3 — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . ceih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe — — N hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————————— auf 1 Monat: 1 W.— Pf 1 Wr. 5 Pf 2 W.— P. i„„—„ 5. Juswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Blumenhagen's ſämmtliche Schriften. 1 6 e Yrrct M W. Blumenhagen's v„* ſämmtliche Schriften. * Zweite vermehrte Auflage in 16 Bänden mit 17 Stahlſtichen. — Dreizehnter Band. O Go 4 Stuttgart: Scheible, Fieger x Sattler. 1844. ———— P—— Inhalt: Höhe und Tiefe oder: So ſind ſie. IM. Der Mann und ſein Schutzengel. Der Vertraute„ oder So ſind ſie. Roman in Briefen. Zweite Abtheilung. Frevel und Sühnung. Blumenhagen. XIII. „Früchte bringet das Leben dem Mann', doch hangen ſie ſelten Roth und luſtig am Zweig, wie uns ein Apfel begrüßt.“ Goethe. 1. Otio Zuſt an den Ztudioſus Vegenknauf zu Halle. Straßburg. Wie leben wir, Herr Bruder? Und ſind die Haſen ſchon geſchoſſen, die Purpurſchnecken ſchon gefangen, welche zur Fabrikation des ſtattlichen Doktorhutes erfor⸗ derlich find? Du ſchaueſt den Hafen dicht vor Dir, biſt glücklich zwiſchen Scyllam et Charybdim durchgeſegelt und darfſt bald an eine Penelope denken, welche ihren Webeſtuhl neben Deinen Aktientiſch pflanzt und Dir den Kopf, den die drängenden Clienten verrückten, wiederum zurecht⸗ ſetzt. Mich aber hat das inevitabile fatum grauſam⸗ licher Weiſe aus dem Mittelmeere, welches gefährlich war, aber doch Ufer hatte, in den wüſten, endloſen Ocean hinausgeworfen, und darum haſt du die Monats⸗ poſt, mit der wir das Curriculum vitae tauſchten, drei Mal umſonſt erwartet. Weißt Du es noch, Herr Bru⸗ der, als wir vor dem Thore zu Jena hielten, Du Dei⸗ nen Philiſtergaul nach Nord dreheteſt, ich meine ſteife Mähre gen Süd ſtellte, wir alsdann ehrbar und wei⸗ nerlich den Abſchiedsgeſang anſtimmten und unſer:„Tran⸗ rig ſehen wir uns an!“ von den Bergen wiederhallte wie das Gebell heiſerer Spürhunde, wir uns dann nochmals zuriefen:„Die Ferne zwingt der Geiſterflug! Leben um Leben! Jeden Monat eine Papirusrolle voll Geheim⸗ 4 ſchrift! Apollo ſey mit Dir!“ und dorthin trabten, Jeder ſeinem Pole zu, in recht tückiſcher Laune auf das Ge⸗ ſchick, das ein Paar ſolcher verſchmolzener Eiſenherzen auseinander reißen mochte, und warum? Weil Dein Herr Papa wollte, daß ſein Herr Sohn auf derſelben Eichenbank im Hörſaale ſitzen ſollte, wo vor vierzig Jahren Jener ſeinen Namen mit plaſtiſcher Geheimkunſt in die Tafel ſchnitzte; daß ſein Herr Sohn bei derſelben greiſen Schenkwirthin ſeine Thaler verzehren ſollte, die dem Herrn Vater als blondes Lieschen zugelächelt; daß der Herr Sohn in demſelben Carcer Geduld lernen ſollte, wo der Herr Vater das Recept probat gefunden. Und mich zwang das Stipendium zu einer andern Fahrt und riß den Damon vom Herzen des Pythias. Man wird beinahe verſucht, den fatalen Fatalismus der Muſelmänner anzubeten, beſieht man in einer Muſe⸗ ſtunde ſich das Treiben der klugen Menſchenkinder, und erkennt man, wie ſie willenlos herumgewürfelt werden von einer unſichtbaren Hand, die wahrlich allgewaltiger ſeyn muß als die angeſtaunte Rechte eines Rolands oder irgend eines andern irdiſchen Herkules. Wir Beide ſchie⸗ nen doch ſo ziemlich aus Einem Stoffe gebaut, konnten bei der Ausfahrt in die Welt für Zwillingsbrüder gel⸗ ten, liefen in einem Cirkus nach Einer Meta, und wie hat jetzt das Fatum uns gewürfelt, Dich zum Haupt⸗ paſch, zum baldigen Amtmann oder Gerichtsrath, mich, wenn auch nicht zum Schimmelwurf, doch zu keinem Gewinne, denn ich bin der Stallmeiſter eines irrenden Ritters geworden, und könnte ich zwei Kopflängen von meinem anſehnlichen Leibe abnehmen, ſo würde mein Treiben dem des gutmüthigen Sancho noch ähnlicher werden, da Dienſt und Herz mich an einen Don Quipote binden, mit dem ich eine geraume Zeit ſchon gegen Windmühlen fechte. Du wirſt murren und meinen, ich habe bedeutend von den ſchönen Franzöſinnen profitirt, deren bewegliche Zungen ſeit drei Monaten gar manches Scharmützel mit uns deutſchen Bären beſtanden, aber Du ſollſt Erſatz haben für die Plauderei, denn mein Lebenslauf fängt an ſo bunt zu werden, daß Du meine Briefe ſtatt der Zeitungsblätter bei der Morgen⸗ und Abendpfeife zur Hand nehmen darfſt und ein Bedeutendes durch ſie er⸗ ſparen wirſt. Wie ich von dem freundlichen Erlangen fort kam, das war eine kurioſe Geſchichte; ſchien ich doch dort erſt dazumal ſo recht feſtgeniſtet, und hätte meinetwegen die Matrikel immer noch einige Decennien prolongirt wer⸗ den mögen. Wir ſaßen ſo recht im Vollen. Aber der ſchöne Baum, auf welchem ich gleich einer Schmarotzer⸗ pflanze wurzelte, wurde von einem unerwarteten Orkan ausgeriſſen und in den Strom geſchleudert, und da mußte der Paraſit mitſchwimmen. Mein Güldenkron hatte eine Liebſchaft; ſolche pve⸗ tiſche Gemüther können ja nicht athmen ohne Dame und Mondſchein! Der Teufel ſäete Unkraut in den Waizen; die Dame fiel etwas zu deutſch und maſſiv aus, und wir packten in Einer Nacht Habe und Gut auf und huſch⸗ ten davon, als hätten wir den Cartouche geſpielt, obgleich gerade umgekehrt wir den beſten Schatz, unſer liebes Herz nämlich, dort ließen. Die Sache war mir bedenklich, aber ich fragte nicht, denn mein Güldenkron iſt trotz ſeines ſeltſamlichen Weſens ein ſo braver Menſch und hat mir ſo wohl gethan, daß ich mit ihm ginge, und ſetzte er ſich auf Fauſtens Mantel und machte in Geſell⸗ ——— —— — 6 ſchaft des Mephiſtophiles eine Höllenfahrt. Auch iſt er, was Entſchloſſenheit betrifft, ſo gut ein Mann wie wir Zwei und läßt ſich eben nicht einreden. So ging es denn mehrere Tage in die Welt hinein ohne Frage, kaum mit Speiſeſtunden und nöthiger Nacht⸗ ruhe wechſelnd, bis unſere wackeren Thiere und das keuchende Rüdenpaar die Menſchlichkeit ihres Herrn zu laut anſprachen und ein Ruhetag gemacht werden mußte. Im Gaſthofe, ich glaube es war zu Mannheim, wo wir Quartier geſucht, lagerte ich mich lang in das Kanapee, ſtopfte meinen Maſerkopf und ärgerte mich, daß unſer ſchöner Bamberger Trunk nicht mitgereist war und ich mit Johannisberger Traubenſaft die Kehle ver⸗ wunden mußte. Konnte doch der herrliche Jean Paul nirgend hauſen, wo nicht der edle Gerſtenwein lecker ſchmeckte, und hat er dadurch den echtdeutſchen Nektar geadelt für alle Zeiten. Güldenkron hatte eine lange Stunde dageſeſſen wie ein Träumender, und nur zu⸗ weilen ſeine lieben Hunde geſtreichelt, die marode auf dem Fußteppich vor ihm lagen. Da ſchien er ſich plötzlich zu beſinnen, ſtand auf, ſchritt einige Gänge durch das Zimmer auf und ab und ſtellte ſich dann entſchloſſen vor mich hin. Du biſt mir gefolgt, Fuſt, ohne Frage gefolgt bis hier, ſagte er mit freundlicher Stimme, indem er die getrübten, von Staub und Hitze gerötheten Augen auf mich heftete; das iſt recht ſchön von Dir und beweist mir Deine Freundſchaft und Dein Vertrauen. Aber wirſt Du mir auch weiter folgen, wenn ich Dir vorausſage, daß nichts Freudevolles, aber wohl manches Gefährliche an unſerer Straße auf uns harren möchte? Es war etwas Ungewohntes in dem Tone, mit dem 7 er ſprach, und eine ſo tiefe Betrübniß in ſeiner Miene und Haltung, die ſich nicht beſchreiben läßt, aber die das Herz packt und mich ſo ſehr ergriff, daß ich ſogleich aus meiner Faullenzer⸗Poſition mich in eine ſittige Stellung verſetzte und ohne Zögern antwortete: Ich ziehe mit Dir und gingeſt Du bis zu den Hottentotten oder drüber hin⸗ aus, um der ſchönen tättowirten Königin von Owaihi eine Viſite zu machen. Er reichte mir die Hand. Du ehrliches deutſches Herz! verſetzte er mit tiefer Empfindung. Heller Edelſtein im rauhen Kieſel! Aber ich will Dich nicht betrügen und Dein Zutrauen miß⸗ brauchen. Du mußt wiſſen, welches Ziel mir winkt, und erſt dann ſollſt Du wählen. Hörteſt Du ſchon von meiner Neugierde? fragte ich. Oder meinſt Du, irgend Etwas in der Welt könnte den Fuſt fürchten machen! Omnia mea mecum porto! ſpreche ich mit jenem großen Weltweiſen. Ich habe Nichts zu verlieren, darum daxf ich überall Gewinn hoffen; ich habe keine Heimath, darum bin ich überall zu Hauſe. Nenne mir einen Menſchen, der ſolche Ausſichten hätte. Ich bin ein auserleſenes Glückskind. Und ſeitdem Du mein Daſeyn auf das Deine verpflanzt, gehöre ich Dir, wie Dir Dein Finger oder Dein Fuß angehört. Güldenkron ſtarrte gedankenvoll den Fußboden an. Alſo doch noch geliebt, flüſterte er halblaut. Doch nicht ſo unwürdig der Zuneigung, wie ſie meinte? Fuſt, fuhr er fort, es iſt mir, als wäre ein ungeheures Fall⸗ gatter hinter mir herabgelaſſen, welches mich auf ewig ſchiede von meiner Vergangenheit, von Jugend und Glück. Was dieſſeits liegt, iſt eine Wüſte ohne Sonne und Freude. Adele verachtet mich, Adele hat es ausgeſprochen vor der Welt, ſie iſt mir geſtorben, aber ihr letztes Wort hat —— — 8 mich beſchimpft für immer. Ich habe für mich Nichts mehr auf dieſer Welt zu thun, doch eine Pflicht für ein anderes leidendes Weſen hält mich noch auf dieſem armſeligen Boden, und dieſe Pflicht auszulöſen iſt mein einziges und letztes Geſchäft. Bruderherz! rief ich betroffen über den ernſten Ton, mit dem er ſolche wunderliche Reden führte. Du wirſt doch nicht ſo einen Hopſer vorhaben, zu dem ich in der Tollheit oben am chineſiſchen Häuschen einmal den Fuß anſetzte? Ich hatte Urſache dazu, denn mir ging es wie der Maus in der verſchloſſenen Kirche, mir fehlte Alles; aber Dir fehlt Nichts als ein rothwangiges Püpp⸗ chen, und die werden Dir bei Dutzenden nachlaufen, in welcher Stadt Du nur Dein ſtattlich Figürchen auf dem Engländer produzireſt; und was den Schimpf an⸗ betrifft, ſo habe ich nirgend gehört und ſelbſt in keiner Ritterchronik geleſen, daß ein Weiberwort einen Mann entehren könnte, da Kunkel und Lanze nirgend und nie zur Satisfaktion ſich einander gegenüberſtellen durften. Das verſtehſt Du nicht, ehrlicher Menſch! erwiederte er kopfſchüttelnd. Und wir können uns nicht darum ſtrei⸗ ten, da Jeder an ſein eigen Herz appelliren müßte. Ich fühle, daß dieſe Wunde nie verharrſcht, und daß der Tod ſich eingeniſtet hat mitten in meinem Herzen. Das iſt abgeſchloſſen und vorbei, und kein Wort ſoll darum verloren werden. Auf dem Ritte bis hier habe ich das abgemacht mit mir ſelbſt. Aber ein Geſchäft ſteht noch vor uns. Den Verführer meiner Schweſter muß ich ſuchen und den Flecken, den er auf mein Wappen warf, austilgen. Seit die Erde ſich auſthat zwiſchen mir und Adelen, ſeit der ewige Abgrund mich trennt vom Him⸗ mel, iſt mir mein Vater zu dreien Malen im Traume 9 erſchienen, finſter und mit gerunzelter Stirne, wie er hängt im Schloſſe Heldrin; ſein Geiſt zürnet, daß ich um der Liebe willen die Ehre vergeſſen konnte ſo lange Zeit, und ich habe gelobt, die Verſäumniß gut zu machen. Du biſt verſtändig, Fuſt; Du ſiehſt voraus, wie das enden wird. Der Comte oder ich! Im glücklichern Falle droht im fremden Lande dem Ausländer keine geringere Gefahr nach dem Degenſpiele als vorher. Darum halte ich es klüger: Du warteſt auf deutſchem Boden meiner Wie⸗ derkunft. Und das proponirt Alfred mir? fragte ich unwillig, und klopfte derb meinen Pfeifenkopf aus. Habe ich die ſieben fetten Pharao's⸗Jahre mit Dir geſchmaust, werde ich auch die ſieben magern mit Dir hungern;z und bei ſolchen Tänzen bedarfſt Du einen Fuſt, und ſolche Tänze, weißt Du, ſind für Fuſt ein Gaudium. Wie Du wrillſt, verſetzte er, und man ſah einen Freudenblick auf ſeinem Trübſinns⸗Antlitze; morgen ſenden wir meinen Paul mit den Hunden, Pferden und Mantelſäcken nach Straßburg; dort ſoll er uns erwar⸗ ten. Packe Du jetzt das Nöthigſte für uns aus und vergiß die Waffen nicht, wir fahren in das Franzoſen⸗ land. Kämeſt Du vielleicht allein zurück, ſo biſt Du der Erbe von Allem, was ich mit mir führe. Das findet ſich in meiner Brieftaſche. Iſt das abgethan, dann wird Gott weiter führen. Vielleicht bietet ſich Gelegenheit, auch die eigene Ehre ſo leuchten zu laſſen, daß ſelbſt eine Adele ihre Verachtung eine Lüge ſchölte, und das Leben wieder in Ordnung käme. Er ging in das Schlafgemach, und bei dem Him⸗ mel, Herr Bruder! ich ſaß da wie ein altes Weib mit naſſen Augen, ſo hatte der ſeltſame Burſch mich erſchüt⸗ —— —— ——— — —— 10 tert. Er iſt doch mehr als ich gedacht, und der Mann wickelt ſich ſichtlich vor mir heraus aus den poetiſchen Komödienkleidern, ſeit ihn die Lebensſtürme geſchüttelt. Ich freue mich darob, denn die Rebe der Freundſchaft windet ſich am liebſten und innigſten um den Baum der Achtungz aber mit der Mentorſchaft, von der ich träumte, möchte es aus ſeyn, ehe ſie begann. Fortſetzung. Wir fuhren in einem engen Poſtwägelchen, welches große Aehnlichkeit mit der Nautilusſchnecke hatte und nicht viel weniger zerbrechlich war, glücklich in das Franken⸗ land hinein und— eben ſo glücklich zur Gränze zurück, obgleich eben nicht um Vieles klüger. Mein poetiſcher Ritter hatte ſo vorſichtig für Päſſe geſorgt, daß wir nirgends Anſtoß und Aufenthalt fanden, und dieſer Um⸗ ſtand iſt mir das ſichere Zeichen, daß er kurirt iſt von aller Mondſucht und magnetiſcher Hellſeherei, und das macht mir das Leben mit ihm noch einmal ſo lieb. Der gewaltige Phyſiolog, unſer genialer Hildebrandt, hatte wohl Recht, wenn er ſprach:„Jeder Menſch hat ſeine Flegeljahre; der Eine wirft darin mit Knitteln nach Jedermann, der Andere liegt todt und ſtumm, wie eine Schmetterlingspuppe auf der Bärenhaut. Dann kommt die entſcheidende Stunde, welche ihn ſtempelt für das ganze Leben, der Silberblick, welcher Gehalt und Schlacke ſondert; aber bei dem Ausgezeichneten und Aus⸗ erwählten geſchieht dieſe Verwandlung plötzlich und faſt wunderſam; wie durch den groben Hammerſchlag des Vulkans ſpringt aus Jupiters Hirn die vollendete Mi⸗ —— 11 nerva gewappnet und erwachſen hervor.“ So bedünkt mich Güldenkrons Verwandlung, und ich ſelbſt ſtehe eben nicht nach, denn das Studioſenkleid iſt auch mir plötzlich von den Schultern gefallen; wie eine ſchöne Epiſode im Epos ſcheint mir das Triennium abgeleſen, und ſelbſt die edle Bundesſprache des Burſchenthums iſt mir nicht recht geläufig mehr. Wir paſſirten den alten Vater Rhein, deſſen ange⸗ bornes Amt als Deutſchlands Gränzwächter leider nicht mehr heilig gehalten wird, und über Stock und Stein ging unſere Reiſe von da durch das galliſche Land. In jeder bedeutenden Stadt von Mainz an wurde geforſcht und nachgefragt, und bald kamen wir einem Comte de Brandon auf die Spur, der nach langer Emigration dennoch die Fleiſchtöpfe Egyptens in der Heimath wieder geſucht hatte. Wie der Spürhund hitziger wird durch Fährte und Geruch, ſo ſtachelte auch uns jede kleine Nach⸗ weiſung und lockte uns bis tief in die Provenge hinab⸗ wo am niedlichen Dürancefluß der Comte Stammgüter haben ſollte. Wir fanden das verfallene und veraltete Schlößchen, aber keinen Comte daſelbſt; er war dort geweſen. Der graulockichte Caſtellan dort konnte uns ſei⸗ nen Aufenthalt nicht beſtimmt anſagen, Verwandte hatte er beſuchen wollen, nach Paris hatte er ſeine Abſicht gerichtet; der ſchlaue Greis ſchien in den Ausländern verdächtige Spione zu wittern, ſchien uns vielleicht für Gläubiger anzuſehen, die ſeinen Herrn im fremden Lande an der Kreide gehabt, und führte uns wiſſentlich irre. Auf gut Glück mußten wir weiter ſuchen, und der ver⸗ fehlte Schuß machte meinen irrenden Ritter immer un⸗ geduldiger. Nicht die erquickliche, weiche Südluft an den Ufern der Rhone, nicht das große Seeleben Toulons, 12 nicht die fremdartige Waldung von Kaſtanien⸗, Mandel⸗ und Oelbäumen, nicht die üppigen Weinberge und die Pracht der Roſengärten, wo die beliebten Parfüms der galanten Pariſerinnen im Freien duften, konnten meinen Güldenkron feſſeln, obgleich keine Gegend der Welt ei⸗ nem Poeten oder Arkadier mehr zuſagen möchte; kaum erlaubte er mir, ſeinem Stallmeiſter, einige Erinnerun⸗ gen für das Leben einzutauſchen, denn eine neue Spur wurde entdeckt, die uns faſt bis zur ſpaniſchen Gränze lockte, wo ſich aber der verfolgte Brandon in einen Ar⸗ meeinſpektor Bandome verwandelte, ein Irrthum, welcher ſo ärgerlich als koſtſpielig war und durch die verwünſchte Geläufigkeit der ſchnarrenden und wiſpelnden franzöſiſchen Zungen entſtanden ſeyn mußte. Nach Paris ging es jetzt, wo wir klüglich zuerſt hätten anfangen ſollen, und einige Deutſche, die das ubi bene ibi patria befolgt, wurden uns getreue Guiden und halfen uns baldigſt zur rechten Quelle. Der Comte hatte ſich am neuen Kaiſerhofe geſtellt, ihm war verziehen, jedoch verwies ihn die Staatsklug⸗ heit für einige Zeit nach Straßburg, um dort unter Aufſicht der löblichen, allwiſſenden Polizei zu wandeln und alle Beweiſe zu ſammeln, die ihn der Purifikation würdig machen könnten, weil er in Verdacht ſtand, die Waffen gegen ſein Vaterland gleich dem Coriolan ge⸗ tragen und mit dem ſchändlich ermordeten Herzog von Enghien in Verbindung geſtanden zu haben. Wir hatten ihn nun, und Güldenkrons Ungeduld wandelte ſich wieder in männliche Ruhe. Vieles mochten dazu auch die Umgebungen beitragen, welche uns von Paris aus in den Weg traten. Es iſt etwas Großes und Erhebendes in dem Anblick eines Volks, das, zu Einem Zwecke vereinigt, ſich er⸗ hoben hat, und alle ſeine Kräfte zuſammenſchmilzt für Einen Willen, und im Siegesgefühl ſeiner Gemeinkraft in Waffen erſteht, ſeine Selbſtſtändigkeit zu behaupten. Es gibt keinen ſchönern Anblick für einen Erdenbürger, und ſähe ich einmal ſo mein deutſches, zerſpaltenes Volk, es würde mir den glücklichſten Rauſch bringen, der je meine Zirbeldrüſe und mein Senſorium incommodirt hätte. Der neue Krieg mit Oeſterreich und Rußland war ſchon ausgebrochen: von allen Gegenden ſtrömten fran⸗ zöſiſche Heerhaufen dem längſt überſchrittenen Rheinſtrome zu. Die Gewißheit des Sieges lag auf dem jüngſten An⸗ geſicht; das Vertrauen auf den nie beſiegten Feldherrn, den Kriegesgott der Zeit, den furchtbaren Ares, leuch⸗ tete aus jedem Auge. Und mehr ſah der Franzoſe jetzt in ſeinem Napoleon; ſchien er doch der Wiederherſteller der alten Ordnung, der lang verlorenen bürgerlichen Sicherheit, der Einiger aller Parteien, der Verſöhner aller blutigen Gräuel, die das ſchönſte Land Europa's ſeit Jahren zu einer Mordſchlucht und Tigerhöhle ver⸗ ſchimpft hatten. Auch unſer junges Blut wurde erhitzt durch die locken⸗ den Scenen, mein Arm litt oft an ſeinem gewohnten Zucken, und Güldenkrons Blicke funkelten, wenn eine Küraſſierbrigade auf der Heerſtraße an uns vorüberzog. Wir langten in Straßburg an, und bald wurde das Hotel des Comte de Brandon uns gezeigt. Mit feier⸗ lichem Ernſte legte Güldenkron ſeine Ritterſchaftsuniform an und Degen und Piſtolen im Gaſthofe zurecht, ließ den Paul, der treu geharrt, die Pferde geſattelt hal⸗ ten, und marſchirte mit mir, der ich auch mein ſtattlich⸗ ſtes Kleid trug, zu dem Palais, woher wir nicht heim⸗ 14 zukehren gedachten, wie wir hingewandelt. Man mel⸗ dete uns und führte uns mit fränkiſcher Artigkeit in einen prächtigen Salon. Güldenkron ſtand auf ſeinen Degen geſtützt mit einem finſtern Mordgeſichte. Da rauſcht die Flügelthüre auf, und herein tritt ein ehrſamer Alter, lang und hager, mit einer Adlernaſe, edlen Zügen, fal⸗ tigen Wangen und reichem Silberhaare, das mit einem ſchwarzen Bande im Nacken zuſammengehalten wurde. Er frägt artig nach unſerm Begehr und freut ſich der Ehre, edle Deutſchmänner in ſeinem Hauſe zu ſehen, da deutſche Herzen ihm in ſeiner Nothzeit die wärmſte Hülfe geleiſtet. Güldenkron war ſtutzig geworden und aus der Faſ⸗ ſung gekommen, und ich ſah ihm an, wie er nach einer Antwort ſuchte. Aber mit der Offenheit, die ihm eigen, faßte er ſchnell ſeine Entſchließung. Sie ſind der Herr Comte Brandon, ſagte er, jedoch unmöglich der, welchen wir ſuchen. Ihr weißes, ehr⸗ würdiges Haar hebt jeden Zweifel darüber, aber eben dieſes Haar und Ihr edles, väterliches Anſehen weckt mein Vertrauen in ſolchem Maße, daß ich glaube, meine Sache keinen beſſern Händen anvertrauen zu dürfen, als gerade den Ihrigen. Ein Comte de Brandon lebte kürz⸗ lich in Norddeutſchland, reiste dort, verknüpfte ein jun⸗ ges Mädchen von edler Geburt in ſeine Schlingen, ver⸗ ließ ſie in Schande und Gram, und dieſes Mädchens Bruder bin ich, und ſuche den Wortbrüchigen und for⸗ dere Rede von ihm. Der alte Herr war etwas bleicher geworden, aber ſeine Freundlichkeit ſchien eher vermehrt als vermindert bei Güldenkrons Erklärung. Das wird doch nicht? Nein, das kann nicht ſeyn! ——— 15 verſetzte er abgeſtoßen. Ihr Gang, mein Herr, iſt ein Ehrengang und empfiehlt ſich beſonders einem Franzoſen der alten Zeit. Gedulden Sie ſich nur einen Augenblick, denn hätte ein Glied unſerer Familie ſich alſo vergeſſen, ſo würde ich ſelbſt der ſtrengſte Richter oder nöthigen Falles Ihr Sekundant ſeyn gegen mein Blut. Er trat zur Flügelthüre und rief den Namen: Louis! kräftig in das Nebenzimmer. Ein feines weibliches Ge⸗ lächter antwortete, und ſogleich darauf trat ein hübſcher, geſchmeidiger junger Mann in den Saal und fragte mit Reſpekt: Was befiehlt mein lieber Vater? Der alte Herr zog die Flügelthüre vorſichtig feſt in das Schloß und wandte ſich alsdann mit düſterer Miene zu dem Sohne. Du biſt angeklagt, und wirſt Dich ernſt verant⸗ worten müſſen, ſprach er; der Himmel gebe, daß Du es vermagſt, Louis!— Der Name trifft zu! fiel Gülden⸗ kron heftig ein und legte die linke Hand auf den Degen⸗ griff.— Verzeihung, mein Herr! rief der Alte. Sie haben mein Verſprechen; laſſen Sie mich machen. Er begann jetzt eine förmliche Anklagerede, die jedem Gerichtshofe Ehre gemacht hätte, und bei welcher Güldenkron nur die nöthigen Namen ſuppliren mußte.— Der Name der Demoiſelle?— Raphaele Güldenkron.— Das Ge⸗ burtsland?— Schwediſch⸗Pommern?— Der Ort, wo der junge Herr log und die Schlange im Paradieſe ſpielte?— Der Badeort Pyrmont. Güldenkron hatte, während der Alte ſprach, den jun⸗ gen Herrn mit einem furchtbar⸗ſtarren Blicke gefaßt; ſo firirt der afrikaniſche Leu den Fang, ehe er zuſpringt. Der junge Comte ſchien anfangs verwundert, dann ward er unwillig, zuletzt kam ein zweideutiges Lächeln hinzu. Mein lieber Vater, entgegnete er, vielleicht mit etwas zu großer Leichtfertigkeit für die Anweſenden, die Anklage iſt erſchrecklich, aber die Vertheidigung deſto leichter. Ich kann die Ehre, welche der fremde Herr mir ſo weit herzutragen bemüht war, nicht annehmen, ſie gebührt mir nicht, wenn ich mich auch ſicher nicht unglücklich füh⸗ len würde, einen ſo wackern Mann Bruder, und eine Dame, die liebewerth ſeyn muß, wenn ſie dem Bruder ähnelt, Gattin nennen zu dürfen. Schade, daß Beides nicht angeht, und ich den Papa bitten muß, meine Recht⸗ fertigung auf meine Weiſe führen zu dürfen. Nicht angeht? ſtieß Güldenkron heraus. Dann wird Blut gut machen müſſen, was Blut verſchuldete. Eine kleine Geduld! bat der Comte Louis. Ich hole ſchon meinen Sekundanten. Er ſprang aus der Thüre, und in wenigen Sekunden kam er zurück und führte ein niedliches Frauenzimmer mit ſich, das er meinem Ritter als ſeine Gattin präſentirte. Güldenkron verſtummte, ſein Zartgefühl verbot ihm jedes fernere Wort, aber er biß die Zähne in die Lippen, weil er die Komödie für Hohn hielt, und man ſah ſeinen Bewegungen an, daß er raſch abbrechen wolle, um auf anderem Wege zum Ziele zu kommen; der Comte Louis hielt ihn auf und war plötzlich ernſthaft geworden. Sie dürfen ſo nicht gehen, mein Herr! ſprach er. Ich fühle, was Sie in dieſem Augenblicke empfinden, weiß, was Sie denken. Ihr Deutſchen ſcheltet uns oft die leichtfertige Nation, leicht ſind wir mehr als Ihr, leichteren Sinns, heiteren Gemüths, tragen die Lebens⸗ laſt ſorgloſer, aber der Leichtfertigen gibt es jenſeits des Rheines ſo viele wie dieſſeits. Meine Louiſon, fuhr er dann, gegen das Dämchen gewendet, fort, Du erinnerſt Dich der räthſelhaften Briefe 17 von einer Dame, Raphaele unterſchrieben und mich hart verklagend, die uns Pelerin zugeſchickt. Wir hielten ſie für böſe Räthſel, die man thöricht geſchmiedet, unſere Ruhe zu vergiften. Aber hier ſteht die Auflöſung: der Bruder jener Raphaele fordert mein Herz, welches Dir gehört, lange ſchon treu und redlich nur Dir ſchlägt. Soll ich das Herz ſeinem Degen oder der Schweſter überliefern? Keines von Beiden, antwortete ſchnell die kleine Schöne, indem ſie gewandt mit ihrem zarten Splphen⸗ körperchen den Comte deckte. An meinen Louis hat Nie⸗ mand Anſpruch als Comteſſe Louiſon, und wie die Margot der Vendée werde ich meinen Thron zu ver⸗ theidigen wiſſen. Mein Herr, wandte ſie ſich, mit lieb⸗ licher Weiblichkeit im Auge und allen Mienen, an den finſtern Güldenkron, Sie ſcheinen freilich noch zu jung, um oft erfahren zu haben, daß die Eiferſucht der Götze des weiblichen Geſchlechts iſt, der allgemeine Fetiſch, den Frauen und Mädchen anbeten. Glauben Sie mir auf's Wort: Eiferſucht wird mit uns geboren, belaſtet uns Alle wie der Blumenſtaub die Blumen, und darum muß mein Zeugniß für Sie ſieben Siegel tragen. Wäre nur eine Möglichkeit, ſo würde die Frau ſogleich Ihr Kriegs⸗ kamerad werden gegen den Mann. Seit drei Jahren habe ich die Ehre, des Comte Louis Gattin zu ſeyn; ſeit drei Jahren wich mein Treuer nicht Einen Tag von meiner Seite, und dieſes Wunder der Welt, dieſes Mu⸗ ſter der Beſtändigkeit hat mir nicht eine einzige Stunde lang Gelegenheit gegeben, meine Fertigkeit im Schmollen an das Licht zu bringen. Meine Louiſon iſt eine Polin, ſetzte der junge Graf hinzuz in Warſchau wurden wir getraut, aber nie waren Blumenhagen. XIII. 2 18 wir im nordiſchen Deutſchland, nie in dem Pyrmonter Badeorte. Und ſollten Sie der Jugend weniger glauben, ſprach ernſt der Alte, ſo verſichere ich auf altadeliche Ehre, mein Sohn blieb ſeitdem immer an meiner Seite, theilte Leid und Freude jedes Tages mit mir, und was er angab, beſtätige ich. Sollte denn ein Anderer Ihres Namens 2 fragte Güldenkron verwirrt. Keiner meines Geſchlechts lebt außer uns, antwor⸗ tete der alte Comte mit geſenkter Stimme. Brüder und Vettern waren treue Diener des unglücklichen Ludwigs und wurden von den Jakobinern unter das fürchterliche Eiſen der Guillotine geſchleppt. Nur wir entkamen durch den Schutz des Himmels. So wird das Räthſel dunkler als bisher, ſprach Gül⸗ denkron in ſich hinein. Sollte ein Bekannter den Namen Brandon gemiß⸗ braucht haben? warf ich auf, zum erſten Male in den ſeltſamen Dialog meine tiefe Stimme miſchend. Alle ſahen verwundert auf mich, und die kleine Dame maß beinahe furchtſam meine Geſtalt. Der junge Comte trat aber lebhaft auf mich zu und entgegnete ſchnell: Ja, ſo wird es ſeyn! Der gute Mann führt uns auf den rech⸗ ten Weg. Und unſere Ehre macht jetzt Parthie mit der Ihrigen. Ich werde das Regiſter aller meiner Bekann⸗ ten durchgehen. Finden wir irgend eine Wahrſcheinlich⸗ keit, ſo ſpielen wir das häßliche Spiel als Aiden, und bieten zuſammen dem zwiefachen Schurken die Spitze. Wir wollten uns davon machen, aber der freundliche Alte ließ das nicht zu: Fremde Gaſtfreundſchaft hat ſo viele Jahre hindurch uns getröſtet, ſchenken Sie uns die 19 Freude auch einmal wieder, den Fremden uns als Wirth zeigen zu dürfen, ſagte er, und Güldenkron, welcher empfinden mochte, daß er bei dieſer Lage der Dinge gut zu machen habe, blieb trotz der böſen Laune, die in ihm vorherrſchen mußte. Das Haus des Comte wurde von dem Tage an unſer täglicher Aufenthalt und, Freund Degenknauf, Dein Fuſt befand ſich recht gut dabei, wenn er auch ſich oft⸗ mals in den beweglichen Zirkeln vorkam wie das alte Rolandsbild auf den Märkten unſerer Reichsſtädte, wel⸗ ches ſtumm und ungelenkig auf das Gedränge der neuen Weltbürger herabſieht. Güldenkron dagegen ſchien in dem Gewirre erſchlafft und krank zu werden, obgleich die junge Comteß an dem Glückskinde gar abſonderlichen Antheil zu nehmen ſchien. Wo er auftritt, zieht er das Frauenvolk an, und je mehr er den Eismann ſpielt, je lieber wird er ihnen. Er ſchickte den Paul nach Erlan⸗ gen an den Freund Perill, um die zurückgelaſſenen Ef⸗ fekten und Nachricht aus der lieben Gegend einzuholen. Der feurige Burſche verſank täglich mehr in Schwer⸗ muth, und fing ſchon an die Einſamkeit zu ſuchen und abzufallen wie ein Herbſtbaum, und darum begrüßte ich mit Freuden zwei Ereigniſſe, die ihn wie Reizmittel auf⸗ zurütteln ſchienen aus der Seelenſchlafſucht, wenn auch beide nichts Süßes brachten. Das Erſte war der Einmarſch deutſcher Gefangenen, die bei den erſten Scharmützeln des neuen Krieges ge⸗ wonnen waren. Unter ihnen erkannten wir einen Be⸗ kannten Güldenkrons, den Huſarenlieutenant Zinno, und da das Lvos derſelben bei der Erbitterung der Franzoſen nicht das beſte ſeyn konnte, ſo mühete ſich Alfred, durch mich Briefe, Geld und freundlichen Zuſpruch an den Verlaſſenen gelangen zu laſſen, welches mir altem Prak⸗ tikus auch vorzüglich geſchickt gelang. Das zweite Ereigniß faßte Güldenkrons Gemüth noch tiefer. Der Comte Louis fand nämlich unter ſeinen Brie⸗ fen auch ein leichtfertiges Sendſchreiben des ruſſiſchen Grafen Toloſtows, der mit uns an der Regnitz gelebt, und in dieſem Blatte wurde der Name Raphaele ge⸗ nannt, freilich nur hingeworfen, faſt ohne Zuſammen⸗ hang mit dem übrigen Inhalte, vielleicht nur als Bild gebraucht in Bezug auf den Meiſter Italiens und ſeine herrlichen Weiberfiguren, aber Güldenkron ſtand tief er⸗ ſchüttert, als er den Namen von der wohlbekannten Hand geſchrieben ſah: das Heimliche und Dunkle dabei mochte ihm Grauen erwecken. Der Graf reiste nach Berlin und Hamburg, als er uns verließ, ſagte der Comte bedenklich. Toloſtow war ein Mann von Ehre, verſetzte Gülden⸗ kron gedankenvoll. Solche Schurkerei hat ein eigenes Gepräge, und wer bis zu ſolcher Tiefe ſank, trägt den Teufel auch auf dem Geſicht zur Schau. Der Comte zuckte unmerklich die Achſeln, mir ſchien, als könnte er mehr ſagen, würde aber von Lebensvorſicht gebunden. Der haſtige Alfred wollte am andern Morgen auf der Stelle wieder in das Frankenland, um der neuen Ungewißheit Luft zu ſchaffen; da kam zu rechter Stunde der Paul zurück mit Briefen aller Art. Die Baronin Leon war verſchwunden gleich nach unſerer Abfahrt, ihr Paladin, Graf Toloſtow, ihr nachgereist, die Sel⸗ ten verheirathet, und der letzte Brief, den Alfred nicht laut las, warf ihn zurück auf den Seſſel. Hoch erhob er ſeine Arme zum Himmel und eine Leichenbläſſe überzog ſein gebräuntes Geſicht.. 24 So haſt du gerichtet, Unſichtbarer dort oben, haſt die Schande mit deiner ewigen Nacht verdeckt, und be⸗ darfſt meiner ſchwachen Hand nicht mehr, ſtammelte er mit einer Grabesſtimme. Dir übergebe ich auch den ge⸗ heimen Mörder, du wirſt ihn finden, und flüchtete er über das Weltmeer, wo mein Arm nicht hinreicht. Er ſprach irre und ich mußte nach dem Arzte ſchicken; indeß hatte der Anfall keine Folgen. Aber ich ſehe den Wurm in der jungen Bruſt, und wahrlich, könnte ich's, möchte ich mir ein halbes Dutzend Jahre ſubtrahiren laſſen, wenn dadurch das Gift, das dieſes junge Blut verdorben hat und das einen ſo kräftigen Baum zu zer⸗ nagen droht, neutralifirt werden möchte. 3. Hofrath Ernſt an Alfred Güldenkron. Schloß Heldrin an der Oſtſee. Biſt auch Du hin, Alfred, Sohn, anvertrautes Klei⸗ nod, und ſoll ich Allem nachweinen, was mir lieb war auf Erden? Ich rufe nach Dir, aber Du antworteſt nicht, und mir iſt, als wäre ich der letzte Lebende auf dem Erdballe, Feuer und Waſſer hätten Alles um mich zer⸗ ſtört und verſchlungen, auf der letzten Scholle ſtände ich in der gräßlichſten Einſamkeit, keine Menſchenſtimme, kein Gewinſel mehr um mich, kein Menſchenauge mit mir Blicke tauſchend, ich allein, mit Luſt erwartend den Augenblick, wo auch die letzte Scholle verſänke in den Abgrund ewiger Vernichtung. Wie ſoll ich Dir ausſprechen, was ich Dir ſagen muß? Wie wird es mir möglich werden, in langen, kalten Buchſtabenreihen Dir hinzuzeichnen, was Du wiſ⸗ ſen mußt? Könnte ich es in Ein Wort faſſen, ſelbſt das Wort würde auf der Zunge Eis werden. Nimm alle Kraft Deiner Jugend zuſammen, und bereite Dich auf etwas Entſetzliches. Die Griechen glaub⸗ ten an ein zermalmendes, die Menſchen haſſendes Fa⸗ tum; ich hörte ſeinen ehernen Schritt, fühlte ſeine guet⸗ ſchende Rieſenfauſt. Raphaele, o halte Dein Herz, mein Alfred, ſey ſtark und fluche Niemanden, Raphaele iſt verloren, fort, unwiderbringlich, für immer! Da iſt der Syſiphusſtein vom Herzen abgewälzt, und nach einer langen Erholung kann ich weiter ſchreiben. Raphaelens Geiſteskrankheit erſchien immer ſchwerer, doch konnte Niemand Arges ahnen, denn ſie ward geduldiger mit jedem Tage und ſtiller und ſcheinbar zufriedener. Ihre Kleine blieb die Axe ihres Daſeyns, und wie ſie der Außenwelt immer entfremdeter wurde, ſo wandte ſich ihr ganzes Leben immer mehr dem klei⸗ nen, lieblichen Geſchöpfe zu. Nie blieb ſie ohne Aufſicht, ohne Wärterin, aber eine ihrer Jungfern ließ ſich leicht⸗ ſinnig verleiten, ihre Nachtwache einige Stunden zu verlaſſen und der Hochzeit einer Muhme beizuwohnen. Im tiefen Schlafe verließ ſie ihr Fräulein; als ſie heim⸗ kehrt, iſt Raphaele fort, nirgend zu finden, entflohen mit dem Kinde. Wie wahnwitzig ſtürzte die ſündige Dirne vor mein Bett, und weckte mich mit der Schre⸗ ckenspoſt. Ich ſelbſt und die ganze Dienerſchaft hinaus, zu Pferde auf allen Straßen. Mein alter Fuchs ſtürzte auf der erſten Meile, mein Arm fand ſich gebrochen, mein Fuß verrenkt; ſo trug man mich zum Schloſſe zurück. Denke Dir meinen Zuſtand, Alfred! Auf der Doppel⸗ folter innerer und äußerer Schmerzen lag ich unter den 23 Händen der Wundärzte, meine Glieder von Schienen und Binden gefeſſelt, da ihr Gebrauch mir am nöthig⸗ ſten war. Und alle Boten kamen zurück, einer nach dem andern, und keiner trug einen Troſt, keiner auch nur eine Hoffnung an mein Lager; ein Stern nach dem andern löſchte aus, bis dichte Finſterniß mich umgab, der kein Tag folgen wird. Aber auch das Nebelland der Ungewißheit ſollte mir keine Zuflucht bieten, denn am Mittage brachte man einen Fiſcher zu mir, in deſſen Händen ich Raphaelens Shawltuch erkennen mußte. Nach Mitternacht hatte er am Seegeſtade ſeinen Nachen und ſeine Netze gerüſtet zum frühen Morgenfang. Eine weiße Geſtalt war ihm erſchienen auf den hohen Kreide⸗ klippen, er hatte ſie für die Mutter Gottes gehalten mit dem heiligen Kinde, welche gekommen, ihn zu warnen und den nahen Sturm zu verkünden. Wie es aber Tag geworden, fand er das Tuch flatternd an der ſpitzen Felſenhaube, weit hinaus am Rande der Bucht. So blieb denn kein Zweifel; alle Schifferdörfer wa⸗ ren durchſucht, und die Schwache konnte ja nicht weit geflohen ſeyn, mußte doch irgendwo Ruhe und Nahrung geſucht haben. Ihr iſt wohl; ſie ſchläft in der großen Wiege, welche ſie auf weichen Kiſſen hinüberſchaukelt zur Küſte, von welcher ihre Väter ſtammten; ſie ſchlummert in dem großen Grabe, worin viele Eurer tapfern Vor⸗ fahren ihre Ruheſtätte fanden, wenn ſie den gewaltigen Segelkahn gegen die Feinde ihres Volkes ſteuerten. Gib die Rache auf, Alfred! Suche den Böſewicht ferner nicht, der dieſes zarte Weſen zertrat. Ueberlaß ihn den Gerichten der Ewigkeit, Deine Rache würde zu menſchlich ſeyn, zu kurz für ſolche Gräuelthat. Der Rä⸗ cher dort oben wird ihn zu finden wiſſen, Raphaelens ———— Geiſt wird ſein Schatten werden, der ſich an ſeine Schritte hängt und ihn peitſcht bis zum ſpäten Grabe mit Scorpionengeißeln. Abex rede Du zu mir, Alfred! Ich muß Deine Stimme hören, und ſprächſt Du wie Nordſturm oder wie Eulen⸗ gekrächze, das mein Ende andeutete. In der letzten Nacht fiel der Schlachtdegen, welcher unter dem lebensgroßen Bilde Deines Vaters hing, her⸗ unter von der Wand, und traf die alte Tiſchuhr darun⸗ ter, und zerſchmetterte Euer Wappen daran, die goldene Krone im blauen Felde, die Eure Abkunft von den alten Schwedenkönigen ausſpricht. O ich bin ſo abergläubig geworden wie das gemeinſte Fiſcherweib. Wenn dem Menſchen nichts Irdiſches mehr blieb, an welches er ſich feſtklammern kann im Schmerz und Erdenſturme, wenn ſeine Vernunft wie der ausgetrocknete See nur Moder haucht und Giftdunſt, wenn im über ihn hereinſtürzen⸗ den Leid keine Weisheit ihm das Warum erklärt, dann flüchtet er in das Geiſterreich, überwindet jedes angebo⸗ rene Grauen, und frägt hinein in die nebelvolle Leere und huſchende Schatten; das Krachen des Daches, die ſpringende Saite, die ſchreiende Ufermöve werden ihm zu Stimmen, in denen der Weltgeiſt und ſeine Unſicht⸗ baren zu ihm ſprechen. Alfred, was will das fallende Schwert? Kündet es, daß auch Du hin biſt? Zerbrach es den Schild der Güldenkrons auf Deinem Hügel, oder biſt Du unterwegs, und warf Dir des Vaters Geiſt den Stahl zu, ihn gegen mich zu gebrauchen? Komm nur, freundlich oder rächend, Dein Anblick wird mir Troſt ſeyn, und ich werde Dir meine ſchuldige Bruſt willig entgegenhalten. Otto Fuſt an den Studioſus Yegenknauf. Straßburg. Das war eine böſe Kur, welche man gegen unſern Willen mit uns vorgenommen hat, mein Freund, ſo eine Art chineſiſches Bauchtreten, oder noch beſſer eine Tre⸗ panation, nach der man den verlorenen Verſtand wie⸗ der bekommt, am eigentlichſten aber dem Sacke der Irrenhäuſer vergleichbar, worin ſich das Blut bis zum Erſtarren abkühlt. Sie iſt gut angeſchlagen, mir und meinem Ritter, wir ſfind Beide ganz vernünftig und zahm geworden. Ohne trübe Ahnung lebten wir hier ein gemüthliches Stillleben zwiſchen memento mori und Stundenglaſe, und ich mühte mich vergebens ab, meinen armen Alfred aus ſeiner Traurigkeit zu erwecken. Ich führte ihn faſt gewaltſam hinaus in das täglich neu ſich gebärende Kriegsleben, auf die Paradeplätze und zwiſchen die Ar⸗ tillerieparks. Ich dachte mir jede Nacht einen neuen Lebensplan aus, den ich meinem Herrn am Morgen vor⸗ trug, aber Nichts weckte ihn, und meine Geduld ging mit meiner Erfindungskraft zu Ende. Da klirrten eines Morgens Gewehre dicht vor unſerm Gaſtzimmer. Die Thüre öffnete ſich: bärtige, grämliche Geſichter ſchauten herein, zwei Offiziere und ein Civil⸗ beamter ſpazierten herein, und man begrüßte uns mit dem unerwarteten Titel: Gefangene! Widerſetzlichkeit half Nichts, Entſchuldigung und gehorſamſte Anfrage ward nicht gehört, Waffen und Geld wurden uns höf⸗ lichſt genommen, unſere Papiere ſignirt und verſiegelt, und Marſch! klang es, zwiſchen die Bajonette der Blauröcke! Ein gewaltig miſerabler Spaziergang wartete auf uns. Du weißt, der Fuſt iſt eben nicht furchtſam, jedoch dieſe Reiſe über die Gaſſen zum Thurme hätte einen Bayard aus dem Gleichgewichte gebracht. Dichte Volks⸗ haufen umdrängten und geleiteten uns, und hätte die ſchnurrbärtige Wache nicht mit den Kolben Reſpekt er⸗ zwungen, ich glaube, nur die Fetzen von uns wären an die eiſerne Thüre gelangt. Deutſcher Spion! war das ¹ feinſte Scheltwort, welches aus dem Weiberhaufen uns zugeworfen wurde, und die verdammten Gaſſenbuben trabten gleich Courieren mit uns fort, und: Caput macken! Kopp ab für deutſchen Coujon! tönte als Re⸗ frain von dem feinſtimmigen Chore, welches mitunter auch eine Salve von kleinen Steinen oder einen Trau⸗ benſchuß von Gaſſenkoth nach uns ſchleuderte. Wir hatten eine Freude, als wir das Aſpl erreichten und die Gefängnißthüre hinter uns in das Schloß fiel. Da ſtanden wir und glotzten uns an, und je länger wir nachdachten, je unerklärlicher wurde uns der neue Akt in dem Trauerſpiele, welches das Fatum ſeit einiger Zeit mit uns durchſpielte. Man muß gute Miene zum böſen Spiele machen, ſagt der Franzoſe, und obgleich ich der galliſchen Sprache eben nicht hold bin, für die⸗ ſes Mal zwang die Nothwendigkeit, der galliſchen Weis⸗ heit nachzuleben. Aber in welchen Tartarus hatte man uns geſtürzt. John Howard und die Miſtreß Fry hatten dieſes Kerkerloch nie geſehen, ſie würden Zeter geſchrien haben durch ganz Europa. Das liebliche Viſitenzimmer, welches die franzöſiſche Municipalität ihren Gäſten an⸗ gewieſen, ſtand an Friſche der Luft, Wohlgeruch und Reinlichkeit keinem Peſthofe nach, Ratten und Mäuſe beſuchten uns zur Nachtzeit ganz ohne Komplimente in 27 den Betten, und eine ſchlimmere Geſellſchaft waren ſechs Verbrecher, die mit uns Stickluft und Dämmerlicht theil⸗ ten, und in deren wechſelſeitig erzähltem Lebenslaufe alle ſieben Todſünden ihre Rollen bekamen. Aber ſelbſt der franzöſiſche Spitzbube entbehrt ſeiner Nationalität nicht; auch der Abſchaum dieſes ſeltſam konſtruirten Volksſtammes wetteifert noch mit unſern beſſern Stän⸗ den an Artigkeit, savoir-vivre und allen Tugenden der Geſelligkeit. Die ſechs Induſtrieritter erwieſen uns ſofort alle mögliche Auszeichnung. Das beſte Strohlager trat man uns ab, der Präſident der noblen Akademie legte ſogleich ſeine Würde in meine Hände, worauf meine Thurmgeſtalt Einfluß haben mochte, ich wurde der Aus⸗ theiler des jämmerlichen Mittagsmahles und der Schieds⸗ richter jeder Streitigkeit. Güldenkron hatte ſeine Börſe in der Buſentaſche gerettet, auf den Rath der Gefährten wurde durch einige Franken die Schließerin gewonnen, und beſſere Koſt und einige Fläſchchen leichten Weines erquickten uns und unſere Rathsherren. Man gab uns Anſchläge, wohin wir unſere Bittſchriften richten müß⸗ ten, und half uns in der Ausfertigung. Wir konnten wahrlich in keine beſſern Hände gerathen ſeyn, und Al⸗ fred ſchien ſich in der ſeltſamen, nie gekannten Situation zu erheitern und da Lebensmuth zu gewinnen, wo tau⸗ ſend Andere den Reſt verloren hätten. Aber was half das Alles, unſere Schriften blieben ohne Antwort; acht lange Tage waren mit Schneckeneile hinabgeſchlichen, und am achten flüſterte mir die verliebte Alte bei der Uebergabe der zinnernen Schüſſeln zu: Ihr Mann habe geplaudert, unſere Sachen ſtünden ſehr ſchlimm, man würde kurzen Prozeß mit uns machen, Kriegsgefangene wären ausgebrochen und deſertirt, wir hätten im Kom⸗ 28 plott geſteckt, und dem Anführer der Deſerteurs Briefe und Geld zugeſchmuggelt. Freund Zinno! rief Alfred aus. Monſieur Babillard aber, der Redner unſers Klubs, rief mit Entſetzen: Da ſeyd Ihr verloren, müßt ohne Gnade den Marſch auf die Schanze machen, und die Chaſſeurs werden ohne Umſtände ein Scheibenſchießen nach Euren Herzen anſtellen. Das klang ſchlimm, und die heiße Luft um uns wurde mir ſeitdem noch einmal ſo widerwärtig, und ich hielt am Gitterfenſterchen der Thüre beſtändig meinen Poſten, und lauſchte mit Herzklopfen auf die ſtampfen⸗ den Schritte des Kommando's, welches uns abführen möchte, obgleich ich im voraus erbebte wie vor dem Pochen des ſteinernen Gaſtes, der dem verwegenen Don Juan das Weltgericht verkündet. Die Grenadiere kamen nicht, aber wohl ſah ich im Vorderhauſe einen jungen Elegant zum öfteren mit der Schließerin verkehren, und als die Sonne eines Mittags dem gezierten Bürſchchen in das Angeſicht leuchtete, wurde mir das Geſicht plötz⸗ lich bekannt: die volle Bruſt, der krauſe Lockenkopf, der trippelnde Gang, das große Auge. Wen erkannte ich? Wunder des Himmels, ich konnte nicht irren: die Ba⸗ ronin Leon mußte es ſeyn, hatte ich ſie doch gerade ſo gekleidet geſehen damals, wie ſie Alfreds Blut ſog. Ich verſchwieg die Entdeckung meinem Ritter, wußte ich doch nicht, wie der Widerſpenſtige es aufnehmen würde, aber Hoffnung dämmerte mir, denn die Baro⸗ nin war auf der Hochſchule mächtig verliebt in uns, und die Leute von Profeſſion ſagen ja, ihre Art Liebe ſeh allmächtig. Wie gedacht, ſo geſchehen. Am Morgen darauf er⸗ ſchien kein grimmiges Chaſſeurpiket, ſondern ein feiner 29 Adjutant, der uns die Freiheit brachte, hundert Ent⸗ ſchuldigungen plapperte und uns ankündigte, wie er Befehl habe, uns ſofort zu ſeinem General zu führen. Unſere miſerabeln Geſellſchafter bewieſen ihre Gemüth⸗ lichkeit durch ein einſtimmiges: Vive le Commandant! bei der Nachricht, welche doch ihren Zuſtand in Betreff der Koſt und des Weines verſchlimmern mußte; Alfred warf den Reſt ſeiner Börſe unter ſie, und freiathmend begrüß⸗ ten wir die erquickliche Morgenluft und folgten dem jun⸗ gen Perſeus, der uns vom Drachenfels gelöst. Ein Wechſel der Kleider blieb unumgänglich nöthig. Wir fanden im Gaſthofe alle Effekten unverſehrt, und endlich wieder ordentlichen Menſchen ähnlich, ſäumten wir nicht, bei dem General Auflöſung des Räthſels un⸗ ſerer Kerkertage aufzuſuchen. Der General war einer jener Militärs, die das He⸗ roiſche der alten und neuen Welt in ſich einen, und welche man ſeit der Wiedergeburt Frankreichs in keiner Heeresmacht ſo häufig findet als in der franzöſiſchen: eine Theſeusfigur mit dem Kopfe eines Scipio, gefäl⸗ liger Anſtand mit freundlicher Würde gepaart, Beſtimmt⸗ heit im Ausdruck, gewählte Rede ohne Affektation, lako⸗ niſche Kürze, wo es paßte ſcharf wie Dolchſchnitt, ſo führte der Mann ſich uns vor, an deſſen Wink Leben und Tod für uns hing. Welches Loos er uns gezogen, ward in den erſten Minuten klar, denn er nöthigte uns zu einem Gabelfrühſtück, welches ſchon bereit ſtand, und der feurige Burgunder nebſt den gebratenen Hähnlein mundete Leuten wie uns, welchen eine Woche lang eine fatale Schließerin Tafeldeckerin geweſen, gar vortrefflich. Der General aß mit uns, jedoch berührte er während des Mahls die Hauptſache nicht, ſondern that bloß Fra⸗ gen nach unſerer Heimath, unſerm Stande, unſern Rei⸗ ſen, ob wir den großen Kaiſer ſchon geſehen, und ſo weiter. Sobald wir aber die Meſſer und Servietten niedergelegt und ein Domeſtik abgeräumt, wurde ſeine freundliche Miene ernſt, er ſtrich ſich den kleinen, ſchwar⸗ zen Knebelbart, fuhr mit der Hand von der Stirne auf über den kaſtanienbraunen Lockenwulſt, und befahl dem Adjutanten, ein Päckchen Papiere von einem Rebentiſche herbeizutragen. Nach einer kurzen Auswahl legte er Güldenkron ſeine Briefe an Zinno vor, und als dieſer ſie erkannt, bat er ihn, da er gefunden, wie geläufig ihm die franzöſiſche Sprache ſey, ſie wörtlich in dieſe zu übertragen. Alfred ſtutzte etwas, jedoch ſäumte er nicht, dem Befehle nachzukommen, indeß der General ein an⸗ deres Papier mit Güldenkrons Ueberſetzung zu verglei⸗ chen ſchien. Wörtlich aus Ihrem Munde, wie es hier ſteht, fuhr er vergnügt in die Höhe; dann aber wurde die glatt⸗ gewölbte, freie Stirne auf einmal zu einem wellenwer⸗ fenden See. Und jetzt, mein Freund, leſen Sie hier, mit welcher Uebertragung uns ein deutſcher Schurke hin⸗ terging, eine Heimtücke, welche ohne die Dazwiſchenkunft einer Zauberin und Fee leicht hätte unſchuldiges Blut koſten können. Alfred las, und ich ſah ihn bleich werden. Sie ha⸗ ben nicht mehr zu erſchrecken, ſprach ſogleich der Gene⸗ ral fort, der Betrug iſt aufgeklärt, jede Satisfaktion wird Ihnen werden, und ich hoffe, die unglücklichen Tage durch angenehme Stunden vergeſſen zu machen. Lieutenant Maiſon, den Sekretär! Treulich erklärte er ferner: Ein erſt neulich ange⸗ ſiellter deutſcher Translateur trat als Ihr Ankläger auf 31 bei dem Marſchall. Haſſet der Menſch Sie perſönlich, oder trieb ihn Bosheit des Charakters, ich kann darin nicht entſcheiden, man fand den Mann bislang verſtän⸗ dig, talentvoll und kenntnißreich, und hob ihn darum zu einem bedeutenden Poſten, da der neue Krieg den Ausländer beſonders nützlich machte. Eine mir ſehr theure Dame, Ihre Landsmännin und frühere Bekannte, ent⸗ deckte zufällig die böſe Situation, in welche man Sie verſetzt. Nur den eifrigen Forſchungen derſelben verdan⸗ ken Sie die Enthüllung des tödtlichen Betrugs, und ich werde Ihnen Gelegenheit geben, Ihren Dank bei der Schönen auszuſprechen. Alfred ſchüttelte verwundert das Haupt, und obgleich ich leichter rathen konnte wie er, ſo ſtaunte ich doch, die Baronin und den General mir ver⸗ bunden denkend. Aber größer noch wurde unſere Ver⸗ wunderung, als in die Thüre der Adjutant trat und mit ihm Kletting, der erſte Liebhaber der Selten und der meuchleriſche Duellant aus dem Erlanger Walde, von dem mein damaliger Bericht Dir erzählte. Der lange blonde Herr ſah recht bleich aus, an den ſchlaffhängenden Armen waren die Fäuſte geballt, und die Lippen hielt er im tiefen Grimm zuſammengepreßt. Abellino! ſtieß Güldenkron hervor. Der General maß den Schuldigen mit ſtrengen Blicken. Haben Sie ſich be⸗ dacht, Monſieur Sekretär? fragte er heftig. Wollen Sie geſtehen, was Sie bewog, uns ein falſches Dokument unterzuſchieben, und die Gerechtigkeit des Kaiſers in Verſuchung zu führen? Kletting ſammelte ſich mit An⸗ ſtrengung. Ich that, was mir die Liebe für Frankreich befahl, antwortete er in Abſätzen und mit Widerwillen. Dieſe Fremden haben das Land durchſpionirt, ſie haben ohne Grund ſich in den ſüdlichen Provinzen aufgehaltenz dieſer Herr iſt der Buſenfreund des öſterreichiſchen Offi⸗ ziers, welcher bei dem Komplott der Priſonniers an der Spitze ſtand. Urſache zur Genüge, zur Kriegszeit die äußerſte Strenge auf ſie herabzulocken.— Aber nicht Urſache zur Lüge und falſchen Angabe, zürnte der Ge⸗ neral. Hier war Nichts von Mitwiſſenſchaft, von Be⸗ ſtechung der Wachen, von falſchen Päſſen, von Pferden am Thore, von Conſpiration der Provengalen, wie Sie leſen wollten. Freundſchaft in der Noth und ihre Aner⸗ bietungen achtet Niemand ſo hoch als der Franzoſe. Nun wohl denn! brach Kletting mit Gift im Auge heraus. Dieſer Herr iſt mein Todfeind; ich haſſe ihn, wie nie ein Menſch gehaßt, all mein Streben wird ſeyn, ihn zu verderben, ihm wett zu machen, was er mir ge⸗ than. Und das kleine Fegfeuer, worin er geweſen⸗ ſetzte er höhniſch hinzu, mag ihm ankündigen, was er von mir zu erwarten hat. Sie hätten unter Robespierre und ſeinen Conſor⸗ ten Dienſte ſuchen müſſen, antwortete der General mit Kälte; da waren ſolche Grundſätze an der Tagesord⸗ nung. Die Zeiten der Selbſtbefleckung Frankreichs lie⸗ gen, Gott Lob dafür, hinter uns. Maiſon, den Sekretär in den Arreſt zurück! Dieſen Bericht an den Marſchall, er wird ſein Schickſal entſcheiden.— Trauet ihm nur, General! rief Kletting noch. Er gleicht der Schlange am Apfelbaume, und auch Ihr werdet bereuen, daß Ihr ihn aufnahmt. So wurde er fortgeführt. Ich möchte, der Herr Marſchall überließe mir den guten Mann zu beliebiger Züchtigung, ſprach ich, und mein Arm zuckte wie elektriſirt. Freilich möchte ich dann nicht mit ihm theilen, lä⸗ chelte der General, indem er meine Geſtalt mit einem 33 Blick von der Scheitel zur Sohle beehrte. Er erbat ſich alsdann Güldenkrons Gegenwart für ſein Damenzim⸗ mer. Ich ward entlaſſen und ſetzte mich im Gaſthofe nieder, die Langeweile mir durch dieſen Bericht zu ver⸗ treiben, von dem ich wünſche, daß er Dir nicht bringe, was er mir abnahm. d. Alfred Güldenkron an Hofrath Ernſt. Straßburg. Beängſtigt iſt mein Herz um Deine Geſundheit, mein väterlicher Freund, denn nur Fieberphantaſie konnte ſolche Worte Dir diktiren, wie Dein Schreckensblatt ſie mir entgegentrug. Ich ſollte als Feind mit der blan⸗ ken Waffe in der Hand Dir entgegentreten? Iſt denn irgend eine Verwandtſchaft mit dem Oedip in mir? Hat mein Geſicht vatermörderiſche Züge? Mutter und Vater ſchenken den Leib, der Erzieher gibt die Seele, und darum biſt Du mein eigentlicher Vater; die leib⸗ lichen Eltern habe ich ja kaum gekannt, und ihre ehr⸗ würdigen Geſtalten ſchweben mir nur dunkel vor wie Bilder, mit denen das Kind ſpielen durfte. Raphaele hat vollendet! Erſchüttert war ich bis in das tiefſte Mark meines Weſens; betrübt werde ich bleiben, ſo lange mein Gemüth empfindet. Aber ich grolle nicht mit der Vorſicht, ſondern bete ſie an in ihrer heiligen, grauen⸗ haften Dunkelheit. Wer die Ehre verlor, iſt dem nicht wohl, recht wohl unter dem ſchützenden Raſen, in der undurchdringlichen Burg des Todes, wohin keine Schmäh⸗ rede dringt, welche der höhnende Finger der Menſchen Blumenhagen. XII. 3 3 1 3 ——————————— nicht durchbohrt, deren feſte Mauer das Hohnlachen des Boshaften nicht erſchüttert? Gönne ihr die Ruhe, den Frieden, alter Mann! Ein Leben ohne Ehre wäre ein langer, endloſer Gang geweſen zwiſchen Henkershänden zum Hochgericht, und der Schimpf hätte in jeder Stunde ſeine Geißel und ſein Schwert über ihrer Scheitel ge⸗ tragen. Ein Bote Gottes iſt der Tod, ein grauenhafter Bote, aber ein allgewaltiger: er achtet die Krone des Fürſtgebornen ſo wenig wie den Kranz von Immergrün auf den Locken der Jugend; gleich der morſchen Thüre der Bettlerhütte bricht vor ſeiner Hand die eiſerne Pforte der trabanten⸗bewachten Kaiſerburg, und kommt der mächtige Bote geſandt vom Herrn, ſo kehrt er nicht um auf dem Wege, und kein irdiſches Opfer, kein from⸗ mes Gebet hemmt ſeinen Schritt. Gott ſchickte den Bo⸗ ten zu ihr, da es an der Zeit war, er lockte ſie auf den glatten Klippenrand der See und tauchte mit ihr ſanft hinab in das kühlende Bett, worin Millionen Menſchen⸗ herzen ſchon ein Erquickungsbad fanden nach heißem Tagewerke. Selbſtmörderin iſt ſie nicht geweſen, ſelbſt als Kranke nicht, der Gedanke bleibt mir ſo fremd wie der Unglaube und die Gottesläſterung. Fahre wohl, du arme Orphelia, wir ſehen uns wieder dort, wo keine Körper verlocken und in Bande ſchnüren, wo kein irdiſch Wort verführt oder wie Scorpionſtich verletzt; dort, wo die Liebe eine andere iſt, und kein Blut, keine Begierde mit ihrem Namen Spott treibt. Mir iſt viel und Vieles begegnet in wenigen Wo⸗ chen. Ich ſende Dir eine Abſchrift meines Tagebuches; ein treuer Freund hat es in den letzten Monden fortge⸗ führt, lies darin auf Deinem Krankenlager, und ſey wieder dicht neben Deinem Alfred. O wäreſt Du nie —— 35 fern von mir geweſen, mein Leben würde ſich anders geſtaltet haben! Ich verſchwieg Dir ſo Manches, zürne darüber nicht, war es mir doch, als dürfte ich keiner Menſchenſeele das Heilige anvertrauen, plauderte ich doch mir ſelbſt nur davon auf weiter, menſchenleerer Haide, oder im ungangbarſten Walde, oder im einſam⸗ ſten Zimmer, wenn die Nacht alle Ohren und Augen verſchloſſen hatte. Aber der Bund iſt zerſprengt, die Moyſterie iſt zu Ende, die Gemeinheit hat mit frecher Fackel hineingeleuchtet in die Sacra der Pyramide, wie das verfinſterte Volk einſt den beglückenden Pythagoras mit wilden Fäuſten erſchlug. Nicht ohne Bedeutung iſt des Vaters Degen von der Wand geſtürzt. Ich ſehe ſeinen Geiſt, wie er mich auf die Ehrenbahn ruft, die er ſelbſt allen übrigen Menſchen⸗ wegen vorzog, und ich werde folgen; der ſich regende, geſpenſtiſche Degen hat mich vollends beſtimmt. Ich fahre da fort, wo Freund Fuſt in unſerm Ta⸗ gebuche aufhörte, und Du ſollſt Erläuterungen leſen, die ich ſelbſt ihm nicht diktiren mochte, ſollſt wiederum neben der Höhe die Tiefe ſehen, zwiſchen denen das räthſelhafte Weſen Menſch ſeine Seiltänzerſprünge treibt, Gaukeleien, bei denen das Auge des Neulings ſchwin⸗ delt, in denen aber die Erfahrung ſich ſichert für die Zukunft, wenn auch das Herz blutet und verarmt. Der General Potier führte mich aus ſeinem Zimmer in die prachtvoll möblirte Belle⸗Etage ſeiner Wohnung. Alles ſprach von Reichthum und Geſchmack, elegante Diener öffneten die Prunkzimmer, und auf dem Atlas⸗ ſopha fanden wir eine ſchlanke, üppig⸗gebaute, üppig⸗ gekleidete Dame, zu deren Füßen ein Knabe auf dem koſtbaren Teppiche ſpielte. ——————— 36 Da, meine Meta, ſprach der General, die Hand der Schönen an ſeinen Mund führend, da iſt der Lands⸗ mann, unverſehrt, wie Du befahlſt. Gib ihm Erläute⸗ rung, empfange ſeinen Dank. Mich ruft der Dienſt. Meinen Dank werde ich mir hernach zu nehmen wiſſen. Ohne Zwang, mein Herr, die Freunde meiner Angebe⸗ teten ſind bei mir wie zu Hauſe. Er drückte meine Hand und ging. Und wohl, daß er ging, denn wie ein Stein⸗ bild ſtand ich vor der Generalin und glaubte mich getäuſcht von meinen Augen, betrogen von allen meinen Sinnen. Kein Zweifel blieb mir übrig, als ſie ſich jetzt erhob und mit lieblicher Traulichkeit mir entgegenkam. Bri⸗ tomars, des Malers, Meta ſah ich vor mir. Dieſe vol⸗ lendete Frauengeſtalt, welche im Gemälde einſt ſo be⸗ täubend auf mich gewirkt, hatte ich ja nie vergeſſen kön⸗ nen, und wenn ich auch ſpäterhin immer mit ſeltſamer Schamröthe ſie an Britomars Arme ſah, für deſſen Weib ſie galt, wenn auch jetzt der blendende Putz der Edel⸗ dame ſie ein anderes Weſen ſcheinen ließ als damals, da ſie im einfachen Gewande ging, das faſt der Tracht der antiken Veſtale glich und das ſie dem Künſtler zu Liebe jener Statue nachmodelte, ſo war es doch dieſelbe Meta, ich mochte meine Augenlider mehrere Male zu⸗ preſſen und geſtärkter aufheben: es blieb Meta, Brito⸗ mars herrliche Meta. Meine Verlegenheit wuchs mit jeder Sekunde, kaum konnte ich einige Dankworte ſtam⸗ meln. Sie ſelbſt löste mich jedoch raſch und nur zu offenherzig aus den Ketten meiner unbehülflichkeit. Ein fröhliches Willkommen rief ſie mir, und ihre zarte Hand leitete mich ſelbſt zum Sopha. Zuerſt klärte ſie mich auf über meine Befreiung. Eine andere deutſche Frau hatte mich erkannt auf meinem Wege zu dem 37 Gefängniß, und hatte ſie zu meiner Rettung aufgefor⸗ dert. In der Verwirrung, welche der neue Krieg in alle Geſchäfte gebracht, waren ihr viele Hinderniſſe entgegen⸗ getreten, aber unermüdet im Ergriffenen nach Frauen⸗ art erhielt ſie durch den General endlich Briefe und Ueberſetzung, und zerriß glücklich das eiſerne Netz der Bosheit. Dann kam ſie ſelbſt auf die Ueberraſchung, die ihr Anblick in mir ſo ſichtlich erſchaffen, und mit beinahe unweiblichem Freimuthe entſchleierte ſie auch dieſe Myſterie, und— guter Vater, nahm der Schöpfer denn etwa gar mancherlei Stoff zu ſeinen Menſchen? — eine heimliche Scham kroch an mir auf vor dem Ge⸗ ſtändniß des Weibes, und mit jedem Worte bekam die ideale, vollendete Geſtalt vor mir mehr der Flecken und erſchien mir immer häßlicher. O! Adelens Bild tauchte vor mir auf aus den Nebeln und Wetterwolken, und ich ſeufzte tief, recht tief! Der Maler Britomar machte mit ſeiner Meta eine Kunſtreiſe durch das ſchweizeriſche Paradies des Sach⸗ ſenlandes. Im Plauiſchen Grunde traf General Potier mit ihnen zuſammen, von einer Geſandtſchaftsreiſe aus dem Norden Deutſchlands heimkehrend, und mehr als die wunderſame Raturſchönheit der reizendſten Gegend Deutſchlands feſſelte den feurigen Franzoſen die Eva des Paradieſes, welcher der feine, galante Krieger nicht weniger wohl gefiel. Schon in einigen Tagen des Zu⸗ ſammenlebens glaubten Beide zu wiſſen, daß ihr Lebensglück nur vom wechſelſeitigen Beſitz bedingt ſey, und verſtändigten ſich bald darüber. Was konnte der treudeutſche Maler gelten neben dem prunkenden Franz⸗ manne? Wie klang ſeine einfache Zärtlichkeit neben dem Pariſer Feuerworte voll Schwulſt und Poeſie? Wie ſtach 38 ſein einfaches Leben, ſein ſchlichtes Kleid ab von dem blendenden Kriegerſchmucke und dem Schwelgerleben des fränkiſchen Lancelots? Wie gerieth ſeine hagere, unan⸗ ſehnliche Figur in Schatten zur Seite des ſtolzen, ſieg⸗ bewußten, wirklich ſchönen Soldaten? Die Wahl der Eva blieb nicht lange unentſchieden: der General ent⸗ führte ſie. Der gutmüthige Britomar träumte von einer Gewaltthat und gab ſich die Mühe, die Flüchtlinge zu verfolgen, entſchloſſen, ſein Leben für die Liebe einzu⸗ ſetzen. Er fand eine Helena bei ihrem Hektor, welche ihm dreiſt erklärte, daß der Tauſch freiwillig und wohl⸗ bedacht geſchehen, und, wenn er ſie wahrhaft liebe und darum ihr Glück wolle, auch von ihm gebilligt werden müſſe. Der General bot ihm als Entſchädigung eine namhafte Summe. Mit Abſcheu wies der deutſche Künſtler das Judasgeld von ſich, ſagte der Treuloſen Adio, packte ſein Malergeräthe und zog ſeine Straße. Armer Britomar! ſeufzte ich. Wie wird es mun ſte⸗ hen um das Modell zu Deinen Madonnen? Auf den Teppich ſtarrte ich in Gedanken, unterdeß die Dame mit einem Wortſchwall, welcher den Boden verrieth, auf den ſie verpflanzt worden, ihre Entſchuldigung her⸗ plapperte, die kahlen, armſeligen Seiten des Künſtler⸗ lebens unſerer Zeit aufdeckte, und in der Schilderung der blühenden Gärten ihres jetzigen Lebens die Leicht⸗ fertigkeiten, an welche der junge Krieger gewöhnt, und die Kugeln vergaß, welche nach ihm herüberſauſen in jeder Schlacht. Da fühlte ich mein Kleid gezerrt, und als ich zur Seite ſah, hatte der liebliche Knabe ſich vom Teppiche an meinem Knie aufgerichtet, ſah mit den gro⸗ ßen Taubenaugen mich an, und griff mit den Händchen nach meinem Uhrbande. — 39 Bis in das Innerſte durchbebte mich der Anblick des blondgelockten Kindes. War denn Alles, was mir hier begegnete, Spuck und Zauberwerk? Schlief ich noch auf dem harten Strohſacke des ſchmutzigen Kerkers, und miſchte meine halbwache Seele die Geſtalten meiner Ver⸗ gangenheit zum bunten Karnevalstanze? Unverkennbar ſtand an meinem Knie jenes Kind aus der Waldſchenke, welches Britomar ſein Jeſusbild nannte: Adelens Kind, das Adelen Mutter gerufen, welches ſie damals im Garten mit unverkennbarer Mutterliebe um⸗ fing. Was ſtand mir bevor? Weilte Adele ſelbſt in mei⸗ ner Nähe? War ſie ſelbſt etwa jene andere Deutſche, die zu meiner Befreiung mitgewirkt, ja die erſte Urſache davon geweſen? Fieberſchauer hemmte meinen Blutlauf⸗ ich umfaßte das Kind, hob es auf mein Knie und rief: Guido? Guido, wie kommſt Du hierher? Guido heiße ich, antwortete der Knabe dreiſt, und gekommen ſind wir in ſchöner, goldener Kutſche mit den wilden Schim⸗ meln. Haſt Du die noch nicht geſehen? Die neue Mut⸗ ter und der neue Vater haben mich mitgenommen, und hier iſt es auch viel beſſer als bei der andern Mutter, die immer ſo viel weinte und immer fortging. Die neue Mutter lacht immer, und bleibt immer bei dem guten Guido. Aufklärung, Madame, um des Erbarmers willen, ſchnelle Aufklärung, ehe mir das Herz ſpringt! rief ich. Wie kommt der Sohn der Selten hierher? Iſt Adele hier? Iſt ſie vielleicht Kletting gefolgt, wie Sie dem General? O reden Sie! Verſtummen Sie nur jetzt nicht, wo meine Seele dürſtet und unbefriedigt vergehen müßte! Sind Sie denn noch der alte Schwärmer, den Bri⸗ tomar ſo oft das lodernde Kunſtirrlicht nannte? Hängen ——— Sie noch immer mit ſolcher Kinderliebe an dem Weibe, welches ſo leicht Liebe und Namen tauſchte wie ihre Schweſtern, und Nichts voraus hat? entgegnete Meta lächelnd. Warum ſollte ich verſtummen, warum Ihnen nicht Alles ſagen, da ich ſo viel geſagt? Hören Sie denn Etwas, was Ihrem Herzen vielleicht tröſtend klingt, da es einen ſündigen Flecken von Ihrem Abgotte nimmt. Guido iſt nicht das Kind der Selten, er iſt das Kind meiner unerfahrnen Jugend.— Mit einem unartikulirten Schrei antwortete ich.— Mein Vater lebte als ein alter Militär in der biſchöflichen Feſtung Vorchheim. Eben dieſer geſchmeidige, betrügeriſche Kletting benutzte die Unwiſſenheit, die Sorgloſigkeit des albernen Mädchens, ſchmeichelte ſich in mein Haus, führte die Eitle auf die Feſte ſeiner Genoſſen zu Baiersdorf, und ſpielte den ehrlichen Bräutigam. Zu früh für des Verführers Pläne, zu ſpät für meine Tugend erfuhr ich, daß er mit mir noch eine Andere betrog. Meine Rache trug das Ge⸗ präge des leichten Sinnes, der von früh an mein Na⸗ turell beherrſchte und durch vernachläßigte Aufſicht des invaliden Vaters gewachſen war. In einem Körbchen ſetzte ich mein Kind auf die Schwelle des Hauſes der Selten, ein Briefchen adreſſirte das Geſchenk an Ade⸗ len und nannte ihr den Vater. Meine Rache kam zu ſpät, denn ſchon hatte der böſe Menſch auch meine Ne⸗ benbuhlerin betrogen und verlaſſen. Aber der Schritt ließ ſich nicht zurück thun, und die Selten ſchien einen Genuß darin zu finden, das Böſe mit Gutem zu ver⸗ gelten: die Ariadne ſorgte mütterlich für den Sohn des Theſeus. Mein Vater ſtarb, mit dem kleinen Erbe zog ich nach Erlangen zu einer Muhme, der Knabe band mich an die freundliche Stadt, ich durfte ihn ſehen und . ——— — 41 herzen, und Niemand ahnte mein Geheimniß, und keine Sorge ängſtete mich. Da fand Britomars Künſtlerblick Wohlgefallen an meinen Formen, und der ehrliche, offene Mann erhielt meine Freundſchaft. Auch Alfred zählte ihn zu ſeinen Auserwählten, und er wird dem Freunde unſer arkadiſches Leben nicht verſchwiegen haben. Das iſt jetzt vorüber, denn die Klugheit gebot; wenn dereinſt mein Reiz entſchwunden, würde der Maler ein anderes Modell geſucht haben, und das frugale Leben in der Schäferhütte des Geliebten bleibt nur ein niedlicher Traum für die Spieljahre der Kindheit. Ich entführte meinen Guido, wie mich mein General entführte, und den herzigen Dank an die Pflegemutter mußte ich ſchul⸗ dig bleiben, denn die Zeit drängte. Und Kletting? fragte ich immer noch in Verwirrung. Der Zufall führte mich hier mit ihm zuſammen, ant⸗ wortete ſie; ich pries ihn, da er mir erlaubte, Rache und Verachtung dem Ehrenräuber zu geben bei der erſten Begegnung. Der General hält den Knaben für Brito⸗ mars Sohn; er weiß Nichts von meinem Verhältniſſe zu dem Sekretär, und das iſt das Einzige bei der Ge⸗ ſchichte, welches der hochherzige Güldenkron geheim zu halten verbunden iſt. Lüge und ewige Lüge! murmelte ich, Kopf und Arm auf mein Knie ſtützend, und in Gedanken verſinkend. Und um der Lüge willen ſo Manches zerriſſen, ſo Man⸗ ches zerſtört für immer! O ich Thor! Warum glaubte ich dem Scheine, warum forſchte ich nicht freimüthig in dem Herzen, wo es rein war wie in der Seele eines körperloſen Engels, warum trat ich nicht zu dem lau⸗ tern Quell der Wahrheit? Umſponnen von dem flat⸗ ternden Spinngewebe wurde auch ich ein Genoß der 42 Lüge und zertrat ſelbſt den Blumengarten meines Glücks, warf ſelbſt wie ein Wahnwitziger die Pforten des Him⸗ mels hinter mir zu. O warum wirkt der Vorwitz der erſten Eva fort auf Töchter und Söhne in die Unend⸗ lichkeit hinein, daß ſelbſt die Reinſten ſich nicht rein zu erhalten vermögen im getrübten, beſchmutzten Element. Meta fragte, ſie hatte Nichts von meiner Antwort verſtanden, und ſie konnte auch Nichts davon verſtehen. Für die Tauben ſchläft der Geiſterton der Aeolsharfe. Ein flüchtiges Kammerzöfchen tanzte in das Zimmer und flüſterte mit der Dame. Dieſe gab der lächelnden Iris Befehle, und die Bewegliche öffnete eine Seiten⸗ thüre. Ich erblickte eine Frauengeſtalt, erhob mich ſchnell, der Sitte eingedenk, und vor mir ſtand die Baronin Lotte von Leon. War die Zeit der alten Propheten wie⸗ der da, und hatte mich eine geiſtige Hand in das Land der Wunder verſetzt? Mit leuchtenden Blicken eilte die Leon mir entgegen, das indiſche Tuch entfiel ihrem Nacken, und ich ſah, wie die ſchöne Bruſt ſich ſtürmiſch hob in dem roſafarbenem Seidenkleide, wie die Glut ihres Herzens die Lilienhaut bis zur Stirne hinauf mit einer ſchönern Röthe überflog, als der Lioneſer ſeinen Stoffen gegeben. Sie liebt mich mit ungewöhnlicher Beharrlichkeit, der Gedanke wurde mein erſter; aber ein anderer und finſterer vertrieb ihn ſchnell, und, einen Schritt zurücktretend, fragte ich mit Heftigkeit: Wo iſt Graf Toloſtow? Folgt er Ihrem Schritte, Baronin? Ihre ausgebreiteten Arme ſanken erſchreckt herab, ihr Fuß hielt wie eingewurzelt feſt, und indem ein tie⸗ fes Weh über alle die reizenden Züge hinfuhr und das flammende Feuer der Augen faſt verlöſchte, ſtammelte ſie mit Vorwurf: So empfängt mich Alfred? Und der M— 13 —— N* v* —— 8 8 8 — W 43 alte Drache iſt alſo noch nicht feſtgebunden? Sich er⸗ ſtarkend ſetzte ſie dann hinzu, und zwang ſich in die ſtolze Stellung, die ihr gewöhnlich iſt: Seit jener Nacht, welche der grauſame Alfred zur Nacht des Habens und Entbehrens, des Findens und Verlierens, des Beſitzes und der Trennung machte, ſah ich Oskarn nicht mehr. Ich hörte ſpäter, er ſey in ſein rauhes Vaterland zu⸗ rückgekehrt. Aber warum fragt Alfred ſo, da er weiß, daß meine Seele Alles herausgeworfen hat aus ſich, was in böſer Vergangenheit ſich hineingeniſtet, daß er allein der König iſt in allen Räumen meines Herzens, daß ich den Gedanken haſſe, der etwas Anderes trägt als Alfreds Bild. Oder hat Alfred das Alles ſchon ver⸗ geſſen in der Fremde, und hielt nur mein Gedächtniß länger als Einen Menſchentag? Güldenkron, fiel Meta wie erzürnt zwiſchen unſer Geſpräch, ſind Sie ein Wahnwitziger? Die Baronin hat mehr um Sie geopfert, als irgend ein Mann werth iſt. Ohne die Baronin ſchmachteten Sie noch im dum⸗ pfen Gefängniſſe, ohne die Baronin hätte ich nie erfah⸗ ren, daß Sie ſchuldlos litten. Ohne die Baronin läge Ihr Leib längſt, von den Kugeln der Voltigeurs zer⸗ riſſen, draußen unter dem Sandhügel der Schanze. Ich fühlte mich ſchuldig, mein Betragen elend, un⸗ verzeihlich, und ich weiß nicht, wie ich die Empfindung nennen ſoll, die mich plötzlich ergriff und ſo aufregte, daß ich raſch auf die Leon zutrat, ritterlich dankend mein Knie vor ihr beugte, und meinen Mund feſt auf ihre Hände preßte. Sie aber umfaßte mich ſchnell und eng, als möchte ſie mich nimmer laſſen, doch in dem Kuſſe, den ſie mir bot, überfiel mich eine unſägliche Todesangſt. Mit vor⸗ 44 fichtiger Gewalt löste ich mich aus ihren vollen Armen. Verzeihung, Baronin, liebe Freundin! rief ich. Dieſe Stunde brachte zu viel für menſchliche Sinne. Wir ſehen uns wieder! So riß ich mich los und verließ die er⸗ ſtaunten Weiber. In das Freie mußte ich, Athem ſchöpfen aus dem Odem der großen, friſchen Natur. Und ich glaube faſt, ich bin unbewußt auf dem hohen Münſter⸗ thurme geweſen und habe bittere Thränen nach Oſten hinübergeweint. 6. Lotte von Leon an Guſtavint von Spiegel. Straßburg. Das Leben gefällt Dir nicht bei der verwandelten Auguſta, der ehrſamen Frau von Wacken? Die Sſter⸗ reicher ſind doch übrigens ein lebeluſtiges Volk, welches die Hälfte des Tages fröhlich arbeitet, um die übrige Hälfte und auch ein Theilchen der Nacht der Freude zu widmen, und jedem Sinnesorgane, vor Allen dem Gau⸗ men und der Zunge, ſein Recht zu thun. Dort iſt das Land der Gaftfreundſchaft, der Schleifer und des Ge⸗ bratenen, warum magſt Du dort nicht ausdauern? Frei⸗ lich ſpielt im Lande der„Euer Gnaden“ die Etikette eine Hauptrolle, und unſer Amazonenleben muß dort im Schleier wandeln, und das Herz darf nur im Negligé ſo laut pochen, wie es möchte. Aber tröſte Dich, Deiner Lotte geht es nicht weniger übel, wenn ſie auch im fröh⸗ lichen Elſaß ſich aufhält, und die letzten Herbſttage un⸗ ter der ſchönen Welt der Ruprechtsau zubrachte. Dieſes eine, ſo ſchnell entſchwundene Jahr hat viel, gar viel — 45 Herrliches von Deiner Lotte entführt. Der Freimuth iſt fort, eine trappiſtiſche Düſterheit lagert ſchwer auf mei⸗ ner Seele, ja, als wir letzthin den ungeheuren Rieſen⸗ bau des Münſters beſahen und in der Johanniskapelle an den Gräbern der kühnen Erbauer deſſelben, des Er⸗ win von Steinbach, ſeiner Schweſter Sabine und ſeines Sohnes Johannes, ſtanden, da war mir, als wenn die weiten ſchattigen Kreuzgänge ſich belebten, bleiche Ge⸗ ſtalten aus den Wänden hervorſchauten und mit den hohlen Augen und dürren Fingern mir winkten; die ſurchtbare Steinmaſſe über mir ſchien ſich langſam herab⸗ zuſenken, die himmelhohen Thürme ſchienen zu wan⸗ ken, und von Todesangſt bedrückt mußte ich einen un⸗ ſerer galanten Begleiter bitten, mich hinauszuführen in den biſchöflichen Hof. Solche Beängſtigungen quälen mich jetzt oftmals: die Freunde ſchreiben es der blühenden Körperfülle, dem jugendlichen Blute zu, mich dünkt, es ſind Ahnungen, finſtere Geiſter der nahen Zukunft, und ich glaube, meine Guſtavine, wir ſehen uns nicht wieder auf der ſchönen Erde. O Freundin, es kommt in jedem Menſchenleben eine Zeit, wo ſich der Leichtſinn und der frühere Spott ſcharf und bitter rächt und alles Verletzte die Pfeile zurück⸗ wirft auf des muthwilligen Schützen Bruſt. Wüßte man es nur zuvor, man würde ſich vorſehen. Du haſt faſt wie ich ſelbſt den Mann geliebt, den das Schickſal zu meinem Quäler erſah, und der als der Rachegeiſt der beleidigten Sittlichkeit in meine Räder griff, und meinen Triumphzug zu einer ſchmerzvollen Bußfahrt nach Loretto umſchuf. Iſt er ein fleiſchloſes Weſen? Iſt er ein heimtückiſcher, verkörperter Geiſt, welcher die Weiber in unauflösliche Zauberſchlingen zieht, 2 46 aus dem Siedwaſſer der Mittagslinie ſie in das Eis des Nordpols ſchleudert, und hämiſch lacht bei der Qual und langſamen Vernichtung der gebrechlichen Weſen, deren Reize er haßt, weil ſie ſein Geſchlecht ſo oft um die gerühmte Stärke brachten? Ein ſolcher muß er ſeyn, denn warum könnte ich mich ſonſt nicht los von ihm machen? Warum ertrüge ich ſonſt ſeine unerklärliche, mich ſo tief verletzende Laune ohne Murren und Haß? Warum dul⸗ dete ich das beleidigende Spiel, welches er mit meiner Leidenſchaft zu treiben ſcheint? Die Natur iſt mächtig in ihren Trieben, aber die Vernunft ſoll mächtiger ſeyn, wenigſtens ſprechen unſere Weltweiſen ſo, obgleich ich des Satzes Wahrheit an mir ſelbſt nicht erkenne. Wäre das Blut einer Spanierin in mir, längſt hätte ich den Dolch in ſein kaltes Herz und dann in meine heiße Bruſt geſtoßen, um wenigſtens die eine und letzte Wolluſt zu genießen, mit ihm in derſelben Minute zu verbluten. Wer weiß, wie hoch dieſe Leidenſchaft noch aufgährt und wohin das empörte Gemüth die Hand leiten wird! Ich hatte Güldenkrons Spur verloren, doch tröſtete mich die thörichte Heirath der Selten, da durch dieſe wahnwitzige Uebereilung ein ewiger Abgrund zwiſchen ihm und meiner Feindin aufgeſpalten war. Am Rheine, im Elſaß hatte er geſchwärmt, und hier erblickte ich ſein bekanntes Leib⸗ roß, ſeine Lieblingsrüden und ſeinen ehrbaren, dürren Leibdiener Paul, den ich ſogleich an dem ſchlichtgekämm⸗ ten, flachsblonden Haare erkannte. Aber der arme Menſch theilte meine Noth, denn auch er wußte Nichts von ſeinem Herrn ſeit Monden, war hierher geſchickt von Mainz, und wartete, wie die Juden auf ihren Kö⸗ nig, mit unerſchütterlicher, aber trauriger Beharrlichkeit 47 auf ihn. Was ſollte ich thun? Harren wie der Paul ſchien mir das Klügſte, und ich fand eine Bekannte, die ſchöne Meta, hier, die mit ihrem neugewählten Amoroſo, einem vornehmen Krieger der Neufranken, meine For⸗ ſchungen unterſtützte und mich in meiner männlichen Verkappung beſchützte. Gefangene ſah ich im Hofe eines Kerkers an die Luft führen, eine Menge Bürger dräng⸗ ten ſich zwiſchen die Kolonnaden, Mitleidige und Feind⸗ ſelige, und muſterten die Unglückskinder; fühle meinen Schreck: Alfred ſelbſt ging in dem Zuge, bleich und entſtellt. Daß ich ſogleich für ſeine Befreiung wirkte, daß dieſe mir gelingen mußte, darüber kann Dir kein Zwei⸗ fel obwalten. Der dankbare Alfred lag in meinen Ar⸗ men eine ſelige Minute lang, und ich glaubte endlich gewonnen das große Lebensloos, glaubte am Ziele zu ruhen, und die leichte Meta entwarf ſchon einen treff⸗ lichen Plan für ein Schlaraffenleben ohne Gleichen, für einen Contretanz zu Vieren ohne Ende und mit den niedlichſten Touren. Mein Herz hatte ſich ſo gut ge⸗ täuſcht wie ihre Phantaſie, denn Alfred ließ ſich zwei Tage lang nicht blicken nach jenem ſchönen Momente, und jeder abgeſendete Bote kam mit einer leeren Ent⸗ ſchuldigung heim. Da war großer Zirkel bei dem Ge⸗ neral, und im Kreiſe der geſchmückten Militärs ſtolzirte Güldenkron und ſein hünengleicher Gefährte, Beide in franzöfiſchen Uniformen. Ich erſchrack, ich bebte. Meinen Liebling in die Grauen des Kriegs geſchleudert zu wiſſen, wurde mir ein ſo neuer wie fürchterlicher Gedanke. Aber konnte ſeine männliche Schöne noch einen Zuwachs erhalten, ſo bekam ſie ihn durch die noble Kriegertracht. Er trug die Uniform der Dragoner und Guiden des Marſchalls, 48 die nur aus Freiwilligen und den Söhnen vornehmer Familien beſtehen; wie ſtand ihm der grüne Rock mit Pfirſichblüthe und Gold, das mächtige Schwert, der ſtark vergoldete Helm mit dem ſchwarzen, langen Roßſchweif! Der junge Comte de Brandon, ebenſo uniformirt, ließ neben ihm wie eine Wachtparaden⸗Puppe zur Zeit eines Kriegesfürſten des Mittelalters. Einen Blick warf er auf mich, als Meta mich in den Damenkreis durch den Salon führte: der Blick hatte einen furchtbaren Ausdruck, eine Finſterniß, die mich er⸗ ſchütterte, ſo daß ich kaum der geſchmückten Krieger⸗ Ronde mein Kompliment zu machen vermochte. Die Bedienten des Generals reichten jetzt rundum weite, hochgefüllte Becher, dann trat der General ſelbſt mitten in den Saal, in der Rechten das Glas, in der Linken ein Papier, und Alles ſah erwartungsvoll auf den hochgewachſenen Mann. Waffenbrüder! ſprach er mit herrlich tönender Stimme, franzöſiſcher Lebendigkeit und franzöſiſcher Eitelkeit, unſer heutiges Feſt iſt eine Triumphfeier und eine Abſchieds⸗ feier zugleich. Der Krieg iſt ſo gut wie geendigt, die deutſche Kaiſerkrone wankt, unſere Kriegsgefährten ſind im Herzen des feindlichen Reichs und vor unſern Adlern ſchreitet der Sieg einher. Das Weltgenie des großen Napoleons hat ſeine neueſten Prophezeiungen wahr ge⸗ macht: was er verſprach, als er Paris verließ, hat er gehalten. Sein hoher Genius führte ihn abermals den beſten Pfad: vom Himmel inſpirirt rief er die Fran⸗ zoſen zu einem neuen Tempel des Ruhms, und das ge⸗ waltigſte Reſultat wird die Fürſten der Erde erſchüttern, daß ſie den Unbeſiegten anerkennen als das Muſterbild der Cäſaren alter und neuer Zeit, als den Mann des —— 6——— 49 Sekulums, als den großen Geſandten der Vorſicht, der kam, neu zu geſtalten die verſunkene Menſchheit. Die Freunde der Engländer, welche uns den Triumph ent⸗ riſſen, an den Küſten jenes ſtolzen Inſellandes Anker zu werfen, ſind beſtraft. Baiern und Würtemberg wird mit uns ſeyn. General Mack, der eitle Cunctator, wurde umgangen; jeder Marſchall Frankreichs trägt einen Lor⸗ beerkranz; vom Schwarzwalde her erwartete man uns, wir kamen über die freien Ebenen Baierns, denn die große Armee bedarf keines Verſtecks. Prinz Hohenlohe wurde an der Donau erſchoſſen, wo die 6000 der Di⸗ viſion Dupont 60,000 Deutſche abſchlugen. Ney ſiegte bei Elchingen, Lannes bei Pfuhl, Prinz Murat jagte mit dem unerſchrockenen Beaumont und dem felſenfeſten Klein die feindlichen Reiter, wo ſie Stand zu halten wagten. Ulm hat kapitulirt; der feindliche Feldherr, achtzehn Generale mit dreiundzwanzigtauſend Mann ſind Kriegsgefangene. Der Erzherzog Ferdinand flüchtet ge⸗ gen Franken, vom Prinzen Murat verfolgt; die große Armee marſchirt auf Wien. Waffenbrüder, es lebe der Kaiſer, der Kaiſer der Welt, unſer Napoleon! Mit einem furchtbaren, betäubenden Gelärm ſchrieen hundert Männerſtimmen den Jubelruf nach, und die Gläſer klangen und ſplitterten, und fernher von den Wällen hörte man den Donner der Kanonen, welcher dem Reiche anſagte, was der neue Armeecvurier gebracht. Soldaten! begann der General dann wieder. Noch Eine Nacht der Freude, dann zu Roſſe, daß wir die Siegenden einholen und auch unſern Theil nehmen vom neuen Ruhmeskranze. Morgen bricht die Reſervearmee auf; im Namen des Commandeurs verkündige ich die frohe Ordre. Laßt uns fliegen zu den Adlern des Kai⸗ Blumenhagen. RlII. 4 50 ſers, mit ihm entgegen den Barbaren des Nordpols! Keiner wird ohne Lorbeer kehren. Ein neuer Jubel begrüßte dieſe zweite Botſchaft faſt noch lärmender als zuvor; die metallenen Degenſcheiden raſſelten, als ſpuckten die Klingen blutdürſtig in ihren Gefängniſſen, und die kriegeriſche Muſik ſchmetterte da⸗ zwiſchen von der Tribüne des Salons. Du wirſt Dich verwundern, wie ein Weib derglei⸗ chen ſo umſtändlich und wörtlich wiederzugeben vermag. Aber jedes der Worte des Generals ſchnitt wie ein Schwert durch meine Seele, jedes ſeiner Worte klang mir wie ein Todesurtheil, und ich werde keines derſelben je aus dem Gedächtniſſe verwiſchen können. Der Tumult ward nun allgemein, aber Niemand dachte des morgenden ernſten Auszuges, das franzöſiſche Blut lechzte nach Vergnügen; Niemand ſah die Bilder der Schlacht und des Jammers, dem Alle entgegen⸗ gingen; dem Becher, dem Spiele, dem Tanze überließ ſich Jeder der Anweſenden. Ich ſah Güldenkron und den Comte in einer Fenſter⸗ brüſtung lehnen, wie es ſchien im tiefen Geſpräche über ernſthafte Gegenſtände. Was kümmerte mich aber in meiner Aufregung die Schicklichkeit; ich erinnerte mich an das Recht, welches im Frankenlande der Gebrauch den Damen zugeſteht, ſich unter den Männern den Tänzer ſelbſt wählen zu dürfen, ſchritt, wenn auch mit bebender Bruſt, auf Alfred zu und erbat mir ſeine Führung zum Contretanz. Der Comte wich ſogleich artig von dem Angeredeten und ſuchte ſich in der Nähe eine Dame. Wir ſtanden allein, durch die faltigen, langen Gardinen faſt geſchieden von der Geſellſchaft. Alfred, lieber Alfred! ſprach ich haſtig, ohne ſeine er m m ir aſt ne 51 Antwort auf meine erſte Anrede abzuwarten, warum treiben Sie ſo ein grauſames, faſt ſataniſches Spiel mit mir? Haben Sie ſich vorgeſetzt, dieſes Herz zu brechen, das nur für Sie— o Sie wiſſen es ja! in Liebe, in unbezwinglicher Leidenſchaft pocht? Warum, Grauſamer, enden Sie nicht lieber, wenn es nicht an⸗ ders möglich? Warum durchſtoßen Sie nicht dieſes Herz? — Er ſah mich feſt und durchdringend an, aber er entzog mir ſeine Hand nicht, die ich in die meine ge⸗ nommen. Sie fordern Liebe? entgegnete er eintönig. Sie wol⸗ len Liebe erſchaffen, Liebe pflanzen in dieſe wüſte Bruſt? Sonderbar! War es Ihnen doch ein Vergnügen, Liebe zu zerſtören, übten Sie doch mit Kunſt und Studium ſich darauf, wie man Seelen trennt und Herzen vergiftet. — Ich fühlte mein Geſicht mit heißer Gluth bedeckt. Was ſoll der Seitenſprung, Alfred, den ich nicht verſtehe? fragte ich bebend. Sie haben mich verſtanden, Baronin, fuhr er fort, doch mehr wehmüthig als erbittert. Warum wollten Sie dieſe Wangen Lügen ſtrafen, die Zeugniß geben, daß das Herz der Leon beſſer war als ihr Verſtand, daß Ihr Gewiſſen noch erröthen kann vor den Frevelthaten der Leidenſchaft und der Unbedachtſamkeit, daß Sie in einſamer Stunde gedachten, welch einen Jammer, welch ein unermeßliches Leid Sie über zwei Weſen gebracht, die Ihnen Nichts gethan; und warum gebracht? Um Ihr genußvolles Leben mit einem Sinnenrauſche zu bereichern. Nein! nein! rief ich; das nicht, Alfred! Bei der Allmacht, das nicht! O züchtige mich mit Scorpionſtich: ich will wie Küſſe der Liebe einſaugen, was Du gibſt; ſtrafe den Leichtfinn, aber ſtrafe menſchlich und gedenke, 52 daß ich, was geſchehen ſeyn mag, aus Liebe that zu Dir, dem Undankbaren und Gefühlloſen. Er ſchien in ſeinem Innern einen geheimen Schander zu empfinden, und ſeine Hand drückte leicht die meine. Ich bin nicht undankbar, Baronin! verſetzte er leb⸗ hafter. Ich bin nicht eiſig wie die nördlichen Berge mei⸗ nes Vaterlandes. Aber Liebe erzwingt ſich nicht, Liebe ertrotzt ſich nicht. Wie ein Stern fällt ſie herab vom Himmel in die Menſchenbruſt. Wäre Lotte mir früher begegnet— doch laſſen wir die Zeit, laſſen wir die Vergangenheit. Nur kindiſcher Schmerz weinet frucht⸗ loſe Thränen an verſchloſſenen Gräbern. Ich bin fertig mit den Thränen und mit der Zeit und mit Allem, was Menſchen bindet an Welt und Leben. Räthſelhafter Menſch! rief ich verwirrt durch den Leichenklang ſeiner Stimme. Biſt Du Eis oder Flamme, Taube oder Leopard? Sieh, hier ſchwöre ich, nimmer laſſe ich von Dir! Dein Schatten bin ich, der Deiner Sohle folgt, ſichtbar oder unſichtbar, wie das Schickſal Tag oder Nacht auf Dich wirft. Du kannſt mich zer⸗ treten, mißhandeln, tödten; aber nur die todte, erkal⸗ tete Leon wird der Nothwendigkeit weichen, die Lebende windet ſich Dir nach, ſey es auf den Knieen, ſey es halb verblutet, ſey es durch Wüſte oder Klippenweg, bis Du erkannt haſt, daß ihre Liebe rein war wie irgend eine Menſchenliebe, bis Du erkannt haſt, daß kein Weib Dich wie ſie vergötterte, daß ohne Dich kein Leben blieb in der weiten Natur für ſie. Alfred! gedenke der Hütte im Garten am Berge, der Feſtnacht darauf; gedenke Deines Kuſſes, als wir hier uns wiederfanden. O war das Alles Gaukelei und Trug? Löſe das Räthſel, ehe meine Vernunft in Wahnwitz hinuntertaucht. Löſe das ——,— —+——+—„— ——„—— —— 1 —„——— 53 Räthſel, wenn Du empfindeſt wie ein Menſch, wenn Du großherzig ſeyn willſt wie ein edler Mann.— Feſt preßte er meine Hand, daß ich Schmerz in den Fingern empfand. Baronin, gerade jener Garten am Berge! ſagte er mit zuſammengebiſſenen Lippen. Dort verlor Graf To⸗ loſtow ſeine Brieftaſche. O es war ein luſtiger Schwank des Zufalls, daß meine treue Diana den Fund gerade mir brachte und die Baronin Leon dabei ſtand. Er machte mir eine ernſte Verbeugung und verließ mich. Ich ſtand einige Sekunden wie eine Bildſäule. Sollte er von jenen Geſchichten wiſſen? Sollte Toloſtow ſo unvorſichtig geweſen ſeyn? Dann freilich iſt jede Hoffnung hin; dann müßte er mich haſſen! Und doch warum? Geſchah nicht Alles um ihn, um ſeinen Beſitz? Und wenn das Schlechteſte geſchah, würde das nicht deſto mehr ſeiner Eitelkeit ſchmeicheln? Das Armeecorps iſt fortmarſchirt. Ohne Abſchied iſt Alfred in das Feld der Gefahr gezogen. Heute folgt Meta im bequemen Reiſewagen ihrem Potier. In der Uniform eines Ordonnanzadjutanten reiſe ich mit ihr und komme vielleicht in Deine Nähe, meine Guſtavine. Wo Er iſt, werde ich ſeyn. Meine Selbſt⸗ ſtändigkeit iſt hin; nur darin fühle ich noch den alten Willen und Eigenſinn, daß ich nicht von ihm laſſen werde bis zur letzten Stunde. Alfred Güldenkron an Hofrath Ernſt. München. Du findeſt mich, Vater, mitten zwiſchen den Kolon⸗ nen der franzöſiſchen Armee, welche in Eilmärſchen zu der deutſchen Kaiſerſtadt fliegt, um die bei Elchingen und Ulm gefallenen Soldaten zu erſetzen. Tadle mich nicht, Vater; nenne den Schritt nicht übereilt gethan, ſo entſcheidend er ſeyn könnte. Er wird mir eine Kur werden für Leib und Seele, welche höchſt nöthig war; ich werde mich ſelbſt wiederfinden: das Kleinliche wird von mir weichen in den großen Kriegsſcenen, wo Völker⸗ wohlfahrt der Einſatz iſt, und die egoiſtiſche Individua⸗ lität an den Grabhügeln von tauſend Erdenſöhnen, welche in Einer Stunde verſchwanden, zu Grunde geht. Hat doch dieſer kurze Marſch ſchon wohlthätig auf mich ge⸗ wirkt. Kommt mir doch jetzt ſchon ſo Manches, was eine Gewalt über mich gewann, was zerſtörend, faſt zer⸗ nichtend auf mich einwirkte, armſelig und lächerlich vor. Ich bin durch die Säle gewandelt, wo Hunderte unter dem rettenden Meſſer der Aerzte ächzten, und in jener duftigen, giftigen Luft, umringt von Sterbegewinſel und atheiſtiſchen Flüchen, welche keine fromme, theilnehmende, tröſtende Seele in Gebete und Ergebung umwandelte, wo keine Gattin, keine zarte Tochter, keine ſtillweinende Mutter das Auge des Verlorenen zudrückte; dort habe ich wie ein Knabe geſtanden, ſchamroth und vergehend in dem Gedanken, daß ich mein alltägliches Leid ſo be⸗ ſonders hielt und ungewöhnlich; Alles, was ich in mei⸗ nem kindiſchen Schmerz that und ſprach und ſchrieb, iſt mir wie Gottesläſterung vorgekommen, und ſo ſchritt ich ſchnell aus den Gränzen des unerfahrenen, egvoiſti⸗ ſchen Jünglings in das Land des Mannes, der ſich be⸗ wußt iſt, daß er Etwas gilt, aber der auch weiß, daß er für die Welt und Andere da ſeyn ſoll, daß ſein Platz in das Weltleben gehört, und ſein Wirken für die Welt den Werth ſeiner Stellung in der Welt beſtimmt. W 8*— W 55 Du wirſt warnend ſprechen: Wollteſt Du nicht Wun⸗ den heilen, und jetzt ſchlägſt Du ſie ſelbſt und hilfſt dem fremden Volke, hilfſt dem von deinem Volke gehaßten Uſurpator, zu unterjochen, was Du frei machen ſollteſt? Napoleon kommt mir vor wie ein Dämon, berufen, den großen, ſtehenden Sumpf Europa's aufzurühren mit eiſerner Hand, daß die grüne faulende Kruſte, die ihn überzog, ſchwindet, und im hellen Waſſer auf freund⸗ lichen Inſeln geſunde Pflanzen dem gereinigten Boden entſprießen können. Er iſt der Geiſt über dem Teiche Bethesda, der das ſtehende Waſſer bewegte, damit ſeine Heilkräfte nach oben brodelten. Das wilde Fleiſch tilgt nur der Schnitt, aber ich ſehe die Zeit, wo alle Völker, aufgerüttelt aus der Trägheit, wieder ihren Platz ein⸗ nehnen werden, wo jedes Volk wieder die glänzende Kron tragen wird, die ihm gebührt, wo die Könige wieder ſitzen werden in patriarchaliſcher Kraft und Weis⸗ heit, unringt von einem Kreiſe geſunder mächtiger Söhne, wo wierer das Aechte gelten wird, Kopf, Herz und Seelenatel Kleinodien werden, und der Beſte auch der Erſte am Throne iſt. Warum ſollte ich nicht helfen, dieſe Zeit ſchneler heraufzuführen? Dann werden die offenen Wunden helen ohne Arzt, und dann trete auch ich viel⸗ leicht zurück in jenes Geſchäft, welches das ſchönſte auf Erden iſt, de es das menſchlichſte genannt werden darf. Daß ich ncht unbedachtſam die dreifarbige Cocarde an meinen Hut heftete, wirſt Du daraus erkennen, daß ich in der Arneeliſte als Herr von Heldrin paradire; ſo lade ich nich den Haß meines Volks auf mich, ſo ſichere ich mein Ebe, ohne dem fremden Volke eine Lüge zu geben, und nas ich in der großen Schule gelernt, darf ich dereinſt minem Vaterlande bringen. 56 Für jetzt ziehe ich als Volontair in das Feld des Kriegs: die Güldenkrons fanden auf dieſem Plane bis⸗ lang bald einen Ehrenplatz. Wie ſich das ſo ſchnell machte, ſollſt Du wiſſen. Ich lag in Straßburg in böſer, verderblicher Un⸗ thätigkeit. Alle Gränzmale meines Lebensweges waren verrückt worden; unentſchloſſen, planlos ſah ich in ein leeres, todtes Land vor mir. Freund Fuſt ordnete Ef⸗ fekten und Papiere, die durch die Reiſe und die Ge⸗ fängnißgeſchichte in Verwirrung gerathen waren. Er fand die längſt vergeſſene Brieftaſche des Grafen Toloſtow und brachte ſie mir. O welch einen fürchterlichen Inhalt umfing der elegante, prunkende, kleine Behälter. Meh⸗ rere Briefchen der Baronin Leon enthüllten mir, daß ich der geprellte Faſtnarr einer ſchalen Intrigue, einer jämmerlichen Komödie geweſen war. Vater, wes iſt der geprieſene Menſchenverſtand, wenn ein buhleriſches Weib und ein verſchmitzter Bube ſo leicht mit ihm Fang⸗ ball ſpielen können? Doch er ſtand ſchlechter or mir als ſie, denn er zerriß Herzen wie zur Luſt uw machte ſich zum elenden Meſſer in einer Weiberfauſt; en Rauſch⸗ abend konnte ihm Preis genug ſeyn für einn Seelen⸗ mord. Sie— ſie liebte mich, und ich gleube wahr⸗ haft genug, um meinem Haß zu entgehen, Pbgleich ſeit⸗ dem ihre Nähe mir das Gefühl gibt, welckes der Wan⸗ derer hat, wenn er im Blumengraſe eine glatte, kalte, buntſchimmernde Ringelſchlange berührt ſeine Hand ſchaudert zurück, weiß er auch, daß die Echlange giftlos iſt und ihre Berührung keine Gefahr byngt. Aber der tückiſche Marinelli ſollte noch entſetzliche vor mir ſtehen, der Graf ſollte mir als vollendeter Schurke erſcheinen, mir erſcheinen als der wahre Teufel mines Lebens. Eine 5„— e————+—-—— —„—„— — +—„— —„—— ,—,— 57 Geheimtaſche des Portefeuilles enthielt kleine Zettelchen, feine goldumränderte Blättchen von Seidenpapier, Arſenik in der zarten Hülle. Ja, Er iſt es, Toloſtow iſt Ra⸗ phaelens Verführer, ihr Mörder; unter fremdem Na⸗ men ſtieg der Dieb in den Palaſt unſerer Ehre, und ſtahl Krone und Monſtranz vom Altar und entweihte kirchenräuberiſch das Bild der Jungfrau. Ich erkannte der Schweſter feine Schriftzüge; ihr Namenszug ſelbſt ließ jeden Zweifel zergehen. O Vater, wie gährte es auf in den Tiefen meines Gemüths: wie kochte das Blut Rache und Vernichtung für ihn, wie ballten ſich die Finger zur zerſchmetternden Fauſt, wie ſchlugen ſich die Zähne mit Tigergier in die eigenen, blutigen Lippen! Die Ausländer ſchildern den Schweden als aufrichtig, großmüthig, ehrliebend, tapfer und vor Allem dankbar gegen die Freunde; aber ſie nennen ihn auch rachſüch⸗ tig ohne Maß gegen die Feinde. Vater, ich empfand in jener Stunde, daß ich ein Schwede bin, wenn auch auf deutſcher Küſte geboren. Wäre mir Toloſtow in jenen Augenblicken begegnet, ich hätte dem Indianer am Miſſi⸗ ſippi den Preis der Grauſamkeit, den Preis der erfin⸗ deriſchen, unerſättlichſten Marterkunſt abgewonnen. Der junge Comte de Brandon beſuchte uns in der neuen Uniform des Dragonerregiments, bei dem er an⸗ geſtellt, um ſeine neufranzöſiſchen Geſinnungen darzu⸗ thun. Es war mir Fflicht, ihm die eben gemachte Ent⸗ deckung mitzutheilen, und er ergrimmte wie ich, da die Hälfte des Schimpfs ihm zufiel durch den gemißbrauch⸗ ten Namen. Alfred, ſagte er lebhaft, den doppelten Ehrenräuber aufzuſuchen wäre ein Narrenſtreich; Rußlands Steppen ſind endlos, und wer verſichert uns, daß ſelbſt der Name 58 Toloſtow der ächte des Maskenträgers iſt? Aber wir ziehen gegen Rußlands Kohorten. Wer weiß, ob ſeine Wildheit oder ſein Gewiſſen ihn nicht gemiſcht hat zu jenen rohen Zügen der Tartaren und Koſacken. Viel⸗ leicht führt ihn die Vergeltung auf der nächſten Straße, ohne daß er Ahnung davon hätte, uns vor das rich⸗ tende Schwert. Und iſt es nicht, er war ein Ruſſe, laßt uns die vefleckte Ehre abwaſchen im ruſſiſchen Blute. Nehmet Cocarde und Kriegsrock von uns: mein Volk wird ſich Glück wünſchen, einen Braven mehr zu ge⸗ winnen, und Louis de Brandon ſoll ſich's zur Ehre rech⸗ nen, Alfreds Zeltkamerad zu werden und bei ihm zu ſtehen wie Patroklus neben dem Achill. Eine Stimme vom Himmel ſchien mir das Wort des Comte. Konnte ich denn ausdauern in dieſem grauen⸗ haften Stillleben? So wurde der Entſchluß ohne Zau⸗ dern gefaßt, ohne Zaudern zur That gewandelt; der Comte und der General ſchafften jedes Hinderniß hinweg. Und ſo ziehe ich denn mit Helm und Schwert gegen den Feind, und mein Auge wird unter jedem ruſſiſchen Kasket ihn ſuchen. Wäre nur des Vaters Degen an meiner Seite; ich glaube, die alte geſpenſtiſche Klinge müßte mich dem Schänder unſeres Wappens entgegen⸗ führen im erſten Treffen. Morgen reiten wir weiter. Begegnet mir etwas Menſchliches, ſo traure nicht zu tief; denke dann, ein Müder ſey eingeſchlafen an der rauhen Lebensſtraße, und ihm ſey recht wohl in dem großen Bett, wo er unbekannt mit tauſend tapfern Männern ſchläft, die in ihrem Berufe ſtarben. Auf dieſen Fall empfehle ich Dir meinen Fuſt, der Dir alsdann mein Schwert bringen ſoll, daß Du es neben den Degen des Vaters hängen — NM— ——— — 59 kannſt, die ſich dann ſchon allerlei Gutes erzählen wer⸗ den, wenn die Geiſterſtunde das Todte lebendig macht. 8. Ouo Fuſt an den Poktor Pegenknauf zu Halle. Feldlager bei Zrünn. Ziehe Er den Hut ab oder die Schlafhaube, Herr Bruder, wenn Er die Ueberſchrift dieſes Briefes erblickt, denn ein completer Held thut Ihm die Ehre an, ſich mit Ihm zu unterhalten, da ihm gerade kein ſchnurrbärtiger Feind zu thun gibt, und die ſchwieligte Hand ein Bis⸗ chen von der Wucht des Säbels ausruhen will. Ja, ſtaune Er immerhin, mein Guter, und ärgere Er ſich, daß Er ein Federfuchſer geblieben iſt in einer Zeit, wo man mit eiſernem Griffel und rother Tinte ſchreibt, und wenn er nächſtens in den Zeitungen von dem General Fuſt liest, daß ihm der Orden der Ehren⸗ legion auf dem Schlachtfelde vom Kaiſer ſelbſt umge⸗ hangen worden, ſo darf Ihm das gar nicht wunderbar vorkommen, denn in der großen Armee ſind nur wenige Kriegsleute, welche der Größe des genannten Fuſt gleich kommen. Ernſthaft jedoch: wir ſtecken in der Uniform und er⸗ warten das Hauptcorps des Feindes jede Stunde. Daß wir es erwarten für dieſes Mal, das will mir nicht ge⸗ fallen; indeß der große Bonaparte hält das zur Zeit für den beſten Theil, und ſo muß es gute Urſachen haben; und daß es binnen zwei Morgenröthen ein beträchtliches Spektakel ſetzen wird, fühle ich in meinen Armmuskeln, denn es zuckt durch die brennenden Nerven hinauf und 60 herab wie unausgeſetztes Wetterleuchten, daß ich das prophetiſche Glied feſtbinden möchte, um nicht für einen Veitstänzer angeſehen zu werden. Wie ich in den frem⸗ den Rock kam, weiß ich faſt ſelbſt nicht; wenn ein Komet den Planeten gröblicher Weiſe aus ſeiner Bahn ſtößt, ſo muß der Mond des Planeten die Reiſe mitmachen. Wir ſind mit unſerm Regiment zu der Reiterdiviſion des Generals Kellermann geſtoßen, und wir— das will ſagen, mein braver Güldenkron und ich— haben bei Wiſchau, wohin man uns der ruſſiſchen Avantgarde ent⸗ gegen ſchickte, den Franzoſen gezeigt, daß ſie nicht allein zu fechten verſtehen. Der General Kellermann, der, bei⸗ läufig geſagt, ſeinem Namen wenig Ehre macht, da er ſehr nüchtern lebt, faßte uns bei der Attaque in's Auge, und nickte uns bei der anbefohlenen Retirade gar freund⸗ lich zu. Uebrigens dienen wir bislang als Freiwillige, welches mir am meiſten bei der Geſchichte zuſagt, da es doch etwas Ritterlichkeit in die proſaiſche Begebenheit trägt. Habe ich doch nie die Benennung Soldat leiden mögen, weil ſie von Sold herſtammt, und nicht viel veſſer als das alte Wort Lanzknecht klingt; Kriegesleute und Mannen tönet noch einmal ſo gut: jenes erinnert an den Beruf, dieſes an das Erforderniß, welches zum Zweck führt. Ich für meine Perſon finde mich recht gut in das neue Leben; war ich doch immer ein wilder Jä⸗ ger, und Jagd und Krieg ſind ſo verwandt wie Brüder⸗ kinder, waren vom Weltanfang her die edelſten Beſchäf⸗ tigungen, und Nimrod, der erſte König auf Erden, galt als der beſte Jäger und mußte darum auch der bravſte Feldherr ſeyn. Dem Wilde klüglich nachſpüren, ſeine Fährte verfolgen, es abſtellen, umſtellen, den Hirſch auf's Blatt treffen, nicht federn, den Keiler abfangen, nicht * M— v——— N—— b* — S d— 61 ritzen: Alles wie im Waldrevier ſo auf dem Schlacht⸗ terrain. Und dieſer Franzoſenkaiſer iſt ein Oberjäger⸗ meiſter von Profeſſion, und alle ſeine Unterjäger haben ſo viel Reſpekt und Vertrauen, daß, wenn er die Fährte zeigt und ſein Huſſah ruft, Jedermann ſchon des Wildes gewiß iſt. Vor wenigen Stunden ſah ich ihn in die Feſtung reiten, und mußte doch unmerklich den Kopf ſchütteln, wenn ich mir den kleinen Mann anſah mit dem citrongelben Geſichte und feinen Händen, und mir dachte, wie dieſer es wagt, mit der ganzen Welt anzu⸗ binden, der doch Nichts von einem Cäſar oder Seipio ſichtlich an ſich trägt, als etwa das feurige korſikaniſche Auge, in welches man nicht recht lange hineinſehen kann, wie man ebenfalls von den Augen des großen Friedrichs erzählt. Er trägt einen ſchlichten Oberrock und einen kleinen aufgezäumten Hut, und jeder Fremde würde eher jeden ſeiner Marſchälle, vorzüglich den phantaſtiſch auf⸗ geputzten Prinzen Murat, für den Kaiſer halten, als ihn. Sieht man dabei einen großen Theil ſeiner Trup⸗ pen, ſo ſollte man für Fabel halten, was die Welt⸗ geſchichte oder vielmehr die Pariſer Bulletinſchreiber von den Wunderthaten dieſer Pygmäen ſchreiben, die nach unſern Begriffen von guter Soldateska an Uniformirung, militäriſcher Abrichtung und Subordination weit vom Ideale blieben. Da rückte ſo eben eine neue Diviſion in die Linie, welche viele der jungen Truppen bei ſich hatte. Fünfzehnjährige Knaben waren dabei, gelbes Flaumhaar über dem Munde, aber mit ſolch grimmigen Kriegsminen, als hätten ſie ſich vorgenommen, alle öſter⸗ reichiſchen Hähndel⸗ und Faſandel-Freſſer zum Frühſtück aufzuſpeiſen. Rock und Hut waren Uniform; die Bein⸗ bekleidung blieb dem Geſchmack und Nothbeſtand eines 62 Jeden überlaſſen, und ich ſah einen alten Capitän vom 43ſten, der ſchwarze kurze Hoſen, ſchwarz wollene Strümpfe und Schuhe mit gelben Schnallen trug, und einem Dorf⸗ ſchulmeiſter glich, der die Wuth bekommen, eine Jlias mitzuſpielen. Wenn ich mir da die preußiſchen Füſeliere denke, eine Reihe vidimirter Copien, oder gar die han⸗ nover'ſche Leibgarde auf den kohlrabenſchwarzen Buce⸗ phalen, in ihren begoldeten Scharlachröcken einer heili⸗ gen Legion von Prinzen ähnlich, ſo könnte mich eine Furcht anwehen, und ich mich zur Reſerve zum Mortier bei Nikolsburg hinwünſchen. Aber der Geiſt, der vor⸗ waltet und durchwaltet, iſt ein echter Kriegsgeiſt. Ich ſah vor ein paar Tagen ein vierzig dieſer bewaffneten Knaben tirailliren gegen öſterreichiſche Huſaren auf ſchwach coupirtem Terrain: paarweiſe, wie lauter Caſtors und Pollurs, feuerten und luden die Tollkühnen wechſelnd, und putzten ein Dutzend Reiter aus den Sätteln, bis ſie endlich Alle hingeſchlachtet lagen, Paar bei Paar, lauter geknickte Hoffnungen wackerer Eltern. Es war ein trauriger Anblick, als wir zu ſpät den Voreiligen zu Hülfe heran trabten, doch mußte auch mancher Ungar büßen; die zwanzig Zwillingspaare ſtanden nicht wieder auf vom beſchneieten Felde, von dem blanken Lailach, das ſie mit Purpurblumen ſich ſelbſt beſtreut hatten. Du hätteſt das Feldlager ſehen müſſen, welches die neu angekommene Diviſion im Umſehen aufgeſchlagen: das hatte ein ganz anderes Anſehen, wie unſere ſchnee⸗ weißen Luſtlager in Weſtphalen mit den Trommelhaufen und Fahnengärten vor der Fronte. Denke Dir eine No⸗ madenſtadt, oder ein Troglodytenvolk, oder die Bauſtätten der großen Ameiſen in Columbien. Hütten aller Form und Art reihten ſich neben einander, ſobald die Adler⸗ M S— 63 träger ihre Stangen auf einen Hügel gepflanzt und vier roſtige und von Koth entſtellte Feldſtücke zur Be⸗ deckung der Heiligthümer aufgefahren waren. Der Thor⸗ weg eines Bauerngehöfts, auf zwei Pfähle ſchräg gelehnt, bildete hier das Dach; dort thaten daſſelbe ein Paar Wagenleitern mit Schaffellen belegt; eine Kameradſchaft grub ſich in die Seite eines Hügels ein mit wahrer Hamſterkunſt; die meiſten ſchleppten von dem waldigten Ufer der Schwarza Tannengeſträuch heran und baueten ſich feſtgeflochtene Laubhütten, durch welche weder Wind noch Schneegeſtöber drang. Aber noch ſeltſamer däuchte mir das Leben, welches ſich in erſter Stunde in dieſer neuen Stadt entwickelte. Kaum war vor jeder Hütte das nöthige Wachtfeuer angemacht, denn der Decembertag hatte den Winter mit⸗ gebracht, ſo ſah man um die lodernden Feuer auch ſchon zuſammenſchleppen, was von todten und lebenden Feder⸗ thieren in der Gegend vorhanden geweſen. Der Ladeſtock des Schützen und das Kurzgewehr des Adlerwächters ver⸗ wandelte ſich zum Bratſpieß, der Keſſel brodelte, die Butter ziſchte, und man hätte glauben ſollen, eine Le⸗ gion gelernter Köche in dem erſten Speiſehauſe der Stadt Paris wirthſchaften zu ſehen. Aber daran hatte die fran⸗ zöſiſche Leichtfertigkeit noch nicht genug. Auf dem hochſten, trockenſten Flecke der Gegend hinter der Fronte wurde ſogleich ein Tanzplatz etablirt: die Pfeifen erklangen, und zu einer Zeit, wo ſich der Deutſche, vom Marſche ermüdet und mürriſch, in ſeine Bärenhaut gewickelt und Kräfte geſammelt hätte für die nächſte Schlachtarbeit, erſchöpfte ſich der junge Franzoſe, und die runden Land⸗ dirnen aus Mähren mußten ohne Widerſpruch die ihnen unbekannten Balletſprünge mitmachen. 64 Eine ſehr ernſte Scene ſtörte den Tanz. Man ſchleifte einen Einwohner der Gegend, einen ſtämmigen Schmied, heran, der mit Stricken geknebelt war gleich einem un⸗ vändigen Schlachtvieh. Der Unglückliche hatte vor ſei⸗ ner Hausthüre an einem Fuhrwerke gearbeitet, ein Chaſ⸗ ſeur verlangte von ihm irgend einen Dienſt, welchen der Schmied verweigerte. Der flache Säbel traf des Ungehorſamen Schulter, und dieſer ſchlug den grünen Reiter mit einer Eiſenſtange vom Gaule. Kurzes Ge⸗ richt ward über ihn gehalten, und bald zappelte er an dem Aſte eines Baumes, von den Tänzern umringt, die ein: vive l'Empereur! brüllten und dann zu ihrer Luſt⸗ barkeit heimkehrten. Der grüne Rock drückte mich doch ein wenig bei dem Anſchauen der erbaulichen Begebenheit, und ich mar⸗ ſchirte, als Parodie ein Studentenlied, worin mancherlei von deutſcher Freiheit vorkam, brummend, weiter durch die verſchiedenen Cantonnirungen der zuſammengezoge⸗ nen Armee. In die zweite Linie rückte ſo eben das Corps des Marſchalls Bernadotte ein: ſtattliche Leute, denen man anſah, daß ſie in den fetten Gegenden Hannovers und Weſtphalens ſich's hatten gut ſchmecken laſſen, und daß ihnen die Osnabrücker Schinken und das Holſteiner Rindfleiſch wohl bekommen waren. Ein ſonderbares Schauſpiel lockte mich näher hinan. Rothe Huſaren vom 4ten lagerten am hochflackernden, weitſcheinenden Feuer: kräftige, lange Geſtalten mit ern⸗ ſten Geſichtszügen, die dem Krieger wohl ſtehen. Mitten unter ihnen ſaß eine Weibsperſon, welches mir ſchon darum auffiel, weil die Franzoſen wenige Weiber mit ſich führen, hätte nicht das Aeußere und das Benehmen des Frauenzimmers meine Theilnahme gemehrt. Das 65 Weib trug unverkennbare Reſte von beſonderer Schön⸗ heit, obgleich das Nomadenleben ſie blaß und hager gemacht hatte. Der graue Soldatenmantel und der Czacko, mit denen ſie bekleidet war, ließen einen ſchlan⸗ ken Wuchs und eine feine Geſichtsbildung immer noch erkennen, und unter der rauhen Hülle ſchimmerten Klei⸗ dungsſtücke vor, die, wenn auch befleckt, beſſern Stän⸗ den in Stoff und Schnitt anzugehören ſchienen. Sie wiegte ein Kind in ihren Armen, und ſang leiſe ein deutſches bekanntes Wiegenlied vom Prinzchen dazu. Was mir vor Allem auffiel, blieb jedoch das lange Blond⸗ haar, das ungeordnet unter dem Czacko herabhing und, mit einer weißen Haut in Verbindung, einen Gegenſatz zu den ſonnverbrannten, runzlichten Macbethhexen bil⸗ dete, die ich bislang als Marketenderinnen der großen Armee gefunden. Das Bild der unermüdlichen Mutter⸗ ſorge mitten zwiſchen Zerſtörungsſucht und Uebermuth machte mich recht weich, und meine Theilnahme wurde geſteigert, als ſo eine rabenſchwarze Franzöſin mit ihrem Keſſel herankam und mit roher Härte die kranke Frau bei Seite ſtieß, als gleich darauf ſich ihr ein jüngerer Huſar von hinterwärts näherte und ſie mit ſeinen Ca⸗ reſſen zu beläſtigen Anſtalt machte. Mit einem Zeter⸗ geſchrei, das mir bis in das Mark ſchnitt, ſprang die Blonde auf, wickelte ihr Kind angſtvoll in den Mantel, und flüchtete dem nächſten Dorfe zu, ungeachtet die älteren Reiter ihr nachriefen, einige den Störer ſchalten, und das Dorf, zu dem ſie flüchtete, gedrängt voller Truppen jeder Waffengattung war. Ich wandte mich an einen langen ehrbaren Sergeant, der am Holze auf und ab marſchirte, und mit Wohlbe⸗ hagen den Tabaksdampf aus ſeiner Pfeife ſog und in Blumenhagen. XIMII. 5 66 kleinen Wirbeln in die Luft blies, ein Vergnügen, das er auch wohl erſt ſeit Kurzem in Norddeutſchland ge⸗ lernt hatte. Mein Huſar war ein Elſäßer, und antwor⸗ tete meiner deutſchen Frage nach der flüchtenden Frau in deutſcher Mundart umſtändlich, da er ſie mit Luſt zu reden ſchien. Er erzählte mir, die arme Perſon ſey ver⸗ rückt, aber thue Niemanden Leides, ſondern helfe ſelbſt in ruhigeren Standquartieren Jedem, der ihr eine weib⸗ liche Handarbeit abfordere. Er habe ſie in den ſächſi⸗ ſchen Provinzen zuerſt bei dem Bernadotte'ſchen Corps geſehen, dem ſie immer gefolgt ſey. Sie wäre die Wittwe eines franzöſiſchen Militärs, erzählte er weiter, über deſſen Tod ſie höchſt wahrſcheinlich den Verſtand verloren, denn ſie frage jedes neue Geſicht nach dem Verſtorbenen, und weine immer heftig, wenn keine be⸗ friedigende Antwort erfolge. Die Huſaren hätten ſich an ſie gewöhnt, und eine ordentliche Vorliebe für ſie ge⸗ wonnen, die alten Schnurrbärte ſorgten in jedem Quar⸗ tier für die Unglückliche und ihr Kind, da beide ſonſt längſt im Elende und Wetter hätten umkommen müſſen⸗ und aus Inſtinkt fände ſie ſich darum, wenn man ſie auch einmal einen Tag vermißte, wieder bei der Ko⸗ lonne ein. Die Offiziere hätten ſie ſchon in mehreren Städten unterbringen wollen und der Obrigkeit über⸗ geben, jedoch müßte man ſie nicht gut bewacht oder gut gehalten haben, denn ehe man es gedacht, habe ſie ſich wieder gezeigt, und die alte Frage gethan: ob ihr Mann noch nicht angekommen? Auch ein Kriegesopfer, wie tauſend Andere! dachte ich, und ſchwatzte ein Stündchen recht heiter durch mit dem alten Kameraden, welcher meinte, vielleicht ſchon morgen konnte es heiß hergehen, die Affairen bei Wiſchau — — 5 c—„r)—— NM V S* W e te nit on au 67 und Rausnitz hätten die Ruſſen hitzig gemacht, und das möchte vielleicht dabei des großen Kaiſers Abſicht ge⸗ weſen ſeyn. Der alte Kriegsmann ſteckte mir plötzlich ein Licht auf: hatte mir doch bei Wiſchau, wo wir unſere erſten Heldenthaten probirten, der ganze Angriff der Franzo⸗ ſen ſo ausgeſehen, als wäre kein rechter Ernſt dabei. Wir, mein Alfred und ich, ſprengten wie junge Füllen, denen das Sperrband von den Füßen genommen, friſch hinein, und wären beinahe frühe Opfer unſeres Eifers geworden, denn die weißen Küraſſiere hackten prächtig auf uns ein, und wir mußten uns zur Seite wieder heraushauen, wo mir die Kunſt, auf den Stoß zu fech⸗ ten, ſehr gelegen kam. Wir fanden am Flügel eine Es⸗ kadron Chaſſeurs, der man die Offiziere erſchoſſen, in voller Deroute; Alfreds weitklingende Stimme ſammelte ſie, und er warf ſich mit den Encouragirten zu dem Prinzen Murat, der im Gedränge ſtack, auch ich that mein Theil, und habe manche Zügelhand lahm gehauen und in manchen Prachthelm Beulen geklopft. Man blies Retirade, und der Commandeur lobte den Alfred öffentlich. Ich ſchrieb Dir zum Schluß noch von dieſer Helden⸗ that, damit ſie doch nicht verborgen bleibe vor der Welt, wenn morgen vielleicht unſere deutſchen Gebeine aus⸗ geſtreckt bleichen auf deutſchem Boden, quod Peus bene vertat! denn ich höre fernher fremde Feldmuſik und fremde Trompeten, es wird unruhig überall um das Haus des katholiſchen Pfarrherrn, an deſſen Schreib⸗ tiſche ich ſitze, und deſſen kleine Haushälterin im Winkel kauert und ängſtlich den Roſenkranz zwiſchen den fleiſchi⸗ gen Fingern dreht. Der alte Huſar aus dem Elſaß mag 68 Recht gehabt haben, und witterte, gleich dem erfahrenen Leichhuhne, den Leichentag voraus. 9. Derſelbe an Denſelben. Hradiſch a. d. March, Abends 2. Dez. 1805. Wir leben noch, Freund Degenknauf, und haben einen Tag mitgemacht, wo Deine Namensvettern eine große Rolle ſpielten. Warum wareſt Du nicht dabei? Um keine Cröſusſumme mißte ich dieſe Erinnerung, ob⸗ gleich es etwas Schaurig⸗magnifiques iſt, den Tod ſo en gros um ſich herum aufräumen zu ſehen, und die Menſch⸗ heit in ihrer gräßlichſten Nudität zu erblicken. Der Teu⸗ fel hole den Krieg! Er iſt die ſcheußlichſte Verirrung der tollen Adamsſöhne, der giftigſte Kern in dem ge⸗ pfefferten Apfel, welchen der Höllendrache dem kurzſich⸗ tigen Altvater präſentirte. Die Franzoſen ſind ein beneidenswerthes Volk, ſie kommen ſich ſelbſt ſo einzig, ſo vollkommen, ſo göttlich⸗ heroiſch, ſo über Alles majeſtätiſch vor, ſie nennen ſich ſelbſt ſo oft das glücklichſte, geſegnetſte Volk, wie ſich der lumpigſte Israelit noch immer zum auserwählten Volke Gottes zählt, und es iſt darum kein Wunder, daß die übrigen Völker nach und nach dem Selbſtlobe Glau⸗ ben ſchenken. Der kleinſte Voltigeur der großen Ar⸗ mee, der knapp ſeine fünf Fuß mißt, prahlt heute von einer Rieſenſchlacht, die er mitgeſchlagen, und drei Meilen in die Runde hört man nichts als Jubel⸗ geſchrei, Freudenſchüſſe und pathetiſche Exclamationen, obgleich zehntanſend Waffenbrüder und Söhne Frank⸗ 69 reichs auf dem gräuelvollen Boden dieſes Freudenfeſtes unbegraben liegen. Einen ewigen Haß gegen das ganze Menſchengeſchlecht ſollte man bekommen, vom unaus⸗ löſchbaren Abſcheu getrieben, flüchten auf die einſamſte Höhe des Chimboraſſo, um nur außer dem Bereich dieſer Kannibalen zu ſeyn, wenn man über ein ſolches ſoge⸗ nanntes Siegesfeld ſchreitet, die Zerriſſenen und Ver⸗ ſtümmelten ſich krümmen ſieht im Blute und Schnee, ihre Jammertöne und Verwünſchungen hört, die wie Anklage zum Himmel ſchreien, und dann die Verruchtheit jubelnd und tanzend findet zwiſchen dieſen rothen Blutbächen des Elends und auf dieſem jammerreichen Golgatha. Waos ſoll ich Dir erzählen? Wo ſoll ich anfangen, wo endigen? Der ſtarre, kalte Fuſt iſt aus dem Gleich⸗ gewicht gebracht, und das will viel ſagen. Die Schlacht von Auſterlitz— hat ſie der ſiegende Napoleon getauft— Dir zu beſchreiben, müßte ich ein lügenhafter Poet wer⸗ den, denn wer, der mitten im Pulverdampf ſtack, kann ſehen, was hundert Schritte von ihm ſich begab? Wer kann in dem rollenden Donner von einigen hundert Mordſchlünden hören, was das Commandowort, die Trompete und die Trommel an den Flügeln befahl? Marſchall Berthier wird euch Allen ſchon eine majeſtä⸗ tiſch⸗militäriſche Romanze davon ſingen, bei der euer Herz vor Furcht und Ergötzung zugleich hochſpringen wird, wie das Herz des Kindleins, dem die Amme ein Spuckmährchen oder eine Räubergeſchichte erzählt. Was mein Auge ſah, was uns ſelbſt begegnete, will ich treu⸗ lich referiren, und es wird Dir vielleicht mehr behagen, als das lange Bülletin, welches in der Schmiede des Hauptquartiers ſchon unter dem Hammer liegt. Ich brach mein Schreiben am Nachmittage ab, weil 0 der Waffenlärm mich in die kalte Winterluft hinausrief. Kaiſer Napoleon ſtand auf dem Spielberge und obſer⸗ virte durch ſeine Ferngläſer, Marſchall Bernadotte und Prinz Murat, deſſen Stabe wir zugeſellt waren, ritten zur Recognoszirung an die Vorpoſten. Da ſahen wir den prächtigen Anblick von fünf ruſſiſchen Kolonnen, die perpendikulär auf uns anmarſchirten, dann abſchwenk⸗ ten, und in der Weite von zwei Kanonenſchüſſen vor uns aufzogen und ſich zu Einer Kolonne herſtellten. Es lag ſo etwas Ritterliches, Imponirendes in der Kühnheit dieſes Marſches, welches ſelbſt die franzöſiſchen Offiziere mit Bewunderung erfüllte, und man mußte mit Behagen dieſe derben Grenadiere anſehen in den gelben Blechmützen, alle wie nach einer Form gehobelt, dieſe koloſſalen behelmten Küraſſiere, würdig, eine nordiſche Kaiſergarde zu heißen, und den Gedanken weckend, als wären die alten furchtbaren Waräger des Czars Rurick nach tauſendjährigem Schlafe wieder auferſtanden. Auf Alfred machte der Anblick der ruſſiſchen Krieger einen unfreundlichen Eindruck. So wie er die hellklin⸗ gende Trompete hörte, und den fremden Trommelmarſch, ſo tummelte er ſein gewandtes Roß weit hinaus auf das Feld, zog das Schwert und es war mir, als hörte ich ihn, einem achäiſchen Vorfechter gleich, Ausforde⸗ rungsworte hinüberrufen. Er ſuchte den Feind ſeiner Ehre, aber es erſchien ihm kein Gegner, und die ruſſiſche Armee legte ſich ohne Avantgarde wieder zur Ruhe für morgende Arbeit. Als es ſchon düſter geworden, hörte man ſie noch ſingen in der ſeltſam klingenden Mundart und nach recht melodiſchen Weiſen, und ein ſcharfes Auge konnte die Grenadiere zechen ſehen, rund um die Wachtfeuer ge⸗ S 5„ — M 71 ſtreckt. Es war etwas Herzgewinnendes in dieſer Sorg⸗ loſigkeit, etwas Großes⸗ ein Bewußtſeyn der Kraft, ein Vertrauen auf ſich ſelbſt, welches auch dem Fremden Reſpekt einflößte. Mehrere Generale haben den Rath gegeben, die ruhenden Feinde in der Nacht anzugreifen⸗ Napoleon hat es verweigert, und mag ſein Grund ge⸗ weſen ſeyn, welcher er wolle, dieſe Weigerung gefällt mir beſſer, als die Art, wie Murat und Lannes durch eine ſchlaue Liſt die Zerſtörung der Wiener Donaubrücke hinderten, durch eine kecke Lüge den betrogenen Auers⸗ verg gefangen nahmen und das Treffen bei Hollabrünn dadurch erzwangen. Jene kühnen Lügner hätten ver⸗ dient, einen Bayard unter den Auſtriern zu finden, der ihnen die Degen abnahm; der Feldherr, welcher den Krieg nicht edel durchſicht, verdient eine Diſtelkrone und keinen Laurus. Napoleon ſelbſt ritt Abends noch einmal an den Vorpoſten hinab, da ſah ich ihn am Feuer, und in ſei⸗ ner zufriedenen Miene lag die Freude auf den morgen⸗ den Feſttag; feierte er ja doch heute ſein Krönungsfeſt, und wahrhaftig, er beging es würdig eines ſolchen Schlachtenkönigs. Schliefen die Ruſſen feſt wie zu Hauſe, ſo ſchliefen wir deſto weniger, denn der Kaiſer konnte den Tag nicht erwarten, um Angebinde und Gratulation in Empfang zu nehmen: es ging ihm wie dem Kinde vor dem Weih⸗ nachtsabende, er war ſchon vald nach Mitternacht wach, verließ ſein Bivouak, und weckte ſelbſt ſeine Marſchälle. Was ihm die Geiſter ſeiner Träume um Mitternacht zugeflüſtert, mußte jetzt in's Werk geſetzt werden, ehe denn der Tag erſchien, und im Dunkel bewegten ſich die Heeresmaſſen ohne Klang und Wort wie wälzende 72 Nachtwolken durch die Felder, wo nur der Schnee leuch⸗ tete. Bernadotte rückte in die erſte Linie; Davouſt mar⸗ ſchirte rechts zum Kloſter Klein⸗Raigarn, die Maſſen zu verſtärken, welche die Paſſage nach Wien bewachen muß⸗ ten; zehn Kolonnen Garde und Grenadiere zogen wie zur Prachtparade der Krönungsfeier als Reſerve hinter dem Centrum auf. Eine weite Stille herrſchte gegen Morgen ringsum, es waren die Grauen der Erwartung, ſelbſt das eis⸗ graue Mütterchen Natur theilte ſie und mit Recht, und nur aus den Gehölzen an der Schwarza her tönte zu⸗ weilen ein lauter Zug der Luft, und wehte uns kalt und ſchneidend an, und kreiſchte in unſer Ohr wie der Athem⸗ zug eines Sterbenden. Da kam der Tag langſam wie mit Schneckengeſpann, eine trübe Sonne erſchien an den Hochgebirgen Ungarns, und beſtrahlte die Bajonette und Degenſpitzen der franzöſiſchen Armee, zeigte aber auch zugleich noch lichter den Aufmarſch der ruſſiſchen Krie⸗ ger, wie ſie in koloſſalen Maſſen die Höhen vor uns bedeckten und die Hügel alle zu ungeheuren Menſchen⸗ bällen geworden waren. Auf einem erhabenem Fleck am Ufer des gefrornen Flüßchens hielt der Frankenkaiſer auf ſeinem hochbeini⸗ gen, ſchnaubenden Schimmel, alle ſeine Marſchälle um⸗ ringten ihn, alle Blicke hingen an ſeinem Munde, aber ſein tiefliegendes, finſterſchwarzes Auge war, wie ſeine Seele, fern von ſeiner nächſten Umgebung, und ſtarrte auf die ruſſiſchen Hügel mit dem Ausdrucke des Löwen⸗ auges, wenn das mächtige Thier der afrikaniſchen Wäl⸗ der gekauert liegt, zum Sprunge gerüſtet, ſobald der vor ihm ſichtbare Feind die günſtigſte Stellung für ihn einnimmt; nur das verdarb mir das hohe Bild, daß — 60— W M— NM* — 73 er zahlloſe Prieſen Tabak nahm und hörbar ſchnupfte. — Bewegung wurde jetzt in den ruſſiſchen Kolonnen ſichtbar. Wie ein durchſtochener Bergſee ſeine Silber⸗ arme langſam herabſtreckt in die Thäler, ſo dehnten ſich die blanken Züge der nordiſchen Krieger immer weiter herab in die vorwärts liegenden Ebenen, und die Hügel in ihrem Centrum wurden immer lichter, immer durch⸗ ſichtiger, gleich dem Walde, den ein unvorſichtiger Guts⸗ herr aushaut. Ich hatte den Kaiſer im Auge: ſeine ſtarren Ge⸗ ſichtszüge, in welchen keine Leidenſchaft, nicht einmal eine Empfindung ſich ausgeſprochen, das gelbbraune An⸗ geſicht, welches gleich einer eiſernen Maske die ſtürmi⸗ ſchen Regungen dieſes gewaltigen Gemüths Jedermann zu verdecken wußte, bekamen langſam einen veränderten Charakter. Er hörte auf zu ſchnupfen, und faßte mit beiden Händen den Zügel des unruhigen Roſſes. Immer blitzender wurde der ſtechende Strahl des Auges, bis er brannte gleich dem Fokus des Brennſpiegels, die Ober⸗ lippe erhob ſich langſam, ſo daß die weißen Zähne ſicht⸗ bar wurden, eine Falte in der Wange deutete ſteigenden Hohn an, bis alle Züge von einer ſarkaſtiſchen Wolluſt beherrſcht wurden, welche etwas Furchtbares, ich möchte ſagen Tödtendes, in ſich trug. Er ſtreckte die rechte Hand aus, warf das glühende Auge herab auf den Marſchall Soult, und fragte langſam und bedeutungs⸗ voll: Marſchall, wie viel der Zeit bedürfen Sie, jene Anhöhen von Pratzen zu beſetzen? Meine Braven ſtehen dicht darunter, vom Morgen⸗ nebel und Rauche der Wachtfeuer umgeben: nicht zwan⸗ zig Minuten! war die Antwort, raſch und freudig ge⸗ ſprochen. 74 Dann noch eine Viertelſtunde Geduld! entgegnete der Kriegesfürſt. Einige Minuten ſpäter gab er dem Marſchall Ber⸗ nadotte Befehl, mit ſeinem Corps in die erſte Schlacht⸗ linie zu rücken, und man ſah ſogleich dieſe Regimenter den Bach bei Girſchikowitz überſchreiten, und die Gar⸗ den ihnen auf dem Fuße folgen. Ein freudiges Gemur⸗ mel tönte in dem ganzen Gedränge der Reiter des Ge⸗ neralſtabes, denn jetzt war die Schlacht beſtimmt, und auf dem Antlitze des Feldherrn leuchtete ſchon die Mor⸗ genröthe des Sieges. Ein Adjutant des Marſchalls Davouſt flog jetzt heran auf erhitztem Roſſe, deſſen Odemzüge im Froſtnebel, gleich einem Pegaſus, heiße Dampfwolken ausblieſen. Sein Bericht lautete: Kutuſows Maſſen wären in den Ebe⸗ nen angelangt und ſchienen den rechten Flügel umge⸗ hen zu wollen; das Feuer müſſe in wenigen Minuten beginnen. Soult, hinauf die Höhen im Doppelſchritt! rief da der Kaiſer. An Ihre Poſten, meine Braven! und alle Anführer ſprengten im Galopp über den harten Boden hinweg. Wir folgten Murat und Kellermann zu der Kavallerie, aber kaum bei den Jägern und Huſaren an⸗ gekommen, erblickten wir vor uns ſchon Soults Volti⸗ geurs an den Pratzner Hügeln, das Tirailleurfeuer knat⸗ tert keck, einige Kanonenſchüſſe donnern, ihm folgen Flintenſalven, in wenigen Minuten iſt das gräßliche Spiel auf der ganzen Fläche eröffnet, die todten Gewal⸗ ten wirken zerſchmetternd und die lebende Kraft ringt in einzelner Ohnmacht gegen die allgemeine Zerſtörung. Soult nahm die Höhen: zwanzig Geſchütze wirkten von dort herab verderblich auf den überraſchten Feind, i⸗ l⸗ gt ig. en d 75 deſſen Armee durchbrochen, deſſen linker Flügel von ſei⸗ nem Kerne getrennt war und zwiſchen ein Doppelfeuer gerieth. Auch wir legten nicht als müßige Zuſchauer den Pferden die Zügel auf den Hals. Kellermann führte drei leichte Reiterregimenter gegen den Feind, und wir fan⸗ den tapfere Gegner. Ich habe ihn geſehen, rief wilderhitzt Güldenkron mir zu, als wir im Gewühle zufällig aufeinander ſtießen. Toloſtow unter den Uhlanen! Ein Gott hat ihn mir ent⸗ führt, da ich ihn nur noch drei Pferdelängen von mir ſah. Fange ihn mir, Fuſt, und ich will Dich anbeten! Ich warf meinen Jagdblick ſchnell rund umher, aber vor uns ſchimmerten nur weiße Küraſſiere und Garde⸗ koſacken; Fürſt Conſtantin mit ſeinen Uhlanen chargirte weiter hinab ein Huſarenregiment, und in jedem dieſer Rieſen ſchien ein eigener Teufel zu wohnen, denn Ver⸗ derben und Tod ging vor ihnen her. Mit hochrothem Geſicht und ſchnaubendem Athem hieb ſich Alfred durch die Reiter, immer den Uhlanen zu, unvorſichtig und unbedacht, und ich hatte Angſt und Mühe, ihm zur Linken zu bleiben und ſeine unbedeckte Seite zu ſchützen. Ein Piſtolenſchuß ſtreifte meinen Arm, eine Lanzenſpitze zerſchnitt mir die Wange, da rief Kel⸗ lermanns Trompeter zur Retirade, und faſt gewaltſam mußte ich Alfreds Roß in die Züge zurückreißen, denn wie ein Wahnwitziger ſchien er mitten in den wuth⸗ ſchnaubenden Rotten der Nordländer bleiben zu wollen. Kellermanns Manöver war mit Bedacht ausgeführt, hitzig hieben die ruſſiſchen Reiter uns nach und träum⸗ ten von Triumphen, unſere Regimenter flogen leicht durch die Intervallen der Bataillone der Cafarelliſchen 76 Fußvölker, und ein Hagelſchauer von Kugeln der Quar⸗ res und Batterien ſtrömte gegen die unhaltbaren Pferde⸗ maſſen der Ruſſen, und ſtreckte haufenweiſe Thiere und Reiter in der Nähe zu Boden. Die Kugeln werden ihn meinem Racheſchwerte ent⸗ reißen! raunte Alfred mir zürnend und unwillig zu.— So bleibt Deine Hand rein, und Gott richtet, entgegnete ich, vom unbändigen Ritte Athem ſchöpfend. Was weiter geſchah an dieſem denkwürdigen Tage, wird die Zeitungspoſaune aus vollen Backen Dir ver⸗ künden. Einige ruſſiſche Regimenter wurden zum See gedrängt, und wagten dreiſt den Marſch über die Eis⸗ fläche, um wiederum eine feſte Stellung zu gewinnen. Die franzöſiſchen Bombardiere warfen Granaten auf das Eis, und viele der tapfern Moskoviter verſanken mit dem berſtenden Boden und wurden das Opfer des einen Elements, da ſie dem andern zu entrinnen ver⸗ ſuchten. Die Garden der beiden Kaiſer führten den letz⸗ ten Akt der Tragödie auf, aber auch hier ſchwebten die treuloſen Walkyrien über den Bündnern des deutſchen Volks, und vor dem jungen goldenen Adler ſanken die Fahnen des ſchwarzen Götterboten: die Schlacht war ge⸗ wonnen, überall Retirade und Einzelflucht, und die Mit⸗ tagsſonne beſchien eine neue Trophäe des Lieblings der Glücksgöttin, die von zahlloſen, erbeuteten Waffenſtücken und von feindlichen Fahnen und Geſchützen erbaut wor⸗ den, und welche eine Menge gefangener Obriſten und Kriegsmänner mit Ingrimm errichtet ſahen. Das iſt, was Dich als Weltbürger intereſſiren konnte, aber was uns am meiſten intereſſirte, was uns die Sonne von Auſterlitz nie vergeſſen laſſen wird, iſt noch zurück. Ich hätte es gern voran in meinen endloſen M M S W— N e n 77 Brief geſtellt, aber der Juriſt liebt die Ordnung, und Du hätteſt dann vielleicht allen Geſchmack für das Fol⸗ gende verloren. Kaum ſchmetterten die Siegestrompeten, kaum knat⸗ terten die Lauffeuer an der Fronte wie Hohngelächter, kaum ſah man den Kaiſer Frankreichs ſtolz von ſeinem Hügel herabſprengen und ſeitwärts durch den blutigen Leichenanger gegen die brennenden Dörfer galoppiren⸗ ſo kam auch die Ordre zum Verfolgen der Flüchtlinge, unſere Drometen riefen luſtig hinaus, und die Kaval⸗ lerie brach in einzelnen Kolonnen auf und ſprengte nach Oſten auf den Straßen und Feldwegen hin. Die Säbel der Ruſſen und mehr noch ihre Artillerie hatten auch zwiſchen uns viele Lücken geriſſen; eine bedeutende Zahl der Offiziere wurde vermißt, und Güldenkron, auch ich und mehrere Stabsoffiziere waren zum Com⸗ mando einzelner Compagnien gerufen worden. Wir führ⸗ ten die Leute ſcharf vorwärts, trieben überall Gefan⸗ gene zurück, nahmen Munitionswagen und Kanonen, und die flinken Huſaren fanden bei der feindlichen Bagage manches Beuteſtück, da tönte der Ruf hier und dort: Waffenſtillſtand! Die Regimenter geſammelt! Kaiſer Franz parlamentirt! und die Signale geboten Einhalt und Waffenruhe. Ich wiſchte meine breite Klinge ab in der Mähne meines erſchöpften Rappen, ordnete die brau⸗ nen Pelzträger und ritt Schritt über das Feld der Sol⸗ datenlinie zu, die mir fernher entgegenſchimmerte. Da ſah ich neben der Straße, nicht weit von einem noch glimmenden Wachtfeuer, einen ſchwarzgekleideten hagern Mann an einem zerſchoſſenen Baumſtamme lehnen⸗ eine große Brieftafel in der Linken. Das hagere, krumm⸗ naſige Geſicht war mir bekannt: ich gab dem Sergeant⸗ 78 Major das Commando und rit näher zum Baume. Mit Erſtaunen erkannte ich Britomar, den Maler aus Franken. Was Teufel, Bruder Apelles! rief ich aus. Welcher Oberon führte Dich zwiſchen dieſe Mamelucken? Was willſt Du Paradiesvogel unter den Geiern und Raben? Er ſah mich einige Sekunden mit den großen, vor⸗ liegenden Angen forſchend an, dann bot er mir freund⸗ lich die Rechte mit dem Griffel und entgegnete: Sieh da, unſer alter weſtphäliſcher Haudegen! Du treibſt alſo auch Jagd und Fechtſchule jetzt in das Große, wie ich die Malerei? Willkommen im Freien! Aber biſt Du verrückt, Brüderchen in Apollo, fragte ich weiter, daß Du da ſtehſt, waffenlos zwiſchen losge⸗ laſſenen Beſtien und fliegenden Kartätſchenſchauern und im Froſt mit Pelzhandſchuhen zeichneſt? Hat Dir die verſchacherte Braut das Gehirn verdreht? Wer ſagt verſchachert? fuhr er bös empor. Der Sa⸗ tan hole den Handel mit Menſchenfleiſch! Der Paris Kallypygos hat die eitle Helena davon geführt; er bot mir lumpichte zehntauſend Franken. Nur ein Schurke läßt ſich das Glück bezahlen, und ſie war ja keine leib⸗ eigene Negerin, ſondern frei wie ich. Ihr Bild habe ich behalten, das liebe Bild! aber ich male keine Wei⸗ ber mehr, bin mit Bernadotte hergekommen, als er durch das Preußenland ohne Anfrage marſchirte, und werde bei dem Geniekorps angeſtellt bleiben. Und was thuſt Du hier, braver, betrogener Burſche? Ich ſammle Skizzen für ein Schlachtfeld, das mich dem Kaiſer empfehlen ſoll. Sieh nur dieſe bärtigen Köpfe: welcher Reiz, Ausdruck, Charakter! Warum find alle jetzigen Porträts Fratzen, angekleidete Puppen? Weil das Raſirmeſſer das Geſicht kombabuſirt, Ließen 70 wir Alle wieder die Bärte wachſen, wie ſie Gott ge⸗ ſchaffen zur Zierde, ſo würden wir wieder Männerge⸗ ſichter haben und keine runzlichten Knabenmasken, wür⸗ den auch alsdann vielleicht wieder Männer werden, denn Simſon wurde ſchwach, als man ſein Haupthaar ver⸗ ſchnitt. Sieh dieſen angreifenden Koſacken! Sieh die⸗ ſes ſtürzende Roß! Aber auch die Sentimentalität findet hier ihre Vorwürfe, und ich wette, dieſe einzige Gruppe in meinem Gemälde wird es ſchon zum Nebenbuhler machen von van der Meulen, Querfurt, Wouvermanns und Breughel. Schau nur hin, Bruder Fuſt, das arme Weib da mit dem Kindlein im Arme neben dem zer⸗ ſchoſſenen, ſterbenden Gatten, eine ächte Niobe, deren Herz des zürnenden Phöbus ſcharfe Geſchoſſe trafen. Ich wollte, Du hätteſt mich einige Minuten ſpäter geſtört. Ich blickte hinüber, wohin ſein Griffel deutete, und ſah wirklich neben einem Verwundeten, der mit den Ar⸗ men durch die Luft zuckte, eine knieende Weibsperſon. Ein zweiter, ſchärferer Hinblick ließ mich in der Frau jene unglückliche Wahnwitzige wieder erkennen, welche ſchon im Bivouak der rothen Huſaren mein Mitleid er⸗ weckte, aber der Mann am Boden konnte ihr geſuchter Ehemann unmöglich ſeyn, denn es war beſtimmt ein Ruſſe, und noch dazu von Range, welches die goldenen Achſelbänder verriethen. In dieſem Augenblicke trabte der Comte Brandon dicht an der Gruppe vorbei, warf einen Blick darauf, ſprang aus dem Sattel mit ſichtli⸗ chem Zeichen des Schreckens, und trat mit Haſt zu dem Liegenden. Eben ſo haſtig, der erwachenden Neubegier wegen, ſtieg ich ab, gab mein Pferd dem Ordonnanz⸗ Huſaren und eilte hinüber, wo mich die grauſigſte Scene erwartete. 80 Leichenbleich im Antlitz ſtand Brandon einer Bild⸗ ſäule gleich neben einem feindlichen Offizier, der ſich mit Todeskonvulſionen im weichen, blutgefärbten Schnee wälzte, und dem beide Beine durch eine Stückkugel zer⸗ ſchmettert waren. Es war Graf Oskar Toloſtow. Seine Stirne war kreideweiß, der Tod hatte ſchon die Hand daraufgelegt, ſein Mund verzerrte ſich im furchtbaren Schmerz, aber ſeine Augen glühten gleich Feuerkugeln. Die eine Hand wühlte krampfhaft im ſchmutzigen Bo⸗ den, und die andere ballte ſich gegen den Comte, und ſich halb aufrichtend ſchrie er mit entſetzlicher Stimme: Rette mich, Louis! Biſt Du mein Freund, biſt Du ein Menſch, ſo rette mich vor dieſem Weibe! Treibe dieſes gräßliche Geſpenſt hinweg, das meine Todesſtunde zur Hölle macht. Mich rufſt Du zu Hülfe, Unglücklicher? fragte der Comte, doch klang ſein Ton weniger hart, als der Sinn ſeiner Rede gefordert, denn auch er ſchien wie ich durch und durch erſchüttert bei dem Anblicke. Mich? Haſt Du mich denn nicht zu Deinem Feinde gemacht? Haſt Du nicht meine Ehre befleckt, indem Du meinen Namen zum Deckmantel Deiner Schandthaten mißbrauchteſt? Toloſtow ſah ihn ſtarr an, dann ließ er ſich ganz niederfallen, und die Arme über ſein Geſicht legend, ſtöhnte er: So ſterbe ich allein, wie ich allein gelebt! In dieſem Augenblicke gedachte ich Güldenkrons und eine wunderbare Fügung der Vorſicht ließ mich ihn nicht gar weit erblicken, wie er mit blankem Schwerte vor einem Dutzend Chaſſeurs zwiſchen den Leichnamen des Schlachtfeldes herumſprengte. Ich ſchickte meinen Huſa⸗ ren ſogleich zu ihm, und ließ ihn laden zu dem Gottes⸗ gericht. 81 Er iſt entkommen, rief er mir ſchon von weitem zu mit dem Geſichte eines zürnenden Achills. Unter den Ge⸗ fangenen fand ich ihn nicht, unter den Todten ſuche ich ihn ebenfalls vergebens. Hier! ſagte ich, mit dem Degen auf den Bleſſirten zeigend. Erkenne die heimliche, ſchreckliche Vehme des Himmels und bete an. Alfred ſtarrte hinab und ich fiel ihm in den Zügel⸗ denn es ſchien mir, als wolle er in der Raſerei der friſchen Wuth ſein Roß hinwegtreiben über den Leib des Erbarmungswürdigen. In dieſem Momente rief das Weib, was ſie ſchon mehrere Male leiſer geſprochen: Louis! willſt Du denn gar nicht hören? Und ich habe Dich ſo lange geſucht durch die ganze Welt, durch Son⸗ nenbrand und Eis. Biſt Du denn gar nicht mehr mein guter Louis? Ich weiß, Du biſt ein Prinz geworden, und ich bin arm, ganz arm und habe die Milch gebet⸗ telt für Dein Kind, wenn es meine Bruſt leer gefunden. Aber ſegnen mußt Du Dein Kind: ohne Vaters Segen würde es ja ehrlos wie ſeine Mutter! Einen gellenden Schrei hörten wir von Alfreds Lip⸗ pen, und er ſtürzte mehr vom Rücken ſeines Pferdes, als daß er herabſprang. Gibt das Meer die Todten zurück, die es verſchlang? ſchrie er außer ſich und faßte die Jammernde gewaltigen Armes, und riß ſie auf ſammt dem Kinde zu ſeiner Bruſt. Gott ſchütze meine Vernunft! Raphaele, arme verlaſſene Schweſter, biſt Du es? Und hier? Und Dein Bruder muß Dich finden in dieſem Zuſtande?— Sie aber ſah nur recht freundlich ihm in das Geſicht, und ihre Mienen zwangen ſich zu einem wehmüthigen Lächeln, und ſie antwortete: O ja wohl! Ich habe einen ſchönen, recht lieben Bruder. Blumenhagen. XlII. 6 82 Aber auch er war nicht bei Raphaelen, o ſchon viele Jahre lang nicht.— Alfred ballte die Fauſt gegen To⸗ loſtow hinab. Schrecklicher, ſataniſcher Würgengel! rief er mit Zähneknirſchen, ſieh, was Du gethan, was Du verwüſtet! Nein, keine ewige Buße kann dieſen Seelen⸗ mord verſöhnen. Aber die Ehre wiedergeben, das ſollſt Du; wie einen Bajazeth will ich Dich Unmenſchen in einem Käſige füttern, und der Anblick Deines zerſtörten Weibes ſoll Deine tägliche Folter werden. Auf! Fuſt, ſchaffe Chirurgen, Aerzte! Dort verband ein Solcher eben den Obriſt Le Grand. Hole ihn mit Windeseile. Er darf nicht ſterben, er iſt ja meiner Schweſter Gatte, mein lieber, heißgeliebter Bruder! Eine grauenhafte Höhnung tönte aus ſeinen letzten Worten und widerte mich beinahe an aus ſeinen ent⸗ ſtellten, ſonſt ſo edlen Zügen. Der ruſſiſche Graf hatte mit weit aufgeriſſenen Augen das Alles angeſehen und angehört. Als Alfred erſchöpft inne hielt, zuckte ein wilder Krampf durch ſeinen zerriſſenen Leib. Ja, ja! murmelte er mit röchelnder Bruſt⸗ ſie ſind Alle da, die Quälgeiſter meiner Seele. Auch der Bruder Alexius iſt da mit dem blutſpritzenden Herzen. Zerrt nur, zerrt nur an mir wie gierige Wölfe! Oskar fürchtet nicht Gott, nicht Teufel! Rufe nur immer den Todesruf, rufe nur, Alexius, Deinen röchelnden Fluch: Bruder! Bruder! Es hört Keiner als Pauleska, Keiner hört dro⸗ ven— Keiner— Dein zermalmendes: Bruder! Das letzte Wort ſtarb auf ſeiner zuckenden Lippe, ſein Körper wälzte ſich zwei Male, ſchrecklich anzuſehen, dann ſtreckte ſich der Leib und blieb erſtarrt und entſeelt auf dem Rücken liegen. Er iſt todt! ſprach der Comte ſich ſchüttelnd und ab⸗ 8 c— ———r c„+ 8 8 — 83 wendend. Todt! ſprach Alfred nach mit Ingrimm. Todt! lallte Raphaele, und ſank ſinnlos zuſammen, daß ich kaum das gleitende Kind glücklich auffangen konnte. Und mir, Freund, wirft die Erinnerung dieſer Secene die Feder aus der Hand, und ich meine, ſie blieb doch das Schrecklichſte, was an dieſem Schreckenstage der nicht ſo leicht erſchreckende Fuſt erlebte. 10. Alfred Güldenkron an Hofrath Ernſt. Schloß Auſlerlitz. Beuge Deine Kniee, alter Vater, vor dem Herrn der Heerſchaaren, denn Er iſt groß und gewaltig, und ſein Thun iſt ſichtbar auf Erden, und ſein Gericht ſtreng und gerecht. Ich ſende Dir eine Geſandtſchaft, welche Dich zugleich erſchrecken und beglücken wird. Die todt⸗ geglaubte Raphaele iſt wiedergefunden, und wo? Neben dem folterreichen Todesbette ihres Verführers. Schauſt Du, Vater, die Gotteshand, wie ſie aus den ſchweren Wolken herunter greift? Als Du den Leichnam des armen Mädchens auf den Klippen ſuchteſt, welche die nordiſche Möve umflattert, da riß der Wahnſinn die Unglückliche dem Süden zu, wo ſie die Heimath des Verräthers glaubte, der den zwiefachen Raub an ihr begangen. Ich darf meiner Einbildungskraft nicht die Freiheit laſſen, Raphaelen auf dieſer Reiſe zu begleiten, darf mir nicht denken, wie ſie gelitten, gebettelt hat, wie ſie von der Unbarmherzigkeit mag gemißhandelt worden ſeyn: ich träume mir nur, wie Gottes Engel neben ihr ging und ſie mitten im Reiche des Todes lebend in meine Arme führte. Der Maler Britomar, mein Freund, hat ſich erboten, das arme Weib mit dem lieblichen Kinde, dem man die Schrecken und Entbehrungen nicht anſieht, zu Dir zurückzuführen; ich ſelbſt thäte es gern⸗ aber mich bindet mein Stand, und Britomar iſt ein ge⸗ prüfter, herziger Menſch, der Dir gern bis auf das Kleinſte ausmalen wird, was vorging, und wie das Alles vom Himmel herabfiel: Ereigniſſe, die ich unmög⸗ noch einmal im Erzählen erleben kann. Raphaelens Geiſteszerrüttung iſt verſchwunden; als ſie den Gelieb⸗ ten ſterben ſah, warf die Erſchütterung ſie in eine tiefe Ohnmacht, und da ſie wiederum erwachte, waren die Schleier ihrer Seele zerriſſen: ſie kannte mich, ſie weinte, fragte nach Dir, wußte Toloſtows Ende; nur wie ſie hieher in das Mährenland gekommen, davon weiß ſie nichts, und keine Erinnerung von dieſer Pilgerung, die einer Bußwallfahrt ähnelt, lebt in ihr, und das iſt gut⸗ denn der Gedanke, in welchen umgebungen ſie lebte, müßte den Reſt ihres Daſeyns vergiften. Ich hatte des Grafen Toloſtow Leiche in die Stadt bringen laſſen, und er iſt von uns ſeinem Stande ge⸗ mäß auf dem Friedhofe der Auſterlitzer beerdigt wor⸗ den. Der Tod verſöhnt die Beleidigung, und ich ſchien das mir ſchuldig und ihr und der kleinen Louiſe, welche für die Zukunft doch zu uns gehört. Raphaele hat den Leichnam noch einige Male beſucht, und nach jedem ſolchen Schmerzensgange kam ſie heller⸗denkend und be⸗ ruhigter zurück. Nicht ein anderes Weib beſitzt ihn, nicht Treuloſigkeit, das Schickſal hat ihn genommen, ſein Angedenken, ſein Grab gehört ihr allein; ſo verkettet ſich ihr Gedankenlauf, und darin findet ſie Tröſtung. Schwaches Menſchenbild, auf eine Luftſäule baueſt du ie it, te, e⸗ r⸗ en che en em be⸗ cht ein tet ng. 85 dein Luſthaus, und wenn man Dir die Gypsmaske deines Geſtorbenen auf den Tiſch ſtellt, ſo freueſt du dich, als wäre der Liebe zurückgekehrt⸗ und verſchmerzeſt, daß er da unten in der kalten Erde modert, wo es ſo finſter und ſo grauſig⸗einſam iſt. Eine Menge öſterreichiſcher Damen, zu den Fami⸗ lien der Gutsbeſitzer und Amtleute der Gegend gehörig, hatten ſich in das Städtchen Auſterlitz geflüchtet, wo ſie ſich unter Kaiſer Alexanders Schutz ſicher wähnten. Von ihren Schützern und vermeinten Rittern verlaſſen, fielen ſie in Krämpfe und Furchtfieber bei dem Gedanken an die leichtfertigen, übermüthigen, mordluſtigen Revolu⸗ tionskinder; als ſie aber die ſittige, galante Behandlung der Sieger erfuhren, wurden ſie plötzlich gefällige Wir⸗ thinnen. Mehrere der gaſtfreundlichen Frauen ſtanden der Schweſter bei, nahmen ſie in Haus und Bett, und die Kaſtellanin auf dem fürſtlich Kaunitz'ſchen Schloſſe ver⸗ ſchaffte mir den bequemen Reiſewagen, in welchem die Tochter wiederum den Vater begrüßen wird. In einem Käſtchen findeſt Du Alles eingepackt, was ich bei dem erſchoſſenen Oskar fand, und was für Raphaelen und die Kleine in der Zukunft von Werth ſeyn dürfte; ſein Wappenring iſt dabei, den ich vom Finger des Todten zog, zugleich mit einem kleinern Reife, in welchem ich der Schweſter Namenszüge fand. Für jetzt habe ich Ra⸗ phaelen dieſe Kleinodien vorenthalten, ihre Seele will gepflegt ſeyn, und ich wagte nicht, das Schlummerleben, in welches der heiße Parorismus überging, zu ſtören.. Du wirſt ſchon die rechte Zeit zu wählen wiſſen. Sie mag ſich vor der Welt Toloſtows Wittwe nennen. Da der Waffenſtillſtand proelamirt iſt, da die drei Kaiſer parlamentiren und wahrſcheinlich ein Friedensſchluß er⸗ 86 folgt, ſo könnte ich vielleicht Gelegenheit haben, durch einige ruſſiſche Edelleute ein Verſtändniß mit Oskars Familie anzuknüpfen, welches Raphaelens Rechte beſie⸗ gelte; iſt es nicht, ſo werfe ich mein erprobtes Schwert auf ſie, und werde das Recht, welches ſie auf den Na⸗ men Toloſtow hat, gegen jeden Anfechter aus Norden durchkämpfen. Durch den Leichenzug, den ich dem ruſſiſchen Uhla⸗ nenoffizier bereitete, und wobei alle meine mir bekannt gewordenen Waffenbrüder dem Sarge folgten, auf dem der Säbel und die goldgeſtickte Tſchapka des Gebliebe⸗ nen und ſein Orden lag neben einem Tannenkranze, der ſtachlich war wie ſein Leben und ſein Sterben, zog ſich die Aufmerkſamkeit Napoleons auf mich, denn meine erſten jungen Waffenthaten konnten es nicht gethan ha⸗ ben, hatte ich doch nicht mehr gewagt und vollbracht, als jeder meiner Kameraden. Prinz Murat ſtellte uns dem größten Feldherrn des Jahrhunderts vor. Der Kaiſer maß uns mit ſcharfen, bis in die Tiefen des Gemüths ſtechenden Blicken, und das Herzblut ſiedete wärmer, als das dunkle Brennſpiegel⸗Auge vom Kopfe über die Bruſt hinunter ſtreifte. Er fragte nach unſe⸗ rer Heimath, und als er hörte, wie meine Familie aus der ſcandinaviſchen Haibinſel ſtamme, wurde ſeine fin⸗ ſtere Stirne einen Augenblick glätter, es war, als wenn ein leichter Sonnenblick über einen düſtern Tannenwald hinſtreift, und er bewegte zwei Mal ſein Haupt wie einen Wink der Gunſt. Ich liebe die Schweden, ſprach er abgeſtoßen und ſcharf; ſie ſind die Franzoſen des Nordpols, tapfer, auf⸗ geklärt, voll Geſchmack, der überall auf raſches und richtiges Urtheil baſirt iſt. Sie duldeten nie Tyrannei, 87 weder weltliche noch kirchliche, und wählten ſich die Klüg⸗ ſten und Tapferſten aus dem Volke zu Königen, die Reglinger, die Folkungen, den Karl Knutſon und den Guſtav Waſa; der wackere Degen Guſtav Adolph be⸗ kämpfte gleich uns die römiſche Hierarchie, und der zwölfte Karl ſchlug wie wir mit einem kleinen Helden⸗ heere die nordiſchen Titanen. Schweden und Frankreich ſind natürliche Bündner durch geiſtige Verwandtſchaft der . Völker. Wäre Euer König nicht ſo ein Eiſenkopf, wir hätten vielleicht bald Gelegenheit, ihn größer zu machen, als ſeine Vorfahren alle. Er wandte ſich dann zu Murat und Bernadotte, und ließ uns verwundert ſtehen über den Polyhiſtor mit dem Schwerte in der Fauſt, Mars und Apollo in einer Perſon. Das braune Huſarenregiment, die Capuziner ge⸗ nannt, hat die Hälfte ſeiner Offiziere verloren im ruſ⸗ ſiſchen Kartätſchenfeuer. Der Prinz hat mir eine Capi⸗ tänsſtelle geſchenkt, und Freund Fuſt iſt mein Lieutenant geworden. Wir ſtehen von jetzt an im Corps des hoch⸗ geſtalteten, ritterlichen Marſchalls Bernadotte, und er⸗ warten jeden Augenblick Befehl zum Marſche. Wohin wiſſen die Götter, oder vielmehr der Zeus Chronion⸗ aus deſſen Gehirn ſich die Welt neu zu gebären ſcheint. Alles iſt voller Erwartung, und Couriere fliegen hin und her. Wenn es Dir möglich iſt, ſo halte den Britomar feſt. Ein ſolches Talent gehört nicht in die Wüſteneien, die der Krieg hinter ſich läßt, nicht an das Reißbrett, um todte Schlachtplane zu zeichnen. Er iſt auch ein vom Schickſale und vom Weiberleichtſinne Geſchlagener, vielleicht feſſeln ihn die romantiſchen Ufer der Oſtſee, und er findet unter Rügens gaſtfreien Fiſchern, auf Jas⸗ 88 munds ſchimmernder Stubenkammer, auf dem majeſtä⸗ tiſchen Arkona oder in Herthas dunkeln Buchenhainen den verlorenen äußern Gleichmuth wieder, welcher dem Künſtler nothwendig iſt, ſoll ſich ſein Inneres zur Freude der Mitwelt und ihm zum Ruhme entfalten. 11. Capitän Güldenkron, genannt von Heldrin, an den Hofrath Ernſt. Furg Wackenſtein in Pöhmen. Am Meuzahrs- MMorgen 1806. Du kannſt kaum meine Geſandtſchaft empfangen ha⸗ ben, und dennoch iſt meine Seele ſchon wieder bei Dir, denn mehr wie je zieht es mich zu den heimathlichen Gegenden, und ein Heimweh, ſo quälend wie es kaum ein Schweizer fühlen mag, der aus ſeinen Bergen in das flache Land der flachen Menſchen verſchlagen ward, martert mich oft ſeit jener Stunde, wo Britomar mit der weinenden, bleichen Schweſter in den Reiſewagen ſtieg. Es iſt ſeitdem ſo leer geworden um mich, das Leben ſieht mich ſo ſchläfrig an wie ein todtmüder Greis, deſſen ſchlaffe, lange Augenlider jeden Augenblick übe, die gläſernen, ſeelenloſen Hohlaugen zufallen wolle Auch meinem braven Fuſt geht es ſo: ſeine Laune iſt arm geworden, er flucht viel und trinkt den Ungarwein, als müßte er pro poena trinken, und iſt des Morgens kaum aus dem Faulbett zu trommeln. Warum traf auch den Toloſtow die Gottesgerichtskugel ſo bald? Er blieb . A 8 8 89 ja Ziel und Zweck meines jungen Lebens, die Pendel in der Uhrz; ſeit ſie brach, ſteht das Werk ſiill, und der Thatentrieb iſt erloſchen in mir. Der Menſch täuſcht ſich ſo leicht, und wenn der Verſtand ſpäter erkennt, daß die bunten Puppenbilder, die er für Lebendiges hielt, nur dem Drahte des lumpichten Marionettenſpielers folgten, ſo ärgert er ſich über ſich ſelbſt, und kömmt das oft, ſo muß er der Selbſtverachtung ſich nähern, welche ein Tod iſt vor dem Tode. Glaubt' ich nicht Wunder, welch ein ſchöner Enthuſiasmus in mir wach geworden, als ich dieſe Cocarde anheftete und dieſes Schwert umgürtete? Wollte ich nicht ein Weltverbeſſerer werden, Einer der Cherubim, der die Botſchaften dieſes neuen Sanet Michaels trüge durch die Völker, und mit ihm bekämpfte das Reich des alten Drachen Trägheit und Geiſtesohnmacht und Schlendrianstyrannei? Ent⸗ zückte mich nicht die Idee, mir auch einen Namen auf der Geſchichtstafel zu erringen, die ſeine Hand ſo voll ſchreibt, daß für die Nachwelt wenig Platz bleiben wird und man die Vorzeit darüber vergißt? Vater, das war Nichts als knabenhafte Windbeutelei, mit welcher meine Phantaſie mich betrog und deren ich mich ſelbſt ſchäme. Toloſtows Leiche iſt mein Lehrer geweſen; ſo ein todter Mann ſpricht oft eindringlicher als alle Prediger der beredteſten Kirche, und wer mit nen Sinnen einen Sarg zur Ruheſtätte bringt, be⸗ keines ſalbungsvollen Leichenſermons. Die Hügel⸗ ftur, auf die er tritt, redet die gelenkigſte Zunge zu Schande, das geöffnete Grab iſt ein Mund, der Poſau⸗ nentöne von ſich haucht. Nein, Vater, es war Nichts mit den phantaſtiſchen, weltbürgerlichen Hochgedanken, von denen ich wähnte, ſie hätten mein ganzes Weſen erfüllt für lange, für immer. Gleich einem ſchamrothen Sünder kniee ich vor Deinem Beichtſtuhle und bekenne, nur die böſe Laune, nur mein Haß, nur die vielfach ge⸗ kränkte Ehrſucht trieb mich unter die Würger, zu denen ich nicht paſſe, und wie der verwundete Elephant, der ſonſt zu den gutmüthigſten, kindlichſten Geſchöpfen der Natur gehört und dankbar und zahm ſich von dem ſorg⸗ ſamen Führer lenken läßt, ſtürmte ich einem Raſenden gleich in das Menſchengedränge, und half ſchuldloſe We⸗ ſen morden, welche ich ſonſt Brüder zu nennen gewöhnt war. Du ſiehſt aus dieſem Selbſtbekenntniß, daß ich nicht aus jenem ehernen Stoffe geformt worden, den die Schöpfung zu Helden gebraucht, und mein Degen wird neben dem Degen wines Vaters eine ſchlechte Rolle ſpielen. Ich bin recht kalt geworden, ſo kalt, daß der Nord⸗ wind draußen mich warm anweht, weil er Bewegung bringt in die Eisluft. Es iſt mir faſt, als hätte ich Nichts mehr zu thun auf Erden, als wäre mein Geſchäft aus, und ich laſſe mich fortgehen auf dem einmal betretenen Wege, weil ich keinen andern weiß, und der gute Menſch ſich den Weg nicht ſelbſt öffnen ſoll, der zu einem ewi⸗ gen Schlafe führt, was ſonſt vielleicht für meine Stim⸗ mung das Wünſchenswertheſte ſeyn möchte. Ach! ſo ein langer, ungeſtörter Schlaf, es liegt recht Erquickliches in dem Gedanken, und ich erinnere mich mit Wolluſt an die Knabenzeit, wo ich, wenn es dunkel wurde, im Schoße der alten Katharina ſo feſt einſchlief, als gälte es nimmer zu erwachen, oder mich von der Abendtafel fortſtahl und im Winkel des Saales in dem großen Backenlehnſtuhl zuſammenkauerte, woraus den Entſchlum⸗ merten der ſtarke Knut ſanft zum Bettchen trug, daß ich 91 Morgens nicht wußte, wie ich unter die Decke gerathen. — Dieſe Herabſtimmung, ja ich möchte ſagen dieſer Stillſtand meines Seelenlebens, macht es auch wohl, daß ich ſo ſeltſamlich und wunderſam träume: tolles, wirres Zeug, das mich, wenn ich es erwacht bedenke, vollends um den geſchwächten Verſtand bringen könnte. Träume zu erzählen iſt albern, denn auch der ſpaßhafteſte Traum hat ja keine Bedeutung, kein Intereſſe für den Andern, und wenn unſere beſten Dichter und Tragödienſchreiber auf den Abweg gerathen, Träume zu erzählen oder er⸗ zählen zu laſſen, ſo verwäſſern ſie ſelbſt ihren Wein und greifen ſtatt der belebenden Naphta ein Opiat, wel⸗ ches auf Leſer und Hörer ſofort die ungewünſchte Wir⸗ kung thut. Aber Du weißt, von Kindheit an waren die Träume für mich die merkwürdigſten Räthſel im Leben, und ich quälte die ganze Hausgenoſſenſchaft damit. Wenn ich die alte Katharina fragte: Du, was ſind Träume und wer ſchickt ſie? ſo antwortete die kleine Perſon mit dem runzlichten, gutmüthigen Geſicht: Träume, lieber Junker, ſchickt Gott. Wenn das fromme Kind ſchläft und hat Abends andächtig gebetet, ſo ſteigen die lieben Seligen aus dem Himmel oder die lieben Engelein auf der Himmelsleiter hernieder, und ſprechen zu dem From⸗ men, und warnen ihn vor Gefahr oder erzählen ihm⸗ wie ſchön es oben iſt, dort, wo die guten Menſchen hin⸗ kommen. Und dann wußte ſie jeden Traum aus einem kleinen, halbzerriſſenen Büchlein, welches ſie ſehr in Ehren hielt, zu deuten. Aber die Erklärung genügte ſelbſt dem Knaben nicht, denn ich träumte ja häufig, wie wir Knaben uns ſchlugen, oder mit den Hofhunden uns neckten, oder von wüthenden Stieren, oder dem Schulmeiſter mit der ſchwarzen Perrücke, und das konn⸗ 92 ten doch die Seligen oder die Engel nicht bringen, und vom Himmelreich war doch auch Nichts dabei. Ich fragte den Vater. Träume ſind Schäume! murrte er unwillig. Träume kommen aus dem Bauche, und Du ſollſt Abends keine geſottene Eier bekommen und einen Butterſchnitt weniger eſſen! Seit der Zeit hütete ich mich, ihn wie⸗ der zu fragen. Aber auch Dich fragte ich, und Du antworteteſt: Im Schlafe ſpricht die Seele mit ſich ſelbſt, ſchwelgt ohne Maß in der Erinnerung, und ſetzt phantaſtiſch ihre Wünſche zuſammen in Zukunftsbildern. Ich verſtand Dich nicht, aber eben darum blieb mir Deine Erklärung die angenehmſte. Vater, ich möchte Dich heute wohl noch einmal fragen. Ich habe recht gut behalten, was in den Hörſälen vom braunen Katheder herab die Weisheit, welche auch das Unerklärlichſte zu erklären meinet, darüber docirte, und wie das zu dem Ausſpruche des Vaters und zu dem Deinigen paßt und beide gleichſam verſchmilzt. Das Rervenſyſtem iſt, wenn nicht der Sitz der Seele, doch das Vermittlungsorgan zwiſchen Geiſt und Körper. Es zerfällt in drei Sektionen: das Gehirnſyſtem für die Verhältniſſe des Ichs mit der Außenwelt, das Gang⸗ lienſyſtem, deſſen Centralſonne im Bauche liegt, für die Erhaltung des Körpers, das ſympathetiſche Syſtem, welches beide verknüpft. Beide erſtere löſen ſich ab in ihrer Thätigkeit, im Wachen iſt das Cerebralſyſtem auf der Wacht, ſammelt aus der Außenwelt ein, beurtheilt, denkt, wirkt mit Willkür und ordnet die Handlungen. Iſt es müde worden, ſo ruht es aus und überläßt dem Bruder, dem Ganglienſyſtem, den Poſten; Willkür, Be⸗ ſonnenheit ſchlummern, aber Phantaſie, Imagination, Erinnerungsvermögen, die als untergeordnete Geiſtes⸗ — kräfte auch dem tiefern Syſtem angehören, werden freier, und treiben, wie wilde Knaben, die der Aufſeher verließ, tolle Streiche und Spiele, werfen Gefühle, Vorſtellun⸗ gen und Gedanken in dem ſchöngeordneten Bücherſaale aus den Repoſitorien durcheinander, laſſen alle die bun⸗ ten, plappernden Papageien und Zuchtthiere der Triebe und Inſtinkte aus den Käfigen, und ergötzen ſich an dem wirren Quodlibet, an der buntſcheckigen verworre⸗ nen Bilderwelt, in welcher das Sinnigſte durch die tolle Zuſammenſtellung unſinnig wird. Aber das ſympathe⸗ tiſche Syſtem iſt der Verräther, und wenn der tollhäus⸗ leriſche Bruder im Bauche es zu arg treibt, ſo ſchleicht der Angeber ſich hinauf zu dem unfreundlichen Eſau im Gehirn, der Ordnung liebt und Zucht und Bedachtſam⸗ keit, und meldet die Wirthſchaft, und mitten in dem Studententrubel des Traumes, und wenn es gerade am lärmendſten und verwegenſten hergeht⸗ wacht der Erſt⸗ geborne oben auf und ſtört grämlich den Faſtnachts⸗ jubel, und ärgert ſich über das, was er im Erwachen noch davon erblicken mußte, und über das, was der An⸗ geber ihm nachholend davon erzählen kann. Du merkſt, Vater, daß ich meine Compendien noch nicht ganz vergeſſen habe und noch Manches von Dem im Gedächtniß trage, was der lange Profeſſor mit den buſchichten Augenbrauen demonſtrirte, und dieſe Erläu⸗ terung ſcheint auch eine verſtändliche, deutlich⸗vernünf⸗ tige, inſofern man hier unten ſo etwas klar zu machen verſteht. Und doch paſſet ſie nicht überall, erklärt nicht alles Das, was einem armen Menſchenkinde begegnen kann, wenn es nächtlicher Weile vom Schlafe wie ein Wickelkind eingeſchnürt worden und wie eine armſelige Mumie daliegt ohne Willkür und Sinnenwache, allein in Gottes Huth. Ich will Dir ein friſches Beiſpiel an mir ſelbſt erzählen, und Du magſt urtheilen. Kaiſer Franz hat Frieden gemacht, und der neue Weltreformator wirft wie jener Römer ſein Blutſchwert in die Wagſchale, indem er das deutſche alte Reich durcheinander ſchüttelt und die deutſchen Provinzen ver⸗ theilt wie Weihnachtsgaben. Die nordiſchen Legionen haben rechtsum gemacht und ziehen der eiſigen Heimath zu, ſcharf zuſammengeſchmol⸗ zen unter der ſüdlichen Sonne. Die große Armee hat ſich zu verſchiedenen Beſtimmungen getheilt, und wir folgen dem Marſchall Bernadotte zu den preußiſchen Pro⸗ vinzen im Frankenlande, welche Napoleon für ſeinen Freund, den neuen Baiern⸗König, ſich abtreten laſſen, und die er für dieſen in Beſitz nimmt, um für's Erſte einmal nachzuſehen, was Gutes daran iſt, und gerechter Weiſe das Zuviel für die Seinigen abzuſchäumen. Die Ordre zum Marſch in das ſchöne Franken be⸗ wegte mein Gemüth heftig. Was ſoll der arme Adam in dem Paradieſe, aus dem des Engels Flammenſchwert ihn vertrieb? Wie lebendig wurde meine Erinnerung? Deuchte es mir doch, als ſey ich eben erſt aus Erlan⸗ gens kleinem, friedlichen Thore hinausgeritten, und kehre jetzt vom Nürnberger Theater Nachts zurück durch den unheimlichen Fichtenwald, wo Zigeuner und anderes Raubgeſindel den einſamen Reiter zu bedräuen pflegten und ihre Eichenknittel nach ihm ſchleuderten aus dem Dickicht. Und welche Zeit und welche Begebenheiten la⸗ gen zwiſchen dem unſchuldigen Damals und dem blut⸗ beſpritzten Jetzt! Unſer kleines Heer marſchirte in gedrängten Maſſen fort zu doppelter Plage der armen Auſtrier, und nahm 95 den kürzeſten Weg nach ſeiner Beſtimmung durch die ſüdlichſte Spitze des Böhmerlandes. Geſtern trafen wir in dieſen Bergen ein, und das Hauptquartier, eine kleine Armee für ſich, welche mit ihrem Glanze und Goldge⸗ präge auch zwiefache Anſprüche mitbringt⸗ legte ſich in das Schloß Wackenſtein, welches unter einer alten Rit⸗ terburg auf einer Gebirgsplane ſich ausbreitet mit ſtol⸗ zen Zinnen und weitläufigen Gebäuden und einem herr⸗ lichen Park, und worin ſich die ganze Familie des Beſitzers aufhielt, welche wahrſcheinlich in dieſen Gebir⸗ gen ſich ſicher vor jeder Kriegsnoth geglaubt hatte. Der Edelmann, ehemals Offizier, und ſeine Dame, ein ausgezeichnet geiſtreiches Frauenzimmer, machten gute Miene zum böſen Spiele nach der Weiſe kluger Leute. Meine Kameraden waren nirgend ſo beſcheiden und ver⸗ langten Nichts, weil man ihnen Alles entgegen brachte, was ſie verlangen konnten. Wir beſahen die ſchöne Fa⸗ miliengallerie des Schloſſes, das Jagdhaus und das koſtbare Treibhaus, welches durch Blüthenduft und Blu⸗ menpracht des Sylveſtertages zu ſpotten ſchien, und mit der Dämmerung ſammelte ſich das vollſtändige Offizier⸗ corps und nahm ein faſt fürſtliches Mahl ein, welches dem Wiener Koch und dem rheiniſchen Kelletmeiſter der Herrſchaft Ehre machte, bis tief in die Nacht dauerte, und deſſen Nachwehen Speiſekammer und Keller der Dame lange empfinden werden. Frau von Wacken machte ſelbſt die Honneurs gegen die Manier der Hausfrauen, welche wir bislang als ungebetene Gäſte beſuchten, und ich erregte den Neid meiner jungen Schlachtgefährten, da die noch ganz hübſche Frau mit wirklich auffallender Aufmerkſamkeit ihre Blicke auf mir haften ließ, mehr als mit den Generälen und —— — 96 Obriſten mit dem deutſchen Capitän ſich auf Wort⸗ ſcharmützel einließ, und ihr Antheil an mir mit jeder Stunde zu wachſen ſchien, obgleich meine Galanterie ihr ſehr kahl und dürftig entgegenkam, und ich mich ver⸗ gebens bemühte, ihr Antlitz im Kreiſe früherer Bekannt⸗ ſchaften wiederzufinden. Meine Laune harmonirte nicht zu der lautklingenden Fröhlichkeit, die am Schluſſe ſolcher Tafelfeſte immer ungerufen den Gäſten ſich beigeſellt, und früh ſchon ent⸗ wich ich unbemerkt den lärmenden Nachbarn und ſuchte die ſtille Ruheſtatt. Die Generalität, worunter auch General Potier mit ſeiner ſchußfeſten Geliebten war, hatten alle Zimmer des Schloſſes eingenommen; für die weniger hohen Offiziere ſtand eine lange Reihe aneinander hängende Zimmer be⸗ reit, die im Erdgeſchoß des Flügels ſich dehnten. Mir wies man ein kleines Gemach faſt am Ende der Linie an, mit Ausſicht und Thüre nach dem Park. Das reinliche, breitgepolſterte Bett lockte mich, die ſtarken Weine des Nachttiſches und die Zudringlichkeit des klei⸗ nen pagengleichen Dieners, der mir einſchenkte, fühlte ich noch an der heißen Stirne, der ſchwerathmenden Bruſt und einem Schwindel, welcher faſt Betäubung wurde; ſo raſſelten die Waffenſtücke ſchnell auf die Stühle, und ich entſchlief, ehe ich noch recht wußte, daß ich mich nie⸗ dergelegt. Ich erinnere mich nur noch, daß ich anfangs einige Male geſtört wurde, zuerſt durch Gelärm im Ne⸗ benzimmer, wo einige Kameraden ihre Ruheſtätten mit Sturm zu erobern ſchienen, dann durch einen Huſaren⸗ capitän, der durch mein Zimmer in das ſeinige ſchritt, und nur an ſeinen illuminirten Zuſtand denkend, ein Pariſer Vaudeville trällerte, zuletzt durch den poltern⸗ „ N 97 den Fuſt, welcher denſelben Weg nahm, in mein Bett leuchtete, daß das heiße Wachs herüber vom Leuchter flog und mich mit ſeinem rauhen: Gute Nacht, Herr Bruder! anbrauste. Grabesſtille herrſchte dann rund um, und auch ich verſank feſter und feſter in die Polſter, bewußtlos wie ein Lebendbegrabener. Ein Traum dämmerte auf in mir, allmälig, doch immer klarer und deutlicher, aber zuweilen wieder un⸗ terbrochen durch dunkle Pauſen, von denen nur die trübe Erinnerung blieb, daß auch ſie voll einer ſtillen Selig⸗ keit waren, wie ſie nimmer zuvor, wenigſtens gar lange nicht, mein Weſen beglückt hatte. Mir träumte, ich ruhte aus nach einer wüſten Schlacht auf jener Raſenbank, die ich einſt unter der dunkeln Fichte des Erlanger Waldes erbaut. Es war Sommer und Nacht, doch der Vollmond beleuchtete Haide und Buſch, und die Roſengeſträuche um den Platz ſtanden hoch auf⸗ geſchoſſen da, bis an die Nadelbüſchel der Fichtenzweige hinauf, hoch, wie ich nie Roſen geſehen, und eine Laube wölbte ſich von den ſchönbelaubten Zweigen, und volle Seidenblumen, roth und weiß, bedeckten in einer Unzahl die ſanftgewölbten Laubwände und erfüllten die ſchwüle Luft des engen Raumes mit einem Duft, der alle Sinne berauſchte. Ich lag ſtille und todtmüde, und meine halb⸗ offenen Augen freuten ſich des Funkelſpieles, welches von den Strahlen des Mondes, die ſich durch jede Lücke der Hecken ſtahlen, mit den Farben der übrigen Blumen⸗ bouquets getrieben ward. Da kam ein leiſes Geräuſch heran zu meinem Aſyl, und eine weiße Nymphengeſtalt ſchlüpfte leiſe durch den engen Eingang, und ließ ſich nieder auf den Rand des Raſens und flüſterte: Mach mir Platz, mein Freund! Und ich ließ ihr Raum, und Blumenhagen. XIII. 7 98 ich faßte ihre weiche, bebende Hand und fragte: O biſt Du es denn wirklich, und kommſt zu mir wieder, und haſt vergeben?— Du kennſt mich ja, liſpelte es da faſt noch leiſer und ätheriſcher, und weißt, daß ich Dich nie verlaſſen kann. Und ich erkannte das füße Geliſpek und wußte, es war Adele, und ihre warmen Lippen ſchenkten mir zahlloſe Küſſe, und ihre Wellenbruſt klopfte an der meinen und ich hörte ihren Herzſchlag. Eine niegefühlte Trunkenheit ſank auf mich herab, heiß und ſchwer, wie man die Wirkung des tödtenden Sirocco beſchreibt; aber in der erſtickenden Schwüle, in dem glühenden Anflug lag keine Qual, es war wie ein herankommendes Ster⸗ ben, jedoch ohne Todesweh und Pein und Angſt; es ähnelte jener Ohnmacht, als ich einſt, an meiner Bruſt⸗ wunde verblutend, das Bewußtſeyn verlor. Und auch jetzt floh Bewußtſeyn und Willkür, das Gehirn hörte auf zu regieren; aber ich fühlte immer noch die Geliebte in meinen Armen, jedoch ſchien ihr Geſicht und ihre Geſtalt, auf die jetzt der lichte Strahl des Mondes fiel, ſich zu ändern und immerfort zu verwandelnz zuerſt wurden es die idealen Formen der leichtfer gen Meta, wie ich ſie auf Britomars Bilde geſehen, dann wurde es die üppige Geſtalt der Leon, dann wandelte es ſich zu der keuſchen, zarten Johanna um, dann war es plötzlich wieder Adelens Marienbild, und immer wieder tauſchte es ſo ſeine Maske, und immer ſchneller und wirbelnder, daß ich zuletzt im Zirkelſchwunge mit fortgeriſſen wurde, und Laube und Ruhebank und ſelbſt der mächtige Baum ſich mit mir umſchwangen, ich mein Weſen verloren glaubte in dem Erdbeben der letzten Weltzerſtörung, meine Seele Wahnwitz ergriff und Verzweiflung, und in einem lau⸗ ten: Halt! ich aufſchrie und mich ſelbſt erweckend das v 99 Traumbild zerſtörte.— Mein Lager ſtand feſt, ich ſelbſt lag ruhig und einſam, der Mond ſchien durch die eis⸗ bedeckten, kroſtalliſirten Fenſterſcheiben, doch ein Geräuſch riß meine weitaufgeriſſenen Augen nach der Gartenthüre, und es war mir, als ſähe ich die weiße Geſtalt aus meiner Roſenlaube dort eben verſchwinden. Ich horchte eine Weile mit ſchweren Athemzügen, dann ſank ich wiederum wie betäubt in meine Kiſſen und ent⸗ ſchlief feſter als vorhin, und mein lieber Traum kehrte nicht wieder. Fuſtens gewaltige Stimme rief mich auf. Es war heller Tag. Hat auch Dich der böhmiſche Kellermeiſter zum Kriegsgefangenen gemacht? fragte er lachend. Hätte ich doch bald meine Sattelpiſtole neben Deinem Bette abbrennen müſſen, um den Faulpelz in den Huſarenpelz zu bringen. Steh auf! Der Marſchall verſteht keinen Spaß, um zehn Uhr marſchirt das Hauptquartier. Frei⸗ lich ſchmeckt ſo ein Quartier beſſer wie kaltes Bivouak oder eine räucherige Bauern⸗Spelunke, und daß Weiber hier regieren, ſieht man an dem Zimmerputz, der frei⸗ lich Dir, galanter Adonis, vor Allem beſonders zuge⸗ fallen. So nickte er traulich, rief noch ein: Komm bald nach! und trabte aus dem Gemach. Ich ſtand auf, träg und abgeſpannt; doch als ich gekleidet mich umſah und den Säbel vom Tiſch nehmen wollte, wo ich mich dunkel erinnerte, ihn hingeworfen zu haben, ſo ſtutzte ich. Zwei Treibhaustöpfe nahmen den Platz, wo die ſcharfe Waffe geruht; die eine Por⸗ cellanvaſe umfaßte einen hohen, großblätterigen Myr⸗ thenbaum, voll weißer Sternblümchen, aus der zweiten erwuchs eine immerblühende Roſe und duftete mich an aus den zarten, feingefärbten Seidenkelchen. Mein Auge 100 fiel von einer Blume auf die andere, da lag noch der abgeriſſene Zipfel eines weißen Tuchs neben den Vaſen, und in dem Zipfel ſtand mein Namenszug, wie ihn die Schweſter einſt in alle Wäſche meiner Ausſteuer genäht. Wie kam der feine Fetzen auf den Tiſch? Ich hatte bei den Gefechten in Mähren manchen wunden Kameraden verbinden helfen, und auch wohl mein Tuch dazu ge⸗ geben, aber das war ja vorlängſt, und wie hätte ich das Leinenfleckchen ſo lange in der Säbeltaſche herum⸗ tragen und gerade geſtern herauswerfen ſollen? Ich ſchüttelte, dieſe Selbſtgeſpräche predigend⸗ den Kopf und rekapitulirte zugleich meinen wunderſamen Traum, von dem mir Manches lichter und lebenvoller im Gedächtniß fortglühte, als ſonſt Traumſterne zu ſchimmern pflegen. Ich forſchte im Schloſſe nach fremden Damen, denn die ganze Zuſammenſtellung machte mich abergläubiſch, und ich dachte an Erſcheinungen und Seelenreiſen. Doch der Hausmaier verſicherte mich, außer der Frau von Wacken und ihren Zofen ſey nur ſeit dem Sommer ein ſächſiſches Fräulein zugegen, die aber gerade krank gelegen. Als die Avantgarde am Schloſſe vorüberzog⸗ erblickte ich oben im Fenſter der Dame neben ihr ein buntes Köpfchen, welches mir bekannte Züge trug, doch war es weder Adele ſelbſt oder irgend ein Geſichtchen, das ich in ih⸗ rem unvergeßlichen Zauberringe angetroffen. Die Trom⸗ pete ruft; ſchon ſtampfen die Roſſe, den Marſch wün⸗ ſchend, auf dem gefrorenen Schloßhofe. Ich will mir einen Myrthenzweig und eine Roſendolde ſchneiden, und ſie in der Säbeltaſche verwahren als Angedenken dieſes verwünſchten Zauberſchloſſes. W — * 12. Zohanna Weſſel an den Rittmeiſter Zinno zu Wien. Uürnberg, im Februar 1806. Sei mir gegrüßt unter dem Oelbaume des Friedens, mein theurer Franz! Sey mir zwiefach gegrüßt, da Du von der Vorſicht mir erhalten wurdeſt in einer Zeit, wo das Schickſal die Trauer zur Modetracht machte, und die Mütter und die Bräute das Schwert der Doloroſa im Buſen fühlten, welches tiefer ſchneidet als Eure Kriegs⸗ waffe. Gräme Dich nicht eine Minute mehr über Deine gelähmte Hand. Daß ſie Dich zum Dienſte unfähig macht, iſt ein Verluſt für Deinen Kaiſer und Deine Nation, aber ein hoher Gewinn für mich, denn er ſichert mir meinen Franz, und mit dem ſichern Beſitz ſetzt er mei⸗ nem Glücke die Krone auf. Ich las mehrere Male ſchon, der vermählte Krieger ſey der beſſere: er vertheidige muthvoller das Vaterland, worin er ſein Neſt gebaut, das er voll ſchutzloſer Küchlein weiß; er ſey menſchlicher als Sieger, da er im Unglücksfall auch die Seinigen geſchont wünſche, da bei jedem geplünderten Hauſe ſein Eigenthum, bei jeder mißhandelten Gattin ſein Weib daheim vor ſeiner Seele ſchweben müſſe; die Schrift⸗ ſteller führen dazu die glänzenden Beiſpiele der bürger⸗ lichen Heere der Republiken an, Roma's und Sparta's, die Schweizer und Amerikaner. Aber ich fühle, der Soldat ſollte nicht Gatte, nicht einmal Bräutigam ſeyn; mögen die gelehrten Männer auch noch ſo viel peroriren, hier gilt des Weibes Ausſpruch mehr, und was ich in den Monaten, ſeit Du Dich von mir losrießeſt, empfun⸗ den und gelitten, gibt mir ein Recht, im Namen aller 102 Soldatenfrauen dieſen Ausſpruch zu thun. Schilt mich nicht, mein Franz, lache Dein Mädchen nicht aus, aber ich geſtehe, hätte ich die Schmerzen Deiner Wunden auf mich legen können, ich würde den grimmigen Eiſenmann ſegnen⸗ deſſen ſcharfes Schwert Dich aus den Armen der grau⸗ ſamen Bellona vertrieb, mit der ich bisher Deine Liebe und Treue zu theilen gezwungen war. Du ſollſt Richts entbehren durch den böſen Zufall: Dein Weibchen wird Dich füttern, wird Dein Sekretär ſeyn, und tauſend Genüſſe werden mir dabei gegeben werden, welche meine Schweſtern entbehren müſſen; die Menſchen ſind ja ſo: je nöthiger ſie ſich haben, deſto feſter hängen ſie an einander, deſto weniger leicht entfremden ſie ſich von einander. Und die Vorſehung hat es wohl gemacht, wie im⸗ mer und überall. Hätteſt Du Deinen Degen niedergelegt nur um der armen Johanna willen, wie würde Alles Dich veſpöttelt haben, wie würden alle ſpitzen Zungen Deines Landes giftig das arme, ſchuldloſe Mädchen angeziſchelt haben. So trittſt Du mit Ehre und unbefehdet in den Hausſtand zurück, als ein Held, der an ſeinen Trophäen ausruhet, und unſere Liebe wird überſehen werden in den großen, lärmenden Schauſpielen der Zeit, und die Tageschronik wird keinen Platz haben, auf dem die neu⸗ gierigen Wiener unſere verſchlungenen Namen leſen könnten. Es iſt Manches anders geworden, ſeit Dich Dein Roß forttrug zum Felde des Todes, und Du mußt Rechen⸗ ſchaft erhalten davon. Deinem Wunſche oder Befehle nach— die Liebe nimmt ja die beiden Worte für Eines! — verließ ich den unſichern Bretterboden der Bühne. Ich war darauf geboren und kannte kein anderes Loos. M —— * —b 103 Aber welche von meinen Kunſtſchweſtern ſpäterhin er⸗ fannte wie ich, was für Komödie hinter den Couliſſen geſpielt wird; was für einen Tummelplatz der Neid, die Kabale, Verläumdung und Schikane dort finden; wie der Marinelli und die Julia Imperiali, der Wurm und das Kordelchen nie und nimmer ihre Rollen ſo meiſter⸗ haft ſpielen als in der Garderobe; welche von ihnen den Plebs kennen lernte, der den Thespiskarren um⸗ drängt, eine Menſchenart, die ihre verſchwelgte Jugend⸗ ihre Taugenichtsleben, ihre Unwiſſenheit und Immora⸗ lität in die bunten Fetzen des Theaters wickelt, ein rohes Naturtalent ohne Fleiß ſich theurer bezahlen läßt, als der proſaiſche Bürgersmann ſeine ſchwer erworbene Wiſ⸗ ſenſchaft, ein bethörtes Publikum blendet, aber hinter der Scene nackt geht in allen Untugenden und Ungezogen⸗ heiten ſeiner Natur; welche von meinen Kunſtſchweſtern das erfuhr, die muß den Spinnrocken der ärmſten Haus⸗ frau küſſen wie einen Petrusſchlüſſel zum Himmel, die muß den treuen Mann, der ſie aus dieſer Dante'ſchen Hölle voll Zerrgeſtalten erlöst, der ihr vergönnt, die Maske der täglichen Lüge fortzuwerfen, der ſie befreit aus dem läſtigen Sklavendienſte des launigen Pöbels, welcher Grimaſſe und Unnatur für das Höchſte hält, an⸗ betend zu Füßen fallen und ihm danken über ein Men⸗ ſchenleben hinaus, daß er ſie ihr ſelbſt wiedergab. Du viſt mein Perſeus, haſt mich losgeſchloſſen von dem Fels, haſt den Drachen erwürgt, und Deine Andromeda wird Dir ewig dienſtbar bleiben. Der Vater iſt geſtorben, weil er die Genüſſe des Lebens zu übermäßig liebte; die Mutter kränkelt beſtändig, ſo wurde mir die Tren⸗ nung von der Bühne leichter gemacht, und ich fand ein ſo anſtändiges als angenehmes Aſyl in einem angeſehe⸗ 104 nen Bürgerhauſe, in der Familie des Herrn Palm, deſſen geehrte Buchhandlung, unter der Firma: Stein, Dir nicht unbekannt ſeyn kann. Ich wohne dort mit der Mutter für mäßigen Preis; ich helfe der ſittigen, feinen Haus⸗ frau, unterrichte die lieben, artigen Kinder und darf Abends die Zuſammenkünfte der Familie theilen, wo durch des Hausvaters Milde, ſeine Umſicht, ſeine Kennt⸗ niſſe auch mir eine Schule ſich erſchloß, in der ich mich für Dich und mein künftiges Leben vorbereite. Ich wünſchte, Du hätteſt unſern Winterabenden bei⸗ gewohnt, in denen auch Du eine Hauptrolle ſpielteſt, wenn uns der Hausherr die Zeitungsberichte vortrug, und ſein ächt-germaniſches Herz die trockenen, harten Schreckensworte interpretirte. Als nach der Ulmer Af⸗ faire ich unter den nach Wien abmarſchirten Truppen auch die Czeckler fand, freute ſich meine Seele, obgleich unſer Vorleſer ſarkaſtiſch meinte, die ſchöne Cavallerie ſtände Fllenthalben beſſer als auf den Wällen der Kai⸗ ſerſtadt, und er hätte ſie lieber bei den Blankenſteinern und Klenauern gefunden, die unter dem wackern Kinsky ſich bei Elchingen durch die Arriergarde des Generals Augereau ſchlugen. Ich ſtritt nicht mit ihm, aber ich behielt meine beſſere Meinung feſt, denn es muß doch etwas Entſetzliches ſeyn, wenn ſolche wilde Reiter, wie ihr ſeyd, durch einen Wald von Bajonetten ſich eine Bahn brechen gerade aus. Recht ſtill und trübſelig wurden aber die langen Abende, als der Feldzug zu Ende gegangen. Gedankenvoll ſahen wir oft den Hausvater ſitzen, wie er ſeine Kinder an ſeinen Knieen hielt, die Hände an ihr Köpfchen drückte und murmelte: Arme Kleinen, ihr werdet Tyrannenknechte ſeyn! Deutſchland ſtirbt am ſchleichen⸗ den Fie ber, und bald wird ſein Name erlöſchen. Wie 105 beſchimpfte Heloten werdet ihr arbeiten, ſchwitzen, bluten müſſen für ein fremdes, grauſames Volk. O wozu ſeyd ihr armen, unſchuldigen Buben vielleicht aufbehalten⸗ wenn wir längſt vor Kummer und Gram ſchlafen gin⸗ gen? Sein getreues Weib umarmte ihn dann, und es gelang ihr meiſt, dem feurigen Patrioten das Vertrauen auf Gott und die Zukunft wieder zu geben. Wir blei⸗ ben in der Nacht, die auf dem Vaterlande hängt, pflegte er dann wohl zu ſagen; mag nur der Herr der Schick⸗ ſale geben, daß es wieder heller Tag wird über Kin⸗ dern und Enkeln. Einen ſolchen trüben Abend hatten wir auch, als die franzöſiſche Trommel mit ihrem Doppeltaktſchlage— den wir zu wohl kannten vom November her und ſeit dem Durchmarſche wider alles Völkerrecht— in der Winklers⸗ Gaſſe und vor der Hauptwache raſſelte, und wilde Trom⸗ petenklänge vom Weinmarkte her das Echo der hohen Sebaldkirche weckten. Aber wer malt unſer Erſtaunen, als bald darauf ein Diener aus dem Buchladen herauf kam und meldete, wie ein ſchnurrbärtiger Offizier von den braunen Huſaren, welche den Nürnbergern ſo ſcharfe Erinnerung nachgelaſſen, unten ſey und nach mir drin⸗ gend frage, und mich, gerade mich, ungeſäumt zu ſpre⸗ chen verlange. Sprechen Sie ihn! rieth Herr Palm. Man ſoll den Feind nicht erzürnen. Ich und meine Leute ſind zu Ih⸗ rem Schutze jeden Augenblick bereit. Er ging mit ſei⸗ ner Gattin in ſein nahes Arbeitszimmer, und furchtſam liefen die Kinder nach. Mein Herz ſchlug, als ich den Säbel und die Sporen raſſeln hörte, ich dachte Deiner, es waren ja ſonſt ſo gewohnte liebe Klänge, und Du hätteſt nicht zürnen dürfen, wenn ich, von den Tönen 106 verwirrt, dem Eintretenden in die Arme geflogen wäre. Und es iſt doch geſchehen, wirklich geſchehen. Der Huſar trat ein voll Höflichkeit und Ehrfurcht. Er ſprach. O Herr des Himmels! Ich erkannte in ihm den Mann, der nach Dir mein liebſter Freund iſt: unſer Alfred, der verlorene, verſchwundene Güldenkron ſtand leibhaftig vor mir in der Tracht der Feinde des Vaterlandes, der Feinde meines Zinno. So muß Jemanden zu Muthe ſeyn⸗ vor dem plötzlich der Geiſt eines Längſtbegrabenen im Tod⸗ tenkleide und mit den Zügen der Verweſung aus der Erde aufſteigt. Ich war wie vernichtet, und meine Arme ſanken gelähmt an meinem Körper nieder, indem ich einen Schrei ausſtieß, welcher meines Beſchützers Kopf ſogleich durch die Thürſpalte lockte. Mein Gott, ſo kommt Alfred zurück von ſeiner räth⸗ ſelhaften Flucht? fragte ich verwirrt, indeß mein Auge über des Freundes Geſtalt hinglitt und da ſo viel Ver⸗ ändertes fand. Die jugendliche Fülle hatte verloren, die Wangen waren bleicher geworden, die Augen eingeſun⸗ kener; jedoch blieb er noch immer ein ſchöner, kräftiger Mann, dem der krauſe Bart über der Lippe und am Kinn, dem ſelbſt mancher wilde, faſt menſchenfeindliche Zug, den dieſes Geſicht vorher nicht einmal im Keime gehegt, nicht übel gelaſſen haben würde, hätte er ein anderes Kriegskleid getragen. Und ſo empfängt mich die Freundin Johanna? fragte er vorwurfsvoll zurück. Da machte mich ein unerklär⸗ barer Schmerz plötzlich ſo weich und wehmüthig, daß ich mich lautſchluchzend an ſeine Bruſt warf, und das Grauwerk ſeines Pelzes nicht weniger thränennaß wurde, als Dein Dollmann bei dem Abſchiede war. Weint die Freundin, weil ſie mich wieder ſieht? be⸗ — 107 gann er verwundert, zugleich mich zum Sopha führend⸗ da ich ſchwankte. Und was ſoll die Thräne mir Bitteres künden? Fragen Sie noch, Alfred? entgegnete ich. Sie, in dieſe Farben gekleidet? Sie, der deutſche, hochherzige Jüngling, ein Genoß der Unterdrücker Deutſchlands und ein Theilhaber an der Mißhandlung ſeines Volks? Wie war das möglich? Er ließ meine Hand und ſtarrte vor ſich hin auf ſeine blanke Säbelſcheide. Palms Stimme hörte ich aber ein leiſes: Still! Still! ziſcheln, und ſah ſeinen Kopf ver⸗ ſchwinden. Es iſt mir ſelbſt beinahe ein Räthſel, wie ſich das machte, antwortete Alfred finſter und eintönig. Aber iſt es nicht Eins, in welcher Form der Menſch das lange, ſchleichende Leben hinabpeitſcht? Und wie des Vater⸗ landes Genius ſprach: der Menſch muß Ambos ſeyn oder Hammer! ſo habe ich denn einmal das Erſtere gegen das Letztere vertauſcht, ob mir es gleich wahrlich nicht um das Schlagen zu thun iſt und ich eben ſo gern un⸗ ter den Erſchlagenen liegen möchte. Alfred! rief ich entſetzt. Was iſt aus Ihnen gewor⸗ den? Wo iſt Ihr Lebensmuth? wo Ihre edle Hochher⸗ zigkeit? Wohin kann das führen? Kann das ſo blei⸗ ben?— Wer ändert's? lachte er mit ſeltſamem Aus⸗ drucke. Laſſen Sie das ruhen, Freundin. Und das Leben in dieſem Pelze iſt wirklich ein ganz ſpaßiges Leben, und wie erſonnen, um Kranke, wie ich war, durch die poſ⸗ ſierlichſten Fieberphantaſieen zur Geneſung hindurch zu peitſchen. Täglich etwas Neues, keine Beſinnung und darum keine Sorgen, immer Lebensgefahr und darum neue Lebensliebe! Ich verſichere Sie, erſt ſeit der letz⸗ 108 ten Stunde, wo ich Sie aufzuſuchen ging, habe ich ein⸗ mal wieder daran gedacht, wie das Leben vielleicht an⸗ ders geſtaltet, vielleicht ſchöner geſtaltet ſeyn könnte. Und Sie ſtanden alſo meinem Franz gegenüber? Sie Ihrem ewig treuen Freunde, den ſpitzigen Degen in der Hand, Mordluſt in der Seele? O bedenken Sie, was da hätte geſchehen können? Wäre nicht Brudermord das rechte Wort dafür geweſen? Auch daran dachte ich nicht bis jetzt, antwortete er tiefſinnig. Aber ich ſah ſeine blaue Uniform nirgend mir gegenüber, nirgend den bekannten brandgelben Buſch. Hätte ich ihn geſehen, würde ich ſein gedacht haben; wir hätten uns erkannt und freundlich mit der Waffe be⸗ grüßt, und er wäre rechts, ich links abgebogen. Nein, mein Schwert wäre ohne Schärfe für ihn geweſen; ja, fand ich ihn umringt von meinen Kameraden, ich würde ihn frei gemacht haben, und hätte ſelbſt ein Kriegsgericht meinen Kopf für einen Verrätherkopf erklärt. Das iſt einmal unſer Alfred wieder! ſprach ich mit Innigkeit und umarmte ihn nochmals. Der Frau vom Hauſe, welche durch eine Glasthüre uns beobachten konnte, mochte unſer Benehmen doch zu ſeltſam, meine Lage zu gefährlich vorkommen, und die Familie trat wieder ein, und ich ſtellte ihnen den Mann vor, den ſie längſt aus meiner kleinen Lebensgeſchichte kannten, und Alfreds Be⸗ nehmen ſtimmte nach einiger Zeit ſogar Palms düſtere Stimmung in etwas um, und auch er ſchien Theilnahme für unſern ſonderbaren Helden zu empfinden. Da trat ein gewiſſer Herr von Mantel in das Zimmer, ein Kriegs⸗ rath aus der preußiſchen Provinz, der oft Geſchäfte mit Palm hat und ſein genauer Bekannter iſt. Palm trat ihm erfreut entgegen und nannte bei der 109 Begrüßung ſeinen Namen; Herr von Mantel aber machte mit vieler Ceremonie rundum ſeine Komplimente, verkün⸗ dete, wie er wegen der neuerdings begonnenen Unruhen im Lande ſeine Gattin zu den Schwiegereltern gebracht und ſie ſelbſt in den nächſten Tagen nach Nürnberg führen werde, um ſie im Kreiſe der Jugendfreundinnen aufzuheitern. Alſo iſt Ihre Adele noch immer von der böſen Ge⸗ müthskrankheit heimgeſucht, die wir ſonſt niemals an der Geſpielin zu tadeln hatten? fragte die Palm. Warum auch verſagt der Trefflichen das Schickſal die höchſten Freuden? In einem ſolchen lärmenden Kreiſe, wie Sie mich finden, würde ihre Seele bald geheilt ſeyn. Aber Sie müſſen zu Adelens Aufmunterung auch Ihr Theil thun, Herr Kriegsrath; eine Reiſe nach der Schweiz oder Karlsbad würde helfen. Wenn nur die Männer ihren Arbeitstiſch weniger lieb hätten und weniger heilig hiel⸗ ten! So ein altes wurmſtichiges Pult iſt der gefähr⸗ lichſte Rival der armen Frau. Aber bringen Sie die liebe Adele nur zu uns; wir werden Alles aufbieten, ſie zu zerſtreuen und ihren Geiſt zu erheitern. Ein ſeltſamer, ſeufzergleicher Ton zog meinen Blick auf den vergeſſenen Alfred. Die argantiſche Lampe auf dem Tiſche ſtand ſo, daß ihr Schirm Güldenkron be⸗ ſchattete, und er ſelbſt von dem Herrn von Mantel nicht bemerkt worden, da die ganze Familie dem Hausfreunde entgegen getreten. Aber wie hatte der Beſuch auf ihn gewirkt! Sein Geſicht glühte, ſeine Augen funkelten und hatten ſich feſt auf den Kriegsrath gerichtet mit einem un⸗ beſchreiblich gehäſſigen Ausdrucke. Mit beiden Händen hielt er den Säbel gefaßt in einer feſt in ſich gedrängten Stel⸗ lung, bei welcher man die Armmuskeln faſt ſchwellen ſah. 1¹0 Was iſt Ihnen, Freund, fragte ich leiſe, indem ich meine Hand auf ſeine Rechte am Säbelgriffe legte Er antwortete nicht, aber ſeine Zähne bießen die Lippe. Die Hausfrau ſollte ihre Zerſtreuung, ihre Freude nur im eigenen Hauſe finden, antwortete der Kriegsrath der Madame Palm mit unverkennbarer Bitterkeit. Wie des Mannes Pult der Acker iſt für ihn, wo er ſäen muß, um zu ernten, ſo iſt auch der Frau im Hauſe ihr Feld angewieſen, wo ſie Beſchäftigung findet, wenn ſie nützen will. Aber unſere Damen haben andere Prinzipien als ihre Großmütter; von läppiſchen Schmeichlern und Schmet⸗ terlingen werden ſie in der Jugend zu oft Engel titulirt, daß ſie darob zuletzt den irdiſchen Evenſtand vergeſſen, und der arme Ehemann hat dann viel Geduld nöthig, um ſie vom engliſchen Jearusfluge wiederum glücklich auf den feſten Erdboden herab zu bringen. Pfni, Herr Kriegrath! antwortete die Palm; wir anweſenden Weiber wollen, was uns davon treffen möchte, ohne Prozeß hinnehmen, aber der Bezug auf unſere Adele iſt unverantwortlich. War ſie doch ein Muſter aller Jungfrauen, und iſt ein Muſter aller Frauen geblieben. Sie verdienen Ihr Glück nicht, Herr von Mantel, und war der Ausfall nicht etwa ein Scherz, wie ihn die Herren der Schöpfung ſich mitunter erlauben, ſo fürchten Sie die Nemeſis, welche ſolche Verbrechen der Ungerech⸗ tigkeit nie unbeſtraft läßt. Alfred machte eine heftige Bewegung, ſo daß ſeine Waffen laut erklangen. Raſch ergriff er dann ſeine Bä⸗ renmütze, ſtotterte mir ein: Auf Wiederſehen, Johanna! und verließ nach einer allgemeinen Verbeugung gegen die Anweſenden wie mit Fluchtſchritten das Zimmer. Herr von Mantel ſah mit weitaufgeſperrten Augen dem Fort⸗ M 1¹1 gehenden nach, und ſchien einige Augenblicke wie er⸗ ſtarrt. Ein Franzoſe hier? Und man ſagte mir das nicht? fragte er erzürnt. Wie leicht hätte ich etwas reden kön⸗ nen, das Verderben über uns gebracht. Und wie konnte ich in Ihrem Hauſe ſolch einen giftigen Gaſt vermuthen? Palm beruhigte ihn, ſprach von Alfreds deutſcher Abkunft, von Widerwärtigkeiten des Lebens, die den jungen Feuerkopf in das Soldatenkleid getrieben; aber gerade dadurch ſchien ſich des Kriegsraths Unruhe zu mehren. Ja, ja! ſtammelte er zuletzt, mit Schweiß auf der Stirne, ich erkannte das widerwärtige Geſicht ſo⸗ gleich. War es nicht der junge Schwede, der im letzten Frühjahre noch in Erlangen ſtudirte? Und als wir dieſes bejahten, wurde er immer einſylbiger, ſchlug die Ein⸗ ladung zur Abendtafel aus und entfernte ſich bald. Die Palm lächelte und flüſterte ihrem Manne zu: Siehſt Du, Philipp, wie allerliebſt ſo einen ehrbaren Herrn die Ei⸗ ferſucht kleidet. Hüte Dich, Männchen!— Nun, die Zeit iſt hinter uns! antwortete er und küßte ſie herzlich. Was bedeutete das? Die Palm ſtand mir nicht Rede. Sollte ein Verhältniß zwiſchen unſerm traurigen Freunde und dieſem Kriegsrathe ſtatt haben? vielleicht die Auf⸗ löſung des Räthſels ſeiner damaligen Flucht hier zu finden ſeyn? Spätere Ereigniſſe machen meine Vermuthung faſt zur Gewißheit, und das wäre wirklich ſehr traurig, da keine Sühnung, keine Ausgleichung hier in die Mög⸗ lichkeit treten könnte. Der angemeldete Beſuch der Frau von Mantel ver⸗ zögerte ſich mehrere Tage lang, und dann erſt, als ſämmtliche Cavallerie weiter gezogen war, und nur der General Freère mit einigem Fußvolke zur Beſatzung trotz n des Friedens geblieben, erſchien die Dame in Begleitung des ehrſamen und geſtrengen Gemahls. Sie ſchien ſehr vertraut mit der Hausfrau; ich fand ſie höchſt intereſſant, ohne blendend und ſchön zu ſeyn, die Haut durchſichtig bis zum Adernnetz, das Haar von ausgezeichneter Schönheit im üppigſten Reichthume, das Auge groß und ſeelenvoll, und ihr ganzes Weſen durch eine ſichtliche Schwermuth lieblicher, ich möchte faſt ſagen heiliger gemacht. Nach⸗ dem die Männer in Palms Geheimzimmer geflohen, rück⸗ ten wir Frauen näher zuſammen, und die Palm machte die Kriegsräthin mit mir und meinen Schickſalen be⸗ kannt. Plötzlich überflog das Geſicht der gnädigen Frau eine Purpurröthe; ſie ſah mit einem Blicke, der eine Pfeilſpitze trug, auf mich, und der runde, ſanftgeſchwellte Mund bekam einen unangenehmen Zug von Schärfe und, faſt möchte ich glauben, Verächtlichkeit. Von mir ſchnell ſich wendend und faſt mit dem Rücken zu mir gekehrt, trieb ſie mit ſcharfgeſchnittenem Abbruch das Geſpräch auf ihres Gemahls Zuſammentreffen mit dem Huſaren⸗ offizier, ſprach über ſeinen Franzoſenhaß, über das wüſte Leben der Soldaten, wie nur leichtfertige, durch Verfüh⸗ rung verwilderte Jünglinge ſich den räuberiſchen Heeren der fremden Nation zuzudrängen pflegten, wagte ſelbſt Ausfälle auf den Kriegerſtand überhaupt, ließ ſich in weitſchweifige Deklamationen ein über die Verwilderung unſerer Zeit, die auch dem zarteren Geſchlecht den Adel nähme, und verſetzte den Schauſpielerinnen bei Gele⸗ genheit einige kräftige, wenn auch nicht ganz unwahre, doch zu geſucht angebrachte Luftſtreiche, welche Verräther des erhitzten Herzchens wurden, und meine Vermuthungen faſt zur Gewißheit erhoben. Ja, ſie muß Alfreds Liebe geweſen ſeyn, von der Du ſelbſt, mein Franz, mir einſt —*— W— M—— S w W N* W— 113 Gerüchte zubrachteſt, und um des edlen Mannes willen verzieh ich ihr Alles, und ſie wurde mir lieb, da er ſie geliebt, und zerfallen war mit dem Glück um Ihretwillen. Doch eine kleine Strafe mußte die Geſtrenge dulden, und ich ſtellte mich ihr als eine Soldatenbraut und eine invalide Schauſpielerin vor, und die Verlegenheit, in welcher ihre Hitze dem Schamgefühle unterlag, machte ſie noch reizender denn zuvor. Mit Ruhe und Trau⸗ lichkeit, welcher der deutliche Beifall der lächelnden Palm nicht fehlte, bediente ich mich ſofort, als Beiſpiel zur Widerlegung ihrer hart und unbeſonnen ausgeſprochenen Urtheile, des Schickſals eines jungen Huſaren, der auf den Kriegsrath einen ſo widerwärtigen Eindruck gemacht. Wie von einem ihr gänzlich Unbekannten erzählte ich un⸗ befangen meine Bekanntſchaft mit Güldenkron, mein ganzes Verhältniß zu ihm und Dir, ſeinen Edelmuth, und malte dann ſeine ſchönen Eigenſchaften mit den ho⸗ hen Farben aus, die ihnen gebühren. Sie erwiederte Nichts, wenn ich ihn aber wgrm meinen Freund nannte, zuckte ihre Lippe jedesmal wie im Schmerz, jedoch wuchs ihre Theilnahme mit jeder Minute, und als ich meine Trauer über den übereilten Schritt, den er in einer Un⸗ glücksſtunde gethan, deren Schöpfer mir unbekannt, warm an den Tag legte, fing ſie plötzlich an zu ſchluchzen, Thränen rollten dick und unverhüllt über ihre Wangen, und ſie preßte ihr Geſicht gegen die Bruſt der Madame Palm. Auf ein Mal erhob ſie ſich dann aber wieder, fuhr ſchnell mit dem Tuche über Augen und Wangen, ihre Züge bekamen wiederum Haltung und Ernſt, und in einem Tone, der faſt wie Zorn klang, ſprach ſie zu ihrer Freundin: Du weißt es ja, wie ich ſelbſt ſah mit dieſen Augen, und kein Zweifel übrig blieb. Blumenhagen. XIII. 8 114 Sie ſtand dann raſch und ſtark auf, ſpielte mit den Kindern, und die Zurückkunft der Männer hinderte jede fernere Erklärung. Gegen mich war ſie jedoch gänzlich verwandelt: ſie ſchien hingezogen zu mir durch eine in⸗ nere Macht, der ſie umſonſt widerſtreben wollte, ſie ſchien mehr von mir hören zu wollen. O wenn fſie ihn je ge⸗ liebt, ſo mußte ihr ja der Mund theuer werden, der ſo heiß und innig zu ſeinem Lobe ſich geöffnet! Aber ich konnte ihr Nichts mehr erzählen, denn des Kriegsraths ſtechendes Falkenauge bewachte jede Bewegung, jedes Wort der armen Frau. Möchte ich mich irren, aber ich fürchte, die Liebe hat hier einmal wieder ein unglück angerichtet, und menſch⸗ liche Uebereilung und Engherzigkeit haben an den Roſen⸗ ketten die Blüthenblätter zerpflückt und das ſchöne Band zu einem Dorngewinde umgewandelt, das deſto tiefer ſticht, weil die eigene Schuld nachdrückt. Wir wollen⸗ mein Franz, die neue Warnung nicht verſchmähen, wollen die böſen Dornen, wo ſie durchſchimmern, abbrechen, aber die Blüthen pflegen, damit ſich alle Knoſpen un⸗ ſerer lieben Kette uns entfalten in ewig neuer Friſche und ewig junger Herrlichkeit. Fuſarenlicutenant Fuſt an den Poßtor Degenknauf. Ansbach. Sey mir gegrüßt, du geſegnetes Land des Hopfens und der Gerſte, wo jeder Bauer ein Orpheus iſt, und auf Fidel und Schalmei ſich Concerte erſchafft, vor de⸗ nen alle Grillen Reißaus nehmen, wo die Mädchen im b 16 id E⸗ 115 grünen Reifrock, der kaum die Kniee verdeckt, die alt⸗ deutſche Tugend beſſer zu verwahren wiſſen als die Da⸗ men mit pfauenſchweifiger Schleppe, und wo man ſtatt der Schnepfen, Krametsvögel, Auſtern und Schollen ein Rindris oder ein Schweinis ſpeist, welches vorhält, den Gaumen nicht verwöhnt und ſpottwohlfeil iſt! Armes Frankenland, du Sitz der alten Treue und Gaſtlichkeit, müſſen auch Dich deine Namensvettern, die Neufranken, in die große Lehre nehmen? Ich bejam⸗ mere dich, du hochſchlagendes Herz von Deutſchland! Statt des trauten Proficiat! mit dem deine Krugmäd⸗ chen mir den Trunk kredenzten, wird bald ein ſüßliches: a Votre santé! die ſchöne Gottesgabe verſäuern, und ſtatt des naiven: Mein! wie geht's ihm? wird ein küh⸗ les: Bon jour! einem ehrlichen Burſchen jedes neckende Späßchen auf der Lippe erſticken. Und o, daß ich mit erſehen wurde vom Schickſale, dieſem ueisiin Völkchen die geſunden Beine auszurenken! Unter ſolchen klagenden Monologen ritt ich, einem modernen Hamlet gleich, über die wohlbekannte Gränze, und es ſtieß mir faſt das Herz ab, wenn ich ſehen mußte, wie meine überrheiniſchen Kameraden mit dem ſchlichten, gutmüthigen Völkchen umſprangen, das ſich hatte ſo mir nichts dir nichts müſſen vertauſchen laſſen, wie man Schnittwaare verhandelt, oder einen jungen Wurf Hunde für eine gute Büchſe hingibt. Der Schiller iſt ein wahrer Ppet, denn ohne Mus⸗ kete oder Säbel getragen zu haben, trifft er in ſeinem Reiterliede das Schwarze ſo firm, daß ihn Niemand ab⸗ ſchießen kann. Wenn er ſingt von dem Reiter und ſei⸗ nem Roß, welcher Hochzeit macht, ohne den Pfarrer zu zahlen, wie er kommt überall als ungebetener und un⸗ 116 gehobelter Gaſt, von der weinenden Dirne, und wie er ſchlürft die Neige der köſtlichen Zeit heute mit Begier, weil es morgen treffen kann, Bruder Doktor, im Liede klingt das recht artig, und manches junge Blut ſingt's recht ſehnſüchtig und kann die Zeit nicht erwarten, bis es ihm erlaubt wurde, der Trommel nachzulaufen, aber wer's erlebte, wer's einſpeiſen mußte wie das kägliche Brod, dem ſtehen zuweilen Nachts die Haare bergan, wenn das wüſte Gelärm ſchlafſtill wird und er den Herzſchlag fühlt und hört zugleich wie ein predigend Gewiſſen. Nein, Herr Bruder, wir ſind wilde Buben geweſen und haben nicht immer vorbedacht, was wir gethan⸗ auch ſo eine kleine Schelmerei nicht gerade an den Maß⸗ ſtab gehalten und in die Wagſchale gelegt, aber was uns damals zu grob und toll erſchien, ſelbſt wenn wir trunkenen Muthes waren, das iſt bei uns an der Tages⸗ ordnung, und alle ſieben Todſünden werden in ſieben Stunden ſiebenundſiebenzig Mal wie dem Herrgott zum Hohn durchexercirt. Für einen deutſchen Magen iſt das zu ſchwere Koſt, und ich habe es längſt ſatt und ſäße lieber auf dem ſchwarzen Carcer zu Altdorf, der von Wallenſteins Hund den Namen empfing, wenn ich nur den Güldenkron mit herausreißen könnte, dem ich mich verkauft mit Leib und Seele. Der gute Burſche dauert mich, denn ſeit wir wieder im Frankenlande ath⸗ men, ſind alle Steine neu auf ſeine Bruſt gefallen, welche die Kriegsdromete ziemlich davon geblaſen. Wir machten die Avantgarde des Armeecorps, das der Mar⸗ ſchall hereingeführt, um der Neſtbrut des ſchwarzen, ehr⸗ lichen Adlers zu zeigen, was die Vergoldung der neuen Adlerfittiche koſtet. Da lernte ich meinen Alfred als . V* — — V ir 117 einen wahren Mann erkennen. Die wüſten Huſaren wollten hier im Freundeslande die Wirthſchaft fortſetzen, die ſie in Oeſtreich getrieben, aber der junge Hauptmann wußte ſie in Reſpekt zu halten, daß es eine Luſt war zuzuſchauen, und ich half ihm treulich. Die Wildfänge murrten zwar tüchtig genug und beriefen ſich auf die andern Schwadronen, deren Führer nachſichtig blieben, weil ſie ſelbſt an ſolchen Henkerskünſten Gefallen fanden, als aber der hochgeſinnte Marſchall alle Inſinuationen gegen uns verächtlich abwies, meinen Capitän als Mu⸗ ſter eines edelmüthigen Soldaten pries, da ſchwiegen die Ankläger, wenn auch die ſtumme Lippe fortgrollte und die dunkeln Augen der Reiter Molchblicke ſchoßen. Wir waren die Erſten in Ansbach, dem Hauptorte der Provinz, zum Hauptquartier erkoren. Da zeigte ſich wieder der Alfred als der Paladin, welcher eine Zier geweſen wäre von Arthurs Tafelrunde. Kaum hatte ſich das Billetamt geordnet, ſo kundſchaftete er das Haus des Herrn von Mantel aus, ſo heißt nämlich der hohe Gemahl ſeiner ehemaligen Charmanten. Er verſchaffte ſogleich ſich und mir die Einquartirungszettel auf das Haus, und warum? Nicht um das Vergeltungsrecht zu üben, der Dame für bittere Beleidigung gleiche Münze zu zahlen oder gar den Herrn durch das Fegfeuer der Eiferſucht Spießruthe laufen zu laſſen, o nein! Er hatte die endloſe Quälerei geſehen, mit der unſere beſcheide⸗ nen Kameraden ihre zaghaften Wirthe aus dem Bette und vom Herd zu jagen wußten, er wollte der Gelieb⸗ ten die Noth erſparen, den Erzfeind mit ſich hinter einem Schloſſe zu wiſſen, und noch mehr, er ſetzte mich zum Wächter an die Schwelle, blieb nur eine Nacht im Hauſe, weil er wußte, daß die Herrſchaft nicht daheim war, und 118 zog dann für ſein Geld hinaus in den Gaſthof. O ich hätte den lieben Buben küſſen mögen für die Zartheit, die ich nimmermehr in einem Männerrocke geſucht haben würde. 1. Wir liegen denn nun auf der Bärenhaut, da es aus⸗ ſieht, als möchte für's Erſte Niemand ſich an die Wolfs⸗ heerde heran wagen, welche die mähren'ſchen Zäune mit blutiger Wolle zum Denkzeichen behing. Wir ſtudiren emſig den Dienſt, und hätten wir ſo eifrig die Jura und das Canonicum ſtudirt, wie wir jetzt die Manier, Injurien zu vertheidigen und das Kanonenrecht zu er⸗ lernen bemüht ſind, beim Zeus! Böhmer und Pütter würden wie Schulknaben vor uns ſtehen. Sattle ein⸗ mal einen Philiſter, Herr Bruder, und trabe her zu uns, und ſchau unſer Lagerleben an, frei Quartier ſollſt Du haben in Alfreds leer ſtehendem Logement, und Ra⸗ tion und Portion ſchreibt Dir unſer Sergeant zu, ſobald Du nur einige Rapiergänge mit ihm gemacht und ihm eine Flaſche Champagner vorgeſetzt, denn er flucht ewig über die dummen Deutſchen, die Gerſtenwaſſer trinken mögen gleich dem Stallvieh. 14. Capitän von Heldrin an den Maler Britomar. Ansbach. Wenn mein Dankgefühl ſich verkörpern könnte zu einem Dankgeſchenk, ſo würde ein Füllhorn über Dich ausgeſchüttet werden, welches alle Deine Wünſche in Erfüllung enthielte; ſo mußt Du mit dem vorlieb neh⸗ men, was ein Erdenkind Dir geben kann. Dein Send⸗ 11¹9 ſchreiben hat mich erheitert, wie lange Nichts vermochte. Du biſt in dem Hauſe meiner Väter angelangt, Du haſt die Schweſter ohne Unfall zurückgebracht, ihre Gei⸗ ſteszerrüttung iſt in linde Schwermuth aufgethaut. Was konnte ich mehr verlangen in meinem wärmſten Gebet? O bleibe als Wächter neben der Armen, erhelle mit dem milden Sternenſchimmer der Kunſt ihren frühen Lebens⸗ abend, der noch eine jugendliche Aurora ſeyn müßte, wäre nicht der ſengendſte Orkan hindurchgerauſcht; Deine Kunſt, welche ſpricht ohne Worte und lebt ohne Bewe⸗ gung, iſt darum das kräftigſte Beruhigungsmittel für den empörten Geiſt. Corregio's Mörder ſtanden vor ſei⸗ nem Marienbilde und die Banditendolche entfielen ihren blutgierigen Fäuſten, und auch mir iſt vor einem ſchö⸗ nen Gemälde oft geweſen, als ſtände ich vor einer wei⸗ ten Nachtlandſchaft, und der dunkelblaue Himmel öffnete ſich bei mildem Wetterleuchten, dem kein Dönner folgte, und bei jedem neuen Aufblitz zöge ſich die Decke höher auf vom Allerheiligſten, und das Blut würde ruhiger und ruhiger, bis eine linde Seligkeit mein ganzes Weſen umfing. Der gute Vormund wurde von Dir ſchwer krank ge⸗ funden, aber Raphaelens unverhofftes Erſtehen aus dem Grabe, die Nachricht von meinem Wohlbefinden hat ge⸗ ſundend auf ihn gewirkt: Du biſt alſo ſein Arzt gewe⸗ ſen, da Du die doppelte Arznei überbrachteſt. So laß Dein Werk nicht unvollendet, weile in meinem Schloſſe, vetrachte es als Dein Eigenthum, ſey mein Stellver⸗ treter, bis ich kehre und Dich an mein ſchlagendes Herz drücken darf. Ob ich kehren werde? Ob ich jenen lieben Spielplatz meiner Knabenzeit wieder begrüßen werde? Oft iſt es, als ſtellte ſich ein ſchwarzes, gräuliches 120 Geſpenſt ſelbſt in den Weg, den meine Gedanken dort⸗ hin ſuchen; oft iſt es aber auch, als flüſterte mir eine feine, wohlbekannte Stimme: Vertraue, ich führe Dich hinüber! Der Menſch bleibt hier auf Erden ein Kind, und würde er ſo alt wie Methuſalem und dünkte ſich klüger als die ſieben Weiſen; was er noch ſo heimlich wünſcht, das träumt er, und was er träumt, das glaubt er, wenn er auch weiß, es ſind Träume voll Schaum und Wahn und Unſinn. Ich träumte auch einmal, ich ſey zum Helden gebo⸗ ren und meine jetzige Bahn ſey endlich die rechte. Du meinteſt, Menſchen, die mir glichen, gehörten nicht in den Höllenpfuhl des Krieges, ihre Herzen müßten bre⸗ chen, ihre Seelen ſich auflöſen in Gram und Mitleid. Ich glaube nicht recht mehr an den Heldentraum, aber ich meine, Du habeſt auch nicht völlig recht, und Mei⸗ nesgleichen möchten unentbehrlich ſeyn mitten im ziſchen⸗ den Lavaſtrom des Krieges. Da fand ich auf dem Marſche hierher einen Trupp Marodeurs. Die Unthiere hatten ein einſames Hirten⸗ haus geplündert, in Brand geſteckt, den Mann an einen Baumſtrunk gebunden, und Weib und Tochter wurden bei den Haaren herumgeſchleift zu ärgerer Mißhandlung. Wie der Engel mit dem Feuerſchwert rauſchten wir hinan, fingen die Barbaren, und der Marſchall ließ ſie erſchie⸗ ßen ohne Gnade. Ich hörte recht wohl, wie mancher Reiter über das harte Urtheil murrte, weil ihm vielleicht das Gewiſſen ſchlug oder ſein Gelüſt ebenfalls ſolche Feſte begehrt, aber ich ſah die Ehrenſchänder des franzöſiſchen Ruhmes recht kaltblütig vor den Büchſen der Voltigeurs nieder⸗ taumeln und ihr ſchwarzes Blut den Sand beſprengen. 121 Aber weg mit dieſen ekeln Bildern; ich nahm ja die Feder auf, Dir nicht von Teufeln zu erzählen, ſondern meine Klagen, meinen endloſen Jammer in eine Bruſt überzuhauchen, welche wund iſt wie die meine, welche ewig bluten wird wie die meine. Ich habe ſie wiedergeſehen, Britomar! Welch eine Begegnung! O war es denn möglich? Konnte ein ſol⸗ cher Abgrund ſich zwiſchen zwei Weſen öffnen, die vom Himmel nur für einander geſchaffen ſchienen? O ich hätte geglaubt, wenn auch das Himmelsgewölbe mit ſeinen Myriaden Sternenwelten zwiſchen uns niederge⸗ ſtürzt wäre, wir hätten uns durch das gewaltige Chaos wieder zu einander finden müſſen, um auch dem Welt⸗ untergange Arm in Arm zu begegnen! Wir fanden die Hauptſtadt des Fürſtenthumes wie ausgeſtorben. Der Adel und die vornehmern Bürger⸗ klaſſen hatten bei dem Anmarſche des ſiegtrunknen Heeres, deſſen Zweck ſie nicht kannten, ſich in die benachbarten Provinzen geflüchtet. Als man jedoch erfuhr, wie der hochherzige Marſchall, der in Geſtalt und Sitte einem homeriſchen Kriegerfürſten ähnelt, vom Ansbacher Schloſſe aus Ordnung und Zucht erhielt in der ganzen Provinz, jeden klagenden Bürger anhörte, jeden frevelnden Sol⸗ daten ſtrafte, da kehrten die Bewohner nach und nach zurück an ihren Herd, und mit jedem Tage wurde die Stadt volkreicher, und das Leben ihrer zahlreichen Fa⸗ briken mehrte ſich mit jeder Morgenröthe, daß man ſich bald wie im Schoße des Friedens befand. Auch das große Haus des Herrn von Mantel ſtand verſchloſſen und öde: ich fand mich getrieben, dort für mich und den Fuſt Quartier zu nehmen, und Abends einzurücken, da ich die Abweſenheit der Herrſchaft in Erfahrung gebracht. Ich ſehe Dich lächeln mit all' Deinen ſchlauen, ſarka⸗ ſtiſchen Zügen, Britomar. Aber Du haſt falſch gelächelt. Nein, ich will nicht Unkraut ſäen in ihr Weizenfeld, will keine Sturmwolken an ihren Horizont heraufjagen, der doch nicht wolkenlos ſcheint, hat ihr verächtlich Wort mich auch getroffen wie mit einem indianiſchen Gift⸗ pfeile, fühle ich auch den langſam tödtenden Giftſaft das Mark meiner Gebeine austrocknen und meine Seele vom Kern aus zerſtören, fühle ich auch mitten im Blu⸗ menkelche den Wurm, den ich nicht herauswerfen kann, wie ich mich auch mühete bislang. Der Hausverwalter war ein mürriſcher Stockfiſch, ſtumm und ſteif. Wir thaten darum recht martialiſch⸗ varſch und wild, ſchalten auf die Quartiere und ſetzten den armen hölzernen Burſchen in ſolche Furcht, daß er alle Zimmer des Hauſes aufſchloß und uns hindurch führte, um uns zu beweiſen, daß er uns nicht die ſchlech⸗ teſten Gemächer angewieſen, und das Uebrige zum Be⸗ darf der Herrſchaft bleiben müſſe. Das war es, was ich bezweckt. Da ſtand ich nun in Adelens Geheimzimmer, ſah die Räume, wo ſie als Hausfrau waltet, und, ohne mich, unterworfen einem andern Willen, einem Gemüth, welches nach dem, was ich gehört, ihr fremd iſt, ihr fremd ſeyn muß bis zum Grabe. Vor einem netten Bücherſchranke fanden wir den netten Titan aufgeſchlagen und daneben die Del⸗ phine. Auf dem Piano lag Bethovens Trauermarſch und Thekla's Klage im brauſenden Eichwalde. An der Wand hingen mehrere Malereien, der Unterſchrift nach von. Adelen ſelbſt verfertigt; ein Hauptbild ſtellte eine Ere⸗ mitage vor, in welche der Blitz ſchlägt und ſie entzün⸗ det, der bärtige Einſiedler flüchtet, das gerettete Kruzifir 123 gegen die Bruſt drückend, aus der flammenden Stroh⸗ hütte, zwei junge andächtige Dirnen, gekommen, ihre Andacht zu verrichten, wie die Roſenkränze und Opfer⸗ gaben in ihren Händen andeuten, ſinken im höchſten Schreck zuſammen. O ich kannte den Platz und die Hütte, ich kannte des Bildes Bedeutung, auch ohne die Unterſchrift, welche lautete: La Pevastazione della sa- cristia, die Zerſtörung des Heiligthums; und ihr ganzes Jetztleben lag aufgerollt vor mir. Wie beſcheiden erſchien mir Adele, hatte ich ſelbſt doch Nichts gewußt von allen den hohen Talenten, mit welchen die Natur und Kunſt ſie geſchmückt. O wenn ich mir dachte, wie ſie mich langſam damit überraſcht haben würde, wie jeder Morgen mir ein Weihnachtsfeſt geworden wäre dadurch⸗ wie uns die Stunden im wech⸗ ſelſeitigen Vollkommnen von alle Dem, was der gütige Schöpfer in uns ausgeſäet, hingeflogen wären. Ach! Britomar, die ganze, kaum erſt in Banden gelegte Hölle wurde wiederum wach in mir. Ich konnte nicht unter dem Dache bleiben, wo ein Fremder mit ihr heimiſch war, ließ Fuſt zur Wache im Hauſe und nahm mir ein anderes Quartier. Mehrere Wochen ſchlichen mit Schnecken beſpannt vorüber. Mein Freund hatte ſich durch ſein Benehmen das Vertrauen der Hausleute zu erwerben gewußt, aber was er für mich auskundſchaftete, brachte nichts Erfreu⸗ liches mit. Der Herr von Mantel iſt ein herriſcher Haustyrann, voll Launen, ſelten zufrieden, ja der dürre Verwalter meint, er habe ihn noch nie lachen geſehen, dabei iſt er ein Rechthaber, welcher nirgend Widerſpruch duldet. Und mit ſolcher Eule lebt die Taube in dem⸗ ſelben Neſte. Arme Adele! Alle nennen ſie einen ſtillen⸗ 124 geduldigen Engel. O ich empfand tief, was ihre Umge⸗ bungen mit dieſer Benennung verſtanden. Arme Adele! Der Herr von Mantel kam nicht nach Ansbach zurück. Ich mußte Adelen ſehen, nur ſehen von ferne und un⸗ erkannt. Den letzten, armſeligen Genuß durfte ich mir erlauben, denn auf dem Schloſſe an der Tafel des Mar⸗ ſchalls war ſchon die Rede von dem baldigen Aufbruche der Cavallerie geweſen, wenn auch Niemand wußte, wo⸗ hin ſie beſtimmt war. Wir brachen eines Morgens auf, Fuſt und ich, ohne Uniform, nur in den Oberröcken und Stallmützen. Mit⸗ tags ritten wir in Erlangen ein. Wie mein Herz klopfte, als ich die wohlbekannten Straßen paſſirte, als ich un⸗ ter dem leeren Fenſter hinritt, wirſt Du mir nachem⸗ pfinden. Es war ein Sonntag, und die erſten, mildern Sonnenſtrahlen hatten die Menſchen aus der Stadt ge⸗ lockt, denn die freundlichen Gaſſen erſchienen auffallend menſchenleer, und nur einige Studioſen rollten auf klei⸗ nen Kariolen zu dem Thore hin. Indem wir vor dem Wallfiſch aus den Sätteln ſtiegen, trippelte der kleine Perill in ſeinem gewohnten Windſpielstrabe vorüber, und kaum hatte Fuſt ſeine lange Geſtalt zurechtgedehnt auf ebener Erde, ſo ſtand der kleine Mann ihm zur Seite und veſah ihn ſchüchtern von oben bis unten. Nun, was glotzt Er? fuhr ihn Fuſt an aus ſeinem buſchichten Barte heraus. Glaubt Mosje Perillus etwa, er ſähe den Tyrannen Phalaris vor ſich und habe den glühenden Bauch des ehernen Stiers zu fürchten? Da erkannte uns der muntere, gemüthliche Burſche und flog mit einem Freudengeſchrei, auf den Zehen ſich hebend, an meine Bruſt und dem Fuſt in die Arme. Wir tra⸗ ten in den Gaſthof, und ungefragt plapperte uns das — w——„* 125 Männlein in weniger Zeit mehr heraus, als ich ihm hätte abfragen können. Adele war hier, der Kriegsrath heute in Nürnberg. Aber Ihr kommt doch nicht, etwas Unehrliches vor⸗ zunehmen? fragte ängſtlich und wie bereuend der Kleine, als er das verrathen. Ihr ſeyd in einer böſen Schule geweſen, und die Römer können nicht barbariſcher und unternehmender ausgeſehen haben, als ſie den Raub der Sabinerinnen im Sinne trugen. uUum Gottes Willen, thut dergleichen nicht, haltet Frieden und bringt mich nicht in die Patſche. Beruhige Dich nur, Du Haſengemüth, entgegnete Fuſt. Wir ſind komplete Weiberfeinde geworden und fürchten dieſe elektriſchen Aale, deren Berührung lähmt für lange. Perill ſah bald auf ihn, bald auf mich. Glaubſt Du meinem Ehrenwort? fiel ich⸗ ihn zu be⸗ ruhigen, ein. Wir kamen nicht, in der Gegenwart zu leben, ſondern nur der Erinnerung einen Opfertag zu pringen, und die Stellen der einſtigen Freuden wieder aufzuſuchen. Sehen möchte ich ſie Alle, ſetzte ich mit einem Seufzer hinzu, und— auch Sie. Perill wurde beweglich wie zuvor, und rieb die Hände mit Fröhlichkeit. 8 S Das iſt nicht Sünde, daran hat Niemand Etwas auszuſetzen, ſagte er mit ziſchelnder, windſchneller Zunge. Schade nur, daß der Garten am Berge im Winter ver⸗ ſchloſſen iſt. Aber die Frau von Mantel— Nun? fiel ich geſpannt in ſeine ſtockende Rede. Was gibſt Du, antwortete er ſchlau, wenn ich ſie Dich ſehen laſſe, noch in dieſer Stunde, an einem Orte, wo ſie ſtill ſitzen muß und Deinen feuerblitzenden Blicken nicht ent⸗ weichen kann? Und am ſicherſten iſt der Ort für Dich — 126 und Sie: er hindert jede Wallung, jede Unbeſonnenheit, und ſelbſt der Soldatenrock darf dort den Reſpekt nicht vergeſſen. Ich wollte ſchon zornig werden über ſeine unzeitige Tändelei, da erzählte er, wie Adele mit Mut⸗ ter und Freundin ihm ſo eben begegnet, wie er ſie habe in die nahe Kirche treten ſehen, in welcher der Nach⸗ mittags⸗Gottesdienſt noch nicht beendet ſey. Ich ſprang auf, und da der hungrige Fuſt das eben aufgetragene Mahl nicht im Stiche laſſen wollte, ſo führte der kleine Freund mich allein zu dem Gotteshauſe. Wir traten durch eine kleine Eingangsthüre i in das heilige Gebäude, das ſich durch Regelmäßigkeit und eine ſchöne Einfachheit auszeichnet. Perill ſtellte mich an einen Pfeiler und flüſterte hinter meiner Schulter: Kopf in die Höhe! Gerade aus, ein klein Weniges rechts! Der rothgepolſterte Sperrſitz umſchließt die Armida. Mein Auge folgte ſeinem Commando, und ich ſah ſie, Britomar, ich ſah ſie wieder, und mein Blut ge⸗ fror, und meine Augenſterne ſchienen zu Eistropfen zu werden, und mein Herz zuckte nur zuweilen wie im Froſtfieber gegen die enge Bruſt. O ſie war ſo ſchön wie damals, nur krank ſchien ſie, und um das große Sonnenauge lagen ſchwere Wolken. Die fromme Ge⸗ meinde, welche nicht ſehr zahlreich verſammelt war, ſang gerade andächtig einen Lobgeſang nach einer wohltönen⸗ den Melodie, Adelens Angen ruhten auf dem Buche, und ich konnte ſie lange betrachten, und ſog alle die lieben Züge wieder tief ein in mein Herz, oder friſchte ſie vielmehr nur auf, denn verloſchen war ja nicht Einer davon in mir. Und der Geſang erhob mein Gemüth und erwärmte mich wieder, und mir ward ſo wohl und ſelig, wie ich recht, recht lange nicht geweſen, und der 127 blutbefleckte, grambedrückte Mann trat in die Knaben⸗ jahre zurück, und faltete fromm die Hände, und hob ſein Herz kindlich vertrauend zu dem Gottesbilde auf dem Altare, wie ich es damals that, wenn uns der Infor⸗ mator zur kleinen Dorfkirche führen mußte. Da tönte der letzte, tiefe, langhallende Orgelklang, Adele ſchloß das ſchwarze Buch, hob das Geſicht, und ihr Blick mußte gerade auf mich fallen. Anfangs ſah ſie her mit Neu⸗ gier und Verwunderung, dann flog ein Lichtroth wie die Aepfelblüthenflocken des Frühlings auf die weiße Wange, dann glühte das ganze Geſicht, ſie rückte un⸗ ruhig näher an die Nachbarin, die Gluth wurde lang⸗ ſam wieder zur Lilienbläſſe, und aus der Aurora ging kein Strahlenlicht hervor, ſondern ein Unmuth⸗ welcher mir ſchrecklich wurde und mein dreiſtes Auge zu Boden drückte. Sie hatte mich erkannt, aber das Wiederſehen hatte ihr keine Freude gebracht. O dieſes Gefühl ſtrafte mein Erdreiſten überhart: es war mir, als wenn ich Thränen im Auge fühlte, ich ſah düſter nieder zu den Inſchriften und Wappen auf den Leichenſteinen unter meinen Füßen, und die vermoderten Todten unter dem Gewölbe zogen meine Seele zu ſich hinunter. Wie in einer Sinnloſigkeit hatte ich lange ſo ge⸗ ſtanden, da bewegten ſich die Menſchen in meiner Nähe, es rauſchte in den Sitzen, der Gottesdienſt war zu Ende, und Perill, den mein Blick ſuchte, hatte ſich ent⸗ fernt. Ich konnte nicht von der Stelle, obgleich die Kirche faſt leer geworden, da ging Adele an ihrer Mut⸗ ter Arm an mir hin: einen Blick ſchlug ſie in meiner Nähe auf, der Blick war finſter und unfreundlich, aber doch ſchimmerte daneben Etwas hervor, ich kann es nicht beſchreiben, nicht andeuten, aber ich weiß, ſie liebt 128 mich noch. Mit zögernden Schritten folgte die Freun⸗ din, die mir bekannte Aſſeſſorin Doll. Mit kecker Miene blieb die ſchlanke Dame vor mir ſtehen, und richtete ihre dunkeln Augen auf mich wie Feuergeſchoße. Und Sie wagen ſich auf die Stätte, wo Sie ſün⸗ digten, mein ſauberer Theſeus? fragte ſie mit einem Ausdruck im Tone und Geberden, der räthſelhaft ließ, ob Scherz oder Ernſt ſie bewegte. Ich hörte ſonſt, Frev⸗ ler mieden gewöhnlich die Menſchen, denen ihr Unwerth bekannt ſey in Scham und Furcht, oder haben Sie eine ſolche Meiſterſchaft ſich erworben in der Sünde, daß auch dieſes letzte Menſchliche Ihnen fremd wurde, und Sie wie eine Nero an der Verwüſtung Vergnügen finden können, die Ihre Hand anrichtete? Und ſo ſpricht Adelens Vertraute zu mir? Spricht vielleicht ſo als Adelens Abgeſandte? entgegnete ich mit gerunzelter Stirne. Waren Sie denn nicht ſelbſt zuge⸗ gen, ſtanden Sie nicht mit auf dem fluchbeladenen Platze am Berge, wo der reinſte Mund das ungerechteſte Ur⸗ theil ſprach? Es geziemt ſich nicht für ungewöhnliche Menſchen, den gewöhnlichen Kunſtgriff zu gebrauchen: wirkliche Beleidigungen, die man gab, durch vermeint⸗ lich⸗empfangene verſchleiern zu wollen. Wie hoch, wie herrlich! rief die Aſſeſſorin ſpöttiſch. Eine unſchuldige Kinderrolle ſo natürlich geſpielt, als wenn wir die Huſſiten vor Naumburg aufführten! Frei⸗ lich haben die Männer ihr eigenes, ſelbſt fabrizirtes Corpus Juris, und darin ſteht, daß es Nichts zu be⸗ deuten hat, gar nicht zu den Sünden und Treuloſigkei⸗ ten gehört, wenn ein Verlobter zärtliche Briefe von fremder Hand empfängt, wenn er ein Stelldichein ver⸗ anſtaltet mit fremden Damen, wenn er in dem heim⸗ 129 lichſten, düſterſten, bequemſten Schlupfwinkel der Gegend mit einem verrufenen Frauenzimmer von der Braut allein getroffen wird. Solche liebliche Duetten ſind ge⸗ wohnte Intermezzos im Leben der Männer, von denen ihr Gewiſſen nicht einmal auf das Lindeſte berührt wird, ſie gehören wie Kartenſpiel und Becher zu den kleinen Ergötzlichkeiten der Herrn der Schöpfung, und ein arm⸗ ſeliges Weibsbild thut ſehr Unrecht, um ſolche Alltäg⸗ lichkeit auch nur den kleinen Finger zu rühren. Ich ſtand, wie der Pfeiler hinter mir, kalt und ſtarr bei der Rede. Alſo Adele glaubt wirklich, konnte glau⸗ ben? ſtammelte ich. Die Frau von Mantel, verbeſſerte die Aſſeſſorin, glaubt nicht, ſondern ſie weiß, was ſie ſah mit höchſt⸗ eigenen Augen, Augen, die der vor mir ſtehende Herr ſelbſt oft wegen ihrer Tugenden gerühmt hat. Eine heftige Bewegung kam in mein ganzes Weſen. Nein, nein! rief ich. Das konnte Adele nicht glauben, das hätte Adele nie argwöhnen dürfen, und wenn der Schein gegen den erprobten und beſtandenen Liebling noch größer geweſen. O mein Herr, der Schein war hell wie eine Mord⸗ brennerfackel, warf die Dame ein. Und iſt er doch auch zum Pechkranz geworden, welcher das ganze Erdenglück meiner Adele in Aſche verwandelte. Adele nicht glücklich! ſeufzte ich auf.— Nein, mein edler Herr, nicht glücklich, ſetzte ſie erhitzter ihre Rede fort. Kitzeln Sie Ihre Eitelkeit mit der Gewißheit, daß Sie ſchuldig ſind eines verfehlten, freudeloſen Lebens, das Ihr Leichtſinn wie Meuchelmord wundete, und Nar⸗ ben nachließ, die nur der tröſtende Todesengel verwi⸗ ſchen wird, ſchmeicheln Sie ſich mit der Gewißheit, daß Blumenhagen. KIII. 9 130 Ihre heutige kecke Erſcheinung alle dieſe Narben wieder wund geriſſen; blutet doch der Leib des Ermordeten⸗ wenn im Gottesgerichte des Mörders Hand ihn berührt. Das Ihnen zu ſagen, verweilte ich, und iſt nur noch eine Spur von dem Edelmuthe in Ihrem Weſen, den Sie ſonſt als ſchöne, bezaubernde Maske trugen, ſo be⸗ darf es nicht die Bitte hinzuzufügen, daß Sie beſon⸗ nener, als Sie gekommen, wieder reiſen, um nicht den Weg durch leere Steppe, den Adele zu gehen hat, mit neuen Dornen zu beſtreuen. Wenn Sie verweilten, würden Sie ſelbſt bekennen, daß Sie das harte Urtheil verdienten, welches Adelens Erbitterung über Sie aus⸗ ſprach, dann würden Sie nicht allein die Verachtung der erbitterten Liebe, nein, die Verachtung der Welt auf fich laden. O dieſes Urtheil, dieſes furchtbare Wort, das wie ein Brandmal auf meiner Stirne brennt! rief ich wie außer mir. Es hat mich gejagt in Verzweiflung und Tod, es hat alle Keime des Guten in mir zerquetſcht, daß ich verloren gehen muß, wird es nicht vertilgt von der ungerechten Richterin. Ja, ungerecht, ſchießen Sie noch ſo ſcharf Ihre Blicke auf mich. Ungerecht, rufe ich vor dem Gericht der Welt, vor dem Gerichte Gottes. Und ſtehen wir hier nicht im heiligen Hauſe des Herrn, welcher den Meineid ſtraft und die Lüge züchtigt? Schim⸗ mert nicht dort von heiliger Stätte das Bild des Ge⸗ kreuzigten, des Fürſprechers der Gefallenen bei dem ernſten Vater? Nun denn, ſo empfangen Sie mein Wort an Adelens Statt. Wenn meine Seele wie mein Leib ſich je einer Untreue, groß oder klein, gegen Adele be⸗ wußt war, wenn eine Begier, eine Sehnſucht nur je meine Gelübde verletzte, ſo will ich nicht Theil haben 131 an der Verſöhnung des Gekreuzigten, ſo ſoll der Vater aller Weſen Nichts wiſſen von mir, und von allen Ge⸗ ſchöpfen mich allein vergeſſen! Die Aſſeſſorin wurde bleich wie die Kirchenwand, und ein ſichtliches Erbeben fuhr durch ihre Glieder. Alfred! ſtotterte ſie, Alfred! o dann ſind Sie recht un⸗ glücklich, und Adele iſt noch weit unglücklicher! Sie hatte noch nicht ausgeredet, da erklang ein fürch⸗ terliches, lauthallendes, ſcharfgellendes Gelächter durch die Kirche, und brach ſich an den Pfeilern, und tönte gräßlich wieder von den Gewölben. Mit einem Angſt⸗ ſchrei floh die Aſſeſſorin aus dem nahen Pförtchen, ich faßte erſchüttert an den Säbel, und ſah mich rundum in der weiten Halle, aber eine Todtenſtille folgte dem Gelächter, und ſelbſt mein Ruf fand keine Antwort. Ich wollte die Kirche durchſuchen, aber ein innerer Schauder hielt mich ab und zog mich bei den Haaren hinaus; war es mir doch, als hätte das feindlich zerſtö⸗ rende, hohnlächelnde Schickſal auf meinen Schwur ge⸗ antwortet, der unnütz und zu ſpät kam, und den Unbe⸗ ſonnenheit und Uebereilung verſäumt hatte, da zu lei⸗ ſten, als es Zeit war. Als draußen mich der kalte Frühlingswind faßte, beſann ich mich. Die Erinnerung ſprach zu mir, ich hatte dieſes ſataniſche Gelächter ſchon einmal gehört, hatte es damals gehört, als ich, von Toloſtows Degen getroffen, meine Sinne verlor. Ich wollte in das Got⸗ teshaus zurück, aber Perill ſprang wieder an mich heran, und der Kirchenvogt hatte ſchon das Pförtchen geſchloſſen. Fuſt erſchrack über mein entſtelltes Geſicht, mehr noch über den raſchen Befehl, zu ſatteln. Doch ich hatte ja hier nichts mehr zu thun, hatte nie wieder etwas zu ſuchen 132 in dem verlornen Paradieſe! Morgen ziehen wir fort, zur Beſetzung einiger Dörfer, in denen durch die Um⸗ triebe der Pfaffen die Bauern aufgewiegelt wurden. Wir ließen auf unſer Quartier bei dem Billetamte Be⸗ ſchlag legen, da die Exekution nicht lange dauern wird und nur ſchrecken ſoll. Kehren wir, ſo erfährſt Du wie⸗ der von uns, wenn das arme Leben noch Stoff bieten ſollte, um davon zu erzählen. 15. Capitän von Heldrin an Johanna Weſſel zu Rürnberg. Ansbach. Mein verſchwiegener Paul reitet als Kourier zu Ihnen, und dieſes Blatt, welches er bringt, darf nur im Geheimzimmer von Ihnen geleſen und muß ſogleich darauf den Flammen geopfert werden. In ſcheußlichſter Geſtalt nahet ſich das Unheil dem Hauſe, welches Sie gaſtfrei aufgenommen, und mein Herz befiehlt mir, zu warnen, wenn ich auch, indem ich der Freundſchaft und dem Mitleid mich hingebe, andere Pflichten verletze. Der Menſch hält ſich nicht rein im Gedränge des Le⸗ bens, und wer kann mehr von ihm verlangen, als daß er in der Zwietracht ſeiner Gefühle ſich dem überläßt, welches ihm das Mildeſte und Menſchlichſte ſcheint? So eben kehrte ich aus dem nördlichen Theile der Provinz zurück, wo wir faſt zwei Monate lang kein munteres, erweckendes Soldatenleben geführt, ſondern den langweiligen, harten Dienſt der Kriegsknechte geübt, und dem unruhigen Landvolke Zaum und Strafe ge⸗ 133 weſen waren. Eine beſondere Aufwallung der Gemü⸗ ther fanden wir unter den Offizieren des Hauptquartiers. Es iſt ein Büchlein erſchienen:„Deutſchland in ſeiner tiefſten Erniedrigung“ betitelt, welches die franzöſiſche Armee beſchimpft, ihren vergötterten Kaiſer beleidigt, Haß und Aufruhr predigt, und den Zorn des gewalti⸗ gen Schlachtenfürſten auf das Furchtbarſte erregt hat. In Augsburg kam dieſe gehäſſige Flugſchrift in franzö⸗ ſiſche Hände, und alle Militärbehörden haben die Ordre erhalten, jeden Theilnehmer an der Verbreitung dieſer feindſeligen Schrift zum blutigen, ſchreckenden Beiſpiel dem augenblicklichen Tode zu opfern. Die Spürer der veleidigten Majeſtät haben erwittert, daß die Stein'ſche Handlung, welcher Ihr Freund Palm vorſteht, der Ver⸗ ſendung jener Schrift ſchuldig iſt, ja man argwohnt, daß ſie von dort ausgegangen. Mir iſt dieſe leiden⸗ ſchaftliche Unbeſonnenheit an dem ſtillen, umſichtigen Bürger kaum denkbar, denn was vermag Feder und Buchſtabe gegen die ſcharfe Kriegeswaffe, was vermag der einzelne Bürger gegen das Weltvolk, den Menſchen⸗ ſtrom, der alle Völker in ſich zu erſäufen und ihre Na⸗ men alle in dem Seinigen zu verſchmelzen droht? Warnen Sie den Freund. Reinigen Sie ſein Haus vom Schmutze dieſes Libells. Treiben Sie ihn fort aus dem Bereiche der franzöſiſchen Gewalthände, oder bewe⸗ gen Sie ihn, den Verfaſſer ohne Aufſchub zu nennen, damit nicht er als Opfer falle, für fremde Schuld. Ueber ſeinem Haupte hängt das Schwert des Demokles. Verſäumen Sie um Gotteswillen keine Stunde, denn ſchon ſind dem General Frére ſeine Ordres geſchrieben, und mein Brief fliegt ihnen dicht voran. Ich ſelbſt wage bei dieſem Schritte, indeß es gilt einen Familien⸗ 134 vater, einen deutſchen Bürger zu retten, und der Menſch beſiegte den Soldaten. 16. Juſarenlieutenant Fuſt an den Poktor Pegenknauf. Ansbach. Das Wundfieber des Krieges iſt geſunder als das Kerkerfieber eines faulenden Friedens. Der Mars wird für immer der Generaliſſimus und Platzkommandant der Erde bleiben. Das iſt nun einmal nicht anders ſeit des hitzigen Kains Keulenſchlage: Bataille belebt das Leben, ſey es ein Eheſtands⸗Scharmützel, wo die Fin⸗ gernägel gleich gehacktem Blei bleſſiren, ſey es eine Boxerattake der Zünftler oder eine Nelſonsſchlacht, wo alle Elemente mitſpielen. Krieg liegt in der Menſchen⸗ natur, raufen ſich doch ſchon die dreijährigen Buben bis auf's Blut um einen Aepfel oder eine Butterbemme. Das Schlagen bewegt das Blut, der Mann lernt ſich ſelbſt kennen, die verborgenſten Kräfte entwickeln ſich und mit ihnen das Selbſtvertrauen, der Jüngſte thut Thaten des Augenblicks, an welchen der Blick des ſechs⸗ zigjährigen Stubenſitzers hinaufſchwindelt, und wie die Eiche, wenn ſie der Sturm recht durchſchüttelt, immer feſter wurzelt, ſo wird der im Gewühl des Batterie⸗ ſturms tüchtig abgewackelte Burſche ein eiſerner Mann, der durch die auffliegenden Kartätſchen vorwärts mar⸗ ſchirt, als flögen zum Spaß Knallerbſen zu ihm nieder, oder als trüge er den Hexenbalſam an ſich, der gegen Hieb und Stich dicht macht. Ich allein mitten in der dräuenden Cadmusſaat, auf mich allein geſtellt gegen 135 den tauſendarmigen Tod, verlaſſen in dem toſendſten Gewühle, nur meine eigenen Arme, meine eigenen fünf Sinne als mein Schutz bei mir und über mir der unſicht⸗ bare Gott! O es iſt ein erhebendes Gefühl, ein Gefühl des kühnen Steigers oben auf den Gletſchern zwiſchen Wolke und Abgrund, von Keinem nachzufühlen, der nicht ſelbſt mitten darin war, von Keinem, der durch ſich nicht glücklich herauskam. Der Krieg iſt nicht ſo übel, als er von fern ausſieht, rufe ich allem Deinem philantropi⸗ ſchen Floskelkram entgegen, und wenn ich mir darum auch ſelbſt widerſpreche, und manche ſentimentale Floskel, die ich auf den Schlachtfeldern von mir gab, widerrufe; aber das Occupiren und das Schergenamt zwiſchen den Bürgermauern hole der Schwarze: ein deutſches Herz kann ſich dabei nicht zurecht finden, und wer es kann, wir haben der Beiſpiele Legion, der gehörte zum Keh⸗ richt der ehrlichen Nation, und flog wie ein krächzender feiger Rabe dem Adler nach, um, was der Göttervogel vom gewürgten Aaſe nachließ, begierig zu verſpeiſen ohne Kampf und Gefahr. Wir ſitzen hier auch ſchon ein Weilchen im vecupirten Lande, und welche Tugenden das Faullenzen gebiert, wird ſichtbarer von Tage zu Tage an unſern tapfern Kameraden. Der nüchterne und leicht befriedigte Fran⸗ zoſe, welcher ſein Gemüſe ohne Fett kochte, Tiſanen trank und Mandelmilch, ſchwachen Thee mit einem Roſt⸗ ſemmel für ein Feſtmahl ſchluckte, iſt gewaltig gelehrig geworden am deutſchen Tiſche, und übertrifft längſt ſei⸗ nen Meiſter. Gott ſey unſern Landsleuten gnädig, wenn das ſo fortgeht: die Gäſte werden zu dem Weine die Rebe als Salat verſpeiſen, mit dem Kalbe die Kuh, und der Deutſche wird dahin kommen, daß er wie ſeine 136 Altvordern Eichelnkaffee trinkt und Graswurzeln ver⸗ ſpeist, und vom wilden Honig ſeinen Meth brauen muß zum Feiertagsmahle, vielleicht kommt dann aber zugleich die Kraft und der Muth und die Eintracht der Varus⸗ ſieger zurück, und der Gewinn könnte größer werden als die Opferung. Das gebe ich Dir, Betrachtungen als Erſatz für ver⸗ langte Zeitungen, aber ſolide Reflexionen aus meinen nächſten Umgebungen deſtillirt. Es iſt ein Eſſigſchwamm für euch Gekreuzigte, aber auch mir zieht er den Mund zuſammen, da ich ihn mitkoſten muß als deutſcher Mann, wenn auch in fremder Maske. Doch ſelbſt in dieſem ſibaritiſchen Leben läßt der böſe Feind uns keine Ruhe, und ſpuckt zwiſchen unſern ſchläf⸗ rigen Hundstagen. Hat den Toloſtow der Mephiſtophi⸗ les bei Aufterlitz geholt, ſo ſchickte die Hölle ſofort einen andern Plagegeiſt auf unſere Ferſen, der mir gefähr⸗ licher dünkt als Jener, weil er einem Fliegenfürſten und ſeinem Geſchmeiß mehr ähnelt und heimlicher ſticht. Nach unſerm Rückmarſche von dem vermaledeiten Executions⸗Commando hatte ich mein altes Quartier in Beſitz genommen. Mein Haus füllte ſich, denn da der Marſchall alle Staatsdiener, welche bislang ihre Plätze verlaſſen, als Landesverräther und Feinde der verbün⸗ deten Kronen Frankreichs und Baierns zu betrachten ge⸗ drohet, ſo kehrte der Kriegsrath von Mantel nebſt Fa⸗ milie zurück, und ich bekam einen trockenen Wirth und eine nonnenhafte Wirthin. Für Ein Mal machte ich beiden mein Kompliment, und mein dicker Koſackenbart wie mein gutes franzöſiſches Zungenſpiel maskirte treff⸗ lich meine Perſonage; man erkannte mich nicht, und mein Kriegsrath ſchien es faſt übel zu nehmen, daß der 137 Monsieur de Heldrin, mon Capitaine, ſein Quartier nicht gut genug gefunden und den Gaſthof zum alten Deſſauer vorgezogen. Die Frau Wirthin hatte nach Weiberart jedoch ſchärfere Sinne, denn bei dem Namen Heldrin öffneten ſich ihre blauen Augen, welche ſie bis⸗ lang ſehr geſenkt getragen, thorweit, und das feine Liliengeſicht wurde auf eine Minute lang zu einer dun⸗ keln Päonie. Meinem erſten Beſuche folgte kein zweiter, und eine Einladung bekam ich nicht, was mir auch ganz genehm war. Da brachte der Teufel ſein Wettexrlein von Kolo⸗ phoniumfeuer und Theaterdonner in den Friedenstempel. General Potier hatte uns einen Schmaus gegeben; der ſchöne Sommerabend verlockte uns zu einer Abend⸗ promenade, damit die Weingeiſter Gelegenheit bekämen, im kühlen Winde zu verpuffen, und Alfred geleitete mich bis zu meinem Quartiere, denn dem armen Schelm hat der Waffenlärm die alten Mucken nicht vertreiben kön⸗ nen, und wovon ihm das Ehrgefühl im Sonnenſcheine abhält, das thut er Nachts, wo Riemand die Scham⸗ röthe über dem dunkeln Barte gewahrt; bis Mitternacht ſchleicht er oftmals wie ein Dieb um das Mantel'ſche Haus, und ſtiehlt ſich die Schatten, welche oben hinter den weißen Gardinen hin und her ſpazieren. Wie wir an die Thüre treten, vernehmen wir ein Mordſpektakel auf dem geräumigen Vorplatze. Lauſchend ſteigen wir die Steintritte vor der Pforte hinauf. Ein Offizier, der hechtblauen Uniform nach vom Train, ſtritt auf das Heftigſte mit dem dürren Hausverwalter, in deſſen weit vorgeſtreckter Hand das Licht zitterte wie ein Irrwiſch. Der Militär trug augenſcheinlich die Laſt der Tafelfreuden auf dem Gehirn, und radotirte deutſch und 138 fränkiſch durcheinander, daß die Vorplätze von ſeinem Getobe wiederhallten und die ganze Hausgenoſſenſchaft ſich um ihn verſammelte. Indem wir vorn im Gebäude erſchienen, zeigte ſich hinten auf der Haupttreppe der Herr von Mantel, ſtieg erhitzt herab, und ihm folgte, den Silberleuchter tragend, ſcheu und von weitem die gnädige Frau. Was gibt's hier, mein Herr? fragte der Kriegsrath heftig. Ich bitte ſehr, meinen Hausfrieden ungeſtört zu laſſen und zu bedenken, daß man in Freundes Land ſich befindet. Freundes Land! lachte der Trunkenbold auf. Der Teufel iſt ein Freund der fränkiſchen Katzen, die auf fremdem Taubenſchlage gut zu mauſen wiſſen, aber ich bin ihr Feind, ein Schlächterhund, der Nichts lieber würgt, als ſolch hagern, abgetriebenen Kater. Er griff mit der Fauſt nach dem Herrn von Mantel, welcher je⸗ doch glücklich genug ſich hinter den Verwalter retirirte. Mein Herr, perorirte er hinter dieſem Schanzkorbe hervor, ich erſuche Sie nochmals um Ruhe in meinem Hauſe, ich müßte ſonſt wider Willen die Hülfe der nahen Hauptwache anrufen. Sie ſcheinen überdieß ſich nicht ganz wohl zu befinden, und erlauben Sie, ſo ſoll mein Diener Sie ſorgſam in Ihr Quartier begleiten. Toller Schnack! erwiederte der Trainoffizier, ich bin geſund wie der Fiſch im Waſſer. Und mein Quartier iſt hier. Er ſchlug gewaltig gegen die Zimmerthüre. Zwei Offiziere trägt dieſes Haus, und nur ein einziger liegt darin. Mich hat man zu einem Schneider gelegt, der mich mit Erdäpfeln und Reißbrei traktirt. Ein Narr, der ſich nicht die beſſere Suppe ſucht, wo ein Platz leer ſteht. Hier iſt das Billet, laßt den Stockfiſch * 139 ohne Umſtände aufſchließen, oder ich trete die Thüre in Trümmern. Ich replicire mit Gunſt gegen alle Gewaltthätig⸗ keit, kreiſchte der Hausherr, mein Haus hat bereits ſeine Kriegslaſten, und ich werde, von meiner Dienerſchaft unterſtützt, mein Recht zu gebrauchen wiſſen, da die ſtrengen Befehle Seiner Excellenz im Schloſſe mich dazu berechtigen. Was war das? Knechte gegen meines Kaiſers Uni⸗ form? brüllte der Mann vom Train, und mit einem Griff und Stoß faßte und warf er den erſtarrten, ſtei⸗ fen Lichthalter zur Seite, und packte mit der Linken den Kriegsrath am Kragen des geblümten Schlafrocks, in⸗ deß die geängſtete weibliche Taube die Treppe herunter⸗ flatterte, und aus allen Gängen Dienſtboten beiderlei Geſchlechts mit Lichtern und Lampen herbeiſtolperten. Alfreds Hand, welche ich vorſichtig gefaßt, brannte und zitterte gleich vom Anfange zwiſchen meinen Fin⸗ gern. Jetzt riß er ſie mir unvermuthet aus dem Ge⸗ wahrſam, ließ den Mantel fallen und ſprang ſchnell wie ein fallender Wetterſtrahl mitten in das Getümmel, er⸗ griff den Trunkenbold und warf ihn mit Herkuleskraft gegen die Wand zurück. Wer hat in meinem Quartier zu lärmen? Wer mei⸗ nen Wirth zu beleidigen? fragte er mit Grimm. Fort, Herr Kamerad, ſogleich auf das Schloß mit mir!— Euer Quartier? verſetzte der Andere, ſich wieder ſteif ſtellend, und vom Schreck plötzlich wie nüchtern.— Hier iſt mein Name an der Zimmerthüre, Ihr vergaßt zu leſen, fiel Güldenkron ein.— Euer Name das? hohnlachte Jener. Alſo werfet Ihr das Schafskleid ab, und laßt den Wolf frei hereintraben? Nun wohl bekomm's dem Hausherrn 140 und der ſchönen, tugendſamen Hausfrau. Wohl be⸗ komm's dem geprieſenen Hausfrieden! Aber ich will's nicht dulden. Ich laſſe mich nicht treiben aus dem lee⸗ ren Quartier, es ſoll kein Verſteck bleiben für Eure Sünde, ich will als Wächter ſtehen oder ſterben.— Bis dahin hatte Alfred ſich der franzöſiſchen Sprache bedient, jetzt übermannte ihn der Zorn, und er warf die Bären⸗ mütze vom Kopfe und faßte in wildem Zorne den Sar⸗ ras. Elender, ſchändlicher Bube, ſelbſt ehrlos auch ein Ehrendieb, wo Du auftrittſt! wüthete er deutſch. Jetzt erſt erkenne ich Dich, Du, hier Lügner wie zu Straß⸗ burg. Biſt Du dort dem verdienten Strick entlaufen, ſo will ich Dich hier züchtigen, daß Dir die Luſt verge⸗ hen ſoll, je wieder nach Weibertugend und Männerehre Deine Krallen auszuſtrecken.— Wie's beliebt! rief der Hellblaue mit plötzlicher Kälte, ſprang zurück und zog ſeine breite Klinge. Die blonde Dame, die ich beſonders im Auge be⸗ halten, verwandelte ſich jetzt aus ihrer Statuenhaltung ſchnell in eine Zitterpappel. Halten Sie, Güldenkron! Kein Mord bei mir, Kletting! ſchrie ſie wie außer ſich, warf den Leuchter hin, und wollte ſich ſchwankend in der Schwäche ihrer Angſt zwiſchen die Wüthenden ſtür⸗ zen. Ich hatte jedoch ſchon zwei große Schritte hinter dem Domeſtikenhaufen herum gethan, und die Säbel⸗ hand des Friedenſtörers ſo feſt gefaßt, daß er keinen Racheſtreich führen konnte. Aber der Gemahl, ſonſt ſolch ein bedachter und Ceremonie achtender Ehrenmann, brauste jetzt los wie eine Champagnerflaſche, wenn ihr das hermetiſche Sigillum Salomonis herabgeſtoßen. Mit einer Henkermiene ergriff er die Dame bei der Schulter und dem Arme, daß ſie im Anlauf faſt zuſammenbrach, —— M NM N v 6 — M 14¹ und ſchleuderte ſie dem nächſten Diener zu.— Alſo lauter Bekannte, Madame? Lauter liebe Gäſte, Freunde von ehedem in meinem Hauſe? ſagte er mit einem ſchneidenden Hohne, als wäre ſeine Zunge eine Löwen⸗ zunge, die blatig kratzt, wenn ſie leckt. Welch ein be⸗ wunderungswürdiger Zufall, oder eigentlich ein wahres Mirakel, der die verwandten Herzen wie an einer Table d'Hoͤte bei mir zuſammenbringt und mein ehrbares Dach zum Tempel der Erinnerung macht, zu einem Eleufis, wo im verſchloſſenen Korbe die Frucht der Heim⸗ lichkeit getragen wurde. Aber ich ſchaue durch den Korb den Erechtheus drinnen. Hinauf in ihr Zimmer, meine Gnädige! ſetzte er dann mit eiskalter und eisharter Stimme hinzu. Soll mein Väterhaus durch eine ſolche Komödie beſchimpft werden, ſo bin ich wenigſtens Mann genug, zu verhindern, daß man Ihnen vor ſolchem Pub⸗ likum die Rolle der Prima Amoroſa zutheilt. Die blonde Frau hing mit gebeugtem Haupte und geſchloſſenen Augen in den Armen der Diener, und ließ ſich wie ein halbtodtes Opferlamm fortführen, nur ein leiſes Schluchzen tönte her von ihr, und klang mir wie das Aechzen aus dem verſchloſſenen Grabe eines Leben⸗ digbegrabenen. Alfred ſtand wie ein vom Todtenfieber Ergriffener bei der kurzen, doch erſchütternden Eheſtandsſcene. Der Säbel war aus ſeiner Fauſt gefallen, die Nordlichter auf ſeinem Antlitz hatten ſich in Schneefelder verwan⸗ delt, nur die Augen glühten darin wie Kriegsfeuer auf winterlichem Schlachtplan. Sein ganzer Leib wurde vom Froſt geſchüttelt, und er ſtemmte die Hand auf einen Pfoſten der Treppe, um im Gleichgewicht zu bleiben. Herr von Mantel, kreiſchte er, kaum der Stimme mächtig, Worte können ſchärfer ſchneiden als Damasce⸗ nerklingen, aber wenn Worte ſchnitten bis in das Mark der Ehre, ſo muß der Damascener der Wundarzt ſeyn, der gut macht, und die geriſſene, böſe Wunde zu einer gutartigen und heilenden weitert. Sie wiſſen um die Vergangenheit, ſetzte er, ſich be⸗ ſinnend und milder, hinzu. O wie hätte die fromme, reine Seele, die wie Asbeſt immer glänzender ward im Feuer, Ihnen auch verſchweigen können, was ſie ehrt und heiligt! Aber eben darum warne ich Sie vor je⸗ dem Gewaltſchritt, der dem tyranniſchen dieſer Minute gliche. Es könnte ſchwere Rechenſchaft gefordert werden, ehe Ihr Uebermuth es wähnte. Warum Ihr Haus mein Quartier wurde, warum ich dennoch es nie betrat, hat ſie verſtanden, wenn auch Ihnen das vielleicht zu fein und hoch lag. Machen Sie es nicht darnach, daß ich mein Recht benutzen muß, und was bis jetzt Ihre Schwelle ſchützte, gezwungen wird, die Frömmigkeit gegen Teufel zu vertreten. Bravo, mein Prediger mit dem Drachenſchwanze und dem Pferdefuße! lachte Kletting dazwiſchen. In Eurer Stelle, Kriegsrath, machte ich den Tugendſpiegel zu meinem Haremswächter, und überlieferte ihm die Sultanin. Meine derbe, flache Fauſt legte ſich wie ein breiter Riegel auf ſein Maulwerk, der Kriegsrath aber machte gegen Güldenkron eine anſtändige Verbeugung. Verzeihen Sie, mein Herr Capitän, ſagte er froſtig und ſteif, daß ich mich empfehle. Mit der Nacht ſchließt der gute Bürger ſein Haus und legt ſich zur Ruhe., Sollten Sie morgen an mich, den Edelmann, ein An⸗ liegen haben, ſo wird meine Thüre Ihnen offen ſtehen. ze gel die ter hte tig eßt he. ln⸗ en. 143 Die Zimmer einer deutſchen Dame ſind jedoch keine Baſtion, die der dreifarbigen Cocarde die Fahne ſtreicht, und ſelbſt der großmächtige Napoleon reſpektirt ſolche Schlöſſer. Er beugte ſich noch einmal und ſchritt ſtolz dem vorleuchtenden Bedienten nach die breite Treppe hinan. Alfred ſtand verſtummt, mein Gefangener aber fluchte jetzt in allen Sprachen auf den erbärmlichen Eheherrn und uns, forderte Reſpekt vor ſeinem hecht⸗ blauen Rocke, dräute mit dem Marſchall, und begann mit mir zugleich einen ernſtlichen Ringkampf um ſeine Freiheit. Allein auch Du weißt, daß der Fuſt von jeher nicht zum Spürer taugte, aber daß es unter unſern Kameradſchaften keinen beſſern Packer gab als ihn, und er neben dem beſten Saufänger Ehre eingelegt hätte. Der ganze Vorgang hatte mich erbittert, und deßhalb quetſchte und knebelte ich den ſchmalen, flachsköpfigen Urheber dieſer Scandala mit den Schlangengelenken meiner eigenen Finger und Arme dermaßen zuſammen, daß ihm Gehör, Geſicht und Athem verging. Monſieur Kletting, ſprach ich dazu, iſt ein Wunder⸗ vogel, den man der Rarität wegen feſthalten muß im beſten und ſicherſten Käfig. Lehrt mich die Kunſt, überall zu ſeyn und immer anders, mein Herr Erſekretär und Buchſtabenfälſcher! Kamäleon und Caglioſtro verſchmol⸗ zen findet man Euch bald im Süden, bald im Norden, und jedes Mal in anderer Farbe und Geſtaltung. Aber Ihr ſollt jetzt einen ſichern und ſo feſten Platz haben, wie Euer Vorbild auf der Engelsburg, wir wollen Euch dem Kaiſer als Präſent ſchicken, denn Ihr taugt nirgend ſo gut, als unter ſeine Mamelucken, deren einige am deutſchen Winter verendet ſind. Das ſpäte Gelärm im Hauſe hatte natürlich Nach⸗ 144 barn und Gaſſenläufer vor die Thüre gelockt, eine Pa⸗ trouille der Wache näherte ſich gleichfalls, ihr übergab ich den Ruheſtörer, und nahm dann den armen Gülden⸗ kron in mein Zimmer, wo ich die halbe Nacht gebrauchte, den verzweifelnden Amadis wieder zur Vernunft zu brin⸗ gen, dem jede alte Wunde wieder Blut ſpritzte, und deſſen Gehirn bei jedem Gedanken an das Schickſal der weggeworfenen, verlaſſenen, tyrannifirten Königin ſeines Herzens glühende Wahnſinns⸗Lava auswarf. Das Schlimmſte bei der Sache iſt, daß der Mord⸗ brenner, welcher all' dieſes neue Unheil angerichtet, wie⸗ derum ſeiner Strafe entwiſchte, denn durch die Nach⸗ läßigkeit des Sergeanten entſprang der Arreſtant, und der Franzoſe hilft immer gern dem Militär durch, wenn er den Bürger moleſtirte, da Keiner in der Armee bei ſo etwas frei und frank den erſten Stein aufheben darf. Als ich meine Klage einzugeben erſchien, war kein Be⸗ klagter mehr vorhanden und kein Kletting mehr in den Mauern des Hauptſtädtchens zu finden. Es iſt mir leid, daß ich das giftige Gewürm nicht unter meinen Fäuſten zerquetſchte und kalt machte, denn ſein tückiſcher Stachel wird noch Manchen tödtlich wunden, da ihm Solches zur Luſt und Gewohnheit geworden zu ſeyn ſcheint. Es hätte ſicher kein Hahn um ſolch einen frommen Todtſchlag gekräht, und ich würde auch keine unruhigen Mitternächte deßwegen erlebt haben. 145 17. Johanna Weſſel an den Kapitän von Heldrin zu Ansbach. Nürnberg. Zu Ihnen flüchtet ſich die geängſtigte Freundin und ruft Ihr deutſches Herz um Beiſtand an in höchſter Noth, Ihr Herz, das weder Farbe noch Gefühl änderte mit dem Kleide und dem Namen, Ihr Herz, das, ſelbſt vom Schickſal wie von menſchlicher Härte wund gedrückt, nicht aufhört, für fremdes Leid warm und menſchlich zu ſchlagen. Nirgend iſt Troſt und Hülfe für eine Familie, der ich zugethan bin, als wäre ich in ihr geboren. Sie allein, mit den Bedrängern verbündet und mitten unter ihnen, können vielleicht rathen, vielleicht helfen, und Gottes Hand führte Sie auf die Stelle dazu, denn ſeine Wege find unerforſchlich, aber ſicher. Ihr letzter Brief krönte für mich das Bild meines Lebensretters mit einer neuen, friſchduftenden Krone, und ich bin ſtolzer noch auf Alfreds Freundſchaft geworden ſeitdem. Mit Angſt, aber zugleich mit der nöthigen Be⸗ ſonnenheit vollzogen wir, was Sie befahlen. Der alte Faktor der Buchhandlung reinigte das Magazin von Allem, was verdächtig ſeyn mochte, und wie nöthig die Vor⸗ kehrung geweſen, bewies der unwillkommene Beſuch, den wir am 28. Juli von vier Herren in ſchwarzer, Unglück⸗ dräuender Tracht bekamen, welche nach der von Ihnen bezeichneten Schrift ſtrenge Fragen thaten, alle Bücher⸗ ballen durchwühlten, jedoch ohne den gewünſchten Fund ihren Abzug hielten. Palm war nicht daheim, ſondern auf der Duld zu München, ganz im Bereich ſeiner Feinde. Wir ſchrieben eiligſt und warnungsvoll an ihn, aber Blumenhagen. XIII. 10 146 er nahm die Sache gar leicht, ſpottete unſerer Angſt, meinte, ein Buchſtabe ſey kein Kriegsgeſchütz, nannte ſich völlig ſchuldlos und verſprach baldige Zurückkunft, vor welcher wir zittern mußten. Er kam auch wirklich zu unſerm Schrecken, hielt die ganze Begebenheit für einen Verſuch der neugeſchaffenen Polizei, welche ſich bei den ehrſamen Reichsſtädtern in Reſpekt ſetzen möchte, verlor nicht einen Augenblick ſeinen Gleichmuth, und war erſt dann zu einer Reiſe oder Flucht nach dem nahen Erlangen zu ſeinem Ohm zu bewegen, als die Zeitun⸗ gen von der Verhaftung des Buchhändlers zu Augsburg erzählten, und ſeine Gattin ihn fußfällig beſchwor, ihre Todesangſt zu mildern und ſeiner unmündigen Kinder zu gedenken. O wäre er dort geblieben, wo Preußens treuer Adler wacht und ſchirmt! Man ſollte an die Un⸗ widerſtehlichkeit des Verhängniſſes glauben, wenn man den beſonnenen, weltklugen Mann wie die vorſichtsloſe Fliege alſo dem aufgeſpannten Spinnennetze zuflattern fieht. Palm hatte keine Ruhe in der fremden Stadt. Liebe und Geſchäftsdrang zog ihn herüber aus der ſichern Un⸗ thätigkeit, doch hielt er ſich verborgen im Hauſe, und die öftern Anfragen der franzöſiſchen Behörden wurden glück⸗ lich abgewieſen. Da kam geſtern ein lumpiger Bettel⸗ bube in das Comptvir; er hatte eine Schrift, mit vielen wackern Namen unterzeichnet, er wehklagte über ſeine kranke Mutter, deren Mann im Kriege den frühen Tod gefunden. Palms Behauſung war immer ein Tempel der Charitas geweſen: kein Unglücklicher ging troſtlos hinaus; ſein Wohlthätigkeitsſinn hatte ſich über alle Haus⸗ genoſſen verbreitet, und man wagte darum nicht, dieſen kleinen Elendsſohn abzuweiſen. Der Knabe wurde zu . 147 Palm geführt, und er entließ ihn reicher beſchenkt, als es ſein Glückszuſtand vielleicht zuließ. Unſere Kirche lehrt, daß Wohlthat und Almoſen den Himmel erkaufen, aber dieſes Scherflein des Mitleids und der Barmherzigkeit lockte den Blitz des Verderbens auf des chriſtlichen Man⸗ nes Scheitel herab. Es iſt entſetzlich, glauben zu müſ⸗ ſen, daß Regierungen unſerer Zeit ſich der Laſter be⸗ dienen, um ihre Zwecke zu verfolgen, daß Fuchs und Schlange die Wächter am Throne ſind, daß das heilige deutſche Hausrecht preisgegeben wird der Willkür über⸗ müthiger Satelliten, und Eigenthum und Leben des fried⸗ lichen Bürgers an den boshaften Ausſagen eines ver⸗ larvten Spions hängt, der ſolchen Poſten nicht anneh⸗ men würde, ſagte ihm nicht das eigene Gewiſſen, daß er längſt zum Galgen reif geweſen. Ich bin nur ein Weib, Alfred, und mir ſteht der Sitte nach nicht zu, über die Zeit und die Völker und die Steuermänner der Völker zu urtheilen, aber ich habe von früh an lernen müſſen, die Fehler und Tugenden des Menſchen zu ſtu⸗ diren; die Welthiſtorie iſt meine Freundin geworden, denn ich mußte ihre edelſten Charaktere heraufbeſchwö⸗ ren aus dem längſt zertrümmerten Sarkophage für die ſchauluſtige Mitwelt. So wage ich es auszuſprechen. Reibungen der Völker ſind immer geweſen, Kriege waren zu jeder Zeit von Gräueln begleitet, wenn auch mehr oder minder, aber was ſchändend ſteht in unſerer Zeit, was ewig Den, der es erfand, und Den, der es duldete, brandmarken wird auf den Tafeln der Hiſtorie, das iſt jenes geheime Inſtitut der Spionage, welches ſeine finſtere Höhle dicht hinter dem Throne eingegraben hat. Glaube mir, Al⸗ fred, von ſolchen Gedanken gehetzt könnte ich in meiner 148 Schwäche eine Margot der Vendée, oder eine Jeanne d'Arc in das Leben ſtellen, und Schwert und Fahne ge⸗ gen dieſen Drachen tragen, wenn die Gelegenheit riefe. Auch dieſer arme Bettelknabe war zum ſchändenden und ſchändlichen Kunſtgriff erkoren werden, Palms An⸗ weſenheit und ſein Verſteck zu erforſchen; die Unſchuld des Kindes wurde zum Judaswerke gemißbraucht, das unbefangene Herz zum Verräther genützt und die Kirchen⸗ ſchändung dadurch vollſtändig gemacht. Kaum hatte der Bube mit ſeiner gefüllten Hand die Schwelle verlaſſen, ſo traten zwei jener rieſigen Frie⸗ denshelden ein, deren Blutbüſche ſchon ihre Beſtimmung andeuten, und welche den ſonſt ſo ehrenvollen Namen der ritterlichen Gensd'armerie in den Koth gezogen und mit Häſchern und Henkern gleichgeſtellt. Ohne zu for⸗ ſchen, ſtiegen die wohl inſtruirten Koloſſe dreiſt hinauf in das Haus zu Palms Verſteck, fanden ihn und führ⸗ ten ihn zu dem General der Garniſon. Man hat ihn dort ſtreng befragt; man hat ihm Freiheit, ja Beloh⸗ nung verſprochen, wenn er den Verfaſſer des Pasquills kund gäbe. Palm behauptet, er kenne den Schreiber nicht, das Paket mit dem Libell ſey ihm im Handel zugeſchickt und ungeleſen von ihm weiter verſandt. Der feſte, treue Mann wird dabei bleiben und wenn es anders wäre, denn er fürchtet das Aergſte nicht; er hofft auf den Schutz ſeines neuen Monarchen. Es ſcheint dem deutſchen Reichsſtädter unmöglich, daß eine Gewalt⸗ that ohne Unterſuchung und gewohntes Gericht an ihm begangen werden könnte, und die Obrigkeit, welche ihm von Gott geſetzt, ſcheut ſeine reine Seele nicht. Geſtern hatte Palm Hausarreſt, Abends brachte man 149 ihn auf das Rathhaus, heute iſt er ſtreng bewacht nach Ansbach gebracht. Alfred, auf zur Hülfe! Es iſt das Angſtgeſchrei einer Mutter mit ihren Küchlein, welches zu Ihnen kreiſcht: Menſch, rette den Brudermenſchen! Deut⸗ ſcher Mann, rette den Bürger Deiner Heimath! . 18. Adcle von Mantel an Luzie Redlich zu Bretta. Ansbach. Klage nicht, Schweſter, klage mir nicht wieder, meine Luzie! Ach, Deine Klagen müſſen mir ja vorkommen wie der frevelvolle Himmelsſturm des Ungenügſamen, wie das neidiſche Gelüſt der Unerſättlichkeit, und, was am meiſten ſchmerzt, wie ein ſchlecht erſonnener Troſt für mich, der zum Spott wird und Alles ſchmerzlicher macht, was ſtechend iſt in meinem Leben. Du jammerſt, daß das erſte Jahr Deiner Erden⸗ ſeligkeit ſchon mit Dornen durchflochten iſt, daß jenes liebliche Friedensthal, wohin der geliebte Gatte Dich führte, ſchon jetzt entweiht worden durch die allgemei⸗ nen Friedenſtörer, daß auch in eure verborgene Wald⸗ gegend der gewaltthätige Feind Deutſchlands ſeine Heu⸗ ſchreckenheerde ſandte, welche die Ernte des Fleißes ver⸗ zehrt, und muthwillig vernichtet, was ihre Ueberſättigung nicht mehr zu genießen vermag. Du jammerſt, daß Dein Säugling unter dem Geſtirne der deutſchen Knechtſchaft geboren ward, und zeichneſt Dir mit Grauen die Zu⸗ kunft des Söhnchens vor, das noch nicht einmal den Namen Mutter Dir entgegenlallt! O Du Gebenedeite, Du Ueberglückliche im allgemeinen Jammer der Welt, 150 verſündige Dich nicht an dem Geber Deines Segens und rufe nicht ſelbſt den böſen Feind des Menſchengeſchlechts in Dein geheiligtes Haus! Theilt denn nicht ein liebender Gatte alle Deine Sor⸗ gen und nimmt die ſchwerſten auf ſein ſtarkes Herz? Kannſt Du nicht, wenn es Dir außen zu lärmend wird und zu ungeſtüm, flüchten in Dein unberührtes Käm⸗ merlein und Dein Bübchen legen an Deine weiche Bruſt, und wenn es mit Wolluſt trinkt, was von Deinem Her⸗ zensquell ihm zufließt, wenn es dabei Dich anlächelt mit dem ſeligen Lächeln der wunſchloſen Engel, vergeſſen, was Dein Alltagsleben trübt, aber nicht hinein reicht in den Himmel des Sabbaths, den die Mutterfreude Dir bereitet? O was bin ich gegen Dich! Sieh auf mich und ſtürze Dich nieder auf Deine nackten Knie, und danke im Staube, reuig über Dein Murren und zerknirſcht wie eine Läſtererin, dem ewigen Vater, der nur die Hand ſeiner Allgüte auf Deine Stirne ſenkte, indeß mich die Hand ſeiner Zucht drückt. Nein, Luzie, ich murre nicht: er ſoll ja züchtigen, die er liebt, und es muß eine hohe, ewige Freude auf mich warten, worin die Knoſpen reichprangende Blumen werden, welche hier alle, alle welkten und vertrockneten, und von denen auch nicht Eine meinem hoffenden Auge ſich farbig entfaltete. Mein Leben iſt ein langes Sterben geweſen, oder noch mehr, ich habe zuſchauen müſſen, wie jedes Weſen, das ich liebend an mein Herz gedrückt, kalt und wie ſterbend von mir abfiel, und, Luzie, das iſt mehr als eigene Todesqual, das iſt wie Hölle und Verdammniß! Ich glaubte gewonnen zu haben, was ſich noch ge⸗ winnen ließ. Mit jener Ergebung, welche die Hoffnungs⸗ ———— 151 loſigkeit gebiert, hatte ich die Meinung der Eltern für die Stimme Gottes gehalten. Ach! ſie glaubten mich in dem Hafen des Friedens zu wiſſen, glaubten mein Erdenglück feſt geſichert, und der Vater ſchien beruhigter zu ſterben in dieſem Glauben, und ich habe meine Kin⸗ despflichten heilig gehalten, dieſes wunde Herz nie der Mutter enthüllt, und nur in Deinen Buſen meinen Kum⸗ mer ausgegoſſen. Was wäre aus mir geworden, hätte ich dieſe erleichternde Nittheilung nicht gehabt? Das Gift des Grams und der Entbehrung würde längſt das ſchwache Gefäß zerſprengt haben, hätteſt Du es nicht aufgenommen in Deinen Schoß, und den Balſam des Troſtes und der Aufmunterung dafür zurückgeſandt. Wie ein unfruchtbarer, blätterloſer Baum ſtehe ich allein auf der grauenhaft weiten Erde und frage oft: Warum ſtehe ich noch? Warum iſt das Mark meines Weſens ſo ſtark in der gebrechlichen Form, daß es alle die Lebensſtürme aushielt, von denen jeder heftig genug war, ein ſo arm⸗ ſeliges Daſeyn zu zerknicken? Anfangs kam ein Hoffnungsſchimmer auf meine Bahn, aber es blieb nur ein Wetterleuchten, das ich für das erſte Morgenlicht gehalten hatte, und die Nacht wurde nur noch finſterer, als die Täuſchung verflogen war. Der Kriegsrath erſchien mir ernſt und eigenwillig, aber die Ordnung in ſeinem Hausweſen, der Glanz ſeines Reichthums, die Achtung, welche der fleißige Geſchäfts⸗ mann genoß bei Vornehm und Gering, gefielen mir: von der Ehre des Mannes empfängt ja das Weib die ſchönere Hälfte, weil Jedermann ihr zarter und feiner huldigt, weil die feinen, ſchimmernden Edelſteine ihr zufallen aus der Goldkrone, die man ſchwer und kalt auf des Gatten Stirne drückt. Aber die Freude lebte nur 152 ein Ephemeren⸗Leben. Mein Mann verhehlte ſeine Ei⸗ telkeit nicht, und darum ſuchte ich alle meine vernach⸗ läßigten Talente hervor, theils ihm die Erholungsſtunden zu ſchmücken, theils in ſeinen Zirkeln der Frau einen Ehrenplatz zu gewinnen. Er konnte mich oft recht warm loben, wenn wir aus einer Geſellſchaft heimkamen, wo Deine Adele über Verdienſt gefeiert worden, und die Schamröthe über die prunkende Auslegung, die mir vordem ſo widerwärtig geweſen, ſtundenlang auf mei⸗ nen Wangen gebrannt hatte. Ach! Luzie, es war nicht das Lob der Liebe, was von ſeinem Munde klang, es war nicht das Entzücken der Liebe, das aus ſeinen Augen leuchtete: es war nichts als ſeine eigene geſchmeichelte Eitelkeit. Daſſelbe Vergnügen bewegte ſein Gemüth, wenn ein Gaſt aus Berlin ſeinen Weinkeller lobte, oder der Kriegsminiſter ſeine Wiener Chaiſe bewunderte, oder ein durchreiſender Britte ihm für ſeinen Poſtzug auser⸗ leſener Mohrenköpfe eine Handvoll Guineen bot. Luzie, mit jedem Tage wurde Deine Adele ärmer, ärmer an Hoffnung und ärmer zugleich an Empfindung. Mir war wie dem bunten Schmetterlinge, den ein früher Früh⸗ lingstag aus der Puppe gelöst, und dem darauf die kalte Aprilnacht die grüne Flur zu einer Eisbahn wan⸗ delt. Das arme betrogene Sommervögelchen flattert auf dem Schnee, der Mittagsſtrahl erwärmt es noch einmal, aber wie der Abend näher kommt, flattert es ängſtlicher, matter und matter, vis es erſtarrt und kalt wird wie das Eis, welches ſeine Jugendflur überzog. Der Kriegsrath wurde täglich härter, launiger, ſein Eigenſinn wuchs bis zur Tyrannei, und mit Entſetzen erfuhr ich, daß ich ihm nichts war als erſte Magd und Verſchließerin. O Luzie, in jenen Wochen habe ich hart 153 und ſchwer gerungen, habe den Allmächtigen gebeten in furchtbarer Verzweiflung um die einzige Wohlthat, mei⸗ nen Schoß unfruchtbar zu machen, damit keine Zeugen ſolches unheiligen Ehebündniſſes ſeinen Frevel entdeckten, und mit den Zügen des Froſtes und der Liebloſigkeit, die ſie tragen mußten, mein Unglück öffentlich machten. Mein Bett war damals ein Thränentuch, das ewig feucht blieb, und könnte ein Leib ſich in Zähren auflöſen, wie die Fabel erzählt, Deine Adele wäre ein heißer Spru⸗ delbach geworden, wäre zu Dir hinüber gefloſſen, um zu Deinen Füßen murmelnd Dir zu erzählen von ihrem Kummer und wie Deine Schweſter ein Ende genommen. Ich hatte ſogleich nach meiner Verheirathung dem Gatten alle Geheimniſſe meines Herzens enthüllt; es war nichts dabei, was meinen Werth für ihn herab⸗ ſetzen konnte, nichts, was ihn betrog oder bevortheilte, ſonſt hätte ich es früher zu thun für Pflicht gehalten. Auch nahm er meine Geſtändniſſe ruhig auf, ach! Luzie, nur zu ruhig. Ich kannte ja einen Andern, der bei ſo etwas, wie überall, ein ganz Anderer geweſen, ob⸗ gleich auch dieſer zu den böſen Geiſtern meines Lebens gehört. Der Menſch iſt der Gewohnheit dienſtbar; hält er doch ſelbſt die Ewigkeit auf Galeeren aus, und des finſtern Kerkers Leichenleben tödtet ihn nicht, ſondern bleicht ihn nur, wie eine Blume die Farben verliert, wenn man ihr die Sonne entzieht. Auch mein Herz wurde ruhiger. Die Tage, welche langſam und leiſe hinabrieſelten wie der Sand im Stundenglaſe, welche heute endigten wie geſtern und morgen anfingen wie heute, hörten immer weniger von meinen verſteckten Seufzern und meinen ver⸗ hehlten Klagen; ich wandte mich wieder wie ſonſt zu 154 der Natur und ihrem allgütigen Schöpfer; ich fragte nicht mehr im Tone der Läſterung: warum auf mein ſchuldloſes Haupt dieſes Leid, du Gerechter und Uner⸗ forſchlicher? Ich wurde wieder eine reuig⸗büßende Chri⸗ ſtin, vertrauend legte ich mich wiederum an das große Vaterherz; ich ſuchte die Unglücklicheren auf und half nach Kraft. War auch die eigene Freude von meiner Lebens⸗ bahn entwichen, konnte ich doch an fremder Freude mich wehmüthig erquicken, und der oft gehegte Todeswunſch verlor ſich, mochte doch der Ewige mich beſtimmt haben, wie die freudloſe Nonne vom Orden der Barmherzigen, Gutes zu wirken in Gewißheit des künftigen Lohns, den der ſorgſame Vater mir für die Zukunft aufgeſpart, daß er mein ſei deſto länger und deſto ſicherer, und nicht verloren gehe in der Flüchtigkeit der Erdenzeit. Ich kam mir vor wie der Mann auf dem Leucht⸗ thurm, den wir als Kinder mit dem Vater beſuchten, als wir die Reiſe an das Meer machten: vor mir lag das Leben wie der endloſe Ocean, einförmig wogend, einfarbig Auge und Seele ermüdend; kein Gegenſtand, der mich lockte oder ergötzte, keine Geſellſchaft, keine Hoffnung, kein Wunſch auf meiner ſtillen Höhe; aber wenn im Sturm ein Schiff maſtenlos ſichtbar wurde, dann die rettende Leuchte angezündet, dann das Ret⸗ tungsbvot losgemacht, dann Lager und Ergquickung be⸗ reit gehalten für die Schiffbrüchigen am Ufer. Mein Verhältniß zu meinem Gatten wurde täglich erträglicher: wir gewöhnten uns an einander, und ich mußte mir geſtehen, daß ich ſelbſt und mein verwöhntes Herz, daß die übermüthigen Anſprüche, die meine Seele an das Leben gemacht, eine Haupturſache der Dishar⸗ monie geweſen, durch welche ich mich gefoltert wähnte. — 155⁵ O Luzie, der böſe Dämon meines Daſeyns hatte nur geſchlummert, oder er hatte hämiſch mich eine Weile aus ſeinen Klauen gelaſſen, damit ſein Schlachtopfer neue Kräfte ſammeln möchte, um deſto länger das Spiel ſeiner Bosheit bleiben zu können. So läßt das Raub⸗ thier das gefangene Thierchen zuweilen los aus ſeiner Tatze, ſpielt mit dem Geängſtigten, aber gibt es nicht aus ſeinem Bereich, und wenn es ſich gerettet glaubt, wenn es die Flucht gelungen hält, fühlt es den plötz⸗ lichen Todesſtreich. Du weißt bereits aus den Blättchen, die Du dann und wann durch die Aſſeſſorin Doll empfingſt, wie das Schickſal Güldenkron wieder in meine Nähe brachte, wie ich ihn in derſelben Kirche ſah, wo ich Chriſtin wurde durch beide Sakramente, und wo mich Mantel als ſein Eigenthum empfing, wie er meine Andacht ſtörte und durch das mühſam erworbene Gewebe meines Schein⸗ friedens riß. Das Wiederſehen wirkte auf mich wie ein Nattern⸗ viß: ich fühlte Abſcheu und Schmerz zugleich; wie ſ chnellen Tod bringend empfand ich das Gift des einzigen Augen⸗ blicks gährend im ganzen Blute. Er trug die Kleider unſerer Feinde, der Blutſauger des Vaterlandes, der Zerſtörer jedes deutſchen Friedens, deren verwüſtender Anmarſch auch den Tod unſeres alten Vaters, des armen⸗ patriotiſch⸗deutſchen Ehrenmannes, befördert hatte. Ein wirklicher Haß auf den Leichtſinnigen ſtieg in mir auf: Verderber der Menſchheit und Genoß der Verderber rief es in meiner Seele; aber ſein verändertes Ausſehen weckte neben dem Haß eine zweite, fremdartige, von mir ſelbſt nicht verſtandene Empfindung. Höher und ſchlanker ſtand er da, und ſein Geſicht hatte weit weniger Jugendblüthe als —— ——,k.— —— n 156 ſonſt. War es die Livree des Laſters, welche ſeine Wan⸗ gen trugen? Oder hätte er wirklich Gram getragen wie ich, Gram oder Reue über ſich und ſein Vergehen gegen mich? Seine Augen hatten ſich nicht verändert: dieſelbe Treuherzigkeit blickte heraus und gewann wie ſonſt, daſ⸗ ſelbe magiſche Feuer funkelte herüber, welches alle Herzen anzog. Die Mutter meinte, man ſähe es ihm nicht an, daß er ein ſo ſchlechter Menſch ſei. Aber erzählt man ſich nicht von der Klapperſchlange, daß ſie auch ſolche Augen habe, welche die armen, kleinen Sangvögel zu ihr herablocken, damit ſie die Betrogenen deſto bequemer verſchlingen könne? Er hat der Aſſeſſorin einen Schwur gethan im Got⸗ teshauſe, dieſe Augen auf das Jeſusbild gerichtet. O hätte Henriette mir dieſen Schwur ewig verborgen ge⸗ halten! Dieſer Schwur hat mich uneinig gemacht mit mir ſelbſt. Dieſer Schwur hat wie eine Windsbraut das Gebäude meiner Entſagung in Trümmer geworfen. Dieſer Schwur, wenn er kein Meineid geweſen, könnte mich in Verzweiflung ſtürzen, könnte meine Sinne in Wahnwitz verkehren und meine Seele ertödten durch ihre Kinder, durch ihre eigenen Gedanken. Still! ganz ſtill davon! Man muß ſie ſchlafen laſſen, daß ihr ſchnei⸗ dendes Geſchrei nicht wach werde. Güldenkron und Kletting trafen in unſerm Hauſe zuſammen. Es blieb nicht genug an dem Einen Quäl⸗ geiſte, die Hölle rief meine ganze Vergangenheit herauf. Aber mein letztes Zettelchen erzählt Dir ſchon davon. Ach! mein Gedächtniß iſt finſter und meine Sinne ſind wirr. Vorgeſtern war es; ich frühſtückte mit Mantel im Speiſezimmer. Eine Unruhe, die ihm ſonſt nicht eigen iſt, fiel mir ſchon mehrere Wochen auf, aber heute trat 157 ſie greller hervor denn je vorher, und ich bekam auf manche einzeln gewagte Frage kaum eine Antwort, ja oftmals nur ein abgeriſſenes, ganz widerſinniges Wort. Da meldete Friederich einen franzöſiſchen Offizier, und Todesbläſſe entſtellte des Kriegsraths Geſicht, und mit bleichen Lippen fuhr er den Diener an und ſtotterte: Du lügſt! es ſind mehrere; es iſt die Wache. Man wird Jemanden arretiren. Der arme Menſch verſicherte, er rede die Wahrheit, nur Einer ſei da, und noch dazu ein ſehr höflicher, wel⸗ cher deutſch ſpreche; und wenn er ſich nicht geirrt, ſo glaube er faſt, es ſei derſelbe Huſarenrittmeiſter, der letzthin in der Nacht uns von dem Betrunkenen frei ge⸗ macht. Eine Ofengluth brannte mit Einem Male aus Mantels hagern Wangen und ſeinen ſtechenden Augen. Das gilt wahrſcheinlich der Madame, ſagte er halb⸗ laut und ſpöttiſch; der jämmerliche Liebesritter hat ſich endlich der verletzten Ehre erinnert und kommt, ſeine Drohung auszulöſen. Hinein in mein Kabinet! Die lächerliche Geſchichte begegnet mir gerade recht, denn ich bedarf Erwärmung und Bewegung.— Ich warf einen ſtehenden Blick auf ihn, den er mit einer Wuthgrimaſſe beantwortete, und da Friederich die vordere Thüre öff⸗ nete, den Fremden einzulaſſen, ſo entfernte ich mich eilig, ſchloß aber die Thüre des Studirzimmers nicht ſo feſt, daß ich nicht hören, ja ſelbſt ſehen konnte, was vor⸗ ging. Es war mein erſter Ungehorſam im Eheſtande, aber meine Angſt verführte mich dazu und muß mich entſchuldigen. Haſtig trat Güldenkron herein, in vollem Parade⸗ ſchmucke, doch auf ſeinem Geſichte war ein Kampf von mannigfachen Gefühlen ſichtbar, und man ſah ihm an⸗ daß er verwirrt nicht die Wahl treffen konnte, was zu⸗ erſt ausgeſprochen werden mußte. Der Kriegsrath ging ihm ſteif entgegen und ſprach: Sie kommen ſelbſt, mein Herr Rittmeiſter— zu deutſch Güldenkron, franzöſiſch de Heldrin genannt— ich nenne beide Namen, weiß ich doch nicht, welches von den Janusgeſichtern Ihnen das liebſte ſeyn mag? Ich verſtehe freilich nicht ein Titelchen von der neufränkiſchen Manier in Ehrenſachen, aber bis jetzt ſandte man doch den Sekundanten und ſetzte den Streit nicht durch eigene Gegenwart fort. Güldenkron ſah ihn verwundert an. Streit zwiſchen uns? fragte er ohne Accent, wie nachſinnend. O nein, nein! Ihre Laren ſind mir hei⸗ lig. Ich habe kein Gedächtniß für Geſchehenes, denn meines Degens Stoß könnte mehr treffen als des Geg⸗ ners Bruſt. Nein, davon iſt gar nicht die Rede. Was mich hertreibt, iſt etwas ganz Anderes, etwas Entſetz⸗ liches, etwas Grauſames, das Herzen zerreißt und Leben zerſtört. Und das wäre? entgegnete Mantel ſpöttiſch. Nach des Herrn Capitäns Aeußerungen und Benehmen mußte ich glauben, nur die Ehre und ihr Ruf könnte mir das Vergnügen eines folchen Beſuchs bereiten. Streiten wir nicht um leeres Meteor, Herr von Man⸗ tel, fiel Alfred ein, plötzlich erwärmt und beſonnen. Es iſt hier gar nicht von uns, ſondern von einem Unglück die Rede, welches eine Ihnen befreundete Perſon betrifft. Vergeſſen wir jedes Verhältniß, in dem wir ſtanden, jedes, ſelbſt Ihren Stand im Staate und meinen feind⸗ lichen Kriegsrock, ſtehen wir nur als zwei deutſche Män⸗ ner uns gegenüber, verbunden, einen deutſchen Ehren⸗ mann zu retten. — M M— M — 159 Fahren Sie fort, rief Mantel mit auffallend verän⸗ derten Geſichtszügen und heftiger Ungeduld. Sie ſind ein Bekannter des Buchhändlers Palm, ver⸗ ſetzte Alfred mit Haſt, vielleicht ein Freund von dem armen Manne, wenigſtens ſah ich Sie dort in freund⸗ lichen Verhältniſſen. Der Unvorſichtige iſt ſeit vorgeſtern arretirt wegen eines Pasquills gegen den Kaiſer Napo⸗ leon und ſeine Armee; geſtern hrachten ihn die Gens⸗ d'armen in das Hauptquartier, aber der Marſchall ver⸗ ſagte ihm die Audienz, und er wurde vom Schloſſe ſo⸗ gleich in das Gefängniß der gemeinſten Verbrecher ge⸗ bracht. Ich erfreue mich der Gunſt des hochherzigen Ber⸗ nadotte: ich wagte den Gang zu ihm und bat für den deutſchen Familienvater. Mit finſtern Blicken antwor⸗ tete mir der Feldherr: Bitten Sie nicht, Heldrin, was außer den Gränzen meiner Macht liegt. Hier iſt nicht die Rede von Vertheidigung, überall nicht von Unter⸗ ſuchung; der Befehl kam unmittelbar von Paris. Ich muß den Unbeſonnenen ſogar zu Fuß zwiſchen den Pfer⸗ den der Gensd'armen dahin abführen laſſen, wenn er nicht ſelbſt die Koſten des Wagens zu beſtreiten vermag. Ich verſtummte erſchreckt, und der Marſchall wollte ſchon zurückgehen, da wandte er ſich nochmals in der Thüre ſeines Kabinets und kam raſch wieder zu mir. Ein Mittel gäbe es, den Palm zu retten, ſagte er; aber auch nur das Einzige, und doch nur, vielleicht zu retten. Seine Freunde müßten ihn bewegen, den Verfaſſer des Libells zu nennen. Kann man dieſen zur Strafe ziehen, läßt man ihn wahrſcheinlich entſchlüpfen. Aber ſchnell muß er reden, und der Pasquillant muß zu haben ſeyn. Der Zorn des Kaiſers will ein Opfer; die Aufruhrprediger ſollen durch ein blutiges Beiſpiel niedergeſchmettert wer⸗ ————— 160 den. Schafft Palm den Verfaſſer, kann ich den Auf⸗ ſchub verantworten.— Darf ich mit ihm reden? fragte ich. Darf ich im Fall ſeines Stillſchweigens ihm den Wagen verſchaffen?— Gütig klopfte mich der Mar⸗ ſchall auf die Schulter. Sie ſind ein gerader Mann, Capitän! ſagte er. Thun Sie, was Sie gut finden, aber mit Eile, denn iſt der Verbrecher aus meinen Händen, ſage ich keinen Tag gut für ſeinen Kopf.— Ich eilte zu Palm: er glaubt nicht an das Schreck⸗ liche, was ihm bevorſteht. Er appellirt an ſeinen ge⸗ rechten Baiernkönig und ruft ſich unſchuldig. Er will den Verfaſſer nicht wiſſen; o der Unglückliche kennt nicht die Geſetze des Kriegs, nicht die freie Gewalt des Siegers. Der Kriegsrath hatte geſpannt Alfreds Erzählung angehört; mit großen Glasaugen ſtarrte er in des Spre⸗ chers Geſicht und nickte zuweilen mit dem Haupte. Jetzt machte er eine krampfhafte Bewegung und fragte mit ſeltſamer Heftigkeit: Und was ſoll ich dabei? Und warum kommen Sie zu mir? Und Sie können fragen? entgegnete Güldenkron un⸗ willig. Ich, der Fremde, bin empört, bin erſchüttert bis in das tiefſte Gemüth bei Palms Schickſale, und Sie fragen, warum ich Sie aufrufe. Iſt nicht Palm ein Deutſcher, iſt er nicht Gatte und Vater, und iſt er nicht Ihr Freund? Zu ſeiner Hülfe fordere ich Sie, denn mehr wie ich vermögen Sie in dieſer Sache. Viel⸗ leicht wiſſen Sie um die Schrift, um den Verfaſſer, den Palms Hochherzigkeit verſchweigt; wenn nicht, ſo können Sie nach Nürnberg eilen, dort ſpähen, forſchen, ſich berathen, Alles aufbieten, den Streich des Schickſals wenigſtens aufzuhalten. 161 Ja ſo! verſetzte Mantel, indem er ſich über die Stirne ſtrich, auf welcher große Schweißtropfen ſichtlich perlten. Setzen Sie ſich, wir wollen Das bereden. Indeß Alfred Platz nahm, trat der Kriegsrath zu mir in das Zimmer, doch ſo abweſend, daß er mich nicht zu bemerken ſchien, nahm aus ſeinem Bücher⸗ ſchranke zu meiner Verwunderung eine Flaſche, trug ſie ſelbſt in den Speiſeſaal und füllte zwei der Gläſer mit dem Weine. Trinken wir, ſagte er, der dentſche Verſtand wird lichter bei dem Becher, ſo hielten es ſchon unſere Vor⸗ fahren. Aber Güldenkron dankte und ließ das Glas unberührt, ſprach ſich aber auf das Eifrigſte über Alles aus, was zu Palms Rettung aufgeboten werden müßte. O Luzie, welch ein greller Unterſchied leuchtete in jedes unbefangene Auge bei dem Blicke auf die beiden Männer! Mantel horchte aufmerkſam auf jedes Wort. Alſo Sie ahnen nichts von dem Verfaſſer? Palm hat nichts geäußert? Nur um die Spur ſicherer zu fin⸗ den, frage ich. Man argwohnt auf Niemanden? ſo fragte er langſam und lauernd. O hätten wir eine Spur, rief Alfred, ſo wäre er gerettet, und der Schuldige müßte aus ſeiner Finſter⸗ niß hervor! Und Sie wollen die Güte haben, mich nach Nürn⸗ berg zu begleiten? fuhr der Kriegsrath fort, mit einer Miene, die den verſchmitzteſten Spion gekleidet hätte. Ich kann nicht, antwortete Alfred mit Würde; ge⸗ rade darum mußte ich das Unbequemſte und Unſchick⸗ lichſte wagen, darum an Sie mich wenden. Ich meine, Sie fühlen, daß Sie ſonſt meine letzte Zuflucht ſeyn mußten. Mein Dienſt ruft mich auf lange vielleicht von Blumenhagen. XIII. 11 ————— 162 hier in die Berge an der Jart. Ich kann nichts mehr wirken für den Verlornen, und zögert Ihre Freundſchaft, ſo verliert eine brave Familie ihren Ernährer. Er ſtand auf und ging. Mantel geleitete ihn mit Höflichkeit und kalten Verſprechungsworten, und wie er zurückkam, goß er mit Vorſicht den Wein aus den Glä⸗ ſern wieder in die Flaſche, und verbarg dieſe in ſeiner Taſche. Luzie, was ſoll ich davon denken? Was ſich mir auf⸗ drängte, mag ich nicht ausſprechen, es wäre eine Tod⸗ ſünde, ſo etwas nur eine Minute im Raume des Ge⸗ hirns zu dulden! Ich flüchtete durch eine Seitenthüre zu meinen Zim⸗ mern, aber vergebens hoffte ich, daß Mantel mit mir über die Sache reden würde, da er weiß, wie ich Palms ehre, wie genau die unglückliche, verlaſſene Frau mir durch Jugendfreundſchaft verſchwiſtert iſt. Als wäre nichts geſchehen, ſo ruhig und kalt kam er zu Tiſche, aber recht ſtarr ſchien ſein Benehmen, und ſein Geiſt litt an Zerſtreuung und Abweſenheit der Gedanken. Luzie, was iſt ein Ehebund ohne Wechſelvertrauen, dem das Symbol des Ringes ohne Ende fehlt? Ehe ohne Liebe iſt eine Entheiligung des Allerheiligſten in der Natur, ein Kirchenraub, eine Altarſchändung, darum gehen die Verbrecher in ſelbſtgerufener Strafe neben einander wie zuſammengeſchloſſene Galeerenſklaven, ſie tragen dieſelbe Kette, ſchleifen dieſelbe Kugellaſt, aber ſie leichtern ſich die Mühſeligkeit nicht, tröſten ſich nicht mit dem Auge des Mitleids, ſondern ſchauen ſich von der Seite an mit heimlichen Blicken des Grolls, mur⸗ ren einzeln, bis der Tod die Feſſel bricht, und der Blei⸗ bende vermißt den andern nicht, ſondern fühlt ſich er, 163 leichtert, wenn er auch dann allein die Kugel weiter ſchleifen ſoll. Luzie, auch ich bin ſolchen Frevels ſchul⸗ dig, und darum muß ich die Strafe geduldig tragen, die meine Unbeſonnenheit ſelbſt auf mein Haupt rief. Mantel blieb noch einen ganzen Tag müßig und verſchloſſenen Gemüths zu Hauſe. Erſt dann, als der Lieutenant Fuſt Abſchied genommen, erſt dann, als an⸗ dere Einquartirung unſer Haus beſetzt hielt, und er ge⸗ wiß war, Güldenkron habe mit ſeinem Corps die Stadt verlaſſen, erſt dann ließ er ſein Pferd anſchirren und ritt nach Nürnberg, von wo er noch nicht wieder zurück kam. O wie kleinlich fühlt dieſer Mann! Wie mißt er ſo Alles nach ſeiner Engherzigkeit! Wie kennt er ſo wenig das Herz, das ſich ihm opferte, wie hat er ſo gar nicht verſtanden, was in einem frommerzogenen weiblichen Gemüthe lebt und herrſcht! Luzie, ſind denn die Männer vielleicht ganz anderer Natur als wir, aus einem ganz andern, härtern, unreinern Stoff erſchaffen, oder hat die Erziehung unſerer Zeit ſchuld, daß ſie alle, auch die beſſeren, nicht zu dem Bilde paſſen, welches das Weib von ihnen in der Seele trägt, welches die Religion der Jungfrau im Lilien⸗ und Roſenkranze vor⸗ zeichnet? Iſt Keiner von ihnen wahrhaft wie der Täu⸗ fer, Keiner engelmild und treu und lieb wie der jüngere Johannes? Die gute Mutter iſt bei mir. Sie reist morgen zu Dir, Deinem Kinde ihren Segen zu bringen. Ich darf ihr nicht erzählen, wie es in meinem Herzen ausſieht, ich würde die letzten Tage ihres ſchönen, fleckenloſen Lebens verbittern, aber ihre Reiſe gibt mir die trö⸗ ſtende Gelegenheit, lang und erſchöpfend meinen Gram vor Dir auszugießen, was ich nie gekonnt; ſie bringt —————— 164 Dir dieſen Brief, der mir Erleichterung gab, die ich ſo ſehr bedurfte, ſollte meine Bruſt nicht erſticken in dem lang verſchloſſen gehaltenen Gifte. Bete für Deine Adele! Nicht um Erlöſung, nein, Gott ſchickte ja den Kelch, und er wird wiſſen, wann der bittere Trank geleert ſeyn muß, nein, nur um Kraft und Ergebung bitte für mich, damit Deine Adele nicht ſinke, damit ſie Eurer werth bleibe. ¹9. Johanna Weſſel an den kittmeiſter Franz Zinnv. Nürnberg. Mord! Mord! ſchallt es durch Deutſchland, ſchallt es durch Europa; Mord! tönet es durch die ganze Erde, und von Oſt und Weſt hallet das Schreckenswort zurück wie ein Allarmruf für die ganze kultivirte Menſchheit! O daß ich ein Mann wäre, Palms Thränentuch wollte ich zur Fahne wandeln, mit dieſem Feuerzeichen die deutſche Jugend aufreißen aus ihrer Trägheit, und den allgemeinen, unbeſiegbaren Landſturm führen gegen den allgemeinen Feind! Warum zaudert ihr Männer? Ge⸗ ſchehen muß es doch einmal, geſchehen wird es, denn das Leben iſt nicht mehr ſicher unter dem Gottesfrieden der Geſetze, das Dach des Bürgers iſt nicht mehr heilig, und wo die Sicherheit des Eigenthums und Lebens nicht mehr ſtatt hat, da iſt der roheſte, wildeſte Naturſtand eingetreten, da gilt nur Wehr des Einzelnen gegen den Einzelnen, Wehr des geſammten Volks gegen die Bar⸗ barei der Dränger und Verwüſter. Männer Deutſch⸗ lands, warum thut ihr nicht jetzt, was doch geſchehen ———— 165 muß? Warum wird nicht ſchon jetzt die Senſe zum Schwert, das Pflugeiſen zur Keule, das Meſſer zum Dolche? Soll euer Egvismus, eure Verzagtheit noch durch hundert ſolche Mordthaten aufgerüttelt werden, und möget ihr mit dieſer Schamröthe in das Licht des Tages treten, das nichts beleuchtet als der Tyrannen Hohnblicke und eure Knechtſchaft? Franz, ich bin ſinnverwirrt durch das entſetzliche Leid, welches mich umgibt, durch das Verzweiflungsgeſchrei der Wittwe, durch das Wimmern der unmündigen Kin⸗ der. Führte ſein Geſchick den Tyrannen in meine Nähe gerade jetzt, ich würde thun, was die Corday that und der Brutus, und ſollte wie jener Erſten auch mein auf dem Hochgerichte gefallenes Haupt von dem Backen⸗ ſtreiche des frechen Henkers erröthen müſſen: Männer würden mit einer andern Schamröthe auf die Wangen des blutenden Hauptes blicken, Männer würden verge⸗ hen vor dem Weibe. Palm iſt hin. Alles, was wir zu ſeiner Rettung thaten, war umſonſt, denn ſein Mord war vor dem Gericht befohlen. Mehrere der hieſigen Patricier ver⸗ wandten ſich bei dem Fürſten Berthier, der Kriegsrath Mantel war in wirklicher Verzweiflung um den Freund bei uns, durchſuchte alle Papiere, um nur ein Rettungs⸗ argument zu finden, eine Bittſchrift der Frau ging ab an den Miniſter Otto zu München, aber Alles blieb vergebens. Man ſchleppte ihn nach Braunau, ihn, den Bürger und Unterthan des bairiſchen Monarchen, des Bundesgenoſſen der Franzoſen, richtete ein Kriegsgericht von ſieben feindlichen Obriſten: dieſelben, die ihn an⸗ klagten, die ſich durch das unglückſelige Libell beleidigt glaubten, ſprachen ſein Urtheil. Iſt das erhört worden, 166 ſo lange Staatsbündniſſe geſchloſſen wurden, ſo lange Geſetztafeln geſchrieben und geheiligt wurden? Binnen vier Tagen iſt er ohne Defenſor verhört, verurtheilt und gemordet worden. Und wie gemordet! Gleich einem Miſſethäter gebunden, auf einen ſchlechten Karren zum Richtplatz geführt, und erſt durch die dritte Salve der zitternden Kriegsknechte getödtet nach langer Pein! Die Scheußlichkeit der That empfanden ſelbſt die Genoſſen ſeiner Mörder: der Feſtungscommandant Hilaire reiste fort, um nicht Zeuge der Gräuel zu ſeyn, der Colonel Nikolas zerbrach ſeinen Degen, als er vom Gerichte rückkehrte, der Obriſt Ardant machte ſich krank, um nicht unter dem Blutrathe zu ſitzen und ſeinen Namen vor einer ganzen Welt zu entehren. Auch in ihrer Furcht entſchleiert ſich ihr Gewiſſen: die Kanonen der Wälle waren bereit und gegen die Stadt gerichtet, ein kleines Armeecorps rückte aus, Bajonette und Säbel dräuten um eines unbedeutenden Bürgers willen, der Comman⸗ dant des Trauerſpiels lobte Palms Standhaftigkeit. Alles das ſchrieb uns der Geiſtliche, der ihm den letzten Beiſtand gab; ein Brief des Märtyrers, erſchütternd durch den Seelenſchmerz, die Geiſteskraft und den ſchö⸗ nen Glauben, der aus jeder Sylbe ſpricht, und ſein Thränentuch war dabei: heilige Reliquien, theure Pfän⸗ der für die Familie, für die Vaterſtadt, für ganz Deutſch⸗ land, welche aber nicht lebendig machen können, was durch Frevel unterging. O mein Franz, welche Tage habe ich erlebt zwi⸗ ſchen den Verwaisten, den grauſam Beleidigten und Be⸗ raubten! Welche Kraft entwickelt ſich aber auch durch die Stunde der Nothwendigkeit in dem ſchwächſten We⸗ ſen! Prieſterdienſt mußte ich verſehen bei der wahn⸗ * 167 witzigen Wittwe, Muiterdienſt verlangten die Waiſen von mir, Herrenumſicht bedurften die verwirrten Haus⸗ leute. Jetzt, da Alles wieder ruhiger fluthet, da die nächtliche Kirchhofsſtille an die Stelle des Tumults ge⸗ treten iſt, fühle ich die Abgeſpanntheit aller Kräfte, und rufe Dich zu Hülfe. Komm eiligſt auf den Fittichen der Liebe und führe Deine Braut hinweg aus dieſem Lande des Entſetzens, flüchte mich fort in Dein Vaterland, wo ein milder Volksvater regiert, wo ſelbſt der Verbrecher menſchlich gerichtet wird, und die Gnade neben der Ge⸗ rechtigeeit wandelt. Ich bin wie in einer Raubhöhle: Blutdunſt wehet mich an überall, und geſpenſtiſche Schat⸗ ten verfolgen mich. Die Reichsſtädter ſind zermalmt durch den ſchauder⸗ haft⸗überrachenden Mord. Sie, welche ſo eben ſich noch ſo viel zu git thaten auf ihre Schattenfreiheit, auf die ſpaniſchen Mintel und die ehrwürdigen Allongeperrücken ihres Senats, und von ihren roth und ſchwarz halbirten Trabanten ſich vewahrt glaubten gegen den Angriff des ganzen deutſchen Reichs, ſie laufen wirr umher wie die Heerde, in welche der Wolf brach. Auch ihre Zunge iſt lahm geworden, dinn ſelbſt die Beſſern erſchracken vor meinem Ausruf und wollten mich ſchweigen machen, und nannten den braven Palm ein Opfer der Kriegszeit. Der Krieg iſt eine Verirrung der Menſchheit, aber er war, ſeit Völker reben Völkern wohnen; frei zieht der Soldat ſeiner Fahne nach, frei bewegt ſich ſeine Kraft gegen die Kraft des Gegners, und im Kriege ent⸗ wickelt ſich die Herrliokeit des Heldenmuthes, darum ſchreit die Menſchheit ncht auf, wenn in der Schlacht dem Ehrgeize der Herrther Tauſende fallen, und ſelbſt die Nachgebliebenen habn einen Stolz neben der Thräne, 168 denn ſie theilen die Ehre des Siegs, ſie haben Theil an der Rettung des Vaterlandes. Aber wenn die Waffe, welche beſchützen ſoll, auf die Bruſt des friedlichen, wehrloſen Bürgers ſich richtet, dann wird ſie zum ver⸗ gifteten Stilett des Banditen, dann tönt das Mordge⸗ ſchrei durch das Volk, dann gilt das Eine geſtohlene Leben mehr, als die tauſend freiwillig hingegebenen, Hat Herzog Enghiens Fall die Könige empört und neu bewaffnet, ſo wird Palms Name die Völker aufrufen, wird das Feldgeſchrei der aufſtürmenden Bürger ber⸗ den, der ſchwarzen Schaaren, deren unermeßlicher Wet⸗ terſturm den drohenden Koloß zuſammenwirft. Auch Du, Franz, nannteſt einſt Napoleon den Mann des Zeitalters, den Wiederherſteller der verrügten Welt⸗ ordnung, den erſten Feldherrn des Jahrhunderts, und freuteſt Dich darauf, gegen ihn zu fechtenda ſelbſt in der Beſiegung Ehre zu gewinnen. Rede himmer wie⸗ der ſo zu mir! Und wäre Er der Erſte der Menſchen, dieſer Eine kleinliche Mord bedeckt mit einem ſcheuß⸗ lichen Bluttuch alle goldenen Tafeln ſeiner Thaten. Wie der Mord des Parmenio und Clitus Alexanders Sonne verlöſchte, wie jede rieſige Größe Cwmwells durch Kö⸗ nig Karls blutigen Schatten zum ſcheußlichen Zwerg zuſammenkreucht, ſo werden Enghieis und Palms Namen unverloſchen auf dem Lebensblate Napoleons ſtehen, wenn jede andere Schrift längſt daſauf verwiſcht worden. Fort zu Deinen rauhen Ungarn mein Zinno! Schreck⸗ lich ſind mir dieſe buntgefärbter, glatten Schlangen⸗ häute in meiner Umgebung, ich fülle in jeglichem Traume ſchon ihre weißen, blendenden Zähne auch in meiner Bruſt. Wo kann Vertrauen ſeyt, wenn das Heiligſte nicht heilig bleibt? Wer das frinde Leben nicht achtet, 169 der glaubt keinen Gott, der ſchreitet wie das kalte, fürch⸗ terliche Geſpenſt des atheiſtiſchen Selbſtmörders unter den Menſchen umher. Führe Deine Braut fort in Dein frommes, ehrliches Vaterland! Kommſt Du nicht ſchnell⸗ ſo nehme ich das Kleid eines bettelnden Bauernknaben, und wage allein die Flucht durch dieſe mitleidsloſen Horden zu Dir, denn nur in Deinen Armen wird mein Frieden kehren, wenn ich auch dort nie vergeſſen kann, was ich ſah und zur Schande unſerer Zeit erleben mußte. 20. Licutenant Fuſt an den Doktor Degenknauf. Waldſchlößchen bei Pretta. Der Reiter und ſein geſchwindes Roß, das ſind gar gefürchtete Gäſte, er ſchonet nicht Hütte und Haus und Schloß, und nimmt überall ſich das Beſte, das weichſte Bett und der köſtlichſte Wein muß jeder Zeit ihm zu Dienſten ſeyn. Ja, Herr Bruder, es iſt ein lockeres Le⸗ ben, das wir treiben, und Schillers ganze Kapuziner⸗ predigt vom Alpha bis zum Omega paſſet auf uns, als hätte er die Wallenſteiner geklopft, aber uns ge⸗ meint. Das geht aus einer Wirthſchaft in die andere, und die meiſten unſerer Kameraden wirthſchaften im fremden Eigenthum alſo, daß dem rechten Wirthe nicht viel zu wirthſchaften übrig bleibt. Lange kann das auf ſolche Weiſe nicht fortgehen, denn iſt der Deutſche auch die ehrlichſte und gutmüthigſte Species unter dem Genus der Gabelthiere, und gab ihm der Herrgott auch eine Rhinoceroshaut, der Hunger wird ihn dazu treiben, — 170 wohin ihn die Ehre nicht treibt, weil er ein gar zu gottesfürchtiges und treuherziges Geſchöpf iſt. Wenn ich an Roßbach denke, und daß auch meine Mutter eine Deutſchk war, ſo könnte ich mit meinem Alfred zu grollen anfangen, daß er auch mich zum Ele⸗ phanten verdung, den des fremden Treibers Stachel zum Niedertreten hetzt, wo er aufrichten möchte. Das Wort Subordination iſt aus lauter feinen, kaum ſicht⸗ baren Ketten zuſammengeſetzt: man achtet es kaum, wenn man die blanken Dingerchen wie Zierrath ſich um⸗ legt, bewegt man ſich jedoch darin, o ſo iſt ihr gemein⸗ ſchaftliches Gewicht zentnerſchwer, und zieht die freie Natur zum Boden, daß man ſich dem Gewürm ver⸗ wandt fühlt, welches auf dem Bauche kreucht und mit den Augen nach unten nichts ſieht als den Staub, durch den es muß. Güldenkron iſt auch nicht wie anfangs: wortarm und finſter ſchnallt er den Sarras um, wenn die Trompete ruft, aber ſein Ehrgeiz hält ihn feſt, vor⸗ züglich jetzt, wo im Norden neue Wetter aufziehen, und wenn des Marſchalls Lauſcher recht horchten, von der Brennenſtadt Angriff und Rechenſchafts⸗Forderung dräut, die mich erfreuen ſollten auch unter dieſem Dolmann. Wir wurden eines Morgens früh auf das Ansbacher Schloß commandirt, wo der hochgewachſene Bernadotte die verſammelten Offiziere nicht lange auf ſich warten ließ. Wir waren gewohnt, digſen von der Natur ſelbſt zum Helden geſtempelten Führer immer mit gütiger Miene und freundlichem Lächeln unter uns zu ſehen, aber dieſes Mal lagen Gewitter auf ſeiner zurückgebv⸗ genen Stirne, Blitze ſchoß das ſchwarze Feuerauge über die Scipionennaſe hin, und das charakteriſtiſche Manöver des zwölften Karls wurde von ihm gar oft wiederholt: 71 die ſtarke Commandohand wühlte und zauste gewaltig in dem ſchwarzgelockten Scheitelhaar. Er benachrichtigte uns, wie der Aufruhr in der Provinz, die ihm vertraut, um ſich zu greifen ſcheine und ernſthaftere Maßregeln vefehle. Die Berge und Holzungen an den Gränzen des Stifts Ellwangen wären der Hauptſammelplatz des verwegenen Geſindels, welches ſich aus verſprengten Soldaten ſeit dem Rückzuge des Erzherzogs Ferdinand, aus Zigeunerhorden und Vagabunden aller Art gebil⸗ det habe. General Vatié, der jene Gegend bislang be⸗ ſetzt gehalten, habe die Sache nicht ernſtlich genug vehandelt, dagegen aber ſeiner Brigade zu Vieles nach⸗ geſehen, dadurch den Landmann unwillig gemacht, und verurſacht, daß eine Menge der Dorfbewohner ihre Wohnungen verlaſſen und ſich zu den Unruheſtiftern ge⸗ ſchlagen hätten, ja daß mehrere in Berg und Holz verſteckte Dörfer zu voller Inſurrection gekommen. Er verkündete uns, daß General Vatié auf ſeinen Befehl abmarſchiren würde, dagegen General Potier beſtimmt worden, mit ſeiner leichten Brigade das Ablöſungs⸗ Commando zu bilden, und unſere Huſaren, vom Colo⸗ nel Kracht commandirt, der Infanterie zum Succurs folgen würden. Er empfahl jedem Offizier ernſte und kräftige Maßregeln, aber zugleich ſtrengſte Ordnung und Mannszucht. Enden Sie ſchnell, meine Herren, ſo ſchloß er, dieſe ärgerlichen Auftritte, gegen welche jeder echte Soldat mit Widerwillen ziehen muß. Ich hoffe, Sie bald gegen einen beſſern Feind zu führen, wo neue Ehre zu gewinnen iſt, und wo Sie baldigſt das Unan⸗ genehme des gegenwärtigen Auftrags vergeſſen werden. Führen Sie dieſen kleinen Krieg, ſetzte er lächelnd hin⸗ zu, wie jenen mit den Mamelucken und Beduinen der 172 egyptiſchen Wüſten. Vorſicht, kraftvolle Maßregeln, raſche That, doch nirgend Härte, nirgend Grauſamkeit find die Mittel, ſolchen leichten Sturm zu beſchwören und mit Schnelle den ausgetretenen Strom in ſeine ruhigen Ufer zurückzudrängen. Aber mehr als in der Schlacht bedarf es hier der Beſſeren, und darum habe ich die Beſten meines Corps für dieſen Dienſt erwählt. Er entließ die Verſammelten mit freundlicher Kopfnei⸗ gung, doch ſeine Hand winkte meinen Capitän zu ſich. Heldrin, ſprach er vertraulich, Sie ſind in kurzer Zeit ein vollendeter Soldat geworden. Wo die Natur zum Helden hilft, bedarf es ſo wenig des Sporns und der Zucht, wie bei dem Adler und Löwen. Ich habe Sie beachtet und lieb gewonnen; bleibt das Glück Ihnen ge⸗ wogen, ſchützt Sie der Schild des Kriegsgottes, ſo hoffe ich auf der Ehrenbahn Ihnen den Platz zu geben, der Ihnen gebührt. Franzöſiſche Gluth, ſchwediſche Ritter⸗ lichkeit und deutſche Geradheit ſind in Ihnen verſchmol⸗ zen. Ich ahne, wir theilen noch manchen ſchönen Tag. Für jetzt will ich Ihnen einen Beweis meines Ver⸗ trauens geben. Vatié's Reiter haben ſchändlich gehaust in jenen Bergen. Beeifern Sie ſich, durch Ihre Leute den Eindruck zu verwiſchen. Mein Payeux wird Ihre Chatoulle füllen, verwenden Sie das Geld, wo Sie irgend Noth finden: der Name Bernadotte ſoll nicht mit einem Fluch genannt werden in Deutſchlands Provinzen⸗ und was ihm von Härte und Bedrückung beigelegt wird, ſoll bei den edlern Richtern Entſchuldigung in der eiſer⸗ nen Kriegszeit finden. Ich hoffe von Ihnen Nachricht, und wünſche baldige und fröhliche Wiederkehr. Er drückte dem überraſchten, betroffenen Alfred herz⸗ lich die Hand, und wir ſchieden. — —.——— —————— 173 Trommel und Trompete rief nicht lange darauf, und wir beſtiegen die Roſſe und verließen die Stadt. Güldenkron ritt neben mir mit beklommenem Herzen und beängſtetem Gemüth: ich ſah es ihm an, wenn er auch keines ſeiner Gefühle laut werden ließ. Hätten wir doch auch nie in das Frankenland kehren müſſen, wo ſo Vieles beitrug, mir den jungen Helden irre zu machen, und was ich an ihm erzogen, zu verderben. Mein Achill hatte wiederum die verdammten Weiber⸗ kleider angezogen, und ich freute mich innerlich, daß ein Ulyß⸗Bernadotte ihn aus dieſem verführeriſchen Skyros verſcheuchte, wo er zuletzt noch eine wahre, weinerliche Pyrrha geworden wäre. Der Marſch durch das Freie und die muntere Um⸗ gebung der tapfern Schaaren wirkte auch gar bald auf ihn, das ehrenvolle Vertrauen des Marſchalls hatte ihn erwärmt, er tummelte mit Luſt ſein Roß, und ſein Auge zeigte langvermißte Sonnenblicke. Wir zogen durch die Stadt Herrieden, paſſirten das Flüßchen Altmühl, und verührten bald die berüchtigte Berggegend, wo unſere Menſchenjagd beginnen ſollte. Ein ſchöner Landſtrich nahm uns auft rundum wölbten ſich Hügel und Berge, mit dem reichſten Wald bewachſen, blühende Thäler und Schluchten öffneten ſich einladend dazwiſchen, und überall rieſelten und ſprudelten friſche Bäche, oder rauſchten kleine Flüſſe an uns vorüber. Die Gegend gab ein wahres Gaudium für einen kundigen Jägersmann; lei⸗ der waren wir aber zu keiner vergnügten Hatze ange⸗ ſtellt, und konnten uns um das echte Wild nicht küm⸗ mern. Zwiſchen der Wernitz und der Jart, welche Al⸗ fred an den Mann mit der eiſernen Heldenhand erin⸗ nerte, deſſen Ahnenhaus nördlicher von ihr beſpült wird⸗ 174 faßten wir Poſto, und mein Capitän und ich wurden in ein freundliches Landhaus quartirt, indeß unſere Com⸗ mandeurs ihren Sitz zu Bretta und Rotth einnahmen. Unſer Logiment hatte Bequemlichkeit und eine köſt⸗ liche Lage, von Laubholz umgeben und beſchattet, über uns eine romantiſche Bergwand, welche die Reinsburg trug. Anfangs ließ ſich weder Wirth noch Wirthin plicken; die wilden Jäger des Generals Berthier hatten in dieſem abgeſchloſſenen, deutſchen Paradieſe ein ſibari⸗ tiſches Schlämmerleben geführt und das Unmögliche ver⸗ langt, und ſelbſt die exceptio cappadociana, qui nil hat, nil dat, kaum gelten laſſen. Als wir daher in den erſten Ruhetagen die theuern Weinflaſchen faſt unbe⸗ rührt ſtehen ließen und ſtatt der vielfachen, leckern Schüſ⸗ ſelchen uns gute Hausmannskoſt bei dem Verwalter be⸗ ſtellten, mit dem Großknecht und den Mägden uns in freundliche, deutſche Geſpräche einließen, mit den Büch⸗ ſen am Nacken die Hölzer durchſtrichen, die herrlichen Höhen beſtiegen und den erlegten Rehbock in des Wirths Küche lieferten, da kam Zutrauen in die geplagten Menſchen: der Herr des Gütchens, ein gebildeter, feiner Mann, Namens Redlich, deſſen Geſicht ſeinem Namen nicht widerſprach, näherte ſich uns, ſchüttete ſeine be⸗ gründeten Klagen gegen uns aus, und ſchien Troſt in dem zu finden, was wir ihm von dem Truppenwechſel und den Grundſätzen und Aeußerungen des Marſchalls ſagen konnten. Freilich hielt Alfreds Wortkargheit und ſeine Verſchloſſenheit, die ſich, ſo wie er aus dem Bügel geſtiegen, wiederum eingefunden, jede Näherung ab, aber mich kümmerte das nicht: Herr Redlich war ein paſſionirter Jäger, und ſo mußte der Fuſt nach wenigen Stunden mit ihm bekannt ſeyn, als hätte er ſchon ſeit — 175 Monden Schmollis mit ihm getrunken, und unſere Freund⸗ ſchaft wuchs ſo wunderbar raſch, daß ſelbſt die Guts⸗ herrin, ein nettes kleines Weibchen, mit ihrem blonden Säugling vom Verſteck im Erker ſich herabwagte, und die lang entbehrten Geſchäfte des Haushalts wieder über⸗ nahm. Leider dauerte dieſes Friedensleben nur kurze Weile. Wenn auch zuerſt, durch den neuen Truppeneinmarſch eingeſchüchtert, durch die Feldſtücke, welche wir mitge⸗ bracht, erſchreckt, die Rebellen ſich einige Tage ruhig gehalten, riefen die Verwegenen doch bald das Gericht ſelbſt auf ihre Häupter herab. Schon auf dem Her⸗ marſch waren mehrmals aus dem Dickicht Schüſſe auf unſere Kolonnen gefallen, da ſie jedoch keinen Schaden angerichtet, hatte ſich Niemand darum bekümmert. Jetzt aber kam die Nachricht, daß in der Nacht mehrere Rot⸗ ten der Empörer einzeln liegende Piquets der Volti⸗ geurs angefallen, daß ſogar ein dreiſter Haufe der Un⸗ ruhigen ein Commando im Dorfe überrumpelt und ihm faſt das zugegebene Geſchütz entführt hätte. Blut war gefloſſen und wir hatten mehrere ſchwer Bleſſirte. Der General, welcher klüglich gezaudert, um das Terrain und den Feind kennen zu lernen, mußte jetzt nothge⸗ drungen losbrechen, und die Hälfte der Brigade rückte aus, ſäuberte die nächſten Umgebungen und ſtöberte die Schlupfwinkel und verdächtigen Walddörfer durch. Da lernten wir denn unſere Gegner von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht kennen, und die Bekanntſchaft konnte uns keine Freude bringen. In einem Hohlwege begrüßte uns ein Dutzend dieſer Wildfänge mit einem Kugelregen, welcher uns fünf wackere Huſaren koſtete, ihnen aber nicht we⸗ niger perderblich war. Die gewandten Voltigeurs dran⸗ 3 176 gen buſchein, eine kleine Thalpläne, durch welche die flüchtigen Freiſchützen paſſiren mußten, gab ſie unſern Säbeln Preis, und nicht Einer kam davon. Ich er⸗ wiſchte einen furchtbaren Kerl, einen leibhaften Rinaldini: der breitrandige Filzhut, das gelbbraune Geſicht mit dem rothen Rabbinerbarte, die ſchmutzigen Pluderhoſen, Piſtolen im Ledergurt, der ein unreinliches Hemde um⸗ ſchloß, der rothe Mantel, welcher zuſammengerollt die Bruſt umgab, die nackten Henkersarme, das lange Meſ⸗ ſer, mit dem der Schurke nach mir ſtach, als meine Fauſt ſchon ſeinen Nacken quetſchte, konnten einem No⸗ vellenſchreiber das ſprechendſte Bild eines römiſchen Ban⸗ diten liefern, und ſtammte der grauenhafte Burſche doch auch von jenen Rothmänteln ab, die ehedem ein Schre⸗ cken der brabantiſchen Bauern geweſen, und deren Ge⸗ wohnheitsſpruch: Halt ſtill, Bauer! dauert nicht lange und thut nicht weh! womit ſie ihren Gurgelſchnitt zu vegleiten pflegten, noch lange Zeit in den niederländi⸗ ſchen Ohren nachklingen wird. Unter den übrigen Ge⸗ fangenen trafen wir auch einige ganz rechtlich ausſehende Landbewohner, vorzüglich erweckte unſer Mitleid ein blutjunger Menſch von einnehmender Bildung, welchen der General auch ſofort abſondern ließ, und der ſich durch gute Behandlung nach einer Weile dazu verſtand, manche Notiz zu geben, die uns nützlich ſeyn konnte. Mehrere der Oberoffiziere verlangten in der erſten Wuth das Blut der Gefangenen, Potier jedoch, von Gülden⸗ kron und mir unterſtützt, verſagte das Racheopfer und befahl, die Unglücklichen in das Hauptquartier zu brin⸗ gen. Nur mein toller Rothmäntler, der ſich ſo unge⸗ berdig benahm wie ein andaluſiſcher Kampfſtier, wurde zum Warnungsbeiſpiele der übrigen niedergeſchoſſen und M— M 177 ſein bärtiger Kopf auf einen Pfahl gepflanzt gegen die Berge hin. Der General entwirft jetzt nach den Angaben des jungen Priſonniers einen Hauptangriffsplan, um die Meu⸗ terer in ihren feſteſten Aſylen zu überraſchen; das flinke Fußvolk freut ſich auf die Jagd, aber unſern Huſaren ſchmeckt der ungewohnte Buſchdienſt nicht: der Tod ihrer Kameraden hat die Eiſenherzen entmuthigt, ſie murren und wagten ſogar ſchon gegen uns deutſche Offiziere Stachelreden, die den alten Kracht zu ſtrengen Straf⸗ edikten zwangen. Ich kann ſie nicht verdenken; denn gegen einen Feind zu ziehen, den man nicht ſieht und nicht ereilen kann, iſt eine miſerable Don Quixote⸗Arbeit, und ich ſelbſt wollte lieber, wir ſtänden einer Küraſſier⸗ Diviſion oder einer donnernden Batterie gegenüber. 21. Die Aſſeſſorin Doll an Luzie Redlich. Ansbach. Ich ſende Ihnen dieſes durch einen Eilboten zu Pferde, um Sie auf die Ankunft Ihrer Schweſter, unſerer un⸗ glücklichen Adele, vorzubereiten, welche mein Mann in Ihre Arme führen wird. Ein neuer, unerwarteter Schlag des unverſöhnlichen Schickſals hat die Verfolgte getrof⸗ fen. O iſt es nicht verzeihlich, Luzie, daß der Menſch zu Zeiten zweifelt an der Allbarmherzigkeit? Wenn die Mutter ihr letztes Kind in das Grab legt, wenn einer Familie der treue Vater, der fleißige Ernährer geraubt wird, wenn Ein Kriegestag den Erwerb eines ganzen Menſchenalters vernichtet, wenn alles Unglück der Erde Blumenhagen. KlII. 12 178 auf ein einziges, unſchuldiges Haupt gedrückt wird, und man die Frömmigkeit unter der Dornenkrone ſinken ſieht, indeß das Laſter und der Uebermuth in allen Genüſſen des Daſeyns ſchwellt, indeß der Sohn der Fortuna auf ſtolzem Prunkwagen, des Schickſals, der Gottheit und ihrer Vergeltung ſpottend, dahin rauſcht, iſt es da nicht verzeihlich, wenn man hinauf fragt: Allgerechtigkeit, wo wohnſt du, und warum ſäumt deine Hand? Sie wiſſen, daß Ihre gute Mutter auf der Reiſe zu Ihnen bei Adelen verweilte, daß wir die ehrwürdige Frau zu der Tochter begleitet hatten, und nach ihrer Weiter⸗ fahrt einige Tage bei Adelen zubrachten. Der Kriegs⸗ rath ritt in Palms Angelegenheiten nach Nürnberg und kam erſt nach zwei Tagen heim. Er ſchien uns krank, fieberhaft und ſein Gemüth litt ſichtlich; aber bei der herriſchen, zurückſtoßenden Weiſe, die in ſeinem Cha⸗ rakter lag, konnte ſelbſt der Aſſeſſor ſein Vertrauen nicht gewinnen. Geſtern kam die Schreckensbotſchaft von Palms Hinrichtung bei uns an, und das Urtheil des Kriegs⸗ gerichts, welches ihn mordete, wurde überall öffentlich angeſchlagen. Abends gerieth das entſetzliche Blatt in die Hände des Herrn von Mantel, der wie vernichtet niederſank und erſt ſpät aus einer tiefen Ohnmacht er⸗ weckt werden konnte. Wir Alle waren voll Sorge um ihn, aber er trieb uns, ſelbſt ſeine ängſtliche Gattin, mit gränzenloſer Härte von ſich, ließ in ſeinem Studir⸗ zimmer das Bett bereiten und behielt nur ſeinen Kammer⸗ diener bei ſich. In der Nacht iſt er aufgeſtanden, hat Papiere verſiegelt, andere verbrannt, viel in ſeinen Schränken gekramt, und dann den Diener fortgeſchickt. Morgens früh wurden alle Schläfer des Hauſes durch den Ruf des Entſetzens erweckt. Gräßlich entſtellt, mit ———„—— c———— ———„8 179 verzerrten Geſichtszügen fanden wir den Kriegsrath todt auf dem Boden vor ſeinem Bett; die Flaſche mit Gift fand ſich auf dem Nachttiſche neben der niedergebrann⸗ ten Wachskerze. Palms Schickſal ſcheint ihn zu dieſem Gewaltſchritte getrieben zu haben; vielleicht kannte er den Verfaſſer jener Unglücksſchrift, vielleicht hatte er ſelbſt Theil daran. Mag es ſeyn; er hat ſich ſelbſt ge⸗ richtet, und wir haben die Art und Weiſe ſeines Todes glücklich verhehlt und mit Hülfe des Hausdoktors einen Schlagfluß vorgegeben. Der Zuſtand unſerer geliebten Adele iſt unbeſchreib⸗ lich. Nach dem erſten Anblicke der Leiche verfiel ſie in einen Starrkrampf, welcher ſtundenlang anhielt. Mit weit offenen, trockenen Augen ſaß ſie da, die Hände gefaltet, und hätten wir ihr ſchweres Athmen nicht ver⸗ nommen, wir würden eine Todte vor uns geglaubt haben. Endlich brach ſich die Erſtarrung, und erleichternde Thrä⸗ nen ergoßen ſich auf meine Bruſt. Es waren Thränen des Mitleids und des Jammers um eine verlorene Seele, keine Thränen der Liebe. Wir wiſſen ja, daß dieſer Mann nicht geſchaffen war, Liebe zu geben oder zu er⸗ wecken. Aber die fromme chriſtliche Gattin zollte auch dem Tyrannen die Opfer ihres Herzens, und ihre Ge⸗ bete für ſeine Vergebung klangen ſchmerzlich und herz⸗ zerreißend zum Himmel, wo er gerichtet wird. O Henriette, ſprach ſie zu mir in der erſten beſon⸗ nenen Minute, war ich noch nicht geprüft genug? Hatte ich den einzigen Fehltritt, hinter dem Rücken meiner El⸗ tern einem Manne mein Herz geſchenkt zu haben, noch nicht abgebüßt? Mußte ich die Wittwe eines Verbrechers werden, entehrt vor der Welt durch ihn und verfolgt von ſeinem Geſpenſt durch mein künftiges Leben? 180 Ich tröſtete, ſo viel ich konnte. Sie ſchüttelte das blonde, vleiche Haupt, welches der Gram nur verſchönerte, und antwortete: Mein Leben war ein langer Schmerz; kamen Freuden, ſo erſchienen ſie nur als Vorläufer eines neuen Kummers, wurden nur geſendet, mich zu erſtarken für die neuen Wunden. Aber Gott ſchickt Prüfung und Buße, und was von dort kommt, trägt das Kind mit Geduld; er ſendet ja zuletzt auch den erlöſenden Engel, und wer hier ſchwer beladen war, wird dort leicht werden und unbelaſtet ſich freuen dürfen. Sie wollte nicht mit uns nach Erlangen; ſie drang auf ſchnelle Abreiſe zu Ihnen. In der Einſamkeit Ih⸗ rer Berge will ſie ein Verſteck ſuchen gegen die Verfol⸗ gung des Geſchicks, dort will ſie trauern um die ver⸗ lorene Jugend. Und die Vernunft wird, von dem Glau⸗ ben unterſtützt, am Buſen der Schweſter und in den Armen der Mutter am ſchnellſten ſich zurecht finden, da bei dieſem Ereigniß nur das Entſetzen verwiſcht werden darf, um den Schmerz ebenfalls zu enden. Adele, wenn auch gebeugt, bleibt an Seelenſtärke immer noch ein Muſter ihres Geſchlechts, und die einzige, unwiderruf⸗ liche Uebereilung ihres Lebens hat der Tod gut gemacht. Mein Mann bringt Ihnen die geliebte, tiefgeſchla⸗ gene Frau; zurückgekehrt wird er mit Freuden alle Ge⸗ ſchäfte übernehmen, welche die Lage der Dinge und der Anſpruch der Wittwe hier nöthig machen könnten, und auch meine Freundſchaft wird dabei nicht müßig bleiben. hatten, und in welchen die Dörfer ſtanden, die ihnen 181 22. Lieutenant Fuſt un den Doktor Degenknauf. Waldſchlößchen, unter der Reinsburg. Auch Patroklus mußte ſterben, und war doch ein beſ⸗ ſerer Mann als er! Dieſen Spruch des römiſchen Klaſ⸗ ſikers habe ich mir ſchon hundert Mal vorgepredigt, aber er iſt kein Zauberſpruch, der mein Herz verſteinert und die Angſt von der Bruſt nimmt. Es ſind wunderliche Dinge mit uns geſchehen, und Dir werden die Haare etwas zu Berge getrieben wer⸗ den, wenn Du dieſe ſchweren Blätter durchläufſt. Das rebelliſche Geſindel trieb es zu arg in den Ta⸗ gen nach unſerer erſten Affaire im Holze. Mochte ſie das Schreckbild des Banditenhauptes auf dem Gränz⸗ pfahle gleich dem Meduſenbilde auch anfangs verſteinert haben, bald zeigten ſie ſich wieder an den ſtiftiſchen Grän⸗ zen und in der Gegend des Kloſters Gnadenthal. Gleich Peter dem Einfiedler hatten die Mönche ſie durch er⸗ neuerte Kapuzinerpredigten begeiſtert zum Kreuzzuge ge⸗ gen die Gottesläugner, wie man uns überall titulirt, und von einer wahren Hundswuth ergriffen, wurden ſie jeden Tag dreiſter, und Einzelthaten geſchahen von dieſen Armſeligen, die ein Blatt auf der Geſchichtstafel und einen Homer verdient hätten. General Potier comman⸗ dirte dieſerhalb zum großen Treibjagen, und eines Mit⸗ tags rückte die ganze disponible Mannſchaft aus. Die Fußjäger umſtellten im weiten Kreiſe jene Holzungen, welche die böſe Erfahrung und die Ausſagen der Ge⸗ fangenen als die Sammelplätze der Freicorps beſtimmt 182 bislang als kleine Kaſtelle gedient, und in die man keine Truppen zu legen gewagt. Indeß das Fußvolk in die eingekreisten Waldungen vorrückte, und in korreſpondi⸗ renden Kolonnen fortſchreitend den Jagdzirkel immer enger zog, ſollte die Cavallerie, welche früher ausmarſchirt, die entgegengeſetzte Seite, wo die Berge von mehreren Thälern durchbrochen waren, beſetzt halten und gleich⸗ ſam die Schützen auf dem Anſtande vorſtellen, die das herangetriebene Wild in Empfang nahmen und es abfingen. Der Plan war nicht unrecht erfunden und leuchtete mir, als einem eingefleiſchten Jagdkumpan, ganz be⸗ ſonders ein; jedoch hatte man nicht bedacht, daß wir keine Haſen, Edelhirſche, Füchſe oder Eber vorfinden würden, ſondern eine erboste und verzweifelte Menſchen⸗ rage, welche die Eigenſchaften der beiden letztern Thier⸗ ſpecies, bis zur Virtuoſität ausgebildet, in ſich trugen. Die Reiter marſchirten ganz in der Ordnung ab und kamen bald an die bezeichneten Plätze. Der Comman⸗ dant vertheilte ſein Corps in drei Haufen, welche drei verſchiedene Thalſchluchten beſetzten und die Ausgänge obſerviren ſollten. Colonel Kracht führte eine Escadron unſerer Huſaren zu der entfernteſten Bergſchlucht, und Güldenkron und ich befehligten unter ihm. Die Mann⸗ ſchaft ſaß ab und ruhte mehrere Stunden unter dem Schat⸗ ten der Eichen und dem Dache der dunkeln Fichten; aber uns Offizieren mußte es auffallen, daß unter den bär⸗ tigen Kriegsleuten heute keine Spur von muntern, freien Launen herrſchte, die bei andern Zügen ihnen gewöhn⸗ lich geweſen. Mit finſtern Geſichtern lagen ſie neben einander; kein Witzwort, das dem Franzoſen ſonſt ſo eigen, wenn er gemächlich ruht, erklang; leiſe murmel⸗ ten ſie mit einander, und ſelbſt die Flaſche ging ſelten M — — S— — 183 in der Runde um. Es wollte mir bedenklich ſcheinen, ich ſprach mit Güldenkron davon, aber der dienſteifrige Jüngling blickte kaum hin und ritt mit dem alten Kracht tief in den Wald hinein, das Terrain zu erkunden. Man hörte endlich fern einzelne Schüſſe fallen, ja ſelbſt einige Male den Knatterlauf vom Diviſionsfeuer, aber keiner der braunen Reiter ward dadurch allarmirt, keiner ſprang vom Boden kampfluſtig zum Gaule, und ich flüſterte mein: Non accipio Omen! mehrere Male in die laue, erquickliche Bergluft hinauf, und pfiff mir auf und ab gehend den Vogelfänger. Kracht und Güldenkron kamen jetzt im Trabe zurück. Es iſt Zeit, ſagte der Colonel laut, wir ſahen ſchon ei⸗ nige Grünröcke flüchtend über die kahlen Bergſpitzen. Tiefer im Holze iſt ein grünes Rondel, von einem ſeich⸗ ten Waldbache durchſtrömt, dort liegen wir verſteckter, und ſind die Flüchtigen den Bach paſſirt, ſo haben wir ſie abgeſchnitten und treiben ſie vor uns heraus auf den Anger wie Füchſe, die den Bau nicht wieder finden kön⸗ nen. Kein Pardon, Kameraden; es gilt Revange für eure gemeuchelten Landsleute. Escadron, aufgeſeſſen, die Waffen zur Hand! Die Reiter folgten dem Commando, und die Linie ſtand mit blanken Säbeln; wir hielten vor der Fronte. In Zügen rechts ſchwenkt! befahl der Colonel weiter, die Trompeter warfen die Pferde herum, aber— die Linie hielt und kein Pferd regte ſich. Wir ſtutzten und ſahen bald auf den Commandeur, bald uns unter ein⸗ ander an. Kracht ſtrich ſich zwei Male den langhängen⸗ den Knebelbart und wiederholte das Commando. Der⸗ ſelbe Erfolg trat ein, kein Reiter regte ſich. Da ſtieg eine dunkle Gluth auf das Geſicht des grauhaarigen ——— 184 Offiziers, er gab ſeinem Roſſe die Sporen, jagte mit drohendem Blick an der Fronte hinauf und ſtieß dem Flügelmanne ſein krummes Eiſen durch den Leib, daß der Unglückliche ſofort zur Seite herabſtürzte in ſein Blut und unter ſein ſteigendes Pferd. Wir zuckten zuſammen im Schreck des Mitleids, doch der alte Veteran trabte ruhig auf ſeinen Platz zurück, commandirte nochmals, den blutigen Sarras hochhaltend, und die Escadron ſchwenkte ohne weitere Weigerung und folgte dem: Marſch! jedoch ſahen mir die Geſichter alle leichenartig und geſpenſtiſch aus, und der lautloſe Zug machte mich ſchaudern. Kaum waren wir durch den Bach geritten, und wollten in eine Schlucht, die unſer Verſteck werden ſollte, ein⸗ beugen, ſo wurden an einem Abhange einige Geſtalten ſichtbar, die ſich ſchon ziemlich weit aus dem Buſch her⸗ ausgewagt hatten, und Alfred, welcher an der Tiefe ritt, ſprengte ſogleich vor, ſie abzuſchneiden und den Verrath durch ihre Gefangenſchaft zu hindern. Er hatte ſie faſt erreicht, da flogen von der Höhe einige eiſenbeſchlagene Keulen, die gefährlichſte und uns wohlbekannte Angriffswaffe der räuberiſchen Zigeuner, welche ſie ſicherer zu gebrauchen wußten, als der Grieche den Discus. Einer der tödtlichen Knittel traf den bra⸗ ven Reiter hinten auf die Bärenmütze; ich ſah ihn wan⸗ ken, den Säbel heben wie im Krampf des Wehes und dann plötzlich, wie vom Wirbelſtrom gefaßt, aus dem Sattel herabſtürzen in das Waldgras! ein Anblick, der mich ſo empörte, daß ich den Dienſt vergaß und un⸗ bedacht meinem Rappen den Zügel ſchießen ließ und dem Freunde zu Hülfe eilte. Hinter mir hörte ich das en avant des Colonels und das Commando zur vollen Charge. 185 Doch kaum hatte der alte Kracht ſeine tiefe Kriegsſtimme donnern laſſen, ſo donnerten ſtärker und überraſchend von der Waldſeite herab ein Dutzend Büchſenſchüſſe und wieder ein Dutzend und zum dritten Male dieſelbe Salve, eine bedeutende Zahl ſicherer Schützen verkündend. Zu⸗ gleich tönte im Holze ein wahres Kannibalengeſchrei, nicht beſonders von einzelnen Flüchen der Huſaren im Thale beantwortet. Der hundertfache Widerhall, der wie ein langrollender, immer neu gehobener Wetter⸗ ſchlag die Luft bewegte, machte mein Thier ſtutzig und es parirte mitten im Galopp; von der letzten Salve aber wurde es in dieſem Augenblick durch eine ſchwere Kugel getroffen, es ſetzte ſeitwärts, ſchnob, ſtürzte und warf ſeinen Reiter ſo unſanft auf den rauhen Boden, daß ihm alle Gebeine krachten. Ich raffte mich empor, ſo ſchnell ich es vermochte, und der erſte Aufblick zeigte mir den Colonel im Blute röchelnd auf dem Graſe, mehrere gefallene Huſaren, die Escadron in feiger Flucht ſchon jenſeits des Baches, das ganze Thal aber gefüllt mit braunwangigen, derbgliedrigen Kerls in grünen und blauen Jacken, welche, eine geharniſchte Cadmusſaat, aus der Erde und dem Buſch hervorzuwachſen ſchienen und von allen Seiten flink heranſtürmten. Drei von ihnen hatten mich ſogleich gefaßt, und da ich vorhin den Säbelriemen unglücklicher Weiſe nicht um die Hand ge⸗ ſchlungen, weil kein Gefecht nahe ſchien, ſo war mir bei dem Sturze die Waffe entflogen, und wehrlos mußte ich mich auf die Handhabung der Fäuſte beſchränken. Du weißt, ich habe manches ſtarke Ringerpaar von mir abgeſchüttelt und mit ſchmerzenden Rippen heimgeſchickt, hier half aber keine Herkulesmuskel: wie Hatzhunde am wüthenden Keiler hingen die Menſchbeſtien an mir, 186 jeder Hingeworfene wurde durch zwei neue erſetzt, dieſe lernäiſche Schlange umwand mich mit immer ſtärkeren Gliedern, und als zuletzt ein grimmiger Burſche ſeine Büchſe gegen mich losbrannte, daß mir die Haare am Ohr verſengt dampften, da gab ich mich und mußte mit den Zähnen knirſchend ertragen, daß mir die Lumps die ſilbergeſtickten Uniformſtücke vom Leibe rießen, Uhr und Börſe nahmen, und obendrein mir die Hände gleich einem Galgenkandidaten auf den Rücken zuſammenkne⸗ belten. Ein gefangener Huſar theilte mein Schickſal, und dann ging es mit Gier und Neid und rüdem Zank⸗ wort an die Plünderung der Todten. Jeder wollte an dieſem Schuſſe und an jenem ſeine Kugel wieder erken⸗ nen, und um den graubärtigen Kriegshelden, um den ehrwürdigen Kracht und ſeinen Nachlaß rauften ſich drei rohe Bauern auf das Blut, bis ein ausgezeichnet breit⸗ ſchulteriger und rundköpfiger Menſch, der ſich durch beſſere Tracht und durch ein breites Schlachterbeil auszeichnete, fluchend hinzutrat und, wie Brennus der Gallier, ſein blankes Eiſen in die Wagſchale der Theilenden warf und Jedem ſeine Beute rechthaberiſch und ohne Widerſpruch zumaß. Auch an den armen Alfred kam die Reihe, und zwei zigeunerartige Halbmenſchen begannen die geſetzmäßige Plünderung. Da erwachte der Unglückliche zur Unzeit und zu früh aus ſeiner Ohnmacht, erhob ſich, öffnete die Augen weit und ſtieß den frechen Arm zurück, der ihn hielt. Die tödtende Kolbe war ſchon über ſeinem Scheitel geſchwungen, da trat wiederum der braune Beil⸗ träger hinzu und warf den Mörder zur Seite. Die Todten gehören dem Schützen, die Lebendigen ſind Gemeingut, ſprach er mit rauhtönendem Befehls⸗ 187 worte. Wir haben Geißeln nöthig, und der da iſt ein guter Tauſchartikel. In Hemdärmeln, ohne Kopfbe⸗ deckung wurde auch Alfred zu uns geſchleppt und wie wir geknebelt, obgleich der Halbbetäubte unter den Fäu⸗ ſten ſeiner Führer wankte. Der Anführer trennte kunſt⸗ gerecht mit dem Beile das Haupt des Colonels vom Rumpfe: es wurde am Rande des Bachs auf eine Stange geſpießt und aufgepflanzt— ein gräulicher Anblick, der uns eine entſetzliche Zukunft kündete! Dann fing man die leeren Huſarenpferde auf, welche in das Dickicht ge⸗ flüchtet waren, belud ſie mit dem Beuteſtücken, und ſo ging der Marſch tief in den Wald hinein bis zu einem verborgenen Felſenkeſſel, wo wir neben einem Sprudel⸗ quell Weiber fanden und eine Hütte von Tannenzweigen und Bierfäſſer und Lebensmittel die Fülle. Freudevoll kamen dieſe Amazonen in ihrer grün und ſchwarz gemiſchten Tracht, mit dem kurzen Rock, der wie die Reifröcke des vorigen Jahrhunderts durch dicke Kiſſen von den Hüften gehalten wurde, dem Zuge ent⸗ gegen, ſchwenkten ihre breiten, grünbebänderten Filzhüte, riefen ihren Männern ein Vivat und lobten, indem ſie mit geübtem Blicke die ganze Kohorte überzählten, die Vorſichtigkeit der Freiſchützen, welche, ohne Einen Mann gemißt zu haben, ſolch treffliche Beute heimgebracht. Man ſtieß uns in dem Grunde des Felsrondels eben nicht zu ſanft auf das Moos, und die Bande lagerte ſich in mannig⸗ faltigen Gruppen am Eingange, die Büchſe an ihrer linken Seite bewahrend, und kalte Koſt und perlender Gerſtentrank wurde reichlich vertheilt. Trotz der famöſen und verzweifelten Situationen, in die uns das Schickſal verſetzt, meldete ſich bei mir doch Magen und Kehle, und ich beneidete die armſeligen Schlucker, in deren Gewalt 188 uns der Herrgott gegeben, und beſah ſie mir dabei zum erſten Male genau, denn noch hatte die Betäubung mei⸗ ner Sinne, die ſolch kurioſer Schickſalswechſel herange⸗ führt, eine Muſterung dieſer Art nicht erlaubt. Unſere Feinde waren wahrlich nicht ſo verächtlich, wie der franzöſiſche Leichtſinn ſie abgeſchätzt. Es war ein derber Schlag Menſchen, freilich manche bettlerhaft be⸗ kleidet und aus der niedrigſten Klaſſe, doch die Mehr⸗ zahl wohlgekleidete Landleute, gut bewaffnet, und alle durch ein rothes Kreuz von Blech oder Tuchſtreifen an Mütze und Hut bezeichnet. Der derbe Kerl mit dem Mordbeile ſchien ihr Generaliſſimus, und verdiente den Poſten durch ſein charaktervolles Geſicht, durch eine rauhe Feſtigkeit, die in dieſer Geſellſchaft für Würde gelten konnte, und durch ein determinirtes Weſen, das Reſpekt gebot. Kaum hatte er ſich in etwas geſättigt, ſo ſah er auf dem Arm rückwärts gekehrt ſich um und winkte eine der Frauen zu ſich. Mutter Anna, ſprach er halblaut, füttere und tränke die polniſchen Stiere, die uns in das Garn gelaufen. Es iſt ein gut Stück Vieh, und ich denke ſie um einen netten Preis loszuſchlagen. Mein! denkſt Du nicht, daß ſie uns den Stephan dafür herausgeben, und vielleicht noch ein paar arme Burſchen in den Kauf? Darum nudle ſie wacker, daß ſie nicht magern oder gar abſtehen in der Hitze und unſere Waare an Gewicht verliere. Die alte Bäuerin that, was ihr geboten. Man band uns los, gab Jedem ein Brod mit einem Käſeſchnitt und einen tüchtigen Trunk Bier dazu, und als ich der Freundlichſten unter ihnen die Bitte vortrug, nach Al⸗ freds blutigem Kopfe zu ſehen, wuſchen ſie ihm gar emſig ſein feuchtes Lockenhaar aus, legten einen Umſchlag von t r 8 n 189 Felſenwaſſer auf ſein Hinterhaupt, und die Alte gab ihr ſchwarzgeblümtes Halstuch her, ihm damit den ſchmer⸗ zenden Kopf zu verbinden. Wir ſchöpften Athem, denn der Hals ſchien für dieſes Mal gerettet. 23. Derſelbe an Denſelben. Ich mußte abbrechen, denn Herr Redlich trat uner⸗ wartet zu mir in das Zimmer und erkundigte ſich mit beſonderer Aufmerkſamkeik nach unſerm Befinden, und nicht viel ſpäter erſchien auch die kleine Schloßfrau mit dem Stumpfnäschen und den beredten Lichtaugen, und nahm traulich neben uns Platz. Was die liebe Neu⸗ gierde nicht Alles in ſo einem Frauenzimmerchen auf⸗ regt! Wie zurückhaltend und ſchneckenſcheu war dieſe Madonna nicht noch vor einigen Tagen geweſen, wie dreiſt plauderte ſie jetzt und fragte ohne Ende, daß man kaum Athem zum Antworten behielt. Dieſe Waldmenſchen mußten kürzlich etwas Näheres von meinem Alfred er⸗ fahren haben, denn ohne alle Einleitung wurde das Ge⸗ ſpräch auf unſer früheres Leben geführt, von unſern Studentenſprüngen wollte man ſogar das Umſtändlichere und Geheimere aus mir herausquetſchen, und ich mußte mich zuſammennehmen, um nicht in meinem Charakter als Geheimſchreiber, Beichtvater und erſter Miniſter des unglücklichen Güldenkrons eine Felonie zu begehen. Die Weinflaſche iſt mit Herrn Redlich ausgeſtochen⸗ das ſchreiende Kind lockte die Mutter fort, und ich be⸗ nutze daher die wiedergewonnene Einſamkeit, meinen Bericht für Dich zu vollenden. 190 Das frugale Mahl im Grünen ging zu Ende, und unſere Wächter machten Miene, den natürlichen Schlupf⸗ winkel zu verlaſſen. Güldenkron hatte ſich, ſeitdem man ihn feſſelte, völlig paſſiv verhalten und kaum eine dan⸗ kende Theilnahme bei der mitleidigen Behandlung der Weiber geäußert. Die Speiſe verſchmähte er, labte ſich aber an dem guten Trunke und ſagte dabei zu mir: Otto! wären wir doch unter den Todten von Auſterlitz! Das einzige Wort, das ſein Mund ſeit der fatalen Af⸗ faire hören ließ. Dann ſaß er wieder, wie vorher, rück⸗ gelehnt mit dem Kopfe an der moſigen Felſenwand, Re⸗ ſignation in jedem Geſichtszuge und meiſt mit geſchloſ⸗ ſenen, todtmüden Augen. Die Bewegung unter der Bauernkompagnie nahm jetzt zu, ſchon griffen einige der Kerls wieder zu den Stricken, deren böſe Bekanntſchaft unſere Handwurzeln gemacht, und die Pferde wurden von Neuem aufgezäumt. Da ertönte ein grelles Pfeifen durch den Wald, der Beil⸗ träger beantwortete es, und rauhe Jubelſtimmen wurden im Buſche wach, und bald erſchien eine neue Rotte un⸗ ſerer Widerſacher, die wo möglich noch grimmiger und fürchterlicher ausſah als unſere Begleiter. Die meiſten der Ankömmlinge zeigten ſich als ausgetretenes Soldaten⸗ volk aller Gattung. Man ſah die hechtgrauen, verſchoſ⸗ ſenen Dolmanns der Grenzhuſaren, meergrüne Jäger⸗ monturen, weiße, doch ſtark beſchmutzte Infanterie⸗Uni⸗ formen, ſpitze Kroatenmützen, Pelzkappen und Tſchakos; auch mehrere von ächter Zigeunerrage gaben die Schlag⸗ ſchatten dazwiſchen, und einzelne Rothmäntler ſchimmer⸗ ten durch und machten mir Herzklopfen, weil ich mir bewußt war, den gewaltigſten dieſer Tiger⸗Varietät zum Schaffot gebracht zu haben. 191 Der Anführer dieſes wilden Heeres präſentirte ſich als ein ſchlanker, wohlgewachſener Mann, von gutem Anſtande, dem der weiße, reinliche Pantalon, die ſchwarze Huſarenjacke und das polniſche Scharlachmützchen gar nicht übel ſtand, der aber, wie die Meiſten, ſich das Ge⸗ ſicht zur Hälfte ſchwarz gefärbt und, wie fie, wahrſchein⸗ lich als Feldzeichen, ein blutrothes Tuch flatternd am Halſe trug. Unſer ſtämmiger Beilträger trat ihm entgegen, und ein ſchallender Handſchlag machte die erſte Begrüßung aus. Glück zu! ſprach er. Die heilige Jungfrau hat Euch durchgeholfen! Willkommen in der grünen Feſtung! Habt Ihr Lebensmittel übrig? fragte der Angekom⸗ mene mit heiſcherer Stimme, die mich jedoch ſogleich wie bekannt anklang. Das war ein warmer Mittag, und ſo naß der Rücken iſt, ſo trocken iſt die Kehle. Hatten's fein ausgedacht, die franzöſiſchen Spürhunde. Hat mir zehn Burſchen gekoſtet, doch, Gott ſey's gedankt, keinen lebendig, alle haben ſich geſchlagen, bis der Athem weg war. Aber faſt hätten uns die Reiter erwiſcht am Mar⸗ morbruch, hättet Ihr uns nicht den Buben entgegen⸗ geſchickt, der uns warnen mußte, daß wir nicht in's Freie geplatzt. Der Förſter wird ſchlecht angelaufen ſeyn, denn ſeine Kolonne ließ ſich durch das Geißthal hinaustreiben, und wir hörten Schüſſe und Säbelklirren von der Heſ⸗ ſelhöhe, auf die wir uns hinaufgezogen. Was nützt die Courage zur Unzeit? antwortete grob⸗ lachend der Beilträger. Gute Spione ſind die Seele des Kriegs, ſagte der Stelzfuß von den Todtenköpfen, den mein Vater fütterte; der alte Fritz ſelbſt hat ſie nie ver⸗ ſchmäht, und war darum immer an der rechten Stelle. Mein Vetter in Rotth brachte mir heute früh die Poſt, 192 und ſtatt vorn mit dem elenden Jägervolke zu plänkeln, mußten meine Schützen die vierbeinigen Habichte obſer⸗ viren, die uns abfangen ſollten wie müdes Wildpret. So ſpielten wir die erſte Geige, haben keine Wunden, und Beute, wie wir ſie nur wünſchen mochten. Da ſehet ſelbſt! Er öffnete den Kreis und wies auf uns und die mäch⸗ tige Bagage, die man neben uns zuſammengeworfen. Ein wildes, krampfigtes Gliederzucken kam in den zweiten Hauptmann; wie ein Wahnwitziger ſchlug er ſeine Arme um den Beilträger und ſchmatzte ihn ab. Bruder Kropf, Du biſt ein Gottmenſch! ſchrie er dazu, wie außer ſich vor Entzücken. Und hätteſt Du mir das Bisthum Bamberg erobert, Du hätteſt mir keine ſolche Freude gemacht. Die ganze Welt iſt ein Bettelpfennig dagegen. Bruder Kropf, Dein Fang iſt unbezahlbar. Nun, ich denke, ſagte der Andere ruhig und die ſtür⸗ miſchen Liebkoſungen abwehrend, er ſoll mir ſchon be⸗ zahlt werden nach meiner Taxe. O Du weißt nicht, wen Du fingſt! deklamirte Jener fort. Du weißt nicht, was Du mir ſchenkſt! Dieſe Gabe feſſelt mich ewig an Dich, und ich will Dir von heute an gehorchen, wie Dein niedrigſter Schütze. Der Beilträger ſchüttelte unwillig den Kopf. Die Mittagshitze iſt Euch zu Kopfe geſtiegen, Kletting! ent⸗ gegnete er. Waſchet den Kopf am Quell. Was iſt es denn: ein Paar Huſarenoffiziere, die theure Uhren und volle Beutel für meine Jungen trugen und mir gute Geißeln ſeyn ſollen für meinen armen Stephan und ſeine Unglücks⸗ kameraden. Was ſchwadronirt Ihr von Geſchenk und dem hochwürdigen Biſchof? Von Beiden paßt Nichts hieher. Kletting! hallte es tödtend wieder in meiner Seele. 193 Ja, jetzt erkannte ich ihn vollkommen; dieſer boshafte Ueberall und Nirgends zeigte ſich auch hier wieder in veränderter Larve, aber uns furchtbarer wie je, denn was konnten wir von dieſem unſerm ſchwarzen Genius anders als das Schwärzeſte erwarten? Auch Alfred wurde aufgeregt bei der Nennung des bekannten, ihm noch gewichtvollern Namens, und ſchlug die Augen auf und bewegte das wunde Haupt. Du weißt nicht, Bruder Kropf, daß Du mir meine Todfeinde gefangen haſt, fuhr der Hauptmann der Roth⸗ mäntler fort. Staune nicht in Deiner unerwarteten Freude. Ja, ſie ſind es, meine Verfolger, die deutſchen, abtrünnigen Verräther, Er iſt der Judas Iſcharioth, der ſein Volk und ſeinen Chriſtus verkauft hat für blutbe⸗ fleckten Sündenſold. Aber ihre Stunde iſt gekommen, und mir, mir allein mußt Du ſie überlaſſen, daß ich ſie eigenhändig ſchlachte zum Sühnopfer für mich und die gefallenen Brüder. Und jetzt gleich ſoll der Fels hier ihr Schlachtſtein werden, denn jede nächſte Minute könnte mich um dieſe Wolluſt beſtehlen. Der Unmenſch riß bei dieſen Worten ungeſtüm ſei⸗ nen krummen Sarras aus der Scheide und wollte ſich Platz machen, zu uns herein zu dringen. Die breite Tatze des Beilträgers drängte ihn zurück. Halt! rief er mit der Stimme des brüllenden Stiers, Jedem ſein Recht; vergeßt Ihr unſere Geſetze, ſo ſoll ſie mein Eiſen Euch ſchreiben. Hier iſt nichts für Euch, denn dieſe Gefangenen ſind mein Fleiſch und gehören in meinen Stall, den kein Bündner aufbrechen darf ohne meinen Willen. Meinet Ihr, ich ſey ſo dumm, wie Eure Krvaten, und möchte würgen ohne Nutzen und aus bloßer Gier, wie der ſatte Marder? Mein Vater Blumenhagen. XIII. 13 194 war ein kluger Hopfenhändler, und ich bin der erſte Schlachtermeiſter im Krailsheimer Kreiſe. Handel und Wandel regieren die Welt, und die Kropfen verſtehen das Ding aus dem Fundamente. Mein Sohn Stephan ſitzt im Eiſen drüben, und man hat ihn nicht aufge⸗ knüpft, wie es zuerſt hieß. Der Vetter aus Rotth hat die gute Botſchaft mitgebracht, und auch, daß er nicht übel gehalten wird. Darum hat mir der heilige Hu⸗ bertus dieſe Gefangenen geſchenkt, daß ich ein tüchtiges Löſepfand hätte für den einzigen Jungen. Morgen ſchicken wir den Boten in das Hauptquartier, und über⸗ morgen will ich meinen Stephan wieder herzen. Da⸗ rum ſind dieſe Leute mir ſo heilig wie das Kruzifir über meinem Bette, und wer ihnen die Haut ritzt, iſt ein Dieb, der mir den beſten Schatz verdirbt. Sind ſie überdieß, wie Ihr ſelbſt ſagt, die deutſchen Haupt⸗ leute aus Bretta, ſo mögen ſie ſo bös nicht ſeyn, wie Ihr ſie ſcheltet, denn der Vetter aus Rotth ſtand ver⸗ ſteckt dabei, wie der Fürſpruch dieſer Deutſchen dem Stephan das Leben erhielt, als die gottloſen Franzoſen an ſeinen Hals wollten. Kletting hatte mit einem Geſicht, auf dem Erſtau⸗ nen und Wuth kämpften, zugehört. Jetzt brach er los wie ein aufgehetzter Keiler, den die Spürer tief im Moore aus der Ruhe ſtörten. Seine Stimme iſt Ge⸗ heul, ſeine weißen Fangzähne drohen zwiſchen den. ſchaum⸗ bedeckten Lippen. Brüder! tobte er, hört Ihr den Sinnverwirrten? Iſt jener Goliath nicht der Mörder des braven Kant⸗ ſchocky, den Ihr den ſchwarzen Eber nanntet wegen ſei⸗ ner Tapferkeit? Und den will er uns nicht herausge⸗ ven, will uns die herrlichſte Blutrache verbieten.? 195 Heraus den Mörder! Schauen's einmal, will ihn behalten! Kantſchocky's Blut ruft: heraus den Goliath da hinten! ſo brüllte die Kletting'ſche Rotte, und mein Kopf fiel bei mir ſelbſt bedeutend im Preiſe, doch un⸗ ſer Paſcha ſchützte ſeine Sklaven und ließ ſich nicht irre machen. Mit ächttürkiſchem Phlegma hob er die blanke Streitart. Zieht hinaus zum Schaumbach an der Galgenecke, verſetzte er, wenn Ihr Freude habt, das Blutopfer für den rothmänteligen Bären zu ſehen, den Ihr zu rächen begierig ſeyd. Ehe Ihr einmal im verbrannten Hirn daran dachtet, hat dieſes Beil dem Todten die Pflicht gethan. Dort ſteckt eines Colonels Kopf auf der Stange als Revange für den Kantſchocky, und ich denke, einem geweſenen Korporal iſt damit genug gethan. Was Colonel, was Korporal, hole der Teufel die Titel! fluchte Kletting. Wer von uns gälte ſich und den Brüdern nicht mehr als ein ganzer franzöſiſcher Ge⸗ neralſtab? Hältſt Du ſo Deinen Schwur, Kropf, keinem Franzoſen Pardon zu geben? Brichſt Du ſo das Geſetz und willſt voraus haben, was Gemeingut iſt? Larifari! trällerte der ſtämmige Schlachter. Mein Stephan gilt mir heute mehr als das ganze römiſche Reich. Iſt der aus den Klauen der Wölfe, will ich wieder mit euch metzeln für den König und das Va⸗ terland, wie's euch gelüſtet. Bis dahin aber bleibt es bei meinem Willen, und nun zieht ab, oder haltet Ruhe in meinem Revier! Waffenbrüder, duldet ihr ſo Etwas? haranguirte Kletting ſeine Mannſchaft. Iſt denn nicht Rache und Tod unſer Symbol? haben wir nicht die Waffen er⸗ griffen, um einen Vergeltungskrieg zu führen für das geraubte Eigenthum? Haben wir nicht den Wald zu unſerer Wohnung gemacht, um einen Vertilgungskrieg zu führen gegen dieſe Südlichen, welche unſere Jung⸗ frauen entehrt, unſere Weiber beſchimpft, unſere Män⸗ ner mißhandelt oder zu ungerechten Kriegen geſchleppt wie gemeines Schlachtvieh? Sind wir nicht aufgeſtan⸗ den, um allen deutſchen Landen ein Beiſpiel zu geben, um die goldenen Raubvögel zu zertrümmern, bis ſie weichen müſſen den alten Fürſtenſchilden, unter denen wir und die Väter glücklich waren? Haben wir nicht Raſt und Ruhe abgeſchworen, ſo lange noch ein fran⸗ zöſiſcher Mund fluchen könnte dieſſeit des Rheinſtromes? Wofür haben wir Haus und Hof aufgegeben, wofür uns zum wilden Thiere gebettet, wofür unſere Bruſt der Kugel, unſern Hals dem Stricke geboten, wenn ſolch ein einzelner jüdiſcher Fleiſchhändler wuchern darf mit unſerer Beute? Iſt ſein verzogenes Söhnlein beſſer als wir? Gehört ſein Blut nicht auch dem rechtmäßigen Könige und unſern Landsleuten? Es iſt ein Schimpf, den wir nicht dulden dürfen. Waffengefährten, Blutbrüder, wir Alle ſind beſchimpft, wenn ſein Wille geſchieht! Wie ein Vulkan, in deſſen Bauche es lange donnerte, der aber jetzt plötzlich ſich entladet in ſchwarzem Dampf und blitzender Lava und mit donnerndem Erdbeben, ſo brach auf einmal das längſt gehörte Gemurr unter des Redners Bande in Wort und That heraus: Wir wol⸗ len Blut! Die Franzoſenköpfe ſind unſer! Leidet den Schimpf nicht! Will der Bauer den Soldaten comman⸗ diren? Nehmt mit Gewalt, was unſer iſt! ſo ſtürmten die Stöße des Orkans, und die Waffen klirrten zuſam⸗ mengeſchlagen in wildeſter Blutluſt. Denkt an Palm! rief Kletting noch mit Anſtrengung 197 durch den ungeheuren Tumult. Rache für Palm, den gemordeten Deutſchmann! Mit Luſt und ſichern Triumph im tückiſchen Auge drang er jetzt an der Spitze ſeines Mörderkeils vor⸗ wärts und begann des Beilträgers Kolonne zu durch⸗ brechen, und zugleich fielen zwei Schüſſe aus ſeiner Rotte gegen uns gerichtet, und die Kugeln klatſchten dicht bei uns hin an die Steinwand. Da wandelte ſich die eiſige Ruhe des angegriffenen Freijägers in gewaltſame Bewegung um. Mit einer Herkuleskraft ſchlug der Beilträger dem Kletting die krumme Klinge aus der Fauſt und warf ihn zugleich mit einem Armſchlag ſo mächtig zurück, daß er zwiſchen die Seinen ſchlug und der ganze Strom zurückprallte, als hätte eine gigantiſche Meereswelle ihn geworfen, von wo er kam. Gewehr vor, Schützen von der Jart! ſchrie er dazu, und augenblicklich hatten ſeine Grünen zwiſchen uns und den Angreifern eine Doppellinie gebildet: alle Büchſen lagen im Anſchlage, und alle Hähne knatterten ſchauerlich und Verderben dräuend. Eine tiefe Stille trat ein; der Beilträger ſchwengte ſein Eiſen bedeutend vor der Fronte durch die Luft. Wollt ihr Brüderblut, ihr Trunkenbolde, ſagte er mit kurzem Athem und gluthrothem Geſicht, wohlauf, ſo lauft heran. Ich kann's im Beichtſtuhle verantworten, denn ihr branntet zuerſt los. Kletting hatte ſich knirſchend aus dem Gewühl der Geſtürzten aufgerichtet, er griff ſeinen Sarras von der Erde, warf mit verbiſſenem Munde einen Blick auf ſein Gefolge, das mehrere Schritte zurückgewichen war, und einen zweiten Blick auf das Dutzend drohender Mün⸗ dungen, die ſich gegen ihn gekehrt hatten. 198 Gut für heute! ſtöhnte er. Wir weichen der Ge⸗ walt, aber wir ſprechen uns morgen bei den Aelteſten und dem Pater Ambroſius; nehmt Euch zuſammen, Kropf, denn dort gelten eure Büchſen nichts. Fort, Brüder, ſcheidet euch von dieſen Verräthern am Vaterlande. So ſtürmte er davon, und ſein Haufen folgte ihm unter tauſend Flüchen, und bald verſchwanden Alle an der vebuſchten Anhöhe, welche ſie mühſam hinanſtiegen. Was ſo ein Menſch nicht meint, weil er einen beſ⸗ ſern Rock getragen als wir? murrte der rauhe Kropf in ſich hinein. Was hat er verloren und was zu ver⸗ lieren? Eine Rache wie die unſrige ſetzt der Bauer am beſten allein durch, weiß er doch, wofür er's thut. Und ſich fürchten vor ſo einem Superklugen, nein, Jungens, ſo weit kommt es nicht mit uns. Habe ich doch man⸗ chen tollen Ochſen gezwungen, der mit andern Knochen anrannte als ſo ein Flederwiſch. Die Schützen trennten ſich jetzt wieder, man belud die Pferde und ſich, ſchnürte unſere Hände abermals zuſammen, und wir verließen dieſen gefährlichen Klip⸗ penkeſſel, deſſen Anblick mir noch oft im Traume er⸗ ſcheinen und mich drücken wird wie ein Alp, wenn der Magen einmal im Uebermaß gepflegt wurde. A. Derſelbe an Denſelben. Es gibt kein größeres Vergnügen, als von einer Ge⸗ fahr zu erzählen, Notabene, wenn die Noth wirklich reſpektabel war und— überſtanden iſt. Die Geſchwätzig⸗ 199 keit, mit welcher alte verkrüppelte Krieger ihre Schlacht⸗ geſchichten zehntauſend Mal wiederholen und nicht müde werden und von vorn anfangen, ſobald nur ein neues Ohr ſtill halten will, iſt im obigen Erfahrungsſatze be⸗ gründet; die Redſeligkeit, welche die wortarmen, murr⸗ köpfigen Schiffer überfällt, ſobald ſie auf das Trockene kommen und die Hangematte mit der Strandherberge vertauſchten, beruht darauf; und der Wuſt von Reiſe⸗ beſchreibungen, mit welchen unſere Bibliotheken über⸗ ſchwemmt werden, und die uns alles Künſtliche und Na⸗ türliche auf Erden beſchreiben, uns die Merkwürdigkei⸗ ten berichten, wie hier der Schwabenwirth grob war⸗ was am Main das Frühſtück koſtet, und wie ſich's in einem Schweizerbett ſchläft, ſind ebenfalls dadurch er⸗ zeugt, denn ſolch einem gelehrten Stubenhocker iſt ja jede vom Regenwetter ausgeſpülte Heerſtraße eine hals⸗ brechende Paſſage, jedes Schattenhölzchen am Wege ein Banditenwald, jeder Douan ein lebenbedrohender Jako⸗ biner, wie könnte er darum, zu Hauſe endlich retour⸗ nirt, widerſtehen, im Lehnſtuhle, vom Schlafrocke um⸗ wickelt, hinter der qualmenden Pfeife uns ſeinen über⸗ ſtandenen Jammer voll innerſter Wolluſt vorzutragen? Auch meine Geſchichte nimmt kein Ende aus eben dem Grunde, indeß hat ſie leider nichts Eingebildetes bei ſich, und die ſchleichende Zeit ſelbſt, welche mir er⸗ laubt, dem Herrn Bruder in Apollo ſo recht gemächlich unſere Fata vorzureiten, iſt ein Zeuge von der Bösartig⸗ keit der überſtandenen Gefahr; komme ich mir doch ſelbſt vor wie ein hagerer, fleiſchloſer Todtenwärter, der den Eingang eines Grabgewölbes hüten muß; die halboffene Thüre des Seitengemachs, aus dem das matte Licht eines beſchirmten Lämpchens blickt, gleicht der finſtern 200 Steinplatte einer aufgeſchloſſenen Gruft, und ſelbſt die anſehnliche Zahl ſchöner Kinder, welche wechſelnd und lautlos ab⸗ und zuſchweben, paßt zum Bilde: es ſind die weißgefiederten Engelein, die das Grab des Guten hüten und herzuſchweben, ſeine Seele zur Heimath zu führen. Fort von dem traurigen Gleichniſſe, wir wol⸗ len uns in den gefährlichen Lärm zurückwerfen, um dieſe ſichere Stille ertragen zu lernen. Der Ritter vom blanken Beile, ich meine den Gene⸗ ral Kropf aus dem vorigen Briefe, leitete ſeine Diviſion in muſterhafter Ordnung durch die Defilees der Berg⸗ ſchluchten, die wir paſſiren mußten. Da fehlte weder Avantgarde noch Arriérecorps, wenn auch in Miniatur, und ſelbſt die Seitenpatrouillen wurden nicht vergeſſen. Aber mit größerem Erſtaunen ſah ich die Vorkehrungen, welche tiefer im Gebirge von dieſen Naturmenſchen ge⸗ troffen waren, um ihre Zufluchtsörter zu ſichern und ihr kühnes Werk ungeſtörter fördern zu können. Jede Straße, welche irgend gangbar geweſen für größere Militärzüge, war durch gefällte Bäume verſchloſſen, Monate hätten dazu gehört, dieſe natürlichen Verhaue und ſpaniſchen Reiter aufzuräumen, und jede ſolche Paſſage ward auf der nächſten abgeflachten Höhe durch ein kleines Kaſtell gedeckt, welches Wälle von zuſam⸗ mengetragenen Steinſtücken hatte und mit ſichern Schieß⸗ ſcharten und Schanzkörben verſehen war. Waldbäche waren mitten vor die Straße in ausgegrabene Teiche geleitet worden, ſo daß kleine Seen und Sumpftiefen entſtehen mußten, die ein unbezwingliches Halt geboten. Erſt jetzt erhielten wir Aufklärung, warum dieſer Buſch⸗ klepperkrieg nicht ſchneller beendet wurde, und wie die franzöſiſche Ungeduld und Hitze eines Vatié durch ſolche 201 Hinderniſſe bis zur Wuth und grauſamſten Rachgier ge⸗ ſteigert werden mußte. Die Pfade, welche unſere Geleiter einſchlugen und welche uns glücklich um alle dieſe Paſſagen und Brücken⸗ köpfe herum führten, lagen ſo verſteckt zwiſchen Klippe und Dickicht, daß es zu verwundern war, wie ſelbſt der Dädalus dieſer Labyrinthe ſich ohne Knäuel hindurch fand, und waren oft ſo ſteil und ſchroff, daß man un⸗ ſere Banden löſen mußte, damit wir die Hände zu den Füßen hinzuthun konnten, und dennoch, ſchaute ich ein⸗ mal rückwärts, hatten die ſtarken Burſchen ſelbſt die Packgäule hinauf gezwungen. Es dämmerte ſchon, als wir endlich ermüdet an ein kleines Dorf mitten im Holze gelangten, welches die Heimath der Mehrzahl dieſer Freiſchützen ſchien, wenig⸗ ſtens ließ ſich nach der Menge der Weibsperſonen und Kinder, die uns jubelnd entgegenſtrömten, ſchließen, daß die Rabenheerde hier herum ihre Neſter haben mußte. Uns drei armſelige Kriegsgefangene trieb man in ein ganz anſehnliches Haus, über deſſen Thüre ſich ein ge⸗ ſchnitzter Ochſenkopf zeigte, der poſſierlich genug einen Epheukranz im Maule trug, und ſchob uns nicht zu ſanft in ein Gewölbe hinunter, eine Art Keller halb über der Erde, wie man ſie viel im Frankenlande zu der Bewahrung der mächtigen Bierfäſſer baut, aus denen man den labenden Trank zu jeder Stunde dem Durſtigen in den blanken Deckelkrug einzapft. Losgebunden wurden wir, aber ein nicht zu feines Brod und ein Waſſerkrug war das ganze Traktament, durch welches wir abgetriebene, gelähmte Geſchöpfe uns reſtauriren ſollten. Um uns lagen die runden Fäſſer, über uns hingen hoch am Gewölbe einige friſche Brat⸗ 2 — ſtücke, den doppelten Beruf eines Schlachters und Brauers verkündend, welchen ſchon der Ochſenkopf und Epheu hatte vermuthen laſſen, aber wie Tantalus ſaßen wir mitten in der Wolle, doch der Mundſchenk und der Vor⸗ ſchneider fehlte. Zwiſchen den Tonnen lag altes Stroh in Menge, man ſchob es zu einem eben ſo feuchten als ſchmutzigen Lager hier und dort zuſammen; dazu ſchaute mir zum Aerger, ſobald unſer Aufwärter die Kellerthüre lüftete, allerlei Volk neugierig aus dem Gange herun⸗ ter, als gäbe es wilde Thiere zu ſehen, und mein Blut wurde erſt dann ruhiger, als wir uns auf das Stroh geſtreckt hatten, das Licht mit ſeinem Träger verſchwun⸗ den und die ſchwere Kellerthüre zugefallen war, und das Geraſſel an ihren Schlöſſern ein Ende genommen hatte. Bis jetzt waren wir noch nicht recht zur Beſinnung gekommen, nun aber im Dunkel beſuchten uns die klei⸗ nen Teufelchen der Menſchen, welche man Ahnungen und Vermuthungen nennt, und die Kühle der Kellerluft erwirkte im Gegenſatze des heißen Tages eine Nüchtern⸗ heit in uns, die nicht wohlthätig genannt werden konnte, da in unſerer Lage ein tüchtiger Rauſch das Dienlichſte geweſen ſeyn möchte. Des Franzoſen Zunge löste ſich zuerſt, da ihn die lange Stille um uns dreiſt gemacht. Nun, meine Offiziere, fragte er, hatte heut Mittags das Pferd unſers Flügelmanns Unrecht, als es nicht machen wollte rechtsum? Hat ja geſprochen der Eſel in der Schrift, und ſo ein edel Thier zeigt Verſtand, oft mehr als der Menſch. Liegt doch der Monſieur Kracht jetzt ohne Kopf am Waſſer und gibt den kräch⸗ zenden Raben ein diner sans fourchette, indeß der lange Boyau, an welchem er den Kaiſerſchnitt probirte, 203 von ſeinen Kameraden ehrenvoll und mit Muſik und Salut zu Grabe getragen wird. Dein Witzwort hat Zeit und Ort abſurd gewählt, Jandin, antwortete ich mürriſch und bitter. Hätten Deine Kameraden ihre Ehre ſo gut vor Augen gehabt wie Du, ſo hätte der todte Colonel ſeinen grauen, ehr⸗ würdigen Kopf behalten, und wir ſäßen nicht in dieſer verdammten Ratzenfalle. Laßt mich nur hinauskommen, Monſieur Lieutenant, erwiederte hitzig der Huſar, ich kenne ſie Alle, die zuerſt die Zügel parirten und das vermaledeite: sauve qui peut! ſtammelten, eine Parole, die ſich für keinen Ka⸗ puziner⸗Huſaren ſchickt. Sie ſollen mir all hinaus zum Regiment und die elende Trainfarbe tragen. Guter Jandin, wären wir nur erſt ſelbſt hinaus! ſeufzte ich. Haſt Du das blanke Beil vergeſſen, das ſo ein ſchönes Meiſterſtück am Halſe des Colonels machte, und ſeine Gewohnheit nicht vergeſſen wird? Glaubt Ihr, Lieutenant? ſeufzte der bärtige Reiter kleinlaut mit. Ich hoffte, weil man uns geſpart und ſogar beſchützt, würde es ſo arg nicht werden, aber ich denke wohl, der Marſchall wird mit dem Krähenvolke nicht parlamentiren, ſondern ihren Trompeter neben die Andern an denſelben Galgen hängen laſſen, und dann tönt es uns: Adieu partie! Da iſt es Zeit, das Bis⸗ chen verlernte Gottesfurcht hervor zu ſuchen und ſich die Gebete zu repetiren, damit in der Nothſtunde die arme Seele das Paßwort zum Himmel nicht verſäumt. Bete, ehrlicher Sünder! tönte da Alfreds Stimme durch das Dunkel zu uns. Sprich zu Deinem Gotte, kindlich und voll Reue, ſo wird er Dir nahe ſeyn⸗ komme was da wolle. Ich habe abgeſchloſſen mit der Welt 204 und bin gerüſtet zur Fahrt. Ich rückte auf dem Stein⸗ boden der Stimme nach näher zu ihm hin und tappte nach ſeiner Hand. Wir bleiben beiſammen, ſagte ich, als ich ſie drückte und trockene Hitze aus den kräftigen Fingern mir zu⸗ ſtrömte, und ich meine, trugen wir Zwei ſchon ſo Vieles mitſammen, wird uns auch das Schlimmſte nicht zu Knaben machen. Zwei möchte ich noch einmal ſehen, entgegnete er etwas leiſer, den Marſchall und Sie. Aber ſtill davon, wir ſind geſcheitert, liegen auf einem öden Eiland, und keine Ahnung erzählt unſern entfernten Lieben von un⸗ ſerm Unglück. Es iſt traurig, ſo verlaſſen zu enden. Aber ſtill, mein Kopf ſchmerzt von innen heraus. Laßt uns ſchlafen, damit wir Kräfte ſammeln, dem elenden Feinde unſere Mannheit zeigen zu können. Gott wird's wohl machen, ſo oder ſo, und am Ende iſt's gleich, ob man hier erlöst wird oder anderswo; den großen Schritt thut jeder Geborne doch einmal. Er ſagte uns herzlich gute Nacht, und ich ſtreckte mich neben ihn hin auf die rauhen Fflaſterſteine und horchte lange mit Bangen auf ſeine verkürzten Athem⸗ züge und auf die einzelnen kurz abgebrochenen Reden, die er bald im ängſtlichen Schlafe von ſich ſtieß. Der Huſar ſchnarchte auch nicht lange nachher in ſeinem Win⸗ kel, und endlich übermannte auch mich die Schwäche der menſchlichen Natur, meine Augenlider fielen bleiern zu, mein Haupt ſank an Alfreds Hüfte nieder, und meine Sinne umhüllte der Zauberſchleier des Schlafs, des ſchönſten Lethe auf Erden, der eine große Pauſe macht auch in der weinerlichſten Schmerzenscantate, und den der reiche Böſewicht dem guten, fleißigen Tagelöhner 205 nicht abſchachern kann mit all ſeinem Golde, ſo neidiſch er aus ſeiner Qualnacht auch auf die ſelige Friedens⸗ ruhe des glücklich Elenden niederblickt. Wie lange wir Alle geſchlafen haben mochten, kann ich nicht beſtimmen; wie dem Glücklichen ſchlägt dem Schlafenden in ſeiner negativen Seligkeit keine Uhr, in⸗ deſſen konnten mehrere Stunden hingegangen ſeyn, weil ich mich erquickt fühlte und den Geiſt freier wie zuvor, als ein Geräuſch in meiner Nähe mich erweckte, und ein ſchwacher Lichtſchein zwiſchen meine Augenlider ein⸗ drang, daß ich ſie gewaltſam aufzog, eingedrungene Mör⸗ der vermuthend. Es war ein wunderſames Bild, das vor den Blicken des Erwachten ſtand. Auf keinen Mord⸗ buben mit Beil oder Meſſer traf mein ſchnell und mit ſcharfem Forſchen herumgeworfenes Auge, ſelbſt die große Kellerthüre ſah ich ungeöffnet, wie ſie gleich dem ſchwarzen Felſenſtück des Polyphems den Schlund treu⸗ lich verſchloß, in welchem der Rieſe uns zum Feſtmahle bewahrt. Dicht vor uns, oder vielmehr vor Güldenkron, denn ihm ſchien der Beſuch zu gelten, ſtand ein weibliches Geſchöpf, das mich alten Haudegen in dieſer Gegend und in dieſer Situation überraſchte. Es war ein Mädchen, nicht groß, aber geſtaltet wie aus des Schöpfers beſter Fabrik hervorgegangen, üppig geformt wie Melone und Roſenapfel, und einen ganzen Blumenfrühling auf dem runden Angeſichte, das von ein Paar Augenſternen be⸗ wacht wurde, die wie Leuchtfeuer glühten und anlockten. Ihre Erſcheinung machte mich verſtummen und hielt mich unbeweglich am Boden, als wäre ich mit Delilas Philiſterſtricken gebunden; Ungewöhnliches war ja genug dabei, denn ſie trug nicht die entſtellende Tracht der 206 fränkiſchen Dirnen, ſondern das ſchmucke Mieder und Kopftuch der niedlichen Sachſenmädchen, ein feines Lämp⸗ chen leuchtete in ihrer Hand, und um das Zauberiſche dieſes Beſuchs bei verrammelter Thüre zu verſtärken, rollte gerade draußen ein Donner am Himmel hin, daß die Balken des Hauſes zitterten und nachdröhnten. Mit vorgeſtrecktem Arme ließ ſie den Lampenſchimmer auf Alfreds Geſicht fallen, und der Blick, mit dem ſie den Schlafenden betrachtete, zeugte von Theilnahme, ja von leidenſchaftlichem Mitleid. Ich faßte den Schläfer feſt am Arme und ſchüttelte ihn, daß er aufzuckte, ſich zum Sitzen erhob und erſchreckt, wie ich, zu dem Feenbilde mit großen Augen und Staunen in allen Mienen aufſah. Ja, Sie ſind es wirklich, ſagte jetzt das kleine El⸗ fenbild mit angehaltener Stimme. Ich erkannte Sie ſogleich, als man Sie über die Hausflur brachte. Aber — o mein Herrgott!— wie kamen Sie denn unter das gottloſe Kriegesvolk und in meines entſetzlichen Vetters Hände, der ſeit der Franzoſenzeit keine Gottesfurcht mehr kennt und keine zehn Gebote, und von nichts ſpricht als Blut und Menſchenmord? Mädchen, wer biſt Du und was willſt Du? fragte Alfred geſpannt und das glühende Auge nicht von ihr laſſend. Kennen Sie mich nicht? fragte ſie zurück. Freilich vin ich gewachſen ſeit zwei Jahren, und wie hätten Sie das Bauerndirnel im Kopf behalten können. Aber wiſſen Sie nicht mehr, wie wir durch den dicken Forſt fuhren, wie die weißen Ziegen um uns kletterten, wie Sie mich Ihre kleine Frau nannten, und mir ein Haus und eine Heerde verſprachen, fern, ich weiß nicht mehr wo, an einem großen Waſſer? V M— — — 8—— S 8 8 V te hr ie en n, ne an 207 Sidonia Kropfen! Wie kommſt Du hieher, Du Engel in dieſer Hölle! rief Alfred und ſtreckte die Hand nach ihr aus mit Heftigkeit. Ruhig, lieber Herr! bat ſie mit Angſt. Der Herr⸗ gott ſelbſt hat mich wohl hergeſchickt, als ſie meine Mutter begraben hatten, und die Schweſtern wollten, daß ich in das Frankenland zu des Vaters Bruder wan⸗ dern ſollte, dem Wittmann Haus zu halten. Aber da⸗ von zu plaudern iſt's nicht an der Zeit. Hört Ihr, wie das Wetter tobt? Ach! der gütige Himmel ſchickt den Donner, der die Schützen im Hauſe hält und unſer Wort überſchreit, darum macht Euch auf, ehe die Mit⸗ ternacht vorüber iſt; bricht der Tag an, ſo ſeyd Ihr verloren. Mit kurioſen Empfindungen hörte ich der kleinen Schwätzerin zu, welche ihre ſanften Worte mit den nied⸗ lichſten Bewegungen begleitete. Ein ſeltſamer Knabe iſt der Güldenkron und unter einem merkwürdigen Stern geboren. Die Venus muß wahrhaftiglich ſein Planet ſeyn, denn wo er hinkommt, werden die Weiber wild um ihn, und in jeder Weltecke hat er eine Schönheit ſitzen, die für ihn Leib und Gut daran ſetzt, und er kennt ſie alle, und iſt Du und Du mit ihnen, als wäre die ganze Erde mit ihren fünf Welttheilen zu ſeinem Harem gebaut, obgleich die männliche Jungfräulichkeit, welche er im Ernſt repräſentirt, damit in größter und wunder⸗ ſamſter Disharmonie erſcheint. Kleine Puppe! ſagte ich und kniff das liebe Kind in die volle Roſenwange, bringſt Du uns hinaus, ſo laſſe ich Dich lebendig in Gold faſſen. Indeß hielten wir die Noth nicht ſo groß und glaubten uns bei Deinem Ohm in Abrahams Schoße, denn er verſteht den Fleiſch⸗ 208 handel aus dem Fundamente, und wollte uns für den lieben Stephan austauſchen. Hofft nicht darauf, antwortete ſie traurig, der Vet⸗ ter iſt fort, um ſeinen Freund, den Förſter, auszuſpů⸗ ren, der mit ſeiner Kolonne noch nicht zurückkam. Das Dutzend Wächter aber, die er zurück ließ, und die im Schlachthauſe ihre Wachſtube haben, murmelten gefähr⸗ liche Reden über euch, welche Marie, die Magd, er⸗ horchte. Der Stephan ſoll ſchon todt gemacht ſeyn in Ansbach, und erfährt das Herr Kropf, ſo wird er wü⸗ then, ärger wie der Wind und der Donner jetzt, und euer Tod würde fürchterlich ſeyn. Dazu haben die Leute alle einen rechten Ingrimm auf euch, weil ſie meinen, ihr wäret die Urſache, daß die erſte Zwietracht unter die Blutbrüder, wie ſie ſich nennen, gekommen, und der Kropf hätte immerhin den deutſchen Soldaten den Gefallen thun können, ihnen die Paar lumpigen Huſaren zu ſchenken, morgen hätte man andere Geißeln erwiſchen mögen für ſeinen blonden Stephan. Wir alle drei umſtanden jetzt das liebe, treuherzige Mädchen, und horchten ihr die Worte vom runden Munde. Aber Sidonia, fragte Alfred jetzt, wie willſt Du uns retten? Wie werden wir die Wächter täuſchen? Waffenlos können wir mit Zwölfen nicht anbinden! Wie wirſt Du dabei fahren, wenn man erräth⸗ daß Du geholfen? Und wiſſen wir doch nicht einmal, wie Du in dieſes Verließ hereingekommen? Das Mädchen lã⸗ chelte ihn recht liebreizend an. Gute Thaten bringen Segen, wenn er auch ſpät kommt, das werdet ihr erfahren! entgegnete ſie. Frei⸗ lich muß Gott helfen, ſetzte ſie ſeufzend hinzu, wenn wir durchkommen ſollen. Die Marie hat den Anſchlag ge⸗ N ————— 209 macht, ach! ich wäre zu furchtſam und zu verwirrt dazu geweſen. Die großen Schlachterhunde hat ſie in die Wohnſtube gelockt und dort eingeſchloſſen, die Schützen im Schlachthauſe zechten tüchtig, und ſchnarchen jetzt auf dem Strohlager. Nur Einer ſteht auf der Schild⸗ wache und marſchirt rund um das Haus; vielleicht treibt ihn das Ungewitter unter die Vorhalle oder in das offene Scheuerthor, dann flüchten wir durch den Ochſen⸗ ſtall, und ſind durch eine Hinterpforte ſogleich im Walde. Die Schildwache nehme ich auf mich! praylte der Huſar Jandin. Nein, widerſprach Sidonia ängſtlich, das darf nicht ſeyn, ſchöße er die Büchſe los, wäre das ganze Dorf in Allarm. Laßt nur die Marie machen, ſie lauert aus dem Oberfenſter auf die günſtigſte Zeit. Auch hat ſie unſere Kobers ſchon gepackt, denn mit euch müßt ihr uns nehmen: fändet ihr doch anders nie den ſichern Weg durch die Berge hinaus. Alſo Du willſt mit uns, herrliches Kind! rief ich voll Freude. Muß ich nicht? verſetzte ſie naiv. Für den Dienſt, euch hinauszuführen, werdet ihr mich und die Marie ja wohl ſicher durch das Franzoſenvolk zum Sachſen⸗ lande bringen laſſen. O wir Beide ſind das ängſtliche Leben unter dieſen wüſten Menſchen überſatt. Auf meinen Armen trage ich Dich hin bis an's Ende der Welt, Du liebe Puppe, antwortete ich. Nun, ſo gar weit liegt Stadtfeld eben nicht! meinte ſie treuherzig; aber ein Geräuſch nahm mir die Ant— wort von der Lippe, und zuſammenfahrend ſahen wir nach der Gegend, von wo es kam. Es iſt Zeit! flü⸗ ſterte ein feines Stimmchen aus der Wand, und zugleich Blumenhagen. XIII. 14 21¹0 ward uns klar, wie die Sidonia zu uns herein gekonnt. In den fränkiſchen Bierhäuſern findet man nämlich überall in der großen Gaſtſtube in der Wand eine Oeff⸗ nung, welche zum gewölbten, halb über der Erde lie⸗ genden Keller führt. Vor dieſes Loch ſchiebt der Keller⸗ knecht jeden Morgen ein friſches Faß, welches die Oeff⸗ nung verſchließt, und deſſen gelber Hahn in das Zimmer ragt, damit das Schenkmädchen jedem Gaſte, der Platz am langen braunen Tiſche nimmt, ſogleich die blanke Kanne aus dem Faſſe füllen kann. Durch dieſe Oeff⸗ nung, die, von ihrem Schieber verdeckt, bei dem Gewirr des Abends vergeſſen worden, gelangte Sidonia zu uns, durch dieſes runde Loch leitete ſie uns jetzt hinaus in das Gaſtzimmer, und wir quetſchten uns mit Luſt durch das enge Spundloch. Die Laden vor den Fenſtern wa⸗ ren von innen vorgeſetzt, und ſo durften wir in der langen Halle ohne Sorge das Licht brennen laſſen und unſere Flucht beſprechen und bereiten, aber eine neue wunderbare Scene wartete hier auf uns, und vor Allen auf meinen Weiberliebling. Kaum waren wir aus unſerm Schneckenhauſe her⸗ vorgekrochen, ſo ſtand ein zweites, nicht minder feines Weibchen vor uns, und faßte mit Heftigkeit Alfreds Hand, und beugte ſich und küßte zwei, drei Male die feſtgehaltene, und zeigte uns dann ein frommes Marien⸗ geſicht, das von einem wirklichen Strom von Thränen überſchwemmt worden. Alfred ſchien, wie ich, eine Wahn⸗ witzige in ihr zu vermuthen, denn er bemühte ſich los⸗ zulommen, und fragte dazu mit Beſorgniß: Was will die Arme? Iſt ſie krank? Auch die Marie kennen Sie nicht? entgegnete Sido⸗ nia. O wir Mädchen behalten beſſer, als die Männer. — v W N —— 211 Es iſt ja die blinde Marie, welche durch Ihre Wohl⸗ that wieder ſehend wurde. Gute That bringt Segen! und ſeit ich weiß, warum ſie ſo angſtvoll auf Ihrer Ret⸗ tung beſtand, iſt auch mir der Muth gekommen, denn Gottes Gerechtigkeit kann Sie nicht verderben laſſen. Marie, Du biſt es wirklich! fragte Alfred freundlich und ſehr heiter.— Mein Wohlthäter, mein Vater! ſchluchzte das Mädchen und küßte wieder ſeine Hand. O dürfte ich doch heute ein Weniges von meiner großen Schuld bezah⸗ len. Aber horch! fuhr ſie dann auf, ich glaube, die Hausthüre knarrte. Nehmt Kleider und Gewehre, ſie liegen dort auf dem Tiſche. Macht euch fertig, ich rufe, ſobald es Zeit iſt. So ſprang ſie fort, und wir folgten ihrem Befehle und nahmen ſchnell und ohne Wahl aus dem Haufen der Beute, worunter auch manches der eige⸗ nen Equipage in unſere Hände zurückkam. Zur Erläuterung muß ich Dir nur kurz andeuten, daß Güldenkron ſchon vor mehreren Jahren eine bedeu⸗ tende Summe Geldes hinwarf, um einen habſüchtigen Medikus zu vermögen, der armen Blinden den Staar zu ſtechen. Die Zinſen wurden uns jetzt gezahlt, und die chriſtliche Lehre von dem kleinen Waizenkorn der Menſchlichkeit, welches goldene Ernte bringt, hat ein neues Zeugniß bekommen für die Ungläubigen und Hart⸗ herzigen. Wir ſtanden marſchfertig und horchend, und Sidonia nahm ihr Strohhütchen aus einem Schreine und knüpfte eine Flaſche und einige Lebensmittel in ein Tuch, da kam Marie athemlos und bleich in die Halle zurück. Ruhig, um Gottes und Jeſu willen! flüſterte ſie wie in Todesangſt. Die Schildwache iſt im Hauſe und nach der Kellerthüre marſchirt. Findet er dort Nichts und hier Alles, ſo iſt es aus mit uns! 212 Kopf nicht verloren! flüſterte ich zurück. Güldenkron, Jandin, geſchwind ohne Geräuſch euch lang hingeſtreckt auf die Bänke, die Mädchen mit dem Lichte hinaus, und die Lampe ausgeblaſen, ſollte der Feind hierher marſchiren. Eilig vollzogen Alle meine Ordre, und ich nahm Platz im Winkel an der Zimmerthüre. Bald hör⸗ ten wir des Bauernburſchen grobe Stimme in unſerer Nähe. Mein, ſagte er mit Humor, ſpieltet ihr Mäuschens auch auf dem Tiſch, wenn der Kater nicht heim iſt? Hätte man doch nicht meinen ſollen, daß die Kropfſchen Mädels auch auf die Sternſchau gingen. Nun gebt euch nur zu. Mein! wer wird ſo etwas verrathen. Ein gut Dirnel hat ſeinen Sprecher; habe ja das Licht geſehen durch den Laden und das Koſen gehört. Die Mädchen ſtritten mit ihm, und wollten ihn be⸗ reden, ſie hätten für den Herrn Kropf das Nachteſſen zurecht geſtellt, damit er Nichts zu brummen hätte, wenn er mit dem Förſtersmann heimkehren möchte. Aber durch die Nothlüge machten ſie die Gefahr nur ärger. Der junge Schütze wurde böſe. Wollt ihr mir eine Naſe drehen, mir, der ich in Nürnberg groß gewachſen bin? fragte er hitzig. Bei dem großen Klopfer von Sanct Sebald, das ſoll euch Schelmdirnen ſchlecht bekommen. Wißt ihr nicht, daß ich Herr bin im Hauſe, bis der Alte kehrt? Und wenn auch die franzöſiſchen Beſtien im feſten Keller ſchnarchen, ſo darf eine Schildwache das ganze Haus viſitiren, vor dem ſie Poſten hat. Mariel! voran mit dem Licht; bei dem Waſſerſpeier auf dem neuen Bau! ich will wiſſen, was euer Sprecher für ein Mann iſt, und ob er ſolch Kernmadel verdient, und will einen guten Krug mit 213 ihm leeren auf Schwägerſchaft, denn draußen wettert es, daß einem Hören und Sehen vergeht. Der Feind ſchritt raſch auf unſer Aſyl los, ſtieß die Thüre auf und trat herein, indeß Marie zitternd hinter ihm blieb und mit ihrem Körper den Schimmer der Lampe zu verdecken ſuchte. Nun, nur heraus, gut Freund, rief ſchäkernd der Eintretende, bei mir wegſchreitend; ich aber, vom Augenblicke und ſeinem Werth ergriffen, packte mit beiden Armen zu, und ſo glücklich und ſicher, daß meine Fauſt ſeine Gurgel drückte, ehe ihr ein Schrei entſchlüpfen konnte, und ſeine Büchſe der Hand entfiel, indem meine andere Hand ſeinen rechten Arm packte, als wollte ich ihm die Knochen brechen. Güldenkron und Jandin ſprangen auf, die Mädchen kamen herbei, und der arme Teufel glotzte mit hervorquellenden Augen die große Geſellſchaft an, in welche er ſo unerwartet gerathen war. Zeit gab es nicht mehr zu verlieren, wir mußten unſer Spiel auf die Spitze ſtellen, nur ein Va banque konnte retten. O macht ihn nicht todt! bat Sidonia. Sehe ich Blut, muß ich Hülfe ſchreien. Demoiſelle müſſen nicht ſchwächlich ſeyn, entgegnete Jandin und zog den Säbel. Er oder ich! Da darf man ſich nicht geberden ſo ſenſible. Schleppt ihn mit fort in den Wald, rieth Marie. Nur Stricke her und Tücher, befahl ich; ſterben ſoll der Burſche nicht, aber ihn unſchädlich zu machen heiſcht die Selbſterhaltung. Was ich bedurfte, lag in der Nähe; ſo knebelten wir den armen Teufel ſo kunſtgerecht, als hätten wir bei der Gensd'armerie Unterricht gehabt: wie eine ein⸗ gewickelte Mumie lag er am Boden, nur die Naſen⸗ 214 löcher blieben in Funktion, um ihm Lebensluft zuführen zu können, und wie der Bäcker ſeinen Teig in das Ofen⸗ loch ſchiebt, transportirten wir das Wickelkind durch das runde Kellerloch in unſer Gefängniß, vermachten die Oeffnung ſo feſt als möglich und ſagten dem Schreckens⸗ orte Valet. Die Mädchen warfen ihre Hüte auf die Köpfe und ihre Tragkörbchen auf die Schultern, wir rüſteten uns mit unſerm wiedergefundenen Eigenthume, ich nahm zur Vorſicht noch die geladene Büchſe der Schildwache, und ſo ſchlichen wir dreiſt zur vordern Hausthüre hinaus, vermieden das Schlachthaus, bogen um einen Garten⸗ zaun, und kamen glücklich bei dem Leuchten der Blitze an den nahen Wald, der mit ſeinen ſchwarzen Fittichen uns überdeckte. 25. Derſelbe an Denſelben. Haſt Du wohl einmal ein Donnerwetter erlebt bei Nacht mit en im Walde und zwiſchen hochgethürmten Berggipfeln? Wer es erlebte, der weiß, warum die alten Deutſchen ihren Gott Thor den gewaltigen nann⸗ ten, warum ſie ihm den zentnerſchweren Götterhammer in die Hand gaben, mit dem er die Felſen zermalmt. Wer es erlebte, der kann ſich es erklären, wie der ge⸗ fühlloſe Wilde in Amerika's Urwäldern, der noch im Dunkel der Thierheit wandelt, der ſein Weib als Laſt⸗ thier nutzt, dem ein Menſchenbraten das leckerſte Gericht iſt, der jubilirend um den Scheiterhaufen tanzt, auf dem ſein zerſtümmelter Feind wimmert, wie dieſer Thier⸗ 215 menſch bei dem erſten Donnerſchlage in den Sand nie⸗ derſtürzt und mit bleichen Lippen ſtammelt: Wehe den Söhnen des Hirſches und den Kindern der großen Schlange, der Donnerer zürnt! Ja, den durch eitle Philoſopheme verrückt gewordenen Atheiſten und den unverbeſſerlichen Böſewicht führe man in das Toben einer ſolchen Nacht: jener wird augenblicklich einen Gott glauben, und dieſer ein Gewiſſen fühlen. Ich kann mich nicht erinnern, je in einem ſolchen Wetter geweſen zu ſeyn, wie das war, welches zu un⸗ ſerer Flucht die Sphärenmuſik machte. Der Sturm ſauste ſtoßweiſe durch die Gipfel der hohen Bäume und raſſelte in ihren Aeſten. Es iſt die Oſtſee, die an ihre Klippen donnert! ſagte Alfred tief aufathmend. Blitze ſchoßen herab, hier und dort, und ſich jagend und kreu⸗ zend, als wollte das Feuer die Erde in Einer Lohe verglaſen und den jüngſten Tag herbeiführen; der plötz⸗ liche Wechſel der hellſten Gluth und der tiefſten Finſter⸗ niß blendete die Augen, daß wir gegen die alten Stämme prallten oder auf gutem Holzwege über die kleinſte Wur⸗ zel ſtolperten, und gar oft Halt machen mußten, um Luft zu ſchöpfen und Geiſt und Leib in minutenlanger Erholung zu ſammeln. Dabei rollte der Donner in unausgeſetzter Kanonade, mit Gewaltſchlägen untermiſcht, die den Erdboden erbeben ließen, und zwanzig Echo's unterhielten und verſtärkten das ſchauerliche Geroll, wel⸗ ches unſer furchtloſer Chamboran mit unzähligen: mon dieu's und diable's! im ſeltſamſten Gemiſch begleitete. Die kleine Sidonia trabte unſerm Zuge muthig vor⸗ an: ſie war des Weges kundig, hatte ſich mit einem Blendlaternchen verſehen, deſſen Schieber ſie jetzt eröff⸗ nete, und ihr Silberſtimmchen ſagte uns jedes Hinder⸗ 216 niß warnend an, und ſie erinnerte mich an das Glöck⸗ chen des menſchlichen Eremiten, das in Sturmnächten läutet, um Verirrte zum Obdach zu rufen. Nur zuwei⸗ len ſprach ſie halblaut ein frommes Gebet, ſich zu ſtär⸗ ken, und was davon der Wind zu uns hertrieb, ver⸗ fehlte auch in meinem harten Herzen die tröſtliche Wir⸗ kung nicht, die ich, zu meiner Schande geſtehe ich es, hier zum erſten Male erfuhr. Bruder, es liegt doch etwas Tieferes und Höheres in dieſem Glauben des einfachen, unverbildeten Gemüths. Wir, die wir eitel und ſtolz vom Kinderglauben und Köhlerglauben ſpre⸗ chen, müſſen den rechten Weg verfehlt haben; denn was iſt unſer künſtliches Selbſtvertrauen, unſere geprieſene Geiſtesſtärke gegen das Gottvertrauen eines ſolchen ſchwa⸗ chen, zarten Weſens, welches durch das gräßlichſte To⸗ ben losgelaſſener Elemente, wenn auch zitternd, doch ohne Furcht wandeln kann, weil es weiß, es geht auf guter Bahn, und weil es glaubt, ſein kindlich Wort klingt hindurch über Sturm und Donner zu einem Va⸗ ter, der es hört und erhört. Ich werde die einzelnen Sprüche, die mir in dieſer Nacht zuklangen, nimmer vergeſſen, denn ich meinte einen Engel zu hören, der mir Gottes Evangelium vorſprach. Auf meinen Arm gelehnt folgte Güldenkron, und ihm zur Seite, ſobald der Weg Raum gab, wandelte Marie und unterſtützte ihn bei gefährlichen Stellen, und fragte oft, wie es mit ihm ſtände und mit ſeinem wunden Kopfe. Der Huſar machte den Beſchluß, und wir hör⸗ ten oft ſeinen ängſtlichen Ruf, wenn er zurückgeblieben im Dunkel, oder ſich im niedern Schwarzdornbuſch ver⸗ wickelt hatte. Ein wahrer Flammenguß ſiel jetzt aus der dunkelſten 217 Wolke herab, von einem Geraſſel begleitet, als berſte Himmel und Erde zugleich und die alten Angeln der Schöpfung brächen ein. Alfred wankte, unſer Huſar lag langgeſtreckt am Erdboden, und die Mädchen ſanken betend in die Kniee. Eine hohe Tanne fackelte nicht weit von uns im hellen Feuer, Schwefeldunſt umgab uns, und alle Schleuſen des Himmels thaten ſich plötz⸗ lich auf, ſtrömend goß der Regen nieder und der auf einmal verſtummte Donner wurde jetzt durch ein Waſſer⸗ rauſchen in den Gipfeln des Waldes erſetzt, welches nicht weniger ſchauerlich klang und der raſſelnden Dromete ähnelte, durch die ein warnender Weltgeiſt den Men⸗ ſchenkindern eine Sündfluth anſagt. Wir kommen nicht durch und die Leuchte wird ver⸗ löſchen, ſprach Marie, zuerſt wieder gefaßt; wir müſſen Schutz ſuchen, ſolch Wetter kann nicht lange anhalten. Irret mich die Nacht nicht, ſo ſind wir ganz nahe am tiefen Steinloch, wo die naſſen Kalkbilder wachſen. Sidonia beſtätigte des Mädchens Meinung, und ſo brachen wir vorſichtig, eines hinter dem andern ſchrei⸗ tend, und jedes den Vorgänger faſſend, zur Seite durch den Buſch, überſchritten einen ſchmalen Holzweg und ſtanden bald am Eingange einer jener ſeltſamen Höhlen, deren das Frankenland ſo viele und berühmte aufzuwei⸗ ſen hat, welche der Kalkſinter mit wunderbaren Tape⸗ ten bekleidet und mit ſtalactitiſchen Säulengängen und Statuen füllt, und wovon die Muggendorfer Steinkirche die merkwürdigſte, ſtattlichſte und bekannteſte iſt. Den Eingang dieſer Steinſchlucht bildete eine ziemlich geräu⸗ mige Vorhalle, deren weiße Wände das grelle Licht der Blendlaterne blendend zurückwarfen, aber der Regen ſchlug hier noch ein, weil ein kleiner Raum vor der 218 Höhle holzfrei dalag⸗ Sidonia führte uns darum tiefer hinein, wo wir freilich gebückter wandeln mußten, da⸗ gegen mehrere trockene Steingruppen fanden, die uns als Ruheſitze dienen konnten. Wir lagerten uns ſchwei⸗ gend, und anfangs blieb die Geſellſchaft ungeſprächig gleich einer Quäkergemeinde. Jeder hing ſeinen Ge⸗ danken nach, man horchte auf die Vermehrung oder Minderung des Wetterſturms, der Franzoſe trillerte ein Vaudeville, Sidonia ſaß auf einem niedern Steine zu Alfreds Füßen, die Laterne vor ſich auf dem Boden hü⸗ tend, die vorſichtige Marie aber ging ab und zu und bewachte den Eingang der Schlucht. Ahnungen ſind Gottesſtimmen, aber nur gläubige Weſen haben Ohren für das Heilige, und eine kluge Rede ſchläft in eines Narren Ohr! ſagte unſer ehrwür⸗ diger Seiler, wenn ein Spötter ſein Lieblingsthema an⸗ griff; dieſe Nacht war von meinem Schickſale auserſehen, mich ganz zu bekehren. Weißt Du, liebe Side, wo wir ſchon einmal ſo ſaßen, aber in einer beſſern Stunde und in einer glücklichern Lage? fragte Güldenkron ſeine Geſellſchafterin. Wohl weiß ich's, erwiederte ſie, und ſah mit einem Blicke zu ihm hinauf, um den ich den Glücksſohn be⸗ neidete. Es war im Koburger Walde, der Kutſcher machte den umgeſchlagenen Wagen wieder zurecht, wir ſaßen im Graſe, und die Hirtenkinder ſpielten im Hemd⸗ chen um uns her, und die große, värtige Geiß fraß mir aus der Hand. Ach! es war ſo ſchön da, kein Platz in der Welt iſt mir ſo ſchön vorgekommen, und wenn es nachher zu Hauſe einen Feſttag gab, Oſtern oder Weih⸗ nacht, und die Mutter Prätzeln mengte, mußte ich immer an den Tag im Walde denken. — M — Pulſiren der flüchtigen Adern in den Gliedern ſeiner 219 Es war eine ſchöne Zeit, verſetzte Alfred, und ſein Auge ſtarrte hinaus zu dem dunkeln Eingange. O wer ſie zurückrufen könnte! Aber das iſt hin, verloren, für immer todt und nicht wieder zu erwecken mit Gebet und Buße! Wer doch geſtorben wäre mitten in jener ſeligen Zeit! Doch der Baum muß ſeinen Herbſt ertragen und ſeinen Winter, die Natur hört nicht darnach, ob er jam⸗ mert um die gewelkten Blüthen; der Baum iſt indeß beſſer daran, denn ſein Frühling kehrt gewiß. Sidonia ſah verwundert und betrübt zu ihm auf, aber die Ge⸗ danken, in welche der Freund verſunken, wurden ge⸗ waltſam zerriſſen durch ein neues Ereigniß. Mit ſchnellern Schritten als zuvor hörten wir Ma⸗ riens Fuß über die Steinchen der Vorhalle raſſeln. Gott ſey uns gnädig! ſprach ſie leiſe und abgebrochen, Men⸗ ſchen ſind im Walde, Stimmen klangen ganz nahe, und es waren mir bekannte Stimmen. Sicher ſuchen auch dieſe Zuflucht vor dem Regen, und kennen ſie hier die Schlucht, ſo kommen ſie gewiß herein, und wir ſind verloren. Wir Alle ſprangen auf und zogen die Säbel, und ich reinigte ſchnell das Schloß meiner Büchſe von der Feuchtigkeit, die es angehaucht. Sidonia löſchte das Licht in der Laterne aus, vorher aber hatte Marie Al⸗ freds Degen vom Boden aufgegriffen, und das kühne Mädchen ſtellte ſich vor ihn hin und ſagte halblaut: Erſt ſollen ſie mich ſchlachten, ehe ſie zu meinem Wohl⸗ thäter heran dürfen! Dicht an einander gedrückt, mit verhaltenem Athem, ſtanden wir in der Finſterniß, und Jeder hörte nicht allein den eigenen Herzſchlag, ſondern fühlte auch das 220 Gefährten. Es war eine dumme Situation, aber mich quälte nichts als die ungewiſſe Erwartung: hatte ich doch freie Arme und eine ſcharfe Waffe in der Hand, und was kann der Mann mehr wollen in ſolcher Sekunde. Unſere Ungewißheit dauerte nicht lange. Harte Soh⸗ len klangen auf dem Steinboden des Eingangs, Athem⸗ züge ſchnoben gleich den Luftlöchern des Pottſiſches, man hörte, wie die Ankömmlinge ſich durch's Wetter gearbeitet am Luftſchöpfen, Räuspern, Ausſchlagen der Kleider und Mützen, zugleich raſſelten aber auch Waffen in Menge, und ließen über den Charakter der Ankömm⸗ linge keine Zweifel übrig. Verdammt, daß Du die Fackel nicht beſſer wahrteſt, begann da der Eine im öſterreichiſchen Dialekt, das koſtet mir halter den beſten Rock, denn ſchauen's! ſeine Hälfte iſt im Kreuzbuſch ſitzen blieben. Wo ſteckſt Du das Licht hin, wenn Du ſchwimmen gehſt, Nepomuk? antwortete lachend ein Anderer. Meine Taſche iſt eine ſchlechte Laterne. Lehre mich die Kunſt, mitten im Faſſe nicht trunken zu werden. Die Fackel iſt naß wie Schilfholz, und mein Feuer⸗ zeug ſteckt im verlornen Rockviertel, fuhr der Erſte fort. Könnten wir Licht machen, fänden wir halt tiefer in der Höhle einen guten Shlafplatz; nach dem Nürnberger Sprung und wie ich mich vom Ferdinandel verlor, habe ich wohl drei kalte Nächte dahinten geſteckt, im geſtoh⸗ lenen Heu vergraben, wie der Dachs im Winterbau. Da hinten hinein finde ich wohl ohne Licht, entgeg⸗ nete der Zweite, trug ich doch weder Hoſe noch Hut, als wir ſchon beim Beerenſuchen Verſteck und Haſche⸗ mann ſpielten in dem großen Fuchsbau. Wollt Ihr liegen, ſo folgt mir nur, denn hier iſt der Grund ſo 221 matſchig und weich wie ein Schlachthof. Wir zuckten Alle elektriſch, als dieſe Worte mit einigen Näherſchrit⸗ ten verbunden wurden. Was Ruhe, ihr Schlafhauben? ſprach da eine höher⸗ klingende Stimme, an der ich den Sprecher augenblicklich erkannte. Wollt ihr die Zeit vorbeilaſſen, wo der Bra⸗ ten für uns warm iſt? Wißt ihr nicht, daß der giftige Kropf in der Förſterei liegt, und wir bis zum Tage reine Bahn haben? Habt ihr vergeſſen, wie er mich und euch Alle beleidigte und beſchimpfte?— Nein, wir haben's nicht, und er ſoll büßen! kreiſchte ein Chor von Stimmen, deren Zahl uns neu erſchreckte. Büßen? ſpöttelte der Sprecher. Was wollt ihr Zwanzig gegen die hundert Grobians, wenn ſie auch ohne euch und das, was ihr ihnen lehrtet im Waffen⸗ dienſt, eine Schafheerde geblieben wären, die Ein Wolf zum Galopp bringt? Nein, große Buße können wir ihn nicht zahlen laſſen, aber gelb ärgern ſoll er ſich und die Gerechtigkeit erkennen. Wenn er heimkehrt und findet die Schurken geſchlachtet, die er zu Geißeln für ſein Söhnlein aufgeſpart, ſo wird er ſpringen hoch und höher, bis er ſich das Hirn zerſtößt am Saalgebälk. Das ſey unſere Zurechtweiſung und Rache; vielleicht findet ſich dabei auch ein Beuteſtück im Hauſe, und daß keiner die Thäter ausplaudere, dafür habe ich euren Eidſchwur. Alfred preßte bei dem Scheltwort meinen Arm kram⸗ pfigt und flüſterte ein: Selbſt Schurk! im zur Unzeit aufgeregten Ehrgefühl. Hörſt Du das Echo, Hauptmann! fragte einer der Feinde. Dieſe Schlucht iſt ein Prachtbau, und wir thä⸗ ten geſcheidt, wir bauten ſie aus zu einer Feſtung mit 222 Kaſematten, unſer Wolfsleben würde dann noch natür⸗ licher. Und bleiben wir mit dem Kropf geſpannt, wer⸗ ven die Bauern uns doch nimmer Herberge geben und Schlafſtreu. Plaudert davon, wenn wir zurückkommen und hier Morgenruh halten, verwies der Anführer. Der Regen läßt nach, und mir ſcheint's, als blinzelte der Tag ſchon mit den ſchläfrigen Augenlidern. Wir haben keine Mi⸗ nute mehr abzugeben. Darum aufgebrochen, damit wir das Habichtsneſt ausnehmen, ehe der Alte heimkommt. Eine Flaſche möchte ich nur noch holen, die keine zwanzig Schritte weit in dem Steinbau ſteckt, fiel der Vorige ein. Als wir die franzöſiſche Marketenderin fingen und Fangball mit ihr ſpielten am letzten Sonn⸗ tage, erwiſchte ich von ihrem ſpaniſchen Eſel den Schatz⸗ dem ich am Kork abroch, daß es ein Marſchallstrunk ſey, und den ich darum vor den übrigen Mäulern in Sicherheit brachte. Laßt mich ihn holen, wir Alle haben trockene Kehlen, und der Morgenwind pfeift kalt nach dem Wetter. Nichts da, Du Weingurgel, befahl der Führer, kei⸗ nen Aufenthalt! Für den Durſt findet ſich im Ochſen⸗ kopf genug, und wenn wir zurückkommen, trinken wir Dein Leckeres als Feſttrunk bei dem Sarge meiner böſe⸗ ſten Feinde. Das Geraſſel der Waffen verkündigte uns den er⸗ wünſchten Aufbruch der Gefährlichen; bald ſchien es völlig ſtill in der Vorhalle, und an den beiden Mädchen wurde zuerſt die Größe der überſtandenen Angſt ſichtbar, denn ſie ſanken ermattet und faſt ſinnlos an den Stein⸗ wänden nieder, und unſere geſpannten Sinne lösten ſich ebenfalls, wenn auch langſamer: die Glieder hingen —m——j———— 223 lahm und ſchmerzten, als hätten wir ein ſtundenlanges Cavallerie⸗Scharmützel durchfochten, und doch wurde die Bruſt ſo leicht und ſelig und frei, als wären die Rieſen⸗ ſchlangen des Laokoons eben von uns abgefallen und hätten ihre ungeheuren Todesknoten gelüftet. Erkannteſt Du die Zunge, die uns Verderben ſchwur? fragte Güldenkron. Es war der Kletting. Armſeliger Prahler, der Gebundene zu morden geht, dürfte ich Dir doch Auge in Auge und allein gegenüber ſtehen und den Schurken wett machen, der freilich auf ſolchen Lip⸗ pen zum Lobworte wird. Und warum haſſet der Thor mich ſo blutgierig? Bin ich denn nicht eben ſo arm als er, eben ſo verſtoßen und verbannt als er, wenn auch nicht ſo ſchuldig? Er wird Tigeraugen machen, wenn er den Keller ohne Johannisberger findet, antwortete ich. Ueberhaupt kommt mir unſer Malheur bald vor wie eine Gottes⸗ ſchickung: wir brachten Uneinigkeit in das Gefindel, Klettings Einbruch wird die Zwietracht verdoppeln, und nur auf ſolche Weiſe und von innen heraus kann dieſes Hummelnneſt vertilgt werden, von außen findet Nie⸗ mand in den Bau, aber Feuer in das Centrum, und ſie ſchnurren von ſelbſt in's Freie und man tödtet ſie mit Fußtritten. Marie hatte ſich erholt, ſtand auf und begann auf's Neue und mit friſchem Muthe ihr Vorpoſtenamt.— Sie kehrte bald zu uns. Das Wetter war ſtill geworden, indeß hinderte die Dunkelheit den Fortmarſch, und ſie meinte, man müſſe das nahe Morgenroth erwarten, weil der Regen die Wege ungangbar gemacht hätte und die Holzwäſſer ſicher ausgetreten ſeyn würden. Da erhob ſich Sidonia, die bis dahin ſtumm und wie zernichtet 224 geweſen, und nahm Güldenkrons Hand und zog ihn dem Eingange zu. Nein, nein, rief ſie mit beſonderer Heftigkeit, wir wollen fort, und ſollten wir ſchwimmen müſſen wie die Entenbrut, oder klettern dicht an dem Tode weg wie das Eichhorn. Marie kennt dieſe Menſchen nicht wie ich, die ich ihre Wirthſchafterin machen mußte und da⸗ rum ihre Vertraute wurde. Hätten ſie Hunde mit ſich gehabt, ſo wären wir ſchon verloren. Sie werden an⸗ kommen, einbrechen, uns nicht finden. Die pfiffigen Soldaten werden dann ihre Gewaltthat für einen Freund⸗ ſchaftsdienſt ausgeben, ſie werden lügen, unſere Flucht vermuthet, gewußt zu haben, Alle werden ſich zur Jagd auf uns vereinigen, man wird die Hunde loslaſſen, und wie bald ſind wir dann entdeckt und in ihren Händen. Und lieber ſpränge ich von der Klippe in den Stein⸗ bruch, als daß ich die Mißhandlungen der Unbarmher⸗ zigen, den Zorn meines Vetters ertrüge, und euch Alle vor meinen Augen abſchlachten ſähe. Führe Du uns, Sidonia! antwortete ich für Alle. Wir folgen Dir getroſt, und Gott wird helfen, denn er iſt mit Dir, der Schuldloſen. Aber ſchlachten ſollen ſie uns nicht; wir haben Waffen, und da ſicht ſich's, und gibt's hier ein Blutloch und da ein Blutloch, ſo geht's dann unvermerkt, ehrlich und auch ganz freundlich zu Ende.— Sidonia ſchauderte. Nein, nein, es darf nicht, rief ſie mit Lebendigkeit. Die Sterne leuchten hell ge⸗ nug, alle Wolken ſind nach Norden getrieben, überlaßt euch nur mir, ich kenne die Geheimniſſe dieſes unglück⸗ lichen Waldes alle. Aber den kürzeſten Weg darf ich euch nicht führen. Ich weiß einen Fluchtweg, den nur der Ohm und der Förſter für ſich erfunden, der wird 225 uns aller Gefahr entziehen, wenn wir glücklich bis da⸗ hin gelangen. Wir ſtimmten Alle für den Abmarſch, und der be⸗ ſchwerliche Zug durch Buſch und Holz begann auf's Neue, und die Weiche des Bodens, die Glätte des befeuchteten Waldgraſes verdoppelten die Mühſeligkeit unſerer Wan⸗ derung im Finſtern. Wie iſt doch Manches im Leben ſich ſo ähnlich und unähnlich zugleich! Wird ein Kronprinz geboren oder ein alter König zur Ahnengruft gebracht, ſind dieſelben Menſchen in Bewegung, wird mit derſelben Aengſtlich⸗ keit der Familienprunk hervorgeſucht, Kanonen donnern, Glocken läuten; nur daß der Beobachter eine Varietät in den Phyſiognomien und den Kleidern bemerkt, und auch das nicht einmal zuweilen. Wir rüſtigen jungen Männer ſpazirten mit zwei blühenden Mädels, die we⸗ nigſtens hübſch genannt werden konnten, durch duftiges Holz im Sternenſcheine, und kein Herz klopfte Sehn⸗ ſucht, keine Lippe bat um Liebespfänder. Ich, vielleicht bislang der Kälteſte von dem Fünfblatt, dachte allein daran, und wie vor Zeiten in dem lieben Sachſen, wo die hübſchen Mädchen, nach dem alten Liede, wie die Kirſchen wachſen, ich und Du auf ſolchen Sternen⸗Pro⸗ menaden bei weitem nicht ſo beſcheiden und ſittſam ge⸗ weſen, wie ich und meine Kameraden heute im Kriegs⸗ rocke, wo man ſonſt jede Sekunde zu ſchätzen und zu genießen weiß. Da philoſophirte ich denn ſo in meiner monologiſchen Weiſe, daß es doch eigentlich nur der Sinn und Geiſt des Menſchen iſt, welcher die Bedeutung in ſeine Lebensſituationen hineinträgt, und daß es da⸗ durch enträthſelt wird, wie der dürftige Bauerburſche eine ganze Seligkeit in der Seele trägt und mit keinem Kaiſer Blumenhagen. KlMII. 15 226 tauſcht, wenn er am Sabbath, nach ſechs Werkeltagen des Schweißes und der Knechtſchaft, ein grünes Band von dem Schätzel am Hute hat und das derbe, runde Dirnel im Langaus ſchwenken kann, daß ihr der Athem aus⸗ geht; indeß der engliſche Nabob, der ſeine Höfe mit Souverains pflaſtert und dem die Faſanen gebraten zu⸗ fliegen, aus Langweile lebensſatt zum Strange greiſt oder in die Themſe voltigirt. Unſere Mitternacht hatte ihr ſchönſtes Feierkleid an⸗ gelegt. Ein erquickliches Luftbad umwogte uns und ver⸗ wiſchte alle Folgen der ertragenen Schwüle. Die Lunge trank in unerſättlicher Schwelgerei den balſamiſchen Le⸗ bensnektar, den der milde Strichwind herzutrug. Alle Gebüſche dufteten, und die Sterne blitzten ſo goldig und ſchön von dem dunkeln Domgewölbe herab durch die Lücken der Baumgipfel, als wollte die Natur ſagen: Kinder, fürchtet euch nicht länger! Meine böſe Laune iſt vorüber, und die alte Mama iſt wieder gut und murrt nicht mehr! O ahmte doch der Menſch der großen Leh⸗ rerin nach, und hätte nach jedem groben Ausfalle der Leidenſchaft auch die Verſöhnung ſo ſchnell bei der Hand! Möchte er dann immer noch ein Bischen mehr tollen und toben; nach jeder Marterwoche käme ein herrliches Auferſtehungsfeſt, nach jedem blutigen Turnei ein Feſt⸗ mahl, die Unzahl der Verſöhnungen würden jede Woche mit einem Geburtstage der neuen Liebe zieren; denn wahrlich, Bruder! der Menſch, welcher noch nie eine Verſöhnungsminute feierte, ſollte am nächſten Morgen mit dem Erſten dem Beſten in den Streit gehen, um am Abend die Seligkeit der Sühnung zu erfahren. Ich war in dieſem Augenblicke mit der ganzen Welt verſöhnt, ſelbſt mit dem groben Beilſchwinger Kropf und 2 ſeinem giftigern Kollegen Chamäleon. In ſolchen Ge⸗ danken, wie Du ſie eben laſeſt, that ich große Rieſen⸗ ſchritte, oft ſelbſt unſerer allerliebſten Führerin voraus, und als der Tag nach und nach, wie eine ſchämige junge Frau nach der Hochzeitnacht, etwas blaß und ſchüchtern durch die ſchweren Laubgardinen hervorſah, als es dann rundum hell ward, und die Vögelein munter wurden und ihre Morgengebete zwitſcherten, hier ein Marder von dem nächtlichen Korſarenzuge zum Geſtein zurück⸗ ſchlich, dort eine wilde blaugraue Katze ſich in die Aeſte des Eichbaums hinauf ſchwang, ein Rudel ſchlanker Hirſche durch die Fichten brach, und wir uns nun alle in die treudeutſchen, ein wenig durchwachten Geſichter ſahen und uns die Hände gaben und ſelbſt den Franzoſen nicht von dem Morgengruße ausſchloßen, da ſeine Phyſiognomie weder von den Raubvögeln noch Wölfen einen Baſtard⸗ zug in ſich führte, da ward mir ſonderbar zu Muthe: ich glaube ſo was man im gemeinen Leben fromm und gottvertraulich nennt und was ich nie im Kriegsrocke noch zu gewinnen gedacht hätte, und ich mäßigte meine Schritte und ließ die kleine Sidonia nicht mehr von der Hand, und erquickte mich an dem kindlichen Antlitze, auf dem das Leben keine Narbe nachgelaſſen, weil es ſich keiner Wundung ausgeſetzt hatte. Wir kamen denn endlich an den Platz, den Sidonia uns zuvor als den geheimen Schmuggelweg des Ohms und ſeines Spezials bezeichnet hatte, und was wir fan⸗ den, war weder ſo übel erfunden als ausgeführt. Der ſchmale Fußpfad, der uns bislang getragen, endigte ſich hier an einem plötzlich erſcheinenden Erdſturze, der ihn ſcharf abſchnitt. In der Tiefe rauſchte ein Waldwaſſer, ringsum ſtand dichtes, undurchdringliches Geſtrüpp, und 28 der jenſeitige Rand des zerriſſenen Berges war wenig⸗ ſtens zehn gute Schuh von dem dieſſeitigen. Wir ſahen uns verblüfft an, denn die Brücke, welche, als da geweſen⸗ hier wie dort durch ein feſt eingegrabenes Gebälk ver⸗ rathen wurde, fehlte, und zur Zimmerung eines Faſchi⸗ nenwerks mangelte uns Säge und Art; da führte Si⸗ donia uns in einen Unterbuſch, und der ſichere Steg lag vort verſteckt, ſogar mit Haken verſehen, die in anderes Eiſenwerk am Gebälk paßten und dieß Brücklein feſter legten, als Muhameds Mondſcheinsbrücke lag, auf der er zu ſeinen Gouris ritt. Ich trug das Rettungsbrett zum Ort, die Haken paßten genau in ihre Ringe, die Maſchine fiel und die Paſſage war ſicher, und Alle ſchrit⸗ ten freudig hinüber. Ich blieb der Letzte und ſah mir ſinnend die Stelle an. Wir wären hinüber, ſagte ich zu den Wartenden jenſeits; aber wenn ſie uns mit Spürern verfolgen⸗ wie die Mädchen meinen, ſo hilft uns das Brücklein nichts, ſo lange es liegen bleibt, und dient den Feinden ge⸗ treuer als uns bei dem Nachſetzen. Es müßte hinunter in den Abgrund. Was nicht möglich iſt, muß man nicht berathen, ſon⸗ dern dem Schickſale laſſen, antwortete Alfred. Da fiel ein Schuß im Holze, ziemlich weit freilich, aber meinen jagdkundigen Ohren klang es zugleich näher wie Rüden⸗ anſchlag. Macht Platz drüben! rief ich ohne längeres Beſinnen, riß die Brücke aus den Haken und ſtürzte ſie zu der rauſchenden Waſſertiefe hinunter. Raum zum Anlauf war vorhanden, die Freunde wichen jenſeits bleich und erſchrocken zurück, und meine langen Gebeine trugen mich in einem Meiſterſprunge über den Todesſchlund. Man ſoll Gott nicht verſuchen! zürnte Güldenkron. 229 Was hätten wir thun ſollen, wäreſt Du in die Schlucht hinuntergeſtürzt? Nun, ihr hättet mich eben liegen laſſen, antwortete ich lachend. Der jüngſte Tag würde meine zerſchlagenen Glieder ſchon wieder eingerenkt haben. Vous étes le premier Voltigeur de France, das Seitenſtück zu unſerm premier Grenadier, dem unſterb⸗ lichen Latour d'Auvergne! meinte Monſieur Jandin. Meine Leichtfertigkeit hatte aber nicht ihren Grund in einer Undankbarkeit gegen Gott; nein! ich freute mich des gelungenen Sprungs zwiefach, denn ich hatte Si⸗ doniens Angſtgekreiſch gehört, ich hatte geſehen, wie ſie leichenblaß an die runde Bruſt der Magd gefallen war. Sieh, Herr Bruder, ſo ein alter eitler Geck iſt Dein Pylades geworden, ſeit er mit Marſchällen und Ordens⸗ rittern trinkt und Kameradſchaft hält. Wir glaubten uns jetzt völlig geborgen. Jandin tanzte, als wir aus dem Walde in ein kleines Thal traten, und machte manſuriſche Pas auf dem friſchen Raſen; doch die Vögelein, welche zu früh ſingen, frißt die Katze, ſagt die alte Volksweisheit, und beinahe erging es uns nach dem prophetiſchen Spruche. An der Fronte des Holzes herab marſchirend nahm uns bald eine freiere Feldflur auf. Dicke Garben ſtanden auf dem gemähten Korn⸗ acker in mächtigen Haufen, und nicht allzufern ſchim⸗ merten die erſten Häuſerchen von Bretta durch die Obſt⸗ baumgipfel und zwiſchen den grünen Hecken heraus, und verſprachen uns Sicherheit und, was wir vor Allem be⸗ durften, Körperruhe. Indem wir die bekannten Häu⸗ ſerchen mit einem frohen Ausrufe begrüßten, der daſſelbe Gefühl ausdrückte, welches des Maſtkorbwächters: Land! im Ocean der Schiffsmannſchaft zujubilirt, klaffte ganz nahe 230 ein Hund, und im Trabe ſchnupperte das große ſchwarze Thier auf uns zu, hob jedoch in Sidoniens Nähe die geſpaltene Schnauze, wedelte mit der kurzgeſchlagenen Ruthe und umkreiste die erſchreckende Dirne mit unwill⸗ kommenen, maſſiven Liebkoſungen. Ich ahnte ſogleich die Urſache ihres Erſchreckens und fragte lakoniſch: Iſt er es?— Ja, es iſt der Mohr, antwortete ſie raſch, und ſein grimmiger Herr kann nicht weit ſeyn!— So iſt ein Sturmlauf nöthig, verſetzte ich commandirend, die Mädchen voran, wir die Arriéregarde; Marſch, Marſch, dem Dorfe zu! Wir zogen die Säbel und ſetzten uns Alle in ſchar⸗ fen Trab, die Mädels huſchten voraus, leicht wie Elfen, und der vierbeinige Mohr ſprang fröhlich bellend neben her, wofür ich der Beſtie gern eine Kugel in den Nacken gejagt, hätte mich meine alte Hundefreundſchaft nicht abgehalten. Es war eigentlich in dieſem Eilmarſche etwas Innobles, und mir ſelbſt, der ich dazu commandirt, ſtieg die Schamröthe auf die Wangen, und ich citirte mir den Cäſar und Friederich und alle Helden, welche jemals die kluge Retirade empfohlen hatten. Die Fenſter der Häuſer in Bretta wurden ſchon deut⸗ lich und blitzten im Morgenſtrahle, das Kornfeld mit ſeinem Stachelboden war faſt paſſirt, nur eine buſchige Wieſe mußte noch durchſprungen werden: da erhoben mit einem Male die Mädchen ein Zettergeſchrei und bo⸗ gen ſeitwärts aus der Richtung; Alfred, welcher ihnen der nächſte, fühlte ſich plötzlich von vier gewaltigen Ar⸗ men feſtgehalten, und ein halbes Dutzend unſerer ge⸗ fürchteten Widerſacher fuhren hinter den Garbenhaufen hervor auf uns ein, und aus dem trockenen Graben, welcher Acker und Wieſe trennte, tauchte eine gleiche 231 Anzahl wildbehaarter Köpfe auf, und einige Schüſſe wurden von dort auf uns losgebrannt. Obgleich über⸗ raſcht durch den unerwarteten Anfall, ſchien Alfred alle ſeine Jugendkraft zuſammengerafft zu haben, denn wie der Eber die Fanghunde abſchüttelt durch die Stärke ſeines Nackens, ſo warf er in einem Umſchwung der ſtarken Bruſt die beiden Schnapphähne von ſich und metzelte derb mit ſeinem Sarras auf ihre breiten Filze nieder. Aber jeder Buſch, jede Tiefe ſpie verwegene Kerls aus, und Jeder von uns mußte an ſich ſelbſt denken und konnte ſich nicht um den Nebenmann kümmern. Da raſſelte ganz nahe eine Trommel, ein Horn ſchmetterte dazwi⸗ ſchen, und Franklins nervenſchmelzende Harmonika hat mir nie ſo göttlich geklungen. Links belebte ſich der Rand des Holzes, und Schuß fiel auf Schuß hinter den Eichen, und aus den weißen Dampfwolken ſprangen Bewaffnete heran; rechts aber brach durch den Unterbuſch eine Ko⸗ lonne blauer Voltigeurs hervor, und ihre Büchſen tra⸗ fen verteufelt ſcharf, denn ſelbſt von unſern Widerſachern ſtürzten einige, und die Mehrzahl fand es für gut, ſich zum Waldaſyle langſam zurück zu machen. Nur ein kleiner blutdürſtiger Haufe kam dem Trifolio zu Hülfe, welches wir vor uns hintrieben, und richtig entdeckte mein Auge ſogleich an ſeiner Spitze den Erzfeind, den Klet⸗ ting, der mit einem wahrhaft hölliſchen Mordhuſſah zu uns her flog, obgleich ein junger, ſchlanker Sergeant⸗ Major mit einer zwiefachen Ueberzahl Franzoſen im vollen Laufe heran und ihm entgegen eilte und ſein: En avant, mes praves! weit über die Wieſe erſchallte. Feiger Deſerteur, brüllte Kletting, Du entkommſt mir dieſes Mal nicht wieder, und hätteſt Du die ganze Hölle im Solde, und ſollte meine Seele darob zum Satanas fahren. 232 Mit dem Säbel in der Rechten, die Piſtole in der Linken fiel er Güldenkron an, und dieſer hatte ſichtlich Mühe, ſich gegen den wüthenden Angriff zu vertheidigen. Ein anderer Haufe drang auf mich und den Huſaren ein, aber des Freundes gedenkend ließ ich den Franzoſen ſein Heil allein verſuchen, ſprang um den Garbenhaufen, ließ den Sarras fallen und ſchlug die Büchſe, die ich in der Linken getragen, auf Kletting an. Eben hatte Alfred einen Glückshieb gethan und des Feindes rechten Arm wehrlos gehauen, aber der Wütherich brannte die Piſtole los, und Güldenkron taumelte und ſtürzte. Da drückte auch ich den Hahn ab, und der Schuß ſaß, denn der Mordbube ſchlug einen completen Purzelbaum rück⸗ wärts über und ſtieß die Beine dem Himmel zu, ehe er ſich lang ſtreckte. Die Waldmänner mußten die blauen Soldaten erſt überzählt und ihre Anzahl gering gefunden haben, viel⸗ leicht hatte auch des Hauptmanns Fall ihre Wuth auf die Spitze getrieben, denn jetzt brachen ſie überall hervor und ſchienen auf eine ernſthafte Bataille gefaßt zu ſeyn. Die Voltigeurs erreichten uns; rachedurſtig ſetzte ich mich an ihre Spitze und ſah nur noch, wie der ſchlanke Sergeant bei dem armen Alfred niederkniete und die Geberden des heftigſten Schmerzes zeigte, wie er dann den Ohnmächtigen mit großer Anſtrengung auf die Schul⸗ tern hob und ihn forttrug in der Richtung gegen Bretta hin. Mit Entſetzen ſah ich aber bei einem ſpätern Rück⸗ blicke, wie eine Kugel auch den braven Retter traf und er unter ſeiner Laſt in das hohe Gras ſank und ver⸗ gebens ſich bemühte, wieder vom Boden aufzukommen. Mein Herz zog mich gewaltſam zurück zu den Hülfloſen, aber es war zu ſpät, die Feinde waren engagirt, die 233 wackern franzöſiſchen Scharfſchützen rießen mich fort in ihren Vormarſch. Es gab nach der erſten Salve ein Gefecht auf Mann und Mann mit Kolbe, Bajonett und Fauſt, das noch mörderiſcher hätte ausfallen müſſen, wäre es nicht vom Trompetentuſch und den herantrabenden Chamborans geſtört worden, die jetzt beſſer an ihre Pflicht dachten, als geſtern am Waldbache, und das verwegene Geſindel, nachdem einige Zwanzig mit dem Leben be⸗ zahlt hatten, wie ein zerſprengtes Damhirſchrudel vor ſich hin in die Fichtengruppen jagte. Kaum hatte mein Arm wieder Freiheit, meine Bruſt Athem und ich ſah den Feind laufen, ſo ſäumte ich nicht, der Herzensſtimme zu folgen, die mich rückwärts rief wie mit Stimmen der Todten. Ich fand Alfred in den Armen Sidoniens und Mariens. Die Kugel war ihm in die Bruſt gefahren, aber er athmete noch, ſein mattes Auge blickte mich freundlich⸗ſchmerzvoll an, und er flüſterte mit ſchwacher Stimme: Adio, Otto, auf Wiederſehen! Sieh nach dem Andern dort! ſetzte er hinzu; vielleicht nützt ihm die Hülfe mehr als mir.— Ich ſchaute nach dem Sergeanten, der umgewälzt auf dem Rücken lag, am Kopfe heftig blutete, aber voͤllig todt ſchien. Das ſchöne Antlitz kam mir ſo bekannt vor, daß ich näher trat und ſchärfer hinſah, und das— war bei Gott kein Gianettinos⸗Geſicht. Das ganze Corps war allarmirt worden durch dieß beiſpielloſe Wageſtück der verzweifelten Rebellen: von allen Seiten marſchirten Compagnien heran; ſo kamen auch die Medicis mit ihren Gehülfen, Alfred ward verbunden und vorſichtig zurückgebracht; als ich aber nach geleiſteter Hülfe mich ebenfalls um den niedlichen Leichnam des ſeltſam⸗menſchenfreundlichen Sergeanten 234 kümmern wollte, war der General Potier ſelbſt ſchon um ihn beforgt geweſen und hatte ihn aufheben laſſen. †ch borgte daher ein Huſarenpferd und ſprengte nach dem Waldſchlößchen voran, um dem armen, verlorenen Freunde wenigſtens ſein letztes Bett ſo weich bereiten zu laſſen als möglich. 25. Luzie Redlich an die Aſſeſſorin Voll. Durch einen reitenden Zoten. Wir ſind in einer böſen Zeit geboren, liebe Freun⸗ din; die Welt iſt in Gährung, und daß der äußerſte Tumult, der alle Gränzen verſchiebt und alle Völker vermiſcht, auch in das innerſte Hauskapellchen dringt, davon haben wir leider überall im Lande der Beiſpiele genug erfahren, und das letzte und nächſte iſt mir vor Augen, indem ich dieſes ſchreibe. O warum mußte die unglückliche Adele gerade unſer Haus zu ihrem Zufluchtsorte erwählen? War die Seele der armen Kreuzträgerin noch nicht belaſtet genug? Mußte der härteſte Streich des Schickſals unter meinem Dache auf ſie warten? Mit welcher Ergebung in ihr Loos kam ſie geſtern hier an! ſie trug den Schmerz um des Gatten Verbre⸗ chen wie eine Chriſtin, und ich freute mich ihrer Stärke. Aber auf die verfolgte Niobe lauerte ſchon ein neues Geſchoß, das vom unbewölkten Himmel niederfuhr und ſie in neuen Jammer niederwarf. Wir hatten die letzten Wochen wie im Paradieſe zu⸗ 235 gebracht, denn die gierigen Horden des Generals Vatié marſchirten ab, und uns ſandte der Himmel ein Paar deutſche Reiteroffiziere, welche uns vergeſſen machten, daß wir in einer Kriegszeit lebten. Der Eine, von Held⸗ rin genannt, ſchien ein tiefſinniger, wortarmer junger Mann, der Niemanden etwas in den Weg legte und beſcheiden nur das Nöthigſte annahm; der Andere, älter und rauher und kriegeriſcher von Anſehen, trug eine neckiſche Laune hinter der derben Außenſeite und hatte zugleich, trotz ſeiner Goliathsgeſtalt, eine ſolche Gut⸗ müthigkeit und ſolch zutraulich⸗tändelndes Weſen, daß alle Kinder des Guts ſich in den erſten drei Tagen ihm anſchloßen, Knaben und Mädchen ihm keine Raſt gönn⸗ ten, und er jenen hölzerne Säbel und Flinten ſchnitzen, dieſen Halsbänder von Holzbeeren und Fruchtkernen flech⸗ ten und aufreihen mußte. Wir erholten uns ordentlich von der gehabten Angſt und Plage, und fühlten die Vorzüge deutſcher Ehrlich⸗ keit und Billigkeit wieder einmal recht lebhaft, und mein biederer Redlich, der mir ſchon mißmuthig zu werden angefangen, bekam ſeine alte Freundlichkeit und Arbeits⸗ liebe wieder. Doch unſere Friedensfreude hatte den Cha⸗ rakter aller Erdenluſt: ſie war vergänglich. Gerade an dem Tage, an welchem Adele bei uns anlangte, rückten die Truppen aus, um die Unruhen der Gebirgsbauern in die nöthigen Gränzen zurückzutreiben. Ich war auf der Seite der geplagten Landleute, und ſah darum die Anſtalten mit Unmuth. Mein Redlich meinte, die Bauern wären Tollhäusler, denn ſie opfer⸗ ten unnütz Leib und Gut und würden Alles ſchlimmer machen; ſie ſollten warten, bis das Wetter, welches um Berlin aufzuziehen ſchiene, den erſten Blitz leuchten ließe, 236 dann ſei es vielleicht Zeit, dem rechtmäßigen Landes⸗ herrn zu zeigen, daß die Ansbacher Dankbarkeit im Her⸗ zen bewahrten und alte Wohlthaten nimmer vergäßen. Er mochte recht meinen; wir Weiber denken nur an das Nächſte, geht doch unſere Sorge vom Morgen zum Mor⸗ gen, oder eigentlich nur vom Frühſtück zum Nachteſſen. Die Truppen rückten alſo aus, trafen mit den Bauern zuſammen; es ſetzte blutige Köpfe, und gerade unſere beiden Huſaren kamen nicht zurück und waren unter den Vermißten. Wir bedauerten die Gebliebenen; indeß der Schweſter Ankunft, der Wechſeltauſch der Begebenheiten und Empfindungen, in den wir natürlich geriethen, machte alles Fremdartige vergeſſen, und wir gedachten der Ein⸗ quartirung nicht mehr. Am heutigen Morgen aber ließ der General früh zum Ausmarſch trommeln, denn es hieß, ein junger kühner Franzoſe habe ausſpionirt, daß die Vermißten gefangen gehalten würden, und habe ſich anheiſchig gemacht, die Soldaten zur Befreiung ihrer Kameraden in die tiefſten Schlupfwinkel der Feinde zu führen. Wir wurden Alle früh von dem Lärm geweckt, und Sie können ſich unſer Erſchrecken denken, als bald darauf überall in unſern Feldern und Holzungen ge⸗ ſchloſſen ward, und die beiſpielloſe Verwegenheit unſerer furchtloſen Franken eine Bataille mit den überlegenen Franzoſen dicht vor unſern Fenſtern aufführte. Der Aus⸗ gang mußte ſo ſchlimm vorausgeſehen werden, wie er eintrat, denn was kann der ungeübte Landmann gegen dieſe Kriegsmaſchinen, wo tauſend Arme und tauſend Beine ſich nach Einem Takte bewegen, als ſähe man ein menſchliches Polhpenthier, oder einen menſchlichen Rattenkönig. Wir erwarteten mit Herzensangſt die beſtimmteren — c„—„——————— 1 S* W — S S ——— 237 Nachrichten über das Gefecht, denn unter unſern Leuten befand ſich ſo Mancher, der drüben im Walde Ver⸗ wandte hatte, und vor dem Aufſtande hatten wir mit den ſogenannten Empörern im täglichen Verkehre ge⸗ ſtanden. Da kam plötzlich der vermißte Goliath auf den Hof galoppirt, daß die Brücke am Schutzgraben bebte; verwirrt ſtürzte er zu uns in das Haus und ver⸗ langte das beſte Bett, Verbandſtücke, heißen Wein und tauſend andere Dinge mit ungeſtümer, ihm ſonſt ganz fremder Härte und Heftigkeit. Bald enträthſelte ſich uns das Beſondere, denn mehrere Franzoſen trugen auf einer Bahre, die fie von zuſammengebundenen Flinten gebil⸗ det und mit ihren grauen Mänteln bedeckt hatten, un⸗ ſern jungen Capitän in das Hofthor, langſam, wie zur Beerdigung, und der hübſche Soldat ſah auch einer Leiche ähnlicher als einem Lebenden, war mit Blut überſtrömt und ſchlug kein Auge auf, und als Leidtragende gingen zwei Landmädchen, eine noch niedlicher als die andere, mit wirklichen Thränen auf den Wangen, hinter dem Conducte herein. Die ganze Hausgenoſſenſchaft ſtrömte zuſammen und umſtand mitleidsvoll das militäriſche Schmerzensbett des jungen Herrn, der Niemanden etwas Leides gethan, da⸗ gegen Manchem Gutes erwieſen, obgleich er ein Kleid trug, das in der Erinnerung der Deutſchen lange neben dem böſen Feinde aus dem Höllenpfuhle ſtehen wird. Mein Redlich öffnete ſorgſam die bequemſten Zimmer, und ich ſprang hin und her, dem franzöſiſchen Wundarzte herbeizutragen, was ihm nöthig war. Eine Kugel hatte ſeine Bruſt durchdrungen, und man machte Anſtalten, das giftige Blei aus der Wunde zu nehmen. Als das Beit bequem gelegt war, der Verwundete in den weichſten 238 Kiſſen meines Hauſes ruhte, Alles auf dem Tiſche ſtand, was mir abgefordert worden und der Lieutenant jetzt den Freund zu entkleiden begann, ſo trieb ich alle weib⸗ lichen Weſen aus dem Zimmer, damit Zucht und Sitte an meinem Herde nicht verletzt würde. Wie erſtaunte ich, als ich, die Mägde vor mir hertreibend, von der Thüre noch einmal muſternd zurückſah, und drei Schritte vom Bette Adelen, die fromme und züchtige, erblickte, die mit bleichem, unbewegtem Geſichte, das wie von Marmor ließ, mit glanzloſem, weitem Auge und wie vom Starrkrampf feſtgebannten Gliedmaßen daſtand und mit der ganzen Seele hinübergezogen ſchien zu der Lei⸗ densſcene, von der ich nicht vermuthen konnte, wie nahe ſie ihrem Herzen anging. Ich eilte zu ihr. Das Mitleid läßt Dich die Sitte vergeſſen, flüſterte ich ihr zu. Komm, Adele, ehe die Männer Deine An⸗ weſenheit gewahren. Laß mich, antwortete ſie mit einer dumpfen, kalten Stimme, welche aus einer todten Bruſt zu kommen ſchien. Wollt Ihr mich wieder zum Argen bereden, daß ich meine Pflicht noch einmal vergäße? Ich muß bleiben auf die⸗ ſem Flecke, denn ich muß ihn ſterben ſehen. Der verwundete Capitän mußte ihre Stimme erkannt haben, denn er ſchlug plötzlich die Augen auf und ſchaute uns eine Sekunde lang ſtarr an. Dann fielen die Augen⸗ lider wieder zu wie todtmüde. Ein ſeltſamer Zug, faſt freudiger Zufriedenheit ähnlich, kam in Adelens Geſicht. Siehſt Du! ſagte ſie. Nun iſt er geſtorben, nun iſt Alles gut und abgebüßt, und die letzte Freude iſt nun auch genoſſen. Ich war ſein Gedanke, und ſeine Seele nahm mich mit, als ſie ſchied, und auch meine Frie⸗ densſtunde wird bald ſchlagen. 239 Eintönig und ohne Affekt plauderte ſie die Worte her, warf keinen Blick mehr auf das Bett und ließ ſich ge⸗ duldig von mir aus dem Zimmer führen. Der Capitän Heldrin iſt Güldenkron, Adelens Gül⸗ denkron, und dieſes Zuſammentreffen ſo wunderbar wie grauenvoll. So ſoll die unglückliche Adele auch noch die letzte Hefe des Wermuthkelches ausleeren. Es wird mir ein ſchweres Amt ſein, dabei zu ſtehen und ſie zu ſtützen. Jetzt ſitzt ſie oben auf der Mutter Zimmer, beküm⸗ mert ſich um nichts, beſchäftigt ſich nur mit dem Gedan⸗ ken, er ſei geſtorben, und ſagt alle Viertelſtunde ein⸗ mal, indem ſie mit einem ſchweren Seufzer aus tiefem Sinnen erwacht: Auch Er iſt todt! Aber beſſer, daß ihn das Grab hat, als das Laſter. Hätte die Mutter unſere Einquartirten geſehen, dann hätte ich auch früher gewußt, daß Heldrin und Alfred Eine Perſon ſei, und würde der unglückſeligen Begeg⸗ nung vorgebeugt haben. Aber die liebe alte Frau kam kränkelnd an und blieb die erſte Woche oben auf dem Zimmer, das wir ihr eingeräumt. Senden Sie, liebe Freundin, ſogleich zu dem Hof⸗ rath Schr.„ dem trefflichen, menſchlichen Freunde und Vertrauten meiner Eltern. Wir bitten ihn, mit dem ſchnellſten Pferde herüber zu eilen und den Verwundeten zu ſehen, den mein Mann in den Händen der leichtſin⸗ nigen franzöſiſchen Wundärzte nicht gut berathen glaubt. Redlich wußte um die traurige Herzensgeſchichte meiner Schweſter, und ſeit er den Helden in ſeinem armen Ca⸗ pitän erkannte, nimmt er ein ganz beſonderes, drän⸗ gendes Intereſſe an dem Verwundeten. Aber ſo ſind die Männer, auch die beſten: ſie halten zuſammen, wie ein Hummelnſchwarm. Unſere Fleckchen gelten ihnen als 240 Todſünden, indeß Jeder der eifrigſte Advokat der Leicht⸗ fertigkeiten ſeines Geſchlechtskameraden wird, und doch will man uns verhindern, eben ſo ſtreng zuſammen zu halten gegen die Stürmer. Doch dieſes Mal wollen wir gehorſam ſein und nicht widerſpenſtig, und eifrig erfüllen, was der Hausherr an⸗ befahl. Bitten Sie den Hofrath ſelbſt, Sie bitten ja ſo vefehlend. Auch mich drängt eine innere Stimme, die ich nie ſo laut und herriſch in mir vernahm, Alles auf⸗ zubieten, um dem Tode dieſes Opfer zu entreißen. Wäre es Ahnung von einer möglichen Wiederſtellung des Glücks und Friedens der geliebten Schweſter? Sollte hier eine Sühnung möglich ſein? Redlich thut ſo geheimnißvoll und ſteckt immer mit dem Lieutenant Fuſt zuſammen. Möge das auf einen Ausgang deuten, wie Sie ihn ſicher mit mir wünſchen! 26. Otto Fuſt an den Doktor Degenhnauf. Waldſchlößchen, unter der Reinsburg. Schilt nicht weiter, Freund, daß ich nach einer fie⸗ verhaften Geſchwätzigkeit, welche Deine Neugierde auf die Folter ſpannte, ſechs lange Wochen hindurch ſtumm blieb und der Papagai zum Fiſch wurde. Länger wie Dir iſt mir die Trauerzeit geworden, und ohne faſt vom Seſſel oder aus dem Zimmer zu kommen, habe ich der Geſchäfte mehrere gehabt als im wildeſten Kriegstrubel. Deine Neubegier ſoll aber pflichtſchuldigſt befriedigt wer⸗ den, denn jetzt iſt mir das Erzählen Noth, indem ich mich gar nicht behaglich fühle und mit der Gegenwart 24¹ grolle, ohne zu wiſſen warum, und neidiſch auf das Turteltaubenleben des Herrn und der Madame Redlich blicke, dem ich, da ich mich jetzt zu Hauſe halten muß, wie ein engliſcher Schuldner, überall begegne. Muſäus ſagt irgendwo, wenn ich nicht irre: Ein Götterſchauſpiel iſt's, zwei Liebende zu ſehen! Der weltkluge Kotzebue entgegnet jedoch: Für Menſchen iſt ſo ein Anblick höchſt langweilig, man müßte denn ſelbſt mitſpielen. Und beim Himmel, der Etatsrath hat nicht Unrecht, nur daß bei allem guten Willen zu ſolchem Spiele Zwei gehören, da es keine Verwandtſchaft mit dem Grand-Patience hat. Du ſtauneſt über den Eingang, den Du weniger ver⸗ muthet hätteſt als des Himmels Einſturz? Du wirſt noch mehr erſtaunen, und mit mir ausrufen, daß ſich nichts ſo Seltſames, Bizarres und Wunderliches im Ge⸗ hirn eines Dichters oder Tollhäuslers zuſammenbringen läßt, das nicht ſchon auf Erden paſſirt wäre oder noch paſſiren könne. Mein letzter Bericht malte mich Dir als Todespa⸗ trouille an Alfreds Krankenbett, und da habe ich denn auch dieſe Wochen ſo ziemlich immer geſeſſen und Arz⸗ neien eingerührt und Kühltränke präparirt, aber beiher noch ganz andere Geſchäfte getrieben, die einem Ambaſ⸗ ſador am türkiſchen Hofe Ehre gemacht haben würden. Alfreds Wunde war höchſt gefährlich, als aber eine Mei⸗ ſterhand die Kugel ausgeſchnitten hatte, die ſich bis un⸗ ter das Schulterblatt verirrt, und kein edles Organ ver⸗ letzt ſchien, faßten wir Muth und waren voll Hoffnung. Der verdammte Klotzwurf jedoch aus der Zigeunerhand im Walde zeigte ſich als ein verſteckter Feind, der den offenen an Bosheit beſiegte: eine heftige Hirnentzündung bildete ſich aus, und die Herren Medici mußten ihr Blumenhagen. XKII. 16 242 eigen Gehirn nicht wenig anſtrengen, um das fremde Encephalum wieder zurecht zu rücken, und die Austritt drohenden Blutſtröme in ihre Ufer einzuzwängen und zu beſänftigen. Es ſah wohl gefährlich aus, denn dieſe Herren, die Alles ohne Schmerz kuriren, ohne eigenen nämlich, kramten ſchon ihre ſeltſamen Schraub⸗ und Bohr⸗Maſchinlein aus, mit denen ſie den Schädel an⸗ ſtechen wie ein Weinfaß, und hintendrein zuſehen, ob die Gall'ſchen Organe ihre rechten Plätze haben oder nicht. Ich wehrte mich gegen dieſe Neugierde, weil es in dieſer verfinſterten Welt für den größten Fehler gehal⸗ ten wird, einen gar zu offenen Kopf zu haben, und ſchon der alte ehrliche Gellert der Meinung war, die dummen Gürgen hätten den größten Anſpruch auf irdiſche Glückſeligkeit, ich wehrte mich, bis Beſſerung eintrat, und die Söhne des Hippokrates ſelbſt meinten, die Ge⸗ fahr würde ohne Eiſenwaffen zu bezwingen ſeyn. Man ſpricht viel von auserwählten Sonntagskindern, welche Geiſter ſehen ſollen. Ich finde darin eben keine beglückende Auserwählung, noch irgend einen Vorzug, denn was iſt Angenehmes dabei, mit ſolch luftigem, federleichtem, kreideweißem Geſindel zu commerciren, welches wispert, als hätte es die Halsſchwindſucht, das man nicht herzen darf, und welches uns als höchſte Gunſt zukünftige Unannehmlichkeiten vorherſagt, denen man deßhalb doch nicht entrinnen kann. Ich nenne diejenigen Menſchen Sonntagskinder, denen der Herrgott ein un⸗ vergängliches Sonntagskleid in das erſte Bad mitgab, Haut und Form, die Jedermann mit Wohlgefallen an⸗ ſieht, die jedes Herz aufſchließen, und ein blanker Frei⸗ paß ſind in jedem Liebeskreis. So ein Sonntagskleid, mit einem krauſen Lockenkranze garnirt und mit ein 243 Paar ſchwarzen Karfunkelſteinen unter der Stirne, iſt mehr werth als alle Geiſterſeherei, denn es beherrſcht die Geiſter, und iſt ein Magnet für alle Weiberherzen, und zieht ſie heran aus Oſt und Weſt, und was die Weiber in der Weltgeſchichte für Rollen ſpielten, was ein Weib ausrichten kann— nun, Du weißt das ſo gut wie ich, wir haben ja zuſammen Hiſtorie ſtudirt, und Anthropologie, und ſind auch in Practicis nicht zu⸗ rückgeblieben. Daß Güldenkron ſo ein Sabbatskind iſt, muß Dir ſchon klar geworden ſeyn aus dem, was ich Dir von ſeinem Leben berichtete, aber ſo recht impertinent deut⸗ lich iſt es mir doch erſt geworden, ſeit der arme Bur⸗ ſche da lag wie ein Kind in Windeln, ohne Willen und Kraft, ein Spielwerk jeder fremden Hand, eine zerbro⸗ chene Puppe, aus welcher der Schmetterling ſich fort gemacht. Eins, zwei— fünf Frauenbilder, die Alte mitgerechnet, haben ſich um ihn gedrängt, zerſeufzet, zerweint und geſtritten; wäre er bei Sinnen geweſen, er hätte die Sinne aus Angſt verlieren müſſen. Nein, Bruder Herz, wir wollen keine Hageſtolzen bleiben, wie wir in einer Nebelſtunde des Geiſtes gelobten: ſeit ich dieſe Gelegenheit hatte, das Weib und ſeine Glorie zu erkennen, ſcheint mir das frühere Leben ein verlorenes, ich möchte heute noch zur Kirche ziehen mit dem Bräu⸗ tigamsſtrauße vor der Bruſt, und der Gedanke, als Ha⸗ geſtolz zwiſchen Mops und Kater, unbeweint und unbe⸗ dacht, vielleicht gar mit dem Nachruf: glückliche Reiſe! zu ſterben, iſt mir grauenvoll und entſetzlich geworden. Am Krankenbette iſt das Weib auf ſeinem Triumph⸗ plan, da ſchaut der Engel wahrhaft und ganz ohne Hülle aus der zarten Geſtalt, und hätte der umſichtige ——— —————— 244 Napoleon bei ſeinen fliegenden Hoſpitälern nichts als weibliche Wärter und Medicinalperſonen angeſtellt, er würde ein Hunderttauſend braver geopferter Jünglinge weniger zu beſeufzen haben. Dieſe unermüdliche Auf⸗ merkſamkeit, dieſe unerſchöpfliche Geduld, dieſes ewig wache Horchen auf Wunſch und Klage, dieſe ſchnelle Le⸗ vendigkeit im Herbeiſchaffen des Nöthigen, dieſe opfernde Ueberwindung im widrigſten Dienſt, nein, hätte ich das Alles nicht ſelbſt beachtet und erfahren, und von einem Trio durch Stand, Erziehung und Temperament ganz verſchiedener weiblicher Weſen zugleich, ich würde bis an mein ſeliges oder unſeliges Ende ein ungläubiger Thomas geblieben ſeyn. Darum, Bruder, friſch weg geheirathet, was am nächſten liegt, beſſer die Häßlichſte als gar Keine. Unſer Kranker bedurfte einer ſteten Wache, denn er lag nicht allein ſinnlos, ſondern raste mitunter wie ein trunkener Klingklangs⸗Versler und Gloſſen⸗Poet. Die Sicherung des Verbandes wurde in dieſen Ausſchwei⸗ fungen des flüchtig gewordenen Geiſtes eine ſehr ſchwie⸗ rige Aufgabe. Die erſte Zeit hielten Sidonia und Maria den Tag⸗ poſten mit ängſtlichem Eifer, die Schloßfrau führte die Aufſicht und trippelte ab und zu, ich übernahm die Nachtſchildwache, und Monſieur Jandin, der wegen ſei⸗ ner Treuherzigkeit verdiente, einen deutſchen Vater zu ha⸗ ben, leiſtete mir, wenn ſein Dienſt es erlaubte, Geſell⸗ ſchaft, bedauerte jedoch jedes Mal, wie es Schade ſey, daß uns die niedlichen Demviſelles nicht den Thee ein⸗ ſchenkten; Degen, Wein und Mädchen ſind ja das Glücks⸗ kleeblatt dieſer beneidenswerthen Nation. Da ich es für Pflicht hielt, nicht zu weichen von meinem Liebes⸗ 245 poſten, bis die Entſcheidung gefallen ſo der ſo, und ich darum ſelbſt im Lehnſeſſel des Vorzimners meinen nö⸗ thigen Tagesſchlaf hielt, ſo wurde Jandin auch der Bote zwiſchen mir und der Außenwelt. Er erzählte mir, wie der General in erſter Wuth über die verlorenen Offiziere die Leichname aller gebliebenen Bauern an den Bäu⸗ men des Kampfplatzes habe aufknüpfen laſſen, und wie ſich unter ihnen der noble Rothmäntler⸗Hauptmann mit dem ſchwarzen Dolmann und der Scharlachmütze gar ſtattlich ausgenommen. Der Erzfeind war alſo hin, Gottes Gerechtigkeit hatte Gericht gehalten, aber was half's, wenn er den Freund nachzog in das Reich der Verweſung. Durch Jandin erbat ich auch Potiers Be⸗ ſuch, ſtattete ihm Rapport ab, bewegte ihn, den gequäl⸗ ten Bauern, die ſchon reuige Schritte gethan, Pardon zu ſchenken, und nur die Auslieferung oder Vertreibung der ſie aufhetzenden Deſerteurs zu verlangen, auch den Stephan frei zu geben, um durch Güte ihre deutſchen Herzen zu gewinnen. Er verſprach es, und ich freute mich, weil— nun ja, weil der Stephan Sidoniens Vetter zu ſeyn die unverdiente Ehre hatte, und weil es der erſte Wiedervergeltdienſt war, den ich der Retterin erweiſen konnte, und weil ſie innig bewegt ſchien, als ich ihr die Gnadenpoſt verkündete. So gingen einige Tage ſchleichend hin, und ich ſaß in einer Nacht einſam an Güldenkrons Lager, der etwas ruhiger ſchlief als vorher, da man ihm wieder Blut abgezapft, überdachte gerade recht philoſophiſch meine Vergangenheit, und präparirte mich mit Fragen und Antworten ſehr ernſter Art auf die Stunde, in welcher auch ich vielleicht bald an dieſer Grenze ſtehen möchte, und es ward mir ſchwül im verſchloſſenen Zimmer, 246 denn hatte ich auch nicht gerade viel Schlechtes zu ver⸗ antworten, ſo konnte doch nicht Alles gut genannt wer⸗ den, was im Buche der moraliſchen Doppelrechnung auf meinen Namen notirt worden. Denke Dir, wie mir wurde unter ſolchen Gedanken, als jetzt durch die Stille der Nacht wahrhafte Geiſterſchritte im Vorzimmer tön⸗ ten, und eine weiße Geſtalt hereinſchritt leiſe und leicht, deren ſchönes, aber recht bleiches Geſicht die Idee einer Erſcheinung aus höheren Regionen, welche etwa abge⸗ ſchickt ſey, mir meine Abrechnung einzuhändigen, nicht ſogleich zu nichte machte. Es war ein menſchliches Weſen, lebendig, und wie⸗ derum ein Weib, das erkannte ich bald, aber wie vor einem Oedipus⸗Räthſel oder der Quadratur des Zirkels ſaß ich da, als mein Auge entdeckte, daß dieſe Erſchei⸗ nung Niemand anders ſey als Adele von Mantel, das arme Weibchen des eiferſüchtigſten Kriegsraths und Al⸗ freds Abgott. Das ganze Weſen der ſchönen Frau ſchien in höchſter Spannung, denn ſie warf kaum einen Blick auf mich, und ſetzte ſich ſogleich auf den Seſſel am Fuße des Bettes, und ſtarrte auf den Schlafenden, als horche ſie nach ſeinem Athem, und bei der erſten Be⸗ wegung, die er machte, kam ein ſchwaches Roth herauf an dem Liliengeſicht, und ſie flüſterte: Er lebt wirklich! und die feine Hand, welche ſie auf den Bettrand ge⸗ ſtützt, bebte gar ſichtlich. Gibt es Ausſtrömungen des Nervenſyſtems verwand⸗ ter Weſen, welche, unſichtbar wie die Luft, fein, duftig und erregend wie das Aroma der Blumenkelche wechſel⸗ ſeitig von Einem zum Andern fließen, und iſt in den fabelhaften Romanen des Magnetismus etwas Wirk⸗ liches und Materielles da? Was ich ſah, macht es mich 247 glauben, denn nicht lange hatte die weiße Dame geſeſſen, ſo wurden Alfreds Finger unruhig, er ſchlug die Augen auf, und ſprach anfangs leiſe, bald aber lauter und deutlicher, als er je auf dieſem Lager geſprochen. Oft hatte ich freilich ſchon Adelens Namen in den unzuſam⸗ menhängenden Träumen ſeiner wunden Phantaſie ge⸗ hört, aber jetzt ſprach er zuſammenpaſſend: die Frau, welche ihm nahe ſaß, war der Gegenſtand ſeiner Ge⸗ danken, er redete ſie an, er machte ihr ſanfte Vorwürfe, er erbat Vergebung von ihr, er ſprach von ſeinem Leid um ſie, freilich höchſt aphoriſtiſch, abgebrochen, oft mit langen Pauſen, aber am merkwürdigſten blieb mir da⸗ bei, daß ſeine offenen Augen gerade auf zur Zimmer⸗ decke ſtarrten, daß keine ſeiner Mienen ſich verzog, und doch im Tone ſeiner Stimme, im Ausdrucke ſeiner Rede alles Schmelzende und Wehmüthige und Schmerzliche erklang, als läge er zu den Füßen der Geliebten, und ſeine Seele korreſpondire mit ihrer Seele durch Blick und Fingerdruck. Adele dagegen ſaß ſtumm im Seſſel, auf ihrem Antlitz wechſelte jedoch jede Sekunde der Aus⸗ druck, und da die Nachtlampe hinter dem grünen Schirme ſie voll beſchien, ſo hätte ich aus ihrem Mienenſpiele für jede Rede Alfreds mir die Antwort niederſchreiben können, wäre ich in die Kunſt der britanniſchen Ge⸗ ſchwindſchreiber eingeweiht geweſen. Nach einer Weile ſtand ſie jedoch plötzlich auf: ein Sturm der Gefühle ſchien ſie ſo ſehr ergriffen zu haben, daß ihr zarter Leib wankte, als ich jedoch mich erhob, ihr galant meine Hülfe zu bieten, winkte ſie mit bitten⸗ dem Auge mich zurück, grüßte ernſt, und verließ das Zimmer. Kaum hatte ſie ſich entfernt, ſo ſchlief Alfred wiederum feſt und ſanft, als hätte ein Opiat ſeine Ge⸗ 248 hirnwellen durch ein neptuniſches: Quos ego! glatt ge⸗ drückt. Wie durch einen Zauberſpruch bekämpft, ver⸗ ſchwand die raſſelnde Klapperjagd der Athemzüge, die Finſterniß der gerunzelten Stirne wurde Friedensmilde, die dunkle zackigte Röthe unter dem Auge verlief ſich, und ich faßte zum erſten Male wirkliche Hoffnung und freute mich auf den Morgen, der mir Manches enträth⸗ ſeln mußte. Kaum war die neue Wache aufgezogen, kaum hatte ich die niedlichen Plappermäuler unter das Schloß der Furcht gejagt, die bei meinem günſtigen Rapport ſogleich in Pſalmen und Jubelhymnen ausbrechen wollten, ſo ſtieg ich im Hauſe umher, und forſchte nach der zaube⸗ riſchen Dame. Adele von Mantel wohnte mit uns unter Einem Dache, Adele von Mantel war die ältere Schwe⸗ ſter unſerer niedlichen Schloßfrau, Adele von Mantel war Wittwe, denn der Pavian, der ſie in ſeine Höhle entführt, hatte einen Salto mortale über den Rand des Erdballs hinausgethan, und ſie frei gegeben durch den geſcheidten Sprung aus dem Leben. Da ſtand ich wie ein Knabe, der eine Rakete ſte igen ſieht und mit hinauf zum Himmel fährt auf der goldblitzenden Bogenbahn, aber da knatterts und krachts, und Alles verſpritzt, und er ſteht unten im Dunkel. Warum mußte Keule und Kugel meinen jungen Theſeus getroffen haben gerade jetzt, wo eine Möglich⸗ keit leuchtete, den tragiſchen Roman ſeines Lebens zu einer mildern Auflöſung zu führen? Und war es denn nicht möglich? Hatten ſich die Sterne nicht zu einer beſſern Conſtellation geordnet? Dreiſt redete ich den unſichtbaren Weltregenten an und forderte ſeine Gerech⸗ tigkeit und Güte auf, mit gewaltigem Arme jetzt in den 249 zerſchneidenden, zermalmenden Sichelwagen des Schick⸗ ſals einzugreifen, und zu erretten, was noch nicht zer⸗ malmt oder zerſchnitten wäre. Und daß auch der Sün⸗ der gehört wird vor dem großen Appellationshofe, iſt mir bewieſen worden. Herr Redlich, ſchon lange traulich gegen mich, ging mir in den nächſten Tagen ganz beſonders um den Bart, kümmerte ſich in meinem Zimmer mehr um mein Thun und meine Effekten, als mit ſeiner ſonſtigen Beſcheiden⸗ heit harmonirte, forſchte, wenn er mich ſchreibend fand, nach dem Wohin und Was, und ſtarrte neugierig die himmelblauen Hefte an, in welche ich täglich eintrug, was ſich des Anmerkens Würdiges begeben. Er hatte Etwas auf dem Herzen, aber der ſittige deutſche Mann trug Skrupel, ob er es, und Furcht, wie er es herunter⸗ wälzen möchte. Ich ſah das, konnte jedoch bei der Ge⸗ burt nicht helfen, weil ich vergebens rieth, welche Maus in dem Berge kreiſend wühlen könnte. Weil das ſchwere Geſchütz das Terrain zu gefährlich fand, ließ man die leichte Artillerie vorrücken, und die kleine Schloßfrau machte mit ihren Falkonetts einen ſo geregelten Angriff auf mich, daß ich Chamade ſchlagen mußte. Unvermu⸗ thet trat ſie, als ich eben meine Mittagsruhe gehalten, zu mir ein: die Wangen glänzten etwas höher, die Au⸗ gen dagegen funkelten etwas matter, die Freundlichkeit war jedoch um zwanzig Prozent geſtiegen. Herr Lieutenant, ſagte ſie und blinzelte mit einem Rekognoscirblicke mich an, Sie ſind eine brave Seele, und mein Mann, der gewißlich Ihre Kokarde und Ih⸗ ren Rock nicht zu lieben Urſache hat, iſt Ihnen brüder⸗ lich zugethan. Das Alles gibt mir Muth, anzufragen, ob Sie mir wohl eine recht große Bitte erfüllen möchten? 250 Die Herrin des Schloſſes befiehlt, entgegnete ich. Rechne ich mich doch mit Freude zu Ihren Vaſallen. Keine Galanterie, Herr Fuſt, verſetzte ſie, die Sache iſt leider gar ſehr ernſthaft und traurig zugleich, und ich komme in keiner geringern Abſicht, als Sie zu verführen. Vater Adam war ſchwach, antwortete ich lächelnd, warum ſollte ſein Urenkel ſtärker ſeyn wollen? Und obendrein iſt es ja die Frage, ob ſeine Eva ſo viel Liebreiz an ſich trug, wie meine Verſucherin. Das Weibchen wurde roth bis zum Buſen hinab, etwas Zorn markirte ſich am kleinen Munde, aber im Auge rundete ſich eine Thränenperle, hing einen Augenblick in der ſeidenen Wimper, und kugelte ſich dann langſam und unverwiſcht auf die Wange herunter. Ihr Scherz verletzt! ſagte ſie unwillig und wehmü⸗ thig zugleich. Es gilt ja das Glück zweier Weſen, die beide gut ſind, beide nicht glücklich, und beide innig ge⸗ liebt, wie das Eine von Ihnen, ſo das Andere von uns. Ich wurde ſehr ernſt, und fragte mit Vorwurf: Warum machte Madame Redlich dieſen Nachſatz nicht zum Eingange? Ich ahne, wem und was es gilt, und wüßte man, was ich dem Kranken drinnen ſchuldig bin, man hätte allen Vorbericht erſpart. Sie ſind des Capitäns Freund, fuhr die Frau mu⸗ thiger fort, Sie ſind ſein Vertrauteſter, Sie haben Ade⸗ len hier in der Nacht geſehen, ſo bedarf es auch keiner Einleitung mehr. Wir wiſſen, Sie haben Alfreds Pa⸗ piere im Verſchluß, wiſſen, daß er ein geheimes Jour⸗ nal führt, daß Sie ſein Geheimſchreiber ſind: Redlich hat das Alles ausgeſpürt. Iſt doch die Nothlüge zu verzeihen, wenn ſie Menſchenglück rettet, ſo müſſen auch Sie ein Verräther werden und uns die Papiere aus⸗ 251 liefern, welche über Adelens Verhältniſſe zu Güldenkron Aufſchluß geben und das Mißverſtändniß ſeiner Treu⸗ loſigkeit zu nichte machen. Ich erſchrack wirklich. Madame, das iſt mehr ver⸗ langt, als Freundespflicht gewähren kann, antwortete ich. Und ſind Sie denn der Treue unſers Capitäns ſo ge⸗ wiß? Fürchten Sie nicht, daß dieſe Papiere mehr ver⸗ derben als gut machen könnten? Sie ſtand eine Mi⸗ nute überraſcht und ſah mir forſchend in die Augen. Die Männer ſind böſe, aber ich leſe in Ihren Blicken, daß wir dieſe Aufklärung nicht fürchten dürfen, ſagte ſie raſch. Und ich weiß, der Capitän hat im Gotteshauſe vor der Aſſeſſorin ſeine Unſchuld beſchwo⸗ ren. Nein, nein! Wer eine Adele zu lieben wagte, kann nie ſo tief ſinken, daß nicht von ihrer Frömmig⸗ keit eine Spur bliebe in ihm, und ſeines Gewiſſens Wächter wäre. Fehlgeſchoſſen, liebe Frau! entgegnete ich. Liebte nicht Kletting, der Verworfene, auch, und ſchwur an dieſem Altare? Sie ließ nicht ab, und ihre Bitte tönte ſo dringend, ihre Ueberredung drang ſo geſcheidt und menſchlich und ſchmeichelnd zu mir— ich bat mir Bedenkzeit bis morgen aus. Es gilt das Seelenheil zweier guter Menſchen, ſagte ſie noch bedeutend, und nähme ihn auch der Tod hinweg, wäre er auch dem Grabe verfallen, würden wir nicht ſeine letzte Stunde leichter machen, wie es brüderliche Pflicht iſt, wenn die verſöhnte Adele mit einem Abſchiedskuß der reuigen Liebe von ihm ſchiede? Ach! ſie würde dann wohl nicht auf lange von ihm ge⸗ ſchieden bleiben! Ich kämpfte und überlegte die ganze Nacht hindurch: 252 das Reſultat war die Gewißheit, das kluge Weibchen habe Recht, nur auf dieſe Weiſe könnte der grimmige Teufelsbann raſch gelöst werden, welcher zwei für ein⸗ ander geſchaffene Weſen ſchon zu lange von einander gehalten. Mußte doch das, was der Mann in nächt⸗ licher Einſamkeit nur für ſich geſchrieben, der mißtraui⸗ ſchen Geliebten mehr gelten als das ausgeſuchteſte Ent⸗ ſchuldigungswort ſeiner Wallung, als der glühendſte Schwur in einer Stunde ſinnlichen Entzückens. Und nun, als ich Nachts am Bette wachte und mein Schlä⸗ fer in ſeinen Träumen wieder nach der verlorenen Lieb⸗ lingin rief, ſie in Lebensgefahr zu glauben ſchien, mich zu ihrer Rettung aus den Händen der Zigeuner auffor⸗ derte, da dünkte mir ſein Traum ein Wink des Him⸗ mels, eine Zuſtimmung von ſeinem eigenen Munde, und ich lieferte ohne längeres Bedenken das Journal und die Briefſchaften aus, welche auf die in Frage ſtehende Zeit Bezug hatten. That ich Unrecht, ſo mag der ſchöne Zweck das Mittel entſchuldigen; jeſuitiſcher Eigennutz handelte ſicherlich auf keine Weiſe dabei. Unwirkſam iſt der Schritt wenigſtens nicht geweſen, ſo viel iſt mir ſchon klar geworden. Alfreds Krankheit hatte ihre Kriſe gemacht: Mittags war ſein Geiſt hell, er ſprach zuſammenhängend, erkannte mich und die vor Freuden ſchluchzende Marie, und als ſie hinausgegan⸗ gen, einen geforderten Trank ſchleunigſt zu beſorgen, fragte er mit beſonderem Tone: Ob keine fremden Leute im Schloſſe geweſen? ob er nicht einen Beſuch gehabt? Als ich verneinende Antwort gab, weil ich die ſchäd⸗ liche Wirkung der Bejahung fürchtete, ſprach er vor ſich hin: Sonderbares Geſicht! Man kann wunderlich träumen, das habe ich nun zweimal erfahren. Nach ————— 253 einer Pauſe fragte er wieder, und wie es ſchien, mit Scheu: Ob ich nicht wiſſe, wo der Soldat geblieben, der ihn aus dem Kornfelde getragen und verwundet, und, wie er glaube, tödtlich getroffen unter ihm zu⸗ ſammengeſunken?— Ich antwortete, was mir Jandin berichtet, daß er nicht ſogleich todt, doch ſchwer verwun⸗ det geweſen, daß das Gerücht ginge, es ſey bei dem Verbinden der Sergeant anderen Geſchlechts befunden worden, als man erwartet. Der General habe die Hel⸗ din nach Stadt Herrieden zu ſeiner Gemahlin bringen laſſen, doch hätte daſſelbe Gerücht auch von da ihren Tod berichtet. Alfred ſtarrte lange vor ſich hin. So iſt ſie kalt, die Glühende, flüſterte er dann im Selbſtgeſpräch, und für mich geſtorben. Wir wollen ihr den Frieden gön⸗ nen, ich kenne das ja auch: hienieden konnte ihr Nie⸗ mand den Frieden wieder ſchaffen, ohne den kein Heil iſt. Otto, ſetzte er dann lauter hinzu, ich bin doch viel geliebt worden, und muß darum kein ganz böſer Menſch geweſen ſeyn; und wenn auch ich ruhe, werden viele gute Menſchen mich fortleben laſſen im Gedächtniſſe: Du und die Schweſter und Vater Ernſt und Britomar, und Sidonie und Marie und— Seine Beſinnung ſchien dann wieder abzunehmen, er ſchlummerte wieder viel, und Abends ſtieg die Fluth des Fiebers wieder auf, wenn auch nicht mit der Ueberwallung der erſten Tage. Gegen die Nacht führte Madame Redlich ihre Schwe⸗ ſter zu uns ein, nachdem ſie vorher ſich davon verſichert, daß der Kranke im Fieberſchlummer liege. Die Frau von Mantel ging auf mich zu, reichte mir ihre Hand und ſah mich an mit einem Blicke, den ich nie ver⸗ geſſen werde. 5 254 Freund meines Alfreds, ſagte ſie, Sie haben mei⸗ nen Glauben gerettet, Gott ſegne Sie dafür. Ach! ich bin eine ſchwere Sünderin, aber wenn er beſſer iſt, und er kann nicht ſterben, meine Gebete, meine kreiſchende Verzweiflung hängen ſich an ſeine fliehende Seele, wenn er beſſer wird, ſoll weiblicher Sklavendienſt, Hingebung und Seelenopfer ihm meine Reue beweiſen und ihm Erſatz geben, wenn er die Leichtſinnige, die hart Ver⸗ dammende nicht verſchmäht. Leiſe ging ſie dann zum Bett, bog ihre Kniee und hauchte einen leichten Kuß auf Alfreds Hand, welche über der Decke lag. Madame Redlich wisperte indeß zu mir: Nun, Lieutenant? Habe ich Sie nicht zu einer wohlthätigen Sünde verführt, und thut Ihnen nicht ſelbſt die erſte Frucht derſelben wohl? Könnte nur unſer Kranker auch ohne Gefahr leſen, welches Sanſerit für ihn auf jenem Antlitze glänzt! erwiederte ich. Bereiten Sie ihn, wie es ſein Zuſtand leidet, ant⸗ wortete die beſonnene Frau. Adele darf ihn nicht ſpre⸗ chen, bis er geneſen. Der Hofrath gab heute ſichere Hoffnung, aber verbot jede Erſchütterung ſolcher Art. Die balſamreichen Papiere wird Adele noch nicht ſogleich miſſen wollen: ſie ſind ihr ein Evangelium, das ihr das Himmelreich kündet, ſie ſind auch zugleich ein Spiegel, welcher ſie verſchönert zurückwirft, und wir dürfen ihr die Freude der verſtohlenen Eitelkeit gönnen, da ſie ſo lange das Loos einer Trappiſtin getragen. Ehe Gülden⸗ kron darnach verlangen kann, wird Redlich Ihnen das Anvertraute zurückgeben. Faſt gewaltthätig führte ſie alsdann die Schweſter fort, und hat Wort gehalten, denn ich habe Niemanden von der Familie ſeitdem wieder geſehen, obgleich Alfreds ))— 255 Beſſerung raſch fortſchreitet, und mit ihr im gleichen Schritte meine Vorbereitung ſchon ſo weit vorgerückt iſt, daß er weiß, unſere Schloßfrau ſey Adelen verwandt, und während ſeiner Krankheit ſey die Frau von Mantel zum Beſuch mit ihm unter Einem Dache geweſen.“ N. Adele an die Afſeſſorin Poll. Wirſt Du es glauben, was ich Dir zurufen muß über die Fluren hin, die uns trennen? Wirſt Du die ſchwache Adele nicht verſunken meinen in Geiſtesverwir⸗ rung und Wahnwitz? O es fehlte nicht viel, und es hätte dahin kommen können mit der Verlorenen, Ge⸗ brochenen und Hoffnungsloſen. Ja, Henriette, die der Herr züchtigt, ſind ſeine liebſten Kinder, und die hart Geprüften werden das Himmelreich nicht entbehren. Iſt doch die Welt um mich auf einmal eine andere ge⸗ worden, und der Engel am Oelberge, der den bitter⸗ ſten, aber den letzten Kelch brachte, hat auch das neue Leben gebracht, und die Wetter zerſtäubt und die Nacht zerriſſen, und im neuen, lieblichſten Morgenrothe liegt Deine Adele auf den Knieen und betet an die Uner⸗ forſchlichkeit, welche ihre Herrlichkeit enthüllt hat auch im Schickſale des ärmſten Weibes, wie ſie dieſelbe ent⸗ hüllt im Erdbeben und der verheerenden Sündfluth und dem zerplatzenden Sonnenball, deſſen Trümmer neue Planeten bilden für neue zum Glück gerufene Weſen. Auch die Menſchen um mich ſind alle anders geworden: freundlich und mildthätig, was mir ſonſt hart und kalt ſchien, und ich ſelbſt bin eine Andere, und das Trauer⸗ 256 kleid ängſtigt mich, weil es mir Spott ſcheint und Heu⸗ chelei, weil es wie die Schneedecke auf dem Frühlings⸗ veet liegt, unter dem ſchon Viole und Hyazinthe ihre Blüthen herauftreiben zum Lichte. Du mußt die Erſte ſeyn, welche die Wandelung meines Geſchicks erfährt, wareſt Du es doch, die mit mir theilte den Maientag meiner Liebe und die Winter⸗ nacht meines Grams und die Sünde meines unſinnigen Haſſes. Ja, Henriette, es war Verbrechen, daß wir die Leon haßten mit ſolch unweiblicher Heftigkeit, es war Deine Sünde, daß Du, die Aeltere, mich nicht warnteſt, und ſtatt Waſſer Oel in die Gluth meiner Eiferſucht ſpritzteſt. Rang ſie nicht nach demſelben Ziele mit mir, und war ihr zu verdenken, daß ſie die Waffen gebrauchte, deren ſie kundig worden, und die ſie kannte und in leichtfertiger Keckheit nicht verſchmähte, da ſie wohl wußte, wir konnten nicht und mochten nicht gebrauchen, was unſerer Weiblichkeit zuwider ſchien. O die Eifer⸗ ſucht iſt ein ſelbſtmörderiſcher Pfeil, er trifft zurückpral⸗ lend nur des Schützen eigene Bruſt; ſie iſt dem gefan⸗ genen Scorpion gleich, der in blinder Wuth ſich ſelbſt den giftigen Stachel in den Leib bohrt. Schon der Klang: eifern, ſollte jedes fromme Gemüth davon zurückſtoßen, lehrt doch die Schrift dem Kinde: der Eiferer iſt Gott nicht wohlgefällig. Wir haben gebüßt, und die letzte Buße kam wie ein Feuerbad und eine Schlangengeißel, aber die Allmacht weiß, wie viel das arme Menſchenweſen zu tragen ver⸗ mag und hebt ihm die Laſt von der Schulter, wenn ſie zu ſchwer wird, nimmt ihm die Bürde, ſey es durch Tod oder— Glück. Luzie hat Dir geſchrieben, ſie hat mir's geſtanden⸗ —— W —— 257 und ſo darf ich Dich mitten in mein Paradies ſtellen, und jubelnd ausrufen mit dankbar gefalteten Händen: Henriette! Alfred iſt mein! war immer mein! war nie treulos! Alfred hat weder mir noch Dir einen Meineid gethan! Luzie verſchaffte mir ſeine Papiere. O Hen⸗ riette, ſo iſt kein Weib mehr geliebt worden, und ſcham⸗ roth ſtehe ich vor dem getreueſten Manne auf Erden und klage mich ſelbſt an, wie ich mein Leben vergeudet und das ſeine, wie mein nie zu vergebender Zorn alle Ge⸗ nugthuung abſchnitt. O werde ich ihm die verlorenen Jahre erſetzen können? Werde ich mir das reine, jung⸗ fräuliche Gefühl zurückgewinnen können, das ihm ge⸗ bührt, womit er geliebt werden muß, ſoll er voll glück⸗ lich ſeyn? Ich glaubte ihn todt, ich ſah ihn ſpäter kämpfend mit den böſen Geiſtern der Vernichtung, ich mußte dann ſo fern von ihm, und doch nur durch Eine Wand ge⸗ trennt, ſeiner Geneſung harren, wollte ich nicht ſelbſt den zarten Keim meines neuen Heils zertreten. Das war ein ſchwerer Kampf, ſchwerer als jener entſetzliche Moment, wo ich ihn aufgab im Berggarten, ſchwerer als jene todeskalte Minute der Entſagung am Altare. Auch dieſe ſchleichenden Wochen nahmen ein Ende; die Geduld iſt der Zaubermantel, der über wolkenhohe Berge trägt und unbegränzte Meeresweiten. Auch der längſt erwartete Feſttag kam heran, wo der geneſene Alfred wieder hinausgeführt wurde an Gottes erquickliche Luft, wo er ſeinen Platz wieder einnahm unter den Lebendigen. Es war ein herrlicher Sommerabend. Als feierte die Natur ein großes Weihnacht, ſo ſchimmerten die zerſplitterten Lichter der milden Sonne von jedem Baum⸗ blatte und durch jede Lücke der ſchönen Gebüſche, die Blumenhagen. XIII. 258 Redlichs Schlößchen wie ein Park umkränzen. An allen Bäumen hing das köſtliche Obſt, rothwangig und ſchwer herabziehend den Zweig, und darunter auf den Beeten prangten in vollem Farbenſpiel das Sterngeſchlecht der Aſtern und die Armleuchter der purpurnen Levkoyen und die Hochkerzen der Sonnenblumen und Malven, und darüber wölbte ſich der reine, blaue Himmel, und kein Lüftchen ſtörte ziſchelnd Alfreds zweites Geburtsfeſt und die Rettungsfeier ſo gefährdeter Liebe. Henriette, mir ſchlug das Herz, und meine Sinne waren eben ſo über⸗ füllt von Hoffnungen und Wünſchen, und ich zitterte eben ſo kindiſch wie damals, als wir im Flügelkleide den Klang des Silberglöckchens erwarteten, welches zur Chriſtbeſcherung die kreiſchenden Kinder in das Eltern⸗ zimmer herbeirief. Wir ſahen vom Fenſter aus, wie Güldenkron in dem Hauptwege des Parks der Sonne ſich erfreute; ein Mädchen, das er einſt von Blindheit errettet, führte ihn ſorgſam, und ſein langer Freund ging auf der andern Seite. Es riß mich mit Allgewalt hinab, Luzie begleitete mich, und wir durchkreuzten den Park hin und her, um durch den fernen Anblick unſern lieben Kranken vorzubereiten. O das Auge ſeiner Liebe hatte mich bald gefunden? wir ſahen ihn ſtill ſtehen und ſchauen und langſam weiter gehen, indem er den Blick feſt auf die Gegend im Gebüſch gerichtet hielt, wo wir erſchienen und ver⸗ ſchwunden waren. Bei einem Rondel von Hangbirken, welche einen Kreis von Ruhebänken überſchatten, traten wir ihnen entgegen, und ich hörte vorher noch einen Theil ihres Geſprächs. Alſo erkannteſt Du ſie auch? fragte er. Was mag ſie hier wollen? Wie kann ſie da verweilen, wo 259 der wohnt, den ſie verachtet? Das Auge erfreut ſich ihres Anblicks, aber das Herz ſagt, es wäre beſſer, ſie wäre nicht da, oder das Auge wäre blind. O nein, nein! rief das Mädchen, nicht blind, das iſt gräßlich, das iſt mehr als Tod. Ja, ich glaube Dir, antwortete er mit Engelsmilde. Als ſich Dir das Reich des Lichts verſchloß, war Dein junges Herz voll Wünſche und Erwartungen, Du tra⸗ teſt eben erſt in die Welt, und jede Minute brachte Dir auf den Schmetterlingsflügeln eine neue Luſt. Mir käme die Einſamkeit im Dunkel gar recht; wie könnte ich da ungeſtört leben mit der lieben Geſellſchaft meiner Erin⸗ nerungen, wie würde mich da Nichts erwecken und mir zurufen: es iſt anders geworden! D ich habe ja ein Bild und eine Zeit im Herzen, die genug zu lieben und zu träumen geben, und würde ich Methuſalems⸗alt. Und was iſt leben als lieben und träumen, und träu⸗ mend lieben, und liebend träumen. Hole der Henker das Leben, wenn Du wahr ſprä⸗ cheſt! fiel der rieſengliederige Freund ein. Ich meine, wir Beide haben doch etwas mehr vom Leben gehabt als den bloßen Zugwind des Traumes, und wenn Du an Hinterhaupt und Bruſt greifſt, wird Dir leider die Erinnerung ſagen, daß man im Leben mehr thut, als ſich lieb haben. So auf den Schwanendaunen wird man wachsweich, aber nur Courage, Freund, haſt Du nur erſt Deinen Spanier einige Male abgetummelt, gährt aus dem träggewordenen Blute auch die Männ⸗ lichkeit wieder herauf, und biſt Du das alte Leben ſatt, verſuchen wir ein anderes, mich ſollſt Du immer zur Hand finden, und käme es Dir ſelbſt in den Sinn, ein ehrlicher Lehnſtuhlpapa zu werden und alle Beſchwer⸗ 260 den des Hausſtandes auf Dich zu laden, wie die Schnecke da in unſerm Wege ihr Hüttchen geduldig auf den Schultern hat und vom Buſch zur Wiege trägt: das lebhafteſte Bild eines ehrſamen und in Geduld 1 ten Familienherrn. Verhöhne das Thierchen nicht, alter Spötter! ent⸗ gegnete Alfred lächelnd. Es iſt ein Lieblingskind des Schöpfers, es brachte ſeine Wiege und ſeinen Sarg gleich mit auf die Welt, und ſchließt es den Deckel in ſeiner Thüre, ſo iſt es der glücklichſte Einſiedler, der je in die Berge floh, um dem Unheile in dieſer Welt und der Verderbtheit ſeiner Brüder zu entweichen. Er bückte ſich, um eine große Bergſchnecke, welche mit ihrem geſtreiften Kugelhauſe am Boden kroch⸗ auf⸗ zuheben, ſeine Führerin ließ reſpektvoll ihre Hand von ſeinem Arme, da ſchien ihn aber ein Schwindel zu er⸗ greifen: er ſtrauchelte und ſeine Rechte faßte nach der Bank, die in der Nähe ſtand. Was hatte ich noch zu verhehlen und zu verläugnen? Was ſollte weibiſche Scham vor Menſchen, da ich vor Gott mein Herz offen hinlegen durfte? War er nicht mein Alfredr mein treuer, wiedergefundener, dem ich nur einen, einen einzigen Vorwurf machen konnte, der mich aber viel, recht viel anklagen durfte? Ich ſprang hinzu, ergriff ſeinen Arm, ſtützte ihn vor dem Falle, bis er glücklich guf der Bank ſaß. Nur die Liebe führt ſicher! Nur der Liebe mußt Du vertrauen, Alfred! ſtieß ich dabei mit Haſt und halblaut hervor, denn mein Herz klopfte zum Zerſpringen. Das Mädchen ſah mich erſtaunt und vorwurfsvoll betrübt an, der Lieutenant gab ihr jedoch verſtändig ſogleich einen Auftrag, der ſie forttrieb, und ging dann galant Luzien 261 entgegen, mit welcher er bald im Gebüſch verſchwand. Da war ich denn allein mit ihm, allein mit ihm ſeit ſo langer Zeit, und doch ſchien der ganze ungeheure Zwiſchenraum zwiſchen damals und jetzt ſo ganz ver⸗ ſchwunden, als hätte er nie ſtattgehabt. Alfred ſah verwundert, ja faſt erſchreckt zu mir auf, die ich vor ihm ſtand, und ſeine dunkeln Augen, noch dunkler und ſprechender als ſonſt, weil das Geſicht ſeine Roſen verloren hatte, glühten mich an wie ſtrafend, aber meine Hand hielt er feſt in ſeiner Hand. Sie ſind ſehr gütig, gnädige Frau! ſtotterte er. Wie verdiene ich ſolchen Dienſt, ſolches milde Wort von die⸗ ſen Lippen? Alfred! ſagte ich, ſchmerzlich ſtin Züge muſternd, Du haſt viel gelitten, o wie wird Adele das gut— können? Seine Stirne verfinſterte ſich. Spotten Sie nicht mit dieſem Tone und dieſem be⸗ glückenden Du, Frau von Mantel, entgegnete er mit ſtrengerem Ausdrucke. Doch nein, verzeihen Sie den Undank, Sie wollen mitleidig dem eben Geneſenen einen Labetrunk nicht verſagen, von dem Sie wiſſen, daß er Seele und Leib geſundet. Aber die Hauptwunde genest nie mehr, und ſelbſt Adele hät in voreiliger Härte ſich das Mittel geraubt, gut zu machen auf Erden. So wollen wir denn auf ein Jenſeits hoffen, wo es keine Verkennung mehr gibt, weil dort kein Blut wallt, und kein Mißtrauen die beſten Herzen irre führt. Dort wird Adele auch von mir den Fluch der Verachtung zurück⸗ nehmen, der das Einzige iſt, warum ich gelitten und warum mein Leben ein langes, ewiges Leid ſeyn wird. Henriette, ſeine Klage zerriß meine Seele, ich wußte kaum, was ich that, ich warf mich vor ihm nieder in 262 die Kniee, und preßte ſeine Hand gegen meine Lippen. — Alfred! Kannſt und wirſt Du mir verzeihen? O ich habe ja ſo gränzenlos gebüßt, und meine Strafe wiegt Dein Leiden auf! rief ich mit Heftigkeit. Stehen Sie auf, gnädige Frau! ſprach er mit Ent⸗ ſetzen. Was thun Sie? Wenn ein Verrätherblick dieſe unwürdige Stellung ſähe? Wenn Herr von Mantel... O nur zu lange ſchon waren Sie in dieſer Nähe mit einem verhaßten und verkannten Manne. Laß die Welt ſehen, was ich that! fuhr ich fort, immer höher erglühend. Ich will Nichts mehr ſchonen, Nichts mehr verſchleiert wiſſen. Ich nehme zurück jenes unſinnige Wort, ich bitte Dir es ab knieend, mich im Staube windend ſo lange, bis Du verzeiheſt. Du biſt ja mein getreuer, angebeteter Alfred! Ich bin Deine Adele, ach! ich gehörte ja Niemand anders und zu kei⸗ ner Zeit. Nimm mich, halte mich feſt, befiehl über mich, führe mich fort von hier, hin wo Du willſt, ich gehorche Dir, möchteſt Du auch das Härteſte fordern, und Alfred wird ſeiner Adele nicht vergelten, daß ſie ſo hart, ſo erbarmungslos mit ihm verfuhr. Bläſſe und Röthe hatten bei meinen Exclamationen auf Güldenkrons Antlitz abgewechſelt. Jetzt erhob er ſich plötzlich, und mit mehr Stärke, als ich dem Kranken zu⸗ getraut, zog er auch mich vom Boden auf. Gnädige Frau, Sie ſind krank, ſprach er mit Ernſt und ſehr düſterm, forſchenden Blicke, Sie müſſen krank ſeyn, oder Sie wären nicht die Adele mehr, welche ich anbetete als die reinſte Tochter der Gottheit. Tiefem⸗ pfundenen Dank bringt Ihnen der verlorene Mann, daß Sie die Kette lösten, die ihn in den Staub zog. Ich werde wieder Athem holen können, wie ein Freier 263 und Unbeſchimpfter, ich werde wieder das Auge auß⸗ ſchlagen können im Kreiſe der Kriegsgefährten. Aber da ſey Gott vor, daß ich Adelens Schwäche benutzte, wenn ſie vom Augenblicke fortgeriſſen wurde aus der unbefleckten Bahn. Wie möchte das Gewiſſen den Dank nennen, der für wiedergegebene Ehre Ihre Ehre ver⸗ nichtete? O Adele, es iſt ein göttlicher Traum, wenn ich mir denke, es wäre in meiner Macht, Sie jetzt auf mein ſtarkes Roß zu ſchwingen, und mit Ihnen fortzu⸗ traben in die endloſe Weite, hin, wo andere Geſetze gelten, und ſelbſt unſer Name unverſtanden klänge. Doch ſchon der Traum dieſer Macht iſt Glück und Sünde zugleich. Sie gehören einem Andern, und nicht einmal einen einzigen Kuß möchte ich dieſem lieben Munde entwenden, denn die momentane Seligkeit würde die himmliſche Perle der Unſchuld zertreten, die Adele auf dem Herzen trägt. Es iſt genug für mich. Mehr ha⸗ ben meine wärmſten Gebete nicht erbeten, als die Krone, welche dieſer Augenblick brachte. Adele verkennt mich nicht mehr! Adele bereut und iſt verſöhnt. Mit dem erſten Morgenſtrahle wird Alfred nun fortziehen, fort nach Nord oder Süd, traurig wird er bleiben, aber nicht mehr unglücklich ſeyn! Wortlos hörte ich ihm zu; wog doch jedes Wort ſo ſchwer und hob den Werth des Mannes, den ich mir wieder gewinnen wollte. Er hatte meine Hand an ſein Herz gedrückt und wollte zum Hauſe ſich wenden, ich aber umſchlang ihn feſt, hob mich an ſeiner Bruſt hin⸗ auf und drückte meinen Mund auf den ſeinen. Er bebte wie vom Fieber geſchüttelt. Frau von Mantel! rief er zurückgebengt. Weg mit dem Namen, der an das Schrecklichſte, an 264 meine Verirrung, an mein Unrecht erinnert! antwortete ich mit dem Ausdruck meiner ſeligen Empfindung. Al⸗ fred, ſiehſt Du denn mein Trauerkleid nicht? Es gehört der Sitte, aber das Herz darf nicht heucheln vor Gott und Dir, das Herz darf jauchzen, daß ſein Joch zerbrach und die Galeere zertrümmert liegt. Adele, Du wäreſt—? ſtieß er mit brechender Stimme hervor. Wittwe! und Deine Adele für immer, wenn Du das Weib nicht verſtößeſt, weil das Mädchen Dir entfloh! fiel ich ein. Da ſetzte er ſich langſam nieder auf die Bank, und ſein dunkles Auge hob ſich zuerſt zu dem blauen Abendhimmel und weilte da eine andächtige Mi⸗ nute, dann ſank es herab auf mich, und eine fröhliche Lebendigkeit ſprühte aus den Augenſternen, ſeine Blicke flogen über mich hin, als ſuchten ſie, ob ich noch die⸗ ſelbe, ſeine Arme breiteten ſich aus, aber ehe er mich noch in ſeine Arme preſſen konnte, ſank ſein matter Kopf an meine hochwallende Bruſt und blieb da wie in ſüßer Ohnmacht, und ich hielt ihn feſt an dem FPlatze, wo er der eingeborne Fürſt geweſen und von wo ihn ſo lange ein tyranniſcher Uſurpator vertrieben. Luzie und Fuſt kamen jetzt heran, und die Schweſter legte ihre Arme um uns Beide und ſagte mit weinen⸗ den Augen: Gott ſegne Euch, ihn und Dich, Adele! Und halte den Mann feſt und laß ihn nie mehr von Dir, denn einen edlern und beſſern kann kein Weib finden. Wir haben gehorcht, ſetzte Fuſt hinzu, aber das war ärztliche Pflicht, vornämlich, wenn die Kranken in ſol⸗ cher Kriſis liegen, und was wir hörten, möchte immer unſere ſaubere junge Welt als Lektion erfahren, ſoll's 265 aber von uns nicht früher wiſſen, als bis es ein Pfarrer proclamirt hat. Was weiter mit uns geſchah, kann ich Dir nicht deutlich ausmalen. Das eigentliche Seelenleben läßt ſich nicht in Worten überſetzen, noch in Geſtalten umwan⸗ deln, noch in Tönen ausdrücken; wollte man es ver⸗ ſuchen, man würde vom Walde nur einen Baum, von der Blume nur ein Blatt, von dem Himmel nur einen Stern zeichnen können, aber die geſammte S mitzutheilen, würde nie gelingen. Alfred wollte, nachdem er ſich erholt, mich nicht mehr von ſich laſſen. Bis ſpät in die Nacht hinein ſaßen wir zuſammen, aber was wir Alles geredet, und ob wir viel geredet, weiß ich ſelbſt nicht mehr. Ich erin⸗ nere mich, daß ich ihm den Vorwurf machte, mich Einen Tag weniger geliebt zu haben. Und als er fragte, als ich ihm den kleinen Guido der undankbaren Meta in das Gedächtniß rief, da ſah er mich flehend an und ſprach: Du biſt mit der Allwiſſenheit im Bunde, Adele, aber ja, das war meine einzige Sünde an Dir, aber ſie war eine ſo große und unverzeihliche, daß ſie allein die ganze Strafe verdient hätte, die mir geworden, denn Liebe ohne Vertrauen iſt eine Schändung des erſten Sa⸗ kraments der Menſchheit. Und was hielt mich ab, Dich zu fragen? Aber das iſt das böſe Erbtheil. Wir hal⸗ ten Andere ſchwach, weil wir ſelbſt unſerer Stärke nicht gewiß ſind. Schuld um Schuld gelöſcht! antwortete ich, ihn umfangend. Ich fragte ja auch nicht, und war die Schlimmere. Und Todfeindſchaft von jetzt an allen den böſen Dt monen der Liebe, dem Mißtrauen und der Eigenſucht, 266 dem Argwohne und der Heftigkeit, ſetzte er warm hinzu; wer vorher wüßte, was ſie rauben können, und was ſich zentnerſchwer an den Einen übereilten Moment zu hän⸗ gen vermag, der würde wachſam ſeyn gleich dem Kra⸗ nich, und Wort und That wägen, ſo lange ſie noch ſein find. O Henriette! könnteſt Du jetzt hier ſeyn und dieſe flüchtigen Roſentage theilen, wie Du treulich die winter⸗ lichen Eistage mit mir theilteſt! Und Du müßteſt eigent⸗ lich kommen, denn auch Du haſt dieſem Manne abzu⸗ bitten den Unglauben, und daß Du ihn nicht für mehr hielteſt, als den Meerſand ſeines Geſchlechts, und ſeine vermeinten Uebelthaten mit der Gebrechlichkeit ſeiner Brüder entſchuldigen wollteſt. 28. Alfred Güldenkron an den Maler Britomar. Ansbach. Wareſt Du es nicht, Sohn des Apelles, der einſt meine frömmelnde und zaghafte Liebe anfocht, der dem Sinnenglück eine Lobrede hielt, und den Anwalt und Vertheidiger der Leon machte? Beſtohlener und ver⸗ armter Künſtler, wohin hat Dich Dein Glaubensſyſtem geführt, was haſt Du gewonnen damit, und wo hängt das ſichere Neſt, das Dir Deine Vorſicht erbaute? Ich ſehe Dich ſtehen auf dem Klippenufer der Oſtſee! Du ſiehſt die Schiffe mit den weißen Schwanenflügeln vor⸗ aber keines bringt Dir, was das Herz er⸗ ſehnt: Du ſtehſt einſam, und beneideſt zuletzt noch die Möwe und Eidergans um das weiche Bett, das ſie ſich 267 bereitete hoch über dem ſchäumenden Abgrunde und auf des Geſteins ſchroffeſtem Vorſprunge. Ja, jene Wohnungen der Seevögel gleichen dem Lebensſchickſale, welches ſich der ſinnlich⸗leidenſchaftliche Menſch bereitet. So hängt er das Daunenbett ſeiner Lüſte auf über den todbringenden Meeresſchlund, der Sturm der trunkenen Begierde kommt und wirft Neſt und Vogel herab, die Fluth der Sinnlichkeit ſteigt in Lüſternheit und Unmäßigkeit hoch und höher und verſchwemmt das Neſt in den Waſſerſchwall der Ueberſättigung. O Britomar, die Treue iſt das ſchönſte Kleinod in der Krone der Menſchheit, und nur, wer ſie bewahrte, darf den Namen Menſch als einen Ehrentitel tragen, der ihm den Adel gibt vor ſeinen Mitgeſchöpfen. Aber nicht allein unſern Rächſten ſollen wir getreu ſeyn, uns ſelbſt müſſen wir vor allen getreu bleiben, dann wer⸗ den wir unſer Haupt nicht bengen in Furcht und Ge⸗ wiſſenszagen, wenn des Lebens Stürme über uns hin⸗ rauſchen, dann können wir unerſchüttert ſtehen, und, wenn Welten um uns verſinken, ruhig harren auf das, was die Allmacht beſchloß. O welch einen frohen Blick gewährt die Treue in das Feld der Erinnerung! Da tönet keine Anklage der Belogenen und Verführten, da leuchtet das Wort gleich einem in Erz gegrabenen Schwur, da legt das Vertrauen der Mitwelt den dunkeln Epheu⸗ kranz auf das friſche Grab, und ſpricht als Leichen⸗ ſermon: Dieſer Getreue hat Wort gehalten überall, darum wird ihm auch die graue Ewigkeit Wort halten, und was ihm der Unſichtbare verſprach in Ahnung und Hoffnung, wird ihm werden als Licht und Wahrheit! Ständeſt Du in dieſer Stunde neben mir, wie da⸗ mals über dem einſtürzenden Steinbruche, wo wir uns 268 fanden und verbündeten, mein Beiſpiel würde auch jetzt noch auf Dich wirken, Du würdeſt aus dem Schiffbruche retten, was möglich, würdeſt erkennen den Sieg der Treue, und mit Deinem Pinſel farbenreicher verherr⸗ lichen, was Du nicht erkennen wollteſt, und die ſinnloſe Verſchwendung würde Dich gereuen, mit welcher Deine ſiegreiche Rede und Deine ſtrahlende Kunſt Partei nahm für eine Verlorene, die ſich ſelbſt nie getreu geweſen, und darum auch keinem andern Weſen getreu ſeyn konnte. Ich ſchreibe Dir, damit ich Dir eine Buße auflegen mag für frühere Unbill. Du ſollſt den Triumphzug be⸗ reiten für die endlich errungene Königin meiner Liebe, und wenn Du nicht alle Kräfte und Talente, die Dir die Natur als Sohn der Kunſt und auserwählten Prie⸗ ſter der Schönheit vorausgab, aufbieteſt, die Aufgabe zu löſen, ſo biſt Du ein Verſtockter, und haſt Deinen Alfred nicht eine Minute lang werth gehalten. Adele iſt mein, mir verlobt auf's Neue und ſicherer als in jener rauſch⸗ vollen Zeit. Wie das gekommen, iſt ſo wunderbar, daß auf dieſem Blatte es Dich anſprechen müßte gleich einer Fabel; erzählen muß ich es Dir dort unter dem Bilde meines Vaters, der auch ſeinem treuen Wort das Leben opferte, und die Feuerſchlünde eroberte, die er zu nehmen verſprochen, wenn auch ihre flammenſpeiende Hölle ſeine Bruſt zerfleiſchte; erzählen muß ich es Dir, damit Du die Wahrheit des Wortes in der Seligkeit meines Auges liest und in den Jubeltönen meiner Stimme höreſt. Ja, der Gott geht noch ſichtbar auf Erden, wenn auch ſelten und nicht für Viele. Mir iſt er erſchienen, und ich ſehe mich ſeit der Stunde an wie einen Naſiräer, einen Ver⸗ lobten des Herrn, der zu Höherem aufbewahrt als die Menge, und möchte faſt von jetzt an meine Locke vor 269 der Schere bewahren und meine Zunge vor der Gluth des Rebenſaftes. Haſt Du noch nicht ausgeſchwärmt, thörichter Menſch? wirſt Du ausrufen. Verfällſt Du wieder in die alte Sünde, welche Dir ſo viel gekoſtet? O es gibt Momente im Leben, wo jeder Menſch zum Dichter wird, und der Leibeigene ſo gut ſeine Verſe macht wie der Königsſohn! Du haſt Recht darin, daß die ewige Weisheit den beſten Zeitpunkt gewählt hat, mich und Adelen zu ver⸗ binden. Wäre es früher geſchehen, wo wir das Leben nicht zu würdigen wußten, wo wir gleich Kindern mit dem Monde liebäugelten und die Blume höher hielten als die Frucht, ſo würden wir in Tändeleien verſunken ſeyn, unſer Leben hätte ſich in zweckloſen Kindereien vergeudet, Verkennung und Mißverſtändniß mußte ſich erzeugen, und das Ende wäre ſo manchem leichtſinnig und früh geknüpften Liebesbande gleich geworden, wo die Anbetung der irdiſchen Schöne in Gleichmuth, die Ver⸗ götterung in froſtige Scheidung überging. Was wir Beide verloren haben, lehrt uns das Gerettete bewahren: wir haben uns erkannt im Feuerofen der Prüfung, wir ſind gewiß, daß unſer Werth nicht Täuſchung iſt, und die Seelenneigung, die den härteſten, eifrigſten, lebens⸗ langen Stand hielt, wird in der Sonne des Friedens und des ungetrübten Beſitzes zu einem Schattenbaume erwachſen, der über uns und Kind und Enkel einen hei⸗ ligen Gottesfrieden verbreiten muß. Ein Punkt iſt noch zwiſchen uns auszumachen, aber auch darüber bin ich ſo gut als gewiß und habe ſchon das Nöthige bereitet; dann verlaſſen wir ſchnell dieſes Land der Zwietracht, und ziehen den nordiſchen Schwä⸗ 270 nen gleich ohne Aufenthalt zur ſichern Heimath, wo der Friede harrt, und der Mangel an Erdenſchätzen die Habgier des Welteroberers unverlockt läßt. Baue Deine Ehrenpforten, ſchmücke das Portal des Schloſſes und die Säle, wandle den Garten zu einer arkadiſchen Feſt⸗ flur, bereite die freundlichen Landleute und Fiſcher zum Ehrenzuge, und ziere den Altar der Schloßkapelle mit einem Bilde, welches die Seligkeit ausſpricht, die davor auf euren Alfred wartet, wenn das heilige Zeichen ſeine Liebe weihet und unſterblich tauft. Säume nicht, denn auch ich werde eilen und treiben, da hier immer noch die Furcht neben meiner Liebe geht, und ich fühle, daß ich den neuen Verluſt nicht tragen würde gleich dem erſten. Noch immer wandelt mein böſer Dämon neben mir und ich höre das Rauſchen ſeiner Fittiche noch, wenn auch leiſer und ferner als ehedem. Höre nur! General Potier hatte ſein Hauptquartier nach Stadt Herrieden verlegt, die größere Bequemlichkeit vermochte ihn dazu, und konnte man doch auch den Bauernauf⸗ ſtand als erſtickt annehmen, da die Haupträdelsführer und Aufhetzer in den letztern Gefechten gefallen waren, und die Gnade und Nachſicht, welche der General ge⸗ zeigt, das Vertrauen hervorgerufen hatte. Durch meine Wunde für's Erſte des Dienſtes enthoben, beabſichtigten wir eine Reiſe nach Ansbach zum Marſchall, und ich ritt mit dem Fuſt vorweg nach Herrieden, um dort Ab⸗ ſchied vom General zu nehmen, und morgens darauf, wenn Adele und ihre Mutter angelangt, ohne Aufſchub die Reiſe fortzuſetzen. General Potier empfing uns auf das Freundſchaftlichſte, und wir wurden zur Tafel ge⸗ laden. Der kleine Zirkel beſtand nur aus den Auser⸗ wählteſten, lauter Schlachtkameraden und Zeltgenoſſen, 1 aber er wurde mir peinlich, da an der Seite der üppig⸗ geſtalteten Meta noch eine Dame zu der luſtigen Tiſch⸗ verſammlung, die ſich eben niederſetzen wollte, eintrat, eine Dame, welche mir nur zu wohl bekannt war und Anſprüche auf meine Dankbarkeit neuerdings errungen hatte, ſo ungern ich dieſe, jetzt in meinem Leben zum erſten Male, laut werden ließ. Du erräthſt ſicher, daß die Baronin Lotte de Leon vor uns ſtand. In ihrer Miene glänzte ein Triumph, ſtand eine Sicherheit, welche mir ſo widerwärtig wie gefährlich ſchien, obgleich ich mir nicht deutlich ſagen konnte, warum? Auf ihrem hübſchen Munde lag ſogar ein Lächeln, das wie ein tiefer Spott mich verwundete. Sie trug ein ſchwarzes Reitkleid, das ihren ſchlanken Wuchs erhob, um das kurzverſchnittene Lockenhaar lag eine ſchmale Binde, wie ein Schmuckband wohlkleidend, obgleich ſie die Wund⸗ ſtelle von Bretta verbarg, welche die Baronin empfing, als ſie mich vom Schlachtfelde trug, und das rothe Band mit dem Kreuze der franzöſiſchen Ehrenlegion hing auf ihrer ſchöngewölbten Bruſt, die das Symbol blutiger Siegesthat fortzuſtoßen ſchien, als ſpräche ſie: Ich bedarf dein nicht zum Siege! Der General nahm meine Hand und führte mich ihr entgegen. Ich habe die Ehre, lieber Capitän, ſagte der freund⸗ liche Wirth, Euch hier zu präſentiren den Herrn Ritter und Lieutenant de Leon vom zwanzigſten der Voltigeurs. Unberufen und freiwillig folgte er wie Ihr der Stimme des Ruhms und des franzöſiſchen Blutes zu Napoleons Adlern, und es gereicht ihm zu zweifacher Ehre, daß er vergaß, wie die Sanct Barthelemy ſeine Vorfahren ver⸗ folgt und von der Heimath gefagt. Er ſtand bei Au⸗ ſterlitz gleich einer Mauer vor den ruſſiſchen Reitern, 272 er rief an der Jaxt: En avant, Camerades! und der Marſchall hat das tapfere Herz nach Verdienſt geſchmückt. Solltet Ihr den Braven nicht kennen, Capitän Heldrin, ſo freue ich mich, zwei Helden zuſammen zu führen. Ich näherte mich vollends, und beugte mich reſpekt⸗ voll vor der geehrten Amazone. Sie bot mir keck die Hand und drückte die meinige heftig. Der General ſpricht im Rauſch! ſprach ſie halblaut. Capitän Alfred weiß, welch ein Napoleon mich in das Kriegsfeld rief und wo meine Fahne wehte, eine weiße Fahne, welche nie durch Blut befleckt worden, hätte Al⸗ freds Eigenſinn es nicht ſo gewollt. Und was die von der Barthelemy Verfolgten betrifft, ſo vergißt der Ge⸗ neral, daß nicht ich, ſondern mein Freiheitsräuber das Wappen der Leon als Erbtheil trug. Baronin, entgegnete ich, ich danke Ihnen wahrſchein⸗ lich das Leben, und bin dadurch Ihr ewiger Schuldner geworden. Ich wünſche vom Himmel eine günſtige Ge⸗ legenheit, durch ähnliche vergeltende That mein erkennt⸗ liches Gemüth bewähren zu können. Sie ſind ein Heuchler, verſetzte ſie noch leiſer als zuvor; Worte ohne Herz, Verſprechen ohne Wollen! Ein Wort von Alfreds Lippe könnte eine Selige machen, aber er jagt die Liebe in den Tod, und freut ſich, wenn ſie verblutet, und er der Läſtigen entledigt wird. Ich wollte antworten, doch der Trompeter blies zur Tafel, und ein Obriſt führte den weiblichen Lieutenant zum Seſſel. Ich erhielt meinen Platz neben der Generalin, welche Du wohl kennſt, von der ich zu Dir jedoch ohne Grauſamkeit reden darf, da ich ſie glücklich fand und ſehr verändert zu ihrem Vortheile, was Dich erfreuen muß, wenn Du die leichtſinnige Meta einſt wahrhaft — — M 1B 5 83 —* 273 geliebt haſt. Man ehrt und achtet ſie, Potier vergöttert die Grazie, ſo hat ihr Glück, die künftige Kanonenkugel abgerechnet, eine Sicherheit, die Du ihr nie verſchaffen konnteſt, und darum tröſte Dich, treuherziger Menelaus! Daß mein Platz an der Tafel peinlich wurde, denkſt Du Dir leicht. Meta's witzelnde Zunge ſetzte mich in tauſend Verlegenheiten, und der Baronin glühende Au⸗ gen ſchoßen ſcharfe Pfeile, ſo daß ich mit dem erſten freien Athemzuge das Zeichen zum Aufbruch begrüßte. Aber ich entkam dieſen beiden Sirenen ſo leichten Kau⸗ fes noch nicht. Unſere Wirthin ſchlug eine neue Kette um mich lahmen Aar, indem ſie artig erklärte, die Ta⸗ felrunde ihres Arthur pflege gern einen Nachtiſch bei feu⸗ rigerm Weine und erhitzenden Glücksſpielen zu begehen, und da Beides für Reronvalescenten ſchädlich, ſo wolle ſie meine Geſellſchaft ſich zum deutſchen Kaffee erbitten. Ich mußte ſie in ihr Zimmer geleiten, und daß wenige Minuten ſpäter die Gefürchtete nachkam, die ich eben ſo oft Feindin als Freundin ſchelten muß, verſtand ſich von ſelbſt, wie die Entfernung der kuppelnden Wirthin bei erſter Gelegenheit. So waren wir allein, und die Mi⸗ aute erſchien, vor der ich gezagt, wo der Mann, der dem armſeligſten Geſchöpfe nicht weh thun mochte ohne Noth, hart zu ſein gezwungen ward gegen ein Weſen, das jeder Andere vielleicht hoch gehalten haben würde, hätte ſie ſolche Opfer gebracht und ſolche Anhänglichkeit bewieſen. Mit Haſt begann die Leon das Geſpräch. Sie wollen den Dienſt quittiren? wollen reiſen? fragte ſie mit geſpannten Mienen, deren Grundzug ich nicht ſogleich enträthſeln konnte. Meine Wunde hindert mich, den neuen Feldzug mit⸗ zufechten, zu dem die Wahrſcheinlichkeit täglich näher Blumenhagen. XIII. 18 tritt, antwortete ich. Auch möchte die Privatpolitik den freiwilligen Dienſt gegen einen nordiſchen Fürſten für den nordiſchen Gutsherrn ſchädlich machen. Alfred, Sie waren immer wahrhaft; lügen Sie jetzt nicht und mir nicht! fiel ſie eifrig ein. Nicht die Vor⸗ ſicht, nicht Furcht um irdiſch Gut könnte einen Gülden⸗ kron vermögen, auf der Ehrenbahn umzukehren, die ihm ſo weit ſich geöffnet, und wo ihm das Höchſte winkt für den ritterlichen Mann. Rein, Alfred würde vorziehen, ſolche kleinlichen Rückſichten zu verachten, um der Welt zu zeigen, wie er den Heros hoch hält, der ihn bis jetzt zum Siege führte. Aber unſer Achill hat eine einzige Stelle, wo er ſchwach iſt, eine menſchliche Ferſe, an welcher ihn das ſchwächſte Menſchenweſen zu wunden vermag. Wer trüge nicht gern eine Schwäche als Erbtheil der Menſchlichkeit? Und ſind nicht die Liebenswürdigkeiten der Frauen meiſtens ſchön behangene Schwächen, durch die ſie ſtärker und gewaltiger werden als die ſogenannten Starken? verſetzte ich, um ſie abzulenken. An der Klinge geblieben, Soldat! entgegnete ſie ernſt⸗ haft. Glauben Sie, mein grauſamer Rinaldo, Ihre Armida hätte nicht von jeder Stunde Ihres koſtbar, Lebens Nachricht gehabt? Die Noth macht ſo erfin riſch, daß der große Kaiſer mich zum Polizeiminiſter prauchen dürfte. Ich weiß, was ich ſo gern nicht! ie, was ich mit allen Erdſchätzen wegkaufen⸗ mit B weg⸗ ſchwemmen möchte aus meinem Gedächtniſſe: bau von Mantel iſt Wittwe; ſie iſt reuig heran gereist, den herr⸗ lichen Fang nicht zum zweiten Male zu verlieren; der ehrliche Alfred hat vergeſſen und vergeben, und läßt mit ſich ſpielen aus Gutherzigkeit, mag auch die Welt ihn verlachen und ſein Opfer ohne Lohn bleiben. ——— 275 Das Blut ſtieg mir in die Wangen. Frau Baronin, ſagte ich mit Wärme, brechen wir ab. Ich möchte ſo gern dankbar bleiben, ſo gern Ihr Bild als das Bild einer ausgezeichneten, ſeltenen Freundin mit mir nehmen in das ſtille Leben, das meiner wartet.— Sie ſtand mit Heftigkeit auf. O das iſt es eben! rief ſie ans, das iſt das Ab⸗ ſcheulichſte! Ein Alfred hingezogen wie ein Irrer in dieſe Alltäglichkeit! Ein Alfred, der ſich dicht an den größ⸗ ten Thron Europa's ſchwingen könnte, durch das Ko⸗ mödienſpiel einer weinenden Schwächlingin im Staube feſtgehalten! O ich wollte nichts ſagen, wenn dieſe Frau nur zu lieben verſtände, wenn ſie nur den Werth des Geliebten verſtände! Sie hat gezeigt, wie ſie liebt, und wie ſie mit ſich ſelbſt, mit dem ewigen Eigenthume des Geliebten verſchwenderiſch umgeht. Baronin, hören Sie auf! fiel ich ein. Fahren Sie alſo fort, ſo werden Sie mich gewaltſam wegſtoßen, und ich müßte Sitte und Höflichkeit verletzen. Sie nann⸗ ten mich wahrhaft, und ich bin es. Adele war meine erſte Liebe, und ſie wird meine letzte ſein. Meine Treue iſt t meiner Religion Eins geworden; nur dann, wenn «aufhören könnte, an die ewige Gottesliebe zu glau⸗ ben würde ich auch meiner Liebe abſchwören können. Ich beſchwöre Sie darum, geben Sie mich auf, laſſen Sie den Armſeligen fallen, der Ihrer Neigung nimmer werth war, der es nicht verdient, der Ihrige zu ſeyn, weil er keine Dankbarkeit hat für ſolche Opfer. Ueberall blüht das Glück einer Leon, ſie darf winken, und Tau⸗ ſende liegen ihr zu Füßen. Warum gerade eigenſinnig den Sieg bei einem ſo unwürdigen Gegenſtande ver⸗ folgen? Und, Freundin, ſetzte ich ſanfter und gefühl⸗ 76 voller hinzu, wenn es wahr iſt, wofür Ihr Handeln, ſelbſt Ihr quälender Eigenſinn ſpricht, wenn der gehalt⸗ loſe, unwürdige, undankbare Alfred Ihre Neigung in ſolch hohem Grade gewonnen, daß Sie Gefahr und Tod nicht ſcheuten um ihn, v, hochherzige Frau, warum kön⸗ nen Sie dann nicht Genüge daran haben, ihn alidich zu wiſſen? Warum wollen Sie denn ſolch ſeltene Liebe nicht mit der höchſten und herrlichſten Krone ſchmücken? Warum nicht mir und der Welt beweiſen, daß es mehr war als der Sinne flüchtige Wallung, was Sie um Alfred ringen ließ? Warum nicht alle Flecken früheren Leichtſinns verlöſchen durch dieſe Entſagung? Die Leon harte mit ſtetem Wechſelſpiele der Geberden mich reden laſſen; ihre Bruſt wogte ungeſtüm, ihre Wan⸗ gen wurden bleich, aber ihre Augen bekamen eine ſon⸗ derbare, nie in ihnen geſehene Gluth, die mich anfangs ängſtlich um ihre Beſinnung machte, denn es lag das Blitzzucken des Wahnwitzes darin und jenes charakteri⸗ ſtiſche Vortreten der Augäpfel, welches der Arzt ſo oft an Unglücklichen dieſer Art beobachtet. Ich kann nicht und ich will nicht! ſtieß ſie heraus. Und auch Du kannſt nicht und ſollſt nicht! So fahre denn hin, Zucht und Schamhaftigkeit!— Sie riß ein Tüchelchen aus ihrem Buſen hervor.— Kennſt Du dieſes Bundeszeichen? Hegſt Du nicht ſeine andere Hälfte in Deiner Säbeltaſche ſeit jener Nacht im Schloſſe Wacken⸗ ſtein? Empfing ich nicht dort zwiſchen Myrthe und Roſe den Brautkuß von Dir, einen Bundeskuß, wie die eiſige Adele ihn nie von Dir empfangen haben kann? Mein biſt Du, mein Geliebter, mein Verlobter, mein Gatte; und willſt Du der Getreue ſein, wie Du Dich rühmſt, ſo halte, was Du in jener Nacht verſprachſt und beſiegelteſt. 277 Wie erſchöpft ſetzte ſie ſich nieder und bedeckte das Geſicht mit den bebenden Händen. Ich aber ſtand wie ein Steinbild, oder wie Einer, den unerwartet ein Blitz⸗ ſtrahl traf, und der lange nichts als die Feuerwirbel vor ſeinen Augen ſich drehen ſieht. Du biſt der Geheim⸗ ſchreiber des Vaters Ernſt geworden, Britomar; ſuche Dir unter meinen Briefen an ihn den von Burg W. datirten, und Dir wird gelöst ſein, was ich ſchaudernd mich mühen muß, aus dem Gedächtniß und der ganzen Seele zu werfen. Fort mußte ich jetzt, und wenn tauſend Stimmen mich hart und unmenſchlich geſcholten hätten. Meine Stimme verſagte mir faſt den Dienſt, und ich mußte den Ton aus der gepreßten Bruſt heraufzwingen. Gnädige Frau, ſprach ich, ich verſtehe Sie nicht und darf Sie nicht verſtehen um Ihrer ſelbſt willen. Würde der Gedanke klar, den Ihre irren Reden in mir auf⸗ dämmern ließen, ſo müßte das letzte Band reißen zwi⸗ ſchen uns. Das Band der Dankbarkeit und Achtung zu bewahren, ſcheide ich ſchnell und für immer. Sie ſtieß einen Schrei hervor und bemühte ſich, vom Seſſel aufzuſtehen. Mehr ſah ich nicht, denn wie Vater⸗ fluch jagte es mich aus Zimmer und Hauſe. Ich ſprengte ohne Säumniß aus Herrieden nach Ansbach und ſchickte den Paul zu meiner Adele zurück, um die Geliebte mir eiligſt nachzurufen. Adele an die Aſſeſſorin Doll. Ansbach. Mit unbeſiegbarem Eigenwillen drängt mein Gül⸗ denkron unſere Abreiſe, und ich muß dieſen Eigenwillen 278 lieb haben, denn ich bin es ja, die er ſich retten will aus dem Gewühl der räuberiſchen Welt, die er nicht ſchnell genug einſperren kann in ſein ſicheres Schloß am Meeresufer. Daß ich mich ſo raſch ergeben, daß ich jetzt, in der Trauerzeit und ehe der Prieſter mich eingeſegnet, dem Geliebten in das ferne Land folge, wird der Schwe⸗ ſtern geſtrenge Verſammlung zu bitterm Tadel und har⸗ tem Urtheilsſpruche reizen; jedoch Du, die mein Herz erkannte, die den Mann meiner Liebe kennt, wirſt es vergeben, daß die lange gequälte Adele dem Beſitze des Geliebten das Vorurtheil opfert. Ich forderte als erſtes Brautgeſchenk von Güldenkron den Degen, welchen er für den Feind Deutſchlands gegen Deutſchland getragen; er forderte dagegen ſchnelle Flucht in ſeine Heimath, und dort, wo Niemand Adelens Schickſal kennt, Wegwerfung der Trauer, die doch nur eine äußere war, und Tauſch des ſchwarzen Schleiers mit der Roſenkrone des Glücks⸗ Ich legte mein Geſchick und die Entſcheidung in meiner Mutter Hand, und ſie ſprach ihr ſegnendes: Amen! zu Alfreds Wünſchen und beſchloß, ſelbſt mit der Schweſter Julie uns zur Oſtſee zu begleiten. War ich doch imme ihre Herzenstochter, und hat das Frankenland, von Frank⸗ reichs Kriegern gefüllt, ſeit des Vaters Tode ja nichts als traurige Erinnerungen für die Greiſin. O ſie darf ſich Alfreds Armen anvertrauenz er wird ihre letzten Jahre mit Feſttagen zieren, wie nur kindliche Liebe ſie zu erfinden vermag. So fehlt denn meinem Glücke auch der Gottesſchutz nicht, der ſich im heißen Mutterſegen verſichtbart. Wir wollen nicht nach Erlangen zurück. Unſer ſelt⸗ ſames Verhältniß verbietet jeden Abſchied und jede Er⸗ klärung. Du wirſt bei den freundlichen Bekannten mein 279 Dolmetſcher werden. Aber Dich ſelbſt muß ich noch ſehen und muß noch einmal mit Dir koſen und mein im Glück hochwallendes Herz an Deinen Buſen drücken, wo es ſo oft ruhte vom Schmerz todtmatt und Erlöſung erſehnend. In Neuſtadt erwarten wir Dich morgen um Mittag. Dort ſollſt Du Dich freuen über die Wandlung Deiner Adele, Dich freuen über ihre blühende Wange, ihr la⸗ chendes Auge, und wir wollen keine Thräne weinen, denn fie ſähe aus wie Neid und Eigenliebe, die wir nicht kennen. Unſere Freundſchaft weiß nichts von Ferne und Berg und Strom; der Gedanke iſt ihr treuer Bote, und des Wiederſehens Hoffnung achtet den kleinen Strich Erde, der zwiſchen uns liegen wird, für einen Spazier⸗ weg. Und bleiben wir doch in Einem treu beiſammen: in dem Glauben an die ewige Weisheit und die ewige Liebe der Gottheit, die durch Nächte zum Lichte führt und kindliches Vertrauen überſchwänglich belohnt. 30. Alfred Güldenkron an Hofrath Ernſt. Jalle. Wirf Krückſtock und Wachstaffent fort, theurer Va⸗ ter, wenn Du das Jubelhorn höreſt am Schloßthore, mit dem unſer treuer Paul, der als Courier vorausge⸗ ritten, die Heimath begrüßen und die Ankunft Deiner Lieben anſagen wird. Ich bringe Dir Arznei mit, der keine Krankheit Stich hält. Eine vollzählige Familie wird einziehen zu Heldrin, wird die alten Säle beleben, wird Freude und Humor einheimiſch machen in den grauen Mauern für lange Zeit, denn Alle, die ich zu Dir führe, 280 tragen den Frieden im Herzen, und die Zufriedenheit geht mit ihnen ſchlafen und ſingt mit ihnen den Morgenpſalm. Mache Dich fertig, als würdiger Patriarch eines neuen Völkchens aufzutreten, das in Dir ſeinem Regen⸗ ten huldigen wird. Adelens treffliche Mutter wird mit Dir den wendiſchen Herzogsſtuhl theilen, den die Fiſcher im grauen Granitblock an den Dünen verehren; für die trübſinnige Raphaele habe ich zwei Schweſtern auser⸗ ſehen, die durch Freundſchaft und Gottesvertrauen mit ihr tragen werden, was ſie noch beſchweren könnte, und ein Schloßkaſtellan begleitet mich, der zu unſerm Wart⸗ thurme paßt und unſere Thore wie ein Turnus verthei⸗ digen würde, wenn es Noth thäte. Unſere Reiſe geht langſamer als meine Wünſche, denn ich ſchone meine Bruſt, um nicht ſelbſt Schuld der ver⸗ eitelten Freude zu werden; aber ich bin ſchon jetzt weich wie ein Knabe, wenn ich mir denke, wie ich unſere See wieder ſehen werde und die Spielplätze der Jugend, und das Vaterhaus und Dich und die Schweſter. Wie lang dünkt mir die Zeit, in der ich fern war, und doch ſind es nur zwei kurze Jahre, die aber mehr enthielten als manches ſiebenzigjährige Leben. Was wir draußen g⸗ ſucht, haben wir wohl nicht gefunden, dafür aber Me ches gewonnen, was wir nicht ſuchten. 2 Die Ehre hat ihr Theil erhalten: ich bringe dem Bilde des Vaters das Kreuz der Tapferkeit am rothen Bande. Der Marſchall gab es mir am Abſchiedsmorgen und meinte dabei: Ihm ahne, wir würden uns wiederſehen und noch ſchönere Tage als das Auſterlitzer Froſtfeſt mit einander feiern! Ich meine das nicht und werde Kreuz und Degen zu den Familienkleinodien legen als Erinne⸗ rungen für Kind und Enkel. Von der Wiſſenſchaft, die —————— 281 mir ſo lieb wurde, hat das böſe Geſchick mich freilich nur koſten laſſen; aber ich weiß jetzt den Weg zum Tempel der Natur, und die Winterabende mit ihren Nebeln und Stürmen ſollen Studien kürzen, welche uns und den Nachbarn nicht ohne Nutzen ſein werden. Wir wollen ein Hoſpital anlegen, wollen die Schätze der Natur in einem Muſeum aufſtellen, zu dem jedes ankernde Schiff den Tribut fremder Welttheile liefern wird, und wollen zwiſchen den Wundern der Schöpfung Gott preiſen und anbeten. Und iſt es nicht der natürlichſte und höchſte Beruf des Mannes, zu arbeiten am Glücke der Seini⸗ gen? Ich werde Adelens Lebensweg ebnen und ſchmücken, ich werde Adelens Kinder zu Staatsbürgern erziehen, wie ſie das Vaterland bedarf, und werde ſelbſt glücklich ſein in dieſem ſchönſten Geſchäft. O Vater, ich mache tauſend herrliche Pläne, einen bunter als den andern, für unſere Zukunft, und habe doch ſo ſchwer erfahren, was Menſchenwitz und Men⸗ ſchenwille für ohnmächtige Gewalten ſind, und daß der Geſcheidteſte und Beſte in dem Labyrinth des Lebens ewig irre geht, reicht ihm die unſichtbare Himmelshand nicht den riadne⸗Faden, deſſen Ende nur von ihr gehalten wird. Der Paul trägt als Quartiermeiſter die Logisliſte bei 1 Richte für Jeden ein nach Bedarf; Britomar, wel⸗ cie meiſten meiner Gäſte perſönlich kennt, wird Dir zu ind gehen, damit Jeder bei dem erſten Anblicke die ue Heimath lieb gewinne und mit mir rufe: Hier wollen wir Hütten bauen und uns ſelbſt die Welt ſeyn und Alle verlachen, die draußen ſuchen, was der Menſch nur in ſich ſelbſt bewahrt. 282 Lotte von Teon an die Generalin Potier. Berlin. Adieu für immer, meine Vertraute! Ich reiſe gleich einer geübten Jägerin in der Spur des Wildes, was mir entwich, und bin dicht an ſeinen Ferſen. Waos ich will, fragt Meta? Ich habe einſt geſchwo⸗ ren, und Schwüre muß man halten. Was ich zu ge⸗ winnen hoffe, wo die Ziehung zu Ende und mir die ſchwärzeſte Niete ſiel? Die Leon gibt nichts auf als die Todten; nur der todte Geliebte kann meine wahn⸗ ſinnige Liebe erlöſchen, denn ſeine Sterbeminute wäre auch die meinige. Und dazu findet ſich vielleicht Rath, denn die Dämme an ſeiner See ſind nicht ſchroff, und man gleitet leicht und ſanft hinab in das lichtgrüne, weiche Wogenbett. Dann mag die ſeufzende Schwänin am Ufer ihr letztes Trauerlied girren und dem Meer⸗ adler fluchen, dem ihre Zärtlichkeit ärgerlich war, und der ſich mit dem ſchönen, gewürgten Schwane in die Tiefe warf, welche nicht wiedergibt. Ihr werdet mich für eine Verrückte halten, und Ihr habt nicht ſo ganz Unrecht; und darum, glückliche Meta, Adieu für immer, und nimm noch die Warnung als Erbe: Willſt Du irdiſches Glück, ſo liebe auf Erden nur Dich, und Nichts als Dich! 32. Otto Fuſt an den Doktor Degenknauf zu Halle. Schloß Heldrin, an der Oſtſee. Wir ſind im Hafen, Herr Bruder, und liegen alſo abgetakelt und feſt geankert im Sichern, daß uns nichts 283 aus dieſer Ruhe brächte, und wenn auch Herr Aeolus alle ſeine Stürme aus dem Sacke jagte. Ihr ſolltet mich ſitzen ſehen, mein Doktorchen, in einem wahren Prunk⸗ gemache, angethan mit dem bunten Schlafrocke und der ellenhohen Schlafhaube, denn ohne das wollte meine kleine Königin mich nicht als ihren König anerkennen, weil es ſo Sitte geweſen in ihrer Familie bei Vater und Vettern und Nachbarn von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ja man ſtaune nur: zum Hochzeitscarmen iſt es zu ſpät, mein fertiges Dichterlein, aber wenn die Roſen wieder blühen, kannſt Du die Federn ſpitzen zu einem Wiegen⸗ liede, welches, wenn es Dir gelungen, Dir die ehren⸗ volle Gevatterſchaft erwerben mag. Du hatteſt eine gar feine Naſe, Du alter Fuchs; denn als ich Dich zu Halle in Deinem traurigen Hageſtolzenthurme unvermuthet be⸗ grüßte, wunderteſt Du Dich über mein blühendes Aus⸗ ſehen und ſagteſt, Du habeſt mich krank geglaubt, weil meine letzten Briefe nichts von dem alten Fuſt an ſich gehabt. Du hatteſt den Puls gut gefühlt, nur ging es Dir wie manchem Doktor, der nicht den Rechten ſchwur: das Uebel lag tiefer, als Menſchenaugen reichen, und Du ſuchteſt rechts, was links wohnte. Auf den letzten Stationen der Reiſe wurde es mir ſe ſi erſt klar. So eine Reiſe iſt ein herrliches Mittel, fremde Leute bekannt zu machen, und vertraulich an den Tag zu bringen, was ſonſt für immer ungeboren ge⸗ blieben. Unſere Gnädige hatte die beiden Mädchen in ihren Dienſt und aus Franken mitgenommen; nach dem Vorgefallenen würde ihr Aufenthalt dort nicht recht an⸗ genehm geweſen ſein, und Beide hatten nicht viel zu verlieren. Was die geduldige Marie anbetraf, ſo konnte ich nichts dagegen haben; aber die kleine, ſchelmiſche 284 Sidonia ſchien mir gar nicht zur Dienſtbarkeit geboren, und ſollte ſie einmal leibeigen werden, ſo mußte ich Vorhand halten, ſchon aus Dankbarkeit, da ſie doch auch mir Leben und Freiheit gerettet, und ich ſchuldig war, ihr die Sklaverei ſo leicht als möglich zu machen. So erkor ich ſie subito zu meinem Weiblein, und das iſt ſie denn vorgeſtern, am Hochzeittage Güldenkrons, gewor⸗ den: Ein Narr macht mehrere; das alte Sprichwort be⸗ währt ſich alle Tage im großen Narrenhauſe, und ich wünſche auch Dir gute Nachfolge in die Schellenkappe. Du äußerteſt den Wunſch, von Güldenkron die Er⸗ laubniß zu bekommen, unſere Lebensfahrt durch den Preß⸗ bengel für das Publikum zurichten zu dürfen. Du er⸗ fahrener Troubadour und Novelliſt glaubteſt Manches in unſern Papieren gewittert zu haben, was dem Geſchmack der zeitigen Leſewelt zuſagen möchte. Alfred, ſeelenglück⸗ lich in ſeiner Abgeſchiedenheit und dem Beſitze ſeiner Adele, hat nichts dagegen, und ich werde Dir unter unſern Scripturen auswählen, was Dir nöthig und nütz⸗ lich. Der pikante Titel wird als Hauptſache nicht ſchwer zu finden ſein: der allerjüngſte Amadis, der deutſche Joſeph, oder ſchlichter: der Vorzug des ſchoͤnen Geſchlechts könnten auf die Wahl kommen. Aber, Herr Bruder, haſt Du auch den großen Schöp⸗ penſtuhl zu L... bedacht, und geht Dir nicht ein ſchlei⸗ chendes Fieber durch die Gebeine bei den Worten: Kritik und Recenſent? Hüte Dich, ich kann Dir ein Liedchen ſingen, denn ich war ſelbſt in ſolcher Fabrik, als die Noth harte Bohnen ſüß machte, und die Philiſter mit jeder Morgenröthe neu über den Simſon kamen. Dieſe geheimen kritiſchen Vehmgerichte haben alles Ehrwürdige verloren, was ſie einſt beſaßen, als die 285 Namen Leſſings, Herders, Schütz's und gleichgeſinnter Prieſter Apolls unter ihren Dekreten prangten. Sie ſind bei den franzöſiſchen geheimen Polizei⸗Inſtituten in die Schule gegangen, und haben ihnen alle Tugenden abge⸗ ſehen. Einſt lohnte es ſich der Mühe, eine Antikritik zu ſchreiben, denn ſo etwas war ein öffentlicher Ehren⸗ kampf, dem das Publikum als Turnierwärtel mit Anſtand beiwohnen durfte; jetzt wäre der ehrliche Schriftſteller ein Thor, der ſich ſeinen verkappten Rerenſenten entgegen ſtellte, weiß er doch nicht, ob ein rechtlicher, gediegener Feind oder ein bartloſes Bürſchchen, das noch in den Flegeljahren wandelt, oder gar ein galgenreifer Vaga⸗ bund ihm gegenüberſteht. Ja, ſchüttle nur immer Dein Haupt, ehrſamer De⸗ genknauf; die Welt hat wunderlich verrenkte Gliedmaßen: der Eſel ſchlägt den Müller, und Delinquenten ſitzen zu Gericht und viertheilen die Bürgermeiſter. Ich hatte die Ehre, Mitglied einer ſolchen kritiſchen Societät zu ſein, und kann Dir verſichern, in unſerer Compagnie befand ſich kein Mitglied, das ſelbſt etwas Würdiges producirt hatte: über eine witzloſe Charade, einen unmetriſchen Knittelvers oder höchſtens eine wie⸗ dergekäute Gloſſe hatte es Keiner von uns gebracht. In unſerm heiligen Cirkel ſaßen verdorbene Profeſſoren und Magiſtri, denen man den Lehrſtuhl genommen, weil ſie nirgend Frieden halten konnten und ihr gallichtes Scor⸗ pionengift ein Halbdutzend verdienter Collegen bis in das Grab geärgert; Halbgelehrte, die nichts als den Schaum der Wiſſenſchaft abgeſchöpft, deren unverdauliche Werke überall zu Krebſen geworden, die bei keinem Buchhänd⸗ ler mehr Honorar fanden, und darum einen eingefleiſch⸗ ten Haß gegen jeden Schriftſteller hegten, dem die Muſe 286 und das Publikum lächelten; abgelebte Studioſen, welche meinten, weil Göthe oder Schlegel ihnen einmal auf der Promenade zugenickt, wären ſie zu poetiſchen Kirchen⸗ lichtern geworden, und der Abwurf des Dalai Lama, den ſie gierig verſchlungen, habe ſie zu Hohenprieſtern der Kunſt umgeſchaffen; zuletzt fanden ſich auch weibliche Klopffechter unter uns, alte Matronen und feine Zier⸗ puppen, von denen aber Keine eine Suppe zu kochen oder eine zerriſſene Maſche zu ſtopfen verſtand. Der erſte Matador unſeres Bundes war ein drolliger und origineller Burſche: er hatte kaum Flaumenbart am Kinn und doch ſchon des Ohms Erbſchaft verjubelt, hatte vier Jahre ſtudirt und doch Nichts ſich angeeignet als ein Bischen brodloſe Metrik. Wir nannten ihn den Sechsundzwan⸗ ziger, weil er uns bewies, daß er einmal in Einer Nacht ſechsundzwanzig gute Namen bekleckſt hatte, und unter ſeinen Recenſionen führte er ſeitdem jene Nummer, gleich dem Neuntödter, als Chiffre ſeiner Heldenthaten. Was Trägheit und Liebe zum Nichtsthun, Unverſchämtheit und hämiſches Gemüth betraf, ſo fanden darin Türk, Scha⸗ cherjude und Pavian an ihm ihren Meiſter. Seine Kri⸗ tiken waren Muſtercharten göttlicher Grobheit; er zerrte ſo lange an einem geehrten Schriftſteller, bis kein guter Fetzen an ihm geblieben, und wußte herausgeriſſene Schrift⸗ ſtellen alſo zum Unſinn zu verdrehen, daß es eine Luſt war, und wenn ihm auch ſein unlogiſches Gewäſch, die Widerſprüche, in welche er ſich auf jeder Seite verwickelte, tauſendmal beſchämend vorgehalten wurden, er bellte fort und wußte immer, wie ein tüchtiger Kettenhund, das letzte Wort zu behalten. So hatte er ſich einſt an einen grauhaarigen Fünfziger gewagt, der ſich ſeinen Weg und Ruf gemacht, und dem er die ſichtliche Gunſt der Leſewelt nicht abläugnen konnte. Der Sechsund⸗ zwanziger erkühnte ſich zu beweiſen, dem Fünfziger mangle jedes Erforderniß, jedes Talent zum Schriftſteller, und er vergaß dabei, daß er die Prügel dem Publikum aus⸗ theilte, die er dem Lieblinge deſſelben aufzuzählen ver⸗ meinte. Der Fünfziger, der ihm auf die Spur gekom⸗ men, antwortete kaltblütig: wie er die Mühe bedaure, die ſich die unbefiederte Eule gegeben, ihn zu beſſern; daß er zu alt geworden, Styl und Manier um eines bartloſen Kritikus willen zu ändern; daß er zufrieden mit dem, was ihm Publikum und Verleger an Gunſt geſpendet, und daß er keine tiefer ſchauenden Leſer ver⸗ lange, aus chriſtlicher Liebe aber dem erbosten, athem⸗ loſen Kritiker den Rath geben müſſe, nichts mehr von dem Fünfziger zu leſen, damit er nicht ſchon als Sechs⸗ undzwanziger an der Gelbſucht zu ſterben riskire. Ei⸗ nige Bekannte des Fünfzigers hatten im Weinhauſe indeß eine fühlbarere Strafe auf den Sechsundzwanziger fallen laſſen, bei der dem Haſen das Naſenbein defekt gewor⸗ den, und dieſe fatale Geſchichte verurſachte, daß ich den Dienſt neben ſolchem Subjekte quittirte, einen Dienſt, der doch nur Silber wog, und die Nummer, welche uns gleich den Pariſer Fiakers bezeichnete, an den Vehm⸗ grafen zurückſandte. Wirſt Du vor ſolcher Warnungstafel dennoch den Schritt wagen, meinen Alfred und ſeinen Fuſt in Druckerſchwärze abzukonterfeien und der Nachwelt aufzubewahren? Du biſt keck genug dazu und ich höre Dich antworten: Volksſtimme iſt Gottes Stimme; habe ich die gewonnen, was kümmert mich das Rabengekrächze, von dem ſo ein jeder Vernünf⸗ tige weiß, daß es nach Futter ruft? Wohlan denn, ſo will ich unſern Roman für Dich zu Ende bringen. 288 Wir kamen ohne Unfall zu Wagen und Roß glücklich über die Peene und bald von da hinüber zu Gülden⸗ krons fruchtbaren Beſitzungen. Unſerm Empfange fehlte nichts von allen jenen freundlichen Zeichen der Liebe und des Vertrauens, mit denen man zurückkehrende Regenten erfreut. Ehrenpforte und Bauernzug in der National⸗ tracht, Feuerwerk und Erleuchtung hatte Britomar eifrig beſorgt, die neue Herrin zu bewillkommnen; ein Gedicht in wendiſch⸗pommerſcher Mundart und der goldbebän⸗ derte Rieſenkranz gaben Spaß über Maß; aber die ſchönſte Feſtſtunde feierten wir im Familienſaale um den Lehnſeſſel des alten Hofraths, dem ich, ſo weich und nachſichtig er iſt, doch geheime Abbitte für ehemalige harte Urtheile über ihn that, da er mich wie einen Sohn begrüßte und in der erſten Woche als das Schlußglied der bunten Kette erſchien, die ſich durch uns bildete. Sollte ich Dir alle Freudenſtunden ausmalen, welche dieſe Tage brachten, ich würde mich heiſer plappern. Horazens beatus ille iſt mein Wahlſpruch geworden; das Glück im Hauſe geht über alles Glück in der Fremde, und der Menſch iſt ſo gut ein Neſtthier, wie das befie⸗ derte Geſchlecht der Lüfte und Baumgipfel. Adele legte ſogleich nach ihrer Ankunft die Trauer⸗ kleider ab, wie ſie verſprochen, und nachdem drei Wochen vergangen, ſtieg das ſchöne Frühroth des doppelten Hochzeit⸗ feſtes herauf, von deſſen Myſterien Du jedoch nichts erfah⸗ ren ſollſt, indem ich den Hageſtolz nicht martern will, und der Proſelyt die unbekannte Seligkeit, welche eben dadurch eine höhere wird, als Lohn der Bekehrung erwarten mag. Jedoch darf ich ein Ereigniß nicht verſchweigen, welches, wenn ich den Zuſammenhang richtig ahne, beinahe gleich einem Hagelſchauer unſer Roſenfeſt hätte zerſchlagen können. 289 Die beiden Brautpaare waren Nachmittags in der Schloßkapelle eingeſegnet worden, Adele und Alfred hat⸗ ten ſich mit der Mutter in die inneren Zimmer zurück⸗ gezogen, um über die ſichtliche Rührung ihrer Herzen Herr zu werden, ich ſchäkerte in der Dämmerung des Gartens mit meiner Side umher, und im großen Saale blitzten ſchon die Kerzen auf der reichbeſetzten Tafel, und die Gäſte ſammelten ſich aus den Spielzimmern, da rief mich Britomar auf mein Gemach und reichte mir einen Brief, den er auf eine ihm verdächtige Weiſe von einem fremden Diener erhalten hatte, und deſſen Aufſchrift an Alfred lautete. Mir ſelbſt kam die Sache bedenklich vor, denn ein Bräutigam, mußt Du wiſſen, hält jedes Ereigniß an ſeinem Ehrentage für mehr als etwas Gewöhnliches, und ſo brach ich raſch das kleine, unbekannte Siegel. Richtig war es eine Ausforderung, lakoniſch und derb: ein beleidigter ehemaliger Waffen⸗ bruder verlangte ſchnelle Genugthuung, da er ſich die Mühe nicht verdrießen laſſen, dem flüchtigen Beleidiger ſo weithin nachzureiſen. Der Aufgang des Mondes ſollte als Zeit des Rendezvous beſtimmt ſeyn, der Platz das ſogenannte Mädchenhorn, eine hohe und breite Klippe über der See. Der unterſchriebene Name war mir un⸗ bekannt. 2 3 10i Was ſollte geſchehen? Dem ehrgeizigen Alfred durfte das Blatt heute nicht vor Augen kommen, auch ich ſchwankte zum erſten Male bei dem Antreten eines ſol⸗ chen Ganges, da erbot ſich Britomar, hinauszuſteigen und den unbeſcheidenen Störenfried entweder als ver⸗ ſöhnten Gaſt mit heimzubringen, oder ſeine Anſprüche wenigſtens bis morgen zu beſchwichtigen. Ich hing dem dienftfertigen Maler meinen Reitermantel um, ſetzte Blumenhagen. XII. 19 290 ihm meine hellblaue Stallmütze auf, und ſieckte ihm zur Vorſicht zwei geladene Terzerole in die Rocktaſchen, obgleich er dagegen ſprach und meinte: Ein Friedens⸗ bote müßte nichts führen als den Palmzweig, und ſein Römerſinn würde bis zur Klippe beten müſſen: Führe mich nicht in Verſuchung! Er ging— und ſoll noch wiederkommen. Keiner vermißte ihn an der gedrängt beſetzten Tafel, nur mir ſchlug das Herz beklommen, als die Nacht ohne ihn kam, und immer näher zur Geiſterſtunde fortſchritt. Schon erwartete ich, ihn als blutigen Banko auf ſei⸗ nem leeren Seſſel erſcheinen zu ſehen, ſchon hatte ich den Paul auf Kundſchaft geſchickt, da brachte mir ein Fiſcher den angeſchloſſenen Brief, der das letzte Räthſel löste, womit die heimtückiſche Sphynx des Schickſals uns am errungenen Ziele noch eine verderbliche Falle gelegt. 33. Der Waler Britomar an Otto Fuſt. Harre nicht auf mich, denn Dein Geſandter iſt gegen alles Völkerrecht kriegsgefangen gemacht worden, und man ſchleppt ihn über das Meer in fremde Zonen. Bewahret mein Gedächtniß mit Liebe und Herzlich⸗ keit. Ihr dürft es, denn ich hing treu an euch, und beweiſe meine Treue auch jetzt noch, da ich euch von dem vöſeſten Feinde befreie, und mich nicht beſinne, Leib und Seele für euch zu opfern. Im Ernſte geſprochen, Fuſt, ich kehre nimmer. Sende meine wenigen Sachen und mein Malergeräth nach Lü⸗ beck; was auf meinem Zimmerchen im Thurme an fer⸗ — 291 tigen Bildern ſteht, theilt unter euch als Andenken an den Wanderer, der nirgend Ruhe fand, und es jetzt ein⸗ mal jenſeits der Waſſergebirge verſuchen will. Ich ſchritt zu dem Mädchenhorn und ſtudirte unter⸗ wegs manche deklamatoriſche Floskel ein, womit ich den drohenden Bramarbas zu bändigen vermeinte. Der Mond ging auf, als ich der weißen Steinhaube nahe kam, und ſein ſchrägfallendes Silberlicht ließ mich ſo⸗ gleich den Gegner entdecken, der oben dicht am Meeres⸗ rande ſaß und bei meinem Heraufſteigen, wie es ſchien, mit heftiger Gemüthsbewegung aufſtand. Es war ein ſchlanker junger Mann, nicht groß, ohne militäriſche Tracht oder Waffe, im Hute und Oberrocke. Mein Muth wuchs bedeutend bei dieſen Entdeckungen, und ich ſtieg gravitätiſch ganz hinan auf die Platte und näherte mich bis auf einen Schritt dem Fremden, der, ſeit er ſich emporgerichtet, keine annähernde Bewegung gemacht hatte. Jetzt kam ein unerwartetes Leben in ihn. Mit einer Stimme, die nicht männlich klang und meinem Ohre Erinnerungen weckte, ſprach er mich an. Du kommſt, Alfred? tönte es. So zog Dich Dein Schickſal dennoch in meine Arme, und Du entrinnſt ihm nicht wieder. Abſchieds⸗Umhalſung und Hochzeitskuß ver⸗ einigen uns für ewig, und mein iſt der Sieg über die gebrechliche Braut. Wie Triumph klang das ſchnelle Wort, und ich fühlte mich wie in Liebe und Wuth zugleich umfaßt, und der Schwung der Bewegung des feindlichen Ringers hätte mich faſt vom Fels in die Fluth geriſſen, wäre nicht ſein eigener Fuß auf der blanken Fläche ausgeglitten und er bei meiner Gegenſtemmung vor mir in die Kniee geſunken. Sein Hut flog über das Waſſer hin, die helle 292 Luna blickte ihm in das Antlitz, und, da Maler ſelten einmal feſtgehaltene Formen vergeſſen, ſo erkannte ich augenblicklich die Levn, hatte ich ſie doch einſt gerade in dieſer Kleidung auf die Leinwand geſtellt. Gnädige Frau, rief ich, ſtarr vor Schrecken, was ſoll dieſes Tragödienſpiel? Entſetzt ſah ſie zu mir auf. Es iſt nicht Alfred, ſchrie ſie wie in Verzweiflung, ſo bin ich beſchimpft und verloren. Sie machte eine gewaltſame Bewegung, ſich los zu machen und hinabzuwerfen. Meine Hände ließen aber die ſchöne Beute nicht, und, durch die Anſtren⸗ gung faſt ohnmächtig, mußte ſie meine größere Stärke anerkennen, und ich hatte nichts eiliger zu thun, als ſie von dem gefährlichen Platze herabzutragen auf einen ſicherern Poſten. Das Weib erſchien mir wahrlich ſchön in ihrer ſap⸗ phiſchen Seelenſtimmung; das Bild der Leidenſchaft auf ihrer Culmination iſt für den Künſtler der ſchönſte und anlockendſte Vorwurf. Ich ſprach mit der Salbung eines Beichtvaters, mit der Wärme eines Pylades, und meine Worte blieben nicht ohne Effekt, denn die Donna ſchluchzte gewaltig, ſchien zerſchmettert, zernichtet bis in die tiefſte Seele, und ließ ſich von mir in das nächſte Fiſcherdorf führen, wo wir, von der trüben Lampe eines Lootſen beleuchtet, einen ernſten Zwieſprach hielten, der unſere Zukunft wie die eurige entſchied, und bei dem ihr mir es nicht übel nehmen werdet, wenn ich den guten Gül⸗ denkron einen Barbaren, einen rauhen Dalekarlier und einen Eisbär nannte, um meinen Zweck zu verfolgen, aus dem uns Allen vielleicht Friede erwächst. Dir vertraue ich, was Niemand ahnet von euch: geworben hatte ich um Raphaelen, die mir theuer ge⸗ — 293 worden, aber ich fand ein verſchloſſenes, vom Leide in⸗ kruſtirtes Herz. So durfte ich doch nicht bleiben auf Heldrin, und die Baronin war mir früher gefährlich geweſen. Was konnte ſie wählen? Alfred ihr verloren, ihre Ehre in meiner Hand, wenn ich die romanhafte Schwäche laut machte! Fort, rief ſie mit rollenden Au⸗ gen, führe mich fort von hier, Du mein ſchwarzer Ge⸗ nius! Ehe nicht das Meer hinter uns liegt, biſt Du mein nicht ſicher. Daß ich eine ſolche Patientin nicht eine Sekunde aus den Augen laſſen darf, wirſt Du einſehen. Darum lebe wohl! Wir wollen verſuchen, ob Kunſt und Liebe an den reichen Themſeufern und auf den ſchottiſchen Heiden beſſer gebettet werden als in dem nüchternen Germa⸗ nien, und wenn Dich die Bekannten fragen, ſo ant⸗ worte: Der Lord läßt ſich entſchuldigen, er iſt zu Schiff nach England! — 8 S — — — — — = — — ℳ — *= = = 5 8 6 Ein Roman. Eine ägyptiſche Finſterniß lag auf Berg und Thal. Den Himmel der lauen Sommernacht verhüllten ſchwere Wolken, und ein Gewitterwind rauſchte durch die alten Eichen der Höhen und warf gebrochene Zweige herunter. Fern am Horizonte, nach dem Heſſenlande hinüber, brann⸗ ten zwei Dörfer, und die zackicht⸗flatternden Flammen machten das Dunkel in der Nähe nur noch ſchwärzer und grauenvoller. Zugleich hallten hier und da ganz in der Weite einige Jägerhörner und einzelne Trompeten⸗ klänge, welche die Heerhaufen der Tilly'ſchen Avantgarde zuſammenrufen ſollten, die heute Herzog Chriſtians rit⸗ terlicher Arm zerſprengt und, wie Hagelſchauer die Saat, niedergeſchmettert hatte. Vier Reiter zogen durch die Waldnacht in der Irre. Die braven Streitroſſe ſchnoben unwillig auf der unge⸗ bahnten Strauchflur, die beiden Hauptleute fluchten, und die beiden Knechte brummten die Flüche ihrer Herren als getreuliches Echo nach. Nicht einen Schritt weiter jetzt! donnerte Levin von Eulenhorſt, als ſein Gelber mit dem Kopfe gegen einen alten Eichſtamm anprallte und das ſcheue Thier durch gewaltigen Seitenſatz ſich faſt des wagherzigen Reiters entledigt hätte. Mag die Wetternacht da droben ſich in Höllenfeuer und Sündfluth auf uns entladen, ich hab's ſatt und erwarte hier auf dem Anger das Morgenroth. Ueberdem brennt der Schulterhieb, mit dem mich der flüchtende Lauenburger zum Valet beſchenkte, wie Kohl⸗ 298 feuer, und es iſt mir, als rieſelte mein Blut auf's Neue aus dem Verbande am Arm hinab. Wie Du meinſt, Herr Bruder! entgegnete Falk von Roſenau, der Wildfang genannt, obgleich mich's grämt, daß wir heute nicht unter den ſiegenden Kampfgenoſſen ſitzen und mit dem Feldherrn ſeinen Lieblingsſpruch: Gottes Freund, der Pfaffen Feind! in neun⸗mal⸗neun Bechern hinabſpülen ſollen. Wäre nur der Raſenplatz hier freundlicher, nur eine Kanne ſchlechten Landweins dabei, und ein roſig Dirnel da zum Kredenzkuß, Chri⸗ ſtians Ritter ſind ſolcher Herberge wohl gewöhnt, denn das weiche Bett ward ſelten uns zu Theil, ſeit wir ſei⸗ ner Fahne geſchworen. Die Ritter hatten ſich indeß aus den Bügeln ge⸗ ſchwungen und die Knechte nahmen den ſchweißbedeckten Thieren Zügel und Sättel ab und ließen die gutge⸗ wöhnten Gäule frei, um ſich ſelbſt Weide und Schlaf⸗ platz zu ſuchen. Ganz behaglich wird mir wieder, be⸗ gann Levin auf's Neue, als er ſich auf den Boden hin⸗ geſtreckt und den Panzer und Helm gelüftet hatte; ſtrecke Dich neben mich hin, Falk, willſt Du's ſo gut haben als ich. Weich liegt mein ſchwerer Kopf am Hügel, den mir das Schickſal recht wie zum Schlafpfühl unter die Schultern geſchoben, und der feuchte Grasdunſt kühlt die Wunde. Zu mir hernieder, Schwertkamerad! Was hilft das Murren und Grollen gegen Schickſalsgewalt! Ritter Falk zögerte und ſchaute rundum in das Dun⸗ kel hinein. Wenn es ein Muß geweſen⸗ ſagte er, wollte ich nicht grollen, aber daß der tolle Altenburger nim⸗ mer Genüge hatte am glorreichen Siege, das wurmt mich. In ſeinem Ungeſtüm wollte er die bairiſchen Rei⸗ ter alle wie in einer Fliegenplatſche fangen, ſo warf er zehnte des Monats! ſetzte er leiſe und dumpf zu 299 uns die Ueberflügelten, und nun, da ſie abgeſchnitten, nur noch wüthender Zuſchlagenden auf den Hals, und wir im Fluchtſturme der Feinde haben Gott zu danken, daß wir zum Lohne für den ſchweren Sieg nur ein Halbdutzend Fleiſchſchrammen und die weite Verſpren⸗ gung vom Heere, und nicht Tod und Gefangenſchaft ernteten. Das Alles aber wurmt mich und macht mich bitterböſe und ärgerlich auf Deinen Kaltfinn und Dein phlegmatiſches Gemüth.— Schickſal! lachte Levin, mor⸗ gen vergeſſen am fetten Kloſtertiſche oder im Arme der friſchen deutſchen Dirne. Ehrlich gemeint hat's der tolle Fritz, und die wackere Seele grämt ſich jetzt ſicher baß um uns, die er im Eiſengedränge verſchieden glaubt. Friede und Freude ihm! Setze Dich und theile mein grü⸗ nes Bett. Ich kann nicht! entgegnete das junge Heldenblut. Mein Blut wallt wie ein Feuerbach, und hinter meiner Stirne drückt's unruhig wie Ahnung. Strafe iſt wohl dieſe Grauenſtunde für unſere Unthat von heute Mittag. Warum ſpornteſt Du auch meine Schlachtwuth, daß ich die drei jungen Kroaten mit drei Kreuzhieben und einem Teufelshohn zum Himmel ſchickte? Sie hatten die Waf⸗ fen geſtreckt und riefen ſo inbrünſtig ihr Pardon uns zu. Vater und Mutter weint vielleicht um ſie daheim, und drei Bräuten verderben wir vielleicht den Myrthenkranz. Das war gar nicht ritterlich und ſtraft ſich ſicherlich. — Mährchen, wie ſie der Minneſänger leiert! ſpottete Levin höhniſch. Denke, ſie hätten Väter gehabt wie der Deinige, die lieber die Abtskutte anziehen und mit ihrem Gute den Mönch füttern, als dem Sohne ein Jugendfehl verzeihen. Es war ja heute der drei⸗ 300 ſich ſelbſt ſprechend hinzu.— Falk hatte die Zähne zuſam⸗ mengebiſſen und ſich abgewendet. Sehet! junger Herr! rief da der alte eisgraue Hans und ſprang von der Baumwurzel auf, die ſeine ſchlachtmüden Knochen ge⸗ ſtützt, da flackerte wieder das Feuerchen, das uns bis hier gelockt und geleitet, es muß nicht weit ſeyn, dort etwa hinter dem breiten Baumſchlage, auch zeigt dort der zerriſſene Wolkenſaum Sternenlicht. Laßt mich hin, vielleicht finde ich ein verlaſſen Hirtenfeuer, oder es liegt gar ein Dörfchen nahe, und wir verſpotten uns morgen ſelbſt, wenn wir beim Frühroth die Herberge ſo dicht an unſerer Sohle entdecken. Ich will mit Dir, Hans! ſprach Falk, zog das Schwert aus dem Gehänge und legte es ſich auf die Schulter, zugleich das Kriegshorn vom Nacken löſend. Da, Levin! bleibe Du und ruhe aus! Und laß den Jobſt von Zeit zu Zeit in das Horn ſtoßen, daß wir uns wieder zurück finden zu Euch. Des Alten Einfall iſt gut, denn hier ruhig harrend duldet mich's nicht.— Die Beiden tappten fort durch die Nacht, und Ritter Eulenhorſt ſtreckte ſich noch gemächlicher auf dem Raſen aus, indeſſen der Knecht Jobſt den zitternden Mund am Heerhorne verſuchte, doch nimmer einen klingenden Ton herauszubringen ver⸗ mochte. Levin ergötzte ſich eine Weile an den Verſuchen des jungen Muſikus, endlich aber brach ihm die Geduld, und, ſatt der Ohrenpein, forderte er ſelbſt das Horn, damit die Zeichen zu geben. Herr! brach da das Herz des Waffenträgers los, von der Leber weggeſprochen: Ihr hättet die Gefährten nicht ſollen fortlaſſen!— Und warum denn nicht, du gewaltig Löwenherz? fragte der Ritter, die Jammertöne des Knechtes nachäffend. Ach, wer doch Euren Sinn hätte! ſeufzte Jobſt. Kalt 301 und unerſchüttert lachend und voll Spott im Reiterge⸗ dränge wie an der Fürſtentafel, gegen Schütz und Kroat wie beim Frauentanz, und in ſolcher Nacht wie am Brautmorgen! Ich wollte, wir ſäßen mitten im Torf⸗ rauche auf einer Bauertenne bei zähen Mehlklöſen und ſaurem Dünnbier, nur nicht um Mitternacht auf ſolch verdächtigem Felde. Mir fiel ſchon drei Mal die Mähr ein von den drei Raben, wo der Reitersmann glaubt, am Waldhügel zu ſchlafen, und unter Galgen und Rad erwacht. Hurr! da ſchießt ſchon wieder ſo ein Unglücks⸗ vogel durch die Zweige. Höret Ihr nicht, wie er da droben im Baumgipfel ſein Uhu bluſtert und mit Feuer⸗ augen herabſchaut? Sehet Ihr die beiden Flammenrä⸗ der nicht, wie ſie Höllenfeuer ſprühen und uns Tod und Unheil anſagen? Herr Ritter, laßt uns zuſammen ein Stoßgebet herſagen! Vielleicht blutet Eure Wunde langſam aus, und mich allein würgen dann einige Ge⸗ ſpenſter an Eurem Leichname.— Feigling! ſpottete der Ritter fort; Du biſt das Muſterbild eines getreuen Knap⸗ pen, und fürchteſt nur darum Deines Herrn Tod, weil Du dann allein bliebſt hier im Walde, du zärtlichſter aller Herrendiener! Doch ſey getroſt! ſetzte er dann ern⸗ ſter hinzu: Heute iſt zwar mein Schickſalstag, der dreizehnte im Roſenmonde, aber mit erfülltem Gelübde habe ich heute den Tag bezahlt. Auch ſind wir nur ſelb Zwei, nicht ſelb Dreizehn, und ehe die Eule droben mir nicht mit einer blühenden Roſe im Schnabel erſcheint, kommt mein Stündlein nicht, und all' dieſe Schauder haben drum nichts zu bedeuten. Sprecht Ihr im Wundfieber, gnädiger Herr! jam⸗ merte Jobſt mit klappernden Zähnen. Ach! mir jungem Blute wird immer angſtvoller bei Euch, und es iſt gar 302 nicht ſchöͤn, daß Ihr mein Bischen Verſtand vollends auslöſcht und mein armes Herz noch banger zuſammen ſchnürt durch ſolch ſeltſame Zauberſprüche. Hat mir doch ſelbſt damit einſt der alte Bruder Roſen⸗ kreuzer Grauen gemacht, erwiederte Levin düſter. Aber gib mir nur das Horn! Ich werde mit einer fröhlichen Jagdmelodie deine Geſpenſter alle verſcheuchen und zu gaukelnden Tänzern umwandeln. Spottet nur nicht ſo gottlos und weckt das Höllen⸗ reich nicht! bat Jobſt und ſchritt langſam durch das Strauchwerk heran, das Heerhorn zu bringen, doch be⸗ vor er ſeinen Herrn erreichte, ſtürzte er mit einem Schrei zu Boden und rief an der Erde zappelnd alle Schutz⸗ heiligen der Kirche zu Hülfe.— Was hat der Narr? donnerte der Ritter los, und richtete ſich ſelbſt erſchrocken in die Höhe. Soll meine Degenſcheide auf Deinem Rücken einen Parademarſch halten, und meine Ferſe Dir die Furcht austreiben? Ach, daß Gott! geſtrenger Herr, wo ſind wir? ſtöhnte Jobſt. Eine Menſchengeſtalt iſt mir zwiſchen die Waden gerathen, und ſo Gott mir helfen mag! ich liege auf einem Todten, der einen ſcharfkantigen Panzer trägt und mir ſeine Hakenbüchſe oder Pike vorgehalten, daß ich darüber zum Straucheln kam. um ſich ganz aufzurichten, hatte der Ritter rückwärts gefaßt, aber mit Schreck taſtete auch ſeine Hand auf das erkaltete Antlitz eines Menſchen und in einen wirren, blutnaſſen Schnauzbart, und er entdeckte, daß er Rücken und Kopf auf ein grauenhaft Polſter gelegt, und daß ein Leichnam ihm zum Faulbett gedient. Wir ſind auf der Schlachthöhe von heute Morgen! ſprach er ermannt und aufſtehend. Ein Popanz hat uns ——— —* — 303 im Kreiſe herumgeführt, und da, wo wir ausritten, ſind wir wieder angekommen. Jetzt, da die Sterne droben durchleuchten, erkenne ich den Platz. Dort iſt die dichte Eichengruppe, wo wir zuerſt den Herzog Julius Ernſt warfen, und drüben am Hainbuchhagen hieb Ritter Falk die Kroaten zuſammen. Drum war auch ſo viel Geächz und Wundgeſtöhn in allen Gebüſchen! klagte der Knecht, ſchnell vom Leichen⸗ boden aufſpringend und mit hochgezogenen Knieen ſich dicht an den Herrn anſchließend. Das iſt ein böſes Plätzchen, denn wenn alle die Halbtodten grimmig auf⸗ ſtänden—— So fräßen ſie mit Haut und Haare uns zwei Ganz⸗ lebendige, ſchalt Levin, und verſetzte dem Furchtſamen einen derben Fauſtſchlag. Halte Ruh', denn ich hab's Gewimmer ſatt! donnerte er dazu. Dorthin, wo der Freund ging, muß die Pleſſenburg liegen, welche die Tilly'ſchen einäſcherten. Das Feuer, welches wir ſahen, war ſicherlich noch ein Brandreſt in dem zerſtörten Schloſſe, wir wollen drum unter Hörnerruf den Genoſſen folgen. Kupple die Pferde und zieh mit ihnen langſam mir nach. Wortlos durch den Faußtſchlag geworden, vollzog der Knecht den Befehl, indeß in einzelnen langgezogenen Tönen das Hüfthorn am Walde wiederklang und den leichen⸗ und fraßwitternden Uhn aus ſeinem Baumes⸗ throne verſcheuchte. Kaum waren die Pferde mühſam geſattelt und die Zäume verknüpft, ſo ſahen die Beiden ſchon den Nutzen des Hornes, denn ein Fackellicht erſchien fern im Holze und zog einen langen Lichtſchweif nach, immer mehr ſich ihnen und dem Kriegsrufe nähernd. Frohen Muthes ſchritten die Verirrten dem Leuchtſterne entgegen, als 304 aber das blendende Licht dicht vor ihnen flammte, fuhr Jobſt neu erſchreckt zwiſchen die Roſſe zurück, daß dieſe ſich hochauf bäumten, und Ritter Levin ſelbſt griff an die Wehr. Eine rieſenlange Geſtalt ſtand vor ihnen, mit einem verwegenen, ſonnverbrannten Antlitze. Der Kleidung nach ſchien der Mann ein junger Bauer des Landes, aber an ſeiner Hüfte ſtack ein kurzer Flamm⸗ verg, blinkend in ſeiner Schärfe, ohne Scheide im Gurt, ein koſtbares Ritterbarett mit Schwungfeder und Stein⸗ agraffe ſaß ſchief und wunderlich auf dem ſtroffen Haare, die breite, halbnackte Bruſt war überhangen mit Ritter⸗ ketten und Ordenskreuzen und buntem muſchelbeſetzten Pferdeſchmucke, und ſeltſam ſtand dazu der knotige Baum⸗ aſt, den der Mann in der Rechten trug⸗ und der derbe, flammende Kienſpahn, den ſeine Linke hochhielt. Laßt ſtecken, edler Herr, und ſchreckt Euch nicht, ſprach der Waldmenſch mit einem freundlichen Zähne⸗ fletſchen. Bin nur der lange Heinz aus Eddinghauſen, und der Vater und der alte Reitersmann ſchicken mich her zu Euch aus dem wüſten Schloſſe drüben. Ihr ſoll⸗ tet eiligſt zu Hülfe kommen, denn es iſt d'rin ein groß Unglück paſſirt und Euer Kumpan, der Ritter, hat den Hals gebrochen. Ritter Falk? daß Gott verhüte! rief Ritter Eulen⸗ horſt aus. Seinen Namen hat mir der Herr nicht geſagt, ant⸗ wortete der lange Heinz gutmüthig, denn er hat aus dem Schloßbrunnen herauf noch nicht geantwortet, obgleich wir alle Drei wacker hinunter geſchrien. Indeß wird's wohl derſelbe ſeyn, da mich ſein alter Knecht zu Euch ge⸗ ſchickt. Unſer Vater iſt Wildhüter an dieſem Berge, erzählte er weiter, indeß ſie ſo eilig, als der ſchmale Waldpfad „ W M——— N * —.———— 305 erlaubte, fortſchritten, und wie der Kriegslärm am Abend ein Ende genommen und die Heeresſchaaren ſich hinab gegen die Nordheimer Straße gezogen, ſtiegen wir den Berg hinan, nach dem Schaden zu ſehen, den das Volk im Forſte angerichtet, und beiher nachzuſchauen, ob die braunſchweigiſchen Reiter und Fuhrknechte uns noch etwas übrig gelaſſen, der Mutter und der Schweſter eine Freude zu machen. Und ſehet, die Todten haben mich gar reichlich beſchenkt und mich ſtattlich herausge⸗ putzt, und ich habe für die Braut einen reichen Kirchen⸗ ſchmuck erobert. Als der Gewitterwind herüberbrauste, flüchteten wir in die zerſtörte Pleſſenburg und heizten uns in der offenen Thurmhalle ein wacker Feuerlein an zur Nachtwache, und ſortirten die gefundenen Schätze, und ſchnitten den aufgeſuchten Felleiſen die Bäuche auf. Euer Kumpan mußte unſer Feuer geſehen haben, und ſchritt unklug ohne Zuruf über die niederhangende Brücke in die Ruine, ſah den Schloßbrunnen nicht, der zwiſchen ihm und unſerm Wachfeuer den großen Rachen aufthat, und plumps lag er drinnen. Zwar iſt der Brunnen von eingeſtürztem Mauerwerke halb gefüllt und waſſer⸗ leer, doch immer noch tief genug, um d'rin ein Genick zu brechen. So ein Ende ſollte die erſt halb vollendete Rache nehmen, murmelte Ritter Levin in ſeinen Spitzbart hin⸗ ein, aber der lange Heinz hörte nicht auf die ſeltſame Antwort im Munde eines Zeltgenoſſen des Verunglück⸗ ten, ſondern ſuchte menſchlich⸗ſorgend auf ihrem ſchnellen Marſche alle Pferdezäume und jedes Strickzeug der ſte⸗ hengebliebenen Geſchützwägen zuſammen. Bald kamen ſie an den Schlund, über den eine morſche, halb ein⸗ Blumenhagen. XIII. 5 20 306 geſchlagene Brücke zu der Burgruine führte. Im Innern des halb eingeſchloſſenen Gemäuers flackerte ein luſtiges Feuer, und der alte Wildhüter knotete, indem er aus ſeinem Wolfspelz und ſeiner Bärenkappe recht grimmig⸗ gutmüthig über die Unvorſichtigkeit der jungen Leute heraus ſchalt, in emſigen Händen ſchon ſchlanke Baum⸗ zweige zuſammen mit ſeinem zerſchnittenen Jagdnetze, um ein Rettungsſeil daraus zu bilden, indeſſen der alte Hans mit dem Leibe am Boden lag, jetzt ſeines lieben Herrn Namen hundert Mal in die Tiefe des weiten Brunnens hinabſchrie, dann ein frommes Gebet für das Seelenheil des Hinabgeſtürzten mit Thränen und Angſt⸗ ſchweiß hinunterbetete in der Erde offenen Bauch. Hein⸗ zens mitgebrachten Stricke und Riemen beſchleunigten das Werk, Alle legten Hand an, und in kurzer Zeit war die Knotenleiter fertig, an welcher ſich jetzt der uner⸗ ſchrockene Heinz herabließ. Alle Viere droben horchten beſorgt und geſpannter Hoffnung, bis das hohle Mauſe⸗ todt und längſt verendet! aus der dunkeln Gruft zu ih⸗ nen heraufſchallte, und Schmerzesklage und Mitleids⸗ worte nur durch die nächtliche Stille hintönten. Aber Heinz ſchrie drunten, daß ihm die Luft ausgehe in dem dumpfigen Loche, man zog mit Anſtrengung und Mühe die ſchwere Laſt aufwärts, und im Sternenlichte erſchien an der Oberwelt der gewaltige Waldmann, den todt⸗ gleichen jungen Kriegshelden auf ſeinem Nacken tragend. Da lag der ſchlanke, blondgelockte Hauptmann auf dem thauigen Graſe leblos, ohne Regung; doch jauchzte der alte heilkundige Hans, als er noch Pulsſchlag und ſchwachen Athemzug an ihm entdeckte. Man löste bei dem Scheine der Kienhölzer Helm und Panzerſtücke, das Genick war ganz, die Glieder ungebrochen, das zerſprun⸗ 307 gene Schwert hatte den Leib nicht verletzt, nur der Helm trug einen tiefen Eindruck, und am Kopfe fand ſich ein blutrünſtiger Wundfleck. Laßt uns nur ſorgen! tröſtete der ehrliche Wildhüter. Iſt das Gehirn drin noch ganz, ſo erwecken wir Euren Freund ſchon wieder. Drunten im Hauſe liegen Pferdepflitte zum Aderlaſſen, und Salz und Eſſig gibt kühlenden Umſchlag. Wir Jäger find in ſo etwas erfahren, beim Holzfällen gibt's oft ſo einen Zufall. Lade den Kranken wiederum auf, Heinz, und trage ihn langſam den Schloßweg hinab zum Dorfe, der ſchwergerüſtete Herr und ſein Knecht folgen Dir mit den Pferden und leiſten Beiſtand, die beiden erbeuteten Felleiſen legen wir mit Verlaub auf des breiten Gold⸗ fuchſes Sattel. Ich und der alte Reiter ſchlüpfen hier am ſteilen Abhange den Pfad der Erdbeerenpflücker hin⸗ ab, und früher im Hauſe haben wir ſchon Alles bereit, wenn Ihr einzieht. Levin dankte wortreich und verſprach hohen Lohn für jede Sorgfalt um Herzog Chriſtians beſten Ritter, Alle thaten, wie der Wildhüter geordnet, und bald brannte das Feuer einſam in dem Burgraume, und Eulen und Fledermäuſe umſchwirrten die rauchgefüllten Hallen. In dem netten Häuschen drunten ſaß bei der Lampe und dem großen Gebetbuche die Mutter Trude, und vom kleinen Gemach zum Herde ging emſig Mühmchen Erika hin und her, bald nach der Bierſuppe am Feuer, bald hinaus zum weinlaub⸗umrankten Fenſterchen ſchauend. Solltet Euch ſchlafen legen, Muhme! ſprach die ſchlanke Jungfrau endlich; wer weiß, wo der Ohm und der wilde Heinz übernachten, und unſer nicht einmal einge⸗ — . 308 denk ſind. Der Tag voll Angſt hat Euch erſchöpft, und ich will ſchon Sorge tragen um Feuer und Licht, und um die Erquickung der Männer dort am Herde. Du biſt mir die Rechte! brummte Mutter Trude, vom ſchwarzen Folianten aufſtehend. Leichtfinnig und keck gaffſt Du in die böſe Welt, und wo Andere zagen und beten, lachſt Du und ſchaueſt ſorgenfrei in den blauen Gotteshimmel. Und iſt dort nicht der rechte Troſt und die beſte Stärkung? antwortete Erika, fromm zum Fenſter hin⸗ ausblickend. Was hilft es, daß Dein Sponſe, der kluge Heinz⸗ euch heute bei dem Kriegslärm in Männerkleider ge⸗ ſteckt hat, und den Topf mit gelbem Kräuterſafte parat hielt, Dich und die Schweſtern einzuſalben und zu Zi⸗ geunerbildern zu machen, damit Ihr Ruhe hättet vor dem ungeſtümen katholiſchen Kriegesvolke! murrte die Alte fort. Kaum iſt die Angſt vorüber, ſo gehſt Du kecklich wieder im Mädchenzeuge einher, und ſperreſt dazu alle Fenſter auf, als wollteſt Du den Feind hereinlocken. Mich ſcheltet Ihr, Muhme, antwortete die Jungfrau ſanft, die ich bei Euch aushalte und wache, indeß die Töchter in ihren Mannes⸗Wämſern, die ihnen gar wun⸗ derſam ſtehen und poſſierlich, drinnen ſich auf's Faul⸗ bett gelegt haben, und ein Wettſtück ſchnarchen. Die Tilly'ſchen ſind zurückgeplatzt, und haben droben manch bairiſch Kind im Blute gelaſſen, des Chriſtians Reiter ſind verwogene Geſellen, aber bei uns hielten ſie gute Mannszucht, und nur die Biſchofsländer müſſen ihres Feldoberſten Pfaffengroll tüchtig entgelten. So ſind wir ja ſicher, und wie das Wettergewölk vorüberzog und die Sternlein wieder blinken, iſt auch heute das Kriegswet⸗ ——————————— 309 ter an uns vorübergegangen, und der große Vater, der aus tatſend Sternenaugen dort in das Fenſter blickt, wird ſchon für Morgen Sorge tragen. So war Dein Vater auch! antwortete Mutter Trude ſanftern Tones. Auf den Gott droben verließ er ſich, anſtatt ſich als Leibfalkonier des Landgrafen etwas zu erübrigen. Nur an das Heute dachte auch er, nicht an das Morgen, und drum biſt Du eine arme Dirne geblie⸗ ben und als er ſtarb— habe ich in Eurem Hauſe Va⸗ ter und Mutter wieder gefunden! fiel raſch Erika ein, und drückte die überſtrömenden Augen an die Schulter der Pflegemutter, die rauh in Worten, aber weich und gut von Herzen war. Du biſt ein gutes Kind, gut wie Dein Vater ſelig auch war! wirſt dem Heinz die beſte Hausfrau werden! ſagte die Alte mitgerührt. Aber Morgen müßt ihr drei Mädchen mir dennoch gleich fort nach Nordheim hinter Mauer und Wall, denn Kroat und Pandur können wieder kommen, der Tilly ſäumet nicht, und für der⸗ gleichen Gäſte ſind ſolch friſche Mädels die willkommenſte Beute. Macht auf! rief eine harte Stimme in das offene Fenſter, und obgleich es der Hausherr war, der rief, fuhren doch Beide erſchrocken vom Sitz, denn Hanſens Blechhaube blinkte über des Vaters Nacken herüber. Ermuthigt ſogleich nach kurzem Beſinnen öffnete Erika die Hinterpforte zum Baumgarten, die Zwei traten ein mit Botſchaft und Befehl, und bald war das ganze Haus wach und lebendig, um die unerwarteten hülfsbe⸗ dürftigen Gäſte zu empfangen. 310 Ein feiner Lichtſtrahl in Oſten verkündete ſchon den kommenden Tag. Auf Erika's reinlichem Bett im ſtillen Kämmerlein lag Ritter Roſenau, und die Jungfrau ſaß daneben, ſah ſorgſam nach der Armbinde, damit des Ohms gewaltig Aderlaß nicht nachblute, und befeuchtete ſorgfältig die Umſchläge, die der erfahrene Waidmann für des Jünglings beulenvolle Stirne verordnet hatte. Oft nahm ſie dabei die blanke Lampe zur Hand, des Fremden Antlitz zu beleuchten, und wenn er dann tiefer Athem zog, oder im Fieberſchlafe ein lautes Wort her⸗ vorſtieß, ſo ſetzte ſie ſchnell das Licht wieder hinter des Bettes Kopfende auf den Tiſch, und verſank in tiefe Gedanken. Der alte Hans trat leiſe ein zu ihr, ein mächtig Paket Scripturen in den Händen. Als er einen Blick nach ſeinem Ritter gethan und freundlich zu dem Schla⸗ fenden hinüber genickt, ſetzte er ſich neben die Jungfrau an den Tiſch, und breitete ſeine Papiere drüber hin. Alles ſchläft im Hauſe, ſagte er, nur Ihr, ſchöne Dirne, theilet die Pflege des beſten Herrn mit mir. Gott vergelt's Euch hier und drüben! Auch der Herr Levin iſt mit ſeinem feigen Jobſt, nachdem ſie kaum ſich am Warmbier erlabet, fort nach Nörten geritten zum Herzog, und hat ſeinen Waffenfreund im Stich gelaſſen. Der Vater und der Heinz ſchlafen auf der Streu bei den Pferden, ſo laßt uns denn plaudern, bis der Tag vollends heraufkommt, und die Schreckensnacht mit etwas Gutem und Frohem vergilt. War das der Ritter Levin, der mit der kahlen Schei⸗ tel, dem dünnen Haar zur Seite, der Habichtsnaſe und den kleinen Stechaugen? fragte Erika. Und der iſt Eu⸗ res jungen lieben Herrn Buſenfreund und Feldgenoß? —— 311 Wohl möget Ihr ſo verwundert fragen, entgegnete Hans. Denn die Jahre und das Aeußere paſſen nicht recht zu dieſer Freundſchaft. Der Levin iſt zehn Jahre älter und drüber, als mein Junker da, und ich möchte ſchier glauben an Zaubertrank und Hexenwerk bei dem Verhältniß, wenn unſere Prädikanten ſolchen Glauben nicht für Sünde und Frevel erklärten. Wie in Stricken und Netzen hat der Levin unſern Herrn, und wunderbar iſt die Gewalt, die er über den jungen lebensmuthigen Löwen auszuüben ſich unterſteht. Er iſt ſein Waffen⸗ meiſter geweſen und hat ihn auf allen Kriegszügen mit dem Mansfelder begleitet, und ſo hat manche brave Waffenthat Beide unauflöslich verkettet. Aber ob die Geſellſchaft gut war für meinen Junker, weiß der All⸗ mächtige! Oft hab' ich den greiſen Kopf geſchüttelt, wenn der Aeltere den Jüngern in Faſtnachtsſpiel und Völlerei hineinriß, wenn er, gar ſeltſam dazu lächelnd, ſeinem Treiben unter galanten Frauen und leichtfertigen Dirnen zuſah, wie Satanas dem Falle der Menſchen zuſehen mag. Und hat doch dieſer Levin auch den ein⸗ zigen Sohn mit dem Vater entzweit und um all ſein Erbe gebracht, da er ihn zum Uebertritt zu den Evan⸗ geliſchen beredete, und der alte Roſenau im Zorne und Schmerz darüber Mönch wurde, alle ſeine Habe dem ketzeriſchen Sohne entzog und dem habſüchtigen Pfaffen⸗ volke vermachte. Wir haben nun außer der verfalle⸗ nen Stammburg auf dem Roſenſteine nichts als zwei Streitgäule und zwei gute Schwerter, und wer weiß, wie lange uns auch dieſe Schätze des Kaiſers Reiter und das Kriegsglück zu eigen laſſen. Seufzend ſtützte der Greis den ehrwürdigen Kopf, und Erika, die bei der Erzählung bald roth, bald bleich 312 geworden, zog verlegen die Schriftballen näher zur Lampe, und fragte darnach. Briefſchaften ſind's, antwortete der Alte, die Euer Ohm im erbeuteten Felleiſen gefunden, und die er wegen der großen Wappen und Siegel für meinen Ritter, oder vielmehr für den Herzog Chriſtian wichtig hält, und mir darum für dieſelben ausgeliefert hat. Für mich ſind's leere Blätter, denn ich kenne das Hennegekratz nicht, kann nicht leſen, nur das Wolfenbüttel'ſche Siegel habe ich auf einigen der Umſchläge erkannt. Erika griff nach dem oberſten Bündel, welches ein roſafarbenes Seidenband zart verknüpfte und zuſammen⸗ hielt. Ein Halbdutzend zierlicher Sendſchreiben entfielen der gelösten Schleife. Das ſind keine Kriegsſchriften, Kanzelei⸗ oder Be⸗ fehls⸗Briefe, ſprach ſie, als ſie hineingeblickt, das ſind Briefe von Frauenhand, und an den feindlichen Heeres⸗ fürſten, den Julius von Lauenburg, gerichtet.— Leſet, leſet, ſagte neugierig der Knecht, ich merke, Ihr verſteht die Schrift. Lebte ich doch an des Landgrafen Hofe zu Caſſel, antwortete die Jungfrau, und mein Vater ſtand im Hofdienſt, und der Hofprediger ſelbſt ließ ſich zu mei⸗ nem Unterricht herab. Das Mädchen las, doch immer heftiger ſchüttelte der Knecht das graue Haupt, als die Dame in dem Briefe von heimlicher Zuneigung ſchrieb und im Him⸗ mel geſchloſſenem Seelenbunde, und dann auf ihren kaltblütigen Eheherrn ſchalt, ihn thöricht nannte, weil er manche Nacht über das Unglück ſeines Landes weine und weil er nimmer Freude hätte an Bankett und Rit⸗ ter ſpielen. 313 Heftiger brummte der züchtige Greis, als die ga⸗ lante Briefſtellerin den jungen Lauenburger in Prunk⸗ worten und pvetiſchen Schwulſt mit dem Gemahle ver⸗ glich und ihrer Schwiegermutter mit unziemlicher Sta⸗ chelrede gedachte. Doch als er nun unwirſch nach dem Namen der geliebten Schreiberin fragte, und Erika un⸗ ten vom Briefesrande die Anna von Wolfenbüttel her⸗ las, da ſchlug er die Hände ſtaunend zuſammen und rief über den Weltlauf und die Verderbniß der Zeit ein lautes Zeter und Weh. Der kranke Ritter regte ſich, und der Knecht ſprang zum Bette. Indeß hatte Erika einen neuen Brief geöffnet, und da ſie drin las von vierwöchigem Glücke der Liebe, und von feurigen Gaben in der Paradieſeszeit, und vom ewigen Wechſelſchwur, ſo überflog eine Angſthitze und Schamgluth zugleich ihre Wangen, und von einem ſie plötzlich durchfliegenden Mitleidsgefühle bewegt, ſchob ſie den Brief ungeſehen unter ihr Mieder, die Frauenehre der fremden Fürſtin zu retten und den Schimpf von ihrem Geſchlechte ab⸗ zuwehren, vielleicht am meiſten jedoch dazu gedrängt durch die Unruhe, welche, ſeit ihr blankes Lämpchen den in ihrem Bette ſchlummernden Jüngling beleuchtet hatte, und ſeit ſie ihn mit ihrem rauhen Bräutigam vergli⸗ chen, in ihrem reinen jugendlichen Buſen ſich das Neſt gebaut. Ritter Falk richtete ſich auf, und wie dem Dürſten⸗ den der Knecht den Napf mit dem Kühltrank vorhielt, fielen ſeine großen, fieberglühenden Angen auf die Jung⸗ frau, welche im vollen Lichtglanze daſaß, in der Freude über ſein Erwachen mit leuchtenden Augen ihn anſtarrte, und die ihn mit den gefaltenen Händen, dem vollen, ungeordneten Goldhaar, das ſich unter dem dunkeln 314 Häubchen hervordrängte, und im ungeregelten, ſchwarz⸗ wollenen Hauskleide, das des Halſes Schönheit und die blendende Fülle der unentweihten Bruſt ſorglos dem Auge des alten Hans Preis gegeben, wie die Madonna erſchien, die in der Ahnenburg über des Vaters Betſtuhl gehangen. Ein Schwindel lief ihm wieder über Stirne und Augen, und er ſank in das weiße Kiſſen zurück. Als aber der Hans ſeinen Ritter zurecht gelegt und zurückkam zum Tiſche, fand er das Mädchen ſchluchzend in hellrinnenden Thränen, und als er beſorgt forſchte, ſchob ſie ihm die Schriften zu, ſtand auf und löſchte die Lampe aus. Nehmet das, und verwahrt's ſorgſam für Euern Ritter, ſprach ſie dazu. Der Tag iſt herauf, und Euer Herr wird ſchnell geſunden und weiter ziehen. Erika will nun ſchlafen gehen in ihre Nacht, in ihre lange Nacht. Heftig drückte ſie dem horchenden Greiſe die Hand, und verließ mit einem Rückblicke nach dem Schla⸗ fenden das Kämmerlein. Alles vergoldend ſtand die Morgenſonne am unbe⸗ wölkten Himmel, und die ganze Natur, aus ſchwerer Nacht erweckt, athmete ihr heiter entgegen. Wald und Wieſe war von einem Duftſchleier überzogen, denn die warmen Lichtſtrahlen ſogen die Perlen des Gewitter⸗ regens, die überall an Blättern und Halmen hingen, begierig auf, Blumen und Blüthen ergoßen friſche er⸗ quickende Gerüche, die Sangvögel jubilirten dem ſchönen Tage zu Ehren ihr lieblichſtes Morgenlied, und das Wild ſprang ſpielend durch die Gebüſche. Nur der Menſch feierte den Tag des Segens nicht mit: Haß und 315 Rache und Blutdurſt erfüllte hier und drüben mehrere tauſend Seelen, und die Friedlicheren flüchteten überall auf Heerſtraßen und Feldwegen, um in den ummauerten Städten und feſten Schlöſſern Gut und Leben zu bergen vor den raubgierigen, mitleidsloſen Brüdern, und wen das Schickſal feſthielt auf ſeinem Landgütchen oder un⸗ ter dem traulichen Hüttendache, der verſcharrte wenig⸗ ſtens ſeine Schätze— und war es auch nur ein mühſam erſparter Nothpfennig oder ein Erbſtück, ein Silberbe⸗ cher, oder eine Schachtel voll alter Schaumünzen— tief in ſichere, verſchwiegene Erde vor der Gier und Greif⸗ ſucht der erzgepanzerten Feinde und Freunde. Schon mit Tagesanbruch hatte man weithin von Neuem den Donner der Feldſtücke und das Knattern der Hakenbüchſen gehört. Jetzt zogen überall, ſo weit man ſah, Reiter und Fußvolk durch die Fruchtfelder, die Hufe der Roſſe zerſtampften des fleißigen Säemanns Hoffnungen, und eine ganze Ernte zerdraſchen die brei⸗ ten Räder der Zeugwägen, ehe noch die ſchwere Aehre goldene Körner enthielt. Der alte Hans war mit der regſamen Erika auf die Böden des Jägerhauſes geſtiegen, Fourage herab⸗ zuwerfen für die Roſſe, welche der Vater und Heinz⸗ durch des Ritters Goldſtücke immer freundlicher gewor⸗ den, im Stalle putzten, und ihr geſtern arg zerfetztes Sattelzeug wieder in Ordnung brachten mit Pfriem und Lederband. Sehet einmal den ſtattlichen Haufen, der dort gerade auf unſer Dorf einbeugt! rief Erika, welche die Thüre des hohen Scheunbodens aufgeſtoßen. Sie tragen die braunſchweigiſchen Farben, gelb und weiß, die Panzer⸗ ſtücke glänzen alle wie gediegen Silber, und die Spiel⸗ 316 leute voran, mit den hundertfarbigen Helmbüſchen und den Silbertrompeten mit Troddeln und Seidenbehang, blaſen ſo munter und ſehen ſo luſtig drein, als ging es zum fürſtlichen Mahle und nicht zum böſen Fehde⸗ ſpiel.— Der Alte warf das Heu, welches er eben ein⸗ band, hin, und trat neben das fragende Dirnlein in die Thüre. Das iſt des Prinzen Leibkompagnie! ent⸗ gegnete freudigſtolz der kriegesmuthige Greis. Beſſere Trabantenſchaar hat wohl ſelbſt Kaiſers Majeſtät nicht, ſind lauter treue Einſaſſen. Und da reitet der Herzog ſelbſt gerade auf Euer Haus zu.— Welcher iſt's? fragte Erika, unter den vielen geputzten und blankge⸗ panzerten Reitern den berühmten Kreisobriſten ſuchend. — Der da, berichtete Hans, im blauen Stahlpanzer auf dem langmähnigen Schecken, der den aufgeſchlage⸗ nen Hut trägt und drei ſchwarze Straußfedern dran. — Der wär's? fragte Erika ſtaunend. Hätte ich doch nimmermehr in dem ſchmächtigen, bleichen Herrn den Helden geſucht, von dem Alles im Reiche erzählt und den der Kaiſer fürchtet. Aber die Augen funkeln lauter Großherzigkeit, und das ganze Geſicht mit dem zierlichen Schnauz⸗ und Knebelbart ſpricht von nichts als Helden⸗ finn und Edelmuth daneben. Was bedeutet jedoch der weiße Damenhandſchuh, an des Herzogs Hutkrempe als ſeltſam Feldzeichen und gar abſonderlicher Kriegsſchmuck zierlich befeſtigt? Im ſchwachen Körper wohnet die trefflichſte Helden⸗ ſeele, antwortete Hans, mit dem grauen Kopfe freund⸗ lich nickend dazu, und Gnade Gott dem Pfaffenregiment im deutſchen Reiche, wenn der einmal eine ordentliche Armee hinter ſich bekommt. Siehſt Du die Silberhand, die aus dem linken Aermel hervorſchaut? der ganze Arm 8 347 iſt von Metall. Bei Fleuri verlor er gegen den Spi⸗ nola den eigenen, und bei Pauken⸗ und Trompeten⸗ ſchall ließ der Heldenjüngling ſich das zerſchoſſene Glied vollends abſchneiden, und die früher erbeuteten Apoſtel aus der Domkirche zu Paderborn mußten ihr Silber herleihen, um den leeren Platz zu erſetzen. Den Frauen⸗ handſchuh trägt er der ſchönen Böhmenkönigin zu Ehren, der er in frommer, brüderlicher Liebe zugethan. Als er in Holland von der vertriebenen Fürſtin ſchied, gab ſie ihm das Liebespfand zur Erinnerung an ſeinen Schwur, nicht früher das Schwert in die Scheide zu ſtecken, bis die ſchöne Frau wieder ruhig herrſchte in ihren Landen. Und wie's ſcheint, wird er dem Schwure treu bleiben gegen Kaiſer und Reich, bis ſich das Grab ihm aufthut. O das iſt ein gar herrlicher Prinz, ſprach Erika aus tiefer Bruſt und legte ſich die kleine Hand auf's Herz. Treu bleiben ohne Glück und Hoffnung, das Leben opfern der Liebe ohne Lohn und ſterben in treuer Liebe! o das muß ein lieber Beruf und ein freundlich Leben ſeyn! ſetzte ſie mit ſeltſamer Schwärmerei hinzu, die für ihresgleichen auffallen mußte. Ja, ſo ſeyd ihr Mädchen alle, lächelte Hans. So ein getreuer Liebesritter geht euch über Alles, faſt über den Herrgott, und doch traget ihr in demſelben Augen⸗ blicke, wo ihr ſo einem kuſſigen und ehrbaren Herrn Lobſprüche ſagt, ſchon den neidiſchen Wunſch im Herzen, den getreueſten aller Ritter untreu zu machen und für euch ſelbſt zu gewinnen.— Glaubt das nicht, antwortete die Jungfrau treuherzig dem ſpottenden Waffenknechte. Aber muß es denn nicht über Alles gehen, ſich ſo geehrt und geliebt zu wiſſen durch alle Ferne hin und durch alle Zeit? 318 Der Herzog Chriſtian war jetzt zum Hauſe heran⸗ geritten, und fragte beſorgt nach ſeinem Hauptmann von Roſenau, da trat ihm der junge Kriegsmann ſelbſt ſchon aus der Pforte entgegen, zwar ohne Eiſenwerk und die Stirne mit leichtem Leinentuche umwickelt, doch rüſtig im Koller und zum Ritt geſpornt. Lebt der Brauſekopf noch? rief frohſinnig der Kreis⸗ obriſt und reichte die Rechte vom Roſſe herab. Haſt mich in arge Angſt verſetzt um meinen Pannerträger, denn wem ſollte ich ſo unbeſorgt nach Dir mein Fähn⸗ lein und ſeinen Spruch anvertrauen? Aber der Tollkopf wird nicht anders, und ſtürmt vorwärts ohne Auge und Vernunft nur dem Herzen nach und dem Gelüſt. Ihr ehret mich und ſcheltet mich zugleich, antwor⸗ tete Ritter Falk ſanft und ehrerbietig. Zürnet mein Fürſt wirklich? war es doch nur die unbezwingliche Be⸗ gier, wieder zu Euch zu kommen, die mich in das Teu⸗ felsloch führte. Stärker drückte der Prinz des Jünglings Hand und entgegnete noch heiterer: Zürnen dankt ſolche Thaten ſchlecht, wie ich geſtern von Euch und all den Meinen geſehen. Laßt ſatteln und folgt mir nach Stadt Göt⸗ tingen, dort danke ich ruhiger im Kriegsrathe. Der Tilly hat dieſe Nacht Berlepſch genommen, und lagert ſich vor Friedland. Böſe iſt ihm beizukommen in den Bergen, indeß wollen wir ihm ſchaden, ſo viel uns dazu Macht ward. Der Levin iſt ſchon voraus und führt Euer Fähnlein Reiter mit dem ſeinigen zugleich. Von den Reitern lenkte der Herzog ſeinen Schecken ab, dicht an das Haus, gerade unter die Bodenthüre, wo die Beiden droben horchten. An der Hand hatte er den hochgewachſenen Ritter mitgezogen. Ihr ſeyd noch im⸗ 319 mer des Levins Zeltkamerad und Schwertgenoſſe, flü⸗ ſterte der gütige Prinz dort dem Hauptmanne zu. Hütet Euch vor dem Eulenhorſter. Er iſt mir ſchier verdäch⸗ tig worden und hält's nicht ſo recht getreu mit uns und dem Glauben. Morgen mehr davon.— Falk ſchrack zuſammen und wollte Einſpruch thun.— Still jetzt, fiel gebietend der Feldherr ein. Hier iſt der Ort nicht. Ihr ſeyd mein treues, junges Blut, wenn auch der Krieg und ſeine Gräuel ſolch Herz verwildern müſſen. Das Schwert thut jetzt Noth, und da müſſen wir das Herz verwahrlost laſſen, bis einſt der Friede errungen iſt, und bis die Zeit kommt, mit Gott abzuſchließen. Mit mir ſteht's ja nicht beſſer. Bleibt mir ergeben, ich ſorge weiter. Eine Botſchaft ſagte mir, des Lauenburgers Kanzlei ſey Euch in die Hände gefallen, heget ſie ſicher, ſondert von einander, was uns nützt, was nicht, und bringt mir jenes mit nach Göttingen. Ich muß fort, muß rekognosciren, was die Liguiſten ſo recht eigentlich im Sinne haben. Hin ſprengte der Herzog mit ſeinen Panzermännern. Ritter Falk ging in das Haus zurück, und der alte Hans ſprach droben kopfſchüttelnd in ſich: Sehet mir den Le⸗ vin! Hab ich's mir immer doch ſo gedacht.— Erika aber nahm des Greiſes Hand und ſagte mit heftig wo⸗ gender Bruſt und faſt weinend: Ach! hütet mir ja Euern lieben jungen Herrn, damit Jener ihm kein Leid thut an Leib und Seele. Gemahnet er mir doch faſt wie ein Abgeſandter des Schwarzen, und es drängt mich, mit Euch einen Bund zu ſchließen auf Leben und Tod gegen ihn. Der Mittag kam. Falk hatte bis dahin die ze der erbeuteten Felleiſen geleſen, geſondert, verbrannt, 320 nachdem ſie waren und galten. Das Paket mit dem Roſabande hatte er am ſorglichſten eingepackt. Doch gar oft ſtand er auf bei dem Geſchäft, ſchaute durch's Fenſter, oder ging luftſchöpfend auf dem Vorplatze um⸗ her, als ſuche er Jemand. Jetzt als die Roſſe am Pförtchen ſtanden, beſchenkte er alle Hausgenoſſen und fragte zugleich nach den Töchtern des Wirths, und vor⸗ züglich nach jener, die in der Nacht ihn gepflegt und gewacht bei ihm. Der Tag ward zu gefährlich, antwortete Mutter Trude, und da hat der Vater Alle mit dem Heinz nach Kloſter Stein geſchickt. Die bei Euch wachte aber war nicht mein Kind, ſondern des Heinz Braut und wird bald mein Schwiegertöchterchen. In's Kloſter? lachte Falk, indeß war's kein Lachen, das vom Herzen ging. Glaubt Ihr die Dirnen dort ſicherer als unter den Lanzenknechten? Mütterchen, wir tragen den Sturmhut auf freier Stirne frank und offen, dort ſchleicht der Wolf im Lammesfelle. Nun wohl be⸗ komm's dem Heinz und der Braut, und gebt Ihr für die Nachtwache dieſes Kettchen von ſilbernen Schautha⸗ lern in die Brauttafel. So drückte er die leichte Blech⸗ haube feſt über den Kopfverband, ſaß auf und flog ſtür⸗ miſch durch Buſch und Kornflur der Heerſtraße zu. In der Comthurei der deutſchen Ordensherren zu Göttingen war es ſeit Jahren nicht ſo lebhaft geweſen. Kriegswägen füllten, ohne Ordnung in einander gefah⸗ ren, den Hof, Arkebuſiere kramten in den aufgehäuften Munitionsvorräthen und ſortirten Kugeln und Kraut, Knappen und Knechte ſtriegelten Streitroſſe und beſſerten 324 Zäume und Gürte aus, und am geöffneten Thorwege verhandelten Scharfſchütz und Jäger blanke Beuteſachen an Bürger und Mägde der Stadt. Droben im Gaſtzimmer des alten Steingebäudes ging Ritter Falk auf und ab auf dem glatten Gipseſtrich, von einer unerklärlichen Unruhe ergriffen, ſtand dann ſtill am hohen gothiſchen Bogenfenſter und ſah durch die kleinen buntgemalten Glasſcheiben verwundert ſeinem Hans zu, der drunten die beiden Hengſte handhabte und einem blutjungen, unbekannten Reitbuben Unterricht im Flechten der langen Roßmähnen zu geben ſchien. Da trat Levin klirrenden Schrittes ein zu ihm. Gut, daß Dein Kopf wieder feſt ſteht, ſprach der Kommende nach dem Willkommensgruße und Handdruck, und daß das Gehirn d'rin nicht gelitten hat, denn Du wirſt beide heut ſcharf gebrauchen müſſen. Denk Dir das Wunderſtück! Dein Brabanter Edelfräulein iſt hier mit ihrem heißblütigen Ohm, der ſchon in Lothringen Dir auf den Hals wollte, als Du das zerriſſene Myr⸗ thenkränzlein der Nichte durch ein Trauringlein zu be⸗ zahlen Dich weigerteſt. Bianka? ſtammelte Falk mit verdüſtertem Geſichte. Grade heut' käme mir die geſchwätzige Mondwandlerin mehr als unrecht. Halte Dich ſtandhaft! jubelte Levin mit einer Deu⸗ felsfreude. Demüthige den alten ſtolzen Pinſel ſo recht nach Gebühr, daß er den hohen Glauben aufgibt, nur ſein Wille müſſe geſchehen, wo Gottes Sonne ſcheint. Lieben darf der Soldat, und Muth darf er ſich holen vor dem Treffen von rothen Lippen und an ſchöner Frauen⸗ bruſt, aber verlieben iſt Eidbruch für ihn an Fahne und Schwert, denn der verliebte Fant ſieht nur rück⸗ Blumenhagen. XIMI. 21 322 wärts nach der Roſenlaube ſeiner Schäferin, nicht nach dem Lorbeer jenſeits des heißen Blutfeldes. Doch ſollte der rechtliche Soldatnicht ſpielen mit Frauen⸗ ehre und mit fremdem Herzweh! ſagte Falk finſter vor ſich hin. So etwas iſt Fleck am Harniſch, iſt doch eine Art falſch Würfelſpiel und rächt ſich und kommt herum. Wie Du heute biſt! tadelte Levin mit lauerndem Blicke auf den Freund. Haſt Du ihr Prieſterband verheißen? Nein! Nahm ſie galantes Wort für Schwüre, was kannſt Du für ſolchen Aberwitz? Setzt die Jungfrau dem flüch⸗ tigen Reiter ihre Krone ſelbſt auf die Stirne, iſt ſie die Thörin, und er wäre dann der Thor, haſchte er nicht den Preis des Lebens dicht am Grabesrande, das ihm morgen vielleicht ſchon im Bludgefild von Kamera⸗ denhand gegraben wird. Weißt Du noch? Es war der dreizehnte des Septembermondes, wo Du ſie ohne des Ohms Wiſſen und hinter ſeinem Rücken von der Villa ſpät in der Nacht hinauslockteſt zu unſerm Tanz⸗ feſte im Lager. Alle beneideten Dich um das Zauber⸗ ſtück, und Du ſtolzirteſt auch geckenhaft genug zwiſchen uns herum mit der ſchönſten Tänzerin. Mit Spiel und Zechgelag verjagten wir dazumal die trübe Erinnerung an den übeln Rückzug und die Unglückskampagne; Bauer und Bürger gab uns das Kartengeld und die Würfel⸗ ſätze, die Pfaffen aber mußten den Nierenſteiner liefern. Arg und toll trieben wir's ein Bischen, indeß des Chri⸗ ſtians Unmuth erlaubte uns Alles, und wie es der Bianka auch in jener Nacht gegangen ſein mag, glaube mir, hundert Schweſtern und Landsmänninnen von ihr haben dort gleiches Loos gezogen, und keinem Mans⸗ felder, keinem Braunſchweiger hat ein Haar darnach weh gethan. c—,— ——— —— W S N , M — 323 Die Schelmengeſellſchaft macht den Schelm um kein Titelchen ehrlicher, entgegnete Falk ſcharf und faſt bitter. Und warum kommt ſie gerade nach dieſer Nacht und ſeinem Traume? Schaut mir vielleicht Gottes Auge aus— dieſer Wolke, und will mich mahnen, und ruft den ge⸗ fallenen Adam?— Das Fieber ſpukt in ihm, und wir müſſen nochmals Blut laſſen! lachte laut der Eulenhor⸗ ſter. Oder iſt des Vaters Pfaffengeiſt über Dich ge⸗ kommen? Halte das kranke Eranium feſt zuſammen, ſonſt wirſt Du bei ſolchen Armenſündergeſinnungen den feind⸗ lichen Gäſten leicht Spiel machen, und ich ſehe Dich noch heute gar ehrbar in der Kirche das Ja der Leibeigen⸗ ſchaft herplappern. Der alte Florett iſt geſtern von den weimariſchen Jägern gefangen und eingebracht, und der Henker weiß, wie die ſchöne Nichte zu dem Ohm in die heſſiſchen Winterquartiere des Tilly gerathen. Genug, Beide ſind hier, haben vom Obriſten die Erlaubniß er⸗ halten, unter Geleit, das ihnen Rittmeiſter Hans gibt, in der Stadt umher zu gehen, und aus ihren Nachfra⸗ gen ging hervor, daß ſie Dir einen Beſuch zugedacht und Dich in's Gebet nehmen möchten. Heute! ſprach Falk ſtillfriedlich, und lehnte ſich trau⸗ lich auf des Eulenhorſters Schulter. Sieh, dieſer Mor⸗ gen hatte beſondere Vorſätze in mir aufgeſtört. Ich hatte eine Erſcheinung in der letzten Nacht. In des Wildhü⸗ ters Hauſe am Berge ſtand mir ein Frauenbild am Bett; nein! es war wohl nichts Wirkliches, wie käme ſolcher Engelskopf in die Bauernhütte, wie käme die züchtige Cäciliengeſtalt auf die verwilderte Kriegsflur? Und nun gemahnt mich gerade heute die Ankunft dieſer Bianka an des Lebens wüſteſte Zeit, und reißt mich zugleich wie⸗ der hinein in neue Sünden und ruft mich zu neuer Roh⸗ 324 heit und Härte. Und d'rum will ich ſie lieber gar nicht ſehen und ſofort aufbrechen und dieſe Stadt meiden. Ein trat der Hans und meldete den lothringiſchen Edel⸗ mann: Oberhofmeiſter von Florett nebſt Fräulein Nichte. Die ſind ſchnell wie der Lucifer und hauen ein wie Bethlen Gabors ungariſche Jagd! jauchzte Levin, als Roſenau verlegen ſtand ohne Antwort. Immer nur her⸗ ein, denn hier iſt kein Ausweichen! Und zugleich ſchicke Frühſtück und eine Kanne für zehn Mann, denn mich dürſtet, und ſolchen Gäſten muß man liebliche Gabe bieten, da man mit der Seelenſättigung nicht dienen kann. Wer war der Burſch drunten an meinem Goldfuchſe? fragte Falk ſtutzend über des Freundes Frevelmuth, und um des Zornes Stickgluth ein Luftloch zu öffnen. Du weißt, ich leide nicht gern fremde Hand an dem Thiere. — Mit Gunſt, geſtrenger Herr! entſchuldigte ſchmun⸗ zelnd der Greis, der wird uns nicht lange fremd blei⸗ ben, denn ich habe das flinke Bürſchchen für Euch in Dienſt genommen, derweil unſern Kurd geſtern Abend die Panduren das letzte Mal einſegneten. Kurd todt? ſagte traurig der Ritter. Doch was ſoll uns ſtatt ſeiner der Milchbart ohne Mark und Sehnen? Loßt's gut ſein, für den ſteh' ich, entgegnete Hans. Das iſt ein Bärengemüth im Lammsfelle. Er iſt von Erfurt, dort haben ſie ihm Haus und Hof eingeäſchert und Vater und Brüder zu Leichen gemacht; nun ſucht er Erſatz bei uns und Gelegenheit zum Wettmachen.— Falk nickte ſeine Zuſtimmung, und in die geöffnete Thüre trat Fräulein Bianka an der Hand ihres Oheims. Er erbleicht! ſagte der ſilberhaarige Oberhofmeiſter, als Ritter Roſenau zurücktrat. Sein Gewiſſen iſt noch nicht zur Steinkruſte geworden, das Herz ſchlägt noch in 325 t mmenſchlicher Wallung, in Scham und Reue, und Du darfſt noch hoffen, mein Kind. Aber Falk, erbittert über die Lektion, und zugleich über dem Gedanken der Unweiblichkeit ſolcher Bräuti⸗ M e gamshetze ergriffen, trat mit ritterlicher Höflichkeit den Fremden entgegen und führte mit einem: Willkommen 3t im Norden! die Hand des Fräuleins an ſeine Lippen, und Ritter Eulenhorſt ſetzte geſchäftig die Seſſel zur run⸗ . den Tafel. Eine Minute lang war Ohm und Nichte e betroffen und verſtummt, und nahmen Platz wie Gäſte, 2 die zum Hauſe des Freundes geladen wurden. Bald aber bezwang das Fräulein die Beklemmung, und nicht ach⸗ d tend den Ritter Levin, den ſie von ihrer Dulcamarazeit her noch erkannte, nicht achtend den jungen Knecht des Roſenauers, welcher mit Schüſſeln und Silberbechern eintrat, gedrängt von dem Augenblicke, der ihr ganzes Heil auf ſeinen flüchtigen Fittichen trug, ſchlug ſie den n ſilbergeſtickten Schleier zurück und ſtrahlte die Ritter an 5 mit all dem hohen Reiz der majeſtätiſchen Geſtalt und des edlen Antlitzes, das ſelbſt einer Kaiſerin wohlge⸗ l ſtanden und deſſen Herrlichkeit noch anziehender gewor⸗ 2 den durch den Trauerzug, welcher das dunkle, große Glanzauge in Schatten ſetzte. Man ſah dem Jüngling n die Wärme an, die bei dem Anblick und der Erinnerung t ſeine Adern durchflog und Feuerbrände in ſeine Phan⸗ i tafie warf, aber Levin, der die Becher ordnete, bog ſich — ſchnell zu ihm hernieder und flüſterte: Eiskalt, Freund⸗ te chen! Hier gilt es kein ſüßes Stelldichein, hier gilt es Kette und Prieſterzwang. 8 Dein freundlicher Empfang iſt mir Morgenlicht und Frühlingsodem nach vielen Wintermonden, begann die Dame, ſich traulich und mit Innigkeit zu dem jungen 326 Manne hinneigend und ihre Seidenhand warm auf ſeine Linke drückend. Alle einſtigen Hoffnungen meines Her⸗ zens, das immer nur Dir ſchlug, ſchießen in jungen Blättern aus ſchon gewelktem Stamme neu und grün, und wie die Braut zum rückkehrenden Geſpons ſpreche ich dreiſt zu Dir von meinem Grame, meinen Zweifeln an Dir, meinen Wünſchen, und mahne Dich an Deine Pflicht und die Erfüllung einſt ſo feurig geſprochener Schwüre. O erinnere Dich, mein Falk, fuhr ſie mit gerötheteren Wangen fort und ſenkte ihren Blick tief und feſt und ſeelenvoll in des Geliebten Augen, wie Du ſo oft träumend vor mir lageſt, den Kopf geſtützt an mei⸗ nem Knie, ſo meine Liebe erbateſt; wie Dein beredtes Wort durch den Mantel der Wahrheit und Kindlichkeit, worin es gewickelt, die Scheue überraſchte und betäubte; wie Deine Zärtlichkeit meine Vernunft einſchläferte mit Zaubertränken; wie Bianka Alles vergaß, ſelbſt des beſten Oheims Liebe und ihr Glück, das in ſeiner Hand lag. O erinnere Dich an jene Zeit, Falk, denke an Deinen Rittereid und an des deutſchen Mannes Ehre, und gib mir die meinige mit dieſer lieben Hand zurück! Mit dieſer meiner linken Hand? fragte Roſenau, und die Dame fuhr verwirrt zurück über den ſpöttelnden Ton und falſchen Zweiſinn der Frage. Was ich that, mußte ſo ſein, wenn ich Euer Glück achtete, Bianka. Zu ſpät zürnte mein Verſtand über das, was mein Herz verbrochen. Was wollet Ihr mit der Hand des güter⸗ loſen Freibeuters, den ſein Vater als Ketzer und Kaiſer⸗ freund erbelos gemacht, und der nichts behalten als ſeine alte Steinburg, zu deren verfallenen Ziegeln kaum ſo viel Land gehört, daß von den Gefällen meine Gäule und mein Waffenwerk in gutem Zuſtande erhalten wer⸗ 327 den können? Meine Flucht, mein mühſam erzwungenes Vergeſſen war Zeuge meiner zarten Sorgen um Euch, und Ihr dürft mir ſolches Thun immer ein wenig danken. Menſch, den ich im Haß liebte und noch liebe, ſprach das Fräulein ernſt, iſt das Spott, ſo haſt Du in der Hölle gelernt! Aber nein! Wie könnteſt Du des Weibes ſpotten, welches um Deinetwillen das höchſte Gut ver⸗ lor, den mackelloſen Frauenruf, die Glorie der Weib⸗ lichkeit, das Dir die treueſte Zuneigung bewahrte, ſelbſt als Du es grauſam allein ließeſt in einer freudenleeren Einſamkeit, ausgeſetzt dem Zorne des Ohms und der Foltergeſellſchaft ſpottender Bekannten, das muthig ſich mitten in die Kriegsgefahr warf, um Dir näher zu ſeyn und Deine Spur zu finden? Ich habe Dich wieder; ſei nun auch ehrlich und wirf mich nicht in die Wüſte der Verzweiflung hinaus. Vergeben hat der Oheim; er will theilen mit uns ſein Gut, ſein Gold, und thäte er's nicht, ſo iſt Deine verfallene Burg mir ein Himmel, finde ich Dich und meine Ruhe hinter ihren morſchen Thoren. Wie einen Verlorenen, wie einen Verſprengten ſuchet Ihr mich? entgegnete Ritter Falk ſcharf, um ſich ſelbſt zu erhitzen. Der Name Roſenau verbarg ſich nicht, und wo des Braunſchweigers Fahne wehte, klang der Name des Roſenauers immer dicht neben dem Namen des Chri⸗ ſtians. Die ſchöne Phraſe vom Suchen ſtreicht darum immerhin; Bote oder Brief hätten mich überall zu fin⸗ den gewußt. Falk, was ſoll der Eingang? Welcher Dolch wird aus dieſem Dunkel nach mir ſtoßen? fragte Bianka mit hochwallender Bruſt. Ihr ſeid klug, mein Fräulein, fuhr der Ritter fort mit kälterem Tone; Ihr wißt, welch ein Mann der Braun⸗ 328 ſchweiger iſt, und wie er ſeinen Krieg gegen Kaiſer und Pabſtthum zu führen pflegt, wie er den Eid bis zur Gruft halten will, den die Böhmenfürſtin von ihm empfing⸗ O er weiß ſeine Eide zu halten! lallte Bianka wie ſchwindelnd.— Auch ich den Waffenſchwur, den ich ſeiner Fahne gethan! fiel ihr Roſenau heftiger in das ſtechende Wort. So lange er ſein Schwert ſchwingt, blinkt mein Stahl dicht an dem ſeinigen. Unſer Heer iſt nicht ge⸗ regelt durch Stammrolle und Wehrgattung. Wie eine wilde Jagd ziehen wir durch das Reich: der Himmel iſt uns Dach, die Erde Bett. D'rum darf kein Weib ſein Schickſal an das unſrige knüpfen, mit dem jeder Tag ſein wagig Spiel zu treiben hat. Der beweibte Haupt⸗ mann iſt mir weniger werth als der jüngſte Rekrut, ſagte oft der Leu von Braunſchweig, denn nur ſeine ſchlechtere Hälfte iſt mein, und bei mir thät's Noth und bei meinem Kriegsplan, alle meine Reiſigen würden Doppelmenſchen. Auch das denn! antwortete das Fräulein. Ich will Dich nicht abziehen von Eidſchwur und Heldenbahn, die Dir mehr ſind als meine endloſe Liebe und mein lan⸗ ger Gram. Aber nimm mich zu Dir, ſei mein treueſter Freund, wie Du Dich ſelbſt einſt nannteſt, gürte mir einen Waffenrock um, gib mir ein ſchlechtes Roß und einen leichten Flammberg, nur vorher meine Frauen⸗ ehre zurück am Altare, und in Noth und Tod folgt Dir dann ein glückliches Weib, wird Dein Schild in der Schlacht, wird Deiner Wunden Axzt, und hat für nichts mehr im Leben Neid oder Wunſch, glücklich auch in die⸗ ſem Lvoſe.— Die Silberſchüſſeln klirrten laut in des jungen Knechts zitternden Händen, ſo daß Levin nach ihm umſah. 329 Ihr ſeid und bleibt die liebenswürdigſte Schwärme⸗ rin, und Eure Phantaſie beſchämt alle unſere Minne⸗ ſänger! rief Falk unruhig aus und ſtand auf. Ich bin Euer Freund, und will's bleiben mit Gott. Eure Güte, Eure Gunſt und Alles, was mir durch beide wurde, halte ich hoch als das ſchönſte Mährchen meiner Jugendzeit, von dem ich noch oft in meinen Greiſenjahren vorzuer⸗ zählen gedenke. Und auch jetzt ſoll ſich ſofort der Freund Euch beweiſen, indem ich Euch Alles in Eurer Gefan⸗ genſchaft anbiete, was Zeit und Ort irgend erlaubt: Fürſprache, Rath und Geld.— Bianka bedeckte mit bei⸗ den Händen das erbleichende Geſicht, der Oberhofmei⸗ ſter aber ſtand auf, nicht länger konnte er dem innern Sturme gebieten, und mit einem Schlachtgeſicht ſtellte ſich der alte Herr vor den ſtutzenden Rittersmann. Jetzt iſt's an mir! donnerte er mit tiefer Stimme und die Apoſtelgeſtalt noch mehr erhebend. Schweige, Du arme Nichte! Denn was hilft die Schmeichelrede gegen meuchleriſche Finte und pfäffiſches Schulgeſchwätz! Klar liegt, wo das hinaus will, und d'rum frage ich mit letztem Worte: Wollt Ihr, Herr Ritter von Roſe⸗ nau, dem Mädchen Wort und Treuſchwur halten und den Ehrlichen ſpielen? wo nicht, ſo— So? zürnte Falk empor. Welche chimäriſche Drohung hängt ſich an den lächerlichen Vorderſatz? Ich ſchwor nichts, ich verſprach nichts. Fraget ſelbſt die Dame auf ihr Gewiſſen. Hat ſie gnein galantes Wort zu ihrem Nutz und Frommen gedeutet, ſo iſt das Schuld ihrer Thorheit und nicht die meine. Ich heirathe ſie nicht; ich freie nie, ſo lange mein Verſtand nicht gebrechlich ge⸗ worden, denn ich achte kein Weib, und ihre Armſelig⸗ keit ſcheint mir eine Stütze des Lebensglückes, an die 330 nur ein Tollhäusler ſich zu lehnen unterfängt. Ueberdem — hartes Wort geges hartes— ſinkt mir die Waare im Preiſe, die man dem Käufer nachwirft und nach⸗ trägt, und ſolch männerluſtige Dirne wird nimmer gut zur deutſchen Hausfrau.— Umſtürzte des jungen Knechtes Hand den großen Pokal, daß der Nierenſteiner den Eſtrich tränkte und Ritter Levin ihm gar unwirſch einen un⸗ geſchickten Fant und Bauerntölpel herüberrief.— Böſe⸗ wicht! ſtöhnte Florett aus tiefer Bruſt, zornkochenden Athems, und griff zugleich an die waffenleere Hüfte. O Ihr, Herr von Eulenhorſt, leihet mir Eure Wehr, und dann Augenblicks herunter in den Hof, den Schimpf zu büßen oder nicht zu überleben. Levin wandte ſich achſelzuckend, und Falk ging zur Thüre und rief den Rittmeiſter Hans in den Saal. Füh⸗ ret Eure Gefangenen fort, ſagte er ſtreng, und haltet ſie härter, damit des Herzogs Dienſtmannen und Freunde geſichert ſind für ihre Beleidigungen! Dem Greiſe und dem Waffenloſen verzeihe ich ſolch unfinniges Benehmen, dem katholiſchen Edelmanne werde ich Rede ſtehen, ſo⸗ vald ich ihm einmal auf den Wällen von Tilly's Feld⸗ lager begegne. Kauft raſch Euch los von dem Weimar, damit das recht bald geſchehen könne. Fort! recht ſchnell fort von hier! raste Bianka auf, wickelte den Schleier dreifach um ihr Geſicht und riß den vor Wuth bebenden Oheim zur Thüre.— So übergebe ich Dich denn dem Gerichte Gottes, Du junger Höllen⸗ ſohn und Knecht der Sünde! Zittere! Des unſichtbaren Rächers Schritte ſind leiſe, aber raſch und dem Frevler überall nahe. Gebrochen ſtieß das der Alte in beſon⸗ dern, gleichſam zuckenden und blitzenden Tönen hervor und verſchwand mit dem Rittmeiſter. Falk aber ſtürzte 331 einen Becher aus und warf dann ſich in den Seſſel und das glühende Haupt auf beide gefaltene Hände, indeß Levin lachend über das Rühr⸗ und Heldenſpiel, und bald die Bianka, bald den alten Florett parodirend und nachäffend, hundert Bravo's dem Beſtandenen zurief, der junge Knapp hingegen ſich die Augen wiſchte, ſeinen Herrn anſah wie mit ſcheuem Mitleid, den frechen Be⸗ lacher aber mit unverhehltem Abſcheu. Ein ungeheures Regentuch deckte den Sommerhimmel; nur im Süden blickte die heiße Sonne aus einer Wol⸗ kenkluft und beſtrahlte das große Zelt des braunſchwei⸗ giſchen Prinzen, auf dem ein langer gelber und weißer Wimpel flatterte, und welches ſich ſtolz in ſeiner Pracht dicht am Weſerufer gerade der Stadt Bodenwerder ge⸗ genüber erhob. Trommeln raſſelten, Hörner und Trom⸗ peten ſchallten, vielfache Commandoſprüche hörte man dazwiſchen, und gedrängt auf einander zogen die kriegs⸗ luſtigen Heerhaufen aller Waffenarten über des rauſchen⸗ den Fluſſes Brücke. Einige alte Rittersleute, durch Ordensketten und Klei⸗ nodien geziert, traten mit düſtern Geſichtern aus dem fürſtlichen Zelte, und ihnen folgte ein Haufen Raths⸗ herren in langen ſchwarzen Amtskleidern mit dicken Hals⸗ krauſen und ſchneeweißen Allongeperücken. Eilig machte der ganze Zug ſich von hinnen, und bald darauf trat Herzog Chriſtian ſelbſt aus den ſeidenen Wänden ſeines leichten Feldhauſes hervor, ſah zürnend den Fortwandeln⸗ den nach, hob den Silberarm ihnen dräuend nach und entfaltete dann ſeine vor ihm aufgepflanzte Hauptfahne, ſich gleichſam aus ihrer Inſchrift Stärkung erleſend. 332 Für Gott und Sie! flüſterte er in ſeine Heldenbruſt hinein, und ſah kaum den Ritter Falk von Roſenau, der auf ſeinem Goldfuchſe, von ſeinem jungen Knecht be⸗ gleitet, heranſprengte, abſaß und ſalutirte. Ehrfurchts⸗ voll wartete der junge Krieger, bis ſein Fürſt ihn er⸗ blickte und begrüßte. Du folgſt raſch meinem Beſcheide, ſagte der Herzog, und jede Säumniß war auch jetzt Verluſt. Es gilt, mein junger Waffenfreund, denn wir find einmal wieder ver⸗ rathen von den Freunden und auf uns ſelbſt und unſer braves Schwert zurückgewieſen. Der Mann ſteht am ſicherſten, wenn er nur ſich hat. So ſei denn der Groll weggeworfen in der Minute ſeiner Geburt, wie ein ſpar⸗ taniſch verkrüppelt Kind, und wie einem verronnenen Liebestraume wollen wir wiederum einmal unſern ſchö⸗ nen Siegesplänen nachſehen. Und was ſtimmte meinen geehrten Fürſten plötzlich ſo ernſt und trübe? fragte Falk verwundert und auf⸗ merkſam. Schau dorthin! ſprach der Prinz, kehrenden Zorn im Auge. Dort ziehen ſie hin, die ſaubern Abgeordneten der Kreisſtände. Furcht vor des Tilly's Schaaren hat ſie abermals bewogen, ihre gute Sache aufzugeben, hat wiederum ihr Vertrauen auf Gott und eigene Kraft ver⸗ nichtet. Sie möchten uns los ſein, ſie werfen uns aus dem Lande mit ſüßlicher Redensart und fränkiſchen Com⸗ plimenten, und in uns ſcheiden doch ihre guten Engel von ihnen. Wohl bekomm's ihnen! Zurückbeten werden ſie uns, wenn ihre Städte rauchen, ihre Kirchen ſtürzen, ihre Jungfrauen wimmern und ihre Kinder am Spieße des Kroaten verbluten. Zurückbeten werden ſie uns, wenn der Päpſtling ihnen zuletzt Haut und Haar vom feigen 333 Leibe zieht. Sie haben ſich ſelbſt ihr Schickſal gemacht. Zurückgegeben haben wir ihnen das Amt des Kreisober⸗ ſten, wir haben ſelbſt unſerm Halberſtädter Bisthume entſagt, um nichts mehr gemein zu haben mit ihnen. O wie gar armſelig ſteht der Menſch da, wenn er ſich ſelbſt aufgibt und vertrauenslos fremder Gnade zum Spielball ſich hinwirft. Erſtaunt horchte der junge Kriegsmann; der Herzog aber nahm ſeinen Hut vom Haupte, beſah lange Zeit in tiefer Rührung den Handſchuh, der als Feldzeichen daran befeſtigt war, und küßte dann innig dieſes Zeichen der Frauengunſt. Hoch hob er alsdann in raſcher Be⸗ wegung das edle Haupt, drückte den Hut auf die Locken, und faßte Roſenau's Arm. Wir ſind nun ganz wieder, was wir waren am Mainſtrom und im Elſaß, ſetzte er wie mit Luſt der vorigen ernſten Rede hinzu. Wir ſind wieder freie Glaubenshelden, nur für uns und unſere Sache beſorgt, und können nun wieder rückſichtslos auf unſeres Schwures Auslöſung bedacht ſeyn. Sie ent⸗ vehrt noch immer! Ihre hohe Stirne vermißt noch im⸗ mer das Diadem, zu dem ſie geboren! Friſch darauf denn für ſie und Gott, bis das erlöſende Blei oder die zerſchneidende Klinge uns findet in unſerm Beruf! Jun⸗ ger Freund! für Dich iſt heute ein wichtiger Platz aus⸗ erſehen. Boten brachten ſo eben die Nachricht, der Feind beabſichtige einen Uebergang bei Corvey: dorthin ſollſt Du Dich werfen und ihn abhalten. Es iſt ein Stück für Dich, kühn, wichtig und ehrenvoll. Mehrere Züge leichter Reiter und vier Feldſtücke ſind ſchon hin beordert. Der Tilly will uns an die Ferſen, hindere ihn ſo viel möglich. In Lemgow ſetzt ſich mein Heer⸗ dort triffſt Du wieder zu uns. Gott befohlen! Mein 334 Vertrauen iſt neben Dir!— Hoch ehrt Ihr mich heute, mein Feldherr! ſprach Roſenau, und frohe Gluth pur⸗ purte ſeine Wangen. Der Herzog drückte die junge Hel⸗ denfauſt und ſchritt in ſein Zelt zurück. Zum Streit⸗ roſſe eilte Falk und ließ die Gurte feſter ſchnallen. Und wie iſt's mit Dir, Erich? fragte er bei dem Auffitzen den jungen Knecht, der Alles mit angehört. Willſt Du zurück zum Hans und der Bagage, oder willſt Du heute Dein Lehrlingsſtück verſuchen?— Mit Euch, wohin es geht! antwortete der ſchlanke Burſche, doch drängte ſich zugleich eine verhehlte Thräne in ſein Auge.— Sey es darum! antwortete Falk. Ich will mich gewöhnen, Dei⸗ nem ſonnverbrannten Angeſichte, den buſchigten Augen⸗ brauen und dem Feuerblick mehr zu trauen als Deinen feinen Gliedern und dem Mädchenwuchſe, die nicht viel Thaten verſprechen. Verſuch's, heute gibt's mehr Ruhm zu gewinnen als in allgemeiner Feldſchlacht, wo Ver⸗ zagtheit und Schwäche ſich oftmals an den Nebenmann lehnen und hinter ihm Verſteck finden. Bald hatten die beiden Reiter auf geſpornten Roſſen den voraus beorderten Kriegerzug eingeholt, die fröh⸗ lichen Kämpfer jauchzten dem wohlbekannten Anführer entgegen, und munterer ging es dem beſtimmten Punkte zu. Noch ſtand die Sonne hoch in Weſten, da prangte die geiſtliche Stadt Corvey vor ihnen, und der Vortrab des katholiſchen Heeres zeigte ſich bereits am andern Weſerufer, zum Ueberſetzen geordnet und im ſchleunigen Anmarſche. Stutzig hielten die vorderſten Züge, als Roſenau's Feldſtücke ſie mit dem eiſernen Willkommen begrüßten und ſeine Reiter die ſchon herübergegange⸗ nen Plänkler im Felde umherhetzten, und manchem die Rückkehr zur Brücke mit tödtlichen Schwertſchlägen un⸗ 335 möglich machten. Tyroler Scharfſchützen warfen ſich jetzt in Maſſen vor und ein Kroatenpulk platzte im Schock herüber, doch auch den bunten Haufen der wackern Ge⸗ birgsſöhne lichtete bald die Kugelſaat, und manch fröh⸗ licher Sänger mußte verſtummen, im Tode ſelbſt nicht laſſend die gute Büchſe, und durch den geſchloſſenen Keil der Braunſchweiger wurden die regelloſen Lanzenreiter zerſprengt und manch wilden Südſohn ſtürzten ſie vom Ufer hinab in den kalten nordiſchen Strom. Fürchterlich runzelte die breite Stirne General Tilly, der von einem Hügel des jenſeitigen Ufers dem Weſen zuſah. Wie eine Mordröhre ſchoßen ſeine kleinen Augen Blitze, der rothe Blutbuſch ſeines ſpaniſchen Hutes zit⸗ terte unaufhörlich durch die Zornbewegung des Kopfes darunter, unwillig bäumte ſich der kleine Grauſchimmel, vom Zaume und Sporne des Wuthentbrannten willen⸗ los gepeinigt, und fluchend ſtrich der Würgengel Ger⸗ mania's ſich zu hundert Malen den langen, ſchmutzigen Knebelbart. Sind die Handvoll drüben Schwarzkünſtler und haben ſie meine Bären zu Haſen gewandelt? wet⸗ terte er ergrimmt ſeinen Kriegern zu. Obriſt Grons⸗ feld! hinüber und macht dem ein Ende! Und wer mir den Ritter bringt mit dem blauen Buſch, todt oder le⸗ bendig, ſpringt zwei Grade höher und erhält zweihun⸗ dert Goldſtücke obendrein! Pappenheims Eiſenreiter donnerten im Trabe über die Brücke und das brave bairiſche Fußvolk folgte in enggeſchloſſenen ſpartaniſchen Kolonnen. Bald machten die ernſten, gewichtvollen Soldatenmaſſen dem flüchtigen Kampfe jenſeits den Garaus. Unſer Tagewerk iſt ge⸗ than, Herr Commandant! rief der unerſchrockene von Alefeld, der die Feldſtücke befehligte, dem Roſenauer zu. * 336 Hier iſt nichts für uns, als dem Herzog zu retten, was noch zu retten ſteht.— Wie er noch ſprach, fuhr das Blei eines Tyrolers durch ſeine kühne Bruſt, und nur ſein letzter Rath blieb dem rathloſen Falk und ſeinem ſchon ſehr geſchmolzenen Reiterhäuflein. Zurück ging's mit Windesſchnelle, doch überall ſperrten die verſpreng⸗ ten Kroaten den Weg, und eine ſtundenlange Blutjagd vrachte keine Hoffnung und kein Heil. Rechts und links ſchlachteten die langen Schwerter der Pappenheimer ei⸗ nen Braunſchweiger nach dem andern, ein Feldſtück nach dem andern blieb verloren ſtehen, und kein Fähn⸗ lein Chriſtians ſprengte ihnen zur Rettung entgegen. Der Regen goß herunter in Strömen und machte das fette Erdreich ſchlüpfrig und lieferte manchen geſtürzten Reitersmann in feindliche Klauen, doch näßte er auch das Kraut und Loth der Schützen, und der treffenden Kugeln waren wenige. Knecht Erich hatte mit dem kur⸗ zen Schwerte recht wacker neben dem Herrn geſtritten, und eigenes wie fremdes Blut färbte ſeinen Koller von Hirſchleder, jetzt riß er mit raſchem Griffe ſeinem Rit⸗ ter, der vor ihm ritt, den blauen kenntlichen Buſch vom Helme, da alle Schützen nur darnach zu zielen ſchienen, und warf den durchnäßten Schmuck auf die Straße hin. Roſenau ſelbſt aber hielt plötzlich ſein Pferd an und donnerte ſein Halt. Im letzten Sonnenſtrahle hatte er mit einem Adlerblicke das Feld überſchaut und die wach⸗ ſende Gefahr, die kein Entrinnen zuließ, erkannt. Die in den heſſiſchen Winterquartieren gutgenährten Pferde der berittenen feindlichen Jäger umkreisten in immer engeren Bögen den kleinen, dichtgeſchloſſenen Helden⸗ zug, und an der Ferſe waren ihnen die ſchwereren Dragoner und Panzerreiter. Schnell entſchloſſen, den 337 Heldentod vor dem innern Auge der Seele, rief ſein küh⸗ nes Befehlswort den Reſt ſeiner Schaar mit dem letzten Feldſtücke einen kleinen, ſcharf abgeſchnittenen Hügel hinan, der an eine dichtverzweigte Holzung ſich lehnte. Wenige folgten ſeinem Kriegesrufe, die meiſten ſtürzte ihre Flucht fort in Gefangenſchaft und Tod, dennoch gelang ſein Plan. Das Feldſtück, glücklich den Hügel hinaufgebracht, droben unter einer Rieſeneiche geſchützt vor dem Platzregen, blitzte gegen die Verfolger, und ſeine Traubenſchüſſe machten Raum vor dem Hügel, an deſſen Rande drunten einige Tapfere die einzeln Vor⸗ ſprengenden in Reſpekt erhielten. Da galoppirte aus der ſtockenden, geſammelten Fein⸗ desmaſſe ein einzelner Ritter in Silberwaffen vor bis mitten auf den Raum. Das Zeichen des großen Prunk⸗ ſchildes und die Feldbinde ließ in ihm den Herzog Ju⸗ lius Ernſt von Lauenburg erkennen, und Roſenau nannte verwundert den Namen des Feindes ſeinen Leuten und fragte: Was bringt uns dieſer? Doch der liguiſtiſche General ſenkte die Spitze ſeines Schwertes, hob das Viſier und rief mit freundlicher Stimme zum Hügel hin⸗ auf: Ergebt Euch, tapferer Kriegsmann, in meine rit⸗ terliche Haft! Ich ehre Eure Bravheit, und des Lauen⸗ burgers Ehrenwort ſey Euch Bürge für den Schutz ge⸗ gen die Zornwuth des Feldherrn! Finſter ſich beſinnend ſchaute Falk ſtarr auf den ge⸗ ſchmückten Feind in der Wieſe und ſchwankte, ob er nicht zum Einzelkampf hinunter müßte, aber der junge Erich hatte ſchon ſeinen kleinen Polengaul geſtachelt und ritt geſtreckten Laufs dem feindlichen Heeresfürſten ent⸗ gegen, im Staunen ſeinen Herrn zurücklaſſend, der ſich beſann, ob er nicht dem vermeintlichen Verräther eine Blumenhagen. RIII. 22 338 Stückkugel nachſchicken ſollte. Selbſt der Lauenburger ſtutzte, als er jedoch vie kindliche Geſtalt des Herab⸗ ſprengenden und das weiße Tüchlein in ſeiner Hand er⸗ blickte, ritt er dem Friedensboten einige Schritte entge⸗ gen. Die Minute iſt koſtbar für uns und Euch! rief Erich faſt athemlos mit halbverhaltenen Tönen. Es gilt um Eure Dame, um Frau Anna von Brandenburg.— In ſich zuſammen erſchrack der General. Junger Fant! wie kamſt Du zu ſolcher Kunde? fragte er haſtig zurück. — Eure Kanzlei iſt erbeutet am Pleſſenberge! flüſterte Erich. Man fand die Briefſchaften, und ſie ſind wahr⸗ ſcheinlich ſchon unterwegs nach Wolfenbüttel. Warnet durch den ſchnellſten Reiter Eure Herzogin.— Fürchter⸗ licher Bote mit dem Unſchuldsgeſichte! ſtöhnte der Lauen⸗ burger aus beklemmter Bruſt herauf; da rettet Nichts! Das iſt ihr Verderben, durch mich gebracht und durch meine Nachläßigkeit.— Nicht doch! tröſtete der Knapp mitleidig. Nur Ein Brief könnte Euch ſchlagen und auch ſie. Der vom Treuſchwur, und dem Maitage, und der Reiherbaiz, und dem Königsfalken, den der Reiher in das Herz ſtieß.— Du weißt Alles! ſchauderte der Herzog.— Der Brief iſt gerettet! ſprach ſchneller der Burſch. Er iſt in meines Ritters Hand verblieben und von Niemand geleſen. Gebt uns Raum zu ſicherm Ab⸗ zuge, und der gefährliche Brief ſoll dem Feuer oder Euch durch ſichere Hand gegeben werden. Auf ſeines Flammbergs Kreuz legte der Bub dabei ſeine Finger⸗ ſpitze, wie zu eidlicher Betheurung.— Schaff' mir den Brief! jauchzte Julius. Frei ſeyd Ihr Alle, Herzogswort, Ritterwort, Schwur bei dem Ewigen über uns darauf! Und fröhlich zog der Knecht den wohlverwahrten Brief aus dem Koller. Ich traue Euren glühenden Blicken S — M* ———* 339 mehr als dem Allen! ſprach er raſch und reichte dem General das Papier hinüber. Einen Blick nur warf dieſer darauf, dann hob er's wie zum Danke den Wol⸗ ken zu. Nimmer vergeſſe ich Dir's! rief er und jagte zurück. Offiziere flogen rechts und links über die Ebe⸗ nen, Trommeten ſchmetterten rufende Töne in's Feld hinein, alle die zerſtreuten Feindesvölker zogen ſich in geſchloſſene Haufen zuſammen, und die Straße ward frei zwiſchen ihren dräuenden Kolonnen. Vorwärts! jubelte Erich den Hügel hinan. Schnell im Carriere, ehe denn der Tilly nachrückt!— Aber wie iſt mir das? fragte Falk, als die Pferde über die Flä⸗ chen hinſchnoben, den ihm zur Seite reitenden Knappen. Biſt Du ein Spion, oder heimlicher Päpſtler, oder mein Engel?— Keines von dem Dreiblatt, antwortete mit freudetrunkenen Blicken der Burſche. Gott und die Liebe halfen uns heraus zu rechter Zeit und der Zufall machte das menſchlichſte Gefühl zu einer Karthaune, welche die Eiſenwände der Unmenſchlichkeit zerſprengte und ausein⸗ derwarf! Roſenau fragte nichts mehr, als der Lauenburger Herzog an der letzten Kolonne ihm froher über's Feld mit der gepanzerten Hand zuwinkte, wie man Dank und Freundesabſchied winkt, aber die Räthſel verwirrten ſeine Sinne, und forſchende Blicke warf er auf den Buben, deſſen Züge ihm jetzt plötzlich wie ſchon geſehene und befreundete vorkamen. Zeit gewonnen heißt für den Feldherrn von Beruf und Erfahrung einen Sieg gewonnen, darum empfing Herzog Chriſtian ſeine wieder zu ihm ſtoßenden Braven 340 mit höchſter Huld, und hing dem Ritter Falk die gol⸗ dene Gnadenkette von eigener Bruſt um die ſtarken Schul⸗ tern. Vorwärts durch das Münſterland ging dann der Zug, dieſſeits und jenſeits der Ems flammten die Dör⸗ fer und ausgeplünderten Landhäuſer, und die plärren⸗ den Mönche mußten von den braunſchweigiſchen Jägern, die ſchlauer wie ihre Spürhunde das tiefſte Gold wit⸗ terten, und ſelbſt im Grab⸗ und Geiſelgewölbe nachzu⸗ ſcharren wußten⸗ alle ihre koſtbaren Heiligthümer davon tragen ſehen. Alle Päſſe wurden ungangbar gemacht und beſetzt, mochte ein Hohlweg, ein Moorgrund oder ein Flußbett ſie bilden, und ſo erreichte das kleine Heer tief im biſchöflichen Lande Stadtloo, dort den nahenden Mansfeld und mit ihm den Feind, der ihm im ſteten Scharmutziren Schritt vor Schritt folgte, muthig er⸗ wartend. Aufgefahren prangten die gewaltigen Donnerbüchſen auf dem Felde. Theils in Zelten, theils in ſchnell er⸗ richteten Laubhütten lagerte das Heer. Das blanke Schwert und das geſattelte Roß war neben dem ruhenden Rei⸗ tersmann, und die geladene Büchſe und der brennende Zunder lag zur Seite der luſtigen Schützen, die auf der Trommel mit Würfelſpiel ſich die Zeit vertrieben. Nur die Befehlshaber und Edelleute ſammelten in den beſten Wohnungen und an den Tafeln der begüterten Bürgers⸗ leute ſich Kraft zu dem entſcheidenden Tage, indeß Bauer und Kloſtervogt, von den Lanzenknechten zuſammenge⸗ trieben, Alles, was da war von Koſt und Tranke, un⸗ ter Seufzern und leiſen Verwünſchungen zum Feldlager und in die Küchen der Marketender liefern mußten. Mit lautem Gelächter trat der Obriſt Friedrich von Alten⸗ burg in das Quartier des Ritters Falk, ſich bückend in ten rs⸗ ner ge⸗ un⸗ ger Rit en⸗ in 341 der niedrigen Thüre, die den gewaltigen lauchgrünen Buſch zu zerknicken drohte, und mit lauerndem Geſichte folgte dem bärtigen, rieſenlangen Sachſenhelden der bleiche, tiefäugige Levin von Eulenhorſt. Noch nicht im Prunkwamſe, mein junger Recke 2 fragte der männliche Fürſt. Und meine Ladung erging doch ſicherlich an Euch. Gut, daß ich ſelbſt kam, Euch abzuholen, denn die Geſellſchaft, welche der junge Fant, der Eure Farben trägt, von draußen Euch zuführt, möchte, wenn ich recht gehört, Euch die Mahlzeit verderben, oder wohl gar Euch zu Beichtſtuhl und Bußkapelle führen, ſtatt zu meiner Gaſterei. Welche Geſellſchaft? ſagte Falk und wollte zur Thüre. — Halt erſt! rief komiſch befehlend Herzog Friedrich. Wiſſet zuvor, meine Reiſigen haben uralten Johannis⸗ berger erbeutet im nächſten Kloſter, dazu ſind meinen Büchſenſchützen im Moorbuſch, wodurch der Heereszug ging, einige derbe Keiler in den Schuß gerathen, Alles das wird binnen einer Stunde in der Stadtvogtei auf⸗ getragen, und der da ſpäter kommt, findet leere Schüſ⸗ ſeln und trockene Pokale. Laßt Euch darum nicht zu lange aufhalten von der alten Beginenſchweſter draußen! Vor einem Schlachttage muß der tolle Fritz mit allen ſeinen Waffenbrüdern zechen und frohen Muthes ſeyn, und mit einem Bruderliede das Frühroth begrüßen, ſonſt ſchlägt er nicht, wie's ihm zukommt und der Feind von ihm gewohnt iſt. Roſenau war indeß zur Thüre getreten und öffnete. Und herein trat, vom Knecht Erich forgſam geleitet, eine ehrwürdige Matrone, an deren Hand ein kleines, lieb⸗ liches, gutgekleidetes Bübchen ging, das etwa vier Le⸗ bensjahre zählen mochte. Roſenau fuhr überraſcht zu⸗ 342 rück, und der Altenburg begann ſein Gelächter wiederum, warf ſich lang geſtreckt in den breiten Sorgeſtuhl und fragte: Erkennt Ihr Euer Blut, Ritter Falk, und Eure Augen, und der Mutter Stutznäschen, und die ganze liebe, lebendig gewordene Sünde da vor Euch? Seyd Ihr es, Frau Mechtild? fragte Roſenau, des Prinzen Spottwort überhörend und faſt ehrerbietig, als er die Rathsfrau des nächſten Städtchens Mienborg in der Matrone erkannte. Wie kommt denn Ihr hierher zu mir, und was macht die gute Guſtel? Fraget Ihr doch wirklich nach der armen Verlaſſe⸗ nen? entgegnete die Greifin mit bleichem, thränenloſen Angeſichte. Aber Euer freundlich⸗falſcher Spruch erreicht ſie nicht mehr, ſo wenig wie Eure ſündhafte Liebesbitte. Sie ſteht droben vor Gott und klagt um Euch, Herr Ritter. Ich hörte von Euch, da gedachte ich meiner Pflicht gegen dieſe Waiſe, die heute zuerſt den Vater ſieht, und machte mich auf zu Euch, an Schuld und Pflicht und Buße Euch zu mahnen mitten im wilden Sündenleben.— Schamröthe überlief Falks Wangen bis mitten in den krauſen Bart hinein. Kalt und heiß rieſelte es über ſeinen Rücken, doch überwand der Aer⸗ ger über die Zeugen ſolcher Weiberpredigt das Gefühl, und mit erpreßtem Höhnungstone ſagte er, zum Lachen ſich zwingend: Die Alte iſt närriſch geworden ſeitdem und kindiſch; man muß ſie zum Spital bringen laſſen. Meinet Sie, auf Ihr thöricht Wort werde ein Ehren⸗ mann ſich die Baſtarde Ihrer Familie einſetzen laſſen in ſeinen Stammbaum? Was iſt nicht durch dieſe Gegend gezogen in jener Zeit? Mansfelder und Spanier und Kroat. Laßt ſie lieber alleſammt zuſammenkommen und würfeln um den Erben, ſo ſieht's doch ehrlicher aus, Z wW — 343 und wen es trifft, der mag's dann haben.— Das Kind, welches den Ritter groß angeſehen mit freundlichen, runden Augen, ſchien ſich zu fürchten vor der barſchen Rede, und kroch an den jungen Burſchen, der ſich zu ihm hinabbeugte und ihn liebkoste. Aber die Rathsfrau ſtand anfangs erſchüttert und ſprachlos, dann ſammelte ſie alle Kraft und hob die Arme wie eine Begeiſterte und ſagte mit rollenden Augen: Höre ihn nicht, den Abſcheulichen, dem Du in Liebe zugethan wareſt, deſſen Name das letzte Wort Deiner blaſſen Lippen war, meine Guſtel! Höre ſeine ſchaurige Rede nicht droben, damit Deine Seligkeit nicht geſtört werde durch den Gram, der Dir hier unten das Herz brach! Aber Du höre ſie, ewiger Richter der Gedanken, und zeichne die Sünde an Deinem Heiligſten mit Feuerſchrift auf Deine Tafel. Daß Du mein Kind verführteſt, daß Du ſie ſterben ließeſt ohne Troſt, daß ſie untergehen mußte in dem Bewußtſeyn, den Edelmann nie beſitzen zu können, daß Du ſie, die vom Rauſche erwachte Bürgerdirne, allein ließeſt, in der Geſellſchaft der Selbſtverachtung, welche die ſchöne Roſe langſam zerfraß, das hatte ich Dir längſt vergeben, denn ich kannte den Weltlauf und den Leichtſinn des jungen Soldaten. Daß Du mir aber die reine Unſchuld mehr noch im Grabe ſchändeſt, als Deine Buhlerluſt im Leben gethan, daß Du dieſes liebe kleine Weſen brandmarken willſt und es dem Troß und Aus⸗ wurfe der Völker zuwirfſt, das kann nicht Menſch, nicht Gott verzeihen, und jedes Empfindenden Abſcheu muß Dich treffen von nun an. Komm, mein Kleiner! Falk ſollſt Du nicht mehr heißen. Mag er den Raubthier⸗ namen allein tragen! Komm zurück in mein Wittwen⸗ haus! Hungern wirſt Du nicht, einen ehrlichen Namen 344* ſollſt Du auch tragen, aber den Vater wiederſehen ſollſt Du nie mehr, ſo lange ich bin. Aber der Vater iſt hübſch und gefällt mir, laß mich ihn bitten, daß er uns gut ſey! ſtotterte der Kleine mit einem Silberſtimmchen, und der Ton fuhr wie ein Dolch⸗ ſtoß durch des Ritters Seele. Doch die Matrone ver⸗ ließ mit dem Kinde und dem Knechte das Zimmer, und der tolle Friedrich ſelbſt war ſtiller geworden nach der gräulichen Beſchwörung. Das ſcheint ernſthafter, als ich wähnte, ſprach er. Wie war denn die Geſchichte eigentlich? Ein gewöhnlich Mährchen, wie unſer Stand und Le⸗ ben tauſende aus dem Zeitſtrome heraufwälzt, antwor⸗ tete Falk, kämpfend mit dem Gewiſſen und mit der Scham und dem Ingrimm, und bückte ſich mit glühen⸗ den Wangen zu der Truhe hinab, Sammetmantel und Seidenwams hervorzulangen zum Feſte. Levin dagegen nahm mit langſam gezogenem Tone das Wort und er⸗ zählte, zu Roſenau's Qual⸗ nicht ſeine zürnenden Winke beachtend, wie vor Jahren ſie in des Mansfelders Na⸗ men hier auf Werbung gelegen, und Falk in des Raths⸗ manns Hauſe zu Mienborg ſein Quartier bekommen. Guſtel, die fünfzehnjährige Tochter vom Hauſe, ſah den jungen, engelſchönen Soldaten immer lieber und lieber. Natur und Gelegenheit thaten ihr Kuppleramt wie ge⸗ wöhnlich. Bei einer Fahrt auf dem Flüßchen rettete Falk einige verunglückte Kinder aus großer Waſſernoth, da wuchs die Liebe der Unſchuldigen bis zur Anbetung, und am ſelbigen Abende lohnte das zärtlichſte Geſtänd⸗ niß, die holdeſte Hingebung jene Edelthat. Es war ge⸗ rade der dreizehnte des Erntemonats, ich erinnere mich noch des ſchönſten Sternenabends, und unſers Freun⸗ — 345 des Gluthgeſicht erinneri ſich noch deutlicher und lebhaf⸗ ter der Geisblattlaube und des ſchattenden Lindenbau⸗ mes!— Scharf endete Levin ſo ſeine Erzählung, und der Altenburger ſang mit tiefſter Baßſtimme als Schluß⸗ ſpruch dazu: Ja, wo ein holdes Mädel lacht, Streicht man die Zwickelbärte; Sie weiß ja, wie's der Reiter macht, Unſtät wie ſein Gefährte! Hängt ſie an's Roß den Myrthenkranz, Und fordert keinen Ehrentanz, Ein Thor, wer dann ſich weigert! Sendet der Matrone einen Beutel mit Goldſtücken nach, um ihre Verwünſchung abzukaufen, werft Euch dann ſchnell in's Zeug und kommt zu uns, wo kein Müt⸗ terchen brummt und keine Wiege den Kettenſang der Freiheit ſchnarrt. Falk blieb allein. Er, ſonſt ein eitler Putznarr und Hageprunk, warf heute die Kleider über, als ging's zur Flucht, und vermißte den Beiſtand der ſäumigen Diener nicht. Das Federbarett hing am Fenſterrahmen; als er es herabnahm und zugleich die Flügel aufſtieß, an der Zugluft draußen ſein Geſicht zu kühlen, ſah ſein ſchar⸗ fer Blick verwundert den Erich noch im Verkehr mit der Alten und ihrem Großkinde. Am Rande eines Seiten⸗ gäßchens ſtanden ſie und glaubten ſich verſteckt von der hohen gothiſchen Eckſäule des Hauſes. Der Knecht ſchien die Frau zufrieden zu ſprechen, und zugleich zog er ein fernhin glänzendes Kleinod unter dem Halskragen her⸗ vor: es ſchien eine Ritterkette oder Helmzier; er brach oder neſtelte die Ringe auseinander und gab die Hälfte der Frau, nachdem er die andere Hälfte wieder zu ſich geſteckt. Dann herzte der Bube das Knäbchen gar innig 346 und trieb darauf Beide fort in das dunkle Gäßchen hinein. Ritter Falk ward dabei weh und wohl zugleich. Will der Gauch mein Lehrmeiſter ſeyn und mein Prädi⸗ kant? fragte er ſich und dräute mit dem Arme hinüber. Warte nur bis auf den Abend, da ſoll Dir für die Sa⸗ mariterthat das Köpfchen gewaſchen werden, Du Myſte⸗ rienkrämer! Seinen Herrn meiſtern iſt im Feldlager die erſte aller Sünden, und ſo darſſt Du nicht ausgehen ohne Strafe. Indeß ſo übel that der Bube nicht! ſetzte er flüſternd hinzu, und ſein Herz iſt überall zu Hauſe und gewinnt ſich überall den Ehrenplatz. Wäre er eines guten Hauſes Sohn und ebenbürtig, könnte er mein Kumpan, mein Freund werden. Vielleicht wäre dann dieſe Leere ausgefüllt, die mich quält, mich durch die Welt peitſcht, und die dieſer Levin doch nicht ſo recht auszufüllen verſteht. Er preßte das Sammetbarett auf die ungeordneten Locken, zog den reichen Mantel über die breite Bruſt und eilte zur Stadtvogtei, aus den Bechern Lethe zu trinken und den innern Kläger zu betäuben. Wie eine Karnevalsnacht muß dem Beſchauer oft⸗ mals die Erde erſcheinen, wo hier die fremdartigſten Geſtalten im traulichen Spazierengehen ſich vereinen, in⸗ deſſen dort die Verwandteſten dicht an einander vorbei ſtreifen, ohne unter der Maske oder der Mummerei ſich zu erkennen. Wenn aber das ſcharfe öſtliche Sonnen⸗ licht in den Faſtnachtsſaal ſcheint, und die Flitter und der Maskenputz durchleuchtet wird, wenn dann Thier und Seraph, Himmel und Verdammniß, Gebet und Trunkenheit, Engel und Satanas, ſchmutzige Luſt und —— —— 347 Heiliges ſo nahe im engen Raume ſich drängen, und unter derſelben Geſtaltung ſich miſchen bis zum Unkennt⸗ lichen, dann ſteht der Weiſeſte wie ein Idiot vor dem Räthſel: Menſch! und findet die Löſung nicht, und muß ſeine Neubegier bis auf Jenſeits vertröſten. Weit in den lauen Abend hinaus tönte der Jubel der reichgeputzten ritterlichen Zecher auf dem Saale des Stadthauſes. Die Heerpauken wirbelten ihre Donner, die Trommeten ſchmetterten ihren Feldgeſang zu den ungezählten Trinkſprüchen, und wäre jedes Schmähwort, jede Spottrede der Weinerglühten Pfeil oder Kugel ge⸗ worden, vom ganzen Heere der Liguiſten wäre nicht Mann noch Maus übrig geblieben in dieſer Nacht. Der luſtige Altenburg hatte auch die Weiblein und Jung⸗ frauen der Stadt zu Mahle und Tanze geladen, aber eine Deputation des Raths entſchuldigte die ſchönen Gäſte. Der tolle Fritz fuhr auf und wollte durch ſeine Scharf⸗ ſchützen die ungehorſamen Tänzerinnen zum Ballſaale treiben laſſen, doch ernſthafter, als er je geſehen wor⸗ den, verwies Herzog Chriſtian den Zornbefehl. Ich mag den Uebermuth des Kriegsmannes wohl, ſagte er finſter, den Uebermuth, der ſelbſt dem Schickſale herausfordernd entgegentritt, und der mit der erzbewehrten Fauſt, auf die er allein zu vertrauen hat, ſelbſt in die Wolke ſchlägt, hinter der mehr des Verderbenden als des Heilbringen⸗ den ſeiner wartet. Doch wenn der friedliche Bürgers⸗ mann nahe bei ſeinem Gehöft die ſchreckliche Pulver⸗ mine graben ſieht und die Zünder legen, welche nächſten Augenblicks auch ihm Vernichtung dräuen, wer kann, der nicht entmenſcht iſt, von ihm Tanzluſt und Jubel verlangen? Wer von uns das Uebermorgen ſieht, ſey es in Lorbeer oder in Wundbinden, der ſetzt ſich auf's 348 flüchtige Roß und zieht hin, wo ihn das Herz hintreibt, der Bürger aber iſt gefeſſelt an den Boden und muß bleiben in der Wüſte, die wir ihm zum Jammer berei⸗ ten. Mein Schickſal, mein Wille auch hat mich gewor⸗ fen in dieſen Krieg, und ich muß ihn führen ſo gräß⸗ lich und grauſam und fluchbeladen, weil die nicht wollen wie ich, die zu dem Muthe die Gemeinkraft und Ord⸗ nung in unſer Kriegsweſen bringen könnten, aber darum gerade ſehe ich's deſto unwilliger, wenn die Genoſſen Fauſtſchlag und Hufestritt noch härter machen, und auch da die wilden Geſellen ſpielen, wo unſere Feldſtraße nicht hindurchführt.— Du magſt ganz recht haben, aber Du hätteſt den Sermon kürzer faſſen und in etwas höflichere Worte kleiden mögen! meinte der Altenburger, drehte ſich ſcheel ſehend ab, und ließ zur Tafel blaſen. Unterdeß hatten mit der Dämmerung die Angeſehen⸗ ſten der Stadt ſich in ihre Feierkleider geworfen, die Prädikanten und Seelſorger ſchritten in der Stola zur Hauptkirche, und bald ſtrömten von allen Seiten her die Andächtigen zur heiligen Stätte, den Herrn der Heer⸗ ſchaaren zu bitten um Gnade in der nahen Stunde der Noth und um Abwendung des Gräßlichſten von from⸗ men Chriſtenhäuptern. In Beichte und gemeinſamem Chriſtusmahle erſtärkten ſie ſich darauf für das kom⸗ mende unvermeidbare Schreckniß, und bereiteten den Geiſt vor auf das höchſte Uebel: auf Knechtſchaft unter fana⸗ tiſcher, ſiegestrunkener Feindeshand. Seltſam und wie mißbilligende Geiſterſtimme hallte der dumpfe Glocken⸗ klang vom Thurme in die wilde Muſik der Zecher auf dem Stadthauſe, und der ernſte Kirchenchor ſchalt das rauſchende Kriegeslied und den zuchtloſen Buhlerſang der Ritter, und mahnte auch ſie an die finſtere Stunde, 349 die Aller harrte und mit jedem Pendelſchlage näher her⸗ anrauſchte auf ſchwarzem Geiſterfittich. Ritter Levin von Eulenhorſt kehrte mit der eingebro⸗ chenen Nacht von den Vorpoſten in das Quartier zurück, welches er mit dem Roſenauer theilte. Ein düſterer Ge⸗ danke guälte ſein Gehirn. Der Stand der Heere und ihre ungleiche Stärke ließen den Ausgang des morgen⸗ den Tages zweifellos, denn der Mansfelder blieb aus. Freunde und Verwandte in Menge fand er bei den Tilly⸗ ſchen Truppen; nach der verlorenen Schlacht wurde der Ueberläufer nicht ſo empfangen wie vorher, aber feſt hielt ihn das Band, welches ihn unſichtbar mit dem jungen Roſenauer verknüpfte, dieſſeits, und er hatte die böſe Wahl ſchon aufgegeben, als ihn der eintretende Jobſt mit ſeinem gewöhnlichen albern⸗freundlichen Geſicht in der einſamen Betrachtung ſtörte. Nun, was grinſet der Dummkopf, als hätte er den Stein der Weiſen aufge⸗ funden? fragte er den Knecht. Ausgefunden? Wohl einen Schatz! antwortete heim⸗ lich und mit dem ganzen Geſicht lachend der Jobſt. Und noch dazu den Schatz des Großthuers, des Erich, der mit keinem Kameraden trinkt oder ſich duzet, und durch Frömmeln und Ehrlichſcheinen dem alten Hanſen und ſeinem geſtrengen Herrn faſt den Kopf verrückt hat.— Und was kann's denn ſein mit dem? Kommſt Du ein⸗ mal wieder mit einem Viehmagdsromänchen, ſo ſetzt es Prügel wie letzthin! entgegnete unwillig und verächtlich der Hauptmann.— Hatſich was! erzählte Jobſt mit Wich⸗ tigkeit. Ja, wenn's ſo eine Schmutzdirne vom Stalle wäre, ſollt's unſer Einen nicht wundern noch ärgern. O ſchon längſt war mir der Burſch verdächtig, denn immer ſuchte er in den Herbergen ſich das entlegenſte 350 Quartier, und der Hans ließ ihn machen, wie er's wollte. Aus ſeinem Ränzel, den er immer des Ritters Saum⸗ roſſe mit anhing, ſchauten mir mehrmals Weiberkleider entgegen, wenn ich neugierig die Lederdecken aufhob. Heute nun, als Alles fort war bei dem Schmauſe des Sachſenherzogs, und auch die Knechte ſich zum Würfel⸗ ſpiele bei dem Schenkwirthe verſammelt, treibe ich mich noch hinten auf dem Hofe herum, eine gute Stallbürſte ſuchend für meine zerbrochene, hinten, wo der Erich ſich wieder das letzte und entlegenſte Zimmer ausgeſucht. Das Gott! wie gingen mir die Augen auf, als aus der Ge⸗ ſindeſtube ein Mädel heraustrat, wie es Gott nur alle Feiertage erſchafft. Ein großes Regentuch hatte ſie um die Schultern geworfen, das Gebetbuch trug ſie in der kleinen Hand, und mit ſcheuem Tritt trippelte ſie zur Kirche drüben. Ich lauerte in Neubegier und in Ver⸗ drießlichkeit über den Erich, der ſo viel Glück in Allem hat, und dazu auch immer was Appartes ſein und haben will. So eben, bevor Ihr einrittet, iſt die ſchmucke Dirne wieder vom Gotteshauſe heimgekehrt und ganz dreiſt zu⸗ rück in des Erichs Stübchen gegangen, und hat ſich ſogar eingeſchloſſen drin. Ich lugete am Fenſterchen, das ganz hinten am Stalle ausgeht, und ſah, wie ſie Tuch und Oberkleid ablegte und nun da ſitzt und im Gebetbuch liest, als ſei ſie bei der Mutter zu Hauſe, und dabei ſo weiß und ſchön ausſieht, daß Augen und Mund Waſſer ziehen. Und wo iſt der Erich? fragte Levin, der immer auf⸗ merkſamer geworden.— Nirgend iſt der Bub zu hören und zu ſehen, entgegnete Jobſt. Ich ſuchte ihn ſchon überall im Quartier, um ihn auszufragen und aufzu⸗ ziehen.— Das unterläßt der Gelbſchnabel oder er ſchmeckt das flache Eiſen, fiel Levin ein. An Deinen Poſten, be⸗ 351 wache den Hofraum und melde mir's, wenn Jemand hin und her geht, doch alles Das ſtill und wie ohne Arg⸗ liſt. Vielleicht gräbt ſich da eine neue Fallgrube für einen Gewiſſen, der mir anfängt, ſtolzer und eigenmächtiger einherzugehen, als er darf und ſoll, und zwei Drei⸗ zehnter, die ich mit Faſten habe büßen müſſen, wer⸗ den wettgemacht, wenn er des braven Knechts Geliebte erraubt. Ritter Falk trat ein, als kaum das Wort verklungen, in wilder Weinlaune und kecker Luſtigkeit. Sieh da, Bruder Levin! rief er und küßte den Genoſſen. Warum haſt Du die kalten Donnerbüchſen draußen nicht allein gelaſſen, und konnteſt doch mit uns die wärmenden Sor⸗ genbrecher laden? Hielteſt Du etwa Betſtunde mit dem Tilly im mönchiſchen Lager, indeß wir uns die Sieges⸗ hoffnung oder einen ehrlichen Rittertod zutranken? Ver⸗ zieh nur Dein Geſicht nicht ſo grämlich, es war ſo bös nicht gemeint, ſetzte der junge Soldat lachend hinzu, indem er zugleich Degen und Schärpe ablegte. Aber Kumpan, eine Gaſterei war's ohne Gleichen! Der Altenburger hat alle ſein Beutegut neidiſch draufgehen laſſen, da⸗ mit morgen den Katholiſchen auch nicht eine Blechmünze übrig bliebe, wenn's etwa ſchief ginge mit uns. Es fehlte nichts droben als mein Wappenſchild: die Roſe bei der Traube. Ohne Weiblein ſchmeckt mir der Wein nur halb; Venus frieret ohne Bacchus, und Bacchus iſt ſauer ohne Venus! Das Motto hab' ich noch aus Deiner Schule, und die Dirnchen hier im Orte müſſen alle zu Priorinnen und Abbatiſſen hinanſteigen wollen, denn Keine wollte mit uns ehrbaren Schnauzbärten Ver⸗ kehr treiben. Verdent's ihnen, wer euch nicht kennt! antwortete 352 ihm zunickend der Levin. Deink Hiſtoria von heut' iſt vielleicht ſtadtkundig geworden und hat auch die Tanz⸗ luſtigſte ſcheu gemacht.— Falk dehnte die Glieder und warf nun auch Handſchuh, Barett und Mantel von ſich. Grade heute that mir's beſonders leid, daß kein Son⸗ nenauge mich anleuchtete, ſprach er, denn die Schlacht iſt morgen gewiß, und Du weißt, es iſt meine Paſſion, vor dem Treffen mich zu erſtarken an einem Roſenmunde, und friſcher ſtürme ich in das Lanzengedränge, wenn eine friſche Erinnerung meine Phantaſie heitert und ich dicht vor den hohlen Augen des Herrn Mors mir die Zauberblume des Lebens pflücke. So hält es auch der brave Fritz von Altenburg, und vielleicht iſt er gerade darum ſtichfeſt und kugelfeſt, wie man von ihm ſagt. Und liegt doch auch ein gar tiefer Sinn in der holden Gewohnheit. Da iſt denn Dein neuer Knapp, der Erich, vorſich⸗ tiger als ſein Herr, lachte Levin. Der ſchleppt ſein Lieb mit ſich von Streu zu Streu und macht ſich überall ſeinen Pferdeſtall zur bekränzten Hochzeitskammer. Habe den Milchbart für Nichts geachtet, aber ſeit der Corveyer Brücke und ſeit ich dieſes erfuhr, prophezeihe ich Dir einen wackern Reitersmann in ihm, der ſeinem Herrn im Felde und auf dem Faulbett nichts nachgeben wird. — Falk fragte, Levin erzählte und ſchmückte das ſtarre kalte Albrecht⸗Dürers⸗Bild des Jobſtes mit italiſcher Staffirung und Guido Reniſchem Gluthkolorit. Immer geſpannter horchte der weinglühende Jüng⸗ ling, dann fuhr er mit einem derben Reiterfluch in die Höhe und ſchwur, dem unmannbaren Burſchen das Wol⸗ luſtbad einzuſegnen, welches er ſich ohne des Herrn Ex⸗ laubniß bereitet. Mit heimlichem Vergnügen ſah ihn 1— e„ — c——0— ——7—, — 353 Levin hinabſtürmen zum Hofe und pfiff zum Fenſter hin⸗ unter dem Jobſt ein Zeichen. Von des Eulenhorſters Knecht geführt, gelangte Falk an das bewußte Fenſterchen und ſchickte von dort den Geleitsmann zurück, den Erich aufzuſuchen und aufzu⸗ halten, ſei es in Liſt oder Gewalt. Mit angehaltenem Athem ſchaute dann der Lauſcher durch die ſchmutzigen, verwitterten Glasſcheiben. Wahrheit war es: eine Dirne ging drinnen umher im leichten Unterkleide; der nackte Arm war voll und rund, ein üppig gebautes Bein zeigte ſich, als ſie, den Schuh zu löſen, das Füßchen ſetzte auf des Bettes Rand; der trübe Lampenſchein fiel als helles Mondlicht zurück von dem glänzenden Reichthum der Na⸗ tur, den das ſchmale Mieder umfaßte, und ein kurzge⸗ ſchnittenes, doch immer noch dichtes Lockenhaar machte den glühenden Räuber neugieriger noch auf das Geſichtchen, welches ſich dem Fenſter nicht zuwenden wollte. Zum Bettgehen bereit, zog das Mädchen noch zuletzt ein ſilbern Kleinod aus dem heimlichſten Verſchluß des keuſchen Bu⸗ ſens: lange beſah ſie daſſelbe, drückte es darnach an den Mund und faltete dann die Hände darum wie zum Nachtgebete. Der junge Rittersmann hielt ſich nicht länger. Er eilte zur Thüre, und zwei ſtarke Anſätze der kraftvollen Fauſt brachen das Schloß, und hinein in das Gemach ſtürzte er zu der ängſtlich Aufſchreienden, die das Re⸗ gentuch um ihre Glieder warf, wie der Abend die Maien⸗ blumen in ſeinen Mantel hüllt und ihre üppigſten Kelche beſchattet. Herzliebe, herrliche Dirne! rief der Ritter, die Abgewandte umfangend, warum wollteſt Du allein die ſchöne Sommernacht verbringen? Laß mich Geſell⸗ ſchaft und Liebe tragen in Deine Einſamkeit! Blumenhagen. XIII. 23 354 Das Mädchen machte ſanft ſeine heißen, ſie umfaſ⸗ ſenden Hände los, drehte ihm das Geſicht zu und fragte demüthig und mit niedergeſenkten Blicken: Seid Ihr es, mein Herr Ritter? Ueberraſcht ſah ſie mit ſtarrem Auge der Ritter an. Da ſtand er, als wäre ſo eben eine me⸗ teoriſche Feuerkugel über ſeinem Scheitel zerplatzt, das plötzliche Licht hatte ihn geblendet, die gewaltige Er⸗ ſchütterung ſeine Glieder gelähmt. Was ihn ſtarr ge⸗ macht, machte ihn auch wieder lebendig. Ja, ſie war es, die Erſcheinung aus jener Nacht: es war das Mäd⸗ chen aus des Wildhüters Hauſe am Pleſſenberge, ſeine Kette von Schaumünzen war es, die da zerbrochen auf dem Tiſche lag und über welcher ſie ihr Gebet geſprochen. Du Erika und hier? ſtieß der Jüngling endlich aus beklemmter Bruſt hervor. Und dieſe Kette zerſtückelte heute der kecke Erich, Deine Kette, und theilte ſie mit der Matrone und ihrem— Das Wort erſtarb ihm auf der Lippe, als Erika's frommes Auge dabei ſo ſeltſam mit ſeinen wilden Blicken zuſammentraf. Aber wo iſt der Erich? fuhr er ausweichend fort. Wie kommſt Du zu ihm? was will er mit Dir? Er wird mein ärgſter Feind von heut' an, wenn wahr iſt, was ich ahnen und fürchten muß. Erika ſah ihr verrathen geglaubtes Geheimniß ge⸗ rettet und nahm mit Mädchenſchlauheit ſogleich ihren Entſchluß. Was ſoll mein armer Bruder? ſprach ſie ſanft, der für Euch Waffenſtücke zur Schmiede trug, da⸗ mit Ihr morgen geſchützt wäret, wie es Brauch iſt und Noth thut? Und was hättet Ihr, geſtrenger Herr, zu ahnen und zu fürchten, mich, die niedrige Dirne betreffend? Was ich befürchte? ſtürmte Falk auf wie ſchwüler 1 355 Südwind und faßte ihre Hand feſt. Daß Du Eigen⸗ thum eines Andern ſeieſt! Daß ich Dein Bild, das mir ſeit jener Nacht immer vor Augen ſtand wie ein locken⸗ der und zugleich mahnender Engel, daß ich Dein Bild, Dein göttlich Bild ewig nur anſchauen müßte in Neid und Groll auf fremde Glückſellgkeit. Und wareſt Du nicht des Heinzen Braut? Ich war es nicht mehr, ſeitdem ich Eure Stirnwunde verband, antwortete Erika in den zarteſten Liebestönen. Nach zog es mich den Hufen Eurer Roſſe, und wäre Tod unter ihnen meines Wahnſinns Lohn geweſen. Du liebſt mich und biſt meinetwegen hier und für mich? jubelte der Ritter.— Und wäre ich's? ſiel die Jungfrau ein, muß ich Euch nicht fürchten, ſeit ich Euch erkannte? Laß das jetzt! rief Falk erhitzt. Seit ich Dich ſah, war's auch nur im Fiebertraume geweſen, ward mir die Freude fade und der Tag ein langweiliger, ſchleichender Greis. O wirf Dich in meine Arme, Erika! wer weiß, wie lange noch Zeit iſt für uns. Am Scheidepunkte zwi⸗ ſchen Sein und dem großen Nichts werden die Minuten koſtbar. Du liebſt mich; warum hätteſt Du ſonſt das ſichere Haus, das feſte Kloſter verlaſſen, um zu ſein, wo ich lebe? So ſei denn mein, meine Huldin, mein Weib. Mein Schwert, an dieſe Thüre gehangen, ſichert, und Niemand ſucht zwei Selige in ſolchem Verſteck.— Erika warf ſeine Hand kräftig zurück und zog ſich weg von ihm hinter den Tiſch. Und wenn Ihr auch Euer Schwert nicht droben gelaſſen, ſo iſt nach meinem Glauben nur ein Prieſterkreuz der gute Schutz bei ſolchem Bündniſſe. Mit einem leichten Anfluge von Spöttelei ſagte die Jung⸗ frau das, doch wie bereuend ſetzte ſie ſogleich ſanft, wenn 356 auch mit mildem Vorwurf hinzu: Sehet, lieber Falk, das iſt die Weiſe zu lieben, die Euch das wüſte Kriegs⸗ handwerk und der häßliche Levin gelehrt hat, und auf die kein ehrlich Weib ſein Lebensloos wagen darf, ohne die böſeſte Niete fürchten zu müſſen. Ihr ſagtet, ver⸗ geſſen hättet Ihr um mich jene Andern, und doch wollt Ihr mich ihnen gleich halten? Sperre Dich nicht! ſtürmte Falk auf's Neue gegen ſie hin. Du biſt das ſchönſte Weſen, das je mein Auge erblickt, und ich ſollte den Augenblick loslaſſen, der Dei⸗ nen Kuß mir beut? Sei mir einzige, treue Vertraute, ich will der treueſte Freund Dir ſein. Was der geliebte Mann fordert, muß die Liebende gewähren, liebt ſie recht. Ich ſtehe hier in doppelter Trunkenheit vor Dei⸗ nem allmächtigen Reiz, und Du kannſt nicht zürnen aus dem lieben Auge, wenn der Liebende fordert. Hin fuhr er gegen ſie und ergriff ſie gewaltig; doch mit wunderbarer Kraft machte die Jungfrau ſich noch⸗ mals los, zückte zugleich einen blanken Dolch und ret⸗ tete ſich hinter des Bettchens Winkel. Wollt Ihr meinen Tod? rief ſie heftig. Denn ſo wahr ich heute mich erſtärkte mit heiligem Leib und Blut des Herrn, ſo wahr durchſticht dieſes Eiſen mein Herz, ehe denn Ihr jetzt meine Lippe berührt! Erſchrocken und erſchüttert ſtand der Ritter. Der Schauerton ihrer Worte machte ihn plötzlich nüchtern. Zwiſchen Ehrfurcht und Lüſternheit, wovon jene ihm neu war, ſchwankte er. Die Blicke, welche er auf die ſchöne Heldin warf, vergrößerten beide Empfindungen in ihm. Biſt Du ſo gar eigenſinnig, ſagte er endlich ſcheu und verworren, ſo gib mir wenigſtens ein Liebespfand — 357 mit, und ich will dann zahm ſein wie ein Kloſternoviz; gib mir nur die Hand und ein zärtlich Treuwort. Nichts für jetzt! antwortete ſtreng die Jungfrau. Le⸗ vins böſer Geiſt ſpukt heute in Euch mit dem Weine in die Wette, und beide machen Euch häßlich und furchtbar. Morgen, bevor Ihr zur Schlacht zieht, ſprechen wir uns allein, und ſeid Ihr, wie ich wünſche, gebt Ihr den ver⸗ derblichen Bund auf mit allen Böſen, ſo wird auch Erika nicht mehr eigenſinnig ſein für Euch. Mit den zärtlichſten Blicken, mit den ſehnſüchtigſten Bewegungen bat der glühende Mann nochmals, doch mit tiefem Schauder ſah er Erika's Augen blitzen und des Dolches glänzende Spitze gegen die Schneebruſt zücken, da raffte er ſich auf, nahm ſein beſſeres Selbſt zuſam⸗ men und verließ im Eilſchritte das gefährliche Kämmer⸗ chen, deſſen ſchwerfälliger Holzriegel ſofort hinter ihm vorgeſchoben wurde. Ein im Kalender der Menſchheit ſchwarz gezeichneter Tag nahm ſeinen Anfang. Aus reinem Lichtblau ſtrahlte das Geſtirn der ewigen Wohlthätigkeit herab auf reiche Fluren, weckte alle Geſchöpfe zu Gebet und Genuß, doch ſchon wieder ſtand des Schöpfers Ebenbild, Raubthieren gleich, ſich gegenüber und lechzte Blut. Schon ehe die Tageskönigin ſich erhob aus roſenfar⸗ benem Luftbett, hatte ferner Geſchützdonner die in Furcht entſchlafenen Städter geweckt. Frühzeitig trat Ritter Eu⸗ lenhorſt in vollem Rüſtzuge hinein in das Gemach des Waffenbruders, ihn zu wecken aus den ſüßen Nachtträu⸗ men der ſchönen Racht, aber hoch auf ſchaute er, als er den jungen Mann mit offenen, ſchlafloſen Augen, 358 unentkleidet, noch im ſeidenen Prunkwamſe liegen fand auf dem Faulbett. Was Teufel iſt's mit Dir? fragte er. Der Tilly ſtürmt den letzten Engpaß, und Du biſt noch im Schnabelſchuh und Tanzkleide? Du haſt eine lange Nacht gemacht, Schwelger. Wohl eine gar lange Nacht! entgegnete Falk verbiſ⸗ ſen und ſich dehnend, und dann gewaltſam aufſtehend und die matten Glieder feſtſtellend. Es war aber auch ein herrlich Geſchöpf, fuhr hor⸗ chend Levin fort. Du ſiehſt, wie ich forge für Dich.— Von der Seite warf Roſenau einen Schlangenblick auf den Verſucher. Schöne, freundliche Sorge, ſprach er höhniſch. Du hätteſt beſſer den Freund geſpielt bei die⸗ ſer Comödia, wäreſt Du ſelbſt zuvor hinabgegangen und hätteſt Dir ſtatt meiner den Korb geholt., Einen Korb? und die Gelegenheit und das Sündchen war ſo ſicher! ſtaunte Levin. Mit ſtieren, feſt auf den Gegner gerichteten Blicken trat Falk dicht vor den Zelt⸗ genoſſen hin. Menſch! ſagte er mit dumpfer Stimme, was willſt Du von mir? Was haſt Du vor mit mir? Du biſt kein Entnervter, Dein Gemüth iſt nicht das ei⸗ nes Klausners; warum ſpareſt Du Dir ſolche ſchöne Sünden vor dem Munde weg und drängſt mich hinzu? — Du weißt es ja, antwortete Levin bedächtig und einen Feuerton erheuchelnd, ich bin ein Roſenkreuzer. Die Magie iſt mein Heiligthum, und jede weibliche Berüh⸗ rung ſtört das innere Gleichgewicht der Kräfte. Mer⸗ kurius und Saturnus ſind meine Sterne, tritt die Ve⸗ nus in Konflikt damit, ſo rückt der Stein der Weisheit hundert Handbreiten tiefer zum Mittelpunkte der Erde. Poſſen, fiel Falk verächtlich ein, an die Du zuletzt glaubſt! Die Nacht gebiert oft ſeltſame Träume. Menſch, ——— en—„——— 359 wenn Wahrheit ſich heute in meine wachen Morgen⸗ vilder gemiſcht hätte! Das Geſchlecht der Eulenhorſt war nie den Roſenauern Freund. Eine Geſchichte aus meiner Kindheit dämmerte auf vor meiner Seele, und es war mir, als ſähe ich plötzlich ein Licht zwiſchen uns auf⸗ gehen, das Dich mir gräßlich zeigte. Levin, ſprich wie ein Rittersmann, was drängte Dich ſo dicht an meine Bruſt? Wie in höchſter Verwunderung blickte der Eulenhorſter auf den Sprechenden. Du warſt ſo jung, ſo tapfer ohne Klugheit, ohne Waffénkunde, antwortete er dann ge⸗ zogen. Ich freute mich, der Schöpfer oder wenigſtens der Vollender eines Helden zu werden, wie das deutſche Land jetzt Tauſende nöthig hat. Und damit der Freund ſich Dir wieder zeigt dicht vor den Todesſchlünden, ſetzte er ausbeugend und leichter hinzu, laß uns wechſelſeitig Rath halten. Was denkſt du über Heut und Morgen, und über unſer vereintes Schickſal? Ich hatte den letzten Poſten gegen die Tilly'ſchen. Da kommt denn manche Nachricht herüber, ehe man zuſchlägt; es ſcheint mir zu Ende mit dem Chriſtian. Er ſchlägt ſich heute Morgens, und Mittags wird er keinen Weg mehr haben aus der Schlacht. Die liguiſtiſchen Feldherren bieten jedem Of⸗ fizier, der herüberkommt, eine gute Stelle im Heere und volle Amneſtie. Was meinſt Du dazu? Daß die prüfende Frage maſſiv iſt, fuhr Falk auf mit hartem Tone; daß ich denke wie Du: daß Sterben in Ehre mehr wiegt, als Leben in Schande. Hans trat ein mit trübſinnigem Geſichte. Waffen her⸗ ein! rief Roſenau ihm zu; daß der Erich heraufkommt, und Du holeſt mir den Befehl von Herzogs Quartier. Der Erich herauf! wiederholte der alte Knecht. Ja, da müßt Ihr am beſten wiſſen, was Ihr dem angethan. —— 360 Früh mit dem erſten Sonnenblick iſt er auf geweſen und davon geritten. Alle Eure Waffenſtücke hängen blank geputzt in ſeinem Gemach, nur den kleinen Polacken, den Ihr ihm ſchenktet aus der Heiligenſtädter Beute, hat er mitgenommen. Und die Erika? Und das Mädchen, das mit ihm war? Die Schweſter? ſtammelte Falk, zu einem Gips⸗ bilde erbleichend.— Ich weiß von keinem Mädchen, der Erich ritt allein, antwortete Hans.— Feſt faßte ihn des Ritters Fauſt an der Schulter. Graukopf, auch Du ver⸗ räthſt mich? raste der Jüngling mit einer Geberde, als fühle er Natterbiß am Herzen. Ich habe Dich vom Bet⸗ telſtabe in ein ſorgenfrei Leben heraufgezogen, und auch Du biſt falſch wie Alle, Alle! Fort, fort aus meinen Au⸗ gen, ehe denn die Wuth mir den Stahl in die Hand drückt. Gehöre auch ich zu den Falſchen, die nicht ſicher ſind vor Deiner Strafe? fragte Sin mit Erbitterung und kaltem Stichwort. Auch Du! rief Roſenau und trat in eine Fechterſtel⸗ lung gegen ihn. O Du weißt nicht, was Du mir ent⸗ wendet haſt! Dein kaltes, enges Amphibienherz hat keine Empfindung nachzufühlen, was meine Bruſt zerreißt. Zu meinem Vormunde haſt Du Dich ſelbſt beſtellt, keck und frech und vorwitzig. Aber ich breche die Kette, welche ich in träger Dummheit trug. Deine Waffenkunde habe ich Dir bezahlt, denn in jedem Gefecht deckte Dich mein dankbarer Schild; der Lebensgenuß, den Deine Führung mir brachte, ließ Gift und ſchmerzende Narbe mir nach; Gott weiß, was Dein Syſtem ſonſt Alles in mir ertödtet hat, aber zu Ende ſoll das ſein. Ich bin groß genug zum Alleingehen, und des Mannes guälendſtes Gefühl iſt, fremde Feſſeln fühlen um Geiſt und Herz. 361 Nit kalten, durchbohrenden Blicken hatte Levin die lange Rede angehört. Jetzt hob er nachläßig das raſ⸗ ſelnde Schwert ſich in den Arm, drückte ſich den Helm auf und nahm die abgelegten Fauſthandſchuhe wieder. Herr von Roſenau, Ihr ſeid ein ſo guter und launiger Rechenmeiſter, als hättet Ihr die ſchwere Kunſt bei einem ächten Kneipwirth gelernt, ſagte er ſpöttiſch. Doch habt Ihr noch Einen Artikel ausgelaſſen auf Eurer Kreide⸗ tafel, an den Euch zu erinnern indeß jetzt nicht die Zeit iſt. Verlaſſet Euch aber darauf, ich rechne ihn Euch vor mit großen römiſchen Zahlen. Hans, ſetzte er im Ab⸗ gehen hinzu, pflege Deinen Herrn! Gib ihm Waſſer mit Küchenſalz, denn der Rauſch vom Feſtmahle des Alten⸗ burgers ſpukt noch in ihm.— Falk fuhr ergrimmt nach dem Schwerte und wollte dem Spötter nach; doch mitten im Zimmer blieb er ſtehen wie feſtgewurzelt und ließ langſam die Spitze des Stahles zur Erde ſinken. Du ſtießeſt ihn fort, ſprach er in ſich hinein, und Du raſeſt jetzt, da er es übel nimmt? Knabe! Knabe! Dieſe Kette haſt Du abgeſtreift; aber wann wirſt Du die glühenden Eiſenbande Deiner Leidenſchaften ebenfalls abſtreifen? O Erika! Erika! Aber recht alſo! ſetzte er mit tiefem Seufzer hinzu. Sie ſind los von mir! Fern von mir von jetzt an Alle, Alle! Ich bin frei, bin ohne Vater, ohne Freund und Dame! Frei wie Wild und Adler! Laſſet uns froh ſein in dieſer Freiheit und wie ein unbezwungener Rieſe hinwegſchreiten über All⸗ tagsleben, Alltagsgefühl und Alltagsgenuß! Dehne Deine losgebundenen Flügel im weiten Blau, junger Edelfalk, dehne ſie im neuen göttlichen Gefühl! Kappe und Band des Falkeniers haſt Du zerriſſen, wage nun kühn den freien Flug, vielleicht erringſt Du durch ihn die beſſere Beute! 362 MWit fiebernder Heftigkeit riß der Ritter, ſo mit ſich ſelbſt redend, die Seidenkleider ſich von den Schultern und ſtand ſchon im Koller und Schlachtkleide halb fertig da, als der Knecht mit dem Tagesbefehle aus dem Haupt⸗ quarttere zurückkam. Der ſechste Auguſt 1623 war für das ganze Nord⸗ deutſchland ein wichtiger Tag, obgleich die meiſten Für⸗ ſten und Städte ihn nicht ſo betrachteten, ja ſogar über ſeinen Ausgang eine Freude äußerten, welche wie Selbſt⸗ mord ausſah. Im Blutfelde von Stadtloo fiel das letzte Bollwerk der Evangeliſchen; hätte der vereinte Muth der Glaubensgenoſſen, hätte die Eintracht Aller dem kleinen Kernheere Chriſtians mit jeder möglichen Kraft ſich angeſchloſſen, eine geregelte Kriegsmacht würde er⸗ wachſen ſein zum Schrecken der Ligue, ſtatt daß jetzt Freund und Feind die wackerſten Glaubensritter Raub⸗ züglern gleich achtete, und der Fluch der Länder ſich auf ihren wohlverdienten Lorbeer gleich giftigem Mehlthau warf. Das Bollwerk Niederſachſens fiel und die Ver⸗ heerungen an den blühenden Ufern der Weſer, Elbe und Leine, Magdeburgs alle Kriegsſchauer überbietende Gräuel, Mecklenburgs Verderben in des Friedländers kalter Ei⸗ ſenfauſt, Alles das war die Folge jener Furcht und Un⸗ entſchloſſenheit, die den Sohn des braunſchweigiſchen Leuen damals ohne Beiſtand ſeinem Schickſale überließ. O mein Vaterland! O Mansfeld, wo ſäumeſt Du? rief der tapfere Herzog, als die Uebermacht und Tilly's Kriegserfahrung mit jeder heißen Stunde ſeine Braven grimmiger ſchlachtete, als er ſeinen Weimar ſinken ſah im Blute und zu den Tauſenden fortſchleppen, die ſchon 363 gefangen in rohe Feindeshand gefallen waren; als der Roland von Altenburg, der, als ſein Schwert zerſprun⸗ gen war, im heißen Gefecht noch mit den Fäuſten von Erz und der fluchenden Donnerſtimme traf und jagte, vom Roſſe geriſſen und gebunden wüthete. Eliſabeth! ſeufzte ſchmerzlicher der Welfenheld, als jetzt auch ſeine Leibſchwadron vom unaufhaltbaren Keile vayeriſcher Eiſenreiter auseinander geworfen wurde, und ſein ſeidenes Panier mit der ſprechenden Inſchrift unter die Hufe der ſchnaubenden Roſſe verſank. Nahe dem Herzoge focht der Roſenauer mit übermenſch⸗ licher Anſtrengung; einige Male glaubte er nicht fern von ſich Erichs Polacken erblickt zu haben, doch das un⸗ endliche Reitergedräng ließ nicht zu, daß er den Streiter, welcher das Rößlein ritt, erkennen mochte. Zwei Male hatte Falk mit ſeiner Kompagnie den Herzog ſchon her⸗ ausgehauen, da traf auch ihn das herbe Loos des Un⸗ glückstages. Eine Kugel riß durch ſeinen Schenkel und tödtete zugleich ſein treues Streitroß, und im Niederſtür⸗ zen fuhren die grauſamen Schwerthiebe und Lanzenſtöße der Feinde in teufliſcher Freude noch nieder auf des Sin⸗ kenden Haupt und in die tapfere Bruſt, die ihnen zu lange Widerſtand geleiſtet. Die Schlacht war verloren: zehntauſend Krieger wa⸗ ren vernichtet oder gefangen, ſechszehn Feldſtücke fielen in Feindeshand. Kaum rettete ſich der Feldherr; doch gelang's ihm, ſich an des Bisthums nördlicher Gränze mit dem Mansfelder zu vereinigen, und Meppens feſte Poſition machte dem Tilly'ſchen Marſche ein Halt und beſtimmte ihn, zufrieden mit den errungenen Vortheilen in jene Länder zurückzugehen, welche den Seinigen fröh⸗ lichere Quartiere darboten. Genugſam war er verſichert, 364 daß für's Erſte die beiden gefährlichſten Gegner ſeiner Kirche zu thun hatten mit dem Verbinden ihrer Wunden und dem Ausbeſſern der zerſchlagenen Waffenſchilde. Es war mehrere Monden ſpäter, als die armſeligen Bewohner der Sandſteppen neugierig einem Zuge nach⸗ ſtarrten, der an ihren dürftigen Strohhütten vorüberkam und die nackten Ufer der Ems zu fliehen ſchien, um den Gärten der oldenburger Grafſchaft zuzueilen. Eine hohe Amazone im Federhute und halbmännlichen Anzuge führte den Troß gleich einem hochſchottiſchen Häuptlinge; om⸗ phaliſche Kraft und Keckheit ſprach aus dem großen Auge und aus den hochgezogenen, dichten und dunkeln Aug⸗ braunen, über denen die Schneeſtirne wie ein wolken⸗ loſer Himmel ſich wölbte. Lang und reich und glänzend tanzten die Locken auf dem herabgeſchlagenen Zackenkra⸗ gen des morgenrothfarbenen Sammetkleides; der leichte Zierdegen ſchlug die ſchönſte Hüfte, und vergebens zwäng⸗ ten reiche Goldſchnüre den Schatz der Weiblichkeit, den Herzblut und Lebensluſt wechſelnd hob und ſenkte. Es war Aurora, des Mansfelders Vertraute und ſeine Be⸗ gleiterin auf der Bahn des Ruhms, eine Schönheit, die kein Mann anſah ohne Begehren. Hinter ihr ritten ein Halbdutzend wohlgekleidete Diener; dann folgte eine Sänfte von zwei Maulthieren getragen, in welcher weich⸗ gebettet der Ritter Roſenau ſchlummerte, und den Be⸗ ſchluß machte der alte Hans auf einem glänzendſchwar⸗ zen Rappen und einem Saumroß, dem Ritter gehörig. Am Abende der Schlacht von Stadtlov ſuchte der treue Knecht weinend die Leiche ſeines Herrn auf dem furchtbaren Felde, um ihm die letzte Ehre zu erzeigen 365 und Sand über ſeine Gebeine zu decken. Er fand bald die Stelle, wo er ihn ſtürzen geſehen, aber ſchon vor ihm war ebenfalls eine andere getreue Seele in gleicher Abſicht ausgegangen. Knapp Erich hatte ſchon den nackt⸗ geplünderten Herrn unter den Leichenhügeln hervorgezo⸗ gen, und ein Wundarzt war bereits bemüht, das we⸗ nige Leben, welches noch in ihm pulſirte, neu zu er⸗ wecken. Der gräßliche Arbeitstag hatte ſelbſt die Sieger zu ohnmächtigen Schläfern gemacht; ſo trugen die wackern Knechte den Herrn durch die gefährlichen Straßen und Päſſe glücklich bis zu dem Reſt der fliehenden Braun⸗ ſchweiger, und ihre Anſtrengung und die Hülfe, welche ſie überall für den geachteten jungen Helden ohne Auf⸗ ruf fanden, machten das unmöglich Scheinende möglich. Der Schwerverwundete kam mit dem flüchtigen Heer⸗ haufen in Meppens Verſchanzungen an, doch hatte die Eile und Unbequemlichkeit der Reiſe ſeinen Zuſtand ge⸗ waltig verſchlimmert. Furchtbar wüthete das Fieber in dem wunden Kopfe, und der Schuß im Schenkel legte den Kranken auf die ſchmerzlichſte Folter und drohte mit dem unglücklichſten Ausgange. Nur wenn Knapp Erich in der Dämmerung leiſe die Harfe ſchlug, die er im Hauſe des Doktors Melas, wohin man den Todtwunden gebracht, gefunden hatte, ſo ſchien die Heftigkeit der andauernden Fieberträume nachzulaſſen und das unſtete Auge einen Punkt gefunden zu haben, auf dem es ſu⸗ chend und ſinnend verweilte. Die Natur ſiegte endlich: Beſinnung kehrte zurück und die Vernunft erzwang ſich wieder die ihr gehörige Herrſchaft. Aber mit der Beſ⸗ ſerung verſchwand auch der Knapp und ſein Harfenſpiel, und Hans ſchwieg ſtörriſch und that ganz unwiſſend, wenn ſein Ritter jetzt oftmals nach dem freundlichen 366 Sänger fragte, den er in ſeinem Fieberwahne gehört haben wollte, und von deſſen Liedern er ſogar einige zu wiederholen wußte. Die einzige Geſellſchaft, die dem Kranken die Ein⸗ ſamkeit einigermaßen erträglich machte, war der Doktor Melas und ſein Töchterchen. Die zehnjährige Felicitas ward ſtolz darauf, dem edeln Herrn aus Chroniken und Minneſängern vorzuleſen, und die Abendzeit füllte der Arzt mit Nachrichten, wie es in Meppen und bei dem Tilly ſtand, die er Tages bei ſeinen Kranken und im Hauptquartier der beiden Kriegesobriſten emſig geſam⸗ melt. Im ſchwarzen Puffenkleide mit wulſtigen Schößen, den Hals mit dicker, weißer, gefalteter Krauſe umgeben, die Habichtsphyſiognomie unter der ſchwarzen Lockenperücke verſteckt, und im Gürtel das kurze Rapier mit ſilbernem Griffe gar ſtattlich tragend, ſaß der Doktor neben dem Bett des Ritters, ſtreckte die langen Gebeine mit den Schnabelſchuhen weit von ſich und ließ ſich's nicht ver⸗ drießen, dem jungen Herrn, der ihn mit manchen Fragen quälte, wenn das Fieber anflog oder Gedächtnißſchwäche den Faden verlor, die Zeit geduldig hinzutreiben. Herzog Chriſtians Verheißungen hatten den ſtarren Aeskulap ge⸗ ſchmeidigt; auch mundete ihm der ſchöne Wein, den man aus dem Hauptquartier zur Stärkung des Schwachen ſandte, und überdem zog ihn des jungen Mannes Leid und Unglück, trotz ſeiner vierzigjährigen Abſtumpfung am Krankenbette, an. Mit einer Geſchichte quälte der Verwundete den Er⸗ zähler nur gar zu oft, und auch der alte Hans ſchien dieſe Mähr gern nachzuplaudern, wenn der Doktor ab⸗ weſend war. Es war die wunderbare Rettung Chriſtians. Mitten im Schlachtgedränge nämlich, ſo klang die 367 Lieblingsgeſchichte, als ſchon der Altenburger Fritz ge⸗ fangen, ſchon Falk gefallen, ſchon die tapfern Garden zerſprengt waren, traf eine Stückkugel den Schecken des Feldherrn, und warf ihn todt zwiſchen die Streiter. Schwerter und Lanzen und bäumende Roſſe drohten rings⸗ um dem fürſtlichen Krieger Verderben, und Alles ſtürmte dieſem Platze zu, wo der Tag die glorreichſte Beute bot. Da ſah der Herzog dicht neben ſich einen blutjungen Reiſigen, der von ſeinem polniſchen Rößlein ſprang, es dem Feldherrn anbot und mit leichtem Flammberge un⸗ ter den bärtigſten Kriegsgeſellen ſich Platz zu machen wußte. Der Augenblick drängte: Chriſtian nahm das Pferd an, und der flüchtige Polack rettete ihn aus Tod und Gefangenſchaft. Später im ſichern Lager zu Mep⸗ pen kundſchaftete der Fürſt nach ſeinem Retter. Man fand ihn auf und der dankbare Welfenſohn wollte die edle Opferung mit dem Ritterſchlage belohnen. Ein heim⸗ liches Geſpräch erbat ſich zuvor der junge Reiſige, und nachher ging das Geſpräch in der Armee, der unbärtige Kriegsknecht ſei eine wackere Dirne geweſen, welche ſich einer Herzensgeſchichte wegen mitten in die Männergräuel geſtürzt. Man ſagte ferner, der Herzog, zwiefach er⸗ ſtaunt und bewegt darob, habe das Mädchen ſofort zu einer Edeln erhoben, ihr einen goldenen Steigbügel zum Wappenbilde gegeben und verſprochen, ihren Adelsbrief nächſt heiligen zu laſſen bei Kaiſer und Reich; ſchwer beſchenkt ſei darauf der jungfräuliche Ritter unter ſicherm Geleit heimgezogen zu Verwandten in das Heſſenland. Sie war es! Erika war es! rief Falk dem Hans zu, der mit gefaltenen Händen zugehört, wie der Doktor zum erſten Male die Geſchichte erzählte.— Möglichl brummte Hans. 368 Stockſiſch Du mit Deinem möglich! zürnte der Rit⸗ ter. Trifft nicht Alles zu, ſelbſt der Polack? Es war Niemand als ſie, und ſie iſt nun geadelt durch die That vor der Welt, durch den Ritterſchlag vor den Fürſten, jeder Edle darf ſich ihrer Hand nicht ſchämen, und ich— Nun, Ihr? fragte Hans, den Stockenden ſcharf in's Auge faſſend. Ihr, der Erzfeind des lieben Eheſtandes, da Ihr ſo oft auf ſeine Störung und Zerſtörung be⸗ dacht waret, Ihr, der allgemeine Mädchenfreund und Frauenverderber, wollt doch dieſe Erika nicht gar zur Rittersfrau machen? Da hätte das tapfere Weibſen ſich ſchlimmen Lohn aus dem Ehrenfelde geholt. Du predigſt ſo verwegen wie ein Wiedertäufer, ſchalt Falk. Wär' meine Ohnmacht nicht, ſollt's Deine Zunge entgelten.— Sie ſagen Alle ja ſo von Euch im Lager und in den Städtchen, und ich plaudre ngch, weil's vielleicht gut thut! antwortete Hans leichthin. Sieh mir nach dem Schenkelverbande! da brennt heute einmal wieder die Hölle! ſprach der Ritter abbre⸗ chend, faßte aber mit der Hand nicht auf den Wundfleck, ſondern auf die linke Bruſt, und der Hans, welcher wohl verſtand, was da drückte, ſah mitleidig nach dem Verbande. Die Ruhe des nordweſtlichen Deutſchlands ſchien indeß durch die geſcheidte Spekulation der Holländer, welche die Nähe der gefährlichen Gäſte mit einer Geld⸗ ſumme abkauften, befeſtigter zu werden, als ſich vor wenigen Monden hoffen ließ. Zwar ſtattete der Mans⸗ felder den nahen Ländern des Grafen von Oldenburg noch einen böſen Beſuch ab, doch ſchlichtete der Dänen⸗ könig den Unfrieden zwiſchen beiden, und als das hol⸗ ländiſche Gold ankam, gaben die beiden herviſchen Par⸗ 369 teigänger, Braunſchweig und Mansfeld, für jetzt ihre „Pläne auf, entließen ihre Soldaten, und faßten den Entſchluß, auf Englands ſicherer Küſte die Zeit abzuwar⸗ ten, welche ſie zu neuer glorreicher Thätigkeit aufrufen möchte. Zu dieſer Zeit langte Aurora Walm, des Mansfel⸗ ders Freundin, im Feldlager an, und nahm bei der Ueberfüllung der Stadt in demſelben Hauſe Quartier, wo der ſchwerverwundete Roſenau lag. Hatte der toll⸗ kühne Graf Ernſt, ihr Geliebter, zuerſt der Welt das Wageſtück gezeigt, ohne Magazine und Kriegskaſſen eine ſtattliche Armee durch den Krieg ſelbſt zu beſolden und zu erhalten, ſo war Aurora, der die Natur durch Kör⸗ perreiz und Geiſtesbildung jeden Anſpruch auf Lebens⸗ genuß gegeben, eine eben ſo kühne und glückliche Frei⸗ beuterin im Reiche der Liebe geworden. Erſte Jugend⸗ neigung, die noch nicht Gelegenheit gehabt, zu wählen und zu vergleichen, band ſie an den finſtern und rohen Mansfeld, aber in ſeinem Lager, zu dem ſich die ver⸗ wegenſten und herrlichſten Jünglinge aus Deutſchlands Waffenſchule drängten, lernte ſie unterſcheiden, wie Freu⸗ den des Herzens und der Sinne ſich im Werthe zu ein⸗ ander verhalten. Zurück konnte ſie nicht, darum nahm ſie, was das Leben darbot; ihr Feldherr befehligte drau⸗ ßen auf dem Muſterplatze die ſtattlichen Schwertmänner, ſie regierte mit Augeswink und Wort der ſchönen Lippe die Beſten von ihnen aus ihrem kleinen Kloſet, und Alle, ſelbſt die rüdeſten Hauptleute, trugen geduldig die Ketten der flammenaugigen Frau. Auch Falk von Ro⸗ ſenau war einſt unter ihren Vertrauten geweſen, und der junge Held, an Schönheit den Mansfelder weit über⸗ bietend, trotz ſeiner Jahre an Keckheit und Tapferkeit Blumenhagen. XIII. 24 370 ihm gleich, hielt dazumal den erſten Platz in ihrem Her⸗ zen und auf ihrer Liebestafel beſetzt und hätte ſchon da⸗ mals ſie faſt zu einer Aenderung der gefährlichen Bahn, die ſie wanderte, bekehrt. Jetzt fand ſie ihn todtwund auf dem Schmerzenslager, und die alte Neigung er⸗ wachte neu, vom Mitleid noch geſteigert. Graf Mans⸗ feld gebot ihr, ſeine Rückkehr zum feſten Lande im ſichern Oldenburg zu erwarten und ſchüttete ihr ein anſehnliches Häuflein der ihm zugetheilten holländiſchen Dukaten in den üppigen Schoß. Des Weibes feurige Phantaſie ſpielte mit dem Traume einer kühn ſich erſchaffenen Zu⸗ kunft, und leicht überredete ſie den Ritter Falk, dem Geiſt und Körper gleich krank war, ſich ihrer Pflege und Großmuth anzuvertrauen, und ihr in das ſchönere und ſichere Aſyl zu folgen. Kaum war Graf Ernſt abgereist, ſo traf auch ſie die Anſtalt zum Zuge in ihr erträumtes Paradies, ſo entführte die ſchlaue Armide ihren kranken Rinaldo. Er hatte keine Ahnung von ihren Plänen, er letzte ſich an ganz andern Traumbildern, die ihren Zorn und Haß gereizt haben würden, hätte ſie nur den geringſten Arg⸗ wohn davon gehabt. Doktor Melas freute ſich der gewichtvollen Bezah⸗ lung, geleitete ſelbſt den blaſſen, auf Krücken ſchwan⸗ kenden Kriegsmann zur Sänfte, und verſorgte ihn frei⸗ gebig mit Arznei zur Reiſe, und das Töchterchen, die kleine weißlockigte Felicitas, ſchied mit Thränen von dem lieben kranken Manne, der ſie ſeine kleine Braut genannt, der ihre Vorleſungen und ihr Geplauder ſo geduldig angehört und ihren Kinderſtolz dadurch ſo hoch befriedigt hatte. Eine gar beſondere und merkwürdige Zeitperiode be⸗ ——+—————— — — e———,„6„——+ gann jetzt für den Ritter Roſenau. Nie noch war ein weibliches Weſen ſo enge in ſein Leben verflochten ge⸗ weſen, trotz aller Liebesabenteuer, welche ſeine Jugend früh ſchon ſo reich und bunt gemacht. Einſamkeit, das öde Grab des Geiſtes, und Langeweile, das zehrende Kind der Thatloſigkeit, ſchienen die Strafen, zu denen ihn das Schickſal auf lange Tage verdammt hatte, doch Aurora Walm wußte, einer lieblichen Medea gleich, durch Zauberſpruch dieſes böſe Geiſterpaar zu bannen, und aus dem dürren Dornenanger ſeines Schickſals hoch⸗ rothe Glanzblumen zu locken. Ein geräumiges Landhaus in der ſchönſten Gegend der Grafſchaft wurde die Wohnung der beiden Flücht⸗ linge. Ein herrlicher Obſtgarten umgab das Haus und bot ſeine goldene Saftfrucht dem Fiebernden zur Erfri⸗ ſchung; eine weite Ausſicht zeigte ihm, wenn er im Pol⸗ ſterſtuhle der Sonne genoß, die ſchönſten Wieſen, in de⸗ ren tiefem Halmenmeer blanke Heerden weideten, und von deren Blüthen Millionen goldener Bienchen Honig ſammelten und zur kleinen Stadt trugen, die ſich unter reinlichem Strohdache im Winkel des Gartens erhob; nahe vorüber floß die ſanfte Hunte, und das Treiben der Schiffer und Fiſcher auf dem Fluſſe gewährte ab⸗ wechſelnde Unterhaltung dem Beſchauer. Den eigentlichen Reiz zu dem Allen brachte jedoch Aurora's Umgang. Ihre Aufmerkſamkeit auf Alles, was die Pflege und Be⸗ quemlichkeit des Kranken betraf, die Bedeutſamkeit, die ihre gebildete Rede den alltäglichſten Begebenheiten zu geben wußte, verſüßte das einſame Landleben, und ſie umzog ihres Freundes Seele mit einem magiſchen Schleier, der ſich immer dichter und wärmer um ihn legte, und mit der Gewohnheit im Bunde ſeinen Willen und ſein 372 Gefühl der holden Wärterin zu eigen gab, die ſchlau jeden Augenblick zu benutzen wußte. Enger wurden die Bande, als der Winter kam, ge⸗ fährlicher, als der Frühling den Kerker der Flora ſprengte und Aurora ihren Kranken, der noch immer unter den Händen des Wundarztes litt, hinausgeleitete in die jung⸗ begrünte Fliederlaube. Wer es erfuhr, was in langer Krankheit weibliche Pflege iſt, wie ſie die einſame Inſel des Leidenden mit einem Feenreich bevölkert, wie die Nothwendigkeit jede Schranke niederreißt und die Vertraulichkeit gewaltſam eindrängt, wie die milde weibliche Stimme, wie die weiche Frauenhand wohl thut bei Tröſtung und Verband, wer dieß erfuhr, der wird die Neigung nicht tadeln, die willenlos in Falks Gemüthe für die Frau aufkeimte, welche ohne Pflicht die ſchwerſte Sorge ſich auflud und ohne Gelübde das ſchwerſte Opfer der Entbehrung dar⸗ brachte. Und als nun nach langen Monaten der Ritter mächtig der Geneſung zuſchritt, als das jugendliche Blut wieder lebenvoller an die geſtärkten Pulswände ſchlug, als die ausgeſuchteſte Koſt Wange und Muskel wieder füllte, und doch das vertrauliche Treiben in ſeinem Kran⸗ kenzimmer nicht aufhörte, Aurora, gleichſam in der alten Gewohnheit befangen, auch jetzt im Nachtkleide vor ſei⸗ nem Ruhebette frühſtückte oder gar am Ende des Zim⸗ mers ſich umkleidete, gerade ſo, als wären ſeine Augen noch mit Fieberflor umzogen und geblendet, da fühlte er zwiefach der Geneſung Wiederkehr im glühenden Geſicht und an der pochenden Bruſt, und die Reize des ſchönen Weibes, die nur für ihn ſo aufgeblüht erſchienen und die Alles darboten, was nur dem Manne zu wünſchen iſt, legten ihn auf den glühenden Märtyrerroſt des Begehrens. 373 Sie war ſein, das wußte er. Wenn ſie neben ihm ſaß, wenn ihr runder Arm den Schwankenden unter⸗ ſtützte, da fühlte er, es läge nur an ihm, er dürfe nur die Hand ausſtrecken, nur den Wunſch in einem einzigen Worte ausſprechen, und er wäre König in dieſem Ar⸗ kadien. Drückender und verführeriſcher zugleich wurde ſeine Lage dadurch, daß er unter Männern aufgewach⸗ ſen, da früh ſeine Mutter verſtarb, daß er ſeine Blü⸗ thenjahre im Feldlager verbracht hatte, und ſo der trau⸗ liche Umgang des feinen Weibes zum erſten Male mit all ſeinem berauſchenden Jasmin⸗ und Lilienduft ſeine Sinne umfing. Damals, als er einſam lag auf ſeinem Krankenbett, dem Tode verfallen, ſelbſt ohne Hoffnung, war in durch⸗ wachten Nächten ſein Leben mehrmals an ihm vorüber⸗ gegangen wie eine mahnende Geiſtergeſtalt. Körper und Seelenleid ſind oft die Boten des Himmels, die den Menſchen zur Umkehr rufen vom Abgrunde und den Ge⸗ fallenen retten. Auch er geſtand ſich ſelbſt, daß er nicht überall gethan wie er geſollt, und daß die Frevel, wo⸗ mit wilde Jugendluſt ſein Leben befleckt hatte, nicht ge⸗ nügend aufgewogen würden und gut gemacht durch man⸗ che Edelthat, zu der ſein Herz ihn gedrängt. Er fühlte da zugleich, daß es doch ein Höheres gäbe, als den wüſten Genuß und die Trunkenheit ſeiner vergangenen Tage, und über all dieſen Betrachtungen ſtand Erika's Bild, wie er ſie ſah in Stadtloo, wie ihr ſtrenges Un⸗ ſchuldswort ihn um Mitternacht zurückwarf, und es wurde ihm klar auf ſeinem Bußbett, ſie und nur ſie könnte der verſöhnende Engel ſeines Daſeyns werden. Jetzt zwängte ſich Aurora zwiſchen dieſe Bilder, und die alte Sünde und die alte Lebensgewohnheit pochte in 374 ihm auf ihr Recht lauter und ungeſtümer denn je. Dank⸗ barkeit und Sinnlichkeit plauderten in verlockenden Re⸗ den auf ihn ein, und deutlicher ſprach ſich mit jedem Tage die Meinung der ſchönen Frau ihm aus. Mit weiblicher Umſicht hatte Aurora mitten im Kriegs⸗ gewühl der Zukunft gedacht. Sparſam hatte ſie zurück⸗ gelegt von Contribution und Beute ihres Mansfelders, und ein ſchönes Beſitzthum an den Küſten der Oſtſee war ihr damit erkauftes Eigenthum. Müde des unſichern Umhertreibens auf dem gefährlichen Strome der Frei⸗ heit, wollte fſie jetzt ſich ſcheiden von dem Freunde, der ſich ſelbſt ſchon von ihr geſchieden durch ſeine engliſche Reiſe ohne ſie, theilen wollte ſie all ihr Gut mit einem Jünglinge, den ihr Herz gewählt, und in den blühend⸗ ſten, farbreichſten Bildern malte ſie in ihren Geſprächen ein Leben des Friedens aus, wie nur die Liebe malen kann, was Liebe beut und verſpricht. Falk konnte ſie nicht mißverſtehen und ihre Begeiſte⸗ rung riß auch ihn mit fort, und ohne klar ſich auszu⸗ ſprechen, wiegte ſein dankbar Wort, ſein warmer Hand⸗ druck, ſein Kuß ſogar, in flüchtiger Wallung ihr genom⸗ men, wenn ſie ſein krankes Haupt an ihre Wellenbruſt gelegt, ſie in den ſeligen Schlummer der Gewißheit. Aber in Falks Bruſt kämpfte jedes Mal nach ſolcher warmen Scene ein Heer widerwärtiger Empfindungen. Dachte er ſich dann dieſe herrliche Vollkommenheit weib⸗ licher Kraft, ſo dachte er ſich zugleich, wie oft dieſe Herr⸗ lichkeit ſchon den beglückten Beſitzer gewechſelt. Wiederholte er ſich ihr Schmeichelwort, ſo fiel ihm dabei ein, wie ſo Manchem, ja ihm ſelbſt in früherer Zeit, dieſer roſige, üppig aufgeworfene Mund gelogen. Ein trunkener Blick auf ſie, wenn ſie nach ſolcher Peinſtunde in's Zimmer 375 trat, machte aber allen Zweifeln ein Ende. Falk war jetzt hergeſtellt, er hatte ſchon mehrere Male ſein Roß beſtiegen, und Aurora, voll Luſt und Hoffnung, betrieb die Abreiſe nach der Oſtſee mit jener Aengſtlichkeit, welche verſchloſſene Begier und Furcht des Verluſtes ihr auflegen mußten. Eines Tages war ſie zur nächſten Stadt gereist, ei⸗ nige Bequemlichkeiten für die Reiſe einzukaufen, da führte Hans einen Mann, der das Gewand eines Laien⸗ bruders trug, zu ſeinem Herrn in den Garten. Falk, in der Fliederlaube des Gartens ruhend, die mit ſchwar⸗ zen Traubendolden behangen war⸗ deren Laub trotz der ſpäten Jahreszeit noch duftete, ſah verwundert den katholiſchen Boten an, doch machte die kalte Verwun⸗ derung den wärmſten und heftigſten Empfindungen Platz⸗ als ſich der Laienbruder als Gärtner des Paulskloſters am Mainſtrome kund gab, und einen Brief ſeines Abts, einen Brief von Roſenau's Vater, aus ſeiner Kaputze zog und übergab. Mit ſtürmiſcher Eile und dem Froſt des Entſetzens zugleich brach Falk ſein Familienſiegel, welches der Brief trug, und las: Der Abt Hilarius an ſeinen Sohn, den Ritter Falk von Roſenau. Gegeben im St. Paulkloſter, um Feſte St. Michaelis im Jahre Chriſti 1625. Nicht ohne Verſöhnung ſoll der Sterbende ſich in ſein Lailach wickeln, nicht ohne Verſöhnung ſoll er dem gro⸗ ßen Weltverſöhner entgegen gehen, denn wie möchte er ſonſt bei ihm erwarten, was er hier unten den Brüdern verſagte. So wende ich denn auch die letzte Kraft mei⸗ ner todtkalten Hand daran, einzuwickeln in dieſes Send⸗ 376 ſchreiben des ſterbenden Vaters Verzeihung für Dich und die Zurücknahme des Fluchwortes, das der Mann, wel⸗ chem in Dir ſeines alten Geſchlechts letzte Hoffnung un⸗ terzugehen ſchien, vielleicht in zu voreiligem Zorne aus⸗ ſprach. Ein Engel iſt zwiſchen uns getreten, und Du wirſt gleich mir die Verſöhnungshand und den Verge⸗ bungsſpruch nicht verſagen, daer bittet und befiehlt zugleich. Einſam lag ich in meiner Zelle, gequält von der Erinnerung an meine Vergangenheit und Dich, der Tod ſtand vor mir und ſchaute mich an, doch der Grauſame trat nicht näher, und das Gebet, welches ſo oft meinem wunden Herzen Balſam geweſen, verſagte mir die hei⸗ lige Erhebung über die irdiſche Erbärmlichkeit der menſch⸗ lichen Natur. Da meldete mir der Pater Guardian eine Edeldame, die um ein Alleingeſpräch mit mir erſuchen ließ. Und es trat in meine Zelle Fräulein Erika von Noth⸗ helf, ſo nannte ſie ſich, küßte des Greiſes dürre Hand und grüßte mich mit dem lange nicht gehörten Namen Vater. Das Wort, in dieſem Tone geſprochen, ſo lange entbehrt, hätte ihr ſchon mein Herz gewonnen, aber mehr noch that es die Geſtalt, die weinend an mein Bett hinkniete, wie eine Maria am Kreuzesfuße, und ich träumte, die jungfräuliche Mutter habe ſich zu mir herabgeſenkt, meine letzten Stunden zu erquicken, aber mehr noch that es der hohe Zweck, der ſie aus fernen Landen in meine klöſterliche Halle trieb. Im Pilgerkleide, mit Freibriefen von dem Lauen⸗ burger Herzog, hatte ſie die weite Fahrt durch das krieg⸗ bewegte Vaterland gewagt, um ein Friedensbote zu werden zwiſchen Vater und Sohn, Dir Vergebung zu holen, mir Troſt zu bringen an des Grabes Schwelle. Sie erzählte mir von Dir und Deinem ritterlichen Leben, ——— „— 377 und wie der innerſte Kern des fleckenvollen Apfels doch geſund ſey, und wie ſie nicht verzage an Deiner Rückkehr zur Bahn der Sitte und zum ewigen Schoße des Heils. Sie erzählte mir von harter Prüfung, die Dir der Herr der Heerſchaaren geſendet für Leib und Geiſt, und wie ſie voll Hoffnung lebe, Du würdeſt be⸗ ſtehen wie ein Mann und ein Gerechter. Ihre Erzäh⸗ lung goß neue Lebensgluth durch mein erſtarrtes Gebein, und freudig ſchaute ich zum erſten Male ſeit langer Zeit hinauf zu meinem Wappenſchilde, das an der Wand meiner düſtern Zelle im Staube hing. Da nannte ſie mir am Schluſſe der Erzählung einen Namen, der wie ein ſcharfer Meuchlerſtahl durch meine Seele fuhr, und mir die Löſung aller Räthſel meiner letzten Lebensjahre ausſprach. Levin von Eulenhorſt iſt Dein Freund und Ge⸗ noß, er war Dein Waffenmeiſter, er war der Mentor Deiner Jugend. Die Schuppen fielen ab von meinen Augen, und mit Schrecken ſah ich Licht und Weg in der Finſterniß, durch die ich Jahre lang gewandelt. Höre, vegreife und handle! Deine Mutter war todt, Du wa⸗ reſt eine unmündige Waiſe. Drei Burgen beherrſchten die Gränzen des fruchtbaren Gaues, in dem Du gebo⸗ ren wurdeſt. Im Weſten hing auf dem Roſenſteine über dem Städtchen Deiner Ahnen Schloß, im Norden dräute die blanke Zinne der Eulenhorſt, und im Oſt blickte freundlich vom Hügel aus einem Eichenhölzchen das feſte Haus der von Strahlheim, mit ſeinen grünen, kupferbeſchlagenen Thürmen einladend, in die befahrene Schlucht herab. Ein neues Frühroth ſchien mir aus dem Schloſſe in Oſten aufzugehen, denn Bernharda von Strahlheim ver⸗ 378 ſchmähte den vierzigjährigen Wittwer nicht: der kühne Freier hatte die neue Gefährtin, dem Knaben war eine gute Mutter gefunden. Mit Pracht wurde die Vermählung begangen, die Edelſten des Landes waren zugegen, doch als wir am Altare der Schloßkapelle ſtanden, als der Prieſter gefragt, und auch die Braut ihr Ja gelispelt hatte, da erſcholl hinten im Schiff der Kirche eine furcht⸗ bare, grauſenerregende Verwünſchung von einer rauhen Stimme wie Gebrüll der Hölle, dem Allerheiligſten ent⸗ gegengeſchrien. Es war Levin von Eulenhorſt geweſen, der letzte Sproſſe jenes Stammes, ein wüſter, ruchloſer Jüngling, der ſchon lange vergebens bei dem alten Herrn von Strahlheim um Bernharda geworben. Mein Hochzeits⸗ tag war in ſeiner Freude geſtört worden, indeß vergaß ich ſelbſt die Beleidigung, da der wüſtlebende Jüngling ſeitdem aus dem Gau verſchwunden war, und die Ver⸗ zweiflung der hoffnungsloſen Leidenſchaft, welche ihn zu ſolcher Unthat getrieben, mein Mitleid rege machte. Gänz⸗ lich vergaß ich den Flucher und Feind in dem ſtillen Glücke, welches die neue Hausfrau mir als Brautſchatz in mein Schloß gebracht. Im Buche des Weltregiments ſtand es anders geſchrieben als in meinem zufriedenen Gemüthe. Bernharda kränkelte, welkte ab und— ſtarb. An ihrer Leiche zuckte der Arzt die Achſeln und glaubte, eine heimliche Bosheit hätte durch langſames Gift das ſchöne Daſeyn der frommen Frau verkürzt. Ich zweifelte daran, denn wer konnte in meinem Burg⸗ bann der Allgeliebten ſo ruchlos ſich nähern; als aber die Burgfrau in der Nacht vor dem Begräbniſſe im offe⸗ nen Sarge geſtanden, und alle Einwohner der Umge⸗ gend, die ſie geehrt und geliebt, ſich zum Abſchiede von „ ———„—————————— — . 379 ihrer bleichen Hülle herangedrängt, fand man am Mor⸗ gen ein beſchrieben Pergament auf der Bruſt der Er⸗ blichenen. Triumphirſt Du noch, alter Freiersmann? lautete die Schrift auf dem Pergament; erzittere! die Rache ſtirbt nie! Denke Dir mein Entſetzen dazumal! Denke Dir mein Entſetzen jetzt, als die Verſöhnerin mir jenen Namen wiederum in das ſchwachgewordene Ge⸗ dächtniß rief! O es iſt klar, der Verruchte will in Dir mich ſelbſt und unſer Geſchlecht verderben. Und hat er nicht ge⸗ rechnet mit Satans Klugheit? Hat ſeine teufliſche Rache nicht alle Freuden meines Lebens ausgelöſcht, und mich ſelbſt vor der Zeit an die Grube gebracht? Zu den Rebellen und Freibeutern hat er Dich gebracht, Dein Herz hat er vergiftet in Unzucht und Völlerei, Deine Seele hat er befährdet, da er Dich den Ketzern und Ungläubigen zugeſellte. O er muß in der Hölle ſelbſt die Kunſt der Rache gelernt haben. Kehre um, mein Sohn, verlaß den Verſucher! Der Mund Deines ſter⸗ benden Vaters bittet Dich darum. Fräulein Erika weint, da ich ihr vorlas, was ich geſchrieben. Wie ſteht es zwiſchen Dir und ihr? Die Jungfrau will ſolch Geheimniß mir nicht beichten. Haſt Du auch dieſen Engel verſchmähet? Denn ſie ſcheint nicht zu hoffen auf Dich, ſcheint Dich aufgegeben zu ha⸗ ben, obgleich ſie mir gelobte, ewig Dein warnender Schutzgeiſt zu bleiben. Vertraue Dich ihr, ſobald Du Dich ihrer noch würdig fühlſt. Nimm ſie zur Leiterin und verdoppeln wird ſich der Vaterſegen, den ich für Dich auf Erika's reines Haupt niederlege. Ich habe Dir meine bewegliche Habe entzogen und ſie dem Kranken⸗ hauſe des Kloſters geſchenkt, weil ich Dich verloren gab. „ 380 Verzeihe den Raub! Meine Seele war auch in Ver⸗ zweiflung und Wahnſinn um den einzigen verlorenen Sohn. Doch ein Geheimniß, was ich nur Dir vertraue, erſetzt Dir vielleicht zur Hälfte den Verluſt. Ehe ich zum Kloſter zog und mein Ahnenſchloß der Vormund⸗ ſchaft des Landesherrn für Dich übergab, verſenkte ich alle Kleinodien und das Familienſilber, wie auch die beiden gefüllten Schmuckkäſichen meiner Frauen eigen⸗ händig in ein Gewölbe der Kapelle. Vom innern Geiſte getrieben that ich's, ohne klare Abſicht. Es war Got⸗ tes Finger. Der ſchmale Leichenſtein im Gange linker Hand, auf welchem eines Ritters Steinbild dem Wolfe das Schwert in den Rachen ſtößt, deckt den Schatz, der Dir einen Theil des Verlorenen erſetzen ſoll. Mit Dir ſey der Herr, wenn ich nicht mehr bin! Bringe eine Thräne zu meinem Grabe und eine gute Nachricht von Dir ſey mein letzter Lebenstrank, und verſüße mir den Todesbecher.“ Niederfinken auf ſein Knie ließ Falk ſo Hand als Blatt, ſein großes Auge ſtarrte durch die obere Oeff⸗ nung der Fliederlaube in den blauen, glanzvollen Him⸗ mel hinein, und langſam rollten zwei große Thränen über ſeine Wangen: zwei Perlen, vom frommen Fiſcher gewonnen aus dem Meere des Verderbens. Indem ging ein alter Lautenſchläger über die Heerſtraße dicht an der Laubwand des Gartens hin, ſchlug im Gehen das bunte Saitenſpiel, das von einem Schulterriemen gehalten wurde, recht wohlklingend, und ſang dazu mit einer jungen und dünnen Stimme, die ſonderbar zu Bart und Kappe paßte, folgendes Liedchen nach einer herzinnigen Melodie: —,—————— 381 Vergänglich wie des Märzes Schnee Sind alle irdiſchen Gefühle, Auf die Luſt folgt bald das Weh, Dornen ſtechen durch die Svpiele. Eins nur iſt was dich nimmer verläßt! Die wahre Liebe ſteht ewig feſt. Und wenn den Liebſten ſie nicht beſitzt, Ihn muß bei einer Andern ſehen, Wird er doch von ihr beſchützt, Wird ſein Engel doch mit ihm gehen. Sie nur iſt, die Dich nimmer verläßt, D'rum halte die ächte Liebe feſt! Empor fuhr Roſenau von der Steinbank. Ja, alle Räthſel waren ihm gelöst auf einmal. Erika war nur ihm nachgezogen, hatte nur ihm Ruhe und Sicherheit geopfert. Das engelgleiche Weſen, die Himmelsgeſtalt, die er nur zwei Male in zwei Mitternächten geſehen, die ihre Anmuth wie ihre Keuſchheit zu zwei Feſttagen für ihn gemacht, dieſes herrliche Weſen liebte ihn, nur ihn, den Sündigen, den Tiefgefallenen. Das fremde Lied hatte Wehmutterdienſt bei ſeinem Entſchluß gethan. Er befahl dem Hans, Sorge für den Boten zu tragen, und dann ſofort zu ihm zurückzukommen. Fort! rief er, fort muß ich zur Stunde! Aber wo⸗ hin?— Hans hatte den Ausruf noch unterwegs gehört, er kehrte um, ſich beſinnend, zog ein Brieflein aus dem Gurt und ſprach dabei: Vielleicht ſteht's da drin! Ein braunſchweigiſcher Reitersknecht brachte es ſoeben, und wartet vorn. Mit Heftigkeit öffnete Falk das Siegel: von Herzog Chriſtians Hand war der Brief unterzeichnet. Er ent⸗ hielt einen Aufruf an alle evangeliſche Ritter Deutſch⸗ lands, vorzüglich an alle ehemaligen Kriegsgefährten deſ⸗ ſelben, ungeſäumt ſich zu ihm nach Wolfenbüttel zu be⸗ geben, welche Stadt unter ſeiner Commandantur zum Waffenplatze auserſehen war. Umſtändliche Nachricht lag dabei von dem jetzigen Kriegesſtande, wie König Chriſtian der Vierte von Dänemark als niederſächſiſcher Kreisobriſt nicht viel Glück gegen den Tilly gehabt, wie jetzt auch der Wallenſtein mit einer kaiſerlichen Armee anrücke, wie die Katholiſchen an der Weſer und Leine gar barbariſch hausten, wie man Rienburg belagere, wie die meiſten Städte und Schlöſſer am Solling⸗ und Deiſterberge eingenommen, und auch Schloß Calenberg, das Schloß der Landesfürſten, in ihre Hände gefallen und eingeäſchert worden, und wie es drum Fflicht aller Derer ſey, die es gut meinten mit dem Vaterlande und der Religion, auf's Neue zuſammen zu treten auf Leben und Tod. Immer höher färbte ſich das blaſſe Geſicht des jun⸗ gen Helden. Gott und die Ehre rufen! rief er glühend im alten Feuer, barg beide Briefe auf der Bruſt und eilte dem Hauſe zu. So raſch aber der Entſchluß ge⸗ faßt war, ſo eilig die Anſtalten zur Abreiſe vollendet wurden, ſo langſam ging es mit dem Abzuge ſelbſt. Es wollte dem Gemüthe des Ritters nicht zuſagen, ſich zu entfernen wie ein verbrecheriſcher Flüchtling. Das Gefühl der Dankbarkeit, die Erinnerung an das, was Aurora für ihn gethan, wie er vielleicht ihr und nur ihr Leben und Geſundheit zu verdanken hatte, ſelbſt das An⸗ denken an ihre reizumhüllte Geſtalt, alles dieſes über⸗ fiel ihn plötzlich, als er ſchon im Reiſekleide da ſtand und die Pferde aufgeſattelt an der Pforte ſcharrten. Er hielt ſich ſtark genug, Abſchied zu nehmen, und das Sendſchreiben aus Wolfenbüttel war ja bedeutſame Ent⸗ ſchuldigung. Er hatte die Allgewalt vergeſſen, welche 8 — 383 die Thräne im ſchönen Auge, die Bitte auf roſigem Munde hat, doch das Schickſal unterſtützte ihn dieſes Mal und ſorgte väterlich und beſſer als er ſelbſt für ſein Heil. Aurora blieb aus, was ſie noch nie gethan. Ein großes Bürgerfeſt hielt die Umſchmeichelte in der Stadt zurück, und da die Sonne ſank, da der Abend kam ohne ſie, bemächtigte ſich ein ſeltſamer Unmuth der Seele des Mannes, er fühlte eine Eiferſucht, einen Groll über Zurückſetzung bei ſich emporkeimen, und um dieſen Empfindungen, welche ihm ſelbſt widrig und peinigend waren, zu entkommen, beſtieg er das Roß und ſprengte ohne weiteres Bedenken mit ſeinem Alten fort in die ſchon überall verbreitete Dämmerung. Wenn der Menſch irre geworden iſt an ſich und un⸗ eins mit ſich ſelbſt, wenn er rathlos, entſchlußlos da⸗ ſitzt, wie der Schiffer in der Windſtille, wo nur das Wanken des Bretterhauſes auf der Wellenwiege unnütze Scheinbewegung gibt, ſo reiße er ſich auf und eile hin⸗ aus in die Natur: in ihrem Freiheitsathem ſtrömt Bal⸗ ſam und Kraft und verjüngende Lebensnahrung. Das Schönſte und das Größte gebar der Menſchengeiſt, von der Natur umringt und in ihren warmen begeiſternden Schoß aufgenommen. Als die Mitternacht aufzog mit ihrer goldenen Ster⸗ nenſchrift, als der kühle Nachtwind ſprach mit den Ei⸗ chem die an der Heerſtraße wie Rieſenwächter ſich in der Herbſtnacht erhoben, und als das feine Laub der Han⸗ gebirken durch das mächtige Rauſchen flüſterte wie Lie⸗ besſtimmen das Kriegslied, wurde auch dem Ritters⸗ manne wohler zu Sinne, und freier hob ſich die be⸗ 384 klommene Bruſt. Der alte Hans ſchien noch fröhlicher durch das Dunkel zu ziehen, und da er ein Weſtphale war, hier geboren und jeder Straße kundig, ſo ließ er ſich den Vorritt nicht nehmen, um ſeinen Herrn vor je⸗ dem Unfall zu bewahren, aber wortarmer war der Greis noch auf keinem Zuge geweſen, und ſein Schweigen ſchien Abſicht, damit der junge Herr einmal mit ſich ſelbſt genügende Abrechnung halten könnte, da bei der ſchönen Aurora dazu keine Zeit übrig geweſen war. Auch geſchah es, wie der kluge Alte wollte. Hängend auf dem zügelfreien, ſichern Rappen lebte Falk ſein ganzes Leben noch einmal, und das Produkt der Rechnung und der Abſchluß, den des Vaters Send⸗ ſchreiben dazu machte, trieb ihm Schweiß auf die Stirne und beengte ſein Herz. Da trat Erika mit den ſtillen, tiefdringenden Blicken vor das Auge ſeiner Seele, und hier fand ſeine Phantaſie den Ruhepunkt, der aller Qual ein Ende machte, an dem ſich die Hoffnung mit ihrem grünen Paniere niederließ, und in dem eine neue Lebens⸗ ſaat zu ſchlummern ſchien. Ich bin ein gar zu ſchlechter Patron geweſen, ſagte er zu ſich. Aber der Kranke iſt nicht hoffnungslos verloren, wenn nur der rechte Arzt käme! Auch Levins gedachte er, und Trauer legte ſich um ſeine Seele. War die Rache auch gräßlich, welche der verzweifelnd Liebende genommen haben ſollte, und wer bezeugte, daß er ſie ſo genommen, wie der Brief aus dem Kloſter ſagte? ſo ſchien ſie dem Jünglinge entſchuldigt durch die unnennbare Qual, welche die Ent⸗ behrung des höchſten Erdenglücks auf des Eulenhorſters Herz gelegt haben mußte, und er fühlte ſelbſt in ſeinem laut pulſirenden Blute, daß gleiche Vernichtung aller Lebenshoffnung ihn zu gleichen Gewaltthätigkeiten hätte v——— 385 verleiten können. Daß Levins Rache ſich auf ihn auch erſtrecke, glaubte er nicht, vielmehr betrachtete er ſeine Freundſchaft und ſeinen Dienſteifer gegen ihn als eine Buße für jene frühere Unthat am alten Roſenau, und es grämte ihn, daß er ſo erzürnt von dem treuen Waf⸗ fenbruder geſchieden war. Er beſchloß, falls Levin nicht unter den Todten bei Stadtloo ſchlummerte, ihn aufzu⸗ ſuchen und die Hitzthat gut zu machen durch Abbitte und zwiefache Freundſchaft. Die aufgehende Morgen⸗ röthe erinnerte zur Unzeit an Aurora und ihre Leibfarbe, und die Reiſenden ſuchten Herberge, Wärme und Er⸗ quickung in einer abgelegenen Waldſchenke, und gaben ſich und den Pferden die nöthige Ruhe. Auf ähnliche Weiſe wurde die Reiſe fortgeſetzt, ſicher und heimlich immer dem Oſten entgegen. Der aufge⸗ hende Abendſtern weckte wie ein goldener Hahn zum Aufbruche, und die erſten hellen Zacken des Frühroths waren die Wimpel des Admiralſchiffs, deſſen Signal das Beilegen befehligte. Doch bald wurden Straße und Land umher Verkündiger der Zeitereigniſſe. Oede ſtehende, halb niedergebrannte Maierhöfe zeigten ſich als Spuren der verwüſtenden Feindeshand. Flüchtende Bauersleute mit weniger Habe, doch im geretteten Weibe und Kinde noch glücklich, begegneten ihnen, Nachts den Städten und Gränzorten zueilend. Oft wurde der Ho⸗ rizont hell von Feuersbrünſten. Wenn ſie auf ſchmalen Fußpfaden oder auf grünen Gränzſtreifen der Aecker rit⸗ ſten, hörten ſie manches Mal den Trompetermarſch der auf der Heerſtraße ziehenden Reiterſchwadronen, und oft⸗ mals wurden ſie durch die Wachtfeuer ausgeſtellter Pi⸗ kets gezwungen, den geraden Weg zu verlaſſen und die Holzungen zu ſuchen, und durch Umwege ihrem Ziele Blumenhagen. XIII. 25 386 zuzueilen. Ueberall fanden ſie, außer Hanſens Kunde der Gegenden, an Bauer und Hirt getreue Wegweiſer, ſobald ſie ſich als braunſchweigiſche Kriegsleute kund gegeben, denn man haßte den Höllenfürſten nicht ſo arg als Jeden, der dem Tilly oder Wallenſtein zugehörte. In einer Nacht, wo das Mondesviertel am Himmel leuchtete, ritten ſie über den Weſerſtrom und kamen an den ſtillen Spiegel des Steinhuder⸗Meers, auf dem die letzten Strahlen des ſinkenden Nachtgeſtirns lange Gold⸗ ſtreifen hinzogen. Abends ſchon hatten ſie nach Norden hin viel Schießen gehört und ſolches richtig auf die be⸗ lagerte Nienburg gedeutet, und jetzt, da die Nacht zu ſchwinden anfing, begann zuerſt ein kleines Gewehrfeuer nahe vor ihnen nach Hannover zu und gegen die Leine hin, bald aber ward mit dem anglimmenden Tages⸗ lichte der Geſchützdonner laut, und der Lärm der Krie⸗ geshörner und Trompeten liéß auf bedeutende Truppen⸗ zahl, die dort aneinander gerathen, ſchließen. Das iſt däniſcher Trommelſchlag! rief Ritter Falk kampfluſtig gus, den Zügel anhaltend. Und trügt mich nicht Ohr und Sinn, ſeit langen Monden vom Kriegsgetön ent⸗ wöhnt, ſo gibt es drüben einen Ueberfall, denn zum redlichen Aneinandertreffen iſt die Tageszeit zu früh und auch die Signale werden zu verwirrt und ordnungslos gegeben. Was meinſt Du, Hans, ſollen wir hinüber und einige Lorbeerblätter holen, noch ehe wir wieder in Sold und Schärpe ſtehen? Das wolle Gott nicht! antwortete erſchrocken der Knecht. Das hieße unchriſtlich den Tod ſuchen und ihm fündhaft in den Rachen ſpringen, denn nach allem Ver⸗ muthen befinden wir uns hinter der Front des Feindes und würden ſomit den Kroaten als willkommenes Schlacht⸗ —— V N N 5 M M 387 vieh unter die krummen Säbel gerathen. Dort auf der Höhe muß ein einzeln Hirtenhaus im Buſch d'rin ſtecken, laßt uns dort Zuflucht ſuchen, ich gehe voran auf Kund⸗ ſchaft.— Falk nickte wortlos, die glänzenden Augen ſtets in die Gegend gerichtet, woſelbſt das Schlachtfeuer ſich immer mehr entwickelte, und ärgerte ſich recht inner⸗ lich, daß der Tag noch nicht ſo hell war, um irgend etwas von fern zu unterſcheiden. Bald kam der Hans zurück und meldete, wie das Häuschen leer ſey und die Leute brav, im Stalle hauſe nur eine Marketenderin des Lauenburgers mit ihren Eſeln, ohne Dienſtleute, ſich ſchon zum Abzuge rüſtend, und da ſie auf der ganzen Reiſe die Feldbinden verſteckt gehalten, ſo würde ihnen hier, wo Niemand nach dem Feldgeſchrei frage, nirgend Ge⸗ fahr dräuen können. Langſam zogen ſie darauf den Hü⸗ gel hinan durch Unterbuſch und junges Eichholz bis zu dem armſeligen Hauſe, und bald lag der Ritter auf reinlicher Streu, und da in der Holzung der ferne Ge⸗ ſchützdonner dumpfer ſchallte, ja endlich gar ganz ver⸗ hallte, ſo ſchlief das junge Blut, von dem Nachtritte ermattet, bald feſt und faſt unerweckbar, und der Knecht, nachdem er den Roſſen Futter vorgeworfen, ſtieg in die Gegend hinab, Nachricht einzuſammeln, was es gegeben und wo des Dänenkönigs Volk ſich aufgeſtellt hätte. Ein ſchwerer Traum belaſtete Roſenau's Bruſt. Es war ihm, als läge er in einem engen und tiefen Kerker, wo feuchter Modergeruch ſeinen Athem quälte. Schwere Ketten drückten ſeine Glieder, vor ihm ſtand der Tilly mit einem Mördergeſicht und ſchalt ihn einen Gotteslä⸗ ſterer und Verräther an Kaiſer und Papſt, und neben 388 dieſem grinste der Henkersknecht mit Folterwerkzeugen und blankem Richtbeile. Aurora ſtand in der Thüre und drohte ihm, und bei ihr lag Erika auf den Knieen, die Hände ringend und in Thränen zerfließend. Ein heftiger, ſchneidender Schmerz fuhr ihm jetzt plötzlich durch Arme und Füße, er ſchrack auf aus dem Schlafe, wollte ſich emporrichten und konnte nicht, riß die Augen weit auf, und ſah mit Entſetzen den Traum wachend andauern. Drei fremde Reiſige mit blutgieri⸗ gen, bartbedeckten Geſichtern ſtanden an ſeiner Streu und hatten mit feſten Schlingen ſeine Glieder eingeſchnürt, und zu ſeinen Füßen ſtand an der Wand der Oberhof⸗ meiſter Florett mit rothſcheinendem Antlitz, ganz in Krie⸗ geswaffen, und den gezogenen Stahl in der Rechten. Wortlos ſtarrte Falk auf das grauſe Bild, das nicht verſchwinden wollte. Hab' ich Dich endlich, Du wortbrüchiger Ehrenſchän⸗ der? kreiſchte in wilder Freude der Greis dem Erwach⸗ ten entgegen. Du meinteſt wohl, in des Niederländers Adern plätſchere nur kaltes Fiſchblut, und von ihm wür⸗ den ſolche Beleidigungen, wie Du meinem Stamme an⸗ gethan, hingenommen und wieder verwechſelt wie Spiel⸗ marken. Du ſollſt Dich gräßlich geirrt haben. Wiſſe, ich bin Deinem Wandel gefolgt Schritt vor Schritt, und habe immer Kunde von Dir gehabt wie ein Vehmſchöffe, bis Dich der ewige Rächer hier endlich in mein Netz geführt. Ich könnte meine Rache jetzt gleich kühlen mit dem Eiſen in des Tolldreiſten Bruſt, aber nein! Dein Leben ſoll zu größerer Strafe geſpart, Du ſollſt beſchimpft ſeyn im Tode, wie Du uns beſchimpft haſt. Iſt das ritterlich? fragte heftig der Jüngling und riß an den Banden, die ſeiner geſchwächten Kraft wider⸗ 389 ſtanden. Achtet Ihr ſo wenig mein Schild und des Braunſchweigers Patent, das ich bei mir trage? Krippenreiter ſeyd ihr, Wegelagerer und Raubgeſel⸗ len, nicht Ritter! ſchrie wuthvoll der Alte. Auf jedem Kreuzwege ſollte man Galgen erbauen und ſie zur War⸗ nung mit Eures Gleichen ſchmücken. Fort mit ihm, be⸗ fahl er dann, und eine rauhe Fauſt warf dem jungen Ritter einen Knebel auf den Mund, und man trug ihn vor das Haus, wo ſchon ein Wagen ſeiner wartete.— Unvorſichtiger Hans, dachte der Ritter bei ſich in ſeiner jammervollen Lage. Gewiß hat uns die Marketenderin verrathen!— Und in demſelben Augenblicke kam der grauköpfige Knecht herbeigeſprungen, fiel mit dem kurzen Flammberge die Räuber an, und ſtreckte den Nächſten gewaltig durchſtoßen zu Boden. Getreue Seele, was half Dein Opfer? Des Oberhofmeiſters Schwert fuhr über den greiſen Schädel, ihn auf ſchauderhafte Weiſe ſpaltend, der Kameraden Gewehr tauchte ſich mordgierig in die brave Bruſt, und Falk mußte ſeinen beſten Ge⸗ ſellen, ſeinen älteſten Freund ſtürzen ſehen, verenden ſehen wie ein Edelwild, ohne helfen zu können. Einen furchtbaren Fluch ſtöhnte der Greis, bevor er ſtürzte, griff mit der Fauſt wüthig in die Schädelwunde und ſchleuderte Hirn und Blut auf die weiße Prachtſchärpe des Niederländers; mit einem Liebesblick auf den gekne⸗ belten Herrn ſank er dann zuſammen. Mit Haſt trieb Herr von Florett ſeine Leute jetzt, als fürchte er neue Genoſſen des Gefangenen in den Gebü⸗ ſchen, und guerfeldein ging es über Buſch und Geſtein und Acker, bis ſie die Heerſtraße erreichten. Vor einem hohen Wartthurme hielten ſie. Tilly'ſche Arkebuſiere hat⸗ ten ihn beſetzt, und zwei kleine Feldſtücke waren hinter 390 dem Graben, der den Thurm umzog, aufgepflanzt. Flo⸗ rett ſprach mit dem Korporal, der die kleine Mannſchaft befehligte, und befahl ihm, den Gefangenen in das obere Gemach der Warte einzuſchließen bis auf Ordre; eine volle Börſe begleitete den Befehl, und brachte die Luſt zur Subordination. Indeß die Soldaten den Gefange⸗ nen vom Wagen huben, ſprengte der junge Graf Anhalt mit einer Dragonerſchwadron die Straße herab. Auch Ihr ſchon aus den Federn? rief er wohlge⸗ muth und kriegsfröhlich dem Oberhofmeiſter zu. Solche Frühjagd ſolltet Ihr uns Jüngern allein überlaſſen.— Wo iſt der Feldherr? fragte haſtig Florett. Er hält Betſtunde dort im Wäldchen mit ſeinen Stabsoffizieren und Feldprieſtern, lachte Anhalt, und läßt ſich vom Leibpater die Meſſe leſen. Aber das Ge⸗ bet kommt dieſes Mal gewaltig nachgehinkt, denn unſer Ueberfall iſt ſchon geglückt. Schon drücken ſich die Dä⸗ nen zurück an's Leinufer, und Obentraut und Altenburg werden ein ſchlechtes Mittageſſen halten nach dem bit⸗ tern Morgenimbiß. Adio! Ich muß auch meine Schüſ⸗ ſeln dazu bringen. Stutzig hielt er ſein Roß an, da man dem Roſen⸗ auer jetzt die Bande gelöst und ihn zum Wartthurme führte. Was Teufel, Alter! rief er, einen Rittersmann geknebelt? Hat der galante Oberhofmeiſter ſo Ton und Sitte und Turnierbuch vergeſſen? Ein Strauchdieb iſt es, rief Florett mit Ingrimm, für den ich mir vom Tilly eine eigene Art von Galgen und Tod erbitten will. Auch Ihr müßt ihn kennen, denn bei der Pleſſe und bei Corvey hat ſein ketzeriſch Schwert manchen wackern Katholiken zu früh zum Him⸗ mel befördert. 394 Ihr ſcheltet und lobt zugleich, antworiete Anhalt. Schade um die ſchöne Heldengeſtalt, wenn eine Spio⸗ nen⸗ oder Marodeurs⸗Seele ſich hinein verirrte. Beide ritten mit den Dragonern fort, und Falk biß in ohn⸗ mächtiger Wuth in ſeinen Knebel. In das obere Schießgemach des Thurmes brachte man ihn. Mund und Arme wurden frei gemacht, dann fiel die niedrige, eiſenbeſchlagene Thüre in das Schloß, und allein war er mit ſeinen Gedanken. Welch ein Tag ſtrich langſam an ihm vorüber! Welch ein Schickſal ſtand ihm bevor durch die blutdürſtigen Hände der Li⸗ guiſten, die ihr Inquiſitionsgericht mit ſich führten, und vom Oberhofmeiſter, ſeinem erbittertſten Feinde, auf ihn gehetzt wurden! Dann dachte er mit tiefer Betrüb⸗ niß ſeines Hanſes und beneidete ihn um den ehrlichen Reitertod. Der Luftzug am Schießloch war ihm die einzige Er⸗ quickung, denn die Schurken drunten vergaßen ihn ganz und brachten ihm nicht einmal einen Waſſerkrug. Doch auch dieſe Erquickung wurde ihm bald verbittert. Zuerſt zogen langſam einzelne Reiter an der Warte hin zum nahen Dorfe: ihre Koller waren mit Blut begoſſen und ſchwere Wunden verzerrten die braunen Geſichter. Dann kamen kleine Soldatenhaufen, hielten an der Warte und erzählten ſiegestrunken, wie der tolle Altenburger keinen Pardon gewollt und unter den Schwertern der Küraſ⸗ ſiere gefallen, wie das däniſche Fußvolk bei der Reti⸗ rade haufenweiſe im Leineſtrome den naſſen Tod gefun⸗ den und alle Reiterei ſich habe ergeben müſſen. Später wurde auch der auf den Tod verwundete Generallieute⸗ nant Hans Michel von Obentraut in des Anhalters Kut⸗ ſche langſam den Weg von Seelze nach Hannover zu —— 392 gefahren, und auf offenem Fouragewagen folgten die blutigen Leichen Herzog Friedrichs und des jungen von Hanenſee, der oft des Roſenauers freundlicher Zeltge⸗ noſſe geweſen war. Falks Jammer überſtieg faſt die Gränzen ſeiner Kraft bei dem Anblicke, und mehrmals kam ihm der Gedanke, ſich die narbenvolle Stirne an dem zackichten Mauerwerke ſeines Käfigs zu zerſchlagen. Dazu wurde das Wachtpiket drunten immer trunkener, und ſang ihm immer lauter und jubelnder Spott⸗ und Schimpflieder hinauf.. Leerer war die Heerſtraße geworden, als der Abend kam; ferne Signale zeigten den Marſch der Fliehenden wie der Verfolgenden an. Beklommener noch ward dem Ritter in ſeinem niedrigen Raum, als ſein Adlersauge fern im Felde ein Häuflein Krvaten erblickte, die mit wilder Luſt zwei Spione an einer alten Eiche aufknüpf⸗ ten, da ſah er eine Marketenderin mit zwei Eſeln her⸗ anziehen, der erſte trug ſie, der zweite war beladen und wurde von einem Buben geführt. Zum Thurme rief der Korporal das Weibchen, und nachdem er ihr mit vornehmem Geſicht die Börſe des Oberhofmeiſters vor⸗ gewieſen und ein großes Silberſtück herausgenommen, das er ſpringen laſſen wollte, ſchwang die Marketende⸗ rin ſich von ihrem trägen Thierlein, öffnete die Decke des Gepäcks, und nahm ein Sudeltönnchen und ein Körb⸗ chen mit Lebensmitteln herunter. Bald ſaß das Wach⸗ kommando am Rande des Grabens im Kreiſe bei vollen Gläſern, und geſchäftig bediente das Weibchen die dur⸗ ſtigen Kriegesgurgeln. Dein Getränk iſt gut, lobte wichtig der bärtige Un⸗ teroffizier, und fließt wie Oel durch den trockenen Weg, den das Kommandiren hart gemacht, doch fehlt noch —— 393 Eines, ſoll der Siegestag gefeiert werden, wie's ihm zukommt. Ich ſitze hier an des Kaiſers Statt, komm, ſetze Dich her, und präſentire die Frau Kaiſerin, und empfange die Gratulation mit mir. Ein ſchmuckes Wei⸗ bel biſt Du, und Dein Mann muß ein dreiſter Geſell oder ein alter Tölpel ſeyn, daß er Dich, junges Blut, ſo unter dem Kriegestroß herum hauſiren läßt. Dein Schelmengeſicht unter dem großen bebänderten Filzhute macht mir das Herz ordentlich warm, darum zier' Dich nicht, ſetz' Dich heran und trink mit uns, natürlich zahl' ich auch Dein Theil. Mein Hauptmann ſagt immer: Ohne die Weiber wäre die Welt ein Eſelſtall! und der verſteht's.— Ja, ohne Weiber die Welt ein Eſelſtall! brüllte die halbtrunkene Rotte nach. Der Korporal haſchte die Einſchenkende am Schürz⸗ chen und verſuchte ſie heranzuziehen, das Weibchen machte ſich aber gewandt los von dem zu täppiſchen Ge⸗ ſellen, und zurücktretend ſprach ſie im frechen Tone, das Köpſfchen ſtolz in den Nacken werfend: Mit Gunſt, das laßt mir unterweges, ſollen wir Freunde bleiben. Euer naſſer Raſen wäre mir ein rechter Sitz. Wir ſind Beſ⸗ ſeres gewohnt, wir gebören zum Stabe des Herzogs Julius Ernſt von Sachſen-Lauenburg, und ſtehen in beſonderer Gnade bei dem erlauchten Herrn. Alſo des Herzogs Schatz wohl gar? ſpöttelte der Korporal. Will der auch im Felde etwas Beſonderes haben? Biſt aber doch eine Thörin, Weibel! So ein Herr wird's Einerlei bald ſatt, indeß ein alter Kriegs⸗ kumpan wie ich ſich an Dich ſchlöße auf Leben und Tod. Sattle um! Verſuch's mit mir, Du ſollſt es ſo gut haben wie mein Stückknecht und noch drüber. Auf ſolch hohes Anerbieten beſinnt man ſich, lachte 394 die Marketenderin, und trug einen neuen Krug von ih⸗ rem Thiere heran. Laßt ſie gehen, Schmidt, flüſterte einer der Arkebuſiere dem Korporal zu. Der Lauenburger iſt ein Hitzkopf, und es könnte Euch den Dienſt koſten. Ich ſelbſt ſchil⸗ derte einſt am Geſchütz vor ſeinem Gezelt, als er die da an ſeiner Hand herausführte und mit ihr ſprach und umging, als ſey ſie gar was Rechtes und die Sudeltonne nicht ihr Wappen. Damals trug ſie aber nicht das un⸗ gariſche Pelzchen und den Filzhut, ſondern ein frommes Pilgerkleid.— Den Ritter droben ekelte das Geſchwätz an, und er zog ſich in die Tiefe ſeines Kämmerleins zurück, ſetzte ſich auf die Steinbank, die rund im Thurme an der Wand hinlief und haſchte nach der Reſignation, die ſein Schickſal forderte, wollte er anders nicht un⸗ männlich darin beſtehen. Wie erſchrack er in überraſchender Freude, als nach einem Halbſtündchen leiſe das Schloß klirrte, leiſe das Pförtchen aufging, und die Marketenderin auf der letz⸗ ten Stufe der Wendelſteige ſtand und in bekannten Tö⸗ nen ſeinen Namen rief. Er konnte nicht einen Augen⸗ blick zweifeln: es war Erika. Sie winkte ängſtlich und ihr Finger gebot Stillſchweigen. Schnell folgte er ihr hinab, durch den Kreis der Soldaten, welche ein Schlaf⸗ trunk gebunden hielt, ſchneller der Flüchtigen ſodann die Straße hinauf. Keine hundert Schritte von da lag ein Büſchchen von Hainbuchen, an ſeinem Vorſprung wie⸗ herte dem Ritter ſein Rappe fröhlich entgegen, auch Hanſens Brauner und Erich's Polack war dabei, und alle drei hielt ein baumlanger Heiduck an den Zügeln. Trotz der Pickelhaube und dem ungeheuren Sarras und dem derben Zwickelbarte erkannte Roſenau's Scharfblick 395 den Heinz von Eddinghauſen in ihm, indeß verſtummte ſeine Fragluſt durch des Mädchens Aufruf zur Eile. Ein Päckchen nur nahm ſie vom Packeſel, reichte es dem Hei⸗ ducken, und ſchenkte Eſel und Laſt dann dem Buben für ſeinen treuen Dienſt; raſch, wie der beſte Reitersknecht, ſchwang ſie ſich dann auf den Polacken, Falk und der Heinz beſtiegen Rappen und Knechtsgaul, und, die flinke Führerin voran, ging es wie auf Sturmwindes Fittich über die Straße, durch Kreuz⸗ und Querwege und über Buſch und Hagen. Mehrere Male rief des Ritters Un⸗ geduld der Jungfrau freundliche Worte zu, doch mit einem rückwärts geſandten Liebesblick bat ſie um Still⸗ ſchweigen, und ſpornte nur ſchneller das Roß. Der Ritter mußte Luft haben für die beengte Bruſt und ließ ſich darum in ein Geſpräch ein mit dem nebenher tra⸗ benden langen Burſchen. Aber wie kommſt Du denn zu uns? Und warum ließeſt Du Haus und Hof? fragte er. Wohl iſt das eine Art Wunderſtück, antwortete Heinz mit einer Stimme, durch deren Tiefe doch ein Schwer⸗ muthston durchklang. Als die Erika fort war, und mich dicht vor dem Kirchgange hatte ſitzen laſſen allein und einſam, war Haus und Wald leer und öde geworden, und die Eichſtämme und das Hoch⸗ und Schwarzwild mußten unſern Unmuth entgelten. Als aber Boten ka⸗ men und ſie Briefe ſchickte und Geld dabei, das ſie ſelbſt als Kriegsbeute gewonnen mit der kleinen Hand, da ſchalt Vater und Mutter nicht mehr, und ich auch nicht, denn wenn ſie ſpricht oder ſchreibt, iſt es immer gewe⸗ ſen, als wenn Niemand Recht hätte als ſie. Und ſie hat's auch immer gehabt! entgegnete der Ritter tiefſinnig. 396 Als Ihr in Meppen krank lagt, fuhr Heinz fort, ließ ſie mich zu ſich holen, und ich kam gern, und hatte den Sack voll Vorwürfe, und wollte recht grollen. Als ich ſie aber ſah und hörte, wie ſie vornehm geworden und was Großes, da blieben die Vorwürfe im Sack, und ich machte mir eine Ehre daraus, dem Mühmchen Wächter und Leibknecht zu werden. Manches wurde mir ſeitdem deutlich, und hätte ich Euch damals im Brunnen auf der Pleſſenburg liegen gelaſſen, wäre manches nicht ſo gekommen. Doch es iſt einmal ſo, und drum muß man ſich drein finden, und überdem kam mir die Muhme von jeher vor, als paſſe ſie nicht an den Rauchherd zu unſer einem, als ſey ſie zu etwas Höherem beſtimmt. Nun, wenn's ihr nur gut geht bei Euch, dann wird der lange Heinz auch nicht ohne Freude abziehen. Die Treuherzigkeit des braven Burſchen rührte den Ritter und ſprach ihm zugleich in das Gewiſſen. Du bleibſt bei uns, ſagte er mit Haſt, und ſollſt es ſo gut haben wie wir ſelbſt.— Heinz zog die Pickelhaube tief in die naſſen Augen, und Falk hatte auch Wort⸗ und Redeluſt verloren. Sie berührten nun das Dorf Limber, und der Fähr⸗ mann ſetzte ſie über den Fluß. Bald ſahen ſie däniſche rothe Dragoner reiten, bald ragte Stadt Hannover durch die Dämmerung mit ihren Thurmſpitzen und hohen Gie⸗ beln, und als der Abend ſich in die Arme der Nacht legte, welche den Buhler raſch mit ihrem Sternenſchleier verhüllte, nahm auch die Reiter der dichte Buchenwald auf, welcher die Oſtſeite der mächtigen Stadt umkränzte. Von ihrem Gaule warf ſich das Mädchen. Nun ſeyd Ihr gerettet! bis hieher reicht keine Streifwache, rief ſie mit dem unnachahmlichen Tone des tiefſten Gefühls, fiel 397 auf die Kniee, und betete laut hinauf zu dem Vatergott über den Sternen, die jetzt überall licht wurden.— Als ſie ſich erhob vom grünen Moosboden, umfing ſie des Ritters Arm. Biſt Du Menſch, oder biſt Du Engel, und wirſt Du nun wieder verſchwinden für mich wie zu Stadtloo? fragte Falk mit Innigkeit.— Nie mehr! antwortete ſie, denn ich kenne jetzt Euer Herz.— Wie das? fragte Roſenau erſtaunt.— Ruhig ſchläft der treue Hans, entgegnete betrübt das Mädchen. Ach! daß er mein Glück mit ſeinem Blute weihen mußte! Er war der Vertraute meiner verborgenen Liebe, er war der Freund meines einſamen Grams. Ja, Falk! die Nacht bedeckt mein Erröthen, ſo höre denn mein Geſtändniß. Als Du aus des Wildhüters Hütte am Pleſſenberge fort⸗ zogeſt, nahmſt Du meine Seele mit. Ein Geiſterarm zwang mich, ich mußte Dir nach, nur wo Du wareſt, war Leben für mich. Als Dein Knecht Erich näherte ich mich Dir, oftmals trennte uns nur eine Zeltwand bei Tage wie in der Nacht, aber Deine Vergangenheit ſtieß mich von Dir. Mein Blut, mein Leben konnte ich Dir opfern, doch nicht meine Tugend. Dein beſſeres Ich hat geſiegt! Eine Aurora konnteſt Du verlaſſen, entwei⸗ chen von ihr, als mein Bild vor Deine Seele trat, ſo glaube ich mich ſicher in Deiner Liebe und gebe mich Dir! Berauſchender Wechſel, den kaum mein Herz erträgt! jauchzte Falk. Bin ich denn noch nicht ſo verſchlechtert, daß Solches um mich geopfert werden kann? Ja, ich ſchwöre die Umkehr und Reue und heilige Treue! Was Du thateſt, hat noch kein Weib gethan um den Mann, und zu den niedrigſten Verräthern gehörte der Verbrecher an Dir. Doch wie konnteſt Du allein in ſolch Wagniß Dich werfen? 398 Die Unſchuld iſt ſtärker, als ihr Männer glaubt, antwortete Erika feſt. Wem der Tod weniger iſt als ein Laſterleben, der geht ſicher durch die wüſteſte Geſell⸗ ſchaft. Der Dolch auf meiner Bruſt und Gottes Auge über mir waren meine Schützer. An ſein Herz herauf zog ſie der ſtarke, hohe Mann, und die erſten Liebkoſungen ſo lang und ſchwer geprüf⸗ ter Neigung umſpannen Beide mit dem Netz der Be⸗ täubung. Die Roſſe, vom langen Heinz gewartet, hatten ſich indeß gütlich gethan am fetten Waldgraſe, und das Wie⸗ hern des Rappen weckte das Liebespaar aus gefährlichen Träumen. Erika gab auf der Weiterreiſe dem Geliebten Aufklärung über ihr Verhältniß zu dem Lauenburger Prinzen. Jener Brief hatte die Brandenburgerin geret⸗ tet, ſie war dem Zorne des Gemahls ausgewichen und hatte ſich vor der Ankunft der verrätheriſchen Papiere zu ihrem Bruder geflüchtet. Dankbar hatte der Lauenbur⸗ ger ſeitdem dem vermeinten Retter ſeiner Dame Sicher⸗ heitskarten geſchickt, wo, wann und wohin Erika's Bo⸗ ten verlangten.— Welche Tage folgten dieſem furchtbar⸗ ſten und beglückendſten zugleich! Jede Stunde trieb eine neue Blüthe, jede Stunde bot einen friſchen Nek⸗ tarbecher. Die Vergangenheit war nicht mehr da, und nur in den weichen Halmenwellen der Gegenwart wiegte ſich das liebende Paar. Umgewandelt ſchien ſich ſelbſt der Ritter Falk: ſeine Heftigkeit war Güte geworden, das ſengende Kometenfeuer ſeiner Augen hatte ſich gemildert zur ſanften Leuchtflamme des Pharus, dem getroſt der Wanderer und Schiffer nachzieht, die Begier hatte dem zufriedenen Entzücken Platz gemacht. Langſam und bequemlich reisten ſie. Wo gab es für 399 ſie jetzt noch Zeit und Zweck und Ziel? Die Augen⸗ blicke, welche nicht der Liebe geweihet wurden, füllten Erika's Erzählungen, und was hatte ſie nicht dem Sohne Alles von dem Vater zu erzählen, der in ihren Armen verſchieden war und auf ihre reine Stirne den Segen übertragen hatte, dem der Sohn in jugendlichem Unge⸗ ſtüme ausgewichen war. Zugleich lieferte die Braut dem Verlobten ein Käſtchen aus, welches ein goldenes, reich mit Juwelen geſchmücktes Kruzifir verbarg. Ich ver⸗ ſtehe Deinen letzten Wunſch, mein Vater! ſprach Falk, mit benäßtem Auge die letzte Vatergabe an die Lippen drückend. Aber Du wohneſt jetzt da, wo kein Vorurtheil, kein Menſchenſpruch die Seelen trennt, und heller ſiehſt auch Du jetzt im Lichte des Allerheiligſten! Einige Steine der koſtbaren Reliquie reichten hin, um in der nächſten Stadt dafür einzutauſchen, was Erika bedurfte, um als Fräulein von Nothhelf oder als Frau von Roſenau an jedem Hoflager anſtändig aufzu⸗ treten, und Falks inſtändiges Bitten, der, ſo oft vom Schickſale gepeitſcht, die höchſte Sicherheit ſeines Glücks nicht früh genug ſich nehmen konnte, bewog die ſchämige Jungfrau dem letztern Titel den Vorzug zu geben. In einem celliſchen Dorfe legte ein evangeliſcher Prädikant die Hände der Brautleute zuſammen, und die Liebe, welche am Mordfeuer des Krieges ihre erſten Keime ge⸗ trieben, wurde jetzt zur Blume, zu Kranz und Frucht am friedlichen Herdfeuer einer ſtillen Bauernhütte, und unter dem Baldachin eines bemvosten Strohdaches ſetzte die Natur zweien ihrer vollendetſten Weſen die Kaiſer⸗ krone der Menſchheit auf die glühenden Stirne. Falks Triumphatorblick, Erika's feuchtes Auge und der er⸗ höhte Reiz, der auf den blühenden Wangen lag, ſprach 400 es aus, als ſie Arm in Arm erwachten, daß um keinen Fürſtenhut, um keinen Erdenthron ihnen das Glück feil ſei, das ſie jetzt ihr nennen durften. Das Ziel der ſchönen Reiſe war erlangt: Wolfen⸗ büttels Thore nahmen ſie auf, und die Bürgersleute liefen an den Thüren zuſammen, als das ſchöne Ehepaar, er blank im neuen Waffenſchmncke, ſie ſchöner noch in knapp anſchließendem Reitkleide, durch die Gaſſen daherzog. Viel Kriegsgezeug fanden ſie aufgehäuft auf den Plätzen, doch der Herzog ſelbſt hielt gerade Muſterung und gab dabei wochenlange Ritterſpiele auf einer Ebene, einige Meilen von der Stadt. Beide beſchloßen ſich auch dort⸗ hin zu begeben, und als Falk hörte, daß auch Levin von Eulenyorſt wieder im Gefolge des Herzogs verweile, ſo beſchloß er, trotz Erika's Warnung, ihm und ſich ein Verſöhnungsfeſt zu bereiten, und ließ dazu eigens von einem wackern Waffenſchmiede ſein Schildzeichen um⸗ ändern. Was kann er mir nehmen? fragte er das kopfſchüt⸗ telnde Dämchen. Was kann er jetzt noch hindern, was wirken? Unverwüſtlich iſt mein Glück, und Du wacheſt wie der feurige Engel vor meinem Paradieſe. Am andern Tage ritten ſie hinaus, und bald erſchien ihnen, an ein freundlich Dorf gelehnt, das Luſtlager des Fürſten. Ein hohes Gebäude hatte der Herzog für ſein Gefolge und die Damen der Gegend aufführen laſ⸗ ſenz daneben lag der Tunierplatz, mit Schranken umſtellt, Trompeten ertönten rundum, und Lanzen mit bunten Fähnlein umſchloßen den Kampfplatz, als wär's ein⸗ hundert Jahre früher, und Waffenſpiel und Carouſſel 401 wurde inerhalb der Barriéren getrieben, als gälte es Ernſt und Ehre. Mit Freude und Auszeichnung empfing Chriſtian den Roſenauer und führte ſelbſt die Dame, in der er ſeinen Lebensretter ehrte, zu dem Balkon hinan. Falk ſenkte indeß ſein Viſier, beſtieg den Rappen und ritt gegen die Schranken. Eben ſollte das Spiel mit ſtumpfen Lanzen zu Ende gehen, und der Eulenhorſter hielt als bisheriger Sieger auf der Mitte des Platzes, da ließ ſich Falk die Schranken öffnen und eine Lanze reichen. Das Zeichen erklang; der Eulenhorſter legte ein und ſprengte an, doch wie vom höchſten Schreckensſchlag gelähmt ſank ſein Arm und der Speer mit ihm, als Roſenau den Schild vorwarf und ſeinen Rappen wie zur Parade heran tanzen ließ. Wer that mir das? rief Levin, warf die Lanze hin und riß ſich den Helm vom Haupte, ſo daß das erblichene Geſicht ſichtbar wurde. Wer wagt es, die Eule mit einer blühenden Roſe im Schnabel zu führen und ſo zu höhnen mein Wappenſchild?— Es ſei unſerer Verſöh⸗ nung Sinnbild! Vereinigt ſei wieder Eule und Roſe für immer! rief Falk, das Viſier aufwerfend und ſich vom Roſſe ſchwingend.— Du biſt es? Du bringſt mir dieſes Bild entgegen voll Bedeutung? Und heute iſt der drei⸗ zehnte Oktober? ſtammelte Levin nach einander her. Schnell dann ſich ſammelnd reichte er dem Waffenbruder die Rechte, ſtieg auch vom Sattel und drückte ſeine Bruſt an die des Freundes, und rundum jauchzte Alles von den Roſſen, an den Schranken und auf den Tribünen, denn die Bravheit beider Ritter ward allgemein bekannt, und ihre Gegenwart ſteigerte den Muth und die Kampf⸗ luſt in allen hier verſammelten Kriegsleuten. — Blumenhagen. XIII.. 26.— 402 Ein prachtvolles Bankett ſollte den Ritterſpielen fol⸗ gen, und zuletzt ein Tanzfeſt die Nacht zum Tage wan⸗ deln. Falk begab ſich nach der Dorfſchenke, wo ſeine neugemietheten Leute Ablager gehalten, um das ſchwere Stahlwerk auszuziehen und ſich mit leichteren Feſtklei⸗ dern zu ſchmücken. Schon fand er ſeine Gattin dort, und mit Verwunderung ſah er in ihren Armen die kleine Felicitas aus Meppen, doch auch zugleich auf Erika's Stirne eine ſchwere Wolke der Beſorgniß, welche ſelbſt den Glanz der ewig hellen Augen umſchleierte. Sieh da! meine kleine Braut! rief Falk dem Kinde mit jener Fröhlichkeit entgegen, welche ein ſorglos Ge⸗ müth und ein Serz ohne Haß bezeichnet. Schade, daß Du zu ſpät kommſt und nun ſtatt der Hausfrau nur mein Töchterchen werden kannſt.— Sie wird Dir vielleicht mehr als Beides! entgegnete Erika ernſthaft. Mich haſt Du zu irdiſcher Natur herabgezogen, und ich kann darum nicht mehr Dein Schutzgeiſt ſein. Sieh, da ſchickt Dir die Vorſicht einen andern Engel, kindlich-rein, wie ich es war, und Du mußt deßwegen doch wohl etwas werth ſein. Falk fragte nach dem Räthſelwort, und ſie erzählte. Im Dorfe hatte Erika die Kleine gefunden, ſie ſchnell erkannt, dann als Bekannte des Knappen Erich, der ihr auf der Harfe zu Meppen vorgeſpielt, ſie angelockt und mit des Ritters Roſenau Namen feſtgehalten. Das Kind plauderte hierauf nach Mädchenweiſe vieles und man⸗ cherlei und erzählte zuletzt auch, wie es mit dem Vater und zwei fremden Männern vornehmen Standes jüngſt nach Wolfenbüttel gekommen. Manches Wort der Kin⸗ dergeſchſchte machte die kluge Frau ſtutzig, ſie fragte hin und her, und was ſie aus Allem ſich als wichtig zu⸗ ſammenſtellen konnte, blieb Folgendes: 403 Kaum hatten die lutheriſchen Fürſten und Kriegshelden Weſtphalen geräumt, ſo trat der Baptiſt, der Münſterer und Osnabrücker, wieder überall gebieteriſch auf, und jede Anhänglichkeit, jeder noch ſo zufällige Verband mit jenem wurde gerächt und geſtraft. Bald nachher kamen Gäſte zum Doktor Melas, forſchten genau nach dem Braunſchweiger Herzoge und auch nach dem Ritter Ro⸗ ſenau, und das Geringſte, was von Beider Aufenthalt zu Meppen erzählt werden mochte, ſchien ihnen wichtig genug, es anzuhören und zu merken. Der Eine der Gäſte mußte Ritter Levin von Eulenhorſt geweſen ſein. Der kahle Scheitel, das dünne Haar am Rande des Kopfes war eine Tonſur, die Vogelnaſe, das dunkel⸗ rothe Wams, der Halsſchmuck, welcher in einem roſa⸗ farbenen Steinkreuz an einer Kette von kleinen Gold⸗ roſen beſtand, die ganze Beſchreibung des Kindes konnte nur auf dieſen Einen paſſen. Den Andern beſchrieb die Kleine dagegen wie einen Ordensgeiſtlichen, der einem Jeſuiten in Tracht und Benehmen ähnlich geweſen ſchien. Doktor Melas empfing dieſe Gäſte damals ſehr freund⸗ lich und räumte ihnen ſein halbes Haus ein. Sie ließen viel Gold und Precioſen ſehen, und in leckern Speiſen und theurem Getränk ging viel drauf. Vorzüglich Abends kamen ſie fleißig im Stübchen des Doktors zuſammen, in deſſen Alkoven Felicitas ſchlief, und die neugierige Kleine, welche man längſt ſchlafend glaubte, erhorchte dann, wie ſie während des Pokulirens warm und heftig ſprachen vom Kaiſer und von des Reiches Feinden, und wie gewiſſe Menſchen verbrannt werden müßten im feier⸗ lichen Auto da Fe mit Haut und Haar, den Ketzern zum Warnungsexempel, und wie derer der höchſte Lohn vom Kaiſer wartete, welche es wagen würden, die wider⸗ 404 ſpenſtigen Fürſten, ſei es auf welche Weiſe, zu bezwin⸗ gen und unſchädlich zu machen. Auch Herzog Chriſtians Namen hatte das durſtige Kleeblatt oft im Munde ge⸗ tragen. Bald darauf zogen die Gäſte wieder ab, und Doktor Melas arbeitete nun ſehr viel in ſeinem Labo⸗ ratorio und bereitete ſorgfältig eine Arznei, welche er im Kriſtallfläſchchen in einem verborgenen Wandſchranke verwahrte. Vor einigen Wochen waren die Gäſte wieder eingekehrt und hatten mit Wagen und Roß den Doktor nach Wolfenbüttel abgeholt, der denn auch ſein einziges Töchterchen auf der Luſtreiſe mitgenommen. Dem ſcharf⸗ ſichtigen Kinde fiel dabei auf, daß der vorige Geiſtliche jetzt im Ritterkleide und mit einem kleinen Schnauzbart einherſchritt, und daß jenes Kriſtallfläſchchen, ſorgfältig eingepackt, die Reiſe mitmachen mußte. Und was denkt meine kluge kleine Frau von der Ge⸗ ſchichte? fragte Falk mit umwölkter Stirne.— Daß ein großes Bubenſtück, daß eine furchtbare Unthat im Werke iſt, antwortete Erika. Vielleicht ward das heutige Gaſt⸗ gebot auserſehen, die beſten der evangliſchen Ritter als Opfer des Fanatismus und des Eigennutzes zu ſchlach⸗ ten, und die ewige Vorſicht ſendete in dieſem Kinde nicht uns allein, ſondern vielen Edeln und Braven den Schutz⸗ engel. Und ſo meinſt Du, ich ſollte gerade heute, wo ich ihm Verſöhnung entgegentrug, dieſen Levin an das Schlachtmeſſer liefern? fragte Falk düſter und mit ge⸗ ſenkten Augen. Auch will mir's nicht klar werden über ihn. Er focht ſo treu an des Herzogs Seite. Wie viel leichter und unverdächtiger hätte er ſolche Blutthat hin⸗ terrücks in der Feldſchlacht durch einen meuchleriſchen Schwertſtoß oder eine heimliche Kugel vollführen können! 405 Wer weiß, was ſeine Hand feſſelte bis heut', ent⸗ gegnete Erika, die durch ihres Gatten Schwanken ängſt⸗ licher wurde. Vielleicht war das Opfer noch nicht reif; vielleicht war der Preis dafür noch nicht hoch genug geboten. O der treue ſelige Hans zeichnete mir ſchon in meiner erſten Liebesſtunde dieſen als Deinen und meinen Teufel! Wenn Dir meine Ruhe lieb iſt, gehſt Du nicht zur Tafel, und den Herzog laß mich warnen durch ein Brieflein.— Was hätte es denn aber mit mir für Ge⸗ fahr? fragte Falk verwundert.— Erika ſchmiegte ſich in⸗ niglich an ſeine breite Bruſt. Du biſt mir ein ſchwer gewonnenes Gut! ſagte ſie mit höchſter Herzlichkeit. In Dir verliere ich Alles, wie ich Alles in Dir beſitze. Folge drum meiner Ahnung! Hätteſt Du gleich mir gehört, wie Dein ſterbender Vater die Feindſchaft dieſes Eulen⸗ horſters ſchilderte, hätteſt Du heute gleich mir vom Bal⸗ kon das funkelnde Auge dieſes Levin geſehen, als er nach kurzem Beſinnen Deine dargereichte Hand nahm, erſt den Schreck des Verbrechers, dann den Hohn, und Hdaß und Triumph zugleich auf ſeinem Antlitze, Du wür⸗ deſt unbedingt mir Folge leiſten. Und werd' ich's denn nicht? ſagte Falk mit leichtem Lächeln. Für das, was Du mir brachteſt, iſt jede Ge⸗ gengabe ein ſchamhaftes Geſchenk der Armuth. Deine Wünſche ſind mir Befehle und Geſetztafeln, denn Du wünſcheſt nur mein Glück. Laß das Bankett abſagen. Der Herzog will mir aus den Neugeworbenen ein Re⸗ giment ſchenken; ich reite ein Stündchen hin, die jungen Leute anzuſchauen, und nehme das als Entſchuldigung. Thue Du indeß das Deinige, aber mit Vorſicht und Schonung. Ein inniger Kuß ſchied Beide. Falkging hinab und ließ ſatteln; Erika ſetzte ſich zum Schreibzeuge und ————— 406 ſchrieb wenige Warnungsworte, in denen ſie dem Herzog ſeine muthmaßlichen Feinde genau genug bezeichnete und vor Allem ihm die Warnung gab, keines der Getränke beim Mahle unkredenzt zu genießen. Der Tag ging auf die Neige. Schon waren die fern herüber tönenden Heerpauken und Trommeten verſtummt; man ſah die Ritter einzeln und zu Fuß und Roß ihre Quartiere ſuchen oder ihren Zelten zueilen, um ihren dritten Prunkanzug anzulegen und damit angethan im Tanze zu glänzen. Ritter Roſenau hatte eben einen Brief vollendet und beſiegelt, der an den Kaſtellan auf dem Roſenſteine ge⸗ richtet war und dieſem die Vermählung ſeines Herrn kund that und ihm die Bewohnbarmachung des alten Schloſſes anbefahl; Frau Erika ſetzte die Harfe weg⸗ welche ſie vom Wirthe geborgt, und die ihr in alten Liederklängen die Zeit vertrieben; da ertönte Angſtgeſchrei und Wehklage auf dem Vorplatze, und die kleine Feli⸗ eitas lief, zitternd wie Laub der Espe und weiß wie ein Altartuch, in die Arme der Ritterfrau. Helfet, Herr Ritter! hilf, gute Mutter! ſchrie das Kind und ſchien Krämpfen wie der Ohnmacht gleich nahe. Ach! wie bin ich unglücklich und der arme Vater dazu! Herr Levin liegt im Sterben und ächzet jammervoll, und der Vater, der dazu kam und mit ihm ſprach, ging in die Kammer und hat ſich mit dem Meſſer den ganzen Hals durchſchnitten. Armes, armes Kind! ſprach Erika erſchüttert und umſchlang die Kleine mit Heftigkeit der innern und äußern Bewegung. Erhole Dich; Du biſt nicht verlaſſen! Du biſt mein, Du biſt unſer! 407 Heilige Prophetin! rief Falk aus und umfaßte Beide, es wird Tag, gräßlicher Tag vor meiner Seele, aber ich zittere, in dieſem Lichte zu ſehen. Indem er noch redete, ſprang wiederum die Thüre auf und herein platzte Jobſt, des Eulenhorſters Knecht, ein Papier in der be⸗ benden Hand. Erzähle! erzähle! drang Roſenau in den Athemloſen. Jobſt aber ließ nur Angſttöne hören und hielt dabei das Blatt immer vor ſich hin dem Ritter entgegen, den eine grauſenvolle Furcht abhielt, das Unglücksblatt anzu⸗ nehmen. Ach du mein Gott! was weiß ich, wie das Alles zu⸗ ſammenpaßt! ſtammelte der armſelige Bote endlich nach langem Verſchnaufen. Mein Herr und der Doktor und der Pater Jeſuit, der hier einen Kriegsmann vorſtellen thut, und Sr. Durchlaucht Kämmerling waren vor dem Gaſtgelage noch recht frohherzig zuſammen in des Vog⸗ tes Hauſe, wo wir eingelegt ſind. Aus den durchlauch⸗ tigen Küchenwagen mußte ich noch vier Flaſchen holen, wozu der Kämmerling den Schein hergab, und die ſie jubelnd bei ſeltſamen und faſt gottloſen Trinkſprüchen ausſtachen. Als wir darauf in den Saal kamen, fanden wir mehrere Tafeln gedeckt, und mein Ritter bekam ſei⸗ nen Platz am Haupttiſche unter den Generalen, gerade dem durchlauchtigſten Herrn Herzoge gegenüber, und ich ſtand hinter dem Seſſel zur Aufwartung. Da wurde mein Herr auf einmal ſehr unruhig und ſchaute beſtän⸗ dig nach der Thüre und nach einem Sitze, der leer neben dem Herrn Herzoge ſtand. Die Durchlaucht bemerkte es und ſagte gnädigſt: Ihr vermiſſet Euren Freund, den Roſenauer! Ich theile Eure Empfindungen! Der Ritter ließ ſich entſchuldigen.— Und wir ſind nun ſelb Drei⸗ 408 zehne zu Tiſch! entgegnete mein Herr mit beſonderer Aengſtlichkeit.— Der Judas iſt alſo noch unter uns! ſagte der hohe Herr leichthin. Oder heget Ihr wirklich den Aberglauben des Pöbels, der keinem evangeliſchen Ritter wohl ſteht? Auch mein Herr lachte jetzt, aber es ſchien ihm nicht von Herzen zu gehen. Der erſte Gang war rund gegeben, und der dienſtthuende Kämmerling, der⸗ ſelbe, der vorher bei uns traktirte, reichte dem fürſt⸗ lichen Herrn ein großes Becherglas voll Weins. Schon war mir armen Burſchen aufgefallen, wie der fürſtliche Hers gar oft meinen Herrn mit ſcharfen Augen ange⸗ ſehen; nun bemerkte ich ebenfalls, daß der Trunk dem Prinzen beſonders anduften mochte, denn er brachte ihn öfters an Mund und Naſe, ſetzte aber immer wiederum ab. Da ſtand er plötzlich auf, hob das Becherglas und ſagte zu Ritter Levin: Mein lieber Hauptmann! Ich habe Euch noch kaum begrüßt, noch nicht Euch Glück gewünſcht zu Eurer wunderbaren Rettung aus dem Treffen bei Stadtlov. Geſchehe dieſes denn jetzt; und damit meine Feldobriſten ſehen mögen, wie ich meine alten Kriegskameraden hoch halte, ſo trinket mir zu aus mei⸗ nem eigenen Pokale! Ich ſah, wie mein Ritter ſichtbarlich erſchrack, wie ſeine Finger zuckten an der Gabel; doch als ſein Ver⸗ ſtummen, als ſeine Zögerung des Herzogs Verwunde⸗ rung zu erregen ſchien, ſtand auch er raſch auf, warf ſeinen Seſſel mit der Ferſe zurück, daß ich ihn kaum vor dem Ueberfall bewahrte, griff nach dem Becher und leerte ihn zur Hälfte auf des Herzogs Wohl. Auch der Herzog trank nach ihm und ſchien nachher bei der Tafel ausgelaſſener, als ich ihn jemals geſehen. Aber daß Gott! Wie ward mir, als die Mahlzeit zu Ende ging 409 und wir zu Hauſe kamen! Alle Flüche des Erdbodens gingen von meines Ritters Mundez er ſtieß ſo gräßliche Reden aus, daß ein gutes Chriſtenkind angſt und bang werden mußte; dabei brach ihm der Angſtſchweiß aus Stirn und Wangen, und ein Schmerz von innen ver⸗ zerrte ihm das ganze Angeſicht. Ich bin hin, bin hin! rief er immer und lief wie ein Unſinniger im Zimmer umher. Aber auch Er, auch Er! Verflucht, daß ich den Roſenauer hier laſſen muß in ſeinem Glücke! Dann beſchrieb er unter Verwünſchungen und in langen Ab⸗ ſätzen dieſes Blatt, und als er es mühſam vollendet, ſtürzte er mit Geſchrei und Schäumen des Mundes auf das Lotterbett und rief nach dem Doktor; doch trieb er mich, fluchend, mit dem Papiere zu Euch, ohne daß ich ihm zuvor Hülfe leiſten durfte.— Falk öffnete jetzt das Papier und las voll Schaudern: Levin von Eulenhorſt eine Viertelſtunde vor ſeiner Höllenfahrt an Falk von Roſenau. Dich muß ein Engel bewahrt haben, und ich ſtehe am Ziele, unerwartet gräßlich, doch verwünſche ich mein Schickſal nur darum, weil ich eine unvollendete Rache zurücklaſſe. Du hielteſt mich für Deinen Buſenfreund, und ſchliefeſt im Arm des Erzfeindes Deines Geſchlechts. Einſt ſtahl mir Dein Vater eine Seligkeit für hier und dort, ſtahl mir meine einzig Geliebte. Fühlſt Du das? Kannſt Du das fühlen, Du Menſch der Sinne, Du Schmarotzer in der Liebe? Ich ſchwur ihm mit den gräß⸗ lichſten Schwüren unauslöſchlicher Rache, Rache auch hin⸗ überreichend über Zeit und Grab und Erdenraum. Sein Weib, ſeine, einſt auch meine Angebetete, fiel durch mich; ich konnte Alles ſeit dem Tage, auch ſchlachten den Lieb⸗ 410 ling! aber ſein Gram um ſie war mir zu kurz, zu wenig quälend; da warf das Schickſal Dich in meine Hände, Dich, ſeinen Abgott, ſeinen Einzigen. Jener Tag war der glücklichſte meines Lebens. Ich war zum Orden der Kreuzroſe in Nürnberg getreten, und ein al⸗ ter Meiſter des höchſten Grades der Magie hatte mir einſt mein Horoskop geſtellt. Die Dreizehn war meine Lebenszahl, von ihr kam mir Heil und Leid. Hüte Dich vor dem Dreizehnten jedes Monats, vor dem Jahre, das eine Dreizehn enthält; iß nie mit Dreizehn zu Tiſche; doch kannſt Du ruhig ſchlafen vor Todesnoth, bis einſt der Nachtvogel, der Deines Stammes Schildzeichen iſt, Dir im Schnabel eine blühende Roſe entgegen trägt. Feſt zuſammenbinden wie Lilie und Diſtel wollte ich mein Horoskop und das einzige Geſchäft meines Daſeyns; die Rache. So ſchwor ich mir denn ſelbſt auf die geweihte Hoſtie, mich an Dich zu hängen wie ein blutſaugender Vampyr und zu verderben Dein Herz wie Deine Seele; ich ſchwor mir, an jedem Dreizehnten des Monats— das war auch der Unglückstag, wo Dein Vater und meine Geliebte am Altare mein Herz zerbrachen— Dich zu irgend einer Frevelthat zu verleiten, und könnte ich's nicht, dann den Tag mit Faſten zu büßen. O es gelang mir trefflich! Der ſchönen Dreizehner ſtehen gar viel in meinem Kalender, und mein Herz jauchzte bei jedem neuen Siegeszeichen. Der Lutheraner war nur meine Maske, damit Du ein Abtrünniger werden mußteſt, ſo Dein Vater den Todesſtoß von mir erhielt und zwiſchen Dir und ihm ein ewiger Spalt ſich aufthat. Ich ſchreibe Dir dieſes, damit mein Rachewerk nicht ſterbe mit mir, ſon⸗ dern fortdaure nach mir, damit Du wie ein jämmer⸗ licher Schulbub an meiner Leiche ſtehen mögeſt, damit 411 die Idee, daß Du ein elender Federball wareſt in meiner Fauſt, Deinen Dünkel peitſche und alle die Lichtkugeln Deiner Aufgeblaſenheit zerſprenge. Das Schickſal riß mich aus meiner Bahn und wollte höhere Werke von mir. Zum Rüſtzeuge der Kirche auserwählt, vergaß ich eine Weile mich und Dich; doch am Tage der Entſchei⸗ dung liefeſt Du mir wieder in den Weg, und ich freute mich, daß das Gericht der Kirche zugleich mein Rache⸗ gericht werden konnte. Du ſollteſt aus demſelben Pokale mit dem unbändigen Reichsfeinde und Spötter alles Hei⸗ ligen dem Leben Valet trinken. Der Geiſt des alten Roſenkreuzers warnte mich; die Jahreszahl 1624 gab addirt die böſe Dreizehn, und in. dieſem Jahre verpflichtete ich mich zu Chriſtians Verfol⸗ gung. Du ſelbſt trugeſt mir das Zeichen des Verderbens als Dein Schildzeichen entgegen: die Eule mit der Roſe im Schnabel; es war dazu der Dreizehnte im Monate, und ich faſtete nicht, und Du ſündigteſt nicht, und drei⸗ zehn Gäſte ſaßen an Chriſtians Tiſche. Warum folgte ich der Warnung nicht und rannte ſelbſt in das Garn, und muß nun wüthen über die eigene, ungläubige Ver⸗ ſtocktheit? Ich war eingedenk des Eides der Roſenkreuzer, und habe den Tod genommen ſtatt des Verraths. Das Gift wühlt in mir, es gibt keine Rettung dagegen; aber in meiner Höllenpein letze ich mich an Deiner Verdor⸗ dorbenheit, die keine Reue und keine Erika wird beſſern können. Ich ſehe Euch Beide verbluten am Meſſer der Eiferſucht durch Ehebruch und Untreue in fremder Buhl⸗ ſchaft. Das tröſtet mich, das kühlet meine freſſende Gluth wie Balſam und Antidot. Fluch Dir und Deinem Stamme! Mein Geſpenſt wird der Thurmwart Deines Schloſſes werden, ſo lange, bis es jubelnd aus den Flammen k.— ———————,—* 412 Deines eingeäſcherten Familienhauſes aufſteigen kann zu einem Jenſeits, wo ich Vater und Sohn erwarte, meine Feindſchaft dort fortzuſetzen. Vergiß mich nicht! Wenn Dein Herz verzweifelt, wenn Du im Grame vergehſt, wenn der Feind Dein Gut zerſtört, wenn die Leiche Dei⸗ nes Kindes daliegt vor Deinen thränenloſen Blicken, wenn Dein Weib an langſamer Zehrung hinwelkt, bei allem Uebel, das die Erde Dir bringt, gedenke meines Fluches, gedenke Levins von Eulenhorſt! Fort! Fort hin zu ihm! ſtieß Falk hervor, als er laut und mit Zorn und Schauder und Abſcheu den Brief vorgeleſen. Ich muß ihn noch lebend treffen, ich muß ihm ein Wort ſagen von meinem Glücke, und wie es jetzt ausſieht in meiner Seele, damit ſeinen Wahn die Wahrheit zerſtört, damit er nicht mehr groß thut mit ſeiner ſataniſchen Rache. Zerknirſchen muß ich den Ver⸗ lorenen, damit er ſich als Sünder erkenne, damit ſeine Seele vielleicht noch dicht am Grabe gerettet werde. Er wollte fortſtürzen, doch Erika hielt ihn und wollte ihn nicht allein laſſen zu dem Verbrecher. Beide eilten, nachdem ſie einen Mantel umgeſchlagen, in das Dorf hinein. Aus der Wohnung des Vogtes trat ihnen Herzog Chri⸗ ſtian in Begleitung ſeines Geheimſchreibers entgegen. Erblichen war der fürſtliche Held, doch glänzte ſein Auge noch in königlicher Ruhe, und er ſchien völlig gefaßt. Kehret um, meine Freunde, ſprach der Prinz, die Schrecken des Anblicks drinnen ſind nichts für Euch. Nehmt meinen Dank, ſchöne Frau, für Euren Liebesbrief! O warum folgte ich Eurer Meinung nicht eben ſo unbe⸗ 1 41³ dingt⸗gehorſam, wie ich einſt Euer polniſch Rößlein be⸗ ſtieg! Das Bubenſtück iſt völlig klar. Mein Kämmer⸗ ling bekannte und ſtürzte ſich dann aus dem Fenſter des Feſtſaales in die vorbeifließende Oker hinab; der ver⸗ ruchte Eulenhorſt hat ſo eben gräßlich geendet; der gift⸗ miſchende Doktor iſt an der durchſchnittenen Kehle ver⸗ blutet; nur der verkappte Jeſuit hat ſich frech gefangen gegeben mit ſeinem Wahlſpruch: Alles zu Gottes Ruhm! ſich keck entſchuldigt und mit des Papſtes Bannſtrahle ge⸗ dräut, wenn man ihn antaſte. Iſt es möglich, ſo wünſche ich Geheimhaltung der gottloſen Geſchichte, und es iſt drum der Ball abgeſagt, und man bläst im Lager zum Aufbruch, als ſei wichtige Kriegesbotſchaft vom Dänen⸗ könige eingelaufen. Aber Eure Geſundheit? Seid Ihr denn wohl? fragte Falk und Erika mit Einer Stimme. Das Gift iſt in mir, antwortete mit verdüſtertem Geſicht der Herzog, ich ſpüre ſeine Kraft, doch nahm ich ſchon einen Gegentrank und ſtehe in Gottes Hand. Auch Dir, mein treuer Hauptmann und Waffengeſell, war das Gift zugedacht: des Mörders letzte Rede ver⸗ rieth es mir. So höre denn mein Freundeswort und folge ihm: Du biſt ein Ehemann geworden, und wie ich den Krieg zu führen gewohnt bin, taugt mir kein ſolcher; doch bin ich eiferſüchtig auf meine Helden und möchte Dich nicht gern in anderer Feldbinde und unter anderm Commando wiſſen. Dein gelähmtes Bein, Deine venarbte Stirne künden genugſam, daß Du gethan für Vaterland und Lutherthum, was dem Manne zuſtand. Mir ahnet, daß es aus iſt für uns auf lange, denn ge⸗ gen dieſe Meuchlerwaffen können wir nicht kämpfen mit offener Bruſt und offenem Helme. Spare Dich für eine ————————— 414 beſſere Zeit; ziehe heim auf Dein Ahnenſchloß und ge⸗ denke in Deinem Glücke Deines Herzogs, der Dir ein Freund war! Wir ſehen uns wieder! ſetzte er lauter und heftiger hinzu, als Falk und Erika reden wollten, drückte Beiden die Hände und verließ ſie eilig, ſeine tiefe Bewegung verbergend. Schluchzend lehnte ſich Erika an des Gatten Schulter, und ſtill ſchauten ſie dem Für⸗ ſten nach, bis er ihnen aus den Augen war. Beide fühlten, ſie ſahen ihn nie mehr. Was räthſt Du, meine Erika? fragte Falk nach einer Weile. Folgen wir dem Rathe, der faſt wie der Befehl eines Sterbenden klang? Mir iſt es hier wie an einem Hochgerichte, wo böſe Geiſter ihren Umgang halten. Frage Dich ſelbſt, meinte die Edelfrau, ob nicht ſein Vorſchlag in meiner Seele nachklingen muß wie Töne, die vom Himmel kamen. Auf denn nach dem Roſenſtein! Und das zur Stunde! brach der Ritter entſchloſſen aus. Die elternloſe Feli⸗ ritas begleite uns und ſoll, will's Gott! dort nichts ver⸗ miſſen dürfen. Freude glänzte wieder aus Erika's Auge, wie Son⸗ nenblick nach dem Gewitter. Du biſt ein edles, kräfti⸗ ges Gemüth, ſagte ſie; biſt ein reines Goldkorn, das viel Schlacke umgab. Ich will aufräumen, und der teufliſche Brief ſoll zu Schanden werden an dem Glücke, welches Eintracht, Liebe und Treue erbauen. Nur Eines wünſche ich noch: laß mich, bevor wir nach Süden zie⸗ hen, Boten ſenden, daß ich noch einige Gäſte Dir lade zu Mitbewohnern unſeres Burgbannes. Und dieſe Gäſte ſind? fragte Roſenau neugierig. Frau Mechthild aus Mienborg und der kleine Falk, das niedliche Söhnchen der armen Guſtel! antwortete Frau 415 Erika. O verbirg mir die Gluth nicht, welche Deine Wan⸗ gen hinauffleugt! Laß mich auch dieſe Schuld auslöſchen durch den Frauenſchleier, mit dem Du mich ehrteſt, daß ich Dich gereinigt einführen darf in Deine Burgkapelle, um dem treuen Hans dort einen Gedächtnißſtein zu ſetzen. O bin ich denn ſolch eines Weibes würdig? rief Falk aus mit wehmüthigem Entzücken in Stimme und Auge. Ja, Deine Liebe hat geſiegt, hat im kühnſten Kampfe den Mann Deines Herzens dem Verderben entriſſen, ihn gezogen aus dem Strudel der Leidenſchaft, ihn abge⸗ rungen dem zürnenden Schickſale. Führe Du mich fort⸗ hin! Heilig iſt mir Dein Wille, denn eine reine Seele gebiert ihn, und nur das unbefleckte Weib ſteht als Ver⸗ ſöhnerin zwiſchen dem Manne und dem unſichtbaren Weltenrichter. O S III. Der Vertraute. 27 Blumenhagen. KlII. Die Herrenburg des Fürſtenthums leuchtete wie ein Feyenſchloß durch die laue Herbſtnacht. Rauſchende Feſtmuſik tönte oben, wo ein Maskenball den Geburts⸗ tag des Erbprinzen feierte, und unten im unüberſehba⸗ ren Garten, der nach holländiſcher Mode in hohen Hecken und ſeltſam geſchnittenen Baumfiguren prangte, jubelte das Volk der nahgelegenen Reſidenzſtadt, freute ſich der hochſpringenden Fontainen, welche mit bunten chineſiſchen Lampen umkränzt waren, und verſchmauste an den Mu⸗ ſchelgrotten plätſchernder Kaskaden Braten und Wein, welche in großen Buden die Freigebigkeit des alten all⸗ geliebten Fürſten Auguſt allen ſeinen Kindern ſpenden ließ. Die Natur ſchien den Feſttag des tapfern, vielver⸗ ſprechenden Erben eines berühmten Fürſtenhauſes mit⸗ zufeiern. Glänzender wie je funkelten die Geſtirne der Nacht am wolkenleeren Himmel, die runden Gipfel der Lindenalleen wurden kaum bewegt durch den wollüſtig wehenden Athem des Weſtes, der die Düfte der ſpät⸗ plühenden Orangerie, mit der das Schloß umgeben war⸗ überall verbreitete, und die nordiſchen Gärten mit dem Duftſchleier hiſpaniſcher Landſchaften umwob. Eine unerſchöpfliche Muſterwelt für Maler und Poe⸗ ten füllte die langen, traulichen Heckengänge des fürſt⸗ lichen Parks. Hier lagerten bejahrte Bürgersleute in einem offenen Pavillon, und ſprachen mit Begeiſterung von der Gerechtigkeit des alten Herrn und der weiſen Milde ihrer Fürſtin; dort trank im hohen Graſe an der 420 Fontaine ein Dreiblatt ſtämmiger Reiter ohne Gläſer aus den an den Boutiken eroberten Flaſchen guten Fran⸗ kenweines ein Vivat auf ihren jungen Erbherrn, und⸗ lobten ſeine Waffenthaten vor Mainz und in Ungarn und gegen das leichtfertige Franzoſenvolk; tiefer im Garten am grünen Theater ſaß ein junges Liebespaar auf einſamer Bank, theilte den Mandelkuchen nach Tau⸗ benart, und nach ihm die ſüßere Koſt verſtohlener Küſſe, und auf dem großen Platze vor dem Schloſſe Herren⸗ burg drängte ſich um die koloſſalen Statuen römiſcher Götter⸗ und Kaiſerbilder, die von hohen Poſtamenten ſtarr und ernſt auf das ungewöhnliche Gewühl herab⸗ ſchauten, ein farbiges Gemiſch aller Stände, überglü⸗ hender Patrioten, feuerſprühender Trunkenbolde, neu⸗ gieriger Zuſchauer, kecker Spottvögel und leichtfertiger Spaßmacher, und ihr donnerndes Lebehoch tönte wieder und wieder hinauf zu den hellglänzenden Fenſtern des Ballſaales, und übertönte oft ſogar die rauſchende Muſik der Leibgardiſten und machte alle ihre Paukenwirbel unhörbar. Der weite, gewölbte Vorſaal des Schloſſes war der einzige Ort geblieben, wo es ernſt, ehrbar und feierlich ausſah, wie es bei einem ſo wichtigen Feſttage, der Völkerwohl für Jahrhunderte beſtimmte, eigentlich wohl veſtändig und überall ausſehen ſollte. Die herrlichen Ahnenbilder des fürſtlichen Hauſes ſchauten hier aus den ſchweren Goldrahmen herab und ſtanden in ihren Eiſen⸗ rüſtungen ſtolz und gebieteriſch daz ein einziger, aber deſto koloſſalerer Kronleuchter erhellte die große Halle und ließ ſeinen Kerzenglanz ſpielen auf den lang herab⸗ hangenden rothen Damaſtbehängen der vergoldeten Wände und Fenſter. Am Ausgange des Vorſaales paradirten — — W M S —— —— 424 zwei Hellebardiere in ihrer rothen Trabantentracht, alt⸗ väterlich und unbeweglich⸗ anzuſehen wie zwei angeputzte Steinbilder, und zur Seite ſaßen ihre Kameraden auf Wandbänken ehrſam und nur leiſe plaudernd, und ſelbſt das Geraſſel der ſchweren Seitengewehre vermeidend. An der Flügelthüre aber, welche zum Feſtſalon hinein⸗ führte, ruhte ihnen gegenüber im ſammetbeſchlagenen Armſtuhle ihr weißlockigter Hauptmann Blumhelm und ſtarrte mit ſchlafſchweren Augen auf den blankpolirten Eſtrich, und hatte die Weinflaſche vergeſſen und das ge⸗ füllte Kriſtallglas, welche ein gefälliger Hoflakai auf das Tiſchchen daneben für ihn eigends hingeſtellt. Die rauſchende Quadrillenmuſik im Ballſaale ver⸗ ſtummte jetzt, Lakaien flogen hin und zurück durch den Vorſaal, den erhitzten Tänzern von ſilbernen Prunk⸗ ſchüſſeln Erfriſchungen jeder Art zu reichen, und durch die Flügelpforte kam im leichten Tanzſchritte ein hoch⸗ gewachſener Apoll heraus, blickte rundum in der Halle, und trat dann, indem er die griechiſche Maske abnahm, unter der, von blonden Locken umwallt, ein noch geiſti⸗ geres Apollogeſicht hervorleuchtete, zu dem grauen Tra⸗ bantenführer. Nun, mein alter Fechtmeiſter? fragte er verwundert, keck und freundlich zugleich. Du liegſt ja da, wie auf der kalten Feldwache, mürriſch und gähnend, indeß was Odem hat jubelt und in Freude wirbelt, als wäre dieſe die letzte Feſtnacht vor der langen ewigen. Und auch der alte Nierenſteiner verdampft ſein Gold unangerührt? Das hat mehr zu bedeuten. Biſt Du unwohl, alter, ehrwürdiger Freund? Der alte Hauptmann ſetzte ſich zurecht im Seſſel und rieb ſich die Stirne und die Augen, als wollte er tiefe 422 und unangenehme Gedanken verjagen, welche wie Mücken⸗ ſchwärme ihn umſumst hatten. Ihr ſeyd es, Graf Kunigſteen? ſprach er, und ſtellte ſich riſch auf vor dem ſchönen Günſtlinge. Und Ihr ſtellt neben dieſe tolle Feſtnacht das Bild der ewigen Nacht, wo nur Sterne leuchten und gute Thaten? Wun⸗ derbarlich! Heute hätte ich von dem Vertrauten eines tapfern, aber ſehr lebeluſtigen Prinzen, von dem Ver⸗ trauten einer liebenswürdigen, aber zu weichmüthigen Prinzeſſin ſolche ernſte Reflexion am letzten vermuthet. Der Graf nahm des Greiſes Hand. Glaubſt Du, der Glanz blende mich? fragte er gutmüthig. Wenn auch jene Diamantenpracht, jenes Kerzenlichtmeer, die der Sonne ſpotten, das irdiſche Auge ermatten können, mein inneres geiſtiges Auge blickt ſcharf und bleibt ohne Staar. Wer ſteht, der wahre ſich, daß er nicht falle! ent⸗ gegnete Blumhelm ernſt. Und will mir's doch nicht natürlich bedünken, daß Graf Kunigſteen, einſt der Erſte der Freiwilligen vor den mordſprühenden Schanzen zu Ofen, einſt das ſchirmende Schild des Erbprinzen auf dem Walle des Mainzer Kaſtells, jetzt Genüge hat an dem franzöſirten Getändel der Hoffräuleins und ſteif⸗ ſchößigen Kavaliere, und ſich wohl befinden kann in dem Stickduft der Pomaden und Pariſer Riechwaſſer. Alles zu ſeiner Zeit, mein guter Seneka! Das iſt Regel der Lebensklugheit, antwortete lächelnd der Graf. Unſere Schwerter roſten im Zeughauſe, und wo blieben wir jetzt mit der ſchleichenden, triſten Zeit, wenn wir uns nicht damit abgäben, neue Tanzpas zu erfinden, oder eine Serenade fein und ſpaniſch zu ordnen, oder dienſtwillig den Amorsboten zu machen, hier ſchlau ein 423 Schelmbriefchen zu beſtellen, dort einem Abgewieſenen den Korb mit zierlichen Redensarten verdeckt weniger ſchwer zu machen, die Launen des Herrn zu befriedigen oder abzuleiten, damit ſie nicht Dolchſtiche für die Un⸗ terthanen werden, oder ſeinem Zorne einen goldenen Atalantenapfel in den Weg zu werfen⸗ daß er über das glänzende Spielwerk vergißt und im Vergeſſen verzeiht. Graf Kunigſteen weiß in wenig Wortſätzen das ganze allmächtige Leben des Höflings auszumalen, ſogar mit den wenigen ſchönen Farben die vielen garſtigen Schat⸗ ten kühn zu überleuchten, aber daß er ſelber zu dem Zerrbilde ſitzen mag, das— Das will Dir ſeltſam ſcheinen, braver Panzermann? fiel der Graf ein. Tritt in den Saal, und ſchau' ein⸗ mal dieſe bunte Welt an. Alles hat daſſelbe freund⸗ liche Sonntagsgeſicht, Alles dieſelbe Roſenfarbe: da iſt kein Neid, kein Groll, kein Haß; Alle haben keinen Wunſch auf dem Antlitz, als vergnügt zu ſeyn. Es iſt ein wahres Kinderparadies, wo die Unſchuld wohnt und der Lämmerſinn. Ein Diogenes würde mit der größten Laterne vergebens ſeines Gleichen ſuchen, und verſpottet würde der brummende Schmutzbart bald durch Thüre oder Fenſter eine ſchnelle Rückfahrt nehmen müſſen. Ich war drinnen, ſagte der Hauptmann, immer mehr der düſtern Stirnfalten vekommend, und weil ich mir drinnen vorkam wie der Diogenes, welcher verge⸗ bens Menſchen ſuchte, weil ich mir drinnen vorkam wie ein in alten Burgruinen umgehendes Geſpenſt, worin tolle Winzer ihre Bacchusfeſte feiern, ſo ſchlich ich heraus und ſuchte die Unterhaltung bei mir ſelbſt. Und was ſahſt Du denn, Du deutſcher Bär? lachte Graf Kunigſteen. Waren doch Menſchen genug da, und 424 wie geſagt, lauter fröhliche Menſchen, die ihren Reiſe⸗ pack, Sorge, zu Hauſe gelaſſen. Ich ſah mancherlei, antwortete Blumhelm, das weiße Apoſtelhaupt ſchüttelnd und funkelnden Blickes wie ein Petrus, der das Schwert zückt. Ich ſah, wie Prinz Ludwig zwiſchen dem herrlichen Elternpaare unter gol⸗ denem Baldachin ſaß, und wie der Zug der olympiſchen Götter prächtig und faſt endlos heranzog. Alle beſchenk⸗ ten ihn mit pvetiſchen Grüßen und bombaſtiſchen Vers⸗ früchten, Mars gab ihm die unverwelkliche Lorbeerkrone, Neptun weiſſagte ihm die Herrſchaft über das unbe⸗ gränzte Meer, Frau Venus vor Allen hielt einen langen, ſüß⸗zärtlichen Spruch und ſprach mit wunderſam⸗ſchmei⸗ chelnder Flötenſtimme. War ſie auch nicht ſo evennackt wie ihr Urbild aus der heidniſchen Zeit und den Götzen⸗ tempeln, ſo hätte ſie an Auguſtus ehrbarem Hofe immer noch ein Bischen weniger leichtfertig auftreten dürfen. Dann ſah ich ferner, wie ein Zug Arkadier hereinwan⸗ delte, ſie ſich aufſtellten vor dem gefeierten Herrn des Tages, und ihre Landesprodukte vor ihm ausbreiteten. Eine ſchöne Schäferin führte den Zug und ſprach für die Arkadier, ihren Liebreiz erhob die Zucht, welche im Herzen gegen das blaue Mieder pochte und im großen Auge beſcheiden unter dem gelben Strohhute vorſtrahlte, ſie führte zwei Kindlein zum Throne, die höchſten Ga⸗ ben des höchſten Gottes, aber ob die Kleinen noch ſo niedlich ihre Wünſchlein herbeteten, ob eine Thräne darob in der alten Fürſtin Auge blinkte, ob die Schäferin mit noch ſo frommem Mutterblicke an Kind und Vater hing, Prinz Ludwig war mit der Seele nicht daheim, die züch⸗ tige Schäferin blieb unbeachtet, und der brennende Für⸗ ſtenblick ſuchte gar zu verſtändlich im weiten Saale 425 her nach der heidniſchen Frau Venus mit dem weißen blendenden Nacken und in dem durchſichtigen Florge⸗ wande. Da machte der alte Blumhelm, der chriſtlich allen Götzendienſt haßt, ein Kehrt euch, ſprach ein Stoß⸗ gebet, eine Art Litanei gegen Teufel und Türken und Peſt im Weiberrocke, und marſchirte ab auf ſeinen ſtillen Poſten allhier. Alter! Alter! dräute der Graf, Du haſt zu junge Augen. Laß die Pagen und Kammerherren nimmer merken, was Dich heute ſo mächtig wurmt und Deine Zunge zum Wespenſtachel macht. Warum nicht? fragte der Greis. Iſt mein Leib auch morſch und wurmſtichig, meine Seele iſt es nicht wie die Ihrigen. Der alte Baum wird bald von ſelbſt fallen und ihnen Platz machen. Zweien Fürſten dieſes Landes habe ich getreu gedient mit Blut und Leib, und den Dritten habe ich den Sattel und das Schwert gelehrt, ihn in den Krieg geführt und wieder zurück ohne Be⸗ fährdung. Soll mir die Zunge ein Heuchler ſeyn, da ſich das Herz überall und immer bloß gab für Wahr⸗ heit und Dienſtyflicht? Stehe Du immer da wie der Roland aus alter Hervenzeit, nur ſey kein Griesgram und gönne der Ju⸗ gend, die neben der alten Eiche aufſproßt, auch ihr Theil, ſagte der Graf. Sind wir nicht auch jung geweſen? Und bei mei⸗ nem Schwertknopf! luſtig und toll genug, erwiederte der Alte ſich erhitzend. Aber anders als dazumal iſt dieſe Manier von Luſtigkeit, anders ſoll es ſeyn bei den höchſten Perſonen des Landes, auf welche Jeder ſchaut und die als allgemeine Muſterbilder daſtehen. Mein erſter Herr war gerecht und brav, galten auch die fei⸗ 426 ſten Mönche ihm vielleicht einige Pfunde zu viel, und hatte er auch eine ſeltſame Liebhaberei an Wunderwer⸗ ken und Geiſterſpuk, mehr als einem tapfern Degen zukommt, unſer alter Fürſt iſt ſo recht ein Bürgersmann, ein Familienvater auf dem Throne, ein Patriarch, wie die alte Schrift keinen beſſern zeigt; der Erbprinz hat alle Tugenden der Ahnen in ſich verbunden: er iſt ein Kriegsgott vor der Fronte, ein Wohlthäter der Armen, ein Schrecken aller Laſterhaften, und würde dem größ⸗ ten Reiche, und wenn es Aufgang und Niedergang und beide Pole begränzte, als Kaiſer Ehre machen, aber ſein Blut iſt heiß und beherrſcht Herz und Geiſt, und dieſe fremden, giftathmenden Feſte, welche durch die Pariſerin in Auguſtus Bürgerhaus eingeſchwärzt wur⸗ den, ſind nicht geeignet, das junge Blut ruhiger fließen zu machen. Du meinſt die Tellern? fiel der Graf ein. Sie iſt ſchön, ſie iſt klug und erfahren auf dieſem Terrain, und ſie könnte gefährlich werden, wenn die Allmacht der Reize und Tugenden einer Sophie ihrer Kunſt nicht un⸗ bezwinglich entgegenträten. Der Baron von Tellern iſt heute Obermarſchall geworden, weißt Du ſchon davon? Weiß es ſchon, entgegnete der Hauptmann kopfſchüt⸗ telnd. Das fliegt auf mit franzöſiſchem Winde, in leich⸗ ten Mongolfieren. Wir können nicht nach mit den deut⸗ ſchen, bleiernen Gliedmaßen. Und, glaubt mir, alle Tugenden der Prinzeſſin werden blaß neben der Schminke dieſer ausländiſchen Dame. Hätte der Prinz die Cou⸗ ſine nicht haben ſollen, er hätte vielleicht Leib und Leben an die Heirath geſetzt, jetzt hatte ſie Papa und Mama befohlen, und nun iſt ſie zu einer Kette geworden, die ihn drückt und an welcher der junge Löwe rüttelt. Ich 427 mag kein böſer Prophet ſeyn⸗ aber ich ſehe in meinen Träumen ein übel Ende, und auch Ihr, der Freund, der beneidete Vertraute, könntet Eure Blicke beſſer be⸗ wahren, die viel zu dreiſt zu der Prinzeſſin auffliegen, ſonſt möchte aus dem trotzigen Apoll ein Phaeton mit gebrochenem Halſe werden, und das ſollte mich dauern, denn Ihr wiegt mir mehr als Alle da drinnen, das hohe Haus ausgenommen. Danke, danke, alter Vater, für die Leichenrede vor meinem Begräbniß! ſagte Kunigſteen mit Gutmüthigkeit. Prinzeſſin Sophie iſt mir das Ideal aller Weiblichkeit, und wenn ich da anbete, ſo iſt das wie Andacht im Gotteshauſe. Meine Heimath iſt nicht hier, ich darf un⸗ gefeſſelt ausfliegen, wenn der Kukuk in das Neſt ſich eindrängt. Aber noch fühle ich, ich bin hier nöthig, und ſo will ich der Genius der Lieblichſten aller Frauen blei⸗ ben, ſollte Leib und Leben auch daran geſetzt werden müſſen. Pariſer Komödie und Karneval hält ſich nicht gegen nordiſche Gradheit und deutſche Treue. Ein Paar weißer Nonnen ging durch den Saal und blieb horchend neben den Sprechern ſtehen. Der Graf brach ſchnell ab im Geſpräch, das ſchon zu weit geführt hatte, und wandte ſich gegen die üppig gerun⸗ deten Masken. Gelobt ſey Jeſus Chriſtus! ſagte er⸗ In Ewigkeit! antworteten die frommen Mädchen. Iſt die Frau Aeb⸗ tiſſin ſo wenig ſtreng, Euch unter die Weltkinder und Wölfe im Schafpelze herauszulaſſen? fragte Kunigſteen dann weiter, das Nönnchen, deſſen Augen am feurigſten aus der Maske hervorblitzten, bei der runden Hand faſſend.— Wir warnen auf unſerer Pilgerfahrt und ge⸗ winnen die Eiteln für das Himmelreich, antwortete die 428 Nonne. Ihr ſeyd auch ſo ein Weltkind, und obendrein ein ſehr gefährliches, das Andere mit verſchlingt in ſei⸗ nem Sündenrauſch. Nehmt das da, werft die Heiden⸗ kleider von Euch, und leſet, und thut Buße. Sie gab ein zierliches Gebetbuch in die Hand des Grafen, machte ſich los von ihm, und entfernte ſich dann ſchnell von ihrer Begleiterin. Darf ſich die Luſt auch in das Heiligenkleid verſtecken und die Hülle der Frömmigkeit zum Ballputz mißbrau⸗ chen? brummte der Trabantenhauptmann. Du ſagſt wahr, Prophet im Silberhaar! antwortete der Graf, denn ſiehe da, in dem ſchwarzen Sammet⸗ büchlein voll bunter Märtyrerbilder liegt ein Briefchen auf Seidenpapier geſchrieben, mit einem zarten Siegel verſchloſſen, und duftend wie ein Veilchenbeet. Auf Wiederſehen, Väterchen! So etwas muß im Geheim⸗ zimmer geleſen werden. Schon bläst die Trompete zur Tafel, und dort ſteht mein Page mit Mantel und Hut zum Umkleiden. Adieu, alter Eiſenmann! Du ſollſt mein ehrenfeſter Vertrauter werden, wenn ich geleſen, und iſt es ein Liebes⸗ oder Ehrengang, mußt Du mir eine Rotte Deiner ſteifen Hellebardirer leihen, die mir die Flanken decken. Der Graf ſprang durch den Vorſaal davon, und Blumhelm leerte in langen Zügen ſeinen Rheinweinbe⸗ cher und murrte dazu: Der verſenget auch noch die Flügel und weinet am Boden flatternd, wenn es zu ſpät ſeyn wird und ihn der Feindesfuß vollends zertritt. Schade dann um das edle Gebild. Der Baron von Tellern war der jüngſte Sohn einer alten deutſchen Familie, welche der dreißigjährige Krieg „ S E 429 verarmt hatte. Der Stolz und die Ehrſucht der Vor⸗ fahren war ſein einzig Erbe, und ihm war nichts ge⸗ blieben, dieſe beiden Leidenſchaften zu füttern, welche nun wie Geier ſich gegen ihn ſelbſt kehrten und ewig an ſeinem Herzen nagten. Vergebens ſuchte er Anſtel⸗ lungen im Voterlande. Wenn auch ſeine Lebensklugheit, ſeine Gewandtheit in den Verhältniſſen der Höfe ihm Gönner erwarb, ſo ſtieß die geraden Degenknöpfe jener Zeit ſein verſtecktes, maskirtes Weſen und Thun von ihm ab, indeß ſeine eitle Sucht, ſchnell über die unter⸗ ſten Stufen des Dienſtes wegzufliegen, für welche er jedes Opfer brachte und jedes Mittel ergriff, ihm über⸗ all Feinde und Verläumder erſchuf, die gleich thätig unüberſchreitbare Schranken in ſeinen Weg zu legen wußten. Verdrießlich, beleidigt, verzweifelnd zuletzt entſagte er ſeinem Vaterlande und ging über den Rhein in die welſchen Länder. Unter den Heeren Ludwigs des Vier⸗ zehnten traf er ſeinen Platz im Generalſtabe eines Feld⸗ herrn, der ſein Lager zu einem kleinen Paris gemacht. Tellerns Charakter und ſeine Talente waren hier am rechten Ortet er fand Auszeichnung, ward an des Kö⸗ nigs Hof geſandt, und die Pariſer Schule vollendete ſeine Höflingsbildung. Dort, wo damals feine Geſel⸗ ligkeit und Galanterie auf ihrem Culminationspunkte ſtanden, wo ein wahrer König, ein echter Selbſtherr⸗ ſcher dennoch durch die Reize und den Schleier der Re⸗ ligioſität, mit welchem die ſchlaue Maintenon ſich um⸗ hüllte, dem Weiberregimente verfiel, erſchien auch dem Baron das Ideal ſeiner Sinne. Gabriele von Beauvilliers, die reizendſte Dame der Frau von Maintenon, ließ den deutſchen Anbeter Gnade 430 finden, und da ſie das fränkiſche Witzwort vom deutſchen Bär in dem Baron zur Lüge gemacht ſah, gab ſie ihm, trotz aller Spötterei der Pariſer Zierlinge, die zarte, ſchwanenweiße Hand am Altare. Beide ſchienen wie für einander geſchaffen. Des Barons wohlgebildete Ge⸗ ſtalt, ſeine ſcharfe Phyſiognomie hatte, ohngeachtet ſein Körper nicht groß, nicht herkuliſch war, etwas Impo⸗ ſantes, welches für ihn bei dem erſten Zuſammentreffen einnahm, Gabriele glich den Nymphen von Paphos, wie ſie am Feſte der Venus in den Blumengehängen der Tempellauben die Göttin bedienen. Ueppige Fülle ohne Uebermaß, glänzendes Haar von der Farbe des Ebenholzes, brennende Augen voll verlockender Nacht, ein kleiner, ſanft geſchwollener Mund, wunderbar zart geformte Füße und Hände und überdieß witzſprudelnde Laune machten ſie zur Siegerin aller Herzen, wo ſie ihre Graziengeſtalt zeigte oder ihr roſiges Mündchen aufthat. Auch ſie war ohne Vermögen, aber gleich dem Ba⸗ ron entſchloſſen, Alles daran zu ſetzen, einen würdigen Glanzplatz in der großen Welt zu erringen, und als ſie auf einer Reiſe durch des Gemahls deutſches Vaterland an Auguſtus Hofe den herrlichen Erbprinzen erblickte, ein Bild männlicher Vollkommenheit und Genialität, wurde ſofort ihr ſchlaues Plänchen fertig, und was ſie von einer Maintenon gelernt, übte ſie hier kühner und ſicherer noch als ihre ſchöne Lehrerin, weil ihr Herz noch weniger in das Spiel kam. Der junge, feurige Herr, den nur Ehrfurcht gegen die treffliche Mutter in den Schranken altväterlicher Sitte hielt, deſſen Gemüth und Phantaſie durch die Con⸗ venienzheirath mit einer ſanften, ſtill erzogenen Herzogs⸗ 431 tochter nicht befriedigt wurde, warf ſich unbedacht in die Flammenbrunſt unerlaubter Leidenſchaft. Der Baron Tellern ſtieg oder flog vielmehr von Stufe zu Stufe, und der neue Obermarſchall legte den Wünſchen ſeines gnädigſten Herrn, der ihn mit Ehre und Geſchenken überhäufte, keine altdeutſche Strenge, keine Eiferſüchtelei in den Pfad zum Erdenparadieſe, welches die liſtige Armida⸗Gabriele ihm, zu oft für ſeine Ruhe, halb ent⸗ ſchleierte, ohne jedoch den Kranz des Sieges auf ſeine prennende Stirne zu ſetzen, von welcher Beherrſchung der Grund in einer Herzensbeunruhigung lag, welche die Eroberungsſichere ſelbſt unlängſt getroffen, als ein Gewiſſer von ſeiner Geſandtſchaft an die nordiſchen Höfe unerwartet heimkehrte. Friſcher wehte die Nachtluft durch die hohen Hecken des Schloßgartens, das Volk drängte ſich mehr zuſam⸗ men in den Boutiken und in dem großen Bretterhauſe, worin es auch für den ſchlichten Bürgersſohn und ſein Schätzchen ein Tanzgelag gab, einſamer ſtanden die koloſſalen Bildſäulen wie eine bleiche und ſtumme Gei⸗ ſtergeſellſchaft, und die Springbrunnen plätſcherten ver⸗ laſſen im Gebüſch das Wiegenlied der Natur. Eine Männergeſtalt ſchritt leicht auftretend durch die Schatten der Lindenallee, welche den Garten umzog, und worin nur einzelne Pechpfannen ein groteskes Flam⸗ menlicht hinſchoßen, welches in ſeiner Blendung die dun⸗ keln Plätze nur noch dunkler machte. Der Mann ging im Federhute und Mantel, und ein junger Jockei folgte ſeinen Ferſen. Als Beide in dem äußerſten Bezirk des Gartens ankamen, der an einen Schutzgraben und eine 432 Wieſe ſtieß, und ihnen daſelbſt der tempelgleiche Pa⸗ villon mit ſeinen bunten Lampen und dem leuchtenden Namenszuge über der Pforte entgegenſtrahlte, ungeſehen prangend wie ein Magnolienbaum mit ſeinen Rieſen⸗ blumen in Amerika's Wildniſſen, ſtand der Wandelnde, ſchlug den Mantel auf und zog ein ſilbernes Jagdpfeif⸗ chen aus dem Buſen. Es war der ſchöne Graf Kunigſteen. Nimm, Guſtav! ſprach er zu dem Jockei. Sey treu, achtſam, und halte ſo Wache, wie ich's von Dir ge⸗ wohnt bin. Auf dieſem Kreuzwege wirſt Du hin⸗ und zurückſpazieren, und jeden Schatten, den Du in den Laubgängen ſich nähern ſiehſt, kündet dieſes Pfeifchen mit ſcharfem Tone an.— Der Jockei nahm das ſilberne Inſtrument und trat gar ehrbar ſeinen Wachemarſch an, indeß der Graf ſich vorſichtig dem hellen Tempel näherte. Bei der erſten Lampenpyramide vor demſelben verweilte er, nahm ein Briefchen hervor, und durchſah es flüchtig nochmals. Hier iſt der rechte Ort! ſprach er zu ſich ſelbſt, der ſteinerne Pavillon im linken Winkel des Gartens. Aber wer wird die Schreiberin ſeyn, die ſolche Räthſel mit den niedlichſten aller Chiffern nieder⸗ zeichnete? Ulrike hätte im langen Walzer oft genug Gelegenheit gehabt, mir ihre Geheimniſſe zu verrathen, und die zärtliche Comteß Angelika ſchreibt ſchlechtere Buchſtaben und fürchtet auch den Schnupfen zu ſehr. „Ein Herz, welches einſam ſchlägt im lauteſten Gedränge des Fürſtenſaales, kann nicht länger ohne Vertrauten ſeyn, und der Suchende wird den Preis würdig finden, wenn er Vertrauen und Freundſchaft mitbringt.“ Sollte ſie, die Lieblichſte, die Höchſte? Sollte die Prinzeſſin ſelbſt? Drei Tage ſchwieg ſie gegen mich überall, betrachtete mich aber oft mit wunderbar redendem Auge. Faſelnder 433 Träumer, die Züchtige, die Veſta in Perſon würde ſol⸗ chen Ort und ſolch eine Zeit nimmer wählen, und wenn auch das Gift des Evenapfels ihr bis in das Herzblut gedrungen wäre. Und doch, geſtehe Dir's nur, Eitler, ſie fändeſt Du am liebſten hier, und verlöre auch die Krone der Hochachtung dadurch ihren ſchönſten Diamant. Hinein in die ſpaniſche Nacht, Graf Kunigſteen: man darf nicht ſagen, Du hätteſt eine Dame warten laſſen, und längſt ward die Tafel aufgehoben, und Alles dreht ſich ſchon wieder in den Polonaiſen und Frangaiſen des Obermarſchalls. So überlegend und ſich ſelbſt aufmunternd kam der Graf an den Eingang des runden Gebäudes und traf hier auf eine ſchwarzvermummte weibliche Geſtalt, die ihn zu erwarten ſchien. Er wollte auf ſie zuſchreiten, doch die verlarvte Dame wich vor ihm zurück in das Dunkel, und winkte zugleich mit der weißen Hand nach der Pforte. Der Graf verſtand den Wink, murmelte: Die Diana war eben ſo geſcheidt und vorſichtig wie ich! und trat durch die kleine Vorhalle in das Innerſte des matterleuchteten Rondels, welches ſein Licht nur von Außen empfing. Auf der Ottomane des Pavillons ſaß ein weibliches Weſen im kleinen ſpaniſchen Hut mit drei weißen Strauß⸗ federn, ein weiter ſeidener Domino verhüllte ihre For⸗ men. Sie erhob ſich bei dem Erblicken des Eintretenden wie von Freude bewegt, und trat dem Kommenden einen Schritt entgegen. Der Wuchs, die Größe, die Bewe⸗ gung ſchien des Grafen Träume wahr zu machen; er bog das Knie mit Haſt und Ueberraſchung und ſagte faſt außer ſich: Was befiehlt die Fürſtin der Seelen? Wie bin ich glücklich in dieſer Würdigung! Welch ein Blumenhagen. XII. 28 434 Geheimniß muß es aber ſeyn, welches die höchſte Zucht ſelbſt zu ſolchem Wagniß verleitet? Das Geheimniß iſt zum Errathen gemacht, antwor⸗ tete die Dame franzöſiſch, und Graf Kunigſteen iſt ſicher an ſolch Räthſelſpiel gewöhnt, geübt darin und fehlt ſelten. Ahnet er das Räthſel und die Aufgeberin nicht? Sie würde ſich glücklicher fühlen, wenn der ſchönſte Mann früher ihren Namen ausſpräche, als die Maske ſänke. Kunigſteen war erſchrocken, ſo wie die Stimme er⸗ klang, welche im reinen Alt tönte, wo er den zarteſten Sopran erwartet hatte, und ſeine ſichtliche Ueberraſchung mit Mühe verbergend, ſchwieg er einige Augenblicke, tief Athem ſchöpfend. Madame, meine Anrede nannte auch die Dame ſchon, die mich zum Vertrauten wünſcht! ant⸗ wortete er dann galant, und mit dem höchſten Scheine von Freimuth ſetzte er hinzu: Ob ich Ihrer jedoch wür⸗ dig bin, ob ich einem Herzen mich nähern darf, um welches Höhere Blut und Leben darbieten möchten? Schlauer Spötter! unterbrach ihn die Dame, und ſchlug nähertretend dem Sprecher mit dem Seidenhand⸗ ſchuh auf die Lippen. Ich will glauben, daß Sie mich beim Eintritte erkannten, obgleich Ihre Anrede mir nicht ganz verſtändlich war, da ſie entweder nicht mir galt, oder ſonſt ein Satirikon geweſen. Laſſen wir das jetzt, die Augenblicke ſind zu wichtig und zu kurz gemeſſen. Sie warf den Domino zurück, und Gabriele von Tellern ſtand in all ihrem Zauberreiz, der durch den leichteſten und geſchmackvollſten Ballanzug gehoben ward, vor dem wirklich Geblendeten. Hierher, zu mir, Graf! fuhr ſie fort, ſich auf die Ottomane ſetzend, ich muß lange reden, recht lange, endlich mit Ihnen, und da thut Ruhe gut, wenn 435 der Geiſt flattert.— Kunigſteen ſetzte ſich verſtummend zu ihr. Sie ſind der Vertraute dieſes Hofes, fuhr die ſchöne Frankin fort, indem ſie ihre warmen Finger leicht auf des Grafen Hand legte, Sie ſind der Geſandte des Für⸗ ſten, der Fürſtin Mutter Geheimerath, des Erbprinzen Jugendfreund und der erſte Kavalier der Prinzeſſin, und dennoch unbeneidet, dennoch unbefeindet, welches Talent der Geſelligkeit, welche Herzensgüte, welche Mannes⸗ kraft muß der Mann beſitzen, der wie ein Adler alle dieſe Sonnen umkreist, ohne zu ſchwindeln, ohne ſeiner Klugheit Licht erlöſchen zu ſehen. Ich bin der Gefällige überall, entgegnete Kunigſteen auf der Lauer und horchend, und die Frau Obermar⸗ ſchallin wiſſen, daß die guten Menſchen, da ſie Jeder ge⸗ brauchen kann nach Willkür, nicht immer der Klugheit bedürfen, um zu gefallen, und daß die guten Menſchen meiſtentheils ſo wenig zu beneiden ſind wie die fromme Heerde, welche in weiße Wolle gekleidet nicht weit von hier auf der Wieſe in ihrer Hürde ſchläft. Sie entkommen mir nicht im Mantel der ſelbſtver⸗ achtenden Beſcheidenheit, Sie Liſtiger, fiel die Dame heftiger ein. Und wenn Sie ſelbſt eine Pierrotsmaske vornähmen und das: Frau Obermarſchallin! noch tau⸗ ſendmal froſtiger ausſprächen. Sie bedürfen vielleicht meiner nicht, aber ich bedarf Ihrer, bedarf Ihrer mehr wie Theſeus Ariadnes Faden, mehr wie Johannes in der Wüſte des labenden Engels. Gabrielens Ton wurde ſo ſchwermüthig und ſeltſam weich, daß Kunigſteen dadurch ſonderbar ergriffen wurde. Sollte er ſich in der leichtfertigen Frau geirrt haben? Ihr dunkles Auge hing ſo feucht an ſeinen ſcheuen For⸗ 436 ſcherblicken, die kleine Hand drückte ſo warm, feſter und feſter ſeine zuckenden Finger, daß ihm heiß und angſt ward, und er ſich wie in einem Netz von Feuerfäden gefangen ſah. Was kann Gabriele wünſchen, was bedürfen? ſtieß er mit Wallung heraus. Gabriele regiert, wo ſie auf⸗ tritt, und will ſie herrſchen, ſo findet ſie nur glückliche Sklaven. Etwas mehr Gefühl und weniger Ueberſchwänglich⸗ keit wäre mir lieber geweſen, lächelte die Schöne. Ver⸗ trauen, lieber Graf! Vertrauen um Vertrauen ſey unſere Parole! ſetzte ſie freier uud unbefangener hinzu. Unſere Wege an dieſem Hofe könnten dicht neben einander hin⸗ gehen, und da iſt es gut, wenn die Reiſegefährten ſich ſo früh als möglich verſtändigen, denn wir müſſen ent⸗ weder unſere Wege mit einander verſchmelzen, oder wir werden uns oftmals feindlich berühren. Ich ſage dem Vertrauten nichts Neues, wenn ich geſtehe, daß der Erb⸗ prinz mich verfolgt. Mein Gemahl, dem der Schein der Weltehre mehr gilt als ſelbſt die Gattin und ihr Alleinbeſitz, begünſtigt die Liebe des geſtrengen Herrn, und hier, Graf, iſt der Punkt, wo mir, der Fremden, ein Rathgeber, ein Freund, ein treuer Retter mangelt. Was ſoll ich thun, wie mich benehmen, ohne dem Ehe⸗ mann zu ſchaden oder mir ſelbſt oder dem Frauenrufe. — Mit ſcheuer Hand wagte der Graf eine Moosroſen⸗ knospe, welche halbgeknickt am hochwallenden Buſen der Baronin ſich wiegte, vollends aus dem Duftbvuquet zu brechen. Nur in der Freiheit, ſprach er bedeutungsvoll, ver⸗ ſchenkt die Blumenkönigin ihren Duft, nur dem goldenen Sonnenblicke eröffnet ſie ihren reizvollen Kelch, nur ihm, ————— 437 dem Sohne des Himmels. Gepflückt von des Menſchen Hand, gebraucht zum Prunk eitler Sinne, wird ſie ge⸗ tödtet noch vor der Vollendung ihrer Schönheit, welkt und liegt dann hingeworfen unter den Sohlen bacchan⸗ tiſcher Schwelger, denen die Entblätterte nichts mehr gilt. Wahr, ſchrecklich wahr! rief Gabriele heftig; das farbige, grauenvolle Bild des Lebens, zu dem mich das Schickſal ſtoßen möchte. Nur um das Höchſte tauſcht man das Höchſte. Wo iſt ein Preis für die Liebe als nur die Liebe! Wird irdiſcher Handel mit ihr getrieben, ſo iſt Käufer und Verkäufer gleich betrogen. Der Graf ſtrich ſich mehrere Male über die Stirne. War er mit Blindheit geſchlagen geweſen bis jetzt? Oder hatte der Champagnerſchaum an der Fürſtentafel ſüdliche Giftgluth durch alle ſeine Adern gegoſſen? So lieblich war ihm noch nie zuvor ein Weib erſchienen, und er zog ihr mit Haſt den weißen Handſchuh von der weißeren Hand, und preßte ſeinen dürſtenden Mund mit Heftigkeit zwiſchen die blitzenden Demantringe der zierlichen Sammetfinger. Gabriele legte den linken Arm feſt um des ſchönen Mannes Schulter. Kunigſteen, ſagte ſie leiſe mit den Zaubertönen höch⸗ ſter Innigkeit, wir haben uns verſtanden. Die Alltäg⸗ lichkeit kriecht ihren Schneckengang fort und wälzt ſich im Staube, geiſtigere Bürger der Erde nützen die flüch⸗ tige Minute, und der Augenblick gebiert, von ihnen regiert, eine neue Schöpfung. Kunigſteen, es gibt eine falſche Scham, die nur kindiſch daſteht, wo es Alles gilt. O ſo höre denn! Gabriele hat nie geliebt vor dieſer Stunde, Gabriele wird Seligkeit geben, wo ſie Selig⸗ keit findet, und ſie ſpricht es mit Stolz aus: An dieſem Hofe ſind nur zwei Weſen ſich gleich werth, und dieſe 438 ſind vereint der Herrſchaft über den andern Haufen gewiß, und dieſe Weſen ſind: Du und ich. A Zauberin! rief der geſchmeichelte Graf mit ſchwin⸗ delndem Kopfe und indem das Zimmer ſich um ihn im Kreiſe zu drehen ſchien; liebliche Circe, und wenn Du grauſames Spiel triebeſt, und wenn Deine Zauberhand Träume hervorriefe, nach welchen das gräßlichſte Er⸗ wachen am Schaffott erfolgte, das Leben verliert den Werth in ſolchem Traume, der Traum wird Ziel und Kranz, und ein Raſender wäre der, welcher ſich ſelbſt erweckte mit einem Jubellaute oder einem Angſtſchrei. Leiſe, leiſe darum! Laßt uns träumen, ehe die Mitter⸗ nacht mit ihren Erſcheinungen vorüberſchlüpft!— Und der Mann umfaßte das glühende Weib ohne Scheu, und ſie zog ihn dicht an die Nymphenbruſt, ſchlug beide Arme um ſeinen Nacken, und brennende Küſſe wechſel⸗ ten ohne Worte. Da pfiff fern das ſcharfe Jagdpfeif⸗ chen gellend und ängſtlich ſchnell wie ein Feuerſchrei, und Kunigſteen fuhr ſchnell beſonnen empor aus dem Lilienbeet, das duftvoll und weich ihn empfangen hatte. Aengſtlich folgte ihm Gabriele zur Pforte. Es iſt un⸗ ſicher! Verräther drohen! lallte er halblaut und überall mit dem Kriegerauge umherſpähend. Von dorther naht Geräuſch, darum ſchnell fort, hier weilet die Begleite⸗ rin, raſch um die Schwanenteiche und dreiſt durch das buſchichte Theater. Ich decke mit meinem Herzen Ga⸗ brielens Rückzug, und folge zum Schloſſe, wenn die Dame geſichert iſt. Die Baronin entfloh mit Atalanten⸗Gewandtheit, der Graf trat hinter den Stamm einer Linde, und als er zwei dunkle Geſtalten ſich langſam dem Pavillon nähern ſah, zog auch er vorſichtig ſich weiter und weiter 439 7. zurück, und entkam glücklich bis zu den lebhaftern Plätzen⸗ wo eben jetzt ein Feuerwerk die Menge verſammelt hielt. Erbprinz Ludwig war es, und mit ihm der Ober⸗ marſchall, welche, in Oberröcke gehüllt, nach aufgehobener Tafel die Volksgruppen beſchaut und in das Gewühl der Schloßhöfe ſich gemiſcht hatten, wie es nach Harun Al Raſchids Weiſe des Prinzen Lieblingsvergnügen war. Manches Angenehme hatten ſie auf ihrer Fahrt gehört, „ manches Spaßhafte, manche burleske Situation geſehen, doch zuletzt waren ſie durch einen Kreis alter Bürger geärgert worden, welche gar deutlich und dreiſt über das Familienleben des Hofes ſich ausſprachen, Prinzeſſin Sophie hoch leben ließen, und die franzöſiſche Günſt⸗ lingin verwünſchten. Auf den ehrliebenden Prinzen machte dieſer öffentliche Spruch einen tiefen Eindruck: in ſich verſchloſſen ſchritt er, ohne zu reden, die Allee hinab bis zur einſamſten Tiefe des Gartens, und der Ober⸗ marſchall erſchöpfte alle ſeine Gewandtheit in mancherlei Anſprachen, welche aber ſämmtlich unbeantwortete Mo⸗ nologe blieben. Wie ſie jetzt am Ende der Allee in die Laubgänge bogen, hörten ſie des Jockeis Pfiff, und ſahen ihn durch die Gebüſche davon ſpringen. Was iſt das, gnädigſter Herr? fragte der Baron Tellern beſtürzt. Sollte eine Gefahr, ein Attentat— ² Er wagte ſeine eigene Furcht nicht auszuſprechen. Laſſen Sie uns zurückeilen, ich ſehe nirgend Menſchen, nirgend Beiſtand.— Der Erbprinz lächelte und ein bitterer Zug des Hohnes legte ſich auf das ſtolze, ſchöne Geſicht. Be⸗ ſinnen Sie ſich, Obermarſchall! antwortete er ruhig. Sie ſind nicht im meuchleriſchen Neapel, nicht im eifer⸗ —— ———= 440 ſüchtigen Spanien oder im leichtfertigen Paris, ſie ſtehen auf gutem deutſchen Boden. Bandit und Rachmord ſind hier exotiſche Pflanzen. Der Menſch iſt ſich überall gleich, die Leidenſchaft ſeine Tyrannin. Erinnern Sie ſich nur jener frechen Bürgerkerle! entgegnete, ſcheu umherſehend, der Baron. Wahr iſt's! Die böſen, böſen Leidenſchaften! Sie können viel Gutes böſe machen und ſehr weit führen! ſprach der Prinz in ſich hinein. Doch dieſes Pfeifchen hatte wohl Amor, der kleine Schalk, gemiethet, und irrte mein Auge nicht, ſo erkannte ich im flüchtigen Burſchen Kunigſteens Leibknappen, wenigſtens trug er deſſen blan⸗ kes Barett mit der lichtblauen Schwungfeder. Hat der feine Lüſtling ſich herausgenommen, in unſer Feſtin ein eigenes für ſich einzuſchachteln? Wir ſind neugierig, welcher Art des Nordländers Geſchmack ſeyn mag, doch wollen wir nicht ſtören, wenn wir's nicht ſchon unſchul⸗ diger Weiſe thaten. Beide näherten ſich behutſam dem Pavillon, umgin⸗ gen ihn dann getrennk, und trafen ſich am Eingange wieder. Sahen Sie etwas? Hörten Sie irgend Jeman⸗ den? fragte der Prinz.— Nicht einen Laut vernahm ich, antwortete der Baron, und das Turteltaubenneſt iſt vor unſerer Ankunft ausgeflogen. Beide traten nun in das einſame Gemach. Die Ottomane iſt gedrückt von zwei Sitzenden, ſagte der Obermarſchall, ſcharf und mit Ken⸗ nerblicken die Umgebung muſternd, und hier blieb ein Pfand zum Auslöſen: eine gebrochene Roſenknospe. Ein deutlicheres hier, ein feiner Damenhandſchuh, erwiederte der Prinz, indem er ſich zum Fußteppich nie⸗ derbückte, und dann ſeinen Fund mit ernſtem Stillſchwei⸗ gen betrachtete. 441 Alſo keine bloße Sinnenluſt! ſprach er dann wie mit ſich ſelbſt überlegend; keine bürgerliche Hirtin, zu wel⸗ cher der Sonnengott ſich herabließ! Dieſes zarte Leder duftet nach Pariſer Waſſern, hier am Mittelfinger wird der Druck eines großen Steinringes ſichtbar, und noch ſind die Finger feucht von den Gluthküſſen des ſtürmi⸗ ſchen Liebhabers. Graf Kunigſteen iſt keck und vermeſſen, er wagt gern, ſpielt gern hohes Spiel, und ſcheint Glück zu haben. Wir wollen doch jetzt einmal ſeinem Ge⸗ winne nachforſchen, und ſehen, an welchem Balkon ſeine dreiſte Leiter lehnt. Stillſchweigen über den Fund⸗ Ober⸗ marſchall! Vielleicht ſchauen wir dem verſchloſſenen Freunde zufällig in das ſchöne Geheimniß, und können uns an dem Vertrauten ohne Vertrauen tändelnd rächen. Der Prinz barg den Handſchuh, und ſie gingen zu der Herrenburg zurück. Der ganze Hof hatte ſich auf dem großen Balkone des Schloſſes verſammelt, und ſchaute ſtill in den dun⸗ keln Garten hinaus, wo ein grandiöſes Feuerwerk auf dem großen Raſenplatze entzündet werden ſollte. Der Commandant der fürſtlichen Feuerwerker harrte verge⸗ bens auf das Zeichen von der Hand des alten Herrn und Gebieters, denn die Hauptperſon des Tages, der Erbprinz, ließ noch immer auf ſich warten, und nur einzelne Lichtkugeln und ziſchende Raketen wurden in die Wolken geſendet, gleichſam als Signale für die Verirr⸗ ten und Vermißten, wie auch zur Unterhaltung der un⸗ geduldigen Volksmenge. Graf Kunigſteen trat jetzt eilig und erhitzt in das Vorzimmer, von dem man auf den Balkon gelangte, „ 442 und ſein erſter Blick fiel auf das niedliche Fräulein Ulrike von Tondern, die lieblichſte Blondine der Reſidenz und die erſte Dame der Prinzeſſin, welche jetzt mit ängſt⸗ lichen Blicken, ſich ſchnell von ihrem Zirkel losmachend, ihm entgegenkam. Adolph! wo waren Sie? fragte das Fräulein halblaut. Wie hat mein Herz Sie geſucht! Sie, der Vertraute, fehlten in größter Noth. Die Prin⸗ zeſſin iſt außer ſich. Auffallender als je zuvor war des Erbprinzen Benehmen bei der Tafel. Er ſog nur die Blicke und Worte der Franzöſin ein. Nach der Tafel wurde Er und die Baronin vermißt, und Beide erwar⸗ tet man bis jetzt vergebens. Mit größter Mühe und durch alles Flehen der Freundſchaft habe ich kaum ge⸗ winnen können, daß die Prinzeſſin keinen auffallenden Schritt that, und ſofort zur Reſidenz zurückfuhr. Die Prinzeſſin iſt im Irrthume, entgegnete Kunig⸗ ſteen. Der Erbprinz iſt für dieſes Mal ohne Schuld. Ich ſah ihn im Volksgedränge, ſeiner ſeltſamen Horcher⸗ laune Audienz gebend. Ein Wort von mir wird die Prinzeſſin beruhigen. Und wo waren Sie gebunden? fragte Ulrike mit ſchärferen Blicken. Sie ſind erhitzt, zerſtreut, nicht ganz hier, nicht ganz bei derjenigen, die an dem geräuſch⸗ vollſten der Feſttage doch nur mit Herz und Augen an Ihnen hing, und mit allen Träumen der Seele nur Ihr Bild begleitete.— Heftig und innig küßte der Graf des Fräuleins Hand. Dein Adolph iſt kein Treuloſer, Du herziges Mädchen! antwortete er voll Gefühl. Er hat eine heiße Stunde beſtanden, wo Sirenenlied ſein Ohr betäubte, wo die Sünde ihm näher trat und ver⸗ lockender als je, aber ſein Genius rettete ihn ſich und Dir. Unſere Bahn hier iſt von heute an gefährlicher 443 geworden als jemals, unſere Poſten ſind von heute an Ehrenpoſten geworden, Vorpoſten am Tage der Blut⸗ ſchlacht, aber wir wollen ſie ausfüllen, wie die Nach⸗ kommen alter Heldenhäuſer es müſſen. Wo iſt die Prin⸗ zeſſin?— Auf dem Balkon ſitzet ſie neben der Fürſtin Mutter und ſtarret tiefſinnig in die Nacht hinaus, und ihr Gemüth iſt düſterer wie die Gartenflur vor ihr, ſagte Fräulein Ulrike. Aber löſen Sie mir zuvor die Räthſel Ihrer Reden, oder will Adolph mich einer ſchlaf⸗ loſen Nacht hingeben? Ruhig, Du Angebetete! entgegnete Kunigſteen. Ulrike kennt mich und muß mir vertrauen. Was mir auf dem Herzen laſtet, iſt zu gefährlich, um es hier auszuſpre⸗ chen, mein Wort würde Dolch und Gifttrank herauf⸗ rufen. Morgen höreſt Du die Geſchichte, die romantiſch iſt wie eine Fabel der Troubadours, jedoch keinen Theil hat am ſtillen Leben unſerer Liebe, und nichts auf die⸗ ſer Blüthenflur vernichten kann. Mache Dich darauf gefaßt, als meine Braut in den nächſten Tagen Gratu⸗ lationen zu empfangen, denn ſehe ich recht voraus, ſo wird dieſer öffentliche Schritt eine Nothwehr werden, um Böſes zu verhüten und Netze zu zerreißen, welche giftvolle Taranteln ſpannen. Adieu bis Morgen. Friede und Vertrauen bleibt unſer Loſungswort wie immer. Er eilte zu dem Balkon, und das Fräulein ſah dem ſchönen, ſichern Adon trübſinnig und nicht ganz beru⸗ higt nach, wie er zur Prinzeſſin trat, und bald in ein Geſpräch voll Heimlichkeit und gegenſeitiger Theilnahme verwickelt ſchien. Bald darauf ging auch der Erbprinz durch den Ballſaal nach dem Balkonzimmer. Mehrere Pagen waren da und durchſuchten, einen Kammerherrn an der Spitze, die Stuhlreihen. ⸗ 1 † 6 3 8 1 1 6 1 ( 1. 11 1 . 6 11 1½ 444 Ah! Euer Durchlaucht zurück? ſagte der Hofherr mit tiefem Bücklinge. Durchlaucht gnädigſter Herr Vater erwarteten den verehrteſten Prinzen längſt, damit das Feuerwerk beginnen könnez ich fliege hinab, den Anfang zu befehlen. Und was gibt's hier! fragte Prinz Ludwig. Warum ſind die Pagen nicht an ihrer Stelle? Warum durch⸗ kriechen ſie den Saal und ſeine Winkel? Ihro Durchlaucht, die gnädigſte Prinzeſſin vermiß⸗ ten einen Handſchuh, antwortete der Kammerherr. Jeder haſcht nach der Ehre des glücklichen Finders. Einen Handſchuh? Einen verlorenen Handſchuh? fuhr der Prinz mit einer Donnerſtimme auf, preßte krampfig mit der Hand ſeine Bruſt, und ſah mit fun⸗ kelnden Tigeraugen auf den Obermarſchall, der zuſam⸗ menſchreckend ihm gegenüber verſtummte. ½ Kein Wort, Baron! fuhr der hohe Herr verbiſſenen Grimmes auf den Begleiter ein, kein Wort, oder Ihr Leben bezahlt das vorlaute. Das Schickſal iſt mir gün⸗ ſtig, und was Andern gräßlich ſcheinen könnte, iſt mir erfreulich und willkommen. So betrogen ſeyn ſteht über allem Menſchlichen, und die Rache der Gewalt über⸗ wiegt in ihrer Süßigkeit den Ingrimm, den die Belei⸗ digung gebar. Kommen Sie, wir find kalt wie Eis, aber das morgende Feuerwerk ſoll dieſe Schläge der Kanonen und all' das Flammenſpektakel dieſer Nacht beſchämen. Raſch und ſtolzen Schrittes ging der fürſtliche Mann auf den Balkon und trennte wortlos das Geſpräch ſei⸗ ner Gemahlin, indem er dem Grafen einen wilden Blick zuwarf und ſich dann an der Seite der Prinzeſſin nie⸗ derließ. Das Feuerſpiel begann und machte die Nacht 445 zum Tage. Zackichte Blitze fuhren von der Erde aus zum Himmel wie Titanenſturm, Lichttempel entzündeten ſich, Vulkane ſpieen ihre glühenden Feuermaſſen aus, donnernd tönten die Artillerieſtücke, und die dunkeln Zwiſchenräume füllte Trompetentuſch und Vivatrufen der Zuſchauer. Aber in der Bruſt der hohen Zuſchauer war ein gleicher Tumult, heiß und lärmend wie das theure Spiel dort unten, und Baron Tellern flüſterte ſeiner Gemahlin, welche ſich ſpät auch eingefunden hatte, ſcha⸗ denfroh in das Ohr: Der Platz iſt unſer, der Günſt⸗ ling fällt, ſteht unrettbar am Abgrunde, wir dürfen nur ein klein Weniges nachſtoßen, und das Schickſal verdient ein Rauch⸗ und Dankopfer von uns, wie es kein Sterb⸗ licher ihm noch ſchuldig war! Die ſchöne Gabriele ſah den Gemahl zweifelhaft an. Sie glaubte Spott in ſeiner Rede zu hören, vielleicht Verrath ihres tiefſten Geheimniſſes, als ihr aber die Wahrheit der Freude aus ſeinem Geſichte entgegenleuch⸗ tete, deſſen Geheimſchrift ſie wohl zu leſen geübt war, ward auch ſie beſorgt und auch in ihre Bruſt zog die Unruhe ein, und ihre Phantaſie fing an, ſich vor etwas Ungewiſſem zu fürchten, da ſie noch eben in ſtiller, hof⸗ fender Seligkeit die Küſſe des ſchönen Ausländers nach⸗ gezählt und nachgekoſtet hatte. Der Hof kehrte in die Reſidenz zurück, jedoch floh der Schlaf manches der Prunkgemächer im weitläuftigen Gebäude, das über die friedlichen Straßen der ſanft und ſorglos ruhenden Bürger emporragte. Im vordern Schloßhofe tönte am Morgen die türkiſche Muſik der Mohren zwiſchen den Grenadiergarden, welche mit flie⸗ genden Seidenfahnen zur Parade aufmarſchirten. 446 Prinz Ludwig ſtand wie gewöhnlich im Kreiſe der Stabsoffiziere, heute aber ſchien ſein Lieblingsgeſchäft ihn zu langweilen, und die ſchnurrbärtigen Lieblinge be⸗ kamen keinen gütigen Blick von ihrem Generaliſſimus. Ungeduldig ſah er oft hin nach den hochgewölbten Fen⸗ ſtern ſeiner Gemahlin, und kaum ließ ſich eine Dame im Zimmer ſehen, ſo ſandte er ſeinen Adjutanten hin⸗ auf, ihn bei der Erbprinzeſſin anzumelden. Prinzeſſin Sophie hörte mit Verwunderung die frühe und ſeltene Anmeldung, trübe, wie ſie geſtimmt war, tief verwundet durch die neuen Kränkungen von geſtern, ſchwankte ſie, ob ſie Entſchuldigung ſuchen ſollte, doch der Lüge ungewohnt und der Reugierde nicht mächtig, bat ſie um den gewünſchten Beſuch voll Artigkeit. Mit bleichen Wangen von ſchlafloſer Nacht, während welcher manche Thräne ungeſehen entfallen war, ſaß ſie im Polſterſtuhle, ihr jüngſtes Kind zwiſchen den Knieen haltend, als Prinz Ludwig haſtig eintrat und ſein herriſcher Wink das dienſtthuende Fräulein ent⸗ fernte. Sie wollte aufſtehen, ihn zu bewillkommnen, da traten das verlorene Glück und alle geſcheiterten Hoff⸗ nungen ihrer Jugend vor ihre Seele hin, und ſie ſank in den Seſſel zurück und verbarg mit dem Taſchentuche die überfließenden Augen. In Thränen, Madame? fragte der Prinz mit ſchar⸗ fem Accente. Weinen Sie über ſich oder über mich? Sind dieſe Zähren Kinder der Verſtellung oder der Reue?— Sophie ſah ihn groß und verwundert an ohne Antwort.— Ich komme, über Ihr Benehmen Auskunft zu fordern, fuhr der Prinz fort, indem er bemüht war, ſich ſelbſt zu erhitzen. Ihre Aufführung wird täglich ungeſchickter, ſie war es vorzüglich geſtern. Sie ſaßen 447 als eine ſtumme Bildſäule bei der Tafel, als eine todte Mumiengeſtalt nachher. Mein Feſttag war es, dem Hofe, den fremden Geſandten und allen Anweſenden mußte die unerklärliche Unart Ihres Betragens auffal⸗ lend ſeyn, und ich will nicht, daß mein häusliches Leben der Stoff des Stadtgeſprächs werde und auf den ſpot⸗ tenden Zungen meiner Unterthanen tanze, wenn es auch gleich nicht beneidenswerth iſt. Hat Prinz Ludwig wirklich mich bemerkt, mich ſeiner Obacht würdig gehalten? entgegnete Sophie mit einem Vorwurfstone, den ſie jedoch ſo mild als nur möglich zu ſtimmen ſuchte. Blieb Ihnen wirklich Zeit übrig, meiner zu gedenken, v dann ſind dieſe Tropfen des Grams eine Sünde und es iſt noch nicht Alles verloren. Verloren? Was iſt verloren? Was kann verloren ſeyn? fiel der Prinz mit finſtern Blicken des Unwillens ein. Doch ich beſinne mich. Verloren wurde geſtern freilich etwas, und leider fand es Jemand, für den ein ſolches Liebespfand nicht beſtimmt ſeyn konnte. Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr Gemahl! antwor⸗ tete die Prinzeſſin und erhob ſich mit Hoheit. Die Tän⸗ delei des Witzes und das Wortſpiel der Galanterie ſind mir ſeit lange fremd geworden, wie alle flüchtigen Maien⸗ blüthen, die das junge Leben ſchmücken. Aber was kann das auch gelten in der Minute, die ich feſthalten muß, weil ſie vielleicht nicht wiederkommt, an die ich das ſchwerſte Gewicht meines Lebens hängen muß, ehe ſie verſäumt und ungenutzt dahinrann. Ja, ich glaube mei⸗ nen höchſten Schatz verloren, nichts Irdiſches iſt es, nein, der Segen meines Lebens iſt es, das Erbe iſt es, was dieſen kleinen, unſchuldigen Weſen von mir bewahrt werden muß, das Einzige, was die Königstochter ſo — — —— —— 448 nöthig hat, was der Fürſtin ſo unentbehrlich iſt als dem Bürgerweibe, und um welches ich das Letztere beneide. — Und das wäre? fragte der Prinz geſpannt.— Des Gatten Liebe, des Gatten Treue, des Gatten unerlöſch⸗ liches Vertrauen, antwortete mit Innigkeit die Prin⸗ zeſſin und wollte Ludwigs Hand ergreifen, welche er aber zurückzog. Die Ehe iſt ein Bund durch Menſchen⸗ ſpruch geknüpft, nur das wechſelſeitige Vertrauen iſt der Gottesſegen über dem Bunde, nur die Liebe macht ſie zur Satzung des Himmels, fehlt beides, ſo iſt ſie ein Spott, wird eine Läſterung des Höchſten und verwan⸗ delt ſich in eine Galeere, deren Kette blutig wundet und in langſamem, quälenden Siechthume tödtet. Fühlen Sie die Kette, Madame? ſagte Ludwig ſcharf. Vertrauen? Zärtlichkeit? Worte, welche im Munde der Weiber flatternde Papillons ſind mit ſchillernden Farben⸗ welche nur Einen Tag lang ihren Glanz behalten. Treue? Wort ohne Wahrheit, flüchtig täuſchender Flöten⸗ ton, Lüge wie die Schminke auf der Frauenwange! Sie haben ſcharf gedacht über unſer Verhältniß, doch wenn der Verſtand zergliedert, pflegt das Herz zu frieren und das Gefühl verarmt, und wo fand ich denn alle dieſe luftigen Feyenſchätze in meinem Hauſe? Ludwig! Gott ſtrafe Deine Vergeſſenheit nicht, ent⸗ gegnete die Prinzeſſin gekränkt und mit vorwurfsvollen Blicken. Erinnerſt Du Dich nicht mehr des Tauftages unſeres Erſtgeborenen? Gedenkſt Du nicht mehr jenes ſchönen Morgens, wo Du mich über alle Töchter der Erde erhobſt durch das Wort: Ich hätte Dir das höchſte Glück des Lebens gebracht in dem holdſeligen Knaben? O der ſchönen, traulichen Zeit! Damals war noch dieſes Zimmer Ludwigs Paradies, und keine fremde Schlange 449 vergiftete den Lebensgarten und wand ſich mit gift⸗ ſchillernden Schlingen verheerend durch den Blüthenbaum unſerer Seligkeit. Ein dunkle Röthe überflog das Geſicht des Prinzen bis zur Stirne hinauf, ſeine großen Augenbrauen zuck⸗ ten und falteten ſich über den Gluthblicken, welche Böſes dräuten. Sophie verſtummte vor dem auſfſteigenden Grimm und ſah zweifelhaft zu ihm hinüber. Madame, ſagte er verbiſſen, ich liebe die Erinne⸗ rung an das Todte nicht, und gehe nicht gern zwiſchen Gräbern ſpazieren. Sie haben ſeitdem andere Vertraute gewählt, und Ihre Wahl macht Ihrer Klugheit wie Ihrem Geſchmacke keine Unehre. Nur vorſichtiger ſollte der Vertraute ſeyn. Nicht immer iſt das Schickſal ſo milde und günſtig, verlorene Liebespfänder in diskrete Hände zu ſpielen, nicht immer findet ſich ein Gemahl, der nachſichtig Herzensſünden überſieht und mit chriſt⸗ lichem Gemüth den eigenen Mantel über die Blöße deckt, welche ihn zugleich mit ſchändet. Nicht wahr, Sie ver⸗ loren bei dem Feſte von geſtern einen Handſchuh? Was ſoll das unbedeutendſte aller Ereigniſſe jetzt, wo es ſich um das Höchſte handelt nach Gott, um Glau⸗ ven und Liebe? fragte die Prinzeſſin verwundert zurück. Der Handſchuh war verloren, aber er fand ſich unter den Tafelgedecken, dort auf der Toilette bei dem Ball⸗ anzuge liegt das vollſtändige Paar. Die Eva iſt um eine Lüge, welche Ausrede gibt, nimmer in Verlegenheit, brauste der Prinz wild auf, und riß den Fund von geſtern unter ſeiner Uniform hervor. Hier ſchauen Sie her, Madame! hier iſt der Verräther! Im Pavillon verloren, im Pavillon von mir gefunden, wo ein Gewiſſer klüglich die Ueberraſchung Blumenhagen. XlII. 29 . . 1 1 ½ 14 . 3 1 31 1 4 1 4 —— ——— 450 durch getreue Vedetten verhindert hatte. Erkennen Sie das Eigenthum, Sie getreue, fromme Genovefa? Oder ſoll ich wie um Aſchenbrödels verlorenen Schuh den ganzen Hof wegen dieſes Handſchuhes verſammeln? Oder erbleicht Ihr beſchämtes Gewiſſen? Werden Sie geſte⸗ hen und ſollen wir alsdann Alles geſcheidt und ſtill ab⸗ machen? Ihre Liebe gilt mir wenig, aber meines Hauſes Ehre werde ich makellos zu halten wiſſen, und ſollte ich mit Blut mein altes Wappen rein waſchen.— Wie in Stein verwandelt ſtand anfangs die Fürſtin, ihr Auge ſtarrte auf den Ballhandſchuh, dann zuckten ihre erbliche⸗ nen Lippen gichteriſch. Zeigen Sie, mein Herr! ſtammelte ſie, kaum der Sinne mehr mächtig. Der Handſchuh iſt mir bekannt, die Stickerei daran iſt franzöſiſch. Und im Pavillon? O dieſer Spott iſt unmenſchlich! Hat die Buhlerin dieſes Opfer verlangt? Sollten Sie ſelbſt mir Ihren Sieg verkündigen? O meine Kinder, meine verlaſſenen Küchlein! Sie ſank in heftigen Krämpfen nieder neben dem Seſſel hin. Der Prinz ſprang erſchreckt hinzu und hob ſie mit Anſtrengung auf den Polſterſtuhl. Das Kind ſchrie laut, Ludwigs Stimme rief gewaltig durch das Zimmer und die Damen flogen zur Hülfe herbei. Er ſelbſt aber entfernte ſich mit zuſammengebiſſenen Lippen und heftige Zornworte in ſich hinein murmelnd, ſo daß Pagen und Lackeien vor ſeinem Ausſehen furchtſam zu⸗ rückwichen, als er durch die langen Galerien des Schloſſes dahintobte. Alle Zungen kamen in Bewegung, vom Schloßwächter bis zum Staatsminiſter ward die Neubegier wach, man ſprach ſcheu und verſtohlen von Mißhandlungen, von Scheidung, doch des alten Fürſten weiſes Benehmen und ernſtes Wort hielt die donnernde 45¹ Lavine auf, ehe ſie verderblich ihren Sturz vollenden konnte. Ein Hauptjagen war angeſagt. Junker und Ama⸗ zonen ſprengten in eleganten Jagdkleidern zum Thore hinaus. Die fürſtliche Jagd brach mit den gekoppelten Leithunden vom Jägerhauſe auf, und munter ſchallte das Hörnerlied durch den friſchen Morgen hin. Vor dem Reſidenzſchloſſe hielten die Caroſſen und ſchlanken Renner des Marſtalles, und der Leibhengſt des Erb⸗ herrn ſtampfte das blanke Pflaſter der Straße und be⸗ ſchäumte ungeduldig ſeine Silberſtange. Ihro Durchlaucht die gnädigſte Frau läßt ſich ent⸗ ſchuldigen, meldete ein kommender Hofjunker dem Prin⸗ zen Ludwig.— Auch gut, murmelte der Prinz, ſo bleibt dieſe Luſt ohne Störung. Da trat Graf Kunigſteen in das Zimmer, im Felde als der bravſte Soldat von je gewöhnt neben dem Herrn zu ſtehen, auch als Jäger immer dem Prinzen zu⸗ nächſt. Mit einem ſcharfen Blick muſterte ihn der Fürſt, ohne ſeinen Morgengruß zu erwiedern. Verwundert, doch unbefangen und mit dem Freimuth auf dem Geſicht, der ihm gewöhnlich war und ihm ſo gut ſtand, ſchaute der Günſtling, das Kommende neugierig erwartend, dem Jugendgefährten in die finſtern Augen. Der Prinz ſchien verlegen um ein Anfangswort. Haſt Du endlich aus⸗ geſchlafen? fragte er, Bitterkeit im Tone. Mein Namens⸗ tag hat Dir viel Moleſtie gebracht, denn Du wareſt geſtern rar und wurdeſt oftmals vergebens geſucht. Im Tanze hatte ich den Fuß vertreten, antwortete Kunigſteen leichthin. Eurer Durchlaucht Leibmedikus 452 reparirte den Schaden, und ich war pflichtgemäß wieder zur Stelle. Im Tanze vertreten? fragte Ludwig aufhorchend fort. Vielleicht ein kecker Sprung über die Hecken des Schwa⸗ nenteiches? Nicht wahr, Graf, Du ſtutzeſt, Du verwun⸗ derſt Dich höchlich? Wir haben auch unſere Spione im Felde der Liebe mußt Du wiſſen, welche des Fuchſes Lager auswittern, und wenn auch eine Legion Vorpoſten es umſtellten. Werde nicht roth, mein Adonis, Ritter⸗ thum und Galanterie ſind verſchwiſtert, nur mußt Du dieſes einzige Mal meine Neubegier mir zu Gute halten, die gar zu gern wüßte, welche kluge Dame im Pavillon ſo ſchön die Pauſe zwiſchen Tafel und Feuerwerk für ein Schäferſtündchen zu benutzen verſtand. Der Graf war erſchrocken, vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben verwirrt und um eine Antwort und Ausrede verlegen. Wie ſollte er eine Ausflucht nehmen? Die Wahrheit traf eine Stelle, welche die empfindlichſte in jedem Herzen iſt; zu einer Lüge nahm der edle Nor⸗ mann nur ungern die Zuflucht, und des Prinzen herri⸗ ſcher Sinn ließ ſich mit einer Tändelei oder einem Witz⸗ ſpiele nicht abfertigen. Zudem kannte Kunigſteen des Fürſten Geſicht, und die angeſchwollene blaue Ader über der rechten Augbraue verkündete geſtrengen Ernſt und eine ungewöhnliche Wallung. Entſchloſſen trat der Graf einen Schritt näher und das große offene Auge verſprach Wahrheit und Aufklärung. Möchte mein gnädiger Herr mir dieſes Mal die Erklärung erlaſſen, ſagte er. Meine Geheimniſſe ſcheuen zwar Ludwigs Blicke nicht, aber die Heimlichkeit jener Nacht iſt nicht mein eigen, und ich ſündige gegen Adel und Ritterthum, wenn ich ſie bloß⸗ gebe ohne Einwilligung der Beſitzerin. 453 Ich mag gern, daß meine Vertrauteſten geachtet ſind, entgegnete der Prinz⸗ wie in tiefe Gedanken verſunken zum Boden ſtarrend; es liegt darin die Billigung⸗ die Probe meiner Wahl. Aber wenn meine Vertrauten ſich meinen Gegnern anſchließen, wenn ſie mir Halbheit ge⸗ ben, oder gar der Betrug durch die ſchlecht vorgehal⸗ tene Liebeslarve ſchimmert, dann werfe ich ſie zu mei⸗ nen Feinden und mein Schwert iſt blank für ſie. Ku⸗ nigſteen, Auge in Auge! Des Edelmaunes Wort auf der Zunge! Du ſpracheſt die Prinzeſſin Sophie in jener Nacht im Pavillon, und ich will wiſſen, was ihre böſe Laune Dir vertraute.— Als hätte ein Wetterſtrahl den Grafen berührt, ſo ſchoß er im Schreck zuſammen. Dein Erbleichen geſteht ohne Worte! rief der Fürſt mit auf⸗ flammender Heftigkeit. Scham und Gewiſſen iſt doch noch heimiſch geblieben in Dir. Aber ſprich! was gab's dort? was wurde verhandelt? Der Wahrheit werde Verzei⸗ hung, ſelbſt wenn ſie eine Sünde geſtände; der Lüge folgt die Rache in Blut und Tod. Mein Prinz, entgegnete der Günſtling mit Haſt, denn er fühlte die Wichtigkeit des Augenblicks, welcher uner⸗ wartet wie Wolkenbruch oder Erdbeben auf ihn herein⸗ gebrochen: nicht Geſtändniß iſt dieſes Erbleichen, es iſt Erſchrecken über die finſtere, kranke Phantaſie mei⸗ nes Herrn, welche Dinge als möglich, ja als ge⸗ ſchehen träumt, die dem Reiche der Unmöglichkeit ange⸗ hören. Keine falſche Parade, Graf, und an der Klinge ge⸗ plieben! donnerte der Prinz. Ich weiß, Du warſt dort, ſie war dort; das war klar vor meiner Frage. Nur vas Warum will ich hören, und geradeaus wie vor meinen Reitern auf die Schanze gehe ich auch hier Dir 454 ſelbſt entgegen, und müßt' ich den ärgſten Feind und den Teufel meines Namens in Dir finden. Mein Herr kann nicht wiſſen, was nicht war, fiel Kunigſteen dreiſt ein. Wie würde eine Fürſtin gleich unſerer Durchlauchtigſten den Mantel der Mitternacht ſuchen, wie den Frauenruf auf's Spiel ſetzen, welcher keiner im Fürſtenthum ſo heilig iſt als ihr, wo ſie daſ⸗ ſelbe im Lichte des Tages gewinnen könnte und ohne ihr Zartgefühl zu verletzen, welches ſo empfindlich iſt wie der Sinnpflanze zuckende Blätter?— Nicht zum Lob⸗ redner meiner Gemahlin hab' ich Dich berufen, antwor⸗ tete Ludwig düſter blickend, aber ich ſehe, Du ſcheinſt ſie beſonders genau zu kennen und beſonders begeiſtert von ihr. Mein Verdacht kann nur wachſen in der Gluth Deiner Worte. Hier gilt keine Ausflucht, anders mußt Du Dich vertheidigen, oder, bei meiner Fürſtenehre, ich werfe den Vertrauten ſo tief hinab, wie ihn mein gläu⸗ biges, befangenes Herz emporhob.— Kunigſteen ſtand noch einen Augenblick ſich beſinnend, dann trat er einen Schritt zurück, und mit Selbſtgefühl ſich feſtſtellend und ſein Haupt erhebend, nahm er zugleich den fremdern Ton des Cavaliers an, welcher vor ſeinem Gebieter ſteht. Ich bin ein Fremdling in dieſem Lande, ſprach er mit Ruhe und Ernſt, mein Fürſt kann mich gehen heißen, und ich muß dann ſeine Gränzen überſchreiten. Prinz Ludwig kennt meinen Sinn: Zwang iſt mir eine mürbe Feſſel; Gewalt ſtirbt an meiner Todesverachtung; Furcht iſt kein Wort in meinem Gedächtniſſe. Aber die Gunſt meines Herrn iſt mir ein Ehrenorden geworden, den ich nicht miſſen mag um ſolche Gewöhnlichkeit, wie die Ge⸗ ſchichte jener Nacht iſt. Bin ich gewürdigt worden, bis jetzt eines Ludwigs Vertrauter zu ſein, ſo muß ich auch 45⁵5 meine Würdigkeit beweiſen durch Vertrauen, und koſtete es dem Manne eine Wunde, ein Opfer der gewohnten Denkungsart, würde ſelbſt ein Grundſatz dadurch um⸗ geworfen. Und mehr gilt es ja hier, es gilt das Glück eines hohen Ehepaares⸗ es gilt die Ruhe meines edlen Herrn, der in ſeltſamer Befangenheit an Mährchen glaubt, die gräßlich klingen und das ſchöne Leben mit Geſpenſter⸗ ſpuk vergiften. Waos ſoll die lange Vorrede? zürnte der Prinz. Ein Wort macht ſie klar, antwortete Kunigſteen feſt. Die Baronin Tellern ſprach im Pavillon mit mir. Die Tellern? fragte Ludwig mit ſchwerer Zunge.— Der franzöſiſche Handſchuh?— Ja! ja! ſetzte er ver⸗ wirrt hinzu, Du biſt alſo der Glückliche. Vielleicht könnte ich's ſein, denn ich war nicht der Verlocker zum Pavillon, man lud mich ein, fiel der Graf ſchnell und fein in die Rede; aber meine Schmet⸗ terlingsjahre ſind hinter mir, und ich trete keinem Freunde gern in ſeinen Blumenweg. Auch bin ich längſt gebun⸗ den; denn noch heute wollte ich Eurer Durchlaucht Herrn Vater die Bitte zu Füßen legen, mein Verlöbniß mit dem Fräulein Ulrike von Tondern gnädigſt zu beſtätigen. Mit der Tondern? lallte tiefſinnig der Prinz nach. Mit dem Hoffräulein meiner Gemahlin, mit ihrer In⸗ timſten? Kunigſteen, fuhr er dann noch furchtbarer auf als vorhin, Du haſt die Hölle in mein Herz geworfen, hier Hölle⸗ dort Hölle, wie auch die Wahrheit liegen mag. Der Freund oder die Liebe iſt verloren. Was wollte die Baronin von Dir?— Sie klagte über Feſ⸗ ſeln, ſagte der Graf leichtfertig. Sie wollte den Ver⸗ trauten der Herrſchaft auch ſich zum Vertrauten gewin⸗ nen. Sie iſt Ausländerin, fremd wie ich in dieſem Lande, 456 Rath, Sicherſtellung am fremden Hofe.— Kunigſteen, fiel der Prinz mit Strenge ein, Du verſchweigſt die Hauptſache! Mein Prinz weiß mehr und erräth mehr als der Ritter ſagen kann, der ſchon durch das, was er geſtand, die Geſetze der Tafelrunde beleidigte, antwortete der Günſtling wie ſcherzend. Die Hörner der Jäger rufen, ſchloß da Ludwig raſch aufbrechend. Ich danke Dir für Dein Geſtändniß, wir werden noch weiter davon reden. Er nahm Hut und Hirſchfänger und ging; doch an der Thüre kehrte er noch⸗ mals um, wandte ſich ſchnell gegen den Grafen und trat mit wunderbar leuchtenden Blicken dicht vor ihn hin. Ich glaube Dir, Graf, ſagte er mit erhobener Stimme. Wenn ich aber eine Lüge entdeckte, wenn der feine Hof⸗ mann es ſich erlaubt hätte, ſeine Kunſtſtücke ſelbſt an dem Herrn zu verſuchen, Kunigſteen, Dir und mir wäre dann beſſer, Dich trüge Dein Jagdroß in nächſter Mi⸗ nute über die Gränze, oder mich zerfleiſchte noch heute eines Sechzehnenders ſcharfes Geweih. Auch am ausländiſchen Hofe bleibt der Normann in Wahrheit ſtarr und feſt wie ſeines Poles Eisfels, ent⸗ gegnete mit Stolz der Graf; mein Roß wird den Hufen des Eurigen nachtreten und es heute nicht verlaſſen. Beide gingen zum Schloßhofe hinab, wo die Fanfare der Hofjäger ſie empfing und Alles nun mit ſtürmiſcher Ungeduld aufbrach. Aber der Graf vergaß zu bald ſein letztes Verſprechen; wohl ihm, hätte er ſich und dem Prinzen Wort gehalten. 457 Ein friſcher goldiger Morgen beleuchtete das ſchöne Gebirg, welches im Halbzirkel, von fern wie eine blaue Feyenmauer anzuſchauen, das große Waizenthal um⸗ kreiste, in deſſen Mitte die Refidenz mit ihren ſchönen Thürmen ſich erhob. Die grüne Baumwand auf den Bergen, hier in runden Kuppeln wie ein Tempel auf⸗ ſtrebend, dort in zackichten Ausſprüngen einem bewehrten Schloſſe gleich, trug ſchon hie und da die Spuren des ſcheidenden Sommers in roth und gelb gefärbten Buch⸗ blättern, aber wie das Silberhaar ein Greiſenhaupt ver⸗ ſchönert, zierte auch dieſe Einmiſchung das Gebirg und machte es im Frühſchimmer zu einem großen Juwelen⸗ kranze. Durch die gelben Waizenfelder dahin, durch die hohen Baumſchatten hinauf und herab ſprengten die Herrſchaf⸗ ten aus der Stadt, bis auf die jenſeitige Heide, die zum Hauptplatze des fürſtlichen Vergnügens auserſehen war, und wo man auf den letzten terraſſenähnlichen Höhen des Berges mehrere ſchöne Gezelte aufgeſchlagen hatte, von denen die Damen und die zarteren Höflinge die Haide und alle Jägerthaten, welche darauf geſchehen möchten, deutlich überſchauen konnten. Seltſam abſtechend und im Gegenſatze war die Ge⸗ ſellſchaft oben in den türkiſchen Zelten, und die Geſell⸗ ſchaft unten in den Gebirgesſchluchten. Oben unter den bunten Teppichen, deren Vorderwand aufgeſchlagen war, ſervirten die begoldeten Hoflackeien die Tafeln zum Früh⸗ ſtück und füllten die großen Silberpokale mit altem Schloß⸗ weine. Weiter hinab brausten unter einer Baracke von Bretterwerk in ihren Ständen die leichtfüßigen Jagd⸗ pferde und murrten die gekoppelten Hunde unter der Aufficht der Stallleute und Jäger, welche ſich aus vollen 458 Flaſchen den Morgengruß zutranken und mit den we⸗ delnden Lieblingen den fetten Imbiß theilten. Unten in den Steinſchluchten aber logirte das Landvolk, ermüdet von der Nacht, worin man das Wild zuſammengetrie⸗ ben hatte, mit am Waldbuſch zerfetzten Kleidungsſtücken: Männer und Weiber, Mädchen und Burſchen in komi⸗ ſchen Gruppen, wie ſie der Zufall zuſammengewürfelt, Jeder ſeinen friſchen weißgeſchälten Stab in der Hand. Scheel ſahen die Armen und Hungrigen hinauf nach den wohlbeſetzten Zechtiſchen und biſſen mit ſtillem Ingrimm in ihre Brodkruſte, welche die zerriſſene Taſche bewahrte. Lockere Jägerburſche hatten ſich unter ſie gemiſcht, ſchar⸗ muzirten hier um ein ſprödes Dirnchen herum, oder är⸗ gerten dort eine grämliche Alte, die ihre Schelmreden und Spottlieder nicht anhören mochte. Appellhörner tön⸗ ten jetzt dumpf und gezogen aus dem Gebirge her: der Hof näherte ſich dem Ziele, und die Jäger und Dirnen eilten an ihre Plätze, und das Bauernvolk ſprang vom Boden auf und drängte ſich an den ſchmalen Hohlweg, durch den der blanke Zug herabkommen mußte, und alle Mützen flogen herunter, und mit offenen Mäulern gaffte das junge Volk auf den fremden Prunk und die ſeltene Herrlichkeit. Prinz Ludwig hatte einſam voranreitend den Weg zurückgelegt. Niemand wagte die Audienz zu ſtören, welche er den eigenen Gedanken zu geben ſchien, da ſichtlich recht dickes und ſchweres Wettergewölk die Sonnen ſei⸗ ner Seele überlagerte. Wenn die Leidenſchaft ſich ein⸗ gebürgert hat in das menſchliche Gemüth, ſo macht ſie ſich alsbald zum Tyrannen ihrer Wohnung und wirft gleich dem jungen Aar Alles aus dem Neſte, was ſie bedrängt, und ſelbſt die edelſten Gefühle müſſen ihr 459 weichen oder ihr unterthänig werden. Je kräftiger das Weſen iſt, welches ſich ihr hingibt zum Sklaven, je mehr des Hohen und Herrlichen und Beſondern in ihm waltet, deſto gefährlicher iſt die Leidenſchaft in demſel⸗ ben, gefährlich für das Weſen ſelbſt, gefährlich für Alle, die dem Vulkan nahe leben, deſſen innere Donner den bal⸗ digen Ausbruch des verheerenden Flammenregens anſagen. Der Prinz wurde da verletzt, wo er am empfind⸗ lichſten war. Sein Herz, bislang nur der Convenienz gehorſam, liebte die reizende Franzöſin zuerſt mit jener ernſten Neigung, die in ſtillen Gemüthern zu den höch⸗ ſten Opfern der Treue führt, in heftigern Feuermenſchen aber zu Thaten der Wildheit und Verzweiflung zu rei⸗ zen pflegt. Dieſe Eine, dieſe Einzige für ihn ſollte ihn jetzt weggeworfen haben an einen ihm Untergebenen, ſollte trotz ſeiner lauten Huldigung ihre Gunſt und das Glück, welches ſeine höchſte Sehnſucht geweſen, an einen Andern leichtfertig ausgeboten haben? Sein Stolz ſchau⸗ derte an dieſer Klippe wie an einer Unmöglichkeit, und dennoch, wenn er des Günſtlings edle Geftalt ſich vor⸗ malte, wenn er ſeine Liebenswürdigkeit im Geiſte be⸗ trachtete, wenn er ſein bekanntes Glück bei den Damen ſich vorerzählte, ſo geſtaltete ſich die Unmöglichkeit und ſtellte ſich ihm als Wirklichkeit, einem geſpenſtiſchen Rieſen gleich, entgegen. Zugleich kannte er den Grafen zu genau⸗ hatte die Ueberlegenheit ſeines Geiſtes, die Umſicht ſeines Verſtandes zu oft erprobt, um bei ihm den Verdacht ei⸗ ner Lüge oder Ausflucht in ſolch wichtigem Falle Raum und ihm eine Spur des Glaubens geben zu können. Sein zerriſſenes und uneiniges Gemüth freute ſich auf das rohe Spiel der Jagd, das dem jugendlichen Krieger, als dem Kriege am nächſten verwandt, von jeher 460 zugeſagt; aber Alles, was dieſe Luſt zum Feſte macht: die Ordnung der Jagdgerechten, die Geſelligkeit der Tafel vor und nachher, der Triumph der Treffenden, der fro⸗ hen Schützen Hornlied bei dem Abfangen des Edelthieres, Alles, was die gemeine Luſt königlich macht und dem Gebildetern anſtändig, war ihm heute Laſt und Ge⸗ fängniß; er ſehnte ſich nur nach Blutbildern, nach ſtür⸗ zendem, ächzendem Wilde, nach Anſtrengung und der tiefen Ermüdung, die dieſer zu folgen pflegt. Unglück⸗ ſeliges Menſchenſchickſal, daß der herrliche Himmelsſohn, den wir Geiſt nennen, in einem thieriſchen Muskelnetze gefangen liegt, und daß die Wallungen irdiſcher Stoffe alle ſeine Herrlichkeiten zu überſchwemmen, ja zu erſäu⸗ fen vermögen. Die Baronin Tellern war der erſte Stern in dem Kreiſe kühner Damen, welche nicht den rauhen, der Schönheit feindſeligen Morgen, nicht die Gefahren des männlichen Vergnügens geſcheut hatten; aber Prinz Lud⸗ wig ſah ſie nicht, hörte ſie nicht, ſaß unruhig an der Tafel und ſtarrte auf die leere Heide hinaus. Alle Brun⸗ nen ihres Witzes öffnete die Franzöſin und übertraf ſich ſelbſt beim Frühſtück in geiſtreichen Sarcasmen, ſpaß⸗ haften Calembours und anziehenden Anekdoten; aber Prinz Ludwig achtete nicht darauf und ſchlürfte in lang⸗ ſamen Zügen, ohne daß ſeine Zunge davon zu ſchmecken ſchien, den würzigen Glühwein aus ſeinem Kryſtallbecher hinab. Da ſtieg die Röthe des innern Grimms auf die Wangen der ſchönen Frau; eine Ahnung des Vorgefal⸗ lenen machte ihr Herz beklommmen und hob ſtürmiſch die volle Nymphenbruſt, und wie jetzt der Fürſt das Zeichen zum Beginnen der Jagd gab und die Signal⸗ hörner den Befehl weiter trugen, und Jäger und Land⸗ volk zu neuer Arbeit aufbrachen, ging die Baronin nicht zu den Damen, welche zum Zuſchauen der Männerthaten nach den geſicherten Gerüſten und Sitzplätzen ſich dräng⸗ ten, ſondern ſie miſchte ſich kühn unter die Hofherren, welche die flüchtigen Roſſe heranführen ließen und ihre Jagdwaffen in Ordnung brachten. Das angetriebene Wildpret ward jetzt nach und nach auf den Schießplatz gelaſſen. Schüſſe fielen hie und da auf junge Spießer und flüchtige Thiere, auf den ſchlauen⸗ geduckt in den Heidefurchen hinſchleichenden Fuchs und den vorbeitanzenden Rammler, und ein junger, kecker Hofjäger fing mit ſicherer Hand den borſtigen, grimmig grunzenden Eber ab, der mit ſchneeweißen Hauern die ſchönen Hatzhunde zerfleiſchte. Jetzt ſetzte ein hoher Edelhirſch, mit einem präch⸗ tigen Krongeweih und langer Halsmähne geziert, ſtolz aus dem Walddunkel auf den grünen Plan, ſchaute furcht⸗ los umher, drehend den blanken Kopf, und ſprengte dann an den Gezelten hin, indem er das hohe Geweih hintenüber auf den Rücken legte. Schnell ſchwang ſich Prinz Ludwig auf das Roß; ſein Halloh gab das Zeichen zur Parforge, und Jedermann warf Gewehr und Jagd⸗ ſpieß von ſich und beeilte ſich, bügelrecht zu werden und dem Herrn zu folgen, der, von der losgelaſſenen Hunde⸗ meute umheult, das geſpornte Pferd an die Fährte des Edelhirſches feſſelte. Ueber die meilenbreite Heide tobte der wilde Lärm, ein Wettſpiel der Schnelligkeit und Kraft; doch das ſchöne Thier, auf deſſen langſames Verderben man bedacht war, ſpottete in ſeiner herrlichen Natur der Klugheit ſeiner Verfolger, täuſchte in ewig wechſelnden Schlangenlinien ſeines Laufes Hund und Pferd und Reiter, und ermüdete 462 beide, ehe ſie es erreichen konnten. Fern von dem Ein⸗ gange des Cireus, fern von den Gezelten bog jetzt der Hirſch plötzlich in einem ſcharfen Winkel dem Gebirge zu, ſetzte über den breiten Graben, welcher unter dem Na⸗ men Landwehr den Wald umzog und in den ſich alle Gebirgsbäche ergoßen, und ſprang nun, wie triumphirend den Hals rundum werfend und freudig die runden Augen rollend, als ſpottete er einiger leichten Fleiſchwunden, die er früher erhalten, die dünnbewachſene Steinhöhe hinan. Des Prinzen ſtarkes und unermüdliches Leibroß hatte bis jetzt ſich noch allein dicht zu dem Wilde gehalten, doch den kühnen Satz über den breiten Waſſergraben nachzuthun, vermochte das keuchende, erhitzte Pferd nicht mehr, und die Gefahr meidend, trabte der fürſtliche Jäger, der Gegend kundig, am Rande der Landwehr hinunter zu einer ihm wohlbekannten Blockbrücke. Von dort aus konnte er vielleicht den Weg des Wildes abſchneiden, indem er ſah, daß die fern zurückgebliebenen Jäger, mit den ſcharfen Augen dem Hirſche folgend, ſchon ſich ſeit⸗ wärts in den Buchwald geworfen hatten, um die fernere Flucht der edleren Beute in dem tiefern, ungangbaren Dickicht durch dieſes Manöver zu hindern. Ein Angſtſchrei traf in dieſem Augenblicke des Prin⸗ zen Ohr. Er ſah zur Seite, und ein ſchlankes Roß flog über die Heide daher, um deſſen Haupt der freie loſe Zügel lang hinflatterte. Eine Amazone hing auf des leichten Renners Rücken, welche bügellos und am Sat⸗ telknopfe die Händchen feſtklammernd dem Willen des ſcheugewordenen Thieres völlig hingegeben war. Weithin flatterte die grüne Seidenſchleppe des Damenkleides, das Federhütchen hing am Nacken, kaum noch vom Seiden⸗ bändchen gefeſſelt, des Dame bleiches Geſichtchen ſchlugen im Windzuge des Rittes die vom Morgenthau ſchlicht gewordenen Locken, und mit Schrecken erkannte Prinz Ludwig in der Unglücklichen die Baronin von Tellern, die mit der Stimme höchſter Angſt um Hülfe rief. Der Prinz warf ſein Roß herum nach ihr, aber ihr Thier, neu geſcheucht dadurch, ſetzte ſich in ſtärkere Carrieère, galoppirte über die Blockbrücke, und jenſeits an den Wald⸗ ſchlagbaum kommend, überflog es dieſen mit gewaltigem Sprunge und warf dadurch die ſchöne Franzöſin ohn⸗ mächtig vom Sattel herab in den Unterbuſch und auf die Grashügel der Bergſtraße. Der Prinz war ſpornſtreichs neben der Gefallenen, ließ ohne Bedacht ſeinem Pferde die Freiheit, kniete hin in das Waldgras und faßte die beſinnungsloſe Dame in ſeine Arme. So ſchön war ſie ihm nimmer erſchienen als jetzt, wo ſie, mit Todesbläſſe bedeckt, ſeiner Willkür hingegeben dalag, wo die geſchloſſenen Augen nicht im buhleriſchen Feuer funkelten, ſondern unter den zarten Brauen einer ſchlafenden kindlichen Pſyche anzugehören ſchienen, wo der zerſtörte Anzug allen Regeln der Kunſt und Mode ſpottete und dennoch von der Hand einer Grazie gelegt ſchien, dennoch mehr Reiz gab, als je zuvor von dem liebenden Fürſten an der Herzensdame gefun⸗ den worden. Verlöſcht war in Ludwigs Gedächtniß die ganze Ver⸗ gangenheit: die Eiferſucht zeigte nicht mehr den Schlan⸗ genkranz, der Verachtung Eis war geſchmolzen und ſtrömte wie ein entfeſſelter Frühlingsquell in Sehnſuchtswellen durch den jungen, lebensmuthigen Mann, nur eine furcht⸗ bare Angſt um die Geliebte blieb das einzige Gefühl ſeiner Seele, in welchem jede andere Empfindung ver⸗ ſchwamm und in dem alle Eindrücke von Kunigſteens böſer Geſchichte verſchwanden ohne Spur, wie die Kreiſe, welche des Knaben Steinwürfe auf der Oberfläche des See's erregen. Er trug die zarte Bürde mit einem Wohl⸗ behagen, das ihm bis an die Fingerſpitzen brannte, auf eine weichere, bequemere Moosſtelle; er lehnte das han⸗ gende Köpfchen an die knolligen Wurzeln einer hochſte⸗ henden Eiche; er ſprang zum Wehrgraben, ſchöpfte im Fe derhute Waſſer und beſprengte damit das bleiche, lieb⸗ liche Antlitz. Da er aber gar eine leichte Schramme unter den Locken helles Blut ergießen ſah, ſo warf er ſich wiederum neben der Baronin in die Kniee, um⸗ ſchloß ſie feſt wie in Todesangſt, ſuchte, einem Wahn⸗ witzigen gleich, das rieſelnde Blut mit ſaugenden Lippen zu ſtillen, und begann dann mit ſeinem heißen Munde der Lebloſen Athem und Luft einzuhauchen. Unter ſeinen brennenden Küſſen erwachte die Baro⸗ nin und ihr erſter Hauch ſtrömte in den ſeinigen. Mit einem Ach! in dem Wonne und Weh gemiſcht war und das aus tiefſter Bruſt heraufgedrängt ward, ſchlug ſie die Augen auf, und wie ſie ſich in des Prinzen Armen erblickte, überflog eine Gluth gleich Sommermorgenlicht ſchnell Stirne und Wange und Hals bis in den wogen⸗ den, entblößten Buſen hinein. Sie ſchaute um ſich, als beſänne ſie ſich auf das Vorgefallene, und dieſes Be⸗ finnen verwiſchte immer mehr mehr und mehr die Züge des Schmerzes und der Ohnmacht aus ihrem Geſichte, indem ſie zugleich ſich ſanft losmachte. Wo bin ich? ſtammelte ſie. Und Ihr hier mir zur Seite, mein Prinz? Ihr mein Erretter, mein Engel, der mich in's Leben rief? Unter ſolchem Todesſchlafe und ſolchem Erwachen zu wählen müßte ſchwer ſein, und es bliebe beſtändig ein Räthſel, ob man das Beſſere träfe. Mit ihrem Emporrichten und Löſen aus ſeiner Um⸗ ſchlingung kehrte auch des Prinzen Beſinnung. In ei⸗ nem Zwieſpalte der wieder belebten älteren Gefühle ſtand er raſch auf und ſagte mit ſcharfem Blick auf die Sitzende: Stände ein Anderer an meinem Platze, dann würde die gnädige Frau leichtere Wahl haben. Aber Frau For⸗ tuna iſt eine Dame: ſie hat ihre Capricen wie jede der Frauen, und ihr Geſchmack iſt ſo barock und ſeltſam wie der ihrer Schweſtern. Die Baronin ſetzte ſich höher und bequemlicher auf dem Raſen feſt und ordnete ihren Anzug, doch blieb der zarte kleine Fuß und der feine Seidenſtrumpf ſichtbar, da der Klugen nicht entging, daß Ludwigs glühendes Auge daran zu haften ſchien wie Stahl an dem Mag⸗ netſteine. Wie kommt mein Fürſt jetzt zu ſo ſcharfem Witzwort? fragte die Dame lauſchend und halben Blickes zu ihm aufblinzelnd. Hier iſt nur Waldesſtille und kein Zweiter für meine Wahl; mein Retter und meine Dankbarkeit ſind allein im todten⸗ verſchwiegenen Grünen. Aber es iſt Morgenlicht zugegen, und keine Feuer⸗ werksnacht mit ihrem ſtörenden Wechſel von Flamme und Finſterniß, fiel der Prinz ſcharf ein; auch iſt kein Pa⸗ villon da zum Verſteck und zu günſtiger Aufnahme. Die Baronin zuckte faſt unmerklich zuſammen. Mein Fürſt zürnet, entgegnete ſie, doch weiß ich nicht warum; der Ton der Worte iſt deutlich, jedoch der Worte Sinn ein Räthſel, und ich will mein heißes Dankgefühl nicht daran erkälten. Nur ſpotte Prinz Ludwig nie und nim⸗ mer über den Geſchmack der Pariſerin. Darin iſt das Athen der neuen Welt die einzige Schule; ſeine Schüle⸗ rinnen halten das Höchſte und das Edelſte immer auch Blumenhagen. XIII. 30 — 2 2 ——— 1 466 für das ſchönſte Ziel, doch lehrt es ſie zugleich auch Selbſtachtung, und ſie verbluten lieber, ehe ſie ſich weg⸗ werfen. Der Prinz war durch den ruhigen Ton überraſcht, wollte antworten, da ſah er die Schöne neuerdings er⸗ bleichen und ihr Lockenköpfchen ſinken. Seine Beſorgniß kehrte; bekannt mit der Gegend, wußte er ein Wald⸗ hüterhäuschen in der Nähe, und mit donnernder Stimme rief er durch den Wald. Ein Hofhund ſchlug an, man hörte und antwortete. Bald kamen einige Holzknechte und trugen die Kranke fort zu dem einſam ſtehenden Hauſe, wo des Prinzen Befehle die trägen Weiber am Spinnrocken zu flinken Sylphiden umwandelten, welche jede Bequemlichkeit, die möglich war, ein weiches Bett und geglühten Wein, und was ſonſt ihre Lage zu fordern ſchien, herbeizauberten. Die Baronin erholte ſich. Eine ſtille Halbſtunde ne⸗ ben dem Bette der Leidenden wandelte den Prinzen wun⸗ derſam. Die Unſchuld allein ſchien ihren Thron auf dieſen Lippen erbaut zu haben; die ſtille, ſcheue Liebe hatte ihre Wiege in dieſen Angen. Es war ihm klar ohne Erklärung: Kunigſteen war ein zwiefacher Verräther, ein frecher Lügner an ihm und jeder Weiblichkeit. O! Selbſt⸗ täuſchung iſt die Klapperſchlange, deren ſcharfer Dunſt⸗ kreis die Vernunft betäubt und ſtürzen macht in den ge⸗ öffneten Schlund des Verderbens. Was der Menſch hofft und gern glaubt, das glaubt er auch leicht, und wenn heller Sonnenblick die Unmöglichkeit beleuchtete. Der Rieſenſchritt, den die Leidenſchaft des jungen Fürſtenſohnes hier im armſeligen Forſthauſe machte, be⸗ rauſchte den bislang in Sehnſucht Gequälten: er konnte das verſchloſſene Herz und den gebundenen Mund nicht 3 467 mehr zügeln. Vor dem Lager der Geliebten ſitzend, das trunkene Auge am Liebreiz ohne Gleichen weidend⸗ rollte Alles, was vorgegangen in der Feſtnacht ſowohl wie am Morgen darauf, ſtürmiſch, gleich einem Wolkenbruch im Felsgebirg, von des Mannes Lippen, und die gewandte Weltfrau verrieth mit keiner zuckenden Augenwimper⸗ mit keinem ſtockenden Athemzuge, wie die Erzählung ihr Herz zerriß, wie verachtete Neigung, gekränkte Eitelkeit, wie zerſtörte Hoffnung, wie Zorn und Haß und Rach⸗ ſucht bei dem Bericht des hohen Liebhabers wechſelnd ihre Seele beſtürmten, marterten und verletzten. Die Rachſucht des tiefſten Haſſes blieb zuletzt haften auf dem erſchütterten Boden ihres Gemüthes, und mit der ſchön⸗ ſten Seidenmaske das Hyänenantlitz überdeckend, neigte ſie den Lockenkopf aus dem Bett und legte den entklei⸗ deten ſchwanenweißen Arm auf die glühende Hand ihres Geſellſchafters. Ihr Auge blickte in wunderbarer Klar⸗ heit dabei ihm feſt in das rollende Auge. Wenn mein Fürſt nicht ſpräche, ſo würde ich ein Mährchen zu hören glauben, ſagte ſie mit dem ſanfte⸗ ſten Accorde, den die Harmonika des Weibermundes nur irgend hat. Indeß, ſetzte ſie ſtolz hinzu, Gabriele ſtellt ſich über die wahnwitzige Lüge eines verwegenen Hof⸗ herrn, deſſen Schlangenſchlauheit wer weiß welche Vor⸗ theile in ſeiner Fabel ſuchte. Ludwigs Gunſt weckt Nider⸗ und das mit Recht. Warum beglückte mein Prinz die arme Fremde ſo öffentlich damit, und bereitete vielleicht ihr Unglück dadurch? Denn wo ſolcher Angriff gewagt wurde, da liegt eine arge Feindſchaft, und da drohet heimliches Verderben. Die ſchmeichelnde Stimme wirkte wie Sirenenlied auf den gebundenen Ulyß, und an ſeinen Feſſeln reißend * und ſie ſconi im Geiſte zerbrechend, faße er die kleine zarte Hand und preßte ſie heftig gegen ſeine Bruſt. Ich bin der Fürſt dieſes Landes, der Herr Aller, die dieſer Boden trägt, ſprach er erhitzt auffahrend. Bei den grauen Locken meines Vaters ſchwöre ich, wer das beleidigte, ſo tief beleidigte, was ich hoch halte, ſoll dem Blutgerichte verfallen ſeyn gleich dem frechſten Hoch⸗ verräther. Weiß ich, daß dieſe Hand mein iſt, daß die⸗ ſes Zittern in ihr ein beglückendes Gefühl für mich Ber⸗ kündet, ſo ſoll nichts mich mehr trennen von dieſer Hand, ſo ſind hinfort alle Ketten, die mich vön ihr ziehen, Spinngewebe, die meine Liebe durchfliegt, ſo iſt Ga⸗ briele der größte Edelſtein in meiner Krone, Geliebte mir, Freundin mir, Welt und Leben mir, und Gabrie⸗ lens Widerſacher ſind meine Todfeinde. Er zog einen Brillantring vom Finger und ſteckte ihn an die Hand der triumphirenden Dame. Iſt unſer Bund geſchloſſen? fragte er ſtürmiſch und drängend, wie Seinesgleichen in ſolchen Lagen zu wagen pflegen. Wenn Ludwig ſo treu zu ſeyn vermag, wie ſeine Werbung überbrauſend iſt, ſo folgſam, wo es Ver⸗ ſchleierung des Glückes gilt, ſoll der ſüße Becher nicht Gift werden, wie er feindſelig zürnen kann, ſo hat Ga⸗ briele nur noch Eine Bedingung zu machen, ehe ſie ſich dem ſchönen, ewigen Bunde verknüpft, ſagte die Baro⸗ nin mit weichen Liebestönen.— Und welche? rief der ungeduldige Liebhaber. Alle Bedingungen ſind ſchon ge⸗ währt, bevor ſie noch geſprochen wurden. Nur die einzige und geringe, erwiederte ſie mit ſchadenfrohem Blitzauge, daß mir mein Prinz den Be⸗ weis befiehlt, wie ſein kecker Günſtling log, 6 wie und warum der Schamloſe ihn täuſchen mocht 469 Ich befehle Dir's, wenn auch mein Beweis längſt mir in der Feuerſchrift dieſer wunderſchönen Augen er⸗ ſchien! jubelte Ludwig und umſchlang den Nacken der Schönen. Sie duldete ſeinen heißen Mund, aber draußen wr.ieherten und trabten Roſſe, Hunde ſchlugen an und eein dumpfes Getöſe verrieth die Ankunft, die ſtörende, des höfiſchen Gefolges und der ganzen Jagdgeſellſchaft, 1 deren Hörner und Gejauchze mit einem tönenden Hallali das Abfangen des Edelhirſches verkündeten. . Statt des feſtlichen Geräuſches war in den nächſten Tagen eine deſto merkbarere Stille eingetreten, die über den Paläſten der Reſidenz weilte, als ſei die Peſt in der Gegend, und ein Jeder ſcheue die Berührung des Andern. Dieſe Stille war keine friedliche Ruhe, es war keine wohlthätige Erholung nach ungewohnter und übermäßiger Ergötzung, nein, es war jene lautloſe Schwüle, welche in der Natur herrſcht, wenn ein ſchwe⸗ res Ungewitter ſich am Horizonte heraufwälzt und alles Lebende vor ihm ſich birgt und Sicherheit ſucht, ehe denn die tödtenden Blitze leuchten. Die Erbprinzeſſin ließ ſich krank melden bei der alten Herrſchaft und verließ ihre Zimmer nicht, wo ſie nur den Vertrauteſten ſichtbar war; der Erbprinz hatte vor⸗ geblich bei der Parforgejagd die Hand verletzt, und erſchien weder bei Tafel, noch bei der Parade; das alte Fürſtenpaar ſaß einſam zuſammen und ſpielte ein ernſtes Schach, das nur dann unterbrochen wurde, wenn zu der gewöhnlichen Stunde der Hofmeiſter die liebens⸗ würdigen Großkinder ihnen zuführte, oder wenn ein be⸗ liebter Gelehrter oder ein würdiger Geheimerath in 4 470 wiſſenſchaftlichen oder politiſchen Angelegenheiten das ſtille Schloß betrat, in deſſen langen Gängen die Höf⸗ linge hin und wieder ſchlichen, als wären ſie verrathen, und nicht wußten, was ſie denken oder wo ſie Partei nehmen müßten, welches der betrübteſte Zuſtand ſolcher weiſen und vorſichtigen Menſchen ſein ſoll. Prinz Ludwig ſchwankte und erwartete ein Zeichen vom Himmel zur Leitung, denn ein inneres Rechtgefühl ſprach gegen das, wozu ihn Leidenſchaft und ihre Sehn⸗ ſucht anſpornte. Die Baronin hatte ihre Zofe zur Ver⸗ trauten gemacht, da ſie wußte, daß Kunigſteens Jäger dieſer nachging. Unſtät durchlief ſie ihre Prachtzimmer, ihre Blumengärten; man ſah ihrem Geſicht, wo flüch⸗ tige Röthe die Bläſſe verjagte und dann wieder kalter Schnee über die Roſenbeete legte, es an, wie es kämpfte tief darunter im wogenden Buſen, und wie die Nei⸗ gung für den ſchönſten Mann, wie die Erinnerung an jenen hoffnungsreichen Abend noch ſtets als Anwalt gegen den klagenden Haß, gegen den beredenden Ehr⸗ geiz einſprach. Der Graf war der einzige, der nit leichtem Sinne die alten Wege betrat und dem Herrn der Welten die Entwickelung ſolcher Menſchenknäule überließ. Konnte er auch des Prinzen unfreundſchaftliche Verrätherei, die dem Zartgefühl gegen die Dame wie der Humanität widerſprach, auf irgend eine Weiſe ahnen? Da rief ihn ein Bote zu dem Zimmer des Fräuleins Ulrike von Tondern. Die blonde Dame ſaß mit Augen, denen man die Thränen anſah, welche reichlich gefloſſen waren, im Nachtkleide auf dem Sopha, geſiegelte Briefe lagen vor ihr auf dem Arbeitstiſchchen, auf Stühlen und Tabourets ——— ——— ————— 471 lag Garderobe aller Art umher, Koffer ſtanden aufge⸗ ſchlagen und halb gepackt, und auf dem offenen Sekre⸗ tär glänzten mehrere Schmuckkäſtchen, deren Inhalt ſo eben erſt ſortirt und geputzt ſchien. Kunigſteen verweilte veſtürzt am Eingange. Was ſoll mir das, Ulrike? fragte er. Soll das auf Abſchied deuten? Sie wollen reiſen? Auf Abſchied, Adolph, ſagte ſie, ihm entgegen tre⸗ tend und beide Hände ihm entgegen ſtreckend, oder auf engſte Einigung für immer! In Deinen Villen legte die Gottheit unſer Schickſal, Du ſelbſt darſſt ſprechen über uns, das iſt eine große Gunſt, die Wenigen ge⸗ geben wurde. Lies dieſes, ſetzte ſie hinzu, reichte ihm ein geſiegeltes Briefchen und ſchmiegte ſich an ſeine Seite; ſprich Dein Urtheil und entſcheide über uns, denn meine Wahl in dieſer Sache konnte nicht zweifel⸗ haft bleiben. Kunigſteen nahm den Brief. An mich? Und der Prinzeſſin Hand und Siegel? entgegnete er, das Sei⸗ denpapier mit Ernſt betrachtend. Ich ahne etwas Ge⸗ fährliches. Laß ſehen, ob ich Prophet bin. Er öffnete — und las laut den Inhalt. Sophie von**** an den Grafen Adolph von Kunigſteen. Den Platz, wo keine Ehre mehr zu haben iſt, und welcher nur Beſchimpfung bringt, verläßt der Menſch, der noch den eigenen Werth im Herzen fühlt; darum bleibe ich nicht Einen Tag mehr innerhalb dieſer Mauern, wo mir der Fürſtenhut zur Dornenkrone wurde, wo vor einem ganzen Volke mein Name als der einer Ver⸗ achteten und Verſtoßenen erklingt und ich als Gegen⸗ „ ² ——— 472 ſtand der Bemitleidung daſtehe. Es wird ſich eine Zuflucht finden, wohin die nicht reichen, welche mich haſſen. Die Freundſchaft wird mein klöſterliches Aſyl verſchönern, und wenn Graf Kunigſteen in der Liebe ſo edel iſt und worttreu, wie er immer als Kriegesheld und Cavalier gerühmt ward, ſo bin ich ſeines Beiſtandes ſicher. Unſere Vertraute, die liebe, uneigennützige Ulrike, wird Alles mit dem Retter verabreden, der keine abſchlägihe Ant⸗ wort geben kann, wenn er Mann und Ritter iſt, zum Damenſchutz geboren, zur Hülfe der Unterdrückung ge⸗ weiht mit den Ritterſporen, wenn er ſich erinnert, daß Frauenehre der zarten Mimoſa gleicht, die von jeder rohen Berührung auf immer welkt. Mit düſterem Geſichte ſtand der Graf, als er geleſen. Das Blatt iſt ſchwer und bedeutungsvoll, ſprach er tief⸗ finnig und in Gedanken. Und für was entſcheidet ſich mein Verlobter? fragte das Fräulein. Der Entſchluß meiner Herrin iſt un⸗ wandelbar. Falſche Dienſtfertigkeit hat ihr eine nur zu ausgemalte Nachricht gegeben von dem Rendezvous ihres Gemahls mit der Baronin im Forſthauſe; ſeit des Prinzen Unpäßlichkeit findet ein Briefwechſel zwiſchen dem Hauſe des Obermarſchalls und dem Kabinet ſeiner Durchlaucht ſtatt. Beides empörte die beleidigte Frau, da ſie dadurch das Geſpött der Dienerſchaft werden muß. Eine Klage bei dem alten Herrn würde zu nichts führen als zu vergeblichen Verſöhnungsverſuchen. Darum will ſie ſchnell und heimlich fort zu ihrem greiſen Vater. Von dorther wird ſie ihre Rechte vertheidigen, wird von da ihre geliebte Tochter fordern vom ungetreuen Ehe⸗ — ——— 473 manne. Sie nimmt nichts von hier mit als den Schmuck ihrer Mutter und ihre Reiſekleider. Mich hat ſie von jeher nicht als Dienerin behandelt, ſondern als Freundin betrachtet, und darum war ihr Aufruf mir Befehl, mein Gehorſam mir heilige Pflicht; ich theile ihr Schickſal als Freundin, als Tröſterin, ſei es ſo hart wie es wolle. Doch Graf Kunigſteen⸗ der freigeborene Fremdling, der Edelmänn, welcher nur ſeinen König über ſich erkennt, mein Verlobter, ſoll nun entſcheiden, ob er der Reiſe⸗ cavalier, der Führer und Schirmvogt einer gemißhan⸗ delten Frau und ſeiner getreuen Braut ſein will, oder ob Beide ſich unter den Stallmeiſtern dieſes geſpaltenen Hofes einen Begleiter ſuchen müſſen, der gar leicht ein Verräther werden dürfte. Der Graf beſann ſich nicht lange. ulrike kennt ihren Vertrauten, und deßhalb bedurfte ſie der geſchraubten Redeformeln nicht, ſagte er ſehr ernſt. Ich kenne den ſtarren Eigenwillen der Prinzeſſin, ihr Herz iſt weich, aber hat ihre Vernunft einen Ent⸗ ſchluß gefaßt, ſo ſteht dieſer wie die Klippe im Meere; ſie erbte den Heldengeiſt ihres herrlichen Stammes, und die Lage der Begebenheiten ſpricht für ſie, darum thue ich keinen nutzloſen Wiverſpruch. Haben wir doch oft⸗ mals an weniger ernſte Dinge das Leben gewagt, gleich⸗ ſam dem ewigen Verhängniß zum Spott. Aber umge⸗ ſchauet habt Ihr Frauen nicht, ehe Ihr beſchloßet: Du vor Allen nicht, meine herzige Ulrike! Die Fürſtin geht frei aus im Fall des Mißlingens. Wie aber wir? Wir ſind ihr gehorſam geweſen, antwortete raſch das Fräulein. Wir haben nur ihre Befehle vollzogen. Nicht alſo, ſprach der Graf mit ſtarker Stimme. Hochverräther an dem Herrn wird man uns taufen. 474 Du erſchrickſt, Mädchen, und wählteſt doch vorhin ſo leicht? Verſchieden liegen dieſelben Thaten nach der Verſchiedenheit der Perſonen, welche dadurch berührt werden. In der Republik wird der Redner beklatſcht und bekränzt, der in der Monarchie durch daſſelbe Wort ſich den Armenſünder⸗Tod geholet hätte, und wer in Spanien die im Bügel hängende Königin vom ſcheuen Roſſe erlöste und vom ſchmählichſten Tode rettete, ſtarb, weil er ein heiliges Knie berührte, durch das Henker⸗ beil. Uns iſt die Flüchtige nur eine Freundin, der wir Geleit geben; unſern Feinden und der Welt iſt ſie die Mutter der künftigen Thronerben, ein Palladium, an welchem das Wohl von Ilium hängt. Sprich daher nochmals mit Deiner hohen Dame, ſuche ſie von dem Gewaltſchritte abzuhalten, der jede Wiedervereinigung im Keime zerſtört. Will ſie nichts ändern an ihrem Entſchluß, ſo ſende mir ein ſchwarzes Band durch die Zofe. Vorher ſchon eile ich auf die Heerſtraße und be⸗ ſorge die nöthigen Pferde bis zur Grenze, die Gottlob nicht gar fern iſt; denn was geſchehen ſoll, muß ſchnell geſchehen, ſo lange des Verräthers Ohr noch ſchläft. Mein Wagen wird nach Mitternacht an der erſten Schloß⸗ brücke warten, und ich ſelbſt komme in der Geiſterſtunde zum Zimmer der Prinzeſſin, euch abzurufen, wenn Zeit und Sicherheit ſich für uns erklären und der Vollmond ſchlafen ging.— Du haſt mich ſo bang gemacht! ſeufzte Ulrike, und warf ſich an ſeine Bruſt. An deinen Poſten, kühne Braut! rief Kunigſteen mit der muntern Laune, die ihn charakteriſirte und ihn in keiner Lebenslage verließ. Thue Du das Deinige; ich werde nicht ſäumen, das Vertrauen zu rechtfertigen, wel⸗ ches die edelſte Dame dieſes Fürſtenthumes mir ſchenkte. 475 „ Er verbarg den Brief der Prinzeſſin in ſeiner Brief⸗ taſche, küßte das Fräulein mit Innigkeit und ging. Sie ſah ihm trübſinnig nach, und kaum ein Halbſtündchen ſpäter, das ſie in tiefen, düſtern Gedanken mit dem Ordnen der Koffer zugebracht, vernahm ſie den Huf⸗ ſchlag ſeines Roſſes und ſah ihn im Oberrocke über die Schloßbrücke ſprengen⸗ und bald jenſeits des rau⸗ ſchenden Stromes, deſſen Hauptarm das Schloß beſpülte, hinter Mühlen und Gebäuden verſchwinden. Der Graf Kunigſteen vewohnte als erſter Hofcava⸗ lier, Legationsrath des Herzogs, Kriegskamerad und Vertrauter des Erbprinzen die oberen Zimmer eines Seitenflügels vom Schloſſe, der vormals ein Mönchs⸗ kloſter geweſen war, und erſt vom vorletzten Fürſten zur Behauſung der unverehelichten Hofdienerſchaft ein⸗ gerichtet und beſtimmt worden. Schmale Gänge zogen ſich durch das dunkle Haus bis zu den Verbindungs⸗ thüren, welche von dem kirchlichen Gebäude zu der eigentlichen Reſidenz durchgebrochen waren; enge Trep⸗ pen wanden ſich durcheinander, und ſpitzgewölbte Fen⸗ ſter mit kleinen Bleiſcheiben warfen ein trauriges Halb⸗ licht dem Innern des öden Wohnplatzes zu. Der äußere Eingang des ehemaligen Kloſters öffnete ſich nach einem Hinterhofe des Schloſſes, von welchem aus ein Thor⸗ weg zu einer Seitengaſſe führte. Hier war es, wo Graf Kunigſteen ſein beſtes Pferd beſtieg, nachdem er ſich nicht einmal Zeit genommen⸗ ſeine Kleider zu wechſeln, ſondern nur ſeine Börſe ge⸗ füllt hatte. Hier war es, wo er nochmals ſeinem Jäger, welcher das Pferd des Herrn hielt, indeß der Reitknecht —— — —— — —— 476 den eigenen Gaul fertig machte, anbefahl, bis Abends die benannten Sachen, in zwei Mantelſäcke gepackt, be⸗ reit zu halten, und den Wagen in völligen Stand zu ſetzen. Als er jetzt aufſtieg, riß der Sattelgurt und ein anderer mußte vom Stalle herbeigeholt werden; dann brach die Steigbügelſchnalle, als der gewandte Reiter ſich über den Rücken des Thieres ſchwingen wollte, und der Fall erſchütterte durch ſeinen Prallſtoß den kräftigen Mann nicht wenig. Warneſt du, treue Geiſterſtimme? fragte er ſich. Sprache meines Genius, die mir ſo oft ſchon erklang vor der Schlacht wie vor dem italiſchen Liebesgange, ſprichſt du: Zurück! hier liegt der Tod im Blumen⸗ graſe? Dann lächelte er ſelbſt über den melancholiſchen Monolog, ſchimpfte auf die betrügeriſchen Sattler und die unordentlichen Stallbedienten, ſetzte ſich mit Vor⸗ ſicht auf, und fuhr mit den Sporen in die Seiten des Rappen. Als der Jäger den Thorweg geſchloſſen hatte und zurückkam, lag da, wo der Hofherr aufgeſtiegen war, ſeine goldgeſtickte Schreibtafel am Boden, und der dun⸗ kelblaue Atlas war vom Schmutze des Hofes feucht ge⸗ worden. Der Jäger wiſchte daran mit ſeinem Sack⸗ tuche, als Jungfer Louiſon, das Zöfchen der Baronin Tellern, von einem Beſuch bei der Silberwäſcherin zu⸗ rückkam, aus dem Schloſſe trat, und freundlich⸗lächelnd zum deutſchen Heinrich herabhüpfte. Dein Herr reitet, und wohin? fragte ſie.— Weiß nicht, antwortete der Burſch, und iſt mir dieſes Mal auch recht willkommen das, denn ſonſt müßte ich ſogleich nachreiten und dieſes nachbringen, was ihm vielleicht 477 nöthig und was ihm hier ſo eben aus dem Brufttäſch⸗ chen entfiel. Laß ſehen, entgegnete raſch die feine Brabanterin. Ach! wie lieb geſtickt! Gewiß von der Geliebten. Und Du haſt den Schmutzfleck noch größer gewiſcht. Komm herein, da ſoll meine fertige Hand helfen und Dir des Herrn Schelten erſparen. Komm, ich habe ein Viertel⸗ ſtündchen Plauderzeit, und dabei wollen wir durchſehen, was im Büchelchen verborgen iſt: gibt's doch kein größer Plaiſir, als der Herrſchaft Geheimniß auszuſpähen, aber in Ehren, Niemands erfährt's, denn wir Beide ſind kluge und treue Domeſtiken. Der deutſche Tropf folgte treuherzig der verſchmitz⸗ ten Iris auf das ſichere Bedientenzimmer, und indem er, das runde Dirnchen im Schoß, lüſtern von ihrem Nacken Küſſe ſtahl, entwendete die abgerichtete Spionin der Brieftaſche einen Schatz, an welchem die Glückſelig⸗ keit mehrerer Weſen hing, und machte ſich hoch bezahlt für die Gunſt, die ſie dem Unwürdigſten hingab. Mit Staunen und Erſchrecken empfing die Baronin das verhängnißvolle Blatt. So leicht hatte ſie ſich das Spiel nicht gedacht, ſolche Freundſchaft, ſolche Unter⸗ ſtützung hatte ſie vom Schickſale nicht erwartet. Sie hielt jetzt mächtig den Zügel in den Händen, an ihr war's, über alle Hauptperſonen dieſes Hofes den Rich⸗ terſpruch zu vollziehen. Aber dieſe Sicherheit machte ihr Bedenken. Seit jenem Jagdmorgen waren alle ihre früheren beſcheidenen Hoffnungen zu einer ſtolzen Son⸗ nenwende geworden, die alle ihre Kelche dem irdiſchen Helios zuwendete. Konnte ſie nicht Fürſtin werden dem Namen nach, konnte ſie doch es ſein dem Gehalt nach, konnte als erſte Dame des Landes regieren. Der Brief 478 zeigte den geraden Pfad zum hohen Ziele. Behielt ſie ihn, ließ ſie die Flucht geſchehen, ſo wälzte ſich der größte Stein in ihrem Wege von ſelbſt aus der Straße und machte Platz; aber dann war Verſöhnung möglich, und wo blieb dann die Rache an dem ſchändlichen Schwätzer und Ehrenſchänder? Und dieſer Kunigſteen hatte ſie ei⸗ ner Andern geopfert ohne Zartgefühl und Mitleid, einer Andern, hieß ſie Ulrike oder Sophie. Ein Blick in den Spiegel, da flog des Zornes Gluth auf, und der Brief ward abgeſchickt. Mit dem kommenden Abende ſtieg auch die Fackel der Nacht, der goldene Mond, am Himmel auf, und leuchtete wie ſtiller Freundesblick über den verlaſſenen Feldern und durch die geräuſchvollen Straßen der Stadt. Der reine Nachthimmel hing über den koloſſalen Maſſen des Re⸗ ſidenzſchloſſes wie ein ſeidener Baldachin über einem marmornen Königsſtuhle; Frieden hauchte der Athem der Natur, doch unten herrſchte der Krieg und die Zwie⸗ tracht, weil dort Menſchen wohnten, welche der Leiden⸗ ſchaft unterthänig waren. Ganz angekleidet wie zur Feldſchlacht, im ledernen Koller ſeiner Gardereiter und den ſchwerbeſpornten Stie⸗ feln, ging Prinz Ludwig durch die Reihen ſeiner Zim⸗ mer auf und nieder. Der Federhut lag auf dem Tiſche im Kabinet, daneben Piſtolen und Sarras, und dazwi⸗ ſchen wie ein ſchüchterner Schäferknabe, der unter rohe Kriegsrotten gerieth, das Seidenpapier, auf welches der Prinzeſſin unvorſichtige Hand jenen ſ elbſtmörderiſchen Brief geſchrieben hatte. Der Fürſt ſchritt mit untergeſchla⸗ genen Armen umher, aber dieſe Stellung, dieſe Arm⸗ verſchränkung deutete nicht Ruhe an oder des Denkers Schöpferſtunde: nein, etwas Gewaltſames hatte die Arme in einander gepreßt, die Hände waren krampfig in das Muskelfleiſch des Oberams gedrückt, und auf dem Ge⸗ ſicht darüber las man Todesurtheile; Mord ſtand in den dunkeln Ziffern der Stirnadern und Falten. Ein Junker meldete den Trabantenhauptmann Blum⸗ helm. Der Prinz nickte ohne Worte, und der greiſe Ei⸗ ſenmann trat herein und ſtellte ſich in militäriſcher Stel⸗ lung ehrerbietig ſeinem jungen Herrn gegenüber. Eine Weile ſchwieg der Prinz, den Greis Aug' in Aug' be⸗ trachtend, dann ſtrich er ſich mit einer heftigen Bewe⸗ gung das verworrene Stirnhaar in die Höhe, und ſich beſinnend und aus der Tiefe ſeines Gedankenmeers auf⸗ tauchend, warf er ſich mit Ungeſtüm in die Ottomane, und deutete auf den Seſſel daneben für den alten Haupt⸗ mann. Du biſt grau geworden in dieſem Schloſſe, biſt gleich⸗ ſam ein Erbſtück unſeres Fürſtenhutes, begann der Prinz dann mit bewegter Stimme, haſt das Schickſal in man⸗ nigfaltiger Geſtalt hinſchreiten ſehen durch dieſe Mauern, grauenvoll und freundlich, haſt an der Wiege der Für⸗ ſten geſtanden und an ihrem Paradeſarge; aber was Du heute erfahren wirſt, iſt Dir eine unbekannte Schauer⸗ geſtalt, ein fürchterliches, blutſaugendes, vampyriſches Geſpenſt, vor dem auch Deine geſtählte Bruſt ſich ent⸗ ſetzen und zurückbeben muß, wie vor der Bluthand eines Vatermörders. Iſt Aufruhr im Lande? Bedroht Giftmiſchung das Leben meiner Herrſchaft? fragte Blumhelm, erſchrocken über die unerwartete Anrede. Oder bedrängt ein mäch⸗ tiger Feind unverſehens die Grenzen? ſetzte er kälter, 480 doch mit erhobener Stimme hinzu, worin man den al⸗ ten kriegsmuthigen Soldaten erkannte. Kein mächtiger Feind bedräut uns, tobte Ludwig auf, aber eine bunte Schlange ringelt ſich an unſerm Fuße empor und ihre Doppelzunge ziſchelt nach unſerm Herzen. Du biſt der treueſte Diener unſers Hauſes und der äl⸗ teſte, und deßhalb erwartet Dein Erbfürſt von Dir den verhüllten Beiſtand gegen die heimlichſte Sünde. Treue und Eyrlichkeit ſind die Schildhalter meines vürgerlichen Wappens, entgegnete der Greis mit ſcharfer Betonung. Beide ſind dem Dienſte meines Landesherrn verpfändet und weigern ſich nie, ſobald ſie ſelbander gefordert werden. Höre mich an und richte Du ſelbſt, fuhr der Prinz fort. Wenn ein Unterthan hinter unſerm Rücken heim⸗ lich und nächtiger Weiſe unſere Gemahlin zu entführen wagte über die Grenze in ein fremdes Land, wie nen⸗ neſt Du die That? Der Fall iſt unmöglich! rief Blumhelm aufſtehend, aber der Prinz drückte ihn in den Seſſel zurück und fragte härter: Graukopf, wie nenneſt Du die That?— Hochverrath! antwortete der Hauptmann ernſt und mit hohler Stimme. Und wenn der Vaſall Wohlthaten von uns empfing, wenn er zur Vergeltung dafür unſer Gemahl verlockte in ein ſchmähliches, entehrendes Liebesbündniß, was ver⸗ dient der Verbrecher? Den Tod auf dem Schaffot! antwortete eintönig der Trabantenführer.“ Du ſprichſt wie ein deutſcher Ehrenmann⸗ ſprach der Prinz; aber mein Fall erheiſcht andere Formen, denn die Verhältniſſe liegen nicht ganz ſo. Noch in dieſer ——— 481 Nacht, die langſam aufſteigt, als fürchte ſie, was ſie verhüllen ſoll, will die Prinzeſſin mit ihrem Verführer entfliehen; dieſer Frevler iſt aber nicht unſer Vaſall, ſondern der Unterthan eines fremden Königs. Wir hat⸗ ten ihm unſer Vertrauen geſchenkt, er hat mit uns unter einem Zelte geſchlafen, er hat mit uns getrunken aus Einem Becher, darum gedenken wir ſeine Ehre zu retten vor der Welt, und auch die Beſchimpfung unſers Ehe⸗ bettes nicht vor die Augen unſerer Unterthanen zu bringen. Der Hochverräther werde ergriffen auf der That und ſterbe unvorbereitet in der Racht, welche ſein Verbrechen und ſeine Strafe zuſammt verſchleiern mag. Und wie iſt der Name des kühnen Staatsverbrechers? ſtammelte der Greis kaum hörbar. Höre ihn und verfluche den Undankbaren! rief Lud⸗ . wig, mit Ingrimm aufſpringend. Adolph Kunigſteen heißt er und an dieſem Herzen hat er einſt geſchlafen! Nicht raſch, um des Erlöſers Willen⸗ nicht allzu⸗ raſch, mein Prinz! bat da mit Inbrunſt der Alte, dem der ausgeſprochene Name alle ſeine Lebendigkeit wieder gegeben hatte. Richtet nicht, ehe denn Ihr den Ver⸗ klagten hörtet. Der Todte kann ja nicht antworten; den Todten kann ſpäte Reue nicht wieder erwecken. Wie eine Unmöglichkeit ſteht dieſe Anklage vor meinem innern Auge: nicht Er, nicht die hohe tugendhafte Dame konnte ſo fallen, dieſe Sünde iſt zu niedrig für den Adel dieſer Seelen. O höret, bevor Ihr verurtheilt; er rettete ja einſt vor Mainz Euer Leben! 3 Und will mir jetzt meine Ehre entführen wie ein Dieb auf der Leiter? tobte zornig der Prinz, von des Greiſes Vertheidigung empfindlich im Gewiſſen getroffen und ruhelos im Zimmer umherſchreitend. Nichts weiter! Blumenhagen. KIII. 31 482 Ich habe überlegt: ich will, und wer kann mir da noch fruchtloſes Widerſtreben entgegenſtellen, wo ich ſo gnädig bin, den höchſten Sünder gegen unſere Majeſtät vom Henkertode zu begnadigen? Um Mitternacht beſetzen ſechs gediente Trabanten den Corridor, der vom Klo⸗ ſterflügel zu den Zimmern der Prinzeſſin führt. Sobald der Graf zurückkommt aus dieſen Gemächern— ſey es allein, ſey es in Damengeſellſchaft— ſtoßen die ſcharfen Hellebarden ihn nieder, und Du ſelbſt, Kapitän, ſollſt die getreuen Rächer unſerer Fürſtenehre führen, Du ſelbſt ſie befehlen. Keine Weigerung! Bei unſerer Un⸗ gnade! Der Graf war ausgeritten auf der Heerſtraße nach C... und hat Poſtpferde legen laſſen bis zur Grenze. Er iſt eben zurückgekehrt, ſeine Sachen werden gepackt, ſeine Reiſekaleſche ſteht fertig am öſtlichen Hofthore. Ueber⸗ zeuge Dich ſelbſt mit Deinen umſichtigen Augen, daß keine Zögerung thunlich, daß Arreſt und ſpätere Unter⸗ ſuchung ihn ſicher auf den Henkerſtuhl liefern würden, denn über den Hochverrath ſelbſt kann Dir dieſes Blatt die klarſten Beweiſe darlegen. Er nahm den Brief und reichte ihn an Blumhelm, der ihn mit bebender Hand nahm und mit Augen, welche durch Herzensangſt ſich trübten, langſam und mit Be⸗ dächtlichkeit die ſchweren Worte durchlas und nochmals durchlas. Dieſes Blatt iſt ein zentnerſchweres Gewicht, begann dann der Greis zum aufmerkſam hinlauſchenden Prinzen. Wer dieſes Blatt vor die Augen meines Herrn gebracht, mag es bei dem ewigen Richter des Willens und der Gedanken verantworten. Wehe ihm, wenn er ſelbſt nicht rein war wie der Lichtſtrahl des Himmels! Aber die Worte dieſes Briefes ſind nicht klar. Wer die Ehre 483 höchlichſt verletzt hat, pflegt nicht ſchamlos von Ehre zu ſprechen, wenigſtens nicht gegen ſeine Mitſchuldigen⸗ und überdem ſagt man, der Graf ſey Fräulein Ulrikens Bräutigam. Maske! nichts als verdammte Maske! brach der Fürſt wiederum los, jähzornig über des Greiſes Einwürfe. O, es ſind feine Heuchler, und der Graf verſteht das Spiel des Lebens, wie auch die Karten liegen. Aber dieſes Mal ſoll er nicht lachen, nie wieder lachen, wenn er den König zum Knecht gebrauchte, indeß er den Knecht zu ſpielen ſchien. Er muß von der Erde! Er oder ich! Solche Theilung duldet der Bettler nicht in ſeinem Hauſe, wie ſollte ich ſie ertragen? Liebe ich meine Gemahlin auch nicht beſonders, ſo iſt ſie doch die Mutter meiner Kinder, und dieſe Unmündigen muß ich bewahren, daß vor dem Angeſicht der Völker kein Schimpf ſie beflecke. Blumhelm, willſt Du mein Racheſchwert ſeyn?— Der Trabantenhauptmann verſtummte eine Minute lang, dann hob er mit Entſchluß das geſenkte Haupt und ſchüttelte verneinend die weißen Locken. Du willſt nicht? tobte der Prinz. Auch Du biſt ge⸗ gen mich? Auch Du biſt im Ungehorſam, vielleicht gar ein Freund und Genoß der Verräther?— Mein Kopf hat im weißen Haare manche ſichtbare Narbe, die ich für Euer Haus empfing, entgegnete Blumhelm ruhig; nehmt auch den Kopf dazu, ich will nicht murren, Euch droben nicht verklagen darob. Aber Verräther dürft Ihr den Aelteſten Eures Heeres und Eurer Garden nicht ſchelten. Befehlet, und ich will den Grafen Kunigſteen ſogleich in Arreſt nehmen; ich ſelbſt will dann die Ge⸗ ſchichte unſerm Sereniſſimo anzeigen, will ſorgen⸗ daß die Flucht der Prinzeſſin nicht zu vollbringen ſey; mein 484 Kopf ſtehe zum Pfande für die Ausführung dieſer An⸗ erbietungen. Dann überlegt mit dem Herrn Vater, was zu thun, und danket nachher mit einem Handdrucke Eu⸗ rem alten Hauptmann, daß er ſeines edlen Prinzen Herz vor ſchwerer Reue bewahrte. Unentſchloſſen ging der Fürſt umher. Dann ſagte er plötzlich, ohne den Hauptmann anzuſehen: Ich will mich beſinnen! Du gehſt auf die Schloßwache zurück und ſprichſt gegen Niemand davon, bei meinem höchſten Zorn! Sende mir den Lieutenant von Reich herauf, er ſoll mir für die Nacht Geſellſchaft bleiben. Der alte Blumhelm warf einen langen, bedeutenden Blick auf des Prinzen glühendes Geſicht, deſſen Augen ihm auswichen; dann ging er mit einem tiefen Seufzer zum Zimmer hinaus und ließ den Rachedürſtenden mit ſeinen böſen Geiſtern allein. Mitternacht ſchlug es vom hohen Thurme des Doms in der Stadt. Die Schloßhöfe waren verödet; nur der einförmige Schritt der Schildwachen, die vor den Bögen hin und her wandelten, klang in das Schloß herauf. Die großen Laternen von grünem Glaſe erleuchteten die Gänge nur halb, warfen lange Schatten durch ſie hin⸗ ab, und zeigten gar wunderlich hie und da die bunten Geſtalten aus der griechiſchen Göttergeſchichte, mit denen die Decken von einer guten Malerhand verziert waren. Auf den Spitzen der Giebeldächer knarrten die Wind⸗ fahnen in unangenehmen Tönen, in den hohen gewölb⸗ ten gothiſchen Fenſtern klirrte der Nachtwind mit den kleinen, locker in Blei gehefteten Glasſcheiben. Graf Kunigſteen hatte die ſchwarze Bandſchleife er⸗ — — 485 halten; jetzt trat er langſam und vorſichtig aus dem Cavalierflügel durch die einſtige Kloſterthür in das Schloß⸗ gebäude. Tief hatte er den Federhut in das Geſicht ge⸗ rückt, der lichtblaue Mantel verhüllte die ſchlanke Geſtalt vis zum Stiefel, und unter dem linken Arme trug er, dicht an das Herz gedrückt, den getreuen Degen. An den Pfeilern der Pforte, welche einſt zum Heiligthume der Prieſterſchaft führte, ſtand er ſtill, ſah in den obern Schloßgang hinab und horchte geſpannt. Ein Geräuſch drang in ſeine lauſchenden Ohren: es kam näher und näher und er barg ſich hinter den Vorſprung eines durch das Haus neu geführten Schornſteines. Taktmäßig nahten feſte Schritte, Waffen raſſelten. Es war die Nachtpatrouille der Garden, vom Haupt⸗ mann Blumhelm angeführt, die dicht an ihm vorüber durch die Gänge marſchirte. Acht gegeben, Feldwebel! ſprach der greiſe Kapitän, als ſie bei dem Verſteck des Horchenden vorübermarſchirten, Acht gegeben, wenn Er die zweite Runde führt! Die Durchlaucht iſt unpaß; darum iſt ſtrenge Ordre, daß Niemand⸗ ſey es wer es auch ſey, von Cavalieren oder Hofgeſinde in dieſer Nacht durch die Schloßgänge wandeln ſoll. Wen Er findet, den ſchickt Er auf ſein Zimmer zurück, und widerſetzt ſich Jemand, ſofort mit dem auf die Trabantenwache! Merkt das und macht mit Niemand Ausnahme! Kunigſteen hatte gut gehörtz ſtutzig vernahm er den außerordentlichen Nachtbefehl, der nirgend bekannt ge⸗ macht worden, und welcher doch den Hofleuten und In⸗ wohnern der Reſidenz zuerſt hätte zukommen müſſen. Eine Ahnung wehte ihn an. Die ehrliche Stimme des alten Soldaten hatte ihm ſchon mehrere Male, in der Schlacht ſowohl wie bei der frechen Lebeluſt im Feldlager, durch 486 Warnung gut gethan. Sollte er ſie auch jetzt als Gottes⸗ ſtimme hoch halten auf dieſer geſährlichen Straße und bei einem Werke, das er ſelbſt, der kühne Mann, mit Herzklopfen begann? Aber die Damen warteten ſeiner. Er hatte der Braut, er hatte der geehrteſten Fürſtin ſein Wort verpfändet, und ein Kunigſteen war noch nie auf halbem Wege umgekehrt, wenn es nicht mehr als ein Leben galt. Der galante, ehrſüchtige Cavalier gewann den Sieg über den beſonnenen Mann: er wickelte ſich feſter in ſeinen Mantel und ging auf leichten Füßen weiter, ſchnell, doch vorſichtig unter den Laternen am Rande der Wände hinſchlüpfend. Der große Ritterſaal ſtand offen, er mußte daran vorüber und warf einen flüchtigen Blick durch die mäch⸗ tige Flügelthüre hinein. Schaudernd ſah er, wie der Mond durch die Rieſenfenſter leuchtete und mitten im Saale eine übermenſchlich hohe, ſchwarze Geſtalt ſicht⸗ bar machte, die unbeweglich ſtand, groß und breit, und langſam den Arm hob und ihm zu dräuen ſchien. Zu⸗ gleich geſchah ein heftiger Schlag im Saale, als fiele ein Panzerſtück der Herzogsharniſche herab, welche in demſelben rund umher an den weißen Gipswänden auf vergoldeten Geſtellen ſtanden. Kunigſteens Männlichkeit hielt nicht Stand. Zu ſehr war ſein Zuſtand geſpannt durch die Idee des Unternehmens, das ſo leicht miß⸗ glücken konnte, und dem er halb gezwungen entgegen⸗ ging. Er flog am Ritterſaale vorüber, hörte den alten Blumhelm nicht, der ihn zu ereilen verſuchte, und ob⸗ gleich er auf der Flucht ſich ſelbſt zuſprach, die Erſchei⸗ nung da drinnen könne doch nur der Cuſtos geweſen ſeyn in ſeinem blauen Rockelore, welcher nach Licht und Feuer zu ſehen ging, ſo hatte er doch nicht früher freien 2— — ——— 487 Athem, bis er die Thüre des Vorzimmers der Prinzeſſin hinter ſich geſchloſſen⸗ und Fräulein Ulrikens ſanfte Stimme ihm das Wort des Willkommens entgegen ge⸗ rufen hatte. Im Kloſterflügel begann indeß die Sultanslaune eines ſonſt edelmüthigen Gewalthabers das Vorſpiel einer Tragödie aufzuführen, in welcher die Rachſucht über jede beſſere Regung des Herzens triumphirte, die Rolle des zerſtörenden Schickſals übernahm, und ein glorreiches, mit Kraftthaten und Fürſtenadel geziertes Leben durch einen Makel befleckte, deſſen Blutnarbe bis zur Fürſtengruft ſichtbar blieb, und über ſie hinaus im Gedächtniſſe des Volkes einen Schattenſchleier um den hochgeachteten Purpur legte.— Die Patrouille hatte ihren Marſch durch die ſchmalen Gallerien und Winkel⸗ treppen des Cavalier⸗Hauſes zurückgelegt, Kapitän Blum⸗ helm war betrübt wieder zu ihr geſtoßen, und führte jetzt die Garden zurück durch das Corps de Logis, da trat Prinz Ludwig ihnen im Halblichte des Laternenſchei⸗ nes entgegen. Völlig gewaffnet war der Herr, und der weiße Reitermantel bedeckte die breite Bruſt und die ſtar⸗ ken Schultern. Seine Augen brannten unter dem hohen Hute hervor, als er jetzt wie Sturmſtoß auf den Traban⸗ tenhauptmann los trat und ihn bei dem linken Arme ergriff. Iſt das die Treue meiner Leibwächter? fragte er mit wilder Heftigkeit. Willſt auch Du, alter Schwan, der mit ewiger Geſchwätzigkeit mir ſein eigen Loblied vor⸗ ſang, abtrünnig in fremdes Land ziehen mit dem ſchlech⸗ ten Zugvogel, der nur zu genießen und zu verderben verſteht? Warum die Runde vor Mitternacht gemacht gegen die Regel; warum laute Warnungsworte gerade hier gepredigt, wo Dir mein Wille klar die Gerichts⸗ ſtätte des Hochverräthers beſtimmt hatte? Ohne heftige Gewalt machte der greiſe Trabant die klemmende Hand des Herrn los von ſeinem Waffenrocke. Ich war im Dienſte meines Fürſtenhauſes heute mehr deun je, treuer denn je! antwortete er auf die ſtrenge Anrede. Verbrechen verhüten iſt.gerechter als Verbrechen 489 er nicht, daß ich für mein Blut Schimpf einhandeln würde noch dicht neben der Grube. Aber weg dann für immer mit dem Kriegerprunk, in dem nur ein eitler Junker ſich gefallen kann! Ich will zurückkehren zu mei⸗ nem väterlichen Erbgarten, meine Enkel ſollen wieder glückliche Gärtner werden, wie meine Väter warenz; ſie follen den Helm aus meinem Namen ſtreichen und ein freundlicheres Wort mit der Blume zuſammenbinden, und ſollen für Fleiß und Treue Dank in der Natur ſuchen, denn dort allein iſt die Dankbarkeit heimiſch. Ein Gott wache indeß über Eure Thaten, daß Ihr der⸗ einſt ſo zufrieden von Eurem Schauplatze abtreten dürft, wie ich jetzt von dem meinigen. Der Greis legte mit Würde ſeinen Degen auf das Steinpflaſter vor die Füße des Prinzen nieder und ging bewegt zur Seitentreppe. Der Fürſt war unentſchloſſen: das Wort des zitternden Mundes hatte ihn ergriffen, gerührt; es war ein weiches Oel auf die brennende Wunde ſeines Herzens gekommen; er wollte rufen, wollte nacheilen; da gab ein Hellebardirer, der fern am Gang⸗ winkel poſtirt geweſen, das anbefohlene Zeichen, und neu erregt, Alles vergeſſend im wieder auflodern⸗ den Grimme, winkte der Prinz ſeiner Begleitung, und Alle verſchwanden im Moment hie und dahin, hinter Pfeilervorſprünge und in die Schattenecken der Winkel⸗ treppen. Eine Grabesſtille herrſchte einige Augenblicke in den sden Gewölben, dann nahte der leichte Tritt eines Man⸗ nes, und frei und muthig wie im lieben Geſchäft für die Lieben kam Kunigſteen durch den Hauptgang daher. Ulrikens Kuß hatte alle Beſorgniſſe von ſeiner Seele verſcheucht, und der Erbprinzeſſin feſter Entſchluß und ihre Beredtſamkeit hatten ſeine letzten Zweifel beſiegt. Als er aber jetzt um den ſcharfen Winkel in den Flü⸗ gel einbog, traten mit einem Donnerhall neun ſchwarze Geſtalten, wie aus der Erde wachſend, auf ihn ein, vorn, ſeitwärts und im Rücken, und neun blinkende Hel⸗ lebardeneiſen drohten, im Kreiſe ſtarrend⸗ ſeinem Leibe. Ein Todesſchreck zuckte ſichtlich durch ſeine kräftige Ge⸗ ſtaltung hin, aber raſch warf er Hut und Mantel an 490 den Boden und ſeine blanke Klinge ſchlug ſtark die Spitzen alle von ſeiner Bruſt zurück. Seyd ihr gedungene Meuchler? fragte er gebieteriſch, oder ſeyd ihr meine deutſchen Kriegskameraden? Denn ich bin es, der Freund eures Herrn, wenn euer An⸗ griff etwa einem Andern galt. Zugleich funkelte ſein braver Degen im Kreiſe wie ein Feuerrad, und die Sol⸗ daten wichen, ſichtlich beſtürzt vor der bekannten Stimme und der kühn geführten Waffe, zurück. Da drang Prinz Ludwig ſelbſt hervor aus ſeinem Verſteck, ließ auch den Mantel fallen, und mit dem Aus⸗ rufe: Des Teufels Freund biſt Du, aber nicht der meine! Ergib Dich! ſtellte er ſich dicht vor die Klinge des Gra⸗ fen. Kunigſteen ſtand wie in eine Bildſäule gewandelt, doch hielt er ſeinen Degen ſtarr vor ſich hin wie zur Parade und Gegenwehr, und murmelte: Das iſt Ga⸗ brielens Rache! Du bedräuſt die Bruſt Deines Herrn? wüthete da der Prinz, welcher den Namen ver Und ihr Memmen verlaßt euren Geb Betrüger, ſo falle denn ehrlicher verdienteſt! Und ſelbſt riß der Zornentflammte de ſten der Tra⸗ banten die Hellebarde aus den Händen, und mit einem furchtbaren Schlage traf das beilförmige Eiſen das Haupt des Grafen, und mit dem Seufzer: Ludwig! ſank der auf den Tod Getroffene auf das Fflaſter hin. Die Trabanten, plötzlich aus ihrer Unthätigkeit erweckt durch das Beiſpiel des Herrn, ſtürzten heran und ſtießen in thieriſcher Wuth ihre Lanzenſpitzen in Bruſt und Leib des ſchon längſt Beſinnungsloſen. Flüchtig naheten jetzt der Schauerſtelle zwei weibliche Weſen, ſtutzten, ſahen, ſtarrten das Gräßlichſte an, und mit einem Zetergeſchrei höchſter Verzweiflung, das alle Herzen der Gegenwärti⸗ gen zerſchnitt, warf ſich Fräulein Ulrike in das Blut und auf den Leichnam des geliebten Mannes. Tödte auch mich, Du Tyrann! rief ſie kreiſchend, haſt Du doch in ihm ſchon mein Leben zertreten. O, mir ſtarb er, Barbar, höre es! Nur mir ſtarb er, meine Bitte allein verführte ihn, daß er that, was ſein Ver⸗ ſtand nicht gut hieß, weil er die Blutgier der Großen 491 kannte. Und darum fordere ich Dich vor Gottes Rich⸗ terſtuhl, vor Gottes Gericht, das den Sünder auch unter dem Hermelin zu finden weiß, und Brudermörder mit dem Kainsfluche zeichnet. In unartikulirten Tönen verhallten die letzten Reden. Das Gleichgewicht des zarten Organismus wurde durch den unbändigen Seelenſchmerz zerriſſen, die Gedanken gingen in wahnwitzige Phantaſien über, bis die Leidende zuletzt in eine tiefe, glückliche Ohnmacht ſank, die der ſchrecklichſten aller Empfindungen, welche je eine Men⸗ ſchenbruſt gebar, eine Pauſe ſetzte. Die Erbprinzeſſin hatte wortlos dageſtanden, das Entſetzliche hatte ihren Pulsſchlag angebalten und ihre Zunge gelähmt. Der Prinz trat auf ſie zu und ſagte rauh: Madame, Sie hätten die Reiſeanſtalten ſparen können; ich werde Sie auf Ihr Zimmer begleiten und künftig die Ausreißerin zu bewahren wiſſen. Ruhig und groß ſah die Erſchütterte in des Mannes unſtäte Auge wird meine Hand ſich in eine blut⸗ begoſſene 1 agte ſie gefaßt, doch mit bebender Stimme. A m Opferſteine, wo man die Unſchuld ſchlachtete, ſch ch die ewige Scheidung von dem mord⸗ befleckten Manne vor Gottes Augen und unwiderruflich. So wandte ſie ſich und ging zurück. Ergriffen ſchwieg der Prinz einige Augenblicke, dann gab er unwirſch und mit unſicherer Stimme Befehle und verließ, von Froſt geſchüttelt, die Richtſtätte. Der Lieutenant von Reich folgte der Fürſtin; man brachte das ſinnloſe Fräulein fort, und der Leichnam des unglücklichen Grafen wurde in eines der alten Kloſter⸗Verließe hinab geſtürzt, die unzugänglich waren und mit dem nahen Fluſſe in Ver⸗ bindung ſtanden, und wo keine Thränen, kein Auge der Liebe und des Mitleids ſeine Ueberbleibſel, die Reſte dieſes hohen, herrlichen Körpers zu finden vermochte. Eine ſchauervolle Stille, wie nach veſuviſchem Aus⸗ vruche die giftgeſchwängerten Lüfte gefangen hält, herrſchte am andern Morgen im Schloſſe, wo das Gerücht der nächtlichen Begebenheit als Kunigſteens Geſpenſt durch die Gemächer ſchlich, von einem Ohr zum andern zog, und jeden neuen Zuhörer mit fieberhaftem Entſetzen ſchüttelte. Rachbar iſt. 492 Prinzeſſin Sophie verlangte von dem alten Fürſten die Erlaubniß zur Reiſe zu ihrem alten Vater, doch ohne die furchtbare Anklage bei dem kränklichen, ehrwürdigen Schwiegervater auszuſprechen; da kam die Trauerpoſt, daß der Vater vor zwei Tagen in dem Herrn entſchla⸗ fen ſey und ſein ſchönes Ländchen dem Gemahle der Tochter vererbt habe. Auf ein ſtilles Landſchlößchen zog ſich die Tiefgebeugte jetzt zurück und weihete ſich dort der Pflege ihrer unglücklichen Freundin, welcher die gü⸗ tige Vorſehung einen ſtillen Wahnſinn geſandt hatte, der Phantaſienblumen über den grauſen Abgrund hing, an dem ſie nach dem Verluſte ihres Lieblings zu ſtehen wähnte. Bedeutende Welthändel, in welche der Prinz verwickelt ward, und die alle ſeine großen und beſſeren Eigenſchaf⸗ ten in Anſpruch nahmen, gaben auch ihm Zerſtreuung und Vergeſſen, denn was vergißt der Menſch nicht! doch fand man ihn ſpäterhin oftmals gedankenvoll ſtehen vor dem Bilde in ſeinem Kabinet, worauf die Prinzeffin Sophie in Hirtentracht und mit dem bebänderten Schä⸗ ferhute gemalt war, und unter das er Kunigſteens und Blumhelms Degen hatte aufhängen laſſen, ſichtlich als ⸗ Warnungszeichen für eine wichtige Herrſcher⸗ zukunft. Noch hundert Jahre und darüber nachher zeigte man im Reſidenzſchloſſe zu**** die Stelle des Ganges, wo der ausländiſche Graf niedergeworfen wurde, zeigte den Gläubigen noch die Blutflecke auf der weißen Kalkwand, die kein Tüncherpinſel zu decken vermochte, und in des Trabantenhauptmanns Blumhelm Familie, der wirklich ſeitdem ſeinen Namen verändern ließ, ging von Mund zu Munde, von Enkel zu Enkel die Schauergeſchichte über, ſo wie der Urgroßvater in der Lindenlaube ſeines Erbgärtchens ſie einſt den Enkeln erzählt und dabei ernſt⸗ lich ſie ermahnt hatte, im ſtillen, friedlichen Blumen⸗ thale des Bürgerlebens das Glück zu bewahren, und nicht in Eitelkeit und Ehrgeiz es auf der Höhe zu ſuchen, wo die jähe, todtdrohende Tiefe immer ein grauſer — Prinzeſſin Sophie ve die Erlaubniß zur Reiſe die furchtbare Anklage b Schwiegervater auszuſpr daß der Vater vor zwei 2* 3 achbar iſt. fen ſey und ſein ſchöne Tochter vererbt habe. 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