S — —— —— — Leihbiblivthe et deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmanu in Gießen, Schloßgaſſe kit. A. Nr. 256. cLeih- und Leſebedingungen 1. Oflensein der zwlothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine vem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 4 Bücher: 6 zücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— bf M 5 P Pf. 2 W.— Pf. 3— 1 7 5. Auswärtige Abonnenten für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Beiliger Vebe Triumph. Eine hiſtoriſche Novelle. „ Blumenhagen. RlV. 1 5 — —— Ein Erkerzimmer im Hauſe des reichen Fulberts, des geachteten Kanonikus von Paris, umſchloß eine ernſte Geſellſchaft, die aus drei Männern beſtand, deren Na⸗ men die Weltgeſchichte ſämmtlich würdig gefunden, der Nachwelt genannt zu werden, wenn auch jedweden aus gar beſondern Motiven: den wegen ernſter und wahr⸗ haft chriſtlicher Religioſität, den wegen der unbeſtechlichen harten Wahrheit, mit welcher ſein ſcharfer Griffel die Hiſtorie ſeiner Zeitgenoſſen niederſchrieb, und den dritten wegen der roſigen und grauſenvollen Schickſale ſeiner Liebe, die geraubte Seligkeiten mit langer Tantalus⸗ marter büßen ließ, welche ihn jedoch berühmter machte als ſeine beiden Freunde und Schüler in ihrer reinen Hoheit. Das enge, aber recht ſonnenhelle Zimmer, ge⸗ füllt mit den Waffen geiſtiger Kämpfer: einer reichen Bibliothek, Folianten am Boden, mathematiſche Werk⸗ zeuge und Scripturen auf den Tiſchen und in den Fen⸗ ſterbrüſtungen, zeigte den Ernſt der Gelahrtheit; aber gemiſcht zwiſchen dem trockenen, kalten Schimuck fand das Auge Manches, was die Individualität und das geheimere Seelenleben des Beſitzers ausſprach in feinen Ziffern, die damals noch er allein zu leſen verſtand, damals noch kein Verrath befleckt hatte: ſo hing an der ſchmalen Wand zwiſchen den Fenſtern ein ſchönes Gemälde des heiligen Antonius, aber auf demſelben Nagel, der den Heiligen trug, ſchwebte das Segment eines abwelkenden 4 Kranzes von blauen Cyanen, und wer die Reliquie näher zu betrachten gewagt, würde zwei lange ſeidene Haar⸗ fäden von dunkelſter Färbung entdeckt haben können, die der rauhe Stengelkranz wie ein heimlicher Dieb feſtge⸗ halten, als er den ſchönſten Platz verlaſſen, den je eine Blume geziert. So ſah man auf dem Marmortiſchlein unter dem Bilde ein Kruzifir von Ebenholz und Silber, doch dicht davor ſtand die liebliche kleine Marmorgruppe Hymen und Amor, kämpfend um die lodernde Fackel, welche einem von ihnen entfallen am Boden liegt⸗ und dicht neben der Gruppe, gleichſam als Allegorie, duftete in einer bauchigten Kriſtallphiole eine halbaufgeblühte Centifolie von der herrlichſten Gattung⸗ wie ſie nur in den ſchönſten Gärten der Provenge zu finden, und ein Orangenzweig mit ſeinen Silberflocken friſch im friſchen Quellwaſſer, wie eben gebrochen und eben als redender Selam geſendet zu Wohl, Qual und Entzücken zweier Herzen. 4 Die drei Männer waren Meiſter Pierre Abelard, da⸗ mals einer der berühmteſten Lehrer der Hochſchule zu Paris— wer kennt ihn nicht und ſeine Heloiſe?— und ſeine vornehmen Scholaren Konrad von Paſſau und Otto, ſpäterhin von Freifingen genannt, die trefflichen Söhne des Markgrafen in Oeſterreich. Erſchöpft von den anſtrengenden Uebungen der Dia⸗ lektik machten Lehrer und Schüler jetzt eine Pauſe und blickten von ihren Manuſeripten auf, die Augen zu ſtärken an dem abendlichen Sonnenſcheine, welcher ſo einladend durch die ſchmalen Scheiben der Fenſter hereinfunkelte. Was ihn wiederum feſtgehalten haben mag? begann Otto, indem ſein dunkelblaues ſchwermüthiges Auge auf den fernen Markt, den das Gewühl der heimkehrenden + Arbeiter füllte, hinunterſtreifte. Er, ſonſt wie ein Ver⸗ dürſtender ſtürzend zum OQuell der Wiſſenſchaft, ver⸗ ſäumt ſchon zum dritten Male Eure Lektion, Herr Peter, Er, ſonſt der Erſte von uns in dieſem Heiligthume. Und iſt es doch nicht die heilige Theologie, zu deren Studium der junge Sinn eine eigene Stimmung bedarf, will er nicht Spott treiben mit ihr; iſt es doch nicht die kalte Matheſis, die dem jungen feurigen Herzen nicht zu jeder Zeit zuſagt; nein! iſt es doch die munterſte Wiſſenſchaft, welche wir hier treiben, die lebendig ma⸗ chende, die Dialektik, ohne welche alles Eingeſammelte kalte Aſche und todte Kohle bleibt, welche das Wiſſen zu Gedanken umſchafft, ſie in Ordnung ſtellt, wie ein wohl⸗ gerüſtet Kriegsheer, die uns die Macht verleiht, mitten in die Welt zu treten in dem blanken Rüſtzeug unſerer ſtillen Studien, zu verfechten unſerer Seele geheim ge⸗ vorene Meinung, zwiſchen die neidiſchen Widerſacher den Hagel der Sophismen zu ſchleudern, und mit dem Drei⸗ zack der Logik die plappernden Heroen der Katheder todt⸗ wund in den Sand zu werfen. Wie ich unſern jungen Landsmann kenne, müßte ihn gerade darum dieſe Lektion des großen unbezwinglichen Meiſters anziehen, feſthalten, begeiſtern für immer, und ich bin darum wahrhaft be⸗ kümmert um den guten, liebwerthen Heinrich. Weltlauf, Menſchenfinn! fuhr der finſtere Konrad auf, das dunkle, düſtere Auge raſch vom Buche erhebend, und mit ſeiner tiefen Stimme, die beſonders klang zu dem vleichen, jugendlichen Geſichte, den Bruder unter⸗ brechend. Was gibt's da viel zu verwundern 2 Freilich kennſt du den Ehrgeiz nicht und die Eitelkeit, denn die Zelle des Schloßkapellans war Dein Spielplatz und der größte Foliant ſeines ſpärlichen Bücherſchreins das Roß, 6 auf dem Du ritteſt. Der Spanheimer trägt zwar in junger Bruſt manchen Schatz, von ſeinem Großvater, dem frommen Engelbert, und dem gelahrten Großohm, dem Magdeburger Hartwich, auf ihn vererbt, und wenige Junker im deutſchen Vaterlande mögen darin ihm gleich⸗ kommen; doch daß er nicht berufen zum Licht, dem er ſich zudrängt, erkannte mein Auge in den erſten Wochen ſeines Hierſeyns. Wer da will ſeyn ein Ritter der Weis⸗ heit, wer da will werden ein Fürſt der Geiſter, muß nicht Gefallen haben am Tand und Prunk der Welt, muß geizen mit der Zeit, welche auf zügelloſem Roß an uns vorüberſprengt, und die Niemand zurückruft, muß die koſtbare Stunde nicht vergeuden am eiteln Ritter⸗ ſpiel und den Künſten, an welchen die Welt ſich ergötzt und welche den Lüſten der Gewalthaber zu fröhnen be⸗ ſtimmt. Der Lehrer hatte lächelnd den edeln Schülern zuge⸗ horcht; mit einem leichten Spott auf ſeinem ſchönen, männlich freundlichen Antlitz ſagte er: Ei, ei, läſtert alſo ein Babenberger, ein Sohn der tapfern Markgrafen von Oeſterreich, das Ritterthum und die Rittertugend? Weiß ich doch, daß Ihr Beide wohl geübt ſeyd im Waffen⸗ ſpiel, wenn Ihr auch ſeit Jahren ſchon das Seiden⸗ wamms und den metallenen Kriegsputz vertauſchtet gegen das ſchwarze Faltenkleid und das Mäntelchen der De⸗ muth, welches geſchickt macht, dereinſt von der ſpitzigen Biſchofsmütze überglänzt zu werden, und ſich zum Kar⸗ dinalpurpur umzufärben, oder gar die heilige Tiara zu gewinnen. Auch der Streiter der Kirche muß geübt ſeyn im Schwertſchlag und Lanzenwurf, antwortete Konrad mit Hitze, die nur durch die Ehrfurcht für den geliebten Lehrer 7 gemäßigt blieb, denn in einer Zeit des Uebermuths und Unglaubens, wie die unſtige, könnte es nöthig werden, daß auch der Biſchof die Bruſt ſchnüren müßte in Erz⸗ um Dom und Altar zu vertheidigen: ein Feuerengel vor dem Paradies, ein Cherub vor der Himmelspforte, und glaubt mir, gelahrter Herr, Markgraf Leopolds Söhne würden nicht zagen, ſchwölle ein Meeresſtrom ungläubiger Chriſtusſchänder heran zu den Stufen des Heiligthums, welches ſie zu beſchützen gewürdigt. Aber wir ſprachen nur von dem unnützen Spiel mit dem ſcharfen Stahl, worin Leben und Leib gefährdet wird um ein Goldkett⸗ lein oder gar einem eiteln Dirnlein zu Gefallen, wo Leib und Leben eingeſetzt wird, um dem Götzen der ir⸗ diſchen Ehre zu dienen, wo tapfere Thoren nicht für Gott und Vaterland, ſondern um ein elendiglich Kleinod aus Damenhand ſich die Hälſe brechen. Ich ſah es voraus, wie es gekommen, als der Spanheimer einen Monat lang unter uns gewandelt und ſolch überſchwenglichen Eifer laut werden ließ. Die ächte Geiſtesgluth ziſcht nicht auf in Zackenflammen, die ſich in Qualm auflöſen, der wolken⸗ an wirbelt; ſtill glimmt ſie, am Scheit langſam zehrend, und wohlthätig wärmend wie das Kaminfeuer. Dort im Kärnthnerlande, in Graf Bernards ſtiller Burg, wohnte der Verſucher dem Jüngling fern, Friede im Lande gab dem jungen Gemüth Langweile, ſeinem ſchwärmeriſchen Sinnesflug kein⸗Ziel, und die Wiſſenſchaft nutzte ihm als Zerſtreuung und Phantaſienſpiel; in der Welt von Paris, im Glanz der Majeſtät, geſchmeichelt von dem gutmüthigen Könige und der leutſeligen Königin, hielt das Gold nicht Probe, und er wird ein Abtrünniger, mag ſeine Scham ſich auch ſträuben, wie ſie will. Nicht Alle können Alles, entgegnete Abelard mit 8 freundlichem Ernſt, und die Wege zur Glückſeligkeit ſind gar mannigfaltig. Wollte alle Welt ſich der Weisheit widmen oder dem ernſten Studium, würde das Leben in todter Einförmigkeit ſeine höchſte Schönheit vermiſſen, würde der Lehrſtand den Hungertod ſterben und die Weis⸗ heit im eigenen Brunn ertrinken. Mir ahnet, was un⸗ ſerm jungen Freunde auf dem Herzen drückt: dem Stärkern ſendet der Himmel die ſchwerere Prüfung, und geht er ſiegend daraus hervor, ſo iſt ſeine Glorie die glänzen⸗ dere, denn Tugend ohne Opfer iſt nicht Tugend. Ich kenne Weiſere und Aeltere, als er iſt, die dem Feinde erlagen, welcher ihn bedräut, und doch nicht zur Reue über den Fall kommen können bei aller ihrer Weisheit, ſetzte er mit einem halbverſchluckten Seufzer hinzu, in⸗ dem ein höheres Roth ſeine Wangen übergoß. Konrad ſah verwundert in das Geſicht des hochver⸗ ehrten Mannes und kämpfte noch mit einer gewagten Frage; da rief aber Otto lebhaft: Höret Ihr, wie die Thüre fällt? Höret Ihr den Tritt auf der Steige? Ich kenne ihn, es iſt der Heinrich, und Dein hartes Urtheil, Bruder, wird zunichte werden. Der junge Graf von Ortenburg trat ein. War Paris damals durch ſeine Hochſchule dem geiſtigen Europa ein Wallfahrtsort geworden, ſo leuchtete der Pariſer Königs⸗ hof nicht weniger als die Schule der Ritterlichkeit und wurde dadurch ein Sammelplatz der edelſten Jugend des Südens, wo Mannlichkeit und Leibesſchönheit um die ſchönſten Preiſe rangen. Der junge Graf, obgleich ihn höhere Zwecke hergerufen und nie die Abſicht in ſeiner Bruſt wach geworden, in dieſem glänzenden Kranze eine ausgezeichnete Blume zu ſeyn, machte dennoch unver⸗ ſchuldetes Aufſehen. Und wie ſich jetzt Abelards Augen ——————— — 9 auf den Eintretenden hefteten, ward es dem durch ſeine Liebe zur Wiſſenſchaft wie durch ſeinen Feuerſinn für Kunſt und Schönheit berühmten Franzoſen klar, daß dieſe Theilnahme der Pariſer an dem jungen Deutſchmanne eine natürliche ſey. Graf Heinrich ſtand in den Blüthe⸗ jahren ſeines Geſchlechts, und kein früher Giftthau hatte ein Blüthenblatt welk gemacht. Väterliche Zuneigung ſeines Pflegevaters, herzliche Liebe ſeiner Pflegemutter, der edlen Kunigunde, hatten Alles in ihm und an ihm gepflegt und entwickelt, aber ſtrenge deutſche Zucht wirkte zugleich jeder Verderbung und Vorreife entgegen. Die Friſche der Geſundheit ſtrahlte aus dem edeln Angeſicht, aus dem kräftigen Muskelſpiel der ſchlanken Geſtalt, doch eine kindliche Milde im hellblauen runden Taubenauge und in dem zierlichen Munde gab ſeinen Zügen einen wunderbaren Reiz, der ihm die Frauenherzen gewinnen mußte, und ſelbſt dem Neide des rauhen Männergemüths die Krallen ſtumpfte. Graf Heinrich neigte ſich mit ſcheuer Ehrfurcht vor dem Lehrer und reichte dann den beiden Freunden nach⸗ einander die Rechte zutraulich, indem zugleich eine ſicht⸗ liche Verlegenheit das ſanfte Roth ſeiner Wangen bis zum dunkeln Karmin umfärbte. Verzeiht mir! ſagte er herzlich, die Augen vor den ſechs forſchenden Blicken flüchtend auf die Papierrollen des Arbeitstiſches; drei volle Tage habe ich Euch ver⸗ ſäumt, eine Schuld, die mich ſchwer drückt und mich zu ſtrengſter Pönitenz verdammt. Wohl haben wir Dich vermißt in Trauer und Sorge, antwortete Otto, die Hand, welche in der ſeinigen ge⸗ blieben, herzlich drückend. Wer kann's Dir verargen? fiel Konrad ſcharf und 10 ſpottiſch ein. Bei uns iſt es triſt und die Stunden ſchleichen Schneckengang. In König Ludwigs Schloſſe fliegt die Zeit auf Schmetterlingsfittichen. Im Hörſaal gibt es Schweiß und Geiſtesmarter, dort tobt die Fan⸗ fare und die Tanzmuſik und das witzige Scherzwort und die ſüße Galanterie alle Gedanken nieder, und das holde Richtsthun rückt Frühroth und Sonnenuntergang dicht zuſammen. Dein blauſammetnes Junkerkleid ſitzt dazu bequemer als der faltige Schulrock, das Barret mit der langen Schwungfeder drückt weniger wie unſere Schola⸗ renkäppel und läßt ſchmucker über dem braunen Gelock. Wer kann Dir's verargen, daß Du nach oben möchteſt, was Du auf der öden Sonnenburg entbehrt, daß Du die ernſte Anſtrengung auf die ſpäteren Jahre verſpareſt und der Rauſch Dir willkommen iſt, der die Sinne in Paradieſesluſt und Königsträume einlullt! Ein Rauſch, ſo iſt es, Konrad, antwortete Heinrich, ernſter und feſter den Spötter anſchauend. Ein Rauſch, der verfliegen wird, verfliegen muß. Aber zu ſcharf tadelt Dein Stachelwort den Freund und Landsmann. Wohl bin ich in ein Netz verſponnen, gegen deſſen feine Fäden meine Kraft ſich vergebens ſträubt. Warum gab mir der König Lothar, unſer edler Vetter, ſolch einen Geleitsbrief mit, deſſen Zauber den mir fremden Ludwig einen willkommenen Freund, die herrliche Königin einen unentbehrlichen Geſellſchafter in mir finden ließ? Soll ich die unerwartete Gaſtlichkeit mit ſchroffem Undanke lohnen? Darf ich der überſchwenglichen Freundlichkeit im knabenhaften Eigenſfinn unnatürliche Kälte entgegen⸗ ſetzen? Hätteſt Du's gemacht wie wir, ſeufzte Otto. Einen Bückling am Throne im Audienzſaale, und dann keinen 1¹ Schritt wieder zu den Marmorſtufen. Der kluge Odyſ⸗ ſeus ließ ſich binden an des Schiffes Maſt, als man an dem Sirenen⸗Eiland vorüberfuhr. Halbheit ſchändet den Mann, ſagte Konrad unwillig. Schwert oder Federkiel, Buch oder Harniſch, Kirche oder Turnierkleid! Nach Deinem Wort hatteſt Du gewählt, ehe Du in Paris einritteſt. Und wer ſagt Dir, daß ich wankelmüthig den Vor⸗ ſatz umgeworfen? fragte Graf Heinrich nicht ohne höhere Wärme. Was kannſt Du tadeln am Ritterkleide, das ich nach Hofesſitte tragen mußte? Ein Knabe noch, ja noch ein unmündig Kind, ſah ich an des frommen Ohms Hand die heilige Erde, trat mit dem kleinen Fuße in die Spuren, die der Welterlöſer nachgelaſſen, als er auf Erden ging, wuſch die zarten Hände in des Jordans heiliger Fluth. Da ſah ich auch ſtattliche Männer, ver⸗ luppt vom Scheitel bis zur Sohle in Eiſenſtück, das blanke Schwert immer zur Hand, als ſey es ein Glied ihres Leibes geworden. Auch ſie nannten ſich Diener und Geweihte der Kirche, und, beim Himmel! ſie brachten der Religion ſchwerere Opfer, als der Pſalmiſt und der Mönch und der Meßprieſter je dem Heiligſten gebracht. Meineſt Du, der herrliche Gottfried, der da keine Krone tragen wollte, wo der Erlöſer die Dornenkrone getragen, wäre kein guter Sohn der Kirche geweſen? Mit jenen Erinnerungen ſpielte der Knabe, in ihnen ſchwelgte der Jüngling, ſie ſchienen mich zu laden, zu rufen mit heiligen Stimmen zu einem goldenen Ziele, wenn auch nimmer der eitle Wahn in mir keimen konnte, dereinſt wie ein Bouillon die Welt mit meinem Ruhme zu füllen. Aber verzieh nur nicht ſo ſpöttiſch die breiten Augenbrauenz wohl weiß ich, unſer Vaterland hat ſolcher ſchlachtigen 12* Helden in jedem Gau genug und bedarf mehr die geiſtigen Muſter der Demuth und der Abſtinenz und der ſtrengen Wiſſenſchaft, in der es zurückſteht vor den Nachbarvölkern. Auch ſollſt Du gar bald das alte Gefallen an mir finden; nur dieſen königlichen Geburtstag noch, zu dem mich Huld und Freundſchaft geladen: dort laß mich den eiteln Prunk⸗ junkern zeigen, daß auch jenſeits des Rheins mannliche Kraft und ritterliche Kunſt zu Hauſe, laß mich der Ehre des Vaterlandes Genüge thun, dann ſollſt du allen rit⸗ terlichen Schmuck, all meinen Waffenputz ſelbſt in Deine Truhe verſchließen, und ich will den Schlüſſel nicht früher wieder fordern, als bis ich ein Mann nach Deinem Herzen geworden. Konrad hatte während der warmen Rede des ſchönen Jünglings ſeine Augen feſt auf ihn gerichtet gehalten, aber immer bedenklicher wurden ſeine Mienen, immer finſterer ward ſein Blick. Spanheimer, gib mir noch heute dein Schwert und Deinen Helmbuſch in Gewahrſam, ſprach er mit einer Feierlichkeit, die Alle ſtutzig machte. Ich bin an einem Sonntage geboren, und ſehe einen ſchwarzen Schleier über Deiner wolkenloſen Stirne. Meide dieſe Feſttage, beſteige kein Roß mehr. Ich habe Dich liebgewonnen, wie man den Landsmann in der Fremde feſter an's Herz legt. Thu' mir's zu lieb, und gürte kein Schwert mehr um Deine Hüfte. Ein Grauen läuft kalt über meine Bruſt, ſehe ich Dich lächelnd daſtehen in Deiner Leicht⸗ fertigkeit. Ja, ja, er ſah ſchon oft Künftiges zu ſeiner eigenen ₰ QOual! flüſterte Otto, wie von geheimer Furcht ergriffen. Verſtöret mir mit Euren Poſſen nicht dieſes heitere, ſorgenloſe Gemüth! ſiel Abelard ein, freundlich den Arm 13 um des Grafen Schulter legend. Er iſt beim heiligen Denys ſtark genug an Leib und Seel, ſich ſelbſt die Bahn zu brechen, welche ſeinem Leben zuſagt. Horcht! da läutet's von St. Euſtache und der ſprachkundige Prior erwartet Euch. Die fürſtlichen Jünglinge ſprangen auf und ver⸗ ließen faſt erſchreckt über die Verſpätung das Gemach, und der Graf holte tief Athem, als wäre ſeine Bruſt entlaſtet worden durch die Entfernung der anklagenden Freunde. Haſtig trat er auf Abelard zu, und des Lehrers Hand mit beiden Händen ergreifend und krampfhaft preſſend, ſprach er mit ungewohnter Heftigkeit: Ja, ſie haben Recht, die frommen⸗ viederfinnigen Prinzen, Recht mit ihrem Unwillen und Vorwurf. Ja, ich ſelbſt bin nicht mehr, der ich kam. Mein Muth iſt gebrochen in einer unerklärlichen Unruhe. Ich hänge zwiſchen Himmel und Erde, verlaſſen, ausgeſtoßen. Unzufrieden mit mir ſelbſt peitſcht mich eine innere Angſt durch die Säle des Schloſ⸗ ſes, durch die Gaſſen, und, als läge ein ſchweres, heim⸗ liches Verbrechen, Mord, Kirchenſchändung, auf meiner Seele, ſchaue ich zu den Wolken empor, den rächenden Wetterſtrahl fürchtend und hoffend, weil er meine Marter endigen würde im Augenblick der Strafe. Dieſe Angſt trieb mich her zu Euch, mein väterlicher Freund, mein geiſtiger Vormund. Iht ſeyd ein weiſer Mann, Ihr kennt die Geheimniſſe des Menſchenherzens, die Krank⸗ heiten der Seele. Rathet, helft, Meiſter Peter. Iſt es die fremde Luft, iſt es die ungewohnte Schwelgerei der königlichen Tafel, iſt es der blendende Glanz der Königs⸗ ſtadt? Nennet mir meine Krankheit, nennet mir aber zugleich das Heilmittel: ſey es noch ſo bitter, ich werde es nehmen aus Eurer lieben Hand. vergaßet, weil ſie wie mit ſeidenem Fittich koſend an 14 Abelard lächelte. Und wenn ich nun ſpräche, fragte er forſchenden Blicks, ſattelt zur Stunde Euer Roß, hüllet Euch dicht in den Reiſemantel und ſpornet, den Bauch an der Erde, Euer gutes Thier hinaus, fort bis zu den Bergen Eurer Heimath? Es iſt die Malaria von Paris, die Euch krank gemacht, Flucht iſt die einzige Arznei für dieſes Uebel. Wenn ich ſo ſpräche? Der Graf ſenkte die Blicke zu Boden. Fort von hier, ſtotterte er halblaut, fort von dem Born der Wiſſen⸗ ſchaft, zu dem mich das tiefſte Sehnen gezogen? Was würde Otto denken und der ſtarrſinnige Konrad? Wie würde ich ihnen wieder begegnen dürfen in den deutſchen Gauen? Und wie würde mich der Ohm, der ſtrenge Bernard, empfangen, dem ich dieſe Reiſe gegen ſeinen Willen abgebettelt, abgetrotzt, der mich lieber daheim behalten als Erbe der Spanheim'ſchen Güter, da ſein einziger Sohn, Vetter Bruno, früh Mönch zu Sanct Paul geworden im kindlichen Gelübd für des Vaters Heimkehr aus dem Lande der Ungläubigen? Beruhigt Euch, fiel Abelard ein im Tone des Scherzes; die Fülle und das geſunde Roth Eurer Wangen wider⸗ ſpricht meiner Vermuthung. Euch ſchüttelt nicht das Fieber der Malaria; wir müſſen das Uebel tiefer ſuchen. Ihr klaget über Beklemmung und Angſt, und fandet Ihr nirgend einen Ort und mit ihm eine Stunde, wo Ihr vergaßet, was Euch bedrückt, wo Euer Unmuth zerfloß in dem ſüßeſten Wohlbehagen, wo Ihr ſelbſt die Zeit Euch vorüberflog, wo Ihr nicht dachtet an heut' und geſtern, nicht an Buch oder Schwert, nicht an Ohm und Vaterland, nicht an die Freunde und mich? Heinrich ſah ihn groß an; wie unwillkürlich ſagte 15 er dann: Ja, ich beſinne mich; im ſtillen Gemach der mütterlichen Königin war es zum oͤftern ſo, die Nähe der hochherzigen Adelaide wirkte ſolch Wunder an mir. Aber die Königin ſah Euch nie allein, fiel Abelard mit Haſt ein und drückte die Hand des Jünglings feſt; die holde Conſtantia, das ſchönſte Kind Frankreichs, der Stern von Paris, ſie war immer zugegen. Jüngling, lüge mir nicht; oder gibt es wirklich männliche Jung⸗ fräulichkeit in jenen nordiſchen Ländern, und wußteſt Du nicht, daß Du liebſt und, wie die Neider Deines Glückes längſt es ausſprachen, geliebt wirſt von dem zarteſten und ſchönſten Mägdlein dieſes Königreichs? Wie vom Wetterſtrahl wirklich getroffen wurden die Glieder des ſchoͤnen Jünglings erſchüttert, alle Farbe wich aus ſeinem Geſicht, mit ſtarren Augen ſah er einen Augenblick auf Abelard, als ſähe er ein mitternächtig Geſpenſt in ihm, dann ſchoßen helle Thränen aus ſeinen Augen und mit einem Angſtlaut warf er ſich an des Lehrers Bruſt. Ein Mann und Thränen? Ein Mann von Deinem Werth, Deinem Anſpruch, und zagen, wenn er die Perle fand, um welche Tauſende vor ihm ſich in den Tod ſtürzten, und Tauſende nach ihm Gut, Leben und ſelbſt die Ehre hinwerfen werden? fragte Abelard betroffen. Fort muß ich, ſtammelte Heinrich, aus des Freundes Arm erſchöpft in einen Seſſel gleitend, ich fühl's, ich muß. So laßt mich mein Geſicht verhüllen in des Man⸗ tels Saum, ehrwürdiger Herr, ſchauet mich nicht an, wenn ich jetzt ſcheide für immer— o für immer! Ja, Ihr ſpracht Wahrheit, ich fühle es, höre es, ſehe es und zergehe in Scham, ſeit Ihr mein Herz mir aus der Bruſt genommen, und das befleckte vor mir hingelegt. 2 —— —— ——— —— Thörichter Jüngling, entgegnete Abelard ernſt, läſtere nicht die Gottheit, nicht die Natur, nicht die Urſeele der Schöpfung, nicht das ewige Licht der Höhe und nicht die heilige Flamme der Tiefe, welche Leben erſchaffen und Leben forttragen durch alle Ewigkeiten in Einer glühen⸗ den Kette, die vom Wurm bis zum Seraph reicht, der am Throne der ewigen Liebe Wache hält. Was iſt Kunſt und Wiſſen ohne Liebe? Demant und Karfunkel ohne Licht, das ihrem Kriſtall das Spiel der Wunder⸗ farben entlockt. Waren die Weiſen, die Dichter Griechen⸗ lands und Roms unbeweibte Mönche? Nein! Die Schön⸗ heit der Aſpaſia und Glykerion diktirte ihnen die Ode und den Hymnus, der noch heute unſer Herz erglühen macht; ihr Familienglück begeiſterte die rieſenkühnen Volks⸗ redner zur Vertheidigung des Menſchenrechts, und nicht in dumpfiger Zelle, ſondern mitten im Gedränge des Weltlebens ſchöpften ſie jene Erfahrungen, die uns als Geſetze des höchſten Verſtandes gelten. O wüßteſt Du, Jüngling, welchen Impuls die Liebe dem Geiſte gibt, wie durch ſie auch der feinſte Keim ſich wunderſam in der Seele entwickelt, daß wir ſtaunen ob der ſchnell uns unbewußt aufgeſchoſſenen Pflanze, wie ſie leicht macht Tagewerk und jedwedes Mühen, wie ſie lohnt und ſpornt, und ſpornt und lohnt zugleich im berauſchenden, end⸗ loſen Wechſel, Du würdeſt Dich ſelig preiſen, daß Dir des Schickſals Gunſt ſo frühe die Zauberblume auf die Bruſt gelegt, welche dem Körper ewige Jugend bringt, das Herz zu dem Höchſten und Unmöglichen erſtarkt und dem Geiſt die Fittiche der Unſterblichkeit leihet, die Zauber⸗ blume, die zu finden Millionen ihr ganzes Leben ab⸗ bringen, und ohne die das Daſeyn ein Thal der Ver⸗ weſung und der Tod König wäre auf Erden. 17 Graf Heinrich hatte in wachſendem Staunen den Feuer⸗ worten des Lehrers zugehorcht; immer glühender hafte⸗ ten ſeine Augen auf dem Angeſicht des Glühenden, das ihm nie ſo holdſelig erſchienen, und auf der erblaßten Wange entfaltete ſich eine immer hellere Aurora. So dürfte ich? fragte er ſcheu. So wäre Flucht nicht meine Fflicht? Stürze Dich mit Deinen jugendlichen Gliedern in das friſche Wellenbad! rief Abelard. Und kämeſt Du um in dem glänzenden Strudel, Dein Tod wäre beneidens⸗ werth. Er ergriff das Kriſtallglas mit den Blumen. Sieh hier das Symbol der glühenden Herzensneigung, der zarten, vertrauenden Hingebung, hier das duftige Zweiglein der Braut, das Bild der heiligſten Myſterie. Du kannſt vielleicht beide gewinnen mit einem kühnen Griff, und ein thörichter Knabe wäreſt Du, wenn Du nicht das Leben einſetzteſt um dieſen Preis. O wehe dem, der zu wählen hat in grauſamer Wahl unter bei⸗ den Blumen, die nur vereint den Drachen verſcheuchen, welcher des Lebens Schatz bewacht. Ein Mann von Eis erfand das Wort: Entſagen! Es iſt die Hölle, in die Niemand freiwillig ſich ſtürzen mag. O gehe hinaus, Du Glücklicher, laß mich allein, denn Deine Thorheit hat mich krank gemacht für eine lange Nacht. Putze Dich mit Sammtſtoffen und Goldketten, fliege zu Deiner Con⸗ ſtantia, erzwinge von ihr mit heißem, kecken Geſtändniß den Spruch der Seligkeit, und denke, daß jede verlorene Stunde ſich rächt mit Marter und Qualen fruchtloſer Reue. Er hatte bei dieſen heftigen Reden den verwirrten Jüngling faſt gewaltſam zur Thüre geſchoben, und als dieſe ſich geſchloſſen, ſchöpfte er tief Athem aus der ſchwer⸗ beklommenen Bruſt, drückte die Blumen an ſeine Lippen Blumenhagen. Rlv. 2 —— ————— 6— und flüſterte, indem er das finſter glühende Auge wie im keimenden Wahnwitz an den Wänden umherſtreifen ließ, als ſuchte er einen vermißten Gegenſtand: Was iſt des Menſchen ſtolzer Verſtand? Was iſt die geprieſene Ge⸗ rechtigkeit des Fatums? Dem Knaben wirft das Schick⸗ ſal die Perle vor die Füße, und er wagt die bebende Hand nicht auszuſtrecken. Der Mann klimmt am Ab⸗ grunde hin, wirft ſich hinab in die Charpbdis um das köſtliche Kleinod und zerſchellt am Fels. O Helviſe! Das Geburtsfeſt des Königs wandelte Paris zu ei⸗ nem überfluthenden Menſchenmeere: die weite Stadt mit ihren hochgethürmten Häuſern und geräumigen Plätzen ſchien eng und klein wie ein überfüllter Bienenkorb, in welchem die jungen Stämme ſich mit den alten um die Wohnſtätte drängen, und in welchem das dumpftönende Geſums und Gemurmel den nahen Ausbruch des Kam⸗ pfes um Platz und Recht voraus verkündet. Eingezogen von ihren Schlöſſern waren die Würdeträger des König⸗ reichs; eingeritten waren von ihren Ritterſitzen in den fernſten Provinzen die mächtigen Vaſallen mit zahlreichem Geleit, in welchem die Eitelkeit eines Jeden den Nach⸗ bar zu überbieten ſuchte. Die Fremdlinge und Reiſende in Frankreich eilten zur Hauptſtadt, ſolch merkwürdigen Tag einzeichnen zu können in die Reiſemappe und das Tagebuch, und gleich ſtürmiſch rauſchenden Waldbächen, die vom Gebirg alle ſich zu dem See im Thal hinab⸗ ſtürzen, wogte der Schwall des Landvolkes zu den Thoren herein, Männer, Weiber und Kinder, den mei⸗ lenweiten Weg nicht ſcheuend, mit Lebensmitteln vor⸗ ſichtig beladen, um auch ohne Dach und Bett wäh⸗ 4 — — — N N V —— V 19 rend des Feſtes auf den Märkten und Wällen lagern zu können. Vor der Herberge zur Lilie, in welcher der Graf von Ortenburg ſeit ſeiner Ankunft gewohnt, ſaß eine muntere Geſellſchaft, die ihren Tiſch unter Gottes blauen Himmel geſtellt, weil im Hauſe auch nicht ein Kämmerchen ohne Gaſt geblieben und ſelbſt die Schenkſtube zum Schlaf⸗ gemach der fremden Knappen und Waffenträger geworden. Die Geſellſchaft war in hochpatriotiſcher Aufregung be⸗ dacht geweſen, den Tag des geliebten Königs ſo zeitig als möglich zu begehen, denn die Sonne ſtand noch nicht gar hoch, und doch lag ſchon manche zerbrochene Flaſche am Boden, und die Art, wie die erhitzten Bürgersleute ihren Witz an dem vorüberziehenden und gaffenden Bauern⸗ volke übten, gab Zeugniß von der Zahl der Becher, welche auf König Ludwigs Wohl bereits leer geworden. Ein junger Rittersmann, dicht in einen ſchlichten Aermelmantel von brauner Farbe gewickelt, der unten nur die goldbeſpornten Reiterſtiefel, oben nur das friſche Geſicht unter einem ſchwarzen Sammetbarett ſichtbar wer⸗ den ließ, ſtörte die wilde Zechcompagnie, indem er eili⸗ gen Schrittes aus der Herbergspforte zu dem Tiſche trat. Gebhard, ſo früh ſchon hinter der Kanne? rief er zwiſchen die Verſtummten mit ernſtem, doch keineswegs hartem Tone, und ein graubärtiger, aber derber Geſell erhob ſich ſofort von der Bank und ſtellte ſich kerzengrad wie zur Parade. Hat nichts zu ſagen, Gnaden, antwortete der Grau⸗ bart im tiefen Baß, lächelnd den rauhen Schnauzbart ſtreichend; ja, wär's ſo ein Frühtrunk, wie man an der Drau bekommt, halter da hieße es aufgepaßt, aber in dem Kännlein hier iſt weder Oeſterreichiſcher noch Unger ——— oder gutes Rheinblut, nur leichtes fränkiſches Getränk; man trinkt ſich immer nüchterner, und es bleibt halt ein Gotteswunder, wie die Leute ſich dabei in's Vergnügen und irdiſche Himmelreich hinaufſchwindeln können. Läſtere nicht, zürnte der junge Ritter, die feinen Augenbögen zuſammenziehend; ein beſſerer Platz wäre für Dich im Stall⸗ die Roſſe anzuſchirren und das Eiſen⸗ zeug bereit zu halten. Schlägt die elfte Stunde und findet nicht Alles in Ordnung, ſo fürchte meinen Zorn. — Er ging und ein hübſcher Edelknabe, welcher ein Käſtchen trug, folgte trippelnd den männlichen Schritten des Herrn. Seinen Zorn? lachte der alte Waffenknecht. Ich möcht's verſuchen, denn es wäre mir neu. Er hat ein Gemüth wie das jüngſte Lamm auf der Waide, und hat noch Niemanden weh gethan ſo mit Wort wie mit That. Aber die Roſſe ſtehen ſchon blank geſtriegelt, und Rüſtzeug und Schild funkeln wie der ſtille See, auf den die Sonne brennt. Ein deutſcher Waffenmeiſter kennt ſeine Pflicht und thut Nachts ſeine Arbeit, wenn er ſich Morgens verluſtiren möchte. Alſo das war Euer deutſches Gräflein, von dem un⸗ ſere Herren geſtern veim Nachtmahl ſo großes Weſen gemacht und mit finſtern Geſichtern koſeten ohne Ende und faſt bis zur Mitternacht? fragte mit höhniſcher Miene ein Normann, der mit dem deutſchen Wehrmann die⸗ ſelbe Bank theilte. Und der ſchmächtige Junker mit dem kleinen Flaumenbart will ſich wagen in die Stechbahn? Rathe ihm ab, Kamerad, vernagle ſeinem Streitroß den Huf, daß er heimbleiben muß. Haſt Du meinen Herrn geſehen, den Grafen Himindal von Falaiſe? Du würdeſt zur nächſten Kirche gehen und zu Deinem Hei⸗ S 8— M * 2 ligen beten um die Knochen Deines Junkers, denn nimmt ihn mein Herr, der von ſeinen nordiſchen Ahnen, den thurmhohen Rieſen des Eiſes, die übermenſchliche Natur ererbt hat, vor ſeinen Speer, ſo mag er an der Bar⸗ riére die Scherben ſeiner gebrochenen Puppenglieder zu⸗ ſammenſuchen.— Der alte Gebhard ſtand haſtig auf, und ein Schlag ſeiner Ferſe warf die Bank um und den Nachbar mit ihr auf den Boden, daß er die Beine ſpar⸗ lend zum Himmel ſtreckte. Prahlmäuler gehören in den Sand, ſagte er; iſt Dein rieſiger Herr mit dem un⸗ chriſtlichen Namen darin Dir gleich, wird er vielleicht noch heut wie Du in der Demuth Lektion bekommen. Der normanniſche Knecht war wiederum aufgeſprun⸗ gen und hatte eine Kanne ergriffen, mit der zerbrech⸗ lichen Waffe in Begleitung eines wüſten Fluches die Be⸗ leidigung auszuwetzen, und der deutſche Wappner ſtellte ſich feſt und hob beide Fäuſte zu Wehr und Angriff, da flog ein hochgeſchürztes, ſchwarzäugiges Mägdlein vom Hauſe her zwiſchen die Beiden und riß dem Angreifer die Kanne aus der Hand. Wollt Ihr Unglück anrichten und lüſtet Euch nach einem harten Lager im Thurm, während die ganze Welt Feiertag hält? rief ſie mit einem Silberſtimmchen. Habt Ihr vergeſſen, daß der hochwürdige Herr Biſchof Got⸗ tesfrieden ausrufen laſſen und harte Strafen geſtellt auf jeden Friedensbruch, weil ſolche Unzahl fremder Leute zur Stadt gekommen? Und iſt Euch der Wein verkauft, bleibt doch das Geſchirr unſer Gut, und Euer Gezänk ſoll meines Vaters Eigenthum nicht in Verruf bringen. Habt Ihr Appetit zu Beulen und Blut, ſo verſchiebt's bis Morgen, ſteigt hinauf auf den Marterberg und neh⸗ met Eure eigenen groben Fäuſte dazu. 22 Du biſt ein ſchmucker Friedensſprecher, Jeannet, und könnteſt Mittags einen Marſchall abgeben in der Stech⸗ bahn, rief ein Mann, der ſich durch einen mächtigen Schwarzbart auszeichnete, indem er zugleich dreiſt den Arm um des Mädchens üppigen Wuchs warf. Heftig machte ſich das Mädchen los von ihm. Hat der Wein Euch vergeſſen gemacht, was ich Euch geſtern und ehegeſtern und ein Jahr lang alle Tage geſagt, Monſieur Jonzac? fragte ſie ſchnippiſch. Er hört wohl nicht gut, weil ihm ſeine Bären und Löwen Tag und Nacht Muſik machen? Meine Bären und Löwen ſind zahmer als Du, ant⸗ wortete der Mann mit Ingrimm, welcher jedoch durch ſichtliche innerliche Betrübniß milder auftrat; wer ihnen täglich gut zuſpricht, dem ſind ſie dankbar zugethan. Jeannet, Deine Sprödigkeit, Dein Haß wird mich dahin vringen, daß ich mit meinem eigenen Leibe die wilden Beſtien füttere. Thut's, Monſieur Jonzac, fiel ſie ſpöttiſch ein, dann will ich verſprechen, ein ſchwarzes Bruſtband um Euch zu tragen volle ſechs Monate lang. Laß Er ſeine Fin⸗ ger von meinem Arm! Wie mag man ſich einbilden, daß eine Pariſerin ſich ſtreicheln laſſen möchte von einer Hand, welche die rauhen Kleinen der Bären einwiegt, und zu jeder Stunde mit wildem Gethier kareſſirt? Pfui, alle Roſenwäſſer von Toulon und Graſſe könnten ſolche Finger nicht lieblich genug machen, daß eine Dirne, die etwas auf ſich hält und keinen Mangel hat an ſchmucken Tänzern, ihren Ring darauf ſchieben möchte. Mit munterer Weiſe wandte ſich dann die Kecke von dem verſtummenden Werber zu dem grauen Gebhard⸗ der, nachdem ſein Feind mit boshafter Miene davon ge⸗ 23 ſchlichen, ſich wieder geſetzt und im leichten Wein ſeinen Groll vertrunken. Aber ſagt mir, mein guter Freund, ſprach ſie, was Euren Ritter bewogen, ſo früh und zu Fuß und ohne gut Geleit in die Stadt zu rennen? Neu⸗ gier ſpricht nicht aus mir, nur Sorge um das ſchmucke junge Blut. Die Mutter erzählte gar oft, wie manche Gräuelthaten an ſolchen Feſttagen in den Seitengäßchen und Kirchenwinkeln geſchahen, und wie gar eigens darum ganze Familien von Spitzbuben in die Stadt einwan⸗ derten und in Compagnie verwegen und ſchlau Gut und Leben bedräuten. Euer Herr iſt ſo ſittig und fromm, gar nicht wie die Edeljunker bei uns, beinahe zu ſtill und beſcheiden, wenn das ſein könnte, und dabei ſo hübſch und leutſelig, daß es Jedermann leid ſein würde, ge⸗ ſchähe ihm im Gedräng etwas Uebels. Sorgt nicht, Jungfer, lachte der Gebhard, er hat ſeinen Degen am Herzen unter dem Mantel, und Gott iſt über ihm. Das ſind für einen deutſchen Junker der Freunde und Leibeswächter genug. Iſt ſie doch auch wie all die Andern, murrte Jonzac in ſeinen Schwarzbart; es darf nur neu, nur aus der Fremde ſein, ſo fängt's die Weiberherzen weg und ver⸗ rückt ihr Köpfchen. Neugier ſpricht nicht aus mir, fuhr die ſchwatzende Kleine fort, aber wiſſen möchte man doch, wohin der Graf ſo früh wandert, und warum zu Fuß, da heute Jeder von Geſchlecht und Rang nur zu Roß erſcheint, und was vielleicht in dem zierlichen Käſichen verborgen, das der Page ihm ſo ſorglich nachtrug? Vielleicht gar ein Morgenbeſuch bei einem ſchönen Hoffräulein oder ei⸗ ner gefälligen Bürgersfrau? Geſteht's nur, alter Freund! Läſtert nicht! Schalt der Graf nicht ſo zu mir? lachte laut der Graukopf. Mein Herrlein iſt aus eigenem Mehl gebacken, und wie der Adam, ehe der Herr die böſe Eva erſchaffen. Ich glaube nicht, daß er weiß, wie ein Fräulein küßt, oder wie man's macht, um ein Mägdlein zu gewinnen. So dumm? ſtieß Jeannet hervor, verbeſſerte ſich aber ſogleich und ſagte: So unwiſſend und doch ſchon ſo ein ſtattlicher Rittersmann? Wer's glaubt, bekommt einen Goldgülden; denn was er nicht ſagt, das ſagen die großen, frommen Augen, und wir wiſſen davon, behal⸗ ten's aber für uns. Doch das Käſtchen? ſetzte ſie drin⸗ gend hinzu. Das Käſtchen birgt einen gar köſtlichen Schatz, ant⸗ wortete der Waffenknecht mit Wichtigkeit Es iſt von Cedernholz gemacht, friſch am Libanon, und drinnen liegt ein ächter Sarazenendolch, Handſchar nennen ihn die Heiden, der Stahl von Damaskus, der nimmer ſpringt und ſtieße man ihn auf einen Panzer von doppeltem Ei⸗ ſenblech, der Griff von Elfenbein, ſo weiß wie Dein Nacken und mit bunten Edelſteinen beſetzt, funkelnd und ſchimmernd mit allen ſieben Regenbogenfarben wie Deine Schelmenaugen. Wenn's Euer Junker ſagte, hört' ich's lieber, lachte die Dirne. Aber wem will er denn mit der Wunder⸗ waffe zu Leibe? Sein Ohm hat das koſtbare Stück ſelbſt erbeutet in Paläſtina, und der Graf trägt's zum Könige, als Ge⸗ burtstagsgeſchenk. Das unterſteht ſich das Herrlein und fürchtet nicht eine ungnädige Zurückweiſung von der Majeſtät? fragte erſtaunt der bärtige Löwenwärter. Jeannet lachte laut auf. Da ſieht man, daß Ihr Euch nur auf die Augen 25 Eurer Beſtien verſteht! höhnte ſie. Schauet bei Gele⸗ genheit in des deutſchen Junkers Geſicht, und wenn er den Blick auf Euch richtet, feſt und leuchtend, daß man meint, es ginge bis in's Herz hinab, und doch ſo ſanft und mild, nicht wie Sonnenbrand, ſondern wie Mond⸗ licht, dann werdet Ihr gewiß werden, daß ſelbſt eine Majeſtät ihm keine abſchlägige Antwort zu geben ver⸗ möchte, und ſelbſt der wüthigſte Bär in Eurem Zwinger zahm wie ein Schvoshund werden müßte vor ſolchem Augenſtrahl. Noch heute früh ſah er mich an auf dieſe Weiſe, als ich ihm den Imbiß, Waizenbrod und friſche Milch, hinauftrug. Jonzac, es war ein Glück, daß er nichts bat zugleich, denn hätten auch all die elftauſend Jungfrauen dabei geſtanden, ich würde nicht den Muth gehabt haben, ihm irgend Etwas abzuſchlagen. So ſchlüpfte die Muthwillige zum Hauſe zurück, ver⸗ folgt von dem finſtern Blicke des Schwarzbartes. Du freieſt um die, braver Löwenbändiger? fragte Gebhard, indem er ihm die harte Hand auf die Achſel drückte. Hübſche Blume, aber viel zu viel Muthwill, viel wildes Waſſer. Würbe ein deutſcher Waffenknecht um ſie, würde er die Riemenpeitſche zurecht machen, um ſie nach der Hochzeit zur Hand zu haben. Du dauerſt mich, Du ſtämmiger Waidmann. Ehe Ihr Euch einlegtet, war ſie anders, murrte Jon⸗ zac gedankenvoll; wohl ſpröde wie all die junge Art, aber nicht ſpitz wie ein Pfeilſtachel, nicht höhniſch wie eine Affentatze. Mir hat dennoch ihre Sorge um den Grafen das Blut warm gemacht, entgegnete Gebhard, und da die Gäule längſt geſattelt ſtehen, werde ich Knechte und Edelknaben aufſitzen laſſen, und dem Herrn nachreiten bis zu dem Flatze am Schloßthore, wohin er mich be⸗ ſtellt. Der königliche Zwinger iſt geſchloſſen für heute, da⸗ mit kein Unglück geſchähe, wenn das neugierige Bauern⸗ volk zudrängte, verſetzte Jonzac aufſtehend; die Beſtien haben Futter bis Abend, und erlaubſt Du, Alter, ſo führe ich des Grafen Streitroß, mit dem Prunkharniſch beladen. Sollte ich auch dem deutſchen Junker grollen, weil er mir die Jeannet abtrünnig macht, ſo zieht mich doch ein, ich weiß nicht was, zu ihm, als hätte er mir ſeinen Schweiß zu lecken gegeben, womit man den wü⸗ thigſten Hatzhund gehorſam macht. In dem alten Schloſſe der Grafen von Paris und ſeinen nächſten Umgebungen hatte ſich, als in dem Mit⸗ telpunkte der königlichen Feſtlichkeiten, Alles verſammelt, was auf Hoheit und Rang Anſpruch machte, und der Glanz und die Zierde Frankreichs erſchien heute im wirk⸗ lich das Auge blendenden Lichte. In der großen Prunk⸗ halle, wo unter dem Wappenſchilde mit dem goldenen Schiff der Königsthron ſich erhob, waren die Fürſten und Ritter, die ſtolzen Vaſallen verſammelt und harr⸗ ten des Königs, ihm den Glückwunſch auszuſprechen, und edle Damen und Fräuleins, ohne Zahl an den beiden Seitenwänden gereiht, verbanden gleich farbigen Blumen⸗ guirlanden den Thron mit dem verwegenen Männer⸗ gedräng, und ſchieden zugleich den heiligen Sitz gleich himmelentſproſſenen Genien von dem kecken Anſpruch und dem trotzigen Hochmuth, von deren Gifte in jener Zeit gar oft die neidiſchen Herzen dieſer Lehensträger ſchwollen und überſchäumten. un: 27 Vorgetreten auf die leere Mitte des Saales ſtanden vier der Vornehmſten, der ältliche Eudo von Clermont, der rothbärtige Robert von Valvis, der junge, eitle Karl von Maurienne und der rieſige Himindal von Fa⸗ laiſe, der, wenn auch nicht wie jene andern drei dem Königshauſe verwandt und verſchwägert, doch durch ſeinen Waffenruhm und die Furchtbarkeit ſeiner Ritter⸗ tugend es unbefeindet wagen durfte, ſich vorzudrängen im Feſtſaale, wie er gewohnt war voran zu ſeyn bei jedem Kampfe gegen die Feinde des Königreichs. Seht da die Prinzen von Oeſterreich, ſpöttelte der junge Maurienne; ſie haben ſich den Schulſtaub abge⸗ putzt und ſich auf das glatte Parquet gewagt. Sehet, wie ſcheu ſie ſtehen in ihrer ſchweren, faltigen Tracht, ſcheu in's Blaue gaffen und von den breiten Hüften der Madame de Saint⸗Fond faſt verdeckt werden. Ob ſie auch eine Lanze brechen wollen, oder einen Contretanz mitmachen? Ich ſchenke dem fünfzig meiner Bauern, der ſie zu ſolchem Wageſtück verführen möchte, denn es geht mir über jedes Vergnügen, die ſteifen Purzelbäume ſolcher deutſchen Bären zu ſehen. Das dritte Blatt fehlt, fiel der rothbärtige Robert ihm in die Spottrede; wo iſt der ſchmächtige Fant, der ſich ſchelten läßt einen Grafen von Ortenburg, Sonnen⸗ berg, Morburg und Pettau, vom Stamme der Span⸗ heimer, aber einhergeht wie ein Landjunker aus dem Winkel der ärmſten Provinz? Scheut er ſich, ſeine un⸗ bekannten, barbariſchen Namen ausrufen zu laſſen vom Marſchall? Ehre ſeiner jungen Klugheit, thäte er alſo. Ich ſah einen trefflichen Gaul von ächt ungariſchem Geblüt führen am Schloßthore, umringt von einem ſtatt⸗ lich aufgeputzten Geleit, ſagte der rieſige Normann. Auf — —— — meine Frage nach dem Herrn nannte man mir die bar⸗ pariſchen Titel, an welchen ſich ſo eben Eure Zunge ge⸗ quält, und als ich nach meiner Weiſe vor jedem Tur⸗ ney mir die Stechbahn beſah, fand ich in einem der Gezelte eine Prunkrüſtung ausgekramt, die ihres Glei⸗ chen ſucht in allen Waffenkammern der Normandie und Bretagne, und die Schrankenwächter befeſtigten den Schild mit den drei rothen Löwen im Goldfelde an den Zeltpfahl. Köſtlich! jauchzte Maurienne. Den fremden Milch⸗ bart in den Sand zu ſetzen wird mir ein erſehntes Vergnügen werden, wird mich die ſteifen Ceremonien, die unſer harren, vergeſſen laſſen. Ernſt unterbrach ſeinen kindiſchen Jubel Herr Eudo. Ihr wetzt Eure Schnäbel an dem junten Fant, der aus den Wolken zwiſchen uns herabfiel, weil er die Augen Eurer Damen auf ſich zieht, weil ſein frommes, beſchei⸗ denes Weſen manches Herz unter dem vollen Buſen pochen macht, das Eure Eitelkeit bereits auf die Liſte Eurer Eroberungen gezeichnet, ſagte er mit dumpfverhaltener Stimme. Liebe lehren iſt Hochgenuß ſo für den erfah⸗ renen Mann wie für das liebekundige Weib, und Erſt⸗ lingsfrüchte, ohne Fleck und Wurmſtich, find ſüß und ſelten wie die Goldfrüchte der Atlantis. Auch ich be⸗ trachte den zudringlichen Fremdling mit den Augen des Haſſes, aber mein Haß iſt nicht kindiſcher Neid um eine geſtohlene Schäferſtunde, mein Haß iſt ernſte Sorge um Ehre und Recht. Meine Getreuen bewachten den An⸗ kömmling ſchon lange, und mein Verdacht wuchs durch ihre Berichte. Königin Adelaide hat der Savoyarden warmes Blut und Kühnheit, und der roſige, friſche Burſche muß ihr als ein wackerer Lieutenant erſcheinen, wenn ſie auf ihren Louis ſchaut, der täglich mehr einem 29 burgundiſchen Weinfaſſe gleich wird. Wir gönnen ihr die ſtillen Freuden, aber der kleine Prinz iſt ſchwächlicher Natur, die Aerzte prophezeihen ihm kein hohes Alter, und da käme uns, den Erbfolgern, ein junger Kukuk im Königsneſte nicht eben gelegen und angenehm. Werft den gefährlichen Fremden in der Stechbahn nieder, viel⸗ leicht treibt die Scham ihn dann zurück in ſeine rauhen Berge, und das kleine Spiel Eures Neides führt zum gewichtigen Zweck, doch ſepd verſichert, fehlen Eure Lan⸗ zen, werden wir ſtrengere Mittel ſuchen, die ſüßen Stun⸗ den dieſes frömmelnden Knaben durch einen Wetterſtrahl zu ſtören, deſſen Donnerſchlag ihn belehren ſoll, wie Frankreichs Fürſten einen Abenteurer zu zermalmen wiſſen. Die Flügelthüre, welche in das Innerſte des Palaſtes führte, ward aufgeſtoßen, ein Marſchall rief: der König! Plötzliche Stille trat ein, und Aller Augen wandten ſich auf den Fleck, wo die höchſte Familie des Reiches ſicht⸗ bar wurde. Aber wie ein dumpfes Murren, gleich den Stimmen der unſichtbaren Luftgeiſter, dem Orkan voran⸗ geht, ſo wuchs ein ſeltſames Getöſe unter den verſam⸗ melten Großen, als, nachdem der König und die Königin, ihre Tochter, die ſechszehnjährige Conſtantie in der Mitte, eingetreten waren, der deutſche Graf, den kleinen Louis an der Hand, dicht ihnen nachtrat und zunächſt dem Throne ſeinen Platz nahm. Toller Geck, rief der Herzog von Clermont, Du ſteigſt auf die Gletſcherſpitze und fürchteſt die glatte Eiswand nicht? Unerhört, zürnte Graf Valvis, des Hofes Ordnung mit Füßen getreten, dem Fremden erlaubt, was kein franzöſiſcher Fürſt gewagt; laßt uns hinan zu ihm, fort⸗ reißen den Verwegenen und ihn zurückſtoßen auf den Platz, der ihm zukommt. Wo duldete ein Franzoſe je den Ein⸗ 3 1 3 1 3 3 1 1 ¹ 1 1 30 griff in ſeiner Ehre Recht? Doch Himindals Donner⸗ ſtimme ließ jetzt ſein: Es lebe Ludwig, Frankreichs Kö⸗ nig, und Heil ſeinen Tagen! ertönen, und das Gemurr ſeiner Nachbarn erſtarb unter dem hallenden Zuruf der Eveln, welche dem Monarchen einſtimmig Glückwunſch und Dankwort faſt ohne Ende entgegenwarfen. Der König beſtieg den Thron und der Kronherold lud ſämmtliche Edeln zu den Feſten des Tages und ver⸗ kündete die Ordnung der Luſtbarkeiten. In ſcherzhaften Reimen rief er zuerſt die Damen auf, ſich ihre Ritter zu erkieſen, ſo für das ernſte Turnſpiel wie für das luſt⸗ gebärende Bankett, und von den Fräulein geringeren Ranges und jüngeren Geſchlechts ſtieg er hinauf bis zu den Blüthen der vornehmſten Familien. Jetzt ſcholl der Name der Prinzeſſin von ſeinen Lippen, und der noch nicht gewählten Kämpen Herzen klopften hoch. Conſtantia ſenkte die ſchönen Augen zum Purpurteppich, deſſen eingewirkte Blumen die Liebliche trugen gleich ihrer Königin, das feine Morgenroth auf den Wangen des herrlichen Kindes wandelte ſich zu dunkeln Purpurroſen, und kaum hoͤrbar trug ein Hauch ihrer zarten Lippen den Namen Heinrich von Ortenburg zu der horchenden Verſammlung. Ue⸗ berraſcht ſchwieg Jedermann; auch der deutſche Graf, der beſcheiden und faſt verhüllt von den weiten Behän⸗ gen des Thrones geſtanden, ſchien betroffen, erſchrocken, bleichen Geſichts. Doch wie angeſtoßen durch die plötzliche Stille im menſchenvollen Raume trat er zum Seſſel der Prinzeſſin, bog das Knie, und man ſah die Hand der königlichen Jungfrau zittern, als ſie die blau und weiß gefärbte Schärpe um ſeinen Nacken hing. Karl von Mau⸗ rienne drängte ſich vor und Eiferſucht und Unmuth ſchien eine Unbeſonnenheit gebären zu wollen, da ſprach der 31 Herold den Namen der Königin aus, Adelaide rief den jungen Vetter zu ſich, und verwirrt durch die unerwar⸗ tete Ehre ſchloß Graf Karl die böswillige Lippe und verſchob den Ausbruch ſeines Grolls auf eine gelegenere Stunde, und als jetzt eine rauſchende Fanfare auf dem Vorſaale zum Beginn des Ehrenkampfes einlud, jeder Ritter ſeiner Dame ſich zugeſellte, um ſie zu den Tribü⸗ nen der Stechbahn zu geleiten, da vergaß man Haß und Unwillen, und die Kränze der Galanterie bedeckten den Dorn, der in manchen Herzen einen ſchmerzlichen Stich nachgelaſſen. Man wird uns gern die Beſchreibung dieſes berühm⸗ ten Turniers erlaſſen; denn wer hätte nicht ſo in alten Chroniken wie in den Romanen des vorletzten Jahrhun⸗ derts zur Genüge die umſtändlichen Gemälde eines ſol⸗ chen Ehrentages ritterlicher Mannlichkeit kennen gelernt? Nur das Eigenthümliche dieſes Turnfeſtes dürfen wir dem Leſer nicht vorenthalten. Ein ungeheurer Raum am Rande der Stadt war eigens zu dieſem Ritterſpiele erwählt und bereitet wor⸗ den. An der nördlichen Seite des länglichten Vierecks der Stechbahn ſah man die Tribünen der Gäſte des Ho⸗ fes, in ihrer Mitte die königliche Loge, mit beiſpielloſer, faſt überladener Pracht an Teppichen und Goldſtoff und Silberſchmuck ausgeziert. Die ſüdliche Seite der Bahn nahm eine lange Reihe kleiner Gezelte ein, mit bunten Fähnleins und Wappenſchilden geſchmückt, jedes für die Bequemlichkeit eines Kämpfers eingerichtet, daß er ſich wappne und und bei möglichem Unglück darin Hülfe finde von ſeinen Dienſtleuten. Die ſchmälern Seiten in Oſt und Weſt blieben dem Volke zum Zuſchauen erlaubt, 32 und auf wolkenhohen, ſchmuckloſen Gerüſten drängten und drückten ſich hier Bürger und Landleute, doch von mächtigen Hellebardieren in Ordnung gehalten und vor jeder Ungeziemtheit gewarnt. Wer doch auch ein Edelfräulein wäre, ſagte die kleine Jeannet aus der Lilienherberge⸗ unruhig auf ihrem Sitze zwiſchen den Freundinnen rückendz ſehet doch nur die lange Reihe der eiſernen Männer und die prächtigen Helmfedern und die ſchnaubenden Pferde, und Keiner davon ſieht auf uns, wagt Blut und Leben für uns. Es iſt zum Todtärgern! Für unſers Gleichen klopfen ſich höchſtens ein Paar Zunftgeſellen die Augen blau, und eine Handvoll ſchmutziges Haar iſt der ekle Preis, den ſolche Fauſtkämpfer uns zu Füßen legen. Tröſte Dich, Mühmchen! verſetzte eine Nachbarin. Schauen die eiteln Junker auch heut am Mittag nicht auf uns, wenn die Dämmerung kommt, ſchleicht Man⸗ cher von ſeinem Fräulein, und ſteht um uns geduldig Schildwache hinter dem Thorweg trotz Wind und Regen. Hu, wie das kracht! ſchrie eine jüngere Freundin und hielt in kindiſcher Furcht die Hände vor das Geſicht. Es iſt der reiche Grafenſohn von Mayenne, entgeg⸗ nete die Vorige. O wie blutet der arme Junker! Pfui über den ungeſchlachten, thurmhohen Reiter, der ſeine ochſigen Gliedmaßen ſo unverſchämt mißbraucht, als wenn es große Kunſt wäre, daß ein gehörnter Stier ein ſchlan⸗ kes Windſpiel an die Wand wirft. Doch möchte ich des Thurmhohen Dame ſein, ſiel Jeannet ein. Wie ihn Jedermann anſtaunt und in Scheu zurück ſich beugt, wenn er auf dem dampfenden Hengſte an den Planken herunter rauſcht! Ich würde ſeine brei⸗ ten Schultern nicht fürchten, und erzählten auch die 33 Knechte bei uns, daß er aus einem Geſchlecht ſtamme, welches weithin gewohnt im Nordlande, wo ewiger Winter iſt und die Vornehmen ſich Schlöſſer bauen mitten in die himmelhohen Eisberge hinein, und von wo ſeine Väter erſt ſeit hundert Jahren in unſer ſchönes Land gekommen auf langen Segelkähnenz ich wollte ihn ſchon in Zucht halten, und es müßte eine beſondere Freude ſeyn, ſolch einen Rieſen mit dem kleinen Finger tanzen zu lehren. O ſpotte nicht! ſagte die Jüngſte. Der Himmel könnte Dir zur Strafe einen ſolchen Freier ſchicken, der Dich erdrückte im erſten Verlöbniß⸗Kuſſe. Aber Jeannet, wo iſt denn der fremde Junker, von dem Du ſo viel Gerede gemacht? fragte die Andere. Sieheſt Du ihn nicht halten auf dem lichtbraunen Pferd, in der grau⸗blauen Rüſtung mit Goldblumen belegt, gleich dort vor dem vierten Gezelt? erwiederte aufgeregt die Tochter des Lilienwirths. Der da? fragte die Freundin gezogen zurück. Ei, und der da hat Dein Herzchen angeregt, das ſich eben noch einen ungeſchlachten Rieſen gewünſcht? Sitzt er doch ſteif wie eine todte Puppe im Sattel, und ſein Auge kümmert ſich wenig um die Kämpfer und ſtarret gedankenlos auf den Federbuſch am Stirnſchilde ſeines Gauls hinab, und die lange Lanze lehnet friedlich an ſeinem Steigbügel. Der ſieht mir wahrlich nicht aus, als wollte er ſich Kränze holen auf dem gefährlichen Sandfleck. Wär' er nur geſcheidt, antwortete Jeannet haſtig, und hielte ſich ſtill, bis der ſilberne Rieſe matt geworden und ſich lahm geritten; denn wahrhaftig, da liegt ſchon der Dreizehnte, dem er heute den Spaß verdorben, und Blumenhagen. RIV. 3 den Tanz dazu, da er mit verſtauchtem Fuße hinkend ſein Leinenhäuschen ſucht. Etwas weiter hinab in der Reihe ſaß eine junge Dame, zwar nur in ſchlichter ſchwarzer Bürgertracht, doch ausgezeichnet und der Männer Blicke anlockend durch den edlen Schnitt eines blühenden Geſichts und durch einen tadelloſen Wuchs, der in der Entfaltung ſchönſter Formen dem Ideale weiblicher Schönheit nicht fern blieb. Linkerſeits dicht hinter ihr ſtand ein junger Mann, ſo dicht hinabgebeugt zu ihrem Ohr, daß ſeine Wange ſich auf dem üppigen Reichthum des glänzenden, kaſtanienbraunen Haarſchmuckes wiegte. Und du glaubſt, daß die feurigſte Liebe in dieſem Dei⸗ nem Lieblinge glühe? flüſterte die Dame. Dann iſt ſeine Neigung anderer Art als die Deine, und ſeine Gluth iſt tief verſteckt und weniger keck, auch weniger gefährlich. Es iſt der erſte Keim, der ſich nur langſam an die fremde Sonne wagt⸗ weil ihm noch Blatt und Blume fehlt, antwortete leiſe der Mann. Das Kind zaget noch ſchüchtern vor dem Simſon der Leidenſchaft, der plötzlich auf ſeinen Spielplatz trat. Als ich zuerſt vor dem Pa⸗. radieſe Deiner Schönheit ſtand, Heloiſe, war ich erſchüt⸗ tert, verſtummt, ohne Gedanken und Wort, eine Säule von Eis wie Er, aber biſt Du auch meine erſte Liebe, kannte der Mann doch ſchon den gefährlichen Gott und ſeine Wunder, und das innere Feuer ſchmolz ſchnell die Säule von Eis, und heraus ſprang eine geharniſchte Minerva und befehdete kühn das ſchönſte Meiſterwerk der Natur, deſſen Beſitz ihr Neid keinem andern Weſen zu gönnen vermochte. Horch, da ruft der Herold den Ritter der Königs⸗ tochter, ſagte Helviſe. e ch t⸗ le e, d ie te erk en 35 Er iſt es ſelbſt, antwortete mit lebhafter Bewegung Meiſter Abelard. Biſt Du ſchon ſo weit gekommen, mein guter Heinrich? Glück zu! Die zartfüßige Göttin von Knidos möge Dich ſchirmen und wie den Aeneas unbe⸗ fährdet aus dem Gefecht führen. Die Stechbahn war leer, als der deutſche Graf, durch den Ruf aus ſeinen Träumen geweckt, ſich feſtſetzte, die Lanze erhob und ſeinem ſchlanken Streitroſſe die Sporen eindrückte, daß es ſtieg und mit einem kühnen Satze über die Barrière ſeinen ſchwergeharniſchten Herrn mitten auf den Plan verſetzte. Ein lauter Beifall der Zuſchauer begrüßte das kecke Reiterkunſtſtück, und als der junge Fremdling jetzt zu dreien Malen die Ronde machte durch den Plan, und dreimal vor der Königsloge mit wunderbarer Leichtigkeit ſein Pferd herumwarf und mit freiem Anſtand ſalutirte, da erhob ſich rundum ein freudiges Geflüſter, wie des Waldes Laub ſich rieſelnd im Abendhauch bewegt; doch Ein Herz, das unſchuldigſte gewiß, vielleicht aber das heißeſte unter den Tauſenden, ſchlug in marternder Angſt, und das klarſte Augenpaar ſenkte ſich, als wollte es die bangende Seele bergen in den kaum entfalteten Pſychenbuſen, und die rauhen, herausfordernden Trompetenſtöße, welche jetzt ertönten, machten die zarteſten Glieder zucken in unverhehlter Furcht vor den nächſten Minuten. Graf Robert von Valvis ordnete ſeine Zügel und hob die Lanze, doch Ritter Himindal, der zu Fuß neben ihm ſtand, fiel ihm in den Zaumriemen. Haltet Euch ſtill, Graf, rief er, denn mir gebührt der erſte Gang, da mein zuletzt der Platz geblieben. Nach mir ſteht Euch der Gang frei. Werdet Ihr uns noch einen Fetzen übrig laſſen von ihm, um unſer Müthchen zu kühlen? fragte unwillig Robert zurück. Bei meinem Schwert, er reitet wie der jugendliche Odur, meiner Väter Gott! verſetzte der Normann, ſeſt den Blick auf die Bahn gerichtet. Ich ſchaute niemalen einen beſſern Reiter und ein köſtlicher Roß unter ihm. Laßt uns erproben, ob er ein Thurſenſohn und ob auch Thors Götterſtärke in der kecken Geſtalt ein Neſt ge⸗ funden. Der Mann gefällt mir, und iſt jetzt gar ein ein Anderer als droben im Königsſaal. Darum ſoll ihn mein Speer nur ein ganz Weniges erſchüttern, und Euch und ihm genug verbleiben zu einem zweiten Stechen. O Gott! ſchrie ein feines Stimmchen vom Gerüſt, da iſt der Rieſe dennoch in der Bahn, und hat dazu ein friſches Pferd und eine andere Rüſtung. Die heilige Mutter ſchirme das arme Grafenkind!— Und ein ſchwarz⸗ värtiges Angeſicht drehte ſich unten aus dem Gewühl zu dem Sitz hinauf, und zwei funkelnde Augen ſuchten mit böſem Zornblick die Schreiende, fanden ſie aber nicht, da ſie ihr Köpfchen hinter den Freundinnen verborgen. Ihr ſeid bleich geworden, Meiſter Abelard, ſprach auf der andern Seite eine Dame. Bangt Ihr ſo arg für den geliebten Schüler? Ha, wie ſtolz der unbeſiegte Recke ſein Streitroß ſteigen läßt und es wild macht durch Zaum und Sporn. Und welche verächtliche Blicke der Mächtige auf ſeinen ſtillen Gegner hinabſendet! Meiſter Pierre, Eure Hand bebt auf der Brüſtung. Wahyrlich, ſetzte ſie flüſternd hinzu, Eure Dame hätte Urſache zur Eiferſucht. O wie mag das Herz des Fräuleins zagen⸗ fuhr ſie dann mit wiederum erhobener Stimme fort, welches vielleicht mit ihm einen Bund geſchloſſen, den Niemand kennt als Gott und ſie. —* 37 Hollah, Jungfrau, ſprach der Kanonikus Fulbert, der ſeiner Nichte zur Rechten ſaß, mäßigt die Stimme, ich bitte, und gebt keine Gedanken zum Beſten, welche der Sittſamkeit ſelbſt im Geheimzimmer kaum erlaubt ſeyn dürften. Ich merke, Du ſtudirſt mir zu viel und ich werde meine Bibliothek verſchließen. Lieber Onkel, entgegnete Helviſe ſchelmiſch, wir Mädchen bedürfen der Bücher nicht; der Mond iſt unſer Lehrer, die Roſe erzählt uns von ihrem Abenteuer mit der Nachtigall, und was meine Turteltäubchen mir vor⸗ plappern, iſt eine ſeltſame Weisheit, die ihr Männer nicht zu überſetzen verſteht, wenn ihr auch das Sanſcritt ohne Anſtoß buchſtabirt. Trompetenſtoß und Waffengeraſſel zog ihren Helenen⸗ kopf herum zur Bahn. Herrlicher Burſch! rief Abelard wie außer ſich. Habt Ihr's geſehen, Helviſe? Mein Graf wankte nicht um einen Zoll breit, aber der ſtolze Normann fuhr aus den Bügeln, ſein Rapp ſtrauchelte von des Stoßes Gewalt, und nur die Kraft, mit der er ſich aus dem Sattel warf, rettete ihn vom wirklichen Sturze. Bravo, mein Heinrich, das gibt Reſpekt, und die hochmüthigen Herzogsſöhne werden Dich künftig un⸗ geſchoren laſſen. Doch was bedeutet das? fragte Heloiſe mit Haſt. Auch Euer deutſcher Graf iſt vom Pferde geſprungen, und der Normann ruft nach den Kolben. Die Marſchälle, der König ſelbſt werden es hindern, verſetzte Abelard mit hörbarer Angſt; ſollen doch nur Scherzſpiele und Waffen der Curtviſie den Feſttag feiern, mörderiſcher Kampf auf Tod und Leben würde den Freudentag beflecken. Und warum? fiel Fulbert ihm in das Wort. Laſſet ———— 38 die Herren ſich immer ein Bischen die Hälſe brechen zum Gaudium der Bürgersleute, denen ihre Stiefel für ge⸗ wöhnlich die Rippen eintreten. Glaubt mir, die ſchmutzige Bande dort unten, die Waſſerträger, die krummgebogenen menſchlichen Kameele, und jene gebräunten Erdumwühler, ſie hungern morgen noch einmal ſo leicht und gern, haben ſie heute einen Prunkjunker öffentlich zerbläuen ſehen. Und wie möchte der Plebs dieſe geborenen Herren⸗ dieſe Tyrannen ſchon in der Windel, dulden, wenn er nicht zuweilen ſähe, wie ſie das Leben einſetzen der Ehre ihres Schildes wegen, wenn er in ihrer Waffen⸗ und Reiterkunde nicht einen Schutz für ſeine Hütten gegen den Landesfeind zu haben vermeinte? Freilich iſt das auch Alles, was ſich von dieſer Ordo der goldenen Ringe und vom elaro angustu erzählen läßt. Die Knappen haben die Streitkolben herbeigetragen⸗ rief Abelard, der König iſt aufgeſtanden⸗ aber ſeine Hand winkt nicht verbietend. Iſt das franzöſiſche Gaſtlichkeit? Sein zürnender Ausruf verlor ſich unter dem Getöſe, welches der neue Kampf dort unten gebar. Wie die dumpfhallenden Schläge des Eiſenhammers im Gebirg das Echo wecken, ſo tönte wechſelnd, ohne Einhalt, Schlag auf Schlag der ſchweren Streitäxte auf den Schienen und Schilden der Ritter. Die beerzten Füße gruben ſich ein in den Sand, die Körper drückten ſich in ſich zu⸗ ſammen, um die ganze Kraft dichter zu drängen; immer gewaltiger griffen die Arme aus, die Zierrathen der Helme, der Panzer flogen umher wie die Glieder des Adlers auf der Stange vor den ſichern Schüſſen der Schützen, jeder Schlag ſchien ein Todesbote, und unter Todesſchauern zuckten unwillkürlich die Zuſchauer⸗ ſo wie die ſchwere Kolbe niederſchlug. Jetzt klang mit krei⸗ 39 ſchendem, ſchrillerndem Tone der getroffene Schild an des Spanheimers Schulter und fiel in Stücken geſpalten zu Boden, ein Mitleidsſchrei begleitete das Wanken des jungen Waghalſes, aber noch war der Schrei nicht ver⸗ klungen, da ſah man den rieſigen Normann taumeln⸗ Mit veiden Händen hatte Graf Heinrich die Kolbe ge⸗ ſchwungen, nieder krachte der Schlag, und weithin flog der goldene Lindwurm, die Helmzier des Falaiſers, zer⸗ ſprungen fiel der koloſſale, ungeſtaltete Helm zu beiden Seiten auf die Schultern ſeines Herrn, die Eiſenkeule entſank der gewaltigen Fauſt, und mit brechendem Knie erhielt ſich der Beſiegte kaum aufrecht, indem er den Balken der Barriére erfaßte. Aber auch Graf Heinrich hatte ſeine Kolbe fortgeworfen, die Eiſenhaube ſich vom Haupte geriſſen und war hinzugeſprungen⸗ den Feind zu unterſtützen, und einen wunderſam ergreifenden An⸗ blick bot es, wie auf den Trümmern des Eiſenhuts das värtige Geſicht des Normanns, der Kopf eines Herkules in wirrem Kraushaar und blutend die Stirn, mit weib⸗ licher Milde in den Zügen, mit dem Ausdruck der Liebe in den Blicken den Sieger anſchaute, deſſen feines, faſt noch baxtloſes Geſicht einen Stempel ſcheuer Demuth und knabenhaften Schmerzes trug, der es zum Räthſel machte, wer der Sieger geblieben, ob der Donnergott oder der Ganymed, der ihn unterſtützte. Der Zuruf, den ſolcher Kampf ſichexlich verdient, kam nicht zum Aus⸗ bruch: ſcheute man den Beſiegten, hatte der eitle Pa⸗ triotismus kein Jo Triumphe! für den Fremdling, oder waren die Herzen zu bewegt von dem Bilde jugendlichen Edelmuths und männlicher Hochherzigkeit; nur ein leich⸗ tes, doch wohlthuendes Geflüſter durchlief die Tribünen⸗ und ſo wurden Augen und Ohren der Menge hingezogen zu der königlichen Loge, in welcher die ſechszehnjährige Prinzeſſin ihrer Freude jede Feſſel abſtreifte, mit Hände⸗ klatſchen und lautem Bravo ihren Ritter begrüßte, bis die königliche Mutter das aufgeregte, außer ſich geriſſene Kind in ihre Arme zog und die unſchickliche Entſchleierung des Gefühls unter verweiſende Worte der mütterlichen Zärtlichkeit zu hüllen verſuchte. Graf Himindal von Falaiſe wurde fortgeführt; der Spanheimer beſtieg ſein Roß und hielt in der Mitte des Plans, bis der dreimalige Trompetenſtoß des Heroldes neue Gegner gerufen, aber keine gefunden. Langſam ritt er alsdann aus der Bahn, beſcheiden das Auge ſenkend, und nahm ſeinen Platz vor ſeinem Gezelt wie⸗ derum ein, durch ernſten Blick das Zugejauchze ſeiner Pagen und Knechte unterdrückend, die ſein Pferd um⸗ ſtellten und Schärpe und Knie verſtohlen mit den Lippen berührten. Der Ritter der Königin Majeſtät! ſchallte jetzt des Herolds Stimme, und Charles von Maurienne zeigte ſich in den Schranken; doch wie auch ſein Tigerroß ſtolz galoppirte und mit zierlichem Huf den Sand auswarf, man ſah auf des Reiters Antlitz den Eindruck des ernſten Kampfes, dem er eben zugeſchaut. Aber ein unſichtbarer Talisman ſchirmte des eiteln Franken Haupt vor Schimpf und der deutſchen Streitkolbe. Als er hielt in Mitte der Bahn, und mit erzwungener Keckheit umherſah, als riefe ſein Auge den Feind, da ſenkten alle Ritter ihre Lanzen, daß die Fähnlein den Boden berührten; der Ritter der Königin durfte von keiner Speerſpitze ge⸗ troffen werden, und nach einigen Minuten blieſen die Trompeter das Turnfeſt ab, und die Ritter ſchwangen ſich vom Sattel, und die Schrankenwächter riſſen den 41 Theil der Barrière ein, welcher die königliche Loge von der Stechbahn geſchieden. Und heran ſchritten drei grau⸗ bärtige Herren, durch die Hermelinmäntel ihren hohen Rang ausſprechend, und ſie zogen die Schwerter und verkündeten dem Herrſcher Frankreichs den Ausſpruch der Turnier⸗Könige, und als Louis huldreich gewinkt, ſpra⸗ chen ſie ernſt dem Herold das Dreiblatt ihres Urtheils vor. Und der Herold ſagte den erſten Dank laut dem Grafen von Ortenburg und Sonnenberg zu, dem Ritter der Königstochter; den zweiten Dank dem Grafen von Falaiſe, dem Ritter der Herzogin von Clermont; den dritten Dank dem Ritter der Königin, dem jungfräu⸗ lichen, unberührten Maurienne, der bei dem Spruch hoch erröthete. Als die gekrönten Ritter ſich der Königin genähert, als Conſtantie ſich herabbeugte zu dem knien⸗ den Heinrich, und ſie den Preis, eine große Goldmünze mit des Vaters Bildniß, in reiche Steine gefaßt und von einer ſchweren Goldkette getragen, um ſeine Schul⸗ tern hing, und ihre zarten Finger ſein Lockenhaar ſtreiften und auf ſeinen Schultern einen Augenblick nur ruheten, da zuckte es ihm bis tief in das Herz, bis tief in das Hirn hinein, er warf den Blick kühn in die Höhe, traf auf der königlichen Jungfran Auge, in welchem die wahre, kindiſche Herzensfreude funkelte, und Beide hatten Nichts geſprochen und waren dennoch einig, gebunden und verbunden in dieſem Augenblick. Ein koſtbares Schwert, ein Silberhelm waren die andern Preiſe, und zum Prunkzuge ordnete ſich jetzt König, Hof und Ritter⸗ ſchaft, hinaufzuziehen von dem Plan zum Schloſſe, wo vas Bankett bereitet, und nach ihm das glänzende Tanzfeſt beginnen ſollte.— Faſt die Letzten unter der ſtürmiſchen Menge verließen Abelard und Helviſe das Gerüſt. Du glühſt wie eine Granatblüthe, Pierre! flüſterte ſie, als der ſchöne Mann ſie auf der ſteilen Treppe unterſtützte. Gewiß wäreſt Du gern zwiſchen die Prunkherren ge⸗ fahren, Deinen Schüler zu herzen in ſtolzer Liebe.— Nein, nein! antwortete Abelardz brennt mein Geſicht, ſo iſt es in Scham und Neid. Was bleiben wir Bücher⸗ helden den Frauen im Angeſicht ſolcher Männerthaten? — Schöner iſt der Elfenfürſt als der Gnomenkönig; den Klügſten zu beherrſchen, wo beut das Leben höhern Stolz? entgegnete ſie lächelnd, und Abelard preßte ſie dreiſt an ſein Herz⸗ Graf Himindal lehnte bequemlich an einem Pfeiler der großen Königshalle, der ihn faſt verdeckte, jedoch Raum genug ließ zu unterhaltender Beſchauung. Eine ſchwarze Seidenbinde umgab die Stirne des furchtbaren Gaſtes, doch ſein krauſes goldgelbes Haar quoll verhül⸗ lend über das Band, wie Meereswellen den gehäſſigen Erddamm zu überſtrömen ſuchen. Das Heldengeſicht erſchien bläſſer als am Morgen, wie leidend, doch da⸗ durch milder und menſchlicher. Erſtaunen auf allen Zügen trat Robert von Valvis aus dem Kranze der Tanzenden zu ihm⸗ Ihr fehltet beim Bankett und jetzt erſcheint Ihr zum Tanz? fragte er beſorgt. Erlaubt Eure Wunde ſolche Anſtrengung? Der Waffenſchmied klopfte ſchon manche Beule aus meinem Eiſenzeug⸗ antwortete Himindal mit Humor, und der Harniſch blieb ein guter Schlachtkumpan. Sollte eine elende Schramme am Kopf den Mann zum Inva⸗ liden machen? Glaubt Ihr⸗ ich gönnte meinem Sieger die Freude, mich daheim im Bett zu wiſſen, während er hier neue Triumphe einſammelt? 43 Warum nahmt Ihr auch das junge Thierz es war Unfall zum Verzweifeln, und warum riefet Ihr nach der Kolbe, welche die rohen Deutſchen am liebſten und darum am beſten handhaben? fiel ihm eifrig Valois in das Wort. Beſſer eben nicht, aber glücklicher, verſetzte Himindal bitter. Und wenn es Euch ſo leid war, und Verzweif⸗ lung brauſet ja aus in verwegenſter That, warum rächtet Ihr denn des Waffenbruders Fall nicht mit Lanze und Schwert? ſetzte er ſcharf hinzu. Wir waren betäubt von dem Unglaublichen, erſchüt⸗ tert, erſtarrt! ſtotterte Robert. Und thatet gut daran, lachie Falaiſe, denn der Schlag, welcher meinem Stierſchädel eine Beule ſchlug, hätte Eure dünne Stirnplatte, ſammt allem drunter, wie ein friſchgelegtes Ei zuſammengequetſcht, daß der beſte Medikus nicht erkannt haben würde, ob der blutige Brei einem Herzoge oder einem vagirenden Sackpfeifer gehört. Glaubt Falaiſe's Wort: in dieſer Schäfermaske wohnet eine Wundermacht, die Eiſen bricht und das ſtärkſte Herz bezwingt, und hat die germaniſche Jugend⸗ blüthe einige Dutzend ſolcher Buben aufzuweiſen, mag Frankreich ſeine Gränzen in Oſt wahren, daß nicht Ger⸗ man und Normann in ſeinem Herzen zuſammenſtoßen und Alles leibeigen machen, was galliſch redet. Euer Spaß iſt ſchlecht und klingt nach dem Wund⸗ fieber, verſetzte Graf Robert mit Unwillen. Der junge Maurienne ſprang erhitzt hinzu. O Hi⸗ mindal, rief er hoch aufgeregt, der Teufel hole Eure Unvorſicht. Den beſten Zug edler Rappen aus meines Vaters Stall gäbe ich darum, Ihr wäret heute nicht ſo ungeſchickt geweſen. Bin ich denn nicht der nächſte 44 Verwandte des Thrones? Nennt mich nicht ſchon lang In⸗ und Ausland den künftigen Geſpons der Königs⸗ tochter? Und heute muß ich zuſchauen, wie dieſer unge⸗ leckte Fremdling ſich geberden darf, als ſey er der Zwil⸗ lingsbruder der Lilie von Paris. Kolbenſchläge, Kolbenſchläge! lachte der Normann. Bücket Euch fein, Prinz, ſo treffen ſie nicht. Ich trat zu Conſtantie und bat ſie um den Tanz⸗ fuhr Charles fort; ſie verwies mich mit Muthwillen an ihren Ritter, dem ſie heute ganz gehöre, wie der Ober⸗ hofmeiſter ihr erklärt. Der deutſche Fant nannte ſich ihren Dienſtmann und überließ ihrem Befehl ſein Bleiben oder Scheiden. Da ſprach ſie: Vetter, Euer Pferd ſchritt heute ſo blank aus der Bahn, wie es hineingekommen. Hättet Ihr auch ein ſolches menſchliches Ungethüm nie⸗ dergeſchlagen für Conſtantiens Ehre, ſo theilte ſie viel⸗ leicht. Suchet Lohn bei der Mutter, iſt's doch gar nicht ſchön, daß Ihr um der Tochter willen Eure Dame ver⸗ geſſet. Ein Ungethüm? fragte Falaiſe. Sie meinte uns, und das iſt etwas unfein von dem roſigen Kinde. Aber ſchauet, da rauſchen ſie durch den Reihen. Bei meinem Bart, der deutſche Knabe macht ſich gleich wacker auf dem Sande und auf der Tanzbahn. Zwar wirft er die Beine nicht in hundert Schnörkeln wie die Barone an der Seine und Rhone, aber er dreht ſich anſtändig und leicht, und hält vor Allen ſein Dämchen ſo feſt und ſicher, daß man es der Kleinen nicht verargen kann, wie ſie ſich's wohl ſeyn läßt in ſeinen ſehnigen Armen, und wie das Vertrauen aus ihrem Auge redet, das in Sicherheit an ihm haftet. Prinz Charles, ergötzet Euch doch an dem Bärentanze; geht Euch doch derlei über 45 alles Vergnügen! Bravo, mein Deutſchmann! Wer den Himindal niederſchlug⸗ darf es ſchon wagen, um ein gekröntes Häuptlein zu freien. Seyd Ihr unſinnig, Graf? fragte verwirrt der Prinz. Könnt Ihr ohne Haß den betrachten, der Euch beſchimpfte, und den Unbeſiegten, den berühmteſten Ritter Frankreichs um ſeine Krone brachte? Keiner von uns könnte ſo kalt drein ſchauen nach ſolchem Unfall. Es iſt ein Unterſchied zwiſchen uns, antwortete der Normann, ſpöttiſch die bärtigen Lippen verziehend. Eure Vorfahren wohnten bei den Fröſchen im Sumpf oder vei den Nachteulen im Steinneſtz; meine Ahnherrn hau⸗ ſeten im Eisberg hoch, wo ihn die Wolken küſſen, und das Nordlicht leuchtete, wenn ſie die erſtarrten Glieder wuſchen im Hekla⸗Geißer. Ihr fürchtet Alles, was ſo ſtark oder gar ſtärker iſt als Ihr; der Normann freuet ſich des würdigen Feindes. Gecken lieben den Geck, der Mann liebt den Mann, bei dem es der Mühe lohnt, die Mannheit und das Leben einzuſetzen. Maurienne wollte beleidigt auffahren, da rauſchte der Herzog Eudo mitten durch das Gedränge und fragte mit Aengſtlichkeit: Wo iſt unſer Herr, der König?— Am Würfelbrett im Speiſezimmer, wurde geantwortet. — So ſpringt zu der Tribüne, Robert! Die Trompeter ſollen mit doppelten Lungen blaſen, die Pauker auf die Eſelsfelle ſchlagen, als wollten ſie die Todten erwecken. Es iſt Brand in der nahen Hahnengaſſe, eine Brunſt, die gefährlich zu werden dräuet. Aber das Schloß iſt ſicher, geſchieden vom Feuerplatze durch des Hofes hohe Mauer. Darum ſoll der König nichts wiſſen, wandte er ſich zu den Tänzern, die ſich herbeigedrängt; ſein Feſt ſoll ihm nicht verderbt werden. Niemand laſſe ſich ſtören bei dem Tanze oder bei dem Becher: es wohnet nur ſchlechtes Bürgervolk, niederes Geſindel in dem Gäßchen, das ſich ſelber helfen mag. Der Knäuel der Gäſte löste ſich wiederum, die Muſik tönte doppelt laut und verlockend, und jedes Paar trat wieder in ſeinen Platz. Nur Conſtantie ſah mit wunder⸗ barem Blick ihren Führer an. Höret Ihr das Geſchrei, das Getöſe draußen? fragte ſie mit ſichtlicher Erſchütte⸗ rung. Die Trompeten übertönen es nicht. Dort der Jammer, und hier—2 O bringt mich zu der Mutter Königin, guter Graf. Graf Heinrich führte ſie raſch an den Pfeilern hinab. Ihr erlaubt? fragte er, als ſie zu der Eſtrade gekom⸗ men, von wo die höchſten Damen dem Tanze zuſchauten, und als er noch einen ſeelenvollen Blick getrunken, flog er durch den Saal zurück und verließ vhne Aufſchub das Schloß. Welch eine Scene empfing den deutſchen Jüngling, als er mit ſeinem grauen Gebhard, den er im Schloß⸗ hofe gefunden, im Eilmarſch, denn Menſchlichkeit und Mitleid ſpornte ſcharf, zu dem Platze des Schreckens und ungeheurer Verwirrung gelangte. Eine lange Reihe kleiner Häuſer ſtand in lichten Flammen, ſchon halb verzehrt, zuſammengeſtürzt zum Theil, eine furchtbare Hitze verbreitend und durch erſtickenden Qualm jeden Retter verſcheuchend. Die Bewohner waren mit Weib und Kind ausgezogen, ihr Theil von den Volksfeſten einzunehmen, und ſo war die Brunſt unbeachtet zu dieſer vernichtenden Größe gewachſen. An Löſchen war nicht zu denken; das ganze Stadtquartier war verloren, wenn nicht der Abbruch einiger Gebäude die Feuerzeile zer⸗ * — — — v 47 ſchnitt. Doch welche Gewalt ſtand auf dem Platze, den verweigernden Eigenthümern Zwang anzuthun? Die Herrſcher und Machthaber wiegten ſich ja oben im Schloſſe auf des Tanzes Wogen und tödteten die Er⸗ innerung mit heißem Weinblut. Graf Heinrich verpfän⸗ dete ſein Ritterwort für die Bezahlung, und die Häuſer wurden niedergeriſſen, und das zerſtörende Element hielt an in ſeiner Verwüſtung und verloderte in ſich ſelbſt ohne neue Nahrung. Das Entſetzen war beſchwichtigt, beſchworen; aber ein neuer Jammer umdrängte jetzt den Grafenſohn, warf ſich auf ihn, da ſeine Beſonnenheit das Vertrauen der unglücklichen Bürgersleute gewonnen hatte. Ein Schwarm jener Elenden, denen die Flamme in einer kurzen Stunde alle Habe, ſogar das Dach und das Lager geraubt, und die für die nächſte Nacht auf die Oekonomie des Wald⸗ thieres angewieſen waren, zog undurchdringliche Kreiſe um ihn: Weiber winſelten, Kinder wimmerten, verzwei⸗ felnde Männer ſtießen wüſte Flüche aus. Er vertheilte unter ſie, was er an Geld, an werthvollen Schmuck⸗ ſachen bei ſich trug; er verſprach ihr Vertreter, ihr Für⸗ ſprecher bei dem wohlgeſinnten Könige zu werden; er rieth ihnen, ſich in der Stadt zu vertheilen, bei Ver⸗ wandten, bei Zunftgenoſſen, bei barmherzigen Bürgern, in den Klöſtern für die Nacht Zuflucht zu ſuchen, und ſchöpfte freier Athem, als er aus dem erſtickenden Ge⸗ dränge ſich losgemacht und jetzt in der Gaſſe hinauf⸗ ging, deren Ruinen, noch immer in Dampf gehüllt und von Flammenzungen erleuchtet, welche aus rothen Kohlen, wie die Menſchenmacht höhnend, hie und da aufſchoßen, jetzt, da die Gefahr zu Ende, ſein Gemüth erſt in tiefſten Schauern bewegten. Horch, klangen dort nicht Menſchenſtimmen inmitten ver Vernichtung? Eine Stimme, noch eine, heiſer, ſchreck⸗ lich wie Sterbelaut! Hier war es⸗ hier, wo herabge⸗ ſtürztes Gebälk die Oeffnung des Kellers verſperrt!— Der Graf, ſein Gebhard und einige wackere Bürger legten Hand an⸗ der heiße Schutt ward fortgeräumt, und ohne Bedenken eilt der Spanheimer, einen bren⸗ nenden Spahn in der Hand, die Steige hinab. Eine Mutter fand er, den zarten Säugling an der Bruſt, zwei andere Knaben zwiſchen ihren Knien, alle erſchöpft in Angſt und Todesnähe, alle betäubt durch den Qualm⸗, der hinabgedrungen. Er faßt die Kindlein alle drei, be⸗ packt Schultern und Arme damit, beſchwört die Mutter, ihre letzte Kraft zu wecken und ſeinem Schritt zu folgen. Schon iſt er oben, wo ihn der zagende Waffenknecht freudig empfängt und ihm die Kleinen abnimmt, aber wehe, die Mutter findet ſein Rückblick nicht. Man ſchreit ihm zu, daß der Reſt des Hauſes wanke und ſich neige, daß die verſchloſſene Flamme neuerdings lodere in der Tiefe des Gebäus und ſeine letzten Stützen verzehre. Er hört nicht, er ſpringt zurück in den dunkeln Schlund: ohnmächtig liegt das Weib auf der Steige. Auch ſie trägt er löwenſtark hinaus an Gottes Luft, und hinter ihm praſſelt das Gebäude zuſammen. Wie herzet das Weib die Kindlein, als ſie zum Leben erwacht; wie ſteht der muthige Jüngling belohnt in dem Anblick, wie thut es ihm ſo wohl, ſich geprieſen zu hören ſchlicht und herzlich von dem Munde der Helfer und Zeugen ſeiner That. Aber die völlige Beſinnung kehrt jetzt der Mutter: die Kinder an ihr Herz gepreßt ſchauet ſie umher, und die Erinnerung, ihr kein tröſtender Engel, ſchlägt die Krallen der Hölle in ihre Bruſt. Sie hat den Mann — 1 t 5 d ie 49 mitten im Feuer geſehen, ſtürzend unter der zerſchmet⸗ ternden Wand. Nichts iſt gerettet von Hab' und Gut; ſie iſt eine Fremde aus ferner Provinz, ohne Blutsfreunde und Bekannte; dem Feuertode entriſſen, ſieht ſie die ſchwerſte Noth, Hunger und Schmach geworfen auf ſich und die lieben Häupter ihrer Kinder; ſo wird ihr Dank⸗ wort ein wahnſinniger Verzweiflungsfluch, ſie verwünſcht ihre Rettung, ihren Retter, und ſie will ſich mit ihrem Säuglinge zurückſtürzen in die heiße Lohe, von der der Windſtoß, als käme er über ein Lavafeld, glühende Dünſte ihr entgegenträgt. Graf Heinrich frieret fieberhaft mitten in der Gluth bei der Mutter Jammer; er beſchwört heftig ihren Wahn⸗ witz, er will der Kinder Vater ſeyn. Ungläubig ſtößt ſie ihn aus ihrem Wege, den Retter nicht mehr kennend, laut ſpottend ob der bekannten Liebloſigkeit der Vor⸗ nehmen. Der Graf durchſucht ſeine Kleidung: Alles iſt leer, kein Goldſtück, Ring oder Spange mehr zu ver⸗ ſchenken, um ihr zum Pfande ſeines Verſprechens zu werden. Da faßt ſeine Rechte den Turnierpreis, des Königs Goldbild, von koſtbaren Steinen umkränzt, an ſchwerer Goldkette. Das unſchätzbare Kleinod reißt er vom Halſe. Da, trage es zum Goldſchmied des Königs; er wird Dir mehr dafür geben, als Du beſaßeſt, und Jahre lang wirſt Du mit Deinen Kindern zehren können von dem Erlös. So drückt er ihr den Schatz in die Hand, ruft unmuthig: Zweifle nie wieder an Chriſten⸗ ſinn unter dem Ritterkleide! und eilt hinweg, indeß die Umſtehenden ſprechen: Der iſt nicht bei uns geboren! Der kam weit über die Berge, wo auch die Herren an Gott glauben und den jüngſten Tag fürchten. Blumenhagen. XIV. ——— 50 Im Schloßthor ſtand Graf Heinrich unentſchloſſen und zögernd. Er war vis hieher geſchritten, ohne zu denken wohin. Nur Conſtantiens Bild hatte ihn geleitet, wie der Wunderſtern die Könige des Morgenlandes. Zwiſchen den Pechkränzen⸗ welche in großen Pfannen am Schloßportal brannten, kehrte ihm die volle Beſinnung. Sein Seidenwamms trug den Schmutz der Brandſtätte, ſein Sammetmantel hing zerfetzt an den Schultern, ge⸗ ſchwärzt war die Hand vom verkohlten Balkwerk, das ſie weggeräumt, Aſchenſtaub fühlte er auf dem braunen Lockenhaar und im Geſicht. So konnte er nicht zum Königsfeſt zurückkehren, und tief ſeufzend, daß er gehen ſollte ohne einen Scheideblick von der lieblichen Königs⸗ tochter, wandte er ſein Geſicht und rief nach ſeinem Waffenknecht. Doch kaum war ſein deutſches Wort durch die Nacht erklungen, ſo ſah er ſich umringt und feſtgehalten. Es waren die Grafen von Mayenne und Champagne, be⸗ gleitet von einem Halbdutzend Hofdienern, ausgeſchickt, ihn zu ſuchen und ohne Säumen zu dem Könige zu führen. Iſt es auch eben nicht Hofſitte, das fremde Verdienſt anzuerkennen oder gar laut zu preiſen: dieſes Mal hatten die Pariſer Ritter, vielleicht überraſcht durch die Schrecken der Nacht, Gerechtigkeit geübt. Der König Louis wußte Alles. Gardiſten hatten des deutſchen Grafen Thaten geſehen, einige Neugierige von den geringern Hofleuten waren den Schritten des Spanheimers ge⸗ folgt: von ihnen kam der Wunderbericht von des Fremden Beſonnenheit, Umſicht, Großmuth, Kühnheit und Opfe⸗ rung für gemeines Bürgerleben in das Schloß, in die Vorzimmer, in den Saal, bis zu dem geweihten Spiel⸗ gemach des Königs, und Jedermann ergoß ſich in Lob⸗ 51 preiſungen, und der König befahl, den hochherzigen Grafen aufzuſuchen, und wie er ſey, zu ihm zu führen. Es geſchah alſo. Trotz alles Sträubens, trotz der heftigſten Widerrede ſah ſich der Graf mitten in die glänzende Geſellſchaft verſetzt, und ſchamroth ſtammelte er Entſchuldigungen, zürnte zugleich, daß man ihn ge⸗ waltthätig in ſolchem Aufzuge vor die Augen der Ma⸗ jeſtät geführt. Dem gutmüthigen, aber bequemen König ſtanden Zähren in den Augen, als er etwas unbehülflich dem Grafen näher trat und ſeine runden Hände auf des ſchlanken Jünglings Schultern legte. Held auf dem Turnplan, Held im Sturm der Ele⸗ mente, ſagte er, Du trägſt das ſchönſte Prunkkleid unter uns Allen, und Jeder von uns, König und Knapp, muß Dich beneiden darum. Du biſt mein Stellvertreter dort unten geweſen und haſt mein Amt in Ehren gehalten, haſt geſchützt, gerettet, getröſtet. Thöricht wäre es, einen Solchen nicht feſt zu binden an mich und mein Haus. Sey von dieſer Stunde an Kämmerling meiner Königin, und verrichte Dein Amt ſofort, Deiner Herrin gegenüber ſitzend bei dem nächtlichen Mahle, zu welchem ſchon die Trompeten das erſte Zeichen gaben. Die Mehrzahl der Verſammelten klatſchte Beifall, aber auch heimliches Gemurr des Neides miſchte ſich drein, und einige böſe Augen blitzten von fern auf den Jüngling, der beſcheiden ſich über die Hand der Königin beugte. Eure Großthat, Heinrich, hat ein zartes Gemüth in furchtbarſte Angſt verſetzt! flüſterte die milde Fürſtin. Sucht unſere Conſtantie und beruhigt ſie. Sie floh aus der Hitze des Saales, aus dem Gedränge dieſer eiſigen Larven zum Garten. Der Freund kennt ihre Lieblings⸗ plätze: ſucht das Kind und führet die Beruhigte herauf in unſere mütterlichen Arme. Heinrich küßte nochmals und feuriger und feſter die mütterliche Hand; mit über⸗ ſeligen Empfindungen, doch mit Beklommenheit und Scheu, deren Grund er nicht wußte, eilte er zu einer Seitentreppe, die ihn, unbelauſcht von fremden Blicken, ſo glaubte er, zu dem Garten führte, wo er ſeines Her⸗ zens Jol finden ſollte, wo, wenn der Himmel ſeinen Thaten einen Lohn zugeſprochen, er gewiß war, ihn überſchwänglich zu empfangen. Iſt es nicht zuweilen, als wenn die Ratur gleich einem theilnehmenden Weſen den Menſchen umfinge, in Harmonie ſtände mit ſeinen Empfindungen, ſeinen Schmerz theilte wie ſeine Seligkeiten, mit ihren Jubelſtimmen lockte zu ſeiner Freudenſtunde, mit grellen, grauenvollen Zeichen ihm voraus andeutete, daß ein böſer Dämon den Schlangenblick auf ihn geheftet und ein Unheil ſich langſam auf ſeiner Straße aus dem Boden erhöbe? Schon nahte die Nacht, aber eine angenehme Däm⸗ merung lag über den weiten Gärten, welche das Schloß umgaben, wie bunte Steine die Perle im Ringe um⸗ faſſen. Die Luft wehte lau, ſie trug den Hauch der geſunkenen Sonne noch in ſich, und die Bruſt des Men⸗ ſchen athmete in ihr tief und ſchwer und erfreute ſich der leichten Windſtöße, die aus Oſten kamen. Der Rauch der erloſchenen Feuersbrunſt lag wie ein Nonnenſchleier über der Stadt. Vor ſich her ſtießen ihn die Winde und trieben ihn einem ſchweren Wettergewölk entgegen, das im Weſten breit und ſchwarz langſam dem Winde entgegen ſich erhob, indeß im wolkenleeren Oſt ein 53 ſchwaches Schimmerlicht die Bahn andeutete, auf welcher der volle Mond ſich dem Saume des Horizontes näherte, als wolle er, ein Kämpfer mit offenem Vifir und un⸗ beflecktem Goldſchilde, dem grauenhaften Ungethüm in ſchwarzer, wolkiger Verluppung, dieſem Rieſen in Weſten den Kampf bieten. Graf Heinrich durcheilte den Garten, ungeſtüm, un⸗ ruhig, oft ſtill ſtehend und mit einem ſchweren Athem⸗ zuge die Bruſt leichternd. Der große Garten lag öde und ſtill; nur hie und da ſchlich ein einſamer Gaſt an den Blumenbeeten hin, oder eine Kammerfrau mit dem Galan ſchlüpfte am Gebüſch vorüber mit unhörbaren Geſpenſterſchritten. Im Winkel des Gartens ſtand ein uralter Kaſtanienbaum, mit ſeinem weitgeſenkten Zweig⸗ werk einen großen Raum benachtend. Kugeligte Akazien bildeten einen Kreis um den greiſen Fürſten des Gar⸗ tens, und Roſengeſträuch füllte die Zwiſchenräume und ſchloß das Verſteck wie dichtes Mauerwerk. Blumenbeete verdeckten den Eingang, die beſcheidene Reſeda webte einen berauſchenden Duftteppich, narkotiſcher athmete die Nachtviole, und zwei hochgeſchoſſene Lilien trugen auf grünen Armen glänzende Schneekelche, die den reinen Buſen weit aufthaten in der erquicklichen Nachtkühle, und, mild gebogen nach Oſt, als erwarteten ſie den glän⸗ zenden Bräutigam, betäubende Wohlgerüche aushauchten, wie die Sultanin, die ſich geſchmückt und geſalbt für ihren königlichen Geliebten. Die Königstochter ſaß auf der Marmorbank unter der Kaſtanie. Im tiefen Schatten barg ſie die Furcht um den Mann, dem ihr Herz ſich hingegeben, ohne daß es bis jetzt das Wort geſtanden, barg die Schrecken ihrer Phantaſie, welche mit grauſigen Bildern, mit Feuertod — ——— 8———————— und Flammenopfer ſpielte, und zu ihrer Pein kam der innere, ſtachelnde Vorwurf, daß ſie ſelbſt ihn in die neue Gefahr gejagt, und wenn der Kühne drin umkam, ſie ſelber ſeine Mörderin geworden. Da erklang ihr Name am Eingang der Laubhöhle, da ſah ſie ſeine Ge⸗ ſtalt zwiſchen den grünen Säulen der Akazien, und auf flog ſie, gegen ihn heran, und hätte ſich faſt in ſeine Arme geworfen. Seine Anrede hielt ſie ab von der Unſchicklichkeit.* Prinzeſſin, ſprach er reſpektvoll, die Königin verlangt nach Euch und ſendet mich. Und die Gefahr iſt vorüber und auch Ihr ſeyd glücklich da? ſtammelte das liebliche Kind.— Neben mir, mit mir, über mir ſchwebte ein Engel und der dräuende Tod trat zurück vor dem lieben Schutzgeiſt, antwortete Heinrich.— Tod? Und er dräuete Euch⸗ Eurem lieben Haupte? O erzählt! bat vewegt Conſtantie. Und als er erzählt, kurz, gedrängt, mit Haſt, denn ſie war ihm näher getreten, er ihr näher getreten, und weißer als die Lilien ſchimmerte ihr Nacken, ihre Bruſt durch das Halbdunkel herauf, heller wie das Leucht⸗ würmchen auf der Reſeda funkelten ihre Augen⸗ und es däuchte ihm die Zeit zu heilig, der Augenblick zu werth für ſolch unwichtige Kunde, wie er mit Widerwillen ſein Eigenlob ausſprechen mußte; und als er zu Ende mit der Erzählung, da ſtand ſie dicht vor ihm, er ſah dicht vor ſich die jugendliche Helenenbruſt ſich heben in Ebbe und Fluth der Empfindung, ihr Geſicht reichte gerade bis an ſein Herz hinauf, und jetzt drückte ſie wie in einer kommenden Ohnmacht ihre Wangen an ſeine Bruſt, und er mußte ſie umfangen, daß ſie nicht zu Boden ſank, denn mit gebrochenem Laut flüſterte ſie: Haltet ein, — n ⸗ 55 Graf! Ich ſehe Euch im Gewölb, und der Eingang ſtürzt zuſammen und Ihr ſeyd verſperrt für ewig. In demſelben Augenblick gedachte er plötzlich des Kleinodes, das vorhin auf dem Fleck gehangen, wo er jetzt den ſüßen Druck des Engelköpfchens fühlte. Und erſchrocken ſank er in das Knie und ſprach, wie er ihr Abbitte zu thun, da er hingegeben, was er bis zum Sterbelager nicht hätte vom Herzen laſſen ſollen; und als ſie forſchte, erzählte er das letzte ſginer Abenteuer, die leichtſinnige Vergeudung des koſtbaren Turnierpreiſes, und rief ſchmerz⸗ lich: Nein, Ihr könnt mir nicht vergeben, daß ich Euch vergaß in jener Minute, vergaß den König und die Ehre und Alles, was an dieſen Schatz vom Schickſal ſo ſinnig geknüpft worden. Er hatte ſeinen Kopf auf ihr Knie gelegt, indem ſie, durch ſeine Heftigkeit zurückgedrückt, ihren Sitz wiederum eingenommen. Mit der zarten Hand hob ſie ſeinen Kopf auf, mit der andern ſtrich ſie die wirren, halbverſengten Locken ihm aus dem Geſicht. Thörichter, lieber, edler Mann! ſagte ſie mit Innigkeit, ſollte Conſtantie ſchelten, weil Du ſo gut, ſo menſchlich wareſt? Hörte Vater König davon, er würde Dir ein anderes koſtbareres Kleinod ſchenken, denn auch er iſt gut wie Du und mitleidig, kann er auch nicht mehr ſo herrlich fechten wie Du und nicht mehr ſo unbedacht in das Feuer ſpringen wie Du. Aber Deine Bruſt ſoll nicht unge⸗ ſchmückt bleiben. Sie löste eine Goldkette mit feiner Kapſel von ihrem Halſe. Nimm dieſes Heiligthum. Ein Stück des wahren Kreuzes iſt darin verborgen, Seele und Leib beſchützet es gegen jedweden Feind und in jeg⸗ licher Befährdung. Ein Glaubensritter, ein Blutsfreund der Mutter, brachte es ſelbſt mit von dem Marterberge des Erlöſers. Und als ſie ſich über den knieenden Jüng⸗ ling bog, ihm ſelbſt das koſtbare Geſchenk über den Nacken zu hängen, da blitzten heller als die Demanten und Rubinen an der Kapſel die beiden Augenpaare dicht voreinander, und ihr verwandtes Licht ſchoß in und durcheinander, die Beſinnung ſchwand Beiden, und mit unvollſtändigem Wechſellaut ihre Namen ſprechend, nä⸗ herten ſie ſich ſchwankend einander: ſie ſank, er fing ſie auf, und ihre heißen Lippen fielen in einem ſeligen Vergeſſen zuſammen. Eben hob ſich der Vollmond über den Horizont und ſein rothgelber Strahl ſtrich gerade durch die Eingangs⸗ lücke auf den heimlichen Platz. Aber nicht zu heiligen die fromme Myſterie ſtieg er ſo raſch, nein, es war nicht der filberne ſanfte Schild, der Freund der Liebenden, der ſchwermüthige einſame Segler der Luft, es war der rothglühende, ungeheure Feuerball, der an Mordbrand und Thaten des Entſetzens erinnert. Erſchreckt durch die plötzliche Helle fuhren die ſpielenden Kinder auseinander⸗ aber der Schrecken doppelte ſich, wuchs bis zum Unge⸗ heuren, als jetzt die Roſenwände lebendig wurden, wil⸗ des Gelächter ganz nahe und rundum erklang, und vor dem Eingange mehrere Männergeſtalten als ſperrende Koloſſe ſichtbar wurden, und Spottreden und Drohworte, Krieg und Gefahr für Ehre und Leib anſagten. Conſtantie ſank mit einem Angſtlaut an Heinrichs Schulter, er aber ſprang ſtark empor, im linken Arm hielt er die Jungfrau, den rechten ſtreckte er dräuend den Nachtgeſtalten entgegen. Seyd Ihr berauſchtes Geſindel, das wider das Gebot in den Garten ſchlich, ſprach er mit ruhiger Würde, ſo bergt Euch in den Buſch, ehe Euch die Barde der Wäch⸗ N 57 ter erreicht, denn Euer ruchloſes Geſchrei hat hier die Königstochter beleidigt. Seid Ihr aber argliſtige Raub⸗ buben, die nach Schätzen ſuchen im Dunkel, ſo ſcheuche Euch mein Name, denn ich bin der Spanheimer, der Sieger im Turnier, und dieſer Dolch an meiner Hüfte iſt genügende Waffe für Euresgleichen. Ein neues Gelächter hallte als Antwort, und mit Erſtaunen erkannte jetzt der deutſche Graf im wachſen⸗ den Lichte des Mondes die Vornehmſten des Hofes in ſeinen Widerſachern. Der Herzog Eudo von Clermont that ſich kund als ihren Anführer und trat mit entblöß⸗ tem Degen ihm entgegen. Jämmerlicher Prahler und Heuchler! ſprach Eudo mit hämiſchen Zügen. Entlarvt biſt Du und ſtehſt da in ſchändlichſter Blöße, ergib Dich und laß Dich binden und führen zu der niedrigſten, ſchmutzigſten Höhle des Thurmes, denn dahin gehören Deinesgleichen. Heinrich ließ den Dolch funkeln im Schimmer des Nachtregenten. Ihr ſeid trunken, Herr Herzog, entgeg⸗ nete er verächtlich. Morgen will ich Euch fragen, ob Ihr wißt, was Ihr in dieſer Stunde geredet. Iſt Euer Gedächtniß todt dafür, ſoll auch todt das meine ſein, denn Eure grauen Haare ehrt man in meinem Vater⸗ lande, wie Sem die Blöße ehrte des taumelnden Vaters. Willſt Du noch unſer ſpotten? tobte der Herzog. Hoch⸗ verräther, Majeſtätsverbrecher, gib Dich, oder unſere Degen fahren ohne Gnade und Erbarmen durch Deinen Leib.— Mit einem lauten Hülfsruf warf ſich Conſtantie vor ihren Ritter und ſuchte ihn zu bedecken. Halt da! ſagte der Graf mit weithallender Stimme. Was Ihr ſprachet, fordert Blut, und Ihr müßt mir ſtehen dafür wie ich Euch. Wer mich, den Ungerüſteten, zu betaſten wagt, beim St. Michael! den trifft mein Stilett, und ich weiß mit ihm das Herz zu finden. Aber voran, Ihr wahnwitzigen Herren, zum Könige, zum Herrn dieſes Landes hinauf! Die nächſte Minute lehre, wer dort ſchamroth ſtehe, Ihr vder ich. Mit gezücktem Dolche, Conſtantien im Arme, drang er vor, und man gab ihm Raum, denn durch den Hülfs⸗ ruf der Prinzeſſin und dem weithallenden Wortwechſel herbeigelockt, hatte ſich eine Menge Hofgeſinde und Fremde um die Laube verſammelt, und die franzöſiſchen Edel⸗ leute wagten in ſolcher Zeugen Gegenwart keine offene Gewaltthat, doch folgten ſie dem edlen Paare auf dem Fuße und traten keck mit ihm zugleich in die große Feſt⸗ halle ein. Zur Nachttafel war Alles bereitet, der Hof nd tte paarweiſe an den Wänden, die Herrſcher in der W des Saales. Man erwartete nur die Ankunft der Prin⸗ zeſſin, um den Zug in die Speiſehalle zu beginnen, wo das Feſt des hohen Tages glänzend beendet werden ſollte. Da brach wie Wetternacht mitten in den Sonnentag die ſeltſamſte Scene herein und verſcheuchte die Freude von allen Stirnen. Conſtantie, bleich, mit gelöstem, wirrem Haar, flog voran den Kommenden und warf ſich an der Königin Bruſt, ihr Geſicht vergend wie das Küchlein, das dem Stoße des Habichts zu entfliehen verſucht. Erhitzt folgte ihr der deutſche Graf: ſein Zorngeſicht, ſein blankes Stilett zog alle Blicke auf ihn, wie er haſtig daherſchritt und gerade auf den betroffen zurücktretenden König zu⸗ ging. Doch zwei Schritte von dem Monarchen bog er das Knie und kreuzte die Arme über der Bruſt. Herrſcher Frankreichs, ſprach er ernſt und mit dum⸗ 59 pfer Stimme, der Fremdling flüchtet an Deinen Thron, berührt ihn, ſo wie der Verfolgte die Hörner des Altars betaſtet, und fordert Gerechtigkeit und Schutz der Gaſt⸗ freundſchaft. Raſende haben mich beleidigt, mein Ge⸗ ſchlecht, mein Wappen; ich fordere Deinen Spruch, Dein Gericht, Deine Entſcheidung. Wer könnte ſich unterſtehen, zu kränken den hochge⸗ ehrten Helden des Tages, den Retter unſerer Bürger, unſern Freund? fragte der König.— Aber übermüthig unterbrach das königliche Wort der Herzog Eudo, der ebenfalls mit ſeinen Begleitern ſich genähert. Nenne ihn nicht ſo, betrogener Fürſt, donnerte des Herzogs Stimme, ein Freund der Hölle iſt es, ein Sohn des Satanas, der ſich in dieſe ſchmeichelnde Geſtalt ge⸗ kleidet. Höllenkünſte gaben ſeinem Arm den Sieg über die Stärkſten, Höllenkünſte verblendeten das Königskind. Ja, ich klage ihn an als einen Schänder der Majeſtät. Er hat Dein Wappen befleckt und die Krone des Reiches, blinder Louis, er iſt der Verführer, der Entehrer Deiner Tochter. Als wäre ein Wetterſtrahl mitten in den Saal ge⸗ fahren, ſo ſchoß Jedermann zuſammen wie vom Ent⸗ ſetzen des Todes berührt. Conſtantie that einen feinen Schrei, als wäre ein ſpitzes Eiſen in ihr Herz gefahren, und Graf Heinrich ſtand wie erſtarrt und bleich gleich einer Leiche. Wir ahneten die Unthat, rief keck Graf Valvis, und folgten dem Verbrecher, und waren Zeugen, wir Alle, auch hier Toulouſe und Jerome von Brieux. Ich warb um Conſtantien, rief Maurienne dazwi⸗ ſchen, ganz Frankreich ſah und wußte es. So hat er mich vor Allen beſchimpft, und ich fordere das Gericht der Pairs über ihn, und hoffe von ihrem Ehrgefühl die ſchwerſte Buße. Iſt auch das befleckte Königskind nicht mehr würdig der Werbung des Hauſes Savoyen und aus unſerm Wunſch geſtoßen, ſo kann doch nur Blut den Stoß an unſer Schild verſöhnen. Das Schlußwort dieſer furchtbaren Anklage weckte den Spanheimer aus ſeiner Erſtarrung. Feuerroſen flogen über ſeine Wangen und ſeine Augen ſchoßen Blitze auf den Feind. Haltet ein, verrätheriſches Gezücht! Es iſt für einen Mann genug der Verläumdung und Frevelklage! rief er. Hier liegt mein Handſchuh! Kampf auf Leben und Tod, Mann für Mann, oder Drei zu Einem, wie es Euch beliebt! Schurkiſche Lügner vertilgt die ehrliche deutſche Waffe zu Dutzenden. Wer möchte ſich beflecken mit Dir! autwortete höh⸗ nend Herzog Eudv. Deine Hand wie Dein Kopf ſind dem Henkerbeile verfallen. Den Blutſpruch der Pairs über Dich! Heinrich bebte an allen Gliedern, alle Muskeln ſei⸗ nes Leibes zuckten in verhaltener Wuth. Er faßte mit der Linken den ehrwürdigen Bernhard, den Abt von Clairvaux, der ihm am nächſten ſtand, und legte die Rechte auf das Kreuz, welches an des Erſchrockenen Halſe hing. Höre mich, König, höret mich, ihr Edeln dieſes Lan⸗ des, höre auch Du mich, tiefgekränktes Königskind, das ohne mein Verſchulden mit mir leidet durch dieſe Hölli⸗ ſchen! rief er mit ſichtlicher Erſchütterung. Hier auf das heilige Zeichen, auf die Bruſt des Heiligſten unter uns lege ich meine Rechte und ſchwöre, daß ich verdammt ſein will hier und dort, wenn nur ein Gedanke in mei⸗ ner Seele lebte, der den Gräueln verwandt war, die W V —— XM * d— V 61 Jene ſich auszuſprechen erkühnten in unbegreiflicher Scham⸗ loſigkeit, und der Herr des Himmels wende ſein Antlitz von mir auf ewig und genommen ſei mir mein Theil an des Erlöſers Gnadenwerk, wenn ich gelogen! König Louis holte tief Athem und trat erleichtert dem Kläger näher. Wer glaubt nicht ſolchem Schwur? fragte er, gegen die Verſammlung gewendet. Ihr Herren habt euch getäuſcht; aber mit Strenge werden wir morgen unterſuchen, wie eine ſolche Anklage möglich geworden, und wehe Jedem, der freventlich und im Muthwillen durch eine Abſcheulichkeit, die unſer Herz und unſere Ehre ſo ſchwer berührt, dieſes Feſt geſört, das wir hiermit aufſagen. Was Schwur, was morgen Königsgericht! rief der Herzog Eudo mit Grimm. Fünf Große des Reiches ſtehen als Zeugen des Auges und Ohres dem namenloſen Frem⸗ den gegenüber. Wer wagt da zu zweifeln an der Sünde? Wo iſt ein verbrecheriſcher Schurke, der ſich nicht los ſchwöret vom Galgen und Block, wenn keine Flucht ihm möglich? Unſer iſt dieſer Verbrecher; in den Thurm muß er, und nicht der König kann richten, wo es die Ehre der Krone gilt, ſondern wir, wir, König Louis! Der phlegmatiſche Regent ſchien durch das übermü⸗ thige Wort gewaltſam aus ſeinem gewohnten Gleiſe ge⸗ ſtoßen; er ſtreckte beide Arme weit vor ſich hin und die wohlbeleibte Geſtalt heftig hin und her bewegend rief er: Vaſallen, dürft ihr alſo reden mit Eurem Geſalb⸗ ten? Eure Schwerter an den Boden, Eure Kniee in den Sand! Wollet ihr die Eiſen meiner Leibgarden koſten, Eure Strafe ſtracks zu empfangen für den giftigen Gram, den ihr dem Vaterherzen brachtet an ſeinem Feſttage? Trotzig trat der Herzog näher und faßte mit der Rech⸗ ten des Königs Arm. Graf von Paris, ſagte er ſcharf, haſt Du vergeſſen, daß unſere Väter es waren⸗ welche die Krone auf Hugo Capet's⸗ Deines Ahnherrn, Scheitel geſetzt? Was die Väter ſchenkten, können die Söhne nehmen. Graf von Paris, taſte nicht an unſere Rechte, damit Du morgen bleibeſt, was Du heute biſt. Der König ſank hochroth vor Zorn in ſeinen Seſſel, aber Himindal de Falaiſe, der rieſige Normann⸗ der bis⸗ lang ſtill zur Seite geſtanden, warf ſich jetzt in die Mitte des Saals, nachdem er zuvor ſeinem Nachbar den Degen von der Hüfte geriſſen. Bleich wie der Tod war ſein Antlitz, aber deſto feuriger blitzten ſeine rollenden Au⸗ gen, und die Empörer wichen vor dem Furchtbaren zu⸗ rück, in dem etwas Unnatürliches lebendig geworden. Iſt denn die Sonne eine zerbrochene Laterne und die Erde ein Fetzen von Gottes Nachtrock? fragte er mit einer Stimme, welche die Pfeiler beben machte. Iſt der König ein Herr in Frankreich oder ein Knecht jener über⸗ müthigen Geſellen, die ſich Ritter und Fürſten ſchimpfen und die Ehre nicht kennen und haben, da ſie die Ehre nicht achten an ihres Gleichen? Weißt Du⸗ dicker Louis, was der König meiner Väter gethan, wenn ſeine Diener ſich alſo gerührt? Sein Hammer hätte die ſchnatternden Entenköpfe eingeſchlagen, Kopf an Kopfz es iſt eine luſtige Jagd, die Entenjagd an Norwegs Küſten. Hebe die Hand, König, und wir wollen thun, wie es im Nordland Sitte: Keulenſchläge, Keulenſchläge, daß das Hirn ſpritzt und die Zungen ſtumm werden und demü⸗ thig im Sande zittern. Du ſchweigſt, König? Ein König bebt unter ſeinem Hermelin? Er lachte wild auf und warf den Degen zu dem Grafen Heinrich hinüber, zog ſein Schwert und ſchlug mit ihm ein Rad, daß Alle aus 63 ſeinem Bereiche entwichen. Unſere Freundſchaft iſt friſch, junger Deutſchmann, fuhr er fort, aber ehrlich und derb geſchloſſen. Mache Dich auf mit mir und ſchlage vor⸗ weg. Es iſt nur eine Fuchsjagd, aber Jeder von uns wird ſich ein Dutzend rothe Bälge für den Winter mit nach Hauſe nehmen. Vorweg, mein deutſcher Junge! . Schande Dir und mir und dem Konige, wenn der Tages⸗ ⸗ held, der den Himindal warf, ſollte fallen in Knaben⸗ e hände. Vorweg, wer nicht mit uns iſt, mit dem Kö⸗ n nige von Frankreich, der iſt wider uns, und Himindal n iſt zu ſeinem Schnitter ernannt von jedem runden, freund⸗ ⸗ lichen Königsmanne. ⸗ Der Abt Bernhard faßte den Arm des Wüthenden, n. und Segür, Ludwigs weiſer Miniſter, der Vertilger der ie Leibeigenſchaft und Schöpfer des ſouveränen Königthums, tit flüſterte dem König zu: Erhebt Euch, Sire, und ſprecht, er dieſem Kampfe zu begegnen, deſſen Ausgang unſicher. r⸗ Die Früchte ſind noch nicht reif, aber vielleicht drängen en die Thörichten gegen ihren Vortheil ſich ſelbſt zum Ziele re und ſtürzen in die eigene Wolfsfalle. So wie die Sachen is, liegen, iſt ſogar das Recht auf ihrer Seite, denn über er Hochverrath richteten ſeit grauer Zeit nur die Pairs im en Lande. Darum ſprecht, Sire, ehe es zu ſpät würde. ine Doch ehe noch der erſchütterte, verſchüchterte König ebe ſich ſo weit geſammelt, um der drängenden Lage gemäß im ein Königswort zu ſprechen, war der Spanheimer Graf das entſchloſſen vorgetreten, ſtieß mit dem Fuße den am Bo⸗ nü⸗ den liegenden Degen von ſich und warf den Dolch dazu, nig den er im Gürtel trug. und Was zagt mein König, was kreiſchen die edeln Frauen, zog was will mein hochherziger Vertheidiger wüthen gegen ſeine Landsleute um eines Fremdlings willen? ſprach er mit Ruhe und Demuth. Wehe über mich, wenn ich alſo die Gaſtfreundſchaft, die mir geworden, vergolten ſähe. Man hat meinen Handſchuh nicht gehoben, man hat meinen Schwur einen Meineid genannt. Aber über meine Richter waltet ein Gott⸗ der einen Pharao ſchlug und Korahs Söhne vertilgte. Der kleine weiſe Mann zur Linken meines Königs ſprach: ſeit grauer Zeit läge das Recht auf der Seite meiner Feinde. Ehre der Zeit, Ehre dem Geſetz! So übergebe ich mich denn dem Gericht der Pairs; die Erſten des Reichs, edelgeboren wie ich, mir gleich an Adel und Alter des Geſchlechts, werden richten wie Ritter des heiligen Kreuzes, wie Schirm⸗ herren des Rechts und der Unſchuld, laßt dann verfügen über mich nach dem Gebrauche des Landes. Und Ihr, theure Königin, ſetzte er hinzu⸗ indem er zu Frau Adelaide trat und ſeine Kniee vor ihr bog, verzeihet dem Schuld⸗ loſen, daß er ſolchen Jammer über Euch gebracht; o es wäre beſſer, nie geboren zu ſein, als die Urſache heißen von der Thräne einer Conſtantie.— Die Prinzeſſin reichte ihm die Hand und richtete mit unausſprechlichem Aus⸗ pruck den feuchten Schmerzesblick auf ihn. Adelaide aber legte die Rechte auf des Grafen lockigte Scheitel und ſagte feſt: Wer könnte der Unſchuld zürnen 2 Ich kenne Euch, Heinrich, und Gott kennet Euch mehr wie ich. In den Thurm alſo mit dem Beklagten! rief jetzt Herzog Eudo dazwiſchen, dem das Rührſpiel zu lang ge⸗ worden, und der noch immer fürchtete, ſeinen Raub zu verlieren. Da erhob ſich jedoch König Ludwig mit un⸗ gewöhnlicher Beweglichkeit. Da ſei Gott für! ſprach er mit Feſtigkeit und Würde. Dieſe Sorge iſt die unſerige, und wir wollen ihn Euch ſchon vewahren in ritterlicher Haft bis zum Tage Eures Spruches. 65 Wiederum tönte das wilde Lachen des rieſigen Nor⸗ manns durch den Saal, und er unterbrach kecklich des Königs Worte. Bravo, Du graubärtiger Königsmann, ſchrie er mit heiſerer Stimme. Man ſpricht, Du ſäßeſt an Gottes Statt? O über den Mannequin, mit dem jene Neidhardten Federball ſchlagen! Nicht die Helm⸗ trümmer, welcher dieſer deutſche Burſch auf meinem Kopfe zerſchlug, gäbe ich für Deinen goldenen Königshut. Und dieſer brave Burſch ſelber, dort ein Hünenſohn, iſt hier ein Kind, unverſtändig, fromm bis zur Unmündigkeit und Sünde. Auf die Engelein baut er oben, auf die Großmuth hier unten. Verdammt, daß ſein Blut nicht heiß ſprudelt wie Hekla⸗Geiſer, es hätte eine Hetze ge⸗ geben, wie es die Nordlandsrecken von jeher gern ge⸗ habt. Hui, wie hätten die Frankreicher tanzen ſollen. Hui, ſo hebt doch die dürren Beinlein, ihr Faſtnachts⸗ narren! Er ſäbelte mit dem freien Arm durch die Lüfte und ſuchte den zweiten Arm aus des ſtarken Prieſters Händen los zu machen, doch die Kraft des Kranken erloſch, die rollenden Augen ſtreiften unſtät durch die Menge, ſeine Worte wurden undeutlich und ſtammelnd, ſeine Kniee brachen ein, ſein männlich⸗ſchönes Geſicht erblich und ſein Haupt ſank gegen die Bruſt, und hätten nicht einige der zunächſt ſtehenden Gäſte den Abt Bernhard unter⸗ ſtützt, ſo wäre es dieſem nicht gelungen, den ohnmäch⸗ tigen Koloß vor ſchwerem Falle zu ſchirmen. In der Herberge zur Lilie ſaß Graf Heinrich wieder in demſelben Zimmer, das er ſeit ſeiner Ankunft in Pa⸗ ris bewohnt, denn der König hatte ſeinen Spruch durch⸗ geſetzt, und ſeine Haft war weder ſtreng noch ſchimpflich. Blumenhagen. XIV. 5 Ein Commando königlicher Leibwächter lag unten im Hauſe einguartirt, und ein Hauptmann derſelben hielt Wache im Vorzimmer. Drei Tage waren hinabgeſchli⸗ chen ſeit jenem Tage, an welchem aller Glanz des Men⸗ ſchenlebens und alle Schrecken und jede Schmach, die auf ein irdiſch Haupt geſammelt werden können, die Glorie und die Dornenkrone zugleich auf Heinrichs Schei⸗ tel geworfen worden. Der junge Heldenſohn ſaß düſter und ſinnend in ſeiner Einſamkeit⸗ ergeben zwar in ſein Schickſal, aber unruhig in der Ungewißheit. Die beiden Prinzen von Oeſterreich traten ein und zeigten dem Hauptmann den Freipaß des Miniſters; wie flog Otto an des Freundes Bruſt, wie mitleidig drückte auch der finſtere Konrad ihm die Hände! So zweifelt Ihr nicht an mir, ſprach Heinrich mit tiefem Gefühl, und kommt, mir eine Freude zu bringen in meine Einſamkeit, und auch Du, ſcharfrichtender Konrad 2 Markgraf Konrad drückte des Landmanns Hand ſtär⸗ ker noch. Du achteteſt meiner Warnung nicht, ſagte er ernſt, und wicheſt von dem Pfade, den Du Dir erwählt! Die Eitelkeit den Welt verlockte Dich⸗ die Reize einer weiblichen Puppe verwirrten Dein Hirn, darum mußt Du büßen, daß der Saul zum Paul werde. Aber das gebrochene Herz, der gedemüthigte, reuige Stolz iſt dem Herrn angenehm, und der Freund ſieht Dich lieber auf dieſem Marterbrett, als auf dem hohen Sattel Deines Streitroſſes; komme es, wie es ſei, Du biſt gerettet hier wie dort. Heftiger drückte der herzige Otto ihn an ſich, als jagte des harten Bruders Rede ſchwarze Grauen über ſein Gebein. Recht ſo, Konrad, entgegnete aber der Spanheimer. in r= t! er ßt as uf tes ier als ber Zünftler, denn alle Häusler der Hahnenſtraße ſtehen mit 67 Komme es, wie es ſei, das Schickſal und die Welt ſoll einen deutſchen Mann an uns finden. Und, Freund Otto, ſetzte er mild lächelnd hinzu, wenn Dein Beruf zum Hi⸗ ſtoriker an den Tag trat, ſo gedenkſt Du auch vielleicht meiner in Deinen Geſchichtbüchern, ſetzeſt dem Freunde ein kleines Denkmal, ob auch nur zwei kurze Zeilen Dir übrig ſind für ihn. Die Geſchichte iſt nur ein großes endloſes Trauer⸗ ſpiel, antwortete Otto ſchmerzlich; wohl dem, der keine Rolle darin bekam, denn nur, die vergeſſen wurden, wa⸗ ren die Glücklichen. Und wie ſteht's in Paris? fragte Heinrich. Es iſt wie ein Concilium und Du biſt das Dogma, um welches man ſtreitet, antwortete Konrad ſpöttiſch und bitter. Deine Ankläger laſſen durch ihre Clienten die gräulichſten Dinge von Dir umhertragen; man erzählt von Zauberkünſten, mit denen Du das Königskind ver⸗ lockt, wie Du damit den unbeſiegten Normann bezwun⸗ gen und zur Abſicht gehabt, durch ſie Frankreichs Thron für Dich zu gewinnen. Die kurzſichtigen Thoren! ſeufzte Heinrich in ſchmerz⸗ licher Erinnerung und mit rötheren Wangen. Es hat ſogar Fauſtkämpfe gegeben um Dich, fuhr Konrad fort, denn die Ritterſchaft iſt zerſpalten; die ge⸗ ringeren Junker halten zu Dir, denn ihnen kommt es immer gelegen, wenn der Uebermuth der Herzöge und Grafen einen Hemmſchuh trifft, und was die Ritter un⸗ ter ſich beſprechen, wird zum Lieblingsthema ihrer Die⸗ ner und Reiſigen, und reichen bei dieſen die Worte nicht aus, muß die Fauſt logiſch einſchreiten. Schlimmer aber iſt es hergegangen in den Herbergen der Bürger und Leib und Leben für ihren großmüthigen Helfer in der Flammenmacht und dräuen mit Rebellion, wenn man Deine Sicherheit befährden wollte. Sie ſollen nicht, ſie ſollen mich meiner Buße über⸗ laſſen! rief Heinrich heftig aus. Iſt es doch genug, daß — Thränen, heilige Thränen um mich fallen; ſähe ich Blut fließen um mich, ich könnte verzweifeln. Und doch iſt ſchon ein herrlich Leben durch Dich ver⸗ derbt worden, entgegnete Konrad ſtreng; der tapfere Normann, der erſte Ritter Frankreichs, der Dich verthei⸗— digte im Königsſaale, iſt letzte Nacht in dem Herrn ent⸗ ſchlafen. Dein Keulenſchlag hatte ſein Hirn verletzt, ſo ſagen die Wundärzte; er ſchonte ſich nicht im Gefühl ſeiner Manneskraft, ſein Fieber wurde verdoppelt durch die Aufregung und Erhitzung des Blutes im Wortſtreite mit dem Herzog Eudo: er verfiel in Raſerei und ſtarb in ihr, indem er veſtändig nach Dir rief und Dich zum Schwertkampf ermunterte. Oentſetzlich! ſtöhnte der junge Spanheimer mit lei⸗ chenbleichem Angeſicht und aus tiefſter Bruſt herauf. O unſühnbare Schuld! Und der edle Feind war mein Freund geworden und ließ für mich das ſchöne Leben, und ich raubte ſeinem Lande den köſtlichſten Schatz! O wei kann dieſes Bild tilgen aus meiner Seele? wer dieſen Dorn mit ſeinen unzertrennlichen Widerhaken aus meinem Her⸗ zen ziehen? Der milde Otto ſuchte den Freund zu beruhigen, aber ein neuer Beſuch unterbrach ihr Geſpräch, und mit Ver⸗ wunderung ſahen ſie den Meiſter Pierre Abelard im Vor⸗ zimmer erſcheinen, einen Siegelring dem Hauptmann vorzeigen, eilfertig in das Gemach treten und dreiſt die Zwiſchenthüre hinter ſich verſchließen. ————— [. 3 r⸗ in 69 Was waget Ihr? fragte der Graf ſich ermannend den Eintretenden, der nach Athem ſchöpfte und von kör⸗ perlicher wie geiſtiger Anſtrengung gleich ermattet ſchien. Nichts, mein theurer Herr, antwortete mit Haſt und abgeſtoßen der Gefragte; der Siegelring des Königs, mir von der Königin eigener Hand gegeben, öffnete Euer Gefängniß und gibt mir das Recht, zu befehlen gleich ihr, wo ich eintrat. Und was befiehlt die herrliche Frau? fragte Heinrich aufgeregter. Ihr ſollet den Muth nicht verlieren, wenn auch eine abſcheuliche Botſchaft Euer Ohr berühren möchte; Ihr ſollt Euern Freunden vertrauen, ſollet geduldig die Nacht erwarten und verſichert ſein, daß bis dahin Liſt und Gewalt Euch den Pfad zur Flucht eröffnen und Euch frei machen würde. Einen Liebesgruß ſollet Ihr mit⸗ nehmen in Euer Vaterland und dort den königlichen Freunden verzeihen, daß die Unreife der Geſetze dieſes Landes ihnen nicht vergönnte, offen für den Sohn, für den Freund zu handeln. In heftiger Bewegung ſtand Heinrich vom Seſſel auf und trat dem Sprecher näher, mit finſterm ſtechenden Blick zugleich ſein Auge faſſend. Ihr ſeid ein Franke, Meiſter, ſagte er im Tone des Mißtrauens, und wollt den Deutſchen fangen. Aber weichet von mir mit Eurer Verſuchung. Die Königin Frankreichs konnte nie einen ſolchen Befehl ausſprechen, und kein Spanheimer würde einem ſolchen Schimpfſpruche gehorchen, und ſpräche ihn die heilige Genoveva ſelbſt, ſie, die den Thron von Pa⸗ ris beſchützt. Sehet doch nur dieſen Ring an, theurer Junker, fiel Abelard ängſtlich ein; er macht jedes meiner Worte zu * einer unbezweifelten Wahrheit. Hättet Ihr dazu das ſchmerzliche Geſicht der Königin Mutter geſehen, dieſe Maria dolorosa mit dem Schwert im Herzen, Ihr wür⸗ det in Ehrfurcht einer ſolchen Niobe gehorſamen. Und wie kann die Mutter wollen⸗ daß ich flüchtig würde, da an meinem Bleiben die Ehre ihres ſchuld⸗ loſen Kindes hängt! Wäre meine Flucht nicht Geſtänd⸗ niß der Schuld für mich und die Liebliche? fragte Heinrich. Ihr ſollt deſſen nicht gedenken, verſetzte Abelard drin⸗ gend, ſo ſprach der König, ſo ſprach ſie ſelbſt. Con⸗ ſtantiens Unſchuld bedürfe keines Zeugniſſes; ihre Ehre ſtehe in der heiligen Jungfrau Schutz und werde rein erſcheinen auch ohne Euer Verderben. Aber Euer Leben ſolle nicht ein Opfer werden des ſcheußlichſten Komplotts; Ihr ſollet mit Eurem Blute nicht das ganze Leben der unglücklichen Prinzeſſin zu einer langen Gewiſſensqual umwandeln, Ihr ſollet nicht den Mörderfluch auf die Bruſt des unbefangenen Kindes werfen. Mörderfluch? ſprach Heinrich ſtutzig. So ward mein Urtheil geſprochen? Tod vielleicht? Aber doch, will's Gott, ohne Schande. Heute früh ſprach der Gerichtshof der Pairs, ant⸗ wortete Abelard bebend. Gottesgericht ſoll Eure Schuld oder Unſchuld an den Tag bringen. Im königlichen Zwin⸗ ger ſollt Ihr morgen⸗ unbewehrt, ohne Eiſenwerk und Stahl kämpfen— v es iſt unmenſchlich und ſchändlich ohne Gleichen!— kämpfen mit dem großen aſiatiſchen Löwen, der noch nicht lange herübergebracht und bislang jeder Zähmung geſpottet. Sänket Ihr zerriſſen von den Klauen des Unthieres, ſo ſchloß ſich das Urtheil mit höhnender Weiſe, ſo ſey die heimliche Sünde klar und en nit 71 das beleidigte königliche Blut geſühnet mit Blut. Ginget Ihr als Sieger aus dem Burgzwinger hervor, ſo ſei der Klagebrief vernichtet und Eure wie des Königskindes Ehre gereinigt. Stumm hatte Heinrich den grauſen Spruch vernom⸗ men, indeß Otto einen Schreckensruf, Konrad ein Wort des Abſcheues ausgeſtoßen. Ihr ſehet nun ſelbſt, theurer Graf, ſchloß Abelard, daß Ihr fliehen müßt; bleiben hieße Gott verſuchen, wäre Selbſtmord, Frevel, den kein Fegfeuer vertilgt. Seyd daher bereit, ſobald die Mitternacht da, Euren Befreiern zu folgen, möchten ſie erſcheinen durch Thüre, Fenſter oder Wand, möchten ſie kommen verluppt im Harniſch mit Schwert und Fackel, oder als ſchleichendes Geſpenſt auf leiſen Sohlen mit Strickleiter und Rettungsſeil. Mit wunderbarer Ruhe erhob Heinrich ſein ſchönes Haupt, das in tiefen Gedanken geſenkt geweſen. Sein Auge, licht und leuchtend, blickte einen Augenblick nach oben, dann ſprach er faſt freundlich und ohne irgend eine Spur von Befangenheit: Meiſter Pierre, Ihr habt erzählt, wie der gute König, der die Geſetze ſeines Volkes ſchirmen ſollte, ſeine Augen zudrücken will in der Stunde meiner Flucht, wie die edle Königin mütterlich mir Hülfe zu ſenden entſchloſſen. Aber nicht habt Ihr geſagt, Mei⸗ ſter, was Conſtantia ſprach, was Conſtantia that, als ſie die Schauermähr des Gerichtsſpruchs vernommen. Die Prinzeſſin ſank neben dem Fenſter in die Kniee, faltete die zarten Hände und hob das blaſſe Engelsgeſicht zu dem Blau des Himmels, Rettung flehend von dort, antwortete Abelard. Siehſt Du, ſprach Heinrich lebhaft und mit glänzenden Blicken, ſie empfand wie ich, ſie dachte meine Gedanken. 67 Nur in Gottes Hand liegt unſer Schickſal, nicht im Bereich irdiſcher Mächte; ſchickt Er ſeine Heiligen, zu ſchirmen mein Haupt, ſo iſt der Himmel verſöhnt und hat vergeben; erſcheint kein Geſandter von da, ſo büße der Schuldige pier, um dort rein zu erſcheinen vor des Ewigen Throne. Und welche Schuld trägſt Du? fragte Abelard un⸗ willig und aufgebracht. Es iſt eine Knabenſchwäche, eine kindiſche Eitelkeit, die Dich ſpielen läßt mit dem Leben, das nicht wieder geweckt wird wie in der Zeit der Wun⸗ der. Iſt es denn ritterlich, ſich wie ein römiſcher Sklave hinabwerfen zu laſſen in den Burgzwinger, dem Volke ein ſchimpfirend Gladiatorſpiel zu geben? Mir ſcheint es ritterlicher, ſich ſolcher Barbarei zu entziehen, die ge⸗ gen Chriſtenthum und Adeltafel ſich auflehnt, ritterlicher, dieſe elenden Widerſacher vor den Augen des ganzen Europa's an die Gränze zu laden auf Leben und Tod und zu züchtigen mit Mannesfauſt. Aber Deine Schwär⸗ merei ſoll Dir nichts helfen, mit Gewalt wird man die⸗ ſes Haus ſtürmen in nächſter Nacht, und den wahnwitzi⸗ gen Märtyrer auch gegen ſeinen Willen entführen, und ihr, meine edlen Markgrafen, werdet bei der Schwert⸗ arbeit nimmer fehlen. Heinrich wird ohne das zur Flucht bereit ſein, ant⸗ wortete Konrad. Der Gewalt, der ungerechten Ueber⸗ macht entrinnen, ſchändet nirgend, und von dem großen gelben Kater ſich freiwillig verſpeiſen laſſen, wäre doch ein ſo lächerliches Stücklein, daß alle Fürſten unſeres Vaterlandes von einem Deutſchen die Mähr nicht glau⸗ ben würden, wenn auch der Biſchof von Paris ſein Wap⸗ pen unter das Fabelblatt gehangen. Mit verfinſterten Augen und gerunzelter Stirne fuhr da Graf Heinrich empor und ſprach mit dem Tone feſter 73 Entſchloſſenheit: Wer wagt es, zu wägen und zu be⸗ ſtimmen, was ein Mann ſoll, deſſen Leichtſinn ſo ſchwe⸗ res Wetter über ihn geſammelt? Und waret Ihr es nicht, Meiſter Abelard, der wie der Verſucher zu mir trat, deſſen glühende Zunge mir Bilder ſprach, die meine Sinne in Taumel warfen und ausgoßen über meine Seele die giftigſte Berauſchung? Ohne Euch wäre ich zaghaft geblieben, ein ſcheuer Knabe, der nicht kannte die Frucht der Erkenntniß, und vielleicht unverſehrt wie der Nachtwandler hinübergegangen wäre am Abgrunde. Ihr riefet mich an, Ihr lüftetet die Binde meiner Augen, und die Ehre eines ſchuldloſen Königskindes iſt beſudelt worden, ein ritterlicher Ehrenmann wurde des Todes Raub, und ich ſelbſt gehe den Gang, den die Verbrecher gehen. Wie könnet Ihr, der Ihr mein ſchwarzer Dämon waret, glauben, ich ſolle nochmals Euren Verſucher⸗ worten mich hingeben? Conſtantia hat geſprochen ohne Zunge, und verflucht ſei darum jede Hand, die ſich er⸗ hebt, gegen meinen Willen zu thun in dieſer heiligen Sache, verflucht ſey jede Lippe, die ſich noch einmal öffnet, zu rathen, wo längſt und unwiderruflich beſchloſſen. Bebend und verſtört ſah Abelard auf den Erzürnten, über deſſen Weſen ſich ein überirdiſcher Ausdruck gegoſ⸗ ſen, daß er das Antlitz und die mächtige Stellung eines zornigen Erzengels zeigte, und ehe der tief im Gewiſſen Getroffene ſich geſammelt, öffnete der Hauptmann der Leibwache die Thüre und meldete, wie man einige Ab⸗ geordnete des Rittergerichts ſich nähern ſähe, und es wohlgethan ſcheine, vor ihrem Eintritt den Grafen zu verlaſſen. Mit ſchmerzlichen Geberden folgten die Freunde dem Rathe des klugen Soldaten, und die ſtrengen Boten fanden ihren Gefangenen gefaßt und beachteten mit un⸗ verhehlter Bewunderung die Gelaſſenheit, mit welcher derſelbe ſeinen grauſen Urtheilsſpruch ausſprechen hörte. König Ludwig, der Dicke genannt, hatte gleich den meiſten wohlbeleibten Menſchen jene Gutmüthigkeit, die an den Leiden Anderer Theil nimmt und ihr Bedauern laut an den Tag legt, aber auch jene ſcheue Bequem⸗ lichkeit, die thatlos ſich darein findet und ſcheu die Hände in den Schoos legt, wenn die mögliche That für Andere ihre eigene liebe Gewohnheit auf das Spiel ſetzen möchte. Der Abt Segür von Sanct Denys, ſein erſter Rath und vielleicht der umſichtigſte Staatsmann ſeiner Zeit, wider⸗ rieth dem Könige jeden Gewaltſchritt gegen den alten Gebrauch, wenn dieſer auch noch ſo ſchroff der chriſtlichen Welt zuwider ſich zeigte. Waren auch der Adel und die Reichsvaſallen bereits durch die Aufhebung der Leib⸗ eigenſchaft verletzt und geſchwächt worden, ſo däuchte es ihm doch noch nicht an der Zeit, das Idol ſeines Wir⸗ kens, die ſonveräne Monarchie, dreiſt hervortreten zu laſſen und dadurch vielleicht das bereits Gewonnene zu befährden. Unterlag der deutſche Graf als Opfer des Haſſes, ſo konnte man vielleicht auch den Haß des Volkes durch das Anſchauen dieſer Gräuelthat wecken und ihm dieſe übermüthigen Vaſallen zum Ziel vorwerfen; ging der Verurtheilte wunderbar aus der Gefahr hervor, ſo ſtanden die Ankläger gefährlicher da als der deutſche Graf im Zwinger der wilden Thiere. Dieſe Anſichten des Miniſters bewogen den König⸗ der Sache ihren Lauf zu laſſen und die heftigen Vor⸗ ſtellungen der Königin Adelaide nicht zu berückſichtigen⸗ ſondern Muter und Tochter an Gott zu verweiſen, als den beſten Socius in ſolch verzweifelten Sachen. So nahte ſich der Schreckenstag. Schöner hatte die Sonne ſich nie aus ihrem Bett erhoben, reiner hatte man nie ihren goldenen Morgen⸗ ſtrahl ſich aus dem Aurorakelche der öſtlichen Himmels⸗ blume entwickeln ſehen, und erquickender Lufthauch zog vor ihr auf und ſäuberte die dumpfige Stadt und ver⸗ theilte die Wohlgerüche der Sommerfelder durch die en⸗ gen Gaſſen, wie man duftende Waſſer ſprengt und Weih⸗ rauchwolken verhaucht in kirchliche Gewölbe, wenn ſie zu einem heiligen Feſte beſtimmt worden. Die Stadt Paris ſchlief noch, wenige ihrer niedrig⸗ ſten Bewohner ausgenommen: Bettler, welche den Keh⸗ richt durchwühlten nach verlorener Beute, Waſſerträger, welche ihre Fäſſer füllten, und Hirten, welche mit dem Peitſchenknall die trägen Stallmägde weckten. Aber auch in der Königsburg war außer den wachthabenden Garden ſchon ein Mann munter, ein Mann, deſſen Amt ſeltener Weiſe heute von beſonderer Wichtigkeit: es war der ſchwarzbärtige Jonzac, der Commandeur der königlichen Menagerie. Mitten im ſchaurigen Burgzwinger befand ſich der kräftige Menſch, Vorbereitungen treffend zu einem Feſte, das unter dem jetzigen Herrſcher ſelten geworden, der mit ſeinem weichen Herzen nicht einmal an den ge⸗ wöhnlichen Thierhatzen Geſchmack finden wollte, die doch zu jener Zeit die Stelle der Stallparade und Feſtprologe der Theater einnahmen, mit welchen man heutzutage die Anweſenheit fremder Großen zu ehren verſucht. Der Burgzwinger des Pariſer Königsſchloſſes lag ſeit⸗ wärts vom Hauptgebäude und füllte mit ſeinen Umge⸗ bungen einen ganzen Seitenhof. Er beſtand in einem ausgemauerten Rondel, welches drei Manneslängen tief in der Erde lag und mit einem Eiſengitter außerhalb umkränzt erſchien. Die Hälfte des Kreiſes umgab ein Theil des Schloſſes, zwei Thürme und ein Mittelgebäu, an dem ein großer Altan hing; die andere Hälfte des Kreiſes umfing freier Raum, bei ſolchen Thiergefechten dem Volke Preis gegeben. Eifrig hatte Jonzac unten in der Tiefe mit Beſen und Rechen gearbeitet, der Sandboden war geebnet und in netten Figuren verſtrichen, und der Schweiß des Flei⸗ ßigen lobte ihn. Ein Geräuſch in den unterirdiſchen Zu⸗ gängen ließ ihn horchen, und als jetzt eine Eiſenthüre ſchwer zufiel, und ſogleich nachher ein dumpfes Gemurr erſcholl, das aus der Gegend kam, wo die wilden Be⸗ ſtien ihre Käſiche hatten, ſo ſchaute er geſpannt nach dem Zugange, der halb geöffnet in die Souterrains eine vom Dämmerlicht beſchleierte Einſicht gewährte. Es bewegte ſich etwas Lebendiges in dem Gewölbe, und ſchon hob Jonzac mit der Linken den Rechen und zuckte mit der Rechten das lange ſcharfe Meſſer, welches er immer am Gürtel trug, zur Nothwehr, ſollte einmal durch Nachläßigkeit der Knechte ein Thier losbrechen. Aber wie erſtaunte er, als eine feine Mädchengeſtalt durch die halboffene Thüre herausflog und zwei ſchwarze Augen wie irr und verſtört in dem Raume herumſchau⸗ ten. Jetzt erblickten die Augen ihn und die Dirne ſprang zu ihm heran, faßte ſeinen Arm und barg ſich mit einer flinken Wendung hinter ſeinem Leibe. Eben ſo ſchnell drehte er ſich zu ihr, faßte ſie mit beiden Händen an den runden Schultern und fragte: Jeannet, biſt Du es oder ſpukt Dein Geſpenſt gegen allen Gebrauch bei Ta⸗ gesanbruch? v 77 O ſprecht, lieber Freund, fragte ſie ſtammelnd zu⸗ rück, liegt das braune Thier feſt an der Kette, oder kann es mir nach? Gatter und Kette ſind gar gut, antwortete der Wärter lächelnd, und der alte Herr Urian wird Dir nur ſeinen freundlichen guten Morgen geſagt haben. Aber gleich ihm bin ich verwundert über den frühen, köſtlichen Beſuch. Ich mußte Euch ſprechen, Jonzac, antwortete das Mädchen verwirrt und abgeſtoßen. Noth kennt kein Ge⸗ bot; Eure alte Mutter traf ich ſchon wach vorn im Schloſſe, und ſie wies mich hieher. Und was ſucht denn das ſchönſte Kind am Pont Saint Michel zu ſolcher Zeit in meiner Unterwelt? Weiß ich doch, daß der Geruch meiner Einquartirten ihr ſonſt zu⸗ wider war wie die Schwefeldämpfe aus des Teufels Schornſtein, ſagte Jonzac neugierig und ſpöttiſch zugleich. Das Mädchen ſchöpfte tief Athem und ſchaute dann rings umher, als müſſe es ſich vorher beſinnen und ſammeln. Was mich her treibt? fragte ſie dann, und Jonzac bemerkte erſt jetzt durch die wieder aufblühenden Roſen der Wangen, daß ſie vorher recht bleich geweſen, be⸗ merkte erſt jetzt bei näherer Beſchauung, daß ſie im leich⸗ ten Nachtanzuge war und ihr ſchönes rabenſchwarzes Haar unter dem blauen Kopftuch verwirrt und ungeflochten her⸗ vorhing. Was mich her treibt? wiederholte ſie. O iſt mir doch, als müßtet Ihr's wiſſen: Chriſtenpflicht, Nächſten⸗ liebe, o es fehlt mir das Wort, was ſo recht eigentlich Euch ſagen könnte, was mich daher gejagt! „Jeannet, fiel der Mann ein, hätte ich's gerathen? Wäre über Nacht Euch mein Schutzpatron im Traume erſchienen und hätte geſcholten mit Euch über Eure Härte gegen einen Mann, der es redlich meint, der ohne Euch ein elend Leben lebt, und Ihr, gefoltert von Reue, hättet eingeſehen, welch ein Herz Ihr verſchmähet und kämet daher, um— Nein, nein, Euer Schutzpatron hat ſich nicht incom⸗ modirt, rief die Kleine, und ganz andere Dinge haben den Schlaf von meinem Bett vertrieben. Die Soldaten⸗ welche ſchon drei Tage unſern Junker bewachten, weil ihn böſe Leute ſollen verläumdet haben bei dem Könige, zechten geſtern bis ſpät in die Nacht, und wir mußten aufbleiben, ſie zu bedienen, denn ſie ſind gar grobes und hochmüthiges Volk und meinen, wir Bürgersleute wären Staub an ihren dicken Sohlen. Und da— o es iſt gräßlich auszuſprechen!— da jubelten ſie laut, daß mor⸗ gen ihr Dienſt zu Ende ginge, weil der deutſche Betrüger, der mit der Prinzeſfin hätte davon laufen wollen, im Burgzwinger den wilden Thieren zum Frühſtück vorge⸗ worfen würde, und die Bocksbärte freuten ſich obendrein auf das Zuſchauen ſolches herrlichen Spektakels. Ja, ja, ſie logen nicht, antwortete Jonzac kalt und faſt tückiſch; Du ſiehſt, Püppchen, ich decke hier ſchon den Tiſch, und wenn Dein Junker, Du nenneſt ihn ja ſo, kein heiliger Daniel iſt, ſo wird er nur in dem warmen Magen meines Leviathans wiederum aus dieſem Saale herausſpazieren. Das Mädchen ſtand einen Augenblick wie erſtarrt, dann rief ſie laut: Iſt es denn möglich? Kann man mit ſo einem lieben, jungen, vornehmen Herrn umgehen wie mit einem Hunde oder Hammel? Und auch Ihr wollet ſolcher Gräuelthat theilhaftig werden? Nein, das hätte ich nimmer gedacht von Euch. Der Wärter ſchoß einen finſtern Blick auf ſie, dann trat er an die Steinwand des Rondels und ſchob eine rrt, nan hen Ihr das ann hölzerne Klappe zurück, hinter welcher ein derbes Gitter von Eiſenſtangen ſichtbar wurde. Und kaum war das Licht in den Käfich gefallen, ſo ſchoß ein ungeheures gelbes Ungethüm, ein köſtlicher Königslöwe, gegen das Gatter, ſtieß die Schnauze hindurch, zeigte die weißen Fangzähne und die rauhe, blutrothe Zunge, erhob jetzt ein furcht⸗ bar Gebrüll, das die Ohren betäubte und die Herzen erbeben machte, ſträubte die Mähnen, ſchlug mit dem kräftigen Schweif, that einige gewaltige Sätze in ſeinem engen Gewölb und fuhr auf's Neue brüllend gegen das Gitter, mit ſeinen ſcharfen Klauen hindurch fahrend, als ſuche er begierig den Raub. Schreiend war Jeannet in die Kniee geſunken und hielt das Geſicht mit den weißen Händen bedeckt. Armer Leviathan, ſprach Jonzac, indem er die hölzerne Klappe wiederum vorſchob, Hunger thut weh; aber Du mußt Dich noch einige Stunden gedulden. Dafür bekommſt Du alsdann aber einen Leckerbiſſen, wie Du noch nie ge⸗ ſchmeckt: einen gräflichen Braten und ſüßes Prinzenblut. Ich möchte Dein Tiſchgenoß ſeyn, um zu erfahren, ob ſolche Koſt von anderer Natur iſt, als wir gemeine Men⸗ ſchenkinder; haben doch die hohen Herrſchaften beſtändig ihr edel Blut auf der Zunge und ihren Scripturen, und verläugnen dadurch ketzeriſch den Adam der Schrift. Hungern läßt Du das Thier, damit es noch gieriger zuſchnappt? fragte das Mädchen mit Entſetzen, mühſam die Worte herauspreſſend. Wie natürlich, antwortete kalt der Löwenwärter; denn erſtens iſt es ſo der Befehl, und zweitens iſt es menſch⸗ licher. Hätte die Beſtie den Wanſt voll, könnte es ihr einfallen, ſich mit dem Junker einen Spaß zu machen und mit ihm zu tätſcheln wie die Katze mit der Maus. So thut's ein Satz ein Schnapp, und der arme Teufel iſt hin. Menſch, Menſch, und Du haſt gefreit um mich, rief Jeannet, und ich hätte neben Dir wohnen ſollen, Du⸗, härter und unbarmherziger als ſelbſt das hungernde Raub⸗ thier! Und doch kann ich's nicht zugeben, daß Du gar ein Theilnehmer wirſt an der Mordgeſchichte. Nein, Du biſt ja ſonſt ein ganz guter, ehrlicher Kerl, wie der Vater mir vorgepredigt und die Trinkgäſte oft geſagt. Nein⸗ Du ſollſt ein gutes Werk thun, ſollſt an des Löwen Stelle einen Hund oder ſonſt ein Thier unterſchieben. Wenn Dir an meiner Freundſchaft gelegen, ſo ſollſt Du es thun. O Jonzac⸗ lieber Jonzac, kennteſt Du den deut⸗ ſchen Junker wie ich, Du würdeſt Dich lieber ſelber in den Löwenkäſich ſtürzen, als die wilde Kreatur auf ihn hetzen. Jonzac ſah ſie durchdringend an, und je mehr ihre kleinen Hände ſeinen Arm in tiefſter Angſt quetſchten, je mehr ihre ſchwarzen Augen durch Thränenperlen ſich trüb⸗ ten, deſto düſterer wurden ſeine Blicke. Verzerrt lachend ſprach er: Ich hätte Deines Vaters Tochter klüger ge⸗ halten, Du närriſches Ding Du! Mein Poſten er⸗ nährt ſeinen Mann, und meiner Mutter Sohn iſt klug⸗ thut ſeine Schuldigkeit und macht ſich nicht lächerlich oben⸗ drein durch ſolch gar zu ſeltſamen Faſchingsſtreich. Und was kümmert mich obendrein Dein Junker! Sollte ich ſorgen für ſein Heil⸗ während er mir das Mädchen noch abſpenſtiger macht, die zu meinem Unglück in meinem Kopf und Herzen ſich eingeſponnen wie der Seidenwurm? Wär's noch ein Landsmann, ein offener, frohherziger Frankreicher, dem das Herz auf der Zunge und der in⸗ nerſte Gedanke im Auge! Aber ſo iſt es nur ein Deut⸗ 81 ſcher, wortkarg und verſchloſſen wie ein Grab, im Ge⸗ ſicht keinen Zug, der verriethe, was er drinnen will, kalt und ſteif und ungeberdig, ſo lang er nüchtern, hat er ſich aber vollgezecht, ein dummer Grobian, der keine Raiſon annimmt und zuſchlägt auf Feind und Freund. Ein Heuchler iſt dieſer obendrein, und wie er das un⸗ ſchuldige Königskind durch ſeine verſtellte Frömmigkeit betrogen, ſo mag er auch Dich wohl verlockt haben, und wüßte ich's, beim Saint Denys, ich ließe wie durch Zu⸗ fall alle meine Käſiche offen, daß Leu und Bär und Wolf und Pardel ſich um den Iſchariot riſſen wie Gaſſenbuben um ein gefunden Semmelbrod. Das Mädchen hob ſich aus ihrer bittenden Stellung, und Zerknirſchung und Schwäche ſchienen plötzlich von ihr gewichen. Es iſt ſchändlich, ſagte ſie mit Heftigkeit, daß Ein Mann in Paris ſo etwas zu argwöhnen wagt von der Tochter des Lilienwirths, und Ihr verdientet, daß ich meinen Brüdern von Eurer Schmähung ſagte, die der Schweſter Ehre rächen würden, wie ſich's ge⸗ ziemt. Aber Ihr ſollt erfahren, daß ich beſſer bin als Ihr meinet, und daß ich nicht an mich denke, wenn es Chriſtenpflicht gilt. Sehet, meinen Finger lege ich auf dieſes Herz, das Ihr geſchmähet, und ſchwöre bei der heiligen Jungfrau, daß des deutſchen Ritters Hand nie meinen Arm oder Nacken berührt, wie es die unverſchäm⸗ ten Pariſer Hofherren wohl zu wagen pflegen. Sein Morgen⸗ und Abendgruß klang mir wie die Stimme eines himmliſchen Schutzgeiſtes, welche Segen verkündet, und wenn ſein Blick in mein Auge fiel, mußte ich es niederſchlagen, denn es war mir, als ſähe er tief in meine Seele hinein und erkenne meine kleinſte Sünde, meinen verborgenſten Wunſch dort inwendig. Und wenn mehr Blumenhagen. XIV. zwiſchen dem frommen Herrn und mir je geſchehen, ſo ſollen alle Heiligen und ſelbſt die Mutter des Herrn ſich von mir wenden, wenn ich ihrer bedarf. Jonzac trat erſchüttert zu ihr und umfing ihren Leib mit dem kühnen Arm, denn ſchöner hatte er das Mädchen nie geſehen. Jeannet⸗ ſagte er verſchüchtert zugleich⸗ nimm nicht ſo hoch, was der Unmuth gebar.— Mit Ernſt ſchob ſie ſeinen Arm zurück. Willſt Du gut machen, ſprach ſie herriſch, ſo thue, was Dir möglich. Füttere Deinen Löwen, daß ihm alle Speiſe widert. Stopfe ihn voll bis zum Berſten, mei⸗ nes Vaters Fleiſchkammer ſoll's Dir bezahlen. Hörſt Du, Jonzac, voll gib ihm! Das Uebrige müſſen wir dann dem Himmel überlaſſen. Und ſieh, Jonzac, wenn der Junker geſund aus dieſem Zwinger hervorgeht, dann will ich— ja, Jonzac, dann will ich— Dein Weib ſeyn, ſobald ein Jahr verlaufen und die Schreckensmähr ver⸗ geſſen worden. Wie eine gehetzte Hindin lief ſie davon, indem ſie das Antlitz mit dem Tuche verhüllte, und der Löwen⸗ wärter ſtand verdutzt in ſeinem Zwinger, denn es däuchte ihm, eine Stimme aus den Wolken habe geſprochen, und doch ging er mit hängendem Kopfe und traurigem An⸗ geſicht zu ſeinen Zöglingen, denn es war ihm gar ſelt⸗ ſam um's Herz⸗ und wer je geliebt, der weiß es ſchon; der Bändiger und Hüter des Leviathan und der Bären⸗ mutter kam ſich ſelbſt in dieſem Augenblicke vor wie ein Kind, das die Ruthe empfunden. Kein welklicher Gerichtshof, nein, ein Gottesgericht ſollte gehalten werden in dem Königsſchloſſe, unmittelbar n⸗ te nd lt⸗ n; en⸗ ein icht bar 83 ſollte der große Weltenſchöpfer ſelbſt ſeine Hand zeigen, her⸗ ausgreifend aus ſeinem ewigen Dunkel und durch ein Wun⸗ der ſprechend für Unſchuld oder Schuld des Beklagten. Und dazu waren die Beklagten keine gemeine Leute, ſon⸗ dern dem höchſten Stande zugehörig. Durch Beides glaub⸗ ten ſich die Einwohner der Stadt Paris ermächtigt, als Zeugen aufzutreten in dieſer Tragödie, und des Königs ſämmtliche Leibwachen waren zu ſchwach, dem Zudrang der ſtürmiſchen Bürgerſchaft Einhalt zu thun. Ein wah⸗ res Menſchenmeer hatte den Platz überſchwemmt, als die beſtimmte Stunde nahe war, und dieſe Menſchen⸗ fluth bedeckte nicht allein die Fläche des Bodens, nein, ſie ſtieg hinauf von Aſt zu Aſt bis zu den Spitzen der Bäume, ſie ſchwoll hinauf an den Wänden und Pilaren der Gebäude bis zum höchſten Giebel und Geſims, ja bis zu der ſteilſten Zinne des Thurmes hinauf. Wo ir⸗ gend ein Fenſter, ein Luftloch, da ſah man menſchliche Geſichter; wo ein Vorſprung, ein Zierath des Baumei⸗ ſters, ſah man eine Menſchengeſtalt in der ſeltſamſten Stellung und dem gefährlichſten Anklemmen, und der Rand des grauenvollen Zwingers wurde ſolchergeſtalt umdrängt, daß das mächtige eiſerne Gitter ſchwankte unter der Anſtämmung der Vorderſten und die einzelnen aufgeſtellten Hellebardierer Mühe hatten, ſich vor dem Herunterſturz zu wahren. Auf dem hohen Balkon ſaß vorn der König, miß⸗ muthig herabſchauend in das wüſte Gedräng und betäu⸗ bende Gelärm, finſtere Blicke von Zeit zu Zeit auf die Stelle ſendend, wo die drei Ankläger nahe unter ihm prunkten mit triumphirenden Geſichtern; aber die Blicke waren kalte Blitze, die königliche Macht war gebeugt unter dem grauſen Geſetz einer barbariſchen Vorzeit, und die Scham über ſeine Ohnmacht erkannte ſich leicht auf Ludwigs Angeſicht, doch miſchte ſich nnches Mal ein ungewohnter Zug von Rachluſt hinzu, wenn der König zurückſah, wo ſeitwärts und mehr zurück die Königin ſaß, ihr ſchwarzgekleidet Kind im Arm, und, da die grau⸗ ſame Sitte die Tochter zwang, eine Zuſchauerin dieſer Blutſcene zu ſeyn, das Kind in mütterlicher, kühner Sorge mit dem dichten Schleier verhüllend, bergend wie die Mut⸗ terhenne das Küchlein an ihrem Buſen, und ſo die Kläger betrügend um einen Theil der Marter. Horch, da tönte von dem Thurme zu Notre Dame die neunte Stunde, und mit jedem Schlage ſchmolz das Gelärm in der Volksmaſſe, und mit dem letzten erſtarb das leiſeſte Geräuſch, und man hörte nur das leiſe Schnau⸗ fen der Tauſende und aber Tauſende, welches einem taktmäßig gegen die Ufer wallenden Meeresfluthen nicht unähnlich klang. Ein langer dumpfer Poſaunenſtoß ver⸗ kündete den Anfang des Gottesgerichts, und die in Neu⸗ gierde angeſpannten Augen ſahen unter dem Balkon die Pagen und Waffenknechte des deutſchen Grafen erſcheinen und ſich mit ſeinem Schilde und Panner den fürſtlichen Anklägern gegenüber ſtellen. Doch zum Erſtaunen des Volkes waren dieſe deutſchen Wappner nicht in die Farbe der Trauer gekleidet, wie es bei derlei Trauerſcenen gewöhnlich, ſondern vom alten Gebhard an bis zum kleinſten Stallbuben glänzte des Spanheimers Geleit in Scharlach und Gold, ſchmuck und reich, als kämen ſie zur Brautwerbung⸗ und manche der Söldlinge der frän⸗ kiſchen Fürſten murrten laut darob, und ſprachen von Trotz und ſpöttelnder Verhöhnung des unſichtbaren Wel⸗ tenrichters. Aber ein zweiter, langgezogener Poſaunenton ſchuf 85⁵ neue Stille, und des Königs Herold trat unter den Bal⸗ kon, rief nochmals aus Anklage und Urtheilſpruch, und ſetzte hinzu mit langſamer Sprache und zum Himmel erhobenem Stabe: So walte denn dieſe Ordalie und ſey heilig und unwiderruflich wie Feuerprobe, Kreuz⸗ gericht und Bahrrecht. Schimpf und ehrloſes Begräbniß dem Beklagten, wenn er erliegt; aber ebenfalls Schimpf und Henkerstod dem Ankläger, wenn der Beklagte un⸗ verletzt hervorgeht aus dem Kampfe. Und Strafe an Leib und Gut, wer zu ſtören wagt, was hier geſchehen wird, im Namen der heiligen Dreieinigkeit! Der Miniſter Segür heftete einen ernſten, ſcharfen Blick auf die Kläger, aber Herzog Eudo ſah ſtolz und verächtlich auf den Herold und lächelte alsdann zu ſei⸗ nen beiden Freunden hinüber. Des Miniſters wie des Herzogs Gedankenſpiel ward jedoch von einem Tumulte unterbrochen, der aus dem Innern des Schloſſes ſich zu nähern ſchien. Eine Frauensperſon drängte ſich durch Lackeien und Trabanten unwiderſtehlich, denn ihr Jam⸗ mergeſchrei ſtieß jede Befeindung von ihr zurück; ſie hielt einen Säugling im Arm, an der Hand riß ſie ein grö⸗ ßeres Kind mit ſich fort, bis ſie vor den Sitzen der An⸗ kläger und unter den Balkon des Königs gekommen, wo ſie erſchöpft in die Kniee ſank. Haltet ein! rief ſie mit einer grellen, weithin hör⸗ baren Stimme. Höre mich, König, ehe es zu ſpät iſt und Ihr das Verderben herabgelockt über Euer Haupt und über dieſe Stadt. Erſchienen iſt mir die heilige Genoveva, und die Schäferin hat mich finſter angeblickt und mein Haupthaar gefaßt und mich hieher geſchleift, und alſo ſpricht ſie zu Euch: Wehe Dir, Ludwig, und wehe Euch, Ihr Gewaltigen dieſes Landes, wenn Ihr 86 ſchlachtet dieſen Reinen und Himmliſchen, der da iſt ein Engel, wandelnd auf Erden in Menſchengeſtalt, zu hel⸗ fen den Unglücklichen und zu erretten den Verſinkenden. Habt Ihr vergeſſen, wie er durch die Brunſt des Feuers ging, das unſere Häuſer verzehrte? Habt Ihr vergeſſen, wie er unverſehrt in die Flammen ſtieg und die Mutter errettete aus dem Schlunde der heißen Hölle und die Kin⸗ der in's Leben trug? Hier ſteht die Mutter, hier die Kinder! Und hier ſehet die Gabe, die ſein Mitleid uns ſchenkte! Die Kette ward verkauft, die Kleinen zu ſpei⸗ ſen, das goldene Königsbild aber ſoll Zeugniß ablegen von ſeiner Großmuth und Engelsmilde, denn den höchſten Preis, den er mit Blut gewonnen, gab er der Armuth. Darum laſſet ihn frei und taſtet ſeinen heiligen Leib nicht an, daß Ihr nicht wiederum ſündigt an einem Veblinge Gottes, wie das Volk gethan zu Jeruſalem, wie der Bluthund Herodes gethan an Johannes, und daß nicht die Erdbeben von Golgatha und die Peſt Ju⸗ däas das Volk verderbe. Ein verderbliches Gemurmel wuchs auf aus einem Haufen des Volkes, als das Weib ſolch Zeter geſchrieen, Herzog Eudo aber ſprang wild auf und ſchrie: Was will die Wahnſinnige? Iſt ihr Held ein Engel oder Hei⸗ liger, ſo wird er ſich ſelbſt zu retten wiſſen ohne ſolch lumpigen Beiſtand. Herold, thut Eure Pflicht, ſtraft den, der die Ordalie zu ſtören wagt. Und ſelbſt legte der Herzog Hand an das Weib und ſchleuderte ſie dem Herold entgegen, der gehorſam ſie feſthielt und das letzte Zeichen gab, nach welchem ein dritter Poſaunenſtoß die Lüfte und die Herzen erſchütterte. Aufgeriſſen wurden jetzt die Flügel des Eiſenthores unten im Zwinger und zwei Männergeſtalten traten ——* 87 heraus auf den Sand. In dem Vordern erkannte man den Grafen Heinrich, und ein lautes Ah! des Erſtau⸗ nens und der Ueberraſchung empfing den Eintretenden. Trug doch auch ſeine Erſcheinung wahrlich etwas Ueber⸗ irdiſches an ſich. Nicht ein Bußgewand oder der ſchlichte Rock des Uebelthäters deckte des Jünglings ſchönen Leib, nein, ein enges köſtliches Feſtkleid, weiß und glänzend wie friſch gefallener Schnee, umgab die edlen Formen, die Glieder leuchtend in Fülle, Ebenmaß und Jugend⸗ kraft; nur die Goldkette mit dem geweihten Kleinod, von Conſtantiens Hand in jener ſchweren Schickſalsſtunde ihm gereicht, ſchmückte die Bruſt, und von dem reichen hellbraunen Lockenhaar umwallt blickte das große Auge ernſt, aber milde, wie bemitleidend, in die Höhe einen Augenblick hinauf zu dem harrenden Menſchenknäuel und wandte ſich dann zu ſeinem Begleiter zurück. Dieſer erſchien abſtechend von dem Spanheimer wie Tag und Nacht. Wenn er auch noch jung ließ, ſo bog ſich doch ſein Nacken bereits, ſein Geſicht trug ein dü⸗ ſteres, bräunliches Kolorit und ſein Gewand war prie⸗ ſterlich; die Nächſten erkannten in ihm mit Verwunde⸗ rung den Markgrafen Konrad von Oeſterreich. Graf Heinrich empfing ihn jetzt inniglich und herzte ihn. Dank für Dein freundlich Geleit, Du Getreuer! prach er dazu mit Wehmuth. Sorge für meine braven Uute, ſende Botſchaft von mir in das Kärnthnerland zu dem Ohm Bernard und der Muhme Kunigund, und nun ſcheide und laß mich treten vor Gottes Auge und mie werfen in ſeine Hand. Scheiden? fragte der Markgraf, und ſeine Geſtalt dehnt ſich und ward länger und ritterlicher. Meineſt Du, Zetter, ich ſey nur herabgeſtiegen, den herben Ab⸗ ſchied zu verlängern, und, wenn der Tod kommt, zurück zu flüchten hinter die ſichere Eiſenwand? Nein, dazu hat mir der Biſchof auf mein Anſuchen in der letzten Nacht nicht gegeben die kleinen und großen Weihen und mich eingeſegnet zum geiſtlichen Amte. Er lüftete das Barett und zeigte die Tonſur. Ich bin Presbyter und ſtehe an meinem Platze feſt, und ſollte Dir etwas Schreck⸗ liches begegnen, ſo ſollſt Du nicht ſterben, ohne daß ein Diener der Kirche neben Dir bete. Mann! rief ſchaudernd der Graf, Du ſprichſt ſinn⸗ verwirrt. Bedenkſt Du nicht, daß es hier keinen Kampf gilt mit einem vernünftigen Feinde, daß Du derſelben Gefahr Dich muthwillig hinwirfſt, die mich bedräuet. Müßte ich nicht um Sie, um der Ehre willen, würde ich in dieſer grauſen Höhle nicht einen Augenblick weilen, und was Du beginnſt, heißt Gott verſuchen. Daniel ſaß unter den Löwen in ihrer Grube und ſie ſchonten ſein, und die drei Männer gingen durch den Feuerofen und blieben unverſengt, antwortete der Prinz von Oeſterreich mit feierlichem Tone; aber mit Heftig⸗ keit ſetzte er hinzu: Sollen dieſe mit Sitte und Erzie⸗ hung prunkenden Barbaren ſehen, wie ein Deutſcher einſam, verlaſſen ſich in den Tod wirft und kein Freund und Landsmann ihm zur Seite blieb, treu und uner⸗ ſchrocken ſein letztes Wort auffaſſend als ein Heiligthum? Ritter und Prieſter ſind Dir zur Seite, und Keine wird weichen, bis der Schluß des Himmels klar g⸗ worden. Bittend, beſchwörend hob Heinrich die Hände, qer ſchon hatte der Markgraf die ehernen Pforten zugeſßla⸗ gen, und ein neues Ereigniß feſſelte des Grafen cht⸗ ſamkeit. Laut riefen viele Stimmen am Geländer oben v S— — NW M v 89 ſeinen Namen, und mehrere lange Knotenſtricke flogen zu ihm herab. Herauf, edler Herr! rief man. Faſſet das Seil und kommet zu uns! Wir ſind die Bürger aus der Hahnengaſſe und laſſen unſern Retter nicht eines ſolchen Miſſethätertodes ſterben. Herauf, edler Herr! unſere Leiber ſind Eure Mauern, und uns Alle ſoll man ſchlachten, ehe ein Glied von Euch zwiſchen die Zähne ihrer Beſtien gerathen darf. Graf Heinrich ſtand betroffen und gerührt; die Tra⸗ banten oben rotteten ſich und drangen auf die Empörer ein, und ſchon begann der kleine Krieg um ihn, da wirbelten dumpf und ſchauerlich die Trommeln, Alles ſtutzte und jetzt kreiſchten drei hohe Trompetenſtöße, und zahlloſe Stimmen verſchmolzen zu Einem einzigen Schrei, dem ſogleich eine furchtbare Stille folgte, wie wenn der gellende Todeslaut einer Schiffsmannſchaft das plötzliche Sinken des geborſtenen Fahrzeuges begleitet, und nun die Wellen ſich ſchließen über dem Waſſerſchlunde und die See ſich ebnet und kein Zeichen des verloſchenen Da⸗ ſeyns auf der naſſen Wüſte nachbleibt. Der Markgraf war dicht an der Mauer des Zwin⸗ gers in die Knie geſunken und betete laut; der Span⸗ heimer ſtand vor ihm, drückte die heilige Reliquie, die an ſeinem Halſe hing, an den Mund, und hielt die Augen feſt auf den Ort gerichtet, wo mit den Trom⸗ petenſtößen zugleich ſich, von unſichtbaren Händen be⸗ wegt, ein Theil der Zwingerwand zur Seite geſchoben. Jetzt raſſelte auch das Eiſengatter in die Höhe, und Heinrich befahl ſeine Seele dem Himmel, denn heraus fuhr ein ungeheures Thier mit hochgeſträubten gelben Mähnen und ſchlagendem Schweife; es war Leviathan, der afrikaniſche Leu. Mit einem wüthigen Sprunge war der Löwe aus ſeinem Kerker bis mitten auf den Sandplatz gerathen, hier aber ſtand er ſtutzig und wie gefeſſelt: die unge⸗ wohnte Helle— die Sonne trat ſo eben um den dun⸗ keln Schloßthurm auf die Azurfläche und übergoldete den ganzen Zwinger— plendete des Thieres Augen⸗ und das Geſumm und Geſchwirr, welches durch die Menſchenmaſſe geſpenſtiſch zog⸗ fuhr verſchüchternd in ſeine Ohren. Aber welches Herz hätte nicht fieberiſch gezuckt, welche Bruſt nicht den Athem zurückgequetſcht! War es doch die ungeheure Naturkraft, die ungeſättigte Blutgier, der allgemeine Schrecken der afrikaniſchen Wälder und Wüſten, der vernichtende Feind alles Leben⸗ digen, frei jetzt und feſſellos, und muthwillig frevelnd ein Menſch ihm hingeworfen! Und jetzt faßten die roth⸗ gelben Augäpfel das plendende Bild ſeines Gegners auf; der Rachen öffnete ſich geifernd, die Mähne ſchwoll, und ein kurzes, abgeſtoßenes Gebrüll ſchien die freudige Gier nach Beute kund zu thun; zur Seite wendete das Raubthier jedoch zuvor den mächtigen Leib, und in kurzen Sätzen, den furchtbaren Kopf hochhaltend, beſchrieb es einen Halbzirkel an den Steinwänden hin, warf ſich dann wieder in den Mittelraum und legte ſich hier ge⸗ ſtreckt und kauernd nieder, zum Sprung ſich anſchickend, in den rollenden Feueraugen und dem ſchlagenden Schweife die todbringende Abſicht andeutend. Der entſetzliche Au⸗ genblick war da: Heinrich preßte noch einen Kuß auf die heiligen Kreuzesſplitter ſeines Kleinodes, dann tritt er langſam dem niedergekauerten Thiere entgegen, das Menſchenauge feſt gerichtet auf das Auge des gefähr⸗ lichen Feindes. Und wunderbar, ſo wie er vorſchreitet, ſchiebt ſich langſam der Löwe zurück, Fuß für Fuß, — 94 immer die gefahrdrohende Stellung behaltend, ſcheu die Augenlider bewegend und kneifend, und ſeltſam knur⸗ rend wie ein zürnender Hatzhund. Da erglühen Heinrichs bleiche Wangen plötzlich, ſeine Blicke leuchten, und mit Haſt dicht gegen den Löwen tretend, die Hände feindſelig ausſtreckend, ruft er: Nieder mit dir, du ſeelenloſes Geſchöpf, und gib Zeugniß für die Unſchuld im Namen des Gekreuzigten! Und hochauf fähret der Leu, ſtößt einen dumpfen, gräßlichen Angſt⸗ laut aus und erhebt ſich wie in verzweifelnder Verthei⸗ digung auf ſeinen Hinterpfoten. Da erfaßt der Graf, kühn und rieſenſtark, nicht achtend die blendenden weißen Hauzähne, die Vordertatzen des Thieres und wirft es mächtig rücküber in den Sand, und als der Löwe er⸗ ſchreckt und wie verſtört ſich umwälzt im Staube, greift er in die goldenen Mähnen, ſchleift die ungeheure Beſtie bis zu dem offenen Käfig, ſtößt den gedemüthigten Ge⸗ fangenen hinein und reißt mit ſtarker Fauſt das Fall⸗ gatter herunter, das ſogleich den Feind einſchließt. Eine Minute lang hatte dieſer wunderſame Zwei⸗ kampf gedauert, eine zweite noch herrſchte die Erſtar⸗ rung, welche Angſt, Beſtürzung, Erſtaunen über das Volk geworfen; dann aber brauste eine wilde Freude los mit einem wilden Gelärm, das die Erde aus ihren Fugen zu reißen, den kriſtallenen Dom der Himmel zu zerſprengen drohte. Hier ſprangen an ihren Seilen die Bürger der Hahnengaſſe in den Zwinger hinab und umringten den erſchöpft und wie ohnmächtig in des Markgrafen Armen liegenden Spanheimer, nannten ihn einen Heiligen, einen Märtyrer, küßten ſeine Hände und Kleider und hoben ihn auf ihre Schultern, ihn zu tragen zu des Königs Throne. Dort oben auf dem Balkon 92 ſtand bebend in Wonne der alte Herrſcher, Thränen im grauen Bart, und rief den Namen Heinrich mit Vater⸗ tönen, und an ſeiner Schulter lehnte, durch aufgelöste Angſt gebrochen, Adelaide, die Königin, und zu den Füßen Beider kniete das ſchöne Königskind, in wort⸗ loſer Seligkeit die gefalteten Hände aufhebend gegen die Eltern, deren heiße Thränen herabthauten auf die reichen Locken des von der Schande befreiten Kindes. Und unter dem Balkon ſtürmte das Volk wie ein tauſendarmiger Tod die Sitze der Ankläger; tauſend Fäuſte griffen nach den betäubten Gewalthabern, täuſend tödtliche Waffen flirrten über den fürſtlichen Häuptern, und in den Staub geriſſen, mit zerfetzten Kleidern, in ſchwacher, unnützer Wehr blutend, aller ihrer Hoheit baar, ſahen der ſtolz Herzog von Clermont und die Grafen Valvis und Mau⸗ rienne ſchaudernd dicht und dichter einen gräßlichern Tod über ſich, als ihr Neid dem Feinde bereitet; aber der kluge Segür, die Freude kaum verbergend über die Erniedrigung der Hauptgegner ſeiner königlichen Staats⸗ pläne, warf die mächtige Leibwache zwiſchen das Ge⸗ tümmel und riß Namens der Majeſtät die dem Henker⸗ tode Geweihten aus den voreilig richtenden Klauen des wüthenden Volkes. War nicht dieſes dieſelbe Halle, wo vor wenigen Tagen das Feſt des Herrſchers gefeiert, wo der deutſche Graf an Conſtantia's Seite ein Vorgefühl des Himmels genoſſen, wo ihr Blick ihm ihre Seele ausgeſprochen, und alle Räthſel der großen Lebensmyſterie ſeinen klaren Geiſt mit Traum und Sehnſuchtsrauſch zu verwirren gedroht?— Eine Feier weihte auch jetzt dieſen Saal⸗ 93 aber wie gar anders war ſie geſtaltet, welch ein gar anderer Geiſt wehte durch ſie und weilte gebietend über ihr! Der König ſtand auf den Stufen ſeines Thrones, Zorn und Liebe, Segnung und Vernichtung ſtritten in den Zügen ſeines ehrwürdigen Antlitzes; auf einem Seſſel, dicht neben dem höchſten Herrn, ſaß die Königin, durch unendliche Freude ſchwach, und an ſie geſchmiegt ſchaute Conſtantia, reinſter Schönheit Ideal, verklärt durch den Triumph der Unſchuld und das Hochgefühl heiliger Liebe, mit Blicken voll Seligkeit auf den Ge⸗ liebten, der, herbeigetragen von Bürgern und Rittern, begleitet von jauchzenden Frauen und Kindern, bleich wie eine Lilie, mit ermatteten Augen und ſchwankend wie die Silberpappel im Winde, vor dem Könige ſtand. Nieder von dem Purpurteppich ſtieg der König und um⸗ fing den Grafen wie ein Vater den Sohn, aber zuerſt wandte ſich ſein Wort zu den Anklägern, die in ihrem ſchimpflichen Zuſtande jetzt von anderer Seite herzuge⸗ drängt wurden. Aus meinen Augen mit dieſen Unholden, rief der empörte Vater, hinaus mit Allen, die den Dolch führen gegen das Herz ihres Königs, indem ſie die unbefleckte Ehre unſeres Kindes zu ſchmähen gewagt. Es bedarf keines Gerichtes über ſie, denn ſie ſind gerichtet durch ihren eigenen Spruch. Segür, ich überlaſſe ſie Dir; Du wirſt ſie nicht ſchonen: die Hyder Vaſallentrotz und der Drach Barbarei ſind Dir gleich gehäſſig. Mag fie der Zahn der wilden Beſtien im Zwinger zerreißen, mag ſie des Henkers Beil auf den Block werfen, nur ohne Aufſchub vertilge ſie, daß wir löſchen, was wir dieſem Gaſte ſchulden. Graf Heinrich wollte Einſpruch thun, aber ſchon lag Conſtantia zu den Füßen des Vaters. Kein Blut um mich! flehte ſie, kein Blut! Iſt Dein Kind Dir nicht neugeboren, Vater, und Du wollteſt ſeine reine Wiege ſchmutzen? Der König ſchaute unentſchloſſen auf den Miniſter, doch dieſer lächelte mit ſeinen ſcharfen Zügen und hielt das Auge feſt gerichtet auf den todesbleichen, in thieri⸗ ſcher Wuth die Lippen plutig beißenden Herzog Eudo. Kein Blut, ſagte Segür, Blut iſt Kadmus⸗Saat und ſtraft den Säemann. Aber die Ehre ſey genommen den Verbrechern, verlieren ſollen ſie Würde und Land, ihr Schild werde gebrochen, ihr Lehen ſey herrenlos und ſie ſelbſt flüchtig außerhalb der Gränzen Frankreichs ewig⸗ lich. Und damit nicht kehren könne ſolcher Frevel, ver⸗ tilge des Königs Spruch zugleich jene Fußtapfen alter Barbarei und heidniſcher Gebräuche, hebe auf das Ge⸗ richt der Vaſallen, welches ein Wurm iſt im herrlichen Apfel des Königthums; wo die göttliche Salbung iſt, da iſt die Weihe. Ein Gott, Ein König und Ein Geſetz⸗ ſo ſey es in Frankreich, und gleiche Strafe, wie ſie Dieſen hier geworden, auf eines Jeden Haupt, der das erſte Recht der Krone wiederum antaſtet. Die Verurtheilten knirſchten, und unter den Herren der Ritterſchaft ſah man ſo viel bleiche wie unmuthige Geſichter, doch ſchwiegen Alle. Heiterer wandte ſich jetzt aber König Ludwig zu Tochter und Freund. Strafen iſt Dorn, Lohnen iſt Roſe der Königskrone! rief er, und faßte Heinrichs Rechte. So nimm ſie denn hin, die Dir der Himmel ſelbſt geſchenkt, nimm ſie, mein Eidam, denn nur Du biſt ihrer würdig. Ueberraſchend zeigte ſich die Wirkung dieſes könig⸗ lichen Gnadenwortes. Jene Jugendgluth, die früherhin — ½ VM t⸗ ig⸗ 95 des Grafen edles Angeſicht ſo lieblich gemacht, ſtrömte plötzlich wieder aus den feinen Wangen, dem runden Kinn und der hochgewölbten Stirne; ſein Mund ſchwoll in einem geheimen Lächeln, ſeine Augen flammten in Lichtern der Seligkeit hinab auf das himmliſch⸗holde Weſen, deſſen zarte Geſichtszüge deutlich und unverhehlt das gewonnene Glück ausſprachen und den Willen, es hinüber zu tragen auf den Erwählten und ihm den ſchönſten Theil davon zu ſpenden. Da ſank er auf ein⸗ mal, zum Erſchrecken Aller, einem Todten gleich, zwiſchen den Armen des Königs zu Boden. Conſtantia fuhr im Schrecken erſtarrt zurück, jede Hand griff zu, zu retten, zu helfen; aber der Kampf zwiſchen Geiſt und Sinn, der wie ein Keulenſchlag den Jüngling niedergeworfen, dauerte nur die Zeit zweier Athemzüge, und aufgerichtet von den Helfern ſtand er wieder da mit offenen Augen und freiem Athem, aber iene irdiſche Entzückung, jene irdiſche Schönheit war ſchon von ſeiner Geſtalt hinweggenommen. Die weiße Haut ſeines Geſichts hatte eine überirdiſche Durchſichtig⸗ keit bekommen, die Augen waren hell, aber gleich fernem milden Sternenglanze kam dieſe Helle wie aus tiefem Raum, die Stimme tönte klar, aber wie aus weitem Thale herauf, und die ihm nahe ſtanden, wichen er⸗ ſchüttert einige Schritte von ihm, denn er glich einer ſchönen Leiche, die ein Wunderthäter erweckt. Prüfungen ſendet der Himmel Denen, die ſich ihm zu weihen entſchloſſen, ſagte er.— Andacht, Schmerz der Entſagung und Entſchluß klang hindurch. Schwer war die Prüfung, denn die Erde warf das Spiegelbild des Himmels in des Menſchen Auge, und ſein Wanken, ſein Fall ward darum verzeihlich; die ewige Gnade ließ ihn deßhalb nicht verderben, war auch die Buße faſt zerſtörend. Doch welcher ſo dem Tode verfallen ſtand⸗ darf nicht rühren eine irdiſche Hand; wen ſo die Mutter des Herrn gehegt am Herzen ihrer Barmherzigkeit, der darf nicht ringen im Leben nach irdiſcher Liebe. Den Frevel an der reinſten Unſchuld habe ich vernichten dürfen, Conſtantien habe ich wiederum winden dürfen die Glorie um das ſchöne Haupt; das ſey die einzige irdiſche Er⸗ innerung, welche ich lohnend mitnehme von hin. So lebt denn wohl, Alle, Alle, und laſſet mich, ſoll ich lebend ſcheiden. Der König, die Mutter und der Hof ſchwiegen be⸗ ſtürzt und tief ergriffen von des Jünglings Rede; nur Conſtantie ſtreckte den weißen Arm aus nach ihm. Weh⸗ rend bog er ſich nach ihr hinüber, ſeine kalte Hand be⸗ rührte kaum ihre Fingerſpitzen, aber eine brennende Thräne fiel von ſeinem Auge auf ihre Hand, und als das ſchöne Königskind ſie zurückgezogen⸗ weil der Tropfen brannte und ſtach, da war der deutſche Graf ſchon durch die Nächſten geſchritten, ſchon verſchwunden hinter der Flügelpforte— und ohne Rückkehr. ———— Eine weiche Frühluft ſtreicht durch die Straße, der Himmel iſt mit leichtem Gewölk beflogen und läßt einen freundlichen Reiſetag ohne Schwüle und Sturm und Schlacker vermuthen. Wer unterbricht die friedlichen An⸗ ſtalten? Wer ſtürmt durch den ſchon geordneten Zug mehrerer Sänften und wohlbepackter Saumroſſe, die vor dem Gaſthofe zur Lilie Platz genommen? Ein langer dürrer Mann iſt da, weit ausholend mit den magern Gliedern, die Lüfte zerſäbelnd, und aus den kleinen ge⸗ F h⸗ ⸗ e⸗ P 18 en er en nd ln⸗ ug vor ger ern ge⸗ 9 kniffenen Augen Dolche ſchießend. Er tritt in den Gaſt⸗ hof und befiehlt den mitgebrachten Stadtwächtern, die Thüren zu beſetzen und Niemand aus⸗ noch einzulaſſen. Der Wirth tritt ihm verwundert entgegen; die kleine Jeannet, etwas verſtört und bleichwangig, frägt, was der Einfall bedeute, und der ſchwarzbärtige Jonzac, den der Eindringliche in gar wichtigem Geſpräch geſtört, faßt ihn gewaltig an der Schulter, und räth ihm im derben, verſtändlichen Tone, mit Beſonnenheit zu walten im fremden Eigenthume. Fulbert bin ich, Kanonikus von Paris, ruft der dürre Mann mit Stolz und Zorn, wer wagt mich zu hindern, wo ich mein Recht ſuche, und wo die höchſte Obrigkeit der Stadt mir Erlaub gab und ihre Diener zu meinem Befehl geſtellt? Ohne Säumniß redet: wo iſt der ſau⸗ bere Fremde, der ſich nennt einen Grafen von Sonnen⸗ berg und zu Ortenburg? Verwundert und ohne Antwort zeigte ihm der Wirth den Weg zu dem Gemach des Grafen Heinrich, und der Kanonikus ſtürmte ohne Anmeldung hinein. Graf Heinrich ſaß in Reiſekleidern, gedankenvoll und ſinnend. Er harrte der Ankunft der beiden Markgrafen von Oeſterreich, die ihn auf ſeiner Reiſe zu begleiten verſprochen, und ſtutzend trat er dem ſeltſam ſich ein⸗ drängenden Gaſte entgegen. So hat mein gutes Glück mich noch zu rechter Zeit eintreffen laſſen, rief laut ſchnaufend der erhitzte Kano⸗ nikus. Verbergt ſie nur nicht, mein Herr, gebt ſie her⸗ aus, denn Liſt und Trug wären umſonſt. Was ſuchet Ihr? fragte Heinrich ruhig. Weg mit dem Gleisnermantel der Heuchelei, entgeg⸗ nete Fulbert heftig; hat ſich König und Volk von dem Blumenhagen. XIv. 7 verſchmitzten Ausländer täuſchen laſſen, mich betrügt man nicht. Eine leichte Röthe überflog des Grafen Geſicht, doch fragte er mild und ruhig nochmals: Und auf welchem Grunde ruhet dieſe bittere Beleidigung? Ihr waret ſein Freund, er war ſtets von Euch des Lobes voll, Ihr beſaßet ſein ganzes Vertrauen, raſſelte die Stimme des Kanonikus fort, darum waret Ihr auch ſeines geheimſten Bubenſtücks Theilnehmer. Warum ſonſt dieſe geheime Reiſe veim erſten Morgenroth? Wozu die Sänfte von Maulthieren getragen? Gleiches Geſchick, gleiche Schuld theilt gern Mantel und Hülfe. Der Meiſter hatte keine Mittel, ſie hatte kein ſolch bedeutend Gut im Säckel, um ohne Eures Reichthums Beiſtand eine weite Reiſe zu wagen. Hier verborgen ſind ſie darum, und ich will ſie fangen, um an einer Rache ohne Gleichen mein beleidigt Gemüth zu kühlen. Mit Unmuth hob der Graf ſtolzer ſein Haupt und ſprach mit Würde: Zum letzten Mal, mein Herr Kano⸗ nikus, wen ſucht Ihr bei mir? Meiſter Abelard iſt fort, ſtotterte Fulbert, mit ihm meine Nichte, die ſchöne Helviſe. Die Nacht hatten ſie zu ihrer Flucht gewählt, aber früh genug warf die Furcht vor meinem Zorn eine alte Magd mir zu Füßen. Schänd⸗ lich hat der Hausgenoß meine Güte betrogen: aus dem Lehrer des unbefleckten Mädchens ward ein Verführer, Seele und Leib hat er vergiftet, ihre Ehre iſt hin und mit ihr die meinige, und Gut und Blut ſetzt der Ohm daran, ihn in dem Genuß der geraubten Frucht ſchrecklich zu ſtören. Die Flüchtlinge ſind noch in Paris, ſo be⸗ richten meine Späher, und ich wette, ſie hören meine timme mit Beben. 99 Ein Schauder fuhr durch Heinrichs Glieder, er hob die frommen Augen zum Himmel auf und ſprach: Dank Dir, Gott der Gnade, daß Du Deinen Engel ſandteſt, ehe die finſtern Mächte Gewalt nahmen über mich. Mit Ehrfurcht gebietender Haltung erhob er dann ein weißes Gewand von einem Seſſel und zeigte dem Kanonikus die Cuculle des Ciſtercienſer⸗Ordens. Ge⸗ braucht Euer Recht, ſagte er ernſt, und durchſucht dieſes Haus, doch mich laßt frei von Euren ſchändenden Be⸗ rührungen, denn wir gehören dem Dienſt der Kirche, und dieſes Mönchskleid wird uns zum Schilde dienen gegen Euch. Iſt der arme Meiſter gefallen ſo tief, wie Ihr ihn beſchuldet, ſo wollen wir beten, daß ihm der Himmel Zeit gebe zu Reue und Bußwerk. Fulbert ſtand verdutzt; da kam ein dienender Bub und meldete, wie man die Spur der Flüchtlinge entdeckt und wie ſie ſchon um Mitternacht durch das Thor nach d Bretagne zu ihre Reiſe begonnen. Fulbert verließ wuth⸗ ⸗ knirſchend das Gemach, traurig blickte ihm Graf Heinrich nach. Des Meiſters reines Bild war ihm befleckt worden n durch dieſe Botſchaft, und auch dieſe Erinnerung, die ie er in ſeiner Kloſterzelle zu pflegen gehofft, mußte er * vertilgen aus ſeinem Herzen; aber ſich ermuthigend trat ⸗ er zum Fenſter und ſtreckte die Hand aus dorthin, wo m die Zinnen der Königsburg die niedern Häuſer über⸗ r, ragten. Nur wir ſollen zuſammen bleiben: der Himmel, d Du und ich! ſagte er, und als ſähe er ſie, fragte er m lebhafter: Biſt Du ſchon wach, Du zartes Königskind? ch Und hauchſt Du ein Scheidewort herüber zu mir, dem e⸗ ſcheidenden Seelenfreunde? Ja, Du darfſt es, denn das ne Wort Deines Abſchiedes iſt rein wie Deines Mundes Hauch; eine heilige Liebe hat uns gebunden, an der die Erde kein Theil gehabt und die des Leibes Schwäche nimmer vefleckt, und käme der Tod in dieſer Stunde über Dich und mich, unſere Liebe dürfte mit uns gehen vor den Thron, wo ein Ewiger richtet. So triumphire wie ich, Du milder Engel, den ein Weib gebar, damit an ihm ſichtbar werde auf Erden die Allmacht und die Wundergnade, und der Uebermuth erkennen mußte, daß er Staub und Aſche. Zu Morimond nahm er das Mönchsgewand. Bald ward er Abt zu Villars, ſpäter Biſchof zu Troyes. Sein Vaterland ſah er erſt wieder, als er auf den Wunſch des Oheims Bernhard das Kärnthnerland betrat, um eine neue Abtei des Ciſtercienſer⸗Ordens einzuweihen⸗ die zu Heinrichs Gedächtniß der liebe Ohm geſtiftet und die ſeines Löwenkampfes wegen der Sancta Maria de victoria geheiligt worden. Das Königskind aber lebte ein ſtilles Leben mitten im Getümmel des Hofes, aber das Leben ſchien dennoch ein freundliches, denn man ſah ſie oft ſprechen mit einem unſichtbaren, der bei ihr ging und überall neben ihr ſaß, wenn ſie allein war, und dann glänzte ihr Auge wie in Seligkeit, und lächelnd ſah ſie dann oben tief in den endloſen Himmelsraum hinein. In der drhnengſe ließ ſie ein Spital erbauen und regierte es ſelbſt, und flocht ſich dort eine Krone aus Barmherzigkeit und Dankesthränen; und den Löwen Leviathan beſuchte ſie gern, und das Thier hatte ſeine Wildheit vergeſſen und empfing ſie mit frohem Gemurr und leckte ihre Hände; doch um die Braut des Löwen⸗ zwingers wagte kein anderer Mann zu werben, und ſie hat auch an Niemanden wiederum irgend einen Preis ausgetheilt. 2 7„OS M. — — ₰ £ = — S ₰ n 3 S — * Es war einer der erſten Tage des Auguſtmonats im Johre 1533, als Junker Ludolf von Golturne ſeiner Vaterſtadt entgegenzog. Recht gülden und reich glänzte der Sommertag auf Flur und Aue dem jungen Ritters⸗ mange in die großen lichtblauen Augen und ſtrahlte zurück vom lebensfrohen, blühenden Angeſichte. In ſei⸗ nem grünen Seidenwamſe und dem grünen Sammet⸗ baret mit der einzelnen weißen Straußenfeder ſchien er der Naur, die ihn umgab, anzugehören und auch ihr Frühlingskind zu ſeyn; und grüßte er doch auch recht kindlich, wie man Verwandte grüßt, die bekannten Wald⸗ wipfel und die knotigen Eichen am Heerwege, und das gelbe Saatfeld und den hügeligen Heidegrund; vor Allem aber, als die Straße nun in den Einſchnitt des Buch⸗ waldes, welcher die Eilenriede genannt wird, eintrat, begrüßte er mit Ruf und Lied und Handkuß die jenſeits des Waldes am Horizonte ſich ausbreitende ehrwürdige Stadt Hannover und ihren beſonders geformten Haupt⸗ thurm zu Sanct Georg, der mit ſeinem viereckigen Gebäu und den Triangelgiebeln, mit der grünen kupfer⸗ nen Spitze und den koloſſalen, ihm oben eingemauerten myſtiſchen Figuren zu ihm herſchaute und jedem Frem⸗ den verrieth, daß ſeine Erbauer wohl Menſchen von gar abſonderlicher Weiſe und Sitte geweſen ſeyn möchten. Der kleine zierliche Grauſchimmel des Junkers tanzte jetzt dem Wartthurme zu, der die neue Landwehr be⸗ ſchirmte. Ein breitſchulteriger junger Bürgersmann, ver⸗ wegen unter der Blechhaube herausſchauend, trat ihm im Engpaſſe unvermuthet entgegen und ſtorte alle ſeine Träume vom fröhlichen Empfange und dem Wieder⸗ ſehensbecher durch eine ſchwere Partiſan⸗ die er der Bruſt⸗ des Rößleins entgegenhielt.— Weß Glaubens? rief der Wächter.— Seyd Ihr närriſch geworden, fragte der Junker zurück, daß Ihr dem Kinde das Elternhaus Nr⸗ ſchließen wollt und nach der Parole fragt, wo das freu⸗ dige Herz ohne Wort iſt? Da trat aus der niedrigen Thurmthüre der Stadt⸗ kapitän Wedekind hervor, und als Ludolf in demn lan⸗ gen weißhaarigen Alten mit dem kerzengeraden Gange und dem gutmüthigen Geſichte ſeinen ehemaligeſ Nach⸗ bar und freunvlichen Gönner erkannte, vergaf er den ſo eben erweckten Groll, ſprang vom Roſſe, das der nachreitende Knecht ergriff, und bot dem geehrten Bür⸗ gerhauptmann die Rechte. Sieh da, Herr von Golturne! Willkommen zu Han⸗ nover! ſprach der Alte. Ihr kommt zu paßlicher Zeit in die lang vergeſſene Heimath, die Eures Gleichen mehr bedarf, denn je zuvor. Wie das, Vater Wedekind? fragte Ludolf. Iſt Fehde mit dem Biſchof ſchon wieder, oder ſind die Vettern bon Braunſchweig abermals uneins? Kommt mir's doch wun⸗ derſam vor, wie da droben die Hacken und Zunder⸗ büchſen aus den Thurmlöchern hervorſchauen, loszudon⸗ nern auf den Feind, und wie hier die Wehr ſo rüſtig veſetzt iſt mit einem der wackerſten Hauptleute und mit einer bürgerlichen Kernwacht. Ihr wiſſet nicht viel von der Vaterſtadt, entgegnete der Alte, und lud den Junker ein zum Riederſitzen auf — 105 die Steinbank am Thurme; wir wiſſen deſto mehr von Euch. Der Herr hat Euch früh erleuchtet, und das neue Glaubenslicht iſt ſchon frühzeitig von Euch erkannt und gewürdigt worden: Ihr ſeyd in der proteſtantiſchen Lehre Euern Mitbürgern und Eurer Vaterſtadt vorausgeſprun⸗ gen und habt ihr den Weg gezeigt. Mehr, guter Vater, fiel Ludolf leuchtenden Ange⸗ ſichtes ein, denn ich bin eingeſegnet durch die heiligſte Hand im deutſchen Reiche, und der große, herrliche Lu⸗ therus ſelbſt, der Löwe des Glaubens, hat mir das reine Evangelium erklärt und mein neues Bekenntniß empfan⸗ gen; ja noch mehr, ich hatte die Ehre, unter den Rit⸗ tern zu ſeyn, die vor drei Jahren die berthmte Con⸗ feſſion, geſchrieben von Luther und Melanchthon, dem Reichstage nach Augsburg überbrachten. Nimmer ver⸗ geſſe ich, Vater, die gewaltigen Fratzen, welche der gnä⸗ digſte Kaiſer und alle gemäſteten Prälaten um ihn her zu ſchneiden beliebten, als ſie die bittern Wermuthsworte des Glaubenshelden laſen, der geboren ward, um zu Felde zu liegen mit den Erdenteufeln und ihren Rotten, und deſſen Werk es iſt, die Klötze und Steine, die Dor⸗ nen und Diſteln aus dem Wege zu ſchaffen, damit Bahn werde und offene Straße zum Reiche Gottes. Fahret fort, liebes junges Herrlein! rief der Haupt⸗ mann, und klopfte freudig auf des Junkers Schulter. Man hört es Eurer Rede an, daß Ihr dabei waret, daß Ihr die Männer Gottes ſelbſt habt ſprechen gehört von den gereinigten Lehrſtühlen, und das Wort der Prie⸗ ſter bedarf jetzt die Kraft der Streitkolbe und die Spitze der Partiſan, ſoll es haften und treffen und den päpſt⸗ lichen Teufelsſpuk bannen und zerſchlagen. Wir haben jetzt auch da drinnen einen wackern Redner, der aus einem ſchlechten Mönch ein ächter proteſtantiſcher Pre⸗ diger geworden, aber es zieht und fließt noch nicht ſo recht mit der Erbauung ſeines Wortes und iſt noch viel mönchiſche Angewöhnung daran, die ſich erſt durch die Uebung abſchleifen muß. Glück zu! lächelte Ludolf. Wenn Ihr ſchon ſo weit ſeyd, wird die Gediegenheit ſchon nachkommen, denn nur allmälig ſcheidet das Feuer Gold und Schlacke. Feuer genug flackert in der guten Stadt! fiel Wede⸗ kind ein, und von Außen wird zugeſchürt, daß es eine Schande iſt. Unſere friedliche Stadt kommt mir vor wie ein türkiſch Lager, wo Niemand dem Andern traut und wo Selhſlucht, Verrath, Neid⸗ Mord und Habſucht durcheinander ſchleichen, und wenn ſich nicht bald einige erleuchtete Köpſe voruehmen patriciſchen Stammes an die Spitze pflanzen und den ſchmutzigen Großmäulern am Markt den Maulkorb anhängen⸗ oder wenn ſich der Eigenfinn des Landesherrn nicht mindert und zum Ziele legt, ſo ſehe ich die ſchönen bunten Treppengiebel da drüben noch in Rauch aufgehen und den ſtattlichen Geor⸗ genthurm in eigenen Flamtnen zuſammenbrechen. Das verhüte der Herrgott! antwortete Ludolf. Das hat mein hochwürdiger Lutherus nicht gewollt, und wenn ſeine heftige Kraftnatur auch dem Teufel mit dem Din⸗ tenfaß zu Leibe ging und die böſen Geiſter verhöhnte, die in Mönchskutten und Trabantenrüſtungen von allen Dächern auf ihn nieder grinsten, ſo iſt ihm doch der Friede Gottes das Heiligſte auf Erden, und er würde ſich, ſammt dem milden Melanchthon, die Zunge aus⸗ reißen und ſein Predigen verfluchen, wüßte er, Blut ſollte fließen darum, und ein fremdes Menſchenleben ſollte deßhalb gefährdet werden. ———— e —„——„— ———— c— — d—— N 107 Euer Wort in Ehren! nahm der alte Waffenherr die Rede auf. Die guten Mönchleins ſind nicht draußen ge⸗ weſen im Gedräng der Menſchenkinder, ſonſt hätten ſie beſſer vorausgeſehen, was da kommen wird und kom⸗ men muß. Was der Menſch ſein eigen nennt, das be⸗ wacht und bewahrt und vertheidigt er auch eiferſüchtig und hartnäckig, ſey es Gut und Weib, ſey es ein alt Pergament oder eine feſtgewurzelte Meinung. Ein neuer Glaube koſtete immer friſches Blut, das iſt in allen alten Chroniken zu leſen; aber wächst aus dem Blutboden nur ein ſchöner, geſunder Palmenwald, in welchem die Enkel Schatten finden und Frucht, ſo iſt es nicht Schade um das Blut und die Leibesnoth, welche vorherging. Du biſt weit gereist mit Herzog Erich, ſagte Ludolf voll Reſpekt, man hört es, Vater, an Deinem weiſen Spruche, haſt ihm die Türken ſchlagen helfen, und mit ihm die Kaiſerſchlacht bei Regensburg gewonnen; wie kommt es, daß Du jetzt uneinig mit ihm und ein Pro⸗ teſtant geworden biſt? Denn daß der Herzog ein Papiſt geblieben und daß er dem zum Lichte geeilten Hannover nicht ſonderlich zugethan, erſcholl mir ſchon an den deut⸗ ſchen Gränzen entgegen, als ich durch die Niederlande dem heimathlichen Boden zueilte. Man ſagt, die Alten hängen gern am Alten, ent⸗ gegnete der Hauptmann, und das ſoll eine Art Vorwurf ſeyn, klingt wie ein Lied von der Bequemlichkeit, weil neues Kleid drückt wie neu Regiment. Aber man ſollte auch hinzuſetzen, was die Alten nehmen und eintauſchen, muß gute Waare ſeyn; ſie kennen das Nichtsnutze, und oft betrogene Handelsleute werden klüger. Daß der neue Glaube Eingang fand bei den Alten an der Grabes⸗ ſchwelle wie bei dem jüngſten Schwindler und Wipper, 108 das iſt ſein wahrer Probeſtrich und macht ihn als feines Silber erkenntlich, ſo wie es nur unſere Harzgulden halten. Der Erich iſt ein gar herrlich Fürſtengemüth, werth, eine Kaiſerkrone zu tragen wie ſein Ahn, aber die Pfaffen und adeligen Herren haben ihn in ihrem Wirbelkreiſe und tanzen dermaßen um ihn herum, daß er vor all dem Staube, den ihre Schnabelſchuhe machen, nicht hinüberſehen kann aus dem Kreiſe in die Welt. In der Stadt hängen der hohe Rath und die Geiſtlichkeit noch feſt am Papftthume, und beide ſenden dem Herrn Herzoge um die Wette böſe Berichte von der Bürger⸗ ſchaft; dieſe erfuhr's, und nun iſt Streit zwiſchen Obrig⸗ keit und Stadt, und zu verwundern, daß ſolcher bis jetzt noch ſo ziemlich unblutig abgegangen. Der Herzog, bitterböſe ob der Unbill, hat die arme Stadt mit Rot⸗ ten umſetzt und alle Straßen im Lande geſperrt, und läßt keine Frucht hinein aus dem Gebiet zwiſchen Deiſter und Leine; ſchon wäre Hunger und Noth darin, wenn nicht den Glaubensgenoſſen der brave Celler ab und an Zufuhr ſchickte. Das iſt der Herzog Ernſt von Lüneburg, der zum ſchmalkaldiſchen Bunde gehört! erwähnte Ludolf. Derſelbe! bejahte der Alte. Er hat auch lange und derbe Briefe geſendet an unſern Herzog und verſöhnen wollen die Stadt und den Landesherrn, aber ſchlecht iſt's ihm bislang gelungen, und wir müſſen in Gottes Hand legen, was Menſchenverſtand nicht ausgleicht und was kein Menſchenwille vorausbeſtimmt. Oben im Thurme kündete der Wacheruf fremde Reiter an, und bald zog um die Ecke der Heerſtraße ein leicht gerüſteteter Rittersmann von hoher Geſtalt, hinter ihm einige Reiſige, in des Lüneburgers Farben gekleidet, , — 8 W — r t⸗ 109 und zuletzt eine lange Reihe Fuhrkarren voller Kornſäcke und mit Bauersleuten bepflanzt, welche die Körbe voll Obſt und Federvieh vor ſich bewahrten. Mit Staub⸗ wolken umgeben kam der Zug heran; die Bürger be⸗ grüßten die erwünſchten und geſegneten Freunde, indem ſie alle unter das Gewehr traten, und der Stadthaupt⸗ mann ging dem Geleitsherrn entgegen, ihm den Gruß der Stadt zu ſprechen, und über Kauf und Transport der Victualien abzuſchließen mit ihm, wie ihn die Stadt beauftragt. Das Korn ſandte Herzog Ernſt in die Stadt⸗ magazine, und die Wächter ſtellten die Partiſanen bei Seite und halfen den Fuhrleuten an der Gränzſcheide munter und rührig abladen. Die Bauersleute aber, die ſich auf eigene Rechnung beladen, ſtiegen herab von den herrſchaftlichen Wägen, ſtäubten Mätze und Wamms ab und wanderten dann im langen, beredten Zuge zur Stadt, auf den guten Markt ſich freuend und gaſtlich den Wachen aus. den Körben die ergquickende Pflaume oder die ſaftige Sommerbirne darbietend. Junker Ludolf hatte indeß mit Hülfe des Knechts dem Grauſchimmel die Gurten feſter geſchnallt und ihm die ſilbergeſtickte Satteldecke zurecht gerückt, die auf der Reiſe lockerer und weniger zierlich gelegen; jetzt wollte er ſich aufſetzen, da fiel ein Sonnenſtrahl über das Antlitz des celliſchen Ritters, und: Volkmar von Sparre, Du?— Du, Ludolf von Golturne? klang es, gleichzeitig ſich be⸗ gegnend, hinüber und herüber, und in demſelben Mo⸗ mente lagen der beiden Jungherren Hände feſt geſchloſſen in einander. Volkmar und Ludolf waren Jugendfreunde, Spiel⸗ kameraden, die manchen Luſtplatz, manches Miniatur⸗ Schlachtfeld, manchen wilden Knabenſtreich mit einander 1¹⁰ getheilt hatten. Volkmars Vater, der Oberſt von Sparre, folgte dem im Schlachtgetümmel errungenen Freunde nach ſeinem Schloſſe zu Kalenberg, als Herzog Erich von den ſchweren Wunden geneſen war, die er aus der berühm⸗ ten böhmiſchen Schlacht ſich gewonnen hatte für Muth und Großthat. Herzog Erich war es, der damals den mit dem Morgenſterne im Nacken getroffenen Kaiſer Max rettete aus Feindeshand und Speergewühl, und Obriſt Sparre ſchirmte wiederum den bei der Heldenarbeit tief⸗ getroffenen braunſchweigiſchen Löwen. Die beiden ſtreit⸗ baren Männer wurden durch den Ehrentag auf immer mit einander verknüpft, und gern ließ der Obriſt um ſolchen Freund das Vaterland und den alten Ehrendienſt und war von da unzertrennlich von ihm. Die Nähe des herzoglichen Schloſſes Kalenberg und der Stadt Han⸗ nover brachte die Kinder der Sparren und die Knaben der Patricier in baldige Berührung, und ſo wurde das Haus der Golturne auch bald den jungen Sparren eine Heimath. Die beiden Jünglinge ſchwelgten in der Erinnerung, 12 und konnten ſich kaum genug vetrachten und kaum auf⸗ hören, ſich über die beiderſeitige Veränderung zu ver⸗ wundern. Du biſt des Vaters Gleichbild, ſprach Lu⸗ dolf, ſich an des Freundes heldenmäßiger Geſtalt er⸗ götzend; dem Kriege biſt Du entgegen gewachſen, wie es auch ſein Beruf war. Mir, dem Dein wackerer Stutz⸗ bart mangelt, ſieht man an der Ziergeſtalt und der glatten Wange ſogleich den ſtädtiſchen Rittersſohn an, und die Gelahrtheit der Hochſchule zu Wittenberg thront mir auf der umlockten Stirne, und das kleine Zierſchwert an meiner Hüfte erzählt nur vom Studioſenunfug, indeß Dein vreiter Pallaſch am ſchweren Kettengehänge die X—— P——— * 5. 8* 8— 8 8 F er⸗ u⸗ er⸗ vie tz⸗ ten die. auf deß die 1¹¹ Geſchichte des Bauernkrieges eingegraben trägt, zu wel⸗ chem Du ſchon als fünfzehnjähriger Burſch dem Herzoge folgteſt. Ich beneide Dich ein Bischen um die Ehren⸗ geſtalt; doch ſinge ich dafür manch geprieſen Lied zur Laute, und bin bei jedem Tanzgelage der oberſte Hahn, und das hat auch ſeine Verdienſte und ſeine Freuden. Weniger lebendig, doch mit ähnlicher Treuherzigkeit erwiederte der ernſtere Volkmar des Freundes Freuden⸗ worte, und ließ ſich leicht bereden, auf einige Tage mit zur Stadt zu ziehen und die Heimkehr des Junkers im Hauſe ſeines Onkels und Vormundes mitfeiern zu helfen. Zieht nur mit, junger Herr! ſagte der alte Wede⸗ kind. Der Onkel, Herr Hans von Sode, hängt zwar noch an der alten Lehre, aber ſtört und zwingt Nie⸗ manden in Glaubensſachen, und vertheilt den guten Trunk aus ſeiner Brauerei an Proteſtant und Münnichs⸗ knecht, wie es Noth thut. Zieht nur mit und weilet einige Zeit in der Stadt, denn wenn auch die Prote⸗ ſtanten ſchon jetzt übermächtig ſind und täglich Mehrere der neuen Lehre zutreten, ſo iſt doch auch der Haufen der Päpſtlinge noch groß genug zu Unfug und Tumult; die Mönche hetzen, der hohe Rath will nicht nachgeben, und böſe Auftritte können plötzlich kommen, wo ein ritterlich Gemüth und eine tapfere Fauſt am rechten Platze wären. Ziehet hin! Hans von Sode wird Euch freundlich aufnehmen, denn ſein Haus iſt der eigentliche Hörſaal, wo die Beſten und Klügſten beider Theile ſich ſammeln und geiſtiglich kämpfen um den Glauben mit warmen Herzen und gründlichem Worte, und ſo das Wahre und Gute beſſer zu Tage fördern, als die Schreier auf dem Markte und die Prahlhänſe an der Fleiſchbude. 142 Ritter Sparre hoörte beifällig dem Alten zu, gab dann ſeinem Rottenmeiſter wegen Rückkehr der Reiſigen und des Fuhrwerkeg Berhaltungsbefehle, und bald ritten die beiden Jünglinge keben einander im bequemen Schritte der Roſſe und traulichem Zwieſprache durch Kornfelder und Obſtgärten die gebogene Heerſtraße hin. Mit ſonderer Empfindung, welche, ſchämte ich mich des Wortes nicht, ich faſt Vorahnung nennen möchte, begann Volkmar, ziehe ich zu der alten, lieben Stadt. Väterliche Vorſicht trieb mich hinaus, und mir iſt, als müßte der Spott und Ungehorſam gegen dieſelbe ſich ſofort ſtrafen Ludolf bat verwundert um den tiefern Sinn ſolcher Rede. Du fragteſt ſonſt wohl mit Neu⸗ gierde, fuhr Sparre fort, wie es käme, daß der Vater Sparre uns Brüder, ſeine drei Söhne, ſo ſorgſam von einander getrennt hielte, den älteſten früh in die ſtifti⸗ ſchen Fehden ſandte, mich an den Hof des Lüneburgers brachte, und den mittelſten, den Bruder Burghard— Gott gebe ihm Gnade!— für den Rath zu Hannover beſtimmte. Wir wußten ſelbſt nicht um des Räthſels Aufſchluß, aber da Herr Cord von Sparre auf dem Todbette lag, rief er ſeine drei Söhne zu ſich und ent⸗ deckte uns die Folter und Zwangkette ſeiner Vaterliebe. Unſere Mutter war aus dem verühmten Geſchlechte der Leiningen. Sie war eine fromme und gar furchtſame, weichmüthige Frau. Mit zwiefachem Schrecken ſah ſie darum an den drei Söhnen, welche ſie in weniger Jahre Friſt ihrem Eheherrn gebar, ein gar beſonderes Zeichen. Wir trugen nämlich alle Drei auf der Stirne ein rothes Geburtsmahl, einem glühenden Flämmchen zu vergleichen, farbiger und heller ſichtbar, ſobald Erhitzung, Zorn oder andere Leidenſchaft uns erregte, und Mutter Wulfhilde 113 ſah darin ein Grimmzeichen des Himmels, das ſie mit Meß⸗ und Opferpfennigen ſeitdem unſchädlich zu machen trachtete, und bei der Sorge in ier tiefere Schwer⸗ muth verſank. Endlich erſchien im Hoflager ein eis⸗ grauer Mönch, welcher geraden Weges von Konſtanti⸗ nopolis kam, das er einſt von dem wilden Muhamed erobern geſehen, und der ganze Kiſten Reliquien aus dem heiligen Lande mit ſich führte. Als der Moönch das Feuermahl der Knaben angeſehen und betaſtet— noch weiß ich, welch Grauen mich vor dem verzerrten Alten und ſeiner eiſig-kalten Hand befiel!— ſo weiſ⸗ ſagte er, mit hohler Stimme ein Wehe rufend, daß wir alle Drei durch dieſelbe Perſon und daſſelbe Mordgift umkommen würden auf unnatürliche Weiſe und in der Blüthe unſerer Jahre. Zornig vertrieb der Vater den wahnſinnigen Propheten aus der Burg, doch Mutter Wulfhilde hatte den Tod von dem ſchreckhaften Orakel⸗ ſpruche, und in ihrer Sterbeſtunde gelobte ihr Vater Cord, uns Brüder, ſo viel wie möglich, von einander getrennt zu halten, und an entfernten, verſchiedenen Orten großziehen zu laſſen. 5 Ludolf lächelte halb ſpöttiſch, halb mitleidig. Doch glaubſt Du an ſolchen Vorſpuck wohl nicht, mein wackerer r Freund? ſagte er. Wir Ritter des Evangeliums ſollen vor Allem ſtreiten wider den Aberglauben, den älteſten e und böslichſten Sohn des Königs der Finſterniß, und e wenn auch die Welt ein großes Wunder iſt und der Menſch die kleine Wunderwelt in der großen, wenn der Menſchen Schickſale ſich auch oft gar buntſcheckig und ⸗ wunderlich verwoben darſtellen, wie Bilder in der Zau⸗ berlaterne, ſo daß uns Maulwürfen die Schickſalsfäden zu dünn und darum unſichtbar bleiben und wir ihre Blumenhagen. XIv. 8 ———— 1¹4 Spur verlieren, ſo ſind mir doch, ſeit ich Luthers Licht ſah, Wunderthäterei und Geſpenſterſpuck und Legenden⸗ lied nichts als Ammenmährchen, von pfäffiſchen Kapuzen⸗ trägern erfunden, um die Kinder des Pöbels damit zu berücken und zu ängſtigen. Bruder Burghards Ende machte ſchon den Propheten zu Schanden, entgegnete Volkmar; doch fühlt man nach des Gewitters Uebergang oft noch das gehabte Grauen nach, und wen einmal eine Marmorhand aus jener ver⸗ deckten Geſpenſterwelt berührte, dem bleibt die Stelle froſtig⸗fühlbar ſein Lebenlang. Wie war das mit Bruder Burghard? fragte Ludolf⸗ ſich beſinnend. Als ich zum Südlande zog, ſchien er einig zu ſeyn mit meiner Schweſter Bertrada, und ich nannte den jungen Senator ſchon ſcherzweiſe mein Schwä⸗ gerchen; ſpäter brachte mir ein Landsmann die Botſchaft mit, Bertrada ſey Frau von Mißborg geworden und der Burghard plötzlich von dieſem Leben abgeſchieden. Laß uns hier rechts einbeugen und dem breiten Fuß⸗ ſteige nachreiten! Wir kommen auch hier durch einen Umkreis zum Thore und berühren Deine väterlichen Grundſtücke zuvor, wie auch den Trauerboden meiner Geſchichte. Wir wollen dort unſer Herzensopfer bringen, und überdieß iſt mir, als kämen wir doch noch immer zu früh zur Stadt. Ludolf nickte zuſtimmend zu Volk⸗ mars Worten, und Beide wandten die Roſſe und zogen von der Straße ab durch die Feldmark. Bertrada, Deine Schweſter, erzählte Ritter Sparre, vlieb uns fremd, weil ſie in dem Jungfrauenkloſter zum Werder erzogen wurde. Nach eures Vaters Tode und Deiner Abreiſe nahm Deine Mutter ſie zu ſich auf ihren Wittwenſitz, auf den großen Herrenhof dort an der — MN * —— Brühlerſtraße, und bald nachher glänzte das ſtolze Fräu⸗ lein blendend vor unter den Jungfrauen der Stadt. Junge Ritter warben in die Wette mit den Söhnen der Patricier um ſie, und die Bürgerfeſte hatten an ihr den größten Stern im Schützenzelte, wie die Adelſpiele der nahen Schlöſſer an ihr die blühendſte Zierde und den herrlichſten Preis im Turneiplatz. Bruder Burghards Briefe waren ſeitdem nichts als Lobpoſaunen Bertrada's, und die Stimme der ganzen Stadt bezeichnete ihn als den beglückteſten Werber. Verlobungsringe hatte man gewechſelt, die Kranzjungfern nähten ſchon am Braut⸗ hemde und flochten das künſtlich⸗grüne Krönlein. Burg⸗ hard pflegte im Abenddämmern, wenn die Geſchäfte auf der Rathsſtube abgethan waren und die Kämmerei ge⸗ ſchloſſen worden, hinaus aus der Stadt durch Feld und Gartenland nach dem Herrenhofe zu wandern, wo die Liebſte ſehnſüchtig ſeiner harrte. Aber nicht durch das große Hofthor ſchritt gewöhnlich der Bräutigam, nicht im Mittagsſonnenſcheine wartete er der Angebeteten auf: der ehrſame Rathsmann fürchtete für ſeinen Reſpekt, wenn Knechte und Frohnleute ſeine übergroße Zärtlich⸗ keit in Umlauf brächten, nur der Sonntag war ſeiner offentlichen Huldigung beſtimmt, ſonſt ſchritt er im grauen Regenmantel um die Dämmerſtunde zwiſchen den Gol⸗ turn'ſchen Köthereien hindurch zu einem Pförtlein der Gartenmauer, das in eine ſchmale, wenig betretene Zaun⸗ gaſſe führte. Der eiteln Bertrada konnte ſolche Heim⸗ lichkeit nicht anſtehen und gefallen; ſie fand in der Scham des Rathsmannes Liebesarmuth, und Burghards Briefe klagten oft ſeitdem über Wolken am Himmel ſeines Glücks, und wie die Braut ihm ein räthſelhaft Weſen ſey, farbewechſelnd wie das ägyptiſche Wandel⸗ 116 thier, wie ſie ihm heute höchſte Innigkeit, morgen nor⸗ diſche Kälte entgegentrage, und wie ſeine Ausſicht auf die eheliche Zukunft durch ſolch zweideutig Benehmen der Erwählten immer umnachteter und furchterfüllter werden müſſe. Da— es war in einer Winternacht, Schnee deckte die Aecker und die Stege— da fand man den Rathsherrn in ſeinem Blute todt unfern jenem Pförtchen ſeines ſtillen Glücks: ſein eigener kurzer Degen ſtack ihm in der Bruſt. Dichte Finſterniß ruhte auf der That. Niemand hatte an jenem Abende von ihm auf dem Herrenhofe gehört; die Kothſaſſen fanden ihn nächt⸗ licher Weiſe, und da die Finder alle Nachbarn zuſammen geſchrieen, ſo konnte auch der zertretene Schnee nicht mehr Zeuge ſeyn, ob Burghard allein gekommen, allein geweſen, denn die ganze Fläche war blutbeſprengt und niedergegangen. Die Braut ſchien untröſtlich und dem Grame unterliegend; auf ihre Bitte zog die Mutter mit ihr von dem Schauplatze fort in die Stadt; den Selbſt⸗ mörder entzog Bruder Albrecht mit Hülfe der herzoglichen Gunſt der öffentlichen Beſchimpfung, und er fand am Schloſſe Kalenberg ein ſtilles Grab, und die Bürger errichteten zur Warnung für Kind und Kindeskind ein ſteinernes Kreuz am Platze der böſen That. Längſt ſchon hatte Volkmar ſeine traurige Geſchichte geendet, und lautlos ritten noch die Beiden neben ein⸗ ander hin; nur das Schnauben der, Stallung und Her⸗ verge witternden, Gäule unterbrach die Stille. Ludolf lüftete das Baret und ſtrich ſich die Locken von der freien, großen Stirne. Nach einem tiefen Athemzuge griff er traulich hinüber auf des Freundes Schulter. Eine Schande iſt's, ſprach er, daß ein wackerer Mann um eines Weibleins willen ſich ſo in das Verderben 117 ſtürzt, dort vielleicht wie hier. Beſſer und klüger thut der, welcher, gleich dem Frankreicher, mit ihnen ſpielt wie mit Sommerblumen, und wenn ſie welk werden, ſie fortwirft und ſich andere ſucht. Mich hat Gott be⸗ wahrt bislang, und auch Dich, denn ich ſehe kein Liebes⸗ pfand an Deinem ſchlichten Panzer oder an Deiner Helmzier. Laß uns alſo verbleiben gleich den alten Troubadours und Sangrittern. Jeder Schönen eine Lanze und ein Loblied zur Zither! Doch das Herz be⸗ wahrt, und die Vernunft unter eiſernem Verſchluſſe ge⸗ halten. Wie Gott will! antwortete Volkmar trübſinnig, und heftete ſeine Augen auf die Sanct Nikolai⸗Kapelle, hinter deren Grabhof ſie eben hinritten und zu deren engem Thore unter ſchreiendem Geläute des kleinen Kapellen⸗ glöckchens ſo eben ein ſchwarzer Leichenzug von der Stadt heraufzog. Die Zeit ſieht uns ernſt an und ruft zu andern Thaten als Kußſpiel und Minneneckerei, ſetzte er hinzu; jedoch entgeht dem Netze der Natur wohl Keiner, und ſo mag uns das Schickſal einen weichern und wärmern Liebesſchoß bereiten, als der iſt, welcher den Burghard birgt. Sie bogen jetzt ein zwiſchen die Gebäude und Feld⸗ marken der Golturne; bald hielten ſie an hinter dem Herrenhofe, und das breite, graue Steinkreuz ſtand vor ihnen dicht am Wege. Ein Diſtelbuſch mit ſeinen rothen Stachelblumen lehnte daran, doch mit Staunen ſahen die Reiter einen Kranz von Myrthe und Rosmarin um des Kreuzes Spitze gehangen, und eine weiße Lilie lag am Boden daneben. Wer gedenkt alſo des ſündigen Todten? fragte Sparre 118 mit einer Thräne im großen dunkeln Auge.— War viel⸗ leicht meine Schweſter hier, fragte Ludolf zugleich, und feiert ſie, die Vermählte, ehebrecheriſche Trauerfeſte? Iſt Gedächtniß an dem einſt Geliebten Sünde, und ein Gebet um Vergebung für ihn bei dem Vater der Gnade Verbrechen? ſprach Volkmar ſanft zurück, und Beide ſtiegen nieder von den Pferden, knieten am Todten⸗ ſteine und ſprachen ein frommes Vater unſer. Ich mag nicht zum Elternſitze, wenn auch die Schwe⸗ ſter drinnen weilen ſollte, ſagte dann, ſich erhebend, der Junker Golturne. Mit dieſer Empfindung im Geleit würde das Wiederſehen keine Luſt bringen. Auf, zu Roſſe, und in die Stadt, wo, wie mir's ahnet, viel Neues auf uns wartet!— Raſch ſchwangen ſie ſich in die Sättel und trabten auf der nächſten Straße zum Thore hin. Schon niedergelaſſen war die Zugbrücke am Stein⸗ thore, das Fallgatter des Thurmes hatte man aufge⸗ zogen, und ein Gedräng fröhlicher Menſchen lärmte dieſſeits und jenſeits des Schutzgrabens. Die celliſchen Bauern waren ſchon zur Stadt gelangt und verkauften billig; außerdem hatte ein mitgelaufener Wächter von den Kornwagen erzählt und Fuhrwerk hinaus befehligt, um die erſehnte Frucht zum Stadtmagazine zu fördern. Da nun ſchon drei Tage der Mangel die Stadt gequält hatte, ſo ſah Jedermann der beſſern Zukunft entgegen, und die beiden Reiter wurden wie triumphirende Kriegs⸗ fürſten empfangen, und Ludolf von Golturne vorzüglich von ſeinen ehemaligen Spielkameraden in den Straßen als evangeliſcher Rittersmann begrüßt, geprieſen und bis zur Leineſtraße zum Hauſe ſeines Ohms begleitet. Je näher die Reiter dem Markte zuzogen, je bedeutender ward der Tumult in der Stadt, jedoch kümmerten ſich Beide nicht viel darum, da ſie in der Fremde mehr der⸗ gleichen Auflauf geſehen, ſondern ſputeten ſich weidlich, durch die Nebengaſſen zu ihrem Ziele zu gelangen. Ihre lärmenden Begleiter hatten ſich meiſtens zum Markte verlaufen, wie Bienen dem Schwarme ankleben; nur einige junge Burſche liefen mit bis zu Sode's Hauſe. Aber auch hier däuchte es dem heimiſchen Ludolf gar beſonders und unheimlich, denn Thür und Thor war verſchloſſen; das große Brauhaus, wo ſonſt ein ewiger Vertrieb war, lag wüſt und ftill da; die ſchwarze Wolke des Rauchfangs, ſonſt vom innern Leben ſprechend, fehlte, und aus den obern Luftlöchern und Klappenfenſtern ſchau⸗ ten die Köpfe der Brauknechte hervor, ängſtlich manches Geſicht, manches verbiſſene Wuth in den derben Zügen und mit drohenden Geberden gegen die Lärmmacher drunten. Still, Burſchen, wenn ihr mich noch lieb habt! rief Ludolf ſeinem ſtattlichen Gefolge zu, indem er, klug und erfahren in ſolchen Begebenbeiten, die er im Süden mehr erlebt, der Sachen Stand ſofort durchſah, und die Schwärmer gehorchten der bekannten Stimme und dem ritterlich geputzten Spielkameraden. Und hinauf rief er ſodann: Machet auf, ihr furchtſamen Thoren! Ich bin kein Sturmesführer, der euer Haus mit dem rothen Hahne bedroht, bin ja Junker Ludolf, des Hauſes Vetter und Pflegeſohn! Und ein freudiges Gemurmel entſtand hinter dem Thorwege; eine Menge Knechte beeilten ſich, die Flügel zu öffnen, ließen mit frohem Ungeſtüm die beiden Ritter ein, ſchlugen aber den neugierigen Nach⸗ folgern die eichenen großen Schutzpforten wieder zu gegen Schienbeine und Naſenſpitzen. 120 Wie ein Engel Gottes kommt Ihr in ſchwerſter Stunde, Junker! rief der älteſte Braumeiſter und reichte die breite Hand auf's Roß hinauf. Die Frau, das Fräulein und uns reißet Ihr aus Noth und Angſt. Zwiefach darum willkommen! Aber was gibt's denn? fragte Ludolf, aus dem Bügel ſich ſchwingend und an den Fenſtern umherſchauend. Ihr ſeyd ja wie in belagerter Feſtung, und keiner der Ver⸗ wandten eilt herbei, mich zu umhalſen, der ich doch ihr Engel ſeyn ſoll. Ach! was iſt nicht Alles geſchehen in der ſchweren* Zeit und in unſerer friedlichen Stadt ſeit den langen Jahren, die Ihr draußen zogt! ſeufzte der Alte, und dieſes Jahr ſetzt vollends dem Unweſen die Krone auf: das Unterſte iſt zu oberſt gekehrt, und Laſtträger und Beſenbinder wollen regieren, und ſtatt des Pfarrherrn predigt der Schlachtermeiſter. Der hohe Rath iſt ſeit geſtern von der Bürgerſchaft auf dem Stadthauſe ein⸗ geſperrt; unſer guter Herr iſt als Senator auch dahei; und ſie haben den Herren eine Menge Artikel vorgelegt von Glaubensſachen und Freiheiten und Gütergemein⸗ heit, und die Herren ſollen nicht herunter, bis die Ar⸗ tikel unterſchrieben und unterſiegelt ſind. So iſt die letzte Nacht in Saus und Braus, Geſchrei der Trunkenbolde und Geſang und Getobe der Schwindler und Unzüchti⸗ gen auf dem Markte hingegangen, und weil der Rath ſtandhaft iſt und der Ungebühr nicht nachgab, ſo haben ſie gedroht, Aller Blut ſollte fließen oben auf der Ge⸗ richtsſtube, und alle Habe und alles Gut der Katholiſchen ſollte dem Volke freie Beute werden, und Aller Häuſer ſollte der Mordbrand verzehren. So ſind wir denn Alle in gar großer Noth geweſen, einestheils um den edeln 121 Herrn, der da oben ſeit geſtern hungert, und dem nicht einmal ein Krug Bieres zuzubringen war, anderntheils um uns und die edeln Frauen hier daheim. Tröſte Dich, Alter! antwortete Ludolf, doch ſelber mit Sorgefalten auf der Stirne. Es wird ſo arg nicht werden, als ſich's Dein greiſer, aus der Tagesordnung gerückter Kopf erträumt. Und mit Gott ſchaffe ich wohl Rath und Ruhe. Auf der breiten Hintertreppe des Hauſes erſchienen jetzt drei weibliche Geſtalten und zogen die Achtſamkeit der Jünglinge auf ſich. Auf die Schulter der lieblichen Margaretha von Sode geſtützt, wankte die ältliche Mutter heran, und hinter dieſen ſchritt ein hohes Frauenbild, mehr das ſtolze Auge vorwärts auf die Ritter als auf die kränkliche Verwandte gerichtet. Es war Bertrada, die Edelfrau von Mißborg; doch kaum erkannte Ludolf in der königlichen Figur und dem herriſchen Geſicht, wo unter Adleraugen und dichtgeflochtenen Locken, Raben⸗ fittichen gleich an Farbe und Glanz, die Züge einer ſchö⸗ nen Römerin Ehrerbietung geboten, indeß der ſchönſte Mund mit unausſprechlichem Reiz an zartere und ver⸗ trauliche Gefühlsminuten erinnerte und faſt dazu einzu⸗ laden ſchien, kaum erkannte darin Ludolf das ſchüchterne Kloſtermädchen und die traute Schweſter wieder. Er flog ihnen entgegen; die linke Hand der Baſe reichend, ſchlang er zugleich den rechten Arm um die hohe Schweſter, die ſeinem Kuſſe ſich lächelnd entzog. Darf man den Abtrünnigen noch lieb haben? fragte ſie.— Kümmert ihr Frauen euch auch um Luther oder Papſt? ſpöttelte er zurück. Der Gott der Liebe ſteht auf eurem Hausaltare, und den Petrusſchlüſſel, zu binden und zu löſen, gebt ihr nie aus den eigenen Händen. 122 Aber wie iſt Muhme Greichen groß und ſchön geworden! ſetzte er hinzu, an die Andere ſich wendend. Eine Perle, in vaterländiſcher Flußmuſchel erwachſen, weiß, rein und unbezahlbar.— In der Fremde iſt der Vetter geweſen und hat die fremde Giftblume Schmeichelei mitgebracht, verſetzte die zarte Jungfrau, und erröthete dabei mit Centifolienroth vom Spitzenhäubchen an bis tief in die Halskrauſe des ſchwarzen⸗ faltigen Hauskleides.— Poſſen treibt Ihr, fiel da die Mutter ein, indeß mir das Herz in Angſt zerbricht. Sprich, Ludolfl kann man Dir trauen? Du biſt Einer der Neuen geworden, und wir beküm⸗ merten uns ſeitdem ſehr um Dein Seelenheil. Ohne Noth, liebe Baſe! entgegnete Ludolf. Die Seele iſt, wie die Blume, nur im Lichte geſund; und Licht habe ich getrunken bis zum ſchönſten Rauſche. Doch die Stürmer am Markte wiſſen nicht, was Lutherthum iſt, und ich werde ein ächt lutheriſch Wort zu ihnen reden. Verlaßt Euch auf mich; Ihr wißt ja, ich war immer ein erzehrlicher Bub, und unſere Stadt kennt die Gol⸗ turne in Wort und That. Lebet wohl denn, nach kur⸗ zem Wiederſehen; ich kehre nicht ohne den Hausherrn und hole mir den Dank dann aus des Bäschens Augen⸗ paare;z und auch den Gaſt nehme ich wieder mit als Beiſtand, wenn es drüben vielleicht etwas zu klopfen gäbe, doch muß ich ihn, der Zucht nach, Euch zuvor vorſtellen und zum Gruß bringen. Ritter Sparre hatte ſich bislang zurückgehalten bei den Roſſen, doch waren ſeine Augen ſtets mit der herr⸗ lichen Bertrada beſchäftigt geweſen, die den flüchtigen Blick ſeitwärts herab auch faſt mehr als ſittig auf ihn geheftet. Als er jetzt im ſchönſten Waffenſchmucke raſ⸗ ſelnd herantrat und ſein edel Angeſicht unter dem ab⸗ e c— W—* bei r⸗ en hn ab⸗ * 123 genommenen Stahlhelme hervorglänzte, und Ludolf nun den Frauen des Gaſtes Namen nannte, da wandelte die glühende Bertrada ihre Farbe: der hohe Feuerkelch ward zur ſchneeweißen Todtenlilie, und, die Augen im Schleier verhüllend, trat ſie, mit der Hand auf's Herz, in die Pforte des Hauſes zurück. Es iſt meine Schweſter, und ſie gedachte Deines Bru⸗ ders! flüſterte Ludolf dem Freunde zu, als ſie wieder aufſaßen und zu Markte ritten. Doch in Volkmars Bruſt wühlten wunderſame Geiſter wie Schatzgräber, die den rechten Platz nicht wiſſen, wo ſie das Kleinod ſuchen ſollen, das ihnen ein Traum gezeigt und verheißen. Das ſchmale Domgäßchen ſtand voller Menſchen, und immer gedrängter und dichter ward der lebendige Keil, bis wo ſich die Straße auf den Markt und die breite Treppe des Rathhauſes öffnete; kaum konnten die Reiter durch. Dicht um das lange Gebäude ſtanden die Ge⸗ meindeherren verſammelt, und hinter ihnen die Zünfte, die großen wie die kleinen, und Alle hatten ſich wohl bewaffnet mit der ſchweren Armbruſt, oder dem kurzen Flammberge, oder der roſtigen Hellebarde. Was wollen die Prunkjunker? fragte Hans Campes, der Wollweber. Sind es Päpſtlinge, zu löſen den böſen Rath, ſo ſchlagt ſie herunter. Still, du toller Menſch! entgegnete ihm mit einem derben Stoße der Wallvogt Idenſen. Sind von den Unſrigen, und der Lange hat uns das Brodkorn von Celle hereingebracht.— Ein Vivat brüllte ſofort der nächſte Haufe. Doch Ludolf ſpornte den Grauſchimmel bis dicht zur Treppe hinan; da hielt er und fragte die 124 Gemeindeherren nach des Tumultes Urſache. Finſterlinge hauſen da oben! brüllte der rieſige Knochenhauer Deth⸗ mer, und ſchwang das ſchwere Beil gegen die Fenſter hinauf, wo die Senatoren ängſtlich lauſchten. Wollen uns das Heil beſtreiten und wehren, welches uns von Gott ſelbſt gekommen. Aber bluten müſſen ſie noch vor Abend und geſchlachtet ſeyn, wenn ſie nicht unterſchrei⸗ ben mögen. Halten's mit dem Antichriſt, kreiſchte der trunkene Tiſchler Spitz aus bleichen, geſchwollenen Backen, der ſich Chriſti Statthalter zu nennen wagt, und welcher iſt des Böſen Kumpan.— Herunter mit ihnen! tobte der Haufe. Haut die Thüren auf! Herunter mit den Rathsherren! Wir rathen uns ſchon ſelbſt. Keine Steuer mehr und kei⸗ nen Zins! Freiheit und Gütergemeinſchaft! Vivat die neue Lehre!— So ſchrieen hundert Stimmen zugleich, und Ludolf mußte lange winken mit Hand und Federbaret, bis ſo viel Ruhe wurde, daß er verſtanden werden konnte. Liebe Mitbürger und Brüder! ſprach er dann laut mit ſeiner wohlklingenden und ſchmiegſamen Stimme, ſich im Sattel erhebend, ſo hoch er konnte, gönnet mir ein Wort, denn ich komme als ein frommer Bote zu euch, als ein Bote, geſendet von dem Gottesmanne ſelbſt, von dem großen Martin Luther.— Und kaum hatte er den Namen genannt, ſo war Oel gegoſſen in das Meer des Sturms, und Alle flüſterten den Namen nach wie ein Lauffeuer bis zur hinterſten Reihe, und die Hüte, Kappen und Pickelhauben wurden abgezogen, und lauter entblößte Häupter ſtarrten andächtig in Todtenſtille hinan zu dem jungen Redner. Seinen beſten Gruß läßt euch der ehrwürdige Lu⸗ therus entbieten, fuhr Ludolf im Prädikantentone fort, ———„—— — 125 und er freut ſich eures Eifers am neuen heiligen Werke. Sähe der Mann der Weihe euch, wie ich jetzt euch ſehe, ſegnend würde er die Hände über euch ausbreiten; hätte der Mann der Kraft euch jedoch geſehen, wie ich vor⸗ hin euch fand im Hader und blinden Zorne, ſeines Wortes Gewitterſchlag würde über euch gekommen ſeyn, wie über die Fürſten zu Worms, ſtrafend, erſchütternd, nieder⸗ ſchmetternd. Sieh Eins! rief der Tiſchler Spitz, und ſetzte haſtig die zerriſſene Mütze wieder auf ſeinen Dickkopf, das Junkerchen ſchilt gar. Wohl einen anſtändigern und weißköpfigen Boten hätte Herr Lutherus uns ſchicken können! Und wer weiß, ob die ganze Botſchaft nicht ſo ein Lug iſt, wie junge Fante zu machen pflegen, wollen ſie Aeltere zu Faſtnarren haben.— Stille, Dummkopf, wetterte der Schlachtmeiſter auf ihn ein und ſchmiß ihm die Mütze wieder ab. Ein hannover'ſcher Junker lügt nie und nimmer, und ſo ein Blaſewurm wie Du darf ſich nicht unterfangen, den größten Mann in Europa zu meiſtern. Ueberdieß predigt der Jungherr gut, und es geht ihm beſſer vom Munde wie ſelbſt unſerm hoch⸗ würdigen Herrn Scarabäus. Was denkt ihr denn ſo eigentlich von der neuen Lehre? fuhr Ludolf fort. Glaubt ihr, ſie ſey ein Freibrief der Unordnung und Unzucht? Da ſeyd ihr weder Prote⸗ ſtanten noch Lutheraner, ſondern ſchlimmer als der Papiſt. Wollt ihr die Obrigkeit höhnen und das Geſetz? Wollt ihr Haß und Rachſucht befriedigen unter der neuen Frie⸗ densfahne? Der Papſt verflucht die Ketzer, aber Luther betet zu Gott: Gnade und Beſſerung und Erleuchtung dem Feinde, ſelbſt dem Antichriſt! Die Bibel iſt ſeine Waffe, nicht das Schlachtbeil und der Streithammer; 126 durch das herrliche Wort und durch den reinen Wandel vekämpft er der Gegner zahlloſe Rotten und ſteht als Sieger zwiſchen Bosheit und Aberglauben⸗ und erringt für euch Gewiſſensfreiheit und ewiges Heil, und knüpft euch los aus den Stricken und Banden der Prieſter⸗ herrſchaft. Und ihr feiert das Erlöſungsfeſt dagegen gleich Trunkenbolden und Rebellen gegen Recht und alte Ordnung! Ihr zertretet die friſche, köſtliche Saat und wollt euren Namen beſchimpfen vor der ganzen Welt, und fordert den Mann des Jahrhunderts trotzig auf, Bann und Fluch auf euch zu werfen, da ihr ſein reines Werk und ihn ſelbſt beſudelt. Das Lutherthum darf nur ſiegen durch ſeine Wahrheit, und wenn Andere dieſe nicht führen und ſehen, ſo dürft ihr ſie darum nicht haſſen, ſondern müßt die Blinden bemitleiden, und müßt beten, daß auch ihnen das Licht des Lebens erſcheine. Güldene Worte ſpricht er! rief laut der Gemeindeherr Jürgen Blome. Höret ſie, Brüder! Ich war immer für den Weg der Güte. Junker Golturne iſt dabei ge⸗ weſen und hat geſehen, wie ſie im Reiche ſich reformirt haben; laſſet ihn rathen, wie wir es machen, daß wir zum Frieden kommen. Laßt ihn uns rathen! rief der größte Haufe, und üverſchrie die einzelnen Ziſcher und Schmäher. Ermu⸗ thigt nahm Ludolf auf's Neue das Wort. Ihr zürnet eurer Ovrigkeit, daß ſie nicht will, wie ihr wollt. Eure Obrigkeit und der Konſul, Herr Cord Schacht, haben einen höhern Herrn an dem Herzoge. Der hängt nun aber noch am alten Glauben feſt, und ſie meinen darin dem Landesherrn folgen zu müſſen. Was ſcheltet ihr ſie darum, daß ſie der alten, beſchworenen Pflicht nach⸗ gehen? Was hilft euch ihre Zuſtimmung, wenn der — — rr er e⸗ irt ir nd u⸗ net en un rin ihr der 127 Landesherr nicht mit unterſchreibt? Darum iſt meine Meinung: Laßt die da oben frei, haltet Ruhe und Zucht, und ſendet Abgeordnete zum Herzog Erich, euch von ihm dringend die Glaubensfreiheit zu erbitten; es iſt ein billiger Herr, iſt vielleicht nur erbittert über die Un⸗ ordnung und den meuteriſchen Unfug der Stadt, und euer Vertrauen weckt vielleicht das ſeinige. So ſey es! So wollen wir! jubelte die Menge.— Euer Wort hab' ich! rief Ludolf raſch. Nur ein Schurke bricht's, und die Hannoveraner waren immer treu und ehrlich. Keine Thätlichkeit mehr! Jeder an die Arbeit! Laßt die Vorſteher ſich ſtill und klüglich berathen! Und vom Roſſe ſtieg er und ging mit den Aelteſten auf's Rathhaus. Droben hatte man die Verhandlung ange⸗ hört, und Hans von Sode umarmte den Vetter und ſagte mit Thränen im Auge: Du biſt mündig, mein Sohn, und bedarfſt zum Beweiſe dafür des Taufſcheines nicht. Selbſt der ſtrenge Konſul und Katholik Cord Schacht dankte freundlich; hätte er doch für den Augenblick auch des Teufels Erlöſung freundlich angenommen. Die Bür⸗ gerwachen trieben das Volk auseinander und beſetzten die Straßen, und der ganze Rath zog herab in den ſchwarzſeidenen weiten Kleidern und den großen Spitzen⸗ krägen unter bleichen Geſichtern, und begab ſich, um⸗ drängt von den katholiſchen Bürgern, die ſich früherhin im Gewühl verſteckt gehalten, nach dem Minoritenkloſter, dort die Nacht zum Heimgange zu erwarten, weil mancher Rohe und Wüſte im Volk ihnen dennoch furchterregende Drohungen nachgeſchickt hatte. 12²8 Ein Gewittermorgen hing über der Stadt. Stechend fiel der Strahl der Frühſonne durch das hochgewölbte Fenſter auf Ritter Sparre's weites Bett, und übergoß ihn mit einem Regenbogen, gebildet durch die Farben des Sode'ſchen Wappens im Fenſterglaſe, welche der Sonnenſtrahl mitnahm. Rund am Himmel zogen auf⸗ geballte, ſchwere Wolken und fernhin murrte ſchon der Donner. Volkmar hatte den Sonntagsmorgen verſchla⸗ fen, von ſchmeichelnden, verführeriſchen Träumen mehr⸗ mals in der Nacht geweckt, doch immer auch wieder ein⸗ gelullt. Gaftfrei wurde er im Hauſe des Senators auf⸗ genommen; Ludolfs Verdienſte um daſſelbe waren auch ihm angerechnet worden. Die Damen vorzüglich mühten ſich, die ihnen abgenommene Sorge den jungen Rittern zu vergelten, und die ſtolze Bertrada ſelbſt, von ihrer erſten Scheu geheilt, kredenzie mit Huld und Lieblichkeit die Becher und nahm Theil an dem warmen Geſpräche, welches bis tief in die Nacht über die Verhältniſſe der Zeit geführt wurde. In Volkmars Bruſt ſtritten ſich zwei widerwärtige Gefühle. Angezogen wurde er von der Herrlichkeit der hohen Frauengeſtalt: dieſes Auge, welches manches Mal, auf einen Augenblick nur, wie mit einer Art Trunkenheit und Sehnſucht auf ihm ver⸗ weilte, der liebedurſtige holde Mund trieb alles Blut ihm auf Wange und Stirne, bis ihm ſchwindelte; dann ſtieß ihn dagegen oft ein innerer Froſt von ihr zurück, wenn er in ihr die Braut des todten Bruders ſich dachte, und wenn über ihren dichtverwachſenen dunkeln Augen⸗ brauen ein beſonderer Faltenzug der Stirne hervor⸗ ſprang, der, wenn ſie, ſich nicht beachtend und in Ge⸗ danken verſenkt, da ſaß, ihrem Geſichte einen Anſtrich von finſterer Höhnung und heimlicher Tücke zu geben —————— 8— 8* 129 pflegte. Die zarte Margarethe führte, als man auf⸗ brach, ſelbſt den vornehmen Gaſt bis an die Gallerie zu den Prunkzimmern, upd Bertrada geleitete die Baſe. Schalkhaft ſprach ſie, als die Kleine dem Ritter hier den Silberleuchter übergab: Möge Euch die Mutter des Herrn erſcheinen und den lieben, verirrten Ketzer wieder zu den Unſrigen rückführen.— Gewiß geläng's ihr, wenn ſie Eure Geſtalt annähme! ſtieß der Ritter dreiſt und raſch heraus. So blaß die Rittersfrau bei Sparre's erſtem Anblick geworden, ſo tief erröthete ſie jetzt vor dem ketze⸗ riſchen, kecken Worte, aber aus dem niedergeſenkten Auge blitzte am Ende des Ganges ein einziger Strahl auf ihn zurück, der Liebeslied und Minneſpruch enthielt, welche ihn ſüßquälend die ganze Nacht umſummten, ſeinen Schlaf zerſtörten, ihn zum Aufſpringen und Durchwandeln des Hauſes möchten gereizt haben, hätte ihn nicht Sitte und Gaſtfreundſchaft gebunden. Ritter Sparre war an die lebensfrohe Stadt Celle und an den gebildeten, galanten Hof des Lüneburger Herzogs gewöhntz ſo waren ſeine ſchnell erwachten Wünſche durch die Iee des Unziemlichen nicht ſehr gebunden, und ſelbſt ein heimlicher Groll, den er ſchon immer gegen den Mann im Herzen trug, welcher ſeines Bruders An⸗ denken ſo gar ſchnell zu verlöſchen vermocht hatte, wurde jetzt zwiefach rege und ſpornte ihn zu Schadenfreude und Rachſucht: Untugenden, welche er ſonſt nicht gekat noch gehegt, und die jetzt als Beſchöniger einer unedeln Leidenſchaft ſich darſtellten. Früher ſchon war Junker Ludolf in Begleitung meh⸗ rerer Stadt⸗Edeln ausgeritten, dem Herzoge Erxich auf Schloß Kalenberg eine Vorſtellung des ſtädtiſchen Un⸗ glücks zu machen und ihn um Ausſöhnung und Glaubens⸗ Blumenhagen. Xlv. 9 130 duldung zu bitten. Die Familie Sode dagegen hatte ſich zum nahen Minoritenkloſter, das ihrem Hauſe gegen⸗ über lag, in die Frühmette verfügt, durch Gebet und die Feier des Gedächtnißmahles ein Dankfeſt für des Va⸗ ters geſtrige Rettung zu begehen. So ſchlummerte Sparre im ſtillen, öden Hauſe⸗ungeſtört lange fort, bis ihn das nahe Gewitter und zugleich die Töne eines fernſcheinen⸗ den Tumultes aus den Decken hervorlockte. Deutlich un⸗ terſchied er jetzt auf der Gaſſe tobende Stimmen, und ſchneller warf er Koller und Wamms über, und nur das Schwert in der Hand, nicht damit umgürtet, trat er auf den Vorplatz des Hauſes. Die breite Straße war ſchon wieder eine Art Schlachtfeld, trotz des erſt geſtern gelobten Friedens. Der Mönch Rungius, ein wilder Prieſter und Pre⸗ diger im Kloſter, hatte am Morgen eine frühe Umfahrt gehalten in der Stadt mit Krucifix, Fahnen und Meß⸗ glöcklein, hatte dabei dem nachlaufenden Pöbel Stand⸗ reden gehalten vor den geſchloſſenen Thüren der Stadt⸗ kirchen, in welchen das reine Evangelium gepredigt wurde. Trotz mancher Schimpfrede war der Zug unbefehdet zum Kloſter zurückgekommen; da aber eine Stunde nachher ſich das Geſpräch darob durch die Stadt von Haus zu Hauſe geſchlichen, ſich die jungen Proteſtanten verſam⸗ melt und dennoch der verwegene Rungius an offener Kirchenthüre in der Kloſtenkirche eine Spottrede auf den Doktor Luther losgelaſſen und geſprochen: der Kaiſer würde den Ketzer und Satansſohn wohl finden und ihm eheſtens den Wolfspelz auswaſchen! da brach die Wuth der jungen Volksmänner nach außen, ſie ſtürmten hinein in die Kirche und ließen ihren Zorn aus an den Be⸗ tenden, den Heiligenbildern und den Mönchen. Tapfer n⸗ e ſer m tth ein e⸗ fer 131 vertheidigten die Katholiſchen ihr Eigenthum gegen die Uebermacht, vertheidigten tapfer ihre Weiber und Töchter, die gedrängt im Schiffe der Kirche ſaßen; die Eiſenſtangen der Gitter, die Silberzweige der Kronleuchter, der zer⸗ brochene Betſtuhl, das geweihte Rauchfaß ſelbſt und die Fahnenſtange wurden Waffen des Fanatismus beider Theile. Blut befleckte die heilige Stätte, und der Frevel lachte in der Klauſe der Andacht. Als Sparre bei der Kirchenthüre ankam, ſchleiften einige Schmiedeknechte den Mönch Rungius vom Chore herab. In die Leine mit dem Baalspfaffen! ſchrien die Wüthenden und riſſen den Prieſter mitten durch das ſpottende Volk zur Straße. Nur Ritter Volkmars Wort und ſeine Vermahnung retteten des verwegenen Redners Leben; man ſchleppte ihn zum Leinethor und warf ihn halbnackt hinaus aus den Gränzen der Stadt. Tief in die Kirche drang der Ritter jetzt, ſeine Wirthinnen ſu⸗ chend. Wie der hohe Kranich watet durch den Sumpf und des Sumpfes Gethiere, ſo ſchritt der Schlanke durch das Gewühl. Hier warf er ſich mit ſeiner Heldengeſtalt zwiſchen auf Tod und Leben ſich ſchlagende Bürgers⸗ leute; dort riß er ein andächtig Mädchen aus den frechen Händen der jungen Zünftler; hier machte er einen ſilber⸗ bärtigen Mönch frei und jagte ihn den Zellengang hin⸗ auf zum verwahrten Hoſpitio; doch das, was er ei⸗ gentlich ſuchte, zeigte ihm kein führender Engel, und der Staub, den die Bilderſtürmer erregt hatten, deckte ſeinem Auge die Hallen der Kirche wie mit Nebel⸗ wolken. Volkmar wurde in den Gang gedrängt, der zu den Nebenkapellen und Beichtſtühlen führte, und hier traf plötzlich ein weiblich Zornwort mit bekannter Stimme ſein Ohr. Er warf einige plündernde Hau⸗ 182 fen zur Seite und ging mit Rieſenſchritten dem Tone nach. Es war Frau Bertrada, die vom Tumult im heili⸗ gen Bußwerke geſtört worden. Hoch ſtand die edle Dame zwiſchen vier kecken Schmutzbärten, die ſchon ihren Schleier zerfetzt, ſchon Krucifir und Roſenkranz ihr geraubt hat⸗ ten, und nun, entzündet in Luſt, im verſteckt liegenden Kapellendunkel vom ſchönſten Weibe die höhere Beute ver⸗ langten. Wie Hunde mit lechzenden Blicken am edeln Wilde, ſo hingen ſie an der Herrlichen, die, als ſie den Ritter erblickte, im Nothſchrei ſeines Namens die letzte Kraft der langen Anſtrengung verhauchte. Der Schrei der Verehrten machte ihn zum Simſon. Mit dem Schwert⸗ knopfe ſchlug er auf die tollen Geſellen ein, doch als er durch Eiſenſtange und Stuhlfuß die kräftigſte Erwiede⸗ rung fühlte, entblößte er mit Widerwillen die ritterliche Wehre. Da floh vor der blanken Klinge und dem Don⸗ nerworte, in welches außen die Blitze hinein ziſchten, das verſtörte Vierblatt, doch alle zuvor blutend und beulenvoll. Halb hingeſunken an den Betſtuhl fand der zurück⸗ kehrende Volkmar die ſchöne Frau wieder; er umfaßte ihren ſchlanken Leib, bog ſeine Kniee und lehnte Kopf und Bruſt der faſt Ohnmächtigen an ſeine Schulter. So erwachte ſie in ſeinen Armen, erhob ſich zum vollen Leben, und Alles, was nur aus dem Menſchenauge Göttliches und Irdiſches leuchten kann, ſtrahlte auf ihn von ihr hernieder. Lange hielten ſie ſich umfaßt, die Blicke in einander verſunken. Das Gewüter tobte draußen mit der zerſtörendſten Naturgewalt; der Regen rauſchte in Fluthen nieder, und die Kirche war leer geworden von den flüchtigen Sektenmännern, welche die Furcht ——— 133 vor dem zürnenden Himmel plötzlich verſöhnt und ver⸗ jagt hatte. Durch die tiefſte Stille tönten nur einzelne, faſt unverſtändliche Liebeslaute von ihm zu ihr, von ihr zu ihm zurück. Langſam ſank dann der liebreizvollſte Mund herab auf des Knieenden dürſtende Lippen, und nimmer wollte der ſündhafte und dennoch mit höchſter Buße nie zu theuer erkaufte Kuß enden. Ein ſchmetternder Wetterſchlag raſſelte dicht am Ge⸗ bäude herunter. Beide fuhren aus einander, doch ohne Schrecken; die Beſiegerin des Herkules ſiegte auch über jedes untergeordnete Gefühl. Ihr ſeyd blutig, lieber Ritter! ſprach Bertrada's melodiſche Stimme im Accent des Schmerzes, und die Edelfrau ſtrich des Erretters braune Locken von der gro⸗ ßen Stirne, wo durch eine breite Schramme das Blut in kleinen, hellen Tropfen leckte. Volkmar preßte den heißen Mund mit Heftigkeit und Inbrunſt auf die kleine Hand und auf den ſchwanenweißen Arm. Heute und hier heilte auch die Todeswunde! rief er laut. Aber die Frau erblickte neben der Schramme auch das Feuer⸗ mal, und tief in ſich hinein, wie mit geheimem Schauder, flüſterte ſie: Auch da die böſe, verſengende Flamme? und als hätte der Mann den Schauder in ihr mit⸗ empfunden und verſtanden, antwortete Volkmar eben ſo leiſe: Das Flämmchen iſt der Seele ewige Gluth und erliſcht Dir, Bertrada, erſt dann, wenn des Mannes Leben erliſcht! Fieberhafte Zuckungen fuhren durch die ſchönen Glie⸗ der des Weibes, ihre Augen rollten ſcheu und doch ſtechend umher, feſter und wie in tiefer Angſt faßte ſie des Rit⸗ ters Schultern, der ſich von den Knieen erhob und ſie beſorgt in ſeine ſtarken Arme ſchloß. 134 Hier nicht, ſchöner Ketzer! Lieber, grauſamer Ver⸗ führer, hier nicht! ſtammelte ſie, wie geſpenſtiſche Er⸗ ſcheinungen fürchtend. Hier ſäh's die Mutter und noch ein Verklärter! Aber drüben, wenn die Nachmitternacht auch die Geiſter zu Bett bringt! Ein neuer Donnerſchlag krachte hernieder, ſie ſchrie laut auf und ſtarrte leichenbleich in die Kapelle hinein. Ein ſteinalter Minorit war eingetreten und löſchte die Altarlichter; ſein todtkalter Blick ſchaute feſt auf das un⸗ erwartete Paar. Volkmar trug ſchnell beſonnen die ge⸗ liebte Frau in die luftigere Kirche und führte ſie durch die Trümmer und Splitter der Heiligenbilder und Bet⸗ ſtühle hinüber zum gaſtlichen Hauſe, erſchüttert und glück⸗ lich zugleich in ſeinem Innern. Die Gräuel der Kloſterſtürmer waren den beſſern Hannoveranern doch zu arg und gottlos geweſen. Sie kamen überein, dieſe Entehrungen der Reformation fer⸗ nerhin nicht zu dulden, und ſelbſt der Anführer und die Hauptſtütze der Lutheriſchen, Herr Antonius von Berchu⸗ ſen, beſchickte die katholiſchen Senatoren, und in einer Privatverſammlung aller Patricier wurden mit Sorg⸗ falt für die Ruhe der Stadt die nöthigen Einrichtungen getroffen. Man bewaffnete die bravſten Bürger, Streif⸗ wachen durchzogen die Gaſſen Tag und Nacht, und aller Zuſammenlauf der Einwohner ohne den Glockenruf der Gemeindeherren vom Kirchthurme wurde als ſtraffällig beſtimmt und ſchwer verpönt. Im. Sode'ſchen Hauſe war es auch gar ſtille ge⸗ worden. Mit Hülfe der treuen Brauleute hatte ſich die Familie aus der Kirche gerettet, aber die Schauder des Tumults waren mit ihrem tiefen Eindruck in den Seelen 135 geblieben. Nur Margaretha, die blonde, feine Jung⸗ frau mit dem edeln Geſicht, wie die Griechen ihren Statuen und weiblichen Bilderköpfen zu geben pflegten, ſprach zuweilen vom Vetter Ludolf, und von ſeinem edelkühnen Sinne und ſeiner gewaltigen Beredtſamkeit. Oft ſah ſie vom Fenſter auf die Straße, ob er noch nicht kehre von der Herzogsburg, und mit einem Seufzer geſtand ſie laut und offen, daß ſie ruhiger ſeyn würde und ohne Furcht vor Nachttumult und Mitternachtsgräuel, ſobald er daheim wäre. Wenn Ritter Sparre dann ihre Rede übel nehmen wollte und ihr ſeinen Schutz und ſtarken Arm anbot und anpries, ſo ſagte ſie: Ihr möget mir ein recht wackerer Schirmvogt ſeyn, auch mag ſich's unter Eures Schwertes Huth recht ruhig ſchlafen; indeſſen nehm' ich doch, verzeiht's der Offenherzigen, den Ludolf lieber zum Beſchirmer. Wenn der bei Jemanden ſteht und Muth einſpricht und Troſt einflößt, ſo ſieht er dabei ſo treu⸗ ſinnig, gutmüthig und herzig zugleich aus, daß man bei ſeinem Anblicke und bei dem Wohlklange ſeiner Stimme die Gefahr vergißt und in der Furcht ſchon über die Furcht hinweg iſt. Wenn Ihr hingegen daſteht mit dem tief⸗ glühenden Blicke und dem ernſten Erzengelsgeſicht und der gewaltigen Stimme und Geſtalt eines Heeresfürſten der Vorzeit, ſo wird uns die Gefahr erſt recht lebendig; man ſieht dann erſt Kampf und Blut und Verderben recht deutlich von Euch wie von einem Wandſpiegel zu⸗ rückſtrahlen, und die Furcht kommt immer ſchaueriger, je mehr Ihr als Mann für die Sicherheit auftretet! Doch hilft die Herzigkeit und zierliche Rede nicht aus in ſolch ſchwerem Zeitlauf! verwies Vater Sode die plappernde Dirne, und der ernſte, eiſenfeſte Mann iſt immer der beſte Schutzpfeiler für ſchwache Weiblichkeit. 136 Bertrada legte die Hand auf die goldene Kette, welche die hohe Bruſt als Zierrath umfing, und der tiefe Athem⸗ zug ſprach dem nur auf ſie achtſamen Ritter die beifäl⸗ ligſte Zuſage geheimer Seelenſtimme. Ihr möget Recht haben, Väterchen! entgegnete, den Alten koſend, die zarte Meta; aber ſo gut ich dem Ritter bin, weil auch er Euch retten half aus dem Aufruhre, ſo bleibt mein Vetterchen mir doch der Mann des Ver⸗ trauens. Ich habe ihn geſtern beachtet, als er die Raths⸗ herren zum Kloſter geleitete und den herbeiſtrömenden Pöbel beruhigte. Ich habe auch Euch, Ritter Volkmar, heute Morgen in der Kirche gehört und geſehen, als wir über das hohe Chor in die Sakriſteien flüchteten. Ludolfs Gluth iſt wie die flackernde Flamme im Kamin; ſie wärmt, leuchtet und lockt zu ſich. Eure Gluth iſt eine grimme Feuersbrunſt, prächtig in die Nacht hinauf lodernd, aber zerſtörend, und wer ſich ihr nahet, ver⸗ lodert mit! Lächelnd meinte Sparre: Es ſey wohl nicht ſo arg! Doch Bertrada nickte heimlich und ſtarrte dann wie im ſchweren Traume in die obſtbehangenen Baumgipfel des Gartens hinaus, welcher den Hinterflügel des Hauſes umkränzte, und aus welchem friſche Abendkühle ihren bren⸗ nenden Wangen entgegen zog. Die Nacht, die Vertraute der lichtſcheuen Neigungen, hatte die Stadt überhüllt. Alles war ſchon ſchlafen ge⸗ gangen, nur zwei Herzen pochten noch wach und bang und froh im Sode'ſchen Hauſe. Volkmar hatte die Kerze ausgelöſcht. In leichter Haus⸗ tracht, auf weichem ſpaniſchem Sammetſchuh, dem Tanze wie dem verſtohlenen Liebesgange gleich günſtig, ſchritt 137 er im dunkeln Gemach auf und nieder, horchend der ſchlagenden Kloſteruhr. Vorübergeſchritten war die Ge⸗ ſpenſterſtunde, Eins ſchlug es durch die Nacht. Mecha⸗ niſch griff der Ritter zu dem Platze, wo ſein gutes Schwert hing, doch als er es eben da, wo der Gold⸗ griff ein Kreuz bildet, faßte, zuckte ihm die Berührung deſſelben mit ſeltſamem Schmerze durch das Gemüth; er warf es hin auf's Bett und tappte nach einem Sara⸗ zenendolche, den er als tauglichere Wehr für ſolchen Gang zu ſich ſteckte. Wohl hatte er ſich klüglich am Tage in den weiten Gebäuden umgeſehen, und vom Garten aus im Erd⸗ geſchoß Bertrada's Gemach entdeckt, wo eine von ihr am geſtrigen Errettungsfeſte getragene blaue Schärpe, am offenen Fenſter zufällig aufgehangen, ihm das Pa⸗ radies ſeiner Liebe verrieth. Egpptiſche Finſterniß herrſchte; kein Laut drunten, kein Stern droben. Glücklich wand er ſich durch die Pfan⸗ nen und koloſſalen Gefäße der Brauerei, glücklich ſtieß ſeine ſtarke Hand die Gatterpforte aus dem Schloſſe, und durch die hohen Hecken und die geſchnittenen Laub⸗ wände des Gartens leitete ihn der Lichtſtrahl, welcher vom erſehnten Ziele her blendend durch die grünen Ge⸗ büſche ſchimmerte. Sie war nicht ſchlafen gegangen! Sie wartete ſein! O alle ſeine Pulſe wurden hochpo⸗ chende Herzen! Seine ganze Hautfläche war Ein zucken⸗ des Nervennetz! Leiſe ging er hinan, und, ſich auf den Zehen erhe⸗ bend, überblickte er durch das offene Fenſter das nied⸗ liche Kloſett. Da ſaß ſie am Tiſche, in Gedanken ver⸗ ſenkt, das ſchöne Haupt mit dem Arme ſtützend. Ein weißes Seidenkleid ſchmiegte ſich eng um die gewölbten 138 Glieder und den ſchlanken Leib; aufgeſteckt mit ſchwerer Silbernadel deckte das reiche Haar in reizender Unord⸗ nung die Scheitel, einer Krone gleich; der blendende Hals und Nacken, die Lilienbruſt und der Marmorarm waren hüllelos, und mit ſchwerem Athem ſtand der kraft⸗ volle Mann und verſchlang die Reize alle mit gierigen, unerſättlichen Blicken, und leerte den ſelbſtmörderiſchen Giftbecher, der das Beſte in ihm ertödten mußte, wäre er auch weniger jung⸗ Bertrada weniger gütig, und dieſe Liebe nicht ſeine erſte, darum die berauſchendſte, geweſen. In einem halben Athemzuge hauchte er Ber⸗ trada's Namen hervor. Und die reizende Frau fuhr in die Höhe; ihre Wangen brannten an wie Leuchtfeuer, des Wanderers und Schiffers Hoffnung; zurückgebogenen Leibes, die weißen Hände gegen den hohen Buſen ge⸗ drückt, ſtarrte ſie ungläubig nach dem Fenſter hin; dann ſprang ſie auf, und raſch lagen beide Hände in den ent⸗ gegengeſtreckten Händen des liebedürſtenden Mannes. Sind die Geſpenſter zur Ruh? Täuſcht mich kein⸗ Mitternachtstraum? Seyd Ihr wirklich mein, Bertrada? ſprach Volkmar zärklich ſie an. Für den Augenblick vielleicht, denn Ihr haltet mich ja gefangen! entgegnete ſie in einem Tone, aus Innig⸗ keit und Schalkheit gemiſcht. Darf ich aber? ſetzte ſie ernſter hinzu. Fragt Euer Herz! Fragt die nimmer täuſchende Stimme der Natur in Euch! rief er erhitzt. O ſie muß anders ſprechen und richtiger als das Geſetz des maulwurfaugi⸗ gen Menſchen!— Erſt ſeit geſtern ſahen wir uns! ſagte ſie leiſe wie Vorwurf für ſich und ihn. Geſpaltene Zwillingsſeelen fanden und erkannten ſich wieder! rief er zurück. Den üppigen Wuchs umfaßte 3 139 er und zog ſie zu ſich; Wangen und Lippen berührten ſich; die ſchwere Nadel des Scheitels fiel herab in der heftigen Umarmung, alle Locken und Flechten lösten ſich, die reichen Haare rauſchten nieder, und der Ritter ſtand bis an die Schultern verhüllt in dem koſtbarſten Schleier, welche der Liebenden Küſſe mit einer eigenen, duftenden, erhitzenden Decke verhüllte. Nicht wahr, Volkmar? lallte ſie in Hingebung und Sehnſucht, Du biſt kein böſer Mann und verdirbſt nicht, was Du zu lieben ſchwörſt? Meine erſte Heimlichkeit iſt dieſe und dieſes mein erſter Raub! ſagte ernſt der Mann.— Raub? ſeufzte ſie. Der, welcher mich hat, hält mich nicht hoch. Seine Eitelkeit warb um mich, ſeine Selbſtſucht gebar und erhält den Eifer und Neid für mich. Eine Botſchaft an den Kai⸗ ſerhof war jetzt ihm wichtiger, als die Sorge für ſein Gemahl in der gefahrbedeckten Stadt. Ich bin gar ſehr allein, Volkmar! Nie mehr! antwortete heftig der Mann. Sein Ehr⸗ geiz iſt der Vater unſerer Seligkeit; das Geheimniß ſey ihre mütterliche Pflegerin. Dein bin ich! treu und hold Dir ewig! Die Geiſter der Mitternacht mögen den Schwur entgegen nehmen und den gebrochenen rächen. Dich vom Schickſale, Bertrada, oder ein mönchiſch⸗einſam Leben! das iſt meine Zukunft.— Schwöre nicht ſo grauſenvoll! liſpelte ſie, ſich mit leichtem Zittern feſter an ihn drückend; Du könnteſt Geiſter wecken, welche Dich vertrieben! Doch der Regen rauſcht nieder und näſſet Dein leichtes Ge⸗ wand; geh ſchlafen, mein Lieber! Die ſchwache Ber⸗ trada wird die Nacht einer fruchtloſen Reue widmen, die Zweifel alle beſiegen und morgen die entſchloſſenere, feſtere Bundesgenoſſin Dir zeigen können.— Fort? Und 140 jetzt? und ſo? fragte Volkmar dreiſt und feurig. Die Zeit iſt eine Betrügerin und hält dem Heute oft ihr ver⸗ ſprochenes Morgen nicht; darum läßt nur der Thor die ergriffene fahren. Tritt zurück, meine Traute, mein Weib, meine Paradieſeshoffnung! Dein Ritter weiß den Schanzwall zu erklettern und kennt den Sturmſprung. — Unbeſonnener! ſprach ſie wehrend und erſchreckt, in meinem Zimmer! Wenn Verrath und Zufall gegen uns träten? Doch ſchon ſchwang Ritter Sparre ſich auf den hohen Vorſprung der Fenſterwand⸗ und bevor die ſchöne Frau es hindern konnte, lag der Kräftige zu ihren Füßen, lag der Stürmer an ihrem Halſe und riß ſie mit hinein in die wilde Trunkenheit ſeiner Luſt und Glückſeligkeit. Wirf hinter Dich Zeit und That und Alles, was vor dieſer Minute war, Bertrada, rief er wie außer ſich. Feſt halte mich, feſt mit beiden Armen, wie Poly⸗ penſchlingen den Perlenfiſcher halten, feſt, daß ich glaube, und ungeſtört trinke und ſchwelge. Alle Ritterthat, vom blutenden Jünglinge errungen, jede Freude der Fürſten⸗ feſte, Schwert und Adelſchild ſelbſt liegen zerbrochen vor dieſer Stunde. O lebe mit mir, ganz im neuen Leben, Du köſtlich Weib! Der Himmel zürnet nicht, die Hölle dräuet nicht, wo Glückliche ihr Erbtheil der Erdenluſt fordern. Bertrada antwortete nicht; aber ihr unſtät flammen⸗ des Auge, ihre hochwallende Nymphenbruſt ſprach an ihrer Statt. Stummer wurden die genießenden Lippen, ſtiller ward es rund umher; nur die ſchweren Athem⸗ züge hörte man noch und des Regens Gerieſel auf dem Steingefimſe draußen. Da tönte ein Aechzen am Fenſter und ſchreckte die Liebenden aus dem Blumenlande der Phantaſie zurück n 8 n ie 141 worin ſie tiefträumend geruht hatten. Bertrada ſah auf, und mit dem grellen Schrei: Maria und Joſeph! ſank ſie aufzihr Faulbett zurück. Fort! fort! rief ſie weiter mit Zuckungen. Hab' ich Dich nicht erſt ehegeſtern ge⸗ ſühnt mit Kranz und Lilienopfer und Ave Maria!— Auch des Ritters Blick folgte dem Strich ihres Auges, und mit Entſetzen erfüllte auch ihn der Anblick. Ein bleicher, dicker Menſchenkopf, kahlhäuptig und mit ſtieren Augen lag über dem Fenſtergeſims und ſchaute unver⸗ wandt in das Kloſett und auf den Platz der Seligkeit, und aus dem weiten, zahnloſen Munde ſtiegen einzelne hohle Seufzer. Höllenbild, verſinke oder ſey vernichtet! donnerte der Ritter, und der Kopf verſank draußen. Doch Sparre, ſchnell wieder zur Beſinnung kommend, die Gefahr des Augenblicks ſchnell in ihrer ganzen Größe überſchauend, flog mit Einem Sprunge dem entwichenen Zerrbilde nach, und bei dem Wetterleuchten, das jetzt die Nacht gebar am Rande ihres dunkeln Gürtels, erhaſchte er nach we⸗ nigen Schritten den Urheber des Schreckens und die Er⸗ ſcheinung ſelbſt, welche nichts weniger als geiſtig erſchien. Der feiſte Mönch Rungius aus dem Minoritenkloſter, welcher am Morgen als Schöpfer der neuen Unruhe vom Volke aus dem Thore geſtoßen werden ſollte, hatte am engen Beduinengäßchen, da ſeinen Henkern ein Häuflein vewaffneter Katholiken zu ſchaffen machte, Gelegenheit zum Entſpringen und ein Verſteck unter alten Sturmmaſchinen im nahegelegenen Rüſthauſe gefunden. Der Hunger trieb ihn mit Einbruch der Nacht heraus, und weil er die Kloſterpforten verrammelt fand, überall auf den Gaſſen die Bürgerwachen ſich kreuzten, von denen auch ſein Name fluchend genannt ward, ſo flüchtete er in die 142 Sode'ſche Brauerei, doch auch hier im leeren Schlupf⸗ winkel zagend, weil er die evangeliſchen Rittersleute im Hauſe wußte. Unter gewaltiger Herzenspein verſchlichen dem feiſten Herrn die erſten Nachtſtunden zwiſchen den Braubutten, aus denen er den Durſt nur mit unſchmack⸗ haftem, noch nicht fertigem Gerſtentrank ſtillte. Er hörte fern den leiſen Schritt des Ritters, hörte die Garten⸗ pforte aufſtoßen. Noth und Sorge um ſein Schickſal am kommenden Morgen trieb ihn hinaus. Der ſchleichende Schritt hatte keinen Gewaltigen, keinen Bewaffneten ver⸗ kündet; das Licht lockte ihn, und den im Hauſe Wohl⸗ vekannten zog der Schein zu den Weiberzimmern, wo er von dem mildern, gottesfürchtigern Geſchlechte gewiſſe Rettung hoffte. Er hörte keine Stimmen im Zimmer; auf hergeſchleiftem Bauholze ſtieg er heran und ſah nun, ſelbſt erſchrocken, in ein Paradies, deſſen Schlange er wurde, doch ihm ſelbſt zum Verderben. Dicht am Brauhauſe faßte Sparre's nervige Fauſt den derben Flüchtling an der Kapuze. Keinen Groll, verehrter Junker! keuchte der Mönch. Ich bin ein Kirchenmann und weiß zu ſchweigen, kam auch ohne Arg und nothgedrungen zu der Schau am Fenſter. Sparre warf einen grimmigen, das Geſchick da oben bedräuenden Blick in die bleichen Blitze am Horizonte. Feſter faßte die Fauſt den Nacken des Moͤnchs, ſeine Linke zuckte den Dolch im Gurt, und ein kräftiger Stoß drückte die blanke Klinge tief in den Hals des keuchenden Pfaffen. Neue Blitze zeigten ihm jetzt dicht neben dem Blutplatze einen weiten Brunnen; an ſeinen Rand ſchleppte, ohne los zu laſſen, die eiſerne Hand das zuckende, rö⸗ chelnde Schlachtopfer, und der wenig ſich ſträubende W 143 Prieſter ſtürzte verblutend in die ungemeſſene Tiefe hin⸗ unter. Wie niedergepreßt und Einſturz dräuend lag das ſchwarze Himmelsgewölbe auf Volkmars Nacken. Seine Schritte waren unſicher und mit angeſtrengter Kraft der Sinne mußte er ſich hüten zu ſtraucheln. So kam er zurück zum Fenſter. Verſchloſſen fand er die Flügel, von innen vorgeſchoben den Nachtladen, durch deſſen Spalten das Licht ſchimmerte. Er klopfte leiſe; er rief leiſe Ber⸗ trada. Sie hörte nicht, ſie öffnete nicht. Unmuthig trat er zurück und ſein unſicherer Fuß gleitete auf einem glatten Körper. Er taſtete im Dunkel über das Steinpflaſter und fand die ſchwere Silbernadel, die zuvor aus dem Haare der ſchönen Frau herabgefallen war. Ein Pfeil war es, blank und blendend. Feſt preßte er das Pfand der ſchön⸗ ſten und gräßlichſten Stunde ſeines Lebens an ſein zucken⸗ des Herz und ſuchte den Pfad zurück, der von ihm mit ganz anderer Empfindung vorher betreten worden. Stehet ein Gott über der Menſchenwelt weiſe und gütig und lenkt ihre Schickſale, oder iſt das gebrechliche Geſchlecht verfallen an ein finſteres und böſes Weſen, das ſich frohlockend aus ſeinem Verderben Luſtſtunden bildet und an den flammenden Schmerzen des Menſchen⸗ herzens ſich ſeine Freudenfeuer anzündet? ſo fragte Volk⸗ mar ſich ſelbſt, als die aufgehende Sonne den Schlaf⸗ loſen ſitzend fand im durchnäßten Nachtkleide. In fin⸗ ſterer Ermahnung erhob er ſich. Stille da! rief er, heftig ſchlagend an die zerfleiſchte Bruſt. Läſtere Gott nicht und häufe die Schuld zur Schuld! Nicht dort oben ſpinnen ſich die Schickſalsfäden; der Erdenkobold in unſerer eigenen Bruſt iſt unſer Teufel und lockt mit ſeiner heimlichen Stimme das thörichte Kind 144 zum blumenbekränzten Abgrunde. Reines Herzens ſah ich die Sonne unterſinken; den doppelten Sünder be⸗ ſcheint die wiederkehrende, und ihm kehrt nicht wieder, was er verlor. Aber eine Buße wird ſein Leben wer⸗ den, wie es noch keine gab, wie ſie kein Karthäuſer er⸗ trug, denn die Süßigkeit meiner erſten Sünde und ihre ſchnelle Strafe macht jede Wiederholung unmöglich. Mit ſich ſelbſt unwillig ſtrich er dann über die heiße Stirne und durch das wüſte Haar. Und warum iſt denn der Mann von Stahl plötzlich ſo ein Jammerbube ge⸗ worden? War es nicht vielleicht Rathſchluß des Him⸗ mels, daß dieſe Rächerfauſt den Sündenpfaffen richten mußte nach dem Spruche der ewigen Gerechtigkeit? Und iſt die Liebesſtunde und das gewonnene Herz nicht der holden Frau vielleicht Troſt und Erſtarkung im verarm⸗ ten, froſtigen Leben, und wird die Eine Erinnerung ſie nicht laben wie mich, lange— o ſo lange— bis das Herz ſteht, und am Sarge das Gewiſſen dem großen Frager verſtummen wird. Ja, Bertrada, ſchloß er raſch und heftig das Selbſtgeſpräch, die Looſe ſind unwider⸗ ruflich geworfen. Dein will ich ſeyn, Dir trauern, Dir lächeln, Dir leben im Gefühl, im Gedanken. Aber Dich heute wiederſehen, vor Dich hintreten mit dieſer blut⸗ begoſſenen Hand, nimmer vermag ich das! Rolle die Zeit über unſere gebrochenen Herzen, oder zerbreche ſie mit dem Eiſenrade die Feindſeligen, welche uns ſcheiden, fern will ich's erwarten, fern und doch immer Dir nahe! — Er rief ſeinen Knecht, kleidete ſich um und ließ ſat⸗ teln. Ehe noch das Haus wach geworden, nur Abſchied nehmend von dem alten, ehrwürdigen Hausherrn, zog Volkmar hinaus in den freien Morgen, die Heerſtraße nach Celle zurück, mit ſeltſamen Empfindungen, welche ——————— 145 ihm Blumen und Dolche brachten, hinüber ſchauend nach der Gegend, wo der Golturne Edelhof das rothe Dach durch die Bäume zeigte und wo des Bruders Gedächtniß⸗ kreuz, das ihn vergebens gewarnt, am einſamen Feld⸗ wege ſtand, vom Morgenthau begoſſen, mit dem der Ewige Blumen und Gräber tränkt. Der denkwürdige fünfzehnte Auguſttag kam heran. Junker Ludolf war zurückgekehrt, und mit ihm die Ant⸗ wort des Landesherrn. Der ſechszigjährige ſilberumlockte Kriegesfürſt hatte den Vorſchlag des Raths mit jugend⸗ lichem Feuer aufgenommen. Vergebens legte ſeine er⸗ lauchte Gemahlin, Frau Eliſabeth, den fünfjährigen Prinzen Erich in des alten Helden Arme und ſeellte ihm die Gefährlichkeit eines ſolchen Zuges eindringlich vor. Hab' ich die Ungläubigen nicht geſcheut und für meinen Kaiſer bei Regensburg meinen Leib hingegeben, ant⸗ wortete der ehrwürdige Herzog, und ſollte ſäumen, meinen bedrängten Kindern Rath und Beiſtand zu bringen? Den Stern auf meinem Schilde erlöſcht kein Kriegsgedräng, kein Volksſturm. Dazu iſt's die beſte Stadt des Landes, und ihre Bürger ſind beſtändig getreue und achtbare Landeskinder geweſen. Nur um ſeine Gemahlin zu beruhigen, forderte der Herzog, da des Mönches Rungius Tod ruchbar, und trotz des räthſelhaften Mordplatzes von den Katholiſchen den Kirchenſtürmern aufgebürdet ward, freies Geleit von der Stadt, und zwölf Gemeindeherren beſchworen das Geleit auf die heilige Schrift. Junker Ludolf hatte ſein Theil gethan; frei hatte er geredet im Schloſſe zu Kalen⸗ Blumenhagen. XIv. 10 146 berg, wie ein ächt evangeliſcher Rittersmann; mit freund⸗ licher Achtſamkeit hatten die Frauen dort dem ſchmucken, roſenwangigen Redner und Apoſtel zugehört, doch Herzog Erichs Augenbrauen hatten mit jedem Wort ſich immer finſterer zuſammengedrängt. Daheim tauſchte Ludolf nun das Predigerkleid mit dem Flatterwamſe des Minne⸗ ſängers, und Muhme Margaretha war aller ſeiner Ge⸗ dichte und Lieder Abgott und Sonnenbild. Auch das zarte Gretchen wurde lebenvoller, ſeit der Vetter im Hauſe weilte, doch ernſt ſprach Herr Johannes von Sode dazu: Reine Liebe und fromme Ehe ſind Sakramente, die ſelbſt das Irdiſche heiligen. Wie möchten ſie un⸗ entweiht bleiben, wo Zwietracht in Glaubensſachen im Hauſe waltet! Kehrt Vetter Ludolf zum wahren Glauben zurück, ſo iſt er mir als Freier und Tochtermann will⸗ kommen. Thut er das nicht, ſo ſuche er ſich draußen im aufgeſperrten Nonnenkloſter eine freche Hausfrau, gleichen Sinnes der Heiligen ſpottend. Ich mag ſolchen Sohn nicht, und ſolcher Segen würde mich um mein Seelenheil beſtehlen. Wenn dann Margaretha den Ludolf ſo bittend mit den Taubenaugen anſah, als forderte ſie all' ihr Lebens⸗ glück von ihm, ſo ſchienen wohl zuweilen zwei feind⸗ ſelige Dämonen den Kampf in ſeiner Bruſt beginnen zu wollen; doch die Wahrheit ſiegte, und geheim die Ge⸗ liebte in den Lehrſätzen des großen Luthers unterrich⸗ tend, tröſtete er ſich und ſie mit der Alles verändernden Zeit und mit der gleichen Veränderlichkeit des Menſchen⸗ ſinnes, und die ernſten Lehrſtunden wurden den Beiden zu höchſten Liebesſtunden, in denen der Liebe Licht das Heilige nur glänzender machte, doch der Liebe Gluth nichts verdarb, noch verwüſtete. — S S 8* —— 147 Der fünfzehnte Auguſt erſchien, und noch ſtand die Sonne nicht gar hoch, da verkündete das ferne Wacht⸗ horn vom rothen Thurme jenſeits des Judenteiches und ſpäter das mächtige Kriegshorn vom Thurme des Leine⸗ thores die Ankunft des Fürſten an den Gränzſteinen der Stadt. Die Glocke auf Sanct Georg berief die Ge⸗ meindeherren zur Verſammlung in die Kirche; aus allen Werkſtätten ſtrömte Meiſter, Geſell und Burſch auf die Gaſſen, und nur Kranke und Säuglinge blieben in den öden Wohnungen. Bewaffnete Bürgerrotten mit ihren Hauptleuten an der Spitze beſetzten die Zugänge des Rathhauſes, aber auch unter dem Volke ſah man Hacken⸗ ſchützen, Armbrüſter und Hellebardierer, und keine Hand war ganz waffenlos. Eine Geſandtſchaft des Magiſtrats empfing den Lan⸗ desherrn am Stadtthore und geleitete ihn durch die wogende, ſtürmiſche Menſchenfluth nach dem Marktplatze. Gar ſtattlich machte ſich der alte Fürſt hoch auf dem ſchwarzen arabiſchen Streithengſte, der, mit ſtolzen Federn geziert, faſt unter der Laſt goldgeſtickter Decken erlag. Erichs breite Bruſt war umſchnallt mit dem blanken Küraß, ein rothes Sammetbaret mit weißen Schwungfedern thronte auf dem Silberhaupte, und ein brauner, reichgeſtickter Sammetmantel hing von den Schultern herab. Die hohe Geſtalt verkündete noch immer den ungebeugten Kriegesfürſten und den edeln Kaiſersfreund, und ruhig und freundlich ritt er hinter ſeinem Stallmeiſter, nur vom Kanzler Jakob Reinhard und drei Rittern begleitet, durch die unruhige Menge, die anfangs, vom ehrwürdigen Anblicke des Herrn er⸗ griffen, ſich ſtill verhielt, bald aber, gereizt durch wech⸗ ſelſeitiges heimliches Anſpornen, vom Gemurr zum Ge⸗ 148 ſchrei überging, und zuletzt ſich in brauſendes Getümmel auflöste. Gewiſſensfreiheit! Herunter die Pfaffen und Pfaffen⸗ knechte! Kein Papſt, kein Zins und Schoß mehr! Güter⸗ gleichheit und Glaubensfreiheit! ſo brüllte die tumul⸗ tuirende Maſſe, und drängte ſich dichter und dichter um des Herzogs ſchäumenden Gaul. Ohne Kümmerniß, hie und da den bekannten Altvätern das Haupt zunei⸗ gend, ritt der Fürſt auf den Markt, ſtieg ab unter der ſteinernen Laube und trank auf das Wohl des Volks und auf die Eintracht der Bürger den dargebrachten Pokal voll des neuen, bei Hans von Sode erfundenen Bieres, genannt Broihan. Dann ſchritt er auf den Saal der Senatoren, mit ihnen, den Aelteſten und den Vorſtehern das Wohl der Stadt zu berathen. Kräftige und kluge Worte ſprach der Herzog. Er wollte den Lutheriſchen Eine Kirche einräumen. Wir haben ſchon drei! lachte das Volk. Der Rath ſollte aus zwei Dritt⸗ theilen Katholiſcher und Einem Dritttheile Lutheraner beſtehen! Sieben Achttheile der Stadt ſind lutheriſch! lachte das Volk. Als der Herzog endlich, ungehalten über den Spott, der vom Rathhausfenſter hinab und als Echo vom Markte vervielfacht wieder heraufſchallte, ſeine Majeſtät zeigte und das vertrauliche Wort in ſtren⸗ gen Fürſtenſpruch verwandelte, da brach die Gebunden⸗ heit los, und der Knochenhauer Dethmer an der Spitze einer blankbeiligen Legion drängte vornhin und brüllte ſeinen Kernſpruch. Freie Stadtbürger ſind wir, keine Vaſallen und Lehensträger. Unſere Privilegien gelten ſo viel als ein Fürſtenmantel. Laßt den Herzog nicht fort, zwingt ihn, die Urkunde der Religionsfreiheit zu unter⸗ ſiegeln und zu beſchwören, ſonſt macht er hinterher uns 149 bei Kaiſer und Reich Moleſtie und Prozeſſe. Hinauf und zwingt ihn! Oder werft Herzog und Rath zum Fenſter hinaus! Wohl hörte der Fürſt das Getöſe da unten und ver⸗ ſtand das Drohwort. Stutzig zuerſt, doch ſchnell ent⸗ ſchloſſen erhob er ſich von der Rathsherrntafel und trat mit tönendem Schritte zum geöffneten Fenſter. Sind das Bürger meiner guten Stadt, oder ſind es Schwindler und Heeresnachzügler? fragte er heftig. Die Religion iſt ein gar heilig Ding, und wer ſie verhan⸗ delt wie weltliche Sache mit Fauſt und Eiſen, verfällt in Sünde an ihr und dem heiligen Geiſt und wird ihrer Gnadengaben verluſtig. Darum bitte ich, darum befehle ich Ruhe und Ordnung, oder die Sache iſt beendigt ohne Endſchaft. Die hohe Geſtalt, die Heldenſtimme ſchaffte auf einige Sekunden die Stille der Bewunderung und Ueber⸗ raſchung, dann tobte aber auf's Neue ein wüthend Ge⸗ brüll, und eine Hackenbüchſe krachte im Fenſter eines nahen Hauſes. Die Kugel ſchlug in die Scheiben des Stadthauſes. Faſt zugleich knarrte unten die Senne einer Armbruſt und der dunkle Eiſenpfeil durchfuhr des Herzogs Baretbuſch und haftete feſt am Eichenholz des Wandgetäfels. Erſchüttert ſchien der Herzog, und ein furchtbarer Ernſt zog über ſein Geſicht. Bürger! rief er laut in den Markt hinab, dräuend und warnend zugleich, Bürger! hab' ich nicht euer frei Geleit? Wollt ihr euch ſelbſt Schimpf anthun vor dem ganzen deutſchen Reiche? Ich ziehe von hinnen, aber dieſen Pfeil nehme ich mit als einen Zeugen von dieſer Stunde, und nur eine ächte Bürgerthat kann ihn ein⸗ löſen! 150 So trat er ergrimmt zurück und machte ſich zum Abzuge fertig. Aber unten hatte das Aeußerſte und die Gewaltthat auch die Scene geändert. Die beſſern Bürger waren empört über den meuchleriſchen Angriff. Anton von Berchuſen ſelbſt ſetzte ſich an die Spitze aller Wehr⸗ männer, mit ihm der Stadthauptmann Wedekind. Beide drangen von zwei Seiten auf den Markt, wo Ludolf von Golturne den miſſethäteriſchen Bogenſchützen, den trunkenen Tiſchler Spitz, auf der That ergriffen hatte und ſich mit ſeinen Spießgeſellen um den Gefangenen ſchlug. Man ergriff die Böſeſten, führte ſie in die Stadtthürme, und die tolle Hefe des Pöbels wurde nach kurzer Zeit in die engern Quartiere der Stadt zurück⸗ gedrückt und dort durch einen Waffenkordon verſperrt. Zornig verließ der Herzog Hannover, und mit ihm gingen die meiſten der Rathsherren und Patricier, und die redlicheren Anhänger des neuen Glaubens härmten ſich über den Ausgang des Tages und ſahen böſer Zeit entgegen. Auch in dem Hauſe des Herrn Hans von Sode wurde gepackt und geſattelt, denn mit der nächſten Frühe wollte auch dieſe Familie hinausziehen zum ſichern Hil⸗ desheim. Nehmt mich mit als Sohn, lieber Ohm! bat Ludolf. Gebt mir Gretchen, und Ihr ſollt zugleich den treueſten Wächter Eures grauen Haares im Eidam ge⸗ winnen. Kehre zuvor um vom Irrwege⸗ deſſen Gräuel Du ſaheſt! antwortete Herr Hans. So dürfteſt Du doch nicht mit zur Biſchofsſtadt, wo Dein Kragen und der Hals unter ihm nicht ſicher wäre. Trübſinnig wendete ſich Ludolf ab von dem eigen⸗ ſinnigen Alten, da umfaßten ihn zwei fremde Arme, —————— W — r 8 151 und ein fremder Gruß zerſtreute ſeinen Unmuth. Es war ſein Schwager, Bertrada's Gatte, der Herr Aſchwin von Mißborg. Der lange, ausgedörrte Mann mit der ſteif gezierten Körperhaltung, den ſtarren, runden Augen und der bunt und höchſt geckiſch geſchnittenen Sammet⸗ und Seidenkleidung, Schnabelſchuhen und Federnwalde, ſtieß den gebildeten und herzigen Jüngling ab, indeß ein ſeltſamer Leidenszug, der über das wachsbleiche Ge⸗ ſicht des Schwagers ſich hinzog wie eine tiefe Schickſals⸗ narbe, das mitleidige junge Herz wiederum gewann und in die Arme des Unbekannten warf. Du ſollſt mit uns ziehen, Ludolf! ſprach der Herr von Mißborg mit einer heiſeren Baßſtimme. Ich kam herein mit dem Herzoge, um mein Ehegemahl abzuholen und zu bringen auf mein ſicheres Schloß. Rette auch Du Dich dahin aus dem wüſten Gedränge, wo Du nichts nützen kannſt, und ſchon vorher fordere ich von Dir den erſten Bruderdienſt in einer Ehrenſache. Ludolf ſagte im Zorn über ſein Schickſal Alles zu; man rüſtete ſich allgemein, und in der Verwirrung erlangte der Junker auf einſamem Bogengange noch einen warmen Kuß vom Munde der weinenden Jungfrau, und Beide tauſchten zwei ſchlichte Goldreife gegen einander aus als Pfänder der Treue und ſteten Gedächtniſſes. Wie der Morgen dämmerte nach der unruhigen Nacht, reisten Alle zum öſtlichen Thore hinaus. Die Sode'ſchen nah⸗ men den Weg nach Hildesheim; Ludolf, Aſchwin und Bertrada ritten gerade aus in den Wald, der zum Moore führte; doch der Rückblicke und des Tücherwinkens war kein Ende, bis die Alten die Kinderei, der ſcheuen Pferde wegen, verboten, und des Waldes Schatten die Geſtalten umhüllten. Frau Bertrada zog in ſtummem Tiefſinne ———————— 152 auf ihrem weißen Maulthiere mit den Knappen und Knechten vorweg; Herr Aſchwin und der Junker ſchloßen den Zug, und Jener hielt abſichtlich den Zügel feſt an, ſo daß bald ein ziemlicher Raum ſie Beide von den Lauſchern trennte. Ich kenne Dich durch den Ruf als ein braves Gemüth und eine wackere Fauſt, begann Aſchwin leiſe; Du biſt der Bruder meines Eheweibes, und darum mir, der ich allein ſtehe als der Letzte meines Geſchlechts, der nächſte und einzige Verwandte. Eine böſe Stunde ſteht heute wieder im Kalender meines Lebens, und in ihr fordere ich Deinen Beiſtand. Es iſt eine Ehrenſache abzuthun, in welcher meine Hand zittern wird und blitzen zugleich. Steh' mir darin zur Seite treu und feſt! Werde ich leben, ſo löſet der nächſte Tag Dir das Räthſel dieſer Worte. Falle ich, ſo ſey Du der Vormund meines Weibes und meiner Güter Verweſer, und ſollſt meinen Wappenſchild zer⸗ brechen auf meiner Väter Gruft. Verſprichſt Du das Alles? Gern, antwortete Ludolf, und reichte dem bleichen Manne die Hand hinüber. Aber wie kommt Dein Ver⸗ trauen ſo ſchmeichelhaft und unerwartet zu mir? Du weißt doch, ich gehöre zu den Evangeliſchen. Still davon! erwiederte Aſchwin. Auch ich bin in der neuen Lehre eingeweiht und zähle mich zu den Eurigen. Die huldreiche Herzogin, die mich ihrer Gnade würdig hält, iſt dem Luther heimlich zugethan, und nur der Un⸗ muth des fürſtlichen Herrn, der ſich der neuen Form nicht fügen will, hemmt ihr öffentlich Bekenntniß. Auf meiner letzten Reiſe hatte ich viele fromme Aufträge von ihr, und mein verſteckter Uebertritt war die Folge davon. 153 Heimlich, verſteckter Uebertritt! zürnte Ludolf. Da haſt Du ſo wenig gewonnen, wie wir an Dir, denn die herrliche Lehre des Mannes der Kraft iſt Dir nicht in Saft und Blut übergegangen. Die Wahrheit iſt der Gottesſonne ſchönſter Lichtſtrahl, und alle Nacht und Finſterniß mit ihren Verſtecken iſt ihr feindſelig. Das verſtehſt Du junges Blut noch nicht! fiel Aſch⸗ win ſcharf in das Vorwurfswort. Weltleben und Hof⸗ leben find gefährliche Straßen wie das Glatteis. Man lernt das Reiſen darauf gar langſam, und Deines Gleichen fallen meiſt bei dem erſten Tritte auf dem ge⸗ täfelten, ſpiegelblanken Eſtrich. Ludolf ſchüttelte den Kopf, doch ſchwieg er. Bald ſah die Stadtwarte durch die Gebüſche, und hier ſandte der Herr von Mißborg die Frau und das Gefolge vorweg auf die Moorſtraße; er ſelbſt, Verrich⸗ tung auf nahem Meiergehöft vorgebend, und nur einen Knecht zur Folge rufend, bog mit Ludolf in einen Fuß⸗ weg ein, der über die Haide führte. Still trabten ſie auf dem elaſtiſchen, ungleichen Boden hin, und bald umfing ſie der Vorſprung des Waldes, das Biſchofsholz genannt. Die alten Eichen rauſchten über ihnen und berührten die Reiter mit den tief herabgreifenden kräf⸗ tigen Aeſten; dazwiſchen lachten freundliche Gruppen von ſilberweißen Birken mit ihren flüſternden hellgrünen Hang⸗ zweigen. Bald kamen ſie auf einen unbebuſchten Fleck, und Roſſe wieherten ihnen entgegen, und edle Ritter⸗ geſtalten erhoben ſich vom Raſen und Moosgrunde und begrüßten die Angekommenen. Es waren drei männliche Kriegsleute: ein Graukopf, rüſtig und jung die Andern. Der Aeltere zog ſofort das breite Schwert und befahl zugleich den Knechten, die —— 154 Pferde tiefer in das Dickicht zu zichen. Dann trat er mitten auf den Platz und ſprach mit kraftvoller Herolds⸗ ſtimme Folgendes: Ich, Burchard von Benthe, ſtehe hier als Schwert⸗ richter im Namen der heiligen Dreieinigkeit, im Namen der ganzen Ritterſchaft des römiſch⸗deutſchen Reichs, zu wahren Sitte und Ehre und Recht. Vor mir iſt er⸗ ſchienen der ehrſame Hauptmann Herr Albrecht von Sparre, Ritter, zu antworten wegen böſer Klage auf Verletzung der Frauenehre, Recht zu geben dem Kläger oder ſich es zu nehmen durch Schwert, Blut oder Tod. Solches geſchehe ſofort nach dem Gebrauch. Und Herr Albrecht und Herr Aſchwin traten vor, und Letzterer hob die rechte Hand auf und ſprach: Bei offenem Gelage zur Stadt Pattenſen hat Ritter Albrecht gehöhnet Frauenliebe und Frauentreue, hat mein Ehe⸗ geſpons, Bertrada von Golturne, angeführt als Bei⸗ ſpiel, weil ſie ſofort nach dem Tode ſeines Bruders ſich den zweiten Bräutigam erkieſet und nach kaum ver⸗ floſſener Trauerzeit ihren Hochzeitskranz geflochten. Mit vielen ehrrührigen Schmähreden iſt der moraliſche Ser⸗ mon durchwirkt geweſen, wie mir Freunde und achtbare Zeugen hinterbracht, von denen ich dort den Herrn Adolphus von Anderten herbeſchieden, und ich fordere darum Geſtändniß und Abbitte oder Blutrache. Was antwortet auf das ſchwere Wort der Beklagte? fragte der Herr von Benthe.— Daß der bleiche Herr mir gegenüber nur die Wahrheit geſagt, ſtürmte der ſchlanke Albrecht von Sparre hervor, daß ich ein Weib verachte, das alſo thut, daß ich den Mann verachte, der auf friſchem Grabe der Liebe opfert, daß ich Gottesgericht⸗ kampf ohne Eiſenſchutz darbiete, zu bekräftigen, daß X ——— w N — — 8 M ir ke e, f 155⁵ mein Gefühl das wahre und menſchliche ſey und meine Meinung die rechte. Ungepanzert im Koller vortretend zog Albrecht mit der Rechten den Degen, warf mit der Linken den Feder⸗ hut weit von ſich in das Gras und ſtrich ſich das kurze verworrene Haar von der hohen Stirne. Ludolf ſchnallte dem Schwager die Waffenſtücke ab. Laßt mich den Kampf nehmen um der Schweſter Ehre! bat er er⸗ grimmt und in verbiſſenem Unwillen. Ich bin frei und Sterben iſt mir kein großes Uebel. Starr hing Aſch⸗ wins Auge auf des Gegners Geſichte. Still! ſprach er dumpf mit zuſammengekniffenen Lippen; der thut mir nichts Leides! er iſt auch von Gott gezeichnet und mir verfallen! Ludolf blickte verwundert zu dem Schwager auf, der ihm wie ein Wahnwitziger vorkam, doch ſchon hatten die Ritter Burchard und Adolphus das Sonnen⸗ licht getheilt, den Platz gemeſſen, traten heraus aus dem mit der Schwertesſpitze abgezeichneten Raume, und die Kämpfer fielen ſich mit dem langen Stahlſchwert an ohne Schild und Helmdecke. Nicht lange blieb der Streit unentſchieden. Zu heftig drang und ſchlug der erbitterte Hauptmann; bald unter⸗ lief ſeinen Goliathsſtreich der kalte Herr von Mißborg und tauchte die Klinge tief in des Gegners Herz. Ohne Laut, ohne Zucken ſtürzte der hohe Kriegsmann, feſt blieb der Schwertgriff in der ſterbenden Hand, nur die Linke faßte in die Wunde und erkaltete da. Schau⸗ der und Wehmuth ſchwieg umher, nur die Birken ſäu⸗ ſelten ein geiſtig Abſchiedslied; aber Aſchwin trat zu dem Todten, ſah ihm in das immer weißer werdende Antlitz und ſagte leiſe, doch mit hämiſchem Tone:„ Auch die zweite Flamme brennt nicht mehr! Sich weg⸗ 156 wendend winkte er dann dem Schwager und ging zu den Pferden. Zwiſchen grundloſem Moore und dichter Fichtenwal⸗ dung lag die düſtere Mißborg. Eine ſchmale Straße nur führte durch trügliches, wankendes Erdreich zu den alten Mauern. Drei Zwinger mit Hohlgewölben und eiſernen Fallgattern bildeten den Eingang; ein tiefer Graben voll ſchwarzen Moorwaſſers, ein ſchmutzig Reich der Molche und Unken, von einer Zugbrücke bedeckt, um⸗ kreiste das einſame Schloß, und drinnen war gleiche Traurigkeit und Oede zu Hauſe, denn wenige eisgraue Knechte machten die Schloßdienerſchaft aus, da des Herrn finſteres Gemüth kein junges lebendiges Volk um ſich duldete, und die Dame der Burg mußte ſich mit einer Hofhaltung von zwei alten Matronen behelfen. Mit unheimlichen Empfindungen ritt Junker Ludolf hinter dem traurigen Beſitzer in die ſchwarzen⸗ Einſturz dräu⸗ enden Mauern, und als ſie, im Zwinger abgeſtiegen, nun durch den untern Schloßgang zum hochgelegenen Gaſtzimmer hinſchritten, tönte dem Jünglinge der raſ⸗ ſelnde Schlag der Burguhr hoch über ihnen im Gipfel des Gebäudes wie der Athemzug eines lauernden, Ver⸗ derben brütenden Burggeiſtes. Mit Gram ſah Ludolf die Kälte und Unzufriedenheit, welche zwiſchen der Schloßherrſchaft ſtattfand, die gleich beim Eintritt wie fremde, ſich beläſtigende Menſchen die Näherung vermieden, und nach einem freudeloſen Abend⸗ mahle war ihm der alte Burgvogt willkommen, der mit der buntglaſigen Laterne zu feſtbeſtimmter Zeit ein⸗ trat, dem Gaſte wie dem Herrn zum Schlafzimmer vor⸗ zuleuchten. S— S 8S* V 8 S* 7 n — 157 Ein Sturm hatte ſich Abends aufgemacht und rüt⸗ telte die alten Pfeiler des Schloſſes und klapperte mit den lockern, gemalten Glasſcheiben der hochgewölbten Burgfenſter, mit Geſchrei ſchoß die Eule an ihnen hin wie ein ſchwarzer Höllenſpuck, dumpfer, modriger Geruch füllte die wenig bewohnten Zimmer, und das große Thronbett mit den ſteifen hochrothen Vorhängen war dem freiſinnigen Junker auch eben nicht anmuthig. Wortlos zündete der Alte die Kerzen an auf vielarmigem Silberleuchter, doch raſch war der Junker aus dem Zeuge, und kaum war der Vogt zum Zimmer hinaus, ſo waren die Kerzen auch verlöſcht und der müde Gaſt verſank in die tiefen Daunen s ſchweſterlichen Pracht⸗ bettes. Die Uhr oben im Schloſſe ſchlug Mitternacht, da weckte eine Menſchenſtimme, hohl und fürchterlich, und nicht fern von ihm, den ruhigen Schläfer. Ludolf ſetzte ſich auf im Bett und horchte. Die Stimme war ihm bekannt und wieder fremd. Fort! fort! ſprach ſie in hohlen Angſttönen, fort! Ich fürchte euch nicht, aber ich will keinen Verkehr mit euch! War's nicht ſchon an Einem genug? Kommt ihr nun ſelb Zweie, mich zu ſtören? Fort! eure verzerrten Geſichter widern mich an. Schlaft aus eure Narrheit! Warum drängtet ihr euch in meinen Weg? Ich hätte euch nie geſucht. Ludolf war aufgeſtanden und einem Lichtſchimmer nachgetappt, der durch einen Thürſpalt des nächſten Zim⸗ mers fiel. Er lauſchte jetzt an der Schwelle, doch der Tobende darin war ruhiger geworden, und er hörte ihn mit Inbrunſt, doch mit beſonderer Haſt zugleich, ein 158 Gebet herſagen. Plötzlich aber fuhr die Stimme wieder auf, wie ein Windſtoß der Sturmſee: alle Flüche der Erde donnerte der Wüthende, und Angßtlaute, wie die eines Ueberfallenen, kreiſchten dazwiſchen. Mit Anſtren⸗ gung drückte Ludolf gegen das Thürſchloß: es gab nach und die Thüre ſprang auf. Düſter brannte eine Lampe im kleinen Gemach; eine Geſtalt wälzte ſich im einſamen Bett, ſie fuhr auf und dem Eintretenden heftig ent⸗ gegen: es war Herr Aſchwin, todtbleich, mit ſtieren Augen, an jedem ſeiner Haare ein fallender Schweiß⸗ tropfen. Seyd Ihr es⸗ Schwager, fragte Ludolf er⸗ ſtaunt, der wie ein Gewürgter ſtöhnt und die Schläfer wie mit Poſaunen des jüngſten Gerichts aufſtört?— Ja, Gericht iſt es, Gottesgericht! antwortete Aſchwin zu ſich kommend und den Schweiß ſich abtrocknend. Gut, daß Du da biſt, Ludolf! Bleibe bei mir, bis der Morgen erwacht, denn ich bin ſehr krank, zum Tode krank. Laß die Leute ruhen, rufe nicht! Mir kann doch Niemand helfen.— Ludolf führte den Schwankenden zum Lager. Feſt faßte Herr Aſchwin des Junkers Hand und ſtützte mit der andern den müden Kopf. Unthaten büßen ſich ſchon hier ab! begann der Ritter von Mißborg. Aber was ohne Vorſatz geſchah, im Ge⸗ dräng der drückenden Minute, ſollte nicht ſo hart be⸗ ſtraft werden, ſonſt iſt da in der Blitzwolke kein Gott Vater, ſondern ein böſer Götze zu Hauſe. Sieh, Ludolf⸗ ich war von früh an ein vereinzeltes Weſen, unter Fremden erzogen, und fühlte ſelbſt die Kälte mit, die ich gegen das menſchliche Geſchlecht in mir trug. Durch das luftige und luſtige Hofleben rang ich mich vom Pagen zum Kavalier, entzog mich der Freude nicht, aber war doch nie ſchlecht und bösartig. Da ſah ich am —————————— — N W —— 159 Johannistage bei dem Schützenfeſte Deiner Vaterſtadt das Fräulein Bertrada. Der Augenblick entſchied über mein Leben. Geſtand auch Bertrada nicht mit Wort und That, daß ſie im Einklange ſey mit dem ſchmei⸗ chelnden, dreiſtfragenden Hofherrn, Auge und Hand be⸗ kannten mir genug. Der reiche Senator von Sparre warb ſchon um ſie, hatte ein Art Verlöbniß gefeiert und ward von der Mutter begünſtigt. Ich war arm, nichts als dieſes alte Eulenſchloß und den Gehalt meines Ehrenamtes konnte ich der Geliebten darbringen; Vormund und Verwalter hatten die Habe meiner Väter aufgezehrt. Ein geheimes Anfragen bei der Mutter mißglückte, Hinderniſſe rund um uns machten auch bei dem Mädchen dieſe Liebe ſteigen, wie der Menſch immer lüſterner iſt nach dem Verbotenen, und der geſtohlene Holzapfel ihm beſſer mundet als die Saftfrucht des eigenen Gartens, die er bequemlich pflückt; ſo ward mein ſtill Verſtändniß in wachſender Vertraulichkeit, in ſorgſamer Verſchleierung immer enger und inniger, und manche ſchöne Stunde trug die Geliebte in meinen Arm, hinten in den Ver⸗ ſtecklauben eures Gartens, wenn der Rathsmann, wel⸗ cher öffentlich den Bräutigam mit aller Ehrwürdigkeit ſeines Standes ſpielte, Stadtgeſchäfte hatte, oder düſteres Wetter den gemächlichen Herrn und Zierjunker in die Mauern verſchloß. Indeß wurde der Senator dringen⸗ der: der Hochzeitstag ſollte feſtgeſetzt werden, und Ber⸗ trada's Angſt wuchs mit jeder Stunde. Ein rauher Wintertag warf dicke Schneemaſſen hernieder; trotz dem hatte Bertrada mir ein wohlbekanntes Zeichen gegeben, und der Abend fand mich hinter dem Pförtchen eurer Gartenwand. Der tiefe Schnee und die rauhe Kälte 160 ließen uns den Rathsherrn nicht vermuthen. Im Pelz⸗ wamſe und Zobelmützchen lag ſie klagend an meiner Bruſt; ich weckte den Troſt der Hoffnung mit Feuer⸗ worten, und der Winterabend drückte unſere Herzen inniger als je an einander, da ſchreckte uns ein Fluch⸗ wort auf: ungehört auf der weißen Erddecke war der Bräutigam herangeſchlichen, Herr Burghard von Sparre ſtand neben uns. Mit der Angſt und Flinkheit des auf⸗ geſchreckten Rehs flüchtete Bertrada in die Gartenthüre, ich ergriff raſch den Arm des Senators dicht über der Hand, welche ſchon den entblösten Degen auf mich ge⸗ zückt hatte. Wir hielten uns lange ringend und preſſend feſt. Die Wuth ſeiner Eiferſucht hob ſeine Stärke zur Rieſenkraft; Furcht vor Ueberraſchung und der Geliebten wegen knickte und bog meine Kraft und Gewandheit; doch gelang es mir, ihm die blanke Zierwaffe zu ent⸗ winden, und— wie es geſchah, weiß ich nicht!— röchelnd lag er zu meinen Füßen, ſeine eigene Wehr war ihm tief durch den Leib gefahren. Du? Ihr, Schwager? fragte Ludolf erſchrocken. Und heute den Bruder? O gibt es denn wirklich Propheten und Träume, die über der Menſchenvernunft ſtehen und ſie zu Schanden machen?— Er gedachte des Mönches aus Jeruſalem und der Edelfrau von Sparre. Was ſprichſt Du da von Träumen? unterbrach Aſch⸗ win ſofort des Junkers Rede. Das iſt's ja eben! Was wären zufällige, leichtvergeſſene Thaten, zöge nicht der Traum ſein Seidenband um ſie, und fort, fort bis in den grauen, endloſen Raum der Ewigkeit! Höre weiter, auch ich will Dir einen Traum erzählen, der mein Vampyr wurde und der all mein Leben ausſaugt. Ich flog zur Stadt nach der Blutthat; ſie blieb unentdeckt M — 161 und man nannte ſie Selbſtmord. Burghard ward be⸗ graben und vergeſſen, meine Werbung um die ſchwer⸗ bezahlte Geliebte trat an das Licht, und ich errang der Mutter Zuſtimmung und die erſehnte Braut. Aber meine Ruhe ſtarb am Hochzeitstage. Zufällig hatte ich die Leiche des Rathsherrn geſehen, bei der Beſichtigung der Tod⸗ tenrichter zugezogen als herzoglicher Diener. Wachsbleich war das Geſicht des Ermordeten, nur auf der Stirne brannte ein Feuermal recht lebendig und roth, und ſchuf den todten Schädel mit ſtarroffenen Augen um zum Bilde eines dräuenden Höllengeiſtes. In der Hochzeitnacht hatte ich darauf einen ſchweren Traum. Es war mir, als ginge ich irr auf dem Moore an meiner Väter Burg, und vor mir hüpften drei rothe Irrlichter, gerade ſo geſtaltet und gefärbt wie das Feuermal des Getödteten, nur größer und beweglich flackernd. Die Flämmchen ver⸗ ſperrten mir überall den Weg und verwirrten blendend meine ſuchenden Augen. Lange wand ich mich zwiſchen ihnen in die Kreuz und die Quere, Angſtſchweiß trof von meiner Stirne, gelähmt waren die Glieder; da überkam mich der Zorn und erbost ſchritt ich auf ſie zu. Und ſiehe! unter meinem Fußtritte erloſch ziſchend das erſte der Lichter, erloſch das zweite, doch als ich das dritte berührte, ſtieg es kniſternd auf in Höhe und Breite bis zur Größe eines Flammenpfuhles, in dem ich mitten mich befand und brannte, und vergebens den Höllen⸗ ſchmerzen zu entfliehen ſuchte, bis zuletzt die Flammen⸗ zungen auch an meinem Herzen leckten, in der noch em⸗ pfindenden Bruſt langſam auch das Herz aufzehrten, und ich dann mich zerfallen ſah in Aſche und Kohlen. Seit dieſem Traume und ſeitdem ich erfuhr, daß es drei Sparren gäbe und daß alle Drei das Feuermal trügen, Blumenhagen. Xlv. 11 162 iſt mein Friede dahin, und wie vogelfrei werde ich von unſichtbaren Gewalten durch's Leben gepeitſcht. Ich be⸗ neidete ſeitdem den gemeinen Papiſten, welcher an Petri Löſeſchlüſſel und den Ablaß glaubt, und im Beichtſtuhle ſeine Unthaten zuſammt ihrem Andenken zurückläßt. Auch das Glück der Ehe, welches hätte Troſt bringen ſollen, entwich von uns mit jeder Woche mehr und weiterhin: die Erinnerung an den Preis, den mein Glück mich ge⸗ koſtet, überwog bald das Glück ſelbſt, und Deine Schwe⸗ ſter war nicht, wie ich einſt mir das liebende Weib und die ſorgende Hausfrau gedacht. Waret Ihr, Herr Aſchwin, denn ſo, wie Bertrada ſich den Gatten gedacht? entgegnete Ludolf ſpitzig und veleidigt. Ihr hattet die Unthat dem Feſttage zugeſellt, Ihr die Diſtel in die Brautkrone geflochten. Sollte das zartfühlende Weib die blutbegoſſene Hand gern wie eine reine an Lippe und Bruſt drücken? Ich that's um ſie, ſagte finſter Herr Aſchwin. Ihre Pflicht war's, abwaſchen zu helfen, tragen zu helfen, auch die Blutſchuld. Sie lebt ohne Kümmerniß, die kalte Alltäglichkeit genügt ihr. Ich büße allein, denn in jeder Montagsmitternacht tritt der Rathsmann mit ſeinem verzerrten Todtengeſichte dicht an mein Bett und grinst mich mit offenen Augen an. Kein Gebet, keine Meſſe, kein Gelübde hat ihn gebannt, kein Prieſter mit Rauchfaß und Krucifir, und heute— o gräßlicher An⸗ blick!— heute kam der erſtgefallene Bruder mit, und der Montagsgäſte ſind nun gar zwei geworden! Er verhüllte ſein Geſicht tief in das Bettlailach und vallte dann wieder beide Fäuſte dem Himmel zu. Schlafe nicht in einſamer Kammer! Feiere die Montagsnächte mit Gaſtgebot und Freundesmahl. Helle Deine kranke d fe te 163 Phantaſie auf mit der Entſchuldigung des momentanen Wahnſinnes in der Gefahrminute, die wie die Lawine über Dich einſtürzte! Tröſte Deine reuige Seele mit dem Vertrauen auf Gottes Gnade und Vaterhuld! Mache die Unthat gut durch Thaten der Liebe, Wohlthätigkeit und Großmuth, und Deine Geſpenſter müſſen baldigſt ent⸗ weichen! Alſo tröſtete Ludolf, doch war ihm das Schloß ſammt ſeinem Herrn ſchon während des Ritters kalter und kahler Erzählung ſo zuwider geworden, daß er es ſich feſt zuſagte, nur wenige Tage in dieſen düſtern, unheilſchwangern Mauern zu verweilen. Aſchwin ſchüttelte den Kopf bei des Junkers Rede. Habe ich denn nicht Alles verſucht? Habe ich nicht den Leichtſinn und die Schwelgerei mit der Andacht zugleich aufgeboten? ſagte er. Der grauenvolle Gaſt mit ſeiner albernen Fratze entwich nicht. Ich fürchte ihn nicht, aber ſein Kommen peinigt mich wie eine ſchmerzhafte Fieber⸗ krankheit, die keinem Pulver weicht und keinem Wunder⸗ tranke. Zwei Flämmchen ſind verloſchen, aber das dritte wird kommen und wird mich in Qual verzehren und tödten. Iſt die erſtere Hälfte des Traumes wahr ge⸗ worden, warum ſollte die zweite nicht auch die Farbe und Form der Wirklichkeit annehmen können! Oder kann der Menſchenwille doch vielleicht mehr, als der Traum aus Luft, und weniger noch als Luft, gewebt und er⸗ ſchaffen2 Herr Aſchwin verſank in ein tiefes Sinnen, ein Kind ſeiner eigenen Worte, und redete nicht mehr, und Junker Ludolf, welcher keinen Beruf zur Wiederanknüpfung ſol⸗ chen Zwieſprachs fühlte, entſchlief im Polſterſtuhle vor des verſtummten Burgherrn Bette. 164 Es war zu Anfang des Jahres Chriſti 1538. Rauh herrſchte der Januarius: die kalte Sonne hatte ſchon ſich weggewandt von der verödeten Flur, Schneeflöckchen flogen wie leichte Vögelein durch die Dämmerung, und der Oſt ſpielte mit ihnen, ſchuf Rauchwolken und Sil⸗ verſäulen aus ihnen in der beweglichen Luft, und dazu krachten die Baumäſte, vom Reiffroſt ſchwer befranzt, und am Himmel auf zog der rothe Komet, mit der ſpru⸗ delnden Feuerruthe gegen Morgen gewendet. Vor der kleinen einzelnen Herberge auf der ſüdlichen Heerſtraße nach Hannover ſcharrten ungeduldig zwei ſchwarze Hengſte, und drinnen kochte der Knapp mit der Wirthin zuſammen ſich am Herde ein Bierſüpplein, und der Bube kehrte die erſtarrten Hände behaglich dem flackern⸗ den Kienfeuer zu. Im Gaſtzimmer aber ſaß vor dem Kamin eine mäch⸗ tige Kriegsgeſtalt, wortlos vorüber auf den Tiſch ge⸗ ſtützt mit Arm und Kopf, und mit tiefliegenden Feuer⸗ augen in die rothglimmenden Holzſcheite hineinſtarrend. Schwarz war des Ritters Harniſch, ſchwarz die Schärpe; aus dem derben Eiſenwerke ragte der ſchöne, aber ver⸗ fallene und verblichene Kopf in verwirrten Haarlocken hervor, und der ſcheinloſe Helm mit dem gewaltigen dunkeln Buſche ſtand auf dem Tiſche neben der Lampe und dem Becher und trug die einzige blanke Auszeichnung der ganzen Bewaffnung am Stirnblech, einen ſilbernen Pfeil nämlich, ſchwer und ſorgfältig zugleich gearbeitet, nicht wie zu Turnei und Schlachtſchmuck. In Gedanken vertieft ſaß der Rittersmann, trank zuweilen vom ſchlech⸗ ten Landweine, aber ſchien kaum die ſauere Tugend deſ⸗ ſelben zu empfinden, obgleich ſich Mund und Schnauzbart grämlich verzogen, wenn der herbe Trunk ſie berührte. e 165 Ein leichter Hufſchlag flog heran, eine wohlklingende Stimme begehrte draußen von der Wirthin ein kleines Abendbrod. Der düſtere Kriegsmann drinnen hob hor⸗ chend den Kopf. Und herein ſchritt munter und wohl⸗ gemuth Ludolf von Golturne, und fiel nach kurzem Er⸗ ſtaunen dem Schwarzen um den Hals und nannte ihn ſeinen Flüchtling, ſeinen betrauerten verlorenen Freund, ſeinen Volkmar. Es war Ritter Sparre, auf deſſen er⸗ blichenen Wangen heute ſeit Jahren zuerſt die Morgen⸗ röthe der Freude einmal wieder aufglühte. Traulich nahm Ludolf Platz bei ihm; die Wirthin trug auf, und bald waren die Beiden verwoben in den herzlichſten Zwieſprach. Wir ſahen uns zuletzt in einer Trauerzeit, ſagte Lu⸗ dolf. Wir verließen die Vaterſtadt ſchwer krank an Par⸗ teienwuth und Glaubenshaß; weit herum bin ich ſeitdem gekommen und habe den Regenbogen des Glaubens in allen ſeinen Farbebrechungen geſehen. Das gewaltſame Bekehren mit Fauſt und Kolbe war nicht nach dem Sinne meines herrlichen Meiſters, und ich zog von dannen, zuerſt zu des Dänenkönigs Hofe, und der hochherzige Chriſtian gab mir ſelbſt Ritterſchlag und goldene Spo⸗ ren, denn dort ward auch das Bekehrungsgeſchäft ge⸗ trieben wie eine Sache des Ritterthums, prunkvoll und adelig, aber auch herriſch mitunter. Zu Salzderhelden lebte ich darauf bei dem Grubenhagener Herzog Philipp, und ſein und ſeiner beſten Landſaßen Uebertritt zur evan⸗ geliſchen Lehre iſt ein gelungen und dem Glauben gar günſtig Werk, an dem ich kein müßiger Geſell geweſen, und dort war das Evangelium Haus⸗ und Familien⸗ angelegenheit und die Bibel gehörte gar bald zum Haus⸗ rath. Zuletzt war ich zu Münden an Herzog Erichs Hofe, und auch hier gab die heilige Sache, deren Ritter ich 166 mich nenne, mir Arbeit und Zerſtreuung, denn man trieb ſie dort liſtig und fein wie eine Hofintrigue, und mitunter mit Schlangen⸗ und Fuchsnatur. Milder iſt der alte Fürſt geworden; die kluge Eliſabeth, welche er liebt und achtet, hat den Gewitterſturm gebrochen; ſie ſelbſt iſt heimlich dem Glauben Luthers zugethan, und ſie hört ſeine Prädikanten; da hat denn mancher Schranz dem Herzog ein belohnter Zuträger und Feuerbeuter ſeyn mö⸗ gen, doch der Alte hat ehrlich geantwortet: Sie ſtört unſern Glauben nicht, ſo wollen wir auch den ihrigen nicht ſtören! Eben jetzt bereitet ſie ſich zum erſten öf⸗ fentlichen Schritte. Der alte Fürſt will hinabziehen auf und an der Weſer mit ſeinen Rittern und Landſaßen, um das Haus Oſem mit Gewalt zu nehmen, da es Graf Moritz von Spiegelberg nicht gutwillig aus der Ver⸗ pfändung zurückgeben will. Auch zwiſchen Dreiſter und und Leine ſind alle Streitbare aufgeboten und ziehen der Weſer zu. Dieſen Augenblick wird die Fürſtin benutzen, und am Gottestiſch die Gnade in beiderlei Geſtalten ge⸗ nießen, entſtehe auch daraus, was da wolle. Aber Hannover? wie iſt's zu Hannover? unterbrach ungeduldig der Schwarze den plaudernden Junker. Hannover? ſprach Ludolf nach, und ein Freudenlicht entzündete ſich in ſeinen blauen Augen. Ich habe die liebe Stadt nicht wieder geſehen, aber jetzt ſtrebt meine Seele ihr zu, ihr, wo mein Lebensziel mir aufging. Du weißt es nicht, daß ich Muhme Margarethe liebe, daß ſie mich liebt; das machte ſich erſt nach Deiner ſchnel⸗ len, unartigen Abfahrt. Des Vaters ſtrenger Wille trennte uns, und ich konnte nicht ohne Gefährde einreiten in das katholiſche Hildesheim, wo ſie lebte, und holte ſeitdem nur ein einzig Mal mir Nachricht von ihr zu Mißborg. — — v—* W 167 Zu Mißborg? fiel Ritter Sparre noch geſpannter und dringender ein. Die Schweſter dort iſt glücklich? Hole der Böſe ſolch Glück! antwortete Ludolf unwirrſch. Sie führt ein jammervolles Leben mit ihrem unheim⸗ lichen, verrückten Burgherrn, welcher ſich auch einen evangeliſchen Ritter nennt, jedoch zum Ausſchuß gehört, den der Glaube gern ſpottwohlfeil verkaufte, fände er nur den Abnehmer. Frau Bertrada hat dem Herrn Aſchwin ein holdes Knäblein geboren, doch zum Unglück brachte das Kind ein unglückliches, brandrothes Mutter⸗ mal auf der Stirne mit zur Welt, das Herr Aſchwin nun einmal für ſein Todeszeichen hält, und ſeitdem plagt er ſich und die Frau mit dem wüthendſten Argwohne der grundloſeſten Eiferſucht. Doch wie iſt mir denn? ſetzte Ludolf mit einem Male den Fluß der Rede ab, und blickte ſchärfer auf den Freund, deſſen tiefe Augen glühten und deſſen Athemzüge flogen wie die des gehetzten Schmalthieres; das Mut⸗ termal iſt ja euer Familienzeichen, und Du biſt ja auch Einer von den Sparren, welche er für ſeine Todfeinde hält. Wir ſind nicht ſeine Todfeinde, aber er iſt der unſrige, und vor Allen der meinige! ſagte Sparre dumpf in ſich hinein. Du magſt Recht haben! entgegnete Ludolf ſich be⸗ ſinnend und die Gedanken anhaltend, ehe ſie Worte ge⸗ worden. Gott mag walten! Doch was zieht jetzt Dich nach Hannover? fragte Volkmar wieder, begierig mehr zu hören. Himmelsruf und Glücksmorgenroth! jubelte Ludolf. Höre dieſen Brief, den mir mein Mühmchen ſchreibt, und in welchem ſie mir das ſchöne Ende meiner Pilger⸗ 168 wallfahrt verkündet. Er zog das Pergameniblätichen hervor und las: Fräulein Margarethe von Sode an den Ritter Ludolf von Golturne. Hannover. Am heiligen Dreikönigtage des Jahres Chriſti 1538. Gruß und Kuß zuvor, mein getreueſter Vetter und gar lieber Bräutigam! Sie haben den guter Vater im Leichengewölb der Benedictiner zu Hildeßen beigeſetzt, und als er ſanft entſchlief und einging zu den Vätern, biſt Du, Ludolf, ſein letztes Wort geweſen. Deine Mar⸗ garethe fand darin Billigung und Segen, denn die Sterbenden ſollen heller ſehen und freier empfinden im Erlöſungsthore des Erdenkerkers. Ich rufe Dich deßhalb ſchnell an mein Herz und die gute Mutter fordert Dich gleichfalls. Wir ſind in das alte Haus zu Hannover eingezogen, und der edle Konſul, Herr Anton von Ber⸗ chuſen, hat, als des Vaters vormaliger Freund, unſer Vermögen wohl verwahrt und verwaltet, da die Güter der übrigen katholiſchen Auszügler überall vergeudet und zerſtört worden. Die Stadt iſt ruhig; der neue Rath hat die Ordnung hergeſtellt; Hannover iſt nebſt Göttin⸗ gen dem ſchmalkaldiſchen Fürſtenbunde beigetreten und ſeitdem geſchützt und unbefehdet. Der Friede erwartet auch uns, ſobald Du wieder in unſerer Mitte ſeyn wirſt und wie ſonſt durch Heiterkeit und Laune die Geiſter der vöſen letzten Zeit zu verban⸗ nen weißt. Komm recht bald, denn Du biſt nöthig.— Seit drei Tagen zog Ritter Aſchwin nebſt Frau Bertraden bei uns ein. Er will mit einem Reiterhaufen zu dem Herzoge ſtoßen, mit ihm dem Spiegelberger das Haus v—— 169 Oſem abzunehmen. Frau Bertrada ſollte ſo lange bei uns verweilen, doch nun iſt ihr Knäblein von der Pe⸗ ſtilenz ergriffen, die in Stadt und Land ſchon Tauſende getödtet hat, und die, wenn auch vom Lügenruf ärger und ſchrecklicher gemacht, doch ein gar boͤſes Fieber iſt. Gottes Hand liegt ſchwer auf dem Ehepaare, denen auch die rechte Liebe zu fehlen ſcheint. Komm recht bald! Auch da kannſt Du vielleicht verſöhnen, Du, welcher die ächte Liebe im Herzen trägt. Erzürnt ſprang Volkmar auf, ſtrich heftig die wilden Locken von der flammenden Stirne und ſchritt durch das Zimmer mit klingenden Schritten. Reine Liebe und ächte Liebe um das dritte Wort! ſprach er mit wilder Hohn⸗ lache. So nennen alle die Kinderſeelen ihre gemüthliche und gemächliche ſtille Luſt, die leicht bewahrt im ſchlaffen Herzen wohnt, und die nach nichts verlangt als dem ſteifen Fackelntanze und nach dem Strumpfbandlöſen der ſcheuen Junggeſellenhand, und die am eigenen Kochtopfe und bei der Wiege ihr höchſtes Ziel erlangt ſieht. Solche Liebe macht ſich leicht wie Ringelrennen im bunten Ca⸗ rouſſel, wo es kein Blut gibt und keine Wunde, und die Kindernatur brüſtet ſich noch hoch damit und wirft Steine auf die Nächſten, die nach ihrer lallenden Sprache un⸗ ichter und unreiner Leidenſchaft die ſtarke, kühne Bruſt byten und durch lodernde Feuersbrunſt vom Schickſale gépornt und gepeitſcht wurden. Wild ſtieß er das Fenſter auf, daß der kalte Sturm⸗ ſtoß durch das Zimmer rauſchte. Ich habe auch ge⸗ liebt ſprach er düſter und ſich dicht vor Ludolf ſtellend. Zwöl) Stunden war das Paradies mir vffen und ich 170 tauſchte mit keinem der Heiligen; aber dieſe zwölf Stun⸗ den hielten auch Raum und Zeit meines Glücks völlig umſpannt; als ſie verronnen waren, blieb nichts für mich übrig als Entſagung und Verweſung. Ich liebte ein Eheweib; ſie brannte für mich; doch ſprach ſie nach der erſten Liebesgabe kein Wort wieder zu meinem Herzen. Ich umſchlich ſie als Jägersmann; meine Briefe kamen glücklich in ihres Tyrannen Schloß, aber heraus kam nicht Botſchaft, nicht Gruß; ſie ſchwieg mir, und an dem Räthſel ihrer Gluth und Kälte verglimmt mein Ver⸗ ſtand und wird auslöſchen, ehe denn die Löſung kommt. Sieh! deine Liebe verſtummt vor der meinen wie Nach⸗ tigallſchlag im Donnerſturm und wie Flötenhauch vor der Kriegestrommete. Leide zuvor, dulde zuvor wie ich, und wenn Du dennoch beharrteſt, ſo ſprich: Ich liebte ächt und recht!— Das Erſchrecken, welches durch des Freundes Worte in Ludolfs Bruſt aufgejagt war, machte ſchnell dem Mitleide Platz, und der Jüngling ſah be⸗ trübt dem Manne in das Geſicht voll Verzweiflung und Raſerei, und ſprach ſanft: Ich richte hier nicht, damit man auch mich mit Milde richte. Doch wollte ich, Du wäreſt nie von mir gewichen; die reine Liebe, die das Evangelium lehrt, hätte auch den Vulkan Deiner Lei⸗ denſchaft erſtickt, ehe er ausbrach. Beruhige Dein krankes Herz; Freundſchaft wird Deine Wunden binden. Ich gehe hinauf, mich einige Stunden ſchlafen zu legen. Morger ziehſt Du mit mir zu meiner Hochzeit. Er ging, und Volkmar legte das Geſicht auf die geballten Hände und verknirſchte ein neidiſch Fluchvort zwiſchen den Zähnen. Nach einer Weile trat die unde Wirthin herein, ſäuberte die Lampe und griff dannkrau⸗ lich dem Ritter an die ſchwarzen Armſchienen. Schlaft — M — w 8 8 * 17¹ Ihr, edler Herr? fragte ſie weichmüthig. Solltet lieber ein Stündchen hinaufſteigen in das warme Bett, da Ihr noch weiter wollt durch den ſtürmiſchen Abend. Ihr ſeht ſo gut aus und dabei ſo krank, daß es Einem das Herz umwendet, und der Knapp erzählte mir, daß Ihr ſchon viele Nächte ſo auf den Seſſeln der Herbergen zugebracht, und ſeit Ihr die münſter'ſchen Wiedertäufer mit dem Heſſenfeldherren zu Paaren getrieben und dem blutſau⸗ fenden Schneiderkönig auf ſein Rad geholfen, die ſchwe⸗ ren Waffenſtücke nicht abgelegt hättet. Habt Ihr ſolch' ein Gelübd gethan, ſo war's nicht gut gemacht, denn der Menſch ſoll den Körper ſich nicht vor der Zeit verderben, den ihm der Schöpfer gegeben zu Heil und Freude und ſeinem Preiſe; das heißt Gott ſchänden und verſpotten in ſeinem Werk! predigt der neue gelahrte Herr auf der Dorfkanzel. Gehet zur Ruhe! Schon fſind viele Ritter und Herren vorbeigezogen mit ihrem Troß gen Oſem gegen den Spiegelberger; könnten ſpät noch mehrere kommen und hier übernachten und Euch den warmen Schlafplatz nehmen. Ich bedarf keinen mehr über der Erde! murmelte Volkmar, ohne aufzuſehen.— Daß Gott! rief das Weib, ſo ein junger kräftiger Herr, und ſolche Gedankenunbill! Doch vor dem Hauſe ſchnoben angekommene Roſſe, und Sparre's Hengſt wieherte laut und ſtreitluſtig; zu⸗ gleich rief eine heiſere, unfreundliche Stimme nach dem Wirthe und begehrte Glühwein, und die rührige Frau eilte den neuen Gäſten entgegen. Herein trat Herr Aſchwin von Mißborg im ſilberbelegten Stahlharniſche, viele Goldketten über der Bruſt, ſich beugend in der niedern Thüre, damit der bunte Federwald des Helms nicht knicke, und zugleich abſtäubend vom hellen Scharlach⸗ 102 mantel den leichten Schneeflock. Verwundert betrachtete er dann den ſchwarzen Schläfer, der ſein: Gott grüß' Euch! nicht erwiederte. Unwillig und verſtimmt Platz nehmend, fiel des Eiteln Auge auf den Trauerhelm: er zog die Waffe näher zur Lampe, beſah genau die ſilberne Zier daran, und ſie und ihre Inſchrift ſchnell erkennend, flog er mit einem: Teufel, wie kommt mir das? in die Höhe und ſchlug den Halbſchlummernden mit dem Eiſenſtück dermaßen gegen die Schulter, daß dieſer auffuhr und nach dem neben dem Seſſel lehnen⸗ den Schwerte griff. Wer ſtört den Schlaf der Todten? rief Volkmar heftig.— Aſchwin ſtutzte vor dem Angeſichte, das ihn ſo hohl und fahl anglotzte. Der Helm? ſtot⸗ terte er.— Was kümmert Euch meine Waffe? entgeg⸗ nete zornig der Schwarze.— Aber die Helmzier? Zu⸗ gleich wollte Aſchwin den Silberpfeil ſich nehmen⸗ doch Volkmar entriß ihm mit mächtiger Hand den Stahl⸗ hut und warf ſich den raſſelnden über das Haupt. Da⸗ mengabe und mein Kleinod! ſprach er. Geckerei und Neubegier hat ſich nirgend darum zu bekümmern.— Ein Schmuck meines Eheweibes! Und in fremder Man⸗ neshand! donnerte Herr Aſchwin zurück. Wie kam das? wie konnte das kommen? Ich bin der Mißborger, und Ihr geht nicht aus dieſer Thüre ohne Rede und Aufklärung. Und über Volkmars Geſicht legte ſich eine wilde Freude, von Hohn und Grimm gemiſcht, höher ſchien die ge⸗ beugte Geſtalt zu wachſen, und langſam und abgemeſſen ſagte er: Und ich nenne mich Ritter von Sparre, und mein Schwert fand bislang überall Platz, wenn ich durch wollte und nicht Rede ſtehen wollte vorher. Halt! rief Aſchwin, und preßte wie im Wahnſinn mit der Fauſt ſich die eigene Stirne zuſammen. Wie ift 173 das? Meines Weibes Schmuck an ſolcher Waffe; ſein Feuermal auf meines Kindes Stirne! Verrath und Schmach in beiden! Grauſig löſen ſich die Räthſel. Hinaus zu Roſſe, heraus das Racheſchwert! Denn Solches bedeckt nur Blutſtrom und Todtenlailach. Und wenige Minuten nachher ſaßen die Kämpen auf den Streitgäulen, blank und blutdürſtig Schwerter und Augen, und einen nahen Hügel hinauf, den der Wind vom Schnee geſäubert hatte, ſprengten Beide, der Eine hier hinan, der Andere dort, und die acht Mißborger Knechte folgten ihrem Schloßherrn in Beſtürzung und die Streitrufe der Beiden nicht verſtehend. Zum An⸗ ſprunge ſetzten ſich die Ritter feſt im Bügel, wie aber Herr Aſchwin zum Angriff aufſah, hob ſich gerade der glühende Komet mit ſeinem Feuerſchweife über der ſchwar⸗ zen Geſtalt des dräuenden Gegners ihm gegenüber, als gehöre er zu ſeinem Waffenſchmucke und diene ihm ſtatt eines Helmbuſches. Und ſein Traum fiel ihm bei, und ſeine Hand ſank mit dem Schwerte, aller Muth erloſch und machte der Todesangſt Platz, und Ritterſitte und Ehre vergeſſend, rief er ſtammelnd: Knechte! der Erz⸗ feind bricht über uns ein! Ein böſer, tückiſcher Zauberer ſteht uns gegenüber! Knechte auf! Schonet ihn nicht! er iſt kein Kämpe! Alle darauf! Haut ihn zuſammen und vertilgt ihn! Mit wildem Halloh ſprengten die Reiſigen auf den Anruf des Herrn den Hügel anwärts, indeß der feige Herr ſich herabzog an der Straße Rand;z aber Volk⸗ mars Schwert blitzte vorweg, die Knechte flogen aus⸗ einander vor Roſſes⸗ und Mannesmacht, und gerade ein auf den bübiſchen Anhetzer ſprengte der Zorn⸗ erglühte. 174 Sein Schwert erreichte ihn nicht. Zu ſcharf hatte des Bangenden Hand den Zügel gezogen; der Streit⸗ hengſt drängte ſich bäumend und wild zurück, der Rand der Straße wich unter dem ſtampfenden Hufe, und Roß und Reiter ftürzten in den Steinbruch hinab, und nur hohle Angſttöne des zerſchmettert Sterbenden hallten noch aufwärts an der ſtillen Wand der ſchwarzen, gähnenden Kluft. In tiefer Ruhe lag noch die Stadt Hannover; ſelbſt die Wächter ſaßen ſchlummernd im gewärmten Wacht⸗ hauſe, und kaum ſichtbar war am öſtlichen Horizonte des neuen Tages erſter Lichtſtreif, der das weiße Schnee⸗ gewölk mit einem Blutſaume färbte, da pochte man mit ſtarken Schlägen am Eichenthore des Leinethurmes. Der ſchlaftrunkene Wächter fragte grämlich aus der Schießſcharte nach, und da er bekannte Namen hörte, ſo öffnete er träge mit den ſchweren Schlüſſeln die Pforte. Einzog durch das finſtere Gewölbe Ritter Ludoif von Golturne, nach ihm Ritter Volkmar von Sparre und ein Häuflein Knechte, welche auf einer Bahre von Speeren über zwei ſtille Roſſe gelegt den Leichnam des Herrn Aſchwin von Mißborg mit ſich führten, den ſein Schar⸗ lachmantel verdeckte. Wortlos zog der Leichenkondukt zur Leinſtraße und in den Thorweg des Sode'ſchen Hauſes, der geöffnet ſtand und worin die große Laterne noch prannte. Kaum im Hofe angelangt, trat ſchon den ab⸗ ſitzenden Rittern Fräulein Margarethe entgegen, zwar im Trauergewande, doch mit einem Freudenſchrei, da ſie ihren Ludolf an der Spitze des Zuges erkannte. 2 P — 175 Du bringſt Sonnenlicht in ein Grabgewölb, ſprach ſie, ſanft und innig ihn umfangend, und biſt zwiefach willkommen deßhalb. Junker Heinrich iſt am böſen Fieber geſtorben und liegt oben im Sarge zur ſchnellen Be⸗ erdigung nach des Rathes Befehl, und ſein Vater, der fort in die Fehde gezogen, weiß nicht einmal davon, und die Mutter weint ganz allein neben der Leiche, und das ſieht ſich gar zu traurig an. Du wirſt tragen hel⸗ fen, Du wirſt tröſten. Tröſten! erwiederte Ludolf finſter. Ich bringe Todte zu den Todten, und ſchwarze Flöre umziehen immer dichter unſern Hochzeitskranz.— Sie ſchritten hinein durch den leeren Vorplatz in den großen Saal; Ritter Volk⸗ mar trat ſchwer athmend ihnen nach. Zwiſchen ſechs Kerzen ſtand der kleine Sarg; ſauere, ſcharfe Dämpfe qualmten zwiſchen den Wohlgerüchen des Weihrauchbeckens hindurch, und am Leichengerüſt jenſeits des Sarges ſaß einſam Frau Bertrada, ganz ſchwarz gekleidet und den ſchönen Kopf mit einem düſtern Schleier umhüllt. Volkmar trat erſchüttert und ſchwankenden Trittes auf ſie zu, und ſie bedeckte bei ſeinem Anblicke mit beiden Händen die thränenleeren, im großen Schmerz ausgetrockneten ſchö⸗ nen Augen. Er kniete hin an den Sarg und reichte ſeine Hand hinüber. Du biſt frei, Bertrada! ſprach er aus beklemmter Bruſt; Herrn Aſchwin hat Gott gerichtet, und aus der Verweſung leuchtet uns ein Verſöhnungslicht des Himmels. Still, o ſtill! rief ſie, das ernſte Geſicht enthüllend. Verſuche mich nicht auf's Neue, denn nur im Marien⸗ kloſter zum Werder iſt mein Platz, wenn Du die Wahr⸗ heit ſprachſt. Und als der Ritter die Hand hob zur Betheurung, 176 zog ſie den ſchwarzen Schleier ganz hernieder über ihre Geſtalt. Volkmar ſtarrte ſie einen Augenblick an, als ſuche er des neuen Räthſels Sinn; dann warf er heftig den Sargdeckel aus ſeinen Fugen, ſchaute die kleine Leiche mit glühenden, verſchlingenden Blicken an und ſtürzte ſich voll Inbrunſt auf des todten Kindleins Mund. Was thut Ihr, Herr Ritter! ſchrie Margarethe. Ihr ſauget die Peſt ein und werdet auch Euch verderben. Still, o ſtill! ſprach der Ritter mit ſeltſamem Nach⸗ klange. Der Verſucher iſt gerichtet, die Sünde iſt be⸗ zahlt mit Wucher, und mein Flatz iſt auf Sanct Nikolai neben dieſem Engel, der ſchon jetzt für uns bittet bei dem Allbarmherzigen! Und was bedeutet mir das Alles, was mich ſo ängſtigt? fragte die Jungfrau den Bräutigam, indem ſie ihn furchtſam umfing. Es zeigt Dir den Menſchen, der dem Schickſal erliegt, weil ihm der Glaube als Führer und als Leitſtern mangelte! antwortete Ludolf, und preßte mit einem frommen, ſchmerzlichen Blicke gen Himmel den Lockenkopf der theuern Braut an ſeine gramgefüllte Bruſt. £ 2 — — — — — — — — ſ Blumenhagen. XKIV. Mitten auf der ungeheuren Haidfläche, die vom linken Ufer der Niederelbe ſich tief in das Land hineinzieht, befand ſich ein einzelner Reiſender. Es war im Spät⸗ ſommer und der Tng hatte ſchon längſt einer unfreund⸗ lichen Nacht die Herrſchaft abgetreten. Der Wind ſtrich ſcharf über die endloſe Ebene, die ihm nirgend Wider⸗ ſtand und Hemmung darbot, und ein breiter, dichter Wolkenzug ohne Ende trieb an dem Himmel hin, einem ſchweigenden, nächtigen Zuge von Kriegsvölkern gleich, die ein gefährliches Unternehmen, ein Ueberfall oder ein Feſtungsſturm aus den ſichern Standquartieren rief zur Zeit, die dem Menſchen nicht befreundet iſt, und in welcher er ſich nur wohl fühlt unter feſtem Dache und hinter verſchloſſenen Thüren. Der Reiſende war zu Pferde. Man hatte ihm in einem kleinen Orte, wo er um die Dämmerung Halt gemacht, die Stadt am Elbufer, in welcher er Nacht⸗ ruhe haben wollte, nur noch drei Meilen entfernt ge⸗ nannt, und vertrauend auf ſein wackeres Thier ſchien ihm der kurze Nachtritt auf befahrener flacher Straße kein abſchreckendes Hinderniß. Wohlbewaffnet, nur mit einem kleinen Mantelſack beſchwert, auch ſolcher ein⸗ ſamen Märſche wohl gewöhnt, da er als Jüngling die letzten Feldzüge der fremden Legionen auf ſpaniſchem Boden mit durchgefochten, war ſein Sinn durch nichts beunruhigt worden, und er hatte keine Ahnung gehabt, daß ſeiner Entſchloſſenheit noch heute eine arge Prüfung bevorſtehe. 180 Die menſchenleere Straße verfolgend, auf welcher kein fremder Gegenſtand ihn anregte, verſank er in ein ſtilles Sinnen, trieb ein Spiel mit den eigenen Ge⸗ danken, tauchte in Vergangenheit und Zukunft, und mußte ſo unbeachtet gelaſſen haben⸗ daß ſein Pferd auf einem Seitenwege von der Straße abgeirrt ſey. Die Zeit ſchien ihm endlich längſt verfloſſen, in welcher er auf einige kleine Dörfer hätte treffen müſſen; es war ganz Nacht geworden, ſein Thier ſtolperte gegen ſeine Gewohnheit zum öftern, und als er abſaß und den Weg unterſuchte, fühlte ſeine Hand nur ſcharfe Wagen⸗ ſpur mit dürrem, kurzen Kraut umwachſen, und daß er verirrt, ward ihm zur Gewißheit. Er ſtand eine Weile, ſich beſinnend und mit angeſtrengten Augen rund um⸗ ſchauend durch die trügeriſche Finſterniß: Alles erſchien als eine graue Fläche, kein Gegenſtand wurde durch ein ſchwärzeres Colorit bemerkbar. Er rief mit ſchal⸗ lender Stimme in die Nacht hinaus: kein lebendiger Ton antwortete, kein Hund bellte nah oder fern, nicht einmal ein leiſer Wiederhall erwachte. Er ließ ſeine Taſchenuhr ſchlagen und ſie ſagte ihm, daß er der Zeit nach nicht mehr fern von der gewünſchten Stadt ſeyn könne, und da das große Wolkentuch gerade jetzt vor dem Winde zerriß, und hie und da einige Sternbilder ſichtbar wurden, ſo nahm er gleich dem Schiffer im vahnloſen Meere nach ihnen ſeine Richtung, ſetzte ſich wiederum im Sattel feſt und trieb ſein Roß langſam vorwärts. Aber das graue Nachtmeer, auf dem der Verſchlagene ſchwamm, ſchien keine Ufer zu haben, denn wiederum war eine lange Stunde verlaufen, und die im Sternen⸗ ſchimmer nicht mehr ſo ganz undurchdringliche Dunkel⸗ W 181 heit bot immer noch keinen geſuchten Gegenſtand dar, der von menſchlicher Nähe ein Vorzeichen gegeben. Nicht einmal ein Baum zeigte ſeine verworrenen Umriſſe, dazu ſchien jetzt jeder Weg verſchwunden, das Pferd fuhr mehrere Male geſcheucht und ſtöhnend zuſammen bei ungeheuren Steinballen, auf die es traf, oder gleitete in Tiefen hinab, deren Rand niederes Strauchwerk tückiſch verſteckt gehalten. Die Flamme der Geduld im Gemüth des Reiters war dem Erlöſchen nahe, ärgerlich biß er die Lippen, und eine fieberhafte Unruhe ſcheuchte ſeine Furchtloſigkeit. Und liegt doch auch für das kräf⸗ tigſte Männergemüth etwas Widerwärtiges und Drückendes darin, ſich in unbekannter Oede, zu unheimlicher Zeit, von allem Menſchlichen und Befreundeten verlaſſen, den feindſeligen Gewalten der Ratur und verworfener und entarteter Mitgeſchöpfe Preis gegeben zu wiſſen, und gerade je kräftiger das Gemüth, je peinlicher muß ſolche Lage werden. Dazu ſchnob das ermüdete Thier und ſchüttelte ſich oft, als verkünde ihm ebenfalls ſein In⸗ ſtinkt eine nahe Gefahr, und von ſeiner naſſen Haut ſtieg der warme Dampf ſichtlich in der kühlen Nachtluft rund um den Reiter empor und hüllte ihn in eine ge⸗ ſpenſtiſche Wolke. Schon beſchloß der Reiter, auf der Stelle den Tag zu erwarten, eine der großen Stein⸗ maſſen, auf welche er wieder getroffen, zum Nachtquar⸗ tier und Bett zu wählen, und ſeinem Thiere Ruhe im Kraut zu gönnen, da blitzte es ihm in's Auge, und neu aufgeregt blickte er ſcharf nach dem Punkte hin. Bald überzeugte er ſich, es ſey kein Stern am Horizonte, es ſey ein Licht, was ſein Sehorgan berührt, und freudig bog er um nach der Seite und ſpornte das Pferd zu raſcheren Schritten. 182 Der Lichtſchimmer wurde deutlicher und näherte ſich mit jedem Augenblicke, ſchon glaubte er einige Gebäude zu erkennen, da erhob ſich ſein matter Gaul wie zu einem Sprunge und brach ſogleich nach der vergeblichen Anſtrengung unter ihm zuſammen. Der unvermuthete Stoß hatte den Reiter aus dem Sattel geworfen und er fühlte einen heftigen Schmerz am linken Arme. Das Pferd ſtreckte ſich in der ſchroffumrandeten Vertiefung, zu der es der unaufmerkſame Gebieter geſpornt, und weder Anruf noch Zügelſchlag vermochte das ſtöhnende Geſchöpf aufzureißen; es blieb daher dem Reiſenden nichts übrig, als die nahe ſcheinende Hülfe in Anſpruch zu nehmen, und er ſchritt auch ohne Bedenken dazu. Das Licht ſtrahlte durch die trüben Scheiben eines kleinen Fenſters, das einem ärmlichen Hauſe zugehörte, in welchem kein Lebenslaut vernehmbar war; doch ſo⸗ bald der Reiſende an die niedere Thüre geklopft und ſeinen Hülfsruf hatte erſchallen laſſen, ward es rege und wach im Innern: das Licht bewegte ſich, der Riegel klang, und ein Mann ſchaute verwundert auf den ſpäten Gaſt und beleuchtete ihn mit der blechernen Lampe von unten bis oben, doch nur wie in Neugierde, nicht wie in Beſorgniß oder Furcht für ſich ſelbſt. Auch der Reiſende betrachtete den Hauswirth mit Verwunderung, denn er hatte einen Andern erwartet. Vor ihm ſtand ein Greis mit gekrümmtem Rücken und einen Stelzfuß nachſchleppend. Das im Luftzuge flackernde Lampenlicht warf ſcharfen Schein und ſcharfe Schatten zu einem Geſicht hinauf, das durch ſtrenge, markirte Züge überraſchte; ein ſchneeweißer langer Schnauzbart zog wohlgepflegt einen Bogen über den bleichrothen⸗ zahnloſen Mund und hing bis unter das weit vor⸗ ————————— — 183 ſtehende Kinn herab, und rundum am Rande der dun⸗ keln Spitzmütze, ähnlich der Kopfbedeckung der Palikaren, ſchlichen ſich glatte Haare von Eiſesfarbe ſparſam hervor; doch den Hauptcharakter bekam dieſer auffallende Greiſen⸗ kopf durch ein ſchwarzes, unter breiter, ſilbergrauer Aug⸗ braue und aus tiefer Augenhöhle hervorblitzendes Auge, nur Eines, denn das andere lag todt und eingefallen unter einem ſchlaff herabhängenden Augenlide. Die Unterkleider des Greiſes waren bäuriſch, doch die ganz reinlichen weißlichen Wollärmel, die aus einem blauen Wamſe mit Metallknöpfen hervorgriffen, die ſchwarz⸗ lederne Halsbinde und die Stellung, in welche der Greis ſich bei dem Anblicke des Fremden verſetzte, indem er den von der Zeit gebogenen Rumpf ausreckte, auf dem Stelzfuße ſich hob, und ſo im Augenblick zu einer Größe über gewöhnliche Mannslänge ſich verwandelte, verrieth den Militär, den ehrenwerthen Invaliden. Was beliebt dem Herrn? fragte der Greis mit der⸗ ber, barſcher Stimme, die keine Altersſchwäche, doch deſto mehr Argwohn gegen den mitternächtigen Fußgänger verrieth. Der Reiſende erzählte kurz ſeinen Unfall und bat um Hülfe, um Menſchenarme gegen gute Zahlung zur Rettung ſeines edeln Pferdes. Die Mienen des Alten änderten ſich ſogleich, und die Strenge machte der reinſten Gutmüthigkeit Platz. Menſchen ſind hier rar, und die Nachtmützen dort in den beiden Nachbarhäuſern kriechen in das Stroh, ſobald der Hahn den Zapfenſtreich kräht und zu Quartier geht, und wenn alle Trompeter unſerer Armee Allarm blieſen, höben dennoch die Faulpelze den ungewaſchenen Kopf nicht vom Kiſſen. Aber Hülfe ſollt Ihr haben; tretet nur erſt unter unſer Dach, und Gott ſegne den 184 Eingang. So ſprechend machte der Greis rechtsumkehrt und leuchtete über einen kurzen Gang ſeinem Gaſte mit Vorſicht und Anſtand voran bis zum Stübchen, wo er, nachdem er die Lampe auf den Tiſch geſetzt, ohne Auf⸗ ſchub in rühriger Weiſe Hornlaterne, Stricke und Riemen zuſammentrug, ein leinenes Fuhrmannshemde überwarf und einen Reiterſtiefel über das geſunde Bein zu ziehen ſich mühte. Des Reiſenden ſcharfer Blick überflog indeß das enge Gemach und kam mit der Gewißheit zurück, er ſey nicht in eine verdächtige Spelunke, ſondern in eine ehr⸗ liche und geregelte Wirthſchaft gerathen. Alles Geräth war alt und armſelig, aber reinlich und wohlerhalten; Zinngeſchirr und Glaskram prangte wohlgeputzt auf dem Wandbrett und eine hölzerne Kukuksuhr an dem Thür⸗ pfoſten; die Bank unter dem Fenſter war mit wohlge⸗ waſchener Wolle bedeckt und Kratzkamm und Wollrad daneben zu ſehen, mit unvollendeter Arbeit beladen; auf dem Tiſche ſtand der große irdene Bierkrug mit blankem Deckel und dabei lag aufgeſchlagen ein großer Foliant, den geſpaltenen Schriftkolumnen und den Holzſchnitten nach ein altväterliches, fleißig benutztes Exemplar des Hausſchatzes in den Bibliotheken unſerer deutſchen Alt⸗ väter: eine Hausbibel. Könnt von Glück ſagen, Herr, plapperte der Alte während ſeiner Anſtalten, daß der Maccabäus einmal in der Welt gelebt und als tapferer General die Edo⸗ miter und den frechen Timotheus maſſakrirte, wobei es nur ſchwer zu glauben, daß er ein Jude und mit dem Schachervolke Thürme und Feſtungen im Fluge erſtürmt, denn hätte der alte Huſar nicht in mir geſpukt und wäre heute nicht gerade der Tag geweſen, wo mir vor 185 vierzig Jahren bei Hondſchooten ein malitiöſer Sans⸗ culotte das Auge ausblies, und hätte der alte Kaspar ſich Schlafloſigkeit und Grillen nicht durch das Buch da, das für Alles, was ein Menſchenkind trifft, der beſte Feldmedicus bleibt, zu vertreiben verſucht, würdet Ihr bis an den lichten Tag umſonſt Kreuz⸗ und Quer⸗ märſche gemacht und kein Wachtfeuer Euch zum Lager den Weg gezeigt haben. Aber Potz Sarras und Kom⸗ misbrod! wie kamet Ihr dazu, durch ſolch fremdes und coupirtes Terrain Euern Nachtmarſch zu machen, ohne einen Guiden zu dingen? Ihr ſeht doch ſonſt ganz aus wie ein verſtändiger und umſichtiger Cavalier. Habt Ihr niemals Euern Rittmeiſter eine falſche Attake machen ſehen, Alter? Iſt es Euch ſelbſt immer gelungen, den Mann auf der Zügelſeite zu faſſen und ihn im Handgelenk zu treffen? antwortete der Fremde. Der Zufall iſt der Zeltkamerad der Soldaten und der Reiſenden; iſt er nicht ſattelfeſt, hält er nicht Schritt und Linie und marodirt lieber, ſo geht's ſchief mit der wackerſten Fauſt und mit dem beſten Auge. Der Alte horchte wie beſonders erregt auf und blickte raſch zur Seite nach ſeinem Gaſte. Ihr tragt die linke Hand ſo ſchlecht, Herr? fragte er lebhaft. Habt doch nicht ſelbſt eine Bleſſur bekommen? Verſtauchung, nichts weiter, ſo hoffe ich. Schmerzt und brennt ein Bischen. Doch davon hernach! Laßt uns nur zuerſt nach meinem Thiere ſehen. Der Greis ſprang raſch vom Schemel auf, und ſein Auge leuchtete hell den Fremden an. Auf Huſarenparole, Ihr ſeyd Soldat, ein Reiter, und einer von der ächten Sorte! rief er laut. Ein Bürgerfant hätte nach Spiritus und Binden gefragt, nach dem Chirurg gewimmert, und 186 erſt ſpät im Bett an ſein Thier gedacht. Dem Reiters⸗ manne nur, ſey er Küraſſier, Huſar oder Dragoner, iſt ſein Brauner der beſte Freund, ſein treuer Schatz auf Leben und Tod, und hat er ihm nur eine fette Streu gelegt und gute Fourage vorgeſchüttet, ſchläft er gern auf einem Steine, gleich dem Jakob, und träumt von der Himmelsleiter. Habt nicht Unrecht, Alter, lächelte der Fremde und bot dem Wirthe die Rechte. Ich bin eine Art von Kamerad und habe den Erzfeind tüchtig klopfen helfen, obgleich ich nicht ſo viele Ehrendenkzeichen als Ihr heim⸗ gebracht. Gott ſchenkt ſeine Glücksgüter nicht an Jedermann gleich gnädig! verſetzte der Greis mit Humor und ſchüt⸗ telte derb die dargebotene Hand. Aber jetzt helfe ich noch einmal ſo gern, und iſt auch der Bleſſirte draußen vielleicht kein tapferer Campagnegaul, der mit Luſt Pulver gerochen, ſo ſoll ihm doch auf's Schnellſte chriſt⸗ liche Hülfe werden, denn der Hufſchmied unſerer Schwa⸗ dron galt für den geſchickteſten in der Armee und ich habe ihm Vieles abgeſehen, habe dem Schimmel des Generals oft die Ader geſchlagen, und ſpäterhin man⸗ chem Mutterſöhnchen auf dem Blutfelde, wenn unſer junger Medicus etwa im hohen Kornfeld Mittagsruhe gehalten oder bei der runden Marketenderin ſich geſtärkt, das Leben ſalvirt. Mit ſeinem Geräth und der Laterne beladen, ſchritt wie verjüngt der Greis hinaus, weilte jedoch an einer kleinen Thür auf dem Vorplatze und klopfte derb an dieſelbe. Das Wettermädel hat einen geſunden Schlaf, ſagte er entſchuldigend dabei; muß aber auch des Tages Laſt tragen für Zwei, denn ſeit Kurzem will's oft nicht 187 mehr fort mit dem alten Kaspar, und die Bruſt klemmt zu Zeiten, als hätte man mich zu den Küraſſieren ver⸗ ſetzt. Habt Ihr's gehört, Herr? Nicht wahr, ſie hat geantwortet? Eine Stückkugel, die mir bei Dünkerken etwas unverſchämt bei der Pelzmütze vorbeiſpazierte, hat mir die Ohren verdorben. Guſtel, heraus aus der Wolle, es hilft einmal nichts, und ſperr' Dich nicht lange! Feuer auf den Herd, ein Süppchen gekocht, Wachholder aus dem Keller und Alles auf den Tiſch, was Gott beſchert und unſer Appetit übrig gelaſſen. Munter, Guſtel, es iſt ein braver Gaſt über die Schwelle getreten! Er ſchritt nun vollends zum Hauſe hinaus, und, nachdem ihm der Reiſende die Gegend angedeutet hatte, friſch in's Freie und in die Nacht vorwärts. Der Fremde konnte dem Stelzfuße kaum nach, doch zuvor zog ein Geräuſch ſeine Augen ſeitwärts, und verwundert glaubte er eine weibliche Geſtalt zu bemerken, die an der Haus⸗ wand her zur Thüre ſchlüpfte, ein Körbchen in der Hand zu tragen ſchien und im dunkeln Eingange verſchwand. Eine Frage brannte ſchon auf ſeinem Munde, doch, ſich befinnend, erſtickte er ſie, ehe ſie die Luft berührt; konnte ſie doch ſeinem braven Wirthe vielleicht ein Aergerniß bringen, obgleich ſich ihm dabei die Ahnung irgend eines Geheimniſſes unwillkürlich aufdrang. Als ſie zu dem Flatze kamen, wo der Reiſende den Sturz gethan, fanden ſie das Roß aufrecht ſtehend, doch mit geſenktem Kopfe und heiß dampfender Haut. Es wieherte nicht, wie ſein Herr ſich näherte, ſondern drehte die großen Augen wie beängſtigend bald zu der Laterne, bald zu dem alten Kriegsmanne, der es ſogleich hart antaſtete, und man ſah das edle Thier zittern. Die Bruſt blutete: der ſcharfe Stumpf eines zerriſ⸗ 188 ſenen Wachholderſtrauchs hatte das Fell aufgeritzt; doch bedeutender erſchien eine Verletzung am Unterfuße, bei welcher der Viſitator den Kopf ſchüttelte. Der Herr wird auf einige Tage zur Infanterie ge⸗ ſetzt werden, ſagte er, indem er dem ſchnaubenden Thiere einen feſten Verband anlegte; doch wenn ihm das Hoſpital des Wachtmeiſters Kaspar nicht zu ſchlecht iſt, ſoll Reiter und Roß in einer Woche wiederum auf dem Feldfuße ſtehen. Mühſam zogen Beide jetzt das hinkende, heftig ſchnau⸗ fende Thier zum Hauſe, und beruhigt ſah es der Herr in einem netten Stalle untergebracht, in welchem der alte Wachtmeiſter ſein letztes Beutepferd zu Tode ge⸗ füttert, und der faſt bequemer und geräumiger gebaut war, als die eigene Wohnung des weißbärtigen Caval⸗ leriſten. Im Hauſe ging es jetzt zur Unterſuchung der Hand des Fremden, die hochangeſchwollen ſich zeigte, und ebenfalls mit Spiritus und einer tüchtigen Knebel⸗ vinde bedient wurde. Der Reiſende ſah indeß mit Ver⸗ wunderung, daß alle Befehle des Hausherrn während ihrer Abweſenheit vollzogen worden. Das Herdfeuer flackerte unter dem Topfe, der Tiſch war reinlich gedeckt und ſokratiſch, doch genügend beſetzt. Das weibliche Ohr mußte nahe geweſen ſeyn, und, wenn auch nicht im Bett, doch die derbe Commandoſtimme des Alten wohl verſtanden haben. Jetzt Kehle und Magen geſtärkt und befriedigt⸗ be⸗ fahl der Alte, und dann zur Ruhe. Die Guſftel ſoll ihr Bett hergeben und in meiner Kammer ſich ein Plätz⸗ chen bereiten. Nach ſolchem Nachtſcharmützel ſchläft man auf jedem Flecke wie ein Bär, und die Guſtel iſt eine reinliche Dirne, ein unſchuldig Ding, keine gemeine M W N 189 Magd, und der Herr wird ſein Lager vielleicht ſo gut finden wie das beſte ſtädtiſche Poſthausquartier. Morgen tauſcht ſich dann vielleicht noch mancherlei unter uns aus; nur wie der Kaspar ſeinen Gaſt zu tituliren hat, möchte er vor dem Bettgehen erfahren, nicht aus Neu⸗ begier, nur um des Reſpekts willen. Nennt mich Lieutenant, Väterchen, oder Hauptmann, obgleich ich längſt den Dollmann in die Polterkammer gehängt; ich meine, es geſchieht Euch ein Gefallen da⸗ mit, lächelte der Fremde. Als Lieutenant ging es im Chok gegen die Quarrés der Blauen; der Hauptmann war eine Zugabe zum Abſchiede. Oder noch beſſer, nennt mich den Vedetten⸗Marx, denn ſo titulirten mich meine Kameraden, weil die Vorhut und die verlorenen Poſten in den wilden Jahren zu meinen Liebhabereien gehörten. Ei ſieh doch, jubelte der Alte, ſo gab's doch noch unter der jungen Armee unſersgleichen! Meinte ich doch, ſeit die Zöpfe und deutſchen Sättel den Schnürbrüſten und Pritſchen Platz gemacht, wäre der Drang zum Ve⸗ dettendienſt aus der Mode gekommen. Nun, Herr Haupt⸗ mann Max, ſeyen Sie nochmals willkommen; der alte Kaspar ſtreicht dieſen Ehrentag mit Rothſtift im Haus⸗ kalender an. Der Eintritt des Mädchens, das einen friſchgefüllten Bierkrug brachte, unterbrach den redſeligen Wirth, und machte auf den Gaſt einen unerwarteten Eindruck. Biſt früh geſtört, Guſtel, redete der Alte ſie an, und knipp ihre Wange; aber Noth hat kein Gebot, und der Herr da iſt ein Soldat, ein Reitersmann, und vor ſolchen hat keine Thüre ein Schloß, ſie ſprengen Küche und Koller und nehmen ſich das beſte Bett vorweg, und das 190 mit Recht, denn wer drein gehauen und geblutet für König und Bürger und Bauer, dem kann nichts zu gut ſeyn im Herrenhauſe oder unter dem Strohdache. Sey mir nicht gram, ſchönes Kind, fiel der Fremde ein, daß mein Beſuch Dich aus dem warmen Neſte trieb, auch iſt mir ein Strohlager hier am Boden völlig ge⸗ nügend, und ich möchte nicht durch koſakiſche Manier es mit der freundlichen Wirthin in der erſten Stunde ver⸗ derben. Das Mädchen hob ihr dunkles Auge mit einem Aus⸗ druck von Beſorgniß und Bitte auf einen Augenblick zu ihm, dann ſenkte ſie es wieder und verſetzte ſcheu: Der Großvater weiß am klügſten zu befehlen und verſteht, was vornehmen Gäſten zukömmt. Die Nächte werden ſchon lang und der Schlaf holt ſich ſchon nach. Euer Großkind alſo? forſchte Herr Max weiter, als die Dirne das Zimmer verlaſſen. Man ſieht ihr's an, daß ſie nicht in dieſer Steppe geboren, in der man nur flachsköpfigen Menſchen mit flachen, ſtumpfen Geſichtern begegnet. Sie hat das dunkle, blitzende Augenpaar von Euch, und Euer ſtattlicher Schnauzbart, früherhin eben ſo kaſtanienbraun wie die Flechten der Guſtel, mag den flandriſchen Weibern Herzpochen gemacht haben. Iſt das Mädchen Eure ganze Verwandtſchaft? Der Alte zog ein kurioſes Geſicht, aus deſſen Gri⸗ maſſen jedoch Herr Max nichts Deutliches abzuleſen ver⸗ mochte. Bin ein Hageſtolz geweſen mein Lebenlang, ſtotterte er endlich; war eine Waiſe, als ich zu dem Kriegsvolk kam; die Mutter ſtarb, nachdem ich kaum eine Stunde lang Gottes Luft eingeſogen, und der Vater folgte nicht lange nachher; der Ueberfluß, die fetten Brocken ſeiner Landſchulmeiſterſtelle mögen ihm den frü⸗ 191 hen Tod gebracht haben. Des Hirtenkittels ſatt, lief ich zu den preußiſchen Huſaren und blieb mit dem tapfern Herzog von Braunſchweig in dem Dreck der Champagne ſtecken, ritt dann zu den vaterländiſchen Dragonern, bis ich bei Bergen dicht an Jorks Seite mein müdes Bein im Schlamm der Straße liegen ließ. Im Soldaten⸗ leben alt geworden, kam ich über den Segensſpruch des ſchwarzen Mannes hinweg, und der zerſchoſſene Krüppel mochte kein Weibſen mit ſeiner Gebrechlichkeit betrügen. Zu mehreren Malen ſaß das Glück hinter meinem Sat⸗ tel; ehrliches Beutegut fiel in meinen Mantelſack. Müde des wirren Getreibes unter den Menſchen, ärgerlich, als ein Gegenſtand des Mitleids unter den Geſunden herum⸗ zuſtolpern, von meinem König mit einer Penſion be⸗ gnadigt, ſiedelte ich mich hier in der Wüſte an, wo ich ſelbſt mein König, mein General, mein Amtmann ſeyn durfte, und als die Dirne, einer Baſe Kind, elternlos wie ich, mir vom Zufall daher geworfen worden, man⸗ gelte mir nichts mehr, und hat ſie erſt einmal ein wackerer Mann zu ſeiner Hausehre gemacht, dann mag der große Generaliſſimus immer ſeine Retraite blaſen laſſen. Nur das iſt die einzige Sorge, die unter dieſem Dache woh⸗ net; doch ſagte unſer Feldprediger immer: Sorgen ſind das Gewürz des Lebens, ohne ſie wäre das Daſeyn eine ungeſalzene Breiſchüſſel! und er mag Recht haben, denn wenn ich von der Zukunft der Guſtel träumte und rech⸗ nete, iſt mir ſchon manche lange Stunde im Sturm⸗ ſchritt vorübergelaufen. Herr Max wollte noch Manches fragen, doch der Wachtmeiſter trieb ihn ſo determinirt zum Marſche in das Nachtquartier, daß er weichen mußte, wollte er nicht zudringlich erſcheinen; aber das ſchlanke, braunlockige 192 Guſtchen, deren ſichtlich unberührtes, friſchkaltes Bett er beſtieg, verband ſich gegen ihn mit ſeinem ſchmerzenden Arme und ließ ihn erſt ſpät die nöthige Erquickung des Schlummers genießen. Die Sonne ſtrahlte blendend von den weißen Wän⸗ den des Kämmerchens zurück und verwundete die ſchlaf⸗ trunkenen Augen des ſpät Erwachten. Er mußte ſich bei⸗ nahe erſt beſinnen, wie er in dieſes knappe und kurze Jungfrauenbett gerathen, zu dem die Reiſekleider auf dem Bretſtuhle nicht paſſen wollten. Rundum herrſchte Grabesſtille, und als er das Stübchen des Wirthes auf⸗ ſuchte, fand er den Greis vor einem Vogelbauer beſchäf⸗ tigt, einem Dompfaffen ſein Futter einzuſchütten. Nach einer deutſchen, warmen Begrüßung ſagte Herr Max: Ihr habt Euch klug verſorgt in Eurer Einſamkeit, Al⸗ terchen. Auch der Hausmuſikus iſt nicht vergeſſen und pfeift ſicherlich das: Auf, auf, ihr Brüder und ſeyd ſtark! oder gar das Schiller'ſche Reiterlied. Der Wachtmeiſter ſah ſchmerzlich auf den Bauer hin⸗ ab. Ja, ja, wenn wir nicht alt würden! ſagte er leiſe. Als ich das Vögelchen vor zwölf Jahren von einer Harz⸗ frau erhandelte, da pfiff es ſeinen Deſſauer Marſch am Schnürchen, und ſeine Uniform, Scharlach mit Blau, ſchimmerte ſo blank und friſch, wie ſie nur der jüngſte Cornet in der Pferdegarde auf ſeiner erſten Parade getragen. Jetzt iſt das Thierchen ſtockblind geworden, hat das Zipperlein am linken Fuße, die Farben find verſchoſ⸗ ſen und rauh, mühſam findet es ſich zurecht in ſeinem kleinen Palaſte, nur die Gewohnheit läßt es Futterkaſten und Waſſerglas nicht verfehlen, und am liebſten liegt es at m ten 193 am Boden im Sande auf dem Bauche. Pfeifen thut es längſt nicht mehr, begrüßt die Hand, die es füttert, mit keinem Freudenlaut, und hackt nicht mehr ſpielend mit dem Krummſchnabel nach dem Finger ſeines Herrn. Der Tod wäre Wohlthat für den Vogel, aber ich kann das Geſchöpf nicht tödten, das mir manche Freude ge⸗ macht, und will der Natur nicht vorgreifen. Ich ſehe mein Ebenbild in ihm: blind und lahm; das Alter iſt die Zeit der Entſagung, der gütige Gott läßt es in ſei⸗ ner Weisheit allmälig kommen. Auf einmal würde der ſchwache Adamsſohn ſeine Entbehrung nicht ohne Murren und Verzweifeln zu ertragen vermögen. So ſpricht man: Wie der Herr will! Für mein Pfäfflein und mich wird ſchon die rechte Stunde ſchlagen, und gar zu fern kann ſie nicht mehr ſeyn. Es lag etwas wahrhaft Rührendes in den Worten des Alten, und beſorgt fragte Herr Max, indem er des Mädchens und ſeines Nachtganges gedachte: Es iſt doch über Nacht nichts Unangenehmes paſſirt? Waret Ihr doch geſtern ganz anders, waret voll Lebensmuth und voll ungetrübter Laune. Sie ſind ein treuherziger und herablaſſender Herr, verſetzte der Wachtmeiſter, man kann Ihnen nicht viel verſchweigen. Beliebt es, indeß die Guſtel das Früh⸗ ſtück verrichtet, einmal außen unſere Wirthſchaft zu be⸗ ſchauen, ſo findet ſich dabei wohl die Gelegenheit, ſolchen Fragen Genüge zu thun. Beide verließen das Zimmer und traten in das Freie hinaus. Durch die bequeme und ſinnige Einrichtung ſei⸗ nes Wirths eingewiegt, trafen die Umgebungen ſeines gezwungenen Aufenthaltes deſto ſchroffer die Blicke des Fremden, der ſein Leben meiſtens in fetten, reichen Lan⸗ Blumenhagen. XIV. 13 — 194 destheilen zugebracht hatte. Eine weite unabſehbare Ebene breitete ſich vor ihm aus, deren kaum erkennbare Gren⸗ zen nur hier und da durch einzelne Tannenholzung ſich beſtimmen ließen, meiſtens jedoch ſich in's Blaue ver⸗ liefen. In triſter Einförmigkeit überzog die ganze Fläche ein dunkles, halbverdorrtes Haidekraut, und trug daſſelbe auch gerade jetzt ſeine rothen Blüthenbüſchel, die in der Nähe die feinſten Blumenglöckchen ſchauen laſſen, und, von einer kunſtſinnigen Hand geſchnitten⸗ nicht un⸗ werth ſcheinen dürften, Hut und Buſen der zierlichſten Dame zu ſchmücken, ſo ließ das trübe bräunliche Roth in ſeiner Maſſe dennoch die Flur noch ſteriler und gleich⸗ ſam mit einer Brandkruſte überdeckt erſcheinen. So weit das Auge reichte, fand es kein lebendiges Weſen: kein Hund kläffte und kein Stier brüllte; kein Vögelchen zwit⸗ ſcherte, ſein Futter ſuchend, im Strahle der Morgenſonne; kein Schmetterling flatterte über den Blüthen; ſelbſt der Himmel war leer und nicht Ein Raubvogel zog ſeine langſamen Flugkreiſe über der ungeheuren Oede. Nur ganz vereinzelt ſtanden niedere Wachholderſträuche, doch vermehrten dieſe Zwergbäume mit ihren vom Sturm zer⸗ fetzten Zweigen, welche im todten Grün herabhängen⸗ den, halbvermoderten Sargtüchern glichen, noch das Unheimliche der Gegend. Mar ſtand mit beklemmter Bruſt lange da, dieſe wie von des Schöpfers Gnaden⸗ und Segenshand gänzlich vergeſſene Erdſtrecke betrach⸗ tend, und es wurde ihm wirklich wohler zu Muthe, als er fern auf der Straße einen Handwerksburſchen er⸗ blickte, der unter ſeinem Ranzen langſam ſich heran⸗ ſchleppte, und als zur andern Seite ſich jetzt eine kaum merkliche Erhöhung mit kleinen gefleckten Thieren be⸗ deckte, die einer lilliputtiſchen Heerde ähnelten. — W v 195 Aber, Kamerad, der Ihr in dem ſchönſten und reich⸗ ſten Leben Eure Jugend durchfochten und die lauteſten Freuden, die ſtolzeſten Genüſſe gekoſtet und getheilt, wie konntet Ihr Euch in dieſes deutſche Sibirien freiwillig verbannen? Dieſe endloſe Wüſte mit dem harten, ein⸗ förmigen Blüthenkraut, das wie hungernde Waiſen zum reichen Vater aufblickt, muß in ewiger Langweile Geiſt und Sinne abſtumpfen; das tägliche Anſchauen dieſes elenden, monſtröſen Strauchwerks mit der Sklavenphy⸗ ſiognomie muß die geſundeſte Bruſt wie mit türkiſchen Deſpotenketten umringeln, und kommt der Winter gar, und ſchneidet das letzte dünne Fädchen menſchlicher Ver⸗ bindung für Euch ab, müßt Ihr nichts voraus haben vor den eingefrornen Wallfiſchjägern am Nordpol. Ein Monat hier gelebt, würde das friſcheſte, lebensmuthigſte Gemüth in den ſchwärzeſten Schlund der Melancholie hinabziehen, Mörder oder Selbſtmörder erzeugen, alles Ueberirdiſche vom Menſchen abſtreifen und ihm nur In⸗ ſtinkt und Thierſinn laſſen, ja ihn bis zum Gottesläſterer verwildern machen. Iſt mir doch, als hätte ich das Heimathland entdeckt mit all ſeinen heimlichen Ottern⸗ neſtern, worin die giftige und vergiftende Brut ſittlicher Entwürdigung ihren Urſprung genommen, und wohin man ſie wieder zur Buße ihrer Todſünden zurückjagen müßte. Der Wachtmeiſter verſtand ihn nicht, deutete ſich aber auf ſeine Weiſe die myſteriöſen Reden und antwortete: Schlangen niſten nicht im Haidekraute, und Giftkräuter, die unſern Schnucken ſchaden könnten, wachſen hier gar wenig, und das gute Vieh geht ihnen von ſelber aus dem Wege. Gott aber iſt überall, und wer ſein Brod mühſam gewinnt, dem ſchmeckt's deſto beſſer. Der Arme — — ——— 196 hat die meiſten Freuden im Leben, und Entbehrung iſt der beſte Feiertagsbitter, wie es denn auch wohl ſeyn muß unter eines gerechten Herrn Commando. Dafür iſt aber auch unſer, was wir ſchaffen und haben, und ſicherer unſer, als die Geldkiſte mit Vorhängeſchlöſſern, an wel⸗ cher der Reiche ſchlafloſe Nächte durchwacht. Der Frohn⸗ vogt verſteuert uns nicht, und der Dieb ſucht nichts bei uns, und wenn der Herr Hauptmann nur einmal zurück⸗ ſchauen wollte, würden Sie bemerken, daß uns nicht viel mangelt.— Er hatte zugleich ſeinen Gaſt an der Schulter gefaßt und ihn ein halbgezwungenes Kehrt⸗Euch machen laſſen. Herr Mar ſchaute jetzt auf drei Häuſer, die, in weiten Zwiſchenräumen erbaut, dennoch eine gerade Linie pildeten und in einer Art Symmetrie mit Hofräumen und Gärten umgeben waren. Freilich glichen ſie mit ihren Lehmwänden und grünüberwachſenen Plaggendä⸗ chern mehr nomadiſchen Erdhütten, doch trug ihr An⸗ blick eine zwiefache Freundlichkeit in dieſe Oede, ſo wie die Haſe in der Sandwüſte, wenn ſie auch nur einige Fuß grünenden Raſens, einen Palmbaum und eine Ci⸗ ſterne voll Schlammwaſſer darbeut, dem Pilgrim als ein Paradies ſich darſtellt. Schauen Sie, fuhr der Alte fort, unſere Felder dort tragen Buchweizen und Kartoffeln. Der Sommer war vürr, darum ſieht das Kraut ein wenig fieberhaft aus, und es gab doch eine Ernte, und an unſerm Erntefeſt hing über jeder Hausthüre ein Blumenkranz und ein Täfelchen, worauf geſchrieben ſtand: Dank, dem Geber Dank! ohne Lüge und aus dem Herzen hingemalt. Die Blumen wuchſen im Gärtchen dort, waren's nicht Roſen und Lilien, war's doch Sternaſter und Todtenblum und Salbei und Lavendel, die Gott auch gekleidet in eine S NM N 197 ſchmucke Uniform. In dem großen Backofen links wird das ehrlich verdiente Korn zu ſchmackhaftem Brod ver⸗ backen. Jenes Halbdutzend Bienenkörbe ſchafft uns ſüßen Honig auf's Brod; der Hahn mit ſeinem Weibervolke ſtolzirt ſo vergnügt, als kratzte er ſein Futter auf dem reichſten Maierhofe, und der Brunnen dort, der einzige auf vier Meilen in der Runde, gibt einen friſchen Trunk, der die Augen klar und das Herz geſund erhält. Was überdieß für den Uebermuth und die leckere Zunge und Kehle erforderlich, holt der vom nächſten Städtchen, der's bezahlen kann. Und wer ſind Eure Nachbarn? fragte Herr Max. Paſſen ſie zu Euch und war der Friede immerdar bei Euch heimiſch? Denn es müßte mir entſetzlich dünken, käme Zwietracht und Neid in dieſe Eremitagen. Der Alte verzog ſein faltiges Geſicht. Menſchen blei⸗ ben überall Menſchen, verſetzte er; gut und bös wird ihnen angeboren, und wie das Unkraut überall ſchneller treibt und höher ſchießt, ſo gewinnt das Böſe auch leichter Raum im Menſchen, wenn nicht ein ſorgſamer Gärtner die Aufſicht führt. Als ich hier auf königlichem Forſt⸗ grunde allein vor zwanzig Jahren mich anſiedelte, weil der Brunnen meine Wahl beſtimmte, hatte ich nur einen alten Knecht und eine alte Magd um mich, und lebte ſtill wie Jakob, als ſeine Söhne von ihm gezogen. Bald nachher baute ein Zweiter ſich an, dem ſein Haus im nächſten Dorfe abgebrannt, und der ſein Gut nicht neu⸗ modiſch verſichert hatte, wie ſeine liſtigen, feuerbeuten⸗ den Nachbarn. Es war fleißiges Volk, hatte Gott im Herzen, und Keiner fehlte Sonntags, wenn ich Betſtunde hielt in meiner Stube, und der Alte machte den Küſter und hatte keine unebene Stimme. Die beiden Dirnen dort, 198 welche den Haidegrund abhauen zu Brennmaterial für den Winter, ſind die Töchter, und die Mutter ward Säugamme bei der Guſtel, als dieſe mir vor ſechszehn Jahren der Herrgott in's Haus geſchickt. Seit acht Jah⸗ ren aber kam der dritte Koloniſt, und beſſer wär's frei⸗ lich geweſen, der hätte wo anders ſein Neſt zuſammen getragen. Es war ein Bauer aus einer andern Pro⸗ vinz; man ſpricht, er habe in der Schenke bei einer Schlä⸗ gerei einem Nachbar ein wenig zu ſcharf auf den Schädel geklopft und deßwegen einige Jahre im Stockhauſe ge⸗ ſeſſen. Als er frei gelaſſen war, ſah ihn ſeine Dorfſchaft ſcheel an und wollte nichts mit ihm zu thun haben; da brach er auf, verkaufte, was ſein war und zog mit den Seinen fürbaß, anderswo unerkannt eine neue Wirth⸗ ſchaft anzufangen. Als er hier mit der Frau und drei Söhnen vorüber pilgerte, gefiel ihm der Platz und er ſiedelte ſich neben uns an. Der alte Kaspar weiß auf Reſpekt zu halten und hat's Commandiren nicht verlernt. So mußte der wüſte Sinn der Neulinge ſich ſelbſt unter dem Zügel halten, und fügte ſich ſchon, daß man's er⸗ tragen mochte, und die veiden älteſten Söhne haben ſich mehr nach dem Beiſpiel ihrer Nachbarn als dem des Vaters eingewöhnt, ſind fleißig und geſellig geblieben, und werden zu Weihnacht die beiden Dirnen des zweiten Koloniſten zur Kirche führen. Doch die Art war doch nicht die rechte, denn der Jüngſte blieb ein Taugenichts und ein Faullenzer, lief bald davon und verkaufte ſich als Stellvertreter zum Soldatendienſte. So lange er fort war, verſchwand Zänkerei und Mißgunſt, doch vor einem Halbjahre kam er zurück, herriſch wie ein Trut⸗ hahn, aufgeblaſen wie ein Pfau, den Sack mit Thalern geſpickt, und ſein erſtes Soldatenkunſtſtück beſtand darin, 199 meiner Guſtel nachzugehen, und endlich ſogar dreiſt mit einer Werbung um das fromme Kind vor mich hinzu⸗ treten. Nicht übel von ihm! fiel Herr Max ein. Der Sol⸗ datenſtand macht gewandt, ſchleift die Ecken ab, löst die Zunge und paart mit der Kraft die Sicherheit auf ſich ſelbſt, die in Eurer Einöde wahrlich nothwendig, und für Euer hübſches Großtöchterchen eine gewünſchte Aus⸗ ſicht auf einen Mann eröffnete, der kein gemeiner Bauer war und, als ein tüchtiger Schirmherr ihrer Zukunft, der Neigung des Mädchens würdiger erſcheinen mußte. Potz Sarras und Kommisbrod! fuhr der Wachtmeiſter auf und ſein Auge ſchoß einen hellen Blitz auf ſeinen Gaſt. Sich befinnend, ſetzte er jedoch mit Kälte hinzu: Die Guſtel und der Markus wären ein Kutſchgeſpann wie Schimmel und Rappe geworden, und mein Gewiſſen ſprach auch dagegen. Aber treten wir hinein; das But⸗ terbrod mit dem Lammesbraten wird vergeſſen über des alten Kaspars Geplapper, und der Frühtrunk, guter Wachholder— wir kämmen die kräftigen Beeren davon von dem triſten Sklavengeſträuch, das der Herr Hauptmann verachteten— möchte verrauchen. Die geſcheidten Holländer zahlen manchen Gulden für die ſchwarzen Beeren an uns. Aber der Markus? fragte der neugierige Zuhörer noch. Dort ſchaut ſein ſtruppiger Judaskopf über die Stall⸗ thüre, flüſterte der Wachtmeiſter. Es möchte beſſer ſeyn, wir plauderten drinnen von dem Wenigen, was noch übrig. Das iſt alſo ein Produkt der berühmten Haidſchnucki, ſagte der Hauptmann lächelnd, indem er ſich am Tiſche mit Behagen die feinen, ſaftigen Fleiſchſchnitte auf das Schwarzbrod vertheilte, von welchen jener gelehrte Fran⸗ zoſe in ſeiner nordiſchen Reiſebeſchreibung ſagte: Haid⸗ — 200 ſchnucki, un peuple sauvage, ohne Haus und Hof no⸗ madiſch in der Wüſte lebend und eine höchſt einfache, monotone Sprache parlirend, deren Wurzellaut das miß⸗ klingende Bäh iſt! Wir wollen doch, ſobald wir geta⸗ felt, die nähere Bekanntſchaft dieſer Nomaden machen, und iſt ihr Aeußeres ſo hübſch, wie dieſe Biſſen zart und ſüß ſind, ſo muß der Reſidenzſtädter Euch um dieſes Hochwild der Haide beneiden. Das Mädchen, das mit geſenktem Auge am Voll⸗ ſpinnrade geſeſſen, ſah raſch und unwillkürlich zu dem Sprecher auf: ein ſcheinendes Roſenroth deckte ihr Ge⸗ ſicht von den Wangen bis in das Bruſttuch hinunter, ihr Buſen flog, ſie ſtotterte: Großvater, Er hat wohl die Hühner noch nicht gefüttert? und als der Alte es verneinte, verließ ſie mit ſichtlicher Befangenheit das Stübchen. Wir blieben bei der Werbung ſtehen— begann der ge⸗ ſprächige Alte, nachdem ſie verſchwunden war, als hätte er bis dahin an nichts als an ſeine Geſchichte gedacht— ſo wie auch der Markus auch nicht weiter darüber hinaus kam. Ich erſchrack über den Antrag, der gleich einem Hünen⸗ ſtein vom Himmel mir auf die Schultern fiel; ich fragte die Guſtel, ſie ſprach: Wie Er will, Großvater! und ſo wurde der Burſch nicht inrollirt, denn mein Eines Auge, das ſo manchen Rekruten viſitirt, ſah mit dem erſten Blick, daß der Menſch nur für ein Freicorps, aber nicht in die Eheſtandslinie tauge. Da ſchlug er Allarm, als ſäße der Feind in der Breſche, wollte ſich mit dem alten Kaspar herumhauen und herumſchießen, fluchte die ganze Hölle herauf, zog aber davon, als der alte Wacht⸗ meiſter ſeinen Karabiner von der Wand nahm, und ließ nichts wieder von ſich hören. Geſtern Abends, kurz vor Ihnen, iſt er dennoch wieder bei dem Vater eingetroffen, 201 und dieſe Nachricht war es, die Ihrem Wirthe heute früh die gute alte Huſarenlaune verdarb. Und nicht ohne Urſache, fiel der horchende Gaſt ein. Fern von jedwedem gerichtlichen Schutze, einem in der Garniſon vielleicht verwilderten, rachedurſtigen Gemüth preisgegeben, iſt Eure Lage wahrlich beunruhigend, Ihr ehrlicher Weißkopf, und ich möchte nützen können für Euch und Eures Mädchens Sicherheit, da Ihr auf den Beiſtand der Nachbarn nicht bauen dürft, die ſich durch ihre Kinder verſchwägern wollen. Aber täuſchet Ihr Euch auch nicht etwa in der Guſtel ſelbſt? Sie iſt erwachſen genug, um zu empfinden, was wir Beide empfunden haben, als uns der Flaumbart zuerſt über dem Munde ſproßte, und die Einſamkeit iſt keine Univerſalmedicin gegen das allgemeine Entzündungsfieber, durch das die Menſchheit ſich immerfort neu rekrutirt, und das, je ge⸗ ſunder der Körper, je heftigere Paroxismen hervorbringt. Die Guſtel iſt ohne Falſch, antwortete der Wacht⸗ meiſter eifrig, und ihr Herz iſt ſpiegelblank wie eine neue Säbelklinge. Ich bin ihr einziger Herzensfreund, und ihr Gemüth iſt für mich immer durchſichtig geweſen wie ein reiner Waſſertropfen. Was hätte ſie auch zu ver⸗ hehlen und zu verſtecken? Ihre Wünſche ſind bis heute meine Wünſche geweſen, und hätte ſie ein Auge auf den Prahlhans geworfen, ich würde nicht: Rechtsum, marſch! commandirt haben, und hätte mein Gewiſſen dabei mich auch moleſtirt. Verſtecken ſpielen geht nun bei uns ein⸗ mal nicht auf die Länge, denn über unſere Haide ſtreift auch das blödeſte Auge, und ftädtiſches Heucheln konnte ſie von Niemand in dieſem Häuschen erlernen. Was jedoch des tückiſchen Markus Finten und Fuchszüge be⸗ trifft, ſo darf der Herr Hauptmann nicht darob in Sorgen 202 ſeyn. So lange des Wachtmeiſters Kaspar Eines Auge noch offen ſteht und das Zipperlein ihm nicht die Finger krumm gedreht, wird eine Schwadron ſolcher Partei⸗ gänger ihn nicht aus der Poſition werfen; und käme ſo etwas, denn das Leben des Menſchen dauert Siebenzig und wir ſind ſchon einige Rott darüber, ſo ſteht der Herr Gott über uns Allen, und des Feldmarſchalls Sache iſt es, wohin er die Mannſchaft detachirt, ob es zur Attake oder Retirade gehen ſoll, und wer Subordination ver⸗ ſteht und den Grandprofos fürchtet, murret niemals. Der Umgang eines alten Militärs hat immer etwas Anziehendes und auf eigenthümliche Weiſe Befriedigendes, ſobald der Mann nur die Charaktere ſeines Standes ſcharf ausgeprägt an ſich behalten hat, und weder das Ehrgefühl noch die Ordnungsliebe, weder die Eitelkeit noch die Lebensverachtung in Trunkſucht oder Lebensſchmutz verwiſcht oder zu häßlichen Zerrbildern verwandelt wurden. Herr Max fühlte ſich faſt heimiſch bei dem Invaliden, in welchem er ſtündlich mehr eine ächte deutſchkräftige Natur erkannte, welche durch Erfahrung einen ſichern Lebenstakt gewonnen hatte, und der eine warme Reli⸗ gioſität, jetzt eine ſo ſeltene Zier der untern Stände, ein ungewöhnliches und angenehmes Colorit verlieh. Die Geiſtesbildung des Wachtmeiſters, ein Nachlaß ſeines pädagogiſchen Stammbaumes, räumte, indem ſie ſich immer deutlicher vor dem Hauptmanne entwickelte, einen Gränzpfahl nach dem andern von der Schranke weg⸗ welche Stand und Rang zwiſchen ihnen gezogen⸗ und als ſie in die Haide ſchritten, des alten Patriarchen hü⸗ pfende Reichthümer zu veſchauen, hatte Herr Max be⸗ 203 reits Vertrauen mit Vertrauen vergolten. Außer den einzelnen Kriegsabenteuern, wovon einige weniger blu⸗ tigesſogar auf dem heiligen Boden portugieſiſcher Non⸗ ñenflõſter oder unter den Ballonen ſpaniſcher Paläſte ſpielten, wußte der Wachtmeiſter, daß ſein Gaſt, nach⸗ dem er die Barriöre von Paris hineintriumphirt, ſeinen Halbſold friedlich und beſcheiden in einer der ſüdlichen Provinzſtädte des Vaterlandes verzehrt, und ſeine Feld⸗ züge nur auf Brunnenreiſen und Sommerfahrten be⸗ ſchränkt hatte, bis ihn der Tod ſeiner letzten und ein⸗ zigen Verwandten, einer ältern Schweſter, noch einmal aus ſeiner bequemen, vielleicht zu früh gegen die Ord⸗ nung der Natur gewählten Ruhe in eine wohlthätige Bewegung ſetzte und ihn aus dem krampfhaften Still⸗ leben herausriß, das in der Rüſtigkeit der beſten männ⸗ lichen Jahre eine Sünde gegen ſich ſelbſt wie gegen die Menſchheit ſchien. Dieſe Schweſter war an einen wohl⸗ habenden, aber an Alter ihr weit vorausgerückten Vetter verheirathet geweſen, der einige Beſitzungen im Däni⸗ ſchen gehabt. Der alte Eheherr hatte ſeine Dame von jeher ſehr ſtreng und tyranniſch behandelt, der Bruder konnte deßhalb ſich nicht überwinden, ein freundliches Verhältniß mit ihm fortzuführen, und als der böſe Schwa⸗ ger ſtarb, folgte die gequälte Edelfrau wenige Zeit dar⸗ auf ihm nach, ohne die ſpäte Freiheit noch einmal ge⸗ noſſen zu haben. Zwar hatte der däniſche Gutsherr, da er keine Kinder nachließ, durch ein teſtamentariſches Ver⸗ mächtniß, worin ſeine Gattin Univerſalerbin genannt wurde, die Liebe ausgeſprochen und als Spätfrucht und Herbſtroſe an's Licht getrieben, welche er ihr im Leben als ein Sonderling verheimlicht, aber auch dieſer Erſatz ſollte der Dulderin nicht zu gute kommen, und ihr nahes 204 „ Lebensende mit gewohnter, viel geprüfter Ergebung vor⸗ ausſchauend, ſicherte ſie gerichtlich dem Brudtt die Erb⸗ ſchaft und lud ihn ſchriftlich an ihr Krankenbett. Wie⸗ derſehens⸗ und Abſchiedsſcene ſchwebte in der Phantafie beider Geſchwiſter als ein Zwillingskind der Freude und, der Trauer, doch auch hier zeigte das Schickſal ſeinen Eigenſinn, denn der Hauptmann empfing, als er eben mit den Reiſeanſtalten beſchäftigt war, die Nachricht ihres Todes, und es blieb ihm nur erlaubt vom Schickſale, das Grab ſeiner einzigen Blutsfreundin mit Gedächt⸗ nißkränzen zu zieren, ihre Erbſchaft in Beſitz zu nehmen, und mit Dankbarkeit gegen die Spenderin die beſſere Bequemlichkeit und höhere Sicherheit des neuen Lebens zu genießen und Andere mitgenießen zu laſſen. Die Vorſicht hat nicht ohne Grund mich in dieſes Haidmeer hinausgeſtoßen und mich an Eurem Häuschen ſtranden laſſen, ſo ſchloß der Hauptmann⸗ indem er an der Seite ſeines neuen weißbärtigen Freundes in die einförmige braunrothe Fläche hinausſchritt. Meine ſchmer⸗ zende Hand ſollte mich mahnen, daß man im Lebens⸗ ſommer noch nicht die Winterquartiere beziehen darf, und der Säbel nicht das einzige Werkzeug iſt für eine wackere Hand. Euer Leben ſollte mir ein Muſterbild zeigen für meine Zukunft, denn auch mir öffnet ſich eine Bahn, auf der ich der Natur abgewinnen kann, was ſie nur der Trägheit verſagt. Ich werde vielleicht nicht nöthig ha⸗ ven, es ihr mit ſolch ſeltener Beharrlichkeit abzutrotzen wie Ihr, aber ich werde gleich Euch in das erſte Regi⸗ ment treten, das der Herr der Welt in's Feld führte. Auf die Erde, die uns trägt und in der wir einſt aus⸗ ruhen, iſt ja der Menſch zuerſt angewieſen. Ich werde Landbauer, Ackersmann, Gärtner werden wie Ihr, und — X M 63 205 werde ich's mit Luſt, ſo habt Ihr ein bedeutendes Theil dazu gethan, wenigſtens den Muth dazu geweckt und eine großePortion des trägen Widerwillens in mir aus⸗ gerottet. Ein neues Schauſpiel unterbrach das Geſpräch und zog die Augen unſerer Spaziergänger auf ſich. Die Haide, wenn auch im Ganzen eine ſchlichte Fläche darſtellend, hatte dennoch ihre wellenförmigen, allmälig ſteigenden und fallenden Höhen und Tiefen, die nur in der Nähe erkeunbar wurden. Ueber einem dieſer dunkelgrünen Zir⸗ kelſchnitte trabte jetzt eine ziemlich zahlreiche Heerde klei⸗ ner Wollträger heran, und hinter ihr erſchien das ſchlanke Mädchen auf dem höchſten Strich des Bodens, frei wie ein Luftbild im leeren großen Raume, der weder Hin⸗ tergrund noch Seitenkouliſſen darbot. Den Hauptmann ergriff der Anblick: er hatte eine hübſche Dirne in ihr gefunden, doch in dieſer iſolirten Stellung wunderbar beleuchtet, in leichter Bekleidung, die das Edle der ſchlan⸗ ken Geſtalt vortheilhaft entwickelte, kam ſie ihm wie eine ganz Andere vor. Der Hirtenſtab, den ſie befehlend ſchwang, erinnerte ihn an die kräftige Jeanne d'Arc, freilich nicht die des deutſchen Theaters; ſeine Sinne empfanden: es ſtünde wirklich ein ſchönes Weib auf der Höhe, in dieſer triſten, armſeligen Heimath ein faſt wunderbares Weſen, und jeder ſchärfere Blick bewegte ſein Gemüth ſtärker und tiefer, als habe er dieſe ſchöne, edle Geſtalt ſchon einſt geſehen und gekannt, wenn auch in einer dunkeln, längſt entſchwundenen Zeit. Die Guſtel iſt galant gegen den Gaſt, lachte der Wachtmeiſter. Sie will uns die Inſpektion bequemer machen auf Koſten ihrer Lieblinge. Tolles Ding, ſcheuche die armen Dinger nicht ſo wild vor Dir her! Sie machen 206 ja einen Galopp wie ein Pandurenpulk, dem die Huſaren auf dem Nacken ſitzen, und das gibt im dürren Wet⸗ ter leicht Huſten und Lungenbrand. Schwadron, halt, ſchrie er mächtig, und die kleinen Vierfüßler ſtanden ſo⸗ gleich feſt auf den dünnen, hohen Beinen und hoben die ſpitzen, klugen Geſichter alleſammt zu dem Herrn, deſſen Stimme ſie erkannt hatten. Sehen aus wie Schafe, plapperte der Alte weiter, indem er einigen der älteſten Thiere, die ſich dreiſt an ihn gedrängt, die ſchwarzen⸗ glänzenden Fließe ſtreichelte oder zwiſchen den Ammonshörnern auf dem gefleckten Scheitel krabbelte. Sie ſind flink und klug wie Reh und Gemſe, unterſcheiden gar gut, wer ſie liebt und haßt, den Hirten oder den Schlächterknecht. Sie ſtreifen wie freies Wild meilen⸗ weit im Kraut und finden Abends immer den Stall ohne Hund oder Treiber. Und hat der Herr Hauptmann jetzt die Bekanntſchaft der Haidſchnucken nach Wunſch gemacht, muß er auch noch ihre Kaſernen inſpiciren. Des Alten Hand zeigte dabei nach einem Gegenſtande, der ſich im Fernen dunkel, doch faſt unbemerkt über dem Boden erhob, und ſchritt darauf zu. Herr Max hatte währenddem mehr auf das Mädchen als auf den Greis geachtet und wahrgenommen, daß ſie heftig zuſammen⸗ ſchrack und mit Arm und Stabe eine abwehrende Be⸗ wegung machte. Beide ſanken jedoch augenblicklich wie⸗ der im Gefühl der Ohnmacht, und indeß der Großvater und der Gaſt an ihr vorübergingen, ſtand ſie mit ge⸗ ſenktem Haupte und am Boden wurzelnden Blicken gleich einer Statue der Trauer auf einem Todtenhügel, und alle Farbe war von ihren runden Wangen abgewiſcht. Das Ziel des Wachtmeiſters war ein großes, langes Spitzdach, ohne Pfeiler und Wände auf den Erdboden ie⸗ e⸗ ich nd ht. es en 207 hingeſtellt, anzuſehen wie ein verſunkenes Haus, mit Haidkraut gedeckt und im Giebelfelde durch eine Thüre zugänglich. Der Alte trat herein und demonſtrirte mit der Grandezza eines Schloßkaſtellans ſeinem Begleiter die Annehmlichkeiten dieſer Herberge, die in einigen Rau⸗ fen und Trögen beſtanden; ſein ſcharfes Auge viſitirte dabei zugleich Dach und Streu, und er kam aufgeregt und faſt erzürnt aus dem hinterſten Winkel des Gebäu⸗ des zurück an's Freie und trug einen Waſſerkrug in der Hand. Potz Sarras und Kommisbrod! wetterte er, da hat ein ungebetener Gaſt ſich einquartirt und ein wohl⸗ feiles Nachtlager gefunden. Gäb's Wölfe bei uns, würde ich glauben, eine ſolche Beſtie habe ſich drinnen ein weiches Neſt dicht neben ihrer Speiſekammer verfertigt. Aber der Krug und einige Ueberbleibſel erzählen, daß der Einquartirte menſchlich getafelt hat, und da ſoll ja gleich— Iſt's denn ſo unnatürlich, Väterchen, fiel der Haupt⸗ mann ein, daß ſich einmal ein Wanderer oder ein Jam⸗ mermann von der großen Bettlernation bei Euren ſtillen Thieren ein warmes Bett geſucht, da Ihr ſelber ihm ſo einladend und arabiſch gaſtlich ein Zelt hingeſtellt? Vielleicht hat Deine mitleidige Enkelin ſelbſt darum ge⸗ wußt, und es wäre ſündhaft, ſie darüber zu ſchelten. Nicht alſo! verſetzte erhitzt der Greis, das wäre ge⸗ gen alle Ordnung und wäre Felonie am Reichsgeſetz. Was hier vorbeimarſchirt und in gehöriger Manier ſei⸗ nen Bettelſpruch anbringt, bekommt Zehrung und Got⸗ tespfennig, und dabei bedarf's nicht Hehl und Verſteck. Drohnen im Bienenſtocke leiden wir nicht, und könnten darüber leichtlich mit dem nächſten Amte oder Stadt⸗ gericht in theure Diſpute gerathen. Das iſt Ehrenſache, 208 Regimentsſachez denn niſtelt ſich ſolch Marktgeſindel, wie's oft hin und her zieht, oder gar Zigeunerpack und Spitz⸗ bubengeſellen einmal hier ein, würde es mit unſerer Herrlichkeit bald ein Ende haben, und die Gäſte ſetzten uns zuletzt aus Dankbarkeit den rothen Hahn auf's Dach. Verzeiht, Herr, der Kaspar muß darin ſogleich klar ſchauen, und das verwetterte Mädel ſchleicht dort zum Hauſe hin langſam und mit krummem Nacken wie das vöſe Gewiſſen. Gehen Sie derweilen nur vorwärts zu dem Hünengrabe, das Sie beſuchen wollten. Dort hin⸗ aus! die alten Steine werden Ihnen bald ſichtbar wer⸗ den; ich komme ſchon nach, ſobald ich Verhör gehalten und ein tüchtiges Vorhangſchloß an dieſe Thüre gelegt. Doch blicken Sie auf dem Marſche fein rückwärts, daß Sie die Richtung nicht verlieren und das Hauptquartier im Auge behalten. Sorget nicht! Mein Kompaß hier in der Taſche iſt ein treuer Diener, und ſo lange es Tag bleibt, immer zur Hand. Doch brecht das weiße Stäbchen nicht zu voreilig, Alterchen, und ſpielet vor dem Mädchen nicht den grimmigen Grandprofos ohne Gnade und Erbarmen. Der Wachtmeiſter ſtelzfüßelte mit möglichſter Eile zu⸗ rück; Herr Max aber wandelte raſch in die Krautwild⸗ niß vorwärts, das arme Kind bedauernd, welches wahr⸗ ſcheinlich durch unſchuldiges Mitleid ein arges Gewitter über ſich herauf gelockt hatte, und bereuend, daß er ſelbſt mit ſeiner Wißbegierde die Urſache der Entladung des Wetters hatte werden müſſen. Zu den Merkwürdigkeiten der nordiſchen Haiden ſind zweierlei Erſcheinungen zu zählen, deren eine der Na⸗ tur, die andere der Menſchenhand angehört. Verſtreut findet man überall große Granitbrocken, buntfarbig und —* N t 209 von verſchiedenartigſter Steinmiſchung, als hätte der Weltenherr ein Urgebirge in ſeiner Hand getragen, über der Haidfläche es zerſprengt und in Trümmern umher⸗ geſtreut, wobei noch wunderbarer erſcheint, daß dieſe Trümmer gänzlich den Urgebirgsarten Norwegens und Schwedens gleichen, von wo ſie in einer grauſen Natur⸗ revolte das Meer herübergeſpült haben müßte. Eine zweite Merkwürdigkeit ſind die alterthümlichen Denkmäler, die man hier und da aus ſolchen Steinen aufgebaut antrifft, von denen manche mit Runenſchrift bezeichnet ſind, und von denen es noch immer zweifel⸗ haft bleibt, ob ſie den Namen Hünengräber als Grabſtätten altgermaniſcher Helden und Heerführer ver⸗ dienen, oder ob ſie nicht koloſſale Opferſtätten und Schlachtaltäre der Saſſenprieſter und ihrer grimmigen, blutfordernden Götter geweſen. Unſer Wanderer ſtand nicht lange nachher neben einem ſolchen Denkmale der grauen, lang verſtummten Vorzeit, und ſtaunte die ungeheure Steinmaſſe an, welche nur durch Anſtrengung einer bedeutenden Zahl rieſen⸗ ſtarker Arme in dieſe Form gebracht ſeyn konnte. Zwei ſolche, in ihrer Einfachheit großartige, Monumente er⸗ hoben ſich dicht neben einander. Jedes beſtand aus zwei Theilen, zu unterſt aus vier im rechten Winkel als Fun⸗ dament gelegten Steinmaſſen und oben aus einer ge⸗ waltigen Steintafel, die auf jenen Trägern ruhte. Ein phantaſtiſcher Mährchenerzähler hätte ſie immerhin für Speiſetafeln ausgeben dürfen, welche von den ſechs Ellen hohen Söhnen eines Titanengeſchlechtes auf ihrer Pilgerſchaft in die Fremde in der Noth des Augenblicks zum Mittagsmahle zuſammengebaut worden, ſo wie Knaben ſich Städte von Spaltholz und Flotten aus Blumenhagen. Xlv. 14 210 Nußſchaalen und Torfbrocken zu erſchaffen pflegen. Den Raum unter der Platte füllte Erde und wucherndes Ge⸗ wächs, doch bemerkte man überall Spuren der Alter⸗ thumsforſcher, die geſchaufelt und gegraben hatten, um bei der Unbeweglichkeit der Decke von dieſer weichern Seite den Geheimniſſen beizukommen, welche die reli⸗ giöſe Vorſorge der rieſigen Altvordern den pygmätiſchen Enkeln unzugänglich gemacht. Der Hauptmann beſah ſich das rohe Monument ger⸗ maniſcher Vorzeit genau, ſuchte vergebens jedoch nach den Spuren ſeiner Bedeutung, nach Hieroglyphen oder Drudenfüßen, und erklomm zuletzt die obere Platte, um vielleicht dort eine Befriedigung ſeiner Neugier zu finden. Auch hier fanden ſich nur einige Rinnen, vielleicht zum Ab⸗ laufen des Blutes der geſchlachteten Opfer beſtimmt, aber das Auge wurde von dem grauen, ſchmutzigen Steine abgezogen durch die Fernanſicht, welche die Gegend von dieſem erhöhten Punkte darbot, da nirgends ſich in ſolcher Maſſe die faſt unglaubliche Ausdehnung dieſer, mitten zwiſchen fruchtbaren Provinzen wüſt liegenden Landſtrecke überſchauen ließ. Der Hauptmann, von Ju⸗ gend auf gewöhnt an einſame Unterhaltung mit ſich ſelbſt, gab ſich auch hier einem gern getriebenen Traum⸗ ſpiele hin: er ſah dieſe ſterile Ebene nach einem Säculum verwandelt, durch arteſiſche Brunnen mit dem Lebens⸗ element bvereichert, ohne welches keine menſchliche An⸗ ſiedelung möglich; er ſah den dürren Boden mit hell⸗ grünen Nadelgehölzen, mit Dörfern und Fruchtfeldern pedeckt, mit Eiſenbahnen durchzogen, die gleich leben⸗ digen Pulsadern Handel und Verkehr in jeden Winkel trugen und den todten Mumienleichnam mit einem künſt⸗ lichen Leben durchſtrömten, da däuchte ihm, als ſchlage M M — v— N XM 211 ein Geräuſch an ſein Ohr, das auf etwas Lebendiges in ſeiner Nähe hinwies. Vielleicht ein Raubthier, dachte er und trat ganz an den Rand der Steinplatte, dem er ſich bereits ſinnend genähert, denn das Geräuſch tönte von unten herauf. Er ſtand an der ſchmalen Spalte, welche etwa einen Schritt breit die beiden rohen Monu⸗ mente trennte, und ſah in ſie hinab, indem er jetzt das deutlichere Geräuſch als die rauhen, ſchweren Athemzüge eines Schlafenden erkannte. Er hatte ſich nicht getäuſcht. Mitten unter dem Steinbau, in dem verſteckenden Raume lag ein Menſch, ſchlafend auf der harten Ruheſtätte. Er trug nicht die Kleider eines Bauern oder Bettlers, aber ſein Anzug war beſchmutzt und vernachläßigt; ein Hirſch⸗ fänger zeigte ſich an ſeiner Hüfte, ein kurzes Schießge⸗ wehr in ſeinem Arme. Der Hauptmann war unbewaffnet und die Begegnung deßhalb ſo unerwartet als beun⸗ ruhigend. Doch indem er überlegte, was zu thun, regte ſich der Schlafende, wälzte unruhig ſeinen Körper und kehrte ſein Geſicht nach oben. Unter wüſten, ungeord⸗ neten, gelbbraunen Locken zeigte ſich ein blaſſes, ſonn⸗ gebräuntes Antlitz. Schweres Leid oder ſchweres Ver⸗ brechen hatten die abgemagerten Wangen mit ihrem Stempel gezeichnet, zwiſchen den abgebleichten Lippen wurden die blendend weißen Zähne ſichtbar, die in einem böſen Traume knirſchten, und unter der freien, edelge⸗ wölbten Stirne zuckten die ſchöngezogenen Brauen und die Augenlider, als würden ſie ſchmerzlich berührt durch den Strahl der hochſtehenden Sonne, der gerade in den ſchmalen Raum herabſchoß. Erſchreckt ſtand der Haupt⸗ mann, denn dieſes entſtellte Geſicht war ihm kein un⸗ bekanntes, und von einer grellen Empfindung, die aus Schmerz und Zorn zuſammengeſchmolzen war, ſtieß er 242 mit bebendem Munde, aber laut und haſtig den Namen: Eugen! zu zweien Malen hervor. Der Schlafende fuhr empor, wie im Krampfe zuckten ſeine Glieder. Gleich dem im Lager ertappten Tiger funkelten ſeine unſichern, geblendeten Angen rundum, voch als er die fremde Geſtalt über ſich erkannt, ſprang er Augenblicks auf, die Kugelbüchſe lag an Wange und Schulter und der Hahn knatterte unter ſeinen Fingern. Schieß zu, elender Burſch! rief der Hauptmann hin⸗ unter. Schieß zu, Rebell, Muttermörder!— Der Arm mit dem angeſchlagenen Gewehre ſank ſogleich und der Schütz wankte und taumelte gegen das Geſtein. Herr von Hartenſtein! ſtammelte der junge Mann und ſeine Knie bebten, als bedrohe ihn eine Ohnmacht. Schnell ſchwang ſich der Hauptmann von der Steinplatte herab und trat dicht gegen den Angreifer. tun, Eugen? fragte er ruhiger, doch mit Bitterkeit, warum verläßt Dich der Muth des Weltenſtürmers, die nichts ſchonende Blutgier des Jakobiners? Warum ſchickſt Du nicht Deine Kugel in die Bruſt des Mannes, den Dein unglücklicher Vater Freund nennt, des Mannes, der Dich als Knaben oft auf dem Knie geſchaukelt? Meine Kleider bieten Dir eine ſchirmende Maske, meine Brieftafel ſichert Deine Flucht. Ein Menſch wie Du, ein ſolcher Auserwählter, ein Weltbeglücker, ein Staaten⸗ reformer kennt keine Moral, keine Tugend, kein religiöſes, kein menſchliches Empfinden: der Jeſuit hat ihn gelehrt, daß der Zweck die Mittel heilige, die herviſchen Bilder ſeiner Phantaſie haben ihn gewöhnt, ſich zu ſchauen als einen Triumphator, der über Leichen und Trümmern des Menſchenglücks ohne Zagen ſchreitet⸗ eine alte freund⸗ liche Welt zerſtört, um eine neue Schlaraffenwelt ohne —— 213 Gott und Geſetz auf der Brandſtätte zu erſchaffen, und am Sarge der in Schreck und Gram und Verzweiflung getödteten Mutter die Bacchanalien ſeiner Eitelkeit und ſeines Wahnſinns zu feiern! Der junge Mann war erſchöpft in's Knie geſunken und hielt ſich kaum durch die ſchützende Hand aufrecht. Barmherzigkeit, Hauptmann! ſtieß er aus enger Bruſt hervor. Halten Sie ein, ſtrafen Sie nicht unmenſchlich, wo ſchon der Himmel ſo ſchwer geſtraft hat! Bewegt und mitleidig trat der Hauptmann näher hinzu, leiſtete dem erſchütterten Jüngling Beiſtand, führte ihn von dem engen, heißen Platze hinaus in die freiere Gegend und ließ ihn auf einen Stein niederſitzen, den das Hünenmal beſchattete. Eugen, was iſt aus Dir geworden? Du, von der Natur ſo reich begabt, vom Glücke ſo vollauf beſchenkt, wie ſtehſt Du vor mir? ſprach er, mit Rührung den Jüngling betrachtend. O, wohl Deiner herrlichen Mutter, daß ſie ſchläft, feſt und ewig! Sie würde zu ſchwer ihre eigene Sünde büßen müſſen, die Sünde, Dich zu ſehr geliebt und in weiblicher Schwäche Deinen Eigenwillen nicht früh gebrochen zu haben. O, wohl Deinem recht⸗ lichen Vater, daß er Dich fern glaubt, längſt über die Grenze hin gerettet glaubt! Sähe der Ehrenmann, der Kraft, Schlaf und Arbeitsſchweiß verſchwendete, um ſeinen Kindern eine ſichere Zukunft zu bereiten, ſähe er ſeinen Eugen ſo wie ich, einem Strauchdiebe, einem verworfenen Kain gleich, abgewelkt und mit dem Brand⸗ male der Schande bezeichnet, er würde keinen Muth behalten, länger zu leben, und er würde mit einem Fluche auf Dich der Mutter folgen. Alſo fluchte er nicht dem mißrathenen Sohne? Alſo 244 gedachte er liebend des verbrecheriſchen Kindes? fuhr der Jüngling auf. Elternliebe iſt endlos und unſterblich, antwortete der Hauptmann. Aber warum biſt Du hier? Warum trug Dich Dein Fuß nicht über Strom und Berg? Willſt Du das Loos der Hochverräther theilen, welche die Hand der Gerechtigkeit ergriff, willſt Du theilen die Folter Deiner Verführer, hangend zwiſchen Schaffot und ewigem Gefängniß? Sollen Dein Vater und Deine Brüder noch mit größeren, untilgbaren Schandflecken durch Dich be⸗ ſchmutzt werden? Konnte ich denn fort? ſeufzte der Jüngling. Als ich aus der rebelliſchen, vom Militär beſtürmten Stadt ent⸗ floh, trieb mich zuerſt ein unwiderſtehlicher Drang nach dem väterlichen Hauſe. O, ich glaubte, im Mutter⸗ ſchvoße könnte mich kein Verfolger erreichen. Ich kam Abends in die Stadt, aber ehe ich die heimathliche Schwelle beſchritt, traf mich die Nachricht von dem Tode der Mutter, meiner durch mich gemordeten Mutter. Die Furien umtanzten mich, peitſchten mich hinaus; wohin? wie lang? ich weiß es nicht. Als ich mich beſann, als ich Rettung bedachte, war es zu ſpät geworden: die Gränzen waren beſetzt, der Argwohn betrachtete mich überall mit ſcharfen Blicken, und mehrere Male entwich ich mit Noth den nahen Verfolgern. Endlich kam ich durch dieſe Haide und glücklich zum Grenzſtrome. Schon der Rettung gewiß, ſah ich einen Freund, der mein Verbrechen getheilt, der wie ich einen Kahn geſucht zur neberfahrt, von dem Schiffervolke ergriffen, bezwungen und ausgeliefert, und flüchtete noch früh genug in dieſe unwirthbare Gegend. Wochenlang irre ich ſchon umher in dieſer gräßlichen Oede, elender wie das Thier im — w—* 21¹5 Walde. Alle Qualen des Geächteten habe ich getragen: ich habe den Thau geleckt von dem harten Graſe, habe wie ein Kannibal Vogel und Wild, das meinem Gewehr in den Schuß kam, blutig und roh verzehrt, habe ge⸗ bettelt bei den Hirtenbuben um einen Trunk, den ſie mir aus Furcht nicht verſagen mochten; unter dem Wach⸗ holderſtrauche ſuchte ich mein Bett, der Regen hat mich gebadet, die Sonne mich getrocknet, und Mitternachts, von der todtweißen Geſtalt der Mutter verfolgt, ſchwankte ich ſchon zwiſchen zwei gräßlichen Schickſalslooſen, ent⸗ weder mich freiwillig hinzugeben dem Gericht und der entehrenden Strafe, oder mich auf die Straßen zu werfen und durch Raub und Mord zu gewinnen, was ich nicht länger zu entbehren vermochte. Und was hinderte Dich an der entſetzlichen Wahl? fragte Herr Max geſpannt und mit heimlichem Schauder. Die entſtellten Züge des Jünglings wurden milder; freundlicher und mit leiſerer Stimme, als wollte er ein frommes Geheimniß vertrauen, fuhr er fort: Ein furchtbares Ungewitter trieb mich eines Abends dieſer Gegend zu, die ich bis da vermieden, weil ich von fern menſchliche Wohnungen geſehen. Ich traf auf jenes Dach, worin man die Heerde verborgen. Die Thür war außen verriegelt, und ich konnte daher keinen Wächter innen vermuthen. Ich öffnete und wagte mich hinein. Hin⸗ geſunken auf das weiche Lager, geſchützt vom feſten Dache, umhaucht vom warmen Lebensdunſte der ſtillen, friedlichen Thiere, die ſich zutraulich an mich drängten, empfand ich ſeit lange zum erſten Male wieder die Er⸗ quickung einer behaglichen Sicherheit, und gab mich ihr furchtlos hin, da mir das Leben unter allen Werth ge⸗ ſunken war. Die Betrachtungen, welche ich damals in ſ 216 dieſer friedfertigen Geſellſchaft angeſtellt, möchte ich allen den Unglücklichen vorerzählen, welche, wie ich, durch Schwärmerei und hochklingendes Wort verführt, im jugendlichen Uebermuthe das alte Lebensgleis verachtet und freche Hände an die Heiligthümer der Menſchheit gelegt hatten. Jene Nacht heilte mich von den Rück⸗ bleibſeln der moraliſchen Vergiftung, und die verſöhnte Mutter quälte mich ſeitdem nicht mehr mit ihrem ſtra⸗ fenden Leichenbilde. Lange und feſt mußte mein Schlaf geweſen ſeyn, denn als ich erwachte, war die Thür ge⸗ öffnet, der Tag ſchien hell herein, und ein Weib ſtand vor mir, das mich verwundert, aber mitleidsvoll be⸗ trachtete. So warſt Du der nächtliche Gaſt, Du der Elias in der Wüſte, den die ſchöne Guſtel fütterte? ſiel der Haupt⸗ mann ihm überraſcht in's Wort. Sie wiſſen darum, Hauptmann? ſtaunte Eugen. Sie kennen meinen Lebensengel? Du warſt lange dort. Sie betrog ihren ehrlichen Großvater. Sie ſchlich des Nachts zu Dir hinaus. Menſch, häufteſt Du Sünde auf Sünde, und war auch der Friede dieſer Unſchuld Dir nicht heilig? fragte der Hauptmann mit Heftigkeit. O, muß ich denn gänzlich verworfen ſeyn, weil ich einmal gräßlich gefehlt? Darf mir denn Niemand mehr vertrauen, weil ich einmal untreu geweſen? Sie ver⸗ traute mir und rettete mich vom Selbſtmorde. Sie vertraute mir und machte mir das Leben wieder ſchön und werthvoll. Sie vertraute mir und gab mir wieder Hoffnung und Lebensmuth. Ich erblickte in ihr den Engel, den mir die verſöhnte Mutter geſendet. Meine Erzäh⸗ lung gewann ihr Mitleid; das reine Kind der Natur 217 wußte nichts von dem Gewirr der Welt, nichts von den Verlockungen des entarteten Erdengeſchlechts. O, mein väterlicher Freund, in dieſen kurzen Tagen erfuhr ich, wie wenig der Menſch bedarf, um glücklich zu ſeyn, wenn ſeine Wünſche nicht über den Raum hinausgreifen, den das Schickſal ihm abgeſteckt; in dieſen armſelig ſcheinenden Tagen empfand ich, daß nur in uns Him⸗ mel wie Hölle verſchloſſen iſt, daß der Menſch ſelbſt ſein Gott wie ſein Teufel wird; aber mußte mich mein Schutzgeiſt verlaſſen, dann kam doppelt ſcharf über meine Seele die Qual des Bewußtſeyns eines hinge⸗ worfenen Glücks, eines verfehlten Daſeyns, und ich rang mir das Herz wund an der Unmöglichkeit einer geret⸗ teten Zukunft für mich und für ſie, die— ich wußte es, ich ſah es täglich klarer— ſich feſt an mich gekettet fühlte, und die, mich beglückend, mit in mein Unglück geriſſen werden mußte. Der junge Mann ſchwieg, und helle Thränen liefen über ſeine Wangen, ohne daß er ſie zu merken ſchien, denn er ließ ſie ungetrocknet. Der Hauptmann fühlte ſich tief ergriffen, und um ſich von dieſer Weichheit los zu machen, ſetzte er ſeine Bußpredigt fort. So gebiert Schuld die Schuld, ſagte er mit erzwungener Härte. Ein Land, von guten Fürſten regiert, deſſen Volk ſeinen angeſtammten Herrſchern in ſchwerſter Zeit getreu geblieben, wo bürgerliches Glück heimiſch war, wo die ächte Freiheit, die Freiheit unter dem Geſetz, ihren Tempel hatte, wolltet ihr reformiren und wolltet ihm einen ausländiſchen Götzen aufdringen, von dem ihr Unſinnigen doch wußtet, welche Gräuel ſein Molochsdienſt über ſeine fremdländiſchen raſenden Anbeter gebracht. Und wer waret ihr denn, die ihr — 218 euch zu Volksrepräſentanten, zu Richtern und Vehm⸗ ſchöffen der Fürſten und Areopagiten eures Volkes auf⸗ warfet? Unmündige, bartloſe Knaben, zur Schule ge⸗ ſchickt, um den Katechismus der Lebensweisheit zu lernen; Buben, die, kaum dem Gängelbande entlaufen, ſich ver⸗ maßen, den Gang der Staatsmaſchinen umzumodeln und neue Moſestafeln aufzuſtellen im Angeſicht der Na⸗ tionen! Hattet ihr aus euern Hiſtorienbüchern nicht be⸗ halten, daß Brutus und Cromwell, Waſhington und Mirabeau Männer geweſen? Und wer waren die⸗ jenigen, deren Fahnen ihr nachliefet, deren Wort euch klang wie Prophetenſtimme, die euch durch des eiteln Neufranken Jeremiasſpruch: La révolution de France tera le tour de 1'Europe! zum Taranteltanze hetzten? Schwärmer, die in's Narrenhaus gehören; egoiſtiſche Gecken, die ſich ſelbſt gern auf die Stelle der Gewalt⸗ haber zu ſetzen wünſchten; Nichtswürdige, die ein nutz⸗ loſes, verfehltes Leben hinter ſich liegen ſahen und den Rechtlichen um ſein friedliches Glück beneiden mußten, das ihnen ein Dorn des Auges geworden, die im Ge⸗ dränge der allgemeinen Zerſtörung nur Gewinn hofften, da ſie nichts zu verlieren hatten, die im Gefühle ihrer Verworfenheit Geſetz und Religion, Zucht und Sittlich⸗ keit auszurotten trachteten, weil ſie ihnen als Rächer und Richter gegenüberſtanden; die gottesläſterlich den Glauben an eine höhere Weltordnung zu vernichten ſuchten, weil ihr beflecktes Gewiſſen in Zerknirſchung zagte, ſobald der Gedanke an eine Vergeltung in nüch⸗ ternen Augenblicken in ihrer Seele wach ward! O, über ſie als ein unauslöſchlicher Fluch alle Thränen und Seufzer, die ſie geweckt, aller Jammer der ſchwachen Gemüther, die ihr freches Wort an den Rand des Ver⸗ 2¹9 derbens gelockt und dort verlaſſen! Aber Preis unſerm Deutſchland, daß es ſie nackt durch alle Gauen gepeitſcht, wie Ehebrecher an der keuſchen Germania mit einem räudigen Hunde beladen über die Gränzen geworfen, und ein Spottgelächter den Wahnwitzigen nachgeſandt, welche vergaßen den ernſten, klugen Sinn, die nüchterne Ueberlegung, die Beſonnenheit und Umſicht ihres eigenen Volkes, die vergaßen, daß dieſſeits des Rheins fremde Schwindelei noch immer an den drei Säulen der Wahr⸗ heit, der Treue und der Gottesfurcht geſcheitert. Und auch Du, Eugen, konnteſt Dich zu dieſen Freibeutern. geſellen, als wenn auch Du zu dem verworfenen Volke gehört, dem, von der Nemeſis verfolgt, kein Vaterland und kein Gott geblieben? Du haſt die Acht über Dich ſelbſt geſprochen, Rebell und Zweifler, und ſchuldbeladen zogſt Du zuletzt noch ein reines Lamm in Dein Geſchick, und würdeſt auch ſie befleckt und zernichtet haben, hätte die Vorſicht mich nicht wunderbar hierhergeſchickt und meiner Hand des vertreibenden Engels Flammenſchwert anvertraut. Hauptmann, Sie wollten nicht retten, wollten tren⸗ nen, zermalmen? jammerte Eugen. O, ſo war die Hoff⸗ nung, die mein Herz bewegte, als ich Sie erkannte, eine grimme Täuſchung und wird zur herbern Strafe werden. Du biſt entdeckt, Du wirſt das Mädchen nicht wie⸗ derſehen, antwortete ſtreng der Hauptmann. Wenn ſie Dir werth geworden, wenn Du ſie ehrſt, wenn ein Funke von deutſcher Redlichkeit in Dir geblieben, wirſt Du dos ſelbſt erkennen. Doch meines Freundes Sohn muß gerettet werden, Du mußt hinweg von hier und ohne Aufſchub. Die Vorſicht hat Dich mir vertraut und 220 ich werde meine Pflicht thun. Birg Dich in dieſem Steinbau, bis die Nacht gekommen; dann gehe in Dein voriges Verſteck. Dort ſollſt Du mich wiederſehen. Eugen ſtreckte bittend ſeine Hände zu ihm auf, doch von dem ernſten Geſicht des ſtrengen Richters zurückge⸗ ſchreckt, ſank er zuſammen und verbarg ſein blaſſes Antlitz in ſeinen Händen. Der Hauptmann ſchaute vor⸗ ſichtig umher, und da er nirgens einen Lauſcher ent⸗ deckte, trat er ungeſäumt den Rückweg an. Wie ihn erretten und fortſchaffen? wie den Unglück⸗ lichen, den Reuigen für ein neues beſſeres Leben ge⸗ winnen? wie ihn der Welt zurückſchenken? dieſe ſchwie⸗ rigen Aufgaben beſchäftigten den Hauptmann unter⸗ wegs. Die kurze, aber gefährliche Rebellion, welche in einer Univerſitätsſtadt unter Leitung einiger jüngern Lehrer und anderer mißvergnügter Fanatiker ausge⸗ brochen, und in deren Strudel ein großer Theil der ſtudirenden Jugend hineingeriſſen worden, war zwar ſchnell und unblutig durch die Energie der Regierung gedämpft worden und hatte keine zerſtörenden Folgen für das Land gehabt. Aber man hatte die heiligen In⸗ ſtitute, auf denen Jahrhunderte lang die Wohlfahrt des Landes ſich geſtützt, erſchüttert, man hatte die Obrig⸗ keiten verhöhnt und vertrieben, man hatte Spottſchriften auf die Regierenden unter die Menge geſchleudert, man hatte Sicherheit des Eigenthums gefährdet, und des Beiſpiels wegen ſchien ein großer Strafakt gegen die Schuldigen unerläßlich, ja trotz aller bekannten Huma⸗ nität des Fürſtenſtammes nothwendig. Eugen war tief in dieſe Frevel verflochten geweſen, ſeine Jugend und 224 die ihr eigene Unbeſonnenheit konnte vielleicht die Wag⸗ ſchale der Entſchuldigung herabziehen, aber ihn nicht von der Strafe, nicht von langer Haft befreien. Ver⸗ loren war er immerhin für ſein Vaterland, für immer aus ſeiner Bahn geſtoßen und auf die Fremde hinge⸗ wieſen. Solche triſte Gedanken verdüſterten des Hauptmanns Seele, und ſein klarer Verſtand verwickelte ſich immer tiefer in dieſem Labyrinthe ohne Ausgang. Da trat ein Schatten vor ſeine geſenkten Blicke, und die Enkelin ſeines Wirthes ſtand erhitzt und athemlos vor ihm. O, mein lieber Herr, ſtotterte ſie kämpfend zwiſchen Scheu und heißer Sorge, kommen Sie zurück in's Haus! Der Großvater zankt mit allen Nachbarn, und ſie ſchelten ſich hart, und der Großvater kann recht zornig ſeyn, und er iſt alt, und die ſchlechten undankbaren Menſchen könnten dem alten Manne Böſes thun. Herr Max ſtreichelte dem ſchönen Mädchen die heiße Wange. Treibt Dich etwa das böſe Gewiſſen, und biſt Du ſelbſt vielleicht ſchuld, daß der lange Frieden eurer Kolonie jetzt zum Kriege ſich wandelt? Das Mädchen ſenkte die Augen und faltete die Hände über ihrem Buſen. Gewiß nicht, Herr! betheuerte ſie. Als der Markus zuerſt mir nachging, bin ich ihm aus dem Wege gewichen, wo ich nur konnte. Als er warb um mich beim Großvater, habe ich kein Widerwort ge⸗ ſprochen. Hätte der Großvater gewollt, wäre mir's nicht eingefallen, ungehorſam zu ſeyn. Damals wußte ich ja nicht anders, als daß es ſo ſeyn mußte. Damals? fragte der Hauptmann ſcharf. Aber jetzt hat Dir ein junger Landſtreicher andere Dinge in den Kopf geſetzt und Dein ſchuldloſes Gemüth mit Lügen 222 veſtrickt. Ich weiß Alles, weiß, welche Geſchäfte Dich geſtern in der Nacht aus dem Hauſe lockten. Mitleid iſt chriſtlich, Hungernde ſpeiſen iſt lobenswerth, aber dop⸗ pelt ſchändlich iſt es von dem⸗ der Wohlthaten empfing, ſie durch Verlockungen zu vergelten, die Dir den Her⸗ zensfrieden, Deinem trefflichen, alten Großvater die Ruhe ſeiner letzten Lebensjahre rauben könnten. Das Mädchen ſtand wie verſteinert vor ihm, der große Strohhut fiel ihr aus den Händen, alles Roth war ihrem Geſichte entwichen, ihre Arme hingen ſchlaff am Leibe herunter, mit offenem Munde, mit halb er⸗ loſchenen Augen ſtarrte ſie ihn an. Und warum cheilteſt Du dem Großvater nicht das Geheimniß mit? Warum ſagteſt Du ihm nicht ſogleich, daß Du den Fremden angetroffen? Der Wachtmeiſter iſt nicht weniger gaſtlich als Du, nicht weniger Chriſt als Du. Wie hätte ich das anfangen ſollen? fragte das Mäd⸗ chen verſchämt und verwirrt zurück. Ja, hätte ich eine Mutter gehabt wie die Andern! Aber die nahm mir der Himmel, ehe ich gewußt, was eine Mutter ihrem Kinde iſt. Guſtel, fuhr der Hauptmann fort, und faßte ihre zitternde Hand, Du biſt gut und fromm; höre auf Freundes Rath. Der Markus iſt nicht häßlich, iſt Soldat geweſen und ſein wüſter Sinn ſchleift ſich ſchon ab, wenn Du ihn mit Liebe und Vertrauen behandelſt. Hat er Dich, die er ſich wünſcht, um die er mit dem Wacht⸗ meiſter im Streite lebt, wird er ſich fügen, ablegen, was der Alte nicht gerne hat, und die beiden Soldaten werden ſich bald verſtändigen. Er meint es ehrlich mit Dir, ſeine Zuneigung iſt ernſt und feſt, ſonſt würde er 223 die Abweiſung nicht ſo hart aufgenommen haben. Sein Antrag muß Dir ja als ein Glück erſcheinen in dieſer Einſamkeit, denn was kannſt Du hoffen, wenn der Groß⸗ vater einmal zum Grabe getragen würde, wenn Du ſchutzlos unter dieſen Menſchen ſtändeſt, deren Haß Du auf Dich gezogen? Fort ginge ich, in die Welt! ſtieß ſie haſtig hervor. Gott iſt überall, und Arbeit findet ihren Lohn. Hat auch das Dir der Wildfang in der Haide vor⸗ geſungen? verſetzte der Hauptmann unwillig. Haſt Du an ihm nicht des Beiſpiels genug, wie es thut, wenn die unſinnige Jugend auf eigene Kraft und Geſundheit trotzt und das gaſtliche Vaterhaus und ſeine ſichere Be⸗ guemlichkeit leichtlich zu entbehren vermeint? Sieh' ihn nur an, den Sohn wohlhabender, vornehmer Eltern, wie er dem Bettler, dem Strauchdiebe ähnlich ſieht. Hat er Dir auch erzählt, wie er im Wetter lag, wie er durſtete, wie Niemand ihn aufnahm, Jedermann ihn von der Thüre ſtieß? Das hätte er Dir erzählen ſollen, ſtatt Dich mit ſüßen Worten zu kirren, und Dich mit Deinem unſchuldigen Herzen durch unerlaubte Liebkoſun⸗ gen zu einer Betrügerin Deines braven Großvaters zu machen. Darum, Guſtel, mache gut, was Du unrecht gethan, tritt als Friedensengel zwiſchen Deinen Groß⸗ vater und den Markus. An den Burſchen auf der Haide darfſt Du nicht mehr denken, darfſt ihn nie mehr wie⸗ derſehen. Helle Thränen rannen über des Mädchens Geſicht. Nicht mehr ſehen? fragte ſie. Dann müßte er ja wieder hungern, und der Hunger muß gar weh thun. Dann würde er ſich das Leben nehmen; ja, Herr, er thäte es wirklich, denn er hat es klar geſagt. Und er iſt ſo un⸗ — 224 glücklich und ſo gut. O, Herr, er hat niemals grobe und ſchlechte Reden zu mir geſprochen, wie es wohl die Nachbarsſöhne gethan. Aber geſagt hat er mir, wie er mich von Herzen lieb hätte, und wie er noch unglück⸗ licher ſeyn würde, wenn ich nicht mehr bei ihm ſeyn könnte, und mir war's ebenſo und ich habe das ihm auch geſagt. Und, o lieber Herr! ſeitdem würde ich den Markus nicht nehmen können und wenn er eine Kiſte voll Thaler hätte und einen Edelhof oder eine ganze Stadt dazu, und wenn er der beſte und ſchönſte Mann wäre, und wenn ſie Alle mich ſchölten und ein⸗ ſperrten, hungern und durſten ließen, o Herr! und wenn ich auch ſterben müßte. Herr Max betrachtete das ſich ſelbſt immer mehr er⸗ hitzende Mädchen mit ſorgenvoller Theilnahme. Was ergreift mehr und tiefer, als der Anblick einer erſten, mit natürlicher geſunder Kraft die verſchloſſene Knoſpe ſprengenden Leidenſchaft, die unbekannt mit den Schran⸗ zen und Feſſeln des verzwängten und verbauten, über⸗ kultivirten Menſchenlebens, und ſie nicht achtend und beachtend, im gewaltigen Selbſtvertrauen ſich dem ge⸗ wonnenen neuen, berauſchenden Glücke hingibt und jedes Hinderniß für Splitter und Schatten hält? Du ſollſt nicht ſterben, Du armes Ding! ſagte der Hauptmann milder. Aber Du ſollſt Vernunft hören, ſollſt den Rath eines guten Freundes nicht verſchmähen, der es redlich meint mit Dir, wie mit dem unglücklichen Eugen. Iſt er Dir wirklich lieb, ſo darfſt Du ihn nicht wiederſehen; aber er ſoll nicht hungern, ſoll auf der alten, bequemen Stelle ſchlafen; ich ſelbſt werde für ihn ſorgen⸗ vis mir gelingt, ihn ſicher und geheim fortzuſchaffen. So kennen Sie ihn, ſprachen ihn, ſind wohl abge⸗ „ — M N— N 225 ſchickt, ihn aufzuſuchen? fragte ſie ſtutzend und unruhiger. Aber nein, Sie ſagten ja, Sie wollten ihn verbergen, fortſchaffen, nicht verderben. Und, o Gott, ich glaube, es ſind Leute angekommen, die es auf ihn abgeſehen haben, und, o Herr, ich will's geſtehen, die Angſt um ihn trieb mich beſonders aus dem Hauſe, wenn ich auch nur wenig von dem Gezänk in des Großvaters Stube verſtanden hatte. Fremde kamen an? fragte der Hauptmann erſchreckt. Dann vorwärts zum Kampfplatze! Du aber voran, Guſtel, und thuſt Du einen Schritt hinaus zu ihm ohne mein Wiſſen, ſo verrathe ich Dein Geheimniß an den Großvater und an Jedermann, der ihm Schaden zu⸗ fügen könnte. Von ſeinem Ernſt eingeſchüchtert, folgte ihm das Mädchen, obgleich ihr Auge ſich oftmals rückwärts wandte und über die traurige Ebene ſtrich, wo nirgends erſchien, was ſie ſuchte. In der Nähe der Anſiedelung fanden ſich zwei Ca⸗ valleriepferde angebunden. Der weibliche Theil der Ko⸗ loniſten umſtand horchend und plappernd des Wachtmei⸗ ſters Haus, und die Frauen wichen ſcheu, doch nicht be⸗ ſonders reſpektvoll, zur Seite, als der Fremde durch ſie hinſchritt. Auf dem engen Vorplatze und bis zu der geöffneten Zimmerthüre drängten ſich die männlichen Nachbarn, und als Herr Max ſich an ihnen vorüber Platz gemacht, traf er innen den alten Wachtmeiſter, der vor Zorn erſchöpft und ſchwerathmend da ſaß, und vor dem der Markus im weißen Soldatenkapot perorirte, indeß zwei Landdragoner in völliger Bewaffnung zur Seite Poſto gefaßt hatten. So wie Herr Max mit dem Blumenhagen. XIV. 15 226 Ausdrucke der Verwunderung und Neugierde auf dem Geſicht zwiſchen ſie trat⸗ wandten ſich Alle gegen ihn, und der Wachtmeiſter ſtieß aus der beengten Bruſt her⸗ aus: Da iſt er! Fragt ihn ſelber, er wird die Antwort nicht ſchuldig bleiben! und als ſein Echo wiederholte Markus mit boshaftem Tone und ausgeſtreckter Hand: Da iſt er und läuft ſelber in das Garn! Als der weißbärtige Gouverneur der Haidekolonie vorhin ſo eilfertig, wie ſein Stelzfuß es erlaubte, zu ſeinem Hauſe kehrte, ſah er die fremden Pferde wohl; doch da er die Stimmen der Reiter im Nachbarhauſe vernahm, es auch nicht ungewöhnlich war, ſolche Po⸗ lizeiſoldaten in ihrem beſchwerlichen Dienſte auf der Straße vorüberziehen zu ſehen, ſo kümmerte er ſich nicht darum, rief eifrig nach ſeiner Guſtel und ſuchte in ſeinen Kiſten und Truhen nach einem tüchtigen Vorhängeſchloß, um ſein Eigenthum, die Herberge ſeiner lieben Thiere, in Zukunft vor dem Eindrange nächtlicher Wegelagerer zu bewahren. Er hörte Schritte und Stimmen hinter ſich, und als er ſein weißes Haupt der Thüre zudrehte, ſtand der verhaßte Markus nebſt Vater und Brüdern vor ihm. Der Greis grüßte ſie ernſt und fragte nach dem Begehr, und trotzig erwiederte der Soldat, er ſeh nur da, um vor Zeugen nochmals ſeine Werbung um die Guſtel zu wiederholen, und im Falle einer neuen, ſchimpflichen Zurückweiſung ſtreng nach den Gründen derſelben zu forſchen. Der Alte ſtellte ſich gerade und maß die Eindring⸗ linge von den Köpfen bis zu den ſchweren Nagelſchuhen. Wer bin ich denn? fragte er, und wer ſeyd ihr denn, die ihr mit ſolchem ungewohnten Tone an mein Haus⸗ recht zu taſten wagt? Dieſes Dach iſt nicht gewohnt, S n ig⸗ en. un, us⸗ nt, 227 ſolche ungewaſchene, drohende Reden unter ſich zu dul⸗ den, und der drunter wohnt, noch weniger. Wer ſchlug den erſten Pfahl in dieſen wüſten, herrenloſen Platz⸗ und wer hieb die erſte Plagge aus dieſem harten Boden? Wer verſchaffte euch die Erlaubniß, Theil zu haben an dem Zufluchtsort, an dem königlichen Forſtgrunde, den man dem alten Kriegsmanne zugeſtanden? Wer ſtand euch bei mit Rath und That, mit Fauſt und Schaufel, damit ihr Ausgeſtoßenen wieder zum warmen Neſte kamet? Und nun die rauhe Brut glatt und groß ge⸗ worden, unterſteht ihr euch, daher zu treten, als wäret ihr die Herren, und den alten Wachtmeiſter zu mole⸗ ſtiren? Potz Sarras und Kommisbrod, der alte Kaspar räth euch zur ſchnellen Retirade, bevor er den blanken Zuchtmeiſter von der Wand gerufen. Wer moleſtirt Euch alten Murrkopf? fragte Markus hohnlächelnd. Eine ehrliche Frage ſteht frei, und die Antwort koſtet weder Geld noch Blut, und ein rechtlicher Mann verſagt ſie nicht. Aber ſchamlos iſt der Burſch, fiel der Alte hitzig ein, welcher das Haus zum andern Male betritt, wo er ſich einen Korb geholt; und darum nochmals und zum letzten Male: die Guſtel mag Dich nicht, ich mag Dich noch weniger, und mir iſt kein Landesgeſetz be⸗ kannt, das unſere Mädchen zwänge, mit jedem naſe⸗ weiſen Werber den Bettſprung zu thun. Und was hat der hochgeborne Herr Wachtmeiſter und ſein Fräulein an mir auszuſetzen? fragte der Burſch mit tückiſcher Kälte weiter. Auszuſetzen? Ei, ei, Du geckiges Bürſchlein, meinſt Du wohl gar, Du wäreſt die Modelluniform für das große Regiment unſers Herrgotts? Kurzum, ſetze den 228 Hahn ab und Gewehr in Ruh, die Guſtel iſt zu gut für Dich. Die Adern auf der Stirne des Soldaten ſchwollen plötzlich hoch auf und ſein Geſicht ward blauroth. Habt ihr's gehört, ihr Andern, was ich euch zu hören geben wollte? Zu gut die Dirne für einen Soldaten des Kö⸗ nigs? Was iſt ſie denn? Woher kam ſie denn? Wie iſt Er zu ihr gekommen? Trete Er vor, Vater Andres⸗ und erkläre Er einmal dieſem klugen Manne, daß auch neben ihm kluge Leute ihre Augen offen haben. Der Wachtmeiſter machte ein langes Geſicht, obgleich er ſeine Verlegenheit durch martialiſche Mienen zu mas⸗ kiren ſuchte. Du biſt ein Stänker, Burſch, darum iſt mein ſtilles Täubchen für Deine Falkenkrallen zu gut. Seit Dir der Bart wuchs, konnteſt Du keinen Frieden halten, nicht mit den Nachbarn, nicht mit den Brüdern, nicht mit Vater und Mutter; darum iſt mein ſanftes, ſcheues Kind zu gut für Dein Ehebett voll Schlangen und Drachen, und wenn ich bald hinüber marſchire, könnte ich's nicht da oben verantworten, ſie Deinem Gelüſt zu gefallen in eine Hölle ohne Ende geſtoßen zu haben. Seit Du glaubſt, ein gewaltiger Schlaginsfeld geworden zu ſeyn⸗ iſt der Friede von uns gewichen; zu Undank gegen ihren Wohlthäter haſt Du Alle verführt; aver auch hierher reicht des Königs Hand, und ſollte es mir auch einen ſauren Weg auf dieſem Stelzfuße koſten, will ich doch den Störenfried gar bald aus meiner Garniſon ſchaffen laſſen, ſo wahr ich den Königs⸗ rock mit Ehren getragen und Pulver gerochen. Der alte Bäuer trat vor und legte die Hand auf des Wachtmeiſters gehobenen Arm. Gebe Er nach, Nach⸗ bar, ſagte er hämiſch, doch mit einem Anflug von ge⸗ 229 wohntem Reſpekt, und der Krieg iſt zu Ende, den Er doch mit dem jungen wackern Schützen nicht wird durch⸗ machen können. Die Weiber können das Plappern ein⸗ mal nicht laſſen; Steffens Frau iſt ja die Amme der Guſtel geweſen, und kann ja vor Jedermann bezeugen, daß Seine alte Magd damals früh Morgens ſie zu Ihm gerufen, und das Kind da geweſen wie vom Himmel herunter geſchneit. Die alte Hanne ſtarb Ihm zu rechter Zeit. Meint er nicht auch, Herr Kaspar? MWordelement, nun wird mir's zu bunt! ſchrie der Wachtmeiſter und griff nach dem Sarras an der Wand. Hinaus, oder ich fege euch Alle blutig aus der Breſche. Mir recht, will Er Blut, Er alter Narr! ſchrie wild der junge Soldat. Heraus auf die Haide, wenn die Courage nicht in ſeinen alten Knochen verbrannt iſt! Und bringt's auch nicht große Ehre, werde ich ihm doch zeigen, daß unſer Einer auch ſein Fechten gelernt. Und höre er denn deutſch, was wir Alle wiſſen. Seine Dirne iſt ein Bankert, ein Sündenkind, an der Hecke aufge⸗ leſen oder Ihm alten König David auf die Schwelle gelegt! Und wer weiß, wozu der alte Sünder es ſich aufgezogen und aufbewahrt. Und damit wir auf ein⸗ mal reine Bahn machen, ſo höre er weiter: Sein Haus iſt eine Spitzbubenherberge: Landesverräther, die dem Recht verfallen, verbirgt Er und thut ihnen Vorſchub, läßt ſie ſchlafen in ſeinen Ställen, läßt ſie Nachts füt⸗ tern von ſeiner frommen Guſtel, und hält ſeine Nach⸗ varn für ſo ſtockdumm, daß Er ſo einen Galgenſchwengel gar geſtern Nachts frei eingeſchmuggelt und für einen vornehmen verirrten Herrn auszugeben ſich unterſtanden. Die Mädchen haben die Guſtel belauſcht, und wir haben Sorge getragen, daß man uns nicht für Seine Spieß⸗ 230 geſellen halten möge, und wir Seine Strafe ohne Schuld theilen müßten. Herein, Kameraden, thut Eure Schul⸗ digkeit! Das böſe Gewiſſen hat den Sünder ſchon im Stich gelaſſen, und es wird ſein Bekenntniß nicht lange mehr ausbleiben. Der Wachtmeiſter war im Zorn verſtummt, von dem gewaltigen Sturme, der ſo unerwartet über ihn herein⸗ brach, zermalmt in den Stuhl geſunken. Die eingetre⸗ tenen Dragoner fuhren ihn barſch an, und dieß war der Augenblick, in welchem der Fremde mitten unter ſie trat, und der doppelte Ausruf: Da iſt er! ihn über⸗ raſchte. Der Dragoner vertrat ihm ſogleich den Rück⸗ weg und forderte mit ſtrengem Tone ſeinen Paß. Aller Augen waren geſpannt auf den hochgewachſenen Mann gerichtet, der kalt ſeine Brieftaſche hervorzog und aus ihr das geforderte Papier ſuchte und hinreichte; Aller Augen hafteten dann auf dem Leſenden. Hauptmann von Hartenſtein! tönte da die Stimme des erſchrockenen Reiters, indem er ſich militäriſch rich⸗ tete. Verzeihung, gnädiger Herr! ſetzte er ſchnell hinzu. Das verdammte Bauernvolk hat uns da zu einem alber⸗ nen Fehlgriffe verleitet. Eifer im Dienſte iſt nirgends tadelnswerth. Doch, wie es ſcheint, kennt Ihr mich nicht mehr, Fritz Möring? verſetzte der Hauptmann lächelnd. Aber ich kenne Euch recht wohl, Euer Rittmeiſter war mein beſter Kamerad, er blieb bei Talavera, und Ihr bekamt dort dieſe Schmarre von einem Chaſſeur, der uns die Kanonen nehmen wollte, dem Euer Säbel aber die Luſt für immer verleidete. Ja, ja, ſchmunzelte der Dragoner, das war ein trau⸗ riger Ehrentag, und jetzt werden mir die Augen klar 231 und ich erkenne den Herrn recht gut. Die Uniform macht andere Geſichter und es liegt ein Mandel Jahre zwiſchen der ſchönen Zeit und uns. In dem Paſſe ſteht auch der Reitknecht von Euer Gnaden. Hätte uns der Bote von dem und Ihrer Equipage ein Wörtchen geſagt, würden wir uns nicht zu dem Fehltritt haben verlocken laſſen, obgleich manche der Unruheſtifter ſich nach dem Elbufer geflüchtet haben ſollen und mehrere der Bezeichneten noch nicht zur Haft gebracht wurden. Die Erinnerung an den Reitknecht ſchien den Haupt⸗ mann lebhaft zu ergreifen; er nahm den Paß zurück, erzählte kurz ſein Abenteuer und daß er den erkrankten Diener habe in der Reſidenz zurücklaſſen müſſen, bis es ihm möglich, nachzukommen. Er bat alsdann noch, ihm am morgenden Tage einen Miethwagen aus der nächſten Stadt zu ſenden, und erſuchte die Reiter, ihr Anſehen bei den Koloniſten zu benutzen, um dieſen würdigen Kameraden im ungeſtörten Frieden ſeines Eigenthums zu ſchirmen, wofür er auch das Seinige thun werde, ſobald er an dem Orte ſeiner Beſtimmung angelangt. Die Koloniſten hatten ſich bereits furchtſam aus dem Staube gemacht, nur der Soldat warf noch ingrimmige Blicke von der Thüre aus auf den Wachtmeiſter, ge⸗ horchte jedoch der Weiſung der abziehenden Dragoner, die ihm den Abmarſch geboten und bei Wiederholung ſolcher Auftritte mit böſen Folgen bedrohten. Wirth und Gaſt waren jetzt unverhofft ſchnell wieder allein. Der Wachtmeiſter ſaß noch immer verſtummt und wie erſchlafft, und ſein Auge haftete ſtarr auf der Tiſchplatte. Der Hauptmaun ſetzte ſich zu ihm und legte ihm traulich ſeinen Arm um die gekrümmte Schulter. Erholt Euch, Väterchen, ſprach er. Es hat Euch hart 232 angegriffen. Undank ſchmerzt am tiefſten von allem Weh des Lebens, aber der Redliche thut ja das Gute nie um des Dankes willen, und die Undankbaren fühlen früh oder ſpät, was ſie auf ſich geladen. Denkt, es ſey ſo ein Scharmützeltag geweſen wie bei Valmp oder Kai⸗ ſerslautern. Man wiſcht ſich den Schweiß von der Stirne und den rothen Saft von der Klinge, thut einen guten Trunk darauf und lacht über die Fante, welche den Ueber⸗ fall muthwillig gewagt und die man tüchtig ausgeklopft. Der Greis nickte und deutete mit dem Finger auf ſeinen Dompfaffen, der ſich im Bauer aufgeblaſen, auf den ſteifen Beinen hin und her zu hüpfen verſuchte und mit heiſerer Stimme einige Takte des Trompetermarſches, doch unvollſtändig und abgebrochen, hören ließ. Der möchte auch noch einmal, aber es will nicht mehr, antwortete er. Strenge Dich nicht ſo an, thörichtes Thier; unſere Campagnetage liegen im Fernen. Du denkſt an Deine Harzwälder, wie ich an mein Lothringen und Flandern. Wir Beide waren damals wohlgelitten und nicht übel anzuſchauen, doch das weiß Niemand mehr als wir, und bald nehmen auch wir ſelbſt dieſe letzte Erinnerung mit. Ja, Herr, die Zungenhelden haben mich wirklich zuſammengeritten. So lange man jung, kommt ſo etwas oft gelegen, reckt die Glieder aus und ſtößt den Geiſt wohlthätig an, und man ſchüttelt es ab, wie die Regentropfen vom Reitermantel. Iſt man aber ſo weit wie ich, da frißt es tiefer ein und wird gar leicht zu viel für die verſchoſſene Munition. Seyd nur nicht bös auf mich, mein lieber Freund! ſuhr der Hauptmann fort. Wahrlich, es thut mir herzlich leid, daß meine unglückliche Ankunft die Urſache ſo böſer Aergerniß für Euch geworden. Vogelflinte ſeinen Streifzug durch die Haide zu machen, 233 Sprechen Sie nicht ſo, Herr! rief der Alte lebhaft. Gott iſt überall dabei, und keine Kugel trifft ohne ihn. Sonſt wäre es ein jämmerliches, entſetzliches Avanciren gegen Batterie und Kartätſchenfeuer. Daß Sie da ſind zur Stunde und bei der Geſchichte, die doch losgebrochen auch ohne Ihre Gegenwart, das iſt mir Wink und Fingerzeig vom Himmel, und was geſchehen muß, werde ich darum mit altem frohen Soldatenmuthe vollbringen. Haben Sie nur ein wenig Geduld mit dem alten Kriegs⸗ manne, gönnen Sie ihm eine kleine Ruhe, die der ge⸗ brechliche Leib verlangt; Sie werden erfahren, daß ich ein großes Anliegen Ihnen auszuſprechen habe, und ich muß mich darauf vorbereiten, bin ich auch Ihrer Zu⸗ ſicherung zum Voraus gewiß. Es lag etwas ſo Beſonderes, Ergreifendes in dem Weſen des Alten, in dem Tone ſeiner Stimme, daß der Hauptmann, obgleich höchlichſt geſpannt, nicht weiter zu fragen wagte und ſeine Neugierde niederkämpfte. Das Mittagsmahl wurde ſtill zuſammen eingenom⸗ men; auch das Mädchen, ſcheu und ſichtlich beklommen, war zugegen, doch der Greis berührte nichts von dem Vorgefallenen, erwähnte nichts von dem Schaſfſtalle und der Beherbergung eines Fremden, die ihm doch durch des Markus Schmähreden noch gewiſſer geworden ſeyn mußte, er ſaß meiſt gedankenvoll, und nur zuweilen ruhte ſein Auge zärtlich und wehmüthig zugleich auf dem Geſichte des Mädchens, das den Blick auf ihren Teller geſenkt hielt und des Hauptmanns Zuſpruch eben⸗ falls einſylbig erwiederte. Der Gaſt ſelbſt wurde ange⸗ ſteckt von der Beklommenheit ſeines Wirthes, und es war ihm willkommen, als der Alte ihn bat, mit der 234 indeß er verſuchen wollte, auf ſeinem Bette den Leib zu erſtärken, das aufgeregte Blut zu beruhigen und die vorige gewohnte Gemüthsruhe ſich wieder zu gewinnen. Herr Max entfernte ſich in einer ſeinem Ziele ent⸗ gegengeſetzten Richtung von dem Hauſe, und näherte ſich auf großen Umwegen den Hünengräbern erſt dann, als er verſichert war, daß ſeiner Ferſe nichts Feindſeliges folge. Er fand den Geächteten am vorigen Platze, und die erſte Frage deſſelben war nach der Guſtel und der Bedrängniß, die ſie um ſeinetwillen habe erdulden müſſen. Das leichtverſchmerzte Zornwort, das ſie treffen konnte, berührte Deine ſündenwunde Seele, antwortete der Haupt⸗ mann, und der geſtörte Friede, der Brand, den Du in ihr ſtilles Lebenshaus geworfen, ihre bedrohte Ehre bei Deiner Entdeckung läßt Dich ohne Sorge. Leichtſinnige Jugend, die an Abgründen tändelt! Wohl Dir und ihr, daß ich Euer Schickſal geworden!— Er benachrichtigte ihn, wie nahe die Dragoner an ſeiner Ferſe geweſen, er reichte ihm Wäſche und eine Reiſetvilette aus ſeiner Jagdtaſche, er befahl ihm, noch einmal ſein Nachquartier neben der Heerde zu nehmen und dort die Spuren des Vagabundenlebens von ſich zu tilgen. Morgen, mit dem erſten Tagesſtrahle, brichſt Du dann auf und folgſt der Straße nach Süden hin, ſetzte er hinzu; dieſer mein Paß ſichert Deinen Marſch: Du viſt mein Diener, den ich krank in der Reſidenz gelaſſen, der meiner Fährte nachgeſpürt und mich hier gefunden. Eine leere Kaleſche wird Dir begegnen, ſie ward von mir beſtellt, Du ſetzeſt Dich auf und führſt ſie mir zu. Mit Gott wird nichts Deiner wohl vorbereiteten Rettung in den Weg treten. Und ſie? fragte ſcheu der Jüngling. 235 Thor, wie fragſt Du noch? erwiederte unwillig der Hauptmann. Die Huſfſchläge der Dragoner hinter Dir, gedenkſt Du einer flüchtigen Neigung, gedenkſt Du eines Kindes, das Dich in wenigen Wochen vergeſſen haben wird? Deinem Retter gegenüber, der der Freundſchaft Deines Vaters, dem Andenken Deiner Mutter zu Ge⸗ fallen ſeine Pflicht als guter Staatsbürger verletzt und einen Vervehmten verdienter Strafe entzieht, der ſeine eigene Ehre, den Glauben und ſeine gute Geſinnung dabei auf's Spiel ſetzt, fragſt Du nach einer kurzen, kindiſchen Tändelei? Kannſt Du Dich als Bauerknecht, ein neumodiſcher Apoll, bei dem Herrn Deiner Rahel verdingen und um ſie ſieben Jahre die Schafe hüten? Kannſt Du ſie als ein neugebackener Rinaldini in Deine Tannenbüſche entführen? Nur die Hoffnung, Dich zu retten für eine beſſere Zukunft, Dein Talent, Deine Ju⸗ gendkraft der Welt zu erhalten, kann entſchuldigen, was ich für Dich zu thun geſonnen. Darum mußt Du jetzt wählen, ſchnell und unwiderruflich: hier einen wohl⸗ meinenden Freund, einen neuen Vater, eine neue Ehre; dort Furcht, Schande, Flucht, Aechtung und kindiſches Sinnenſpiel. Du wirſt ſie oder Du wirſt mich nimmer wiederſehen. Der junge Menſch ſtand bebend, mit ſchweißbedeckter Stirne, und tiefer Seelenſchmerz war auf ſein blaſſes Antlitz geprägt. Hauptmann, antwortete er halblaut, Sie irren ſchwer. Es iſt kein Sinnenſpiel, kein Kinder⸗ gelüſt, es iſt ein Morgenroth, das aus einer gräßlichen Gewitternacht hervorgegangen, ein Gotteslicht, in wel⸗ chem mir Vergebung und neues Glück geleuchtet! In ihre Hand ſchloß ich den neuen Bund ab mit dem Guten, das Mädchen gab mir ihre Hand im Namen der ver⸗ 236 ſöhnten Menſchheit. Ich werde dieſe meine ſchwärzeſten Tage nimmer vergeſſen, vielleicht nie wieder ſo glücklich ſeyn, wie ich es in dieſem Bettlerkleide, auf dieſer aus⸗ gedörrten Flur geweſen. Aber Ihre Stimme iſt mir Gottesruf, Befehl der ewigen Macht, die mir Glück zeigte und nahm, damit der Becher meiner Strafe bis zum Rande voll werde. Hier meine Hand, ich ſehe die liebe, arme Auguſte nie mehr, ich reiſe mit Ihnen. Der Hauptmann war zufrieden und weilte lange bei dem niedergedrückten, klagenden Jünglinge, ſuchte ihn mit Träumen der Zukunft zu erſtärken, und kehrte ab⸗ ſichtlich erſt mit der Dämmerung zu der Kolonie zurück. Guſtel war allein im Stübchen, ſie hatte das Abend⸗ brod aufgetragen, und als der Gaſt nach ſeinem lieben Wirthe fragte, berichtete ſie, der Wachtmeiſter habe ſchon geſpeist, ließe den Herrn erſuchen, ſich's allein ſchmecken zu laſſen, und ſey ſo eben hinübergegangen in das Haus und zu den Eltern des Markus. Er wird Frieden ſtiften, verſetzte Herr Max, Platz nehmend, und das wird ihm leicht werden, denn der vöſeſte Menſch müßte vor ſolch ehrlichem Silberhaupte die Fahne ſenken, wenn es Verſöhnungsworte ſpricht und die dürre, zitternde Greiſenhand zum Freundſchaftsdrucke anbietet. Nach einer Weile faßte er die Hand der ſchlanken Hebe, die ſchweigend ſich um ihn zu ſchaffen machte. Du möchteſt fragen, liebes Kind, ſagte er, und kannſt vor Herzklopfen nicht zur Frage kommen. Eugen iſt gerettet, wenn Du ihm nichts in den Weg legſt! Das Mädchen ließ ein freudiges Ach! hören. Aber ſprechen wirſt Du ihn nie mehr, und nur noch einmal ſehen, ein einziges Mal, morgen, ehe wir reiſen. Aber Du darfſt mit —— 237 keinem Laute, mit keinem Blicke Dir merken laſſen, daß Du ihn je gekannt, ſonſt fällt er unrettbar zurück in die Klauen ſeiner Feinde. Das Mädchen ſeufzte ſchwer auf und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen, der Haupt⸗ mann aber umfaßte ihren Wuchs und zog ſie traulich zu ſich. Guſtel, ſprach er fort, Du liebſt den Eugen recht ſehr?— O, mehr als mich ſelber!— Aber Du liebſt auch Deinen Großvater?— Wäre es nicht Sünde und Undankbarkeit, wenn ich ihn nicht ehrte und liebte? — Und Du vertrauſt auch mir?— Der Herr iſt ſo gut und klug, und meint es ehrlich mit uns und mit dem Verlaſſenen— ach, mit dem da außen!— Nun, Guſtel, ſo höre und folge dem, der es gut meint mit euch Allen. Könnteſt Du den Greis verlaſſen, der Dein Wohlthäter war von früh an, der ohne' Dich keine Freude hätte, der Dein mit jedem Tage mehr bedarf? Könnteſt Du ihn laſſen in dieſer feindſeligen Geſellſchaft böswilliger Nachbarn, ihn laſſen ohne Pflege, wenn Alter und Schwäche ihn auf's Krankenkett würfe, könnteſt Du den braven Greis einſam ſterben laſſen?— O, das wäre entſetzlich! jammerte ſie.— Und was kann werden mit Dir und dem Eugen? Er iſt von vornehmem Stande; ſeine Verwandten würden nie zugeben, daß er Dich zur Kirche führte. Er liebt Dich; ja, wenn Du ihm ſchmei⸗ chelteſt, wenn Du ſprächeſt: Eugen, ich ſterbe, wenn Du fortgehſt, dann würde er bleiben, er würde ſein Vagabundenleben fortſetzen, er würde aus Noth Räu⸗ ber und Mörder werden; aber zuletzt würde man ihn fangen, binden, die hartherzigen Dragoner würden ihn am Schweife ihres Pferdes fortſchleifen, ein dunkles Gefängniß würde ſein Haus für viele Jahre werden, wohin keine erquickende Sonne und keine tröſtende Men⸗ 238 ſchenſtimme dränge, und wenn Du vor ſeinen Richtern auf nackten Knien Dich im Staube wändeſt, Deine Gnadenbitte würde kein Ohr finden, denn das Geſetz kennt kein Mitleiden. Glaubſt Du, ſeine Neigung würde nicht erlöſchen in der langen, düſtern Einſamkeit? Glaubſt Du, er würde Dich nicht zuletzt haſſen, um derentwillen er Sicherheit, Freiheit, Lebensfreude von ſich geſtoßen? Glaubſt Du, er würde nicht zuletzt gar der unſchuldigen Guſtel fluchen müſſen? Das Mädchen beugte ſich entſetzt von ihm zurück. Nein, nein, ſtieß ſie hervor, dahin wird es nicht kom⸗ men; nein, fluchen wird er mir nie, und haſſen? Ich könnte ihm nie weniger zugethan ſeyn, als ich es jetzt bin, und wenn ſie mich noch ſo tief, noch ſo lange ein⸗ ſchlößen. Aber Er malt das ſo gewiß hin, daß man's mit Händen greifen könnte, und daß man Fieberfroſt fühlt, als ſähe man's ſchon. O Herr, wenn den Eugen ſolch Unglück unabwendbar treffen muß, ſo nehme Er ihn mit ſich. Guſtel wird immer weinen, wird krank ſeyn und ſich an nichts mehr freuen; aber der Eugen wird das arme Mädchen nicht vergeſſen, wird ſie nicht haſſen, ihr nicht fluchen. Und wenn der Himmel den Großvater zu ſich gerufen, dann wird die Guſtel nichts halten, dann wird ſie mit ihrem Bündelchen fortwan⸗ dern und wird ihn ſuchen, und Gott wird ſchon ſorgen, daß ſie den rechten Weg findet. Sie war ſchluchzend neben ihn in die Kniee geſunken und drückte ihr Geſicht feſt an ſeine Hüfte und er küßte ſie auf die glatte, weiße Stirne. Recht ſo, mein ſtarkes, kluges Mädchen! ſagte er gerührt. Nimm ein Beiſpiel an dem ſtrengen Kaspar, der ſein gekränktes Herz nicht beachtet, der auch ſeine Aufwallung dem Frieden vpfert, —— * — S S 8 X— —— 6 239 und der Himmel wird ſolche Opfer nicht unbelohnt laſſen! Doch noch Eine Freude darf ich Dir erlauben. Trage, noch ehe es völlig dunkelt, den Waſſerkrug, trage Speiſe an den bewußten Ort. Es iſt zum letzten Male, aber es iſt für ihn, der Dir ewig danken wird; aber harre ſeiner nicht, willſt Du ihn nicht verderben. Man hörte des Wachtmeiſters Schritte, und bald er⸗ ſchien er ſelbſt. Der Alte ſchickte ſogleich die Guſtel fort, befahl ihr die Ställe und das Haus zu ſchließen und zu Bett zu gehen, und geduldig, wenn auch mit hängendem Köpfchen, ging ſie, um zu gehorchen. Der Greis kramte eine Zeit lang vor ſeinem Schranke, dann ſtellte er ſich an das Fenſter, durch welches der letzte Abendſonnenſtrahl feuerroth hereinſtrich, und pfiff einen alten Soldatenmarſch, den der blinde Vogel mit einzelnen leiſen Tönen zu begleiten verſuchte. Dann zündete er die Lampe an, trug eine abgegriffene Brief⸗ taſche und ein unanſehnliches Käſtchen zum Tiſche und rückte ſeinen Stuhl dem Gaſte gegenüber zurecht. Ihr kommt von einem Ehrengange, begann geſpannt der Hauptmann; Ihr habt den Frieden hergeſtellt, Ver⸗ ſöhnung hergerufen, das iſt brav von Euch, Kamerad; ein wackerer Sieger bietet zuerſt dem geſchlagenen Feinde die Hand, und dem ehrwürdigen Alter geziemt der erſte Schritt dem Widerſacher entgegen und bringt ihm dop⸗ pelt Ehre. Ihr thatet einen guten Weg, Kamerad. Nach Soldatenmanier, antwortete der Wachtmeiſter einſilbig. So wird der Himmel dazu den Segen ſprechen und die Eintracht wieder unter euch wohnen wie zuvor, und beruhigt kann ich euch verlaſſen, deren Schickſal mir in Wahrheit lieb und wichtig geworden. 240 Wie Gott will! verſetzte der Greis mit einem Blicke nach dem Fenſter, indeß er die Brieftaſche auseinander faltete. Ich ſprach auch mit der Guſtel, fuhr der Haupt⸗ mann fort; ſie iſt fügſam und klug, und wenn die Zeit euch Allen den heutigen Streit vergeſſen gemacht, wenn die Nachbarn ſich ein Beiſpiel daran genommen und eingeſehen, daß der Unfriede in ſolcher Abgeſchiedenheit ein tödtlich Gift für euer Aller Glück werden müßte, ſo wird der Handel zwiſchen dem Markus und der Guſtel ſich auch vielleicht noch machen und den vollen Frieden für immer befeſtigen. Niemals! rief der Wachtmeiſter, indem er vom Stuhle emporfuhr und die alte knöcherne Fauſt heftig auf den Tiſch drückte. Das iſt abgemacht, und daß es nichts werden kann, ſo lange der Kaspar ſein Eines Auge noch offen hat, ſollen Sie hören. Er ſetzte ſich wieder, und im ruhigen Tone des Erzählers ſprach er nach kurzem Stillſchweigen, das der über die unerklär⸗ bare Wallung des Alten erſtaunte Hauptmann nicht zu unterbrechen wagte, Folgendes: Der Menſch iſt ein trotziger Patron, und ſo lange ihm Gottes Gnade Geſundheit und gute Tage gegeben, denkt er nicht darüber hinaus und lebt leichtfertig in die Welt hinein, als wenn das ewig dauern müßte. So ein leichtfertiger Patron ſitzt auch hier am Tiſche, und es bleibt ihm nur der Troſt, daß es noch Zeit iſt, Ver⸗ ſäumtes nachzuholen und ſein Haus zu beſtellen nach Recht und Pflicht. Herr, es laſtet ein ſchweres Ge⸗ heimniß auf dieſer alten Bruſt und nach den heutigen argen Erfahrungen brennt es wie Granatenfeuer in⸗ und auswendig. Der Himmel hat mich heute erinnert, 24¹ daß es gar ſchlimm um meine Rechtfertigung ausſehen möchte, wenn ich muthwillig in das Grab hineingepol⸗ tert, und das einzige Geſchöpf, das mit Liebe an mich geknüpft geweſen, in ſündhafter Sorgloſigkeit hätte allein ſtehen laſſen unter den verderbten Menſchen, zu denen ſie niemals gehörte. Die trockene Bruſt kocht, das Mark in den mürben Knochen iſt kalt, das Blut ſchleicht träger wie ſonſt, mir könnte nächſtens etwas Menſchliches be⸗ vorſtehen, und da meine ich, der die Schickſale der Men⸗ ſchen regiert, hätte Sie, Herr Hauptmann, gerade zu rechter Stunde zu uns geſchickt, und ich hätte in dem braven Kriegsmanne gerade Den gefunden, dem ich Vertrauen ſchulde. So ein rechtes, weit offenes Herz hat der Soldat doch nur für den Kameraden, und deßhalb habe ich vielleicht bisher vergebens unter Allen geſucht, die mir in meinen letzten Lebenstagen begegneten. Es ſind jetzt etwa ſechszehn Jahre; es war in einer rauhen, ſtürmiſchen Nacht, gerade wie die, in welcher Sie an mein Fenſter klopften, da weckte mich die Hanne, meine alte Magd, und hieß mich aufſtehen, denn Hülfs⸗ bedürftige hätten an unſere Hütte gepocht. Damals rü⸗ ſtiger noch als heute ſtieg ich ſchnell in die Kleider und machte Licht und öffnete mein Haus. Ein netter, be⸗ quemer Reiſewagen hielt auf der Straße, und als ich zum Schlage trat und meinen Beiſtand antrug, bat eine Weiberſtimme um ein Obdach auf ein Stündchen für eine Kranke und um einen Boten für den Kutſcher, der in der Finſterniß ſich nicht getraue, ohne ſolchen die Fahrt bis zum nächſten Orte auf der ſchlechten, ihm gänzlich unbekannten Straße fortzuſetzen. Die Geſellſchaft ſtieg aus. Es waren drei Weibsperſonen, dem Anſcheine nach vornehmen Standes, und die älteren Beiden führten die Blumenhagen. Xlv. 16 242 Dritte, welche jung, aber recht bleich und krank war, langſam in dieſes Stübchen. Ich rückte ihr den Polſter⸗ ſtuhl zurecht, die Hanne holte Kiſſen und Decken herbei, wir kochten ſchnell ein Süppchen und thaten Alles, was Chriſtenpflicht eingab und was in unſerm Vermögen ſtand. Die Dienerin, denn als ſolche erkannten wir bald die Eine der Frauen, ging bald zum Wagen zurück, trug Medicin und Kräuterthee herbei und machte ſich hin und her zu ſchaffen und half auch am Herde bei der Hanne. Die Junge, ein recht hübſches Frauenbild, erholte ſich denn auch nach kurzer Friſt, ſaß aber dort im Winkel wie ein bleiches Todesbild, ſtarrte in das Lampenlicht, hielt die feinen Hände ſtets im Schvoße gefaltet und ſtieß nur zuweilen gar ſchmerzliche Seufzer aus. Die Aeltere hingegen— ich ſehe ſie noch mit den ſtrengen Mienen, dem ſtolzen Gange und den recht finſterblicken⸗ den Augen!— beſah ſich das Logis neugierig und genau, fragte herriſch nach mir, meinem Hausſtande, meiner Lebensweiſe, und wurde immer freundlicher, und wiſperte ſpäter in der Thüre mit der Dienerin in franzöſiſcher Mundart. Das Stündchen verging, ich hatte mich ſelbſt zum Boten angetragen, weil der Knecht gerade zum Ein⸗ kauf in die Stadt verſchickt, und nachdem die Damen einige Wildemannsgulden auf den Tiſch gelegt, packten wir die Fremden ſämmtlich wieder in die Kaleſche und ich, mit der leuchtenden Laterne in der Hand, ſchloß den Kutſchenſchlag und ſchickte mich an zum Vormarſche. Da hörte ich einen lauten Jammerſchrei in der Kutſche und horchte erſchrocken. Aber es blieb ſtill, und als Niemand mich zu neuer Hülfeleiſtung aufforderte, ſo trat ich mei⸗ nen Dienſt an und führte den Wagen etwa zwei Stun⸗ den weit, wo die Straße fahrbarer wurde und bis der S S v—* 5 — M M 243 Mond aufgegangen, ſchleppte mich dann langſam heim und trug eine doppelte Freude im Herzen, einmal der erfüllten Menſchenpflicht und zum zweiten der Luſt an den verdienten blanken Silbergulden wegen, die mir dicht vor der Winterzeit eben recht gelegen kamen. Eure Geſchichte iſt lang, drückt los Euer Piſtol, alter Huſar! fiel der Hauptmann ungeduldig ein. Bis jetzt ſehe ich nichts Beſonderes, denn ſolche Begegniſſe müſſen hier oft vorkommen. Wer waren dieſe drei Damen der nächtlichen Sternenkönigin? Was kümmerte es mich, und ich dachte auch ihrer kaum mehr auf dem Heimwege, antwortete der Wachtmeiſter. Doch hören Sie nur weiter: Als ich kaum über meine Schwelle geſchritten, ging mir ein Licht auf, ſo hell wie eine Mordfackel, welche die Sansculotten auf ein flam⸗ ländiſch Dorf geſetzt. Meine Hanne kam mir mit ro⸗ them Geſicht und aufgeriſſenen Augen, ſo wie ſie ein brünſtiger Stier macht, entgegen. Die mitternächtigen Gäſte hatten mir ein ſchönes Denkpräſent zurückgelaſſen, hatten mir ein Kukuksei in die Wirthſchaft gelegt. Als wir fort, löſcht die Hanne das Feuer und will ſich ſchlafen legen, doch in ihrem Bett, in der Kammer, wo Sie, mein lieber Gaſt, Quartier genommen, findet ſie ein zartes, feines Kind, wenige Wochen alt, wimmernd vor Kälte und Durſt. Denken Sie ſich des alten Kriegs⸗ knechtes Erſchrecken und ſeine verwirrten Sinne, da das Präſent nicht im geringſten zu ſeiner ſtillen Wirthſchaft taugte! Ich wollte fort, hintendrein, und den Einſchwär⸗ öern eine ganze Hölle auf den Nacken hetzen. Die alte vernünftige Hanne beſchwichtigte mich und meinte, wer ſolche Dinge ausgeheckt, der würde ſchon für das Ver⸗ ſtecken Sorge getragen haben. Dann zeigte ſie mir das 244 kleine, verwaiste Weſen, deſſen Durſt ſie mit warmer Milch geſtillt, das ſo reinlich und lieblich ausſah und mich mit den dunkeln, runden Aeuglein ſo freundlich an⸗ lächelte. Ich ſprach bei mir: Du armes Würmlein, die, denen Du blutverwandt, haben Dich fortgeworfen, und brächte ich Dich auch wieder zu ihnen, ſo würden ſie an⸗ derswo Dich ausſetzen, und da könnteſt Du in ſchlechtere Hände gerathen. So ſey denn willkommen; der alte Kaspar ſoll nicht ſo unmenſchlich ſeyn, wie Deine Mut⸗ ter oder Großmutter geweſen. Und das Kind war die Guſtel? frafte Herr May heftig. Erſt nachdem ich zugeſtanden, daß wir den Fündling behalten wollten, brachte die Hanne mir ein Papier und ein Beutelchen, die ſie neben dem Püppchen gefunden. Auf dem Papier ſtand, die Kleine ſey getauft und ſollte Auguſte gerufen werden. Ich ſolle ſie groß ziehen wie mein eigen Kind, man werde von ihr ſpäter Erkundi⸗ gungen einziehen, und wenn ich das Geheimniß bewahre, werde jährlich eine gleiche Summe erfolgen⸗ wie man zurückgelaſſen. Der ſeidene Beutel enthielt zwanzig Duka⸗ ten, und hier iſt das Papier, das ich ſorgfältig aufge⸗ hoben. Der Hauptmann muſterte mit ſtarren Blicken das ihm hingereichte Blatt, und wiſchte ſich die Augen und hielt es wieder und wieder zur Lampe. Der Alte fuhr fort: Des Nachbars Frau ſäugte gerade ihr jüngſtes Kind. Als es Tag geworden, erfanden wir ein Mährchen von ei⸗ ner Baſe, die im Wochenbett als Wittwe geſtorben, und von einer Botenfrau, die mir die kleine Verwandte früh morgens überbracht. Sobald die Nachbarn eines der Goldſtücke geſehen und empfangen, fragten ſie nicht wei⸗ ter, und das Kind gedieh zu Aller Freude. 245 Und Du forſchteſt ebenfalls nicht weiter? ſtieß der Hauptmann aus beklommener Bruſt hervor. Ich jagte den Knecht nach dem Städtchen, doch kein Menſch wollte daſelbſt von der Caroſſe und den Damen wiſſen. Sie mußten die Haide ſo gut wie ich gekannt und einen Seitenweg eingeſchlagen haben, der ſie uns aus der Kunde geführt. Aber fünf Jahre hindurch brachte der Poſtbote den verſprochenen Brief mit den Dukaten, und die Blätter enthielten nichts als nochmaligen Befehl zu ſtrenger Verſchwiegenheit und die Ordre, wenn das Kind etwa geſtorben, in der Zeitung davon eine Nach⸗ richt zu geben. Man hoffte auf des Würmchens Tod, und das gerade machte mir das kleine Ding nochmal ſo lieb, und wir warteten und pflegten es deſto ſorgſamer, und daß ihm Nichts abgegangen, iſt an der Guſtel zu ſchauen, die zu Gottes und aller guten Menſchen Freude geſund und fromm und wohlerzogen einhergeht, und bisher Niemanden Gram und Kummer gemacht. Und die Briefe, hegteſt Du auch ſie? Der Alte packte ſie aus ſeiner Brieftaſche; der Haupt⸗ mann beſah und verglich ſie mit Haſt, und hätte der Wachtmeiſter ſein Eines Auge nicht ſo gedankenvoll in's Zimmer gerichtet, ſo würde ihm die tiefe Bewegung ſei⸗ nes Gaſtes nicht entgangen ſeyn, mit welcher dieſer ein kleines Handſiegel unterſuchte, das er am Rande des einen der Briefe unverletzt entdeckt hatte. Das Mädchen wuchs mir mit jedem Tage feſter an's Herz hinan und in das Herz hinein, und als nach fünf Jahren die Briefe und das Geld ausblieben, war's mir keineswegs unrecht, denn ich meinte, nun ſey das Kind wirklich mein Kind geworden, und Niemand dürfte es ferner von mir fordern, und die höchſte Freude meines 246 Alters ſey mir erſt jetzt feſt vom Schickſal zugeſprochen. Der elende Markus mit ſeiner Werbung ſtörte zuerſt mein liebes, geheimes Glück, denn da kam mir zum erſten Male der Gedanke, ob ich ein Recht habe, das Kind, das viel⸗ leicht durch Geburt und Verwandtſchaft reichere Anſprüche an das Leben machen dürfe, in dem ärmlichen Kreiſe feſtzuhalten, den ich ihm angewieſen. Aber das war nun einmal nicht zu ändern, denn wo ſollte ich aus dieſer Oede Erkundigungen einziehen, wo jene Menſchen fin⸗ den, die herzlos ſich ſo lange verſteckt gehalten, vielleicht im fernen Lande wohnten, vielleicht gar ſchon todt oder verſchollen waren. Ich beruhigte mich, doch ſeit der heu⸗ tige böſe Sturm wie eine Flattermine die ganze Glück⸗ ſeligkeit unſers kleinen Reiches in die Luft ſprengte, ſehe ich die junge Dame immer dort im Winkel ſitzen, bleich und ſchön wie in jener Nacht, höre immerfort ihre tiefen Seufzer wie damals, und konnte den ganzen Tag nicht Ruhe finden, bis ich die Laſt von dem Herzen gewälzt hatte. Guſtels Schutzgeiſt trieb Dich dazu, Vater, ſagte der Hauptmann mit Haſt; doch Seelenqual darf Dich nicht drücken, denn Du thateſt Alles, was man von einem Ehren⸗ manne fordern konnte, und der Lohn muß folgen. Sie hat gelohnt, mehr als mir zukam, antwortete der Wachtmeiſter herzlich. Kindesliebe iſt das höchſte Gut im Leben; die Guſtel hat gedankt und bezahlt vollauf, und ich bin mehr ihr Schuldner als ſie der meine. Aber mein Anliegen kommt jetzt erſt aus den Laufgräben an's Licht. Bei dem nächſten Stadtgericht liegt mein Teſta⸗ ment; die Guſtel iſt mein Erbe. Und nicht wahr, mein lieber Herr, Sie ſagen nicht Nein dazu, wenn ich Sie zum Vollſtrecker meines letzten Willens ernenne und be⸗ ſtätigen laſſe? Hier in dem Kiſſchen, das noch aus der 247 Feldequipage eines Conventsdeputirten herſtammt, ſehen Sie zwei Beutel; der kleinere enthält meinen Nothpfennig, der größere die meiſten der blanken Dukaten, die für die Guſtel geſchickt wurden; ich hegte ſie ihr zum Braut⸗ ſchatze, wenn ſich ein Beſſerer gefunden hätte als der Herr Markus. Sie ſind geſcheidt, umſichtig, erſahren und kennen viele gewichtige Leute in allen Winkeln der Welt. Ihr Pferd iſt faſt geſund, es war mit dem Thiere nicht ſo arg, als wir meinten; einen vorſichtigen Marſch wird der Fuß ſchon vertragen. Wenn Sie nun Ihre Reiſe glücklich vollbracht, dann fragen Sie um der Guſtel willen, um der Ruhe eines alten Kriegskameraden willen, überall nach, ob ſich nicht ein Menſch ausſpioniren läßt, dem das Mädchen angehört. Und haben Sie Etwas aus⸗ gefunden, ſo ſenden Sie eiligſt den Boten. Müßte ich das liebe Kind auch miſſen, es ſey darum, denn hier— ich fühlte es heute klar!— hier iſt kein Glück für ſie, und die Paar Tage, die mir noch geſchenkt ſeyn werden, will ich dann gern einſam verbringen in dem tröſtlichen Gedanken, daß dem Kinde geholfen ſey. Finden Sie nichts, und nahet mir das letzte Stündlein, ſo ſoll die Guſtel ſchreiben, und— o, Sie ſchlagen's dem alten Soldaten nicht ab!— dann kommen Sie wieder und ſchützen Sie die Verlaſſene und ordnen Alles, wie es Ihnen am Beſten dünkt. Es lag ſo etwas Kindliches, Rührendes in den Bitten des weißhaarigen Kriegsknechts, daß dem Haupt⸗ mann die Augen übergingen und er Noth hatte, ſeine Faſſung zu behalten. Soldatenparole darauf! ſagte er bewegt und faßte des Greiſes Hand feſt wie die eines Blutsverwandten und bewährten Seelenfreundes. Gottes Wege ſind wun⸗ 248 derbar. Mir iſt, als müßten ſich die Geſuchten finden, als hätten ſie ſich ſchon gefunden, und es wollte mir am beſten dünken, Du mit Deiner Guſtel brächeſt ſo⸗ gleich auf mit mir, ließeſt dieſen elenden Platz Denen übrig, für die er gut genug, und folgteſt mir in mein Eigenthum, wo euch nichts mangeln ſollte. Der Greis ſchüttelte ſein ehrwürdig Haupt. Der alte Kaspar taugt nicht mehr für die lärmende, bunte Welt, ſagte er halblaut und erſchöpft vom langen Reden. Dieſe Haide gab ihm ſo viele Freuden, daß er nicht undank⸗ bar ſie verlaſſen kann. Hier im lieben Quartier muß er ſchlafen. Aber Ihre Zuſage iſt ein gefundener Glücksſchatz und wird ihn leicht über die letzte ſchwere Stunde hin⸗ übertragen. Beide ſchieden mit der Nacht auf's Herzlichſte von einander. Herr Max von Hartenſtein verlebte eine unruhige Nacht. Ueber die Abkunft der ſchönen Guſtel blieb ihm kein Zwei⸗ fel übrig. Er hatte die Handſchrift ſeiner eigenen Mut⸗ ter in den Briefen erkannt, und das Wappen auf dem kleinen Handſiegel war unverkennbar ſein eigenes Fami⸗ lienwappen. Deutlich erinnerte er ſich jetzt auch eines Familiengerüchts von einer unglücklichen Neigung ſeiner Schweſter zu einem jungen Künſtler, als ſie noch in einer Penſionsanſtalt geweſen; die Mutter, eine ſtrenge, verſchloſſene Frau, hatte ihn nicht zum Vertrauten ge⸗ macht, doch gedachte er einer Zeit, wo ihm der Unwille der Mutter auf die Schweſter aufgefallen, gedachte lan⸗ ger Reiſen, die Beide zuſammen gemacht, der ſchleuni⸗ gen unvermutheten Verheirathung der Schweſter, und zuletzt noch der räthſelhaften Worte im Briefe derſelben, ——————— M9 die auf einen tiefen Seelengram, auf ein Geheimniß deu⸗ teten, das an ihrem Herzen genagt und ſicherlich ihren frühen Tod herbeigeführt. O es ſchien ihm gewiß, ſie hatte ihn zu dem Ritter beſtimmt, der pilgern ſollte für ſie durch die Welt, den verlorenen Zauberring zu ſuchen, durch deſſen Beſitz ſie ſich neue Jugend und eine Lebens⸗ freude zu ſchaffen gedachte, die ihr bis da zerknickt wor⸗ den. Sie ſtarb, von den ſüßeſten Hoffnungen umflattert, vielleicht zu ſcharf getroffen von dieſer Frühlingsluft frei gewordener Empfindungen. Gern begräbt ja der Früh⸗ ling die feinſten, zarteſten Menſchenblumen unter ſein Blumengras. Was geſchehen mußte, war ihm klar, jedoch wie es am beſten geſchehen ſollte, darüber wurde er nicht ſogleich mit ſich einig. Erſt gegen Morgen fand er Schlaf, doch als die Sonne ſchräg über das Bett hinſtrich und ihn weckte, entriß er ſich ohne Aufſchub der Ruhe und warf ſich wieder in die Kleider. Ein Blick durch ſein kleines Fenſter zeigte ihm das Mädchen, welches ihn ſo nahe anging. Sie ſaß am Brunnen, ihr Köpſchen war geſenkt und ſtützte ſich auf die kleine Hand: ſie ſchien nach dem goldenen Tagesgeſtirn gedankenvoll hinzublicken, das prächtig über die ferne Tannenhöhe heraufſtieg, und ſie mochte viel⸗ leicht der ſchönen Sonne entgegenſeufzen und wünſchen, eine ähnliche helle Schickſalsſonne möchte die Nacht verſcheuchen, welche ihr Leben ſeit geſtern umdüſtert hatte. Der Hauptmann verließ die Kammer und ging auf den Hof und näherte ſich dem Brunnen. Das Mädchen war ſo tief mit ſich ſelbſt beſchäftigt, daß es ſeine Tritte nicht hörte, und erſt auffuhr, als er ſie ſchon umfaßt hielt und ſie erſchreckt ihn faſt von ſich ſtieß, als er ihren 250 zurückgebogenen Kopf faßte und ſich unterſtand, einen warmen Kuß auf ihre rothen Lippen zu preſſen. Schmolle nicht, du liebes, ſchönes Kind! ſprach er dazu mit Humor. Du wirſt Dich ſchon daran gewöhnen müſſen, einen ſolchen Morgen- und Abendgruß künftig von mir zu dulden, und der Eugen ſoll nicht einmal ſcheel darein ſehen dürfen. Das Mädchen war aufgeſtanden und noch weiter zu⸗ rückgewichen; in ihren Augen ſchimmerte Furcht und Ver⸗ wunderung, und ſie hielt die Hände wie zur Vertheidi⸗ gung vorgeſtreckt. Es iſt Ernſt, mein ſcheues Närrchen! fuhr er fort. O, ſeit Du geſtern ſchlafen gegangen, haben ſich gar wunderſame Dinge ereignet. Der Großvater und ich haben einen gar wichtigen Handel abgeſchloſſen; alle ſeine Rechte auf Dich hat er an mich abgetreten, und Du biſt mein geworden, mein ganz und gar und für immer, und ich kann ſchalten mit Dir, wie mir's beliebt. Haſt Du Freude daran gleich mir, ſo ſpring heran und wirf Dich dreiſt an meinen Hals. Rückgängig kannſt Du doch den Handel nicht machen, und wäreſt Du auch widerſpenſtig und ſpröde, ich ließe doch das liebgewonnene Kleinod nie wieder aus meinem Beſitz. Die Verwunderung im Auge des Mädchens ging in Mißtrauen über, und dann miſchte ſich ein böſer, feind⸗ ſeliger Strahl in ihren feſt auf ihn gehaltenen Blick. Menſchen verkauft man nicht, ſie müßten ſelbſt an⸗ ders Ja dazu ſagen, antwortete ſie ſcharf, und der got⸗ tesfürchtige Großvater kann niemals ſo abſcheulich ſeyn, wie ihn der Herr im garſtigen Scherz zu machen gewillet. Sieh einmal die kleine Wetterfahne! lachte der Haupt⸗ mann. Geſtern wollte ſie fort in die Welt, barfuß, bet⸗ —— 251 telnd ohne Schutz und Schirm. Heute will ſie nicht fah⸗ ren in einer Caroſſe und an eines Edelmannes Seite. Ja geſtern! das war mit ihm! ſtotterte die Hoch⸗ erröthende. Nun, ich meine doch, die Wahl zwiſchen dem ſchmutzi⸗ gen, ſonnverbrannten Herumſtreicher aus der Haide und mir würde der geſcheidten Guſtel kein Herzweh koſten. Was könnte er Dir bieten und was kann ich Dir geben? Nach zwei Monaten wird kein Menſch mehr die kleine Koloniſtin, welche die Schafe hütete, in der Guſtel er⸗ kennen: im Seidenzeuge und bunten Bänderkrame und Perlenſchmucke wird ſie gleich einer Edeldame einherſtol⸗ ziren und auf einem ſtattlichen Rittergute Dienern, Knech⸗ ten und Mägden zu befehlen wiſſen. Es iſt nicht recht, armer Menſchen zu ſpotten, de⸗ nen ſo ſchon das Herz ſchwer und beladen genug! ſagte ſie unmuthig und wondte ſich zum Davongehen. Der Hauptmann faßte ihre Hand. Mädchen, und bedürft Ihr, Du und der Eugen, denn keines Vaters? Wieder ſtand ſie und ſchaute ihn zweifelnd an. Und wenn ich mit dem Herrn ginge, reiste denn der aus der Haide auch mit? Und würde der auch immerfort bei uns bleiben? fragte ſie bedächtlich. Wir möchten den hitzigen Burſchen wohl nicht ſo leicht los werden, lächelte Herr Max, und ohne ihn möchte meine Guſtel bei mir wohl nicht die fröhliche Guſtel blei⸗ ben, die ſie in der Haide geweſen. Ja, Kind, mit Gott rei⸗ ſen wir Alle, Du, ich, der Eugen und auch der Großvater. Auch der Großvater? jauchzte ſie auf; ach, ohne den möchte auch nichts daraus geworden ſeyn. Er wird mitziehen in ein bequemer Leben, wenn Du und ich ihn inſtändig bitten, verſetzte Herr Mar mit Ernſt. 252 Was wollte er hier allein ohne Dich in der Geſellſchaft der rohen Bauern, die ihr bösartig Gemüth ihm ſo offen entfaltet? Und Du kannſt und darfſt nicht hier bleiben. Und warum heute nicht, was ich geſtern noch ſollte? Frage nicht, aber danke inbrünſtig Deinem Gott, der auch in der wüſten Haide über ſein frommes Kind ge⸗ wacht, ſagte der Hauptmann mit einem Blick zum Him⸗ mel. Doch komm jetzt zu Hauſe; was wir zu thun ha⸗ ben, muß raſch gethan werden. Der Großvater iſt ſchon lange auf, plapperte ſie im Fortgehen, und wenn Alles ſo wahr iſt, wie's der Herr ſagt, und wenn der gnädige Vater im Himmel ſo auf einmal alle Qual von uns nehmen will, o ſo hat der Großvater auch ſchon eingewilligt. Ja, ja, ich wußte ſchon, daß er viel Beſonderes vorhaben müßte, denn die ganze Nacht hat er im Bett geſtöhnt und vor ſich hin geſprochen. Zweimal ſtand er auf und machte Licht, und durch die offene Thüre ſah ich, wie er kramte und packte und ſeine Kleider bürſtete. Morgens weckte er mich vor der Zeit, und dann ſaß er und ſchrieb mühſam: das Auge und die Finger wollen nicht mehr recht, wie er will, und dann ſchickte er mich hinaus, ich wußte nicht warum, und doch drückte es mich ſo ſchwer, und mir ward beſſer in der Friſche, wo ich allein ſaß, ganz al⸗ lein, und über Vieles nachſinnen konnte, was mir ſeit geſtern Kopf und Herz verwirrt hatte. Der Hauptmann nickte der kleinen Schwärmerin freund⸗ lich zu, aber fremder Aufruf unterbrach ihr Geſpräch, und der Soldat Markus trat in vollem militäriſchen Putze und das Kurzgewehr an der Seite in ihren Weg. Gehen Sie hinein, Jungfer, und rufen Sie den Wacht⸗ meiſter, ſagte er barſch und herriſch. Sagen Sie ihm, S, 253 der Markus ſey ſchon voraus zum großen Steine, und er ſolle nicht zu lange auf ſich warten laſſen. Was habt Ihr vor? Iſt der alte würdige Kriegs⸗ mann, an dem Ihr ein Muſter nehmen ſolltet, durch Eure Ränke noch nicht genug gekränkt? Gehet Euren Weg und habt genug an dem Verweiſe, den Eure Un⸗ beſonnenheit Euch geſtern zugezogen, verſetzte der Haupt⸗ mann unwillig. Wir ſind hier im Freien, entgegnete der Soldat hä⸗ miſch; hier iſt's nicht in der Garniſon und kein Ser⸗ geant hat zu befehlen, viel weniger Einer, der ſich gar zeitig hat in Penſion ſetzen laſſen. Es iſt ein Soldaten⸗ handel, und den wird der Herr Hauptmann nicht ſtören wollen, wenn er anders mit Pulver und blankem Eiſen früher Verkehr gehabt. Auch bin ich nicht ſchuld daran. Der alte Hitzkopf hat mich gefordert, des Schimpfes wegen, den ich ihm ſoll angethan haben. Nun, wenn er mag, warum ſollte ich nicht mögen? Und meine kurze Klinge wird ſeinen ſchweren Sarras nicht fürchten, wenn der alte Narr noch Mark genug in den Knochen hat, eine Quart zu ſchlagen. Das Mädchen ſtand ſtumm und todesbleich, doch der Hauptmann fuhr entſetzt zurück. Schamloſer Burſch, es iſt nicht möglich! rief er aus. Würdeſt Du Dich unter⸗ ſtehen, Deine Kraft gegen ſolch ein Silberhaupt zu ver⸗ wenden? Und warum nicht? lachte boshaft der Soldat. Menſch iſt Menſch, alt oder jung! wenn's auch ſchwerer ſeyn wird, durch die dürre Haut und zwiſchen den alten Kno⸗ chen das Blut zu finden. Um eine ſchöne Dirne iſt ſo etwas ein willkommener und fröhlicher Ehrentag. Der Hauptmann wandte ſich verächtlich von dem 254 rohen Burſchen ab und trat in das Haus, wohinein das ängſtliche Mädchen ſchon voran geſprungen war. Still! rief ſie aus dem Zimmer zurück. Der Groß⸗ vater ſchläft. Aber das Päpchen liegt todt und auf dem Rücken im Bauer, und das wird ihn recht ſehr erſchreckt haben. Ich will ihn ſchon wecken! rief Markus, dreiſt dem Hauptmanne nachtretend.— Der alte Wachtmeiſter ſaß mit dem Rücken der Thüre zugewandt in ſeinem Backen⸗ ſtuhle. Er war in voller Uniform, geſtiefelt und ge⸗ ſpornt, der große dreieckige Dragonerhut mit dem weiß⸗ gelben Federhut beſchattete ſein Geſicht, und der weite rothe Reitermantel umhüllte ſeine Schultern. Sein rech⸗ ter Arm ruhte auf der Fenſterbank und die dürren Finger hielten die Meſſingdräthe des Vogelbauers umſpannt. Auf dem Tiſche lagen die Sattelpiſtolen und der Sarras, ſämmtlich blank und rein geputzt. Der Hauptmann trat raſch hinzu, nahm ihm den Hut vom Kopfe und faßte ſeine herabhängende Hand. Barm⸗ herziger Gott! rief er erſchreckt, das iſt kein Schlaf, das iſt der Tod. Das Mädchen ſtürzte ſchreiend in die Kniee vor dem Greiſe, indeß Herr Max den Mantel fortriß und Rock und Halsbinde lüftete. Aber es war nichts Anderes. Er⸗ kaltet ſaß der alte Dragoner neben ſeinem todten Dom⸗ pfaffen; auch ſein letztes Auge hatte ſich geſchloſſen, und Gottesfriede ruhte auf dem weißen, unentſtellten Antlitz; er war ſanft eingeſchlafen nach einer langen, tüchtigen Lebenscampagne. Er iſt todt, ſagte der Hauptmann langſam und mit tiefer Bewegung. Gott hat ihn ſanft hinübergerufen ohne harten Kampf und ehe er es vermuthet. Doch er —.—— M M—— V M * — —.— 255 war immer bereit, hatte immer geſattelt wie ein wackerer Reitersmann. Segen über ſeine Leiche! Aber nicht theilen möchte ich mit Dem, der dieſer kräftigen Natur den letz⸗ ten Stoß gegeben, und hätte er den herrlichen Greis auch nur um zwei kurze Tage beſtohlen. Dieſer blaſſe, offene Mund nennet ihn: Kain! und wo er iſt, wird er ſich ſo rufen hören. Das Mädchen weinte laut und heftig. Der Soldat trat näher hin und betaſtete dreiſt die nackte, große Stirne des Todten. Die Furcht wird ihn getödtet haben, und Keiner iſt ſchuld daran, als er ſelbſt! ſagte er mit kalter Frechheit und verließ trotzigen Schrittes das ſchauerliche Stübchen. Der beſtellte Miethwagen war am Hauſe vorgefah⸗ ren und Eugen ſprang vom Bock und trat herein. Sein erſter Blick fiel auf die ſchluchzende Geliebte, und er ſchien, trotz des Verbotes, eine Bewegung gegen ſie hin machen zu wollen. Des Mädchens Auge erhob ſich zu ihm in Liebe und Schmerz, doch wiederum ſank ihr Geſicht als⸗ dann auf die Kniee des Todten. Der beſonnene Hauptmann, die Folgen des uner⸗ warteten Ereigniſſes raſch bedenkend, befahl dem jungen Manne, ohne Zögerung das Pferd im Stalle zu ſatteln und mit ihm langſam auf der Straße voraus zu reiten, dem Elbſtrome entgegen. Der Tod dieſes Greiſes ändert Euer Schickſal; ſchaue ihn an, ſo ſtirbt ein Treuer, ein Gerechter! ſagte er ernſt zu dem Jünglinge. Aus ſeinem Grabhügel kann Euch ein Frühlingsgarten erwachſen, wenn Du Dich anders ſolchen Glückes würdig machſt. Dieſe Waiſe hat der Himmel unter meinen Schutz geſtellt, und ſie wird mich 256 nie mehr verlaſſen. Sey zufrieden damit; danke dem Geiſte Deiner Mutter, die droben Vergebung für Dich erbeten. Der Himmel ſcheint verſöhnt, darum folge ge⸗ horſam und ohne Frage. Bald folgen wir Deiner Spur, möge ſie uns zum Frieden führen, wie ihn dieſer Brave gefunden. Eugen ſtieß einen halblauten Freudenlaut hervor und trat zu dem Mädchen. Scheu blickte er auf den Todten, dann drückte er leiſe einen Kuß auf das reiche Haar des Mädchens und ſie reichte ihm die Hand, ohne aufzuſchauen. Bald trug ihn das Pferd aus dem Gehöft und über die Gränze der Trauerſtätte. Herr von Hartenſtein beſchäftigte ſich jetzt zuerſt mit der verlaſſenen Guſtel. Um ihrem Schmerze ein kräf⸗ tiges Heilmittel zu ſpenden, hielt er es für nöthig, ihr einen Theil des Geheimniſſes anzuvertrauen, was ihr Leben bisher umſchleiert gehalten. Mit ſtiller Ergebung, ohne wallende Aufregung hörte ſie dieſe wichtige Neuig⸗ keit, dankbar warf ſie ſich an des Hauptmanns Bruſt, in kindlicher Hingebung ihm ihr Schickſal vertrauend, doch immer wieder von ihm zu der Leiche des geliebten Todten kehrend und dem Wohlthäter ihre Thränen und ihre Schmerzensworte opfernd. Nach und nach ſtellten ſich jetzt auch die Nachbarn ein: zuerſt die Weiber und Mädchen, dann auch die Männer; ſie kamen einzeln, betrachteten ſchweigend die freundliche Leiche. Betroffen⸗ heit, Bedauern, Reue lag auf den Geſichtern; Manche ſtanden lange mit gefalteten Händen, Manche gingen mit naſſen Augen. So verliefen einige Stunden, in denen der Hauptmann mit Hülfe des Kutſchers ſeine Anordnungen traf, da trat der Vater des Markus mit ſeinen Söhnen in das Todtenhaus. 257 Mit Verlaub, mein Herr! ſagte der Bauer, ſeine Mütze nur wenig rückend, eine Frage ſteht frei, wenn's eine Nothſache gilt. Fragt! antwortete der Hauptmann, von dem Brief aufſehend, den er eben zu ſchließen beſchäftigt.— Der Kaspar iſt bei Gott, fuhr der Bauer fort, und wir als gute Nachbarn kommen, ſich um ſeinen Nachlaß und ſein Kind zu kümmern, wie es Fflicht iſt. Wir haben dem Wachtmeiſter als dem Aelteſten den Reſpekt nicht verweigert, wie es in der Kolonie Gebrauch iſt. Jetzt trifft jedoch die Reihe mich, und ich bin da, zu thun, was recht iſt, damit Niemanden Schaden geſchehe. Die Weiber ſprechen, der Herr packe ein und auf, als ſeh er in ſeinem Eigenthume, und wolle reiſen und die Dirne mit ſich fortnehmen. Nun fragen wir, woher nimmt er das Recht dazu und was geht ihn das Kind an, das zur Kolonie gehört und in ihr aufwuchs? Könnt ihr leſen? fragte der Hauptmann. Da nehmt dieſes Blatt, was der Verſtorbene in letzter Nacht ge⸗ ſchrieben. Es iſt eine Vollmacht, die euch ſagt, warum ich ſolch Recht habe, warum ich hier thun darf, was ich für gut finde, und weßhalb ihr euch in nichts zu miſchen habt, als etwa mir einen Boten zu beſorgen, der für guten Lohn einen Brief zum Gerichte trägt, welcher den rechten Mann herbeirufen wird, mit dem ich mich vor unſerer Abreiſe zu verſtändigen hätte. Unſere Abreiſe, ſagt der Herr? fiel Markus hitzig ihm in's Wort. Alſo will man die Guſtel mitſchleppen? Das möchte ihm ſo leicht nicht werden, wenn der Herr den Wunſch hegt, geſunde Knochen mit auf die Reiſe zu nehmen. Das Papier iſt ein Wiſch, ohne Siegel und ohne Blumenhagen. XIv. 17 258 Notar und Gerichtskräftigung und gilt nirgends, ſagte der alte Bauer hämiſch. Meint der Herr, wir verſtän⸗ den nichts von dergleichen und er könnte uns gleich dummen Tölpeln über's Ohr fahren? Nach Verabredung und Gebrauch in der Kolonie iſt der Aelteſte Vormund der Waiſen eines Nachbars, und kein hergelaufener, wie vom Himmel heruntergefallener Fremdling kann ihn von ſeinem Platze vertreiben. Stirbt ein Nachbar erb⸗ los, ſo gehört ſein Nachlaß der Kolonie zu gleichen Theilen. Ob nun der Herr Kaspar und ſein Nachge⸗ bliebenes in ſolchem Falle, wird das Gericht entſcheiden müſſen, denn wenn der Herr geſtern fein zugehört, ſo muß er wiſſen, daß über die Baſenſchaſt der Guſtel allerlei Zweifel obwalten und ſie ihr Ahnrecht abſon⸗ derlich zu beweiſen hat. Doch darf der Herr nicht Sorge tragen um das Kind; wir ſind gute Chriſten, werden ihr Gut verwalten treu und gehorſam, bis das Gericht den Spruch gethan, und ſollte ihr nichts zufallen, ſo wird ſie nicht verſtoßen ſeyn; ſie gehört zu uns, iſt rüſtig und geſund, und mein Markus iſt immer noch bereit, trotz dem Schimpfe, der ihm von dem Alten widerfahren, ſie zu nehmen, und ſie ſoll gute Bluts⸗ freunde an uns finden, und vielleicht beſſere und ächtere, als ihr bisher der Himmel beſchieden. Genug, ihr Unverſchämten, fuhr der Hauptmann em⸗ porz ſpart euer Geſchwätz und befleckt mit eurer Hab⸗ gier und niedrigen Beſchimpfuug nicht länger das Haus eines Redlichen und die ehrwürdige Leiche in jener Kammer, die kaum erkaltet iſt. Hinaus, ſage ich noch⸗ mals, und erwartet in eurer Spelunke den Beſcheid, der euch werden ſoll. So lange ich da bin, ſoll keine eurer frechen Hände ſich an das Erbe dieſer lieben Waiſe 259 legen, ſie ſoll nicht eure Magd werden, nicht ihr Herz brechen ſehen in ſolcher verhaßten Geſellſchaft. Sie ſelbſt wird beſtimmen über ihr Erbe, ſie ſelbſt wird be⸗ ſtimmen, ob und wann ſie mir folgen will, mir, dem Fremdlinge, dem aber der Wille eures Wohlthäters hei⸗ liger iſt als euch Undankbaren. Hoho! ſpottete der Markus, viel Geſchrei und wenig Wolle. Meint Er uns einzuſchüchtern mit hochfahrenden Worten? So höre Er denn in gutem Deutſch: Er geht hinaus und zieht ſeines Weges binnen einer Viertel⸗ ſtunde, und das Mädchen geht ſogleich in des Vaters Schutz, und will Er nicht, ſo wird man ihm des Zim⸗ mermanns Loch ohne Umſtände zeigen. Der Hauptmann griff im höchſten Zorne nach der Sattelpiſtole des Wachtmeiſters, der Soldat zog aber zugleich ſein Seitengewehr und ſchien entſchloſſen, ſich auf den Gegner zu werfen, da fühlte er ſich feſt am Arme gepackt, und hinter ihm ſtand Fritz Möring, der Landdragoner, der ſchon geſtern in der Kolonie Ruhe geſtiftet. Iſt der Störenfried ſchon wieder im Sattel? fragte er ſpöttiſch. Ei, Kamerad, es thut Dir große Noth, durch ſtilles Logis und magere Koſt Dein Blut abzukühlen. Fort die Hand von meiner Schulter, tobte der Sol⸗ dat. Das iſt des Königs Rock, und wer darin ſteckt, hat nichts mit der Polizeigarde zu ſchaffen. Es kommen Leute, die werden Euch darüber Beſcheid geben, erwiederte der Dragoner mit kalter Ruhe, doch ohne den Arm loszulaſſen. Aller Blicke folgten dem ſeinigen zum Fenſter, wo ein ungewöhnliches Geräuſch die Aufmerkſamkeit anzog, und der trotzige Markus ver⸗ lor plötzlich die Geſichtsfarbe und ließ die gehobene Hand 260 mit dem Säbel ſinken, als hätte ein elektriſcher Schlag ſeine Nerven total gelähmt. Außen ſtieg ein junger, fein und dunkel gekleideter Mann aus einem Cabriolet und noch zwei der blauen Dragoner ſaßen ab. Nur hier herein, Herr Aſſeſſor! Ich meine, wir haben unſern Mann! tönte des Mörings Trompetenſtimme den Ankommenden entgegen. Der Aſſeſſor grüßte artig, be⸗ trachtete durch ſeine ſilbergefaßte Brille die Geſellſchaft, ſchaute einige Augenblicke lang in ein Papier, das bis da ſeine Bruſttaſche verwahrte und fragte dann höchſt freundlich: Markus Feil, nicht wahr? Fünfundzwanzig Jahr? Stellvertreter geweſen, im Frühjahr beurlaubt, damals ſchon einige Wochen hier ſich aufgehalten, doch ſich bald wieder abſentirt? Alles recht, Herr Aſſeſſor, antwortete der Soldat, ſeinen Muth wieder zuſammenſuchend, nur weiß ich nicht, warum deßhalb der Korporal mich ſo unverſchämt am Aermel zu halten hat. Faſſen Sie den guten Mann ſauber, Möring, thun Sie ſeiner zarten Natur ja nicht weh, lächelte gefällig der junge Gerichtsmann. Alles im Recht, nichts drüber! Das Signalement paßt völlig; führen Sie den guten Markus Feil dahin, wo man ſich ſo heftig ſehnt, ihn wieder zu ſehen. Gebunden, Herr Aſſeſſor? Den Strick am Steig⸗ bügel? fragte der Dragoner. Nach Eurer Vorſchrift, mein Freund, und wie es der Fall erheiſcht, antwortete ſo mild und gemüthlich der Aſſeſſor, als wenn er die Figuren eines Geſellſchafts⸗ tanzes anordnete, und als der Soldat zu Einreden und Beſchwerden den Mund öffnete, ſetzte er mit gleichem Tone hinzu: Verſchwendet Eure Redensarten nicht, mein 261 Guter. Man wird Euch baldigſt eine Gelegenheit geben, ſie hören zu laſſen, und die Ausführlichkeit derſelben dann beſonders willkommen und lobenswerth finden. Markus ward abgeführt, ſeine Verwandten ſchlichen kopfhängend und eingeſchüchtert ihm nach, und der Haupt⸗ mann, welcher während des unerwarteten Auftritts mit dem zagenden Mädchen manchen Blick gewechſelt, in dem ſich ihre Gedanken, ihre Sorgen um einen lieben Flücht⸗ ling begegneten, wagte eine Frage an die höfliche Gerichts⸗ perſon. Ernſt und ſtreng antwortete jetzt der Aſſeſſor: Lügen die Angaben nicht und iſt dieſes jungen Militärs Torniſter nicht bis zum Rande mit tüchtigen Defenſions⸗ mitteln gefüllt, ſo möchte er ſobald ſeine Heimath nicht wieder begrüßen. Ein junger Kamerad von ihm wurde vermißt, der mit ihm zugleich auf Urlaub gegangen, mit ihm dieſelbe Reiſervute gemacht. Man fand ihn in einem Holze an der Straße getödtet und ausgeplündert. Der Verdacht iſt ſchwer, die Anzeigen ſind ſchlagend; der Defenſor wird einen ſchwierigeren Poſten haben als der Auditeur. Mit erleichtertem Herzen beſprach ſich jetzt der Haupt⸗ mann mit dem zu beſter Zeit ihm begegneten Gerichts⸗ herrn, und Beide verſtändigten ſich ſchnell. Mit Rührung und Ehrfurcht ſtanden ſie ſpäter an dem Leichenbett des Wachtmeiſters, und der Aſſeſſor verſprach, den alten Soldaten mit den Ehren zur Ruhe bringen zu laſſen, die ihm gebührten. Der Reiſewagen ſtand bereit, noch einmal rief Kor⸗ poral Möring ſämmtliche Koloniſten zuſammen, und Alle traten heran, den Vater des ſchon abgeführten Markus ausgenommen. Ihr habt meine Anweſenheit unter euch feindſelig 262 betrachtet, ſagte Herr von Hartenſtein zu den Horchenden, habt mich nicht ſo gaſtlich behandelt wie euer redlicher Senior, dem ich in beſonderer Schickſalsfügung das müde Auge zudrücken mußte, und doch werdet ihr viel⸗ leicht die kurze Zeit meines Wandelns unter euch ſegnen, wenn eure Herzen nicht ganz der Dankbarkeit verſchloſſen ſind. Ich entführe euch einen Schatz, dieſes liebe Mäd⸗ chen, doch ſollt ihr der Guſtel in Liebe gedenken, wenn ſie auch fern iſt. Sprich, mein Kind, ſammle feurige Kohlen auf die Häupter, die Dir und Deinem Pfleger in den letzten Stunden über Maß weh gethan. Ich kann nicht reden, ſchluchzte das Mädchen an ſeiner Schulter, ſprich Du für mich, mein lieber Ohm! So hört denn, ihr Alle, die ihr uns ſo lieblos und mit finſtern, gehäſſigen Blicken anſchaut. Mit Neid und Mißgunſt habt ihr die Wirthſchaft eures ehrwürdigen Oberhauptes betrachtet, habt ſeinen Rath oft verſchmäht, ſeine väterliche Sorgfalt um euch nicht anerkannt, habt kein Beiſpiel genommen an ſeinem Fleiße, ſeiner Red⸗ lichkeit, das euch der Himmel doch ſo dicht vor die Augen geſtellt und mit reichem Segen beſchenkt, um euch zur Nachfolge zu wecken. Was die Eintracht werth und der Friede, ohne welche nichts auf Erden gedeiht, und die Keinem ſo nöthig als gerade euch in dieſer menſchen⸗ leeren Wüſte, habt ihr nicht erkennen wollen. Wer den Frieden ſtört, ſey es im Haus oder Land⸗ ſey's zwiſchen Zweien oder Tauſenden, iſt gleich dem Kirchenſchänder und taſtet an das Heiligſte der Menſchen. Der unſicht⸗ bare Richter mußte euch deßhalb hart anfaſſen und auf⸗ rütteln⸗ damit die Erkenntniß komme. Der Spötter und Friedensfeind ward aus eurer Mitte geriſſen und ging ſeiner Strafe entgegen. Im kleinen Hauſe liegt euer ———— XN —.——————— 263 Aller Vater, und ihr habt ihn verloren, vielleicht früher als ſein Lebensziel beſtimmt geweſen, verloren durch eure Schuld. Ihr werdet knieen an ſeinem Sarge in Scham und Reue, aber ihn nicht wieder erwecken. Sein Nachlaß gehört dieſem Mädchen durch Recht und Geſetz, aber ſie entſagt ihrem Erbe zu euern Gunſten. Dieſes bequeme Haus ſoll Auguſtens Milchſchweſter bewohnen, ſobald ſie ihrem Verlobten angetraut worden; der übrige Nachlaß des Greiſes gehöre euch Allen zu gleichen Theilen. Wir nehmen nichts mit als des wackern Reiters getreuen Säbel und dieſes Käſichen, das den Brautſchatz ſeines Pflegkindes enthält; doch auch dafür gibt die Guſtel Erſatz, denn den beiden Bräuten der Kolonie wird die⸗ ſer achtbare Herr an ihrem Hochzeitstage ein goldenes Sümmchen in die Brauttafel legen, reicher als irgend eine Mitgift in dieſer Haide, beſtimmt, das Andenken eurer Geſpielin bei euch zu erhalten. Benutzt es mit Umſicht, bleibt einträchtig und bedenkt, daß Gottes Auge jeden Winkel ſeiner Erde bewacht, und überall Fleiß und Redlichkeit zu lohnen, aber auch Untreue und ſchlechten Sinn zu ſtrafen weiß. Und ſo: Gott mit Euch! Ver⸗ geſſet nicht die Tage, wo der Fremde in eure Haide kam, vergeſſet nicht den Grabhügel des alten Wacht⸗ meiſters! Die Männer ſtanden ſtumm und betroffen, die Weiber umdrängten abbittend, klagend und dankend das Mäd⸗ chen. Bald rollte der Wagen über die Kieſelſtraße dahin auf Nimmer⸗Wiederkommen, doch als ſie den vorausge⸗ rittenen Freund eingeholt, milderte ſich die ſchmerzliche Spannung im Gemüth der ſchönen Guſtel. Aber auch im bequemen, ſorgenloſen Leben, das ihnen ihr Kdler Schirmherr in den reichen Fluren jenſeits des Elbſtromes 264 aufthat, vergaßen Alle nie die Tage in der Haide und die für ſie ſo wichtigen Abenteuer, welche jene kurze, aber gehaltreiche Zeit umſchloſſen hatte. W. Des Schickſals Rache. „ —„Wohlthätig, heilend naht mir der Tod, Der ernſte Freund. Mit ſeinen ſchwarzen Flügeln Bedeckt er meine Schmach!— Den Menſchen adelt, Den tief geſunkenen, das letzte Schickſal.“— Schillers Maria Stuart. Erſtes Rapitel. Ein ſchwüler Sommertag ging zu Ende. Die Sonne war ſchon zu tief hinab, als daß ſie noch in das Innere des alten dichten Waldes hätte blicken können; nur die Spitzen der thurmhohen Tannen ſchimmerten golden, an ihren Wurzeln war es ſchon Abend. Ein leichter Wind ſtreifte durch die mächtigen Zweige und rauſchte leiſe in den dunkeln Nadeln. Tief unten im engen Thale brauste ein ſchäumender Waldbach und im Hohlwege ſchalt ein unmuthiger Fuhrmann ſeine trägen Pferde. Oben an der Felshöhe hatte ſich ein Haufen kecker, wohlgemuther Jünglinge gelagert. Im Kreiſe lag das wilde Völkchen auf den Tannenwurzeln, und ihr Ge⸗ lächter und Geſang doppelte ſich gegenüber an der höhern Bergſpitze. Ihre abenteuerliche Tracht, die hohen Mützen mit Eichenzweigen und dunkeln Federn geziert, die blanken Säbel und die verwegenen Geſichter harmonirten ſehr gut mit der ſchauerlichen, wilden Waldgegend. Abgeſondert von dem Haufen ſaß ein Einzelner an einer vom Sturm geſtürzten Fichte, die ihre tauſend Wurzeln den Wolken zuſtreckte. Sanfte Schwermuth ſchien aus den Zügen des Sitzenden, aus der geneigten Lage ſeines Kopfes zu ſprechen, aber ein Paar wilde ſchwarze Augen, zwei Falten an dem innern Rande der düſtern Augenbrauen, die von einem verwegenen, toll⸗ 268 kühnen Sinne Verdacht gaben, und das dunkle Haar, das tief herabhängend und unordentlich Stirne und Wangen bedeckte, widerſprachen den übrigen ſanften Formen. Einer aus dem Haufen trat jetzt herüber zu dem Einſamen. Du liegſt ſinnend? fragte er. Was treibt ſich einmal wieder in Deinem Kopfe umher, Falkoli? Als wir den Berg erſtiegen, warſt Du der Ausgelaſſenſte im Zuge, und jetzt ſiehſt Du aus wie Einer, der zwiſchen Bekehrung und Wiederkehr zur lieben Sünde ſchwankt. Wohl ſinne ich, erwiederte Falkoli düſter, aber ich ſchwanke nicht. War ich leichtſinnig, ſo war ich auch das mit Bewußtſeyn und rauſchlos. Aber ich wog unſere Vergangenheit ab, und der Abſchluß der Rechnung ließ Nacht in meine Seele kommen. Pfui! entgegnete der Gekommene. Laß das Rechnen den Vätern und komm zurück in unſern Kreis. Müſſen wir es doch den Vätern überlaſſen, ſeufzte Falkoli, und das thut mir weh, das ſpricht meine Billig⸗ keit an und greift mir an das Gewiſſen. Was haben wir getrieben, was genutzt? In einem Gewirre von Luſt und Freude uns umhergeſtoßen, in einem Wechſel von Ueberſpannung und Abſpannung fortgelebt und Buſen⸗ tücher warm gemacht: das ſind unſere Theſeusthaten. Ich bin's müde und will hinaus aus dem Strudel, ſehne mich nach einem zweckvollern Streben und Treiben. Hat Dir wohl gar der welke Strauß da an der Mütze die Stirne heiß gemacht? lächelte der Andere. Sie war ein gutes Mädchen, ſprach Falkoli gerührt, und ich werde ſie ſicher ſo bald nicht vergeſſen. Als ſie dieſe Blumen mir feſt machte, dachte ſie wohl nicht, daß ſchon ſo bald das traute Luſtſpiel am Ende ſeyn würde. Der Vorhang fiel. Du wirſt Dich wundern, 269 Minna, daß das Alles nur ein Theaterſtück war. Haſſe nur den nicht, der Dir die Hauptrolle gab, und um des ſchönen Spieles willen Dir nicht ſagte, daß nur geſpielt wurde. Der Jüngling hielt eine Zeit lang inne, dann be⸗ gann er wieder: Du hatteſt Recht, auch ſie war vor meiner Seele, aber nicht ſie allein. In zwei Tagen bin ich am Thore der Vaterſtadt, und wenn ich mir nun denke, daß ich alles Das wiederſehen ſoll: Vater, Mutter, Geſchwiſter, daß ich wieder eintreten werde in die alte Gewohnheit, dann wird mir ſo wunderlich wohl und weh wechſelnd, und ich fürchte oft, nicht mehr hin⸗ einzupaſſen in die alten, lieben Formen. Als ich mich hier in die Schatten ſetzte, ſchien es mir zuzuſprechen aus den alten Gipfeln, ich hörte fern Minna's leiſes Weinen, hörte den Ruf der erwartenden Lieben, und mein Gemüth wurde heftig bewegt. Du biſt ein ſeltſames Gemiſch von Frohſinn und Trauer, ſprach der Stehende. Du biſt der Erſtgeborne, und das Weh und die Wonne der Hochzeitnacht wurde Dein mütterliches Erbe. Mehrere aus dem Haufen näherten ſich jetzt, und die ganze Geſellſchaft rief jubelnd Falkoli's Namen. Du ſollſt kommen in unſern Kreis! ſprach Einer von ihnen. Der wilde Wald und unſer Aufzug erinnerte uns an Karl Moors wilde Horde, und nun wollen wir ein Räuberlied ſingen und Du ſollſt den Räuberfürſt machen. 1 Falkoli ſtand auf und drückte die Mütze auf das dunkle wüſte Haar. Nun ſo blaſet und ſingt, daß die Selſen beben, rief er. Ich bin da.— Es war eine ſchöne, ſtolze Figur, und als er den Säbel zog und 270 höher als die Uebrigen ſich an die Höhe hinwarf, machte das Ganze eine maleriſche, volle Gruppe. Zwei Waldhörner begannen eine dumpfe, feurige Melodie, und der Haufe fiel mit Geſang in ihre Töne. Räuberlied. Was tönt herüber mit dem Hörnerklang! Wie ferner Donner dem Wald entlang? Wie Waldſtroms Getöne?— Des Waldes Söhne Sie ſingen der Freiheit den Hochgeſang. Hoch ſchlägt ihnen in der Bruſt das Herz; Sie ſpotten des Leides, ſie kennt kein Schmerz. Können nicht ſich bücken, Feſſeln ſie nicht drücken, Und Fürſtengunſt dünkt ihnen Thorenſcherz. Der Himmel allein ihnen Gränzen ſteckt, Der als Dach den Sohn der Freiheit deckt. Schlummern in Wettern Auf gewelkten Blättern; Das Geheul der Wölfe ſie Morgens weckt. Wohl ihnen ein Freund an dem Herzen ruht, Die blanke Klinge, getaucht in Blut, Der Feſſeln Brecher, Dem Freund ein Rächer, Im Leben und Sterben am Herzen ruht. Krieg bieten ſie keck der Sklavenwelt, So lange der Arm und das Schwert noch hält. Für Leben und Ehre Allein blitzt die Wehre. So bleiben ſie freie Herren der Welt. Und ſinkt ein Braver im Kampfe hin, Sprengt feindliches Blut man zum Opfer um ihn. Und kämpfte er muthig, So hängt man blutig Im Felſengewölbe ſein Schlachtſchwert hin. 271 Dann ſpricht zum Jünglinge einſt der Mann: „Schau dort am Felſen den Mordſtahl an! Für Freiheit und Brüder Sank dieſer nieder. Nimm Dir ein Beiſpiel! das war ein Mann!“ Was ſchwatzt ihr Sklaven von Freiheitsgefühl, Und ſehd der Thrannen Kinderſpiel! Verlachend die Wunden, Von Keinem gebunden, Kennt einzig der Waldſohn das Hochgefühl. So töne zum Himmel im Hörnerklang Der heiligen Freiheit Hochgeſang! Wie Waldſtroms Getöne So ſingen die Söhne Des Waldes entglühend den Feſtgeſang! Mit raſchen Tönen ſchloßen die Waldhörner, einzelne Nachklänge liefen noch an den Felſen hin und endeten das wilde Chor recht lieblich. Und nun aufgebrochen, befahl Falkoli, und ſtieß ſeinen Stahl in die Scheide. In bunter Unordnung ſtürmte der Haufe auf. Man befeſtigte die Hieber am Gehänge, warf die Jagdtaſchen und Gewehre über die Schultern, die großen Hunde ſprangen vorauf und der Zug begann der Gebirgsſtraße nach. Noch eine ſtarke Stunde waren ſie fortgewandert und hatten mit Geſang und Neckereien ſich die Beſchwerden des ſteinigten, unebenen Weges vergeſſen gemacht. Es war tiefe Nacht geworden; der Weg führte jetzt bergab, und die Wanderung wurde, der Klüfte und Abgründe wegen, gefährlich. Die Vorderſten, welche mit gezogenen Säbeln den Weg prüfen mußten, geboten jetzt Stillſtand. Wir müſſen aus dem Spiele von vorhin Ernſt machen, ſprach Einer von den Guiden. Der Fußſteig wird ſtets ſchmaler und rauher. Ein ungewiſſer Schritt gibt ge⸗ 272 wiſſen Tod. Beſſer wir bleiben liegen bis zum Morgen, denn von Menſchen tönt kein Laut umher. Alle ſtimmten ihm bei. Links ſcheint da gleich ein offener Platz zu winken, ſagte ein Anderer. Man folgte ſeiner Leitung. Ein kahler Platz wurde gefunden, ein Abhang der Felſenmaſſe. Tannengeſtrüpp umgab den Platz, vorn war die Ausſicht offen. Große Steine lagen zerſtreut. Die Jünglinge wälzten die Steine in einen Halb⸗ zirkel, öffneten die Jagdtaſchen, labten ſich aus ihnen mit kalten Speiſen und ſtärkendem Weine, bedeckten dann mit den Dachshäuten die Steine und bildeten ſich ſo Polſter zur Stütze des Hauptes. Durch die weite, be⸗ ſchwerliche Wanderung ermüdet, ſchlummerte bald der ganze Haufe, und ſchnarchte, mit den Hunden zugleich, ein liebliches Concert. Falkoli allein lag wachend am äußerſten Ende des Zirkels und wälzte ſich unruhig auf dem harten Boden. Die romantiſchen Umgebungen, durch die ſie heute ge⸗ zogen, hatten ſeine reizbare Phantaſie zu ſehr erweckt, als daß er hätte ruhen können. Die Erinnerung ſchien ſich rächend ihm zur Ate gewandelt zu haben: jeder dunkle Felſenkoloß, jede einzelne Tanne nahm eine Ge⸗ ſtalt an, wurde lichter und endlich zu einem hellen Bilde; wohlbekannte Stimmen ſchlichen wie fern herkommend ſeinen Ohren vorüber. Und was iſt's denn? ſagte er unwirſch zu ſich ſelbſt und richtete ſich halb auf. Mußte ich nicht ſo ſeyn, ſo werden? Und ward's nicht ſo beſſer? Hab' ich nicht dunkler gemacht, was zu lebendig in der Seele ſtand, und iſt das nicht Gewinn? Aus eigenem Antriebe hatte er vor Jahren ſein Vater⸗ M —*e WM 273 land geflohen; mit vollem Bewußtſeyn hatte er ſich einem ruhigen, trauten Glücke entzogen, um den Plänen des Schickſals nicht im Wege zu ſtehen und einer lieben Bruſt den Kampf zu leichtern. Er war ein ſanfter Knabe geweſen; damals brannten ſeine Augen noch nicht im wilden Feuer und an ſeinen glatten Brauen hingen noch nicht jene verwegenen Falten. Er hatte ſehr glücklich geliebt, und das Künftige lag da vor ſeinem Blicke wie eine ſchöne Ebene voll Fruchtfelder, blühender Obſtbäume und reinlicher Dörfer. Ein reicher Günſtling des Glücks warb um ſeine Geliebte. Nur ein mäßiges Glück konnte er ihr geben; Jener verhieß den Eltern ſeines Weibes ein ſorgenloſes Alter, und Bertha hing mit ſchwärmeriſcher, hoher Liebe an ihren Eltern. Jener verhieß den Geſchwiſtern ſeines Weibes Verſorgung und Glück, und Bertha hatte meh⸗ rere unverſorgte, liebe Geſchwiſter. Sie wankte zwiſchen Liebe und ihrer Aufopferung für Pflicht. Sanft weinend lag ſie eines Abends in ſeinen Armen. Victor, ſagte ſie klagend, warum lieb' ich meine Eltern, oder warum Dich nicht weniger? Nimmer kann ich nun glücklich werden. Ich bin die Hoffnung einer ganzen Familie, in Deinen Küſſen wird dieſe Hoffnung zerrinnen. Und gäb' ich Dich auf, würde ich aufhören können, Dich zu lieben? Würde dieſe Hand, einem Andern gereicht, nicht einen Meineid beſchwören? Eine dunkle Wolke zog ſich um des Jünglings Stirne, dann funkelten ſeine Augen von einem ungewöhnlichen, ſeltſamen Feuer. Du liebſt mich gewiß, Bertha? fragte er. Wie das Heil meiner Seele! antwortete das Mäd⸗ chen feurig. Heftig küßte er ſie mehrere Male und riß Blumenhagen. Xlv. 18 274 ungeſtüm ihr das ſeidene Buſentuch von der ſchlagenden Bruſt. Du ſollſt ruhig werden! ſagte er und ging. Am Ende des Gartens kehrte er noch einmal ſich um, flog eilig wieder zurück, riß das ſchluchzende Mädchen an ſein Herz und hob ſie auf in ſeinen Armen. Schickſal, ihr Unſichtbaren, euch opfere ich mein Alles! rief er und küßte mit wilder Haſt den jugendlichen, glänzenden Buſen, um ven die langen Locken ſich ſchlängelten. Sey glücklich, ſprach er mit brechender Stimme und eilte von ihr. Eilig packte er zu Hauſe ſelbſt den Mantelſack, ſat⸗ telte ſelbſt ſeinen Araber und verließ in der Nacht noch Vaterſtadt und Vaterland. Seinem Vater verkündete er die kurze Geſchichte ſeiner Liebe in einem Briefe. Die Erinnerung bleibt mir, ſchloß ſich das Blatt, und ihre Liebe kommt mir jenſeits entgegen. Eine Ordensbinde liegt auf meinem Herzen, heilig wie ein Altartuch, und wird ſein Blut auffangen, wenn die Leidenſchaft es zer⸗ ſchneidet. Er ſtreifte umher von Ort zu Ort und hatte nirgends dauernde Ruhe; ihr Buſentuch drückte wie eine Sünde ſeine Bruſt. Er ſuchte die Geſellſchaft der leichtſinnigſten, tollktühnſten Jünglinge und lernte von ihnen. Manches tolle Abenteuer beſtanden ſie. Er ſuchte die Liebe und ſie floh ihn. Schöne Weiber, ſehnſüchtige Mädchen zogen gern den feurigen Fremdling an ſich und machten ihn zum Tyrannen ihrer Schätze; aber er hatte nicht lange Raſt an ihren Lippen und mußte vorwärts, andere zu ſuchen. Ein Jahr war unter ſolchen Streifzügen hingelaufen⸗ da kam er nach der hohen Schule zu 3Z... und beſchloß hier Stillſtand zu machen. Er ſchrieb ſeinem Vater und legte ihm Pläne ſeines künftigen Lebens vor, die dieſer gern billigte. Aber nicht gar lange genügten ihm die 275 Kamönen, an die er mit Begierde ſich gewandt hatte. Bald hatte er wieder einen Kreis wilder Genoſſen um ſich und trieb ſein Weſen wie vorher. Ernſtlich rief ihn jetzt ſein Vater zurück. Die kecke Flamme hatte ſich in ſein Inneres zurückgezogen, er war nicht mehr der Raſende und glaubte ſich fähig, ſein Vaterland wieder zu ſehen. Und doch fürchtete er die Ankunft, nahm mit ſeinen Genoſſen den längern Weg und lieh ſeinen Araber einem Landsmanne, den das Heimweh ſchneller und heftiger zurückzog. Ein heller Fleck zeigte ſich jetzt in der Ferne und einzelne Tannenzweige bekamen einen geiſtigen, matten Glanz. Die Helle wuchs und bald ſtieg der volle Mond über die fernen Höhen herauf. Die Gruppen der Bäume wurden ſchauerlich im Silberlichte, der Wald ſchien leben⸗ diger zu werden und die Zweige rauſchten ſtärker. Fal⸗ koli ſtand auf und trat dem Vollmonde entgegen. Lange ſah er ſeine Scheibe: er ſuchte in ihr, wie im Spiegel⸗ die Abbildung ferner Gegenden; dann wandte er ſich rückwärts nach dem beleuchteten Kreiſe der Schläfer, die in mannigfachen Lagen und Stellungen den Boden bedeckten. Warum dieſe ſo ruhig? fragte er dumpf, und warum ich ſo raſtlos? Bertha! Bertha! ſie haben ja Dich nicht hingegeben! O dürft' ich ſagen: verloren; nein hingegeben! ruft mir ſpöttiſch jedes Echo zu, flüſtert mir marternd jeder Windſtoß, der durch die Gipfel ſtreicht. Konnte ich ſie nicht in dieſe ſtarken Arme faſſen und mit ihr die Grenzen verlaſſen? Wird das warme Mädchen glücklich geworden ſeyn am fremden, eiskalten Herzen?— Seine Hand fuhr raſch nach dem Säbel, dann ſchlug er ſich erwachend an die Stirne und zog unwirſch die Mütze tiefer in die Augen. 3 Der Mond verbarg ſich hinter einer dünnen Schleier⸗ wolke. Victor wollte eben wieder ſeinen Ruheplatz neh⸗ men, da glaubte er ferne Menſchenſtimmen zu hören. Er horchte: deutlich hörte er jetzt unten an der gegen⸗ überliegenden Höhe Angſtgeſchrei. Er nahm den Säbel feſt unter den Arm, lockte zwei der großen Hunde leiſe zu ſich und ſtieg den Felſenweg hinab. Bald beugte er rechtsab zu der Gegend hin, wo er die Stimme gehört hatte. Niederes, dichtes Gebüſch hielt ihn auf und mehrere Male mußte der ſcharfe Säbel ihm Raum ſchaffen. Endlich kam er in die Tiefe, wo ſich mehrere Heerſtraßen kreuzten. Der Mond kam wieder golden hervor, und er ſah in geringer Ferne einen umgeftürzten Wagen, den mehrere Menſchen wieder aufzurichten ſtreb⸗ ten; nicht weit davon ſchimmerten am dunkeln Felſen helle Mädchengewänder. Er ging ſchneller. Schon war der Wagen aufgerichtet, als er nahe kam, und man ordnete ſchon die zerriſſenen Stränge der Pferde wieder. Er trat hinzu und fragte. Furchtſam ſahen die Menſchen ihn an und erzählten, daß beim ſchnellen Herabfahren die Stränge zerſprengt wären, der Wagen an einem Felsſtück umgeſchlagen ſey. Er wandte ſich jetzt zu den Mädchengeſtalten. Ein Mann und eine Dame waren um ein Frauenzimmer beſchäftigt, das eben aus einer Ohnmacht zu erwachen ſchien. Der Herr trug Uniform. Einer der Hunde ſchlug an und der Offizier richtete ſich raſch von der Kranken empor. Als er Victors wilde große Geſtalt ſich nahen ſah, griff er ſchnell nach ſeinem Degen, der am Boden lag, und rief ſeinen Leuten zu. Friede! ſprach Falkoli lächelnd, ich bin kein Nachtſohn, ſondern biete meine Dienſte an, wenn ich nützen kann. 77 Der Fremde ſah noch einige Zeit forſchend auf ihn hin, dann dankte er verbindlich und ſetzte hinzu: Unſer Unfall iſt hoffentlich unbedeutend und ohne Folgen. Doch könnten Sie uns einen Dienſt erweiſen, wenn Sie uns Nachricht geben, wie fern der nächſte Ort iſt, und dann mit mir die kranke Dame zum Wagen leiteten. Zwei Stunden werden wenigſtens noch die erſten Menſchenwohnungen von uns ſcheiden, entgegnete Victor. Die Dame beugte ſich jetzt tiefer zu der Kranken nieder und fragte: Wie iſt Dir? Wohl, nur matt! entgegnete die Liegende und hob ſich etwas vom Boden auf. Die Stimme ſchien Victor ſehr bekannt; er ſah raſch auf die Sprechende, aber ein Vorſprung des Felſens beſchattete ſie. Der Offizier reichte ihr die Hand und half ihr auf; Victor nahm ſie raſch auf ſeine ſtarken Arme, ſie nach dem Wagen zu tragen. Er trat hinter dem Felſen mit ihr hervor: das volle Mondlicht ſtrahlt ihr in's Geſicht. Zwei große Augen trafen auf ſeine Blicke. Sanft, aber ſchnell, ließ er ſeine liebe Laſt auf den Boden nieder, kniete neben ſie hin, küßte heftig ihre Hand, ſagte mit beklemmter Bruſt: Wiedergefunden, um wieder verlieren zu müſſen! und eilte in das Dickicht zurück. Ohne Raſt ſchritt er durch die verwachſenen Geſträuche, die Zweige zerſchlugen ſein Geſicht, die Nadeln der Tan⸗ nen zerrießen ſeine Wangen. Er fühlte nichts. Im dich⸗ teſten Walde warf er ſich endlich nieder. Schickſal! rief er mit tiefer Stimme, und ſeine Augen rollten, als wollte er zum Kampfe tretenz ich hab's ſatt. So war es Ahnung denn, was mich heute trieb und meine Ruhe ſcheuchte! 278 Er verſank in düſteres Sinnen. Bald wollte er auf, ſeine Gefährten rufen, eine Räuberſcene wirklich ſpielen, pald wurde er wieder kindiſch weich und fühlte ſeine Augen naß werden. Die großen Hunde hatten ſich an ſeine Seite gelegt und ſahen ihn mit funkelnden Augen an. Er legte ſeine Arme um die treuen Thiere und drückte ſie an ſich, als forderte er Troſt und Hülfe von ihnen. Ewige Allmacht! rief er voll Unwillen, warum ge⸗ rade mir ſo viel zu tragen? Raſch ſprang er dann vom Boden und ſagte ſanfter: Pfui, Victor! ſo ſpricht jeder Unglückliche. Behielteſt du doch ſo lange den Kopf oben, was kann dich jetzt denn noch ſtürzen! Er lehnte ſich an eine ſtämmige Tanne. Lebhaft ſtand vor ſeiner Seele das ſchöne Weib, das ihn als Mädchen ſo ganz gefangen nahm. Warum war ſie ſo lieblich, ſagte er leiſe, daß keine andere Geſtalt ſie mir verdrängen konnte, keine es je wird? That ich nicht Alles, ſie zu vergeſſen? Zwang ich dieß kindiſch⸗treue Herz nicht gewaltthätig zur Untreue? Rief ich nicht gegen dieß allmächtige Sehnen der Lüſte ganzes Heer auf, es ſiegend zu erdrücken? Kurze Mo⸗ mente dauerte die Hülfe nur. Schwebte durch Lauben⸗ gänge eine Mädchengeſtalt, vom Abendſchein beſchleiert, ſo war es Bertha's zierlicher Wuchs, ihr leichter Schwebe⸗ gang. Blickte ein Weiberauge mich lockend an⸗ ſo dachte ich des großen dunkelblauen Angenpaares, das mit ma⸗ giſchem Anziehen mein ganzes Weſen ihr aneignete; das, wenn die langen, ſeidenen Wimper es enthüllten und es in ſchwärmender Andacht zu den Wolken ſich aufhob, meine Seele mit hinaufzog und den wilden Jünglings⸗ ſinn in den Staub warfz das, wenn es irdiſcher glänzte, wenn es voll ſüßer Anneigung ſchimmerte, wenn es in 279 erwachender, räthſelvoller Sehnſucht ſich feuchtete, mich wechſelnd in wonnigen Taumel und liebes Weh ver⸗ ſetzte, bis die zarte, warme Lippe das Räthſel ausſprach und die unverſtändliche Empfindung zu einem vollen, klaren Gefühl umſchuf. Allenthalben trat das Bild mir entgegen mit der reinen Stirne, auf der— unter hell⸗ braunen Ringeln— Geiſtesfeinheit, holde Schwärmerei und Hang zu traulichem, einſiedleriſchen Sinnen hervor⸗ ſchaute, mit den Frühlingswangen und der Nymphen⸗ bruſt; allenthalben trat ſo Dein Bild mir entgegen, bald drohend, bald trauernd um mich, bald mit ſanften Winken von der gefährlichen Bahn mich lockend. Ich habe Alles gethan, Bertha, Alles vergebens gethan, und nun wandelt mich faſt das Gelüſt an, als Kämpfer mit dem Geſchick in den Platz zu treten. Verlieren kann ich nichts, gewinnen viel, ſehr viel! Er ſetzte ſich wieder neben die Hunde nieder und verlor ſich in mannigfache Träumereien. Er ſah, wie er ihr gegenüber im Gotteshauſe kniete und die betende Schwärmerin ſeinen irdiſchen Sinn mit ſich empornahm; er ſah, wie er in des Theaters Gedränge ſich an ſie drückte und die geheime Nähe ihm ſo wohl that und ſein Blut aufglühte, wie ſie da zu ihm aufſah, und ſein feſter, fragender Blick den ihren vertrieb; er ſah, wie er im Park keck und doch bebend zu ihr trat, das Ge⸗ wand, das ein Schwarzdornſtrauch gefeſſelt hatte, zu löſen, wie ihr dankendes Auge ſeine Seele feſſelte, er in ihrer Geſellſchaft blieb und die Worte ihm damals zum erſten Male ſo ſchwer wurden; er ſah, wie in der Räthſelnacht des Maskenballs er das zarte Weſen im Arme trug, wie zuerſt ſein Mund wie ein Morgen⸗ hauch leiſe auf ihre Wangen fiel und er ſcheu ſie ſein 280 Eigenthum zu nennen wagte. Er verwickelte ſich in ein Gewühl von tauſend und tauſend Erinnerungen, ſuchte des dädaliſchen Gebäudes Ausgang und verirrte mit jeder Minute ſich tiefer. Die kurze Sommernacht war indeſſen hingelaufen; der Mond, der hoch über dem Walde ſtand, erblaßte allmälig, mit ihm bleichten die Sterne; das Frühlicht ſchimmerte an den Spitzen des Waldes. Einzelne Hörner tönten rufend und weckten das Wild; bald wurden ihrer mehrere und mehrere, ein wildes Halloh ſchallte zuweilen dazwiſchen und lautes Hunde⸗ geheul begleitete das Gelärm. Falkoli erwachte, erkannte ſeine ſuchenden Freunde und ging den Tönen nach. Ju⸗ belnd empfingen ihn die Beſorgten, die zerſtreut im Walde geſucht hatten, man rief ſich zuſammen und die Reiſe ging weiter. Zweites Rapitel. Thüringen mit ſeinen Gebirgen lag ſchon weit hinter ihnen. Der Zug war bis auf Wenige zuſammenge⸗ ſchmolzen: Jeder war der lieben Heimath zugeeilt und hatte von der Freundesbruſt ſich losgeriſſen. Düſter, aber herzlich, ſchied Falkoli von den Treuen; bei jedem Scheidenden erinnerte er ſich einer leichtfinnigen Hand⸗ lung, bei jedem, warum er zu ſolchem Leben geflohen war. Mit einigen ſeiner Vertrauteſten wandelte er jetzt durch die ergiebigen Fluren dem Vaterlande zu. Immer ebener wurde die Gegend, immer milder die Luft; bald ſtanden ſie an der Grenze. 281 Willkommen! jubelte Albrecht, einer der Zurückge⸗ bliebenen, und warf ſich an einem buſchigten Abhange zur Seite der Heerſtraße nieder; willkommen, Mutter⸗ erde! Nie verlaß' ich dich wieder, du Heilige! Nun heiter, Victor! Dein Geſicht iſt an dieſem Steine eine Todſünde.— Beſtrafe Du ſie! antwortete Victor finſter. — Du biſt ſeltſam, fuhr Albrecht fort. Draußen in der unfreundlichen Fremde ein Wüſtling, der im wildeſten Wetter ſeine Laune nie verlor, den nichts trüben konnte, und hier, am Rande des heimiſchen Landes, wo Alles Dich begrüßt, Alles Dir die Arme freundlich entgegen⸗ ſtreckt, hier hat Deine Stirne Furchen und Dein Auge iſt ein Blitz in der Sturmnacht. Wie läßt ſich das reimen? Das Menſchenleben iſt das Ungereimteſte im Kreiſe der Dinge, entgegnete Falkoli. Willſt Du ſelbſt Dir widerſprechen? Auch das Un⸗ gereimteſte muß man zu reimen wiſſen, ſo lehrteſt Du uns einſt, warf Albrecht ein. Mir iſt der Sinn dazu vergangen ſeit ehegeſtern. Unwirſch legte ſich Falkoli, ſo fortredend, neben die An⸗ dern. Als ich vor Jahren bis hieher meinen ermatteten Araber gehetzt hatte, hielt ich an und wandte das Roß. Es zog mich mächtig zurück. Wie mit Ketten fühlt' ich mich gebunden. Mein Schickſal riß mich hinüber und ich ſchwur dem Vaterlande ab. Die Welt ſollte meine Heimath ſeyn. Und was hat dieſe Heimath aus mir gemacht? Wo blieb der reine Knabenſinn, der mich ſo trotzig machte gegen die finſtern, uns beherrſchenden Mächte? Glaubt mir, es werden auch euch Stunden kommen, wo die Vergangenheit ſich ſelbſt rächt. Un⸗ verſchuldetes Leid iſt leicht zu tragen: das Bewußtſeyn hilft; aber wenn das Schickſal den erſten Dolchſtoß führt 282 und die Reue den zweiten, dann wird der trotzige Muth zum geknickten Halme. Verdirb mit Deinen Grillen nicht unſere Freuden, ent⸗ gegnete Albrecht. Wenn meine Haare einſt grau werden, dann kommen die Launen, die ſchwerfälligen⸗ gähnenden, ungeſellſchaftlichen noch früh genug. „Blumen ſprießen; Windet Kränze, Ordnet Tänze; Laßt uns genießen Im ſchimmernden, lachenden Morgenroth. Die uns jetzt grüßen, Die lockenden Freuden, Die uns jetzt küſſen, Werden uns meiden, Hain und Wieſe dann welk und todt⸗ Blume, die blühet, Mußi auch verblühen; Sternlein, das glühet, Muß auch verglühen. Die Quelle der Freude gar bald ſich erſchleußt: Wohl dem, der eilig den Nectar geneußt.“ So ſang Albrecht und die Uebrigen ſtimmten ein. Nur nicht zur Ueberſättigung! warf Victor ein. Schmeckt das Alte nicht mehr, antwortete Albrecht, ſo gibt's ja Neues. Sieh dort die beiden grauen Berg⸗ ſpitzen in der Ferne! wie wird Dir bei ihrem Anblicke? Warum kann ich nicht hinüber wie der Raubvogel, der ſich dort durch die Wolken hinüberſchwingt? Falkoli's Auge ſtarrte hin, wo Albrechts Hand hin⸗ deutete. Sein Blick glühte allmälig auf, ſprachlos hob er die Arme gegen die fernen Berge empor. So recht! ſprach Albrecht und ſchlug den Arm um ihn. Dieß Feuer in Deinen Augen ſöhnt mich wieder aus mit Dir; es ſpricht wie meines Herzens Stimme: am Fuße jener Berge liegt unſer Arkadien! ⸗ r 283 Lag! ſagte nachdrücklich Victor. Liegt noch, wenn es kein Erdſtoß zuſammenwarf, widerſprach Albrecht. Ich ſehe ſchon, wie Alles mir entgegenſtürmt, ſehe mich ſchon durch die Gaſſen ſtolziren, höre die Fragen zu tauſenden. Vor Jahren überſah man uns, jetzt ſind wir wichtig worden. Falkoli mußte lächeln. Glücklicher Kindesſinn, den Du wieder mitbringſt! ſagte er und drückte aufſtehend Albrechts Hand. Ich verlor ihn auf der Gebirgsſtraße meines Lebens. Sie erhoben ſich und wanderten tiefer in's Land. Ermüdet ſahen ſie ſich am Mittage nach einem Dorfe um. Die Sonne ſtand gerade über ihnen und die Jagd⸗ taſchen brannten ihnen an den Hüften. In der ganzen Gegend blickte kein Kirchthurm aus den Gebüſchen und über die Weiden her. Da erſah Albrecht rechts endlich ein niedliches Gebäude, mit ſchlanken Pappeln umpflanzt und mit einem freundlichen, rothen Ziegeldache. Sie ſchleppten ſich darauf zu über eine eben gemähte Wieſe, durch die Reihen der duftenden Heuhaufen. Muſik erſchallte von dem Landhauſe herüber und ſchneller, kräftiger wurden der Jünglinge Schritte. Wer der Flöte ſanfte Melodie gern hat, ſagte Falkoli, der wird auch uns einen Labetrunk nicht verſagen. Sie gelangten bald zu der dichten Hecke eines Gar⸗ zens, der die hintere Seite des Gebäudes umgab. An ihr hinabgehend erreichten ſie eine offene Pforte und ſahen durch dieſe einen Gang hinab auf einen runden Raſenplatz, auf welchem eine bunte, fröhliche Geſell⸗ ſchaft ein Mahl hielt. Aber wie uns nun anmelden? fragte Albrecht. Das überlaßt mir, entgegnete Victor, und nahm 284 ſein Jagdhorn vom Nacken. Sie ſetzten ſich an einem Heuſchober nieder. Die Flöten blieſen ein Adagio und Victor wiederholte jedesmal die Schlußtakte auf dem Horne, wie ein dumpfes Echo. Die Geſellſchaft wurde ſtiller und ſchien zu horchen. Es gelingt! triumphirte Albrecht. Die Flöten begannen ein anderes Lied und Victors Horn antwortete wieder aus der Ferne. Ein ältlicher, wohlgekleideter Mann ſtand mit noch Einigen von der Tafel auf und kam in den Garten herab. Victor ließ ſich nicht ſtören und phantaſirte auf ſeinem Horne fort. Bravo! rief der ältliche Herr ihm zu, als er endete. Schade, daß nicht aus der Wieſe ſchnell ein Wald zu wandeln iſt! An den alten Stämmen ſich brechend, wür⸗ den dieſe dumpfen Töne dem Ohre noch wohler thun. Aber warum nicht näher, ihr Herren? Reiſende Waidmänner paſſen nicht in ſo bunte, ge⸗ putzte Zirkel, entgegnete Victor, verbindlich grüßend. Wer ſieht auf dem Lande auf Kleid und Putz? fiel der Alte freundlich ein. Laßt euch die Mädchen einen bunten Kranz um die Mützen winden und ſtatt der Mordgewehre euch mit Bändern ſchmücken, ſo fehlt auch der Putz nicht. Er nahm Falkoli's Hand und führte ihn zur Geſell⸗ ſchaft; die Andern folgten. Alles empfing ſie fröhlich; die Mädchen mußten ihnen Gewehre und Jagdtaſchen abnehmen und ihnen die Becher zum Willkommen rei⸗ chen. Jedem ward dann ein Platz an der Tafel neben einer freundlichen Nachbarin angewieſen. Victors düſtere Stirne glättete ſich mehr und mehr bei jedem Erklingen der Becher, bei jedem Blicke, der auf ſeine Nachbarin fiel. Ein holdes Mädchen ſaß an 285 ſeiner Seite und füllte ſanft erröthend ſeinen Becher. Dunkle Augen flammten unter dicken, dunkeln, glänzen⸗ den Locken hervor, und Victor mußte ſtets öfter, ſtets länger in dieſe ſchwarzen Augen ſchauen. Der freundliche Beſitzer des Landhauſes feierte die Verlobung ſeiner Tochter. Das Feſt war nicht glän⸗ zend, aber der Speiſen und des alten Weins war genug und der fröhlichen Herzen ſah man die Menge. Der Wein öffnete die Seelen und die Gemüther entſchleierte er. Victor war bald wie im Kreiſe ſeiner Genoſſen; er witzelte mit den Jünglingen, neckte die Mädchen, erzählte manche luſtige Scene aus ſeinen Reiſen, und er erzählte gut und mit Intereſſe. Alle horchten gern auf ihn, und mit Vergnügen hing ſtets dauernder das Auge ſeiner holden Nachbarin an ſeinen Lippen. Als er eine ſeiner Erzählungen geendet hatte, die Becher und das fröhliche Murmeln und Schwatzen der Geſellſchaft die Stille unterbrachen, fiel ſeine Hand am Rande der Tafel auf die Hand der ſchönen Bettina, ſo hieß die Erröthende. Er drückte die Entſchlüpfende ſchnell. Nach der Mahlzeit zerſtreute man ſich im Garten. Victor hielt ſich zu dem Haufen, unter den Bettina ſich gemiſcht hatte, und in der allgemeinen Unterhaltung entſpann ſich eine einzelne vertrauliche Unterhaltung unter Beiden. In einer Pappelallee wurde getanzt; Victor tanzte mit ihr. Er war leicht und gewandt und tanzte mit vielem Anſtande; Bettina glänzte unter allen übrigen Mädchen. Ihr Gewand wurde bockerer durch die raſche Bewe⸗ gung, und ihr voller, unentweihter Buſen ſpielte bald ſichtbarer, bald im Florgewande ſich bergend, mit Vie⸗ tors Phantaſie ein gefährliches Spiel. Bettina ſchien ſehr erhitzt; ſein Handdruck wurde ſchon zu Zeiten von einer flüchtigen Fingerbewegung erwiedert, und ihr Auge begegnete ſeinen glänzenden, verlangenden Blicken ſchon zuweilen und dauernd und weniger ſchüchtern. Es entſtand Streit unter den jungen Leuten. Mit durchdringendem Ernſte und vieler Würde legte Victor den Zank bei und brachte die Störer zur Ruhe. Trau⸗ licher legte Bettina ihre Hand in die ſeine und ſah wärmer und feſter an dem ſchlanken, ſtolzen Jünglinge auf. Der Tanz hatte das heiße Mädchen ſchwindeln gemacht; Victor leitete ſie in eine dichte Akazienlaube. Sie ſaß neben ihm; er hatte, ſie zu unterſtützen, den Arm um ſie gelegt und ihr Kopf lag an ſeiner ſchla⸗ genden Bruſt. Sie erholte ſich bald und ihr Auge fiel dankend auf den Beſorgten. Er zog ihre Hand gegen ſeine linke Bruſt. Bettina! ſagte er wie bittend. heftig ihrer Hand entgegen. Der Tanz! entgegnete ſie leiſe und erröthete. Nein! ſagte der Jüngling halblaut, doch ohne den Blick von ihr zu wenden, mehr als Tanzgluth! Sie ſenkte den Blick; er zog ſie ſanft näher, ſeine Wange ſank an ihre Wange herab, mild drückte er ihr Geſicht mit dem ſeinigen rückwärts, raſch hingegen ſeine Lippen an des Mädchens Mund: ſein heftiger Kuß gat⸗ tete ſich mit einem ſcheuen Mädchenkuſſe. Bettina, Du darfſt nicht zürnen! rief er dringend und flehend zugleich, als ſie ſich loswand, aufſtand und aus der Laube treten wollte. Und zürne ich denn? fragte ſie leiſe mit unbeſchreib⸗ licher Anmuth, indem ſie ihn aus der Laube zog und dann mit ihm zum Tanzplatze zurückging. Sein Herz klopfte Der Tag lief unter Scherzen hin. Viele kleine Ge⸗ fälligkeiten und Aufmerkſamkeiten hatten Victor ſeiner Geſellſchafterin näher gebracht. Lampen erhellten Abends den Garten, und an der Abendtafel ging wieder der Becher fleißig herum und der Witz wurde lauter und feſſelloſer. Ohne Verabredung fand Victor die vom Tanze und Weine glühende Schöne in einem entfernten Theile des Gartens. Er unfaßte ſie, ſie duldete ſeine Küſſe, gab zurück ſo warm, wie ſie empfing, litt es, daß er ihren Arm in den ſeinen legte und ſie im Garten hinab auf die duftende Wieſe führte. Der Abend war dunkel; der Mond noch nicht her⸗ auf. Fern hingen am Himmel dunkle, einzelne Wolken, und ſchwache Blitze zitterten zuweilen an ihnen hin. Der erhitzte Jüngling ſetzte ſich am Rande der Wieſe und zog die nur wenig ſich Sträubende neben ſich nieder. Der Wind rauſchte leiſe durch das Schilf eines nahen Weihers; tauſend Grillen zirpten auf der Wieſe. Feſt hielt Victor das Mädchen umſchlungen und ſein Auge hing ſtill an ihrem gerötheten Geſichte, welches die Blitze von Zeit zu Zett verklärten. Des Mädchens Lockenkopf ruhte an der Jünglingsbruſt, ihre Augen hingen an den fernen Wolken und ſahen ſtarr in die lichten Blitze. Bettina, ſprach Victor mit milder, ſchmeichelnder Stimme, wiſſen Deine Glanzaugen kein beſſeres Ziel, als jenen dunkeln Hintergrund? Sie ſah ihn raſch an, lächelte und barg dann ihr brennendes Geſicht an ſeiner Bruſt. Willſt Du in mein Herz ſchauen? fuhr er ſcherzend fort. Da iſt's dunkel. Schau auf in meine Blicke, da iſt's heller. 288 Er faßte ſie unter das runde Kinn und hob ihr Ge⸗ ſicht empor. Ihr Nacken bog ſich rückwärts, Beider Lippen ſanken aneinander, preßten ſich aufeinander, in⸗ einander. Das Mädchen ſank rückwärts in das tiefe Gras, der Jüngling, ſie feſter umrankend, ihr nach. Heftiger drängte er ſeine Lippen zwiſchen die ihren, raſcher, ſtürmiſcher wurden ſeine Küſſe, feſter zog er ſie an ſich und feſter. Das leichte Tanzkleid zerriß. Ein ſtärkerer Blitz zitterte jetzt am Himmel hin. Raſch riß ſich Bettina empor, und ehe der Jüngling es hin⸗ dern konnte, ſtand ſie aufrecht, ihn fliehend, vor ihm. Feſt hielt er jedoch ihre linke Hand. Mädchen, wohin? ſtammelte er, hob ſich auf ſeine Kniee und bedeckte ihre kleine, zarte Hand mit ſeinen Küſſen. Fort, fort! entgegnete ſie haſtig. Bei Eurem guten Herzen beſchwöre ich Euch, kommt! Willſt Du ihm weh thun, dieſem Herzen? fragte er zärtlich; Bettina, weh thun dieſem Herzen, das Dein wurde, Dein iſt?— Sie ſah zärtlich zu ihm herab, ein raſcher Zug ſeines Arms und ſie lag wieder in ſeinem Schooße. Mit krampfhafter Gewalt ſchlug ſie die Arme um ſeinen Nacken und drückte ihn heftig gegen ihre Wellenbruſt. Ihr Mund ſog ſich feſt an ſeinem Munde, Gewalt der Empfindung kämpfte gegen gleiche Gewalt. Erſchlafft fielen dann ihre Arme vom Nacken des Lieb⸗ lings, ihr Kopf bog ſich rückwärts, ihre Augen ſchloßen ſich, in halber Ohnmacht ſank ſie zurück. Mit einem Blicke voll trunkener Luſt, voll Begierde überſah Victor das liebliche Geſchöpf, dann warf er ſich“ zu ihr. Viector! lallte ſie im Tone des Schmerzes; ſeine Küſſe 289 verſchloßen ihren Mund. Schone! ſtammelte ſie, heftig ihm entgegenſtrebend.—— Hell wandelte der volle Mond aus den Wolken her⸗ auf und blickte ernſt und ſtill auf des Mädchens ſcham⸗ rothe Wangen, ernſter in des Jünglings blitzende Augen. Holdeſte! rief Victor in warmer Begeiſterung und zog das Mädchen wieder an ſeine Bruſt. Du mir Ver⸗ mählte! Sie verbarg ſcheu das Geſicht an ſeinem Halſe; feſt umſchlang ſie ihn, feſt küßte ſie ſeine Lippen; dann raffte ſie ſchnell ſich auf und floh aus ſeinen Armen dem Gar⸗ ten zu. Falkoli rief ihr nach: ſie hörte nicht. Er ſetzte ſich wieder nieder in's Gras und ſtarrte in die Nacht hinein. Der Wind ſtrich ſtärker über die Wieſe und kältete des Jünglings heiße Wangen. Es war ſchauerlich ſtill in der Gegend geworden und Victors Gemüth wurde heftig bewegt. Die fernen Weidenbäume ſchienen ihm ein Hau⸗ fen geiſtiger Geſtalten, ihm dünkte, es nahe ihm ein Zug verſchleierter Mädchen. Jede hob im Vorüberſchleichen den Schleier, zeigte ihm ein wohlbekanntes Geſicht und ſah ihn mit rothgeweinten Augen an. Er drückte die Augen zu und hüllte ſein Geſicht in das Gras, in wel⸗ ches noch die Formen des lieblichen Mädchens eingedrückt waren. Schon war es tief in der Nacht, da ging er erſt zur Geſellſchaft zurück. Die Mädchen und die Alten hatten ſich ſchon zur Ruhe begeben, die Flöten und Schalmeien ſchwiegen, die meiſten Lampen waren ſchon erloſchen oder brannten nur noch ſterbend. Ein Kreis von jungen Männern ſaß allein noch an der Tafel und leerte die Becher. Jauchzend kamen ſie ihm entgegen, reichten ihm Blumenhagen. Xlv. 19 290 den ſüßen Wein und zogen ihn in ihren Kreis. Raſch leerte er Becher auf Becher, bis die Bäume im Kreiſe ſich um ihn drehten und die ſchmerzende Empfindung im Taumel der Sinne zu Boden ſank und des Herzens Stimme im Getümmel aufgeregter Lüſte verhallte. Wie am andern Morgen Falkoli und ſeine Genoſſen aufbrachen und Abſchied nahmen, war Bettina noch nicht ſichtbar. Victors Auge ſuchte ſie überall und trübte ſich, da es vergebens ſuchte. Mit beklommener Bruſt verließ er das Landhaus und wandelte lange ſtill neben ſeinen Gefährten, bis ihre laute Fröhlichkeit, ihr Spott und die ſchönen vaterlän⸗ diſchen Gegenden ihm Vergeſſenheit und Frohfinn zurück⸗ gaben. Drittes Rapitel. Der letzte Tag der Reiſe war trüb und regnicht. Ein graues Wolkentuch verhüllte den blauen Himmel und ließ keinen Sonnenſtrahl durch. Die Wanderer, durch⸗ näßt von manchem Regenſchauer, durchkältet vom ſtren⸗ gen Oſtwinde, verloren Muth und Luſt; nur Albrecht und Falkoli erhielten die Gemüther aufrecht, jener durch Frohſinn und launige Einfälle, dieſer durch ernſte Auf⸗ munterung und Starrſinn. Erſt gegen Abend ließ der Regen nach, die Sonne warf noch die letzten Strahlen durch das getrennte Ge⸗ wölk, und die nahen Berge, das Ziel der Reiſe, erhoben ſich heiter am Horizonte. Als die Nacht begann, beugten die Wandernden um die Bergecke und begrüßten jauchzend die Vaterſtadt, die erleuchtet im Grunde ſich vor ihnen ausbreitete. — — v 1 — 291 Victor, rief Albrecht in kindiſcher Begeiſterung und drückte den Ernſten an ſeine Bruſt, mir iſt wie ſonſt am Chriſtabend. Da ſchimmern fern die tauſend Lichter⸗ chen durch geputzte Bäumchen unter dem bunten Spiel⸗ werke, des Vaters Glöckchen erklingt und Alles eilt jauchzend dem Lichterſcheine nach. Keiner weiß zwar, was ſeiner wartet, aber Jeder hofft doch etwas Gutes. Sieh! dort flimmern die Wachskerzen; hörſt Du das Glöckchen: kling! kling! Verdammt, ſetzte er mit kläg⸗ lichem Tone und hängendem Kopfe hinzu, daß die großen Kinderchen erlahmte Füße haben und nicht im Galopp dem Süßen zueilen können, was ihrer harrt! Wenn nur lauter Süßes unter dem Lichterſcheine wartet, entgegnete Falkoli, und nicht Einer von uns eine Birkenruthe findet, die ihn arg züchtigt. Die Ruthe fürcht' ich nicht mehr! lachte Albrecht. Sie gingen in die Stadtthore ein. Albrecht winkte den Gebäuden Grüße entgegen und redete freundlich jeden Bekannten an, der in der Gaſſe auf ſie ſtieß. Victor ging ſchweigend durch die Straßen; ſeine Kna⸗ benjahre verſinnlichten ſich in ihm wieder ſo klar, und eine wehmüthige Empfindung füllte ſeine Seele. Allein nun wanderte er auf das Vaterhaus zu. Ein ſeltſames, faſt angſtgleiches Gefühl machte ſeine Bruſt enge, und er ſtand mehrere Minuten dem erhellten Hauſe gegenüber, ehe er es wagte, die Pforte zu öffnen. Es war das Gefühl der Erwartung; ſonderbar iſt's, daß Erwartung des Frohen, Erwartung des Herben ſo ähn⸗ liche, faſt nicht unterſchiedene Empfindung wecken. Er ging über den weiten Vorplatz hin zum Speiſe⸗ ſaale, aus dem ein freundliches, lebhaftes Geſpräch ihm entgegenklang. Die Flügelthüre war des warmen Abends 299 wegen geöffnet, und er überſah ſo ungeſehen die ganze Geſellſchaft. Oben am Tiſche ſaßen die Eltern. Das Alter hatte ihre Züge wenig verändert, und ruhige Hei⸗ terkeit blickte aus ihren Augen. Die rechte Seite des Tiſches füllte Victors ältere Schweſter mit ihrem Gat⸗ ten, einem Prediger, dem man den Theologen in den hellſten Kleidern angeſehen haben würde. Die linke Seite hatte die jüngere Schweſter und ihr Verlobter eingenom⸗ men: ein junger Kaufmann, der einſt Victors Schul⸗ freund war, den aber der raſche phantaſtiſche Victor ver⸗ nachläßigte, weil er den Schreibtiſch lieber hatte als den freien Wieſenplan, lieber tauſend Zahlen in Eine zuſam⸗ menſchmolz, als den beſten Weg durch die dichten Zweige zum Gipfel einer thurmhohen Eiche ſuchte. Er ſäumt ſo lange, ſagte gerade die Mutter, und meine Sorge wächst von Tag zu Tag. Der Krieg! die vielen Werber! Er iſt ſchlank und ſtark! Aber trotz ſeines leichten Sinnes verſtändig und ein Mann, fiel der Vater ein. Man muß nicht gleich das Schlimmſte herphantaſiren! Kommt, auf ſein Wohl! rief Louiſe, die jüngere Schweſter, und nahm ihr Glas. Alle ſtießen die klingenden Gläſer zuſammen: Vic⸗ tors Wohl! riefen ſie einſtimmig gleich herzlich. Victor dankt! ſprach der Eintretende, griff über den Tiſch, nahm ſchnell eines der Gläſer und ſtieß zwiſchen die Uebrigen. Alle flogen ſchreiend von den Seſſeln auf. Er eilte auf die Mutter zu, bog ſeine Kniee und drückte ohne Worte ihre Segenshand an den Mund; weinend beugte ſie ſich über das liebſte Kind. Dann warf er ſich in die Arme des Vaters, der Schweſtern. Voll Sorge liefen die Zärtlichen um den Bruder: dieſe nahm ihm 293 das Gewehr ab, die andere ſchnallte den mächtigen Hieber los und leerte die Jagdtaſche, da ſie dieſelbe nicht ſo⸗ gleich von den Schultern nehmen konnte. Als nun endlich Alles wieder in's Gleis gekommen und ihm zwiſchen Vater und Mutter ein Platz angewieſen war, da gab's ein Fragen von allen Seiten, bis der Vater Ruhe gebot und dergleichen auf Morgen verſchob. Victor fand ſeine Familie wohl und vergnügt. Seine Schweſtern ſchienen Beide glücklich, obgleich der Mann der ältern, ſo wie der Bräutigam der jüngern Beide einfache Alltagsmenſchen waren. Zur Schlafzeit wanderte der Prediger mit ſeiner Gattin nach ſeiner Wohnung, der Kaufmann empfahl ſich, und Victor zog Louiſen in einen Winkel, der ihm noch ſo freundlich bekannt, wo er oft als Knabe im alten buntblumigen Lehnſeſſel ent⸗ ſchlummert war. Louiſe war immer ſein Liebling geweſen. Du biſt glücklich? fragte er ſie zärtlich. Glücklich, wiederholte das Mädchen. Zufrieden ſeyn iſt ja wohl Glück. Ganz zufrieden alſo? fuhr er fort. Du, die Schwär⸗ merin, das hochfühlende Mädchen? Ich verſtehe Dich, entgegnete ſie, aber ich ändere deßwegen doch meine Antwort nicht. Wenn mir mein Heinrich auch nicht tauſend Male wiederholt, wie lieb ich ihm bin, wenn er auch nicht in ſchönen Phraſen ſagen kann, was er denkt, was er fühlt, ſo weiß ich doch, daß ſein Herz ohne Falſch iſt, daß er, was er ſagt, herzlich meint. Bei euch Stelzengängern, ach! bleibt man ja ſo oft im Zweifel, ob eure Strahlen auch wärmen, oder nur Leuchtkugelnfeuer ſind. Sein dickes Abrechnungsbuch wird ihm vielleicht eben ſo lieb ſeyn als meine Perſon, aber ich weiß denn doch, daß ich ihm lieb bin. Eure 294 Liebesſchwüre fahren in hoher Luft, wo viel Wind geht. Die roſenfarbene Wolke zieht davon, eine ſchwarze treibt der Wind herauf; wir ſehen den ſchönen Dünſten nach und— ſind allein. Die Mutter führte ihn auf ſein altes Zimmer, wo ſchon Alles für ihn geordnet war. Sie ſorſchte ſorgſam, ob dieß und das ihm recht geſtellt ſey, ob der Schreib⸗ tiſch guten Platz habe, ob das Bett weich genug ſey und er Nichts vermiſſe. Dann trieb ſie die zärtliche Schweſter vom Zimmer. Victor öffnete das Fenſter und ſchaute in die Nacht hinaus. Mancherlei durchirrte ſeinen Kopf. Ginge ich wirklich in der Irre, auf einer Bahn, die nie zum Ziele führte und in einer Wüſte ſich endete? fragte er ſich dann leiſe. Glücklich? nein, ich bin es nicht; und das holde, ſchöne Bild, das ich vom Erdenglücke ſo oft mir malte, immer in größere Ferne rückt es, undeutlicher und un⸗ deutlicher werden die lichten Farben, bald wird es ganz entſchwunden ſeyn. Und dieſe Alltagsmenſchen ſo glück⸗ lich, im Arme der Liebe glücklich, glücklich durch Zu⸗ friedenheit! Ihr goldenen Sterne zoget wohl nie ihren Blick auf zu euch in phantaſtiſcher Begeiſterung; der Pappeln Flüſtern füllte wohl nie ihre Seelen mit Ahnen und Sehnen; nimmer wurde ihnen das Herz zu voll, zu eng die Bruſt im Dunkel des rauſchenden Eichenwaldes. Sonderbar! Iſt dieſe Erde etwa nur das Freudenbett des ſtumpfen Thiermenſchen, und bleibt dem Fühlenden nichts als die Wonne des Gefühls? Und doch, du lieb⸗ liche, traute Schwärmerei, du hohe, geiſtige, abſchwö⸗ ren werde ich dir nie. Zieh mich dir nach, du Mäch⸗ tige, denn nur jenſeits der Sterne, fühl' ich, iſt meine Heimath. 295 Heiterer ſchaute er auf die Umgebungen: die Wolken hatte ein hoher Wind zertheilt, unzählige weiße, glän⸗ zende Schuppen bedeckten den Himmel und ließen den dunkeln Aether und die lichten Sterne durchſcheinen. Noch eben die Formen bildete im Dunkel der nahe Platanen⸗ gang; ein naher Brunnen plätſcherte noch wie ehedem in der Stille der Nacht; die Thurmuhr ſchlug noch mit eben dem dumpfen Tone. Warum ließ mich die mächtige Zeit nicht auch ſo un⸗ verändert! ſeufzte Victor und zog das Fenſter an. Er hatte noch nicht nach Bertha's Schickſalen fragen mögen; jetzt nahm er ſich feſt vor, ihrer mit keinem Worte zu erwähnen. Was kann ich von ihr hören? fragte er ſich ſelbſt. Daß ſie glücklich iſt? Dann wird es mir weh thun, daß ich nicht Schöpfer ihres Glückes bin, dann werde ich noch mehr den Beglückten beneiden. Daß ſie ſich nicht wohl fühlt? Würde dieß Wiſſen nicht mein Elend doppeln? Unruhiger Schlummer war ſein Lvos dieſe Nacht; die Ermattung vom Marſche gab ihm erſt gegen Morgen feſtern Schlaf. Wenige Tage verliefen, und Victor war wieder im elterlichen Hauſe einheimiſch. Die alte Gewohnheit hatte alle ihre Rechte wieder errungen, und die Zeit ſeines Schwärmens ſchien ihm nur eine Epiſode im Gedicht ſeines Lebens. Traulich lebte er wieder im Zirkel der alten Bekannten, und nur Abends, wenn die Sterne hell wurden, wenn der Mond heraufſtieg, kehrte ſeine Schwermuth zurück. Dann war er ehedem, in Mantel und Kappe verhüllt, zu ſeiner Bertha gewallt, hatte dann der Liebe arkadiſches Leben gelebt. Jetzt wartete ſein keine holde Lieblingin am Gartenthürchen. Mächtige Zeit, du änderſt ſo viel! 296 Landſchaftsmalerei war einſt Falkoli's Lieblingsver⸗ gnügen geweſen; mit Eifer ergriff er jetzt wieder Pinſel und Palette und vertrieb durch Kunſtſchwärmereien die nachtheiligen Schwärmereien gefeſſelter Leidenſchaft. Die Gegenden, in denen er geliebt hatte, waren die erſten, die ſein Pinſel auf's Papier trug: jedes Plätzchen, das ihm Bertha geweiht hatte, wo er mit ihr geſeſſen, mit ihr gegangen, wurde auf die Tafel gezaubert, und Vie⸗ tors Zimmers hatte bald die niedlichſte, intereſſanteſte Tapete. In der Nähe der Stadt gab es manches Bel⸗ vedere, und oft machte Victor kleine Fußreiſen, um mit ſeinem Griffel der Natur eine ſolche ſchöne Landſchaft zu entwenden. Eine dieſer Gegenden wurde ihm bald mehr als alle andern, und die Wallfahrten zu ihr folgten ſchnell aufeinander, denn immer entdeckte er neue Reize in ihr. Wo das Gebirge ſich endete und allmälig in die Ebene ſich verlief, trug es in einer Schlucht ſeines Rückens einen Fluß mit herab, der weit im Walde entſprang und durch mehrere Waldgewäſſer anſehnlich und mächtig wurde. Oben am Berge durchfloß der Strom ein freundliches Dörfchen mit ſeinem blinkenden Thurme. Tiefer unten in der Ebene lag dicht an ihm ein Edelhof von ſehr edler Bauart, halb von Waſſer, halb von Mauern umſchränkt. Noch tiefer trieb die Fluth eine fleißige Mühle, von Hangebirken umpflanzt. Wogende Kornfelder deckten die Ebene, von lebhaften Heerſtraßen durchbrochen; dichter, dunkler Wald überzog das Gebirge, aus dem hie und da eine alte Warte oder eine zertrümmerte Ritterfeſte im grauen Greiſengewande hervorſchaute. Weiterhin lag noch am Fuße des Berges ein ſtattliches Kloſter und vollendete die liebliche Landſchaft; eine dicke Kaſtanien⸗ —— 297 Allee führte von der Heerſtraße zum hohen Kloſter⸗ thore. Recht vielen Fleiß auf die Zeichnung dieſer reizenden Landſchaft zu verwenden, war Victors Vorſatz geweſen, und doch war ihm keine Arbeit ſchwerer und langſamer gelungen. Mehrere Wochen, ja ſchon mehr als ein Mo⸗ nat war verlaufen, und doch war das Gemälde kaum angelegt und entworfen. Wandelte der Jüngling hin, um die einzelnen Gruppen im Freien aufzunehmen, ſo geſchah es faſt immer, daß er über der ſchönen Natur die Kunſt vergaß, ſanft träumend in die lieben Umge⸗ bungen ſtarrte, bis die ſinkende Sonne ihn zum Rück⸗ marſche mahnte. An einem ſchönen Tage trat er auch einſt wieder ſeine Wanderung an. Die Luft war ſo erquickend, daß er das Zeichnen aufgab, zu dem Dörfchen und noch höher hin⸗ aufſtieg, bis er eine freie Ausſicht gefunden hatte. Hier ſetzte er ſich, ſog begierig die freie Bergluft ein und ſchaute mit hellem Auge in's Weite hinunter. Er war einmal wieder der alte Schwärmer und Träumer, der Tag lief hin, und er erſchrack, als er erwachend ſchon die Sonne am Rande des Horizontes ſah. Doch er kannte ja die Wege genau, und ſo beſchloß er noch einen Ge⸗ nuß mehr ſich zu ſchenken. Er ſah die glänzende Scheibe allmälig finken, die lebendigen Farben der Natur all⸗ mälig erbleichen, bis die Nacht die große, einfarbige Decke über alles Ruhende verbreitete. Langſam ſtieg er, als die Nacht einbrach, vom Berge herab und ging am Rande des Stromes hin der Vater⸗ ſtadt zu. Eine tiefe Stille herrſchte in der Gegend; nur von Zeit zu Zeit ſtrich ein Windſtoß durch das reife Ge⸗ treide und brach ſich an einzelnen, ſchon hie und da er⸗ 298 richteten Garben. Ein leiſer Schauer ergriff den einſamen Jüngling, beſchleunigte ſeine Schritte. An der Mauer des Edelhofs führte der Weg vorüber. Er ſah durch das eiſerne, verſchloſſene Gitterthor in den leeren Hofraum: kein Fenſter des Gebäudes war erleuchtet und Alles ſtill wie in einer Gruft. Ein Hund ſchlug einige Male an, und Victor ging weiter an der Mauer hinab. Leiſe Saiten⸗ töne ſchlugen an ſein Ohr: er horchte; es war ſtill. Er glaubte ſich getäuſcht zu haben und wandelte raſcher fort. Am Ende der Mauer, wo ſie dicht an den Strom ſtieß, ſtand ein Pavillon; einige Fenſter führten nach der Straße, der Eingang war jenſeits an der Mauer im Garten. Ein ſchwaches Licht blinkte in demſelben, und die unterſten Zweige der Pappeln, die ihn umgaben, waren mit weißlichem Schimmer, wie durch magiſche Kunſt, erleuchtet. Deutlich hörte er jetzt Harfentöne; eine Stimme, ſanft und zum Herzen dringend, ſang in die Töne. Das Mädchen am Hügel. Auf jenem dunkeln Hügel Steht hoch ein alter Baum, Da träum' ich oftmals wieder Der Jugend ſüßen Traum. Da ſitz' ich ſpät und früh, Da ſitz' ich ſtill und ſchaue Hinaus in's weite Blaue; Doch ihn erſchau' ich nie! Die friſchen Blätter welken, Das grüne Dach wird fahl, Der holde Schatten ſchwindet Und öde iſt das Thal. Ich ſeh' ihn trüb und blaß Die wilde Welt durchſtreichen: Ihn hieß die Liebe weichen, Sie macht mein Auge naß. 299 Das wilde Wetter ſtürmet; Er irrt durch Berg und Grund. Sein ſchwarzes Auge wüthet Mit Menſchenhaß im Bund; Könnt ich doch bei ihm gehn, Ihn halten, wollt' er gleiten, Das wilde Herz ihm leiten!— — Ach! kann ihn nicht erſehn!— Ueberraſcht durch die klagenden Worte, überraſcht durch einklingende, ſchon ehedem gehörte Töne lehnte Victor an der Mauer. Nie war ſeine Seele lebendiger geweſen; aber auch nur ſeine Seele. Sein Körper war im Zuſtande des Halbtodes. Iſt es? iſt es nicht? fragte er ſich ſelbſt unaufhörlich, fragte immer und konnte nicht antworten. Der Geſang endete, die lauteren Gänge des Nachſpiels erweckten den Jüngling; mit unſichern, eiligen Schritten trat er zum Rande des Stroms. Vom Ende der Mauer ſprang ein ſchützendes Gitter noch hervor, ſchwebend über das Waſſer hinaus. Furchtlos griff Victor in die Stan⸗ gen und ſchwang ſich kräftig um ſie hinüber in die Ge⸗ büſche des Gartens. Bertha! rief er mit halber Stimme, als er noch über den dunkeln Wogen ſchwebte. Die Sängerin hatte die Harfe an den Sitz gelehnt, und war horchend aufgeſtanden. Bertha! rief Victor faſt athemlos, theilte raſch die verrankten Gebüſche und trat in den hellen Pappelnkreis. Heftig erſchrack die ſchöne Frau und griff nach der Lehne des nahen Seſſels. Er ſtreckte ſeine Arme nach ihr hinüber, er flog heran, er warf ſich hin zu ihr, umfaßte ihre Kniee und drückte ſein Geſicht in ihres Gewandes Falten. Sie legte ihre Hände zitternd auf ſeinen Kopf, ſah ihn mit glänzenden Augen an, hob ihn dann vom Boden auf. Ozürne, zürne nicht! ſprach er, endlich wieder Stimme 300 bekommend. Ich will ja nichts, fordern nichts, werde nichts bitten. Heilig iſt mir mein Wort! Deine Stimme, die Ueberraſchung— es zog mich her ohne Bewußtſeyn. Er legte ſeine Stirne in ihre Hände; durch die hef⸗ tige Bewegung drückte er ſie in den Seſſel, lag wieder vor ihr mit gebogenem Knie, in ihrem Schooß ſein Kopf. Victor, Du biſt's? fragte ſie. Hier, wo ich klagte, wo ich weinte? Weinte? rief er nach; mir vielleicht dieſe Thränen? Dir! Vielleicht oft ſündige Thränen! Sie ſchlug das Auge zu den nächtlichen Wolken auf. Gut, daß Du mich mahnſt! rief der Jüngling raſch aufſpringend. Man ſoll mich nicht ſehen. Ich muß, ich will ja halten, was ich gelobte, bis zum Sterben halten. Aengſtige Dich nicht; weine nicht um mich. Er umfaßte ſie feurig, küßte mehrere Male heftig ihre Lippen, wollte dann ſich losreißen und forteilen. Feſt hielten ihn Bertha's Arme. Victor, ſprach ſie mit milder Stimme, bin ich nicht noch Deine Bertha, das Mädchen Deiner erſten Liebe? Dieß Herz ſchlägt ja noch! entgegnete er und legte die Hand auf die Bruſt. und auch mein noch werth? fragte ſie beſorgt weiter. Er beugte ſich nieder und küßte ihren Arm. Deine Liebe trieb mich in der Fremde umher; Deine Liebe war mir Qual unv Troſt! ſagte er herzlich. Ich war ſo angſt um Dich, ſprach Bertha weiter, und zog ihn näher an ihre Bruſt. Jene Nachtſcene, wo Dein Arm mich trug, o welche Furcht warf ſie in meine bewegte Bruſt. Verzweiflung nagt ihn, dachte ich. Du ſaheſt ſo wild! der Wald! viele Räubereien in der Ge⸗ gend! Victor, was hat Deine Bertha gelitten! 301 Lächelnd ſah Victor ſie an. Deine Beſorgniß ſpielte mit abenteuerlichen Bildern. Meine Bertha? O wäreſt Du das noch! Halte mich nicht länger auf, ſetzte er dann hinzu. Ich muß fort. Dein Glück könnte ich ſtö⸗ ren, und Dein Glück will ich ja einzig. Du wollteſt wieder mich zur Verlaſſenen machen? Victor, Mann meiner Liebe, das könnteſt Du? fragte ſie mit ſtarrem, glühenden Blicke. Ich verſtehe Dich nicht! ſprach er erſtaunt. Sie legte ihren Kopf auf ſeine Bruſt und umfaßte dichter ſeinen Nacken. Bleib' bei mir! ewig bei mir! ich war ja ſo allein in der Welt! Bertha, was thuſt Du? rief der Jüngling, und Schmerz ergriff ſeine Seele. Welche Folter gibt mir Deine vergeſſende Liebe! Des höchſten Glückes Bilder däm⸗ mern auf; ſie werden hell, zu hell, und ich erliege im Druck der bittern, grauſen Wirklichkeit. Victor, fiel ſie halblaut ein, ich bin ja frei, bin Wittwe!—— Erſtarrt ſtand der Jüngling; unbeweglich ſchaute ſein ſchwarzes Auge das lächelnde Weib an. Einen Schritt war er zurückgetreten, und ſeine Arme hingen welk herab. Wittwe? ſagte er leiſe, wie ungläubig, nach. Leb⸗ hafter glühten dann ſeine Augen; er ſtreckte die gefalte⸗ ten Hände hin zu ihr. Wittwe! rief er laut. Sie eilte in ſeine Umarmung. Bange und ſtill hielten ſie ſich umfaßt. O ſüße Macht der Empfindung, wonniges Erliegen, holdes ungetheiltes Hingeben, nur wer euch kannte, der kennt auch die Sprache, den Inhalt ſolcher Umſchlingungen. Das Wiederfinden iſt der Erdenhimmel! Mehrere Male trennten ſich die Glücklichen, ſahen 302 mit trunkenen Blicken ſich an und eilten zu neuen Um⸗ armungen. Seyd ihr denn endlich verſöhnt, ihr finſtern Mächte! rief Victor und hob die Rechte zu den Wolken. Mein Frühling beginnt. Die ſchönſte Blume ſah ich blühen an meiner Bruſt; hier ſoll ſie duften, hier welken. Wie lange entbehrte ich Deine holde Schwärmerei, fiel Bertha zärtlich ein, die einſt mein Glück machte, die mir Erinnerungen gab, in denen ich mein ernſtes Lvos vergaß. Biſt Du aber auch noch jener Victor, der einſt mit mir am Abend im Weidengange wandelte, der mit deutſchem, ernſten Worte mir Liebe und Treue gelobte? Wirſt Du, was Du der Jungfrau zuſagteſt, dem Weibe halten? Deine Seele war mein, entgegnete Victor raſch, blieb mein, iſt mein bis zur Urne. Deinem Herzen, bei Dei⸗ nem Herzen ſchwur ich, und Dein Herz iſt das nämliche. Innig drückte ſie ſeine Hand, zog ihn ſanft mit ſich in den Pavillon, mit ſich auf den Sitz. Sie legte ihre Hände auf ſeine Schultern und ſah ihm forſchend in's Geſicht. Ja, Du biſt's noch, mein Victor, ſprach ſie gerührt. Ich finde das dunkle Auge wieder, das mit wilden, flam⸗ menden Blicken des Mädchens Liebe forderte. Blaß iſt Deine Wange geworden, finſterer Deine Stirne, und dieſe Narbe kenne ich auch nicht. Aber Du biſt es doch immer, biſt mein Geliebter. Sie ſcheitelte tändelnd die herabhängenden, wilden Locken, ſtrich ſie von der Stirne und küßte ihn über die Augen. Dieſes blaſſe Geſicht, dieſe düſtere Stirne erzählen mir ja von Deiner Liebe, von Deinen Leiden, ſetzte ſie hinzu und legte ſich an ſein Herz. Sollten im neuen ———— ———— —.—————————————— 303 Frühlinge dieſe Wangen nicht wieder blühen? meine lie⸗ bende Hand nicht dieſe Wolkenſtirne glätten? Sie wird's! ſprach der Jüngling; ich habe ja Bertha, habe Glück, Alles! Die halbe Nacht eilte hin unter Liebkoſungen, unter wechſelſeitigen, abgebrochenen Erzählungen. Bertha's Geſchichte war kurz. Sie hatte das Kloſterleben einer Ehe ohne Liebe gelebt. Ihr Gemahl liebte ſie wahr⸗ haft, ſah den Kampf ihrer Leidenſchaft, forſchte und erfuhr ihre Geſchichte. Er ehrte ihren Schmerz, härmte ſich mit ihr und beſchleunigte durch Vorwürfe, die er ſich ſelbſt machte, durch die Qual unvergoltener Zärt⸗ lichkeit ſeines Lebens Ende. Er ſetzte ſie zu ſeiner einzigen Erbin ein und bat auf ſeinem Krankenlager ihr innig das Vergehen ab, leicht⸗ ſinnig ihre Hand erzwungen zu haben, ohne ihres Kam⸗ pfes zwiſchen Pflicht und Liebe zu achten. Bald nach ihres Gatten Tode thaten Verwandte ihr den Antrag, eine Reiſe in das ſüdliche Deutſchland mit ihnen zu machen. Sie ergriff dieſe Zerſtreuung: die Hoffnung, den Geliebten vielleicht wieder zu finden, war ſicher der erſte Beweggrund. Sie fand ihn im Ge⸗ birge, in der Unglücksnacht, aber die waltenden Mächte wollten ihr Glück noch verſchoben wiſſen. Jetzt war es da; jetzt hielten ſie ſich in den Armen, auf immer, wie ſie wähnten; vergeſſen war die ganze Vergangenheit; es war ihnen, als läge der Grabhügel ſchon hinter ihnenz der ſchwarze Strom war ſchon überſchifft, ſie hatten ge⸗ trunken vom Tranke des Vergeſſens, und ihre verwandten Seelen fanden ſich auch jetzt wieder und ſchloßen den neuen Bund im neuen Daſeyn. Schon erblaßten die Sterne, und am Rande der Berge 304 erſchienen lichtere Wolken. Die Nebel der Nacht dräng⸗ ten dichter ſich zuſammen und wälzten ſich dem Weſten zu. In den Gebüſchen regte ſich ſchon hie und da ein wachſames Vögelein und ſchwirrte mit den Flügeln. Arm in Arm wandelten jetzt die Liebenden den Gar⸗ ten hinab zum Landhauſe. Bertha führte ihren Viector zu den Gaſtzimmern. Sie öffnete ihm die Thüre. Ruhe ſüß! liſpelte ſie und ſank noch einmal an ſeine Bruſt. Glühende, verlangende Blicke warf Victor auf ſie und drängte ſich dichter an ihren üppigen Wuchs. Geduld, mein Liebling! flüſterte das erröthende, holde Weib, küßte ihn und flog die Gallerie hinab. Lange ſah er noch hin zur Thüre, die hinter ihr ſich ſchloß. Er wollte ihr folgen, doch ſein beſſeres Gefühl hielt ihn zu⸗ rück. Er ging raſch in das Kabinet und warf ſich un⸗ ausgekleidet auf das ſeidene Bett. Sein Gemüth war zu lebendig, drum floh ihn der Schlummer, und ſeine Gedanken fochten eine wilde Schlacht durch. Er beſaß jetzt alles wünſchend Erträumte, ſtand am Ziele ſeines Ringens, und Bertha ſchlang der Myrthenkronen blü⸗ hendſte in ſeine Locken. Und doch war es nicht ſo hell in ſeiner Seele, als es ſeyn ſollte; doch lag es ſchwer wie verbrecheriſches Bewußtſeyn auf ſeiner Bruſt, und äng⸗ ſtigte mit unſichtbaren Foltern ſeinen Geiſt. Er ſtand vom Lager wieder auf und trat aus dem Kabinete in das Prachtzimmer. Langſam ging er auf dem getäfel⸗ ten Bodrn hin und zurück. Die frühe Sonne wandelte hinter den Bergen herauf und ihre Strahlen fielen durch die Kryſtallſcheiben der hohen Fenſter. Wie weckteſt Du mich geſtern, du hehres Geſtirn, und wie findeſt du mich heute? brach Victor aus, im Anſchauen der ſchönſten Erdenſcene verſunken. Unſtet, 305 nirgend paſſend, ein trauriger Waller unter Fremden, mit verſchloſſenem Herzen und ſtumpfen Sinnen, ſo war ich geſtern noch. Die ſchöne Mutternacht meines neuen Werdens iſt hin, und wunſchlos umſchließen dieſe Arme alles Erwünſchte. Ich bin ein glücklicher Geliebter, bald Gatte, Vater bald. Ich habe den FPlatz meines Wir⸗ kens gefunden; meine kleine Welt liegt vor mir ausge⸗ ſpreitet; die vollen Aehren neigen ſich auf meinem Acker dem Beſitzer. Plötzlich hielt er ein und eine dunkle Röthe ſtieg auf ſeine Wangen; wie beſchämt ſchlug er den Blick zu Bo⸗ den. So ſtand er lange. Mit gefurchter Stirne, mit jenem düſtern Geſicht im Walde ſah er wieder auf: ſein Auge blickte finſter im geſchmückten Zimmer umher; lange weilte es an dem faltigen Atlas der Gardinen, die an der Seite der Fenſter von der hohen Decke bis zum Boden herabwallten und mit goldenen Säumen geſchmückt wa⸗ ren. Er ſchaute finſter die prächtig gemalten Wände an, auf denen koſtbare Gemälde wetteiferten. Von der mit Arabesken geſchmückten Decke hing in goldenen Ketten eine Kryſtalllampe herab, und an den Seitenwänden blinkten reiche Wandleuchter. Geſchmackvoll und theuer waren die Möbeln und im Kabinete erhob ſich ſtolz das ſeidene Bett. Immer finſterer wurde Victors Stirne. Zuletzt weilte er vor einem der unendlichen Spiegel und beſchaute lange ſeine eigene Geſtalt. Das Schloß eines Fürſten, murmelte er, nicht das Landhaus eines Bürgerſohns! Schnell, als trieben ihn geiſtige Mächte, floh er durch die Zimmer und die breite Stiege hinab in den Garten. Leichter wurde ihm in der freien Morgenluft, und er ſchöpfte tief Athem. Auf den Sitz vor den Pa⸗ Blumenhagen. XIV. 20 306 villon ſetzte er ſich, wo er in der Nacht Bertha gefunden, und mancher kecke Plan wurde gemacht und verworfen. Wachſam wie die ewige Tageskönigin, hold und hei⸗ ter wie ſie, kam bald nach ihm, ihn ſuchend, Bertha in den Garten. Das reinliche, leichte Morgengewand verſchönte des Weibes Reize, und in ihrem Anblicke zer⸗ rannen Victors Träumereien, die finſtern, faſt zur Hälfte. So haſt Du mir die Freude, Dich wach zu küſſen, nicht gegönnt! ſprach ſie freundlich zu ihm, und ſchlug den nackten, vollen Arm um ſeinen Nacken. Neidiſch ging der Schlummergott bei mir vorüber, entgegnete Victor. Meines Wachens Träume waren ſo ſchön geweſen, darum verſagte er mir die ſeinigen. Alſo gar nicht geſchlafen? fragte ſie beſorgt. Man ſieht es am finſtern Auge und der düſtern Stirne. Nun, Du ſollſt es Mittags nachholen. Mittags? fragte der Jüngling und blickte ſchmerzlich die Geliebte an. Früher ſchon muß ich ſcheiden. Betroffen, ungläubig ſtarrte ſie zu ihm auf. Ja, Bertha, fuhr er fort, weil ich Dich unendlich liebe, weil Deine Liebe mir das Höchſte, das Heiligſte iſt, drum muß ich ſcheiden. Lieben und verlaſſen! Lieben und Kummer geben! ſagte Bertha langſam, und blickte in ihr lebendes Bu⸗ ſentuch hinab. Ich habe geträumt. Die Wittwe iſt ja auch nicht mehr das friſche Mädchen. Ich bin Dir Dank ſchuldig, Victor, daß Du noch zeitig genug mich weckſt. — Mit wilder Haſt zog er ſie an ſich; ſeine Augen blitz⸗ ten. Bertha, rief er, begeh' kein Verbrechen an meiner Liebe. Was ich litt um Dich, wiſſen die Unſichtbaren über uns. Ich war keck genug, Dich vergeſſen zu wol⸗ len: Deine Liebe war mir unentbehrlich geworden wie 307 der Athemzug. Ich warf mich in die Gluthen der Lüſte: meine Liebe war ein Demant im Feuer. Aber höre mich: Du biſt reich, ſehr reich; ich habe nicht viel mehr als meine Jünglingskraft, des Geiſtes trotzige Gewalt, und das ſtolze Gefühl meines Werthes. Soll ich ſelbſt dieß hohe Gefühl mir rauben? Soll ich ſchwelgen von den Gütern meines Weibes? Soll ich ein Gaſt, ein Schma⸗ rozer in dem Hauſe ſeyn, wo man mich den Herrn nennt? Laß mich ziehen. Ich will wirken und ſchaffen; die Welt ſoll mich kennen lernen. Wozu wird Deine Liebe mich nicht zu heben vermögen? Gibt es etwas Großes, Küh⸗ nes, Hohes, Schweres, was ich um Dich nicht ver⸗ möchte? Die Zeit eilt, am Ziele dann komme ich, und Dein würdig darf ich die Hand nach Dir ausſtrecken, und Lohn iſt mir dann, was jetzt Almoſen wäre. Stumm lehnte die Geliebte an ſeiner Seite. Viel ſchöne Worte, ſagte ſie dann leiſe, aber viel Schatten, der Deine Liebe dunkelt. Die ſchöne Zeit iſt hin, wo Liebe Dein Leben, Dein Alles Bertha war. Die Stimme des fremden Haufens iſt Dir gültiger worden als mein Bitten, meine Klagen. So geh' denn hin, ringe um die goldene Ehre und überlaß mich meiner Einſamkeit. Aber wenn Du dann glänzend und im Schmucke wieder⸗ kehrſt, die Braut zum holden Blumenfeſt zu fordern, dann zürne nicht, wenn ſie der Gram gewelkt, wenn Dir ein Schattenbild entgegenwankt, wenn Du vielleicht ein ſchwarzes Kreuz nur findeſt, das der Geliebten Schlaf⸗ gemach bezeichnet. Leiſe weinend drückte ſie ihre naſſen Augen auf ſeinen Arm. Bertha! Bertha! rief er halblaut mit bewegtem, ſchwankendem Gemüthe, willſt Du das ſchönſte Gefühl der Männerbruſt erſticken? Willſt Du den Schwächling 308 an den Buſen drücken? Willſt Du von des Geliebten Stirne ſelbſt die Männerkrone werfen, daß er ſchamroth ſteht? Bittend ſah ſie zu ihm auf. Victor, den ſchönſten Myrthenkranz biet' ich dafür, entgegnete ſie. Er drückt die Stirne nicht, wie jene Krone. Nimm nur als Dar⸗ leihen, was mir der Zufall gab, was nur mit Dir ge⸗ theilt mir werthvoll iſt. Ringe immer nach Ehre, nur verlaß mich nicht und mach' mich nicht zum zweiten Male zur Wittwe. Gemeſſen iſt die Zeit, ſie ſchreitet ſchnell. O laß uns leben, denn wir darbten lange. Er bog ein Knie zur Erde und drückte ſeinen Kopf in ihren Schvoß. Bertha, ſprach er, wohl ſpricht in meiner Bruſt, Dir helfend, eine mächtige, verwandte Stimme. Ich gehorche. Du ſollſt die Welt mir ſeyn. Und ſpotten ſie, hier iſt ja Troſt für eine Ewigkeit. Sie beugte ſich über ihn herab und ein langer, inniger Kuß gab ihm Dank und des künftigen Himmels Ahnung. Piertes Rapitel. Ein arkadiſches Leben begann nun für die Liebenden. Jede Sekunde weihten ſie der Liebe. Du ſchönſte Zeit des Lebens, ihr Tage, durchtändelt in der blumigen Vor⸗ halle des Hymentempels, man lebt euch nur Ein Mal, und wer nie in dieſe Halle trat, der ſage nimmer, er habe gelebt! Meiſtens wohnte Victor auf Bertha's Landhauſe, nur ſelten zogen Beide auf einige Tage zu ſeinen Eltern in die Stadt. Bald ſehnten ſie ſich wieder zurück in ihre Laubge⸗ wölbe, nach dem traulichen ſtillen Pavillon, den ſie geweiht hatten, der ihnen heilig war wie ein Haus des Herrn. 309 Ihre Verlobung wurde angeſetzt. Mit ſchwimmenden Blicken hing das warme Weibchen an Victors Hals, als er ihr ankündigte, daß morgen Eltern und Geſchwiſter kommen würden, das Roſenfeſt ihres Lebens feiern zu helfen. Nicht junge Knoſpen kann ich in Deinen Strauß win⸗ den! liſpelte ſie verſchämt. Eine jüngſt entfaltete Centifolie bringſt Du mir! rief er, ſtürmiſch ſie umſchlingend. Ihr Duft wird mich be⸗ rauſchen. Der Morgen des Verlobungstages erſchien, mit ihm ein Brief eines Jugendfreundes. Emil Erlau an Falkoli. Z... den 2. September 1799. Haſt Du mich vergeſſen, Victor, in der weiten Fremde? Nein, antwortet mein Herz an Deiner Statt, trotz Dei⸗ nes wilden Sinnes thateſt Du das nicht; Freundſchaft wie die unſrige, durch Gleichheit der Gemüther, durch der Jugend freundliche Gewohnheit geknüpft, iſt ewig. Durch einen Bekannten erfuhr ich Deine Heimkunft, und ein ſchwacher Lichtſtrahl blitzte leicht durch die Nacht hin, in der ich wandle, forttappe. Victor, ich bin nicht mehr, der ich war. Der feſte Eiſenſinn iſt geſchmolzen, ich habe das Trotzen verlernt und beuge ſchüchtern den Nacken. O, wie war das ſonſt ſo anders, als wir noch neben einander ſtanden und die Welt verlachten! Vorwärts ohne Bangen; genießen mit allen Sinnen, aber ohne Rauſch; von keinem Erdenübel unterjocht; feſt, ohne Wanken, im Sturme wie in der Windſtille, das waren unſere Lebensregeln, das war die Summe un⸗ ſerer Lebensphiloſophie. Wohl Dir, wenn es noch ſo mit 310 Dir ſteht; mit mir hat ſich Vieles geändert, und von Dir fordere ich Troſt und Hülfe; Du ſollſt den Wan⸗ kenden ſtützen. Ich bin nicht glücklich mehr wie ehemals. Victor, wir waren berauſcht von einem ſüßen Gift⸗ tranke; o wohl Dir, wenn Du es noch biſtz ich bin er⸗ wacht und rufe: Wehe! über mich. Eben komme ich von meinem Elende, von meiner Wonne, und mit jedem Gange dahin erwache ich mehr und mehr und verzweifle. Ich ſpreche Dir in Räthſeln. Gedulde Dich nur, mein Kopf iſt ſchwach, aber Du ſollſt Alles wiſſen, ſollſt mein Vertrauter werden. Ich bin ein Verbrecher, ein heilloſer Räuber, bei dem das Gewiſſen heftig anpocht, der ſo gern erſetzte, was er raubte, und den die gräßliche Unmöglichkeit, nicht erſetzen, nicht vergüten zu können, zu Boden drückt. Doppelter Verbrecher bin ich, weil meine Reue nicht rein iſt, weil ich oft mit ſüßer Wolluſt des ſchönen Raubes gedenke, weil ich oft mich entſchuldigen will mit hun⸗ dert gleichen Verbrechern. Victor, es iſt weit mit mir gekommen. Oſt wein' ich wie ein Knabe, oft raſe ich wie ein Toller, oft er⸗ wacht der alte wilde Geiſt und will durchgreifen, aber es hilft nichts: was iſt, das bleibt, das Geſchehene iſt geſchehen. An dieſer Mauer bricht jede Waffe, und ich ſehe mich verloren. Staunend lieſeſt Du vielleicht den Wahnſinn dieſer Zeilen, lachſt vielleicht, wenn Du das Ende erreichteſt. Sonſt, o ſonſt hätte ich auch mit Dir gelacht über eine ſolche Alltagsſache. Ich kann nicht mehr lachen. Ich werde Vater ſeynz ich habe ein unſchuldiges Mäd⸗ 311 chen ſchuldig gemacht; da haſt Du das ganze, fürchter⸗ liche Geheimniß. Du bleibſt noch kalt, lächelſt und fragſt im Tone des Spottes: Und darum verliert ein Emil den Kopf? Ach, Du ſagſt das ſo leicht, und ich fühle das ſo ſchwer. Wäre ſie ein Alltagsmädchen, ich würde mich eher finden, das ſtrenge Gewiſſen eher abkaufen; aber komm, Victor, ſieh ſie und lerne mein Elend dann erſt ganz kennen. Ich will Dir meine Beichte ablegen, o Victor, lies ſie mit warmem Aufmerken, erzähle ſie jedem Jüngling, den Leichtſinn und Blut auf dieſelbe Straße trieb, auf der wir hinabtanzten. Und wenn auch Dich kein war⸗ nender Engel zurückriß, ſo laß mich Dein Engel ſeyn, mein Beiſpiel erſchüttre Dich und bewirke Deine Umkehr. Wie ich war, was ich war, weißt Du: Gleichheit des Charakters ſchloß jazunſere Freundſchaft, und unſere Vaterſtadt ſprach ja von uns nur wie von einem Weſen, fällte nur ein Urtheil über uns. Genießen, ſo hieß das erſte unſerer Geſetze, ſo nann⸗ ten wir den Zweck unſeres Seyns. Wir haben genoſſen; wohl Dir, wenn Du aufhörteſt, ehe die Hefen kamen. Ich trank bis auf den Boden des Bechers und ſchmecke jetzt die bittern Hefen. Die Anfangszeit meines Hierſeyns war Fortſetzung unſerer Lebensweiſe. Ich vermißte Dich, aber die Geſellſchaften junger Wüſt⸗ linge, die ſich an mich drängten, gaben mir den Rauſch des Verſchmerzens. Manchen Moment ſüßer Schwelgerei habe ich genoſſen, gedankenlos, ohne Gewiſſensregung genoſſen. Jetzt büße ich alle dieſe Verbrechen nach. Jede Schmeichelrede, mit der ich lockte, jedes Ge⸗ ſchenk, mit dem ich blendete, jeder üppige Kuß, jede 312 dringende Umſchlingung, mit der ich berauſchte, treten jetzt wie Dämonen mir entgegen, die Rache drohen, Rache nehmen. Ein Mädchen lebte hier, anerkannt als eine der ſchön⸗ ſten, aber auch eine der feſteſten. Mancher hatte ſich zu ihr gedrängt, aber Keiner wagte auch des Kleinſten ſich zu rühmen: Jeder hatte ihrer Tugend den Sieg laſſen müſſen. Ueberdrüſſig der leichten Kämpfe ſchien mir dieß ein würdiges Ziel meines Strebens. Durch die gewöhnlichen Mittel männlicher Koketterie zog ich ihre Aufmerkſamkeit auf mich, bei einem Feſte machte ich ihre nähere Bekanntſchaft. Beſſer als ich gehofft hatte, ging anfangs Alles, ich machte Rieſenſchritte, denn ich hatte des Mädchens Herz gewonnen. Schon wünſchte mir Alles Glück und räumte mir die Krone der Verführungskunſt ein, aber ich war noch weit vom Ziele. Wir waren jetzt ſo weit gekommen, daß ſie das won⸗ nige Du der Liebe mir gab, daß ſie jeden Abend meiner wartete, mir die gute Nacht zu küſſen, aber jetzt war ich am Ende. Weiter zu gehen vermochte meine ſtür⸗ mende Leidenſchaft nicht: wenn auch glühend, bebend in meinen Armen, blieb ſie dennoch ſtandhaft, und ihre Reinheit, ihr liebenswürdiger Kindesſinn entwaffneten mich ſchneller als ihr zürnender Blick, als ihre ernſten Worte. Aus meinem unreinen Gefühle entſtand ein rei⸗ nes, heiliges. Ich liebte ſie, oder nahm wenigſtens die Achtung, die ich für ſie fühlte, für Liebe. Jene Monden waren unſtreitig die ſchönſten meines Seyns. Ich lebte ein Traumleben in einem italieniſchen 313 Schattenthale. Alles war Blüthe oder Frucht für mich; duftende Kränze band ſie daraus, ordnete ſie zu ſüßer Koſt. Ich wurde ein beſſerer Menſch; ſie hielt mich, band mich. Ihr Gefühl ward mein Geſetz, ihr Tadel meine härteſte Strafe. Wäre dieſe Zeit immer dieſelbe geblieben, dieſe Un⸗ ſchuldszeit, den Knabenjahren gleich ohne Begierde, ohne Reue! Böſe Mächte walteten über uns. Der Sommer kam und mit ihm Trennung. Meine Lieblingin ſollte eine Reiſe zu fernen Verwand⸗ ten machen, dort den größten Theil des Sommerszubringen. Ahnend ſchied ich von ihr. Es war in einer ſtürmi⸗ ſchen Mitternacht, Liebe hatte die Furcht beſiegt: als Alles ſchlief, kam ſie zur Hinterpforte. Ich hatte die Erblaßte in meinen Armen, ihr Fackel⸗ auge war halb erloſchen, und eine Wehmuthswolke, die⸗ an der weißen Stirne hing, ließ ihren Thau auf die Seidenblumen, der ſchönen Wimpern fallen. Wir vertrauen auf einander, ſagte ich leiſe, als die Stunde ſchlug. Uns iſt die Trennung ein Scheintod; dem Erwachenden iſt Licht und Luft deſto erquickender, und er blieb derſelbe. Wirſt Du derſelbe bleiben? fragte ſie, wie von einer Ahnung ergriffen. Vertraue! entgegnete ich. Da gab ſie mir das ſchwarze Armband, das den Schneearm gedrückt hatte, küßte mich feſt, wie die ſorgende, heiße Liebe küßt, und ſchied. Da wurde die Bruſt mir ſchwer und voll, da ſchienen mir die Wolken ſich zu Schreckenbildern zuſammen zu wälzen, und durch die Ndht klangen Warnungstöne. Ich konnte nicht fort von ihrer Wohnung, zurück trieb es mich meh⸗ rere Male, bis ich mich ermannend ſelbſt ſchalt, mich fortriß. 314 Still und wüſtengleich ſchien mir nun die lebendige Stadt. Ich mußte fort, und der Freunde Vorſchlag, ſie zu einem Brunnen zu begleiten, kam mir erwünſcht und annehmlich. Wir ritten nach P... Mit hin nahm ich meinen geläuterten Sinn, zurück brachte ich ein zerriſſe⸗ nes, mit ſich ſelbſt uneiniges Gemüth. Ich kann nur kurz von dieſen Wochen ſchreiben. Sin⸗ nesleben lebte ich in ihnen, und die Phantaſie mußte ſchweigen vor ſchöner Wirklichkeit. Wir kamen gerade zu einem Feſttage in P... an. Ein alter, reicher Edelmann, Herr von K.„ feierte ſeinen Namenstag durch große Gaſtgelage. Alles war zum Feſte geladen, auch— die Bettler. In der geräumigen Allee ſpeisten die Armen an langer Tafel. Du weißt, ich war ein Freund von großen Gaſt⸗ geboten; das ſchöne Mahl im Freien zog mich mehr an als die ſich beugende Tafel im Saale. Ich wanderte in der Allee umher und ergötzte mich an den frohen Ge⸗ ſichtern der Unglücklichen. Ein ſchlankes Weib befahl den Aufwärtern, ordnete ſelbſt, ſah nach, wo es fehlte, ſprach mit Milde und Freundlichkeit mit Jedem. Ich trat ihr näher; ihr reicher Anzug und dieſes Geſchäft war mir ungewöhnliche Ver⸗ bindung. Sie war ſchön, ſehr ſchön, ihr Wuchs, ihr Gang der einer Herrſcherin. Hoher, reiner Stolz ſprach aus ihrem großen Auge, aber das ſchöne Geſchäft hatte einen lieblichen Schleier über den Stolz gezogen, wie leichtes Gewölke die Mittagsſonne lieblicher macht. Sie entziehen ſich dem Saale und der Geſellſchaft ſo ganz, redete ich ſie etwas ſcheu an, und vergeſſen in dieſem Kreiſe, daß auch dort ein Kreis iſt, der Anſpruch auf Ihre Geſellſchaft macht und Sie vermißt. 315 Ich vermiſſe in dieſer Geſellſchaft jene nicht! ant⸗ wortete ſie kurz und kalt, mit einem ſehr flüchtigen Blick auf mich. Ich ſchwieg lange zurückgeſchreckt, betrachtete ſtill ihre Geſtalt, die halb abgewendet von mir ihr vo⸗ riges Thun fortſetzte. Ihr Geſchäft iſt beneidenswerth! ſagte ich dann wei⸗ ter nach einer Pauſe. Kaum glaub' ich's, ſagte ſie in noch kälterem, ſtol⸗ zeren Tone. Würde ich beneidet, ſo würde man dieſes Geſchäft mit mir zu theilen wünſchen, und noch bin ich allein, alſo von Keinem beneidet. Ich beneide Sie, ſagte ich mit empörtem Stolze und beleidigt. Sie warf das große Auge durchſchauend auf mich. Ernſt machte ich ihr meine Verbeugung und ging. Ich war verſtimmt, wanderte in die Berge, ging nicht zurück zum Feſte. Die ſtolze Geſtalt begleitete mich⸗ überall, und ich ärgerte mich darüber. Ich ſtrich in den Gebüſchen und an den Hügeln umher, bis es Abend wurde, und in mir kämpften Empfindungen wie Meeres⸗ wogen. Wenn neue Gefühle plötzlich in dem Menſchen⸗ herzen aufblühen, ſo hält dieſes ſie anfangs für fremde ausländiſche Blüthen und ſträubt ſich und will ſie aus⸗ ſtoßen, bis ſie duften und glühen und es ſie für hei⸗ miſche erkennt. Am Weſthimmel ſtanden graue Wolken, der Horizont und ein Feuergürtel umwand die Erde und ſtrahlte durch die Gebüſche und Baumgipfel. An der Straße faſt am Ende der Holzung, wo eine offene Ausſicht in die Gegend und das Feuermeer war, ſetzte ich mich in das hohe Gras und ſchaute lang in die Sonnengluth und es ward ruhiger in mir. Wenn der Geiſt unbändig die Flügel ſchlägt und zuckt 316 im irdiſchen Kerker, dann blicke er nur nach oben in's Licht, ruhig liegt er dann und harrt und hofft. Nicht lange hatte ich ſo im Graſe gelegen und die Schatten um mich her immer dunkler werden ſehen und das Feuermeer immer bläſſer, da rief eine nahe Stimme jenſeits des Holzes laut und ängſtlich. Calvi! Calvi! ſchrie es wieder, und ich hob mich, auf den rechten Arm geſtützt, horchend vom Sitz empor. Eine Mädchengeſtalt erſchien in ängſtlicher Eile am Ein⸗ gange des Waldes. Calvi! rief ſie wieder, die Straße hereinblickend, rang die Hände und eilte zurück. Raſch ſprang ich auf, raſcher ihr nach. Auf der Wieſe am Holze fand ich unter einer alten Säuſelpappel einen ohnmächtigen Greis, das Mädchen kniete jammernd neben ihm. Todt? fragte ich und legte ſchnell meine Hand auf des blaſſen Greiſes Stirne. Ach nein! ſagte die Knieende, und Thränen rollten über das blühende und trübe Geſicht, wo Frühling der Jugend und der Schmerzensherbſt die Bruderherrſchaft führten; es iſt ſein gewöhnlicher böſer Zufall. Ich führte ihn hinaus in die Sonne, und es ward ihm wohl, und nun kehrt das Uebel. Niemand war da, Calvi bleibt auch aus, und ich bin ſo ſchwach. Gern will ich helfen! entgegnete ich. Sie zeigte auf eine nahe baufällige Hütte. Ich half dem Alten, der ſich etwas wieder erholt hatte, auf und führte ihn mit des Mädchens Hülfe in die Hütte zurück. Wir legten ihn auf ein ärmliches Lager. Das Innere der Wohnung, des Mädchens Kleidung, Alles zeigte tiefſte Armuth. Im Geſpräch erfuhr ich ihre ganze Lage. Der Alte hatte einen ziemlich anſehnlichen Maierhof beſeſſen; 317 Mißwachs, eine Feuersbrunſt und der letzte Krieg hatten ihn zum Bettler gemacht. Aus dem großen Wirthſchafts⸗ gebäude war er in dieſe Hütte gezogen und hatte ſich vom Taglohne ernährt. Da warf ihn eine Nervenkrankheit auf's Lager, und ſeit dieſer Zeit, ſchon ein ganzes Jahr, ernährte ein junger Schafhirte, des Mädchens Geliebter, Vater und Tochter von ſeinem ſparſamen Lohne. Bald kam der junge Hirte und ſah anfangs mit ſtau⸗ nenden und eiferſüchtigen Blicken auf mich, bis Johanne erzählte. Ich blieb, bis es Nacht ward in der Hütte; der junge Hirte hatte mein Herz gewonnen, und die ländliche, na⸗ türliche, vertrauende Liebe der Beiden machte tiefen Ein⸗ druck auf meinen Geiſt. Als ich ſchied, legte ich unbe⸗ merkt meine Börſe auf des Greiſes Krankenlager. In der Sternennacht heimgehend fühlte ich mich wohler, ru⸗ higer, ſtill froh wie niemals. Ich ärgerte mich, daß ich nicht reich war, beſchloß aber zu thun, was ich konnte. Am andern Morgen ſah ich die Stolze wieder; ſie war ſchön, ſehr ſchön, aber ich zwang mich und mied ſie, wo ich konnte. Wer kann gegen des ewigen Schickſals Führung! Carl von Waldingen, unſer Geſpiele einſt, kam nach P... Er fand mich in der Allee, und mit ſeiner gewohnten Heftigkeit ſchloß er ſich wieder an mich, wollte nichts ohne mich genießen und den Jugendbund im ganzen Um⸗ fange wiederum herſtellen. Ich ſah das gern, denn ich bedurfte ja Zerſtreuung. Noch denſelben Tag ſtellte er mich ſeinem Onkel vor, und dieſer war jener Herr von K. der Vater der 318 ſtolzen Theodore. Ich wurde alſo zu ihrem Umgange hingedrängt, hielt mich aber ſtets in einer ehrerbietigen Ferne von ihr. Ich liebte ſie heftig, wildglühend, aber ich fand ei⸗ nen Triumph darin, dieſe Liebe tief in meiner Bruſt zu verſchließen, eine feſte Steinrinde um den Vulkan zu ziehen. Meine vorige Liebe war nur warme Freund⸗ ſchaft geweſen, das empfand ich jetzt ſo deutlich. Ich beſuchte meine Gefundenen am Berge wieder und theilte mit ihnen mein Ueberflüſſiges; ich ſpielte nicht, beſuchte nicht Theater noch Tanzfeſte: was dazu beſtimmt geweſen, trug ich zu der ſtillen Hütte. So verliefen mehrere Wochen; meine verſteckte Liebe war ſtets heftiger entglüht, aber mein Aeußeres dachte, ich hätte nichts verrathen. Es mußte aber doch wohl. Theodore ſchien mich jetzt mehr zu beobachten, wärmer redete ſie zu mir als ſonſt. Die kalte Rinde meiner Bruſt bekam hin und wieder Riſſe; ein Blick aber dann auf ihre ſtolze Geſtalt, in das ſtolze Auge machte mich wie⸗ der zu dem Vorigen. Ich dachte an meine Abreiſe und machte Anſtalten dazu. Ich ſollte vorher hohes, das höchſte Glück koſten; das höchſte, aber auch mein letztes. An einem Abende ſtand ich neben dem Pharotiſche im großen Saale, nur als Zuſchauer. Ich hatte einen Argwohn auf den Bankier, einen däniſchen Offizier, geworfen, und wollte heute Ge⸗ wißheit haben. Du weißt, daß ich noch aus unſerer wilden Zeit die Kunſtgriffe und das Fingerſpiel der Grecks kenne und ſelbſt damals ein ſeltenes Talent dafür zeigte. Lange hatte ich dem Spiele zugeſehen, hatte ſchon aus dieſem und jenem deutlich ein falſches Spiel hervor⸗ ſchimmern ſehen, konnte aber das Geſchlecht deſſelben ——————————— 319 lange nicht entdecken. Es war ein recht grober Betrug. Ich erhaſche endlich den erwünſchten Augenblick, greife die eben abgezogene Karte, und ſiehe da, die Karte iſt doppelt gemalt, auf der einen Seite ein König, auf der andern ein As. Alles ſpringt auf, der Däne zieht ver⸗ zweifelnd den Degen, ich haſche ſchnell den an der Wand lehnenden Säbel eines Huſarenoffiziers. Indem wird mein Arm gehalten, ich wende mich: Theodore hält mit bit⸗ tendem Blicke die bewaffnete Hand. Keine Unbeſonnen⸗ heit! ſagte ſie mit milder Stimme. Ich war überraſcht, mein Arm ſank, der Däne wurde entwaffnet und arretirt, Theodore ſah ich den Abend nicht wieder. Mit welchen Gedanken, Ahnungen, Träumereien ich die Nacht zubrachte, kannſt Du denken. Ich hoffte und bekämpfte ſelbſt meine Hoffnung. Früh war ich am Mor⸗ gen auf, eilte dem Walde zu, im Freien das volle Herz zu erleichtern. Es gelang: der Lebenshauch duftete friſch aus den Blättern, aus den Grashalmen mir entgegen; aus mildem Frühlichte zog ein froher Schein in des Jüng⸗ lings finſteres Auge. Ich wallte zu meiner Hütte, die Gefundenen zu beſuchen. Ein Wagen hielt am Holze, ſtutzend eile ich näher, da tritt Theodore im einfachen Morgenkleide mir in der Hüttenthüre entgegen, reicht mir vertraulich die Hand. Staunend faſſe ich die liebe Hand. Emil, ſagte ſie, ich bin die Ihrige! Theodore! erwiederte ich, Sie? Sie ſelbſt? Da ſchlug ſie die Arme um mich, ich fühlte ihren warmen Kuß und vergaß Vergangenheit, Welt und mich. Kennen Sie mich aber auch? fragte ich dann bebend. Damit keine Sturmnacht wiederkehrt? 320 Ich kenne Sie, ſagte ſie feſt. Sie ſind ein wilder Jüngling, und ich werde Sie ziehen, Sie beſſern, bis die Wildheit verdampft iſt. Victor, ich war das glücklichſte Weſen unter der Sonne! Ihr Vater wußte, billigte Alles, er verſprach mir Dienſte am Sch. ſchen Hofe zu verſchaffen, dann ſeine Theo⸗ dore mir zu geben. Wie eilten die Tage bis zu unſerer gemeinſchaftlichen Abreiſe! An einem der letzten Abende ſprach ſie das Schreckens⸗ urtheil, das jetzt wie ein ſchneidendes Schwert am dün⸗ nen Faden über meinem Haupte hängt. Du kehrſt nun wieder in's Land der Freiheit, der wilden Freuden, ſagte ſie. Bleibe gut, denke mein! Ich kann Vieles vergeben, nur Eines nimmer. So wie ich nie einen Wittwer zum Gatten nehmen könnte, ſo kann ich viel weniger einem Jünglinge mich geben, dem ein Mädchen Weib war. Bedenke die Grille, wenn Du es ſo nennen willſt, recht oft. Sie gab mir einen Ring. Ich hoffe ihn nie zurückfordern zu müſſen, ſetzte ſie der lieben Gabe zu. An Einem Tage reisten wir ab. Sie machte eine Reiſe zu fernen Verwandten im Auslande; nach ſechs Monaten ſollte ich ſie zu G... wiederſehen. Schöne Träume geleiteten mich hinwärts, bis Z... Thürme durch die Bergſchlucht blinkten, da ergriff's mich wie eine Ahnung, ich ſchrack zuſammen. Der Zug meines Arms mochte meinen Gaul unruhig gemacht haben, er wurde ſtörriſch, bäumte ſich hoch auf und wollte den Weg zur Stadt nicht betreten. O hätte ich ihn gelaſſen, hätte ihn damals nicht mächtig bezwungen! Meine Geliebte war wiedergekehrt; ich ſah ſie wie⸗ der. Erloſchen war ihr Auge, ein tiefer Kummer haite — 32¹ den Schleier um ihr Geſicht gehüllt. Victor, ich konnte dieſem Trauerblicke nicht widerſtehen: ich mußte ſie täu⸗ ſchen, mußte zu ihr; Alles, was ſie mir war, was ſie mir gab, trat wieder vor meine Seele, und ich ſchalt mich undankbar. Mein Plan war, noch eine Zeit lang ſie zu täuſchen, dann nach und nach unmerklich das Band zu lockern, zu löſen. Der Plan war gut berechnet, nur der Spieler ſpielte herzlich ſchlecht. Die reine Freundſchaft war erloſchen, das hatte ich ver⸗ geſſen: ſie war mir nicht mehr eine Heilige; überdem war ſie ſelbſt hingebender, leidender geworden, genug, ſie fiel in meinen Armen: meine Angebetete wurde meine Buhlerin. Wage ſich Keiner hin in die Nacht, die einſame, der das Verbrechen ſcheut! Wenn die Finſtere waltet, ent⸗ ſchlafen die guten Vorſätze; die Körperaugen erblinden, aber die inneren, die Augen der Phantaſie, gehen weit auf und ſchauen und glühen und zittern im üppigen Schauen; das Diadem der Unſchuld glänzt dann nicht, die Sinne ſprechen allein und die That iſt gethan. Feſt zog mich das Verbrechen jetzt an das ungeliebte, ſchöne Mädchen. Ich riß Theodorens Bild muthwillig aus meinem Herzen und war trunken und ſchwelgte. Nemeſis erwachte ſchnell. Immer iſt mir's noch, als wäre die Grauennacht noch nicht verronnen, als ſtände ich noch in ihren Blitzen. Es war einige Monate nach meiner Sünde; ich ſaß in der finſterſten NRacht am Rande des Gartens und war⸗ tete des Weibes. Fern murmelte der Donner, das Wet⸗ ter leuchtete matt. Ich hörte ihren eiligen Schritt; ein Blitz flammte, ich ſah ſie flüchtig mir zueilen, ſie warf ſich in meine Arme, drängte ihr Geſicht in meine Kleider. Mädchen, was haſt Du? was iſt Dir? fragte ich, Blumenhagen XW. 21 ———————————— 322 beſorgt ſie umfaſſend, aber ſie ſchwieg und ſchluchzte. Ich hob ſie auf in meinen Armen und trug ſie zur Laube; erſchöpft lag ſie an meiner Bruſt, heftig ſchlug ihr Herz. Ich beſchwor ſie, flehte von ihr Erklärung. Biſt Du gut und ehrlich, Emil? fragte ſie leiſe und ſcheu. Zweifelſt Du? darfſt Du zweifeln? fragte ich zurück, und ängſtliche Erwartung umfing mich. Nun ſo rette mich! ſchluchzte ſie; ich bin Mutter. Wie vom Blitze getroffen ſaß ich neben ihr, in des Blitzes Flammen ſah ich meine That und ihre Zukunft hell und ſchauderte. Victor, komm und rette mich. Du allein kannſt hel⸗ fen, Du allein biſt mir Freund, Du allein haſt mein Vertrauen. Sie muß fort von hier, Nacht muß bleiben über dieſem Geheimniß; ich kann Theodoren nicht ver⸗ lieren. O komm ſchnell und rette mich, bei unſerer ſchonen Jugend beſchwör' ich Dich! Emil Erlau. Victor Falkoli an Emil Erlau. B„„ den 8. September 1799. Zittert auch die Eiche, die mächtige, im Sturme, wie das kleine Geſträuch und des Weihers Rohr? Schämſt Du Starker Dich nicht Deines Zagens? Gelacht hab ich nicht, aber mich gewundert hab ich, mich geärgert hab ich. Können die rauſchenden, mäch⸗ tigen Saiten der Harfe von Thuiskon auch in Klage⸗ geſängen ertönen? Deinen Brief brachte man mir an meiner Roſentage einem: am Tage meiner Verlobung. Laß Dir auch die 323 Myrthe in's Haar flechten, mein Emil, dann wird Dein Muth wiederkehren, Dein Frohfinn und Deine Ruhe. Auf dem glatten Blatte der Myrthe rinnt der giſtige Thau hinab und durch ſeine harte Decke dringt kein Stachel. Du haſt gefunden: halte feſt und eile. Nur über Felſen und Höhen geht der Weg zu den Sternen; wer ſie fürchtet, bleibt ewig unten. Sey ohne Sorgen und birg Dein Geheimniß. In wenigen Wochen bin ich bei Dir, bringe Hülfe und Rath. Dein Victor. Fünſtes Rapitel. Der Mond hat einen Hof und die Sterne blicken durch Nebel herab, ſagte Bertha zu Victor. Der Himmel will Deine Reiſe nicht, Lieber. Er hatte ſeine Reiſe zu dem Freunde endlich nach drei langen Wochen auf den morgenden Tag feſtgeſetzt. Mag er durch Schleier ſchauen, der ſilberne! Er bleibt doch immer der Mond, antwortete Victor. Auch meine Bertha hüllt ſich mir morgen in den Scheide⸗ ſchleier, aber ſie bleibt immer meine Bertha. Daß es nur kein ſchwarzer wird, flüſterte das ban⸗ gende Weib und legte ihr Köpfchen auf des Lieblings Schulter. Auch Scheiden auf Tage nur bleibt Scheiden. Warum kann ich nicht mein Weſen mit dem Deinen ver⸗ ſchmelzen, Dich nimmer zu verlaſſen! Ich der Strauch und Du die Blüthe! fiel Victor ein. Biſt Du doch meine Blüthe, dem wilden, unfruchtbaren 324 Stamme eingeimpft. Sey heiter! Du laſeſt des Freundes Brief. Ich muß auf wenige Tage hinüber, zu rathen, zu helfen. Laß Dein Auge mir ein heller Stern ſeyn in dieſer letzten Nacht! Sie iſt mir ſo ſchaurig, dieſe Nacht! liſpelte ſie. Biſt Du meine kluge Bertha? kann Dich ein bleicher Mond und ein trübes Sternlein banger machen? Der umwölkte Mond deutet auf Regen, und Regen bringt Frucht. Lege das Bild der Natur aus: Du wirſt wei⸗ nen, Scheidethränen, dann fliege ich bald zurück, die Thräne trocknet, und die Blüthe wird ſüße, liebliche Beere. Erglühend legte Bertha ihren Kopf auf ſeine Wange und ſeine Hand an ihre volle Bruſt. Dichter zog ſie ſein Arm in die Feſſeln der Liebe, und wie der Abend⸗ weſt im Pappellaube rauſchten die heftigeren Küſſe. Entheilige nicht den heiligen, künftigen, nahen Tag! bat ſie zitternd und glühend und ringend mit des Jüng⸗ lings Heftigkeit. Die ſüße Beere lockt! BGift iſt die unreife noch! flüſterte ſie mit kurzem Athem. Mir Gift, Dir Gift! Victor ließ ſie aus ſeiner kräftigen Umſchlingung. Aus meiner Hand ſoll Bertha kein Gift trinken! ſprach er leiſe, voll Gefühl, halb gekränkt, und lehnte ſich an das bebende Weib. Der donnernde Vulkan hatte die ſchöne Flur wenn auch nicht verheert, doch mächtig er⸗ ſchüttert. Still hielten ſie ſich umfaßt, und ſaßen und redeten mit ihren Gedanken. Da fiel ein Apfel in der Nähe vom Gipfel des alten Baumes und weckte ſie mit einem Schreck. 325 Es iſt Nacht geworden, ſagte Victor. Komm zur Ruhe, meine Lieblingin! Zur Ruhe! lallte ſie nach mit abweſender Seele. Vom Wurme verwundet fiel die Frucht vom Baume, und der düſtere Mond blickt auf die Geſtorbene mit Mitleidsblicken. Sie ruht nun auf immer. Bertha! unterbrach ſie der Jüngling, vom Tone ihrer Worte tief in der Seele ergriffen. Aus Thränenwellen, aus Mutterthränen wand ſich die Liebe los, redete ſie mit ſich ſelbſt weiter. Die Muſchel, in der die Schöne zum Ufer ſchwamm, ſchmück⸗ ten Perlen, geronnene Thränen. Lieben heißt weinen, und ſo will ich denn weinen, bis ich ausgeliebt habe. Bertha, meine Bertha! Weit, weit ſtieß uns das Schickſal von einander, die Liebe zog uns freundlich wieder auf ein heimliches Plätzchen zuſammen; auch da weinte ſie, doch es waren Thauperlen, die vom Roſen⸗ kranze der Freude fielen, aus dem ſchönſten, reinſten Kelche. Was zagſt Du jetzt? dieſe Trennung iſt ja kaum mehr als das Gehen des Gatten, den ſeine Ar⸗ beit ruft und der ſein holdes Weib in ihrer Küche zu⸗ rückläßt. Zum Mittage kehrt er, und der erſte Trank iſt ihm ein Kuß von ihrer Lippe, den das Entbehren verſüßte. Du haſt Recht, antwortete ſie erwachend und gefaßt. Mir iſt wunderlich heute, und Du mußt Deiner ſchwa⸗ chen Braut das zu Gute halten. Langes Entbehren ſchwächt und ich war das Klagen ſo gewohnt geworden. Heimliche Thränen waren mein Krankenwein, und nun find mir alle Freuden Thränen geworden, weil Thränen einſt meine Freuden alle waren. Kehre bald, dann wird's anders werden. 326 Feſt küßte er die Liebende. Wie ein Geiſterſchatten huſchte auch ihm eine leichte Angſt durch den Sinn, aber er drückte die Augenlider raſch zuſammen, und als er ſie wieder öffnete, war der Mond heller geworden und Bertha lag leiſe weinend in ſeinen Armen. Er trocknete die Thränen mit ihren langen Locken und ſog ſie dann von der weichen Seide mit begehrenden Lippen, bis ſie ihn ſanft, die letzte Zähre ſelbſt ſich trocknend, zum Schlafe zog. Victors Reiſetage waren Tage des wildeſten Wet⸗ ters. Der Weltgeiſt ging im Orkane über die Länder und verheerte ſie zürnend: bald ſtreifte ſein mächtiges Gewand über die Wälder hin und ſchuf eine Wellen⸗ gluth aus den Gipfeln der ſtarren Eichen und brach die ſprödern Tannen, bald goß er Thränenſtröme des Zorns aus ſeinem luftigen Reiche herab. Dicht in den Mantel gehüllt ritt Victor mit ſeinem Diener. Bertha's Ab⸗ ſchiedskuß wärmte noch ſeine Lippe und ſeine Seele theilte ſich zwiſchen ihr und dem Freunde. Ein Dämon ſchien ihn unter dem wildeſten Wetter hinzutreiben und ſein Sporn trieb wieder das ſtarke Roß. Am Mittage des dritten Tages hielten ſie an einer einzelnen Schenke, noch zwei Stunden vom Ziele ihrer Reiſe. Pferde und Reiter waren ermüdet und bedurften Ruhe; das Wetter tobte fürchterlich. Victor warf ſich in dem Gaſtzimmer unwirſch in den erſten Seſſel. Im Nebenzimmer hörte er einen Mann auf und nieder ſchrei⸗ ten und eine Flöte wurde dann und wann angeſprochen. Es waren einzelne durch einander geworfene Gänge, bald heftig und raſch, bald leiſe und ſanft. Victor horchte lange; da ſchwieg die Flöte, und bald darauf ſang eine ſchöne Tenorſtimme nach leichter Melodie: 327 Der Strom rauſcht hin, der Bach verrinnt, Was hingefloſſen, kehret nimmer. Was ſitzt der Waller und trauert und ſinnt? Aus Fluthen ringt nur ſich der Schwimmer. Wer ſchauend und ſehnend am Hügel liegt, Das liebliche Sternbild wohl nie erfliegt. Die Blüthe welkt, das Laub fällt ab; Nichts Schönes glänzt ewig hienieden. Umzieh' mit Roſen das ſchaurige Grab, Denn leichter Sinn nur gibt Frieden! Was kommen ſoll, kommt! Was ſeyn ſoll, geſchieht! Drum haſche die Zeit, eh' ſie ſpottend entflieht! Albrecht! rief Victor aus und öffnete die Thüre.— Erblaſſend trat der Freund zurück und ſeine Lippe fragte bebend: Victor, Du? Du ſtarrſt mich an, als ſtiege Dir mein Geiſt mit hohlem Blick am Wege plötzlich auf. Was iſt Dir? Rede! Wo blieb Dein leichter Sinn? Mit der Linken ſtrich Albrecht tiefathmend ſich die Locken von der Stirne, die Rechte reichte er zitternd dem Freunde hin. Du überraſcheſt mich! ſprach er abgebrochen. Noch war ich nicht gefaßt darauf, und nun am Anfange mei⸗ ner Reiſe trittſt Du mir ſchon wie eine Nachterſchetnung ſchnell entgegen. Deine Worte ſind mir Räthſel. Erkläre Dich, denn noch verſteh' ich nichts. Zu Dir wollt' ich, Dir Botſchaft bringen. Von ihm? fiel Viector auffahrend ein. Emil ſchickt Dich? Erzähle eilend mehr, denn Dein Geſicht verkün⸗ det Schreckliches. Du biſt ein Mann! ſagte Albrecht langſam. Hier dieſer Brief; er ließ ihn Dir zum Erbtheile. Todt! lallte Victor erſtarrt. Und wie? Er ſelbſt? Du ſagſt's! Wohl waren's Schreckenstage, die letzt⸗ 328 verfloſſenen, und nie kommt mir der Morgen, wo man den Todten fand, aus Sinn und Seele. Wir liebten Alle ihn; er war uns Haupt und Rather. Wer hätte von dem Starken das vermuthet? Ach! Keiner ahnte das böſe Wetter, bis daß der Donnerſchlag über dem Haupte hin uns ſtürmte, und Alle nun der Schrecken doppelt faßte. Leichenbleich und ohne Leben ſtand Victor. Es iſt nicht möglich! iſt nicht möglich! rief er halblaut. So ſprachen wir auch, fiel Albrecht ein, bis wir im blutigen Zimmer ſtanden und den zerſchellten Kopf des Freundes ſahen. Haſtig riß Victor die Siegel vom Briefe, warf ſich in einen Seſſel und las. Meine letzten Worte an den fernen Freund. Du kommſt zu ſpät, mein Victor. Schon iſt der Freund geſchieden und Du kannſt nur ein Todtenopfer bringen. Du riefſt mich an wie der Mann den Knaben; ich war ein Knabe, als der Rieſe Leidenſchaft neben mir ſtand; ich habe ihn zurückgeworfen und ſtehe wieder feſt und entſchloſſen. Nur der Entſchloſſene kann ruhig hinſehen auf die Welt voll Räthſel und Täuſchungen; nur der Entſchloſſene fühlt, daß er Mann iſt. Meine Gegenwart iſt eine Nacht ohne Sterne, und in meiner Zukunft hängen Gewitter, die nie verziehen, die kein Orkan zerſtieben, keine Sonne zerthauen wird. Was ich that, kann ich nicht verſöhnen, ſelbſt elend und ohne Hoffen würde nur Unglück ſchaffen mein ſchwarzes Loos ſeyn. Ich ziehe drum ein anderes Lvos, wenn auch eben ſo dunkel, doch ein beſſeres und ein ſelbſt er⸗ —————— 329 wähltes. Verwiſcht ſey der böſe Name; das Moos der Vergeſſenheit überwachſe richtend ſeine Narben. Nur kleiner Seelen ſchwache Stütze iſt der Glaube. Ich hoffe nichts; ich wünſche nichts. Hinaus nur will ich, abwerfen nur wie ein Kluger die unnütze Laſt, das abgenutzte Leben. Sind jene Sonnen der Nacht neue Lebensfluren für uns und gibt es ein Morgenroth nach dem Grabesſchlafe, wohl dann! nur muß das neue Land ein Lethe umrauſchen und kein Gedanke aus dieſem Pap⸗ pillonsleben muß hinüberwehen. Feigheit nennen die ſogenannten Weiſen die Selbſt⸗ vernichtung. Klugheit iſt's, wenn die Zeit kommt. Wenn vom vergoldeten Schmucke die Vergoldung ſich abſtieß, wird der ein Thor heißen, der das unedle Metall, das abgenutzte, wegwirft? und glaube mir, Victor, nur der Wahnſinn thut raſch und ohne Kampf den Schritt in die ewige Nacht, in das ewige Chaos zurück: das ſchöne Leben verläßt ſich nicht leicht; ſo manches bunte Seiden⸗ band bindet uns daran, und viel ſchöne Hoffnungsſterne funkeln und winken darin, auch wenn die Mitternacht kommt. Ich habe gewogen wie ein Mann und rufe ohne Zittern und ohne Leidenſchaft dem feindlichen Schick⸗ ſale zu: Halt, genug! Zu Dir dann die letzte Rede, das letzte Liebeswort, herzlich, eine milde Herbſtblume, von einer Todesthräne bethaut. Lege ſie an Dein Herz und nimm ſie zum Ge⸗ ſetzbuche Deines künftigen Handelns. Du ſtandeſt an der Eingangspforte meines Lebens und grüßteſt mich: Bruder! ſo rufe ich Dich auch zur Ausgangspforte und nenne Dich ſcheidend mit dem heiligen Worte. Victor, was haben wir gethan? Spott getrieben mit dem ſchönen Namen Liebe, die nun herantritt mit der 330 Aegide und die Schande rächt. Mit Räuberhänden haben wir in das Leben gegriffen; Tempelräuber ſind wir geweſen, die das Heilige im verbrecheriſchen Dunkel zertraten. Waſche Deine Hände rein, Victor, Du kannſt es noch; die Flecken meiner Seele ſpülen nur blutige Wellen herunter. Nein, Unſchuld iſt kein bloßer Flötenton, den die Menſchenhirten erfanden, bequemer die Heerde zu locken und zu hüten. Von dem Hügel des Grabes herab gibt es eine andere Ausſicht als auf der waldigen Ebene des Lebens. Auf dieſem Hügel der Vernichtung ſtehe ich und fühle es und rufe es warnend Dir zu: Es gibt eine Tugend und eine Unſchuld! Da hängt der Mond über den fernen Bergen, röther als ſonſt. Löſche aus meine Brautfackel, daß du nicht auch an meinem Sarge leuchteſt! Du wandelſt am Bett der Gebärerin vorüber wie am Blutlager des Ster⸗ benden, und deine Wangen erbleichen nicht und du ſiehſt ruhig dem Poſſenſpiele zu. Auch im Poſſenſpiele endet ja der Held wohl blutend und Königsköpfe fallen auch da unter dem Mordeiſen. Still ſieht das Auge der Nacht auf die Unglückliche auch, die ruhig ſchlummert und nicht vom Wittwen⸗ ſchleier träumt; bald werde ich ja auch ſchlafen, ohne Störung und ohne Träume. Nimm mein Vermächtniß, mein Victor! Es ſey der Kranz, den Du an meine Urne hängſt, der ſüße Trank, den Du aus der Trauerſchaale auf meinen Hügel ſchüt⸗ teſt. Faſſe des Mädchens Hand, um die ich büße, daß ſie nicht ſinkt und der Schuldige noch ſchuldiger würde. Die heiligen Vaterpflichten wälz'ich auf Dich; ſie ſind Dir ſicher eine theure Ordenskette der Verbrüderung auf immer. — ——— — — 331 Der Mond iſt geſunken und Todesnacht tritt finſter in meine Seele; der bunte Flittertanz der Empfindungen ſteht ſtill und die Lebensflamme verglimmt in der Schnee⸗ nacht. Meine Sonne iſt erloſchen; welke Blumen ſtehen an meinem Wege, friſche wird der Frühling in den Schleier weben, der bald mich leicht und ſchützend verhüllt. Ich habe gelebt, habe Theodoren am Herzen gehabt und ihre Seele geküßt. So ſcheide ich leicht und nehme die Erinnerung mit hinüber. Emil. Einlage des Zriefes. Sende den Ring meiner Liebe mir zurück. Der Schleier iſt gefallen: ich ſehe hell im Dunkel. So wie ich einſt Dich liebte, haß ich Dich! Theodore. Sechstes Rapitel. Der Tag warf ſich in die Arme der Nacht und ver⸗ hüllte ſich mit dem Gewande der Gattin; aber kein frohes Erröthen färbte die Wangen des Buhlen, denn die Braut ſah ihn unfreundlich und düſter an und ver⸗ hieß ihm der bräutlichen Freuden keine. Dunkel lag die Stadt zwiſchen den kahlen Bergen, die wie Wetterwolken hinter ihren Thürmen drohten. Zwei Stürme kämpften in der hohen Luft: aus Weſten trieb der eine die Wolken herauf und aus Oſten jagte der andere Wolken den Wolken entgegen. Fern flacker⸗ ten kleine Lichter in der Stadt wie Irrwiſche, mit denen 332 der Nachtſturm ſein Spiel treibt. Der Sturm rauſchte durch das Thal und die Mühle ſang ihr einförmiges Lied. Rechts an der Straße zog ſich die niedrige Mauer des Kirchhofs um die ſtillen Gräber; wie Geiſtergeſtalten hoben ſich die Sarkophage und Leichenſteine an den Hü⸗ geln und ſchwankten ſcheinbar im ungewiſſen Nacht⸗ lichte; kahl ſtanden die alten Linden, und ihr welker Schmuck raſſelte im Wirbel in den Winkeln der Kapelle. Dicht an der Mauer ruhte auf einem der Gräber eine lichtere Geſtalt wie ein weinender Genius aus Mar⸗ mor von Carara, aber das lange Gewand hob ſich und ſchwoll im Winde, und ſchaudernd drückte der Wandernde die Augen zu, wenn er den Grabſtein ſich regen ſah und ein tiefer Seufzer über die Mauer zur Straße wehte. Langſam zogen die Reiter auf der Straße zur Stadt, ſtumm wie in einem Leichenzuge. Nur ſelten ſchlug Vie⸗ tor den düſtern Blick auf in die Gegend; die Falten an den Augenbrauen lagen wieder da wie Gewitter. Wir ſind zur Stelle! ſprach Albrecht leiſe; da! Er deutete auf den Kirchhof. Hier? fragte Victor aufgeſchreckt und ſchlug ſchau⸗ dernd den Mantel feſter um die Bruſt. Er hielt das Pferd an und ſtarrte auf den Kirchhof hin. Wo iſt ſein Hügel? fragte er dann fort, ohne ſeine Stellung zu ändern. Rechts, dicht an der Mauer, unter der zweiten Linde, antwortete Albrecht. Liegt ſchon ein Stein auf ſeinem Grabe? fuhr Victor da plötzlich im Sattel auf, oder ruht ſein Geiſt am Hügel, dem Freunde noch den Abſchiedsgruß zu bringen? Du meinſt die lichte Geſtalt? fiel Albrecht ein. Es 333 iſt die Unglückliche. In jeder Mitternacht liegt ſie am Grabe und klagt und ruft den Schatten ihres Freundes. Raſch ſchwang ſich Victor aus dem Sattel. Ich will ſie ſehen, ſagte er entſchloſſen. Nein, bleib! Es wird zu ſehr Dich nur erſchüttern. Ich bin ein Mann! So will ich mit Dir gehen. Glaubſt Du, ich brauchte Stütze? fragte Victor voll heftigen Nachdrucks. Ich will allein gehen. Eile Du zur Stadt; ich folge bald. Er gab dem Diener das Roß, ſchwang ſich über die Mauer und ging langſam durch die Gräber dem Platze zu. Die weiße Gaſtalt regte ſich nicht; mit dem Geſichte lag ſie dem Boden zugekehrt. Victor warf einen wilden Blick auf ſie und den Sandhaufen, ſchlang dann den Mantel dicht um ſich und lehnte ſich an eine nahe Urne. Todtenſtille ruhte auf dem ſchaurigen Platze, nur minu⸗ tenweiſe unterbrach der Wind die Stille und raſſelte im Laube. Tief ſeufzte es jetzt auf an dem Grabe; ſtarr ſchaute der Finſtere auf die Geſtalt hinab, die langſam den Kopf hob, und dann, wie der Tropfenfall in der Felſen⸗ grotte, dumpf, langſam und abgebrochen redete. Leiſe tönt's in der Tiefe. Er hat mich gehört; er wird kommen endlich und mich mit ſich nehmen. Wenn er mein Flehen nicht hörte, o dann hört er nie mehr. Komm! komm, wie Du willſt! Komm fürchterlich, im Sturme, Rache in den großen Augen; ich fürchte nichts als das Leben! O komm und tödte Deine Mörderin! Victor nahte ſich leiſe; ſie legte ſich ſtill wieder an den Boden. 334 Still wieder Alles! begann ſie nach einer Weile wieder. O Mörderin, was kümmerſt Du den Seligen. Er wird vergeben Dir, doch bleibt nun ſtets der Fluch auf Deinem Haupte und Leben bleibt Dir eine lange Strafe. Victor ſagte leiſe: Ermanne Dich! Noch bleibt Dir Troſt und Hoffnung. Raſch fuhr die Geſtalt empor; ein hohes Weib ſtand in der wilden Nacht, mit flatternden, dicken, dunkeln Locken, Erinnis im Rachewerke. Wer ruft? ſo ſprach ſie raſch. Wer wallt hier unter Todten und ſtört die Opfer? Ein Freund, erwiederte Victor mild, der an des Todten Herz oft geruht, dem er im Tode noch die Gat⸗ tin, Dich, vermachte. Schweig! rief ſie heftig bewegt und bebend. Wem haſt Du dieſe Stimme abgeborgt? Mit Schrecken füllt ſie meinen Geiſt! Entweiche, Du Schrecklicher, Du Geiſt der ſchwarzen Hölle! Du Finſterer, Du haſt mich ganz vernichtet. O, kommſt Du nun herauf vom dunkeln Reiche, Dich an dem blutigen Machwerke zu weiden? Welch ein Wahnſinn ſpricht aus Dir? ſtaunte Victor. Du warſt ein Meiſter, ſprach ſie fort und ſank auf den Hügel und Krämpſe verzogen ihre Glieder. In ſchöner, verführeriſcher Geſtalt nahteſt Du Dich der Schwachen, nahmſt ihre Sinne und rießeſt ſie zum Ver⸗ brechen. Sie wurde Betrügerin, ſie wurde Mörderin! Wer biſt Du, Weib? Wahnſinnige, wer biſt Du? ſchrie der Jüngling außer ſich, ergriff ſie, ſchaute in ihr bleiches Geſicht und ſank mit dem Ausrufe: Bettina! finnlos zu Boden. Starr ſah das Weib lange auf den Liegenden, dann 335 ſchienen ihre Sinne zu kehren und ſie legte ihre Hand auf des Mannes kaltes Geſicht. Victor, biſt auch Du mir geſtorben? fragte ſie ſanft und leiſe und beugte ſich über ihn und benetzte ihn mit Thränen. Langſam erholte ſich der Jüngling, hob langſam den Kopf aus des Mädchens Schooße und ſah lange ſtarr, ſich beſinnend, ihr in das bleiche Thränengeſicht. Ja, Du biſt Bettina, ſprach er mit der Stimme eines Sterbenden, und ſo iſt es wahr, das Gräßliche! Du biſt Mutter, fuhr er nach einer Weile fort, ſey wahr und nenne mir den Vater. Schluchzend legte ſie den ſchweren Kopf an ſeine Bruſt. Dein Leben trag' ich unter meinem Herzen. Ich wußt' es ſchon, als ich mich ihm ergab. Wie ein Traum warſt Du gekommen und gegangen, aber mein Elend war. geblieben. Die Noth, die Angſt trieb mich; mein reines Herz umfing ein böſer Geiſt. So ſpann ich ihm den ret⸗ tenden Betrug, der nun zu ſeiner Mörderin mich machte. Victor ſchauderte. Ich bin ſein Mörder! rief er aus und erhob ſich raſch vom Hügel. Ich hab' ihn mir, ich hab' ihn Dir getödtet. Von Deiner Bruſt nehm' ich den ganzen Fluch und leg' ihn ungetheilt auf meine Seele. Ja, meine Nemeſis ſchläft nimmer! Schon iſt ſein Tod gerächt, Du biſt gerächt und durch Dich Dein Geſchlecht. Verworfen ſteh' ich da, ein Freundesmörder; ſein Hügel iſt mein Hochgericht! Starr, wie eine Statue aus der Vorzeit, ſtand er am Hügel ohne Hut und Mantel und blickte nachſinnend in die Sturmnacht. Bettina ſaß zu ſeinen Füßen, hielt ſeine Kniee umſchlungen und weinte. Lange blieben ſie ſo; da beugte ſich Victor auf ſie herab und ſagte ſanf⸗ 336 ter und gefaßter: Sey ruhig, Mädchen. Ich will Dir Alles geben, was mein noch iſt. Dich will ich glücklich wiſſen, will Vater Deines Kindes ſeyn. Doch Eins zu⸗ vor! Du reißeſt mich vom Leben und von der Liebe. Verſchuldet hab' ich's, verdient, und darum trag' ich's ohne Murren; doch ſoll das Weib des Herzens mich nicht haſſen, verachten nicht. Drum ſchwöre mir, was dieſer Hügel hörte, es bleibe ewiges Geheimniß. Und bewußtlos erhob ſich das Weib auf den Knieen und ſchwur. Ein rothes Nordlicht flammte am Himmel auf und ſchoß gezackte Strahlen durch die Nacht. Ernſt ſtand Victor, als ſie geſchworen hatte, und ſchaute in die Zackenflammen. Ich bin ein Todter, ſprach er zu ſich ſelbſt, dort drüben flackern meine Leichenfackeln. Entwurzelt ſteh' ich auf der heimiſchen Flur, ein Abgeſchiedener, der Keinem mehr gehört. Blut wird durch Blut verſöhnt; die blutigen Hände waſchen im Blute nur ſich wieder rein. Dann tritt er freundlich grüßend mir entgegen und abgebüßt iſt dann die ſchwarze That. Bebend ſah Bettina auf ihn, wie er daſtand. Er ſchien ihr größer, hehrer, ein fremder Geiſt von einem fernen Sterne. Der Schein des Nordlichts ſchlang ſich verklärend um ſein Geſicht und die ſchwarzen Augen blickten durch die Nacht. Sie hob ſich und legte ſich an ſeine Bruſt. Iſt Dir Bettina nichts mehr? fragte ſie. Viel, Alles! ſagte er mild und küßte ihre Stirne. Du biſt's, die noch der Sterbende bedenkt; aus meinem Blute ſoll Dir Frucht erwachſen. Pferdegetrappel tönte die Straße herab. Eine helle Trompete ſchmetterte durch die Stille; eine Reiterſchwa⸗ dron zog des Weges. 337 Hörſt Du der Töne Harmonie? frug Victor freudig. Der wilde Schmerz wird eilig überſchallt; des Herzens Stimme ſchweigt. Es iſt das Zeichen zum Gericht. Am andern Morgen fuhr in der Frühe Bettina in einem verſchloſſenen Wagen die Straße nach R., hinab; Victor ſprengte in derſelben Stunde aus einem entgegen⸗ geſetzten Thore der Stadt. Einen Brief hatte er dem Mädchen mitgegeben. Victor an Bertha. Dein bleicher Mond und Deine trüben Sterne haben recht geſprochen. Ein böſer Geiſt peitſcht mich durch's Leben hin, doch bin ich herzlich müde ſeiner Herrſchaft, und bald muß ſie ein Ende haben. Ich bin eine Giftblume und gebe Tod Dem, was ſich freundlich mir genahet. Warum mußteſt Du Dich an mich hängen, an mich binden, Du ewig Heißgeliebte, und ſchlürfeſt nun den Duft und ſinkſt. Aber die Gift⸗ blume ſoll auch welken und finken. Lege den Wittwenſchleier um Dein ſchönes Geſicht wieder, denn Victor iſt hier unten für Dich verloren, aber es gibt ja eine Unendlichkeit. Dort ſollſt Du das Geheimniß hören, hier forſche nicht darnach; das iſt mein letztes Bitten. Die ich Dir ſende, nimm auf als mein Vermächt⸗ niß; ſie wird an Deinem Herzen weinen, Du an dem ihrigen. Das kurze Leben iſt ja bald durchlebt; auf Thränenwellen ſchwimmt es ſchneller hin. Du, Bertha, wirſt mein letztes Denken ſeyn. Lange hörten ſeine Geliebten nichts von dem Ver⸗ ſchwundenen; vergebens durchforſchten ſie ganz Deutſch⸗ Blumenhagen. XIW. 22 338 land. Endlich kam die Todesbotſchaft von ihm. In der Schlacht bei Kopenhagen hatte er unter den braven Dänen gefochten und ſtand mit auf ihrer Todesliſte. Als der Donner der Geſchütze am Geſtade hallte, die Paläſte der Königsſtadt zitterten und Dampfwolken das empörte Meer bedeckten, ſtand er noch mit am Ufer, des Einſchiffens harrend. Die Signale wurden gegeben; da warf er ſich, wild aufflammend, der Erſte, in die Wogen und ſchwamm zu den Schiffen hinüber. Hunderte folgten ihm. Glücklich erreichte er das Schiff, erklomm glücklich das Verdeck, da traf ihn die erſte Kugel und endete des Schickſals Rache. Bertha's Villa war verödet; der Reiſende ſah keine Menſchengeſtalt in den Höfen treiben und wirken; eine Kloſterſtille lag auf den Gebäuden und in den Gebüſchen des Gartens. Nur in den Stunden der Nacht ſahen die Bewohner des gegenſeitigen Ufers des Stromes ihnen gegenüber zwei weibliche Geſtalten durch die Gebüſche ſchleichen, vom Monde beleuchtet. Schwarz verſchleiert war die Eine; ein weißes Ge⸗ wand deckte die Andere und in ihren Armen trug ſie ein ſchlafendes Kind. Langſam wandelten ſie zu zwei Hügeln, die am Strome ſich erhoben unter dem Hängedache einer Trauerweide, von Immergrün überſchlungen. Da ſetzten ſie ſich und umſchlangen ſich heftig, wie vom Schmerz vermählt. Dann hörte man leiſe Harfentöne über die Fluth ſchweben, wie Töne des Nachtwindes, der ſich in den Glocken der Kapelle fängt; aber nie begleitete ein Ge⸗ ſang die Klagemelodie. O So ⸗ —— Fragment aus eines Freundes Tagebuche. = — 1— — — 8 — — — F Die Freude iſt ewig, aber nicht der Schmerz, denn Gott hat ihn nicht geſchaffen. Jean Paul im Titan. Die Sonne ſank ſchon zu den hohen Gebirgen herab; ſchwarze Wolken ruhten auf ihnen, die Strahlen der Scheidenden ſäumten ſie mit Purpur. Sanft ſchmolz die nächtliche Schwärze zu mattem Grau, ſtufenweiſe ging dieſes in lichtes Roſenroth über, wie im Daſeyn des Sterblichen ſo nahe oft Trug die Wahrheit, Leid die Freude begränzt, nur unſichtbar die Begränzung dem irdiſchen Sinne. Wir raſteten eine Weile auf einem kleinen, mit niederem Buſchwerke bewachſenen Hügel. Mein Blick ſtarrte hinüber auf die fernen Gebirge. Wer ſagte mir, was hinter ihnen meiner wartete? Dunkler noch als die Wetterwolken am Horizont trat die Zukunſt vor meine Seele, kein freundlicher Stern flimmerte durch die Wolken, mir Führer durch Labhrinthe, durch dichte Wildniß mir Leiter zu ſeyn. Ich ſollte zurückkehren in des Mutterlandes liebliche Gefilde, wiederſehen die Fluren, wo ich mich weinend über die Schwelle des Lebens wand, wo der Knabe ſorg⸗ los dem Morgenlichte entgegenlächelte, ſorglos die Sonne in's Meer ſich tauchen ſah, ohne zu fragen: wird ſie auch eben ſo freundlich wiederkehren? wo er zum Jüngling wurde und mit dem ſteigenden Kraftgefühle Drang nach Vollkommenheit, unbekannte Sehnſucht ſich gatteten. Ein Gewirr von Erinnerungen drängte ſich in mir empor. Ich ſah alle Rieſenprojekte des kühnen Jüng⸗ lingsgeiſtes noch einmal keimen, ſah ſie zerrinnen wie die Thräne des Schmerzes, die ich ihnen nachweinte. 342 Ich fühlte noch einmal die ſanfte Gluth, die mich einſt voll Bruderliebe zu den Brüdern drängte, ſie an das volle Herz zu drücken, fühlte aber auch wieder den tiefen Schmerz der Erkenntniß zerronnener Täuſchung. Ich er⸗ blickte die ſchattigen Buchen, die hehren Eichen, zu denen ich floh, als der Glaube an Menſchheit, der Glaube an mich ſelbſt mich verlaſſen, in deren ernſtem Dunkel ich mich wieder fand, um verwehte Entwürfe trauerte und neue bildete. Einſt beim Scheiden tröſtete mich der ſüße Gedanke der Rückkehr; ich begrüßte ſchon die Stunde des Wieder⸗ ſehens, wie der Schiffer das ferne Eiland begrüßt, das über die blauen, tanzenden Fluthen ihm entgegendäm⸗ mert, und jetzt! Mein Blick wandte ſich rückwärts, der verlaſſenen Gegend zu. Noch lagen die wilden Höhen mir im Augez die ſchwarzen Fichten nickten mir den Abſchiedsgruß. Was ſahet ihr! Was bedeckte eure Nacht freundſchaftlich mit dichtem Schleier! flüſterte ich. Wehmuth füllte mein Herz⸗ ich mahnte unſern Führer zu ſchnellerer Wanderung. Ein Hohlweg nahm uns auf. Zwiſchen Felſen führte die enge Straße hinab; Brombeergeſträuch wand ſich in den Spalten empor, und das beſcheidene Waldröschen blühte hier, geſchützt vom hangenden Dorngebüſch. Nur noch einige Schritte, ſprach unſer Führer, und wir betreten das Schlachtfeld. Schlachtfeld? fragte ich aufhorchend und ſah mich nach meinem Freunde Wilhelm um. Sich ſtützend an den Ausſprung eines Felſens ſtand dieſer, und unſtet flog ſein Blick bald vorwärts, wo die ſich öffnende Straße in eine ſchöne Landſchaft blicken ließ, bald zurück auf die Hügel, von denen wir kamen. Ich —————— — 343 nahm ſeine Hand. Wilhelm! ſagte ich ſanft und voll Theilnahme, ſchon wieder dieſe Wolken auf Deiner Stirne, dieſe Gluth auf Deiner Wange? Laß mich! laß mich! bat er mit bebender Stimme, und ſetzte ſich mit getrübtem Auge an dem Felſen nieder. Was haſt Du wieder? fragte ich ſorgſam. Hab' ich denn Dein Vertrauen noch nicht verdient? Du nennſt mich Freund, nennſt mich Deinen Ferdinand; Du fandeſt ſtets freundſchaftlichen Ruheplatz an meiner Bruſt, wenn die Erinnerung einer böſen Vergangenheit Dich faßte, und doch bliebſt Du verſchloſſen, doch willſt Du mir die Freude nicht geben, Deinen Schmerz mitzutragen, Dir vielleicht Tröſtung geben zu können. Noch immer weiß ich nicht, warum Du bei dem Worte: Schlacht! zuſam⸗ menfährſt, warum Dir Muſik des Kriegs, warum Dir Waffengetöſe Qual und Marter gibt. Du wareſt Krie⸗ ger; die dunkle Narbe Deiner Stirne, die Narben vorn auf Deiner Bruſt zeugen, wie Du es wareſt; warum biſt Du dennoch ſo ſonderbar? Deine Vorwürfe ſind gerecht! erwiederte Wilhelm. O ich Thor! Warum verſchloß ich meinen Kummer in meiner Bruſt und folgte Dir im räthſelhaften Taumel der Sinne in die Gegenden zurück, wo einſt das Geſchick den ungetheilten Fluch über mich ausgoß? O, jetzt er⸗ kenn' ich ſie wieder! dort! hier! und da! Deckte ein Nebel denn vorhin das Auge? O mein Ferdinand! Er erhob ſich und lehnte ſich auf meine Schulter. Hier wogte die Fluth des Krieges, in deren Wogen mein ganzes Erdenglück verſank. In dieſen Thälern focht ich einſt für mein weinendes Vaterland. Ich wurde gefangen und in ein fremdes Land geſchleppt. Die Hoff⸗ nung wanderte mit mir, eine treue Freundin im Elende. 344 Da kam ein Freund mir nach, zu theilen mein Loos; ein Unglücksbote! Warum warf ihn die Vorſehung mir in den Weg? warum mußte ich ganz zerſchmettert wer⸗ den? Ferdinand!— Sein Auge funkelte wild.— Er verkündete mir mein Elend. Das Dorf, das mich wer⸗ den ſah, war verwüſtet; ich war ein Bettler geworden; Alles, was mich liebte, Alles, an dem meine Seele hing, hatte in den Flammen den gräßlichſten Tod gekoſtet. Seine Stimme brach, verzweifelnd riß er mich in ſeine Arme, barg ſein Geſicht an meiner Bruſt. Ferdinand! fuhr er mit leiſer Stimme nach einer Weile fort, warum iſt mein Gedächtniß ſo ſtark, warum meine Phantaſie ſo lebendig? Deine Freundſchaft hielt mich, ſie gab mir den Keim der Lebensluſt wieder, Du wareſt mir Stütze bisher, o verzeih mir, daß ich Schat⸗ ten auf die helle Morgenlandſchaft Deines Lebens warf. Lag ein Gedanke daran in meinen Worten? fiel ich gerührt ihm in die Rede. Aechte Freundſchaft iſt ein ſteter Wechſel, bei dem keiner der Tauſchenden verliert, und unſere Freundſchaft iſt doch ſicher ächt und rein. Im⸗ mer wird jene Stunde eine der ſchönſten meines Lebens bleiben, in der das Geſchick mich Dich finden ließ. Er⸗ innnerſt Du Dich noch jener Momente? Lebhaft ſtehen die Bilder mir noch vor dem Auge. Ich ſah den Kna⸗ ben am Ufer des reißenden Stromes ohne Ahnung der Gefahr tändeln, er ſtrauchelte, er ſtürzte hinab. Zu ſpät eilte ich aus der Ferne herbei; ſchon trugen Dich die Wellen mit dem Geretteten an's Ufer, und ich be⸗ neidete Dich, wie Du den bleichen Knaben in den Schooß der ohnmächtigen, hingeſunkenen Mutter legteſt. Mein Herz ſchlug Dir entgegen, ich lud Dich in meine Woh⸗ nung, die naſſen Kleider zu wechſeln; Du nahmſt mein 345 Anerbieten an, wir wurden bekannt, bald innige Freunde. Du gabſt Dich mir hin, folgteſt mir in das Gewirre der Welt, da Deine Gefangenſchaft ſich endete, und Deine Liebe wurde mir das Schätzbarſte im Daſeyn. Wilhelm! warum nährſt Du Deinen Kummer? warum trübſt Du meine Freuden? Laß die Vergangenheit! Die Gegen⸗ wart winkt Dir freundlich, und vielleicht blüht auch für Dich noch eine liebliche Zukunft. Nein, nein! rief er haſtig, ich mag Deine Zukunft nicht. Er warf ſich wieder nieder an dem Geſteine. Ferdinand, geh'! ſagte er bittend.— Ich zerdrückte eine Thräne in meinem Auge und folgte unſerm Führer. Bald traten wir zwiſchen den Granitklippen hervor. Eine weite Ebene breitete ſich vor uns aus. Weinberge umgränzten ſie und Dörfer erhoben ſich am Fuße der⸗ ſelben, doch zeugten die neuen Dächer noch gegen die wilden Horden, die einſt in die Wohnungen der Ruhe und des Friedens die lodernden Fackeln ſchleuderten. Ich lehnte mich an einen Baum, und mein Auge überlief die blühende Gegend, wo einſt die Menſchlich⸗ keit weinte, wo Brüder Brüderblut vergoßen. Ein gräß⸗ liches Gemälde bildete meine Phantaſie mir. Starr folgte der ſcheue Blick der zeichnenden Hand und Schauer durch⸗ rieſelten mich. Was ſah ich! Staubwolken wirbelten im Thale hoch zu dem Aether hinan und hüllten Verbrechen und blutige Thaten in ihr Dunkel. Hochgeſchwungene Schwerter blinkten, tödtende Waffen ſchimmerten. Der Morgenwind rauſchte in den wallenden Fahnen und gab den in ſie gewirkten Sym⸗ bolen der Herrſchſucht und Rache Leben. Die kommende Sonne deckte düſteres Trauergewölk. Sterbliche äfften den Donner des Ewigen nach; verheerende Blitze ſchleu⸗ 346 derten die Verwegenen ihm gleich. Auf nächtlichen Roſſen ſchwebten die Würgengel und ihr Geſchoß wählte die Opfer. Rieſengeſtalten bildeten ſich vom Nebel des Dampfs und die Vernichtung würgte unſichtbar unter dem dun⸗ keln Mantel. Die Wälder wiederhallten den dumpfen Donner; die Gipfel der Linden ſanken, zerriſſen ſtürzten ihre dichtbelaubten Aeſte; jammernde Dryaden flehten vom Vater der Weſen Rache über die Heiligthumsſchänder herab. Neu wird die Scene! Der Wolkenvorhang wälzt ſich empor, allmälig verhallt der Donner. Schwerter klirren; wilde, kämpfende Schaaren werden ſichtbar; Schlacht⸗ geſchrei tönt zu den Wolken. Heller wird's nun auf der Ebene: eine gräßliche Saat bedeckt die trauernden Gefilde. Menſchen haben den Rache⸗ göttinnen Brüderblut zum Opfer geweiht. Das edle Streit⸗ roß bäumt ſich an den Leichenhügeln und flieht ſcheu die Ströme des Blutes. Da liegt der ſtarke Jüngling und kämpft mit dem Tode, dem das volle, rege Leben in ihm ſich entgegen⸗ ſtellt. Wilder Barbar, der Du Deinen Stahl in ſeine Bruſt ſtießeſt, ſaheſt Du nicht die jammernde Mutter, deren einzige Freude, deren einzigen Troſt Du frevelnd vernichteteſt? Sie hört die Todesbotſchaft: die dem Ge⸗ liebten entgegengeſtreckte Hand ſinkt, das Auge bricht, ſie folgt ihrer geknickten Hoffnung in's Grab. Unmenſch, ſaheſt Du nicht die verzweifelnde Braut, die mit blutig gerungenen Händen vergebens die höchſte Wonne ihres Daſeyns, den Lohn ihrer Tugend von der Gottheit zu⸗ rückfordert und Deinetwegen zur Gottesläſterin wird? Zu rechter Zeit ergriff mein Begleiter mich am Arme und unterbrach eine Gedankenreihe, die bei meiner Stim⸗ 347 mung mir nicht wohlthun konnte. Ich erwachte wie von einem ſchweren Traume, und ein tiefer Athemzug mußte der beengten Bruſt wieder Freiheit verſchaffen. Staunend ſchaute ich um mich: ich hatte nur Spiele der Phantaſie geſehen, und mein Erwecken war Wohlthat. Unſer Führer machte mich auf die verſchiedenen Theile der lieblichen Gegend aufmerkſam. Die ſchrecklichen Bil⸗ der, die ſich eben meine Seele gezeichnet hatte, ſtanden noch vor mir und ich hörte ſeine Worte nicht. Dieſe Ebene war ja auch einſt der Schauplatz ſolchen Trauer⸗ ſpiels geweſen. Wir wanderten in's Thal hinab. Meine Schritte wurden langſamer; ich wähnte, Blut netze noch den gelben Sand, und es ſchien mir, als wehten noch in dem Dorngebüſch, das die Ebene hie und da bedeckte, zerriſſene Paniere und blutige Mäntel. An manchen Orten erhoben ſich bemoste Hügel über den flachen Boden; auf einige hatte man auch Stein⸗ haufen gethürmt. Es waren Ruheſtätten ſchlummernder Krieger. Hunderte ſchliefen hier friedlich in einer Gruft, keinem irdiſchen Befehlsworte mehr gehorchend. Eine kleine Halle einte, was Erdenthorheit trennte; der ſanfte Kuß des Engels der Ruhe verwiſchte den Haß, und Feinde fanden hier, dicht aneinander geſchmiegt, ein ſanftes Ziel. Eine ungeheure Eiche mitten auf der Ebene feſſelte meinen Blick. In ihrer Nähe, erzählte mein Begleiter, hatte die Schlacht am heftigſten gewüthet, und doch war der Baum verſchont geblieben. Wir näherten uns dem Platze. Ich war ermüdet und ſehnte mich nach Ruhe. In den Schatten des ehrwürdigen Baumes wollte ich mich hinwerfen, an dem gefurchten Stamme, der Zeuge aller dieſer Gräuel geweſen war, wollte ich noch einmal „ 348 den thörichten Wahn der ſchwachen Erdenſöhne bemit⸗ leiden. Ich fand den Platz ſchon beſetzt. Ein Greis, in ver⸗ blichener Uniform, ſaß am Fuße der Eiche auf einem Steinſitze. Auf die hohe Stirne hatte der Kummer deut⸗ lich genug die trübe Vergangenheit gezeichnet, doch ſchim⸗ merte aus dem Auge milde Ergebung und eine ſtille Hoff⸗ nung auf beſſeres Seyn. Kleine ſchneeweiße Locken um⸗ ſpielten den nackten Scheitel. Mein Herz ſchlug dem Greiſen entgegen. Nicht weit von ihm hieb ein braunlockiger Knabe mit einem breiten Schlachtſchwerte unter die Dornen hinein. Mit einem wehmüthigen Lächeln ſah der Alte dem Spiele des Kindes zu, welches alle ſeine Kraft aufbot, um das mächtige Schwert zu heben. Eine ſonderbare Rührung hielt mich gefeſſelt, und ich ſtarrte von Ferne bald den Greis, bald den Knaben an, der in holder Unſchuld nicht wußte, zu welchem ernſt⸗ haften, ſchrecklichen Spiele er ſeine Muskeln ſtählte. Du wirſt Dich ermüden, Eduard! ſprach der Alte mit ſanfter Stimme. O nein, Großvater! Laß mich nur! rief das Büb⸗ chen, ohne einzuhalten; ſieh nur! Nicht wahr, Groß⸗ vater? Bald, bald, ſo geht es! Der Alte ſchüttelte den Kopf. Du glaubſt es nicht? fragte der Knabe wei⸗ ter und hob mit beiden Händen das Schwert zu zwei kräftigen Hieben. Da ſieh! Nicht wahr? bald hältſt Du Wort und gibſt mir ein Roß. Er ſchmiegte ſich ſchmeichelnd an die Kniee des Alten und ſtreichelte ihm das Kinn. Dann, dann nehmt Euch in Acht! rief er drohend und ſtreckte das geballte Händchen in die Luft. 349 Glücklicher Knabe! ſagte der Greis leiſe und beugte ſich über das Kind; ſeine Hand wiſchte eine Thräne von der grauen Wimper. Ja wohl, glücklicher Knabe! rief ich, näher tretend, ihm nach, und grüßte den Alten. Beide ſahen auf: freundlich erwiederte der Greis meinen Gruß; der Knabe maß mich vom Kopfe bis zur Sohle und drückte feſter das Schwert an ſich, als ſähe er in mir den Räuber ſeines Spielwerks. Sie ſcheinen einen Ruheplatz zu ſuchen? redete mich der Alte an. Hier ſind genug für Lebendige und Todte. — Mit der Rechten zeigte er auf einen Raſenhügel unter der Eiche, mit der Linken reinigte er ein Felſenſtück für mich. Ich ſetzte mich neben ihn. Du haſt Dir ein beſonderes Spielwerk erwählt! ſagte ich freundlich zum Knaben, der noch immer mit den großen hellen Augen mich anſtaunte. Einſt war es mehr als Spielwerk! entgegnete mir der Alte mit einem Seufzer. Es iſt ein theures Erbtheil ſeines Vaters. Sein Vater——* Ich unterbrach meine Frage ſelbſt, als ich in das ſchwimmende Auge des Alten blickte. Sein Vater ſtarb den Heldentod! fuhr der Alte leiſe fort. Sein Auge ſah dann zu den Wolken auf; er zog den Knaben an ſich und preßte ihn ungeſtüm gegen ſeine Bruſt. Der Schmerz des Greiſes füllte mich mit heiliger Ehr⸗ furcht und band meine Zunge. Eben hatte noch meine Seele mit ſolchen Bildern geſpielt, und ſchon reichte die Wirklichkeit der Phantaſie die Hand. Eine lange Stille perrſchte, die ich nicht zu unterbrechen wagte. Der Schmerz des Greiſes ſchien ſich mir mitzutheilen: ich 350 fühlte mein Auge ſich trüben und meine Bruſt wurde beklommen. Und was iſt rührender als der Schmerz des Greiſes, der keine Gegenkraft hat, dem mächtigen Kummer trotzig die Bruſt zu bieten, der langſam nieder⸗ ſinkt unter der Laſt, die dem ſchwachen Nacken zu ſchwer war? Der Alte ſelbſt unterbrach die Stille wieder. Mit plötzlich aufwallender Jünglingsſtärke ſchien er den Schmerz in ſeiner Bruſt niederzukämpfen; raſch richtete er ſich empor, raſch ſchob er das Kind aus ſeinen Armen. Und Du ruheſt ſo lange von Deiner Arbeit? fragte er mit feſter Stimme. Verſprachſt Du nicht alle dieſe Dornen zu vertilgen, als jüngſt Dein Lämmchen drin hängen geblieben war und ſich verwundet hatte? Noch ſtehen die meiſten da und drohen mit den ſpitzen Stacheln neue Verwundung. Der Knabe nahm eilig wieder das Schwert und be⸗ gann ſchneller die Arbeit. Wahrlich, ein ſchwer zu erringendes Ziel, was Du Dir ſteckteſt, Kleiner! rief ich ihm nach. Bei dem Worte: Kleiner! hielt der Knabe plötzlich ein, ſah ſich unwillig nach mir um und hob ſich kopfſchüttelnd hoch auf den Zehen empor. Der Alte lächelte. Nur den Beinamen dürfen Sie ihm nicht wieder geben, ſagte er mir, wenn er Ihnen gut ſeyn ſoll. Nun, Eduard, entgegnete ich, ſchämſt Du Dich deſſen? Waren Dein Großvater und Dein Vater nicht auch einſt Knaben? War dieſe Eiche nicht einſt ein Bäumchen, das Dein Fuß leicht zertreten hätte? Ich will aber nicht klein ſeyn, rief der Knabe ſehr heftig, warf das Schwert an den Boden und legte ſich mit verhülltem Geſichte an dem Hügel nieder. Es that mir weh, ihn gekränkt zu haben. Ich eilte 351 zu ihm und ſuchte ihn zu beruhigen. Zornig blickte er mich von Zeit zu Zeit von der Seite an, wandte aber ſich immer wieder von mir. Laſſen Sie ihn! ſprach der Greis, nahm meine Hand und zog mich zum Sitze zurück; der Sturm wird ſich ſchon legen. Er hat das ganze Weſen ſeines Vaters ge⸗ erbt. So war er einſt, und was baute ich nicht Alles auf dieſen feurigen Trotzkopf! Wäre er anders geweſen, dann hätte ich ihn noch. Ich lebte ein glückliches Leben; erfüllt ſah ich meine ſchönſten Wünſche: ich hatte einen Sohn, durch ihn eine gute, ſorgſame Tochter; ein Enkel wiegte ſich auf meinen Knieen. Ich hoffte auf die ſchönſte Zukunft, glaubte ſie gewiß. Meine Hoffnungen waren Irrlichter, wie gewöhnlich. Wie gewöhnlich! hallte ich dem Greiſe nach. Wahr! wahr! Ich preßte feſt die Hand des Alten in der mei⸗ nigen und ſtand abgewandt auf vom Felſenſitze. Die Erinnerung an mein Geſchick wand ſich, wie eine un⸗ geheure, tödtende Rieſenſchlange, an mir empor, um⸗ ſchlang meine Bruſt und ſpritzte ihr Gift in mein ſchon verwundetes Herz. Auch ich folgte taumelnd dem gau⸗ kelnden Irrlichte Hoffnung, verſank zwar nicht, wie der Wanderer, zugleich mit dem finkenden Irrlichte, aber ſah es doch finken und wäre gern ihm nach in die Tiefe geſunken. Feſt hielt der Alte meine Rechte, forſchend traf mich ſein Blick. Auch Sie nicht glücklich? fragte er wehmü⸗ thig. O doppelt willkommen mir dann! So find' ich doch endlich ein Mitgeſchöpf, das mich verſteht. Die Men⸗ ſchen, die mich umgeben, ſtören zwar meine Trauer nicht, aber ein leidendes Herz verlangt ja mehr, und Mit⸗ gefühl iſt die heilſamſte, mildeſte Tröſtung. Mein Haar 352 iſt weiß und das Alter beugt meinen Nacken, aber mein Gefühl iſt zu jugendlich, und wie ein heimliches Gift nagt der Schmerz mir am Herzen. Erzähle, Vater, erzähle! rief ich heftig; vielleicht ver⸗ geſſe ich darüber meinen Kummer. Ich will's! antwortete er mir. Die Geſchichte mei⸗ ner Trauer iſt kurz, aber ihr Inhalt faſt für eine Men⸗ ſchenbruſt zu reichhaltig. Oft fragt' ich ſchon mich ſelbſt: wie konnteſt Du überſtehen, tragen, was Du trugeſt? Ich habe lange ſchon keine Thränen, keine Klagen mehr. Jahre lang war mein Kummer laut, jetzt iſt er ſtumm geworden, aber mit jedem Tage tiefer gedrungen. Er ſtrich ſich mit der flachen Hand über die Stirne, holte tief Athem, als wolle er Stärkung ſammeln, und begann: Im ſorgenfreien Mittelſtande war ich geboren. Meine Jugend entſchwand alltäglich, aber kummerfrei. Ich kannte kein Leid, mein Leben war dem ruhig hin⸗ fließenden Strome gleich, der das Landgütchen bewäſ⸗ ſerte, auf dem ich geboren war. Ich genoß Gattenfreu⸗ den, ſchmeckte Vaterfreuden. Zwar koſteten mir die letz⸗ teren jene erſten, und wenn ich in meinem Sohne freu⸗ dig das Ebenbild der ſanften Freundin meiner Jugend⸗ jahre fand, ſo mahnte mich der Trauerflor an meinem Arme an meinen Verluſt, machte mir aber das ſo theuer bezahlte Gut noch koſtbarer. Der lächelnde Säugling haſchte oft nach den Thränen, die von des Vaters Wan⸗ gen um die Mutter zu ihm hinab fielen, und lächelte mir den Kummer fort. Die Erziehung des Knaben war mein einziges Geſchäft, die Beobachtung ſeiner ſich ent⸗ wickelnden Kräfte meine einzige Unterhaltung. Ich war Offizier geweſen, und in jenen Jahren, wo man eher handelt als denkt, früher aufbraust als über⸗ 353 legt, war der Krieg meine Luſt. Wohler war mir in der wilden Schlacht und der Heldentod auf der Wahl⸗ ſtatt mein höchſtes Sehnen. Der Säbelbieb eines tapfern Huſaren lähmte meinen Arm, ſteckte meiner Heldenlauf⸗ bahn ein frühes Ziel und ſcheuchte mich in die Arme meines frohlockenden Weibes zurück. Ich ſah das Jugendfeuer des Knaben aufflammen; noch waren die Jünglingsneigungen im Manne nicht ver⸗ raucht, noch, wenn ich von gewonnenen Schlachten hörte, wünſchte ich wieder einmal ein Victoria ſchießen zu hö⸗ ren. Ich Thor freute mich der Gluth des Knaben, ſchürte, ſtatt zu dämpfen, dieß Feuer noch an. Wir Menſchen ſind ja meiſt ſolche Egoiſten, daß es uns die größte Freude iſt, unſere Gefühle auch in den Herzen Anderer zu finden. Der Knabe wurde Jüngling und ergriff nun raſch den Stand, von dem er von jeher am Liebſten geträumt und geſpielt hatte. Eine bange Ahnung fühlte ich doch da in meiner Bruſt erwachen, als ich mit demſelben Schwerte, das mir einſt Freund geweſen war, den Sohn umgürtete. Ruhe herrſchte damals unter den Mächtigen der Erde. Sie wickelten noch ſtill und heimlich Jeder an ſeinem Knäuel und warteten der Zeit des plötzlichen Abwickelns. Der junge Krieger war unmuthig, daß er das Schwert nicht ernſthaft erproben konnte, nur zum Spiele und zur Zierde es trug. Er durchſtreifte die Wälder: Hirſche und Eber mußten ſeinen Unmuth entgelten. Ganz um⸗ gewandelt kehrte er einſt von einer ſolchen Streiferei zurück. Schlacht und Ruhm, Schwert und Lorbeer hatte er vergeſſen, zahm geworden war der raſche Tollkopf durch ein Mädchen. Sie war eines armen Förſters Tochter, aber ein gutes Weſen, und ich hatte ja Alles, Blumenhagen. XIV. 23 — —— 354 was wir bedurften. Wenig Wochen eilten hin und Eliſe war auch meine Tochter geworden. Ich wurde faſt wieder zum Jünglinge bei dem Anblicke meiner glück⸗ lichen Kinder, und meine Vergangenheit ſtand lebendig mir in der Seele, bis der Titel Großvater neue Em⸗ pfindungen gab und das Andenken der Vergangenheit zerſtörte. Wir lebten ein beneidenswerthes Leben, träumten es endlos. Da erſcholl es plötzlich in allen Gegenden Eurvpa's: Krieg! Wie ein unerwarteter Wetterſchlag ſorgloſe Schlä⸗ fer vom weichen Lager aufſchreckt, ſo fuhr Alles empor. Auch mein Sohn riß ſich auf von dem Buſen des er⸗ bleichenden Weibes, küßte ihr den Scheidekuß auf die ſtumme Lippe, wiſchte ihr mit der Feldbinde die Zähre von der Wange und folgte der Pflicht, eilte dem Ruhme entgegen. Der Feind hatte ſchon des Vaterlandes Grenzen be⸗ treten. Wilde Verzweiflung, glühender Patriotismus kämpften mit den Unſrigen, und doch ſiegte die zahlloſe Menge der Gegner. Zwar blutig jeden Schritt vor⸗ wärts bezahlend, drängten ſie die Verzweifelnden doch bis in dieſe Gegenden zurück. Jetzt minderte ſich aber ihr Glück und wurde wechſelnder. Unzählige Kämpfe wurden gekämpft und Monate lang nichts entſchieden. Wie unendlich lang waren dieſe Monate! Ich ſah den Kummer meiner Tochter, ſollte ſie beruhigen und konnte doch ſelbſt die ängſtigende Beſorgniß nicht von mir trei⸗ ben. Oft bekamen wir Nachricht von meinem Sohne. Er hatte ſich ausgezeichnet und die Aufmerkſamkeit des Feldherrn auf ſich gezogen. Aber dieß mußte nur unſere Beſorgniß vermehren: Tapfere pflegt man nicht in das „ 355 Hintertreffen zu ſtellen, und außerdem war ich über⸗ zeugt, mein Sohn würde eher die Gefahr ſuchen, als ſie meiden. So verging ein Jahr, und noch immer focht der Ge⸗ liebte fern von der Heimath. Immer bedenklicher wurde die Lage der Pinge, denn der neueröffnete Feldzug ſchien entſcheiden zu ſollen. Banger klopfte mein Herz; unbeſchreibliche Angſt füllte den Buſen meiner Tochter. Ein raſcher Entſchluß keimte in ihrer Seele. Sie wollte dem Geliebten folgen. Nach langem Entgegenſtreiten mußte ich ihr nachgeben: zu innig bat ihr rothgeweintes Auge und ihre eingefallenen Wangen. Ich verkaufte mein Landhäuschen, übergab mein Vermögen ſichern Händen, und trat mit Tochter und Enkel die Reiſe an. Liebe und Sehnſucht trieben uns; näher und näher kamen wir den Schreckensgegen⸗ den. Der Einfall unſerer Reiſe ſchien uns eine Gunſt des Geſchicks: denn bald holte die Nachricht uns ein, daß auch in unſere Gegenden ein anderes feindliches Heer gefallen ſey und gerade in der Nacht unſerer Ab⸗ reiſe unſer Dorf zu Aſche gewandelt hätte. Wir reisten weiter; Verwüſtung und Elend umringte uns bald, verdoppelte ſich bei jedem Schritte, den wir dem Schreckensſchauplatze näher thaten. Bald waren wir am Ziele, und bange Erwartung quälte uns. Eine ſtür⸗ miſche Nacht überraſchte uns am letzten Reiſetage und trieb uns in jenes Dorf, deſſen blinkender Thurm dort rechts in der Ferne durch die Bergſchlucht blickt. Es war eine ſchreckliche Nacht; der Sturm faßte die alte Hütte, die uns ſchützte, und Gewitter wütheten am ſchwarzen Himmel. Eliſe wachte neben dem Bette ihres Eduards, und auch mich floh lange der Schlaf. Meine Ermattung ————— —— —— 356 ſiegte endlich über die thätige Seele. Mehrere Stunden mochte ich geſchlummert haben, da fühlte ich mich heftig am Arme ergriffen und erwachte. Eliſe ſtand vor mir. Was gibt's? wollte ich fragen, da hörte ich ein fernes, dumpfes Getöſe. Ich ſprang auf. Bleich wie eine Leiche, mit ſtarrem Blicke zeigte Eliſe auf die Gegend, aus der das Getöſe kam. Ich ſtieß ein Fenſter auf und horchte. Schon dämmerte der Mor⸗ gen, und deutlich hörte ich eine ferne Kanonade. Eliſe riß ihren ſchlafenden Knaben in die Arme und eilte aus dem Zimmer. Ich folgte ihr. Im matten Schimmer des Morgenrothes fand ich ſie auf die Kniee geſunken, ihr Kind lag zu ihren Füßen, ihre zitternden Arme hatte ſie der kommenden Sonne entgegengeſtreckt: ſie betete. Vergebens ſuchte ihre ſtarre Lippe Worte zu vilden, aber deſto inniger goß ſich das heiße Flehen der beängſtigten Seele auf dem Geſichte der Betenden aus. O Ewiger, und Du hörteſt ihr Gebet nicht! Unwillkür⸗ lich faltete auch ich meine Hände und betete mit ihr. Unterdeſſen wurde der Kanonendonner deutlicher und deutlicher und kam mit jeder Minute näher und näher. Schneller folgten die Schüſſe aufeinander und die Berge verzehnfachten ſie. Bald verſchlang ein Donner den an⸗ dern. Das iſt die vollkommene Schlacht! rief ich und bebte zum erſten Male bei dem Worte. Schlacht? rief Eliſe zuſammenſinkend. Und er mitten darin! Wild ergriff ſie den Knaben, und mit unbe⸗ ſchreiblicher Schnelligkeit flog ſie dem Kanonendonner entgegen. Vergebens eilte ich ihr, ſo ſchnell ich konnte, nach; vergebens ſuchte ich ſie einzuholen. Unermüdet trugen ſie ihre Füße, wie ein gejagtes Reh, davon durch 357 die Gebirge. Hier in dieſer Ebene tobte die Schlacht, hierher eilte ſie. Ich verlor ſie aus dem Geſichte. Als ich dort aus den Gebirgen hervortrat, hatte ſich das wilde Gefecht die Ebene hinabgezogen; jene Hügel ver⸗ bargen die Fechtenden. Dieſe ganze Flur war mit Lei⸗ chen beſäet; Verwundete jammerten mir entgegen. Oft war ich ſonſt gefühllos im Taumel des Sieges über ein ſo ſchön geziertes Feld geſprengt, jetzt füllte mich Ent⸗ ſetzen. Aengſtlich ſuchte ich meine Tochter; den Sohn hatte ich vergeſſen. Da kam ich hier an dieſe Eiche, und da, da— feſter preßte der Greis meine Hand und ſein Ge⸗ ſicht verzog der Schmerz— da lag finnlos niederge⸗ ſunken Eliſe, und neben ihr, mit Blut überſtrömt, das blutige Schwert in der Rechten, mit geſpaltenem Haupte, mein Sohn, mein Einziger. Die letzten Worte erſtarben im Munde des Greiſes; übermannt ſank er zurück an die Eiche. Ich war er⸗ ſchüttert. Endlich richtete er ſich wieder auf. Werd' ich denn nimmer mit dieſem Bilde vertraut werden? klagte er. Werd' ich nimmer durch die tröſtende Zeit dieſe Eindrücke verloſchener erblicken?— Er ermannte ſich.— Ich war betäubt, fuhr er fort, die Erſchütterung war zu groß, ich fühlte nichts mehr. Streifende Huſaren ſpreng⸗ ten heran. Wie ich es konnte, woher mir die Kraft kam, Eliſen und den Knaben ſchnell genug in die Arme zu faſſen und mit ihnen in die Gebirge zu flüchten, weiß nur der Ewige. Köhler nahmen uns auf. Eliſe erwachte nach langem Bemühen; aber welches Erwachen! Wahn⸗ ſinn zerrüttete ihre Gedanken, das heftigſte Fieber wü⸗ thete in ihr. Unſere gutherzigen Wirthe holten Arzt und Arznei aus dem nächſten Orte; ich forſchte nach meinem —— — 358 Sohne. Vergebens ſuchte ich ihn auf dem blutigen Wahl⸗ platze: mit andern Todten hatte man ihn ſchon einge⸗ ſcharrt, und nicht einmal an ſeiner Leiche konnt' ich wei⸗ nen. Nur ſein wohlbekanntes Schwert fand ich am Boden. Ich ſah die Leiden meiner Tochter und vergaß mei⸗ nen Schmerz darüber. Viele Monate ſtand ſie am Rande des Grabes. Ihre Jugend ſiegte: ihre Sinne kamen zu⸗ rück, ihre Kräfte nahmen zu, ihr Schmerz wurde ſtiller. Der Krieg war indeſſen geendigt. Eliſe wollte ſich nicht von dieſen Gegenden trennen. Ich ließ meine Habe mir ſenden und ſiedelte mich im nächſten Dorfe an. O ſage mir Keiner, daß die Natur des Greiſes ſchwach ſey, ich nenne ihn in's Geſicht einen Lügner! Jahre lang dulde ich, leide ich, und lebe noch, bin nicht kraftlos. Eliſens Anblick ertrug ich ſo lange, ſehe die ſchöne Blume welken. Einſam durchſchleicht ſie die Wildniß, kein Wort geht über ihre Lippe, als Töne des ſtillen, tiefen Jam⸗ mers. Nur ihr Eduard ſtillt zuweilen auf Minuten ihre Klagen. Jeden Abend wandelt ſie her zur Eiche und liegt eine Stunde hier am Hügel. Sehen Sie, das iſt die Geſchichte meiner Leiden;z v, ich ſehe es, Sie fühlen mein Elend mit mir! Zu tief, Alter, zu tief! rief ich heftig und ſprang auf. Und ich Thor nannte mich unglücklich, träumte mich elend und wagte es zu klagen. O, jede meiner Klagen war eine Gottesläſterung! Ich wandte mich abwärts. Eine weibliche Geſtalt ſchlich auf uns zu durch das niedrige Buſchwerk. In ihrem Arme trug ſie eine Harfe, auf die ſie ſich, von Zeit zu Zeit innehaltend, ſtützte. Ungefeſſelt floß langes blondes Haar auf ihren Buſen, an ihrem Nacken herab. Spuren der regelmäßigſten Schönheit hatte auch der Gram 359 nicht verwiſchen können, der auf der bleichen Wange, im mattblickenden Auge ruhte. Sie war uns ſchon nahe, doch hing ihr Blick am Boden. Gott! wer iſt das? fragte ich aufgeſchreckt. Eliſe! rief der Alte. Knabe, fort, verbirg das Schwert! ſetzte er dann ängſtlich, aber zu ſpät hinzu. Kaum hatte die Leidende den Knaben, der noch immer am Hügel lag, erblickt, ſo ſetzte ſie die Harfe nieder, flog herzu und entriß dem Knaben das Schwert. O ſey mir gegrüßt! rief ſie mit einem unnachahm⸗ lichen Tone; er zerriß mein Herz. Wo bargſt Du Dich ſo lange, mein Heiligſtes? Heftig küßte ſie mehrere Male den blinkenden Stahl. Dann wurde ihr Blick ſtarr. Im⸗ mer weiter ſtreckte ſie die Hand mit dem Schwerte von ſich, aber feſt haftete ihr Auge daran. Blutig! ſchrie ſie dann plötzlich auf, blutig! und ſchaudernd warf ſie es weit von ſich. Ihre Kniee brachen ein, ſie ſank auf den Hügel. Du warſt ſein letzter Freund, jammerte ſie und barg ihr Geſicht in die fliegenden Locken, und auch Du ver⸗ ließeſt ihn! Sie ſank ganz zu Boden. Der Greis rang weinend die Hände. Der Knabe barg ſeinen Kopf im Schooße des Alten. Meine Seele fühlte kein eigenes Weh mehr. Langſam erhob ſich Eliſe wieder, ſchlich zu ihrer Harfe, nahm ſie und ſetzte ſich, ohne auf uns zu achten, an der andern Seite der Eiche nieder. Ich trat vor, um ſie zu betrachten. Nie ſah ich ein rührenderes Bild. Sie ſaß auf einem der Felſenſtücke, die Harfe lag zwiſchen ihren Knieen, ihre Locken umwall⸗ ten die goldenen Saiten wie ein lichtes Gewölk, ihre Stirne hatte ſie auf den Arm geſenkt, der die Harfe hielt. S— 2—— ——— 360 Jetzt hob ſie das Haupt: ihr großes, blaues Auge ſtarrte in die Wolken; dann rauſchten leiſe ihre Finger durch die Saiten, wie der Abendwind durch das flötende Schilf. Allmälig wurden die Töne vernehmlicher; durch einige Accorde ging ſie jetzt zu einer ſanften, klagenden Melodie über und begleitete dieſe mit gedämpfter Stimme. Was miſcht dort in's Geräuſch der Silberwelle Der Klage Ton am dunkeln Felſenborn? Was jammert an dem Rand der Rieſenquelle Und windet ſich durch Dickicht und durch Dorn?— MNachtwandler, winkt Dir nicht der ſtille Hain, Ruft Dich zur Ruh' in ſeine Schatten ein? Lang' wankt' ich ſchon im blaſſen Mondenſchimmer Und ſchwankte hin durch Haide und durch Moor; Erloſchen iſt der Sterne matt Geflimmer, Der Nachtwind flüſtert klagend in dem Rohr. Im Hain, am Quellenrand, beim Mondenlicht Fand ich der Ruhe liebes Plätzchen nicht. Mir ſchleicht auf jedem meiner bangen Schritte Ein bleiches, luftiges Gebilde nach. Im Irrwiſch tanzt es auf des Moores Mitte, Schwebt mir entgegen aus dem Kieſelbach. Ruh' ich ermattet an der Felſenwand, Weckt mich vom Schlummer ſeine kalte Hand. Hebt ſich die Sonne aus den fernen Wogen, Sinkt hinter jene Berge ſie hinab: Sie findet ſtets das Auge mir umzogen, Die Kummerthräne rinnet ſtets herab. Im dunkeln Grabe ruht des Lieblings Staub, Am Hügel raſſelt ſchaurig welkes Laub. Wohl weiß ich noch, bekränzt von Trauerweiden, Ein Ruheplätzchen, klein, doch hold und kühl, Voll Tröſtung für des Herzens tiefes Leiden, Voll Lindrung für des Buſens Wehgefühl. Cypreſſen kränzen es und Rosmarin: Bald winkt des Lieblings Schatten mich dahin. 361 Wo biſt Du? wo biſt Du? rief eine bekannte Stimme hinter mir. Ich wandte mich. Mit ausgebreiteten Armen und flammenden Augen flog Wilhelm auf uns zu. Was iſt Dir? fragte ich ängſtlich, und trat ihm ent⸗ gegen. O dieſe Stimme! rief er heftig. Eliſe, wo biſt Du? Eliſe ſtürzte hinter der Eiche hervor. Ihr ſtarrer Blick fiel einen Augenblick auf Wilhelms Geſicht, dann taumelte ſie in des aufſpringenden Greiſes Arme. Vater! Eliſe! rief Wilhelm noch einmal, und um⸗ ſchlang Beide mit ſeinen Armen. Ohnmächtig ſank Eliſe an ſeine Bruſt. Hoch hob Wilhelm ſie in ſeinen Armen empor. Der Alte warf das thränenvolle Auge gen Him⸗ mel und faltete die Hände. Eduard drängte ſich zwiſchen die Umſchlingung der wieder Vereinten. Ihren letzten Blick warf die ſchwindende Sonne auf die Glücklichen. Mit frohem Staunen blickte ich auf die ſchöne Gruppe. Ich mußte ein Herz an dem meinigen klopfen fühlen: ge⸗ dankenlos riß ich unſern erſchrockenen Führer an meine Bruſt. VI. Der Märterer weiblichen Teichtſinns. 8 S — S — —5 — — 3 — — 8 — S S — — — — — — H — G und das Leichentuch der letzte Verband der weite⸗ ſten Wunden. Jean Paul. 1 Guſtav von Unna an Guido Waller. H.„ den 2. Juni 1800. Mitternacht rief eben der Wächter ab unter meinem Fenſter, und das rege Leben in mir verlangt noch keine Ruhe. Mit meinem Guido will ich reden, um die ſchlei⸗ chenden Minuten zu treiben. Da bin ich nun in der Fürſtenſtadt, fern von Allem, was mein war, an das mich Natur und Herz feſſelte. Du rietheſt mir, in den Zerſtreuungen der Städte meine Grillen, wie Du es nennſt, zu verſcheuchen, und ich folgte Dir, wie das Kind ſeinem Arzte, der ihm die bittere Arznei mit ſüßen Worten anpreist. Guido, Du kannteſt mich, konnteſt Du mir es ſo rathen, ſo rathen dem Sinne⸗ loſen? Unter Blüthenlinden groß geworden, geſäugt am reinen Buſen der Natur, mit wildem Feuer gefüllt mein Herz, meine Sinne, kann ich da paſſen in dieſe Irrgänge, auf dieſe glatten, eiſigen Straßen, wo man jeden Mit⸗ wandelnden beſorgt und ſcheu anſchaut, und fürchtet, daß ſein heimlicher Stoß den Fall beſchleunigen möchte? Un⸗ glücklicher, elender als ich je mich fühlte, wähn' ich mich hier; einſam bin ich mitten im rauſchenden Gedränge; das Bild des unglücklichen Grafen tritt allenthalben dro⸗ hend in meinen Weg, und Lina's blaſſe Wange, Lina's thränendes Auge kann ich nimmer vergeſſen. O Guido, ————— .——=——— ——— 8 366 dahin führt der Leichtſinn eines Augenblicks! Wer hatte mich zum Richter geſetzt, wer mich zum Rächer? Ich will mich oft mit meiner Leidenſchaft entſchuldigen, aber mein Bewußtſeyn hört den Vertheidiger nicht. Ich glaubte die Lieblingin von ihm hintergangen, verführt, und das drückte das Schwert der Vergeltung mir in die Rechte; wäre ich bei dem Glauben geblieben, ich meine, ich könnte ruhiger ſeyn und im wilden Rauſch der Freuden, die mich hier umtanzen, vom Lethe ſchöpfen. Unſchuldig, rein wie der Berge Schnee blieb ſie! ſprach der Ster⸗ vende nicht ſo? Warum war ich nicht taub, warum hatte ich noch Sinn, den ganzen Umfang dieſer Worte zu faſſen, dieſe Töne ſo feſt mir einzuprägen, daß jetzt jeder ähnliche Laut mich an ſie erinnert? Da war ich geſtern in einer Geſellſchaft und zwang mich einzuſtimmen in den frohen, wenigſtens fröhlich ſchei⸗ nenden Ton dieſer Menſchen, wollte mich hineinträumen in ihren Freudentraum. Eines der Mädchen ſetzte ſich zum Pianoforte, welches im Zimmer ſtand, und wirbelte auf den Taſten umher. Wieder da war die Viper in meiner Bruſt: ich gedachte jener Stunden, wo ich noch im glück⸗ lichen Wahne hinter Lina's Stuhl lehnte und mein Auge dem Tanze der zierlichen Finger folgte, wo die Harmo⸗ nie ihrer Stimme mir ſo tief in die Seele drang und ich eine Zukunft voll Edenswonne träumte. Das Mäd⸗ chen war überdem blond wie ſie. Unhöflich bleibe ich meinem Nachbar, einem witzigen Kanzleiauditor, die Ant⸗ wort ſchuldig, und ſtarre das Mädchen an. Sie fſingt Matthi ſſons Adelaide. Ganz Ohr ſtehe ich mit ſchlagen⸗ der Bruſt. Jetzt ſingt ſie: In dem Spiegel der Fluth, Im Schnee der Alpen—— 367 Alpenſchnee! rufe ich auf. Rein wie der Bergſchnee, und doch ſo unglücklich durch mich!— Der große, hohe Saal wurde mir zum engen, luftleeren Kämmerchen, ich mußte hinaus in's Freie. Guido, warum leb' ich noch, warum ftürmt kein Süd⸗ wind peſtſchwanger auf mich ein und vernichtet mich. Ich fühle meinen Körper wohl und verzweifle darüber. Du ſprachſt in Deinem letzten Briefe freundlich zu meinem Herzen und warnteſt mich leiſe, nicht ſelbſt zu endigen, was ein Mächtigerer werden ließ, worüber er zu gebie⸗ ten hat. Sorge nicht! Auch das längſte Menſchenleben reichte nicht hin, meinen Leichtſinn zu büßen, und dieß Bewußtſeyn zieht meine Hand von meinem ſchon nackten Degen zurück. Hätte unſere Religion nicht die Klöſter vertilgt, ich würde Mönch werden, um in jener grau⸗ ſenden Einſamkeit mir ſtets mein Verbrechen vorzuer⸗ zählen. In Verſe würde ich meine Geſchichte bringen und ſie zu meiner Guitarre ſingen ſtatt dem Morgen⸗ und Abendgebete. In jede Wand meiner Zelle würde ich Lina's Namen graben; eine Dohle mir abrichten, die mir ihn immer und immer zuriefe. Guido, wie lange ſollte wohl das menſchliche Weſen ſolche Qual zu tragen vermögen? Schreib' mir bald; Deine Briefe ſind meine letzte Freude, und wenn ich ſie leſe, ſchwebt der Nebelſchleier langſam auf, der meinem Blicke die Vergangenheit ver⸗ hüllt, und ich vergeſſe die Gegenwart. Haſt Du noch keine Nachricht von unſerm Lenardo? Auch ſein Schickſal nagt an meiner Seele: durch mich ward er zum Flücht⸗ linge, zum Verbannten. Guido, ich trage viel! —— 368 2 Guido Waller an Guſtav von Unna. G.„ den 11. Zuni. Du wirſt Dich wundern, dieſen Brief mit dem Na⸗ men Deiner Vaterſtadt überſchrieben zu finden. Ich lebe ſeit einigen Wochen hier und würde ganz glücklich ſeyn, wenn ich meinen Guſtav glücklicher wüßte. Mein reicher Onkel iſt todt und ich ſein einziger Erbe. In acht Tagen wird deine gute Schweſter, meine traute Henriette, mein, und ich ziehe mit ihr nach meinem lieben Weidenbach. Das Schickſal erlaubt Dir vielleicht bald, Dein Vater⸗ land zu betreten, wenn Dein Herz nicht widerſpricht, und in unſerer Mitte wollen wir Dir nicht Zeit laſſen, von uns und unſern häuslichen Freuden Deine Gedanken ab⸗ ſchweifen zu laſſen. Du wirſt wieder ſtaunen, doch höre und vertreib Deinen Kummer. Der Graf von der Wart lebt und ſeine Wunden ſind nicht tödtlich. Freilich zwei⸗ felt man, daß ſein rechter Arm je wieder zu etwas tüchtig ſeyn wird, aber ſein Leben weiß man außer Gefahr. Der Ritter von Sondheim, unſer Freund, ſchreibt mir geſtern aus H...l. Er hat auch Lina geſprochen. Sie hat nach Dir gefragt, und als er ihr nichts von Dir zu ſagen vermochte, geſagt: Sein Schickſal wird mein Leben ver⸗ bittern!— Es vergißt ſich ſo Manches im Sturme der Zeit! antwortete der Ritter ernſt und finſter.— Sie blickt ihn ſchmerzhaft an und faßt raſch ſeine Hand. Ritter, ſagt ſie halblaut und bebend, ich verdiene den Vorwurf, denn ich täuſchte den Guten, der mit ſo viel Liebe, mit ſo reinem Sinne an mir hing. Eitelkeit war mein Ver⸗ gehen; ſie hielt mich ab, ihm die vermeinte Geliebte zur Freundin zu wandeln; aber glauben Sie mir, ich büße 9 369 auch dies Vergehen. Die zarten Beweiſe ſeiner Liebe waren mir werth und angenehm. Ich fürchtete dieſe reinen, ſanften Freuden zu verlieren und— ſchwieg. Verkennen Sie mich nicht! ſetzte ſie hinzu und ſchlug die naſſen Augen gegen die Decke und verließ ihn. Gu⸗ ſtav, ſie dauert mich, denn an ihrem Herzen zweifelte ich niez ſie war nur ein Mädchen, und noch dazu ein Mäd⸗ chen, deren Erziehung das Fünkchen Eitelkeit, das in jedem Weibe glimmt, zur Flamme gewandelt hatte. Wer kann über ſie richten? Wir Männer haben einen Wir⸗ kungskreis, der faſt keine Grenzen hat, einen Cireus, wo es der Kampfarten tauſende, der Kränze unzählige gibt; was blieb den Weibern? Der Traum der Liebe, ihr Kranz von den Zweigen Noli me tangere, den jede Berührung welken macht, und— die Freuden der Häus⸗ lichkeit. Leider kennen die letztern aber unſere Mode⸗ damenſ ſelten. Ich könnte bitter werden, wenn ich weiter ſchriebe. Wohl mir, daß meine Henriette weiß, was jene Freuden find; wohl mir und ihr, daß der Tod eu⸗ rer Eltern ſie unter das Zepter einer alten, grämlichen, aber braven Tante warf, die ihr zwar manche böſe Stunde machte, ſie aber auch lehrte, was Weiberpflichten und was wahre Freuden ſind. Was unſer Lenardo macht, in welchem Theile der Erde er ſeine Hütte aufſchlug, weiß ich ſo wenig als Du; vielleicht lebt er friedlich in irgend einem Alpenthale und fragt jeden Reiſenden nach ſeinem Guſtav, vielleicht fand der Mädchenfeind eine Hävli, die ihn heilte. Gern riefe ich Dir zu, komm in die Arme Deiner Lieben, wenn ich nicht einſähe, daß es Dir frommen wird, im Lärme der großen Welt Deine Gefühle erkal⸗ ten zu laſſen. Du nennſt meinen Rath ſchlecht, aber er Blumenhagen. Xlv. 24 370 iſt es ſicher nicht. Gerade Dir, dem Sohne der Natur, dem Schwärmer, dem Feuerkopfe, gerade Dir iſt die kalte Convenienz des Weltlebens, die ewige Einförmigkeit ih⸗ rer Freuden, ihre ſchalen, langweiligen Genüſſe, ihre finnberauſchenden Feſte, bei denen der Geiſt, das Herz nichts empfindet, nur der Körper ſchwelgt, alles Dieß Arznei, wenn auch bittere, zu deren Genuſſe Du Dich zwingen mußt. Wirſt Du ſelbſt erſt einſehen, daß der Menſch zum Menſchen, nicht zum Seraph, geſchaffen wurde, wird die Zeit die Eindrücke ſchwächen, die jetzt Deine wunde Seele durch das Erblicken vaterländiſcher Gegenden empfangen würde, dann eile in die Arme Deines Guido, er hat ein Herz für Dich. Z Guſtav von Unna an Guido Waller. H.„ den 20. Juni. Da liege ich auf den Knieen vor Deinem Briefe und weine und lache abwechſelnd. O jetzt weiß ich, wie man wahnſinnig werden kann! Guido, ich fürchte, die hoch⸗ geſpannten Saiten reißen. Und es wäre ſo, Guſtav wäre nicht Mörder? Mörder! wie mich das Wort ſchaudern macht, das Wort, das ich nicht auszuſprechen wagte, ſo lange ich ſo genannt zu werden verdiente. Oder— Guido, eine arge Ahnung durchfliegt mich!— wenn der Freund, um den Gram, die Verzweiflung des Freundes zu mindern, ein Lügner geworden wäre! Guido, wenn Du mich täuſchteſt! Die vernarbte Wunde müßte ja doch einmal wieder aufgeriſſen werden, und würde dann dop⸗ pelt bluten, dann verbluten. Guido hätte Das voraus⸗ geſehen, und daher will ich Dir glauben. 371 Bin ich aber nun froher, ruhiger? Können Deine Troſtworte mein Gewiſſen ganz einlullen? Der Graf lebt, ſchreibſt Du, aber wie? Ein Leben, das zu tra⸗ gen ich nicht vermöchte: das Daſeyn eines Krüppels. Leb⸗ haft ſteht ſein Bild vor mir: wie gräßlich wird die Narbe der Wunde ſeyn, die ihm Stirne und Geſicht theilte? Wie wird die Geliebte zurückſchaudern, wenn er von ſei⸗ nem Schmerzenslager zuerſt wieder zu ihr ſchleicht, ſich Labung zu holen! Nur unter dem Raſenhügel gibt es Ruhe für mich und Heilung. Du haſt eine nagende Schlange getödtet, aber nun fühl' ich wieder eine an⸗ dere, deren Schmerz ich vorhin nicht fühlte. Die Ver⸗ zweiflung ſchwand und der Kummer hoffnungsloſer Liebe füllt wieder meine Seele ſo ganz. Zu feſt ſind die Ein⸗ drücke jener ſchönen Stunden der Hoffnung, als daß Jahre ſie zu tilgen vermöchten. Wie eine Bilderreihe ſchaut mein Erinnerungsvermögen mein verronnenes Seyn und zerlegt es in Minuten. Jedes Wort, das ſie zu mir ſprach, jeder Blick, der mein Auge küßte, iſt mir un⸗ vergeßlich. Ich könnte ein Weiberfeind werden, wie unſer Lenardo, wenn ich jenes Abends gedenke, der mit dem Flor der ſüßeſten Täuſchung mein Auge umhüllte, deſſen Andenken mich ſo ſicher machte, daß ich ſehen mußte, um mich ungeliebt zu glauben. Zu Silberſpring waren wir, ein ländliches Feſt zu feiern. Durch den Tanz erhitzt, durch den ſchönen, ſtern⸗ hellen Abend mit milden Gefühlen gefüllt, fand ich Lina hingelehnt an den Felſen, der den hellen Quell gebiert. Ich trat auf ſie zu: ſie reichte ſchweigend die weiße Hand mir entgegen. Sie, die Freudegeberin, fliehen die Freude? fragte ich und preßte meine Finger um die Dargebotene. — ——————— —— — — 372 Weil ſie mir zu rauſchend wird, antwortete ſie ſanft, weil ich Erholung bedurfte! Die ſchöne kommende Nacht lockte mich aus den erleuchteten Plätzen und Gängen des Haines, aus dem bunten Gewirre der Tänzer und Wan⸗ delnden in das freie Thal, und das milde Murmeln des Quells zu dieſem Felſen. Sie ſchienen nachdenkend, erwiederte ich, und Ihr Auge hing an dem nächtlichen Himmel. Ich ſtörte doch nicht? Stört der Freund, ſagte ſie ſanft, von dem man weiß, daß er ein Herz voll gleichen Einklanges in der Bruſt trägt?— Guido, der Blick, mit dem ſte dieſe Worte begleitete, hob mich empor und trug mich hinüber über den ſchwarzen Fluß zum Lande der Seligen. Mein Auge hing an jenen beiden Sternen, fuhr ſie lächelnd fort und hob den Arm gegen den nächtlichen Himmel auf; gern ſchaue ich in ihr Flimmerlicht und weiß nicht, warum ich ſie vorziehe. Die Zwillinge, fiel ich ein. Ein einfaches liebliches Sternenbild! Unzertrennt, ewig neben einander glän⸗ zend wallen ſie fort auf ihrer Bahn. Ein Gemälde glück⸗ licher Liebe! O wohl dem, der unzertrennt, Auge in Auge hinabwandeln kann ſeine Straße neben der Ge⸗ fundenen!— Sanft drückte ſie meine Hand.— Gern wandle ich, ſprach ich fortfahrend, in mildem Sternen⸗ lichte und träume mich über die Sonnenwelt hinauf, ſchaffe für jeden Stern eigene Bewohner, eine eigene Natur; oder ich erzähle ihnen den Gang meiner Empfindungen, vegehre ihren Rath, und leſe ihn im hellern oder mat⸗ tern Flimmern ihrer Strahlen. Wahrlich, man ſollte unſere⸗Väter nicht Thoren nennen, denen dieſer blaue Himmel, mit Gold beſäet, eine Handſchrift des Ewigen 373 ſchien, die allem Geſchaffenen ſein Wandeln vorſchreibe, ſein Schickſal beſtimme. Daß wir da leſen könnten! ſagte ſie leiſe. Nein! fiel ich heftig ein. Sorgen für kommende Mi⸗ nuten würden uns Stunden der Wonne verbittern. Lina's Hand liegt in der meinen, hoffend träume ich mich glück⸗ lich, wer weiß, was mir jene Sterne für eine Zukunft verkündeten? Haben Sie die Zukunft zu fürchten? fragte ſie leiſe. Herz und Geiſt, Güte und Verſtand meiſtern das ſoge⸗ nannte harte Schickſal, und die Bahn beſtimmt ſicher Jeder ſelbſt, die es ihn führen muß, wenn er auch nicht jeden Hügel in dieſer Bahn zu ebnen, jeden Felſen zu ſprengen vermag. Dürft' ich die Nornen beherrſchen! rief ich auf und zog ihre Hand an meine Bruſt. In einen Winkel des Erdballs, in ein Thal wie dieſes würde ich mit Lina mich verſetzen und glücklich ſeyn, wenn ſie wollte. Ihr Auge glänzte voll unendlicher Güte, glänzte voll Liebe, ſo wähnte ich. Ich ſchlug den Arm um ihren Wuchs, riß ſie feſt an mich und ſuchte mit meinem glühenden Munde ihre Lippen. Hingebend lag ſie in meinen Ar⸗ men mit naſſen Augen, ich fühlte im Kuſſe den ſanften Gegendruck ihrer Lippen und war ein Bürger im Eden. Man rief ihren Namen, und ſie wand ſich los. Feſt hielt ich ihre Linke zwiſchen meinen Händen. Ewig nun an Dich gekettet, ſprach ich heftig, Lina, ewig, wenn Du die Feſſeln nicht brichſt!— Sie machte mit einem ſanftem Handdrucke ſich frei, ging ihren ſie ſuchenden Freundinnen entgegen und mit ihnen zu dem Tanzplatze zurück. Ich ſank an dem Felſen nieder, und ein Himmel öffnete ſich vor meinen trunkenen Blicken. — —— ————————— 374 Guido, war ich ein Unſinniger, wenn ich mich ſeit dieſen Minuten geliebt wähnte, wenn ich das Mädchen mein nannte, ſie als mein Eigenthum betrachtete? Noch jetzt, bei der Erinnerung an jene Umſchlingung, an jene jene feſten, heißen Wechſelküſſe iſt mir, als hätte zwi⸗ ſchen jetzt und jenem Abende nur eine lange Nacht voll trüber Träume gedauert, und ich erwachte eben. Nur Eitelkeit wäre es geweſen, was dieſes Mädchen zum dul⸗ denden, hingebenden Mädchen machte? Nur durch Ei⸗ telkeit wäre das Gefühl aufgeregt worden, das ſie im traulichen Geſpräche den Namen Guſtav ſo mild hervor⸗ hauchend lehrte? Ich darf mich nie, nie feſt davon über⸗ zeugen: dahin wäre ſonſt mein Glaube an Mädchenrein⸗ heit, Weiblichkeit und Tugendſinn; zerſtiebt wäre das Ideal, das der Jüngling ſich ſchuf, vor dem er ſo lange anbetend ſeine Kniee bog. An den Moment des erſten Kuſſes kettete ſich nun eine ununterbrochene Reihe glücklicher Stunden, bis jene Schreckensnacht erſchien, wo ich ſie in ſeinen Armen ſah, von Rachſucht und unbändiger Verzweiflung durchlodert ihm nacheilte und Rechenſchaft forderte, die ſo blutig wurde. Eitelkeit? nur Eitelkeit? ſo ſagte ſie ſelbſt, ſchreibſt Du mir. Alſo nicht ein Schatten von Liebe, nicht ein Fünkchen von milder Anneigung. Guido, Gluth der Schaam brennt auf meiner Wange. Ich will, ich muß ſie verachten, ſie vergeſſen, und ſollt' es mein Daſeyn mich koſten! Ich, mit dieſem Männerſtolze in der Bruſt, mit dieſem reinen Gefühle im Herzen, das Spiel eines Mädchens? Ich gehe unter in dieſem Gedanken! 4. Derſelbe an Denſelben. „ den 5. Juli. Freue Dich, mein Trauter, unſer Lenardo iſt hier, ſitzt neben mir in der Fliederlaube und läßt Dich grüßen. Nun iſt mein Leben doch nicht mehr ſo ganz freudenlos; die liebliche Gewohnheit der Jugend ward mir wieder, ſeinen Rath höre ich, bin nun nicht mehr verlaſſen. Vor einigen Tagen bezog ich ein Häuschen außer der Stadt. Ein junger Garnbleicher überließ mir ſeine obern Zimmer. Ein niedlicher Garten neben dem Hauſe, in deſſen Winkeln einige Flieder- und Geisblattlauben ſich wölbten, beſtimmte meine Wahl, mit ihnen der Buchen⸗ wald, der dicht am Rande des Gartens beginnt. Ich war bald eingerichtet, ließ mein Gepäcke, meine Gui⸗ tarre, meine Bücher herſchaffen und ſiedelte mich an. Das ſchlechtere der Zimmer wählte ich zu meiner Zelle. Guido, und warum? Abends, wenn ich im Winkel des Zimmers ſitze, blickt das Zwillingsgeſtirn mir gerade in das offene Fenſter. Ich ſchalt mich, als ich den Grund meiner Wahl zergliederte; aber ich hatte nun einmal eingerichtet, und ſo blieb es denn. Mehrere Tage war ich nicht ausgekommen, hatte erſt Freundſchaft geſchloſſen mit den Raſenſitzen des Gartens, hatte mir erſt ein Lieblingsplätzchen im Walde erwählt, zu dem ich mit meiner Guitarre ſchleichen könnte, und meinen kleinen Haushalt geordnet. Geſtern beſchließe ich dann eine Wanderung in der nahen Gegend umher, um ihrer kundig zu werden. Als ich rückkehre, ſehe ich eine bunte Geſellſchaft unter den ℳ 376 Linden eines prächtigen Landhauſes im Zirkel ſitzen, höre ſie lachen und ſcherzen. Ich haſſe den lauten Frohſinn und wollte alſo ab⸗ biegen und einen Feldweg betreten. Da ſtutzt plötzlich meine treue Dogge, die langſam und ehrbar neben mir hergewandelt war, ſpringt mit einem Male vorauf mit⸗ ten durch den Kreis der Damen und laut bellend an einem der Herren hinauf. Rinaldo, Rinaldo! du? ruft eine bekannte Stimme. Wo iſt dein Herr? Schärfer ſehe ich hin; der Fragende tritt ſuchend aus dem Kreiſe. Le⸗ nardo! rufe ich wie außer mir und falle an ſeine Bruſt. Alles umringt uns fragend. Mein Guſtav! ſprach Lenardo und ſtellte mich der Geſellſchaft vor. Man mußte meine Leidensgeſchichte ſchon kennen, denn Meh⸗ rere fragten: von Unna? und die Augen der Damen betrachteten voll Mitleid den Märterer der Liebe. Der Freund führte mich ſeiner Tante und ſeinen Couſinen zu: einer freundlichen Greiſin, die mich wohlwollend em⸗ pfing, und zwei neugierigen Modepüppchens, die mich in der erſten halben Stunde ſchon nach den Damen mei⸗ ner Vaterſtadt und meinen Schickſalen bei ihnen fragten. Ich wußte, daß Lenardo Verwandte in dieſer Fürſtenſtadt hatte, aber ich hatte nicht daran gedacht, über die All⸗ tagswelt hinausgetragen auf den Schwingen der mäch⸗ tigen Phantaſie. Lenardo ſah, daß ich mich nicht wohl befand in die⸗ ſem fremden Zirkel, und begleitete mich nach meinem Sommerpalais. Da erzählte dann Jeder ſein Thun ſeit dem Blutmorgen. Als ich aus den Ruinen der alten Grafenburg ſprengte, hatte er mir nachgerufen: Auf der ſch. iſchen Grenze warteſt Du meiner! Im Taumel meiner Sinne hatte ich ſeine Worte nicht gehört und —=——— —— ———————— 377 ſprengte die br.. iſche Straße hinab. Lange ſuchte er mich in Städten und Dörfern vergebens und kommt auf ſeiner Ritterfahrt endlich hieher, findet mich da, wo er mich gerade am wenigſten zu finden hoffte. Ich habe eine freundſchaftliche Predigt von ihm an⸗ hören, ihm Beſſerung geloben müſſen. Er tadelt mein Einſiedlerleben und fordert von mir, was Du ſchon vor ihm forderteſt: ich ſoll mich hineinwerfen in die verſchlin⸗ genden Strudel der Welt; er tadelt es, daß ich Abends ſo gern allein ſitze in meiner kleinen Klauſe oder in einer der Lauben und meine Vergangenheit durchdenke; er ta⸗ delt es, daß ich jeden Morgen, wenn noch Alles, ſelbſt mein munterer Garnbleicher, ſchläft, ſchon zum Walde ſchleiche und meine Klagen in die Saiten ſinge. Ich habe mein Schickſal ganz ſeinen Händen über⸗ geben, habe ihn zu meinem Führer ernannt, dem ich folgen werde wie der Knabe dem Mann. Er ſoll mein Handeln ordnen, mein Seelenarzt ſeyn. Aber ich glaube noch ſtets ſo feſt wie ſonſt: mein Uebel iſt unheilbar. Küſſe meine gute Schweſter und ſey glücklich an ihrem argloſen Herzen. — . Lenardo an Guido Waller. „ den 8. Zuli. Zuerſt nimm meinen Glückwunſch zu dem Stande des Hausvaters. Du biſt der Erſte und Einzige, der ſolchen Wunſch von mir erhält und hören wird, aber Deine Henriette auch die Einzige, der ich Dich gönne. Gerettet ——————— ———— — 378 ſitzeſt Du auf dem ſichern Eilande und fiehſt ruhig zu, wie die Thoren der ſchönen Seifenblaſen wegen weder Stürme noch Klippenreihen ſcheuen. Gedenkt ihr wohl der Verbannten, die das Schickſal auch maſt⸗ und ſegel⸗ los und im lecken Nachen unter die Thoren warf 2 Ich hoffe es, fürchte nicht, daß Weiberliebe die Männerfreund⸗ ſchaft ringend zu Boden warf⸗ weiß ſicher, daß Du noch der Guido biſt, der zwar auch an dem Fieber litt, Wei⸗ ber nie anders als durch die Zauberbrille der Verſchö⸗ nerung betrachten zu können, dem aber doch der Druck einer Männerhand mehr war als das Umringen wei⸗ cher, ohnmächtiger Mädchenfinger, den keine Weiberthräne zurückhielt, wenn es Freundeswohlfahrt galt. Du nimmſt ſicher Dein Weib in den Arm und warnſt lächelnd den Verächter der Frauen, prophezeihſt ihm eine rächende, kommende Zeit. Ruhig höre ich die Warnung und fürchte keine Nemeſis. Guido, ſage einmal ſelbſt, was ſind dieſe maſchinengleichen, unkräftigen Weſen, was könnten ſie mir ſeyn? Spielwerk? ſchon der Knabe Lenardo mochte nicht ſpielen. Zeitvertreib? dazu ſind ſie mir zu arm⸗ ſelig. Erholung? dazu ſind ſie mir zu unſtät, und ſo lange es eine Männerbruſt gibt, wird mein Herz an keinem Weiberbuſen klopfen. Dieſe ſanfte Weiblichkeit, von der ihr ewig phantaſirt, was iſt ſie anders als Bewußtſeyn der Ohnmacht, Charakterloſigkeit? Dieſe Un⸗ ſchuld, vor der ihr die Kniee beugt, die euch zu Götzen⸗ dienern macht, was iſt ſie anders als kindiſche Unwiſſen⸗ heit oder Maske? Zeichnet ein Weib ſich aus und zeigt ſie Charakter, ſo iſt es ſicher nur ein verzerrtes, zur Karrikatur gewordenes Nachbild einer Männereigenſchaft. Muth wird an dem Weibe zur tückiſchen Hinterliſt, En⸗ thuſiasmus zur Empfindelei, Stolz zum lächerlichen Hoch⸗ 1 ————— ——— 379 muthe, Wohlwollen zur Begierde, Freundſchaft zur Wol⸗ luſt, Haß zur Rachſucht. Glaube mir, es würde keine Männerſchwächen geben, wenn der Schöpfer nicht auch ein Weib gebildet hätte. Ich kenne die Weiber, ich wuchs unter ihnen auf und lernte— ſie verachten. Genug, übergenug von ihnen. Endlich habe ich unſern Guſtav wiedergefunden, aber ſo, daß Schauder des Schreckens Hand in Hand mit der Freude des Wiederſehens ging, daß ich beinahe Haß und Rache dem Geſchlechte geſchworen hätte, welches auch dieſe Blüthenflur verwüſtete. Verwiſcht ſind die Roſen ſeiner Wange, verlöſcht die Flamme ſeines Auges, zum Greiſenwanken geworden der fliegende Schritt des ſtol⸗ zen Jünglings. Und ſein Geiſt? Verloſchen iſt das raſt⸗ loſe, thätige Streben, zu elegiſchen Mißtönen verſtimmt die reine Harmonie ſeiner Phantaſie. Er mußte mir ſein Tagebuch geben, und ich fand ein Gedankengewirre, das nur im Kopfe eines Wahn⸗ witzigen gewogt haben konnte. Bei ſeiner Ankunft hier hat er ſich in alle Zerſtreuungen geworfen und nicht we⸗ nig Aufſehen gemacht. Seine bleiche Wange, die Wolke des Schmerzes, die an ſeiner Stirne ruhte, das ſeltene Aufflammen ſeines Blicks, alle dieſe Ruinen eines Bel⸗ vedere machten ihn intereſſant. Sein ſchlanker, feſter Wuchs nahm die Damen für ihn ein, und ſie warfen ihre Netze aus. Ueberdem hielten ſie ihn ſeiner Bildung, ſeiner Garderobe, der prächtigen Uniform ſeines Dieners und ſeiner Pferde wegen wahrſcheinlich für einen ver⸗ wünſchten Prinzen oder einen flüchtigen Großen, und alſo für ein reelles Ziel ihres Wettlaufs. Seine oft zur Un⸗ höflichkeit gewordene Gedankenloſigkeit, ſeine Unempfind⸗ lichkeit, die ihn oft der feinſten ihrer Schlingen entzog, 380 ſein Auffahren mitten in der wärmſten Unterhaltung, ſein Aufſchreien und Fortſtürzen aus ihren Geſellſchaften machte, daß ſie ihn theils für verrückt erklärten, theils den ſchweren Sieg aufgaben, da leichtere ihnen winkten. Alle Hoffnung habe ich doch noch nicht verloren. Du wirſt aus ſeinem letzten Briefe, den er mir zum Durch⸗ leſen gab, geſehen haben, daß mein Wiederfinden eine große Veränderung in ihm bewirkt hat, daß er weit ru⸗ higer, abgeſpannter geworden iſt. Mein Umgang, meine Sorgfalt wird ihn nicht finken laſſen, aber ihn heilen glaub' ich kaum. Ich wüßte ein Mittel, das ſicher hülfe. Er iſt auch einer der thörichten Träumer wie Du, wenn auch eben ſo ein guter Thor wie Du. Auch ihm ſchwebt das Weibergeſchlecht vom Roſennebel umhüllt, der nur ihre Flitterſtrahlen durchſchimmern läßt und die Flitter ſelbſt verbirgt. Weiber vermochten von jeher viel über ihn, und in dem Gemälde, welches er ſich vom Menſchen⸗ glücke entwarf, ſteht das Weib vorn im hellſten Sonnen⸗ lichte. Zwar tobt und verwünſcht er jetzt, und würdigt den Namen Weib kaum einer Lippenbewegung. Doch das gäbe ſich. Aber wo find' ich ein Mädchen, das eine Lina zu verdrängen vermöchte, eine Lina, deren Formen ich ſelbſt gern betrachtete, bei der der Ewige ſich im Geiſte durch eine Jünglingsſeele vergriffen zu haben ſchien? Man muß es abwarten. So viel ſpricht man ja im Auslande von der Schönheit der hieſigen Damen; ich werde ihm die ſchönſten Kränze zeigen, werde ihm ſogar gegen meine Grundſätze ihre Dornen unter duftenden Blättern zu verbergen ſuchen. Wer opferte nicht eine Zeit lang gern einen Grundſatz auf, wenn es ſchnelle Retkung des Freundes gilt!— Leb' wohl! 6. Guſtav von Unna an Guido Waller. 5 den 11. Jürli. Ich habe eine Exſcheinung gehabt, Guido, eine Er⸗ ſcheinung! Nein, es war nichts Irdiſches, war keine Er⸗ denwallerin! Morgenröthe war ihr Gewand und ein Sternendiadem ſtrahlte in ihren Locken. Ha! ihr Gebilde morgenländiſcher, kühner Begeiſte⸗ rung, wäret ihr nicht Trug, nicht Spielerei der Einbil⸗ dung? Guido, ich glaube an Feen, Seraphe und Ge⸗ nien. Höre mich an. Heute früh wandere ich zum Buchenwalde, zu dem ſtil⸗ len Plätzchen am leiſe murmelnden Bache, ſetze mich hin auf eine große Wurzel einer der Greiſinnen des Waldes, greife in die Saiten meiner Guitarre und begleite ihre ſanften Töne mit klagender, halblauter Stimme. Die Worte des Dichters, die ich ſang, weckten meine Phan⸗ taſie und verketteten ſich mit einer verwandten Gedan⸗ kenreihe. Die Guitarre ſinkt auf meinen Schooß, und nach meiner alten Gewohnheit beginne ich ein Selbſt⸗ geſpräch. Die Natur, rund umher in voller Kraft da⸗ ſtehend, ich von ihr umgeben wie ein Sterbender von lachenden Tänzern, das war das Thema, das mich be⸗ ſchäftigte; meine Gedanken wurden Poeſie, und träumend rief ich aus: Ewig iſt verſiegt die Rieſelquelle, Deren Labung mir ſo oft gewinkt; Dürſtend ſuch' ich die kriſtall'ne Helle, Doch umſonſt, und meine Stärke ſinkt. Wer verſchönt des nackten Eilands Wüſte? Wer entfuhrt mich dieſer Felſenküſte? Wer gibt Troſt dem bang Verdürſtenden? S S ——— —— ————————————— 382 Die Hoffnung! ertönte da mir gegenüber eine leiſe, milde Stimme. Ich blicke auf und ſehe, und mein Auge zittert im Lichte. Am Eingange des Dickichts lehnt ein weibliches Weſen; nein, es war keine Irdiſchel Kein Erdenlicht war es, was aus ihren Augen zu mir her⸗ überſtrahlte. Eine Unſterbliche kam, mir milden Troſt zu bringen. Innere Gewalt drängte mich, zu ihren Füßen hinzuſinken, ich ſtrebte empor und— ſie verſchwand. Lang ſtarrte ich noch nach dem Orte hin, wo ſie geſtanden hatte, dann fuhr ich auf und durchſuchte das Dickicht, aber vergebens. Mein hehres Ideal, das ſelbſt eine Lina nicht erreichte, liegt zertrümmert vor mir im Staube. Das Bild der Himmliſchen füllt meine Sinne und hat mit Blitzesſchnelle ſich in alle meine Träume gewebt. Lenardo lächelte froh, als ich ihm erzählte, und forſchte genau. Ich ſollte ihm die Unbekannte beſchreiben. Ich ihm beſchreiben das Un⸗ beſchreibliche! Aufgebrochen dann! rief er da. Wie zwei irrende Paladins wollen wir umherziehen und ſie ſuchen unter den Töchtern des Landes.— Und wenn wir ſie fänden? fiel ich ein.— Die Dich an die Hoffnnng verwies, ent⸗ gegnete er, wird Dir auch beſſern Troſt nicht verſagen. — Mit den kühnſten, glänzendſten Farben malte er mir nun die ſchöne Zukunft, die mein warten könnte, und überredete faſt mein Herz, jene kleine Begebenheit als den Anfang meines neuen Lebens zu betrachten. Guido, wie viel kann noch zwiſchen meinem Phan⸗ taſiegebilde und der Wirklichkeit liegen. Faſt möcht' ich mich einſchließen in mein kleines Stübchen und mir an meiner Nealwelt genügen laſſen, in der ich und jene Liebliche eng, ewig verbunden, wandeln. —— 383 Denke ich aber nun die Möglichkeit, ſie zu finden, ſeh' ich ſie freundlich mir entgegentreten, mit dem Se⸗ raphsblicke mir lächeln, mir die Hand reichen zum Bunde, dann beneide ich die Schwalbe, die dem Fenſter vorüber⸗ ſchießt, um die Schnelle ihres Flugs, dann zähl' ich mit klopfender Bruſt die Minuten, ſehe bangend jedes Strich⸗ lein meiner Uhr an und frage die Sekunden: Welche von euch wird die meines Glücks? Meines Glücks? Sollte ich nicht hinzuſetzen: Oder welche die meiner neuen Verzweiflung? Guido, wenn ihr es nicht mehr vergönnt wäre, mich zum ſeligſten der Erdenſöhne zu wandeln! Wenn ſie ſchon Eigenthüm ei⸗ nes Andern wäre! So erkämpft, ſo entführt ſie Dir des Freundes Arm! ſpottete lächelnd Lenardo meiner Unruhe, als ich ihm dieſe Beſorgniß enthüllte. Ich ſchwanke, wie ein Ohnmächtiger, zwiſchen Wunſch und Gegenwunſch. Guido, was iſt der Menſch, wenn in ihm ſelbſt der Einklang zum Mißton wurde! Faſt möcht' ich fragen: Warum gebar mich ein Weib? Aurora von Adlitz an Adolphine von Wellenau. üli Deine Aurora ſitzt und ſchaut den ſilbernen Mond an. Was, wirſt Du fragen, hat denn Aurora, die fröh⸗ liche, ſorgenfreie, leichtfertige, mit dem bleichen Vertrau⸗ ten unglücklicher Liebe zu thun?— Seltſam genug, aber ——— 2————— —————————— —— ———————= 384 es iſt nicht anders, die Aurvra, welche ſich ſo oft mit dem großen Firſterne vergleichen laſſen mußte, um den ein ganzes Weltſyſtem, einzig von ihm beleuchtet, wan⸗ delte; die Aurora, die unſere ſüßen Schmeichler Achillea, die Unverwundbar⸗Wundende betitelten, eben dieſe Au⸗ rora ſitzt und ſchaut— den ſilbernen Mond an. Du ſchüttelſt Dein blondes Köpſchen und erinnerſt mich, daß wir uns einſt ſchon alle die Geheimniſſe un⸗ ſerer Puppenwelt erzählten, daß wir uns ſpäterhin jede Sehnſucht, jedes kleine Wallen vertrauten. Soll Aurora Dir offenherzig ſagen, wie es mit ihr ſteht? Adolphine, denke Dir, ſeit geſtern habe ich ſeufzen gelernt! Aber ſtill, ſtill, daß es Niemand, Niemand hört! Zum Balle ſollte ich heute. Ich hatte Kopfſchmerz: meine Lieblingslektüre war mir zu ſchaal, zu fade, denn es ſtand ja nicht da, was gerade jetzt in meinem Köpf⸗ chen herumwirbelt; meinem Päpchen habe ich zur Strafe ſeine gewöhnliche Portion Zucker nur zur Hälfte gege⸗ ben, weil es immer nur fragen kann: Liebſt Du mich, Liebchen? und nie ſagen will: Er liebt Dich, Liebchen! Sieh! da ſitze ich denn am Fenſter, ſehe in den Mond und denke: Vielleicht ſchaut auch Jemand jetzt in dein rundes Antlitz und gedenkt des ſchwarzlockigen Mädchens! Adolphine! Mit niedergeſenkten Augenlidern und im leiſeſten Molltone geſteht Dir die Freundin, daß ſie— was wollt' ich denn geſtehen? daß ich unruhig bin, daß mir nichts recht iſt, daß mir jedes Buſentuch zu ſchwer wird, daß ich ſelbſt nicht weiß, was ich begehre, wünſche, hoffe. Ach! und das Alles ſeit geſtern Morgen; denke Dir, ſchon ſeit dreißig langen Stunden! Deine Aurora iſt zu bedauern. Mein gutes Mütterchen muß die Brunnenkur ge⸗ t ——— 385 brauchen und daher fahren wir denn jeden Morgen in der ſchönen Gegend umher, ſteigen meiſtens am Walde aus, ſetzen uns in den Gebüſchen nieder und ich muß vorleſen. Schon mehrere Male hörten wir in der Ferne durch das Dickicht den milden Klang eines Saitenſpiels, von einer leiſen, klagenden Stimme begleitet. Adol⸗ phine, Du kannſt Dir vorſtellen, wie Aurorens Herz von Neugierde gepeinigt ward, und die Mutter war nie zu einem Spaziergange nach der Gegend hin zu bereden, wo der unſichtbare Trauernde ſeinen Schmerz den Bäumen ſang; ihr war der Wald dahin zu dicht, der Raſen zu feucht. Geſtern begleitete uns auf der Fahrt die alte, geſchwätzige Gräfin Leer. Ich hörte die Klagetöne wieder und ſtahl mich fort, drang kühn auf ſchmalem Pfade durch die dichten Gebüſche. Je näher ich den Tönen kam, je deutlicher mir die Stimme des Sängers wurde, deſto langſamer ward mein vorhin ſo ſchneller Schritt, deſto ſchneller klopfte das bange Herz. Mehrere Male ſtand ich ſtill und wollte zurückkehren; dann fragte ich mich aber: Was haſt Du zu fürchten? Und die weiche, klagende Stimme zog mich magnetiſch dem Ziele zu. Jetzt war ich ſo nahe, daß ich nur um eine alte Eſche zu treten brauchte, ſo ſtand ich dem Sänger gegenüber. Er ſang die Qual hoff⸗ nungsloſer, verzweifelnder Liebe. Plötzlich ſchwieg er und bebend ſtand ich an den rauhen Stamm gelehnt und glaubte mich entdeckt. Leiſe begann da der Unbe⸗ kannte zu reden: ein Selbſtgeſpräch, das mich mit ſelt⸗ ſamen, nie gefühlten Empfindungen erfüllte. Er fragte den Schöpfer der Dinge um den Zweck ſeines Seins, ſchilderte den Zuſtand ſeines wunden Herzens, malte mit Farben der Macht das Leben der Irdiſchen. Ich Blumenhagen. XIV. 25 ———————— 386 wirrten Haaren umringelt. ihr zur Stadt zurück. trat leiſe um den Baum: ich mußte den Redenden ſehen. Ich hatte einen Mann erwartet, der im Gewühle der Welt nicht fand, was ſeine Thorheit ihn ſuchen ließ, und nun liegt vor mir ein Jüngling, ſchlank, mit einem lieblichen, blaſſen, leidenden Geſichte, von dunkeln, ver⸗ Seine Augen hingen am Boden, die eine Hand ſtützte ſein Haupt, die andere berührte leiſe die Saiten einer Guitarre, die in ſeinen Schvoß geſunken war. Ich ſtand und konnte nicht zurück. War es die ſonderbare, romantiſche Situation, die mich ſo anzog, war es Mitleiden, durch die Klagen, die trauernde Stellung des Jünglings geweckt, war es etwas Anderes als dieß Alles? Ich kann und will nicht Rechen⸗ ſchaft davon geben. Genug, ich blieb und ſchaute den Unbekannten an, der noch immer nicht aufſah. Plötzlich ſchlug er die Augen auf zum hellen Mor⸗ genhimmel, der durch die Gipfel der Bäume blickte, ſeine Bruſt ſchwoll heftig, er hob die Arme und fragte die unſichtbare Welt, die uns umwebt, nach einem troſt⸗ gebenden Weſen. Hingeriſſen von ſeiner ſchwärmeriſchen und doch ſo natürlichen Stellung, von dem Feuerblicke des dunkeln Auges, übernahm ich die Rolle der unſicht⸗ baren Schickſalsgöttin und nannte ihm die Hoffnung. Er fuhr auf und ſtarr fielen ſeine Blicke auf mich. Seine Arme ſanken herab, ſeine Züge blieben in dauernder Lage. So ſahen wir einige Augenblicke uns an: da flammte allmälig ſtärker und ſtärker ſein Auge; da wur⸗ den ſeine Züge immer und immer lebendiger; da ſchien er ſich aufheben zu wollen vom Boden und— Aurora eilte ängſtlich davon. Er folgte mir nicht; ich fand die Mutter ſchon auf mich wartend und fuhr ſogleich mit 387 Da ärgerte ſich Deine Aurora dann arg, daß ſie geflohen war, von einem unbekannten Gefühle getrieben, das ſie noch nicht aufzufinden vermag. Und was ſoll nun weiter werden? frägt Adolphine. Welche Plane füllen nun wieder Aurorens Bruſt und bleiben nur— Plane? Ich darf ihn nicht zum letzten Male geſehen haben; ich muß ſeine Bekanntſchaft machen. Wohlwollen, reines Wohlwollen für den Fremdling füllt meine Seele und ich ſehne mich nach einer Unterhaltung, die mehr iſt als das Wortwechſeln unſerer Witzlinge. Ich fragte meinen Bruder und beſchrieb ihm den Unbekannten. Sicher der tolle Sonderling, rief er aus, der alle unſere Geſellſchaften durch ſeine Narrheiten, ſeinen Ernſt, ſeine Paradoxien in Aufruhr brachte, nach dem unſere Grazien vergebens die Schlinge warfen, dem ich noch ſeine Blindheit danken muß, die ihm die Blicke nicht deutete, mit denen meine Baronin Lora ihm entgegenkam. Du ſiehſt ein, daß dieſe Skizze mir den Unbekannten nicht weniger intereſſant machen konnte. Ich gebot mei⸗ nem Bruder, ſich näher an ihn zu ſchließen und mich mit ihm bekannt zu machen, auf welche Art es möglich ſei. Er wollte erſt nicht daran, aber er weiß, daß ich ſein lockeres Handeln kenne und unſer Vater ſo ſtreng iſt. Adolphine, tadle Deine Aurora nicht, obgleich Du Grund hätteſt. Ich ſollte eigentlich nicht ſo handeln, dürfte nicht ſo handeln. Aber hat man nicht mit mir gethan wie mit einem Kinde, das keinen Willen hat? Und iſt Aurora nicht frei wie alles Geſchaffene 2 So will ich denn auch einmal thun, ohne Anderer Rath zu erfragen, nur dem Winke meines Gefühls, —— — meines innern Führers folgen. Schaltet ihr doch immer meine Verwegenheit, wenn ich allein den leichten Nachen auf dem tiefen See umherleitete, wenn ich in Jüng⸗ lingskleidern mich in das Gewühl des Maskenſaals wagte⸗ wenn ich meinen ſcheuen Polen tummelte, ſo will ich denn auch jetzt verwegen ohne Beiſtand dieſe Bahn be⸗ treten. Du liebſt ihn! wirſt Du ſagen, aber da irreſt Du Dich. Wenigſtens iſt dieß nicht die Liebe, die ich aus Büchern und aus euren Schilderungen kenne. Daß meine Gefühle mit jenen verwandt ſind, will ich nicht läugnen, aber ſo, Adolphine, nein, ſo ſind ſie nicht. Da haſt Du Aurorens Beichte! Nun abſolvire ſchnell, Du lieber Beichtvater, denn wollteſt Du predigen, ſo verſchwendeteſt Du ſicher viel Worte umſonſt, und zur Buße hat Aurora jetzt nicht Zeit. 8. Lenardo an Guido Waller. §.„ den 20. Zuli. Sollte man nicht faſt verzweifeln an dem Daſein eines milden Lenkers der Weltordnung⸗ ſollte man nicht der wilden, blinden Göttin des Zufalls Altäre bauen, wenn man einen Verfolgten ſieht, dem das Unglück ge⸗ treu wie ſein Schatten immer und immer nachwandelt, ſich mit Kettenliebe an ihn ſchmiegt, den ein reißender Meerſtrom mächtig fortreißt und an jede Klippe ſchleu⸗ dert, bis der Kämpfende, matter und matter ringend, endlich ausgekämpft hat? Sollte man nicht zweifelnd 389 fragen: Sind wir Werk eines gerechten Allvaters oder vom Sturm zwecklos zuſammengewehte Kalkerde, wenn ein ſolcher Unglücklicher ein Herz voll Edelſinn im Buſen trägt, wenn ſelbſt im Erfüllen der ſchönen Pflichten der Bruderliebe und der Menſchlichkeit ihm der tückiſche Dämon den Gifttrank reicht? Ich ſitze an Guſtavs Krankenlager, ſehe die Fieber⸗ gluth auffliegen an ſeiner Wange, zähle ſeine regelloſen, flüchtigen Pulsſchläge, höre ſeine verwirrten Worte, ſchaue den ſtarren Blick ſeines Auges, und bin zum erſten Male in meinem Leben troſt⸗ und rathlos. Und das dauert nun ſchon ſeit vier Tagen. Freund, es nagt am Herzen, wenn man ſich ſchuldlos auf rauhe Bahnen geführt, wenn man ſchöne Plane verwehen ſieht; aber mächtiger faßt es Herz und Sinne, wenn man den Freund herabgleitend erblickt vom glatten Felſenhange und ohne helfen zu können ſein Herabſinken ſieht, vergebens die ohnmächtige Hand nach ihm ausſtreckt. Ich kann die Möglichkeit Deſſen nicht denken, was ich in der beſorgten, zweideutigen Miene des Arztes, in den ängſtlichen Geſichtern der Umſtehenden leſe. Aufge⸗ blüht waren wieder neue Blüthenſproſſen meiner Hoff⸗ nung, und ein Nachtfroſt ſollte ſie mir alle welken? Der, an den mich die blanke, reine Feſſel des Wohl⸗ wollens, der Seeleneinheit kettete, ſollte mich verlaſſen und einſam ich wieder daſtehen, vergebens die liebe Ge⸗ wohnheit ſuchen? Guido, aus dem kraftvollen, ſtarr⸗ ſinnigen Lenardo iſt ein ſchwacher Knabe geworden. Wahrlich, weinen könnte ich wie ein Weib, wenn die Jagd meiner Gedanken, ihr Durcheinanderrauſchen nur einen Moment einhielte. Guſtav ſchläft ruhig, zum erſten Male, ſeit ich neben 390 ſeinem Lager wache. Ich möchte ſo gerne hoffen, aber ſtatt der lächelnden Hoffnung drängt ſich die bleiche Furcht mir entgegen. Nein, Guido, es gibt kein größe⸗ res Leiden, als den Freund leiden zu ſehen. Mit ſtolzem Sinne trug ich vom Knabenalter jeden Schmerz, jeden Kummer; es war mir ein unausſtehlicher Gedanke, irgend Etwas außer mir als Sieger über mich anerkennen zu müſſen. Es gibt keinen Schmerz, kein Leid, als die der Einbildung! ſo ſprach ich; jetzt darf ich nicht mehr ſo philoſophiren, denn meine Seele und mein Körper drohen zu finken. Und wenn er noch litte durch ſeine Schuld, wenn ihn Jugendthorheit, Leichtſinn, Tollkühn⸗ heit, Sucht zum Abenteuerlichen, einerlei was noch ſonſt dahin geführt hätte! Es würde mir weh thun, aber mein Herz doch nicht ſo zerſchmettern. Edelmuth und Menſchlichkeit ſind die Urſachen ſeiner namenloſen Schmerzen; gebe der Himmel, daß ich nicht ſchreiben darf: ſeines Todes. Er ſah einen Knaben in der Gefahr, von den Rädern eines Hochedeln, der ſeine Kutſchertalente auskramen wollte, zermalmt zu werden. Er ſpringt hinzu, reißt ihn von den Pferden weg, gleitet, fällt und der Huf eines der Pferde trifft hart ſeine Stirne, der Wagen zerquetſcht und zerbricht ſeinen Arm. O Guido, denke Dir mein Empfinden, als man mich hinrief, und ich blutend, todtenfarbig den Freund unter den Händen der Wundärzte erblickte! Ich ließ ihn in ſeine Wohnung bringen und zog ſogleich zu ihm. Wem hätte ich auch ſeine Wartung vertrauen können? Mehrere Male ſchon warnte mich der Arzt und bat mich, auch meiner zu gedenken, aber wo kann ich ruhiger ſein— Ruhe iſt ja relativ!— als neben ſeinem Bette? Mit jeder Minute würde meine 391 Angſt ſteigen, wenn ich auch nur einige Schritte von ſeinem Zimmer entfernt lebte. Er liegt faſt in ſtetem Fieber, und Abends, Nachts in dauerndem Irrereden. Und in den ruhigern Zwiſchen⸗ räumen ſah ich mit Trauer, daß auch ſeine Seele litt, wieder auf den alten Bahnen ſchwebt, von denen ich ſie ſchon abgeleitet wähnte. Am zweiten Morgen rief er leiſe meinen Namen. Ich neigte mich zu ihm hinab: Ich habe ſie geſehen, Lenardo! flüſterte er. Als ich vom Todtentaumel erwachte, ſtand ſie vor mir, blickte mit trüben Augen mich an, winkte und verſchwand. Mir winkte die Ueberirdiſche! Bald komme ich!— Ich erin⸗ nerte ihn an das Gebot des Arztes, ſo wenig als mög⸗ lich zu reden, und Schmerz füllte mein Herz, daß ſeine Phantaſie mit ſolchen Bildern ſpielte. Heute Morgen fragte er den Arzt ſehr ruhig um ſeine Meinung. Der Doktor ſprach ſanft tröſtend zu ihm. Der Brand kommt leicht hinzu! ſagte er da mit feſter Stimme. Nicht wahr! Herr Doktor? und der tödtet ſchnell. Die Stim⸗ mung ſeiner Seele kümmert den Arzt ſehr, und des Arztes Geſicht iſt mir jetzt ja das Buch des Schickſals, aus dem ich mir Freude, Hoffnung und Schmerz her⸗ ausleſe. Die Neugierde intereſſirt ſich ſehr für den Kranken, denn die Geſchichte machte Aufſehen; täglich iſt unten das Haus voll bunter Livréen, die ſich nach ſeinem Be⸗ finden erkundigen. Es gibt ihnen doch nun einen neuen Text am Kaffeetiſche. Verfahre vorſichtig mit Guſtavs Schweſter, doch verſchweig' es ihr nicht ganz. Gott gebe, daß ich den nächſten Brief nicht mit bebender Hand ſchreibe und unter Thränen ſiegle. ——— ——. —— —————— Aurora von Adlitz an Adolphine von Wellenau. ₰.„ den 23. Auli, Ja! ich liebe ihn! Adolphine! ich liebe ihn! Und wenn ich eine ganze Welt zum Haß dadurch gegen mich aufriefe, ich würde eben ſo laut dieß Bekenntniß ablegen! Du ſchiltſt mich leichtfinnig, erinnerſt mich an die Bande, mit denen man mich umfing. Iſt es nicht genug, daß ich dieſe zerbrechlichen Feſſeln nicht abſtreife? Wie ein Kind will ich ihnen folgen, vor der Leute Augen jeden meiner Blicke, jede Handbewegung beherrſchen, aber in meinem Herzen ſoll es frei ſeyn, in meinem ſtillen, heimlichen Zimmerchen da will ich träumen, ſchwärmen, ſeufzen— lieben. Aurora hat viel geweint in den letzten Tagen, viel geweint. Er war krank, ſehr krank. Heute ſprach der Arzt von Beſſerung, und Aurora lächelte wieder, wenn auch noch durch Thränen. Die Männer nennen uns Weiber ſchwach, o beim Himmel, Adolphine! das ſind wir nicht, wie hätte ich ſonſt das Alles ertragen können? Ich will Dir die Scenen des Schreckenstages malen, den ich nimmer vergeſſen kann, der meinen Entſchluß felſenfeſt machte. Sieben Tage verliefen ſeitdem, da ſtand ich Nach⸗ mittags auf dem Balkon unſeres Hauſes, der nach der Hannosaue hinſieht. Ein Haufen zehnjähriger Buben trieb ſeine lärmenden Spiele auf dem ſonnigen Platze und ich freute mich ihres Frohſinnes, ihrer kindiſchen Poſſen. Indem ich aufblicke, ſeh ich meinen unbekannten Sänger unter den Linden hervorgewandelt kommen, ſo ——————————————— — — 393 wie er ſchon oft, ohne aufzuſehen, unter meinem Fenſter hinwandelte, mit geſenktem Blicke, im ſchwarzen Sür⸗ tout, mit in die Augen gedrücktem Hute, ernſt ſein Gang und eben ſo ernſt ſchreitend hinter ihm ſein großer eng⸗ liſcher Hund. Wohlgefällig hing mein Auge an der ſchönen Trauergeſtalt. Ein Geſchrei zieht meinen Blick ab von ihm und ſchaudernd ſtimme ich ein in dieſes Geſchrei. Der wilde Hauptmann Unger fliegt im leichten Wagen mit vier tollen Roſſen den Platz herab, die ſpielenden Knaben flüchten, und Einer von ihnen, des Miniſters Gr.... Sohn, ſtrauchelt und ſtürzt. Starr hing mein Blick an dem Gefallenen, ſchon erreichen ihn die Pferde faſt, da ſpringt mein Unbekannter heran, faßt den Knaben und reißt ihn fort. Der Hauptmann will indeſſen die Pferde anhalten, ſie bäumen ſich und der Huf des vorderſten trifft den Unbekannten, ſchlägt ihn nieder, die Roſſe raſen, ſcheu und wild gemacht, über ihn hin, der Wagen mit ihnen. Halb ſinnlos war ich zurückgeſunken. Adolphine, nur eine Liebende kann ſich denken, was ich empfand, und doch nur matt und undeutlich denken!— Man hatte ihn dicht neben uns in das Hoͤtel der Gräfin Leer ge⸗ bracht. Aurora dachte nicht an Convenienz und Sitte, ſprang durch den Garten zu der Hinterthüre des benach⸗ barten Hauſes hinein. Da lag er ohne Sinne, unter den Händen der Wundärzte, verbunden ſeine Stirne, blutig ſeine Kleidung. Mit glühenden Augen lag ſeine ſchwarze Dogge neben ihm, von ſeinem Freunde gehalten und beſänftigt, und zeigte dem Wundarzte die Zähne. Dieß treue Thier iſt mir ſo lieb geworden: Niemanden hat es an ſeinen halbtodten Herrn laſſen wollen, winſelnd 394 ſich neben ihn gelegt und ſeine blutende Stirne geleckt. Indem ich mit brechendem Herzen auf den Armen hinſah⸗, ſchlug er die Augen auf. Sein erſter Blick fiel auf mich: nie werde ich dieß feuchte, verlöſchende Auge vergeſſen! dann warf ihn der Schmerz auf's Neue in Ohnmacht. Mein Bruder riß mich fort; ob ich ſinnlos wurde, weiß ich nicht, aber ich kann mich nicht entſinnen, wie ich auf mein Zimmer kam. Adolphine! was ſagſt Du nun? War das nicht faſt zu viel für eine Mädchen⸗ bruſt, für ein glühendes Mädchenherz? Knieend hätte ich beinahe den Arzt gebeten, nur dieſes Mal die ganze Hülfe ſeiner Wiſſenſchaft aufzubieten und mir den Edeln zu retten. Im Erzählen hat wieder mein armes Herz viel ge⸗ litten und mein Kopf ſchwindelt. Leb' wohl! und bete für Deine Aurora und— ihn. 40. Dieſelbr an Dieſelbe. H.„ den 4. Auguſt. Feiere, Geliebte, das Feſt der Hoffnungen Deiner Aurora! Warum ſind nicht mehr die Tage unſerer Kin⸗ derjahre? warum konnte ich nicht an Deiner Bruſt wei⸗ nen? warum kannſt Du jetzt nicht mit mir Dich freuen, in meinem Arme, mit der hoffenden Aurora, jubeln, träumen? Ich kannte kein Leid, keinen Schmerz meiner eigenen Bruſt, jammerte über fremde Leiden, weinte fremdem Schmerze. Adolphine, jetzt werd' ich jedes 395 Herz um ſein Weh beneiden, denn gibt es Freude ohne Weh? Ich kannte auch keine Freuden, ob ich gleich mein Leben oft freudevoll glaubte. Dieſe Fülle des Buſens, dieß Leben des Herzens, würd' ich es empfinden, hätt' ich nicht geweint, geſeufzt, dieſe Bruſt ſo eng gefühlt? Es wird beſſer und beſſer, und mit ſeinen Wangen röthet ſich auch Aurorens Wange wieder. Plane durch⸗ kreuzen mein Köpfchen, die mich zu lieblichen Phantaſien hinleiten. Ja, ich will ihn belohnen für ſeinen Schmerz, für ſeine Leiden! Adolphine, ſollte er wohl Lohn finden an dieſem wogenden Buſen, an dieſem warmen Herzen, an meinen weichen Lippen? Was iſt Aurora geworden! Bachantiſches Leben tanzt mir im Sinne, und die milde, mädchenhafte Sehnſucht iſt zur brennenden Begierde gewandelt. Aber meine Liebe iſt ja auch nicht der gewöhnlichen eine. Es iſt ja Liebe zu ihm, dem Menſchlichen, Trauernden, Schwärmenden. Meine Empfindungen wechſeln jetzt ſo ſonderbar. Bald treibt es mich, dem Schickſale vorzugreifen, in ſeinen Weg zu treten und ihm zuzurufen: Liebling, hier ſchlägt ein Herz für Dich! Bald wird mein Sehnen ſo ſanft, ſo ſtill, wie das Kind ſich dem Namensfeſte entgegenſehnt. O, Adolphine, nur die Minute muß ich noch erleben, in der er mich ſeine Aurora nennt mit dem weichen, ſchwärmeriſchen Accent ſeiner Stimme. Dieſe Minute allein füllt meine Seele, ſie malt meine Phantaſie aus, über ſie hinaus wagt ſich keiner meiner Gedanken, an ihr wird die wogende Fluth meines Trachtens zum ſtillen Spiegel. Eben fiel mein ſich hebender Blick auf Graf Liebens Bild, welches ernſt auf die Schreibende herabſieht, die 396 Wangen und Stirne glühen fühlt, der die Worie alle ſo kalt ſcheinen, die ſie von dem Lieblinge redet und ſchreibt. Schauen Sie immer nur ernſt herab, trauter Grafl Aurora hat auch einen Willen, auch ein Herz, in dem Sie nimmer den erſten Platz haben werden! Und war es denn wohl Aurora das Mädchen, die Sie herbeizog, oder war es Aurora die Tochter des begüterten, altadelichen, gel⸗ tenden Geheimeraths? Soll ich das Bild wegreißen, was nur durch einen Befehl meines Vaters eine Stelle in meinem Zimmer erhielt? Soll ich ein anderes, ſchöneres an ſeinen Platz hängen? Wie würde mir dann mein Zimmerchen ſo lieb werden! Wie würd' ich ſtundenlang dem trauten Gemälde gegenüber ſtehen, mit ihm koſen durch Blicke und Worte! Doch er mag ſeinen Platz behalten, der Graf, an der kalten Wand; des Lieblings Bild trag' ich im warmen, lebendigen Buſen. 11. Guſtav von Unna an Guido Waller. H.„ den 18. Auguſt. So muß der ſchmachtenden Nonne ſeyn, wenn ſie von der letzten Stufe der ſchwankenden Leiter herab dem kühnen Entführer in die Arme ſinkt! Mit dieſem Gefühle ruft gewiß der Schiffbrüchige: gerettet! wenn er ſich feſtſtehend fühlt auf ſicherm Ufer. Mit der Empfindung, die meine Bruſt hebt, ſtreckt ſicher erlöſet der Gefangene ſeine Arme der Sonne entgegen und lallt: Freiheit! 397 Ja, mein Guido, ich fühle, was Leben heißt, freue mich dieſes lieben Wechſels von Trachten und Wirken. Geringſchätzte ich ſo oft dieſes Sein, wie man denn thöricht genug iſt, das gewohnte Gut für kein Gut zu halten: nahe dem Grabe fühlte ich doch, daß die Aus⸗ ſicht in die dunkle, umnebelte Region jenſeits der Urne nicht die lebende Ausſicht iſt, wie ſie Schwärmer und Thoren malen. Mein neues Geburtsfeſt feiere ich heute. Der blaue Himmel, die hohen Buchen, die ſtille Laube, der Mur⸗ melbach, Alles bewillkommte den geneſenen Freund ſo herzlich, und mit feuchtem Auge und voller Bruſt grüßte auch ich alle die alten Bekannten. Mit kindiſcher Tän⸗ delei durchlief ich jeden Schattengang, wo ich ſonſt ge⸗ wandelt, ſetzte mich nieder auf jedes Fleckchen, wo ich einſt geruht, geträumt hatte, horchte, ob der Quell noch mit eben den Tönen rieſelte, die meiner Seele Stürme ſo oft zur Ruhe umſchufen. Eine ſüße Ruhe füllte meine Seele, als die erſte Auf⸗ wallung der Freude vorüber war. Mit ſanftem Sehnen gedachte ich des Lieblingsplatzes, deſſen Beſuchen ich bis zuletzt verſchoben hatte. Ich wandelte an Lenardo's Arme hin zu dem traulichen Plätzchen, ſetzte mich hin auf die⸗ ſelbe Wurzel, wo ich damals ſaß, als die Unbekannte aus dem Dickicht mir erſchien, ſpielte daſſelbe Lied der Wehmuth, welches ich damals ſpielte, ſang es mit leiſer, ſchwebender Stimme, ſchaute mit feuchtem Auge die Stelle an, wo ſie ſtand, und legte meine Stirne an des Freundes Bruſt. Wie iſt Dir, mein Guſtav? fragte er ſanft.— Wohl, ſehr wohl erwiederte ich wehmüthig lächelnd. Und Dir dank' ich dieſe ſanfte, wohlthuende Empfindung!— Er —————— —— 398 ſchlang den Arm um mich und preßte mich feſter an ſich. Guido! er hat Recht, wenn er ſagt: Laß die Liebe meine Bruſt fliehen, ich werde ſie nicht vermiſſen! aber nimm mir die Freundſchaft nicht! Ja, es wohnt ſich beſſer am fanftfließenden, reinen Strome, wo der ebene Kieſelgrund durch die kleinen Wellen ſchimmert, der die Fluren wäſſert, ſie fruchtbar macht; beſſer wohnt ſich an ihm als an dem ſtürzenden Waldſtrom, welcher Felſen trümmert und Eichen hinwirft, auf deſſen ſchäu⸗ menden Wogen Regenbogen ſchimmern und ſchleunig ſchwinden. Was hat dieſer Lenardo nicht Alles für mich gethan? Wie oft bändigte er meine leichtſinnige Gluth, meine wallende Hitze! Ich machte ihn zum Flüchtling! Für mich opfert er jetzt wieder den nächtlichen Schlaf, für mich ſeines Körpers Kraft! Seiner Wartung danke ich mein Leben! Und danke ich ihm nicht noch mehr als das Alles? Hielt er nicht meine ſinkende Seele empor? Legte er nicht dieß gebrochene Herz an ſeine Bruſt und heilte es?— Könnt' ich ihm vergelten ſeine Liebe und Treue. Ich bin auf mich ſelbſt erbittert, daß ſein Wohl⸗ wollen mir nicht genügt, daß ich noch nach einem andern Herzen verlange, da ſein warmes, edles, treues Herz mein iſt. Seine Rechte in meine Linke geſchlagen, und mein rechter Arm geſchlungen um das holde Weſen, die ich nur Minuten ſah, deren Bild aber Jahre nicht tilgen werden, dann hätte Dein Guſtav kein Trachten mehr! Aber die Zeit wird nimmer kommen, und dieß Glück nur eine warme Träumerei bleiben. Was die Menſchen ein Weſen machen aus meiner edelmüthigen, großen That, wie ſie zu reden belieben; beim Himmel, es iſt ſchlimm genug, daß man ſo etwas ausgezeichnet findet, daß Gewohnheit ſo etwas nicht 399 alltäglich macht und nicht Jeder glaubt, das müſſe ſo ſeyn! Und kaum glaube ich, man würde dieſe Handlung, die nur ganz gewöhnlichen Empfindens Folge war, ſo beſonders finden, wenn nicht der gerettete Knabe eines Miniſters Sohn wäre. Geſtern war der Vater bei mir: ein deutſcher, füh⸗ lender Alter. Ohne Ceremonie trat er auf mich zu, ſah mich lange mit feuchtem Auge an, drückte mir dann feſt die Hand und eine große Thräne rollte ihm über die Wange. Dann ſchob er den Knaben auf mich zu und ſagte heftig: Ohne den Mann, Fritz, wäreſt Du nicht mehr, und Dein Vater weinte, ſtatt Zähren der ſanften Rührung, Thränen des bitterſten Jammers! Fritz, ver⸗ giß des Mannes Geſicht nicht! Ein liebes Gefühl keimte da in meiner Bruſt, eine gewiſſe Zufriedenheit mit mir ſelbſt, durch den Gedanken, einem Menſchen Kummer abgewandt zu haben. Eine Stunde des Leides ſchleicht ja mit Jahres Trägheit, und ich nahm dieſem Vater ja Tage des Leides. 42. Derſelbe an Denſelben. F.. den 29. Auguſt. Ward ich aus irdiſchem Gefild getragen Von Feenhand? Sah ich ein neues Morgenroth enttagen Dem Bergesrand? War's Wirklichkeit? War's nur ein Truggebilde Der Phantaſie? Ich wandelte durch blumige Gefilde, Und mit mir ſie! ———— — ————— ———— 400 Moment des Glücks, des Segens, kehre wieder Zu mir zurück! Zu ſchnell enteilte, wie auf Sturms Gefieder, Der Augenblick. Die Wirklichkeit rief mich von ſüßem Wähnen Zu ſchleunig wach, Und nun denk' ich mit bangem, heißen Sehnen Dem Truge nach. Ja, Guido, ich glaube, ich habe geträumt, ſo un⸗ möglich, möcht' ich ſagen, ſcheint mir das Vergangene. Und doch ſagt mir dieſer bunte Strauß von Aſtern, Lev⸗ koien und einer Spätroſe, es war nicht Traum, nicht Trug. Ich fand ſie, ich ſah ſie, ſie ſprach zu mir, ihre Hand brach dieſe Blumen. O Gott! was ſagen dieſe kalten, todten Worte nicht Alles! Wenn Lenardo's Pro⸗ phezeiungen wahr würden, wenn— o, Guido, warum hängt mein Glück einzig an dieſem Worte? Ich will Dir erzählen, ſo kalt, ſo buchſtäblich, ſo zuſammenhän⸗ gend wie möglich, damit es klar wird in meiner Seele, damit ich jene lieben Augenblicke in Atome zerlege und doppekt ſie, dreifach, tauſendfach ſie genieße. Der Morgen war ſo ſchön, ſo heiter; die Luft wehte kühl und linde; ich wandelte durch die goldenen, ſanft⸗ wogenden Kornfelder. Blaue Cyanen ſchmückten meinen Weg und mir zur Seite wälzte der Fluß ſich langſam durch die fruchtbare Flur, kräuſelte ſich im Morgenwinde. Weiter als gewöhnlich lockte mich der liebliche Tag, bis in die Auen, welche die Vorſtadt begränzen. Die ita⸗ lieniſchen Paläſte der Edeln— denn dieſe liegen faſt alle in der ſchönen Vorſtadt— ragten über die Pappeln und Linden der Gärten, und die Morgenſonne ſtrahlte blendend zurück von den Spiegelfenſtern. Ein Kranz von bejahrten Linden, unter denen einige 401 liebliche Sitze einluden, zog mich zu ſich. Ich war er⸗ müdet und ſetzte mich. Durch eine Gitterthüre konnte ich in einen nahen engliſchen Garten ſchauen. Nicht lange hatte ich geſeſſen, ſo traf mein Auge auf eine große, ausgebreitete, tief herabhängende Thränenweide, die nicht weit von der Pforte durch niedere Gebüſche blickte, und in deren Dunkel eine Urne oder ein Denkmal zu ſtehen ſchien. Ich war neugierig, dieſe romantiſche Gruppi⸗ rung näher zu betrachten, und wandelte dreiſt durch die Pforte in die einſamen Gänge. Ich fand ein einfaches Monument unter den hängenden Aeſten mit der Inſchrift: Die Freuden meiner Einſamkeit! Moosſitze legten ſich an den Stamm der Weide. Ich lehnte mich an den Stein und dachte den Freuden meiner Einſamkeit nach. Ein Geräuſch in der Nähe weckt mich. Ohne Ahnung— Guido! nun glaube ich nimmer an Ahnungen!— ohne Ahnung ſehe ich auf. Ein weibliches Weſen im weißen Morgen⸗ kleide ſchleicht langſam in den Krümmungen der Roſen⸗ gebüſche und niedern Tannen heran. Sie bemerkte mich nicht, brach Blumen am Wege. Ich konnte nicht fort, ohne an ihr hin zu müſſen, und drückte mich alſo tiefer in das Dunkel der Thränenweide. Jetzt wandte ſie ſich her, und ein Schrei erſtarb auf meinen geſchloſſenen Lip⸗ pen: es war meine Unbekannte. Meine Bruſt war be⸗ engt, und doch trieb mich ein inneres Gefühl, ſie anzu⸗ reden. Sie ſtand ſtill und ordnete den gepflückten Strauß. Furchtſam zaudernd trat ich ihr entgegen. Bald ſtand ich faſt neben ihr, doch immer noch ungeſehen. Wem dieſe Blumen? fragte ich da halblaut und be⸗ bend. Ich hörte faſt den Schlag meines Herzens.— Sie ſah raſch auf und ſchien leicht zu erſchrecken. Für mei⸗ ner Mutter Zimmer! ſagte ſie nach einer Pauſe, ſchlug Blumenhagen. RIV. 26 „——————— ———— 402 die Augen nieder und fuhr fort, den Strauß zu ordnen. — Da ſtand ich, ſtummer als das Monument unter der Weide, ihr gegenüber, hing mit glühendem Auge an ih⸗ ren Zügen, an den üppigen ſchwarzen Locken, und ein ſonderbares Gefühl von Angſt durchlief meine Bruſt. Gräfin Aurora! wo ſind Sie? erſcholl da eine helle Stimme in dem fernen Dickichte. Sie fuhr auf und der Strauß entfiel ihrer Hand. Wir beugten uns Beide, ihn zu faſſen, ihre Finger berührten mich: raſch und feſt ſchlugen ſich die meinigen um ſie. Mein Mädchen ſucht mich! ſagte ſie ängſtlich. Aurora! rief ich und drückte ihre Hand an meine be⸗ benden Lippen. Neues Leben füllte mich plötzlich, da der Scheidemoment nahte. Seh' ich Sie wieder? fragte ich bang. Feſter, ohne Antwort, traf mich ihr Auge, ich fühlte einen linden, flüchtigen Druck ihrer Finger, und fort war ſie. Aurora! rief ich leiſe ihr nach. Ja, Guido, Guido, dieſe weiche Hand muß mein werden; feſter, in⸗ niger muß ihren Druck ich fühlen! O, wäre dieſer Schreckenstag erſt hinab! Morgen! Morgen! Und was iſt denn Morgen? Darf ich hoffen? Darf ich die Wonneminute träumend mir denken? Zu ihr hin ſehne ich mich heiß, drängend, und wenn ich mir denke, wie ſie da mir gegenüberſteht, dann frage ich mich: Was willſt Du ihr ſagen? Guido! wird ſie mich Wortloſen verſtanden haben? Den 30. Auguſt. Nun ſterben, nun ſterben mit dieſem Gefühle im Herzen, mit dieſer ſchwellenden Bruſt, mit dieſem von Thränen der Luſt genäßten Auge! So hinüber zu träu⸗ men! Jetzt, o jetzt hab' ich gelebt, mein Guido! Jetzt mag 403 eine Welt ſich gegen mich verſchwören, mich zu martern, mir jede Sekunde zu verbittern; eine ſelige Minute war mein! würde ich ihr entgegenrufen, und dieſe Erinne⸗ rung kann Nichts mir nehmen, ſie wird mich aufrecht halten in jedem Sturme! Vor Anbruch des Tages lag ich ſchon in meinem Fenſterchen, ſah die Sterne allmälig bleichen und ſchwin⸗ den, nach und nach die Berge lichter werden, hörte all⸗ mälig das Erwachen der Natur. Als das Morgenroth die Nachtwolken im Fliehen vergoldete, hob ich meine Hände auf zu ihm und flüſterte: Aurora! Kaum war die Sonne ganz herauf, ſo eilte ich, ohne auf die Umgebungen zu achten, den Auen zu. Langſamer wurden meine Schritte, je näher ich den hohen Linden kam, und an der Pforte zauderte ich. Sie war unver⸗ ſchloſſen, und voll Ahnungen trat ich in die Gebüſche. Hier wandelte ſie, hier lachte, hier weinte ſie vielleicht, dachte ich und weilte bei jedem Strauche, bei jedem ein⸗ ſamen Sitze, unter jeder ſchattenden Silberpappel. Jetzt nahte ich der Thränenweide und— Aurora ſaß an der Urne. Sie erſchrack nicht, ſondern trat mit freiem, hei⸗ tern Blicke mir entgegen. Sie ſchien mich erwartet zu haben, und dieß machte mich kühner und gab meiner Seele zugleich eine wohlthuende Empfindung. Aurora, ſchon ſo früh hier? fragte ich.— Mein Name macht mir Wach⸗ ſamkeit zur Pflicht, erwiederte ſie tändelnd; mich trifft faſt jeder Morgen hier!— Ich wagte mich her, ſprach ich leiſer und bebender, den Platz noch einmal zu begrüßen, wo ich das wieder fand, was in einem Augenblick mein ganzes Weſen erfüllte, was ich ſo lange mit ſchmachten⸗ dem Herzen ſuchte. Werden Sie meine Kühnheit nicht übel deuten? — ————————— ——————————— 404 Ihr Auge ſenkte ſich. Es entſtand eine kleine, ängſt⸗ liche Pauſe. Aurora! begann ich, mich ermannend, dann mit ſanf⸗ ter Stimme, ihre Namensſchweſter gibt den Erdenſöh⸗ nen die Hoffnung eines lieblichen Tages; aus Ihrem Auge glaubte ich mir einſt Hoffnungen einer ſchönen Zukunft entgegenſtrahlen zu ſehen! Aurora, ſoll ich recht geſehen haben? Hoffnungen täuſchen oft! ſprach ſie, ohne aufzuſchauen. Meine Hoffnung war keine der gewöhnlichen. Sie war eine kühne, hehre, unendlich beſeligende Hoffnung. O wahrlich zu ſchön, um nimmer realiſirt zu werden!— Sie ſchwieg wieder, ſchlug aber nach einer Weile raſch das große, dunkle Auge auf zu mir und fragte ablen⸗ kend: Sie waren krank, recht krank. Sind Sie wieder ganz wohl, Herr von Unna?— Ich ſtehe Ihnen ja gegenüber! entgegnete ich herzlich.— Ihr Leiden hat mir viele Angſt gegeben, redete ſie fort, in ihren Buſen blickend, und leiſer ſetzte ſie hinzu: Oft weinte ich hier um Sie! Thränen! rief ich außer mir und riß ihre Hand hef⸗ tig an meine Bruſt. Aurorens koſtbare Thränen um mich! O glücklicher, überglücklicher Guſtav! Ich beugte mein Geſicht auf ihren Arm nieder; mein Herz war zu voll, ich konnte lange nicht reden. Sie ſollten noch nicht ſo früh die Wieſen betreten, begann ſie wieder, Sie könnten ſich ſchaden! Wo gibt es für mich beſſere, ſchnellere Heilung als bei Auroren! antwortete ich warm, ihre Hand noch ſtets an meine Bruſt gezogen. Will Aurora mich vollkommen geneſen laſſen? Kann ich das? fragte ſie, und ihr Auge glänzte mich 405 an.— Durch Ihre Liebe! ſagte ich feſt und bittend.— Heller glühte ihr Blick. Iſt Guſtavs Herz ſo wahr, treu und verſchwiegen als glühend? fragte ſie. Aurora herrſcht ja in ihm! antwortete ich und ſchlug meinen Arm um ſie. Dein! flüſterte da das holde Mädchen und legte ihr erröthendes Geſicht an meine Bruſt. Mein eines Himmels Wonne! rief ich heftig und preßte ſie an mich. Sie hob ihr Geſicht zu mir. Guido, dieſe hingebende Liebe im Blicke! Unſere Lippen ſanken aneinander. Was weiter geſchah, was wir redeten, weiß ich nicht mehr. Nur daß ich an ihrem Herzen lag, daß ich einen feſten, dauernden Bund mit ihr ſchloß, daß ich ſie an der Urne wiederfinden ſoll, deſſen entſinne ich mich. Guido, ich ſchwindle! Solches Glück wartete Guſtavs, und er weinte und klagte? Nein, nun gibt es keinen Kummer mehr für mich, ich lag ja an ihrem Herzen! 43. Derſelbe an Denſelben. F.„ den 7. September. Warum fliegen jetzt mir Stunden und Tage mit Sturmes Schnelle? Wahrlich, das Geſchick war nicht gütig, da es den Minuten des Leides bleierne Langſam⸗ keit, denen der Wonne Zephyrs Flüchtigkeit gab! Warum beſtimmte es nicht die entgegenſtehende Ordnung? Ich lebe das höchſte, ſchönſte Leben und weiß kaum, daß ich es lebe. Sie liebt mich! iſt mein einziges Denken; mein — ——— —— — 406 einziges Sinnen ſind Zweifel gegen dieſes unendlich theure Wortkleeblatt, die ſich der thörichte Taumelnde macht und die Lieblingin in jedem Morgenſtrahle ſo ſicher widerlegt. Mein Leben ſcheint mir ein Roman, bei dem ich leſend vergeſſe, daß er nur Roman iſt, der mich mit ſich hin⸗ reißt zur ſüßen Sinnesverwirrung. Vor einer Dekade von Tagen war ich noch der trübſinnigſte Träumer, ein irrender Paladin, der einem verwünſchten Schmetterlinge nachlief, und jetzt— kein Phantaſieglück iſt mein, meine Wonne iſt höchſte Wonne der Wirklichkeit. Ich träume nicht mehr, denn auch der roſigſte Traum erbleicht neben dieſer Wahrheit. Meine Wünſche ſind zerronnen, denn Aurora gab mir mehr, als mein kühnſter Wunſch um⸗ faßte. Wenn ſie mir unter der Trauerweide entgegen⸗ fliegt, wenn ihr Blick mich ihren Liebling nennt und ihre Lippe des Blickes Ausdruck nur halb nachzuſtam⸗ meln vermag, wenn dann unſere Lippen ſich einen, dann unſere Seelen ſich begrüßen, Guido, wie ſchwindet durch Einen ſolchen Morgen das Gedächtniß trüber Vergangen⸗ heit; was kümmert die ferne, künftige Zeit! Wäreſt Du bei mir, Du würdeſt mich verſtehen; wie wollten wir uns erzählen, wie ſchwärmen. Mein Lenardo kennt ja dieſe Empfindung nicht; er freut ſich meiner Freude, aber er verſteht micht nicht. Meine Guitarre iſt jetzt mir eine liebe Vertraute, ſie antwortet mir, wie ich frage, ſie hallt mir zurück, was ich ihr erzähle. Geſtern trieb der kalte, unfreundliche Oſtwind Au⸗ roren und mich aus dem Garten in den niedlichen, nahen Pavillon. Da ſaßen wir neben einander in der weichen Ottomanne; Dämmerung ſiel nur ſchwach durch die ge⸗ ſchloſſenen Gitter. Feſter wurden unſere Küſſe, enger un⸗ ſer Umſchlingen. Guido, ſteigen dieſe Traulichkeit, dieſes 407 nähere Vereinen, dieſe unendliche Wonne ſo fort, was wird dann aus Guſtav werden, dem jetzt ſchon oft die Sinne dahin ſind? Wie wird es, Aurora, fragte ich beim Scheiden, wenn dieſe Gebüſche entlaubt find, wenn Eisperlen an der Urne flimmern? Sie ſchmiegte ſich an mich und entgegnete mir mit ſchwimmendem Auge: Guſtav, frierſt Du an meinem Herzen? Nun, es wird ja auch Rath kommen, und die Sorge ſoll uns auch nicht um eine Sekunde beſtehlen! Den 10. September. Mit Rieſenſchritten ſcheint das Schickſal nachholen zu wollen, doppelt mir vergüten zu wollen, was es mir verſagte, was es mir entriß. Vergeſſen find jene Stun⸗ den der Trauer. Ich ſchwelge in der neuen, nie gekann⸗ ten Wonne. Neue Genüſſe warten meiner: näher noch, als ich ſchon trat, ſoll ich der Lieblingin kommen dürfen. Ich war zum Miniſter Gr... geladen. Oft hatte ich ſchon ſeine Einladung ausgeſchlagen, heute bat er mich ſelbſt durch ein freundſchaftliches Billet und ich ging. Ich glaubte jetzt mich nicht taugend mit meiner üppigen, vol⸗ len Phantaſie in ihre Aſſembleen, und ich Thor vergaß, daß Aurora in dieſen Kränzen die Roſe iſt. Beim Eintreten beſtürmte mich Alles mit ſchalen Höf⸗ lichkeiten und faden Schmeichelworten, ſo daß ich mich ſogleich wieder fortwünſchte, bis ich ſie ſah, ihr Auge mich willkommen hieß, und das Triumphgefühl ihres Beſitzes jede unangenehme Empfindung vernichtete. Der Miniſter führte mich dem Geheimerath von Adlitz vor, dem Vater meiner Geliebten. Freundlich empfing der 408 ſtolze Mann den Liebling des Miniſters; mit Wärme lud mich der ahnenſtolze Alte zu ſich ein, als er hörte, daß ich ein Abkömmling des alten Hauſes Unna ſey. Ich werde ſeine Worte benutzen, dann kann ich meine Au⸗ rora oft genug ſehen und ſprechen. Jede Minute ohne ſie wird mir ja zur Stunde, und wie der Gefangene dem Augenblicke die Arme entgegenſtreckt, wo ſeine Ket⸗ ten fallen, ſeine Kerkerthüren ſich öffnen, ſo ſchlägt mein Herz der Sekunde entgegen, wo ich zu ihr fliegen darf. Man tanzte nach der Tafel: mein wurde ſie zum deutſchen Wirbeltanze. Da hing mein Blick an ihrem dunkeln Auge, an den ſanft geſchwollenen Lippen, an denen ich ſchon oft mir Vergeſſen ſog, an der vollen, wogenden Mädchenbruſt, an der ich im glücklichen Wäh⸗ nen ruhte. Und als ſie mir zuliſpelte: wird hier keine Schönere meinen Guſtav mir nehmen? und ihr mein Händedruck die Antwort gab, Guido, ich hätte wie ein Sinnloſer gehandelt, hätte ſie mich nicht erinnert, daß wir nicht im Schatten der ſchweigenden Thränenweide ſtanden. 14. Derſelbe an Penſelben. .„ den 19. September. In allen Dingen iſt beſſer Hoffen als Verzweifeln! ſagt Göthe, und ich gebe ihm herzlich Recht. Ich hoffe zwar nichts mehr, aber ich verzweifle doch nicht. Und was hätte mich das Verzweifeln gekoſtet! Einen irdiſchen Himmel hätte ich nicht betreten, und mein letzter Hauch wäre eine Verwünſchung dieſes Sklavenlebens geweſen. Mit meiner Liebe wächst auch mein Glück täglich. 409 Wenn mein Herz mich drängt, darf ich zu ihr wandeln, mit ihr ſchwatzen und wenigſtens durch Blicke koſen. Ich machte ihres Bruders Bekanntſchaft, der zwar wild und leichtfinnig iſt, aber doch brav ſcheint, und ſeine Freund⸗ ſchaft gibt mir ſteten Vorwand, mein häufiges Kommen zu entſchuldigen. Ich lehre Auroren das Spiel der Gui⸗ tarre. Wir waren geſtern allein im Zimmer, als ich die erſte Lection begann. Ich ſchlug ihr das Band um den weißen Nacken und drückte ſanft meinen Mund in ihre Locken. Sie wandte das Geſicht zu mir und reichte mir ihre Lippen. Als ich ihr die zierlichen Finger auf die Saiten legte, verwirrten ſich unſere Hände, die Guitarre ſank in ihren Schvoß, und mein Arm ſchlang ſich um ihre Schulter. Aurora, ſagte ich da aufwallend, warum darf Deine Mutter, warum darf die Welt nicht wiſſen, wie nahe ich Deinem Herzen, Du dem meinen biſt? Sie drückte ihr Geſicht an meine Bruſt und antwor⸗ tete leiſe: Guſtav, genügt Dir nicht an dieſem Genuſſe? Ich zog ſie feſt an mich. Ja, ich bin ungenügſam! rief ich. Aber ich weiß nicht, was in meinem Innern ſo treibt. Iſt es Stolz auf Deine Liebe, verzeihliche, ge⸗ gründete Eitelkeit oder Sorge um Dich. Aurora, muß ich nicht wünſchen, durch die unzerbrechlichſte Feſſel Dein Sein an das meine geknüpft zu ſehen, damit nichts, keine ſterbliche Macht, kein Schickſal Dich mir nehmen könne? Gibt es ein feſteres Band, liſpelte ſie, als das der Liebe, das Band der Herzen und Seelen, das unſicht⸗ bare, ewige?— Auch uns ein ewiges! fiel ich ein, ihr feſt in das dunkle Auge ſchauend. Die Mutter trat ein und raſch lagen ihre Finger an den Saiten, und ich 410 nannte ſchnell ein Dutzend Noten, aus denen wohl nie ein Accord entſtanden wäre. Die Morgen ſind jetzt ſchon ſo kühl, daß wir unſer Zuſammenfinden auf die Abende verſetzt haben. Guido, die Sterne ſehen mein Entzücken; frage ſie, ich vermag Dir dieſe Scenen ſanfter Luſt nicht zu ſchildern. Oft lie⸗ gen wir ſtundenlang uns im Arm, ohne durch ein Wort, einen Laut die nächtliche Stille zu unterbrechen, aber unſere ſchlagenden Herzen, unſere zuckenden Finger, un⸗ ſere verſchmolzenen Lippen deuten das Gefühl des Her⸗ zens an. Wenn ich mir dieß hehre Weſen denke, ihr gegenüber ſtehe am Tage, dieß dunkle, gebietende Auge, die Majeſtät des ſchwebenden Ganges, ihrer ganzen Hal⸗ tung überblicke, ſo ſcheint es mir oft eine Unwahrheit, eine Täuſchung meiner Sinne, daß dieſes Weſen mein iſt, daß ſie in meinen Armen liegt, und menſchliche Em⸗ pfindungen von ihren Lippen ſeufzt, ihr den Buſen höher wallen macht. Ich bedaure meinen Lenardo, denn er kennt kein Erdenglück. Er ſchaut die Dornen, und ver⸗ gißt, daß nur in Dornen duftende Roſen blühen. 15. Derſelbe an Denſelben. B. den 25. September. Du wünſcheſt mir Glück, mein Guido, Glück dem Schwärmer. Du haſt Recht, ich verdiene den Namen, aber ich tauſche dieſe meine Schwärmereien um Nichts. War es nicht meine Schwärmerei, die mich meinen Jah⸗ ren voranfliegen ließ, die mich Wonnen genießen ließ⸗ 411 die dem Knaben die Wirklichkeit verſagte. Ihr ſahet in jedem Felſenausſprung nichts als ein alltägliches Werk des Zufalls; ich zauberte mir ein Hüttchen darauf, in dem ich lebte und träumte. Wenn wir Jünglinge auf unſern Streifereien mitten in der Wildniß, umkreist vom Dickicht, ein liebliches Thal fanden, ſo rieft ihr: Hier iſt gut ſeyn! Ich ſah ein Aſyl unglücklicher Liebe darin, malte mir die Genüſſe der Einſamkeit am Arme der Geretteten. Ihr ſahet in jedem Feuerwürmchen nur das liebliche kleine Licht in der Nacht; ich hielt ſeinen Schimmer und die Strahlen der Geſtirne und die Flam⸗ men der Sonnen zuſammen und kniete vor dem Schaf⸗ fenden. Jedes Laubgewölbe enthielt für mich Stoff zum trauten Denken, denn ich dachte die wonnigen Stunden, die es beſchattet haben möchte. Freilich machten dieſe Schwärmereien mir das Trübe ſchwarz und das Dunkle zur Nacht; aber wahrlich, Guido, dieſe trüben Phanta⸗ ſien waren mir ſo lieb, daß ich oft, wie an die Bruſt eines treuen Freundes, zu ihnen aus dem Kreiſe der Freude eilte. Wäre ich nicht Schwärmer geweſen, jetzt würde ich's. Aurora's Liebe würde mich dazu wandeln, ich würde das Irdiſche laſſen, mit ihr mich aufzuheben, über eine Welt voll des Herben, des Trüben mich aufzuſchwingen. Du ſollteſt ſie behorchen auf unſern Spaziergängen im Mondlicht durch den geräumigen Garten ihres Vaters, wie jeder Strauch, jede wandelnde Wolke ihre Phantaſie aufregt, ihrer Seele ſüße Beſchäftigung gibt. Gewöhn⸗ lich endigt ſich unſer Weg an der Urne, wo ich ſie um Liebe bat, die unſern erſten Taumel ſah; dann wirft ſie ſich an meine Bruſt, ruft mit glänzenden Augen: Guſtav⸗ hier! und ich lalle ihr nach: hier, Aurora! 3 5 3 3 15 3 ½ 3½ 3 ——————— —— — 412 Heute gab mir der Zufall einen ſüßen Genuß wieder. Aurora zeichnet ſehr artig; ihre Arbeiten zu beſehen, wandelte ich mit auf ihr niedliches Zimmerchen. Wie wurde mir ſo wohl in den vier Wänden, die Aurorens Geheimniſſe kennen, die ſie in ihren heimlichſten Stun⸗ den belauſchen dürfen. Die zierliche Toilette, der Spie⸗ gel, rein wie ihre Seele, der ſie, durch entſtellende Kunſt ungeputzt, aber ſo lieblich geſchmückt von der Mutter Natur, ſah, der Armſeſſel, deſſen Polſter ſie trugen, das kleine Schreibpult, wo ſie ihre Gedanken durch Schrift⸗ züge ſich verdeutlichte, Alles beſchäftigte Herz und Sinne. Und wenn ich auf die ſeidenen Vorhänge blickte, die das kleine Kabinet vom Zimmer ſcheiden, wenn ich mir dachte, was ſie verbargen, Guido, mein Blut tanzte durch die Adern und die Pulſe ſchlugen mir zitternd und voll. An den Wänden hingen Zeichnungen von ihrer Hand. Als ich ſie muſterte, traf ich auf eines Mannes Portrait, das über dem Schreibtiſch hing: ein jugendliches, doch ernſtes Geſicht, ohne etwas Intereſſantes. Ich weilte am Gemälde und eine ſonderbare Empfindung machte meinen Blick finſter und meine Wange heiß. Aurora ſchlich herbei, legte ihren vollen Arm um mich, ſtrich mir mit der wei⸗ chen Hand über die Stirne und ſagte ängſtlich: Guſtav, was haſt Du? Ich drückte raſch meine heiße Stirne an ihren Buſen und ſagte halblaut: Strafe den Thoren, der ſich dachte, wie oft Dein Auge vielleicht zu dieſem Gemälde ſich auf⸗ hebt, der es beneidete! Ein ferner Anverwandter, ſagte ſie, mit dem ich er⸗ zogen wurde, deſſen Bild nur der Zufall hieher führte. Bedarf's Deiner Erklärung, fiel ich warm ihr in die Rede. Dein Herz iſt mein, und ſolche Geheimniſſe, wie 4¹3 ich Thörichter eben wähnte, kann Aurora nicht für mich haben. Sie küßte mir Verzeihung. Ich ſchämte mich meiner Eiferſucht. Guido, ſie iſt keine Lina; ihr helles Auge kann nur Wahrheit ſprechen, und betrügt ihr Blick mich, ſo gibt es nur Lüge hienieden, ſo iſt die Wirklichkeit nur ein Wort, eine Luftbewegung. 16. Derſelbe an Penſelben. H„ den 29. September. Taumelnd fiel ich in Lenardo's Arm. Thränen roll⸗ ten mir über die lächelnde Wange, Worte fehlten mir. Ich drückte den Freund ſo feſt in meine Arme, daß er mich ſtaunend anſah und ausrief: Du raſeſt, Guſtav! Dann ſprang ich auf meinen treuen Rinaldo zu, zog ihn an's Herz, daß er aufſchrie; meines Garnbleichers Weibchen trat mir entgegen: auch ſie mußte ich an meine volle Bruſt preſſen, und als der Mann voll Verwunde⸗ rung herbeitrat, folgte auch er in der Reihe. Meinem Todfeind hätte ich vergebend ſtete Freundſchaft gelobt in dieſem Augenblick der ſeligſten Berauſchung. Daß ich meine Sinne noch habe, daß ich noch zu den⸗ ken vermag, das iſt's, was ich bewundere. Ich möchte mir den Stahl in das unbändig ſchlagende Herz jagen, denn einen wonnigern Moment des Sterbens kann es nicht geben. Aurora wurde mein Weib, Guido, mein Weib vor des Ewigen Auge. Gibt es einen Glücklichern als mich? Bald warf ich mich in den dunkelſten Seſſel des Zimmers; bald trieb es mich hinaus in die einſamſte Laube; bald floh ich von da dem Buchenſchatten zu. Dein matter Strahl, ſilberner Mond, ſah meine Seligkeit, erzähle mir, was Du ſaheſt, ich war ja trunken von Luſt! Später als ſonſt eilte ich zu des Geheimeraths Hauſe. Eltern und Bruder waren zu einem Feſte des Hofes gefahren, Aurora hatte Uebelbefinden vorgeſchützt und wartete meiner. Wir ſaßen in ihrem niedlichen Zimmer, ſcherzten, liebten. Die Stunden eilten zu ſchnell. Ich ging zur Haupt⸗ thüre hinaus und ein Viertelſtündchen ſpäter ließ mich Aurorens Mädchen durch den Garten wieder ein. Trau⸗ lich ruhten wir nebeneinander im elaſtiſchen Sopha; das warme Mädchen lag im feinen, leichten Nachtgewande mir im Arme, feſſellos umkränzten die ſchwarzen Locken Nacken und Wangen. Die ſchöne Zukunft entwand ſich vor meinem Blicke der Nacht. Ich ſchwärmte hinüber in eine neue Welt, zeichnete dem Mädchen meiner Liebe jeden Genuß, der unſer wartete, pflückte mit ihr die Blüthen vom Rande unſerer Bahn, ordnete ſie mit ihr zu Sträußen der Erinnerung, zu duftenden Kränzen des Nachgenuſſes. Stumm lag ſie an meiner Bruſt, aber das Wogen, das Steigen und Sinken ihres Buſens, der Tanz ihrer Locken auf ihm verſicherte mich ihres Mitgefühls. Es ſchlug Mitternacht. Schon ſcheiden? liſpelte Auro⸗ ra.— Aurora, wenn Du einſt nicht ſo zu fragen brauchſt, entgegnete ich mit glänzendem Blicke, wenn die Mitter⸗ nacht uns lieber iſt als die ſchönſte Tagesſtunde! Warum vin ich nicht im Bunde mit den Ueberirdiſchen, die Zeiten zu verrücken!— Sie beugte ihren Lockenkopf rückwärts 415 in die Polſter, ihr Auge feuchtete ſich, ihr Blick wurde ſchwimmend. Ich warf mich an ihr Herz. Ihr Päpchen, das ſchon lange auf ihrer Toilette umhergehüpft war, traf jetzt mit dem Flügel die Wachs⸗ kerze und warf ſie herab. Aufgeſchreckt hob ſich Aurora, aber meine Arme ließen ſie nicht. Das Licht war ver⸗ loſchen, nur ſchwach ſchimmerte Mondlicht durch die Spalten der verhüllenden Rideaus der Fenſter. Unſere Lippen hingen unzertrennlich aneinander. Jetzt riß ſie ſich auf und trat einige Schritte vor⸗ wärts in's Zimmer. Ich trat raſch ihr nach und um⸗ wand das bebende Mädchen mit ſtarkem Arme. Nahe hatte ſie dem Kabinete geſtanden, die raſche Umarmung und meine ungewiſſen Schritte hatten uns in die ſeidenen Vorhänge verſetzt. Mein Himmel, mein Ich, mein Alles! lallte meine bebende Lippe.— Die Vorhänge rauſchten hinter uns nieder. Guido, ich muß hinaus, unter den Sternenhimmel in die Buchennacht, zum Murmelbache, ſonſt erdrückt mich's.— Ma tu palpiti, cor mio! Derſelbe an Denſelben. H.„ den 3. October. Lache, Guido, lache, hell und höhniſch. Um mich lacht Alles, den Thoren, den Träumer verſpottend; die Geiſter der Verdammten lachen dem Gefährten entgegen! Ich lache mit! Hörſt Du's, Guido, wie herzlich ich mitlache? Siehſt Du die ſteigende Fluth, ſiehſt Du 416 die ſchäumenden Wellen! Höher und höher! Der einſame Felſen bebt; Guſtav bebt nicht auf ihm! Heran, Fluth⸗ ſchneller ſteigend hinan zum Gipfel! Still, ihr Wogen, was murmelt ihr immer: Aurora!— Aurora? Wer heißt ſo?— Untergang und Vernichtung auf ewig! Kalt durchdachter Plan war alſo dieß ganze Gewebe der Liebe? Ich ihr Spiel, einer— Buhlerin Spiel? Ich muß wieder lachen, Guido, lachen, bis der Athem mir fehlt. Athem? warum athme ich noch? dieſe Luft iſt ja Gifthauch, denn ſie athmet ſie mit mir. O Guido, Guido, auch von ihr betrogen, von dieſem hellen Auge belogen? Ich möchte Knabenthränen weinen, ver⸗ einen die letzte ſterbende Kraft der gebrochenen Jugend. Ich war ſo ſelig; warum weckte man mich ſo ſchnell vom ſchönen Traume? Lenardo fragt mich ſorgend: Was geſchehen ſey? Nein, Niemand ſoll es wiſſen, Niemand. Es glaubt mir doch Keiner, wenn ich es erzähle. Wenn ſie mir entgegenwandelte, mich anſähe mit dem Blicke der mil⸗ den Täuſchung, beim Himmel, Guido, ich ſchimpfte die Wahrheit Lüge! Gute Nacht, Guido! Wenn die lange Nacht hinab⸗ ſank, ſollte dann wohl ein Frühroth glänzen? 18. Aurora von Adlitz an Adolphine von Wrllenau. H.„ den 4. October. Was habe ich angerichtet, von Leidenſchaft und Leicht⸗ ſinn verleitet! Freundin, rathe der Rathloſen, laß mich nicht büßen, daß ich einſt Deiner Klugheit Warnung leichtfertig verwarf. Ich war ſo glücklich, hatte ja ihn. Adolphine, Deine Geſpielin vergaß Alles in des geliebten Mannes Armen. Und nun?— Verloren auf immer! ſo ſagte er, ver⸗ loren für mich auf immer! Alles zu tragen fühle ich mich ſtark genug, nur das nicht. Rathe mir, ich will Dir erzählen! Geſtern Mittag überraſchte uns der Graf Lieben, von ſeiner Reiſe rückkehrend. Denke Dir mein Erſchrecken. Nagende Unruhe trieb ihr Spiel mit mir; ach! ich ahnte das Kommende. Tauſend Male verwünſchte ich meinen Leichtfinn. Warum hatte ich dem Lieblinge nicht längſt meine Geheimniſſe entdeckt, warum die Aufklärung ſtets verſchoben, da doch mehrere Male die beſte Ge⸗ legenheit winkte!— Der Graf fand mich natürlich kalt und übellaunig, beſtürmte mich trotz dem aber mit ſeinen Liebkoſungen. Nachmittags tritt plötzlich Guſtav und mein Bruder, der des Grafen Ankunft noch nicht wußte, da er bei ſeiner Baronin Lora dinirt hatte, in das Geſellſchafts⸗ zimmer. Freundlich und hell fiel, wie gewöhnlich, Guſtavs erſter Blick auf mich, wandelte ſich aber bald zu einem Blicke ſorgender Liebe, da er die Zerſtörung meines Innern mir im Auge leſen mochte. Jetzt führt mein Vater ihm den Grafen Lieben zu und nennt ihn den Verlobten ſeiner Aurora. Mir war, als müßte ich nie⸗ derſinken. Er wurde blaß wie die Decke des Saales, dann glühte ſein Blick auf, fiel feſt auf mich und eine wilde Röthe flog ſeine Wangen hinan. Er machte ſtumm dem Grafen ſeine Verbeugung und ſetzte ſich. Mein Bruder, der unſern Zuſtand fühlen mochte, wechſelte die Blumenhagen. XIV. 27 ——„————————— 418 Gegenſtände der Unterhaltung faſt jede Minute, und nach einigen Augenblicken fiel Guſtav raſch in ſeinen leichten, fröhlichen Ton und zeigte eine Ausgelaſſenheit, die ich nie an ihm bemerkte. Adolphine, mich ſchauderte! Der fürchterlichſte Abend meines Lebens ſchlich hin. Meine Eltern und Graf Lieben ſetzten ſich zum Spiele, Guſtav und mein Bruder jagten ſich mit witzigen Einfällen, da ſchlich ich auf mein einſames Zimmer, fiel in den Sopha und weinte lange. Thränen? fragte da plötzlich Guſtavs Stimme mit einem ſpottenden, wilden Accente. Auch ſogar Thränen? Dem Weibe ſteht ja Alles zu Gebote, wenn es betrügen will! Guſtav! ſagte ich flehend und wollte aufſtehen. Raſch trat er einen Schritt zurück, und ich ſank wieder in die Polſter. Ich bin verloren! fuhr er dann mit einem Male heftig auf, auf ewig verloren! Aurora, Du brachteſt mich dahin! Vergiß das recht bald! Er war fort, und ich wankte ihm nach bis zur Thüre, da wurde ich ſchwach und ſank in den nächſten Seſſel. Als die Tafel gedeckt war, fragte mein Vater nach Unna; ein Diener wollte ihn im Garten geſehen haben. Mein Bruder entſchuldigte ihn durch plötzliches Uebel⸗ befinden. Er fand Guſtav knieend an der Urne hinten im Garten unter der Thränenweide. Ohne Worte hatte er ſich ihm an die Bruſt geworfen, mit ſtarrem Blicke auf die Urne gedeutet, und war dann durch die Hinter⸗ thüre in die Wieſen geeilt. Freundin, was ſoll ich thun, was beginnen? Ich empfinde nichts als das tiefſte Gefühl des Elends. —— 4¹9 Warum war ich ſo unverzeihlich leichtſinnig! Adolphine, Deine Aurora wird es nicht überleben! 49. Lenardo an Guido Waller. S.„ den 6. October. Nimm Deine ganze Kraft zuſammen, ehe Du dieſe Zeilen lieſeſt. Es iſt geſchehen; das, was ich ſtets mit leiſem Ahnen fürchtete, iſt da: das tyranniſche Schickſal triumphirt. Du biſt ein Mann, Guido, darum erhältſt Du dieſe Zeilen ſo früh, ohne Vorbereitung. Wahr⸗ ſcheinlich ſind dieß die letzten Worte, die Du von mir hörſt: ſchon ſind meine Sachen gepackt, in einigen Stun⸗ den eile ich nach einem andern Welttheile. Ohne daß ich Dir es zu ſagen nöthig hätte, wirſt Du jetzt ſchon errathen, was geſchah. Ja, er iſt hin! Ich war ſeit langer Zeit vorbereitet und gefaßt auf ſo Etwas, aber jetzt, in einem Zeitpunkte, wo ich an nichts weniger dachte, nichts ferner hoffte, hat es mich doch überraſcht, mich mehr erſchüttert, als ich fürchtete. Ich bin nun frei, nichts bindet mich mehr an dieſe Welt, er war meine letzte, einzige Bande. Mit einem Auge voll Hohn, mit ſpottendem Lächeln werde ich nun die Welt durchſtreifen, bis auch mein Ziel nahet. Glücklich ſchien Guſtav, in ſolcher Stimmung, wie ich ihn noch nie ſah. Seine Phantaſie beſchäftigte ſich nur mit lieblichen Bildern, und jener trübe Anſtrich, den er ſonſt auch jedem frohen Gefühle gab, war ganz — —— ———————— 420 verſchwunden. Ich freute mich herzlich ſeiner Beſſerung, vermuthete den fürchterlichen Rückfall nicht. Vor einigen Tagen trat er Abends ſpäter als ſonſt in mein Zimmer. Sein Geſicht war blaß und verſtört, und in ſeinem Blicke lag eine furchtbare Ruhe. Mit erzwungener Freundlichkeit bot er mir den Gruß und ſetzte ſich zu mir. Ich betrachtete ihn lange. Mit Dir iſt etwas Beſonderes vorgegangen! ſagte ich dann ernſt.— Etwas ſehr Gewöhnliches! antwortete er lachend.— Ich zitterte bei dieſem Lachen und bat ihn, mir mitzutheilen, was ihm begegnet ſey. Aber hartnäckig ſchüttelte er den Kopf und die innigſte Beredtſamkeit der Freundſchaft vermochte ſein eigenſinniges Schweigen nicht zu beſiegen. Ich gab endlich nach, und überließ es der Zeit, das Eis ſeiner Bruſt zu ſchmelzen. Mehrere Tage gingen hin. Sein Reitknecht klagte mir die Wildheit ſeines Herrn, der ſeine Lieblingspferde jetzt zuſammenreite, als wollte er verſuchen, wie ſchnell ein Pferd zu Grunde zu richten ſey, der keine Bergſtraße, keinen Gebirgsweg ſcheue, und den treuen Heinrich tauſend Male für ſeines Herrn Leben zittern machte. Ich ließ das Alles gut ſeyn, denn ich kenne Guſtav. Leidenſchaftliche Jünglingsſeelen müſſen austoben, das iſt ihre beſte Arznei. Er hatte auch geſtern ſchon wieder einige ruhigere Stunden. Als er von einem ſolchen Mordritt zu Hauſe ankam, ſah ich ihn mitleidig den bebenden, naſſen Gaul betrachten, dann legte er ſeine Hand an die Stirne und ſchüttelte den Kopf. Nachher fand ich ihn am Bache unter einer alten Eſche liegen, und mich däuchte, er hatte naſſe Augen. Alles das machte mich ruhiger, und ich hoffte ſchon auf den Augenblick einer herzlichen Auf⸗ klärung. Wir ſaßen bis nach Mitternacht zuſammen, —————— 424 und liefen mit einander das verlebte Leben durch. Ruhig ſprach er mit mir von den Freuden unſeres Lebens zu H. l; nur, wenn ich leiſe die letzten Monate berührte, ſo brach er ſchnell ab, rief ſeinem Rinaldo, oder fragte raſch nach etwas Anderem. Fernes dumpfes Glockengeläute und Trommelſchlag machte uns aufmerkſam, als Heinrich hereinſtürzte, und ſein Aufruf: Feuer in der Stadt! uns aufſchreckte. Ohne zu reden, drückte Guſtav den Hut in's Geſicht und eilte der Stadt zu, ſo ſchnell, daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen. Wo iſt die Noth? hörte ich ihn die Schildwache am Stadtthore fragen. In der Hannosaue, antwortete der alte Grenadier, und wie im Krampfe faßte Guſtav meine Hand und riß mich ungeſtüm vorwärts. Wir kamen zum Platze und— ſeiner Aurora Woh⸗ nung ſtand in Flammen. Wie ein Sturmwind rauſchte er durch die gedrängte Volksmenge, aber gerade dem Hauſe gegenüber ſtarrte er plötzlich mit ſeltſamem Blicke in die Flammen, die aus dem Dache und den Fenſtern des Seitenflügels ſchlugen, und feſt drückte er ſich an mich, als ſuchte er mich zur Stütze. Der junge Adlitz wollte an uns vorübereilen, da erwachte er plötzlich, ergriff ſeinen Arm und fragte ſchnell: Wo iſt Ihre Schweſter? — Meine Schweſter? fragte erſchreckend der junge be⸗ täubte Mann. Gott! ich ſah ſie nicht! Indem tönte ein Hülfsgeſchrei aus den Fenſtern des oberſten Stockwerks des brennenden Flügels. Aurorens Stimme! ſtieß Guſtav hervor; ſchnell war er fort von meinem Arme und ich ſah ihn in die Pforte ſtürzen. Ich war wie erſtarrt, und eine tiefe Stille herrſchte mit einem Male in dem lär⸗ menden Haufen, der es ſah. Fünf, zehn Minuten dauerte ————— — —— ———— ———— ———————— — 422 das, da raffte ich mich, meine Befinnung wieder bekom⸗ mend, auf, ihm nachzueilen, als praſſelnd das Dach ein⸗ ſtürzte und mit ihm ein Theil des obern Hauſes. Meine Sinne waren fort, ich ſprang in die Pforte, an die Stiegen, aber bald hielten herabgeſtürzte Balken mich auf. Ich eilte zurück und ſtieg auf einer Feuerleiter zum erſten Stockwerk hinan. Der junge Adlitz und noch ei⸗ nige Kühne folgten mir. Das einſtürzende Dach hatte die Flammen faſt ganz gedämpft, und wir drangen glücklich durch die Dampfnebel bis an Aurorens Zimmer. Am Eingange lag die Gräfin ohnmächtig, der hintere Theil des Zimmers war durch die herabgefallene Decke ver⸗ ſchüttet, und zerſchmettert fanden wir unſern Guſtav unter den glimmenden Balken. Ich faßte ihn in meine Arme und trug ihn herab. Die Verzweiflung gibt über⸗ irdiſche Kräfte, ſonſt hätte mich ja meine unglückliche Laſt niederdrücken müſſen. Vergebens war jede Hoff⸗ nung: er war zwar noch warm, aber ohne Leben; Bruſt und Kopf zerſchmettert. Mein Schmerz hat keine Worte, keine Thränen. Meh⸗ rere Male ſchon ging ich in das Zimmer, wo die liebe Leiche liegt, hob das Tuch von ſeinem entſtellten Geſichte und fragte mich leiſe: Iſt das mein Guſtav? Das Ganze dünkt mir ſo unglaublich. Der alte Geheimerath, der vielleicht bis jetzt nur Thränen als Worte kannte, weinte lange an des Todten Lager. Ich ſah ſeine Thrä⸗ nen fließen, aber mein Auge blieb in düſterer Ruhe un⸗ genäßt. Er will ſein Begräbniß beſorgen; ich könnte meinen Guſtav auch nicht einſcharren ſehen. Leb' wohl, ich will meinen Gaul ſatteln laſſen. Auch Guſtavs Nach⸗ laß beſorgt der Geheimerath. Seinen treuen Heinrich, der ſich wie ein Tollhäusler benimmt, behalt' in Deinem Dienſte, er verdient es. Ich nehme nichts von Guſtavs Habſeligkeiten mit mir als den Degen, mit dem er den Grafen Wart traf, der ihn ſeinem Schickſale entgegen⸗ führte. 20. Aurora von Adlit; an Adolphine von Wellenau. H.„ den 10. October. Noch lebe ich, aber mein Herz iſt gebrochen. Ueber⸗ leben, nein, ich werde das nicht. Und wenn es wäre, wenn mein ſtarkes, jugendliches Herz auch das ertrüge, es würde die fürchterlichſte Strafe ſeyn. Ich erbebe, in⸗ dem ich ſie mir denke. Er iſt todt: durch mich, für mich geſtorben. Eben kam ich von ſeinem Grabhügel, zu dem ich im Dunkel mit meiner treuen Johanna mich hinſtahl. Wie die Erde ſo kalt war, die ſein warmes Herz umſchließt! Es iſt noch ein Plätzchen zwiſchen ſeinem Grabe und dem Got⸗ teshauſe, da ſoll man bald mich eingraben. Mit ihm in Einer Gruft! RNein, ich verdiene die Wonne nicht! Aber nach Jahrhunderten, wenn ein Erdbeben die Erde umſtaltet, wird ſich doch mein Staub zuerſt mit dem Seinen miſchen. Das war eine Nacht voll Schrecken. In Jahrtauſen⸗ den kann eine ſolche Nacht nicht wiederkehren! Ich will Dir erzählen, denn es wird mir eine Strafe ſeyn, und ich wünſchte tauſend Freundinnen, wie Du biſt, zu haben, um mich tauſendfach ſtrafen zu können. Seit Guſtav ſich von mir losriß, hatte ich keine Ruhe am Tage, keinen Schlummer in der Nacht. Jetzt gibt es — 3 — ——————— — 424 keinen Wechſel der Zeit für mich mehr: eine ſtete Nacht hüllt mich ein. Ach! damals hoffte ich ja noch, hoffte Wiederkehr jener glücklichen Stunden. Meine Hoffnung verſchlang das Grab; warum mich nicht zugleich?— In jener ſchrecklichen Nacht war ich ermattet gegen die Mitternacht hin eingeſchlummert. Ein verworrener Lärm weckte mich allmälig. Sollte es ſchon Tag ſeyn? dachte ich, da mir mein Zimmer erhellt ſchien. Ich ſtehe vom Bette auf, ſchlage die Vorhänge des Kabinets zurück und— denk' Dir mein Entſetzen!— Flammen wirbeln an den Fenſtern hin. Faſt ohnmächtig ſtürze ich zur Thüre, öffne ſie, ein erſtickender Dampf ſchlägt mir ent⸗ gegen. Zurück wanke ich zum Fenſter, ſchlage es auf, rufe um Hülfe, und ſinke ohne Kraft in den nächſten Seſſel. Raſch fliegt die Thüre auf, und in Rauch ge⸗ hüllt, verſengt ſein Haar, ſeine Kleider, ſtürzt Guſtav herein. Guſtav, ſchrie ich auf, als er mich umfaßte und forttrug, Guſtav, Du mein Retter! Auf einmal ſetzte er mich nieder, hielt aber feſt meine Hand. Du haſt Recht, daß Du mich erinnerſt, ſagte er dann mit einem furcht⸗ erregenden Tone, wem rette ich Dich denn? Die Be⸗ trügerin der Betrogene einem Glücklichern!„ Ich ſank vor ihm hin auf die Kniee. Dir rette mich, flehte ich. Dir Deine Aurora, Deine wi Dir ewig treue Geliebte! Sein Blick ſtarrte mich an; er hörte meine Worte nicht. Dann nahm er mich plötzlich wild in ſeine Arme und riß mich zum Kabinete. Hier, ſagte ex mit erſtickter Stimme, hier wollen wir ſterben! Beſitze ich Dich nicht, ſo ſoll auch kein Anderer Dich ſein nennen! Hier, wo Du eines Himmels Seligkeit zu Hülfe riefſt, mich zu betrügen, hier will ich ſterben! 425 Ich hing halbtodt in ſeinen Armen. Die Decke krachte laut. Sein Blick hob ſich raſch auf und ſeine Arme ließen mich. Ich floh der Thüre zu. Noch ein fürchterliches Kra⸗ chen geſchah, ich wandte mechaniſch den Blick, ſah ihn unter den ſtürzenden Balken hinfinken und meine Augen ſchloßen ſich. In meines Bruders Armen erwachte ich. Warum mußte ich erwachen, warum trieb mich mein Inſtinkt von des Geliebten Buſen? Warum theilte ich nicht ſein Loos? In ſeinen Armen wäre ich geſtorben, an ſeinen Lippen. Jetzt kann ich nur auf ſeinem Hügel meine Leiden ausathmen. Bald, recht bald wird das kommen! Ich fühle den Tod ſchon in dem matten Schlage des Herzens. Leb' wohl! Beweine Deine leichtſinnige Ge⸗ ſpielin! vn. Die Reiſe auf die Feſtung. Tyrannen Macht kann nur die Hände feſſeln! Schiller. Oft umflort ſich unſere Erdenſonne, Glänzet goldner, wenn der Flor verwallt; Reinern Einklang klinget unſ're Wonne, Wenn die Diſſonanz des Grams verhallt! Koſegarten. Die Macht. Gute Nacht, Goldo! ſprach der Vater in ſeinem Sor⸗ genſtuhle, in dem er in patriarchaliſcher Ruhe ſaß, als ich zum Hute griff. Nimm Dich in Acht, Roſine, und weile nicht zu lange, denn die Nacht iſt kalt! ſetzte er hinzu, als er ſah, wie ſein blondes Töchterchen meine Hand ergriff, mich zu geleiten.— Nicht doch, Väterchen, liſpelte ſie, und die Thüre fiel hinter uns zu. Daß der Vater doch immer vergißt, daß ich erſt acht⸗ zehn Jahre alt bin, begann ſie wieder, als wir auf den geräumigen Hof traten, und daß ich meinen Goldo ſo lieb habe! Wie könnte er ſonſt von Kälte reden, wenn ich mit Dir gehe. Erfahrung hat den Vater gelehrt, entgegnete ich, daß gerade das glühendſte Metall am leichteſten in der Kälte zerſpringt. Ich drückte dabei meinen Mund auf ihre Wangen, und die glüheten wahrlich wie der Felſen, den lange die Sonne beſchien. Ich rieth ihr ſelbſt, ſo viel Ueberwindung es mich koſtete, nicht zu lange zu weilen. Kann Goldo das rathen! ſprach ſie herzlich und lehnte ihr Köpfchen an meine Schulter, zog dann feſter das ſeidene Tuch zuſammen, durch welches der Nachtwind, der kecke, mir eben die ſchönſte Einſicht, vom Mond⸗ ſcheine verdentlicht, geöffnet hatte. Und wer weiß über⸗ dem, ſetzte ſie hinzu und hob das feuchte Auge auf zu 430 mir, wie lange mir noch vergönnt iſt, an der Pforte Dir den Abſchied jeden Abend zu küſſen. Des Vaters Beſorgniß macht mich oft ſo bang, aber Dein ruhiges, offenes Auge gibt mir Troſt und Hoffnung wieder! Sina! antwortete ich, ihre Hand an mein Herz zie⸗ hend, komme was da wolle, unſere Liebe iſt nicht irdiſch, und ihr vermag daher auch Niemand Feſſeln anzulegen. Mauern ſchließen ſie nicht ein, und wenn die Mächtigen auch unſere Körper trennen, wir bleiben ewig neben einander! Sie drückte meine Hand, und wir traten durch die weiße Gitterthüre in den erhellten Garten. Auf den Sitz unter dem alten Apfelbaum ließ ſich das blonde Mädchen nieder, und ſanſt zog ſie mich neben ſich hin. Wie der Mond ſo lieblich herunter blickt! ſagte ſie leiſe, ſich an mich ſchmiegend; ſeit der Vater oft ſo ſelt⸗ ſam den Kopf ſchüttelt, ſcheint ſein Schimmer mir bläſſer und umwölkter. Lächle nicht, Goldo, ich glaube an Ahnungen! Eben ſo, fiel ich ihr ein, ihre Gedanken abzulenken, war jene Nacht, wo meine Sina zuerſt die jungfräuliche Blödigkeit, durch den Zufall gezwungen, beſiegte: die Nacht des erſten Kuſſes. So entlaubt waren die Gänge des Gartens, dieſelben ſchwachen Schatten warfen die Bäume im Mondlichte und eben ſo ſtrich der Nachtwind durch das blätterloſe Gebüſch. Wohl denk' ich noch der ſüßen Schreckensnacht, fuhr Sina fort. Schießen in der Ferne hatte uns ſchon den ganzen Abend beunruhigt. Mitten in der Nacht weckte die Schlafenden das Angſtgeſchrei: der Feind kommt! Verwirrt, ohne Gedanken, ſprang ich, nur leicht be⸗ kleidet, in den Garten, und glaubte ſchon die wilden Huſaren mir auf den Ferſen. Da trateſt Du mir ent⸗ gegen, hier war's an der Johannisbeerhecke, und fingeſt mich auf. Fürchten Sie nichts! ſagteſt Du mit Deiner feſten männlichen Stimme, ich bleibe bei Ihnen, Ihr Schützer! Und Du warfſt Dich in meinen Arm, ſo nahm ich ihr die Rede vom Munde, mit einem warmen Kuſſe zu⸗ gleich; mein Goldo! nannteſt Du mich, Deine Lippen hingen ſich warm an die meinigen. Und nachher, als wir hörten, nur falſches Gerücht habe uns geſchreckt, der Feind ſey zurück von unſern Grenzen getrieben, da konnte das erröthende Mädchen doch nicht zurücknehmen, was ſie vergeben hatte! Und wollte auch nicht! ſprach Sina leiſe und drückte ihr Geſicht in meinen Buſenſtreif, daß ihr warmes Näs⸗ chen mein klopfendes Herz berührte. Kälter wurde der Nachtwind, und ihre blonden Locken ſchlangen ſich um mein Geſicht, als ich ſie, ſie unter's Kinn faſſend, zu mir aufhob. Es iſt ja nicht der letzte Abend! ſagte ich, ſie tröſtend, da ſie mich nicht laſſen wollte. Wer verſpricht mir das? fragte ſie, und ſie ahnte recht. Als ich an der Pforte von ihrem Buſen ſchied und die Gitter hinter mir zuzog, damit ſie ſich nicht noch im Zugwinde in die Pforte ſtellen könnte, mir nachzuſehen, da wurde mir doch ſelbſt zu Muthe wie Einem, der in's Schiff ſteigt und ſeinen trauernden Freunden zuruft: bald kehr' ich! aber dabei des Meeres, ſeiner Tiefe, ſeiner Klippen, ſeiner Stürme gedenkt. ————— Die Sprache der Grüber. Ja, ſprach ich zu mir ſelbſt, indem ich unter den Sternen hinwandelte, beugen wird mich das Schickſal können, aber brechen ſoll es mich nicht! Um meiner Menſchlichkeit willen möchte ich nicht kalt bleiben, wenn die harte, kalte Hand des Verhängniſſes meine warme Hand umſchlingt, ſie zu binden; aber dieſer helle, nächt⸗ liche Himmel war ja auch geſtern mit düſtern Wolken behangen, und heute blicken doch die Sterne wieder eben ſo glänzend als ſonſt. Mit der mildeſten Ruhe in der Bruſt ging ich weiter. Mein Weg führte mich über den friedlichen Kirchhof hin. Ich verweilte an den bewachſenen Grabhügeln. Auch Manche der Meinen wurden hier Staub. An dem noch unbegrasten Hügel eines mir jüngſt genommenen Freun⸗ des ſetzte ich mich nieder. Und wenn nun auch des Schickſals Hand Dich bräche, Goldo, faßte ich meinen vorigen Gedankengang wieder auf, hier iſt ja Heilung für gebrochene Herzen! Hier wird die Klage zum Schweigen des Nichtgefühls, und zwei Schritte Erde tröſten beſſer und wirkſamer als ein großes Heer mitleidiger Freunde, als die gründlichſte Schlußreihe der vernünſtigſten Vernunft. Ihr Mächtigen, die ihr, der niedern Abkunft ver⸗ geſſend, die ſchlechte, ſo leicht zu erkennende Kopie der Allmacht aus euch machen wollt, aber vergeßt, daß euer ſtrahlendes Vorbild auch im Strafen die himmliſche Liebe zeigt; ihr Mächtigen ſolltet aus Scham euer ſtolzes Antlitz verhüllen, wenn euer Blick auf eines der kleinen ſchwar⸗ zen Kreuze fällt, die hier mich umgeben, und an denen eure Ohnmacht zerſtiebt und ſchleierlos daſteht. 433 Ich beugte mich und zog aus dem Sandhaufen, der das jugendliche Herz meines Freundes verbarg, eine ver⸗ welkte Ringelblume. Todtenblume nennt man ſie auch, als ob der Name Ringelblume ſie nicht eben ſo gut, ja beſſer zum Schmuck des Grabes weihte. Das Leben iſt ja ein Ring; aus dem todten Staube wird Leben und aus dem Leben Staub. Und der große, unſichtbare Ring, der eng den ſicht⸗ baren umſchlingt, wie zwei brünſtige Schlangen ſich durch⸗ winden, wäre doch wohl eher werth, durch ein blühen⸗ des Symbol dargeſtellt zu werden, als das Schreckbild des Irdiſchen: der Tod. Lange betrachtete ich die blaßgelbe Blume. Du ſollſt mich begleiten, ſagte ich leiſe, mir Tröſtung und Stärke geben; wenn Unmuth mir den Blick trübt, ſollſt du ihn wieder vom Männerſtolz glänzen machen! Der Wind klirrte in den Fenſtern der alten Kirche und fing ſich in ihren Vorſprüngen und Winkeln. Alles iſt Uebergang! ſchien es mir dumpf aus den Gräbern zu rufen; mir wurde ſo ſchaurig, ſonderbar um's Herz. Ich barg meine Ringelblume zwiſchen Weſte und Hemd und ging weiter. Yie welken Blumen. Sina ſaß, als ich am folgenden Morgen heiter zu ihr in's Zimmer trat, vor ihrem Nähtiſchchen, und auf demſelben lag ein Kranz von welken Blumen; langſam rannen einzelne Thränen ihr über die bleichere Wange, fielen auf die erſtorbenen Blüthen, als wollten ſie neues Leben in ihnen wecken. Blumenhagen. XIV. 28 —————— — —— 434 Sina, warum in Thränen? fragte ich ſanft, ſie von hinten umfaſſend und die jüngſte Zähre von der langen Wimper küſſend. Sparſam muß der Sterbliche ſeyn mit ſeinen Thränen, denn es gibt der Dinge ſo viele im Leben, wo das Weinen ein Müſſen iſt. Warum weint Sina? Kenneſt Du dieſen Kranz? fragte das Mädchen leiſe und trocknete ihre Augen an meinem Aermel. Beinahe! erwiederte ich. Ich band ihn, glaube ich. An meinem letzten Geburtsfeſte! fiel ſie ein. Wenn es nun wiederkehrt, wirſt Du keinen mehr binden?— Sie ſchluchzte laut. Und warum Dir keinen mehr binden? fragte ich, ſie an mein Herz legend, indem ich ahnte, was ſich ereignet hatte. Gibt es nicht auch fern von Dir Blumen, wird auch der entfernte Freund nicht Deines Namenstages ge⸗ denken und für Dich ein Unterpfand ſeiner Treue, blü⸗ hend und friſch, natürlich und kunſtlos wie ſeine Liebe, flechten? Dort werden Dir keine Blumen blühen! liſpelte ſie betrübt. Und warum nicht? fragte ich. Daß ich ſie ſuchen muß, wird mir die einſam gefundene nur theurer, Dir bedeu⸗ tender machen. Und kommt auch ſtatt des duftenden Kran⸗ zes nur die gelbe Blume des Leontodons, die auf der Mauer wurzelte, oder nur ein beſcheidenes, blaſſes Veil⸗ chen, das im Schatten der Baſtion anſpruchslos keimte, ſo ſprichſt Du: Als er die erſte Blume fand, da dachte er der großen Wieſe, wo wir oft zuſammen tauſende dieſer Blumen laſen, und dann kindiſch Ketten davon flochten oder Orakel von ihnen verlangten! Und als er freudig das Veilchen erblickte, da verglich er ſeine beſcheidene, 435 verborgen blühende und doch ſo liebliche Sina mit dem einſamen Frühlingskinde. Durch Thränen lächelnd hob Sina das Auge, und ich küßte ihre warmen Lippen. Gerade dieſe welken Blumen, fuhr ich fort, die Dir Schmerzesthränen entlocken, ſollten Dir Troſt ſeyn. So ſind die irdiſchen Freuden. Schnell welken ſie hin, aber ihre Erinnerung bleibt, verdoppelt ſie uns, wenn auch im ſchwächeren Lichte. Sie nahm das Tuch und trocknete die Wange, hei⸗ terer ging ſie dann mit zu ihrem Vater. Ernſt ſaß der alte Juſtizamtmann in ſeinem Sorgen⸗ ſtuhle, und vor ihm auf dem Tiſche lag ein fürſtlicher Befehl, von mächtigem Umfange, und neben dem ſtolzen Siegel ſtand des Alten Tabaksdoſe, auf die ein Sokrates mit Todtenkopf und Giftbecher gemalt war, als hätte er das edle Wappen und dieß Wappen der Sterblichkeit verglichen. Das iſt, was meine Thränen lockte, flüſterte Sina, das große Reſcript und des Vaters Ernſt. Ruhig drückte ich ihre Hand. Der Vater hieß mich willkommen und reichte mir ſchweigend das fürſtliche Schreiben. Ich las es und legte es lächelnd wieder auf den Tiſch. Sie ſind ein Mann, ſagte der Alte aufſte⸗ hend und meine Hand drückend. Ich weiß, Sie könnten das Alles durch wenig Worte hindern; aber Sie ſind auch ein edler Mann. Gott ſegne Sie! Er ging und ließ mich mit Sina allein. Du könnteſt Dich retten? ſagte Sina ſchmeichelnd. Ich könnte das durch wenige Worte, antwortete ich. Müßte ich nur den Stolz überwinden, müßte ich nur mich dadurch erniedrigen, glaube nur, ich würde ſchwan⸗ ——— — 436 ken, denn das mächtige Blatt ſtraft mich ja mit monden⸗ langer Trennung von meiner Sina. Mondenlang! rief ſie bebend. Ach, das ſind ſo viele Tage, ſo viele Stunden!. Sina, fiel ich raſch ein, ein Verräther der Freund⸗ ſchaft, und wenn auch nicht der Freundſchaft, doch ein Verräther, verdiente nie an dieſem reinen Buſen zu ſchlummern! Sey ſtandhaft, wenn ich heute Nachmit⸗ tag ſcheide! Schon? fuhr ſie auf. O, mein geſtriges Ahnen! Gedenke Deiner welkenden Blumen! tröſtete ich die Jammernde. Werd' ich es tragen? fragte ſie weinend. Allenthal⸗ ben werd' ich Dich vermiſſen, allenthalben Dich ſuchen, nirgend Dich finden! Sina, ſprach ich zärtlich, jeden Morgen ſteigſt Du auf den Lindenhügel, von dem man die Spitze des Für⸗ ſtenſteins ſehen kann; ich trete dann an mein Fenſter oben auf der Burg und ſchaue her zu Dir. Läßt uns auch die Ferne nicht zu, die Geliebten zu erkennen, ſo trägt doch der Morgenwind den Gruß der Liebe herüber. Sie wurde ruhiger, und als ich in ihrem Zimmer den Wagen vorfahren hörte und ſie ſchluchzend in meine Arme fiel, da drückte ich ihr den welken Kranz in die blonden Locken und ſagte: Erinnerung und Hoffnung trö⸗ ſtet uns! Jene iſt welker Staub, dieſe keimt aus ihm. Der Gaſt. Willkommen, tauſendmal willkommen! rief mir eine kreiſchende Stimme am innerſten Thore der Bergfeſtung 437 entgegen. Ich erkannte in dem Schreier den Aufſeher der Burg und grüßte ihn etwas unfreundlich, denn hier an dieſem Eingange ſo zu empfangen, ſchien mir ent⸗ weder Hohn oder Gefühlloſigkeit zu verkünden. Trotz dem ließ ſich der alte, ſteife, ausgediente Wacht⸗ meiſter nicht irren. Alles in beſter Ordnung zu Dero Befehl! fuhr er fort. Die Ausſicht iſt weit berühmt, die Luft friſch und geſund, auch haben wir etwas War⸗ mes zugerichtet, denn die Abende ſind kalt und die hol⸗ perigen Wege machen hungrig! Ich dankte ihm und wandte mich zu dem Schulzen, der mich bis hieher geleitet hatte. Grüße Alle! ſagte ich, die kräftige Bruſt doch auch vom linden Schmerze umengt fühlend, und ſage der Mamſell, ſie ſolle den Kranz nicht vergeſſen! Schon gut, ſagte der ehrliche Alte, drückte mir die Hand herzlich und ging. Ich verſtand den Händedruck und ſah ihm durch die Dämmerung nach, wie er den Berggang herabſtieg, bis er in dem Mauerwerk ver⸗ ſchwand. Er geht zu ihr! dachte ich und ſtrich mir mit der Hand die Stirne heiterer, an die ſich eine Kummer⸗ wolke hängen wollte. Lange haben wir keinen werthgeſchätzten Gaſt hier gehabt! ſagte der Wachtmeiſter, indem er mein Zimmer aufſchloß. Nur hier herein! Ich trat in das enge Zimmerchen. Mir wurde doch ſo beklommen, daß ich das Fenſter aufſtoßen mußte. Da liegt ihre Heimath! dachte ich mit Wehmuth, und ſtreckte meine Arme aus nach den fernen Bergen. Da weint, da trauert ſie!— Bilder des Wiederſehens vertrieben die ſchmerzende Erinnerung. 438 Als ich vom Traume erwachte, hatte der alte Aufſeher hinter mir den Tiſch gedeckt und aufgetragen. Er ſetzte ſich zu mir, nöthigte mich ſo lange, bis ich ihm zu Gefallen einige Biſſen aß, und plauderte dabei wie ein Staar. Ich hörte nur Töne, und dachte der fernen Geliebten. Endlich ſchied er; die Pforte raſſelte hinter ihm zu, und ich war allein. Allein! dachte ich; verlaſſen von Allem! Da fiel mir die Ringelblume aus der aufgeriſſenen Weſte auf den Tiſch, und beſchämt rief ich: Hab' ich nicht Sina's Bild, und wacht nicht auch hier die ewige Vorſicht! Ich nahm meine Flöte, und ſie hallte meine Gefühle nach. Der Bofhund. Leiſe pochte es an mein Fenſter, als ich nach langer Zeit die Flöte vom Munde gonommen hatte. Wer da? fragte ich und öffnete den Flügel, der nach innen ging. Ich bin's! antwortete ein feines, liebliches Stimm⸗ chen, und zwei helle Augen funkelten durch das Gitter aus der Nacht zu mir herüber. Ich bin des Aufſehers Tochter, ſagte ſie verſchämt, und wollte— Ihnen nur gute Nacht ſagen. Dank Dir dafür! erwiederte ich freundlich. Freilich ſchläft ſich's nach einer ſolchen: guten Nacht! ſüßer. Ach! daß Sie doch recht ſüß ſchliefen! fiel ſie gut⸗ müthig ein. Ich werde wohl nicht ſchlafen, denn ich denke noch immer an Ihr trauriges Geſicht, als Sie dem alten Manne am Thore Adieu ſagten, und ſeitdem kann ich gar nicht mehr lachen wie ſonſt. Ich ſah Sie immer an und mußte Sie anſehen; aber Sie ſah'n gar nicht her zu mir? Und faſt wäre ich d'rum recht böſe geworden! 439 Kannſt Du auch böſe ſeyn? fragte ich, und nahm ihr weißes Händchen, das ſie durch das Gitter geſteckt hatte. O ja wohl, recht, recht böſe! verſicherte ſie. Aber nur nicht lange, und Ihnen gar nicht! Ich möchte wohl begann ſie darauf, und brach verlegen, ihre Hand zurückziehend, ab. Was möchteſt Du, liebes Mädchen? fragte ich ſanft. Die Nacht iſt ſo kalt, ſagte ſie leiſe, aber doch drei⸗ ſter, und die Schildwache könnte mich hier am Fenſter ſehen und es dem Vater ſagen. Du ſollteſt aber nichts thun, was der Vater verbot! fiel ich ein. Das Böſe ſoll man nicht thun, ſagte ſie haſtig, und unſer Paſtor lehrte uns, wenn wir Böſes thun wollten, ſo würde uns ſtets vorher in der Bruſt eng und weh. Und das iſt mir jetzt doch nicht. Der Vater verbietet aber viel, was nichts Böſes iſt, und darum gehorche ich auch nicht immer. Ich lächelte über des Mädchens Philoſophie. Gern plau⸗ derte ich noch ein wenig mit Ihnen, fuhr ſie dann ſchüch⸗ tern fort, aber hier am Gitter— darf ich hereinkommen? Warum nicht? erwiederte ich, und fröhlich ſprang ſie vom Fenſter. Bald öffnete ſich leiſe die ſchwere Thüre und ſie trat mit ſcheuem Auge und hochrothen Wangen herein. Ich nahm ihre Hand und hieß ſie ſich ſetzen. Verlegen lie⸗ fen ihre großen hellen Augen im Zimmer herum, und ich nahm die Flöte, um ſie nach und nach der Verlegen⸗ heit zu entziehen, und blies. Aufmerkſam hörte ſie zu, ſtarrte dabei freundlich mir in's Auge, immer freundlicher, bis ihre Aengſtlichkeit ganz verwiſcht war. Sie war aufgeſtanden und hatte 5 1 . —— 440 ſich an den geräumigen, ledernen Lehnſtuhl gelehnt, der wohl noch ein Erbſtück aus den Zeiten der Turniere war und in dem ich ſaß. Ich legte die Flöte weg und zog ſie ſanft näher. Wie nennt man Dich, Liebe? fragte ich. Der Name iſt gar zu häßlich, ſagte ſie, den Kopf ſchüttelnd, und ich möchte immer weinen, wenn ich an⸗ dere Mädchen ſchöner rufen höre! Kleine Thörin, lächelte ich, Du biſt niedlich genug, um Dich auch mit dem häßlichſten Namen gern zu rufen! Wie heißt denn der ſo gewaltig böſe Name?2 Margarethe! flüſterte ſie verſchämt. Und den Namen nennſt Du häßlich? ſagte ich tröſtend. Sieh', der Name bedeutet eine Perle, und Perlen haſt Du doch gern?— Heiterkeit überflog des Mädchens Ge⸗ ſicht, und ſie ſetzte ſich leiſe neben mich in den geräumi⸗ gen Seſſel. Ja, Du biſt eine liebliche, reine Perle, in der dichten Muſchel verborgen! rief ich warm, und ſchlang den Arm traulich um des Mädchens üppigen Wuchs. Sie duldete unſchuldig mein raſches Umfaſſen und legte furchtlos ihren braunen Lockenkopf an meine Schulter. Unſchuld! dachte ich, warum biſt du ſo waffenlos, und naheſt dich deines Charakters wegen ſo furchtlos, ahnungsfrei der Gefahr. In dir ſelbſt ſollſt du eine heilige Waffe haben, ſagen die Schwärmer; aber ſieht ſie das Auge des Schuldigen, wenn Begierde es um⸗ nebelt? Die breite Seitenlehne des Seſſels verdeckte den Schein des Lichtes und warf Schatten über uns. Mar⸗ garethe lag noch immer ſchweigend in der vorigen Stel⸗ lung. Was in ihrem Köpfchen vorging, vermochte ich 4 ——— ——— % ——— 441 nicht zu enträthſeln. Vielleicht dachte ſie auch gar nichts, denn ſie ſchien ſich wohl zu befinden, und dann denkt man meiſtens wenig. Ich fühlte die niedliche Laſt an meiner Bruſt, ihr kleines Herz ſchlug flüchtig an meinem Arm und mir wurde die rechte Seite warm, wärmer und heiß. Ich beugte mich zu ihr hinab und berührte mit meinem Munde ihre Lippen. Bebend hingen ſie an meinem Munde. Ich fühlte, daß es der erſte warme Kuß war, den ſie em⸗ pfing, an ihrem Beben, ſah es an dem Glanze ihrer Augen. Sie ſchlug ihre beiden Arme um meinen Hals, und barg ihr Geſicht an meiner Bruſt. Hundegewinſel erhob ſich an der Pforte und wurde ſchnell zum lauten Geheule. Zagend ſchrie ſie auf und löste die Hände. Ach, nun wird der Vater erwachen! Ich eröffnete die Thüre, und der ſchwarze Hofhund, der ſeiner Pflegerin nachgeſpürt war, ſchritt wedelnd herein. Mir fiel auf's Herz, was ich gethan hatte. Welche Revolution hatte vielleicht dieſer erſte Kuß im Buſen des Mädchens veranlaßt? Was knüpfte ſich vielleicht als Folge an dieſe einzige, zufällige Umarmung, zu der mich das Seltſame meiner Lage, das Ueberſpannte meines Gefühls und der Gedanke des Verlaſſenſeyns hinzog? Ich ſchied von ihr, trieb ſie freundlich fort. Ihre Augen hingen an meinen Lippen. Sie ſchien ſich wieder nach dem neuen Spiele zu ſehnen; raſch küßte ich ihre Stirne und ſchloß die Thüre hinter ihr. 442 Vollendung. Acht lange Tage waren hinabgeſchlichen. Hinge⸗ träumt hatte ich ſie. O goldene Phantaſie, nur der Verlaſſene, der Leidende fühlt deinen Werth! Wie ein treues deutſches Weib folgteſt du mir in die Einſam⸗ keit, ſchmeichelteſt mein trübes Auge heiter, erwärmteſt das erkaltende Herz, theilteſt mein Leid, fügteſt Dich in jede meiner Launen! Die irdiſche Welt hatten ſie mir entzogen; aber aus mir ſelbſt ging eine überirdiſche Welt hervor, wo jedes Sehnen mir erfüllt war, die Alles hatte, was ich von einer Welt mir wünſchte, in der ich und Sina ein ar⸗ kadiſches Leben der lieben Einfachheit führten. Ich kam mir vor wie die verpuppte Raupe. Leblos ſcheinend lag ich in der dichten, bewegenden, undurch⸗ ſchaulichen Hülle, aber ein Ahnen des künftigen Seins war mit mir in die umkerkenden Mauern gezogen: ich ſah mich, als ſchönen Schmetterling bewundert, von Blume zu Blume flattern. Der neunte Tag war der Poſttag von Segenthal. Roſine ſchrieb mir gewiß. Früher als ſonſt erwachte ich, unruhig wandelte ich in meinem Zimmer den gan⸗ zen Morgen umher, vom Fenſter zur Thüre, und von der Thüre zum Fenſter. Freilich nur vier Schritte, aber auch deſto öfter ausgemeſſen. Meine Flöte blieb unangerührt, meine Schreibereien lagen verwaist, ſogar die kleinen, gelben, freundlichen Ammerchens, die ich jeden Morgen am Fenſter zu füttern pflegte, blieben unverſorgt, und zwitſcherten ungehört ihr Klagelied. Margarethchen, die meines kleinen Haushalts 2 — 443 Beſorgung übernommen hatte, fragte oft nach meiner Unruhe. Endlich ſank die Sonne den Bergen zu und— Mar⸗ garetha trat mit dem Briefe in der Hand in mein Stüb⸗ chen. Freudig, zitternd, wortlos nahm ich das freund⸗ liche Päckchen aus ihren Fingern, drückte heiß meine Lippen auf das Siegel, ſchlang dann raſch den Arm um den Nacken der Ueberbringerin und zwei, drei, vier Küſſe trafen ihre Lippen. Staunend ſah mich das Mähchen an. Von wem iſt denn der Brief? fragte ſie dann neugierig. Von meiner Sina! rief ich laut und im Accente ho⸗ her Freude, legte den Brief unerbrochen auf den Tiſch, ſetzte mich vor ihn hin, und las die zierliche Aufſchrift wieder und wieder. Von Ihrer Sina! lallte Margarethe nach, ſenkte das helle Auge betrübt zu Boden, und ſchlich zur Thüre hinaus. Erſt nach einer Viertelſtunde erbrach ich den Brief, und nun wurde er nicht geleſen, ſondern verſchlungen, denn erſt beim dritten Durchleſen fand ich Sina in den Zeilen; vorher hatte ich nichts geſehen als Züge, die Sina für mich gemalt hatte. Sie ſchrieb unter Anderm: „Der Schmerz einer Geſpielin iſt mir der beſte, zu⸗ reichendſte Troſt geworden. Du kennſt, mein Goldo, die ſorgenfreie, launige, lachende Dorette. Aus dem lachenden Mädchen iſt ein Bild der tiefſten Trauer ge⸗ worden. Ihr Ludwig ward geſtern von den ſchwarzen Männern zum Kirchhofe getragen. Ich ſah ſie an der offenen Gruft knien; ſie weinte nicht, aber ihre ſtarren Augen, ihre weiße Wange machten mich bänger, als hätte ich ihr lautes Weinen gehört. Grabt mich mit ein! 444 rief ſie, als der ſchwarze Sarg langſam hinabſank, und fiel halb ſinnlos in meine Arme. Da dachte ich meines Goldo! Nein, ich will nicht mehr weinen, nicht mehr trauern, damit mich nicht der Himmel mit Dorettens Schickſal ſtraft. O, warum muß mein Troſt der Armen ſo viel, ſo viel koſten!“ Ich wiſchte mir eine Thräne aus dem Auge und küßte das Papier, deſſen Züge ich mit aller Anſtrengung im letzten Strahle der finkenden Sonne geleſen hatte. Nein! rief ich laut, ich jammere nicht an Sina's Grabe, ſie nicht an dem meinigen! Arm in Arm und in einer Sekunde kann uns der Tod treffen. Ihr Leben würde mich mit neuer Lebensgluth durchhauchen, ihr Sterben das Leben in mir verlöſchen, mich mit ihr hinab⸗ ziehen, und dann— Jenſeits—! Ich werde bald ſterben! ſagte hinter mir eine leiſe Stimme und ich fühlte mich ſanft umfaßt. Ich wandte mich und ſah Margarethen. Sie hatte geweint, noch glänzte eine Thräne ihr im Auge, und die Sonne ver⸗ goldete den kleinen Tropfen. Ich bin Dir gut! ſagte ich ſanft zu ihr. Aber gönnſt Du mich darum der armen, weinenden Sina nicht?— Sie legte ſich ſchluchzend an meine Bruſt. Langſam ſank die Sonne hinab und die Berge ſchwammen in Feuer. Vollendung! rief ich und legte ſegnend meine Hand auf des ſtiller weinenden Mädchens Stirne. Die Denkmäler. Sonderbarer Egoismus, ſagte ich zu mir ſelbſt, daß der Menſch ſo gern Alles mit einem Gedächtnißzeichen 4₰ 4„ ——————————————————— 445 bemerkt, Manches damit bemerkt, wovon er lieber jede Spur vertilgen ſollte! Iſt nicht jedes ſolches Gedächtnißmerkmal ein Beweis ſeiner irdiſchen Natur? Ich lehnte an der Baſtion und ſah in das weite Thal hinab. Täglich durft' ich eine Stunde ſo zubringen. Dicht am Grunde des Felſens wurde einſt eine berühmte Schlacht geliefert, und zwei Denkmäler erhielten das Schreckensandenken aufrecht. Rechts eine große marmorne Pyramide, und links drei hohe Erdhügel. Ich dachte an einen hohen Straf⸗ pfahl, auf dem ein Mörder verblutete, und dem zur Seite das Grab des Gemordeten ſich erhebt. Dier liegt ein Held! ſteht ſicher an der Pyramide, dachte ich weiter. Und was heißt denn das? Sonſt hieß es: Hier liegt ein Koloß, der die Fauſt zu gebrauchen verſtand! Jetzt heißt es: Hier liegt ein Schlauer, der es in der Manier weit gebracht hatte, Menſchen bei Hun⸗ derten ohne vielen Kraftaufwand, ohne viele Tapferkeit aus der Welt auf eine honette Art zu fördern, der es ver⸗ ſtand, eine Menge lebendiger Maſchinen kunſtmäßig in Bewegung zu ſetzen und dem Tode entgegen zu führen, indeſſen er ruhig im gefahrloſen Hinterhalte lauſchte! Mein Blick fiel auf die Seite, wo an der Baſtion eine mächtige Feldſchlange lag. An ihr ſah ich eingegoſſen den Namen ihres Ferti⸗ gers. Auch ein Denkmal! dachte ich und zuckte die Ach⸗ ſeln. Und iſt denn dieß Gebäude von Mauern und Wällen nicht auch Denkmal? Und wovon? Entweder der Furcht oder der Herrſchſucht! Eines ſo ſchlimm als das andere. Da fiel mir bei, daß ich auch im Begriff war, mir ein Denkmal zu bauen, daß ich ſchon den Grund dazu legte. 446 Ich ließ vor einigen Tagen Margarethens Vater ru⸗ fen, und bald trat er mit ſteifen Kratzfüßen herein und fragte nach meinen Befehlen. Ich wünſchte mit Ihnen ein Paar Worte über Mar⸗ garethen zu reden! ſagte ich ernſt. Seine Höflichkeit wurde mit einem Male auch ein freundlicher Ernſt, und er antwortete: Ich danke Ihnen, daß Dero Güte mich ſelbſt dahin führt, wohin ich Hoch⸗ dieſelben ſchon mehrere Male zu führen mich erkühnen wollte! Nun, ſo find wir denn an Einem gewünſchten Ziele! ſagte ich und drückte ihn in den Seſſel und ſetzte mich in den nächſten. Ja, begann er, mein Töchterchen iſt jung, ein Bis⸗ chen wilden Blutes, dabei unerfahren, und meine Stirne wurde ein Bischen kraus in den erſten Tagen Ihres wer⸗ then Hierſeyns, kraus wie in der Affaire bei Flüchtin⸗ gen, wo uns die P. ſchen Küraſſiere ſo warm machten. Ich ſah, daß mit dem vierzehnjährigen Mädchen Man⸗ ches anders wurde und ich wohl einmal ein ungewöhn⸗ liches Wort ſagen müßte. Denn, mit Permiß: Haus, Hof, Gut und Geld ſtand zu Dero Befehl, nur nicht Weib und Kind!. Ich nickte lächelnd und er fuhr fort: Als ich darauf aber Dero ehrliches Geſicht am Tageslicht ſah und durch ein Ungefähr einmal hörte, wie Sie mit meinem Mar⸗ garethchen redeten, da verſchob ich meinen Vorſatz von Tag zu Tag! Ich dachte: Alter, wenn Du zur Unzeit gelauſcht hät⸗ teſt! Ich danke für Ihr Zutrauen! erwiederte ich. Sie haben nicht falſch geleſen in meinem Geſichte; ich bin keiner der gewöhnlichen zwanzigjährigen Herren. Ein — — ———— 447 neuer Beruhigungsgrund ſey Ihnen das, was ich Ihnen jetzt ſage. Ich bin der Verlobte eines guten, liebens⸗ werthen Mädchens, und im Stande der Verlobung pflegt man doch noch beſſer von Treue zu denken als nach dem Hochzeitstage! Ihre Margarethe iſt mir eine angenehme Unterhaltung, und ich bitte Sie darum, mir dieſe nicht zu nehmen! Der Alte war Alles zufrieden, und ich dachte nun darauf, das mir Angenehme dem Mädchen nützlich zu machen. Ich will mich anbauen in ihrem Herzen, ſagte ich zu mir ſelbſt, auf eine Weiſe, die mich ihr werth macht, vie ihre Phantaſie aber nicht mit verderblichen Bildern füllt, ihre Triebe nicht frühzeitig weckt und ſie früher welken macht. Ich begann nun Lehrſtunden mit dem lieblichen Mäd⸗ chen und ließ ſie ſchreiben und leſen, worin ſie ſchon mehr Fertigkeit beſaß, als ſonſt Mädchen ihres Standes zu haben pflegen. Ich ließ ſie aber nicht abſchreiben, ſondern ihre Empfindungen auf das Papier tragen; ließ ſie nicht bloß Worte nachſprechen, ſondern lehrte ſie verſtehen, was ſie las. Ich unterrichtete ſie nach Noten zu ſingen, da ihr Stimmchen ſehr melodiſch war; ich unterwies ſie im Zeichnen, und alles Das trieb ſie mit ſolchem Eifer, und es entwickelten ſich unter meinen Au⸗ gen ihre Talente ſo ſchnell, daß mir die Tage hineilten wie auf Sturmesflügeln und ich nicht daran dachte, daß ich ein Gefangener war, als wenn mich die freundliche Sonne an das Fenſter lockte und mein Auge auf die Mauern und das furchtbare Geſchütz fiel, oder wenn ich in der Dämmerung im Lehnſtuhle ruhte, auf meiner Flöte phantaſirte und Sina's lächelnde Geſtalt neben mir vermißte. 448 Gedanke des Gedächtniſſes, was ich mir hier gründete, machte mich wieder heiter. Ich gab ihr ja Beſchäfti⸗ gung für manche lange Stunde ihrer vielleicht freude⸗ loſen Zukunft; ich leitete ſie auf den Weg der Vervoll⸗ kommnung; ich gab ihr vielleicht Troſt für manche bit⸗ tere, trübe Stunde. Und iſt das nicht ein ſchönes, glän⸗ zendes Denkmal? — Die Purpurlippen. — Und ſolltet ihr mir wirklich gefährlich werden? fragte ich mit ernſtem Nachdenken, und vor meinen Augen ſchwebte noch immer das halbgeöffnete, zierliche, dunkel⸗ rothe Lippenpaar, deſſen Kuß mir eben ſo ſüß geweſen war. Wenn Margarethe meine Aufgabe fleißig vollen⸗ det hatte, ſo forderte ſie denn auch den verheißenen Lohn. Und wenn ich ihr dann ſagte: Sie möchte etwas meiner Habſeligkeiten fordern, ſo war das Gewählte meiſtens ein Kuß. Ich mochte mein Wort nicht brechen, ihre Freude nicht verderben, und konnte auch ihrem ſehnenden Blicke nicht widerſtehen. So hat das menſchliche Herz ſtets eine Entſchuldigung für ſeine Schwachheiten, ſeine Fehler. Des Mädchens zarte, unſchuldige Neigung hätte mich an ſich ziehen können, wenn Sina nicht mein geweſen wäre; denn was ſchmeichelt mehr als das Hingeben der Unſchuld! Nur ähnliche Seelen ſchmiegen ſich ja an⸗ einander. Wir hatten eine Waldlandſchaft gezeichnet. Vorn Margarethe ſtand mir oft dann gegenüber, und der ſtand, unter den Schatten zweier Linden, ein freund⸗ liches Jägerhaus. Da möcht' ich wohnen! ſagte friedlich lächelnd Mar⸗ garethe. Aber Sie müßten auch da wohnen! ſetzte ſie raſch und warm hinzu Es würde ſich da uhis wohnen laſſen, liebe Mar⸗ garethe! entgegnete ich. Ihr helles Auge erhob ſich zu meinem Geſichte, ſie legte die Bleifeder weg und drückte ihre Wange an meinen Arm. Es thut mir ſo wohl, ſagte ſie leiſe, aber mit ho⸗ her Innigkeit, wenn Sie mich: liebe Margarethe! nen⸗ nen; aber ich wüßte doch eine Benennung, die mir noch taue ſeyn würde! Und die wäre? fragte ich. Meine Margarethe! ſagte ſie kaum hörbar. Was würde Sina dazu ſagen? fragte ich ſanft lächelnd. Laſſen Sie mich ihr ſchreiben! rief ſie raſch und hob ſich lebhaft auf von meinem Arme. Ich will ſie darum bitten, herzlich bitten! Ach, gewiß, ſie ſchlägt es mir nicht ab, denn ſie muß gut ſeyn, da Sie ihr ſo gut ſind! Meine Margarethe! ſagte ich mit Rührung, zog ſie an meine Bruſt und küßte ſie. Das war der Kuß, der mich jene Fragen an die Purpurlippen thun ließ. Ihr kleiner, jungfräulicher Buſen ſchlug heftig gegen meine Bruſt, ihr Köpſchen hatte ſich rückwärts gebogen, und ein unendlicher Reiz lag um den halbgeöffneten Mund, durch den die ſchneeigen, glänzenden Zahnreihen ſchim⸗ merten. Ich erwachte von einem ſonderbaren Taumel, ſagte haſtig zu ihr: Ich war Dir noch den Kuß ſchuldig Blumenhagen. XIv. 29 450 für den wohlgelungenen Aufſatz! und eilte zum Zimmer hinaus an die Baſtion. Ich fühlte, mir war dieſer Kuß ein anderer gewe⸗ ſen als alle die vorigen. Was mußte er Margarethen geweſen ſeyn? Wohl uns Dreien, ſagte ich zu mir im Freien, daß die Zeit meines Hierſeyns ſich dem Ende naht! Die Scheidethränen. Er kam, der letzte Tag meines Hauſens auf der Bergfeſte. Morgen Abend, rief ich aus dem Fenſterchen über die Fluren hin, Sina, dann ruh' ich Dir an der Bruſt! Wirſt Du Dich verändert haben? Wird Deine blühende Wange etwas bleicher geworden ſeyn im zehrenden Winde der Trennung? Wohl uns, daß es kein Sirocco war, der alle unſere Freuden welken machte! Mit rothgeweinten Augen half mir Margarethe meine Sachen packen. Als an meine Flöte die Reihe kam, nahm ſie dieſelbe raſch und preßte mit ungewöhnlicher Heftigkeit ihren Mund auf das ſchwarze Ebenholz. Margarethe, ſagte ich mild und ſie umfaſſend, nicht ſo! Wünſcheſt Du nicht, daß ich wieder zu meinen Lieben zurückkehre, die lange trauernd meiner warten? Miß⸗ gönnſt Du mir das ſchönſte meiner Gefühle, das Gefühl der Freiheit? Warum muß Margarethe hier bleiben? fragte ſie halblaut. Um ihren alten guten Vater zu pflegen, ſagte ich, ernſt werdend.— Sie wurde ſtill und ihre Hand tändelte langſam mit der Flöte. Als ich Sie zum erſten Male die 451 Flöte ſpielen hörte, begann ſie dann wieder, da war ich noch froh und der Vater ſchalt mich oft wild! Jetzt ſchilt er mich nicht mehr ſo!. Ihre gebrochene Stimme drang mir zum Herzen. Ich legte von meinen Büchern und meinen Zeich⸗ nungen Alles zuſammen, was mir vorzüglich gefallen hatte, führte ſie hin zu dem belegten Tiſche und ſprach freundlich: Das iſt Dein, ein Andenken Deines Freun⸗ des Goldo! Ein Strahl der Freude glänzte aus ihren Augen mich an. Wenn Du die Zeichnungen kopirſt, ſo denk' an mich, fuhr ich fort, wenn Du die Bücher lieſeſt, ſo erinnere Dich deſſen, was ich Dir ſagte, als wir zuſammen ſie laſen! Leſen, die Bücher leſen? fragte ſie mit funkelndem Auge, indem ſie eines derſelben aufſchlug. Hier auf dem erſten Blatte ſteht genug!(Sie deutete auf meinen geſchriebenen Namen.) Das ſchrieb Goldo's Hand! werd' ich ſagen, leſen und wieder leſen, küſſen und wieder küſſen, ſo lang noch ein Buchſtabe daſteht! Ich will Dir auch ſchreiben, fiel ich ein, bang ge⸗ macht durch ihre Heftigkeit, lange Briefe. Aber Du mußt mir auch antworten. Briefe von Ihnen, an mich? rief ſie laut und lä⸗ chelte durch Thränen, wie werd' ich die hegen in dem elfenbeinernen, feinen Käſtchen von der ſeligen Mutter! Und wenn wir drüben in Segenthal Kirchmeſſe oder ein Geburtsfeſt haben, ſo ſend' ich Dir unſern Wagen und Du kommſt und biſt fröhlich mit mir und Sina. Und Sina! Ihrer Sina! lallte ſie nach, legte das Buch nieder und fing ſchweigend mit doppeltem Eifer an zu packen. Der Schmerz des Mädchens bekümmerte mein Herz und that mir doch ſo wohl. Solche Leiden⸗ 452 ſchaft in einem ſo jungen Herzen! Was hätte nicht Alles an dieſer wärmenden, ſegnenden Flamme aufblühen können, wäre irgend ein anderer Guter ihr früher als ich entgegengetreten! Doch, tröſtete ich mich, ſo ſchnell emporgeloderte Gluth wird auch ſchneller ſich mindern, und ein ſanftes, erfreuendes Feuer werden! Ich nahm Abſchied von meiner kleinen Klauſe, wo ich ſo manchen ſchönen Traum als Traum erkannt und doch werth gehalten hatte; ich nahm Abſchied von dem friedlichen Platze auf der unfriedlichen Baſtion, wo ich ſo oft geſeſſen und in die Gegend geſchaut hatte. Margarethe geleitete mich den Felſen hinab. Hand in Hand ging ich langſam mit ihr an den Mauern hinab, über die Zugbrücke, durch die unterir⸗ diſchen gewölbten Hallen. An ſeines Genius Hand wandelt ſo der Menſch aus der Kerkerhalle des Erdenlebens, durch die Nacht des Grabes, dem neuen Leben entgegen. Mit jedem Schritte herab, hinter jeder überſchrittenen Zugbrücke wurde mir leichter um's Herz, bis laut wei⸗ nend Margarethe, als ſie den Wagen am unterſten Thore halten ſah, mir an die Bruſt ſich warf und meine Wonne zur milden Wehmuth ſtimmte. Keine Scheidethränen! bat ich ſie. Du vergiſſeſt mich nicht, Dich vergißt Goldo eben ſo wenig! Und bald, recht oft werden wir uns wiederſehen! Ach! der Hülfloſe hat ja nur Thränen! ſo ſteht in dem Taſchenbuche, das Sie mir ſchenkten, flüſterte ſie. Du biſt nicht hülflos, meine Margarethe, ſo lange Goldo, Dein Freund, lebt! ſprach ich, drückte einen Kuß ihr in's naſſe Auge, einen zweiten auf ihre bebenden Lippen, und riß mich los von ihr. — R.— —·ů————ů˖ ůů ——— 453 Thränen, ſagte ich, mich in die Ecke meines Wa⸗ gens drückend, indem ich meine Augenwinkel ſelbſt naß werden fühlte, ihr milden Attribute der Menſchheit! Weinend windet ſich das Kind über die Schwelle des Lebens; weinend ſcheidet der Greis an der Gruft. Unſer Schmerz iſt eine Thräne, unſere Freude eine Thräne. Zähren netzen das Geſicht des Verzweifelnden, in Zähren ſchwimmt das Auge ſanfter Wehmuth. Wehe dem, der keine Thränen kennt, dem keine Thränen floßen! Ich trocknete meine Augen und ſchlug den Mantel feſter um eine ſchlagende Bruſt. Das Glöchchen. Es wurde Abend; immer bekannter, befreundeter erſchienen mir die Gegenſtände. Schon lief die Straße dicht an dem Fluſſe hinab, deſſen kleine krauſe Wellen ſo oft mich und die zagende Sina im engen Nachen wiegten. Schon ſah ich den Waldbach ſich in den breiten Strom ſtürzen, den Waldbach, welcher der Liebe heilig⸗ ſtes Aſyl beſpülte: ein kleines, freundliches Hölzchen, wo ich ſo oft mit Sina ſaß, meinen Kopf in ihren warmen Schooß gelegt, ihre kleine weiche Hand, unter das Weſt⸗ chen geſchoben, auf meinem Herzen zitternd. Immer dichter wurde der Schleier der Dämmerung, und vergebens beſchwor ich den fliehenden Tag, mir dieſe Wonne nicht zu entreißen; wie der ſtolze Höfling flog er im glänzenden Wagen an dem unbeſcheidenen Bettler vorüber. Halt! rief ich dem Kutſcher zu, als ſich die Heer⸗ ſtraße in den Wald bog, ſprang heraus, denn mir wurde 454 drinnen zu heiß und eng, befahl ihm langſam zu fahren, und wanderte rechts auf dem näheren Fußſteige durch die Felder der Heimath zu. Horch! da tönte durch die Flur das helle Glöckchen des niedlichen, prunkloſen Dorfthurms. Freudig ſchlug mein Herz, und ich hob die Arme auf nach der Gegend, aus der der freundliche Ton zu mir herüberſchwebte. Wie oft ſaß Sina mit mir auf der ſteinernen Bank vor der Pforte im Halblichte des Abends und lauſchte dem freundlichen Tone des Glöckchens, das dem Allmäch⸗ tigen Dank tönte für die Freuden des geſchiedenen Tages. Die Zukunft ſchwamm vor meinen trunkenen Augen; ich berechnete alle die glücklichen Stunden, die mir dieſes Glöckchen weihen, zu denen es mich rufen würde. Ich ſah die erröthende Braut im ſchwarzen Feſtge⸗ wande, über das die blonden Ringeln hintändelten, mit der einzelnen Knoſpe am Buſen. Das Glöckchen tönte. Sie reichte dem glücklichen Goldo die Hand, und wanderte mit ihm hin zum Hauſe des Ewigen, das feſte Band der Liebe in ſeinem Antlitze zu heiligen. Ich ſah mich ängſtlich umherirrend in den Hecken und Lauben des Gartens. Meinen Namen rief man freudig vom Hauſe her: ich eilte zitternd herbei, flog zitternd in Sina's Zimmer, trat mit klopfender Bruſt an das Schmerzenslager der Gattin, die mir einen ſchreienden Knaben entgegen hielt. Das Glöckchen tönte heller denn je, zu verkünden meine Seligkeit. —. 455 Die Tampr. Jetzt trat ich um einen der vielen buſchigten Hügel, und dort lag das traute Dörfchen im Abendlichte. Schwarz erhob ſich die Thurmſpitze, und hundert kleine Lichterchen flammten einladend an ſeinem Grunde. Ich ſtand ſtill; unwillkürlich riß ich den Hut von der Stirne, bog meine Kniee und hob beide Hände auf. Dank dir, du Waltender über den Sternen, rief ich, daß ich finden werde, was ich verließ: eben ſo freund⸗ lich die liebliche Heimath, eben ſo glühend die Heimath meiner Liebe, der Lieblingin Herz! Ich ſtand auf, kräftiger, ſtärker als zuvor. Mein Auge ſchied die kleinen ſchwarzen Dächer, ſchied die flimmernden Lichter. Ich konnte nicht fehlen: das war ihre Wohnung, und das Lichtchen da flammte in ihrem Fenſter. Heller als alle übrigen ſchien mir jetzt dieß flimmernde Licht. Ich dachte mir die kleine, blanke Lampe, von Sina's ſorgſamer Hand geputzt, von der dieſer Strahl ausging, der mir ſo wohl that, der es ſo hell werden ließ in meiner Seele. Die Abende traten mir wieder vor den Blick, wo ich an ihrer Seite der Lampe gegenüber ſaß, ihr vorlas, bis dann ihre Näherei ihr in den Schooß, mein Buch auf den Tiſch ſank, unſere Finger ſich verſchlangen, ich an ihre Lippen, an ihre Bruſt fiel, lange wir ſo ver⸗ ſchlungen lagen, bis der verſinkende Dacht der Lampe uns vom ſüßen Taumel aufrief. Was durfteſt du, glückliches Lämpchen, nicht Alles belauſchen! Meine Phantaſie, durch Entbehren heftiger, wilder, verwegener geworden, berauſchte ſich in ſüßen Spielen. 456 Aber was hatte die Lampe auch vielleicht, ſeit Goldo fern war, beleuchtet? Wie manche Thräne aus ihrem blauen Auge ſahſt du fallen, in ihr deinen Schein wie⸗ derglänzen, und Goldo war fern und durfte ſie nicht aufküſſen! Du ſahſt, wie ſie meinen Brief erbrach, wie ihre Augen glänzten, wenn ich voll Liebe zu ihr redete. Glückliches Lämpchen, ich beneidete dich! Du flamm⸗ teſt und lebteſt, indeß man mich um einen ſo ſchönen Theil meines Lebens beſtahl! Warum war ich nicht du? Warum war ſie allein nicht meine Gebieterin, deren ſanfte Hand nicht zu drücken vermag? Vie Eichr. Der Fußweg bog nun wieder ein in die Heerſtraße, aber mein Wagen war noch zurück. Deſto beſſer kannſt du ſie überraſchen! dachte ich und überlegte, wie ich am unbemerkteſten in's Haus gelangen könnte. Durch die kleine Gartenpforte ſchleichſt du, ſagte ich leiſe; die dichten, dunkeln Akazien überrauſchen deine Tritte, dann leiſe und ſchnell durch die Hofpforte in's Haus. Ich hörte ſchon ihr Aufſchreien, fühlte ſie in meinen Armen. Die Straße führte an einem mir ſo wohl bekannten Hügel hin. Eine alte Druideneiche bog ſich von ihm herab mit gekrümmtem Greiſennacken über die Straße, und im dunkeln Laube rauſchte noch feierlich und ſchaurig der Nachhall alter Bardenlieder. Neben ihr hatte einſt eine Schweſtereiche geſtanden; der Sturm warf ſie nieder 457 und die Stolze diente jetzt zum Sitze für den müden Wanderer. Hinauf! rief ich, als ich die Eiche erblickte. Langſam will ich die Freude ſchlürfen, wie der bedächtige Mann. Auch aus dieſen ſchwarzen Zweigen rauſcht mir Erinne⸗ rung, und der gefallene Stamm ruft: Geh' den Zeugen deiner ſchönen Stunden nicht ſo kalt vorüber! Du haſt recht, alter Freund! Undankbarkeit iſt eine häßliche Ei⸗ genſchaft. Erſtiegen war der Hügel, und ich ſetzte mich gemäch⸗ lich auf den bemoosten Sitz. Tauſche ich dich doch um keinen Sopha! ſprach ich weiter. Deine rauhe Rinde legt ſich ſo freundſchaftlich an meine Glieder, und deine Moosdecke ladet mich wär⸗ mer ein als der bunteſte Blumencatt. Sina hier nun wieder in meinem Schooße, den ſchö⸗ nen Arm um meinen Nacken gelegt, uns gegenüber der aufgehende Mond! Du alter Baum, dann könnteſt du wieder Wiegen⸗ lieder flüſtern und unſere Küſſe begleiteten den Abend⸗ geſang. Nun, was nicht iſt, kann werden! Und, fuhr ich ſchneller, freudiger fort, was ein Frommer wünſcht, hö⸗ ren die guten Engel. Sie iſt's! Da wandelt mein weißer Seraph an den Haſelſträuchen herauf. Ihr entgegen! Nein! Schnell ſchwang ich mich geſchmeidig durch die dun⸗ keln Zweige in den Gipfel der Eiche hinauf. Die weiße Geſtalt kam näher und näher. Sie war es. Wie ſchlug mein Herz gegen den alten Aſt, an dem meine Bruſt lehnte. Es zog mich herab * —— 458 mit Magnetenkraft. Weit bog ſich die Jungfrau vor⸗ wärts und ſchaute in's Dunkel hinaus, ſchüttelte das Köpfchen und erſtieg dann ſeufzend den Hügel. Noch nicht! liſpelte ſie. Warum ſchickte der Vater auch den alten Andres, der kommt ſtets früh genug. Sie ſetzte ſich auf den Stamm. Iſt mir's doch, ſprach ſie weiter, als wäre die Stelle warm, als hätte mein Goldo ſie gewärmt. Ach⸗ ſo wie ich liebt er mich nicht, er hätte den Alten fahren laſſen und wäre durch die Zelder vorangeeilt. Gerade wollte ich der böſen Beſchuldigung antwor⸗ ten, da tönte Hufſchlag die Straße herab; ein ſchlanker Reiter ſpornte eilig ſein müdes Roß, hielt aber plötzlich am Hügel ſtill. Ha, die Eiche ſchon! ſprach eine bekannte Stimme. Nun ſind wir bald zur Stelle. Noch einmal, v Senner, nur dehne dich aus und laß mich nicht zu Schanden werden. Er ſtieg ab und befeſtigte den Sattel mehr. Ich er⸗ kannte den Freund, meinen tollen Fritz. Roſine war in⸗ deſſen aufgeſtanden, wahrſcheinlich auch von der bekann⸗ ten Stimme gelockt. Der Reiter erblickte ſie. Eine einſame Schöne hier? fragte er, trat näher und rief freudig: Sie, Sina! Wo die Blume blüht, iſt auch der Papillion nicht weit. Wo biſt Du, Goldo? Nicht hier! ſeufzte das liebe Mädchen. Doch nicht krank, todt gar, oder gar untreu? fragte der Wildfang. Da ſollte ihn ja gleich— Nichts von dem, fiel ſie ein; aber des Schmetter⸗ lings Flügel ſind gebunden. Seit Monden ſchon ſtraft ihn ein fürſtliches Gericht mit Feſtungsarreſt. Feſtung? ftaunte Fritz. Und warum? Schnell warum? 459 Weiß ich's doch ſelbſt nicht, ſeufzte Sina; der Vater ſagte immer, wenn ich ihn fragte: Männerſachen, Ro⸗ fine, aber Dein Goldo iſt ein edler Mann! Und Goldo ſelbſt antwortete ſtets der Bittenden: Sey ruhig! ich leide um der Freundſchaft willen und das iſt nicht ſchwer. Um der Freundſchaft willen! ſtieß Fritz aufraſend heraus. O, ſo bin ich's, ich Unglücklicher! Er um mich auf der Feſtung! Fort, hin zum Fürſten!— Sina hielt ihn. Es iſt zu ſpät, ſprach ſie eilig, denn heute ſchon kehrt er zurück; ich erwarte ihn hier. Und ich weiß nichts, rief der Wilde, ſitze da ruhig jenſeits der Grenze und ahne nichts. O der Gute, Edle! Erzählen Sie! bat Sina, daß ich endlich einmal hell ſehe; die Neugierde hat mich lange genug gepeinigt. Die böſen Männer kennen die Qual nicht. O wie ſoll ich erzählen! jetzt, da mein Blut kocht und wie in einer Schlacht Gedanke auf Gedanke ſich mir im Kopfe herumtummelt! Es war Kirchweihe in Heiligenlinden. Ich toller Wildfang bekam Händelz die Dragonerwache wollte das beilegen, und ich vergriff mich an dem Offizier. Man ergriff mich und führte mich fort. Goldo begegnete uns, trat herzu, ließ ſich erzählen, ich ergriff den Moment, entſprang und kam glücklich über die Grenze nach der nahen Vaterſtadt. Niemand kannte mich in Heiligenlinden, und daher hoffte ich, die Sache ſollte ohne Folgen bleiben. Wahrſcheinlich hat man ihn nun ſtatt meiner gefaßt, er hat geſchwiegen, der Brave, wie das Grab, und dafür hat man ihm nun meine Strafe zuerkannt und ihn in das große ſteinerne Grab geſteckt. Armer, armer Goldo! Mußte der freie Wild⸗ fang Dir Freiheit und Licht und Luft und Liebe nehmen! Zu laftig nur war's droben! rief ich herab von 460 meinem grünen Throne, und die Liebe nimmt mir kein Gott! Ah! Goldo, Goldo! rief im Schrecken zurückſinkend Rofine. Alle gute Gabe kommt von oben herab! ſprach ich, und in einem Sprunge war ich unten und hatte ſie im Arme und küßte die Erbleichte wieder roth und warm. Vergeſſen war die Zeit der Noth, vergeſſen waren die Mächtigen und ihre Feſſeln. Die Liebe iſt ihr eigener Herrſcher nur; nicht Men⸗ ſchenkraft, nicht Eiſen kann ſie feſſeln! — *