo! rief der Knabe lebhaft. Ich ſoll bauen, ſchaffen, wie meine Väter. Und ich will's. Er mag das ſchöne Werk vollenden, der freundliche Alte, mag's zu Gottes Preis, der mich durch Dich gerettet. Auch ſoll er hier, wo wir ſtehen, ein köſtlich Grabmal errichten dem herrlichen Rudolph und dem Vater Albrecht und Allen, die mein Volk beglückten. Waldſee faßte ihn feſt in's Auge. Gedenkſt Du anderer Todten nicht? fragte er.— Des wackern Bürgermeiſters, der für mich geſtorben? entgeg⸗ nete ſchnell der Prinz. Auch er und ſeine Gefährten ſol⸗ len einen Denkſtein haben, hier mitten unter den Edelſten, von Marmor wie die Fürſten. O könnte ich ſie Alle wieder in's Leben rufen, daß ſie ſich mit uns des Tages freueten. Sie werden leben, leben ſo lang die Stadt ſteht und ein Habsburger gleich treue Bürger regiert, ſprach 251 der Landeshauptmann feierlich und beugte die Kniee, denn der Gottesdienſt begann. Als die Feier beendet, ging Albrecht mit ſeinem Be⸗ gleiter aus dem Adlerthor auf den Freithof hinaus, denn er wollte die Gräber der unſchuldig Gerichteten ſehen. An den drei Grabhügeln fanden ſie einen jungen Mann, der mit beſonderer ſchmerzlicher Aufregung vor dem Her⸗ zog das Knie beugte und zugleich auf die Gräber deutete. Das iſt der Bogner Tirna, ſagte der Ritter, das iſt die Taube mit dem Oelzweig, die uns den Weg zum Frie⸗ den gezeigt. Biſt Du der Wächter dieſes Todtenhauſes 2 Ich konnte ſie nicht retten, nur begraben konnt' ich ſie, antwortete traurig der Jüngling. Ich weiß von Dir, fiel ihm der Herzog in die Rede. Herr Reimbrecht erzählte mir Vieles, und auch Du ſollſt bei mir bleiben; keinen Freund will ich von mir laſſen. Hatte ich doch bis jetzt Niemand, der mir freundlich ge⸗ weſen, war ſo arm, und will fortan ſchwelgen in mei⸗ nem Reichthume. Der Landeshauptmann fragte nach Frau Beatrix und der Tochter. Ein tiefes Weh ſpiegelte ſich auf dem Ant⸗ litze des Bogners. Er hatte Beide ſeit lange nicht ge⸗ ſehen. Zuerſt hatte ihn die Peſt gehindert, in das Kloſter zu gehen, da es frei von der Seuche geblieben. Später hatten ihn die Verfolgungen des wuthglühenden Herzogs Leopold aus Wien geſcheucht, und erſt heute war er mit vielen der Flüchtigen heimgekehrt. So führe uns hin; auch das iſt ein Pflichtgang, Herzog! ſprach der Waldſee. Von Volk umflutet, das ſich hoch ergötzte an der Kindlichkeit, dem Freimuthe und der jugendlichen Würde ſeines neuen Herrn, kamen ſie zum Sanct Clara Kloſter. In einer engen Zelle lag 252 im Halblicht der verhangenen Fenſter Frau Beatrix auf dem Sterbelager. Die Aebtiſſin und ein Mönch ſaßen neben ihrem Bett; die ſchöne Veronika kniete auf einem Kiſſen zur Seite der Mutter, ihre bleichen, ſchmalen Lippen mit kühlendem Getränk erquickend. So fand ſie der Landeshauptmann und ſtutzte erſchreckt über die ver⸗ änderte Geſtalt der ſtolzen Frau. Die Kranke ſchlug die Augen auf, erkannte des Gatten Freund, und reichte ihm die dürre Hand entgegen. So müſſen wir uns wiederfinden? rief gebeugt, ja faſt gebrochen der gewaltige Kriegsmann.— Sie nickte ſchmerzlich mit dem ſchwachen Haupte, dann fragte ſie: Wer iſt der ſchöne Knabe?— Der Ritter führte leiſe den Prinzen herbei und ſagte: Herzog Albrecht iſt es, unſer junger Herr! ein edles Herz, ein fromm Gemüth; er iſt es werth, was wir für ihn geopfert.— Die Kranke richtete feſt die müden Augen auf den Knaben, und ihre Blicke wurden nach und nach immer leuchtender. Konrad Vor⸗ lauf iſt für ihn geſtorben! ſagte ſie laut und mit fieber⸗ hafter Heftigkeit. Weh' ihm, wenn er vergäße, was er uns gekoſtet. Ermattet flüſterte ſie dann vor ſich hin: Alles iſt uns genommen von den Böſen und Ungerechten; kein Abſchiedsgruß ward uns erlaubt, keine Verzeihung von ihm. Nicht ein Angedenken blieb uns von dem lie⸗ ben Manne, es im Sterben an den Mund zu drücken. O das war ein wildes Gift und fraß das Herz ab. Der junge Herzog ſtand erſchrocken, verſtört, erbli⸗ chen mit gefalteten Händen. Zürnet mir nicht, liebe Frau, ſagte er furchtſam. Werdet geſund, und wir wol⸗ len Alles erſetzen. Hinter den Andern bog ſich jedoch der Bogner Lirna vor, helle, frei fließende Thränen im Auge. Mutter, 2 253 der Stephan iſt's! rief Veronika und preßte die kleinen Hände gegen ihre Bruſt.— Frau Beatrir ſchlug raſch die zugefallenen Augenlider wieder auf. Tirna! Und auch Du konnteſt uns verlaſſen? ſtöhnte ſie. Meine Seele war nirgend denn bei euch! erwiederte haſtig der Bogner. Aber das Angedenken von Eurem Herrn bringe ich Euch: hier, ſeine Ritterkette. Ich habe ſie treu bewahrt auf meiner Bruſt; ſie hat mich ſtark gemacht in Flucht und Noth und Kummer. Es iſt die Kette, die er trug auf ſeinem Todeswege, fiel der erſtaunte Mönch ein. Mir gab er fie, wie ich erzählt. Ich glaubte, ſie ſey mir im Gedränge geraubt. Für den einſtigen Geſpons ſeines Kindes beſtimmte ſie der Sterbende. Ein Lächeln wunderſamer Art flog über das weiße Antlitz der Kranken. Ihre Blicke richteten ſich nach oben, ihre Lippen bewegten ſich, als ſpräche ſie mit Jemanden, dann nickte ſie zwei Mal mit dem Haupte, richtete ſich auf, ſuchte nach den Händen Tirna's und der ſchluch⸗ zenden Tochter, und als dieſe ſie ihr gereicht, drückte ſie beide mit Haſt in einander. Eine milde Freundlichkeit verklärte darauf ihre Züge, ſie ſeufzte leiſe auf, ſank langſam in die Arme der Aebtiſſin zurück und— hatte vollendet. IW. Schloß Raltenbach oder der Bruͤderzwiſt. Im nördlichen Deutſchland, innerhalb der Marken des durch die franzöſiſche Gewaltherrſchaft neugeſchaffenen Königreichs Weſtphalen, doch nicht gar weit von deſſen öſtlicher Grenzlinie, lag nahe einer kleinen Stadt das Schloß Kaltenbach. Einſt war daſſelbe der Edelſitz einer alten Familie geweſen, welche dem Vaterlande Helden und Staatsmänner gebar. Das letzte Fräulein des an⸗ geſehenen Stammes und die einzige Erbin ſeiner Güter gab ihre Hand einem ausgezeichneten Kriegsmanne bür⸗ gerlicher Herkunft. Die bedeutenden Lehen ſielen dem Staate zu; Schloß und Erbgut blieb jedoch ihren Nach⸗ kommen, welche ſich ſeitdem die Engelborne zu Kalten⸗ bach ſchrieben und nennen ließen. Einen böſen Platz in der Welt hatten die Enkel und Urenkel des mesalliirten Fräuleins durch ſie bekommen: denn in einem Lande, wo mehr als irgend ſonſt die Stände geſchieden und abgeſchnitten gegen einander da⸗ ſtanden, war ihre Halbheit zwiſchen Edelmann und Bür⸗ ger ein Fehler bei beiden, und Mißtrauen von beiden Theilen war ihr Loos. Abgeſchieden lebten ſie darum auf ihrem Herrenhofe, ſuchten keinen Fürſtendienſt und zogen die Beſchäftigungen des Landlebens den Freuden der Städte vor, und ihre Untergebenen, die Einwohner der zwei kleinen Dorfſchaften, welche zur Herrſchaft ge⸗ hörten, ſtanden ſich gut dabei und waren glücklich wie Blumenhagen. XV. 17 E die Herren ſelbſt, die nicht durch Hofesprunk oder Reiſen nach Paris und Rom ihr ſchönes Vermögen verſchleuderten. Aber der Geiſt der alten Kaltenbachs war darum nicht erloſchen in der Familie: eine Feſtigkeit des Cha⸗ rakters, ein eigener, wohlanſtehender Stolz und eine leicht aufbrauſende Heftigkeit bei beleidigtem Recht⸗ und Ehrgefühl zeichnete die Männer, hohe Geſtalt, Würde und Sitte die Frauen aus, und unter den jüngern Söhnen hatte mancher im fremden Kriegsdienſte ſich Ehren und Orden geholt: der bilderreiche Familienſaal verkündete dieſes, denn in ihm bekam von Geſchlecht zu Geſchlecht iedes Mitglied, wie in der Zeit ſeiner adelichen Beſitzer, ſein Plätzchen, und neben dem geharniſchten Kriegs⸗ oberſten der Vorzeit ſah man die ſchlichten Bürger in runder Perücke und braunem Tuchrocke wie die blühen⸗ den Huſaren und Jägerhauptleute, die ſich in bunter Reihe recht gut ausnahmen und friedlich mit einander dieſe Ehrenwohnung ſo wie die Vätergruft in dem Dorfe Steinmühlen theilten. Wiederum ſchien die Herrſchaft den Namen tauſchen zu ſollen, denn der jetzige Beſitzer, Herr Franz Engel⸗ born zu Kaltenbach, war Wittwer, lebte mit ſeiner ſieben⸗ zehnjährigen Tochter Franziska das eingezogene Leben der Eltern nach, und ſchien, da er ſchon ein Vierziger war, das Andenken der geſchiedenen Gattin nicht mehr durch eine Stellvertreterin trüben und verlöſchen zu wollen. Ein Bruder des Gutsherrn, Cäſar genannt, war ſeit zwanzig Jahren und darüber in die Fremde ge⸗ zogen, man wußte nicht wohin und warum, denn in allen dieſen Jahren hatte Riemand eine Nachricht von ihm vernommen. Die ältere Dienerſchaft im Schloſſe c und die Väter der Bauernhöfe erzählten ſich noch zu⸗ 259 weilen bei ihren Bierkrügen in der Schenke zum durſti⸗ gen Fuhrmann, wie Junker Cäſar, denn die alten Titel ihrer Herrſchaft zu geben verſäumten die Landleute nie, ein großer, ſtattlicher junger Herr geweſen, freilich recht aufbrauſend, aber ſonſt ſo brav als gütig, und auf der Jagd der beſte Schütze und Saufänger, in der im Kahne und bei Feuersbrunſt der Höchſte auf der Leiter. Dieſe Lobſprüche brachten indeß den Ver⸗ ſchollenen nicht zurück und im Schloſſe ſprach man noch leiſer von ihm, denn der Schloßherr hörte nicht gern davon⸗ und war ſelbſt finſter und einſilbig geworden, als einſt ſein Liebling und trauteſter Geſellſchafter, der junge Doector Beſt, im Bilderſaale nach dem Vermißten fragte. Das Schloß Kaltenbach lag in einer herrlichen Ge⸗ gend, einem Eden für Dichter und Romantiker, mitten in einem Park, deſſen Ausdehnung verhinderte, daß man die der hohen Mauern gewahr wurde, die rundum das Beſitzthum umſchloßen und ſicherten. Eine flache Höhe, der letzte Abhang naher Bergketten, trug Park und Gebäude; von da lief das Gebirge in ſeine letzte Spitze aus, erhob ſich hier noch einmal in ein bedeutendes Vorgebirge von wüſten und zackichten Kalk⸗ und Kreidefelſen, und ſenkte ſich dann ſteil zu der frucht⸗ reichſten Thalgegend hinab, wo ein großer Strom des Landes ſich in einem Bogen, den Fels, dieſen Rieſen⸗ wächter des Bergreichs, ewig bekämpfend, um ihn hin wälzte. Auf der höchſten Spitze ſtand ein älter Wart⸗ thurm der Vorzeit, jetzt in eine friedliche Windmühle umgewandelt; des Windmüllers Haus und Gärtchen war der einzige Schmuck des kahlen, höhlenvollen und mit Steinbrüchen bede Felsgipfels; tiefer am Abhange dampfte ein ſchwarzer Kalkofen und verdunkelte immer⸗ —————————— fort den Himmel mit ſeiner düſtern Rauchwolke, und ganz unten lag ein Dutzend Fiſcherhütten, armſelig und klein unter Ellern und Ahorngebüſch, doch die Ufergegend ſchmückend und für manchen reiſenden Maler ein Lieb⸗ lingsvorwurf ſeiner Kunſt. Friſch wehte der Morgenwind über die reichen Felder, wo die Senſe klang und fleißige Landleute die goldent Frucht in ſchwere Garben ſtellten, in Gottes Wohlthaten Troſt für vöſe Zeiten findend. Doctor Beſt ſchritt aus dem Thale die Höhe hinauf; er folgte der breiten Land⸗ ſtraße und ergötzte ſich in der Betrachtung des Schloſſes und der grünen Baumgipfel, welche, vom Herbſte mit roth und gelb gemiſcht, über die weißen Mauern ragten, und über ihnen ſich wie Rieſenblumen in einem Porzellan⸗ korbe ausbreiteten. Er ſtieg bis zum Thore des Parks hinan: hier prangten noch die Wappen der Kaltenbachs auf zwei breiten Pfeilern, Steinſitze und Raſenbänke luden außen den Wanderer zur gaßtlichen Ruheſtätte, vor der ſich die ganze prachtvolle Gegend ausbreitete, und eine lange, weitgepflanzte Kaſtanienallee führte vom Gitterthore zum Schloſſe, an deren Ende ſich der größte Theil der Fronte des Gebäudes zeigte. Der Doctor ſchaute mit ſeinen dunkeln Falkenaugen die Allee hinab, ob er nichts von der ſchönen Franziska an den Fenſtern des Schloſſes zu erblicken vermöchte; indem trat der Gärtner Nicola, mit der Reinigung des Eingangs be⸗ ſchäftigt und rückwärts mit der Harke weiterärbeitend, um den Pfeiler des Thors, und Beſt, dem der alte Krebs faſt die Zehen zertreten, faßte ihn derb mit der Hand auf die Schulter und bot dem Erſchreckenden ſo den Morgengruß. Wir haben Sie ſchon früher geſehen als Sie uns, 261 ſagte der weißhaarige Greis freundlich, als er ihn er⸗ kannte, ſetzte ſeine Harke in Ruhe und nickte traulich mit dem faltenreichen Geſichte. Sie find nicht wie die Gewöhnlichen und Meiſten jetzt: Mitternachts bei Flaſche und Spiel und Mittags noch im Bett! Frühe Arbeit iſt doppelte Arbeit; frühe Gutthat iſt zwiefache Gutthat. Das ſagte auch der Herr vorhin, als er hier auf der Raſenſopha ſein Morgenpfeifchen rauchte und wir den Herrn Doctor ſchon dort unten über den Wieſenpfad nach der Straßenherberge zur aufgehenden Sonne hinabſchrei⸗ ten ſahen. Herr Engelborn ſagte das? fragte der Doctor mit deutlicher Theilnahme, und ſprach er nicht noch mehr? Sie werden roth werden bis über das krauſe Backen⸗ bärtchen, ſobald ich's wiederhole, ſagte Nicola. Der Herr lobt ſonſt eben nicht über das Maß, aber ſeitdem Sie ihm das Hüftweh ſo ſchnell vertrieben und dabei Abend vor Abend ſo gar geduldig am Schachbrett aus⸗ halten, haben Sie einen Hauptſtein bei ihm im Brette, und er könnte vom eigenen Sohne nicht triumphirender und mit ſtolzerer Vorliebe plaudern. Aber was ſprach er von meinem Gange dorthin? Weiß er? fragte der Doctor mit unruhiger Haſt. Daß dort ein alter franzöſiſcher Tanzmeiſter am Tode liegt und Sie den weiten Weg von der Stadt nicht ſcheuen, ohne Ausſicht auf blanke Gutmachung, fiel der Gärtner ein; Alles weiß er. Er fragte: ich erzählte. Was läuft er nach dem Geſindel? ſagte er da auffah⸗ rend. Könnte für andere und beſſere Kranke ſeine Zeit ſparen. Plötzlich hielt er dann ein und fragte ſanfter: Iſt der Mann wirklich ſo ſehr krank? Todtkrank, ſagte ich; glaube an der Kriegspeſt, Typhus, oder wie ſie's — nennen; arm und ſchwach iſt er dort mit einem Kinde an der Landſtraße liegen geblieben; Fräulein Franziska hat ſchon oft auf des Doctors Bitte Fleiſchbrühe und Wein hinuntergeſchickt. Hat ſie? fragte er haſtig. Soll's vleiben laſſen! Trinkt mir der Oberſt ſchon genug vom guten alten Rheinfaſſe. Daß es Gift würde der frem⸗ den Schmarotzerhorde! So ſtolperte er fort an ſeinem Krückſtabe, aber bald kehrte er um, gab mir zwei Spe⸗ ciesthaler und ſagte dabei: der Eine iſt für die Fiſcher⸗ wittwe, welcher geſtern der Mann begraben wurde; ſie kann ſich alle vierzehn Tage das holen, und der Andere nun, Du findeſt wohl noch einen Unglücklichen, dem das nützt. Ich verſtand den Herrn und gebe Ihnen das Geld, Herr Doctor, für den Tanzmeiſter, wenn er auch ein Franzoſe iſt. Sonderbarer und doch ſo herzensguter Mann! rief der Doctor aus. Herz und Kopf im ewigen Kampfe, und doch der Sieg ſtets auf der beſſern Seite. Gut! ja wohl, recht brav, fiel der Gärtner bei; nur ein Hitzkopf ohne Gleichen, jetzt wie im zwanzigſten Jahre. Sie hätten den Mann ſehen ſollen vordem: Augen wie Feuerräder, Wangen wie Ranunkelroſen, ſchlank wie der ſteinerne Sonnengott dort auf der Schloßtreppe, und eine Stimme wie das Echo am Berge drüben. Ich habe ihn geſehen, wie er ſich mit dem Herrn von Grone an der Windmühle ſchlug, daß das Blut die alten Wände be⸗ ſpritzte; ich habe zuhören müſſen, wie die beiden wackern Brüder furchtbare Worte mit einander wechſelten, daß mir das Haar zu Berge ſtand, ich veide Arme zwiſchen ſie hielt und Alles, was ſcharf war, zur Seite warf, weil ich glaubte, jene Stunde müſſe mit Brudermord endigen. Der alte ſelige Herr kam dazu und jagte die Zänker auseinander. 263 Und woher ſolche Unnatur? fragte der Doctor. Das weiß Niemand, ſelbſt der ſelige Herr hat nichts herausgefoltert, antwortete Nicola. Bald darauf ging Junker Cäſar fort, und weil er von dem Agenten des Vaters in der Stavt vorher eine bedeutende Geldſumme gehoben und mitgenommen, ſo fiel nun des alten Herrn Zorn ganz auf ihn, und Junker Franz hat nie nach dem Bruder gefragt und nie von ihm geſprochen, und Jeder geräth bei ihm auf acht Tage in Ungnade, der nur des Verlaufenen erwähnt. Beide hörten in dieſem Augenblicke nicht fern von ſich einen beſondern Ton, der ſie zum Hinſchauen aufſchreckte. Der Ton klang faſt wie ein ſchmerzlicher Seufzer, aber zugleich war es, als habe ein Fluchwort den Seufzer beſiegt. Sie ſahen einen langen Mann von dem Sitze an der Mauer aufſtehen und von ihnen abgewandt langſam am Parke hinabgehen. Ein großer Hut verdeckte Geſicht und Kopf, der lange blaue Oberrock war abgetragen, die Geſtalt ſonſt hoch und kräftig, nur etwas gebückt. Der hat wohl gar gehorcht, und da ſoll ihn ja—! fuhr Ni⸗ cola auf und hob ſeinen Gärtnerſpeer, die weiße Harke. Laß ihn, Vater! ſprach Beſt. Vielleicht iſt es ein armer Reiſender, den Deine Geſchichte an ähnliches Elend mahnte. Ich ſuche das Fräulein bei ihren Nelken. So ging er die Kaſtanienallee hinab, und der Gärt⸗ ner ſah dem wohlgewachſenen, nett gekleideten jungen Manne wohlgefällig nach und berechnete ſchon die Hoch⸗ zeit, die bald kommen mußte, vielleicht auf das Frühjahr ſchon, und wie er Ehrenbögen und Illumination ein⸗ richten und ſtellen, und Alle mit einem Feſtaufzuge der Fiſcher und Bauern überraſchen wollte. — 264 Träume ſind freundliche Boten des Himmels; wohl dem, welcher lange träumt und ungeſtört, und den kein mitternächtiger Feuerruf von der Maienwieſe wegſchreckt, wo er Blumen brach. Unſer Nicola wurde plötzlich aus ſeinem Phantaſie⸗ ſpiele gerufen, indem er mit ſcharfem Auge die Höhe des projektirten Obelisken ausmaß, der mitten in der Haupt⸗ allee prangen und die Brautkrone, aus grünen Feuer⸗ zacken gebildet, tragen ſollte. Eine ſeltſame Weibsgeſtalt war in den Garten getreten. Auf ihrem braunen Haare, das in verwirrten Flechten und Zöpfen Nacken und Schul⸗ tern umflatterte, hing ein großer Schäferhut von Filz; ein dicker Strauß von Feldblumen und Waldbeerdolden prangte am Hute, mit einem abgeblichenen Seidenbande befeſtigt. Das Kleid des Frauenzimmers ſchien von gu⸗ tem Stoff und Schnitt, aber Sonnenſtich und Reiſe hat⸗ ten es beſchmutzt und zerfetzt, und nur locker geheftet ließ es Hals und Bruſt faſt deckelos, deren weiße, feine Haut wunderbar abſtach von der Umgebung. Die Fuß⸗ bekleidungen waren gleich armſelig, und die Schuhe mit alten Bändern feſtgeſchnürt; über dem Kleide hing ein rothbuntes Mäntelchen, wie es die Bauernweiber tragen, und wiederum über dieſem Geſchenke ländlichen Mitleids trug die Perſon den Reſt eines buntfarbenen Shawls von beſter Wolle. Die Geſtalt war wohlgebaut, doch mager; der Gang zeigte von Schwäche, welche die Frau durch Hochtragung des Kopfes und ſchnellen, kurzen Schritt verbergen zu wollen ſchien; zwar zerfallen, hatte das Geſicht Spuren früherer Schönheit: die dunkelblauen Augen blitzten noch trotz ihrer Verſunkenheit, und der Mund, welchen ein ſeltſames, grauenvolles Lächeln um⸗ zog, war voll weißer Zähne. Ihr Aer ſchien zwiſchen dreißig und vierzig zu ſtehen, aber Leidenſchaft und tie⸗ ſes Leid hatten mehr gethan als der Jahre Zahn. Mit bleichem Geſichte und ſtarr wie eine Bildſäule ſtand der alte Gärtner, ſtier die Augen auf das Weib geheftet. Die Bohnenſtange, die bei dem geträumten Obelisken ihm als Viſirwerkzeug gedient, entglitt ſeiner bebenden Hand, und kaum vernehmbar zitterte der Name: Helene! von ſeinem Munde. Ja, Helene iſt es, ſprach mit widriger Freundlichkeit die Fremde und näherte ſich nun ganz in großer Be⸗ weglichkeit. Und Du, alter Ohrwurm, kriechſt auch noch immer unter Deinen Blumen herum? Aber ſey nur zufrieden: Helena iſt wieder da und iſt glücklich, und ihr Alle ſollt haben, was ihr wollet und begehret. Siehſt Du nicht meinen Zobelpelz? Siehſt Du nicht die Bril⸗ lanten und Rubinen auf meinem Hute! Alles echt! Alles echt wie— Liebestreu! Mein Bräutigam iſt gefunden! Durch die ganze Welt habe ich ihn geſucht, durch Eis und Schnee, über Meer und Berg und Buſch; nun iſt er König geworden, und ich bin ſeine Gräfin, und wir Alle ſind froh, o ſo froh! Sey Du es doch auch mit⸗ alter, guter Freund! Großer Gott! Iſt es dahin gekommen? ſeufzte Ri⸗ cola und faßte ſich ſelbſt ſorgſam an die Stirne. Iſt das der Schönheit und Klugheit ſtrafendes Schickſal, wenn ſie die Sünde beherbergen und ihr dienſtbar werden? Beherbergen? ſprach das Weib mit traurigem Tone nach. Nein! nicht Alle ſind ſo gut wie die Leute zu Kaltenbach. Glaub's nur, Nicola, Helene hat oft keine Herberge gefunden, ſo ſehr ich ſie auch bat. Aber nun bin ich wieder da, und Alles iſt wieder wie ſonſt, und mich wird man nun wieder bitten, und ich werde nichts * 266 abſchlagen. Ach, es thut gar zu weh! Du haſt den Garten recht gut gehalten, Vater; Jäger Chriſtoph und Jungfer Babett halfen Dir fleißig, und nun wird der alte Herr nicht ſchelten, wenn er mit den Hunden hin⸗ auszieht in den Stemmerbruch. Trinkt die Diana noch aus ſeiner Mundtaſſe ihre Milch? Ich kann ſie nun wieder pflegen und waſchen; der alte Herr ſieht es ſo gern. Und ſitzt die gnädige Frau noch jeden Abend im veilchenblauen Atlaskleide hinter dem Theetiſche und läßt ſich vom Junker Franz vorleſen? Und was macht der gute Junker Franz, und was macht der wilde Junker Cä——2 Das Wort ſtarb ihr auf den Lippen, und mit der ausgeſprochenen Silbe ſchien eine merkwürdige Veränderung, wie durch Zauberſchlag erſchaffen, in ihr vorzugehen. Das widrige Lächeln verſchwand vom Ge⸗ ſicht und machte dem Ausdrucke der tiefſten Betrübniß Platz, die Augen verloren den unnatürlichen Glanz und wurden thränenfeucht, die beweglichen, weit ausgreifen⸗ den Arme ſanken ſchlaff am Leibe herab, und die ganze Figur wurde einer Statue ähnlich. Armes Kind! ſagte Nicola mitleidig und trat näher zu ihr, was magſt Du nicht erfahren und gelitten haben! Aber wache auf, denn Du lebſt nicht mehr in jener ſchö⸗ nen, freien Zeit. Damals waren meine Haare nur ſil⸗ bergrau, jetzt ſind ſie weiß geworden wie der Berge Schnee, und von Denen, die Du nannteſt, ſind Viele begraben, Andere nicht mehr bei uns. Helene drückte ihre ſchwere Stirne gegen des Greiſes Arm. O ich bin wohl recht unglücklich! ſeufzte ſie tief. Aber wo iſt der Junker Franz? fragte ſie dann mit zu⸗ rückkehrender Lebhaftigkeit. Ihn muß ich ſehen und ſprechen. —— —— 8 8 267 Herr Franz, Herr Engelborn auf Kaltenbach, ſo mußt Du ſagen, antwortete der Gärtner der mit Er⸗ ſtaunen Zuhorchenden. Der alte Herr Friedrich und ſeine gnädige Frau ſchlafen längſt da unten unter dem Kir⸗ chenchor, und im Schloſſe findeſt Du ein Fräulein Fran⸗ ziska, das auch bald Hochzeit machen wird. Doch komm nur mit in den Hirſchpark, da iſt der Herr. Kommſt Du auch vielleicht ungelegen, ſo ſieht man es doch, daß Du ſeiner bedarfſt, und da mag er mit dem Alten brummen. Die Frau war durch des Alten Rede noch verwirrter geworden, als ſie hergekommen. Scheu ſah ſie ſich überall um, als der Greis ſie bis zu dem Gehege führte, wo er an der kleinen Pforte ſtill ſtand, ſie faſt mit Gewalt in das Tannengebüſch vorwärts ſtieß und zurückbleibend ihr dann mit mitleidigem Achſelzucken nachblickte. Der Herr von Kaltenbach ſaß auf einer Zweigbank von weißem Birkenholze, mitten im Fichtendickicht, vor einem Einſchnitte des Gebüſches, der zu einem kleinen Wieſenraume ausführte. Ein Rudel Damhirſche ſtand mit vorgeſtreckten Köpfen im Graſe und ſchüttelte die preiten Geweihe, und eine zahme buntgefleckte Hündin war in den Laubausſchnitt getreten, fraß langſam und mit Manierlichkeit aus der Hand ihres Herrn und ließ ſich mit ſichtbarer Luſt das Köpfchen kratzen. Der große Meerſchaumkopf lag ausgedampft zur Seite, und Herr Franz ſaß da, glücklich in ſeiner Spielerei, vergeſſend, was dazumal jedes deutſche Bürgerherz und jeden Fa⸗ milienvater tief beugte und grimmig marterte im Ge⸗ fühl der Entehrung und Knechtſchaft. Aber das Rudel 268 der feinen Thiere fuhr plötzlich durcheinander, ſtand noch einen Augenblick zur Seite gewendet, und flog dann mit gewaltigen Sätzen über den feuchten Wieſengrund zum fernen Gebüſch, und auch das zahme Thier ließ das Weißbrod aus den ſchmalen Lippen fallen und ſchob ſich langſam und die klaren Augen in die Höhe gerichtet rücklings in den Einſchnitt des Gebüſches zurück. In demſelben Augenblicke fühlte Herr Franz auf der Hand, welche an der Lehne ſeines Sitzes geruht, einen heftigen Kuß von brennenden Lippen, und aufſpringend ſtand auch er erſtarrt wie der Gärtner vorhin, und ſchaute mit bleichem Geſichte die Erſcheinung an. Guter Franz! ſagte ſie, darf Helene Dich grüßen und um Vergebung bitten und danken nochmals im Leben für Alles, was Du für ſie im Leben gethan und was ſie mit ſo vielem Undanke gelohnet? Unverſchämte, Unbeſonnene! fuhr Herr Engelborn los mit zuſammengezogener Stirne und blinkend rollenden Augen. Und Du wagſt es, hier wieder zu erſcheinen? Willſt Du zwiſchen vier dunkeln Mauern ſterben? Willſt Du mit all' dem Leide, welches Du in meine Jugend gebracht, auch mein Alter vergiften? Du boͤſe, verab⸗ ſcheuungswürdige Kindesmörderin! Nein! nein! rief Helene, hob beide Hände hoch auf, und hielt ſie mit Abſcheu von ſich geſtreckt. Es lebt! Bei dem Windmüller lebt es! Du weißt es, und er⸗ ſchreckſt mich nur, um mich zu ſtrafen. Bei dem Windmüller? fragte Herr Franz erſtaunt. Der hat nur einen Sohn, und ſeinen eigenen. Nur Einen? lallte Helene betäubt. Ich gab ihm ja den zweiten in derſelben Nacht, wie ihm der erſte geboren. Zwillinge gebar die Frau, antwortete Herr Franz 269 ſanfter, denn der Schmerz des Weibes ſchien ihn mit zu ergreifen; aber Einer davon ward ſogleich begraben. Mein Kind! Mein Kind! ſchrie Helene mit Ver⸗ zweiflungstönen. Die Nacht war ſtürmiſch und kalt, der Kleine nur leicht bedeckt; man hat zu ſpät gefunden, was ich hingelegt. Aber redlich hat er die Sünde mit ſeinem Chriſtenmantel zugedeckt. O mein Herr Gott! wo finde ich nun meine Ruheſtätte. Sie war an dem Fichtenſtamme hingeſunken. Herr Engelborn trat guimüthig zu ihr, nahm ihre Hand, half ihr auf, und feht ſie ſanft um den Leib. Siehſt Du, Helene! ſo rächt ſich Leichtfinn und Spott, ſagte er wie mit recht tiefem, verhaltenen Schmerz. So ſtraft ſich mein Gram an Dir. Doch laſſen wir das jetzt. Man muß nicht aufdecken, was die Zeit mit mütterlicher Sorgſamkeit vergrub. Wie lebteſt Du? Was willſt Du hier? Wohin ſoll das führen? Wohin? fragte Helene, und der gezogene Ton und ihr Blick, welcher ſtier und blitzend ward, verrieth den kehrenden Wahnwitz. Wohin nun? Ja, zu dem kleinen Hauſe, das ſo traulich dunkel iſt und ſo kühl wie— die Eremitage dort hinten im Birkenhölzchen, wo es ſo ſelt⸗ ſam flüſtert und ruft. Kennſt Du das FPlätzchen noch? Ich habe ſo lange geſ ſucht, geſucht mein verlorenes gutes Gewiſſen. Aber das findet ſich nicht ſo leicht wieder, denn wenn es einmal entfloh, hüpft es immer vor uns hin wie das Irrlicht auf dem Moore. O Franz, halte es feſt, recht feſt! Du biſt ſehr krank, Mädchen, ſagte ſchmerzlich der Schloßherr; die Leute ſollen Dich zu Beit bringen. Biſt Du denn immer noch ſo gut? fragte ſie mit wehmüthigem Lächeln. O ich weiß noch, wie Du mir 270 begegneteſt auf der Flucht zu Pferde, und mich anhielteſt und nach dem Kinde fragteſt. Ich konnte nicht antwor⸗ ten, da gabſt Du mir haſtig den Beutel voll goldener Pfennige, und winkteſt nach der Grenze hin. Ich ging, ich flog, denn ich konnte Deine Augen nicht ertragen. Ach! Du wareſt immer beſſer als Er, und doch konnte ich— Ich bin wohl eine ſchlechte Perſon geweſen, und komme auch nur her, um da zu ſterben, wo ich fromm und glücklich lebte. Gönne mir das, Du guter Franz⸗ gönne mir es um der Liebe willen, die Du einſt mir boteſt! Wie ſoll ich Dir helfen? Was ſoll ich thun? fragte der bewegte Mann. Ich will hinunter zu der Fiſcherhütte, fuhr ſie mit düſterm Siunen fort. Dort will ich's zu Ende bringen. O die Schlange, die mir in der Bruſt wohnet, ſeit ich das gute Gewiſſen hinauswarf, hat mein Herz zerbiſſen, und dann blutete oft die Bruſt, und es fraß darin, o ſo arg, ſo arg! Als ich hier in die Berge kam und an den Fluß, da ward mir beſſer. Aber jetzt fühle ich es wieder ſo warm und weh tief inwendig. Es iſt bald aus, und ich muß zur Hütte des alten Klaas. Vergib Du mir nur erſt, Du gekränkter, Du himmliſch⸗guter Franz! Sie ſchwankte gegen die Bank. Herr Engelborn rief den Gärtner und befahl ihm, die Kranke zu der Wittwe Klaas zu bringen und für ſie zu ſorgen. Geh', Helene! ſagte er und drückte ihre Hand. Ich — Sie nickte träumend mit dem Kopfe und ließ ſich fortführen. Herr Engelborn aber nahm ſeine Pfeife und 6 74 . — 6 ſchalt in ſich: Unſeliger Brüderzwiſt, verdammiter Jäh⸗ zorn, der drei Unglückliche machte, und an den ſich viel⸗ leicht noch Entſetzlicheres knüpft! und ſo ſchritt er mit geſenktem Haupte durch den Park zum Schloſſe. Die Zeit war überreich an Begebenheiten, und das Ungewöhnliche überraſchte nicht mehr. Unbezwungene Legionen, die nicht Heeresmacht, nicht Meer, nicht Alpe hatte aufhalten können, vernichtete die Hand des zürnen⸗ den Weltenherrn durch eine Winternacht. Aber wie aus Cadmus Saat erwuchſen dem Boden neue Geharniſchte, und dem warnenden Gotte zum Trotze führte der kecke Imperator ſie wiederum ſtürmend Fels hinan, um die Pyramide der Weltherrſchaft zu erobern, in welcher die Rieſenkrone der alten Pharaonen zu finden war. Kriegs⸗ drang, Unterjochung, Mordbrand, Plünderung, alle dieſe losgelaſſenen Furien verwilderter Menſchheit hatte Deutſch⸗ land geſehen und ihre Schlangengeiſeln empfunden, und ſelbſt das ungewöhnlichſte Ereigniß befremdete kaum; doch ſtutzte der alte Nicvola, als er die Weinende, welche ihr Geſicht tief in ein Tuch gedrückt, aus dem Flügelthore des Parks führen wollte, und er einen ſchlanken Garde du Corps, von Gensdarmen begleitet, am Gitter fand, der Einlaß begehrte. Mit finſterm Angeſichte und herriſchen Tönen fragte der junge Offizier aus Helm und Küraß heraus in fran⸗ zöſiſcher Sprache nach dem Oberſt der Küraſſiere, Comte la Roche. Der Mann, den der Herr zu ſuchen ſcheint, wohnt bei uns, antwortete der Gärtner; doch verſtehe ich die fremde Mundart nicht, und glaube faſt, der Herr könnte ſo gut deutſch ſprechen wie unſer Einer. Wie meinet das der alte Narr? fragte der Offizier zurück mit ſtechendem Auge, deutſch, aber mit gezwungen fremdartigem Dialekte. Alſo dieſes iſt Schloß Kaltenbach? Wenn mir recht iſt, fuhr der Gärtner gleich eintönig fort, ſo weiß das der Herr ebenfalls ſo gut als unſer Einer.— Eine dunkle Röthe überflog die Wangen des Geharniſchten. Er hob die Hand mit der Reitgerte wie zum Schlage; doch beſann er ſich, brummte: Dummes Eſelvolk, ihr Stockdeutſchen! und mit ein Paar fran⸗ zöſiſchen Flüchen trieb ſein Sporn das dampfende Roß durch die Allee zum Schloſſe. Die Gensdarmen folgten im Trabe. Und meinen ſchönſten Orangenbaum wollte ich ver⸗ wetten, es iſt Windmüllers Fritz, der im vierzehnten Jahre mit den braunen Huſaren davon lief! So ſprach der alte Nicolai in ſich hinein und wandte ſich dann wieder um zu der vergeſſenen Begleiterin. Sprachlos hatte dieſe den blanken Reiter angeſchaut; ihre Züge waren lang und ſtarr wie weißer Marmor geworden, ſie hatte die Arme ſinken und das Thränentuch in den Sand fallen laſſen. Als aber jetzt der Reiter fortſprengte, hob ſie mit krampfiger Bewegung beide Arme ihm nach, langgeſtreckt wie Wegweiſerflügel, und mit ſeltſam krei⸗ ſchender Stimme rief ſie: Cäſar! Cäſar! Dann ſank ſie ſinnlos am Gatterthore nieder, und Blut rann über die am Eiſen zerſchlagene Stirne.— Hilf Himmel! zürnte mit ſich ſelbſt der erſchrockene Greis, hatte ich Dich vergeſſen! Cäſar! Ja, ſo ſah wohl der Junker aus, ehe er in die Fremde zog; aber jetzt mag er auch wohl ſchon einen Silberſchnitt am Schwarzkopfe haben und kleine Harkenfurchen an den Schläfen, wenn er nicht ſchon ſchläft da, wo auch Dir beſſer ſepn würde. Ein 273 Bauernwagen fuhr zum Kalkladen nach der Brennerei in den Berg. Nicolai rief die Leute an: man legte die Ohnmächtige in das Stroh, verband die Stirnſchramme, und langſam fuhren die Mitleidigen ſie zum Fiſcherdorfe hinüber. Im Saal des Schloſſes ſtand indeß der Garde du Corps, auf den breiten Sarras geſtützt, und erwartete mit Ungeduld den Oberſt, welcher im Zimmer früher angekommene Offiziere abfertigte. Er beſchaute ſich die Wandgemälde, und lächelte faſt höhniſch über die ſelt⸗ ſame Miſchung von Trachten, welche die lebensgroßen Porträts darboten. Da wurzelte ſein Fuß vor einem männlichen Bilde. Er blickte es wieder und wieder an, und drehte ſich dann wieder und wieder zum großen Tafelſpiegel der Fenſterwand, darin die eigene Geſtalt muſternd. Seltſam! ſprach er mit aufgeworfenem Munde. Iß's doch, als hätte ein boshafter Maler eine Fratze von mir an die Wand gehangen. Der ölblaue altfränkiſche Rock und die ſchwefelgelbe Weſte ſtehen närriſch genug zu meinem Antlitze, und die ſteifgepuderte Friſur mit dem dicken Nackenzopfe vollenden die drollige Karrikatur von mir. Das Geſicht iſt ſchön wie—. Er ſah ſich raſch um, ſelbſt erſchreckend über das geckiſche Selbſtlob. Wer kann es ſeyn? fuhr er heftiger fort. Wer von den Mei⸗ nigen käme hier auf das Herrenſchloß unter die eiteln Junker? Vater Hans mit der Stutznaſe und dem großen Maule ſah ſicher nimmer ſo aus, und der ſchielende Ohm hatte eine brandrothe Filzperücke wie ein polniſcher Judenkopf. Hätte einer der Edelherren hier vielleicht meine Mutter nicht ungern geſehen, und guoͤlle aus Blumenhagen. Rv. 18 dieſem Quell mein innerer Grimm gegen die gemeine Abkunft? Wirklich wunderbar und einer Nachfrage werth bei dem Kaſtellan. Ein klirrender Schritt ſtörte das Selbſtgeſpräch. Aus des Oberſten Cabinet trat der Jägerhauptmann Simansky und reichte dem Verſtum⸗ menden mit Haſt die derbe Hand. Willkommen, Lieutenant du Vent! ſagte er franzöſiſch. Ihr bringt ſchlechte Botſchaft aus der Reſidenz; ich ſah es am verdüſterten Geſichte des Commandeurs, als er Eure Depeſche las. Iſt es denn ſo gar arg? Arg genug, um Weiberköpfe und Knaben verrückt zu machen, antwortete der Lieutenant der Leibgarde. Der Hof macht ſich zur Flucht bereit. Schatz und Kaſſen ſind gepackt. Der Marſtall ſteht Tag und Nacht im Geſchirr. Ueberall an den Oſtgrenzen ſchwärmen vorgeſprengte Koſacken, und im Nachbarlande rührt ſich Landwehr und Landſturm. Der Soldat lächelt dabei; der Höfling und der Bürger zittern. Junger Freund! Ihr habt Spanien und Polen nicht geſehen, erwiederte der Hauptmann ernſt; ſonſt würde Euer Lächeln ausbleiben. Ein mit den Waffen der Natur für Vaterland und eingeborenen König erſtehendes Volk iſt ſchrecklich wie der ausbrechende Vulkan, und unſere Batterien und Reitermaſſen verſinken im empör⸗ ten Meere eines wahren Völkerkriegs. Unerträglicher Druck bewirkt gleichen Gegendruck, und kennt ein Volk erſt einmal die Kraft der Maſſe, bringt der Geiſt der Genialen an der Spitze Einheit und Eintracht in die Menge, ſo gleicht der Widerſtand fremder Heermaſſen dem unnützen Kampfe mit der Hydra, der für jeden ab⸗ geſchlagenen Kopf zwei friſche erwuchſen. Wir verach⸗ teten faſt die Deutſchen bislang; Gott gebe, daß ſie nicht — 8 uns einmal die Achtung recht derb und handgreiflich auf⸗ zwingen. Ein Knabe noch, holte ich mir bei Eilau dieſe Stirn⸗ ſchramme, enigegnete der Lieutenant ſtolz, und bei Re⸗ gensburg dieſen Wangenhieb. In Wagrams Mordfeuer half ich in der Mitte unſerer Panzerreiter Oeſterreichs Grenadiere ſprengen, und jetzt ſollte Furcht vor einem Bürgertroß, der keiner Wachparade Stand hält, mir Unruhe machen? Die Natur allein beſiegte unſere Un⸗ überwindlichen auf den Steppen des Nordens. Menſchen thun dem Achill des Säkulums kein Leid, denn er zeigt ihnen die Ferſe nicht. Der Comte de la Roche trat aus ſeinem Zimmer und ſtörte die feurig werdende Unterhaltung; ſeine Ad⸗ jutanten folgten ihm. Der hochgewachſene Krieger im reifen Mannesalter, mit dem römiſchen Imperatorgeſichte und den großen Feueraugen, deren Jugendglut nur durch die kahle Scheitel des ſonſt umlockten Kopfes mil⸗ der erſchien, trat mit Würde dem Angekommenen ent⸗ gegen. Ich wünſche mir Glück zu Ihnen, ſagte er mit Hoflichkeit dem Garde du Corps⸗Offizier. Der König hat Ihnen die durch Raynevalds Tod erledigte Compagnie der zweiten Küraſſiere geſchenkt. Sie bleiben in der nahen Stadt, und da die Gefahr hier im Grenzreviere zu wachſen ſcheint und die Mehrzahl meiner Mannſchaft aus Depots und jungen Leuten beſteht, ſo freue ich mich, einen braven Offizier mehr bei mir zu haben.— Du Vent verneigte ſich tief. Aus dem Zimmer des Schloßherrn kam jetzt die Fa⸗ milte des Hauſes, Herr Engelborn voran, und nach ihm die ſchöne Franziska am Arme des Doctors Beſt, im Begriff, den Geſellſchaftsſaal zu paſſiren. Iſt es gefällig zum Frühſtück, meine Herren? ſagte das Fräulein artig. Der Oberſt ſchritt auf ſie zu, nahm mit ritterlicher Galanterie ihre Hand und führte ſie zu ſeinem Munde. Sie gleichen Arthurs ſchöner Königin, mein Fräu⸗ lein, welche die frommen Ritter alle an ihrer runden Tafel feſthielt und ſie zu Thaten der Ehre begeiſterte, ſagte er zierlich. Doch die innigſte Sorge für Ihr Wohl läßt mich den Wunſch ausſprechen, Sie möchten den Vater bewegen, dieſes Schloß mit der nahen Stadt zu vertauſchen. Es ſcheint in der Gegend unruhig zu wer⸗ den, es möchten gefährliche Tage kommen, und meine Soldatenpflicht könnte mir verſagen, fernerhin als Erz⸗ engel vor dieſem Himmel Wache zu ſtehen. So wäre die Geſchichte von den Koſacken dennoch wahr; ich hielt ſie für ein Mährchen, wie die Fiſcher ſie gewöhnlich als Zugabe zu Aalen und Hechten bringen! erwiederte Franziska beſorgt. Auch die Fiſcher erzählten ſchon? fragte der Oberſt zurück mit einer ernſthaften Heftigkeit und in ſoldatiſche Stellung zurücktretend. Das iſt dann Ihre Sache, mein Herr von Kaltenbach. Verbieten Sie durch Ihren Ge⸗ richtshalter ſofort jede Rede und Aeußerung über der⸗ gleichen. Man ſoll die Familien damit nicht vor der Zeit beunruhigen. Auch geht ſo eben bei mir die Nach⸗ richt ein, daß von den Anführern des letzten Volkstu⸗ multes in der Umgegend der Reſidenz einige zu dieſen Grenzen geflüchtet ſind. Vorzüglich verfolgte man bis hieher einen angeblichen Engländer, welcher ſich Cold⸗ brook nennt und ein arger Werber für den Feind ge⸗ weſen iſt. Laſſen Sie Ihre Voögte den Gensdarmen be⸗ hülflich ſeyn, um den Verbrecher einzufangen, und zu⸗ N7 gleich Jedermann andeuten, daß der Kopf deſſen, der ihn oder ſeine Spießgeſellen beherbergt, verpflegt oder gar verbirgt, dem Geſetze ſo gut verfallen iſt, wie der dieſer Schurken. Hier iſt das Signalement des Flücht⸗ lings, und nun, ſchöne Dame, führen Sie uns als Hebe zum Becher. Mit dem Unmuthe des beleidigten Gutsherrn hörte Herr Engelborn die Befehle des fremden Gewalthabers und empfing das Papier. Mit einem andern, noch tie⸗ fern Groll ſah Doctor Beſt die glühenden Blicke des rüſtigen Kriegers und hörte die Schmeichelworte deſſelben, der die Welt und das Schöne in ihr als ſein eigen zu betrachten ſchien; da ſtürmte ein junger Franzoſe in das Zimmer, auf deſſen Geſicht und ganze Geſtalt Furcht und Schrecken geprägt war. Ein Ueberfall im Dorfe Vorwald! ſtieß er heraus. Einige zwanzig Koſacken und Baſchkiren haben die Rei⸗ terpatrouille aufgehoben. Der Sergeant und die Pferde ſind mitgenommen. Zwei Leute von der erſten Com⸗ pagnie fand man an vielen Lanzenſtichen verblutet in den Gartenhecken; ſie werden auf Ackerwagen herein⸗ gebracht, mit ihnen einige Bauern, die verdächtig ge⸗ worden. Auch einige Knaben ſind dabei, welche ihre Tücher in das Blut getaucht und auf Stangen mit dem Geſchrei: Franzoſenblut! im Dorfe umhergetragen. Zu⸗ gleich iſt zu melden, daß in der Nacht ſieben Deutſche von den reitenden Jägern mit Pferden und Gewehr über die Grenze zum Feinde geritten ſind. Selbſt das Heldengeſicht des Oberſten überflog ein Schatten von Beunruhigung. Ihr ſeyd ein Hiobsbote, Amand, ſprach er unwillig und ſtreng, und tragt auch die Hiobslivré recht offentlich. Da heißt es denn, raſch 278 und ſelbſt handeln. Unſer Frühſtück müſſen wir zu gut behalten. An Ihre Poſten, meine Herren! Ich ſelbſt ſehe die Grenzwachen nach. Alles entfernte ſich eilig, und das Schloß füllte der Tumult der Aufbrechenden und der erſchrocken zuſammen⸗ laufenden Dienerſchaft. Der Doctor führte die beſtürzte Franziska fort. Nur Herr Engelborn blieb allein im großen Familienſaale, bald das Papier mit dem Sig⸗ nalement überleſend, bald das Wandbild des Bruders Cäſar betrachtend. Coldbrook! Kaltenbach! murmelte er in ſich hin⸗ ein. Bei der ähnlichen Bedeutung dieſer Namen ſchlägt eine finſtere Ahnung Geiersklauen in mein Herz! Die Anzeige ſtimmt nicht, nicht Haar, nicht Maß. Aber was ändern nicht zwanzig Jahre! Gott ſchütze uns vor neuem Unglücke, denn dieſes Schloß hörte ſeit Jahren der ſtillen Klageworte genug! Gebückt ging er in ſein Cabinet zurück, immer noch den Namen Coldbrook vor ſich hin murmelnd. Der Herbſtabend war rauh und kalt. Tobend ſauste der Nordweſt in den Höhlungen der alten Kalkfelſen und peitſchte dunkle Wolken am Himmel hin, welche im Fluge dichte Schloßenſchauer herabſchütteten, wie der Seemann Ballaſt auswirft während des Orkans. Die Menſchen flüchteten unter ihre Dächer, die Thiere bargen ſich in Schlucht und Dickicht; nur des Windmüllers rie⸗ ſiger Kettenhund heulte oben vor ſeinem Schilderhanſe mit dem Sturme in die Wette, wie der Cerberus im leeren Ades. 1— N — M 279 Bei den matten Einzelblicken, welche der Mond aus dem Wolkenchaos herabwarf, ſah man eine Menſchen⸗ geſtalt heraufſteigen langſam und umſichtig aus der Tiefe eines alten, verſchütteten Steinbruchs. Der Mann mußte hier bekannt ſeyn⸗ denn mit ſicherem Fuße betrat er die verfallene Steintreppe, welche dicht an einem tiefen natürlichen Brunnen aufwärts führte, und deren rauhe Stufen, aus kunſtlos in den Lehmboden eingedrückten unbehauenen Steinen, dazu vom Schlackerwetter ſchlüpf⸗ rig geworden waren⸗ Oben ſtand er jetzt und ſchaute ſcharf in die unfreundliche Nacht hinein. Einſt hier der Herr, und jetzt weniger als Knecht! ſprach er mit dumpfer Stimme. Flüchtling! Ein Preis auf dieſen Kopf geſetzt⸗ den vielleicht der ſchlechteſte Douan auf der Grenze ſich gewinnt! Bis dahin gebracht durch Seelenunruhe und Gewiſſen, die mich nicht duldeten auf der Ehrenbahn! Aber ich will es vollenden mit dem Eiſenwillen, mit dem ich es begann! Unſchlüſſig ſchien er jetzt, ob er zu der Mühle hinauf oder zu den Fiſcher⸗ hütten hinab ſeinen Weg nehmen ſollte. Er wählte das Letztere, knöpfte dichter den Oberrock zu um Bruſt und Hals, zog feſter den Hut auf die Stirne herab, und ſtieg raſch den ſchmalen Pfad am Abhang des Felſens hinunter. Zerſtreut ſtanden die ſtrohbedeckten Hütten der Fiſcher. Wie weiße Geſpenſter erſchienen daneben auf dem Wie⸗ ſenplatze die ausgeſpannten Fangnetze, die ſich im Winde ſchwellend hoben und ſenkten; tiefer brauste im hohen Uferbette der dunkle Strom ſein eintöniges Nachtlied, und wiegte ungeſtüm die mit Ketten angeſchloſſenen Kähne. Der lange Mann verweilte an der erſten Hütte. Ob Klaas daheim iſt? fragte er in ſich hinein. Er brächte trotz der empörten Natur durch Strom und Wetter 280 mich hinüber, und ich wäre gerettet. Er horchte. Kein Licht ſchimmerte im Häuschen; der Wind klapperte mit den zerbrochenen Fenſterſcheiben. Jetzt klang inwendig eine klagende Weiberſtimme, und dreiſt trat der Flüch⸗ tige in die niedere Behauſung der Armuth ein. Die kranke Helene lag in Klaaſens Hütte auf einem Binſenlager, mit einigen Betten bedeckt, die der alte Nicola vom Schloſſe herbeigeſchafft hatte. Der tiefſte⸗ hende Mond warf ein ſchwaches Licht durch die trüben, grünen Gläſer des kleinen Fenſters. Die Lampe war, da es an Oel fehlte und Niemand ſie beſorgte, verlo⸗ ſchen. Faſt verzehrt ſchien die Lebenskraft der Ruhenden, nur tiefes Geſtöhne und trockener Huſten unterbrachen zuweilen die Stille des Todes. Das Geräuſch, welches der Eintretende machte, er⸗ weckte die Leidende plötzlich. Mit angeſtrengter Kraft richtete ſie ſich halb auf, und alle Lebensgeiſter ſchienen neu und ſtark zu erwachen. Kommen Sie noch durch die Nacht, ehrwürdiger Herr Pfarrer? fragte ſie faſt freudig. Hat die alte Frau Klaas Sie gefunden und bewegt? O Gotteslohn für die Wohlthat! Ich konnte ja nicht ſterben ohne Erleichterung des ſchwergepreßten Her⸗ zens.— Der Fremde ſtutzte und ſchien erſchüttert von der Stimme. Nehmen Sie Platz! Hier am Bette iſt der Stuhh fuhr Helene fort, und hören Sie das Leben und die Sünde eines armen Geſchöpfs, die ſchwer büßte für Leichtfinn und Vergeſſen des heiligen Wortes, das Sie ſelbſt ihr ſo früh gepredigt. Der Körper wurde geſtraft, auch der Geiſt in ſeiner Zerrüttung; doch nahe am Grabe iſt die Seele wieder hell geworden und fühlt das ganze Leid des Lebens nochmals durch als gerechte Buße. Hoͤren Sie an! Sprechen Sie dann Fluch im Namen des zür⸗ nenden Gottes, vder Vergebung, wenn dieſe möglich, im Namen der allgütigen, ewigen Liebe.— Der Mann antwortete nichts, und ließ ſich nach einem ſchweren Athemzuge langſam nieder auf den gebrechlichen Seſſel. Nach einer Pauſe, wo ſie Antwort zu hoffen ſchien, fuhr die Kranke fort: Ich bin eine große Sünderin geweſen, ſagte ſie mit gefalteten Händen; doch hat mich Gott hart geſtraft auf Erden, und ich vertraue auf ſeine Gnade jen⸗ ſeits. Ehrwürdiger Herr! Erinnern Sie ſich noch meiner Jugend? Als ein erſchrockenes Kind kam ich durch die Nacht vom Dorfe geflüchtet. Eine Feuersbrunſt wüthete dort, machte mein Elternhaus zum Aſchenhaufen, unter wel⸗ chem die Meinigen ihr heißes Grab fanden. Der alte ſelige Herr auf Kaltenbach nahm die Waiſe im Hemd⸗ chen auf, die er halb erfroren am Schloßthore fand, behielt mich in väterlicher Pflege, und gab mich ſeinem Töchterchen zur Geſpielin. Franz und Cäſar, die beiden Junker, wuchſen mit uns heran. Wir waren ihre Damen im Ritterſpiele, und das Hoffräulein der Königin bekam der Huldigungen mehr als dieſe ſelbſt. Ich hatte dieſel⸗ ben Lehrer mit dem Fräulein, dieſelben Vergnügungen, bis die Zeit dieſe kindliche Gleichheit aufhob und Helene nun zum Kammermädchen der erwachſenen Tochter vom Hauſe beſtellt wurde. O man erziehe nie Kinder über ihren künftigen Stand! Die Aenderung kränkte mich; Gram und Neid und Argliſt bemächtigten ſich meines friedlichen Herzens, und die heimliche Zuneigung beider Junker war mir Troſt und gab mir die vom Rachege⸗ fühl geborene Hoffnung, einſt als Dame und Schweſter wieder ſo neben der Herrſchaft zu ſtehen, wie ich als Kind geſtanden hatte. Ich ſiel in das eigene Spinnen⸗ 282 netz; der Palaſt meiner Hoffährtigkeit begrub mich ſelbſt unter ſeinen Trümmern. Ein erſtickender Huſten unter⸗ brach die Erzählende, doch ihr Geiſt zwang bald den gebrechlichen Leib. Die Wahl unter meinen Anbetern wurde mir anfangs ſchwer, ſprach ſie weiter; Verſtand und Herz kamen in's Gedränge. Junker Franz war ſtolz und herriſch, aber beides ſtand ihm gut; ſeine Liebkoſungen waren faſt ge⸗ waltſam und als ein Frohnrecht genommen, er war aber auch Erbherr dereinſt. Junker Cäſar glänzte an männ⸗ licher Schönheit unter allen jungen Leuten der Gegend, und auf ſeinen Lippen lag Ueberredung, wenn er bat. Zaubergewalt, wenn er ſchmeichelte. Er dutzte mich fort vor allen Leuten, obgleich es der alte Herr ſtreng unter⸗ ſagt hatte; er vertrat meine Fehler und Nachläßigkeiten mit offenem Freimuth vor der ganzen Familie; er brachte mir kleine Geſchenke mit aus der Stadt und von der Reiſe; ſo ſchwieg der Verſtand vor dem Herzen, und die ſechszehnjährige Dirne übergab ſich in Unbeſonnen⸗ heie und Sinnentaumel dem achtzehnjährigen Liebhaber. Hier in dieſer Hütte, welche einem Vetter von mir zu⸗ gehörte, ſchlug meine Unglücksſtunde. Die Herrſchaft feierte den jährlichen großen Fiſchzug. An den Ufern des Stroms drängte ſich die Bevölkerung der ganzen Umge⸗ gend in Zelten und Laubhütten um Muſik und Tafel; nur die lüſterne Liebe ſtahl ſich vom Tanze und Mahle fort, und fand ſich hier im armſeligſten Winkel, der damals uns das Paradies der erſten Menſchen wurde. — Unruhig ſchritt der unbekannte Zuhörer in dem engen Raume der Hütte auf und nieder. Höret mich ganz aus, frommer Mann, und dann erſt richtet! rief die Kranke. Die Liebe macht ſchlau und v 2 28 G beſonnen. Junker Franz merkte nichts, wenn er auch zu⸗ weilen mit Blicken der Eiferſucht den Bruder anblitzte. Jeder der Söhne des Schloſſes hatte einen Theil des Parks für ſich bekommen. Franz machte den ſeinigen zu einer Menagerie für Hirſche und anderes Wild; Cäſar bauete in dem Tannendickicht eine Einſiedelei, von einem Gärtchen umkränzt, und unter dem Strohdache, in dem Moosgebäu, das er innen mit alten Ritterwaffen ge⸗ ziert und ihm das Anſehen des Wohnplatzes eines der Welt abgeſchiedenen Kreuzritters gegeben hatte, fanden wir uns oft Abends und ſchwuren uns vor dem weißen Kreuze von Birkenzweigen immer wieder die ewige Treue des geheimſten Bündniſſes. Da kam die ſchreckliche Ge⸗ witternacht, welche alle Blüthen von drei jungen Bäu⸗ men brach, und den Hagelſchlag des Elends auf mich niederſchmetterte. Helene hielt erſchöpft inne; der Mann ſchlug den morſchen Fenſterflügel auf, ſchöpfte eine Mi⸗ nute lang tief Athem im Nachtwinde, und ſank dann wieder wie in dumpfer Betäubung in den Seſſel am Bette. Es war ein Familienfeſt im Schloſſe, flüſterte Helene, als bangte ihr ſelbſt vor dem eigenen Worte, der Hoch⸗ zeitstag der Herrſchaft. Cäſar und ich feierten, uns unvermißt wähnend in der Fröhlichkeit ſo Vieler, eine Lie⸗ besſtunde in der Eremitage. Da dröhnten raſche Schritte auf dem feſten Granitboden; die leichte Thüre von Baum⸗ rinde ward aufgeriſſen und das volle Mondlicht ſtrahlte auf die Moosbank, wo der Geliebte mich umarmt hielt. Junker Franz ſtand draußen mit einem Schlachtgeſicht. Wos ſuchſt Du hier? rief ihm Cäſar entgegen und ſtürmte hinaus, ihn mit fortreißend auf den Vorraum. Eine Verrätherin nur ſuchte ich, tobte Franz, und 284 warf Cäſars drängenden Arm zurück, und finde die ganze Hölle, Satan und Schlange auf Einem Fleck. Wer horcht und ſchleicht, findet die eigene Schande! höhnte Cäſar. Da ſchwollen die blauen Adern auf Franzens Stirne, ſeine Augen funkelten wie glühende Kohlen in der Nacht. Bube, den ich mich ſchäme zum Bruder zu haben, ſtieß er mit gebrochenen Tönen hervor, elender Schurke, Du ſollſt mich nie mehr Bruder nennen, denn ſo entehrt Dich der Erbherr von Kaltenbach auf immer! und ein klatſchender Schlag traf Cäſars Geſicht, daß er zurück⸗ taumelte. Da ſah ich ein großes Gärtnermeſſer in Cäſars zuckender Fauſt: wo es gelegen, auf Tiſch oder Bank, weiß ich nicht; er ſtürzte wie ein Kain nach dem Bruder, ich dazwiſchen, und der Meſſerſtoß zerſchnitt das Fleiſch auf meiner Hand. O die Narbe brennt ewig und hin⸗ dert alles Vergeſſen! Franz faßte mit Rieſengewalt den MWordluſtigen; ich ſprang ſchreiend durch die Gebüſche und ſank an der Schloßtreppe ohnmächtig nieder. Eine lange Fieberkrankheit feſſelte mich an das Bett. Die Wunde an der Hand glaubte man am Eiſengitter der Schloßtreppe geriſſen. Damals hatten der Schloßherr und der Gärtner die tobenden Brüder getrennt, doch Cäſar war ſofort nachher vom Schloſſe verſchwunden. Ich darf meine Schande nicht abwaſchen mit Bruder⸗ blute, ſagte er am Abend ſeiner Flucht zum Gärtner, aber ich kann auch nicht bleiben, wo ich geſchändet ward⸗ und nicht Die wiederſehen, vor deren Augen man mich veſchimpfte. Mich jedoch tödtete dieſe Flucht beinahe, denn ich fühlte mich Mutter. Grauſenvolle Tage kamen⸗ grauſenvollete Nächte. Junker Franz ſah meinen Gram, ſah meine Verzweiflung. So gut als jähzornig, näherte inze —, — ne, cht. tieß Du hrt ein ick⸗ ars nk, er, in⸗ en ne er ſich mir mit Milde und Zartheit. Ich vertraute ihm, ich geſtand ihm Alles, und er vergaß ſich ſelbſt, half mir meinen Zuſtand verbergen, zog eine Fiſcherfrau in das Geheimniß, wollte ſelbſt der Vater meines Kindes ſeyn. Der Fremde bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. Alles ging erwünſcht, fuhr Helene fort; ich fühlte meine Stunde, und ſchlich zu dieſer Hütte durch den Abend. Der Fiſcher war beim nächtlichen Fang; die Frau ging fort, um die Wehmutter zu holen. Allein, gefoltert an Leib und Seele, umgeben von der Behauſung, welche mein erſtes Vergehen umſchloſſen, erblickte ich einen Kna⸗ ven in meinem Schooße, und ſchaute mit Eniſetzen bei dem kleinen Lampenlicht auf ſeinem Händchen das Blut⸗ mahl in Halbmondsform, welches die Stunde des gräß⸗ lichſten Bruderzwiſtes auf meine Hand geſchnitten hatte. Da faßte mich der Würgengel des Gottesgerichts mit glühender Fauſt. Statt des Herzens fühlte ich einen Eiszapfen in meiner Bruſt; ſtatt des Gehirns zuckende Flammen hinter der Stirne, die ſich durch Augen und Mund Bahn brechen wollten. Ich ergriff das wimmernde Kind und ſtürzte hinaus in die kalte Nacht. Am rau⸗ ſchenden Strome ſtand ich und ſann, und unſichtbare Mächte drängten mich, das Unglückskind hinab zu ſchleu⸗ dern in das naſſe Grab; ſchaudernd vor mir ſelbſt floh ich weiter bergan. Ich kam an die Windmühle, hielt athemlos ſtill am Abgrunde, und der Verſucher drängte zum zweiten Male, den Knaben und mich ſelbſt hinab zu werfen in die faſt grundloſe Tiefe. Da ſchlugen be⸗ kannte Stimmen in mein Ohr. In des Windmüllers Hauſe war Licht und ſpäte Unruhe; ich erkannte die Stimmen der Wehmutter, des Wundarztes, und die Bitt⸗ worte meiner Fiſcherfrau. Schnell entſchloſſen legte ich vas Kind in mein Tuch gewickelt auf die Schwelle, empfahl es der ewigen Allbarmherzigkeit, und floh mit wankenden Schritten hinauf immer dem Walde zu, in deſſen erſten Gebüſchen ich niederſank. Gräßlich und immer gräßlicher! murmelte der unru⸗ hige Zuhörer in ſich hinein. Nur eilig zu Ende. Die Kranke ſchien mit beſonderer Anſtrengung auf die Stimme zu horchen und entgegnete matter und leiſer nach einer Weile: Ich bin zu Ende. Was noch kommt, iſt wenig, wenn auch Jahre es umſchließen. Wie lange ich im Waldgebüſch gelegen, weiß ich nicht. Die Sonne ſtand hoch, als ich erwachte. Aus einer nahen Quelle trank ich, wuſch mich, ordnete dann meine Kleider, und wanderte der Heerſtraße nach. Schon waren meine Sinne wirr; nur trübe Bilder des Geſchehenen gab mir mein Gedächtniß. Nach einigen Stunden beunruhigte mich der Huſſchlag eines Pferdes hinter mir auf der Waldſtraße, doch wagte ich nicht zurück zu blicken. Der Reiter holte mich ein, er rief meinen Namen: Junker Franz mit Schweiß und Staub bedeckt ſtand neben mir. Mit Ent⸗ ſetzen ſtarrte er mich anz meine veränderte Geſtalt mußte ihm das Vollführte verrathen. Wo iſt Dein Kind? don⸗ nerte er. Ich konnte nicht antworten. Da zuckten ſeine Lippen krampfhaft. Kindesmörderin! ſtieß er in erſchüt⸗ zernden Tönen hervor. Fort! fort! ſo weit Deine Füße Dich tragen! Nie darf dieſe Gegend Dich wiederſehen! Er warf mir ſeine Börſe hin, drückte mir mit bebenden Fingern einen reichen Ring in die Hand, ſchwang ſich auf das Pferd, und ſprengte wie ein Verzweifelnder zu⸗ rück. Lange ſtand ich und ſah ihm nach, und fühlte nun zuerſt mich ganz verlaſſen, ohne Freund, vhne Hei⸗ math. Mit kindiſchem Lächeln betrachtete ich den Ring „ S„ tit in —5— X — 287 und ſchmückte mich damit, nahm die goldgefüllte Börſe vom Boden auf, und pilgerte weiter. Was ſeitdem ge⸗ ſchah, weiß ich kaum. Ich zog durch Kriegsgetümmel und Volksgewühl, und ſprach allenthalben vom verlor⸗ nen Manne und vom verlornen Kinde. Wofür man mich hielt, weiß ich nicht; das Mitleid begegnete mir zuwei⸗ len, aber öfter noch die Unmenſchlichkeit, die Rohheit und gemeine Begier. Lange bin ich in einem Kranken⸗ hauſe geweſen; länger noch in einem Irrenſpital, wo ich mit Schrecken noch an den finſtern Sack gedenke, in welchen man die Schreiende ſteckte, bis ſie ruhig blieb. Nur das weiß ich deutlich: wenn meine Bruſt zu ſchmer⸗ zen begann und ich viel Blut durch den Mund vergoß, dann kam meine Beſinnung und mein Verſtand auf Tage zurück. So auch heute, als ich mich hier in der Heimath wiederfand, wo ich nun zu ſterben gedenke, da mein Bekenntniß mich erleichtert hat. Aufgeſprungen war der Fremde und hatte haſtig die Rechte Helenens ergriffen. Gott iſt gerecht! rief er jetzt mit heſtiger, lautklingender Stimme. Du haſt abgebüßet, arme Dulderin, und auch mein Gericht iſt vor der Thüre. O vergib Deinem Verderber, damit er ruhiger der Kugel oder dem Henkerſchwerte entgegenſieht. Raſch richtete ſich die Kranke hochauf, der Name Cäſar bebte auf ihren Lippen, dann ſiel ſie zurück, ſtreckte die Arme lang von ſich und ihr Athem ſtand ſtill.— Todt? ſagte nach einer Pauſe der Mann mit hohler Stimme. Ja! Ich mußte Dir auch noch den Todesſtoß geben, damit es ganz gethan ſey und vollendet! Er legte ſtill und lang ſeine Hand auf ihre kalte Stirne, dann ſchüttelte er ſich wie im Fieberſchauer und ging ge⸗ ſenkten Kopfes zur Hütte hinaus. 288 Herr Franz Engelborn ſaß nach der Abendtafel in ſeinem Studirzimmer, ſchmauchte ſeine Nachtpfeife und las die fremden Zeitungen, welche zwar vom neuen Regentenhauſe ſtreng verboten waren, die ſich aber die Reichen doch über die nahe Grenze herein durch Schmugg⸗ ler zu verſchaffen wußten. Die Siege der Deutſchen über den Weltfeind ergötzten den Leſenden weidlich, er that mächtige Züge aus dem Meerſchaumkopfe und klopfte in ſeiner Freude mit ſeiner Linken gar oft den zottigen Kopf des großen, grauen Windhundes, der ſich zwiſchen ſeine Kniee geſtellt hatte, und mit klugen, freundlichen Augen die Freude ſeines Herrn mit zu genießen ſchien. Im Nebenzimmer ſtand die kleine Familientafel noch unabgehoben, denn Franziska und der Doctor Beſt ver⸗ weilten am Tiſche, plauderten heimlich und warfen mit fünf Brodkügelchen das bekannte Orakelſpiel. Das Fräu⸗ lein hatte wenig Glück, und wenn ſie einen Wunſch aus⸗ ſprach und dann warf, konnten die böſen Kugeln ſelten zu einem wohlgeformten Kreuz gelegt werdenz; deſto beſſer ging es dem Doctor, dem jeder Wurf gelang und der dann die Hand des ärgerlichen Dämchens zärtlich nahm und tröſtend ſprach: Meine Wünſche ſind Franziska's Glück; darin liegt ja das meine mit eingeſchloſſen. Sanft erwiederte ſie dann den Liebesdruck des Freundes und entgegnete halb erzürnt: Aber ich möchte doch auch mein Theil dazu thun! Setzet nicht Franziska's Vertrauen ihm erſt die Krone auf? fiel der junge Aeskulap erglühend der Lieblichen in die Rede, und die Augen fuhren in dem ſchönen Thema fort und entwickelten deutlicher, was die Lippen noch verſchweigen mußten. Herr Franz wurde indeß in ſeiner patriotiſchen — 3 ℳ „„ℳ „—„—„—„—— —* Ergötzlichkeit geſtört, indem der Gärtner Nicola athemlos, ſtürmiſch und doch mit beſonderer Aengſtlichkeit zugleich mehr in das Zimmer ſprang als trat und Mühe hatte, ſeiner Botſchaft Worte zu geben. Ein Fremder, Herr Engelborn! ſtieß er hervor in Abbrechungen. Ein Bekannter,— er will— er muß Sie ſprechen. Ich habe ihn die Hintertreppe herauf geführt. Im Vorſaale ſteht er. Erſchrecken Sie nicht! Ich fand ihn im Park bei der Cäſars⸗Einſiedelei! Der Schloßherr war aufgeſprungen. Wie? wer? fragte er erſchreckt mit beängſtigender Ahnung, und Pfeife und Zeitungsblatt ſanken aus ſeinen Händen auf das Sopha hin. Nicola hatte ſchnell die Seitenthüre zum Eßzimmer zugeſchoben, und vom Saale herein drang Cäſar Engelborn, der Fremde im blauen Oberrocke aus dem Kalkberge und der Fiſcherhütte. Großer Gott! mein Bruder! rief Herr Franz und breitete die Arme aus. Vergebung! lallte Cäſar. Ich wollte Dich ermorden. Und ich konnte nach Dir ſchlagen; ich war alles Un⸗ glücks Schuld! ſprach Franz heftig.— Vergeſſen! aufge⸗ rechnet! verſöhnt! riefen Beide mit ſtürzenden Thränen und hielten ſich feſt umſchloſſen, Bruſt gegen Bruſt ge⸗ preßt. Der Engel der himmliſchen Liebe weinte eine Thräne mit, und der heiße Tropfen fiel auf die Bruſt der ohnmächtigen Helene und weckte ſie vom Todes⸗ ſchlummer. Plötzlich aber drängte der Schloßherr den ſchluchzen⸗ den Wiedergefundenen von ſich. Wie iſt es denn aber? fragte er. Wie kommſt Du ſo, und ſo ſpät, und auf dieſem Wege? Du nennſt Dich doch nicht Coldbrvok? Blumenhagen. XV. 19 290 Das war mein Name im Inſellande, antwortete Cäſar, und das Entſetzen auf des Schloßherrn Geſichte bemerkend, fuhr er fort: Ich bin geächtet von dem Dionys des Vaterlandes. Ein Preis ſteht auf meinem Kopfe; er iſt dem Tode verfallen. Brav habe ich gedient auf der pyrenäiſchen Halbinſel; mein Gewiſſen zog mich zu⸗ rück zum Continent, wo ich einen Auftrag meiner Re⸗ gierung übernahm, welcher, kühn begonnen, dennoch miß⸗ lang. Seitdem bin ich ein Fremdling in der Heimath. Ich ſah Helenen wieder, und das Leben iſt mir unter jeden Preis geſunken ſeit dieſer Minute. Nur nicht den Tod der Verbrecher möchte ich ſterben; darum verbirg mich nur wenige Stunden. Leicht wird ſich dann ein Rittel finden, mich in Kiſte oder Faß mit Schifferladung ſtromabwärts zu bringen bis in eine fremde Grenze. Hat euch Niemand geſehen? fragte haſtig Herr Franz. Die Franzoſen ſpielen ihr Faro, antwortete Nicola; nur Mosje Jean, der Kammerdiener, ſtrich im Hinter⸗ hofe umher, ohne uns zu beachten. Dann ſchnell mit dem Bruder hinab in das Käm⸗ merchen hinter dem Weinkeller, dahin kam noch Niemand von den Spionen, befahl der Schloßherr. Nicola ſprang nach dem Schlüſſelbunde an der Wand, ſtand jedoch plötzlich horchend ſtill, und als auch der Windhund an⸗ ſchlagend zur Thüre lief, ſchrie er, bleich werdend wie eine Leiche: Gott ſey mit uns! Da klingen Stiefel und Sporen auf dem Eſtrich und an die Saalthüre wird geſchlagen. Der böſe Feind bricht herein! rief Herr Franz, faßte des Bruders Hand und riß ihn mit ſich fort in das Cabinet. Den alten Gärtner hatte ſein Maulwurfsohr nicht tete chte nys fe; auf Re⸗ iß⸗ th. ter den irg ein ung getäuſcht, denn kaum war der Herr in das Zimmer rückgekehrt, ſo 5 zu⸗ ffnete ſich die Thüre vom Saale her und raſch traten mehrere Kriegsmänner ein, der Oberſt la Roche und der Hauptmann du Vent an ihrer Spitze. Nirgends kann er verborgen ſeyn als hier, verthei⸗ digte ſich du Vent gegen den Oberſt; ich ſetze meine Ehre gegen die Rechtmäßigkeit des Einbruchs, zu dem ich Euch aufforderte. Irret Ihr, Hauptmann, entgegnete der Oberſt ſehr ernſt, ſo fällt auf Euch die ganze Schuld meiner Un⸗ gaſtlichkeit. Zufrieden bin ich es! antwortete du Vent lebhaft. Es gilt hier Königsdienſt und Königsbeifall. Die Gens⸗ darmen, welche im Fiſcherdorfe viſitirten, ſahen den Mann flüchtig im Mondſcheine. Er rettete ſich durch die Steinbrüche bergan, wo man die ungangbare Spur verlor. Deutlich erkannte ſpäter der Kor ling, dem er ſchon nach der Zerſprengu aufſtandes auf der Ferſe geweſen, hier oben an der weißen Kalkmauer des Parks. An einem Kaſtanienbaume ſchwang ſich der Verfolgte auf die Mauer und ſprang von dort in den Garten hinunter. Meine Leute drangen durch das Thor in den Park, hörten noch fern den Durch⸗ bruch des Fliehenden im Tannengehölz, und Euer Diener Jean ſah gleichzeitig faſt den Gärtner mit einem Frem⸗ den durch die Hintergebäude in das Schloß ſchlüpfen und ſich in dieſem Flügel verlieren. poral den Flücht⸗ ng des Bauern⸗ So hätte ich mich doch getäuſcht! fuhr der Oberſt heftig auf Herrn Engelborn ein. So ſchlief ich mit Hochverräthern unter Einem Dache, und unter meinem Bette dräute die Pulvermine? Raub weckt keinen Dank! Haß gebiert keine Liebe! 292 antwortete eben ſo heftig der Schloßherr. Doch wer Schloß Kaltenbach ein Verrätherneſt nennt, der hat ei⸗ nen deutſchen Handſchuh aufzuheben. Warum zittert denn aber dieſer alte Schurke in ſei⸗ nem grünen Wammſe ſo mächtig und wackelt mit dem weißen Kahlkopfe wie eine Pappel? fuhr der Oberſt fort. Viſitirt Cabinet und Seitenzimmer, Korporal! Die Gensdarmen traten raſch vor und faßten die Thü⸗ ren. Franziska und Beſt, vom Lärm gelockt, erſchienen hier, und dort ſchritt Cäſar ſelbſt mit Würde und hoch⸗ getragenem Kopfe hervor, und indeß Herr Franz mit den Händen vor dem Schmerzensgeſicht in das Sopha ſank, ſtieß Cäſar die Fauſt des nach ihm greifenden Mi⸗ litärs zurück und trat mitten in das Zimmer gerade vor den Oberſten hin. Ich vin es, bin der Coldbrook, den ihr ſucht, ſprach er mit feſter Stimme. Nehmet mich! doch dieſe laßt. Es iſt Niemand hier ſchuldig denn ich. Niemand? donnerte der Oberſt. Ein Narr, der es glaubt. Woher dieſe Bekanntſchaft mit der Gegend und im Schloſſe? Woher dieſer ſichere, dreiſte Eingang ge⸗ rade zum Geheimzimmer des Schloßherrn? Verhaftet Alle, und dieſen Prahler bindet! Ein wilder Grimm zog über Cäſars Antlitz, und ſeine Hand faßte zur Hüfte, den fehlenden Degen ſuchend. Die Soldaten traten zur Seite vor der Reſpekt gebie⸗ tenden Geſtalt und Hauptmann du Vent, der bei dem Eintritte Cäſars verſtummt war, warf ſeltſame, faſt furchtſame Blicke auf das Angeſicht, das ihm ſo bekannt ſchien. Nur der Oberſt trat mit rollenden Augen noch einen Schritt dem Feinde näher. Ich ſtehe als Major im Dienſte Sr. Majeſtät des 293 Königs der großbritanniſchen Inſeln, ſagte dieſer, und fordere demgemäß gebührende Behandlung. Ueberdieß nenne ich mich Cäſar Engelborn von Kaltenbach, und bin der jüngſte Sohn in dieſem Schloſſe. Seit zwanzig Jahren wußte Niemand hier von mir, und ſo eben er⸗ fuhr mein Bruder durch mich ſelbſt zuerſt meine Rückkehr. Ich glaubte Dich todt, jammerte Herr Franz, und mußte ſolch Wiederſehn erleben! Mein Ohm! mein lieber Ohm! lallte Franziska, und ſank an des Majors Schulter. Der Bruder? fragte der Comte la Roche in ſich hin⸗ ein, vom Mitleid ergriffen, aber ſchnell gefaßt ſetzte er rauh hinzu: Aber warum mochtet Ihr alſo den Degen der Ehre ſchänden, daß Ihr Euch ſchluget zu Meuterern und Rebellen? Ob ich meinen Degen geſchändet, das fragt Eure Waffenbrüder in Spanien, erwiederte Cäſar. So viele mein guter Stahl bei Talavera traf, ſo viele rettete mein Commandowort bei Salamanca aus dem Gemetzel meiner blutdürſtigen Reiter. Dieſes Land iſt erobert, nicht abgetreten. Was Ihr Verrath nennt, nennen wir Vaterlandsliebe, Treue gegen den angeborenen König. Denkt an Euer Frankreich und fraget Euch ſelbſt, ob Ihr dort anders gethan hättet, ſtände es dort ſo wie hier. Ueberdem war ich im Dienſte Englands, und verlange darnach gerichtet zu werden! Ihr ſeyd Werber geweſen für den Feind! Ihr habt die Bauern verführt durch ſchöne Worte und blanke Guineen, ſprach la Roche. Des Königs Befehl iſt meine Richtſchnur. Der Feind bedrängt die Grenzen. Alles dieſes, Herr Major, läßt Euch gewiß ſelbſt erkennen, was mir Pflicht iſt und welches Schickſal Euer wartet. 294 Hauptmann, führt den Gefangenen zur Stadt. Noch dieſe Nacht Kriegsgericht über ihn. Ein Gensdarme verbleibt bei dem Schloßherrn zur Wacht. Mit einem Angſtſchrei warf Franziska ſich auf die Kniee vor dem Gewalthaber, doch der Major ergriff ſie mit Haſt und zog ſie an ſeine Bruſt. Nicht ſo, Fräulein auf Kaltenbach! ſagte er mit ei⸗ ner Commandoſtimme. Das deutſche Weib darf nicht betteln bei den Zerſtörern und Markſaugern deutſcher Freiheit. Der Tod wurde längſt mein Freund. Im Ehrenfelde oder auf dem Schaffote, einerlei, wenn es für das Vaterland geſtorben heißt. Lebe wohl, Bruder. Unſere Verſöhnung iſt mein Stärkungskelch auf dieſem Wege. Er küßte ſanft Franziska's Wangen, ſtürzte ſich an des zähneknirſchenden Bruders Herz und folgte den Bewaffneten, die bis auf Einen das Zimmer verließen. Auch der Oberſt ging hinaus auf den Saal; Franziska aber und der Doctor eilten ihm nach. Rettung! bat das Fräulein. Bei Allem, was heilig und gut iſt und wohnt in Ihrer Bruſt, Herr Graf, Rettung für Vater und Ohm! Nehmen Sie alle Schätze dieſes Schloſſes, nehmen Sie das Vermögen der Fami⸗ lie, nur Rettung! Fordern Sie, was es ſey! Der Oberſt wendete ſich zu ihr, ſah ſie mit fun⸗ kelnden Augen an, und ſtand dann eine Weile im tiefen Beſinnen. Der Major iſt unwiderruflich verloren, erwiederte er darauf langſam und im guten Deutſch. Für Ihren Vater jedoch läßt ſich Manches thun, und vor gerechten und beſonnenen Richtern iſt er entſchuldigt. Aber meine Pflicht gebent, ihn am nächſten Morgen nach der Reſi⸗ denz zu ſenden. Wenig Gutes läßt ſich dort für ihn f⸗ erwarten. Der König wüthet über die Rebellionen im Lande; er haſſet die Reichen, welche ſich ſeinem Hofe nicht genähert und ihm ſchmeichelnde Huldigung gebracht haben; er liebt die Deutſchen überall nicht. Der Feind draußen, der Feind drinnen drohet ſeinem jungen Re⸗ giment ein ſchnelles Ende, und eine Krone verſchmerzt ſich nicht leicht. Seine Miniſter ſind erbittert und rach⸗ gierig, und man will verſchüchtern und warnen durch blutige Beiſpiele. In der Reſidenz biete ich keinen Sou für Ihres Vaters Leben. O, Sie foltern gräßlich langſam! jammerte Fran⸗ ziska. Enden Sie den gräulichen Sermon endlich. Eines nur kann retten, und dieſes Eine ſteht nur bei Ihnen! fuhr der Oberſt mit Zurückhaltung fort.— Nen⸗ nen Sie es! rief Franziska. Was es auch ſey; ich will es, ich ſage es im Voraus zu!— Mit Wärme ergriff der ſtolze Krieger des Mädchens Hand. Fräulein, ich achte Sie hoch, ſehr hoch, ſprach er mit Gefühl. Oft redete ich zu Ihnen, was das Herz mir eingab; Sie nannten die Worte der Empfindung Galanterie, und ſpotteten darob. Der im Kriege aufgewachſene Mann tändelt nicht. Darum ſpreche ich in dieſer ſchweren Stunde offen aus: Ich liebe Sie! Ich wünſche Sie zur Hausfrau. Meine ganze Sohnespflicht iſt alsdann aufgeboten für den Va⸗ ter; des Comte la Roche Schwiegervater iſt am Hofe verbürgt durch den Sohn, vertreten durch mich bei jedem Gerichte, ſchon über jeden Verdacht hinaus durch mein Ehrenwort. Morgen früh muß der Pfarrer Ihre weiße Hand auf ewig in die meine legen, dann ſichert mein Treuſchwur Ihnen zugleich des Vaters Leben wie den Beſitz dieſer Herrſchaft zu, die auch auf dem Spiele ſteht. Franziska ſank erbleichend in einen Seſſel; der Dor⸗ 296 tor trat mit verbiſſenen Lippen und heimlich geballter Fauſt zu ihr. Sie ſind überraſcht und erſchüttert, ſagte der Oberſt beſorgt und gar ſanft. Der Wechſel der Begebenheiten und Leidenſchaften war zu groß für weibliche Kraft. Geben Sie ſich Ruhe. Der Hausfreund dort wird für Sie ſorgen, wie er ſchweigen wird über Alles, was er heute ſah und hörte. Mich ruft das böſe Geſchäft mei⸗ ner Dienſtpflicht. Eines nur nehmen Sie als Verſiche⸗ rung vor dem Abſchiede: häuslicher Friede, Ehre, Liebe und Treue warten Ihrer, wenn Sie thun, was ich wünſche, was das Schickſal fordert. In einer Stunde hoffe ich auf meinem Zimmer Ihre ſchriftliche Zuſtimmung zu leſen. Er preßte einen Kuß auf Franziska's Hand, und verließ geſetzt und mit würdiger Haltung den Saal. Was wirſt Du wählen? fragte haſtig der Doctor, ſo wie ſie allein waren. Iſt da eine Wahl? fragte die Beängſtigte zurück und erhob ſich in Entſchloſſenheit erſtärkt. Des Vaters Leben gilt mehr als mein Glück. O tödtender Jammer! Es gilt ja Scheiden auf ewig! Scheiden von Liebe und Hoffnung! Schrecklich! ſchrecklich! rief Beſt mit dumpfer Stimme. Aber der Mann hat Recht. Sein Vorſchlag iſt der ein⸗ zige friedliche Rettungsweg. Daß er auch ſich ſelbſt da⸗ bei bedenkt, darf gerade ich ihm am wenigſten verargen. Nur Gott kann helfen und vielleicht ein ſchneller, küh⸗ ner Entſchluß. Dort Deine ritterlichen Ahnen im Helm und Harniſch riefen mir ihn zu. Der Mann iſt ja im⸗ mer im Kampfe mit Welt und Schickſal. Sey es denn: es gelte Leben um Leben! Der herriſche Mann ſprach, ich ſolle ſorgen um Dich. Das werde ich, ſorgen wie ter erſt iten aft. für er hei⸗ che⸗ ebe ich nde n8 ind or, rück er! ind ne. in⸗ ⸗ n. ih⸗ m m⸗ n: h, ie 27 der Ritter um ſeine Dame. Des Vaters engliſcher Hengſt ſteht noch außerhalb dem Schloſſe auf der Meierei; die Jagdwege im Walde kenne ich alle. Lebe wohl, theuer⸗ ſtes, beſtes der Mädchen; ſage dem Oberſt heute zu, doch ſprich morgen das Schreckenswort vor dem FPrieſter nicht eher, als bis die Sonne über jenen Bergen leuchtet. Was brüteſt Du, Theodor? fragte mit Todesangſt das Mädchen. Willſt Du meinen Unglückskelch bis zum Rande überfüllen? Dich und uns Alle will ich frei machen, oder unter⸗ gehen! rief der erglühte Jüngling, umarmte heftig die Braut und eilte hinaus. Vergebens rief ſie ihm nach⸗ und eine geduldig Leidende faltete ſie die Hände zum inbrünſtigſten Gebete an den Gott der Schickſale, der zu helfen vermag, wo der Menſchen Kraft zu Ende geht. Die rauhe, ſtürmiſche Nacht ſchien einem heitern Herbſttage Platz machen zu wollen. Im Weſten hatten die ſchweren Wolken ſich in großen Maſſen zuſammen geballt, indeß am öſtlichen Himmel ein dunkles Blau den jungen Morgen begrüßte, deſſen erſte Lichtſcheine ſchon die Bergrücken des Horizontes ſäumten. Durch den Wald von der Grenze herüber zog eine ſchmale, aber endloſe Reihe Reiter auf holprichtem, oft verwach⸗ ſenem Bergpfade herab. Die kleinen muthigen Pferde kletterten gleich Gemſen über Steine und Wurzelwerk, zerſchlugen unverdroſſen mit der ſchäumenden Schnauze das zugewachſene Gebüſch, und achteten, ſich Platz ma⸗ chend, keinen Dornenſtrauch, noch weniger den Traufre⸗ gen, mit denen die Zweige ſie benetzten. Ihnen ähnlich waren die wunderlichen Kriegsmänner, von denen ſie 298 geritten wurden. Gelbe, tartariſche Phyſiognomien und ſeltſame Tracht kündeten Söhne des fernen öſtlichen Welt⸗ theiles an. Der erſte Zug der Colonne beſtand aus einem Pulk regulärer maloroſſiſcher Koſacken in polniſcher Tracht, blau und roth, wohlbewaffnet mit Lanze und Schießge⸗ wehr, ihr ſeidenes Fähnlein mit dem Heiligenbilde in der Mitte; dann kamen, ihren Ataman an der Spitze, Krieger der uralſchen und doniſchen Stämme in ſeltſa⸗ mer vrientaliſcher Kleidung von allen Farben, ſonder⸗ bare Spitzmützen über den ſonnverbrannten bärtigen Geſichtern, Greiſe und Jünglinge, und den Beſchluß machte ein Häuflein Baſchkiren, zerlumptes Volk, Blut⸗ gier in den rohen, thieriſchen Zügen, nur mit Bogen und Pfeil bewehrt, doch ein Schrecken dem fliehenden Feinde wie dem unbeſchützten Landmanne. Die Spitze der Colonne hatte jetzt das Ende des Gebirgs erreicht, wo der Wald ſich lichtete, und unbe⸗ buſchte Wieſenplätze, nur von alten Eichen⸗ und Buch⸗ bäumen beſchattet, ſich ausbreiteten. Aus den Wald⸗ wegen zogen ſich die Reiter ſtill und behutſam auf die helleren Räume, ordneten ſich und reinigten die be⸗ näßten Waffenſtücke; nur drei Führer ritten aus dem Eichendunkel hervor zu der kahlen Fläche und beſchau⸗ ten, ſo viel es die frühe Dämmerung zuließ, die Gegend. Zuerſt trabte vorn voll Ungeduld auf dem triefenden engliſchen Braunen Theodor Beſt in's Freie; den in der Nacht verlorenen Hut hatte er mit einer blutfarbe⸗ nen Soldatenmütze vertauſcht, unter der das durchnäßte braune Haar ſchlicht hervorhing und das in tiefwühlen⸗ der Leidenſchaft erblichene ſchöne Männergeſicht um⸗ ſchlängelte; ein hellgrauer, kurzer Reitermantel bedeckte ind lt⸗ ulk ht, ge⸗ — 9 Bruſt und Schultern, und ein krummer Koſackenſäbel flog blinkend am Riemen, der die rechte Hand umwand. Hinter ihm ritt ein vornehmer Offizier mit ſeinem Ad⸗ jutanten, ſo auffallend an Bildung als Tracht. Eine faſt übermenſchliche Kühnheit ſprach aus dem edeln Ge⸗ ſicht und dem funkelnden hellen Auge; das blaue Polen⸗ wamms und das faltige Beinkleid waren reich mit Gold geſtickt; vom ſtruppigen Blondhaar ſaß die goldbequa⸗ ſtete Scharlachmütze zur Seite gerückt; ein zum Mantel geſchnittenes Bärenfell ſchlug ſich um Bruſt und linke Schulter, fiel ſo bis zum Sattel hinab, ließ aber meh⸗ rere glänzende Ordensſterne durchblinken. Wir ſind zur Stelle! rief Theodor dem Generale franzöſiſch zurück, indem er den Zügel ſcharf anzog. Die Allarmpoſten der Grenze ſind abgeſchnitten, und Ihr könnet ſie jetzt nach Bequemlichkeit einzeln aufheben. Dort, wo der Kirchthurm im erſten Morgenſtrahle aus den Weiden aufſteigt, liegt eine Schwadron alter Rei⸗ ter; weiter hinaus, wo das weiße Amthaus auf dem Saathügel ſichtbar wird, ſind einige vierzig Jäger ein⸗ quartirt, welche mit dem Geſindel der Douanen die Fähren des Fluſſes und die Gebirgswege bewachen. Jene breite Straße am Strome hin vor uns führt zur Reſidenz; der Edelhof am Kalkfelſen gegenüber iſt des Commandanten Quartier, und in dem Städtchen dahin⸗ ter liegen ungeübte Depots aller Waffengattungen, jun⸗ ges, furchtſames, meiſt mit Gewalt geworbenes Volk. Macht nun ſelbſt Eure Anordnungen, aber ſchnell, ehe denn der Tag ſteigt. Ataman Halczinskoi! rief der General im Bärenfelle mit einer Stentorſtimme, und ein grauer Koſackenführer ſprengte aus dem Haufen vor. Der vierte und fünfte 300 Pulk ſchwenket rechts ab, hier um die Waldecke, der Straße nach. Alles, was vorkommt bis zur Grenze, wird gefangen oder niedergemacht. Von dort ſogleich mir Bericht auf jenes Ritterſchloßt! Die Baſchkiren brei⸗ ten ſich aus hinter dem Corps über die Felder zwiſchen Wald und Strom; nichts durchgelaſſen bei Kantſchuh⸗ ſtrafe! Und mit treuherzigem Lächeln nickte der greiſe Hettmann zu dem willkommenen Befehle und galop⸗ pirte auf dem kleinen Schimmel zu den Seinigen zurück, welche mit fröhlichem Gemurmel die Ordre empfingen. Danilewsky! befahl der General ſeinem Begleiter alsdann, Sie führen die Hälfte der Brigade dort durch den Feldweg hinter jene weiße Mauer und ſchneiden die Stadt ab vom Schloſſe! Die Spitze der Colonne folgt mir auf der Straße gerade hinan. Und nun vorwärts, mein braver junger Deutſchmann! Die Roſſe flogen an der ſchrägen Fläche hinab, und wie ein Bergſtrom, der ſich in drei Arme getheilt, rauſchte und blitzte es aus dem Gebirge hervor, ohne Ende faſt, und bedeckte die ſtille Gegend mit Waffen⸗ lärm und mit Kriegesgeräuſch. Jetzt funkelten und brannten im Oſten zugleich tau⸗ ſend weitſprühende Goldſtrahlen; ein weißes Wölkchen flog vorauf, und dann wälzte ſich das Tagesgeſtirn glühend über die Berge her, mit Majeſtät ſein Reich begrüßend. O du herrliches Auge der Allmacht, führe auch uns zum Glücke! betete der deutſche Jüngling vor ſich hin mit hochpochendem Herzen. O laß mich das weiße Wölkchen ſeyn, welches ihr die Sonne der Rettung verkündet und bringt. ——— der nze, leich rei⸗ hen uh⸗ eiſe op⸗ ück, en. iter rch die lgt ts, nd lt, he n⸗ 301 Im Schloſſe Kaltenbach war es in dieſer Morgen⸗ dämmerung nicht weniger ſtürmiſch hergegangen als außen im Bergwalde. Wie Fräulein Franziska am Abende ſich verlaſſen im Saale ſah, ging ſie nochmals in des Vaters Cabinet, der ſich, erſchöpft von ſo viel⸗ fachen Erſchütterungen, ſchon niedergelegt hatte. Der Gensdarme hielt Poſto im weichen Sopha des Zim⸗ mers, ließ jedoch die Tochter paſſiren. Franziska küßte reiſe des ſchlummernden Vaters furchenvolle Stirne, küßte ſeine auf der Decke liegende heiße Hand, und wie ge⸗ ſtärkt durch dieſe Ergüſſe der Kindesliebe ſetzte ſie ſich zum Schreibtiſche und ſchrieb an den Comte la Roche Folgendes: „Mein Herr! Den tapfern Krieger wie den gebilde⸗ ten und edeln Mann lernte ich in Ihnen ſchätzen und hochhallen, doch mein Herz mußte ſtumm bleiben für Ihre früheren Schmeichelreden wie für Ihre ernſte Er⸗ klärung in meines Lebens ſchreckenvollſter Stunde, weil eine frühere Neigung es beherrſchte. Es ſoll Momente im Menſchenleben geben, welche plötzlich um Jahre älter machen; ein ſolcher ward für mich dieſer Abend. Wie hätte ich ſonſt den Muth haben können, Ihnen mit Ver⸗ läugnung jedes mädchenhaften Zartgefühles dieſes Ge⸗ ſtändniß zu thun? Wird der hochherzige Mann auch jetzt noch ſein Opfer fordern? Wird er den Stahl fer⸗ ner noch zücken zum Schreck des Opferlammes? Kann ihm, dem die Welt offen ſteht und dem ſie ihre Schön⸗ heiten alle darbeut, genügen an einer Braut in Thrä⸗ nen und an einer bleichen, ſich im Grame verzehrenden Hausfrau? Das Lebensglück, ja das Leben meines Va⸗ ters liegt in der einen Wagſchale; in der zweiten mein Elend, und dieſe wird nimmer finken und jener das 302 Gleichgewicht halten, und wenn Sie auch alle Schätze Ihres Frankreichs, und ſelbſt den Marſchallsſtab, der Ihrer dereinſt wartet, hinein legten. Wahl habe ich nicht! Sie ſind der Gott meines Schickſals; aber Sie werden menſchlich ſeyn und nicht fernerhin fordern.“ Nachdem ſie das Brieflein lange angeſtarrt, geleſen und wieder geleſen hatte, ſiegelte ſie es mit einem tiefen Seufzer und ſandte den Gensdarmen damit fort. Bald kam die Antwort. „Theures Fräulein! ſchrieb la Roche zurück. Wenn das unbezwingliche Gefühl, welches für Sie in meinem Herzen lebt, geſteigert werden konnte, ſo mußte es durch die Worte geſchehen, die Sie an mich richteten. Ja, es iſt die höchſte Leidenſchaft geworden, es iſt Anbetung ge⸗ worden! Eine ſolche Tochter muß die trefflichſte Gattin werden, und ich wäre ein ſelbſtmörderiſcher Thor, wollte ich einen Schatz von mir ſchleudern, der in der Jetztzeit ſo ſelten iſt, und den ein Gott mir ſo unverhofft in die Arme warf. Die innigſte Anhänglichkeit wird um ein Herz werben, das zu gütig und empfindend iſt, um nicht einſt ächt erkannte Liebe mit Gegenliebe zu lohnen, und das ſchöne Schloß im Paradieſe der Provence wird die trüben Anſichten, die Franziska von ihrer Zukunft träumt, erhellen helfen. Flechten Sie die Brautkrone; ich ſende nach dem Prieſter. Mein Glück, und mehr noch Ihr ei⸗ genes Glück wie das Glück ihres verehrten Vaters, iſt nicht anders feſtzuſtellen, und dieſer dreifache Grund muß meinen Entſchluß unerſchütterlich machen, wenn es auch der Geliebten eine Thräne koſtet, die ſie einem kindlichen Mährchen nachweint. Ich darf nicht anders, ſonſt wäre meine Liebe nur eine Carnevals⸗Maske geweſen.“ Franziska las, und mit jedem Worte rieſelte eine be er te en en ld 303 Eiskälte weiter durch ihre Gebeine hin. Langſam, wie Wahnſinnige thun, nickte ſie mit dem ſchönen Haupte, verbarg das Papier wie ein Liebesangedenken im Buſen, und ſchlich zum Zimmer hinaus. Oberſt la Roche war kein Wüſtling, kein Verwilderter, wie ſie gar oft der Krieg erzieht. Er fühlte warm und tief, ungeachtet er ſchon weit über den Jüngling hinaus war; aber die Frauen hielt er nicht beſonders hoch, da ihm und ſeinen Genoſſen in den fremden Reſidenzen nur die Leichtfinni⸗ gen und Flatterhaften nahe gekommen waren. Auf dem Schloſſe Kaltenbach erblickte er zuerſt das ſinnige, fleißige, häusliche Leben, welches die deutſchen Frauen auszeich⸗ net, auf die das griechiſche Sinnbild der Schildkröte noch immer paßt, und da er ſo in Franzisken das Ideal ſei⸗ ner Seele gefunden, wer kann ſeinem Gemüthe verar⸗ gen, daß er heftige Wünſche, lange vergebens gehegt, zu befriedigen ſuchte? Die Gelegenheit bot ſich wie von ſelbſt: der Oberſt ergriff ſie mit Heftigkeit und hielt ſie noch feſter, da er nirgend im Schloſſe einen Nebenbuh⸗ ler bemerkt, den er neben ſich oder gar über ſich ſtellen konnte. Das Kriegsgericht über den Major war noch vor Mitternacht beendet worden und hatte: Tod! geſprochen. Der Oberſt befahl die Vollziehung des Urtheils mit dem erſten Frühlichte, und commandirte den neuen Haupt⸗ mann du Vent zur Execution. Doch einmal um den Schlaf gebracht, richtete er jetzt ſchleunigſt Alles zum Hochzeichtsfeſte zu, damit der Spruch für ewig geſprochen würde, ehe noch die Todespoſt von der Stadt als Stö⸗ rerin erſcheinen könnte. Seine Ordonnanzen beſtellten die Stabsoffiziere auf das Früheſte in das Schloß. Ni⸗ cola und Mosje Jean wurden zum Prediger geſchickt. Was die Gärten noch von Blumen trugen, mußte das Schloßgeſinde zu Kränzen binden, womit man den gro⸗ ßen Familienſaal ſchmückte. Hoffnung und Angſt, Freude und Trauer, Luſt und Verzweiflung ſchied auf dieſe Weiſe die Schloßbewohner in zwei Hälften ſo ſcharf und antipodiſch, wie die Sonne die Erdgloben zerſchneidet. Der Gärtner Nicola fand den alten Religionslehrer ſchon im vollen Prieſterornat. Die todtkranke, aus tie⸗ fer Ohnmacht neu zum Jammer erwachte Helene hatte zum zweiten Male nach dem Seelſorger geſendet. Der ſchwatzhafte Nicola erzählte die ſeltſamen Ereigniſſe im Schloſſe als Zugabe ſeiner Botſchaft, und wenn auch kopfſchüttelnd bei dem Befehle, der wie eine Kriegsordre klang, verſprach der Pfarrer doch zu erſcheinen, ſobald er den nothwendigen Krankenbeſuch vollbracht. Helenens Beichte war nicht mehr die von geſtern. Cäſar lebte: ſie hatte ſeine Stimme gehört, ſeine Hand gefühlt, das beſtimmte ſie anders. Mit Weglaſſung ihrer früheren Geſchichte legte ſie in den Schooß der Kirche nur ihr Vergehen, ihren vermeinten Kindermord und ihr büßendes Leben nachher nieder, und aus des alten Pfar⸗ rers Munde floß für die Beängſtigte Balſam auf ihre tiefſte Wunde. Es war der Müllerin Kind, welches in jener Nacht ſogleich nach der Geburt geſtorben; Helenens gefundenes Kind hatte man erfreut an deſſen Stelle ge⸗ ſetzt und der jammernden Mutter an die Bruſt gelegt; der Pfarrer ſelbſt hatte zuerſt das mondförmige Mahl auf der Hand des Fündlings entdeckt; das Mährchen von geborenen Zwillingen bedeckte den Tauſch für die Welt; der Knabe war geſund aufgewachſen, bis ſein wil⸗ der Sinn ihn fortriß in das Kriegsgetümmel der Zeit. So tröſtend auf die Kranke dieſe Gewißheit ein⸗ 305 wirkte, ſo zernichtend war die zweite Erzählung, die der Prediger bei dem Frühſtück, welches die Fiſcherwittwe ihm auftiſchte, dieſer als Gegengabe zurückließ. Es war das jüngſte Ereigniß des Schloſſes von dieſer Nacht. Der Major Cäſar Engelborn war erſchienen, war ge⸗ fangen, war zum Tode verurtheilt. Alle alten Gefühle des Herzens erwachten in Helenen auf's Neue, und die faſt erloſchenen Lebensgeiſter flammten nochmals hoch auf, als der Geiſtliche ſie verlaſſen hatte, und jetzt die Einſamkeit ſie mit Grauen und mit Ahnungen voll Schrecken umgab. Franziska hatte auf Kaltenbach ſchlaflos die lange Nacht verbracht. Sie ſchmückte ſich im ſtillen Schmerz mit einem ſchwarzen Atlaskleide, heftete als Opferſchmuck ein Diamantenkreuz an die hohe Lilienbruſt, und zer⸗ ſchnitt wehmüthig ein Myrtenbäumchen, welches ihr Theodor einſt zum Namenstage geſchenkt, und wand ſich die Jungfrauenkrone davon. So geziert trug ſie noch vor Tage das Frühſtück wie immer auf des Vaters Zimmer und weckte den geliebten aus ſeinem unruhigen Schlummer. Verwundert ſah Herr Engelborn die Ge⸗ putzte an; als er aber ihren Bericht gehört, als das ſchöne Mädchen ohne Thränen, aber bleich wie die welke Lilie, vor ihm in die Kniee ſank, da eèrhob er ſich in heftiger Wallung vom Lager, auf dem er unausgekleidet gelegen, und riß die Tochter raſch zu ſeinem Herzen empor. Nein! rief er zornerglüht, ich bin kein Agamemnon, und laſſe mein einziges Kind nicht dieſem falſchen, hä⸗ miſchen Götzen ſchlachten. Ein Franzoſe mein Sohn? Mein Kind vermählt am Sterbetage meines Bruders2 20 Blumenhagen. XV. 306 Vermählt mit einem der Mörder? Nein! Dieſer Achill müßte erſt zum Schatten werden, bevor er meine Iphi⸗ genia erhielte. Erbetteltes Leben, mit Kindesglück er⸗ kauftes Leben iſt tiefſte Schande, und lieber ſchnellen Tod als ehrloſes Daſein! Die erſten Thränen floßen leiſe über Franziska's Wangen. An des ſtarken Vaters Bruſt gelehnt, in deſſen Schutz ſie Muth ſchöpfte aus dem ſeinigen, faltete ſie die weißen Hände. Er zog ſie zum Fenſter. Dorthin Dein Gebet! ſprach Herr Franz mit großer Bewegung. Seine Sonne iſt es, die dort ſo hehr und rein aus der Nacht ſteigt. Auch für uns kann er den Tag erwecken, wenn ſein ewiger Rathſchluß es heilſam erachtet, und ſandte er Nacht und Leid, ſo wollen wir demüthig ſtill halten, denn auch im Gewitter wacht ſeine Güte. Der Eintritt des Oberſten ſtörte die fromme Minute. Der Schloßherr trat ihm raſch und ernſt aus dem Ca⸗ binet entgegen. Im blanken Kriegsſchmucke, von ſeinen Waffenbrüdern umgeben, trat der ſtolze Bräutigam ein, die Braut abzufordern, und ſein Feuerblick ſah mit Luſt das geſchmückte Mädchen ſchöner denn je. Deſto härter aber traf ihn des Vaters Machtſpruch. Herr En⸗ gelborn nahm mit glutrothem Geſicht den Myrtenkranz von den Locken der Braut. Beſtellet den Prieſter ab und den Sakriſtan! ſprach er mit Würde und patriarchaliſcher Hochſtellung, und laßt die Schergen kommen, daß ſie den Brautvater bin⸗ den und fortſchleifen! Mein Fluch legt ſich für ewig zwiſchen dieſes Bündniß des Schreckens. Greift aber die Gewalt und Unmenſchlichkeit auch in das Heiligſte und zertrümmert ſie die Geſetztafeln der Natur, wohlan! ſo ſchmückt die Braut mit dem Nelkenkranze, den des Va⸗ S 5— e —„ S v—* ters Stirn am Schaffot getragen; ſo reißet die Braut zum Altare, mit den Blutflecken bedeckt, die, friſch aus 307 dem ſterbenden Vaterherzen ſpringend, ihr ſeinen Abſchied brachten. O mein Vater, wir ſterben zuſammen! jammerte Franziska an ſeinem Halſe hangend, und die erſchütter⸗ ten Krieger ſtanden verſtummt vor dieſer unerwarteten Scene. Da fielen zwei Piſtolenſchüſſe in der Nähe; ein Wacht⸗ ruf und ein ſeltſames Gebrülle, das ihn beantwortete, tönten von der Höhe her, und Alle eilten aufgeſchreckt zu den Fenſtern. Herein in das Thor des Parks ſah man einen Gensdarmen ſprengen, deſſen unbedeckter Kopf mit Blut begoſſen war; ihm folgte ein athemloſer Chaſ⸗ ſeur zu Fuß, welcher die Büchſe wegwarf, die Thor⸗ flügel faßte und ſie eiligſt zu ſchließen verſuchte. Der Verſuch mißlang: kaum hatte er den erſten ſchweren Flügel zugeworfen, ſo fuhr eine lange Lanze durch ſeine junge Bruſt, und im geſtreckten Gallop der Roſſe drängte ein Reitertrupp in den Park, und das gellende Schlacht⸗ geſchrei der Koſacken ſchallte zum Schloſſe her die Allee herab, welche ſich mit einer immer dichter anſchwellenden Wolke der unbändigen Fremdlinge füllte. Ein Ueberfall! rief la Roche erbleichend. Zu den Waffen, meine Freunde! Jetzt gilt es mehr als ein Hoch⸗ zeitsmahl. Alle ſtürmten hinab, nur der Schloßherr und Franziska blieben vom plötzlichen Wechſel wie erſtarrt an das Fenſter gefeſſelt, und umfaßten ſich angſtvoll, als ſtänden ſie auf einer Gletſcherſpitze dicht am Abgrunde. Und heran ſprengte der ruſſiſche Führer, dicht ihm zur Seite Theodor Beſt, kampfgerecht und kampfmuthig die fremde Waffe ſchwingend um den Kopf. Beide ſaßen 308 ab und drangen die Schloßtreppe hinauf, mit ihnen zu⸗ gleich der Vortrab der Mannſchaft. Aber ihnen entge⸗ gen, gleich kampfmuthig und gerüſtet, traten oben auf dem breiten Altane mit blanken Gewehren der Oberſt und ſeine Suite und ein dichter Haufen bewaffneter Or⸗ donnanzen und Bedienten. Nimm den Verrätherlohn! tobte la Roche und führte einen grimmigen Streich nach dem Doctor; aber ge⸗ wandt entwich der Jüngling dem Hiebe des Feindes, deſ⸗ ſen breite Klinge am ſteinernen Apoll des Geländers zer⸗ trümmerte. Theodors Nachhieb fuhr durch des Franzoſen breitbegoldeten Hut; doch beſſer traf des ruſſiſchen Ge⸗ nerals ſtreitgewohnte Klinge die rechte Hand des feind⸗ lichen Anführers, und machte, daß ſie blutend ſank und untauglich ward zu fernerer Wehr. Ergebt Euch, Herr Oberſt, und laßt die Waffen ſtre⸗ cken! rief der Feldherr im Bärenfelle. Der Uebermacht erliegen ſchimpft nicht; bei uns iſt heute das Glück, und unnütz Schlachten iſt dem Braven ein Gräuel. Unter Zähneknirſchen ſtieß la Roche mit dem Fuße ſein am Bo⸗ den liegendes Degengefäß von ſich und erwiederte mit verhaltener Stimme: Das kecke Kunſtſtück iſt gelungenz ſo ſind wir denn Gefangene der Liſt und des Verrathes. Alle Franzoſen zogen ſich in das Schloß zurück und ſtreckten die Waffen auf dem Vorplatze, wo die eindrin⸗ genden Koſacken ſie jauchzend umringten und die Offi⸗ ziere in den untern Zimmern in Wache hielten. Theodor ſprang hinauf in das Schloß, der General und ſeine Adjutanten folgten. Habe ich Wort gehalten? rief Theodor und ſtürzte in Franziska's Arme.— Engel Gottes! Du kameſt in der tödtlichſten Minute! rief die Glückliche und drückte den 309 Geliebten frei und ohne Scheu an ihre wallende Bruſt. — Braver Burſche! Sohn! Erbe aller meiner Schätze! ſprach Herr Engelborn mit jugendlicher Wallung, o warum habe ich nicht eine Welt zu vergeben in dieſer Minute. — Ihr gebt ſie mir jgin Franziska's Befitz! jubelte der Jüngling und warf ſich an das Vaterherz. Aber jetzt nicht das Größere verſäumt, fiel der Ge⸗ neral ein. Schenket meinen Leuten ein Fäßchen Brannt⸗ wein und füllet ihre Brodbeutel; dann einen reitenden Boten uns voran gerade auf die Reſidenz, daß die neu⸗ gebackenen Prinzen und Schranzen kein Mauſeloch finden vor der Schnelle unſerer Säbel! Gelingt das, ſo ſoll mein Monarch Dir nicht undankbar ſeon, Du wackerer Reiter! Ihr vergeſſet das Städtchen, erinnerte jetzt Theodor. Danilewsky wird bald dort ſeyn, antwortete der Kriegsheld. Auf dann, Theodor! rief Herr Engelborn, Du haſt heute den Kriegesrock angethan, ſo ſetze in ihm Deinen Thaten die Krone auf. Rette mir den Bruder, und noch ehe dieſe Sonne untergeht, wird Franziska's Myr⸗ tenkranz Dein Eigenthum, und Du wirſt der Herr dieſes Schloſſes.— Theodor küßte heftig die Braut und rief nach den Pferden. Führet meine Blauen hin, ſprach der Ruſſe. Ich muß hier den Ataman erwarten. Ihr trefft auf Danilewsko, und die Schwertarbeit dort wird leicht gethan ſeyn! Mit muß auch ich! Es gilt dem Cäſar, und Genug⸗ thuung für zwanzig Jahre! rief Herr Franz jünglings⸗ wild dazwiſchen, und eilte ſelbſt hinab zum Stalle, ſich das Pferd zu zäumen, indeß der General die auf's Neue beſorgte Franziska zu beruhigen bemüht war. ———— 310 Den freundlichen Anger des Schützenplatzes dicht am Städtchen erfüllte heute ſchon früh eine finſtere Lebendig⸗ keit. Seit der Errichtung des fremden Königthums waren die Schützenherrn es freilich ſchon gewohnt worden, ihren Lieblingsort, wo ſie mit den Gewehren ihrer Vorväter doch noch ſpielen durften, durch Henkerfeſte und mili⸗ täriſche Executionen entweiht zu ſehen. Heute aber traf der Streich recht eigentlich das Herz. Er galt einem Landsmanne, einem Sohne der Gegend, den ſie als Kna⸗ ben unter ſich hatten heranwachſen ſehen, in welchem mancher noch den Anführer ſeiner Jugendſpiele, mancher auch ſeinen ſtillen Wohlthäter verehrte. Herr Cäſar En⸗ gelborn von Kaltenbach wird erſchoſſen auf dem Schieß⸗ platze! Dieſer ſchwarze Spruch durchlief früh die Stadt. Die Mägde brachten ihn heim vom Ziehbrunnen und aus dem Bäckerladen, und erſchrocken ſprang Herr und Hausfrau aus den Betten, und wie die wenigen Exeeu⸗ tionstruppen ausrückten, fanden ſie mit Verwunderung die ganze Stadt, ſonſt ſo ſtill und ſpät lebendig, auf den Straßen und in den Fenſtern. Draußen vor dem Scheibenberge war ein Sandhügel aufgeworfen; einige zwanzig der grünen Huſaren deckten in weiten Zwiſchenräumen die Flanken des Platzes und hielten die andrängenden Zuſchauer in Reſpekt; einen engern Halbkreis bildete die junge Mannſchaft, Fußvolk und unberittene Reiter ohne Montur in weißen Stall⸗ jacken und allerlei Mützenwerk. Sechs gediente Unteroffiziere maſchirien in der Mitte des Halbzirkels auf, ernſt und kalt, und luden taktrecht als Muſterbild ihre Büchſen; an der rechten Spitze des Halbmondes ſah man den Hauptmann du Vent, mit einigen Lieutenants im Geſpräch; der Reitknecht hielt — 1 — lt te ht tit 311 hinter ihm das unruhige Roß. Jetzt wurde der Major Engelborn herangeführt. Du Vent ſchien unruhig zu werden, als er auf die hohe Geſtalt den erſten Blick geworfen. Ernſt, aber gefaßt, ſtand der Major vor dem Sandhügel ſtill; er legte den Hut, den er für heute nochmals mit der weiß und rothen Feder geſchmückt hatte, auf den Anger nieder, knöpfte den blauen Oberrock ganz auf, und zog eine volle Börſe und eine reiche Uhr her⸗ aus. Mit durchdringenden Blicken ſah er dann auf die Sechſe, von denen ihm der Tod kommen ſollte und die noch ruhig auf den Gewehren lehnten. Kameraden, ſagte er, eine ehrliche Bruſt iſt heute eure Scheibe, und der Schuß entehrt eure Büchſen nicht. Ich wie ihr, wir Alle haben oft der Batterie in den holliſchen Rachen geblickt, und kennen den Tod. Zielet brav, daß ich ſchnell ende! Die Rotte, welche mein Herz trifft, erbet dieſen Nachlaß hier als Angedenken eines Kriegsgefährten. Er legte Uhr und Börſe in den Hut, trat auf den Sandfleck, zog ein weißes Tuch hervor und verband ſich ſelbſt die Augen. Habt Acht! Gewehr auf den Arm! commandirte mit ſichtbarer Unruhe und Zerſtreuung Hauptmann du Vent, noch ehe er den Degen gezogen und ſein Pferd beſtiegen hatte. Sein Lieutenant erinnerte ihn höflich; erröthend bückte er ſich nach ſeinem hingefallenen Stulp⸗Handſchuh, da fühlte er ſeine Hand plötzlich von eiskalten Fingern umfaßt, und als er zuſammenfahrend ſich umſah, ſtand eine ſeltſame Geſtalt ihm zur Seite. Es war Helene. Wie ein Wiederkömmling vom Grabe ſtand ſie da ſtarr und wachsbleich, im dünnen Nachtkleide immer voch ſchoͤn; die Haare hingen ohne 312 Bedeckung und ohne Band um die nackten weißen Schul⸗ tern und flogen im Morgenwinde; auf den bleichen Lippen glänzten friſche Blutstropfen, und die großen, runden Augen funkelten beſonders gräßlich. Nicht weiter! rief ſie mit heiſcher Stimme, in der ſich Angſtruf und Befehlston miſchte, und hielt des Haupt⸗ manns Hand krampfhaft gepackt. Nicht weiter, oder Du wirſt ein Vatermörder! Dieſes rothe Mahl auf Dei⸗ ner Rechten hebt alle Zweifel. Ja, ich bin Deine Mut⸗ ter; jener Brave, den Du tödten läßt, iſt Cäſar, Dein „ Vater. Eine Sekunde ſtarrte der überraſchte Hauptmann ſie an, dann ſtieß er mit einem ſeltſamen Hohnlachen die Frau zurück, ſo hart, daß ſie zwiſchen das Volk auf den Boden hinſank. Nehmt die Tolle feſt! rief er mit Zorn und Hohn. Ich bin kein Deutſcher, und es wäre mir gerade recht, der Sprößling einer Bettlerin und eines Landſtreichers zu heißen. Im Volke wurde es unruhig. Iſt das nicht Windmül⸗ lers Fritz? fragte der Eine. Und das nicht die Helene vom Schloſſe? ein Anderer. Wild werdend riß der Hauptmann die Stulp⸗Handſchuhe über die Hände, ſchwang ſich auf das Pferd, zog den Degen mit Haſt, und hob ſich in den Bügeln zum Commando. Indem wurde es immer unruhiger unter der murmelnden Menge. Man glaubte Schüſſe und ungewöhnliches Getümmel vom Städtchen her zu hören. Auch die Huſaren und Rekruten horchten und flüſterten unter einander. Acht! rief du Vent mit weittönender Stimme. Fertig! An! Doch da ſauste es und brach wie ein Orkan durch das Menſchengedränge über den Anger daher, und rechts und links ſtürzte Alles in zerriſſenen Gruppen zuſammen. Feinde! Koſacken! rir es 313 ſchrien tauſend Stimmen, und ehe das Todescommando aus des Hauptmanns Munde ſchallte, durchſtachen ihn die langen Lanzen zweier bärtiger, wie auf Windes⸗ fittigen heranrauſchenden Reiter, deren eine ſeine Bruſt rücklings traf, die zweite von der Seite her ſeinen Hals durchſchnitt. Mit einem ſchmerzlichen Ach! verklang das vatermörderiſche Wort, und langſam gleitete der ver⸗ wegene junge Mann mit durchbohrtem Herzen vom Pferde herab, mit halberſtarrten Händen nach den feind⸗ lichen Speeren greifend. Das Getümmel ward allge⸗ mein, jede Ordnung zerriſſen; hie und da wehrte ſich ein Reiter, doch das Volk half die Widerſpenſtigen von den Pferden reißen, und jubelte den unverhofften Be⸗ freiern entgegen. Um die Hauptperſon des Tages hatte ſich Niemand bekümmert; er war in dem größern Ereigniß, im lang⸗ erſehnten Freiheitsrauſch vergeſſen worden. Einige der Schützen drückten zwar ihre Büchſen auf ihr Ziel ab, doch der ſtürzende Commandant und der Schreckensruf: Koſack! machte Auge und Hand unſicher, und keine Kugel 2 traf das Opfer. In den Armen Theodors und des Bru⸗ ders Franz fand ſich Cäſar, und wie ein ſchönes Traum⸗ bild ſtaunte er unter dem fallenden Blendtuche aus die veränderte Scene und die befreundeten Truppen an. Bitter miſchte ſich ein Wermuthstropfen in den Freuden⸗ kelch, als man die arme Helene fand, todt an dem durch⸗ ſtochenen Hauptmann liegend, den ihre Arme feſt um⸗ klammert hielten wie eine Niobe den Sohn, und den ihr Mund mit dem Blute ihrer innerſten Bruſt über⸗ ſtrömt hatte. Ueber den beiden Leichen drückten ſich die Brüder Engelborn ſchmerzlich die Hände: zwei Männerthränen 314 ſchmückten den Ring der Verſöhnung, und Beide ſorgten alsdann gleich emſig für die Aufhebung der Todten aus dem Getümmel. Gelungen war das Kühnſte, abgetrotzt dem Schickſale durch Liebe und Muth das Höchſte, und Alle eilten jetzt nach Schloß Kaltenbach zurück, den Triumphzug der Brüder zu feiern, und den Würdigen mit der unſterb⸗ lichen Roſe zu krönen. Herr Franz hielt Wort wie immer, denn als die Geſellſchaft, ſeltſam zuſammengeſtellt von deutſchen und ruſſiſchen Offizieren und den gefangenen Franzoſen, von denen ſich nur der Comte la Roche als verwundet entſchuldigen ließ, ſich zur Mittagstafel ſam⸗ melte, führte der Schloßherr die ſchöne Franziska, jetzt im weißen Seidenkleide, unter der Myrtenkrone dem Doctor zu, und Major Cäſar überreichte ihm ein Papier⸗ worin er ihn als Sohn adoptirte, das ihn zum Erben der Brüder beſtimmte. So blieb der Name der Herren auf Kaltenbach derſelbe bis auf die neue Verlängerung, denn der Erbherr ſchrieb ſich nun Theodorus Beſt, ge⸗ nannt Engelborn von Kaltenbach; doch ſorgte er in der Folge, daß der Name der Familie nicht ſo leicht wieder befährdet werden konnte. Das Hochzeitsfeſt feierte ſich im Schloſſe ſtill, aber innig; nur Nicola, der Gärtner, ging traurig in der Allee herum, da außer einem Dutzend flackernder Pechkränze von ſeinem Illuminations⸗Projekt nichts zu Stande kam. Statt ſeines Parks illuminirten ſich ſelbſt die Koſacken des Pulks, den der General als Nachhut znrückgelaſſen, und die ſich mit einigen Brannt⸗ weinfäſſern, guten Heringen und mächtig großen Salz⸗ gurken königlich bewirthet fanden, und in kauderwelſchen Ausrufungen außen vor der Schloßtreppe die hohen Ge⸗ ber tauſend und abertauſend Male hoch leben ließen. e ten us ale etzt der rb⸗ er, on nen als m⸗ etzt em er⸗ ben ren ng⸗ ge⸗ der der ſich er, Der gelungene Ueberfall der Reſidenz gehört der Kriegsgeſchichte unſerer Zeit, und wir haben in ihren Tagesblättern davon geleſen. Theodor bekam für ſein Wageſtück, das zu ſolch glänzendem Erfolge leitete, einen Orden Rußlands, wie auch den neuen vaterlän⸗ diſchen Ritterſtern, der den Namen des herrlichſten Für⸗ ſtenſtammes in Europa trägt, und ſein alſo geziertes Gemälde gab neben ſeiner Dame dem alten Familien⸗ ſaale einen neuen Prunk. Der Major machte noch den nächſten Feldzug mit⸗ und rächte ſich durch den Einzug in Paris für die er⸗ littene Schmach. Von Wunden und Bivouacs geſchwächt, legte er darauf ſeinen Seelengram an die verſöhnte Bruderbruſt, und oft ſah man die beiden Brüder auf dem Kirchhofe des Dorfes Steinmühlen an dem ſchlich⸗ ten Grabſteine ſitzen, unter den ſie die arme Helene neben dem widerſpenſtigen Sohne dicht an der Familien⸗ gruft der Herren auf Kaltenbach begraben hatten. Un⸗ ter dem alten, ſchattigen Fliederbuſche gaben ſie ſich da wechſelſeitig Aufklärungen über Vergangenheit, und Herr Franz ſagte dann mit ſtiller Trauer: Ruhe um Helenens Aſche! Sie hat den Zwiſt unſerer Jugend herbeigeführt und unſere Troas in Brand geſteckt, aber ſie verſchwi⸗ ſterte auch deſto feſter unſer Alter! * f hes Gemälde. toriſe iſi S ₰ S — d N — § — — — ꝗ 3— — — — Zwei Männer ſtiegen von der Wafſerſtadt langſam und fichtlich ermüdet durch den heißen Augußtmorgen den Berg hinauf, der die Hauptſtadt des ungariſchen Königreichs trägt. Der Eine in deutſcher ſchlichter Tracht ſah im Hinaufſteigen mit den hellen Augen dennoch ſich überall um, wie der Fremde zu thun pflegt, wenn er von einem merkwürdigen Platze der Welt ſich gern ein recht feſtes und deutliches Bild für ſeine Erinnerungsſtunden mit⸗ nehmen möchte. Der Zweite ſchritt erſchlafft und träge voran, ſtierte mit den kleinen gekniffenen Augen vor ſich weg und nahm wenigen Theil an den Umgebungen, ob⸗ gleich er die Aufmerkſamkeit der Begegnenden mehr als ſein Kumpan auf ſich zu ziehen ſchien. Wenn dieſen dann und wann ein Paar wallachiſcher Weiber ſtillſtehend be⸗ trachteten, ſich unwillkürlich das weiße Kopftuch zurecht rückten und am dunkeln Bruſtlatz ordneten, oder ſich ein⸗ ander am hellblauen Röcklein zupften und dazu ſprachen: Schau einmal Den! Hat er nicht Haare wie Lämmer⸗ wolle und iſt wie ein junger Tannenbaum? ſo ging kein ungariſcher Bauer vorüber, der nicht mit ſeinen bei⸗ den braunen Händen in die fettgetränkten Hemdärmel gegriffen, als wollte er ſich hindern an ihrem Gebrauch, dann die ſchweren Sohlen der Schuhe, wie ein Roß, welches auskeilen möchte, an einander ſchlug, haſtig die Zipfel ſeines langen Schnurrbartes ſtrich, ausſpie und einen wilden Ungarnfluch halblaut durch die dunkeln vippen ziſchen ließ. Die ſonderbare Tracht des alſo Ver⸗ höhnten hätte eher Spott und Lachen als ſolchen Ab⸗ ſcheu erregen müſſen, denn ſein Wamms, von hellgrünen und ſchwefelgelben Streifen zuſammengeſetzt, glich einem Felde, wo blühender Rapſaat und die friſchen Halme des Winterkornes mit einander wechſeln; auf dem Kopfe, wo ſich graues und ſchwarzes Haar wie ein gefleckter Ziegen⸗ veiz miſchte, trug er einen ſcharlachrothen Türkenbund, den ein Silbermond zierte, mit feinklingenden Gold⸗ ſchellen behangen; an ſeinen Stiefeln erklangen gleich⸗ falls bei jedem Tritt zwei goldene Glöckchen, und ſtatt der gekrümmten Ungarwaffe trug er am Gurt ein Schwert von gelbem Lindenholz ohne Scheide, deſſen Spitze ſich in einem vollhaarigten Fuchsſchwanz endigte. Wer jedoch in das Geſicht des bunten Menſchen blickte, ahnte ſo⸗ gleich etwas von dem Grunde des bäuriſchen Ingrimms: denn in den Furchen dieſes bleichen, hagern Antlitzes lag viel des Widerwärtigen und Abſtoßenden; an dem weiten Munde zogen ſich zwei gar feindſelige Linien herab, und die abgemergelte lange Geſtalt, mit etwas nach vorn gebogenem Rücken, hatte eben ſo wenig An⸗ genehmes für das Auge und konnte nichts dazu thun, peln Eindruck des Geſichts zu verwiſchen. Der Bunte hieß Butzko und war der Narr des gefürchteten Stibor, des Woiwoden von Siebenbürgen und Grafen von Preßburg; der Deutſche, welcher mit ihm ging⸗ diente dagegen dem Herzog Albrecht von Oeſterreich, war ſein Waffenmeiſter und mit ſeinem tapfern Herrn nach Ofen gekommen, wo der Herzog zum Beſuch bei ſeinem Schwiegervater, dem Kaiſer und König Sig⸗ mund, mit ſeiner Gemahlin, der ſchönen Eliſabeth, und im Gefolge der angeſehenſten Ritter Wiens eingeritten⸗ —„—„„— — er⸗ Ab⸗ nen em des wo en⸗ nd, d⸗ ich⸗ der vert ſich doch ſo⸗ m: itzes dem nien was An⸗ n, Der eten afen ing, eich, errn bei Sig⸗ und tten. 321 Auf einer Stelle, wo die teraſſenförmige Bauart der Stadt eine Ausſicht in die Gegend erlaubte, war der Waffenmeiſter ſtehen geblieben, und als ſein Führer es bemerkte, kehrte er zwar geduldig, doch nicht ohne Un⸗ willen zu ihm zurück. Nun, Freund Tirna, frägte er mit ſeiner ſcharfen Stimme, welche ſchnitt wie der Blick ſeiner kleinen ſchwarzen Augen, warum ſtehſt Du wie Loths Frau und ſetzeſt Deine Augen auf den Nacken? Habe ich mich doch drei volle Stunden abgemüht, Dir unſere Herrlichkeiten zu zeigen von der Trinitatsſäule an und den Rieſenhäu⸗ ſern der erzbiſchöflichen Thurmmützen bis zu der ſchmutzig⸗ ſten Spelunke der Raitzenſtadt hinab. Ich meine, Deine Wißbegier könnte ſatt ſeyn für heute und uns gnädigſt erlauben, die trockene Kehle mit einem Glas Schiracker rein zu ſpülen. Alles hat ſeine Zeit, und Deine derben deutſchen Knochen müſſen Mitleid haben, denn es iſt mir, als wäre mein gebrechlich Fußgeſtell um eine halbe Elle kürzer geworden. Nur eine kurze Weile noch! antwortete der Waffen⸗ meiſter; Deine Geduld, Du guter Narr, ſoll nicht un⸗ gerühmt bleiben im Schloſſe. Und wonach ſchaueſt Du ſo ernſt, Freund Steyß fragte neugierig der Narr. Iſt's das Bürgermädel aus jenem Erkerfenſter, die unter der ſilbernen Spitzhaube ſo ſchelmiſch herniederlacht, wie ein Vogelſteller, wenn eine fette Wachtel unter ſeinem Fallnetze trippelt? Mein Weib iſt droben bei der Herzogin! entgegnete der Deutſche. Weiß, weiß, die ſchöne Schlüſſelfrau, bei deren An⸗ blick die jungen Magnaten ſich den Bart zehnmal ſtrei⸗ Blumenhagen XV. 21 chen. Alſo leibeigen wie unſereins? Erhalte Dich Gott, Kamerad! Schaueſt Du das Waſſer dort unten? ſprach der Waffenmeiſter weiter. Von hier ſieht man den Strom in ſeiner vollen Herrlichkeit, wie er daher braust gleich einem männlichen Helden, die Felſen peitſchet gleich ei⸗ nem mächtigen Herrn, und im Strudel zürnend ſeine glänzende Bahn ſich weiter bricht. Ich ſchaue Waſſer, viel Waſſer! Wär's Traubenblut aus der Hegyallya oder gar geſchmolzen Gold von Krem⸗ nitz, würden auch mir die Augen groß werden. Villſt Du aber baden etwa, kannſt Du's bequemer haben: oben auf dem Schloß ſind Badſtuben für Ritter und Damen, ſo üppiglich, wie ſie nur ein heidniſcher Vezir ſich gebaut. Iſt's nicht die Donau? ſprach der Deutſche weiter. Kommt ſie nicht von Wien? Bringt nicht jede Welle einen Gruß mit herab von der lieben Stadt? O ich möchte befehlen dürfen: kehre um deine Flut und trage mich mit dir zurück! Du, Narr, liebſt nur den Herrn, der Dich füttert für Deine Späße; Du kannſt keine Hei⸗ math lieben, Du armer, gequälter, alter Poſſenreißer. Der Narr ſah den Deutſchen eine Weile groß an; es zuckte in ſeinem Geſicht auf und ab, und er blinzelte mit den Augen, als hätte er in die Sonne geblickt. Er hob den dürren, mit Goldblech reich umſchnirkelten Arm nach Norden und ſagte: Glaubſt Du, ich ſey mit den Schneeflocken auf's kahle Gebirg gefallen? Auch mich hat eine Mutter geſäugt: ſie ſtarb, weil der alte Herr von Jokö eine Jagd halten mußte, als ſie erſt drei Tage aus dem Kindbett war, und Weibergekreiſch und flatternde Weiberröcke das Wild am beſten zum Garne treiben. Auch tt, der om ich ei⸗ ine lut m⸗ lUſt n: ind zir er. elle ge rn, ei⸗ er. in; lte rm en ich err ige ide 323 ein Vater lebt mir noch da hinüber am Waag⸗Fluß, zählt achtzig Sommer, aber iſt gegen mich wie dort unten die Krummeiche am Strome gegen einen Haſel⸗ ſtecken. Mich hat die Hatz des Herrendienſtes und die Spaßmacherei vor der Zeit alt gemacht; er wohnt in einem geſunden Häuslein unter dem Schloſſe Betzko und ſein Brod iſt beinahe ſo gut wie das der Leibhunde auf Betzko. Du biſt ein Liebling Deines Herrn; warum nutzteſt Du nicht eine gute Stunde, dem Greiſe die Freiheit zu erbetteln? Mein Herr ſpricht: Der Baum gedeiht am beſten dort, wo ihn Gott hingeſtellt. Doch war Dein Herr ſelbſt ein Polack, eines armen Abenteurers Sohn, den König Ludwig als Edelknabe zu ſich nahm auf Schloß Viſſegrad; erzählteſt Du nicht geſtern davon? Da hat der Ruſter⸗Wein den Narren zum Narren gemacht! fiel haſtig Butzko ein. Vergiß es, Freund Waffenmeiſter; Du erſparſt mir die Peitſche. O, mein Vajda iſt ein trefflicher Herr, wenn er nüchtern iſt, ein tapferer Kriegsmann, ſitzet der Majeſtät auf dem Knie und der Frau Kaiſerin im Schooße, ſteht der Dritte im Reiche dicht hinter dem Palatin. Solche Herren haben eine eigene Weisheit; wer nicht daran glaubt, fühlt ſie wie der Thomas, aber in den eigenen Wundmählern. Armer Narr, ſprach Tirna mitleidig, zieh' mit nach unſerer Donauſtadt, daß Du leben lerneſt in freier Bürgerluft und unter einem Herrn, der nie vergißt, wie er einſt ſelbſt durch die Schule des Unglücks ging. Du biſt geſcheidt und haſt ein tüchtig Herz unter dem Gecken⸗ wammſe; wer weiß, was bei uns noch aus Dir würde. S War ich doch auch ein armer Handwerksmann, ſchnitzte Armbrüſte und Bolzen in der kleinen Werkſtatt. Jetzt bin ich ein Wehrmann geworden, ſtehe im guten Solde habe einen Ehrendienſt bei dem beſten aller deuiſchen Fürſten, habe an ſeiner Seite fechten dürfen gegen die blutſaufenden Taboriten und Horebiten, und warum? Weil mein Herr ein treuwieneriſch Herz in mir erkannt und meiner Veronika Vater das Leben für ihn hingege⸗ ben. Geſchwind gewinnt! iſt unſers Albrechts Wahl⸗ ſpruch; thue darnach, ſattle um und ſuche ein edler Leben bei uns; es gibt nur ein Oeſterreich, und Nie⸗ mand, der drin, hat ſich noch hinaus gewünſcht. Der Narr lächelte ſeltſam mit feuchten Augen. Prahl⸗ hänſelei! lachte er. Wo kann's beſſer ſeyn als im Ungar⸗ lande? Wo gibt's anſehnlichere Ochſen als hier? Wir ſenden die langgehörnten Barone ja hinauf zu euch und eure S mäſteten ſich im mannshohen ungariſchen Graſe. Ihr trinkt dicken Gerſtenſaft und Eſſig; wir ſchlürfen heißen Tarczal im Winter und kühlenden Ofner im Johannismonde. Schau' hinüber dort zu dem Gaſt⸗ hauſe. Hat da nicht die wahre Fröhlichkeit ihre Him⸗ melsfahnen ausgeſteckt. Schau, da iſt Keiner im ganzen Stallgewühl, der ſich nicht vollgeſtopft bis in den Schlund hinauf und im ſchlechten Maſchlaſch zum lebendigen Fas getrunken, und bekommt das Volk die Cſomör, die Volks⸗ krankheit, ſo reibt es ſich mit Knoblauch, Salz und Eſſig, und fingt nach einer Woche wieder von vorn an, der alten Luſt nachzugehen. Ihr ſeyd Hungerleider gegen uns, und mir möchte ebenfalls kein anderes Kleid quem ſitzen als dieſes da; darum laß mich unter dem türkiſchen Monde, den man zum Spott des Erzfeindes auf meinen chriſtlichen Kopf gepflanzt. 1 be⸗ e de Sie waren im Geſp 89 Du von unſerm ſter, indem er ſeinen ſpazieren gehen unter es mich zu den faulen — praͤch in die Stadt hinaufgegan⸗ gen. Aber warum treten wir nicht in ein Gaſthaus, da Durſte ſprachſt? fragte der Waffenmei⸗ Hut lüftete und ſich die blonden glattgeſcheitelten Locken von der naſſen Stirne ſtrich. Ich ſelbſt möchte mich laben und auch das komiſche Volks⸗ gewühl in der Nähe betrachten. Ein kluger Wandersmann geht nicht zu dicht am Häuslein vorüber, i Knochen abnagt, antwortete der Narr. ie Leute ſehen Dich mit häſſigen Blicken an? Warum das, Butzko? Iſt Dein Herr oder biſt Du nicht gut angeſchrieben bei den Ofenern? Das Volk iſt eine undankbare Heerde, entgegnete mit Achſelzucken der Narr; weil der Hirt zuweilen einige Stücke abſchlachten muß, damit er nicht verhungert in ihrer Huth, ſtießen ſie alle ihm gern die Hörner durch den Leib. Was mich betrifft, ſo laſſe ich mich ſelten dieſen Zottenbärten und ſchwarzen Wäützen, und heute geſchah's nur, weil ich in Deiner Geſellſchaft eine Pandurengarde gefunden, die mich ge⸗ gen Steinwurf und Stiefeltritt ſicher ſtellte. Das al⸗ berne Volk liebt mich nicht beſonders. Einmal zählt Leibhunden meines Herrn, und außerdem hat es einen beſondern Groll auf mich wegen einer kurioſen Geſchichte, die ich Dir ganz im Kurzen erzählen will, wenn jener verdammte Dudelſackpfeifer in Deinem Ohr Raum läßt für meine trockene Stimme. Es ſind lange Jahre her, mein Herr ſaß ſchon bis zum Kragen im Glück, hatte ſchon dem Könige in den Päſſen vor Nikopol das Leben gerettet, hatte ſchon durch ſein Aufgebot allein gegen den neapolitaniſchen Präten⸗ ⁰) 3 20 der biſſige Kettenhund ſeine 326 denten Ungarns Krone gerettet, ſchon waren ein Dutzend Schlöſſer ſein und vier Städte, da hielten wir eines Tages Jagd in derſTrentſchiner Geſpanſchaft und ruh⸗ ten am Mittag nicht fern von der Waag. Die Roſſe wurden getränkt, die Hunde krochen an's Ufer hinab und kühlten die dampfenden Zungen im Fluſſe, nur wir la⸗ gen auf dem dürren Haidekraut und hatten nicht Trank, nicht Speiſe, denn die Jagdwägen waren eine gute Weg⸗ ſtunde voraus, um uns in einem Wäldchen zu erwarten. Die Barone murrten ſämmtlich, nur mein Vajda blieb der eiſerne Mann wie immer und ſpöttelte der Erſchöpf⸗ ten und forderte ſie auf, ihre Wünſche zu nennen. Da wünſchte ſich denn der Eine ein Bärenfell und ein dicht Gezelt darüber gegen die Sonnenpfeile; der Andere ein Fäßchen Traubenblut; der Dritte der Kaiſerin Himmel⸗ bett, und Keiner hatte geiſtige Funken im Gehirn be⸗ halten, um nur dem Wunſche einen Blitz von Witz bei⸗ zugeſellen, und als zuletzt die Reihe auch an mich, an den Narren, kam, antwortete ich dem Vajda zum Spott für die Andern, indem meine Hand auf einen mächtigen Felſen deutete: Herr, wie könnte Dein Narr anderer Meinung ſeyn als die klugen Magnaten und Freiherren des Reichs? Nur in der Unbeſcheidenheit darf der Narr Allen vorangehen, und ſo wollte ich, dort auf der brei⸗ ten ungeheuern Steinplatte, die nur wenige verkrüppelte Eichen trägt, zwiſchen denen ſich der Sprudelquell her⸗ vorwälzt und in die furchtbare Felſenſchlucht ſtürzt, als könnte er, vor Scham über ſeinen traurigen Urſprung, wie ein Bettler, den man nach dem Vater frägt, ſein Haupt nicht tief und ſchnell genug verbergen, dort möchte ich ein Schloß ſehen, ſo ſchön wie irgend eines im Koͤ⸗ nigreiche, ſo groß, daß alle Prälaten und Obergeſpane v 6 S v S N u 8 327 des Reichs darin Quartier nehmen könnten, ja der Kö⸗ nig ſelber und ſein Hof, ſo glänzend ausgeziert als Viſſegrad, vom Thurm bis zum Keller ein Speiſehaus für ein ausgehungert Heer, jene Bäume in Luſtgärten verwandelt, jenes gelbe verſengte Haidekraut ſchattige Raſenplätze, jener wilde Bach der Vater künſtlicher Teiche und Kaskaden, und in dem Schloſſe möchte ich Herr ſeyn bis zum gottſeligen Ende. Du biſt ein ganzer Narr! lachte der Vajda, indem er mit dem Sporn mei⸗ nen Schenkel kitzelte, aber in ſeinen Augen brannte dabei ein Licht, wie ich es nur je zuweilen ſah, beſonders dann, wenn ich ihm dicht vor einer Schlacht im Gezelt, ehe er ſein Streitroß beſtieg, den letzten Becher kredenzte. Dein Herr ſprach nicht unrecht, Narr! ſagte der Deutſche. Du hätteſt die Stunde und des Herrn Humor beſſer nutzen können. Höre nur! fuhr der Narr beklommen fort. Kaum ein Monat, ſo ſah der Fels einem Ameiſenhaufen ähn⸗ lich: denn aus hundertundzwanzig Ortſchaften arbeiteten vom Frühlichte bis zur Nacht alle Einwohner daran; nicht Stand noch Alter galt, das Kind mußte herbei ſo wie der Greis, die Jungfrau zuſammt der Großmutter; Bauer und Hirt, Schiffer und Muſikant; die Wanderer, welche ihre Reiſe vorbeiführte, mußten eine Woche mit⸗ arbeiten; ſelbſt edle Herrſchaften, die mit Roſſen und Wägen und Geleit vorüberzogen, mußten die Knechte und die Thiere eine Woche zum Baudienſte herleihen⸗ wurden jedoch trefflich bewirthet in den nächſten Ort⸗ ſchaften. Zwei italiſche Baumeiſter regierten den Bau, und vier franzöſiſche Gärtner ſchufen die Wüſte zum Pa⸗ radieſe. Nach Jahresfriſt ſtand das Schloß auf der Fels⸗ platte, das ſchönſte und reichſte im Ungarlande, mit 328 N Thiergärten und Waſſerkünſten, und das Volk nannte V es: Bolondvar, das RNarrenſchloß, und ergißt es nie, wenn es meinen bunten Rock erblickt, daß ich es war, deſſen Thorheit den Vajda zu einem Pharao gemacht, der aus Schweiß und Blut ſich ſeinen Feſtſaal und ſein Todtenhaus erſchaffen. Entſetzlicher Uebermuth! rief der Waffenmeiſter. Und wurde Dir Dein Narrenlohn? Biſt Du des Schloſſes Herr? Als wir einzogen und ich ſelber mit Grauſen und Fieberfröſteln durch die goldenen Hallen ging, dankte ich dem Vajda für ſein Sultansgeſchenk und pries ſeine Großmuth, die immer etwas geringer hätte ſeyn mögen. Da ſtrich er den Bart und ſagte: Du biſt hier der Herr, Butzko. Denn wer regiert freier im Hanſe, als der Narr, der ſeine groben Worte ſagen darf ohne Furcht vor der Riemenpeitſche, der der Gräfin das Strumpf⸗ band ſtehlen und dem Herrn den Morgentrank wegfiſchen darf ohne Strafe? Regiere alſo fort, mein Narr; ich will Dein Miethsmann bleiben wie zuvor. Wenige Jahre nachher feierte der Vajda die Hochzeit ſeines Soh⸗ nes auf Schloß Betzko, halb Ungarland ſchmauste dro⸗ ben faſt ein Jahr hindurch, und als die Hochzeitsgäſte endlich geſättigt ſich zur Heimkehr rüſteten, müßten ſie zuvor Gevatter ſtehen bei dem Töchterlein der jungen Frau. Solche Hochzeit mag wohl noch nirgend gefeiert ſeyn und man wird davon erzählen, wenn kein Stein des Narrenſchloſſes mehr auf dem andern ſteht, und der Vajda und die Gäſte alle und auch der Narr lange der Würmer Atzung geworden. Nicht wahr, Freund Ste⸗ phan, bei ſolcher Hochzeit hat Dein Fuß wohl noch nie⸗ malen mitgetanzt? — N6 3 Nur zwei Mal habe ich ſolche Hochzeit mitgemacht, antwortete der Deutſche. Das erſte Mal war ich ſelbſt die Hauptperſon, und ſtattlich genug ging es zu dabei im der Hofburg: ſo wollte es mein Herzog, die Braut zu ehren; denn meiner Veronika Vater war Bürgermeiſter zu Wien geweſen, hatte ſeine Bürgertreue gegen den rechten Herrn büßen müſſen durch Tod auf dem Schaffot, und der Herzog wollte damit vor allem Volke ſein Gedächtniß feiern. Um uns und in uns war 6 jedoch gar ſtill bei dem Feſte. Mein Weib und ich, vir waren Waiſen; des Vaters blutiger Schatten, das — Bild der Mutter, die vor Gram geſtorben, ſaßen neben uns, und ernſte Schauer preßten uns dichter anein⸗ ander. Wir hatten nur eine Empfindung der Freude: die, daß wir von da an nicht mehr allein ſtanden in der Welt, daß das 3 Sakrament uns verſchmolz bis zum Grabe, ß nicht mehr Menſchenmacht uns zu trennen — ſo ſaßen wir den ganzen Abend Hand in Hand, ſtumm, doch ſelig, denn unſere Blicke tauſch⸗ ten immer den nämlichen Schwur aus, den wir ſo eben an heiliger Stätte in des Prieſters Hand zu ewiger Ver⸗ wahrung gelegt. Das zweite Mal war auch nicht viel von irdiſchem Jubel dabei. Es war die Hochzeit Herzog Albrechts mit der Kaiſertochter, der tugendſamen Eliſa⸗ beth. Die Brautmutter liebte die Tochter nicht und haßte den Schwiegerſohn; das Land lag in tiefer Noth, überall Sin die Kriegsfackel, und der Schwiegervater nahm des jungen Bräutigams Hülfe und Schwertmacht noch vor der Einſegnung in Anſpruch. Da blieb denn auch er lichteſte Augenblick der, als vor dem Altar in Sanct Ste tephan ſich die jungen glücklichen Gatten in die Augen blickten, welche gleich milden Sternen Alles umher mit erleuchteten, und das Volk nicht ein wüſtes Vivat rief, ſondern jede Hand gefaltet war und jede Wange eine Perle trug. Und, Freund Narr, ich meine, bei jeder Hochzeit, die auf eine gute Zukunft deuten ſoll, müßte es alſo ſeyn; iſt das Glück nicht in der Bruſt und kein Gebet dabei, ſo wird das Gelärm der Gäſte und Mu⸗ ſikanten im Brautpaar nicht wecken, was ſchläft und was allein ſolchen Tag zur hohen Zeit macht. Ich möchte Dein wunderſames Narrenſchloß nicht ſehen, ſeitdem Du mir davon erzählt. Eingeſchloſſen um Mitternacht in der Fürſtengruft der Habsburger würde mir nicht ſolche Ge⸗ ſpenſterfurcht kommen, wie auf dem Fels in des Woiwoden Goldgemächern. Ihr Deutſchen ſeyd ein wunderliches Volk, nehmet jedes Ding ſo ernſt, und ſelbſt eure Freude iſt wie ein Leichenſchmaus, ſprach der Narr vor ſich hinaus ſtarrend. Seit mir hie und da ein Silberſtrich durch das Haar gewachſen, iſt mir's je zuweilen auch gar wunderlich auf dem Schloſſe vorgekommen, wenn das Gewiſſen mich auch nicht drückt beim Anblicke der ſtolzen Zinnen und goldenen Giebel. Sie waren indeß auf einem Platze angelangt, wo das Volksgewühl auffallend dicht erſchien und man auf einen Blick überſah, was die Siege in Siebenbürgen und über die rebelliſchen Böhmen, der Friedensſchluß und die verkündete Glaubensduldung für Großes her⸗ vorgebracht. Ein pausbackiger Dudelſackbläſer rief mit ſeiner gurgelnden Muſik Alles, was bewegliche Beine hatte, zu ſich heran, und nachdem ſeine Kameraden, ein Hackbrettſchläger, der gleich einem Huſſitenheld auf ſeine Saiten hieb, und zwei Geiger, die, kerzengrad ſtehend, mit langen und kühnen Strichen ihre kleinen Inſtrumente ne er te n u⸗ te 331 bearbeiteten, das Gaſſenorcheſter in Stand geſetzt, ſchien Jung und Alt wie vom Tarantelſtich getroffen, der gei⸗ ſtige Dunſt der Sliwowitza brauste hoch auf in den ſchwarzhaarigen Köpfen, und dem rauhen Boden zum Trotz faßte jeder Mann die nächſte weibliche Perſon und warf ſich mit ihr in das Getümmel eines wahrhaft ba⸗ chantiſchen Tanzes, der ſchnell den ganzen FPlatz über⸗ ſchwemmte. Da kreiste die hohe Pelzmütze des Wallachen neben dem blauen Schleier der bis an's Kinn vermumm⸗ ten, wohlbekleideten Slowakin; des Rusniaken ſonntäg⸗ lichen Schaſpelz umflatterten die rothen und gelben Band⸗ ſchleifen der Kroatin. Die ſtählernen Sporen, klirrend zuſammengeſchlagen, zerfetzten den gelben Strumpf der glutaugigen Tänzerin, ohne daß ſie einen Schrei that; ein rothmäntlicher Pandur warf einem Kaleiner den breitrandigen Hut vom geſalbten Zottenhaar und riß den darob laut Jauchzenden in den Schwung der Maſurka; der felſige Boden keuchte unter dem Geſtampf der kraft⸗ vollen Ferſen, und durch den großen Akkord der allge⸗ meinen Wolluſt ziſchten einzelne Kreiſchtöne hervor, wie ſie der Raubvogel in hoher Luft ausſtößt, wenn er über einer gewiſſen Beute ſeine Zirkelſchwingungen macht und nahe dem Stoße die willkommene Koſt vorausſchmeckt. Doch in dem ſchwindelnden Volkskreiſel ſah man auch deutſche Ritterknechte, durch Tracht und Unbeholfenheit leicht zu erkennen, geſchmeidige Italiener, die mit dem päbſtlichen Nuntius eingetroffen, der den Kirchenbann, welcher fünfzehn Jahre über dem zerfleiſchten Böhmer⸗ lande gehangen, zu löſen geſendet, und unter den Zu⸗ ſchauern ſtanden ſogar einige Häuflein jener fanatiſchen Anhänger des böhmiſchen Märtyrers, ſich dicht und ſchweigſam zuſammenhaltend, in grober Tracht, nur 332 durch das Zeichen des Kelches auf dem Aermel geſchmückt, des Kelches, den ſie mit Völkerblut gefüllt, und der ihnen der Zier genug ſchien. Wer ſind die Leute dort an der Wand, fünf an der Zahl, welche daſtehen wie bunte Pfeiler, des Hauſes Dach zu tragen? fragte der Waffenmeiſter, als er ſich eine Weile neugierig umgeſchaut. Ihre dunklen Wämm⸗ ſer ſind wie von einer Elle geſchnitten, die großen Sil⸗ berbuckeln daran wie aus einer Form, und ſelbſt die fünf ernſten Geſichter haben ſolch gleichen Schnitt, daß man ſie, wenn nicht Haar und Alterszüge ſie unterſchieden, für Fa⸗ ſchingsmasken aus einer Nürnberger Fabrik halten ſollte. Du haſt einen guten Blick für Seltenheiten, Freund Deutſchmann! lächelte der Narr. Das ſind die Freien von Pukanetz, wo die Berge goldene Adern haben, deren Tröpflein der Gran⸗Fluß auffängt. Sie gehören zu Un⸗ garns Wahrzeichen, ein Stamm, als hätte der Tod keine Macht über die Goldgräber; Urgroßvater, Großvater, Vater, Sohn und Enkel, Alle haben aus des blin⸗ den Ziska's Mordſchlachten ſich rothe Gedächtnißnarben geholt. Wo der König ein Feſt hält, dürfen ſie kommen, und in der Gegenwart der Majeſtät Jeder einen Becher Tokay leeren, den ihnen der königliche Mundſchenk ge⸗ füllt. Sieh nur, die Kelchner dort wittern ihre Nach⸗ barſchaft, die nichts Gutes kündet, und ziehen ſich rechts zu dem ſchnatternden Weibsvolke. Die haben mehr klares Quellwaſſer als Sliwowitza getrunken, Gott erhalte ſie dabei! antwortete der Deutſche; wurde ſeine Bemerkung unterbrochen durch einen Lärm, welcher dicht hinter ihnen entſtand und einen ganz entgegengeſetzten Charakter hatte, als das Getümmel vor ihnen. kt, 299 90 Vier Männer trugen langſam aus einer Seitengaſſe einen todten Körper heran, und ein Gefolge von Buben und Bürgern begleitete den Zug mit einem ſo grimmen Mordgeſchrei, daß ſofort der Tanz ſich löste und die Muſikanten mitten in ihren Harmonien abbrachen. Um Gott, ein Mord ſo dicht an des Kaiſers Hof⸗ lager! rief der Waffenmeiſter entſetzt. Das ſind gar wüthige Klingen geweſen, die dieſe hohe Stirne zerſchlu⸗ gen und ihre Spitzen in den jugendlichen Leib vergruben. Wer iſt der Unglückliche? Seine reichbeſetzte Tracht dentet auf edle Abkunft und hohen Rang. Der Narr hob ſich hoch auf die Zehen, als man die Leiche an ihnen vorbeiſchleppte, und ſein Mund ſpitzte ſich ſonderbar und er kniff die Augen gar liſtig auf und zu. Ohe, Junker Peter, mit welch ſtattlichen Roſen hat Euch das Liebchen bekränzt! flüſterte er höhniſch. Es iſt ein Illyeshazy, der jüngſte Sohn des reichen Obergeſpans von Lipto. Geſtern tanzte er noch auf dem Königsſaale, und ward nicht blind, wenn ſeine kecken Liebesaugen auf den Mittelpunkt der Landesſonne trafen; nun wird er nimmermehr ſeinen Speer nach einer karpathiſchen Bärin werfen, noch mit den Lämmern im hohen Gras ſeiner Weiden ſein gnädiges Spiel treiben.— Die Träger hatten den blutigen Leichnam wegen des Gebränges nie⸗ derlegen müſſen, und man preßte und ſtieß ſich, um die Neugier zu befriedigen. Auch die Steinbilder der fünf Freimänner von Pukanetz hatte eine ernſtliche Beweglich⸗ keit ergriffen, und als ſie jetzt der Leiche nahe gekommen, löste ſich die Schweigſamkeit aller Fünfe in einen hohlen, furchtbar ſchallenden Wehſchrei auf. Wo ward der gute Junker gefunden? fragte der, wel⸗ cher an Alter das Centrum ihrer Linie bezeichnete. 334 Dicht hinter der Herberge zum Mohrenkopf, antwortete ein Träger, halb verſcharrt im Pferdemiſt. Kurz vor Tage muß das ſchlechte Stück Arbeit geſchehen ſeyn, denn das Blut war noch warm und noch weich das Fleiſch. Einen Flammenblick, aus dem der entſetzlichſte Grimm funkelte, warf der Mann von Pukanetz über das nächſte Menſchengedränge, und ſeine vier Blutsfreunde thaten daſſelbe, und fünf Hände faßten zugleich den Griff des breiten Meſſers am Gurt. Wer hat die Taboritenhunde alſo gehetzt wie die ſtarken Illyeshazys? brüllte der Pu⸗ kanetzer. Wer hat ihrer mehr zur Sühne geſchlachtet, als der edle Obergeſpan? Niemand hat Quartier ge⸗ nommen im ſchmutzigen Mohrenkopf, als die Prager Blutſäufer. Die Kelchner ſind die Mörder. Rächt das edle Magnatenblut. Ein Todesſchreck fuhr durch die böhmiſchen Brüder bei dieſem verderblichen Ausrufe; wie die Schafe, wenn's donnert, warfen fſie ſich ſchnell zuſammen und bildeten einen dichten Haufen. Aber je eifriger ſie ſchworen bei dem heiligen Nepomuk, bei Prokops kahlem Haupte, bei ihrem Kelche, dem Heiligſten für ſie, je wüſter und hallender ward der Blutruf um ſie, und krumme Säbel und Meſſer ohne Zahl blitzten über den Mützen und Hüten, zum Glück durch das eigene Hindrängen im Ge⸗ brauch gehindert. Den armen Schächern geſchieht Unrecht! flüſterte mit Haſt der Narr ſeinem Nachbar zu. Sanct Georg ſoll mich verlaſſen, ſind Junkers Peters Wunden nicht Na⸗ delriſſe, und dazu aus dem kaiſerlichen Nadelkiſſen der Frau Barbara, als deren liebſter Buhle der Todte noch vorgeſtern ſtolziren durfte. Mit unerwarteter Kühnheit m * er it 25 330 drängte der bunte Menſch ſich vor, vielleicht erwärmt durch das Vertrauen auf die Mannlichkeit ſeines Ge⸗ fährten, und kreiſchte laut: Männer von Buda, vergießet kein ſchuldlos Blut! Verletzt des Kaiſers Frieden nicht. Glaubt mir, der Todte trinkt keinen Tokay mehr, nicht weil ſeine brave Fauſt dieſen Lumpen ihr Glas zerſchla⸗ gen, ſondern weil ſein Zünglein von dem, was er ſelbſt getrunken, zu weibiſch geplaudert, und ſchauet ihr ſeine Wunden an, ſo kann ein Kind die Pandurenſäbel er⸗ kennen. Höhnet uns der Narr vom Narrenſchloß! ſchrie da eine rauhe Bauernſtimme. Tretet ihm die ſchwarze Leber aus. An den Boden mit den Kelchnern! An den Boden mit dem räudigen Narrenhunde!— Seine Unvorſicht erkennend und ſeine dünne Ruthengeſtalt verkürzend wie ein Regenwurm, ergriff Butzko den Waffenmeiſter und ſchob ihn wie ein Schild vor ſich hin; Tirna aber zog ſchnell ſeine breite Klinge, rief kräftig: Deuiſche, heran zu mir! und machte ſich ſchlagfertig. In dieſem bedenklichen Augenblick hörte man Pferde⸗ gebraus hier und dort. Ein rieſiger Mann, in reicher Landestracht, ſchimmernd von Scharlach und Gold, trieb ſeinen ſchlanken kumaniſchen Hengſt mit rohem Sporen⸗ ſchlag mitten durch das Volk; das ſchäumende Thier warf rechts und links nieder, was vor ſeine blanke Bruſt gerieth, ſchlug, wild gemacht durch den Lärm, zwiſchen die kreiſchenden Weiber, indeß des Reiters Riemenpeitſche in wüſtem Grimm Köpfe und Geſichter der Nächſten traf. Es war Stibor, der gefürchtete Woiwode, von einem Dutzend langbärtiger Huſaren begleitet. Was ſchreit mein Narr? Was vergreift ſich das ſchlechte Geſindel an mei⸗ nem Leibknechte? Auseinander, ihr trunkenen Bettler, 8 65 1 oder eure Köpfe fliegen und ganz Buda(Ofen) gebt in Flammen auf. So raste der Magnat daher, und ſeine Tigerblicke warfen ſchon Mordbrände; jetzt traf aber ſeines Roſſes Schnauze die Schulter des deutſchen Waffenmeiſters, ſein dunkles Kleid mit Silberſchaum bedeckend. Raſch drehte ſich der Deutſche, beide Hände faßten das Gebiß und ſetzten augenblicks das Thier ſo gewaltig feſt, daß es wie gelähmt nach hinten einem Hunde gleich zuſammenſchoß und ſein ganzes Fell zitterte. Elender, was erfrechſt Du Dich? brüllte der Woiwode. Doch die geſchwungene Peitſche war gleich ſchnell in der unwiderſtehlichen Fauſt des Deutſchen, und flog, von ihm fortgeſchlendert, über die Köpfe des Volks dahin. Beſinnet Euch, edler Herr! entgegnete Tirna mit kaltem Ernſt, und danket mir, daß ich Euer tolles Roß gehindert, des Unglücks mehr zwiſchen dieſe armen Leute zu tragen. Es gibt hier keine Rebellion, von einem Morde iſt die Rede; denn ein junger Ritter liegt er⸗ ſchlagen, und das Volk ruft die Böhmen als Mörder aus, die jedoch Euer guter Narr für unſchuldig erklärte. Ein Mord? rief Stibor, ſtutzig über des Deutſchen Kälte, die wilden Blicke umherſchießend. Wie? der Günſtling der Kaiſerin, und die Taboriten dort, welche Gott verdamme, die Mörder? Laſſet ſie einfangen, Zetſee, ſo viel Ihr habhaft werden könnt, bindet ſie, werfet ſie in den Zwinger, und auch dieſen frechen Deutſchen thut zu ihnen, der die Hand an uns gelegt. Die Huſaren drängten vor, Tirna griff nach der vorhin zur Erde geworfenen Wehr; da hielt auf ſeinem Rappen Herzog Albrecht von Oeſterreich neben ihm, der ſich, nur von einem Edelknecht begleitet, langſam Bahn über den Platz gemacht, und die Rechte des ſchönen —— 337 jungen Fürſten legte ſich leicht auf den drohenden Arm des erhitzten Magnaten. Nicht alſo, mein Freund! ſprach er mild und freund⸗ lich. Wollet nicht in Aufwallung zerſtören, was wir eben erſt ſchwer gebauet. Dieſer, mein Waffenmeiſter, gehört vor mein Gericht, und Fremde auf ein Volksgeſchrei als Mörder mit Ketten zu belaſten, ſtimmt nicht zu könig⸗ licher Gerechtigkeit, die dem Himmel Rechenſchaft ſchuldet. Mit Erlaub, Herr Herzog, antwortete der Woiwode giftig, bin ich nicht Schloßcapitän des kaiſerlichen Herrn, Obriſter ſeines Heerbanns, und iſt mir nicht Gewalt ge⸗ geben über dieſe Stadt? Miſchet Euch nicht in fremde Sachen, Herr Herzog, denn Ihr ſeyd nicht zu Wien. Des Herzogs freundliches Antlitz deckte finſterer Ernſt, und er hob höher das dicht umlockte blühende Haupt. Herr Woiwode, ſagte er ſtreng und laut, ſind Eure Au⸗ gen trüb im Sonnenlicht? Wir ſind der Erbe dieſes ſchönen Reichs, ſein künftiger König, und werden uns bemühen, dieſes tapfere Volk glücklich zu machen in der Weiſe ſeiner drei großen heiligen Könige, denen der Baron und der Bauer gleich war vor dem Geſetz. Wir haben mit deutſchen Waffen dieſen gräßlichen Glaubens⸗ krieg zu Ende gebracht, was Ihr nicht vermochtet; darum, mit Erlaub, wollen wir nicht leiden, daß ein Gewalt⸗ ſchritt das keimende Vertrauen zwiſchen zwei Nachbar⸗ völkern zertrete, als es kaum die erſten grünen Blättlein entwickelt. Sprecht, ihr braven Männer von Buda: hat man Jemanden bei dem Morde ergriffen? ſind jene Beklagten mit Blut oder Mörderzeichen befleckt? Wer iſt der Kläger? Das Volk ringsum hatte Mützen und Hüte abgezogen Blumenhagen. XV. 22 338 und ſtarrte ſtumm, doch mit ſichtlichem Wohlgefallen, zu dem freimüthigen Prinzen hinauf.— Kein Kläger unter dieſen Hunderten? fragte nach einer Weile der Herzog. Und Fremdlinge, deren Haupt heilig ſeyn ſollte vor Allen, bedräuet mit Ketten und Tod? Ei, Herr Graf von Preßburg, Ihr vergeſſet, daß die Kriegsſitte, die einſt auch unſere ſeufzenden Erblande von Eurer Hand geſchmeckt, nicht für eine Zeit der Ver⸗ ſöhnung und des Friedens paßt. Hebet den Leichnam auf, ihr braven Bürgersleute, traget ihn auf das Stadthaus, und macht Anzeige bei dem Gericht und dem Herrenſtuhle, doch beläſtigt Niemanden ohne Beweiſe. Wir ſelbſt wer⸗ den Eurem gerechten Herrn, dem Kaiſer, ſofort Bericht geben von dem unglücklichen Ereigniß. Allgemeines Volksgejauchze begleitete den jungen Her⸗ zog, als er freundlich grüßend davonritt; man beachtete nicht den verbiſſenen Grimm des Woiwoden, der ſein Roß im Gallop nach einer andern Straße trieb, und als der Leichnam forigeſchafft, ertönte Dudelſack und Hackbrett von Neuem, und gleich ausgelaſſen begann der unterbrochene Tanz.— Ein Daniel, ein Salomo an Schöne und Weisheit; möge ſein Haupt auch die Krone der Tſchechen ſchmücken, denn ſolch ein Friedensfürſt thut uns Noth! ſagte ein alter Kelchner zu ſeinem Nachbar, indem ſich die mißtrauiſchen Böhmen vom Platze fort⸗ ſchlichen. Butzko, der Narr, ſprach jedoch mit bedenk⸗ licher Miene zu dem Waffenmeiſter: Freundchen, Du haſt meinem Vajda einen ſcharfen Diſtelkopf an ſein Schar⸗ lachwamms geworfen. Ich werde verſuchen, die Kette wieder loszukratzen; aber hüte Dich, ihm in den Weg zu treten, wenn er vom Becherfeſte kommt. — ——— — eGy„ e — , 342 —— — v— — 339 Kaiſer Sigmund ſaß mit ſeinem Kanzler Schlick im Cabinet. Der Kaiſer war ein ſiebenzigjähriger Greis, aber den Leichtſinn ſeiner Jugend hatte die Schale des Unglücks, die er als Herrſcher oft hatte leeren müſſen, nicht getilgt; dieſelbe kecke Eitelkeit, die ihn bei der Kaiſerwahl, als man ſeine Stimme verlangte, ſprechen ließ: Ich kenne nur einen Mann genau genug, um ihn der Kaiſerkrone werth zu halten, und der bin ich! beherrſchte ihn noch. Seine ſtattliche Geſtalt, ſeine edlen Geſichtszüge würden ihn auch im hohen Alter zu einem ſchönen, ehrwürdigen Greiſe gemacht haben; doch die jugendliche Tracht, mit der er ſich ſchmückte, das nach orientaliſcher Sitte gefärbte und geſalbte Haupt⸗ und Barthaar verdarb den natürlichen Eindruck, obgleich er dadurch die Gewalt, welche er früher über das ſchöne Geſchlecht geübt, ſich erhalten glaubte. Fürſten find ſelten unglückliche Liebhaber, und für die Schwäche des Weibes iſt ein königlicher Fußfall die gefährlichſte Probe; aber auch die, welche auf den Höhen des Lebens woh⸗ nen, ſind Leibeigene der Natur, und wenn dieſe die weiße Friedensfahne ausgeſteckt, ziehen auch ſie nicht unverſpottet in den Minnekrieg und zum abenteuerlichen Damendienſte. Der Kaiſer mit dem Neſtorgeſicht in Paris⸗Locken ſaß bequem auf den purpurnen Polſterſitz, tunkte Melo⸗ nenſchnitte in griechiſchen Wein, und legte wohlgefällig die muſterhaft gepflegten Ringeln ſeines ſtattlichen Bar⸗ tes auf dem Roſaſammet des Bruſtwammſes zurecht, indeß ſein getreuer Kanzler emſig mächtige Buchſtaben auf Pergamente malte, und mit ſichtlich ausgedrückter Gemüthszufriedenheit auf dem freundlichen Faltengeſichte die wachsgefüllten Blechkapſeln daran heftete. 340 Unverwüſtlich biſt Du heute, alter Kaspar, ſprach der Kaiſer wohlgefällig nickend, aber Deine dürren Finger müſſen ſteif werden am kalten Kiel. Ruhe aus, iſ vom Muskat; in dieſer Traube ſchläft das Feuer der Jugend, der Sieg über Völker und Frauen. Trink', alter Knabe! Der Kanzler ſchüttelte das kahle Haupt und lächelte dazu. Bedarf's nicht! entgegnete er mit feiner Stimme. Iſt's doch genug zum Umwerfen des alten Kopfs an der Freude, meinen Herrn und Kaiſer am Ziel ſeiner Wünſche und in wohlerlaubter Luſt darob zu erblicken. So lange Königsgratz nicht unſer, ſo lange der Rohacz von Duba noch trotzte, dünkte mir's noch immer wie ein Gaſtmahl ohne Braten, und Träume vom alten Unglück trübten meinen Schlaf. Ja, ja, Freund Kaspar, wir Beide haben uns wacker durch die Welt geſchlagen und ſelten die Fortuna beim Schopf erwiſcht. Doch Deine Geduld und mein Lebens⸗ muth haben das Unglück endlich lahm geſetzt. Haſt Du geſchrieben? Alle Gefangenen von dem Raubſchloſſe bei Kuttenberg, von dem Sion, ſollen hängen zu Praga an drei Galgen, und der Rohacz zu oberſt in ſeinem Blutrocke. Das gibt das ſchönſte Vorſpiel zu unſerm Einzuge. Der tolle Burſch hat ſich lieber wollen die Augen ausſtechen laſſen, als uns anſchauen zu müſſen. Die Gnade ſoll ihm werden ohne ſolche Marter. Der Henker ſoll mit ihm Blindekuh ſpielen, ehe denn wir kommen. Es muß ſo ſeyn! antwortete der Kanzler ernſt. Der böſen Geiſter ſpucken noch zu viele im Böhmer Lande: der Lippa, Podiebrad und der wilde Prieſter Rokiczana müſſen Ernſt ſehen, um die gierigen Hände ruhig zu — 5 — S X 8 8 d—— 341 falten. Hütet Euer Ohr nur vor den Schmeichelworten der Frau Kaiſerin; ſie hat die Prager Herren um ein Weniges zu freundlich empfangen. Laß ſie, mein alter Maulwurf. Sie ergötzt ihr Auge gern an herrlichen Männergeſtalten, und es ſind ſchöne Menſchen unter den Böhmen. Wir geben ihr darin nichts nach und bewundern den Schöpfer in ſei⸗ nen ſchönſten Werken. Wie? Haſt Du das Brieflein ausgefertigt an die holde Gürtelmagd, die mit der Her⸗ zogin gekommen? Schreibe einen ſchönen Vers dazu, mein lahmer Merkurius, und wickle einen Rubinring darein, die Glut unſers Herzens anzudeuten. Die Schwermuth auf dem lilienweißen Geſichtchen der klei⸗ nen Frau iſt wie indiſch Gewürz und reizt den Mund nach dem fremden Gericht. Sollen die Boten und Herren, welche Eure Krönung bereiten müſſen, baldigſt abgehen? unterbrach Herr Schlick die kaiſerliche Entzückung. Morgen, übermorgen! Der Paul Beſſenus, der Pe⸗ ter Eſeh von Lewa müſſen dabei ſeyn. Auch den Wil⸗ helm Koſtka, der dem großen Prokog bei Lipau den Garaus machte, ſtelle hoch im Krönungszuge. Heinrich Parsko, der den Rohacz fing, muß auch kaiſerlich be⸗ ſchenkt werden. Sorge ebenfalls für ein Käſtlein nied⸗ licher Kleinodien für die runden und vollbuſigen Prager Frauen. Ich freue mich auf ihre närriſche Sittſamkeit, die den Kuß verweigert und die Umarmung duldet; ſie verſchenken das Pferd und behalten den Sattel. Das wird gar Vieles koſten, Majeſtät! murrte der Kanzler. Hänget ihnen allen den Drachenorden umz denn ſie ſind reicher als wir. Der Kaiſer war aufgeſtanden und klopfte ſeinem 342 alten Rath gutmüthig auf die Schulter. Freilich iſt Dein König und Kaiſer der erſte Bettler in ſeinem Reiche, ſeufzte er, und mancher Armaliſt ohne Adelgut zählt mehr auf ſeinem Bauerhofe aus der Geldkiſte. Könnten wir nur noch einmal die Brandenburg an den Zollern verkaufen, oder Cſaka⸗Tornia an den Cilly, ſo bedürft's keiner Sorge. Doch meine ich, beſſer ſey's, ein armer König der Reichen zu ſeyn, als ein reicher König der Bettler. Die wir reich gemacht, müſſen herleihen; ver⸗ kaufe ihnen ein Dutzend Titel, und ſie zahlen friſch. Und blühen wir doch in voller Geſundheit und dürfen immer noch auf ein zwanzig Jahre Lebensfriſt rechnen; da wird der Frieden unſere Säckel und Zwinger füllen gleich dem Horne des Ueberfluſſes, znd Dein kaiſerlicher Schuldner wird auch mit Dir abtkihnen können wegen der Zuſchüſſe aus Deinem Jvachimsthaler Bergſegen. Die Rechnung wird manche Ziffer tragen. Iſt noch mehr da! ſtotterte der Kanzler gerührt und ſtrich mit der dürren Hand durch's Auge. Die Wohl⸗ that der Natur iſt unerſchöpflich und rechnet uns nicht nach. Wie dürften wir's denn ſchlimmer machen? Mein Leben gehört meinem König, der mich auf ſich gepflanzt, wie ſollte denn das ſchlechte Erdengut weniger ihm zu Gebote ſtehen? Der Kaiſer, bezwungen von einer Gemüthsbewegung, welcher er ſelten ſich hinzugeben pflegte, bog ſich nieder und küßte den ob ſolcher Huld erſchrockenen Kanzler auf die faltige Stirne. Was wäre die Krone ohne ſolchen Freund! rief er aus. O hätten wir einen Sohn, uns gleich an Geſtalt und brennendem Auge und Arm von Nikopol und Galambotz, was wollten Wir Drei der Welt zu rathen aufgeben! Aber wir habgn ja den * k Sohn, fuhr er ruhiger fort, indem er wieder ſeinen erſten Platz einnahm und nach dem Silberteller der Melone griff; ja, unſere Eliſabeth hat den Fehler der Mutter Natur verbeſſert: denn der Albrecht, den ſie uns geworben, müßte jedem Vater gerecht ſeyn. Wir tha⸗ ten, was wir vermochten, jedoch ſelbſt unſer tapferer Palatin muß eingeſtehen, ohne den Albrecht gab's keine Huſſiten⸗Schmach und keine Prager Krönung; darum ſoll ihm auch werden, wenn er dereinſt grau geworden, was ihm gebührt. Sorge, treuer Kaspar, daß ihm nichts davon entgeht, wenn wir einmal, Gott laſſe es ſpät geſchehen! ſcheiden müſſen von der lieben Welt. Wem könnten wir die drei Kronen, die uns ſchmücken, lieber zuwenden⸗ dem trefflichen Tochtermanne, wenn wir ſie einmal doch ablegen müſſen? Der Kanzler nickte beifällig und ſprach: Wenn Maje⸗ ſtät nur der Frau Kaiſerin etwas von unſerer Zuneigung gegen Tochter und Tochtermann einblaſen könnten. Frau Barbara iſt eine Närrin und hat in dieſem Punkte ſchon zum öftern unſer Zornwort empfunden! entgegnete der Kaiſer verdüſtert. Aber ihr Haß iſt wie ein Johannisfeuer, mit Klatſchroſen umſteckt, ſetzte er ſogleich ſcherzend hinzu; Niemand wärmt ſich die ſom⸗ merheißen Finger daran, und es verbrennt ohne Scha⸗ den in ſich ſelber. Kennteſt Du, lieber Bücherwurm⸗ die weibliche Natur, wie wir, würdeſt Du ſie nicht für eine Tigermutter erklären, wie Du einmal gethan, als der Wein den Nüchternen bezwungen. Frau Bar⸗ bara⸗ war ſehr jung und ſehr ſchön, als wir ſie aus dem Schloſſe des alten Cilly zu uns auf den Thron hoben. Die Tochter wuchs zu ſchnell neben ihr empor, ſie fürchtete hu früh alt zu werden, wenn die ſchlanke 344 Elsbeth ſie zu oft Mutter nannte. Und jetzt gar der Ehrentitel Großmutter! Alter Kaspar, die Weiber ſind doch ein gar ſchwächliches Geſchlecht!— er war wiederum aufgeſtanden und betrachtete ſich in dem großen Wand⸗ ſpiegel, der ſeinem Marmortiſchlein gegenüber hing— aber unſer emſiges Studium hat manche weibliche Räth⸗ ſelnuß geknackt, von denen Deine Pergamente Dir nichts erzählten, und wenn Frau Barbara erſt ein Fältchennetz unter ihren Siriusaugen bemerkt, wird ſie ſich ſchon mit dem Muttertitel verſöhnen. Heftig ſtampfende Schritte im Vorzimmer erregten die Aufmerkſamkeit des Kaiſers, und da er gehorcht und kein Page Meldung that, öffnete er ſelbſt die Thüre des Cabinets. Ei, Freund Illyeshazy, ſprach er hin⸗ austretend, was raſſelt Eure Säbelſcheide ſo lärmend auf unſerm Parquet, als muſterte Euer erzürntes Auge eine Linie unnützen Huſarenvolks. Der alte Ungar zog raſch den Säbel unter den Arm und ſtellte ſich ſteif und ehrerbietig dem Herrſcher gegenüber; ſein Geſicht glich dabei einer ſteinernen Maske, aber aus den ſtarrglühenden Augen rollten zwei Tropfen in den Bart, und der Alte ließ ſie unabge⸗ wiſcht. Was bringt Ihr, Herr Obergeſpan? fragte der Kai⸗ ſer betroffen über den ſeltenen Anblick. Vaterſchmerz und Vatergrimm! antwortete der Un⸗ gar. So eben trug man mir den Sohn in's Haus, den jüngſten, der Mutter Liebling, leblos, von Meuchlern gräßlich gemordet. Den Grafen Jeter, den ſchmucſten Reiter meines Hofs? fiel der Kaiſer ſtutzig ein. Und meuchlings ge⸗ tödtet? Er liebte das Würfelbrett, er koste gern mit flüchteten jedoch auch die Frauen, die Herzogin Eliſabeth 345 den Frauenzimmern: vielleicht ein Zweikampf mit einem unglücklichen Spieler, mit einem hitzigen Nebenbuhler? Meuchler! erwiederte der Ungar feſt und ſtark. Er ging in der Nacht ſpät und allein vom Schloſſe zur Stadt; der Hauptmann der Thorwacht ſcherzte noch mit ihm. Sein Säbel war in der Scheide, und kein Illyes⸗ hazy läßt ſich ſchlachten wie ein Rind. Man fand ihn unberaubt und drei verſchiedene Klingen gaben ihm die Wunden. Ueberfall rücklings, Meuchelmord, nicht an⸗ ders, Majeſtät, und ich klage und fordere an Ungarns Throne Gerechtigkeit. Wir wollen ſorgen, armer Mann! liſpelte der Kai⸗ ſer, unruhig hin und her gehend. Rufet den Schloß⸗ capitän! Doch plötzlich ſtand er horchend ſtill. Welch Gelärm in den Gängen? ſtieß er hervor. Mordgekreiſch, weibliche Stimmen! Iſt der Mörder ergriffen, oder ſucht er neue Opfer? Zieht Eure Wehr, Herr Obergeſpan, und holet die Pandurenwacht! Die Flügelthüre ward aufgeſtoßen und die Kaiſerin ſelbſt ſtürzte herein. Die großen Augen der üppigen Geſtalt rollten im Entſetzen, hoch wogte die nur halb⸗ verhüllte volle Bruſt, die runden Wangen ließen todes⸗ bleich, und die lüſtern geſchwollenen Lippen bebten in einer Furcht, die ihre Kühnheit, ihr Trotz nie zuvor ge⸗ kannt. Sie taumelte auf den Kaiſer zu, faßte ſein Kleid in wilder Angſt und ſank faſt an ſeiner Seite nieder. Hülfe, Sigmund! kreiſchte ſie; rette mich vor dem Bruder! Der Tolle will Deine Kaiſerin ermorden.— Der Kaiſer ſtand verſtummt, der alte Ungar warf einen durchbohrenden Blick auf die Kaiſerin; in den Saal 346 mit ihnen. Der Herzog Albrecht trat ein mit vielen deutſchen und ungariſchen Edelleuten, und mitten zwi⸗ ſchen ihnen Graf Friedrich von Cilly, ein blankes Stilett in der Fauſt, ſich Platz machend zwiſchen denen, die ihn zu fangen trachteten bis vor den zurückweichenden Kaiſer hinan. Ja, ich will die Welt befreien, Dich befreien von ihr, Du ſchwacher Hausherr! brüllte der raſende Graf. Gib ſie heraus, thörichter Graubart, denn würgen muß ich die giftige Natter und ſollte ich über den kaiſerlichen Leib zu ihr dringen. Der Herzog und Stibor, der Woiwode, griffen zu⸗ gleich ſeine Arme, und ſeine ſieberhaft aufgeflammte Kraft ſchien erloſchen in der Gewalt der Männer. Der Kaiſer trat mit Würde vor und faßte den Grafen feſt in's Auge. Ihr ſeyd unſer Schwäher, Graf, ſprach er mit ruhi⸗ ger Hoheit; aber die Strafe des Hochverraths iſt auch dem Blutsfreund unerläßlich. Seyd Ihr erkrankt? Hat der weite Ritt in heißer Sonne Euch befährdet? Ja, ich bin krank; aber Blutdurſt iſt meine Fieber⸗ pein, Racheluſt mein Pulsſchlag! tobte der Graf mit Zähneknirſchen. O ſolche Unthat iſt nie geſchehen zuvor. Höre nur, Du kalter Königsmann. Heim kehre ich von der Reiſe in's Baierland nach Schloß Oſterwitz. Die Teſchnitzerin, die ſchönſte Blume des Reichs, finde ich nicht wieder. Höre, Kaiſer: meine Veronika, meine Verlobte iſt fort. Die Diener zagen zu reden, mein Schwert zwingt ſie. Höre, Kaiſer: vermummte Har⸗ niſchträger überfielen das Schloß, das ſchönſte Weib der Erde wurde gemißhandelt, wurde erſäuft gleich einer räudigen Hündin, erſäuft von den mitleidsloſen Barbaren. 8* 8 S 347 Aber ich folgte wie ein hungriger Wolf ihrer Spur von Dorf zu Dorf; Ungarn waren's, ein deutſcher Ritters⸗ mann ihr Führer. Bis in Dein Königsſchloß leitete mich die Spur, und ſie that's, Barbara ſchickte die Unmenſchen. Ich kenne der Schweſter tückiſchen Sinn; ſie haßte meine herrliche Braut, ſie verſchmähte die Schwägerin, deren Licht ſie verdunkelte, die Diſtel haßte die Roſe neben ſich. Darum laß mich zertreten die Nat⸗ ter, die mich zu Tode ſtach, oder lege ihr ſchändliches Medeen⸗Haupt ſelbſt auf den Block für Unſchuld und Schönheit. Athemlos hing der Graf zwiſchen ſeinen Wächtern, die ihn unterſtützen mußten. Die Unglückliche war ein ſchönes Fräulein, entgegnete Sigmund wie beſchwich⸗ tigend, aber nicht die einzige, und ich meine, Ihr, der reife Mann, ſolltet nicht toben um ſolchen Verluſt wie ein wahnſinniger Mondſcheingänger. Hättet Ihr doch nie von uns die Erlaubniß gewonnen, zu freien die Tochter Eures Edelknechtes. Was kümmerte mich Kaiſer und Reich in ihrem Beſitz; Eurer Krone hätte ich geſpottet, gäbe der Strom ſeine liebe Beute zurück! ſtammelte tonlos der Graf. Sänſtiget Euch! fiel der Kaiſer ein. Raſet nicht gegen Schuldloſe. Ein unglücklicher Zufall knickte die Blume, die nicht in Euern Garten paßte. Doch, bei meinem kaiſerlichen Haupte, die Kaiſerin war nicht dabei. So wißt Ihr darum? So iſt Euch die Ruchloſigkeit kein Geheimniß? wüthete der Graf in neu auflodernden Flammen. Schnell nennet meinem Grimme den Mör⸗ der, wollet Ihr ſtehen unter der Krone als ein Gerech⸗ ter! Gebt mir den Mörder heraus zum Schaffot oder zum Kampfe um das Leben! 348 Ein junger flaumbärtiger Rittersmann drängte ſich vor aus dem Kreiſe, ſchlug keck mit der Hand ſeine Bruſt und rief: Ich that's! Dieſe Hand ſtieß die Buh⸗ lerin in das Waſſergrab. ulrich? Mein Sohn? kreiſchte der Graf, und die Glutröthe ſeines Antlitzes wandelte ſich zu Schnee, und am Eſtrich klirrend entfiel ihm die Waffe. Es war eine gute That, fuhr mit eiſigem Tone der junge Graf fort, denn der edeln Mutter Elsbeth Geiſt führte mich. Ihr wolltet den Namen Cilly ſchänden, den alten Stamm der Sonnecker beſchimpfen. Dieſe knechtiſch Geborene hatte Euren Geiſt mit Zaubertränken wirr gemacht und trachtete, wir wiſſen darum, nach dem Leben Eurer Kinder, die ihren Hochmuthsplänen im Wege lagen. Unſer kaiſerlicher Ohm ſendete mich hin, die Zauberin während Eurer Reiſe zu fangen und in den Gewahrſam unſers ehrwürdigen Großvaters und Stammherrn zu liefern. Kaiſer und Vater Hermann die Anſtifter ſolcher Un⸗ that? ſtöhnte der Graf. Als ich die Stätte wiederſah, ſprach der junge Eilly weiter, die Kammer betrat, wo man die edle Mutter einſt erwürgt gefunden im eigenen Bett ohne Spur des Mörders, da war mir, als riefe mich der Mutter Stimme zum Rachewerk und zur Sühne. Ich ſchleifte das ge⸗ fangene Weib zur Stelle, und die Foltern des Gewiſſens auf dem glatten Geſicht, geängſtet durch die Drohung eines martervollen Todes, fiel ſie mir zu Füßen, bat um Erbarmen, ſchwur: nicht ſie ſey die Mörderin der edlen Gräfin Modruſch geweſen, wenn ſie auch darum gewußt, und geſtand— des jungen Ritters Stimme bebte hör⸗ var, obgleich ſtolze Kälte und Herzloſigkeit ſonſt aus 349 ſeinem ganzen Weſen ſprach— geſtand, aus ihren Liebes⸗ armen wäret Ihr, Vater, Ihr ſelbſt hingegangen an das Bett Eurer Gemahlin, und Eure, Eure Hand hätte das edle Leben der frommen Mutter erdrückt. Schaudernd wandten ſich alle Geſichter. Graf Fried⸗ rich that einen verhaltenen Kreiſch und verhüllte ſein Antlitz mit den Händen. Was ferner geſchah, liegt außer menſchlicher Rechen⸗ ſchaft, endete der junge Cilly. Der ſchreckliche Augenblick übte ſeine Gewalt, und was geſchehen, hätte jeder gute Sohn gethan. Eine Pauſe tiefer Kirchhofsſtille trat ein, doch bald unterbrach ſie der furchtbar Angeklagte. Gräßlich lachte er auf, machte ſich gewaltſam los von ſeinen Nachbarn und griff den Dolch vom Boden auf. Mähr und alberne Fabel, ſchrie er, dem Knaben einſtudirt von den gleiß⸗ neriſchen Majeſtäten! Thut Ihr, als wenn Ihr an Gott glaubtet und er Eure Hand erkoren, Miſſethaten zu rächen, die Euch ſelber nicht als Sünden gelten? Den Sohn mißbraucht Ihr gegen den Vater, und glaubt ſo wenig wie ich an einen Himmel, und liebt ſo gern wie ich, was die Erde beut, und was zu Ende iſt mit dem Sargtuche. Doch, ſtöret Ihr meine Luſt, will ich die Eure ſtören, und gleich mir ſollet auch Ihr nicht mehr die Freude koſten, die das Leben gibt. Mit wüthender Geberde warf er ſich gegen den Kai⸗ ſer Sigmund; aber ſchon hatte der umſichtige Albrecht die Hand des Dolchs gefangen, und ein Fauſtſchlag des rieſigen Stibors warf ihn zur Erde. Werfet den Tollen in Ketten! rief der Kaiſer, indem er die ſchwankende Kaiſerin in das Cabinet führte; die Damen folgten, die Edelleute drängten ſich in höh⸗ 350 niſcher Freude, den hochverrätheriſchen Verwandten des Kaiſers zu zwingen und zu binden; an der Saalthüre aber ſchmiegte ſich die holde Gürtelmagd, auch eine reiz⸗ volle Veronika, aber reinerer Art, an den Gatten, den deutſchen Waffenmeiſter Tirna, und flüſterte erſchüttert: O mein Freund, wären wir daheim geblieben in unſerer redlichen Stadt! Was ſind alle Schrecken unſerer Ju⸗ gend gegen das! Und doch betet man hier auch im Got⸗ teshauſe, und man glaubt auch hier an den Herrn und die heilige Jungfrau. Mir iſt als wie damals, da die Peſt um uns wüthete. O Stephan, bitte den Herzog, daß er uns voran reiſen läßt, ehe die Angſt mein Herz ab⸗ ſtößt. Beruhigend antwortete Tirna: Langmüthig läßt der Himmel oft dem Frevler Zeit zur Buße und Beſſerung. Doch wenn der Sündenknäuel mit jedem Tage wächst, dann ruft er plötzlich Halt, wickelt ab, und ſtraft auf einmal alle frühere Schuld. Bleib' ſtill, mein trautes Weib! In drei Tagen reiſen wir, und über fromme Seelen haben die böſen Geiſter nirgend Gewalt, denn ihr Engel iſt mit ihnen überall! Schon zog ſich der Abend langſam zurück vor der höher ſteigenden Nacht; ſeine bleiche Fahne ſank im Weſten vor dem dunkeln, ſternbeſtreuten Panier der ern⸗ ſten Regentin, vor welcher ſich Alles birgt, was Freude am Lichte hat. Schwül lag die Sommerluft ſelbſt auf den Bergen, denn kein kühlender Windhauch führte die Glut hinweg, die der Tag zurückgelaſſen. Im Königs⸗ ſchloſſe war es ſchon ſtill geworden, die Gänge und Vorhallen lagen öde daz von den Schwelgereien des —„—„— ₰„— — —— 1—— 351 langen üppigen Feſtmahls bezwungen und erſchöpft, hatten Herren und Diener die kühlen Kammern, die weichen Faulbetten geſucht. Im Seitenflügel, welchen die Frauen bewohnten, fand ſich auf der unterſten Stufe der Haupttreppe ein Menſch lang hingeſtreckt und mit ſeinem Körper den Aufgang verſperrend. Ein Fremder wäre zweifelhaft ge⸗ blieben, ob es ein ſorgſamer Eunuch, der Wache hielt, oder ein Trunkenbold, dem der Zufall den Ruheplatz gegeben. Er ſchien zu ſchlafen, denn er regte kein Glied, und ſeine langſamen Athemzüge waren hörbar in der weiten Stille. Ein Kämmerling, welcher ein Windlicht trug, ſchritt zu der Treppe, mit ihm kam der deutſche Waffenmeiſter des öſterreichiſchen Herzogs. Der kaiſerliche Diener ſtutzte und beleuchtete den Liegenden. Auf da, Butzko! rief er. Du haſt dir eine harte und unziemliche Schlafſtätte auserſehen. Der Narr hob den Kopf und legte ihn wieder nieder. Störe den Schlaf nicht, in welchem Engel mit dem Menſchenthier plaudern, Bory, denn es gibt keine grö⸗ ßere Sünde auf Erden, murmelte er. Der Kämmerling hob den Fuß und ſtieß ſeine Spitze heftig gegen die Weichen des Faulen, ſo daß dieſer mit einem gellen Schrei ſich ſchnell aufrecht ſetzte. Willſt Du auf, trunkener Sohn der Hündin! ſchalt er zugleich. Suche ſchnell Deinen Strohſack, oder die Peitſche ſtraft, daß Du den Dienſt der Kaiſerinhinderteſt! Du haſt von der Majeſtät brav gelernt, wie man die Schnabelſchuhe gebraucht, Bory! entgegnete der Narr, mit ſtarren Augen aufblickend und ſich die Seite reibend. Kaum glaublich düntt's, daß ſolches Mark in dem Schien⸗ 352 bein eines Frauenknechts geblieben. Nun paſſire ſchnell, denn der Hündin Sohn hat ſcharfe Zähne, und hätte Dir die Natur Waden geſchenkt, möchte ihm ein Biß gelüſten. Schlechtes Thier Du! murmelte der Kämmerling vor⸗ beiſteigend; als aber der Waffenmeiſter folgen wollte, faßte ihn des Narren dürre Hand am Knie. Der da muß den Bettvorhang lüften und die Mücken verjagen, ſagte erz aber was für ein kaiſerlicher Dienſt ruft denn Dich, Freund Stephan? Die Frau Kaiſerin hat mich zu ſich entboten, ant⸗ wortete der Waffenmeiſter. Sie will morgen eine große Jagd halten; mir ſoll das Jagdgeräth gnädigſt anver⸗ traut werden, und ich ſoll vor Tage noch der gnädigen Majeſtät Befehle zur Ausführung bringen.— Frau Barbara iſt eine kundige Jägerin! antwortete der Narr, die Hand feſter kneifend; ſie wirft Speer und Pfeil wie ein Kroat; ſie fürchtet nicht den feiſten Bär, nicht den hitzigen Luchs, nicht den ſchlanken Kater, weiß die Falle zu ſtellen, verſteht ſich auf's Jagdnetz und die Wolfs⸗ grube, auf Köder und Fährte. Aber ſie hat der gedienten Jäger ſo viele, daß ich Dir rathe, thue ſolch' Geſchäft bei Tage ab, willſt Du Ehre einlegen; könnteſt ſonſt ſtumpfe Bolzen wählen und Pfeile, denen die Federn ausgegangen. ˙ Scherze nicht zur Unzeit, Narr! fiel Prna ihm un⸗ willig in's Wort. Frau Barbara iſt Mutter meiner edeln Herrin, und Gehorſam meine Schuldigkeit. Deutſchmann, flüſterte der Narr, lobt man in eurem frommen Lande auch Adams gehorſamen Apfelbiß, der uns allen den Tod auf den Nacken geſetzt? Und hätte der Illyeshazy, deſſen Blut Du ſaheſt, nicht klüger —½ le 3 en ift ſt rn n⸗ ln m er tte er 353 gethan, ſeiner Mutter zu gehorſamen, die ihm gewiß oft geſagt: Söhnlein, geh' zu rechter Zeit zu Bett. Ich verſtehe mich nicht auf Dein Wortſpiel; doch will ich nicht länger aufgehalten ſeyn, antwortete Tirna un⸗ wirſch. Und Dein armes Weiblein ſoll warten im kalten Bett? fragte Butzko ſcharf und haſtig. Sie zürnt nicht, wenn der Dienſt den Mann ruft! Der Dienſt! murmelte der Narr, die Hand löſend. Nun, ſo ſpringe hin, Du Dienfifertiger, und wohl be⸗ komme Dein Eifer der kleinen, ehrlichen Frau. Der ungeduldige Kämmerling führte ſeinen Gefähr⸗ ten weiter hinauf, und der Narr ſaß bald wieder allein im Halbdunkel und hielt ſeinen Kopf geſtützt auf veide Arme und Kniee. Sie ſind nicht werth, daß ſie die Sonne beſcheint, Alle, Alle! murmelte er in ſich hinein. Nie war ich mehr ein Narr, als da mein dürres, eingetrocknetes Herz noch einmal lebendiger ſchlug, als ich in dieſem Deutſchen etwas Abſonderliches zu erkennen wähnte, das mir eine ungewohnte Zuneigung abgewann. Unter der Bären⸗ haut lauſcht alſo auch ein Fuchs; die Rinde rauh, feſt wie Eichenholz und doch das Mark verdorben, faul. Er weiß, was ſeiner wartet, und wie ſollte er nicht? Iſt er doch ein ggnzer Mann und hat die ſüße Traube ſchon gekoſtet. Und doch ging er? Alſo auch lüſtern, neugierig, veränderlich, jämmerlich wie das ganze Menſchenge⸗ ſchlecht, vom Kaiſer bis zum Knecht Diener des Augen⸗ blicks. Stolzer Narr, lache, daß du nicht biſt wie ſie. Die ſchwere Jugend lehrt dir Einfachheit und machte dich kalt wie Bergwaſſer, das ſich durch rauhes Geſtein arbeitet; als die Natur dich aus Staub zuſammenknetete, Blumenhagen. XV. 23 354 war ſie gnädig und ehrte dich, denn ſie gab in der Geſtalt dir ſchon eine Wunderarznei gegen ſolch' gif⸗ tige Vogelbeeren. Er kicherte boshaft. Früher hätte ich gern getauſcht; damals war der Narr noch ein Narr. Jetzt freue ich mich am Zuſchauen der Menſchenthorheit und Menſchenſündhaftigkeit, und werfe nur je zuweilen einen Dorn auf den glatten Weg, damit der geſtochene Fuß ſich erinnert, daß nicht Alles geheim iſt, was ſie geheim glauben. Nur von dem armen Grafen Peter hätte ich nicht witzeln ſollen vor dem Ohr der gewaltigen Frau Barbara. Wußte ich doch, daß die reichbegabte Dame wie ein Veſuv iſt, und ich ſtand ja mit dem Vajda einſt an dem Höllenberge, und ſah von fern zu, wie die ſiedenden Ströme Hütten fraßen und Weinberge, Menſchen und Vieh. Was kümmerte es dich, du Narr, daß der trunkene Junker plauderte von dem gelben Feuer⸗ fleckchen über dem weißen Knie einer Kaiſerin. Seine trunkenen Geſellen hätten's für einen Traum gehalten, und ich— pfui, Narr, das war ein boshafter Streich, wenn er auch dem ſtillgewordenen Gecken viele Tollheiten und Schmerzen erſpart. Es iſt droben ganz ruhig ge⸗ worden! begann er wieder nach einer tiefen Pauſe. Das Angenehmſte thut der Menſch immer ſtill, und er thut's ſo aus Neid, weil er's nicht theilen mag: wenn er dem Nachbar die Aepfel ſtiehlt, wenn er betet, daß ihn Gott mehr ſegne als Andere, und den Faulen einen Schatz ſinden laſſe, wenn er minnet und wenn er ſich begraben läßt. Er ſah ſich nachdenklich rund um. Ich möchte der hitzigen Frau Barbara wett machen, daß ſie ein Witz⸗ wort ſo ernſtlich nahm und die Blutſchuld des Illyes⸗ hazy zur Hälfte auf mein ſchwaches Rückgrath packte. Trifft doch die Weiber nichts empfindlicher, als wenn e⸗ 5 *6 m tt t en er tz⸗ e. man ihnen eine Schäferſtunde zu nichte macht oder ſie in einer Schmährede unterbricht. Gehe ich zum Kaiſer und ſpreche: die Frau Kaiſerin möchte von ihm ſich gern noch vor Mitternacht Beichte ſitzen laſſen? Schleiche ich zur kleinen deutſchen Frau? Die Weibſen von dort ſollen wie huſſitiſche Mordteufel fechten, wenn es ihr Haus⸗ recht gilt. Er ſchüttelte das Haupt, ſo daß die Schellen klangen. Halt an, Narr! du könnteſt dir ſelber die Baſtonnade bereiten, zu der du für Andere die Ruthen geſchnitten. Aber ſtill hier ſitzen läßt mich's nicht. Ich möchte erhorchen, wie ſolch' deutſcher Bär ſeine Lieb⸗ koſungen anbringt, und— er hat ſein Meſſer für mich blank gemacht, hat vor mir geſtanden gegen hundert tolle Wölfe! Da kann ich auch einmal Wacht ſtehen für ihn, und, wenn er nun einmal den Becher am Munde hat, hindern, daß ihn Jemand ſtöre. Vorſichtig legte Butzko die Schellenkappe ab und die Glockenſtiefel, und verbarg Beides hinter dem gedrehten Säulenfuße der Treppe. Langſam ſtieg er dann aufwärts und ſchlich lauſchend in der Gallerie hinab, an jede Pforte ſein Ohr drückend, doch unbefriedigt überall den Kopf ſchüt⸗ telnd, bis er an einem Winkelſchnitt des Gebäudes in ei⸗ nen geſchloſſenern Gang trat, wo gänzliche Nacht herrſchte und er mit den Händen vorweg tappen mußte, um mit ſeiner Stirne nicht den vorſtehenden Strebepfeilern zu begegnen. Halt! klang nicht hier Lebenston? flüſterte er, haſtig ſich an ein kleines gothiſches Pförtlein drückend. Bei den eilf thörichten Jungfrauen, in den Marmorbädern der gekrönten Herrin ſpülen heiße Nymphen noch ihre Glieder im Eiswaſſer. Halt! Zungenkampf bei dem ver⸗ ſchleierten Geſchäft? Beim Sanct Georg, ein Nordwinds⸗ Baß zwiſchen dem Oſtwindsgeziſch? Alle Geiſter der Mitternacht ſeyen uns gnädig! Er krümmte ſich gleich dem Bogen eines Kalmucken⸗ um ſchärfer horchen zu können; da wurde das geſchnitzte Pförtlein mächtiglich erſchüttert und krachte im Riegel, und bebend ſprang er fort auf ſeinen Socken hinter den nächſten Pfeiler. Ein Narr ſeiner Art mußte viel erlebt, geſehen, beachtet haben; doch was er jetzt erſchaute, war ihm neu, denn er fühlte in dem kurzen Raum einiger Sekunden Eis und Glut dreimal wechſelnd über ſeine trockene Haut ſtreichen. Das Pförtlein ſprang auf und ein großer Schatten flog heraus, prallte gegenüber an einen Wandpilax und ſank mit einem ſchweren Athem⸗ zuge wie in ſich zuſammen. Eine blendende, die Seh⸗ kraft faſt ertödtende Helle drang hinter dem Schatten durch die ſchmale Oeffnung, und eine hohe weibliche Geſtalt, aller Gewänder beraubt, eine Juno, wie ſie vor Paris auf dem Ida ſtand, Schwangeſieder mit Roſenblättern beſtreut, nur oberwärts umflattert vom reichen ſchwarzen Haargewölk, erſchien auf einen Augen⸗ plick im grellen Lichtſtrom; dann tönte ein weiblicher Zornkreiſch, und Alles ward Nacht, und das Pförtlein fiel in's Geſims. Der Narr ſtand wie leblos da, aber nur eine Minute lang, dann tappte er ſchnell um den Pfeiler und als ſeine Hand einen menſchlichen Arm ge⸗ faßt, flüſterte er angſtvoll: Tirna, Freund Stephan, mach' Dich auf! Butzko iſt neben Dir. Auf, ermanne Dich; für uns Beide iſt dieſer Platz der ſchlechteſte in der Welt, denn nach ſolchem Blitz kommt der Donnerkeil. Und den Ergriffenen, der ihm nicht Antwort gab, mit Keuchen und Anſtrengung aufziehend vom Boden, riß er ihn mit ſich fort, weithin den ſchmalen, finſtern Gang 357 entlang, bis zu dem Rande einer engen Windeltreppe. Hinunter wand die Schneckentreppe ſich in einem der Eckthürme des Schloſſes, und ihre letzte Stufe berührte eine kleine Eiſenthüre, welche zu dem Quartier des Narren führte, der bei der Ueberfüllung des Gebäudes durch die zahlloſen Gäſte mit dem ſchlechteſten Winkel hatte vor⸗ lieb nehmen müſſen. Das enge, aber hohe Gemach hatte rauhe Steinwände, und wenige rohgeſchnitzte Mobilien füllten es; eine zweite noch ſchmalere Eiſenthüre zeigte geöffnet einen noch engern und triſtern Raum daneben, mit einem Strohſacke und einem Schafspelz darüber, Butzko's Schlafſtätte andeutend. Es mochte früher hier die Wohnung eines Kerkerknechts oder wohl ſelbſt ein Bewahrungsort für weniger beſchwerte Gefangene ge⸗ weſen ſeyn. Der Narr hatte ſeinen Begleiter hineingezogen, ihm einen Schemel untergeſchoben, machte Licht und beleuch⸗ tete mit der Lampe jetzt neugierig ſeinen Fang, jedoch zurückfahrend vor der Todtenbleiche der Wangen des Deutſchen, durch welche deſſen ſtarre, fieberhaft glühende Augen noch einen unheimlichern Ausdruck bekamen. Mann, was hat man mit Dir gemacht? rief der Narr verwundert. Biſt zu fiſchen gegangen und ſelber in's Netz gefallen? Dein Koller, Deine Aermel ſind naß wie ein Pudelhund, den man in den Fluß geſchickt, und hier— meiner Seel', ein Stück Deines Mantels hängt in Fetzen. Das müſſen gar ſcharfe Fiſchhaken geweſen ſeyn, in welche Du gerathen. Der Waffenmeiſter war durch das Licht zur Beſon⸗ nenheit gekommen, ſtrich ſich mit der Handfläche über das Geſicht, als wollte er ſeine Sinne gänzlich frei machen, und ſtand dann raſch vom Schemel auf. 358 Nicht alſo, Freund Stephan! ſprach der Narr haſtig, ihn wieder niederdrückend. He, Du magſt wohl wunder⸗ ſamen Spuck geträumt haben und kannſt Dich noch nicht aus dem RNachtgeſpinſt wickeln? Hier in der Kanne iſt ein Reſt guter Meneſch, der Dir jedenfalls bekommen wird.— Tirna ſchob die Kanne unwillig zurück, Butzko rückte jedoch ſchnell den klotzigen Eichtiſch ganz dicht vor ſeinen Gaſt und ſetzte ſich oben darauf, alſo den Deutſchen im Winkel feſtbannend. Dein Spaß kommt zur Unzeit! fuhr da der Waffen⸗ meiſter auf. Laß mich gewähren, oder ich vergeſſe unſere Freundſchaft. Fort muß ich zur Stelle, muß zu meinem Herzog; zu abſcheulich war der Schimpf, der mir angethan. Ein Schimpf und da oben, wo es ſo eben ſpukte wie im Paradieſe! fiel der Narr ſtutzig ein. O erzähle, Freund; des Narren Mühle bedarf ſolchen Waſſers. Sagen? entgegnete heftig Tirna; die Scham wird mein Geſicht verbrennen, als wär's ein Mädchenantlitz. Ich könnt's ſelbſt meinem Weibe nicht vorerzählen. Wir Zwei ſind Männer und nimm die Hälfte meiner Frechheit für Deine Scham, dann wird's ſchon gleiten, und überdem möchte es gut ſeyn für Dich, wiſſen Zwei um die Mähr dieſer Nacht. Die ſtachelnde Neubegier ſpitzte dabei Butzko's Ohr und trieb ihm die kleinen Augen hervor. Es iſt arg, was ſich ſolche Herrſchaft erlauben darf, murrte der Deutſche, weil ſie nur gewohnt iſt, knechtiſch Geſindel vor ihren Füßen kriechen zu ſehen. Aber ſie muß nicht den freien, ehrlichen Mann mit ihren Knechten verwechſeln. Er duldet's nicht in Stille und Scheu, ſo wahr mich eine fromme Mutter gebar. Erzähle, erzähle! ſtöhnte der Narr wie gemartert. 359 Nun ja doch, ſoll's doch ganz Ungarn hören, mein Herzog und der Kaiſer ſelber. Nicht zu einer Rüſt⸗ kammer führte mich der tückiſche Mameluck: einer Zofe übergab er mich, die der andern, und die der dritten; durch Zimmer voll blendender Lichter, voll Gold und Seidenſtoff ging ich aus Hand in Hand wie ein Feder⸗ vall. Zuletzt ließ man mich ſtehen in einem Gemach voll Dämmerung, ein feiner Purpurvorhang mir gegenüber, durch deſſen Seide es ſchimmerte wie hundert Sternlein. Alles ſtill rundum und eine lange Zeit, in der ich auf das Erſcheinen der Majeſtät gehofft! Plötzlich iſt es wie Plätſchern im Flußbett, ein Angſtſchrei, Hülferuf, zu⸗ letzt gar wie Todesſtöhnen. Erſchrocken ſtürze ich vor, der Vorhang weicht, ein weites Marmorbaſſin, eine Ertrinkende darin. Ich greife zu, rette, trage die Leb⸗ loſe auf den Divan, will hinaus, Helfende herſchreien. Die Todte iſt lebendig; es hält mich wie in Ketten, faßt mich, friſch und hell klingt die Stimme, Worte höre ich, Bitten, Befehle. Der Deutſche hielt inne und vrückte ingrimmig die veiden Fäuſte vor ſeine Augen. Der Narr lachte ſchallend auf. Potiphar und der alberne Joſeph! rief er. Es iſt doch nichts Neues auf Erden. Aber das wollteſt Du laut machen? ſetzte er raſch und ernſthaft hinzu. Dummer noch wär' es, als Deine Flucht aus Waſſer⸗ und Feuers⸗ noth. Laut machen das? Und Deine Ehrlichkeit verla⸗ chen hoͤren, und⸗ Freund Stephan, haſt Du den blutigen Illyeshazy vergeſſen? Es wird mir gar wunderlich bang pier im Steinloch, und ich möchte, wir wären Beide im Freien, unten in der Raitzenſtadt, oder noch lieber, wir lägen heute Nacht, in unſere Bunda gewickelt, auf dem ſchmutzigen Stroh der ſchlechteſten Cſarda des ſchlechte⸗ 360 3 ſten Dorfs im Königreich. Plötzlich hob er den Kopf, that einen kühnen Satz vom Tiſchblatt herab, fuhr an die Thüre und ſchob behutſam den innern Riegel vor. Hu! wie mich friert, als läge ich in Deinem kaiſer⸗ lichen Waſſerbade! murmelte er in tödtlicher Angſt. Bei dem Ohr des Malchus, da raſſelt ſchon eine Säbelſcheide auf der Treppe. Ein Narr und ein Prophet ſind Ge⸗ ſchwiſterkind. Hörſt Du, wie die Sporen klirren auf dem Geſtein? Das iſt Pharav und ſein Kriegswagen. Fort, hinein da auf meinen Strohſack! Behend hatte er den Tiſch zur Seite gerückt, den Deutſchen kräftig gefaßt und gegen das Kämmerlein gezogen. Warum verbergen? fragte der Waffenmeiſter unwil⸗ lig. Hängt eine Schuld an mir oder eine Schande, die das Licht ſcheuen müßte. Still! keuchte der Narr. Wären Peitſche und Galgen nur für die Schuldigen in der Welt, rebte es ſich nett und leicht auf der Erde. Still, willſt Du mir, der Dich lieb hat, eine ſchwere Stunde erſparen! Tirna ließ ſich in das dunkle Loch ſchieben, deſſen Pförtchen der Narr mit Haſt verriegelte; dann ſah er ſcheu umher, warf die Kanne um, daß der rothe Wein den Tiſch überſtrömte, ſchob den Riegel der Thüre wiederum auf und nahm Platz auf dem Seſſel, Arme und Kopf auf des Tiſches Rand gelegt, indem er die widerlichſten Töne eines Schnar⸗ chenden hören ließ. Das feine Ohr des Schlauen hatte ſich nicht ge⸗ täuſcht, denn wenige Minuten ſpäter wurde die Thüre aufgeriſſen, und ſein Herr, Stibor der Wolwode, trat gebückt durch die niedere Pforte. Einen Augenblick lang flog der Flammenblick des Magnaten in der Steinkammer umher, dann trat er zum 361 Tiſch, ſein Fauſtſchlag traf Butzko's Nacken, und dieſer fuhr quäkend in die Höhe, fiel hinten über zur Wand und glotzte den rieſigen Herrn mit weitaufgeriſſenen Au⸗ gen an. Wie vom Erkennen des Gebieters elektriſch ge⸗ troffen, ſprang der Schlaue alsdann auf und warf ſich ihm zu Füßen und küßte ſeine Säbelſcheide. Iſt es ſchon an der Zeit? ſtotterte er. Soll ich die Stiefelriemen lö⸗ ſen, den Gurt abſchnallen? Es ging heut' heiß zu überall, aber Du ſollſt ſogleich im Bett ſeyn, Herr. Der Woiwode lachte ſchallend auf. Doch nicht auf Deinem Sack, Du Narr? fragte er.— Ich bin bei mir, wahrhaftig, das iſt nicht Deine Kammer, Herr! ſagte Butzko verwundert umherſchauend. Und da ſchwimmt die ſchöne Gottesgabe; wie iſt mir denn? So frage ich Dich, du trunkene Sau, donnerte Sti⸗ bor, und warum gabſt Du dieſes Kleinod der Diebeshand Preis. Er hielt dem Narren ſeinen klingenden Kopfputz entgegen.— Butzko that erſchrocken, fragte aber ſogleich mit liſtiger Miene: Haſt Du ſchon geſchlafen, ſeit das Mahl vorüber, edler Vajda? Und ſchliefe noch, wenn der Zofen Poſt und mein Amt mich nicht geweckt. Du weißt, ich bin ein nüchterner Knecht, fuhr ſchnell und froh der Narr fort, indem er ſich vom Boden hob und dreiſt ſeine Schellenkrone nahm und aufſetzte; wer ſelten tanzt, dem kommt leicht der Schwindel; ſtille Jung⸗ frauen brennen am heißeſten, faßt ſie die Liebesfackel; ſo muß auch mir des Kellermeiſters Veſpertrunk heute zu heiß geweſen ſeyn, denn Du könnteſt mich ſpießen laſ⸗ ſen und ich wüßte dennoch nicht zu ſagen, wie meines Hauptes Haupt in Deine Hand und ich auf dieſen harten Schemel gekommen wäre. 362 Wo iſt Deine neue Bekanntſchaft, der deutſche Waffen⸗ meiſter? Wo ſahſt Du ihn zuletzt? fragte jetzt der Woi⸗ wode mit ſcharfen, forſchenden Blicken. Der Eiszapf vom Wiener Burggiebel? Wo wird er ſeyn? Im Bett ſeiner Frauz das träge Volk liebt der Hühner Weiſe. Dummkopf! zürnte Stibor wild auf, ihr Ernſt iſt Larve ſo wie ihre fromme Zucht. Mir iſt's Luſt, dieſem Herzoge wie ſeinem frechen Dienſtmanne einen Fauſt⸗ ſchlag mitten in's Angeſicht zu geben, woran ſie erſticken mögen. Dein träger, züchtiger Geſell wird geſucht im ganzen Schloſſe. Er war im Frauenhaus, der Pandur ſah ihn hereingehen, nicht wieder heraus. Die Kaiſe⸗ rin iſt von dem Schurken im Bade überfallen worden, und ehe die Sonne auffliegt, muß der Hochverrath an der Majeſtät gelöſcht ſeyn, muß der tolle Schurke hoch hängen am Thor des Schloſſes. Der Deutſche die Majeſtät überfallen? lächelte wie ungläubig der Narr. O der alberne Tropf! Die Ma⸗ nier war grob und deutſch; hätte er mich gefragt, würde er auf leiſeren Schuhen gegangen ſeyn. Sonſt hat der Narr ſein Eſelsohr überall; heut, wo es zu verdienen galt, lag das Faulthier auf dem Ohr. Mach' Dich auf, forſche im Schloſſe, in der Stadt. Zehn neue Dukaten ſind dein, ſpüreſt Du mir den Schächer auf, lieferſt ihn mir; denn ich habe Grund, die kaiſer⸗ liche Frau mir jetzt beſonders zu gewinnen. Der Deut⸗ ſche muß hängen am Thor, daß ihn der ſtolze Herzog erblickt, ſo wie er vom Bette zum Fenſter tritt. Zwie⸗ tracht wird dann noch vor dem Abſchiede neu auffackeln zwiſchen dem Kaiſer und dieſem fremden Erbſchleicher. Rühre Deine Haſenläufe, Narr, willſt Du den Preis ge⸗ —— 3——— —„ vie ka⸗ rde wo hr. hn her ſer⸗ ut⸗ zos vie⸗ eln her. gk. winnen; denn Deine Zeit iſt kurz. Mit dem Frühlicht mußt Du fort nach dem Schloß Betzko zur Frau Do⸗ brochna, ihr anzuſagen, daß ſie mich und ein Dutzend Gäſte erwarte: die böhmiſchen Herren, die ich königlich zu bewirthen geſonnen. Wähle Dir drei Preßburger Rei⸗ ter aus, die Dich geleiten mögen.— Nur die Augen aus⸗ waſchen zuvor, daß der Wein den Spion nicht hindert, ſtammelte Butzko geſchäftig. Der Woiwode ging gebückt wieder durch die Thüre und warf ſie hinter ſich in's Schloß; der Narr aber lauſchte lange mit Vorſicht, bis vom Raſ⸗ ſeln der Säbelſcheide nichts mehr zu hören war; dann trat er an das Pförtchen zu ſeiner Schlafſtätte und klopfte. Freund Stephan, rief er, haſt Du gehorcht, und hat es Dich gekitzelt an der Halskrauſe? Oeffne ſchnell, um Gott! antwortete Tirna's Stimme. Führe mich auf dem kürzeſten und ſicherſten Wege zum Schlafgemach meines Herrn, des Herzogs; hier iſt nicht Zeit zu verlieren, denn es gilt die Ehre, das höchſte Gut. Den Hals gilt's, Freundchen, und das iſt mehr. Ein Schritt aus meinem Thurme, und der neueſte Strick wird Deine Ordenskette, von der weder der Kaiſer, noch Oeſter⸗ reichs ganzer Heerbann Dich zu retten vermag. Was kümmert's Dich! tobte der Deutſche. Oeffne, oder ich zertrümmere die Thüre und verrathe Deine Narrheit an Deinen giftigen Herrn. Du biſt ein ſtattlicher Menſch, aber kein Rolando, und die Thüre meines Prunkcabinets iſt von gutem Ei⸗ ſen, antwortete ruhig der Narr. Ich habe nun einmal eine ſeltſame Liebeswuth für Dich Undankbaren; meine Gurgel würde eng werden wie ein Nadelöhr, ſähe ich Dir die Luft abſchnüren, und ich müßte mich blind weinen, begegnete mir Deine kleine Frau im Wittwen⸗ 364 häubchen. Gewalt: drum bleibt der Kriegsmann des Narren Gefangener. Schurke! ſo locken Dich die Dukaten? ſo willſt Du, Falſcher, mich dem Vajda überliefern? wüthete der Deutſche. Kann ſeyn, kann nicht ſeyn, wie's mein Verſtand vefiehlt. Laß Dir die Zeit nicht lang werden, Freund! Die Geſellſchaft der Ratten und Mäuſe da drinnen iſt immer noch angenehmer als die der krächzenden Raben⸗ ſchaaren, wenn man hoch im Winde baumelt. So ver⸗ ließ Butzko das Gemach und verſchloß und verriegelte die Thüre mit Sorgſamkeit von außen. Ein ſchnellerer Wandel iſt kaum auf Erden denkbar, obgleich ſie das Reich der Wandelbarkeit iſt, als ihn das Auge des Zuſchauers verwundert in Ungarns Königsſitz fand, nachdem die Sonne einige Stunden lang die Stadt Ofen neu erleuchtet hatte. Wo war der Jubel und die Herrlichkeit von geſtern, wo der Becherklang, der weithin ſchallende Lärm der endloſen Orgien, wo die Feſtmuſik und wo die hundert luſtglühenden Geſichter? Konnte das kleine Abenteuer zwiſchen einem deutſchen Wappner und einer galanten Frau ſo allgewaltig auf dieſe Tau⸗ ſende, die ſich bis über die Scheitel in Fröhlichkeit zu tauchen zuſammengeſtrömt⸗ ſtörend und verletzend ein⸗ wirken? Doch war es alſo, denn dieſe Frau war eine Kaiſerin. Eine unheimliche Lebendigkeit trieb ihr Weſen im Schloſſe. Panduren und Eile aus und ein; Huſaren kamen einzeln an und ritten wieder ab; die Hofherren begegneten einander mit ver⸗ Haiducken wanderten mit Kranken Kindern gibt man die Arznei mit * e d d r e f —— d ℳ nd nd! iſt en⸗ e elte ar, das sſitz tadt die thin uſik nnte ner au⸗ zu ein⸗ eine eſen mit itten ver⸗ 365 ſtörten Geſichtern und wagten nur durch ausgetauſchte Blicke ſich ihre Gedanken mitzutheilen. Es ging das heimliche Gerücht leiſe von Ohr zu Ohr: die Kaiſerin liege todtkrank aus Ingrimm und Wuth⸗ ſie habe dem hohen Gemahl einen Fußfall gethan und von ihm grauſe Rache für ihren Beleidiger erfleht, habe auf das Mut⸗ tergottesbild geſchworen, nicht früher dem Gemahl ihr Angeſicht zu zeigen, nicht Tafel und Bett mit ihm zu theilen, bis der Schänder der Majeſtät die frechen Au⸗ gen geſchloſſen, welche zur Unzeit weit offen geſtanden. Die ungariſchen Herren ſchmunzelten unter ſich, ſtrichen lächelnd die langen Schnurrbärte und meinten, es müſſe eine Staatsreform nahe ſeyn, denn die Kaiſerin ſcheine den Nonnenſchleier lieb gewonnen zu haben. Die Frem⸗ den ſattelten und packten, denn was ihnen von der Ge⸗ ſchichte der Grafen Cilly und von dieſer Nacht zu Oh⸗ ren gekommen, weckte die Sehnſucht nach der Heimath; beſonders aber ſah man die Deutſchen verdutzt und wie betäubt zwiſchen der Unruhe umherſchleichen, und Un⸗ behaglichkeit und verſchloſſener Unwille ſprach aus ihren ernſten Geſichtern, wo ſie im Zwieſprach zuſammen ſtanden. Die milde Herzogin Eliſabeth ſaß in ihrem Cloſett mit geſtütztem Haupte, und der Herzog Albrecht ſchritt mit finſteren Mienen, von innerer Unruhe ſichtlich ge⸗ quält, auf dem Getäfel hin und her, trat zu Zeiten ſchweigend an das Fenſter und ließ ſein Auge beſorgt über die Schloßhöfe bis zum Thore ſtreichen. Eliſabeth, ſprach er jetzt, vor der edlen Gattin ſtill⸗ ſtehend, nie biſt Du meinem Herzen theurer geweſen, nie mir ſo hold und lieb erſchienen, als ſeit dieſe traurige Sonne uns weckte. Eliſabeth, wie konnteſt Du ſo rein ——— und herrlich erwachſen auf dieſem traurigen Boden? Wie konnte das Heiligthum Deiner Seele unverletzt und fleckenlos bleiben in dieſem Gomorra, wo man Würfel⸗ ſpiel treibt mit Ehre, Leben und Scham? Daß Du ſo geblieben, daß ich in ein heiliges Herz mein Vertrauen legte, habe ich erſt würdigen gelernt, ſeit die eigenen Sinne hier ſahen und hörten, was ich vorher für lügen⸗ haft vergrößerte Mähr gehalten. O ſprich, welche wun⸗ derthätige Patronin winkte, daß in ſolcher Peſtluft und auf ſolchem Baume dieſe geſunde, reizvolle Frucht er⸗ wuchs! Die Herzogin reichte dem Gemahl ihre zarte Hand und ſagte bittend: Schweige davon, mein edler Herr! Der Himmel gab mir die Mutter; der Himmel ließ ſie mich haſſen und mich aus ihrer Nähe ſtoßen; der Himmel wählte mir den Gemahl, deſſen Herz dem meinen ver⸗ wandt war, der früh als mein Schutzengel mir erſchien und mich vom Verderben rettete. Sie nennt ſich Deine Mutter, fuhr Albrecht heftig fort, aber ſchwer wird der Glaube daran, denn trug der Dornbuſch je den Apfel? Der alte Obergeſpan iſt den Mördern des Sohnes auf der Spur. Wenn es wahr gemacht würde, was die berauſchten Magnaten ſich ſchon zuzurufen wagten. Ungarns Krone iſt ſchon oft in Ge⸗ fahr gerathen durch die Windsbraut dieſer heißen Köpfe, und Vater Sigmund iſt alt geworden. Und dieſes nacht⸗ umdunkelte Ereigniß! Iſt es weiblich, iſt es kaiſerlich, auszurufen vor einem ganzen Hofe, vor einem ganzen Volke, was der züchtige Frauengedanke kaum zu denken wagt, was auf der zarten Frauenlippe eiſig erſtarren müßte, forderte eine Marter das Geſtändniß? Die Herzogin ſenkte erröthend das ſchöne Auge; da 2 nd el⸗ ten len en⸗ un⸗ ind er⸗ rr! ſie mel er⸗ ien ftig rug iſt ahr chon Ge⸗ pfe, cht⸗ nzen nken rren 367 öffnete ſich die Thüre und die todesbleiche Gürtelmagd Veronika, des Waffenmeiſters Frau, ſtürzte herein mit ſchwankendem Eilgang und warf ſich der Herzogin zu Füßen, die ſie mit einem Schmerzensſchrei empfing.— Albrecht jedoch faßte die Sprachloſe ſogleich in ſeine Arme, hob ſie auf einen Seſſel und rief dabei mit Entſetzen: Unglückliche, ſprich! Iſt er gefunden, hat der Thörichte ſich fangen laſſen? Er iſt es nicht, er iſt verſchwunden, iſt verloren! ſtammelte die Gefragte. Gelobt ſey Gott! ſtieß der Herzog aus beſchwerter Bruſt hervor; doch Veronika ſchien durch dieſen Ausruf alle ihre Sinne wieder bekommen zu haben, denn ſie richtete ſich erſtarkt auf und ihr Auge ſuchte verwundert und vorwurfsvoll das des Herzogs. Auch Ihr wünſcht ſein Unglück? rief ſie aus. Doch nein, wie könntet Ihr vergeſſen, was er gethan für Euch, wie er zu Eurer Rettung half, als Ihr, noch ein Knabe, gefangen gehalten wurdet von Eurem Vormunde, wie er blutete neben Euch, Euch zum Schirm im Mähren⸗ lande? Wie könntet Ihr vergeſſen ſeines treuen Sinnes, ſeines frommen Gemüths, und wie er Euch hochgehalten über Alles, mehr als Blut und Leben, als Weib und Gut? Und Ihr ſteht hier ruhig, thatlos, indeß Euer treueſter Diener verfolgt wird, ſchon ergriffen iſt, ge⸗ worfen in das ſchrecklichſte Gewölb dieſes fürchterlichen Hauſes, vielleicht zum martervollen Tode geſchleppt wird und Euren Namen vergebens ruft. Schone Dich, armes Weib! Zwinge den wilden Schmerz, der Dich tödten könnte, bat die tiefergriffene Herzogin. Tödten? fragte Veronika. Wohl mir ſo, wenn er 368 dahin! Könntet Ihr leben nach Eurem Herzoge? Aber der Herzog muß ihn ſchaffen, ſuchen, ſchirmen. Wozu wäre er anders der Mächtige geworden? Wozu hätte er in Sanct Stephan gelobt, ein Schirmherr der Un⸗ ſchuld zu ſeyn? Gib ihn mir wieder, Herr! Ich kniee vor Dir, eine Waiſe, die es um Dein Heil geworden. Mein um Dich gemordeter Vater, meine um Dich in Gram geſtorbene Mutter knieen neben mir und fordern von Dir ihren Sohn, der ihrer Tochter das Glück wieder⸗ gab und ihr die Mutter und den Vater erſetzte. Sey verſtändig, Veronika, entgegnete der Herzog milde; er iſt nicht in den Händen ſeiner Feinde, darauf mein Fürſtenwort. Der Kaiſer würde nichts thun in dieſer gar ſchlimmen Sache ohne mich. Aber wohl uns Allen, daß er glücklich entflohen: er erſpart uns eine böſe Verlegenheit; denn was wiegen die treueſten Dienſte ſolch ſchwerer Anklage gegenüber. Auf Veronika's Angeſicht drückte ſich das höchſte Er⸗ ſtaunen aus. So könntet Ihr ihn ſchuldig glauben auch nur einen Augenblick lang? fragte ſie mit Heftigkeit. Der Herzog zuckte die Achſeln und ſagte ſo ſanft, als thunlich: Auch der beſte Menſch hat ſeine Unglücks⸗ ſtunden? Welche menſchliche Vernunft könnte ſolche gräß⸗ liche Anklage erſinnen ohne Grund? Es ging geſtern wüſt her an allen Tafeln. Ein Irrthum konnte ihn auf dieſen glatten Weg führen. Der Rauſch weckt Lei⸗ denſchaften, die das Gefährlichſte als das Wünſchens⸗ wertheſte ſehen laſſen. Habt Ihr je den Stephan trunken gefunden, Herr? Wer dem Gaumen zu Gefallen ſeine Seele unfrei macht, ſetzt ſich unter das Thier! ſo ſprach er immer. Und zuchtlos der Stephan? Sein Wort ſelbſt war wie ein 369 r frommes Kind, und wo wäre Glaube und Treue in der Welt, fände man beide nicht mehr in der ehelichen Kam⸗ e mer! O Ihr, edle Herrin, glaubt auch Ihr an die ⸗ Schuld des Getreuen? 6 Nein, armes Weib! antwortete Eliſabeth feſt, denn . ich müßte die Menſchheit haſſen, wüßte ich meine gute, n fromme Veronika alſo beleidigt. Aber nochmals bitte n ich Dich: zwinge Angſt und Schmerz. Dein Tirna wird r⸗ gerettet ſeyn. Mag dieſes räthſelvolle Ereigniß ſich ge⸗ ſtaltet haben, wie es will, er hat die Anklage geahnt, g vielleicht durch einen Freund erfahren, hat die Gefahr erkannt und ſich ihr durch kluge Flucht entzogen. Sicher⸗ in lich iſt er auf dem Wege nach Wien, und die Heiligen 18 mögen ſeine Flucht beſchirmen. Wir reiſen bald, und ſe dort wirſt Du ihn wiederſehen, und er wird in der Sicher⸗ ch heit unſerer Burg uns Allen ſeine Unſchuld entfalten. Flucht? fragte Veronika mit Abſcheu. Tirna un⸗ r⸗ ſchuldig und dennoch entflohen? O ſo kannte ihn denn ch Riemand, Niemand als ſein Weib und Gott. Nein, 3 nicht alſo! Ihr müßt, Herzog, Ihr müßt die Ehre Eures ft, Bürgers retten; Ihr müßt ihn ſchaffen, müßt ihn ſuchen ⸗ helfen mit mir. Des Weibes Sinne ſind ſcharf, wenn ß⸗ ſie ihr Liebſtes verlor und es zu ſuchen ausgeht. Kommt! rn Euch müſſen ſich alle Zwinger und Kerker dieſes Schloſſes hn offnen; laſſet Eure Reiter aufſitzen und jeden Winkel ei⸗ dieſes Landes durchforſchen, laſſet Eure Fußknechte jeden Stall dieſer Stadt durchkriechen, wo man ihn heimlich feſthalten könnte. O die Frauen dieſes Hofes haben mir r2 viel erzählt von verborgenen Unthaten. Macht Euch auf, ht, Herzog, es gilt ja um den Bürger Eurer Stadt, um nd Euren treueſten Leibdiener und Landsmann. Blumenhagen. RW. 24 370 Thäte ich, wie Du willſt, thörichte Frau, würde ich ſein Verderben herbeirufen! antwortete der Herzog, ſich unwillig abwendend. Doch der Kaiſer trat ein, und zu ihm flogen ſogleich die unſteten Blicke der angſigefolterten Frau und ſie warf ſich ihm zu Füßen. Der deutſche Herzog verläßt den deutſchen Mann! rief ſie. Doch Du biſt Kaiſer des Reichs, Du biſt der Mächtigſte auf Erden, Du biſt ein Greis, dem Grabe nicht fern: ſo übe Gerechtigkeit, daß der Himmel dir mit Gleichem vergelte. Gib mir den Mann, den unſchul⸗ digen, zurück. Täubchen, wie gern! ſprach Sigmund ſich beugend, die Knieende erhebend und ihre Hände in den ſeinigen ſreichelnd; aber der Schlaue iſt fort über Fluß und Berge, und mir lieb das; denn es würde uns nicht an⸗ genehm geweſen ſeyn, dieſe frohen Tage mit einem Schauerfeſt zu beſchließen, der albernen Keuſchheitslaune der Frau Barbara zu Gefallen. Sorge nicht: meine Huſaren bekamen die Ordre, mit blinden Augen dem Flüchtlinge zu folgen. Er ſoll nicht eingeholt werden, und ich rechne auf einen freundlichen Dank für dieſe Beruhigung, den Du mit freiem Gewiſſen zu ſpenden vermagſt, da Dein lockerer Liebſter nicht die Angſt ver⸗ dient, die Dein ſchönes Auge geröthet. Veronika ſchaute mit Würde in des ſtutzenden Herr⸗ ſchers Angeſicht. Sind das die geprieſenen Väter des Volks? fragte ſie mit ſtechendem Blick. Aber es iſt ein Höherer, der ein unverſchloſſen Ohr hat für jede Stimme der Pein. Ich werde den Tirna finden, ich, ſein mit ihm veleidigtes Weib. Ich werde ihn bringen vor Euren Thron, den lieben verfolgten Mann, und die deutſche Frau wird triumphirend daſtehen, wenn eines Kaiſers b —* N 8 371 Beſchämung ihrem Gatten Abbitte thut. So eilte ſie aus dem Zimmer. Seltſames Weibervolk! lächelte Herr Sigmund. Die Eine ſchlägt Lärm, als wenn der Türke an Buda's Thor klopfte, weil ein Unverſchämter geſehen, was ſie gern freiwillig bewundern läßt; und die Andere hält den Tugenden ihres Lüſtlings eine lobende Bergpredigt und mühet ſich, ihn zu dem Schaffot zu ſchleppen. Sohn Albrecht, das Morgengebet der ungläubigen Hebräer iſt nicht ohne, wenn es ſpricht: Herr Zebaoth, ich danke dir, daß du mich nicht ließeſt als ein Weib geboren werden. Nachdem Veronika den Ort verlaſſen hatte, wo ſie gewiſſen Troſt gehofft und nicht gefunden, durchwanderte ſie nochmals das ganze Schloß, irgendwo eine Spur des Verlorenen aufzuſuchen. Der ſchlanken, blaſſen Frau mit dem angenehmen Madonnengeſicht ſtand Jedermann gern Rede, aber überall hörte ſie daſſelbe Wort: Wohl ihm, daß er fort! und überzeugte ſich zuletzt, daß der Geliebte nicht im Schloſſe ſey. Daß die Mehrzahl an das Ver⸗ brechen ihres Gatten zu glauben ſchien, ſtieß ihr Dolche in das angſtgepreßte Herz; denn was gilt einer wahr⸗ haft liebenden Seele höher als die Ehre und Achtung, welche der angebetete Gegenſtand von der fremden Welt empfängt; ſolche Anerkennung heiligt ihre Wahl und bringt ihr Triumphe entgegen. Daß aber Viele das ge⸗ glaubte Vergehen mit Leichtfertigkeit betrachteten, erfüllte das züchtige Wiener Kind mit Graus und Abſcheu. Wo war er aber, wenn er nicht hier? Wo ihn ſuchen im fremden Lande? Als ſie ſo einſam in der offenen Gallerie ſtand, von der heißen Sonne beſtrahlt, die ihr ˙— 6 2 nicht zu leuchten ſchien, im Gefühl der ſchaurigſten Ver⸗ laſſenheit hinausſah auf die fremden Felder, da erinnerte ſie ſich plötzlich der Worte ihrer edlen mitleidsvollen Herrin: Durch einen Freund erfuhr er vielleicht die Ge⸗ fahr! und der magere, lange Butzko und ſein Verkehr mit dem Tirna trat lebhaft in ihre umdüſterte Phantaſie und weckte ihre erſchöpfte Geiſteskraft. Sie erforſchte des Narren Quartier und eilte zum Thurme. Was fand ſie? Offen ſtanden die Eiſenpforten, leer waren die engen Räume, umgeſtürzt das Geräth. Doch das Auge der Angſt iſt ſcharf; einen Fetzen Zeuges zog ſie mit Haſt unter dem Schemel hervor, und ein unwillkürlicher Schrei l gleitete den Fund, denn ſie hatte die gewünſchte Fährte gefunden. Dieſes grüne Weinblatt war von ihrer eigenen kunſtreichen Hand auf den braunen Tuchzipfel genäht wor⸗ den. Hier alſo wurde er ergriffen, gefangen nach tapferer Wehr! Eiskaltes Entſetzen ergriff ſie. Eingekerkert, ermor⸗ det war er; aber wo hob ſich ſein Grab, um auf ſeinem Hügel zu ſterben? Ihr wogendes Blut ward ſtill, der früchtige Athem wurde ruhig, die lebhaften Bewegungen ihrer Angſt wandelten ſich in feſte, ſtarre Beſonnenheit, die Gewißheit des Verluſtes gebar Reſignation und Ent⸗ ſchluß. Mit geſenktem Haupte, aber ohne Schmerzeswort, Klage und Thräne, verließ ſie den Schauerort. Sie forſchte nach Butzko, dem Narren des Preßburger Gra⸗ fen, und erfuhr bald, daß er vor Tage abgereist und zwar nach dem Lieblingsſchloſſe ſeines Gebieters. Sie fragte nur wo, nicht wie fern. Ein deutſcher Reiters⸗ knecht, der zufällig, indem ſie bei dem Schloßgeſinde nach dem Narren fragte, herantrat, erzählte ihr, daß er geſtern die Wacht gehabt bei den deutſchen Roſſen, die man jenſeits der Donau auf gutem Weideplatze ange⸗ pfählt; daß er nach der Ablöſung, da der Tag eben gedämmert, dem Narren auf der großen Schiffbrücke be⸗ gegnet ſey, der in ſeinem bunten Kleide auf einem kleinen polniſchen Grauſchimmel geritten, und dem drei Bewaff⸗ nete gefolgt; einen Gefangenen hätten dieſe zwiſchen ſich geführt, der dem Anſcheine nach wohl geknebelt und in Mantel und Kaputze vermummt geweſen. Sie jammerte nicht auf, ſondern ein Freudenzug, ein Lächeln kam in ihr bleiches Antlitz, und ihre Augen leuchteten. Ohne Antwort ging ſie finnend fort, zurück in die Königsburg und verſchloß ſich in ihrem Kämmerlein. Am Abend vermißte die Herzogin Elifabeth ihre Gürte⸗ magd. Sie ſchickte nach ihr, aber Veronika war nirger aufzufinden. Mit tiefem Bangen, von einer traurigen Ahnung ergriffen, ſtreute die Fürſtin ihr Gold aus, die treue Dienerin ſich wieder zu verſchaffen; doch ihre Spur blieb eben ſo unerklärlich verwiſcht wie die Spur des Waffenmeiſters. Fiſcher wollten ſie am hohen ufer des Stromes geſehen haben. Die Kaiſerstochter weinte ſchmerz⸗ lich um die Verlorene, aber das Leben der Vorzgehmen iſt des Geräuſches und Wechſels voll; auch das Gedächt⸗ niß der beſten hat nicht viel Raum für die kleinen Trüb⸗ ſale des Daſeins, für die Einzelnheiten in ihrer Um⸗ gebung. Die Wichtigkeit der Zeitverhältniſſe, der ſich nahenden großen Weltereigniſſe, die ihn ſelbſt ſo mächtig berührten, nahmen Geiſt und Herz des Herzogs Albrecht vollauf in Anſpruch, und auf der Heimreiſe konnte Eli⸗ ſabeth nur, wenn ſie einſam war, der Treuen ein Gedächt⸗ nißſtündchen ſchenken; doch wurden die beiden räthſelhaft Verſchwundenen gar oftmalen in der Burg zu Wien vermißt, wo ſie die ſtilleren, häuslichern Freuden des deutſchen Fürſtenhofes getheilt und vermehrt hatten. 374 Am linken ufer des gewaltigen Donauſtromes, dort, wo von Norden her die Flüſſe Waag und Gran zu ihm herniederrauſchen, che er bei Waitzen durch eine kühne Beugung ſeinen Lauf nach Süden wendet, dort iſt ein nderes Ungarn als das, in welchem bisher unſere Er⸗ zählung ihren Schauplatz hatte. Weit herab in das Land greifen ſchon die Rieſenarme Tatra's, des karpathiſchen Gebirges, als ſehnte es ſich, ſeine ſtarren Finger in die friſchen Wellen der Donau zu tauchen, die ſeine rauhe Berührung zu fliehen ſcheint. Von den wolkentragenden Felsſpitzen Krywan, Fatra und Matra ziehen eiſige Lüfte durch's Land; die majeſtätiſchen Eichen, wie ſie der Wald Bakony zu tauſenden zählt, ſucht man vergebens, und vald macht das wenige Laubholz dem ſtarren Kienbaume, dem dunkeln, langgenadelten Linbaume, zuletzt dem nie⸗ dern, krüppelhaften Krummholze Platz⸗ über welches ſteile, ungangbare, mit ewigem Schnee bedeckte Felſen⸗ kuppen hervorragen. Hier findet ſich nichts mehr von den fetten, breiten Ebenen, bedeckt mit den Goldwogen tauſendfältiger Saat, mit mannshohen Futterkräutern und blanken, langgehörnten Rinderheerden; nur kurz⸗ wollige Schafheerden durchziehen langſam die Thäler⸗ und die Beere des Weinſtocks ſchrumpft kleinlich zuſam⸗ men, weil der neidiſche Gebirgsgott die Lebenskraft der Natur in ſeinem düſtern, unterirdiſchen Reiche behält, ſeine Gold⸗ und Silberadern durch das Geſtein ſtrömen zu machen und ſeine Quellen zu kochen, damit ſie die Wunderarzneien ſeiner Magazine an's Licht tragen und droben bei der ungläubigen Welt Zeugniß ablegen von ſeiner Zaubermacht. Dort zog eines Abends eine Männergeſellſchaft nord⸗ auf durch ein Gehölz der Honter Geſpanſchaft. Fünf * d n 375 waren ihrer, in gleich dunkler Tracht, beſetzt mit Sil⸗ berknöpfen. In gleich feſtem Schritt gingen die erſten Drei hintereinander auf ſchmalem Fußſteige unter dem tiefhängenden Nadeldach der thurmhohen Kiefern; nur der Aelteſte und der Jüngſte gingen nebeneinander, in⸗2 dem Jener mit der Rechten ſich leicht und unmerklich an der Schulter des Letztern ſtützte. Es waren die Freien von Pukanetz: der Urgroßvater ging neben dem Enkel. Tagelanges Unwetter hatte ihre Heimreiſe von Ofen unfreundlich gemacht; die feinen weißen Schafvließe, deren eines Jeder auf der linken Schulter trug, glänzten naß, und ihre Kräuſe war faſt im Regen verloren gegangen. Sie hatten den Umweg durch den Wald gewählt, weil die breiten Tannendächer ihnen Schirm verſprachen gegen das Wetter und weil die wohlbewehrten, ſtämmigen Blutsfreunde weder Men⸗ ſchenfurcht kannten, noch die Schauer der Nacht ihnen fremd waren, von der ſie noch einige Stunden borgen mußten, um ihre freie Bergſtadt zu erreichen. Schweig⸗ ſam gingen die fünf Männer auf dem ſteinigten, aufge⸗ riſſenen, von Baumwurzeln überflochtenen Pfade fort; ſie hatten keine Gedanken zu tauſchen, denn Jeder wußte, der Andere dachte daſſelbe: an Haus und Weiber und Töchter und an die angeſtrengtere Arbeit, die nach ſol⸗ chen zwei ſchwelgeriſchen Feſtwochen in der Königsſtadt folgen mußte. Der große, rauhe Schäferhund, der, einem weißen Bär nicht unähnlich, eben ſo ernſt und bedächtig wie ſeine fünf Herren bislang dem Zuge vorangetrabt war, ſtand jetzt plötzlich ſtill, hob die ſchwarze Schnauze gegen Oſt und ſpitzte die Ohren. Die Männer alle ſtan⸗ den augenblicks kerzengrad, machten zugleich Front gegen Oſt, und Jeder ſtieß mit dem eiſenbeſchlagenen Reiſeſtab 376 auf den harten Grund, als prüften ſie die Waffe. Bald rauſchte es durch den Unterbuſch von Hülſendorn und Brombeerverſchling heran. Wer kreucht dort? fragte die tiefe Stimme des Vorderſten; aber alle Geſichter ver⸗ zogen ſich in demſelben Moment zu einem ſarkaſtiſchen Schmunzeln, da ſtatt des Unthiers oder des Freiſchützen, den man erwartet, ein ſlaviſcher Bettelbub, barfüßig und zerlumpt, mit zerriſſenen Händen und blutenden Wangen ſich zu ihnen herarbeitete. Ihr guten ehrlichen Leute kommt und helft! rief der arme Schelm, indem er den Hund, deſſen Schnauze ihn beroch, furchtſam abwies. Die Mutter Gottes rief euch. Wer biſt Du, Landſtreicher? Wie kommſt Du daher? Was jammerſt Du einen Lug heraus, um einen Graizar zu erbetteln? fragte der Pukanetzer harten Tones. Bin kein Bettelbub, entgegnete der Knabe, bin ein Puchbub von Bela, ſammle Almoſen im Geſpan für's Väterle, der im Treibſchacht zum Krüppel gefallen. Aber Ihr ſollt nichts geben, gute Leute, ſondern helfen der armen Frau, die im Wald liegt, nicht fort kann und ſterben wird. Stoß' ihn weg, Aetal, ſagte der Vater; wir haben nicht Zeit übrig für ſolch Geſindel. Wird eine fahrende Frau ſeyn; wie ginge ſie ſonſt mit ſolchem Geleit. Könnte euch in ein Raubneſt verlocken, denn dieſer Platz hat ſchlechten Ruf, murrte der Großvater. O nicht doch, bat der Knabe, laßt ſie nicht ſterben ohne Sakrament! Iſt ein fein Weibſen, hat Hände wie Milch und Wolle, und blanken Rock und gute Schaube auf dem Haar. Fand mich am Walde und gab mir ſechs blanke Garas, da ſeht! daß ich ſie führen ſollt' durch „— N v7 — e— 6u der in dem freiern Gehölz ſchlängelnd fortlief. 377 das Holz, aber der dumme Veit gab nicht Acht auf den Weg, weil er ſo große Freud' hatte an den Silbergro⸗ ſchen, und nun gingen wir lang irr im Buſch, und die Frau iſt niedergefallen, konnte nicht mehr fort vor Durſt und Hitze. Und da lieſſt Du, junger Schelm, davon? zürnte der Aelteſte. Nein, nein, hätte ja dann die Garas mit Schand' verdient, fiel der Knabe lebhaft ein. Liegt nur ein zwan⸗ zig Lachter von hier am Steinkreuz, und ich habe Reiß und Holz gebrochen, um zurückzufinden. Sollten wir Chriſtenpflicht ſäumiger thun als der ſlaviſche Bub? fragte der Urgroßvater. Du ſollſt nicht abſeit gehen, wenn die Heiligen winken zum guten Werk. Voran, Du kleiner Dachs! Die Mutter Gottes ſchütze die Sterbende, bis wir ſie gefunden. Niemand widerſprach ferner, und Alle folgten dem raſtloſen Knaben durch Buſch und Dorn. Als ſie jedoch das ſteinerne Kreuz, das halb verſunken im Waldmoos an einem kahlen Fleckchen ſtand, erreicht, war kein Weib vorhanden, und man ſah dem Puchbuben den Schreck und die Furcht an, von den Stangen der Männer für ſeinen ſcheinbaren Trug ſich beſtraft zu ſehen. Der jüngſte der Freimänner, der Enkel, hatte jedoch, ſo viel das Däm⸗ merlicht erlaubte, den Platz mit jungen Augen durch⸗ ſpäht, und rief: Hieher, Leute! Hier friſch durchbrochen Holz, friſche Fußtapfen im Moos; Zwei, Drei ſind hier vor nicht lang holzein geſtiegen. Der Knabe jauchzte, die Männer folgten der Spur vorſichtig, und kamen bald auf einen betretenen Weg, Aufgemerkt, Martin! flüſterte der Großvater. Spü⸗ 375 reſt du nicht Rauch im Holz und ſchaueſt du nicht Fünk⸗ lein tanzen dorten am Hang? Der Berg ſtieg hier ſteiler auf; eine Oeffnung in ſeinem Fuße zeigte den Näherſchreitenden Licht der Kien⸗ ſpäne: aus einer platten Lage von Tannenzweigen ragte ein hölzerner Schornſtein, aus dem eine dicke Rauchſäule qualmte; es war eine der Erdhütten, wie man ſie nicht ſelten in dieſem Lande antrifft, wo der Arme von Fuchs und Bär ſeine Baukunſt gelernt. Der Großvater trat zuerſt an das Loch und ſah be⸗ dächtig in die Höhlenküche hinunter. Ein Keſſel brodelte auf dem Herde, ein Weib wimmerte am Boden, und drei kleine halbnackte Kerle mit braungelben Geſichtern und kurzen Schwarzbärten waren beſchäftigt, der um Gnade Bittenden die Kleidung abzureißen und ihr Reiſe⸗ bündel zu durchſuchen. Es ſind ſchändliche Czinganis, rief der Alte. Meſſer blank, Burſchen! Und ihr heraus da, ihr heidniſchen Chriſtenſchlächter! Die Zigeuner fuhren von ihrem Raubgeſchäft empor und drängten ſich gegen den Eingang; doch ſchon hatte ſich der jüngſte Pukanetzer furchtlos auf ſie herabgewor⸗ fen und zwei zurückgeſchleudert gegen den Herd. Ihm folgte Vater und Sohn, und im Umſehen war das ganze Dreiblatt gepackt, entwaffnet, mit den eigenen Gurtriemen geknebelt und ſammt dem ohnmächtigen Opfer heraus⸗ geſchleppt aus dem erſtickenden Qualme des Mordloches. Indeß der Urgroßvater ſich neben die fremde Frau in's Moos geſetzt und ſie aus ſeiner Flaſche zu laben bemüht war, banden die Männer die drei zitternden Waldgeſellen an drei ſtarke Tannenſtämme und fragten dann ihr Familienhaupt, welche Todesart er den ungläu⸗ bigen Schurken beſtimme. 379 Schneidet Zweige zuerſt und flechtet eine Trage, daß wir dieſe Elende, die nicht für Wald und Straße gebo⸗ ren ſcheint, mit uns führen zu unſerm Dach, ſo bequem es ſich thun läßt. Die Schurken überlaſſet dem Gericht des Himmels; es lohnet nicht der Müh', ſie zum Herren⸗ ſtuhl oder zu dem edlen Herrn Kohary mühſam hinzu⸗ ſchleppen. Aber ein Ohr ſchneidet von Jedem, damit ſie des Tages nicht vergeſſen und ſich nicht wieder wagen in dieſe Geſpanſchaft, wenn die Gnade des Himmels ſie am Leben läßt und ihnen einen Geſellen ſendet, der ihre Bande löst. Das Geheul der blutenden Zigeuner ſcholl durch den Wald, der Bettelbub nahm ſich aus dem Moos ein Ohr mit zum Gedächtniß des Heldenſtücks, bei dem er gehol⸗ fen, und als die Trage fertig, ſetzten die Männer von Pukanetz ihren Marſch wieder fort, ſorgſam in wechſeln⸗ der Bemühung die kranke Gerettete mit ſich tragend. Wer hätte nicht längſt errathen, daß die Frau im Walde Veronika geweſen, das von Seelenangſt und ver⸗ zweifelnder Liebe durch das fremde Land gehetzte deutſche Weib? Ihr Leib war ſchwächer als der Geiſt; die blut⸗ volle Bruſt erhitzte ſich im Mittagsbrand; die rauhe Steinſtraße zerriß ihren weichen Fuß; Regen und Sturm peitſchten zerſtörend die zarte Geſtalt; in elenden Her⸗ bergen ruhete ſie nur kurze Nachtſtunden, obgleich der Wirth, wenn ſie mit ſtarren Blicken antwortete: ſie ſuche den verlorenen Mann! ihr Zehrung aufdrängte und einen frommen Wunſch nachrief. Die Flut grauſer Gedanken verwirrte zuletzt Sinne und Hirn, und ſie würde auch ohne die Brut der Czinganis ein Opfer der Treue ge⸗ 380 worden ſeyn, wäre ſie nicht in die Hände der gaſtlichen Bergſtädter gefallen und hätte bei ihnen eine freundliche Freiſtadt gefunden. Doch lange Wochen vergingen, ehe der wackere Urgroßvater einen Freudenlohn für ſeine Sa⸗ mariterthat empfing; denn eine böſe, gefährliche Krank⸗ heit feſſelte die Fremde an das Leidensbett, an welchem der mitleidige Patriarch, der ſchon zwei Menſchenalter geſehen, wie ein Lebenswächter ſaß, der den Tod in Reſpekt hielt und verjagte. Der Herbſt färbte längſt die Wieſen gelb, Hecken und Bäume waren kahl und durchſichtig geworden, als Veronika mit wieder gewonnener Geſundheit Theil neh⸗ men konnte an dem häuslichen Leben der lieben, wun⸗ derſamen Familie des hundertjährigen Katona, und in ſeine Bruſt das Geheimniß ihres Seelengrams niederzu⸗ legen für Pflicht hielt. Vergebens ſtellte ihr der Greis das Thörichte ihres Unternehmens vor, bei dem gefürch⸗ tetſten und grauſamſten aller Magnaten den ſchon als ein Deutſcher verhaßten Ehemann zu ſuchen und von ſeiner Milde Rettung zu hoffen; vergebens gebrauchte er wie ein hartſcheinender, aber gewiſſenhafter Wundarzt Eiſen und Feuer, verhehlte der Erſchütterten nicht, daß ihre Gnadenbitte zu ſpät kommen möchte, daß ſie dann ſich und ihre Frauenehre auf's Spiel ſetze, und ohne tutzen für den Gemordeten. Gottes Stimme ruft; er helfe mir, ich kann nicht anders! war die Antwort der entſchloſſenen Frau. Da ſprach der Alte in ſchmerzlicher Ironie: Du haſt das ungariſche Sprichwort von der drei⸗ blätterigen Menſchenſeele: Vernunft hat auch der Bauer, Verſtand nur der Magnat und Biſchof, Ueberlegung jedoch allein der Palatin und der König. Drum traueſt Du dem Rathe des alten Matthias nicht, der Dich gern i⸗ r, ¹9 eſt ——— 381 als ſeines Hauſes neugeborene Tochter behielte. Du be⸗ rufſt Dich auf Gottes Stimme; wer möchte da wider⸗ ſtreben? So ziehe hinauf zum Schloſſe, aus Blut und Schweiß gebauet, und die Schmerzensreiche, die unter dem Kreuze litt, möge bei Dir ſeyn, indeß wir für Dich beten. Als Veronika ganz erſtarkt war, zog ſie, begleitet von dem Urenkel des alten Matthias Katona, dem rü⸗ ſtigen Jünglinge Martin, durch das Gebirg hinauf gen Trentſchin in das Thal, welches die rauſchende Waag mit ihren tanzenden Wellen durchſtrömt. Ein milder Wintertag beſtrahlte mit ſeiner matten Sonne den ſtattlichen Marktflecken Betzko am ufer des Fluſſes, und gleichermaßen das ſtolze Herrenſchloß auf der ungeheuren Felsplatte über dem Ort, deſſen pharao⸗ niſche Pracht im Munde des Volks durch den Schimpf⸗ namen Bolondvar oder Narrenſchloß nutzlos verſpottet wurde. Glich es doch auch eher der Reſidenz eines aſia⸗ tiſchen Deſpoten mit ſeinen labyrinthiſchen Höfen und Hallen, ſeinen vergoldeten Zinnen und Giebeln, ſeinen hundert Wetterfahnen, ſeinen Gärten, Grotten und Brun⸗ nen, den Wunderbauten einer Semiramis ähnlicher als dem Luſiſitze eines abenteuerlichen Emporkömmlings, deſ⸗ ſen fremde Abkunft jeder edelgeborne Ungar mit neidi⸗ ſchem Haß betrachtete, da überdem die wüſte Offenheit deſſelben noch kürzlich verrathen, daß ſeine Unerſättlich⸗ keit gar nach Höherem trachten möchte, als ihm bereits durch Glück und Fürſtengunſt beſchieden worden. Ein breiter Weg führte felsauf zu dem Rieſenthore des Schloſſes, ſteinerne Ruheſitze ſtanden hie und da auf dem ermüdenden Wege, und auf der unterſten Stein⸗ 382 vank ſaß Butzko, der Narr, ſich ſonnend, aber zugleich, wie es ſchien, mit nicht erfreulichen Gedankenſpielen beſchäftigt. Und der arme Narr hatte ſich wirklich ſelbſt mit einem Spinnennetz umwoben, das ihn zu beläſtigen vegann. Seine gutmüthige Dankbarkeit bewog ihn zu Ofen, zur Rettung des trotzigen, zum eigenen Verderben verſtockten Tirna das erſte Mittel zu faſſen, welches ſich ihm darbot. Als einen heimlichen Verbrecher, den die Herrſchaft verſchwunden ſehen wollte, hatte er ihn mit⸗ geſchleppt, von Wächtern begleitet, welche kein Deutſch verſtanden. Vom Schloſſe Betzko aus, wo Kaſtellan und Zwingermeiſter Creaturen des allvermögenden, begün⸗ ſtigten Leibdieners waren, gedachte er ſicher die Flucht des deutſchen Freundes in das Mährenland zu bewerk⸗ ſtelligen, hatte aber den deutſchen Starrſinn und das altöſterreichiſche Ehrgefühl in ſeinem Rechenexempel ver⸗ geſſen. Auch im dunklen Zwinger des Narrenſchloſſes und trotz aller glatten Schmeichelreden und gutgemeinten Vernunftworte des Narren blieb der hülfloſe Deutſche vei ſeinem erſten Entſchluſſe, und ſchwur mit ſchwerſtem Eide, die erſte Stunde ſeiner Freiheit zu einer Fahrt nach Ofen zu benutzen, am Kaiſerthrone ſeiner Unſchuld Vertheidigung zu führen, ſeine Ehre herzuſtellen und ſeine hohe Feindin zu entlarven. Zugleich wüthete auch nach Monden der Gefangene mit gleicher Hitze gegen die ihm geſchehene Gewaltthat, behandelte den bedrängten Butzko als Feind und Verräther, drohte mit Rache, und weder die abſpannende Einſamkeit noch die Kühle des Zwingers vermochten, wie der Narr gehofft, etwas über die deutſche markvolle Natur. So lebte der Narr wie zwiſchen Angel und Thüre; jetzt quälte ihn die Gut⸗ müthigkeit, von der ihm ſein Stand und Leben noch zu S 8— 8— S* 5 S 8 d le 383 viel gelaſſen; jetzt marterte ihn die Furcht, die Sorge um ſein eigenes Wohl, da bei des Waffenmeiſters Frei⸗ laſſung dem Betruge, welchen er dem jähzornigen Woi⸗ woden, ja dem ganzen Kaiſerhofe geſpielt, eine grimmige Buße bevorſtand. Dazu hauste Stibor lange ſchon wie⸗ derum im Schloſſe, und obgleich Kaiſer Sigmunds ganze Hofhaltung bereits nach Prag zur Krönung gezogen und dem Woiwoden der höchſte Platz, die Regentſchaft und der Befehl des Heeres an des Palatinus Stelle, anvertraut worden, machte der Vajda dennoch keine An⸗ ſtalt zur Abreiſe in die Reſidenz, ſondern trieb die Zeit hin mit dem Empfang und der Rückſendung zahlreicher Eilboten aus dem Böhmer Lande, deren wichtige Be⸗ deutung dem Scharfblicke des überall lauſchenden und geduldeten Narren nicht entgangen war. So ſaß er denn und ſann, wie er die böſe Sache aufzulöſen vermöchte, da ſie doch einmal zu Ende ge⸗ bracht werden mußte. Er hatte bislang ſein Gewiſſen damit eingewiegt, daß er auf die originellſte Weiſe ſo⸗ wohl gegen ſeinen Gebieter wie gegen den Freund zu⸗ gleich ſeine Pflicht erfüllt, ja ſich hochmüthig ſelbſt ge⸗ ſchmeichelt mit der dabei geübten Schlauheit; aber alle dieſe Beſchönigungen und Selbſiſchmeicheleien zerrannen in Trugnebel bei der Gefahr für den eigenen Leib, die er mit Angſt täglich näher rücken ſah. Das Schickſal war ſchon bemüht, ihm dieſe Laſt abzunehmen, ehe er's vermuthet, aber die Weiſe, wie es geſchah, war ſchauerlich. Nicht bemerkt hatte Butzko, daß ein zwergiger Menſch, höckerig und hektiſchen Anſehens, die Schloßſtraße herab⸗ ſtolperte, bis das aſthmatiſche Keuchen ihm ſeine Nähe verrieth und derſelbe neben ihm auf die Steinbank ge⸗ fallen. Aus ſeinen Träumereien geweckt, drehte der Narr 84 ſich zur Seite und erkannte ſeinen getreuen Szek, den Zwingermeiſter der Burg. Er klopfte den Keuchenden zwiſchen die verſchobenen Schulterblätter und riß ihm das Wamms auf, um ihm Luft für die Botſchaft zu verſchaffen, deren Wichtigkeit ſchon in den verzerrten Zügen des Bringers zu leſen war. Du haſt uns in den Graben geworfen, ſtotterte Szek, nun ziehe uns auch heraus mit Deiner Narrenweisheit. War mir's doch überall nicht anſtändig mit dem Ge⸗ fangenen, den Du heute laufen laſſen wollteſt, morgen noch ſtrenger zu bewahren befahlſt. Der tolle deutſche Bär wird jetzt ſeinem Verderben nicht entrinnen, aber wir alleſammt werden mit ihm den Galgen theilen. Hat er ſich losgemacht? iſt er vor den Vajda getre⸗ ten? fragte Butzko entſetzt. Der Vajda wird zu ihm treten, antwortete Szek faſt heulend. Ein ſlaviſcher Rüdenbub oder ein Rusniak aus dem Stall muß es verrathen haben. Alle Zwinger, jedes Kerkerloch will der Vajda noch heut' mit eigenen Augen durchſchauen. Sank, der Schenk, hat's meiner Bernharda zugeſchwatzt. Des Vajda Augen haben bos⸗ haft dabei gerollt und er hat dabei geſprochen: Es müſſe Platz werden unten bei mir für Leute, welche andere Ketten zu tragen gewöhnt, als der kleine Szek austheile. Der Deutſche muß fort, zur Stelle fort! ſiel Butzko ein. Aber wie? Komm nur hinauf, Freund! Der ei⸗ gene Hals ſitzt uns am nächſten. Und will er nicht wie wir, ſo kann ich ihm nicht helfen, und eine Schlinge, ein Meſſer und ein tiefer Brunnen hilft ihm zur Reiſe. Hinauf! zagte der Bucklichte. Und der Vajda könnte uns begegnen im Hof und meine Schlüſſel fordern. Das Grauen davor wirft mir ſchon den Tod in alle Glieder. M i⸗ ie e⸗ ſe. as 385 Iſt's doch heut überdem ein böſer Tag und des Vajda Höllenblut in voller Gährung. Du treibſt Dich den ganzen Morgen im Flecken herum und weißt nicht, was geſchah. Zu vier Malen ward ſchon nach Dir gefragt, und Du haſt Dich vorzuſehen, denn vielleicht deutet das bereits auf unſer Geheimniß. Mach' es kurz! Was geſchah? entgegnete der Narr aufmerkſam. Es ſollte getafelt werden im äußerſten Gartenſaal, aber Frau Dobrochna weigerte ſich, das Mahl zu theilen mit dem Ketzerprieſter Rokiczana und dem Herrn Peter von Orli, dem Kelchnerhauptmanne, die von Prag ka⸗ men, und geſtern mit dem Vajda lange im Geheimzim⸗ mer verkehrten. Die gläubige Edelfrau hatte, wie's auch recht, einen chriſtlichen Abſcheu, mit den Spöttern des Glaubens aus einer Schüſſel zu eſſen. Da hat der Vajda getobt wie ein Tigerthier, und, wie das Geſinde flüſtert, ſoll ihre Frau krank liegen von Mißhandlung. Das Mahl ward ohne ſie bereitet, und vor dem flam⸗ menden Kamine tafelten die Herren lange und lebhaft. Da unterbrach Hundegeheul ihren Jubel, und Mufti, der ſchwarze Saufänger, hinkte mit gebrochenem Beine in den Saal und wimmerte um des Gebieters Stiefel. In fana⸗ tiſchem Grimm fuhr der Vajda empor, ergriff ein Meſſer und ſchwur bei ſeinem Seelenheil Demjenigen den Tod, der ſeinen Leibhund alſo beſchädigt. Die Dienerſchaft ſtob vor ſeinem Zorn wie Spreu hinweg, und wahrhaft fürchterlich war er auch anzuſehen, als er herausſtürmte in die Gallerie gleich einem langgehörnten wüthigen Stier. Ein alter rüſtiger Bauersmann ſtand da, auf ſeinen Dornenſtock gelehnt. Er war zum Schloſſe geſtiegen, Blumenhagen. XV. 25 386 weil ihm die Leibbuben ſeinen Backofen rein auspolirt und er auf Erſatz zu klagen geſonnen. Das junge Volk hatte die Hunde auf ihn gehetzt, und der Weißkopf hatte in der Wehr den Leibhund getroffen. Kaum war durch einen Knecht die Geſchichte berichtet, ſo ſtürzte der Vajda auf den Alten, hörte nicht ſeine Gegenrede, nicht ſeine Gnadenbitte. Der Greis wehrte den Stoß mit dem Dorn⸗ ſtocke ab und flüchtete dann aus der Gallerie in den Garten, der Vajda ihm nach. Seine Flüche und der Gnadenruf des Alten machten die Jagdmuſik. Gerade dort oben, wo der Fels ohne Mauer blieb wegen der Ausſicht in's Waagthal, dort erreichte der Herr den er⸗ matteten Flüchtling. Das Meſſer war ihm entfallen, aber ſeine Fauſt packte den Alten am dünnen Haar und ſchleuderte ihn über den Felsrand hinab, daß wir Alle ſtarr ſtanden vor Entſetzen. Und wo blieb der Vajda nach der That? unterbrach Butzko den erſchöpften Erzähler. Lachend ging er zum Mahle zurück, aber den Gäſten ſelbſt mochte der Wein nicht mehr munden in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft. Sie ſchieden bald. Er trank noch allein, dann ſah man ihn durch den Garten taumeln, und er warf ſich in die Steingrotte hin auf's Moos, und als ich ihn ſo liegen ſah im Sonnenſcheine, lang geſtreckt wie ein gefallener Thurm, machte ich mich, von Angſt getrieben, auf, Dich zu ſuchen. Wie wird er Abends im Zwinger mit uns Sündern umgehen, wenn er mit dem achtzig⸗ jährigen, frommen Adam Szaz ſo umſpringen mochte? Als wäre er unvorgeſehen von einem Hunde gebiſſen, ſprang der Narr mit einem Schrei in die Höhe und packte den Bucklichten bei beiden Ohren, ihn hin und her zauſend. Du lügſt, ſtöhnte er dabei, Du lügſt, en je⸗ nn rf hn in n, er ig⸗ te? en, ind nd 387 ſchmutzige Kröte! Den alten Adam? Widerrufe, Du Giftmolch, ehe ich Dich würge! Was ſicht Dich an, Menſch? ſchrie der kleine Szek, ſich mit Anſtrengung losreißend, biſt Du toll worden gleich dem Herrn? Geh' hin und ſchau: der Adam liegt ſicherlich unangetaſtet im Steinbruch und lief nicht da⸗ von, wenn nicht die Raben und Wölfe ihm ſchon davon geholfen. Butzko antwortete nichts, ſondern warf nur einen langen Blick zu der Höhe hinauf, nach welcher Szeks Hand während ſeiner Erzählung gedeutet; dann faßte er des Zwingermeiſters Linke und zog ihn mit ſich fort den Weg hinab bis zum Fuße des Felſens, der von kur⸗ zem Unterbuſch, Steinhügeln und Schlünden umkreist, in welche letztere die Felſenbäche von oben ihr Waſſer herabſtürzten. Mit feſtem Schritt und ſtarrer Haltung durchſtieg er die rauhen Umgebungen, riß den Begleiter ſchonungslos mit hinein, bis plötzlich ein grauſer An⸗ blick Beide feſthielt und Szek ſich von der eiskalten Hand ſeines Führers losgelaſſen fühlte. Sie ſtanden im Stein⸗ bruch: der Leichnam eines Greiſes lag vor ihnen, halb auf dem Geſtein, halb im Sumpf, gräßlich zerſchmettert waren Schädel und Gebeine, mit friſchem Blute über⸗ goſſen ſchimmerten die grauen Steinbrocken. Mein Vater! ſchrie da der Narr auf und ſtand wie eine Bildſaule.— Dein Vater? hallte Szeks Stimme nach, und der Zwerg klammerte ſich dem Narren an wie ein Menſch, der ein Geſpenſt am Kreuzweg erblickt. O haſſe die Zunge nicht, die Dir ſolch uUnglück verkündet! Sagte mir doch Niemand, ſeit ich im Schloſſe, von Deiner Verwandtſchaft. Ein Narr iſt gleich der Sohle am Stiefel des Herrn: 388 wer frägt, wo das ſchlechte Leder geſchnitten? murmelte Butzko. Dieſer war eines ſchlechten Sohnes guter Vater. Er bog ſeine Kniee, drückte die Hand des Erſchlagenen und ſtreichelte dann mehrere Male über die weißen blu⸗ tigen Haare. Langſam ſtand er dann auf, und ſein trockenes Auge maß mit ſeltſamem Ausdrucke die furcht⸗ bare Höhe des Felſens nochmals. Willſt Du mir einen Gefallen thun, Szek? fragte er er dann mit kaltem Tone. Du fürchteſt die Rückkehr und mit Recht; denn wo dieſer liegt, werden mehrere liegen, wenn der Vajda ſein Schloß durchſucht. Der Gefangene muß fort, ſogleich; gib mir Deinen Schlüſ⸗ ſelbund. Du gehſt indeß in den Ort, ſchaffſt dieſe Leiche von hier und bringſt ſie zum Kloſter; ich werde das Geld ſenden an die frommen Väter zur Beſtattung und zu einem Dutzend Seelenmeſſen. Geſchieht droben etwas Gefährliches, ſo ſchicke ich Dein Weib, Dein Kind früh genug herunter. Der Zwingermeiſter gehorchte in ſeiner Beſtürzung über das Vorgefallene ohne Einrede, und allein ſtieg Butzko bald darauf langſam zur Burg hinauf, die ſtar⸗ ren Blicke auf den Boden geheftet. Sein Name, laut ausgerufen, erweckte ihn aus tie⸗ fem Sinnen, und er ſah auf der Steinbank, wo er vorhin geſeſſen, zwei Leute in ungariſcher Tracht, einen Mann und ein Weib, und das Letztere warf ſich ihm entgegen. Du biſt es! rief ſie, den blauen Schleier zurückſchla⸗ gend. So hab' ich Dich endlich und werde Dich um⸗ klammern wie Dein Gürtel. Wo iſt der Stephan? wo haſt Du ihn hingeſchleppt, Du gefälliger Freund im Wolfspelze? Laß die Lüge, denn ich weiß Deine Un⸗ 389 that. O aus Barmherzigkeit zeige mir wenigſtens den Grabhügel, unter den ihr den redlichen Mann einge⸗ ſcharrt! Butzko ſtand einige Augenblicke wie verdutzt und als wenn er ſich beſinnen müßte, dann belebten ſich ſeine eiſigen Geſichtszüge und er reichte dem Weibe beide Hände entgegen. Willkommen, Frau Veronika! ſagte er mit Haſt, Ihr kommet zu rechter Stunde, als hätte Euch ein Engel auf ſeinen weißen Flügeln daher getragen. Seyd willkommen! Euer Stephan lebt, iſt wohlauf und in einer Viertelſtunde ſollet Ihr ihn im Arme halten. Wie ſteht Euch die Lanbestracht ſo ſchmuck, Frau Tirna! und Ihr thatet recht, ſie zu wählen: das macht uns den Aus⸗ und Eingang leicht. Seyd Ihr nicht gar zu müde von der Reiſe, ſo ſteigt ſchnell mit mir bergauf. Ihr fehltet uns nur; denn beim Sanct Stephanus und ſo wahr ich heute eine Waiſe geworden, wie Ihr auch ſeyd, Euer Tirna wartet mit Sehnſucht auf Euch und ſoll noch heute die Reiſe in die Heimath mit Euch antreten. Die Frau ſtand wortlos, zitternd am ganzen Leibe, und ein Thränenſtrom ſtürzte über ihr Geſicht. Ihr junger Begleiter aber trat heran und fragte ernſt: Wollet Ihr Euch wirklich dieſem Manne anvertrauen und mit ihm hinaufſteigen? Wie möchte ich nicht, Martin? fragte Veronika leb⸗ haft zurück. Ihr hörtet ja, er lebt, erwartet mich, ſoll frei ſeyn noch heute! Wo gäb's einen Teufel auf Er⸗ den, der mit ſolcher Lüge ein gemartert Frauenherz zu täuſchen vermöchte? Und die Gnadenmutter, die mich bis hier beſchirmt, wird ja auch in jenen Mauern mit mir ſeyn. Der junge Pukanetzer wandte ſich zu dem Narren. 390 Der Urgroßvater hat mich zum Dienſtmanne dieſer edlen Frau erkoren, ſagte er mit Strenge, und für ihr Heil ſteht mein Leben ein, muß ich ihr auch gehorſamen. Im Orte werde ich harren auf Botſchaft von ihr; kommt ſolche nicht bis morgen, ſo ſehet Ihr mich dort oben und könnet Euer beſtes Hemde anthun, damit man Euch reinlich in die Grube bringe. Ein Anderer liegt darin und iſt eben nicht beſonders hübſch anzuſchauen! entgegnete der Narr halb zornig, halb weinerlich. Aber ſo wahr ich einen frommen Va⸗ ter hatte, geh' unbeſorgt, Du unbärtiger Großprahler! logire Dich in die Herberge zum Bock, und ſtatt Deine blutgierigen Hörner zu wetzen, miethe vier gute Pferde und laß ſie geſattelt ſtehen, ehe die Sonne zur Ponau hinabmarſchirt. Der Waffenmeiſter Tirna ſaß in ſeinem einſamen Thurmzimmer und zählte die Sonnenſtäubchen, die im Lichtſtrom tanzten, den ein hohes Fenſter einließ. Sein Gefängniß war nicht ſchwer, auch mangelte ihm keine Bequemlichkeit; doch die Entbehrung des höchſten Gutes, der Freiheit, hatte an ſeiner Kraft genagt und fing an, ſeinen mannlichen Körper zu untergraben. Zur unge⸗ wöhnlichen Stunde ward mit Vorſicht ſeine Kerkerthüre geöffnet und der Narr zwängte ſich durch die Spalte. Tirna wandte ſich unwillig von ihm gegen die Wand. Guten Tag, Freund! ſagte der Narr, ſetzte ſich auf einen Schemel, betrachtete ihn eine Weile lauernd und trat ihm dann, von ſichtlicher innerer Bewegung wieder aufgeriſſen, näher. Was führt Dich her? fragte der Deutſche. Achteſt en ne s, n„ e⸗ re te. uf nd 391 Du meine Bitte nicht, mich Deines widerwärtigen An⸗ blickes zu entheben? Meine ich doch, das Wenige könnte Der gewähren, der mich um Alles beſtahl. Undank ſaugt jedes Menſchenkind mit der Ammen⸗ milch, erwiederte Butzko. Ich war beladen gleich dem Mühleſel mit zwei Säcken; ich habe beide gleich ſorg⸗ ſam getragen: die Pflicht als Knecht des Vajda, die Pflicht gegen Dich. Heut' iſt der erſte Sack mir abge⸗ ſchnitten; treu will ich den zweiten nun weiter tragen, wenn der Sack nicht ein Sack bleibt ohne Herz und Vernunft. Was ſoll das alberne Wortſpiel? fragte der Deutſche, dennoch ſcharf aufhorchend. Es iſt eine kleine traurige Geſchichte! erwiederte der Narr eintönig, indem er ſtarr in die blendende Sonne hinaufſah. Der Vajda hat mich frei gemacht; denn er hat meinen alten Vater erſchlagen. Den Vater? ſtaunte Tirna, von Mitleid ergriffen. Nicht getödtet, wie er Dich und mich tödten laſſen würde, wenn er Dein Verſteck fände, fuhr Butzko hef⸗ tiger verbiſſen fort, nein, mit allen Toden zugleich ge⸗ mordet: zerriſſen, gequetſcht, gehauen, gewürgt zugleich. Aber er ſoll nicht leben, um dieſe Nacht in boshaften Träumen von dem blutigen Weißkopf zu ſchwelgen. Und was willſt Du thun? Höre, Stephan! Du biſt ein Mann, der die Welt kennt und Vernunft hat trotz Deiner kindiſchen Grille von deutſcher Ehre. Des kleinen Szeks Erzählungen haben Dir klar gemacht, welch eine Abart von Men⸗ ſchengeſchlecht der Vajda iſt. Möchteſt Du Dein Leben in ſeine Hand gegeben wiſſen? Und ehe die Nacht kommt, wird's ſo ſeyn; denn wir ſind ihm verrathen⸗ 392 Wenn in der Schlacht mit den Taboriten Dein Kopf bedroht wurde, zuckteſt Du nicht Dein Schwert, Dich zu retten, ſchlugeſt Du nicht darum Dutzende nieder, unter denen vielleicht manches gute, nur verführte Chriſtenkind war? Der Vajda iſt ein Unmenſch, ein Unbarmherzi⸗ ger, der reif geworden für die Hölle. Ich will Deinen Arm bewaffnen, ich will Dich hinführen, wo der Trun⸗ kenbold liegt. Wir Beide fördern den Schlafenden aus der Welt, leicht und ohne Gelärm; denn Alles im Schloſſe ſcheuet ſeine Nähe, wenn er in ſolchem Zu⸗ ſtande iſt. Du biſt dann augenblicks frei; ich ſorgte für unſere Flucht und meinetwegen kannſt Du dann bei dem Kaiſer Deine Sache führen gegen Frau Barbara, wie Dir's beliebt. Tirna wendete ſich düſter ab. Ich bin kein Mörder! antwortete er mit Abſcheu. Mag der⸗Vajda kommen; ſchläft ſein Ohr für mein Recht, mag er ſeine blutige Hand auch mit meinem Blute beflecken. Butzko rückte ungeduldig hin und her auf dem Sche⸗ mel, den er wieder eingenommen. Wer von uns Bei⸗ den iſt denn der Narr? fragte er ſpitz. Und biſt Du denn ſo ganz allein in der Welt? Gedenkſt Du an Niemanden, der auf Dich ſein Glück gepflanzt, eigen⸗ ſüchtiger Ehrennarr? Denkſt Du nicht an Deinen Her⸗ zog, Deine Wiener, Dein Weib? Arme Veronika! ſeufzte der Waffenmeiſter; doch ſie wird längſt den Wittwenſchleier tragen um den Ver⸗ ſchollenen, und der erſte Schmerz wird überſtanden ſeyn. Und wenn nicht, wenn ſie hier, in des Vajda Ge⸗ walt, und Du könnteſt ſie retten zugleich mit Dir, mit mir, der ſich gutmüthig in einer Falle gefangen mit Dir? ———— w —————— Tirna ſprang erſchrocken empor; doch der Narr pfiff auf dem Daumen, und in der aufgeſtoßenen Thüre ſtand das bebende aufjauchzende Weib, und die treuen Gatten flogen ſich in die Arme und faßten ſich feſt, und küßten und fragten und erzählten ſich ohne Ende, indeß der Narr ſich abgewendet, man wußte nicht in wehmüthigem Mitgefühl oder in Tücke, und mit den Nägeln Ziffern grub in die Kalkwand. Plötzlich wand ſich Tirna aus ſeines Weibes Armen, faßte den Narren gewaltſam zu ſich drehend. Böſewicht, rief er, ſo haſt Du alſo auch dieſe zarte Unſchuld in Deine Mordhöhle gelockt? Sie kam hinein ohne mich, kam aus Liebe zu Dir, um an Deinem Grabhügel zu beten, antwortete Butzko bedeutend; aber hinaus kann ſie nicht ohne uns. Tirna's Augen blitzten ihn an. Trägt der Vajda ein Schwert bei ſich? fragte er. Wann und wo ginge der Ungar ohne den Säbel? entgegnete Butzko. Er iſt ihm angewachſen wie Schnurr⸗ bart und Haarzöpfe, er trinkt und ißt und ſchläft mit ihm. Aber fürchte darum Dich nicht; ehe er ſolchen Rauſch verſchläft, kommt der Abend herauf. Kannſt Du mir eine gleiche Waffe ſchaffen? fragte der Waffenmeiſter. Drei für eine; aber ich meine, Schnur oder Stilet und der Abgrund wären genug! Der bleiche Menſch knirſchte dabei hörbar mit den weißen Zähnen. So führe mich hin zur Stelle! hauchte Tirna aus voller Bruſt herauf. Was willſt Du thun? jammerte angſtvoll die Frau. Und wo ſoll ich bleiben indeß? Hier in dieſem trauri⸗ gen Verſteck, ſchon wieder verlaſſen und in neuer Noth? 394 Tirna, und was deutet eure Rede? Du willſt doch nicht den Leib erkaufen um die Seele? Ruhig, mein Weib! flüſterte der deutſche Mann. Haſt Du Glauben gehabt an mich bislang, ſo glaube auch an mich in dieſer ſchweren Stunde. Es gilt um Dein Leben, Deine Ehre. Aber bei allen Heiligen, durch ein Verbrechen erhandelt der Stephan ſo wenig ſein Glück als das Deine. Noch überſtrahlte die Sonne des Schloßgartens weite Räume mit einer milden Wärme, wie ſie in dieſer Jah⸗ reszeit ſelten die Natur verſchönert. Durch die unbe⸗ laubten Gezweige der hohen Bäume ſchoßen die Strahlen des Goldgeſtirnes in den Eingang einer tiefen Grotte, die, in die Klippe gehauen und mit Moos ausgekleidet, für die heißen Tage des Sommers beſtimmt zur kühlen Zuflucht, jetzt zur Unzeit das Schlafbett eines ſinnbe⸗ raubten Schwelgers geworden war. In dem Eingange hingeſtreckt lag der berauſchte Woiwode, der grimmige Stibor, einem von den Göttern niedergeſchmetterten Titan gleich; ſchnarchend tönte ſein Athem, ſeine Augen waren halb geöffnet, doch blinzelten ſie nicht, und keines der rieſigen Glieder regte ſich, kein Bluttraum ſtörte ſeine todesgleiche Ruhe, ſo hatte der Weindunſt ſein Gehirn bezwungen. Der ganze Garten lag öde da und leer; fern nur graste ein Paar gefleckter Damhirſche im Tannenbuſch, und ein Haſe hüpfte im Sonnenſchein, ſpitzte horchend das Löffelohr, ſetzte ſich hoch auf die Hinterläufe und huſchte dann blitzſchnell hinter die Stein⸗ wände. Der Narr näherte ſich mit dem Waffenmeiſter. Der Letztere trug die Filzmütze des Landes, den unga⸗ e te, 395 riſchen Mantel und drunter den blanken Säbel; ſeinem raſchen Schritt folgte ſchleichender Butzko, in der kalten, bebenden Hand das Meſſer haltend. Er ſchläft wirklich noch! ſprach jetzt der Deutſche mit lauter Stimme. So iſt es doch; ſo kann auch der Miſſethäter, der Mörder ſchlafen, wo ein gerechter Gott regiert? Gehe hin, Narr, und wecke Deinen Herrn! Der Narr glotzte ihn an. Wecken? Biſt Du des Teufels? Raſch hinzu, ein Zug mit der Klinge durch den breiten Hals, dann mit ihm hinab vom Fels dort, es ſind nur zehn Schritte. Wecke ihn, Narr! befahl Tirna nochmals. Sein Säbel liegt neben ihm; ehe der Stahl nicht blank iſt in ſeiner Hand, thue ich keinen Schritt weiter; dann mag der Himmel ſein Gottesurtheil ſprechen. Aber was iſt dort auf ſeiner Bruſt? Was lebt über ihm und ringelt ſich an ſeinem Halſe wie ein buntſchillernd Geſchmeide? Der Narr ſchoß entſetzt zurück. Zurück, Freund! ſtammelte er, oder wir ſind verloren. Das Volk ſchalt längſt den Vajda einen Teufelsbündner. Und wie wäre er ſonſt ſo reich geworden und hätte ſich ſo feſt in die Gunſt des Kaiſers geſetzt? Schauſt Du die beiden Schlan⸗ gen, die mit bunten Ringeln ſich ſeinem Ohre nähern? Es ſind, wenn nicht Satanas ſelber, doch ſicherlich Bo⸗ ten der Hölle, die ihm zuflüſtern, was wir vorhaben, ihn warnen, ihn wecken werden. Fort, ehe ſein Auge ſich aufthut und ſein Zorn uns findet. Aber der Deutſche ſtand und ſchaute hin, und ſeine Rechte faßte feſter den Säbelgriff; doch der Himmel hatte ihn nicht zu ſeinem Racheengel erkoren, und that⸗ los durfte er bleiben bei dem ſchrecklichen Gericht, das vor ihm ſich entfaltete. 396 Der rieſige Woiwode zuckte plötzlich mit den marki⸗ gen Gliedern wie elektriſch getroffen, ſtieß ein grauen⸗ volles Gebrüll aus, hob ſich in einem grimmigen Satze vom Boden auf und taumelte mit blutbeſtrömtem Ange⸗ ſichte in das Freie. Die Sonnenwärme hatte ein gift⸗ geſchwollenes Natternpaar aus dem Winterquartier, die Körperhitze des Trunkenboldes zu dieſem gelockt. Zu⸗ gleich hatten die gefährlichen Thiere ihren Zungenſtachel in des Schlafenden Augen geſenkt, und geblendet, blu⸗ tend, von Höllenſchmerz durchbohrt in allen Nerven, die veiden glatten Thiere, die ſeine Arme umwanden, in beiden Fäuſten quetſchend wie ein Laokoon, ſtürzte der Brüllende im Kreiſe umher, rannte gegen die Baum⸗ ſtämme, wankte weiter unter den ſchrecklichſten Flüchen, ſank in die Kniee, raffte ſich neu auf, nach Hülfe don⸗ nernd, ein ſchreckliches Schauſpiel den Beiden gebend, die ſich hinter das Tannengebüſch in Sicherheit gezogen. Schon hatte man vom Schloſſe aus den tobenden Herrn gehört, geſehen, und eine zahlloſe Dienerſchaft war her⸗ beigeſtrömt, ſtand jedoch zagend und erſtarrt bei dem Anblicke im weiten Kreiſe. Jetzt ſchleuderte der Entſetz⸗ liche die Nattern gegen den Boden und ſein Fuß, ob⸗ gleich der Leitung der Augen beraubt, ſuchte ſie zu zer⸗ treten; doch zu nah war er dem Felſenhang gekommen, er ſtrauchelte und— ſtürzte unter dem Wehgeſchrei der zu ſpät herzueilenden Knechte in die Tiefe hinunter. Der alte Adam hat ihn nachgezogen! ſprach halblaut der grauhaarige Tafelmeiſter zum Narren, der unbefan⸗ gen und mit verſtelltem Schreck herangetreten. Tirna war indeſſen längſt zurückgeeilt und hielt im Thurme ſein treues Weib umfangen. Gott hat gerichtet und meine Hand rein gehalten! ſprach er zu der Erſchütterten. N —* — 8„ —— M vM 2 W 397 Mag der Allmächtige uns nun auch erretten aus dieſer Drachenhöhle; denn ich habe keinen Stahl da, wo er ſelbſt ſo ſichtbar waltet, und wenn auch der Narr noch⸗ mals zum Verräther würde. Doch Butzko zeigte ſich ſchon in der Thurmthüre, in ſeinen Ueberwurf verhüllt und ein zierliches Silberkäſt⸗ chen im Arme tragend. Rühret die Glieder! rief er mit Haſt. Ehe das Getümmel im Schloſſe ſich entwirrt und die Beſinnung kehret, müſſen wir im Thale wandern. Ich habe einen Schatz mitgenommen, der uns gute Freunde machen wird am Kaiſerhofe, den Freund Ste⸗ phans Eigenſinn und ſein Schwur uns nun einmal zum Reiſeziel geſetzt. Vater Adam hat ſein Recht vollauf bekommen und mag jetzt ſelbſt oben beim Sanct Peter ſeine Klage weiter führen. Der herrenloſe Narr begibt ſich von heute in den Dienſt der kleinen, frommen Frau aus Wien, deren himmliſche Patronin ſich ſo mächtiglich erwieſen. Und daß er ſein Brod nicht unverdient an ihrem Tiſche verſpeiſen will, ſollet Ihr im nächſten Nachtquartier mit Freuden erkennen. Fort machten ſich Alle durch die Seitenhöfe, aus denen das ſchauervolle Ereigniß die Dienſtleute gelockt; unbehindert kamen ſie hinab, und bald ſaßen ſie auf des Pukanetzers bereit gehaltenen Roſſen, und ihre Herzen klopften ruhiger, je mehr ſie das verhängnißvolle Nar⸗ renſchloß aus dem Geſichte verloren. Mitten im reichen Lande der Czechen auf dem könig⸗ lichen Hradſchin, deſſen felſigen Fuß die Moldau beſpült und unter deſſen herrſchendem Auge das mächtige Prag ſeine drei Städte ausbreitet gleich einem buntgeſtickten 398 Fürſtenteppich, hatte Kaiſer Sigmund ſein Hoflager ge⸗ nommen. Schon war von dem päpſtlichen Legaten Phili⸗ bert feierlich in der Hauptkirche der Altſtadt, im Marien⸗ tempel, der Bannfluch von dem in langen Bürgerkriegen zerriſſenen Böhmer Lande genommen, und tauſend und aber tauſend Wunden wurden durch die Verheißung der Glaubensduldung verbunden, wenn auch nicht geheilt. Schon waren Kaiſer Sigmund und Kaiſerin Barbara in der Sanct Veits⸗Kirche des Schloſſes mit den Kronen Przemislas und der Libuſſa in der Nähe der geweih⸗ ten Gräber des heiligen Wenzeslaus und des heiligen Nepomuks gekrönet worden, und trotz der dichten Win⸗ ternebel, welche die Ebenen und Seen des Landes, Stadt und Berg bis zu den Spitzen des Hradſchin hin⸗ auf einſchleierten— ein Leichentuch, das der abergläu⸗ viſche Ungar als ein böſes Omen der Krönung mit dü⸗ ſterm Blick betrachtete— herrſchte feſtlicher Jubel vom ſtattlichſten Herrenhauſe bis in die kleinſte Hütte hinun⸗ ter, der ſich jedoch dem Sinne des kindlichen, frohſinni⸗ gen Volkes gemäß mehr als ein großes Muſik⸗ und Liebesfeſt in weich und angenehm klingenden Geſängen und heitern Scherzen, als in wüſten Gelagen und Ba⸗ chusnächten Luft machte. Nur wenn es ein Recht gilt, ſteht der Böhme auf als ein Rieſe von Erz, gewaltig und nicht zu brechen, gleich dem Walle ſeiner Grenzge⸗ birge; aber gleich ſchnell vergißt er Fehde und Feind⸗ ſchaft, das Blutfeld und die grauſe Noth, kehrt zurück in ſeine fröhliche Häuslichkeit und drückt treuherzig die Hand des Gegners, die ihm wehe gethan. Sigmund, der kaiſerliche und dreifach königliche Greis, obgleich endlich am Ziel ſeiner Wünſche, vermochte nicht Theil zu nehmen an den endloſen Feßtlichkeiten, zu denen 399 aus allen Nachbarlanden, was angeſehen und reich, her⸗ beigeſtrömt. Die Reiſe in unfreundlicher Jahreszeit, die Anſtrengung in mannigfachen Ceremonien, die Aufzüge, bei welchen ſeine Perſon nicht fehlen durfte, die Sorgen, feſt zu erhalten und zu ſichern, was gewonnen, hatten ſeiner kräftigen Geſundheit einen Stoß gegeben, deſſen Ausgleichung die Natur in ſolchem Hochalter nicht zu ver⸗ mogen ſchien, und beunruhigter gingen ſeine Getreuen mit jedem Tage aus ſeinem Cabinet, das ſein emſiger Kanzler nicht verließ, und wohin ſie, wie das Geſchäft Jeden betraf, berufen wurden. Die Kaiſerin dagegen zeigte ſich überall als die Seele der Luſtbarkeiten. Der Stolz auf den neugewonnenen Glanz ſchien ſie verjüngt zu haben. Das Glück ſtrahlte aus ihren flammenden Augen und ſie ſchien das Volk, das ſich ihr unterworfen, des in ihr wohnenden Glückes theil⸗ haftig machen zu wollen; denn verſchwenderiſch warf ſie überall, an Papiſt und Kelchner ohne Unterſchied, ihre kaiſerlichen Gaben aus. Heute führte ſie die weitklingende Jagd durch das Moldauthal, und morgen ging ſie am Opferfeſte Mariä andächtig, doch prunkvoll geſchmückt, im Betzuge. Sie regierte das Turnſpiel und ſchwebte mit Anmuth und Majeſtät durch die Colonnen des Tanzes, und wenn ſie an der Seite des jungen, ſchönen Polen⸗ königs, der als vornehmſter Gaſt in Prag eingeritten, hinter ihr der ſchimmernde Kometenſchweif der Ritter⸗ ſchaft, hoch auf dem ſtolzen Zelter durch die Straßen ritt, drängte ſich das Volk zahllos heran und umflutete ihren Triumphzug wie fröhlich ſummende Bienenſchwärme, und Einer rief dem Andern zu: Schau! Die iſt wie ein vollbuſig Böhmerweib! Schau, wie Schenkel und Wade den ſtörriſchen Schimmel zwingen! Die hätte 400 Ziska's Trommel ſchlagen müſſen oder commandiren auf der Lipauer Wagenburg. Es iſt eine zweite Zauber⸗ königin, eine zweite Libuſſa! Vivat! Und die Kaiſerin ſchwelgte ſich trunken in dem willkommenen Ruf, ſonnte ſich in den Strahlen der Volksgunſt, als wäre ſie ſo eben erſt aus der kleinen Väterburg auf einen Thron er⸗ hoben worden und gab beſeligende Gnadenblicke zurück. Von dem purpurnen Divan erhob ſich der ſchöne Po⸗ lenfürſt, der Jüngling Wladislaus, erglüht im langen einſamen Zwieſprach und durch die Huld der kaiſerlichen Frau, die dem lebensmuthigen leichtfinnigen Erben der Piaſtenkrone für ſeinen Ehrgeiz wie ſein heißblütig Herz die lockendſten Ausſichten aufgethan. Mit dem düſtern Blick des Unmuths empfing Frau Barbara den Neffen Ulrich von Cilly, deſſen Eintritt ihre Triumphe geſtört und den neuen Liebling von ihrer Seite verſcheucht hatte. Du kannſt ſcherzen mit dem flachköpfigen Knaben, Muhme, indeß die wichtigſte Stunde ſchon an Deine Thüre klopft? fragte Graf Ulrich mit tückiſchem Gegen⸗ blicke. Knabe? fragte die Kaiſerin ſpöttelnd zurück, die üp⸗ pigen Glieder behaglich auf dem Divan dehnend. Wie viele Jahre biſt Du, bartloſer Weltweiſer, älter, und haſt doch ſchon Begier, Statthalter von Böhmen zu werden? Deine Kaiſerin ſcherzet nicht, wo es ihre Zukunft und die Größe ihres Geſchlechts gilt, wenn auch der Neid ihres undankbaren Neffen nicht immer erkennt, was er ihr ſchuldet. So dächteſt Du ernſtlich an einen feſten Bund mit dieſem rohen Sproß eines wüſten Geſchlechtes. ie ſt 12 nd id nit 401 Er iſt gefangen, frohlockte die Kaiſerin, und ſchlägt wohllautend in der Falle, gleich der umgarnten Wachtel. Wie befindet ſich mein Herr, der Kaiſer? Der Arzt zuckt die Achſeln, antwortete mit Kälte der Graf, ſich ihr gegenüber niederſetzend. Die Lebensuhr iſt dem Stillſtande nahe. Die Kunſt vermag nichts. Er wird langſam auslöſchen gleich der Lampe, welcher das Oel mangelt. Doch wird er für uns zu früh die Augen ſchließen, früher, als unſere Anſchläge zur Reife gedeihen. Er mag ſchlafen gehen, der gute Sigmund! Gönnen wir ihm die Ruhe. Die Herrlichkeiten und Freuden der Welt hat er genoſſen bis zur Nagelprobe des Bechers. Er darf nicht klagen und muß ihn zufrieden vom Munde ſetzen. Aber wir leben in Fülle der Kraft und die Na⸗ tur weist uns noch mütterlich hin auf ihre reichen Schätze. Sorge dann die eigene Klugheit, daß Niemand ſie uns vor dem dürſtenden Munde fortnimmt. Der gute Sig⸗ mund hat unſer Haus groß gemacht; klänge es nicht wie Undankbarkeit gegen ihn, ließen wir zu, daß ſein ſchwach⸗ ſinniges Alter das eigene Werk zertrümmern möchte? Meineſt Du, wir wollten als kaiſerliche Wittfrau von der Gnade dieſes trockenen Albrechts leben und demüthig em⸗ pfangen, was dieſe bleiche Betſchweſter, welche uns Mut⸗ ter nennt, mit karger Hand uns zugeſtände? Mag ſich dieſer bürgerliche Herzog mit dem ſchönen Mährenlande begnügen, das ſeiner Elsbeth ein überreicher Mahlſchatz war. Wir bedürfen mehr; der natürliche Anſpruch gibt das Recht; wie man ſich ſtellt, ſo wird man gehalten, und nur wer da fordert, empfängt. Kronen nehmen iſt das höchſte auf Erden; Kronen ablegen, aus der Sonne hinabſteigen in den Schatten das abſcheulichſte, iſt ein lebendiger Tod im Grabe. Der Kaiſerin Plan iſt reif 3 Blumenhagen. XV. 26 ——— — 402 ein friſcher Frühling wehet mir entgegen. Wir wollen den guten Herrn Sigmund beweinen, wie es der chriſt⸗ lichen Wittwe anſteht; dann wird der Polenkönig mein Gemahl, mein Sklav in lang entbehrten Freuden; dann ſollen die Cillys herrſchen im Angeſicht der ganzen Welt, und Du ſollſt einſt mein Erbe ſeyn. Das Volk iſt ge⸗ wonnen; Böhmen wie Ungarn haſſen den Deutſchen; die Großen gehen in unſerm Gängelbande. Standeſt Du nicht ſelbſt dabei, wie der alte, bedächtige Herr Ales von Sternberg ſprach: Ungarn, Böhmen und Polen vereint, wäre die von Gott geſchaffene Vormauer der Chriſten⸗ heit? Spracheſt Du den Podiebrad und den Klenowsty? Ich ſah ſie bei dem Mittagsmahle, antwortete Graf Ulrich, der tiefſinnig ihr zugehört. Sie prieſen Dich hoch⸗ begeiſtert, aber ſie nannten Dich laut eine edle Ultra⸗ quiſtin, eine Freundin des befehdeten reinen Glaubens, und ich ſchauderte darob. Schwache Männer, welche der Wein in plappernde Elſtern wandelt! zürnte die Kaiſerin; doch leichter ſetzte ſie hinzu: Auch Du thäteſt gut, Dich mit ſolchem Schein zu umhüllen; der Kluge lockt die Stärke auf ſeine Seite. Mit Ketzerei mich verbrüdern, den reinen Glauben beſchmutzen? Nimmermehr! antwortete mit Heftigkeit Ulrich. Weiber dürfen die Schwäche im Schleier ber⸗ gen, für den Mann iſt der offene Helm. Ei, mein weiſer Neffe, ſpottete Frau Barbara, ſo geh' doch und zeige dem ſterbenden Ohm und Kaiſer Dein Geſicht ohne Helmſchirm! Aber ich kenne Dich, Du Fal⸗ ſcher: nur der Neid auf die Gunſt, die ich dem Polen zuwarf, macht Dich heut' ſo widerſpenſtig. Gönne Dei⸗ ner Muhme das Spielwerk. Der Glaube, mein predi⸗ gender Knabe, iſt nichts als ein eherner Zaum für den 403 Pöbel, ein Popanz, der ihn in Furcht hält, ein Geſpenſt, ihn einzuſchüchtern. Kennte der Stier und das Roß ſeine Kraft, wo wäre Joch und Zügel, ſie zu bändigen? Sollten die Gewaltigen, geboren, um zu herrſchen, das kräftigſte Mittel, welches ihnen die Armſeligkeit des Men⸗ ſchengeſchlechts darbeut, von der Hand weiſen? Statt⸗ halter des Böhmenreichs, Du wirſt noch gar viel von Deiner Muhme zu lernen haben, die Dich mündiger glaubte. Weißt Du ſchon die Mähr vom ſchaurigen Tode Sti⸗ bors des Vajda? fragte abweichend der Graf. Rokiczana's Eilbote brachte uns die unerwartete Poſt. Wir verloren das Haupt unſerer Verbündeten in Ungarn, doch ſeine Freunde leben und können uns nicht abfallen. Auch dürfen wir ſeinen Tod nicht groß bedauern; denn mit Argwohn erfüllte uns längſt die Herrſchbegier des reich gewordenen Fremdlings. Die Größe der Cillys konnte ſeinen Neid wecken; ſich ſtützend auf der Kaiſerin frühere Gunſt verheimlichte der Unbändige die Uner⸗ ſättlichkeit ſeiner Seele nicht, die frech genug, ſelbſt viel⸗ leicht nach Ungarns Krone zu greifen. Wir ſind einen böſen Schuldner losgeworden und können einen beſſern Freund gewinnen durch den Platz, den er ſich ſelbſt be⸗ dungen. War auch des Vajda Hausnarr bei Dir? fragte der Graf. Des Stibors Narr in Prag? fuhr die Kaiſerin auf und ſprang aus ihrer Ruhe empor. Was will der Menſch? Brachte er Botſchaft an den Kaiſer? Ich traf ihn auf der Gaſſe, antwortete Urich. Er trug ſein Narrenkleid nicht mehr, und ſchien beſtürzt ob meiner Anrede. Dann winſelte und weinte er jämmer⸗ 404⁴ lich um den ohne Sakrament geſtorbenen Gebieter, jam⸗ merte noch ärger, daß er hätt' flüchtig werden müſſen, weil ihm die Bauern wegen des Narrenſchloſſes an's Leben gewollt, und ſprach endlich lächelnd, wie er nach Prag gewallfahrtet, ſich neuen Narrendienſt bei des Kai⸗ ſers Majeſtät oder bei einem der edlen Herren zu ſuchen, und geläng's ihm nicht, dann ein Taborit zu werden und für den Kelch zu ſterben, damit er das Narrenleben mit der größten Narrheit enden dürfe. Der Menſch iſt boshaft, war des Vajda Günſtling und weiß zu Vieles, ſprach die Kaiſerin lebhaft. Der Eilbote kam allein; warum der Narr nicht mit ihm, ſicher geleitet? Ein düſteres Ahnen quält mich, denk' ich dieſer dürren, gelenkigen Figur. Mit mehr als mütterlicher Zärtlichkeit küßte ſie den jungen Grafen und ſchob ihn zu der Thüre. Fort, mein Ulrich! drängte ſie. Bemächtige Dich des Narren; er könnte mehr wiſſen, als uns dienlich. Bringe ihn in Deine Gewalt; forſche, ob er den Kaiſer geſprochen; mache ihn unſchädlich jedenfalls. Es wäre bös, ſollten wir dicht am Ziele über eine Schellenkappe ſtolpern. Ich gehe indeß zu Sigmunds Cabinet, um zu horchen, ob Befährdung droht. Der alte, ſchwache Herr verſchweigt mir nichts; war er doch immer meinen Blicken durchſichtig wie mein Schatten. Der alte Kaiſer Sigmund, wie zum Spott der junge König betitelt, lag erſchöpft auf ſeinem Ruhebett, ein Schattenbild der Majeſtät und irdiſchen Allgewalt, matt und bleich, doch ſchmerzlos und freien Geiſtes, oft noch zu einſtiger Lebhaftigkeit erregt durch den Tokayergeiſt, —— ——— 8—— — E tt den er dann und wann aus dem Goldlöffel ſchlürfte. Seine Helden, der Palatin Niclas Gara und Paul Beſ⸗ ſenus, der Ban der Nebenreiche, ſtanden ernſt und trüb⸗ ſinnig zu Füßen des kaiſerlichen Bettes; der Kanzler Kaspar Schlick ſaß am Tiſch und wühlte in Brieſſchaf⸗ ten, die er aus einem Silberkäſtchen nahm, und vor dem Bett ſtand ehrfurchtsvoll der deutſche Waffenmeiſter Ste⸗ phan Tirna. Fürchtet nichts, mein lieber Rüſtmeiſter! ſagte der Kaiſer mit leiſer Stimme, doch beredten Blicken; wir ſind von der Wahrheit Eurer Geſchichte überzeugt, und dachten uns Manches faſt ſo, ehe Ihr uns das Licht hiel⸗ tet. Unſere geliebte Frau Barbara iſt noch nicht in den Jahren der Weisheit, und der Schrecken, da ihr das Waſſer an das runde Kinn und über den ſüßen geſchwätzi⸗ gen Mund ging, mag ihre Sinnen in Etwas verwirrt haben. O wären wir noch in ihren Jahren! Alter Kas⸗ par, damals war's eine tolle, aber ſchöne Zeit. Seine Stimme wurde weinerlich; lauter ſetzte er hinzu: Aber berichte weiter aus Deinem Fund; der Anfang lautete erbaulich und weckt die Neubegier. Euer letzter Wille, Majeſtät, ſoll ungültig erklärt werden, antwortete in den Papieren leſend der Kanzler; Euer Teſtament will man nicht proklamiren, ſondern ſo⸗ fort nach Eurem Hinſcheiden läßt ſich Frau Barbara als Königin ſo in Ungarn, ſo in Prag ausrufen. Zwölf böh⸗ miſche, zehn ungariſche Unterſchriften verbürgen die Zu⸗ ſtimmung. Wollet Ihr die Namen leſen? Es ſind gar gewichtige Leute dabei. Nicht doch, Kanzler! flüſterte der Kaiſer ſchnell. Der alte Sigmund kennt ſeiner Feinde genug, er mag keine längere Liſte, ſeinen Abend zu trüben. Aber die liebloſe 406 ſchöne Frau, konnte ſie ſich nicht gedulden, bis ihr Kai⸗ ſer ſchlafen gegangen? Und herrliche Weiberpolitik, ſolch Dokument dort niederzulegen, wo eine Narrenhand es zu ſtehlen vermochte. Nein, alter Schlick, da haben wir Zwei es beſſer verſtanden. Hier ein Verzeichniß aller Herren, die man als dem Unternehmen gefährlich erkannt, der man ſich verſichern müſſe lebend oder todt, und für welche die Kerker auf Schloß Betzko bereit gehalten werden! fuhr der Kanzler fort. Ihr, würdiger Palatinus, ſteht zu oberſt, und mir ward die Ehre, zunächſt Euch zu folgen. Herr Nielas Gara machte ein Schlachtgeſicht, worauf Grimm und Spott verſchmolzen erſchien; der Kaiſer lachte jedoch, bis ihn der Huſten hinderte, und ſtotterte dazwi⸗ ſchen: Dich armen alten Mann wollen ſie auf Zwinger⸗ küche ſetzen? Abſcheulich! Und meinen Palatinus? Wie ſeltſam würde ſich der bärtige Kopf hinter dem Gitter⸗ fenſter gebärden. Doch lebendig hätten ſie ihn nicht in den eiſernen Rahmen bekommen. Nicht wahr, mein Niclas? Ein Handſchreiben der Kaiſerin. Sie verſpricht dem Woiwoden Euren Platz, Herr Palatin, und drei Schlöſſer im Böhmer Lande; ſie entſchuldigt zugleich ihren Vorſatz, zu der neuen Lehre überzutreten, und meint, ſäße die Krone erſt feſt, könnte man für den Kelch das Kreuz wiederum eintauſchen. Ei, ei, Frau Kaiſerin, fiel der Kaiſer unwillig ein, habt Ihr unter der runden Bruſt ſolche Tapferkeit, ſelbſt dem Himmel den Krieg zu erklären? Die Cillys ſind alle etwas ungläubig von Alters her geweſen, und die Weiber haben meiſt nur einen feſten Glauben: den an die ewige Zärtlichkeit ihrer Buhlen. Nun, ſie hat noch lange Zeit zur Bekehrung und Abbitte. 407 In dieſem letzten Blatte wird die Vermählung mit dem Könige Wladislaus beſprochen, ein Plan, der aus dem Kopfe des wüthigen Prieſters Rokiczana entſprun⸗ gen, ſchloß der Kanzler. Und dem der Beifall unſers lieben Gemahls ſicher nicht ermangelte, entgegnete Herr Sigmund. Das folg⸗ ſame Weibſen hat von uns gelernt, wie man es macht, um ſich eine geſchmeidige Ehehälfte zuzuziehen; wir wa⸗ ren ein ſtarker Vierziger, als wir um die fünfzehnjährige Jungfrau warben. Mag ihr das Glücksſpiel beſſer ge⸗ lingen als uns, und der junge polniſche Bär von ihr recht ſchnell glatt geleckt werden. Wir ſind immer ſauber mit der Dame umgegangen, und haben ſie niemalen in ihren Ergötzlichkeiten geſtört. Und was beſchließt Ihr, kaiſerlicher Herr? fragte Niclas Gara mit tiefer Stimme und einem Blick, in wel⸗ chem Rachluſt und ein weniges von Blutdurſt flammte. Der Kaiſer ſann eine Weile, winkte alsdann dem Kanzler zum Bett und flüſterte mit ihm. Zufrieden nickend befahl er dann dem Paul Beſſenus, den deutſchen Waffen⸗ meiſter in ſeine Obhut zu nehmen und mit ſeinem Haupte für Tirna's Sicherheit zu haften. Der Lohn für das Geſchenk, welches Ihr brachtet, ſoll nicht ausbleiben, ſetzte er hinzu, dem Deutſchen die zitternde Hand zum Kuſſe reichend. Unſer Schlick ſchreibt ſogleich an Euren Herzog, und Eure Sache wird einen guten Spalt des Sendſchreibens ausmachen. Tröſtet Euch über Euer böſes Gefängniß: Ihr hättet Eurem Herrn in der Freiheit nicht wichtiger und wirkſamer dienen können, und freuet Euch mit uns, daß der wüthige Vajda den tollen Purzelbaum von ſeinem Steinneſt gethan. Auch der Palatin ward mit dem Befehl entlaſſen, die ſchnellſten Reiter zu beor⸗ 408 dern, um in der Nacht zum Eilritt nach Wien bereit zu ſeyn, und die beiden Alten kosten mancherlei mit einan⸗ der, und kein Fremder hätte ihnen angeſehen, daß das Wohl zweier großen Staaten Europa's dieſe ruhigen, freundlichen Silberhäupter beſchäftigte. Schlick ſchrieb; der Kaiſer hatte ſich ermüdet hinge⸗ ſtreckt. Da meldete der Pandurenhauptmann die Kaiſerin, und augenblicks trat Frau Barbara mit verſtörten Mie⸗ nen, fliegendem Athem und unſicheren Blicken in's Ge⸗ mach. Sie glaubte ein Geſpenſt geſehen zu haben, einen dräuenden, warnenden Spuck— das belaſtete Gewiſſen, auch das ungläubigſte, neigt ſich leicht zum Aberglauben — denn in der Gallerie unter dem trüben Halblichte der Schloßlaternen war des Waffenmeiſters Geſtalt, den ſie laut Stibors Schmeichellüge längſt in den Wellen der Donau begraben wähnte, ſtarr und ernſten Geſichts an ihr vorüber geſchritten. Sie ſchaute entſetzt zurück zur Thüre und mußte ihren wankenden Körper am Pfoſten des kaiſerlichen Ruhebetts unterſtützen. Der rührige alte Kanzler ſchob der Herrin flinker Weiſe einen Lehnſeſſel unter, und Herr Sigmund erhob ſich halb in ſeinem Bett und fragte: Was geſchah unſerm lieben Gemahl, daß ſie alſo zu uns tritt? Es ging ein Gerücht im Schloſſe, ſtotterte die Ver⸗ wirrte, des Kaiſers ausgeſtreckte Hand haſtig faſſend, unſer geliebter Herr wäre plötzlich ſehr krank worden. Und da trieb unſere liebe Frau Zärtlichkeit und Sorge ſo ſpät an unſer Bett, ergänzte der Kaiſer, ſich ruhig wieder niederlegend. Ja, Frau Barbara, Eure Huld und Treue wird Euch zur Krankenwärterin machen; darum iſt es uns angenehm, daß Euer Herz ſich wohl ergötzt hat an den Feſtlichkeiten dieſer Tage, da dergleichen ſobald 409 nicht kehren möchte. Doch log das Gerücht; denn fühlen wir auch mehr als ſonſt den Druck des Alters, ſo hoffen wir doch von der Gnade des Himmels noch einige Wo⸗ chen Friſt, um unſer Haus zu beſtellen und unſere Kinder zu ſegnen, wie es dem Kaiſer und dem Vater geziemt. Hattet Ihr Boten von Oeſterreich oder aus dem Un⸗ garlande? fragte die Kaiſerin, noch einmal ſcheu das Auge zur Thüre wendend. Seit einer Woche kam uns keine Nachricht, entgegnete der Kaiſer heimlich lächelnd. Die Straßen ſind verdor⸗ ben durch das Winterwetter; doch ſind wir ohne Unruhe, denn Friede ſegnet die Länder und möge unſern Abend erheitern. Und wie befindet ſich mein kaiſerlicher Herr? fragte Barbara zerſtreut, aber mit freierem Athem. Die Arznei verſagt den Dienſt, der Medicus zuckt die Achſeln und wird läßiger, dagegen bemüht ſich der Beichtvater fleißiger als vordem, antwortete Sigmund mit Reſignation und Humor. Das find nicht eben freu⸗ dige Aſpecten. Doch wir haben einen warmen luſtigen Lebensſommer gehabt, und dürfen nicht murren, wenn die Winterszeit uns nicht gefällt. Dieſes flache, feuchte Nebelland war uns nicht zuträglich, und der Arzt drängt auf Luftveränderung und gibt uns Hoffnung, wenn wir ſchleunigſt eine höhere, reinere Gegend ſuchen. Wir find daher geſonnen, worgen ſchon von hier zu ziehen, und wollten eben den Kämmerling ſenden, unſer geliebtes Gemahl davon in Kunde zu ſetzen. Ihr wolltet Prag verlaſſen, ſchon morgen! rief ſie beſtürzt. Erſchreckt nicht, fuhr der Kaiſer lauernd fort, ich weiß, man hat uns hier noch manches Feſt aufgeſpart. ——— ———— 410 Auch ſoll Euer greiſer Geſpons Eure Freuden nicht ſtören. Mißgunſt iſt eine ſchlimme Untugend des Alters; wir halten uns frei davon. Ihr bleibt, bis wir zurückkehren, will's Gott, erſtarkt und geſundet. Wir reiſen nur nach Znaym in's Mährenland. Der Beichtiger hat mit ſeinem ernſten Wort uns viel auf's Herz gelegt. Nicht weit iſt's von dort bis Wien, und wir möchten die liebe Elsbeth ſegnen, eh' uns Gott ruft. Die Kaiſerin ließ ihr Auge über ſeine hinfällige Ge⸗ ſtalt ſtreifen, und ein innerer Triumph wurde auf ihrem Geſicht bemerklich. Und bleiben ſollte ich in der Feſte Taumel, fröhnen der Weltluſt, indeß mein Herr erkrankt läge in der Ferne? ſprach ſie lebhaft. Sollte die ärmſte Hausfrau mich be⸗ ſchimpfen, die mit dem Hausherrn Leid wie Freude theilt? Wer wird Euch folgen? Die Magnaten und die böhmiſchen Standesherren. Es gibt gar Manches dort noch zu verhandeln. Doch habt Ihr uns begleitet, ſeht uns beſſer auf jenen Bergen, dann ſteht Euch jeden Tages frei, nach Prag zurück zu kehren, hier unſere Perſon zu präſentiren, was Ihr bis⸗ lang ſo würdevoll gethan. Erlaubt dann, edler Her, daß ich zur ſchnellen Reiſe mich bereiten darf. Sie drückte ſeine weißen, ſchmalen Hände und ging. Der Kaiſer aber winkte den Schlick zu ſich heran und liſpelte: Die Minneſänger preiſen die Frauenliſt; ſie geht und meint, das volle Waſſer rauſche bereits auf ihre neue Mühle und wir machten gefällig ihren Plänen Raum. Frau Barbara, Liſt gegen Lihl Dem wackern Albrecht müſſen wir ſeinen Stuhl feſtſtellen⸗ ehe ſie den Boden darunter lockern. Hörteſt Du doch mit mir auf der Reiſe, alter Kaspar, das altböhmiſche M — 411 Lied, das im Grenzwald der Kohlenbrenner uns zum Hohne ſang: O heiliger Wenzel, erbarme dich; Vor dreierlei bewahre mich: Vor Türkenkrieg und ſchwarzer Peſt, Und wirf den Deutſchen aus dem böhmiſchen Neſt. Die Reiſe des Kaiſers nach Znaym war ſo originell, wie ſein ganzes Leben es geweſen. Er war ein muthiger Kriegsheld und, wenn auch faſt immer geſchlagen, doch voll unauslöſchlicher Kampfluſt; er war der feurigſte Da⸗ menfreund und doch ohne Eiferſucht und Neid; er trug drei der reichſten Kronen, höchſter Erdenglanz umgab ihn, und dennoch war er oft ärmer als der geringſte ſeiner Ritter. Die große Schule der Erfahrung hatte vergebene Mühe an dieſen leichtfertigen Schüler verſchwendetz denn bis zum Ende blieb der Augenblick ſein Götze, die Hoff⸗ nung ſein Engel, und indem er, das Gefühl des Todes in allen Adern, wie ein Weiſer für die Zukunft ſeiner Kinder ſorgte, machte er im nächſten Augenblicke weit⸗ greifende Pläne für das eigene, vielleicht zu friſtende Leben, und entſagte den gewohnten irdiſchen Thorheiten nicht. Fürſtengröße, gepaart mit höchſter Menſchenſchwäche, ein Knabengemüth im weißen Haar, Hoheit und Klein⸗ lichkeit verſchmolzen, ſo zeichnet die Weltgeſchichte ſein ſeltſames Bild. In einem prachtvollen Tragſeſſel ließ ſich der Kaiſer von Prag nach Znaym bringen; der hoöchſte Glanz eines wahrhaften Kaiſerzuges lockte überall das zahlloſe Volk an die Straßen. Ein kleines Heer von Huſaren, Pan⸗ duren und Haiducken geleitete ihn, und ſeine Sänfte war umringt von dem Kern ſeiner Helden und der Blüthe 412 der Ritterſchaft zweier Länder. Er ſelbſt lag auf koſt⸗ baren Polſtern, angethan mit dem kaiſerlichen Ornate, Haar und Bart gekräuſelt und geſalbt, und die Scheitel zierlich umkränzt mit dem dunkeln Lorbeer des Impera⸗ tors. Man hätte den Zug für ſein von ihm ſelber ge⸗ feiertes Leichenbegängniß halten mögen, hätten nicht die bunten Farben der Begleiter, das weithin ſchallende fröh⸗ liche Getümmel der jungen Edelleute, der Anblick der ſtolzen Kaiſerin auf ihrem Zelter und er ſelbſt dem Glauben widerſprochen; denn von Zeit zu Zeit ließ er die Sänſte anhalten, öffnen, und zeigte ſich dem Volke und rief mit matter Stimme, halb herriſch, halb weinend: Heran, ihr guten Leute, und nehmet den Segen eures Herrn und Königs! Wollet ihr nochmals euren armen alten Kaiſer ſehen, der, in Sorge um euch, frühzeitig ſein Leben ab⸗ gemühet? Betet, liebe Kinder! Betet, euer Herr bedarf deſſen; betet, daß die Heiligen ihm Stärke ſenden, und er geſund und verjüngt zu euch kehre. Und das Volk weinte mit und betete laut für den frommen und milden Herrn auf dem Felde und an der Straße, und befriedigt legte er ſich dann wieder in ſeine Polſter. In dem Prämonſtratenſer⸗Kloſter Bruck, bei Znaym, endete die Reiſe, und in den Armen ſeiner Lieblinge, am frommen Herzen ſeiner Elsbeth⸗ die den entſtellten Vater mit lautem Schluchzen empfing, ſchien Sigmunds Leben⸗ flämmchen noch einmal friſch aufzuflackern. Er tröſtete die Tochter wahrhaft männlich, ihr nicht verhehlend, wie auch ihm auf der Reiſe die Hoffnung auf Geneſung erloſchen, und wie er, nachdem er ſie geſegnet, ſeine letzte Pflicht als Vater und Kaiſer zu erfüllen gedenke. Die Kaiſerin hatte auf eine gehäſſige Weiſe ſich dem Wie⸗ te, el 8 e⸗ ie h⸗ er en fte nit hr nd b⸗ arf nd en der ine m, um ter en⸗ icht auf net, nke. 41³ derſehen der Kinder entzogen, und ſo ließ er ſich, nur von dem Herzog Albrecht und der Tochter begleitet, in den großen Speiſeſaal des Kloſters tragen, wo unter dem hohen Gewölb ſchon die Magnaten Ungarns und die Standesherren des Böhmer Landes verſammelt war⸗ teten. In den Armen ſeiner Kinder ſaß aufgerichtet und geſtützt der erſte Fürſt Europa's, und die verfallenen Züge, das getrübte Auge kündeten ſein nahes Scheiden an, und manches alten Kriegshelden buſchiger Bart ward genäßt von der unverhaltenen Thräne. Da trat herein der alte Illyeshazy, der Obergeſpan von Lipto, dem das Schickſal für den verlorenen Sohn eine Tröſtung hatte zuwenden wollen, und verkündete dem Kaiſer, daß die Kaiſerin verhaftet ſey und mit ihr Graf Ulrich, ihr Neffe, der, in der Kaiſerin Zimmer gegenwärtig, ſich zur Wehr geſetzt. Er fügte hinzu, wie die kaiſerliche Frau eine augenblickliche Unterredung mit ihrem Gemahl dringend fordere. Der Kaiſer drückte ſanft das Köpfchen der weinenden Elsbeth, das ſich bittend zu ihm erhoben, nieder und ſagte milde, doch mit Feſtigkeit: Schließe die Aeuglein zu, mein liebes Kind! Nur den Zauberblick und die ſchmei⸗ chelnde Zunge haſt Du von der Mutter geerbt. Doch eben deßhalb darf ich Frau Barbara nicht ſehen, noch hörenz denn ſie ſoll mein ſchwergebautes Troja nicht als eine zweite, wenn auch nicht gar junge Helena in Brand ſtecken. Vielen Undank hat Deines Vaters Herz ertragen müſſen; doch der Undank des Weibes, das der Gatte groß gemacht, mit welchem er Alles getheilt, laſtet am ſchwerſten und kränzet meinen Sarg mtt Dornen. Er winkte dem alten Kanzler, der ſich die blöden Augen rieb und nach ſeinem kaiſerlichen Freunde lang 414 von ferne blinzelte, dann aber mit ſtarker Stimme Sigmunds Teſtament verlas. Noch einmal erſtarkte ſich dann der fürſtliche Greis an dem Gefühl ſeines hohen Berufs. Er empfahl den Mann ſeines Kindes den Großen beider Reiche, pries ſeine Regententugenden, und forderte für ihn einträchtige Treue. Und alle Edle, Böhmen und Ungarn, beugten die Kniee und hoben die Hände und ſchwuren dem Herzog von Oeſterreich Unterthanentreue, und huldigten ihm als Erben beider Königreiche. Freund⸗ lich nickend lächelte der Kaiſer zu dem feierlichen Akt, dann ſank er ſchwerathmend in der Kinder Arme zurück, und wenige Stunden nachher kündete der Klang der Klo⸗ ſterglocke und die Trauerfahne am Thurm, daß Deutſch⸗ lands kaiſerlicher Thron erledigt ſey. Von der Leiche des Vaters hatte Herzog Albrecht die troſtloſe Gattin faſt gewaltſam weggeriſſen, und be⸗ mühte ſich mit den beſten Tröſtungen, welche Religion und Liebe ihm auf die Lippen legten, ihren überflutenden Schmerz in ſeine Grenzen zurückzuführen. Da traten be⸗ freundete Geſtalten ein: Tirna und Veronika, und die Herzogin ſprang ſogleich auf und warf ſich an die Bruſt ihrer Dienerin. Dich ſendet mir Gott! rief ſie; an Deinem Herzen wird mir beſſer werden, denn auch Du haſt Deine Eltern ſterben ſehen, biſt eine Waiſe, gleich mir. O mit des Vaters letztem Hauch ging mir ja auch die Mutter verloren! Die Gürtelmagd umfing die gebeugte Herrin, und die Thränen Beider ſtrömten zuſammen. Der Herzog trat ſeinem ernſten Waffenmeiſter ent⸗ 41⁵ gegen und bot ihm die Rechte. Haſt Du mir vergeben? fragte er gütig. Denn Dein zürnendes Weiblein wird Dir nicht verſchwiegen haben, daß auch ich an Dir gezweifelt. Wie's ſeyn konnte, bleibt mir ewig Räthſel, ant⸗ wortete der Waffenmeiſter trübe; doch war's Schickung des Himmels, Gottesprüfung, reich belohnt, da ich erleſen ward, in ihr meinem Herrn ſein Erbe zu erhalten. Aber wo iſt Dein Begleiter, von dem der Kanzler ſchrieb, Dein Retter, des wilden Vajda Narr? Sein Dienſt ſoll nicht weniger belohnt ſeyn als der Deine. Der Narr iſt Eurem Dank entlaufen, Herr! antwor⸗ tete Tirna traurig. Als wir am zweiten Tage nach des Kaiſers Abzug Prag verließen, fanden wir den Armen im nächſten Holze aufgeknüpft an einer Fichte. Der unſtete Sinn des Burſchen hatte ſeine Vorſicht bezwungen, und die unbarmherzige Hand der Verſchworenen rächte grau⸗ ſam den Verrath an ihnen. Wohl, daß Sanct Stephan Dich bewahrte! fiel der Herzog lebhaft ein. Dein Wiederſehen iſt mir eine Bürg⸗ ſchaft für des Himmels Gunſt, und ich will Dich feſter an mich knüpfen und mir näher ſtellen; ich will Dich edel machen und groß, und den Diener mir zum Freunde wandeln. Nicht alſo, edler Herr! entgegnete Tirna, ſcheu zu⸗ rücktretend. Laßt mich immer ſo, wie ich bin. Euer treuer Diener bin ich ganz und bis zum Tode. Wer weiß, wie mangelhaft ich, aus dem gewohnten kleinen Kreis geriſſen, ſtände. In kurzer Friſt habe ich viel weiſe Lehre geärntet: je höher der Platz, je mehr Verlockung. Im Thale trifft Sturm und Blitzſtrahl ſeltener. Und laſſet mir ihn dazu in unſerm lieben Wien, ge⸗ ſtrenger Herr! rief die weinende Veronika dazwiſchen. 416 Er hat genug erlebt, um davon im Großvaterſtuhle der⸗ einſt erzählen zu können. Er hat von der Welt genug geſehen, und wer in unſerer Stadt geboren, trifft nirgend das Glück ſo friſch und rein wie da. O dürfte auch ich für Dich und mich ſolchen Wunſch aus⸗ ſprechen! ſeufzte die Herzogin wie in bangender Ahnung. Ein ſchroffes Gegenbild des Kaiſerzuges von Prag vildete der Zug des Herzogs und der Herzogin gen Preß⸗ vurg, wohin die neue Königspflicht ſie rief. Mit ſchwer⸗ bedrücktem Herzen folgte die trauernde Eliſabeth ihrem Gemahl in das väterliche Reich, die Leiche des geliebten Vaters und die gefangene Mutter im ſeltſamſten Schickſal mit ſich führend. Doch der Herzog verläugnete im neuge⸗ wonnenen fremden Glanze den deutſchen Hochſinn nicht, denn die unausgeſprochenen Augenbitten ſeiner Els⸗ veth wohl verſtehend, entließ er, nachdem ihm Ungarns Krone aufgeſetzt, die Kaiſerin aus ihrer Haft und be⸗ günſtigte ſelbſt ihre Flucht in das Polenland, ja erhob ſogar, vertrauend auf die Treue der böhmiſchen Stände und auf ſein gutes Recht, den Grafen Ulrich von Eilly zum Statthalter von Prag, den böſen Geiſt des jungen ehrgeizigen Ritters zu bannen und ihn durch die Feſſeln der Dankbarkeit an ſich zu knüpfen. Und ſichtlich ſchritt der Lohn dem Edelmuth und Großſinn auf der Ferſe nach, denn noch ehe er zur deutſchen Heimath rückgekehrt, brachte ihm ſein alter Freund und ſeiner Jugend Hort, der graugelockte Reimbrecht von Waldſee, ſein Ober⸗ hofmeiſter auf der Burg zu Wien, die ſtolze Botſchaft, daß Herzog Albrecht von Oeſterreich am Hochaltar von Sanct Bartholomä zu Frankfurt von den Kurfürſten des Reichs zum deutſchen Kaiſer erwählt worden, und der alte Schlachtenheld, der den Knaben Albrecht einſt von 417 NM ſchmählicher Haft des Vormunds Leopold erlöst, ihm den Herzogshut errungen hatte, und den ganz Oeſterreich d den Erretter nannte, beugte mit ſtolzer Freude zuerſt das Knie vor ſeinem neuen Kaiſer, vor ſeinem Zöglinge, deſſen edles Haupt er mit tiefer Rühruug jetzt durch drei . Kronen geſchmückt ſah, und von dem er mit der Gewiſ⸗ g ſenhaftigkeit des dem Grabe nahen Greiſes ſagen durfte: ⸗ So lange es Kronen gab, habe kein fürſtlich Haupt ſolchen ſeltenen Schmuck verdienter getragen! n n ſ n vO S ⸗ Blumenhagen. Xv. Beim heiligen Bonifacio! das hieß zu rechter Zeit in das Neſt gekrochen! Horch, Andrea, wie der Regenguß auf das Dach praſſelt, und der Wind, der ſchreckliche Le⸗ beccio, den Kaſtanienwald ſchüttelt, als wäre der jüngſte Tag vor der Thüre. Vater Adamo hätte die Schuld getragen, Mutter Marta, wenn wir die koſtbare Beute windelnaß in's Haus gebracht. Hing's doch ſchon Abends ſchwarz wie ewige Nacht über den Bergen. Aber hat er einmal den ſcharfen Schuß im Gewehr, ſo muß er losbrennen, wie ein Spieler, der den letzten Groſchen nicht aus dem Wirthshauſe im Säckel heimzutragen vermag. Um den Rehbock, der im blanken Mondlicht durch die Tannen ſprang, zu gewinnen, ſetzte er auf's Spiel, womit er eine ganze Jagd hätte bezahlen können. Wer thäte nicht gern zwei Würfe mit Einem Stein? lachte der Erſte und Aeltere der Sprechenden, indem er mit ſcharfem Meſſer fortfuhr, das Thier auszuweiden, das über den ſchweren Tiſch gebreitet lag, und die blu⸗ tigen Eingeweide dem zottigen, lauernden Hunde hin⸗ warf. Wer auf eines Andern Schüſſel wartet, muß mager ſpeiſen. Uebermorgen iſt Feſttag: ſo fehlt der Braten nicht, und Salz und Zukoſt bezahlt auch ein Anderer. Der Himmel wäſcht ſeine Wunden mit kühlem Waſſer. Gnade ſeiner Seele! Er hat ein leichtes Ende gehabt und darf nicht klagen. großen Rath wäre, und der an der Wand h mit gedämpftem Tone. er vorgebengt gehorcht und den knurrenden Hund be⸗ 422 änge ih* Aber ſeinen Knecht und die feigen Milizen treffe Verdammniß und Peſt ihre Gebeine; die räudigen Hunde ſtoben beim zweiten Schuß auseinander wie Schafe, die des Hirten Wurf trifft. Zwei; das Krämervolk hat nur ſcharfe Meſſer, ſobald ſie zu zwanzig heranziehen. Wenn Gerechtigkeit bei ihrem müßten die Memmen den Kindern des alten Herrn das Geleitsgeld wieder zahlen. Ein heller Blitz leuchtete durch die Spalten der Hütte und durch die Oeffnung im Dach, aus welcher der Rauch abzog, ſichtbar trotz des kleinen Feuers auf dem Herde nden Ampel, und ein furcht⸗ barer Donnerſchlag folgte ſofort, daß die Erde zu zittern und das leichte Haus zu wanken ſch oben und bekreuzten die Bruſt, und dem Weibe entglitt der kleine Ballen, den ſie eben unter der Lampe geöffnet und ſeinen Inhalt mit freudigen Mienen gemuſtert hatte. Nur die Alte am Herde rührte mit dem los im ziſchenden Keſſel, worin die rothen Flammen zuckten ihr faſt in ſicht, doch ohne Blendung ſtarrte ſie in das Feuer und glich in der grellen Beleuchtung, welche die weißen Haar⸗ zöpfe, die unordentlich der Haube entwichen und den dür⸗ ren, fleiſchloſen Arm am ſchärfſten in's Licht brachten, einer Hexe, welche verderbliche Zaub Eine tiefe Stille füllte die enge, durchräucherte Hütte einige Minuten, da fuhr der ältere, bärtige Mann aus ſeiner Erſtarrung empor, als hätte ein Scorpion oder eine große Spinne im Moos ihn geſtochen. Horch, das iſt Hufſchlag auf dem Felspfade! rief er Drei gegen Alle ſahen nach großen Löffel furcht⸗ Aalſuppe kochte; die das runzelvolle Ge⸗ rühen bereitet. Und nach einer Weile, worin rde ern ach der ind tur ht⸗ die He⸗ ind ar⸗ en, itte us der er rin —— ſchwichtigt, ſetzte er lauter hinzu: Bei Deiner Mutter Augapfel, Andrea, das ſind Stimmen im Walde, eine, zwei und mehrere. Der jüngere Burſch ſchwang ſich mit einem Satze aus einer kellerartigen Vertiefung hervor, worin er bis zum Gurt geſtanden, und die kleinen Päcke, welche die Mutter ihm zureichte, zu verbergen beſchäftigt geweſen. Werft hinein, Mutter Marta, was noch übrig; ſchnell dann die Bohlen darauf und Streu und Decken darüber! Der Brei ſoll mir Gift werden, ſind's nicht die genueſiſchen Affenſchnanzen, die unſere Spur erwittert und in großer Geſellſchaft ſich aufgemacht, uns den wohl⸗ erworbenen Wein auszutrinken. Ruhig! ſprach Vater Adamo, indem er das Meſſer, welches er auf das Wild geworfen, wieder faßte und am Tiſchrande wetzte. Rauch und Feuerfunken über dem Dache werden ſie herangelockt haben. Schnell ſchütte friſches Pulver auf die Pfannen! Man thut das Sei⸗ nige beſſer außerhalb dem Gefängniß, als in demſelben. Nicht lange, ſo ſtanden beide Männer in feſter Jäger⸗ ſtellung innen vor der gebrechlichen Thüre. Ein blankes Meſſer baumelte in kurzen Riemen an der rechten Hand eines Jeden, ſchußfertig lagen die Karabiner in der Lin⸗ ken und die Hähne knatterten. Der große Hund hielt ſich ſprungfertig und mit funkelnden Augen zwiſchen den Schützen. Holla! Aufgemacht! ſchallte jetzt eine rauhe Com⸗ mandoſtimme außen, und die Frau, welche eine Leiter hinaufgeſtiegen war und durch eine kleine Oeffnung im Dach hinausgeſchaut hatte, flüſterte hinab: Drei Reiter halten außen; doch ſchimmern die Weißmäntel der Miliz nicht durch's Dunkel. 424 Wer ruft? fragte alsbald Adamo trotzig und barſch. Nach Mitternacht hat die Gaftfreundſchaft ein Ende. Zu wem haltet ihr? Korſika oder Genua? 120 Eine dreiſte Frage, die einem unerſchrockenen Nio⸗ liner am Gollo Ehre machen würde! Freie Antwort dar⸗ auf: Daß der Golf die ſtolze Stadt verſchlungen und dieſer letzte Donnerkeil den Dogen, ſammt ſeinen Palä⸗ ſten und Kirchen, in den tiefſten Meeresgrund geworfen hätte, bei meinem braven Schwert, dann wollte ich nicht um ſolchen Wetters willen an Dein elendes Thor klopfen, du faules Waldvolk! wetterte die gewaltige Stimme außen. Macht auf, oder meines Pferdes Kopf ſprengt eure elende Binſenwand! Sie ſind von uns: Sprache und Manier kündet's! Deffne, Andrea! ſagte ruhig der Hausherr, indem er den Hahn ſeines Gewehres in Ruhe ſetzte. Die Thüre ſchlug auf und ſtieß gegen die dampfenden Nüſtern eines hohen Rappen, über deſſen Kopf ein gewaltiger Mann ſich herabbog und das Innere der Hütte zu überblicken ſuchte. Ihr ſeyd gewaltig langſam, einem Landsmanne Raſt und Obdach in ſolchem Mordwetter zu geben, murrte er dazu, und euer Neſt iſt doch nicht beſonders einladend, eng wie ein Dachsban, und wo ſollen die armen Thiere bleiben? Sitzet nur ab, Signore, entgegnete der Hüttenherr. Der Andrea mag ſie unter das Tannendach der offenen Scheuer leiten, wo wir unſer Brennholz für den Winter niederlegen. Andrea ſprang willig hinaus in den Regenguß und herein trat, ſich beugend in der niedern Thüre, ein kräftiger und hochgewachſener Mann, eine Kopie des 425 Herkules, und vor der ungewöhnlichen mächtigen Geſtalt, dem wilden, bartbeſchatteten Geſicht und den feuerblitzen⸗ den Augen wich der kühne Waldmann zuſammt ſeinem ⸗ braven Weibe mehrere Schritte zurück. Der Fremde riß ⸗ den triefenden Federhut von ſeinen ſchwarzen Locken, die d lang und voll, doch ſchlicht durch die Näſſe, wie die ⸗ Mähnen eines Pferdes, ſeinen fleiſchigen Hals umflatter⸗ n ten, warf den Hut auf den Boden, indeß der nachtre⸗ tende Gefährte ihm den braunen Mantel von den breiten r Schultern nahm und zum Herde trug. Das breite Krie⸗ e gerſchwert unter den Arm gehoben, maß er mit ſtarkem f Schritt und forſchenden Blicken den engen Raum, als wäre er Herr überall. Wie hat ſich Alles geändert, ſeit wir die ſchöne Inſel r verlaſſen, ſprach er dabei. Ihr ſeyd Korſen, freie Söhne e des Gebirgs, und fürchtet die Söldner Genua's. 8 Fürchten? fragte der Waldmann mit höhniſchem Tone n zurück und zeigte auf die Gewehre. Hättet Ihr anders n geantwortet, würde die Frage der Dinger da Euch die zweite Antwort erſpart haben. Und doch leidet Ihr die fremden Herren auf dem Boden eurer Väter? Was können wir thun, verſprengt und vereinzelt in Wald und Berg? Leiden die Edlen und Barone doch den Schimpf, und wenn der Kopf ſchläft, ſind die Füße lahm. Als die Franzoſen halfen, wohnte die Hoffnung in jeder Bruſt. Jetzt aber liegen die Genueſer in jeder Stadt und in jedem Hafen, von Capo Korſo und Baſtia bis zu Sanct Bonifacio hinunter. Die Inſel iſt um⸗ ſponnen wie mit einem ungeheuren Zaubernetz, und uns bleibt nichts als der kleine Krieg.— Der Fremde hob ein Kleidungsſtück vom Boden auf und hielt es zur Lampe. — * 426 Iſt dieſes etwa eine eroberte Fahne des rothen verhaß⸗ ten Kreuzes? fragte er lächelnd. Feines Tuch, auf kei⸗ nem korſiſchen Webſtuhle bereitet, und ſieh da! friſches Blut am weißen Seidenfutter. Vom friſchen Wildpret dort, ſtotterte der Schütz. Der Hund mag's beſchmutzt haben. Schade darum! Der Hau⸗ ſirer verkaufte uns den Feſtrock eben nicht wohlfeil. Daß ich ſie Alle hängen ſähe am Thurme von Baſtia, dieſe Schacherer und Freiheitsmäkler! Stieß doch vorhin uf der Straße nach Ajazzo ein Dutzend ihrer Weißröcke auf uns, rief uns unanſtändig an und verlangte Folge zum Podeſta des nächſten Platzes wegen Mord und Raub, der heute geſchehen. Doch unſere Handröhre und ſchar⸗ fen Klingen haben ihnen das Fragen auf die kürzeſte Weiſe verleidet. Wie heißeſt Du? Adamo Vitelli, mein Padrone! Das mein Sohn Andrea, die mein Weib, jene meine Mutter! Ein alter, guter Stamm, Signore, wohlbekannt im Lande, che die Zöllner und Schröpfer mit des Satanas Hülfe uns arm gemacht. Vitelli? Ich entſinne mich, den Namen einſt gehoͤrt zu haben. Und wie weit iſt's bis zum Schloſſe der Or⸗ nanos? Wir kommen von Baſtelika und der heiße Tag ließ uns leider die Nacht zum Ritt erwählen. Ein Leib⸗ knecht meldete uns dort und wir befahlen ihm, einen reitenden Boten uns entgegen zu ſenden bis zum Orte, wo der Weg von der Fahrſtraße in die Wälder von Cevako abbeugt; aber wir trafen den Boten nicht, fluch⸗ ten die Donner auf den Kopf des vergeßlichen Schurken herab und folgten einem hellfarbigen Maulthiere, das herrenlos auf einem Waldpfade vor uns hinfloh. Vater und Sohn wechſelten verſtohlene Blicke. Da ——————— —————— ei⸗ es er mu⸗ ia, in cke e tb, ⸗ 427 wird Euer unſchuldiger Bote durch Eure Schuld im Wetter erſäuft werden, antwortete Adamo, denn Ihr wandtet Euch bei dem erſten Waldbach in den Wald, und hättet vis zum zweiten Bächlein reiten müſſen; die korſiſchen Thäler haben alle Ein Familiengeſicht. Doch mein Andrea kennt die Wälder, und legt ſich das Wetter, ſoll er Euch auf den Weg nach Sancta Maria geleiten. Gern, Signore, fiel der junge Burſche ein und drängte ſich vor, und erlaubt Ihr's, auch bis in das Schloßthor. Bin ich doch immer gar gern droben ge⸗ weſen und ich meine, man hat den Andrea ebenfalls dort im guten Andenken. Der Fremde maß den ſchmucken Menſchen mit ſchar⸗ ſen und finſtern Blicken. Was thateſt Du im Schloß? ſtieß er hervor. Jagddienſt mehrere Jahre, entgegnete ohne Scheu und mit Stolz Andrea. Vater Adamo hatte mich früh das Auge des Ebers und die Stirne des weitſpringenden Muffolis treffen⸗gelehrt, und der edle Schloßherr liebt eine ſichere Hand und ein ſcharfes Jägerauge; auch wohnt des Vaters Bruder, der wackere Joſepho, zu Ornano. Ich kenne den Herrn von Paris her. Er iſt ein Korſe von alter Art und machte die Fahrt mit mir auf dem⸗ ſelben Schiffe bis Ajaccio. Aber wie ſind die Schloß⸗ frau und das Fräulein? Seit die franzöſiſchen Heere in Korſika Fuß gefaßt, ſoll die ſtrenge Sitte viel Beque⸗ mes angenommen haben. Wenn das leichtfertige Volk auch die beſchworene Freundſchaft nicht gar lange gehal⸗ ten, wo es hinkam, ließ es von ſeiner Geſinnung nach, und das Weibsvolk beſonders liebt die Schmeichler und ihre angenehmen und bequemen Gewohnheiten. Der korſiſche Burſch ließ ſich nicht einſchüchtern durch 428 die düſtern, ſtechenden Blicke des Fragers und antwortete mit wachſender Erhitzung: Läſtert nicht, Signore, was klar iſt wie Himmelsblau und rein wie der Bach am Quellſprung, ſagte er mit Feuer. Die Schloßfrau hält ſtreng auf Sitte und Zucht, wie unſere Großmütter, und führt ein Regiment, faſt zu ſcharf für das junge Schloß⸗ gefinde, und Fräulein Vanina iſt der Abgott aller Men⸗ ſchenkinder vom Waſſer des Cevako bis zum Iſtria. Sie iſt die Blume der Wälder, der Edelſtein der Gebirge. Schaut nur in das große Auge: es iſt wie Mitternacht, durch welche die Gottesſterne funkeln; ſieht man hinein, kann man an nichts anders als ein Gebet denken. Ver⸗ ſäumt ſie doch auch keine Meſſe und keinen Faſttag! Im ganzen Walde gibt es keine junge Tanne, die ſchlanker wäre als ihr Wuchs, und wenn ſich der Meeresſchaum am ſchwarzen Felsriff aufbäumt, ſo denkt, wer ſie ein⸗ mal geſehen, an ihren weißen Nacken, von reichem Haar umflattert, ſo blendend weiß, als würde er täglich im Kryſtallwaſſer des Neſtonika gebadet. Aber ihr Gemüth gleicht nicht der bewegten Brandung; denn ein ſtilleres, geduldigeres, demüthigeres, gehorſameres Kind ward nie⸗ mals von einer Korſenmutter geboren. Wohl Dem, welcher ſie heimführt: er erhält eine unbefleckte Seele in einem fleckenloſen Leibe. Ihr runzelt die Stirne und verzieht höhniſch den Mund, Padrone? Glaubt Ihr mir nicht, fragt nach Gefallen im Schloſſe am Ornano, ob Andreg gelogen. Es lebt Keiner dort, der nicht Blut und Leben einſetzte, wenn eine gerunzelte Stirne oder ein Mund voll Hohn keck genug wäre, den kleinſten Zweifel an der edlen Dame kund zu geben. Darf der Wurm in die Sonne ſehen, der Miſtkäfer ſummen ihr Loblied? murmelte verächtlich der Fremde, 3 429 indem er dem beleidigten Burſchen den Rücken zukehrte und zum Herde ſchritt. Steh' auf, Alte, und räume mir den Sitz; die naſſen Stiefel kleben am Fuß! herrſchte er, die Greiſin unſanft an der Schulter faſſend.— Adamo war ſchnell herange⸗ ſprungen und faßte die harte Hand, indem er zugleich dem barſchen Gaſt einen Schemel unterſchob. Mit Ver⸗ laub, Signore! ſprach er dazu nicht ohne Wallung, es iſt die Großmutter, die heilige, unantaſtbare Herrin dieſer Hütte. Ihre Glieder ſind lahm, ihr Ohr iſt ver⸗ ſchloſſen jedem Tone, ihre Augen faſt blind, aber ihr Herz iſt geſund und unſere Herzen haben nichts ſo Liebes auf der Inſel und ſchützen ſie nach Pflicht, wie's frommen Kindern geziemt, damit ſie bitte für uns, wenn ſie zu Gott gegangen. Lebt ſie doch ſchon halb über der Erde, ſpricht zu Zeiten mit den Engeln und ſieht heller mit ihren trüben Augen als wir, wenn der Geiſt über ſie gekommen. Die Alte, die früherhin nicht aufgeblickt von ihrem Keſſel, richtete die gerötheten Augen auf den Störer, welcher dicht vor ihr auf dem Schemel Platz genommen, ſeine Füße gegen das Feuer geſtellt und die naſſen Fauſt⸗ handſchuhe auf den Herd geworfen. Ihre Blicke ſchienen ſchärfer zu werden und ihr ſteifer Nacken bewegte das gebeugte Haupt unruhig hin und her. Adamo, murmelte ſie alsdann und die Stimme klang hohl wie aus einem tiefen Grabe, Adamo, warum haſt Du Deinen Riegel nicht verwahrt? Blutige Sohlen gehen über Deine Schwelle; treibe ſie hinaus, ehe ſie Verder⸗ ben bringen. Iſt ſie wahnwitzig? ſtieß der Fremde heraus, indem er die Füße zurückzog und mit dem Schemel zurückwich 430 vor dem dürren Arme, der ſich langſam und geſpenſtiſch ihm entgegenſtreckte. Nicht doch, Herr! antwortete der Waldmann bitter lächelnd. Nicht einmal ein Kind hat dieſe zu fürchten. Sie diente einſt als Amme auf dem Herrenhofe zu Ba⸗ ſtelika und da kommen ihr dann zuweilen Träume von alten Geſchichten. Wo haſt Du den fünften Finger an Deiner linken Hand, kreiſchte aber jetzt plötzlich die Alte auf und ſtarrte auf des Fremden Hände. Doch wie erſchöpft von dem Ausruf ſank ihr Haupt zur Bruſt, und kaum hörbar murmelnd, ſetzte ſie ſtoßweiſe hinzu: Eheſtand iſt Wehe⸗ ſtand! Nimm den roſtigen Ring nicht, armes Kind! Statt Gold gibt er Eiſen; Blut macht Roſt. O wie der eiſerne Ring drückt den feinen Taubenhals! Du armes Täubchen! Fliege, fliege, Kind, hoch auf und weit, ehe der Stößer ſtößt! O, o! Vier Krallen ritzen ſo gut als fünf! Sichtlich tief bewegt und ſtarren Blickes hatte der herkuliſche Kriegsmann die ſeltſamen Sprüche angehört, die mit heiſcheren und grellen Tönen, denen einer ge⸗ ſprungenen Glocke ähnlich, an ſein Ohr ſchlugen und dadurch etwas Grauſiges, Infernaliſches bekamen. Er hatte den Oberleib immer mehr zurückgebogen, als wenn er den Anſprung eines gefährlichen Thieres fürchtete. Jetzt hob er raſch die Fauſt und in ihr den Schwertkorb, als Adamo ſchnell dazwiſchen fuhr, die Alte in ſeinen Armen erhob und ſie leicht, als wär's ein Windelkind, in die dunkle Nebenkammer trug. Schnell ſtand auch der Fremde auf mit einem ſchwe⸗ ren Athemzuge, und um ſeine Erſchütterung zu bergen, welcher er ſich zu ſchämen ſchien, ſprach er herriſch zu ſch % 13. n. 431 ſeinem Gefährten: Schaut hinaus, Maleſpina, nach dem Wetter! Die dumpfe Luft in dieſer Spelunke könnte einen Rieſen krank machen. Es gießt, General, wie vorhin! Jeder Waldpfad wird einem Strome ähneln. Wir werden uns gedulden müſſen, bis der Dag kommt, entgegnete Jener. Gedulden! Das iſt mein Laurentius⸗Roß, zürnte der Hohe in ſeinen Bart und warf ſich in den Winkel des Herdes, wo die Alte geſeſſen. Gemahnt mich doch das Alles wie ein ſeltſamer, poſſenhafter Karnevalsſpuck, bedenke ich, daß wir uns auf einen Brautritt begaben. Macht euch zu Bett, ihr Leute, befahl er dann. Wir ſind an dergleichen Nachtlager gewöhnt und wecken euch ſchon beim Hahnſchrei. Eingeſchüchtert durch die Weiſe und auch durch den Titel, den ſie gehört, ſtiegen die Waldbewohner zu ihrem Boden hinauf; nur Andrea weilte noch einige Zeit auf der Leiter und betrachtete den finſtern Gaſt mit ſcharfen Blicken, wie er daſaß in der rothglühenden Beleuchtung und mit der blanken Schwertſcheide das Feuer ſchürte, daß die Brühe im Keſſel hochaufſiedete, auf welche die Hungerigen, für die doch das Mahl gekocht, keinen An⸗ ſpruch zu machen wagten. In den nächſten Umgebungen des Schloſſes Ornano ſah man am Morgen nach der erwähnten Gewitternacht die Blüthe der korſiſchen Ritterſchaft verſammelt. Das Schloß lag auf einem Bergrücken an einem Platze, wel⸗ cher der Wahl ſeines Erbauers Ehre machte. Nach Sü⸗ den blickte es in eines jener reizenden Thäler, die durch ihren wildromantiſchen Charakter das Auge feſſeln, ohne — 432 es zu ermüden, und dem das Flüßchen, welches mit dem Schloſſe denſelben Namen trug, in ſeinem raſchen, viel⸗ geſchlängelten und durch hochſchäumende Waſſerfälle ge⸗ hemmten Laufe eine ununterbrochene Lebendigkeit verlieh. Auf der entgegengeſetzten Seite ſah man aus ſeinen Fen⸗ ſtern in eine kleinere, geſchloſſenere Thalſchlucht, und faſt von oben gerade in das Städtchen Sancta Maria hinein. Der Wald, aus dem das Herrenhaus gleichſam zu erwachſen ſchien, war wenig mehr als gelichtet und mit geebneten Gängen durchſchnitten; aber ſeine breit⸗ blätterigen Kaſtanienbäume, deren dichtſchattende Grup⸗ pen zuweilen mit dem glatten und hellern Laube des Nußbaumes wechſelten, Weingeländer, welche ſich an den lichtern und mildern Abhängen gegen Süden teppichartig hinlegten, und duftige Pomeranzenwäldchen, Feigen⸗ und Mandelbäume, welche in den vielen kleinen Schluchten geſchützt erwuchſen, gaben ihm das Anſehen des herr⸗ lichſten Parkes, wie ihn die Phantaſie eines Meiſter⸗ gärtners vielleicht zu träumen, doch nicht der großen Gärtnerin Natur nachzuerſchaffen vermöchte. Die nächtlichen Gewitter hatten die Luft gekühlt und ge⸗ reinigt, und die erquickliche Friſche lockte frühzeitig Wirth und Gäſte aus dem Schloſſe in's Freie, um das Früh⸗ ſtück durch die Reize der Umgebung und den Blick auf die grünen, ſammetreichen, durch den Regen verjüngten Gebüſche zu würzen. Man feierte die Wiederkehr des Herrn von Ornano in ſeine Heimath, und die verſammelten Edlen, ſämmt⸗ lich im Haß gegen das die Inſel unterjochende Genua geboren und erzogen, feierten ſie mit wie ein Doppelfeſt, denn ſie ſahen mit dem Rückgekehrten einen neuen Hoff⸗ nungsſtern aufgehen, da ſein längerer Aufenthalt am el⸗ ge eh. en⸗ ind ria am ind eit⸗ up⸗ des den tig ind ten rr⸗ ter⸗ ßen ge⸗ rth no mt⸗ ua eſt, am Hofe des Königs von Frankreich bei ſeiner bekannten Sinnesart keinen andern Zweck gehabt haben konnte, als den jungen König Karl zu einem neuen Verſuch der Be⸗ freiung Korſika's zu bewegen, wie ſie ſein Vater Hein⸗ rich, freilich ohne Glück, unternommen gehabt. Ein heimliches Gerücht, das den reichen und in Korſika all⸗ gemein geachteten Baron d'Ornano bereits zum künſtigen Vicekönig der Inſel erhob, ſchuf die Hoffnung faſt zur Gewißheit um; mit erhöhter Ehrfurcht ſchaute man da⸗ her auf ſein ſilbergraues Haar und horchte auf ſeine Worte wie auf Evangelien. Doch haftete das Geſpräch im Kreiſe der Herren baldigſt auf einem beſtimmtern Gegenſtande. Man erwartete noch heute im Schloſſe Drnano einen Gaſt, auf deſſen Erſcheinen Alles geſpannt war, und der alte Baron hatte durch die Vorliebe, die er offen für denſelben ausſprach, die Neugier der ganzen Verſammlung geweckt. Sampietro Baſtelika iſt ein Korſe von der Hagrſpitze bis zur Sohle, ſagte er mit Wärme. Jeder Tropfen Blutes in ihm gehört der Heimath, jeder ſeiner Athem⸗ züge iſt ein Fluch für Korſika's Feinde. Er hat nur Eine Liebe: ſein Vaterland; nur Einen Haß: und der peißt Genua. Er würde ſein Meſſer in das Herz ſeines näch⸗ ſten Blutsfreundes ſtoßen, wüßte er ihn im Bunde mit der Tprannenſtadt. D! daß mir der Himmel einen Sohn gegeben ihm gleich, ich würde ruhig ſcheiden von dieſen ſchönen Bergen. Aber ſein Name iſt unbekannt bei uns, er wird nicht genannt auf den Tafeln unſerer edlen Geſchlechter; wenn er die Heimath liebt, ſo hat er die Braut lange nach einem Kuſſe ſchmachten laſſen, erwiederte einer der jün⸗ Blumenhagen. Xv. 28 434 geren Ritter von ſchmächtiger Geſtalt und wachsbleichem Antlitz. Iſt es derſelbe, der in Piemont als zwanzigjähriger Jüngling die Stadt Foſſano mit beiſpielloſer Tapferkeit vertheidigte? fragte einer der älteren Barone. Ja, Du machteſt noch Deine erſten Uebungen im Marſchiren, Vetter Prosper, ſagte ſtreng der alte Or⸗ nano zu dem jüngern Ritter, als unſer Landsmann ſich ſchon Ehrennarben holte im Kampfe für ſein Vaterland. Mit dem Schwerte hat er ſich ſelbſt ſeinen Stammbaum geſchrieben; mit dem Schwerte hat er ſelber die Groß⸗ väter im Grabe geadelt; die Niederlande, Hennegau und Artois haben Pathendienſt bei ſeiner Adelstaufe verrichtet, und das iſt die ächte Weiſe, wie jeder korſiſche Stamm eine edle Familie geworden. Auch waren ſeine Väter nicht ohne Ruhm genannt bei uns, und ſeines Geſchlechtes Name hatte einen guten Klang in den Wäldern von Cevako, doch das Schickſal drückte mit ſchwerer Hand auf ſein Haus. Er iſt der Einzige ſeines Stammes, aus⸗ getilgt ſind Alle, die ſeiner Väter Blut mit ihm theilten. Er ſchweigt davon, aber Genua trägt die Schuld, denn, faſt noch Knabe, mußte er flüchtig die Inſel verlaſſen und ſeine Stirne glüht auf wie der rothe Abendhimmel⸗ wenn ein unbedachtes Wort ihn daran erinnert. Deß⸗ halb iſt ſein Haß auch feſt wie der Fels und unwandel⸗ var; darum wird er ein Gideon, ein Makkabäer werden für ſein unterjochtes Volk. Die Korſen harren nur des Kriegshornes, verehrter Ohm! antwortete Prosper lächelnd; doch würden ſie die WMuſchel am liebſten von Eurem ehrwürdigen Munde geblaſen hören. Meine Moskeln ſind ſieif, meine Kraft erloſchen, n ſprach der alte Held, tiefſinnig zu Boden ſchauend; dürfte ich nur noch das Morgenroth der Freiheit ſehen, dann ließ ich mich gern in die treue Erde legen, um welche wir oftmals willig geblutet, und die ihre guten Söhne mütterlich warm empfangen wird. Das Korſenvolk iſt erlahmt in langer Knechtſchaft, es iſt nicht das alte mehr, welches das mächtige Karthago einſt umſonſt zu bezwin⸗ gen ſtrebte, das von der ſtolzen Roma nie ganz unter⸗ jocht worden, wenn es auch dem Konſul Kornelius Wachs und Honig zum Geſchenk darbot und der Prahler die Gabe einen Tribut zu nennen frech genug war. Es iſt das alte Volk nicht mehr, das die fünf Saracenen⸗Könige verjagte und ſpottend das Mohrenbild in ſein Wappen ſetzte, das die eitlen Colonna's vertrieb, die ſich auch Gra⸗ fen von Korſika zu tituliren wagten. Es ſind die Korſen nicht mehr, welche die nackte rauhe Bruſt mit Begeiſte⸗ rung der Partiſane und der Kugelbüchſe entgegen warfen. Die zahlloſen Meuten der Hunde haben den Edelhirſch eingeſchüchtert, daß er ſich nicht wagt aus ſeinen Wäldern. Sie ſcheuen den Söldnerſchwarm, der ſie überall um⸗ zingelt hält und deſſen Tapferkeit in dem Vertrauen auf ſeine Maſſen beſteht. Des Korſen Haß und Vaterlands⸗ liebe iſt dieſelbe geblieben, aber ſeine Fauſt iſt eine Meuchlerfauſt geworden, ſeit die Fahnen ſanken, und Jeder führt den Krieg auf eigene, vereinzelte, dunkle Weiſe. Das ſchändet und rettet nicht, darum muß ein Starker, ein Erfahrener, ein geprüfter Kriegsheld die Blutfahne wiederum pflanzen auf die Hochebene von Kaſtello, und ein Solcher iſt Sampietro. Vertrauen auf den Feldherrn macht aus hundert Schwertern tauſend. Der Liebling dreier Könige von Frankreich, der Verder⸗ ber der ketzeriſchen Hugenotten, der Bellona geprieſenſter 436 Sohn, der Popanz der Spanier wird im Glanze ſeines Kriegsruhms, mit ſchimmernden Ehrenzeichen geſchmückt, leichtlich die wackern Korſen auf den alten Sammelplatz rufen, und ſeine Heldengeſtalt, ſein gereiftes, aber unge⸗ ſchwächtes Mannesalter, ſein benarbtes Angeſicht, ſeine Schlachtſtimme werden die jugendlichen Schützen mit heimlichem Zauber ihm nachziehen auf der Ehrenbahn, und wir Grauen werden uns freuen ſeines Ruhmes und Träume unſerer Jugend träumen. Ich beneide ihn nicht um das Bild, das Ihr uns von ihm gezeichnet, lächelte Prosper; habt Ihr auch, würdiger Ohm, gleich dem geſchickten Maler manche Farbe am Bilde vergeſſen, die ihm hätte ſchaden mögen. Als ich im verwichenen Jahre meine ſchöne Eugenie von Paris heimholte, ſprach man viel am Königshofe von dem geprieſenen Manne. Seine Tollkühnheit in der Breſche vor Landrech, ſeine tigerhafte Würgerwuth bei Brignolle, wo er nicht eher von dem Gonzaga gefangen ward, bis ſein Pferd getödtet und ſein Schwert bis zum Handkorbe zerſplittert worden, ſeine Unerſchrockenheit, als er bei Vitri noch einmal das Heer gemuſtert, im Carriére die Fronte herabſprengte, und nur da, wo ſchon die Schlacht begonnen und die Kugeln regneten, dem Feinde und dem Tode hohnlachend Schritt ritt, wurden von den feinen und bequemen Pariſern gleich den Wundern der Jungfrau Johanna geprieſen und angeſtaunt, die Kriegs⸗ leute jedoch, die ihm nahe geſtanden, nannten ihn nur den Ritter von Stein, oder gar des Satans Kralle, weil er niemalen Mitleid oder Menſchlichkeit geübt, ſey's als Sieger oder als Geſchlagener. Man ſchalt ihn herzlos, jähzornig, halsſtarrig im Entſchluſſe und der Meinung, und obgleich im Kriegsleben und ſeinen Gefahren ſich 8 — t — S— *— N gar öfters die innigſten Freundſchaftsbünde ſchließen: General Baſtelika ſchien ſich keinen Freund unter den Zeltkameraden gewonnen zu haben. Kennſt Du den Krieg, Vetterchen? ſpöttelte der alte Baron gutmüthig. Sampietro wird Dich lehren, was er iſt und fordert, denn der Krieg iſt ihm Vater, Bruder, Freund und Weib geworden. Wer im Kriege an etwas außer ſeiner Soldatenpflicht denkt, wird nie das höchſte Ziel der Soldatenehre, den Commandoſtab, gewinnen. Baſtelika ſtand verwaist in der Welt, ein namenloſer Flüchtling; der Baum, den der Sturm durchgeſchüttelt, welchen die Blitze trafen, wurzelt feſter und ſeine Rinde wird dichter, wenn auch rauher und narbiger. Daß er ward, was er iſt, ſpricht mit Poſaunentönen ſeinen Werth aus. Korſika bedarf eines Feldherrn von anderer Art als jene geputzten, in Sammt und Seide verluppten, mit Goldſpangen und Reiherfedern belaſteten Helden ge⸗ weſen, welche die italiſchen Küſten in den letzten Kriegs⸗ jahren ſich zum Turnierplatz auserſehen. Kein Marig⸗ nano, kein prahleriſcher Strozzi, ſelbſt kein unerſchrocke⸗ ner Briſſac wäre ein Mann der Erlöſung für uns. Von Eiſen, wie das Mark unſerer Gebirge, muß unſer Er⸗ retter ſeyn, Eiſen außen und innen; ſein Schwert muß kein Mitleid kennen, ehe nicht der letzte Genueſer von unſerer Küſte in das blutgetränkte Meer geſtoßen; gleich der Windesbraut des Seirokko muß er das geliebte Ei⸗ land reinigen, und wenn auch die Hälfte unſerer Wälder darob zuſammenſtürzen möchten. Er iſt päpftlicher General geworden, ſagt man, fiel Einer der Geſellſchaft dem erhitzten Greiſe in die Rede. Wie paßt der Friedensdienſt unter der kirchlichen Fahne zu Euren Ausſichten, zu unſeren Hoffnungen? — 438 Der geſtrenge und getreue Sohn der alleinſelig⸗ machenden Kirche verdient dieſe Würde im vollſten Maße und die heilige Mutter könnte keinen beſſeren Wächter gewinnen, antwortete Ornano; aber, ſetzte er leiſer hinzu, die Sättel zu der Reiſe nach Rom ſind den Roſſen noch nicht aufgelegt. Dürfte Sampietro unter uns erſcheinen mit Frankreichs Farben geſchmückt, Sampietro, den der Mann mit der gehörnten Dogenmütze, den der große und kleine Rath der Baalsſtadt am Meer fürchtet als ihren unverſöhnlichſten Feind? Dichter rückten die Männer zuſammen und unverſtänd⸗ licher ward ihr Geflüſter. Die Frau von Ornano, an altkorſiſche Sitte gewöhnt, verſtand einen Seitenblick des Gemahls, und ein Wink von ihr bewirkte, daß der weib⸗ liche Theil der Geſellſchaft ſich von der Frühſtückstafel erhob und ſich anſchickte, ihr zu einem Spaziergange durch die Laubgänge des Parkes zu folgen. Wo Männer wichtige Geheimniſſe verhandelten, beſchieden ſich die Frauen jener Zeit willig, ausgeſchloſſen zu bleiben, und kannten die gefährliche Neugier nicht, welche das ſchöne Geſchlecht ſpäterer Jahrhunderte ſo oft zum Nachtheil der Familien und Völker ſtachelt und die Schwäche des ſtärkeren Geſchlechts zuweilen in voller Adamsblöße zur Schau ſtellt. Im lebhaften Geſpräch die bislang voll Ehrfurcht gefeſſelten Zungen löſend, ſcherzend und ſingend, wan⸗ delte bald der bunte Damenzug auf den Höhen⸗ zerſtreute ſich in den Gebüſchen, und die Jüngeren ſuchten eilig unter dem Deckmantel von Spiel und Tanz ſich den ſtrengen Augen der Matronen zu entziehen, ſo wie eine Heerde blanker, muthwilliger Füllen, aus dem nächt⸗ 439 ⸗ lichen Verſchluß entlaſſen, ſchnell auf der Wieſenflur die e ſchlanken, zierlichen Glieder in Sprüngen und muthwilli⸗ er gen Bewegungen zu üben verſucht wird. Es war ein 3 u, reizender Anblick, dieſen Kranz der Töchter Korſika's ſich ch unter den ſchattenden rieſigen Waldbäumen auflöſen zu ſehen, da jede ſeiner Blumen erſt in der Vereinzelung er ihre volle Pracht zu entwickeln vermochte. Der ſchlanke ße Wuchs, wie der Bildner den Jägerinnen der Artemis 16 zu geben gewohnt, die kräftige Natürlichkeit ihrer Be⸗ wegungen, das brennende Auge unter den langen Wim⸗ 3 d⸗ pern, kurz vorher magdiglich von dieſen bedeckt und n fromme Zucht verkündend, jetzt gefährlicher in freier Luſt es ſtrahlend über Buſch und Weinberg, um einen Gegen⸗ b⸗ ſtand für ſeinen Muthwillen zu ſuchen, die charaktervollen el Geſichtszüge, gehoben durch das friſche Roth der vom ge heißen Klima nicht ganz verſchonten Wangen, machten er dieſen Damenzug ſo verführeriſch für den Beſchauer, wie ie irgend nur ein ſolcher auf einem Maskenballe des ga⸗ nd lanten Königs Franz und ſeiner Diana von Poitiers oder ne ſelbſt von den Odalisken des Serails dem finſtern Groß⸗ ei ſultan aufgeführt zu erſcheinen vermocht hätte. es Die Frau von Ornano mit einigen Freundinnen ſchloß ur den Zug, das ernſte, ſcharfe Auge überall hinrichtend, wo die Jugend Wache oder Einſchüchterung bedürfen mochte. Die faſt übergroße, fleiſchloſe Matrone trug cht etwas Königliches in ihrem Weſen, dem Niemand die n⸗ Ehrfurcht zu verweigern wagte, und hatte ſie auch über 4 te die Ungalanterie der Zeit ſich zu beklagen, die ihr nicht ig viel von dem einſtigen Schmuck gelaſſen, die Würde, 3. en den Anſtand im Gang und Weſen, die angeborene Hoheit ine hatte ſie ihr laſſen müſſen. Gewohnt, nur im Augenkreiſe der Mutter zu leben, 440 miſchte ſich die ſchoͤne Vanina, Ornano's Erbin, nicht in die fröhlichen Gruppen der Mädchen, und ſchritt ſittig und langſam am Arme der jungen Verwandtin, der fröhlichen Eugenie, um nur wenige Schritte den Ma⸗ tronen voran. Dicht drückte ſich die geſchmeidige, leb⸗ hafte Franzöſin an den üppigen Wuchs der ſchweſterlichen Freundin, und ihr ſchelmiſch funkelnder Blick ſuchte for⸗ ſchend das Auge derſelben. Was ſagt mein Mühmchen zu der Schilderung des Gaſtes, den wir heute noch beſchauen ſollen? flüſterte ſie mit muthwilligem Tone. Männer bis zum Zerſpringen aufgeſchwellt. Meine Neugier iſt durch die War Dir nicht auch, als ſpräche man von einem Wunderthiere, einem bengaliſchen Löwen oder gar von einen infernali⸗ ſchen Ungetbüm? Ich fürchte mich faſt vor dem Horn⸗ ſtoß des Thürmers, der ihn anmeldet, und kann ihn doch kaum erwarten. Und warum? antwortete ruhig die Angeſprochene. Ich ſah in der Schilderung nur das Bild eines Mannes, der zu ſchützen verſteht, was ihm vertraut worden, und dem man darum wohl vertrauen darf. Wie mein Vater ihn zeichnete, war's mir, als malte der Vater ſich ſelbſt, wie ich ihn einſt geſehen, als ich kaum an den Tiſch reichte, an dem der Heimkehrende ſein Veſpermahl ge⸗ noß, und mir, die ſein Knie umklammert hielt, ſüße Biſſen zuſteckte. Und wenn der Mann als Werber aufträte? fuhr Eu⸗ Würdeſt Du einen ſolchen Unge⸗ berdigen Dir als Vanina's Eheherrn gedenken können? Vanina wandte ihr Auge wie überraſcht und fragend zu dem Geſicht der Freundin, und ihre Wangen färbten genie lauſchend fort. ſich. Ich nannte ihn dem Bilde des Vaters ähnlich; Ge⸗ — E N 6— u — M 441 horſam, ſagt man, ſey Pflicht, ja Tugend guter Töchter. Die Eltern, die mich bisher beſchirmt, würden auch dann für des Kindes Wohlfahrt zu ſorgen wiſſen, ſagte ſie mit wieder geſenktem Auge. O Du frommes, liebes Lamm! lächelte Eugenie und legte ihren Arm traulich um des Mädchens Nacken. Ja, die Eltern, plapperte ſie dann weiter, wenn ſie nur junge Augen und junge Herzen behielten, und die Zeit nicht vergäßen, wo auch ſie durch die grüne Maienwieſe hüpf⸗ ten und an andere Dinge dachten, als ſichere Schloͤſſer und volle Kiſten und Ehrenzeichen auf der Bruſt und große Namen! Ach, Mühmchen! ſetzte ſie mit tragiſchem Tone und einem komiſchen Stoßſeufzer hinzu, Deine Eugenie weiß auch ein Liedchen davon zu ſingen. Biſt Du nicht glücklich mit dem Vetter Prosper? fragte verwundert Vanina.— O glücklich, daß die lieben Engelein darüber ihr himmliches Harfenſpiel vergeſſen! Der Marquis de Chateaugriſe hatte drei Söhne auszu⸗ ſtatten mit köſtlichen⸗Pferden, goldenen Sporen und ſil⸗ bernem Waffenſchmuck, mit beblechten Leibdienern und überfließenden Säckeln; ach! er hatte auch ſieben Töchter, von denen Eugenie die Ehre hatte, die fünfte zu ſeyn. Die Pariſer Ritter, mein Kind, bedürfen reicher Erbin⸗ nen; drei der Schweſtern fühlten ſich begünſtigt, von der Majeſtät zu frommen Stiftsdamen ernannt zu werden, warum deine Eugenie ſie niemals beneiden konnte. O welch' ein Glück, daß der fremde Edelherr erſchien und Eugeniens Lärvchen hübſch genug fand, ſie zu ſeiner Ariadne zu machen! Er reitet und ſchießt ſein Wild; Eugenie iſt beſcheiden und läßt ihn reiten; Eugenie putzt ſich und tanzt; er iſt galant genug, ſie nicht zu hindern, und zog ſelbſt dann keine faltige Stirne, wenn ein Müs⸗ ——— — 442 quadin, ja ſelbſt ein Prinz ſich unterfing, ſeiner Dame einige deutliche Heimlichkeiten in's Ohr zu flüſtern. O Mühmchen, welch' beneidenswerthes Glück, und unerwar⸗ tet dazu, da mein Gewaltiger das verrufene Feuerblut der Korſen in den Adern fühlt! Eugenie, biſt Du keine treue Frau? fragte ernſt und ſtutzig Vanina. Treu wie Gold, Mühmchen, lachte die Franzöſin, mit der kleinen Hand den Buſen berührend, bis auf einige kleine Schwachheiten. Du weißt, das Pariſer Gold iſt nicht ganz gut berufen. Aber ſieh', unſer Prosper iſt ein ganz erträgliches Mannesbild, weich wie Wachs dazu und Leicht wie eine Flaumfeder; da bleibt die Kette noch ziem⸗ lich erträglich. Denke ich mir jedoch einen Sampietro als meinen Gemahl, mit der eiſernen, ſchwieligen Zü⸗ gelhand, mit dem donnernden Jähzorn, mit der ewigen Commandoſtimme, ich würde der Verſuchung nicht ent⸗ gehen, die Widerſpenſtige zu ſpielen und um mein Frauen⸗ recht zu kämpfen mit Weiberwaffen. Die Ehe iſt ein Sakrament, ſprach Vanina mit Strenge. Dem Manne, der meinen Ring trägt, bin ich verknüpft bis zum Grabe. Mein Wort macht mich zu einem Theile von ihm; jede Wunde der Untreue ſchändet mich mit ihm durch eine ewige Narbe. Sein Wille muß der meine ſeyn für immer, ſein Wunſch mein Geſetz. So lehrte mich's die Mutter, ſo der Prieſter. O Du Ferle von unſchätzbarem Werthe! ſcherzte Eu⸗ genie weiter. Möchteſt Du doch den Käufer finden, der ſich auf Juwelen verſteht! Möchteſt Du nie dieſe Berge verlaſſen, damit der Weltſtadt unreiner Hauch nimmer den klaren Kryſtall Deiner Seele trübe. Du kennſt die Männer nicht, Mühmchen! O es gibt ſchreckliche Dämo⸗ me r⸗ ut nd nit ige in nd m⸗ ro ü⸗ en n⸗ nit ich zu det uß 443 nen unter ihnen! Wer den Betrug herausfordert durch ſeinen Uebermuth, der verdient betrogen zu werden. Und warum dieſes Geſpräch? fragte Vanina ſinnend und durch die Waldlücken in's Blaue des reinen Mor⸗ gens ſchauend. Kann ich mir doch kein Loos glücklicher gedenken, als zu bleiben wie ich bin: die Dienerin mei⸗ ner Mutter, die Pflegerin des alternden Vaters. Mögen die Heiligen mir dieſes bewahren, und wunſchlos will ich ihnen Dankgebete und Opfergaben ſpenden. Heuchelſt Du nicht, Du kleine Heilige? ſiel mit wirk⸗ lichem Staunen die Franzöſin ihr in's innig geſprochene Wort. Hätten nie ſich Wünſche in Dein Herz gebettet, wobei Du nicht an die Mutter gedacht? Hätte kein Jun⸗ ker der Inſel, keiner der ſtattlichen Hauptleute der Frem⸗ den dieſen weißen Buſen banger athmen gemacht? Hät⸗ ten die brennenden, wenn auch verſtohlenen Blicke des ſchönen Vetters Luciano keinen Fleck auf Deinen jung⸗ fräulichen Panzer gebrannt? Hätte Dein ſcheues Ohr nicht gern auf ſeine bittenden Flammenworte gehorcht? Luciano iſt ein ehrbarer Junker; nie würde er das Kind ſeines Ohms alſo zu beſchimpfen gewagt haben! ſprach Vanina mit Haſt und Heftigkeit. Seltſames Land, wo dik Liebesbitte beleidigt! entgeg⸗ nete die lächelnde Eugenie. O, wie wird es mir ſchwer werden, Deine würdige Bürgerin zu ſeyn! Aber beſſer ſo für Dich, Mühmchen, denn mein ſcharfes Ohr horchte vorhin den ehrſamen Frauen eine Rede ab, die mir ein Zittern durch die Glieder jagte, ein Zittern für Dich. Vanina zitterte wirklich unbemerkbar in dieſem Au⸗ genblicke, und der friſche Wind, der die kahle Höhe, de⸗ ren Spitze ſie eben erſtiegen, beſtrich, ſchien ihrem glü⸗ henden Antlitz willkommen zu ſeyn. Sie hatten ſich durch 444 einen Bogenweg wiederum dem Schloſſe genähert; die einzelnen Höfe, welche ſich dieſem anſchloßen, von denen einer immer tiefer lag als der andere, bis der niedrigſte mit ſeinem Thurmthore das Thal berührte, konnten von dieſer Höhe ſämmtlich überſchaut werden. Um eine ge⸗ waltige Pyramide von rothbuntem Granit tretend, die als Andenken der Heldenthat eines Ornano errichtet wor⸗ den, gewann die Geſellſchaft plötzlich den überraſchenden Ueberblick des weitläufigen und impoſanten Bauwerkes, das die einſtige Macht der Familie ausſprach, aber der ſcharfe Frauenblick wurde nicht lange von dem todten Steinbau feſtgehalten, ſondern haftete bald an etwas Le⸗ bendigem und gar Beſonderem. In einem der höher gelegenen Höfe ſtand veſchattet von dem Säulenportale ein Paar, welches nicht zu ahnen ſchien, daß von dem hohen Berge herab der Verrath ſich zu ihm niederzuſenken vermöge. Der Schweif des gerufenen Wolfs! rief die muth⸗ willige Franzöſin aus, indem ihre kleine Hand hinabdeu⸗ tete, und auch die kurzſichtigen Matronen auf den Fund aufmerkſam machte. O wie tröſtend, mein ſprödes Mühm⸗ chen, iſt dieſer Beweis, daß nicht alle Herzen in dieſen Bergen ſchneekalt wie das Deinige ſind! Beim St. De⸗ nis, es iſt der ſchöne Luciano, welcher dort dem ſchwarz⸗ lockigen Schloßmädchen gar Wichtiges einzureden ſcheint. Antonia! ſtieß Vanina hervor und ſtand, einer Bild⸗ ſäule gleich, hinſtarrend mit erglühendem Auge in die Tiefe. Schau, wie kühn der blöde Ritter die ſchmucke Jung⸗ frau umfaßt, wie ſeine Augen funkeln, wie man die be⸗ redte Bitte zu hören glaubt, die beſchwörend von ſeinem lieblichen Munde ſtrömt! ſcherzte Eugenie fort. Schau, er ie n — 5 v 445 beugt beinahe das Knie vor der Magd, als wäre ſie ein Edelfräulein, der Unverſchämte. Er dringt ihr ein Geſchenk auf, und die Schelmin weigert ſich noch. Es wird ein Reiflein ſeyn mit hellen Türkiſen, dem bedeutenden Erin⸗ nerungsblümchen ähnlich, was das weiße Papier ver⸗ birgt, oder eine Perlenſchnur von Granat oder rothen Korallen, die Farbe ſeiner Herzensglut ihr zeigend im ſtillen Kämmerlein. Endlich nimmt ſie, wie preßt er ihre Hände, wie ſcheu ſchlägt ſie die Augen. Die Frau von Ornano trat vor die Plauderin. Scheu ſollte jede Edelfrau vor dergleichen die Augen ſenken, ſagte ſie mit kalter herriſcher Strenge, und wenn ſie auch nicht eine Blutsfreundin der Ornano's genannt würde. Wenigſtens hätte Dein Leichtfinn vermeiden ſollen, die Augen einer Jungfrau auf etwas Schimpfliches und dieſes Schloß Beleidigendes hinzuzuziehen. Richten wir unſere Schritte nach jener Seite, und vergeſſen wir das empörte Gefühl, das ſolche Unſitte in jedweder Frauenbruſt erre⸗ gen mußte, in jeder Frauenbruſt, ſage ich, die nicht durch den Unglauben und die leichtfertige Verworfenheit des Auslandes ſolcher Unſitte gewohnt worden. Sie winkte ihrer Kammerfrau, welche vor dem Be⸗ fehle, der ihr zugeflüſtert wurde, zu erſchrecken ſchien, und ſich mit ſchnellen Schritten entfernte. Vanina und mit ihr die eingeſchüchterte Eugenie hat⸗ ten ſich gehorſam nach der von der Baronin angedeuteten Richtung gewendet, aber wie erſchrack Letztere, als hinter der deckenden Pyramide Vanina auf einmal ſchwankte und todesbleich an ihre Bruſt taumelte. Mühmchen, was iſt Dir? ſtieß Eugenie ängſtlich hervor. Hätte ich recht geahnet? Hätteſt Du der Freundin das heilige Recht des Vertrauens vorenthalten? O dann biſt Du arm und elend. ——— S— 5 446 Raſch und kräftig richtete ſich ſofort das erblichene Mädchen wieder empor. Du konnteſt nichts ahnen, denn ich hatte nichts zu vertrauen! ſprach ſie abgeſtoßen. Die Friſche ihrer Wangen waren augenblicks wiederum da, aber Eugenien entging die Eine Thräne nicht, welche ſich im Augenwinkel gebildet und von der Jungfrau, als merke ſie ſelbſt dieſelbe nicht, ungetrocknet verblieb. Die Hornſtöße des Thorwärters, welche dieſe Scene unterbrachen, waren der zerſtreuten Geſellſchaft nicht entgangen. Gruppenweiſe ſtrömten die Flüchtigen herzu, und der bunte Zug hatte ſich völlig wieder vereinigt, als man auf dem Frühſtücksplatze angekommen. Man fand die Cavaliere nicht mehr: mit dem Schloßherrn waren ſie aufgebrochen, dem erſehnten Gaſt entgegen zu treten. Aber der alte Leibdiener Joſepho keuchte heran, der Herrin die Ankunft der Fremden zu melden. Das Nachtgewitter und eine Verirrung in den Waldungen hat den edeln Signore abgehalten, früher einzutreffen, und dieſer Zufall hätte beinahe einem armen Burſchen das Leben gekoſtet und hat den erſten Schritt des hohen Gaſtes in unſer Schloß mit Blut befleckt, antwortete der Ver⸗ traute auf die Frage ſeiner Gebieterin nach des Generals Befinden, und ein trüber Blick von dem ehrlichen Manne ſtreifte dabei zu ſeinem Fräulein hinüber. Blut? hallte es nach von vielen beſtürzten und neu⸗ gierigen Stimmen. Ja, Excellenza, Blut, wenn auch kein Herzblut, fuhr der Greis nachdrücklich fort, zu der Baronin gewandt. Der Herr General iſt ein gewaltiger Mann, eine Art Goliath, unter deſſen Stiefel die Pflaſterſteine erzittern. Sein armer Pasqual, den er geſtern vorangeſchickt mit den Packpferden, ſaß bei mir auf dem Vorplatze des 447 Gaſtgebäudes, ſeinen Herrn erwartend. Der gefällige Burſche ſaß bei mir am Damenſpiel, und da er mir die Zeit vertrieb, ſetzte ich ihm ein Fläſchchen Furiani vor, und wir ſchnackten die Stunden fort, denn er iſt ein gar heiterer und poſſierlicher Geſell. Da ſprengt der General in den Hof, ehe noch der Thorwart ſeinen er⸗ ſten Hornſtoß ausgeblaſen, ſitzt ab und ſteht wie ein vom Himmel gefallenes Geſpenſt plötzlich vor uns. Freudig ſpringt der Pasqual auf und wirft ſogar das volle Glas dabei vom Tiſch. Aber der General ruft mit einer Don⸗ nerſtimme und blitzſprühenden Augen: Wo iſt Dein Bote geblieben? und warum konnteſt Du, fauler Erdſchwamm, nicht mit dem erſten Sonnenſtrahle uns entgegenreiten? Und ſo ergriff er das Damenbret und ſchlug's dem Ar⸗ men auf dem Kopfe zuſammen, daß die Splitter umher⸗ flogen und Pasqual an der Wand zuſammenſank. Der Kaftellan führte den Gewaltigen alsdann fort in die be⸗ reiteten Gaſtzimmer hinauf. Als ich aber zum Tode er⸗ ſchrocken den Getroffenen aufrichtete, wiſchte er ſich gut⸗ müthig das von Naſe und Mund ſtrömende Blut, zeigte mir ein durch den Schmerz lächelndes Geſicht und ſagte: Erſchrick nicht, guter Vater, das iſt ſo des Herrn Ge⸗ wohnheit. Nach einer Weile wird er ſeinen Pasqual rufen, und ich wette, vor Abend füllt er mir die Hand mit einem Dutzend Silberthalern, mit denen ich Deine gute Flaſche wett machen kann. Und da ich den Kopf zu der beſondern Gewohnheit ſchüttelte, ſetzte er hinzu: Der Dienſt iſt gut, nur etwas ſcharf. Signore hält auf ſtrengen Gehorſam, und man muß ſeinen Willen zuwei⸗ len errathen, ehe er ihn ausgeſprochen. Das hatte ich bei Deinem leckern Frühmahle vergeſſen. Die alte Dame erwiederte nichts und ging an der 448 Spitze der Geſellſchaft dem Schloſſe zu. Eugenie jedoch preßte heimlich Vanina's Arm und flüſterte: Abſcheuliche Gewohnheit! O Schweſterchen, hüte Dich! General Sampietro Baſtelika machte auf die Geſell⸗ ſchaft, welche ihn im Familienſaale der Ornano's em⸗ pfing, augenſcheinlich einen mächtigen Eindruck. Der Krieger, dem der Ruf ſeiner Schlachten, ſeiner über⸗ ſtandenen Gefahren vorausfliegt, hat den Vortheil einer eigenthümlichen, in der menſchlichen Natur begründeten Theilnahme voraus, wo er auch erſcheinen mag. Das Leben iſt für die Mehrzahl das höchſte Gut; ſichere Be⸗ quemlichkeit iſt ihr das Wünſchenswertheſte; wer das Leben verachtet, ſey es um das Phantom der Ehre wil⸗ len, oder ſelbſt um die nichtigſte Fürſtenlaune, erſcheint ihr als ein Halbgott, und jede Narbe eines ſolchen zer⸗ fetzten Schlachtgeſichtes, jeder harte Zug, den rauhe Sitte dem Antlitze aufgedrückt, wird eine Schönheit, die den Mann des Friedens mit ſeinen ſtillen, bürgerlichen Groß⸗ thaten und Opfern in den Schatten drückt. Hier kam nun noch die impoſanteſte Heldengeſtalt dazu, hier ſah der bewegte Korſenſinn nun gar noch einen künftigen Er⸗ löſer von Schmach und Druck, und dieſes oft gewagte Leben wollte ſich dem Heiligſten, dem Vaterlande opfern. Es bedurfte nur weniger Stunden, um den Mann des Tages zum Jdol der Geſellſchaft zu erheben, und ſelbſt die korſiſchen Schönen vergaßen bald den alten Schwätzer mit ſeiner Blutmähr und wagten die ſchwarzen Augen, aus denen unverholen mancher feurig⸗ſtille Seelenwunſch leuchtete, auf ihn zu erheben. Sampietro's Ernſt, ſein kaltes, ſparſames Wort, der rauhe Ton ſeiner Stimme, 449 das Harte und Unzierliche ſeines Ausdrucks, Alles das ſchien für Alle dem Manne angemeſſen und als wenn es bei ihm alſo ſeyn müſſe. Nur zwei Perſonen theilten den reſpektvollen Enthuſiasmus nicht: Eugenie, welche die glühenden Blicke mit Zagen betrachtete, die dieſer Mann, der ſonſt nur mit dem Schloßherrn verkehrte, über die Tafel hin auf die ſtille, vor ſich hinſchauende Vanina ſchoß, und Luciano Kaſakoni, welchem heute keiner der jungen Gefährten beim Becher ein Scherzwort abgewin⸗ nen konnte: Luciano, deſſen ſtarrer Blick vom untern Ende der Tafel her an dem verwegenen Geſicht des Fremden auf dem Ehrenplatze haftete, als feßle ihn ein Zauberbann, und der nur ſelten, wie erſchöpft und Kraft ſuchend, ſein Auge nach der ſchönen Vanina zu wenden wagte, aber immer vergeblich des Gegenblicks wartete und mit jeder Minute deßhalb tiefer in eine troſtloſe Er⸗ mattung zu verfinken ſchien. Die Tafel ward beendet, und der edle Wirth zog ſich mit Sampietro in ſein Ge⸗ heimzimmer zurück. Eugenie, die ſonſt ſo muthwillige Schwätzerin, fühlte mitten im Getöſe der belebten Ver⸗ ſammlung eine Beklemmung, welcher ſie nicht Herr wer⸗ den konnte. Sie bemühte ſich, an Vanina's Seite zu kommen, aber das Fräulein ſaß wie gefeſſelt neben der Mutter. Eugenien war, als ſtände ſie am Hochgericht, auf einen Henkerakt wartend. Jetzt berief ein Diener die alte Baronin zum Gemahl und entſchuldigend verließ die hohe Dame in Begleitung der Tochter den Saal. Eine bange Viertelſtunde ver⸗ lief, die Flügelthüren öffneten ſich, der Herr von Or⸗ nano trat feierlich mit ſeiner Dame ein, ihnen folgte Vanina an Sampietro's Hand, und mit einem ſtolzen Lächeln verkündete der Vater die Verlobung der Tochter 29 Blumenhagen XV. 450 mit dem General der Geſellſchaft. Mit einem Ach! ſank die mitleidige Franzöſin in ihren Seſſel zurück, aus der Tiefe des Gedränges ertönte ein wilder Schmerzruf, wie der Ton des tödtlich getroffenen Edelwildes, aber der Beifallsaccord der Menge ließ Beide unvernommen, wenn auch Eugenie vermeinte, bei dem Wehlaut in Vanina's ruhigem Antlitze ein flüchtiges Zucken vermerkt zu haben. Ein ſolches Feſtgelag, wie dieſen Tag beſchloß, hatte die nüchterne Inſel ſeit lange nicht geſehen. Was der Keller des Schloſſes Köſtliches verwahrte, mußte auf die Tafel; weit aus den geöffneten Fenſtern ſchallten die pa⸗ triotiſchen Trinkſprüche über das gedrückte Land hinaus, und in den Höfen tummelte ſich das Geſinde in gleicher Vergnüglichkeit. Tröſtlich bei dem Unabänderlichen wurde für Eugenien die Bemerkung, daß der Sponſe ihrer Freundin der Mäßigſte an der Tafel blieb, und ſie freute ſich ſogar über das verächtliche Lächeln, das ſich bei dem Anblick der jungen, tumultuariſchen Zecher und bei dem Anhoͤren ihrer prahleriſchen Schlachtſprüche über Sam⸗ pietro's narbiges Angeſicht hinzog. Erſt in Vanina's ſtillem Cloſet fand ſie Gelegenheit, ſich der Freundin zu nähern, die beunruhigt ihre Leib⸗ magd vermißte. Eine Kammerfrau ihrer Mutter trat zu ihrem Dienſte ein, und von ihr erfuhr ſie die augen⸗ blickliche Verabſchiedung und befohlene Entfernung der ſündigen Antonia. Arme Dirne! ſeufzte mit komiſcher Geberde die Fran⸗ zöſin. Wußte ich doch nicht, daß in dieſen rauhen Ber⸗ gen dem Täublein das Schnäbeln, dem Sangvogel ſein Liebeslied verboten iſt! Wir werden uns hüten müſſen, ſonſt ſendet die Geſtrenge uns nächſtens ebenfalls in das Exil. Und wie ſtraft man jetzt den verwegenen Luciano! ——— 451 Oder hat Eure Gerichtsbarkeit ebenfalls nur Züchtigun⸗ gen für das arme Weibervolk und gibt den Männern einen Freibrief wie bei uns? Sprich nicht davon! gebot Vanina, nicht ohne be⸗ merkbare Heftigkeit. Und fühlſt Du Dich glücklich, wenigſtens zufrieden? Vater und Mutter ſtehen an Gottes Statt. Ihre Herzen ſorgten bis jetzt für Vanina's Wohl; was ſie riethen, war ſtets das Beſte. Und iſt nicht der Gehor⸗ ſam des Kindes ein heiliges unter den Geboten? Irrthum iſt der Menſchen Schwäche, entgegnete ern⸗ ſter Eugenie. Die Augen der Mütter ſehen anders wie die der Töchter. Wirſt Du den Mann, der nur ſein Schwert und ſein Vaterland zu lieben ſcheint, lieben können mit einer Liebe, die er vielleicht nicht wiedergibt, weil er ſie nicht verſtanden? Vanina hob die klaren Augen zu ihrem Betaltar. Das Loos iſt geworfen, ſagte ſie mit überweiblicher Fe⸗ ſtigkeit; dunkel oder hell, wir müſſen ihm Folge leiſten. Die Tochter wird ſich glücklich fühlen, weil ſie den wärm⸗ ſten Wunſch des gealterten Vaters zu erfüllen vermochte. Die Korſin wird ſtolz ſeyn auf den Befreier ihres Volkes, auf den Mann, vor dem die Edelſten des Landes ſich beugen, vor dem das prächtige, hochmüthige Genua in ſeinen Paläſten erzittert. Sein Bild wird von heute an allein vor meiner Seele ſtehen; ſein Wille iſt von heute an mein Geſetzbuch; meine Gedanken, meine Empfin⸗ dungen, ja mein Leben ſind von heute an ſein, und er allein darf über ſie beſtimmen; er iſt mein Schickſal, mein Freudengeber, mein Todesengel, mein König. Frommes Opferlamm, möge ein himmliſcher Che⸗ rubin Dein liebes Haupt bewahren! flüſterte Eugenie in — — 45² der Abſchiedsumarmung; Vanina aber ſank in hoher Aufregung vor dem Bilde der Gottesmutter nieder, und ob ſie der Himmliſchen den Selbſtbetrug in ihren ſo eben geſprochenen Worten abbat, ob ihr kindliches Gemüth andern geheimen Kummer der Göttlichen anvertraute, davon verriethen ihre Lippen nichts. Ein gleich vertraulicher Zwieſprach wurde in derſel⸗ ben Mitternacht in einem andern Gemach des Schloſſes gehalten. Mit dem General ſtand der Hauptmann Male⸗ ſpina auf der Altane, und ſie erfriſchten ſich nach den heißen Feſtgenüſſen durch die kühle Bergluft. Hatte ich gelogen? fragte der Hauptmann. Schuldet Ihr mir nicht einen gewichtigen Dank für das ſchöne Wild, auf deſſen Spur ich Euch geleitet? Ich bedarf keiner Verſicherung, las ich ſie doch ſtundenlang in Euren Blicken. Geſteht, ich habe Euch dieſes Fräulein nur wie ein ſchlechter Maler vorgepinſelt. Dieſer edle Wuchs, kräftig und voll geſunder Friſche— Verſpricht die Mutter eines kraftvollen Geſchlechts, das ſich ſo wenig beugen wird wie ſein Vater; verſpricht eine Bellona, die ſich hinter den Gemahl auf's Roß wirft, wenn es Noth thut, antwortete ernſt, doch nicht ohne Wärme Baſtelika. Das ſchön geſchnittene Antlitz, der üppig aufgewor⸗ fene Mund, die leicht gebogene Naſe— Zeugt von Charakterſtärke, Stolz und Trotz, wo ſie am Platze ſeyn dürften. Ungeſtraft wird dieſer kein Ver⸗ führer nahen, und wär's ein Fürſt oder gar ein König. Das große, runde Auge, ſo rein und im dunkelſten Blau gefärbt wie ein italiſcher See, tief, ruhig, aber voll Seele— Wird nicht herausfordern in ſchlecht verhehlter Be⸗ ₰ 453 gier, wie der Römerin nächtiger Blick, wird nicht jam⸗ mern nach Beſitz, wie das ſchillernde, in heimlicher Sünde ermattete Auge der Pariſerin. Ich habe das Alles über⸗ ſchaut in der erſten Minute, Maleſpina, bedarf keines Auslegers und Anpreiſers, und danke Euch für Eure Bemühung, denn ich bin ſicher und zufrieden. Sam⸗ pietro's Frau durfte nicht ſeyn wie die Andern, denn er war ſich bewußt, er würde die Gewöhnliche bei der er⸗ ſten Schwäche, bei der erſten Untreue zermalmt haben, und er will ſich ſelbſt bewahren gegen ſolche Nothwen⸗ digkeit, darum floh er die weibliche Gebrechlichkeit bis heute. Ihr ſeyd ein Mann des Glückes, General, entgeg⸗ nete der Hauptmann, indem er ſein Haupt neigte. Kriegs⸗ ruhm, Ehre, und jetzt der reichſte Edelherr der Inſel; Alles Euer, was der Iſtria ſtürmiſcher Lauf beſpült. Ich ſehe Frankreichs Heere, Frankreichs Fahnen auf Eurer Ferſe die herrliche Inſel durchziehen, höre den Sieges⸗ ruf von Sanct Bonifacio bis nach Baſtia hinauf, ſehe den Dogen in der Stadt der Paläſte erbeben vor dem Donner der franzöſiſchen Flotte. Sprich nicht davon, Maleſpina, verdirb mir nicht die Racht nach dem heitern Sonnentage mit trübem Nebel⸗ gewölk, das Dein Spruch heraufbeſchwört! fiel Sam⸗ pietro finſter ein. O warum kann ich nicht mit mei⸗ nem Volke allein die Ketten brechen, durch die Arme meiner Korſen allein dieſe habgierigen Korſaren züchti⸗ gen auf Blut und Leben! Es bleibt eine Schmach haf⸗ ten an jedem Menſchen, an jedem Volke, welches frem⸗ der Kraft bedarf, um ſein Eigenthum zu ſchützen, ſeine Rechte zu wahren, verlorene Freiheit wieder zu erringen. Rur der ſich ſelbſt löste, ſich ſelbſt aus einer Welt her⸗ ———— 454 ausſchlug, kann eine reine, eine echte Siegesfreude em⸗ pfinden. Aber mein Volk iſt eingeſchüchtert und arm; ſeine Edlen und Reichen find zu Schlemmern und Weich⸗ lingen geworden in dieſer verderbten Zeit und durch die Gewohnheiten des Auslandes. Wie und wo vermoͤchten wir ſie zu einem Phalanx zu ſammeln, damit zu brechen jedes Tyranneneſt? Verſtehen doch die Genueſer den Spionendienſt ſo trefflich, als hätten ſie jeden altkorſi⸗ ſchen Waldbaum zu ihrem Horcher bedungen, und Schacher und Raub hat ſie ſo reich gemacht, daß ſie jeder nackten Korſenbruſt zehn Gepanzerte entgegen zu ſtellen vermö⸗ gen. Darum müſſen wir einen Anhaltspunkt haben, ein Bollwerk, hinter dem ſich die korſiſche Jugend ſammle, wappne und gewöhne an den gemeinſamen Kampf. Aber, Maleſpina, wenn ich ſie gerufen aus Hütte und Fels⸗ ſchlucht, wenn ſie gelernt den Krieg, wenn ſie, gleich einem Titanenheer nichts fürchtend, Vernichtung jedes ſchwarze Auge, Vertilgung jede braune Fauſt, um Ba⸗ ſtelika's Blutfahne ſich geſammelt haben, dann Adio den fremden Gäſten aus Frankreich, die, wo ſie erſchei⸗ nen, nur zu leicht die Luſt bekommen, Neſter zu bauen, dann Dank auf den Weg und— Dann, unterbrach ihn der Hauptmann lebhaft, dann Sampietro Baſtelika auf Ornano— König von Korſika. Der General lächelte, wie man einen Scherz belacht, doch reichte er dem Vertrauten traulicher wie je zuvor die Hand und ſchickte ihn zu Ruhe. Wenige Wochen nach dem Verlobungstage erfolgte die Vermählung mit einem Glanze, welcher auf der Inſel, in der bislang noch ſchlichte derbe Sitte heimiſch = n S — N 455 geblieben, eine vollig neue Erſcheinung war, und nur durch den Rang der Familie Ornano, welche ſich der Verwandtſchaft mit fürſtlichen Häuſern, ja mit könig⸗ lichen Häuptern rühmte, bei dem Volke entſchuldigt wurde. Die ganze Blutsfreundſchaft der Ornano's ſtrömte zu⸗ ſammen, und der korſiſche Adel war faſt gänzlich ver⸗ ſchwägert, wie es ſich bei den meiſten der kleinen, in ſich abgeſchloſſenen Volksſtämme findet; deſto mehr fiel es auf, daß Luciano Kaſakoni am Feſte ſeiner ſchönen Baſe fehlte und ſich durch eine auf einer fernen Jagd empfangene Verwundung entſchuldigen ließ. Unter den reichen Brautgeſchenken des Vorabends fand ſich aber ein beſonderes Geſchenk, zu dem ſich kein Geber meldete. Ein Blutkarneol der edelſten Art und von anſehnlicher Größe war es, in Herzensform geſchnitten und in die reichſte und zierlichſte Goldfaſſung von venetianiſcher Ar⸗ beit eingeſchloſſen. Als Vanina den zarten Brautſchmuck gegen das Licht erhob, ſah ſie den Stein mitten durch⸗ gebrochen und ſichtlich durch vorſätzliche Gewalt, und er⸗ ſchrocken ſchob ſie das Kleinod, ohne ſich über das Warum Rechenſchaft zu geben, unter die köſtlichen Stoffe, welche die Brauttafel belaſteten. Als die Trauung vollzogen war, umfing der ernſte General die überraſchte Braut mit unvermutheter Wärme in der einſamen Sakriſtei der Schloßkapelle, wohin ſie ſich zurückgezogen, bis das an⸗ drängende Volk ſich verlaufen konnte. Es war die erſte Zärtlichkeit, die er gewagt, eine Ehrerbietung, wofür ſie ihm Dank gewußt. Sie ſchlug erröthend die dunklen, herrlichen Augen zu ihm auf, und er küßte ihr Augenlid. Vanina, ſagte er dabei, und ſein Auge blitzte ſie an wie ein Jünglingsauge, Du biſt von jetzt geknüpft an mich wie die Blume an den Stengel, wie der 456 Schwertkorb an die Klinge, wie dieſe meine Hand an den Arm. Wos uns löſen wollte, würde uns zerſtören zugleich. Fürchte nicht den rauhen Kriegsmann, er ehrt in Dir die Tochter eines edlen Geſchlechts ſeines Vater⸗ landes, er liebt in Dir die geborene Feindin Genua's, und Du ſollſt nichts an ihm, nichts in Deiner Umge⸗ bung vermiſſen, was Du als Ornano's Erbin und als Baſtelika's Gattin fordern darfſt. Aber die Ornano, die Korſin wird ſich auch längſt geſagt haben, daß ihr Gatte nicht allein dazu geboren ſeyn kann, ihrem Ge⸗ ſchlecht neue Erben zu erwecken und den Reichthum ihrer Väter in träger Schlemmerei zu vergeuden. Seine Ehre iſt Deine Ehre, ſeine Liebe muß Deine Liebe, ſein Haß Dein Haß ſeyn. Und Sampietro hatte, ſeit er zu denken begann, nur Einen Haß, nur Eine Liebe. Wer Genua auch nur die kleinſte Wunde geſchlagen, iſt mein Bluts⸗ freund, ich theile mit ihm Lager und Brod und mein Leben iſt für ihn. Wer es mit Genua hält, auch nur den vierten Theil einer Stunde lang, beim Sanect Pietro von Accia, der iſt mein Todfeind ohne Verſöhnung, und ich lechze nach ſeinem Leben, ſo lange er athmet. In Dir liebe ich mein ganzes Volk, und Du wirſt in dieſer Liebe nichts vermiſſen; Dein Beſitz wird aber auch täglich meinen Haß ſpornen zur That, Dein Beſitz wird mich wecken, ſollte der Muth ſchlummern, die Kraft er⸗ lahmen, denn in Dir ſehe ich die geſchändete Ehre des Vaterlandes, und ich werde ſie nicht früher gereinigt glauben, bis der letzte genueſiſche Söldner blutig zer⸗ riſſen vor meinen Füßen liegt und im Palaſt von Venako Korſika's Krone auf der glatten Stirne meiner Vanina ſchimmert. Tief bewegt, erſchreckt von ſeinem Gewaltswort, ge⸗ N——— 457 ſchmeichelt von der Zärtlichkeit, die in ſolchem Manne zwiefach werthvoll erſchien, preßte ſich Vanina an den kräftigen, hochgewachſenen Mann, aber ihr fehlte die Antwort und er ſchien durch die betheuernde Bewegung, in welcher ſie die zarte Hand auf ihren wallenden Buſen legte, befriedigt. Störend für das der Trauung folgende Feſt wurde die unvermuthete Erſcheinung zweier ungebetenen Gäſte, die mit pomphafter Begleitung in das Schloß einritten. Es waren zwei genueſiſche Offiziere von hohem Range und aus den edelſten Familien. Welch' ein Aufruhr in der fröhlichen Verſammlung entſtand, bedarf keiner Beſchrei⸗ bung. Baſtelika zog ein Schlachtgeſicht und mehrere der Jüngeren waren ſo unbeſonnen, die Degen zu entblößen. Nur der alte Ornano blieb in jener Faſſung und kal⸗ ten Stellung, welche die damalige Lage der geſpannten Verhältniſſe forderte, und empfing die Würdeträger mit ruhiger Höflichkeit. Die Genueſer gaben ſich kund als Abgeordnete des Gouverneurs von Baſtia, mit dem Auf⸗ trage beehrt, der Familie Ornano und dem neuen Schwie⸗ gerſohne des Barons einen Glückwunſch zum heutigen Feſte zu überbringen, zugleich aber den Herrn von Ornano, den General Baſtelika und wen ſie aus den Edelſten der Korſen erwählen möchten, einzuladen, nach einer Wo⸗ chenfriſt ſich zum Beſuch in der Feſte Baſtia einzufinden, um daſelbſt über wichtige Veränderungen zu berathen, welche der große Rath von Genua zum Beſten der von ihr beherrſchten Inſel vorzunehmen beſchloſſen habe. Die ernſte Stimmung, welche alle Mitglieder der Geſellſchaft umfing, zeugte von dem Mißtrauen, das der unerwartete Antrag allgemein erregt hatte und das die Artigkeit des erſten Theils der Botſchaft völlig in den Schatten drückte. — 458 Derſelbe Abend noch fand die Korſen in geheimſter Be⸗ rathung verſammelt, indeß draußen das Bergvolk und das Geſinde die Brautnacht nach Landesſitte mit dem wüſten Gelärm der Muſchelhörner und Metallbecken und zahlloſer Flintenſchüſſe begrüßte. Viele Mitglieder, vor⸗ züglich die Schwächeren, welche ſich durch die Entfernung ihrer Häupter gänzlich verwaist fühlten, riethen ab, und wollten eine geſtellte Falle darin erkennen. Sampietro ſprach: Gehen wir nicht, ſo zeigen wir unſer feindſeliges Wollen klar und ohne Mantel, zeigen Furcht ohne Grund, und wer möchte dem Genueſer den Triumph gönnen, von einem Korſen ſich gefürchtet zu ſehen!— Wir müſſen erſcheinen, auf den Tag erſcheinen, ſagte der alte Ornano mit faltiger Stirne, wollen wir dem Vaterlande nicht ſchaden, und unſer geheimes Werk ſelber zerſtören, ehe noch der Grund des Baues ſich über den Boden erhoben. Iſt denn offener Krieg zwiſchen uns und Genua? Die Weigerung würde ihn erklären vor der Zeit. Mich, den Greis, der ſein roſtiges Schwert ſeit lange an den Pfeiler im Ahnenſaale aufgehangen, kann weder ihre Furcht, noch ihr Verdacht treffen, und meinen Sohn Sampietro ſchirmt die Würde, die er im fremden Dienſte bekleidet, ſchützt die bekannte Gunſt der Könige Frankreichs, welche eine Beleidigung ihrer Ordenszeichen nicht ungerächt dul⸗ den würden. Sie wagen nicht, die kaum beſeitigten Waffen wieder gegen ſich aufzurufen, denn ſie ſind klug wie Fuchs und Affe, und werden ſich hüten, die Natur des groben Bärs oder unbeſonnenen Ligers ſehen zu laſſen, welche in ihr künſtlich aufgeführtes Staatsgebäu nicht paſſen dürfte. Man ließ die Genueſer einführen, verkündete ihnen die getroffene Wahl der Edlen, über die man allein bera⸗ then, beantwortete das Schreiben des Gouverneurs in den 8 8 S u 8 459 gebräuchlichen Ausdrücken, und da der Gouverneur ſeiner Zuſchrift hinzugefügt hatte, daß er nöthig gefunden, bei den obwaltenden Verhältniſſen und um von vorn herein der beſchloſſenen Berathung den Charakter einer friedlichen und freundſchaftlichen Beſprechung zu verleihen, hiermit die Verſicherung zu ertheilen, daß Niemand an Leib und Leben gefährdet werden ſolle, gegen Niemanden eine Hand erhoben werden ſolle, möchte auch aus früherer Zeit von ihm geſchehen ſeyn, was da wolle, ſo ließ der alte Ornano mit der Unbefangenheit, die dem klugen Greiſe eigen, von den beiden Genueſern ſich den ritterlichen Handſchlag auf dieſe Verſicherung geben. Zum Ueberfluſſe, ihr ge⸗ ehrten Herren! ſetzte er lächelnd hinzu. Iſt's doch nur der ſchwachen und unerfahrenen Gemüther wegen, die noch nicht erlernten, wie man Staatsgeſchäfte verhandelt. Iſt's doch nur, weil bei ſolchem Kongreß zuweilen der Verſtand die Zunge des Zügels entläßt, und ein gering⸗ fügiges Wort der Erhitzung große Uebel heraufzube⸗ ſchwören vermöchte. Die Genueſer reisten Tags darauf anſcheinend ver⸗ gnügt und dankbar über Empfang und Bewirthung da⸗ von, aber die Feſtfreude kehrte nicht wieder, und ernſte Anſtalten zu dem Ritt nach Baſtia füllten die nächſten Tage. Der alte Ornano nahm bei aller äußern Ruhe die Sache wichtiger und bedenklicher, als er ſich ausließ. Er verſchloß ſich oft mit ſeinem Kapellan und diktirte ihm manche Stunde; er ließ aus den umliegenden Wäldern eine bedeutende Anzahl der jüngſten und kräftigſten Berg⸗ korſen in das Schloß fordern, und bildete aus ihnen eine gutbewehrte Wächterkohorte; er veröffentlichte eine wohl⸗ beſiegelte Urkunde, worin er ſeinen Tochtermann formlich als Sohn adoptirte, und im Falle ſelbſt, daß ſeine Tochter 460 ohne Erben verbliebe, ibm den Beſitz ſeiner ſämmilichen Güter zuſicherte. Alle dieſe Vorgänge konnten die Schloß⸗ bewohner nicht ruhig laſſen; die Vettern des Hauſes flü⸗ ſterten mißvergnügt in den Winkeln der Säle, die Frauen ſaßen ſtill zuſammen, wagten aber in Ehrfurcht gegen das Familienhaupt weder Frage noch laute Aeußerung. Nur Sampietro blieb eine Stütze dieſer ſchwachen Ge⸗ müther; er ſchien ſich ſogar auf den Ritt zu freuen. Wir werden Gelegenheit haben, ſagte er mit Hohn, dieſen Krämern manche Artigkeiten in die glattgekämmten Bärte zu werfen ohne Gefährde. Wir werden ſie fragen dürfen nach der Rechtmäßigkeit ihrer Anſprüche auf unſer Korſika, und wenn ſie uns ihren Hugo Colonna, der ſich einen Grafen von Genua ſchalt, als unſern Befreier von den Ketten der Mohrenkönige nennen ſollten, werden wir ſie an die Inſchrift der Fontana di Carlo erinnern, die von dem tapfern Martell erzählt und ſie der Lüge zeihet. Wir werden fragen: War Euer Colonna der Korſen Freund, warum nannte er ſich dann einen Grafen von Korſika, ohne je ein Herr unſerer Berge geweſen zu ſeyn? Gibt Frevel Rechte? Wir werden aber vor Allem Baſtia's Thore, Thürme und Wälle genau durchſchauen dürfen, und uns wird keine faule Stelle in den Mauern entgehen. Und wenn Baſtia eine Löwengrube wäre? entgegnete halb laut der ſchlaue Maleſpina. So wird der Löwe hineinſchreiten, der darin gefehlt bislang, und ſich ſeiner Natur gemäß zu ihrem Entſetzen betragen! antwortete ſtolz der wilde Korſe. Eine Kirchhofsſtille waltete in dem Schloſſe von Or⸗ nano, ſeit die Barone und Edelleute abgereist. Die 3* — 7 b u 461 Korſenwachen, die im ſtrengſten Dienſte auf den Mauern ſich ablösten, machten das einzige Geräuſch in dem weit⸗ läufigen Bau, und dieſes erinnerte nur noch mehr die Bewohner an ihre Beſorgniß, an die Gefährlichkeit, der ihre Liebſten ſich ausgeſetzt, an die Wichtigkeit der Reſul⸗ tate dieſes unfreiwillig unternommenen Wageſtückes. Die hohe Schloßfrau, deren Handlungsweiſe, deren Benehmen überall als Muſter ihrer Umgebung galt, ſchien ruhig und unbeſorgt, aber täglich beſtieg ſie, trotz ihres Alters, die höchſte Warte ihres Schloſſes, ſobald die Sonne, aus dem toskaniſchen Meere emporſteigend, die Spitzen der Grenzberge von Fiumorbo röthete, und wenn ſie nach ſtundenlangem Verweilen mit ernſter Miene wie⸗ derum herabkam, hingen Aller Blicke an ihrem blaſſen Munde; doch ſie gab keine ihrer Empfindungen den Lau⸗ ſchenden kund. Am ſechsten Tage nach der Abreiſe der Männer hörte man ſie raſcher die Wendeltreppe herunter⸗ ſteigen, raſcher die Flügelpforten des Saales eröffnen, aber mit der gewohnten Bedächtigkeit wandte ſie ſich zu dem alten Joſepho und ſprach: Sende hinunter in die Höfe und laß die Thore öffnen. Ein Reitertrupp nähert ſich von Weſten her: ſie ſchonen ihre Roſſe nicht, und als ſie aus dem Dunkel der Bergſchlucht hervortauchten, beleuchtete der Sonnenſtrahl bekannte Farben. Bereitet Euch zu ihrem Einlaß, aber mit Vorſicht. Die Diener flogen durch die Höfe hinab. Alle ſaßen geſpannt, ſchweigſam wie die Herrin, aber die Herzen klopften hörbar, und die Zeit ſchien Jedwedem ſtill zu ſtehen. Endlich klangen Sporen draußen, und Maleſpina ſtand bald vor ihnen, beſtäubt, athemlos vom ſcharfen Ritte und mit entſtellten Zügen. Wo iſt unſer Herr und Gemahl? fragte die Schloß⸗ —— 462 frau feſt, indem ihre düſteren, tiefliegenden Augen die Geleitsmänner durchmuſterten, die ſich nach dem Haupt⸗ manne in das Zimmer drängten. Schändlicher Verrath! Niederträchtigkeit ohne Glei⸗ chen, ſo lang die Berge ſtehen! Eine That, die alle Schwerter der Welt gegen dieſen wortbrüchigen Dogen und ſeine feigen Rathgeber aus den Scheiden rufen müßte! ſtieß Maleſpina hervor. Mein Vater— mein Gatte— ſie ſind ermordet? kreiſchte Vanina.— Nicht ermordet, aber gefangen, trotz Briefes und Schwures gefangen! fiel ſchnell der Haupt⸗ mann ein, und Vanina ſank mit einem ſchweren Athem⸗ zuge in die Kniee an der Mutter Seite, welche ſich bei dem erſten Worte des Hauptmannes mit ſichtlicher Er⸗ ſchütterung niedergeſetzt hatte. Aber eben ſo raſch faßte ſich die kraftvolle Frau. Ruhig mein Kind! ſprach ſie, die Tochter umfangend. Wer dürfte es wagen, ſolch' ein geheiligtes Haupt zu befährden? Erzählt, was geſchah, Signor! befahl ſie dann mit Würde dem ſtaunenden Botſchafter. Unſere Reiſe war eine glückliche, begann der Capi⸗ tano nach einigem Beſinnen. Man hatte uns eine treff⸗ liche Galeere auserwählt, die bereits im Hafen von Ajaccio unſer wartete, und Meer und Himmel zeigten nur günſtige Vorbedeutungen. Freundlich wie die Elemente war unſer Empfang zu Baſtia, die Schiffe ſalutirten mit allen Ge⸗ ſchützen, fürſtlich war die Bewirthung, ſelbſt die Ehren⸗ wachen ließ der falſche Gubernatore nicht fehlen, uns einzulullen, und die von Genua vor uns angekommenen Senatoren machten Eurem und meinem Herrn ceremo⸗ niöſe Beſuche, wie man ſie Prinzen darbringt. Ich warnte den General, denn ich witterte den Fuchsſchweif. Er wurde . 1 v— e——„ N N— u — M 463 gedankenvoll, aber der Rückzug blieb jetzt unausführbar, und er vertrauete dem Geleitsbriefe. Am andern Tage geleitete man uns in die Citadelle zum Gouvernements⸗ palaſte. Auch hier war Alles voll Pomp und ausgeſtellter Pracht. Kriegsmuſik betäubte die Ohren, begoldete Lakaien hielten die Treppe, glänzende Wappner die Gallerien be⸗ ſetzt. Man führte uns durch den Vorſaal, den die Ange⸗ ſehenſten der Stadt erfüllten; durch einen kurzen, engen Säulengang geht es von da zu dem Prunkzimmer, wo der Gubernatore und die Genueſer uns erwarteten. Alle Thüren ſtanden offen, wir ſahen die geſchmückten Herren ſitzen und ſich erheben, um uns entgegen zu treten. Euer edler Herr, hohe Frau, und mein General ſchritten voran; wir folgten in ehrerbietiger Entfernung. Da geſchah, was kaum glaublich, was uns mit Entſetzen erfüllte. Die beiden Herren hatten eben jenen engen Durchgang betre⸗ ten, als ein ſeltſames Geräuſch uns ſtutzig machte. Wir blickten auf und ein Eiſengitter war vor ihnen, ein zwei⸗ tes hinter ihnen niedergefallen, und in einem Käfige ſahen wir die beiden edlen Führer von uns abgeſperrt. Und Ihr ſtürztet nicht vor und brachet die Eiſenſtäbe? fragte heftig die Baronin. Unſere Schwerter waren alle blank nach einer kurzen Pauſe des Staunens, aber rund um uns hatte ſich eine ſcharfe Hecke von Partiſanen geſenkt und der alte Herr gebot aus ſeinem Gitter ſelber Ruhe und warnte vor jeder Unbeſonnenheit. Dann zog er den Geleitsbrief hervor und fragte in würdiger Haltung nach der Urſache ſolcher feind⸗ ſeligen Behandlung. Wir hörten nur undeutlich, was jenſeits der treuloſe Genueſer antwortete. Es klang wie von Aufruhr im Innern der Inſel, wie von heimlichen Aufwieglern der Bergvölker, von der Allwiſſenheit des 464 Senats, von Blutgericht. Da faßte Herr Sampietro grimmig die Eiſenſtangen und ſchüttelte ſie, daß die Wände erbebten, doch er brach ſie nicht, obgleich die Herren jenſeits von ihm zurückwichen. Wahrhaft ſchreck⸗ lich, mit dem Gebrüll des wüthigen Löwen, tobte ſein Wort, und er ſchalt den Gegner einen ehrloſen Soldaten, der dem Profos und Büttel verfallen, einen Meineidigen und Wortbrüchigen, und rief die Rache aller Könige, rief den Bannſtrahl des heiligen Vaters auf ſein Haupt herab. Laut hörten wir den Genueſer lachen und mit heller Stimme ſprach er: Euer Leib und Leben iſt un⸗ gefährdet; keine Hand hat ſich an Euch gelegt; was könnt Ihr mehr begehren? Aber denkt künftig höher von Ge⸗ nua's Klugheit: Eure Bäume, Eure Felſen, die Wände, die Schlafzimmer ſind in Genua's Solde und wachen über Eure Unthaten, und die mächtige Herrin wird nimmermehr mit ihren Unterthanen und Fflichtigen zu einer Berathung ſich herablaſſen, wie ihr Thoren im ſtolzen Uebermuthe zu glauben vermocht. Wir vernah⸗ men nichts ferner, denn der Kreis der Wappner um uns erhielt den Befehl, uns aus dem Palaſt zu vertreiben, und wir wichen, da Gegenwehr gänzlich nutzlos erſchien. Eine kleine Stunde ſpäter erſchien ein genueſiſcher Haupt⸗ mann in unſerm Quartier und befahl uns, ungeſäumt Baſtia zu verlaſſen. Kehret heim, ſagte er, und verkün⸗ det Allen, denen es zu wiſſen nöthig und gut, daß Genua eure beiden Häupter pflegen und bewahren wird wie zwei Lieblinge, die man nie aus der Obhut entläßt; daß Genua Alles weiß und kennt, was ihr in euren Schlöſſern und Bergwinkeln geſponnen und gebrütetz daß Genua in ſeiner Majeſtät und Gewalt nicht rächen wird den Ungehorſam an den Einzelnen, daß jedoch ie en tz en ch 465 augenblicks die Häupter eurer beiden Geiſeln in den Sand fallen, ſobald aus irgend einem Verſteck die Mordflamme des Aufruhrs auffackelt. So begaben wir uns unbefähr⸗ det aus der Feſtung, eilten nach dem nahen Fiorenza, mietheten das erſte Fahrzeug, das wir trafen, und ſchiff⸗ ten uns ein, von der traurigen Botſchaft belaſtet. Beiſpielloſer Treubruch! rief der bleiche Ritter Prosper aus, indem er die eingetretene Grabesſtille zuerſt unter⸗ brach und in einer Fechterſtellung vortrat. O warum traf mich nicht die Wahl, den geliebten Ohm zu begleiten! Ihr würdet gethan haben, was wir thaten, entgeg⸗ nete Maleſpina mit einem Blicke zorniger Verachtung. Wir gehorchten dem Befehle des ehrwürdigen Herrn und brachten Korſika nicht noch um mehrere tapfere Arme, und ſparten den Freunden die Befreier, zum wenigſten die Rächer. Wär's der tapfere Luciano Kaſakoni geweſen, der hätte vielleicht ſein Blut am Gitter eher verſpritzt, als den Ohm allein in Feindeshand zu laſſen! verſetzte Eugenie, trotz des ſchmerzlichen Blickes, den Vanina bei der Nen⸗ nung des Namens raſch vom Knie der Mutter zu ihr aufſchlug. Und gab Euch der Herr kein Wort, keinen Befehl mit für die Seinigen? fragte Frau von Ornano, käm⸗ pfend mit Faſſung und Beſonnenheit. Wir hörten nichts dergleichen von dem Herrn dieſes Schloſſes, antwortete der Hauptmann; aber am Vor⸗ abende des Unglückstages empfing ich einen ſolchen Auftrag bei dem ſchon erwähnten Geſpräche mit meinem General. Und was ſprach mein Gemahl? fiel Vanina lebhaft ihm in die Rede. Sollte etwas Unerwartetes geſchehen, ſo ſprach Sig⸗ Blumenhagen. XV. 30 466 nore Sampietro, fuhr Maleſpina fort, ſey es, was es ſey, alsdann eile auf's Schleunigſte, wenn es Dir irgend möglich, zurück nach dem Schloſſe am Ornano. Sage meiner Gattin, ihr Herr gebiete ihr, ohne Säumniß dieſes Eiland zu verlaſſen, im Hafen von Ajacciv ein Schiff zu beſteigen und nach Frankreich abzureiſen. Mehr als Tod wäre es mir, berührte je eine genueſiſche Hand das Weib Sampietro's. Zu Marſeille wird ſie in meinem Hauſe ein ſicheres Aſyl, an des Königs Hofe den Schutz finden, wenn ſie ſolchen bedürfte. Ich mußte ihm zugleich auf des Schwertes Kreuzgriff geloben, nie von Eurer Seite zu weichen, Signora, bis er ſelber dieſen Platz wieder eingenommen. Ich ſollte fort von hier, von meiner Mutter? allein in die fremde Welt, und nichts mit mir nehmen als die Furcht um den gefährdeten Vater? Unmöglich, ſolches kann mein Gemahl nimmer verlangen! rief Vanina mit Schrecken und dichter ſich ſchmiegend an die mütterlichen Kniee, wie das weiße furchtſame Kälbchen ſich preßt an die ſchlanke Hindin. Frau von Ornano legte die Hand auf der Tochter Scheitel. Es iſt Dein Herr, der befiehlt! ſagte ſie feſt. Aus dem Befehle ſpricht ſeine Liebe, und des Weibes erſte Pflicht iſt Gehorſam. Wir begleiten Dich, Mühmchen! fügte raſch Ritter Prosper hinzu. Auch meine Liebe für Eugenie gebeut, ſie von dieſen Küſten zu entfernen, denn dieſe That wird Gewitter an unſern Bergen heraufführen, und Frank⸗ reichs Tochter möchte beſonders die Blitze heranlocken. So folgſt auch Du uns, meine geliebte Mutter, und wirſt nicht ſchutzlos in den Stürmen weilen? jammerte Vanina. ſ — 467 Gott und die Heiligen ſind überall und ſchirmen die Unſchuld! ſprach die alte Baronin, ſtark ſich erhebend und ihr Kind zu ihrer Bruſt heraufziehend. Mein Platz iſt hier, bis mein Herr mir Botſchaft ſendet. Ich werde wachen und um ihn ſorgen, ſo wie es die Mutter des Göttlichen, die auch am Fuße des Kreuzes gelitten und gerungen, mir eingeben wird im brünſtigen Gebet; denn Niemand darf auf Erden den FPlatz verlaſſen, auf den das Schickſal ihn geſtellt, bis er abgerufen. Laut weinend lag Vanina an dem Buſen der ernſten Frau und ſchluchzte: So dürfen wir nicht einmal mehr theilen das Leid und den Schmerz, die wir ſonſt Alles zuſammen trugen? Das iſt härter, Mutter, als das Uebrige zuſammen! Eben brach der Tag an. Das tiefe Waſſer des Golfo di Valinko war noch völlig mit Dunkel bedeckt, nur ſeine ſchäumende Brandung ſchillerte manchmal ſilberweiß am hohen Ufer. Etwas nördlicher, gedeckt von der letzten Bergkette, deren Geſtein ſich in das Meer verlief, nicht fern von dem Dorfe Kalveſe, ſchaukelten die Wellen dicht am Lande ein großes Segelboot, und braune, halbent⸗ kleidete Männer beeilten ſich, es zu beladen und zur Ab⸗ fahrt auszurüſten. Fern im Meere ſegelte langſam ein großes Schiff mit franzöſiſchen Farben im flatternden Wimpel nach dem Vorgebirge Kamponoro zu. Der vor⸗ ſichtige Maleſpina hatte dieſen verſteckten Platz zur Ab⸗ fahrt auserwählt, da er der Beſatzung von Ajaccio nicht traute. Sechs kräftige Bergkorſen, unter ihnen der junge Andrea, waren von der Frau von Ornano zum Geleit der Tochter auserleſen worden; dieſe beſchäftigten ſich, —— unter der Aufſicht der beiden Edelleute, die in der Nacht vom Schloſſe an's Ufer gebrachte Bagage an Bord zu bringen, und dann der Verabredung gemäß dem fran⸗ zöſiſchen Kauffahrer nachzurudern. Der Abſchied war überſtanden, doch die bleichen Wan⸗ gen, die trüben Augen der beiden Damen erzählten von ſeinen Nachwehen, und ſelbſt die leichtfertige Eugenie ſchaute ſtumm und ſinnend in die Nebel, welche hie und da noch auf dem wogenden Meere braueten. Sie ſaßen am Fuße eines uralten, zerfallenen Thurmes, einſt als Lärmwarte bei den Einfällen ſaraceniſcher Seeräuber ge⸗ braucht, jetzt denen durch Nachtwache und Frühritt er⸗ ſchöpften Frauen zum Schirm gegen den ſcharfen Seewind dienend. Ein Geräuſch im Gebüſche des Felſenpfades zog Vanina's Augen zur Seite: verwundert ſah ſie ein Weib in der niedern Landestracht heraneilen, ſchon lag es zu ihren Füßen und hatte, ehe ſie es hindern konnte, ihre Hand ergriffen und mit heißen Küſſen bedeckt. Antonia! Unverſchämte! Du wagſt es? rief Vanina zürnend, als ſie das Weib erkannt, und entzog ihr mit Heftigkeit die Hand, ſtand auf vom bemoosten Trüm⸗ merhaufen, und trat einen Schritt zurück von der Ver⸗ wegenen. Andrea erzählte in dieſer Nacht zu Forzolo von eurer Abreiſe, ſtammelte das Mädchen, und da durfte mich nichts hindern. Ich mußte mein Fräulein noch einmal ſehen, mußte ihr meine Unſchuld betheuern. Zehn Augen ſahen Deine Schuld!— Bei der Mutter der Gnaden, dennoch ſchuldlos wie Euer frömmſtes Lamm, und beſtraft um Euretwillen. Eugenie horchte auf. O die Signora iſt eine ſtrenge Frau; die Strafe war grauſam, mich fortzuſtoßen von meinem Fräulein, mit dem ich auf⸗ — 469 — gewachſen, mich nicht zu fragen, zu hören! Freilich hätte die arme Antonia auch im Verhör ſich ſchuldig bekennen müſſen, um eines Andern willen, denn durch Verrath ſucht kein gutes Herz ſeine Freiheit.— Vanina ſtarrte das Mädchen an mit ſeltſam leuchtenden Augen, Eugenie jedoch unterbrach neugierig die Klagende und ſagte mit Schärfe: Du verſtiegſt Dich hoch und naſchteſt im frem⸗ den Gebiet. Luciano— Hatte von dem fremden Freiersmann gehört, fiel mit Haſt die Dirne ein. Er beſchwor mich, ihn heimlich am Abend in meines Fräuleins Zimmer einzulaſſen, und als ich mich deſſen weigerte, Euch insgeheim einen Brief zuzuſtellen, der Euch warnen ſollte vor großem Unglück. Ich nahm den Brief im Mitleid, denn eine entſetzliche Angſt ſchien den braven Junker zu peinigen, nahm ihn aus Liebe zu Euch, Signora, denn ſeine Angſtſchauer ſteckten auch mich an. O meine Ahnungen! rief Eugenie aus.— Grobe Lüge, welche Deine Schuld verdoppelt! ſprach Vanina mit Härte. Hier iſt der Brief! rief Antonia aus und zog ihn aus ihrem Bruſtwamms hervor. Junker Luciano ſtreifte vor drei Tagen durch Forzolo und forderte ihn zurück, aber ich ſprach: er ſey verbrannt; denn ich mußte ihn Euch ja zeigen können, um meine Unſchuld zu bezeugen. O wie ſah der arme Junker aus! Er war ein Schatten von ſich ſelber geworden, und wir glaubten Alle, ſein Geſpenſt träte über unſere Schwelle. Ein großes Unglück muß ihn getroffen haben, gegen das kein Heilmittel in der ganzen Welt und an irgend einem Gnadenbilde ſich finden ließe. Vanina hatte des Briefes Aufſchrift angeſehen, das Siegel gebrochen und einen einzigen Blick hineingewor⸗ fen. Laß' uns leſen! ſagte haſtig Eugenie und griff nach —— 470 dem Blatte. Eine feine Roſenglut legte ſich auf Vanina's Antlitz, ihre zarte Hand zitterte, als ſie den Brief von der haſchenden Hand der Freundin entfernte. Dann erhob ſie ſich mit Kraft und ſprach: Sage dem Brieffteller, Sampietro's Ehefrau leſe nur, was ihr Gemahl geſchrie⸗ ben! und raſch riß ſie den Brief in Fetzen, die der Wind aufnahm und in die Gebüſche zerſtreute. Die Stimmen der Männer riefen vom Boote her, mit feſten Schritten folgte Vanina ſogleich dem Rufe; doch als Antonia's Stimme hinter ihr klagte: Ihr verzeihet nicht? Grau⸗ ſamer noch als Eure Mutter, laſſet Ihr die treueſte Die⸗ nerin ohne Abſchied? da ſtand ſie ſtill und reichte dem Mädchen die Hand zum Kuſſe. Ein feuchter Nebel ſchien ihre Blicke zu trüben, ſie neigte ſich zu der Weinenden; doch als dieſe halblaut ſagte: Und für ihn nicht Ein einziges Wort? machte ſie ſich los, und ging raſch mit der kopfſchüttelnden Freundin zum Ufer hinunter. Die Segel blähten ſich und die Kette ward gelöst, laut klatſchten die Ruder in die blanken Wellen, und vom Steuer in die rechte Richtung geſtellt, flog es über die krauſe Bahn dahin, wo fern das große Schiff zögernd auf dem Waſſerſpiegel ſchwebte. Weinend lag die kleine Korſin am Ufer auf den Knieen, aber Vanina's Auge kehrte ſich nicht nach ihr und der heimathlichen Küſte zurück. Die Fahrt der Flüchtlinge nach Frankreich war glück⸗ lich, obgleich ſie eines kurzen Sturmes wegen bei den kleinen Inſeln Toulon gegenüber Schutz ſuchen mußten; aber eine triſte Stimmung herrſchte in der Schiffscom⸗ pagnie, denn Jeder ehrte die ſichtliche Niedergeſchlagen⸗ heit der Herrſchaften. Verſchloſſener als je ſchien die ſchöne Vanina, mehr wie je entzog ſie ſich Eugeniens 471 vertraulichen Anfragen, und ſtarrte wortarm vom Ver⸗ deck in die Flut, unerregt durch die Neuheit der Gegen⸗ ſtände. Es war ein Kampf in ihrem Innerſten, den die ſchöne Dulderin aber allein durchzukämpfen verſuchte, ſo ſchwer es ihr werden mochte. Wunderbare Erſchei⸗ nung, Zeugin eines höheren Geiſterreiches, wo nichts Irdiſches gilt, daß die Schwäche gerade aus ſolchen Kämpfen am glorreichſten hervorgeht! Vanina hatte nie ihre Heimath verlaſſen, war nie vom Herzen ihrer Mutter gewichen bis jetzt, und wenn auch in ſtrenger Sitte erzogen, hatte elterliche Liebe alle ihre beſcheide⸗ nen Wünſche befriedigt. Sie wußte kaum, daß ſie einen Willen gehabt, denn ſie war in ihrer Zufriedenheit nie genöthigt geweſen, ihn zu erproben. Vater und Mut⸗ ter galten ihr als das Höchſte hienieden; ſie hatte ſich niemals gedacht, wie ein Leben ohne dieſelben möglich ſey. Welche Erſchütterungen mußten deßhalb die jüng⸗ ſten Erlebniſſe in einem ſolchen Gemüth hervorrufen? Ein Anderer, ein Fremder, ein ſtrenger Mann hatte ſich zwiſchen ſie und die Eltern eingedrängt, und dieſe hatten ihm alle ihre Rechte abgetreten. Erſchien er auch in der kurzen Woche ihres Zuſammenlebens nicht rauh, hart oder herzlos, ja behandelte er die Gattin ſelbſt mit einer beſondern Ehrerbietung, ſo vermißte ſie doch Man⸗ ches an ihm, was ihre Träume, und wo wäre ein Mädchen in der Welt, das nicht ſeine Zukunft voraus durchträumt hätte, ihr von einem ſolchen Verhältniſſe vorgeſchwatzt, Manches, was ſie dem Liebesleben ihrer verheiratheten Freundinnen abgelauſcht. Und jetzt— ſie, vor wenigen Tagen noch die zarte, furchtſame Jungfrau, hinausgeſtoßen in die unbekannte Fremde, nicht Vater, nicht Mutter, nicht Gemahl an ihrer Seite zu Rath und Schutz, allein und verwaist unter fremden Män⸗ nern, in der Obhut dieſes Maleſpina, deſſen ſcharfes, ſich ſo keck einbohrendes Auge, deſſen lauernde, immer miß⸗ trauiſche, verſchmitzte Geſichtszüge ihr ſchon im Schloſſe Ornano keine Zuneigung abzugewinnen vermocht hatten! Aber ſie war auch fromm genug, frömmer vielleicht als irgend eine Tochter jener Zeit; und iſt die echte Reli⸗ gioſität überall die beſte Stütze des Weibes, welche das Weib ſtark macht, ſtärker als den Mann in den Orka⸗ nen einer aufgewühlten Menſchenwelt, ſo wurde ſie in Vanina's unentweihter Seele ein Cherubin, gerade vom Himmel ihr geſendet, dem ſie im unerſchütterlichſten Vertrauen ſich und ihr Schickſal hingab. Was kam, was ſie traf, war von Gott geſandt: dagegen murren hieß ihr Läſterung, es zu tragen Pflicht; und wenn auch Antonia's Brief ihrem Herzen eine Wunde geſchlagen, deren Schmerz ſie nicht durch Gebet und Vorſatz zu til⸗ gen vermochte, wenn auch des alten Joſepho's ſchwer⸗ müthiger Blick und die ehrfurchtsvolle, gramkündende Stille der jungen Bergkorſen ſie an den eingekerkerten Vater erinnerte: ihre Faſſung wuchs mit jeder zurückge⸗ legten Stunde; ſie zeigte nicht Thräne, nicht Klage. Gott war ihr Troſt, die reine Himmelskönigin mußte ſie ſchirmen, war ſie doch ihrer Gnade werth; ſchuld⸗ los und dieſer Gnade werth zu bleiben ihr inbrünſtiges Gelöbniß. Das Schiff landete zu Marſeille. Eugenie begrüßte frohlockend die vaterländiſche Küſte, das Fort St. Jean, das Fort Nicolas und die herrliche Kathedrale St. La⸗ zare; doch Vanina zeigte keine Verwunderung, ſelbſt als ſie über den volksreichen Place Kaſtelanne zogen, keine Reugier; ihre Seele war daheim bei den Lieben, und „——+, —„—.— —„ S—„ c en„— — 473 dieſe Theilnahmloſigkeit ängſtigte zuletzt die bewegliche, lebensfrohe Freundin, weil ſie ſolche für Krankheit, für geiſtige Erſchöpfung zu halten verleitet wurde. Baſtelika's Haus in der Straße Paradies war ein altes, bedeutendes Steingebäude. Die öden Vorplätze, die düſtern Zimmer, die kühlen Mauern ſagten der an freie Bergluft gewohnten Geſellſchaft, ſagten ſelbſt der in ſich verſenkten Vanina nicht zu, ja dieſe äußerte, als ſie mit der Freundin den weitläufigen, verwilderten Gar⸗ ten am Hauſe durchſtrich, daß ſie in dem kalten Hauſe im Augenblicke des Eintritts von einem eigenen Grauen befallen worden, dem ſie nur entgangen, als ſie aus ihrem Zimmer durch das anſtoßende Cabinetchen eine ſchmale Treppe zum Garten entdeckt, und auf der Ter⸗ raſſe, auf welcher die Stiege ausgemündet, ſich der vollen Sonne preisgegeben hätte. Beide Damen fügten ſich deßhalb gern in die Meinung des Hauptmanns Male⸗ ſpina, ſich nach wenigen Ruhetagen auf die Reiſe nach Paris zu begeben, und am Throne des Königs perſön⸗ lich die ſchleunigſte Hilfe gegen die Gewaltthätigkeiten Genua's zu erflehen. Aber auch die lieblichen Fluren, welche die Rhone durchſtrömt, gewannen der Korſin kein Lächeln ab, und der Hoffnung, welche die beſorgte Eu⸗ genie auf das großartige, bunte Leben der Königsſtadt geſetzt, ſchien ebenfalls keine Erfüllung folgen zu wollen. Die reizende Fremde, von der Natur mit allen Gaben ausgeſtattet, welche der ſinnliche Mann bei dem Gegen⸗ ſtande ſeiner Neigung ſucht, und alle dieſe Gaben friſch, kein welkes Blatt in der Blüthe, unverkünſtelt durch die Bizarrerie der Mode, mußte am üppigſten, genußſüchtig⸗ ſten Hofe Europa's kein kleines Aufſehen erregen. Die⸗ ſes Aufſehen ward wärmſte Theilnahme, als man ihre 474 Schickſale erfuhr. Die ganze Chevalerie von Paris, Jeder, dem ſein Rang die Keckheit eines Zudrängers ohne Anfrage erlaubte, jeder Fant, der ſich aus dem Spiegel den Glauben der Unüberwindlichkeit auf dem Felde der Galanterie geholt, beſtürmte das Palais des Marquis von Chateaugriſe, um in die Nähe der ſchönen Korſin zu kommen, welche in wenigen Wochen Braut, Gattin und halbe Wittwe geworden. Die ſonderbare Leibgarde, die man in ihrem Vorzimmer traf: die jungen, kräftigen Bergſöhne in ihrer maleriſchen Natio⸗ naltracht, dem braunen, kurzen Rocke, den ſcharlachrothen Unterkleidern, der korſiſchen dunkeln Mütze, mit rothem Fries gefüttert, die einem trojaniſchen Helme ähnelte, links am Gurt die Piſtole hangend, rechts darin der Dolch, und über der Schulter die Flinte, mit den ern⸗ ſten, braunen Geſichtern, mit den blitzenden kühnen Au⸗ gen und muskelvollen Gliedern, verlockten auch die Pariſer Damen, Theil an den Beſuchen zu nehmen, obgleich nach wenigen Tagen in ihren Zirkeln, wenn von der Schön⸗ heit Vanina's ein junger Fant ein preiſend Wort be⸗ gann, es zur Tagesordnung ward, die Geſchmackloſigkeit der ſchwarzen italiſchen Frauentracht, die ſteife, ländliche Unbehülflichkeit der Inſulanerin kritiſch zu beſprechen, und als Refrain der Spottname: die Prinzeß aus den Schneebergen, von einem lächelnden Munde zum andern lief. Maleſpina führte ſeinen Schützling bei Hofe auf und der galante König Charles ſchien betroffen, dann entzündet, dann entzückt bei ihrem Anblicke. Die Damen zitterten, aber Vanina's gleichmäßiges Benehmen erlöste ſie in kurzer Zeit von ihrer Furcht. Der Hof erwies der Gemahlin des tapfern Generals jede Ehre, und auf Ma⸗ leſpina's Zureden erſchien ſie bei den Feſten. 6 . W N N — 475 Doch nicht lange, ſo erkalteten die Galanterien gegen die Fremde. König Karl ſagte zum Herrn von Kaſtelnau, der ihm das Hemd reichte: Dieſe kleine Eidechſe iſt ſo glatt und kalt, daß ſie immer aus der Hand entſchlüpft, wenn man ſie eben feſtzuhalten geglaubt. Selbſt als wir der Kleinen bei unſerer Krone zuſchworen, den Ker⸗ ker ihres Gemahls und Vaters zu brechen, und uns nur einen warmen Dank dafür vorbehielten, xührte ſich kein Finger von ihr in unſerer brennenden Hand. Gewalt iſt nicht gut angebracht, denn der Baſtelika iſt ein gar zu wilder Geſell, und ein todtes Marmorbild wärmt überdieß kein Bett. Freuen wir uns denn an ihr wie an einem Gemälde im Pavillon zu Fontaineblau, und wärmen uns an einer lebendigern Bruſt.— La Mole, der kähnſte Liebesritter des modernen Gomorra, flüſterte aber heimlich in einer Fenſterniſche des Louvre der ſchönen Margarethe von Valois zu, die ſpäter ſeinen Kopf vom Schaffot ſich bringen ließ, um ihn zu küſſen und eigenhändig einzubalſamiren: Unſere Schönen dürfen ohne Sorge ſeyn, Hoheit; dieſe entwendet ihnen nicht einmal den jüngſten Fahnenjunker. Es iſt nicht nöthig, für ſie von Nuggieri einen Beförderungstrank zu erhan⸗ deln, oder ihr Wachsbild von der grauen Frau am Montmartre mit Nadeln durchſtechen zu laſſen. Der ſtärkſte Liebestrank würde in dieſer Alabaſterbüſte un⸗ wirkſam verbleiben, und ich möchte ſchwören, der Goliath Sampietro habe ſie aus Mitleiden in der Brautnacht allein gelaſſen, denn ſie verſteht nicht ein Wort von dem, was das jüngſte Pariſer Blumenmädchen ohne An⸗ ſtoß zu beantworten weiß.— So haſt Du unerſättlicher Lecker auch Deine Zeit an der Schneeprinzeß verſchwen⸗ det? lächelte die Königsſchweſter. Sie iſt ein Gänschen, 476 und Dir geſchah ſchon Recht, wenn Du den Roſengarten verließeſt, um auf der Weide Gänſeblümchen zu pflücken. Maleſpina allein triumphirte über das Benehmen ſeiner Herrin, denn er zitterte, dachte er an ſeine Ver⸗ antwortlichkeit und zugleich an Baſtelika's Charakter; doch ſollte Vanina's Standhaftigkeit nicht ohne härtere Prüfung die Stadt der Lüſte und Weltfreuden verlaſſen. Der Hof befand ſich zu Fontainebleau. Der König Charles hatte bei ihrem erſten Erſcheinen den Befehl ausgeſprochen, die junge Wittwe ſeines wackern Generals ſolle unter ſeinem perſönlichen Schutz verbleiben, bis er mit eigener Hand ihr den befreiten Gatten wieder zu⸗ führen würde, hatte auf Vanina's dringendes Anſuchen jedoch jetzt die Erlaubniß zu ihrer Rückreiſe nach Mar⸗ ſeille zugeſtanden, und ein Feſt in dem Schloſſe, das man mit Wahrheit einmal ein Rendezvous von Schlöſſern genannt, war zu ihrer Abſchiedsaudienz beſtimmt. Schon neigte ſich der Tag; durch die rauſchenden Zerſtreuungen ermüdet, vereinzelte ſich die Geſellſchaft, die Damen ſuchten die ſchattigen Rieſenbäume des Waldes, und ein⸗ zelne kleinere Compagnien, die ſich aus dem wüſten Gedränge zuſammengefunden, lagerten an den bläulichen Felſen. Vanina und Eugenie wandelten geſondert in einer Gallerie nahe der Dauphinspforte, in dieſem La⸗ byrinthe von Statuen, Pilaſtern, Niſchen und Masken⸗ bildern die Trennung beſprechend, welche auch die leichte Franzöſin trüber geſtimmt. Da trat Prosper Amondaſchi ſuchenden Blickes aus einem Seitengange, und ſprang raſch zu den Gefundenen heran. Ein Augenblick geſtal⸗ tet die Welt um, rief er aus. Laſſet die Seufzer, die Thränen und ſchonet Eure ſchönen Augen. Eugenie ſoll Euch begleiten, liebes Mühmchen, wenn Ihr erlaubt, 477 denn mir ward nicht die Gemüthsſtärke und das kühle Vertrauen, ſie ohne mich unter dieſen Faunen, Satyren und rothglühenden Bachantinnen zu laſſen. Euch, fromme Dame, hat man aber mitten im Fegfeuer dieſer Orgien ſo erprobt befunden, daß ich Euch gleich einer heiligen Aebtiſſin mit Freude und Vertrauen meine Flüchtige zur Obhut empfehle. Schuf der Wein der Champagne dieſe Räthſel, oder will der veränderliche Herr Gemahl ſelber der Flüchtige ſeyn und auf Abenteuer ausziehen, gleich dem Ritter von Mancha? fragte ſpöttiſch Eugenie. Nach Korſika geht der ſchnelle Flug, fuhr raſch der erhitzte Ritter fort. Meine Gegenwart iſt unumgänglich nöthig, denn man befährdet dort unſer Aller Eigenthum. So iſt Botſchaft da, Botſchaft von der Heimath? rief Vanina aus. Verzeiht, Mühmchen, mich ruft die Anordnung un⸗ ſerer Abreiſe, entgegnete eifrig der Ritter. Sprecht mit dem Boten ſelber. Hier iſt er ſchon. Nur näher, unſere Damen ſind gefunden, nur heran, Vetter Kaſakoni! Er eilte zurück, und aus den Schatten der bergenden Pilare trat an ſeinen Platz ein Wohlbekannter, in wel⸗ chem die überraſchten Frauen augenblicks den jungen Luciano erkannten. Vanina machte eine Bewegung, ſich zu entfernen, da hörte ſie die bekannte Stimme im kla⸗ genden Schmerzenston fragen: Vanina, habe ich Haß verdient, Verachtung verdient für die frömmſte, innigſte, unauslöſchlichſte Zuneigung? und unwillkürlich hemmte ſie ihren Fuß und warf einen Blick auf des Jugend⸗ freundes bleiches Geſicht, ſeine eingefallenen Augen, ſeine ſcheue, gebeugte Stellung, und blieb wie von geheimer Macht gebunden. 47 Nein, ich haſſe Dich nicht, Luciano! ſagte ſie leiſe und mild, indem ſie ihm die Hand bot, welche er mit heißen Küſſen bedeckte, ſo daß ſie dieſelbe in ſchneller Reue ihm wieder zu entziehen vermocht ward. Und doch flohet Ihr ohne Abſchied? Meinen Brief, der mein ganzes Herz Euch entfaltete, zerrießet Ihr un⸗ geleſen? Nicht den kleinſten Gruß gabet Ihr für mich meiner Botin, für den Freund, der, ſeit er dachte, nur ein Glück, Eure Nähe, nur eine Treue, die gegen Euch, gekannt? Ihr haſſet mich nicht, und doch verweigertet Ihr mir, was man keinem Fremden verſagt? Aber Euer verändertes Herz hat auch mich geändert: Ihr habt mich den Haß gelehrt, den ich nie gekannt, den Haß gegen den Einen nur, aber auch einen Haß bis zum Tode und darüber hinaus. Was bringet Ihr von der geliebten Mutter, was vom ehrwürdigen Vater? fragte raſch Vanina.— Luciano's Mund zuckte wie im tiefſten Schmerz, aber er ſenkte das Auge und antwortete gemäßigt: Die edle Signora, die auch ich wie eine Mutter verehre, rüſtet ſich zur Reiſe nach Genua, wohin man den Oheim geführt. Ihre Nei⸗ gung zu dem Gefährten ihrer ſchönen Tage iſt eine hei⸗ lige, eine ewige; ſie kann nicht ſeyn, wo er fehlt, und will ſein Unglück theilen. Eure Beſitzungen ſind alle von genueſiſchem Kriegsvolke beſetzt, und auch die unſrigen, die Schlöſſer aller Verwandten des Hauſes Ornano, be⸗ drohet ein ähnliches Schickſal. Vanina ſetzte ſich erſchüttert auf eine Ruhebank. Und was hörtet Ihr von meinem Herrn und Gemahl? fragte ſie mit geſunkener Stimme.— Luciano's Augen entflamm⸗ ten ſich mit feindſeliger Glut. Er hat den Unglücksſtern über unſer Haus heraufgeführt, entgegnete er mit Hef⸗ —„—„„—„——— —— 12— — ———„— 479 tigkeit; um ihn, den Genua als ſeinen Todfeind betrach⸗ tet, leiden wir Alle, und er wird, wie man ſprach, uns in der Schlinge laſſen, in die ſeine Unbeſonnenheit, ſeine Banditen⸗Keckheit uns verlockte. Das Gerücht ſagte: der Papſt zu Rom habe ſih für ihn verwendet, habe Genua mit dem kirchlichen Bannſtrahle gedroht, wenn es den General der Kirche nicht augenblicklich losgäbe. Man ſagte ferner: das ſchlaue Genua habe nachgegeben, und der ehrwürdige Baron würde allein Bürge bleiben müſſen für Korſika's Frieden und für die Ruhe dieſes Sampietro ſelber, der das goldene Pallium des hei⸗ ligen Vaters in feigherziger Liſt zur rettenden Schanze gebraucht. Kaſakoni, redet anders von meinem Herrn! fiel Va⸗ nina unwillig ein. Wahrheit iſt die Tugend des Korſen, fuhr der junge Mann erbitzter fort; ſelbſt Euer Zorn konnte mich nicht bewegen, ihr abtrünnig zu werden. Nein, Vanina, und wenn Ihr mir mit einem Schwure bei den heiligen eilf⸗ tauſend Jungfrauen verſichertet, Ihr liebtet dieſen Baſte⸗ lika, ich würde Euch keinen Glauben ſchenken. Kein Tropfen Blutes in Euren Adern iſt dieſem Manne ver⸗ wandt, und gleiche Geſinnung ſoll ja die Schöpferin der Liebe ſeyn. O! warum war meine Liebe eine ſolche ſchüchterne Taube? Warum band die Ehrfurcht meinen Mund? Warum hoffte ich auf den Himmel und meinte, er müſſe der frommen, ſtillen Liebe Schützer ſeyn und ſie zum Ziele bringen? Gleich dem Habicht hätte ich ſtoßen müſſen auf den Raubz frech, roh und gierig wie der Soldat in der erſtürmten Stadt, hätte ich die un⸗ reine Fauſt ausſtrecken müſſen nach dem unentweihten Kleinod, es gewaltſam forttragen müſſen gleich dem —— 480 mitternächtigen Räuber. Auf fromme Männerliebe ver⸗ ſteht ſich keine Jungfrau! Ihr thut mir Unrecht, Luciano! unterbrach ihn Va⸗ nina bewegt und ſichtlich von ſeinem Schmerz gerührt. Es war ein Schickſal, ein ſchweres Schickſal. Was iſt Schickſal? fragte Kaſakoni mit Bitterkeit. Der Menſch ſelber macht ſein Schickſal. Hättet Ihr nicht verſchieben können, was ſolche Eile nimmer gebot? O! Ihr wußtet ja, daß Luciano nur ein Lebensglück, eine ſelige Hoffnung kannte, hatte er auch im Vertrauen zu Euch ſeine Wünſche nicht dem flüchtigen Worte anver⸗ traut. Und ein trügeriſcher Schein ließ Euch vergeſſen, was tauſend Blicke, was ein langes gemeinſames Zu⸗ ſammenleben in tauſend kleinen Merkzeichen Euch beſchwo⸗ ren! Ihr zerfleiſchtet mein Herz, das Herz Eurer Eltern, Euer eigenes in derſelben Minute. Und was ward ge⸗ wonnen durch das barbariſche Opfer? Ihr könnet nur den Fluch theilen, der auf Eures Mannes Haupt ruhtz Eure Mutter wird verzweifeln, wenn ſie einſt erfährt, in welchen Abgrund ſie das einzige Kind geleitet. Ich darf, ich will nichts mehr hören, Ritter! Setzt meine Freundſchaft für Euch nicht auf's Spiel und ſchweigt! rief Vanina, ihr Geſicht mit den Händen be⸗ deckend und in ſichtlicher Angſt hochathmend. Ja, ich würde ſchweigen, Vanina, fuhr er wehmü⸗ thig fort, würde allein tragen und dulden, denn Alles hienieden hat ja ein Ende, wüßte ich Euch nur glück⸗ lich. Aber Ihr könnet nicht glücklich ſeyn, ja, Ihr kön⸗ net dieſen nicht einmal glücklich machen, und in Einem von Beiden liegt ja der ganze Zweck des Menſchenlebens. Mit mir vereint, ich fühl's, wie ich Gottes Daſein weiß, wäre uns Beiden der ganze Zweck des Daſeins erfüllt worden. Und das bringt mich zum Wahnſinn, ſehe ich ſchaudernd den glühenden Krater unter Euch und eine wilde Höllenhand über Eurem lieben Haupte. Ihr ſeyd ein unmenſchlicher Quälgeiſt, Vetter, und es iſt nicht ritterlich, Frauen zu ängſtigen. Was wiſſet Ihr, Vetter? Was bedrohet uns von Sampietro? fragte Eugenie geſpannt und neugierig.— Die Stimme des Jünglings ward dumpf und eintönig, er richtete ſeine Erzählung an die Franzöſin, aber ſeine funkelnden Au⸗ gen hafteten auf der Geliebten. Es iſt eine grauſe Mähr, ſagte er, welche ich hörte von dem Munde einer achtzig⸗ jährigen Greiſin, die tief in unſern Bergen lebt, die ſchon halb dem Jenſeits angehört, und darum die blei⸗ chen Lippen nicht mit einer Lüge beflecken möchte. Sie lebte einſt im Hauſe des Baſtelika's als Amme ſeines jüngern Bruders. Auf der Jagd traf ich ſie am Herde ihrer Hütte, und mein Brief an Vanina enthielt, was ich dort erfahren. Sampietro war ſchon als Knabe ein wüſter, unbändiger Burſche, gefürchtet von Allen, von Niemanden geliebt. Unter den Landleuten, mit denen er ſich herumtrieb, lernte er raufen und fluchen und nahm ihre rohen Sitten an. Flüche auf Genua wurden ihm Lieblingsſprüche, bis ein Milizentrupp ihn dafür ſo nachdrücklich abſtrafte, daß er den Eltern für halbtodt auf den Hof getragen wurde. Sein jüngerer Bruder, ein zarter, häuslicher Burſche, der Eltern Liebling, folgte dem Vater oft nach Aleria, wenn Solcher dort Geſchäfte hatte. Das thätige, einträgliche Leben des Handels in der Küſtenſtadt geſiel dem Knaben, und er bat den Va⸗ ter, ihn nach Genua zu einem Verwandten zu ſenden, um dort die Kaufmannſchaft im Großen zu erlernen. Sampietro, damals kaum fünfzehn Jahr alt, ſtellte den „.—— 2 Blumenhagen. XV. 31 482 Bruder zur Rede über ſeinen Vorſatz, ſchimpfte ihn einen Ehrloſen, einen feigen Knecht. Die Knaben holten ſich des Vaters Waffen, Sampietro fiel trotz des War⸗ nungsrufes der herbeiſpringenden Amme zuerſt den Bru⸗ der an wie ein wüthendes Raubthier, und wenige Au⸗ genblicke ſpäter lag der jüngere Baſtelika ſterbend, durch⸗ ſtochen von einem Kain, in dem Schooße der ſchreienden Pflegerin. Habt Ihr nie den fehlenden Finger an Sam⸗ pietro's Hand bemerkt, Muhme? Es iſt ein Moͤrderzei⸗ chen, eine ewige Erinnerung an jene Blutthat; in der Nothwehr ſchnitt des Bruders Klinge das Glied von der verbrecheriſchen Hand. Sahet Ihr aber auch die breite feuerrothe Streifnarbe an Sampietro's Schläfe? Der Vater ſchoß in der Verzweiflungswuth aus dem Fenſter nach dem Brudermörder, und die Kugel der vä⸗ terlichen Büchſe zeichnete auch da den geächteten Sohn. Sampietro floh über das Meer, die Mutter ſtarb vor Schreck, der kinderloſe Vater folgte ihr bald in's Grab, und nur die alte Amme bewahrt die ſchauerliche Mähr, und ſpricht in ihren Träumereien gar oft davon, ſeitdem der verbrecheriſche Mann ſich nicht ſcheute, den Schau⸗ platz ſeiner Unthaten wiederum zu betreten. Vanina hatte unbeweglich und ſchweigend dem Er⸗ zähler zugehört, nur das Wogen ihrer hohen Bruſt ver⸗ kündete ihre innere Bewegung. Als aber Eugenie bei dem Schluſſe einen Ruf des Abſcheues hoͤren ließ, ſchlug ſie die hellen Augen auf gegen Kaſakoni, blickte ihn ſireng an und fragte: Und warum dieſe Erzählung mir und jetzt, da ſie hätte zu Grabe gehen ſollen mit jenem morſchen Gehirn, welches ſie vielleicht durch Geiſtesſchwäche entſtellt und lügenhaft an's Licht gebracht? und warum wurde dieſe Sage von Euch, der mich zu lieben vorgab, in mein Gedächtniß gegoſſen, gleich einem zerſtörenden Lavaſtrom? Trägt die verlaſſene, verwaiste Vanina nicht genug an der Gegenwart? Iſt es edel von Euch, auch eine Vergangenheit gegen ſie zu hetzen, welche älter iſt als Vanina's erſter Kinderſchrei? Bei dem Schwerte des heiligen Petrus, das er zur Vertheidigung unſeres Herrn erhob, Ihr ſeyd nicht ver⸗ waist, nicht verlaſſen, wenn Ihr nur wollet! rief Luciano mit hoher Wallung. Mein Leben gehört Euer, bis es verloſchen; iſt es doch werthlos, darf ich es nicht in Va⸗ nina's Dienſt verwenden. Ich beſchwöre Euch, fliehet dieſen Mann; benutzt den freien Augenblick, da er noch nicht wieder an Eurer Seite ſteht! Flüchtet nach der Inſel in die Arme der Mutter zurück. Ich will Euch mit einer Legion ſolch getreuer geſtählter Herzen umſtellen, daß dieſer Wilde und wenn er ſich durch Höllenkunſt verhun⸗ dertfachte, nicht zu Euch herandringen ſoll! Bei allen Heiligen beſchwöre ich Euch, ſtoßet das treueſte Gemüth nicht von Euch! Je mehr ſich der Jüngling zu erhitzen ſchien, je küh⸗ ler und beſonnener wurde ſeine Dame. Iſt mein Ge⸗ mahl nicht rein von Schuld, ſagte ſie, ſo berechtigt mich ſolches nicht, auch meine Seele mit Schuld zu beflecken. Und welches irdiſche Gericht könnte den Mann verdam⸗ men über Thaten, die der unbeſonnene Knabe begangen? Hättet Ihr mich je wahrhaft geliebt, Luciano, wie ver⸗ moͤchtet Ihr's, dieſe Grauen in meine Erinnerung zu werfen, wie vermöchtet Ihr dann, mir zu rathen, als eine ehrloſe, pflichtvergeſſene Flüchtingin die Welt zu durchſtreichen? Komme, was der Himmel ſeinem ſündi⸗ gen Geſchöpfe als Prüfung zu ſenden geſonnen, werde ſelbſt mein Leben befährdet, Vanina wird nimmermehr die geringſte Schmach auf den Namen Ornano brin⸗ gen; und wäret Ihr nicht ſelber dieſem Namen ver⸗ wandt, wäret Ihr nicht erzogen in ſeinen Tugenden, bei meiner Schutzpatronin, ich müßte Allem, was Ihr grau⸗ ſam und unzart zu Sampietro's Gattin geſprochen, eine unedle Abſicht unterlegen. Der junge Ritter zuckte krampfhaft zuſammen, ſein Geſicht wurde noch bleicher und ſeine Lippen zitterten, in⸗ dem er ſich vor Vanina langſam auf ein Knie niederließ und ihr Gewand an ſeinen Mund preßte. Gott ſchütze Euch! ſprach er halblaut. Ich reiſe heute noch nach Poiton zum Herrn Ludwig von Bourbon, um Erlöſung von einem Schmerz zu ſuchen, für den es keinen Balſam gibt auf der weiten Erde. Dieſes Lebewohl iſt ein Lebewohl für immer. Begegnen wir uns dereinſt an einem Orte, wo die Augen klarer ſchauen, wo die Herzen offen daliegen im Angeſicht des höchſten Richters und ſeiner Seligen, möget Ihr entſcheiden, ob Ihr gut gethan, die feſteſte Treue zu mißhandeln. Euer Bild wird mein letzter Traum, Euer Name das letzte Wort ſeyn, wenn ein Ketzerſchwert mir Erlöſung bringt. Ein lautes Getümmel von ſtarken, heftigen Stimmen näherte ſich aus einem Seitengange. Luciano erhob ſich, ſchlug den Mantel über ſein Antlitz und verſchwand im Schleier der Abenddämmerung zwiſchen den Pilaren. Was haſt Du gethan, Vanina? Welch' ein Herz haſt Du von Dir geſtoßen? klagte Eugenie, ſich zu der Freundin neigend; dieſe aber erhob ſich lebhaft und rief: Dieſe Stimme kenne ich! Gelobt ſeyen die Heiligen, es iſt unſer Herr, es iſt Sampietro! General Baſtelika ſchritt wirklich, von Prosper Amon⸗ daſchi geführt und von Maleſpina begleitet, klirrenden, 485 raſchen Schrittes durch die Gallerie daher, und ſein ſtechen⸗ der Blick heftete ſich ſchon von fern her forſchend auf Va⸗ nina, die ihm entgegen eilte. Aber er umfing ſie nicht, reichte ihr nur die Rechte, und ſetzte ſich dann wie er⸗ ſchöpft auf eine Steinbank, lang ſich ſtreckend, daß ſeines Schwertes Scheide raſſelnd gegen den Marmorboden ſchlug. Da ſind wir wieder und dem Rachen des Unthiers glücklich entronnen! ſprach er mit rauher Stimme. Setzet Euch zu uns, Vanina, die lange Audienz bei der Ma⸗ jeſtät hat uns ſo todtmüde gemacht, wie es noch kein Schlachttag vermochte. Ihr waret hier, und Vanina wußte nichts davon? fragte ſie verletzt und erſtaunt zugleich. Ihr ſprachet den König ſchon? Faſt drei Stunden, mit Eurer Erlaubniß, meine edle Frau! antwortete er faſt häßlich lächelnd. Das Gift, womit die Genueſer mich übermäßig geſchwängert, mußte zuerſt einen Ausweg finden, ehe die Galanterie ihre Rechte fordern durfte. Ihr ſeyd geſund und habt Euch wohl beluſtigt ſeit unſerer unvorhergeſehenen Trennung? Eugenie erſchrack über den Ingrimm und den Flam⸗ menblick, mit welchem er fragte, und als ſie das Auge zu der ſchlangenbegrenzten Furienmaske erhob, die in Stein gehauen gerade über Sampietro's Scheitel von der Wand herabdräute, wuchs ihr Erſchrecken, denn ſie konnte ſich nicht verhehlen, daß zwiſchen Beiden eine grauenvolle Aehnlichkeit ſtatthatte, und ſie ſuchte unwillkürlich nach der verſtümmelten Bluthand. Was Eure Gattin ſich erlaubte, geſchah auf Maleſpi⸗ na's Rath zu Eurem Beſten und nach des Königs Befehl! antwortete Vanina nicht ohne inneres Erbeben.— Der 486 General zog ſie vertraulich an ſeine Seite. Die Majeſtät hätte vielleicht höhere Freude verſpürt, wäret Ihr noch gehorſamer geweſen; doch dafür ſchirmte Euch der Name Baſtelika, entgegnete er milder. Beruhigt Euch: ich kenne jeden Eurer Schritte und bin mit Euch zufrieden. Und wo verließet Ihr den Vater? fragte ermuthigt, doch nicht ohne Vorwurfston die Dame. Erinnert mich nicht daran, Vanina, verſetzte er mit der vorigen Barſchheit. Der heilige Vater konnte nur mich löſen, denn er miſcht ſich nicht gern in fremde Po⸗ litik, und Ornano gilt ihm— Gott verdamm's!— für Genua's Unterthan. Aber dieſe Fauſt iſt frei, und ſo ſoll der alte Herr auch nicht lange mehr an Genua's Tiſche ſein verſalzenes Gnadenbrod ſpeiſen. Sie haben mich herausge fordert, dieſe lumpigen Seidenhändler, und bei Sanct Sebaſtians Lanze! ſie ſollen nicht lange warten. Des Königs Wort iſt mein. Schaffe ich eine Flotte der Ungläubigen herbei, ſo ſoll zur ſelben Zeit eine franzö⸗ ſiſche Armee Korſika's Ufer ſäubern von dieſem Unge⸗ ziefer. Die Zeit iſt eine koſtbare Waare, man darf ſie nicht alt werden laſſen. Darum iſt es wacker, daß Ihr als mein treues Gemahl mich erinnert habt, ſie nicht zu vergeuden. Auf, Maleſpina, laſſet die Saumroſſe be⸗ reiten, unſere Thiere ſtehen noch geſattelt. Werft euch in die Reitkleider, ihr Frauen, denn noch dieſe Nacht geleiten wir euch nach Marſeille, und nach kurzem Wei⸗ len wird der flüchtigſte Segler mich nach Stambul tragen, um von dem Sultan Selim ſeine Seemacht und ſeinen Haradin Barbaroſſa zu erbitten. Was gilt's, der bärtige Muſelmann wird uns nicht lange flehen laſſen, wenn die Gelegenheit winkt, ohne Widerſtand ſeinem wilden Volke auf fremder Küſte Siegesfeſte zu bereiten, und ſeine 487 Schatzkammer und ſeinen Harem mit ſchöner Beute be⸗ reichern zu dürfen? Die Ungläubigen wollet Ihr aufrufen gegen Chriſten⸗ brüder? Wollet ſchon wieder Euer Weib verlaſſen, das kaum Eurer froh geworden? klagte Vanina ſchmerzlich bewegt. Die Hölle zu bezwingen, wirbt man am ſccherſten die vöſen Geiſter ſelbſt zu Bündnern, lachte Sampietro auf. Und des Kriegers Weib darf vor dem Frieden nicht über Trennung jammern. Höret, Vanina, wenn ich voraus wüßte, Alles, was ich gethan, würde nutzlos bleiben, wenn ich wüßte, mein Schickſal würde daſſelbe ſeyn des bel Mes- sere, des ſchönen Grafen Heinrichs, des Wohlthäters Korſika's, den ein Meuchler erſchoß, deſſen ſieben Söhne man in einen Brunnen ſtürzte, ich müßte dennoch thun wie jetzt, denn ich habe in einer ſchrecklichen Nacht ge⸗ ſchworen, was Hannibal ſchwur. Und was ſind ein Paar Monate Winterszeit, wenn man des kommenden Früh⸗ lings gewiß iſt? Ihr werdet in meinem Hauſe zu Marſeille ſicher harren, bis ich kehre, und fröhliche Traumbilder dürfen Eure Einſamkeit mit tröſtenden Geſtalten bevöl⸗ kern, denn kehrt Euer Gemahl von dieſer Reiſe, ſo bringt er Euch nicht einen ſchlichten Siegerkranz, nicht den Erſatz für Euer geraubtes Erbe, nein! er bringt eine Krone und legt ſie ſeinem Abgotte zu Füßen. Mit einer grotesken Galanterie küßte er die Hand der bewegten, verwirrten Frau, und führte ſie mit ſtolzen Geberden durch die Reihen der Hofleute, die ſich nach und nach in der Gallerie geſammelt. Doch ihr Gang zu dem Flügel, wo man den Damen ihr Logis angewieſen, ward unerwartet unterbrochen. Im Hofe des weißen Roſſes trafen ſie auf den jungen König, der im Gedränge ſeiner Höflinge eben in das Freie heraustrat. Ihr wollet uns ſchon Eure Dame entführen, tapferer Ritter fragte er unwillig, und unſer Mundſchenk hat Euch ſelber noch keinen Willkommensbecher kredenzen kön⸗ nen? Was würde unſere hohe Mutter dazu ſagen, hätten wir uns ſolcher Vernachläßigung gegen ihren wackern Landsmann ſchuldig gemacht? Nein, General, wir neh⸗ men Eure Dame in Anſpruch zum nächtlichen Ball, und werden ſie in eigener Perſon ſogleich zum Feuerwerk ge⸗ leiten. Morgen, wenn wir aufbrechen, möget auch Ihr dieſem Paradies ſeine ſchönſten Zierden entführen. Der König hatte noch nicht ausgeſprochen, Sampietro ſeine ehrfurchtsvolle Verneigung noch nicht beendet, ſo ſtürzte ein junger Ritter flüchtig, bleich wie die Furcht, den zerbrochenen Degen in der Hand, über den Platz, und ſuchte ſich zwiſchen dem Gedräng zu bergen, ohne den Reſpekt gegen des Königs Perſon darzuthun. Und ein anderer Bewaffneter, in welchem man den jungen Her⸗ zog von Guiſe erkannte, war in gleicher Erhitzung, doch Zorn und Wuth ihr Quell, dem Flüchtigen dicht an der Ferſe, erreichte ſein Opfer wenige Schritte von der Ma⸗ jeſtät, und ſtieß ihm das blanke Schwert in den Nacken, daß das warme Blut Vanina's Schleier beſpritzte und ſie mit einem Todesſchrei an des Gattin Seite niederſank. Alles wich entſetzt von dem Könige, dem Mörder und der zuckenden Leiche zurück. Mord in unſerer Gegenwart! rief der König zornig aus.— Guiſe warf ſeinen blutigen Degen zur Erde und beugte das Knie: Er beleidigte die Ehre meiner Dame, meine Ehre, Eure Ehre, Sire, er läſterte die Kirche! ſtammelte der Mörder faſt athemlos. Welcher Eurer Ritter könnte dabei eine ſtille Hand be⸗ —„— 489 halten, ward er nicht taub geboren? Und wem wäre die Blindheit nicht verzeihlich, war einmal das Schwert um ſolche Dinge nackt geworden? Des Königs Geſicht zeigte die vorige gefällige Ruhe. Er blickte auf den Sterbenden. Genlis! Ein heimlicher Hugenotte! murmelte er, und in ſeiner Seele erhob ſich vielleicht ſchon das Bild der Bartholomäusnacht. Mar⸗ ſchall, führt den Herzog auf die Wache und bewahret ihn bis auf weitere Ordre! befahl er alsdann kalt, und heiter ſetzte er ſogleich hinzu: Zündet Fackeln an, damit man unſere Majeſtät nicht nochmals verkenne! Zum Garten, meine Damen und Herren, wir hören ſchon das Knat⸗ tern der Raketen, der brave Feuerwerker ſoll nicht auf uns warten! Charles verließ den Hof mit ſeinem Gefolge; Sam⸗ pietro führte die erkrankte Vanina in das Schloß, konnte ſich aber nicht verſagen, mit einem grimmigen Lächeln zu bemerken: Aus dieſem jungen, bartloſen Prinzen kann ein Mann werden, deſſen Thaten alle ſeine Ahnen ſcham⸗ roth machen. Er wird nicht ſchaudern, wenn er in einem Blutmeere wadet, und die Zeit verlangt dergleichen. Erbebe nicht, Vanina, vielleicht war es ein geringes Vorſpiel unſerer Zukunft. Ein Soldatenweib fürchtet das Feld nicht, mit Blut gedüngt, und gedenkt nur der Ernte, denn alles Große auf Erden, was der Menſchheit Heil gebracht, ward von je durch das Herzblut ihrer Kinder befruchtet. Ein langer Winter legte ſich auf die Fluren, ein lan⸗ ger froſtiger Winter auf Vanina's Herz. Wenige Mon⸗ den nur hatte der General bei ihr ausgeruhet, doch ſeine kurze Anweſenheit, unterbrochen von mehrfachen Reiſen — —— 490 nach der Koͤnigsſtadt, brachte ihr nichts von den Freuden der geſelligen, trauten Häuslichkeit, zu deren Erwartung jede junge Hausfrau berechtigt iſt. Baſtelika bezeigte ihr Achtung, ja Ehrerbietung zu jeder Zeit, aber ſein ganzes Benehmen ſchien noch an Schroffheit und Härte gegen ſeine Umgebungen zugenommen zu haben, ſeine innere Erbitterung wuchs in der Thatloſigkeit, ſeine Gedanken waren Gift, ſein Wort Galle; und da es bekannt gewor⸗ den, daß der Senat von Genua einen hohen Preis auf ſeinen Kopf geſetzt, wenn er je wiederum auf der Küſte von Korſika geſehen würde, ſo ſtieg ſein Ingrimm bis zur Unerträglichkeit, und Eugenie lächelte zum erſten Male, als der bärtige Unhold Abſchied nahm und ſich anſchickte, zum Hafen zu gehen, wo dos ſegelfertige Schiff endlich ausgerüſtet wartete, um ihn nach Konſtantinopel zu tragen. Du verläſſeſt mein Haus nicht, bis ich kehre, ſprach er zu Vanina beim Scheiden ſtreng. Mein Pasqual wird die Pforte wahren; Maleſpina und Deine Korſen werden Dich ſchützen. Der geächtete Sampietro kommt nur als ein Anderer zurück. Da war ſie nun abermals allein in der Fremde, eine Gefangene im eigenen Hauſe, rund umher im Lande Zwietracht, blutiger Religionskrieg, und ſie verwaist, ohne Nachricht von Allen, welche die Natur näher mit ihr verbunden und an die ſie von der Natur gewieſen war. Nur Eugenie blieb ihr Troſt, doch auch dieſe mehrte oft ihr ſtilles Weh, denn die Unvorſichtige erwähnte nur zu oft der Scenen zu Fontainebleau und des braven Vetters, von deſſen Schickſalen nichts kund geworden, der vielleicht ſchon längſt ſein Leben auf irgend einem Todes⸗ acker, und ganz Frankreich war damals ein ſolcher, aus⸗ geblutet haben mochte. 491 Ihr könnet nicht glücklich ſeyn, und Ihr könnet auch nicht glücklich machen! Dieſe Worte Luciano's klangen immer öfter, immer lauter in Vanina's Seele wieder, und nagten und zerrten an ihrem Weſen. O! das Be⸗ wußtſein eines verfehlten Lebens iſt das ſchärfſte und fol⸗ terndſte Gefühl in einer Menſchenbruſt! Vanina's Kraft erloſch, ihre Duldſamkeit erlahmte und ging zu einer fieberhaften Unruhe über; ſelbſt die Religion vermochte nicht wie ſonſt die bangen Ahnungen in ihrem Gemüthe zu beſchwichtigen, die böſeſten Bilder aus ihren Träumen zu verſcheuchen. So ging der lange Winter vorüber, ohne Nachricht von Sampietro, ſo oft auch Maleſpina nach Paris ritt, um dort zu forſchen, ohne Nachricht vom Schloſſe Or⸗ nano. Wie zwei Wittwen wanderten die beiden jungen Frauen täglich im Garten, aber die knoſpenden Gebüſche erfreuten ſie nicht, denn ſie verkündeten dem Herzen keinen Frühling. Wie ſeufzte Vanina nach der Mutter, nach dem Vater, von denen ihr alle Botſchaft fehlte! Wie wünſchte ſie ſich Flügel, um nur auf einen Tag über die hohen Gartenmauern hinaus zur Heimath flie⸗ gen zu können, und dann gehorſam wiederzukehren in ihren glänzenden Kerker! Da verkündeten eines Abends Kanonenſchüſſe des Hafenforts die Ankunft fremder Schiffe. Sampietro viel⸗ leicht! rief Vanina erbleichend, erbebend, ohne daß ſie fich Rechenſchaft geben konnte, warum. Und kurze Zeit nachher pochte es mit Haſt an der Hauspforte, doch nicht der General, ſondern Signor Prosper Amondaſchi ſtieß lebhaft den Pförtner zur Seite, und herzte ſeine kleine Frau und drückte freudig die Hände des ſchönen, wenn auch etwas abgeblichenen Mühmchens. Die Poſt, welche 492 er mitbrachte, war von ſchwerem Gewicht, und erſchüt⸗ terte die, an welche ſie gerichtet wurde. Ein korſiſcher Schnellſegler lag im Hafen; der Ritter gebot, ohne Ver⸗ zug einzupacken und zur Stunde die Reiſe nach der Hei⸗ math anzutreten.— Mit Erſchrecken wies Vanina den An⸗ trag von ſich. Meines Gatten Befehl feſſelt mich hier bis zu ſeiner Rückkunft, und hat er auch uns vergeſſen, bleibt meine Pflicht des Gehorſams dieſelbe.— Da zog der Ritter einen Brief hervor. Er war von der Baronin von Ornano geſchrieben. In kurzen Worten rief die Mutter ihre Tochter an das Sterbebett des Vaters. Der gekränkte, gebeugte Mann hat auf Erden nur noch dieſen Wunſch, ſchrieb ſie, und dieſer Wunſch muß Befehl ſeyn für Dich und für Deinen Gemahl, damit der Vater nicht jenſeits klage über die Liebloſigkeit ſeing Kindes. Prosper fügte hinzu, wie Genua's Zürnen 388 ildert ſchiene durch die Duldſamkeit des alten Barons und durch ſeine männ⸗ liche Reſignation bei ſchweren Krleiden; wie es ge⸗ neigt ſich erklärt, den alten uer frei zu geben, ſobald er geneſen, ihm und der tmit Brnano die Beſitzungen wieder einzuräumen, ja ach Einwirkung des Pap⸗ ſtes und der italiſchentſten Hoffnung gemacht, den alten Baron zu einem Stißcher in Korſika zu erheben, ſobald Vanina auf das genueſiſche Gebiet zurückgekehrt ſeyn würde. An Dir iſt es, Deinem Vaterlande Frieden, Deiner Familie Glanz und Ehre zurückzugeben, ſetzte Prosper eifrig hinzu. Sampietro's Anſchläge haben das Unheil vermehrt, ſeine Pläne ſind Aſche geworden, wie der Verſchollene vielleicht ſelber. Beſinne Dich nicht, Kind! drängte Eugenie. Wenn Sampietro zugegen wäre, würde er zuſtimmen. Fluchte ſein wilder Mund doch oftmals über die verlorenen Reich⸗ 493 thümer; Weiber führen nicht Krieg, hält man nicht kriegsgefangen, und ſeinen Plänen von Freiheit und Ruhm wird dadurch kein Hinderniß geſtellt, ja des Vaters wahrſcheinliche Erhebung geben ihnen höhere Sicherheit und heimlichen Vorſchub. Vanina ſchien kaum auf ſie gehört zu haben; mit den gefalteten Händen preßte ſie den Brief gegen die Bruſt, und die Augen zum Himmel gerichtet, ſagte ſie mit Innigkeit: Es iſt der Mutter Befehl, es iſt des Va⸗ ters Wunſch! Ihnen gehorche ich zuerſt, ihrem Willen muß das Kind unterthan ſeyn, damit es ihm wohlgehe. Mein ſterbender Vater ruft und wartet mit dem Segen auf mich. Bereitet darum Alles zur Abfahrt; es wäre entſetzlich, müßte ich an ſeinem Sarge mich des Unge⸗ anklagen. Zeit; vergißt, was ſie em meiſt een Verderben. 1 WMaleſpina war⸗ Putis. Vanina ſchrieb eilig an ind 3 das Vorgegangene.—— zi auf weitem Meere, und d Serne ſchihen der geängſteten Tochter Muth und cuf. üng winken. e 7. * Die Nachtfahrt ging vortrefflich; doch in der Frühe ſprang der Wind um, und ein heftiger Windſtoß, gegen den der unvorſichtige Schiffer nicht die nothwendigen Vorſichtsmaßregeln genommen, beſchädigte Maſt und 494 Segel ſo ſehr, daß man zu Toulon einlaufen und den Schaden ausbeſſern mußte. Dieſe Verzögerung entſchied das Loos der Flüchtlinge. Wieder im Meere wurde bald ein großes, bewaffnetes Schiff bemerkt, das gleichen Strich hielt und ſich nicht lange hernach als ein gefähr⸗ licher Verfolger darthat. Vanina ſaß unaufmerkſam auf dem Verdeck; ihre Blicke waren in Sehnſucht nach Oſt gerichtet, ſie dachte nichts als die leidenden Eltern, ſaß da, ein ſchönes Bild ſtiller Wehmuth⸗ und die aus dem prangendſten Morgenroth ſich erhebende Sonne erſchien ihr als ein Heil verkündendes Himmelszeichen. Der dumpfe Anruf aus einem fernen Sprachrohre riß ſie aus ihren Träumen. Die nachfolgende Brigantine hatte die franzöſiſchen Wimpel entfaltet; alle Anſtrengung der korſiſchen Seeleute, ſo ſehr ſie Prospers Angſt und ſeine Verſprechungen ſpornten, konnten den Lauf des Kutters nicht im nöthigen Maße beſchleunigen. Gar bald ſauste eine gebieteriſche Kugel durch ſeine Segel, die furchtſamen Schiffer legten bei, das franzöſiſche Schiff ſtieß an ſein Bord, und Maleſpina mit einer bedeuten⸗ den Zahl Bewaffneter ſprang auf das Verdeck ſeiner Priſe. Maleſpina war wenige Augenblicke nach der Abfahrt der Korſen in Marſeille angelangt; er brachte Botſchaft von Sampietro's baldiger Rückkunft und hatte Vanina's Schreiben noch im leeren Neſte vorgefunden. Sein Roß trug ihn ohne Aufenthalt nach Aix zum Präſidenten des Parlaments. Seine Darſtellung einer Verrätherei der franzöſiſchen Pläne an Genua fand Glauben, und ein ge⸗ rüſtetes Schiff ward ſogleich zu ſeiner Verfügung geſtellt. Ergebt euch! rief der Capitano, und liefert die ent⸗ laufene Frau meines Generals aus, wenn ihr nicht Alle den eigenen Maſt zu zieren Verlangen tragt. Verzeiht, —— v*—— N—— — 495 Signora, ſetzte er ſpöttelnd hinzu, als er Vanina er⸗ blickte, die erſchreckt ſich erhoben hatte und den Maſt in plötzlich erwachter Furcht umklammert hielt, verzeiht, daß ich Eure Luſtfahrt unterbreche! Aber Ihr waret mir in Unart vorangegangen, da Ihr nicht an meinen Kopf gedacht bei Eurem kecken Wageſtück. Er wollte auf ſie zuſchreiten, fand ſich aber gehindert. Der alte ſilberhaarige Joſepho hatte ſich vor die Ge⸗ bieterin in die Kniee geworfen, und bat mit ſchneidenden Tönen und um ihres ſterbenden Vaters willen um ihre Freiheit. Der wackere Andrea aber trat ihm zur Seite und rief: Bettelt nicht, Ohm! Wo kniete je ein Korſe mit der Kugelbüchſe in der Hand und das Meſſer im Gurt? Seine fünf Gefährten warfen gleichfalls ſich vor die Gebieterin, und durch ſie ermuthigt, wagte auch Ritter Prosper einen kräftigen Einſpruch. Aber dieſes ſchöne Zwiſchenſpiel unerſchrockener Treue nahm nur ein zu raſches Ende. Maleſpina's Commandowort entſchied. Eine Kugel aus ſeinem Handrohre fuhr durch den Kopf des alten Joſepho's; der Schlag eines Enterhakens warf Andrea ſinnlos gegen die Gallerie; ſämmtliche Bergkorſen fielen verwundet oder wurden entwaffnet durch die Ueber⸗ macht, und mit höhniſcher Galanterie trug der Capitano ſeine Beute auf ſein Schiff hinüber, dem Ritter Prosper, welcher der ohnmächtigen Eugenie Beiſtand leiſtete, mit höhnender Freundlichkeit eine glückliche Reiſe wünſchend. Die franzöſiſche Brigantine änderte ſogleich ihren Cours und ſteuerte mit halbgehißtem Segelwerk unter einem Hurrah der Mannſchaften nach Nordweſten zurück, nur die unglückliche Vanina mit ſich nehmend, die in einer todtesgleichen Erſtarrung der Gewaltthat weder Wehr noch Klage engegenſetzte. Maleſpina landete in 4 496 Toulon und brachte ſeine Beute nach Aix, wo er ſie dem dortigen Parlamente zur Bewahrung bis auf weitere Befehle des Königs übergab. Er ritt nach Marſeille zurück. Wie erſchrack er aber, als der erſte Bekannte, der ihm in der Stadt aufſtieß, der eben gelandete General Baſtelika ſelber war! Baſtelika's Zorn loderte furchtbar und zerſtörend auf, als der Vertraute ihm mit ſtockender Stimme das unerwartete Ereigniß kund that, und ſeine erſte Wuth würde dieſen ſelbſt vernichtet haben, hätte er nicht ſchnell den glücklichen Ausgang und die Anweſen⸗ heit der Flüchtlingin hinzugefügt. Ohne ſich einen Au⸗ genblick Raſt zu gönnen, ohne ſein Haus zu betreten, und unter dem Ausruf: Genua's Freund an meinem Herzen! Genua's Freund in meinem Bett! Wo iſt Ba⸗ ſtelika's Ehre! Frankreichs Gaſſenbuben dürfen ihn mit Koth bewerfen! beſtieg er Maleſpina's Pferd, und ſein grauſamer Sporn trieb dos blutende Thier die Straße nach Aix hinauf. Der alte, ſorgſame Präſident des Parlaments zögerte, als der wüſte Kriegsmann mit dem wuthentſtellten, dun⸗ kelrothen Geſicht vor ihn hintrat und rauh ſein Weib begehrte. Fraget ſie ſelber, Herr, donnerte Sampietro, ob ſie ſo ſittenlos geworden, ihrem Ehemann Folge zu weigern! und Vanina, vergehend vor der Stimme des beleidigten Gatten, antwortete dem warnenden, gutmů⸗ thigen Greiſe: Laſſet mich zu ihm, mein ehrwürdiger Vater! Ich bin die Seine durch Prieſterwort, und er iſt mein Schickſal! Die dunkle Glut erloſch bei dieſen Worten der milden, reſignirenden Ergebung auf Baſte⸗ lika's Antlitz, aber eine eiſige Kälte trat an ihre Stelle, die nicht weniger Gefährliches dräuete. Der General traf ſeine Anſtalten; er ſelber führte dann die Schwan⸗ 497 kende zu einer Sänfte, und ritt neben dem Maulthier⸗ treiber her, das in Angſt vergehende Weib auf dem meilenweiten Wege keiner weiteren Anfrage würdigend. Was in dieſen Stunden die Verlaſſene in ihrem engen, verſchloſſenen Behälter gelitten, vermag nur ein weib⸗ liches Herz auszumalen. Was ſtand ihr bevor? Ihre verworrene Phantaſie konnte glücklicher Weiſe das Gräß⸗ lichſte ſich nicht vorbilden, denn ſie wußte nicht, welcher Vulkan in der entmenſchten Männerbruſt ſiedet, und rückſichtlos, iſt ihm ein Ausbruch vergönnt, in Zerſtörung nur ſein Erlöſchen findet; ſie wußte nicht, daß der Mann, wenn Leidenſchaft ſich ſeiner Sinne bemächtigt hat, dem Teufel verwandt wird. Selbſt als die Sänfte vor einem Abſolution in dem Gotteshauſe zu erbitten, ahnete ſie nichts, freute ſich vielmehr der geiſtigen Stärkung, und es erwachte kein Gedanke in ihr, den Schutz der frommen Väter gegen ihren Thrannen in Anſpruch zu nehmen. Auf der Steinbank vor Baſtelika's Hauſe ſaß Pas⸗ qual, der Pförtner, und ſchaute nach den ſchweren Wol⸗ ken, welche vom Meere her gegen die Stadt herauf⸗ zogen, und ſich immer dichter und ſchwärzer aufthürmten und zuſammendrängten. Er murmelte dabei vor ſich hin: Das läßt ſich an wie ein tüchtiges Wetter in den Hunds⸗ tagen, und wir ſind doch noch ſo früh im Jahre. Nun, man hat das wohl, junge Dirnen keifen und der Mai⸗ mond blitzt zuweilen zur Veränderung; aber den Herr⸗ ſchaften auf dem Meere wird's ſo wenig angenehm ſeyn, wir mir in dem alten, leeren Steinbau. Ein Stoßge⸗ Blumenhagen. RV. 32 498 bet in Donner und Blitz ſpricht ſich noch einmal ſo gut, wenn man zu Zwei oder Drei iſt. Der Herr hätte auch etwas Beſſeres thun können, als mich hier zu einem Klausner machen. Gab's an ſeiner Seite auch manche ſchwere Stunde, langweilig war's wenigſtens nicht. Gäh⸗ nend ſtand er auf und ſchickte ſich an, in's Haus zu gehen, da ſprach ein Fremder ihn an und fragte nach der Wohnung des Generals Baſtelika. Ihr ſtoßet mit gſe daran; aber nicht ein Stück von der Herrſchaft außer mir daheim. Alles iſt auf Reiſen, und es iſt auch kein Anſchein, daß Jemand von ihnen baldigſt heim⸗ zukehren geſonnen. Der Fremde ſenkte gedankenvoll die finſteren Augen und ließ dem Pförtner Zeit, ihn forſchend zu betrachten. Der Fremde trug ein Kriegerkleid; er ſchien kaum ein Mann geworden, und doch ſprach die friſche breite Narbe, die ſich über die linke Wange zum Kinn berab⸗ zog, und die Hand, welche eingewickelt in einer leichten Schlinge hing, daß er ſchon wie ein Mann gethan. Kann ich das Haus und den Garten beſehen? Ich war vekannt mit der Herrſchaft! ſagte der Fremde wiederum aufblickend, indem er ein großes Silberſtück in Pas⸗ quals Hand gleiten ließ.— Warum nicht? antwortete freundlich der Burſche. Auch iſt mir ſelber ſo etwas in Eurem Geſicht und Weſen, was ſpricht, es wäre nicht das erſte Mal, daß wir einander gegenüber geſtanden. Tretet hinein, nur erwartet nichts Beſonderes, denn ich habe weder Raritäten, noch Alterthümer, noch Kirchen⸗ ſchätze vorzulegen, womit Kaſtellane und Sakriſtane die Beutel neugieriger Fremden leichter zu machen berufen find. Der Fremde trat ohne Antwort in's Haus und Pasgual verſchloß ſorgſam die Pforte hinter ſich. Er 499 führte dann den Fremden, der alle Gegenſtände genau zu muſtern ſchien, durch Gänge, Säle und Zimmer und bemühte ſich, da er zum erſten Male dieſes Geſchäft trieb, durch Zungenfertigkeit der Zunft der Cicerone Ehre zu machen, merkte aber bald, daß der ſeltſame Fremd⸗ ling verſchloſſene Ohren hatte und ſein Geplapper un⸗ beachtet ließ, ſo beweglich ſeine Augen auch die zer⸗ ſtörte Ordnung der Möbeln, die nachläßig offenſtehenden Schränke und leeren Spinden betrachteten. Ein kurioſer Kauz! Vielleicht durch eine Kanonenkugel taub geworden! flüſterte Pasqual heimlich. Will er nichts hören für ſeinen Silberthaler, ſpare ich die Mühe und laſſe ihn gaffen, als ſähe er Wunderbilder an den kahlen Wänden. Nur als Pasqual Vanina's Zimmer mit dem Ausruf: das Cloſet unſerer edeln Frau! öffnete, kam eine höhere Lebendigkeit in den ſtummen Fremden. Mit einem tiefen Seufzer ſetzte er ſich in den Polſterſtuhl, der mitten in dem Zimmer ſtehen geblieben; er ſtrich mit bebender Hand über eine Harfe, die im Winkel ſtand und ſeiner Frage mit einer grellen Disharmonie antwortete; er hob mehrere Reſtchen von Bändern, Federn und dergleichen Sächelchen auf, die bei dem flüchtigen Einpacken ver⸗ loren gegangen, betrachtete jedes aufmerkſam und ließ es dann wieder aus den Fingern gleiten. Zuletzt lehnte er lange am Fenſter, und ſagte dann auf einmal leiſe: In den Garten! Pasqual faßte ſich an die Stirne und murmelte mitleidig: Es mangelt ihm das Beſte! Freund⸗ lich leitete er ihn dann zurück durch das Haus und durch ein Seitenpförtchen in den Garten. Lebhafter noch als oben wurde hier des Fremden Benehmen. Er durchlief ſaſt die Gänge; er ruhte aus auf jedem Steinfitze, in jeder der noch ſchattenloſen Lauben, und zeichnete mit 500 ſeiner Degenſcheide Chiffern in den Sand; er bückte ſich an der Terraſſe und ſammelte einige Veilchen, die ver⸗ ſteckt in dem Kraute dufteten, und betrachtete dieſe wie⸗ derum lange und wie mit feuchten Augen. Die Herrin hatte ſich ſchon auf die Blümchen gefreut, als die ſchnelle Reiſe kam! ſagte Pasqual; da erklang fern der mäch⸗ tige Hammer an der Pforte wieder und wieder und immer ungeſtümer. Das iſt ein ungeduldiger Gaſt! rief der Pförtner. Herr, das Wetter iſt über uns. Schaut, wie der Sturm die Linden faßt! Es fallen ſchon große Tropfen. Tretet dort auf die Terraſſe unter den Vorbau der lkleinen Treppe; ich kehre ſogleich zurück. Nun, ſchlägſt Du die Pforte in Stücken, werde ich Dir die Tiſchlerrechnung auf den Rücken ſchreiben, Du ungeſtümer, ungezogener Klopfer, welcher zu glauben ſcheint, der Pförtner ſey ein geflügelt Thier, und der Schlüſſel ſey der ſechste Finger ſeiner Hand! Der arme, gutmüthige Burſche ahnte nicht, daß ſein Humor und ſeine unſchuldigen Scherzworte ſo ſchnell ein Ziel finden ſollten. Die Flügelpforte ſtand weit geöffnet, und mit tödt⸗ lichem Schrecken fuhr Pasqual zurück, denn Baſtelika, ſein Herr, ſchritt herein. Schlaftrunkenes Murmelthier, donnerte die bekannte Rieſenſtimme und die wilde Fauſt ſtieß des Dieners Bruſt, den Eingang verſagſt Du Dei⸗ nem Herrn, aber den Ausgang erlaubteſt Du ſeinen Feinden? Nimm den Verrätherlohn! Und blitzesſchnell ward die breite Klinge bloß und der Stahl fuhr durch den Leib des unglückſeligen Knechtes. Was thut Ihr, Sampietro! kreiſchte die zagende Va⸗ nina, welche eben aus der Sänfte hervorgetreten. Ich palte Gericht! Dieſes war nur das Vorſpiel⸗ 501 antwortete Baſtelika kalt, aber verbiſſen. Wie vermalmt ſchwankte die bleiche Frau und ein Vorgefühl ihres Ge⸗ ſchicks betäubte ſie, doch der General faßte ſie unterſtützend hart am Arm, befahl ſeinen im Schreck erſtarrten Be⸗ gleitern, Pferde und Sänfte auf den Vorplatz zu führen, und die Pforte zu ſchließen und zu bewachen. Mingo! rief er alsdann mit gebieteriſchem Winke einem der Neger, die ſich in ſeinem Gefolge befanden, und führte Vanina die breite Stiege hinauf. Sie traten in das Frauengemach, und Vanina ſank in Erſchöpfung auf den Polſterſtuhl und erhob die ſchönen Augen furchtſam zu dem Gemahl, der wie eine Rolandſäule vor ihr ſtand, und die gerötheten, glühenden Augen auf ſie heftete. Du wollteſt nach Genua, Elende? fragte er nach einer angſtvollen Pauſe.— Vanina zog mit bebender Hand der Mutter Brief aus dem Buſen und hielt das Blatt zu ihm empor. Zum ſterbenden Vater, der ſein Kind gerufen! ſtammelte ſie.— Er riß das Blatt aus ihrer Hand und warf es zur Erde. Sampietro's Weib nach Genna! Bettelnd um Gnade, um ihr Erbe! Hinwerfend für Gold ihre und ihres Mannes Ehre! Preisgebend den genueſiſchen Junkern ſchamlos mein Heiligthum! Ver⸗ rätherin am Vaterlande, an ſich ſelber, an mir! Ein Gedanke, der mein Gehirn in ſiedende Glut, mein Herz in Kohle verwandelt! raste er. Du träumſt Beleidigungen, die ſo unglaublich wie unwahr ſind, antwortete Vanina, nach Ermuthigung ringend. Heucheln und Lügen iſt des Weibes Schild, antwor⸗ tete er, wiederum verwandelt und mit eiſiger Kälte, dem Aetna gleich, auf dem ſich Schnee und Flamme ver⸗ 502 mählen. Aber die Schlange entrinnt nicht zum zweiten Male meiner ſichern Fauſt. Was ſagte ich Euch, Fräu⸗ lein von Ornano, am Abende, wo Ihr vor dem Prieſter mir Gehorſam geſchworen? Wer es auch nur eine Mi⸗ nute mit Genua hält, iſt mein Todfeind und ich lechze nach ſeinem Leben. Betet ein Ave, Vanina! denn in wenigen Sekunden ſteht Ihr vor Gott! Entſetzlich! Sampietro, Ihr könnt nicht, Ihr dürft nicht! Denkt an meinen Vater, meine Mutter, an den Himmel! Unſchuldiges Blut verliſcht nimmer an des Möͤrders Hand. Sie war vom Seſſel in die Kniee ge⸗ ſunken und umklammerte ſeine Hüften. Er winkte dem Schwarzen, und eine Seidenſchnur in der Hand näherte ſich das Geſpenſt ſcheu und langſam. Es kann Euer Ernſt nicht ſeyn! wimmerte die ge⸗ quälte Frau vom Boden zu ihm empor. Die Helden⸗ hand kann ſich nimmer mit Frauenmord beflecken. Aber Ihr ſtraft den erſten Ungehorſam, den des Vaters Be⸗ fehl entſchuldigt, ſchon ungeheuer durch dieſe Martern. Sampietro, höret auf oder ich erliege, und Ihr beweinet vergebens das Herz, welches Ihr gebrochen. Baſtelika griff ſie auf von der Erde und warf ſie roh in den Lehnſeſſel zurück. Sein drohender Wink brachte den Neger näher heran, und Vanina blickte verzweifelnd in des Schwarzen rollende, geſpenſtiſche Augen. Wäre es gebrochen, ehe es mich beſchimpft! tobte der General und ſetzte ſpöttiſch hinzu: Sampietro's Thränen gehörten zu den Wundern! Knaben weinen, nicht Män⸗ ner, und Sampietro könnte nur weinen in Wuth, wenn er zu ſchwach geworden, eine Schmach zu rächen. Weib! ſo wahr es droben donnert, ſo gewiß iſt Dein Ende! Die Unglückliche ſank erſchlafft an Leib und Seele 503 vor dieſem unmenſchlichen Hohne zuſammen, aber ihre Todesangſt riß ſie nochmals empor, und ſie ſtieß die Fauſt des Negers zurück. Und von fremder Hand läßt Baſte⸗ lika ſein Weib antaſten, ſein Weib, deren Leib niemals ein Anderer berührte? ſtieß ſie mit letzter Anſtrengung und in tiefſter Ergebung hervor. Rein bin ich von wiſ⸗ ſentlicher Sünde. Du haſt meinem Leben keine Freude gegeben. Tod iſt Erlöſung, ſo vollbringe ſelbſt Deine Unthat, wenn Du's vermagſt. Des Generals Geſicht verzerrte ſich bei dieſem Vor⸗ wurf bis zur Satanslarve: er riß ſeinem Opfer das thränenfeuchte Tuch aus den Händen, drehte es, warf es um Vanina's weißen Hals und zog mit gewaltſamer Fauſt den Knoten zuſammen. Ein furchtbarer, langer Donner krachte und erſchütterte das Haus. Baſtelika warf noch einen Blick auf ſein röchelndes Opfer, dann ſtieß er den zitternden Mingo vor ſich zur Thüre hinaus, und warf dieſe hinter ſich in das Schloß. Auf dem Vor⸗ platze angekommen, trieb ſeine heiſere, gräßlich tönende Stimme alle ſeine Begleiter zuſammt den Pferden aus der Pforte, er verſchloß ſelbſt das Haus, warf ſich auf ſein Roß, ſprengte mit eingedrückten Sporen aus der Stadt, und mit Schaudern bemerkten ſeine Diener, wie er den Schlüſſel über das Brückengeländer in das Waſſer ſchleuderte. Aber auch die Kraft des Rieſen hat ein Ziel, über welches ſie nicht hinausreicht. Wenn der Vulkan aus⸗ getobt, brechen die morſchen⸗ verbrannten Wände in ſich ſelbſt zuſammen. Wenige Meilen von Marſeille ſtürzte das Roß unter dem verwegenen Reiter, hinter dem die Furien im Sattel zu ſitzen ſchienen. Wenn auch nicht ſchwer verletzt, doch wie völlig gelähmt lag der General, 504 und mußte in einem Dorfe Halt machen. Aber auch hier beugte der Körper den Geiſt nicht. Er behielt nur den Reger bei ſich, vertraute dem Hauptmann Maleſpina die Depeſchen an den König, und befahl ihm, mit ſeiner Dienerſchaft ohne Aufſchub die Reiſe nach Paris fortzu⸗ ſetzen. Nie war ein Befehl des ſtrengen Herrn freudiger empfangen worden, denn auch den roheſten der Leute hatte ein heimliches Grauen erfaßt; ſie ahneten, was geſchehen, obgleich Keiner wagte, die Ahnung auszu⸗ ſprechen. Rur ein alter Soldat darunter ſagte leiſe beim Fortritt zu ſeinem Nachbar: Es iſt gottesläſterlich und unerhört unter Chriſten, dem armen Pasqual nicht ein⸗ mal ein Bett in geweihter Erde zu geben. Zum Henker mit ſolchem Dienſte! Ich mache mich davon in der Haupt⸗ ſtadt, denn ich mag nicht theilen, was Den erwartet. Still, Dominik! war die Antwort. Der da vorn reitet, iſt nur ein kleinerer Höllenbrand als der General, ſcheint auch der Herr ſeit ſeinem Verkehr mit dem Heiden⸗ volke ſeinen Chriſtenbund völlig abgeſchworen zu haben. Kaum eine Woche nach der Ankunft ſeiner Leute traf General Baßtelika völlig hergeſtellt und der Alte in der Königsſtadt ein, und ſein erſter Gang war zum Audienz⸗ ſaale Karls des Neunten. Der junge König ſchien ent⸗ ſetzt vor ſeinem Anblicke und erhob ſich mit Heftigkeit gegen ihn. Ihr ſeyd ein kühner Menſch, Baſtelika, ſprach er un⸗ willig, daß Ihr ungemeldet des Königs Auge mit Eurer Erſcheinung zu beleidigen wagt. Sampietro's Blick hielt ernſt und feſt den des Mo⸗ narchen aus. Was ich bringe, was ich errang, mag die Kühnheit vertreten. Barbaroſſa mit dreißig Segeln kreuzt bereits in Neapels Gewäſſern, und wird ſich vor * 505 Genua legen, ſobald ein Heer meines Königs auf Kor⸗ ſika gelandet. Wo iſt Euer Eheweib? Wo die ſchöne Korfſin? fragte ſcharf der König. Sie iſt zu Haus, wo ſie hingehört, und iſt wohl aufgehoben! antwortete Baſtelika mit finſterem Geſicht und gerunzelter Stirne. Das Parlament von Aix hat uns berichtet; einige Eurer eigenen Leute ſelber klagen Euch einer Unthat an, die wir kaum zu glauben vermögen, fuhr der König fort. Könnet Ihr Euch rechtfertigen? Sampietro warf ſtolz ſeine Blicke umher. Dort ſehe ich den Herzog von Guiſe, der in unſerer Gegenwart die Füße der Majeſtät mit Blut befleckte, ſagte er kalt. Auch hörten wir nicht, daß Villequer, Eures Bruders Liebling, eine Wohnung in der Baſtille bezogen, obgleich er ſeinem ſchwangern Weibe im Louvre ſelbſt für Un⸗ treue den Tod gab. Seit wann miſcht ſich mein König in die Kriege, welche ſeine Unterthanen im Schlafgemach führen? Und kümmert meinen König oder den Staat das gute oder ſchlimme Verhältniß des Sampietro mit ſeiner Frau? Er riß ſich ſein Bruſtwamms auf. Hieher richte ſich des Königs Auge, hieher, auf Kopf, Stirn und Wangen: dieſe Narben ſind Sampietrv's Geſchichte, wie ſie der Monarch zu leſen hat. Was ſelbſt noch übrig von ihr, hat Sampietro bei einem andern Herrn zu vertreten. Alle Hofherren wichen entſetzt zurück vor der nie ge⸗ hörten Frechheit des rauhen Kriegers. Der König ſelbſt verſtummte einige Augenblicke. Er mußte den verruchten, verklagten Ankläger ſchonen, denn die Gräuel an ſeinem Hofe hatten wahrlich alles Maß überſchritten, und in 506 ſeiner eigenen Bruſt trug er bereits jene Eniſchlüſſe, deren Ausführung noch jetzt nach faſt zwei Jahrhunderten den Geſchichtsforſcher mit Schauder erfüllt. Er ſenkte den Blick zu dem Parquet des Saales nieder und ſagte mit verhaltener Stimme: Ihr verlaſſet noch heute Paris, General, und werdet Euch unverweilt nach Grenoble vegeben, wo unſere Truppen ſich zuſammenziehen. Wa⸗ ſchet Euch rein im Blute unſerer Feinde, und iſt Korſika unſer, ſey es Euch erlaubt, Genua's Fahnen wiederum zu unſeren Füßen zu legen. Am Rande des Golfo di Valenka, an demſelben verſteckten Platze, wo wir ſchon die Einſchiffung der Flüchtlinge von Ornano anſchauten, ſaß hoch am Felſen ein junger, kräftiger Korſe, und blickte unverwandt auf das Meer hinaus, deſſen hochgehende Wogen vom Frübh⸗ licht beleuchtet worden. Fern auf der Flut ſah man eine Reihe ſtattlicher Kriegsſchiffe, einem Schwanenzuge gleich, der ſich im Sonnenlichte ſchaukelt. Aber die Auf⸗ merkſamkeit ward von ihnen ab auf eine nähere Er⸗ ſcheinung gezogen. Die Bucht füllte ſich nach und nach mit einer bedeutenden Zahl flacher Fahrzeuge, und nahe der Mündung eines Flüßchens landete eines derſelben nach dem andern, und jedes ſetzte ein Fähnlein wohl⸗ bewaffneter Krieger an das Land. Der Korſe erhob ſich mit Lebhaftigkeit, und Wohlbehagen ſprach ſich in ſeinen Mienen aus, doch ſchnell verfinſterte ſich wiederum ſein Antlitz, und ſeine dunklen Brauen zogen ſich zuſammen und ſeine Fäuſte ballten ſich. Grimm und Ueberraſchung malten ſich in ſeinen Zügen. Ein Trupp Offiziere hatte ſich von der Maſſe geſon⸗ 507 dert und trat gegen den Wald heran, indeß die aus⸗ geſchifften Soldaten ſich zu ordnen begannen. Oberſt, ſprach Sampietro Baſtelika, Ihr führt die Truppen an dieſer Küſte hinauf nach Ajaccio. Ihr habt zwanzig italiſche Meilen zu marſchiren, und könnt Abends dort ſeyn. In der Nacht legt ſich die Flotte vor die Stadt, und mit dem nächſten Morgenlichte muß ſie genommen werden. Und Ihr, mein General, wollt Euch allein und ohne Bedeckung in das Land wagen? fragte der Oberſt. Jede Bruſt in dieſen Bergen iſt mein Schild und die Landsleute ſind längſt vorbereitet auf unſere Ankunft. Sehet Ihr nicht dort oben am Fels ſchon einen ausge⸗ ſtellten Poſten dieſer Braven? Mein Weg geht ſchnell durch die Berge hinauf nach den unüberwindlichen Thä⸗ lern von Niolo. Von einer Leibwache der unerſchrocke⸗ nen Nioliner umgeben, fürchte ich ganz Genua nicht. Dort wird ſich Alles um uns ſammeln, was auf Korſika einen Bart trägt und eine Büchſe zu handhaben weiß; dort ſind wir ſicher auch bei einem Unfalle, und von dort geht's gerade auf das verhaßte Baſtia, welches jetzo ſchon zittern wird vor dem Anblicke des türkiſchen Mon⸗ des in ſeines Hafens Nähe. Sie haben den Löwen im Käfig brüllen gehört und erbebten; ſie werden vergehen, wenn ſeine Kralle frei und in Racheglut ihre Thore zermalmt. Uebernehmt die Kräfte der Soldateska nicht; Euer Marſch iſt nicht ohne Beſchwerde, denn Ihr habt zwei Ströme, den Iſtria und Celao, zu paſſiren. Im nächſten Dorfe preßt Ihr den Guiden. Wir wollen jenen Mann auf dem Felſen zu unſerm Führer nach Ornano werben; Pferde treffen wir im nächſten Orte für uns, den Capitän Maleſpina und unſere Diener. Doch als 508 der General ſich bei dieſen Worten wandte gegen den Wald, war der junge Korſe verſchwunden, und unwillig beſtieg er mit ſeiner Begleitung den Bergpfad und ver⸗ lor ſich bald im Dunkel der ſtarken, hochgewachſenen Buchsbäume. An demſelben Tage ſaß im Schloſſe auf der Höhe am Ornano im Geheimzimmer die alte Baronin mi den Blutsvettern Prosper und Luciano im ernſten Geſpräch über die Angelegenheiten des Landes und der Familie. Von Frankreich vorausgeſandte Geheimboten hatten auch in den Schlöſſern und Edelhöfen die Rachricht des beab⸗ ſichtigten Einmarſches des franzöſiſchen Heeres verbreitet, und die herviſche Edelfrau verabredete die Bewaffnung ihrer Angehörigen mit den Hausfreunden. Der ferne, dumpfe Klang des Hornes am untern Thore unterbrach die Berathung, und Luciano näherte ſich bereits der Außenthüre, um nach den Gäſten zu forſchen, welche der Hornruf angeſagt, da öffnete ſich ein verſtecktes Seiten⸗ pförtlein, das mit der Wendelſtiege zu einem Thurme in Verbindung ſtand, und mit Schreckensgeberden und unſiche⸗ ren, beſchleunigten Tritten flüchteten zwei Frauenzimmer in das Gemach herab. Es waren Eugenie und Vanina. Die Letztere warf ſich athemlos in der erſtaunten Mutter Arme, und ſchien kaum vermögend zu ſeyn, aus der keuchenden Bruſt das Angſtgeſchrei: Schutz, meine Mutter! Rettung um der Himmelskönigin willen! Der Würger naht! hervorzupreſſen.— Eilet, vor ihm die Thüren zu verſchließen, ſetzte die bebende Eugenie hinzu. Es iſt, wie ſie ſagt. Der entſetzliche Baſtelika ritt in Hof. O wer, der ihn einmal geſehen, könnte den Gräß⸗ lichen verwechſeln; eilet zum Schirm, zur Abwehr, denn er ſteigt raſchen, kecken Fußes durch die Höfe herauf. —„,„ ——„„„— ——„———„„ 509 Er wird kommen, er wird mich zum zweiten Male ermorden! kreiſchte Vanina, der Ohnmacht nahe. Die Baronin hielt ihr Kind feſt und aufrecht in den Armen. Ruhig, meine Tochter, ſagte ſie gefaßt; unter den Flügeln der Henne iſt das Küchlein ſicher. Der blut⸗ gierige Marder müßte die Mutter vor dem Kinde zer⸗ fleiſchen. Luciano trat raſch ge Len die Thüre hin. Die Ne⸗ meſis ſelbſt peit ſcht d. n Tiger heran in den Verſchluß dieſer Mauern, r 6 heftig. Nur über meinen Leich⸗ nam ſoll er zu Euch d ingen können! Aber ich meine, r wird den Ausw— nimmermehr wieder ſuchen dürfen. Luciano! Was gepit⸗ ß Du? jammerte Vani Befehlet, daß ich die Jäger zuſammenrufe! rief Pros⸗ per am Fenſter. Ruhig! gebot nochmals die beſonnene Parp iin. Wollt Ihr ſelber in der Furcht des Augenblicks verrathen, was wir ſo lange glücklich verbargen? Wer weiß im Lande, wer im Schloſſe ſelbſt von Vanina's Leben? So lange ihr Todfeind lebt, muß ſie für eine Todte gelten. Und, Luciano, auch Du ſollſt ihm nicht begegnen. Geleite die Frauen zuruͤck in das Verſteck des Thurmes, verwahret die Thüre, und verlaſſet den Ort nicht, bis ich ſelbſt Euch die Erlaubniß bringe. Ihr wollet ſelber ihm entgegentreten, Signora? fragte Prosper mit Scheu. Waget Euch nicht, Mutter! Seine Nähe iſt Tod! klagte Vanina. Bin ich nicht Herrin hier? ſprach die Baronin mit Verwunderung. Sind dieſe Mauern, dieſe Pfeiler nicht meine Schirmer? Bin ich nicht dazu ein Weib, eine ſchwerbeleidigte Mutter, und er, iſt er nicht ein Frevler, — ng q id. 510 ein Belaſteter, der an keinen Schutz des Himmels mehr glauben darf? Laßt ſehen, wer von uns der Stärkere ift. Wir wollen hören, was dieſen Verwegenen bewog⸗ den Ort wieder zu betreten, der ihm ſchrecklich ſeyn müßte, wenn ein verklagendes Gewiſſen in ſeiner ent⸗ menſchten Bruſt redet. Auf ihren Wink führte Luciano die Frauen hinweg; auch Prospers Begleitung verſchmähte die mächtige Frau, und ſchritt allein durch die Vorſäle, bis ſie auf den ver⸗ haßten Ankömmling traf. Sampietro hemmte ſtutzig ſeine ſtarken Schritte, als er die Baronin erblickte. Die hohe, dürre Geſtalt mit dem leichenblaſſen, eingefallenen Ant⸗ litze und dem ſtrengen, leuchtenden Auge darin, mit der ungebeugten, würdigen Haltung, mußte ihm im tiefen Trauer- und Wittwen⸗Anzuge als die geſpenſtiſche Ahnfrau dieſes Schloſſes erſcheinen, die ihm verderblich entgegengetreten, um Rechenſchaft für das Unheil zu fordern, das er über ihr Haus gebracht hatte. Doch ſchnell ging bei ihm der erſte Eindruck vorüber, und ſie ehrfurchtsvoll begrüßend, trat er näher zu der ſtarr Da⸗ ſtehenden und ſagte unbefangen: Ich konnte nicht vor⸗ überziehen, ohne Ornano zu betreten. Seyd mir gegrüßt, Mutter! Mutter? fragte die Baronin erregt und mit Abſcheu. Waget Ihr den Namen auszuſprechen, den Ihr in ſeinen geheimſten Heiligthümern verletzt, an dem Ihr zum Kir⸗ chenräuber geworden, und Ihr erröthet nicht?— Sam⸗ pietro änderte die Farbe und ſchien betreten. Ein hartes Geſchick drückt uns, ſagte er mit unſteten Blicken. Das Unvermeidliche muß der Menſch geduldig tragen; hat er doch keine Wehr dagegen. Der Baron iſt zu ſeinen Vätern gegangen, ehe wir die Fahne der Freiheit auf — 511 dieſe Berge zu pflanzen vermochten, und auch unſere Vanina ward uns entriſſen vor der Zeit. Der Baronin Auge faßte ihn ſcharf. Mit gehobener Stimme ſprach ſie: Der Baron, in's Unglück geriſſen, getäuſcht und feig verlaſſen durch Euch, ſtarb mit einem Fluche auf der kalten Lippe, und der Fluch galt Euch. Feig! fuhr wild Sampietro auf und faßte nach dem Schwertgriff. Und wo iſt das Grab unſerer Tochter? fuhr die Baronin furchtlos fort. Habt Ihr ſie beſtattet mit dem Ehrengepränge einer Tochter aus fürſtlichem Stamme? In welcher Kathedrale verwahrt man ihren geſchmückten Sarg? Und warum führtet Ihr die lieben Reſte unſers Kindes nicht mit Euch in die Heimath, daß wir ſie mit unſern Thräͤnen befeuchten, daß wir ſie in der Ahnen⸗ gruft neben dem Vater betten konnten, deſſen letzte Ge⸗ danken nur bei ſeinem unglücklichen Kinde verweilten? Schickt nach Marſeille, antwortete der General rauh und ſeine Befangenheit durch erzwungenen Unwillen ver⸗ larvend. Die Zeit gebot Wichtigeres als die Sorgfalt für ein Todtengepränge und Kirchenfeſte. Laßt die Tod⸗ ten ruhen, Signora! Ihnen iſt wohler als uns. Wohler als Euch gewiß, denn es gibt einen ewigen Richter, und der verbrecheriſche Menſch geht ſchon hier bebend unter den ſtrafenden Blitzen ſeines Gottes und höret in jedem Donner den zermalmenden Spruch ewiger Verwerfung. Sampietro zuckte unwillkürlich zuſammen, doch ſich ermannend, ſagte er kalt und ablenkend: Ich bin nicht gekommen, Signora, um mit Euch zu rechten, oder ein Verhör zu dulden. Das Schwert iſt aus der Scheide, der Gang mit Genua auf Tod und Leben hat begonnen. 512 Die Pflicht macht die Stunden koſtbar. Ich kam nur, zu forſchen nach der Verwaltung meines Eigenthums. Was Ihr geſammelt an Geld, was das Erbe des Ba⸗ rons an Koſtbarkeiten umfaßt, müſſen wir niederlegen auf dem Altar des Vaterlandes. Was in den Dörfern und Hütten unſerer Herrſchaft die Waffen zu tragen ver⸗ mag, werde aufgeboten, bewaffnet aus den Rüſtkammern unſeres Schloſſes. Wir werden die Vettern des Hauſes Ornano bevollmächtigen, ſich an die Spitze der Legion dieſer Thäler zu ſtellen, und ſie mit Eile nachzuführen zu dem Platze, wo wir unſere Fahne aufzupflanzen ge⸗ denken. Eine heftige Bewegung ward während der ſtolzen Rede bei der alten Edelfrau ſichtbar. Unſer Schloß? Unſere Herrſchaft? fragte ſie mit ſtolzem Hohne. Führe ich nicht Euren Namen neben dem meinigen? Trage ich nicht das Pergament bei mir, das mich zum Sohne, zum Erben des Barons gemacht? fragte er über⸗ raſcht zurück. Die weiße, dürre Hand der Baronin erhob ſich lang⸗ ſam und deutete auf ein lebensgroßes Wandbild des Schloßherrn, und Baſtelika's Blick folgte wie gezwungen der geſpenſtiſchen Bewegung. Erkühnt Ihr Euch, den da anzuſchauen, und vor ihm Eure Anſprüche zu wieder⸗ holen? ſprach ſie mit dumpfem Tone. Fürchtet Ihr nicht, daß er von der Wand herabſteige und frage: Was haſt Du gethan mit meinem größten Schatze, den ich Dir un⸗ bedacht in die glühenden Molochsarme geworſen? Ihre Stimme hob ſich allmälig bis zum grellſten, zerſchnei⸗ denden Tone. Hinaus aus den Mauern, wo ich Herrin bin und bleiben werde, ſo lange ein Blutstropfen mein ſchmerzgebrochenes Herz bewegt. Hinaus, ehe Vaterfluch — — — 513 dieſe Thürme über Dich zuſammenwirft! Ungeheuer, das Hyänenmilch geſäugt! Korſiſche Blutrache müßte meine Weiberhand mit dem Meſſer bewaffnen, aber ich über⸗ laſſe Dich einer höheren Rache, die Dich längſt gezeich⸗ net. Entmenſchter Barbar, der nur die Geſtalt des Men⸗ ſchen an ſich trägt, beflecke uns nicht länger mit Deiner verpeſteten Nähe! Brudermörder, Vatermörder, Mut⸗ termörder, Mörder Deines Weibes, hinaus, denn ich möchte zicht Zeühe ſehn des Gerichts, was nahe Deinem Scheitel ſchweben muß, wenn ein Allgerechter über den Wolken die Thaten wägt. Der rieſige Mann ſtand zum erſten Male erſchüttert, vernichtet faſt dem gewaltigen Weibe gegenüber. Es kochte in ihm, aber die Wuth konnte nicht reifen; auch die eifigſte Gewiſſenloſigkeit hält dem Strahle der Wahr⸗ heit nicht Stand. Mühſam raffte er ſeine Geiſteskraft zuſammen. Ich weiche der unſinnigen Beſchuldigung, die nur der geſchwächten Greifin zu verzeihen iſt. Wenn ich mit einem Regimente meines Königs wiederum in dieſen Höfen erſcheine, werde ich mir eine andere Auf⸗ nahme erzwingen! ſagte er verbiſſen, ging und rief mit donnernder Stimme nach den Pferden. Erſchöpft ſank die Baronin in einem Seſſel zuſammep, aber ihr leuch⸗ tendes Auge ſprach vom Siege. Wir müſſen einige Schritte zurückthun, und einen zerriſſenen Faden wiederum anknüpfen, um das Uner⸗ wartete und Ueberraſchende in den letzten Scenen auf⸗ zuklären. Sicherlich hat der Scharfſinn der ſchönen Leſerin längſt in dem Fremden, welcher an jenem Schreckenstage Blumenhagen. Rv. 33 — ——— —— ———— 514 Baſtelika's Haus in Marſeille beſuchte, den wackeren Luciano Kaſakoni erkannt. Er war es. Von der Armee des Bourbon entlaſſen, vermochte er es trotz ſeiner ein⸗ ſtigen Vorſätze nicht, Frankreich zu verlaſſen, ohne ein Abſchiedswort von der Geliebten in ſeine Oede mitzu⸗ nehmen. Seine Verzweiflung in Fontainebleau hatte ſich in eine ſtille Trauer umgewandelt; der Krieg, welcher ſonſt die Leidenſchaften weckt und aufreizt, hatte die ſeine eingeſchüchtert; das Elend und Unglück, was er geſehen⸗ hatte ihm das ſeinige erträglicher gemacht. Aber da ihm der einzige letzte Wunſch verſagt wurde, da er Va⸗ nina abgereist fand, ohne zu wiſſen wohin, verſank er in eine tiefe Troſtloſigkeit. So verließ ihn Pasqual im Garten, und er ſtieg langſam mit geſenktem Haupte die Terraſſe hinauf. Der Regenguß des ſeltenen Frühlingsgewitters vermochte ihn, unter den Vorbau der ſchmalen Stiege zu treten, die uns ſchon bekannt geworden, und die zu einem Ca⸗ vinetchen führte, welches dicht an die Zimmer der Gene⸗ ralin ſtieß. Er hörte Unruhe, wüſtes Gelärm im Hauſe; Pasqual kehrte nicht zurück. Unentſchloſſen⸗ was er zu thun habe, horchte er ſchärfer. Da ſchlugen Stimmen an ſein Ohr, welche Unheil zu verkünden ſchienen, und von Neugier gereizt ſtieg er die Treppe hinan, trat in das unverſchloſſene Cabinet, ſtand jetzt nur durch eine Tapetenwand getrennt von den Perſonen, die er zu be⸗ ſuchen gekommen, und war Ohrenzeuge der letzten Wech⸗ ſelreden Sampietro's und der unglücklichen Vanina. Er mißtraute ſeinen Sinnen. Waren es Wahnwitzige, welche dort ihren Unſinn austauſchten? Er faßte an die Thüre: ſie war verſchloſſen. Eine plötzliche kurze Stille folgte dem heftigen Wortwechſel; er meinte ein leiſes Aechzen zu hören; da packte ihn die entſetzlichſte Angſt, und mit ſtarkem Fuße trat er die Bretterthüre in Stücken. Baſtelika warf in demſelben Augenblicke die Thüre hinter ſich zu, der lange Donner krachte zugleich, Alles erſchüt⸗ ternd, und ſo konnte ſein gewaltſamer Eintritt dem Ohre des Wütherichs unbemerkt bleiben. Was mußte er erblicken! Er hatte alle Gräuel der Erde, alle möglichen Unthaten, mit welchen der Menſch den Boden, der ihn geboren, befleckt und ſchändet, in der Nähe geſehen, aber das Alles erblich vor dieſem Bilde. Das ſchönſte, reinſte Geſchöpf Gottes lag vor ihm im Todeskampfe, von der unglaublichſten Barbarei der Vernichtung geweiht. Er ftürzte hinzu; er riß mit bebenden, unſichern Händen das Tuch von ihrem Halſe; doch ohne Athemzug, ohne Herzſchlag, mit ſtarren, offe⸗ nen Augen, mit erſchlafften Gliedern lag die Geliebte einer Leiche gleich in ſeinen Armen. Auch ſein Herzſchlag ſtockte, auch ſein Athemzug ſchien zu erſöſchen, doch die Noth des Augenblicks rettete ihn vor Sinnloſigkeit, deren Annäherung er mit Entſetzen fühlte. Sollte er den Mör⸗ der zurückrufen? Vergebens blickte er nach rettenden Mit⸗ teln ſich um. Schwül und dick drückte die Luft des lang⸗ verſchloſſenen Zimmers auch auf ſeine Bruſt. Die Angſt gab ihm einen Entſchluß ein. Er ſchwang die ſchöne Leiche auf ſeine Schultern. O! er empfand ja nichts von der eben geheilten, ſchmerzenden Hand, und trug ſie hinab in den Garten. Rieder legte er ſie auf den naſ⸗ ſen Raſen der Terraſſe; er riß Gürtel, Armband, die Spangen des Mieders von ihr; der kalte Regen plät⸗ ſcherte nieder auf das Marmorgeſicht und die Schnee⸗ bruſt, die drängende Zeit litt ja keine Schonung. Er warf ſich zu ihr, küßte ihre kalten Lippen und hauchte — 516 der Erblichenen ſeinen heißen Athem ein. Umſonſt ſchien Alles! Schon ſuchte ſeine Hand nach dem Dolche im Gurt, um ihr Blut fließen zu machen, da war es ihm, als begegne ein lauer Luftſtrom ſeinem Munde, da ent⸗ ſtieg ein Seufzer der Bruſt Vanina's, die niedergeſun⸗ kenen Augenlider zuckten. Er erhob ſich auf die Kniee, ſtreckte die gefalteten Hände zu den dem dunkeln Wolken⸗ himmel empor, und wenige ſolcher feurigen Dankgebete mag der Himmel gehört haben⸗ wie das war, was ſei⸗ nen zitternden Lippen entſtrömte. Vanina erwachte. Wie im Schmerz zog ſie die Glie⸗ der und dic zarte Hand faßte nach dem Halſe. Dann öffnete ſie die Augen, ſetzte ſich aufrecht und blickte ver⸗ wundert auf den Betenden. Welch' ſchwerer Traum war das! ſtammelte ſie. Wie vin ich ſo kalt und feucht? Wie kam ich hieher? Und Du, Luciano, zugegen? Verwirtt ſuchte ſie umher und zog ihr Gewand zuſammen. Du biſt gerettet! Mir gerettet, Vanina! Ein Engel führte mich hieher, damit der ungeheuerſte Frevel nicht vollendet werde! jauchzte Kaſakoni, indem er ſie vom Boden erhob und in ſeine Arme zog. Ach! ſtöhnte ſie und blickte furchtvoll um ſich. Ich entſinne mich! Wo iſt Er? Er wird kehren augenblicks und ver ſchwarze Höllenſohn mit ihm. Luciano, rette mich! Laß mich fliehen, halte mich nicht. O dieſe Stunde iſt fürchterlich. Fürchte nichts, Vanina! Bei Dir iſt Luciano und ſein Schwert! rief der junge Ritter. Auch Dich wird er morden! Was kann der Eine gegen den Gewaltigen und die Hölle? ſtöhnte ſie und ſchien in neuer Ohnmacht ſeinen Armen entgleiten zu wollen. Raſch 517 mußte er handeln und er beſann ſich nicht lange. Auf demſelben Wege trug er die ſchöne, liebe Laſt zurück und legte ſie im Cabinet nieder auf das Polſterbett; vorſichtig trat er dann in das Zimmer, in das Haus, und fand zu ſeinem Erſtaunen Alles leer, Alles öde und verlaſſen, und mit ſteigender Hoffnung, mit Vertrauen auf den Himmel ſtieg er in das Unterhaus hinab. Pasquals blutiger Leichnam machte ihn ſtutzen, doch nur einen Augenblick, denn es galt ja weit Höheres. Er fand ge⸗ öffnete Zimmer, er fand Wein, Früchte, Kleidungsſtücke des Pförtners. Beladen damit kehrte er zu Vanina zu⸗ rück, die er ſitzend, in gedankenloſes Hinſtarren verſenkt, wieder traf. Beruhigt durch ſein tröſtendes Zureden, erquickt, geſtärkt durch den Trank, mehr durch die Ver⸗ ſicherung von Sampietro's Entfernung, erholte ſich all⸗ mälig die gequälte Frau und ihr Geiſt erhob ſich im Be⸗ wußtſein, eine treue, liebende Seele, einen Blutsfreund neben ſich als Schutzgeiſt zu wiſſen. Die Pforte iſt ver⸗ ſchloſſen, ſprach Luciano, aber ich werde lärmen, daß die ganze Stadt erwacht, den Mörder zu fangen, zu binden und zu richten. Nein, nein! verſetzte Vanina und faßte ſeine Hände feſt. Er würde vor uns treten und ich würde vergehen bei ſeinem Anblicke. 3 Der König wird Dich ſchützen, Dich rächen. Er iſt ja da, um die Unſchuld zu ſchirmen, um den Todſünder zum Henkerblock ſchleifen zu laſſen. O! Du kennſt dieſes Land nicht. So wird ihn meine Klinge ſuchen, zur Rechenſchaft fordern, und nicht ruhen, bis er oder ich im Sande liegt. Du? fragte ſie mit Innigkeit. Und wer beſchirmte dann die wiederum Verlaſſene? Nein, nein, laß mich 518 geſtorben ſeyn, führe mich zur Mutter, das iſt Er⸗ löſung, und Vanina's ganzes Leben wird ein Dank werden, ihrem Jugendfreunde, ihrem Bruder, ihrem Erretter, ihrem Engel ausgeſprochen in Wort und Thun, in Allem, was Vanina noch Leben nennen darf und kann. Er beſänftigte ſich vor der lieben, ſüßklingenden Bitte, und traulich beredeten ſie, was geſchehen ſollte, freilich oft geſtört durch die Sorge, die jedes Geräuſch auf der Straße in ihnen erregte. So kam die Nacht, die längſt erwünſchte. Indeß Luciano die Läden prüfte, welche die Fenſter nach der Straßenſeite verſchloßen, indeß er her⸗ beitrug und ſammelte im Hauſc, was ihnen auf der Flucht nützlich ſeyn mochte, hatte Vanina ihre feuchten Kleider mit einem Anzuge des armen Pasquals ver⸗ tauſcht, und überraſcht ſah ſie Luciano als lieblichen Knaben vor ſich ſtehen. Sie verſicherte, ſich ſtark genug zur Flucht zu fühlen; um Mitternacht öffnete Luciano den Fenſterladen, half ſorgſam der Geliebten hinab, Straße und Markt lagen ſtill im Sternenlichte da, kein Lämpchen ſchimmerte in den Häuſern, glücklich gelangten ſie zu des Ritters Herberge, und ein feſter, tiefer Schlum⸗ mer erquickte die Unglückliche. Doch ſchon vor Tage riß ein böſer Traum die Mär⸗ terin männlicher Tyrannei wiederum aus dem balſami⸗ ſchen Schlummer, dem Arzte wunder Seelen, und mit ihr war auch die Todesfurcht wiederum erwacht, und ſie trieb mit der kindlichſten Bitte, mit der ergreifendſten Beſchwörung ihren Wächter zur Reiſe. Kaſakoni beſchloß klüglich, die nächſte Küſte und die bedeutenden Häfen zu vermeiden, um jeder möglichen Nachforſchung zu ent⸗ gehen, und ſelbſt dem Zufall, der ſo oft böſen Geiſtern dienſthar ſcheint, keine Gelegenheit darzubieten. Kein —— 5¹9 Hinderniß ſtellte ſich ihrer Flucht entgegen, fanden ſie auch das Land von olk durchzogen. Sie machten eine Bogenfahrt landeinwärts, mieden die Städte, und Luciano's Briefſchaften thaten jeder Anfrage Genüge. Die reizenden Ufer der Dürance, die milde Luft des Frühlings wirkten wohlthätig auf Vanina's Gemüth. Das friſche knoſpende Laub der Holzungen, die mit Blü⸗ thenſchnee übergoſſenen Fruchtbäume, die duftigen Anger weckten ihre Lebensluſt und vertrieben ihre ſchwarzen Traumbilder. So kamen ſie auf die Rhede von Monaco und trafen dort glücklich eine korſiſche Galiote, welche zur Abfahrt bereit war. Als ſie an der herrlichen Küſte ſtanden und das Zeichen zur Einſchiffung erwarteten, ſtreckte Vanina in tiefer Rührung die Arme gegen das blaue, ſanftwogende Meer hinaus. Dort, wo die Nebel ziehen, liegt das Rettungseiland, Luciano, ſprach ſie bewegt, und Du biſt es, welcher mich hinüber führt. Ein Glücklicher! ſagte er mit Innigkeit. Glücklich wie Perſeus, als er den Drachen beſiegt und die Ketten ſeiner Andromeda gebrochen. Er hatte auf der ganzen Reiſe niemals von ſich geſprochen. Jetzt überraſchte ihn das Gefühl und er fragte mit einem Feuerblick auf ſie: Aber dort, Vanina? Dort? fragte ſie nach. Dort wird mich die Mutter umhalſen, dort wird mich der Vater ſegnen; ſie werden mich nicht wieder zwingen mit unwiderſtehlichem Eltern⸗ wort, das jedem guten Kinde wie Gotteswort erklingt, in die grauſe Fremde zu ziehen an fremder Hand. O Luciano, es iſt hart und gefährlich, das verwöhnte Kind einem Unbekannten zu vertrauen auf immer! Eltern ſoll⸗ ten das nicht ſo leicht thun, ſo raſch, ſo ungeprüft. ie 520 hängen Seligkeiten, irdiſche, himmliſche, an der feinen Schnur, welche der Prieſter um die Hände ſchlingt, aber auch die unheimlichen Gewalten, Verderben, Hölle, ewige, können bei dem Schürzen des Knotens ihr Spiel treiben. Man ſollte nur die Natur fragen, denn die Natur iſt die Sprache der Gottheit, wodurch ſie zu dem Menſchen ſpricht. Die Eltern meinten es gut, Luciano, und doch wurden ſie ſo arg, ſo grenzenlos betrogen! Was dort? frägſt Du, mein Freund? ſetzte ſie nach einem tiefen Athemzuge hinzu. Dort werden wir wieder anknüpfen das zerriſſene Band unſerer Kindheit. Die ſtillen, hei⸗ mathlichen Freuden werden kehren und vergeſſen machen, was dazwiſchen lag, und Du wirſt Dich freuen, wenn der Schweſter Leben wieder aufblüht. Wirſt Du nicht mein Bruder? Sie hatte ihm die kleine Hand gereicht: er preßte ſie feſt, aber ſein Auge ſuchte verfinſtert den Boden. Du biſt frei, keine Kette laſtet mehr auf Dir; Sam⸗ pietro's Unthat hat ihm ſelbſt jedes Recht genommen. Du biſt todt für ihn, todt willſt Du bleiben für die Welt. Aber was wirſt Du mir ſeyn? fragte er ſcheu und geſpannt. Sie ſchmiegte ſich ſanft an ſeine Schultern. Ich bin Dir einen Dank ſchuldig, ſagte ſie mit Herzlich⸗ keit, wie ihn kaum größer ein Menſch dem andern ſchulden kann. Mein Leben iſt Dein, ſo weit ich dar⸗ über gebieten mag; Du haſt mich dem grauſen Tode aus den Armen geriſſen, deſſen Wehe ich ſchon gefühlt in allen Qualen, dem ich ſchon erlegen. Es wäre ge⸗ fühllos, Dir den Dank dafür vorzuenthalten. Ja, Lu⸗ ciano, ich liebte Dich, ſo lange ich zu denken, zu em⸗ pfinden begann, aber ich wußte es nicht. Die Liebe war mit uns aufgewachſen, ſie gehörte zu unſerer Natur, darum fragten und forſchten wir nicht. Jener unglück⸗ liche Zufall machte mit ſeiner Fackel die Augen hell, hell bis zum Blenden, zum Verblenden. Von da an wußte ich, daß ich Dich liebte, aber dieſe Liebe war jetzt eine Sünde geworden, und ich habe in manchem heißen Ge⸗ bete der Himmelskönigin Verzeihung abgerungen dieſer Sünde wegen, von der ich nur ſchwer und mühſam meine Gedanken zu reinigen vermochte. Sieh', Luciano, daß ich Dir's ausſpreche, das nimm zum Danke. Sollte er Dir zu wenig dünken? Vanina hat nur Dich geliebt, ſie wird Dich lieben, ſo lange noch eine Empfindung in ihr wach iſt, ſie wird es Dir oft ſagen, denn des Gat⸗ ten Unthat hat ihre Zunge frei gemacht. Mehreres Dir geben zum Lohne kann nur der Himmel. Kaſakoni's Augen glühten ſie an. Du ſelbſt ſchenkſt den Himmel! rief er aus. Aber warum nenneſt Du ihn noch Deinen Gatten? Dieſer Mörder und Mordgeſell Vanina's Gatte? Umarmen die Engel auch Teufel? Er wird mich nie wiederſehen. Rie darf er mich be⸗ rühren, nie die Luft will ich einathmen, die ſein Mund verhaucht; Peſtgift würde mich tödten, ftände er mir nahe! ſtieß Vanina mit Abſcheu hervor. Erſt nach Ornano oder Genua, Mutter und Vater zu ſuchen! ſprach Luciano haſtig. Dann geleitet Dich der Freund nach Rom; der Spruch des heiligen Vaters muß Dich ſcheiden von dem Böſewicht, deſſen Namen zu tragen die reine, fromme Vanina mit Schimpf und Schande belaſtet. Nichts darf mehr gemein ſehn zwi⸗ ſchen ihm und Dir, und dann— Vanina drückte leicht die Hand auf ſeinen Mund. Was Gott gebunden, kann Gott nur löſen! ſagie ſie mit zum Himmel gehobenen Augen. O mein Bruder, laß uns dankbar und beſcheiden empfangen, was die Gunſt der Heiligen uns gewährte. Verwegene Wünſche fordern das Schickſal heraus.— Die Glocke vom Schiffe rief; der betroffene Ritter geleitete ſie hinüber. Mit einem Gefühl, aus Entzücken und Andacht gemiſcht, landeten ſie an der heimiſchen Küſte, die nur der entartete Korſe vergißt. Als ein Leibbube betrat Vanina mit dem vor⸗ ſichtigen Freunde im Abenddunkel das Schloß am Or⸗ nano, und im bewahrten Geheimzimmer erſt ſank die Tochter an das Herz der frohlockenden Mutter. Aber auch dieſe hatte ihren Wermuth. Der alte Baron ruhte ſchon eine Woche lang in der Vätergruft. Der Rath von Genua haite dem leidenden Greiſe gnädigſt erlaubt⸗ in der Heimath zu ſterben. Es folgten Schmerzenstage, denn auch das unver⸗ meidliche, das längſt vorhergeſehene Leid hat nicht we⸗ niger ſcharfe Dolche. Luciano verließ die Trauernde keine Stunde. Du wirſt mir Vater ſeyn, Freund und Bruder! ſagte ſie jeden Tag. Die Verſchweigung ihrer Anweſenheit, ihres Lebens, ſchien Allen für's Erſte gerathen, bis man veſtimmtere Nachrichten über den Verfolger eingezogen. Luciano entdeckte ſich der Mutter: auch ſie, empört, zerriſſen im tiefſten Gemüth durch die Schilderung der Mißhandlung, die der General gewagt⸗ drängte die Tochter zu einer Reiſe nach Rom. Würde Euch, meine geliebte Mutter, der Gedanke jemals erträglich werden können, die Frau zweier leben⸗ den Männer zu ſeyn? fragte Vanina, und die Baronin ſchwieg und ehrte das Zartgefühl und die unbefleckte Weiblichkeit der Tochter. — 4— Wie in einem Kreislaufe führt uns das Geſchick noch⸗ mals zu jener elenden Hütte in den Wäldern von Cevako zurück, wo die Erzählung dieſer Begebenheiten ihren An⸗ fang nahm. Das kvloſſale, grobgeſchnitzte, grellbemalte Kruzifix ſchaut noch wie damals von der Wand über den Kamin herab. Die greiſe Großmutter bewacht mit gerötheten Augen den Keſſel auf dem Herde, worin die Eier zum Abendeſſen ſieden, und neben ihr kauert ihre Schwiegertochter Marta am Feuer, nicht um Kaſtanien zu braten, ſondern mit einem weniger häuslichen Werke beſchäftigt: ſie— gießt Kugeln. Und mitten im engen Raume ſitzt der bärtige Bergkorſe Adamo Vitelli, vor ihm liegt ein Dutzend der trefflichſten Büchſen nebſt einem Häuflein blanker Meſſer, und er ordnet und ſäubert bald an dieſem, bald ſtreicht er die Läufe der Gewehre mit Blut an, aus einer Schüſſel, die neben ihm auf der Erde ſteht. Beim heiligen Bonifacio, es gibt etwas Neues auf dem Waſſer, murmelte der braune Mann in ſeinen Bart hinein; der Andrea müßte ſonſt längſt zurück ſeyn. Es find an dreißig Landesmeilen bis zur Küſte, ant⸗ wortete die Frau, indem ſie die blanken Bleiballen ohne Unterbrechung aus der Form in ein Käſichen rollen ließ. Du kennſt den Burſchen, wie er eifrig iſt, wenn ihm ein Geſchäft obliegt. Die vorletzte Nacht hat er durch⸗ wandert, die letzte wird er auch wenig an den Schlaf gedacht haben, um frühzeitig am Strande zu forſchen, und heute wird er's vielleicht nachholen in irgend einer ſchattigen Schlucht. Der Korſe hat keinen Schlaf, wenn dergleichen im Werk iſt, brummte Adamo. Kämen ſie heute herange⸗ ſchwommen, wär's wie abgepaßt. Alles iſt fertig, ge⸗ 524 ſchliffen der Stahl, in Ordnung die Gewehre, die uns der liſtige Spürhund mitgebracht; ein Stoß in's Mu⸗ ſchelhorn und die Nachbarn aus den Felſendörfern ſind hier. Wenn die Freunde vom Feſten nur nicht wieder zaudern und ſo lange an ihrer ſteifen Soldateska ſtrei⸗ cheln und ausputzen, bis die neu aufgeregte Flamme verlodert und der friſche Brand zur Kohle wird. Gut Werk muß raſch gethan ſeyn! iſt des Korſen Sprüchwort. Horch! es regt ſich draußen! Hufſchlag tönt auf dem Waldwege! rief die Frau, und kaum hatte ſie ausge⸗ redet, ſo ſchnob es dicht am Hauſe, die Thüre flog auf, und Andrea trat ein. Des Burſchen Geſicht war ſchweiß⸗ vedeckt, ſeine Wangen brannten, ſeine Augen glühten, ſein ſchwarzes Haar flatterte ohne Bedeckung um den Nacken und die nackte Bruſt, die ſich ſchwer zu heben ſchien. Er ſtürzte zum Tiſche, faßte eine Büchſe und den Ladſtock, griff in das Pulver, haſchte vom Boden zwei blanke Kugeln auf und lud das Gewehr mit Hef⸗ tigkeit, ehe die volle, athemloſe Bruſt ihm erlaubte, ein Wort zur Erklärung auszuſtoßen.— Adamo war aufge⸗ ſprungen und faßte ihn am Arme. Sind ſie da? rief er mit einer Jubelſtimme. Sind ſie gelandet?— Ja, ſie ſind da, rief Andrea zurück und ſeine weißen Zähne ſchlugen knirſchend aufeinander, als wäre er ein hungri⸗ ges Raubthier. Beide ſind da, der es gethan und der es befohlen; Beide treibt die Vergeltung uns zugleich in den Schuß. Wer? welche Beide? fragte ſtutzend der Vater. Nehmt die Büchſe, Vater! Ladet zwei Kugeln in jeden Lauf! Hinaus zur Vendetta in's Holz! verſetzte der junge Burſche, ohne ſich ſtören zu laſſen, und den Ladeſtock wie mit Luſt wiederholt in den Lauf ſtoßend. 6— Vendetta! Blutrache! Am Franzoſenvolk, an den Freunden und Befreiern? Sie ſind dabei, ſind voran! ſprach Andrea fort. Sie waren im Schloſſe; mein Auge folgte dem Fluge der Geier von Baum zu Baum. Der Vetter in Orbolakoni borgte mir ſein Maulthier, um ihnen nachzukommen. Jetzt reiten ſie durch den Wald heran. Es iſt der Ca⸗ pitano, der Mörder des Ohms, und der wilde Sam⸗ pietro mit ihm. Auf, Vater, zu doppelter Vendetta! Des alten Korſen Antlitz verfinſterte ſich. Gerade jetzt? Warum jetzt? murmelte er gedankenvoll. Die Kugeln da waren nur für Genueſer gegoſſen. Und die da kamen, haben ihre Klingen für denſelben Feind ge⸗ ſchliffen. Marta ſprang vom Herde her. Du zauderſt, Menſch, wenn der brave Burſche Dich zur Pflicht mahnt? ſagte ſie heftig. Iſt das Blut des guten Bruders ſchon ge⸗ rächt? Muß er nicht ſitzen in jeder Mitternacht auf ſei⸗ nem Grabe und klagen über ſeine feigen, ſaumſeligen Blutsfreunde? Iſt im Stamme der Vitelli's und der Lecca's je ein Mord ungeſühnt geblieben bis heute? Und Du haſt Deinen Bart gekämmt und geſchnitten, haſt das Feuer nicht einmal löſchen laſſen auf Deinem Herde, wie Deine Väter es gehalten? Hättet Ihr den Mörder nicht längſt ſuchen müſſen, und wär's am Ende der Welt? Adamo ſtieß ſie barſch zur Seite und lud ſein Ge⸗ wehr mit Ingrimm. Aber der General, ſprach er wie zu ſich ſelbſt, iſt eine brave Fauſt und ein eiſernes Herz, ſagen die Leute, und verſteht das Handwerk. Die Inſel könnte ihn gebrauchen. Und was ſagen die Leute mehr? entgegnete zornig der Sohn. Daß er das ſchöne Fräulein erwürgt mit Hülfe ſeiner ſchwarzen Heidenſclaven. In den Brunnen ſeines Hauſes zu Marſeille ſoll er ſie geftürzt haben, oder, wie Andere ſprechen, gar den ſchönen Leib zer⸗ ſchnitten und ſeinen ſchwarzen, ungläubigen Hunden zur Koſt vorgeſetzt haben, denn man fand die Leiche nirgends im Hauſe. Ruft das nicht auch zur Vendetta? Sind wir nicht Gehörige nach Ornano, hat uns die Herrſchaft nicht immer Liebes gethan? O! Ihr hättet ſehen ſollen gleich mir, wie rauh und hart er mit der ſchönen Herrin um⸗ ging: es müßte Euch eine Luſt ſeyn, den Hahn abzu⸗ drücken! Und der Baron iſt todt, die Baronin iſt alt und ſchwach und ein Weib, und die Ermordete hat keine Brüder. Aber wir ſind da, und ſchöße der Wütherich mich nieder, wenn meine Kugel ihn gefehlt, verdammt ſey mein Mund, wenn er nur einen Weheſchrei hören ließe im Sterben um das liebe Fräulein. Adamo nahm raſch die Büchſe, küßte das Heiligen⸗ bild, welches an ſeinem Halſe hing und verließ mit Verderben dräuenden Blicken die Hütte; mit freudigen Mienen folgte der Sohn. Wo gehen die Männer hin? fragte die taube Alte am Herde, und Marta ſchrie ihr den Namen Joſepho in's Ohr und machte ihr mehrere verſtändliche Zeichen. Die Alte nickte befriedigt mit dem Kopfe und ſtarrte nach der Thüre. Eine lange Pauſe trat ein, dann fielen im fernen Walde zwei Schüſſe kurz nacheinander. Sogleich warf ſich Marta unter dem Kruziſix in die Kniee und betete laut, und auch die Greiſin faltete die dürren Hände, doch ohne die Thüre aus den Augen zu laſſen. Ihr Ge⸗ bet war ein zwiefaches, von ſeltener Miſchung, durch die eigenthümlichſte Volksſitte möglich, wenn auch nicht ent⸗ ſchuldigt. Die Frauen beteten zugleich für das glückliche Gelingen des bli iti Werkes der Männer und für ein leichtes, gnädiges G S der Befeindeten. Ihre Ungewißheit dauerte nicht lange. Heftige Stim⸗ men wurden im Sti laut; man näherte ſich der Hütte. Marta öffnete mit ſorgenvoller Stirne. Die Diener des Generals ſchleppten zwei blutige Opfer heran, durch⸗ einander rufend nach Binden, Waſſer, Hülfe, und fluchend über die Meuchler. Capitän Maleſpina war todt, die ſichere Kugel hatte ſein Herz durchbohrt. Zwei Kugeln hatten Baſtelika's Bruſt getroffen, ſein gelber Reiter⸗ koller war vom hellen Blute begoſſen, der jähe Sturz vom Roſſe hatte ihn der Sinne beraubt, aber er lebte noch. Als man ihn in der engen Hütte auf die Stroh⸗ matte vor dem Herde zu den Füßen der greiſen Groß⸗ mutter niedergelegt und ſein verzerrtes Angeſicht mit friſchem Quellwaſſer benetzt ſchlug er die wilden Augen auf. Sie fielen hinauf zu dem koloſſalen Gottes⸗ bilde, und er hob den Arm hinan mit wehrender Ge⸗ berde und ſeine Glieder zuckten wie im Entſetzen. Da ſenkte die Greiſin vom Herde ihr Mumienhaupt zu ihm und ſtreckte beide Hände über ihn aus unter einem grelleth höhnenden Gelächter. Liegſt Du jetzt auch, Aechter? kreiſchte ſie. So lag Paolo damals an meinem Herzen, blutig wie Du, und Du wendeteſt Deinen Fuß und ban⸗ deſt die Wunde nicht, die Du geſchlagen. Erkennſt Du das Gottesgericht, Du Kain, Brudermörder! Verflucht ſey die Hand, welche Deine Wunden bindet! Den Becher, den ein Diener dem General zum Munde zu führen im Begriff ſtand, ſchlug ſie aus der hülfreichen Hand, daß der Inhalt ziſchend das Feuer übergoß und dicker Qualm ſie und den Blutenden zu ihren Füßen umwölkte. Es war ein grauſes Gemälde. Baſtelika krümmte ſich auf der Matte wie ein angeſchoſſener Eber, und verſuchte mit wuthglühenden Blicken ſich emporzurichten, aber die Schwäche zog ihn zurück. Blutiger Schaum färbte ſeinen Mund vei jedem ſeiner kurzen, aber ſchnellen Athem⸗ züge. Schafft ſie weg! röchelte er in Abſätzen. Hier das dem Grabe entſteigende Geſpenſt! Dort oben den Paolo, der mich zu würgen beginnt! Fort! tragt mich in's Schloß! Soll ich euch zermalmen, ihr Hunde? In mein Schloß ſollt ihr mich tragen! Seine Stimme ſtieg zu ſolch fürchterlichen Tönen, daß die erſchrockenen Diener ohne Widerwort ihn aufhoben und durch den Wald weiterſchleppten. Das ganze Schloß am Ornano kam in Aufruhr, als durch die Höfe die Nachricht zu den Gebäuden hinauf⸗ lief: der General ſey todtwund hereingebracht und liege unten im Gaftflügel unter den Händen des Wundarztes. Die alte Baronin ſandte den Ritter Prosper hinunter, Kunde einzuholen und das Nöthige zu verfügen. Nicht ohne Grauen näherte ſich der Ritter dem Bett, auf welchem der ſchreckliche Kriegsheld, deſſen blutige Rieſengeſtalt noch im Sterben furchterregend blieb, nie⸗ dergelegt worden. Sampietro's Augen richteten ſich ſo⸗ gleich ſtarr auf den Eintretenden. Wie iſt's mit ihm? fragte Prosper ſcheu. Der Wundarzt zuckte unmerklich die Achſel. Seht nur her, Junkerchen, entgegnete Sampietro mit hämiſcher Miene, iſt's auch das erſte Mal, daß Ihr Heldenblut zu ſehen bekommt. Der Baßtelika liegt macht⸗ los da, der Schatten eines Mannes, und Genua ſteht noch! Verdammter Meuchler, den die Krämerſeelen be⸗ ſoldeten! Aber Baſtelika ſtirbt nicht ſo leicht; er hat mehr Blut wie das ſchwarze Wild der Wälder. Er wird er⸗ ſtehen, und dann Wehe über Sodom und Gomorra. 529 Iſt Hülfe möglich, Hoffnung da? fragie Prosper den Wundarzt leiſer. Keine von Menſchenhand und durch Menſchenwiſſen, antwortete der Gefragte. Sterben? ſtöhnte der General. Der Tölpel ſchmei⸗ chelt meinen Erben, ehe ſie Trauer tragen. Ich werde den Prieſter rufen! verſetzte mitleidig der Ritter. Wer gebietet hier außer mir? röchelte der Blutige und krallte die Fauſt zuſammen. O könnte ich würgen euch Alle, ihr feigen, verhaßten Söldlinge und Sklaven Genua's, würgen die Mutter gleich der verrätheriſchen Tochter! Da kam ein heißer Unwille in des Ritters Gemüth. Lebhaft drehte er ſich gegen das Bett und ſagte mit Härte: Würger, Deine Fauſt wird nicht mehr morden. Rühmſt Du Dich, ſtatt den Himmel um Gnade zu flehen, Deiner Unthaten, ſo höre: Vanina lebt! lebt oben im Schooße der Mutter! Dieſer Gräuel ruht nicht auf Dei⸗ nem Scheitel, wenn die zürnende Gerechtigkeit droben nicht auch Gedanken und Vorſätze beſtraft. Baßtelika's Angeſicht verzerrte ſich bis zum Gräßlichen, ſein Leib bäumte ſich auf, er ſtöhnte: Hölle, lügneriſcher Teufel! Mit der Fauſt ſchlug er nach dem Ritter, wälzte ſich gegen ihn hin und ſtürzte vom Ruhebett zum Boden hinab. Man ſprang hinzu, aber ein Blutſtrom aus dem frechen Munde überſchwemmte den Eſtrich; der General athmete nicht mehr. Als Amondaſchi die Nachricht hinauf zu ve ängſtlich harrenden Verwandten brachte, warf ſich Vanina laut aufſchreiend an die Bruſt der Mutter, und barg ihr Geſicht an ihrem Halſe. Dann reichte ſie die Hand dem Blumenhagen. XV. 34 nahgetretenen Luciano. Vergib uns die Schuld, o Herr, wie wir vergeben den uns Verſchuldeten, und— richte ſie gnädig! ſagte ſie mit gehobenen Blicken. Der Himmel hat uns losgeſprochen, Luciano, ſetzte ſie mild hinzu; ich gehöre jetzt nur meinem Retter! Kaſakoni umſchlang ſie verſtummend vor ſeinem unerwarteten Glücke, aber ihr Glück blieb ein ſtilles und verſchwiegenes, wie es von früh an geweſen, und die Welt vernahm nichts davon. In den Bergen aber von Cevako lebt die Geſchichte der ſchönen Vanina noch im Volksmunde, und der Korſe ſchreckt und bedräuet ſein ungehorſames, widerſpenſtiges Weib noch jetzt mit Baſtelika's furchtbarem Schatten. —