— z————— .„—„ 5 6 —* S 6 5 ) 65 5) 5 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von [7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. — zur Em Morgens . — Z„ 3 4 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 4 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ —— lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ß der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— Blumenhagen's ſämmtliche Schriften. XI. ————————————— ————————— — N.SRkꝛ — — W. Blumenhagen's ſämmtliche Schriften. Zweite verbeſſerte Auflage in 16 Bänden mit 17 Stahlſtichen. Elſter Zand. ——— Stuttgart: Scheible, Bieger« Sattler. 184141. Inhalt: Der Convent zu Hildesheim. Die Warnungen Luthers Ring oder die Fingerzeige des himmels 1 Die Schlacht bei Sievershauſen P Das Vermächtniß. Der Convent zu Zildesheim im Jahre 1640. Blumenhagen. XI. ö Ein gut Stück Arbeit, Meiſter! Bei dem heiligen Lucas! Ihr erinnert mich durch Eure ſchwarzen Striche da an einen lieben Mann, den ich nie vergeſſen werde, der aber das Ding noch ein Weniges beſſer verſtand als Ihr, wenn ſeine Lieblingsmanier auch der Eurigen gleich kam.— Alſo ſprach ein derber, bärtiger Kriegsmann, welcher ſeiner Kleidung nach zu den in ganz Niederſach⸗ ſen berüchtigten kaiſerlichen Reitern gehörte, indem er über die Schultern eines jungen Mannes ſah, der an dem Steintiſche eines Bauernhofes ſaß, und mit kunſt⸗ fertigem Stift eine Zeichnung in ſeinem Taſchenbuche zu vollenden bemüht war. Der Gegenſtand derſelben ent⸗ hielt einen Diebſtahl der Natur, erſchien aber in derma⸗ liger Zeit nicht als ein ſeltener Gegenſtand. Er copirte nämlich eine Scene, die ſich dicht vor ihm geſtaltet hatte. Durch die offene, große Thür des Bauerhauſes ſah man drei Kriegsleute ſitzen, furchtbare Koloſſe, mit Höllenge⸗ ſichtern, die durch die gelben Koller und die ſchwarzen Blechhauben, mit blutrothen Roßſchweifen behangen, noch grauſenhafter wurden. Auf dem Tiſche vor ihnen ſtand ein kräftiges Mahl, und ſie ſprachen mit Luſt der guten Speiſe und dem würzigen Tranke zu, indeß die armen Wirthe, ein tüchtiger Landmann nebſt Weib uhd Kind, ſich fern an den Wänden hielten, bleiche Jammergeſtalten mit thränenſchweren Augen und Geſihtszügen, in denen die troſtloſeſte Entſagung ſich ausſprach. Drei ſchwarze Roſſe, von dem Kopfgeſchirr befreit, ahmten ihren Her⸗ ren nach, und wühlten im Hofe in den ihnen vorgewor⸗ fenen, ungedroſchenen Korngarben, und zertraten mehr von der lieben Gottesgabe, als ihnen zu gute kam. Der Angerufene, ein ſchlanker Mann im ſchlichten grauen Habit, ſtrich die braunen, vorgefallenen Locken hinter die Ohren, rückte das ſchwarze Sammetbaret von der Stirn, und ſah mit finſtern Blicken nach dem un⸗ willkommenen Störer auf. Doch dieſer fuhr vor dem Aufblick zurück, als hätte er einen Geiſt geſehen. Marie und Joſeph! Seid Ihr's oder wandelt Ihr doppelt auf Erden wie ein Verdammter? fragte er.— Rittmeiſter Roſalba Roſelli! Willkommen im herbſt⸗ lichen Nordlande! entgegnete der Graue ruhig und drehte ſich auf der Holzbank herum, dem Kriegsmanne die feine, weiße Hand hinhaltend.— Alſo Freund Ewald leibhaftig! rief der Rittmeiſter, derb in des Malers Rechte ſchla⸗ gend. Nun freuet mich der ſcharfe Ritt doppelt, denn doppelte Beute hat er gebracht. Heraus, ihr Höllenhunde dort! ſchrie er in das Haus. Iſt euer Schlund ohne Boden wie der Krater des Veſuvs? Bringt die große Kanne da und zwei Becher hieher, und ſcheert euch zu den Pferden, ſattelt auf und dann hinaus auf die Wieſe vor das Dorf! Der Trompeter ſetzt ſchon an zum Allarm, denn blaue Dragoner laſſen ſich am Walde ſehen.— Er ſetzte ſich traulich zurecht, indeß ſeine Bartmän⸗ ner mit finſtern Blicken die Befehle erfüllten, warf ſeinen breiten Pallaſch auf den Tiſch, und goß aus der Kanne die Becher voll. Es iſt nur Gerſtenwein, ſprach er da⸗ zu, kein feuriger Falerner; aber dieſes elende Land gibt 5 nichts Beſſeres, und wir müſſen doch heut ein Mlasanita trinken, herzig wie vor zwei Jahren in der Taverna zu Rom das Valet, als Du Deinen Salto non plus ultra in die naſſe Tiber gethan.— Aber wie kommſt Du hieher in das Nordland, Ro⸗ ſalba? fragte der Maler, nachdem ſie die Becher zuſam⸗ men geſtoßen und getrunken hatten. Wie ich meine, iſt doch der Fürſt dieſes Landes, Herzog Georg, gut kaiſer⸗ lich geworden, und der Prager Friede ſollte die nordi⸗ ſchen Gauen von allem katholiſchen Volke frei machen.— Wer dem Ketzer trauet oder ihm Wort hält, ſündigt gegen den Herrgott und ſich ſelbſt, antwortete der Ritt⸗ meiſter barſch. Zwar ſind der Gronsfeld und Merode ab⸗ gezogen nach Süden hin, aber mein braver General ſitzt feſt in Wolfenbüttel bis an die Zähne verſchanzt, und wird den Poſten nicht räumen, ſo viel auch Botſchafter auf Hengſten und Eſeln zu ihm einreiten, höflichſt an den Abmarſch zu mahnen. Er behält den guten Platz als Pfand, denn dieſer Ketzerherzog, der ſonſt ein wacke⸗ rer Kriegsheld iſt, hat ſchon zu zweien Malen umgeſat⸗ telt, und die Zwietracht mit den Schwediſchen und Fran⸗ zoſen ſcheint nicht mehr ſo licht zu brennen. Auch mag der eiſerne Commandant wohl ſeine eigene Ordre von Wien bekommen haben, und damit unſere Gäule und unſere Reiter nicht ſteif werden im Feſtungsdienſt, ſo traben wir denn zuweilen in die Gegend hinaus, und nehmen aus Herrenhof und Hütte, was zu brauchen iſt, dieweil der Winter vor der Thür.— Kein rühmlicher Felddienſt, antwortete dreiſt der Ma⸗ ler. Aber wie kam der ehrenveſte Roſelli dazwiſchen?— Soldatenlauf; ſprach der Rittmeiſter. Die Pappen⸗ heimer waren zuſammengeſchmolzen, die Lichtenſteiner gar dünn geworden, Herzog Georg machte den Reichs⸗ völkern viel Moleſtie, und der wilde Knipphauſen zog immer mehr Schweden in's deutſche Reich; da mußten die Kerntruppen heran aus dem Innerſten des Kaiſerlan⸗ des, auch wir von Mailands fernen Grenzen ſtießen zum Tilly, und tauſchten die goldene Sonne mit dieſem ge⸗ frorenen Nebelhimmel. Das war ein ſchweres Muß; aber wie Du, Freundchen, freiwillig ſolchen Tauſch ge⸗ than, will mir nicht klar werden, und wie Du mit gan⸗ zen Knochen und einem Hemde auf dem Leibe durch die überall vertheilten, zügelloſen Kriegsbanden bis daher ge⸗ pilgert, iſt mir ein noch größeres Räthſel, wenn nicht der Pater Joſeph zu Aſſiſi Dir ſeinen Wunderring ge⸗ ſchenkt, der unſichtbar und ſtichfeſt macht ſelbſt gegen ge⸗ weihte Waffen.— Der Maler ſeufzte unmerklich und warf einen Blick nach einer nahen Höhe, von der ein altes Bergſchloß durch die faſt entlaubten Eichen herabſah. Die Kunſt iſt frei und fürchtet nicht die Gewalten der Erde, ant⸗ wortete er mit leichtem Spott. Mein Malergeräth ſieht weder dem Golde noch dem Silber gleich, nach welchem eure Schwerter am liebſten ſtoßen. Und gerieth ich ein⸗ mal zwiſchen eine ungeberdige Rotte, ſo malte ich ihnen ein Kaiſerbild oder den Tilly auf ſeinem Schimmel vor Magdeburg, oder den Schwedenkönig, wie ihn der Teu⸗ fel bei Lützen holet, und es gelang mir damit eben ſo gut die Beſtien in Menſchengeſtalt zu beſänftigen, wie es mir gelang, dem kümmerlichen, geizigen Bauersmann für ein Heiligenbild oder ein Portrait ſeiner grämlichen Haus⸗ frau einen Theil ſeines Mittagsbrodes abzuſchwatzen.— Alſo immer geht bei Dir noch die Kunſt nach Brod? fragte mitleidig der Kriegsmann. Dachte ich doch, der 7 Engländer, dem Du die Tochter aus der Tiber ſiſchteſt, als ſie mit dem bockenden Pferde hineingeſtürzt, würde Dich für immer der Erdenſorge entledigt haben. Frei⸗ lich brachteſt Du kecker Schwimmer nur die Leiche der ſchö⸗ nen, weißen Miß ans Land, aber das Wagſtück blieb daſſelbe, und der dürre Viscount war alſo nicht groß⸗ müthiger als andere Menſchen, und zahlte grollend für die Todte nichts, weil er ſelbſt nichts mehr hatte von ihr 2 Pfui, das war nicht engländiſch.— Schweige davon, Roſalba, ſagte der Maler halblaut und mit einem ſichtlichen Schauer, der über ſeine Glie⸗ der vom Herzen aus hinabſtrich; jener ſchwere Tag ge⸗ rade vertrieb mich aus der ſchönen Italia. Seit ich das kalte, weiße Inſelkind an meiner Bruſt getragen, fror mich in Roms heißeſtem Mittage; ich hatte verſucht, mit meinem Munde ihren kalten zarten Lippen neuen Lebens⸗ odem einzublaſen, und da war mir geweſen, als hätten die Lippen der Jungfrau ſich angeſogen an die meinigen wie zum Brautkuſſe. Sie blieb todt, der graue Tiber⸗ gott hatte ihr Herz zerquetſcht, aber immer fühlte ich den Eiskuß der kalten Braut, und denke ich ihrer, treibt mich Todesangſt von Stadt zu Stadt und von Land zu Land.— Träumer! lachte der Rittmeiſter. Komm mit, nimm Dir des Bauern Ackergaul, und reite neben mir gen Wolfenbüttel. In unſerer luſtigen Compagnie ſollſt Du die Grillen vergeſſen, und ſicherlich würdeſt Du, ſchmucker Burſch, bald des Generals Wohlwollen und als Kriegs⸗ tnecht der Fortuna Gunſt gewinnen, denn Deine Kunſt pleibt doch eine ſchlechte Mutter; die lange Kriegszeit hat nichts übrig gelaſſen, um Deine Farben zu bezahlen, und führteſt Du ein Schwert, verdiente Dir das treue —— —— Geräth mehr in einem Tage, als Dein Pinſel in ei⸗ nem Jahre in den Säckel ſchaffen mag.— Drei raſche Trompetenſtöße ſchallten jetzt vom Ende des Dorfes herüber. Die Schweden ziehen heran! rief der Reiter. Ich darf nicht ſäumen. Willſt Du mit? Entſchließe Dich ſchnell.— Zieh mit Gott! antwortete kopfſchüttelnd der Maler. Mich feſſelt noch einige Zeit ein Geſchäft an dieſe Ge⸗ gend. Aber ich komme auf Beſuch in Deine Winterquar⸗ tiere, mein Wort darauf.— Der Kriegsmann nahm ſeinen Abmarſch mit klirren⸗ dem Schritt; Ewald ſah ihm nach, bis er an einer Scheuer verſchwand, dann trat er zu den Bauersleuten, welche vor dem Hauſe ſtanden mit gefalteten Händen, bleichen Bildſäulen gleich, die man zu Schmerzesdenkmalen hin⸗ geſtellt. Lebt die Dame noch drüben im Schloſſe, die vor zwei Jahren dort Haus hielt? fragte er mit beſonderer Leb⸗ haftigkeit.— Wenn das fremde Volk nicht auch heute auf dem Berge einkehrte und ſie vor Schreck geſtorben, wird ſie wohl noch in guter Geſundheit ſein, antwortete der Bauer ſtörriſch und mit mißtrauiſchem Blick.— Sie hatte ja dazumal einen Schutzbrief von Feind und Freund, verſetzte der Maler mit Haſt.— Was gilt denn ſo ein Pergamentflickchen! ſeufzte der Landmann. Mauer und Thor haben ſie vielleicht beſſer beſchirmt. Auch wir hatten ſo ein bemaltes Ding ſchwer gekauft, aber kommt ein Anderer ans Commando, lacht er über des Vormannes Verſprechungen. Wir müſſen ſchon zufrieden ſein, wenn das Kriegsvolk uns nicht das 9 Dach über dem Kopfe abbrennt oder an den Kindern ſeine Meſſer verſucht. Drei Male ſind wir rein ausgeplün⸗ dert, und man iſt ein Narr, daß man Schweiß und Blut immer wieder an die Arbeit ſetzt, um die fremden Schlu⸗ cker zu füttern.— Auch ich habe aus Eurer Kanne getrunken, und mag nicht in Eurem Abendgebet neben dem Satanas den Platz haben. Da, behaltet das Bildchen zum Andenken, nehmt die Zeche und kauft in Peine oder der Biſchofsſtadt, was Euch Noth thut.— So ſprechend, legte der junge Mann einige Geldſtücke in des Bauern Hand, riß das Blatt aus ſeinem Taſchenbuche und gab's der Frau, nahm das weiße Mäntelchen, welches er hingeworfen, vom Boden auf, und folgte dem Wege, welchen der Rittmeiſter ge⸗ nommen. Die Landleute aber ſtanden ſtumm vor Er⸗ ſtaunen, denn in des Vaters Hand glänzten zwei Gold⸗ ſtücke, eine Münze, die er noch nie in ſeinen ſchwieligten Fingern gehalten. Es dämmerte bereits, als derſelbe unkriegeriſche Fremd⸗ ling ſich auf einem gekrümmten Hohlwege befand, der durch den Buchenwald bergan führte. Ein wohlgenähr⸗ tes lichtbraunes Maulthier trug ihn und ſeinen kleinen Mantelſack, und en trieb mit der Gerte das Thier mehr an, als es gewöhnt ſchien, denn es ſpitzte die breiten Ohren und ſchlug wie unwillig mit dem kahlen Schweife. Der Reiter ſchien ungeduldig und unruhig, rückte oft im Sattel, warf ſeine Blicke bald rechts, bald links, und Freude leuchtete auf ſeinem Geſicht, als jetzt ein graues Gemäuer ſichtbar ward, und der rauhe Steinpfad vor einem verſchloſſenen, feſten Thore ſein Ende nahm. Ewald ritt dicht hinan und klopfte mit der Fauſt ge⸗ gen die eichenen Bohlen und ließ ein lautes Halloh! er⸗ ſchallen. Nach langer Zeit rührte es ſich inwendig und eine kleine Oeffnung that ſich auf, aus der eine tiefe Menſchenſtimme mürriſch nach dem ungebetenen Gaſte fragte. Alter Nepomuk, kennſi Du mich nicht? fragte der Maler zurück. Hat meine Stimme ſeit zwei Jahren eine andere Scala bekommen? Aber ſage zuerſt, iſt die liebe ernſte Frau Klotildis wohl auf?— Der Menſch drinnen ſchien einige Zeit zu gebrauchen, um in den Winkeln ſeines Gevächtniſſes aufzuräumen. Dann aber that er einen Freudenſchrei und rief: Meine arme Seele ſoll zehn Jahre im Fegfeuer ſchmoren, wenn das nicht unſer Junker aus München iſt, unſer Herr Ewald Eckardsau. Halloh! wie wird die Frau ſich er⸗ götzen, daß ihr Geſellſchaft kömmt in ſolcher Zeit der Trübſal und Furcht, und gar ſolche Geſellſchaft.— Der Thorflügel flog weit auf, und ein derber Graukopf trat heraus, quetſchte faſt des Reiters Hand, und zog dann das Maulthier raſch in das Dunkel des Zwingerthurmes hinein. Da ſieht man, welchen Vorzug die Jugend hat, ſprach redſelig der Alte dabei; Ihr kanntet mich auf den erſten Ton, ich hielt Euch für ein Stück von dem wil⸗ den Volke, das dieſe Tage im Thale herumſtrich, und ſo gottesläſterlich iſt, daß es ſelbſt die Glaubensgenoſſen im Stifte nicht verſchont.— Wie ſollte ich Deine rauhe Rabenſtimme vergeſſen haben, Du treuer Hoſpitalit? antwortete Ewald, indem er aus dem Sattel ſtieg und dem Alten nochmals beide Hände ſchüttelte. Aber die edle Frau? Wird ſie meine Rückkehr gern ſehen? Wird ſie mich eben ſo freundlich 11 aufnehmen wie damals, als der bleiche, fieberkranke, pilgernde Wandersmann bittend auf ihre Schwelle trat, ſie ſein Lebensengel wurde, und er nur ihrer Pflege die Geſundheit, ihrem Troſtſpruche den neuen Lebensmuth verdankte?— Sorget nicht darum, antwortete Nepomuk. Ich meine faſt, der Anblick Eures Bildes, das Ihr aus dem Spie⸗ gel ſtahlet und ihr an die Wand hinget, ſei ſeitdem ihre einzige Freude geweſen.— Du ſprichſt viel, ſehr viel, entgegnete Ewald mit hörbar fliegenden Athemzügen. Doch eile die Wendelſteige hinauf und melde mich an. Den Stall für das Thier werde ich ſchon finden im Abendlicht; ich kenne ja hier Stock und Stein aus alter Zeit.— Ihr befehlt's; es wäre ſonſt wohl nicht groß nöthig mit dem Anmelden, ſprach der Alte. Zieht das warme Thier aber in den kleinen Stall rechts, links ſind ſchon vierbeinige Müßiggänger einquartirt, die in ihrem Ueber⸗ muthe dem ſanftmüthigen Langohr Schaden bringen könnten.— Der Alte ging zum Herrenhauſe; der Maler zog ſein Thier in das bezeichnete Aſyl, verwunderte ſich jedoch nicht wenig, als er in dem Herrenſtall, der vordem leer geſtanden, vier ſtattliche Rappen fand, welche bei dem grünlichen Scheine einer Hänglaterne mit lautem Schnau⸗ ben ihr Abendfutter verzehrten. Mit klopfendem Herzen ging er dann über den Hof zum Herrenhauſe, und ſtieg langſam die Wendelſteige hinan zu einem bekannten Zim⸗ mer, vor welchem ihm der alte Diener ſchon begegnete, und ohne Worte, doch mit lachendem Geſicht, ihm den erlaubten Eintritt andeutete. In der Mitte des nicht geräumigen, aber mit größter aN 1 Ordnung und Reinlichkeit, und mit zartem, ſinnigem Geſchmack aufgeputzten Kloſets ſtand die Herrin ſichtlich bewegt, den unerwarteten Gaſt zu empfangen. Frau Klotilde war eine Dame über die Jugendzeit weit hinaus, doch ſchien in ihr die Regelmäßigkeit der Lebensordnung und die Abgeſchiedenheit von den zerſtörenden Welt⸗ freuden den Sieg über die ſonſt ſo mächtige Zeit gewon⸗ nen zu haben. Frau Klotilde konnte ſich beim fürſtlichen Banket mitten in einen Kreis der Fräulein des Landes wagen, und ſie würde nicht unbeachtet geblieben ſein. Ein hoher Wuchs mit Körperfülle gepaert, welche die Friſche der Jugend zu haben ſchien, eine Haut, glänzend⸗ weiß und faſt durchſichtig, eine zarte ſchmale Hand, der ſich Deutſchlands Kaiſerin nicht hätte ſchämen dürfen, feine, höchſt regelmäßige und edle Geſichtsbildung, ein großes, helles Auge löſchten zehn Jahre ihres Alters aus, und ließen ihr höchſtens dreißig zuzählen; ſelbſt die Morgenglut des Lebens ſchimmerte noch auf den Wangen und verhüllte die kleinen Fältchen am äußern Augenwinkel; ihr Anzug war zwar matronenhaft, aber beſonders ſauber und zierlich; das ſchwarze Gewand von feinem Wollzeuge fiel ſchlank gefaltet über die Hüf⸗ ten hinab; ſchneeweiß legte ſich der Nonnenkragen um die volle Bruſt und umſchloß den Hals bis zum runden Kinn, und die Haube von reichem Spitzenwerk zwängte das dunkele Haar vergebens ein, und ſein Reichthum quoll aus den feinen Banden überall hervor. Dabei gab eine Schwermuth des Blickes, ein ſanfter Leidenszug am Munde der Dame und ihrem ganzen Weſen einen Cha⸗ rakter, welcher an die Mater dolorosa erinnerte, und dem Urtheil der Liebenswürdigkeit noch einen geheimen Reiz zuwarf, der die Männer mit beſonderer Theilnahme — 13 gewann, indem er die Ehrfurcht zu derſelben miſchte, und welcher für einen ſo enthufiaſtiſchen Künſtler, wie Herr Ewald war, hochſt anziehend, ja gefährlich werden mußte. Klotilde! rief der Eintretende und ſeine Augen leuch⸗ teten auf, und er bog ein Knie und drückte die ihm dargebotene Hand an ſeine Lippen. Klotilde, darf der Uebertreter auf Verzeihung hoffen?— Das Auge der Frau forſchte lange in ſeinem Geſicht, das er zu ihr auf gewendet. So ſchaut die Gottheit auf ihr Geſchöpf, an dem ſie Wohlgefallen hat. Dann ſagte ſie halblaut, doch mit dem Tone der Beruhigung, ja der Freude: Es iſt der Freund, ſo wie er ſchied! Dieſes Auge hat ſein Licht nicht verloren, dieſe Wange iſt friſch und erzählt von keiner Reue. Ja, mein Freund, warum ſollte ich's hehlen; gezittert habe ich oftmalen, wenn ich an Euch und an die Städte des heißen Landes dachte, worin Ihr lebtet, und wo dicht neben dem Hei⸗ ligſten die Verruchtheit ihre Höhlen gebaut.— Sie zog ihn auf vom Knie und führte ihn zu einem Seſſel dicht neben dem ihrigen.— Und doch konntet Ihr mich ſo grauſam von Euch treiben, mich hinausſtoßen von Euch in die finſtere Welt? entgegnete Ewald vorwurfsvoll. Aber Ihr waret gegen Euren Willen bei mir überall; wie ein Heiligenbild ſchimmertet Ihr immer vor meinem Auge; ſo ward je⸗ der meiner Gedanken Gebet, und ich ging ſicher durch die wüſten Gelage der Kunſtgenoſſen gleich den frommen Männern im Feuerofen, und gleich dem Daniel in der Höhle der Löwen.— Läſtert nicht! ſiel die Frau ihm in die feurige Rede. Ruhiger, beſonnener glaubte ich den Freund zurückgekehrt, nicht mehr der ſfinnliche, knabenhafte Schwärmer, der nach den Farben des Schmetterlings griff und die ſchö⸗ nen Flügel zerſtörte. O Ewald, ſehet nicht ſo finſter zu mir herüber! Warum ſollte ich's nicht geſtehen, daß auch Ihr mir ſehr werth geworden, und daß ich Eure Abweſenheit tief und ſchmerzlich empfunden. Einſam hingebannt in dieſe wilde Gegend, trugt Ihr ein neues Licht in meine Kloſterzelle, bezwangt den Zauber, der meine ganze Umgegend in Stein verwandelt hatte. Euer Umgang war mir unentbehrlich geworden; o meſſet da⸗ nach, wie weh Ihr mir gethan haben mußtet, daß ich Euch zur Trennung zwang. Aber ich hatte Euch nur die Freun⸗ din geſchenkt; das Geſchenk war dem Ungenügſamen nicht reich genug, und da Ihr nur das Weib in der Freundin ſahet, mußte ich den Riß durch unſer Paradies thun, und hätte ich das eigene Herz damit zerreißen müſſen.— Ewald fuhr vom Seſſel auf und eine warme Er⸗ widerung ſchwebte auf ſeinen Lippen. Mit der weißen Hand drückte ſie ihn in den Seſſel zurück und bewegte zugleich mit der Linken die Silberſchelle auf dem Tiſche. Keine Antwort, mein Freund! ſagte ſie. Die erſte Stunde des Wiederſehens taugt nicht zu ſolchen Erörterungen, die zu leicht ihre Sonnenblicke trüͤben und mit düßtern Wolken ſchwärzen, ja zuweilen unlöſchbare Sonnenflecke erſchäffen. Wir werden dazu eine beſſere Zeit finden. Erzählt mir lieber, was Euch zum zweiten Male zum Norden tried—* Faſt beleidigt drängte der junge Mann all ſein Em⸗ pfinden in ſein Innerſtes zurück, und das Auge zum Eſtrich geſenkt, ſtattete er Bericht ab von ſeinen Reiſen, von ſeinen Kunftfortſchritten, von den italiſchen Meiſtern, in deren Werkſtätten er gearbeitet. Schon vordem habe ich Euch erzählt, edle Frau, ſchloß er ſtinen troſtenen 5— — 15 Bericht, daß man mich zum Kriegerſtande beſtimmt hatie, obgleich ich von früh an in allen ſchönen Künſten Unterricht genoſſen und beſonders für die Malerkunſt Talent gezeigt, daß ich, eine Waiſe geworden, den ſtren⸗ gen Vormündern als ein ſechzehnjähriger Bube ent⸗ wich, in Nürnberg mich dem Studium der Lieblings⸗ kunſt widmete, daß mich der unwiderſtehliche Trieb, das nordiſche Weltmeer zu ſehen, in dieſe Lande zog, wo auf der Heimkehr mich das Fieber an Eurer Schwelle niederwarf. Klotilde, Euer Wille jagte mich dann in die ſogenannte Heimath der Kunſt. Aber glaubt mir, die ächte Kunſt hat nur eine Heimath, das Menſchen⸗ herz. Herrliche Muſter ſah ich dort, ader mir blieb die Gewißheit, ich wäre auch hier bei Euch ein Künſtler geworden, und vielleicht ein beſſerer, kein Schüler, kein Nachahmer, ſondern ein Selbſtſtändiger und ein Selbſt⸗ ſchöpfer. Daß ich fühlte, die Orginalität ſei mir ver⸗ loren gegangen vor den Meiſterwerken jener Heroen der Schulen zu Florenz und Rom, das trieb mich fort aus jenen Tempeln der Unſterblichkeit, und geſtattet Ihr mir nicht, mich und meine eigene Natur wiederzufinden bei Euch, ſo pilgere ich nach den Niederlanden zum Van⸗ dyk und Rembrand, um dort das Ideal zu vergeſſen in der wahrhaften Natur, die mehr zum Menſchen ſricht, und dem Künſtler und dem Beſchauer. nu thut, weil ſie erreichbar iſt.— Und Euer Herz, Ewald? fragte die Frun mit ſchar⸗ fem Tone. Fandet Ihr kein Modell in den Landen der Schönheit, bei dem Eure Hand zitterte, als ſie den Pinſel nahm?— Dunkele Röthe flog über des Mannes gebräunte Wangen.* — 16 Möget Ihr ſelbſt berühren, was Ihr ſo ſtreng ver⸗ pöntet? fragte er bitter. Aber mein Herz iſt Euch ein offener Schrein geweſen in den Tagen meines erſten Glücks, ſo ſoll auch jetzt das ſchwarze Tuch Euch ge⸗ lüftet ſein, mit dem ich es ſeitdem verdeckte. Ja, ich geſtehe es, mein Vorſatz war, das weibliche Weſen zu vergeſſen, das mich zuerſt Lieben gelehrt, und als die Glut zu Tage brach, welche ihre Liebenswürdigkeit angefacht, mich herzlos verdammte. Aber der Vorſatz war leichter gefaßt als vollendet. Ueberall begegnete mir meine erſte Liebe. In den leuchtenden Zirkeln der Nobeln Venedigs ſah ich die vornehmſte Dame des gol⸗ denen Buchs ihr ähneln, doch ſie nicht erreichen; in der Maske, welche im Karnaval zu Rom auf der Piazza Novana die meiſten Neugierigen nach ſich zog in Be⸗ wunderung ihres junoniſchen Wuchſes und ihrer ſittig⸗ prunkvollen Tracht, ſuchte meine Phantaſie ſie ſelbſt; und flüchtete ich zum Heilquell der Andacht im Sanct Peter oder zum Lateran, ſo ſtieg ſie von den Wänden und Decken herab als Madonna oder heilige Eliſabeth. Sie auszutilgen aus Herz und Gehirn war unmöglich. Da erblickte ich eines Tages eine jugendliche Frauenge⸗ ſtalt hoch zu Roß; wie eine Königstochter flog ſie ihrem „Geleite voraus; weit nach flatterte das ſchwarze Kleid, und der Federhut beſchattete reine, edle Züge, wie ſie meiner erſten Liebe geleuchtet. Stolz trug ſie der Schim⸗ mel an mir vorüber, und ich fühlte mein Herz wunder⸗ ſam bewegt, da ſtutzte das neapolitaniſche Feuerthier, hob ſich, kühn ſtrafte ſie mit Gert und Zügel, wild flog das Roß am Ufer des Stromes den ſchmalen Fußpfad entlang; jetzt glitt ſein Huf und hinab fürzte Königs⸗ kind und Bucephalus, und die grüne Welle bedeckte beide 17 mit gieriger Luſt. Hinein warf ich mich, keck und heiß wie in ein Brautbett, mein Arm theilte die Flut, ich erfaßte ihr Kleid, ich riß ſie zur Sandbank, ich trug ſie an meiner Bruſt zum Lande, aber ſie dankte mir nicht, eine Todesbraut küßte ich, und der Heiligungsbecher zer⸗ ſprang in Scherben dicht vor meinen Lippen.— Haltet ein! rief Klotilde, Ihr erzählt zu ſchauer⸗ lich.— Ewald ſah ſie mit düſtern Blicken an, in deren Tiefe ein unheimliches Feuer glimmte. Gott hatte die Un⸗ treue geſtraft, ehe ſie vollendet, fuhr er langſam und eintönig fort. Ein armes, unſchuldiges Weſen mußte um meiner Untreue willen zu Grunde geben. Da faßte mich's wie mit Geiſterkrallen und riß mich fort aus dem Süden, und trieb mich durch das Eis der Alpen und die Schneetiefen der Gletſcherthäler zurück zum Nord⸗ lande, wo ich meine Treue verpfändet und mein See⸗ lenleben eingeſetzt. Und, Klotilde, keine Erdengewalt, ſelbſt nicht Euer Fluch treibt mich aufs Neue von hin⸗ nen; ein Grab unter Euren Buchen werdet Ihr ja dem Freunde gönnen und eine Scheideſtunde von Eurem Thrä⸗ nenauge geheiligt.— Klotilde wollte antworten, da erſchien der alte Ne⸗ pomuk mit Schüſſel und Becher und deckte das Damaſt⸗ leinen über den runden Tiſch. Nur einen Teller? fragte Ewald verwundert. Wird die Wirthin nicht mit dem Gaſte ſpeiſen und ihm den Trunk kredenzen 2— Die Nacht iſt eingebrochen, antwortete die Edelfrau derſtreut, meine Pflicht ruft mich von Euch, denn der Schloßherr bedarf mein.— Der Schloßherr? fuhr der junge Mann empor. Blumenhagen. XI. 2 war der Charakter ſeiner Mußik. Sagtet Ihr mir nicht, Ihr wäret eine Wittfrau und hier die Herrin?— Klotilde lächelte ſichtlich gezwungen. Wittfrau und nicht, ſagte ſie mit ſcharfem Accent. Dem ruhigern Freunde öffnet ſich vielleicht die Pandora⸗Büchſe; der ſtürmiſche, drängende Mann könnte das Urtheil heraus⸗ laſſen, gäbe man ihm das verhängnißvolle Gefäß in die Hände. Stärket Euch und ſchlaft ſanft unter dieſem Dache. Nepomuk wird Euch das Zimmer aufſchließen, wo Ihr einſt in Fieberträumen zum liebenswerthen Dich⸗ ter wurdet.— Sie reichte ihm die weiße Hand, er küßte ſie ver⸗ wirrt und beſchämt, grollend und reuig zugleich; aber als ſie gegangen, verſank er in tieffinnige, trübe Ge⸗ danken, hörte nicht auf das treuherzige Geſchwätz des Alten, koſtete kaum von der Schüſſel, nippte nur von dem Becher, und ließ ſich dann zu ſeinem Zimmer füh⸗ ren, wo er gleich einem Nachtwandler mit ſtarren Au⸗ gen, ſtumm und ohne ſeiner Gedanken bewußt zu ſein, lange auf dem Ruhebette ſaß. Eine ſeltſame Muſik rief ihn wach, er trat zum Fenſter und ſtieß den Flügel auf, durch die ſcharf einſtrömende Nachtluft Erquickung zu finden. Seltſam bewegt fuhr er zurück. Der Flügel des Schloſſes, der ehedem unbewohnt und verſchloſſen gweſen, erſchien hell erleuchtet, und an den großen, buntbemalten Fenſtern ſah er dunkele Geſtalten ſich hin und her bewegen, unter denen er auch die Dame ſeiner Liebe zu erkennen vermeinte. Die Muſik dauerte fort, es war eine einzelne Geige, aber der Spielmann ſchien ein Meiſter, und ſeine Virtuoſität gefiel ſich in den ſchwerſten Sätzen und Sprüngen, doch auffallender noch Von den weichſten, 19 melodienreichſten Klagetönen fuhr er hinüber in grelle, herzzerſchneidende Diſſonanzen und löſete dieſe kunſtgerecht wiederum auf in das ſtürmendſte Preſto. Nur ein zer⸗ riſſenes Herz, ein gefoltertes Gemüth konnte ſolche Phan⸗ taſien in die Saiten werfen, und nur ein harter, kalter Geiſt ſie durchführen, ohne in dem Wellenſturm, den er erregt, ſelbſt zu vergehen. Ewald warf das Fenſter zu und ſich in tiefer Erſchütterung auf das Ruhebett; der unſichtbare Geiger kam ihm vor wie ein hämiſcher Dä⸗ mon, der mitten in ſein Herz geſchaut, und ihm zum Dohn nachgefiedelt, was er dort gefunden.— Eine lange, unruhige Folternacht ging zu Ende, und mit dem erſten winterlichen Tageslichte verließ der Ma⸗ ler ſein Lager, auf dem er früher ſo ſüß geſchlafen, und welches ihm dieſes Mal härter als ein Lazaronenbett ge⸗ däucht. Er horchte lange, ob ſich ſchon Leben im Schloſſe zeige, doch vergebens; er trat ans Fenſter, der innere Hof war leer und todt, als ſei das Schloß ausgeſtorben mit Mann und Maus ſeit letzter Mitternacht. Aus ſei⸗ nem Mantelſacke zog er eine Leinenrolle hervor und wickelte ſie los, es war Klotildens Bild, das er nach einem Ent⸗ wurfe in der Ferne mit größeſtem Fleiße und mit allem beſtehenden Farbenſchmelz der Schule Guido Reni's aus⸗ geführt. Mit Nadeln befeſtigte er das Bild an die Wand, rückte ſeinen Seſſel davor, und ließ ſeine Augen lang ſich weiden an den geliebten Zügen. Ein feſter Entſchluß gebar ſich in dieſer Betrachtung aus ſeiner Seele. Die Räthſelnacht mußte noch heute durchriſſen ſein, ſchwin⸗ den mußte die unerträgliche Ungewißheit, die ihn und ſeine ganze Weſenheit zu zerſtören drohete. Er packte 20 ſeinen Mantelſack vollends aus, blätterte eine Mappe auf und ließ die beſiegelten Papiere träumeriſch durch die Finger gleiten, öffnete dann ein ſchwarzſammtenes Käſt⸗ chen und blickte mit Hohn auf die köſtlichen Geſteine, die in allerlei Formen zum Frauenſchmucke gefaßt, im frü⸗ hen Sonnenſtrahl funkelten und in tauſend Regenbogen⸗ farben ſpielten. Eitler Glanz und Reichthum, Angebinde der todten Braut, ſagte er mit Hohn, was wirſt du mir nützen 2 — dein Auge, du junge Amazone, ſprach von Lebensluſt und Sehnſucht, da löſchte die Tiberwelle deine Glut. Dieſes Auge trägt denſelben Himmel unter den langen Wimpern, aber das Herz haucht ſeinen Froſt hinauf, und es bedarf keines Waſſergottes, um zu löſchen. Aber noch eine Bitte ſoll die Grauſame hören; gibt ſie dann noch Eis für Aetnasglut, ſo ſollen die Karthäuſer mich neiden um die ewig erlahmte Zunge!— Er nahm ſein grünes Mäntelchen und das Baret und trat aus ſeinem Gemach. Unheimlich, ja grauenhaft ſchlug ihm die Todesſtille im Schloſſe entgegen, wie die Schwüle, welche dem Gewitter vorangeht. Er ging an Klotildens Kloſet, er klopfte, er faßte an das Thürſchloß. Die Schloßfrau hatte ſich eingeſchloſſen, und auf ſeinen halblauten Ruf erfolgte keine Antwort. Er ſtieg in die unteren Räume der Burg, nirgend regte ſich ein menſch⸗ liches Leben, nur im Hofe ſprang ihm wedelnd der große, weiße Spitzhund des alten Nepomuk entgegen, der auch ſein Freund geworden und mit dem Herrn manche Stunde an ſeinem Krankenlager gewacht hatte. Aber nur kurz war die Begrüßung des treuen Thieres; denn kaum hatte Ewald ihm den langbehaarten Hals geklopft, ſo ſetzte r Hund über einen Trümmerhaufen hinan auf die breite 1 21 Ringmauer, legte ſich lang nieder, hielt jedoch den Kopf mit geſpitzten Ohren empor und ſchaute mit den klugen Augen ſtarr in die Umgegend hinaus, als ſei er ſich be⸗ wußt, der einzige Wächter des Schloſſes zu ſein. Ewald ſah nach den Fenſtern des Flügels hinauf, welche in die⸗ ſer Nacht ſo geiſterhaft erleuchtet geweſen; ſein Auge fand ſie mit langen, rothen Vorhängen dicht verhangen. Er trat in den Burggarten, wo hinaus die Fenſter der Dame gingen, auch dieſe waren verſchloſſen und von den Gardinen vermacht. Unter einem uralten Lindenbaume, den ein runder Steintiſch umgab, über welchen die Borke des Baumes gequollen und wie mit ihm verwachſen war, ſetzte er ſich kopfſchüttelnd und wühlte mit der Fuß ſpitze in dem welken abgefallenen Laube, von dem Bilde des herbſtlichen Lebens noch trüber herabgeſtimmt. Nicht lange hatte er geſeſſen, ſo regte ſichs vom Hofe her und Nepomuks Geſtalt erſchien im Gatterthor, trat in die Kohlfelder, und als der Alte ihn erblickt, näherte er ſich voll Erſtaunen, ſo eilig die ſteifen Glieder erlaub⸗ ten, dem Lindenplatze. Schon aus dem Bett, junger Herr? fragte der greiſe Diener. Freilich ſteht die Sonne ſchon über dem Berge dort und Ihr nicht unter der Hausordnung. Wollte Euch eben den Frühimbiß hinauftragen und einige glatte Koblblät⸗ ter brechen, den friſchen Käs für Euch darauſ zu legen.— Laß das, mein braver Freund, antwortete Ewald mit Haſt, mich hungert nicht, und das friſche Wſſer, was ich in meinem Kruge fand, hat mich für's erſte genug⸗ ſam erquickt. Aber meine Seele hungert heftiger als Ugolino in ſeinem Folterthurme, und du ſollſt mein Elias⸗ rabe ſein, denn ich laſſe Dich nicht, ehe Du mir geſtan⸗ den, welche ſeltſame Veränderung in dieſem Hauſe vor⸗ .—————— 22 gegangen, ſeit ich es verließ.— Er den Alten ſeinen Arm mit Jugendkraft gefeſſelt.— hatte faſt gewaltſam zu ſich auf die Steinbank gezogen und hielt Sonderbare Manier! ſagte der Alte lächelnd. Was haltet Ihr mich denn, als wäre ich ein Ausreißer? Sä⸗ het Ihr nicht friſch und geſund, ich würde hättet auch dieſes Mal wiederum ein Fi Reiſe mitgebracht. Was Ihr fragt, iſt ke und hat die edle Frau geſtern nicht Zeit fürchten, Ihr eber von der in Geheimniß, gehabt, Euch bei dem erſten Wiederſchauen von unſerer neuen Lebens⸗ weiſe Kunde zu geben, wird ſie es Mittags nicht verſäu⸗ men, und wenn Ihr mich ſo ſtreng inquirirt, kann ich ſelbſt voraus ihr die Mühe abnehmen und die trübſeli⸗ gen Geſchichtchen erzählen, mit der ſie dem Gaſte nicht den erſten Becher bittern mochte, da die Pflicht ihr über⸗ dem nicht Zeit ließ, ihm unſere Leidenshi ſtorie gehörig und ausführlich vorzutragen, wie es für den lieben Haus⸗ freund und Vertrauten gebührt.— Welche Pflicht? Welche Leidenshiſtorie? fuhr Ewald geſpannt zwiſchen ſeine Rede. Iſt der Herr Klotildens Gemahl? O haue los, träge Fauſt! Meine Bruſt beut ſich der tiefſten Wunde dar.— Was ſchwatzt Ihr ſo närriſch von Wunde und Ge⸗ mahl, edler Junker? fragte der Alte mit Laune. Für Euch iſt dabei weder Stilett noch Sarras geſchliffen.— Sehet, fuhr er plaudernd fort, ohne auf das: doch viel⸗ leicht! welches der Maler ſeufzend hervorſtieß, zu achten. Sehet, der Herr dieſes finſteren Schlößchens iſt der Frei⸗ herr von Ahſtedt, wie Euch die Frau wohl ſchon einmal geſagt haben wird. Sie iſt ſein Schweſterkind, welches er als eine Waiſe zu ſich nahm, da die Eltern beide an der Kriegspeſt fern im Thüringerlande geſtorben waren, 23 und der Krieg ſelbſt all ihre Habe in Mordbrand und Raub verſchlungen hatte. Der Freiherr war damals vermählt mit einer hochherzigen Dame aus edlem Ge⸗ ſchlecht, die, obgleich ſie gar heftigen und herriſchen Sin⸗ nes war, doch von uns Allen ſehr geachtet wurde, denn ſie ſtand hoch in Tugend und Ehrſamkeit, und führte das Hausregiment gerecht und wohlthätig. Der Freiherr be⸗ kleidete einen wichtigen Staatspoſten, lebte in der Bi⸗ ſchofsſtadt in einem herrlichen Palaſte, und war bekannt und beliebt an den Höfen zu Wolfenbüttel und Hanno⸗ ver, wohin ſein Amt ihn oftmals verſetzte. Die kleine Kloülde,— ſie glich als Kind einem Engelein, wie ſie in der Lirche gemalt ſind bei der Himmelfahrt des Herrn— die Kleine ward gar bald der Liebling beider Herrſchaf⸗ ten, öbgleich ſie ſelbſt ſich dreier jungen Eheſproſſen er⸗ freuten Aus dem Kinde ward früh ſchon eine ſtattliche Jungfrau, und ehe ſie noch das fünfzehnte Jahr erreicht hatte, ſharwenzelten die Edeljunker der Gegend ſchon um die ſchlauke Lilienblume, die jedoch ſich niemals aus der⸗ gleichen Rarretheiding etwas zu machen ſchien. Der gnädige Freiherr wurde damals vom hochwürdigen Bi⸗ ſchofe als Botſchafter zu dem Kaiſer geſandt und nahm die Edelfrau und ſein NRichtchen mit, ihnen die Herrlich⸗ keiten der Kaiſerſtadt zu zeigen. Nach ſechs Monden ka⸗ men die Herrſchaften zurück, aber ohne Fräulein Klotilde, unh unſere Freifrau erzählte den Bekannten, die ſchöne, fürfzehnjährige Jungfrau habe eine kinderloſe Verwandte, die ſie unterwegs getroffen, ſo für ſich eingenommen, daß diee darauf beſtanden, ſie mit in das Baierland zu neh⸗ mei, und vort, wo ſie heimiſch, als ihr leibliches Kind zu halten. Die Dienerſchaft, welche die Reiſe mitge⸗ mact, munkelte jedoch verſtohlen, das liebe Kind ſei auf der Reiſe plötzlich verſchwunden, entführt oder vom Kriegs⸗ volke geraubt worden. Sie ward baldigſt vergeſſen, nur ich konnte die Erinnerung an den kleinen Engel nicht vertilgen, obgleich ich, wenn ich bei dem Herrn einmal von der Verſchollenen ein Wort fallen ließ, kurz und hart abgefertigt wurde.— Ewald drückte, trotz ſeiner hochgeſpannten Aufmerk⸗ ſamkeit, dem Alten heftig die rauhe Hand, da er aber kein Wort zu dem Liebeszeichen hinzufügte, ſo fuhr der Erzähler nach kurzem Verſchnaufen fort. Etwa vier Jahre mochten verlaufen ſein, da verſetzte mich der Herr plötzlich aus meinem Dienſte auf dieſes alte Familienhaus, das verfallen und unbewohnt mitten in den dichten Holzungen lag, und früherhin von einem greiſen Forſtmanne bewacht worden. Er nannte es einen Lohn für lange Treue, ich ſah es für eine Verweiſung an, da meine Dienſte und meine Figur nicht meßr paß⸗ ten für das große Leben der Familie im Stadtpalaſte; doch fiel es mir wunderſam auf, daß ich dem Herrn ein feierliches Verſprechen leiſten mußte, Alles, was künftig in meinem neuen Wohnſitze vorgehen möchte, treng zu verſchweigen. Wenige Monate nachher erfuhr ich den Grund; denn eines Abends kam eine Reiſekaleſche den Hohlweg herauf gepoltert, und als ich das Thor öffnete, ſtieg Fräulein Klotilde und die alte Erica heraus, die Kammerfrau, welche Ihr kennt, und die jetzt faſt für beſtändig vom Zipperlein in den Faulſtuhl gebannet iſt. Fräulein Klotilde war recht groß und ſchlank gewer⸗ den, erſchien mir ſchöner, verklärter, obgleich ihre Jo⸗ ſenwangen recht bleich ließen, und die finſtere Schwir⸗ muth das große Augenpaar verdüſterte. Ich ſtand vie ein Steinbild da, als ſie mir mit Thränen in den Auzen 8 25 vie Hand bot und dann mir ein Brieflein reichte mit des Herrn Siegel und Unterſchrift, woraus ſie mir vorlas, daß ſie mit des Herrn Wiſſen angekommen, und nach ſeinem Willen als Beſitzerin und Frau des Schloſſes bei mir leben ſollte.— Und vertraute ſie Euch nicht, wo ſie in den vier Jah⸗ ren gelebt?— Und beſuchte Euch ſeitdem der Freiherr nicht oft und auf lange? fragte Ewald erhitzt und mit glühenden Blicken.— Sie erzählte nichts, antwortete Nepomuk ruhig, und wer hätte ihr gegenüber den Reſpekt, den ihr ganzes Weſen einflößt, ſo vergeſſen können, daß er gefragt, was ihr vielleicht nicht recht geweſen. Aber der Herr kam in den zwanzig Jahren, welche die arme Dame hier ge⸗ lebt, kaum zehn Male in die Berge und auf die Burg, und ließ er ſich ſehen, ſo war's bei der Jagd auf einige Stunden, und das Geſpräch zwiſchen ihm und dem Fräu⸗ lein, die ſich vom Geſinde jedoch ſtets Frau nennen ließ, war einſilbig und ohne Freundlichkeit.— Und wie lebte ſie ſonſt? Hatte ſie Beſuch von Freun⸗ den? fragte Ewald mit Haſt weiter.— Wie eine Wittwe, oder mehr noch wie eine büßende Nonne, entgegnete der Alte. Eingezogen, traurig und ſtill wohnte ſie in dem Kloſet, was ſie ſich gewählt. Sie trieb die Hauswirthſchaft getreu und fleißig, führte die Rechnung über Zehnten, Holzſchlag und Wieſener⸗ trag, beſtellte den Garten und zog das Federvieh auf. Beſuch ward nicht zugelaſſen, und zeigte ſich ein frem⸗ des Geſicht am Thore, oder verlangte einmal ein ſtrei⸗ fendes Reiterpiket ein Veſperbrod, ſo durfte gar nicht erwähnt werden, daß Frauenvolk im Schloſſe wohne, ——————————— 26 und das Fräulein und die Magd verſchloſſen ſich, bis die Gäſte abgezogen. Nur mit Euch ward eine ſeltene Ausnahme gemacht, und wäret Ihr nicht ohnmächtig geworden, und wäret nicht gleich einem Sterbenden auf unſere Pilgerbank hingeſunken, Ihr hättet ſicher auch unſer Burgfräulein nie zu ſehen bekommen. Der einzige Beſuch, den ſie empfing, war der Zuſpruch ihres Beicht⸗ vaters, des graubärtigen Franziskaners aus Ganders⸗ heim, und ſelbſt an hohen Feſttagen fuhr ſie nicht zum Dom in die Biſchofsſtadt, ſondern dicht vermummt wie die älteſte Matrone in das Kloſter zu Gandersheim, dort mit der chriſtlichen Gemeinde die hohe Feier zu theilen.— Sonderbar, höchſt ſonderbar! murmelte der Maler. Und wie änderte ſich dieſes unnatürliche Stillleben ſeit meiner Abreiſe?— Merkwürdiger als alles Uebrige blieb dieſe neue Wirthſchaft, die Euch ſo in Verwunderung geſetzt, ant⸗ wortete der Graukopf. Wir waren den täglichen Schlen⸗ drian ſo gewohnt worden wie den warmen Alltagsrock; die edle Frau hatte den Gram verſchmerzt, der ſie ge⸗ drückt, beſonders ſeitdem Ihr eingekehrt, und ſo drei Monate lang uns Veränderung und Neuigkeit erſchaffen. Da kam ein Reitender und brachte wichtige Botſchaft von dem Freiherrn, die uns Alle in Beſtürzung verſetzte. Die hohe Freifrau war geſtorben, alle drei Junker hatte der Tod ihr nachgeholt. Der Eine war im Krieg er⸗ ſchoſſen, der Zweite im Fluß ertrunken, der Dritte auf der Jagd beim Saufang verunglückt. Der Herr ſelbſt hatte Verbindungen mit den lutheriſchen Nachbarn an⸗ geſponnen, man hatte ihn des Verraths und heimlicher Verſtändniſſe mit den Ketzergeneralen beſchuldigt, ſo 27 wollte er ſich zurückziehen in die Berge, ſich abſondern von der Welt, und befahl uns, die Einrichtung für ihn ſchleunigſt zu bewerkſtelligen. Und wahrlich, als er nach einigen Tagen eintraf, ſah es ihm Jedermann an, daß es ihm nöthig geweſen, von der Welt zu ſcheiden und ſich zu bergen. Gott erbarm's! Ich, der ihm von Ju⸗ gend an gedient, erkannte ihn kaum.— Bleich und hager ſtieg der langgewachſene Herr aus dem Wagen, die Augen ließen noch einmal ſo groß wie ſonſt, weil ſie tief aus den Höhlen und ohne Glanz blickten. Er wies meine Hülfe herriſch zurück, und als das Fräulein oder die Frau ſich ihm mit düſterer Miene, aber reſpekt⸗ voll näherte, fuhr er zurück und rief in ſichtlicher Angſt: Fort ihr Weibsleute! Bleibt drei Schritte von mir, denn ihr traget Stecknadeln im Zeuge.— Stecknadeln? fragte Ewald ſpöttiſch. Ein ritterlicher Degen fürchtet die Weiberwaffe? War er denn wirklich toll geworden?— Das nicht, entgegnete Nepomuk; aber ein Traum ſoll ihn gewarnt haben, eine Stecknadel würde ihn ver⸗ derben, ſo ſprach die Dienerſchaft. Uebrigens benahm er ſich gut, ſanft und liebreicher, als ich ihn je gekannt, nur in die Lebensweiſe, zu welcher er uns Alle zwang mit unbeſiegbarem Eigenſinne, konnten wir uns lang nicht zurecht finden. Er hat die Lebensmanier auf den Kopf geſtellt, denn er ſteht auf vom Bett, ſobald die Nacht kommt, und legt ſich ſchlafen, wenn das erſte Tageslicht ſchimmert. Seine Kleidung gleicht der eines Zunftmei⸗ ſters; ſeine Mahlzeit, die er um Mitternacht hält, iſt ſo einfach, daß vordem ſeine Dienerſchaft beſſer bewirthet wurde. Nie verläßt er ſein Zimmer und bedient ſich faſt ſelbſt, denn wird der Tiſch gedeckt, unterſucht er emſig jedes Gedeck, putzt die Teller ab, ſtöbert die Ge⸗ richte durch bis zum Grunde der Schüſſel, und ißt das Brod nur in kleine Brocken getrümmert, aus Sorge eine verſteckte Nadel zu finden.— Und wie treibt er die langen Nächte hinab? fragte der junge Mann.— Die Stunden vor Witternacht muſizirt er auf der Liebesgeige, antwortete der Alte; als er noch jung war, galt er ſchon in der Hauptſtadt für einen Meiſter auf der Viola. Nach der Tafel muß die Frau vom Hauſe mit ihm im Damenbrett ſpielen, aber mit bunten feinen Figürchen, die ſie Steine und Könige und Bauern nen⸗ nen, welches Spiel er als Page von dem Herzog Auguſt zu Braunſchweig erlernt.— Alſo darf die Dame ſich ihm doch nähern? rief Ewald mit ſichtlichem Argwohne.— Aber auf welche Weiſe? ſprach lächelnd und kopf⸗ ſchüttelnd Nepomuk. Ach! Fräulein Klotilde iſt ein Muſter von Geduld, und vergilt in Dankbarkeit reich⸗ lich, was der Freiherr für das Waiſenkind gethan; keine andere Frauensperſon würde ſich in ſolche Grillen fügen. Denkt nur, Junker: des Herrn Zimmer iſt ge⸗ theilt durch eine Tournierſchranke oder wie ein Krämer⸗ laden, und Niemand darf dieſe Grenze überſchreiten. Mitten in dem Scheidegitter iſt der Tiſch befeſtigt, an welchem bei der Mahlzeit oder bei dem Spiele er drü⸗ ben, ſie diesſeits Platz nimmt, und dennoch tönet jeden Abend, wenn ſie eintritt, zuerſt die Angſtfrage an ſie: du haſt doch keine Stecknadel an dir, Klotilde? und fällt etwas zur Erde, ſo ruht er nicht, bis ſie es auf⸗ gehoben und dem Argwöhniſchen gezeigt, daß es keine Nadel geweſen. Sie hat auch alle ihre Kleidungsſtücke 29 nach ſeinem Willen geändert, und Band und Knopf be⸗ feſtigen an ihr, was andere Frauen mit blanken Nadeln zuſammenhalten.— Und ſie trägt das Alles, und du haſt ſie nie murren und klagen gehört? Haſt nie eine Urſache von dem Allen erlauſcht, nie etwas über Klotildens Abweſenheit und ihre frühern Schickſale erhorcht? ſo drängte Ewald den Alten und ſetzte hinzu: Freund, ich bin reicher als mein Wamms vermuthen läßt; beichte mir Alles, und ich mache dich unabhängig und frei von dieſem tollen Herrn und dieſer Eremitenklauſe.— Der Graukopf ſah ihn befremdet an. Was fehlt mir hier? fragte er zurück. Und wohin ſollte ich meine mor⸗ ſchen Knochen zu tragen wünſchen? Was die edle Frau ohne Murren duldet und erfüllt, muß mir leicht wer⸗ den, und wie würde ich der Frommen, Liebreichen von der Seite weichen? Wüßte ich übrigens mehr, als ich Euch erzählt von ihr, würde ich's nicht verſchweigen, denn ſie ſelbſt hat's nicht verboten, und ich meine, ihr Herz dürfte ſich vor der ganzen Welt offen ſehen laſſen. Hat ſie mir etwas verheimlicht, wird ſie es Euch wohl vertrauen, wenn Ihr fragt, denn ich bin überzeugt, ſie iſt keinem Menſchen ihr Lebelang ſo zugethan geweſen als Euch.— Ader wir haben zu lang geplaudert. Geht hinauf zum Frühſtück; auf mich warten hungrige Gäſte im Schloſſe, die nicht bei Tage ſchlafen, die Roſſe, Euer Maulthier, mein Spitz und andere Zwei⸗ und Vierfüßler. Ihr müßt Euch ſchon die Zeit allein hintreiben, denn vor dem Mittage dürfen wir das Fräulein nicht aus der wohlverdienten Ruhe aufſtören.— Er ging, und Ewald hatte ſo vielen Stoff zum Nach⸗ denken und heimlichen Phantaſiren bekommen, daß er tildens Stimme bot ihm den Morgengruß, und ſie ſelbſt lange noch die Gänge des Gartens durchſtrich, ehe er an die wirthliche Einladung des Kaſtellans ſich erinnerte. Die Plauderei des ehrlichen Schloßwächters wirkte auf zwiefache und ſcharf contraſtirende Weiſe in Ewald's Gemüthe nach. Dieſe Heimlichkeiten bei einem Weibe, das ihm dicht neben den heiligen Frauen der Kirche ge⸗ ſtanden, deren Aeußeres ſo rein und fleckenlos erſchien, die ein Muſterbild von Zucht und Zartheit in Wort und Thun, wundeten ſein Herz und bewölkten ſeine Lieblings⸗ träume. Ohne ſich den Grund davon ſagen zu können, keimte ein Haß gegen den halbverrückten Freiherrn in ihm auf, obgleich er ihn nie geſehen und ihn doch als Klotildens Wohlthäter betrachten mußte. Dagegen that ihm die Sicherheit wohl, mit der Nepomuk von des Fräuleins Vorliebe für ihn geſprochen, und über dieſen Balſam vergaß er die Wunde. Mit jugendlicher Leicht⸗ fertigkeit verſcheuchte er die böſen Geiſter aus ſeiner Phantaſie, und überließ ſich dem lächelnden Bilde ſeiner Dame gegenüber allen jenen überſchwänglichen Träume⸗ reien, die in der Seele eines Jünglings reich aufzu⸗ ſchießen pflegen im Sonnenlicht ſeiner erſten Liebe und mit denen er ſich auf ſeiner weiten Reiſe iede Stunde beſchäftigt hatte. Er kramte zugleich ſein Malergeräth aus, und bedeckte die Tiſche mit den bunten Bilderchen, die er in Italien und im Schweizerlande als Studien entworfen, und wählte und wählte, welcher dieſer lieb⸗ lichen Skizzen er jetzt den Vorzug geben möchte, um durch ihre Bearbeitung den langen Vormittag hinab zu jagen. Da öffnete ſich ihm im Rücken die Thür und Klo⸗ 31 ſtand im Hauskleide vor ihm. Seinetwegen hatte ſie ihren Schlaf unterbrochen; dieſer Gedanke trieb alles Blut in ſein Geſicht, und nach ihr die Hand ausſtreckend, rief er mit unverhaltener Freude: Leuchtet Luna bei Nacht und bei Tage zugleich, und verließ ſie ihr weißes Wellenbett um mich, und opferte mir die ſüße Er⸗ quickung?— Das bleiche Geſicht Klotildens bedeckte ſich mit einem leichten Roth wie mit dem Wiederſcheine von ſeiner glühenden Wange, und ſie fragte zurück: So wißt Ihr um meine Nachtwache?— Mein alter Krankenwärter wußte, daß er mir die leeren Stunden mit nichts Angenehmern füllen konnte. Nepomuk erklärte mir die Zauder dieſes Schloſſes, das mir ſonſt nur ein Räthſel barg und jetzt eine ganze My⸗ ſterie enthält, gleich den Burgen des Tempelordens auf Cy⸗ pern.— Er erzählte ſo viel er gewußt, verſetzte Klotilde ſcharf betonend, und er erſparte mir dadurch die Vorrede zu dem, was, wie ich ahne, des Freundes Ungeſtüm baldigſt mir entreißen wird.— Und neu und höher erröthete ſie, ſo wie am bewölkten Oſthimmel zu⸗ weilen zwei Morgenröthen ſich über einander legen und die ſpätere die erſte beſchämt an Glanz und Farbenfriſche. Ihr Auge hatte ſich zu dem Blilde erhoben, welches die Wand ſchmückte, und Ewalds Blick folgte dem ihrigen und feſter drückte er die ergriffene Hand.— Erkennet Ihr, wie ich liebe? Und erkennet Ihr zu⸗ gleich wie unauslöſchlich Eure Gewalt iſt, wo ſie Beſitz nahm? ſprach er mit Gefühl und leichtem Stolze zu⸗ gleich.— Ihr ſeid ein Meiſter⸗Künſtler! entgegnete Klotilde mit Freundlichkeit. Aber was wollet Ihr hier in den 32 vüſtern Bergen mit ſolcher Meiſterſchaft, die in das Licht und in die Welt gehört? O müßte ich glauben, ich ſei Schuld daran, ich würde in die fernſte Kloſterklauſe flüchten, um ſolche Sünden an Euch und der Kunſt fer⸗ nerhin nicht auf mich zu laden.— Faſt beleidigt ſchoß der Maler einen brennenden Blick auf ſie. Aber ſogleich wieder mild geworden durch die Macht ihres Anblicks führte er ſie näher zu der Wand. Laſſet dieſes mein Werk ſprechen für mich, ſagte er mit Künſtlerwärme. Es wird ein Anwalt ſein, deſſen Wider⸗ legung Euch und Euren weiblichen Eigenſinn beſchämt. Ihr habt meine früheren Arbeiten geſehen; waren ſie nicht ſteif, hölzern, als hätte Dürers und Kranachs Schule ſie geboren? Schauet da hinauf, und genießt das Hoch⸗ gefühl im Wiederſcheine Eures Spiegelbildes, ein Talent belebt zu haben, welches ſich ohne Scham zeigen darf im Kreiſe der Zeitgenoſſen. O Klotilde, nur in Eurer Nähe konnte ich ein Künſtler werden, nur im Sonnen⸗ lichte Eurer Liebe werde ich ein Künſtler bleiben, und verdeckt Ihr dieſes Licht in ſophiſtiſcher Kälte, mit wel⸗ cher Euer Verſtand das Herz beſiegen möchte, ſo habt Ihr mich getödtet, denn ich würde meine Hand und je⸗ den Pinſelſtrich verfluchen, den ſie ohne die Gunſt mei⸗ ner Muße zu verſuchen wagte. Und ſpricht dieſes Bild denn nicht auch für meine Liebe zu Euch? Wer in der Selbſtverbannung, die ſeinen Gehorſam kündete, wer nach jähriger Trennung alſo jede Linie wieder zu geben vermochte, die der verborgenen Seele Walten den Wan⸗ gen und dem Munde und der Stirne eindrückte, hat der nicht wahrhaft geliebt, und darf man nicht deſſen Liebe rein und unvertilgbar glauben?— O Klotildis! Eure Augen glänzen in der Verklärung des Bewußtſeins, über 33 Alles geliebt zu werden! Euer Mund lächelt, wie Engel lächeln, wenn ſie den Segen über eine neugeborene Un⸗ ſchuld hauchen! Klotildis, o Du ungewöhnlich Weſen, das nichts gemein hat mit den Weibern der Welt, die in Schminke und falſchem Putze gehen, laß das Wort tö⸗ nen wahr und warm, daß Du mich liebſt, daß Du den Lohn nicht verzögerſt, da ich die Probe beſtand!— Er war vor ihr auf die Knie geſunken, und ſah auf zu ihr wie ein Betender, welcher dem Herrn der Himmel kindlich vertrauet. Das Fräulein ſchien verwirrt, be⸗ troffen, doch ſammelte die Verſtändige gar bald ihre flüch⸗ tigen Sinne wieder und zügelte die rebelliſchen Empfindun⸗ gen, welche des ſchönen Jünglings Glutwort entflammt. Auf, mein Freund! rief ſie mit Ernſt. Der Mann kniet nur, wenn er die Schwäche verlocken will durch trüge⸗ riſche Erniedrigung, denn das liebende Weib will nicht hinabſehen, ſondern hinauf zu dem Manne ihrer Wahl, wie zu ihrer ſtarken Stütze, zu ihrem rieſigen Hort in Lebens⸗ noth. Wo ſie das nicht kann, nicht will, iſt ihre Liebe Traum oder Trug. Ja, ich bin Euch zugethan, wie kei⸗ nem Manne bislang, aber meine Neigung iſt anderer Art als die Eurige. Meine Neigung iſt körperlos wie die Engelsköpfe, die Euer Meiſter Sanzio gemalt, ſie hat nur Augen, ſich zu freuen an Eurem Glück, nur Lip⸗ pen, Euch Freund zu nennen, und ſeine Flügel dazu mit Euch aufzuſchwärmen in Rezionen, wo man die arm⸗ ſelige Erde vergißt. Meine Neigung lebt ein Seelenleben, ſie hat keine Furcht, denn was ſie für Euch fühlt, kann nicht verloren gehen, was Ihr mir wurdet, iſt unver⸗ löſchbar; aber ſie hat auch keine Hoffnung, denn ſie bedarf keiner irdiſchen Nahrung und ringt nicht nach einem Glücke, was den Zufall als Schützer bedarf. Blumenhagen. XI, 3 —————————— 34 Keine Hoffnung? fragie Ewald, indem er in feſter Stellung und die Arme über die Bruſt kreuzend ſie mit Staunen betrachtete. Nein, es gibt keine Liebe ohne Hoffnung, was auch Heldenbuch und Legende davon fa⸗ beln. Wer hat in die verſchloſſene Bruſt jener Helden und Heldinnen der Entſagung geblickt, die man als hei⸗ lige Ofer der Liebe vergöttert? Wer hat die Stunden ihrer heißen Träume, ihrer heimlichen Marterwünſche be⸗ lauſcht? Sie hofften, bis das Grab den Gegenſtand ih⸗ rer Liebe verſchlang, dann ſtarben ſie nach, auch im Sterben noch hoffend auf die Brautkrone in einer andern Welt. Iſt Hoffnung der Nahrungsquell des Lebens, wie könnte denn das lebendigſte Leben, die Liebe, leben ohne ſie?— Liebe will Beſitz des Geliebten, das iſt ihr letz⸗ tes, ihr einziges Ziel. Das Ringen nach dem eigenen Glück ſchmilzt mit der Ueberzeugung zuſammen, das ge⸗ liebte Weſen könne das höchſte Glück nur finden an un⸗ ſerm Herzen, und ſo einet ſich die Pflicht gegen das Ge⸗ liebte mit der Pflicht gegen uns ſelbſt, und Rieſen und Gebirge in unſerm Wege beugen nicht unſern Willen, und todtdräuender Abgrund ſchüchtert unſer Streben nicht ein.— Klotilde, höre mich, und wenn Du Verſtän⸗ dige nicht durch die Empfindung beſtochen werden kannſt, ſo erkenne in dem, was der Geliebte Dir jetzt mit der von Dir geprieſenen Bedachtſamkeit anbietet, daß er von der Beſonnenheit ſeiner Lehrerin profitirte. Dein Leben hier in dieſer Ruine iſt um weniges mehr als ein Le⸗ bendig⸗Begrabenſein. Du biſt die Wärterin eines Tol⸗ len geworden, der Dir ſogar den Alles belebenden An⸗ blick des Sonnenaufgangs verſagt, der Dein Ohr verſchließt für die Morgenhymne der Natur, der Dich zwingt, mit dem Uhu und der Rachtſchwalbe zu wachen, und, wenn 35 die Gräber ihre Geſpenſter herauslaſſen, mit dem Leben Spott zu treiben. Ich will Dich erretten aus den Ban⸗ den dieſes ſataniſchen, der Hölle verfallenen Zauberers, der Deine Geſundheit, das Leben Deines Leibes wie Deiner Seele bedroht, denn wer das Licht und die Sonne ſcheuet, in deſſen Bruſt wohnen Sündennacht und Ge⸗ wiſſenshölle. Klotildis, folge mir, fliehe noch heute mit mir dieſes Wolfsneſt, worin ich ſeit voriger Nacht mit Grauen lebe. Fliehe mit mir in die ſchönen Thäler mei⸗ ner Heimath, lebe dort als mein Weib, meine heilige Gefährtin, als mein Wächter, mein Lebensengel. Richt der Kunſt, die gar oſt nach Brod geht, vertraue ich das Glück meiner Geliebten; nie würde ich ihr Heil auf ſolch Wagſtück geſetzt haben; nein, ich bin reich wie Dein Freiherr; der engliſche Kröſus, dem ich die Leiche des Kindes rettete, daß er ſie begraben konnte, beſchenkte mich mit dem ganzen Brautſchatze der Tochter. Dieſe Juwe⸗ len hier ſind die Morgengabe meiner Gattin, und dieſe Pergamente, von dem reichſten Augsburger gezeichnet, geben Dir die Verſicherung, daß wir ohne Sorgen mit einander pil⸗ gern können die längſte Erdenfahrt hinunter, bis Gott ruft.— Eine hohe Freudigkeit ſchimmerte auf dem Antlitze der Edelfrau, welche der junge Mann ſchon für ſich zu deuten wagte. Sie faßte ſeine Hand und drückte ſie in⸗ nig zwiſchen ihren weichen Händen. Ewald, ſprach ſie im Bebeton der tieſſten Rührung, Gott iſt ein gütiger, milder Vater, er hört auf das Gebet ſeiner ſündigen Kinder, wenn ſie fromm beten. Dich glücklich, Dich unabhängig zu wiſſen, war mein höchſter Wunſch; Du biſt es, und Klotilde hat keine Sorge mehr. Aber dieſe Gunſt des Himmels ſollte Dich abhalten von jedem Be⸗ gehren, das gegen die Geſetze des großen, himmliſchen Wohlthäters ſich auflehnt. Als Du geboren wurdeſt, Ewald, war ich ſchon eine Jungfrau. Wenn Du da⸗ ſtehen wirſt als ein vollendeter, kräftiger Mann, werde ich eine Greiſin ſein. Hieße es nicht ſpotten der Natur, wenn die dem jugendlichen Leichtſinn längſt Entronnene in Selbſttäuſchung und Eigenliebe Deine Thorheit nutzte, und Dich ſpäter Reue, ſich Deiner und der Selbſtver⸗ achtung preis gäbe? Ewald ſchlang kühn ſeinen Arm um die Aufgeregte und preßte ſie an ſich.— Nein, Klotilde, Du entrinneſt mir nicht mehr, rief er in glühender Entſchloſſenheit, mein ganzes Daſein hängt an dieſer Minute; Deine Liebe ſprachſt Du aus, wollteſt Du ſie auch hinter die alten Papyrusrollen der Lebensweisheit verſtecken, wie das kindliche Mädchen ihr ſehnend Liebesauge in die Falten des Schleiers, der, nicht dicht genug, die feurigen Pfeile durchläßt, die ſie auf den heimlich Geliebten ſendet. Höre meinen Schwur! Nimmer laſſe ich von Dir, und wenn alle Schrecken der Erde und des Himmels ſich zwiſchen uns drängten! Stoß mich von Dir, verwünſche mich, ich bleibe Dein Schatten! Laß mich vor das Thor dieſes Stein⸗ hauſes werfen, ich ſterbe wie des Kriegers treuer Hund auf dem Grabſteine meiner Liebe! Das ſteht feſt in mir wie Glaube und Gott.— Heftiger noch als er, machte ſich das Fräulein aus ſeinen Armen los, und mit todesbleichem Geſicht, doch in der feſten Würde ihrer herrlichen Geſtalt, ſtand ſie ihm gegenüber, ſo daß er erſchrocken vor dem Zornes⸗ bild wie in Eis getaucht verſtummte, und Froſtesſchauer ſeine erhitzten Glieder durchrann. Mann, zu dem mich ein wunderbarer Zauber zog, ſagte ſie langſam und halblaut, dem ich vor allen Weſen, 37 die mir im Leben begegneten, wohl wollte, Du haſt die ſchwerſte Stunde meines Lebens herauf beſchworen. Gott verzeihe Dir! Wäre dunkele Nacht um uns, den⸗ noch würde ich mit Beben und Zagen ausſprechen, was ich Dir ſprechen muß, um Deinen Wohnwitz zu bändi⸗ gen. Bricht meine Seele im wilden Schmerz den ſchwa⸗ chen Leib zuſammen, wenn ich in Worte zu formen ge⸗ wagt, was dem Grabe verfallen iſt, und was kein Ohr auf Erden hören ſollte, da die überirdiſchen Mächte es gnädig ſelbſt verhüllt mit dem Mantel der Zeit, ſo iſt Dein die Schuld; aber auch dann verzeihe ich Dir, denn wie ein ungeſtümer Schatzgräber erlöſeſt Du dann den gebannten, unglücklichen Geiſt, und findeſt nur Moder und Staub, wo Du Gold und Demanten ſuchteſt. So höre denn.— Ibre Knie ſchwankten, ſie ſetzte ſich und ſtützte das ſchöne Haupt mit dem Arme, die großen Augen halb mit den langen Wimpern bedeckend. Ich bin nicht— begann ſie ſcheu; da ſchmetterte ein greller Trompetenſtoß drau⸗ ßen, und wieder einer und wieder, und ein wüſtes Hal⸗ loh von tiefen Mägnnerſtimmen ſchallte in der Nähe. Klotilde ſchrack verſtummend zuſammen, und konnte nur den Ausruf: Kriegsvolk! Plünderung! hervorſtoßen. Ewald flog zu der Erblichenen, ſtützte ior finkendes Haupt und ſprach raſch und mit kräftigem Männertone: Zage nicht, Weib meiner Seele! Nur über meinen Leichnam dringt ein Feind bis zu Dir. Ueberdem habe ich in mei⸗ ner Brieftaſche Schutzbriefe jeden Commandeur des kaiſerlichen Heeres.— Du kennſt das nicht, die Beängſtete. O ich habe ſechs Wochen hindurch im Burgverließ verſteckt ge⸗ lebt, gefüttert durch den getreuen Knecht, als die Pappen⸗ 38 zeimer im Stift wütheten, und ſchon die Erinnerung daran raubt mir Sinne und Kraft. Horch! Nepomuk ſtöhnt ſchon die Steige herauf.— Und ihr Ohr hatte ſie nicht getäuſcht, denn athemlos ſtand ſogleich der alte Schloßvogt vor ihnen.— Iſt das Thor feſt? Haſt Du Armbrüſte, Schwerter? Herbei da⸗ mit! Wie der tapfere Turnus decke ich das Thor mit meinem Leibe, bis Du Dein Fräulein in ein ſicheres Verſteck gebracht. Eile, rüttle Deine erlahmten Glieder auf; der Augenblick drängt, und mir kann kein ſchöneres Ende kommen.— Der Greis ſah von ihm zu ihr mit dem Ausdruck der höchſten Verwunderung, dann ſammelte er ſich und ſagte ruhig: der hohe Herr, Herzog Georg von Lüne⸗ burg hält am Thore und bittet um Einlaß, und begehrt unverzüglich den Schloßherrn zu ſprechen.— Klotilde und Ewald holten gleichzeitig tief Athem, und waren wie aus einem ſchweren Traume erwachend, dem tiefe Erſchlaffung zu folgen pflegt.— Der Landesherr? ſtotterte das Fräulein wie in ver⸗ worrenen Gedanken. Was will er von uns?— Aber laß ihn ein ohne Zögern; wecke den Herrn, melde den Herzog. Zürnet er, iſt nicht unſer die Schuld. Ich kann Niemanden ſehen; ich muß zur Ruhe nach dieſen Stürmen. Empfanget Ihr ihn, Ewald, bereitet ihn vor, führet ihn ein. Ihr habt meine Gedanken ver⸗ wirrt, mein Gemüth zerſtört, machet gut, was Ihr ver⸗ ſchuldet. Von dem Freunde unterſtützt, wankte ſie nach ihrem Gemach, indeſſen der greiſe Schloßvogt die Wendelſteige hinabſtolperte, den vornehmen Gäſten ſein altes Eichen⸗ thor aufzuſchließen. 39 Von der geliebten Frau zurückkommend, traf der junge Maler den Herzog bereits oben auf der Steige, öffnete ihm und ſeinen beiden Offizieren ſein Zimmer, und be⸗ fahl dem Vogt, den Willkommen heraufzuſchaffen. Der Herzog, obgleich den Sechzigen nahe, imponirte durch ſeine kräftige Geſtalt und ſeine lebhafte Derbheit, die den rüſtigen Kriegshelden in ihm bei dem erſten Blick erkennen ließ.— Wo iſt unſer alter Freund, der Freiherr? fragte er mit Haſt. Warum empfängt er uns nicht? Wir haben nicht Zeit zur langen Raſt, ſo wichtig auch die Urſache unſeres Einſpruchs iſt. Und wer ſeid Ihr, junger Menſch 2 Söbne hat unſer armer Freund ja nicht. Ein Maler vielleicht, ein ſeltener Vogel in dieſem Lande und in dieſer ſchweren Zeit? Eure Umgebung erinnert uns wenigſtens an die Malerhütten in Toskana und zu Rom.— Gnaden rathen ſcharf, entgegnete lächelnd Ewald, indem er gewandt dem Fürſten einen Lehnſeſſel zurecht ſchob und ſeiner Hand den leichten Jagdhelm und die Stulphandſchuhe abnahm. Die Kunſt iſt bei mir auf Reiſen und ſprach in dieſem öden Falkenhorſte vor als ein längſt bekannter Hausfreund, Kräfte zu ſammeln, um mit nächſtem Frühjahr der Brockenhochzeit beizuwohnen, und in einem Conterfei davon dem Höllenbreugel ſeinen Rang abzugewinnen.— Ihr gefallt mir, ſagte der Herzog Georg, ſich ſetzend und ihn mit Wohlgefallen betrachtend. Ihr habt nichts von der ſteifen, pedantiſchen Manier, die gewöhnlich Euresgleichen anklebt, und die ihr Dünkel für künſt⸗ leriſche Erhebung über uns ungelehrte Alltagsmenſchen ausgibt. Laßt ſeben von Eurer Arbeit! Wir lieben das, wenn auch der erſchöpfte Schatz uns nicht erlaubt, nach —6 Luſt den Mäcen der Kunſt zu ſpielen; legt uns Euer Beſtes vor, bis der alte Freiherr ſich in ſein Feſtgewand geworfen, was der ceremoniöſe Hofherr unnöthig nöthig halten wird.— Verzeiht, durchlauchtigſte Gnaden! antwortete reſpekt⸗ voll der Maler. Meine Eitelkeit muß der Pflicht wei⸗ chen und ich muß Eure unerwartete Huld verſchmähen, bis ich einen nothwendigen Auftrag ausgerichtet.— Der Herzog ſtutzte und ſein Geſicht überflog der fin⸗ ſtere Ernſt, vor dem ſelbſt ſeine übermüthigſten Feinde oft gebebt. Ewald erzählte dennoch furchtles, was er ſelbſt vom Zuſtande des Schloßbeſitzers erfahren, und ſetzte ſcheu hinzu, daß es ihm wöglich dünke, der Frei⸗ herr würde unſichtbar bleiben ſelbſt ſo vornehmem Gaſte und ſich mit Krankheit entſchuldigen.— Herzog Georg dörte aufmerkſam zu, und ſeine Theil⸗ nahme wuchs während des Berichts, und Mitleid ſtrahlte aus ſeinen dunkeln, noch immer feurigen Augen. Ar⸗ mer Dido! rief er mit unverhehlter Wehmuth aus. Und welches mächtige, räthſelvolle Unglück kann den aufge⸗ klärteſten, lichtreichſten Geiſt an Kurfürſt Ferdinands Hofe in ſolche Finſterniß geſtürzt haben? Oder hat er einen ſelbſterzeugten Wurm in ſein Gewiſſen geſetzt, und iſt dieſe Kuckuksbrut vielleicht durch eine Pfaffenhand ſo wacker geäzt worden, daß der kräftigſte Verſtand ſie nicht mehr aus dem Neſte zu werſen vermag?— Mein junger Freund, ſagte er dann aufſtehend, wir wollen uns ſelber überzeugen, wie weit der wackere Herr von Ahſtedt heruntergekommen. Führt uns ohne Säumniß in ſeine Zelle, vielleicht wird der Anblick eines alten Be⸗ kannten ein Heilmittel für ihn, das ſeine abweſende Geiſtes⸗ kraft zurückruft, ſo wie ein Mondſüchtiger erwacht, wenn „ 3 41 ſein Name unerwartet genannt wird. Wir haben gar oft guten Rath vom Herrn Dido empfangen, denn er hielt als ein ächter Patriot es mehr mit ſeinem Hildes⸗ heimiſchen Vaterlande als mit dem ſtarrſinnigen fremden Kurfürſten von Köln, den ihm Kaiſers Wahlſpruch zum Biſchof geſetzt, und der nicht das Wohl der Landes⸗ kinder, ſondern nur den Säckel und die Schüſſeln ſeiner Kleriſei im Auge hatte. Schenk und Bodenteich, bleibet hier indeß! Ich ſehe, der alte Schloßvogt ſchleppt ſich ſchon, beladen mit Kanne und Becher, zu uns herein. Genießet, was man euch gaßtlich auftiſcht, ich hole meinen Theil ſchon nach, wenn ich zurückgekommen. Voran, mein Freund! Führet mich zum Herrn.— Ewald kannte von ſeinem erſten Aufenthalte her den Gang, welcher zu dem damals unbewohnten Flügel lei⸗ tete, und da der alte Nepomuk auf ſeine leiſe Frage nach dem Freiherrn bejahete, wie er ſchon benachrichtiget und bereit ſei, ſo trieb ihn die Neugierde, ſich zum Pagen gebrauchen zu laſſen, ſah er doch wenigſtens auf Augen⸗ blicke den unheimlichen Menſchen, der mit Klotildens Schickſalen ſo genau verknüpft zu⸗ſein ſchien und der ſeiner Phantaſie als ihr böſer Dämon vorkam. Und er ſchrack wirklich zuſammen, als Herzog Georg die ihm bezeichnete Thür ohne weitere Anmeldung auf⸗ ſtieß, und er, beſchattet von dem ſtarken Körper des fürſtlichen Kriegsoberſten, eintrat und innen an der wie⸗ derum zugezogenen Thür ſtehen blieb. Das Gemach hatte noch mehr des Graulichen und Unheimlichen, als er ſich's gedacht, war aber ganz ſo wie Nepomuks Er⸗ zählung es gemalt. Dichte Vorhänge verhüllten die Fenſter gegen Luft und Licht; von der gewölbten Spitz⸗ bogendecke, die eine Rauchfarbe trug, hing an gelben — ——— 42 Ketten eine kugelichte Kryſtalllampe herab, welche mit ihrem trüben Licht die Gegenſtände nur halb erhellte und an den dunkelen Wänden lebensgroße Familienbilder ſichtbar machte; die wehrende Schranke zog ſich durch die Mitte des Zimmers, mit dem runden Tiſche darin, worauf noch das Schachbrett mit umgeworfenen Steinen ſich vorfand. Der Freiherr Dido von Ahſtedt, lang und hager, eine Geſtalt, die mehr dem Geiſterreiche als der Erde anzugehören ſchien, ſtand hinter der Schranke in einen grauen Hausrock gekleidet, das ſchwarze Baret in der Hand. Indem er ſich reſpektvoll etwas neigte, fiel das Licht der Lampe auf das todtenbleiche Antlitz, und ließ die ſcharfen Züge, die große Naſe, die ſpitzen Backenknochen, den vorliegenden Rand der buſchigten Augenbraunen unter der großgewölbten Stirn und über dem runden, großen Auge noch greller vorſpringen. Der Scheitel war faſt kahl, an den Seiten mit langen, ſeiden⸗ weißen Haaren behangen, und der nackte, dünne, faſt fleiſchloſe Hals vollendete ein Bild, welches dem Auge nicht wohlthat, ſondern in Mitleid und Aobſcheu zugleich das Gemüth bewegte, da ein ſolcher abgeernteter Lebens⸗ acker entweder auf großes Lebensleid, oder auf ſündige Lebensvergeudung hinzudeuten pflegt. Der vorbereitete und durch Beſonnenheit in allen Lebenslagen ausgezeichnete Fürſt verbarg die Bewegung, welche die Veränderung des Langgekannten bei ihm bewirken mußte, und trat mit Gruß und Entſchuldigung an die Schranke. Verzeiher, Gnaden, erwiderte der Freiherr, ſich noch tiefer beugend, daß man Euch in ein Krankenzimmer geführt, doch Eure Huld verzieh ja immer gern, was aus menſchlicher Gebrechlichkeit geſchah, und Euer freier, 43 wahrhaft fürſtlicher Geiſt erhob ſich ſtets über höfiſches Ceremoniel, wenn er mit höheren Dingen beſchäftigt war. Aber Durchlaucht hat doch keine Stecknadel an ſich? ſetzte er ſchnell hinzu, als der Herzog ihm gütig die Rechte entgegenſtreckte, und zurückfahrend hob ſich die lange Geſtalt zu ihrer ganzen Höhe, die Augen irrten unſtet über den Fürſten hin und das ganze Leichengeſicht zuckte in Furcht.— Wie kommt Ihr zu der Thorheit, Dido? fragte der Herzog erſchüttert. Wir bedurften im Leben tiefer ſtechende Waffen, und Ihr meinet doch nicht etwa, wir wären ſchon vor Atter den Weibern oder Kindern gleich gewor⸗ den, weil wir anfangen, das Kriegsgedräng weniger zu lieben, und uns und den Unſrigen den Frieden zu wünſchen, der ſo groß Noth thut?— Ja, ja, ſprach der Ahſtedter trübſinnig, indem er die hohlen Augen furchtſam rund an den düſtern Wän⸗ den umherlaufen ließ, nur Weiber und Kinder führen Nadeln, aber auch Nadeln ſtechen tief, tief bis in's Mark, und ſolch feiner Stich blutet nach innen, wenn ihn auch außen kein Wunvarzt zu finden weiß.— Laſſet die Poſſen, Divo! fiel der Herzog ein, mit er⸗ zwungener Leichtfertigkeit. Wir beide tanzen nicht mehr und bedürfen der Wiege nicht mehr im Haushalt. Mich führen wichtigere Sachen zu Euch, und ich kam, den erprobten Rath, der mir und dem Vaterlande ſo oft Gutes erwies, in Anſpruch zu nehmen.— Er ſetzte ſich vertraulich in den Seſſel, und mechaniſch that der Freiherr jenſeits daſſelbe, holte ſchwer Athem aus der hohlen Bruſt und ſenkte ſeine Blicke zum Eſtrich, als wäre ſeine Seele nicht zur Stelle.— Ahſtedt, begann nach kurzer Pauſe der Herzog wie⸗ 44 der, das Wohl und das Weh Eures Stifts ſteht auf dem Spiele, und zugleich vielleicht das des ganzen nörd⸗ lichen Deutſchlands; die ganze Frucht unſeres langen, nicht thatenarmen Lebens, die Frucht unſerer Entbeh⸗ rungen, unſerer Schlachten, alles droht verloren zu gehen an der Undankbarkeit und dem Eigenſinne deſſen, der Deutſchlands Kaiſerkrone trägt; ja, was mehr iſt als Alles das, unſere Ehre iſt befährdet vor der Welt, ein Kleinod, das wir bislang ſo rein gehalten und das wir rein mitnehmen wollen in die Vätergruft, der wir mit jedem Tage näher rücken.— Der Freiherr war nach und nach immer mehr er⸗ wacht aus ſeiner Apathie und horchte jetzt mit weit offenen, glänzenden Augen. Wir wiſſen uns keines Fehlers ſchuldig in unſerm Fürſtenleben, fuhr der Herzog fort, denn was wir ge⸗ than, geſchah mit Bedacht und für das Wohl der uns vertrauten Völker. Wir haben früherhin dem Kaiſer gedient aus ſchuldiger Devotion gegen das Reichsober⸗ haupt, und weil wir dadurch allein das langjährige Un⸗ glück unſeres Landes zu wenden und zu enden hofften. Aber wir haben Dornen ſtatt Roſen dafür empfangen; der Sieg bei Lutter iſt längſt vergeſſen, und der herz⸗ loſe Ferdinand, ſiegreich durch uns, arbeitete ohne Rückſicht an der Schmach und dem Untergange des Lü⸗ neburger Stammes, wagte die ſchönſten Landestheile an einen General zu verſchenken, der ſich beſſer zum Schlach⸗ termeiſter geſchickt, und der ohne unſer braves Schwert lange ſchon die Ungnade der Wiener Herren geſchmeckt haben würde. Die ſchreiende Ungerechtigkeit öffnete uns die Augen, wir ſahen die neugeſchmiedeten Ketten heran⸗ ſchleppen für das Vaterland, und entſchloſſen uns raſch 45 zur Vertheidigung deutſcher Freiheit, für welche wir das falſche Mittel gewählt bislang. O wäre der große Schwedenkönig, der uns brüderliche Liebe bewies, nicht zu früh gefallen, wir hätten mit ihm das ganze Werk vollendet und ein grünes Reiß aus ſeiner Krone für uns gewonnen!— Mit ihm ſtarb der Schutzgeiſt der guten Sache, Orenſtierns Bedachtſamkeit, Banners Uebermuth hemmte unſer Schwert und entfremdete uns den Bündnern. Seit uns der hochſelige Herzog Auguſt — auch dieſer tapfere Freiheitsheld ſtarb zu zeitig!— das Fürſtenthum Calenberg anvertrauet, mehrten ſich die Sorgen unſeres Herzens. Unſer Land iſt erſchöpſft, unſere Landſtände liegen im ernſteſten Hader mit unſern Räthen; Kanzler Stuck und unſer braver Winterſtedt wiſſen den Schatz nicht mehr zu füllen, da der Jammer in unſern beſten Städten jeden Gewaltſchritt, der das Herzblut der Bürger fordern müßte, verbeut. Mit Wi⸗ derwillen traten wir noch einmal, die Milde verſuchend, dem Proger Frieden bei, ſtellten zu fünf Malen dem Kaiſer unſer Contingent, gewannen aber nichts für uns und unſer Volk dadurch. Zum zweiten Male bereitet uns kaiſerlicher Undank eine Diſtelernte; gegen den Ver⸗ trag halten kaiſerliche Völker die Feſtungen beſetzt in den geräumten Erblanden, der rebelliſche Adel unſeres Fürſtenthums findet Freundesohren zu Wien, unſer beſter General, der Klitzing, verkaufte ſeine Treue für Geld, man will uns das Stift und die Biſchofsſtadt, die wohl⸗ erworbene Kriegsbeute, den Erſatz für ſchwere Opfer, nehmen und uns verächtlich hinwerfen wie den gebrauch⸗ ten Zitronapfel. Dido, fühlſt Du es, alter Staats⸗ künſtler? Wir ſtehen auf dem gefährlichſten Punkte un⸗ ſeres bewegten Lebens. Hier nahet ſich ein ſchwediſches 46 Heer, dort eine kaiſerliche Armee unſern Grenzen. Der drängende Augenblick fordert raſchen Entſchluß, denn es gilt das Heil Aller, die uns Gott vertrauete, es gilt die Ehre unſeres Schildes!— Der Freiherr fuhr hoch auf vom Seſſel und in die ſchlaffen Gliedmaßen kam heftige Bewegung. Und Ihr zogert, Mann der Stärke? Der von Gott Berufene, der vom Himmel beſtellte Erzengel wanket in der Wahl? fragte er mit einem Feuer, das gleich Blitzen aus dem ausgebrannten Vulkan den Hörer faſt erſchreckte.— Und wen meinet Eure Wahl, Dido? ſprach der Her⸗ zog geſpannt. War doch mein Beitritt zu dem Kaiſer, Anno 24, mein Bruch mit ihm Anno 31 faſt nur Eure Schöpfung, denn ich hatte Euch achten gelernt, als den einzigen Mann unter all den Quackſalbern, welche das wunde Reich zu flicken verſammelt, dem die Wahrhaftig⸗ keit heilig war, und dem das Heil ſeiner Mitwelt mehr galt als Religionszwiſt, Fürſtengunſt und eigenes Glücks⸗ gut.— Ich bin ein armer, ſchwacher Menſch geworden, ant⸗ wortete der Ahſtedter mit matterer Stimme; der Leib iſt bald vufgezehrt, der Geiſt brennt nur noch gleich der verlöſchenden Lampe. Aber hell leuchtet in mir der Ge⸗ danke, welcher von je mein Liebling war; das reiche Stift, die Kornkammer Hildeſia, bleibt ein todter Schatz, ſo lange es dem Krummſtabe gehört, der aus einer dürren Hand in die andere geht, die allein für ſich und ihre Nepoten und ihren begierigen Klerus ſammelt; nur unter Braunſchweigs Zepter kann mein Vaterland wer⸗ den, wozu es die ewige Vorſicht ſchuf, ein glückliches Land und ein ſegenblitzendes Juwel in einer edlen Krone. Fort mit dem ſtolzen Adler, der nur ſich bedenkt! Der 3 VW W 47 Schwan iſt ein bequemer, unſchuldiger Bundesgenoß, ſein Flügelſchlag bricht Eiſenknochen, aber er bauet kein Neſt bei uns, ſondern ſehnet ſich immer nach ſeiner Heimath im Norden.— Doch wird man nicht abermals unſern Charakter zu beflecken ſuchen, uns wie ſchon einſt, der Zweideutigkeit anklagen? fragte der Herzog mit trübſinniger Miene.— Was kümmert Euch Menſchenſpruch! entgegnete der Freiherr mit neuer Wärme. Euer Name wird leuchten wie ein Stern über tiefe Mitternacht, wenn längſt der Fittich der Zeit die Aſche aller derer verwehete, die jetzt ſich brüſten und Freude haben am Unfrieden der Welt! Der Name Georg wird ein Ehrenname bleiben in Eu⸗ rem Geſchlecht, denn er bezeichnet in Euch ein Muſter alles deſſen, was ein Fürſt beſitzen muß, Milde und Kraft, Tapferkeit und Bürgertugend, und den höchſten Fürſtenadel, den Willen, den unerſchütterlichen, nur für Volkesglück zu leben.— Wohlan denn, ſprach der Herzog entſchloſſen und raſch aufſtehend, ich ſchließe das Bündniß mit dem Schwe⸗ den auf meine eigene Gefahr. Schon hat uns die Hel⸗ din von Kaſſel, die treffliche Amalie, die Hand zu Schutz und Trutz gereicht; ſchon ſagt uns der Herzog von Lon⸗ gueville Frankreichs Hülfe zu. Beſchloſſen ſei es, meine Boten ſollen alle Tapferen zuſammenblaſen, und in Hil⸗ desheim werde ich einen Convent halten, und wollen ſie alle wie ich, ſo wollen wir fortan redlich nach deut⸗ ſcher Weiſe mitſammen wirken. Aber Dido, Ihr müßt dabei ſein, ich bedarf Eurer bei dieſem ſchwierigen Bau, und es gilt ja vor Allen das Heil Eures Vaterlandes.— Der Freiherr trat bewegt zum Fenſter und riß den dunkeln Vorhang hinweg.— Ich hatte mir gelobt, die 48 Sonne nicht wieder ſcheinen zu laſſen auf dieſes verwit⸗ terte Haupt, ſagte er heftig; Euer Mund ließ mir Got⸗ tesruf erklingen, und ich folge.— Aber wer iſt dort? ſetzte er ſcheu hinzu, auf den Maler blickend. Heraus Euer Schwert, Herzog, und tödtet den Verräther, der uns behorchte!— Er iſt vom Hauſe, entgegnete der Herzog, indeß Ewald erſchreckt ſich aus der Thür geſchoben. Langſam kehrte der Freiherr zum Tiſche zurück, immer die Augen noch auf die wieder geſchloſſene Pforte gerichtet. Vom Hauſe? murmelte er tieffinnig. War mir's doch auch wie ein altes, bekanntes Hausgeſicht.— Aber Ihr ſeid zu leicht⸗ fertig im Vertrauen, Herzog, ſetzte er hinzu, meidet dieſen Euren einzigen Fehler, vornehmlich jetzo, da die Fremden Euch umdrängen werden. Sehet dieſen Bauer da, den kleinen Stein, er wird ſtark, wenn ihn der Rit⸗ ter oder Elephant veſchirmt, er bietet dem Könige Schach und macht ſich zum Feldherrn und ruft der Majeſtät ein tödtend: Matt!— Seine Finger hatten zugleich mit den Steinen des Bretts geſpielt, wie von einer Schlange ge⸗ ſtochen fuhr er jetzt plötzlich zurück. Um Gott! Herzog, da liegt die blanke Stecknadel! Iſt wieder Blut an mei⸗ ner Hand? Nehmt ſie fort, Herzog, um aller Heiligen willen, ehe ſie wie ein lebendiger Pfeil gegen mein Herz fliegt.— Es iſt eine Federſpitze, die meinem Helmbuſch ent⸗ fallen! Sehet ſelbſt, mein alter Träumer! antwortete der Herzog lächelnd. Aber der Freiherr war wieder zu⸗ rückgeſunken in ſeinen Polſterſtuhl und hielt das Geſicht mit veiden Händen verdeckt, wobei es dem Herzog zwei⸗ felhaft blieb, ob aus Scham oder in einem neuen An⸗ falle ſeiner Gemüthskrankheit. Und Ihr kommt alſo, 49 wenn Euch mein Bote ruft? fragte er nochmals zum Abſchiede. Ich komme! antwortete der Freiherr langſam aufſte⸗ hend und mit halber Stimme, indem er mühſam und reſpektvoll ſich verbeugte.— Auf ein heiteres Wiederſehen dann! ſchloß der Fürſt das Geſpräch, und verließ das Gemach, gedrängt durch eine ſeltſame Beklommenheit, welche der neue Paroxis⸗ mus des Kranken plötzlich auf ſeine Bruſt geworfen, die ſonſt gegen Schickſalsgrollen dem Panzerhemde ähnlich war, das ſie zu decken pflegte. Etwa um eine Stunde ſpäter trat Ewald in das Zimmer der Schloßdame, vertraulich und keck, wie er es ſonſt gewohnt; aber gerade deßhalb erſtarb das Wort, welches ſchon auf ſeinen Lippen geweſen, denn er fand Klotilden nicht allein, ihr Beichtvater, ein Mönch aus Gandersheim, ſaß neben ihr.— Ein Rechtgläubiger? fragte der Mönch, als Ewald an der Thür weilend den ehrwürdigen Herrn im from⸗ men Reſpekt begrüßte. Wohl der junge Mann aus dem Baierlande, von dem Ihr mir erzähltet? Ewald bejahete die Frage und wandte ſich alsdann ohne Weiteres zu dem Fräulein, weil er den ſeltſamen Blicken auszuweichen wünſchte, die der Pater faſt un⸗ verſchämt über ſeine Geſtalt hinſtreichen ließ, und die durch die ungeregelte, faſt ſchielende Stellung der Aug⸗ apfel etwas Widerliches und Unangenehmes für den Künſt⸗ ler hatten, dem nur das Schöne lieb geworden. Verehrte Freundin, ſprach er bewegt, ein ſeltſamer Vorſchlag iſt mir gethan, der keineswess mit meinen Blumenhagen. XI. 4 50 Wünſchen übereinſtimmt. Der Herzog von Lüneburg, der noch in meinem Gemach tafelt, hat Gefallen gefun⸗ den an den Schildereien, die ich vorhin für Euch aus⸗ gekramet—— Der Herzog genoß von Eurem Wein, aß von Eu⸗ rem Brod? fragte der Mönch haſtig. Der Ketzerfürſt fürchtet nicht, daß es ihm zu Schierlingsſaft werden könnte?— Der Herzog iſt ein ehrlicher, deutſcher Mann, und trauet der Ehrlichkeit ſeiner Landsleute, fiel die Schloß⸗ dame vorwurfsvoll ihm in die Rede. Fahret fort, Ewald! ſetzte ſie freundlicher hinzu.— Der Herr lobte mich und wünſchte dann, ich ſollte auf der Stelle mit ihm reiſen zur Biſchofsſtadt, wo er Hof hält, weil ſein neues Schloß zu Hannover noch nicht vollendet iſt. Dort ſoll ich ein Bildniß der Prinzeß Sophie erſchaffen, weil ſie Verlobte des däniſchen Prin⸗ gen Friedrich geworden, welcher Erzbiſchof iſt zu Bre⸗ men, und der ferne Bräutigam ein Conterfei ſeiner zar⸗ ten kindlichen Braut zu beſitzen wünſcht.— Die Braut eines Erzbiſchofs! rief der Mönch und verdrehete die Augen. O über die ketzeriſche Blasphe⸗ mie und den Mißbrauch hochwürdiger Titel!— Der Herzog befahl faſt, fuhr Ewald fort, und es iſt eine wunderbare Gewalt in ſeinem Worte, die ihm jeglich Gemüth unterwürfig macht. Auch den Freiherrn hat er aus ſeinem Trübfinn aufgeriſſen und ihn beſtimmt im November, wo ein großer Convent der Generale zu Hildesheim gehalten werden ſoll, dahin zu kommen und mit im Rathe zu ſitzen.— Im Novembermond, da ge⸗ yen die Droſſeln in die Schlinge! ſtieß der Mönch ſchlau rächelnd peraus. Klotilde aber antwortete, indem ſie S 5— 8 8 8 S u „ 51 lebhaft ſich vom Seſſel erhob: Der Herzog iſt ein Wun⸗ derthäter, wenn Ihr wahr ſprecht; aber Ihr dürft den ehrenvollen Antrag nicht ausſchlagen.— So ſoll ich abermals von hier verſtoßen werden? fragte Ewald ſchmerzlich. Und der Herzog reiſet zur Stunde!— Gut ſo für Euch, verſetzte die Dame. Die Fahrt geht nicht weit, und wenn es Euch beliebt, könnt Ihr in einer Tagereiſe wiederum bei denen ſein, die Euch wohlwollen, deren Pforte und Herz Euch jederzeit gaſt⸗ lich geöffnet ſind, und die vielleicht mehr an Eurem Glücke arbeiten, als der jugendliche Tollkopf in ſeiner Undank⸗ barkeit verdienen möchte. Reiſet, Ewald, der Freundin beſter Wunſch wird Euch geleiten, und Nepomuk ſoll für Alles ſorgen, was Ihr des Anſtandes und der Bequem⸗ lichkeit wegen bedürfen möchtet.— Ich bedarf nichts, antwortete der Maler empfindlich; dieſe Taſche birgt mein Malergeräth, dieſe Finger find mir getreu. Ich gehöre nicht zu den hochgeborenen Rit⸗ tern, die keinen Schritt ins Freie thun dürfen, ohne tie⸗ fer Geborene zu beläſtigen. Wanderer Meinesgleichen machen ihre Pilgerfahrt allein durch Nacht und Wet⸗ ter, und finden einſam ihr Ziel.— Ewald! ſagte Klotilde mit einem ſtrafenden Blicke auf ihn, indem ſie näher trat und ſeine Hand nahm: Seid Ihr denn noch ein Knabe, der nicht warten mag, bis die Frucht reif ward?— Schnell hob der Maler ſein Auge zu ihr und faßte das Ihrige ſcharf mit brennendem Blick. Klotildis! ſprach er mit verhaltener Stimme. Ich reiſe, wenn Ihr vor⸗ her Euer Verſprechen erfüllt, mir in einer Geheimſprache enthüllt, was ſchon für mich auf Euren Lippen war, als des Herzogs Trompete ertönte.— 52 Das Fräulein erröthete hoch und entzog ihm die Hand. Wenn Ihr zurückkehrt, entgegnete ſie bewegt, ſei es un⸗ ſer erſtes Geſpräch; aber ſehnet Euch nicht danach. Des Menſchen Vorwitz iſt gar oft der Feind des eigenen Glücks, und der Blinde bleibt zuweilen der Beneidenswerthe.— Ewald ſah die Verdüſterte forſchend an, doch der Mönch trat zu ihm und drückte ſeine Rechte mit einer eiſig kalten, feuchten Hand, vor deren Berührung er zu⸗ ſammenfuhr. Quäle und ſtöre die edle Frau nicht län⸗ ger, mein Sohn, ſagte er im frommen Predigertone, welche heute einen in dieſem Hauſe ſeltenen Andachtstag in frommer Abſonderung zu begehen gewünſcht. Der Glaube ſoll blind ſein, auch der Glaube an ſie, welche es gut mit Dir meint. Reiſe, wohin Dich vielleicht in weiſeſter Abſicht der Herr der Heerſchaaren berufen. Dränge Dich in die Gnade dieſes Fürſten der Sodomiter, und mache Dir ein ſicher Bett in ſeinem Hauſe. Mir iſt, als ſeiſt Du zu etwas Großem erkoren, wovon Dein junges Gemüth noch keine Ahnung trägt. Reiſe getroſt in der Mitte dieſer Mohabsſöhne, ſie werden Dir kein Haar krümmen, und die Heiligen werden Dich ſchirmen mitten in dem verfluchten, abtrünnigen Babylon.— Ewald machte ſeine Hand los aus der des Mönchs und legte ſie auf ſein Herz, indem er ſich vor der Dame beugte. Ihr befehlt meine Entfernung, edles Fräulein, ſagte er mit Bitterkeit, und der Gehorſam gegen Euch ward mir zur zweiten Natur. Ihr habt würdigere Ver⸗ traute, und ich armſeliger Fremdling darf nicht den Wettkampf wagen mit ſolchen Auserwählten. So lebet denn wohl! Aber erinnert Euch in Stunden, die nicht der frommen Abſonderung oder Eurem wohlthätigen Tagewerk gehören, deſſen, was an dieſem Morgen ein 53 treuer Sinn vor Euch entfaltete. Möge es nie in einer Stunde der Reue geſchehen.— Klotilde ſah dem in ſeiner finſtern Erhitzung noch männlich⸗ſchöner ſcheinenden Jünglinge ſchmerzlich nach, und als ſie bald darauf das Stampfen der Roſſe unter dem Zwingerthurm ſchallen hörte, in deren Mitte Ewald auf ſeinem Maulthiere das Schloß verließ, war's ihr, als würde mit einem wilden Schnitt ein Theil ihres Herzens genommen, und ſie verbarg dem Mönche, der ſchon lange ihr geiſtlicher Rath und Seelenarzt geweſen, die tiefe Bewegung ihres Gemüthes nicht. In der uralten Biſchofsſtadt angekommen, fand ſich Ewald gar bald in ſeinen neuen Verhältniſſen zurecht. Er war ja den größten Theil ſeines Lebens hindurch ſich ſelbſt und dem Zufall überlaſſen geweſen, und das bleibt der beſte Schulmeiſter, wenn eine natürliche Tüch⸗ tigkeit und die geſunde Wurzel der Männlichkeit ſich in dem Schüler vorfindet. Der Hof des Herzogs von Lüneburg hatte etwas Eigenes, welches jedoch dem jungen Weltpilger nur gefallen konnte. Obgleich Herzog Georg ſchon fieben Jahre lang die Regentſchaft des Fürſtenthums Calenberg angetreten und ſeinen Fürſtenſitz ſeitdem vom Schloſſe Herzberg nach Hannover verlegt hatte, ſo wechſelte er doch oftmals den Aufenthalt ſeiner Hofhaltung, theils weil er in der Hauptſtadt des Fürſtenthums Calenberg, die nie zuvor Reſidenz geweſen, ſich erſt ein anſtändiges Schloß erbauen mußte, theils, weil er die Koſten ſeines Hofes und die Beſchwerden, welche den tief verarmten Städten durch die Anweſenheit deſſelben erwuchſen, 54 gerechter Weiſe zu vertheilen ſuchte. Seine Hofhaltung bekam dadurch etwas Nomadiſches, Flüchtiges, Unor⸗ dentliches, ihre Einrichtung war wie auf den Feldfuß ge⸗ macht, was dem Soldaten, und das blieb Georg mit Leib und Seele bis zu ſeinem Ende, zuſagte, dem Frem⸗ den jedoch als in jener Zeit des pomphaften und cere⸗ moniellen Fürſtenlebens höchſt ungewöhnlich auffiel. Ein⸗ fachheit und Sparſamkeit, die jedem Lurus Gram blieb, war überhaupt damals in den Schlöſſern der Lünebur⸗ giſchen Prinzen theils durch Nothwendigkeit, theils durch den ernſten Sinn des Fürſten heimiſch geworden, und Ewald fand die Lebensweiſe der Herzogsfamilie auf dem Domhofe zu Hildesheim faſt bürgerlich, und darum ihn anſprechend und paſſend für ſein Gemüth. Der achtzehn⸗ jährige Erbprinz Chriſtian Ludewig war mit ſeinem zwei⸗ ten Bruder Georg Wilhelm auf eine Reiſe in die Nieder⸗ lande und nach England verſchickt worden. Die Zimmer, welche die Herzogin Eleonore, die einſt den Namen der ſchönen Darmſtädterin geführt, mit ihrem zwölfjährigen Töchterchen bewohnte, dienten zugleich zur Schulſtube und zum Spielplatze der beiden jüngern Prinzen; dicht daran lag des Herzogs Arbeitsſaal, und es verging kaum eine Stunde am Tage, in der nicht der männliche Fürſt ſich aus der Mitte ſeiner Räthe und Geheimſchreiber auf einige Minuten hinwegſtahl, um im Gemach der Herzvgin mit der kleinen, lieblichen Braut zu koſen, oder mit dem lebhaften, fünfzehnjährigen Johann einige Fecht⸗ gänge mit hölzernen Schwertern zu thun, oder dem elf⸗ jährigen Ernſt, der ſchon als Knabe ſeinen Namen mit Recht zu tragen ſchien, das Schreibebuch nachzuſehen, oder dem bittenden Knaben ein Stückchen aus der römiſchen Hiſtoria zu erzählen. Die Tafel der fürftlichen Familie 55 erſchien eben ſo einfach wie ihr Leben, und nur die Ver⸗ trauten des Hauſes wurden zuweilen als Gäſte geladen, eine Auszeichnung, durch die der Maler Ewald, nachdem ſein Weſen und Betragen die Gunſt der Herzogin ge⸗ wonnen, ebenfalls nach einigen Tagen ſeiner Ankunft beehrt wurde. Fleißig begann der junge Künſtler die ihm aufgetragene Arbeit, da ſein männlicher Sinn in ihr ein Heilmittel gegen die Uebel, welche ſich ihm in Geiſt und Herz eingeniſtet, zu finden hoffte, und bald ward ſie ihm lieb, denn nirgend auf ſeinen Reiſen hatte er ein anziehenderes Fürſtenpaar gefunden, nirgend alſo Würde und Huld gepaart geſehen. Das vollendete Bild⸗ niß der kleinen Prinzeß erwarb ihm den Beifall und die erhöhete Theilnahme ſeiner neuen Gönner; man betrach⸗ tete ihn als zur Hofhaltung gehörig; er ſah ſich geachtet, immer freundlicher behandelt, und hätte nicht das An⸗ denken an das Fräulein in den Bergen ſeine Träume getrübt, nimmer würde er ſich aus dieſem Verhältniß hinweggewünſcht haben; findet doch der wahre Künſtler ſeinen reichſten Lohn in der Anerkennung ſeines Talents durch hochgebildete und hochgeſtellte Perſonen, einen Lohn, der die goldene Doſe oder die goldgefüllte Börſe bei weitem überbietet. Er gedachte der Abreiſe, jedoch man ließ ihn nicht. Sein erſtes Werk hatte die Erwartung der herzoglichen Mutter alſo übertroffen, daß ſie den Wunſch ausſprach, ähnliche Bilder ihrer Prinzen, ibres Gemahls zu beſitzen, und Ewald entzog ſich der neuen Arbeit nicht, da ihn die Ehre lockte, der Maler des neuen Stammhauſes der Lüneburger zu heißen, und da überdies das gänzliche Stillſchweigen Klotildens, welche ſich ſogar nicht um ſein Daſein zu küm⸗ mern ſchien, ihn erbitterte und ſeinen Stolz belridigte. 1 . 1 1 1 1 1 56 So waren bald zwei Monate verlaufen, als höhere Geſchäfte dieſes ſchöne Stillleben, wenigſtens auf kurze Zeit, zu ſtören begannen. Der vierzehnte November des Jahres 1640 näherte ſich, der wichtige Tag, welcher zu dem großen Convente aller Feldherren, die in dem neuen Zuge gegen den Kaiſer wirken ſollten, vom Herzoge Georg beſtimmt worden. Schon war der Landgraf Chriſtian von Heſſen in der Biſchofsſtadt eingetroffen, ſchon ſah man die bunt geputzten Offiziere des Marſchalls von Guebriant in Hildesheims Gaſſen umher ſtolziren, und die Wangen der lieblichen Mädchen des Stifts durch ihren kecken Pa⸗ riſerſcherz höher ſchminken. Stündlich erwartete man den General Banner, den Schaumkurger und andere aus⸗ gezeichnete Generale der Schweden und der Kreistruppen, und die Vorbereitung zu glänzenden Feſten verſetzte die lange durch den Ernſt der Zeit bedrückte Stadt in beſon⸗ dere Lebendigkeit. Herzog Georg ſandte ſeine Familie nach Hannover, wohin die Herzogin den Maler freund⸗ lichſt einlud, ſobald ihr Gemahl zu ſeinem wichtigen Plan das Fundament feſt gelegt haben würde, und reich be⸗ ſchenkt entlaſſen, traf Ewald Anſtalten zu ſeiner Abreiſe nach dem Bergſchloſſe, da auch ſeinem Gemüth das krie⸗ geriſche Getümmel, welches die Stadt füllte, nicht zu⸗ ſagen konnte, und durch die ihm gewordene Muße ſeine Herzensſehnſucht unwiderſtehlich geweckt worden. Morgen wollte er reiſen, unruhig ſchlug ſein Herz bei dem Ge⸗ danken, was ihn im alten Bergſchloſſe erwarten möchte, und er ſuchte den langen Vortag der Reiſe damit zu ver⸗ treiben, daß er die ſchönen Kirchen der Stadt durchwan⸗ delte, die ſeltenen, berühmten Altarbilder nochmals be⸗ ſchauete, und aus ihnen flüchtige Studien in ſeinem Taſchenbuche zum Angedenken mitnahm. u— 8 vN 57 So fand ihn der frühe Herbſtabend im großen Ge⸗ wölbe des Domes. Vom Tageslichte verlaſſen hatte er Pergamentbuch, Stift und Kreide ſchon beigepackt, und ſaß in einem der vergitterten Betſtühle ſinnend und ſtill, ſeine Augen auf ein großes, altes Gemälde geheftet, welches die letzten Sonnenſtrahlen, indem ſie ſchräg durch die buntbemalten Scheiben des nächſten Kirchenfenſters ſtreiften, auf eine ſeltſame Weiſe beleuchteten, ſo daß die Figuren in den hochfarbigen Gewändern eine geiſter⸗ hafte Beweglichkeit zu bekommen ſchienen. Die Stunde des abenvlichen Gottesdienſtes näherte ſich ſchon, und die Grabesſtille des ungeheuren Stein⸗ baues wurde durch die weithallenden Schritte des Sa⸗ kriſtans, und durch das Hin⸗ und Herlaufen der Chor⸗ knaben unterbrochen, ſo daß der Maler aus ſeinen Träu⸗ mereien erwachte.— Mit Verwunderung ſah er ſich in dem Ausſprung des Domes, in welchem er ſaß, nicht allein; drei männliche Geſtalten ſchritten zwiſchen den Betſtühlen heran, wie es ſchien im wichtigen Geſpräch und blieben in der Nähe des Seitenaltars, deſſen Heili⸗ genbild den Maler herangelockt, ſteben, ſichtlich um in dieſem Nebenbau ſicherer ihr Geſpräch fortzuſetzen. Mit größerem Erſtaunen hörte aber jetzt Ewald ſeinen Namen nennen, und er ſpannte Ohr und Auge an, um dieſes Räthſels Löſung zu erforſchen. Sein angeſtrengtes Seh⸗ organ fand ſich im letzten Tageslichte früher als das Ohr zurecht, weil ſeine Kunſt es von früher Jugend an geübt und geſtärkt hatte. Der ihm zunächſt ſtand, war ein Mönch in brauner Kutte, und er konnte nicht irren, es war des Schloßfräuleins Beichtiger aus Gandersheim. Der zweite Mann trug die Bauerntracht der Stifts⸗ vewohner, doch hier half das Ohr dem Auge, denn die 58 erſten Töne dieſer Baßſtimme erinnerten ihn zu lebhaft an den Rittmeiſter Roſelli, den er zu Wolfenbüttel hinter Wall und Graben vermuthen mußte. Der Dritte blieb ihm fremd; die ſchwarze Mönchstracht ließ einen aus⸗ wärtigen Kloſtergeiſtlichen vermuthen, und Accent und Wortfügung beſtätigten, daß dieſer fromme Bruder nicht in Deutſchlands Marken heimiſch, und daß ihm die Un⸗ terhaltung in der barbariſchen Mundart nicht ohne Be⸗ ſchwerde gelang. Eckartsau heißt ſein Geſchlechtsname, ſprach der deutſche Mönch; eine alte, gute Familie im Baierlande, welches von Gott geſegnet heißen darf, da die Schlange der Ketzerei noch nicht durch ſeine reichen Fluren gekro⸗ chen, der Giftpilz des Unglaubens ſeinen ſchönen Boden noch nicht vergiftet hat. Auf den erſten Blick erſah ich den Mann zu einem Werkzeug unſerer gottgefälligen An⸗ ſchläge, aber vergebens mühte ich mich in dieſer Stadt in ſeine Nähe zu kommen, denn er lag gleich einem furchtſamen Hunde zu den Füßen dieſes Ketzerfürſten, als wäre er mit einer Kette an ſeine Schwelle gebunden. Jung iſt der Mann? wisperte der fremde Bruder. Iſt ein Maler, ein Künſtler? Seid klug, meine lieben Freunde. Der Glaube der Maler iſt meiſtens nicht ſehr ſicher; ſie beten ihre eigenen Schöpfungen an und nicht den heiligen Gegenſtand, den ſie gemalt. Sie verun⸗ glimpfen die Mutter des Herrn, indem ſie die Geſtalt ihrer leiblichen Buhlin der Göttlichen unterſchieben. Hoch⸗ müthig balten ſie ſich für eine freie Menſchenart, die nicht Herrn hat noch Richter auf Erden. Sie ſind nicht leicht zum Ketzerthum zu verführen, da die falſche Lehre Ab⸗ bildungen des Göttlichen haßt und die Conterfeis der Heiligen vernichtet, aber ſie glauben nichts, ſind gar oft — r. r lt t ht „ er 59 abſcheuliche Atheiſten, und taugen darum nirgend, wo der Stuhl Petri blinde Werkzeuge zur Vollbringung ſei⸗ nes unfehlbaren Willens verlangt.— Iſt es der Eckartsau, der Maler Ewald, den ich kenne, verſetzte rauh der als Bauer verkappte Kriegs⸗ mann, ſo ſtehe ich mit Ehr und Wappen für ſeine Treue und ſeine Kühnheit. Er iſt ein wackerer Katholik, taucht wie eine Ente ins Waſſer, wenn eine Menſchenſeele drin zappelt, und die Gnade und reiche Belohnung des heili⸗ gen Vaters wird ihm mehr gelten, als der Orden vom goldenen Sporn, denn er iſt geiſtig ein närriſcher Schwär⸗ mer, und leiblich arm wie die Ratten im Vatican.— Ewald zwang ſich mit Mühe, nicht zwiſchen die Lä⸗ ſterer zu fahren, doch die geſpannteſte Neugierde feſſelte ſeinen Zorn. Wir bedürfen des unbekannten, neuen Helfers nicht; ſagte der fremde Geiſtliche, indem er ein ziemlich großes Fryſtallfläſchchen aus dem Buſen zog. Die Köche unſe⸗ res Marſchalls find zur Stelle, denn unſere Herren von Paris würden ſich den Magen verderben an euren deut⸗ ſchen Gerichten; aus dem Lager des Herzogs von Lon⸗ gueville find mehrere Wägen unterwegs, beladen mit dem Feuertrank aus Burgund und der Champagne, denn die Ritter des großen Louis ſchaudern vor dem Eſſig eurer rheiniſchen Weine, und unſere Kellner begleiten dieſe Schätze. In dieſem gläſernen Gefäße hier, das der ge⸗ lehrteſte Apotheker in Paris gefüllt, iſt genug des Höl⸗ lenſaftes, um eine ganze Ketzerarmee ſchlafen zu machen für ewig. Deutſchen Generale werden ſchon trinken von dem tzten franzöſiſchen Weine, auch der wü⸗ thende S zliebt die heißen Becher. Aber was den Lüneburg rifft, ſo pöre ich Vieles von ihm, was 60 uns Sorge erwecken muß. Er iſt mäßig wie ein Bür⸗ gersmann, er gießt Waſſer zum Weine wie eine Jung⸗ frau, und ſelbſt beim Feſtgelage ſteht der Mundſchenk des Vorſichtigen hinter ſeinem Seſſel und bedient ihn aus dem eigenen Keller und mit der täglichen Traube. Und was hülf's, wenn dieſes Schlummertränklein den Tiger bändigte und der Löwe wach bliebe? All das Gezücht muß fallen an einem Tage! Nicht leicht möchte die Ge⸗ legenheit ſo 46 eine ſolche Hauptjagd halten zu k ½ in einem Fangnetz ſo viel Edel⸗ wild zu faher 3 ausgerottet bis auf Stumpf und Wurzel mu werden dieſe Brut von Sodom und Go⸗ morra, welche die Kirche be aut und die Lämmer ver⸗ leitet in ihrer uſc idigen ummheit. So will es der heilige Vater, ſo vefahl es der Ordensgeneral zu Wien und mich beehrte man mit deu Geſchäft, wei man ge⸗ wußt, daß ich erfülle, was ich verſprochen. Drum be⸗ dürfen wir eine Mittelsperſon für dieſen Herzug dieſen bürgerlichen Mars, bedürfen eines Menſchen, der ihm nahe ſteht, damit er ihm täglich und langſam Hon die⸗ ſem Trank eintröpfele, daß er falle zugleich, wenn die übrigen Satans ſöhne plötzlich zur Hölle geſchickt werden, woher ſie ſtammen.— Man darf nicht wagen, einen von der Dienerſchaft zu werben, ſiel der deutſche Mönch dem Confrater in die lange Rede, es ſind Altlüneburger Herzen, und dem Herzog, den ſie abgöttiſch anbeten, treu wie die Nägel ſeines Stiefels. Aber der Maler iſt der rechte Mann für uns; überlaßt ihn nur mir; 4 iſen, aber ich ſen ſeinen Weg; ich habe% ihn zu kir⸗ ren und zu gewinnen, welches amel ſelbſt zuwarf; noch heute ſuche ich ihn auf ——„— 4— ür⸗ ng⸗ des aus Und ger icht He⸗ agd el⸗ und So⸗ e der ien be⸗ be⸗ ſen ie⸗ die en, aft em gel nn ber ir⸗ bſt nd 61 werde mit Vorſicht ihn einweihen in unſer Gott gefälli⸗ ges Myſterium.— Ewald erhob ſich jetzt raſch hinter ſeinem Betſtuhle, und trat dreiſt heraus vor die Erſchrockenen. Die Mühe könnt Ihr ſparen, Herr Pater, ſagte er mit Bitterkeit, denn leider hatte der Himmel nicht meine Ohren mit Taubheit geſchlagen, und ich mußte das Ent⸗ ſetzliche anhören, und danke Euch für den Ehrenplatz, den Ihr mir Stoßt den 2 Stilet, Ro⸗ ſelli! rief der fremde Mönch mit verhaltener Stimme.— Ehrwürdiger, das hieße ſich ſelbſt den Zügel ver⸗ hauen, lachte grob und laut der Kriegsmann. Es iſt ja Freund Ewald, den wir ſuch Nicht Euer Freund, Roſalba, verſetzte mit innerm Grimm der ler, ſo lang Iyr in ſolchem Banditen⸗ kleide Eurel enſtand beſchimpft, und ſtatt wackere Soldaten 0 es Kaiſers Feinde zu werben, Helfers⸗ helfer zu lmorde ſucht.— Macht ihn kalt ohne Gnade, rief der ſchwarze Bru⸗ der lauter, er hat einen Willen gegen den Willen der Kirche, und iſt darum ein Ketzer, wenn er auch recht⸗ gläubig betet.— Der Mönch aus Gandersheim faßte des Confraters gehobene Hand und fiel ihm gleisneriſch lächelnd in das Richterwort. Wir ſtehen an heiliger Stätte, im biſchöf⸗ lichem Dom, ſagte er; Blut darf dieſen Boden nicht be⸗ flecken, wenn er auch in letzter Zeit von ketzeriſchem Baalsdienſte worden, und die Vollziehung Eu⸗ res raſchgeſer heils würde uns überdies mehr Gefahr brhw“ leſes jungen Mannes Zunge. Hat der Junker unſer Geheimniß erforſcht, ſo hat 62 er auch die Kryſtallphiole geſehen, welche Ihr im Buſen verwahrt, und iſt zu geſcheit, glauben zu können, ſein Leben würde uns gar viel gelten, da es den Tod ſo vie⸗ ler gefährlichen Kriegsoberſten gilt. Nehmt ihn in Eu⸗ ren Gewahrſam, Rittmeiſter, und weicht keinen Schritt von ſeiner Seite. Sollte er den Mund zum Verrath öffnen oder den Fuß zur Flucht bewegen, ſo ſtoßet ihm Euer Gewehr in das Herz, das befeblen wir Euch im Namen der Kirche en Strafen. Er wird uns einen Eid ören, wenn er den Becher nicht ſelbſt koſten will, der für die Tiger und Leoparden gewürzt iſt. Aber der Geiſt wird über ihn kommen in dieſer Nacht, und morgen wird er ſich ſchon beſonnen haben und gehorſamen, wie es den Gläu⸗ bigen geziemt.— Ewald wollte erhitzt antworten, doch der Rittmeiſter drückte ihm ſeine rauhe Hand auf den Mund, und indem er mit der Linken den rechten Arm des Malers hart faßte und ihn mit ſich fortzog, ſprach er dumpf und halblaut: Nichts für ungut, Freundchen! Aber Du biſt mein Kriegs⸗ gefangener, denn meine Ordre lautet, dieſen beiden ehr⸗ würdigen Vätern zu Dienſten zu ſein mit Leib und Le⸗ ben, und Du kennſt den Roſelli als einen guten Soldaten ⸗ Halte Dich daher ſtill und folgſam, denn wäreſt Du meiner Mutter Sohn, ich müßte Dich zur kalten Perſon machen, wenn der ſchwarze Tonſurträger winken möchte.— Ewald fühlte ſich betäubt durch die Lage, worin ihn der Zufall und ſeine Unbeſonnenheit verſetzt, und folgte geduldig und ſtumm dem rauhen Führer, dem die beiden Kuttenmänner voranſchritten. — hoe W 3 i 4 — — v 1 8 63 Das Quartier, wohin der Reiterhauptmann ſeinen Gefangenen gebracht hatte, überzeugte den Maler bei dem erſten Umherblicken am andern Morgen, daß es ſeinen Wächtern Ernſt ſei, und er keine Ausſicht zur Entweichung faſſen dürfe. Das Häuschen, worin er vewacht wurde, war eine leere Gärtnerwohnung, ganz hinten im verödeten Garten eines Kloſters, welches von den Mönchen während der⸗Beſitznahme der Lutheraner verlaſſen worden. Es lag in der Stadt, doch durch weite Gärten von dem Walle getrennt. Das Stübchen war im zweiten Stock, und unter dem einzigen Fenſter, das eine ſchmale Ausſicht auf das ferne Gebäude eines Schweſternkloſters und die noch ferneren Feſtungswerke zuließ, zog ſich ein tiefer Graben hin, der mit trübem Waſſer gefüllt erſchien und auch dem kühnſten Springer die Luſt verdarb. Der Rittmeiſter ſpielte gegen ſeinen Gefangenen den freundlichen Wirth neben dem ſtrengen Kerkermeiſter. Er hatte vorn in demſelben Bett mit ihm geſchlafen, wich nicht von ſeiner Seite, und wenn er einmal in das Unterhaus ſtieg, um Lebensmittel her⸗ aufzutragen und die Flaſche, welcher er gern zuſprach, friſch zu füllen, ſo ſchloß er die wohlverwahrte Thür be⸗ dachtſam zu. Uebrigens machte er ſich's zum angelegent⸗ lichſten Geſchäft des verſtimmten Freundes Gemüth durch die freundlichſten Redensarten, durch Erinnerungen, Sol⸗ datenſchnurren und Kriegsgeſchichten aufzuheitern, und wenn Ewald in ſeiner Düſterheit daſaß und ſtörriſch nichts erwiderte, und zu dem Fenſter hinausſtarrte, und vergebens eine menſchliche Geſtalt zwiſchen den Hecken und entlaubten Baumgängen der Gärten zu erſpähen offte, ſo nahm der bärtige Soldat das nicht übel, ſon⸗ dern ſprach deſto fleißiger der Flaſche zu, und ſtreckte 64 ſich dann lang auf die Wolldecke des weichen Bettes nieder. Am Mittag kam der deutſche Mönch, und als er auf ſeine Anfrage nur die kurze Antwort vom Gefangenen gewann: Er ſei zu jung, um ohne Grauen morden zu können, und zu ſolchem Dienſt noch nicht fromm genug! ſo ließ ihn der Pater auf das Kruzifir ſchwören, mit keinem Worte ſeines Mundes irgend Jemand jetzt oder ſpäter etwas von dieſem großen Geheimniß zu verrathen, und Ewald leiſtete den Schwur, weil er eingeſehen, daß er durch ſeine Hartnäckigkeit dem braven Herzoge keine Rettung, ſich aber Verderben bringen mußte. Trotz die⸗ ſer äußerlichen Folgſamkeit und Ergebung blieb indeß all ſein Sinnen auf die Vereitelung des furchtbaren Buben⸗ ſtücks, auf des Herzogs Rettung und ſeine eigene Be⸗ freiung gerichtet. Mehre Tage verliefen, der Rittmei⸗ ſter blieb auf ſeinem Poſten und ſchien gar nicht von Langweile geplagt zu werden; dagegen ſtieg Ewalds Fol⸗ ter mit jeder neuen vom Schlafe geflohenen Nacht, die den ſchrecklichen Novembertag einen Schritt näher heran⸗ führte. Aber keine lebendige Seele ſtörte das kuriöſe Duo der beiden feindlich⸗geſtellten Freunde, nur zuweilen tönte außen am Hauſe ein ſiebenfaches leichtes Geklopf, welches den Kriegsmann hinunterlockte, doch vernahm der an der Thür horchende Maler nichts als ein dum⸗ pfes Gemurmel, daß ſeine Unruhe weder beſchwichtigen, noch ſeine ängſtliche Neubegier zufriedenſtellen konnte. Der einzige Troſt blieb ihm ſein Malerbuch, Kreide und Stift, und um die ſchleichende Zeit zu tödten, zeich⸗ nete er anf die Pergamentblättchen allerlei Bilderchen, Kathevalsgruppen, komiſche Fratzen, Pferde und Hunde, des Rittmeiſters Portrait, die Figuren der beiden — — ⸗ n„ L. 65 feindlichen Mönche, und ergötzte ſeinen Gefährten damit mehr als ſich, denn Roſelli konnte ſtundenlang ſeiner zeich⸗ nenden Hand zuſchauen, lachte gällend und ohne Ende über die komiſchen und ſarkaſtiſch zuſammengeſtellten Menſchen⸗ gruppen, und bewunderte mit ſichtlichem Reſpekt die treffende Aehnlichkeit der kleinen Portraits, obgleich der Maler wahrlich Keinem ſeiner drei Inquiſitoren geſchmei⸗ chelt hatte. Am Tage vor dem furchtbaren November trat uner⸗ wartet und ohne Roſellis Begleitung der Mönch aus Gan⸗ dersheim Abends in das kleine Zimmer, grüßte ihn mit be⸗ ſonderer Freundlichkeit und nahm bequem Platz neben ihm.— Nun, mein Sohn, begann der Franziskaner mit dem Tone der Leutſeligkeit, hat der gelinde Arreſt Deinen Starrfinn noch nicht gebrochen?— Könnet Ihr die Ungerechtigkeit gegen mich verant⸗ worten, ſo kann ich leichter noch die Schickſalsprüfung ertragen, antwortete mürriſch der Maler.— Was nennſt Du ungerecht? fragte der Mönch. Iſt nicht in Gottes weiter Schöpfung jedes Einzelne dem Ganzen unterworfen, und wird geopfert, wenn es das Wohl des Ganzen gilt? Freue Dich, daß die Dame aus dem düſteren Thale Dich mir ſo beſonders ans Herz gelegt; der Pater Tellier hätte ſicherlich Dein Leben ſtatt Deiner Freiheit als Bürgſchaft gefordert und ge⸗ nommen, denn dieſe Frankreicher achten ein Menſchen⸗ leben gleich einer Spielmarke, und ſo ein Kapellan der Baſtille iſt an ſchlimmere Dinge gewöhnt, als wir deutſchen Kämpfer der Kirche jemalen geſehen. Und biſt Du nicht ein Thor, mein Sohn? ſetzte er mitleidig hinzu. Was geſchehen ſoll, geſchieht auch ohne Dich, und Dein Fuß tritt nicht über die Schwelle dieſes elen⸗ Blumenhagen Rl. 5 66 den Gemachs, bis das große, gottgefällige Werk voll⸗ führt worden. Du beſtiehlſt Dich ſelbſt, denn nicht Jedem wird die Gelegenheit geboten, für den alleinſelig⸗ machenden Glauben ſolch Großes mitzuthun, und bei den höchſten Fürſten der Kirche und der Völker durch ſolche Großthat ſich hohen irdiſchen wie geiſtigen Lohn gewinnen zu können. Du biſt wohlerzogen in unſern Lehren; wie kannſt Du denn zaudern zu gehorſamen, da voraus Dir Ablaß geboten wird für etwas, was im Auge des Rechtgläubigen nicht einmal als eine Sünde geachtet werden darf?— Spart Euren Sermon, entgegnete ſich abwendend der Maler; dürft Ihr doch ſchalten mit mir nach Belieben, da Ihr die Gewalt auf Eurer Seite habt. Meine Leh⸗ rer ſagten mir, Mord ſei Mord, und werde nur mit dem Blute des Mörders oder ſeiner ewigen Verdammniß geſühnt. Ebenſo lehrte man mich, Wohlthat mit Undank, Freundſchaft mit Haß zu vergelten, ſei ärger als Mord, und ſehet, Ehrwürdiger! mein Herz iſt ſo ein armſeliges Kinderherz geblieben, daß es jene erlernten frommen Sprüche immer noch feſt hält, als hätte ein Engel ſie mit feurigen Fingern ihm eingeätzt.— Wohl denn, ſo gebe ich Dich auf, denn Du willſt nicht höher klimmen, nicht ſteigen, wo Freundesarm Dir den Weg öffnet, ſagte der Franziskaner höhniſch, indem er den innerlichen Aerger bezwang, aber ſein ſchielendes Augenpaar mit widerwärtigem Ausdrucke auf dem jungen, finſter daſitzenden Mann lange haften ließ. Freilich hatte ich mir gedacht, fuhr er nach kurzer Pauſe fort, Deine Klugheit würde Dir geſagt haben, es ſei nicht wohl⸗ gethan, die Freundſchaft eines Mannes von Dir zu ſtoßen, dem es ein Leichtes ſein müßte, gewiſſe geheime Wünſche „ e„— — 67 zum Ziele zu führen, die Gewiſſensſerupeln gewiſſer Damen gleich dünnem Abendnebel zu beſeitigen, eines Mannes, welcher der Beichtiger und Rathgeber einer gewiſſen Frau oder eines Fräuleins iſt, welches Klo⸗ tildis getauft worden.— Glut fuhr plötzlich über Ewalds Angeſicht, er dre⸗ hete mit blitzenden Augen ſich herum und ſtarrte den Mönch mit wilden Blicken an, da ihm im ſchwankenden Lampenlicht die Züge deſſelben faſt ſataniſch vorkamen. Klotilde? fragte er heftig. Wie kommt der Name zwi⸗ ſchen Euer Geſchäft? Aber Ihr gehört ja zu den privi⸗ legirten Behorchern des heiligſten Seelenlebens, ſo ſprecht dann, was ſoll's mit dieſem Namen und mit dem herr⸗ lichen Weſen, das ihn trägt?— Der Franziskaner ſtrich ſchmunzelnd ſeinen langen Graubart. Erboße Dich nicht, mein Sohn, ſagte er mit ſtechender Kälte, daß man uns ohne Deine Erlaub⸗ niß zum Vertrauten gemacht. Die Herrin Deines Her⸗ zens iſt Dir an Jahren vorangeeilt und über die jugend⸗ liche Brauſung hinweg, und achtet darum mehr als Du den weiſen Rath frommer Diener der Kirche in bangen Lebenstagen, wo irdiſche Klugheit nicht ausreicht. Ihr Herz iſt Dir gewogen, und wäre ſie ein gewöhnliches Weib, hätte ſie längſt den jungen Gemahl zu ihrem Theſeus gemacht, da ſie bislang, der Prinzeſſin Ariadne nicht unähnlich, auf einem kahlen Fels mitten im üppigen Weltmeere wie verſtoßen gelebt, und nicht viel von den Freuden dieſer Erde geſchmeckt haben mag. Ob Du nun auch zu den ungewöhnlichen Männern gehörſt, wird gar bald zu Tage kommen.— Weiter! Weiter, mein frommer Folterer! ſtieß Ewald hervor, indem ſich ſeine Hände feindſelig ballten.— 68 Ich will Dir eine Hiſtoria erzählen, fuhr der Mönch ruhig fort, nachdem er aus dem Becher des Rittmeiſters einen tüchtigen Zug gethan; höre aufmerkſam zu und unterbrich mich nicht, bis ich zu Ende.— Er lehnte ſich bequem in den Seſſel zurück, ſtrich ſich die Weintropfen aus dem Barthaar und begann: Es war einmal ein reicher Mann, der lebte ſorglos in allen Freuden der Welt, denn er hatte Alles, was der Menſch begehrt, Gut und Ehre, Familienglück und Fürſtengunſt, nur der höchſte Schatz des Erdenſohnes, die ächte Gottesfurcht mangelte ihm, und er war ein ſtraffälliger Doppelgänger zwiſchen den Gläubigen und Ungläubigen. Und er warf ſein ſündigend Auge auf eine junge Magd in ſeinem Hauſe, die kaum den Kinderjahren entwachſen, und die in ihm den Schutzherrn, den Wohlthäter, den angeſehenen Verwandten liedte und ehrte, ſo lange ſie zu denken ver⸗ mocht hatte. Leicht ward es dem klugen, gewandten Weltmanne, ſich einzudrängen in des Kindes unſchuldig Herz, denn er war erfahren und geübt in den Künſten männlicher Verführung, und ſie kannte das Laſter noch nicht, und Demuth und Furcht und kindlicher Reſpekt ließ ſie nicht zur Verſagung kommen, wenn er bat oder forderte, oder dreiſt ſich nahm, was Liebe bittet und Liebe gewährt. Sie liebte ihn nicht, ihn trieb nur Lüſtern⸗ heit und Sinnenrauſch, und die Unglückliche fiel als ſein ſchuldloſes Opfer.— Ewald that einen lauten Schrei und bedeckte ſein Ge⸗ ſicht mit ſeinem Tuche. Der Mönch hielt einige Augen⸗ blicke inne, als jedoch ſein Zupörer wie ein vom jähen Tode Berührter in ſeiner Stellung verblieb, erzählte er ruhig weiter. Der Sünde trat die Strafe auf die Ferſen. Die 8— 5 69 natürlichen Folgen der leichtſinnigen Stunde zeigten ſich ſchnell und peinigten den Sünder nach Verdienſt, denn er hatte ein kluges und jähzorniges Gemahl, und ſein häuslicher Friede wie ſeine bürgerliche Ehre ſtanden auf dem Spiele. Aber es war ein dreiſter Sünder geweſen, und kecker noch bildete er den Plan zur Vertilgung der Spuren ſeines Verbrechens, wußte er doch, daß das un⸗ ſchuldige Opfer ſeiner Begier in verzweiflungsvoller Hin⸗ gebung ganz ſein Sklav geworden, und gegen ſeine ge⸗ waltſamſten Maßregeln keinen Widerſpruch und keine Wehr beſaß, weil das junge Blut ſich ganz von ihm abhängig fühlte, in der Schande verlaſſen ſtand wie noch kein menſchliches Weſen zuvor, und den Verderber als einen großmüthigen Erretter und Helfer betrachten mußte. Mit ſeiner Familie und der Verführten machte der reiche Mann eine weite Reiſe nach der fernen Kaiſerſtadt, und hier im Gedräng eines großen Volksfeſtes entführte er ſelbſt von der Seite ſeiner Gemahlin die junge Beglei⸗ terin, brachte ſie in ein vorber beſorgtes Verſteck, und ſendete ſie im Geleit einer gemietheten kundigen Frauens⸗ perſon in ein anderes Land, wo ein vertrauter Jugend⸗ freund von gleicher Sinnesart das Opferlamm in Schutz nahm und den Augen der Welt verbarg. Trefflich ſpielte der reiche Mann ſeine Rolle; kein Geld, keine Anſtren⸗ gung wurde geſpart, die Verlorene zu ſuchen; verun⸗ glückt im nächtlichen Feſtgedräng glaubte man ſie zuletzt, oder gar eine Beute der wilden Gäſte geworden, die aus fernem Ungarlande zum Kaiſerfeſte herangezogen; und der ſündige Menſch hatte ſogar das Glück, daß ihm das Zartgefühl ſeiner Gattin ſein Gebeimniß verſchleiern half, indem ſie ſelbſt eine Fabel erſann, welche bei der Rück⸗ kehr zur Heimath die Bekannten über das Ausbleiben 70 des ſchönen Kindes täuſchen ſollte und täuſchte. Da lebte nun die Unglückliche mit ihrer Dueüa lange Monate, freilich nicht dürftig, aber geiſtig verarmt, und die Zeit, wo Andere ihre Maienfeſte feiern, wurde ihr ein endloſer Faſttag, ein banger Bußgang zum Tode, und ſie hatte doch nur geſündigt unbewußt, und die ewige Vorſicht richtet nur den Willen.— Höret auf oder erzählet haſtiger! rief Ewald auf⸗ ſpringend. Oder beſſer noch, laſſet mich hinaus, damit meine Hand den Verderber faſſe und würge.— Ihr haſſet ja den Mord, ſeid zu jung, zu fromm dazu; verſetzte der Franziskaner ſpitzig. Aber gebt Euch zufrieden und höret aus. Der ewige Richter bedurfte Eurer furchtſamen Hand nicht.— Erſchüttert, zernichtet faſt vom Sturm der Gefühle ſank der Maler nieder in ſei⸗ nen Stuhl. Als die Zeit kam, welche die Weiber mit Grauen erwarten und doch erwünſchen, fuhr der Mönch fort, er⸗ ſchien der reiche Mann plötzlich ſelbſt in München, und trat unerwartet in das kleine Haus der Iſar⸗Vorſtadt. Schreck und Freude empfing ihn, beide beſchleunigten die ſchwere Stunde ſeiner Verführten, und er wich nicht vom Platze bis ſie vorübergegangen. Doch die höchſte Grau⸗ ſamkeit hatte er bis zu dieſer Stunde geſpart. Das Weſen, welches er zerſtört, galt ihm nichts, nur die Ehre ſeines Namens hatte Gewicht in der Wagſchale ſeiner Handlungen; trotz allen Flehens der jungen Mut⸗ ter, die, ſelbſt noch Kind, das Kind als Troſt an ihrer Bruſt behalten wollte, entriß er es ihr, trug es fort zu einer fremden Pflegerin, und kehrte ſcheltend mit blut⸗ befleckter Hand durch die Nacht zurück. Eine Stecknadel in den Windeln des Neugebornen hatte ſeine Finger 71 verwundet, ſo erzählte er; ob er gelogen, weiß nur der Allwiſſende, denn der reiche, verſtockte Sünder verſchmä⸗ pete die Verſöhnung des Beichtſtuhls. Aber dieſe Steck⸗ nadel iſt ihm ein Gewiſſensvolch geworden, der ihn täg⸗ lich wundet ohne zu tödten. Und härter noch faßte ihn das unſichtbare Gericht, denn Alle, die ihm lieb waren, fraß der Tod vor ihm weg, daß er allein ſtand wie ſeine Verlaſſene. Er hatte ihr geſchrieben, wie das Kind ſeiner Sünde geſtorben ſei in den erſten Wochen ſeines Daſeins, und als ſeine Gemahlin auch geſchieden von der Erde, rief er das Opfer ſeines Leichtſinnes aus ſeinem Elende zurück, um es in eine Einfiedelei zu begraben. Wohl mochte ſein lüſtern Herz andere Abſichten dabei gehabt haben, aber die Schatten ſeiner Gattin, ſeiner Kinder ſtanden wie eine furchtbare Scheidewand zwiſchen ihm und dem Mädchen, Abſcheu von ihrer Seite, Gewiſſensfurcht von der ſeinigen, vereitelten jede Annäherung, und die ſich ſo nahe verwandt, lebten wie Fremde, ja wie feind⸗ liche Weſen neben einander und unter demſelben Dache.— Biſt Du fertig, Henker im heiligen Rocke? fragte Ewald, als der Mönch inne hielt, und die trockene Lippe wiederum aus dem Becher erfriſchte. Und warum er⸗ zählſt Du mir dieſe grauenvolle Hiſtorie? Warum be⸗ laſteſt Du Dein graues Haupt mit der ſchwerſten Sünde des Prieſters, und verräthſt die Geheimniſſe des Beicht⸗ ſtuhls?— Ich lade keine Schuld auf mich, wofür Gott ſei, ant⸗ wortete der Mönch; das Beichtkind beauftragte mich ſelbſt, Euch ihre Leidensgeſchichte zu erzählen, denn die Demü⸗ thige wurde gepeinigt durch Eure Vergötterung, und wollte wahr vor Euch ſtehen, und wenn auch Eure Verachtung der Lohn dieſer Wahrhaftigkeit werden müßte.— 72 Verachten? Ich ſie verachten? rief Ewald aus und hob beide Hände zum Himmel. O Du reine, gemarterte Seele! Könnte ich mit meinen Lebensjahren Dir die geſtohlene Jugendzeit zurück erkaufen! Könnte ich Dir vergeſſen machen, was Du geduldet, möchte ich dann aus demſelben Becher, worin ich Dir das Zauberwaſſer der Lethe reichte, den ſchnellen Tod trinken für mich!— Der Mönch ſtand hoſtig auf und ergriff des jungen Mannes Hand. Sie liebt Euch, ſprach er mit ſchneller Zunge, ſie ſchwankt nur noch in weiblicher Unſicherheit und Scham. Mein Wort wird entſcheiden. Wollet Ihr es gewinnen für Euch? Seid unſer Helfer, werdet ein Held der Kirche mit uns zum Verderben dieſes Antichriſt, und ehe das Jahr verläuft, iſt Klotildis die Eure und mit ihr die ſchöne Herrſchaft, denn der tolle Freiherr hat ſie in ſeiner Gewiſſenspein zur Erbin eingeſetzt.— Weiche von mir, Verſucher! rief der Maler mit Ent⸗ ſetzen.— Kleinmüthiger Menſch! entgegnete der Mönch erbit⸗ tert. Prahlen kann die junge Brut, aber Muth zeigen in der That iſt ihre Sache nicht.— Der Muth der Schande findet keinen Boden im Her⸗ zen des ächten Mannes, verſetzte Ewald feſt. Und Ihr habt Euch ſelbſt das klugberechnete Spiel verdorben, denn Ihr zeichnetet mir gar lebendig den Lebenslauf des Sün⸗ ders und rottetet den letzten Keim des Böſen durch dieſes Beiſpiel aus in mir für ewig. Geht, geht hinunter! Ihr werfet ein Schlangenneſt in meine Bruſt, und ich bedarf Einſamkeit, Nacht, Finſterniß, um mich zu wehren gegen die Biſſe der giftigen Brut.— Armſeliger Schwächling! Du wirſt kriechen im Staube, wirſt klein bleiben ewiglich. Habe es denn! Ich gebe 73 Dich auf und ziehe meine Hand von Dir!— Mit ver⸗ ächtlichen Blicken verließ ihn der Mönch. Ewald trat erhitzt zum Fenſter und ſtieß den Flügel auf, denn die Luft mangelte ſeiner ſtürmenden Bruſt, und es war ihm, als müſſe er ſich hinabſtürzen, wartete auch der Tod da unten. Siehe, da ſah er eine Laterne, die ſich unten im Garten jenſeits des Grabens bewegte. Sein Herz ſtand ſtill vor freudigem Schreck. Der Mönch, Klotil⸗ dis, alles war vergeſſen; nur der Herzog, die Gräuel⸗ that, die mögliche Rettung, die herrlichſte Rache an dem grauſamen, eiskalten Kloſterbruder lebte in ſeiner Seele. Er wollte den Träger der Laterne anrufen, da kreiſchte die Thür hinter ihm, Roſelli trat ein zu ihm, und er nahm ſich mühſam zuſammen, dem Wächter ſeine Be⸗ wegung und Entdeckung zu verhehlen. Welch eine Nacht ſenkte ſich auf das Haupt des armen Gefangenen herab! Keine Nacht ſeines Lebens war ihm noch ſo lang, ſo voller Marter hingeſchlichen. Freilich hatte die unzarte Hand des Mönchs die Glorie herab⸗ geriſſen, die Klotildens Haupt für ihn umgeben, aber ſie ſchien ihm dadurch näher gerückt, durch ihr Unglück ſchien ſie ihm verwandter geworden, und überdem lag in ſeinem Lebensſchickſal etwas Geheimes, das eine Aehnlichkeit trug von ihren Leidenstagen. Und war er doch jetzt ihrer Liebe gewiß, denn was er in ihrem Benehmen für Kälte gehalten und Unempfindlichkeit und Prüderie, zeigte ſich ihm jetzt als weibliches Schamgefühl, als Zartſinn und Wohrhaftigkeit und daß ſie durch den Mönch ihm ihr Geheimniß entdecken laſſen, däuchte ihm der hochſte Be⸗ weis ihrer Zuneigung, ihrer Gewährung, denn nur dem 74 Mann, dem ſie ſich ganz eigen zu geben beſchloſſen, konnte Klotildis ſolch eine Botſchaft ſenden. Mehr als je, glühender als je fühlte er die Sehnſucht nach dem hochherzigen Weibe in ſeinem Herzen, und ſeine Gedanken fluchten in ohnmächtiger Wuth den ungerechten Räubern ſeiner Freiheit. Hatte er ſich matt gequält mit dieſen Bildern, ſo legte ſich ſchwerlaſtend wie ein preſſender Alp die Er⸗ innerung an den nächſten Tag auf ſeine Bruſt. Wer mochte jener Laternenträger geweſen ſein, und wie ſollte er mit ihm in ein Verſtändniß gelangen?— Das frühe Tageslicht fand ihn noch wach, und er ſtahl ſich vorſichtig von der Seite ſeines ſchnarchenden Begleiters, trat ſchnell und leiſe zum Fenſter, und ließ ſein Auge forſchend die nächſten Gartenfelder durchlaufen. Freudig ſchoß er zuſammen, denn er ſah einen Schubkarren, ſah hingeworfenes Gärtnergeräth in einem der Wege, das deutete auf Arbeiter, die zur Beſtellung der Felder kom⸗ men würden, und lichter als das trübe Sonnenlicht des Herbſttages ſtand der Rettungsplan jetzt vor ſeiner Seele. Er ſetzte ſich, nahm den Roſenkranz zum Frühgebet und trug dem Himmel ſeine Wünſche heiß und inbrünſtig zu, ſo daß der erwachende Rittmeiſter ſelbſt gegen ſeine rohe Gewohnheit die Hände faltete und aufgerichtet im Bett ſitzen blieb, bis Ewald ſeine Andacht vollendet. So wie Roſelli in das Haus hinunter geſtiegen, machte ſich der Maler mit klopfender Bruſt und zittern⸗ den Händen an's Werk. Zwiſchen den Zeichnungen auf ſeinem Malertiſche ſuchte er das Pergamentblatt hervor, auf welches er das karikirte Bild des ſchwarzen, fran⸗ zöſiſchen Mönchs hingeworfen. Einen Pokal gad er dem Kloſtermanne in die linke Hand, eine Phiole in ſeine d u*— ¹ 75 Rechte, aus welcher der Tückiſche die Todestropfen in den Pokal tröpfelte; zum Ueberfluſſe noch ließ er eine Schlange ſich um den linken Arm des hölliſchen Mund⸗ ſchenken winden, die ihren Kopf zum Becher hob und ihr Gift hineinſpritzte; unter die Zeichnung ſchrieb er: Alſo bändigt die Feigheit den Löwen!—— Er war fertig, wickelte das Pergament zur Rolle und legte ein Blättchen darum. Jetzt ſprang er zum Fenſter, da regte ſich etwas im kahlen Gebüſch, da kam es näher, ein junges Mädchen erſchien mit einem Körbchen im Arm, wo hinein es Buchsbaumſtengel und Ranken von Immer⸗ grün ſchnitt und Aeſtchen vom Lerchenbaum und Wachhol⸗ derbuſch. Ewald ſtieß das Fenſter auf, und ſein halblau⸗ ter Ruf lockte die Kleine bald dicht zum Graben heran. Er fragte, was ſie treibe ſo früh?— Sie war eines Gärtners Tochter, und ſammelte das letzte friſche Grün, um die Tafel auf dem Rathhauſe zu zieren, wo die ge⸗ waltigen Herrn gaſtiren wollten.— Haſtiger fragte er das freundliche Kind, ob ſie Jemanden von den Hofleuten des Herzogs von Lüneburg kenne, und verſchämt ant⸗ wortete ſie: der hübſche Page der Frau Herzogin ſei oft in ihres Vaters Haus gekommen, um Obſt zu kaufen für die Junker. Mit Eile befeſtigte Ewald einen harten Silber⸗ gulden im Bändchen des Pergamentblatts, und ſchleu⸗ derte dann die beſchwerte Rolle glücklich über den Graben hinaus vor des Mädchens Füße. Hebe auf und verbirg's! rief er. Das Geldſtück iſt Dein, wenn Du in Eile den Brief trägſt zu dem Pagen, und ihn treibſt, ohne Aufſchub die Rolle ſeinem Herrn oder ſeiner Herrin zu übergeben. Sei gewiß, auch ſie werden Dich nicht unbeſchenkt von hinnen laſſen.— 76 Die kluge Kleine hob die Rolle auf und barg ſie unter den Buchsbaumblättern. Sie verſprach die Beſtellung, wenn es ihr möglich ſei, durch die vielen ungezogenen Kriegsleute und Hofdiener zu dem hübſchen Pagen zu gelangen, und mit einer wahrhaft beſeligenden Em⸗ pfindung ſah Ewald ſeine niedliche Brieftaube binter den Hecken und Lehmwänden verſchwinden; Gott hatte ſichtlich in letzter Stunde ihm den Boten geſendet, Gott mußte auch nun die Botſchaft beſchirmen und gelingen machen das gute Werk zur Strafe der teufliſchen Meuchler. Von dieſem Vertrauen durchdrungen und erſtarkt, empfing der Maler ſeinen bärtigen Wächter freundlicher als gewöhn⸗ lich, fand ihn jedoch wortärmer, unruhiger und mürri⸗ ſcher als ſonſt, glaubte ſein Geheimniß belauſcht, wurde jedoch beruhigt, als Roſelli ihm erklärte, er möge ſich reiſefertig machen, denn mit der ſinkenden Sonne würde er mit ihm die Stadt verlaſſen. Dem Sankt Markus ſei's gedankt, daß dieſer Lumpendienſt zu Ende gebt! ſetzte der Schwarzbart hinzu. Mit Freude und Kriegsluſt trat ich hinein, denn es ſchien mir ein ungeheures Gaudium, ſo mit einem Schlage ein Dutzend Generale des hölli⸗ ſchen Ketzerheeres verenden zu ſehen, wie man ein Neſt voll Weſpen, die ein Honigtropfen zuſammengelockt, un⸗ ter einer Fliegenklappe niederſchlägt, und ich fühlte mich geehrt, weil der Commandant doch ſeinen treueſten Offi⸗ zier zu ſolch kühnem Kriegsſtück auswählen durfte. Aber Kriegsleute und Pfaffen haben nur darin Aehnlichkeit, daß ſie auf fremde Koſten zehren, ſonſt ſind ſie wie Tag und Nacht. Wir lieben das helle Licht zum ſichern Dar⸗ einſchlagen, ſie die tiefe Finſterniß zum Giftmiſchen, und es wurmt mich recht, daß die Glatzköpfe einem edlen Rudel männlicher Ritter, worunter doch manche brave —— n ** S t 77 Soldaten ſind, einen ſolchen Ratzentod bereitet haben. So eine luſtige Bluthiſtorie wie zu Eger dachte ich mir im Werk, ſo eine ſoldatiſche Hinrichtung, wie mit dem Friedländer, wo es einer kecken und ſichern Fauſt be⸗ durfte, wie die meine iſt. Nun habe ich eine Woche in dem ſchlechten Bauernrocke geſteckt, habe den Spion, die Schildwache, Deinen Kerkermeiſter ſpielen müſſen, und ſoll nun nicht einmal den Zuſchauer bei dem großen Mönchsfeſte abgeben, ſondern die Blutpoſt vorſtellen, welche vom Schaffot zu Hauſe reitet und anzeige, daß die Sünder abgethan. Hol's der Teufel! Hätte man mir nicht den guten Wein aus dem Domkeller geliefert in voller Portion, ich wäre längſt den beiden Barfüßern vom Regimente deſertirt.— Ein Grauen überlief den Maler bei der ungeduldigen Expectoration des gedienten Soldaten, der nur eine Baſis ſeiner Handlungen kannte, die militäriſche Subordination, und ſich dabei ganz glücklich und zufrieden befand, ſeinen heutigen Gram in doppelter Portion Speiſe und Getränk vergrub, und gleich nach dem Mahle Zimmer und Haus verließ, um ſeine letzte Ordre bei dem ſchwarzen, bar⸗ füßigen Commandanten zu holen. Ewald freute ſich, den Geſellen los zu ſein, denn er fühlte den Verrath ſeines Geheimniſſes auf ſei⸗ nen glühenden Wangen, in ſeinen bebenden Händen, aber die Tagesſtunden hatten ihm nie ſo lange ge⸗ däucht. Außen im Garten zeigte ſich keine menſch⸗ liche Geſtalt, vergebens ſah er aus nach der kleinen Gärtnerin, nicht zeichnen konnte er, nicht beten, und Roſelli kam gar nicht zurück. Der Abend war da, die Sonne längſt hinab, da klirrten endlich unten im Hauſe des Wächters Schlüſſel, da ſtampfte es die Treppe 78 herauf, und der Rittmeiſter ſtand vor ihm, mit einem lurzen Schwert umgürtet, einen Zehrſack auf dem Rücken. Nun Freund, biſt Du marſchfertig? rief luſtig der Kriegsmann. Brich auf, denn die Sterne ſind günſtig, des Friedländers Jupiter iſt aufgegangen und dient uns wie dem Schiffer der Polarſtern. Alles ſitzt beim Schmauſe, und die Thorwacht wird uns kein Hinderniß entgegen⸗ ſtellen.— Doch wohin? fragte Ewald mißtrauiſch.— Fürchte nichts mehr, entgegnete Roſelli, und nimm zum Zeichen dafür dieſen Flammberg und dieſen Dolch. Sollten wir Anfall haben von einigen dieſer franzöſiſchen Affen, oder einem Paare deutſcher Bären, ſo wirſt Du mir ein ta⸗ pferer Sekundant ſein.— Und darf ich gehen, wohin mir's beliebt? fragte der Maler weiter.— Das nicht, denn der Ehrwürdige trauet Dir nicht, trotz Deines Eides, verſetzte Roſelli; wir wan⸗ dern durch die Nacht bis zu der einſamen Herberg, welche am Anfange der Waldhöhen liegt, dort erhalte ich am Morgen einen Boten und meinen Rappen, der mich im Fluge zurücktragen ſoll in den luſtigen Kreis der Ka⸗ meraden, wo Waffengeklirr muſizirt und das Herz ſich frei ausſprechen darf. Bis zur Herberg biſt Du noch in meiner Kriegsgefangenſchaft, morgen kannſt Du nach Deinem Bergſchloß pilgern, oder zum Blocksberg oder nach Jeruſalem; das Letztere läßt der ehrwürdige Herr Dir empfohlen ſein.— Ewald war bald gerüſtet, und Beide verließen jetzt das Haus, ſchritten durch den Kloſterhof und traten in die Gaſſen der Stadt. Ueberraſchend traf den lang der Einſamkeit Gewohnten der Lärm auf den Straßen und den Plätzen, und das hin⸗ und herſtrömende Volk, Männer, e — S 8 79 Weiber und Kindlein, das Geſchrei und Geplapper, wel⸗ ches mitunter auch durch wildes Zankwort oder gällenden Jubelruf der Trunkenbolde unterbrochen wurde. Die hohen Fenſter in den Häuſern der vornehmern Bürger erſchienen ſonnenhell erleuchtet mit Kerzen und buntbemalten La⸗ ternen; allerlei Wappenbilder auf geöltes Papier ſauber gemalt, leuchteten vor den Quartieren der Fürſten und⸗ Generale, auch das Wappen der Stadt mit ſeinem gold⸗ gekrönten Adler und dem roſenbekränzten Jungfräulein, brannte vor dem Zeughauſe bei Sanct Michaelis; vor der Weinſchenke und dem neuen Schaden, wo man das berühmte Bier ausgab, drängten ſich die Durſtigen; aber am Rathhauſe tönte das Gelärm am ärgſten; Soldaten aller Farben und Feldbinden zechten vor der Hauptwache und auf dem durch Pechkränze erleuchteten Hofe, das Gebäude ſelbſt ſchimmerte weit in das Dunkel hinaus wie ein feuriger Feenpalaſt, und luſtige Kriegsmuſik, ſchmetternder Trompetentuſch und das dumpfe Gemurmel der Keſſelpauken ſchallte weit über die Markſteine der Stadt hinaus, und rief das neugierige Landvolk in ihre Thore. Ewald ſah ſeufzend hinüber zu den Fenſtern des Feſt⸗ ſaals, wo der Fürſt der Hölle zwiſchen den Sorgloſen umherging, und tückiſch lächelnd die leckere Schüſſel würzte und Scorpionen in den Becher warf. Der Rittmeiſter aber ſchwenkte im Vorübergehen mit grimmiger Geberde den Hut und flüſterte: Wohl bekomm's, Ihr Herren! Gern möchte ich dabei ſein, hättet Ihr beſſere Keller⸗ meiſter. Schade um den edlen Rebenſaft, den man an eine Henkersmahlzeit verſchwendet.— Ewald ſchauderte, indeſſen folgte er geduldig ſeinem brummenden Führer, hatte er doch gethan, was ihm 80 möglich geweſen, und dem allweiſen Weltherrn verblieb die Zulaſſung, wie das Gericht. Sie gingen unange⸗ halten durch das Thor, ohne Aufenthalt fort durch die Nacht, und der Maler freuete ſich, als ſie nach ſechs⸗ ſtündigem Marſche die Herberg am Holz erreichten, und ein warmes Kamin, eine heiße Suppe und eine weiche Streu vorfanden, und ihm erlaubt wurde, dem ermüdeten Körper bis zum anbrechenden Tage Erquickung und Raſt zu geben.—— Der lichte Morgen ſchaute ſchon in das enge, ſchmu⸗ tzige Zimmer, als Ewald erwachte. Sein Gefährte ſtand auch ſchon munter am Fenſter, von wo man die Heer⸗ ſtraße beachten konnte. Mach Dich einmal auf, Kamerad, rief er, und leih mir Deine jungen Augen. Da trabt eine Mähre heran, daß der Staub ihr in Wolken nach⸗ zieht; aber mich dünkt, es könne meine Bote nicht ſein, dazu iſt's faſt noch zu früh an der Zeit, und der Gauch müßte doch auch meinen Rappen am Zügel mitbringen.— Ewald trat zu dem Gefährten und ſtrengte lange ſein Auge vergebens an. Endlich rief er: Nein, das kann nicht Euer Bote ſein, Roſalba; das ſind die Farben des Herrn von Ahſtedt, das iſt einer der ſteifen Hengſte des Bergſchloſſes, und was den rundwangigen Joachim der⸗ maßen hetzt, ſich und ſeinem faulen Roſſe ſo unge⸗ bührliche Strapatze zu machen, bin ich neugierig zu hören. Reitet doch der Burſch wie auf dem Winde, und als wäre der Satanas leibhaftig benebſt der ganzen Hölle hinter ihm.— Er trat hinaus vor die Hausthür und mitten auf die Straße, und der Rittmeiſter folgte. Bald kam der eilige Reiter ihnen näher, und wenige Schritte 7 v 81 von ihnen parirte er den Hengſt mit ſichtlicher Furcht⸗ ſamkeit. Reitet Dich der Teufel, Joachim, ſchrie ihm Ewald entgegen, daß Du das Edelthier des Herrn zu Schanden machſt? Soll ich's dem Nepomuck verrathen, und Dir ein paar Dutzend Peitſchenhiebe auf dem Stroh be⸗ reiten? Ach! ſeid Ihr's, Junker! ſprach der Knecht, inpem er den triefenden Gaul im Schritt herantrieb und ſich ſelbſt mit dem rechten Fauſthandſchuh den Schweiß von dem blaurothen Angeſichte ſtrich. Dem heiligen Barthol ſei Dank, denn ich hielt Euch für ein Paar Strauch⸗ diebe und Mordkumpans; wäre es doch auch kein Wun⸗ der, daß man nach ſolch einer Nacht jeden ehrlichen Chriſtenmenſchen für einen Galgenſtrick und Schnapphan anſehen müßte. Aber haltet mich nicht an, denn mein Botenritt iſt gar wichtig, und was ich von Herzogs Gnaden an unſern Freiherrn zu befehlen, duldet keinen Aufſchub.— Von welchem Herzog? fragte wildauffahrend der Ritt⸗ meiſter und faßte dem Hengſte in die Zügel. Beichte, Burſch, oder ich renne Deinem Gaul meine Klinge in die Weichen, und knüpfe Dich ſelbſt wie eine Lerche mit den Steigriemen an die Weide dort.— Von welchem Herzog? ſtotterte der Knecht ſtarr zu⸗ rückfahrend im Sattel; nun von wem anders, als von dem Herzog Georg, dem Lüneburger, zu dem ich drei⸗ mal geritten bin in dieſen Tagen mit Brieſſchaften und beſiegelten Pergamenten von wegen unſers Herrn, weil der doch wieder umgeſattelt und ſeines Gelübdes halber nicht wollte zwiſchen die Weltmenſchen.— Daß Deine Zunge verdorre im Lügenmaul! Herzog Blumenhagen. XI. 6 82 Georg? Er lebt? ſtieß Roſelli heftig hervor, und ſein Geſicht wurde bleich und ſeine Hand ließ den Zügel fahren. Er lebt, aber welch ein Leben in Jammer und Qual! fuhr der Knecht ſort, und ſeine Stimme klang wie ein wehmüthig Geheul. Selbſt unſer Einem, der doch nicht ſo weich wie die Pagen und Hofherren, mußte es an's Herz gehen, wie der brave, alte Herr winſelte und ſich krümmte und der Angſtſchweiß ihm auf dem Geſicht ſtand. — Ja aus dem großen Gelag, wo es herging, als wäre der Himmel auf die Erde gekommen, iſt ein jäm⸗ merlicher Leichentag geworden, und Alles iſt in Aufruhr in der Stadt, und die Bürger und das Kriegsvolk ren⸗ nen durcheinander als wäre das jüngſte Gericht vor der Thür, und die Poſaune hätte geblaſen.— Und warum, warum? Sprich es aus, Du krächzen⸗ der Unglücksrabe! rief Ewald in tödtlicher Angſt und Be⸗ klommenheit.— Sie ſagen, aller Wein bei der Tafel ſei vergiftet ge⸗ weſen, ſprach der Knecht, und weil den Meiſten der herrliche Trunk gar wohl gemundet und der neue Freund⸗ ſchaftsbund und die Kriegsluſt und Siegeshoffnung ſie ausgelaſſen gemacht, und ſie darum unmäßig genoſſen, ſind ſie umgefallen wie die Fliegen, denen man Gift⸗ ſchwamm gekocht, und viele ſind gleich todt verblieben, als der heſſiſche Landgraf und der kriegsluſtige Schaum⸗ burger. Dem Lüneburger Herzog ward jedoch ein Per⸗ gamentblatt über Tafel gereicht, und als er es entfaltet, iſt er gar erſchrocken geweſen, und hat es dem fürnehm⸗ ſten ſchwediſchen Herrn gezeigt, der ihm zur Rechten ge⸗ ſeſſen, und Beide ſind ſogleich aufgebrochen und haben die Tafel verlaſſen. Aber was half's, da der Warnungs⸗ —„———+„——.— *— 83 brief zu ſpät kam! denn der Medicus der herzoglichen Durchlaucht hat erklärt, daß das Gift ein Höllenbrau geweſen, und keine Arznei zu helfen vermöchte, und auch die nur wenig bekommen, davon müßten über kurz oder lang. Da find Durchlaucht ganz zornig geworden trotz ihrer Schmerzen, und haben mich fortgeſchickt zum dü⸗ ſtern Thale, und unſer Freiherr ſoll ſeinen Schäfer zur Stadt ſchicken, der berühmt iſt im ganzen Stift, weil er alle Kräuter kennt, und Wunderkuren gemacht zu Tau⸗ ſenden, und ſelbſt das tolle gebiſſene Vieh gar oſt vom Tode ſalvirt. Aber hier wird er am Berge ſtehen, denn die todten Herren, die auf dem Rathhauſe lagen, ſahen gar fürchterlich aus, und was kann's nützen, daß die Soldaten einen Lakai erwiſcht und zu nichte geſchlagen, der die Becher kredenzt, und daß das Volk einen Fran⸗ ziskaner⸗Mönch faſt zerriſſen, weil man ihn verdächtig hielt; was todt iſt, bleibt todt, und wer das Ratzengift einmal im Leibe hat, dem flickt Niemand das Gedärm. Doch die Schuldigkeit thut jeder Chriſtenmenſch, und ſollte das Tbier auch darauf gehen, und mir die Lunge berſten; die Roth iſt groß und der Schäfer muß herüber. Kommt nach, Junker, mit Gott! Ihr habt mir ſchon zu lange ſündhaft den Weg geſperrt.— Dorthin flog Hengſt und Reiter, und der Maler ſtand verſtummt, denn das Entſetzen machte ihn zur Stein⸗ ſäule. Roſelli aber ſchlug ſich mit einer wilden Geberde den Hut tiefer ins Geſicht. Adio, Kamerad! ſagte er mit Haſt, Ewald derb die Hand ſchüttelnd. Steht es ſo, dann darf ich keinen Boten und keinen Rappen er⸗ harren, und muß mich auf meine ſteifen Knochen ma⸗ chen, damit es mir nicht ergehe wie den tolldreiſten Klo⸗ ſterbrüdern, die ſich erwiſchen ließen und die böſe Zeche 84 werden theuer zu zahlen haben. Adio, Freund Ewald! Du Faulpelz warſt am Ende doch der Geſcheiteſte. Aber laß ſie die Köche ſchmoren am eigenen Feuer und die Kellner erſäufen im eigenen Faß! Ich bringe Jubelpoſt nach Wolfenbüttel; der Feind liegt am Boden; Vivat Ferdinandus! Gloria der heiligen Kirche!— Er warf ſein Schwert ſich auf die Schulter und ohne weiter zurück⸗ zublicken, ſchlug er einen Fußpfad ein, der ihn bald in die Hölzung und aus den Augen des ihm im ſtumpfen Schmerz nachblickenden Malers brachte. Wenn die Nachricht von einer großen Weltbegeben⸗ heit, an welche das Wohl und Web der Völker ſich knüpft, oder in der große Menſchen untergingen, läuft von Lande zu Lande, ſo vergißt der edlere Menſch auf eine Weile ſich ſelbſt, und hätte ſein Leben noch ſo viele Wunden, ſein Haupt noch ſo viele Dornenkronen, und dieſes ſich ſelbſt Verlieren bleibt gerade ein Zeugniß und ein Prüf⸗ ſtein der höhern Stufe deſſen unter ſeinen Mitmenſchen, der ſich alſo ſelber vergißt. Der Herbſttag ging bereits zur Neige, als Ewald den Hohlweg erkannte, welcher durch den Wald zum Bergſchloſſe des Ritters von Ahſtedt hineinführte. Er ſchrack zuſammen, als hätte ihn ein Donner geweckt, denn bis dahin war er in ſtumpfer Träumerei der Straße nachgeſchlendert, und hatte nicht an ſich ſelbſt gedacht. Nur das Schmerzensbild des edeln Herzogs, das Nacht⸗ gemälde der trauernden Fürſtenfamilie hatte ſeine Phan⸗ taſie beſchäftigt, und er grollte mit dem Himmel ſelbſt, daß er ihm nicht beigeſtanden, das Rettungswerk ganz zu vollenden. Später dünkte es ihm, als habe er mit ckt, ße ht. m⸗ bſt, anz 85 ſeiner Hand ein großes Gemälde der Gräuelsſcenen ſo eben vollendet, und ſtände mit dem farbenaſſen Pinſel in den bebenden Fingern vor dem ungeheuern Wandbilde. Er ſah die Tafel vor ſich im endloſen Feſtſaale, ſah die Fürſten ſinken, von der Natter tödtlich geſtochen, ſah die eiſernen Helden, die keinem Feinde gezittert, bleich werden, da ſie den Zahn des Todfeindes in ihrem Innern fühlten, und ſah ſie mit der Fauſt von Erz in Verzweif⸗ lungswuth den tückiſchen Becher zuſammenquetſchen. Er ſah den herrlichen Herzog dem wilden Banner das Wort Verrath zuflüſtern, und dieſen wüſten Nordländer, der ein Kriegsgott war in der Schlacht, aber zugleich ein abgöttiſcher Diener des Bacchus und der Venus, ſein blondes Haar raufen im auftobenden Zorn, indeß der deutſche Fürſt ſein Auge in Ergebung zur Decke hob, als dächte er: Herr, Dein Wille geſchehe! Jetzt, bei dem Anblicke des weißen Gemäuers da oben, gedachte er zum erſten Male wieder ſeiner ſelbſt, ſeiner Verhältniſſe, und mußte ſich beſinnen auf das, was er dort gewollt, und wie er den Knoten ſeines Schickſals zu durchhauen entſchloſſen geweſen. Bald fand ſich ſein Geiſt zurecht, und er ſtieg die rauhe Seraße vollends hinauf. Das Thor ſtand offen, nur der treue Burgſpitz bellte ihn an, ſprang aber nach kurzem Wächtergeheul an ihm auf, den Bekannten zu bewillkommnen. Von dem Flügel herüber, wo der Freiherr wohnte, klang allein Gelärm, ſonſt lag das Innere des Schloſſes todt und ſtill. Als er aber in die Gallerie zu des Schloßfräuleins Behauſung bog, begegnete ihm der alte Nepomuk.— Er iſt toll geworden, complet toll, rief ihm der Schloß⸗ vogt zu, ſeitdem der Joachim ihm die furchtbare Mähr zugetragen. Er ſchreit und heult wie ein Leichenweib 86 über den Herzog und das verlorene Vaterland, und flucht dann wieder gräßlich auf ſich ſelbſt, daß er von ſeinem böſen Geiſte gebunden, gegen ſein Wort daheim geblie⸗ ben ſei, denn er meinet, ihm wäre der Mordplan nicht verſteckt geblieben. Wir werden ihn binden müſſen, daß er ſich kein Leid anthut.— Und Klotilde? fragte Ewald ohne Theilnahme an der Nachricht.— Sie wird beten in ihrem Zimmer! antwortete mür⸗ riſch und beleidigt der Alte. Es iſt ſo Weiberweiſe, wenn man Arme gebraucht. Ich ſah ſie den ganzen Tag nicht.— Er ging zugleich an ihm vorüber, und der Maler, ohne ſich um den Trotzkopf zu kümmern, ſetzte ſeinen Weg durch die Gallerie fort.— Ohne Anmeldung öffnete er Klotildens Thür und trat keck in ihr Gemach. Die Schloßdame ſaß auf einem Schemel zur Seite des Bettiſches, worauf eine Lampe vrannte. Sie trug das härene Kleid einer Büßenden, ihr langes Haar hing gelöſet und ſchlicht an den Schul⸗ tern herunter, und ſie bewegte den Roſenkranz zwiſchen den zarten Fingern. Die Schüſſel mit Brod und Salz und der Waſſerkrug ſtanden neben ihr am Boden. Bei dem Geräuſch ſeines Eintrittes wandte ſich ihr Geſicht zu ihm, doch blieb ſie in ihrer Stellung, und ſchien weder erſchrocken noch verwundert.— Klotildis, ſprach Ewald herzlich und wehmüthig zu⸗ gleich, da bin ich ſelbſt, Dir die Antwort zu bringen auf eine Frage, die Du an mich thun ließeſt durch Dei⸗ nen Beichtiger. O warum ſchob Dein Mißtrauen den kalten Mönch zwiſchen uns? Warum ſprach nicht Herz zu Herz? Bleibſt Du doch die Engelreine mitten in frem⸗ der Sünde, und ich wäre nicht gewichen von Dir, und * W— 87 wäre nie in dieſe Hölle gerathen, die mich tückiſch feſt⸗ hielt und ſo lange von meinem Paradieſe ausſchloß.— Ernſt erhob ſich Klotilde und trat langſam dem Jüng⸗ ling näher. So haſt Du mich geſehen, wie ich daſtehe, zerſchlagen und befleckt? entgegnete ſie mit gemeſſenem Tone. Und Du verwirfſt mich nicht? Verſchmäheſt mich nicht? Richteſt nicht mit der Zunge der Welt? Genug des Troſtes an dieſem Tage, ſetzte ſie ſchneller hinzu, um den feurigen Ausbruch der Gefühle des Mannes, den ſie kommen ſah, im Keime zu erſticken. Störe heute nicht mein Bußwerk. Dein Mitleid ſchenke mir heute Einſam⸗ keit und Grabesſtille. Verlaß mich, bis dieſe Nacht ihr Morgenroth geboren, denn ich feire ſie nach meinem Ge⸗ lübd als die Nacht meines größeſten Verbrechens, wo ich mir vom Herzen reißen ließ, was die Tigermutter mit ihrem Leben vertheidigt.— Jetzt erſt erkannte Ewald das Beſondere in Klotil⸗ dens Aeußerem; früher hatte er nur in ihre Augen ge⸗ ſchaut.— Heute? Gerade heute? fragte er mit Bitterkeit. Was habe ich denn ſo Arges im Leben gethan, daß mir der Himmel ſelbſt über die Tage ſeine Wolken und Rebel ſenkt, welche der Schlechteſte mit freudigem Taumel feiert? Heute wollte ich mir das koſtbarſte Angebinde erbitten von meiner einzigen Freundin, wollte den einzigen Glück⸗ wunſch, der mir in der ganzen weiten Welt erklingt, ge⸗ winnen, aber die Freundin hält einen Bußtag, wenn ihr Freund ſein Geburtsfeſt begeht.— Dein Geburtstag? fragte Klotilde freudig bewegt und ſtreckte ihm beide Hände entgegen. Er ergriff beide und drückte ſie wechſelnd an ſeinen glühenden Mund, dann legte er ſie auf ſein Herz und hielt ſie da feſt gepreßt, 88 daß ſie mit ſichtlicher Aengſtlichkeit das wilde Klopfen ſeiner Pulſe empfand.— Klotilde, ſprach er traulich, auch ich habe Dir ein Geheimniß verhehlt, was die Zeit für die Welt ver⸗ ſchleierte, was ich im Ringen nach Deinem Beſitze mit ſcheuer Scham verſchwieg wie Du das Deine. Dein Bekenntniß, Du ſchuldloſe Büßerin, hat auch meine Scheu vertilgt, und von jetzt an ſei kein Dunkel mehr zwiſchen uns. Ich hörte den Freiherrn toller toben als je in ſeinem Flügel, darum werde unſere Flucht von hier die That des nächſten Morgens. Zuvor mußt Du jedoch mich ſelbſt kennen. Der Name, den ich trage, ge⸗ hört mir nicht mit vollem Rechte. Ich habe meine El⸗ tern nicht gekannt. Als der alte Herr von Eckartsau ſpät in der Nacht von einem Feſte ſeines Kurfürſten zu⸗ rückkehrte, und, von einem einzigen Fackelträger beglei⸗ tet, durch die mit frühgefallenem Schnee bedeckten Stra⸗ ßen Münchens zu ſeinem Hauſe wandelte, traf ein Wimmern ſein Ohr, und die Fackel des Pagen zeigte ihm ein zartes Kind, das an der Seite des Springbrun⸗ nens, auf den Schnee hingeworfen, verlaſſen dalag. Feine Windeln deckten das Knäblein, und der alte Edel⸗ herr nahm den ſeltenen Fund unter ſeinen Pelzmantel, trug ihn ſelbſt zu Hauſe, und der kinderloſe, reiche Mann erzog den Knaben wie ſeinen Sohn. Ich bin jener Find⸗ ling; nie habe ich meinen Eltern nachgeforſcht, denn au⸗ genſcheinlich hatten die Unmenſchlichen das neugeborene Kind in die Winternacht geworfen, um es hinzuopfern. Ob ich ehelich geboren, ob nicht, weiß ich eben ſo we⸗ nig. Doch daß ich einem edeln Geſchlecht angehöre, wenn auch vielleicht als wilder Sproß eines guten Bau⸗ mes, beweiſet ein Zeichen, das ich an mir trage. Sieh, —— 89 dieſes rothe Wappenbild auf meinem Arme! Iſt auch das Schildzeichen verwachſen durch fünfundzwanzigjähriges Alter, die Schildform und die Krone darauf ſind deut⸗ lich und frei.— Mit immer größerer Spannung hatte Klotilde ihm zugehört und allmählig ihre Hände gelöſet. Als er jetzt ſeinen linken Arm entblößt ihr entgegenhielt, faltete ſie mit dem Entſetzungsſchrei: O heilige Mutter der Gna⸗ den! ihre Hände über dem Kopfe zuſammen, ſo doß er vor der heftigen Bewegung und ihren entſtellten Geſichts⸗ zügen einen Schritt zurücktrat. Langſam ſanken dann ihre Arme wiederum an den ſchlanken Körper hernieder, und ſtarr daſtehend, die Augen leuchtend auf ihn gerich⸗ tet, ſagte ſie eintönig und ſchauerlich: Am ſünfzehnten November im Jahre des Herrn 1615 riß man das Kind meiner Sünde von meinem Herzen. Als ich ſchon wußte des Räubers Entſchluß und in Verzweiflung rang, er⸗ griff ich einen einſamen Augenblick, machte das Petſchaft des Freiherrn, welches zufällig auf dem Tiſche lag, glü⸗ hend an der Lampe und brannte es grauſam auf des Kindes Arm. Entſetzliches Verhängniß! Das todtgelo⸗ gene Kind ſteht der Verwaiſeten gegenüber, aber entſetz⸗ licher! der Sohn freiete um die Mutter!— Eine wilde Erregung ſprach ſich auf Ewalds Ange⸗ ſicht aus. Sein Mund zuckte, ſeine Augen rollten wie im Wahnſinn. Nein! Nein! ſtieß er faſt ſchreiend hervor, in⸗ dem er hart das Weib am Arm ergriff. Du lügſt! Du mußt lügen! Ein irrer Traum fuhr durch Dein Gehirn.— Da löſete ſich Klotildens Starrheit. Zwei volle Thränen rannen aus den ſchönen Augen auf die Wangen her⸗ unter, und beide Arme legte ſie um den Jüngling. Ver⸗ ſchmähſt Du die Mutter? fragte ſie mit zärtlicher Weh⸗ 90 muth. Schiltſt Du die Mutter, deren ganzes Leben eine Trauer war um Dich? O Dank der ewigen Vorſicht; ſie goß die heiligſte Liebe zu Dir in meine Bruſt, ſo wie mein Auge Dich ſah, die Liebe, mit der ich Dich lieben durfte; aber ſie ſetzte die Warnungsſtimme zugleich in mein Herz, welche das ſchrecklichſte Verbrechen zurück⸗ wies.— Da ſank der Mann überwältigt aus ihren Ar⸗ men in die Knie und preßte ſeine ſchweißbedeckte Stirn in ihr härenes Bußgewand.— Ein furchtbares Gelärm auf der Gallerie draußen riß Beide aus der Betäubung dieſes unerwarteten Au⸗ genblicks. Die Thür flog auf, und der Freiherrr ſtand in derſelben, aber in der ſeltſamſten Erſcheinung. Ohne Oberkleid, in weißen Hemdärmeln ſah man die lange, dürre Geſtalt ſich bewegen mit den Grimaſſen einer ita⸗ lieniſchen Pierrotsmaske. An der Schulter hielt er die Viola und ſtrich unbarmherzig durch die Saiten, daß die widerwärtigſten Diſſonanzen das Ohr zerſchnitten, dazu ſchrie er mit kreiſchender Stimme und ſtarr hervorſtehen⸗ den Augen: Streicht, Mufikanten!— Wacker, Trompe⸗ ter, Tuſch, Hochzeitstuſch!— Der jüngſte Tag iſt dal Der Herzog iſt zum Himmel gefahren, und die Berge ſtürzen! Sie müſſen ſtürzen! Da guetſchen ſie die Brut! Sept, ſeht, die große Mausfalle, dort Einen und wie⸗ der Einen!— Halloh! Die Berge ſind gute Schützen! — Fräulein Hildesheim hatte guten Braten auf der Ta⸗ fel und Gott ſei allen Süadern gnädig!— Heſtig trat Klotilde ihm entgegen, den vom Boden aufgeriſſenen Jüngling an der Hand. Haltet ein mit Euren Poſſen, Herr Dido, ſprach ſie mit lauter Stimme und ergreifendem Ernſt. Hieher richtet Euer Auge! Hier ſteht Euer Ankläger! Dieſer iſt Euer Sohn, dem Ihr — 8 97 im Schnee ein Todesbett bereitet, den aber Euer guter mitleidiger Engel gerettet, die Todſchuld von Euch zu neh⸗ men. Aber zittert, ſündiger Menſch, denn wenn Gott nicht kam, ſo gebar Sünde die Sünde, und der Sohn freiete die Mutter, und auf Euer gezeichnetes Haupt fiel die grauſige neue Blutſchuld, die nimmer zu ſühnende!— Die Wirkung dieſes Zurufs war ſo ſchnell wie furcht⸗ bar. Wie angewurzelt ſtand der Wahnſinnige; ſeine Augen ſenkten ſich feſt auf Ewalds Geſtalt; die Viola ſiel aus den erſchlafften Armen zu Boden; dann zuckte es plötzlich über ſein Antlitz bin; die Stecknadel! kreiſchte er. Fort mit der Stecknadel! Hui! da ſitzt ſie! Im Her⸗ zen! Tief im Herzen!— Und in ſich zuſammen ſank der rieſengroße Menſch, die Viola zerpraſſelte unter der Laſt ſeines Körpers, und die ſpringenden Saiten gaben einen nachhallenden ſchrillernden Ton, und der alte Nepomuk konnte den Sturz des Herrn nicht aufhalten und fiel mit ihm in die Knie, und hielt das Haupt des Sterbenden in ſeinen zitternden Händen.— Heftig empor fahrend vor dem gräßlichen Bilde die⸗ ſes plötzlichen Gottesgerichts umklammerte Ewald die Mutter wie in furchtbarer Angſt. Hinaus, Mutter, rief er, hinaus aus dieſem Höllenhaus, wo des Wahbnfinns Krallen nach der Seele greifen und Eumenidenköpfe von allen Wänden grinſen! Fort von dieſem Hochgericht, da⸗ mit uns des Henkers Irrthum nicht packt zugleich mit dem Schuldigen! Fort! denn ich fühle wieder den kalten Kuß der naſſen Todesbraut auf meinen Lippen, und zu⸗ gleich das Gift des Mönchs in meinen Adern! Hinaus, Mutter! Auf dieſen Armen trage ich Dich aus den Gren⸗ zen dieſes verworfenen Landes in ein Friedensland, wo Gott waltet und ſeine Gnade die Unſchuld ſchirmt!— 92 Trage mich, Sohn! Ich folge, denn ich habe nur Dich noch! lallte die Ohnmächtige und ſank an ſeine ſtützende Bruſt, und verbarg ihre Augen vor dem Anblicke des ge⸗ richteten Verführers in dem Lockenhaar des Wiederge⸗ fundenen. I. * — = —= 8 — 8 Vie — Es war ein ſchöner Morgen im Spätſommer. Die Luft wehete friſch und rein, und die majeſtätiſchen Wellen der Nordſee wogten gleichmäßig und mit ihrem gewohnten Rauſchen, das immerdar wie ernſte Warnung die Gewalt der Meergeiſter andeutet, jedoch dem Unerfahrenen keine Ahnung von der Furchtbarkeit ihres Grolls und ihres zer⸗ ſtörenden Zornes erweckt. Zwiſchen der Sandinſel und dem hohen Felſeneiland, auf dem vor Zeiten die Haupt⸗ reſidenz der nordiſchen Götter geweſen, hatten in der Frühe mehre ſtattliche Kauffahrer Anker geworfen. Eingerefft hingen die Segel gleich weißen Faltenſchleiern am Nacken der ſchlanken Maſten; die bunten Wimpel erhoben ſich, nur zuweilen flatternd im leichten Oſthauche, als wollten ſie, der Ruhe wiverſtrebend, mit ihrer Doppelzunge auf⸗ fordern, den Weg durch die Waſſerwüſte im günſtigen Wetter fortzuſetzen; doch die Matroſen ſchaukelten ſich auf den Raen oder ſaßen müßig am Rande des Decks, die Augen ſehnſüchtig den rothen Dächern des Eilandes zu⸗ wendend, wo ihnen mancher Baas bekannt, auf deſſen gaſtlichem Tiſche das meſſingene Feuerfaß immer heiße Kohlen hatte, die große Tabaksdoſe nie leer ſtand und die ſplendide Mutter vor ihrem Schränkchen niemals zu knapp maß. Dagegen hatte die Ankunft der Schiffe das Fahrwaſſer und das Vorland mit einer regen und ge⸗ drängten Thätigkeit gefüllt. Die ſchmeidigen Lootſenböte, . 96 welche die Schiffe herangeführt, verließen mit ihren ab⸗ gelohnten Seemännern das Bord, bauchigte Kähne und breite Jöllen fuhren ab und zu, nach Bevarf ein⸗ und „auszuladen, und auf dem Uferſande drängten ſich die breit⸗ ſchultrigen, ſtämmigen Inſelſöhne, ihre Dienſte anzu⸗ bieten, und bewillkommten mit ihrem dumpfen Jubel⸗ gruße, der eher einem klagenden Unglücksrufe ähnelt, die Landenden. Eine blankgeputzte Slopp ſchoß vom Ankerplatze zum Lande. Die nackte Bruſt der Morgenluft darbietend, ſtrengte ſich das dreifache Zwillingspaar der Ruderer übermäßig an; weit zurückbiegend den kräftigen Ober⸗ leib und mit den ſtarkknochigen entblößten Armen gewaltig die wiverſtrebenden Fluten durch die breiten Schaufeln zum Gehorſam zwängend; ein Beweis für ihre Brüder am Lande, daß der Patron, welcher ſie zum Dienſt ge⸗ miethet, offene Hände gehabt und kein mürriſcher Knauſer geweſen. Mitten im Fahrzeuge ſtand ein anſehnlicher Mann in ſchlichter, aber feiner Reiſetracht; er hatte das dunkle Auge feſt auf das Land gerichtet, Ungeduld malte ſich auf ſeinen männlichſchönen Geſichtszügen, die ſich auch dadurch ausſprach, daß er, noch bevor das Fahrzeug vefeſtigt worden, vom ſchmalen ſchwankenden Rande durch einen kühnen Sprung ſich auf den feſten Sand verſetzte. Unangenehm fand er ſich aufgehalten durch den dichten Haufen der braungekleideten Männer, die einen undurch⸗ dringlichen Kreis um ihn gezogen, und in vielerlei Spra⸗ chen ihm ihre Hülfsleiſtungen anprieſen. Er mußte ſtill halten und ſah ſich nach ſeinem Gepäck um, das einer ſeiner Schiffer ſorglos auf den Strand geworfen; doch ſeine Verwunderung ſtieg, als er Kiſten und Ballen von allerlei Form und Größe, die man für die Inſel vom — S c S 5 5 8 8 S 3 S* 97 Feſtlande mitgebracht, ebenfalls reihenweiſe auf den Sand und das Meergras legen ſah ohne Wächter und Vorſicht, und ſeine Ruderer ſelbſt ihre ſchweren Waſſerſtiefel ab⸗ ſtreiften und dazu warfen; und ſich unbekümmert durch das Gedräng ſchoben, die großen Silberſtücke in der Hand den Nachbarn zeigend, und durch deutliche Geberde ihre Begier nach einem heißen Frühtrunke in der Schenke andeutend. Das Geſicht des Fremden bekam eine höchſt angenehme Freundlichkeit; man ſah, daß ihm dieſe Si⸗ cherheit wohl that, die nur aus dem allgemeinen Glauben an die Revlichkeit dieſer Inſulaner, die er zum erſten Male beſuchte, entſprungen ſein konnte: eine ehrliche Zu⸗ verſicht, die ſehr ſchroff mit ſeinen Erfahrungen auf dem feſten Lande, in den Reſidenzſtädten und ſelbſt den großen Seehäfen im Widerſpruche ſtand. Er hatte zwei der einnehmendſten Phyſiognomien aus dem Haufen erwählt und ihren Inhabern die Hinauf⸗ ſchaffung ſeiner Effekten zur Oberſtadt anbefohlen, ohne über den Lohn zu dingen, und wollte jetzt den Raum benutzen, den man ihm reſpektvoll geöffnet, um zur breiten Felſentreppe zu gelangen, da traf er auf ein neues, un⸗ erwartetes Hinderniß. Ein junger, hochgewachſener Burſch, der erſt eben herangekommen, hatte ihn kaum ins Auge gefaßt, als ſeine Wangen ſich mit dunkler Röthe deckten, er mit ſeinen Gefährten einige heftige Worte wechſelte, und, obgleich ſie den Verſuch machten, ihn zu hindern, gerade aus auf den Ankömmling zu durch das Gedräng ſich Platz zu ſchaffen wußte. Mit ſtarrem, ſtechendem Blicke, verzerrtem Munde, geballten Händen trat er vor den Fremden hin, riß ſich den platten Lederhut vom blonden Haar, und warf ihn im verbiſſenem Grimm zur Erde. Blumenhagen. Kl. 7 98 Guten Tag, Sir, gar lieber Sir! ſchrie er den Stutzenden an. Welcher Seeteufel hat Euch wiederum an dieſen ehrlichen Strand geſetzt, Euch Seelendieb und Ehrencorſaren?— Der Fremde warf den Kopf vornehm und verächtlich zurück, maß den Burſchen kalt von der düſtern gefalteten Stirn bis zum Holzſchuh und fragte deutſch: Biſt Du betrunken oder traf Dich ein Sonnenſtich auf Eurer ſchattenloſen Klippe 2 Ich betrete Euren rothen Stein heute zum erſten Male, und habe noch nie Bekanntſchaft gehabt mit den groben Geſellen, die auf ihm hauſen.— Der Burſch trat etwas verſchüchtert zurück, doch ließ er das verdüſterte Auge noch immer feſt auf dem Geſicht des Fremden haſten. Siehſt Du nun, toller Menſch, fiel ſein Gefährte ein, daß er es nicht iſt. Willſt Du immer noch der ungeſtüme Jack Hämkens heißen? So ein ſicherer Lootſe, und kann einen Dreidecker nicht vom Fregattſchiff unterſcheiden! Hätte ich auf dem Backeberge am Feuerthurm geſtanden, und er wäre in einer Schnigge drunten vorbeigeſchwommen, hätte ich erkannt, ob er's ſei oder nicht. Dummkopf, der das Blei nicht wirft, ehe er in eine Untiefe ſteuert!— Der junge Burſch ſtotterte wie entſchuldigend: Iſt's denn nicht ſein Angeſicht? Und tönnen die Landratten ſich nicht das weiße Haar braun färben und den Graukopf zum ſchwarzen machen?— Aber nicht das blaue Auge dunkel, Du Narr; ver⸗ ſetzte der Nachbar, indem er ſich friſchen Tabak in den Mund ſtopfte; ſo wenig wie ein Pferd die Steige zur Oberſtadt hinauf ſpazieren kann.— Ich verzeihe Dir den Irrthum, fiel der Fremde un⸗ gehalten und um den verdrießlichen Vorfall abzukürzen ge ſt's ſich opf er⸗ den zur un⸗ 99 ein; doch rathe ich Dir, künftig Deinen blöden Augen mit einer Brille zu Hülfe zu kommen, ſonſt möchte eine Klage bei dem Commandanten oder den Rathsmännern Dich aus der friſchen Luft in eine enge Kammer ver⸗ ſetzen.— Ihr meinet ein Gefängniß, Herr? entgegnete der junge Lootſe mit höhniſchem Lächeln, indem er die vorige haſtige Rednerweiſe in den ſchleppenden, unangenehm ge⸗ zogenen Ton des Landes verwandelte. Sucht nur, auf der ganzen Inſel findet ſich kein ſolches Jammerloch, denn wir ſind freies Volk, und bedürfen ſolche düſtere Schand⸗ kajüten nicht für den nutzloſen Menſchenballaſt. Aber ſagt, Herr, habt Ihr einen Bruder, der Euch gleicht wie der Schelfiſch dem Dorſch?— Nein, ich bin meines Vaters einziger Sohn, ant⸗ wortete hart und rauh der Fremde. Ihr habt jetzt Be⸗ ſcheid, den ich gab, um den Ueberläſtigen los zu werden, und nun geht und reizt nicht länger meine überſättigte Geduld.— Herr! Wenn Ihr doch einen Bruder habt, ſo rathe ich Euch, folget nicht ſeinem Kielwaſſer, ſchwimmet ihm nicht nach, thut nicht, wie er that. Es lebt eine Maat⸗ ſchaft auf dieſem Sande, die nicht darnach frägt, ob's ein Wallfiſch oder Hummer, und deren Fäuſte bei Eurem Ebenbilde im Gedächtniß bleiben werden ſo feſt, wie der Mönch im Waſſer ſteht.— Er ſprach dieſe Worte wieder mit Haſt und verbiſſenem Ingrimm, griff dabei den Hut vom Boden auf, ſchlug ihn ſich auf den Kopf, drehete den Rücken her und ging am Strande hinab. Der Fremde wandte ſich ebenfalls vom Ufer zum Felſen hin, kämpfte den Unmuth nieder, und indem er durch die Häuſer der Unterſtadt der Treppe zugeſchritten und an 100 ihr hinaufgeſehen, verflog jede Spur des gehabten Aergers und ſeine Schritte wurden eiliger. Eine freundliche Geſellſchaft ſtieg langſam und anſtän⸗ dig die hohe Himmelsleiter herab, und es fehlte in ihr auch nicht an Geſtalten, die ein träumender Jakob hätte für Himmelsboten nehmen dürfen. Es war der Reſt der Badegeſellſchaft dieſes Sommers, welche die Wohlthätig⸗ keit der Seeluft und des Salzwaſſers ſo dankbar aner⸗ kannt, daß ſie von ihnen nicht früher ſich zu trennen beſchloſſen hatten, als bis die rauhere Jahrszeit ſie ver⸗ treiben würde. Bald hatte der Angekommene raſch bis zu ihnen den mühſamen Pfad erſtiegen, und an der Spitze des Zuges traf er ſogleich, was er zu ſuchen ſchien. Ein zwölfjähriges flinkes Mädchen ſprang drei Stufen zu ihm herab mit dem Freudenrufe: Mama, er iſt's! Es iſt Herr Julius wirklich! und eine alte Matrone, mit einem feinen Geſicht, dem die feindſelige Zeit nicht allen Reiz genommen, ließ den Arm ihres ſtützenden Führers, trat raſcher vor ihn hin, der ſich zu der Kleinen niedergebo⸗ gen und ihre friſchen Wangen ſtreichelte, und fragte mit dem Tone angenehmer Ueberraſchung: Sie auf Helgo⸗ land? Und ſo ſpät? Ich hoffe, wir haben nur einem Glückszufalle dieſes unerwartete Begegniß zu danken.— Hoch weiß ich's zu ſchätzen, gnädige Frau, antwortete Julius, wenn Sie dieſen Augenblick ſo taufen; wenig⸗ ſtens zur Hälfte wäre es eine Lüge, thäte ich daſſelbe. Mein Geſandter muß Berlin mit London vertauſchen. Ich theile das böſe Muß! und eile ihm voran. Hätte ich an dieſem Felſeneiland vorüber ſegeln können, ohne vor⸗ her noch ſcheidend die Freunde zu degrüßen, denen ich ſo viele ſchöne Stunden ſchulde, und die ich hier wußte, ohne Ihnen einen Gruß von der Heimath zu bringen⸗ 101 wo All die Ihrigen wohl find, und Alles unverrückt auf dem alten Plotze ſich befindet?— Indem er ſo ſprach, hatte er ein Ach! auf einer der höheren Stufen vernom⸗ men, das ihm alles Blut auf die Wangen trieb und ſeine fließende Rede gewaltſam hemmte. Schade, recht Schade, ſprach die Matrone mit Herz⸗ lichkeit; wir hatten uns Alle auf den langen Winter gefreuet, in deſſen trüben Abendſtunden wir mit Ihnen auszutauſchen gedacht, was wir hier mitten im Ozean, Sie dort in der Reſidenz erlebt. Das gehört alſo auch zu den vielen menſchlichen Projekten, die gemacht ſind, obne des ſtörenden, gewaltſamen Schickſals zu gedenken. Aber Sie weilen doch einige Zeit auf der Inſel und ſammeln die Eigenthümlichkeiten dieſes beſonderen Völk⸗ chens für Ihr Tagebuch? Ich darf Ihnen gar reiches Material verſprechen. Und Ihre Trennung vom feſten Lande wird doch keine ewige werden? Nein, England wird Sie nicht halten; Ihre Lebhaftigkeit, ihr gemüth⸗ licher Sinn wird in dem kalten, gemeſſenen, ungaſtlichen Gewohnheitsleben der ungeheuern Themſeſtadt ſich krank fühlen, und Sie ſchnell wieder dem deutſchen Vaterlande zurück bringen.— Wir Alle ſind Spielbälle des Zufalls, gnädige Frau, verſetzte Julius verdüſtert. Wem derſelbe kein feſtes Ei⸗ genthum ſchenkte, der muß es in jeder Zone ſuchen. Doch poffe ich auf einige Tage des Troſtes und der Ermuthi⸗ gung in Ihrer Nähe, und werde hier die Ankunft des engliſchen Dampfſchiffes, dem wir in dieſer Nacht be⸗ gegneten, erwarteten.— Die Zeit drängt! Die Fährſchiffer winken ſchon voll Ungeduld! Vorwärts, damit wir nichts verſäumen! kreiſchte eine ſehr lange und ſehr hagere Dame aus den 102 hintern Gliedern, und ein roſſiſcher Offizier unterſtützte die Mahnung, indem er im harten Franzöſiſch auf die Störung zu ſchelten wagte. Wir ſehen uns in wenigen Stunden wieder! ſagte die freundliche Matrone, und der Störer des Zuges wich an den Rand der Treppe zurück, die Geſellſchaft, die ihn theils neugierig, theils unwillig betrachtete, vorbeilaſſend. Ein junges, hübſches Frauen⸗ zimmer, deren blühende Wangen und faſt üppige Körper⸗ formen mehr auf eine freie Jungfrau als eine Sklavin Hymens hätte ſchließen laſſen, wären einige nicht beinahe ſchmerzliche Züge an ihrem runden Munde Verräther der Erkenntniß tieferer Lebensſorge geworden, hatte ſich durch eine vorgebliche Unordnung ihres Anzuges einen Aufent⸗ halt zu machen gewußt, und war ſo die Letzte im Zuge geworden. Julius ergriff mit einer Haſt, die auf hohe innere Bewegung deutete, ihre Hand; doch als ſie das ſchöne tiefblaue Auge zu ihm aufſchlug, ſtockte Wort und Gruß auf ſeinen Lippen. Mit ſichtlichem Beben ſtand ſie vor ihm, und einer zitternden Stimme Seelenklang tönte zu ihm: Julius! Iſt es wahr? Iſt es denn möglich?— Ida, es iſt! ſtieß er ſchmerzlich heraus. Der grauſe, lang gefürchtete Schritt iſt geſchehen; lange Wochen ſchon blutet die Wunde auf meiner Bruſt.— und unwiderruflich? fragte ſie mit halbem Athem und drückte die kleine Hand unter den hochſchwellenden Buſen.— Unwiderruflich, erwiderte er lebhaft; unheilbar, wenn nicht Ida ein ſchnelles, kühnes Heilmittel zu ſchaffen bereit iſt. Böſe Geiſter hetzten mich wie ein todtwundes Wild durch das Land zur Küſte, peitſchen mich über das Meer hierher, denn nur hier— ſo rief die Stimme in mir, —— 103 nur hier kann die Verzwflung geſunden, nur hier iſt Hülfe, die letzte, die einzige.— Iva ſtarrte ihn fragend an. Hülfe? hauchte ihr Mund als ſein Echo. Da klang der Ruf: Adelaide! von unten zu ihnen. Wir logiren in der Stadt Bremen, der Wirth heißt Brooder Nickels! ſtieß ſie erſchrocken heraus, und folgte ſchnellen Schrittes den Gefährtinnen. Julius ſtand unbeweglich, den Hut noch in der Hand; ſeine breiten Augenbraunen hatten ſich über den finſtern Augen zuſammengezogen, finnend ſchauete er der lieb⸗ lichen Geſtalt nach, die ſich bemühete, ſchneller wieder zu der Mutter zu gelangen, die aber dennoch durch eine Unſicherheit, ein Schwanken ihres leichten Ganges, das ſeinen ſcharfen Blicken nicht entging, verrieth, daß ein ungewöhnliches Gefühl ihre Seele ergriffen. Nein, es iſt unmöglich, ſie zu miſſen und doch zu leben! ſprach er laut, indem er dann langſam höher ſtieg, bis er zu dem Abſotz gekommen, wo man eine Bank für die er⸗ müdeten Fremdlinge errichtet. Wieder wandte er ſich hier zurück, ließ die friſche Seeluft durch ſein dunkles Haar und über ſeine heiße Stirn ſtreichen, ſog mit Be⸗ gier die Erquickung ein in ſeine blutvolle Bruſt, und ſchauete angeſtrengten Auges hinunter, indem er verſuchte, zwiſchen dem Gedräng am Strande und in den abſtoßen⸗ den Kähnen die Freundin zu finden. Plötzlich ſchoß er erſchreckt zuſammen. Mit einem kreiſchenden Tone, in welchem auf unaus ſprechliche Weiſe Todesſchmerz und Freudejauchzen gemiſcht erklangen, wurde der Name: William! neben ihm gerufen, und zugleich fühlte er ſich krampfhaft, erſchütternd, mit wildeſter Hef⸗ tigkeit am Arme ergriffen, förmlich umarmt, und ein 104 warmer, reiner Athem ſtreifte ſein Kinn wie im flüch⸗ tigen unſichern Kuſſe.— Ein weiblich Geſchöpf hatte ſich auf ihn geworfen, deren Schönheit ihn überraſchte. Sie hatte den ungeſtalteten Hut der Helgolanderinnen mit dem flatternden Taffetbehang und der roth⸗weiß⸗grünen Binde in den Nacken geworfen, und das reiche Blondhaar“ umflatterte den Engelskopf gleich Goldflechten. Ein großes, reines Auge, in welchem ein ganzer tiefer Nachthimmel von Gefühlen ſchwamm, ließ die Bläſſe des Geſichts überſehen, deſſen regelmäßige Schönheit an die Kunſt⸗ werke des klaſſiſchen Alterthums erinnerte, und die Lan⸗ destracht, der ſcharlachrothe Rock mit dem ſchwefelgelben Bandveſatz vervüllte den ſchlanken, edeln Wuchs nicht, indem er ohne Mißform der bauſchigen Unterkleider ſchlaff und leichtgefaltet bis zur nackten, zierlichen Wade herabfiel. William? ſeufzte nochmals die Dirne zu dem ſie An⸗ ſtaunenden yinauf, doch jetzt im Tone der Frage, und ließ dabei ihre Hände von ihm und trat einen kleinen Schritt furchtſam zurück.— Dank Dir, mein ſchönes Kind, für den freundlichen Gruß! ſprach Julius heiler erregt. Die Begegnung eines reizenden Mädchens in der Frühe verſpricht dem Jäger gute Jagd, und ich merke, das weibliche Geſchlecht dieſer Inſel verſteht es beſſer als Eure Männer dem Gaſte Luſt zu machen für euer Ländchen.— Er hatte ihre Hand ergriffen und wollte ihre Wange ſtreicheln. Doch ſie wich noch weiter zurück, und der feſt auf ihn gerichtete Blick nahm immer mehr die düſtere, ab ſtoßende Starrheit des Auges der Irren an. Du viſt William und biſt nicht William! ſagte ſie gedehnt und eintönig, und wie mit innerm Schauder ſeine Geſichtszüge in ſich ſaugend.— 105 Nenne mich William, nenne mich Julius, verſetzte er lächelnd, aber nimm nicht zurück, was Du mir zum Willkommen gegeben. Stehe nicht ſcheu und fern; gib mir die warme Hand und geleite mich, denn ich ſuche Quartier und irre auf fremdem Boden, wenn mir ſolch liebliche Führerin mangelt. Da, mein liebes Kind, Dein Dut bedarf eines neuen Bandes.— Er hatte einen Silberthaler hervorgeholt und warf ihn auf ihren vollen Buſen. Haſtig griff das Mädchen nach dem Geldſtücke und hielt es hoch vor ihre Augen, die auf einmal blitzten und funkelten. Das iſt eine von den böſen Kohlen, rief ſie laut, die ſie mir aufs Herz geworfen, und die gebrannt heiß und tief, bis ſie das Herz der armen Kiddy zu Aſche gemacht. Was meineſt Du denn, Du närriſcher Menſch, Kiddy ſäße am Stein und hielte die Hand her wie ein Bettelweib? Kiddy iſt eine reiche Frau; ſeine grüne Börſe war ſtraff voll Gold, der Jaspers und die Bufen zählen nicht ſo viel am Sonnabend in ihrer Eiſenkiſte; er erug einen Sonnen⸗ ſtein an ſeinem Finger und einen Blutſtein auf der Bruſt, mehr werth als alle Schniggen in beiden Häfen. Aber das Gold war der Tod; hätte Kiddy's Vater es gehabt, wäre ſie nicht die arme Kiddy geworden. Nimm das Geld; es iſt heiß wie die Hölle, von der der ſchwarze Mann oben in Sanct Niclas predigt.— Thörichtes Kind, ſcherzte Julius ſie an ſich ziebend, fehlt Dir nur das, ſo will ich die Hölle und alle die kleinen Teufelchen, die Dich quälen, baldigſt vertreiben. Mir mangelt der ſchlechte Mammon nicht, und es wird ſchon ſo viel übrig ſein, dem ſchönſten Inſelkinde eine Hoch⸗ zeit auszurichten, wenn ihr Schatz kein allzu eiferſüchtiger 106 Maſſetto iſt, und zu ſolch ſüßem Willkommen, wie Du gabſt, nicht ſcheel ſieht.— Das Mädchen riß ſich gewaltſam los, ihre ſtille Geſtalt bekam plötzlich eine allgemeine Beweglichkeit, ihre Augen rollten, und das Geldſtück flog weit über den Felſen hinab! Du biſt der Meergeiſt, ſchrie ſie, der die Männer frißt und die Weiber verlockt. Du haſt auch ihn getöd⸗ tet und ſein Geſicht geſtohlen. Fort, fort, Du haſt keine Gewalt an mir, denn ich bin ein treues Weib und eine fromme Chriſtin, wenn mir auch zuweilen das Beten ſauer wird, und bin nie unter der Kirche auf das Korteln gegangen. Aber das Kind, mein Kind! Kommſt Du mit ſeinem Geſicht, es zu holen? Nein, nein häßlicher ſchwarzer Geiſt, Du biſt nicht Er, Du haſt tein Recht daran; wage es, wenn Du Dein Geſicht blutig ſehen willſt.“— Fort von ihm war ſie zu einem kleinen flachslockigen Mägdlein geſtürzt, das er bis lange nicht bemerkt, das neben der Bank auf dem Boden ſaß, mit Muſcheln und kleinen Kieſeln ſpielte, und als es die Mutter mit Hef⸗ tigkeit ergriff, laut zu ſchreien begann. Das Bild einer jugendlichen Niobe ſtand vor Julius Augen, als ſie das Kind an ſich quetſchte, in's Knie geworfen ſich über es beugte, und das entſtellte, blaſſe Angeſicht mit den fun⸗ kelnden Augen rückwärts gedreht auf ihn richtete. Er ſtand unſchlüſſig, doch da ſich Menſchen von unten näherten, unter denen die Träger ſeiner Effekten waren, und er des warnenden Ereigniſſes auf dem Vorlande gedachte, ſo verließ er den Platz, ſtieg höher hinauf zum Falm, der eingehegten Kante des Felſens, und, als er nochmals von da weit über das Waſſer geblickt, doch 107 die Kähne der Damen nicht mehr auffand, wandte er ſich zu einem der Schiffer, die in langer Reihe müßig auf das Geländer gelehnt, in's Meer nach neuem Er⸗ werb hinaus lugten, und fragte bei ihm nach dem ge⸗ wünſchten Logirhauſe.— Die Badegeſellſchaft, welche nur noch aus einigen Dutzend Perſonen beſtand und deßhalb noch mehr als vorhin eng aneinander geſchloſſen alle hier möglichen Lebensgenüſſe und ſparſamen Zeitvertreibe theilte, machte Nachmittags eine Promenade auf dem Obertheile des Felſens außer der Stadt. Die unumwölkte Sonne hielt die ganze Fläche mit einem goldenen Strahlennetze um⸗ ſpannt, doch wurde ihre Einwirkung auf der baum⸗ und ſchattenloſen Ebene nicht beläſtigend, denn die friſche See⸗ luft nahm den Strahlen die Schärfe, und ſie that auch dem Auge nicht weh, da der Boden überall mit dem ſchönſten Raſen bedeckt war, der einen Schmelz trug, und ein ſo liebliches Sammetgrün darbot, wie man ihn nur irgend auf den üppigſten Fluren der Erde oder in den durch Gärtnerhand gepflegten Parks der europäiſchen Reichen anzutreffen vermag, und auf dem einige Hunderte langvließiger Schafe, die einzige Heerde der Inſulaner, ſich wohlſein ließen. Darüber breitete ſich ein reiner lichtblauer Kryſtalldom aus, in einer Ausdehnung, die den Sohn des Feſtlandes an die Unendlichkeit des Ueber⸗ irdiſchen erinnern mußte, und ſenkte ſich der Blick, ſo friſchte das Bild der ungeheuren, unbegrenzten Meeres⸗ fläche den ernſten Gedanken neuerdings auf, und die Schiffe, welche in der Ferne hier und dort, kleinen Schwimm⸗ 108 vögeln ähnlich, vorüberglitten, die ſich jetzt auf einer Wellenſpitze ſchaukelten, jetzt in das Wogengrab zu ver⸗ finken ſchienen, und in denen man doch jene künſtlichen Koloſſe des Meeres erkannte, die ſich eine Herrſchaft über das furchtbare Element anmaßten, hoben einerſeits den Stolz in der Menſchenbruſt, drückten jedoch ander⸗ ſeits durch ihre kindiſche Unbedeutſamkeit mitten in dem Leben dieſer in Unermeßlichkeit ſich entfaltenden, groß⸗ artigen Natur den angeborenen und wohlgepflegten Hoch⸗ muth der Adamskinder zu einem Nichts zuſammen. Man hatte dem neuen Gaſte zu gefallen jede Merkwürdigkeit dieſes Raumes noch einmal beſucht, die Ruinen des ver⸗ fallenen Feuerthurmes, den herrlichen Leuchtthurm, dieſes glühende Auge des Schutzgeiſtes der Schiffer, das ihnen leuchtet, wenn ſchwarze Nacht die gefährliche Waſſer⸗ ſtraße verhüllt und wüthende Orkane den feſteſten Segler von ſeiner Bahn geworfen, den Flaggenberg, auf welchem das Panier der erſten Seemacht flatternd die ſtolzen, unbezwungenen Farben zeigt, den Schutz andeutend, den es dieſer kleinen, doch für die Schifffahrt ſo wichtigen Klippe angedeihen läßt, und die drei Ciſternen, deren röthliches Waſſer das größte natürliche Bedürfniß dieſer auf gar beſcheidenes Loos vom Geſchick angewieſenen Inſulaner befriedigt, und deren größte, die Sapskuhle genannt, als das Taufbecken ihrer heidniſchen Vorfahren vom Stamme der tapferen Frieſen betrachtet wird. Ida und Julius hatten endlich den lang durch ſtille Blicke ſich vertraueten Wunſch erreicht. Die Geſellſchaft war auseinander geſprengt; ein Theil derſelben ſaß aus⸗ ruhend auf den graſigen Hügeln; mehre der Jüngeren miſchten ſich zwiſchen die Helgolander Knaben, welche veſchäftigt waren, Fallen und Netze für die Zugvögel L S S 8 8 5 S 109 aufzuſtellen, deren Vorläufer ſich ſchon einzeln hatten ſehen laſſen. Ida und Julius ſetzten in mäßiger Ferne von der Geſellſchaft ihren Spaziergang fort; ſie konnten geſehen, doch nicht gehört werden; Beide waren auf⸗ geregt durch die Umgebung, und die kleine roſenwangige Frau ſchlug den grünen Schleier weiter aus dem Geſicht und legte ihre Hand mit Traulichkeit, ja mit unverhehlter Freude auf des Mannes dargebotenen Arm. O Freund, ſagte ſie, welche bange Stunden hat mir Ihr böſes Wort bereitet! Und doch war es wohl nur ein harter Männerſcherz, den Ihr Geſchlecht ſo gern ſich erlaubt, um unſer ſchwaches Herz zu prüfen und aus der Probe einen grauſamen Triumph zu gewinnen. Nein, es kann nicht ſein; wie könnte ſonſt Ihr Auge ſo hell blicken, wie könnte die Farbe der Freude ſo auf Ihrem Geſichte glänzen? Quälen Sie die Freundin nicht länger; ſagen Sie, Julius, daß es nicht iſt. Sie wollten uns nur auf die Probe ſtellen; wollten erforſchen, ob wir in der fremden Welt unſere Zuneigung für Sie warm und treu bewahrt. Die Lüge, wenn ſie auch eine recht böſe war, ſoll Ihnen verziehen ſein; nicht eine Stunde ſoll die Freundin darüber grollen. Nicht wahr, Sie hatten ein Geſchäft in der großen Hanſeſtadt; Sic eilten, es ſchnell zu Ende zu bringen, ſpendeten die erſparte, der Freundſchaft gewonnene Zeit uns, mir, der Freundin, und kamen uns abzuholen von dieſem einſiedleriſchen Felſen und heim zu führen zu dem feſten, traulichen Dache, wo die vormaligen ſichern, ſtillen Freuden uns ſchon die Arme entgegen breiten?— Julius hatte ſeine Blicke feſt auf ihr ruhen laſſen, er hatte es nicht vermocht, die ſchöne Plauderin zu unterbrechen. Stimme und Wort ſchienen ihm ſo wohl 110 zu thun, wenn auch die Freundlichkeit ſeiner Züge immer mehr einem trüben Ernſte Platz machte. Er nahm die Hand, die ſich feſter auf ſeinen Arm gepreßt und zog ſie näher an ſeine Bruſt. Warum ſetzet nicht augenblicks der Weltgeiſt ſein Siegel unter Ihren Spruch? antwortete er. Er ſollte es, er dürfte es; er ſoll ja nur Güte ſein, nur Ge⸗ rechtigkeit, und wo kam vielleicht unter allen ſeinen Millionen je ein Wunſch aus reinerm und ſchuldloſerm Herzen, und wäre der Erfüllung würdiger geweſen? Aber das Leben der armen Erdenpilger iſt nun einmal eine Miſchung von Nacht und Dämmerung, die nur durch wenige Sonnenblicke unterbrochen wird. Wir wan⸗ dern in einem Labyrinth, deſſen verſchlängelte Wege uns ſo unverhofft zuſammenführen, wie wir uns auf ihnen eben ſo raſch und unerwartet wieder aus einander verlieren, ohne uns jemals wieder zu treffen.— Raſch ſah ſie zu ihm auf, doch eben ſo ſchnell fuhr ihr Blick zurück und ſenkte ſich zum Boden. Alſo doch? ſtieß ſie hervor. Ich konnte den Gedanken nicht faſſen; es war kein Raum für ihn in meiner Bruſt, in meiner Seele; er trug für mich eine Unmöglichkeit in ſich, und doch?— So wäre ich wirklich im Beſitz eines größern Reich⸗ thums geweſen, als mein mäßiger Wunſch geträumt? fragte er lebhaft. So hätte die ſchone Ida, umringt von den bunten Wechſelgenüſſen der Reſidenz, mehr an mir gefunden, als eine angenehme Gewohnheit, eine Zerſtreuung ihrer unbeſetzten Stunden? Ich dürfte wirk⸗ lich einen Theil dieſes reizenden Weſens mir angehörig denken; dürfte den ſtolzen Wahn in der Scheideſtunde hegen, dieſe kleine, liebe Hand würde einen Schmerz — v S v a v— 111 empfinden, einen Schmerz bis in das Herz hinauf, wenn ſie zum letzten Male die meine drückte?— Ida ſah ſtrafend in ſein glühendes Auge. Julius, Sie reden, als ſtänden Sie in dem Prunkſaale Ihres Geſandten. Wenn es iſt, wenn uns nur noch eine kurze Friſt für das, was uns Beiden eine ſo liebe, unent⸗ behrliche Gewohnheit geworden, gegeben iſt, o warum wollen wir denn dieſe Zeit vergeuden, und die leeren Phra⸗ ſen alltäglicher Galanterie wie Todtenkränze daran hän⸗ gen, die eine kalte Hand gewunden, ohne daß eine Thräne in die mißbrauchten Blüten fiel? Beſſer, wir ſagten uns nichts, ſähen uns nur ar immer und immer, um das freundliche Freundesbild uns noch tiefer und feſter einzu⸗ prägen, bis der letzte Händedruck durch das Herz ge⸗ ſchnitten.— Der feſte, kampferprobte Mann ſchaudert vor dieſem Schnitte, und Ida's Lippen zucken nict vor dem Opfer⸗ meſſer? fragte er forſchend.— Ihr ſcharfes Auge durchſchauete mich ſchnell, Julius. Ich bin nur ein ſchlichtes, argloſes Weſen, das, bevor Sie ihm erſchienen, beſcheiden und faſt zufrieden ein armes Daſein für ſeine Beſtimmung hielt, und dem es wie eine Sünde vorkam, über das, was ihm das Schick⸗ ſal gegeben, irgend eine zweifelnde, mißbilligende Be⸗ trachtung anzuſtellen, irgend einen Wunſch darüber hin⸗ aus zu wagen. Eine gute, getreue Mutter bewachte uns mit einer wahrhaft heiligen, opfernden Liebe, und war für uns Muſter, Schutz, und in ihrem verſtändigen immer mild ausgeſprochenen Willen das lebendige, gött⸗ liche Geſetz. Der Nachlaß eines ſorgſamen Vaters eñ⸗ hob uns der kleinen Lebensſorgen; wir hatten uns ge⸗ wöhnt durch der Eltern Lehre, uns nur mit den weniger 112 Beglückten zu vergleichen, und das iſt ja der Hauptquell menſchlicher Zufriedenheit, mag man ſtehen im Daſein, wo man will, hoch oder tief. Doch des Paters früh⸗ zeitiger raſcher Tod hatte der Mutter Auge für die Zu⸗ kunft geöffaet; ſie bangte jetzt zum Oeftern für das Geſchick der Kinder, wenn ſie ſich abgerufen gleich dem Vater von ihnen dachte. Die Brüder waren wohl⸗ erzogen, rückten in den Staatsdienſt, aber lange Jahre mochten noch hingehen, ehe ihnen eine geſicherte Exiſtenz erlaubte, an Eltern Statt Verſorger der jüngern Schwe⸗ ſtern zu werden. Da fiel eines reichen Mannes Auge auf die ſchlichte, reizloſe IJda, und die Mutter ſah in ihm einen von Gott Geſandten, durch den ihr die ſchwerſte Bekümmerniß um die geliebten Töchter auf einmal vom Herzen fiel. Julius, Sie gewannen ſich durch Offenheit und Freimuth das ganze Vertrauen der guten Matter; warum erzähle ich Iynen denn, was Sie ſchon wiſſen, und verfalle ſelber in den Fehler, den ich eben an Ihnen getadelt?— Nein, nein, fiel er mit Heftigkeit ein, Sie fehlten nicht, Ihre Reden ſind keine Vergeudung der Zeit; ſie berühren, was allein zu dieſen Stunden paßt, das Ein⸗ zige, was uns beſchäftigen muß.— Ida, die ſchwär⸗ zeſte Stunde zog über Ihren klaren Lebenshimmel; die guten Engel mußten ſchlafen, alle ſchlafen, als ſie ihre lieblichſte Genoſſin opfern ließen;— Sie wurden an einen Mann gekettet, der in Ihnen nichts ſah, als eine nöthige Ausfüllung des Platzes, welcher in des Wittwers Hauſe leer geworden, als einen Prunk ſeiner verwaiſeten Tafel, als eine Befriedigung ſeiner natürlichen Triebe gleich der Schüſſel und dem täglichen Becher.— Julius! rief ſie faſt erſchrocken.— —— N* 113 Ich ſoll nicht hehlen, ſoll, was das Herz ruft, nicht mit Phraſen der verzerrten Sitte umſchleiern, fuhr er fort; ſo frage ich denn die ſchlichte, trugloſe Ida, in⸗ dem ich die Hand auf ihr Herz lege: iſt es anders Waren Sie Ihrem Gatten je mehr als das? Hat er je den Verſuch gemacht, die Tiefen dieſes ſchönen, ſo reich begabten Herzens zu ergründen? Haben Sie je mit ihm die innerſten Geheimniſſe der Seele ausgetauſcht? Sind Sie ihm je eine Gefährtin, eine Rathgeberin in den Bedrängniſſen des Lebens geweſen?— Und was iſt die Ehe, durch welche zwei fremde Weſen an einander gefeſſelt werden auf dem langen Wege bis zum Grabe, in der dieſe Weſen alle Anſprüche auf die Außenwelt, auf eigenen iſolirten Willen und ſelbſtſtändiges Wirken und Schaffen aufgeben, alle dieſe Anſprüche auf ihr Zwillingsdaſein beſchränken und zuſammendrängen, was iſt ſie, wenn dieſe unerläßlichen Bedingungen unerfüllt bleiben? Iſt ſie dann nicht Spott des Höchſten und Heiligſten, Gottesläſterung in einem Galeerenleben, Mord und Selbſtmord zugleich, Beſchimpfung und Brandmal der Seele, Herabwürdigung der edelſten Zwecke, der zarteſten und zugleich allmächtigſten Empfindungen, eine fortwirkende Schändung, die im eiſigen Froſte herzloſer Hingebung und ohne die heiligſte Weihe der Natur ent⸗ ſtandenen Nachgebornen durch körperliche Erſchlaffung und Geiſtesarmuth denſelben Stempel des Elends auf⸗ drückt?— Julius, Sie find entſetzlich!— Widerlegen Sie mich, wenn Sie es vermögen. Hat der Mann, den Sie Eheherr nennen, je etwas ge⸗ than, das Ihnen ein Zeugniß ſeiner innigen Zunei⸗ gung, ſeiner Hochachtung, ſeines ſtolzen Triumphes auf Blumenhagen. RI. 8 114 Ihren Beſitz darlegte? Sein Comptoir, ſein engliſches Reitroß und ſein abendlicher Spieltiſch find die drei Stationen ſeines täglichen Lebens geweſen, ſo lange ich ihn betrachtet; dieſe galten ihm immerdar mehr als Ihre Freude, und niemals hat er ſie Ihnen geopfert.— Ida hatte ihre Beſonnenheit nach kurzem Kampfe wie⸗ der gewonnen, blieb auch ein ſchmerzlicher Zug um die vollen Lippen noch als Wundmal davon zurück, und ſie legte die ihm entzogene Hand wieder auf ſeinen Arm. Sie ſind ein grauſamer Menſch, ſagte ſie ſanft. Iſt es menſchlich, einen mit einer Entſtellung Geborenen an ſein unheilbares Uebel zu erinnern; iſt es menſchlich, dem Blinden von der Sonnenpracht und den Herrlichkeiten der Welt zu erzählen, die ihm auf immer verſchloſſen wur⸗ den 2— Die Geſchichte der Völker belehrt uns überall, daß wir Weiber zu einem untergeordneten, leidenden, duldenden Looſe beſtimmt ſind, und die Europäerin ſich glücklich preiſen muß vor allen ihren Schweſtern über die Zugeſtändniſſe, welche ſie euch, den Tyrannen der Erde, abgebettelt. Wir ſind angewieſen auf die Freuden der Eitelkeit, auf die kleinen Siege, welche unſere Liſt doch zuweilen dem ſtarken und ſehr weiſen Geſchlechte der Männer zu entringen weiß, wir müſſen uns alle dieſe Fleinlichkeiten groß und wichtig träumen und dadurch uns eine Art von Glückſeligkeit ſelbſt erſchaffen.— Nein, dem iſt nicht ſo, rief Julius; Sie machen ein Pasquill auf Ihr Geſchlecht, indem ſie das Reich der Liebe vergeſſen, das Erbreich jedes reinen, unbefleckten Weibes, worin ſie als Königin zu herrſchen berufen wurde; indem Sie der höchſten Würde nicht gedenken, durch welche Ihr Geſchlecht unmittelbar in die großen Zwecke der Menſchheit eingreift, durch die es geheiligt —— — t 115 daſteht im duftigſten Freudenkranze wie in der Ehrfurcht gebietenden Dornenkrone,—— der Mutterwürde.— Laſſen wir ab von dieſer Selbſtqual, unterbrach Ida ihn mit geſenkten Augen; warum tauchen wir nicht lie⸗ ber in den klaren See der Erinnerungen, und erfriſchen unſer bewegtes, durch den Gedanken an die Scheideſtunde fieberhaft erhitztes Gemüth durch die Betrachtung der ſtillen Freuden, welche uns die Vorſicht geſchenkt und de⸗ ren Nachgenuß uns nicht Zeit, noch Trennung entreißen, ja nur verbittern kann? O ich weiß noch recht gut den Tag, wo Sie zuerſt unſer Haus betraten, es war ein Sonntag, um zwei Uhr vor Tiſch, Sie brachten der Mutter einen Brief von dem Sohne. O Julius, was knüpfte ſich an dieſe Minute, deren Werth ich damals noch nicht völlig erkannte! O wie dankbar müſſen wir Alle, die Mutter, ich, die Schweſter, Ihnen bleiben, für alle die Aufopferung, die Sie für uns hatten, für all jene zarten Beweiſe uneigennütziger Freundſchaft, die Sie uns gaben, für die Einführung in das ſchöne Leben der Künſte, für vielfache belehrende Unterhaltung, für tau⸗ ſend Genüſſe, die uns ſonſt nie berührt haben würden. Seit Ihrem Erſcheinen ging ein neuer, ganz anderer Tag über uns auf; wir entbehrten nichts mehr; waren Sie zugegen, ſchwieg jeder Wunſch; waren Sie nicht da, ſo freueten wir uns auf den Glockenſchlag, der, wie wir mit Gewißheit wußten, Sie zu uns führen mußte; und glauben Sie mir, Julius, völlig wunſchlos betrach⸗ tete unſer Auge die Welt um uns, und wir wären frei von Verlangen, Furcht und Hoffnung geblieben, hätte ſich das nie anders geſtaltet. Der Menſch ſoll ſich beu⸗ gen unter dem Willen des Himmels; nur über Eines bin ich faſt erzürnt, daß Sie ſelbſt uns um einen Theil 116 dieſer ſchönen Zeit beſtahlen, indem Sie mich beredeten, die Mutter in dieſes Seebad zu begleiten.— Täuſchen wir uns nicht ſelbſt, nicht länger mehr, theure Ida! Von jenem Augenblicke, wo ich Sie zu die⸗ ſer Reiſe drängte, begann meine Selbſterkenntniß; es war der Moment, wo der Schleier zerriß, mit dem auch mich die liebe Gewohnheit umwoben hatte. Ich mußte eine Reiſe nach Wien machen; Sie ſollten allein blei⸗ ven wochenlang, monatelang ohne Mutter und Schweſter, allein bei dem Manne, den ich längſt zu achten aufge⸗ pört, und den ich jetzt plötzlich zu haſſen begann. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Ich hatte Sie ge⸗ liebt, Ida, lange ſchon, ſo grenzenlos und innig als bewußtlos; Ihre ſchuldloſe Hingebung hatte mich von dem unumſchränkten Beſitz Ihres beſſern Theils, Ihrer Seele, verſichert; alles Uebrige war mir fremd geblie⸗ ben, und unbekümmert hatte ich das Unabänderliche un⸗ bedacht gelaſſen. Dieſe erſte Trennung weckte das Heer der böſen Dämonen, die dem Erdenſohne kein reines, ungetrübtes Glück vergönnen. Ich ward eiferſ üchtig, eiferſüchtig auf den Mann, der Sie als ſein Eigenthum betrachten durfte, auf dieſen Herzloſen, der gleich einem indiſchen Pflanzer Sie ſich zur Sklavin gekauft, der durch die Ungerechtigkeit unſerer Gebräuche das Recht beſaß, wie mit der Sklavenpeitſche über Ihre Seele und Ihren Leib, Ihre Gedanken, Ihre Gefühle und Handlungen zu wachen, Ihnen zu verbieten und zu befehlen, und ſo ei⸗ ſig und geiſtlos war, nicht einmal zu erkennen, welches Kleinod die unverdiente Gnade des Himmels in ſeine rohe Hand gegeben.— Ida's Hand zitterte auf des Mannes Arm, raſcher flog ihr Buſentuch auf und nieder und ihre Athemzüge, 117 Verräther des innern Sturmes, waren kürzer und ſchnel⸗ ler geworden.— Mann, was thun Sie? ſtotterte ſie ängſtlich. Warum dieſes Bekenntniß jetzt, wo die Wege ſich ſcheiden? Warum zum Abſchiede dieſen Feuerbrand in das ſtille Dach werfen, das Sie gaſtlich aufnahm?— Iſt Ihnen befremdend, unerwartet, was ich geſagt, fuhr er haſtiger zuſammen, ſo ſei es wie ungeſagt, ſo werfen Sie es ohne Zaudern aus Ihrem Gedächtniß als das Schmeichelwort eines Gecken, der die Pauſe eines Walzers mit einer finnloſen Floskel zu füllen verſuchte. Aber nein, Ida, mein Geſtändniß war Ihnen nicht fremd, nicht unerwartet; der Ton, mit dem Sie mich an dem Felſenrande empfingen, ſprach mir es aus, daß auch Ih⸗ nen der Schleier gefallen; daß auch Sie gebannt auf dieſe wüſte Klippe, in der langen Scheidung von mir zur Er⸗ kenntniß unſeres Seelenzuſtandes gekommen, daß auch Sie über das Meer hin gerufen, wie ich es von Ihnen that, zu tauſend Malen that im wüſten Reiſewagen: Er iſt meine Liebe, er war es längſt, und wird es immer bleiben!— Er hatte unbewußt ſeinen Arm um ihren Wuchs ge⸗ legt, und ſie wandte ſich zu ihm, und ihr hochgeröthetes Geſicht berührte ſeine Bruſt. Und wenn ich es nun ge⸗ than, ſagte ſie mit fliegendem Athem, wenn ich es ge⸗ ſtände, unverhehlt dem Freunde, dem mein Herz ſo lang ſchon offen lag, geſtände, was würde für uns dadurch gewonnen werden? Würden wir nicht dem leiſen, lin⸗ den Weh, welches den Handdruck ſcheidender Freunde begleitet, ſelbſt den tödtenden Dolchſtoß getrennter, zer⸗ riſſener Liebe muthwillig zugeſellen? O Julius, welche tröſtende, heilende Antwort vermögen Sie mir darauf zu geben?— 118 Die jubelnde Stimme des flüchtig heranſpringend Marianchens erklang in der Nähe. Die Kleine hatte von einem der Vogelſteller einen der zarten grüngoldigen Vögelchen erhandelt, die als Schmetterlingsjäger auf der Klippe weilen und die Kolibris der Inſel genannt werden, und ſie kam zur Schweſter geeilt, ihr den er⸗ oberten Schatz zu zeigen und ſie um ſeine Bewahrung und Pflege in Rath zu nehmen. Mil Unmuth bemerkte der erhitzte Julius, daß auch die übrige Geſellſchaft ſich wieder geſammelt und nicht gar fern von ihnen zu ſehen war, und raſch ſprach er: Iſt die Antwort ſo ſchwer zu finden? Lautet ſie doch: daß der Menſch nichts muß, was ein feſter Entſchluß, ein heißer Wille von ihm ab⸗ zuwehren vermag!— Mit weitem Auge und erbleichen⸗ dem Geſicht ſtarrte fragend Ida zu ihm auf, und ging vor ihm hin zu den Gefährtinnen.— Man hatte be⸗ ſchloſſen in dem achteckichten Pavillon auf der Norder⸗ ſpitze, Bellevue genannt, ein Veſperbrod einzunehmen, und bewegte ſich jetzt auf dem Landwege dahin, den ei⸗ nige Witzbolde unter den Badegäſten, weil er durch kleine Gemüſefelder führt, die Kartoffelnallee tauften. Die klei⸗ nen Vogelſteller kamen von ihren Fallnetzen und Erdhau⸗ fen heran und boten die gefangenen Thierchen zum Kauf. Ein Altes für einen Schilling! riefen die jungen Schelme, und auf das Mitleid der Damenherzen pfiffig ſpekulirend, tödteten und rupften ſie das hingehaltene Vögelein ſo⸗ gleich, wenn ſich kein Käufer gefunden. Julius hatte mit Verdruß bemerkt, daß Ida ſich dicht an die Mutter geſchloſſen; er erkannte auch den Zwang, mit welchem ſie ihre Augen von ihm zu entfernen wußte; doch war es nicht bedeutungslos für ihn, daß ſie, ſo lange ihre kleine Perlbörſe ausreichte, die Opferthierchen der grau⸗ 2 1¹9 ſamen Vogelſteller loskaufte, ſie ſofort in Freiheit ſetzte, und mit langen Blicken ihrem Freiheitsfluge und ihrer Vereinigung mit der flüchtigen, ſcheuen Genoſſenſchaft nachſah. Auch in dem geſelligen Saale wich die ſchöne Frau nicht von der Mutter Seite und miſchte ſich wenig in die Unterhaltung, ſeltſamer und ihrem Charakter fremd⸗ artiger Weiſe in ein tiefes Sinnen verſunken. Nur als man ſpäterhin von der Platform den Sonnenuntergang betrachtete, und dieſe großartige, unbeſchreibliche Natur⸗ ſcene zuerſt Jedermann zu ſtürmiſchen Bewunderungs⸗ phraſen, die Jüngeren zu lautem, unwillkürlichem Froh⸗ locken trieb, dann aber, als der Himmelsdom ſich uner⸗ wartet ſchnell in tiefes Dunkel hüllte, und der feurige Sonnenball dicht vor ſeinem Verſinken wie eine Zauber⸗ kugel in jeder Minute ſeine Geſtalt veränderte, bald als Sichel, bald als Rhombus, bald als ſprühende Garbe, bald als Wunderblume über der nach ihm greifenden, ſpritzenden Meeresflut erſchien, und durch die Kirchenſtille, in welche dieſes Schauſpiel Alles verſenkt hatte, auf ein⸗ mal hinten Julius Stimme tönte, der einer Nachbarin zurief: Sehen Sie jetzt, es iſt ein rothglühender Rie⸗ ſenkelch mit Blut und Feuer gefüllt, den der liebeheiße Gott ſeiner mächtigen, in Verlangen wogenden Braut zum RNachtmahle reicht!— da wandte ſich Ida's Geſicht plötzlich auf einen Augenblick zu ihm um, und er ſah einen Schmerz, eine Wehmuth in den ſanften Zügen, die ihn erſchütterten.— Obgleich die eigentliche Zeit des Fiſchfanges im Gro⸗ ßen noch nicht da war, ſo hatte ſich doch eine Fiſcher⸗ compagnie bewogen gefunden, aus Dankbarkeit den wohl⸗ 120 thätigen Gäſten am Tage darauf ein kleines Abbild dieſes wichtigſten Geſchäfts der Inſelbewohner vorzuführen. Als die Geſellſchaft, aus den jüngeren Damen und Herren beſtehend, zum Strande kam, fand ſie ſchon Alles vor⸗ bereitet. Schon wiegte ſich ein niedliches Segelſchiff mit dreifarbigen Wimpeln und weißen Fittichen auf der Flut; ſchon ward ein zweites geräumiges Ruderbvot mit den nöthigen Geräthſchaften belaſtet. Man trug die großen Mulden zur Aufnahme der Beute hinein; ſorgſam nah⸗ men die Fiſcher die endlos ſcheinenden Taue vom Sande auf, mit denen zahlloſe Angelſchnüre verflochten waren, an deren Widerhaken in letzter Eile die thätigen Fiſcher⸗ buben mit Geſchick die Köder, die dünnen grünen Fiſch⸗ lein der Dünen, Sandſpiren genannt, zu feſtigen ſich abmüheten. Alles durchwand ſich in rührigem Leben und freudiger Bewegung, und der ſpät herankommende Julius drängte ſich zu ſeiner Freundin und reichte ihr die Hand, ſie zu dem Brette zu führen, das als Brücke zu dem Ruderboote dienen ſollte.— Zürnet Ida noch? fragte er halblaut und zu ihr hin⸗ abgebeugt, doch nicht wie im Tone der Furcht, die vom Zürnen der kleinen Frau erweckt worden.— Sie haben mir eine böſe, recht böſe Nacht gemacht, flüſterte Ida zurück. Ihre grellen Schilderungen haben recht häßliche Betrachtungen, recht ſündhafte Zweifel in mir herauf gerufen. Ich war wie mit mir ſelbſt zer⸗ fallen, ja zerfallen mit Allem, was mir nahe ſteht, ſelbſt mit Ihnen, Julius. Und was muß aus einem ſchwa⸗ chen, gebrechlichen Weibe werden, wenn es zu denken wagt, wenn es gar an ſeiner Beſtimmung zu zweifeln beginnt! Spät entſchlafen, träumte ich zuletzt von nichts als dem großen, glühenden Kelche, aus dem wir Beide 121¹ trinken mußten und Beide augenblicks den Tod tranken. Nein, Julius, legen Sie Ihre Freundin nicht wieder auf ſolche Folter. Wir Weiber ertragen leichter den höchſten Schmerz, wenn er ſchnell kommt und geht; aber eine langſame, ſchleichende Pein reibt uns auf, und verzehrt unſere Lebenskraft. Sie ſind ein kluger Mann, Julius; ich ſah Sie nie etwas thun oder reden, das Sie nicht voraus bedacht, von dem Sie ſich die Abſicht nicht klar ausgebildet. Darum müſſen Sie entweder ſofort wieder der ruhige, heitere Freund von ehemals werden, und wir wollen dann Ihre abſcheuliche Stimmung von ge⸗ ſtern dem erſten Eindrucke dieſes Steinneſtes oder der Seeluft zuſchreiben, oder Sie mir ſogleich offen und ehr⸗ lich ſagen, was Sie beabſichtigen, was in Ihnen ſo un⸗ geſtüm und zerſtörend kocht, und mir vor Allen ihr letz⸗ tes Räthſelwort erklären, das wie ein Stein auf meinem Herzen laſtet.— Sie fanden die rechten Ausdrücke, Ida. Es kocht un⸗ geſtüm, zerſtörend in mir. Die gährende, ſiedende Lava fordert den Ausbruch, komme nachher, was da wolle. Haben Sie in dieſer Nacht den Geiſt in Ihnen nicht ge⸗ fragt? Hat er Ihnen den Räthſelſpruch nicht gedeutet? O ich gäbe Vieles darum, Sie ſelbſt hätten die Löſung gefunden und riefen ſie mir entgegen!— Der Geiſt ſprach, entgegnete Ida und ein leiſer Schauer bewegte den reizvollen Körper; aber ich wies ſein Ge⸗ ſpräch von mir, denn es war mir, als ſei es nicht der gute Geiſt meiner früheren Zeit, den ich hörte. Julius, ſchnell und offen die Löſung!— Nicht hier, Ida! Kommen Sie. Indeß noch Aller Neubegier ſich am Strande beſchäftigt, ſuchen wir im Schiffe den geheimſten, hinterſten Sitz. Nur dort 122 draußen, weit im Meere dort, wo wir getrennt ſind von unſerer Vergangenheit, wo alle die Geckengeſtaltungen und Affenbilder unſerer armſeligen Mitwelt von uns laſſen, wo wir allein ſind, ich, Ida und der große Weltgeiſt, da ſollen Sie hören, was ich ſprechen muß; dort, wo uns keine Kette hält, wo die Welle nach uns heraufgreift, wo die grauſigen Meerungeheuer uns umſpielen, dort im Reiche des ewigen Naturgeſetzes, das der elende Menſch verkrüppelt und nach dem zwergigen Maaße ſeiner Thor⸗ heit zuſchneidet, dort wollen wir aus dem rieſigen Kelche das Loos unſerer Zukunft ziehen.— Ida verſtummte und folgte ihm nach der ſchmalen Brücke des Ruderbootes. Schon hatte ſie den kleinen Fuß auf den Rand geſetzt, da trat ſchnell ein breitſchul⸗ teriger Graukopf im blaugeſtreiften Schifferhemde hinzu und warf die Spitze ſeiner Bootsſtange zwiſchen ſie und ihren Weg. Holla ho! rief er. Die Herrſchaft hält unrechten Strich und kommt vom Fahrwaſſer in die Untiefe!— Was willſt Du, Alter! erwiderte Julius unwillg. Und was kümmerts Dich, welchen Platz wir nehmen, wenn Du nur Dein Trinkgeld bekommſt?— Der Herr verſteht das nicht, verſetzte der Alte mit Freundlicher Strenge; und iſt wohl zum erſten Male da⸗ bei. Hier hat Michel Block zu commandiren, denn er iſt der Altmann der Compagnie, und nach ſeiner Pfeife muß tanzen, wer die Reiſe mitmachen will. Die Sloop iſt nur für die gnädigen Herren; die zaghaften Weibſen wür⸗ den uns ſchön den Spaß vertreiben, wenn ſo ein klafter⸗ langer Hai im Raum ſich todtſparlete und das Gebiß ſehen ließe. Dort, die Schmacke mit dem Segel iſt für die Frauen hergeſtellt, und die Angelſchnüre für die fried⸗ it iſt ß iſt iß ür d⸗ 123 fertigen Makrelen ſind ſchon rundum am Spiegel aus⸗ gehängt.— Julius biß die Lippen und auch Ida's weiße Stirn bewölkte ſich; doch mußten Beide ſich fügen, und da des alten Fiſchers lauttönender Einſpruch die ganze Genoſſen⸗ ſchaft herangelockt, und unter ihnen auch die ſehr lange und ſehr hagere Dame herbeitrat, und zu Ida's Freunde gewandt nicht ohne etwas hämiſche Manier erklärte, daß die Mutter für heute die kleine Frau unter ihren Schutz geſtellt und ſie ihn von ſeiner Ritterpflicht dispenſire und ſchon mütterlich ſorgen würde um ihre Anbefohlene, ſo blieb ihnen kein Augenblick weiter zur Erklärung oder Abrede, und die Einſchiffung der getrennten Geſchlechter wurde ohne weitern Aufſchub bewerkſtelligt.— Die See war ruhig, das Wetter ſchön. Man fuhr weit hinaus auf dem beweglichen Spiegel und das Segel⸗ ſchiff kam dem großen Boote, das einige zwanzig Män⸗ ner trug, bald voraus, und man ſah es fern ſeinen ru⸗ higen Fiſchfang beginnen. Das Boot dagegen bog ab vom geraden Striche und zur Seite, und ſuchte eine Tiefe von zwanzig bis dreißig Fäden, wie das Geſchäft es forderte. Als dieſe gewonnen, kam auf einmal eine heftige, faſt leidenſchaftliche Thätigkeit in alle die Helgo⸗ lander Männer und Burſchen. Sie waren jetzt mitten in dem Elemente, für das ſie geboren; eine freudige Un⸗ ruhe bewegte die ernſten, trockenen Züge; die gebräun⸗ ten Geſichter von Jung und Alt überflog eine dunklere Röthe; ihre heiſcheren Stimmen klangen reiner und lau⸗ ter, und die mit Taback gefüllten Backen bewegten ſich ſchneller. Der alte Generaliſſimus der Fiſchercompagnie griff zu dem Geräth, lüftete den Hut und blickte andäch⸗ tig zum Himmel empor. Sein Geſicht verklärte ſich zum 124 Apoſtelgeſicht, wie ein vertrauender Petrus ſprach er: Herr auf Dein Wurt! und der erſte Anker ſank in den Grund und über ihm ſchwamm die Boye, ein ſpitzi⸗ ges Tönnchen mit ſchwarzen Fähnlein, anzudeuten, wo der Anfang des Taues, welches die Angelſchnüre trug, geworfen ſei. Weiter ſchwamm jetzt das Boot, und lang⸗ ſam ward während der Fahrt immer mehr von der Länge des Taues hinabgeſenkt, ein zweites Anker ausgeworfen, und zuletzt als in bedeutender Ferne das Geräth endlich ein Ende nahm, an deſſen äußerſte Spitze die ſchwarze Blaſe befeſtigt, welche das Ziel des Jagdreviers anzu⸗ deuten beſtimmt, und die in der leichten Strömung mun⸗ ter und ſchweigſam gleich einem getreuen Schweißhunde auf den Wogen zu ſpielen ſchien. Man fuhr jetzt wie⸗ der zurück zum Anfangspoſten, und die intereſſante Scene begann. Die Burſchen hatten ſich eines Theiles ihrer ſchwe⸗ ren, oft dreifaltigen Bekleidung entledigt, und ſtanden mit Meſſern und Haken gerüſtet da, begierige Blicke auf die bewegte Waſſerfläche ſendend. Der alte Michel Block warf den Wachstuchhut ab, umgürtete ſich mit der Woll⸗ ſchürze, und bewehrte ſeine Hände mit dem derben Fauſt⸗ handſchuh, als gälte es einen ſchweren Kampf mit dem Meergeiſte um ſeine Kinder und Lieblinge. Der kräftige Greis, deſſen graues, krauſes Haar im Winde flatterte, und der ſich mit der Linken gegen das Bord geſtemmt und das funkelnde Auge in die Tiefe richtete, war nicht uneben einem jener normanniſchen Meereshelden zu ver⸗ gleichen, die in der Welthiſtorie einſt eine große Rolle ſpielten, und zu deren Rachkommen er vielleicht wirkrlch gehörte. Jetzt griff er hinein in die Flut mit der rech⸗ ten Fauſt, packte das Seil an der Boye und fing an es — h un v— vw u„ F—„ v 125 aufzuziehen, und ſo wie ein Seebewohner ſich an den Angeln zeigte, ihn mit meiſterhafter Geſchicklichkeit vom Eiſen zu löſen und in das Boot zu ſchleudern. Alle ſeine Genoſſen, die Ruderer ausgenommen, griffen nun mit ihm zu und waren ihm behülflich, denn der Fang ſchien ergiebig, und es wimmelte bald in den Mulden und im Raume von ſpringenden und plätſchernden Schuppenthie⸗ ren, von den in Silber und Gold verharniſchten Raub⸗ geſellen des Ozeans. Julius hatte bislang wenig Acht gehabt, denn eine verfehlte Hoffnung preßte ſein Herz. Sein Auge be⸗ wachte das ferne kleine Segel, obgleich er vergebens unter dem Gewühl der bunten Shawls und Schleier aufzufinden verſuchte, was ſeine Seele einzig und allein beſchäftigte. Er hatte einen großen amerikaniſchen Drei⸗ maſter ſtolz an dem kleinen Segelbvote vorüberſchwim⸗ men ſehen, hatte ein inneres Zagen nicht bemeiſtern kön⸗ nen, das mächtige Schiff mochte den kleinen Verwand⸗ ten beſchädigen, da dieſer gleich dem Täubchen, das von einem Geier ſich furchtſam niederduckt, in ſeinem Schat⸗ ten verſchwand; und als der Dreimaſter ſich entfernte und anderen Welten entgegenſchwamm, hatte das Zagen ei⸗ ner ſtillen, ſehnſüchtigen Wehmuth Platz gemacht. Das lebhafte Treiben der Fiſcher zog erſt jetzt ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit an, und die zahlloſe Verſchiedenheit, die Man⸗ nigfaltigkeiten der Geſtalten und die bizarren Formen dieſer Seegeſchöpfe nahm ſeine Wißbegierde in Anſpruch, ſo daß er ſeinen Platz wechſelte und ſich ganz in die Nähe des alten Michel Block verſetzte. Das poſſierliche Knurr⸗ hähnchen, der einzige Redner in dieſer großen Volksver⸗ ſammlung, welche ſchweigend ſich freuet und ſchweigend duldet, ergötzte die Geſellſchaft. Man bewunderte den 126 hochgeputzten Muskadin des Meeres, das dickköpfige Pe⸗ termännchen, das mit ſeinem Scharlachkleide und blau geſäumten Pilgermantel gleich einem Prinzen unter dem gemeinen Gefindel ſtrahlte, und dadurch den Vorzug ge⸗ wann, zum Ergötzen der Damen in einem eigenen Kü⸗ bel aufbewahrt zu werden. Doch die Spannung ſtieg auf das Höchſte, als jetzt der Fiſcher nach einem ſchar⸗ fen Blick in die hier faſt ſchwarzblaue und doch ſpiegel⸗ klare Tiefe ſein dumpfes Hollaho tönen ließ, dann die Fauſt zurückzog, ſeinen Hakenſtab ergriff und mit Macht hinunterſchlug. Ein klafterlanger Hai raſete an der Schnur. Der Haken fuhr ihm in den Bauch, und wie ein athle⸗ tiſcher Keulenſchwinger ſchleuderte der Greis dieſe Hyäne der Waſſerwelt geſchickt in die Mitte des Bootes. Mit Schreck ſahen die Söhne der Refidenzen dieſes gefährliche Unthier plötzlich zu ihren Füßen, wie es den doppelt⸗ bewaffneten Rachen öffnete zum Angriff und zornig um ſich ſchlug im Gefühl ſeiner Wehrloſigkeit auf dem frem⸗ gen Boden. Man zog ſich zurück, bis die flinken Meſ⸗ ſer ihn geſchlachtet, und gedachte aller Geſchichten von der Furchtbarkeit dieſes gierigen Meerwolfs, als man ſah, daß der Verblutete und Todtgeglaubte bei jeder An⸗ näherung wieder neues Leben zu bekommen ſchien und ſeinen Grimm noch im Sterben gleich einem unbezwing⸗ baren Schlachtenfürſten durch Schütteln des Unmuths und Zuckungen der Rache andeutete. „ Glicklich und unter Frohlocken war man ſo bis zum zweiten Anker gekommen; doch hier änderte ſich die gute Laune des Tages. Der kleine Anker ſaß feſtgeklemmt im Grunde und wollte ſich ſelbſt durch vereinte Anſtrengung der Fiſcher nicht heben laſſen. Der alte Block ward un⸗ geduldig, wies alle Burſchen zurück, und griff, weit ſich — S u 8 8 n S u 127 überbiegend, mit ſtarkem Arme nach dem Tau. Seine Bewegung ſchien Sieg zu verſprechen, aber plötzlich brach das Tau morſch entzwei mit dem Tone eines zerſprin⸗ genden Stahles; der Anker blieb unten, und durch den gewaltigen Schlag, der des Mannes auf's Aeußerſte ge⸗ ſpannte Anſtrengung durchbrach, verlor der Greis das Gleichgewicht, und ſchoß vom Bord kopfüber in das Meer hinunter. Wie verſteinert ſtanden die Burſchen einige Sekunden lang; Julius aber, der die eigentliche Gefahr nicht kannte— das eiſige Sturzbad nach ſolcher Erhitzung;— und ſie darum nicht fürchtete, warf ſich ohne Beſinnen über Bord, und indem er die linke Hand feſt um den Rand des Bootes klemmte, tauchte er bis zum Munde in die Flut und erhaſchte mit der Rechten den Schurz des Alten, und zog ihn daran aufwärts. Heranſpringend griffen auch die Burſchen jetzt zu, und bald ſtand Michel Block nebſt ſeinem Helfer wieder auf feſtem Boden. Mit einem wahrhaft grimmigen Geſicht ſtrich ſich der Greis das Salzwaſſer aus den Augen und Haaren und ſpuckte lange den ſcharfen Trank von ſich und ſchüttelte dabei wie im Fieber die dürren Gliedmaßen. Gaudiebe, brummte er zugleich in ſich hinein, die ſich von einer Landratte vorthun laſſen, was ihnen zukömmt! und dann ſchnell zur völligen Beſonnenheit übergehend, ſetzte er befehleriſch hinzu mit einem Jammerblicke auf das Waſſer: Alle Fäuſte an's Ruder, Ihr faulen Seekrabben! Zu der Blaſe, zu der Blaſe, ſonſt geht Alles verloren.— Wie vor dem ſchärfſten Winde ſchoß das Boot durch die Wellen, und Falkenblicke fuhren ſuchend vor ihm auf. Aber die ſchwarze Blaſe zeigte ſich nirgend; ſie mußte ebenfalls geplatzt oder in einer Strömung untergegangen 128 ſein. Eine ſeltſame Stimmung gab ſich auf einmal bei allen Helgoländern kund. Nachdem das Fahrzeug zur Heimkehr gewendet, ſaßen ſie Alle ſtill nieder und ſtarrten wie Scheintodte in's Blaue, und in dem eben ſo lebenvollen Raume vernahm man nichts als das An⸗ ſchlagen der Wellen und das gleichförmige Platſchen der Ruder. Selbſt der muthige Alte ſaß niedergedrückt am Steuer, und erſt nach längerer Weile hörten die betrof⸗ fenen Fremden von ihm den halblauten Ausruf: Schlimme Zeichen, böſe Vorbedeutung für den ganzen Herbftfang! Da werden Weib und Kind gar knapp anbeißen müſſen, und oben auf dem rothen Waſſer wird nicht zu luſtig geſprungen werden.— Wußte ich's doch zum Voraus; es iſt ein ſchlimmes Geſicht am Bord und es mußte ſo kommen! antwortete der Ruderer ihm zunächſt, indem er verbiſſen zu ihm aufblickte, derſelbe, in welchem Julius längſt den tro⸗ tzigen Jack Hämkens erkannt hatte. Man hatte ſich übrigens bis lang gar nicht um Julius bekümmert, und ſelbſt der alte Michel ſchien undankbarer Weiſe nicht bemerkt zu ha⸗ ben, daß er ſeine durchnäßten Oberkleider abgeworfen, aus⸗ gewunden und zum Trocknen aufgehängt. Gedrückt durch die Stimmung fragte Julius: Väterchen, iſt denn Euer Schaden ſo groß?— Brauchts noch der Frage? fuhr der Greis mürriſch auf. Achthundert Schnüre mit neuen Hacken ſind ge⸗ worfen. Kaum dreihundert ſieht der Herr da vor ſich. An zwanzig Mark mag's koſten, und die armen Thiere zappeln dazu drunten und faulen ohne Nutzen.— Courage, Alterchen! fiel Julius lächelnd ein. Der das Meer ſchuf und die Fiſche und uns, waltet über ſeinem Werke und ſchaltet mit ſeinem Eigenthume, wie's * — er 129 ihm gerade beliebt. Kannſt Du dagegen? Die zap⸗ pelnden Thiere werden auch dort unten ſchon Jemand finden, der ſie mit Luſt verſpeiſet, denn überall iſt ja Einer über dem Andern in dieſer Welt und wer die Schuld hat, muß den Schaden tragen.— Drei Goldſtücke, die er dabei auf das Knie des Alten legte, änderten wie durch Zauber Geſichter, Stimmung und Haltung dieſer Rolandsſäulen. Ein lautes Ah! der Verwunderung tönte wie ein Lauffeuer die Reihen hin⸗ ab, Alles drehte die Augen her, um ſich zu überzeu⸗ gen, und der alte Block ſprach eintönig: Verſah ſich der Herr auch nicht? Das wäre ja genug für Geräth und Fang zugleich!— Braucht's mit Glück! ſprach Julius verdüſtert, denn er ſah das Segelſchiff ſich nähern. Wer weiß, ob mir der Mammon morgen noch nöthig.— Doch eine andere Perſon ſchien er von jetzt an für die kaltherzigen Männer geworden; Jeder, den kein Ge⸗ ſchäft feſſelte, drängte ſich dienſtfertig zu ihm heran und der Alte ſelbſt ſtand auf und rief: Potz Dünen und Korallenriffl Da ſteht der Herr noch im naſſen Netz, und iſt ſolch Bad nicht gewohnt und könnte ſich den Tod holen um des alten Blocks willen, der nicht mehr werth iſt wie ein abgetakelt Blockſchiff. Nehmt's nicht bös auf, Herr, daß uns mit dem Tau der Kopf zer⸗ ſprungen, und die Jungens ſiehen auch da, und haben Augen wie ein abgeſtandener Schelſiſch.— Von zwanzig Händen fühlte ſich Julius ergriffen, entkleidet, getrocknet, und Jeder mühete ſich eiferſüchtig ihm einen Theil ſeiner Kleidung aufzudrängen und ſelbſt der wilde Jack drückte ihm ſeinen platten Hutdeckel auf den Kopf, ſo daß er ſich wie durch Zauber augenblicks uns zur Beluſtigung 9 Blumenhagen. XKI. — 130 einer Genoſſen in einen vollkommenen Inſelmann ver⸗ wandelt ſah.— Das Segelſchiff näherte ſich indeſſen immer mehr und hielt bald denſelben Strich mit dem Ruderboote. An der Bewegung der Menſchen in ihm ließ ſich leichtlich erkennen, daß die Landsleute drüben durch die ſchnelle Beendigung des Geſchäfts und die übereilte Rückfahrt zu der Vermuthung gekommen, ein beſonderer Unfall müſſe ſtatt gehabt haben. Man ſchrie herüber und hin⸗ über, doch die hoher gehende See, ein ſtärkerer Wind, der ſich aufgemacht, und eine Strömung, die das Boot abwärts trieb, verhinderte jede Verſtändigung. Man ſah die Damen alle gedrängt am dieſſeitigen Bord des tleinen Seglers, und Julius erkannte leicht die ſchöne Ida unter ihnen, welche lebhafter als die übrigen ihr weißes Tuch flattern ließ, von dem Grauſamen aber vorſätzlich keinen Gegengruß empfing.— Die beiden Fahrzeuge legten auf verſchtedenen Plätzen des Vorlandes an, und kaum auf dem Trockenen eilte Ida mit flüch⸗ tigem Fuße heran zu dem Orte, wo die Herren ausge⸗ ſtiegen; todesbleich war ihr Geſicht und ihr Auge ſuchte unſtät zwiſchen dem Männerhaufen. Ein Blick in den blutgetränkten Raum des Bootes ſchien wie im Sterbe⸗ ſchauder ihre Schultern zu bewegen, ſie faßte mit Haſt des grauköpfigen Fiſchers Arm, und kaum vermochte ſie aus der beklemmten Bruſt die Worte hervorzuſtoßen: Wo iſt er? Wo ließet Ihr den Fremden? Habt Ihr Herrn Julius nicht mitgebracht?— Der Alte ſchien ſie nicht zu verſtehen, doch hinter ihr ſtand ein Anderer, dem das rauhe Bruſtwamms, die grobe Posruntje vor innerm ſchwer verhehltem Entzücken bebte, der ſie leicht umfaßte und leiſe ſprach: der geht nicht verloren, über dem die 131 Seele einer Ida gewacht.— Sie wandte die Augen her, ein ſchwerer Seufzer leichterte die Bruſt und ſie ſchien nahe daran, zu Boden zu ſinken. Du haſt geantwortet, Du haſt entſchieden, meine Idal flüſterte er, ſie ſtützend. Dieſer Augenblick machte klar, was mir noch dunkel, und ich werde jetzt den Muth haben, zu ſagen, was ich bis zu dieſer Minute nicht auszuſprechen gewagt. Komm, laß uns die einſame Stunde ſuchen oder ſelbſt erſchaffen, denn zaudern hieße jetzt, Zeit und Wonne zugleich ver⸗ derben.— Ida preßte ſich feſt und dicht an ihn und ſprach nichts als ſeinen Namen; doch die Antwort, die er gewünſcht, lag in dem einen Hauche und Tone, und die lange hagere Dueña ärgerte ihn nicht, als ſie heran trat und neugierig plappernd nach dem Seeabenteuer und was ihn alſo verwandelt, die umſtändlichſte Erkundi⸗ gung einzog. Als ſie während dem ſich den Häuſern der Unterſtadt näherten, fiel Julius Blick auf ein Weib, welches am Wege ſaß, und in welchem er ſogleich das räthſelhafte Weſen erkannte, das ihn am Ankunftsmorgen ſo ſeltſam auf der Felſentreppe begrüßt hatte. Sie ſaß mit nieder⸗ geſchlagenen Augen auf einem Holzblock und ein kleiner Kübel ſtand vor ihr, in welchen jeder der Fiſcher und jedes der Fiſchweiber, die flink den eingebrachten Fang davon trugen, indem ſie einzeln vorübergingen, ihr einige der kleinen Fiſche hineinwarfen. Seltſames Geſchöpf, dieſes da, ſagte Julius. Seit meinem erſten Tritte auf dieſes merkwürdige Eiland, ſtoße ich faſt ſtünvlich auf jenes geheimnißvolle Weſen. Schweigſam folget ſie mir auf meinen Wegen wie ein geſpenſtiſcher Schatten; wohin ich aufblicke, ſehe ich ſie, dieſe mir fremde Leidensgeſtalt, und doch ſcheint ſie ſich 132 nicht um mich zu bekümmern und ſteht in keinem Zu⸗ ſammenhang mit meinem frühern Leben.— Kennen Sie dieſe Frau? fragte er die lange Dame, indem er in der Nähe der Helgoländerin anhielt, und zugleich einen Theil ſeiner Begegniſſe erzählte.— Sie iſt eines Seemanns Wittwe und hat einen En⸗ gel von Kinde, das wir ſchon oft beſchenkten! antwortete Ida, milde auf ſie niederſchauend.— Eine Irre iſt es, fiel die lange Dame mit Härte ein; ſie ſoll einen ſchlechten Wandel geführt haben, ſprach man am Tiſch, und ſogar ein Bruder, den ſie hat, will deßhalb nichts von ihr wiſſen.— Das Weib war durch die laute Rede aufmerkſam ge⸗ worden; ſie hob das große Augenpaar, und blickte erſt die Damen, dann ſchärfer und ſtarrer ihren Begleiter an. Ihr Finger hob ſich und deutete auf ihn. Das iſt er wieder, ſagte ſie eintönig wie zu ſich ſelbſt redend, ohne Miene und Stellung zu ändern; wieder und wieder anders! William⸗Julius! Aber er ſpukt umſonſt und ſoll die traurige Kiddy nicht irre machen.— Laß ihn los! ſetzte ſie dann lebhafter hinzu. Er iſt nicht der rechte, und treibt Spott mit dem fremden Geſicht. Ah! und welch ein Geſicht! Nicht wahr, man ſieht nur gar zu gerne hinein?— Ida ſah fragend und verwundert zu dem Freunde auf. Da trat ein Mann heran und ſchlug hart auf die Schulter der Sitzenden, und das Weib fuhr erſchreckt zuſammen. Es war der junge Lootſe Jack Hämkens. Was kauedſt Du hier am Strande, fuhr er ſie rauh an, und beläſtigſt die Herrſchaften, und bettelſt wohl gar, zur Schande Deines Bruders? Iſt's nicht genug des Spottes? Und ſorget der Jack nicht genugſam für Dich 133 und den fremden Balg? Hinauf in's Neſt, willſt Du nicht ein ſtraffes Endchen auf Deinem gemarkten Nacken fühlen!— Das hübſche, blaſſe Weib bebte in Furcht und ſchüt⸗ telte nur zur Vertheidigung mit dem Kopfe. Dann nahm ſie vorſichtig ihren Kübel auf, und ſchlich langſam den Schiffsbuden zu. Ein Fremder, welcher zuerſt zur Zeit der Flut die Inſel Helgoland von der Nord⸗ oder Weſiſeite auf ſeiner Seereiſe betrachtet, wird in die Verſuchung gerathen, ſie für eine Felſenfeſtung zu halten, zu der menſchliche Kunſt eine rohe Klippe mitten im Ocean benutzt, und mit Ba⸗ ſteien und Courtinen, Halbmonden und Zangenwerken umgeben hätte. Hoch brandet die wilde Flut alsdann hinauf und beſpült ringsum den Fuß des Felſens, bricht ſich an den durch die Natur von ihm abgeſpaltenen Pfei⸗ lern, durchrauſcht die Bogengänge, welche die Gewalt des Waſſers ſich gebrochen, und füllt die Grotten und Klüfte, die der unermüdete Angriff der Wellen ausge⸗ ſpült und immer vergrößert hat, und deren finſtere Tie⸗ fen der Helgoländer mit Betrübniß und Schauder be⸗ trachtet, weil ſie ſeine Heimath einſt mit dem völligen Untergange durch die Meeresfluten bedrohen, die bereits mehr als zwei Drittheile der in der Vorzeit ſo ſtattlichen und reich bevölkerten Inſel der Vernichtung weiheten, und unerbittlich, jeder menſchlichen Wehr ſpottend, in ihr finſteres Reich hinabriſſen. Zur Zeit der Ebbe iſt das Bild der Inſel ein ganz anderes und freundlicheres. Ein breites Band, von Steinbrocken gebildet, umkränzt alsdann den Fuß des Felſens; von der Sonne und dem 134 Stewinde ſchnell getrocknet, beut es dem Forſchenden einen bequemen Weg rund um die mächtige Klippe, und er kann gefahrlos und mit Muße den merkwürdigen Rie⸗ ſenbau der Natur, und die gigantiſchen Geſtaltungen, die der ewige Kampf des Feſten mit dem Flüſſigen erſchuf, dieſe Wunden, die der Dreizack des Meergeiſtes dem ihm feindſeligen, hemmenden Geſteine ſchlug, ganz in der Nähe betrachten. Es war ein Sonntag. Julius, gequält wie durch ein inneres Feuer von Ungewißheit und der in der Ge⸗ liebten Nähe in Uebermaß gereizten Leidenſchaft, unbe⸗ friedigt und überall geſtört durch die im engen Raume ihm entgegentretende Geſelligkeit, benutzte ein leichtes Uebelbefinden der Mutter und ſchlug einen Spaziergang um den Fels zur Ebbezeit vor, und Marianchen, die denſelben evenfalls noch nicht gemacht, jauchzte ihm Bei⸗ fall. Die Mutter meinte, es ſei eben ſo zweckmäßig und weit bequemer, die Inſel während der Flut zu um⸗ ſchiffen, doch gab ſie nach, als Julius wiederholt ſeine Begier äußerte, die Merkwürdigkeiten zu beſchauen, wel⸗ che ihm der Wirth Brooder Nickels angeprieſen, und dabei zugleich mehrfach und trüb auf ſeine baldige Ab⸗ reiſe angeſpielt hatte. Die zartſinnige, feine Frau glaubte dem ſcheidenden, bewährten Hausfreunde die letzten Wünſche nicht unerfüllt laſſen zu dürfen. Mit heißem Geſicht ſtieg in der Mitte der Schweſtern der von kämpfenden, begehrlichen und fürchtenden Em⸗ pfindungen gepeinigte Mann den Fels hinab, und ſeine Beklemmung ſchien ſich der Gefährtin an ſeiner Herzens⸗ ſeite mitgetheilt zu haben, denn nur die kleine Marianne plapperte für alle Drei in ihrer kindlichen Fröhlichkeit. Das Vorland ſchien faſt leer und öde; verlaſſen lagen 135 die Kähne auf dem Sande, die großen Fiſchnetze hingen ausgebreitet an hohen Stangen, das tägliche Marktge⸗ wühl hatte der Sonntag vertrieben, und ohne Anhalt befanden ſich die Wanderer bald auf ihrem einſamen Pfade, und der grobe Steingrund knirſchte unter ihren Füßen, an einer Seite erhob ſich die ſteile Felswand und an der andern beſpülte ſanft und in einförmiger Bewegung der Saum des endloſen Meeres ihren Weg. Ida ging ſchweigſam und finnend, wie mit ſich ſelbſt anhaltend beſchäftigt; Julius rang vergebens nach dem nöthigen Worte; der Augenblick war da, die Dreiſtigkeit, mit der er vorgeſtern und geſtern ſeine Wünſche in ge⸗ ſtohlenen Minuten angedeutet, ſchien wie verlöſcht in der bequemen, ſichern Stunde; Ida's Arm oder Hand gab ihm kein Zeichen der Ermunterung, ſondern berührte ihn nur kalt und läſſig, und gern antwortete er der uner⸗ müdlich fragenden Marianne, die den Grund wiſſen wollte, warum das Geſtein ſo niedlich roth und weiß gebändert erſcheine, dann einige Muſchelſchalen aufhob und ſie ihm zur Bewahrung gab, und als ein Trupp der netten Seemöven ohne Scheu nicht weit von ihnen im Waſſer ſchwamm, ſich dann einzelne davon erhoben, bald hoch in der Luft, bald dicht über dem Waſſer hin⸗ ſchoſſen, jetzt wißbegierig fragte, wo denn dieſe flinken Vögel ihre Neſter bauten, da ſie keinen Baum auf der Inſel geſeben habe. Ich liebe dieſe Vögel ſehr, ſetzte die Kleine hinzu, ſie laſſen ſo reinlich und geputzt, und ſcheinen ſo luſtig, und ſpielen ſo fröhlich in Luſt und Waſſer, und laſſen ſich weder fangen noch im Bauer auffüttern, wie die Fiſcher geſagt, weil der Verluſt der Freiheit ſie tödtet. Oft iſt mir dabei eingefallen, warum ihnen Gott nicht ein anderes Kleid gegeben habe, das 136 mehr zu ihrem Leben paßte, bunt, grün und roth, nicht ſo traurig, denn das Weiß und die ſchwarzen Streifen ſieht gerade aus wie eine Wittwentracht.— Ida's Hand zuckte wie von einem Weh getroffen auf des Mannes Arm, und er faßte die Hand und ſein heftiger Druck gab ihr zu verſtehen, daß er den Gedankenblitz errathen, der ſie getroffen. Eben jetzt ſtanden ſie vor einer jener Stellen, wo die weichere Düne und der zurückgebliebene glatte Meerſchleim den Weg weniger gangbar machte; Julius ergriff ſogleich die Kleine und trug ſie hinüber, und kehrte dann, auch Ida nachzuholen. Erröthend ſtand ſie vor ihm: Julius! lallte ſie ſcheu, doch ſchon fühlte ſie ſich auf ſeinem Arme, fühlte den hohen Schlag ſeines Herzens an ihrem Buſen; war wie geblendet von dem Lichtſtrome, der aus ſeinen Augen ſo dicht in die ihrigen über⸗ ſtrömte, und jetzt berührte ſein heißer Mund ihre Lip⸗ pen und ſie hatte nicht Muth und Kraft, die lange, lange Einigung der Seelen abzukürzen. O mein Freund, was beginnen wir? ſprach die Be⸗ wegte, als er zögernd das ſchöne Weib aus ſeinen Ar⸗ men niedergeſetzt.— Und warum fragt Ida heute nicht wie geſtern? Iſt ihr ſeitdem alles, was ihr Freund trägt und was ihn quält, ſo unwichtig geworden? fragte er vorwurfsvoll, indem ſie langſam dem voranhüpfenden Schweſterchen folgten.— Ich zittere, Julius, wie in der Ahnung eines kom⸗ menden Unglücks; zittere vor Ihrem Worte, das mir vielleicht die ganze Unbefangenheit meines Gemüths, die ganze Ruhe meiner Zukunft— o Gott! was hat in dieſen Nächten meine Einbildungskraft nicht Alles aus 137 Ihren dunkeln Andeutungen heraufbeſchworen!— vielleicht mehr als das, meinen Frieden und Ihren Frieden koſtet. Denn, Julius, war nicht dieſer Kuß ſchon ein Unrecht? O, es war ja nicht der Willkomms⸗ oder Scheidekuß wunſchloſer Freundſchaft!— Nein, Ida, er war es nicht. Es war der Kuß in⸗ nigſter, heißeſter Liebe; es war das glühende Siegel ei⸗ nes Bundes, wie er nicht heiliger und reiner auf Erden geſchloſſen werden kann, eines Bundes, den die Natur, den die unſichtbaren Mächte, die allen geſchaffenen We⸗ ſen ihre Bahn vorzeichnen, erſchufen, i und dar⸗ um ſchirmen werden.— Julius, v was vergeſſen Sie! Bin ich denn frei? Bin ich nicht das Eigenthum eines Andern, und darf die Unfreie treulos und verbrecheriſch neue Bündniſſe knüpfen? Und würden Sie ſelbſt ſolchem Bunde trauen, der auf Verrath gebauet wurde, und für den Sie nur das Unterpfand aus einer falſchen Hand empfangen hät⸗ ten?— Ida, handelt es ſich denn noch um dieſe Verknü⸗ pfung? Iſt der Bund nicht ſchon da? Fühlen Sie nicht ſeine unlösbaren, unzerreißbaren Feſſeln, ſo wie ich ſie fühle? O Ida, biſt Du nicht mein, lange ſchon, unbe⸗ wußt, aber feſt wie Seele und Leib aneinander gebunden find, die nur die Sterbeſtunde zu zerſprengen vermag? — Erblichen lehnte das ſchöne, bebende Weib an des Man⸗ nes Bruſt.— O daß es iſt! daß ich nicht Nein ſprechen darf, ohne eine Lüge an mir ſelbſt, an Ihnen zu ſagen!— Ich bin eine große Sünderin, war es ſchon ſo lange, und hielt mich fromm und ohne Frevel. Sünden im Traume begangen, kann man wohl nicht ſtrafen! o warum weckten 138 Sie mich ſo grauſam, und ſtürzten mich in dieſen Abgrund von Scham und Reue und Zerknirſchung?— Liebe, reizende Selbſtauälerin, was thateſt Du denn und was that denn ich, das vor dem Himmel, dem ge⸗ rechten, nicht beſtehen dürfte?— Kam ich in Dein Haus mit dem Vorſatze des Raubes* Setzteſt Du Dich neben mich, um eine frevelnde Glut in meinem Herzen anzu⸗ fachen? Wir gingen wie Kinder mit einander, die im harmloſen Spielen ſich mühen, Eines das Vergnügen des Andern zu erhöhen, ſelbſt vergnügter in der fremden Freude. Können wir dafür, daß wir uns ſo tief in die Gewohnheit hinein ſpielten, bis der kindliche Scherz Ernſt geworden, und jetzt unſer Daſein mit dieſer Gewohnheit verwachſen iſt? Kannſt Du dafür, daß Dir die Natur dieſe Formen, dieſe Geſichtszüge gab, die dem Ideale gleichen, das in meiner Seele ſtand, uns das nicht ich, ſondern die Natur da hinein geſtellt? Kann der Menſch überhaupt ſeinen Empfindungen gebieten; kann er ſagen, das will ich haſſen, das verabſcheuen, das will ich lie⸗ ben 2 Kann er ſeinem Auge befehlen, du ſollſt das Bild, das deine Netzhaut berührt, ſchön oder häßlich finden? Kann er ſeine Rerven feiner und gröber ſchaffen? Nein, nein, Ida, wir ſind Sklaven der Natur; was ſie als Keime in uns ſäete, das muß erwachſen; und unnatür⸗ lich iſt jeder Kampf, Tollheit jede Wehr gegen dieſe all⸗ mächtige Mutter.— Aber die Freiheit des Willens, wo bliebe ſie dann, Julius? Wo bliebe ohne ſie Seelengröße, Moral, wo Tugend und alle ihre angeſtaunten Opfer?— Wareſt Du frei, liebes, herrliches Weſen, fragte Ju⸗ lius ausweichend, als Deiner Mutter Rath den Ring des ungeliebten, kaum gekannten Mannes an Deinen 139 Finger ſteckte? Spracheſt Du in unumnebelter Willens⸗ freiheit jenes fürchterliche Ja? Kann das unmündige Kind dafür, wenn eine leichtfinnige Hand ihm den Feuerbrand reicht und es den Brand in das Haus wirft, und die Brunſt ſein eigenes reiches Erbe in Aſche legt? Kannſt Du die Schande des Selbſtmordes auf das Kind wer⸗ fen, das die Wärterin an einen Abgrund führte, und das im fröhlichen Tanze hinabglitt?— Ein fremder Wille, eine fremde Gewalt betrog Dich um Dein Glück; es wäre entſetzlich, bliebe Dir nicht Dein Anſpruch, Dein Recht darauf ein langes Leben hindurch!— Und wenn das, was Ihr gepreßtes Herz Sie ſpre⸗ chen heißt, keinen Widerſpruch duldete, Julius, wenn ich auch in Ihren Reden nur die warme Sorge des geäng⸗ ſteten Freundes erkennen müßte, welche Hülfe würde mir erwachſen aus dieſer Sorge? verſetzte Jda ſchwermüthig. Eine gute, liebe Mutter trüge ja die Schuld; Eltern ſtehen über uns an Gottesſtatt, und was geſchehen, könnte ich der Mutter nimmermehr anrechnen, und würde lieber verzichten und das Unabänderliche tragen in Geduld.— Jedes Geſchöpf ward geboren zum Glück, fiel Julius heftig ein; daran zweifeln, heißt Gott läugnen. Mag der zerknirſchte Verbrecher, mag der Unmäßige, der die Genüſſe des Lebens abgeerntet, mag die ſchwach und ge⸗ brechlich Geborene, mag die von Unglück Abgehärmte, mögen dieſe klöſterliche Entſagung, Abbüßung oder ein ihrer Natur günſtiges, nothwendiges Stillleben ſuchen; eine Ida mit dieſen reichen Gottesgaben, mit dieſer Herr⸗ lichkeit des Leibes, mit dieſem Blütengarten der Seele, mit dieſer jugendlichen Friſche eben erſt in die Pforten des Lebens getreten, wäre ein undankbares Kind ihres unſichtbaren Wohlthäters, wenn ſie von ſich würfe, 140 eigenſinnig und faft trotzig, was ihr in die Wiege gelegt. Und glaubſt Du, die Mutter leide nicht um Dich, die Mutter bereue nicht, was ſie voreilig geſchaffen? O wie oft ſah ich Deiner Mutter Auge trüb und thränenſchwer auf Dir haften, wenn die Gefühlloſigkeit des Mannes, an den ſie Dich gefeſſelt, ohne Mantel ans Licht tratz wie oft fiel dann ihr Auge blitzſchnell auf mich, als wenn es fragen möchte: Kannſt Du es dulden? Zögerſt Du, ihr Retter zu werden?— O Ida, Deine Mutter würde kaum zürnen, ſtände ſie jetzt zwiſchen uns, ſie würde das naſſe Auge vielleicht abwenden, um ihren Kinderglauben nicht verletzt zu ſehen, aber ſie würde ſich der Seligkeit ihres Kindes in Heimlichkeit freuen.— Ida wandte ſich raſch zu ihm her und legte vor ihm ſtehend beide Hände auf ſeine Schultern. Ja, Julius, ſo ſei es denn, ſagte ſie mit hellen Blicken zu ihm auf⸗ ſehend; weibliche Scheu fällt wie Nebel vor der Son⸗ nenglut vor Deinen Worten, die ſchon lange einen nur zu lauten Helfer in meiner Bruſt gefunden. Ja, ſei es Sünde, folge die Buße dereinſt, ich kann nicht mehr ent⸗ weichen; und ſie wäre ja doch ſchon geſchehen, denn mit Freude und Willen gehegter Gedanke iſt nicht weniger als That vor des Richters Augen. Ja, ich liebe Dich, mein ganzes Weſen hängt an Dir, lebt durch Dich, in Dir, mit Dir. Nimm mich ganz und gar, habe mich, halte mich feſt; ich weiß ja, ich beraube Niemanden da⸗ durch, ich beſtehle Niemanden, und Dir, der Du allein aus der ganzen Welt befreundet zu mir trateſt, Dir gebe ich, wenn Dein Gefühl nicht Trug, nicht Lüge war, ein Glück, das Dir unentbehrlich ſcheint. Es wird lange dauern, ehe ich mich an die Schuld gewöhne, der ich heute das Thor meines Herzens offne, ehe ich das 141 Erröthen verlerne. Wir Frauen ſind mcht wie ihr gewöhnt, keck. über die Grenzen, die Zucht und Sitte zog, pin⸗ wegzuſpringen. Aber es wird ſchon ſtill werden unter meiner Bruſt, wenn ich Dich glücklich ſehe. Habe mich dann ganz und gar, Du lieber Mann; z aber nun ſprich auch, daß Deine Reiſe nur ein Vorwand war, mich zu erforſchen, mich dahin zu bringen, wo ich jetzt ſtehe, in Deinen Arm, an Dein Herz, an Deinen Mund. Wahr hätteſt Du freilich immer gegen Deine Ida ſein ſollen, denn, bekenne mir's: Du kehrſt mit uns zur Heimath zurück?— Jetzt zurück? rief Julius in ihrer engen Umarmung. Streifte dieſe Stunde nicht jede Bande von Dir, und biſt Du nicht frei von heut an, gelöſet von dem Tyran⸗ nen, und gebunden an mich ganz und ewig? Und doch zurück in jene Sklaverei?— Er zog raſch einen Gold⸗ reif von ihrem Finger und ſchleuderte ihn weit hin über das Waſſer.— Nein geſchieden biſt Du von dem gott⸗ loſen, erzwungenen Bündniſſe. Meineſt Du, ich könnte nach dieſem Augenblicke dulden, daß Du einen andern Mann berührteſt, daß Du einen andern Namen trügeſt als den meinen, daß Du andere Pflichten hätteſt als die gegen mich? Glaubeſt Du, ich hätte Amphibienblut und Leben für ſolch eine Hölle? Würden wir, Du wie ich, paſſen für das verſteckte, ſchmeichelnde Diebesleben, Gleis⸗ nerei auf dem Geſicht und Brand im tiefen Herzen, kalte Maske außen und wilden, nur verſtohlen befriedigten Wunſch im Herzen? Ida, ja dann fielen wir hinunter zu dem Schmutze der Alltagswelt, dann hätte ich Dich verlockt, Dich geſchändet. Nein, offenen Kampf gegen die Thorenwelt und ihre eiſigen, herzenbrechenden For⸗ men!— Morgen reiſe ich von hier und werde das feſte Land, werde dieſen Welttheil nie wiederſehen, und Du wirſt mit mir reiſen.— Nimmer! nimmer! ſchrie Ida auf, und wich entſetzt aus ſeinen Armen. Die kleine Marianne ſprang jetzt mit hochgeſchürztem Kleide wieder zu ihnen her, und zeigte die Schätze, die ſie in ihrem Schlepp geſammelt, die goldglänzenden Kieſe, die ſchwarzen, klauenförmigen Gelenkglieder der Ammoniten, die bunten Herzmuſcheln. Kommt nur mit und ſehet die Herrlichkeit! rief ſie laut. Ein ganzes Haus von Stein iſt da, mit Kammern und Grotten, gewiß der Palaſt der Seenixe aus dem ſchönen Fiſcherliede, was wir ſo oft zu Hauſe geſungen.— Sie ſtanden wirklich dicht an jenem merkwürdigen Theile des Felſens, den die Gewalt des Meeres ſo aus⸗ gehauen und umgeformt, daß man glauben ſollte, es hätte ein Seeräuberfürſt durch die ſtarken Hände ſeiner wilden Normänner ſich hier ein ſicheres und bequemes Verſteck erbauen laſſen. Mächtige Pfeiler trugen Gewölb an Gewölb, und gigantiſche Portale führten tief in innere Schluchten und Grotten. Ida war erſchöpft am Rande des Gewölbes auf ei⸗ nen Stein geſunken und lehnte den erhitzten Kopf an den rauhen Pfeiler; ſo fand ſie Julius, als er mit der Kleinen das Ganze durchſchauet, ſie veſchwichtigt und zur Fortſetzung ihrer naturhiſtoriſchen Sammlungen ermuntert hatte. Er ſetzte ſich auf einen kleinen Felsbrocken neben die Freundin und faßte ihre krampfkalte Hand, die faſt widerſtre⸗ bend zuckte. Du biſt überraſcht? fragte er ſanft, aber ruhig. Ich glaubte das kaum; hatteſt Du doch meine Antwort am erſten Abende gehört, daß der Menſch nichts muß, was ihm abzuwehren möglich. Höre mich an mit Aufmerk⸗ 143 ſamkeit. Eine gute, feine, geiſtige Ausbildung war das Einzige, was mir mein Vater als Erbe hinterließ. Al⸗ lein in den Welt machte ich meinen Weg, was ich wurde, ward ich durch mich; doch unſere Zeit gibt nur wenigen Glücksſöhnen eine außerordentliche Gunſt, die Mehrzahl muß ihr langſam und mühſelig abgewinnen, abtrotzen, was ſie bedarf. So geſchah's auch mit mir lange Jahre, bis ſpät die Erbſchaft eines Anverwandten die Sorge in etwas leichterte. Eben jetzt holte ich ſie aus der Kaiſer⸗ ſtadt, und ſie reicht aus, Dir auch ohne mich ein mäßi⸗ ges, ſorgenloſes Auskommen zu ſichern. Mein Staats⸗ dienſt ruft mich nach London, doch ich weiß, daß dort nicht unſer Bleiben ſein wird, daß mein Geſandter den Befehl empfing, wichtige Aufträge weit über das Welt⸗ meer hin in einem anderen Welttheile auszuführen. Daß Alles dieſes jetzt zuſammentraf, ſchien mir des Schickſals Stimme, deſſen deutlichen Ruf der Menſch nie überhören ſoll. Alles, was ich auf Erden beſitze, iſt auf ein Schiff verladen, die Cherry von London, welches morgen an dieſem Strande anlegt. Der Capitän iſt mein Freund, wir lernten uns in Frankreich kennen. Der Anzug eines Fiſcherknaben von Deiner Größe liegt bereit in meiner Wohnung. Das lächelnde Kirſchenmädchen am Bogſpriet wird Dir winken zum roſigen Glück und zum Genuß der ſchönſten Erdenfrucht. Sind wir auf Englands Boden, ſo mag eine ernſtt, offene Unterhandlung mit Deinem Uſurpator beginnen. Sie wird anſtändig trennen, was verbunden ſich dennoch fremd war; ſie wird ewig ver⸗ einigen, was getrennt Eins war wie Herz und Blut. Und ſcheiterte die Hoffnung an Haß und Eigenſinn, ſo öffnen uns Columbiens Rieſenwälder die Arme, und der Welt auf immer verſchwunden, leben wir uns, uns allein 144 und ſind darum zwiefach glücklich. Das war der Plan Deines Freundes, Deines Geliebten; das Vertrauen auf Dein freies Gemüth, Deine kräftige Seele, auf Deine Liebe hat ihn erſchaffen.— Mann, und wo ſteht der Schimpf, den Du auf Deine Geliebte wirfſt, wo ſteht der Gram der Mutter in Dei⸗ nem Plane? fragte die Erſchütterte vorwurfsvoll.— Kann Ida ſich beſchimpft fühlen durch die klatſchen⸗ den Dohlenſtimmen der Baſen und Theeſchweſtern, deren Gegakel in wenigen Wochen verhallt, ſobald nur ein neue⸗ res Opfer für ihre meuchleriſchen Zungen erſchienen 2 Kann Ida ſich beſchimpft fühlen durch das Urtheil einer erbärmlichen Menge, die nichts von ihr kannte, als die ſchimmerloſe Außenſeite, und darum nichts von ihrem Werth verſteht und kein Richteramt hat an ihr? Und unſere Mutter, die ihr Kind nur darum in eines Mo⸗ lochs Arme legte, um ihr eine ſichere Zukunft zu ver⸗ ſchaffen, wird ſie ſich lange grämen, wenn ſie dieſen Liebling in dem Schutze eines Mannes weiß, den ſie liebt und achtet, wenn ſie ihr Kind glücklich weiß an ſeinem treuen Herzen? Ida, auch ſie wird die Heimath froh verlaſſen, uns nachkommen, um Zeuge unſerer Selig⸗ keit zu ſein und ſie zu theilen.— Die ſchöne Frau ſtarrte auf den Sand zu ihren Fü⸗ ßen. Ihr Männer möget das anders achten, anders fühlen, ſagte ſie eintönig; Frauenehre iſt eine andere als die Eure; ein Nadelriß an ihr bleibt eine ewige, eine ewig ſchmerzende Narbe. Die Mutter würde es nicht überleben, und möchteſt Du eine bleiche, in dem Bewußtſein der Schuld langſam verzehrte Muttermörderin an Deiner Seite haben? Und iſt es nicht Gottesband, Prieſterband, was mich vindet? Straft nicht Gottesfluch d. 145 den Bruch des Bandes, welches nur Prieſterhand wiederum zu löſen vermag?— Gottesfluch? fragte Julius ſcharf und mit einem An⸗ fluge von bitterm Hohne. Wo war denn ſein Segen bei dieſem Menſchenopfer? Ruhet nicht Fluch auf Deiner Ehe? Ward Dir nicht die höchſte Weihe des Lebens verſagt? Biſt Du mit den unauflöslichen, zarten Fäden der Mutterliebe an jenen Nordländer gebunden? Haſt Du Herrliche, Blühende ſchon ein Kind auf Deinem Knie gewiegt?— Mit ihren Händen bedeckte ſie ihr Antlitz und drückte ſich ſchwankend an ſeine Schulter. Er ſenkte ſich in die Knie zu ihr und umfaßte ſie ſtürmiſch. Ida! drängte erz Ida, es liegt ein Mann vor Dir, ein Mann mit un⸗ befleckter Ehre, mit reinem Wandel und freiem Gewiſſen, ſo werth des Erdenglücks, wie er ſich wahr und treu fühlt. Sein höchſtes Gut biſt Du, biſt ſein Abgott, ſeine Zukunft, ſein Alles auf dieſer Erde. Er kann kein Verbrechen darin finden, Dich dem Corſaren zu entreißen, der nie gewußt, was er in Dir beſeſſen. Kannſt Du Dich weigern, wo es gilt, ihm einen Himmel oder eine Hölle zu geben? Ein Bild des Todes ſprangſt Du ge⸗ ſtern an den Strand, vergaßeſt die ſpottenden Bekannten, die Scheu der Weiblichkeit, als Du ihn verloren wähn⸗ teſt, ſeine Leiche im Meere ſuchteſt. War Dein Em⸗ pfinden denn damals ein anderes als jetzt, und iſt Frauen⸗ liebe wirklich nur Wallung, nur ſpielende Laune des Augenblicks? Ida, Dein Freund bettelt zu Deinen Fü⸗ ßen um ſein Lebensglück, bettelt um ſein Leben ſelbſt, um die Erhaltung ſeines Glaubens an die Vorſehung, an die Güte und Gerechtigkeit des Himmels! Kannſt Du zu ihm ſagen: Scheide auf immer! Gehe hin in Blumenhagen. XI. 10 146 Dein langes Elend! Wandere durch die Lebenswüſte nackt, verlaſſen, in der Qual ewiger Glut und ewigen Durſtes, gehe hin in die Verzweiflung!— Kannſt Du das IJda? Kannſt Du mich miſſen für immer? Kannſt Du herzlos und kalt mein Lebensglück bis auf den letzten Keim zerſtören für immer?— Sie zuckte heftig in ſeinen Armen, dann hob ſie den Kopf und ſah ihn mit weit offenen Augen durchdringend an. Dich miſſen? ſagte ſie feſt. Ja, Julius, lang⸗ ſames Hinſterben und Vergehen würde nachkommen und endlich doch erlöſen!— Dein Glück zerſtören, das Dein wildes Wort einmal auf mich geſetzt, wofür ich das Leben ſelbſt ſo willig opfern würde, Dein Glück zer⸗ ſtören? Nein, Julius!— So thue denn, was Du zu müſſen glaubſt. Ich bin von jetzt Deine gehorſame, willenloſe Magd. Sende mir die Kleidung; wenn ich ſie angethan, ſoll die frühere Ida geſtorben ſein. O ſei nun aber zufrieden, Du gewaltiger, unwiderſteh⸗ licher Mann!— Thränen rannen über ihr Geſicht und er küßte ſie auf. Ermattet lag ſie an ſeiner Bruſt und er küßte die er⸗ kalteten Lippen wieder blutroth. Als fühlte ſie im in⸗ nern Bangen auf einmal, daß ſie die ganze Welt von ſich geſtoßen, ſich herausgeriſſen aus einer ganzen Welt, und nur den Einen, den Einzigen noch behalten, als ihren Schirm, ihren Troſt, den Quell der Freude und des Leids für ſie, ſo preßte ſie ſich gewaltſam an ihn, in ihn, und er empfand auf einmal das ihm gebrachte Opfer, die ungeheure Größe ihrer Hingebung, wenn auch nicht ohne Triumph und überſchwellende Freude, und ſeine beredte Zunge verſtummte; ſchweigend hielt er das ſchöne warme Weſen umſchlungen, raſete in uner⸗ 147 ſättlichen Küſſen ſein Hochgefühl aus, als wolle er in der einen Stunde nachholen, was ihm eine lange Prüfungs⸗ zeit verſagt, und nur das Meer rauſchte ſtark und ſchwellend und ſie hörten es nicht; die Möven ſchoſſen kreiſchend an ihnen hin und ſie hörten es nicht, und ſaßen ſo eine lange, lange Zeit, und achteten nicht auf den Pendelſchlag der Weltenzerſtörerin.—— William⸗Julius!— William-Julius! tönte eine gel⸗ lende, doch ſehr ferne Stimme wie hoch, ſehr hoch aus den Wolken herunter. Ida und Julius fuhren erſchro⸗ cken empor und auseinander, und zum dritten Male kreiſchte es hoch über ihnen: William⸗Julius!— Einige große Steinbrocken, welche die Herbſtſonne gelöſet, ſtürz⸗ ten mit Gepraſſel dicht bei ihnen nieder und auch die kleine Marianne flüchtete jetzt zu ihnen heran, ließ alle ihre geſammelten Schätze aus dem Schvoße fallen und drängte ſich ängſtlich an den Freund. O Gott des Him⸗ mels! ſtieß Ida aus, nach einem Blicke um ſich. Julius wir ſind verloren! Die Flut iſt da. Mit innerm Grauſen warf auch er ſeine Blicke umher, und das Blut gerann in ſeinen Adern. Ein ſtarker Seewind hatte ſich aufge⸗ macht, der Horizont war bewölkt und das Meer ging hoch und hohl. Die Wellen hatten ſchon die Hälfte der Düne überſtrömt, und ſchlugen kräftig und mit Schnee⸗ ſchaum bekränzt den flachen Strand hinan, und jede neue Woge, die heran plätſcherte, ſtieg eine Spanne höher und verſchlang einen Fuß mehr von dem Sand⸗ wege. Die erſte Bewegung der Bedrohten war ein ra⸗ ſches Fortgehen, das ſich bald in ein raſcheres Laufen verwandelte, wobei ſie jedoch alle drei ihre Hände feſt in einander gegriffen hatten, und nicht losließen, ob⸗ gleich ihre Flucht dadurch aufgehalten wurde. Es iſt 148 umſonſt! ſtöhnte Ida erſchöpft. Der Weg iſt zu lang, das Ziel zu fern. O Julius! das iſt die düſtere, ſtrenge Macht, die auch die Gedanken richtet. Die Kleine weinte laut auf und ſank in die Knie und umklammerte in tödt⸗ licher Angſt ſeine Schenkel. Verzweifelnd fuhr ſein důü⸗ ſterer Blick hin und her: er ſah keine Rettung; nur die Möve ſchaukelte ſich auf der für ſie gefahrloſen Wogen⸗ fläche, und weithin lag eine Blankeneſer Fiſcherflotte in gerader Reihe ausgeſtellt, zwiſchen ihren Netzen und an ihren rothen Segeln erkennbar, doch viel zu fern für Hülfsruf der ſtärkſten Menſchenſtimme, viel zu fern ſelbſt für ein winkendes Tuch oder ſonſt ein Nothzeichen; und unerbittlich ſchwoll die Flut zu ihnen an, der Raum zwiſchen ihnen und dem gewiſſen Tode ward mit jeder Minute ſchmaler und enger, ja weiterhin beſpülte das Meer bereits die Felſenwand und ſchnitt ihnen ſelbſt die Fortſetzung der Flucht ab. Wortlos und erblichen ſtand der ſtarke Mann, kalter Schweiß netzte ſeine kalte Stirn und er blickte wie im Wahnſinn dräuend zum Himmel auf, und ſtreckte ſogar die geballte Fauſt wie heraus⸗ fordernd gegen das Meer hinaus. Das Gefühl der Ohn⸗ macht ſchneidet am tieſſten in des Mannes Seele. Ida warf ſich wieder an ſeine Bruſt, Entſchloſſenheit und Reſignation leuchteten ihn aus den großen Augen an. Jultus, Gott will es ſo! rief ſie aus. Gott iſt gnädig; er tilget uns fort vor der That, deren Folgen er allein zu meſſen vermochte. Wir ſind zuſammen, bleiben zu⸗ ſammen, ewig zuſammen und rein und in Ehren.— Sie riß ihr Shawltuch von der hochwallenden Bruſt und wand es zuſammen und ſchlang es um ſich und den Freund; da fiel ihr Auge auf die knieende, kindiſch ſchluchzende Schweſter.— Doch warum dieſe? ſetzte ſie 149 ſchaudernd hinzu. Dieſes ſchuldloſe Kind! O das iſt ſchwere Schuld, und warum ſoll ſie mit büßen für uns 2 warum ſoll die arme Mutter nicht einen kleinen Troſt behalten?— Julius biß ſeine Lippen blutig; dieſer Augenblick wog zu ſchwer für eine Menſchenhruſt; eine ganze Hölle tobte auf ihn ein, zerrte an ihm, riß und fraß in ihm, ſein Herz, ſein Hirn ſchien nicht mehr Platz zu haben in Bruſt und Kopfe; er riß die beiden lieblichen Geſchöpfe, deren Mörder er werden ſollte, feſt an ſich und trat gegen das Meer wie mit dem raſenden ſinnloſen Ent⸗ ſchluſſe, ſeine Schwimmkunſt für ſie zu verſuchen. Da fiel ein Schuß; dumpf brachen Wellen und Fels den Schall, doch war's nicht oben auf dem Fels, war nicht fern, und ein Dampfwölkchen kräuſelte ſich über dem Waſſer. Aller Augen ſtarrten hin, kein Traumbild täuſchte ſie, eine einmaſtige Schmacke tanzte vor dem Winde um einen Vorſprung der Felſenwand, Menſchen waren ihnen nah, Menſchen, deren Hand ihnen eine leichte und ſichere Rettung bot. Der Wechſel des Geſchicks packte den kräftigen Mann, daß er ſchwankte, keuchte aus enger Bruſt und faſt an der Wand niederſank. Ida ſchrie jedoch laut gegen das Schiff, ſchwenkte ihr Tuch und die Kleine half ihr dabei. Es waren Helgoländer Bekannte; der ruſſiſche Offizier hatte ſie gemiethet, um ſeiner Jagdluſt auf ungewöhn⸗ lichem Revier zu fröhnen, und Seevögel mitten in ihrem Elemente zu ſchießen. Mit der Gefahr bekannt, ſelbſt erſchreckt über die Lage der Verirrten und ohne ſie ret⸗ tungslos Verlornen, refften die Schiffer ſchnell die Se⸗ geltücher ein und griffen zum Ruder, und kaum hatten die Befährdeten Zeit, die Schreckensgedanken gegen freudige 150 Gefühle zu tauſchen, ſo ſchoß des Schiffes Schnabel ſchon durch den Schaum, ſein Kiel auf den Strand, und die Schiffer ſprangen zu beiden Seiten heraus und ſcho⸗ ben, bis an's Knie im Waſſer, unter ihrem klagenden Holloho das Fahrzeug dicht zum ſchmalen Dünenraum hinauf. Die Kleine war ſchon einem Ruderer in die Arme geſprungen, und mit einer Eile, als fürchte er, ein tückiſcher Sturmſtoß wöchte das Rettungsboot wiede⸗ rum fortſchleudern, hob Julius die bleiche, aber wieder lächelnde, wie im Gebete zum Himmel aufſehende Ida zu ſeiner Schulter auf und trug ſie, ſelbſt ſchwankend und bebend wie ein Kranker, durch das Spülwaſſer in das Schiff. Bei allen Teufeln, mein Herr! Wie kamet Ihr zu einer ſolchen wahnwitzigen Promenade? rief der Ruſſe. Nimmer hätte ich's geahnt, heute noch als ein Perſeus eine ſo reizende Andromeda aus dem Drachenrachen zu be⸗ freien. Aber ſo geſchieht's, wenn die Damen ſich einem Neulinge launig vertrauen, der das Terrain nicht kennt.— Fiſchfutter, wenn's noch ein Geringes ſpäter ward und der Wind nicht mit vollen Backen hinter uns ge⸗ blaſen! Es wäre doch ein zu koſtbar Traktament für die Seebeſtien geweſen, murrte mit Derbheit ein alter Ruderer dazwiſchen, indeß ſeine Kameraden das Fahr⸗ zeug wieder flott machten. Die Geretteten antworteten nichts, dankten nicht, ſaßen erſchöpft auf der Bank, nur Julius flüſterte zu ihr: Gott will es ſo! Wir bleiben zuſammen, ewig zuſammen! Dieſe Todesnoth war ein Bild unſerer Gegenwart; Gott hat laut geſprochen, wir ſind gerettet für eine glücklichere Zukunft.— Der Ruſſe ſetzte noch hinzu, während er ſeine Flinte lud: Die Glücksgöttin macht doch eine Ausnahme von 151 unſern Modedamen, denn ſie iſt ihren ſchönen Schwe⸗ ſtern gefällig. Nur ein bloßer Glückszufall war's, daß wir unſer Schiff nach dieſer Gegend wandten, weil wir oben auf dem Felſen ein Weibsbild bemerkten, das dicht an dem ſchroffen Rande umherſpazierte und deren ſelt⸗ ſame Geſticulationen die Aufmerkſamkeit meiner Leute erweckten.—— Sie hatten auf dem Rückwege Rath gepflogen, und ausgemacht, der Mutter nichts von ihrem überſtandenen Abenteuer zu erzählen und ihr die Nachangſt zu erſparen. Vor ihnen auf erſtieg den Felſen ein ſchlanker, hübſcher Mann im blauen Wamms und gleichem Unterzeuge von gutem Tuche und mit nettem, ſauberm Fußwerk. Er ſummte eine bekannte Tanzmelodie, ſchwenkte zum Takte den blanken Hut und ließ die langen dunkeln Haare um das friſche, freundliche Antlitz flattern. Oben im Thor der Treppe ſtieß er auf ein ebenfalls beſonders heraus⸗ geputztes Weib, das ein zartes Kind ſorgſam an der Hand leitete. Sieh da, ſchöne Kiddy! rief der Mann aus. Potz tauſend, wie haſt Du Dich in Staat geſetzt! Drei Röcke übereinander, ſeidene Aermel im Hemde ein ſilbern Bruſt⸗ ſtück, die Seidenmütze und das Spitzenhäubel, das breite, blumichte Leibbändel und dazu ſo nett auf dem Fuß! Ei, der Jack muß gar generös geweſen ſein, und hat Dir ſeinen ganzen Theil für den mißglückten Fiſchfang, der unverdient gewonnen, ſicher in den Schvoß geworfen. Seit zwei Jahren ſah Dich Niemand auf dem Eiland ſo ſchmuck und ſchön, und ich meine, Du thäteſt gut, ſogleich mit mir zum rothen Waſſer zu gehen, und auf 152 den alten Brettern, wo wir ſonſt uns oſt zuſammenge⸗ drehet, den Vortanz an meinem Arme aufzuführen.— Kiddy nickte vertraulich und bedeutſam. Geh nur vor⸗ an, Poyns, und beſtelle die Muſikanten im Saale, ſagte ſie. Kiddy kommt nach über Nacht und muß dabei ſein, und ſage dem Baas, er ſoll aufſchüſſeln, voll und hoch, und er ſoll den Syrup am Fiſchkopf nicht ſparen. Weißt Du nicht, morgen iſt Feſttag; wenn's zwölf geſchlagen über dem Kirchendache, geht das Feſt an. Es kommen viele Gäſte, liebe Gäſte; hole Dir nur alle Tänzerin⸗ nen vom Unterlande zuſammen, daß nirgends ein leerer Platz iſt; denn vornehme Gäſte ſoll man ehren. Ich habe auch daheim ſchon den Ahnbolk gebacken vom fein⸗ ſten Mehl und friſchen Eiern und ſüßen Rofinen und Pflau⸗ men, und die zarteſte Move mitten hineingebacken. Geh nur voran, guter Pohns, und beſtelle das Haus; ich komme ſchyn nach, Du braver Zimmermann.— Der Mann ſchüttelte mitleidig den Kopf und drückte ihr derb die dargebotene Hand. Es wäre auch für Dich beſſer geweſen, es hätte niemalen ein fremder Fuß das Vor⸗ land betreten, kein fremdes Mannesauge Dich tanzen geſehen, und Dir das gute, ehrliche Steuer zerbrochen, ſagte er weitergehend.— Poyns, rief ſie ihm nach, mit ganz verändertem Tone und verdüſtertem Geſicht, wareſt Du Nachts auf der Strandwacht 2 Haſt Du die Geiſter tanzen ſehen an der Sandinſel und wie das Feuer oben am Thurme bald oben, bald unten ſpukte? Sage dem Backenmeiſter, er ſolle die Kohlen nicht ſchonen, denn es iſt gar häßlich tappen durch die Finſterniß ohne Licht. Kiddy denkt viel daran, weil ſie oſt im Finſtern wach iſt; die Blinden ſtoßen ſich und fallen. Ach! es iſt eine ſchöne Sache um 153 Gottes Licht. Und wenn man hineinfieht, iſt's Einem doch oft gar ſchwer auf der Bruſt, weil man immer an die häßliche Nacht denken muß, die nachkommt!— Sie drebete ſich jetzt ab, und ging, ohne die Frem⸗ den zu bemerken, auf dem Falm hin am Geländer, über welches ſie ſich oft hinausbog, und weit hinaus, weit über das hochgehende Meer hinaus, zu blicken ſchien. Ida und Julius ſahen ihrer muthmaßlichen Lebens⸗ retterin ohne Wiſſen und Wollen mitleidig nach. In ih⸗ rem Quartiere fanden ſie die Mutter im Gärtchen am Hauſe in Geſellſchaft des freundlichen Wirthes, eines be⸗ haglichen, wohlbeleibten Mannes, der die Unterhaltung der Einſamen gaſtlich übernommen. Beide Töchter flo⸗ gen auf die Mutter zu, und Ida empfing ſie beſonders warm und inbrünſtig. Der ſcharfe Mutterblick bemerkte auch ſogleich die Erhitzung und ungewöhnliche Bewe⸗ gung der ſchönen Ida, doch lag ihrer argloſen Seele der eigentliche Grund zu fern.— Ihr habt Abſchied genommen, Kinder, Abſchied von dem Freunde, der uns morgen verlaſſen will; ich errathe es! ſagte die feine Frau. Unſer Julius hat die rechte, die einſame und nicht die letzte Stunde dazu erwählt, wie er Alles geſchickt und beſonnen einzuleiten verſteht. Wir ſind ihm auch dafür Dank ſchuldig; der Menſch ſoll ſich niemals vor Fremden im Regligee zeigen, und jede ſolche Scheideſtunde macht nicht ſelten Blößen ſichtbar, die kalte und fremde Herzen falſch deuten und beſpötteln. Wir Aelteren drücken uns ſchon ruhiger die Hände, wenn die Wege von einander laufen; wir ſind das Scheiden und das Wiederſehen gewohnt, und ſelbſt mit dem Ge⸗ danken auf ein längeres, ernſteres Scheiden nach und nach vertrauter geworden. So iſt das Schwere nun auch 154 faſt überſtanden, was ich nicht ganz unbekümmert heran⸗ zommen ſah, und wir wollen die uns vom Geſchick noch vergönnten Stunden, wenn auch nicht in Fröhlichkeit, doch ohne Trübſinn mit einander genießen.— Feſter preßte Ida die glühende Wange an die Schulter der Mutter; Herr Brooder Rickels aber ſprach: Der Spoziergang auf der ſchmalen Düne hat etwas lange gedauert, und mir kamen zum Oeftern die lieben Fräuleins in die Ge⸗ danken; doch mochte ich der Frau Mutter keine Angſt ſchaffen. Die Flut muß ſchon lange da ſein, und deß⸗ halb ſiel mir eine Laſt vom Herzen, als ich Sie alle ge⸗ ſund durch die Glasthür in den Saal eintreten ſah. Hätte ich vorher davon gewußt, hätten Sie nicht ohne meinen Peter gehen dürfen.— O Gott des Himmels! Wohl mir, daß meine Seele nichts dergleichen ahnete! rief da die erſchrockene Mutter aus. O mein Gott, ja die Flutzeit muß ſchon da ſein, und ich dachte nichts von Gefahr, und wußte doch von manchem ſolchen Unglück!— Sie zog beide Töchter hef⸗ tig an ſich und umſchlang ſie mit ihren Armen.— Wie kann eine Mutter ſo vergeßlich ſein, und ihr Küchlein ſo weit von ſich laſſen? Zürnet nicht auf eure ſchlechte Mutter. Der Himmel iſt gnädig, daß er ſolche Gedan⸗ zen von mir abhielt, als ſie Meſſer geworden wären, und ſie erſt warnend ſchickt, da die Meſſer nicht mehr ſchneiden können. Beide Kinder hätte ich verlieren kön⸗ nen; und wenn auch nur Eines von ihnen! O Julius, ſo werth ich Sie halte, ſo ſehr Sie ſich in meinem Her⸗ zen angebauet, ich hätte Sie haſſen müſſen, ewig haſſen.— No, no, gnädige Madam! ſprach der Wirth gut⸗ müthig drein. Nehmen's meine Zwiſchenſprache nicht für ungut. Der Herr da war ja pabei und der iſt kein ſ 155 junger Windmacher mehr, wird ſchon nach Weg und Waſſer umgeſchaut haben, und ſolchem Steuermanne kann man ſchon ſein Liebes ohne Sorgniß überlaſſen.— Julius ward ſichtlich beunruhigt durch das Geſpräch, und erzählte haſtig von ihrer Begegnung der räthſelhaf⸗ ten Helgoländerin, und fragte Herrn Nickels nach der Geſchichte und den Umſtänden dieſer ſonderbaren Erſchei⸗ nung, von welcher in den letzten Tagen viel in ihrem kleinen Kreiſe, auch in der Mutter Gegenwart geſprochen worden, von der aber Keiner bislang eine nähere und wahrhafte Auskunft hatte geben können.— Herr Broo⸗ der Nickels lächelte behaglich, ſtrich ſeine Seiten mit den kurzen, runden Armen, zupfte ſein kurzſchößiges Haus⸗ wamms zurecht und fuhr mit den Händen den kleinen Bauch hinab in die Taſchen. Kann's denken, ſagte er, indem er ſich bequemlich den Gäſten gegenüber ſetzte; die Helgoländer ſprechen nicht gern dahon, denn bei ſolch kleinem Völkchen, das dazu ſtreng auf Zucht und Ehre hält, trifft Schlag und Schnitt Jedweden mit, geſchäh's dem Geringſten oder dem Beſten. Man ſpeiſet bei ſo etwas beſonders die Fremden gern mit kurzen Brocken ab, doch dürfen ſich die Unterländer nicht gerade der Ge⸗ ſchichte ſchämen, da ſie das Schlimme nach ihrer Weiſe brav und ehrlich zu Ende gebracht, und die Havarie, ſo gut als es ging, ausgebeſſert.— Er ſah ſich bedächtig nach der kleinen Marianne um, und als er ſie von der Mutter entlaſſen und im Speiſe⸗ ſaale beſchäftigt fand, flüſterte er zutraulich: Die Hiſto⸗ rie paßt nicht für die ganz junge Welt! und begann dann lauter ſeine Erzählung. Die Kiddy Hämkens ſtammt von ehrlichen Eltern. Der Vater war ein tüchtiger, unverwüſtlicher Lootſe und 156 die Mutter eine rührige Frau. Sie hatten ein kleines, ſauberes Haus in der Unterſtadt, und etwas vor ſich ge⸗ bracht und Freude an dem Jack und der Kiddy, ihren beiden Kindern, denn jener half ſchon dem Vater im Geſchäft und dieſe ward zu den wackerſten Dirnen auf dem Vorlande gerechnet, und konnte ſich ſelbſt neben den Moors, der ſchönen Kätty und Mary, immer ſehen laſ⸗ ſen. Es geht jetzt in das dritte Jahr, da kam ein jun⸗ ger Herr aus London auf die Inſel, ein anſehnlicher Menſch, ein friſches Blut, geſund und lebensluſtig, und reicher Eltern Kind. Er that nicht wie die Andern, die nur auf Commando des Herrn Medicus und des Salz⸗ waſſers wegen zu uns kommen, mit Furcht den Kahn beſteigen, ſich im Saal zuſammenhalten beim Spiel und Wein, wie ſie's zu Haus getrieben; nein, er ſchien's darauf abgeſehen zu haben, ſo recht in unſern Kajüten und bis unter das tiefſte Deck ſich umzuſchauen, um un⸗ ſere Lebensweiſe uns abzulernen. Er fehlte bei keinem Fiſchzuge und keinem Vogelfange; er fuhr ſelbſt mit den Lootſenbooten den Schiffen entgegen; kannte bald jedes Riff, jede Untiefe und jede Tonne in der See, und hätte immerhin das Examen um den Lootſenpfennig durchma⸗ chen und ſich das Klippenrecht verdienen können. Ja, er trieb das Ding noch weiter, ging bei dem beſten Schiffszimmermann in die Lehre, ließ eine nette Schnigge auf dem Werft erbauen, nahm vier rüſtige Burſchen als Ruderer in Dienſt, die ihn unter ſeiner blau und gel⸗ ben Flagge gleich einem Fregattcapitän weit in das Blaue hinausfahren mußten. Daß ihm das bei uns gar gut angerechnet wurde, läßt ſich denken; hatte er doch außer⸗ dem nie leere Taſchen und die Hand kam immer voll aus dem Sack, und jeder Burſch hielt es für eine Ehre, u S 8 8 157 wenn der Herr William ihm einen Dienſt auftrug oder ihn irgendwo nutzte. Als die übrigen Gäſte längſt ab⸗ gezogen gleich den Vögeln, die im Winter gen Süden ziehen, blieb der Herr noch immer da, ſchoß Kaninchen auf der Sandinſel, fing Hummer am Fels, und ſiedelte ſich jetzt auch in die Herzen der Frauensleute ein, denn er ſpazierte in der Helgoländertracht umher und zeigte ſich Sonntags als der ſchmuckſte Blondkopf in dem ſchma⸗ len Hauſe, das man das rothe Waſſer nennt, und tanzte der Erſte und Letzte, ſo lange noch ein Weibſen Luſt hatte, die Füße zu bewegen. Er hatte bislang hier oben gewohnt bei dem Franz; als der Winter kam, gab er vor, es ſei das Wetter ihm zu rauh, und er zog in die Unterſtadt und quartirte ſich ein in das kleine Haus des Hämkens, die darum gewaltig beneidet wurden. Nie⸗ mand dachte arg dabei, denn die Kiddy war kein Ueber⸗ läufer, die auf den Mann ſchon hätte verzichten müſſen, ſondern war kaum ſiebzehn alt, und trug ſie auch bald beſſere Sachen denn zuvor, und prunkte gar mit dem ſilbernen Bruſtſtück und feinem Seidenkram, ſo wußte man ja, daß Herr William überall geſchenkt, und es ihm eine Paſſion zu ſein ſchien, aller Welt Vergnügen zu ſpendiren.— Der Frühling kam, und da ſchlug plötz⸗ lich Wind und Wetter um und der Mordſpectakel begann. Erſt ziſchelten die Weiber, dann ſprachen die Männer leiſe zuſammen, denn Alles ſchämte ſich, frei und laut dergleichen zu beſchwatzen, und Jeder wehrte ſich, ſo recht daran zu glauben. Endlich brach's los, die ſchöne Kiddy war zu Falle gekommen, und der Lord hatte trotz ſeines Scheines von Edelmuth und Großherzigkeit das Gaſtrecht gebrochen, das arme Ding durch ſeine klugen, zierlichen Redensarten beſchwatzt, durch ſeine Geſtalt, 158 ſeinen Reichthum verblendet, und die Schande war dicht vor der Thür.— Eines Morgens zog ein gewaltiges Gelärm Alle, Unter⸗ und Oberſtädter, nach dem Strande hin. Ein engländiſch Schiff hatte die Segel aufgehißt, begann die Anker zu lichten, und unſer Gaſt ſtand reiſe⸗ fertig am Kahn und wollte davon. Da brach der Jack, Kiddy's Bruder, hervor mit einem Geſchwader tollköpfiger Burſche, und faßte den Jaglisman ſeemäniſch an, und forderte von ihm, gut zu machen, was er ſchlecht ge⸗ macht. Es gab harte Worte, und von den Worten kam's zur Fauſt, denn die Beleidigung traf Alle, und die veſchimpfte Ehre der Inſel machte Alles vergeſſen, was den Beleidiger ſonſt beliebt und hochgeehrt geſtellt. Der Lord dräuete übermüthig und toll mit Piſtolenſchüſ⸗ ſen und regte dadurch die Wuth zu gewaltſamen Angrif⸗ fen, die damit endeten, daß er tüchtig bearbeitet ſich vor ein Volksgericht ſchleppen laſſen mußte, das augenblicks über ihn aburtelte. Er war ehrlich genug, die Sünde nicht wegzuläugnen, ſie mit ſeinem Gelde bezahlen zu wollen, aber daran hatte der wilde Jack nicht Genüge, wie es auch kein Helgoländer gehabt, der unverſchuldet in ſolche Lage gerathen. Die Aelteſten und die Vorſte⸗ her traten ohne Aufſchub auf der Wieſe zuſammen; die Quartiersleute und Rathsmänner wurden geholt, das beſchimpfte Mädchen vorgeführt, und in kurzer, klarer Berathung nach unſerm Landrechte fällte man den Spruch: der Fremde ſolle auf der Stelle die Ehre der Helgolän⸗ derin herſtellen und ſie ihm angetraut werden. Freilich machte der junge Herr gar ſchlimme Grimaſſen, doch mochte er den tollen Burſchen nicht recht mehr trauen, und ließ ſich trotzig zur Kirche bringen und ſich die Ce⸗ remonie gefallen; aber in meinem Leben werde ich die — * 159 verächtliche Weiſe nicht vergeſſen, mit der er ſein: Ja! ausſtieß und dabei zu dem armen Kinde herabſah, das er geopfert. Der ehrwürdige Pfarrer ſprach nachher zu ihm hinein, und legte ihm Sorge um Weib und Kind an's Herz. Er lächelte höhniſch dazu und ſprach: Iſt die Schiffersdirne auf Helgoländer Weiſe zur Miſtreß gemacht worden, ſo mag ſie ſich auch mit dem begnü⸗ gen, was ihr Mann als Helgoländer beſaß.— Unan⸗ gefochten riß er ſich von dem ſchönen Weibſen, was vor ihm auf den Knien wimmerte, rief ſpottend: Wenn ſie mich wieder ſieht, ſei es, um mich als Wittib zu begra⸗ ben! ſtieg hinab, trat ins Boot und— ſegelte davon. Seine Schnigge, ſein übriger Nachlaß ward für die Kiddy verkauft; aber der alte Vater verdang ſich aus Mißmuth auf einen Weſtindienfahrer und kam um; die Mutter ſtarb aus Gram an dem Tage, wo die kleine Antche geboren wurde, und die Kiddy ſelbſt, vom Bru⸗ der nicht eben fein behandelt, verſank mit jedem Monate in tiefere Verfinſterung, und geht ſeitdem als ein Ge⸗ genſtand des Mitleids unter uns umher, denn— von dem edlen Herrn hat Niemand etwas wieder erfahren.— Die Zuhörer hatten ohne Unterbrechung und geſpannt dem treuherzigen Erzähler zugehört, und ihr plötzliches tiefes Athemſchöpfen, als er geſchloſſen, zeigte die Ge⸗ müthsbewegung an, in welche ſie die Begebenheit ver⸗ ſetzt.— Das iſt das Ende jeder geſetzloſen Leidenſchaft, wenn auch Anfangs die Liebe und edlere Empfindungen darin mitgeſpielt, ſagte die ernſte Mutter. Wer ein halbes Jahrhundert mitgemacht, kann nicht mehr zweifeln, daß jeder Schritt aus der Bahn, welche Sitte und Religion uns vorzeichnen, daß jeder Verſtoß gegen das, was von 160 der Väterzeit uns heilig gegolten, zu Abgründen führt, die auch die Beſten ins Verderben ſtürzen.— Es mag wohl drüben auf dem Feſten noch öfterer dergleichen paſſiren, ſetzte der ehrliche Wirth hinzu, doch pei uns gehört's zu den Seltenheiten, von denen Kind und Kindeskind noch mit Aerger und Gram plaudern werden, und wo der Herr William auch in Herrlichkeit und Freuve leben mag, wir meinen doch, es könne ihm nicht wohl ſein. Geht er zu Schiffe, muß des alten Hämkens Leichnam gleich dem fliegenden Holländer an ſeinem Backbord vorbei ſtreifen, und ſitzt er in ſeinem Schloſſe zur Tafel, muß die abgehärmte Mutter und die irre Kiddy ihm unwillkommene Geſellſchaft leiſten; denn wohin Menſchenarm und Menſchenſtrafe nicht reichen, da⸗ hin reicht der Arm deſſen, der Stürme aufruft und Fel⸗ ſen in die Fluten ſtürzt.— Julius warf einen finſtern Blick auf die ſchöne Ida, die wachsbleich und verſtummt ihm gegenüber ſaß. Der Wind ſtrich rauh durch das Gärtchen, der Himmel war vewölkt worden, und man zog ſich in den Speiſeſaal zu⸗ rück, wo ſchon Geſellſchaft eingetroffen. Julius durchwachte eine wirre Nacht. Er hatte das Päckchen mit der Knabenkleidung dem Kammermädchen ſeiner Geliebten anvertrauet, um es heimlich unter Ida's Bettdecke zu legen. Dieſe Zofe hatte die ſtrengſte Ver⸗ ſchwiegenheit gelobt, weil ſie der Angabe Glauben bei⸗ maß, der Maskeradenanzug ſollte zu einem Abſchieds⸗ feſte benutzt werden, und ihre Zofenehre ſich durch die Mitwiſſenſchaft geſtreichelt fühlte. Er ordnete ſeine Sa⸗ chen und ſchrieb einen Brief an die Mutter, deſſen 161 Fertigung ihm jedoch das Schwierigſte ſchien, was je ſeiner Feder entfloſſen, und ſo unklar, ſteif und verwor⸗ ren gerieth, daß er bald unmuthig davon abließ. Er legte ſich nieder, konnte aber nicht zum Schlafen kom⸗ men, und verließ bald wieder das Bett. Nie hatte er ſich ſo geiſtig und körperlich erſchöpft gefühlt, und doch war in ſeinem Geiſte und Körper eine fremdartige Le⸗ bendigkeit, welche ihn mit Krankheitsahnungen marterte. Seine Gedanken hetzten ſich wie wilde Jagd und doch erſchien keiner hell und feſt; wollte er ſie halten, mit Anſtrengung die Seele auf eines der Flugbilder haften machen, ſo trat eine geiſtige Stumpfheit in den Weg, die ſein ganzes Seelenleben in eine allgemeine Nacht begrub; gegentheils hörte er ſeinen Herzſchlag, fühlte den kleinſten ſeiner Pulſe pochen, und doch lag es ihm ſchwer wie Blei in allen Gliedern. Er hatte Licht gemacht, ſich wiederum angekleidet, und das Fenſter aufgeſtoßen. Die Nacht war ſchwarz wie das Grab. Selbſt ſtarke Männerſeelen haben in bedeut⸗ ſamen Lebensmomenten einen Anflug von Aberglauben, und er ſuchte emſig nach einem Sterne; aber alle die freundlichen Himmelslichter waren mit einem ungeheuren Bahrtuche verhängt. Ein einziger ſchwacher Schein ſpie⸗ gelte ſich an einer Stelle des ſchwarzen Wolkentuches ab, aber er kam von der Erde; es war der Wiederſchein der Flammen im Leuchtthurme, die in der tiefen Finſter⸗ niß heller zu flackern ſchienen als ſonſt. Und das war wohl abſichtlich, denn ein hohles Sauſen füllte die Luft und ſtörte den Gottesfrieden der Mitternacht. Der Sturm heulte und pfiff, als gäbe es droben in den finſtern Räu⸗ men eine Geiſterſchlacht mit allen menſchlichen Leiden⸗ ſchaften durchkämpft; nicht ſelten ſtiegen die Sturmſtöße Blumenhagen. XI. 11 162 zu einem entſetzlichen Gebrüll wie Zerſtörung ſuchende Wuth und rachdurſtiger Ingrimm, und die ganze Klippe ſchien zu zittern und ihre Häuſerzeilen wankten. Auch Julius fühlte ſich erbeben und ſeine Beklommenheit wuchs mit jeder Minute. Es war ihm, als töne zuweilen durch den Sturm Menſchengeſchrei zu ihm heran und da er eben⸗ falls eine zunehmende Uaruhe in dem Städtchen bemerkte, hie und da Lichter hinter den Fenſtern ſich zeigten, Haus⸗ pforten zugeſchlagen wurden, einzelne Menſchengeſtalten eilfertig über die Gaſſe ſchlüpften, ſo verließ er das Haus und ging zum Falm. Vom Geländer herab erkannte er ſogleich eine un⸗ heimliche Lebendigkeit, die das ganze Vorland bedeckte, und welche ihn unwiderſtehlich zu ſich hinunterzog. Auf der Mitte der Treppe traf er ein Weib. Regungslos ſaß ſie da im Sturme und der Finſterniß, er redete ſie an, bekam aber keine Antwort, und ging darum weiter. Unten war alles Volk im Aufruhr und lief ſo geſchäftig durch einander, daß er teine Störung, keine neugierige Frage wagen mochte. Endlich ſtand er am Strande und fand ſeine gerechte Ahnung beſtätigt. Alles war hier be⸗ ſchäftigt, die Lootſendöte in Stand zu ſetzen. Eben ſchob man die große Bordjölle vom Sande, und Män⸗ ner, Weiber und Kinder legten Hand an, dieſes mäch⸗ tige Hülfsſchiff flott zu machen. Mehrere große Pech⸗ kränze beleuchteten den Raum; ihre rothen Flammenzacken ſchoſſen wie feurige Schwerter unwillig und kampfluſtig in die unruhigen Lüfte, und der weiße, dicke Qualm, der von ihnen ausging, wälzte ſich, vom Sturme nieder⸗ gedrückt und wirbelnd, über die Menſchenmaſſe, und das Gewühl erhielt in dieſer unſicheren Beleuchtung ein ge⸗ ſpenſtiſches, ja faſt grauenhaftes Anſehen. Dazu einigte 163 ſich hier mit dem hohlen Sauſen und Brüllen des Stur⸗ mes oben in der Luft tief unten das wüthige Gebraus des Meeres, deſſen Aufgährung neue, furchtbarere Töne zu dem gräßlichen Concert miſchte, und wenn das Licht der Pechkränze zuweilen die weißen Qualmwolken durch⸗ brach und einen ſchmalen, langen Strahl über das Waſ⸗ ſer hinausſchickte, ſah man die ungeheuren Wellenberge ſteigen, ſich überſtürzen, wieder und höher wachſen, und mit hellem Giſcht gekrönt gegen den Strand hinan ſchie⸗ ßen, ſo daß ſelbſt auf dem ſichern Platze der Fuß un⸗ willkürlich zurückwich. Julius erkannte in einem Manne, der ſeine große Hornlaterne bei einem Pechkranze anzuzünden verſuchte, den alten Michel Block, und begrüßte ihn, und fragte, ob irgendwo Noth ſei.— Noth genug für die, welche es trifft! ſagte der Alte kalt und ruhig. Seit Jahren haben wir um dieſe Jahrs⸗ zeit kein ſolch Wetter erlebt, und manches Chriſtenkind wird heut Nacht ſo viel Salzwaſſer ſchlucken, daß es nimmermehr Durſt hat.— Hat man Schiffe in der Nähe bemerkt, die Gefahr litten? fragte Julius mit ängſtlicher Haſt.— Hört Ihr denn nicht, Herr? Sehet Ihr denn nicht? murrte der Helgoländer. Schauet dort hinüber, dort dicht über das Waſſer hin; ſehet Ihr nicht die kleinen Lichterchen, drei, vier, fünf 2 Sie laſſen wie kleine See⸗ len, die auf Gräbern tanzen, und ſich gegen den Ab⸗ ſchied von der lieben Erde wehren.— Höret Ihr nicht, jetzt wieder einen Knall, noch einen?— Der Burſche hält ſich noch tapfer und ſchießt noch ganz luſtig; und wenn der Capitän nicht zum erſten Male dieſe Tour macht und ſich nur in guter Ferne zu halten weiß, bis unſere 164 Männer zu ihm kommen können, ſo möchte er vielleicht mit einigen gebrochenen Gliedmaßen davon kommen⸗ Aber dort mehr nach Weſt liegt ein anderer armer Schelm, der ſein Teſtament wohl ſchon gemacht hat. Gewiß konnte der Wachtmann die rothe Tonne nicht mehr ſehen, und der Kiel ſitzet auf der blinden Klippe, und das Woſſer iſt der Serjungfer bereits über Mund und Augen ge⸗ ſchlagen. Vor Kurzem that man noch einen Nothſchuß, aber jetzt iſs ſtill geworden wie der Tod, und man zeigt auch kein Licht mehr.— Und ihr wollet hinaus in das gewiſſe Verderben? Und eure Weiber helfen ſelber mit, ſtatt ihre tollküh⸗ nen, übermüthigen Männer am Rockſchooße zurück zu hal⸗ ten?— Der Alte ſah mitleidig zur Seite, indem er ſeine Laterne vollends fertig machte. Sprechen eure Weiber mit, fragte er, wenn ihr in den Krieg ziehet oder ſonſt ein Berufsgeſchäft abmacht? Iſts nicht auch ihr Brod, wenn ein tüchtig Lootſengeld verdient wird und der Mann reiches Strandgut zu ber⸗ gen das Glück hat?— Und doch nicht einmal die wa⸗ cern Kameraden mitgerechnet, denen die Noth an den Kragen geht, und die wie nach einem Gottesengel durch die Nacht ausgaffen, ob nicht eine redliche Menſchenſeele ihrer denkt und ein Gewiſſen hat. Wer einmal derglei⸗ chen mitgemacht hat, der ſpricht: Wie Dir, ſo mir! und ſäumet nicht zu thun, was ſeine Pflicht iſt und wozu er geboren.— Tiefſinnig ſtand Julius, als der Graukopf ihn ver⸗ laſſen. Er kam ſich ſammt allen Seinesgleichen klein und erbärmlich vor neben dieſem ſchlichten, elenden Men⸗ ſchen; er gedachte zugleich der Unglückſeligen, die drü⸗ ven, nicht gar weit von ihm in Todesnoth verzweifelten; 165 auch an das Schiff erinnerte er ſich, an die Kirſche von London, das morgen hier anzulegen verſprochen, auf dem er Alles, was er an irdiſcher Habe beſaß, verla⸗ den, mit dem ſein und der ſchönen Ida Schickſal ſo enge verknüpft war, und das vielleicht in dieſer Stunde eben⸗ falls gegen den weit offenen Meeresſchlund ſich ohnmäch⸗ tig zur Wehr ſetzte. Es duldete ihn nicht mehr inmit⸗ ten dieſer grauſen Scene, wo er nur ein unthätiger Zuſchauer ſein konnte; er ſtieg wieder zurück auf den Fels, und warf ſich erſchöpft auf ſein Bett.—— Der Tag dämmerte; der Sturm hatte ſich gelegt; die See ging noch hohl, doch ſah man ihr an, daß ſie nur noch in leichten Zuckungen zur Geneſung hinkämpfte, denen bald völlige Ruhe folgen würde. Was auf dem Eiland lebte, Einheimiſche und Gäſte, ſammelte ſich am Strande, um ſich mit eigenen Augen von den Folgen des furchtbaren Unwetters in Kenntniß zu ſetzen. Das Menſchengewühl auf dem Vorlande war noch größer als in der Nacht, doch trug es einen milderen Charakter, wenn ihm auch das Betrübende und Erſchütternde nicht mangelte.— Das erſte, worauf Julius umſchauender Blick traf, war das erwartete Schiff, welches ihm zur Linken mit fröhlich flatternden Wimpeln in den Nord⸗ hafen einfuhr. Er erkannte deutlich am Bogſpriet die bunte Figur des Obſtmädchens mit dem Fruchtkörbchen auf dem Kopfe und glaubte ſelbſt die goldene Inſchrift Cherry rippe! Cherry rippe! vollkommen zu leſen. Der Orkan ſchien der muntern Jungfrau keinen Schaden zu⸗ gefügt zu haben, und ſelbſt ihre flüchtige Kleidung ließ unverſehrt. Das Lootſenbvot, das ſie herein geleitet, 166 löſete ſich ſchon von ihr, doch wurden die Grüße, die er hinüber winkte, nicht beantwortet, da die ganze Mann⸗ ſchaft mit dem Ankerwurfe beſchäftigt war. Rechts zwiſchen dem Vorlande und der Sandinſel hatte ein Holländer geankert, der ſich in einem traurigen Zuſtande befand, und deſſen gebrochener Maſt und ver⸗ wirrte Takellage den Beweis führte, wie brav aber un⸗ glücklich er ſich im Kampfe der Elemente zur Wehr ge⸗ ſetzt; eine Unzahl kleiner Kähne umſchwammen ihn, ſeine Ladung zu löſchen. Weiterhin aber im Meere entdeckte man das Wrack des auf der blinden Klippe verunglück⸗ ten Engländers, einen formloſen Rumpf, kaum mehr kenntlich als Reſt eines kühnen Meerbezwingers, ſkelet⸗ tirt und zerriſſen und faſt ſchon gänzlich mit Waſſer be⸗ deckt; auch neben ihm müheten ſich noch einige Sloops, verſtreute Güter aufzufiſchen, obgleich die Wellen ihnen ſchon einen Theil der Mühe abgenommen, indem ſie Tonnen, Kiſten und mancherlei Trümmer immerfort an den Strand ſpülten. Julius erkundigte ſich nach dem Schickſale der Mann⸗ ſchaft des verunglückten Schiffes, und als er vernahm, das zwar die Mehrzahl umgekommen, doch einige We⸗ nige, worunter auch ein Frauenzimmer, gerettet wor⸗ den, ſo ſuchte er dieſelben auf und forſchte nach ihnen. Sie waren in dem Moorſchen Gaſthauſe, genannt„die Erholung am Strande“ untergebracht, und befanden ſich im erſten Zimmer nächſt der Pforte. Julius traf zuerſt auf ein Dutzend Seemänner, die blaß und mit allen Zeichen der Erſchöpfung da ſaben, und nur triſt und langſam zu den Erquickungen griffen, die man ihnen gaſtlich vorgeſetzt. Tiefer im Zimmer ſaß die gerettete Dame, um die ſich die beiden ſchönen Töchter 167 des Wirths bemüheten. Die Schiffbrüchige war eine Engländerin von ſtolzem, hohem Wuchſe, mit einer ſtren⸗ gen Phyſiognomie, über die Mädchenjahre hinaus, in feiner Reiſetracht. Sowie die Thür aufging, ſchlug ſie jedes Mal die blauen, kalten Augen auf, mit dem Ausdrucke, als erwarte ſie und fürchtete zugleich irgend eine Botſchaft. Julius redete ſie Engliſch an, bedauerte ihren Unfall und wünſchte ihr Glück zu ihrer Errettung aus ſolch grauſem Verderben. Sie betrachtete ihn einen Augenblick, als überraſchte ſie ein bekanntes Geſicht, doch ſchien ihr die Ueberraſchung mehr widerwärtig als angenehm.— Ich danke Euch, Sir, für die gute Meinung, er⸗ wiederte ſie ernſt und faſt abſtoßend, wie die meiſten ihrer Landsmänninnen gegen den Fremden zu ſein pfle⸗ gen. Es iſt ein zweideutiges Glück ſich ſo allein zu finden nach ſolcher Nacht.— Er bot ihr ſeine Dienſte an, da ſie jedoch nur mit einem vornehmen Kopfnicken antwortete, wandte er ſich von ihr und trat zu den Seeleuten.— Vermiſſet Ihr viele Eurer Reiſegefährten? fragte er.— Zwei und zwanzig wackere Jungens, antwortete ein Matroſe finſter aufblickend, drei Gentlemans und unſern braven Capitän.— Alle ſenkten die Köpfe tiefer, auch der Sprecher, und Julius verließ tief ergriffen wieder die Trauer⸗ kammer; und ſtieß in geringer Ferne vom Hauſe auf die Familie ſeiner Ida. Welch einen böſen Tag müſſen wir hier noch erleben! ſagte die Mutter. Ein ſolches Schauſpiel ſollte faſt den Muth benehmen, je wieder die Geſundheit in mitten ſolcher Gefahr zu ſuchen. Welch ein Glück, Julius, daß 168 Sie nicht ſchon geſtern abgereiſet; wir würden vor Angſt um Sie todtkrank geworden ſein, und unſere Ida ward es ſchon durch den Gedanken daran. Sie ſtiegen mitten in der Nacht zu dem Strande hinunter? Der Wirth erzählte es, und unſere Phantaſie ſah den verwegenen Mann ſchon im Rettungsboote ſich preis gebend.— Es mangelte nicht an muthigen Helfern, antwortete Julius, das Auge auf die bleiche, ſehr zerſtört aus⸗ ſehende Ida gerichtet; meine Theilnahme wäre Wahnfinn und ſicher nur ſtörend geweſen. Der Sturm ließ mich nicht ſchlafen, und Neubegier oder, wenn Sie lieber wollen, der Trieb im menſchlichen Gemüthe, gern vom ſichern Platze eine Gefahr anzuſehen, um in dem Be⸗ wußtſein zu ſchwelgen, daß ſie nicht uns traf, jagt mich hinab an's Meer.— Auch wir ſchliefen nicht, ſagte Ida mit unſicherer Stimme; der Schlaf, der liebe Freund der Schulvloſen und Frommen, floh unſer Bett.— Widerwärtig berührt deutete Julius auf das Schiff im Nordhafen: Das iſt die Kirſche von London, ſprach er bedeutungsvoll. Die jungfräuliche iſt dem Sturm entronnen; der ungeſtüme, ftürmiſche Meergott hat ihr nicht einmal die Locken zerzauſet. Nehmen wir da das als eine ſegnende Vorbedeutung.— Ida warf nur einen ſcheuen Blick hinaus, dann fuhr ihr Auge zum Sande nieder, und wie von der Frühluft durchfröſtelt wickelte ſie ſich dicht bis zu den Augen in ihr großes Morgentuch. Ein Auflauf gegen den Strand hin zog die Auf⸗ merkſamkeit Aller an ſich, und ſie näherten ſich dem Orte. Ein Ruderboot legte an; es enthielt mehre ge⸗ borgene Güter und mitten dazwiſchen die Leiche eines 169 jungen und hübſchen Mannes von Stande. Unter denen, die den Ertrunkenen auf den Sand hoben, bemerkte Julius den Lootſen Jack Hämkens. Er trat zu ihm und fragter Iſt keine Hülfe mehr?— Hülfe? Für den da? verſetzte der Lootſe mit einem eiſigen Geſicht und einem ſeltſamen Blick, aus dem ein wilder Seelenblitz ſchoß. Er lag auf der Sand⸗ inſel wie ein abgeſtandener Hay. Die See hat ihn aus⸗ geſpien, und mag ihn wohl nicht gut genug gefunden haben für ein ſolch Ehrengrab.— Man trug den Leich⸗ nam zu dem nächſten Hauſe, zu der Erholung; Julius fühlte ſich nachgezogen, und die Frauenzimmer gingen mechaniſch in ihrer Beſtürzung mit. Zufällig befand ſich auf dem Vorplatze ein Haufen von Matten und Stroh⸗ beſen zum Verpacken der Güter bereitet, man hatte den Todten darauf niedergelegt, und die engliſchen Matroſen kamen einzeln durch die offene Thür des Zimmers her⸗ aus und umringten das Lager mit Ausrufungen der Trauer. Auch die Ehgländerin trat jetzt heraus und die Seeleute machten ihr Raum. Sobald ſie die Leiche angeſchaut, ſchien ſie zu ſchwanken; doch ſtellte ſie ſich ſogleich wieder feſt, neigte ſich dem Boden zu und er⸗ griff die Hand des Verunglückten. Alſo wirklich todt? rief ſie eintönig, mit einem ſchmerzlichen Ausdruck, welcher aber mehr der dem Unglück trotzenden Faſſung eines Man⸗ nes, als der ohnmächtigen Zerriſſenheit weiblichen Weh⸗ gefüh's glich. So kameſt Du ſchnell zum Ziele, mein unglücklicher Bruder, und wer möchte ſich tadelnd auflehnen gegen den Willen Gottes, wenn gleich ſein unabbittlicher Zorn volle Strafe ſendet, wo Reue aufgekeimet war und Beſſerung begonnen hatte.— Mit ſtolzer Haltung ſich zu den Damen kehrend ſetzte ſie hinzu: Mein Bruder war der letzte 170 Zweig einer der beſten Familien in England; ich bin allein übrig, eine kinderloſe Wittwe, und habe alle die Meinigen begraben ſehen.— Selbſt Ida's beſonnene Mutter wußte der ſeltſamen Fremden nichts zu antworten, und indem ſie noch nach einem Tröſtungsworte rang, überhoben Andere ſie der Sorge. Nur friſch herein und ziere Dich nicht! rief eine rauhe Männerſtimme wie aus erhitzter angegriffener Bruſt. Wonach Du gejammert und geflennet, das iſt angekommen, wird nicht wieder in See ſtechen, und der flüchtige Corſar liegt am feſten Anker.— Es zeigte ſich Jack Hämkens faſt boshaft verzerrtes Geſicht; er zog die Schweſter Kiddy nach ſich, welche wiederum ihre kleine Antche mit ſich an der Hand herein ſchleifte. Kennſt Du ihn, den Gott gerichtet, wo er ge⸗ ſündigt und als heilloſer Kaper ſich am fremden Gute vergriff? ſetzte er wüſt hinzu, ſie zu der Leiche ſtoßend. Kiddy warf einen Blick auf die Leiche, that einen ſchnei⸗ denden Kreiſch und Kind und Bruder loslaſſend fiel ſie über den Todten hin.— Wer iſt das Frauenzimmer, welches wagt ſich an dieſem Todten zu vergreifen? fragte haſtig und unwillig vortretend die Engländerin.— Wer könnt's ihr wehren? verſetzte Jack mit verbiſſenem Grimme. Sie iſt ſein Weib, ſo gewiß ſie meiner Mutter Kind iſt, und ich ſtehe da, um ihr Recht zu verwahren, denn was vom Strandgute dieſem blaſſen Angeſichte ge⸗ pörte, muß Eigenthum der Kleinen hier bleiben nach Gottesrecht, und ſo lange mir Zunge und Fauſt nicht lahm wird. Julius hatte die arme Kiddy aufgegriffen, und ſie 171 ſaß knieend neben dem Stroh, hielt die Hände verfaltet und ſtarrte wie empfindungs⸗ und gedankenlos auf das kreideweiße Todtengeſicht. Die Fremde betrachtete zuerſt ſcharf die Knieende, dann das Kind, welches weinend ſich an der Hand des Lootſen ſträubte und nach der Mutter ſtrebte. Alſo dieſe ſind es, die er ſuchte und nicht finden ſollte? ſagte ſie mit verdüſtertem Geſicht. Rundum ſah ſie ſich und fuhr dann mit Faſſung fort: Niemand wider⸗ ſpricht, Niemand thut eine Frage. Alſo kennt Jedermann die Geſchichte, und ich kann gegen die Reden dieſes hi⸗ tzigen Mannes keinen Zweifel hegen, und es bleibt mir nur die ſchweſterliche Pflſcht den unglücklichen Bruder gegen die Schmädreden deſſelben zu vertheidigen. Mein Bruder that dieſe Reiſe, um gut zu machen, was er verſchuldet hatte, um dieſes verlaſſene Weib in ihre Rechte einzuſitzen. Als er nach England zurückgekommen, er⸗ kannten ſeine Freunde gar bald, daß er nicht ſo gekehrt, wie er gegangen. Selbſt in dem Glanze und den Zer⸗ ſtreuungen der großen Welt drückte ihn etwas, welches er aber ſelbſt mir, der Schweſter, verſchwieg. Er ſollte eine bedeutende Stellung in dem Königreiche einnehmen, die Heirath mit einer reichen Erbin ſollte ihm die neue, ehrenvolle Bahn ſichern. Sein Mißmuth, ſeine Seelen⸗ angſt wurde ſichtbarer; doch ſchwieg er.— Aber auf dem Brautgange, als die Kirche ſich ihm öffnete, der Glanz des geſchmückten Heiligthumes, die Verſammlung der reichſten Familien der Grafſchaft ihm in's Auge ſtrahlte, ſank er an der Seite der reizendſten Braut ſinnlos nieder, erwachte im wildeſten Fieber und ſein junges Leben rang lange mit dem Tode. In ſeinen Geneſungstagen geſtand er mir ſein Seelenleid, ſein Vergehen, das heilige Band, 172 was er, wenn auch gezwungen, vor Gott geſchloſſen. Ich zeigte ihm den Weg der Pflicht, löſete ohne Aufſehen die neue Verbindung, und faßte den Vorſatz, ihn zu be⸗ gleiten, damit ſein Leichtſinn ihn nicht ſchwanken machte, damit keine mögliche Zuſchwätzung fremder männlicher Vermeſſenheit ſeine gute reuige Abſicht hindere. Denn was der Menſch vor Gott gelodt, davon entbindet kein irdiſcher Spruch noch Wille. Man kann nicht mit dem Himmel dingen und feilſchen und rechnen. Wer es im Frevelmuthe wagt, der iſt der Gnade verluſtig, und die ewige Gerechtigkeit verwirft ſeine zu ſpäte erzwungene Reue, und ihre Hand trifft ihn, wie ſie den verlorenen William traf.— Erſchreckt und unwillkürlich ſah Julius auf Jda. Sie ſtand neben der Fremden, bewegungslos wie der Todte, zernichteter als die arme Kiddy. Die Lady ſtreckte jetzt ihre Hände nach dem Kinde aus, zog es zu ſich und ſtreichelte ihm das hellbraune, weiche Haar. Du biſt alſo die Verlaſſenſchaft meines Bruders, ſagte ſie weicher, Du Alles, was uns von ihm übrig geblieben. Ich werde das Vermächtniß zu ehren wiſſen.— Zu dem Lootſen gewendet ſetzte ſie hinzu: Es bedarf nicht des Strandgutes, Du wüſter, heftiger Menſch, nicht der elenden verlorenen Koffer, um den Nachgebliebenen ge⸗ nug zu thun. Rufe mir den Pfarrer herbei, ſchaffet mir die nöthigen Zeugniſſe und Papiere. Dieſe Klippe ge⸗ hört unſerm Könige, dieſes Kind iſt eine geborene Eng⸗ länderin, und die Kleine iſt die letzte, einzige Erbin unſeres Vermögens. Sie iſt mein Kind von heute an, und ſoll ſich gut bei mir befinden. Will die Mutter ebenfalls mir folgen, ſo mag ſic's. Auch ihr ſoll nichts mangeln, hier oder dort, wie ihr's gefallen möchte.— 173 Kiddy hatte nach und nach, während die Lady ſprach, ihr Geſicht von dem Todten zu der Sprechenden gewandt. Als die Engländerin nach dem Kinde griff, faßte auch ſie mit beiden Händen nach demſelben, doch ließ ſie ſogleich wieder wie gelähmt die Arme ſinken, und neigte mehre Male den Kopf, als wollte ſie ſagen: Es iſt gut ſo; es bedarf mein nicht mehr, es hat jetzt eine beſſere Mutter! Langſam und ſchwerfällig erhob ſie ſich dann von den Knieen und fragte ſcheu und halblaut: Hat er gebetet, bevor er ſtarb?— Er half in der Noth das große Boot ausſetzen, ſprang zuerſt hinein, eine Welle faßte das Boot und warf es um. Ich ſah ihn nicht mehr, nicht wieder! ant⸗ wortete die Lady.— So laßt uns beten gehen, in die Kirche gehen! ſprach Kiddy wie zu ſich. Es thut Noth zu beten für ihn, ehe die arme Seele hinauf kommt.— Sie ſchwankte der Thür zu, ihr Bruder Joack folgte ihr, und die Lady, nachdem ſie dem Hausherrn die Leiche empfohlen, grüßte ernſt und düſter die Damen und begab ſich in das Zimmer zurück. Fremde Männer traten jetzt in das Haus, der Ca⸗ pitän der Kirſche ging ihnen voran, und reichte mit derbem Seemannsgruße Julius die Hand. Guten Tag auf dem Trockenen, mein theurer Freund! ſagte er. Ihr habt eine Prophetennatur, die Euch uns voran getrieben, und Euch den böſen Tanz der verwichenen Nacht er⸗ ſpart hat. Aber nun ſäumet nicht lange, es bläſet ein trefflicher Nordoſt mit vollen Backen, und unſere Kirſche verdiente zerſchüttelt zu werden gleich der zerſtückelten Cynthia, wenn wir ihn nicht benutzten.— Julius begleitete ſeine Damen noch eine Strecke, ehe 174 er zum Capitän zurückging. Haſt Du die Maske ge⸗ funden! flüſterte er der Freundin zu. Ich hoffe den Maſter Freemann aufzuhalten, bis es dunkelt. Geht's nicht, ſo darfſt Du den Tag nicht fürchten. In der Kleidung des Buben, ein vuntes Tuch um den Mund und Kinn, den Hut tief in's Geſicht, in ſolcher Mum⸗ merei wird die ſchöne Dame Riemand ſuchen und er⸗ kennen.— Julius, erwiderte ſie aus tiefer Bruſt, und in ihrem Auge, das ſie zu dem Manne erhob, lag eine Gnaden⸗ bitte am Schaffot: man kann nicht mit dem Himmel feilſchen, wer es wagt, iſt der Gnade verluſtig. Sagte nicht ſo die fürchterliche Frau mit dem Marmorantlitze 2 O ich ſehe ſeitdem Dich ſo daliegen wie den un⸗ glücklichen William, Dich neben Deinem Eben⸗ bilde, und mich ebenſo neben Dir.— i Ida! rief Julius entſetzt aus.— Du haſt mein Wort, fuhr ſie fort mit erzwungener Entſchloſſenheit; ich muß es halten und werde es halten! Gefallene und zerbrochene Herzen deckt ja das Waſſer leicht und— raſch.— Mit entzweitem Gemüth ging Julius in die Erho⸗ lung zurück, um mit dem Capitän das Nöthige zu be⸗ ſprechen. Als er nach einigen Stunden wieder zur Treppe kam, oben nachzuſehen und an Ida Bericht zu erſtatten, gab's einen neuen Auflaufz die arme Kiddy hatte ſich vom Fels herabgeſtürzt; man hatte zu ſpät ihre Abſicht errathen, die That nur von fern geſehen, und der zer⸗ ſchmetterte Körper des unglücklichen, jungen Weibes war bald darauf aus der Flut gefiſcht und an's Land ge⸗ bracht worden.— Zerſtört und mit verworrenen Sinnen trat Julius 175 in ſein Quartier und vor die Freundinnen. Wiſſen Sie es ſchon? rief ihm die Mutter entgegen. O wären wir doch früher abgereiſet, denn dieſe Geſchichten werden uns die ganze Erinnerung an die ſchöne Inſelreiſe verbittern. Die Kiddy iſt ihrem Verderber nachgefolgt, nur das Muttergefühl, die Mutterpflicht hielt ſie im freudenloſen Leben, als dieſes erloſch, als das Kind ihrer nicht mehr bedurfte, zerriß ſie die Feſſel, von der ſie ſchon lange todtwund gedrückt worden.— Und gerade an dem Platze that ſie's, Herr Julius, plapperte die kleine Marianne, wo Sie geſtern mit Ida ſaßen, wo ich Muſcheln ſammelte in den Grotten, und die Stimme wie vom Himmel erklang.— Julius blickte Ida ſcharf an; ſie zitterte fieberhaft und lehnte den ſchweren, ſchönen Kopf auf die Schulter der Mutter. Verſchmähen wir nicht die Warnung, meine Kinder, ſagte dieſe in milder Wehmuth, liegt ſie uns auch noch ſo fern. Das Leben iſt lang; ſeine finſteren Gewalten können Menſchen und Grundſätze untergraben und zer⸗ ſtoren wie das Meer dieſes mächtige Felseiland unter⸗ gräbt und langſam zerſtört. O meine Ida, meine Ma⸗ rianne, möchte euch nie der Verſucher nahen, wenn die Lehre, das Muſter und die Warnung der Mutter euch nicht mehr begleiten kann!— Julius riß ſich gewaltthätig aus ſeinem Sinnen auf. Er warf auf alle Drei einen feſten, ſprechenden Blick, ſein Mund bebte, ſeine Hand zitterte, als wollte er nach etwas greifen und vermöchte es nicht; doch ſagte er nichts und ging; aber er ſah noch wie die ſchöne Ida an dem Herzen der Mutter zuſammenzuckte, als ſein feſter Schritt die Schwelle berührte. 176 Nach einer Stunde ſchwamm die Kirſche von London auf offener See, und vom Felſen wehete ein weißes wränenfeuchtes Tuch; der Oſt entriß es der zarten, zitternden Frauenhand und trug es dem Schiffe nach, welches ſich mit aufgebläheten Segeln immer weiter in die trübe Ferne verlor.— — a — 2 * — a 6 — = 2 — — 82 — * S 2 2 — Blumenhagen. XI. Der Pfingſttag des Jahres 1551 ging zu Ende, als zwei Reiſende ſich dem ſächſiſchen Dorfe Köſen näherten. Vom jungen Grün der Wälder und Saaten glänzten die Abendſonnenſtrahlen milder und lieblicher wieder; doch hatte die Frühlingswärme die Wanderer weidlich müde gemacht. Juſtus Hergott hieß der Jüngere, ein Sohn des reichen Buchhändlers Hergott zu Leipzig, erzogen bislang bei ſeiner Mutter Bruder, dem berühmten Pro⸗ feſſor und Dichter Eoban Heſſe zu Erfurt, und jetzt von dieſem im Geleite ſeines Famulus, des ehrbaren Nico⸗ las Pharetratus, gen Pforta zur neuen Fürſtenſchule ge⸗ ſendet, um dort ſich auf künftiges Studium vorzuberei⸗ ten. Der Jüngling, kaum ſiebenzehn Jahr alt, von edler Bildung und für ſein Alter beſonders hoher und kräf⸗ tiger Geſtalt, konnte ſich dreiſt unter die vollendeten Ge⸗ bilde ſtellen, welche die Meiſterin Natur gerade jetzt in ihrem neu geöffneten Reiche allen Menſchenblicken zur Schau gebracht. Seine Tracht erhob ſeinen Körperreiz. Glatt und natürlich fiel das reiche, lichtbraune Haar auf die ſchlanken Schultern; ein plattes, himmelblaues Mützchen, mit einer Goldquaſte verziert, beſchattete die gewölbte Stirn und ein dunkles, aber freundliches Au⸗ genpaar; von gleicher Farbe war der deutſche, kurze Tuchrock, über welchen ein reinlicher, weißer Hemdkra⸗ gen vom nervigen, entblößten Nacken ſich herabſchlug; 180 die Rechte ſtützte ſich auf einen derben Dornſtock, in welchem ein kurzer Degen verborgen war. Flüchtig ſchritt der Jüngling den ſteilen Berg hinab und über die lange Saalbrücke, indeß ſein älterer Gefährte, gedrückt durch die Laſt eines wohlgefüllten Reiſeſacks, langſamer und mit ſchweren Athemzügen nachkam. Man ſah auf den erſten Blick dem Herrn Nicolas ſein ſtilles Amt an. Das ernſte, gelbliche Geſicht des Dreißigers, trocken, doch faltenlos, die demüthigen, halbgeſchloſſenen Augen, der etwas gebückte Kopf auf hagerm Körpr vereinigten ſich mit dem ſchwarzen, abgeſchabten Studentenkleide, dem niedergekrempten Hute auf ſchlichtem, ſchwarzem Haare, mit den hochblauen Strümpfen und dickſohligen Schuhen, einen geiſtlichen und leiblichen Diener, Anbeter und Nach⸗ beter des hochgelahrten Univerſitätsfürſten anzukündigen. Beide Wanderer aber erſchienen dem poetiſchen Betrach⸗ ter wie die Pſyche, die mit leichtem Fittich dem Lande der Hoffnung zuflattern möchte, bände und hielt ſie nicht des irdiſchen Körpers Schwere und Unbeweglichkeit. Seht, lieber Herr Pharetratus, da winkt ein Ruhe⸗ platz! ſagte der muntere Jüngling ſtillſtehend, und ſich den Schweiß von Stirne und Kinn trocknend, und dort ſoll auch das Ziel Eures Geleites ſein. Nur wenige Schritte noch, und wir trinken in einem Kruge des be⸗ ſten Gerſtenweines den Valet und ich Euch meine herz⸗ lichſte Dankſagung für erwieſene Güte und Sorgfalt, die ich dereinſt zu lohnen verhoffe.— Wie es Euch gefällt, mein lieber Juſtus, antwortete Ricolas; obgleich ich es gerathener hielte, mit Euch ein⸗ zuziehen in das ſogenannte Aſyl der Wiſſenſchaft und dem Rectori, Domino Melhornio, meinen Reverenz, wie auch den Gruß meines lllustrissimi et Doctissimi abzuſtatten. 181 So wäre es in der Ordnung, und demnächſt erſchiene mein Auftrag in gehöriger Vollendung und anbefohlener Ausführung.— Nein, nein! Herr Nicolas, entgegnete Juſtus ſehr lebhaft. Müßte ich mich nicht ſchämen, wenn ein ſolch ausgewachſener Burſch von einer Art Hofmeiſter wie ein wohlverpackter Bücherballen ſorgfältig abgeliefert würde 2 Und wie würden die kleinern Alumnen zu Pforta ſpöt⸗ teln? Selbſt die acht Meilen von Erfurt her hätte ich füglich obne Euch marſchiren können; indeß ehrte ich des Oheims Wünſche, und Ihr truget gern mit mir des We⸗ ges Hitze und Bürde.— Aber könnte nicht ein Casus malignus, ein Unfall Euch— ſagte Nicolas mit umwölkten Blicken und be⸗ wegter Stimme.— Wie ſollt's? fiel der Jüngling dem Famulus in das reue Wort. Von hier bis Pforta mag kaum ein Halb⸗ ſtündchen ſein. Bis dahin trage ich leicht mein trautes Ränzelchen; die Bibel drin iſt geiſtige Schutzwehr, und die Waffe im Reiſeſtocke, benebſt meiner guten Fechtkunſt, ſchirmet mich gegen irdiſche Befährdung. Ruhet Euch hier in der Schenke eine Weile, und dann ſteiget zurück an die Ruthelsburg, wo Ihr beim Kaſtellan, der des Ohms Freund iſt, ein beſſer Nachtquartier für die mü⸗ den Glieder finden werdet, als bei dem Thorhüter auf der Fürſtenſchule.— Wie Ihr denn wollt, mein liebes, junges Herrlein! nickte Nicolas, in Gedanken ſchon das weiche Schloßbett und den guten Neckarwein oder gar ein Fläſchchen Würz⸗ burger in der Ritterburg vor ſich ſehend, und Beide ſtie⸗ gen nun vollends berghinunter, dem Dörfchen zu, deſſen Salzwerke über reinliche Hütten weit in die Gegend 182 blickten, und ſich traulich an die ſchönen Berge lehnten. Je mehr ſie ſich indeß der Schenke vorn im Dorfe nä⸗ herten, je finſterer und beſorgter wurden die Züge des bangen Büchermannes, der ſelten die Chorgänge des Univerſitätsgebäudes zu Erfurt verlaſſen hatte. Freilich paßte auch die Scene, die vor ihnen aufging, wenig zu einem Pfingſtſonntage. Die ſchreiende Muſik einer Bande Bergleute aus dem Erzgebirge tönte ihnen entgegen, und freches Ge⸗ lächter, Gefluch und Gejauchze durcheinander begleitete die Muſik. Auf einem großen Sandplatze, deſſen Dach eine alte Eiche, in der Mitte emporragend, bildete, tanzte ein Dutzend junger Soldaten den beliebten und gefähr⸗ lichen Schwertertanz. Degen und Schwerter waren in mancherlei Figuren umhergeſtellt und an jedem Ende der Tanzbahn dräueten ſechs kurze Wurflanzen wie ſpaniſche Reiter im Sande. Die kühnen Krieger, vom Koller und Stiefel befreiet, ſprangen mit nackten Füßen und Armen in den zierlichſten Walzerſchritten zwiſchen den blanken Klingen umher, und langten ſie am Ausgange der Bahn an, mußte ein hoher Sprung über die Speerſpitzen ih⸗ rer wagigen Kunſt die Krone aufſetzen. Recht ſtattlich ließ es, wie die geübten, nervigten Krieger die Gefahr zu meiden wußten, ohne die Zierlichkeit des Tanzes zu verletzen; indeß ſaßen auf der Raſenbank unter dem Eich⸗ vaume ſchon zwei Verwundete, von denen der Eine ſich den blutenden Arm, welchen eine Lanze durchſtoßen hatte, mit einem Jammergeſichte verband, der Andere aber die zerſchnittenen, derben Wadenmuskeln friſch bluten ließ, um durch dieſe Sorgloſigkeit den Spott der Zuſchauer zu entkräften, und ſich den Anſchein zu geben, als küm⸗ mere ihn die Wunde ſo wenig wie die Geldſtrafe, welche 183 er nach dem Tanzgeſetz den Kameraden zu zahlen hatte. Das Landvolk der Umgegend ſah frohlockend dem Krie⸗ gerfeſte zu, und manches Dirnlein blickte mit Herzpochen darein, wenn etwa der Liebſte den lebensgefährlichen Ehrenſprung zu thun ſich rüſtete. Iſt das ein Pfingſtſonntag im gottesfürchtigen Sach⸗ ſenlande? flüſterte Nicolas mit innerm Grimme. Feiern alſo das Feſt der Ausgießung des Geiſtes die Landsleute des Gottesmannes, des großen Lutheri, da er kaum die frommen Augen zugethan, um zu ſehen das ewige Land der Belohnung? O wenn er dieſe ſelbſtmörderiſchen Fre⸗ vel ſähe, dieſe Verſuchung der Vorſehung, dieſe Läſte⸗ rung, wie würde ſein Kraftwort donnern und darein blitzen. Aber er iſt zu früh heimgegangen, und hat ſein Werk unvollendet gelaſſen.— Juſtus ſah ſtill dem Spiele zu, und obgleich er die Entweihung des Feſttages eben ſo tief fühlte, ſo regte ſich in ihm doch auch ein Gefallen an dem verwegenen Spiele, und er freute ſich der gewandten Kraftmänner, die ihn an Roms Gladiatoren und die pythiſchen Ring⸗ kämpfer Griechenlands erinnerten. Näher dem Gaſthauſe fanden ſie eine andere Geſellſchaft, doch nicht andächti⸗ gere Geſellen dabei. An einem langen, eichenen Tiſche ſaßen ältere Reiter im Helm und Küraß, blanke Krüge vor ſich, und mit ſchmutzigen Kartenblättern Landsknecht ſpielend; dicht an der Hausthür, am kleinen Tiſchchen, auf dem eine Flaſche rothen Naumburgers und ein grünes Paßglas prangte, wiegte ſich im Lehnſeſſel ein unbärtiger Fahnjunker, und ſchäkerte mit dem Krugmädchen, wel⸗ ches ſich gern von ſeiner Hand losgemacht hätte, um näher zum Tanz zu treten; und im Graſe des Berg⸗ hanges lagerten zur Seite unter den Hainbüchen zwei 184 Weidmänner, der eine lag hingeſtreckt und vom tüchti⸗ gen Rauſche eingewiegt, der andere auf ſeine kurze Ku⸗ gelbüchſe mit Kinn und Händen geſtützt, mit tückiſchen, feindſeligen Augen die Kriegsleute und den Bauernjubel betrachtend, und das Geſpräch der Korporale am Tiſche mit Spionenaufmerkſamkeit behorchend.— Seht da, zwei Schulfüchſe! rief Einer der Reiter. Die machen die Compagnie complet, und bringen zum Wehr⸗ und Nährſtande auch die Ehrbarkeit des Lehr⸗ ſtandes.— Still, Du Freihanſel! fuhr ihn ein bärtiger Wacht⸗ meiſter an. Halte den ungewaſchenen Schnabel im Zaume! Die ſind von Wittenberg oder Erfurt, von wo das Heil ausging, und gehören zu den Kriegsleuten des Evange⸗ liums, vor denen jeder ehrliche Soldat Reſpekt haben muß wie vor Leibgardiſten des Königs aller Könige. Nur hierher, Ihr Herren! und ſo rückte er weiter und machte Platz am Ende der Tafel, und getroſter ſetzten ſich die Ankömmlinge neben den Alten, deſſen Wort und Geſicht ſofort ihr Zutrauen gewinnen mußte.— Ein Veſperbrod für uns, gute Frau Wirthin! ſprach Juſtus mit ſeiner wohlklingenden Stimme, und die ge⸗ ſchmeichelte Alte herrſchte ihr: Schnell, Käthe, die höf⸗ lichen Gäſte bedient! dem Krugmädel zu, welches ſich raſch vom zärtlichen Cornet losmachte, bald einen Teller mit leckerm Weißbrode und runden, gepfefferten Würſt⸗ chen vor den Gäſten hinſetzte, und aus dem zinnernen Kruge dem jungen Reiſenden zutrank, indem ſie knickſend ihr: Proficiat! dazu ſprach.— Ei, ſeht die Schelmdirne, lachte der Wachtmeiſter. Haſt gute Augen im Kopf, blank wie Karfunkelſtein und verliebt wie die Augen der Maikätzchen. Wie kannſt 185 Du ſo frei das Herz verrathen? Das ſchmucke Bürſch⸗ lein hier macht Dir ſofort den Bruſtlatz zu eng, und Du vergiſſeſt, daß dem Alter, daß dem Herrn Vater zu⸗ erſt ſolche Ehre gebührt.— Bis in das Mieder hinein ward die Magd roth, und der Fahnjunker machte eine Art Schlachtgeſicht, dehnte fich im Lehnſtuhle und erhob ſich dann, neugierig und mit vornehmer Frechheit die Fremdlinge ſich betrachtend. Herr Nicolas aber nahm nach einem tüchtigen Zuge aus der Kanne das Wort und ſagte gar demüthig: Gehorſamſten Dank für die gute Meinung, mein ehrſamer Herr Küraſſier; doch ge⸗ ſchieht mir der Ehre zu viel, denn ich bin nur ein ſchlichter Studioſus und getreuer Famulus, und meines jungen Herrn Herr Vater iſt ein anſehnlicher Mann zu Leipzig und aus gar gutem Geſchlechte.— Aus gar gutem Geſchlechte? ſpottete höhniſch der Fahnjunker nach, und lehnte ſich grob mit beiden Armen auf den Tiſch. Glaub's Dir nicht, Bruder Studio! Wäre das, ſo würde er Reiterſtiefel tragen und ein ledern Wamms ſtatt des blauen Fähnchens, und würde nicht durch's Land ziehen mit dem Ränzel wie ein fechtender Zunftgeſell, ſondern für Fürſt und Land das Schwert umthun und drein ſchlagen, wo's gilt.— Juſtus warf einen brennenden Blick auf den bartloſen Schwätzer, dann ſenkte er ſchweigend das Auge auf die Schüſſel, und biß haſtig in den Semmelſchnitt. Nicolas aber ant⸗ wortete mit Ruhe und großem Ernſte: Mit Verlaub, Herr Offizier! Nicht allzumal kann man die edeln Ge⸗ ſchlechter auch die guten nennen, und manche ſtädtiſche Familie führt ohne adeligen Wappenſchild dennoch den wahren Adel mit ſich. So hat meines jungen Herrn ehrwürdiger und in Gott ruhender Herr Großvater, 186 Hermannus Hergott, vielleicht mehr für den Glauben gethan, und dadurch für das Vaterland und den Landes⸗ fürſten, als irgend ein Edelmann im Sachſenlande; denn Anno Chriſti 1524 wurde derſelbe von dem gar harther⸗ zigen Herrn Herzog Georg wegen Druckes und Verkaufs der trefflichen Bücher Poctoris Lutheri zum Tode ver⸗ dammt, und iſt ſolches grimme Bluturtheil an demſelben zu Leipzig mit dem Schwerte vollzogen.— O Du großer Gott, welch hartes Schickſal! rief die Wirthin aus, und alle ſahen voll Mitleid auf des braven Märtyrers hüb⸗ ſchen Abkömmling, der ohne Worte über ſeine naßge⸗ wordenen Augen mit der Hand hinfuhr.— Von ſolch kühnem Blute entſprungen, könnte ein ge⸗ waltiger Kriegsheld aus dem ſchlanken Herrn werden; meinte ein luſtiger Reiter. Bleibt mit uns! ſetzte er hinzu. Ihr wollet gewiß zur Schule dort im Thale; aber glaubt mir, Helm und Eiſen würden Euch ſchmu⸗ cker ſtehen, als die ſchwarze ſeltſame Mütze mit dem bunten Kinnbande— Spanier nennen ſie den ſpaniſchen Kopfputz dort— und der ſchwarze kurze Schulrock. Es iſt eitel Plackerei in dem alten Kloſterneſte; ich bin daher gebürtig. Laßt Euch rathen und wählet anders! Scheint Ibr doch wahrlich zu etwas Beſſerm gezeugt als zum Bücherwurme und Stubenhocker. Der ehrliche Kriegs⸗ knecht ſagte das ſo treuherzig und faßte dabei ſo freund⸗ ſchaftlich des Jünglings Hand, daß dem trockenen Fa⸗ mulus der Angſtſchweiß ausbrach. Halblaut begann er: Wenn dich die— folge ihnen nicht! brach jedoch beſonnen ab.— Unſer Juſtus trägt ſchon ſein Schwert und ſeinen Küraß mit ſich, ſetzte er mit Heftigkeit hinzu, den feſten Wall gegen Verführung und Verlockung des ſchwarzen Dämons.— Zugleich zeigte er mit der Hand 187 oben auf den niedergelegten Ränzel, wo eine Bibel in Quart, in ſchwarzen Corduan gebunden und mit meſſin⸗ genen Spangen verwahrt, feſtgeſchnallet lag.— Das da? fragte neugierig der Wachtmeiſter.— Iſt die heilige Schrift nach Lutheri Verdeutſchung, fuhr Nicolas fort, das Buch losſchnallend, obendrein ein rares, unſchätzbares Exem⸗ plar, ein Andenken aus der Bibliothek des gelahrten, edeln und berühmten Doktors ſelbſt; ſeht hier in Meſ⸗ fing das Wappen deſſelben, Kreuz, Herz und Roſe in einander, und dort auf der Kehrſeite das des Profeſſors Eobanus Heſſius, meines illuſtren Gebieters, ein Schwan, welcher ſein Liedlein dem Himmel zuſingt. Die vier Evangeliſten in dem Gottesbuche ſind ein Wunderſchatz, und wer ihre Sprüche im Herzen trägt, geht unbefehdet und unverführt ſeinen Weg, und wenn die Welt voll Teufel wäre.— Abſurde Salbaderei! ſprach der Junker. Solche Wap⸗ pen achtet man an keinem Herrenhofe und vor keiner Turnierſchranke. Und was ſollen mir die vier Evangeliſten gelten? Wenn es noch vier fette Dorfſchaften wären!— Damit wendete er hoffärtig ihnen den Rücken zu, und ſprang der Käthe nach, welche gerade in den Keller hinabſtieg. Aber ſaget mir doch, fragte jetzt der Jäger mit dem tückiſchen Geſicht, der auch zum Tiſche getreten, Ihr gelahrter Herr, der Ihr ſo viel zu wiſſen ſcheint, wie es zuſammenpaßt, daß man rühmt, der neue Glaube habe Alles rein gewaſchen und höher geſtellt, und doch derſelbe Glaube erlaubt, dieſes heilige Buch, welches ſonſt nur an heiligſter Stätte ſorgſam verwahrt ſtand, herum zu tragen auf den Heerſtraßen, und feil zu bieten auf gemeinem Marktplatz?— Pharetratus ſah verwundert zu dem Manne auf, 188 deſſen zierlich geſetzte Rede gar nicht mit der wilden Außenſeite im Einklange ſtand. Gehöret das Licht auf den Leuchter, oder unter den Scheffel? fragte er in ge⸗ zogenen Tönen zurück.— Lange ſeid Ihr nicht in der Kirche geweſen, ſonſt hätte der Prädikant Euch den Hauptartikel alles Streites zwiſchen Kaiſer und Reich erkläret, und Ihr hättet klüg⸗ lich ſolche papiſtiſche Frage unterweges geloſſen; ſetzte der Wachtmeiſter hinzu, und kniff den Stulphandſchuh mit der Fauſt zuſammen.— Wer der rechten Kirche am getreueſten zugethan von uns, entgegnete mit Giftblicken der ſtämmige Weidmann, der bedarf keines Prädikanten und ſeines eiteln Disputs. Und machet Ihr Euch auch noch ſo breit mit Eurem Lutherthume, unter der Feldbinde, die Ihr traget, iſt's doch nicht ſo recht weit her damit. Hat doch Euer Prinz Moritz es mit dem Kaiſer gehalten gegen die Anhänger des ausgetretenen Auguſtiner⸗Mönchs und dazu gegen ſeinen eigenen braven Vetter, und hat auf der Lochauer Heide den wackern Johann Friedrich um Land und Frei⸗ heit gebracht. Wahrlich ein ſo ſchönes Glaubensbeiſpiel als Freundſchaftsſtück, das unſer Einem das Gewiſſen morſch gedrückt haben möchte!— Reſpekt unſerm gnädigſten Kurfürſten! donnerte der Wachtmeiſter, aufſtehend und mit geballter Fauſt den Eichentiſch ſchlagend, daß die Kannen erklangen. Was will ſo ein Wilddieb und Fürſten und Sol⸗ daten hänſeln!— Wilddieb? fletſchte wüthig der Jäger. Jagdbub bin ich beim herrſchaftlichen Jäger zu Pforta. Ihr aber ge⸗ hört zu Denen, die Euer geprieſener Ex⸗Mönch ſelbſt Freihanſen und Schaarbuben und Teufelskinder nannte, 189 die allenthalben mit Gewalt nehmen, was ihnen lüſtet, die da verſpielen Sold und Gewand, und dann treten und maulbeeren Hausherren, Bürger und Bauern, und als Schwelger und Läſterer und Ketzer zur Hölle fahren.— Mit furchtbaren Flüchen fuhr der ganze Soldaten⸗ trupp auf den Schimpfredner ein, und man ergriff ihn bei Kehle und Fauſt, die er jedoch zuvor wacker gebrauchte. Der Trunkenbold im Graſe erwachte über dem Lärm, und ſeinen Geſellen in Noth ſehend, brannte er ſeine Büchſe, doch glücklicherweiſe mit unſicherer Hand, über den Hau⸗ fen hin; alles griff nach Schwert und Lanzenſchaft: da donnerte des Rittmeiſters Wort, der auf ſeinem Rappen herangeſprengt kam, zwiſchen den Sturm, und das dräu⸗ ende Getümmel ſtob auseinander, als hätte ein Blitz darein geſchlagen; die Kriegsleute ſtanden kerzengrad wie Sta⸗ tuen, die Hand am Helmſchirme; die Landleute und das Weibsvolk flüchteten zur Tenne, welche für die Tanz⸗ luſtigen offen ſtand, und die beiden Jäger ſchlichen zu Buſche. O wäre ich erſt wieder daheim in meiner düſtern, lieben Zelle! ſeufzte Pharetratus, als er und ſein Juſtus, die ſich ſogleich bei dem Anfange des Gezänks aus dem Gedränge fortgemacht, raſch im Dorfe hinabſchritten. Sündige Wünſche haben je zuweilen mein Herz gequält, daß ich hinaus gemocht in die Fröhlichkeit der Welt; aber lieber mag ich ſicbenzig Jahre lang meines acht⸗ baren Herrn Kleider ſäubern, ſeine Bücher abſtäuben und ihm nachtragen zum Collegien⸗Saale oder Audi⸗ torio, als mit ſolchen Muthwilligen und Trotzigen Verkehr treiben. O hütet Euch, mein trauter Juſtus, 190 und verlaßt die Mauern der Schule nicht! Denn wie der brüllende Leu geht die Sünde umher, und wer weiß, ob ſelbſt die klöſterlichen Ringmauern den böſen Feind abzuhalten vermögen. Ja, der Mann ohne Furcht hatte Recht, als er ſchrieb: Ich pflege mich oft zu verwun⸗ dern, warum doch Gott ſolchen ungezogenen Menſchen das Licht des Evangelii zum Erſten geoffenbaret hat; und wenn er die Deutſchen ein wild, wüſt, roh und to⸗ vend Volk nennet, und ſie halb Teufel, halb Menſchen⸗ ja ſogar unvernünftige Beſtien ſchilt.— Und dadurch allein beging der treffliche Eiferer viel⸗ leicht ſeine einzige Sünde, antwortete der milde Juſtus. Selbſt mein Ohm, ſein Freund und Verehrer, hieß ſolche Schimpfreden nicht gut, und meinte, unſer kräftiges deutſches Volk, das nur ehrlicher und wackerer Führung bedürfte, um wackere Thaten zu thun, würde dadurch ungerechterweiſe verunglimpft bei den Ausländern, deren Keiner ſo viel werth ſei als ſie. Der rohe Menſchen⸗ haufe ſoll überall ſich gleich ſein, ſprach er zum Oeftern. aber das deutſche Volk übertrifft Alle an ernſter Aus⸗ dauer, hat es einmal das Gute erkannt, und hoch iſt ſolcher Sinn zu ehren.— Aber jetzt kehret um, mein Freund! Es iſt Alles ſtill geworden, und der Offizier, welcher bei uns vorüberſprengte, hat den Frieden herge⸗ ſtellt. Grüßet mir den theuren Ohm und alle Freunde, und Gott ſei mit Euch!— Wie mit Euch! ſeufzte Nicolas, und ſein trockenes Geſicht ward von einem gewaltigen Schmerz verzogen. Vergeſſet nicht Zucht und Frömmigkeit, nicht Euren mu⸗ thigen Großvater, und folget, wie er, Niemandes Stimme, als der des Zeugen Gottes in Eurer Bruſt und dem Worte in Eurer Bibel.— Die hellen Zähren ftürzten 191 aus Juſtus Augen bei dem Abſchiedsſpruche des Getreuen; er hing ſich mit ſchmerzlicher Eile den kleinen Torniſter über die Schultern, drückte nochmals Pharetratus dürre und große Hand, und ſchied mit beſchleunigten Schrit⸗ ten von ihm. Bald verbarg die Ecke des Waldhügels den Jüng⸗ ling vor den nachſehenden Blicken des mit gefalteten Händen verweilenden Geleiters, und auch Jußus ſtand nun ſtill, holte einen ſchweren Athemzug tief aus be⸗ klommener Bruſt, und ſetzte ſich nieder an der dichtbe⸗ buſchten Höhe unter wilden Roſen und Schlehengeſträuch. Er ſchauete in das Thal hinein, das ihm Heimath wer⸗ den ſollte, und ſog aus der Schönheit und Friſche der Natur Troſt und Stärkung gegen das ſchmerzliche Ge⸗ fühl des Alleinſeins, welches jetzt zum erſten Male im Leben ſeine junge Seele belaſtete. Und die Natur ver⸗ hielt ihm ihren heilenden Balſam nicht; eine Paradie⸗ ſesgegend lachte ihn an, und wie die Jugend leichter ver⸗ gißt, ſo vergaß auch er mit jedem neuen Blicke in das ſchönſte Erdenthal mehr und mehr das Weh der letzten Augenblicke, und die Hoffnung malte ihm die Tage, welche kommen ſollten, ſo anmuthig, daß die Erinnerung des Vergangenen in immer dichteren Schleiern verſchwand. Saatfelder und lichte Wieſenſtrecken wechſelten im viel⸗ farbigen Grün, dem Auge wohlthuend. Die helle Saale zog wie ein Silberband ſich durch die Au, welche von ſanft anſteigenden Bergen eingeſchloſſen wurde. Dort lag Pforta vor ihm am Fuße des grünen, mit alten Eichen und freundlichen Buchen bewachſenen Hügels. Doch ragte die alte gothiſche Kirche mit ihrem Spitzthurme hervor, und Obſtbäume, die voll Blüten hingen, und rine Reihe dunkeler Linden verdeckten halb die graue 192 Mauer, welche die Gebäude des ehemaligen Kloſters um⸗ gab. Im Thale weiterhin ſchimmerten weiße Dörfer; die fernern Höhen zierten einzelne Winzerhütten oder alte Burgtrümmer, und ganz hinten glänzte im Abendſon⸗ nenſtrahle die goldene Kuppel des biſchöflichen Domes von Naumburg.— Der Jüngling konnte ſich nicht ſatt ſehen, und die lieblichen Stimmen der Finken und Hänflinge im Ge⸗ vüſch, der Schlag einer zärtlichen Nachtigall, ferne Hör⸗ nerklänge im Walde hinter ihm verſenkten ſeine Seele in jene poetiſche Träumerei, welche die ſchönſte Beglei⸗ terin reiner und kräftiger Jugend iſt und ihr die ſchön⸗ ſten Freudenſtunden gebiert. Lange hatte er ſo geſeſſen, und kaum bemerkt, wie die Sonne ſich ſchon dem Hori⸗ zonte zugeſenkt, und wie die Bäume Rieſenſchatten war⸗ fen, da rauſchte es gewaltig hinter ihm durch den Ha⸗ ſelbuſch; dicht ihm zur Seite flog mit hohem Satze ein ſtämmiger Edelhirſch herab in das Thal, und zugleich fiel dicht bei dem Jüngling ein Schuß, daß er mit lau⸗ tem Schrei des Entſetzens ſich niederbog, und vor dem Pulverdampfe mit beiden Händen das Geſicht verdeckte. Heilige Mutter Gottes! rief eine feine, wohlklingende Stimme neben ihm, und eine ſanfte Hand berührte ſein lockiges Haupt, dem das Mützchen entfallen war. Er ſah auf, und die zweite Ueberraſchung band mehr ſeine Zunge, als die erſtere des Schreckens. Das dampfende Rohr in der Hand, ſtand neben ihm eine Jungfrau, eben aufgeblühet wie die Centifolien der Jahreszeit. Frei flog das bkonde Haar unter dem grünen, befiederten Hute nieder auf den weißen Hals; ſittſam und doch keck⸗ laſſend, umſchloß ein grünes Jagdmieder, mit feinem Jltispelze beſetzt, die ſproſſende Bruſt; kurz und enge 193 faltete ſich das ſchwarze Röckchen um die gewölbten Hüf⸗ ten, und den kleinen Fuß preßte das grüne Stiefelchen mit goldener Schnur geziert. O Gott und Herr! Ihr ſeid getroffen? fragte die beſtürzte Diana, und griff nach ſeiner Hand, als er ſie anſtarrte und kein Glied dabei bewegte. Die Angſt auf dem Geſichte der Unbekannten weckte ſein Gefühl. Nicht doch! Ich weiß nicht! Ich ſühle nichts! ſtotterte er, und hob ſich aus dem Graſe empor. Und er hatte ihre zarte Hand umſchloſſen, und wußte nicht warum, und ſie zog die Hand nicht zurück, und wußte ebenfalls nicht warum; und ſo ſtanden ſie eine Minute ſich gegenüber, in wel⸗ cher des Jünglings ſie ſeltſam anſtaunende Augen ihre Blicke zu Boden drückten, und ihre blühenden Wangen mit tieferm Purpur übergoſſen. Ein lautes Halloh im Buſche flörte die beſondere, ſtumme Bekanntſchaft. Huſſa! Er liegt! hallte eine klin⸗ gende Baßſtimme berghernieder. Der Zwölfender liegt! Ein guter Schuß; aber nur gefedert iſt er, darum gib ſchnell mit dem Meſſer dem Thiere den Gnadenſtoß, ſonſt nimmt ſich's auf und geht davon. Cöleſtine! Wo ſteckt denn das Wettermädel?— Ein ältlicher, hochgewachſener Jägersmann trat mit dieſen Worten hinter den Weißdorngebüſchen hervor und blieb verwundert ſtehen, als er die ſeltſame Gruppe er⸗ blickte. Er machte gar ein beſonderes Geſicht, welches in ſeinen Furchen eben nicht Freude verkündigte; doch Cöleſtine drehete ſich raſch zu ihm und ſagte; Da ſeht Ihr es, Vetter, wie gefährlich das blutige Geſchäft iſt, wozu Ihr mich immer aufruft, und welches ich Euch zu Liebe erlernte und mitmache. Meine Kugel iſt dicht am Kopfe dieſes Fremden vorübergefahren, und das Pulver Blumenhagen. Rl. 13 194 hat ſein Geſicht verbrannt.— Wird ſo arg nicht ſein! Und was ſieckt er im Buſch, wenn er das Horn und den Hundeſchlag hort! erwiderte beruhigter der Förſter.— Aber den Schrecken haben wir Beide weg, und da⸗ mit iſt das Thier zu theuer bezahlt, entgegnete faſt naſe⸗ weis und komiſch⸗zornig das Mädchen. Und hätte ich Menſchenmord begangen, ſolltet Ihr dafür im Fegfeuer bü⸗ ßen müſſen.— Narrethei! ſprach der Vetter leichthin. Du hatteſt ja keine ſataniſche Freikugel geladen, und das rechte Ziel zu treffen, habe ich Dich gelehrt. Fang' das Wild ab, Hildebrand! rief er darauf dem herankommenden Jagdbuben zu, und nimm Dich in Acht, daß es nicht ſchlägt. Ihr wollt nach Pforta? fügte er dann, zu Ju⸗ ſtus gekehrt, hinzu. Man ſieht's Eurem Aufzuge an. Da könnet Ihr mit uns gehen, ich bin der Förſter von da.— Und ſo warf er die Büchſe auf die Schulter, gab noch Befehle der Jagdbeute wegen und um der heran⸗ keuchenden Rüden willen, und ſchritt friſch über das Feld weg voran der Straße zu. Die beiden jungen Leute folgten, und die freimüthige Cöleſtine hatte ſchnell durch ihre fröhliche Geſchwätzigkeit dem Jünglinge ſeine Unbe⸗ fangenheit wieder gegeben, und ihre traulichen Fragen ließen ſie bald wiſſen, was und woher er ſei, und be⸗ freundet ſchieden ſie am Scheidewege, wo der Bergpfad zum Jägerhauſe hinauf, die Straße jedoch zu der Ring⸗ mauer des Schulgebäudes und ſeinem ſtattlichen Flügel⸗ thore führte, in welchem ein wohlbeleibter und kupfer⸗ naſiger Thürhüter den neuen Alumnus mit eigennütziger Muſterung ſeines netten Anzuges und ſeines gefüllten Reiſeſäckels empfing und einpaſſiren hieß. 195 Es bedurfte keiner langen Zeit, um ein ſo mildes, ſchmiegſames Gemüth, wie ſich in Juſtus Hergott mit beſonderer Seelenſtärke vereinte, im neuen Wohnorte einheimiſch werden zu laſſen. Seine vorzüglichen, zu Erfurt erworbenen Kenntniſſe machten ihn zum Lieblinge des Rectors Melhorn, und Magiſter Paul Vogel, der die Zucht des Herzens noch höher hielt als die Bildung des Verſtandes, ſetzte ihn bald allen Mitſchülern als Muſter vor; und doch gewann ſeine Freundlichkeit und Demuth alle Jüngern, wie ſeine körperliche Kraft, ſeine Ordnungsliebe und ſeine faſt ſchon männliche Feſtigkeit, wenn es galt für Recht und Pflicht, ihm die Achtung der ältern Fürſtenſchüler verſchaffte. Die alte Kloſter⸗ bibliothek, bereichert durch des Kurfürſten Moritz Güte, die langen düſtern Kreuzgänge und die hochgewölbte Kloſterkirche ſelbſt, worin mancher ehrwürdige und be⸗ merkenswerthe Grabſtein prangte, wurden ſeine Lieblings⸗ örter, wenn die Lehrſtunden zu Ende gegangen, und die ſtrenge Disciplin, nöthig, weil auch damals ſchon böſe Buben und verführende Lüſtlinge unter die Lämmerheerde ſich eingeſchlichen, drückte ihn nicht; nur Eins verfinſterte ſein Leben; dieſes Eine war der Primanus, zu dem man ihn in die Zelle gebettet, und der mit einer düſtern Ver⸗ ſchloſſenheit, die ihm eigen war, auch Juſtus heitern Le⸗ benshimmel umwölkte. Detwin von Altenburg hieß der Sonderling, mit dem das Schickſal unſern Juſtus ſo nahe und enge verbündet hatte. Aus einer der älteſten Familien des Landes, welche ſelbſt mit dem fürſtlichen Hauſe verwandt war, entſproſſen, trug der Junker den Ahnenſtolz ſichtbar aus⸗ geprägt auf dem ſonſt edeln Angeſichte; ſeine Züge wa⸗ ren froſtig und untheilnehmend; menſchenfeindlich faſt 196 blickte das glanzloſe Auge unter gerunzelter Stirn her⸗ vor, und die flachsblonden, ſchlichten Haare gaben dem ganzen Kopfe etwas Fades und Knabenhaftes; ſein Wuchs war fleiſchlos, und wenn auch ſonſt ebenmäßig, und ob⸗ gleich mehrere Jahre älter, ſah er neben Juſtus kleiner und machtloſer aus. Nicht fern von Pforta lagen die reichen Beſitzthümer ſeines Stammes und die Familien⸗ vurg über dem Dorfe Almerich, welches ſeine Benennung nach dem Lieblingsvornamen ſeiner Vorfahren erhalten hatte. Juſtus fügte ſich auch in dieſe Schickung, und je wortarmer und abſtoßender anfangs der ſtörriſche Jun⸗ ker auftrat, je zutraulicher und aufmerkſamer ſuchte er ſich ihm zu zeigen. Der Junker war nachläſſig; Juſtus räumte ohne Wortverluſt und Klage jeden Morgen die kleine Zelle auf und ſtellte und legte ſelbſt Bücher, Schriftrollen und Kleidungsſtücke ſeines Genoſſen auf die gehörigen Plätze, fütterte den Staarmatz, der als Lieb⸗ ling Oetwins im Giterfenſter hing, und quälte ſich der Edelmann mit einer klaſſiſchen Aufgabe des Rectors, ſo reichte der an ſolche Uebungen von früh auf gewöhnte Juſtus ſeine ſchon vollendete Arbeit dem ältern Kumpan, nicht als wollte er ihm Hülfe geben, ſondern wie zur prüfenden Durchſicht. Vertrauen wird durch Vertrauen geweckt, und da Oetwin die Bequemlichkeit und die behagliche Freundlich⸗ keit, welche augenſcheinlich mit dem neuen Geſellen in ſeine Zelle eingezogen waren, täglich mehr empfinden mußte, ſo änderte ſich auch allmälig ſein Benehmen, und eine unausgeſprochene Zuneigung wurde immer ſichtba⸗ rer. Nur Eines blieb an dem Junker räthſelhaft. Eine ſtete Unruhe ſchien, mit jedem Tage wachſend, ſein Ge⸗ müth zu peinigen; er hatte bei keinem Geſchäfte Raſt 197 und Ausdauer, ſtarrte oft gedankenlos in einen Winkel der Zelle oder zum kleinen Fenſter hinaus, und vorzüg⸗ lich in den Lehrſtunden der Religion wechſelte oft ſeine Geſichtsfarbe, und man ſah bei dem Vortrage des Leh⸗ rers ihm oftmals innern Kampf, Verſtörung, ja Wider⸗ willen an. Dazu kam, daß Juſtus mehrere Male be⸗ merkte, wie Oetwin zuweilen Abends die Schlafzelle— man hatte dazumal die großen Schlaſſäle noch nicht eingerichtet, und nur das Gebäude ſelbſt wurde nach Sonnenuntergang ſtreng verſchloſſen gehalten— leiſe und verſtohlen verließ, oft erſt ſpät Nachts zurückkehrte, und ſich ſodann unruhig auf ſeinem Lager umherwarf. Juſtus bedauerte den verführten Jüngling, denn er hielt dieſe Ausflüge für Spaziergänge verſtohlener Neigung, indem er mehrfach bemerkt hatte, daß, wenn ſie Beide nach der Mittagsmahlzeit im Muſengange oder im Pri⸗ manergarten die Friſche der Luft genoſſen, eine rothwan⸗ gige junge Magd des Rentmeiſters ſich mit der Reini⸗ gung des Cönakels oder am Ziehbrunnen zu ſchaffen machte, und gar verſtändliche Blicke zu den Jünglingen herüber ſandte. Er ſchwieg, denn er wußte, daß ein unberufener Rathgeber nur Feindſeligkeit erweckt, und Freundes Platz hatte ihm Oetwin noch nicht eingeräumt. Wichtiger und größer ſollte ſeine Sorge um den Ge⸗ noſſen werden. Als er eines Tages wie gewöhnlich die kleine Bibliothek des Junkers in Ordnung ſtellte, da je⸗ ner früh eine Fußreiſe zu dem väterlichen Schloſſe ange⸗ treten, kam ihm ein Büchlein in die Hände, welches er zuvor dort niemals geſehen hatte. Er blätterte es auf, und fand mit Schrecken die heftigſte aller papiſtiſchen Druckſchriften der Zeit, die Controverſe des berüchtigten Doctors Johann Mayer, von Eck genannt, gegen das 198 Lutherthum, von dem Nutzen des Ablaßkaufs und von der Unfehlbarkeit des Nachfolgers Petri auf dem Stuhle zu Rom: dabei lag ein Abdruck der Bannbulle Leo's des Zehnten gegen Luther, und ein feingemaltes zierlich ausgeſchnitztes Bild der Mutter Maria. Mit Grauſen ſah er dieſen Abſcheu jedes Proteſtanten mit ſich in ei⸗ ner Klauſe, und war unentſchloſſen, was er damit thun ſollte. Das Amt des Angebers ſtieß gegen ſein Zartge⸗ fühl, und die Frage, wie ſolch ein Buch in Oetwin's Hand gekommen, blieb ihm ein Räthſel. Er erinnerte ſich an des Rectors Warnung bei ſeiner Ankunft vor den feindlichen Umtrieben der Papiſten und Mönchsfreunde, deren noch viele in der Umgegend von Pforta leben ſoll⸗ ten; er erinnerte ſich, wie der feiſte Thürſteher, der ganz die Pfaffengeſtalt an ſich trug, mehrere Male leichtfer⸗ tig mit ihm ſelbſt über ſeine evangeliſche Frömmigkeit geredet, und wie der Junker von Altenburg ſich oftmals mit dieſem Spötter zu ſchaffen machte, und von ihm beſonders begünſtigt wurde. Er erinnerte ſich eines Ge⸗ ſchwätzes unter den Schülern und Alumnen, wie des Nachts der Geiſt eines alten Ciſterzienſermönchs in den Kreuzgängen umgehen ſollte, wie Mehrere das Geſpenſt, vornehmlich Freitags, geſehen haben wollten, und wie ſeitdem Keiner von den Jüngern ſich im Dunkel aus der Zelle wagen mochte. Alles dieſes hielt er zuſammen, und ſeine klare Phantaſie, durch ſein Leben in Erfurt, in der Nähe des großen, heiligen Herdes der neuen Veſta, bekannt mit allem Spuk des Pfaffenthums und dem Miß⸗ brauche der Schwächen Anderer, bildete ſich eine Mög⸗ lichkeit im Zuſammenhange des Geſchehenen, und er be⸗ ſchloß in Heimlichkeit zu wachen, und vielleicht den jungen Fdelmann, der ſeine gute Meinung zurückſtieß, durch 199 Muth und Klugheit aus eiſernem Garne zu retten. Son⸗ derbar ward ihm jedoch zu Sinne, als er zuletzt noch⸗ mals und genauer das bunte Marienbild betrachtete. Das waren nicht die Züge, welche gewöhnlich andächtige Maler der jungfräulichen Mutter beizulegen pflegten. Dieſes liebe Geſichtchen mit dem runden lachenden Auge, mit dem ſchelmiſchen Stutznäschen und dem blutrothen, ſanftgeſchwollenen Mäulchen war ihm wohlbekannt. Ja, es war Cöleſtine, die ſchlanke Jägerin, die ſich gar ſelt⸗ ſam in dem antiken Koſtüm und unter dem Heiligen⸗ ſcheine ausnahm. In tiefe Gedanken verfiel Juſtus durch das Zuſammentreffen ſo vieles Räthſelhaften, aber die Oberhand von allen ſeinen Empfindungen babei be⸗ hielt eine ungeſtandene, dunkle Eiferſüchtelei, und er mußte ſich zwingen, keinen Diebſtahl zu begehen, und Buch und Bild wieder an ſeinen Platz zu bringen. Der nächſte Tag war ein Mittwoch, und nach der Mittagstafel rief der joviale Collaborator Schönberger die jungen Leute zu dem gewöhnlichen Berggange auf. Munter wie ein Rudel junger Rehe ſammelten ſich die jüngſten der Schüler, und umſprangen den vorzüglich geliebten Lehrer, und ſuchten den Ehrenplatz an ſeiner Hand zu bekommen; indeß die ältern paarweiſe voran den anmuthigen Fußpfad beſtiegen, welcher ohne Be⸗ ſchwerde im Schatten rundgipfelichter Buchen zur Spitze des Knabenberges hinauf führte. Ein freier Platz droben, mit kurzem Graſe bewachſen, bildete die Palläſtra der friſchen Jugend. Bald war das Spiel geordnet, und der Ballon flog durch die Lüfte hin⸗ und herüber von den kräftigen Fauſiſchlägen getroffen, und vom Gejauchz der rothwangigen Buben auf ſeinen Luftfahrten begleitet; unterdeß eine zweite Abtheilung die mitgebrachten Reifen 200 mit Eichenzweigen und rothen Waldblumen umwanden, und auf dem Raſen zum bunten maleriſchen Reifentanz die große Ronde ordneten.— Ganz am Ende des Zuges war auch Juſtus bergan geſtiegen, doch mit ſich ſelbſt beſchäftigt, denn beſondere nie zuvor empfundene Bewegungen herrſchten in ihm. Es war ihm, als ſei ihm beim Erblicken des bunten Marienbildes ein Fingerzeig Gottes gegeben, der ihn auch hier in der klöſterlichen Abgeſchiedenheit in eine ei⸗ gene und außerordentliche Bahn beriefe.— Seine Er⸗ ziehung hatte ihn zu einer lieben Art von Schwärmer geſtempelt, indem ſeine Eltern durch den grauſen Juſtiz⸗ mord des Vaters, wie auch durch den Umgang der treff⸗ lichen Katharina von Bora, Luthers Ehefrau, welche nach ihres Herrn Tode mit ihren Kleinen große Noth litt, und zu Leipzig bei Jenen Freundſchaft und Unter⸗ ſtützung fand, ihm eine eigene Verachtung des Welt⸗ lebens und der Alltagsmenſchen, wie auch einen beſon⸗ dern Glauben an die unmittelbare Einwirkung der Vor⸗ ſehung auf erleſener Menſchenſchickſale angeerbt hatten. Sehr lebhaft dachte er ſeit geſtern an die ſchöne Cöle⸗ ſtine, deren Büchſenſchuß ihn faſt getödtet hätte, und als er am Förſterhauſe vorüber kam, weilte er, allein rück⸗ bleibend, vor dem reinlichen Gebäu mit den hohen Hirſch⸗ geweihen am Dachgiebel. Er verglich zum erſten Male das Leben des Stubengelehrten, wie des fleißigen Va⸗ ters Werkſtattsgeſchäft mit dem freien Umhertreiben des Jägers und Wehrmannes; er hielt der frommen Mutter Bild unter den Kindern gegen das muthige Waldmädchen, und ein Seufzer ſprach: Mit ihr wäre Studierzimmer und Werkſtatt ein Paradies, doch ohne ſie auch der Buchenwald eine Einöde.— Und wie in jungen Seelen 201 der klare Gedanke und das deutliche Gefühl gar ſchnell ſich des ganzen Weſens bemächtigt, ſo war auch ihm auf einmal Alles verſtändlich geworden, was er ſeit der Jagdſcene am Weißdornbuſch, wo mehr getroffen wurde als eines Edelhirſches Herz, undeutlich und halb ver⸗ ſtanden in ſich herum getragen hatte. Das Förſterhaus war verſchloſſen, Alles ſtill darin und wie ausgeſtorben, nur eine ſchneeweiße Hühnerhün⸗ din, die damals an Cöleſtinens Seite ging, kam aus dem Hofraume auf ihn hingeſprungen, drückte ihren weichen Kopf an ſeine Knie, als wenn ſie ihn bewill⸗ kommnen wollte, und folgte, da er ſie geſtreichelt, trau⸗ lich hinter ihm drein wedelnd, Berg hinan. MWit verdüſterter Stirn langte Juſtus auf dem geſel⸗ ligen Platze an, doch das Spiel behagte ihm nicht; er ging abſeits in die Eichendickung, ſetzte ſich am einſamen Ausſprunge des Berggipfels auf uralte Rieſenwurzeln, nahm ſein Zeichnenzeug hervor, und begann die ſchöne Ausſicht, welche vor ihm lag, auf das Pergament zu tragen, allein mit langſamem Stifte, oft unterbrochen durch eigene Gedankenpauſen, oft geſtört durch den treuen Hund, der die kalte Schnauze ihm auf den Schooß ge⸗ legt, von Zeit zu Zeit ihn damit anſtieß, und ihn dabei mit gutmüthigen, klaren Augen anſah. Was willſt du, glückliches Thier? fragte der Jüng⸗ ling den ſtummen Geſellſchafter; ihre ſanfte Hand pflegt dich ja, und theilt mit dir oftmals das Veſperbrod. O könnteſt du ſprechen, und mir erzählen von ihr, und ob die Hausfrau ihr mehr gilt als das verwegene Männer⸗ gewerb, welches ich ſie treiben ſah, und ob ſie ſo gut iſt wie ihr Auge, und ob ihr Herz auch die Harmonie in ſich birgt, die von der rofigen Lippe erklingt, und 202 zur fremden Seele ſpricht, und die meine im erſten Wohl⸗ laut gewinnen mußte.— Nun ſo antworte doch Hyazinthel tönte eine ſpottende Stimme hinter der Eiche. Antworte doch, mein treues Hundchen, dem unverſchämten Frager, der ſich um Dinge bekümmert, die ihn nichts, gar nichts angehen!— Juſtus fuhr aus ſeinem Selbſtgeſpräch em⸗ por, und neben ihm ſtand das Jägermädchen. Aber ganz anders erſchien ſie heut als dazumal. Ein ſelbſt⸗ gewebtes, weiß und grün geſtreiftes Hauskleid ſtand ihr gar nett und niedlich; das lichte Haar war geſcheitelt und lag ſchlicht geſtrichen an dem Amorsköpfchen, und in der Hand trug ſie den bienenkorbförmigen Strohhut im grünen Bandgehäng, und ein feines Hemdchen, mit ſchwarzen Schnürchen umſäumt, barg, in tauſend Fältchen gelegt, blendend weiß den ſchönen Hals und die vom Waldgange höher wogende Bruſt. In dieſer Geſtaltung war ihm das Mädchen weit lieber, und lag ſeinem Ver⸗ trauen bei weitem näher.— Wer da horcht— begann er, in ihren Scherz einſtim⸗ mend— Hört nicht immer ſeine Schand! fiel ſie ein, wehrte die aufſpringende Hyazinthe ab, und nahm dicht neben ihm wie eine alte Bekannte Platz.— Aber ſagt mir doch, Ihr Hexenmeiſter, fuhr ſie ſchä⸗ kernd fort, und zog ſein Zeichnenbuch dreiſt auf ihren Schooß, wie Ihr es macht, ſolche hochdichteriſche Worte zu deklamiren, und zugleich ſolche feine Arbeit zu Stande zu bringen?— Die Worte waren die Unterſchrift zu der Zeichnung; antwortete Juſtus bedeutſam und mit Betonung.— Ei ſeh' mir Eines! rief das Mädchen. Wahrlich der Herr ſtiehlt uns und dem Herrgott nicht allein die ſchöne Landſchaft, auch die Menſchenkinder darin müſſen ſeinem 203 Zauberſtabe folgen. Wenn das Mährchen wahr wäre vom verzauberten Wachsbilde, dem die Jungfrau folgen mußte über Fluß und Berg und Meer, ſo könnte mir bang werden; denn, wenn ich nicht irre, da ftürzet der Hirſch, die lange Geſtalt ſoll mein Herr Vetter ſein, und das halvollendete Frauenbild da am Buſch— O hätte ich dieſes Weſen ſo geſehen wie heute, wie jetzt, ein anderes Bild hätte ich lieber und fleißiger ge⸗ zeichnet! unterbrach ſie Juſtus mit aufglühenden Wangen und legte ſeine warme Hand auf ihren nackten, elaſtiſchen Arm.— Und doch ſehe ich mich lieber alſo, ſprach Cöle⸗ ſtine mit faſt finſterm Nachſinnen, und die Augen ſtarr auf das Bild heftend; lieber ſo in der Amazonen⸗Ge⸗ ſtaltung, als wie mich der Maler aus Naumburg letzt⸗ hin abconterfeiete, der mein ſchlechtes, naſeweiſes Ge⸗ ſichtchen in die Form und unter die Gloria einer Mutter Gottes ſetzte, was mir wie eine Läſterung vorkam, und mich viele Nächte wachend und träumend quälte.— Juſtus horchte hoch auf. Und wer bekam das Bild? fragte er lauernd.— Was weiß ich es! entgegnete ſie wieder in ihren heitern Tönen. Der Vormund aus Naumburg, der vor⸗ mals Abt zu Memleben war, und der Vetter Förſter wollten's ſo haben, und da mußte die arme Dirne ge⸗ horſam ſtill ſitzen. Aber wenn Ihr mich malen wollt, ſo kommt einmal Morgens auf die Förſterei; conterfeit mich, wie ich dem Vetter das Frühſtück auftrage, oder wie ich das Federvieh im Hofe füttere, oder am Heerde die gute Suppe fleißig einrühre, oder das Wildbret ſpicke, oder mit der Spindel in der flinken Hand und das Gebetbuch vor mir. In ſolchen Geſtaltungen ſähe ich von Euch mich am liebſten gezeichnet.— 204 Und dürfte ich das Bild für mich behalten? fragte Juſtus tief ergriffen und ſehr ernſt, denn er dachte an ſeine Mutter und ihr freundliches Schalten um Vater, und Hausgeſinde.— Und wer denn anders? fragte Cöleſtine zurück. Aber Ihr ſeid ein ſeltſamer Geſell, und nehmet Alles gleich ſo ernſthaft, wie man nicht von Eurem jugendfrohen Ge⸗ ſicht vermuthen ſollte.— Doch indem ſie noch redete ſchien auch ihr leichter Sinn von einem gar ernſten Ge⸗ danken bezwungen zu werden. Scharf ſahen ihre Augen auf des jungen Mannes Hand, welche noch immer auf ihrem Arm ruhte, und mit ganz anderer Stimme, in welcher ein verhaltner Schmerz durchklang, ſagte ſie: Welch einen ſchönen Ring Ibhr da am Finger traget! Welch einer Schönen zu Ehren? Gewiß ein reiches Bäschen zu Leipzig! Der breite Goldreif erzählt von ihren Schätzen, und der feurige rothe Stein darin mag wohl die heiße Innigkeit und zugleich den blutigen Schmerz bei dem Abſchiede von dem Verlobten andeuten.— Ju⸗ ſtus zog den Ring herab vom Finger, und hielt ihn dichter vor des Mädchens Auge. Ihr habt Recht, ſagte er langſam, es iſt das ein Verlobungsring, iſt ein heiliges Erinnerungszeichen, ein Talisman gegen Sünde und Verirrung, denn dem Frevler müßte er brennen an der Hand, wie eine Kohle aus dem Höllenpfuhle. Es iſt der Ring, welchen Luther am Ver⸗ lobungstage ſeiner Käthe gab. Seht hier inwendig die Namenszüge des trefflichen Paares; da den Tag, den 13. Juni 1525, und rund herum die feinen Paſſionsbil⸗ derchen, eine Vorbedeutung auf viele trübe Tage, die nur durch den Glauben an ein Höheres von dem ehrwürdigen Paare überwunden wurden. Die fromme Frau gab ihn 205 meiner Mutter als ein kößtlich Pfand der Freundſchaſt und Dankbarkeit, da der Trauring, den Luther getragen, ihr nach dem Tode des Unvergeßlichen heiliger geworden, und die Mutter gab ihn mir als ein Warnungszeichen, als ein Amulet gegen Verſuchung, als eine Reliquie gegen den böſen Feind; und ich—— Er ſtockte; des Mädchens Geſicht überflog eine lieb⸗ liche Röthe; die Augen bekamen Leben wieder und Glanz, und ein mildes Lächeln drückte die zwei Grübchen tiefer in die runden Wangen. Und Ihr? fragte ſie halblaut, und dabei niedergebeugt ihr weißes Thierchen ſtreichelnd.— Und ich, fuhr Juſtus mit lauter und ſtarker Stimme fort, ich hoffe das bedeutſame Reiflein einſtmals an eines Mädchens Hand zu ſtecken, die reines Sinnes und hoch⸗ herzig wie jene erſten Beſitzer des koſtbaren Pfandes wür⸗ dig iſt, die wie Katharine ohne Menſchenfurcht mit mir wandeln wird den ſchweren Pfad, und, wie Jene dem Gottesmanne mir deutſche Treue und deutſche ſittige Freude mitbringt in das ehrbare Elternhaus. Laſſet doch ſehen, Cöleſtine, ob der Ring Eurem Finger anpaßt; ſetzte er dringend hinzu, und nahm die kleine Hand in die Sei⸗ nige, und ſchob das Reiflein hinauf. Und verwirrt ſenkte die Jungfrau den Kopf, und er umfaßte ſie, und ſein heißer Mund drückte ſich leiſe auf ihr Augenlid, und ſie war im Begriff, gedrängt vom klopfenden Herzen, ihm auf den Schvoß und in die offenen Arme zu finken. Da ſchallten laute Stimmen in der Nähe; ſtarke Schritte rauſchten auf den Fallblättern des Eichwaldes, und kaüm hatten die Beiden Zeit, ſich zu faſſen, das Zeichnenbuch in Ordnung zu legen, und eine fremdere Stellung an⸗ zunehmen. Es war der Förſter und der Vormund des Fräuleins, 206 der Abt Andreas aus dem eingegangenen Kloſter zu Mem⸗ leben, die, von einem Jäger begleitet, den Waldpfad her⸗ abſtiegen, mit Verwunderung vor dem jungen Paare Halt machten, und befremdet ſich bald untereinander, bald die Ueberraſchten anblickten.— Juſtus warf nur einen Blick auf den ehemaligen Kloſterfürſten; aber der Mann mit der langen, ſteifen Geſtalt, dem herriſchen Geſicht, dem hochmüthig getragenen Kopfe und den durchdringenden Spüraugen, der unverkennbare Kloſtertyrann trotz des Weltkleides und des aufgezäumten, großen Prädikanten⸗ hutes, fiel unangenehm und faſt feindſelig ihm ins Ge⸗ ſicht, und er bückte ſich zum Zeichnen auf ſeine Tafel. Cöleſtine, wie denn das weibliche Geſchlecht, auch in ſeinen jüngſten Gliedern, mehr Beſonnenheit von der Natur zur Mitgift bekam, ſtand unbefangen den Männern Rede, und als der Förſter mit unverhaltenem Unwillen fragte: Warum ſie ſich verweilt, und ſeinem Auftrage, voran zu gehen und im Hauſe das Abendbrod zu ordnen, nicht ſo⸗ fort Genüge geleiſtet?— antwortete ſie kecklich: Kennt Ihr denn den jungen Menſchen nicht wieder, Vetterchen? — Da ich es war, die ihm an der Windlücke beinahe den Tod gebracht, ſo war's doch ſchuldige Höflichkeit, nach ſeinem Befinden zu fragen; und da ſehet nur ſelbſt, wie der feine Kunſtmann unſer Land ſo lieblich auf das Pergament zaubert, daß eine Mädchenneugier nicht vor⸗ übergehen konnte, ohne ſich das feine Werkchen ein bis⸗ chen länger zu beſehen. Doch ſorget nicht; ich werde das Verſäumte ſofort einbringen, und Ihr ſollt nicht lange auf Krug und Schüſſel warten dürfen.— So rief ſie nickend dem Jünglinge ein: Fahre wohl! und flog, den Hühnerhund voranhetzend, mit leichtem Fuße über die Eichwurzeln den Abgang hinunter. 207 Das iſt ja daſſelbe Herrlein, welches mit der heiligen Schrift unter dem Arme auf der Landſtraße einherzieht, und um welches zu Köſen mein Schädel faſt mit den Pallaſchen der Panzerreiter Bekanntſchaft gemacht hätte, ſprach der nachtretende Jäger. Noch ergrimmter ſtachelte des Abtes Auge auf den Jügling hin; er murmelte etwas von Ketzerbrut, und ohne Gruß gingen alle Drei an ihm vorüber; nur der Jäger Sylveſter, der zuletzt auf dem ſchmalen Pfade folgte, warf noch aus tückiſchem, über⸗ buſchtem Auge einen Rückblick zu ihm, der wie ein meuch⸗ leriſcher Kugelſchuß ließ, und ungefähr den Valetgruß enthielt: Träfe ich Dich nur einmal Aug in Auge und allein im Dickbuſch, ich wollte ſchon Abrechnung halten.—— Juſtus war von Allem dieſen, was in kurzem Zeit⸗ raume ihn berührt und ſo abſtechend verſchieden auf ihn eingewirkt hatte, wie verwirrt worden; ein Schwindel zitterte auf ſeiner Stirn, und er drückte lange die Hände vor ſein Geſicht, bis ihm Beſinnung und Gedankenklar⸗ heit kehrten. Er empfand, wie merkwürdig dieſer Tag für ihn geworden war. In ſein einförmiges Leben war ſtürmiſche Bewegung getreten, die ihm doch ſo lieb ſchien und ihm ſo wohl that. Der Augenblick hatte Alles ver⸗ ändert; eine ganz andere Natur umgab ihn; Baum, Gras und Blume ſchienen ihn anders an und belebter; er ſelbſt war anders geworden, war ein Anderer, das empfand er gar tief, am tieſſten das in ſeinem Innerſten. Er packte Stifte und Paſtellkäſichen und Pergamentblätter in ſeine Mappe, und ſchickte ſich an zu den Commilito⸗ nen zurück zu gehen, da ſah er vor ſeinen Füßen auf dem Mooſe eine grüne Schleife liegen, welche die ſpie⸗ lende Hyazinthe vom Strohhütlein der Herrin losgepflückt. Mit Gier und Kuß nahm er das zarte Band auf und barg 208 es haſtig unter dem Wammſe auf der nackten, glühenden Bruſt; dann vermißte er zugleich den werthvollen Ring an ſeiner Linken, und ſich befinnend, daß ihn die Jung⸗ frau bei der Störung mitgenommen, und ſo auf ſeltſame Weiſe das koſtbare Familienkleinod ihm entfremdet wor⸗ den, warf er einen gedankenvollen Blick dem herrlichen blauen Himmel zu, und fragte leiſe hinauf: Iſt das auch Dein Fingerzeig?— Die drei feindſeligen Spaziergänger ſtiegen unterdeß im bedeutungsvollen Geſpräche immer tiefer im Eichen⸗ dome hinab, dem Forſthauſe zu. Wer iſt der Menſch* fragte der Abt als ſie fern genug waren. Ein Schul⸗ pförtner, aus Leipzig gebürtig, in Erfurt erzogen; übri⸗ gens ein friedlicher, fleißiger Burſch, der nicht aus Pforta's Mauern kommt, und dem, wie unſer dicker Thür⸗ ſteher mir berichtet, ſeine Studirzelle und der Primaner⸗ garten die Welt ſind, antwortete der Förſter.— Aus Erfurt, aus dem Diſtelgarten des Ketzerthums? fragte der Abt bedeutend und gedankenvoll vor ſich hin⸗ ſtarrend. Eine Adonisgeſtalt; ſo etwas Heroiſches im Geſicht, wie ich mir den heiligen Paulus denke; das Auge glühend, ſeelenvoll ein Joſephsblick! Das werden die Schlimmſten, die Hartnäckigſten, die Beredſamſten. Hütet mir Cöleſtinen beſſer und emſiger.— Seid ohne Sorge darob, Hochwürdiger Herr! ent⸗ gegnete der Förſter lächelnd. Ihr wollt das Fräulein zur Edeldame erzogen, geübt in adeligen Künſten, in Falken⸗ baiz und Jagd; daher ſcheint ſie für ihr Alter freimü⸗ thiger und kecklicher. Doch Cöleſtinens Sinn iſt kindlich und züchtigz die Männer berühren ihre Phantaſie nicht, 209 und ſelbſt der Jungherr von Altenburg macht ihre Wangen nicht heiß und ihre Bruſt nicht unruhig. Dieſer iſt nun gar nicht bedeutſam, denn ein Sprüchlein ſeines Seneca iſt ihm lieber als das ganze Weibergeſchlecht von der Eva an bis zu des Gartenmeiſters runder, verliebter Meta; er macht ſeine Diſticha, commentirt den Homer und Ovidius, und ſingt ohne Becher und Roſenkranz dem Anakreon nüchtern ſeine Lieder nach.— Haſt Du die alten Freunde noch nicht vergeſſen bei Deinen Hunden und Pirſchbüchſen, Du abgeſetzter Bruder Bibliothekar? lächelte Abt Andreas, und legte dem Freunde die Hand aufadie Schulter. Die gute Zeit iſt hin! Aber was Du da ſagſt, gerade das beunruhigt mich. Ovid und Anakreon führen das junge Herz gar leicht, ohne daß es ſelbſt davon merkt, mitten in das Paradies der ſchönen Sünde hinein. Ich empfehle Dir doch, dieſen zjungen Leipziger in Dein Memorandenbuch einzutragen, und ihn auch dem guten Pater Urbanus bemerkbar zu machen. Dieſe Schwärmer und Dichterlinge haben mei⸗ ſtens Schwäche und Leichtſinn zur Compagnie, und ſind eben ſo leicht für die eine Sache wie für die andere zu begeiſtern, wenn man ſie nur recht anzufaſſen und zu bearbeiten weiß. Auch dieſes verirrte Schaf kehret viel⸗ leicht zu der Heerde, und mir ſagt's des Geiſtes Stimme, dieſer iſt nichts Gemeines, und könnte groß nützen. Doch wie iſtes mit dem Junker von Altenburg auf Al⸗ merich?— Der iſt feſt in der Zauberſchlinge des Bruders Urban, nickte der Förſter mit vergnügtem Geſicht, und feſter noch iſt er in Cöleſtinens Lerchengarne. Da unſer Spion, der Thürſteher, ihm den Ausgang aus den Schulgrenzen zu jeder Zeit verſtattet, ſo weilt er faſt täglich ein Stündchen Blumenhagen, Rl. 14 210 bei uns, um, wie er ſagt, durch meinen Sylveſter die Zucht und Führung der Rüden und das kleine Weidwerk zu erlernen; aber wenn er ein Reh erlegt, oder die Spürer an der Leine führt, und die Jagdſprache ſtudirt, iſt ſeine Seele beſtändig bei dem Fräulein. Das Marien⸗ bildchen und die Bücher haben auch gewirkt. Seitdem iſt er tiefſinniger geworden! mag wohl auch ſchon ſo einige leichte Knabenſünden auf ſich tragen, die er im Luther⸗ thume nicht los zu werden weiß, und gern für Beicht⸗ gebühr und Ablaßthaler austauſchen möchte.— Darf er doch nicht ſingen: Sobald das Geld im Kaſten klingt, Sobald die Seel' in den Himmel ſpringt!— Glaube mir, Conradus, an dieſem Jünglinge liegt der Kirche gar viel; ſprach vertraulich der Abt. Seine Familie iſt eine der älteſten im Lande, mit dem Fürſten⸗ hauſe verwandt durch Blut und Freundſchaft, reich und allen Sachſen ein Muſter. Eine Verbindung zwiſchen Oetwin und Cöleſtinen verſpricht mir und uns Allen neuen Glanz und neue Sicherheit. Der alte Freiherr ſitzt im Sorgenſtuhle vom Zipperlein gebunden; er hängt den Abtrünnigen an, doch iſt er ein morſcher Klotz, im Wege faulend; ſeine Schweſter Jutta regiert auf der Burg, und blieb immer im Geheim der Kirche treu, wie auch der Kapellanus dorten nur die Kappen tauſchte, nicht aber den Glauben. O ich ſehe eine ſchöne Zeit beginnen, aus Blut erwächst die Lilie neu und ſtark. Der Triumph und die Rache der allein ſeligmachenden Kirche iſt vor der Thür. Ich ſehe die Verirrten zurückkehren bei Tau⸗ ſenden; ich ſehe die ketzeriſchen Städte brechen und in Trümmer verſinken; ich ſehe die Gräber der Ketzerpre⸗ diger aufgewühlt und ihre verbrecheriſchen Gebeine der ——— — — —. 211 Schande preis gegeben, ſehe die Halsſtarrigen brennen auf dem Scheiterhaufen, Fackeln gleich, zum Lobe des Herrn der Heerſchaaren angeflammt; der Tag der Sichel iſt nahe! Die drei Beſchützer der Ketzerei ſind todt, oder ſo gut wie todt, denn der Kaiſer gibt den Johann Fried⸗ rich nimmer aus der Haft. Kurfürſt Moritz, wenn auch vor der Welt ein Proteſtant, hält es mit den Unſrigen, denn er gewann dadurch das reiche Sachſenland, hat jetzt ſogar die Exekution gegen das rebelliſche Magdeburg übee⸗ nommen, und kümmert ſich nicht um den Schwiegervater, den Heſſenfürſten, der noch ſtets zu Donauwörth, trotz der Capitulation von Halle, unter ſpaniſcher Wache gefangen ſitzt. Ja, hat doch ſogar der Prinz in ſeiner Halbheit zugegeben, oder vielmehr nicht hingeſehen, als die Dienſt⸗ leute und ausgetretenen Fratres der ſäcularifirten Klöſter in die einträglichſten Stellen der neuen Inſtitute durch unſere Machinationen eingeſchoben wurden. Lauter herr⸗ liche Zeichen am Himmel unſerer Kirche. Das Volk iſt durch die Ketzerei freiſinniger und treuloſer geworden; die Herren und Junker leben lockerer, und ſchinden und hanſeln die Bauern mehr; der Gemeine ſehnet ſich darum längſt zurück unter den ſanften Krummſtab der klöſter⸗ lichen Herrſcher. O ich ſchaue uns bald wieder eingeſetzt in die entweiheten Stätten und in die geſtohlenen Reich⸗ thümer! Aber Jeder muß helfen. Jede bekehrte wieder⸗ gewonnene Seele iſt ein Schatz, den wir als Scherflein dem Säckel der Kirche zutragen, und der hochwürdigſte Biſchof, Herr Julius Pflug zu Naumburg, zahlet golden, und hält ſeine Verheißungen. Darum muthig im heiligen Werke, und kühn im gebenedeieten Kampfe! Wer darin untergeht, ſtirbt als ein Märtyrer, geſegnet von der Welt und dem heiligen Stuhle, und begnadigt mit der 212 ewigen Krone des Himmels.— So waren ſie unten an⸗ gelangt, und ſetzten ſich mit Triumphgefühlen an Cöle⸗ ſtinens leckere Tafel. Junker Oetwin ging mit ſtarken Schritten und ein⸗ geſchlagenen Armen in der Zelle auf und nieder, als Juſtus am Abende mit der Geſellſchaft heimkam. Sein ſonſt kaltes, nichtsſagendes Angeſicht war belebter, war bewegt ſogar, und er ſtellte ſich vor Juſtus hin, und reichte ihm die Hand zum Willkomm. Du viſt eine ehrliche Seele, Juſtus, ſagte er auf ſeine Weiſe recht herzlich, obgleich eine Art von adeli⸗ ger Herablaſſung und Begnadigung durchklang. Du haſt die Bücher gefunden, die ich einzuſchließen vergaß, und die in dieſen Hallen ſo verpönt ſind. Du hätteſt mir Aergerniß und Schmähung bereiten können durch die Angabe; Du thateſt das nicht, und das war recht bray von Dir.— Des Angebers Gewerb wird mit Schadenfreude be⸗ gonnen und lohnt ſich mit Haß; beide liebe ich nicht, entgegnete Juſtus. Auch achte ich Gaßtlichkeit hoch vor allen deutſchen Tugenden, und da ich mit Dir wohne, mit Dir ſchlafe, ſo macht dieſes getheilte Licht und Dach uns wechſelſeitig zu Gaſt und Wirth. Wie kamſt Du aber zu ſolchen papiſtiſchen Schriften, ſetzte er noch freund⸗ licher hinzu, und was willſt Du mit ihnen, da Du das Beſſere kennſt?— Oetwins Züge drückten Verlegenheit aus, doch faßte er ſich und ſagte wie mit ſcheuer Offenherzigkeit: Das Buch war aus der Bibliothek unſeres Schloßkaplans zwiſchen meine Sachen gerathen, und da der geiſtliche W ð 213 Inſpektor geſtern in der Lektion von der Sündenverge⸗ bung ſprach, ſuchte ich es hervor, denn mir kamen Zwei⸗ fel in die Seele.— Zweifel? Woran? fiel Juſtus beſtürzt ein. Mit Haſt fuhr der Junker fort: Ja, Zweifel, die mich quälen, und die mir ſchon längſt die Ruhe raubten. Was iſt wahr, was nicht? Auch Doktor Eck iſt ein gelahrter, verſtändiger Mann.— Aber auch ſo reinen, uneigennützigen Herzens wie die neuen Glaubenshelden? fragte Juſtus, ſcharf und feſt in Oetwins unſtete Augen blickend.— Du biſt in ſtrenger Aufſicht erzogen, Juſtus, war des Junkers ſcheue Antwort. Ich aber, ohne Mutter, wuchs bei einem von frühen Kriegeszügen erkrankten Va⸗ ter eigenwächtig und unbeachtet auf, unter Troß und Knechtgefindel. Ich bin nicht rein von Sünden, und das drückt mich, und macht mich alt vor der Zeit, und raubt mir allen Sinn für Freuden der Geſellen, und ich komme mir verlaſſen und verworfen vor unter den lachenden Geſpielen. Sieh, mein Lieber, da frage ich mich denn oft, ob nicht der katholiſche Glaube glücklicher macht, und ob nicht er dem Menſchenberzen gemäßer iſt 2 Luther verweiſet uns mit Bekenntniß und Reue geradezu an Gott. Aber welch ein ungeheurer Raum liegt zwiſchen dem Wurme der Erde und jenem donnernden Rich⸗ ter! Der Gedanke daran bringt Schwindel und Wahn⸗ witz!— Die alte Kirche zeigt uns Mittelperſonen, Stell⸗ vertreter und reine Fürſprecher in den Schutzengeln und Heiligen, und Ablaß und Abſolution im Beichtſtuhle find doch leichter zu erwerbende und beruhigende Arzneien für eine wundgequälte Bruſt, die ſündenlos dann wieder ih⸗ ren Weg macht.— — 6 214 Im Wahne der Sündenloſigkeit hingeht, um wieder zu fündigen, ſprach Juſtus heftiger als ihm gewöhnlich war. Bequeme Mittel find's für den Leichtſinn, aber ihr Gehalt wiegt wie falſche Münze. Iſt der Prieſter, welcher Dich losſpricht, nicht ein Menſch gleich Dir? Kann ſein Menſchenwort, kann ſein Ablaßzettel unge⸗ ſchehen machen, was Du thateſt, und auslöſchen die Folgen Deiner Frevel?— Die ſtille Reue, die innere Zerknirſchung iſt die beſte Abbitte bei dem großen Geiſte, den wir nicht als einen zornigen Zwingherrn, ſondern wie einen guten, verſöhnlichen Vater betrachten müſſen, bei dem der Gebeſſerte ſo viel gilt als der Niegefallene. Gute Thaten löſchen den frühern Fehltritt am ſicherſten aus, und find die fruchtbarſte Buße. Die unermeßliche Güte droben wird alle, alle Sünden vergeben, aber um⸗ ſonſt, allein aus Gnade; denn der vollkommenſte Geiſt kennt keine Rache, und kann keine Strafluſt hegen. Der Glaube an ſeine Gnade iſt ſchon Verſöhnung mit ihm, denn nur der Verworfene glaubt nichts. Dieſen Glau⸗ ben gewinne Dir, Oetwin, und Deine Zweifel alle wer⸗ den verwelken. Ich will Dir Melanchthons loci com- munes geben; des ſanftern Lehrers feine Schrift wird veſſer ſich für Dich eignen, als Luthers harte Mahn⸗ ſprüche, und auch Deine Seele wird durch ihn Frieden gewinnen, wie ſo viele ſeiner Geretteten.— Juſtus Stimme wurde am Schluſſe ſeiner Rede ſo weich und theilnehmend, daß eine gleiche Stimmung in dem Junker ſichtlich Ueberhand gewann, und ſeine Au⸗ gen nahe daran waren, feucht zu werden. Er ſchien ein Geſtändniß auf den Lippen zu tragen, doch Juſtus wartete vergebens darauf.— Schweigend ſuchten beide ihr Lager. 215 Der Freitag kam, und jenes Abendgeſpräch hatte un⸗ ſern ſchwärmeriſch⸗kühnen Freund noch mehr beſtimmt, Alles zu wagen, um den Zwieſpalt in des kranken Ge⸗ noſſen Bruſt zu ergründen, und wo möglich ſein Arzt zu werden. Er hatte ſeitdem wohlbedacht zuweilen mit der jungen Magd am Brunnen geplaudert, geſcherzt, und die Aufmerkſamkeit des lebeluſtigen Geſchöpfs auf ſich gezogen, ſo daß Oetwin dem mit Verwunderung zu⸗ gehorcht. Als nun die Nacht da war, der Collaborator die Zellen viſitirt hatte und Grabesſtille das große Ge⸗ bäude beherrſchte, ſtand er auf von ſeinem Schreibepult, kleidete ſich wiederum an und griff an die Klinke der Thür.— Willſt Du noch fortgehen? fragte der Junker erſtaunt und mit Beſorgniß.— Auch ich habe meine kleinen Sünden, antwortete Juſtus lächelnd. Das Geheimniß gehört noch einer Perſon, und Du wirſt ja wohl ſo ver⸗ ſchwiegen ſein, wie ich es für Dich war.— So ging er raſch in das Unterhaus hinab, und ließ den Junker mit ſeiner Befremdung allein. Elf ſchlug es vom Kirch⸗ thurme mit langen, abgeſetzten Glockenſchlägen; Juſtus verweilte die Klänge zählend. Unten in den Hausgän⸗ gen, durch die er ſchlich, war Alles ſtill; die großen, grünen Laternen, die im Gipfel der Bogengewölbe hin⸗ gen, warfen nur ein ſchwaches, unheimliches Licht zwi⸗ ſchen die maſſiven, ſchattenden Pfeiler und ſchufen eine räthſelhafte Dämmerung, welche die Schauer der Nacht eher mehrte als aufhob. Die Kirche blieb der Hauptort der Unterſuchung, denn von dort ſollte nach den Geſprä⸗ chen der Hausleute der Spuk ausgehen. Dahin lenkte Juſtus demnach langſam und umſichtig ſeine Schritte, doch nicht lange, ſo vernahm ſein ſcharfes Ohr plötzlich vor ſich wie hinter ſich Geräuſch, und kaum blieb ihm ————— —— —— 21¹6 Zeit, ſich in den ſchwarzen Schatten der ungeheuren Säule, welche das Vorderhaus trug, zu verbergen. Es war der dicke Pförtner, der mit dem weitherklirrenden, mächtigen Schlüſſelbunde gemächlich von der Kirchſeite heranwackelte, und mit dem der Junker von Altenburg dicht neben Juſtus Schlupfwinkel vom Schulgange her zuſammentraf. Seid Ihr es wieder? redete der Thürſteher den Kom⸗ menden an. Doch es iſt ja Freitag, und Ihr wollt wie⸗ der beten gehen am Altare, wie es Euer Gelübd er⸗ heiſcht. Nun, Ihr ſeid ein ſo frommer als unerſchrocke⸗ ner Jungherr, und könnt's weit bringen in der Welt. Aber noch iſt nicht Mitternacht, kommt darum eine Weile mit in mein Stübchen. Alles ſchläft; ein Gläschen Frauenmilch ſtärkt für den Nachtgang, und ein gottes⸗ fürchtiges Geſpräch dabei iſt gute Bereitung zu ſolchem Bußgeſchäft.— Oetwin antwortete nicht, ſondern folgte ſchweigend dem wohlbeleibten Schlüſſelverwahrer in das Vorhaus zurück. e Deutlicher in ſeiner Ahnung, verſicherter in ſeiner Anſicht ließ Juſtus ihre Schritte ganz verhallen, dann ging er raſch und beſtimmt durch den lang ſich dehnen⸗ den Kreuzgang der Kirchenpforte zu. Die ſchwere Thür war nur angelehnt, und er trat ein in das weite, leere Heiligthum. Es iſt eine eigene Sache, gegen Mitternacht allein einen Kirchhof oder ſonſt einen von menſchlichen Vorurtheilen verrufenen Platz zu betreten; wie vielmehr wird die Phantaſie aufgeregt und die Vernunftkraft durch ſie geſchwächt, wenn wir eine ſolche Stätte aufſuchen, um forſchend etwas Fremd⸗ artigem, Ueberſinnlichem entgegen zu treten. Auch des Jünglings Athemzüge wurden kürzer, als er an den 217 Betſtühlen hin über uralte Leichenſteine ſchritt, auf welche das Mondlicht durch die bemalten Scheiben der gothi⸗ ſchen Kirchfenſter ein vielfarbiges und im Wolkenzuge ſchwankendes Halblicht warf. Das anſehnliche Monu⸗ ment des Landgrafen Georg von Thüringen hatte er ſich zum Standpunkte ſeiner Beobachtung ſchon vorher aus⸗ erſehen. Er ſtand auf dem Chore, erhaben, dem Altar nahe, durch ſeinen Vorſprung bedeckend, und ſo geeignet, von dort aus die ganze Kirche ungeſehen zu überſchauen. Dahin ging er, und ſetzte ſich nieder in den Winkel des Grabmals. Der fürſtliche Todte, in Lebensgröße mit Panzer und Schild darauf ausgehauen, ſchien ihn mit ſeinem grauen Leichengeſicht ernſt anzuſchauen und zu fragen: Was ſuchſt Du junges Blut im Gebiete der Verweſung, dem Du noch nicht verfallen biſt?— Seine Herzſchläge klopften ihm ſelber hörbar; droben im Thurme tönte der widerliche Ruf eines Uhu's, der ſeinen Nacht⸗ raub mit der Brut theilte, die ihm mit leiſerm Gekreiſch antwortete. Oft ſchien es ihm fern, im Schiff der Kirche lebendig zu werden, und das Mondlicht bildete flüchtige Geſtalten, die wie aus den Gräbern aufſtiegen und ſchnell wieder verſanken. Der Nachtwind warf kleines Geſtein vom Kirchdache gegen die Fenſter der Kapelle, dann herrſchte wieder eine Weile die noch peinlichere Stille des Tod⸗ tenreichs, und Juſtus fühlte ſeinen Muth erſchlaffen, und entſchloß ſich ſchon, die unheimliche Stätte zu ver⸗ loſſen, als die Mitternachtsſtunde ſchlug, und mit dum⸗ pfen Glockenſchlägen ſeine vorige Entſchloſſenheit wieder⸗ um auſſpornte, und ſeine Beſonnenheit aufs Neue erweckte.— Und kaum war der zwölfte Klang verſchollen, da lockte ein beſonderes Geräuſch, nicht gar weit von ihm, ſeine ſtarren Blicke zu ſich. In dem Eingange von 218 Schnitzwerk, der zur Seite des Altares zum Allerheilig⸗ ſten hinter demſelben führte, öffnete ſich der Fußboden. Eine hölzerne Platte mit Eiſenringen, die wie ein Gruft⸗ gewölbe deckend dort gelegen, wurde langſam aufgeho⸗ ben. Ein Lichtſchimmer flackerte von unten herauf, und langſam ſtieg eine geiſtige Geſtalt aus der Tiefe in die Kirche hinauf. Eiskalt überlief es des Horchers Rücken; er fühlte ein inneres Erbeben, und die Haare ſtiegen an ſeiner ſchweißbeperlten Stirn empor.— Die Geſtalt war nicht übergroß, und trug die Züge und das Gewand ei⸗ nes Mönchs, welcher mehr als ein Menſchenalter durch⸗ lebt zu haben ſchien. Das ſchneeweiße Kleid eines Ci⸗ ſterzienſers umwallte ſie, geſchmückt mit ſchwarzem Ska⸗ pulier und Roſenkranz. Silberweiße Locken umkräuſelten den großen und nackten Scheitel; ein ſilberweißer Bart hing dicht und reich vom Munde bis tief auf die Bruſt hin⸗ ab. Die Augen waren tief eingefallen, faſt erloſchen, und die Geſichtszüge ſo todt und ſteinern, die Tritte der nackten Füße ſo lautlos, daß der Jüngling einen Grab⸗ bewohner vor ſich geglaubt haben würde, wenn nicht das ſilberne Lämpchen, welches der Mönch in der Linken trug, die Sorgfalt beleuchtet und verrathen hätte, mit welcher der Greis in die Oeffnung zurückſchaute, Ge⸗ räuſch vermeidend die ſchwere Fallthür wieder niederließ, und mit forſchenden, Verrath beſorgenden Blicken die Umgegend muſterte. Leiſe ſchlich die Geſtalt alsdann vom Altare herab und verſchwand in der Pforte, die ſich zum Kreuzgange öffnete. Juſtus ſtand unentſchloſſen. Sollte er nachfolgen und den Spuk ſogleich entlarven? Oder ſollte er gedul⸗ dig, nur beobachtend verharren, und die Enthüllung auf ſichere Anſtalten verſparen 2— Ehe er noch zum Entſchluß 2¹9 kam, beſchäftigte ihn ein neuer Auftritt des Geiſter⸗ ſpieles.— Langſamer noch kehrte die Geſtalt des weißen Mönchs in die Kirche zurück, und in weniger Entfernung von ihr folgte Junker Oetwin von Altenburg. Das Geſicht des Mönchs ſchien noch mehr erſtarrt, noch mehr geiſterbleich geworden; die Augen hatten alles Leben verloren und blinkten nur wie ſchwache Lichtfunken aus den tiefen Höh⸗ len; ſein Gang war ein abgemeſſenes Schweben, und wenn er alle neun Schritte anhielt, einige Sekunden weilte an den Windungen des Kirchweges, dann langſam das Haupt mit dem weißen Apoſtelbarte wendete und mit der wachsbleichen knöchernen Rechte abgemeſſen winkte, ſo zuckten faſt dieſelben Schauer durch Juſtus Muskeln, die ſichtlich Oetwins farbloſe Wangen und ſeinen erblaß⸗ ten Mund verzogen. Oetwin folgte der Mönchsgeſtalt bis zu dem Gitter, welches Chor und Schiff der Kirche ſchied. Hier blieb er ſchwankend ſtehen, ſich an den Ei⸗ ſenſtangen anhaltend. Der Mönch ſchritt indeß vorwärts zum Altare, verweilte dort wie betend, die Hände um das hochgehaltene Lämpchen zuſammengelegt; darauf drehte er ſich herum gegen die verſtummten Zuſchauer, ſtreckte die Hand lang aus gegen Oetwin wie ſegnend, nahm den Roſenkranz vom Gürtel, erhob ihn gen Himmel, ſchlug mit den Fingern das Zeichen des Kreuzes durch die Luft und verſank mit großer Geſchwindigkeit. Alles dieſes geſchah ſo ſchnell, das Verſchwinden ge⸗ lang ſo trefflich, daß ſelbſt der unbefangene Juſtus über⸗ raſcht war; ſein ſcharfer Blick hatte jedoch im Mond⸗ lichte die Oeffnung vor dem Altare über dem verſchwundenen Geiſte wahrgenommen; auch bemerkte er deutlich, wie die viereckige Marmorplatte ſich wieder in die Oeffnung 220 erhob und ſtatt der verſchwundenen Geſtalt etwas Glän⸗ zendes aus der Tiefe mit herauf brachte. Scheu ſchritt jetzt der Altenburger Junker äuf ven Altar zu, mit deut⸗ licher Furcht und mit Zögern bückte er ſich, und nahm den erſchienenen Schatz auf, den die mitternächtige Erde geboren. Juſtus erkannte das Kleinod in des Junkers Hand für einen großen Goldbecher, aus welchem eine Papierrolle hervorſchaute. Mit Haſt barg Oetwin den Fund in ſeinem Schulrocke und eilte wie von neuen Geiſtern verfolgt zur Kirche hinaus. Alles blieb nun ſtill und ruhig; der Mond ging hin⸗ ter Wettergewölk, und auch Juſtus tappte nach einer Weile nachdenkend und hinter der gefurchten Stirn Pläne ausbrütend durch die verfinſterten Kreuzgänge ſich wieder zur Zelle hinauf, wo er den Junker ſchon auf dem Bett im verſtellten Schlafe erblickte. Es iſt eine wichtige Periode für ein junges Weſen, wenn es, ſonſt der Folge fremder Betrachtung und frem⸗ der Rathſchlüſſe gewöhnt, zuerſt allein ſteht vor einer That von Bedeutung. Wichtiger iſt der Moment, wenn die That nicht allein Fauſt und Sehnen, ſondern auch Ueberlegung und Vernunftſchluß fordert. Die glückliche oder unglückliche Durchführung ſolcher Erſtlingswerke be⸗ ſtimmt oftmals die ganze künftige Richtung des Wandels. Selbſtgefühl und Selbſtvertrauen wird dadurch entflammt oder verlöſcht für immer. Die kleinſte glückliche Waffen⸗ that der erſten Schlacht führte Manchen auf die Helden⸗ bahn; manchem Sängerkönige eröffnete ein leichtes, ge⸗ lobtes Erſtlingsverschen den Lorbeerhain des Phöbus; 221 indeß mancher kräftige, geniale Geiſt bei ſeinem erſten Ausfluge ſchon gelähmte Fittiche bekam, weil das Erſt⸗ lingswerk mißrieth, over ein großer Kritikus den Donner⸗ keil nach ihm ſchleuderte, und Mißtrauen und Furcht nun alle Keime vor dem Aufbruche welkten. Auch Juſtus fühlte, daß es keine Aufgabe für jugend⸗ lichen Uebermuth war, was er ſelbſt ſich auferlegt. Aber an dieſem Gefühle ſelbſt erſtarkte er. Wohl kannte er das Mönchsthum jener Zeit bis in ſeine tiefſten Höhlen und Verſpaltungen. Was ihm bevorſtand, war ein Kampf mit Fanatikern und Gewaltigen; es war ein Kampf mit verkappten Schlauköpfen, zu dem er ſich rüſtete. Seine Vernunft gebot Vorſicht, wenn auch ſein Sprudel⸗ kopf und der Drang ſeines Herzens für die Sache der Wahrheit von aller Furcht und Mäßigung abrieth. Er hoffte am Morgen von Oetwin ſelbſt Lichtblicke des Vertrauens, ja vielleicht ein Geſtändniß zu erhalten, und dann wollte er mit ihm als Bundesgenoß das Werk der Entlarvung beginnen; doch verfinſterter, wortloſer hatte er den Junker nie zuvor geſehen, und ſo mußte er ſich nach einem andern Wege und nach andern Gehülfen umſehen. Vor Allem war es nöthig, ſich Auſſchluß über den goldenen Becher und ſeinen Inhalt zu verſchaffen. Es galt heimlichen Angriff vom Reiche der Wahrheit ab⸗ zuwehren, und darum ſchienen auch die Mittel der Heim⸗ lichkeit und Liſt nicht unerlaubt. Als ſein Zellkamerad daher, wie oft, auch an dieſem Nachmittage zu dem För⸗ ſter gewandert war, ſo ſtöberte er die Bibliothek und das Schreibpult deſſelben durch, fand aber keine Befrie⸗ digung ſeiner Neugierde, da von dem gewarnten Beſitzer auch jenes erſte Buch dem Suchenden entfernt worden. Den Wandſchrank des Junkers fand er verſchloſſen; ihn 222 zu erbrechen blieb ein gefährliches, Entehrung drohendes Mittel. Indem er ſinnend und verdrießlich vor der alt⸗ fränkiſch geſchnitzten Thüre des Verſchluſſes ſtand, und nicht wußte, wie er zum Zweck kommen ſollte, fielen ihm ſeine eigenen Schlüſſel zum Koffer und Bücherſchranke in die Hand; er zog ſie mechaniſch hervor, ſteckte ſie in das fremde Schloß, und ſiehe da, Einer derſelben paßte, und der Schrank that ſich auf vor ihm. Faſt erſchrocken über das unverhoffte Gelingen, doch auch dadurch wie von geheimen und unſichtbaren Schutz⸗ mächten ermuthigt, ſchob er eiligſt den innern Riegel der Zellenthür vor, und überließ ſich nun emſig der beſchloſ⸗ ſenen Muſterung. Geldkäſtchen, Kleinodien und Gold⸗ kettichen, Prunkwämmſer und Schärpen, Dolch und leichter Degen füllten, unordentlich durcheinander geworfen, die obern Räume. Man ſah, daß des Beſitzers Geiſt die letzte Zeit mit bedeutſamern Dingen beſchäftigt geweſen. Eine tiefer liegende Schublade enthielt für den Beſchauer bedeutendere Gegenſtände. Eine Menge Controvers⸗Schrif⸗ ten katholiſcher Eiferer, Gebet⸗ und Meßbücher lagen wohl zuſammengebunden; ein kleines Kruzifix, ein Bet⸗ kranz von rothen Korallen und mit ächtem Geſtein beſetzt⸗ barg ſich in einem Käſtchen von Ebenholz, mit blauem Sammet ausgepolſtert; das Wappen der Freiherrn von Altenburg war darauf ausgeſchlagen in Gold. Aber ein brauner, nußbaumener Schreibkaſten, wie man ihn da⸗ mals auf Reiſen mit ſich zu führen pflegte, verſteckte das Wichtigſte. Obenauf lag darin das Marienbild mit Cö⸗ leſtinens Angeſicht. Feindſelig ſah es der Jüngling zum zweiten Male mit dem verſtärkten Gefühle der Eiferſucht, das er jetzt beſſer verſtand wie dazumal, und welches durch die ſorgſame Verwahrung des Bildchens zu Flam⸗ 223 men emporgeblaſen wurde. Er ſah in dem Junker, neben dem Feinde des Glaubens, auch ſeinen Nebenbuhler und perſönlichen Gegner, und mit feſterer Hand vollführte er jetzt die begonnene Unterſuchung. Mehrere kleine Pergamentblättchen erſchienen, Auf⸗ rufe zur Rückkehr in den Schooß der Kirche, Ver⸗ wünſchungen der Ketzer, furchtbare Drohungen in kurzen Sprüchen enthaltend, mit Mönchsſchrift geſchrieben, und mit vunten myſtiſchen Figuren, Poſſionswerkzeugen und Höllengeſtalten ummalt, wahrſcheinlich von dem Geſpenſt von Zeit zu Zeit dem Zweifler hingeworfen. Dabei lag eine vollſtändige Beichte von Oetwins eigener Hand ge⸗ ſchrieben, ganz im Style der Zerknirſchung und ſeinen völligen Rückfall zum Papftthum beurkundend; ganz un⸗ ten fand ſich der Becher und die letztere größere Schrift, die dieſer enthalten hatte. Der Pokal, den Juſtus an das Fenſter trug, war ein koſtbares Stück aus irgend einem Kloſterſchatze. Erhabene, trefflich gearbeitete Bil⸗ der ſchmückten ihn. Auf der einen Seite ſah man den Papſt im höchſten Kirchenſchmucke, auf Petri Stuhle ſitzend, die beiden Schlüſſel in der Hand.„Nur ich löſe und binde!“ lautete die Umſchrift. Die andere Seite zeigte das Bild der Kirche, ein maieſtätiſches gekröntes Weib, Sterne über dem Haupte, Könige im Staube vor ihm. Darunter ſtand:„Ich bin das ſichtbare Reich Gottes, und in meinem Schvoße allein iſt Vergebung.“— Stark und viel geſagt! ſprach Juſtus in ſich hinein; vorzüglich wenn der Bildner an ſeine eigenen Worte glaubte. Laß ſehen, was die Beilage zur Auslegung hin⸗ zufügt.— Er rollte das Papier auseinander, und las ſich laut Folgendes daraus: —„Du biſt geprüft und werth befunden der neuen —— 224 Reinigung. Die Stunde der Heiligung iſt nahe, die das verlorene Lämmlein rückbringt zur Heerde und zum Hirten. Der Rabe kann keinen Schwan ausbrüten, ſo auch der Erdenmenſch nicht den wahren Glauben ge⸗ bären, der nur von oben kommt, und der aus den Ge⸗ heimniſſen der Offenbarung allein in die Finſterniß der Erde herableuchtet. Die Herrlichkeiten der Reiche Got⸗ tes ſind allein aufgethan dem geweiheten Auge des Prie⸗ ſters; wer ſie ſucht ohne Weihe, erblindet, verfällt der Verdammniß, wie alle jene ewig verfluchten Läſterer unſerer Zeit. Doch Buße und brünſtige Reue findet Gnade vor dem unſichtbaren, beleidigten Zebaoth an der Hand der mütterlichen Kirche.— Freudigkeit des Geiſtes wird dem Sünder wiederum zu Theil, wenn er die ver⸗ führende Vernunft gefangen nimmt, und nur der Kirche ſeinen Wandel vertraut. Dein Geiſt, Dein Fleiſch ſind vefleckt, doch biſt Du eingeſchritten in den Pfad der Be⸗ kehrung, und ſollſt darum willkommen ſein. Biſt Du einig mit Dir, und entſchloſſen, den Schatz wieder zu gewinnen, den Deine thörichten Eltern vergeudeten, ei⸗ nen Schatz, deſſen Reichthum mehr wiegt als alles Ver⸗ mögen der Könige dieſer Welt, ſo ſei in der Mitternacht des nächſten Sabbaths am Altare, und ſchwöre dort laut den Eid der Bekehrung. Gott wird ihn hören und die Unterirdiſchen werden ſeine Zeugen ſein. Am Morgen dar⸗ auf darfſt Du Dir dort, wohin Dein Herz Dich treibt, Offenbarung und Löſung des Räthſels Deiner Mitter⸗ nächte holen, und auch Jene, die Du mit der Neigung des Fleiſches betrachteſt, wird Dir eigen werden als Lohn der Tugend, und Du wirſt in ihr eine Edle er⸗ kennen, deren Dein Name und Dein Geſchlecht ſich nicht zu ſchämen braucht. Bis dahin prüfe Dich, glaube, 225 ſchweige, und trinke vor der Stunde des Eides aus die⸗ ſer köſtlichen Reliquie Kraft und Weibe—— Mit ſtarrem Entſetzen hatte der Jüngling geleſen, was keiner Erläuterung mehr bedurfte. Schnell mußte gehandelt werden, ſollte es nicht überall zu ſpät ſein. Er ſchwankte, ob er nicht dem Rektor des Inſtituts Alles ſofort entdecken müßte; aber die Beweiſe, welche er dar⸗ legen konnte, warfen den Verdacht des Unrechtmäßigen auf ihn ſelbſt zurück; Oetwin konnte ſich herausreden;z er ſtand dann bloß da, verlaſſen, dem Spotte preis ge⸗ geben. Darum nahm er den ſicherern, wenn auch ge⸗ wagtern Entſchluß. Wer aber ſollte ſein Vertrauter ſein?— Cöleſtine war ſein erſter Gedanke. Im Com⸗ plot konnte er ſie nicht denken; Gottes Handſchrift in ihren Augen ſprach dagegen. Deutlich war's, daß ſie in der Schrift gemeint ſei; auch war ſie ja mit den Ka⸗ tholiſchen in Verbindung, ihr Vormund ein vertriebener Abt, welcher in der Biſchofsſtadt lebte. Wie ſollte er an ſie kommen?— Der Thürſteher, augenſcheinlich mit den Bekehrern im Verkehr, würde ihm den Ausgang aus dem Schulgebäude ſehr erſchwert haben, und Sylveſter, der Jägerburſch, hatte zu Köſen laut ſeine Befeindung der evangeliſchen Lehre ausgeſprochen, und dieſer war, wie Juſtus erfahren, eine Art von Hofmeiſter in der Förſterei, immer wachſam, immer in Cöleſtinens Nähe. Er ſah unter ſeinen Commilitonen umher, und fand hier bald, was er ſuchte. Unter den Aelteſten befand ſich ein biederer Junge, ein von Trotha aus Magdeburg. Zwar ſchien ſein Wan⸗ del etwas wüſt, er liebte den Wein und das laute Ver⸗ gnügen; aber überall hatte er das Zeugniß der Ehrlich⸗ keit, Treue und ritterlichen Bravheit. Früherhin ſchon Blumenhagen. XI. 15 ————— — — 226 haite der hochgewachſene Schwarzkopf Juſtus Beweiſe von Achtung und Zuneigung gegeben. Ueberdem war auf ſeine Fauſt ſich zu verlaſſen, und vorſichtig warb ſich unſer Patroklus in ihm ſeinen Achill, und zog ihn in das Geheimniß. Jener, in der Stadt der Aufklärung erzogen, ergriffen von dem Abenteuerlichen des Wage⸗ ſtücks, wurde ſofort einig mit dem Werber, und beide überlegten, in ihrem Bündniß ſich allmächtig wähnend, ſorgfältig die Schritte, die zu thun waren. Der Tag der Entſcheidung, der Sonntag, war da⸗ Als kluge Feldherren hielten die beiden Glaubensritter die Beſichtigung des Bodens, auf welchem die Fehde be⸗ gonnen werden ſollte, für die erſte Nothwendigkeit. Als der Nachmittagsgottesdienſt zu Ende ging, und die Frei⸗ ſtunde auf den Zellen, wie die darauf folgende Erho⸗ lungsſtunde im Garten ihnen Sicherheit verſprach, blieben Hergott und Trotha in einer Seitenkapelle zurück, bis Kirchendiener und Thürſteher ſich entfernt hatten. In geſpannter Neugier eilten ſie dann Hand in Hand dem Altare zu. Leicht unterſchied das Auge die weiße Stein⸗ platte mitten auf dem Chore, auf welcher das Ge⸗ ſpenſt verſunken war, doch lag der Stein unbeweglich, und ſcheinbar feſt eingefuget. Sie gingen nun zum Sei⸗ teneingange, wo die eichene Fallthüre ſich vorfand, aber der unterirdiſche Eingang ſchien von innen verriegelt, denn die jugendlichen Burſchen vermochten mit vereinter Kraft die Bohle nicht zu heben, die der altersſchwache Mönch ſo leicht nach oben bewegen konnte. Juſtus fand hinter dem Altare unter mehrem altem Waffenwerk eine tüchtige Lanzenſtange; durch die Eiſenringe geſteckt und 227 als Hebebaum gegen das Pflaſter geſtemmt, half ſie ſchnell zur großen Freude der angeſtrengt Arbeitenden. Der morſche Sandſtein brach vor dem Eiſenriegel aus, und die Erde öffnete ſich vor ihnen. Eine bequeme Seitentreppe führte zwolf Stufen hin⸗ unter, aber kein Grabeshauch ſtieg auf, wie ſie gefürch⸗ tet, ſondern ein Luftzug traf ſie, der ihnen bewies, daß dieſes Gewölbe mit einer fernen Oeffnung, die zu Tage ging, in Verbindung ſtehen mußte. Sie ſtiegen ein„und das Licht, welches durch die Fallthür und durch ein klei⸗ nes Gitter im Fußboden der Kirche einfiel, zeigte ihnen einen ziemlich weiten, viereckigen Raum, wahrſcheinlich einſt die Todtengruft eines Ritterhauſes, denn Grabſteine und flache Monumente mit verwiſchten Inſchriften und Wappenſchilden deckten Wand und Boden. Ein enger, halbrunder Ausgang, in dem aber die Thür fehlte, und nur Rudera von Angel und Schloß ſich befanden, leitete in einen ſchmalen, weit ſich hindehnenden, der Richtung nach aus Kirche und Ringmauer hinausſtreifenden Gang. So weit das Tageslicht hineinſchimmerte, war derſelbe auch voll Wandniſchen und Monumente, und dicht an ſeinem Eingange ſtand an der Mauer ein koloſſales, vorſpringendes Kruzifir mit zwei leeren Blenden zur Seite, welche tief in die Wand gehohlt waren, und viel⸗ leicht einſt Heiligenbilder enthalten hatten. Die Forſcher bedauerten, nicht mit Feuerzeug und Licht verſehen zu ſein, denn das Dunkel, welches weiterhin den unterirdi⸗ ſchen Schlund füllte, machte die Unterſuchung nutzlos. Eine wahre Räuberſchlucht, in das Heiligſte hinein⸗ gebaut, ſprach Trotha unwillig. Der Teufel wage ſich tiefer in das Wolfsneſt, das, wer weiß zu welchen Fang⸗ gruben führen mag, und wohl gar mit Fußangeln und 228 Fuchseiſen ausgefüllt iſt. Am Tage, Aug' in Auge, Fauſt an Fauſt ſtehe ich meinen Mann für drei, aber mit ſolcher Finſterniß iſt der Kampf zu ungleich, und ich rathe, wir warten auf einen günſtigern Tag, ſchaffen uns Fackel und Feuerzeug, und verfolgen den Fund, bis wir wiſſen, wo dieſe Rattengänge hinauslaufen, und ob der Maulwurfsgang zu Todten oder zu fleiſchfreſſenden Kannibalen in Chriſtenkleidern hinführt.— Und verriethen dadurch uns und Alles! antwortete Juſtus kopfſchüttelnd. Richt doch! Mir iſt das Entdeckte genug. Vergißt Du, daß heute Nacht der Innker ſeinen Eid ſprechen ſoll, und iſt der geſchworen, ſo iſt ſeine Seele verloren, und der ſchönſte Zweck unſerer Arbeit dahin. Mein Plan iſt fertig, und die Hauptgefahr über⸗ nehme ich ſelbſt. Es kommt ja nur darauf an, das Geſpenſt zu fangen. Wie und wo, ſollen die Umſtände entſcheiden. Du, Trotha, ſuchſt Dir unter den Prima⸗ nern noch ein Paar tüchtiger Burſchen aus, und ver⸗ birgſt Dich mit ihnen hinter dem Altare; ich ſteige um Elf in das Gewölbe; dieſe tiefe Blende dieſſeit des Kru⸗ zifires verbirgt mich hier unten völlig. Kommt das Ge⸗ ſpenſt in Geſellſchaft, ſo laſſe ich's ungehindert zur Kirche hinaufſteigen, und ihr haltet dort es feſt; kommt es al⸗ lein, ſo fange ich es ſofort, wie es aus dem Gange tritt, und ihr öffnet auf meinen Ruf die Fallthür, und eilet zu meiner Hülfe herunter!— Nein, ſo leide ich das nicht! ſiel Trotha mit Heftig⸗ keit ein. Kannſt Du das beſtehen, kann ich es auch. Unehrlich wär's, Dich in der Todtengruft allein zu laſſen.— Gott iſt hier unten mit mir wie droben, entgegnete Juſtus mit Ruhe. Die Blende faßt nur einen Menſchen, 229 der Eingang zu mir bleibt euch unverſchloſſen, da der Stein vor dem Riegel weggebrochen iſt, und der einzelne alte Pfaff ſoll mir kein Leid zufügen. Beim Hinaufſtei⸗ gen kann das Geſpenſt unſere Zerſtörung nicht bemerken, wenn es von unten das Eiſen zurückſchiebt wie ſonſt. Füge Dich in meinen Beſchluß; er iſt der beſte, und ſcheint gefahrlos.— Trotha mußte nachgeben. Aber bewaffnet müſſen wir ſein, ſagte er.— Ich habe meinen guten Degenſtock, ant⸗ wortete Juſtus.— Und ich ſchaffe uns aus des Garten⸗ meiſters Schlafzimmer ein paar alte Schwerter, fiel Trotha ein. Seine runde Meta iſt mir ergeben; ich ſah das alte Wehrzeug oftmals dort im Winkel liegen, und gegen ein Dutzend Küſſe liefert ſie mir die roſtigen Waf⸗ fen mit Vergnügen aus.— Doch ſieh! da iſt noch eine Verſteckthür! rief Juſtus beim Zurückgehen aus.— Die kleine Pforte in der Gruft war nur angelehnt, ohne Schloß, und führte in ein Kämmerchen gerade unter dem Altare, welches durch zwei kleine vergitterte Oeffnungen von oben ſpärlich Licht be⸗ kam. Das Erſte, was der Aufmerkſamkeit ſich darbot, war eine förmliche Verſenkung, welche in der Mitte zwi⸗ ſchen vier dicht ſtehenden, dünnen Pfeilern herabging. Die obere Marmorplatte auf dem Chore hing in Eiſen⸗ hacken. Seile mit Gewichten befeſtigten ſich daran, und die Gewichte wurden unten mit beweglichen Klammern gehalten. Löſete man dieſe unten, ſo fuhr die Marmor⸗ platte, wenn ein ſchwerer Körper ſie droben belaſtete, langſam und bequem in die Tiefe. Die Anſtalt war aus dem Alterthume, doch die Seile hatte man reſtau⸗ rirt, ſo ſah man deutlich. Das iſt das wahre Laboratorium des Satans, und 230 auf dieſe Weiſe können auch wir Geſpenſter ſpielen, zürnte und lachte zugleich der derbe Trotha, als er zur Probe auf der gelöſeten Verſenkung niedergefahren war, indeß Juſtus ſorgfältig die Marmorplatte wieder hinauf⸗ ließ und die Klammern in die Gewichte hing. Schau nur hier die Tiegel und Kohlenbecken; dieſe Blechröhren, das Colophonium von den letzten Blitzen ſitzt noch dar⸗ an; da ein Brennſpiegel, etwas blind und verborgen; hier die alte Laterna magica mit zerbrochenen Gläſern. Teufel! Wie manchem armen Schlucker mag damit ein⸗ geheizt worden ſein; und es iſt lichtes Gottesgericht, was durch unſere Fäuſte zwiſchen die Tonſuren der Sünder⸗ ſchädel herniederfährt.— Wie manche junge Seele mag in den acht Jahren, ſeit denen Kurfürſt Moritz das Kloſter zur Fürſtenſchule umſchmolz, durch dieſe trügeriſchen Mittel von der rech⸗ ten Bahn weggeriſſen ſein! ſeufzte Juſtus.— Höllenheiß mögen ſie damit die Knaben angeblaſen haben, nickte Trotha. Aber wartet nur! erwiſche ich das Geſpenſt, und das wird das Geſcheiteſte ſein, denn Du mußt nur drunten den Rückzug abſchneiden, dann ſoll auch ihm ein ähnlich Fener auf der Kapuze bren⸗ nen.— Wie Gott will! antwortete Juſtus. Um Mitternacht finden wir uns wieder.— So gingen ſie, nachdem ſie Alles in die alte Ordnung gebracht, zum Schulgarten, und mengten ſich, ohne vermißt zu ſein, unter die froh⸗ lockenden Kameraden. Die Nacht umſchleierte den Erdball. Das Treiben der Lebendigen verſtummte. Der Fleiß ſuchte ermüdet —— 231 die Ruheſtatt. Gottesfriede ſenkte ſich auf Hütte und Fürſtenſchloß. Das Leben floh in ſichere Umgebung und unter das treue Dach, und die Herrſchaft der Finſterniß begann, in der nur Raubthiere und Nachtvögel ſchwär⸗ men, und nur das Laſter ſeine ſcheuen Gänge thun mag. Der Junker von Altenburg hatte ſich nach der Bet⸗ ſtunde gar nicht ſehen laſſen, und Juſtus, der ihn heute gern beobachtet hätte, quälte ſich mit Eiferſüchteleien, da ſich Oetwin wahrſcheinlich zur nächtlichen Entſcheidung im Förſterhauſe bei Cöleſtinen Ermuthigung und Entſchloſ⸗ ſenheit ſuchte. Auch nach der Zellenviſitation verſchwand Oetwin ſofort, und Trotha, der die zwei Auserleſenen mit ſich heranführte, brachte die Botſchaft, der Junker ſitze bei dem Thürſteher und trinke und plaudere. Unbe⸗ lauſcht machten die Verbündeten jetzt ihre Anſtalten. In leichtern Kleidern, wohlbewaffnet begaben ſich Alle nach der Kirche, legten feierlich alle Viere ihre Hände auf den Altar und ſchwuren ſich mit ſchwärmeriſchen Aus⸗ drücken Treue in Noth und Tod, ſo wie die Jugend gern verſchwenderiſch ſich ausſpricht. Nachdem es elf Uhr vom Kirchthurme geſchlagen, ſtieg Juſtus in das Gewölbe hinab, nachdem Trotha mit einem herzlichen Kuſſe ihm Vorſicht anbefohlen, und tappte ſich glücklich in die Blende zur Seite des ungeheuern Steinkreuzes. Die andern Dreie ließen vorſichtig die Fallthür wieder nieder, und nahmen ihren Platz hinter dem Altare. Langſam ſchritt ihnen allen die Mitternacht heran, die ſie mit mannigfachen, verſchiedenen Gefühlen erwarten mußten. Juſtus, im Bauche der Erde, ganz einſam im Ge⸗ biete der Verweſung, hatte unſtreitig den peinlichſten Po⸗ ſten. Doch war er beſonders heiter und zufrieden in 232 ſich; er konnte kaum den entſcheidenden Augenblick er⸗ warten, denn das Gelingen ſeines Anſchlags ſchien ihm ſo gewiß wie ſeiner Seele Unſterblichkeit. Nur der Zwei⸗ fel, ob Cöleſtine an dem Spuk Theil habe oder nicht, beſchäftigte ihn ſchmerzlich, und war der Schatteng in dem lichten Triumphgemälde, welches ſeine Phantaſie ſich für morgen ausmalte. Es war noch nicht voll zwölf Uhr, da fiel von fern ein ſchwacher Lichtſchein in ſeine Augen. Er lauſchte. Nur ein einzelner, ſchwacher Schritt tönte in dem Gange heran, und bald ſah er hinter dem Kruzifixe weg die Monchsgeſtalt mit dem langen weißen Barte und der ſilbernen Lampe ohne Begleitung, ganz wie er ſie ſchon geſehen, ſorglos daherſchreiten. Die triumphirende Scha⸗ denfreude, welche unverkennbar auf dem Geſichte des Al⸗ ten thronte, trieb die Glut des Zornes auf die Wangen des jungen Helden. Er konnte ſich nicht halten und be⸗ zwingen; er mußte allein den Fang thun, und des Wag⸗ ſtücks Hauptakt ſich zueignen. So zog er leiſe den kur⸗ zen Degen aus ſeinem Reiſeſtocke, und kaum war der ſpukende Greis an ihm vorüber, ſo trat er mit einem donnernden:„Halt, Betrüger!“ aus ſeinem Verſteck her⸗ vor, und ſchnitt dem Mönche den Rückweg ab. Ein furchtbarer Schreck ſchlug durch die Geſtalt des Ciſterzienſers; die Lampe wankte in ſeiner Linken, und er faßte mit der Rechten an die Mauer, ſich zu ſtützen. Wie er aber, jetzt zurück ſich wendend, die hohe Geſtalt des Jünglings mit der blanken Wehr erkannte, wie dro⸗ ben in der Kirche zugleich das Geräuſch der Helfer hör⸗ bar wurde, die auf Juſtus dumpfen Ruf an der Fall⸗ thür hoben, da ging er raſch und mit Haſt einige Schritte vorwärts bis an den engen Eingang zur Rittergruft, „ 233 griff dort in eine kleine Höhlung der Wand, und ein eiſernes Gitterthor raſſelte nieder, ſperrte die Oeffnung, und trennte Juſtus und den Mönch von dem herunter⸗ ſtürmenden Trotha und ſeinen Kampfgeſellen. Was willſt Du, Unglückſeliger? Und was ſuchſt Du in den Gräbern derer, die einſt waren? fragte die Ge⸗ ſtalt dann wieder gegen den überraſchten, wie verſteinert da ſtehenden Jüngling gekehrt. Klanglos war die Stimme des Mönchs, doch zitterten die Worte auf den Lippen, und dieſes Zeichen der Furcht befeuerte den Muth des jungen, ſchaudernden Herzens.— Halt ihn nur feſt, donnerte Trotha jenſeit des Gitters, die Stangen mit Herkulesfäuſten erſchütternd. Entkommen darf er nicht; ſogleich ſind wir bei Dir.— Die Eiſenſtangen erklan⸗ gen unter der Gewalt, und obgleich ſie nicht nachgaben, ſo ſah man doch die Bewegung des Mönchs bei der na⸗ henden Gefahr. Schnell zog er ein kleines Hifthorn aus dem Buſen, ſtieß hinein, und der gellende Schall tönte, von tauſendfachem Echo vervielfältiget, durch den Gang hinab; zugleich zückte der Weißbart mit unſicherer Hand, nach hingeworfenem Horne, ein blankes Stilet, und mit den Worten: Gib Raum, oder es gilt Dein Leben! trat er kräftig auf Juſtus ein. Der Jüngling fühlte, jetzt galt es, und da die Ge⸗ ſtalt ſich den Durchweg erzwingen wollte, ſo ſtieß er raſch mit dem Degen nach ihr; doch wie erſchrack er, als die gute Klinge auf ein verborgenes Panzerſtück traf und wie Glas zerſplitternd in Stücke ſprang. Das Stilet blitzte zum Todesſtoße gehoben, doch Juſtus fuhr gewandt unter dem Stoße durch, und faßte des Gegners Fauſt, faßte ſeine Gurgel. Die Lampe fiel und verloſch; beide ſtürzten auf den Boden, Juſtus zu oberſt auf den 234 ächzenden Feind, der ihn umklammert hatte, und mit größerer Gewalt, als er dem Greiſe zugetrauet, ihn umſchloſſen hielt. Die tiefſte Finſterniß umgab den Raum; vergebens rüttelte der fluchende Trotha am Gitter, und feſte Schritte tönten im Gange heran, ein Windlicht flackerte, und mehre Männer, in Kloſterkleider gehüllt, eilten herbei. Juſtus fühlte ſich roh und gewaltſam ge⸗ packt, geknebelt, aufgeriſſen, ſeinen Mund mit einem Tuche umwunden, und ſo in Gedankenſchnelle fortgeſchleift ohne mögliche Gegenwehr. Alles das war weniger Minuten Werk.— Ferner und ferner verhallte das Wehgeheul ſeiner Freunde, und unter rauhen Zurufungen und Mißhand⸗ lungen aller Art führten die Unbekannten den Gefange⸗ nen vorwärts. Treppen trugen bergan, bald ſtrahlte der Vollmond ein in eine geräumige Oeffnung, die mitten in waldigter Wildniß an einer alten, zertrümmerten Kapelle den Feindestrupp mit dem in eigener Falle gefangenen Unbeſonnenen aus den Gemächern der Unterwelt an die freie Luft hinaus ließ. Zurück jetzt, Du Antonio und zwei Andere! gebot der alte Mönch. Verſchüttet den Gang mit dem Trüm⸗ merwerk des Portals, dann ſind wir geſichert, und dieſes verwegene Ketzerkind bleibt uns zum Sühnopfer ſeines Frevels. Aus der Kapelle trat jetzt eine neue Perſon zu dem Haufen. Auf den erſten Blick erkannte Juſtus in ihr den Abt Andreas mit dem dürren, ſteilen Wuchſe und der Habichtsnaſe, und vergehend ſetzte er ſich nieder unter den Armen ſeiner groben Henker auf den Raſen, und die quälendſten Gedanken jagten durch ſein betäubtes Gehirn.— Was ſoll das, Bruder Urbanus? fragte der Abt ver⸗ 235 wundert, hörte beſorgt den Bericht des alten Mönchs, ſprach das furchtbarſte Anathem aus über die Ketzer und Aufwiegler, und gab dann ſofort den Befehl zum Auf⸗ bruch nach Naumburg, da die Rückkehr zur Förſterwoh⸗ nung jetzt zu unſicher ſei. Sogleich warfen die Meiſten der Anweſenden ihre Kloſterkleider ab, und ſtanden als wohlbewappnete Knappen oder Weidleute da, nur der Abt und der ſpukende Urban behielten ihre geiſtliche Kleidung. Man warf die abgelegten Kapuzen in die Kapelle, und vom Boden empor gezerrt, mußte der Ge⸗ fangene durch Buſch und Feld mit ſeinen Führern in möglichſter Eile forttraben. Er bemerkte nur noch, daß jener Jägerburſch, den wir als Sylveſter kennen, vorweg geſandt wurde, um als Vorhut des Zuges den Weg zu ſichern; zugleich ſollte derſelbe im nächſten Dorfe Wagen und Pferde für die beiden Ehrwürdigen zu ſchaffen verſuchen. Der Freiheit Bewußtſein iſt das Hochgefühl der Menſch⸗ heit; ohne dieſe Königin der Empfindungen find alle übri⸗ gen nur halbe, zwergigte, in der Puppe verkrüppelte Zwiefalter. Mit der Freiheit verliert der Menſch ſein Palladium, den Stolz ſeiner Abſtammung; ſeine leben⸗ dige Kraft bleibt nur noch Stärke der todten Keule; ſein Muth wird Heimtücke; ſeine Thatenluſt Maſchine. Der Menſch ohne Freiheit ſteht unter dem Thiergeſchlechte weil er weiß, was ihm zukommt und was ihm fehlet. Welche Folterqual mußte der Gedanke: Du biſt in Banden! auf den hochgeſinnten, freiheitsmuthigen Juſtus werfen, der von früh an gute Aufſicht und Zucht, doch nie Tyrannei der Eltern oder der Lehrer, nie Feſſel oder nur Beengung an Geiſt oder Körper empfunden hatte. 236 Anfangs war er wie vernichtet, und glaubte ſein Herz, das von ohnmächtiger Wuth und tödtlichem Schreck auf⸗ kochte, müßte brechen, das fiedende, ſtürmende Blut müßte die Wände des kleinen pochenden Gefäßes zerſprengen. Aber die nächtliche Kühle milderte den Herzſchlag; die feuchte Bergluft ſiel wie ein erquickendes Bad auf ſein entblößtes Haupt und machte das Gehirn freier, und gab ihm zur Qual die ſchärfere Denkkraft zurück. Er über⸗ ſah die Gräßlichkeit ſeiner Lage vollkommen. Er war keine Beute ehrlicher Fehde oder ritterlicher Feldſchlacht. Er war ein Raub banditiſcher Meuchler, die zu ihrer eigenen Sicherheit ihn ſchlachten mußten wie ein Opfer⸗ thier. Er kannte das Gericht der Kloſterherren; er kannte vom Erfurter Auguſtinerkloſter her die Geißelgewölbe, die Marterkammern, die Hungerzellen, die unergründlichen Verließe, die kein Tag und kein Menſchenauge zu ent⸗ decken vermochte. Recht über Leben und Tod maßten ſich Biſchöfe und Aebte von jeher an. Von den Wilden in Colombo's unentdeckten Erdtheilen konnte er eher Mitleid und Barmherzigkeit erwarten, als von ſeinen Henkern. Ohne Gnade verloren war er, wenn der Himmel ihm nicht ſchnelle, wie Blitz hereinſchlagende Hülfe ſandte, denn er ſtand nicht allein als Ketzer vor dem geiſtlichen Blutgericht; nein, er ſelbſt hatte ſich als beftigſter Gegner ihren frommen Anſchlägen entgegen geworfen, ja er hatte ſogar mit bewehrter Hand den Angriff auf ein geweihtes Haupt gewagt.—— Schon hatte der Zug eine bedeutende Strecke zurück⸗ gelegt; an der Heerſtraße gingen ſie auf einem Fußwege fort, und der untergehende Vollmond beleuchtete nahe Hütten; da kam der vorausgeſchickte Sylveſter im vollen Laufe und faſt athemlos zu ihnen zurück. 237 Bringſt Du Fuhrwerk? fragte Abt Andreas.— Denkt nicht an Eure müden Füße, Hochwürdiger Herr, antwor⸗ tete der Jäger, wo der ganze Leib in Gefahr iſt und be⸗ dräuet wird. Wir dürfen nicht vorwärts, denn die ganze Gegend bis Naumburg hin liegt ſeit geſtern Abend voller Kriegsvolk. Rechts in der Aue ſtehen zwei Regimenter Büchſenſchützen im Zeltlager, und jeder nahe Bauernhof liegt voll Reiter. Der Kurfürſt zieht ſein Kernvolk zu⸗ ſammen, und wird morgen von Leipzig ſelbſt erwartet. Wachtpoſten ſtehen längs der Straße und Reiterpatroullen ſtreifen durch die Nacht überall wegen der Ausreißer.— Das iſt wirklich mehr als bös! entgegnete gedanken⸗ voll der Abt. Dann kommen wir freilich nicht durch, denn ſolch tolles Volk hat leider keine Ehrfurcht mehr vor heiligen Kleidern und vor dem Krummſtabe, ſeitdem ſelbſt Kloſterleute Rebellen geworden.— Dieſe Kleider würden zuerſt ihre Augen, ihren Arg⸗ wohn und Spott auf Euer geweihtes Haupt locken, Hoch⸗ würdiger! meinte Urbanus.— Mein wohlgemeinter Rath wäre, ſagte da Sylveſter mit einer Stimme, in welcher Blutdurſt und innere Wuth durchklang, Ihr ließet mich mit dem Weidmeſſer den ketzeriſchen Buben hier auf dem Platze abfangen; ſeinen verruchten Leichnam ſchleppten wir in den Buſch den Füchſen und Wölfen zur Aetzung, und jeder ſuchte ſodann einzeln ſeine Sicherheit.— Eine minutenlange Pauſe der Ueberlegung folgte, nur von Sylveſters Geräuſch unterbrochen, indem er ſein Jagdmeſſer zog, und an den Fingern prüfte. Juſtus faltete die gebundenen Hände auf dem Rücken zuſammen, ſprach ein Gebet, und befahl ſeine Seele dem Gott der Gnade. 238 Nein! begann da der Abt, die Sache könnte noch größeres Aufſehen machen, und die Kirche ſelbſt in Ge⸗ fahr bringen. Wird doch ſchon in dieſer Stunde die Fürſtenſchule in gewaltigen Allarm gerathen ſein, und ſtrenge Unterſuchung heiſchen. Der Kurfürſt läßt ſein Lieblingsinſtitut nicht im Stich, und unſere Angehörigen dort werden einen harten Stand haben!— Die Altenburg iſt ganz nahe, ſiel jetzt Urbanus ein, der Kapellanus iſt mein Intimus, Hochwürdiger, und, wie Ihr wißt, der wahren Kirche noch immer getreu. Von der Burgherrſchaft iſt nichts zu fürchten. Die Ruinen des alten Schloſſes geben Verſteck und Kerker. Dieſer nahe Buſch führt dicht an den alten Thurm. Ich dächte, wir ſuchten dort bis zu nächſter Nacht Sicherheit und Rath; in dem Neſte des evangeliſchen Freiherrn wird man am wenigſten die Söhne der Kirche vermuthen, und die Nachſuchung wird dort zuletzt geſchehen.— Unbezahlbarer Einfall! rief der Abt jubelnd. Urba⸗ nus, Du konnteſt Cardinal werden. So ſoll es ſein. Sylveſter und Damian bleiben unſere Leibwache. Ihr Uebrigen verſprengt euch, und ſucht eure Wohnungen. Du, Hildebrand, eileſt mit Flügelſchritten zur Förſterei, bringſt Kunde von uns an die Freunde, und beſcheideſt den Förſter auf morgen zum Kapellan auf Altenburg.— Gedenket Alle eures Eides! Seid verſchwiegen in Marter und Tod! Wer für die Kirche ſtirbt, bekommt die hei⸗ lige Krone und einen Ehrenplatz unter den Seligen, und wer hier bei uns aushält, hat Theil an den Goldſchätzen des Prieſterreichs. Bann und Fluch trifft dagegen den Verräther hier und in Ewigkeit!— Du, Frater Urbanus, gehſt voran, und meldeſt uns bei dem Kapellan.— Vom alten Wartthurme führt ein verſchloſſener Gang 239 zu dem Zimmer des Prieſters; ich weiß die Thüre dahin zu öffnen. Verlaßt Euch ganz auf mich, ſagte der alte Mönch, und ſchritt rüſtig davon, denn die nahe Gefahr hatte Jugendleben in die erſtarrten Gebeine gegoſſen. Alle vertheilten ſich nach des Abts Anordnung, und Juſtus, wiewohl vom nahen Tode gerettet, ſah auch zugleich die gehoffte Befreiung durch die Kriegsvölker verſchwinden.— In den niedern Buſch ging nun der beſchwerliche Weg. Hinter die Berge ſank der Mond. Kalte Morgenwinde durchſtrichen das Feld. In Oſten zeigten ſich die erſten Streifen des Morgenroths. Wehmüthig ſah Juſtus die junge Roſe des Tages ihre Blätter entfalten, was er ſo oft ſonſt in freundlicher Andacht belauſchen durfte. War es das letzte Mal, daß dieſe Roſenfinger ihm winkten? Einzelne Thränentropfen ſtahlen ſich aus ſeinen Augen, und ſogen ſich ein in das Tuch, welches ſeinen Mund feſt umſchloß, und jeden Laut der Bitte wie der Angſt erſtickte. Das Wäldchen, durch das ſie zogen, legte ſich wie ein grüner Mantel um das Dörfchen Almerich; in der Nähe der Burg machte man Halt, und erwartete Ur⸗ bans Zurückkunft. Das Schloß derer von Altenburg war ein neues Gebäude, deſſen Hauptſeite nach der entgegen⸗ geſetzten Himmelsgegend ſich ausbreitete. Die Ruinen und Ringmauern der ältern Burg hatte man zur Deckung der Rückſeite verwendet. Ein hoher, ungeheurer Thurm ſtand noch feſt und erhob ſeine mooſige Zinne über die Eichen der Umgegend. Ein Pförtchen, ſchmal und niedrig, führte in ſeine Gewölbe, und Juſtus betrachtete den Rie⸗ ſenbau, der ſich undeutlich aus der Dämmerung erhob, wie ſeine Grabeshöhle, wie das letzte, grauenvolle Bett ſeines ewigen Schlafes. Lebendiger wurde der ausruhende 240 Haufe, denn Hufſchläge klangen heran. Zwei Reiter naheten den Horchenden, und eine tiefe Stimme, die für Juſtus bekannt klang, ließ ihr ſoldatiſch: Wer da? er⸗ tönen. Der Jäger trat vor. Burgleute von Altenburg, ſprach Sylveſter dreiſt und freimüthig, die einen verbre⸗ cheriſchen Dienſtmann des Schloſſes zurückbringen, und zur Hinterpforte einführen wollen, damit des Schloßherrn Schlaf nicht geſtört werde.— Die Reiter ritten begrüßend weiter, und Juſtus rang ſeine Hände wund an der Bande, und biß vergebens mit den Zähnen auf ſeine Mundbinde. Kein Licht des Himmels öffnete der Retter Augen für ihn. urban kam froh zurück, mit ihm der Kapellanus ſelbſt, ein dickwanſtiges, demüthig vor dem Abte kriechendes Pfäfflein. Wenige Worte wurden gewechſelt, dann zog man in des düſtern Thurmes Pforte, die der Kapellan hinter ihnen verriegelte. Eine Wendelſtiege führte hoch hinauf; des Kapellans Lampe ſtand brennend oben auf dem Ganggeſimſe. Er öffnete mit großem Schlüſſel das kreiſchende Schloß einer Seitenthür, und man löſete des Gefangenen Feſſel, denn der Kapellan verſicherte höh⸗ niſch: Hier findet ihn kein Sterblicher als wir und das Schwert des Biſchofs. Hineingeſtoßen wurde er in einen weiten Raum, und die Tritte ſeiner Verfolger und Mörder verloren ſich von der wohlverwahrten Kerkerthür in weite Ferne, und er blieb allein, in trauriger Einſamkeit von aller Welt verlaſſen, nur mit ſeinem unerſchütterten Glau⸗ ben an die Vorſicht allein. Die Sonne ſtand ſchon hoch über dem Horizonte, und die ganze Gegend um Almerich war auf mannigfache Weiſe belebt worden. Kriegsleute zogen auf den Straßen, 241 und weithin ſchallte ihr muthiger Schlachtgeſang. Da⸗ zwiſchen klangen die Morgenlieder und Scherzſprüche der Ackersleute und Landmädchen, die mit Rechen und Si⸗ chel zu Felde zogen. Der Hirt blies auf der Schallmei mit der blöckenden Heerde zu Berge, und Alle ſohen er⸗ götzt in den blauen Himmel hinein, und begrüßten den ſchönſten Sommertag. Im Familienſaale ſeines Schloſſes ſas der Freiherr von Altenburg im großen Polſterſtuhle am Fenſter, und ließ die wohlthätigen Strahlen der Sonne ſeine gebrech⸗ lichen Glieder erwärmen. Umwickelt waren die vom Zip⸗ perlein geplagten Gebeine des alten Helden mit Woll⸗ tüchern und Bindwerk, und lagen in Pferdehaarpolſtern auf niedrigem Schemmel; ein weiter Schafpelz umhüllte den ausgetrockneten Greis; aber aus dem Antlitz voll charaktervoller Züge, von grauem, dichtem Barthaar umkränzt, von der Stirn, wo ſchlichtes Grauhaar unter dem Scharlachkäppchen hervordrang, leuchteten noch die letzten Funken ehemaliger Heldenglut, wenn es auch mit dem Dareinſchlagen, Befehlen und dem Feldcommando längſt bei ihm zu Ende gekommen war. Neben ihm ſtand auf einem Tiſchchen mit vergoldeten Schnirkelfüßen die dampfende Bierſuppe in ſilberner Schale, wohl mit fri⸗ ſchen Eiern geſättiget, und auf ſilbernem Teller lagen leckere Semmelſcheiben dabei, und dem Greiſe ſchien das Frühſtück zu ſchmecken. Frau Martha hat heute gut gekocht, und nicht über ihrem Seelenheil und dem endloſen Morgenpſalter den Leib ihres Gutsherrn vergeſſen, ſagte er zu dem ſechszigjäh⸗ rigen Fräulein Jutta, das am andern Fenſter das Weiß⸗ brod in Glühwein tunkte, und aus einem reichbeſchla⸗ genen Gebetbuche andächtig leiſe vor ſich hinplapperte.— Blumenhagen. Kl. 16 „ 242 Ein Wunder, daß Dir's ſchmeckt! antwortete mit Bitterkeit die bejahrte Jungfrau, und legte das weit⸗ bauſchigte Stoffkleid von Karmoifinfarbe, indem ſie es gleich einem Truthahnsſchweife um den Seſſel ausbreitete, zurecht. Genieße mit Freuden, was der Herr beſcheerte, und verſündige Dich nicht mit Spott an der Frömmig⸗ keit des tugendhaftern Rächſten, den Gott vor der Ver⸗ ſuchung und dem lockern, ſündhaften Leben bewahrte, das ſich auch hienieden ſchon ſtraft mit Schmerz und Ent⸗ behrung.— Da meineſt Du Dich und die Martha mit dem tu⸗ gendhaften Phariſäer, und mich mit dem geplagten Sün⸗ der? entgegnete der Freiherr mit gutmüthigem Humor. Magſt auch Recht haben! Es iſt eine bequeme Sache mit ſolcher Tugend, die den Herrgott mit Worten preiſet, ſorglos im Lehnſtuhle und Faulbette der Ruhe pflegt, und Andere für ſich arbeiten läßt. Aber ich denke, ſolche geprie⸗ ſene Tugend hätte eben nicht nöthig, ihrem kranken Nächſten mit widerlichem Singſang den erquicklichen Morgenſchlaf zu ſcheuchen, noch ihrem Brodherrn und Verſorger durchräucherte Suppen oder verbranntes Wild⸗ pret vorzuſetzen.— Wer nur im Fleiſche lebt, der pfleget nur den Bauch und kennt nur ſeine Freuden! ſprach Fräulein Jutta, und hob zur Decke die verdreheten Aeuglein, die gerade auf eine Umarmung des Kriegsgottes Mars und der Frau Venus unter den Gemälden trafen; ein ange⸗ branntes Gericht unter frommen Gedanken und Sprüchen eingerührt—— Magſt Du und Frau Martha allein verzehren, fiel der Alte ein; und wenn das nicht anders wird, und Du nicht als meine ehrſame Schloßgebieterin ein Einſehen — 243 thuſt, ſo verſchreibe ich Köche von Leipzig oder Zeitz, die in der Domherrnküche gelernt haben, oder nehme auf meine alten Tage noch ein armes Edelfräulein zum Ge⸗ ſpons, die ſich mehr um Topf und Spindel kümmert, als um Poſtille und all den ſaubern Krimskram, der ſich mir lahmem Manne zu Schande und Spott in den letz⸗ ten Jahren hier eingeſiedelt hat, hier, wo ſonſt nur Sporn klirrten und Panzer raſſelten.— Thue das! Mach' den kahlen Kopf zum Landesſpott! kreiſchte die Jungfrau, haſtig ihren Morgenbecher aus⸗ ſchlürfend, und ihr Gebetbuch zuſchlagend. Ich wohnte ſo lieber in meinem keuſchen Kämmerlein, wo Niemand meine Andacht ſtören darf mit fleiſchlichen Worten, und wo meine frommen Augen nicht wie hier auf verbuhlte Bilder fallen, wenn ich ſie zum Herrn erhebe, und wo das Sündenleben der Welt ſich nicht an allen Wänden ausſpricht.— Auf ihren hohen Stelzſchuhen klapperte ſie zum Gemach hinaus, und das greiſe Haupt ſchüttelnd, ſah ihr der Freiherr nach. Es iſt ein jämmerlich Ding, ſprach er darauf zu ſeinem mit ihm grau gewordenen Wipprecht, der hinter dem Polſterſtuhle ſtand, und ſorgfältig an Pelz und De⸗ cken ſtopfte, damit die Zugluſt, welche des Fräuleins Abmarſch erregt hatte, nicht die kranken Glieder traf; ein ganz jämmerlich Ding iſt ſo ein alter verkrüppelter Soldat, der dem Weiberregimente verfallen muß, vor⸗ züglich wenn das Commando von alten Jungfern und Wittwen ohne Kinder ausgeht, die, da ſie nichts Eigenes zu commandiren haben, ſich berufen fühlen, der ganzen Welt die Ordres zu ſchreiben.— Ihr ſolltet den Junker zurückkommen laſſen! rieth der treue Knappe.— 244 Ja, der Oetwin könnte Alles ändern! antwortete heftig der Freiherr. Aber will der vertrackte Bube denn? Der iſt auch auf die todte Gelehrſamkeit verſeſſen, liebt auch das todte Wort mehr als die lebendige That, hat ſich von früh an gleichfalls an die bequeme Büchertugend gewöhnen laſſen, die der Welt doch nur ein unnützer Strauch iſt ohne Beeren. Ja, wenn der hier hauſete, und die Roſſe tummelte, die Rüden hetzte im Hofe mit dem Geſinde, oder mit ſeinen Geſellen hier am runden Tiſche mir den Schloßkeller leer tränke, da würde der alte Vater von innen heraus geſunden, ſeine Trinklieder mitbrummen, und nochmals die ſchöne, liebe Jugendzeit durchleben. Aber die gute Ritterzeit iſt ſchlafen gegan⸗ gen, und bald wird man ihren Leichnam mit dem Bahr⸗ tuche bedecken, und ſtatt der zerbrochenen Schwerter werden Gänſekiele die Welt regieren. O ich möchte meine Ahnenbilder dort an den Wänden mit ſchwarzen Vorhängen verhüllen; beſchämt ſehe ich hinauf zu ihnen, weil ich nicht in guter Schlacht den ehrlichen Reiterstod fand, ſondern hier ſitze, eingemummt wie ein Gebärweib, und der Schwachen Spott und Spielwerk wurde.— Der gutmüthige Greis hatte ſich in vollen Zorn hin⸗ ein geſchwatzt. Still nur, du feindſelige Ferſt! rief er vann ſchmerzlich. Du mahneſt an Ruhe und Duldung, wie ſie dem ſiebenzigjährigen Invaliden geziemt, und ich ſchweige ſchon.— Aber wo bleibt mein Kapellan? Selten läßt er doch ſonſt das Frühſtück kalt werden, und er ſol mir die Grillen wegleſen aus der Chronik meiner tapfern Väter.— Der ehrwürdige Herr hat Beſuch bekommen von ei⸗ nem Confrater, und ſich das Frühſtück auf ſein Zimmer tragen laſſen, antwortete Wipprecht.— O O — 245 Der alte Bär iſt lahm, und darum thut Jeder im Schloſſe, was ihm gefällt, murmelte der Burgherr. Nun, ſo führe mir den blinden Thoms herauf! Er ſolle mir zu ſeiner verſtimmten Harfe das Lied ſingen vom alten König, den ſeine Kinder in Wind und Wetter hinaus⸗ ſtießen, weil ihm das Schwert zu ſchwer geworden, und ich will dazu mit der Krücke durch die Luft fechten, und die Geſpenſter der Grillen und die Langeweile des Lebens mit der Erinnerung beſſerer Tage verjagen, bis der große General ſein Halt commandirt.— Habt's heute nicht nöthig, entgegnete der Waffen⸗ knecht, zum Fenſter tretend; denn den Schloßweg herauf kommt mebr Geſellſchaft und ſo ſtattliche, daß wir für jetzt daran genug haben werden.— Wer iſt's? Wer iſt's? fragte heftig und froh be⸗ wegt der Kranke, und rührte ſich lebhaft im Krankenſeſſel, und ſtrengte die blöden Augen an.— Prinz Moritz kurfürſtliche Gnaden find's! antwortete der Knecht. Hoch zu Roß, in voller Waffnung! Einige geiſtliche Herren folgen auf geduldigen Thieren, und hintendrein reitet eine ganze Compagnie baumlanger Leibtrabanten.— Hinunter! jubelte der Greis. Thor und Thür weit auf! Alles Geſinde in den Hof! Kannen, Pokale und Imbiß herauf in den Saal! Und Alle, Alle hier herein zu mir!— Wipprecht ſprang ſchleunigſt hinab in das Haus, und das ganze Schloß war in wenigen Sekunden in ungewohnter Bewegung, zu der nur das geizige Fräu⸗ lein ſcheel ſah.— Tanzend trug der ſchlanke Muskatſchimmel vom ara⸗ biſchen Blut, ſtolz auf ſeinen Reiter wie auf den gold⸗ 246 verbrämten Deckenſchmuck und den filbernen Stachel⸗ ſchild an der Stirn, den ſchmucken, dreißigjährigen Sachſenfürſten in den Burghof, wo vom Thore bis zur Schloßtreppe zahlloſe Diener, Jäger und Reiſige eine lebendige Hecke gebildet hatten, und den Prinzen mit einem Jubelruf empfingen, zu dem der alte Freiherr mühſam mit ſeinem Sacktüchlein vom Fenſter droben herabwinkte. Kurfürſt Moritz war ein Herr, den die Natur ſo recht eigentlich zum Fürſten und Kriegeshelden geſtempelt hatte. Alle Herzen beugten ſich der edeln ſchlanken Geſtalt, über der ein dunkler Lockenkopf thronte, mit kühnfunkelndem Augenpaar, blühendgebräunten Wan⸗ gen und einem unter dem zierlichen Schnauzbart verwegen aufgeworfenen Munde. Engpreſſend vom Halſe bis zur Ferſe umſchloß den ſchönen Prinzen die ſilberne Rüſtung mit den hochragenden, ausgeſchweiften Schulterſchilden; Prunkmantel oder Hermelin trug der Bewegliche nicht gern, weil ſolcher Staat ihn einengte, und auch ſtatt des Helms deckte ſein Haupt ein breites, ſpaniſches Ba⸗ ret von ſchwarzem Sammet, vorn mit Steinen geheftet und rundum mit einer Krone von weißen, kurzen, nie⸗ derhangenden und koſtbaren Straußfedern beſteckt. Freund⸗ lich grüßend, ritt er mit ſeinen beiden Hofcavalieren, Johann von Berlepſch auf Wartburg und Burghard Hund von Altenſtein, durch die Reihen, und ſchaute ſich mit lächelndem Geſicht im großen Burghofe um, wo er einſt unter des Freiherrn Auſſicht ſeine erſten nebungen und Waffenſpiele mit ſtumpſen Flammbergen getrieben hatte. Auf leiſe auftretenden, falben Maulthie⸗ ren folgten ihm der Profeſſor Eoban Heſſe und Johannes Lange, der Senior des evangeliſchen Miniſterii zu Erfurt, denen ihre Famuli auf trägen Eſeln nachritten. Hinten 247 nach, gar abſtechend vom Reiterzuge der vier geiſtlichen Männer, trabte bei ſchmetterndem Trompetenſchalle die Leibgarde heran, Trabanten, von Kopf bis zu Fuß in blauen Stahl vermummt, ein blinkender Eiſenwald, aus dem die gewaltigen Lanzen, mit farbigen Wimpeln umflattert, dräuend emporragten. Mein wackerer gnädiger Herr! rief der Freiherr mit naſſen Augen dem Eintretenden entgegen, und ſtreckte aus ſeinem Schafpelz beide Arme dem Prinzen zu. Ver⸗ zeiht, daß ich Euch nicht nach Gebühr empfange; aber ich ſitze, Gott ſei es geklagt, auf einem ſo ſtörriſchen Streitgaule, daß mir Gerte und Sporn nicht von der Stelle zu helfen vermögen.— Bleibt ruhig, mein achtbarer Freund! entgegnete der Kurfürſt, und umhalſete, ſich niederbeugend, den Greis. Ihr habt genug gethan im Felde wie im Kabinet, und vor Vielen kommt Euch das Ausruhen zu. Auch dürft Ihr Euch über Euer Zipperlein tröſten, denn daſſelbe iſt eine vornehme, kaiſerliche Krankheit, über welche der mächtige Karl zu Innſpruck mit Euch einerlei Seufzer ausſtößt.— Hätte er mein Theil dazu, antwortete der Freiherr; es würde genug ſein, um dem Vaterlande Ruhe zu ſchaffen vor ſeinem Ehrgeiz.— Vielleicht bedarf's deß nicht, mein alter Heldenſinn! meinte der Prinz. Auch andere Mittel bringen vielleicht dem Reiche Frieden. Indeß muß ich Euch auf heute um Raum und Schutz in Eurer Altenburg bitten, theils dieſe würdige Deputation der Univerſität Erfurt anzu⸗ hören, die mir auf dem Wege hieher dicht am Dorfe aufſtieß, indem ſie willens war, mich in Leipzig zu be⸗ ſuchen, theils hier mein Hauptauartier aufzuſchlagen, 248 da ein Heerhaufe meiner Söldner und das Aufgebot zu Pferd in dieſer Feldmark nachgeſehen und den Feldober⸗ ſten zugetheilt werden ſol.— Eure Wahl ehrt mein altes Eulenneſt, antwortete der freundliche, alte Held. Hätten Eure kurfürſtlichen Gnaden geſtern nur den Stallmeiſter vorausgeſandt, würde meine Küche des Hauſes Ehre beſſer haben ver⸗ wahren können.— Glaubt mein alter Kriegsgeſell, mir ſchmecke die Feld⸗ koſt nicht mehr? fragte der Prinz. Um mir einmal wie⸗ der an derber Hausmannskoſt, womit Ihr den Knaben ſo oft labtet, etwas zu Gute zu thun, gerade darum plieb der anmeldende Vorreiter aus. Aendert nichts im Küchenzettel, und der Keller auf Altenburg war ja im⸗ mer in gutem Gerücht bei der Ritterſchaft.— Das er, will's Gott, auch heute nicht einbüßen ſoll, entgegnete der geſchmeichelte Schloßherr, und darf ich auch ſelbſt nicht mehr der Vortrinker ſein, und muß mir jetzt abziehen, was ich ſonſt in der Becherzahl über Maaß addirte.— Als das Frühſtück in glänzenden Geſchirren aufge⸗ tragen war, winkte der Kurfürſt die Dienerſchaft hinaus, und Herr Eoban Heſſe trat vor den Seſſel des Fürſten und begann im ehrerbietigſten Tone: Abgeſandt von Einer der erſten Städte Thürin⸗ gens erſcheinen wir vor dem Angeſichte des edeln Sach⸗ ſenfürſten in zweilerlei Eigenſchaft, und mit zwiefa⸗ chem Auftrage. Euer kurfürſtlichen Gnaden ſind ein Bekenner des Lutherthums, und haben Ihrem beglückten Lande gezeigt, daß Sie es von Herzen waren gleich den erſten Beſchützern der neuen Lehre. Aber Euer Gnaden hielten es bislang mit dem Kaiſer, befehdeten die 65 6 249 proteſtantiſchen Fürſten, und zeigten der Welt gleichſam zweierlei Geſichter, ſo daß der Unbefangene nicht wiſſen mag, welches das rechte der beiden ſei, und welchem von beiden er vertrauen dürfte. Da es anjetzo nun verlauten will, daß der gnädigſte Kurfürſt wiederum Kriegsvolk wirbt und in die Waffen ſtellt, und im Na⸗ men des Reichs die kaiſerliche Achtserklärung gegen die gute, lutheriſche Stadt Magdeburg zu vollziehen, ſo glaubte die Univerſität Erfurt ſich verbunden, als der Brunnquell, von dem die beſſere Erkenntniß ausging, mit Bitte und Anmahnung vor den Landesfürſten auf⸗ treten zu müſſen. Wir kommen daher zuerſt als treue proteſtantiſche Unterthanen, und flehen, die getreuen Brü⸗ der und Bundesgenoſſen zu Magdeburg nicht zu befehden mit Feuer und Eiſen, und der guten Sache nicht eine ſtarke Vormauer umzuſtürzen. Wir kommen zum An⸗ dern als Lehrer und Prieſter des reinen Glaubens, und mahnen den gekrönten Sohn, nicht zu vergeſſen, was er gelobte, ſondern ſich zu verbinden mit den wahren Freunden ſeines guten Schwertes, und das Reich der Wahrheit und Liebe feſtzuſtellen für ewig.— Vertauſche, mein Fürſt, das Panier der Finſterniß mit der weißen Fahne des Lichtes, welche die Fürſten dieſes Landes ſo tapfer führten, und gegen die Kinder der Lüge verthei⸗ digten! Mehr als irgend ein Fürſtgeborener biſt Du be⸗ rufen dazu, und der Segen der Welt wird dann mit dem Dankgebet Deiner beſſern Bürger ſich einigen, und Dein Name geprieſener ſein als der Deiner erlauchten Vorfahren, die immer die ſchönſten Steine waren in der Krone des deutſchen Vaterlandes.— Mit ruhiger Würde und mit beifälligen Mienen hatte der Kurfürſt dem warmen Redner zugehört, und zugleich 25⁰0 das Pergament, welches der Senior mit gebogenem Knie ihm überreichte, und welches die Ausführung deſſen ent⸗ hielt, was der Doktor ihm vortrug⸗ durchgeſehen. Mit jugendlicher Ungeduld erhob er ſich jetzt, trat einen feſten Schritt, bei dem die Silberwaffen erklangen, vor, und faßte mit Haſt Eobans Hand. Mein Erfurt pat verſtändige Männer, ſprach er mit Lobhaftigkeit, denn Ihr, mein Guter und Getreuer, habt in meine Seele geſchaut, und was in ihrer Tiefe ſich gebar, ausgeſprochen in dreiſten und klaren Worten. Ja, ich fühle mich berufen, und bin entſchloſſen, war es, ehe denn Euer Wort mahnend zu meinem Herzen ſprach. Auch ich habe endlich dieſen alten Löwen erkannt, der mit ſeiner Hoheit mich blendete, der aber einen Fuchs⸗ balg unter der goldenen Mähne verbirgt. Kaiſer Karl iſt ein Gleißner, der auch mich zu hintergehen wußte. Ich glaubte an ſeinen Edelmuth; glaubte, ſeine Hand, frei von päpſtlicher Kette, würde in ihrer ritterlichen Kraft den Frieden Deutſchlands herſtellen, und ſein küh⸗ ner Geiſt würde Gevankenfreiheit und Glaubensduldung herbeizuführen wiſſen. Ich ſah keine Hülfe im Schmal⸗ kaldiſchen Bunde, der in ſchlechter und ſchwächlicher Na⸗ tur gezeugt und geboren, an eigener, innerer Krankheit ſich verzeyren wird. Die Lehre der Liebe und des Frie⸗ dens, meinte ich, würde am ſicherſten durch Liebe und Frieden erhalten und befeſtigt werden. Ich bin anderen Sinnes geworden durch trübe Erfahrung, und ſehe klar, wie der neue gereinigte Altar einer Burg von Erz und eines Walles von Panzermännern bedarf. Wir ſechs hier, meine tapfern Degen, Ihr Glaubenshelden und mein alter Kriegsrath dort im Krankenſtuhle, ſind getreue Bündner, und die Geheimniſſe meines Kabinets finden — —— 8— 251 unter uns keinen Verräther. So höret denn mit offenem Ohre und fröhlichem Gemüth!— Dieſe meine Rüſtung, die des Kaiſers Feldbinde trägt, gilt nicht den Glau⸗ bensgenoſſen, nicht dem Dienſte des katholiſchen Deutſch⸗ lands. Zum Scheine werde ich Magdeburgs Thore blo⸗ ckiren, werde die Stadt beſetzen, doch ſollen die prote⸗ ſtantiſchen Bürger darin nicht über meine Capitulation zu klagen haben. Führte ich ſelbſt nicht den Achtſpruch aus, würde ein anderer, vielleicht ein katholiſcher Reichs⸗ fürſt, die Stelle erſetzen, und dann die Stadt verloren gehen. Aber aus dem Feldlager vor Magdeburg denke ich eine Kriegsſchule für meine Ritter und Söldner zu machen, gedenke dort unbeachtet ein Heer zu ſammeln, das mit dem Frühjahr kühnlich ſich ſtellen darf gegen den Kaiſer und ſeine wortbrüchigen Räthe, und mit dem ich einen Kreis von Schwertern und Speeren um Lu⸗ thers Heiligthum zu ziehen vermögen werde. Der alte Heuchler auf Deutſchlands Kaiſerſtuhle hält wortbrüchig mir noch immer den tapfern Schwiegervater in Gefan⸗ genſchaft. Er mag ſich in Obacht nehmen, daß meine ſchnellen Reiter ihn nicht im Siechbette ſammt ſeiner Krone erwiſchen, und ich ihm dann Gleiches mit Glei⸗ chem vergelte. Haben meine Vorgänger auf Sachſens Throne ſich den Namen der Schutzherren der neuen Lehre zu erringen gewußt, will ich darum buhlen, den Titel: das Flammenſchwert des Lutherthums, zu gewinnen. Und ſo unter Gottes Segen, meine Freunde, einen Be⸗ cher auf den vollkommenen Sieg der Wahrheit! Verder⸗ ben ihren Gegnern!— Der edle Herr ergriff den Pokal, Alle folgten, und die Silberbecher erklangen laut zu dem feurigen Trinkſpruch. Allgemeine Fröhlichkeit belebte die Tafel, zu welcher 252 ſich auch der Heldengreis auf ſeinem Rollſtuhle hatte ſchieben laſſen. Herzen und Zungen wurden lebendiger, und die aufwartenden Diener hatten Arbeit vollauf hin⸗ ter den vergnügten Schwelgern. Der Trabantenhaupt⸗ mann brachte ein Pock Papier zu des Kurfürſten Seſſel, und dieſer, ſchon geſättigt, ſah das Gebrach'e durch, langſam und einzeln dem aufhorchenden Offizier, der, wie ein Roland der Reichsſtadt unbeweglich, gerichtet ſtand, darauf Antworten und Befehle ertheilend, und dazwiſchen dem lautern Rheinweine zuſprechend. Habt Ihr ſo böſe Dienſtmannen, fragte er dann im Leſen leichthin den Freiherrn, daß Ihr mit Wehrmän⸗ nern die Ausgetretenen einfangen müßt? Im Rapport des Wachtmeiſters meiner Küraßreiter ſteht da, daß heute Nacht ein ſolcher Gefangener hier eingebracht, und mei⸗ ner Patrouille begegnet ſei.— Daß ich nicht wüßte! antwortete der Burgherr ver⸗ wundert. Doch kann's ſein; denn mein guter Vogt pflegt, wenn die Krankheit mich quält, ſeinen Herrn mit ſol⸗ chen Aergerniſſen zu verſchonen, und ſie allein abzu⸗ thun.— Aber das iſt ernſthafter, ärger und ärgerlicher! ſprach Moritz fort, mit der Hand ſich an die hohe Stirn faſ⸗ ſend und Schüſſel und Becher von ſich ſchiebend, indem er einen wohlverſiegelten Brief von Umfang erbrochen und geleſen hatte. Bei meinem Barte und Schwerte, da ſoll der Donner drein fahren, und das zur Stelle! Denkt! der Rektor der Schulpforta meldet mir, daß das ganze Inſtitut in Schreck und Entſetzen erſtarrt ſei, daß die Katholiſchen furchtbaren Unfug getrieben mit den jungen Schülern, daß vergangene Nacht ein verderbli⸗ cher Spuk die Kirche beunruhigt habe, und daß einer der 253 muthigſten und fleißigſten Zöglinge bei dem Verfolgen des Geſpenſtes ein Opfer geworden, verſchwunden ſei, und man bis jetzt keine Spur von ihm zu finden ver⸗ mochte.— Entſetzlich! Solcher Pfaffenfrevel dicht unter Euren Augen! rief Ritter Berlepſch, die Hand am Schwert⸗ griff. Aber warnte ich nicht immer? Die Glatzköpfe vertrauen auf Eure Anhänglichkeit an den Kaiſer, und wagen auf die Hoffnung von Eurem Rücktritte zu ihrer Kirche das Unglaublichſte. Schon lange hättet Ihr die Wolfsbrut in ihre Höhle zurückpeitſchen müſſen, ehe ſie die Eurigen biß und verſchlang.— Und wir heißt der Verſchwundene? fragte mit ban⸗ ger Ahnung Herr Eoban Heſſe.— Juſtus Hergott aus Leipzig nennt ihn das Schrei⸗ ben, antwortete der Fürſt.— Großer Gott des Himmels! ſchrie der Profeſſor auf. Mein Schweſterkind! Mein beſter Zögling! Verloren unter der Mönche Dolch und Gift!— Unſer guter Juſtus! lallte Pharetratus hinter dem Stuhle nach, und die hellen Thränen ſtürzten über ſein leichenbleiches Antlitz.— Hülfe, Rettung, Gerechtigkeit! ſchrie Eoban erhitzter in Schmerz und Wuth. Nur Eile kann hier ein Ver⸗ brechen verhüten; nur Eure eigene Perſon kann hier Rettung bringen, denn wir Alle kennen ſolche Blutge⸗ ſchichten aus nächſter Erfahrung.— Gefahr iſt zugegen, antwortete der Fürſt mit In⸗ grimm, und wir Alle wollen ohne Säumniß aufbrechen nach Pforta, ſelbſt ſehen, ſelbſt forſchen. Aber beruhigt euch; innerhalb meiner Grenzen wagen ſie das Aeußerſte nicht, und wenn ſie den Verlorenen auch in des Biſchofs 254 Zingel geſchleppt hätten, ſo will ich ihn finden hinter Naumburgs Mauern, und alle Häupter der Prälaten und Domherren ſollen mir Pfand ſein für des Entführ⸗ ten Kopf.— Verloren iſt er in dem Otternneſte, eingemauert, wohin kein Gotteslicht ſcheint, und ſie werden ſich her⸗ auslügen mit des Teufels Hülfe! ſeufzte Pharetratus mit gefalteten Händen und verzweifelndem Blicke zum Himmel.— Becher und Seſſel ſtürzten im Aufruhr; Alle griffen zu Schwerte und Hute, und die Knechte ſprangen nach den Roſſen, als ein neuer Beſuch die Scene änderte und ſie aufhielt.— Es iſt Zeit, zu einem andern und liebern Bekannten zurück zu kehren. Der Thurm, in welchen man Juſtus geſtoßen hatte, lag an der Weſtſeite des Schloſſes, und die Sonne konnte erſt ſpät durch ſeine Schießſcharten ihr Licht einſenden. Es war ſo düſter in dem ſchaurigen Raume, daß Juſtus keinen Gegenſtand zu unterſcheiden vermochte. Zuerſt ſtand er eine Weile ſich beſinnend und horchend. Als es ganz ſtill blieb, tappte er an der Mauer hin, doch dieſe nahm kein Ende in der Runde, und ſchien einer ausgedehnten Cirkellinie anzugehören, dabei ſtolperte er oft über Vertiefungen im Fußboden, wo zerbrochene Steinplatten ausgehoben waren, und zur Seite lagen. Der Geſchwindmarſch durch Feld und Buſch mit gebundenen, unbeweglichen Armen, der Wechſel der Leidenſchaften und Gefühle, die feuchtkalte Morgen⸗ luft hatte ermüdend auf den Körper gewirkt. Er ſetzte ſich nieder an der Wand wie von Ohnmacht umnebelt, 255 ſtammelte ein kurzes Gebet und verſank in einen tiefen Schlaf, wie ihn nur ein unbeflecktes Gewiſſen unter ei⸗ nem Damoecles⸗Schwerte zu ſchlummern vermag. Es war heller Tag geworden, als ihn Geräuſch in der Nähe erweckte. Die kleine Pforte ward geöffnet, und hereintraten zu ihm der kugelrunde Kapellan und der hagere Abt. Tücke lag auf dem Geſichte des Einen, Rach⸗ luſt auf dem des Andern. Juſtus erwartete hinter ihnen den Eintritt des Blutrichters, und ſtand ſchnell aufge⸗ richtet da mit zuſammengezogenen Muskeln der Arme, entſchloſſen ſein Leben mit Fauſt, Nägeln und Zahn ſo theuer als möglich zu verkaufen. Aber der Kapellan nä⸗ herte ſich und ſetzte einen Waſſerkrug und legte ein Wei⸗ zenbrod auf die zerbrochene Stufe einer Steintreppe, die einſt zu den Schießſcharten hinaufgeführt, und der Abt bezwang die Leidenſchaft, die ſo hell auf ſein Geſicht ge⸗ malt war, trat näher und ſprach mit Ernſt und jener Salbung, die ſeinem Stande eigen zu ſein pflegt: Du haſt Dich in eine verderbliche Sache gemiſcht, in ein Geheimniß Dich gedrängt, das dem Uneingeweihten mit dem Tode begegnet. Junger Menſch, ſage offenherzig, was bewog Dich dazu?— Die Stimme in meiner Bruſt, antwortete Juſtus, hochermuthigt durch die Unentſchloſſenheit, die er im Ge⸗ ſichte der Feinde zu leſen, in ihren Worten zu hören glaubte; die angeborene Liebe zur Wahrheit, der Haß gegen Betrug und Lüge, mit der Ihr und Euresglei⸗ chen einem Freunde das höchſte Geſchenk des Himmels, die geiſtige Freiheit, entwenden wolltet.— Du ſprichſt kühn, aber unverſtändig, antwortete der Abt mit verhaltenem Grimm. Bartloſer Knabe, haben ſie auch Dir ihre ſchönklingenden Ammenmährchen geſungen? 256 Haben ſie auch Dein Gehirn verrückt mit hochklingenden Worten ohne Sinn? Sieh Dich um! Was iſt der Menſch, und was ſind die Völker? Eine wilde Heerde, welche nur der Glaube bindet und einzwängt. Sind ſie nicht ſchlechter und wüſter geworden, ſeit man die Kette zerriß? Eifern nicht ſelbſt Eure Prädikanten gegen dieſe zunehmende Ver⸗ wilderung, die ſie ſelbſt erſchufen und förderten durch ihre Irrlehre? Die Offenbarung allein iſt die Richtſchnur für das Menſchengeſchlecht, und ſeine geprieſene Vernunft iſt ein Irrlicht, das in Moraſt und Wüſte führt und zum Verderben.— Ihr ſeid ein alter Herr, und ich ehre das Alter in Euch! erwiderte Juſtus. Auch möget Ihr das Alles wohl ſelbſt bei Euch recht ehrlich vermeinen. Aber ich bin einen andern und lichtern Weg geführt. Ich habe in der Ver⸗ nunſt das köſtlichſte Geſchenk der Allmacht erkannt, und ſie hat mir immer die Lebensſtraße klar und hell beleuchtet gleich dem Tagsgeſtirne des Himmels.— Auch hier? fragte ſpöttiſch der Abt; als ſie Dich ver⸗ führte, in unſer Geſchäft Dich einzumiſchen? Auch jetzt, wie ſie Dich ins Gefängniß, ja zum Tode verlockte?— Ja, junger Menſch, ſetzte er mit Heftigkeit hinzu, als er Juſtus bleich werden ſah; aus dieſen Steinen iſt kein Entrinnen für Dich! Wenn Du ſo außerordentlich ver⸗ nünftig biſt, ſo wirſt Du Dir auch ſagen, daß unſere Selbſtliebe verlangt, Dich nie wieder aus unſerm Bereich und unſerer Aufſicht zu entlaſſen. Dein Tod gäbe uns die beſte Bürgſchaft unſerer Sicherheit. Indeß die Kirche iſt nachſichtig. Sie wählt die mildeſten Nittel, will ſie peſſern, Buße erwecken und erretten. Ein Weg iſt nur, der Dich vom Schlunde des Todes ablenkt. Tritt zu uns über, ſchwöre Dich wieder zu dem allein ſeligmachendien — 257 Glauben, wirf Dich in der römiſchen Kirche Schooß, und ſchwöre auf dieſes Kruzifix, nie das Kloſter zu verlaſſen, wohin man Dich geleiten wird; ſchwöre, nie ein Wort zu verlieren über die Ereigniſſe dieſer Nacht, ſelbſt nicht in der letzten Stunde Deines Greiſenlebens! Biſt Du zurückgekehrt durch dieſen Schwur, ſfind wir dadurch ge⸗ fichert, ſo ſollen Dir in Deinem Kloſter alle Schätze der W ſſenſchaft, die Du ſo ſehr liebſt, aufgethan werden! Du wirſt nicht eingezwängter ſein, als Du bislang leb⸗ teſt, ja Deine Kenntniſſe, Deine Klugheit, Dein muthiger Sinn können aus Dir einen Apoſtel der Rechtgläubigen machen; ja dieſe gefährlichen Abenteuer waren Dir viel⸗ leicht Fingerzeige der Vorſicht, Dich zu führen zu den höchſten Würden der Kirche, wenn ich Dich werth finde, Dein Schützer und Wegweiſer zu werden.— Ueberſchwängliche Gnade! kreiſchte der Kapellan. Zu⸗ viel Mitleid für ſolche Frevel! Belohnung ſtatt Strafe! Der Burſch müßte ein Tollhäusler ſein, wenn er nicht zugriffe.— Ihr irrt, meine lieben, wohlwollenden Herren! ant⸗ wortete Juſtus, und ſeine Geſtalt erhob ſich feſter und höher. Wer das einmal erkannte Gute und Rechte leicht⸗ ſiunig verläßt und ihm abtrünnig wird, iſt ein zwiefacher Sünder und Läſterer vor dem Herrn der Heerſchaaren. Wie ich die Wege erkannt habe, auf welchen Ihr wandelt, ſo müßte ich ſchamroth werden unter Abtshute und Bi⸗ ſchofsmütze, möchte ich je ſolche mit Euch theilen. Mein Großvater ſtarb auf dem Schaffote um die rechte Lehre; ſein Geiſt wird mich ſärken, wenn Ihr mir den Meuchler⸗ tod in dieſe Leichenhalle bringt. Ihr und ich, wir alle drei ſtehen in Gottes Hand.— Du willſt Dein Verderben! heiſchte herriſch der Abt Blumenhagen, Rl, 17 258 ihm zu. Unſere Hände ſind rein bei Deinem Untergange, denn Du erzwingſt von uns die Rothwendigkeit, die wir zu umgehen trachten. Wir laſſen Dir noch ein Viertel⸗ ſtündchen Zeit. Beſinne Dich, und wähle klug. Einmal nur noch ſiehſt Du uns wieder, und dann fragen nicht wir, ſondern der Henker, nach Deinem Entſchluſſe.— Die geiſtlichen Herren verließen den Thurm. Wie vulkaniſcher Feuerausbruch flammte die allmächtige Lebens⸗ luſt in Juſtus herauf; er ftürzte zur Pforte, er faßte das Schloß und die Querbalken, wie ein Simſon rüttelnd am Thor, aber ſie brachen nicht, und von außen erſchallte der Feinde höhniſches Gelächter. Seine Arme ſanken kraftlos am Körper nieder; ſein Kopf ſenkte ſich gegen die Bruſt herab, und eine weiche Wehmuth befiel ſeine Seele.— O meine Eltern! ſeufzte er. Cöleſtine, guter Ohm, ehrlicher Pharetratus! Sähet ihr das junge Leben verrinnen in dieſer großen Grabeshöhle! O brächtet ihr ein mildes Liebeswort, nur eine letzte Umarmung in meiner Todesſtunde! Aber einſam ſoll ich ſterben in mei⸗ ner ſchönſten Jugend; unter den Blumen meines Lebens ſoll ich mit ihnen verdorren, ehe ſie aufbrachen. Ohne Thaten, ohne Nachruhm, ohne Wehr ſogar ſterben unter den Händen verruchter Böſewichter! Keine Thräne wird meinen blutenden Leichnam netzen, keine Freundeshand die erſte Erdſcholle werfen auf meinen Sarg, keine Liebe an meinem Raſenhügel klagen und mir Todtenopfer bringen. In der Nacht des Laſters werde ich verſcharrt werden ohne Leichenſchmuck, verſtümmelt und beſchmutzt. Niemand wird die Stätte kennen, Niemand ſie finden, und als Geſpenſt dieſer Ruine werde ich umgehen in den Mitter⸗ nächten, den Lebenden zum Entſetzen und mir zum Gram. O das iſt hart, ſehr hart! 259 Unruhig ging er umher an den grauen, kalten Stein⸗ wänden. Vor dem Waſſerkruge ſtand er ſtill; ſein Körper forderte. Er prüfte, trank dann das klare Waſſer bis zum Boden des Gefäßes mit Haſt, aß vorſichtig nur ei⸗ nige Biſſen des Weizenbrodes, aber fühlte ſich geſtärkt und erquickt durch die Labung. Beſonnener ſchaute er jetzt in ſeinem Kerker umher, und ſuchte in höchſter Spannung aller Lebenskräfte einen Rettungsweg. Der Ort, wo er ſich befand, war eine große, runde Halle, leer und ausgeräumt. Ein Hauptvertheidigungsplatz der Burg ſchien vor Zeiten dieſer Thurm geweſen zu ſein, das erkannte man an einer etwa vier Ellen hoch über dem Boden ſteil aufgemauerten Zinne, die rund umher⸗ lief, und zu vielen ausgebrochenen und eingeſchoſſenen Schießſcharten führte. Gewiß an vierzig Schützen hatte die Terraſſe gefaßt, und von unten hinaufführend ſah man noch die Rudera einer Treppe, deren ſteinerne Stufen ſich aber faſt ſämmtlich gelöſet hatten und herab auf den Boden der Halle gerollt waren. Todesnoth gibt über⸗ menſchliche Gliederkraft. Juſtus ſchwang ſich auf den wenigen morſchen Rückbleibſeln des Geſteins, welches unter ſeinen Füßen wegrollte, glücklich oben auf das Ge⸗ mäuer. Er ſtürzte zu der erſten Oeffnung, aber der er⸗ quickliche Blick in die freie Natur vernichtete ſeine Hoff⸗ nung im erſten Keime. Schauervoll war die Tiefe; der Sprung hinab hätte Zerſchmetterung gebracht. Er ſah in die Gipfel uralter Eichen, doch keine wuchs ihm ſo nahe, daß er khre Zweige hätte erſchwingen können. Tief unten ſchimmerte ein Kirchthurm; des Schäfers Flöten⸗ lied klang wie leiſes Gezirp der Grillen, und ſein Hülfs⸗ ruf verhallte im Rauſchen des Waldes. Vor ihm breitete ſich das Leben aus mit ſeinen üppigſten Schätzen, das 260 ſchönſte Paradies der Natur entfaltete ſich vor ſeinen be⸗ gierigen Blicken, von der lieblichſten Morgenſonne mit einem ſchimmernden Goldrahmen umſpannt. Er war allein unter den glücklichen Weſen draußen dem Tode ver⸗ fallen, ihm war die Pforte des Paradieſes verſchloſſen von der Hand ſchwarzer Dämonen. Eine entſetzliche Angſt überfiel ihn; das Blut ſtieg ihm zu dem Herzen und in das Gehirn; Wahnſinn bedräuete ihn. Er riß ſeine Kleider auf, dieſer Qual Luft zu geben, da fiel die grüne Schleife, die einſt Cöleſtine im Walde getragen, aus dem geöff⸗ neten Wammſe vor ſeine Füße nieder. Mit Haſt hob er das Pfand der Erinnerung auf und preßte es an ſeine Lippen. Grünes, glänzendes Hoffnungszeichen, das ich ver⸗ gaß, rief er wehwüthig, wirft dich ietzt ein freundlicher Engel in meine Hand, um das Gemüth zu ſchützen vor Verzweiflung? Ja, ich will haften an dem kindlichen Aberglauben, und in dir den Wink der Vorſicht erkennen, und mich nicht ſelbſt verlaſſen, ſo lange dieſes Herz noch ſchlägt im kräftigen Pulſe, dieſer Arm noch mächtige Muskeln bewegt. Cöleſtinens Engel iſt mir nahe; ſie plieb rein unter den Unreinen. So ruhe denn auf dieſem verlaſſenen Herzen, du liebes Amulet, und verſpritzt es ſein Blut, ſo ſauge du die treue Liebe ein, und der un⸗ ſichtbare Schutzgeiſt unſeres Bundes trage das Angeden⸗ ken zu ihr hinüber.— Mit ſeiner Hemdnadel befeſtigte er die grüne Schleife dicht über ſeinem Herzen, und es war ihm, als ſtröme neuer Muth aus der weichen Seide in das Herz. Doch ein Blick auf die Umgebung zog ihn wieder aus dem Reiche der Schwärmerei in die Wirklichkeit. Traurig trat er zurück, da flog ein Gedanke durch 261 ſein bewegtes Gehirn. Er war da oben ſicher wie auf einer Baſtion. Die Treppe, ſchon an ſich ungangbar, vernichtete er gänzlich, indem er die letzten feſten Stufen oben mit ſtarken Fußtritten hinabwarf. Vor den herab⸗ geſtürzten Schießlöchern lag viel Geſtein umher; er trug die wurfbarſten Steine auf einen Haufen zuſammen, ſei⸗ nem geübten Arme zum Geſchoß. So von der Möglichkeit der Wehr beruhigt, erwartete er den Feind, der ihn jetzt nur mit Schießgewehr erlegen konnte, durch deſſen Ge⸗ lärm ihm Helfer, wenigſtens Rächer herbeigelockt werden mußten. Die Gefahr war nicht verſchwunden; man konnte ihn ja dem Hungertode preis geben; indeß Zeit war ge⸗ wonnen, die Lage hatte ſich geändert, und das iſt ſchon eine Art von Troſt in ſolch entſetzlicher und verzweifelter Stunde. Auf der Fürſtenſchule zu Pforta war indeß die Nacht nicht weniger unruhig verlaufen. Trotha und ſeine Geſellen hatten mit ihrer Schreckensmähr alle Schläfer aufgeſchrieen. Die Sturmglocke rief, und Lehrer, Zöglinge, Alumnen und Hausleute ſtrömten im bunteſten Gemiſch und den ſeltſamſten Nachtbekleidungen in den Sälen zuſammen. Ehe aber der Rector das Verhör begann, ſtürzte im Schulgange Oetwin von Altenburg leichenblaß und an allen Gliedern zitternd auf Trotha zu, faßte krampfig die Hand des Zornigen, und bat mit ſtammelnden Tönen: Schone meine Ehre, wenn es möglich iſt!— Um Dich ſtirbt er; um Dich ging er verloren, Du finnloſer Schwärmer, wenn Du nicht noch etwas Schlim⸗ meres biſt, erwiderte der Großherzige. Was gilt Dein Schattenbild von Ehre gegen ſein edles Leben!— Ich weiß ein ſicheres Mittel ihn zu retten, aber Du mußt mich eiligſt begleiten, ſtotterte der Junker.— 262 Das Verhör ward vom Rector vollendet; der biedere Trotha erwähnte Oetwins Namen nicht. Man unterſuchte die Kirche, das Gewölbe, den Erdgang, aber weiter hin war der unterirdiſche Weg verſchüttet. Die Lehrer be⸗ riethen ſich und entwarfen den Bericht an den Kurfürſten, und ihr Eilbote traf die Heerhaufen auf der Landſtraße, deren Anführer ihn nach dem Altenburger Schloſſe bringen ließen, wo man den Kurfürſten erwartete. Zum Förſterhauſe jetzt! Dort allein finden wir Spur, und dort muß er ſein! lallte Oetwin, als die Verſamm⸗ lung ſich verlief, und Trotha, der in der Verwirrung noch immer ſein altes Ritterſchwert unter dem Arm ge⸗ tragen, zog mit gewaltigem Schritt den faſt machtloſen Junker mit ſich fort, hinaus durch Thür und Thor, welche offen ſtanden, da der Thürſteher entwichen war. Das erſte Morgenlicht und die Friſche des Tages kamen ihnen entgegen, doch überraſchender noch die Erſcheinung Cöleſtinens, des Jägermädchens, welche mit der Haſt und Aengſtlichkeit einer flüchtigen, gehetzten Hindin bergher⸗ niederflog. Der Morgenanzug war ſo dünn als ungeordnet, die Füßchen waren kaum verwahrt, und die blonden Locken flatterten unbedeckt und vom Thau genäßt um das hochge⸗ röthete Geſicht, auf welchem Angſt und Schrecken hauſeten. Euch ſuch' ich, Junker, Euch! rief ſie athemlos. Fol⸗ get mir! Macht gut, rettet! Fort, fort nach der Alten⸗ burg!— Nach der Altenburg? fragten Beide erſtaunt. Ja, dort, dort iſt er! dort ſtirbt er, wenn wir zu ſpät kommen, und ich ſterbe ihm nach! Die Augenblicke find nicht zu bezahlen! Fort!— So ſprang ſie voran die Straße hin, und kaum konnten die beiden jungen Män⸗ ner dem flüchtigen Mädchen nachkommen. 263 Cöleſtine war die Nacht hindurch von böſen Träumen gequält worden. Mehrmals erſchien ihr im Schlafe Ju⸗ ſtus Bild, aber alle Blüte war von ſeinen, ſonſt ſo friſchen Wangen vertilgt, und wehmüthig bittend ſah er ſie an, und wenn ſie ſich ihm näherte, verſchwand die Erſcheinung langſam zurückweichend in unſcheinbare Ferne. Dann träumte ſie wieder, wie er und ſie ſich umarmt hielten, aber mehre ungeheure Rieſenſchlangen umwickel⸗ ten ſie, und droheten, ſie zu zerquetſchen, und die Köpfe der bösartigen Thiere ziſchelten mit langen und ſpitzigen Zungen. Da die quälenden Bilder immer wiederkehrten, ſo wie ſie neu entſchlummert war, ſo ſtand die Jungfrau endlich auf, öffnete ihr Kammerfenſter, und legte ſich hin⸗ ein, aus dem FPrachtanblicke der aufgehenden Sonne, deren Vorboten ſchon den Saum der öſtlichen Berge ver⸗ goldeten, ſich Zerſtreuung und Gemüthsruhe zu ſchöpfen. Nicht lange hatte ſie im Fenſterchen dem Ziehen des Nachtgewölks am Horizonte und dem Wälzen der Ne⸗ belballen im Thale zugeſehen, ſo hörte ſie vorn an der Pforte des Gehöftes ein heftiges Klopfen, alle Hunde ſchlugen an, und zugleich ſah ſie den dicken Pförtner der Fürſtenſchule in der Dämmerung mit ungewohnter Anſtrengung und Eile den Hügel zum Forſthauſe heran⸗ klimmen. Wie eine Zentnerlaſt fiel ihr's auf das Herz, und ſie konnte kaum vom Fenſter fort. Indeß war es unten im Hauſe laut geworden, und ſie hörte Stimmen in des Förſters Schlafgemache, welches gerade unter dem ihrigen lag. Wie in alten Landwohnungen überall, führte eine kleine Oeffnung über dem Ofen Winters die Wärme hinauf in des Mädchens Kämmerlein. Leiſe ſchlich ſie zu dem geöffneten Viereck, ſah den Vetter, der eilizſt den Jagdanzug überwarf, und erkannte in den 5 264 Andern den Jägerburſchen Hildebrand und den Thürſteher von Pforta, der ſich erſchöpft in einem Seſſel niederge⸗ laſſen hatte. Und wie heißt der Unbeſonnene, der alle unſere ſichern Anſchläge auf den Altenburger Junker zu Schanden ge⸗ macht? fragte eben der Förſter.— Der Burſch aus Leipzig iſt's, der Hergott! Ich habe ſein verwegenes Geſicht immer nicht leiden können! kreiſchte der athemloſe Pfortner.— Aber ſie haben ihn erwiſcht, und der ſieht das Son⸗ nenlicht heut zuletzt aufgehen. Ihr kennt unſern Herrn Abt und den Biſchof dazu in ſolchen Dingen! fiel Hilde⸗ brand ein.— Aber wohin ſind ſie, und wo ſoll ich den hochwür⸗ digen Herrn treffen? fragte der Förſter wieder, indem er Büchſe und Hirſchfänger vom Wandnagel nahm.— Nach Altenburg ſollt Ihr kommen, zu dem Kapellan daſelbſt. Sie wollten mit dem Gefangenen ſtracks nach Naumburg, aber der Tag war zu nahe, und die Straße dahin verlegt mit Soldatenhaufen. Da brachten ſie den Miſſethäter hinten durch die Burgfeſte zum Thurm hin⸗ auf. Dort wird der freche Burſche ſein letztes Stoßgebet ſtöhnen, wenn ihn nicht der blutdürſtige Hatzhund, der Sylveſter, ſchon hingeholfen hat, wo kein Beten und Bitten mehr hilft. Macht nur eilig, Herr, und fragt ſogleich dorten nach dem Kapellan; der Hochwürdige verlangte dringend nach Euch.— Du bleibſt, und hüteſt das Haus, und verbirgſt un⸗ ſern dicken Freund, bis ich Dir Kundſchaft ſende, befahl der Förſter, die Büchſe überhängend. Läuft Nachfrage ein, ſo ging ich mit allen Leuten früh zu Walde. Die Hunde gekoppelt und in den Stall! Alles verſchloſen ————— ————— 265 im Gehöft, und vorzüglich kein Wort gegen Cöleſtine und das Geſinde.— Er ging; Cöleſtine hörte ihn die Hofthür zuſchlagen, und ſah ihn vom Fenſter aus das Feld durchſchreiten. Auch der Jäger und Pförtner verließen die Kammer, und gingen hörbar üder die Flur in das Nebenhaus. Cöleſtine raffte ſich auf aus ihrer Erſtarrung, griff nach einem Tuche, und leiſe die Treppe hinab, leiſe durch den Hausraum ſchleichend, verließ ſie das Vorwerk durch die Hinterthür am Buſch, und eilte dann mit angſtbeflügel⸗ ten Schritten nach Pforta, wo ſie den jungen Leuten begegnete.— Dieſe drei, Trotha, Cöleſtine und Oetwin, waren die Ankömmlinge, welche dem Aufbruche des Kurfürſten Moritz und ſeines Gefolges ſich entgegenſtellten. Mit dem Ausrufe:„Hülfe! Erbarmung!“ ſtürzte das er⸗ ſchöpfte Mädchen zu den Füßen des Prinzen hin. Strafe den Verführern und Gnade dem Verführten! ſtammelte der Junker mit gebogenem Knie.— Gerechtigkeit, ſchnell wie Gottes Wetterſtrahl! ſprach feſt der ſtarke Trotha, indem er ſich mit ſeinem blanken Schwerte hinter die beiden Knieenden ſtellte.— Moritz ſtutzte verwundert, doch als nun Trotha mit ſeiner tiefklingenden, deutlichen Stimme erzählte, als Cöleſtine Aufklärungen hinzuſetzte, und Oetwin darein jammerte, da löſete ſich die Spannung der Geiſter und das Stillſchweigen plötzlich in allgemeine Unruhe auf. Alſo das war der eingefangene Dienſtknecht, den man in dieſer Nacht in Euer Schloß ſchleifte? fragte Moritz den Freiherrn, der in ſeiner Wuth das Zipper⸗ 266 lein vergaß, und mit der Krücke umherfocht, als ſäße er zu Roß vor ſeinen Reiſigen.— Donner und Schwert! rief der Heldengreis. Solche Teufelsgeſchichten in meiner Burg, unter meinen blin⸗ den Augen! Und mein Junge ſelbſt Schuld daran? Fort aus meinen Mauern, ich enterbe Dich; will einen Vetter zu mir nehmen, der kein A und O verſteht, und ſtatt des Familiennamens drei Kreuze malt, der dagegen aber offenen Helm und ein altdeutſch Herz führt, und der mir das Schloß von Ungeziefer rein zu halten, und der das Regiment zu führen verſteht, wie es einem Sachſenritter zukommt!— Vater! ſtotterte der Junker zerknirſcht. Sie machten es ſo klug, mich zu verführen. Aber ich bin beſtraft in dieſer grauſen Angſt um den getreuen Retter. Mich verführt kein Pfaff mehr, und ich will ein Wehrmann werden, wie Ihr ihn wünſchen möget.— O zögert nicht! bat da Cöleſtinens Silberſtimmchen zum Fürſten auf. Ihr kennt ſie nicht wie ich. Juſtus Leben hängt an jeder Minute.— Wo wohnt der Kapellan? Man führe uns hin! donnerte Moritz, und Knapp Wipprecht ſprang mit Ju⸗ gendfeuer voran, und ſämmtliche Geſellſchaft drängte ſich durch die Schloßgänge dem Flügel zu, der den alten Wartthurm in Weſten berührte. Der Knapp ſtieß das Studierzimmer auf, doch nur Pater Urban ſaß auf dem Faulbett, und der Förſter von Schulpforta trat ihnen entgegen, und erbleichend, als er Cöleſtinen und Oetwin erkannte, ſtürzte er zu Boden vor dem Landesherrn.— Barmherzigkeit, Durchlauchtigſter! Ich bin nicht Schuld daran. Ich habe gewarnt, und ſo eben noch abgerathen und gebeten für ihn.— 267 Wo iſt der entführte Schüler? ſchrie der zornflam⸗ mende Prinz ihn an.— Ihr kommt zu ſpät! antwortete faſt lautlos und in Furcht vergehend der Förſter. Sie ſind im Thurme. Es iſt ſchon geſchehen, und er iſt ermordet.— Ein Schrei des Entſetzens tönte durch die Zimmer und die Gänge hin. Alle ſtanden in Beſtürzung erſtarrt, nur Trotha allein ſchrie nicht auf, ſondern biß die Lip⸗ pen zuſammen, ſchwang mit einem grimmigeu Blicke zum Himmel das nackte Schwert, und rief dazu mit kreiſchendem Tone: Schliefeſt Du, Vater, da droben? Aber ich komme als Dein Würgengel! und ſo ftürzte er mit dem alten Knappen zum Thurme weiter.— Nehmet dieſe feſt! befahl Moritz. Strafe ohne Bei⸗ ſpiel will ich verhängen über alle Genoſſen dieſer Miſ⸗ ſethat. Ihr ſollt den leichtherzigen, zu milden Moritz nicht mehr erkennen in dieſem Gericht.— So ſchritt er mit Cöleſtinen, die ohne Sprache ſich krampfhaft an ſeinen Arm gehangen, dem Junker von Trotha nach, und die Uebrigen folgten, Eoban und Pharetratus laut jammernd, ja der Letzte heulend ohne Scheu. Das Getümmel, welches die Ankunft des Kurfürſten im Schloſſe erregt hatte, drang auch bis zu dem abge⸗ legenen Flügel des Kapellans. Angſt überfiel die Män⸗ ner der Finſterniß. Sylveſter und der Kapellan mahn⸗ ten zu ſchneller Ausführung der Blutthat; Urban und der Förſter riethen ab. Der Abt erwog; doch ſiegte die Meinung der Erſtern, da der Kapellan ein altes Ver⸗ ließ unten in der Ruine angab, wohin man ungeſehen 268 den Erwürgten ſchleifen, und für ewig hinabſtürzen konnte. Sylveſter ſuchte einige gute Stricke zuſammen, zückte ſein Meſſer, und ſo ging man nach dem Schau⸗ platze der Unthat. Haſt Du gewählt? Dieſe Sekunde entſcheidet über Leben oder Tod! ſprach der Abt mit heftiger Stimme, indem er zuerſt in die Halle des Thurmes trat; aber die Worte ſtarben auf ſeiner Lippe, als er den untern Raum leer fand, und auf der hohen Steinwand den Jüngling erblickte, der das Wamms abgeworfen hatte, mit nackten, nervigen Armen wie ein Gladiator da ſtand, und in den zum Wurf gehobenen Händen mit ſchweren Steinen dräute.— Zurück! rief Juſtus mit einer Heldenſtimme. Zurück, wenn Euere Hirnſchalen nicht von Erz find! Dem Er⸗ ſten, der ſich heranwagt, zerſchmettert dieſer Stein den Schädel.— Einen Augenblick ſtanden ſie durch die Ueber⸗ raſchung gefeſſelt, da ſprach Sylveſter mit Ingrimm: Geduld, Hochwürdiger! ich hole die Büchſe.— Das knallt und verräth uns! ſagte der Abt ſchwankend, vn zu thun ſei.— Im alten Rüſtſaal dicht hier neben an, hängen Arm⸗ brüſte! fiel der Kapellan ein. Holet die ſtärkſte und ſchießet ihn mit dem Bolzen herunter!— Sylveſter ſprang fort, indeß den Jüngling eine wil⸗ de Wuth durchrieſelte, da er wie ein ohnmächtig Wald⸗ thier ſterben ſollte am alten Geſchoß des Ritterthums. Sylveſter kam zurück, eine lange Hellebarde in der Hand, Die Armbrüſte ſind ohne Sehnen und verroſtet, ſagte er mit kaltem Mördertone; aber mit dieſem Spieße will ich die Leipziger Lerche hinunterholen, und wenn ſie bis zum Gewölbe hinaufflatterte.— 269 So ſtemmte er die Barde in ſeinen Armen feſt, und that den Anlauf. Juſtus ſchwang heftig den Arm, und warf; doch der Stein fehlte den eigentlichen Gegner, traf das Haupt des hinter Sylveſter berankommenden Abtes und zerſchmetterte die Schläfe, daß der Getroffene mit kurzem Geheul und im ſtrömenden Blute nieder⸗ ſtürzte, ehe der Kapellan ihn aufzufangen vermochte. Sylveſter war angelaufen; gewandt fing Juſtus mit der Linken die Hellebarde, ſtieß ſie zur Seite, und packte die Todeswaffe dicht unter dem Eiſen feſt. Doch des Feindes markvoller Arm riß den Schaſt zurück; wollte Juſtus nicht loslaſſen, ſo mußte er folgen; ſo ſprang er her⸗ unter auf den Gegner, beide faßten ſich im Ringkampfe auf Tod und Leben, wobei des Jägers Meſſer, das er gezückt, um Bruſt und Geſicht des Jünglings funkelte, und bei aller Gewandtheit ihm Verderben in der Hand des mordgewohnten Rieſen drohte. Da klangen flüchtige Schritte heran; Trotha flog herein und ſah die Noth des Freundes. Zum wüthigen Stoße hob ſich ſein Arm, und ſein Eiſen fuhr rücklings durch des Jägers Leib, daß der Mordbube im Schmerz die Fäuſte losließ, noch einige Sekunden umhertaumelte, und dann mit einem Zeterſchret, wie der in der Luft getrof⸗ fene Raubvogel ſchreiet, auf das Steinpflaſter hinſchlug.— Die ganze Halle füllte ſich mit den Nachdringenden, In Trotha's Armen lag der erſchöpfte Juſtus. Er lebt! ſchrie Cöleſtine, und ſank, von ihm ergriffen, an ſeiner Hüfte nieder, und umfaßte feſt den Leib des Geliebten. Gott iſt noch Gott! ſprach Eoban Heſſe in tiefer Rüh⸗ rung, und umſchloß mit ausgebreiteten Armen die Gruppe. Du biſt mein Retter aus tiefer Noth! ſagte Juſtus voll Empfindung zu Troth. Mein Herzblut gehört Dir 270 von jetzt an, ewige Freundſchaft Dir! Wie ein Lebend⸗ begrabener das Licht grüßt und ſeinen Wecker, ſo grüßet Dich Mund und Seele!— Dein Rächer bin ich geweſen, Du Wagehals, der ſich nicht rathen ließ! antwortete der biedere, junge Edel⸗ mann. Undich habe Gottes Schwert wacker geführt. Aber Deine Retterin iſt die da! Ohne ſie hätten wir Dich nimmer, hätte kein Menſchenauge Dich gefunden.— Gottes Hand zeigte mir die Bahn! ſtammelte das Mädchen.— Cöleſtine? Sie? Alſo rein und unſchuldig? Nicht mit den Böſen im Bunde? rief Juſtus mit Freudigkeit. O jetzt wird mir erſt die Gabe den neuen Lebens werthz nun kann ich erſt jubiliren über den Sieg und die Frei⸗ heit. Cöleſtine war mein Schutzengel; und von heute an biſt Du meine Braut, meine Verlobte! Die Hand des Himmels führte der frommen Katharina Ring an Deinen Finger. Die Vorſicht ließ ihn da bis jetzt und Du ſollſt ihn forttragen bis zum Grabe als Pfand mei⸗ ner Liebe.— Cöleſtine ſank ſchluchzend an ſein Herz.— Wer iſt das Mädchen? fragte der Kurfürſt. Der Förſter, welchen ſeine neugierigen Wächter mit zu dem Tumulte geführt hatten, drängte ſich vor. Sie iſt ein gutes Kind, von mir erzogen, ſagte er mit der Haſt, die ihm die Ausſicht auf Verzeihung durch das Verhält⸗ niß zu dem Geretteten eingab; ſie iſt die Tochter des Abts Andreas, der hier am Boden verblutet liegt; ihre Mutter war eine Wittfrau, aus dem Geſchlecht der Har⸗ ras, und dem Abte heimlich anvermählt.— Cöleſtine warf einen Blick auf den verbluteten Todten, und drückte ſich mit einem Schmerzeslaut feſter an des geliebten Mannes Bruſt.— 271 Gott hat ſtreng gerichtet! ſprach der Fürſt Moritz ſehr ernſt. Verwahrt die Gefangenen; Jedem ſoll ſein Gericht werden, nach dem Maaß ſeiner Sünde und ſeines An⸗ theils. Du, Juſtus Hergott, biſt mir werth geworden durch das, was ich heute von Dir hörte und ſah. Ich bedarf ſolcher Köpfe, ſolcher Herzen für mein Land. Nicht zurück nach Pforta ſollſt Du. Ich ſende Dich auf die Hochſchule zu Wittenberg, und kehrſt Du von dort mit vollendetem Wiſſen, ſo lege Dein Schickſal in meine Hand, denn ich beſtimme Dich meinem beſondern Dienſte.— Gott führt, die ihm vertrauen! entgegnete Juſtus, und neigte ſich zum Kuſſe auf die dargebotene Fürſtenhand.— Und auch die Jungfrau nehme ich unter meinen Schild, fuhr Moritz fort. Das anſehnliche Vermögen des Abts ſoll ihr werden, wenn jenes Menſchen Ausſage ſich beſtätiget. Bis dahin laſſe ich ſie zu meiner Ge⸗ mahlin geleiten, wo ſich ein Platz für ſie unter den Hoffräuleins finden wird.— Alle verließen mit verſchiedenartigen Empfindungen den grauenvollen Thurm, den der alte Freiherr bald hernach abtragen ließ, um die Gedächtnißſtätte ſolcher Frevelthaten nicht innerhalb ſeiner Ringmauern zu haben. Kurfürſt Moritz hielt Wort, aber das unglücksvolle Treffen bei Sievershauſen, wo er zwei Jahre ſpäter, am 9. Juli 1553, als Sieger in der Feldſchlacht durch eine meuchleriſche Kugel ſein junges, thatenvolles Leben verlor, ließ ſeine Pläne nicht zur Vollendung kommen.— Juſtus wurde ein vollendeter Mann an Geiſt und Körper. Er führte ſeine Cöleſtine als Jungfrau heim in das Haus ſeiner Voreltern zu Leipzig, und lebte nur ihr und der Wiſſenſchaft, und ihre Liebe blieb feurig und rein, wie der Rubin in Luthers Verlobungsringe, der 272 auch dieſes zweite Paar ſo wunderſam zum wahren Er⸗ denglücke geführt hatte. Als nach Jahren ihn der Herr von Trotha beſuchte, fand er ihn im jubelnden Kreiſe blonder Buben und braun⸗ gelockter Mägdleins; rechts im Buchladen walteten flinke Schreiber, den emſigen, trockenen Nicolaus Pharetratus an der Spitze; links in der Druckerei klapperten die Ge⸗ ſellen im ſchwarzen Wamms und Schurze, und rundum ſprach alles von der Wohlhabenheit und Zufriedenheit der Bewohner des Hauſes. Cöleſtine kredenzte ſittig dem Ritter aus ſchwerem Pokale den Willkommenstrunk. Als aber Juſtus des Gaſtes Schwert beſchaute, welches in ſeiner alterthümlichen und ſchmuckloſen Geſtalt von des ſtattlichen Edelmannes Prunkkleide und Goldkettenputze gar ſeltſam abſtach, zog ihn Trotha in das Fenſter und ſagte leiſe: Kennſt Du die Wehr nicht mehr aus der Rüſtkammer der runden Meta zu Pforta, die Dich ret⸗ ten half und Dich rächte? Ich trage ſie zum Andenken an jene meine erſte Waffenthat. Doch für Deiner Haus⸗ frau Ohr iſt das nicht; dieſes Eiſen erſchlug den Gehül⸗ fen ihres Vaters auf derſelben Stelle, wo Dein Wurf dieſen getödtet, und obgleich es beſſer iſt, ſolche Väter begraben zu wiſſen, ſo ſoll ſolche Erinnerung doch heute unſer Freudenmahl nicht ſtören, und nicht dem Gaſte das frohe Geſicht der Wirthin verderben.— Juſtus fiel an des Biedermannes zartfühlendes Herz, und ſie feierten ohne Worte bei den deutſchen Bechern das Gedächtniß jenes blutigen Glückstages auf Altenburg. —=— IV. * 83 — — — F — S = —= in — S — ₰ — en — Fw Blumenhagen, XI. Nun genug für heute der koniglichen Luſt, mein lieber Vetter Otto! Wir haben ſeit lange keiner edlern und geſetzlichern Falkenbeiz beigewohnt, und danken Euch für das hohe Vergnügen und die willkommene Zerſtreuung. — Eure Falken ſtoßen tapfer und gewandt; die Reiher Eures Geheges ſind gar edle Tbiere, welche die Wehr verſtehen, und ihren Schnabelſpieß zu gebrauchen wiſſen, gleich türkiſchen Spahis. Sehet, wie traurig dort der Falkonier den weißen Edelfalken betrachtet, der mit blu⸗ tender Bruſt in ſeinen Händen zuckt! Laſſet abblaſen, Vetter! Die Hauben über die wilden Thierchen! Er⸗ hitzt und athemlos find Eure Jäger, ſie haben zur Ge⸗ nüge ihre Geſchicklichkeit gezeigt, und uns, wie ihnen, wird das Abendbrod in der Kühle des Wäldchens munden und wohlthun.— Alſo ſprechend zu dem Grafen von Hoya und Bruch⸗ hauſen, ſtieg Herzog Erich von Kalenberg, der Jüngere genannt, vom braunen Leibroſſe, und ließ das unge⸗ ſchmückte, alte Thier frei laufen, indeß ein ſchmucker Edel⸗ knecht dem ältern und vorſichtigern Grafen aus den ſil⸗ bernen Bügeln half. 3 Bedaure tief, mein gnädigſter Herr, daß das weiße Thierchen mit den Goldringen am Halſe und Fuße ver⸗ endet iſt, erwiderte der Graf. Es war für Euch, meinen Lehnsherrn, beſtimmt, und zeigte ſich heute würdig des künftigen und neuen Gebieters.— 276 Bekümmert Euch nicht dieſerhalb, Vetter! fiel der Herzog raſch ein. Ich ehre Euer Geſchenk, und rechne den Willen für That. Jedoch ein gutes Schwert und ein Dutzend breitſchultriger Rekruten aus Euren Dörfern wären mir zur Zeit lieber und nützlicher, denn unſere hochmüthigen Landſtände bewilligen uns kaum ſo viel, unſerm geringen Hofhalte eine Koppel Spürhunde beizu⸗ fügen, und unſer geſtrenger Hofrichter, Doktor Gobler, würde Zeter ſchreien, wenn wir eine Falkonerie zu er⸗ richten wagten, da wir ſchon mit dem ſtarren Manne monatlich eine grimme Zungenfehde über den Sold un⸗ ſerer Haustruppen zu beſtehen haben. Darum iſt es mir auch daheim wie nicht geheuer. Das feuchte Münden, das düſtere Hannover, das luftige Kalenberg ſind mir freudloſe Neſter. Vetter, draußen im Süden wohnt die Ehre und des Lebens Luſt; dort gilt der Fürſt und der Heldenſohn. Wäret Ihr mit mir gezogen zu des Erz⸗ herzogs Ferdinand Beilager in das prächtige Hiſpanien, Ihr würdet gleich mir keine Ruhe haben zwiſchen dieſen dürren Heiden, ſtinkenden Torfmvoren und kalten Bergen.— Iſt es nicht freundlich hier? erwiderte kopfſchüttelnd der Graf, indem er mit der Hand von der ſanftgewölbten, beholzten Höhe, an der ſie hinwandelten, hinüber deutete auf die grünen Frühlingsfelder und die gelben Stroh⸗ dächer der Dörfer unter weißen Hangebirken. Iſt es nicht freundlicher noch in Euren ſchönen Eichwäldern am Deiſter⸗ gebirge?— Spotteſt Du, Vetter Otto? fragte Erich und ſeine dunkeln, ſtarken Braunen zogen ſich wie geſpannte Arm⸗ bruſtbögen über die funkelnden Augen zuſammen. Was iſt mein von dem Lande? Wovon bin ich Herr? Mein Name gemahnet mich, wie der leere Titel eines Bohnen⸗ 277 königs. Fünf elende Aemter blieben das große Kammer⸗ gut von Leo's Enkel. Verpfändet und verkauft ſind die ſchönſten Schlöſſer. Dieſen jämmerlichen Tuchrock auf dem herzoglichen Leibe mißt mir mein Landſtand zu mit heimtückiſcher Sparſamkeit. Keinen Rath darf ich ſelbſt ſetzen, keine Veſte in meinem Lande erbauen; die Herolde, Pfeifer und Spielleute, die der einäugige Otto ſich aus⸗ bedungen, haben wir entlaſſen müſſen, weil unſer Kanzler uns die Trankgelder für ſie verweigerte; in gemeines Aachener Tuch müſſen wir unſer Hausgeſinde kleiden, ohne Silbertreſſen oder bunte Wappenborde; ja— es iſt un⸗ erhört, und ein Schimpf aller Fürſten des Nordens!— unſere Frau Herzogin hat ſich jüngſt aus dem Marſtalle der Stadt Göttingen einen Klepper erbitten müſſen, um unſerm Heimzuge aus der Fremde entgegen reiten zu können! Iſt das nicht eine Herrlichkeit ſonder gleichen 2 Und will man dem Jammer entfliehen, ſo weigert ſich jede Stadt, die ich doch meine gute und getreue nennen muß, für Reiſe und Hofgeleit nur einen Goldgulden aus der vollen, eiſernen Rathhaustruhe zu zahlen. Iſt das ein Paradies der Fürſten? Iſt das der unerſchöpf⸗ liche Nektarbecher des Herrſcherglücks? O, im Süden verſteht man es beſſer! So wie der Kirche ihre geiſtige Gewalt und der allmächtige Eindruck ihres Dienſtes ge⸗ nommen wird, raubt man ihr, wie die Tempelſtürmer unſerer Zeit thaten, die äußere Herrlichkeit, die goldene Bilderpracht der Heiligen, die ſichtbar von den Decken niederſteigen, die reichen Teppiche, die glänzenden Meß⸗ gewänder, den demantenen Kronenreif der Muttergottes⸗ bilder, den gewaltigen Sinnenreiz und die Wirkung auf die menſchlichen Gemüther; eben ſo iſt der König ein Schattenbild, umgibt ihn nicht die höchſte Erdenherrlichkeit, 278 zu der das Volk hinaufſtaunet, als ſähe es den Himmel offen. Den Auserwählten, den Einzigen muß das Volk in dem Herrſcher ſehen; nichts muß der Monarch gemein haben mit dem Unterthan, damit dieſer nimmer die große Scheidewand vergißt, welche die Vorſicht zwiſchen Volk und König einſetzte für ewig. Schauet hin nach Süden, Vetter! Wie ein Gott ſteht dort der Monarch über ſeiner Erde. Auf dem Knie nur nahet ſich ihm die Menge, ſein Gnadenblick iſt ein Engelgruß, ſeine Berührung gibt dem Todten Leben und Glück; alle ſeine Millionen ſind nur ſtarre Körperglieder, Er die einzige Seele, Er die Sonne und das Licht.— Dort gebeut der König; dort herrſcht der Monarch.— Durch Beil und Inquiſition über bleiche Knechte; und beide wandten ſchon oft Schneide und Brand ſelbſt gegen das geſalbte Haupt, welches ſie eingeſetzt, antwortete Otto mit tiefer Stimme. Geht mir, Herzog, mit Euren meuchleriſchen Südmenſchen. Freilich iſt es weit gekom⸗ men mit unſerem Haushalte; Zeit und Menſchen haben arg gewirthſchaftet, und uns kaum Brocken und Knochen gelaſſen von der ehemaligen Herrlichkeit; aber ein kräf⸗ tiges und beſcheidenes Gemüth findet noch genug in den alten fruchtbaren Landen, wo Ritterſchaft und Volk die Fürſten liebt, ſobald ſie Liebe zeigen. Macht denn der Prunk allein Glückliche? Könntet Ihr nicht glücklich ſein in der eigenen Burg? Eure hohe Gemahlin, die ſchöne Sidonia von Sachſen—— Schweigt von dieſer falſchen Frömmlerin! fuhr Erich dazwiſchen mit einem Schlachtgeſicht. Verſchwägerte ſie mich nicht mit dem Gleisner, mit dem zweiköpfigen Moritz, deſſen Janusgeſicht heute den Rechtgläubigen und morgen den Ketzer ſehen läßt? Mit dieſem Rebellen gegen 279 Kaiſer und Reich, der als ein gottloſer Apoſtat drei der ſchönſten deutſchen Bisthümer dem Frankreicher in die Dände geſpielt? Dieſe Sidonia haſſet mich, weil ihrem Schmeicheln nicht gelang, mich von der rechten Kirche zu locken, die mich wieder aufnahm in vergebenden Mutter⸗ arm, wenn auch die leibliche Mutter ſelbſt mit unver⸗ antwortlichem Leichtfinne mich in den Pfuhl der Ketzerei geſchleudert hatte, und mit Schaudern trinke ich jeden Becher Wein an meines Weibes Seite, fürchtend, ein Prädikant ihres Bruders habe den Trunk mir zum Tode geſegnet. Ihre Umarmung iſt kalt, wie der Gottesdienſt ihres Landes, das den Kirchenſtürmer gebar, und weil ich mich bereden ließ zu ſolch ſündhaftem Bündniſſe, darum fehlt mir der Erbe, und des hochmüthigen Heinrichs Söhne nehmen einſt den Fürſtenhut von meinem Sarge für ſich. Die Niederländerinnen haben wärmere Herzen unter der vollen Bruſt; das mahnet mich ewig, wenn ich mein wüſtes Ehebett betrachte.— Und findet Ihr keinen Troſt bei der verehrten Fürſtin⸗ mutter, der erlauchten Eliſabeth? fragte Otto weiter, mit einem Seitenblicke, der deutlich verrieth, daß dieſe Frage die Frage des Arztes ſei, der den Kranken ſelbſt über ein Uebel reden laſſen will, das er längſt erkannt.— Meine Mutter? fragte der Herzog zurück mit weniger Ingrimm, aber noch tieferer Düſterheit. Sie mag es gut meinen, mag das Regiment wohl verſtehen. Aber war ſie es nicht, welche das Unglück in meine Lande und über Vater Erichs Haus gebracht? Gab ſie nicht der Abtrünnigkeit erſtes, erlauchtes Beiſpiel im Herzogthume? Vertrieb ſie nicht die Heiligen aus Kirchen und Kapellen 2 Rief ſie nicht die falſchen Baalsprieſter in das Land, den phantaſtiſchen, groben Anton Corvinus an der Spitze?— 280 Nun, darüber dürft Ihr nicht länger klagen, fiel der Graf ſpitzig ein; der ſitzt ja, zuſammt ſeinem Collegen Hoiker, in den tiefſten Gewölben Eures Kalenbergs, und predigt den Ratten, und diſputirt mit der Eidechs und Natter in dem alten Steinbau.— Erich runzelte die Stirn und ſchoß einen ſcharfen Dolch⸗ blick aus dem großen Auge auf den Geſellſchafter. Wollt Ihr mich höhnen, Herr Graf von Hoya, ſetzte er gezo⸗ gen hinzu, oder wüßtet Ihr nichts von der neueſten Mähr im Lande, über die jeder Bauer jubelt vor ſeinem Stalle, jeder Zunftmeiſter einen Pſalter ſingt hinter ſeinem Bier⸗ kruge, und ein Spottlied hinterdrein auf ſeinen Herzog? Die Prediger ſind frank und frei; ich ſelbſt habe ſie los⸗ geben müſſen, weil ich den Schirm meiner Städte, weil ich das Bündniß der Hanſeaten, der bürgerlichen See⸗ könige, nöthig habe im Wetter, das gegen mich aufzieht. Eingeräumt habe ich ſelbſt der Mutter, der evangeliſchen Eliſabeth, den Vorſitz im Kabinet, um los zu werden dieſen ewigen Sturm langweiliger Räthe, dieſes ewige Klagelied, das alle meine Freuden vergällt; ein ſchimpf⸗ liches Pfand habe ich, der Herzog, dadurch meinem Volke Beben müſſen, daß es Glauben bekäme an Verſprechungen, ie man mir abdrang; mir habe ich ein Pfand ſetzen ——— müſſen dadurch, daß mein Leben ungefährdet bleibe in meinem väterlichen Stammſchloſſe.— Und darum, nehmt es mir nicht für ungut, darum wurde Euch mein Beſuch; denn ich wollte nicht daheim ſein, wenn ſie ihren gleis⸗ neriſchen Apoſtel Corvinus einholen nach Hannover mit Glockenklang und Vivatruf. Eure Reiher hätten mich nicht gelockt, denn ich träume jetzt andern Fang und an⸗ dere Falkenjagd.— Mit einem Lächeln zweideutiger Art bückte ſich Graf 281 Otto und antwortete höflich: Die Ehre, die dem Schloſſe meiner Voreltern geſchah, deren letzter Sproß ich bin, bleibt gleich hoch, aus welcher Urſach' ſie auch erſchien an meiner Pforte. Doch ſeht, Erlauchter, dort thut ſich eine Ausſicht auf, die pöchſt geeignet iſt, Grillen, wie die Eurigen, zu verſcheuchen. Schon hat mein Nicht⸗ chen und der Hauskaſtellan die Tafel dort geordnet, wo die Wieſe den weichen Fußteppich, die Linde den Balda⸗ chin darbeut, und unſere Damen prangen ſchon wie Jo⸗ hannisblumen im Frühlingsgarten. Man wartet nur auf die Beſitznahme des Ehrenplatzes. Wenn es Euch ge⸗ fällig iſt, ſo laſſe ich für Koch und Kellermeiſter Apell blaſen.— Der Herzog nickte und ſtieg von der Höhe hinunter. Der Graf winkte den Jagdbuben zu, welche in gehöriger Entfernung ihnen die Pferde nachgeführt hatten, und der einladende Ruf der Hörner wurde drun⸗ ten von einer jubelnden Muſik der Schallmeien, der Flö⸗ ten und dem hohlen Gemurr der Keſſelpauke erwidert. Auf einem kurzbegraſeten, ſmaragdgrünen Wieſen⸗ teppiche hatte ſich die Jagdgeſellſchaft geſammelt. Zwei alte Linden, deren blühende Duſtzweige ſich, wie ein Sammetbaldachin mit weißen Perlen durchſtickt, weit aus⸗ breiteten, und die einſt zum Sitz und Merkmal des Gau⸗ gerichts gepflanzt waren, beſchatteten drei wohlausgeſtattete Abendtafeln, und nur ein langer Strahl der ſinkenden Abendſonne ſtrich über die weißen Gedecke und die Sil⸗ berſchalen und die vergoldeten Becher hin, um den Reich⸗ thum des Burggrafen im Doppelglanze zu zeigen. Nahe tönte vom ſpitzen Schieferthurme des Dörſchens Vilſen die ſpäte Betglocke durch den Tumult der Jäger 282 und geſchäftigen Dienſtleute. Weiterhin prangte Bruch⸗ hauſens Schloß auf kahlem Hügel, ferner noch, vom Silberarme der Weſer umfaßt, das alte Stammſchloß der Grafen von Hoya, und dicht vor dem grünen Feſt⸗ platze erhob ſich mählig der Heiligenberg mit ſeinem ſchmucken Laubgebölz, wo in den Gipfeln der höchſten Bäume Drahtneſter hingen, geflochten zum Bett der ſchön⸗ befiederten Reiher, die auch jetzt nach Jahrhunderten der Wanderer dort noch hangen fieht, als ſichere Wiege der großen Wolkenſegler, von denen dort noch immer ein Völkchen gehegt wird, wenn auch ſicher in unſerer Zeit vor der ſcharfen Kralle des verabſchiedeten Falken und der liſtigen Kunſt des Falkoniers. Mit lautem, widrigen Geſchrei umkreiſeten die ſtar⸗ ken Vögel auf ihren ſilberfarbenen Schwingen die Hö⸗ hen des dunkeln Holzes, gleichſam wehklagend über die erwürgten Gefährten, und um ſich zu ermuthigen zu ed⸗ ler Wehr für die Weibchen und die junge Neſtbrut. Um das bunte Türkenzelt, welches noch als Geſchenk her⸗ ſtammte vom ältern Erich und ſeinem Feldzuge gegen die Venetianer, drängten ſich die Falkoniere, die ihre ver⸗ kappten Raubthiere in ſilbernen Reifen trugen, und die Knechte führten die dampfenden Roſſe und die zarten Zel⸗ ter ſorgſam umher, ſie zu kühlen im linden Hauche der Abendluft. Die Damen hatten ſich an die beiden Flügeltafeln geſetzt, und hinter ihren Seſſeln reiheten ſich geſchmückte Junker, mit zierlicher Rede Kampfſpiele beginnend um Herzen und Minneſold. Doch unangerührt ſtanden die Schüſſeln mit Wildpretpaſteten und weitduftenden Schmor⸗ braten und leckerem Geflügel, und die Flaſchen warteten in Unzahl auf des Kellners Schraubenzug, damit ihr 283 gebannter Geiſt frei werde, und andere Geiſter be⸗ zwinge. Da erſchien Herzog Erich und ſein höflicher Wirth im nächſten Baumkranze des Heiligenberges, und ein Drommetentuſch, vor deſſen Gelärm das ganze Reiher⸗ volk aufs Neue verſtört in die Lüfte brauſete, empfing die Herren, und die geſchmückte Geſellſchaft erhob ſich, und begrüßte mit ehrfurchtsvoller Verneigung die Für⸗ ſten. Sobald der Herzog an der Mitteltafel im vergol⸗ deten Ehrenſeſſel, der mit den Hoyaſchen Farben prunkte, und über welchem am Stamme des Baumes die Pa⸗ niere des Grafen mit den Bärenklauen im Goldfelde flatterten, Platz genommen, ordnete ſich ſchnell die ſtatt⸗ liche Jagdcompagnie, und Tafelmeiſter und Mundſchenk wirthſchafteten eilfertig mit gewaltigen Silbermeſſern und klingenden Pokalen, als wollten ſie für eigenen Hunger und Durſt nachholen, was die Saumſeligkeit der Herren verſpätet hatte. Draußen in der freien Natur herrſcht ſelbſt an den Tafeln der Kaiſer und Könige eine feſſelloſere Geſellig⸗ keit. Wenn das Auge in unbegrenzte Räume blickt, wenn die Phantaſie mit den vorbeifliegenden weißen Wolken in ferne Zonen ſchifft, ſo kreucht Alles, was Menſchen groß nennen, zwergicht zuſammen. Das weite, allge⸗ meine Leben der Natur ſchließt zugleich die durch den Harniſch der Convenienz verſchrumpfte Bruſt auf, daß ſie ſich dehnet im langen, erquicklichen Athemzuge, und wird das Irdiſche im Menſchen kleiner draußen unter der blauen, unermeßlichen Domkuppel und neben den braunen Rieſenſäulen der Urbäume, ſo lüftet Gemüth und Seele die weiten Fittiche deſto kräftiger, und das Geiſtige im Menſchen wächſet neben der lebendtodten 284 Vegetation zum Rieſen. Fürſten find auf ſolchen Land⸗ partien milder, offener, zugänglicher, und ihre Diener, ihre Unterthänigſten werden dreiſter, kühner und weniger puppenhaft. Die drückenden Steinmaſſen der Schlöſſer, die ſchwergewölbten Säle, der enge Thron mit ſeinem zuſammengedrängten Glanze ſind darum treffliche Helfer irdiſcher Majeſtät, welche Demuth fordert; doch der krie⸗ geriſche Monarch, der Opfer gebraucht vom Volke und mit den Fäuſten auch Seelenſtärke, Muth und Patriotis⸗ mus, muß von einem Berggipfel herab gebieten, und eine Morgenſonne neben ſich haben als aufrufendes Feld⸗ panier. Auch die Tafeln am Berge wurden bald, nachdem der erſte körperliche Trieb befriedigt worden, Schau⸗ bühnen der fröhlichſten Unterhaltung, denen keinesweges die Mannigfaltigkeit abging, die damals meiſtens den ſteifen Tafelfreuden der Großen mangelte. An dem Mitteltiſche drehete ſich das lebhaft⸗ernſte Geſpräch der Alten, des greiſen Hanſteins, des wackern Holle, des beſonnenen Reden und des tapfern Mandels⸗ loh, und mehrer mannlichen Väter althannoverſcher Edelhäuſer, um die neueſten Zeitbegebenheiten und die Kriegsſcenen im Reiche. Der Herzog war düſter gewor⸗ den und wortkarg, als er geſehen, wie der treffliche hannoverſche Gerſtenwein von klarer Farbe und reinem Schneeſchaume, wie er leider ſelten mehr aus den Braue⸗ reien dieſer Stadt hervorgeht, obgleich er dazumal be⸗ rühmt war durch das ganze Deutſchland, und den er als Geſchenk mitgebracht, nur im geringen Maße bei den erſten Gerichten in hohen, mit gemalten Bildern verzierten Kaiſergläſern getrunken worden, und die Rit⸗ ter bald zu dem köſtlichern Rebengetränk des Wirths 285 übergingen, das beſſer zu munden ſchien. Nun theilte ſogar der Kaſtellan ſein Fäßchen Eimbecker Bieres den jolenden Jagdbub en zu, und Erich ward immer ver⸗ drießlicher, da zugleich das koſtbare Geräth und die üp⸗ pige Gaſterei des Lehnmannes ihn an den Mangel erin⸗ nerte, dem er, der Landesfürſt, oft ausgeſetzt war, und er fand nur Troſt in der Idee, daß dieſe fetten Fluren bald durch den Tod des letzten männlichen Erben ſeinen Krongütern zufallen mußten. Das Geſpräch der alten Edelleute beſänftigte jedoch allmälig ſeinen Unmuth und lockte warmes Wort auf ſeine ſtarre Zunge. Man ſprach nämlich von dem Abfalle des Markgrafen von Branden⸗ burg⸗Bahreuth und von ſeinem wüſten Haufiren in den fränkiſchen Gauen. Der kriegeriſche Albrecht, nachdem er dem Kurfürſten Moritz wacker geholfen, den Kaiſer Karl auf's Haupt zu ſchlagen, war von dem wankelmü⸗ thigen Bündner mit Undank belohnt worden. Losgeſagt hatte ſich der Brandenburger vom Sachſen, und auf ei⸗ gene Rechnung hatte er den Krieg fortgeführt. Der un⸗ ruhige, heftige Feldherr hatte dabei Freund und Feind nicht geſchont, und von beiden die Löhnung für ſeine Panzermänner erhoben. Kurfürſt Moritz ſchloß nun ſchnell einen Vertrag mit dem Kaiſer; nutzte, um ſein Sach⸗ ſenland zu ſichern, einen alten Groll Heinrichs des Wol⸗ fenbüttlers, und verſchwor ſich mit dieſem zu Albrechts Untergange. Aber die fliegenden Reiter dieſes Tollkühnen ſpotteten der beiden Gegner, und bedroheten„ überall und nirgend zugleich, die eigenen Beſitzungen der verbünde⸗ ten Rächer. Schmunzelnd, und den ſpaniſchen Knebelbart gemüth⸗ lich ſtreichelnd, hörte der Herzog das eifrige Geſpräch, wie hier der Katholik aus dieſer Fehde Hoffnung für die 286 Mutterkirche und jüngſtes Gericht für die Ketzer in Mo⸗ ritzens Heerbanne erblühen ſah; wie dort ein alter, ka⸗ lenbergiſcher, narbenvoller Held dem ſtolzen Heinrich den Untergang prophezeihete, da er mit dem Abtrünnigen ſich verbunden und laut den Wunſch ausſprach, die älteſte Linie des Welfenhauſes möchte das ſchiedsrichterliche Schwert ziehen, dem Unfuge ſteuern, und den reichen Vettern bei Gelegenbeit einige Aemter abtrotzen. Einen Pumper voll rheiniſchen Weinblutes erhob der Herzog, und mit eben ſo vieler Würde als Heimlichkeit im Ant⸗ litze, rief er laut dem ihm gegenüberſitzenden Kriegs⸗ manne zu: Euch bringe ich's, tapferer Wrisberg! Auf den Glanz des rechten Kreuzes, Oberſt Chriſtoph, und auf eine baldige Auswetzung für Drakenburg!— Alle alten Herren erhoben ſich, und mit Feuergeſichtern und die harten Hände an der Schwertſeite donnerten ſie wie ein Musketonfeuer denſelben Ruf aus zwanzig rauhen Kehlen.— Tändelnder, wenn auch nicht weniger feurig, ging es an den Seitentafeln zu. Am Tiſche zur Linken nahm den Oberplatz die Rheingräfin Mintha von Rheinſtein ein, des Hoyaers älteſte Nichte. Beinahe verblüht, warb dennoch ihre junoniſche Geſtalt und ein faſt ſengendes Auge, das zu Myſterien einlud und Orgien verſprach, die Anbeter, und der deutſche Kreuzritter und Wenden⸗ zwinger, Godebold von Weyerbach, und der ſchwank⸗ reiche Marſchall Gottſchalk von Hagehuſen mit den ausgebrannten Rollaugen und dem kahlen Scheitel, wett⸗ eiferten, ihr den Hof zu machen, mit Ernſt⸗ und Scherz⸗ waffen. Die kecke Edelfrau, im üppigſten Prunk mit nackten Schultern, ſpottete der Sittſamkeit und Frauen⸗ zucht. Mit eigenem weißen Finger ließ ſie den Pfropf 287 von den langhalſigen franzöſiſchen Flaſchen ſpringen zum grünen Baldachin der Linde hinauf unter dem Jubel der Umgebung, füllte ſelbſt die hohen Paßgläſer der Gäſte und brachte ſelbſt die Trinkſprüche aus, in gelehrter Zier⸗ ſprache den Bacchus lobend, der Ariadne tröſtete, oder alle falſchen Geſellen des Theſeus ſcheltend, oder dem getreuen Orpheus und Seinesgleichen zur Ehre. Der ſtilleſte Kreis umgab die Tafel zur Rechten. Fräu⸗ lein Amala von Neuhof, Otto's jüngſte Richte, führte hier den Vorſitz würdig, und mit der Grazie einer Ko⸗ nigin der Liebeshöfe. Aufgeblühet wie die Centifolie ſüdlicher Gärten; das volle Fleiſch der Arme und der hochgewölbten Bruſt, gemalt mit der Farbe der Lilie, über deren Kelch ein Morgenroth ſtreift; Seele und Ge⸗ fühl im lichtblauen, runden Taubenauge; jede Bewegung von Zucht geregelt, doch von der Charis gelehrt; jedes Wort zart und melodiſch durch Sinn und Ton, regierte ſie den Kreis von ſchönen Rittertöchtern und blühenden Junkern, der ſie umgab, mit dem unſichtbaren Zepter, welchen jedes Weib ihrer Art mit dem Gürtel der mäch⸗ tigen Liebesgöttin zugleich von der Natur ſchon in der Wiege empfing. Auch ihr mangelten die Werber nicht. Da ſaß der tieffinnige ſächſiſche Freiherr Hetwin, den eine Geſandtſchaft des Prinzen Auguſt an die ſchweſter⸗ liche Herzogin Sidonia nach Norden geführt, und ſtarrte ſie mit den tiefliegenden Augen an, als wolle er mit dem Bienenblicke einſaugen den Honig des ſüßgeſchwol⸗ lenen Mundes und die Blume zugleich im geiſtigen Kuſſe. Da horchte der junge Bartold von Mandelsloh, ein Edelſtein der braunſchweigiſchen Ritterſchaft, mit träume⸗ riſcher Glückſeligkeit im ſtrahlenden Nachtauge und mit dem Lächeln des Triumphs auf der leichtumkreiſeten Lippe der Erzählung des Fräuleins von ihrem Kin⸗ derleben auf der Väterburg im Paradieſe der deutſchen Schweiz. Aber nur die Augen ſprachen fromme Wünſche aus; nur feine Huldigung im Bilderworte der Galan⸗ terie wurde gehört, und die Becher klangen nur ſanft aneinander, wie Glockengeläut der Alpenheerde, zum Wohl der Gefeierten. Des Herzogs kriegeriſcher Trinkſpruch ſtörte das ver⸗ ſchiedenartige Einzelleben des Tafelkleebattes, und ver⸗ ſchmolz die Unterhaltung zu einer gemeinſamen. Fehde? Krieg? riefen ſich die Junker zu. Und wo? Und mit wem 2— und der hochgeſtaltete Mandelsloh ergriff freu⸗ dig ſeinen Becher, und brachte den Spruch aus: Alt⸗ braunſchweigs Flor! Möge unſere Helme der junge Lor⸗ beer ſo dicht krönen, wie die der Väter, und mag des edeln, durchlauchtigſten Erichs Wahlſpruch: Ich hoffe Neid! unſer Aller Schilddeviſe werden!— Jubelnd ſtießen alle jungen Ritter die Pokale zuſammen und das Echo von einem Dutzend kaum beflaumter Lippen hallte feurig das ſtolze Wort:„Ich hoffe Neid!“ gegen den Wald hinauf, indeß die Roſen der Frauenwangen bei dem Worte: „Krieg!“ bleicher wurden und manches ſchöne Auge trü⸗ ber auf den Nachbar blickte, der ſo dreiſt und ahnungs⸗ los den Becher ſchwang und bis zum letzten Tropfen leerte auf eigenen Untergang. Es war, als hätte die unerwartete, ernſte Wendung des Feſtes einen geheimen Zauber in ſich getragen und ſchnell des Wunſches Worte zu Geſtalten umgeſchaffen, denn auf der Straße am Berge ſah man plötzlich einen kriegeriſchen Zug erſcheinen und ſich dem Thale der Fröh⸗ lichkeit nähern. Je unvermutheter die Gäſte kamen, je mehr zogen ſie die Aufmerkſamkeit Aller auf ſich. 289 Ein Haufen vollig gerüſteter Reiſigen mit drohenden, langen Speeren, etwa zwanzig ſtark, ritt paarweiſe am Hügel hin. An ihrer Spitze erkannte man bald zwei vornehme Führer auf geſchmückten Streithengſten, denen zwei Knappen die bewimpelte Lanze und den goldgerän⸗ derten Schild nachtrugen. Der Eine der Rittersleute war ein junger, eben ge⸗ reifter Mann. Seine Geſichtszüge erſchienen edel und geiſtreich; ſeine Wangen hatte die Sonne gebräunt, doch färbte ſie die Blüte geſunder Kraft; ein kaſtanien⸗ brauner, zierlich geſchnittener Bart ſchmückte Mund und Kinn; braune Locken drängten ſich unter dem ſtahlblauen Halbhelme hervor, der ohne Viſier und Halsring nur Scheitel und Nacken ſchirmte; ſein Wuchs war von mittler Größe, muskelvoll, doch ſchlank, und wacker ſtand dem Reiter die enganſchließende Kleidung von gelbem Gemsleder, die am Halſe ein breiter Spitzenkragen, am Schooße eine lichtblaue Seidenſchärpe abſchnitt und im Bügel die hellbraunen Stiefeln mit Silberrande und Silberſporen bauſchig umſchloſſen. Ein blauer Wimpel an der Lanzenſpitze und der ſilberne Birkenzweig auf dem Schilde unter dem Wahlſpruche:„Durch Ehr' ge⸗ hoben, durch Lieb gebogen!“ ließen den Näherkommenden als einen Bekannten erkennen und zerſtäubten die Unruhen in der Geſellſchaft. Sein Gefährte war ein Fremder, unſcheinbar neben ihm, doch von furchtbarerem Aeußern. Eine faſt koloſ⸗ ſale Geſtalt mit markvollen Gliedern, ein Antlitz voll trotziger Züge, rauher noch durch einen langhangenden, ſpaniſchen Knebelbart und eine breite, friſchrothe Narbe, die vom Auge herab Mundwinkel und Kinn zu ſpalten ſchien, drohete aus einem groben, dunkelgrünen Waffenrocke Blumenhagen. XI. 19 290 hervor; unpolirt war der ſchwere Helm, den eine einzelne Adlerfeder putzte; ein gleicher Bruſtharniſch und ein brei⸗ tes Schwert vollendeten das gefährliche Bild, und auf dem Schilde glühte eine brennende Goldfackel, und weiß und ſchwarz getheilt züngelte der baumhohen Lanze Wim⸗ pel im Abendwinde. Am Rande des Gehölzes, wo der wackere Falkonier in Trauer um ſein getödtetes Thier, den Schmaus ver⸗ ſchmähend, ſich beſchäftigte, unter einem wilden Roſen⸗ gebüſch ſeinem Edelfalken ein kleines Grab zu bereiten, pielten die Fremden an, und nachdem der Jäger ihre Fragen beantwortet, ſaßen ſie beide raſch ab, ließen die dampfenden Hengſte in den Händen der Knappen und kamen herab zur Wieſe auf die Tafeln zu. So wie der jüngere und ſchönere der beiden Gäſte ſeinen Stahlhut abgenommen, und ſich das dunkele Lo⸗ ckenhaar von der Stirn geſchüttelt hatte, entſtand ein freudiges Gemurmel im Zirkel der Damen, und Graf Otto von Hoya erhob ſich freundlichen Geſichts vom Seſſel. Sieh da, unſer Hauptmann Hartwig! ſprach er grü⸗ ßend mit Auge und Hand. Iſt der Abenteurer endlich der großen Wallfahrt müde geworden und kehrt zum Neſte des alten Freundes zurück? Willkommen, herzlich willkommen zuſammt dem Gefährten, deſſen Werth der Führer verbürgt!— Anſtändig verbeugte ſich rundum der Angeſprochene; ſein trotziger Begleiter nickte nur leichthin und ſah ſich, auf das Schwert gelehnt, mit freien, ſcharfen Blicken in der Geſellſchaft um. Aller Augen waren auf den ſchlanken Hartwig gerichtet, nur Herzog Erich ließ mit ſichtlicher Beunruhigung den finſtern, ungehobelten Begleiter 291 deſſelben nicht aus dem Auge, und der ſächſiſche Freiherr Oetwin theilte dieſe geſpannte Aufmerkſamkeit, und die Gegenwart des düſtern Fremdlings hatte ſein Blut ſo bewegt, daß in jeder Sekunde Röthe und Bläſſe auf ſeinen Wangen wechſelte wie Ebbe und Flut. Gar minnigliche Damen, gar achtbare Edelherren! begann der junge Ankömmling dann mit Anſtand ſeine ehrfurchtsvolle Gegenrede. Wenn mein Gedächtniß unter den Freunden im Vaterlande nicht gänzlich verklungen iſt, ſo habe ich ſolchen Preis nicht unverdient gewonnen, denn meine Seele war immer hier, mochte Kriegsgetön oder Friedensjubel mich umfangen, und des Heimwehs kranke Sehnſucht hielt mein Herz immerdar dicht umſpon⸗ nen, wie der Kanker die Frühlingsfliege. Ich floh von hier ohne Abſchied, gegen Sitte und feine Artigkeit; de⸗ müthig darum Verzeihung zu erbitten, ſei mein erſtes Geſchäft. Die Entſchuldigung dafür iſt mein Geheimniß, und beleidigte ich Jemand dadurch, ſo erräth es dieſer vielleicht; indeß den Uebrigen der Glaube genügen muß, daß Hartwig Teufel von Birkenſee ſchweren unbezwing⸗ baren Grund haben mußte, wenn er die Sitte verletzte.— Setzet einen Preis, Junker, und wir errathen Euer Räthſel, rief keck der Marſchall Hagehuſen. Ich wette, ein Teufel vertrieb den andern, und wäre es auch nur ein kleines Liebesteufelchen geweſen.— Euer Witz iſt im verwichenen, dürren Sommer ver⸗ trocknet, Gottſchalk, entgegnete Hartwig kalt und ohne Stachel im Tone, daß Ihr ſpielen möget mit dem Bei⸗ namen meines ſtreitdürſtigen, kriegsluſtigen, aber ſonft gar braven Ahnherrn. Es gibt gefallene Engel, die groß blieben im Falle, und die Gemeinheit kann nicht ihr Richter ſein. Nachher mehr davon, wenn es belieben ſollte. Jetzt 292 habe ich zu meinem erlauchten Herrn zu reden. Mein Herzog, wandte er ſich zu Erich, und der Fremde in dem ſchmutzigen Eiſenanzuge horchte erſtaunt auf, und ſeine Miene ſprach es deutlich aus, daß er in dem ungeſchmückten Manne nicht den Landesherrn vermuthet hatte; ich bringe Euch einen Gaſt, einen Freund Eures Schwertes und Wappenſchildes. Er bat mich um Geleit zu Euch dur die fremden Gauen, und da ich einen Dienſt darin ſah für Euch und das Vaterland, ſo verweigerte ich den Ritt nicht, meinend, Ihr könntet vielleicht mein in dieſer Zeit auch anderswo bedürfen.— Schnell erhob ſich der Herzog, und trat auf den Frem⸗ den zu. Beide ſahen ſich einen Augenblick ſtarr an, als wollten ſie ihren Werth wechſelnd meſſen und erkundigen, dann ſchlugen ſie kräftig die Hände ineinander, und ei⸗ fernd in wechſelſeitiger würdevoller Hochſtellung, führte der Herzog den rauhen Gaſt zu ſeinem eigenen Ehren⸗ ſeſſel, ſetzte ſich dicht an ſeine Linke und vertiefte ſich ſofort mit ihm in ein leiſes, vertrauliches Geſpräch zur Verwunderung der Geſellſchaft, die ſolche Auszeichnung mit Erichs Stolze und ſeinem herben Weſen nicht zu reimen wußte, und von welcher Mehre anfingen, unter dem groben, grünen Kleide eine gar ausgezeichnete und hohe Perſon zu vermuthen. Indem dieſes vorging, ließ die Rheingräfin Mintha, der man aus dem unſteten Leuchten der Augen und der Wechſelglut der Wangen das ſchlecht⸗verhehlte Wohlge⸗ fallen am Ritter Hartwig abſah, einen hohen Pokal mit rheiniſchem Weine füllen, und bot dem Ritter ſelbſt mit zarter, runder Hand den Willkommenstrunk. Es iſt lange, daß wir Euch keinen Becher kredenzen durften, ſagte ſie, in den Ton ihrer Stimme jene natür⸗ 293 liche Freundlichkeit legend, die ſo leicht die MWännerherzen anzieht, welche bei ihr aber ſeit lange nur Komödienſpiel geworden. Laßt mich die erſte ſein, die ſolchen Frauen⸗ dienſt erfüllt, und näſſet Eure beredte Lippe, damit Ihr uns hernach recht Vieles erzählen könnet von fremden Städten, und dem Putz der Edelfrauen dorten, ihren Banketten und Euerm Minneglück unter ihnen.— Hartwig warf einen ſprechenden Blick zur Tafel rechts, dann nahm er den Pokal mit ehrfurchtsvollem Danke, und leerte ihn auf das Wohl der Schönen. Finſter ſah der Kreuzritter Godebold darein, und ſprach mit ſpöttiſch auf⸗ geworfenem Munde: Wie möget Ihr alſo fragen, ſchbne Frau, und öffentlich Beichte hören wollen? Herr von Birkenſee war ja vordem immer wie ein verſchloſſener Schrein, zu dem kein Schlüſſel paßte. Seine Courtviſie war ſo zarter Natur, daß ſie das ganze Geſchlecht an⸗ betete, daß ſie allen Damen galt, und keine ſich rühmen konnte, ſeine alleinige Zwingerin zu ſein. Seitdem hat er, wie wir gehört, nicht Zeit gehabt, zu ſolchem Minne⸗ ſpiele, denn gleich dem Mammeluk hat er gedient mit dem Schwerte, wem die Fortuna gerade hold erſchien, heut dem Katholik und morgen dem Ketzer, ja nach dem Poſſauer Vergleich beiden zugleich, dem Kaiſer und dem Kurfürſten gegen die Türken, obgleich er veſſer für den Osmanli hätte fechten mögen, da ſeine Minnenatur zum Glauben der Ungläubigen ſich wohl geeignet hätte.— Ihr ſeid irre, Herr Comthur, entriß der witzige Gott⸗ ſchalk ihm das Wort, wenn Ihr uns den Freund als einen polniſchen Bären abconterfeit, der im Würgen ſeine Luſt geſucht. Wiſſen wir doch, daß er eine gute Zeit ſeiner Abweſenheit unter Zunftmeiſtern und ehrſamen Hand⸗ werksgenoſſen verbrachte, daß er in die Schule ging vei 294 dem Schuhmacher⸗Amtsmeiſter Hans Sachs zu Nürn⸗ berg, mit Fiedlern und Meiſterſängern gar ehrenvolle Turniere ielt, die Tabulatur aus dem Grunde erlernte, in der räucherigen Herberge und Zeche nicht allein im Freiſingen Ruhm erwarb, ſondern ſogar bei dem Haupt⸗ ſingen die königliche Ehre genoß, aus eines Merkers Hand — ich glaube, der Kampfrichter war noch dazu ein ſchmutzi⸗ ger Fleiſcherknecht— den weißen Roſenkranz zu empfangen.— Mehre der Gäſte belachten laut den Panegyrikus des Witzboldes; Andere ſahen ängſtlich auf den von Birken⸗ ſee, und beſorgten jäh⸗ausbrechenden Streit. Doch Ritter Hartwig ſtand ruhig da und lächelte. Ich vergebe Euch den bittern Liebesneid, Ihr guten Herren, ſagte er heiter, wenn auch Euer Unmuth keine Urſache hat. Freilich iſt, was mich von hier trieb, ein Räthſel, das nur der zu löſen vermag, dem das Schickſal ein Aehnliches in das Leben warf. Mein Schwert iſt nun einmal kein roſtig Ahnenſchwert an der Burgwand, ſon⸗ dern ein junggeſchmiedetes, lebendiges Eiſen, das in der engen Scheide keine Ruhe hat. Aber das gute Schwert, ſo glücklich es ſchlug, trieb den Unmuth nicht fort, der hinter mir auf der Satteldecke Platz genommen. Da ge⸗ dachte ich der Kunſt, und wie ſie Blut und Leidenſchaft beſänftigt, und ſuchte ſie.— Aha! rief Gottſchalk. Da habt Ihr mit dem feiſten Hanswurſt einen Krug bairiſch Bier getheilt, und ſeid mit dem ſchlanken Arlechino auf den Fechtboden gegangen, pölzerne Schwerter zu zerſchlagen.— Hätte ich den deutſchen Tafelnarren ſuchen wollen, hätte mein Pferd im Stalle bleiben mögen! antwortete verächtlich der mannhafte Sprecher.— Das war grob, Marſchall! Schreibt's in das Taſchen⸗ 295 buch! ſagte halblaut der Kreuzritter. Hartwig aber wandte ſich unwirſch zur rechten Tafel hin, und fuhr in ſeiner Vertheidigung fort. Ihr kennt die Kunſt, die ich meine, ſprach er, Du mein Ernſt, mein Bartold, und keinem Damenherzen iſt ſie fremd, ſie, die tief im Gemüthe wohnt, und der be⸗ ſeligende Engel iſt für Glückliche, der tröſtende Engel für Leidende, und der warnende für die Strauchelnden. Ich gedachte der Minneſänger, der Schüler Veldecks, die ſchöneren Frauendienſt übten als wir, und deren Lieder den Ruhm der Dame unſterblicher machten, als Turnier⸗ preiſe und blutige Schilde, wie wir ſie zu ihren Füßen legen. Ich trauerte um Lichtenſtein und Eſchenbach und Oſterdingen, und fühlte mich zweihundert Jahre zu ſpät geboren. In das Schwabenland zog es mich, ihre Gräber zu ſuchen, und ihnen auf ihren Hügeln nachzuſingen von der Minne,„die der Tugend Hort iſt, und lehrt die Sünde lan! Von der Minne, die iſt zweier Herzen Wonne, theilen ſie gleich.“— Ich fand die Gräber, aber erſtaunt ſah ich daneben ſitzen ſchlichte Bürgersleute, welche den Schatz, den die Ritter verſchmäht, wieder aufgegra⸗ ben, und ſchön aufgeputzt,wenn auch nach ihrer ſtädti⸗ ſchen Weiſe. Ich weilte bei ihnen, und daß ich zurück⸗ kehren konnte gefaßt und beruhigt in die Heimath meines Grams, daß der tolle Ungeſtüm ein milder Schmerz ge⸗ worden, das danke ich dem Saitenſpiele des Schuſters Sachs, das danke ich den weißen Roſen der verachteten Zünftler.—. Nur Eines fehlet jetzt noch zur Beichte des Minne⸗ kranken, trotzte Godebold hervor, indem er aufſtand, und nach dem langen Schwerte ſich umſah, das hinter ihm im Graſesboden ſteckte.— Und das iſt? fragte Hartwig. 296 — Daß Ihr den Gram uns nennet, und die Dame, die ihn ſchuf, antwortete der Kreuzherr hoffärtig, damit man weiß, ob es der Mühe lohnt, des Meiſterſängers Zither zu zertreten.— Da fuhr der Graf von Hoya zwiſchen den beginnenden Streit, und ſagte halb ernſthaft, halb launig: Reſpekt dem Gaſtrecht, meine Herren! Ihr ſitzet hier nicht im Convente, Comthur, und habt nicht zu fragen, wie man Servienten und Ordensknappen inquirirt. Der Hartwig iſt wie Sohn geweſen auf meinen Schlöſſern, und ſo will ich ihn gehalten ſehen, hat er auch das alte Vaterherz gekränkt durch ſeine Flucht. Um meine Nichten ſchien er einſt zu werben, und weiß es Gott! ich hätte ihm Keine verſagt, und hätte er, wie der Gleichen⸗Graf, beide zu⸗ ſammen nehmen wollen. Doch den Handel haſt Du Dir verdorben, Freundchen. Siehſt Du, wie ßattliche Freier beide belagern? Die da links haſt Du erkannt am Sta⸗ chelworte und Feindesblicke, und rechter Hand ſitzen Deine Waffengeſellen, der Mandelsloh und der Oldershauſen, und als neueſter Werber der feine Sachſenbaron; da iſt kein Platz geblieben für den Ausreißer. Gib Dich darein, braver Burſch, und ſinge uns lieber ein Lied, wie es die Meiſter Nürnbergs Dich gelehrt zum Preiſe der Damen, und zeige uns, daß der Ruf von Dir uns nicht gelogen. Eppo, bring' Deine Spitzharfe, damit wir zum Feſtſchluß einmal eine andere Mufika hören als euer Gedudel!— Der Spielmann trat aus dem Kreiſe der Muſikanten, und brachte dem Ritter die Harfe. Hartwig winkte ſeinem Leibknappen, der ihm einen niedern Schemel in die Mitte des Raſenplatzes ſetzte, und ſich ein Waldhorn holte zum gewohnten Geleit der Saiten ſeines Herrn. Die Weiſe iſt eine Melodei der Gondelfahrer in Ve⸗ ) 297 netia, ſagte der Sänger, indem cr die Harfe ſtimmte, und die Strophen gab mir das Heimweh ein, als ich in der Gondel des öſtlichen Landes ſchwamm, und nach dem Weſthimmel ſchaute, wo die Sonne niederſank.— Alle horchten ftill; und nach einigen ſanften Vorgriffen ſang der Ritter zu einer ſchwermüthig⸗milden Melodie fol⸗ gende Verſe, indem er zugleich gewandt durch die gelben und weißen Saiten griff. Wo Huld im Antlitz wohn't, Wohlklang auf Lippen thron't, Da prangt die Krone des Schönen! Wo Wangen Anmuth malt, Seele vem Auge ſtrahlt, Weilet das Zepter des Schönen! D'rum knie'n von Glut erfüllt Vor Dir, Du Engelbild, Alle Verehrer des Schönen! Jeder, der ge ſtig lebt, Herz, das empfindend bebt, huldigt der Fürſtin des Schönen! Erwartungsvoll blieben Alle ſtumm, als die Harfen⸗ töne zart verklungen waren, und das Horn nur noch ein leiſes Echo nachhauchte, denn Jeder wußte, es mußte noch etwas folgen als zum Liede gehörig. Und mit glän⸗ zenden Augen ſtand der Sänger auf, ging entſchloſſen auf die Tafel zur Rechten los, kniete vor dem Seſſel des Fräuleins von Neuhof in das Gras, neigte ſein lockiges Haupt, und legte die Spitzbarfe zu ihren Füßen nieder. Die Mehrzahl der Geſellſchaft klatſchte Beifall. Ernſt von Oldershauſen rief: Mein Herz ſchlägt nach, was er geſungen!— Bartold von Mandelsloh legte ihm die Hand auf den Scheitel, und ſprach: Deine Harfe iſt kühner als mein Mund, aber beide ſind wahrhaftig!— Nur 298 Freiherr Oetwin ſchaute giftig von der Seite, und ſeine Hand haftete unwillkürlich am Golbhefte ſeines Gürtel⸗ dolchs. Fräulein Amala aber erhob ſich mit Anſtand; ein dunkles Roth übergoß ihre Wangen, und ſeelenvoller als je ſtrahlte das Auge darüber wie eine aufgehende Sonne über der flüchtigen Morgenröthe. Eine volle Roſe nahm ſie aus dem weitbauchigen Gefäße, welches mit Blütenzweigen gefüllt, die Mitte der Tafel zierte, und mit einer Silbernadel heftete ſie die Blume der Liebes⸗ göttin an die Bruſt des Knienden. Bravo! ſprach der alte Graf; die Rheingräfin Mintha aber ſtieß ungeſtüm ihren Seſſel zurück und ſagte mit Haſt: Herr Ohm, es iſt Zeit zum Aufbruch! Giftiger Thau entquillt dem Graſe, verderblich für die Frauen⸗ haut, wie wahnwitzige Schmeichelei für Kinderherzen.— Störend zerriß der herriſche Befehl die Poeſie der ſchönſten Scene. Amala ſah nur noch, wie mit betend⸗gefaltenen Händen Hartwig die Roſe feſtpreßte an ſeine Bruſt, und ſeine dunkeln Augen wie in einem Thränenſchleier ver⸗ ſchwammen. Das Getümmel wirrte Alle durcheinander, und Jeder brach auf nach den Schlöſſern Bruchhauſen und Hoya, je nachdem der Wirth früher den zahlreichen Gäſten die Quartiere hatte anweiſen laſſen. Der Tag lag noch im Kampfe mit der langſam flie⸗ henden Nacht, und die höchſten Kupferſpitzen der alt⸗ gothiſchen Thürmchen und Zinnen, die das Schloß zu Hoya gleich einem Trabantenkreiſe umgaben, beſtreifte der erſte ſchwefelgelbe Morgenſtrahl, da ſchnoben ſchon einige Pferde in einem der innern Schloßhöfe, von dem eine Seitenpforte in das Feld hinunter führte. 299 Außer dem Burgwart, der die Glieder dehnend und laut gähnend über die hochfliegende Thurmbrüſtung des Hauptthors ins Feld blickte, ſchien noch Niemand wach in dem weitläufigen Geväude; dennoch trat der Freiherr aus Sachſen, Herr Oetwin, im Reiſekleide leiſe aus ſeiner Zimmerthür, die auf eine offene Gallerie führte, von der man in die Baumgipfel des Schloßgartens hin⸗ abſah. Sein Knecht folgte ihm mit einem gepackten Man⸗ telſacke auf den Schultern. Mit umrandeten, trüben Augen und allen Anzeichen einer ſchlafloſen Nacht ſah er forſchend umher, ſpürte in den Garten hinaus, und als er drunten in der Gegend des Flügels, worin die Damen wohnten, ein leiſes Harfenſpiel durch die Gebüſche flüſtern hörte, ballten ſich ſeine Fäuſte, er drückte den Federhut tief auf die Stirn herab, und ging raſchen, doch verſtohlenen Fluchtſchrittes die Gallerie hinunter. Aber bleich, wie das einer Leiche, wurde ſein Geſicht, als ihm hier, wo der Gang ſich zur Wendeltreppe umbog, der koloſſale Fremde mit der blutrothen Wangennarbe den Weg ver⸗ trat. Nur das grüne Wollenwamms deckte die ſtarke Geſtalt; um das markirte Antlitz und die große Stirn ſtarrten die ungeringelten Haare empor in wüſten Grup⸗ pen; das blanke, lange Schwert hielt er unter dem linken Arme, und mit ſcharfen, eiskalten Blicken faßte er den Erſchrockenen ins Auge. Oetwin war einige Augenblicke unentſchloſſen, dann nahm er ſich auf, und vorbeiſchreitend ſagte er mit leichter Höflichkeit, der man jedoch den Zwang abhörte: Schon wach, Herr Markgraf? Da darf ich ein freundlich Lebe⸗ wohl Euch ſagen, und forſchen, ob Ihr Beſtellung habt in das Sachſenland, wohin mich drängende Befehle rufen. — Markgraf Albrecht von Brandenburg, denn dieſer 300 kühne Feldherr war es ſelbſt, gab dem glatten Höflinge den Weg nicht frei. Bleibt bei der Wahrheit, Freiherr, antwortete er mit rauher Stimme. Meine Ankunft iſt es, die Euch ver⸗ treibt von dieſem Liebeshofe, und Ihr gebt den Minne⸗ kuß auf für den Botenlohn, den Euch bei dem Moritz die große Poſt einbringen muß, der Albrecht weile bei dem Erich, und bereite giftige Schüſſeln zu des Kurfürſten und ſeiner Bündner Todesmahlzeit.— Mit niedergeſenkten Augen ſtand Oetwin und tonnte die Antwort nicht finden. Hinunter zu Deinen Pferden! donnerte der Markgraf da dem Knechte zu, welcher gaf⸗ fend ſtand, doch auf das rauhe Commandowort mit ſeinem Reiſebündel ſchnell die Wendelſtiege hinunter ſtolperte. Wie ſie allein ſtanden, ließ der Markgraf ſein bloßes Eiſen herabfallen in die linke Hand, und hielt es dem Freiherrn entgegen. Eure Beſtürzung, Herr Oetwin, ſagte er ernſt, verräth mir, daß Ihr wiſſet, wie ich ſtehe gegen Euch, und daß Ihr meinem Schwerte verfallen ſeid.— Wie das, Herr Markgraf? ſtotterte der junge Mann, Ihr ſürchtet— 2 Fürchten? lachte der Brandenburger laut auf, und verächtlich ſetzte er hinzu: Albrecht hat Kaiſer und Reich nicht gefürchtet, hat die Edelſteine von der Biſchofsmütze und den Juwel vom Kurhute geriſſen nach ſeinem Gelüſt, und ſollte einen armſeligen Krautjunker ſcheuen? Hätte ich gefürchtet, dann hätte Euer armes Herzlein auf meiner Schwertſpitze längſt ausgezittert. Doch wir können gute Freunde werden, ſobald Ihr möget, fuhr er im mildern Tone fort, und Oetwin ſchöpfte Athem tief und lang, indeß der Fürſt ſich nachläſſig auf das Geländer der Gal⸗ lerie lehnte. Sehet, ſprach er, zweierlei Urſache kann 301 Statt gehabt haben bei unſerm wunderſamen Zuſammen⸗ treffen hier in der fremden Burg. Entweder hat der feine Fuchs Moritz die Lunte meiner Hakenſchützen gerochen, die nach Norden zog, und hat Euch als Spion geſchickt, um meine Fährte auszuwittern. Oder er trauete Eurer Zunge nicht, als er wiederum ſolch eine Mißgeburt von Bündniß abſchloß mit dem katholiſchen Wolſenbüttel gegen ſeinen lutheriſchen Zeltkumpan, und brachte Euch darum durch ſo eine Strumpfbandpoſt an die Schweſter aus dem Wege.— Der Unmuth ſchlug vor aus den wechſelnden Gefühlen auf Oetwins Geſicht, und ſtolz und faſt barſch antwor⸗ tete er: Ihr irret, Herr Markgraf! Mein Herr, der Kurfürſt, achtet ſeine Hofherren und die Junker ſeiner erſten Häuſer höher, als Ihr gewohnt ſeid, die Haupt⸗ leute Eurer zuſammengeblaſenen Feldcompagnien zu ſchätzen.— Erbost Euch nicht, junger Menſch, lächelte Albrecht höhniſch. War ich doch ſelbſt dabei, als er Euch den Geiſterſeher ſchalt, wegen einer Geſchichte auf der Für⸗ ſtenſchule, wo man Euch durch Mönchs ſpuk wieder katho⸗ liſch machen wollte.— Oetwin biß ſeine Lippe wund aus Ingrimm. Laſſen wir das jetzt! brach da, plötzlich traulich und faſt gütig werdend„der kriegeriſche Feldherr ab. Hört mich aufmerkſam an, Freiherr, und beachtet wohl, was ich zu Euch rede, beachtet es als Zeugniß, daß ich Euch für mehr halte, als der Kurfürſt Euch je gehalten hat. Es iſt wahrlich zu verwundern, wie Ihr und alle ſäch⸗ ſiſchen Edeln Vertrauen haben können zu dieſem Moritz, und wie Ihr Euren Lebenskahn an dieſes flüchtige Fre⸗ gattſchiff knüpfen möget, das keinen Hafen kennt. Wem hat er Wort gehalten heute, dem er es nicht morgen 302 gebrochen? Wiſſet Ihr, ob er ein Proteſtant iſt oder ein Römiſcher? Mit beiden hat er das Feldbette getheilt und den Becher. Könnet Ihr dem vertrauen, der den eigenen, tapfern Schwiegervater ſo lange in der ſchmählichen Haft des Kaiſers ließ? Auch mir, dem Offenherzigen, hat er Wiegenlieder vorgefungen; ſo wie er vom kleinen Her⸗ zoge zum erſten Reichsfürſten ſtieg, ſo verſprach er auch mich groß zu machen. Ich habe ihm Wort gehalten, meine Fauſt war neben ihm, mein Schwert ſchützte ſeine Stirn. Da ſchloß er in Paſſau Verträge, ohne meiner zu gedenken, und da ich meine Kriegskoſten eintreibe zur eigenen Hand in den Städten der Pfaffen und Pfaffen⸗ fürſten, klagt er, der Wortbrüchige, vor dem Reiche mich an, ſchließet Bündniſſe mit dem Bamberger Biſchofe und dieſem Wolfenvüttler, und will mein Frankenland mit Krieg beziehen. Aber mein fliegend Heer iſt raſcher, wie ſeine langſamen Colonnen. In ſeiner Bündner Land trage ich zuerſt den Krieg, und er mag ſich wahren, denn Mark⸗ graf Albrecht iſt heiß im Haſſe, wie in der Liebe, und ich habe ihm den Tod auf meinen Bart geſchworen.— Oetwin ſah den ergrimmten Krieger, der mehr ſprach, als Klugheit gebot, mit lauernden Blicken an, dann be⸗ merkte er fein: Dennoch thut Ihr wie Er, und ſucht die Freundſchaft der Katholiſchen.— Dieſer Herzog Erich iſt faſt eine Null im Regimente. Luther ſelbſt hat früh ſchon ſein Urtheil abgeſprochen über ihn gegen den wackern Corvin, als der ſechzehnjährige Prinz vor ihm Pſalme beten mußte zu Meißen, und ſein ſpäterer Rücktritt zum Papſtthume beurkundet den pro⸗ phetiſchen Geiſt des Reformators, antwortete Albrecht mürriſch; aber ſeine Mutter führt die Zügel, und ſie iſt die beſte Proteſtantin im deutſchen Reiche.— Oetwin ſtand uneniſchlo ſtarken Schritten in Geda im Garten, und eine —* 303 Indem ertönte lauter und ſt Blumen rauben ſie der Flur, Die der Zauber der Natur Schöner doch an Dir entfaltet, Als ſie liebend Dich geſtaltet. Alle Kelche, die ſie faſſen, Jeder Kranz, den ſie gewunden, Jeder Strauß, den ſie gebunden Müſſen ja vor Dir erblaſſen. 7 Und in weichen Liebesklängen, In melrdiſch-ſüßen Tönen, Die ſich neidiſch zu Dir drängen Singen ſie das Lob der Schönen. Arme Leute, eitles Müh'n! Denn die Seelenharmonien: Die von Deinen Lippen zieh'n, Kann kein Saitenſpiel verkünden, Kann kein Reimgeklingel finden. So umdrängt den Sonnentag Ein entzückenvoll Getümmel; Jeder freut ſich, daß der Himmel Auch für ihn geöffnet lag, Wenn Dein Auge klar und hell Huldvoll zu ihm niederſprach, Und Dein Geiſt, ein ew'ger Quell, Auf den friſchen Silberwogen Willenlos ihn fortgezogen. Einer nur flieht ſtumm und fern, Aus der Glücklichen Gewühle, Drängt ſich nicht zum Irrlichkſpiele Das ihm flecket ſeinen Stern. ſſen; der Markgraf ſchritt mit nken vertieft die Gallerie auf ärker die Muſik von geſtern her bekannte Mannes⸗ ſang verſtändliche Worte aus den Gebüſchen. 304 Ideal, das er mit Bangen In der Seele früh gehegt, Und mit frommer Lieb' gepflegt, Steht in Wirklichkeit und Tag Da vor ſeinen trunk'nen Blicken, Bringt ihm Schmerz in dem Entzücken, Ruft aus Tod zum Leben wach. Aber weh! der Lebensſtern Steht am kalten Himmelsblau Ihm wie Ewigkeit zu fern; Sieht zur blumenloſen Au Auf den Pfad ſo hart und rauh, Wo der Sänger wall', herab. Wie auf eines Fremdlings Grab. Doch hat nichts Dir noch gefehlt, In dem Rauſche der Triumphe? Und hat nimmer bange, dumpfe Leere Dich im Glanz gequält? Haſt Du in geweihten Stunden Wirklich ſchon den Freund gefunden, Der Dich ſelbſt, Dich ganz verſtanden, Der mit demant ſtarken Banden Dich und ſich zugleich umwand, Wahrhaft Deinen Werth verſtand? Der nicht Deinem Siegeszuge„ Sinnenſchwach ſich angereiht, Sondern kühn im Sonnenfluge Geiſt und Seele Dir geweiht?— Schweige Harfe, ſchweige ſtill! Plaudernd haſt Du mehr vertündet, Als der ſtille Sänger will. Wenn Dich Todesflor umwindet, Sag' Ihr nur noch leiſe, leiſe, In der Saiten ſchönſter Weiſe, Daß Ihr Glück das meine iſt, Wenn ſie mich auch nie vermißt.— 305 Der Markgraf hatte geduldig und Beifall lächelnd dem unſichtbaren Spielmanne zugehört, ohne indeß den Freiherrn aus den Augen zu laſſen, auf den das Morgen⸗ lied des Nebenbuhlers ſichtbaren Eindruck machte. Oet⸗ wins bleiche Wange war hochroth geworden, ſein glanz⸗ loſes Auge glühte gleich der Kohle im Aſchenhaufen unter dem ſchlichten Blondhaar der Stirn hervor, und der fleiſchloſe Körper ſtellte ſich kräftig wie zum Schwert⸗ kampfe, indeß die Hand mechaniſch zählend die feinen Federn des Buſches am Hute durch die Finger gleiten ließ. Wäre ich die Dame, ſprach jetzt der Fürſt, ſich wieder nähernd, ſolch Loblied brächte die Seelenfeſtung ſofort zur Uebergabe, und der Sänger dort unten ſchlägt wahr⸗ lich Zither und Schwert gleich wacker. Ihr ſeid ja auch wohl ein Mitbewerber um den gemeinten Herzenspreis 2 Armer Junker! Wo habt Ihr Waffen gegen das? Wenig habe ich gehört von Euch in den letzten Feldſchlachten. Ihr habt als Kammerherr dem Herrn das feuchte Hemd gewechſelt, habt in Eurem Schloſſe Almerich Händel ge⸗ ſchlichtet zwiſchen Köchin und Stallmagd; das ſind Ver⸗ dienſte, welche keine Dame fangen. Und wenn Ihr nun gar in dieſes Braunſchweig einbrecht hinter dem Wolfe drein mit meuteriſchen Rotten„welche das Vaterland der Herzensdame verheeren und den rothen Hahn ihr auf das Schloßdach ſetzen; glaubt Ihr, man würde Euch lieben für die Frevel?— Oetwin drückte ſeine geballte Fauſt gegen die Stirn. O ich kenne dieſe Amala, murmelte er. Sie iſt ſo pa⸗ triotiſch, als wäre ſie der erſtgeborene Junker ihres Grafen⸗ hauſes. Dummkopf ich, daß ich zu dieſem Botenritte mich hergab, wo ich als verrätheriſcher Spion erſcheine, ohne es zu wiſſen und ohne ſelbſt im Vertrauen zu ſein.— Blumenhagen, XI, 20 306 Ihr dauert mich, Junker! entgegnete mit Humor der Markgraf. Möget Ihr hier wieder erſcheinen als Sie⸗ ger oder Bezwungener, kommt Ihr mit dem Moritz, ſo treibt man euch mit Fußtritten von der Schwelle, wie den räudigen Hund.— Und ich ſah ſie zuviel für meine Ruhe, zu wenig für mein Glück, und fühle tief, mein Leben iſt abgeern⸗ tet ohne ſie! ſeufzte Oetwin.— Nun ſo bin ich ja als Mittelsmann und Retter zur Stelle, fiel Albrecht raſch ein. Ohne Opfer gibt es kei⸗ nen Preis in der Liebe wie im Kriegesfelde. Fallet ab von dieſem Herrn, der Euch verachtet, tretet herüber zu mir, wo der Boden feſt iſt und werdet zuvor mein Rä⸗ cher; das reichſte Rittergut in meinem Lande iſt dafür Euch zugeſagt auf Fürſtenwort. Und wenn Ihr mir ein⸗ ſtens Moritzens Schärpe bringt, auf die ſein Herzblut ſich ergoſſen, ſo ſollt ihr einen Brautwerber an mir fin⸗ den, dem der alte Graf die ſchöne Nichte nicht abſchla⸗ gen darf, oder ich müßte nicht der Albrecht ſein, vor dem ganz Deutſchland erbebt.— Markgraf! Stoßet Euer Eiſen durch meinen Leib, denn dieſe Minute iſt eine Qual der Hölle! rief der ver⸗ zweifelnde Junker.— Ihr ſeid kein Mönchskumpan, kein Kapuzenträger, wie Euch der Moritz ſchalt! lachte hohnvoll der Fürſt.— Da öffnete ſich im Schloßflügel gegenüber das buntbe⸗ malte Fenſter, und Amala im leichten Morgenkleide legte ſich lauſchend hinaus und vor der Weiße ihrer Bruſt und Arme und vor dem Glanze ihrer Stirn wurden die flie⸗ genden Morgenwölchen grau und die Lilien des Gartens ſchmutzig. Vertrauet mir! Laßt mich reiſen! ſprach der Junker 307 haſtig und mit beklemmten Athemzügen. Ihr ſollt von mir hören!— So nehmet dieſen kleinen Siegelring! entgegnete eben ſo haſtig der Markgraf. Ihr werdet auf meine Reiter treffen und würdet ohne das nicht durchkommen. Kehret mit der Todesbotſchaft des Feindes und ich löſe gegen den goldenen Ring meine goldigeren Verſprechungen aus.— Beide trennten ſich nach verſchiedenen Seiten und Oet⸗ win warf ſich erhitzt gleich einem Trunkenen auf ſein Pferd am Pförtchen. Der Garten des Schloſſes beſtand eigentlich nur aus zwei breiten Baumgängen, die der Gärtner in Kreuzes⸗ form mitten durch ein natürliches Hölzchen gezogen, wel⸗ ches man bei dem erſten Bau des Schloſſes unberührt gelaſſen und mit in die hohen Mauern eingezwängt hatte. Seitdem die beiden Schweſtern des Herrn verſtorben und die ſchönen Nichten eingezogen waren, entſtand auf Be⸗ fehl der galanten Herrinnen hier eine Laube von han⸗ gendem Geißblatte, dort ein runder Raſenſitz mitten im Fliederbuſch, dort ein Gitterkabinet von hochſtämmigem Roſengebüſch. Einige Plätze wurden zu freundlichen, weichen Grasſtücken gelichtet, näher dem Schloſſe mehre herzförmige Beete zu Zierpflanzen angelegt und mit ei⸗ nem grünen Schutzgatter umgeben, damit zwei zarte Rehe, Amala's Lieblinge, nicht des Gärtners Fleiß ver⸗ derben könnten. Mitten im dichten Roſenbuſch, von einer Hangebirke verdeckt, ſaß der adelige Meiſterſänger mit ſeiner Harfe, ſeine Phantaſien ausfingend in die Morgenluft, welche 308 in ſtiller, unheimlicher Schwüle den heißen Gewittertag ankündigte. Sein Lied war verklungen, ſeine gedanken⸗ ſchwere Stirn war auf den Seraphskopf herabgeſunken, welcher die Spitze der Harfe zierte, und eines der zar⸗ ten, gefleckten Rehe zupfte und fraß zahm und traulich an der Roſe von geſtern, die er in der ſchlaffen Hand hielt. Da fühlte er von weicher Hand ſein Lockenhaar berührt, ein weißes Seidenkleid ſtrahlte vom Boden auf blendend in ſeine trüben Augen, und er fuhr mit einer Empfin⸗ dung empor, die aus Schreck und Freude geboren war. Aber ſchnell, wie Märzſchnee vor dem Mittage, ſchmolz ſeine flüchtige Hoffnung, denn nicht das Abgottsbild ſei⸗ ner Träume, ſondern die Rheingräfin Mintha ſtand ne⸗ ben ihm und blitzte ihn mit den großen, verwegenen Augenſternen an. Als er aufſtehen wollte, ſie in Ehr⸗ furcht zu begrüßen, drückte ſie ihn nieder und nahm ſchnell Platz ihm zur Seite, ihre warme Hand legend auf die ſeinige, welche das Saitenſpiel hielt und darum nicht ausweichen konnte. Ihr ſeid kränker wiedergekehrt, Freund Hartwig, ſagte ſie ſanft, kränker, als da Ihr ginget.— Ich bin geſund, entgegnete er ſtutzend, des ſonderba⸗ ren Eingangs wegen; geſund, Frau Gräfin, davon hoffe ich Euren Ohm und den Herzog bald zu überzeugen.— Vor zwei Jahren triebet Ihr Euch zwiſchen uns in wortloſer, finſterer Melancholie herum, fuhr die hochge⸗ ſtaltete Frau fort; Ihr verfielet ſichtlich, und die, welchen Ihr wirklich lieb waret, fühlten ſchmerzliches Mitleid und hatten Sorge um Euch. Jetzt ſeid Ihr heimgekehrt mit einer neuen Krankheit, die keinem Manne gut läßt, wenn er ſie offen darlegt. Gleich einem ſchmachtenden Hirten ſeid Ihr aufgetreten mit einem Seufzer am Munde 309 und einer Klage im Heldenauge. Ich ſah den Spott und Hohn auf allen Geſichtern, und das thut mir dop⸗ pelt weh, weil ich mehr als Alle weiß, wie viel Ihr werth ſeid, und weil der Preis, nach dem Eure kranke Sehnſucht zu ringen ſcheint, nicht würdig iſt, daß ein edel Gemüth ſich härmet darum und abſtirbt wie der Baum ohne Sonnenlicht.— Erbittert ſah der Ritter auf mit feindſeligen Gedan⸗ ken, die aber auf der Lippe hangen blieben, als er ſeine Nachbarin betrachtete. Mintha war heute verführeriſch wie die Potiphar. Der weiße Morgenanzug war ſo durchſichtig, daß er, wie ein Schleierwölkchen vor dem Monde, alle ihre Fülle durchſchimmern ließ und noch verlockender machte; ihre Geſichtszüge hatten etwas Kind⸗ liches, Wahres, wie Hartwig nie zuvor an ihr bemerkt, und die Glut des Auges ſchien von lauterem Gefühle geweckt und bewegte den Mann wunderſam. Wer unter den Männern hat nicht ſchon erfahren, wie auch weniger ſchöne, weniger tugendſame Frauen reizvoll erſcheinen und gefährlich werden in Minuten, wo ein wahrhaftes Gefühl ſie bewegt und ihr künſtliches Gewohnheitsleben der Natur erliegt?— Hartwig erſchrack über die ſelt⸗ ſame Wärme, die wie ein elektriſcher Schlag durch ſeine Adern hinflog, und er konnte nichts ſagen als: Könnet Ihr beweiſen, Frau Gräfin, wo Ihr verläſtert 2— Traulich rückte Mintha zu ihm und ihr nackter Arm be⸗ rührte leichtgelegt ſeine Schulter. Hartwig, ſagte ſie, wir waren lange Spielgenoſſen; Du hatteſt immer vor Allen Vertrauen zu mir; ich war Deine Dame auf der Wieſe; Du holteſt mir die gelbe Iris vom gefährlichen Ufer der Weſer, Du mir das Finkenneſt mit der niedlichen Brut aus dem Buchen⸗ ———————— 3 gipfel; ich lohnte Dir mit Schweſterliebe, und Du wareſt der Erſte in meinem Herzen.— Und als der reiche Rheingraf warb, war das Alles zuſammt dem armen Hartwig vergeſſen! unterbrach ſie Bir⸗ kenſee, indem er leicht das Haupt ſchüttelte, worin die Seele auch von jenen Erinnerungen träumeriſch bewegt wurde.— Befahl der Onkel nicht? fragte die erglühete Witt⸗ frau. Und widerſprach oder bat der ſtumme Freund mit einem Worte? Die jüngere Baſe niſtete ſich damals ein, und die Neuheit umzog das unſtete, veränderliche Knabenherz mit friſchem Rauſche. O Hartwig, Du weißt es nicht, wie viel ich litt und wie viel ich opferte!— Man ſah Euch im Fackeltanze die Opferung eben nicht an, entgegnete Hartwig bitter. Und die rauſchen⸗ den Ballfeſte, der fröhliche Mummenſchanz trugen keine Spur von Qual und geheimer Seelenpein.— Wollt ihr rohen Männer Weibergefühl wägen? Könnt ihr Frauenherzen belauſchen mit harten, verſchloſſenen Sinnen? antwortete Mintha aufgereizt und ſich ſtets mehr erhitzend. Du haſt keinen Reſt von jener Zunei⸗ gung mehr in Dir. Wohl, ich will Dich aufgeben; ich will wie bisher die einzige wahrhafte Empfindung mei⸗ nes Herzens verkappen mit dem Faſtnachtskleide der gro⸗ ßen Welt und der Narrenjacke der Geſelligkeit. Der Mann, von dem allein ich wünſche, nicht verkannt zu werden, verſteht mich nicht mehr, oder iſt zu hochmüthig und eigenliebig, mich nicht erkennen zu wollen. Dennoch ſoll Deine Rauhheit mich nicht abhalten, die ſchweſter⸗ liche Pflicht der Warnerin zu üben gegen den Undank⸗ baren und Halsſtarrigen. Hüte Dich, Hartwig, vor dieſer glatthäutigen Baſe! Sie iſt ein blumenbedeckter Abgrund. Ihre Unſchuld iſt Kälte des Gemüths. Sie 311 empfindet nicht, und ihr Triumph iſt, Empfindungen zu erwecken, ohne jemals an die hingebende Befriedigung zu denken. Die Kokette will Allen gefallen, aber ihr Spiegel iſt ihr einziger beglückter Liebling, denn das ei⸗ gene Bild bleibt ihr Götze. Willſt Du ſolchem Schand⸗ dienſte Dich hingeben? Willſt Du Deine Männlichkeit auf ſolcher Galeere abmühen, und hälſt Du es für fei⸗ nen Ruhm, dem Zuge ihrer Hofnarren Dich anzuſchlie⸗ ßen? Verſuche es, aber wenn Du ſpät erwacheſt, dann widme eine Minute des Dankes der Freundin, die Dich vergebens warnte, weil—— weil ſie Dich mehr liebte als ſich, und weil der weibliche Stolz ihr weniger galt, als Dein Glück, und ſie weibliche Ziererei verſchmähte, da Du Gefahr liefeſt.— Mintha neigte ihren braunen Lockenkopf an Hartwigs Schulter und er fühlte durch den leichten Spitzenkragen ſeines Nackens den heißen Athem ihres üppiggeſchwolle⸗ nen Mundes. Er hob die Arme, ſie zu umfangen, nicht in Liebe, ſondern von einem nie gekannten Schmerz er⸗ griffen, der ein verwandtes Weſen zur Stütze bedurfte; da ſah er durch die Zweige der Hangebirke Amala her⸗ austreten auf den Balkon im Roſakleide, der hohe Man⸗ delsloh war mit ihr, und beider Blicke ſchienen in leb⸗ hafter Unterhaltung freundliche Gedanken zu tauſchen. Raſch fuhr Hartwig vom Sitz auf, wie in Verzweif⸗ lung, doch gehalten und halb umfangen von der ſchönen Frau. Lüge iſt es, nichts als Lüge! rief er. Und wäre es nicht Lüge, ſo iſt der thörichte Traum dennoch ſchö⸗ ner als alle Wirklichkeit, und der Abend, der den Traum gebar, mag auch den Tod bringen, wenn nur der Traum andauert, bis das Herz ſtille ſteht!— Seine heftige Stimme hatte Spaziergänger heran⸗ 312 gelockt. Der hitzige Godebold ſtand vor ihnen und ſah mit Tigerblicken auf die ſeltſame Gruppe, die an Pha⸗ raos Königin erinnern mußte. Schnell beſonnen ſtand die Gräfin auf. Ruhig, Weyer⸗ bach! heiſchte ſie mit Hohnlachen dem Kreuzritter zu. Eine kluge Schweſter las hier dem thörichten Bruder die Meſſe, und da er ein unheilbarer Narr iſt, ſo wird ſie ihm durch die Zofe ihr Leibband ſenden, damit er ohne Zögern ſich aufhängen mag am Birkenaſte.— So nahm ſie vertraulich Godebolds Arm und zog ihn mit ſich fort zum Schloſſe. Hartwig aber ſtürzte unmuthig ſeine Harfe um in das Roſengebüſch und verdeckte, auf den Raſen nieder⸗ ſitzend, im tiefſten aller Seelenſchmerzen ſein erblichenes Angeſicht mit den tapfern Händen, und weich werdend wie ein geſchlagener Knabe in Scham und Gram, quoll eine Einzelthräne aus dem geſchloſſenen Augenlide, die er mit Ingrimm zerdrückte. Der Trompeter blies vom Altan des Schloſſes zum Frühimbiß und die Herren durcheilten die langen Burg⸗ gänge von allen Seiten her, um nicht die letzten zu ſein im Ahnenſaale. Auch Birkenſee wurde geweckt durch den kriegeriſchen Schall aus ſeiner unmännlichen Verſunken⸗ heit, doch dachte er nicht an den Becher und die Schüſ⸗ ſel, ſondern an blutige Entſcheidung, und das ſchnellſte Mittel, ſeinen Seelenkampf und Schmerz mit einem Streiche beendet zu ſehen. Als er im Schloſſe zum Saale hinaufſtieg, traf er an der Thür des Kloſets der Rheingräfin dieſe ſelbſt und den Kreuzritter, der von ihr einen Abſchied nahm, der auf traulichſtes Einverſtändniß ſchließen ließ. Mintha's 313 Geſicht übergoß die brennendrothe Farbe der vollen Päonie, als ſie den Joſeph ihrer Gartenſcene erblickte, und ſie flüchtete eiligſt zurück hinter die ſchöngeſchnitzte Thür. Gode⸗ bold aber trat barſch auf den Ritter zu, und faßte derb ſeine Hand. Wer die Dame beleidigte, deren Farbe ich trage, ſagte er hart, iſt meiner Klinge ein Blutſpiel ſchuldig; verſtehet Ihr mich, mein Herr von Singſang?— Wie Ihr wollet! antwortete Hartwig faſt tonlos. Doch verwundert's mich, daß der Comthur neben der heiligen Maria einer irdi⸗ ſchen Dame huldigen darf, und nicht den Scheiterhaufen ſeines Großmeiſters fürchtet.— Poſſen! lachte Weyerbach. Mein Kapitel ſitzt fern im Wendenlande. Alſo topp, Ihr kommt, Herr von Birkenſee, ſobald ich rufe; denn hier ſind wir Gäſte, und des Wirthes Burgfrieden muß uns doppelt heilig ſein um der Dame willen.— So klirrte er mit den ſchweren Sporen die Steintreppe hinab. Hart⸗ wig ſah ihm mit matten Augen nach. Alles befeindet mich, ſprach er mit Abgeſpanntheit in ſich hinein, und ich ſtöre doch Niemands Frieden, weil ich weiß, daß dem Menſchen Alles fehlt, wenn ihm die innere Ruhe entfloh.— Da öffnete ſich ihm gegenüber Amala's Kloſet. Ihre freundliche Geſtalt, umgeben von einem Mädchenkreiſe, zeigte ſich, und der ſchlanke Bartold von Mandelsloh be⸗ urlaubte ſich mit einem Handkuſſe von ihr, und trat dann heraus mit einem Antlitze, auf welchem Liebe und Glück erglänzten. Hartwig wandte die Augen; Bartold aber umfaßte ihn im Fortgehen inniglich. Vom Liebesſpiele zur Schlacht, Bruder, ſo lieb' ich's! rief er mit einer Siegerſtimme. Krieg gibt es, Geſell, darum freuet mich Deine Ankunft zwiefach, denn wir ſind 314 wieder Zeltkameraden wie ſonſt; nicht wahr, Hart⸗ wig?— Hartwig nickte wehmüthig dem ſchönen Kriegsmanne zu, und antwortete halblaut: Krieg und ein guter Reiter⸗ 6 darin, das iſt der beſte Wunſch für Unſeresglei⸗ en.— Oder ein Siegestag und daheim der Lohn für Blut und Tageshitze! jubelte Bartold.— Birkenſee aber ſchüt⸗ telte unglaubig das Haupt, und ſie traten Arm in Arm ein in den Saal durch die große eichene Flügelpforte. An der Frühſtückstafel gab es ein lebenvolles Ge⸗ dräng. Alte und junge Ritter pokulirten fröhlich durch einander. Herzog Erich und der Markgraf allein befan⸗ den ſich an des Saales oberem Ende, und vor ihnen ſtand in ehrfurchtsvoller Beugung ein bürgerlicher Krie⸗ gesmann, der ſo eben angelangt ſchien, im weiten brau⸗ nen Mantelkleide, vorn bis zum Knie herab mit Silber⸗ knöpfen bebuckelt, in ſteifer, radförmiger Halskrauſe, auf welcher der Spitzbart ſich wiegte, am breiten, weißen Gehänge den Degen tragend, und in der Hand den klei⸗ nen Federhut und die großen Stulp⸗Handſchuhe. So ſei es denn kein Geheimniß mehr! ſagte der Her⸗ zog laut. Dieſer ehrſame Stadthauptmann aus Bremen überbringt uns den Gruß der Seeſtädte. Sie find unſer, ſobald wir unſerm Herzogthume Religionsfreiheit gege⸗ ben, und ihre Schaaren ſtehen marſchfertig für uns. Krieg dann, meine Herren, Krieg gegen Wolfenbüttel und Sachſen. Hier des Markgrafen, unſeres edlen Vetter, Völker nahen ſchon der braunſchweigiſchen Grenze. Die Stadt Braunſchweig, erbittert auf den ungerechten Lan⸗ desherrn, fällt uns zu. Aufgebrochen darum, meine Freunde! Wir gedenken nach Hannover zu eilen, um zu 315 hören, ob die erlauchte Mutter unſerem Entſchluſſe nichts Widerwärtiges zu entgegnen habe. Der Markgraf bot ſeine breite Rechte dem Herzoge zum Handſchlage. Ihr ſeid entſchloſſen, Vetter, ſo mögen denn alle Schleier fallen, ſprach er mit tönender Stimme. Ehe denn ich Euch ſah, war ich ſchon geheim bei der Fürſtin Eliſabeth. Sie iſt eine Brandenburgerin, und meine Ehrenſache daher auch die Ihrige. Sie billigt Alles, ſie wünſcht dieſen Kriegeszug, denn ſie hofft davon die Wiedergeburt des Glanzes von Eurem Hauſe; hofft da⸗ von, ſetzte er leiſer hinzu, Gewinn für den neuen Glau⸗ ben in Eurem Herzen.— Erich ſchien überraſcht, und ſeine Stirn runzelte ſich, doch auch der unangenehmſten Empfindung beſtändig Herr, nahm er den größten Becher, und trank ſeinem Gefähr⸗ ten Glück zu im neuen Kriegeszuge. Die ganze Runde ſtimmte ein, als ſich eine Seitenthür öffnete, und der Graf von Hoya die Damen in den Saal führte. Erlaubt, edle Herren, daß ich gegen die Sitte zu die⸗ ſer Stunde meine weiblichen Gäſte geleiten darf in dieſen Kreis. Die Pferde werden geſattelt, und die Knechte packen das Reiſezeug. Sei es denn auch den Fräuleins vergönnt, Abſchied zu nehmen von ihren Freunden. Aus guter, alter Zeit wiſſen wir noch, wie ein Spruch aus ſchönem Munde wohl thut vor dem Aufſitzen, und wie ſolch Scheidewort zu mannlicher That entzündet.— Ein allgemeiner Beifall erſchallte der Rede nach, und die ritterlichen Jünglinge drängten ſich eilfertig zwiſchen den ſchönglänzenden Damenzug, und jeder mühete ſich galant in den zierlichſten Abſchiedsreden. Nur Hartwig von Birkenſee trat in ein hochgewölbtes Bogenfenſter, und ſtarrte in den Gewitterhimmel hinaus. Viele der 316 Damen vertheilten Schleifen und Armbänder von man⸗ nichfacher Farbe an ihre Buhlen und Anbeter, mehre mit blaſſen Wangen und thränenfeuchten Augen; Amala aber ſtand tieffinnig, und ſchien kaum zu vernehmen, was der hochgewachſene Mandelsloh und der heitere Ernſt von Ol⸗ dershauſen ihr zuflüſterten. Da trat der Erſtere in die Mitte des Zimmers. Ehrſamer Burgherr! begann er mit leuchtenden Au⸗ gen. Liebe entflammt zur Edelthat, war Euer gewichtig Wort; aber laßt mich hinzufügen, die glückliche oder die hoffende Liebe. Minne ohne Troſt ſucht den Tod, und ſtürzt ſich in die ſcharfen Lanzenwälder ohne Zweck. Faſt alle Kampfgenoſſen ſehe ich geſchmückt mit der Farbe ih⸗ rer Damen, nur mir und zwei lieben Waffenbrüdern fehlt der Schmuck. Sollte unſere Werbung ſo werthlos ſein, daß nicht einmal die Dame der Wahl Einen von uns würdig hielte, ein grünes Hoffnungsreis aus ihrer Hand an der Helmzier zu tragen?— Ihr fordert nichts Ungebührliches, entgegnete Graf Otto, und hat meine Amala die Werbung nicht zurück⸗ geſtoßen, darf ſie in ſolch ernſtem Augenblicke auch die ernſte Antwort nicht verweigern.— Fräulein Amala erhob das ſchöne Köpfchen im Reich⸗ thume der blonden Locken, doch um das ſonſt ſo klare Auge blieb ein Wolkenkreis der Schwermuth gelagert. Iſt die Minute, wo der Soldat hinauszieht in den Tod, eine gute Zeit, um Bündniſſe zu ſchließen für das häusliche Friedensleben? fragte ſie mit weicher Weh⸗ muthsſtimme. Haltet Ihr es gerecht, der Braut ſtatt der erſten, freudigen Verlöbnißgabe den Witwengram darzu⸗ bieten, welchen der ausziehende Eheherr der Hausfrau zurückläßt? O zwinget mir keine Entſcheidung ab, jetzt 317 nicht, nur jetzt nicht, denn ſeltſame, ſchwere Ahnungen ziehen vor meinem Auge in bleichen Geſtalten an den Wänden dieſes Saales hin, und die Bilder meiner Ur⸗ großmütter ſcheinen mit thränenvollen Augen mich an⸗ zublicken.— Sie ſagte das ſo ſchauerlich, faltete dabei die Hände ſo inbrünſtig zuſammen, und zugleich verdunkelte die her⸗ anrauſchende Gewitterwolke den Saal dermaßen, daß die Fräuleins ſich furchtſam zuſammendrängten, und die tän⸗ delnden Junker verſtummten. Und dennoch, zürnet nicht Holdſeligſte, dennoch fordere ich Entſcheidung! ſprach Bartold mit klingender Stimme durch die Stille. Ein innerer, unbezwinglicher Geiſt treibt mich. Hat Euer Herz den Edlern erkieſen, ſo werde ich ihn hochpreiſen und den Ehrentod ſuchen. Nen⸗ net Ihr aber meinen Namen als den des Glücklichſten, dann ziehe ich fort, des Sieges gewiß; rieſenſtark macht mich dann das Bild des Brauttages, ich fordere die Ge⸗ fahr heraus, das Schickſal hat dann kein Recht an mir, und dem Tode ſelbſt darf ich trotzen, denn unſterblich iſt ſolches Glück und ſolch ein Glücklicher.— Ein ſchwefelweißer Blitz fuhr vor den hohen Fenſtern wie eine Lichtdecke herab, und gleich darnach krachte ein Donnerſchlag nieder, daß die bunten Scheiben klirrten, die Bilder an den Wänden bebten, und die Pfeiler der Burg zu wanken ſchienen. Lautes Geſchrei kreiſchte ein⸗ tönig durch die Geſellſchaft, und alle ſtanden wie geblendet. Hartwig trat erſchüttert zu dem Freunde und um⸗ faßte ihn lebhaft. Du haſt die Unſichtbaren heraufgefor⸗ dert, ſagte er haſtig mit Beklemmung, es war unbeſon⸗ nen; doch ſie haben geantwortet, und was da kommen mag, ich theile es mit Dir.— 318 Nur die Braut nicht, fiel roh ſcherzend der Markgraf ein, den die plötzliche Erſtarrung des frohen Lebens un⸗ angenehm berührte, und dem die Furcht, welche die Ge⸗ ſellſchaft ſichtlich ergriffen, als ein böſes Omen für ſeine Unternehmung galt. Solche Theilung leidet weder Pfaff noch Prädikant. Das Fräulein mit ſolchem Sturmlaufe zu ängſtigen, iſt gegen gute Zucht und Manier. Mir ſcheint's, die drei Werber, dieſe redenden und mein ſin⸗ gender Reiſegefährte, ſind ſämmtlich ſo wackerer Art, daß es der ſcharffinnigſten Frau ſchwer werden möchte, ſofort ſich Einen, als den beſten derſelben, zum Vogt ihres Hau⸗ ſes und zum Rekruten ihres Regiments heraus zu holen. So mag das Fräulein auch wohl noch unentſchieden ſein, und dem Sprüchlein: Zeit bricht Roſen! vertrauen. Darum thue ich einen Vorſchlag nach altem Gebrauche. Fräu⸗ lein von Neuhof gebe jedwedem der Werber ein gleiches Pfand ihrer Gunſt mit in den Feldzug, als Handgeld auf braven Reiterdienſt und Treue, und ſie verſpreche zugleich den höchſten Anſpruch auf ihre Zuneigung dem⸗ jenigen, welcher aus nächſter Schlacht das ſchönſte Beute⸗ ſtück, am ehrenvollſten und gefährlichſten gewonnen, ihr zu Füßen legt.— Recht ſo! nickte der alte Graf. Das heißt deutſche Ordnung. Gewann doch der Herr von Neuhof Deine Mutter auch im Turnier zu Dresden ſeinen Mitwerbern ab, und hier iſt der Preis höher gehalten, denn ſchwar⸗ zer Ernſt und kein Schimpfſpiel mag ihn erringen.— Amala, welcher man anſah, daß ſie auf jede Weiſe ihrer quälenden Lage zu entfliehen wünſchte, ergriff ſchnell das melonenförmige Körbchen, welches am blanken Sil⸗ berkettchen ihr an der Hüfte hing, zog daraus die Scheere hervor und löſete zugleich die roſenfarbene, mit Silber⸗ 319 ſternen durchſtickte Schärpe, die ihren üppigen Wuchs umſchloß. In drei gleiche Theile zerſchnitt ſie den Pracht⸗ ſchmuck und reichte den beiden Knieenden, Bartold und Ernſt, jedem eines der Seidenſtücke dar. Des Kurfürſten Heeresfahne bringe ich zurück dafür! jauchzte der Oldershauſen, hochhaltend die rothe Zier. Und verlangtet Ihr den Eiſenhandſchuh von Moritzens rechter Fauſt dafür, ich gelobte und brächte mit Gott die ſtolze Beute heim! rief im Entzücken der Mandelsloh und heftete die Damengabe an ſein Baret. Verſprecht weniger, Junker, und haltet das Zwie⸗ fache! fiel der Markgraf Albrecht ein. Aber der dritte Werber ſteht fern? Wird mein Reiſekumpan verſchmähen, was ihm zugedacht iſt? Oder waren ſeine Lieder nur Lügenſang nach Dichterart, und iſt ihm der Dank nicht hoch genug für die Mühe.— Mit raſchen Schritten trat haſtig Hartwig heran; man ſah ihm an, wie der Sturm der Gefühle in ihm arbei⸗ tete. Fräulein, ſprach er, und ſein düſterer Blick tauchte tief in Amala's Seelenſpiegel; hoffnungsloſe Minne ſucht den Tod, und darum ſolltet Ihr mir lieber den Trauer⸗ ſchleier, den Ihr trugt, wie ich zum erſten Male Euch ſah, zum Feldzeichen geben, als ſolch funkelndes Flit⸗ terband, das an tauſend Lebensfreuden erinnert.— Seht Ihr nicht, Hauptmann, wie es dort blau wird am Himmel hinter dem forteilenden Gewitter? entgeg⸗ nete Fräulein Neuhof. Aufgeben ſollte der Weiſe nichts, der Mann an nichts verzweifeln.— Es gibt Wünſche, die ſich überfliegen, antwortete Hartwig, und dann zäumt der Mann den Wunſch wie ein unbändig Roß, ehe das Thier den Herrn bezwingt. Auch der Weiſeſte ſchmiegt ſich dem Schickſale.— 320 Das Schickſal ſpielt mit Menſchenherzen, ſagte Amala faſt accentlos, aber das Herz ſpielt auch oftmals mit Menſchenſchickſalen. Ritter Birkenſee wird meinem Feld⸗ zeichen Ehre bringen, und ſoll dabei eingedenk ſein, daß die ſchöne Lebensſonne für Alle leuchtet, die da leben.— Für Alle! lallte Hartwig nach mit finſterm Geſicht, indem er Mintha's Wort bedachte, und faſt kalt empfing er das Damenzeichen und hielt es ungeſchickt in der er⸗ ſchlafften Hand. Die Damen zogen ſich zurück, doch in der Flügelpforte fiel noch ein einziger Blick aus den Au⸗ gen der Neuhof zurück und traf in Hartwigs Seele wie der erſte Lichtſtrahl in das Auge eines geheilten Blinden, und wie außer ſich fuhr er empor, umfaßte ſeine beiden Kampfgeſellen und commandirte in ihrer engen Umar⸗ mung, als hielte er vor ſeiner Compagnie: Zum Ein⸗ vruch! Lanzen nieder! Schilde hoch! Das Leben unter dieſer Roſenfahne iſt Himmel; der Tod auf ihr aber iſt Leben!— und der entfernte Donner murmelte hinten⸗ drein, wie ein Echo ſeines Ausrufs. An einem trüben, wolkigen Morgen belebte eine un⸗ gewöhnliche Unruhe die anſehnliche Stadt Hannover. Am Rathhauſe ſah man die Bürgerwache in den Stadtfar⸗ ben, dunkelblau und grasgrün, vollzähliger als gewöhn⸗ lich aufziehen. Die Capitäne und Wacheherren ſtolzir⸗ ten in hohen Stiefeln und filberbeſetzten Staatsröcken ſchon früh geſchäftig in den Straßen und an den Ecken der Plätze, vorzüglich in der Gegend der Hauptkirche zu St. Georg und Jakob, ſammelten ſich geſprächige Volks⸗ haufen.— Vor der großen Herberge, die Iſernporte genannt, 321 an der Ecke belegen, welche die Marktſtraße und das Grüttemacker⸗ oder Röſeler⸗Gäßchen bilden, hielten des Herzogs ſpaniſche Soldaten die Wacht, ſtarre Figuren mit braungeſengten Geſichtern, in ihren Scharlachröcken und mit der ſchweren Luntenbüchſe auf den Schultern anzuſehen wie Grenzwächter zwiſchen zwei Zeitaltern. Ihre Züge glichen unveränderlichen Masken, denn ſelbſt der Hohn und Haß, den die vorübergehenden Bürger, bei denen fie zu Plack und Qual der Hausmütter lange ſchon im Quartier gelegen, in Miene und Wort aus⸗ drückten, änderte nichts an ihnen. In dem Hauptzimmer der Herberge ſaß der Herzog Erich, umringt von einigen Herren der Landſchaft und mehren ehrenfeſten Männern des Stadtrathes. Vielfache Scripturen lagen auf dem grünen Tiſche vor ihnen, und an den Wänden hinter den breiten Seſſeln warteten ſchweigend die Junker und Hofherren des Fürſten, unter denen Einige durch die beſtaubten Wappenröcke und Stie⸗ feln, wie auch durch die erhitzten Geſichter, als eben angekommene Boten ſich anzeigten, deren Botſchaft in ihrer Wichtigkeit den ſcharfen Nachtritt gefordert hatte. Jetzt hörte man die ſpaniſchen Wachen vor dem Hauſe klingend und hart ins Gewehr treten, und ein ſchwerer Wagen raſſelte auf dem Pflaſter. Es war Frau Eliſa⸗ beth, die Herzogin Mutter, und vor ihrem Wagen ritt die Prinzeß Katharina im Querſattel ihren Zelter, und Markgraf Albrecht, heute fürſtlich geputzt, ließ ſeinen Streithengſt neben dem zarten Frauenthiere im ſtrengen Zügel Schulkünſte zeigen. Der Herzog trat in Ehrfurcht der Mutter entgegen, küßte ihren Handſchuh und führte ſie zum Seſſel, doch Blumenhagen. Rl. 21 mit düſterm Angeſichte grüßte er den Markgraf und hielt ihm ein ſo eben erbrochenes Schreiben entgegen. Ich muß Euch meine Unzufriedenheit geſtehen, Herr Vetter! begann er unfreundlich. Das iſt nicht gut ge⸗ than in Landſchaften, die zum Stammerbe Eures Bun⸗ desgenoſſen gehören und immer noch einmal unſerer Li⸗ nie zufallen können. Als Ihr Stadt Nürnberg blockirtet, Altorf verbranntet mit Maus und Mann und die Bi⸗ ſchöfe von Bamberg und Würzburg aus ihren Reſiden⸗ zen triebet, mochtet Ihr es immerhin ſo mit Euren Sol⸗ daten halten. Aber hier iſt der Fall anders, und der ſcharfgeſpannte Bogen wird in unſerer Hand zerbrechen, ehe wir noch den Pfeil darauf gelegt.— Albrecht machte böſe Augen und fragte unwillig: Was geſchah denn ſo Arges? Und ohne Vorſermon, wenn es Euch beliebt, Vetter Herzog!— Da leſet ſelbſt, fuhr Erich fort. Drei Hiobsboten ka⸗ men in einer Stunde. Euer General, Graf Vollrath von Mansfeld, hauſet im braunſchweigiſchen Gebiete, daß es Sünde und Schande iſt vor Gott und Welt. Er hat in Hildesheim ebenfalls gebrannt und gebrandſchatzet bis auf Haut und Blut, und vergeſſen, daß er Chriſt iſt unter Chriſten. Das ſind Türkengräuel, die alle Reichs⸗ fürſten empören und uns auf den Hals hetzen müſſen.— Meine Völker ſind im Felde nur Soldaten, und Feld⸗ pater duldet meine wilde Jagd nicht, antwortete Al⸗ brecht und zog die breite Unterlippe ſpöttiſch zum Kinne herab. Faſſen ſollten ſie den Feind, wie Blitz aus blauem Himmel, und ſein Mark zerſchmettern, daß er zum Stehen keine Kraft behielt; thaten ſie das, ſo thaten ſie nur ihre Schuldigkeit.— Aber ſind wir ſo weit, daß die Vernunſt die Ordre 323 geben konnte zum Schwertziehen? fiel Erich pitzig dar⸗ ein. Leſet nur und ſchauet die Frucht Eurer Voreilig⸗ keit. Noch ſind unſere Truppen nicht geſammelt; noch ſind die tapfern Göttinger unterweges, noch hat die Stadt Braunſchweig ihr Hülfsvolk nicht zu uns geſtellt und die Seeſtädte haben kaum ihre Rüſtung begonnen. Euer Gelärm hat indeß den alten bärtigen Heinrich aus ſei⸗ ner Ruhe aufgeſcheucht. Die Heerhaufen, die ſein Sohn Pbilipp Magnus gen Franken führte, ſind umgekehrt, in Eile durch Stift Halberſtadt gezogen und bedrohen unſer Land. Unſere Poppenburg iſt von den Wolfenbütt⸗ lern verbrannt, und Flugboten melden, daß der Kur⸗ fürſt ſelbſt im flüchtigſten Eilmarſche von Nordhauſen heranzieht.— Laßt ſie kommen, rief Albrecht, unſere Schwerter ſind Mailänderſtahl und ſcharf wie die ihren.— Aber Vetter, begann jetzt die Herzogin, Eure Kriegs⸗ begier hat uns den Vortheil entriſſen und ihn dem Feinde gegeben. Sie find gerüſtet und unſere Ausſchreiben ſind kaum im Lande umhergetragen.— Und meine Landſchaft zögert mit der Kriegsſteuer! ſetzte Erich verdießlich hin⸗ zu.— Eure Schuld, Herr Herzog! entgegnete Albrecht mit Ingrimm. Warum führt Ihr ſolch Regiment im Erb⸗ lande, ſolch ſchwaches Fürſtenwort, als hätten Euch die Ahnen die Weiberſpindel ſtatt des Zepters hinterlaſſen 2— Erich fuhr zornig vom Seſſel in die Höhe, Frau Eli⸗ ſabeth aber hielt ſeine Hand feſt. Ruhig, Ihr Bluts⸗ freunde! ſprach ſie beſänftigend. Nur Eintracht und Be⸗ ſonnenheit können hier Gewinn bringen. Zanken die Fürſten, möchten die Herren da am Tiſche nicht rathſam finden, gemeine Sache mit ihnen zu machen.— 324 Mutter, Mutter, antwortete Erich mit verhaltenem Zorne, Ihr habt uns da in ein ſchlimmes Bündniß ver⸗ wickelt, und das Ende wird die Meiſter nicht loben. Was es dem Markgrafen ſchon gebracht hat, ſagt dieſer letzte Brief: Kaiſers Majeſtät hat die Acht gerufen über ihn.— Die ganze Verſammlung ſaß erſchrocken, und wandte die Blicke auf den Brandenburger; der aber ſtand feſt und verzog keinen Muskel, und die Poſt trieb nicht ein⸗ mal das Blut röther in ſeine Wangen. Er zog ſein Schwert und legte es auf die Tafel. Dieſer Stahl, meine Herren, ſagte er mit hohldröhnendem Tone, ſchauet ihn recht an, dieſer Stahl hat im letzten Jahre an des Kaiſers Majeſtät die Acht ſelbſt geübt, und den alten Eisbär bezwungen, und zwei Reichsfürſten aus ſeiner Gefangenſchaft herausgehauen. Glaubt Ihr, daß ſolch Schwert Worte fürchtet und Pergamente, hingen auch die Siegel aller chriſtlichen Könige darunter? Macht ſchnell, oder ich fechte allein meinen Krieg, und des Brandenbur⸗ gers Panier glänzte immer glorreich, wo es allein flat⸗ terte ob ſeinen Landeskindern.— Der vornehmſte der Räthe, der Kanzler Juſtus von Walthauſen, erhob ſich jetzt und bat um Gehör. Das Vaterland iſt bedroht, ſagte er mit Ernſt, da fallen alle Rückſichten. Unſer erlauchter Herr iſt zu weit gegangen, um ohne Schaden und Schimpf zurückzutreten. Untertha⸗ nentreue iſt immer heimiſch geweſen im Lande der Wel⸗ fenfürſten, und auch jetzt ſoll kein Flecken ſie dunkeln. Als Diener wollen wir gehorſamen, aber wie die Sachen ſtehen im Lande muß die fürſtliche Hoheit zuvor erfüllen, was Dero Vater und Euer Durchlaucht ſelbſt verſprochen. Glaubensfreiheit muß walten überall, und was im ſchön⸗ ſten Wachsthume verſtöret, muß hergeſtellt ſein!— Der 325 Herzog runzelte die Stirn, ſein Bart zog ſich empor über den Lippen, und ſein dräuender Blick faßte den kühnen Sprecher; da erſchollen plötzlich dumpfe Glockentöne von den Thürmen der Stadt wie Mahnworte des Himmels; die Töne ſchwollen an, verdoppelten ſich und wechſelten in wunderſamen Harmonien, als führten die Geiſter der Luft ſchwermüthige Geſpräche mit einander. Die Her⸗ zogin verhüllte ihr trauervolles Geſicht, und Erich fragte raſch: Was das ſolle und bedeute?— Der Junker von Mandelslohe trat an das Fenſter und verkündete, wie ein anſehnlicher Leichenzug die Straße heraufwalle. Der ehrwürdige Magiſter Antonius Corvinus iſt es, den man zu Ruhe bringt, ſprach die Herzogin mit bedeutendem Tone: die Freiheit gabſt Du ihm wieder, aber die lange Haft in den feuchten Gewölben Deines Kalenbergs hat ſeinen Leib zerbrochen, und er iſt heimgegangen zu einem gnädigern Herrn, für Dich zu bitten um Erleuchtung.— Leichenbläſſe überzog die Wangen des Herzogs; das Zornfeuer ſeiner Augen verloſch unter einem feuchten, ſchwimmenden Schleier, und er ſaß wortlos. Ich züchtige nur der Feinde Leib, ſtieß der Markgraf hervor im Schmerz, der bei dem Eiſenmanne wie Grimm klang; Ihr aber martert die Seele wie ein Scherge Hiſpaniens.— Eine Weile blieb der Herzog erſchüttert ohne Bewe⸗ gung, dann erhob er ſich mit wankenden Gebeinen, und faſt ſtammelnd befahl er ſeinen Räthen: Schließet ab! Thut meinen Willen, und Ihr ſollt haben, was Ihr ge⸗ wünſcht. Setzet alle Prediger wieder in ihre Pfarren. Ich will Eure Augsburger Confeſſion nicht mehr anfech⸗ ten, doch laßt mir und den Klöſtern unſern Glauben. Thut, wie Ihr es gedenket zu verantworten am jüng⸗ ſten Tage.— 326 Amen! ſprachen die alten Staatsmänner; der Fürſt aber erhob ſich wie krank, und den immer bleicher wer⸗ denden führten die Junker in ſein Schlafgemach, wo er ſich einſchloß.— Indeß kam langſam und feierlich der faſt endloſe Todtenzug die Straße herauf. Nach der Bürgerwache, die ihn führte, ſah man die Kinder der Pfarrſchulen paar⸗ weiſe wandeln gleich Orgelpfeifen, von den kleinſten bis zu den größten hinauf. Gar artig ließen die kleinen Mägdlein in ſchwarzen Wollkleidern und weißen Hauben, bunte Sträuße und Kränze in den kleinen Händen, und eben ſo anſtändig erſchienen die Knaben in blauen Schul⸗ mänteln und ſchlicht geſtrichenem, unbedecktem Haare, Bilder des ſchönen Menſchenfrühlings. Darauf folgte zwiſchen zwei Leichenführern eine ſtattlich geſchmückte Jung⸗ frau, das brennend koloſſale Kirchenlicht tragend im ſchneeweißen Tuche, deſſen flackerndes Flämmchen andeu⸗ tete die Glaubenshoffnung der Auferſtehung. Acht Pfarr⸗ herren vom Lande trugen den Sarg, auf dem die ſilber⸗ beſchlagene Bibel lag und der vergoldete Kelch und ein weißer Lilienkranz über einer Dornenkrone, Symbole der neuen Lehre und des Märtyrerthums dafür. Geführt von dem ehrwürdigen Magiſter Georgius Scarabäus, dem Senior der ſtädtiſchen Kanzelredner, folgten dem Sarge die Stadtprediger im vollen Ornate; dicht nach dieſen ſchritt der Conſul Frederich von Weide und der Syndikus Andreas Krauſe den Magiſtratsperſonen voran, und dann folgten mit den Stadtpfeifern, die ein ſanftes Trauerlied ſpielten, alle Zünfte und Gewerbe in Compagnien, be⸗ waffnet mit ihrem Handwerksgezeug, die Spitzen der Win⸗ kelmaße und Beile mit gelben Citronen und Rosmarin⸗ kränzen beſteckt, und umwunden mit ſchwarzen und weißen 327 Bandnetzen, ſo daß der ganze Zug überflattert ward wie von hundert Trauerfahnen, und ſeinen Schluß machten die ſilbergelockten Greiſe und Altväter, den Winter des Lebens zeigend; ſie ſangen leiſe einen Geſang vom bal⸗ digen Wiederſehen im Lande der Hoffnung.— Trotz der wogenden Menſchenmaſſe, die den Zug um⸗ gab, und für welche die Marktſtraße, ja der Markt ſelbſt zu eng ſchien, herrſchte die tieſſte Kirchenſtille der Andacht unter dem Haufen; ein allgemeiner Gram hatte den weiten Trauerflor über alle Herzen gebreitet, und dieſe Stille ſprach des Todten Verdienſt lauter aus, als der Sermon vor dem Altare des Domes zu St. Georg, wo das Steinbett des Märtyrers geöffnet wartete mit ewigem Frieden auf den ſtummen Schläfer. Als der Sarg vor der Herberge zur Iſernporte an⸗ kam, hielten die ermüdeten Träger, und die ihn umrin⸗ genden Trauermänner ſetzten die eiſernen Gabeln unter die Bahre. Alles ſchaute hin zu den Fenſtern, in denen die Herzogin mit ihrer Tochter und die gerüſteten Junker ſtanden, und die Leibgarden vor dem Herbergsthore traten ernſt und ehrerbietig in das Gewehr. Mancher ſtill⸗ freundliche Gruß wurde der geliebten Fürſtin gezollt, da flackerte plötzlich das Flämmchen des Kirchenlichtes kni⸗ ſternd auf, und verloſch ohne Zugwind in ruhiger Luft. Das Volk ſtutzte abergläubig über das Zeichen, und eine rauhe durchtönende Stimme erhob ſich mitten im Men⸗ ſchengewühle und rief: Die Leiche hielt an! das Licht erloſch! Wahret Euch, Ihr Dränger des Lehrers und ſeines Volks, denn in wenigen Tagen ziehet er Euch nach in die Gruft, ruft Euch hinauf zum Gericht, und da wird ſein ein harter Spruch und ein feurig⸗loderndes Richtſchwert. Halleluja!— 328 Die Augen wandten ſich zu dem Orte, von wo der Rabenruf erſcholl, und hoch auf einem Eckſteine ſtehend, an der Wand des gegenüberliegenden Hauſes, erblickte man eine Geſtalt im grauen Rockelore mit aſchfarbenem Antlitze und langem, verworrenem Barte, die, nachdem ſie gerufen, wieder verſchwand im Volksgewühle. Man flüſterte ſich zu, es ſei der wahnſinnige Waltherus Hoiker geweſen, Corvinus Leidensgenoß. Betroffen wich Eliſa⸗ beth zurück vom Fenſter, mit unſichern Blicken ſahen ſich die Edelherren untereinander an, und nur der rieſige Markgraf ſtand ungerührt wie immer, und ſagte laut: Darf Mönchswitz und Bürgeraberglaube die Rüſtmänner bleich machen? Es wird eine Schlacht geben, und nicht alle von uns werden den Sieg mitfeiern, das mag's be⸗ deuten, und das bedeutet's gar natürlicher Weiſe. Doch wer im Eiſen gefallen und unter Karthaunendonner, hat einen prachtvollern Leichenpomp bekommen als dieſer da.— Der Glaube und die Meinung iſt das Idol der un⸗ gebildeten Menge, die das, was ſie einmal, wenn auch ohne Erkenntniß und faſt nach dem Inſtinkte, ergriffen, feſthält und vertheidigt, als wäre es der innerſte Blut⸗ ſtrom des Herzens, in welchem das Leben ſelbſt ſtrömt und verſtrömt. Kaum war daher die Aenderung der Geſinnung ihres Herrn in der Stadt bekannt geworden, kaum hatten einige Volksſprecher auf den Märkten und in den Bierbuden das Wort:„Glaubensfreiheit für immer!“ ausgerufen, ſo war die Volksſtimme, ja die Volksſeele verwandelt, und den man ſo even noch gehaßt, verwünſcht ſogar, den pries und ſegnete man. Selbſt die Furcht vor neuen 329 Kriegesſchrecken, von deren Vorſpuk im Lande das Gerücht ſchon erzählte, konnte die ſtürmiſche Volksfreude nicht mindern. Die Verbindungen des Herzogs mit dem Kaiſer und den Katholiſchen waren den Bürgern verhaßt gewe⸗ ſen; dieſes Bündniß war das erſte, das dem Volke recht ſchien, mit dem kriegeriſcheſten Fürſten der Proteſtanten war es geſchloſſen, es galt dem Herzoge Heinrich von Wolfenbüttel, dem bigotteſten und hartherzigſten aller Päpſtler, dem darum ſelbſt ſeine beſte Stadt, Braun⸗ ſchweig, den Gehorſam aufgekündigt, der ſeinen eigenen jüngſten Sohn Julius verſtoßen, weil er dem Evange⸗ lium ſich zugeneigt. Man feierte Feſte überall in der Stadt, Lichterſchein leuchtete Abends in allen Gebäuden; Muſik und Jubel umgab die Herberge der Fürſten und das Haus derer von Wintheim, wo die Herzogin Mutter abgetreten, und der Märtyrer Corvinus ſchien vergeſſen, wenn auch der halbverrückte Magiſter mit ſeinen Rabenprophezeihungen dazwiſchen heulte. So iſt das Volk. Werfet dem Wallfiſche die blanke Tonne vor, er ſpielet damit, und ſeine Rieſenkraft ſcha⸗ det den bedräueten Booten nicht mehr.— Ohne Hinder⸗ niß wurde die Kriegsſteuer eingetrieben; die Magiſtrate öffneten ihre Schatzkammern; von allen Städten trafen wohlgerüſtete Fähnlein ein, und der Kriegesmuth, den der Bürger mit dem Adel zu theilen ſchien, ließ glück⸗ liche Hoffnungen aufkeimen. Indeß war die feindliche Partei nicht weniger thätig. Prinz Philipp Magnus zog durch das Halberſtädtiſche; der Kurfürſt von Sachſen kam über Sangerhauſen und Nordhauſen in das Land der braunſchweigiſchen Herzoge, und hatte die Abſicht, den Brandenburger Markgrafen 330 von der heſſiſchen Grenze abzuſchneiden, indem er ver⸗ muthete, dieſer würde nach ſeiner gewohnten Weiſe, wenn die Plünderung vollendet, mit ſeinem fliegenden Corps durch das Heſſenland zurück in die fränkiſche Heimath eilen. Des Markgrafen Kriegsplan war aber jetzt mit mehr Feſtigkeit und Umſicht entworfen. Richt ſo bald gedachte er den gewonnenen Stand aufzugeben. Sein Hauptheer war im Kalenbergiſchen eingetroffen; Vereinigung mit ſeinen leichten Völkern, die unter des kecken Grafen Voll⸗ rath Führung wie wilde Jäger im Lande umher gehauſet und von den Wolfenbüttlern jetzt zurückgedrängt wurden, Vereinigung mit Braunſchweigs tapfern Bürgern und den Seeſtädten blieb ſeine nächſte Abſicht; die große Heid⸗ fläche Lüneburgs ſollte der Sammelplatz ſein, und dann wollte er mit dem Geſammtheere dem Feinde einen Tag bereiten, der allen Kriegsthaten des ruhmſüchtigen Al⸗ brechts die Krone brächte. Von drei verſchiedenen Seiten bewegten ſich die drei Heere nach einem Punkte, ohne von einander viel zu wiſſen, da der kleine Krieg im Lande jeder Spionirung Hinderniſſe bot, und keiner von den drei Feldherren ah⸗ nete die ſchleunige, blutige Begegnung.— Der neunte Julius des Jahres Chriſti 1553 begann mit einem freundlichen Sommermorgen, der ſolch gräß⸗ lichen Abend nicht vorherſagte. Herzog Erich erwachte in Beängſtigungen und im Schweiße gebadet mit dem erſten Tagesſtrahle. Ein furchtbarer Traum hatte ihn in der Nacht gequält. Den Geiſt des hingemordeten Cor⸗ vinus ſah er zu ſeinem Lager treten, bleich und entſtellt, 331 doch ehrwürdig in ſeiner prieſterlichen Amtstracht. Mit⸗ leidig ſchaueten die hohlen Augen des Mannes der Weihe auf ihn hernieder, und er ſchüttelte die grauen Locken kummervoll. Erich! rief alsdann zu dreien Malen die bekannte Stimme. Der Herzog fuhr auf im Bett, öff⸗ nete die Augen, doch blieb die Geſtalt dieſelbe vor ſei⸗ nem Lager. Erich! ſprach der blaſſe Mund langſam und vernehmlich. Thörichter Erich, willſt Du noch mehr Dei⸗ ner Kinder ſchlachten Deinem Eigenſinne und Deiner ruhe⸗ loſen Laune? Höher ſtehe ich jetzt als Du, und bin glücklicher, darum habe ich Dir vergeben, und komme Dich zu warnen, wenn Du auch ſonſt der Stimme des milden Seelſorgers Dein Ohr verſchloſſen hielteſt. Zieh' nicht aus mit Deinem Heere! Wenige werden kehren ohne vergeudetes Blut und die Raben werden zu Gaſte ſitzen bei edlem Gebein. Die ewigen Kartenſpieler am Nußhart im Fichtelgebirge ſpielten dieſe Mitternacht mit ihren eiſernen Karten das Schickſalsſpiel, und vier Male wurde der König geſtochen. Hüte Dich, Erich, daß Du nicht biſt unter den vier fürſtlichen Leichen.— Der Stadtwächter ſtieß auf der Straße in ſein miß⸗ tönend Horn, und die geiſtige Geſtalt entwich; aber der Herzog lag bis zum Morgen im Halbſchlafe und in fie⸗ berhaften Wallungen. Kaum war er angekleidet, ſo trat ſchon der Mark⸗ graf Albrecht bei ihm ein mit heiterm Geſichte und in voller Feldrüſtung.— Iſt der Feind am Thore? fragte Erich heftig.— Behüt's Gott! antwortete Albrecht mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen Hohnlachen. Meine Fahnen lagern an Euren Wällen, und die ſind ein guter Wintermantel, der kein Wetter durchläßt. Aber Ihr ſeht blaß und krank, Vetter?— 332 Glaubt nicht, daß ich fürchte, erwiderte Erich mit ſchwankender Stimme, Deutſchland kennt mich. Aber es iſt die Sorge des Vaters, wenn Feuer in ſeinem Hauſe ausbrach, es iſt die Unruhe der Nacht, da ich der Lärm⸗ wächter nicht gewohnt bin auf meinen Schlöſſern.— Deſto beſſer, ſagte der Markgraf, um uns und mei⸗ ner Bitte wegen. Seht, da brachte über Nacht ein Eil⸗ bote von Nordhauſen mir den Wiſch da. Der Heinrich, Fürſt von Plauen, iſt drüben angekommen von Kaiſers wegen, und hält dort mit dem Moritz und dem alten Wolfenbüttler Pilatusgericht über mich. Die Acht iſt noch nicht ausgeſprochen, aber er ſchreibt, der Donnerkeil wohne in ſeiner Taſche; er nennt mich einen Beftürmer und Verwüſter des römiſchen Reichs, und vermahnt mich er⸗ baulich, im Bußſacke heimzukehren in mein Land, meine Soldaten zu Mönchen zu machen, ſonſt würde er den Blitz von der Kette laſſen.— Und Ihr? fragte Erich geſpannt.— Hörtet Ihr ſchon, daß der Albrecht umkehrte von ei⸗ ner Burg, an deren Thor er mit dem Schwert geſchla⸗ gen? Merkt Ihr, wie ſie den tollen Wolf fürchten, der ihre Schafe biß, und wie ſie verſchüchtert ſich in Nord⸗ hauſens Mauern bergen, ihn von dort aus mit Klappern zu verſcheuchen? Ich kenne den alten ſchwermüthigen Karl; die Adlerskrallen hat die Gicht gelähmt; er muß jetzt oft, was er nicht möchte; wie wir haſſet er den Moritz, und vergibt dem Zweizüngler niemals, und freuet ſich mit uns, wenn wir ihn niederſchlagen ohne Wieder⸗ auſſtehen. Aber unterdeſſen bedarf's eines Freundes für mich am kaiſerlichen Hofe, der Aug' im Auge dort mein Theil vertritt, während ich ſchlage. Vetter, thut mir den Dienſt und reiſet ſofort nach Brüſſel.— 333 In dieſer Zeit? Ich ſollte meine Völker nicht ſelber führen? ſtaunte Erich, doch ſah man ihm an, daß der Vorſchlag nicht ungelegen kam.— Die Beſten Eures Adels ſtehen an den Flügeln; der erfahrene Hopa mag an Eurer Statt Eures Wappens Ehre wahrnehmen, und das Commando könnet Ihr, denke ich, ohne Scheu meiner ſchlagluſtigen Fauſt anvertrauen.— Nur kurze Zeit überlegte der Herzog; ſein Gemüth drängte ihn ſelbſt hinaus aus dem Lande, wo er nie gern ver⸗ weilet, ſein Traumbild mehrte die Beklommenheit, die ihn in Hannovers Zingel umfangen und nach kurzer Zwie⸗ ſprache waren die Fürſten einig. Lebendig wurde es bald darauf in der Stadt und ge⸗ räuſchvoller, als ſonſt der Sonntagmorgen zu hören ge⸗ wohnt war. Man ſah die Weyrleute ſich ſammeln vor den Quartieren der Hauptleute; Rüſtzeug aller Art ward aufgefahren auf den Plätzen; Gedräng der Fuhrknechte lärmte am Zeughauſe; draußen vor den Thoren hörte man von Zeit zu Zeit die Trompetenſtöße der branden⸗ burgiſchen Regimenter, und die Bürger im feinausge⸗ näheten Sonntagsmantel, die Bürgerfrauen im dichtge⸗ falteten Kirchkleide, den kleinen Seidenmantel an den Schultern, das langflatternde Putzband am Halſe und im ehrſamen Spitzenhäubchen, eilten zu den öſtlichen Stadt⸗ wällen, den Abzug der Truppen anzuſehen und den Be⸗ freundeten und Bekannten ein Valet zu winken. Auch die hohen Herrſchaften waren früh zu Wagen und Roß vor den Thoren, die Heerhaufen paſſiren zu laſſen. Im Weichfrieden und Zwinger der Stadt, mit⸗ ten im Felde zwiſchen dem Steinthore und Aegidienthore, hielten auf dem Rande eines erhobenen Angers die fürſt⸗ lichen und adeligen Perſonen. Zur Linken ging der Weg 334 zur neuen Warte auf die Landſtraße nach Celle; zur Rechten bog der ſchmalere Pfad durch die Feldmark dem Holze zu, welches man die Eulenried benennt, führte darauf am ſogenannten Torfgraben hinab, bis er mit der Celler Straße, ungefähr eine Meile von der Stadt, wieder zuſammentraf. Herzog Erich ſtolzirte auf einem Prachtgaule, den ihm die Stadt Münden verehrt hatie und der faſt unſichtbar wurde unter ſeinen Decken und Schilden; neben ihm hielt ſeine Schweſter Katharina, und im Gefolge der holden Amazone bemerkte man auch die Nichten des Gra⸗ fen von Hoya, die ſich, wie viele der edeln Frauen des Landes, bei der gefährlichen Kriegszeit in Hannovers Schutz begeben hatten und bei verwandten Patriziern ga⸗ ſtirten. Zur Seite des Angers richteten ſich kerzengerad einige Rotten Fußknechte, vor deren Fronte man die Fahne der Haustruppen des Herzogs gewahrte, jedoch einge⸗ wickelt in die ſchützende Leinwand, und wo nur vor ei⸗ nem Gartenzaune, oder an einer Brücke ein Plätzchen Feldland leer geſtanden, da war es heute gefüllt mit den Lehnspferden der Vaſallen, die ſich mit den verſchie⸗ denen Farben ihrer Herren geſchmückt hatten und die ei⸗ nen Ritter oder Junker an ihrer Spitze ſahen. Im wunderſamen Contraſt lagen dazwiſchen die lan⸗ gen Strecken Feldlandes, auf denen die dichten hochge⸗ wachſenen Goldhalme im Winde wogten, vom Morgen⸗ thau mit Millionen Silberperlen behangen, von blauen Kornblumen durchwirkt, und in ſolcher Friedenspracht lieblicher anzuſchauen bei dem Schlag der muntern Wach⸗ tel, als alle die Silberpanzer und Reiherbüſche der ſtol⸗ zen Kriegsleute beim Drommetenklang;— und den Hin⸗ tergrund der Scene gab Mauer und Stadtwall ab, wo 335 die Bürger mit ihren Frauen Kopf an Kopf geſchaart ſtanden, als gälte es, das Eigenthum zu vertheidigen mit Leib und Bruſt. Schmetternde Muſik verkündete jetzt den Soldaten⸗ marſch, und vorüber trabten zuerſt des Markgrafen ſchwere Reiter, achtzehnhundert wohlgerüſtete Männer, denen man anſah, daß ſie im Kriegsleben erwachſen waren und ſich verſucht hatten. Zwiſchen ihren Eiſenhauben weheten ſtattliche Fähnlein, auf denen man den Brandenburger Helm mit ſeinen Adlerflügeln, den Nürnberger ſchwar⸗ zen Löwen, wie auch mehre Wappenzeichen der Anführer erblickte; in ihrer Mitte, von einer Wacht adeliger Ju⸗ gend umgeben, flatterte die Hauptfahne des Feldherrn, und auf ihr prunkte der große rothe Adler mit den gol⸗ denen Kleeſtängeln in ſeinen Flügelfedern. In der Nähe dieſes Banners ritt Markgraf Albrecht ſein ſchwarzes Dänenroß, alle Mannen überragend, und einem Kriegs⸗ gotte ähnlich unter dem rothen, tief auf die Schultern wallenden Federbuſche. Zwiſchen tüchtigen Haufen leichter Kavallerie folgte alsdann eine Menge Falkonetſtücke, von kräftig beiher ſchreitenden Arkebuſieren begleitet, die hoch die brennende Lunte trugen, und den Schluß der Brandenburger mach⸗ ten die Fußregimenier, links die blanke Muskete, rechts das Zündrohr tragend, in Compagnien geſchieden, die jede ihr beſonderes Fähnlein hatte, ein Heer im Werb⸗ hauſe geſammelter Wagehälſe aus allen Weltgegenden, deren Mienen und rohe Kriegslieder den Tod heraus⸗ forderten. Dieſe fremden Völker marſchirten der neuen Warte zu auf der bequemen Celler Fahrſtraße und ihnen nach drängte ſich vom Steinthore her der langſame, ſchwererr 336 Zug des hannoverſchen Geſchützes, rieſige Feldſchlangen auf Blockwägen mit einem Dutzend Thieren beſpannt, Karthaunen mit Drachenmäulern, und hinter dieſen ein ehrbarer Heerhaufe raſcher Bürgerſöhne, unter ſelbſt ge⸗ wählten Führern der beſten Familien, geſammelt bei der weißen Standarte mit dem immergrünenden, wohlgeſtal⸗ teten Kleeblatte. Nach einer kleinen Pauſe, welche durch Geſchrei vom Walle und Winken der Tücher von da gefüllt worden, begannen wiederum melodiſcher als vorhin Trompeten und Hörner ihr Lied, und weckten die Echo des Buchen⸗ waldes aus Morgenträumen. Erichs eigene Soldaten rückten jetzt heran, die der Blick auf der Stelle als Pfle⸗ gekinder eines waffenkundigen Herrn, wenn auch nicht des Krieges ſelbſt, erkannte. Fremde Söldner waren ſie, aber nicht aufgeraffte, ſondern ausgewählte. Ihre Aus⸗ ſtattung zeigte den Uebergang zweier Zeitalter ineinan⸗ der, zwiſchen denen der Mönch Schwarz mit ſeiner ſchwar⸗ zen Erfindung ſtand, das Zeitalter der ehrlichen Fauſt und das Zeitalter des meuchleriſch heimtückiſchen Schieß⸗ rohres. Die drei Reitercompagnien trugen noch den Stahlküraß und die Eiſenhaube, aber am Sattel hing ſchon das kurze, ferntreffende Handrohr, und nur die edeln Hauptleute hatten noch den runden, leichten Schild mit ihrem Wappen am linken Arme. Die Fußknechte glänzten weit ins Feld durch den ſcharlachrothen, ſpani⸗ ſchen Rock, die gelben Blechkappen und die blankgeputz⸗ ten Zunderbüchſen. So wie ſie im Parademarſche vor dem Jürſten ſalutirend Halt machten, reichte er ſelbſt jeder Abtheilung ihr Fähnlein mit einem ermunternden Zuſpruche zugleich, und jeder Haufen zog dann mit ei⸗ nem Jubelrufe unter dem flatternden Paniere weiter. 337 Hauptmann Teufel und Birkenſee führte die weißen Reiter, der von Oldershauſen die blauen und Bartold von Mandelsloh die rothe Compagnie, und alle drei ließen im Heerwege aufſchwenken und ritten dann im ſtolzen Galopp mit geſenkten Schwertern zu ihrem Her⸗ zoge hinan. Auffallend war der Putz der drei Junker; das ſchönſte Gezeug ihrer Rüſtkammern hatten ſie ange⸗ legt, als ginge ihr Ritt nicht in das Feld, ſondern zur Turnierſchranke, und an den vergoldeten Helmen wehten gar zierlich die Roſawimpel der ſchönen Amala, die von ihrem weißen Zelter mit trüben Augen über fieberhaft⸗ gerötheten Wangen die Heldenjünglinge betrachtete. Der alte Graf von Hoya ſpornte jetzt langſam ſeinen Gaul aus den Reihen der Hofcavaliere hervor und ſchloß ſich als ihr Oderſt an die drei Junker. Feierlich übergab ihm der Herzog die rothe Standarte mit den hineinge⸗ ſtickten beiden goldenen Löwen und ſprach: Bringt ſie mit Ehren heim! Graf Otto reichte die Standarte ſei⸗ nem Fähndrich, dem Wilhelm von Roſenburg, der ſie dreimal zierlich ſchwang um ſeinen mit Pfauenfedern bunt geſchmückten Helm und dabei feurige Blicke auf die junge Prinzeß warf, welche verſchämt, doch deutlich genug von der fürſtlichen Jungfrau beantwortet wurden. Dazu ſprach der alte Graf: Die Löwenfahne kehrt mit uns oder wir liegen neben ihr, wenn ſie den Sand küßt. Gedenke ich aber der Wappner, die eben dieſes Feld durchzogen, ſo meine ich, Eure Fahne müßte gefangene Schweſtern mitbringen zur Zier Eurer Schloßpfeiler. Auf Wiederſehen, mein durchlauchtigſter Herr! Die Damen Eures Hofes mögen eilig dem Strickrahmen vorſtehen, damit ſie die Beuteſtücke unſerer Prunkjunker einlöſen können, die ich zu dieſer Fehde reiten ſehe wie zu einem Blumenhagen. Kl. 22 338 Hochzeitsſchmauſe.— Mögen ſie nur den ſchäferlichen Helmputz nicht draußen laſſen, ſagte die vorlaute Rhein⸗ gräfin, von einem Strafblicke der züchtigen Prinzeß ſo⸗ gleich zurecht gewieſen. Hauptmann Hartwig aber, der heute freudig und kampfluſtig erſchien, als wenn er den ſchwärmenden Mei⸗ ſterſänger ausgezogen und mit den ſtillgewordenen Ne⸗ benbuhlern die Rollen vertauſcht hätte, tummelte ſeinen mächtigen, blaßgelben Hengſt herum, daß er die Glas⸗ augen rückte und Dampfwolken von ſich ſchnob, ſchwang das breite Schwert und rief: Für Ehre und Liebe! Je⸗ ner das Blut, dieſer das Leben!— Sein Hengſt ward ſchen, als der rothe Seidenwimpel, von dem Roſen⸗ burger geſchwengt, über ſeinem Kopfe hinrauſchte, und that hohe Sätze; mit ſtarker Fauſt zwang ihn der Mann, daß er ſich faſt niederſetzte, und vorn mit dem geſtachel⸗ ten Stirnſchilde den Saum des Angers berührte wie zum Abſchiedscompliment, dann ſenkte der Reiter noch einmal die Schwertſpitze vor den Damen, ſog Amala's herrliche Geſtalt in ſein Auge ein wie zuletzt und für immer, und dorthin ſlog er im Galopp, und ſeine Com⸗ pagnie raſſelte ihm nach. Sämmtliche Haufen der Arriergarde wandten ſich jetzt rechts zum Holze hinein, die Lehnpferde und Geleitsmannen der kalenbergiſchen Ritterſchaft folgten ihnen, und unter dem Feierklange der Glocken auf den Stadtthürmen, die zur Sonntagsan dacht riefen, verſchwanden die letzten Pferde und Helmbüſche unter den Eichbäumen und im Hainbuchgebüſch.— In ernſter Stimmung ritt der Hof in die Stadt; eben ſo finnig verließen die Bürger den Wall, und wallten zur Kirche, für die Landsleute eine herrliche Victoria zu erflehen. 339 Auch die Herzogin Mutter begab ſich zu dem Haupt⸗ dome, wählte aber, dem Gedränge zu entgehen, den Ein⸗ gang durch die Kapelle derer von Sonden, die an der Nordſeite des hohen Gebäudes ſich noch jetzt befindet, und dem heiligen Ulaus gewidmet war. Mitten in dem klei⸗ nen Heiligthume traf ſie auf den Magiſter Hoiker, der in ſeinem grauen Aermelmantel ſtarr daſtand, und die weißen Wände mit ſeinen geſpenſtiſch⸗hohlen Augen zu betrachten ſchien. Warum bringſt Du den Sohn nicht mit, fromme Frau? redete er ſie mit erhobener Stimme an. Will er ſich nicht rein waſchen von der ſchweren Schuld, von der Sünde wider den Geiſt? Will er nicht Buße thun am Altare des heiligen Georg?— Schau an dort den fri⸗ ſchen Kämpfer auf der Wand! Seine ſcharfe Lanze ſticht den Lindwurm, aber nicht ſeine Brüder! Schau, wie auf dem Bilde daneben die Todten erſtehen aus den Grä⸗ bern zum jüngſten Gericht, Kläger und zitternde Beklagte, und der Herr donnert und hält die Wage. Wehe, wehe dem, der zu leicht befunden!— Hänget Trauerflor über Eure buhleriſche Locken, Ihr Töchter dieſes Landes! denn ſehet, wie die weiße Wand dort ſich röthet mit Blutes⸗ farbe. Ehe denn der nächſte Sonntag läutet, werden Todtenſchilde die Wand decken, und Thränen werden die Steine dieſes Altars waſchen!— Er ſchwieg, wie von eigener Rede Gewicht erdrückt, und wie er den Blick ſo feſt auf die leere Wand richtete, als läſe er dort wichtige Inſchriften, und wie dabei der Wind durch die zerbrochenen Scheiben der Kirchenfenſter fuhr, und in den Standarten rauſchte und auf den Keſſelpauken murmelte, die Vater Erich einſt den Türken genommen und dort aufgehangen, da ergriffen kalte Schauer 340 die alte Herzogin, und ſchneller, als ihr Alter gewohnt war, erſtieg ſie die Wendeltreppe zu ihrem Hochſitze, und verhüllte ihr Haupt zu einem dringenden, langen Gebete für das Glück der Ihrigen und ihres Volks. Fröhlichen Muthes, wie es Kriegern anſteht, Schelm⸗ tieder und Schlachtgeſänge ſingend, marſchirten unter⸗ deſſen die Heerhaufen vorwärts, doch hatte der Marſch manchen Aufenthalt. Durch nächtliche Gewitterſchauer waren die Straßen hie und da kothig und tief geworden; die Holzungen träufelten nach und näßten die Helmbüſche, und draußen auf freiem Bruch fuhr der ſcharfe Wind ihnen entgegen. Doch eine herrliche Sonntagsſonne ſtand am blauen Himmel, die kleinen Hinderniſſe wurden vom abgehärteten Kriegsmanne nicht geachtet, und des Mark⸗ grafen Achtſamkeit, die überall ſorgte, brachte auch das Geſchütz durch die ſchwierigen Gegenden des Warmbücher Moores und des Ahlter Tannenwaldes. Die freiere Heide dehnte ſich jetzt vor ihnen aus, Mittagszeit war längſt vorüber, und als der Kirchthurm der Stadt Burgdorf über die Ebene blinkte, lockerten die Soldaten den engen Degengurt, ſich voraus freuend auf den Ruheplatz und die Erquickung. Da ſprengte der Marſchall von Hagehuſen, der als Quartiermeiſter vorangeſchickt war, mit ſchweißbedecktem Gaule und Antlitze der Spitze des Zuges entgegen, wo Albrecht, und mit ihm die Panzerreiter des Herzogs, woraus nach der Vereinigung auf der Heide der Vortrab gebildet worden, ſich befanden. Haltet ein, um Eures Heiles willen! ſchrie der Be⸗ ſtürzte ſchon aus der Ferne. Zurück hinter Moor und h 341 Holz, Herr Markgraf, denn es ſpukt überall und wir ſind umzingelt! Das Städtchen vor uns liegt voller Kriegsvolk, und ein Heidebauer, der herüber wanderte, erzählte, wie ein unermeßlich Heer gegen den Fuſefluß ziehe, und er es im Lager geſehen.— Warum rittet Ihr, tapferer Roland, nicht ſpornſtreichs hinan, und erkundſchaftetet Fahne und Farbe? fragte der Oldershauſen ſpöttiſch und verächtlich den athemlos Ver⸗ ſtummten.— Der Markgraf aber ſchaute mit ſeinen Falkenaugen ſcharf in die Weite und lächelte alsdann gutmüthig. Er⸗ holt Euch, Marſchall, ſagte er mitleidig, Ihr ſollt nicht um das Vorſchneideramt für heut Mittag gebracht wer⸗ den. Ich erkenne Fußvolk und Geſchütz vor der Stadt; ein Reiterzug ſprengt zu uns her auf Gottſchalks Fährte, aber es ſind die Farben der Stadt Braunſchweig und gute Freunde.— Erichs Panzerreiter klirrten freudig ihre Schwerter zuſammen, und bald beurkundete ſich des Fürſten Adler⸗ blick, denn der Braunſchweiger Claus Barner, Herzog Heinrichs Todfeind, trabte mit einem Geſchwader Rei⸗ ſige heran und grüßte die Waffenbrüder. Man ſah dem derben und ſtolzen Bürgerkapitän die Luſt an, mit der er die ſtattlichen Schaaren ſchnell überſchaute, welche ſeinen Rachedurſt zu theilen herangekommen; indeß waren ſeine Nachrichten ſehr ernſter Natur. Des Kurfürſten ganze Macht zog von Peine aus am Ufer der Fuſe her⸗ unter, und der Wolfenbüttler mit ſeinen Söhnen lagerte hinter den Dorfſchaften Blumenhagen und Edemiſſen, drei bis vier Wegſtunden nördlich, und ſchien noch vor Abend die Vereinigung mit den Sachſen zu beabſichtigen. Dem Tapfern kommt Gefahr und That nimmer zu 342 früh, und über den dunkeln Knebelbart des Kriegsfürſten legte ſich eine hohe Zirkelröthe auf die bleichbraunen Wangen. Größer ſchien ſeine Geſtalt noch zu erwachſen aus dem breiten Sattel, als er fragte: Wer meiner Ritter wagt den Eilritt und bringt mir Kundſchaft?— Aber ehe denn die Frage ausgeſprochen, brauſete ſchon Hartwigs bleichgelber Normann neben ihm, und: Mir den erſten Schwertſtreich, mein hoher Feldherr! ſtieß der junge Mann kurzathmend vor Begier aus dem engen Panzer hervor.— Beſſer ſichere Kunde, als Blut und einige elende Ge⸗ fangene, antwortete der Fürſt. Doch Du biſt heute Held und nicht Sänger; da bedarf es keiner Mahnung!— Freudig rief mit kraftvoller Stimme der Hauptmann acht Freiwillige aus ſeinen bärtigen Reitern, und gleich dem aufgewachten Sturme rauſchte der kleine Trupp engge⸗ ſchloſſen über das kurze Heidgras hin nach Oſten zu. Offiziere aus Albrechts Gefolge ritten jetzt nach allen Seiten mit ſeinen kurz doch deutlich ausgeſprochenen Be⸗ fehlen durch das Heer, und als wären all den verſchie⸗ denen Soldatengattungen durch Zauber gleiche Flügel erwachſen, ſah man die Abtheilungen ſich ausbreiten auf der leeren Fläche; vald durchwateten ſie die kleinen Wellen der Aue, welche rieſelnd, und wie ein Silberband quer die Steppe durchzieht, und als die Braunſchweiger von Burgdorf aus den linken Flügel gebildet, eilte die ganze Linie dem Dorfe Sievershauſen und dem daran grenzen⸗ den Hameler Walde zu, eine Waffenlinie, die von der hinter ihr am Weſthimmel prangenden Sonne beleuchtet, den marsähnlichen Feldherrn vorn im Centrum, und Sie⸗ gesmuth auf allen Geſichtern, Weltenſtürmern glich, für die kein Widerſtand unüberwindlich.—— 343 Indem dieſes geſchah, freilich nicht ſo ſchleunig, als es zu erzählen, da die unbeholfenen Feldſtücke mit in der Linie bleiben mußten, ſprengte der Ritter von Birkenſee mit ſeinen Gefährten der Bahn des Heeres voran. Widrig ſchreiend erhob ſich vor ihnen der bunte Kibitz, um ſein Neſt beſorgt, und ein Feldhühnervolk bluſterte ihnen zur Seite aus den Heideblüten, und eine Lerche begleitete ſie, ihr frohes Liedchen trillernd, und ſchwebte nahe den Wolken ſtets über ihren Helmen. Hartwig durchritt das Dorf Sievershauſen, und führte keck die Reiter dem ſchmalen Bett des Fuſefluſſes enigegen. Wo der Landwehrgraben, der ſich aus der Fuſe zum Hainwalde erſtreckt, einen breiten Teich bildet, ward ein Reiterhaufen ſichtbar, etwa zwanzig ſtark, die gemächlich als Vorwacht die Gegend zu bereiten ſchienen. Hartwig erkannte die Feldbinden des ſächſiſchen Kurhauſes und gebot Halt.— Es ſind nicht einmal drei auf einen, Herr Hauptmann, ſagte ſein bärtiger Rottmeiſter ehrbar. Laſſet uns immerhin darauf machen.— Wir wollen ein Ge⸗ häckſel aus den meißneriſchen Gleißnern hauen wie zur Nürnberger Schlackwurſt, und Pfeffer und Salz ſoll nicht fehlen, rief ein Anderer.— Wie Holländer Fiſch ſollen die Heringsnaſen aus Thüringen ausgeweidet hangen an unſerm Eiſen, ſchwur ein Dritter; und der Hauptmann commandirte: Gewehr hoch und Trab!— Der Feindestrupp ſchien nicht gleiche Begier zu hegen. In zwei Glieder drängte er ſich zuſammen, und ein Ein⸗ zelner, den Waffen und Helmzier als den Vornehmſten erkennen ließen, ſpornte ſein Pferd allein den Hannove⸗ ranern entgegen. Sogleich ließ auch Hartwig halten, und den Einzelkampf, denn den ſchien der feindliche Of⸗ ſizier zu begehren, annehmend, ritt auch er gegen dieſen 344 hinan. Mit Staunen erkannte er bei der Annäherung ein ſchon geſehenes Geſicht; der Freiherr Oetwin war es, der in Hoya Gaſt geweſen, und der jetzt mit geſenk⸗ ter Schwertſpitze ihn begrüßte. Ihr ſeid es, mein Dichterheld? Deſto beſſer! ſprach er mit Haſt und unverhehlter Freude. Sprecht ſchnell! Seid Ihr allein auf einem Zuge, oder iſt der Markgraf nahe mit ſeinen Völkern?— Wie möget Ihr fragen von mir, was Ihr frühe ge⸗ nug erfahren werdet? antwortete verwundert der Herr von Birkenſee.— Er iſt da! Ich leſe es in Euern Mienen, fuhr der feindliche Mann noch haſtiger fort. So beſtellt ihm mei⸗ nen Gruß; ſprecht zu ihm, Oetwin hielte Wort. Ehe die Nacht käme, würde er von mir hören, und er möge bedacht ſein, ſeinen Siegelring einzulöſen.— Das klingt wie Räthſel, und ſchmeckt noch ſtärker nach einer Art Verrätherei, entgegnete Hartwig barſch. Zu Eurem Boten tauge ich nicht, wollt Ihr aber mein Schwert koſten, ſo nehmt Euren Stand, und laßt uns die erſten Ehrenwunden dieſes Tages nehmen oder geben.— Uns möchte damit wenig gedient ſein, und Eurem WMarkgraf am wenigſten, denn wir Beide ſind ihm viel⸗ leicht gar nothwendig, ſprach der Freiherr mit übermü⸗ thiger Luſtigkeit. Der Markgraf iſt Euer Freund, thut, was die Pflicht für ihn gebeut, und ſetzet der Botſchaft noch hinzu: daß die Minuten koſtbar find, wolle er han⸗ deln; denn der zottenbärtige Heinrich ſei nicht mehr weit.— Dahin flog der Schwätzer, und ließ den braven Bir⸗ kenſee mit ſeinem Erſtaunen allein. Die Sachſen mach⸗ ten gleich nachher Kehrt⸗Euch, und verſchwanden hinter 345 dem Landwehr⸗Aufwurfe. Unzufrieden mit dem Aus⸗ gange ſeines Rittes, hielt der Hauptmann es doch für Schuldigkeit, dem Feldherrn ſein Abenteuer zu erzählen, und mit Argwohn und Unwillen vernahm er, wie dieſer der Nachricht froh ward, und ſogleich die Vollendung der Truppenſtellung beeilen ließ. Kein Stündchen war verlaufen, ſo wurden bei dem Dorfe Vöhrum die Blechkappen der Sachſen und ihre Fahnen ſichtbar, und links am Gehölze und rechts am Fluſſe breiteten ſich Kavallerie⸗Geſchwader aus, und in der Mitte zog hochgeſtelltes Fußvolk heran, zwiſchen wel⸗ chem große Maſſen Geſchütz zu bemerken waren. Man erkannte ſofort den kriegskundigen Moritz, den erſten General Deutſchlands, an der Bewegung des Heeres, welches in gedeckter Stellung im ſchrägen Vormarſche ſei⸗ nen rechten Flügel vorſchob, ſo ſeine Fronte immer mehr auseinander ſchiebend und verlängernd, das Ufer des Fluſ⸗ ſes als Rückenlehne gewann, und den breitern Heidraum zum Geſicht ſich erzwang. Ueber eine ſchwarze, den ganzen Oſten verdunkelnde Gewitterwolke wölbte ſich jetzt ein glänzender Regenbogen, deſſen buntfarbiger, breiter Halbzirkel das ganze Heer der Sachſen einzuſchließen ſchien. Claus Barner, commandirte Albrechts Sturmſtimme, links hinauf bis zum Burgdorfer Holze! Dölbergen und ſeine Brücke im Auge behalten, und Eure Mannſchaft geſpart für Euern Herzog, wenn ihn die Feldſtücke her⸗ anrufen vor der Zeit!— Er hat ſeine Söhne bei ſich, antwortete der rauhe Kapitän; meine Braunſchweiger Scharfſchützen fehlen das kleine Weiß der Scheibe nie im Luſtſchießen, und ich meine, der alte Bocksbart ſoll heute Abend nicht ohne Thränen heimziehen, wenn ſein tyranniſches Gehirn noch Waſſer hat.— Meine Braven! rief dann der Markgraf laut, ſehet vort das bunte Siegesthor, welches der Himmel ſelbft uns erbauet! Laßt uns in die Ehrenpforte ziehen mit Gott, und Rache nehmen für falſchen Bundesbruch!— Das Heer erhob ein allgemeines Feldgeſchrei; indem aber die erſte Lärmkanone auf Albrechts Wink hinaus⸗ donnerte, und ihre Kugel in die Vorhut des Feindes ein⸗ ſchlug, murmelte Hartwig zum Freunde Barthold: Ein Siegesthor nennt er den Regenbogen; für Viele wird's eine Todespforte werden, mit ſtechenden Blutroſen be⸗ kränzt und rechtes Schwarzdunkel dahinter!— Barthold blieb die Antwort ſchuldig, denn der Beginn der Schlacht, das Zuſammentreffen der leichten Reiter vor den Fron⸗ ten und der Marſch des Fußvolkes vorwärts, feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit.—— Eine Schlacht beſchreiben, hieße den Ausbruch eines Vulkans mit Buchſtaben malen wollen; die kühnſte Schil⸗ derung bliebe armſelig gegen die Wirklichkeit. Der Chro⸗ nikenſchreiber ſagt davon: Es haben beide Theile ſehr feindſelig in einander geſetzet, daß Roß und Mann in Haufen fielen. Da war ein ſolcher Alarm mit Drom⸗ metenblaſen und Heerpauken, auch mit dem Geſchrei der Roſſe und des Kriegsvolkes, das unausſprechlich iſt. Da hörte man das Geſchütz in der Luft ſauſen und fingen, brummen und grummen, als ob große Donnerwetter ge⸗ gen einander gingen, die Spieße knitterten und krachten, daß man hätte gemeinet, Erde und Himmel fielen von einander, und es war ſolch heftiges Treffen, daß der⸗ gleichen ſeit Jahren nicht gehört worden, denn ſie waren gar heftig aneinander.—— ——————— 347 Kühne Landleute, die den Thurm ihrer Kirche beſtie⸗ gen hatten, ſahen die leere Heidebene plötzlich verwandelt in einen Ocean, deſſen Tiefen vom wüthendſten Orkane aufgerüttelt wurden. Ein dichtes Gewirr von Eiſenhau⸗ ben, ſtarren Piken und blitzenden Schwertern füllte in ewiger Bewegung die Räume, darüber flatterten die Fahnen und die Helmbüſche der Anführer gleich den Wim⸗ peln im Sturme umhergeworfener Schiffe; hier ver⸗ ſchwand ein Federbuſch, dort wankte eine Standarte, hob ſich wieder, und verſank dann für immer. Pulverrauch wälzte ſich in zuſammengeballten Wolken über die Ge⸗ gend, und vom Abendwinde bewegt, trennte er hier die Gruppen, verdeckte ſie dort ganz, enthüllte ſie dann wieder, und theilte das große, furchtbare Bild in hun⸗ dert kleine Gemälde des Schreckens. Weithin rollte der Geſchützdonner über die Ebene, da ihm nirgend ein Wi⸗ derſtand entgegentrat, und hindurch hörte man die Stim⸗ men der Menſchen, und unterſchied den Ruf der tapfern Angreifer, das Furchtgeſchrei der Feiglinge, den Jubel des trunkenen Sieges und das Wehgeheul des verzwei⸗ felnden Todes, und dazwiſchen tönte hohl das Befehls⸗ wort, ſchmetternd das Angriffszeichen der Trompete, lockend der Hörnerruf zum Zurückmarſch. Die erſten Attaken waren geſchehen. Todte und Ver⸗ wundete lagen auf den weichen Heidblüten hier und drüben; keine Heeresſtellung war um einen Schritt verändert. Nördlich am linken Flügel, wo es bis jetzt todtſtill ge⸗ blieben war, vernahm man jetzt einige Musketenſchüſſe, und der Markgraf, der ihre Bedeutung verſtand, über⸗ ſah ſchnell die Wichtigkeit der nächſten Minuten, und ord⸗ nete einen Kavallerieangriff auf das feindliche Centrum. Dicht geſchloſſen rauſchten ſeine Küraſſiere auf den Plan, 348 an ihre Spitze ſetzten ſich Erichs erſte und zweite Com⸗ pagnie, und wie ein zerſtörendes Hagelwetter raſſelte die wilde Schaar, mit blitzwerfenden Schwertern über den Häuptern, gegen den Feind. Gut geübt von ihren er⸗ fahrenen Oberſten, hatte ſich eben ſo ſchnell die Fronte des ſächſiſchen Fußvolks aufgelöſet, und in kleine Vierecke zuſammengezogen, deren erſte Linie den Roſſen eine Reihe von Hellebarden entgegenſtemmte, und aus den entſtan⸗ denen Intervallen brachen kurfürſtliche Panzermänner hervor. Der dreißigjährige Sachſenheld, in der Blüte der Männlichkeit, kenntlich durch die Silberrüſtung mit ein⸗ gelegter Goldſonne und den Muskatſchimmel, führte ſelbſt den mittelſten Reiterzug, einem göttlichen Kaſtor gleich an Muth und Jugendſchöne. Dicht hinter ihm drängte ſich zur Schlacht ſein ſtahlblau⸗gerüſtetes Trabantencorps, die Höllenſtürmer genannt, und ſeiner Linken der nächſte war Johann von Berlepſch, der die gelb und rothe Haupt⸗ fahne des Kurhauſes trug, worin man die rothen Schwer⸗ ter und den grünen Rautenkranz auch in der Ferne erblickte. Wie junge Adler auf den Raub, fürzten Bartold von Mandelsloh und Hartwig Teufel von Birkenſee, da ſie kaum das Panier flattern geſehen, und am wallenden, weißen Straußfederbuſch den Feldherrn erkannt, dieſem Punkte zu. Schnell wie der Gedanke waren die Pferde⸗ haufen aneinander, ineinander, durcheinander, und die langen Schwerter mäheten gleich fleißigen Senſen des Landmannes und lichteten an allen Orten. Mit Ueberraſchung ſah der Kurfürſt von zwei Rittern ſich angegriffen, deren Anzug mehr turnierhaft und ga⸗ lant, als der Feldſchlacht gebührend erſchien, deren Schwertſchläge aber von gleicher Fechtkunſt und gleicher 349 Kampfhitze zeugten. Seine Wehr war indeß gleich rit⸗ terlich, und da ſein leichtes, ſtreitgewohntes Roß eine hügelige Stelle gewann, ſo führte er erhaben, von ſeinem Fahnenträger unterſtützt, und von dem ganzen Heere ge⸗ ſehen, eine Zeitlang den drängenden Streit glücklich durch, und Hartwigs durchhauenes Viſier, ſeine blutende Wange beurkundeten die Kraft des kurfürſtlichen Armes. Da traf ihn Birkenſee's Stahl tief und lähmend über der rechten Fauſt, und der kühne Bartold griff in demſelben Augenblicke nach dem goldenen Commandoſtabe, den der Fürſt mit der Zügelhand gefaßt hielt. In dieſem wichtigen Moment knallte ein Fauſtrohr hinter dem fürſtlichen Helden, als er ſich gerade hoch im Sattel erhob, mit gelähmter Fauſt den letzten Befreiungs⸗ hieb zu verſuchen. Die frevelhafte Kugel fuhr unter dem Rückenſtücke der Silberrüſtung ein, durchdrang den Leib, und mit einem Wehlaut bog ſich der herrliche Krieger zuſammen, und ſtürzte vom Roſſe herab. Hartwigs Feuerblick hatte ſchnell den verbrecheriſchen Schützen erkundet am dampfenden Piſtol und an dem lichtgrünen Wappenrocke. Meuchelmörder! rief er, in⸗ dem ſeine Kampfgier einer beſſern Empfindung Platz machte, in einem Pferdeſatze war er vom Hügel herab, und ſein Eiſen ſchmetterte tödtlich herunter auf den Helm⸗ kamm des Freiherrn Oetwin, ehe noch der feile Mord⸗ bube ſeinen Renner wenden konnte zur Flucht. Helmdecke und Schädel wurden zugleich tief geſpalten, und im Strome des Blutes vorn über den Sattelknopf ſtürzend, ſtammelte des Freiherrn Lippe in den letzten ſchweren Athemzügen des Sterbens: Das Albrechts Lohn?— Von einem Fiedler getödtet!— Fluch dem Teufel,— ſeiner Verlockung und— Euch!— 350 Röchelnd endtie er; und die wenigen ſächſiſchen Gar⸗ den, die noch nicht von Erichs Leibreitern gefallen oder zerſtreut waren, hielten bei der gräßlichen Scene, wie vom Meduſenhaupte verſteint, ein mit der Wehr, und gaben ſich gefangen, und der Schreckensruf: Der Kurfürſt iſt todt! ſcholl tauſendſtimmig durch das Feld, und brachte paniſches Entſetzen und jähe Flucht unter die Völker des Gefallenen. Hartwig hatte kaum ſein Rachewerk vollzogen, ſo kehrte er ſein Roß wieder zum Hügel um. Zwei gute Hiebe entwaffneten den Fahnenträger, der noch mit dem Mandelsloher focht, und dem Schwertloſen entriß ein kühner Griff das Hauptpanier der Feinde. Da donnerte nicht fern das letzte Falkonetſtück der flüchtigen Sachſen, die Kugel ſauſete am Hügel hin, und ſtreifte den Schlacht⸗ hengſt des Birkenſee ſo ſchwer an der Bruſt, daß das Thier ſich hoch aufbäumte im wilden Schmerz. Mit kühnem Sprunge war der gewandte Reiter aus den Bü⸗ geln, ließ den Gaul ſpringen und eilte dem ächzenden Kurfürſten zu Hülfe. Laßt mich nur, mein braver Rächer! ſtöhnte der Prinz, und richtete einen betrübenden Blick auf das ſeidene Pa⸗ nier, das in Feindeshand über ihm im Winde flatterte, wie es ſonſt auf manchem Siegesplan ſtolz gepranget hatte. Hülfe kommt meinem Leben nicht mehr; käme ſie nur der Ehre noch. Von Eurer Hand die Todeswunde empfangen zu haben, wäre mir freundlicher geweſen; es iſt hart, ſo zu enden durch des Meuchlers Kugel. Doch ſehet nach Eurem Gefährten dort! Er bedarf Eurer mehr denn ich.— Raſch ſah der Hauptmann zur Seite, wohin des Kur⸗ fürſten Hand zeigte, und ſeine Locken bebten unter dem 351 Helme im erſtarrenden Entſetzen empbt. Die Kugel, welche ſein Pferd geſtreift, hatte den von Mandelsloh voll getroffen, und mit zerſchmettertem Schenkel lag er unter dem durchſchoſſenen, um ſich ſchlagenden Hengſte. Mit der Kraft, welche Verzweiflung gibt, befreiete er den Freund von der Laſt des ſterbenden Thieres, und ſchlug ihm den Helmſturz auf; aber von des hohen Jüng⸗ lings freundlichem Geſicht hatte ſchon die Bläſſe des Todes Beſitz genommen, und der Schmerz verzog ſeinen ſchönen Mund, doch hielten ſeine Hände noch das Schwert und den eroberten Marſchallsſtab. Grüße Amala! Ich habe den Tod für Ehre und Sie! Du biſt der Glücklichere dennoch!— In ſchwachen Lauten erklang das noch von den bleichen Lippen, ehe tiefe Ohnmacht ſie und das große Auge verſchloß.— Mit männlicher Anſtrengung preßte Hartwig die Qual nieder, die wie mit glühenden Krallen in ſein Herz griff, und eine zwiefache wurde bei dem Gedanken, welch ein Schmerz der ſchönen Amala bevorſtehe, deren Liebe für den todtwunden Junker ihm gewiß war. Er rief vor⸗ beieilende Fußknechte an, und befahl, die beiden Verwun⸗ deten in das nächſte Dorf zu tragen, und ihnen Hülfe zu geben. Man brachte den Junker fort; der Kurfürſt aber weigerte ſich, als der Markgraf von Brandenburg im ſtolzen Galopp ſich dem Hügel näherte. Victoria! Victoria! rief der rieſige Kriegsfürſt. Jaget die blutigen Hunde in das Waſſer zur Abkühlung, aber nicht weiter. Die Hauptleute ſollen das Fußvolk ſam⸗ meln von der Beutegier, denn auch den zweiten Prahler wollen wir heute noch niederſchlagen!— Er ſchien ſich ſuchend umzuſehen, als er den Marſchall Hagehuſen be⸗ merkte, der mit von Tüchern mächtig umwickelter Hand 352 von der Nachhut herantrabte.— Herr Gottſchalk! rief Albrecht ſpöttiſch. Reitet näher, Ihr ſchwerbleſſirter Feld⸗ ſtürmer! Nicht wahr, man hat Euch den Finger verletzt, und Ihr ſeid todtwund, und habt Fieber, das der Streit verſchlimmern möchte? Nun, thut nichts; Jedermann hat ſeinen guten Platz im Leben, und der Finger wird Euch nicht hindern, bei dem Siegesmahle den Vorlegelöffel zu re⸗ gieren. Keine Antwort, mein ehrlicher Mann des Frie⸗ dens; ſondern laſſet Euer Pferd, welches das geſchonteſte iſt im ganzen Heere, laufen von hier nach der Stadt Hannover, und grüßet die Freunde, und meldet die Vie⸗ toria! Fort, daß die Nacht Euch dort ſieht!— Und der Marſchall wandte ſein Roß, ſo ſchnell, als er erſchienen war. Langſam ritt jetzt der Markgraf näher. Braver Bir⸗ kenſee! ſprach er, Euch gebühret die Krone dieſes Tages. Keine Ehrenkette kann den Reiterſturm gebührend bezah⸗ len, den Ihr vollführtet. Das höchſte Siegeszeichen wehet in Eurer Hand, und zu Euren Füßen blutet an Euren Wunden der verhaßte Feind. Rechnet bei mir auf Alles, was Fürſten zu geben vermögen.— Richt meine Hand fällte den herrlichen Kriegsmann, antwortete Hartwig. Schauet dort hinab! Dort ſtarrt die Verrätherhand, krampfhaft das Heidekraut raufend, die meuchleriſch die Pforten dieſes edeln Lebens aufſchloß. Dort hauchte mit einem Fluche auf ſeinen Verführer der Elendeſte ſeine Bubenſeele dem ewigen Gericht ent⸗ gegen.— Ehrfurchtsvoll, doch nicht ohne Vorwurfston, ſprach das der junge Held, und als Albrecht hingeſchauet und Oet⸗ wins Leichnam erkannt, überflog ein dunkles Roth ſein 353 braunes, bärtiges Geſicht.— Gut, daß er liegt! ſagte er haſtig und zweifinnig.— Gott vergebe denen, die Schuld find, daß er alſo fiel! ſetzte Hartwig eben ſo hinzu und ging zu ſeinem bleichgelben Hengſte, welcher wieder hoch ſtand und mit den blauen Glasaugen verwundernd auf die blutende Bruſt hinabſtarrte. Er gab einem Reiter voll Mitleid den treuen Tiark zum Fortführen und fing ſich den in der Nähe des einſtigen Herrn herumſpringenden Muskat⸗ ſchimmel des Kurfürſten, und ſchwang ſich auf den reich⸗ geſtickten Sattel. Mit ſinſtern Blicken hatte der Kurfürſt, halb aufge⸗ richtet und auf den linken Ellenbogen geſtützt, den wil⸗ den Sieger angeſehen. Der Tag der Bezahlung iſt endlich gekommen, redete dieſer ihn an im Tone des Uebermuths. Ihr lieget und ich ſitze hoch und könnte mit meines Roſſes Hufen Euren ſtolzen Leib zermalmen. Undank wecket den wildeſten Haß. Das bedenkt für die Zukunft, und jetzt laßt Euch zurücktragen, denn mein Haß iſt erkaltet in Eurem rieſelnden Blute; laßt Euch verbinden; Eure Gefangenſchaft ſoll ritterlich ſein.— Gefangenſchaft? fragte Moritz, und die bleiche Wange erglühte ihm noch einmal. Ein Höherer als Ihr hat mich beſiegt, und nur der Tod iſt mein Ueberwinder. Fliege hin, Deinen tollen Geierflug, eitler Prahler! Ich will hier liegen wie der Spartaner auf ſeinem Schilde. Und hüte Dich! Vernimmſt Du nicht ſchon drüben die Donner Deines Gerichts 2 Sterbende ſollen heller ſehen. Hüte Dich, denn ich ſehe Dich klein und armſeliger, als ich hier liege vor Deinen Hufen, noch ehe dort die Sonne geſunken iſt!— Der Markgraf horchte wirklich betroffen auf und Blumenhagen, Rl, 23 354 erſtickte die giftige Gegenrede auf der bärtigen Lippe, denn er vernahm das plötzliche Erwachen einer tüchtigen Ka⸗ nonade links von der Fuſe her. Einen Hohnblick warf er noch auf den Blutigen am Boden, dann flog ſein Pferd mit ihm durch die Ebene, ſein Commandowort ſchallte überall; die Heerhaufen wurden geſammelt, vom Nachſetzen und Plündern durch Trompeten und Hörner⸗ zeichen gerufen und in getrennten Kolonnen zogen die Brandenburger dem neuen Schlachtlärme zu.— Es war der alte Herzog von Wolfenbüttel, der lang⸗ bärtige Heinrich, der bei dem erſten Kanonenſchuſſe, wel⸗ chen der Südweſtwind ihm brachte, ſein Lager hinter dem Dorfe Blumenhagen abgebrochen hatte und dem Kampf⸗ platze zugeeilt war. Er kam eine Viertelſtunde zu ſpãt für den Freund, doch früh genug zur Rache und zum Siege. Den zwanzigjährigen Prinzen von Lüneburg ſchickte er am rechten Ufer der Fuſe hinauf, die Sachſen zu unterſtützen und ihre Flüchtlinge zu ſammeln; er ſelbſt ſetzte mit ſeinen tapfern Söhnen bei Dölbergen über das Waſſer, und als er dort ſich gegenüber die braunſchwei⸗ giſche Stadtfahne erkannte, ſtieg ſeine Schlachtluſt faſt zur Wuth, und ſeine ſchwerſten Feldſtücke ließ er auf die Glieder der Rebellen richten. Aber Claus Barner hatte böſe Scharfſchützen, deren Kugeln ſelbſt das beſte Panzerhemd nicht widerſtand. Herzog Heinrich ſah ſeine beiden Prinzen, die ſtattlich⸗ ſten Heldenjünglinge Deutſchlands, ſeine Freude, ſeinen Stolz, im Pulverrauche ſtürzen, indem ſie löwenmuthig ſelbſt das erſte Treffen unter der blauen Hauptfahne ge⸗ gen den Feind geführt. Das iſt der blutdürſtende Bär! das ſind Barners Kugeln! brüllte der alte Herr, und ſtrich ſich zu zweien — —* 355 Malen durch den langen Bart, daß graue Haarbüſchel kleben blieben am Eiſenhandſchuh. Dann raſete ſein Grimm auf mit der Hitze der Löwenmutter, welcher man die Jungen nahm. Für Karl Victor! ſchrie er rechts; für Philipp Magnus! Keinen Pardon! Keinen Pardon! ſchrie er links in ſeine Regimenter, und mit der ſtarken Fauſt das Schwert durch die Luft ziehend wie ein Jüng⸗ ling, ſetzte er mit ſolcher Mannheit in den Feind, daß, wo er focht, aller Widerſtand vergebens war, und der zweite Akt des Tages den erſten an Blutſcenen noch überwog. Hartwig von Birkenſee hatte Mühe gehabt, ſeine Compagnie zu ſammeln. Sie beſtand aus fremden Wage⸗ hälſen, die ihren Leib verkauft hatten, um flott zu leben, und wenn ſie der Tod nicht als Beute nahm, Beute heim zu bringen für das müßige Alter; ſo nahmen ſie die Ge⸗ legenheit wahr, die ein ſolcher Platz darbot, und plün⸗ derten die reichlich begabten Todten ohne Auswahl. Ehe der Hauptmann die Getrennten und Abgeſeſſenen im Gliede hatte, war er der Letzte geworden auf dem alten Fecht⸗ platze und ſah an der Landwehr hin die Sachſen halten und ſich wieder ordnen. Er gebot ſchnell einem Zuge Fußvolk, das mit einigen ſchweren Stücken Albrechts Truppen folgen wollte, Schwenkt zu machen und die Geſchlagenen vom neuen Kampfe abzuhalten. Er ſelbſt ritt Albrechts Hufſpuren nach, bemerkte aber baldigſt mit Erſchrecken das veränderte Wetter des Tages. Zu ſiegestrunken und unvorſichtig hatte der Markgraf ſeine ermatteten Soldaten in das neue Gedränge geführt, ohne die Zahl des wolfenbüttelſchen Heeres zu erkunden, welches die der Seinen überbot, und friſche Stärke und blanke Waffe zum Angriffe mitbrachte. 356 Als der von Birkenſee im verhaltenen Trabe über das Feld ſtreifte, um im langſamern Ritte ſtets mehre der Verſprengten an ſich zu ziehen, entwickelte ſich vor ſeinem Auge in immer grellerer Furchtbarkeit das neue Schlachtbild, und mahnte ihn zur Eile, wollte er auch von dem neuen Ruhme des Tages ſeinen Theil nehmen. Das Gefecht hatte ſich zum Burgdorfer Holze hin⸗ aufgezogen; der Pulverdampf verhüllte die Maſſen; Hartwig ſummte vor ſich hin ein Harfenlied, das ihm ehedem ſehr lieb geweſen, und den Abſchied an eine wel⸗ kende Roſe ausſprach; da wurde er aufmerkſamer durch manche böſe Anzeige und ſetzte ſich feſter in den Bügeln ſeines Schimmels. Der unebene Blutboden, den er jetzt berührte, war mit friſchen Sterbenden und Verwundeten be⸗ deckt, meiſtens durch Stückkugeln hingeſtreckt, und in die Brandenburger Farben gekleidet, und wenn der Wind zu⸗ weilen die Rauchwolken hob, ſah er getrenntes Fußvolk rückwärts ſtrömen nach der Gegend des Städtchens hin. Vor einem ſterbenden Kriegsmanne ſtutzte jetzt der arabiſche Schimmel und zog dadurch des Reiters Auge aus der Ferne zum Erdboden herunter. Auf ſchreckliche Weiſe zerhauen war der Kopf des Liegenden, eine Kugel hatte ſeinen Leib zerriſſen, dennoch bemühie er ſich, von dem zerſchlagenen Goldhelme die Helmzier zu reißen, und mit Entſetzen erkannte Hartwig daran das Braut⸗ werberzeichen des Fräuleins von Neuhof. Halt, Bruder Teufel! rief der Verwundete, hob ſich müh⸗ ſam auf an den Rädern einer umgeſtürzten Lavette und reichte ihm mit der Bluthand das rothe Schärpenſtück. Halt einen Augenblick, Bruder Teufel; Du fällſt früh genug in die Krallen Deiner Namensvetter, die mich ſo arg zerfetzt haben. Rette dieſes vor ſchlechter Diebes⸗ 357 hand, und bring's ihr und ſprich: Ihr Name ſei mein Letztes!— Er ſank ermattet an der Lavette nieder; Hartwig nahm das ſeidene Pfand mit der Spitze des Schwertes in die Höhe und barg es im Gurt. Adio, Freund Oldershauſen, für dieſes! Adio bis aufs große Wiederſehen! rief er faſt erkaltet im Herzen und ver⸗ zweifelnd an Gottes Huld und am Schickſalsglücke. Die Pfänder waren Blutzeichen, Todesweihen, denn ein unempfindliches Herz theilte ſie aus; und die Kugel für mich ſteckt ſicher auch ſchon im Eiſenſchlunde, ſetzte er heimlich in ſich ſprechend hinzu und ſpornte ſein Thier vorwärts. Den Gedanken weiter auszumalen blieb ihm nicht vergönnt, denn der linke feindliche Flügel entwi⸗ ckelte ſich auf einmal ſo raſch ihm zur Seite und wälzte ſich im Halbkreiſe um ihn, daß er kaum Zeit behielt, die eroberte Sachſenfahne, welche bis dahin vielleicht ſeine Compagnie aus Irrthum des Feindes beſchützt, nun aber alle Musketſchüſſe anzulocken ſchien, von der Stange abzureißen und die ſchnell aufgewickelte Seide um ſeine Schultern zu winden. Kriegsgedräng umgab ihn im Augenblick darauf, und er hätte, wie der Rieſe Briareus, hundert Arme bedurft, um alle Schwertſtreiche zurückzu⸗ geben, welche wie Schloßenwetter auf ihn niederziſchten. Da hörte er auf einmal mitten aus dem tobenden Ge⸗ tümmel, welches die Sinne betäubte, eine wohlbekannte Stimme. Schurken! tönte es, iſt das Sitte in recht⸗ licher Fehde, mit Pechkugeln zu ſchießen gleich ungläu⸗ bigen Türkenhunden?— Hartwig hauete ſich der Stimme zu mit aller Jugend⸗ ſtärke, aber das Gedränge der Roſſe trieb ihn abwärts. Ein ſeltſam Schauſpiel ward ihm da ſichtbar. Ein lan⸗ ger Rittersmann ſtand mitten auf einem leeren Flecke; 358 Mantel und rother Kriegsrock brannten lichterloh und ſchwärzten den blanken Harniſch; jetzt warf der Mann in gräulicher Todesangſt ſich zur Erde, und ſuchte wäl⸗ zend am Boden die Glut zu dämpfen; jetzt ſprang er wieder auf, und riß wüthig an den Kleidern im kleinen Kreiſe laufend, den Jeder flohz doch beides diente nur, den Brand zu erhöhen. Waſſer! ſchrie er; Waſſer! Um des heiligen Johan⸗ nes willen! Hauptmann Birkenſee! Helft! Die Buben haben Schwefel, brennenden Speck oder griechiſch Feuer geſchoſſen! Helft! Ich verbrenne!— Der Scheiterhaufen des Himmels für gebrochenes Ge⸗ lübd, Comthur! entgegnete Birkenſee unempfindlicher, als er geglaubt haite, je werden zu können. Werft Euch in den Fluß, Weyerbach, und taufet Euch rein! Helfe, wer kann, Kameraden!— Neu zur Seite geriſſen, vernahm er wiederum die erſte Stimme, die ihn ſo beſonders anzog. Buben, iſt vas chriſtlich? Keinen Pardon geben? Keine Ritterhaft? Meinetwegen! Auf Euern Kopf dann derſelbe Frevel! — Es war der alte Graf Otto, und mit Schwertſchlä⸗ gen, wo jeder auf's Leben traf, theilte Hariwig plötzlich den Menſchenwald vor ſich, und er kam mit ſeinen we⸗ nigen Panzerreitern zur Nothzeit, denn ein Dutzend Wol⸗ fenbüttler Reiter hatte den Alten zuſammt dem Herrn von Roſenburg in der Mitte, und des wüthigen Heinrichs Zornworte klangen ganz in der Nähe. Zurück! rief der Graf von Hoya, als er losgehauen war, und Hartwigs Kraftgeſtalt ihn deckte. Zurück, denn hier iſt keine Ehre mehr zu holen! Braver Junge, Du haſt Deinem Waffenmeiſter das Lehrgeld getreulich be⸗ zahlt!— Erichs weiße Compagnie hatte ſich zwiſchen ſi 359 und den Feind geworfen, und ſie bekamen Luft zum Um⸗ ſehen, als der Markgraf von Brandenburg ſelbſt mit ei⸗ ner blutigen Männerſchaar heranbrauſete, und im Fort⸗ ſpringen ſein donnernd Commandowort befahl. Heran zu mir, gebot er, was noch Mark hat in brandenburgiſchen und althannover'ſchen Knochen! Spa⸗ ret euch, für morgen ſchlaget durch nach der Sonne zu! Das Feld iſt verloren, aber wir leben noch!— Sein Trompeter blies kurzgeſtoßene Töne vor ihm her, doch wenige befreundete Hörner antworteten dem über die Heide fliegenden Reitertrupp, der überall noch Widerſtand fand, an jedem Hügel Gefallene ließ, und vom Gewehr und Feldgeſchütz noch mehrfach erreicht wurde. Hochroth ſank die Sonne am Horizonte, doch röther noch von Blutstropfen war der weite, unfruchtbare Plan, und die dürre Leere und Oede ſeiner gewöhnlichen Natur füll⸗ ten heute trauriger noch zerſtümmelte Menſchengeſtalten in furchtbarer Geſellſchaft. Auch Ihr, mein lieber Kumpan? fragte bewegt der alte Heinrich, als er den Hügel hinanſtieg, wo der Kur⸗ fürſt lag von den Oberſten des Heeres umringt, die wie zum Troſte vierzehn erbeutete Reiterfahnen und vier und fünfzig Fähnlein des feindlichen Fußvolkes wie ein Zelt um ihn aufgeſtellt hatten. Ihr bringt Balſam und Verband! antwortete Moritz ſchwach. Ich ſterbe, wie ein echter Kriegsfürſt ſterben muß, jung, unter Helden und im Victoria⸗Schießen. Gönnet mir das Chrenbett, dem nichts mangelt als meine Fahne.— Sie hat ſich bis jetzt nicht gefunden, 360 doch ſah man ſie noch ſpät in der Mitte der Uebermü⸗ thigen, antwortete verdrießlich ein Sachſenoberſt.— Der Kriegsmann, welcher ſie nahm, war ein biederer Kämpe! entgegnete Moritz, mit einem angenehmen Lä⸗ cheln der Zufriedenheit, das der Tod verklärte. Er ſchätzte meine Fahne nach ihrem Werthe, und hat ſie ſich zu bewahren gewußt, wenn auch zum Bahrtuche. Gott gebe ihm eine leichte Flucht, oder ein ſchmerzloſes, freu⸗ diges Ende wie das meine!— Heinrich biß im Schmerz die Lippen zuſammen, als er aber dann die Leichen ſeiner beiden Söhne, auch den todtwunden Prinzen Friedrich von Lünebung zum Hügel herantragen ſah, da wurde ſein Geſicht ſchneeweiß, und er wandte ſich gegen die Brandglut des Dorfes Sie⸗ vershauſen, faßte in ſeinen grauen Bart, und was er da ſtill den Rachegöttern ſchwur, in dem Wiederſcheine der Glut, ſelbſt ausſehend wie ein unheimlicher Rache⸗ geiſt, was er da ſchwur, haben der Markgraf und Erichs Lande ſpäter erfahren mit Entſetzen. Die Schlacht ging mit der Nacht zu Ende. Vier⸗ tauſend Todte lagen auf dem Sande, darunter vier Für⸗ ſten, neun Grafen und an dritthalbhundert Junker der edelſten Geſchlechter. Keine Freude brachte der Sieg dem Ueberwinder, mit Thränen und Wehklagen feierte er, und verweilte drei Tage auf dem Felde ſeiner Victoria, um die Freunde zu pflegen, die Todten zu begraben, und die Leiche des Kurfürſten, der am zweiten Tage ver⸗ ſchied, ehrenvoll nach Freiberg in das Erbbegräbniß ſei⸗ ner Väter führen zu laſſen. 361 Das eherne, grauſame Fatum der Vorzeit ſchien ſeine Herrſchaft wiederbekommen, und ſeine verderbliche Hand mit hämiſcher Auswahl über die Thürme Hannovers ge⸗ ſtreckt zu haben. Des eilfertigen Marſchalls Gottſchalk Siegespoſt ver⸗ breitete ſchon in der Sonntagsnacht Jubel unter den Edeln und den Bürgersleuten, und als der Montag kaum begonnen, verwandelte ſich die Frühpredigt in einen Feſt⸗ ſermon, alle Glocken läuteten, und ein: Herr Gott, Dich loben wir! ertönte in den Hochgewölben der Kirche, wie droben den Wolken näher von den Thürmen und Poſau⸗ nenbläſern. Der Marſchall Hagehuſen unterließ nicht, ſich ſelbſt und ſeine verwundeten Finger in ſeinem Berichte hervor⸗ zuſtreichen, doch fiel es der Herzogin Eliſabeth ſofort auf, daß er, außer dem Tode des Kurfürſten, nicht ein be⸗ ſonderes Ereigniß der Schlacht anführen konnte, und die Nichten des Hoyaer Grafen erkundigten ſich gleich ver⸗ gebens nach dem verehrten Ohm und den verwandten Rittern. Die Freude war gar kurz, und der Jammer hernach deſto herzbrechender. Ehe noch der morgendliche Gottes⸗ dienſt zu Ende, fanden ſich am Thore mehre Reiſige ein, denen man die Gräuelſtunden des geſtrigen Abends und die Angſtnacht der Verfolgung anſah. Kaum waren die Glockentöne verhallt, ſo ſprengte der Markgraf von Brandenburg mit einem kleinen Hau⸗ fen ſeiner Panzermänner, von denen keiner ohne Wunde war, in die Stadt, und hielt an vor dem Quartiere der Herzogin. Sein rother Feldbuſch war tüchtig zer⸗ knickt, und ſein Rüſtzeug und Lederkoller mit Blut und Staube beſchmutzet, doch ſeine Züge verkündeten denſel⸗ 362 ven Gleichmuth und denſelben Trotz, den ſie bei dem Auszuge getragen hatten, und ſelbſt das gewohnte Hohn⸗ lächeln ſchwebte auf ſeiner Oberlippe. Die Fortuna iſt eine Dame, und hatte geſtern böſe Laune, rief er der Frau Eliſabeth zum Söller hinauf. Grüßet unſern Vetter, Euren Sohn, edle Frau! Saget ihm, der Albrecht habe einen Karren umgeworfen, aber er werde einen Kriegswagen wieder aufrichten, deſſen Räder und Senſen des alten Heinrichs Gliedmaßen zer⸗ malmen ſollen, daß er zu liegen kommt wie geſtern ſeine Prinzen. Ich werde im Kreiſe umherſpüren wie ein Schweißhund, und mich in Braunſchweig zu werfen ſuchen.— Dahin trabte der rauhe Eiſenmann, und ließ hinter ſich Gram und Entſetzen, an denen er Schuld war, ohne daß ſeine Pulſe einen Schlag mehr klopften oder ſein Gewiſſen ihn peinigte. Die beſonnene Regentin ließ ſogleich alle Thore ſchlie⸗ ßen, die Wachen an den Warten verdoppeln, und befahl, nur die Bürgerſöhne in die Stadt zu laſſen, jedem an⸗ dern Soldatentrupp, Lehensmann und Söldner den Weg um die Stadt anzuweiſen, und ſie über die Brülerbrücke am Lauenroder Berge und Judenteiche vorbeizuführen, wo auf dem Anger zwiſchen dem Sattelhofe der Türks und dem Edelhofe des Herrn Jaſper von Alten ſie den Sammelplatz der flüchtigen Mannſchaft beſtimmte. Es läßt ſich leicht denken, daß, wer nur in Hanno⸗ vers Mauern der Theilnahme fäbig war, dieſer Gegend zueilte, da überdies noch der blaue Montag den Hand⸗ werkern und Geſellen Feierzeit gab. So viele hatten Brüder, Söhne, Ehegatten unter den Ausgezogenen; die Folgen des ſchrecklichen Ereigniſſes lagen noch im 363 Schleier der Zukunft und waren unüberſehbar, und wen Angſt und Furcht nicht hinaustrieb, den lockte die Muße und die Neubegier. Der bürgerliche Schießplatz am Lauenroder Schloß⸗ berge erſchien nun bald bedeckt mit den Städtern jedes Geſchlechts und Alters, welche ſich dort um ihren Papa⸗ geienbaum drängten. Die Familien der Patrizier und Adeligen füllten die beiden genannten Freihöfe an, und die Ankunft jedes neuen Häufleins Flüchtiger weckte lau⸗ tes Wehklagen, mit dem die Todtenſtille des Kummers und der Erwartung abwechſelte. Von Stunde zu Stunde füllte ſich die Brülerſtraße und der Anger mehr, und die Scenen darauf wurden mannigfaltiger. Da ſtürzte ein erhaltener Bürgersſohn ſich in die Arme der Eltern; da hoben weinende Ver⸗ wandte mit Sorgfalt den Zerſchoſſenen vom Ackerwagen, auf welchem er mit einem Dutzend Leidenskameraden ſaß, deren mit blutigen Binden umwundene Glieder einen jammervollen Anblick darboten; hier fluchten halbtrun⸗ kene Reiter, und verſchwuren ſich zu blutiger Rache, lä⸗ cherlich durch die Ohnmacht ihres Zuſtandes; und eine derbe Brauknechtsfrau rief mit in die Seite geſtemmten Armen einem ſchwerbleſſirten, rieſenlangen Reiter von Erichs Garden zu: Nu, Mosje Pedro! Hat ſich's ein⸗ mal umgedreht? Wird er nun wieder mir das Quar⸗ tier auf den Kopf ſtellen, den Herrn ſpielen über Mann und Knecht, und die gute Suppe und das liebe Gottes⸗ brod zum Fenſter hinauswerfen? Nun, ſteig' Er ab und komm' Er mit! Zum Lohn für den Unfug, den Er gemacht, will ich Ihn verbinden und pflegen im Hauſe nach Chriſtenpflicht.— Der derbe Spott und das fromme Mitleid in der Rede weckte den Beifall der Menge, 364 und der ausländiſche Soldat ſah ſeltſam grämlich und froh zugleich auf die chriſtliche Wirthin und ſtieg vom Wagen herab zu ihr.— Auf dem von Altenſchen Ritterſitze häufte ſich indeß der Adel der Stadt, und die Vorhalle ward durch die Damen beſetzt, die mit der ſchmerzlichſten Theilnahme die anlangenden Rittersleute und bleſſirten Junker em⸗ pfingen. Mehre Wagen voll wunder Offiziere waren ſchon in den großen Hofraum eingefahren, und jetzt ritten der Herr von Roſenburg und der Graf Otto von Hoya mit ihrem Gefolge durch das Hoſthor. Am Hauſe ſaßen ſie ab, und galant legte der ſchöne Wilhelm das gerettete Hauspanier des Herzogs der Prinzeß Katharina zu Füßen, welche die Freude, ihn wieder zu ſehen, unverholen äußerte. Euer Gehet war vonnöthen, meine Gnädige, ſagte er, die Hand auf die bepanzerte Bruſt drückend, denn gar hart ſchritt der Tod an uns hin. Aber Engel erhören, was Engel beten, und Euer Gebet rief einen Erzengel und ſein Feuerſchwert gerade zu rechter Zeit.— Katharina wollte fragen, doch die Nichten des alten Grafen drängten ſich ſtürmiſch vor, umhalſeten den ge⸗ rührten Graukopf, und man ſah den Augen der holden Amala neben der Freude den ängſtlichen Zweifel an um andere Perſonen, nach denen ſie nicht zu fragen wagte. Armes Kind! ſprach der Graf, mit Kummerblicken ihre Wangen ſtreichelnd, Deine Gunſt hat Helden ge⸗ ſchaffen ohne gleichen; aber die Glücksgöttin war neidiſch auf Dich, und hat ihnen dafür ihre Gunſt entzogen, welche dem Kriegsmanne doch vor Allem Noth thut.— In demſelben Augenblicke fuhr ein Kriegerkarren am Hauſe vor. Ein Leinenzelt überdeckte ihn; im Vorder⸗ theile lag auf den Waffen der vergoldete Helm, mit dem 365 bekannten Stück der Roſaſchärpe, und hinten an war Tiark, der bleichgelbe, hinkende Streithengſt des von Birkenſee gebunden, der traurig ſein ſtolzes Haupt hängen ließ über der verwundeten Bruſt. Hartwigs Leiche? Er todt? O ſo begrabet mich auch! ſtammelte das Fräulein Neuhof und ſank in Ohnmacht zurück, aufgefangen von den Armen des Ohms, der über ihr plötzliches Hinſinken ſo erſchrocken, wie betroffen über das öffentliche und unerwartete Geſtändniß war. Die Leinenhülle wurde jetzt weggezogen, und aus ſeinen Strohpolſtern richtete ſich Bartold von Mandels⸗ loh in die Hohe, ähnlich dem bleichen Jünglinge, dem die Mythologie der Griechen die Rolle des Todes zu⸗ theilte. Kaum kraftvoll genug, ſich an dem Seitenbrette des Wagens aufrecht zu halten, bot er den vergoldeten Commandoſtab des Kurfürſten dem Fräulein dar, welches die wiedergeöffneten Augen wie mit ſtarrem Unglauben auf ihn gerichtet hielt. Mein letzter Wunſch wurde vom Himmel gehört! ſagte der Beklagenswerthe mild und leiſe. Noch einmal ſehe ich Euer Antlitz, Amala, und Euer Mund ſagt mir: Gute Nacht! vor dem langen Schlafe; Schärpe und Beute bringe ich Euch zuvor, und löſe mein Wort mit Ehren. Gedenket mein; der Neid weilet nicht bei den Todten, darum machet den da glücklich, auf den ich alles Beſte, was ich ſterbend beſitze, vererbe!— Amala, ver⸗ ſtummt bis jetzt durch den Kampf der Empfindungen in ihr, der Scham, des Mitleids, der Hoffnung, wendete ihr Geſicht zur Seite dahin, wohin der Commandoſtab wies, und erblickte ſich nicht mehr in des Ohms, ſondern in den Armen Hartwigs von Birkenſee, der unbemerkt die Fallende ergriffen hatte, und in ſeiner Männerſchöne, 366 welche durch die Wangenwunde noch kriegeriſcher ward, hinter ihr ſtand. Mit naſſem Auge löſete dieſer jetzt die feindliche Sachſenfahne von ſeinen Schultern, und warf ſie über des Freundes Leib. Du haſt den Preis gewonnen, rief er ſchmerzlich, Dir gehört Stab und Fahne!— Bartold winkte nur noch mit der Hand, dann ſank er erſchöpft in ſein Strohbett zurück.— Nichts iſt verloren gegangen von Amala's Ordens⸗ bande, fuhr Hartwig fort, mit weicher Stimme; auch der brave Ernſt ſendet hier aus todtkalter Hand ſeine Helmzier zurück durch mich, der, wunderbar erhalten, wahrlich dem Kußelregen nicht entwich. Amala drückte wortlos ihren blonden Lockenkopf an ſeine Bruſt. Fräulein, ſoll die gerettete Liebesſchärpe ſich wieder verknüpft fügen um meine Bruſt? fragte der Mann mit erwärmter Stimme, beide Eifenarme um die liebliche Geſtalt legend. Amala war das Wort des Schrecks Wahrheit, und darf ich eintreten in meinen Himmel?— Sie erhob das holdeſte Antlitz, auf das eine Ver⸗ klärung, aus Freude und Schmerz gemiſcht, den wun⸗ derſamſten Reiz gelegt hatte. Was ich dem Todt⸗ geglaubten geſtand, ſagte ſie leiſe, wie könnte ich das dem Lebenden verweigern?— O glaubt an mein Ge⸗ fühl, ſetzte ſie wärmer hinzu, dem Zweifel antwortend, der noch in des Ritters Augen zu wohnen ſchien. Glaubt meiner Liebe, habe ich ſie auch ſo lange, Euch zur Pein, verſchloſſen getragen! Klar wurde mir ſelbſt ja Alles erſt, da der Tod vor mich hintrat, und ich Dich verloren glaubte!— Und ich habe nichts, die Königin der Frauen zu krö⸗ nen nach Würde; kein Schloß Dich zu bergen! fiel Hart⸗ 367 wig ſchmerzlich ein. Mein Ahnherr Teufel war ein flüch⸗ tiger Aechter, und meine Heimath iſt das Kriegesfeld.— Ein ſtarker Heldengeiſt und ein weiches Sängergemüth ſind mir glückverſprechende Schätze! lächelte Amala, und der alte Ohm ſetzte vergnügt hinzu: Bravo, mein Töch⸗ terchen! Dein Mütterliches reicht aus für eine neue Burg und ein warmes Neſt der jungen Adlerbrut, und meine vollen Truhen gehören ihm, denn ohne ihn läge ich wohl zerfleiſcht unter den Raben und Hunden auf feuchtem Moore.— Ja, Prinzeß! jubelte Roſenburg; der da war der Sanct Michael, deſſen Feuerſchwert uns rettete, als wir ſchon mitten ſaßen im Rachen des Höllendrachen.— Katharina nickte huldvoll dem Hauptmanne zu, dieſer aber ſprach mit beengter Bruſt: Laſſet uns hinein in das Haus! Die Freude meines triumphirenden Herzens ſcheint mir Sünde und Hohn unter dieſen Bildern des Jammers. Und mit ſich zog er die Geliebte in das Ritterhaus. Als der Ohm folgen wollte, hielt ihn die Rheingräfin Mintha auf und forſchte nach dem Comthur. Der Teufel hat ihn geholt in ſeiner Flammenkaroſſe! antwortete un⸗ willig der Greis, und ließ ſie in der Geſellſchaft des Marſchalls Hagehuſen, mit welchem ſie bald darauf nach ihren Gütern abreiſete, um in den Freuden der Tafel Troſt zu ſuchen für ihren neidiſchen Unmuth.—— Dem beſondern Befehle des Grafen von Hoya zu⸗ folge, wechſelten Hartwig und Amala die Verlobungs⸗ ringe an demſelben Morgen, an welchem feierlich Bartold von Mandelsloh, und mehre adelige Leichen, die der chriſtliche Sinn des Ueberwinders ausgeliefert hatte, in der Sanct Ulaikapelle am Stadtdome beſtattet wurden. Mitten unter dem ſtattlichen Leichengefolge erregte des Ma⸗ 368 giſters Hoiker geſpenſtiſche Erſcheinung ein neues Grauen. Mit Schaudern ſahen die, welche um ſein prophetiſch Wort gewußt, wie die graue, bärtige Figur zwiſchen den offenen Gruftgewölben ſtand, ſtarr nach der Wand blickte, wo man die Wappenſchilde der Beigeſetzten befeſtigte, und zugleich mit dumpfen Grabestönen murmelte: Die Ge⸗ waltigen der Erde ſind ſtark, aber ſtärker iſt der Herr, Herr Zebaoth, und ſein Name ſei gelobet in Ewigkeit!—— Noch ſtehet die Kapelle St. Ulai an der Hauptkirche Hannovers. Das verblichene Altarbild des heiligen Georgs, vom Jahre 1481, und das Conterfei der Auferſtehung hängen noch da wie damals. Auf der Seitenwand ſieht man ein großes Gemälde, welches, wie die Goldbuch⸗ ſtaben der Unterſchrift angeben, dem Andenken des ge⸗ bliebenen Bartold von Mandelsloh gewidmet wurde. Der verwundete Junker liegt im gelben Wappenrocke, blauen Panzer und rothen Stiefeln auf einem weißen Polſter, und erhebt den Commandoſtab gegen einen Leichenſtein, dem der Erlöſer mit ſeiner Fahne entſchwebt. Der Vater, in einer Trauerrüſtung, nur mit einer goldenen Halskette geziert, kniet betend zur Seite; mehre der rothen Reiter ſchauen traurig herein, und vom fernen Walde nähern ſich Frauengeſtalten. Darüber hängt der Wappenſchild der Mandelsloh mit dem ſilbernen, von rothem Bande umflochtenen Jagdhorn, und zwiſchen der Helmzier iſt ein weißer Todtenkopf angebracht, der ein roth und gelbes Kriegspanner trägt. Zur Seite hängen drei ähnliche Schilde, worin man die neun Goldblumen des Ernſt von Oldershauſen, die drei Keſſelhaken und das Band mit drei Roſen bekannter edler Geſchlecht erkennt. Die Umſchriften 369 mit Mönchslettern, den Todestag bei Sievershauſen ver⸗ kündend, Farben und Vergoldung ſind wohlerhalten und wie friſch. Dieſe Kapelle enthält ähnlicher Merkwürdigkeiten des Alterthums eine Menge. Ein halb Dutzend ſchön vergoldeter Helme und Handſchube zieren die Wände, und auf den da⸗ ſelbſt aufgehangenen Schilden bemerkt man die Namen und Wappen der Grafen von Rode, die einſt die verſchwundene Burg Lauenrode auf dem Berge der Neuſtadt Hannover beſaßen, den Schild des Generalwachtmeiſters aus dem Winkel von 1639, des von Sparre 1663, des Schenk von Winterſtedt, des von Bente, des Commandanten von Riegeſpan von 1670. Beſonders wichtig iſt eine halbverloſchene lange Goldſchrift auf einer großen weißen Tafel, über welcher ein paar beſtaubte Pauken und zwei zerfetzte Standarten befeſtigt find. Sie erzählt, daß Herr Jobſt Hilmar von Knigge, Erbherr auf Leveſte, Oberſt von tauſend Pferden, dieſe den Türken und Tataren am 49. Juli 1664 abgenommenen Fahnen und Pauken hier zum Dank an Gott, und zum Sporn für junge Krieger des Vaterlandes aufgehangen. Den Steinboden ſchmücken viele Grabſteine mit Mönchs⸗ ſchrift und rohen Bildern von Prieſtern und Rittern, und ſtattliche Epitaphia einer Frau von Waldhauſen und einer Wittwe von Szemern mit netter Bildhauerarbeit und mit niederdeutſchen Sprüchen wären werth, auch für künftige Zeiten erhalten zu werden. Möchte dieſe flüchtige Anzeige die höchſten Behörden der Königsſtadt Hannover veranlaſſen, ihre Aufmerkſam⸗ keit dieſer Kapelle zu ſchenken, die in ſo geringem Raume ſo vieles Beſondere umſchließt. Schon vermißte Schreiber dieſes darin mehre alte Schwerter und eine ungeheure Blumenhagen. Rl. 24 370 Lanze, welche vor dreißig Jahren der Knabe oft bewun⸗ derte, wenn der hagere alte Kirchenvogt der neugierigen Secundanerſchaar am Sonnabend Mittag den Eintritt erlaubte. Kirchenſtühle und Steintreppen ſind, die Ka⸗ pelle verengend, von der Kirche aus hineingeſchoben; Leitern, Dachſteine und altes Gerüſt füllt die Winkel, und es iſt hohe Zeit, manche Inſchrift aufzufriſchen, will man ſie der Nochwelt bewahren. Ein noch ſprechenderes Andenken der merkwürdigen Schlacht bei Sievershauſen hegt die Kirche zu Sievers⸗ hauſen dem Freunde der hannoverſchen Landesgeſchichte und alterthümlicher Kunſt. Es iſt ein großes Wandbild in dem Gotteshauſe ſelbſt, mit lebendigen Farben recht wacker gemalt, und mit kühner Hand das wildeſte Ge⸗ dränge dieſes berühmten Treffens und die Fürſten und vornehmſten Krieger, welche darin fochten, abconterfeiend. Eine wohlerhaltene Unterſchrift benennt die gezeichneten Perſonen, und oben auf dem Bilde ſelbſt ſind dieſelben mit Zahlen unterſchieden, ſo daß der Verehrer jener wich⸗ tigen Zeitepoche ſich ſeine Lieblinge herausſuchen, und ſeine Phantaſie mit ihren Geſtalten bereichern kann. —— * Vor dem Waldſchloſſe des Barons von Cordes hielt ein ſtattlicher Jagdwagen, mit vier Mohrenköpfen be⸗ ſpannt, und mehre Reiter kamen nachgeſprengt. Es war der Rittmeiſter Blankſchwerten mit ſeiner jungen Ge⸗ mahlin. Leicht und ohne Hülfe ſprang die junge Elſaſſerin aus dem Wagen und die hohe Treppe hinan in die Arme der Baronin Iſabelle, indeß Baron Cordes auf dem Hofe den Rittmeiſter begrüßte und nach Männerart ſo⸗ fort den aus der Fremde mitgebrachten königlichen Hengſt bewunderte, welcher auch auf der Stelle, unermüdet durch den kurzen Waldweg von des Rittmeiſters Felſen⸗ burg zum Schloſſe, ſeine Reitſchule unter des eiteln Herrn ſtachelnden Sporen gar trefflich zu ſchauen gab. Rittmeiſter Blankſchwerten war ein kraftvoller Fünf⸗ ziger. Die kernigen Glieder verſpotteten das grauge⸗ miſchte Haar im Barte und auf dem Scheitel, und die glänzende Huſarentracht, enge und nett und reich, ver⸗ jüngte die derbe Geſtalt und das faltenvolle Geſicht, deſ⸗ ſen Düſterheit durch den krauſen Schnauzbart noch nächt⸗ licher und dräuender wurde. Blankſchwerten war der Sprößling einer verarmten Familie aus der Reſidenz. Er wurde ein Sohn des Kriegs, denn frühe ſchon ſtieß ihn ſein Schickſal unter 374 die Soldaten, und er hatte faſt allen Mächten Europa's, anfangs gegen die neufränkiſchen Republikaner, ſpäter gegen den Mann des Zeitalters, gegen den Weltuſur⸗ pator gedient. Der Krieg hatte den getreuen Sohn nicht unbelohnt gelaſſen. Blankſchwerten war reich geworden, ſehr reich; Niemand aber wußte wo und wann und auf welche Art. Vor etwa fünfzehn Jahren kam ein Jägers⸗ mann in dieſe Gegend mit einem anſehnlichen Fuhrwerke, das nichts trug als ihn, ein zartes, liebliches Kind zwi⸗ ſchen drei und vier Jahren, und mehre Kiſten und Kof⸗ fer. Der Jägersmann nannte ſich Blankſchwertens Agent, kaufte eine anſehnliche Länderei mit Waldlund einer ur⸗ alten Felſenburg, die gerade aus einer adeligen Erb⸗ ſchaft feil ſtanden, bezahlte Alles mit blankem Golde, und zog mit dem Kinde auf das graue Schloß der kah⸗ len Höhe. Er machte ſich nun zum Förſter des neuen Herrn, ließ auch unten am Forſtesrande unter den alten Eichen ein nettes Jagdhaus für ſich erbauen, nahm Knechte und Mägde in die Meierei am Fluſſe auf, ſchaffte einen gar ſtattlichen Viehſtand an, doch kümmerte er ſich nicht um Welt und Nachbarn. Mühſam erhorchte die Neugier der Letztern nur ſo viel, daß Blankſchwer⸗ zen das zarte Mädchen aus Kriegsnoth und Brand ge⸗ rettet habe und als ſein Kind und Erbe erziehen laſſe; doch ob er ſeinen Reichthum durch eine erbeutete Kriegs⸗ kaſſe, oder durch Gewinn im Hazardſpiele, oder durch Erbſchaft erlangt, blieb zweifelhaft, denn darüber war dem ſtörriſchen Förſter auch nicht ein zweideutig Wört⸗ chen zu entlocken. Viele Jahre verliefen. Man wurde den neuen Nach⸗ bar gewohnt; die kleine Lücie wuchs heran, und ſelbſt die Familie von Cordes, deren Sohn Theodor und deren —— ——— 375 Richte Iſabella mit der kleinen Ausländerin vereinten Unterricht bei dem Prediger des Dorfes Thalbach erhiel⸗ ten, und deren Güter dicht an die Blankſchwertenſchen Beſitzungen ſtießen, vergaßen ihre Zweifel und manchen frühern Argwehn, und nahmen die kleine fiebenjährige Fremde freundlich unter ſich auf. Blankſchwerten, zuletzt im Dienſt auf der Pyrenäi⸗ ſchen Halbinſel, ſtand im ununterbrochenen Briefwechſel mit ſeinem Förſter und deſſen Pflegetochter. Er war früherhin einige Male, doch immer nur auf einen Tag, und in bürgerlicher Tracht, auf ſeiner Burg geweſen. Als Lücie heranwuchs und ſich zur Schönheit entfaltete, wurden ſeine Briefe wärmer und länger; er nannte ſie nicht mehr Kind und Tochter, ſondern Verlobte und Braut; und als der große Weltfriede allen Ausgeſtoßenen und Ausgewanderten endlich die rechte Heimath wiedergab, kam auch der Huſarenhauptmann zurück, und die acht⸗ zehnjährige Jungfrau, welche wenig von der Welt ge⸗ ſehen und die in dem Wohlthäter das ganze Geſchlecht liebte, trat ohne Weigerung zum Traualtare und wurde die Königin der ſchönſten Wälder und des höchſten Rit⸗ terſchloſſes im Lande. Auch in dem Waldſchloſſe der Cordes waren indeſſen große Veränderungen vorgegangen. Die alten Befitzer hatten das Zeitliche mit dem Ewigen vertauſcht. Junker Theodor war Kammerherr des Königs geworden, hatte als Freiwilliger einige Feldzüge mitgemeht und darauf ſeine ſchöne Anverwandte Iſabelle an den Trautiſch geführt. Blankſchwerten liebte die Tafel und das Spiel, dar⸗ um war die Bekanntſchaft mit den benachbarten Guts⸗ beſitzern in den erſten Monaten nach ſeiner Vermählung ein Hauptgeſchäft für ihn, und der zwar rauhe, doch „ 376 weltkundige und reiche Mann mit der wunderlichen Frau, wie bald alle Jünglinge der Provinz ſie nannten, war überall willkommen. Doch ſein ſcharfer Blick und die Aufmerkſamkeit, mit der er nicht die Schmeichler, die ihm verächtlich ſchienen, ſondern nur ſeine Lücie beob⸗ achtete, ließen ihn mit Verdruß bemerken, daß ſeine Er⸗ wählte Vergleichungen anzuſtellen begann, daß oft ihr Blick auf dem jüngern Männerzirkel haften blieb, daß ſie oft träumeriſch da ſaß, daß Gedanken die ſonſt ſo ſpiegelglatte Stirn umwölkten, daß ſie ſelbſt zu Hauſe in der Burg wortkarger wurde, einſam in den ttiefen Gängen wandelte, und vom hohen Schloßwalle, wo ſie vordem gern ſaß mit ihrer Arbeit und vordem fröhlich in die weite Bläue hinausſang, jetzt ſtundenlang arbeits⸗ los und ſtumm in die Tannenwälder hinabſtarren mochte, als erwarte ſie einen rettenden Oberon. Der eitle Rittmeiſter war überraſcht; der Spiegel zeigte ihm ſeitdem die winterlichen Eisſtreifen auf ſeinem Scheitel deutlicher; er ließ raſch entſchloſſen packen und anſpannen, und eine zweijährige Reiſe durch die ſchön⸗ ſten Länder Europa's gab ihm die Ruhe und ſeiner Gat⸗ tin den Frohſinn zurück; Gewohnheit knüpfte ihr Bünd⸗ niß enger; des Gemahls Aufmerkſamkeiten verſteckten ſeine natürliche Rohheit, oder entſchuldigten ſie wenigſtens, und Lücie hatte nicht Zeit vor all dem Neuen und Nie⸗ geſehenen ihren ſchädlichen Vergleichungen und Gedau⸗ kenſpielen Raum zu geben. Der Rittmeiſter war lich und träumte ſich ſicher für immer.—— Einer der erſten Beſuche nach der Rückkehr war bei den Jugendfreunden der Burgdame. Lücie lag in Iſabellens Armen; ein Handdruck einigte die Männer, und ihre Lieblingsneigungen, Jagd und Marſtall, gaben —————————————— 377 noch vor der nähern Begrüßung Stoff zur wärmſten Unterhaltung auf dem Schloßhofe. Die frühe Fahrt hat mich ermüdet! ſprach lebhaft Lücie zu der Freundin, indem ſie den Staubſchleier von dem dunkeln Lockenbaupte nahm. Komm! Laß die rohen Männer bei ihren Thieren! Ich muß ſchnell wieder ein⸗ heimiſch werden bei Dir; denn Du wirſt mir doch trotz der zwei langen Trennungsjahre den erſten Liebesplatz bewahrt haben in Deinem Herzen? Daß ich dieſelbe bin, daß ich noch in Dein Haus gehöre wie Kind und Schwe⸗ ſter, lehre Dich die Freiheit, mit der ich die alte Stelle einnehme.— Raſch zog ſie die lächelnde Baronin mit ſich fort und öffnete die erſte Thür auf der Flur, das bekannte Frem⸗ denzimmer betretend. Iſabelle ließ ſie hineingehen und folgte dann ſelbſt der Staunenden nach. Bin ich irr? fragte die ſchöne Lücie. Hier hauſen Männer und Alles iſt verändert.— Irr biſt Du nicht, antwortete die Baronin. Dies iſt das Zimmer, welches Du ſo oft bewohnteſt; dort ſtand Dein Betichen und nebenan ruhete Dein ehrenfeſter Herr und Ehegemahl. Für dieſes Mal findet Ihr es aber ſchon durch einen Gaſt beſetzt und müßt gegenüber die beſſern, wenn auch nicht ſo bequemen Zimmer ein⸗ nehmen. Daß es hier faſt ſonderhar und ſehr ungewöhn⸗ lich ausſieht, kommt daher, weil ein ächter Sonderling, doch einer von der liebenswürdigſten Sorte, ſeit einigen Wochen hier einzog, ein Freund meines Gatten, ein her⸗ umpilgernder Weltbürger, welcher bei uns zur weitern Wanderung in fremde Erdtheile ausruhet.— Die dunkelblauen, großen Augen der Elſaſſerin hatten indeß neugierig das Gemach durchlaufen. Jagdgeräth, 378 Reiſetaſchen und Waffen deckten die Stühle; ein Heer zwitſchernder, pfeifender, ſchmetternder Waldvögel von allen Farben füllte in einem mächtig⸗großen Käfige das eine der Fenſter; das zweite beſetzte ein munteres Eich⸗ hörnchen an gelber Kette und ein girrendes Lachtauben⸗ paar; im Sopha thronte ein zartes, dottergelbes Wind⸗ ſpiel und erhob ſich leicht bellend gegen die Damen, und am Ende des Zimmers ſtand vor der Hauptwand ein Tiſchchen voll Schreiberei und Muſikalien; Laute und Flöte lagen darüber her. Doch mit einem Schreckſchrei fuhr der Feuerblick der lieblichſten Frau von der Wand da⸗ hinter zurück; ſah doch ihr Bild, ihr eigen Bild von der feuergelben Tapete auf ſie hernieder, ein Kopf im ſchlich⸗ ten, ſchwarzen Haar, mit der weißen Hand die Locken gefaßt, das Augenpaar ſchwärmeriſch herabgeſenkt zu Boden, und überdem das ganze, nur leicht mit Steck⸗ nadeln feſtgeheftete Gemälde mit zwanzig welken und fri⸗ ſchen Kränzen umgeben, die in ihrer Unordnung und Regelloſigkeit die Anbetung und das tägliche Opfer eines feurig⸗liebenden Gemüths voll tiefgewurzelter, ſchwär⸗ meriſcher Zärtlichkeit andeuteten und beſchwuren. Warum erſchrickſt du? fragte die Baronin, die ſtutzende, bis in den Buſen hinab erröthende Freundin betrachtend. Dieſes Bild? antwortete im Tone der Frage Lücie. Iſa⸗ belle trat näher hinan.— Ein farbiger Pariſer Kupferſtich, entgegnete ſie; der Unterſchrift nach: la maitresse du Titien; wenn ich nicht irre, im letzten Sommer von dem Herrn Blum in Pyr⸗ mont gekauft, und ſeitdem, als ſeiner Sehnſucht nirgend u findendes Ideal, ſeine Begleiterin auf der Wander⸗ ſchaft durch's Leben, eine immer gleich zärtliche, nie wi⸗ derſprechende Huldin. 379 Immer tiefer erröthete die ſchöne Frau. Was träumte ich auch ſo kindiſch, und muß mich faſt ſchämen darüber, ſagte ſie leiſe. Komm nur weiter. Aber Iſabelle hatte das Bild ſchärfer in's Auge ge⸗ faßt, und ſah bald auf daſſelbe, bald auf die Freundin. Wahrlich, fuhr ſie dann auf, Du haſt ein Recht zum Staunen! Iſt das Köpfchen an der Wand doch wie Deinem Spiegel geſtohlen, und bei früherer Beachtung hätte mir die ſprechende Aehnlichkeit nimmermehr ent⸗ gehen können. Dieſes ſchwarze, geſcheitelte Haar, die dunkeln, ſprechenden Augen von zarten Bögen bedeckt, die an Amors Geſchoß erinnern, der kleine Mund, der eben geſpaltenen Knoſpe gleich, die griechiſche, feine Naſe, die zarte Wellenbruſt, die mit blendend weißen Lilien überſchwemmt iſt, das Alles gehört Dir, und da Titians Bild vor mehr als dreihundert Jahren geſchaffen wurde, und von ſeines Pinſels Abgöttin kaum noch ein Aſchen⸗ häuflein übrig ſein kann, ſo mußt Du, als eine Enkelin, unmittelbar von jener Huldin abſtammen, oder dieſe Gleichheit wäre das ſeltſamſte Spiel der Natur.— Schmeichlerin! fiel Lücie ein, der Plaudernden das Händchen auf den Mund drückend.— Doch Gefahr iſt bei alle dem dabei! fuhr dieſe eifrig fort. Denn jene Opferkränze gehören Dir ſo gut, wie der vor dreihundert Jahren ſelig entſchlafenen Venetia⸗ nerin, ja ſie gehören Dir mehr als ihr, denn der opfernde Prieſter lebt, und betet alſo in dieſem Bilde nur Dich an. Vielleicht ſah er Dich ſchon, und lebt der Erinne⸗ rung, oder er wird Dich finden, und ſein glühend Herz Dir weihen für ewig; denn wer für das todte Bild ſo ſchwärmen kann, der muß unwiderſtehlich ſein, wenn er einer Lebenden ſeine Empfindungen bekennt. Hüte Dich! 380 Er iſt ein ſchöner Schwarzkopf. Der kleine Bart an den braunen Wangen ſieht Netzen gleich, worin die vom Pfeile des Feuerblicks Getroffene ſich fängt; eine ſchlanke, kraftvolle Figur, edel geformt, edel bewegt, ſichert der Dame den ritterlichen Schützer zu, ſeiner Flöte Ton macht die Bruſt enge und zieht das Herz herauf, und das ſelbſt gedichtete, zur Laute geſungene Liebeslied wirbt ſtür⸗ miſch um Kuß und Frauengunſt. Ich ſelbſt, trotz meines wackern, jungen Eheherrn, ſchenkte dem ſtattlichen Ale⸗ rander meine Theilnahme, und mußte mein Herz wohl verpanzern, damit die Theilnahme nicht zu innig ward. „ Wirſt auch Du ſo ſtark ſein, da Du—— Iſabelle fuhr nicht fort, denn ſie ſah einen tiefen Schmerz über der Freundin Geſicht hinfahren, der faſt zum Todtenzug wurde und alle Blüten löſchte. Lücie preßte ihr Geſicht heftig an den Buſen der Reuevollen, und ſeufzte nur: Du Glückliche!— Indeß ſprang die Thür auf, und das Töchterchen der Baronin hüpfte herein. Wo iſt Blum? fragte die Kleine umhertrippelnd. Iſt er noch nicht heim?— Er muß mir Geld geben, denn die alte Müllerin und die beiden Buben von der Fiſcherhütte ſind da geweſen, und haben ihr wöchentliches Almoſen holen wollen. O Blum iſt ſo gut, ſetzte ſie hinzu, die Fremde dabei anſehend; er gibt Jedem. Der Vater iſt lange nicht ſo gut, und ſchilt oft darüber mit mir und mit ihm.— Frau von Brankſchwerten umfaßte das Kind. Dop⸗ pelt glückliche Iſabelle! rief ſie aus in ſeltſamer Er⸗ hitzung. Du haſt alle Güter des Lebens, und ich darbe mitten im Prunke und Ueberfluſſe! O eine Hütte, eine Liebe und ein ſolches Pfand göttlichen Segens!— Die Männer wurden laut auf dem Vorplatze. Aengſit⸗ Gipfel verflochten wie Lorbeerblätter in ein Golddiadem, 381 lich zog Lücie die Freundin gegen die Zimmerthür, warf noch einen Blick nach dem Bilde und ſeinem Blumen⸗ ſchmucke zurück, und riß die Thür ſelbſt hinter ſich in das Schloß. Iſabelle ſah ſie verwundert an. Scham⸗ haft ſenkte ſich Lüciens Auge. Du kennſt den Rittmeiſter nicht wie ich, ſprach ſie faſt lautlos. Ein Blick von ihm in dieſes Zimmer, und in ihm könnte eine Hölle wach werden, deren Gluten mich und alle ſeine Umgebungen zu Tode foltern würden. Iſabelle ſchüttelte das blonde Haupt, und zog den Schlüſſel aus dem Schloſſe des ge⸗ fährlichen Gemachs. Der ſchönſte Auguſtabend vergoldete den düſtern Forſt, der vom Hörnerſchalle, Rüdengebelle und Geſchrei der Treiber trotz der unjagdlichen Jahreszeit gar lebendig geworden. Ein Rudel wilder Sauen hatte den nahen Aeckern argen Schaden gethan, und auf höchſten Befehl waren ſeit früh Morgens ſchon den böſen Thieren die königlichen Jäger, vereint mit den Förſtern der nächſten Rittergüter, auf der Spur, und mancher Keiler war verendet nach tapferer Wehr. Die letzten der durch Angſt wüthend gemachten Thiere brachen durch bis zu einem bebuſchten Moorfleck, welcher unmittelbar den Fuß des Felſens berührte, auf dem Blankſchwertens Burg mit ih⸗ ren bemoosten Thürmen, Zinnen und Mauern ſich erhob wie ein Königsgeſpenſt aus frühen Jahrhunderten. Die Sonne, in Weſten, gerade der Burg gegenüber, hinab ſich ſenkend, übergoß den rieſenhaften Bau mit einer ro⸗ then Glorie, durch welche des Schloßgartens Kaſtanien und Linden, faſt ſo alt wie die Burg, ihre dunkeln 382 und der in die Klippen zum gigantiſchen Thore hinauf gehauene Schlangenweg hing gleich einem braunen, ge⸗ kräuſelten Bande von der Oſſianiſchen Geiſterkrone her⸗ nieder. Mein kecker Herr, das hätte mehr koſten können! ſprach Förſter Braun, freundlich grinſend, indem er die leichte Fleiſchwunde verband, die der Eber ſeinem Jagd⸗ gefährten dicht über der Handwurzel geſchlagen. Sie ſind ein erfahrener und verwegener Weidmann, kennen jede Fährte, ſchießen auf den Kopf, und wären Sie ein Fürſt, ſo würden morgen alle Hofmaler Sie abconter⸗ feien, reitend auf dem borſtigen Gaule, den die beiden Fänger wacker am Ohr zauſeten, und dem ſie das Meſſer gar ſicher unter das Blatt bohrten.— Alexander Blum wiſchte mit dem Tuche ſich die Schweißtropfen von Stirn und Kinn, ſtrich das wilde, kaſtanienbraune Haar in die Luft, und trat mit dem kühnen Fuße auf den erlegten, ſchwarzen Feind, von deſ⸗ ſen blendenden Hauern die treuen Hunde den rothen Schweiß leckten. Wie er da liegt, perorirte er, der wilde Corſar des Waldes, der auf keckem Räuberzuge ſo manchen Weizen⸗ acker verheert, ſo manches mühſam gepflanzte Kohlfeld zur Wüſte gewandelt! Ein Roland in deinem Geſchlechte, ein Eſau in deiner patriarchaliſchen Familie wareſt du, unter allen Freiherren der Erde der freieſte!— Jetzt iſt ſtumpf dein mordend Gewehr; der dräuende Borſten⸗ wald deines Nackens ſträubt ſich nicht mehr; deiner wei⸗ ten Kehle rauher Kriegeston erſchreckt nicht mehr den friedlichen Wanderer, noch den ſtutzenden Feind. Das iſt das Loos des Schönen auf der Erde! Aber furchtbar im Tode und Schrecken erweckend iſt noch dein Leichnam. — S——— 383 Mit kaltem Schauer betrachtet man die blutbegoſſene Heldengeſtalt und dein markicht Gebein, und ein Ge⸗ dächtniß mahl wird dir gefeiert werden, wo an ſilberbe⸗ deckter Tafel dein glorreich Haupt mit der goldenen Ci⸗ trone im Maule den Ehrenplatz erhalten wird, und wo man feiern wird dein Andenken mit hochgefüllten Poka⸗ len und dem herrlichſten Toaſt!— Der Förſter ſtand mit offenem Munde und hörte der ſeltſamen Leichenpredigt zu. Johannis und Iſcharioths Antlitz konnte der Künſtler mit einem Griffe von den beiden Jagdgenoſſen entwenden. Blum, ein friſcher, blühender Mann mit lebhaftem, dunkelm Auge, einer freigewölbten Stirn und einem Munde, auf dem Freund⸗ lichkeit und Ueberredung wie Milch und Honig verſchmol⸗ zen waren; der Förſter, ein gedrungener, knochigter Körper, das Geſicht zerfetzt von Blatter⸗ und Wund⸗ narben, mit abſchreckendem Fiſchauge unter brandrothem Haarwulſt, die Sprache dabei rauh und heiſcher;— Seraph und Teufel auf einem Fußbreit Erde!—— Sie ſind eine Art von Wundermann! ſprach der Ju⸗ daskopf. Pater und wilder Jäger in einer Perſon! Man muß Ihnen gut ſein und wehrte man ſich noch ſo ſehr. Dabei ein freigebiger, leutſeliger Herr gegen Groß und Klein, Vornehm und Gering. O wäre unſer Herr Ihnen gleich, der Dienſt würde eine Luſt und immer Feſttag ſein!— Blum öffnete den Mund zu einer Frage über die Apoſtrophe, doch ein Schuß fiel, zur Seite wurde plötz⸗ lich wieder Treiberhalloy und Hundegelärm wach, und zugleich rauſchte ein Jagdwagen mit vier Mohrenköpfen auf der halbzugewachſenen Waldſtraße heran. Der letzte Eber, wieder aufgefunden im Moore, angeſchoſſen, ſchäu⸗ 384 mend im Schmerz, raſete aus dem Unterbuſch hervor und fuhr gerade zwiſchen dem herantrabenden Viergeſpann des Blankſchwertenſchen Poſtzuges hindurch. Die ſcheuen Roſſe ſprengten auseinander, die Stränge riſſen, der Kutſcher fiel vom Sattelroß, zur Seite zwiſchen Stamm und Stock flog der leichte Wagen, doch glücklich brach das Vordertheil, und mit ihm galloppirten die tollen Roſſe in das Dickicht hinein. Aus dem Wagen, ſchon halb ohnmächtig vom Schreck, ſprang die liebliche Lücie, ſtrauchelte, ſank um, und fiel in die Arme des ſchönen Jägers, der beſonnen und raſch der Gefahr entgegen⸗ geeilt war.— Das Leben hat Minuten, die mehr gelten als Jahrzehnde, mehr gelten als ein Menſchenalter. Jeder ihrer ſechzig Pendelſchläge iſt ein Drommetenruf zu einer Krönung, oder ein Glockenſchlag zu einem Todtenzuge. Das Schickſal ſitzt wie ein Elfenkönig in ihrem Lilien⸗ kelche, und ſpricht ſeinen ſchnellen, doch unwiderruflichen Spruch. Solch eine Minute war die jetzige. Blankſchwerten kam zurückgeſprengt. Er hatte die Roſſe, welche das Geſtrüpp bald aufhielt und einwickelte, fangen laſſen. Jetzt gedachte er der Gattin; aber welch ein Gemälde ſtand vor ſeinen Augen!— Lücie lag hin⸗ geſunken ohne Schleier auf dem grünen Teppiche des Waldes. Erwacht aus der Ohnmacht, ſah ſie mit umfeuchteten Augen in ihres Retters Geſicht, der mit hoch⸗ rothen Wangen im Knie liegend ſie im Arme trug, und mit funkelnden Blicken das ſchönſte Frauenbild einzuſau⸗ gen ſchien in ſeine Seele für ewig, mit unverkennbarer Begier und dem höchſten Erſtaunen überraſchenden Glückes zugleich. Haſtig warf ſich der Rittmeiſter vom Gaule, und riß mit einem kräftigen Armzuge die Gemahlin auf vont 385 grünen Boden, und aus Alexanders zu inniger Umfangung. Weichliche Weibernatur, die ſogleich mit Ohnmachten kämpft, wie ein Wagenrad bricht; rief er mit einer Schlachtſtimme. Zum Soldatenſtande paßt ſo etwas ſchlecht, und man ſollte ſich darob ſchämen!— Und ſo hatte er ſchon das verſchüchterte Weibchen auf ſeinen Sattel gehoben, ſchwang ſich hinten nach, und trabte, vor ſich hinſcheltend, den Felſenpfad hinauf. Von der Erde empor fuhr Blum und biß die Lippen zuſammen; ſeine Rechte faßte den Silbergriff des Weid⸗ meſſers. Doch als jetzt bei einer Beugung des Schloß⸗ weges Lüciens Geſicht ihm ſichtbar ward, preßte er beide Hände feſt auf die Bruſt, jauchzte einen lauten Ton, der faſt wie Entzückung klang, in den grünen Dom über ſich hinauf, und eilte, ohne daß des verwunderten För⸗ ſters Nachruf ihn aufzuhalten vermochte, als ſuche er Luft und Licht, aus dem dumpfigen Forſte in das freiere Feld hinaus.— Die kleine Adele tanzte in der Eltern Zimmer. Sieh einmal, Mama, jubelte ſie, welche ſchöne blanke Kette! Von Blum iſt ſie. O der iſt heute ſo luſtig! Er hat mich geküßt, wohl hundertmal; und dann iſt er im Zimmer herumſpazirt, und hat laut, recht laut geſprochen, aber nicht mit mir; und dann hat er ſich aufs Sopha geworfen und hat geweint, und gelacht und wieder ge⸗ weint. Und als ich fragte, da hat er nicht geantwortet, aber mir die Kette umgehangen, und dann bin ich fort⸗ geſprungen. O Mama, iſt die Kette nicht gar zu hübſch?— Iſabelle ſah ihren Gatten beſorgt an. Ich will hin⸗ übergehen, ſprach der Baron, und ſehen, was dem Wun⸗ derlichen zugeſtoßen ſein mag.— Blumenhagen. RI. 25 386 Auf einem Stuhle halb liegend, halb kniend, den Kopf geſenkt auf die Laute, aufgehoben die gefaltenen Hände gegen das Bild von Titian, ſo fand Theodor den Freund. Er legte ihm ſanft die Hand auf den Locken⸗ kopf, und wie aus tiefem Traume fuhr Alexander auf und warf ſich mit Heftigkeit an die Bruſt ſeines Cordes. Glaubſt Du an Erſcheinungen? fragte er haſtig. Ich habe eine Minute gehabt, die mich gläubig gemacht. O glücklicher Tiziano Vercelli! Ich hatte Dich beneidet, wenn ich vor dem Bilde Deines Mädchens ſtand, benei⸗ det bis zur Schwermuth; jetzt, da ſie mir erſchienen, muß ich mit deinem Geiſte einen Krieg beginnen, und ſie Dir abgewinnen oder vergehen!— Haſt Du Fieber? fragte der Baron beſorgt.— Du haſt Recht zu ſolcher Frage, entgegnete Blum. Ich ſpüre wirklich ſo etwas. Des Räthſels Löſung will ich Dir bringen. Sieh da das Bild an der Wand! Du warſt ja dabei, wie ich im Bade vor der Bude des Bilder⸗ händlers feſt ſtand und die Augen nicht abziehen konnte von dem herrlichen Angeſicht; wie ich es kaufte, wie ich mein Zimmerchen damit ſchmückte, und von da an mein Stübchen mir lieber ward als Euer Ballſaal, Eure Reit⸗ allee und Eure lauten Schmauſereien.— Weiß ich doch noch, wie wir ſpotteten und Dich aufzogen mit der ſeligen Liebhaberin, antwortete der Baron. Aber daß Du leicht⸗ fittiger Aprilwettersmenſch Jahre hindurch ſolch unſinniger Neigung die Zeit und die Gedanken opfern mochteſt, war mir immer unbegreiflich.— Es gehen den Geſchicken ihre Geiſter voran! ſagte Blum tieffinnig. Das Bild da war ein ſolcher Abge⸗ ſandter. O wie habe ich's angebetet! Ich konnte Stun⸗ den lang vor dem holden Antlitz ſtehen, und es ſchien 387 mir zurück zu geben meine Liebesblicke, zurück zu lächeln meine Freundlichkeit. Ich brachte ihm heim die Blüten⸗ ſchätze der Flur. Ich ſagte ihm meine gute Nacht und meinen Morgengruß, wie der Gatte der Gattin, und der dreiundzwanzigjährige Titian kann dem Originale nicht feurigere Lieder gedichtet, nicht begeiſtertere Oden ent⸗ gegengeſungen haben, als ich dieſem todten Abbilde. Meine Liebe wurde eine ſüße Gewohnheit, und feſſelte mein Herz und meine Phantaſie täglich mehr, und wahrte ſie vor Verirrung. Jedes lebende Weib verglich ich mit dieſem längſt entſchlafenen, und keines hielt neben ihm die Probe. Und Du ſelbſt, ſieh hinauf zu der heiligen Stätte, Du Weiberkenner und Weiberliebling! Fandeſt Du je ein Antlitz wie dieſes, Reiz und Harmonie und Unſchuld, wie hier?— Nicht ſein Papſt Paul oder ſein Kaiſer Karl, nicht ſein Abendmahl oder ſein dornbekränzter Meſſias, nein, dieſes Bild allein gab dem Maler von Venedig die Meiſterſchaſt und den göttlichen Ruhm.— Baron Cordes hatte indeß das Auge wirklich zu dem Bilde erhoben, und obgleich ein Bedauern ob des Freun⸗ des toller Schwärmerei noch in ſeinen Zügen weilte, ſo wurden ſeine Blicke doch aufmerkſamer. Verwunderung verwiſchte das Lächeln des Spottes, und ſeine Stirn ſpannte ihre Falten an, als ginge ein Beſinnen und Er⸗ innern über ſie hin. Du ſtauneſt! Du gingeſt bislang als ein Blinder an dem Schatze vorüber? fuhr Alexander mit erhobener Stimme fort. O ſo höre denn!— Ich habe das Ideal gefunden! Es war kein Geiſt, keine Todte voriger Jahr⸗ hunderte. Ihr Herz ſchlug an meiner Schulter laut und heftig; ihr Seidenfleiſch berührte mich mit elektriſchem Zauberſchlage. Ich hatte eben den Keiler abgefangen, 388 eine Karoſſe mit wildgewordenen Pferden raſſelt heran holzein, zerbricht; aus dem Wagen ſprang, fiel, flog Sie; was weiß ich's! und ein Gott warf ſie in meinen Arm, ich weiß nicht wie; ſo wenig wie ich weiß, auf welch grauſam⸗ſchnelle Art der rauhe, barſche Mann ſie mir wieder entriß, zu ſich hinauf auf ſein Roß, das ſie zur Felſenburg trug, wo ſie hauſen und herrſchen muß.— Die Blankſchwerten! die Rittmeiſterin! ſtieß Theo⸗ dor erſchreckt hervor. Ja, fie iſt's! Die Aehnlichkeit iſt ſprechend.— Was war das? Wie ſagteſt Du da? fuhr ihm Ale⸗ rander entgegen, und Todesbläſſe löſchte alle Gluten in ſeinem blühenden Geſicht. Weib wäre ſie? Vermählte? Der Mann mit den grauen Haaren wäre nicht ihr Vater geweſen, wäre geweſen ihr——— WMit beiden Händen verdeckte er ſeine Augen im Verſtummen vor dem gräß⸗ lichen Worte, das ihn wie ein gähnender Abgrund von einem Himmel voll Hoffnung und Seligkeit zu ſcheiden drohte.— Ruhig, Freund! Ganz ruhig, mein kluger, guter Burſch! tröſtete Baron Cordes mit Herzlichkeit und Theil⸗ nahme. Der Mann greiſt nicht wie das Knäbchen nach dem Monde. Behalte Du die Liebe für Dein Bild, und verwirre Deinen Verſtand nicht durch verführeriſche Träume Deines Herzens! Nur dieſe leichtſinnige Hingebung an die Verlockungen der eigenen Phantaſie macht ſo viele Schwächlinge und Sünder auf Erden.— Blum hob ſich mit Heftigkeit in die Höhe; alles Blut glänzte ihm wieder auf den Wangen und in den Augen. Mitten vor das Bild trat er, wie ein Kämpfer Ro⸗ ma's ſtand vor dem Kranze des Circus. Spotteſt du, Schickſal? rief er mit einem Wahnſinnslächeln. Ich kann 389 auch ſpotten;— deiner ſpotten;— ſpotten aller düſtern, unſichtbaren Mächte! Liebeleer und liebelos bislang durch deine ſtieſväterliche Vorſorge, ſtehe ich dir jetzt gegenüber als ein feindſeliger Räuber, und will mir ſelbſt erringen, will dir abzwingen, was ich beſitzen muß, ſoll ich Menſch bleiben und ein Vernünftiger. Ja, ich ſchwöre—— Der Baron hielt ihm den Mund zu. Halte ein, ar⸗ mer Unſinniger! ſprach er mitleidig. Schwöre nicht auf Dein Unglück und auf das Unglück eines zweiten, Dir jetzt noch fremden Weſens! Die Blankſchwerten iſt eine Freundin meiner Iſabelle, ſie iſt ein reines, tadelfreies Weib; ihr Gemahl iſt ein charaktervoller Ehrenmann, ein geſährlicher Feind; ihre Ehe war bis jetzt glücklich im Bunde des Vertrauens und der unbefleckten Treue. Möchteſt Du der Satan ſein, der die Diſtel ſäete zwiſchen ſolch Fruchtfeld?— Möchteſt Du die Tage des Weibes vergiften, das Du ehrteſt im Bilde wie eine Heilige?2 Möchteſt Du des heftigen Mannes Gemüth aufhetzen zum Orkane, welcher die Geliebte und Dich verdürbe?— Und wenn das Schickſal auf Deine Seite treten wollte, wenn du Alles errängeſt, wonach einer ſolchen Liebe ge⸗ genüber das jugendliche Feuerherz dürſtet, gedenkſt Du nicht der Gewiſſensſchlangen, deren Brut du tragen willſt in Lüciens Herz wie in das Deinige? Denkſt Du nicht der furchtbaren Selbſtqual, die Du Dir erſchaffſt, wenn Du mitten im höchſten Beſitze mit der Unmöglichkeit des Alleinbeſitzes den ewigen Kampf durchkämpfen mußt, da der Ehemann für immer als der glücklichere Nebenbuhler, der Herr und Gewalthaber Deiner Geliebten Dich an⸗ dräuet?— Irdiſcher Menſch! zürnte Blum. Die Seele will ich beſitzen, nicht den Leib. Mag Er ihn haben, der Sohn 390 des Glücks, haben Ring und Treuwort auf Erdenwonne, gibt ſie mir nur die Seelenliebe, die zarte Gunſt der Freundſchaft!— Der Baron zuckte traurig die Achſeln. So macht denn Leidenſchaft immer blind, ſagte er, und ſelbſt die Vernünftigſten ſchwindeln von ihr vergiftet. Der Bund der Ehe iſt unantaſtbares Gotteswerk; ein Mißton auf ihrer kleinſten Saite, und die Himmelsharmonie iſt für ewig verſchollen; ein Roßifleck an ihrer Goldkette, und ſie wandelt ſich zur Eiſenfeſſel für immer. Was des Ge⸗ ſchlechts ewige Erhaltung und Fortſchöpfung beſtimmt, muß ein Heiliges ſein für jeden Empfindenden. Die Ehe gilt auf eine ganze Lebenszeit; Freude und Weh in ihr iſt nicht Freude und Weh des Augenblicks, iſt Luſt für Jahre und Elend für Jahre. Schließe Feinde zuſammen in ein Prunkzimmer voll Wolluſt, und es wird ihre Hölle! Schließe Liebende zuſammen in den Kerker, und Du er⸗ baueteſt ihnen ein Paradies! Wer eine glückliche Ehe ſtöret, und ihren Frieden in Unfrieden wandelt, iſt unter allen Sündern der leichtfertigſte wie der unmenſchlichſte, und die alideutſchen Strafen des Hundetragens und der Kirchenbuße waren wahrlich nicht ungerecht.— Alexander war ergriffen; doch kühl geworden in der Predigt, lächelte er den erhitzten Freund an, umſchlang traulich ihm die Schulter und ſagte: Du biſt ein Ehe⸗ mann geworden, und ſtreiteſt für Deinen Stand und Deine Rechte wacker, wie ſich's geziemt. Doch wareſt Du immer ſo ſtrenge wie jetzt, auch als Du noch frei gingſt? Prieſterſatzung trat oft im Leben der Menſchheit der Natur und dem Spruche der ewigen Weisheit ent⸗ gegen, und Erhaltung ſeines Staats galt manchem So⸗ lon mehr, als die unaufhaltbare Fortſchöpfung der Weſen 391 durch den Inſtinkt. Doch weg davon! Liebe ich jetzt zum erſten Male im Leben, ſo ſoll auch mein Erſtling kein mißgeſtalteter Kannibale ſein und verwüſtend ein⸗ treten in die Nachbarfluren. Nimm die Deklamation von vorhin nicht zu hoch; Alles findet ſich wohl, liegt erſt eine Nacht dazwiſchen!— Und die Nacht, die große Königin und Mutter der Erdgeborenen, nahm die furchtſamen, ermatteten Kind⸗ lein alle unter den Sternenhimmel von Azur, hob ihnen die Dornen⸗ und Diamantenkronen, wie auch den leich⸗ ten Blütenkranz von den ſchwindelnden Häuptern, und goß die Schale, gefüllt am Himmelsborne, über ſie aus, daß Träume über die Schwachen kamen voll Erquickung wie voll Warnung, daß Träume ihnen wiederbrachten, was ſo oft das bunte Leben des Tages den Blindgebo⸗ renen nimmt, den Glauben, die Liebe und den Sporn zur That, die Hoffnung. Schwer legt der Menſch ſich Abends nieder unter ſeine Decke, und den Ruhedurſtigen preßt dann noch gewich⸗ tiger alles Drückende ſeines Geſchicks; ſeine Sorge wird ihm ein Alp, welcher die Bruſt zerquetſcht; ſeine Leiden⸗ ſchaft wird ein Vampyr, der ihm alles Blut aus⸗ ſaugt und in Feuertropfen auf ihn hinſpritzt; ſein Be⸗ wußtſein wandelt ſich zur Marterbank, die den Sünder ausdehnt, bis er an ſich ſelbſt, am Lichte des eigenen Rechtsgefühls durchſichtig, alle Fibern zählt und jedes Nervengeflecht. Doch die Aurora vergoldet die Wände, welche Abends zuvor das ſchwere Aechzen des Schlafloſen einſogen; leich⸗ ter zieht der Lebenshauch aus und ein in der freigewor⸗ 392 denen Bruſt; die Nacht hat alle Bürden abgehoben; des Erwachenden Auge blickt frei und frank, wie in ein neues Leben, zu dem roſenfarbenen Oſten auf, und belacht die eigene Geſpenſterſeherei der vergangenen Mitternacht. So ſtand es auch um Blums Einſchlafen und ſein Erwachen. An ſeinem Nacken hatte er geſtern kalte Gei⸗ ſterhand gefühlt; das Bild, vor dreihundert Jahren ge⸗ malt, und jetzt die liebliche Frau in ſeinem Arme; ſeine Wanderung von Thule nach Abydos, von Herkules, Säule bis nach Petrus, Granitdenkmale, und jetzt ſein Finden hier im ſtillen Felſenthale, ſchienen ihm ſo wunderbare Ereigniſſe, daß nur ein unmittelbarer Eingriff der Got⸗ teshand in die einmal geregelte und nun für Ewigkeit laufende Weltordnung ſolches erſchafft haben konnte; er lag im grauenvollen Kampfe zwiſchen wilder Begier und Entſagung mitten inne; war es Prüfung? war es Be⸗ lohnung und Zuſage?— Keine Geiſterſtimme antwortete ihm, und ſo kam endlich der Schlaf über den Träumer. Am Morgen ſprang er leicht aus dem Daunenbett, begrüßte fröhlicher als je die Titianerin, die ihm nun Lücie hieß, tändelte ihr das zärtlichſte Liebeslied auf der Flöte vor, und ſang immer, indeß er ſeinen Tauben Finken und Gimpeln das Futter zutheilte, und der flinken auf Tiſch und Stühlen tanzenden Sagitta die Milch des Frühſtücks in das Näpfchen goß, einen muntern Spruch vom lebensklugen Gvethe: „Epheu und ein zärtlich Gemüth Heftet ſich an, und grünt und viüht. Kann es weder Stamm noch Mauer finden, Muß es verdorren, muß es verſchwinden; Wo iſt der Lehrer, dem man glaubt? Thu', was dir dein kleines Gemüth erlaubt.“— An der Thür ward geklopft. Schon ſo früh Beſuch, — 393 da kaum Magd und Knecht im Hauſe ſich geregt? dachte Alerander, und auf ſein Herein! fuhr ein rother Kraus⸗ kopf durch die Spalte der langſam geöffneten Pforte, das tückiſche Auge folgte, und Förſter Braun ſtampfte harten Schrittes, doch freundlichen Angeſichtes in's Ge⸗ mach, und bot dem ſtutzenden Jünglinge die derbe Rechte. Was iſt Ihnen denn angekommen, mein Herr und werther Kumpan? fragte der Gaſt, die Büchſe hochhal⸗ tend. Ein ſo braver Jäger, und vergaß ſein Gewehr und den letzten böſen Feind, der ſo viel Schrecken brachte, und allen Genoſſen noch ſo viele Mühe machte? Mußte zur Stadt in der Frühe, und wollte darum ſelbſt die ſchöne Kugelbüchſe vorreichen, und nach dem Brfinden die geziemende Frage thun.— Blum war erröthet bis zur Stirn hinauf. Danke, lieber Braun, danke! ſtammelte er. Zerſtreuung! Wund⸗ fieber! Ja, ein Wundfieberchen mag es geweſen ſein! lachte der Weidmann derb auf. Wenn Einem ſo ein Engels⸗ geſichtchen, wie unſere Rittmeiſterin, auf die zerriſſene Hand drückt, wartet das Fieber nicht bis auf den zwei⸗ ten Tag. Aber ich habe um Sie eine böſe Stunde ge⸗ habt Abends, als ich hinauf kam. Wie ein General⸗ Inguiſitor hat der grobe Herr droben gefragt, und mich vor allen Leuten herabgemacht, daß ich ohne ſeine hohe Erlaubniß mit allerlei Fremden verkehre, und Sie in die Jagd gelaſſen.— Mit allerlei Fremden? fuhr Alexander auf. Nun, er rechnet mich doch nicht zum Geſindel und zu Vaga⸗ bunden?—— Wie ich ihm Auskunft gab über wer und wo, fuhr der Förſter fort, da ward das Ding noch toller; er 394 ſchoß Blicke, wie Cometenſchweife, und verbot ſtreng allen Umgang mit Ihnen in Forſt und Schloß, und die arme Frau mag auch noch ihre harte Stunde mit ihm gehabt haben.— Sie? Harte Stunden? fiel Alexander ſich vergeſſend ein. Es iſt nicht möglich!— Dieſem Antlitz gegenüber muß ja der Marmor ſchmelzen und das Eiſen des Ge⸗ müths Wachs werden!— Er wendete ſich ab, und ſetzte leiſe hinzu, gegen das Bild ſprechend: So wäreſt du mir doch vielleicht geſchickt als ein Oberons⸗Traum, und ſollteſt mich rufen und bereiten zu einer Hüons⸗That?— Liſtig ſchmunzelte der Förſter, und nahm dann, drei⸗ ſter vortretend, des Mannes Hand. Wenn Sie der Herr würden droben, wir wären's alleſammt zufrieden! ſagte er tückiſch. Den da quält die wilde Jugendzeit und das Gewiſſen, und wenn er die ſchöne Frau anſieht, die jedes Herz wegfängt, ſo muß ſein Herz in Sündenangſt ſchla⸗ gen, denn er denkt dann ſicher, wie er ſie wegfiſchte, und um Alles beſtahl, ſelbſt jetzt, da er ſie zur Frau machte, um das letzte Glück.— Hoch auf horchte Blum. Was iſt das? fragte er. Ihr kommt nicht ſort, bis Ihr mir all die Räthſelſprüche gelöſet. O Ihr wiſſet nicht, welchen Theil ich nehme! — Er rief zur Thüre hinaus nach Frühſtück und Wein. Welchen Theil? entgegnete Braun. Hab' ich doch geſtern, als Sie die Rittmeiſterin ſo gar geſchickt auf⸗ fingen, Ihr Geſicht, hab' ich doch heute da das Bild an der Wand und die Kränze drum herum geſehen. Sein Sie nicht beſorgt; ich kann treu ſein, wo ich Treuher⸗ zigkeit finde, und was kümmert's mich, wo Sie die ſchöne Dame auf ihren Reiſen verſtohlener Weiſe kennen ge⸗ lernt. Schade nur, daß Sie das liebe Kind dem alten 395 Räuber nicht draußen ſofort abgejagt haben, ehe er ſie wieder heimbrachte auf ſein Habichtsneſt.— Das Frühſtück kam; Blum pflanzte den Förſter da⸗ hinter, lautlos vor Erwartung und mit wallendem Blute ihm zuhorchend. Sehen Sie, ſprach der tüchtig Zulangende, wenn Sie mir ſchwören wollten, keinem Fremden, nur der Dame etwa bei guter Gelegenheit, das heißt, wenn es gilt auf Flucht und Freiheit, zu erzählen, was ich weiß und keiner weiter, ſo erwüchſe wohl viel Nutzen daraus, denn die Dame iſt gar züchtig und tugendhaft, und möchte trotz der gebrechlichen Weibernatur ohne kräftigen Köder nicht ſo leicht anbeißen.— Blum hielt die Finger wie ſchwörend in die Höhe. Man könnte mir Treubruch vorwerfen, aber dem Satan hat man keinen Pakt zu halten, vorzüglich wenn er den ſeinen nicht erfüllte. Seit der da oben ſo recht im Beſitz thronet und ſchwelgt, glaubt er ſich ſicher; und mich, der ich ihm Alles geſchafft und bewahrt, mich, der ich weiß, daß Burg und Wald und Acker nicht ihm, ſon⸗ dern mit vollem Recht der Waiſe gehören, die er oben⸗ drein geſtohlen, mich, dem er goldene Schlöſſer und eine ewige Freundſchaft auf Du und Du verſprochen, mich behandelt er jetzt tyranniſch und hart wie Herr den Knecht, und läßt mir die geringſten Wünſche unbefriedigt. So ſind Sie mir erwünſcht in den Schuß getreten, und ich will das Herz offen vor Ihnen hinbreiten, mögen Sie dann thun mit dem Inhalte, was Ihnen beliebt, da Sie ſo ein gar kluger Herr ſind, und meine Rache und Ihr Geheimniß vielleicht denſelben Weg ſuchen.— Blum warf einen Blick auf Titians Bild, dann ſich un⸗ ruhig in den Winkel des Sopha's neben den kalten Er⸗ 396 zähler hin, den Judas, der ſich ihm ſo plötzlich und wun⸗ derbar zum Rathgeber und Vertrauten aufdrang.— Im Elſaß war es, erzählte Braun. Wir ſtanden vei der Bundesarmee, um den König der Franzoſen loszueiſen und die unfruchtbaren Freiheitsbäume aus⸗ zurotten, Blankſchwerten und ich bei dem Fr Frei⸗ corps, er als Lieutenant, ich als gemeiner Schütze. Es war ein böſes Kriegen gegen die tollen, begeiſterten Republikaner, denn ſo zerlumpt ſie ausſahen, ſo waren ihre Waffen doch ausgeſucht trefflich, ſo waren ſie doch geübte Fechter und ſichere Schützen, und die Jüngſten fochten wie Löwen, und ſtanden wie alte Kriegeshelden. Zwei Tage waren wir auf den Vorpoſten mit ihnen handgemein geweſen, und mancher Kamerad lag ſchon auf dem blutigen Anger, da kamen die H.. ſchen Dra⸗ goner(der Feind nannte ſie damals nur die Fleiſch⸗ hacker) uns zur Unterftützung, und metzelten die jungen, verwegenen Burſchen vor uns rottenweiſe zuſammen. Bald hatten wir Luft, und wie das Hauptcorps darauf in Schlachtlinie nachgerückt kam, ging es kriegsmuthig in des Feindes Land hinein. Herr, in allen Kriegen geht es wunderlich drüber und drunter, aber die leichten Trup⸗ pen machten's damals ein wenig gar zu arg. Wenn der Soldat drei Tage hat hungern und frieren müſſen, dabei das heiße Getränk ſein Theil thut, dann gnade Gott dem Bürger und Bauer, wird ſolcher Legion Luft und Siegesrauſch. Die Dörfer rundum mußten damals die ausgeſtandene Noth entgelten. Eben neigte ſich der Tag, da ſtieß unſer Häufchen beim Vordringen noch auf einen einſamen, ſchmucken Edelhof. Die Thore wurden geſprengt; Mägde und Knechte entflohen mit Geheul; Alles ſuchte Neſt und Nahrung, und der ——————————— 397 entdeckte Weinkeller ward, trotz der Chirurgen Einſpruch, die den guten Goldtrank ſür die Hoſpitäler in Beſchlag nahmen, das Hauptquartier der Maſſe. Nach einem luſtigen Viertelſtündchen ſtöberte ich nach Soldatenweiſe dann im Hauſe herum; irgend eine Beute ſuchend, fand aber nichts, als leere Kiſten und Schränke. Da lockte mich Wortwechſel und Geſchrei in den obern Stock, und ich traf oben den lockern Lieutenant Blankſchwerten, der ein wunderſchön Weibchen mit Liebkoſungen beſtürmte, und mit ihr einen Ringkampf beſtand. Mit mir zugleich ſtürzte, von dem Nothgeſchrei gelockt, auch der Edelherr aus ſeinem Schlupfwinkel hervor, ein hoher, wackerer Junker. Er entriß mit einem Herkulesarme die Dame dem Berauſchten, und ein wilder Wortwechſel flog hin und herüber. Blankſchwerten zog, der Edelmann griff nach der Piſtole.„Wollt ihr Halbdeutſchen, ihr Ab⸗ trünnigen noch viel Werks machen um Kuß und Herren⸗ recht, da ihr nun uns Knechte geworden?“ brüllte Blankſchwerten, und ſein krummer Säbel fuhr dem Geg⸗ ner durch die breite Bruſt, daß er mit einem Schmerzes⸗ laute verſcheidend niederſtürzte in ſein ſtrömend Blut, von dem die Gattin überſpritzt wurde. Ein Wehgeſchrei ſtieß ſie aus, das durch Mark und Bein ſchnitt.„Ohne Ehre kein Leben! Fluch dem Mörder! O Gott, ſchicke Du ihr den Engel, uns den Rächer!“ ſo ſchrie ſie mit gehobenen Händen, ſprang an das Fenſter, ſtieß es auf, und warf ſich, ehe wir hinzu kamen, hinab in den Schloßteich. Blankſchwerten ſtand einen Augenblick ſtarr und bleich, dann flogen wir hinunter, in den Gar⸗ ten hinaus; doch nichts war mehr von ihr zu ſehen, als das weiße Tuch, das wie ein Nixenkleid hochaufgeblaſen im Mondſcheine auf dem ſtillen Spiegel umher trieb.— 398 Ich war den Morgen zuvor an der Hand bleſſirt worden, der wilde Abend hatte die Wunden ſchmerzlicher gemacht, darum ſuchte ich mir einen guten Verband und eine weiche Ruheſtätte. Mitternachts kam Blankſchwer⸗ ten erhitzt und ängſtlich an mein Lager.„Du biſt mir immer ein treuer Burſch geweſen, ſprach er; ſo ſteh' jetzt auf und hilf mir! Hundert Dukaten ſind Dein Theil dafür!“— Nicht müßig folgte ich ſofort. Er führte mich düſtere Treppen hinab, ganz hinten im Hauſe zu einer Kellerpforte, wo ſchon ſein Reitknecht Wache hielt. Allein ging er hinein, und kam bald wieder mit einem niedlichen Kinde und einigen Betten im Arme heraus, verſchloß die Fallthür hinter ſich, und wir muß⸗ ten auf zuſammengerafftem Stroh drunten bis zum Morgenroth Schildwache ſchlafen. Das Corps war früh aufgebrochen. Der Lieutenant kam wieder zu uns hinab. Ich bekam meinen vollen Beutel mit Gold und die Verheißung eines ewigen Wohllebens. Dazu gab er mir Abſchied und Paß, und ich mußte noch ſelbigen Tages mit einem wohlbepackten Wagen und der Kleinen, welche wir mit erbeutet hatten, zurück nach Norddeutſchland, zu einem Vetter meines Lieutenants. Bald nachher wurde mir die fernere Ordre, hierher zu reiſen, und anzukaufen und einzurichten. Ich dachte mir wohl ſelbſt die Geſchichte zuſammen, und im Rauſche des Herrn entlockte ich ihm ſpäter das ganze Geheimniß. Gold und Silber und viele Juwelen waren im Keller verſteckt geweſen, den der Lieutenant allein aufſpürte, ein Kind dabei ſtreckte die Händchen nach dem Fremden aus, und rief nach Papa und Mama.— Das Herz war dem rauhen Kriegsmanne weich gewor⸗ den, er war ja noch jung damals, dachte ich oft, und 399 nun hegt er dem Kinde ſein Eigenthum, und will ihm die ermordeten Eltern erſetzen, und recht väterlich für ſeine Zukunft ſorgen. Als er nun aber heim kam, nichts von Entdeckung und Einſetzung in das Eigenthum vor⸗ ſiel, nun gar der Graukopf das liebe, junge Blut dem Moloch ſeiner Leidenſchaft opferte, und gar manches Mal ſeine rohe Natur ſich an dem weichen, zarten Ge⸗ ſchöpfe, das unter meiner Pflege aufgewachſen, verging mit bitterem Worte, er ſie in der Welt herum ſchleifte, damit ihr die Beſinnung ſauer würde, als er nun gar meinen Rath und meine Warnung trotzig und grob auf⸗ nahm, mir nach und nach manche Sportel einzog, und aus dem Wohlleben ein Müheleben ward, ja er ſogar jetzt anfängt, den Tyrannen zu ſpielen, ſo läuft mir das Blut über, und der Teufel kann ſich in Acht nehmen, ſonſt ſchlägt ihm der Kumpan ein Bein unter.— Entſetzliche Mähr! rief Blum, indem er aufſprang. Unbezahlbare Entdeckung für mich in dieſen wunder⸗ ſamen Momenten. Darf ich ganz auf Euch rechnen, Braun?— Würde ich ſo etwas erzählt haben, wenn ich nicht hergekommen wäre, Seele und Leib Eurem Dienſte an⸗ zubieten? fragte Braun zurück. Auf den Abend dann bei Euch! rief der erhitzte Jüng⸗ ling, als jetzt Baron Cordes eintrat, und verwundert auf den Blankſchwerten'ſchen Diener ſchaute. Der För⸗ ſier empfahl ſich.— Was will der Rothkopf? fragte Theodor.— Er ladet mich zu einer Birkhühnerjagd! entgegnete Blum leicht⸗ hin.— Doch nicht zum Ausnehmen des Adlerforſtes dro⸗ ben? gab Cordes ſcharf zurück. Hüte Dich vor dem Gezeichneten! Er iſt nur ſein eigener Freund, ſonſt — . 400 Keines; die Galle iſt ſein Lebensreiz, und Zwietracht ſein Element.— Ein wackerer Jäger iſt er, und mir Frem⸗ den recht zugethan und willfährig; mehr will ich nicht von ihm.— Und die ſchöne Rittmeiſterin, und Dein geſtriges Abenteuer?— War ein Luftſprung des Schickſals, lächelte Alexan⸗ der, üver den der ſchwache Menſch ſtutzte, den aber die ruhige Beſinnung der Nacht zu nichte gemacht. Darum zu Roſſe! Der Morgenritt ſcheucht die letzte Spur davon.— Theodor folgte mit ungläubigen Blicken zu den Pferden.— Die ſchöne Lücie ſaß indeſſen oben auf ihrer Ritter⸗ burg in einer beſondern Krifis. Aufgethan vor ihr hatte ſich eine neue Welt, und ihre großen, dunkeln Augen ſtarrten gar gern in das offene Paradies. Ihr Gemüth war vorbereitet geweſen auf dieſe Revolte durch die Scene mit dem Bilde auf dem Schloſſe der Cordes. Daß der herrliche, blühende Mann, der ſie in ſeine Arme aufgefangen, und veſſen Feuerblick bis in ihr Herz hinein gebrannt, der abgöttiſche Anbeter jenes Bildes geweſen, derſelbe Herr Blum, von dem Iſabelle erzählt, machte ihr noch an demſelben Adende die Unvorſichtigkeit des Rittmeiſters zur Gewißheit, der in ihrer Gegenwart den Förſter über den fremden Jagdgenoſſen inqutrirte„ und des Förſters lobpreiſender Bericht trug nichts dazu bei, das Glutgefühl, was ſo plötzlich in ihrer Bruſt ent⸗ zündet war, abzukühlen. Wenn ſie dann an ihren Ge⸗ mahl dachte, ihn ſich dachte als ihren Wohlthäter, ſo ſchalt ſie mit ſich ſelbſt; aber zugleich drangen ſich ihr —————— 401 Vergleichungen auf, welche quälende Träume ausbrüte⸗ ten, in denen Schwindel und Herzklopfen ſie faſt zur Dhnmacht ängſtigten. Der Rittmeiſter ſchimpfte und tobte bis in die Nacht hinein durch das Schloß; keine gewohnte Liebkoſung beſchwichtigte den Sturm ihrer Ge⸗ fühle, und nur die Nacht gab auch ihr erſt Befinnung und Reue und Zürnen über ihre kindiſche, ſündige Er⸗ hitzung. Freundlicher, kindiſch ⸗ſchmeichelnder als je, ging ſie um Blankſchwerten her; doch der erboste Mann, der in jedem ſich Annähernden einen Räuber ſeines Beſitz⸗ thums, einen Rächer ſeiner Jünglingsfrevel ſah, nahm das heutige Anſchmiegen der holden Frau als Gewiſſens⸗ drängen, als Maske und Geſtändniß des ſündigen Ge⸗ fühls zugleich. Indeß kam ihm bald doch die Erinne⸗ rung an ihren unbefleckten Wandel, an ihr ſtillfrommes Gemüth, an ihre erprobte Anhänglichkeit an ihn, an ihre Unbekanntſchaft mit den Trugſpielen und den In⸗ triguen der Welt, und eingeklemmt zwiſchen den ent⸗ gegengeſetzten Empfindungen, trieb er ſich hinaus ins Freie, doch befahl er noch vom Hengſte herab in gar ſtrenger Form dem Pförtner, keinen Fremden in das Burgthor eingehen zu laſſen, ein Befehl, den die bewegte Frau am Fenſter vernahm, der ihr durch die zarte Seele ſchnitt, und mit einem großen Riſſe das Band beſchä⸗ digte, mit dem Dankbarkeit und Gewohnheit ſie bislang an Blankſchwerten geknüpft hatten. Ein tiefer Gram fiel auf ihre Bruſt, und von ihm bedrückt, wandelte ſie hinunter in des Schloßgartens dunkelſte Alleen und Taxusgänge, wo keine fremde Geſtalt das Nachdenken über den Wechſel ihrer Verhältniſſe und ihres Weſens ſelbſt zu ſtören vermochte, Blumenhagen Rl. 26 402 Heiß lag ein Gewitterhimmel über der Felſenburg, bald wurde es enge und ſchwül unter dem Laubdache, ſie trat hinauf auf den Rand der Ringmauer, wo ein küh⸗ lender Zugwind fächelte, und ſang leiſe ein melancholiſch Liedchen aus Florians Novellen in die Luft hinaus.— Doch welche neue Erſchütterung! Kaum war der erſte Vers des: Adieu, bergère chérie! in den Forſt hinab geklungen, ſo wiederhallte eine ſüße Flöte die ſanfte Melodie aus den Büſchen herauf. Wie erſchrack die ſchöne Frau! Aber die Neugierde drängte ſie, fortzuſingen. Als aber nun gar des kühnen Spielmannes Flöte drunten ihre Stimme mit ſo ſchmelzenden Tönen begleitete, in denen Liebe und Sehnſucht ſo deutlich ſprach, als hätte der Muſikus ſein Gefühl auf Seidenpapier geſchrieben ihr vorgehalten, da fuhr eine hohe Röthe über das En⸗ gelsgeſicht, ſcheu ſchauete ſie umher, trat zurück von der Mauer, und wandelte ſchwermüthig, doch mit dem wohlthuenden Empfinden, welches immer das Bewußt⸗ ſein gibt, eine Seele gewonnen zu haben, der letzten Laube zu, die unter Taxushecken und einer Wildniß von Brom⸗ beerranken, wilden Roſen und Geißblattgehängen ſich ver⸗ ſteckte. Schöne Seele, die du am Baume der Selbſterkennt⸗ niß ſtehſt, deſſen Zauberfrucht das Auge hell, und kühn das Herz macht, möge der Himmel alle Gewitter, die auf⸗ ziehen um dich, löſen in Blütenregen und Perlenthau, der die Flur deines Lebens befruchte! In der Freiheit Lande fal⸗ len die Schleier der Kindheit und Unſchuld alle, und wenn der Menſch ſich löſet von den Feſſeln der Gewohnheit und von der Herrſchaft Anderer, ſo waget er immer; die Selbſtführung führt leicht zum Falle, und der Sieges⸗ rauſch befreiter Gemüther artet gar leicht aus in bacchan⸗ 403 tiſche Wuth, die jeder Sitte ſpottet, und ſich ſelbſt ver⸗ dirbt!— Unten im Dickicht, am Fuße des Geſteines, lag eine verwandte Seele im ähnlichen Kampfe mit Gefühl und Schickſal. Blum war nach dem Vogelheerde gegangen, der als Endſpitze der Beſitzungen des Barons den Fel⸗ ſenhorſt des Rittmeiſters dicht berührte. Eine bequeme Hütte von Tannenreiſern ſtand im Unterbuſch, mit einem kleinen Sandplatze davor, wo die Schlagnetze lagen. Dichtes und kurzes Schlinggebüſch umgab Hütte und Fels. Blum war glücklich im Fange, denn der Lock⸗ vogel ſchlug heute unermüdet, und die kleinen Wald⸗ ſänger ſetzten ſich dreiſt auf den einklemmenden Kloben; doch der Vogelſteller hatte heute keine Freude an ſeinem Glücke, und als er ſeine kleinen Gefangenen ſo ängſtlich im großen Käfige umher bluſtern ſah, daß ihre ſchönen Federn brachen und fielen, da öffnete er die Thüren und ließ ſie alle wieder hinaus zu Gefährten und Reſt. Die Flöte nahm er, und trat in's Freie damit. Sein Auge ſuchte das Felſenſchloß, ſuchte die Gipfel der Bäume des Burggartens, und ſchräg an der rauhen Klippe auf⸗ wärts ſteigend, fand er einen Abhang um Sitze geeignet, der ihm einen Blick dort hinauf erlaubte, wo der Zug des Gewitterwindes die runden Kuppeln der Kaſtanien⸗ allee wellengleich bewegte. Ein lauter Seufzer zog als Liebesbote hinauf zu der Herrin ſeiner Seele, und in die Döhe fuhr er vom Steinſitze, als im leichten, franzöſi⸗ ſchen Liede die Antwort herab tönte, die Antwort auf Alles, was ihm als Frage auf Leben und Tod in tiefſter Bruſt ſeit geſtern ſchlummerte. Es war ihm Gottes⸗ ftimme, Stimme ſeines Schutzgeiſtes. Alle Zweifel ſchwiegen, und willenslos faſt hauchte er das Echo jenes 404 Liedes in ſeine Flöte. Da verſtummte der Geſang, da verſchwand der flatternde Schleier oben am Rande der Ringmauer, die Fahne ſeiner Hoffnung und ſeines künf⸗ tigen Friedens. Er erſchrack; er jammerte; weit hinaus bog er ſich, und ein Stein wich unter ſeinem Fuße, und er fiel, das Gleichgewicht verlierend, in die Tiefe hinunter. Schadenlos war der Fall, elaſtiſche Zweige empfingen ihn, aber verfangen ſah er ſich im Geſtrüpp und in ver⸗ ſlochtenes Dickicht, und an der Steinwand hin mußte ſein Jagdmeſſer der Natur den Pfad Schritt vor Schritt abkämpfen. Da ſtand er auf einmal an einem engen, gewölbten Eingange, und bemooſete Stufen führten bergan. In die Burg hinauf ging augenſcheinlich der unbekannte und vergeſſene Weg. Luftzug, friſch und kalt, zog aus dem Gange, ſichere Wanderſchaft verſprechend, und von Neubegier, Erwartung und Liebe hingeriſſen, betrat Alexander ohne Beſinnen die enge und glatte Stiege, auf der vielleicht ſeit Jahrhunderten keine Men⸗ ſchenſohle gehaftet hatte. Die Steintreppe wand ſich im Zickzack; an einigen Abſätzen fanden ſich Trümmer ehe⸗ maliger Pforten; Luftlöcher, die zugleich Licht gaben, waren hie und da in die Decke gehauen; um dieſelben niſieten in allen Winkeln Waldvögel, und faſt endlos zog ſich der Gang in der Rieſenklippe hinan, dem Stei⸗ genden, der ohne Maß der Kraft hinaneilte, Athem und Stärke benehmend. Jetzt ſtand er oben an einem ähnlichen, halbrunden Ausgange, enger noch und niedri⸗ ger als der Eingang, doch auch hier hinderten Ketten⸗ gehänge von Roſen und grünem Geſchlinge den Weg, und eine ungeheuere Taxuswand, nur einen halben Fuß von der natürlichen Felſenmauer, beſchattete den Raum. Er war droben im Schloßgarten, das war ihm klarz nichts regte ſich in ſeiner Nähe, ſo angeſtrengt er horchte; vorſichtig machte er ſich Bahn, und trat endlich, ſich er⸗ muthigend, hinter der hohen Hecke hervor. Was fiel zuerſt in ſeine glänzenden Augen und goß Trunkenheit über alle ſeine Sinne aus?— Eine düſtere Laube zeigte ihm den Himmel offen. Lücie ſaß oder lag vielmehr in wachenden Träumen auf der Steinbank da⸗ rin; die dunkeln Augen ſtarrten vor ſich in den Sand, und eine beſeligende Schwermuth weilte auf der Stirn und den mildgerötheten Wangen; die kleine Hand ſtützte den Kopf, deſſen reiches Haar glänzend wie ein Adler⸗ fittich, und gleich einem dunkeln Seidenteppiche den weißen, reinen Nacken hob und deckte; ein leichtes, weißes Hauskleid umfloß der Glieder Fülle und Har⸗ monie, und daß die Ruhende draußen war im Leben mit Gedanken und Seelenarbeit, bewies das ſichtbar pochende Herz, das in dem hohen Aufſtreben der feſſel⸗ loſen Pſychenbruſt ſich darthat, und jedes Männerherz mit in den Wirbel und Strudel ſeiner Unruhe reißen mußte.— Nicht erſchrecken! Nicht zürnen, liebe, herrliche Frau! rief Blum, als ſie aufſprang, Glut ihr Geſicht zur dunkeln Roſe wandelte, und ihre Lilienarme ſich abweh⸗ rend ausſtreckten gegen ihn.— Verwegener Mann! ſtieß ſie ängſtlich hervor mit bebenden Lippen; fort! fort! Sie bringen mir Un⸗ glück und ſich! Wer ließ Sie ein? Wer zeigte Ihnen den Weg bis hierher? O wenn Er gerade jetzt wieder⸗ kehrte!— Der Wächter hat ſeinen Poſten verlaſſen? Sie ſind allein im Schloſſe? jubelte Alexander. O fühlen Sie denn nicht die höhere Beſtimmung in Allem, was 406 ſeit geſtern uns betraf? Ohne Sie je geſehen zu haben, liebte ich Sie lange herzlich und fromm zugleich; ich finde das Ideal, was ich nimmer unter den Lebenden gehofft; der harte, glückliche Mann verweiſet mich von Ihnen, und trotz aller Sie bewachenden, böſen Geiſter führt mich ein freundlicher Gnome dieſes Gebirges auf dem verbvorgenſten Wege in die Paradieſeslaube, wo meiner Anbetung Tempel iſt.— Sie kamen nicht durch das Schloß? ſtaunte die ſchöne Frau, und ihr Auge weilte auf dem blühenden Jünglingsgeſicht länger, als ihr gut war.— Ein heimlicher Felſengang führte durch ſein La⸗ byrinth mich zu meiner Ariadne; Niemand kann ihn gekannt haben, ſonſt wäre er nicht offen geblieben; ſo eben erſt fand ich ihn, und mit ihm das Ziel meiner Wünſche, den Zugang in mein Heiligthum, und den unerſchütterten Glauben an glückliche Zukunft, und den Beſitz der Einzigen, die für mich da iſt unter den Leben⸗ digen!— Ich bin verheirathet! ſagte Lücie leiſe, halb ſtreng, halb ſchüchtern.— Das war ein Raub am unerfahrenen Kinde! ent⸗ gegnete Alexander. Ein Seelendiebſtahl war's, das ſchwerſte der Verbrechen! Kaonnten Sie die Welt? Kannten Sie die Liebe? Kannten Sie den tiefen Sinn des Ehebundes?— Sie antworten nicht? Was Lebens⸗ zweck und Menſchenglück zerreißt, kann nicht heilig ſein; Ehebund ohne Liebe iſt Gottesläſterung, iſt Spott auf das Heiligſte der Heiligthümer; erſchlichener, erzwunge⸗ ner Ehebeſitz iſt Buhlerei unter dem Prieſtermantel, iſt Gewaltthat am Altare Gottes.— O Lücie! Sie waren mir beſtimmt, mein von Ewigkeit her! Ich fühle 1407 das ſo wahr, ſo tief, ſo feſt in der Bruſt, und wenn Sie auch zwiſchen dem Lächeln des Spottes und dem Ernſte des Zornes über den Verwegenen ſchwanken, der das ſo keck und zuverſichtlich in ſeine erſten Worte miſcht. Die Zeit, der Ort, unſere Lage drängen mit ängſtigender Furchtbarkeit. O nur das eine Wort: Lebt eine Em⸗ pfindung für mich in Ihrer Bruſt? Darf ich den Blick, als Sie geſtern an meinem Herzen ruheten, darf ich ihn deuten für mich als Kind erwachter Liebe, oder war er nur ein Kind des ſchreckenden Moments? Reden Sie! Der Augenblick entſcheide über ein Menſchenglück!— Das Weib iſt leichter erſchüttert, als der Mann, aber nimmt auch leichter als er die Beſonnenheit zurück, wie der ſchwächſte Halm ſich am erſten wieder erhebt unter dem Fußtritte. Während der langen Apoſtrophe war auch Lücie wieder zu ſich gekommen, überſah ihre Lage und die ſichere Umgebung ſcharf, und beruhigte ſich ſelbſt.— Sie haben ſo Vieles und ſo Beſonderes geſagt, antwortete ſie ſo leichten Tones, daß der Liebhaber faſt ſtutzig wurde, und ich bin bis jetzt nicht zur Entgegnung gekommen. Sie wiſſen mehr von mir, als ich geglaubt. Seltſamer Mann, dem ich Dank ſchuldig bin, und dem ich zugleich grollen ſollte, was begehren Sie denn ſo eigentlich? Wie drängen Sie ſich ſo wunderlich in ein fremdes, unauflösliches Verhältniß? Ich bin Gattin, ich bin zufrieden, bin glücklich. Wollen Sie Liebe bringen durch Zerſtörung?— Zufrieden? Glücklich? fragte er beſchämt.— Doch nein; nein! es iſt die Wehr der Weiblichkeit gegen das neue Gefühl, was ſolche Härte von Ihrem Munde mir bringt.— Lücie und Er! Der Seraph 408 neben dem Thiermenſchen an einer Kette; Geier und Taube, Roſe und Diſtel! Nein, Sie können den Grau⸗ bart nicht lieben, fuhr er dreiſter fort, nicht gehindert durch Lücien's ſichtbare Entrüſtung; Sie können nicht genügſam ſein in ſolcher Karthäuſerentbehrung!— Lücie, Sie kennen die Liebe nicht, wie ſie jede Minute in eine ſelige Ewigkeit zu wandeln weiß; wie ſie der Zeit Flügel anſetzt, und des Lebens Schale mit berauſchen⸗ dem Rektar füllt; wie ſie ſelbſt den Schmerz mit Blü⸗ ten kränzet, und das Grab zum Brautbette umſchafft! — Ja ich will fliehen, weithin fliehen, Sie nie wieder ſehen, und nie wieder wagen das kühne, begehrende Wort, ſobald Sie mir eine Frage mit Ja beantworten, eine nur, aber bei dem Gotte, der über uns dort auf jener blitzenden Gewitterwolke fährt: Lieben Sie den Rittmeiſter?—— Eine heimliche Glut zog durch Lücien's Glieder; ihr Athem wurde kurz, vor ihren Augen flirrten Schleier, ſie wollte ſich zur Antwort zwingen, und das kleine, lügende Ja konnte doch nicht über die Lippen. Da warf ſich der glücktrunkene Jüngling vor ſie hin, drückte brennende Küſſe auf ihre Hände, umfing ihren Leib, und mühſam nur rang ſie mit ſich, daß ſie ſich nicht hingab dem Sturme ſeiner Leidenſchaft. Aber noch wachte ihr Engel. Mann, ſagte ſie, ſich löſend von ihm, ſoll ich eine Betrügerin werden und eine Entehrte?— Mein Gemahl liebt mich treu und redlich; er beut mir Alles, was das Leben an Freuden hat. Seine Zärtlichkeit mühet ſich ab, mir das Daſein zum Feſte zu machen und iſt mnermüvlic darin. So lange das ſo bleibt, ſo lange ich nicht zweifeln darf an ſeiner Liebe, iſt meine — — 409 Treue eine Schuld, die ich abzutragen habe, ſoll ich die Selbſtachtung, ſoll ich die Achtung der Welt, ſoll ich auch Ihre Achtung behalten. Darum keine Beſchwörung der Art mehr, wenn Sie mir gut, wenn Sie redlich find. Freund und Freundin auch in der Ferne, wenn wir uns auch nimmer wieder ſo nahe ſtänden, das ſei für uns die Blume dieſer wunderbaren Stunde, eine Blume, die auch welk am Herzen liegend, uns theuer bleiben darf für immer.— Mit tiefgefühlter Luſt hing Alexanders Auge an den Roſenlippen, die über die blendenden Korallenzähne ſolche zarte Schmeicheleien hervor hauchten. O genug! rief er; übergenug für jetzt, und unermeßliche Dank⸗ barkeit dafür in mir! Aber wenn die Zeit kommt, wo die Schleier fallen, wenn Lücie ſieht, ſelbſt ſieht, daß nur der Eigennutz, die Selbſtſucht nur dem kalten Manne die Maske der Liebe und das Kleid der Innigkeit auf⸗ zwang, dann wird aus dem Freunde der ſüßere Name werden, der Retter, der Erlöſer, der—— Die Thor⸗ flügel raſſelten fern; Hufgeſtampfe ſchallte vom Burghofe herüber. Fort! rief angſtvoll Lücie. Blankſchwerten keh⸗ ret heim!— Lebe wohl! ſprach haſtig der Jüngling, ſie kühn umfaſ⸗ ſend und ſtatt des geweigerten Mundes den weißen Nacken mit Küſſen deckend. Mein biſt Du; das Schickſal ſprach zu deutlich. Dieſer Felſenpfad führt zu des Barons Vogel⸗ heerde, zu einer ſtillen Hütte, von heut an mein täglicher Aufenthalt. Wenn Dein Herz mich fordert, Lücie, wenn die Rinde ſpringt, und Du des Mannes bedarfſt, der Dir ſein Leben weiht und all ſein Weſen, dann flattere ein Schleier von der Mauer da, wo Du ſangeſt, und ich eile dann herauf durch das Erdengrab zum Lichte, zur Seligkeit und 410 zu Deiner Rettung!— Zurück in ſeinen Schlupfwinkel floh er, und befangen und voll Beklommenheit ging fie dem Gemahle enigegen.— Was haſt du, Leben des Erdenſohnes, mit allen deinen Wonnen und Schätzen Höheres, als die Tage der Hoffnung, als jene Minute, wo dieſe zarte Himmels⸗ tochter ſich niederſenkt zu dem ſchlafloſen Lager des Ent⸗ behrenden, und ihn kaiſerreich macht und engelſelig2 Höchſter Beſitz wieget nicht auf die Freuden des Hoffen⸗ den, denn ſie ſind die einzigen fleckenloſen auf Erden, die einzigen, in denen ein kryſtallener Quill den Becher des Genießenden füllt, die einzigen, welche nicht der Ueber⸗ muth vergiftet, der Ueberdruß verwäſſert, und die Un⸗ mäßigkeit zerknickt in der Knoſpe.— Darum, Erden⸗ ſohn, treibe die Hoffnung nicht mit deiner Ungeduld daß ſie früh reif werde zur Wirklichkeit! Lebe geduldig, glücklich in deiner ſchönſten Zeit! Wenn die Schleier fallen, und die Wirklichkeit ſich hüllelos zeigt, wird ſie gar oſt kaum die Iris deiner Göttin, oder das Bild zu Sais blendet das ſchwache Auge für ewig.—— Blum lebte ſeinen Frühling, denn Hoffnung ſang ihm das Schlaflied, Hoffnung weckte ihn mit dem gläubigen Morgenpſalme. Die Familie Cordes ſchien ihn mit Strenge und Argwohn zu beachten, doch ſeine fröhliche Unbefangenheit ſchläferte ſie allgemach ein. Blankſchwerten's ließen ſich nicht ſehen, und als Cordes den Gegenbeſuch machten, fanden ſie dort Alles unver⸗ ändert; nur fiel es der feinen Iſabelle auf„daß Lücie jedes Alleinſein mit ihr zu vermeiden ſchien und ihr unmerkbar faſt doch wiederholt auszuweichen wußte. —————————————— 411 Alexander ſtreifte in der Gegend umher, ritt und wanderte auf die nächſten Edelhöfe; doch waren ſeine Beſuche nur Täuſchungen für ſeine Hausgenoſſen, denn ſie nahmen nur kurze Tageszeit weg, und die Mehrzahl ſeiner Stunden lebte er im einſamen Strohhäuschen am Felſenborde mit ſeiner Schreibtafel, einem Buche oder ſeiner Flöte, die er jedoch nur leiſe und gedämpft ertö⸗ nen ließ, damit ſie nicht Verräther würde. Den Aus⸗ und Eingang des entdeckten Felſenſteiges hatte er mit verflochtenen Zweigen der immergrünen Hülſen künſtlich zugedeckt, daß fremde Augen nicht zu finden vermochten, die kundige Hand doch leicht die Decke zur Seite ſchob. So gingen mehre Tage in Hoffnung vorüber; er ſah ſich matt nach dem Gipfel, denn kein Schleier rief ihn hinauf zu ſeiner Ariadne. Nebel zogen durch die Maienflur ſeiner Wünſche und Träume; er ſchalt ſich, daß er ihr nicht ſogleich das Geheimniß ihrer Geburt entdeckt, ihr den Mörder ihrer Eltern genannt hatte, obgleich er nach jenem erſten Zwieſprach ſich ſelbſt über die⸗ ſes Verſchweigen gelobt hatte, indem er die ſüße Frauengunſt nur ſich und dem Gefühl der Geliebten verdanken mochte.— Seine Munterkeit ſchwand; der Sprudelborn ſeiner Laune war erſchöpft; nichts freuete ihn mehr, was ihn ſonſt ergötzte, nicht Laute und Poeſie, nicht die freund⸗ liche Sagitta, nicht ſeine Vögel, nicht die kleine Adele; ſelbſt Titians Bildniß hatte er mit einem ſchwarzen Flore umhangen. Er grollte mit Schickſal und Vorſehung; ſein wallender Blutſtrom verrann in der unendlichen Sandwüſte der Unmöglichkeit; ſeine Sehnſucht rang ſich wund an den Ketten der Ohnmacht; er verzagte.—— Da fand er eines Morgens ein Briefchen auf dem Steintiſche ſeiner Einfiedelei, geſiegelt mit einer Taube, 412 welche den Oelzweig im Schnabel trug. Sie war da geweſen, ſie hatte den beſchwerlichen Gang durch die Klippen herabgewagt um ihn, um ihn! O ſchon das unerbrochene Blatt gab ihm Entzückung und nie empfun⸗ dene Luſt, und kaum wogte er die Zerſtörun des kleinen, redenden Siegels. Ein ſchwarzbraunes, duftendes Haar⸗ geröll und ein Demantring ſielen ihm aus dem Briefe ent⸗ gegen. Auf dem blaßrothen Seidenblatte ſtand Folgendes: Lücie an ihren Freund. — Die Nektarſchale, welche durch eine Sünde be⸗ zahlt wurde, wird zum Giftkelch, und den wird Alexan⸗ der ſeiner ſo eben erſt gefundenen Freundin nicht dar⸗ bieten wollen. Ich ſehe, Sie wiegen ſich ein mit einem Zauberliede von Hoffnung; Sie harren täglich mein in der Hütte. So nuß ich ſchreiben, und verwundete ich auch den Freund.— Junger Mann, gebe nicht weiter! Bitte mich nicht, beſchwöre mich nicht! Habe genug an dem Geſtändniſſe eines fleckenloſen Frauenherzens, daß es Dich gewählt haben würde, hätte ſein Engel Dich frü⸗ her zu ihm geführt! Freiwillig habe ich das Band geknüpft, in welchem ich zwei Jahre zufrieden und wunſch⸗ los wanderte; welche Urſache hätte ich alſo zu klagen und zu beklagen? Wer an Unmöglichkeiten ſeine Kräfte verſucht, iſt ein Kind, das mit den Sternen ſpielen möchte, wie mit Zahlpfennigen. Wir ſind beide nicht Kinder mehr. Darum denn, mein einziger Freund, Mann, der meine Zuneigung gewann, faſt ehe ich ihn ſah, habe Genüge an dieſem Geſtändniſſe! Sieh mich nicht wieder! Bitte mich nicht mehr! Unſer Elend würde die Geburt meiner Schwäche werden. Fliehe weit, weit hin; doch vergiß die Freundin nicht! Leben im Gedächtniß der 413 Lieben, iſt die ſchönſte Erdenſeligkeit! Widme der Freun⸗ din die Stunden, welche Du ehedem dem Bilde einer Geſtorbenen widmeteſt; die reine Liebe glänzt wie ein Demant im Ringe der Ewigkeit, findet in ſich ſelbſt ihr Glück und— jenſeits ihrer—— Ziel und den Lohn ihrer Opfer.— M Wie gelähmt ſank die Hand mit dem Briefe an dem Leſenden herab, und er ſelbſt der Hand nach auf den Moosfitz! Alſo gefunden, um ſchmerzlich zu verlieren und aufzugeben! flüſterte er trübſinnig in ſich hinein. dein Wille geſchehe, Geliebte! Nicht ſtören will ich deinen Frieden; und biſt du genügſam und glücklich, ſetzte er mit bitterer Ironie hinzu, wie möchte der, wel⸗ cher dich dicht neben der Gottheit ehret vor allen We⸗ ſen, wie möchte der deinen Hausaltar zerſchlagen, wenn er auch trügeriſche, falſche Hausgötzen trägt?— Erhalte dir Gott deine Befangenheit, deine Blindheit, daß du nimmer in Reue erwachſt! Und mir gebe die Vorſicht jene Kinderträume zurück, die mich beglückten, ehe ich fand, was ich hingeben muß ohne Kampf darum, was ich jetzt wie ein Abrahamsopfer niederlege auf den Altar der Tugend. Leiſe weinend ſchob er das Ringelchen auf ſeinen Fin⸗ ger. Ihr bin ich vermählet für ewig! ſprach er dazu. Liegt auch vielleicht bald das Weltmeer zwiſchen unsz nie die Andere!— Er legte das weiche Haargeflecht ſich auf die nackte, pochende Bruſt. Ein Theil von ihr, von ihrem eigenſten Leben! flüſterte er dabei mit Innigkeit. Und mir ein Zeuge, daß ſie mein war, mein iſt, und wenn auch mein Herz am Niagara ſchlägt, und vielleicht ſein donnernder Rieſenſturz mein ſchwaches Kanot ver⸗ ſchlingt, und mir zum ſilberumſchäumten Grabe wird, Ein verzerrtes Geſicht ſchauete durch die angelehnte Hüttenthür, und der rothlöpfige Förſter trat ein. Nun? fragte er neugierig. Wie weit ſind Sie mit der ſchönen Frau? Nicht umſonſt hauſen Sie hier früh und ſpät in der todten Einſamkeit. Liebesboten wandern gewiß ſchon am Fädchen von der Mauer herab und wieder hinauf. Oder wohl gar geſprochen ſchon und einig? In Ihren Jahren iſt man raſch, ſparet mit der Zeit, und Alles gelingt, ſei es noch ſo wagig und toll angelegt. Darin hat die Jugend viel voraus; und Ihr Angeſicht ſprach dieſe Tage von nichts als Victoria und Freudenſchießen. Nun? Soll ich die Strickleiter beſorgen und die Poſt⸗ kutſche an der Forſtgrenze, bei dem Mordmahl? Sie ſehen, ich bin ein erfahrener Mercurius.— Ihr ſeid ein ſtürmiſcher Vertrauter, entgegnete Blum, aus ſeiner Riedergeſunkenheit ſich ermannend und auf⸗ ſtehend. Aber ſparet die Mühe, es iſt aus mit unſern Plänen. Sie liebt nicht mich, ſie liebt ihn, und will ſein verbleiben, denn ſie iſt glücklich mit ihm. Heftig lachte er dabei zum aufgeſtoßenen Fenſter hinaus.— Machen Sie ſolch Mährchen Andern weiß, entgegnete der Förſter. Ja, wer die Augen nicht geſehen hätte, als ſie am zerbrochenen Wagen in Ihren Armen hing! Wer das Leben voll Durſt da droben nicht kennte! Was wetten Sie? Keine Woche, und die kleine, ſüße Frau liegt zärtlicher und dichter noch an Ihrer Bruſt als da⸗ zumal.— Blum drückte die Rechte feſt auf das ſchmerzende Herz. Wettet nicht! ſprach er finſter. Hier liegt der Zeuge vom Gegentheile. Schriftlich hab' ich's von ihr, und ihre Gründe haben auch meine Leidenſchaft ange⸗ kettet, und in einen unüberſchreitlichen Bann gezaubert.— ———— 41⁵ Aber haben Sie denn meine Geſchichte nicht erzählt 2 fragte Blum brummend.— Wohl mir, daß ich's nicht gethan! entgegnete mit glänzendem Blicke der Jüngling. So gehe ich ohne Sünde von ihr, darf ihr Bild im Herzen tragen ohne Reue und Buße, und habe ihren Frieden nicht getrübt.— Und ſie bleibt Sklavin, bleibt des Räubers, bleibt des Mörders Eigenthum?— Ein Stärkerer mag ihn richten, antwortete Alexander feſt. Sie bleibt glücklich in Unwiſſenheit. Adieu Braun! Dank für Eure Güte und Freundſchaſt! Ich gehe heim, packe meinen Reiſeſack, und wandere weiter nach Braſilien. Blum drückte des Förſters Hand und ging langſam und traurig die Waldſtraße hin. Der Förſter ſetzte ſich auf den Grenzſchlagbaum, und ſah mit einem hölliſchen Lächeln dem Scheidenden nach. Du willſt das Werkzeug meiner Rache nicht ſein, und du mußt doch; ich habe dich feſt einmal als mei⸗ nen Henker! ſagte er mit Zähnknirſchen und einer Stimme, wie der Veſuv bellt vor der Verwüſtung ſeines Aus⸗ bruchs. Ich will den Wurm los ſein aus meiner Bruſt, darum ſoll mir keine Zeit mehr verrinnen.— Er wandte ſeinen Kopf in die Höhe gegen die Feſte, und hob bedeu⸗ tend den Zeigefinger hinauf zu ihr. Leiſer, faſt tonlos ſprach er dann fort zu ſich hinein: Ja, Blankſchwerten, wenn der Menſch vergeſſen könnte! Wenn der Gedanke ein Knecht des Willens wäre!— Ich möchte vergeſſen können, um fortzukriechen auf meiner Arbeitsſtraße. Aber dann gähret es inwendig; dann ſteht Johanna vor mir in der Mitternacht, Johanna, die aus Liebe zu mir den Schützenrock anzog, und mit mir unerſchrocken zur Schlacht ging. Du, Blankſchwerten, erkannteſt ſie allein in der 416 Verkappung, ihr roſig Geſicht wandte ſie ab von mir, dein Schmeichelwort verlockte ſie, und ihr gepeinigt Herz vekam im nächſten Treffen Troſt von einer mitleidigen Kugel. Als ſie mir im Arme nach einem reuigen Ge⸗ ſtändniſſe verblich, ſchwur ich dem verführeriſchen Schur⸗ zen Tod und Verderben; doch du ſandteſt mich von dir mit dem Kinde und deinen Schätzen, und ich betäubte im Wohlleben meine Sinne, weil ich dachte, du bereue⸗ teſt auch, und wollteſt gut machen. Mir erzog ich das liebliche Kind, mir, dachte ich, würdeſt du die Waiſe beſtimmen mit einem Viertheil deiner Habe. Ich hätte ewig geſchwiegen und abgelobt die Rache. Da nahmeſt du ſelbſt, du Spötter alles Heiligen, was ich für mich gepflegt. Gewohnheit und Freundſchaft waren die letzten Bande. Auch dieſe ſind mürbe geworden an deiner Härte. Schläfſt du denn, Blankſchwerten, oder biſt du dumm und aberwitzig geworden in deinem Hochmuthe, und ſeit dein Haar gebleicht iſt? Horche auf, ich will dich wecken, und du ſollſt erſtarren vor Johannens Schatten und der eigenen alten Sünde, die dir im fremden Spie⸗ gel erſcheint, und ſollſt wüthen und verzweifeln. Mögen die Helfer untergehen, wenn er nur ſtürzt, er nur büßet, und ich triumphire.— So ſchwatzte der Rothkopf in der Selbſtaudienz, nickte nochmals mit grimmigem Geſichte hinauf zur Burg und pfiff ſeine Hunde zuſammen. Der Erbprinz hatte ſich einquartirt auf dem Schloſſe des Rittmeiſters. Im Lager ſtand auf einer nahen Thal⸗ sbene die Kavallerie des Landes, die Felſenburg gab nach Oſten hinaus die Ausſicht auf den Lagerplatz. Der Erbprinz war ein ſchöner, ſtattlicher Herr, und ſein Hang 417 zur Galanterie, ſein durch Erfahrung feſt gewordenes Bewußtſein, gleich dem Cäſar bet dem Kommen und Sehen zu ſiegen, drängte ihn an die holde Wirthin, de⸗ ren Formen nichts zu wünſchen übrig ließen, und die als Ausländerin den Reiz des Beſonderen für ſich hatte. Der Hausherr zog ſehr düſtere Stirnfalten, doch hatte die Sitte, die Gafffreundſchaft und der Reſpekt vor fürſt⸗ lichem Blute noch ſo viele Gewalt über ſeine heftige Gemüthsart, daß er im Speiſeſaale anhielt. Im Ge⸗ mache der armen Lücie donnerte indeß ſein ganzer Un⸗ muth los. Sie war zu freundlich geweſen, zu lebendig in Wort und Blick; dann tadelte er die franzöſiſche Locker⸗ heit ihres Anzuges; er nannte ſie ein Kind, das ſteter Aufſicht bedürfe; der vertrauliche Vaterton aber, mit dem er ihr ſonſt dergleichen geſagt, verſchwand mit jeder Stunde mehr, und die ſchmeichelnden, gutmachenden Lieb⸗ koſungen, mit denen er ſonſt die bittere Gabe zu ver⸗ ſüßen pflegte, fehlten jetzt gänzlich. Wie Abendnebel über die Blütenwieſe legte ſich eine Dämmerung der Trauer über Lüciens Gemüth. Oft ſtand ſie am Fenſter, und ſah weit in die Wolken hin⸗ aus. Keine Gegenrede gab ſie auf des Mannes Vor⸗ würfe, aber Gedanken ſchnitten wie Schwerter durch ihre Bruſt, und hätte Blankſchwerten dieſe Schwerter gekannt, die an der Erinnerung gewetzt waren, er hätte ſie ge⸗ fürchtet, und wäre umgekehrt von ſeiner unfinnigen und herzloſen Weiſe. Es ſollte eine Muſterung der Dragoner und Huſaren ſein. Der Erbprinz hatte ſeine Wirthe mit hinaus ge⸗ beten; Lücie lehnte dem Willen ihres Gatten gemäß die Einladung ab. Als man vom Frühſtück ſich erhob, dankte der Fürſt in den verbindlichſten Ausdrücken für die Be⸗ Blumenhagen. Rl 27 418 wirthung, und mit der feinſten Artigkeit überreichte er der Rittmeiſterin ſein Miniaturgemälde, gefaßt in ein koſtbares Medaillon, mit großen Steinen beſetzt, und an einer Roſaſchleife befeſtigt; er bat zugleich, es ihm zum Andenken und als Zeuge ſeiner unerlöſchlichen Gunſt zu hegen. Gewandt als erzogene Franzöſin, befeſtigte Lücie Schleife und Bild an ihrer Bruſt, ohne des Gemahls Geſicht um Rath befragt zu haben. Die Garde⸗Eskadron unten am Felſenwege gab das Zeichen mit ihren ſilbernen Trompeten; die Pferde ſtampf⸗ ten unruhig im Burghofe; der Prinz begab ſich mit ſei⸗ nen Offizieren noch einmal auf ſeine Zimmer, ſeine Be⸗ waffnung zu vollenden. Blankſchwerten folgte indeß, den Augenblick ergreifend, ſeiner Gattin auf den andern Flügel. Unverſchämtheit ohne Gleichen! ſtieß er hervor, die Thüre hinter ſich zuwerfend. Einer Ehefrau ſein Porträt zu ſchenken!— Eine Beleidigung, die nur von der Gaſt⸗ freundſchaft überſehen werden kann! Aber noch größere Unverſchämtheit von Ihnen, Madame, das Porträt an⸗ zunehmen, und ſo dreiſt an Ihrem Herzen zu befeſtigen! O wir ſind nicht umſonſt gereiſet, bemerke ich! Sie haben nicht ohne Nutzen Paris und Berlin geſehen. Wie Sie gelernt haben, ſah ich heute.— Blankſchwerten, antwortete ſie ſanft, doch tief be⸗ wegt, ſollte ich Artigkeit mit Unart bezahlen? Daß ich vor Deinen Augen nahm und trug, muß Dir Bürge meiner Unbefangenheit und Unſchuld ſein.— Unſchuld? tobte er fort. Maske, die für jedes Wei⸗ bergeſicht paßt! Geborene Koketten ſeid ihr alle, lü⸗ ſterne Even, die fromm ſind, ſo lange der Verſucher fehlt, deren Züchtigkeit aber vor dem erſten ſüßen Worte und jeder ausgeſtreckten Männerhand zerfließt wie März⸗ 419 ſchnee im Mittagslichte.— Tollhäusler iſt der Mann, der ſein Lebensglück auf ein Weib geſetzt; die Karte iſt falſch und verliert immer. Neben jede Kirche ſollte der Staat ein Narrenſpital bauen, dem Eheluſtigen zur War⸗ nung, dem einmal im Netze gefangenen Betrogenen zum Aſyl und Rettungshafen. Auch Du biſt Weib, biſt Schlange, mit aller gemalten Taubeneinfalt! Jeder Geck reizt Deine Eitelkeit, jeder braune Männerkopf verrückt Dein Gehirnchen. O wer weiß, was dieſem Porträt⸗ geſchenke ſchon vorausging, Briefwechſel, heimliche Ge⸗ ſpräche, Händedrücken bei der Tafel; er ſaß ja immer neben Dir, und ich war ganz unten zum Pflichtplatze hingebannt. Aber ich will hinter die Vorhänge ſehen, und dann ſei Gott dem Schuldigen gnädig; Prinzenblut oder Weiberblut gilt mir gleich!— Eine Thräne ſchlich über Lüciens Wange. Mit ſanf⸗ tem Kopfſchütteln ſagte ſie: Komm zu Dir, Blank⸗ ſchwerten! Du mußt krank ſein, daß Du Deiner Gattin ſolche Worte zuwirfſt. O wüßteſt Du, wie Du mich un⸗ gerecht kränkſt, wie mein Herz Dir ſo gern alles opfert, Du würdeſt Dank geben ſtatt Strafwort und Beleidigung.— Was opferſt du? Was weiß ich nicht? donnerte er. Alſo hat man Dich verlocken wollen? Und Du verſchwiegeſt? Und trägſt noch des Teufels Bildniß mir zum Spotte 2— Mit raſchem Griffe faßte er des Prinzen Medaillon, und riß es herab von Lüciens Bruſt. Die beängſtigte Frau kam in's Schwanken; ſich zu palten faßte ſie den Rand eines Spiegeltiſches; der Tiſch ſchlug um; eine koſtbare, alabaſterne Säulenuhr, Blankſchwertens Lieb⸗ lingsſtück, ein Geſchenk ſeines ſpaniſchen Generals, ſtürzte über und zertrümmerte auf dem Fußboden. Des Rittmeiſters Zorn wogte jetzt über alle Ufer. ——————— 420 ungeſchickte, Unbeſonnene, die muthwillig alle meine Freuden zertrümmert! ſchrie er, und ſtieß mit grober Kriegerfauſt die zarte Frau von ſich, daß ſie nieder in den Sopha taumelte. Indem rief der Reitknecht draußen, und mit einem zerknirſchenden Mordblicke auf die Gattin und auf die Verwüſtung am Boden griff Blankſchwerten zu Hut und Säbel, und ſtürmte hinaus. Bleich wie eine Todte lag Lücie in den Kiſſen, das zerſtörte Geſicht mit den Händen verdeckt. Ihr Buſen tobte hoch auf, und die Knie zitterten. Alle Schleier ihrer Täuſchung waren zerriſſen, und in fürchterlicher Leere ſtand ſie; doch flackerte ihr plötzlich ein Licht auf aus der Ferne. Der Schloßhof war leer und ſtill ge⸗ worden. Ganz unten ſchallte der Marſch der Reiter, immer ferner und ferner; ſie ſprang auf vom Sophaz ſie ſtrich die dunkeln Locken haſtig von der Stirn; ſir warf noch einen Blick auf die zerſchmetterte Uhr und das zerbrochene Medaillon, dieſer Blick löſchte in auflodern⸗ der Glut die Thräne, und ſo eilte ſie aus dem Zimmer, dem Garten zu. Blums Sachen waren gepackt. Seine Tauben und Vögel vererbte er auf die kleine, jubelnde Adele. Wüſt lag das Zimmer voll zerriſſener Papiere und abgenutzter Garderobeſtücke; nur das Bild von Titians Huldin hing noch zwiſchen den Kränzen an der Wand, darunter auf dem Tiſche lag die blecherne Büchſe, in welcher es den Wanderer überall begleitete. Cordes fuhren zur Revue der Reiterregimenter, eingeladen vom Erbprinzen; Ale⸗ rander ſchlug die erbetene Begleitung ab, und zog hin⸗ aus am Morgen in den Buſch nächſt dem Burgpfade, die Dame ſeines Herzens, wenn auch ſie mit ihren Mohrenköpfen 421 zum Soldatenfeſt zöge, noch ein mal und dann nie mehr zu ſehen, noch einen Abſchiedsgruß im heimlichen Blicke aufzu⸗ fangen, als ſtärkenden Sylph für eine böſe und öde Zukunft. Unter einem Hainbuchenwäldchen lauſchte Blum. Er ſah die glänzende Eskadron der bärtigen Panzermänner unter ihren bebuſchten Helmen an der Straße halten; der Prinz ſprengte auf ſeinem Apfelſchimmel heran, um ihn die Oberſten und Adjutanten; Rittmeiſter Blank⸗ ſchwerten war auf ſeinem Spanier mitten unter dem Haufen der blinkenden Reiter; doch kein Prachtwagen, kein Frauenſchleier ſchimmerte durch das Gedräng; unter weitſchallender, fröhlicher Feldmuſik zogen die Krieges⸗ leute davon; oben am Felſengipfel raſſelten die alten Thore, die der alte Kaſtellan verſchloß; die letzte Hoff⸗ nung ſtarb im Herzen des Liebenden; der letzte Schim⸗ mer, welcher in ſein Leben hineingefunkelt, erloſch; Nacht ward in ſeinem Gemüth, und recht tief innen betrübt ſchlich er geſenkten Hauptes davon, um ſeine Einſiedelei am Vogelherde nochmals zu begrüßen, und dann fort⸗ zuziehen, ſo weit die Füße ihn tragen möchten. Da ſaß er im engen Raume unter den Tannenzwei⸗ gen; alle ſeine Träume, hier geboren und geſtorben, wanderten nochmals an ihm vorüber; hier waren ſie ihm roſenfarb aufgeſtiegen, bleich und welk ſchlichen jetzt ihre Geſpenſter an ihm hin. Was war er ohne ſie, ſeitdem er ſie geſehen und gefunden?— O, wo die wahre Liebe das Herz berührt, da ſaugt ſie das ganze Leben ein; und wenn kein Glück ſie ſegnet, ſo wird das Weſen zur Mu⸗ mie, die in ihren bunten Windeln noch die einſtigen For⸗ men des Geſchöpfes andeutet, aber daliegt ohne Lebens⸗ muth und ohne Lebensfreude, bis ſie der große Sycomo⸗ rus⸗Sarg der Vernichtung aufnimmt.— Blum ſeufzte tief aus der Bruſt herauf den Namen ſeiner Lieben. Horch! Sagitta, das kleine Windſpiel, welches ſich draußen herumtrieb, ſchlug laut an; Gebüſche rauſchten, und als Alexander an die Thür trat, flog Lücie auf Atalantens Füßen, wie eine gehetzte Gazelle, ihm entgegen, und warf ſich in ſeine Arme. Ihr bleiches, dunkeles Haar war dem Brillantkamme entfallen, zerriſ⸗ ſen war das Buſentuch im Buſch, hoch ſchlug das Herz unter der blendenden Fülle, und in der Ueberraſchung, die wie Zauber eines Feentages kam, wäre der ſtarke Mann faſt ſelbſt hingeſunken mit der erſchöpften Frau. Da haſt Du mich! ſtammelte ſie erhitzt und in geſto⸗ ßenen Tönen. Ganz und gar, und ewig! Ich bin Dein, Dein! Keines Andern mehr! Froge nicht! Nimm mich, und vergiv, wenn ich Dich kränkte. Mit Haſt umſchlang ſie der Jüngling, wie den aus Feuersbrunſt oder Schiff⸗ bruch geretteten Schatz. Gnade am Schaffot! rief er mit einem Schwindelblicke zum Himmel. Die Kluft, die ungeheure, gefüllt zwiſchen Hölle und Elyſium! O wie erträgt ſich ſolcher Wechſel? Ewige Vorſicht, du gabſt mir Kraft im Schmerzez o ſo gib mir auch jetzt Stärke in der Entzückung!— Er führte die Schwankende zu der Moosbank, und zog ſie zu ſich in ſeinen Schvos. Sie lehnte müde und mit überfließenden Augen den ſchönen, wunderſchönen Locken⸗ kopf an ſeine Schulter. Verachte mich nicht! flüſterte ſie dann mit der größ⸗ ten Innigkeit der Liebe, athemſchöpfend nach zahlloſen Küſſen. Halte mich nicht leichtfinnig, nicht frech! Dich liebe ich, Dich zum Erſten im Leben! Ich kämpſte mit dem eigenen Herzen den ſchwerſten Kampf; ich wähnte mich geliebt, wähnte mich angebetet. Ich bin enttäuſcht; 423 mein Pflichtbuch iſt zerriſſen;—— Mißhandlungen ſchei⸗ den auf ewig!— In finſterer Beſchämtheit und faſt unhörbar ſprach ſie das Letztere; doch Blum raſete auf, drückte ſie in das Moospolſter, und warf ſich ftürmiſch vor ihr nieder. Mißhandelt? rief er. Dürfen Teufel ſich auch an dem Seraph vergreifen, und iſt ſelbſt der Himmel nicht un⸗ verletzlich mehr?— Er preßte ſchmerzlich ſeine heiße Stirn auf ihre Knie.— Durchſchlüpfen laſſen hätte ich den Mörder und Dieb in der Seligkeit des höchſten Be⸗ ſitzes; ich hätte dieſe ſchöne Seele weggeführt von dem Geierneſte in die Wälder der neuen Welt, oder auf eine Palmeninſel des ſtillen Meeres, ohne ſie mit dem glü⸗ henden Meſſer ſeiner Unthaten zu verwunden. Aber, neink Mißhandelt? Sie von ihm, deſſen Leben ein einzig Ge⸗ bet um ihre Vergebung, eine einzige lange Buße zu ihren Füßen ſein ſollte? Nein! meine Geliebte, mein errun⸗ genes Weib, mein Lebensſtern, meine gerettete Taube, keine Gemeinſchaft darf mehr ſein zwiſchen Dir und je⸗ nem Wütherich! Nichts ſoll er mehr berühren von Dir, nicht die weiße Hand, nicht den unbefleckten Mund, nicht den reinen, balſamiſchen Odem Deiner Bruſt! Nur mein, nur des treuen Retters ſollſt Du ſein, mein Abgott, die Aurora meines Lebenstages! Nicht theilen ſollſt Du Deine Liebkoſung, Deine Zärtlichkeit zwiſchen Pflicht und Gefühl! Ich ſprenge die Kette; er ſelbſt hat mein ſchnei⸗ dend Wort herausgefordert, er ſelbſt, der der Mörder war Deiner Eltern, der der Dieb iſt Deines Vermögens.— Erbleichend ſtarrte die Frau den Sprechenden an, doch er bedeckte die zuckenden Lippen mit neuen Küſſen, die ſie wehrend empfing, und in ihnen die Wehr vergaß. An ſein Herz legte er ſie dann dicht und feſt, und erzählte * 424 der Schaudernden, der Jammernden die Geſchichte ihrer erſten Jahre und Blankſchwerten's Unthaten.— Eine tiefe Stille war in der dämmernden Klauſe, als die grauſe Mähr verklungen war. Hörbar klopften der beiden Lie⸗ benden Herzen, in den Sand ſtarrte die erſchütterte Frau. Dann erhob ſie ſich langſam wie eine mitternächtige Be⸗ ſchwörerin, und ſtellte ſich dicht vor den Jüngling. Ich danke Dir, Alexander, ſagte ſie mit ernſter Stimme und mit einer kalten, ſchleichenden Thräne auf der Wange;z ich danke Dir, wenn auch ein ſchmerzhafter Schnitt die Heilung gab. Ganz entſchieden iſt nun mein Leben, ohne Rückkehr beſtimmt mein Pfad, und läge Gefahr und Tod an jedem Schritte. Meiner Eltern blutige Schatten ſte⸗ hen bei uns in dieſer Stunde, und unter ihrem Zeugniſſe ſchwöre ich vor Gott Dir, nur Dir Liebe, Treue, Erge⸗ benheit und Gehorſam! Mein erſtes Gelübde war ein Höllenbann, ein Räuberſchwur, die Genoſſen ſündigen zwiefach, wenn ſie ihn halten. Ordne Du nun mein Schickſal! Fordere den König, die Gerichte, fordere die Welt auf zur Rettung Deiner Geliebten, oder brich noch in dieſer Nacht durch eine raſche That mein Kerkerthor, wenn Dir an der armen Braut genügt! Jedes, was Du beſchließeſt, iſt mir recht; nur Eile ſei Dir Pflicht, denn mein Bett wird mich von jetzt an anhauchen mit Leichen⸗ duft, und die rothen Teppiche meiner Zimmer werden wie warme Blutwellen ſich um meine Füße ſchlagen! Sieh her! So vernichte ich jede Gemeinſchaft mit dem Ver⸗ brecher!— Und ſie zog heftig einen Goldreif vom Finger der rechten Hand, und warf ihn an den Boden, dann fiel ſie an des Mannes Bruſt, und umfing ihn eng und mit der Heftigkeit, welche Leidenſchaft, Verzweiflung und Ent⸗ ſchloſſenheit zu geben vermögen. — 425 Ernſte Schickſalsſtunde, mit deinem Zeigerſchlage hat⸗ teſt du entſchieden über zwei unverderbte Weſen, doch ob mit Wehe oder mit Heil, barg noch der Schleier, den du jetzt über die Vermählten deckteſt, die ungeſehen von der Welt, ſelbſt geblendet vom goldenen Frühſchein junger, entfeſſelter, allmächtiger Liebe in die Maienſchatten des erſten Glücks ſich tauchten, deren betäubendem Dufte der jugendliche Geiſt ſo leicht erliegt, und gern ſeiner ſüßen Trunkenheit ſich hingibt. An Seidenſäden hängt oft das Schickſal zentnerſchwere Gewichte. Dreißig Silberpfen⸗ nige und ein Iſchariothskuß öffneten der Welt das Reich der Wahrheit; ein Apfel machte Newtons Namen un⸗ ſterblich, und eine fallende Uhr brach bie engelreinſte Tugend. Wer möchte Kläger ſein und Richter, wo die Minute entſchied, und ihr Wirbelwind fortriß?— Die Schatten der Klauſe deckten zwei Selige, die ohne Ah⸗ nung, Furcht oder Reue mit Hand und Herz den gefähr⸗ lichſten Bund für ewig knüpften, und in eine ſichergeglaubte, roſenfarbene Zukunft hinein jauchzten. Es war ein Tag, der die Seele niederdrückte und Schwermuth gebar, und düſtere Ahnung ſäete in ſeinem unfreundlichen Wetter. Der Morgenhimmel glich einem grauen Regentuch; tief zogen die ſchweren Waſſerwolken; Nebelballen ruhten zwiſchen den alten Baumgipfeln, und ſtoßweiſe fuhr ein ſcharfer Wind dazwiſchen, zerriß die Dunſtgebilde, und beugte ſtrichweiſe die Zweige des Forſtes. Spät war der Rittmeiſter mit einem halben Rauſche von dem Schmauſe heimgekommen, welchen der Erbprinz unter einem Prachtgezelt ſeinen Offizieren gegeben; in ſeiner Erſchlaffung hatte er ſich wenig um die Gattin bekümmert, und Lücie hatte ſogar jeden Blick auf den 426 Mann, den ſie haſſen mußte, ſeit ſie ihn wirklich kannte, vermieden. Mit Unmuth empfing der eben vom Flaumen⸗ bett Erſtandene den früh eintretenden Förſter, den mah⸗ nenden Genoſſen ſeiner wüſten Krieges⸗ und Liebeszeit. Murret nicht, gnädiger Herr! ſprach der Jagdmann mit ſpitzem Tone. Ich komme Lohn zu holen für ſcharfe Augen und feine Sinne. Ihr liebt die Wilddiebe und die fremden Schützen in Eurem Reviere nicht, und habt mir letzthin harte Worte darum zugeheiſcht. Nun, ich bin wachſamer geworden ſeitdem. Die Peitſche vertreibt des Kettenhundes Schläfrigkeit und hält ihn munter.— Was ſoll's mit der Spaſſerei? fragte Blankſchwerten finſter. Wichtigers treibt ſich mir im Kopfe rundum, und es iſt nicht Zeit für Jägerſchwank.— Wenn mein Schwank nur nicht mehr wiegt, als der ganze Kopf! fuhr der Rothkopf gelaſſen fort. Sehet! Wie wir noch raſche, junge Kriegsgeſellen waren, haben wir manch liebes Mal des Predigers Spruch verhöhnt, und das zehnte Gebot: Begehre nicht deines Nächſten Gut! war in unſerem Katechismus ausgeriſſen. So was kommt herum, ſagt das Sprichwort. Mich hat das Schick⸗ ſal bewahrt, denn ich habe ein einſchläfrig Lager, aber bei Euch könnt's doch einkehren mit Schrecken, weil Ihr wie ein Wagebals in das große Himmelbett geſprungen ſeid, als es ſchon etwas ſpät war, und die Sprünge leicht Verrenkung bringen. Braun! rief der Rittmeiſter herriſch, und ſtampfte mit dem Fuße. Iſt Er betrunken oder wahnwitzig?— Als Ihr mir die ſchlanke Johanna verführtet, da war ich beides! entgegnete der Förſter mit einem Blicke, der wie Pulverblitz aufflammte. Jetzt bringe ich nur als treuer Knecht ein Ringelein, das ich geſtern drunten am 427 Vogelherd im Tannenhüttchen gefunden, und einen Brief⸗ umſchlag dazu, der nicht weit davon im Hülſenbuſche als weißes Fähnchen feindlicher Vorhut flatterte. Weiß nicht, wie beides in die leere Oede gekommen; doch der Herr, dachte ich, löſet die Räthſel vielleicht— Das Geſicht des Sprechers zog ſich dabei vollends zu einer Teufelsfratze, und als er beides hinhielt, griff Blank⸗ ſchwerten, ſchnell erkennend, mit krampfigt⸗zuckender Hand danach. Ihr Ring? ſtammelte er. Der Trauring mit meinem Namen!— dieſe Handſchrift!— das Siegel!— die Taube!— Eine tiefe Stille folgte. Dann brüllte er auf mit einem Tone, der unartikulirt dennoch den gräß⸗ lichſten Vernichtungsſpruch in ſich trug. Alſo wahr, wirk⸗ lich wahr? Auch ich das Spiel einer Buhlerin? Bei aller Vorſicht dennoch ein Betrogener?— Dieſe Adreſſe an einen verlaufenen, milchbärtigen Vagabunden!— Aber ich bin es noch! bin der Alte noch! Hinter mir nun alle Jahre des Friedens wieder! Krieg und Blutluſt wieder da, und unverlernet das alte Handwerk!— So riß er die Thür auf, und ſchritt über den Vor⸗ ſaal nach den Zimmern ſeiner Gemahlin. Lücie hatte wortlos, doch voll Gedanken, das Frühſtück geordnet, und erwartete mit kaltem Haſſe den Theilnehmer. Wie er⸗ zitterte ſie, als er jetzt plötzlich vor ſie hintrat, glühend das Geſicht, wie der Erzofen des Gebirges, als er ihr Trauring und Briefcouvert vorhielt mit den Bluthänden, und in Sturmwindsſtößen fragte: Kennſt Du dieſes 2 Wie iſt es damit? Schuldig? Ehebrecherin?— Zur Lilie erblich die roſige Frau; ihre Kniee wankten; lautlos ſenkte ſie das Geſicht in die geſaltenen Hände. Bekenntniß! donnerte der wüthende Mann. Auf der 428 Stirn ſteht es; das Zittern der Sünde ſagt es aus. Nun denn, die Schande iſt mein Loos geworden, aber ich will ſie abwaſchen, wie noch kein Mann gethan, und mein Gericht ſoll eben ſo unbarmherzig ſein, wie Dein Verrath es geweſen.— Er ſtürzte fort zu ſeinem Zimmer zurück. Eine un⸗ bändige Angſt flog wie Feuerflocken durch Lüciens Adern; die Mordſcene ihrer Eltern trat vor ihren Blick; alle Kraft raffte ſie zuſammen, ſchloß die Thür haſtig mit dem Riegel, warf das große, türkiſche Tuch um Nacken und Kopf, und floh aus dem Seitenkabinet und durch eine Nebenthür aus dem Schloſſe. Wie vom Todfeinde ge⸗ hetzt, wie auf Windesflügeln durcheilte ſie die dichtſchat⸗ tende Kaſtanienallee; die Tarushecke und das Roſen⸗ geſchling theilte, nichts fühlend, der verletzte Arm; ret⸗ tend nahm ſie der unterirdiſche Felsgang auf, und acht⸗ los auf die glatten Stufen und den möglichen Fall glitt ſie dreiſt und leicht wie ein Gemſenjäger im braunen Klippengewölbe hinunter.— Blum ſaß indeß in freundlicher Ruhe an ſeinem Schreib⸗ tiſche, und ſchrieb Briefe an ſeine Banquiers und den Poſthalter der Reſidenz, Gelder und ſichere Fuhr beſtel⸗ lend für ſeine Geliebte. Seit er ihr Herz an dem ſei⸗ nen ſchlagen gefühlt, ſeit, wie die Centifolie im Sonnen⸗ ſtrahle, aller Reiz ihres reichen Weſens, aller Schmuck, mit dem friſche Reinheit des Gefühls die Herzlichkeit und die Hingebung ziert, ſich vor ihm entfaltet hatte, ſeitdem waren ihm die Minuten Ewigkeiten, und jede, die er verſäumte, und die er ſie noch unbefreiet ließ, ſchien ihm Verbrechen an ihr und ſich. Mochte der Räuber den Raub behalten; wenn er den Engel ihm entführte, mußte ihm ſein gefülltes Raubneſt doch zum Fegefeuer werden.— In freundlichen Gedanken malte Blum ſeine Schrift⸗ züge, und ſah zuweilen lächelnd zur Seite hinauf nach dem Bilde an der Wand; Stille war im Hauſe, im Felde Knecht und Magd, und die Cordes ſchliefen noch aus von der Schwärmerei des prinzlichen Feſtes; da öffnete man haſtig hinter ihm die Thür, er ſah um, und Lücie hochroth, athemlos und wankend, taumelte ihm entgegen. — Wie Wetterſchlag fiel eine ſchwere Ahnung auf des aufſpringenden Jünglings Scheitel nieder. Er umfing die Halbohnmächtige, und führte ſie zum Sopha.— Um Gotteswillen, ſprich ſogleich aus: Was iſt? Was war? bat er. Dein bleiches Geſicht iſt ein Buch voll Todes⸗ ſprüche und Schreckensformeln.— Verrathen! jammerte ſie an des Jünglings Bruſt. Alles iſt hin, Ehre und Glück! Wirſt Du eine entlaufene Frau aufnehmen, und mit ihr theilen den Schimpf? Ihm hat nun das Schick⸗ ſal ſcheinbar das Recht gegeben vor der Welt; unſere erſte Sünde ſtraft es mit dem höchſten Spruche, und er wird mich morden, wie er den Vater mordete, und die Mutter in das Waſſer jagte.— Ruhig! beſchwor Alexander. Nur ruhig, Du haſt ja mich, und in meinem Arme ſoll kein Feind und kein Welt⸗ ſpott Dich berühren. Gott hat ſelber Dich gelöſet, und die Liſt uns erſpart. Mein biſt Du und Keines mehr, nur der Tod trennt uns. Der Hof iſt leer; Niemand ſah Dich. Haben wir nur das Glück der Verborgenheit bis zum Abende, ſo grüßen wir den Morgen jenſeits der Berge in fremder Grenze.— Lücie erhob ſich an ſeiner Beſonnenheit, und erzählte die Scenen von dieſem Morgen. Gott ſchreibt deutliche 430 Handſchrift, murmelte Blum; ich las ſie auf des För⸗ ſters Antlitz, und ließ mich dennoch bethören.— Aber Pferdegeſtampf und Gelärm machte jetzt plötz⸗ lich die Hunde des Hofes wach; Blum hörte ſeinen Na⸗ men laut abrufen, er ſah durch das Fenſter den Ritt⸗ meiſter, und ein ſchneller Zuruf benachrichtigte die bebende Lücie. Sie floh mit einem Wehgeſchrei in die Kammer, und Blum ſprang zu ſpät zur Thür, um zu verſchließen, denn ſchon ſchritt der wuthentbrannte Kriegsmann her⸗ ein mit einem Schlacht⸗ und Sturmgeſicht. Blankſchwerten hatte nach langem Pochen und Dräuen im Schloſſe Lüciens Zimmerthür eingetreten. Mit Ver⸗ wunderung fand er und das zuſammengelaufene Gefinde nirgend die Schloßfrau. Endlich entdeckte man in der friſchgeharketen Allee die Spuren ihrer kleinen Morgen⸗ ſchuhe. An der Taruswand hing die Florbeſetzung ihres Kleides, und mit Schauder und Erſtaunen ſtanden die Verfolger vor dem entdeckten Felſenſchlunde. Laternen wurden gebracht; der Rittmeiſter ſchritt voran in die Tiefe, die beiden geladenen Sattelpiſtolen an die linke Hand hängend. Mit jeder Stufe tiefer ſchwoll ſein ver⸗ haltener Groll höher, und als man nun ins Freie kam, als die Klauſe und ihr ſtilles Verſteck in ſeine Augen ſprang, und er jetzt das niedrigſte Verhältniß, den lang⸗ geſponnenen, heimlichſten Betrug enthüllt wähnte, da ward ſein Zorn ein viehiſches Toben, das nur im gichtriſchen Zucken ſeiner Wangenmuskeln und in einzelnen heftigen Schreitönen ſich äußerte. Er ſchrie nach dem Pferde, und als dieſes ein zagender Knecht heruntergebracht, warf er ſich hinauf, und ſprengte, vom Inſtinkt getrieben, bügel⸗ los nach dem Schloſſe des Barons Cordes.— Seine Augen waren vorgequollen; das Haar, vom 431 Nebel und Winde genäßt und verwirrt, lag wie Schlan⸗ gen um die dunkelrothe Stirn. Blum trat von der An⸗ ſicht des Mannes ergriffen zurück. Ihr Bild an der Wand, ihr Tuch am Boden!— Lücie hatte den Türkenſchawl verloren auf der Flucht zur Kammer.— Heraus die Buhldirne! ſo donnerte Blankſchwerten hinein in die Halle. Alexander ſtellte fich ihm feſt entgegen. Gemach! rief er entſchloſſen. Hier iſt nicht Ihre Kerkerburg! Und wenn dem Mörder ihrer Eltern, wenn dem Diebe ibres Vermögens eine gequälte Frau entfloh, ſo iſt es Pflicht jedes Ehrenmannes, Schutz zu geben, bis König und Juſtiz zu Hülfe tritt.— Einen Augenblick ſtutzte der Rittmeiſter, dann hob ſich neu ſeine Wuth, wie ein friſcher Orkanſtoß. Hölle und Tod! brüllte er. Alle verſchworen gegen mich, Todte und Lebendige! Will die Vergangenheit meine Gegen⸗ wart zehren, und iſt Verrath und Meineid aus ſeinem Neſte aufgebrochen? Aber Ich bin noch Ich! Mit mir auf der Pulvermine ſoll der hohnlächelnde Feind in die Luft!— Seine Piſtole brannte los, aber die Kugel ziſchte neben Blum hin in die Wand. Da ſtürzte Lücie aus ihrem Verſteck heraus zwiſchen die Männer. Sie warf ſich in die Knie vor dem Gemahle, und rang die wei⸗ ßen Hände hoch auf zu ihm. Mir gib den Tod, nicht ihm! rief ſie. Er iß unſchuldig, denn ich ſelbſt bot mich ihm! Ich ſelbſt gab mich ihm frei und willig! Ich ver⸗ führte! Ich allein bin die Schuldige!— Zurück trat der Rittmeiſter einen Schritt. Den Gipfel haite nun ſein brennendes Qualgefühl erſtiegen. Er ſprach nichts; nur die Zähne knirſchten graufig, und die buſchig⸗ ten Augenwimpern zuckten. Da blitzte der Schuß; ein Blutfleck auf Lüciens Stirn zeigte das wohlgetroffene 432 Ziel; langſam ſank ſie nieder; ein Blick auf Alexandern, eine zuckende Hand nach ihm, und die liebliche Frau war nicht mehr.—— Die Piſtolenſchüſſe hatten das ganze Haus verſam⸗ melt. Dem Barone und der Baronin taumelte der Ritt⸗ meiſter entgegen, drückte wildlachend Theodor die Hand, und eilte nach dem Pferde. Welch ein Anblick empfing ſie in Blums Zimmer. Erblichen lag das ſchöne Weib, die milde, herrliche Lücie; über ſie hingeſtreckt, gleich ei⸗ nem Todten, der kräftige Alexander, und das gelbe Wind⸗ ſpiel ſprang bellend um die Gefallenen her, und leckte bald das rieſelnde Blut von Lüciens ſchwarzen Locken, bald den kalten Schweiß von der Stirn ſeines Herrn.—— Der Rittmeiſter verſchwand mit Schatoulle und Ju⸗ welen; die Güter zog der Staat ein. Alexander erwachte nur zur Raſerei. Nach Monden erſt ſtarb er in Ketten, und das Bild von Titian allein, das man an der Wand ſeiner traurigen Zelle befeſtigte, gab ſeinen letzten Tagen ein ſtarres, wohlthätiges Hinbrüten.—— Mit einem Trauerflore umwallt, hing ſpäter der ſchöne Unglückskopf in der Gallerie der Cordes, und wenn Iſa⸗ belle ihren erwachſenen Töchtern das Bild zeigte, und die Geſchichte der beiden herrlichen, reinen und doch ſo unglücklich geſtorbenen Menſchen erzählte, ſo ſetzte ſie ge⸗ wöhnlich unter Thränen hinzu: Nicht das böſe Gemüth allein führt zum Verbrechen und zum Elende! Menſch⸗ liche Schwachheit iſt die Mutter der meiſten Sün⸗ den, und macht ſelbſt Engel fallen! Darum hüte der Wandelnde ſich vor Nachſicht gegen ſich ſelbſt, hüte ſein Herz und ſeine Sinne vor der Tyrannei der gefährlichen Minute!—— —0=— —————— Blumenhagen. XI. VI. „Kann in des Lebens Irrgewinden Die Liebe ſich zum Ziele nicht, Die Kreiſe überſpringend, finden, So leiſtet ſie noch nicht Verzicht, Beharrlich ſich dahin zu winden, Verfolgt den Pfad, der ſich verflicht, Und wird, durchſchreitend Tod und Sterben, Sich endlich doch den Kranz erwerben,“ Pieper. — ——˖——— ——————————— In dem räucherigen Gaſtzimmer der Schenke zum ge⸗ plückten Haan im niederländiſchen Orte Braine le Comte ſaßen drei junge Wehrmänner des hannover'ſchen Land⸗ wehrbataillons Bremervörde um den braunen Eichen⸗ tiſch, auf dem ein frugales Abendbrod dampfte. Ihre gepackten Torniſter lagen von den grauen Mänteln be⸗ deckt auf der breiten Bank, welche das Zimmer rund an der Wand hin umzog, und drei blankgeputzte Flinten lehnten daneben. Draußen ſtürmte der Gewitterwind, ſchwüle Luft drang in die lockern Fenſter, und der Strichregen praſ⸗ ſelte gegen die kleinen Fenſterſcheiben; dazwiſchen klangen die Trompetenſtöße eines einrückenden Reiterregiments luſtig und aufmunternd, gleichſam des Unwetters ſpot⸗ tend, das der Krieger nicht ſcheut, da er durch ſchlim⸗ mere Ungewitter zu marſchiren gewohnt iſt. Aber drinnen im düſter erleuchteten Zimmer war es deſto ſtiller, denn die drei kräftigen Gäſte ſaßen wortlos da, fützten ſich auf die Ellenbögen, ſtierten auf das Tiſch⸗ tuch hin, und der kleine, kugelrunde Wirth blickte das ſtumme Dreiblatt jedes Mal, wenn er rührig durch das Zimmer trippelte, mit Verwunderung an, und ärgerte ſich, daß ſeine Erdtoffeln mit geſchmorter Kalbsbruſt un⸗ berührt ſtanden, ſeine leckern Biere, Pitermann und Faro, keinen Durſt erweckten, und ſelbſt der rothe Wein, den 436 die Gäſte extra gefordert und bezahlt hatten, in den Glä⸗ ſern ungenoſſen verrauchen mußte. Pferdegeſtampfe und Commandoworte, die jetzt ganz in der Nähe ertönten, ſchienen die Träumer zu erwecken, und der Aelteſte von ihnen nahm ſeinen Tſchakko vom ſchlichten Blondhaare, ſetzte ihn neben ſich auf den Eſtrich, und mit der Linken die Stirn frei ſtreichend, griff er langſam zum Glaſe, nickte den Gefährten zu und ſprach: Auf des Vaters Ge⸗ ſundheit!— Eben ſo ernſt und feierlich ſprachen die An⸗ dern die Worte nach, und bedächtlich leerten ſie die Becher bis zum Grunde. Was er jetzt wohl macht? fragte der Jüngſte da. Ob er ſchon ſchlafen ging mit ſeinem Pudel Allart, oder ob er noch ſitzt im Sorgeſtuhle am Ofen und Schweſter Beta ihm den Abendſegen vorlieſet? Oder ob er ſich den Deſſauer Marſch pfeift am Fenſter in die Gewitter⸗ nacht hinaus, wie er ſonſt zu thun pflegte?— An uns denkt er ſicher, antwortete der Mittelſte an Jahren, und das Schweſterchen weint gewiß, wenn der Sturm im Schornſtein niederbrauſet, und ſie, durch un⸗ ſere Kammer in die ihrige wandernd, die leeren Betten erblickt, und dann ihr der Gedanke kommt, wo die Brü⸗ der jetzt vielleicht auf der harten Streu oder im kalten Bivouak liegen möchten.— Es war doch nicht ganz gut gethan, fiel der Jüngſte ein, daß wir alle drei fortzogen, und das ſchöne Gut ſo allein ließen in der Kriegeszeit ohne Schutz und Er⸗ ben. Du, Konrad, hätteſt Dich dagegen ſetzen ſollen, du wareſt der Stammhalter, und der Vater ließ Deinen Spruch oſtmals gelten.— Der Vater hat es gewollt, antwortete Konrad, und gegen ſeinen Willen iſt mir der Einſpruch mein Lebtage —. 437 fündhaft vorgekommen. Er wollte der Gegend ein gutes Beiſpiel geben, und die feigen Burſche, die hie und da von Zwang und Ungerechtigkeit bei der Aushebung ſpra⸗ chen, auf Einmal ſtumm machen. Gott hat in Ruß⸗ land und bei Leipzig wunderbare Rettung gebracht, dort durch Feuer und Eis, hier durch Menſchenmuth und Ein⸗ tracht; die deutſche Freiheit iſt neu gewonnen, ſo wäre der ein verächtlicher Feigling, der zurückbliebe, wenn es gilt, ſolch köſtlich Gottesgeſchenk zu bewahren, ſobald ihn nicht andere Pflichten binden, ſo ſagte er. Ich könnte Einen von euch bei mir behalten, weil ich dem Greiſe näher ſtehe, als dem Jüngling; aber nein, hätte ich zwölf Söhne, wie Jakob, ſie müßten alle zwölf hinaus, für den König und das Vaterland zu ſtehen und zu fechten.— Der Vater war Soldat, und Gott ſchirmte ihn, daß er ohne Wunde aus jeder Schlacht zurückkam, verſetzte der Jüngſte treuherzig nickend, und darum meinet er, wer nur tüchtig gerade aus in den Kugelregen hinein marſchire, dem ziſche jeder Eiſenball im Reſpekt vorbei; aber wie er unter der Leibgarde ſtand, da gab es keinen Napoleon, und die Franzoſen ſollen dazumal auch eben keine Eiſenfreſſer geweſen ſein.— Fritz, verſündige Dich nicht an dem Vater! entgegnete Konrad vorwurfsvoll. Der ſteinalte Luckner'ſche Huſar, der mit ſeinem Holzbeine oft im Dorfe betteln ging, hat mir, als ich ein Bürſch⸗ chen war, oftmals erzählt, wie der Vater vordem ein gar ſtattlicher Reitersmann geweſen, und einſt auf ſei⸗ nem hohen Rappen ganz allein den General aus kinem Halbdutzend feindlicher Dragoner herausgehauen. Blut und Muth vererben ſich; ſo werden wir auch unſere Pflicht thun, wenn es zum Dreinſchlagen kommt, und werden dem Wachtmeiſter Wallan keine Schande machen.— 438 Der Vater ſaß auf ſeinem Rappen, antwortete Fritz kleinmüthig. So hoch auf dem friſchen Thiere mag ſich's ganz wohlgemuth ſitzen, wenn zum Einhauen geblaſen wird, und da mag das Vorwärtsſprengen in Mitten braver Kameraden eben kein Heldenſtück ſein; aber ſo wie wir in Reihe und Glied zu ſtehen, wie eine todte Wand ohne Bewegung, und die Reiter auf ſich anſprin⸗ gen ſehen, und die Kanonenkugeln zu ſich herbrummen hören, und ſtill halten müſſen ohne Muckſen bis die Ordre kommt, das denke ich mir recht peinlich und folternd, und wünſchte drum, wir alle Drei wären lieber unter die Huſaren gegangen.— Geſchehen iſt geſchehen, murrte Philipp, der Mit⸗ telſte; tauſchen läßt ſich nicht mehr, denn in Eilmärſchen zieht ſich das Volk zuſammen, und vielleicht geht es ſchon Morgen in das erſte Feuer, und ſtehen wir nur erſt in der Linie, ſo wird's zu thun geben und uns Allen das Spintiſiren vergehen. Eines nur quält mich, ſeitdem die Nachricht zum Aufbruch kam.— Und dieſes Eine iſt? fragte ſtutzig über den Ton des Bruders der Aelteſte.— Das Eine? antwortete Philipp. Fällt Dir's nicht bei? Wenn wir nun alle Drei blie⸗ ben auf dem Felde draußen, was ſollte dann werden mit Vater und Schweſter, und wer ſollte den letzten Liebes⸗ gruß hinüber bringen?— Der ſchlanke Fritz war bleich geworden, wie die Wand, an welcher ſein Rücken lehnte; der ſtämmige Konrad aber ſtarrte faſt geſpenſtiſch in ſein leeres Glas und ſagte dann mit dumpfer Stimme: Wenn Gott das geſchehen ließe, nun ſo fände ſich auch durch ihn ein Erbe für das Gut, ein Bote an den Vater und ein Bräutigam für die Schweſter Beta.— 439 Noch nicht verklungen war das Wort von dem Munde des Sprechers, ſo vernahmen die Anweſenden im Gange draußen derbe Schritte; Sporen klirrten, die Thür fuhr auf, und ein hochgewachſener Kavalleriſt trat in das Zimmer ein. Guten Abend, Kriegskameraden! ſprach er zutraulich, indem er die Huſarenmütze abnahm, die feinen Regen⸗ tropfen vom hellbraunen Pelzwerke ſtäubte, und den blauen Mantel von den Schultern ſchlug. Der Kugelwirth trip⸗ pelte ſchneller, als die Brüder den Gegengruß ſprechen konnten, aus der Mitte herbei, pflanzte ſich keck vor den Ankömmling hin, und ſchien ihn am Ablegen ſeines Man⸗ tels und Sarras hindern zu wollen. Der geplückte Haan iſt complet gefüllt, ſchnatterte er in Fiſteltönen; kein Bett iſt mehr leer, und Einquarti⸗ rung darin über die Nothzahl. Man muß ſich wo anders die Streu ſuchen, und es iſt überdem gegen den Ge⸗ brauch, Reiter und Fußvolk in ein em Zimmer beher⸗ bergen zu ſollen. Bajonett und Säbel vertragen ſich ſelten gut, und Kamaſche und Stiefel ſpuken mit Tritt und Stoß, ſtehen ſie zuſammen vor demſelben Bette.— Der Huſar trat dem zurückweichenden Schenkherrn ei⸗ nen feſten Schritt näher, und die Lampe zeigte jetz einen äußerſt wohlgebildeten jungen Mann, beſonders reinlich in ſeiner ſchmucken Tracht, männlich durch die gebräunte Farbe der Wangen und den ſchwarzen, wohlgeſchnittenen Bart, von edler Geſichtsbildung und dunkelm, ernſtem Auge. Hochgeborener Herr Wirth, ſprach er mit einer ſonoren Baßſtimme, halte Er ſein Zünglein im Zaume damit es Seinem wohlgepflegten Leichname fernerhin wohl gehe! Er ſpricht zu keinen Söldnern oder verwildertem Franzoſenvolke. Deutſche Ehre und deutſche Freiheit ſind es, für welche Georgs Reiter und Georgs Schützen fech⸗ 440 ten, und brüderlich ſteht darum der Eine in Eintracht neben dem Andern. Ich hatte noch keinen Bart, als ich mit dem tückiſchen Irrländer fertig wurde, hatte kaum Flaum am Kinn, als ich manchen hämiſchen Espagnol zu Ruhe brachte, und ſolch eine runde Geneverflaſche wird mich nicht irren. Freuet Euch, wenn Ihr morgen Abend noch ein Dach habt, und dankt dann uns, die wir es Euch beſchirmten. Der kleine grüne Korporal iſt mit Extrapoſt von Elba angekommen, und ſeine Blutgier hat drüben bei Genappe heute ſchon dem tapfern Braunſchwei⸗ ger⸗Herzog das Leben gekoſtet. Steht unſer Wellington nicht feſt, ſo möchtet ihr abgeßgllene Niederländer mor⸗ gen ſchwerlich eure Dickköpfe aus den verbrannten Häu⸗ ſern retten. Unvermeidlich iſt die Schlacht. Ueberall wimmelt's drüben von franzöſiſchen Blauröcken; überall trommelt der hannover'ſche Marſch heran, Wellington rief Alle auf dieſen Punkt, und da macht der Soldat Quar⸗ tier, wo es ein Dach und ein Strohbund gibt. Wir Huſaren ſollen morgen voran, da hätte ein Anderer als ich jetzt den Säbel an ſeinem feiſten Rücken probirt; in⸗ deß hier iſt das Billet, und Er heißt doch Balthaſar Bloomnaſe und iſt der Hahnenwirth?— Das Wörtlein Schlacht hatte den rothen Hahn zum weißen gemacht, und die Kugelgeſtalt rollte hinaus, mit der Schreckens⸗ poſt zugleich Befehle, für die Bewirthung des neuen, wie ein Obriſt perorirenden Gaſtes auszutheilen. Rückt zu, Kameraden, ſagte der Huſar, der ſich indeß der Waffen entledigt hatte, morgen ſtehen wir ſämmtlich in einer Fronte, liegen vielleicht auch dicht neben einan⸗ der auf dem blutigen Sande; darum werden wir hier leichter noch friedlichen Raum neben einander finden und das Stärkungsmahl theilen.— —— ———————————— 441 Aber ihr ſeid ſo triſt und ſtumm? fragte er ſtau⸗ nend weiter, als er die düſtern Geſichter der Brüder in der Nähe erkannte. So jung und rüſtig, und ſo ge⸗ ſchlagen vor der Schlacht? Schämt euch! Auf wackere Waffenthaten am nächſten Morgen!— So rufend, nahm er ein Glas, ſtieß an den nächſten Becher, und trank in langen Zügen, indeß die Brüder nur jungfräulich Be⸗ ſcheid thaten. Der Huſar hatte des Jüngſten Glas er⸗ griffen, und dieſer ſah freundlich dazu, und reichte dem Reiter dann die Hand über den Tiſch hin zum deutſchen Drucke. Bruder Konrad und Bruder Philipp, ſagte er herzlich, der Kamerad iſt uns kein Fremder; er iſt der unbekannte Freund, von dem ich erzählte, der im letzten Nachtquartier, als der betrunkene engliſche Dragoner mir recht toll zuſetzte, meine Partei nahm, den Zank auf ſich zog, und Jenen mit einem Fleiſchhiebe im Geſichte nach Hauſe ſchickte.— Wahrlich Ihr ſeid derſelbe, entgegnete der Huſar noch freundlicher; hätte ich Euch doch faſt nicht wieder erkannt. Aber rühmet das nicht; war ja nur gutgemeinte Schul⸗ digkeit, denn ein alter Soldat kann es nicht ruhig an⸗ ſehen, wenn ſolch ein Prahlhans einem wackern Rekruten bei dem erſten Ausmarſche den Muth brechen mag, an⸗ ſtatt ihn zu wecken.— Alle wurden jetzt ſofort geſprä⸗ chiger, und keine Viertelſtunde verging, ſo ſchien es, als wären aus den drei Gebrüdern vier geworden. Der Huſar war ein freiſinniger, lebensmuthiger Burſch; er hatte Vieles geſehen und mit Nutzen durchlebt, und ſeine Erzählungen vom letzten Feldzuge in Spanien, von dem erſten Einzuge in Paris und den Herrlichkeiten dieſer Prachtſtadt wurden von den Neulingen mit geſpannter Aufmerkſamkeit angehört. 442 Dorthin geht es zum zweiten Male, ſetzte er jubili⸗ rend hinzu. Und jetzt ſoll das wortbrüchige Volk die Revange vollauf fühlen, ſtatt deren es Gnade bekam das vorige Mal, zu Vater Blüchers Aerger.— Weiter erzählte der Geſprächige dann von ſeiner Jugend, wie er eine Waiſe geweſen aus guter Familie, wie er dem harten Vormunde entlaufen, und mit einem Artillerieoffizier, faſt Knabe noch, nach Englands Küſten geſegelt, wie er durch alle Waffengattungen gedient, den Feldzug in Spa⸗ nien und den jüngſten in Frankreich mitgemacht, und wie er jetzt die Hoffnung hege, den ſiegreichſten und gewich⸗ tigſten von allen vollenden zu ſehen, und den Ruhm der va⸗ terländiſchen Kriegsvölker zu theilen, da ſein Marſchall Wel⸗ lington ſelbſt vom Teufel nicht geſchlagen werden könne.— Und ſeid Ihr immer glücklich heraus gekommen, und habt kein blutig Denkzeichen mitgebracht? fragte Konrad Wallan. Mein Name iſt Beatus Glückskind, antwortete lachend der Huſar, und der Name hat ſich wie ein Zauberwort bewahrheitet; Streifſchuß und Flachhieb haben mich hun⸗ dertmal berührt, aber Knochen und Herz ſind unverletzt geblieben. Die Mütze in das Geſicht gerückt, die Mus⸗ keln ſtramm gezogen, und dann mit Gott gerade aus, das iſt das beſte Hexenkraut gegen Sarras und Vierund⸗ zwanzigpfünder, und macht ſtich⸗ und ſchußfeſt. Aber ihr fraget ſo ſeltſam, ſetzte er hinzu, daß ich faſt den⸗ ken ſollte, das Kanonenfieber habe euch vorhin ſo mu⸗ mienſteif und großväterlich ſtumm daſitzen gemacht. Sollt's nicht meinen, denn ihr ſcheint doch von derbem Schrot gebacken, keine ſtädtiſche Mutterſöhnchen und Milchbärte, und ſeid ja überdem der Uniform nach hannober ſche Lan⸗ deskinder, wie ich.— 443 Die drei Brüder wurden plötzlich röther als ihre Röcke, und die Jüngern ſah wie auffordernd den Aelteſten an. Konrad ſetzte ſich zurecht und berichtete mit deut⸗ ſcher Wahrhaftigkeit, wie es um ihre Familienangelegen⸗ heiten ſtände, und wie ſie vorhin von ſonderbarer Ahnung gequält worden, daß Keiner heimkehren möchte, den Vater zu pflegen und die liebe Schweſter zu ſchirmen. Iſt das Schweſterchen hübſch? fragte leichtfertig und ſchelmiſch Beatus. Ein friſches Kind, antwortete Fritz, und von Erinnerung glühete ſein Auge auf; roth und weiß wie der runde, reife Apfel am Baume, und geht ſie im Sonntagsputze zur Kirche, ſchauen alle Burſche mehr auf ſie als auf den Prediger.— Wiſſet ihr was? Ich kann eurer ſeliſamen Noth ein Ende machen, fiel launig aufgeregt der Reitersmann ihm in die Rede. Mancherlei habe ich erlebt, aber zum Erben hat mich noch Niemand eingeſetzt, und es iſt we⸗ nige Ausſicht da, daß ich je den Schatz einer Erbſchaft heben werde, denn ſelbſt der Nachlaß der Todten in der Schlacht kommt nicht an den Huſaren; wenn er vom Nachſetzen heimkehrt, pflegen Voltigeurs und Marketender ihm nur nackte Leichen im Felde übrig gelaſſen zu haben. Friſch daran! Laßt mich das vierte Blatt eures brüder⸗ lichen Kleeblatts ſein; ſetzet mich zum Erben ein im Sterbefalle, und werfet dann die Sorge weg bis zum Friedensſchluſſe. Freilich wird mir heute Abend Nie⸗ mand für das Teſtament einen Heller bieten, aber um ſo wackern Landsleuten das Herz leichter zu machen, wagt ein guter Kriegsknecht ſchon ſolch ein Rieſenftück.—. Alle lachten über den ernſthaft⸗komiſchen Sermon, und ſelbſt der Wirth, der ein warmes Gericht und ein viertes Glas herbei getragen, kicherte und hielt ſich den 444 Spitzbauch mit beiden Händen. Der ehrbare Konrad wurde zuerſt wieder ſtill und bedenklich. Euer Einfall, Bruder Huſar, iſt ſo lächerlich nicht wie er klingt, ſprach er gedankenvoll vor ſich hinſehend. Aber wer wird hier in der Racht zum Teſtamente die Feder leihen?— Bleibt mir mit dem Notarius vom Leibe, ſonſt wird nichts daraus, entgegnete der Huſar, und ſetzte einen derben Fluch hinzu. Hätte mich doch in London beinah einmal ein ſolcher Schwarzrock um einige elende Schil⸗ linge für Porterbier unter frei Logis und in freie Koſt gebracht. Könnt ihr ſchreiben, ſo zeichnet's ſelbſt auf, und wir alle unterzeichnen. Des Sohnes Handſchrift wird dem Vater ſchon gültig ſein. Teſtament vor oder in der Schlacht, auf Degenſcheide oder auf eine Patrone geſchrieben, ſoll nicht der Formen und römiſchen Worte bedürfen, hörte ich einmal, als mein erſter Hauptmann ſchwer bleſſirt auf einer Trommel in die Brieftaſche ſei⸗ nen letzten Willen niederſchrieb.— Ich und mein Hans zeugen, ſprach der Wirth, den der ſonderbare Fall zu beluſtigen ſchien, und der ſogleich all' ſein Schreibzeug aus dem Wandſchränkchen hervor zu ſuchen begann. Langſam entwarf Konrad die Schrift; es war, als wenn es ihm recht ſchwer würde, die Buch⸗ ſtaben hin zu malen. Er ſchilderte kräftiger und getreuer als ein Romanſchreiber die Begebenheiten dieſes Abends, erwähnte den Schutz, welchen Beatus dem Bruder Fritz gegen den Walliſer geleiſtet, malte den neuen Freund ab, wie nur ein polizeilicher Steckbrief abconterfeien kann, und empfahl ihn dem Alten warm und herzlich. Wenn dieſes Blatt zu Ihm kommt, lieber Vater, ſo ſchloß er, dann hat er keine Söhne mehr, und ſie liegen — 445 alle Drei verſcharrt im fremden Sande, können dann nicht mehr arbeiten für Ihn, und Ihm nicht mehr ſein Alter leichter machen. Aber glaube Er dann nur feſt, daß ſie wie gute Soldaten ihren Poſten hielten, und Keiner einen Schritt aus dem Gliede wich, bis die Kugel ihn hinauswarf. Daß ſie Seiner noch gedachten, davon iſt dieſes Blatt ein Zeugniß, denn ſie haben ihm einen wackern Sohn ausgeſucht, der Ihm beſſer mit Rath und That beiſtehen kann, als wir dumme Burſchen, die nicht die Welt geſehen und uns in nichts verſucht haben bis⸗ lang, und fieht doch der neue Bruder Beatus ſo aus, als wenn er gar nicht ſterben könnte, indeß uns alle Drei ſo eben eine Todesahnung gepeinigt hat, wie dazu⸗ mal die Mutter quälte, als Abends der Spiegel von der Wand fiel, und der ſchwarze Hund drei Nächte vor dem Thorwege heulte. Gott mag es lenken zum Beſten; wir ſind auf das Schlimmſte gefaßt, und haben das ferne Schießen auf dem Hermarſche ohne Grauen gehört. Die ſchwarzen Braunſchweiger ſind ſchon daran geweſen, und der tapfere Oels iſt voran und mitten drunter todtge⸗ ſchoſſen. Morgen wird manch deutſches Mutterkind neben ihm liegen, vielleicht auch Seine Söhne alle; dann folge Er unſerem Willen, nehme Er den Beatus Glückskind als Sohn auf, denn wir vermachen demſelben hiemit einſtimmig Haus und Gut, den Brautpfennig der Schwe⸗ ſter Beta ausgenommen, die wohl in einen andern Hof freien wird, wenn der Peter Buſch Ernſt macht. Sol⸗ ches ſprechen wir freiwillig und vor Zeugen hier aus für Alle, die es angeht, und unterzeichnen es eigen⸗ händig im Gaſthauſe zum gepflückten Hahn zu Braine le Comte.— Wenn es Ihm wohl geht zu dieſer Stunde, ſoll es uns recht lieb ſein, wir befinden uns 446 Alle bis jetzt recht gut, und laſſen die Nienkoper grüßen.— Die drei Brüder unterſchrieben ihre Namen; der Wirth und ſein Sohn malten ihre Hahnenfüße drunter, und mit feingeſchlungener, engliſcher Handſchrift ſetzte Beatus ſein: Angenommen! neben ſeinen Namenszug hin, und unterbrach ſich ſelbſt oft dabei durch ein derbes Gelächter. Konrad aber umfaßte ſeine Schultern mit kräftigen Armen, küßte ihn herzhaft und ſprach dazu: Lache nicht, Bruder! Gottes Wege ſind wunderbar; aus Spaß iſt ſchon oft bitterer Ernſt geworden, und das Schönſte bei der Geſchichte iſt mir darum die Gewißheit, daß das Papier, welches Du in Dein Taſchenbuch ein⸗ legſt, in keine ſchlechten Hände gerathen iſt.— Auch auf die Stirn des Huſaren legten ſich bei dem Spruche einige düſtere Falten, deren Urſache er ſich nicht zu erklären wußte. Ich habe heute unerwartet eine große und liebe Fa⸗ milie bekommen, das iſt mir das Beſte dabei, fiel er ein; komme ich mit einem Bein weniger in das Vater⸗ land, ſo weiß ich doch nun gewiß, wer mich aufnimmt, und daß mir ein Plätzchen auf der Ofenbank in Nienkop am Elbufer gegönnt wird, wo ich Löffel und Quirle ſchnitzen kann und meine Penſion in Frieden verzehren mag. Und jetzt mehr Wein in die Gläſer! Der Vater ſoll leben, der heute einen ſtämmigen Buben taufen läßt in mir, und die Schweſter Braut dazu! Vivat! Und uns Allen eine fröhliche Heimkehr zu den lieben vater⸗ ländiſchen Feldern!— Die Gläſer klirrten hell, und keines zerbrach; ſo wan⸗ delte ſich der Ernſt der Geſellſchaft bald in laute Freude, wie junge Gemüther gern vom Extrem zu Extrem über⸗ 447 ſpringen, und erſt um Mitternacht ſtreckten ſich die ver⸗ brüderten Kriegsmänner auf die Ruheflätten, und der leichte Weinrauſch vertrieb die finſtern Zukunftsträume, welche auch dem Herzhafteſten Herzklopfen bringen konnten. Die Schlacht bei Waterloo, wie wir Hannoveraner ſie nennen, eine der ſchrecklichſten, aber auch folgereichſten Schlachten unſeres Zeitalters, liegt dem Heute noch zu nahe, als daß der Romantiker es wagen dürfte, ſeine Phantaſieen an ihre Wirklichkeit zu knüpfen, da ſie von der Erinnerung derjenigen, die an dem Triumphe dieſes Bluttages Theil hatten, ſicher überboten würden. Die jungen Helden jenes achtzehnten Juni ⸗Tages gehen als der Stolz ihres Volks unter uns umher, mit ihren ro⸗ then Ehrenbändern geſchwückt; viele unſerer Familien trauern noch um die gefallenen Väter und Söhne, und mit Theilnahme hört noch jetzt oftmals ein geſelliger Kreis einem jener Waterloo⸗Männer zu, wenn er von den zahl⸗ loſen einzelnen Kriegerthaten, die jener heiße Tag gebar, mit fröhlichem Muthe einige zum Beſten gibt. Der Brief eines engliſchen Offiziers, der vor Tava⸗ lera mit der Fahne in der Hand verwundet ward, der ſeine Reiter mitten in das wilde Gedränge bei Sala⸗ manca geführt, ſpricht kurz nach dem Siege bei Water⸗ loo alſo zu dem Verfaſſer: — Der Kronenräuber iſt auf das Haupt geſchlagen. Doch mit dem Unkraute ward auch mancher gute Halm zertreten, und unſere Legion iſt ein kleines Häuflein ge⸗ worden. Nie ſah ich eine Bataille, die ſo mörderiſch war und unausgeſetzt mit ſolchem Feuer durchgeführt wurde. Kugelſtaub und Pulverdampf püllte dem Auge Alles ein, 448 und nur zuweilen hörte man durch den Kanonendonner das Wuthgeſchrei der Angreifenden, und den freudigen Jubel der Zurückwerfenden. Eure junge hannover'ſche Infanterie hat uns Ehre gemacht, und geſochten wie Lö⸗ wen. Es galt hier und drüben Alles, und wir haben es errungen.— Was könnte man im Allgemeinen mehr ſagen, um ein Charakterbild dieſer Schlacht zu geben, wenn man nur zur Abſicht hat, die Schickſale einzelner Individuen in derſelben zu verfolgen? Dem Hiſtoriker gehört das Uebrige.—— Das Unwetter, die Blitze und Regengüſſe der Vor⸗ tage hatten ſich erſchöpft, und ein klarer, heiterer Son⸗ nenhimmel lachte, als am achtzehnten Juni 1815 früh Trommel und Trompete Wellingtons Armee in die ſtarke Poſition rief, die ſein Feldherrnblick auf den Höhen des Mont⸗Saint⸗Jean auserwähkt hatte. Nur in den Tie⸗ fen wälzten ſich noch weiße Nebel, ſchützenden Geiſtern gleich, über die reichen Weizenfelder hin, deren grüne Saat ſchon halb zertreten lag auf dem weichen Boden, den das Schickſal zu einem blutgetränkten Opferberde des Schreckens und der Kriegsfurie beſtimmt hatte. Schon hatte der tapfere Braunſchweig, ein Löwenſohn und ſelbſt ein Leu, mit ſtarker Bruſt wie ein Leonidas mit ſeiner ſchwarzen Sparterſchaar, den Eingang in das deutſche Land vertheidigend, ausgeblutet ſeinen glühenden Fran⸗ kenhaß auf der Vorhut des Heers; ſchon lag auf der Kreuzſtraße von Quatre⸗Bras mancher hannover'ſche Wehr⸗ mann leblos auf fremder Erde; ſchon hatten Klenke und Ramdohr bei Pierre⸗Mont mit ihren Lüneburgern ſich Lorbeeren geholt und den franzöſiſchen Eiſenreitern Ach⸗ tung vor der jungen Mannſchaft Hannovers gelehrt; ſchon deckten manchen jenſeitigen Hügel die blauen Todten, 449 welche Cleves heranfliegende Geſchütze mit ſicherer Kugel niedergeſchmettert. Aber jetzt erſt nahten die Stunden der großen Entſcheidung, jetzt ſollte die große Tragödie begin⸗ nen, deren Vorſpiel ſchon Schauder erregen mußte, ſelbſt im ſtahlumpanzerten Herzen der alten Waffenmänner. Unſere vier Bekannten waren früh auf, blitzten bald in ihrem Waffenſchmucke, drückten ſich noch einmal die ehrlichen Hände, und eilten, wohin das Befehlswort ſie abrief. Langſam wälzten ſich jetzt die Nebel hinweg; die Morgenſonne beleuchtete Höhen und Thäler, und ſtrahlte blendend zurück von den ſcharlachrothen Kriegskleidern und dem blinkenden Bajonetwalde der Engländer und Hannoveraner, die, ernſt und ſtill in langer Linie auf⸗ geſtellt an der Hügelreihe, auf den großen Feldherrn blickten, der mitten unter ihnen zu Roſſe hielt, ihren Siegeslauf zu lenken. Aber drüben thürmten ſich die dunkeln Wolken der Feinde auf; immer breiter und ſchwär⸗ zer dehnten ſich die Maſſen aus bis in das Ungeheure und Unüberſehbare; es war der Heros der Zeit; es wa⸗ ren ſeine krieg gewohnten, unüberwindlichen Garden, ſeine Panzerreiter, denen kein Centrum widerſtanden, und der alte Enthuſiasmus der Revolutionsmänner tönte zum zweiten Male für manches grau umlockte, deutſche Ohr aus jenem ſchwarz zuſammengeballten Drachen mit dem ſüdlichen Morgenwinde herüber, und dieſelbe fanatiſche Glut jener Zeit ſprach überall aus dem Angriffe dieſer Franken für ihren Götzen jetzt, wie damals für ihre Göttin.. Um zehn Uhr donnerte der erſte Kanonenſchuß her⸗ über, und bis zur Nacht hin wechſelten jetzt die Scenen des Schreckens, verſchleiert durch die Dampſwolken, wie der Wind ſie ſenkte und hob, doch keinem Auge ſichtbar Blumenhagen, Rl. 29 450 in ihrem ganzen Schauerbilde, welches kein Menſchenauge ertragen haben würde. Hier ſchlugen ſich die gewandten grünen Schützen der Legton um die Ferme la Haye Sainte mit immer neu gegen ſie anwachſender Cadmusſaat der Feinde, und kämpf⸗ ten wund am Boden liegend noch um den ihnen anver⸗ trauten Platz, wie der Lacedämonier um den väterlichen Schild.— Dort ſtanden am Holz von Hougemont die brittiſchen Garden gleich unerſchütterten Koloſſen, feſt wie der weiße Felſendamm ihres Albions, verſpottend den mächtigen Phalanx der blauen Schützen und den Kugel⸗ regen ihrer Mordgeſchoſſe. Ueberall ward jetzt Schlacht. Zahlloſe Reihen der Feuerſchlünde, ein Bild der offenen Hölle, ſpieen ihre verheerenden Flammenſtröme aus; Maſſen von Bajonetten ſtürmten gegen einander; Trom⸗ meln und Trompeten lärmten; wie Pferd an Pferd und Küraß an Küraß geſchmiedet flogen, ein niederwerfender Orkan, Napoleons Reitergeſchwader über das Feld her⸗ ein. Aber kleinen Feſtungen ähnlich, die ſich ſelbſt be⸗ ſchützen, ruhig in ihres Muthes Sicherheit und im Ver⸗ trauen auf den erprobten Führer, ſtanden die Vierecke der deutſchen Fußvölker, bückten ſich tief, ſowie die Bat⸗ terie drüben blitzte, und hoben ſich mit einſtimmigem, jubelndem Hurrah wiederum, ſobald die Eiſenballen über ſie hingeſauſet, und der Feldherr rief in kräftiger Freude: Wie Mauern halten die braven Hannoveraner, ſo hoffe ich mit Gott auf den Sieg!— Jetzt trabten die prachtvollen engliſchen Garden durch die Zwiſchenräume, und ihre langen Schwerter fielen wie Wetterſtrahlen in den dräuenden Lanzenwald der Gegner, und der Jubelruf der Brüder empfing ſie, als ſie mit Blut und Koth bedeckt, kaum noch als die Vorigen kennbar, 451 zurückraſſelten in ihre Linie. Dort wetteiferten die heiß⸗ blütigen Schotten mit den Männern von Gifhorn, zu werfen die Feindesreiter mit dem blanken Bajonet, ein gelungenes Wagniß ohne gleichen in der Kriegsgeſchichte; hier ſank aber auch ein geſprengtes Bataillon und der rieſige Ompteda und mancher Held des ſpaniſchen Krie⸗ ges unter den feindlichen Säbeln und den Hufen der normanniſchen Roſſe. Immer erneuerte ſich dieſelbe Scene durch andere Perſonen; die Erde erbebte vom Geſchütz⸗ donner, deßgleichen der älteſte Krieger nimmer gehört; die Haufen der Todten und Sterbenden thürmten ſich im⸗ mer höher und höher. Durch! durch! nach Brüſſel! hatte Napoleon ſich zugeſchworen.— Schon wiegte ſich die Sonne nach Weſten, da ſetzte der Mann, der keine Furcht kannte und kein Menſchen⸗ leben achtete, ſein Letztes auf den Wurf. Vive'Empereur! ſchallte es aus tauſend rauhen Männerkehlen herauf aus der Ebene, und gebildet zum unwiderſtehlichen Keile ſchrit⸗ ten die geſparten Pariſer Garden im Sturmſchritt auf die ermatteten Deutſchen los. Gott! Vaterland und Ehre! riefen die Führer, mit ihnen das Heer; die Wehr⸗ männer ſchoben ihre Todten zur Seite und ſchloſſen dich⸗ ter die gelockerten Reihen; und die ewige Gerechtigkeit hörte freundlich den betenden Ruf; zur Seite im Berg⸗ walde ertönten preußiſche Hörner, preußiſche Trompeten, und Bülows Krieger ſchritten hernieder in das Blutfeld. Schaar entwickelte ſich aus Schaar; und wie Feenerſchei⸗ nung belebten ſich die Terraſſen des Berges, in geregel⸗ ter Ordnung ward ein kleines Heer über dem andern ſichtbar, ein Anblick, welcher den Schrecken in die Colon⸗ nen des Feindes warf, ſowie er die wackern Männer des heißeſten Tages mit der Gtwißheit des Sieges neu belebte. 452 In ein Sauve, qui peut! wandelte ſich das ſtolze Feld⸗ geſchrei der Franken, die gewohnte Ordnung wurde zu wirrer Flucht, und der Sieg war gewonnen, das Vater⸗ Land gerettet.—— Beatus Glückskind, der brave Huſar, hatte ſein Theil gethan, wo es die Pflicht gebot. Sein Regiment war zu einer Hauptcharge auf franzöſiſche Küraſſiere comman⸗ dirt worden, und hatte den alten ſpaniſchen Ruhm neu gekrönt. Brave Burſchen! rief der alte Arenſchild, Eure Säbel klapperten luſtig auf den alten Blechkappen!— Viele Kameraden ſah Beatus neben ſich ſtürzen, ſelbſt ſein verehrter General von Alten, der Agamemnon jener tapfern Legion, welche die Peninſula befreiete, wurde durch eine tückiſche Kugel noch am Ende der Schlacht vom Streitroß geworfen; ihn aber traf nicht Kugel, nicht Schneide, und als der Siegesruf über die Hügel klang, ſprengte er mit einigen Rotten der Seinigen hin und her auf dem Blutplane, einzelne verſprengte Feindesreiter, welche in ihrer grimmigen Verzweiflung noch mordeten, was ihnen aufſtieß, zu vertreiben oder einzufangen. Ein junger Dragonerofficier war mit einem franzöſiſchen Ad⸗ zutanten mitten auf der Ebene im heftigſten Schwerter⸗ wechſel. Schon ſchien die deutſche Kraft gewonnen zu haben, als zwei flüchtige Küraſſiere vorbeijagten und von hinterrücks mit zwei kräftigen Hieben Kopf und Antlitz des tapfern Jünglings ſpalteten. Beatus war im Fluge ihm zur Seite, ſein Säbel traf rächend den feindlichen Officier auf den Tod, indeß ſeine Gefährten im geſtreck⸗ ten Roſſeslaufe die tückiſchen Mörder verfolgten. Er ſprang vom Pferde, dem unglücklichen jungen Cavalier — ——————————— 453 beizuſtehen, aber das Röcheln deſſelben verkündete die Nutzloſigkeit der Hülfe, ſo wandte er ſich zu dem zucken⸗ den Feinde, und da er in ihm den Generaladjutanten am Kleide und den Epaulets erkannte, ſo nahm er ihm die Brieftaſche und eine ſchwere Börſe, und ſah ſich um nach dem ſchönen Thiere, das der Officier geritten, um es einzufangen als verdiente Beute. Da hörte er ſeinen Namen in einem Tone rufen, welcher ſein Herz erſchüt⸗ terte. Er blickte umher; nur ſtarre Leichen und zuckende Sterbende lagen am Boden. Beatus! klang es noch⸗ mals wie Geiſterruf, und den Tönen nachtretend fand er einen Landwehrmann, gräßlich zerriſſen von Kanonenku⸗ geln, liegend im Graſe, gelehnt an einen Leichnam. Konrad Wallan! Um Gott, ſeid Ihr es? rief der er⸗ ſchrockene Huſar. Nur einen Trunk noch um Jeſu wil⸗ len! ſtöhnte der Zerſchoſſene. Mit mir iſt's bald vor⸗ bei, aber mein Durſt wird Hölle!— Beatus reichte ihm die Feldflaſche, aus der er in gierigen Zügen trank. Ich will Hülfe holen, Euch zurücktragen! ſprach Beatus zu ihm niedergebeugt.— Kannſt Du die zerſchmetterten Beine ganz machen, und dieſe Hand anſetzen? antwortete Kon⸗ rad, und hob den blutenden Stumpf des Armes gegen ihn auf, den er zum Stillen des Blutes bislang in den Sand gedrückt hatte. Die Ahnung von geſtern her war Gottes Wink! ſetzte er mit letzter Kraft hinzu. Hier mein Ruhekiſſen iſt Bruder Philipp, den dieſelbe Stück⸗ kugel glücklicher traf, und dort zwanzig Schritt zurück durchſtieß die Lanze Fritzens Bruſt, und Du wirſt ihn finden, wenn Du den Tſchakkos mit dem Radwappen nachgehſt. So biſt Du nun wirklich der Erbe, und mit Deinem letzten Liebesodienſte haſt Du Alles wohl bezahlt. Nimm den Henkelthaler mir von der Bruſt; er iſt von den Bauern, welche Habſucht und Gier zum Plündern 454 der ſeligen Mutter, zu der wir jetzt Alle gehen; bring' ihn dem Vater als Zeugniß, und grüße ihn und Beta, und ſprich: der Konrad ſei ſchwer, aber brav geſtorben! — Die letzten Worte ſchallten nur halblaut durch eine Zuckung der Lippe; er griff nochmals nach der Feldflaſche, aber die Linke ballte ſich im letzten Krampfe der jungen Natur, und entſeelt ſank er zur Seite auf die Bruder⸗ bruſt.— Mit gefaltenen Händen ſah der Huſar eine Weile nieder auf die beiden verſchwiſterten Todten, und fragte finſter vor ſich hinredend: Warum eben dieſe? Warum ſie Alle, und nicht mich für einen von ihnen?— Dann nahm er den Henkelthaler unter dem Bruſtwamſe des armen Konrads hervor und hing ihn ſich um den Hals, als wiederum ein fremdartiger Ausruf ſeine Augen zur Seite zog. Braver Huſar! rief ein franzöſiſcher Gre⸗ nadier, dem eine ſchwere Stückkugel das Bein weggeriſ⸗ ſen, hat getrunken Euer Hannoveraner, laßt auch trin⸗ ken mich!— Beatus nahm die Korbflaſche aus des er⸗ kalteten Bruders Hand und reichte ſie dem rieſenlangen Feinde, der eben ſo haſtig ihre Mündung in ſeinen ſchwar⸗ zen Bart drückte. Dank, Huſar! rief er dann und mit letzter Lebensglut warf er das geleerte Gefäß hoch über ſeine Bärenmütze hin, jauchzte mit funkelnden Augen: Vive Empereur! Vive Napoléon! und ſank zu den Uebrigen in die ewige Ohnmacht des Todes. Zwiefach erſchüttert durch die ſchroff ſich entgegentretenden Aeuße⸗ rungen der Frömmigkeit und des Uebermuths der zwei in einer Minute verſcheidenden Krieger, beſtieg Beatus ſeinen Braunen, der, an den guten Herrn gewöhnt, nicht vom Flecke gewichen, und ritt langſam zurück, um unter —— 455 auf den Leichenacker gelockt, einige Helfer zu ſuchen, die einen Vorſatz ausführen dürften, welcher plötzlich in ihm gereift war. Sein blanker Säbel und einige Fünffran⸗ kenſtücke, die er aus der franzöſiſchen Börſe ſpendete, war⸗ ven ihm bald zwei Arbeiter. Mit ihnen trug er die Lei⸗ chen der drei Brüder zuſammen, legte ſie in ein Grab, wozu er den FPlatz unter einer alten, vom Geſchütz zer⸗ riſſenen Eiche auserwählt, und ließ einen ſchweren Stein darauf wälzen, ihre Ruheſtatt zu ſichern. Die Trom⸗ pete rief nach kaum vollendetem Liebesdienſte die Verein⸗ zelten zu ihren Corps. Auch er folgte der bekannten Fanfare, doch nicht der lebensfrohe, leichtfertige Beatus mehr, ſondern ernſt und mit ſolch veränderten Geſichts⸗ zügen, daß die Kameraden beſorgt nach der Wunde des Tapfern fragten, die er tiefer trug, als Menſchenblicke einzudringen vermochten.— Es war im zweiten Jahre nachher, als der alte Wacht⸗ meiſter Wollan auf ſeinem Gehöft im Dorfe Nienkop unter der großen Linde ſaß, und ſeine Abendpfeife rauchte. Ein rüſtiger Funfziger war der Alte, mit geſparten Kräf⸗ ten und Sinnen, und ſeine gerade Rückenhaltung zeigte auf den erſten Blick den geweſenen Soldaten an. Unter dem ſchwarzen Mützchen drang das graue Haar dicht hervor; die Augen funkelten ſcharf unter den dicken grauen Bögen heraus in die Abendſonne hinein, als frage er den Geiſt, der ſie bewohnte, um manches Räthſel ſeines Le⸗ bens, und dabei waren die faltigen Geſichtszüge ſo ſtreng geſtellt, als gälte es eine Abrechnung zwiſchen ihm und dem eiſernen Schickſal. Er trug zwar die weiten, dun⸗ keln Beinkleider der Leute des alten Landes, am Knie 456 feſt gegürtet, und ihre braunen Strümpfe, aber ſtatt der Jacke mit großen Buckelknöpfen deckte ihn ein blauer, militäriſcher Oberrock, und ſiellte ihn auch dem Aeußern nach eine Stufe höher als ſeine Nachbarn. Schweigend ſaß er, den Rücken an den ſpaltigen Baumſtamm ge⸗ lehnt, deſſen Zweige unbeſchnitten ſich den Wolken zu ausbreiteten, anzuſehen wie mehrere grüne Feenwohnun⸗ gen über einander und den Gipfel des Hauſes umfaßten und überkränzten, das er ſein nannte und unter deſſen freundlichem Dache die Wallans ſchon ſeit hundert Jah⸗ ren gewohnt hatten. Vor ihm vorüber trug der Knecht dem blanken Rindvieh, das in dem offenen Stalle kräf⸗ tig brüllte, grünes Futter in ſchweren Laſten zu; der Alte achtete aber nicht auf den Fleiß des Dienſtboten, ſondern ſein Auge fiel, wenn es einmal geblendet die Sonne mied, zur Seite zu einem niedrig umgatterten Blumengärtchen, wo in geregelten, viereckigen Beeten manche Sommerblume glänzte, und an deſſen Hinter⸗ wand unter einem hohen Hollunderbuſche, von niederem Roſengeſträuch umgeben, drei kleine weiße Gedenkſteine ſchimmerten, auf deren jedem man den Namen Eines ſeiner Söhne, mit deutlicher Schrift ſchwarz gemalt, von ferne erkennen konnte. Stärker dampfte jedes Mal die Tabakspfeife, wenn ſein Blick auf die weißen Steine traf, doch unbeweglich blieben dabei die Geſichtszüge, ſowie die Gliedmaßen des alten Wachtmeiſters. Der Wollan'ſche Hof war der äußerſte auf der Weſt⸗ ſeite des Dorfes Nienkop. Man hatte von ihm daher nördlich die Ausſicht auf treffliche Ackerflur, auf grüne Hügel mit Dörfern bebauet, hin bis zum Elbufer mit ſeinen hohen Deichwällen; und ſüdlich ſah man über Gemüſegärten, Baumſchulen und Moorplätze durch die 457 ſchönſte Landſchaft nach Buxtehude, das mit Thurmſpitze und rothen Dächern von der letzten Höhe herſchimmerte. Die Ackersleute waren, da die Mitte des Sommers nicht viele Feldarbeit forderte, ſondern Gott und ſeine Sonne jetzt allein Sorge für den hochgewachſenen Segen trugen, faſt ſämmtlich ſchon daheim mit dem Nachtlager des ſchönen Viehes oder dem Abendbrod beſchäftigt, darum feſſelte ſchneller als ſonſt geſchehen wäre, ein einzelner Wanderer des Alten Aufmerkſamkeit, da derſelbe mit rüſtigen Schritten den Pfad von Buxtehude herſtieg, und ſeine Richtung feſt auf das Bretterthor des Wallan'ſchen Hofes zu nehmen ſchien. Mehr noch wurde die Achtſam⸗ keit des graulockigen Wachtmeiſters angeſpannt, als die braungefleckte Pelzmütze, der blaue Dollmann, der Säbel mit metallener Scheide, auf welchem über der Schulter der Fußgänger ſein Bündel trug, einen Kriegsmann ver⸗ kündigte, und Soldaten bei der andauernden Beſetzung Frankreichs durch die verbündeten Heere hier im Norden Deutſchlands ſehr ſeltene Erſcheinungen waren. Die ſol⸗ datiſche edle Haltung des Fremden zog den Wachtmeiſter an, und als der Wanderer näher kam, und die Sonnen⸗ ſtrahlen ihn hell beleuchteten, erkannte er eine tüchtige Schmarre auf der Wange des Ankömmlings, ſah den linken Arm in einem ſchwarzen Bindtuche getragen, und bewegt von mancher alten und neuen Erinnerung, ließ er das Feuer ſeiner Pfeife ausgehen; er ſtellte ſie haſtig neben ſich an den Baum, und man ſah ihm an, daß er ſich zwang, nicht aufzuſtehen zum Entgegenſchreiten, was er ſeinem Charakter und ſeiner Gewohnheit zuwider hal⸗ ten mochte. Beatus Glückskind, denn welcher der Leſer wird nicht ſchon errathen haben, daß dieſer es wär 2 marſchirte 458 indeß rüſtig heran, und beſah ſich im Gehen mit dreiſten Augen das nette, anſtändige Haus, welches die Bauern⸗ knaben ihm ſchon von fern als das Ziel ſeiner Wander⸗ ſchaft bezeichnet hatten. Das Kriegsglück, welches ihn ſo viele Jahre als ein Lieblingskind verhätſchelte, war ihm zuletzt noch ungetreu geworden. In den letzten Gefech⸗ ten vor der Einnahme der franzöſiſchen Königsſtadt traf bei Port a Marg ihn Hieb und Schuß einer Streifpar⸗ tei. Schwer fiebernd lag er auf dem fremden Bett, als ſeine Landsleute ihren Triumphzug hielten durch die Bar⸗ rieren von Paris, und Blüchers an der Seinebrücke dro⸗ hende Kanonen die Wankelmüthigen, welche noch nicht den Weltengott erkannt hatten, einſchüchterten. Aber ſeine Jugend kämpfte ſich durch Schmerz und Krankheit; doch konnte er erſt nach zehn langen Monaten wieder unter den deutſchen Genoſſen aus langhalſigen Flaſchen den leichten blaſſen Wein auf ſeines Königs Geſundheit mit⸗ trinken. Der geſchwächte, faſt gelähmte Arm machte ihn zum fernern Dienſte untauglich; mit zwei Ehrenſchnüren über dem Ellenbogen bekam er durch ſeinen Oberſten den ehrenvollſten Abſchied, und als er dieſem die bei Water⸗ lvo erbeutete Brieftaſche des franzöſiſchen Adjutanten ein⸗ händigte, fanden ſich werthvolle Staatspapiere darin, die der väterliche Commandant für ihn in Paris zahlbar zu machen wußte. Mehrere tauſend Franken reich kam er zurück in das deutſche Land, aber finſterer noch ward die Laune, welche ſich ſeit der Schlacht bei Waterloo nie wieder ganz er⸗ heitert hatte, finſterer noch, als der breite Rhein wieder hinter ihm lag, die deutſche Sprache wieder überall ihm zum Ohre klang, und bald darauf die Grenzen Hanno⸗ vers ihn aufnahmen. Alle jene Kriegesgefährten, die, 459 wie er entlaſſen, mit ihm die fröhliche Rückreiſe gemacht hatten, ſprachen täglich ihre laute Freude, ihre liebe Hoff⸗ nung aus, welch frohen Empfang ſie erwarten durften im Hauſe und in ihren Familien, thaten bei jedem Schritt ihre Sehnſucht kund nach Vater und Mutter und Weibe und Kinde.— Wer erwartete ihn? Wen ſollte er auf⸗ ſuchen?— Niemand reichte ihm Hand und Mund ent⸗ gegen; kein Herz ſchlug für ihn in freudiger Erwartung; keine Thräne der Angſt wandelte ſich durch ſeine Ankunft in eine glänzende, reine Perle der Freude und des Dank⸗ gebetes. Er wußte von keinen Verwandten; der früh entflohene Knabe hatte keine Freundſchaften in der Hei⸗ math geſchloſſen. Entſetzlich dünkte ihn auf einmal dieſe Einſamkeit in der großen Welt; er gedachte des grau⸗ ſamen Vormundes, und hätte viel darum gegeben, ihn noch am Leben zu treffen, da er in ihm doch ein Weſen gefunden, das ihn kannte, wenn ſein Empfang vielleicht auch Vorwurfsworte ſtatt des Jubels gebracht haben würde; immer enger ward darum ſeine Bruſt, immer bänger und wunderlicher ward ihm zu Muthe, als er ſich plötzlich des ſeltſamen Vermächtniſſes erinnerte. Obgleich er ſich vorgenommen, es nicht zu gebrauchen, jene Wun⸗ den nicht hart zu berühren, die kaum verharſcht ſein konnten, ſo zog ihn dennoch jetzt ein unwiderſtehlicher und unerklärlicher Trieb nach jenen nordiſchen Ebenen, und kaum hatte er ſeine militäriſchen Geſchäfte in der Hauptſtadt abge⸗ macht und ſein Geld in ſichere Hände gelegt, ſo wurde dieſer Drang unbezwingbar, und rief ihn zum Aufbruche nach je⸗ nen unbekannten Menſchen, in deren Schickſale ihn der ſelt⸗ ſamſte Zufall verflochten hatte, und denen, wenn ſein Herz ihn nicht betrog, auch er durch die Zeugniſſe, welche in ſeiner Hand ruheten, ein wichtiger und werther Gaſt werden mußte. 460 Beatus trat jetzt dreiſt in die Nienkoper Grenze und bald darauf in den Wallan'ſchen Thorweg ein, und der Wachtmeiſter erhob ſich langſam, da ſeine Neubegier nun frei fragen durfte, ohne dem Reſpekt, der ihm als altem Soldaten und Hausherrn gebührte, irgend etwas zu ver⸗ geben. Aber mit Unwillen ſah er die Befriedigung ge⸗ ſtört und aufgeſchoben, denn aus der niedern Hausthür ſprang ein flinkes, junges Mädchen zwiſchen Beide, und hing ſich an des Alten Arm. Seid Ihr aufgeſtanden und wolltet ſchon kommen ⸗ ohne auf mich zu warten, Väterchen? fragte die Kleine betrübt. Habe ich zu lange gemacht, und der Abendwind hat Euch den Hunger geweckt? dem treuen Allart mußte ich ja erſt die Streu legen und ſein krankes Bein ver⸗ binden. Er winſelt jetzt ſchon nicht mehr. Und Alles iſt nun fertig, die Milchſuppe dampft auf dem Tiſche, und ich will Euch hinein führen, ehe ſie kalt wird.— Was ſchnackt die Dirne? fragte der Wachtmeiſter finſter zurück. Glaubt ſie, ich ſei ein Invalide, der nicht allein ſtehen und gehen könnte, weil ſie mich einige Monate wanken geſehen hat,—— als die Nachricht kam, daß ſie allein noch mein Kind ſei? Der alte Wallan ſteht im Donner und hält Schritt bis zur großen, letzten Parade, wo wir alle wieder zuſammen unter einer Fahne aufmar⸗ ſchiren.— Das Mädchen ſah erſchrocken und verwundert zugleich zu dem Vater auf, und ihr Geſicht röthete ſich ſo hoch wie die Abendwolke, hinter der die Sonne niedertauchte, indeß die hellblauen Augen naß zu werden ſchienen. Sie wußte nicht, welch ein bitteres Gefühl, welche ſchmerzlich⸗ brennende Erinnerung ſich des Alten bemächtigt hatte bei dem Anblicke des rüſtigen, jungen Soldaten, auf den er 461 ſein Auge wie magnetiſch angezogen feſthielt. Auch Beatus Blick war gefeſſelt, aber das Mädchen war ſein Magnet. Die niedliche, zarte Geſtalt, welche das eben zur Jung⸗ frau aufgeblühte Kind verrieth, die runden, farbigen Wangen, friſche Geſundheit verkündend, und vom los⸗ gegangenen Blondhaar unflattert, das dunkelgrüne Mie⸗ der mit einigen Silberketichen zugehalten, kaum feſſelnd den Drang der weißen Bruſt, die das ſechzehnte Lebens⸗ jahr höher ſchwellte, das kurze ſchwarze Röckchen, welches das nackte runde Bein unbedeckt ließ, Reinheit und Schön⸗ heit mit der fremdartigen Tracht zuſammen, bewirkten, daß der weltdurchreiſete, kecke Huſar auf einmal ſeine Schritte anhielt, und gerade ſo, wie der Vater auf ihn, auf das liebe Kind hinſtarrte. Der Wachtmeiſter bemerkte kaum die Urſache, welche den Ankömmling aufhielt, ſo vrummte er einen Sol⸗ datenfluch in ſich hinein, drehete ſich zur Hausthüre hin, und ſagte laut und hart zu der Tochter: Da iſt ein Fremder im Thore; frage, was er will, und fertige ihn ab.— Das rauhe Wort erweckte den ungebetenen Gaſt aus ſeiner Träumerei, und raſch mitten in den Hof tretend rief er jetzt traulich und ſoldatiſch⸗keck zugleich: Glück herein zu Euch, Vater Wallan und Schweſter Beta!— Verwundert wandten ſich Beide zu ihm. Er kennt uns? fragte das Mädchen.— Wenn Er Glück mitbringt, wird's da ſein; hier iſt gar wenig davon! ſprach der Wacht⸗ meiſter, zuerſt wie von der Hoffnung der Wiederkehr ei⸗ nes ſeiner Söhne getäuſcht, dann deſto mißtrauiſcher den Gaſt muſternd vom Federbuſch bis zum Sporn hinab. Geb's Gott! antwortete Beatus, Beiden die Hand reichend, die ſie annahmen; ſahen wir uns auch niemals 462 noch, ſeid Ihr mir doch bekannt und lieb zugleich, und Eures Konrads Schilderung ließ mich hoffen, daß Ihr einem bleſſirten Kriegskameraden Abendbrod und Nacht⸗ quartier nicht verſagen würdet auf ſeiner Reiſe.— Konrad? ſtammelte der Alte. Kanntet Ihr meinen guten Sohn? und ſeine finſtern Augen floſſen über und ſeine Glieder erzitterten unter ihm.— Habe mit ihm gelegen im letzten Nachtlager vor Waterloo, antwortete Beatus; aber der Wachtmeiſter ſchien nichts weiter hören zu wollen, weil er fürchtete, der angefriſchte Schmerz werde ihn niederwerfen, und er unterbrach ihn mit Hef⸗ tigkeit. Herein in das Haus, Kamerad! ſprach er mit gewaltſam verſtärkter Stimme. Die Wallans weiſen Niemanden von ihrer Schwelle. Und, Beta, Schinken herein und Weißbrod und die grüne Flaſche vom Schranke! — So ergriff er ſelbſt Beatus Hand und führte ihn mit ſich, indeß Beta ſtaunend dem ſchlanken, ſogar ſchmuck geputzten Reiter nachblickte, dann ihr Blondköpfchen be⸗ deutſam ſchüttelte und hintendrein ſchlich, des Vaters Befehle auszuführen. Das einfache Mahl, vor welchem Beta ein kurzes Dankgebet andächtig geſprochen, war eingenommen und hatte geſchmeckt. Wenig davon gekoſtet hatte der Vater, aber mit Ueberwindung und Kampf dabei die Fragen unterdrückt, welche das Herz auf ſeine Zunge preßte. Beatus erzählte unterdeß Manches aus ſeinem Leben und von den Wundern Londons und Paris und den Gefahren der Seereiſen der gegen ihm über ſitzenden Beta, die mit beſonderer Acht ſeiner gewandten Rede zuhörte, und wie der Soldat ſchnell überall zu Hauſe iſt, ſo ſchien es 463 nach einem Halbſtündchen wirklich, als ſei der Glückskind kein Fremder, ſondern ein heimgekehrter Sohn, auf deſ⸗ ſen Willkommen der beſte Trunk des Vaterhauſes geleert würde. Da nun aber Knecht und Magd vom Tiſche auf⸗ geſtanden waren und ſich beſcheiden entſernt haiten, da hielt der alte Wallan nicht länger an ſich und forſchte mit ge⸗ preßter Stimme nach den letzten Schickſalen ſeiner un⸗ glücklichen Söhne. Beatus erzählte, wie er die Drei zu Braine le Comte gefunden, wie er Freund geworden mit ihnen,— ſchneller ſchließen ſich ja die Herzen zu⸗ ſammen, wenn man der Gefahr und dem Tode gegen⸗ über ſteht!— wie darauf ihr Bataillon ſo brav gethan am Schlachttage, wie ſie im Sturmſchritte der Artillerie der Kaiſergarde entgegen marſchirten, wie ſie da in der letzten Stunde des großen Werkes vom Schickſal erreicht wurden, wie er ſie gefunden und wie er ihnen den letz⸗ ten Liebesdienſt brüderlich erwieſen hatte. Am Schluſſe des langen Berichts, dem ſchweigend und vor ſich hin⸗ ſtarrend der Vater, ſchluchzend in ihr Tüchlein die Schwe⸗ ſter, zugehört hatten, zog er den Henkelthaler aus ſei⸗ nem Dollmann, und legte ihn zur Beglaubigung ſeiner Worte vor dem Greiſe hin. Wallan beſah den Henkel⸗ thaler aufmerkſam und mit Wehmuth, und drückte ihn alsdann feſt gegen ſeine Bruſt. Du lageſt auf dem Herzen meiner ſterbenden Marie, ſagte er in ſich hinein. Jetzt ſchickt dich ihr Lieblings⸗ ſohn mir zurück von der blutenden Bruſt. Seltſames Trauerzeichen, wen wirſt du noch mehr für den Tod be⸗ ſtimmen?— O laſſet mich ihn tragen! Er iſt ja mein Erbtheil! jammerte die kleine Beta. Der Alte ſchüttelte den Kopf, und hing ſich das Kleinod um den Hals mit einem ſprechenden Blicke gegen die Decke des Zimmers. 464 Bei dem Worte Erbtheil gedachte Beatus der Ver⸗ mächtnißſchrift, von welcher zu reden ihn bis jetzt ein eigenes Gefühl abgehalten. Er verſank in Gedanken, das Auge auf das rothwangige Mädchen gerichtet, wel⸗ ches ihm gegenüber ſaß. War ſie denn nicht die recht⸗ mäßige Erbin? Sollte er ſie berauben, ſie verdrängen, oder wenigſtens doch ihr den Erbſchatz verringern?— Nein! gelobte er ſich. Nur verbunden mit ihr durch das heilige Band der Ehe wollte er Beſitz nehmen vom Gute der geſallenen Brüder; wo nicht, ſchweigen und weiter ziehen. Das ſchwur er ſich ſelbſt zu in dieſer ſtillen Minute. Unſer Gaſt iſt müde von der Reiſe, ſprach jetzt Wal⸗ lan. Bringe ihn auf die Kammer der Brüder! Wenn die Ernte vorüber iſt, ziehen wir zuſammen nach dem Grabſteine unter der Eiche bei Waterloo.— Er drückte dem Huſaren die Hand, zündete ſein Nachtlämpchen an und ſtieg eine Treppe hinauf zu ſeinem Schlafgemach, in welchem man ihn noch lange auf⸗ und niederſchreiten hörte. Beta ſetzte eine zweite Lampe vor den Gaſt hin, und ſagte mit einem Anfluge von Schamröthe: der Knecht ſoll Ihn hinauf leuchten, und will Er noch einen Nacht⸗ trunk mitnehmen, ſo ſteht der auch zu Dienſten.— Mit warmen Blicken ſah Beatus auf ſie, faßte ſie um den ſchlanken Leib, und zog ſie näher zu ſich heran, Fürchteſt Du den Kriegsmann? fragte er ſanft. Glaube mir, Deine unſchuldigen Augen geben mehr Reſpekt als der Stern eines Generals. Scheue mich nicht; ich kann Dir nichts Böſes bringen wollen; aber ſeit ich Dich ſah, iſt mir mein einſames Leben lieber geworden, und es ſpricht zu mir von inwendig heraus, ich würde nicht umſonſt im trägen Invaliden⸗Daſein gähnen, ich würde 465 wirken und ſchaffen für Dich und Dein Glück, und mein Glück darin finden.— Was Er da ſchwatzt, Er närriſcher Herr Beatus! antwortete durch Thränen lächelnd das Dirnchen. So etwas hat mir noch Niemand geſagt, und Er hat noch nicht einmal ein Salzfaß mit uns leer gegeſſen.— Niemand ſagt Dir's je wahrhafter und herzlicher, entgegnete der Huſar. Denke daran! Ich könnte Dir noch mehr ſagen, ſo drängt und drückt es mich unter dem blauen Tuche; aber es iſt beſſer dafür, ich warte noch, denn ein Wort in Deiner Antwort könnte mich fortjagen für immer, und ich bliebe noch gern. Aber bis dahin nenne mich Bruder, denke mich als Deinen treuen Bruder, und Gottes Hand mag das Uebrige fügen, wie er es am beſten hält.— Auch er nahm nun das Licht und ging; Beta aber konnte bei dem Abräumen der Tafel heute gar nicht fer⸗ tig werden; jedes Geräth trug ſie an den unrechten Platz, die Meſſer tanzten auf den Boden herab, als wenn ſie lebendig geworden, und der Vater mußte dreimal rufen, ehe ſie zu Ende kam, und zu ihm hinaufſtieg. Als ſie ſich dann dicht eingewickelt in ihres Betichens rothgeſtreifte Wolldecke, flüſterte ſie heimlich zu ſich: Ein ſonderbarer Kauz iſt doch der Herr Huſar. Was er wohl ſo eigent⸗ lich meinen und wollen mag? Und was das für ein Wort ſein möchte, das ihn forttreiben müßte für immer? — Aber das muß wahr ſein: ein recht ehrlicher Menſch ſcheint er, nicht toll und unverſchämt wie die däniſchen Soldaten und die Blankeneſer Schifferburſche; und beſſer als der Peter Buſch ſpricht er auch, und weiß zu erzäh⸗ len, daß man es ſieht mit den Augen und greifen könnte mit den Händen.— Blumenhagen, Rl, 30 466 Beatus mußte von dem Marſche im heißen Sonnen⸗ brande weidlich angegriffen geweſen ſein, denn er, der ſonſt früh auf zu ſein gewohnt war, der im Kriegsfelde ſo manche Nacht auf der Beiwacht durchwacht hatte, ſchlief bis in den lichten Tag hinein, und erſchrack, als ihm die goldene Sonne ſo hoch in die erwachenden Au⸗ gen ſtrahlte, als wolle ſie den Langſchläfer ſchamroth machen. Als er hinabſtieg in das Wohnzimmer, fand er Beta allein zu Hauſe, denn der Hausherr war nach dem Frühſtück fortgegangen, um in ſeinem Baumgarten nach den jungen Baumſtämmen zu ſehen, die Pfröpflinge zu ſäubern, und die Raupenneſter von den Schwarz⸗ kirſchen ächt ſoldatiſch mit Pulver in die Luft zu ſprengen. Mit Mühe hielt Beatus das ſcheue Mädchen zurück, da ſie auf dem Sprunge ſtand, zu ihrer Arbeit in den Gemüſegarten zu eilen, und nur das Verſprechen, ihr hernach brüderlich beizuſtehen, konnte ſie bewegen, bei dem verſpäteten Frühſtück ſeine Geſellſchafterin zu blei⸗ ben. Aber er hielt nun auch Wort, half ihr überall bei dem blanke Stallvieh, auf dem Hühnerhauſe, bei dem Verbande des ſchwarzen Pudels, der ihn zuerſt anknurrte, bald aber den Freund ausfindend ſeine Hand leckte, wie das Thier überhaupt ſchneller als der Menſch erkennt, wer ihm gewogen iſt, zuletzt im Gemüſegarten, wo er mit ihr die wohlſchmeckenden Pflanzen ſchnitt und ſäu⸗ verte und in reinliche Körbe vertheilte, worin die junge Magd ſie nach der Stadt zu Markte bringen ſollte. Wie die beiden jungen Leute bei dieſen Geſchäften mit jeder Stunde bekannter und vertrauter wurden, bedarf keiner beſondern Erwähnung; nichts einet im Leben ſo ſchnell die Gemüther wie gemeinſame Arbeit und wechſelſeitige Hülfsleiſtung, und kein rauſchender Walzer des feſtlichen 467 Balles, keine enge Nachbarſchaft am üppig beladenen Gafttiſche ſchließt Herzensbündniſſe ſo ſchnell und ſo feſt zugleich wie eine Stunde getheilter Mühſeligkeit und zu⸗ gleich vergoſſenen Schweißes. Mit Ihm geht Alles noch einmal ſo geſchwind von der Hand, ſagte Beta freundlich, als ſie nach dem Son⸗ nenweiſer am Dache geſehen und die gewonnene Zeit bemerkt hatte. Vater Waollan wird ſich wundern, wenn er heimkehrt, und vor Mittag mehr, als er befahl, ab⸗ gethan findet.— Und ſteht's doch nur bei Dir und ihm, entgegnete der Huſar, wenn es fortan immer ſo flink fortgehen ſoll bis zu ſeinem und unſerm ſeligen Ende. — Wie meint Er das? fragte das Mädchen, ohne vom Fruchtkorbe aufzuſehen. Wie ich das meine, ſollte das ſo ſchwer zu rathen ſein? ſagte Beatus. Nun, ich denke, wenn der Vater Wallan mich zum Sohne möchte, und wenn Jungfer Beta nichts dagegen hätte, mein lieb Weibel zu werden, ſo würde die tägliche Arbeit immer ſo raſch gethan ſein, und der Vater könnte dann ruhig im Sorgeſtuhle ſitzen, und nach Bequemlichkeit zu Zeit mit dem Pfeifchen im Munde nachſehen, ob auch Alles ſo ſtände, wie er's zu wünſchen gewohnt iſt, und wie ſeine Erfahrung es als das Beſie erkannte.— Beta ſah ihn überraſcht an, und ihre Backen wurden ſo roth wie die reifen, durchſichtigen Glaskirſchen über ihr. Foppe Er ein ehrlich Mädchen nicht nach Soldaten⸗ weiſe, verſetzte ſie halblaut. Dachte ich doch nicht, daß Er auch ſein könnte, wie die Alle find, denn ſein Ernſt kann das doch unmöglich ſein.— Iſt mein Ernſt, und wird mein Ernſt bleiben bis zum Sterben, ſo wahr Gottes liebe Sonne uns be⸗ 468 ſcheint! entgegnete herzhaft der Huſar; und wenn die kleine Beta nicht ſchreien will bei meinem Brautkuſſe, ſo rede ich mit dem Vater, ſobald er auf den Hof tritt.— So umfaßte er die niedliche Jungfrau, und preßte ſeinen bartigen Mund feſt auf ihr ſanftgeſchwollenes Lippenpaar, und ſie ſchrie nicht, und wehrte ſich nicht. Aber ein anderer Störenfried trat zwiſchen die ver⸗ zückten Bundesleute, und machte der freundlichen Scene ein raſches und ungewünſchtes Ende. Um die hohe Sta⸗ chelbeerhecke ſprang ein ſtämmiger Bauerbuſch in weiten Pluderhoſen und braunem Wamms voll dicker Silberknöpfe, mit zornglühenden Stieraugen und aufgeblaſenen Roth⸗ backen. Schöne Geſchichten ſieht man von Ihr, Jungfer Wal⸗ lan! ſprach er mit heftigem Tone. Aber der Vater ſoll's wiſſen durch mich, wie Sie Soldatenvolk beherbergt, wenn er auf das Feld geht.— Nun, nun, verſetzte Beatus kaltblütig, indem er ihm einen Schritt näher trat, halte Er ſeinen Schnabel in Ruh, denn, ſo viel ich weiß, iſt er wohl nicht Hahn auf ſeinem Hofe, und hat keineswegs ein Recht, den Profos zu ſpielen bei ſolch liebem Diebſtahle.— Es iſt ja der Huſar, ſiel Beta verſchämt ein, der die Nachricht gebracht hat von den ſeligen Brüdern, und der ihr Freund geweſen iſt, und uns des Konrads letzten Spruch zugebracht hat.— Ein ſchöner Freund mag Er geweſen ſeyn, ſagte der Burſch giftig. Wäre ich zu Pferde neben den Brüdern geweſen, kein Franzoſe ſollte ihnen ein Leid gethan haben.— Meinet Er doch?— fragte Beatus verächtlich die Achſe ln zuckend. Wie weit iſt Er denn hinter dem Kachel⸗ öfen herausgekommen? Und wo war Er denn damals, 469 als die braven Wallans männlich im Kanonenfeuer ſtan⸗ den, und leider all ihr Blut geben mußten für Vater⸗ land und Frieden und ihren rechtmäßigen König?— Der Bauerbuſch ſchaute verlegen in die Kohlſtauden hinab, und antwortete mürriſch: Ich war einer Wittwe Sohn, und mußte im Hofe bleiben.— Nun, ſo gehe Er hin, und lege Er der Mutter das Kopfkiſſen zurecht nach wie vor, und ſehe Er nach der Bierſuppe und den Brat⸗ äpfeln, ſtatt ſich um das zu bekümmern, was Leute thun, die mehr geſehen und gethan haben in der Welt als Er. Sollte Er aber dem Raihe nicht Folge leiſten, ſo ßtehe ich nicht dafür, daß dieſer Arm, der manchem franzöſiſchen Reiter vom Pferde half, ihm in der nächſten Minute von den Beinen hilft, und zu den Kohlköpfen und in die Zwiebeln legt, in denen faſt ſo viel Verſtand leben mag, als in Seinem breiten Schädel.— Erhitzt und mit ſehr ver⸗ ſtändlicher Geſtikulation hatte der Huſar das geredet, und der Burſch ſchien den Verſuch meiden zu wollen, mit den ſchlagfertigen Armen des Fremden ſeine Stärke zu meſſen, denn er knirſchte nur mit den Zähnen, ballte die Fauſt, machte Rechtsum und verſchwand. Wer war der grobe Narr? fragte Beatus die verſchüchterte Dirne, welche ſich ſofort wieder über ihre Körbe gebückt hatte.— Der Peter Buſch iſt es, antwortete ſie mit beſonde⸗ rer Scheu, unſerer Nachbarin Sohn, der viel bei dem Vater gilt, und der jetzt großen Lärm ſchlagen wird. Er hätte auch nicht ſo haſtig mit ihm reden ſollen.— Was kümmern mich der aufgeblaſene Krautjunker und ſeine Froſchbacken! entgegnete Beatus. Wenn Beta will wie ich, ſo iſt der Kuß noch heute Vormittag zum Eh⸗ renkuſſe gemacht, und des Vaters Segen ſtopft allen ſolchen Störern den großen Mund auf ewige Zeiten.— 470 Ehe noch Beta's zögernde Antwort deutlich erklungen war, ſah man den alten Wachtmeiſter mit Haſt in den Garten treten, ohne daß er wie gewöhnlich den ſtattli⸗ chen Paradeſchritt hielt. Er ſchob die ſchwarze Mütze hin und her auf dem greiſen Haupte, und ſtrich im Kommen oſftmals den weißen Knebelbart mit Heftigkeit rund von der Naſe zum Kinne herab: Zeichen eines auf⸗ ſteigenden Gewitters, welche Beta kennen mußte, denn ſie zog ſich langſam hinter die hochgefüllten Fruchtkörbe zurück, als mache ſie Ordnung darin, und ließ dadurch ihren Freund allein vorn auf dem Platze des muthmaß⸗ lichen Angriffs. Kerzengerade blieb der Wachtmeiſter vor dem freimüthig ihn anblickenden Huſaren ſtehen, und Beider Augen begegneten ſich ſtarr und fragend. Wiſſet Ihr, was Gaſtrecht iſt? fragte der Alte nach einigen Sekunden dieſer Wechſelblicke. Wiſſet Ihr, daß Ihr in ein rechtlich Haus gekommen ſeid, wo deutſche Zucht gilt, und nicht in eine franzöſiſche Baracke, wo Ihr hauſen durftet nach Gefallen?— Ich weiß das ohne Ermahnung, antwortete Beatus ehrlich; und weiß es Gott, der Undank iſt mein Fehler nie geweſen, und kein ſchlechter Gedanke hat mich be⸗ wegt, ſeit ich über Eure Schwelle ſchritt.— Nun was ſoll denn das da mit dem Umhalſen, von dem der Peter mir erzählte? fragte der Alte weiter. Denn, damit Ihr es wißt, der Burſch hat ein Recht zu ſolcher Frage ſo gut wie ich, weil er lange um mein Kind wirbt, brav und fleißig iſt, und mir ſeit acht Tagen durch die Mutter das Jawort abgeſchwatzt hat.— Beatus erſchrack ſo ſehr, daß ſein gebräuntes Angeſicht bleich ward wie die Rinde der Hangebirke, die ihm zur 471 Seite ſtand, und mit ihren ſäuſelnden Zweigen ſeinen Scheitel umſpielte. Davon kann Beta nichts gewußt haben, ſtammelie er mit halbem Athem. Und möget Ihr dem zarten Kinde ſolch ungeſchlachten, groben Burſchen aufdrängen?— Mein Kind iſt fromm und gehorſam, antwortete der Wachtmeiſter in einer Commandanten⸗Poſition. Bei uns ſucht noch der Vater den Bräutigam aus für die Toch⸗ ter, und mir thut ein Schwiegerſohn Noth, wenn ich ſchwach werde, damit das Gut ohne Schuld zu den En⸗ keln übergehe, ſo wie ich es vom Vater ſelig bekam.— Wohlan denn, verſetzte Beatus plötzlich entſchloſſen. Der Schwiegerſohn, den Gott ſelbſt Euch wählte, ſteht Euch näher als jener feige Burſche, der trotz ſeiner eich⸗ holzigen Gliedmaßen hinter dem Ofen blieb, als Jeder⸗ mann auszog, des Vaterlandes Noth zu enden und deutſche Schmach zu rächen, als Eure braven Söhne alle aufbrachen zum Heldenwerke. Alter Kriegsmann, ich meine, der das ſpricht und bekannte Ehrenzeugniſſe auf Wange und Arme dem Wachtmeiſter Wallan mit⸗ brachte, darf wohl vorantreten unter den Werbern um eines tapfern Soldaten Tochter, und wenn das Mädchen ihm wohl will, keine abſchlägige Antwort vom Vater fürchten.— Er nahm zugleich ein Papier aus ſeiner Schreibtafel und legte es in die Hand des Wachtmeiſters, welcher mit faltiger Stirn daſtand, und in deſſen Seele der Vor⸗ wurf der Feigheit des erwählten Bräutigams ſichtbar ein Schwanken erregt hatte. Leſet dieſes da langſam, ruhig und mit Bedacht, fuhr Beatus fort. neberlegt's mit der lieben Tochter! Es iſt dieſes das letzte Wort Eurer wackern Söhne an Euch. 472 Aber erinnert Euch, indem Ihr leſet, daß ich dieſes Blatt nur von der Noth des Augenblicks gedrängt in Eure Hände legte, daß Ihr es nie würdet zu ſehen be⸗ kommen haben, hättet Ihr nicht ſo voreilig dem Peter Buſch Euer Wort gegeben, und hätte nicht Eure Beta im erſten Augenblicke mein Herz ſich für ewig gewonnen, und wäre mir nicht die Gewißheit geworden, daß mein Leben ohne ſie ein Daſein voll Gram und Elend ſein müßte. Leſet und überlegt! Im Hauſe erwarte ich dann Eure ehrliche Entſcheidung!— Mit überfließenden Au⸗ gen, die mit den Tönen ſeiner Stimme zugleich die Rüh⸗ rung verkündeten, die in ſeinem innerſten Gemüthe Herr geworden, blickte er auf das überraſcht daſtehende Mäd⸗ chen, und ging aus dem Garten an dem Alten weg, der das Papier in der Hand hielt, als wäre es ein Zentnergewicht, und mit verſteinerten Geſichtszügen dem ſeltſamen Gaſte nachblickte, bis ihn die Hofthüre verbarg. Es war eine lange und bängliche Halbſtunde, die unſer Huſar einſam im Wohnzimmer ſeines Wirths zu⸗ bringen mußte. Däuchte ihm doch, als würde draußen Kriegsgericht über ihn gehalten auf Leben und Tod, und als warte er mit klopfendem Herzen auf das weiße Tuch oder auf die Ankunft des Generalprofoßes und ſeiner rohen Gehülfen. Unbekümmert lebte ich in der Welt, ſagte er zu ſich im Selbſtgeſpräche, nichts gehörte mir in der Welt, und doch war mir, als wäre ſie mein, die große, ſchöne Welt. Jetzt bin ich plötzlich gebunden an den kleinen Fleck, der dieſe dünne Lehmwand und ihr gebrechliches Verhack umgibt, und ich fühle, müßte ich hinaus, würde ———————— 473 mir ſein, als ſei ich aus der ganzen Welt geſtoßen und für mich kein Ruheplätzchen mehr zu finden darin. Habe ich darum alle Gefahren, denen ein junges Blut irgend im Leben begegnen kann, beſtanden, um hier zu zittern, wo jeder dumme Bauernburſch frech lachen und tölpiſch zutappen würde? Seltſam ſind die Schickſale des Men⸗ ſchenſohnes, aber noch ſeltſamer iſt das, was in dem kleinen Menſchenherzen vorgeht, was da oſt ſchlummert lange, lange wie in der Eichel der Rieſenbaum, und dann plötzlich durch Einen Sonnentag hervorbricht.— Auf beide Arme geſtützt hatte er am Tiſche geſeſſen, und ſein Geſicht ſank jetzt in die Hände, und ſeine Seele zugleich in tiefe, marternde Gedanken.— Das Geknarr der Zimmerthür erweckte ihn, und der Wachtmeiſter Wollan trat langſam herein, in ſeiner Rech⸗ ten noch immer das verhängnißvolle Papier, doch auf dem ſtarren, faltigen Geſichte einen Ausdruck zeigend, der dem Huſaren keine erfreuliche Vorbedeutung geben konnte. Der Alte trat dem Sitzenden ſehr nahe, ſtarrte aber noch eine Weile nieder auf das Papier, welches er trug.— Habt Ihr geleſen? fragte Beatus, die ängſtliche Pauſe zu unterbrechen. Geleſen! hallte der Alte nach mit hoh⸗ ler Stimme und unverändertem Geſicht.— Und erkennt Ihr Eurer Söhne Schriftzüge an, und haltet das Papier für gültiges Anrecht, und wolltet mir den Vorrang ge⸗ ben bei der Werbung am Sohnesplatz und der Tochter Hand?— Eine dunkle Glut ſtieg aus dem weißen Knebelbarte herauf auf des Wachtmeiſters vergelbtes Antlitz, und legte ſich wie Nordlichtſchein über die gefurchten Wangen bis zur Stirn hinan. Und mein Konrad ſchrieb dieſes —— 474 freiwillig, nicht im Rauſche, nicht beſchwatzt am Abende vor dem Todestage? fragte der Alte eintönig. Beatus fuhr ſtutzig auf von ſeinem Schemel und ſtellte ſich feſt an den Tiſch. Wachtmeiſter Wallan, entgegnete er langſam im ſtren⸗ gen Tone des Mißmuthes und mit ſoidatiſcher Würde, nur ein Mann wie Ihr darf ſo fragen, ohne daß mein Sarras dabei in der Scheide klappert vor Begier, ſofort blank gegen zu fragen. Der Wirth in Braine le Comte, der als Zeuge darunter ſteht, lebt noch; ich ſprach ihn auf dem Rückmarſch und er gratulirte mir voreilig zu der Erbſchaft; auch mein Capitain, dem ich am andern Morgen bei dem Ausritt die beſondere Begebenheit er⸗ zählte, kam ſchon zur Reſidenz zurück, ſeine Wunden hei⸗ len zu loſſen; und wenn auch Beides nicht, ſieht denn mein Geſicht aus wie das eines Betrügers und Maro⸗ deurs? Und will ich denn nehmen? Will ich nicht das Meinige zu dem Euren legen, und Beides für Eure Beta erhalten und mehren? Der Wachtmeiſter zog den Mund in die Höhe, in einer Form, die Hohn, Verachtung oder Zorn ausſpre⸗ chen konnte, und nach einigen undeutlichen Hms! ſtemmte er die geballte Fauſt auf den Eichentiſch und fragte wie im ernſten Sarkasmus: Und Ihr fandet wirklich den armen Konrad todtwund und verblutet am Abende des Schlachttages, und er erzählte Euch den Tod ſeiner Brü⸗ der, und gab Euch ſelbſt den Henkelthaler?— Wie ſollte es anders ſein? fragte Beatus verwundert zurück. Ich reichte ihm den letzten Trunk, er erzählte, trank und ſtarb. Wäre Hülfe möglich geweſen, auf die⸗ ſem Arm hätte ich den guten Burſchen zurückgetragen, mit dem Leben vertheidigt, ja die Hälſte meiner Jahre für ſeine Rettung hingegeben.— 475 So! So! murrte der Alte in ſich hinein, die Blicke in den Boden bohrend. Ihr truget ja das Erbſchafts⸗ papier unter Eurem Pelze gut verwahrt.— Wie meint Ihr das, Vater Wallan? fiel der Huſar raſch ein. Nun, ich war ja ſelbſt dabei, und weiß, wie es da je zuweilen zugeht; entgegnete der Alte und lächelte recht kurios und ſchmerzlich dazu. Wir ſtanden einmal am Rheine neben den ungariſchen Grenadieren, die zu des tapfern Koburgs Corps gehörten. Da lag ein junger Capitain von dieſen an einem Weinberge in der Schlacht ſchwer verwundet, doch nicht rettungslos. Seine Lands⸗ leute waren ſtürmend vorgedrungen, wir mußten nach⸗ rücken, und einige von uns wollten eben den um Hülfe bittenden Officier aufheben, da trabte auf einem hohen Fuchſe ein kaiſerlicher Reiterofficier heran und ſchoß mit ſicherer Fauſt dem Ungar gerade durch die Bruſt. Vetter! rief dieſer dem Fortſprengenden nach mit gräßlichem, herz⸗ zerſchneidendem Tone und ſtarb. Als wir uns ſpäterhin erkundigten nach dem böſen Meuchler, hieß es, jener ſei der nächſte Blutsverwandte des Erſchoſſenen geweſen, und habe durch ſeinen Tod eine ungeheure Erbſchaft gewon⸗ nen. Ob ihm der Herr Gott droben ſie gelaſſen zum langen Sündenleben, weiß nur Er, denn wir ſahen ſpä⸗ ter keine Ungarn wieder neben uns.— Und was ſoll dieſe Gräuelgeſchichte hier, und welche Beziehung hat ſie auf Euch und mich? fragte Beatus, auf das Höchſte geſpannt. Ich meine nur, fuhr der Alte mit furchtbarer Eis⸗ kälte fort, wer wie Ihr von jung auf vogelfrei im Kriegesleben groß geworden, wer ſo in den ſpaniſchen Landen das Morden angeſehen und mitgemacht von vorn 476 und rücklings, dem kann ein fremd Menſchenleben eben nicht viel gelten; weiß ja, wie mir ſelbſt es ging dazu⸗ mal, der ich doch im Chriſtenthum wohl erzogen worden. Und wenn nun der Konrad mit zerſchoſſenen Gliedmaßen, ich will es glauben, da lag auf einſamem Blachfelde, wo nur Todte zeugten, ſo war es für den armen Burſchen eine Wohlthat, ihm ſchnell vom Schmerze zu helfen; Euer Säbel war ja noch nackt, noch ſchmutzig vom war⸗ men Franzoſenblute; er bat Euch vielleicht ſelbſt darum, und was konntet Ihr dafür, daß gerade Ihr das Papier mit dem ſchonen Vermächtniſſe in der Taſche hattet?— Wachtmeiſter Wallan! tobte Beatus auf, und ſeine Hand zuckte nach dem Säbel, der neben ihm an der Wand hing. Der Alte verzog keine Miene. Da habt Ihr das Papier, ſprach er eintönig fort, es iſt Euer Eigenthum. Geht damit zum Advokaten, Amtmanne oder zur Stadt in das Gericht. Führet Eure Sache durch, vertreibt uns vom väterlichen Gute; denn ſo wahr dieſe Hand einſt die Standarte rettete aus der Feindesfauſt, ſo wahr will ich ſie lieber ausſtrecken nach einem Beitelpfen⸗ nig vor fremder Thür, als meine ehrlich erworbene Habe theilen mit Jemandem, von dem ich argwöhnen muß, er habe meinem thörichten Kind erſt dieſes Teſtament abgeſchwotzt, und hernach ihm den Genickfang gegeben zum Freundſchaftslohne.— Erſchüttert ſtand Beatus eine Zeitlang, die Antwort ſuchend; es kämpfte in ihm wie Sturm und Meereswelle, ſein Geſicht erblich in dieſem Kampfe bis zur Todtenweiße, aber raſch nahm er Mütze und Säbel von der Wand, bedeckte ſich mit jener den Kopf und ſchnallte mit zitternder Hand dieſen ſich um die Hüfte. Adieu für ewig, Wachtmeiſter! ſagte er mit beben⸗ 477 dem Munde. Seine Kinder hatten menſchlichere Herzen wie Er, und mögen einſt droben für mich zeugen gegen den Vater. Das Papier iſt für Ihn, denn nach dieſer Stunde ward es werthlos für mich. Aber Gott vergebe Euch das, was Euer wilder Starrfinn heute einem bra⸗ ven Kriegsmanne that, und ſchenke Euch Reue vor Eurer Sterbeſtunde über ein zerſtörtes Glück und eine gebrand⸗ markte Ehre, für die ich von Eurem grauen Haupte keine Blutſühne fordern mag!— So drehte er ſich um, und verließ, ſich ermannend, raſchen, feſten Schrittes die Stube.— Draußen an dem Blumengärtchen traf er auf Beta, welche mit geſenktem Köpfchen von den Gedächtnißſteinen heranſchlich, wo ſie und der Vater Konrads Brief gele⸗ ſen hatten. Ihre Augen umgab ein rother Thränenkreis, und Angſt und Verlegenheit lagerten auf ihrem lieblichen Geſichte und hatten die Unbefangenheit der Unſchuld, welche es ſonſt geſchmückt, gänzlich verdrängt. Des Huſars ge⸗ rechter Zorn verflog bei den erſten Blicken auf ſie, und machte einer nie gekannten Wehmuth Platz, die ihn ſo mächtig und überraſchend ergriff, daß der hartgewöhnte Krieger einen naſſen Tropfen über die Wange herab in den braunen Knebelbart rinnen fühlte. Beta, redete er das Mädchen an, weißt Du ſchon, welch ein Urtheil der Vater über mich ausgeſprochen?— Sie ſah mit den getrübten Augen zu ihm auf und ſagte dann: Nein, ich habe ſo Böſes nicht von Ihm geglaubt; aber der Vater iſt klüger, und kennt die Menſchen, und weiß, wie ſie es treiben.— Alſo auch Du? rief Beatus wie außer ſich. Auch Du zweifelſt an mir? Auch Du, reine Seele, glaubſt das Schändlichſte und Unmenſch⸗ lichſte von mir? Glauben? entgegnete ſie halblaut. So 478 glauben, wie man an Gott glaubt, nicht. Aber der Vater hat noch immer recht gehabt, und der ſpricht: Es könne gar nicht anders ſein.— Beta, verſetzte der Hu⸗ ſar mit Herzlichkeit, Du darfſt nicht zweifeln an meiner Redlichkeit. Wäre ich ſolch ein Bube geweſen, wie dürfte ich dann ſo feſt und ruhig in Dein Engelsauge blicken? Wäre ich ein ſolcher eingefleiſchter Böſewicht, würde dann mein Gewiſſen mir erlaubt haben, mich ſelbſt vor Euch hinzuſtellen mit meinem Anſpruche? Würde ich nicht einen Andern mit dem Papier geſchickt haben, meines Rechts zu wahren?— O das Unglückspapier! weinte das Mädchen vor ſich hin. Hätte Er es doch niemals gezeigt! Der Vater ſchien Ihm geſtern ſo zugethan, und es würde ſich Alles noch gemacht haben.— Troſtwort des Engels in meiner ſterneleeren Nacht! rief Beatus und legte ſeine Hand auf ihren gebeugten Kopf. Du hätteſt alſo gern mein Glück gemacht? O mit dieſem Worte gehe ich reich hinaus in die armſelige Welt; es wird mich bewahren vor Verzweiflung, wird mir Lab⸗ ſal bleiben im öden Wittwerleben, denn hier vor Gott und bei den Steinen Deiner Brüder ſchwöre ich Dir Treue bis in den Tod, Treue bis über das Grab hinüber, ſollte ich auch meine Beta auf Erden nie wieder ſehen!— Warun thut Er nur das? ſchluchzte die Kleine. Ich kann Ihm ja nicht einmal die Treue wieder geloben, denn des Vaters Wille wird beſtändig der meine ſein, damit ſein Segen mir die Seele ruhig erhalte, kann ich vielleicht auch niemalen wieder ſo froh werden!— Sei froh! Werde glücklich! ſprach Beatus innig. Gehorche dem Vater! Mir haſt Du das Beſte mitgegeben auf die traurige Reiſe, und Beatus unverlöſchliche Liebe 479 ſei auch Dir Troſt, wenn Gottes Wunderhand unſere Schickſale nicht günſtiger lenkt. Lebe wohl! Des Vaters Beleidigung ſcheidet mich auf immer von dieſem Para⸗ dieſe, wo ich mein Leben erſt recht ſchätzen lernte, aber ich weiß, mein Angedenken bleibt dahier.— Damit um⸗ faßte er ſie, und da ſie das Geſicht zur Seite bog, küßte er ſie heiß und heftig auf die Schläfe, als des Wacht⸗ meiſters Stimme vön der Hausflur her erdonnerte. Rechts kehrt und Marſch, Verführer! rief der Alte mit einem Schlachtgeſicht. Seinen Schuldbrief mag er mitnehmen auf die Retirade, aber die Uaſchuld da berühre Er mir nicht noch einmal, oder mein roſtiger Pallaſch ſoll Ihm die Wege zeigen.— Er ſchleuderte dabei das Teſtament der Söhne weit auf den Hof und drehete ſich in das Haus zurück. Noch einen Blick der Verzweiflung warf der Huſar auf Beta. Harter Mann! rief er ſchmerzlich. Gott erreicht auch Dein Dach, und wird richten zwiſchen uns!— Dann ging er faſt wankend in das freie Feld hinaus. Das Mädchen aber hob das verhängnißvolle Papier vom Bo⸗ den auf, und ſagte leiſe, indem ihre Finger es krampf⸗ haft zerknitterten: O, hätte Bruder Konrad dich nie ge⸗ ſchrieben! Und unſchuldig iſt er dennoch wohl, würde er dich ſonſt hier gelaſſen haben ohne Gewinn! Wie es dem verſtoßenen Glückskind erging in den erſten Wochen, wie ihm zu Muthe war, das kann die Feder denen nicht klar machen, die nie ihr Liebſtes im Leben verloren, und wem das Schickſal ſolchen Verluſt bereitete, der fühlt ſchon mit ohne aufregende Beſchrei⸗ bung. Zwecklos durchſtrich er die Gegend bis nach Ham⸗ 480 burg hinauf, bis Stade hinunter, aber wenn ſeine Ver⸗ nunft ihm auch zu fliehen rieth über das Meer hinüber, zu den Bergen des Südlandes hinab, es war wie eine Geiſterſtimme vor ſeinem Ohre, die ihm beſtändig zuflü⸗ ſterte, er müſſe zurück in die Gegend, wo das Mädchen ſeiner Liebe athmete, er dürfe nicht fort von da, denn ihr ſei ja ſein Leben fortan verfallen, und ſie könne ein⸗ mal ſeiner bedürfen. Als er ſo einſt wiederum zurückgelockt worden von ſeiner Wanderung ohne Ziel, und gerade im Dörſchen Kranz ſich aufhielt, traf ſich's, daß daſelbſt ein freund⸗ liches Bauerngut von mäßiger Größe verſteigert wurde. Wie Schuppen fiel es plötzlich von Glückskinds Augen. Er kaufte den kleinen Hof, und ſetzte ſich bald ſo darin feſt, als wolle er niemals mehr das enge Häuschen ver⸗ laſſen. Von ſeinen Beutegeldern blieb noch genug übrig zur wirthlichen Einrichtung; eine blanke Kuh und zwei ſchmucke Pferde kamen in den Stall, buntes Federvieh füllte den Hofraum, das Gärtchen wurde ſauber gehal⸗ ten, und nach einem Jahre unterſchied ſich Beatus in nichts mehr von ſeinen Nachbaren, als durch den kriege⸗ riſchen Bart, den er beibehielt. Waffe und Montirung lag verpackt im verſchloſſenen Schreine; unter den ältern Bauern ſaß der Huſar, und lernte aus ihrem Munde Ackerbau und Viehzucht, und Alt und Jung liebte ihn bald, denn Ordnung und Rechtlichkeit ehret ſelbſt der Schlechtere wenn auch gezwungen. Die Greiſe lobten ſeine Verſtändigkeit, die Jüngern hatten Reſpekt vor ihm; und die Dirnen, denen er manchen fremden Tanz lehrte, wenn er auch ſelbſt nie mittanzte, die zu jeder Hochzeit ſich einen Strauß ſeltener Blumen aus ſeinem Gärtchen holen durften, ſahen verlangend auf den ſtattlichen, wenn 481 auch bleich gewordenen Mann, und mancher Heiraths⸗ antrag ward ihm gemacht, beſonders ſeit er die goldene Guelfenmedaille am blauen Bande im Knopfloche trug. Er aber antwortete immer mit freundlichem Tiefſinne: Er ſei ein Wittwer, und halte auch der Verlorenen den Schwur! und Alle nannten ihn ſeitdem den ſchwermüthi⸗ gen Huſaren, Jedermann that ihm aber Liebes und Gu⸗ tes, da keine Noth in irgend einem Nachbarhauſe erſchien, in welcher er nicht als Tröſter, Helfer oder getreuer Rathgeber auftrat. Aber böſe Leidenstage trafen ihn noch, und erſchüt⸗ terten die Ruhe, welche er mühſam und mit Aufbietung aller Manneskraft ſich gewonnen hatte, bis zur Ohn⸗ macht und bis zu Knabenthränen. Ein ſolcher Golgatha's⸗ tag war der, an welchem er erfuhr, wie der Peter Buſch die Beta Wallan heimführe als ſeine Ehefrau. Er hörte morgens das Glockengeläute im Kirchdorfe, er ſah in ſeiner Phantafie den Brautgang, und mußte nachher der Erzählung der Feßtlichkeit ſtill halten mit gebrochenem Herzen, da mehrere der Kranzer Einwohner, die hinüber⸗ geladen geweſen, im Abendkreiſe unter der Linde nach gewohnter Weiſe die Gaſterei durchnahmen und beſprachen. Er biß ſeine Lippen, aber die Braut hatte viel geweint in der Kirche und bei dem Schmauſe, das gab ſeinem Grimme und Grame wieder einen Kühlbalſam. Später hörte er mehrere Male von Kindtaufen auf Wallans Hofe, den der Buſch übernommenzhatte, aber dabei flammte ſein Schmerz ſchon weniger zerſtörend auf, denn das Bild der zarten Mutter mit dem kleinen Engel an der weißen Bruſt trat in ſeine Einſamkeit, und ward ihm zu einer Marien⸗Erſcheinung, die ſeine Heftig⸗ keit weglächelte, ihm freundliche Geſellſchaft leiſtete, Brumenhagen. XI. 31 482 und den wilden Huſaren recht oft zum frommen Beter machte. Was heilet nicht die Zeit, und was verſchmerzt der Menſch nicht Alles!— Die Gewohnheit macht das Un⸗ erträgliche erträglich, ſelbſt die Galeere tödtet nicht den Angeſchmiedeten, und Arbeit iſt die wohlthätigſte Zer⸗ ſtreuung, welche durch Ermattung des Leibes die Seele ſtärkt und geſunden läßt. Die entnervenden Träumereien, denen ſich Beatus in den erſten Jahren hingab, verſchwanden mehr und mehr, und machten einem thätigen Leben Platz. Brachte Feld und Garten keine Arbeit mehr, ſo wanderte er nach den hohen Elbufern, ſchloß Freundſchaft mit den rührigen Fiſchern, und theilte ihr ſchweres, gefahrvolles Tage⸗ werk, das ſchon wegen der Gefahr ihn anzog. Für die langen Winterabende ſuchte er ein altes Talent wieder hervor, das er in den Knabenjahren, als er unter dem böſen Vormunde lebte, bei einem nachbarlichen Hand⸗ werker bis zur Meiſterſchaft ausgebildet hatte. Er baute ſich nämlich eine Drechsler⸗ und Hobelbank in einem Dachſtübchen ſeines Hauſes auf, und übte ſich eifrig in der bekannten Kunſt, doch that er dieſes heimlich, denn bei den erſten gelungenen Werken ſeines Schnitzmeſſers und ſeiner Drehbank war ihm in der Seele ein Gedanke aufgeſtiegen, den ſein verarmtes Herz mit beſonderer Wolluſt auffaßte, weil er ihm den einzigen, beſcheidenen Wunſch, der noch in ihm wohnte, zu befriedigen ver⸗ ſprach. Niemalen ſeit der ganzen Zeit hatte er das Dorf Rienkop berührt, nie die geliebte Beta wieder geſehen, und es drängte ihn, in irgend eine unſchuldige Berüh⸗ rung mit ihr zu kommen, wäre ſie auch noch ſo gering⸗ 483 fügig und nutzlos für ihn und ſeine Liebe. So drech⸗ ſelte und tiſchlerte er denn manches kleine Hausgeräth, und trug es zur Nachtzeit ganz geheim vor ihre Thür, und das fein ausgelegte Nähekäſtchen, das bunte Milch⸗ faß, das fein geſchnirkelte Spinnrad, zuletzt, als er von ihrem dritten Kindtaufsfeſte hörte, die elegant geformte und ſpiegelblank polirte Wiege wanderten in Wallans Gehöft, ohne daß Jemand auf den unſichtbaren, fern wohnenden Geber rieth, da der ſonſt ſo wachſame Pudel, der allein in ſeiner Dankbarkeit den Tag nicht vergeſſen hatte, an welchem ihn Glückskind fütterte und wuſch, niemals anſchlug, wenn ein neues Geſchenk gebracht wurde, ſondern wie ein Wächter am Morgen ruhig da⸗ neben ſchlief. Beatus hatte ſo einen Verkehr gewonnen mit der Geliebten, er wußte, ſie empfand eine Freude durch ihn, und je reiner und kindlicher ſein Empfinden blieb, deſto wohlthätiger wirkte auf ihn dieſer Genuß, und ſein Gemüth ward auf wunderbare Weiſe zufriedener und lebensfroher ſeitdem.—— Es war am Abende des dritten Februars jm Jahre 1825, als Glückskind von einem bejahrten Nachbar Ab⸗ ſchied nahm, der einſt als Matroſe weite Seereiſen ge⸗ macht hatte, und mit welchem Beatus oftmals die Abende im wechſelſeitigen Erzählen ihrer beiderſeitigen Abenteuer angenehm verbrachte. Der Seemann begleitete den Hu⸗ ſaren zu ſeiner Hüttenthür hinaus, und ſah ſich, als ſie draußen ſtanden, mit Unruhe nach dem Wetter um. Und der Winterhimmel bot auch wahrlich nichts Freund⸗ liches dar. Ein wüthend⸗ſauſender Orkan tobte her aus Nord⸗ 484 weſt; zackichtes Gewölk, vom Winde gejagt, warf kalten Regen mit Schnee und Schloßen gemiſcht herab; kaum konnte der Vollmond zuweilen einige Minuten lang durch⸗ blicken durch die eilig am Himmel vorüberflatternden Trauerſchleier, und am ſüdlichen Horizonte thürmten ſich ſchwarzblaue Wolkenberge immer höher empor in den wunderbarſten und Grauen erregenden Geſtalten. Der alte Matroſe blickte rundum, und ſchüttelte bedenklich ſein kahles Haupt. Das gibt ein fürchterliches Unwetter auf die Nacht, oder ich müßte die Kunſt verlernt haben, ſagte er. Gnade Gott allen Seelen, die heute auf den Wellen ſchwim⸗ men; da wird Segel und Anker wenig helfen, und man⸗ cher Steuermann ſeinen Kredit einbüßen. Heute iſt Voll⸗ mond; der Wind läuft Weſt zum Nord; gut, daß die Nordſeeküſten unbezwingliche Deiche haben, ſonſt möchte die Springflut manchen der Schläfer dort ſehr bös und unſanft erwecken.— Beatus antwortete: Hüte ein Jeder nur Feuer und Licht, daß uns nicht treffe, was Städte und Dörfer im Lande. Feuersnoth iſt ein gräßlich Schickſal, freſ⸗ ſender als Wolf und Tigerthier, wenn dazu ſolcher Sturm ſie aufbläſet und alle Menſchenkraft in Ohnmacht wirft.— Waſſersnoth iſt mehr, verſetzte der Matroſe eintönig; Waſſer iſt der Rieſe unter den Elementen, dem Niemand entläuft, hat er ſeine Siebenmeilenſtiefeln angezogen und iſt damit auf's Land getreten. Gottes Güte ſchütze alle ſeine Kinder zu Waſſer und zu Lande!— Darauf nah⸗ men die beiden Freunde Abſchied von einander; Beatus ſah auf ſeinem Hofe noch einmal nach Vieh und Knecht, löſchte ſelbſt Ofenfeuer und Licht, ſchaute noch einmal zum Fenſter hinaus nach dem Wetter und legte ſich ſchlafen. 485 Ewig unvergeßlich wird dieſe Nacht bleiben in der Geſchichte unſeres Vaterlandes, ſo lange es ſteht, denn die älteſte Erinnerung kennt kein ſo furchtbares und in ſeinen Folgen auf lange Zeit Unglück bereitendes Ereig⸗ niß im Lande der Niederſachſen. Der eintretende Voll⸗ mond, welcher immer hohe Springfluten ſchafft, ver⸗ einte ſich mit dem Nordweſtſturme, die Wellen der Nord⸗ ſee zu einer Höhe hinauf zu heben, die ſie ſeit Menſchen⸗ gedenken nicht erreicht hatten. Ein Wintergewitter der ſeltenſten Art zog ſchräg gegen den Sturm, Blitze ziſch⸗ ten herab, und der Donner krachte, als börſte die alte Erde in ihren Tiefen. Ob ein Vulkan im Boden des Meeres ſeinen Theil zu dieſen Schreckniſſen beigetragen, und ſo Waſſer, Luſt und Feuer wie ein Furiendreiblatt über die ſchlummernde Schweſter Erde verrätheriſch her⸗ eingebrochen, die Schlafende zu vernichten, iſt unentſchie⸗ den geblieben, obgleich mehrere Küſtenbewohner vulka⸗ niſches Getöſe im Nordmeere gehört haben wollen, In⸗ ſeln geborſten ſind, und die in das Land brechenden Wogen heiß und ſchäumend über die Fluren ziſchten. Die ſtarken und hohen Deiche Oſtfrieslands waren ſolchen Gewalten weder hoch, noch ſtark genug. Die ſchwellenden dunkeln Wogen überſtiegen den Wall, und ein meilenlanger Meer⸗Waſſerfall, vom Mondlichte in aller ſeiner Gräßlichkeit beleuchtet, brachte Entſetzen den wenigen Wachenden, die in der Schreckensſtunde Geſchäft oder Poſten vom Schlaf abgehalten hatte. Unaufgehal⸗ ten durch das allgemeine Angſigeſchrei der Menſchen ergoß ſich der Meerſtrom mit der Schnelligkeit des Ge⸗ dankens breit und voll über Fluren und Aecker; die Deiche, erweicht und aufgewühlt durch die Wirbel der Rieſenwellen, brachen durch, verſchwanden an zahlloſen 486 Stellen, und wie ziſchende Waſſerſchlangen wälzten ſich ſalzige Flüſſe in die Niederungen; riſſen Schiffe mit ſich hindurch auf das unbefahrbare Land; durchkreuzten ſich und vermehrten dadurch ihre Gewalt; tilgten Häuſer weg vom ſichern Grunde mit allen Bewohnern; ftürzten die Mauern der Städte und wühlten ihre Straßen auf; ergriffen den flüchtigen Reiter und die mit dem Kinde forteilende Mutter; wühlten die Todten auf aus den Gräbern wie mit dem Poſaunenrufe des jüngſten Gerichts; gaben Familien, die auf Boden oder Dach geflüchtet waren, dem Hungertode preis; ertränkten das ängſtlich⸗ brüllende Vieh im Stalle; verzehrten mit ſcharfem Salze die keimende Saat und den reichen Grashalm, und zer⸗ ſtörten ſo Eigenthum, Glück und Hoffnung von tauſend fleißigen Menſchen in einer Nacht für Jahre. Auch die mehr im Lande Wohnenden, im fetten Bo⸗ den zwiſchen Weſer und Elbe eingekeilten Landleute traf kein geringeres Schickſal. Die mächtigen Zwillingsſtröme Hannovers waren zu ohnmächtig, ihre Waſſer hinaus zu treiben in die empörte See, welche feuchte Giganten⸗ Mauern an ihren Ausflüſſen aufgethürmt, und ihre brei⸗ ten Mündungen verſchloſſen hielt; die ſtockenden Fluß⸗ wellen mußten zurück wie ein geſchlagenes Heer, dem der fiegende Feind auf der Ferſe folgt, und ſich unter die Flüchtlinge miſcht. Gleich verzweifelnden Meuterern im engen, luftarmen Kerker, donnerten die Elbfluten an ihre künſtlichen Ufer, brachen den Zwinger, und ſtürzten ſich im Freiheitsrauſche mordend und vernichtend über Alles, was ihrem Laufe begegnete. 487 Beatus wurde mitten in der Nacht vom Sturme, der ſein Häuschen ſchüttelte, und vom Gekrach in den Wol⸗ ken geweckt, und ſich ermunternd, vernahm er ein hefti⸗ ges Klopfen an ſeiner Hausthür. Mit gewohnter, ſol⸗ datiſcher Eile ſchlüpfte er in die Kleider, und ſchnell, als riefe die Allarmtrompete gegen Feindesüberfall, war er unten, wo er den Matroſen fand, umringt von einem Häuflein bleicher Bauerburſchen und kreiſchender Weibs⸗ perſonen, die über den Einbruch des jüngſten Tages jam⸗ merten, und händeringend wunderbare Nothgebete in den ſtürmenden Himmel hinauf ſchrieen. Heraus Kriegsgeſell! rief der Matroſe, Euer gutes Gewiſſen ſchenkte Euch ja einen Seebärenſchlaf, daß Euch Windsbraut und Nothruf nicht erweckten. Meine Pro⸗ phezeiung iſt wahr geworden, und jetzt bedarf es der Leute voll Muth, wie Ihr Einer ſeid, und eiſerner Glied⸗ maßen, wie Ihr ſie habt.— Wo iſt die Noth? wo die Flamme? fragte Beatus beſorgt umherſuchend nach dem Feuerzeichen.— Das Waſſer iſt da! antwortete der See⸗ mann. Die Deiche müſſen mehrfach gebrochen ſein, denn ſchon füllt ſich das untere Dorf mit durchgewaſchenen Flüchtlingen, und Gott weiß, wie weit der Elbgott den kalten Arm noch ausſtreckt, denn durch ſolche Nacht reicht kein Menſchenauge, und wäre es zehn Jahre im Maſt⸗ korbe geübt worden.— Ein furchtbarer Gedanke fuhr jetzt durch Beatus' Gehirn, und ohne Antwort ftürzte er fort durch das hoch⸗ liegende Dorf, dem Rande des Hügels zu, wo die Thal⸗ fläche begann, in welcher das ihm ſo theure Nienkop mitten drinnen lag. Welch' einen Anblick beleuchtete der eben freier werdende Mond! In eine große, wildbewegte Waſſerfläche war das 488 ſchöne Thal verwandelt worden mit all' ſeinen wohlbe⸗ ſtellten Ackerflächen, fetten Triften und ſchönen Obſt⸗ gärten. Dunkele Gegenſtände trieben ſich darauf herum, die man nicht erkennen konnte, und die dadurch noch grauenvoller wurden. Schwieg der Sturm eine Minute, ſo hörte man deutlich von überall die Nothſchüſſe und die Nothhörner der Verlaſſenen, und glaubte ſelbſt ihr eintoniges Hülfsgeſchrei zu unterſcheiden, und von allen Seiten der höheren Gegenden ſtrömten durchnäßte Flücht⸗ linge aus den gegen die Erdſchollen ſchlagenden Gewäſ⸗ ſern heraus, denen man anſah, wie ſie um das armſelige Leben mit dem gewaltigen Elemente gerungen hatten. Hier bat eine Mutter um Obdach und Bett und Kleidung für das nackte maſernkranke Kind in ihren Armen; dort ſchrie ein Mann nach ſeinem Weibe, das er hinter ſich ge⸗ glaubt, als er den Fluten voranlief; dort trug ein ſtar⸗ ker Sohn, wie ein zweiter Aeneas, den lahmen Vater auf das Trockene; hier fielen Bruder und Schweſter ſich in die Arme, da ſich Beide gerettet fanden; Alles aber wich im Entſetzen von einem Landmanne zurück, der, ſein todtes ertrunkenes Söhnchen im Arme, hervorſchritt mit dem Ausdrucke des Wahnwitzes auf dem bleichen Antlitze, und Jedem frohlockend das gerettete Kind zeigte, als ſeinen beſten Schatz, und dann zwiſchen dem Wahn⸗ ſinnsjubel mit hohler Stimme den lichtern Gedanken: Ich kann es doch nun begraben! vor ſich hinſprach. Mit ſtarrem Schrecken hatte Beatus eine Weile hin⸗ ausgeſchaut in die nächtige Sündflut, da loſete ſich auf einmal das Band ſeiner Seele im Entſchluß, und er ſprang zurück zu ſeinem Gehöft, ſattelte mit zitternden Händen eilig ſein ſtarkes Pferd, und im Sattel ſitzend kam er zurückgeſprengt, theilte mit Ruf und Thier das —— 489 Gedräng der Bauern, und wollte hineinſetzen in die ziſchende, brauſende Flut. Der Seemann Daniel faßte ihm er⸗ ſchrocken in den Zügel. Habt Ihr den Verſtand verloren, Nachbar? rief er zürnend. Wollet Ihr Euch und das arme Thier opfern ohne Zweck? Da iſt keine Hülſe als durch gute Boots⸗ leute, wenn das Unwetter ſich legen möchte.— Laßt mich! ſchrie Beatus gleich einem Raſenden, ſchreck⸗ lich anzuſchauen auf dem ſchwarzen Thiere hoch in der Windsbraut, die das unbedeckte Haar ihm aus dem tod⸗ tenbleichen Geſichte trieb. Laßt mich! Was bin ich und mein Leben? Es gilt um die Seligkeit und um heiligen Eidſchwur. Wer mir folgt zur Rettung, dem gebe ich Hof und Habe und Gut.— Ihr ſprecht im Fieber, entgegnete Daniel, ohne los⸗ zulaſſen. Steiget ab, und— ſo wahr Gott mir helfe im letzten Schiffbruch! ich bin dann der Erſte, der Alles mit Euch wagt, wo es Menſchenrettung gilt. Der Tag iſt nahe; unſere Deiche hinter dem Dammhorn haben gehalten, und wir können in der Sorge um uns ſelbſt nachlaſſen; auch ſteigen die Waſſer nicht viel mehr, und die Flut muß vorüber ſein. Wenn die Sonne dieſe Waſ⸗ ſerwüſte vor uns erleuchtet, dann wollen wir im Boote ſuchen, wo noch ein Leben athmet und ſchmachtet, und retten, was Gott erhielt.— Es wird keine Sonne mehr aufgehen, ſtöhnte Bea⸗ tus; und ginge ſie auf ſpät, zu ſpät. O wo ſind ſie dann?— Aber ein Schiff, ein Schiff, ſogleich zur Stelle!— Er war dabei herabgeglitten vom Sattel, und lief wie verwirrt unter den Landleuten umher, welche ihn nicht verſtanden. Da ſah man einen ſchwarzen, großen 490 Schatten durch die ſeichtern Dammplätze ſich nahen, wie das Geſpenſt des Erlkönigs, der eine Erdentochter ſich geraubt. Näher und näher brauſete es dem Haufen zu und erreichte das Land. Man ſah zu Roſſe einen baumlangen hannover'ſchen Nhlanen, der keine Kleidung trug, als ſeinen grünen Aermelrock und ſeine hohe Tſchapka, aber auf dem ſat⸗ telloſen Thiere vor ſich im Arme ein rundes Mädchen hielt, das nur vom Hemdchen bedeckt, halb unter ſeinen Mantel geſchmiegt, zähneklappernd vor Froſt und Furcht, mit nackten Armen des Reiters ſchlanken Leib umklam⸗ mert hielt, wie der Schiffbrüchige den rettenden Maſt⸗ baum. Kaum hatten die drei lebendigen Weſen ſich aus dem Reiche des Todes auf das Feſte geholfen, ſo ſtürzte der ſchnaubende Gaul erſchöpft in die Knie und wälzte ſich im naſſen Graſe, der Reiter ließ die halb⸗ ohnmächtige Dirne zum Boden gleiten, und er ſelbſt lehnte ſich, dem Sinken nahe, auf die Landleute, die ihm mit Armen und Flaſche zu Hülfe eilten. Anna Buſch! ſchrieen da die herandrängenden Wei⸗ ber. Iſt Sie es? Nun danke Sie Gott und dem wackern Schatz, der ſie aus ſolchem Verderben rettete.— Buſch? Buſch? rief Beatus und ſtürmte in den Haufen hinein. Peters Schweſter? Wo ſind ſie? ſchrie er niedergebeugt zu der Erſtaunten. Wallans? Wo find ſie? Gerettet? Sprich, Unglückſelige, wo haſt Du ſie verlaſſen?— Die arme Anna weinte zu ihm hinauf. Wo iſt da Hülfe? ſchluchzte ſie. Der Peter iſt erſoffen mit dem Kinde, das er auf die Kirchhofshöhe tragen wollte; die Andern flüch⸗ teten auf die Böden, als mich der treue Gottfried zu ſich auf ſeinen Hans riß, aber das Waſſer ſtieg ſchon an das Dach, und wird jetzt wohl ſchon über das Storch⸗ neſt und die Linde und über alle die guten Menſchen 491 zuſammen geſchlagen ſein.— Beatus kannte ſich ſelbſt nicht mehr.— Daniel! rief er, Nachbar, wenn Ihr Seemannsehre im Herzen habt, helfet mir! Schafft mir ein Schiff, oder — ſo wahr ich ein Menſch bin und ein Chriſt!— ich ſtürze hinein und ſchwimme hinüber.— Schiffe? ſagte ein junger Bauer hohnlächelnd. Ja, wo ſind Schiffe? die an der hohen Wiſch liegen im Fluß⸗ bett, und das wird ſie längſt zu Schwefelholz zerſplittert haben.— Dort der Alte im grauen Wamms, der Zimmermann Klaus, hat ein breites, neues Boot im Stalle, fiel der Matroſe ein, ich ſah ihn daran zimmern vorgeſtern.— Beatus eilte auf den Bezeichneten zu, der ruhig auf einem gefällten Baumſtamme daſaß, und aus ſeinem kur⸗ zen Pfeifchen graue Tabaksnebel in den Morgenwind hinaufblies. Meiſter Klaus, redete der Huſar mit Haſt und Angſt ihn an, Ihr habt einen neuen Kahn auf der Werkſtatt; gebet ihn her, es gilt Menſchenwohl, und da bezahlt der Herrgott die Hülfe an Kind und Kindes⸗ kind.— Daß ich ein Narr wäre gleich Ihm! Er und mein Boot ſähen das Land nie mehr wieder; antwortete der Zimmermann mürriſch zur Seite ſehend. Wem Gott ſo etwas zur Strafe ſchickt, der muß ſtill halten, bis die Ruthe aufhört in der Züchtigung. Wir ſitzen im Tro⸗ ckenen; die Flut wird die Schiffe ſchon rar machen, und da wird mein Kahn mir dreifach bezahlt werden.— Unmenſch! tobte Beatus und hob die geballte Fauſt; aber ſchnell ſich beſinnend zog er ſeine Uhr, und reichte ſie dem eiſigen Greiſe hin. Nehmet die Uhr zum Pfande; ſie iſt mir ein liebes Beuteſtück von Salamanca her und 492 mag leicht mehr werth ſein, als Eure ganze Werkſtatt. Ich bezahle den Kahn dreifach; nur ſogleich zur Stelle damit!— Der Zimmermann beſah gemächlich die Uhr rund um, dann ſtand er bequemlich auf und antwortete: So kommt nur mit! Es fehlen noch einige hölzerne Nä⸗ gel daran; bis Ihr Leute zum Tragen ſchafft, iſt's ge⸗ macht, und Zeugen des Handels ſtehen hier herum genug. — Beatus ſchleppte faſt den Alten hinweg, und einen Karren nebſt Pferden hatten ſeine Bekannten bald zur Stelle gebracht, das Boot aufzuladen, um es zum gün⸗ ſtigſten Orte für die Abfahrt zu bringen, den der See⸗ mann eigens dafür auszuforſchen bemüht war. Unter⸗ deſſen war der Tag angebrochen, und jeder hellere Son⸗ nenſtrahl enthüllte mehr und mehr das ungeheure Unglück in ſeiner rechten Furchtbarkeit. Selbſt in der Nähe ging die Flut über die höchſten Hecken, fern ſah man nur Baumgipfel und die Dächer der Hütten hervorragen aus dem Getümmel der Wellen und Wirbel. Die Trümmer der Häuſer, Berge von Stroh, ertrunkenes Vieh, Haus⸗ geräth und Kleidungsftücke trieben auf der dunkeln Waſ⸗ ſerfläche durch einander im traurigen Gewühl umher; hier ſah man einen weiblichen Leichnam gewiegt von der Flut, deſſen langes Blondhaar wie ein Goldſchleier aus⸗ gebreitet der Todten nachſchwammz dort tauchte ein ſchwarz⸗ haariger Mannskopf aus der Tiefe auf, und wälzte ſich und zeigte das blutloſe Schneegeſicht und die ſtarren, im Todeskrampfe dem Himmel zugerichteten Glasaugen, als fragte der Todte noch hinauf: Biſt du denn nicht mehr die Allgüte? Warum denn das, du zürnender Welten⸗ herr?—— Mit Verwunderung ſahen indeß die Bewohner von Kranz dem unſtäten Hin⸗ und Herlaufen des Huſaren zu, 493 den Jedermann ſonſt als ſo ſtill und beſonnen gekannt hatte. Dem Volke war die Veränderung ſeines Weſens ein Räthſel, Niemand wußte ja um die Leiden ſeines kranken Herzens, und Manche mochten ihn mitleidig für wahnſinnskrank halten, wie er da vom Hauſe zum Ufer, vom Ufer zur Zimmerwerkſtatt ſtürzte, mit rinnendem Schweiße auf der bleichen Stirn, und wie er Weinfla⸗ ſchen, Mäntel und Rudergeräth herbeiſchleppte. Endlich kam das Boot langſam zur Stelle; der Sturm hatte ſich ziemlich gelegt, und der Seemann drückte bei dem An⸗ ordnen Beatus Hand recht treuherzig und ſprach dazu: Ich verlaſſe Dich nicht, Du frommer Burſch!— Da ſchwamm ein Hund an das Land, ein alter grauer Pudelhund ſchüttelte das triefende Fell, und Beatus er⸗ kennend ſprang er an ihm auf, und lief dann wimmernd zum Waſſer zurück. Allart! Biſt du es? rief der Huſar. Welche Botſchaft bringſt du? Und wohin rufſt du mich? Sieh her, wir kommen ja ſchon!— Weithin in die Flut ſtarrte zugleich ſein ſcharfes, im Kriege geübtes Auge, und er erblickte nicht fern hin auf den Spitzen einer Hecke ſchwankend eine kleine Arche, in der er mit Schrecken eine Wiege, ſeine Wiege, das letzte heimliche Geſchenk ſeiner Liebe, erkannte. Ohne Bedenken ſtürzte er ſich in das Waſſer, die Gefährten ſchrieen hinterdrein, doch das Waſſer war nicht gar tief, denn die Hecke ſtand auf ei⸗ nem feſten Damme, nur bis zu den Schultern ſpülten ihm die Wellen, und bald hatte er die kleine Arche er⸗ faßt, in welcher er mit einer Freude, deren Gleichen er nie zuvor gefühlt, einen ſchlafenden Engel erblickte, der im Gottesfrieden und geſchützt von ſeinen himmliſchen Brüdern durch die Nacht geſchwommen, und vom Sturme und Donner nicht erweckt worden war. Vorſichtig und 494 beſonnen trieb ſeine Hand das kleine Boot vor ſich hin zum Ufer, und als es feſt ſtand, als er es auf den Gras⸗ hügel getragen, und das Volk ſich heran drängte, das Wunder zu ſehen, da ftürzte er in die Kniee neben der Wiege, und betete heimlich mit zitternden Lippen in die Wolken hinauf. Ein inniger Dankgebet war vielleicht niemals noch zu dem Himmel emporgeſtrömt. Die Frauen wollten fort mit dem Kinde; er entriß ihnen aber die Wiege mit Ungeſtün. Mein iſt es, mein allein! der höchſte Schatz, mir vom Himmel geſendet! Ihr Kind iſt es ja, Ihr Kind! ſchrie er zwiſchen die Verwunderten hinein, trug das weiße Püppchen in ſein Haus, übergab es dort der Magd, die ihm das Hausweſen regierte, und ſprang nun zurück zum Boote, das zur Abfahrt fertig gemacht, und, mit dem alten Matroſen darin, ſeiner wartete. Zwiſchen den ſchwimmenden Trümmern, den Zäunen der Gärten und den kaum aus dem Waſſer ragenden Baumgipfeln durch ſteuerte das kühne Schifferpaar ihr kleines Fahrzeug; aber Beide kannten die Gegend genau, und der alte Seeheld war ein guter und aufmerkſamer Steuermann. Am Ufer äußerte ſich die Theilnahme auf ſehr verſchiedene Weiſe. Einige Frauen weinten den gu⸗ ten Seelen nach, einige Greiſe beteten für des braven Glückskinds Heimkehr; ein Burſch äußerte laut: dem Huſaren rappelt's im Kopfe und das Gewitter hat ihm den Verſtand verſengt, ſonſt würde er für Fremde nicht in den gewiſſen Tod gehen.— Und der Zimmermann ſagte kaltblütig: Schade iſt es um mein breites, gut gezimmertes Schifflein; ſeines gleichen gab es nicht am Elbufer. Jeder iſt ſeines Glückes Schmied. An Wieder⸗ 495 ſehen kann nur ein Toller, wie die Beiden ſind, denken, denn jeder verborgene Baumaſt iſt für ſie Klippe und Sandbank; der Sturm wird die Balkentrümmer gegen die ſchwache Kahnwand ſchmettern, und auf offener See gäb's weniger Noth für ſolche Wagehälſe, als hier. Aber die Uhr iſt deßwegen gewißlich mein, denn der Glücks⸗ kind zahlet nichts mehr auf Erden. Die beiden Plauderer hatten faſt Recht. Mit jedem Ruderſchlage weiter zeigte ſich die Fahrt der hochherzigen Männer immer gefährlicher, und Beatus, deſſen Augen beſtändig über die Waſſerfläche hinaus in die Ferne ſtarr⸗ ten, mußte zum Oeftern von ſeinem Gefährten angerufen werden, um das Hintertheil des Bootes, das er regierte, von gefährlichen Plätzen abzuhalten. Sind wir nur erſt jenſeit des Achterdamms und haben einen ſeiner Brüche durchſchifft, dann ſchwimmen wir leichter über die Wieſenpläne und ſind geborgen. Aber wohin geht es denn zuerſt? Nach Haſſelwerder oder nach den Neuenfelder Roſen? Alſo fragte Daniel. Gerade nach Nienkop, nach Wallan's Hofe! flöhnte Beatus hervor, der ſich übermäßig anſtrengte bei dem Ruder. Wallans? fragte verwundert der Matroſe. Ich hörte einmal, Ihr wäret Feind mit dem alten Brummbär und Rechthaber.— Eben darum! antwortete Beatus erröthend. Ich will glühende Kohlen auf ſein Haupt ſammeln.— Aha! lächelte Daniel. Darüber predigte mein Capi⸗ tain auch gar oft, wenn wir Schiffsjungen uns blutig gebort hatten, und die Klage in ſeine Kajüte kam.— Glücklich paſſirten ſie bald darauf eine Stelle des innern Nordteiches, die von der Flut gänzlich weggeführt 496 war. Freier wurde jetzt die Fahrt durch Felder und Maſch, und nur noch befährdet durch die Kreuzſtrömungen, welche von den verſchiedenen Durchbrüchen in dem hier faſt zir⸗ kelförmigen Ufer des Elbſtromes verurſacht wurden. End⸗ lich waren ſie im Angeſicht von Nienkop, aber der Hin⸗ blick darauf war Centnerlaſt auf die Bruſt des kühnen Beatus. Der niedrig gelegene Ort ſtand tiefer als alles Uebrige in der weiten See; nur Dächer und Baumgipfel ragten davon hervor, und als der Männer ſuchendes Auge das Haus der Wallans ausgefunden, erblickten ſie mit Schauder keine Menſchenſeele auf dem Dache oder in den weitoffenen Bodenfenſtern, die ſchwarz gähnten über dem Waſſerſpiegel, wie Oeffnungen leerer Gräber. Alles verloren, und ich nun mit! murmelte Beatus in ſich, den Todesſchmerz fühlend, und ſeine Rechte ließ das Ruder finken. Wir kamen hu ſpät. O dann, Gott, ſchenke mir nur ihren Leichnam, daß ich, wie jener un⸗ glückliche Vater ſein Kind, auch ihn begraben kann, ehe der Frevel ihn entweihet und ſeiner ſpottet!— Muth! rief der Seemann. Bei Gott iſt nichts un⸗ möglich, und ſie liegen vielleicht Alle drinnen auf dem Heuboden, erſchöpft von Geſchrei und Kälte und Hunger. — Mit erneuerter Kraft ruderte Beatus weiter. Jetzt bogen ſie behutſam um die Dachecke, ſchifften hoch über dem Gatterthore weg in den ehemaligen Hof⸗ raum, und ein Schrei des Entſetzens und der Freude zugleich entfuhr Beiden über den Anblick, welcher ſich ihnen ſofort darbot. In dem Wipfel der uralten Linde, deren ſtarke Zweige die Spitze des Hauſes umgriffen und beſchatteten, regten ſich fünf menſchliche Geſtalten, und Beatus erkannte auf den erſten Blick den alten Wallan mit ſeiner Familie. In der Mitte des Baumes ſaß der —— F 497 Wachtmeiſter mit demſelben unveränderten Steingeſicht, hinſchauend in den gewiſſen Untergang, und hielt mit muskelvollen Armen den Stamm umklammert. Ueber ihm, auf ſeine Schultern die brechenden Kniee ſtützend, hing in den braunen Aeſten die zarte Hausfrau des Peter Buſch, ihr Töchterchen in einem Mantel bergend, und weiter unten ritt auf einem Kreuzaſte die derbe Magd, mit erſtarrter Hand ſich krampfhaft haltend an einem höhern Baumzweige, und mit der Linken den älteſten Sohn ihres Brodherrn treu umſchlingend. Alle ſahen längſt vegrabenen Leichen gleich, und der Wind trieb noch dazu ſein höhnendes Spiel mit den dünnen Män⸗ teln, die kaum die Glieder der Erſtarrten zu decken hin⸗ reichend waren. Ein allgemeiner, einiger Freudenſchrei empfing die unerwarteten Retter; aber Beta's Stimme klang von oben laut hindurch. Er iſt es! rief die junge Frau mit unverſtelltem Ent⸗ zücken. Ich wußte es ja! Kam Einer, ſo mußte Er es ſein.— Der halbverſtandene Ruf klang wie Engelsmuſik in Beatus' Ohren, und mit herkuliſcher Kraft ſtieß er den Kahn dicht unter den Baum, und ſchlang das Seil im Eiſenringe feſt um den niedrigſten Theil des Stam⸗ mes. Es war die höchſte Zeit geweſen, denn der Arm der froſterſtarrten Magd ließ gerade los, und ſie und das Kind fielen herab, glücklich jetzt aufgefangen von den ſtarken Armen der Retter. Der alte Wachtmeiſter ließ ſich von dem Seemanne herunter helfen, und ſagte, ohne Beatus anzuſehen: Er hat unſerer gedacht, Daniel, Er alte, kahle Schiffsratte? Nun das iſt recht brav von Ihm, und Gott wird's loh⸗ nen, wenn ich es nicht kann.— Blumenhagen. XRI. 32 498 Schweigt davon, antwortete treuherzig der wahrhafte Matroſe, das möchte doch einmal anders ſein, als Ihr es meinet. Zum Reden iſt es Zeit, wenn wir ſämmt⸗ lich auf dem Trockenen find, und Ihr ſcheint mir zuerſt Proviant zu bedürfen, daß Ihr nicht zum Boote hinaus⸗ taumelt vor der Rückkehr zum Hafen.— Zugleich zog er die mitgebrachte Weinflaſche hervor und tränkte die Ohnmächtigen nach der Reihe, welche in ſtarrer Erſchö⸗ pfung hingeſtreckt auf dem Boden des Schiffleins ruheten. Beatus hatte unterdeß die ſchwache Beta nebſt ihrer theu⸗ ren Laſt vom Baume herabgehoben, ſie wortlos an ſeine Bruſt gedrückt und ſanft im Vordertheile niedergeſetzt; war ſie doch immer noch die ſchöne Frau mit den from⸗ men Augen und den holden Zügen, die Unſchuld und Her⸗ zensmilde zeichnet; wenn auch die friſche Maienblüte von der Zeit verwehet war, und die letzte Racht um den kleinen, üppig geſchwollenen Mund Wahrzeichen der Angſt und des höchſten Muttergrams geſtellt hatte. Der ſtiille Freund hüllte ſie und die Kinder in die mitgebrachten Mäntel, und riß dann dem Gefährten die Flaſche aus der Hand, mit einem ſchönen Neide die Luſt fordernd, ſie ſelbſt mit dem erſten Labetrunke zu ſtärken nach ſol⸗ chen gräßlichen Stunden. Beta ſprach nichts, aber ihr Taubenblick ruhete auf ihm mit einem Ausdrucke, der ihr Innerſtes ihm ausſprach, und die heimlichen Leiden langer zehn Jahre waren vergeſſen und erſitzt für den Mann in dieſer einzigen Sekunde. Nun auch uns einen Trunk, ſprach Daniel, und dann wieder in die See geſtochen! Die Würmchen da jammern nach dem warmen Ofen. Das Leben iſt hoffentlich ge⸗ borgen; nun laßt uns auch die Geſundheit vor Havarie bewahren, Admiral, denn ſolche Landwaare verträgt die ℳ — 4 1 „ 499 Räſſe nicht, und geht nachher flau. Ihr an den Bog⸗ ſpriet, ich an das Steuer, friſch geſchwenkt die Fregattel — Ich habe längſt getrunken! antwortete Beatus mit einem Wonneblick auf die junge Frau; raſch löſete er das Tau, wendete, und nahm ſeinen Sitz der Geliebten gegenüber ein.— Der Wachtmeiſter überſah mit finſtern Blicken noch einmal ſein zerſtörtes Eigenthum, dann ſetzte auch er ſich mitten in das Schiff und verhüllte ſein graues Haupt mit der Kleidung. Die Schifffahrt ging glücklich und ſchneller zurück, als heran; die Strömung half den Ruderern, und ſo zerſtreut und unvorſichtig Beatus auf der Herfahrt geweſen, ſo beſonnen und vor⸗ ſichtig war er jetzt. Bald ſahen ſie Land; bald begrüßte ſie das Jubelgeſchrei der Kranzer vom Ufer her; als der Erſte ſtieg der glückliche Glückskind mit einem Columbus⸗ Gefühle an das Land, und trug die dem Meergott ent⸗ riſſene Lieblingin triumphirend auf den Anger hinauf, in den Kreis der Landleute, deren Freude ſie begrüßte und die den Retter laut ſegneten. Daniel! ſagte der Wachtmeiſter bei dem Ausſteigen, Ihr müßt mir Unverſchämten noch eine zweite Wohlthat erweiſen, müßt uns als Gäſte aufnehmen in Euer Haus, vielleicht auf lange.— Gebt nicht, Herr Wollan! ant⸗ wortete kopfſchüttelnd der Schiffer. Wäre wider die Sub⸗ ordination, wäre ein Frevel gegen meinen Capitain, der dort ſchon voranſchreitet mit Euren Enkeln nach ſeiner Kajüte. Und folgt ihm nur getroſt; denn glaubt mir, ohne den Mann dort, dem Ihr beſonders lieb ſein müßt, ſäßet ihr Alle noch im kalten Maſtkorbe, und wäret mit⸗ ſammt erfroren oder verdürſtet bis zur Nacht.— Mit finſtern Mienen folgte der Wachtmeiſter dem gedrängten Zuge derer, welche ſeine Familie trugen und unterſtützten, 500 bis hin zu Glückskind's Gehofte. Die alte Hausmagd hatte vertrauend auf Gott der Rückkehr des guten Herrn gedacht, und eine warme Bierſuppe kochte luſtig auf dem Herde des Vorplatzes. Der Inſtinkt ſammelte ſchnell die Geretteten um das knatternde, anlockende Feuer, und die Kinder ſtreckten ihre Händchen der ſchönen rothen Glut enigegen, zuerſt die Wärme ſuchend, welche die Mutter iſt alles thieriſchen Lebens. Da wandte ſich Beta nach einigen Minuten der Erquickung wieder um nach dem ſtumm daſtehenden Vater, und als wenn jetzt erſt ihre Beſinnung aufgethaut wäre, die der Froſt zerſtört, rief ſie mit herzdurchbohrender Klageſtimme: Aber, Vater, wo iſt denn mein Trudchen und wo der Buſch? Ich ſah ſie ja nicht, ſeit er die Wiege forttrug zum Vetter Niklas, der am höchſten wohnt im Orte. O ruft ihn her, denn ſeit die Angſt fort iſt, drückt mich die volle Bruſt und ſticht wie Meſſer, und gewiß, die Kleine hungert. Oder — ſchrie ſie auf mit Mutterverzweiflung— hat ſie das Waſſer verſchlungen? Ich ſeh's Ihm an, Vater! O dann werft mich nur auch wieder hinein!— Der Vater deu⸗ tete wortlos gen Himmel; aber in der nahen Stube ſchlug ein Hund an, und ein Kind kreiſchte laut, als riefe es nach der Mutterbruſt. Das iſt Allart! rief der Wachtmeiſter. Das iſt Trud⸗ chens Stimme! ſchrie Beta faſt athemlos, und Beatus öffnete mit der Empfindung eines Seligen die Thür, und ſie ſtürzten hinein, und die Mutter riß das ihr noch ein⸗ mal geborene Kind zu ſich her, und preßte es gegen den gewölbten Buſen, und ſank mit ihm, in Freude erſchöpft, auf den Sorgeſtuhl. Die Worte ſind arm für ſolche Scenen; nur der Meiſter Maler kann ſo etwas darſtel⸗ len für den Fernen, indeſſen doch nur mit todten Tinten, 501 denn das Geiſtige ſchafft nur der Geiſt nach auf unſicht⸗ barer Staffelei. Der Schiffer Daniel klopfte dem Wachtmeiſter auf die Schulter und flüſterte: Nun, Vater, erkennt Ihr jetzt, welch einen Freund in der Noth Ihr an Jenem gehabt, der dort ſtill im Fenſter lehnt, keinen Dank begehrt, und ausſieht, als wäre er bereits ein Himmelsbürger, und ſpräche geradeswegs mit ſeinem Herrgott, der wie einen Petrus durch Meer und Sturm ihn zu Euch geführt.— Und wer rettete es? Wer? Daß ich auf den Knieen vor ihm liegen kann, ihm dienen kann als eine Magd bis zum Tode? fragte die junge Frau, mit umherſuchen⸗ den Augen. Wer anders, als mein Kronadmiral? ent⸗ gegnete Daniel; der da, welcher heute von Allen allein nicht an ſich dachte und ſein Leben. Bis an die Gurgel ging ihm das Woſſer, aber er holte muthig das kleine Schaluppchen an Bord.— Und woran erkannte er, daß mein Kind in der Wiege? fragte die Staunende raſch. Meine Wiege war's! ſtieß Beatus hervor. Deine Wiege? lallte ſie nach, und Beider bleiche Wangen über⸗ zog plötzlich Frühlingsröthe, und Beide verſtummten vor dem entdeckten Geheimniß. Der Zimmermann ſtörte die Scene. Roh, doch ehrlich, hatte auch ihn die Geſchichte bewegt, und mit der goldenen Uhr in der Hand trat er herein und ſprach: Herr Glückskind, da iſt Sein Sonnen⸗ weiſer wieder. Ich mag nichts von einem ſolchen Ehren⸗ manne, und müßte mich ſchämen, nähme ich nur einen Miethſchilling für das Boot. Er hat durch Gottes Hülfe mein Schiff zurückgebracht, ich nehme es wieder, und wir ſind quitt.— Nicht doch! antwortete Beatus mit Heftigkeit. Das Schiff bleivt mein, und ich zahle, was ich verſprach. 502 Ewig muß dieſe Noahsarche mein eigen bleiben, denn ſie war es, welche mir die erſte Glücksſtunde brachte in mein vereinzeltes, welkes Leben.— Die beiden nächſten Tage wurden für Glückskind zu hohen Feſttagen. Seine Bitten, ſeine Kleidungsſtücke gab er her; jedes, was zur Bequemlichkeit und Erquickung der Geretteten dienen mochte, wußte er anzuſchaffen; die leckerſten Wintergerichte wurde auf ſeinem Herde bereitet, und Braten, Kuchen und Wein kamen nicht von ſeinem Tiſche. Der Wachtmeiſter murrte darüber, und nannte es gottlos, während der Trauerſtunden ſo vieler Unglück⸗ lichen zu ſchwelgen. Laßt mich nur machen, Vater Wallan, antwortete der Huſar. Kann ich dafür, daß Gott eben in der gro⸗ ßen Unglückszeit mir die erſte Freude in dieſes Haus des Grames ſchickte? Und ſechs Feiertage ſind uns erlaubt, denn wir haben ſechs Geburtstage zu feiern.— Der Wachtmeiſter ſchwieg, und ging, von ſchmerzlicher Erin⸗ nerung ergriffen, hinaus zu der Gegend, wo das Ret⸗ jungsbvot jetzt auf trockenem Anger lag. Er traf den Seemann dort, der mit Werg und Theer am Kahne ar⸗ beitete. Daniel, ſagte Wallan, das Waſſer iſt zur hal⸗ ben Höhe gefallen; Haus und Hof drüben ſtehen unver⸗ wahrt und dem Zugange geöffnet; es wird jetzt Pflicht gegen Tochter und Enkel, den Verſuch zu machen, von dorther an Habſeligkeiten und Hausgeräth ſo viel zu ret⸗ ten, als möglich. Das ſchöne, liebe Vieh iſt todt; ſein klägliches Gebrüll gab mir oben im Baume das größeſte Weh, und wie es allmählig erſtarb, verging auch mir der Muth und die Hoffnung. Nur die Buſch verlor das 503 Vertrauen nicht auf Gottes Vaterhand, wie denn das Weib gewöhnlich in wirklicher Gefahr erſtarkt, und der Herr in den Schwachen groß wird. Er kam, braver Daniel, und da Er ein Seemann iſt, ſo bitte ich Ihn jetzt, leihe Er mir nochmals das Schiff, führe Er uns nochmals hinüber, damit wir meine Habe bergen vor Diebeshand und Wetterverderbniß; die Burſchen, die Er zur Hülfe gebraucht, bezahle ich ſchon.— Der Schiffer ſchauete dem Wachtmeiſter mit großen Augen und recht bedeutend ins Geſicht; dann ſtellte er ſich weitbeinig feſt, als ſtände er auf dem ſchaukelnden Fregattendeck. Wie kommt Ihr mir vor, Herr Wollan? fragte er ernſt. Habt Ihr nicht ſchon erfahren, daß der Kahn nicht mir gehört, ſondern dem Glückskind, der ihn theuer genug kezahlte zu Eurem Dienſte? Habt Ihr nicht ſchon gehört, daß er mich faſt zwang, hinüber zu rudern mit ihm, und doß nicht ich der Capitain der Entdeckungs⸗ reiſe war? Das iſt nichts Gutes, Herr Wollan, was in Eurem Gemüthe vorgeht, und daß Ihr Euch aus dem Danke heraus winden möchtet, wie der Lachs aus dem Fangnetze. Ich habe ſo etwas munkeln hören von Feind⸗ ſchaft zwiſchen Euch und ihm; aber hätte er Euch auch das Dach über dem Kopfe angezündet vordem, ſolch edel⸗ müthige Gutthat gleicht auch das Böſeſte aus in Reue und Erſatz, denn Ihr wäret ja nicht Vater mehr, nicht Großvater ohne ihn und ſein rechtſchaffen Gemüth.— Wollt Ihr hinüber fahren, ſo ſprecht den rechten Mann darum an, das geziemt ſich, und er hat ſolch Wort wohl verdient, und ich wette, er ſelbſt iſt der Erſte, der wie⸗ der mit uns fährt.— Ihr wiſſet das nicht! entgegnete verdüſtert der Wacht⸗ meiſter.— Es gibt Dinge, die man vergeſſen muß! ſiel 504 Daniel heſtig ein; vorzüglich wenn man ſo dicht über dem Waſſergrabe gehangen hat, wie Ihr. Vergäße der da oben uns nicht Vieles, wie würden wir beſtehen, wenn die große letzte Seebataille uns mit allen unſern Seg⸗ lern in die Luft ſprengt? Aber es gibt auch Dinge, die kein guter Menſch vergeſſen darf und wird.— Ich will mit ihm reden! antwortete der Alte haſtig.— Sie gin⸗ gen am Woſſerrande hinunter, einen Platz zu ſuchen, von wo ſie die zweite Fahrt am ſicherſten beginnen dürften, da trafen ſie auf mehre Bauern, die einen Leichnam aufs Gras zu ziehen bemühet waren, und der Wacht⸗ meiſter erkannte ſogleich die Leiche ſeines Schwiegerſoh⸗ nes und ſagte es dem Schiffer. Beide betrachteten eine Zeitlang traurig den entſtellten, aufgeſchwollenen Körper, den frühen Raub des nachtverſchleierten Waſſergeiſtes, dann ſprach Wallan halblaut und zu dem Seemann gewendet: Gottes Gericht trifft oft unerwartet und gräßlich. Dieſer war kein guter Sohn, kein guter Ehemann, und die letz⸗ ten acht Jahre hatten mir und dem frommen Kinde, das mir übrig blieb, manchen ſchweren Abend gebracht durch dieſen da. Nun iſt ſie Wittwe; und wenn ich heimgehe, wird ſie einen Schützer finden?— Daniel antwortete nicht, aber er nickte freundlich ſchmunzelnd mit dem Haupte; des Schiffers ſcharfe, im Maſtkorbe geübten Augen hat⸗ ten mehr geſehen und bemerkt in dieſen Tagen, als die Beachteten vermuthet. Wollan befahl, den Todten fort⸗ zutragen an das andere Ende des Dorfs, und für ſein Begräbniß zu ſorgen; denn der Tochter ſollte ſolch böſer Anblick erſpart bleiben. Nicht auf die zarteſte Weiſe brachte er dann die Trauerpoſt der Wittwe an, und ent⸗ wich hartherzig ihren rinnenden Thränen, ohne väterli⸗ chen Beiſtand zu bieten. Freilich ſchien Beta's Schmerz ——— kein zerſtörender zu ſein; Haarraufen und Verzweiflungs⸗ geberde war nicht dabei; nur die drei Kinder ſammelte ſie weinend in ihren Schoos, umfaßte ſie ſämmtlich und ſchluchzte: Wer wird von jetzt an euer Vater ſein, ihr ſchwachen Waiſen!— Da trat Beatus heran und neigte ſich über die Gruppe der Charitas. Herzliebe Frau, ſagte er mild, jammert nicht alſo. Weinet, wie es der Wittwe geziemt, aber für die Kleinen ſorget nicht. Das Trud⸗ chen iſt ja mein, hat mir's doch Gott geſendet, und es wird von Rechtswegen mein Erbe, der ich allein ſtehe in ſeiner ſchönen Welt; und wo das Trudchen ißt und trinkt, ſollen auch die Geſchwiſter Dach und Tiſch finden, tra⸗ gen ſie doch Alle Eure Mienen und keinen Zug—— Er verſtummte ſelbſt in ſeinen Gedanken, und Beta ant⸗ wortete mit einem Handdrucke und der halblauten Frage: Seid Ihr denn noch allein, Ihr guter Menſch?— die ein freundlicher Blick begleitete, der mitten in den fallen⸗ den Thränentropfen einem Sonnenblicke im Gewitterſchauer glich, welcher ſtets Segen verkündigt.— Der gewünſchten Hinfahrt des Wachtmeiſters ſtand kein Hinderniß im Wege. Man ſah ſeiner Bitte um den Kahn freilich eine Art von Zwang an, jedoch um ſo eif⸗ riger trat Beatus mit ſeiner Meinung dem Wunſche des Vaters bei, und verſprach ſelbſt, auch dieſe Waſſerfahrt zu leiten. Der Uhlan, welcher die Schweſter des Peter Buſch gerettet, und noch ein Bauernburſch, welcher von Nienkop auf einem Ackergaule durchgeſchwommen, ſchloſ⸗ ſen ſich an die Drei, und nach dem Mittagsbrod ließen ſie wiederum an einer tiefen Stelle den Kahn in das Waſſer, verſahen ſich mit tüchtigen Stangen und Rudern, 506 da die kleine Reiſe wegen mancher Plätze, die jetzt ſeicht geworden, nicht gefahrloſer erſchien, und fuhren friſch⸗ weg hinüber. Mehre Male ſaß der Nachen feſt auf überſchwemmten Hügeln, jedoch die vereinte Kraft von zehn Armen arbeitete ihn immer glücklich los, und bald näherten ſie ſich dem geſuchten Ziele. Das Waſſer ſtand nur noch in dem unterſten Stock, der obere Raum des Hauſes war frei geworden. War mir doch, als hätte ich ſoeben einen weißen Kit⸗ tel in der Bodenthür flimmern geſehen, ſagte da Beatus zu den Andern; ſeht, da bewegt ſich's wieder; das war ein Arm im Hemdsärmel.— Mordelement! fluchte der Wachtmeiſter. So habe ich recht geahnet; wußte ich doch ſelbſt ſo eigentlich nicht, was mich zu Hauſe trieb. Aber laßt uns mäuschenſtill ſein. Nicht geplappert! Nicht gemuckſet! commandirte der alte Hammerſtein bei Menin unter dem dunkeln Thore. Das iſt Raubgeſindel, und an den höchſten Galgen gehören die, welche das Un⸗ glück beſtehlen.— Schweigend ſchwammen ſie dem Hauſe zu, nur von den Stößen der Stangen ohne rauſchenden Ruderſchlag getrieben, und als ſie jetzt das Schiff zum Thorwege wandten, flüſterte der Matroſe Daniel dem Huſaren zu: Sehet hin, da liegen zwei Kähne an der Linde; der eine iſt wahrlich ſchon bepackt, denn Kiſten und Packen ſchauen heraus. Ich kenne den Schiffbau; das find keine Hannoveraner; Blankeneſer Schiffervolk iſt es, verwegene Waſſerratten, wie die Seeräuber auf Cuba, ſcheuen keine Gefahr, wo es etwas zu erwiſchen gibt, und über den breiten Elbſtrom, mitten durch die Deich⸗ brüche hindurch hat ſie der Diebesſinn geführt. Haltet nur Eure Fäuſte in Bereitſchaft, denn da zwei Fahr⸗ zeuge da liegen, ſo könnte die Mehrzahl gegen uns — „ 507 ſehen, und ohne tüchtige Püffe geht es nicht ab, das glaubt mir.— Der alte erfahrene Schiffsmann hatte Recht gehabt. Der Wachtmeiſter ließ den Nachen dicht unter ſeines Hauſes Bodenthür anlegen, und unterdeß das Schiff be⸗ feſtigt wurde, ſchwang er ſich wie in eine Feſtungsbreſche mit einem breiten Ruder in der Fauſt in die Oeffnung, wohin ihm die Uebrigen roſch folgten, den Knecht aus⸗ genommen, den der vorſichtige Daniel zur Wache im Boote beorderte, und Alle waren auf dem weiten Boden⸗ raume geſammelt, ehe die Räuber, welche mit heißer Gier in geglaubter Sicherheit unten die verlaſſenen Kiſten und Schränke erbrachen und ausräumten, nur eine Idee von der plötzlichen Störung ihres heilloſen Geſchäfts haben konnten. Durch Winke und Zeichen ordnete noch der Wacht⸗ meiſter, der die Hausgelegenheit am beſten kannte, den beſchloſſenen Angriff an, um die Böſewichter möglichſt ſicher und raſch zu fangen; da trug ein ſtämmiger, ſchwarz⸗ haariger Kerl ein Käſtchen die Leitertreppe zum Boden herauf, und als ſein erſter Blick die unwillkommene Ge⸗ ſellſchaft gewahrte, ließ er das Käſichen hinab rollen, ſchwang ſich gewandt mit Blitzesſchnelle vollends hinauf, indeß ſein ſchallender Ruf: Hallob, Geſellen, Alle herauf aus dem Raume aufs Deck! Die Landhammel ſind da! — in das Unterhaus hinab dröhnte. Der Wachtmeiſter ſprang vor, um ihn mit einem derben Stoße wieder da⸗ hin hinabzuwerfen, von wo er kam; aber ein Fauftſchlag des Räubers, gegen des Greiſes Bruſt geführt, achtem dieſen taumeln, und im Augenblick erſchienen, wie aus dem Fußboden gezaubert, ſünf andere Geſellen oben, lau⸗ ter gräßliche, ſchmutzige Burſchen, mit ſonnverbrannten Geſichtern, entblößten Armen, nackter, brhaarter Brußt, 508 in den Händen breite Meſſer zückend, und damit in den Lüften fechtend, indem ſie zugleich ein rauhes Schlacht⸗ gebrüll anſtimmten. Was thut ihr hier auf fremdem Eigenthume? rief ſie Beatus hart an. Wer gab euch Recht, zu plündern und zu rauben, wo das Wetter faſt Alles nahm und des Elends genug iſt? Denn eure Manier deutet nicht an, daß ihr in guter Abſicht kamet, zu retten, und das Eigen⸗ thum für die Herren zu beſchützen.— Einſtimmig brach die Rotte in ein wüſtes Gelächter aus. Was das Waſ⸗ ſer bedeckte, iſt vogelfrei und Gemeingut; antwortete höh⸗ niſch der Furchtbarſte von den ſechs Corſaren. Strand⸗ recht ſoll hier gelten, wie nach jedem Sturme; denn ſchmeckt nur nach dem Waſſer, ſo werdet ihr das Nord⸗ ſeeſalz ſchon herauskoſten, und zur See reſpektiren Un⸗ ſeresgleichen kein S was auf dem Salzwaſſer verlaſſen ſchwimmt. So werde ich Dir: Reſpekt bhen Du diebiſches Großmaul! zürnte der Wachtmeiſter auf mit Jünglings⸗ feuer, und ſein kraftvoller Ruderſchlag traf den höhni⸗ ſchen Vorſprecher ſo ſicher, daß er brüllend und mit blu⸗ tigem Geſichte rücklings niederſchlug. Der Schlag wurde ein Zeichen zum allgemeinen Handgemenge; die fremden Geſellen hatten von der Erde aufgegriffen, was ſie an Knitteln und Wagenſchwengeln vorfanden, und hier und drüben krachten tüchtige Streiche, doch war die Fechtkunde der drei Soldaten und die Gewandtheit des Matroſen Gegengewicht genug gegen die rohe Schlägermanier der fünf Raubgenoſſen. Beatus, welcher zwei derſelben auf ſich gelockt hatte, fühlte ſchon einen Meſſerſtich in ſeiner Seite, als er den alten, erſchöpften Wallan von einem grimmigen Kerl 509 bedrängt ſah, der ſoeben ſeine Eichenkeule nach des Grei⸗ ſes grauem Haupte ſchwang. Ohne an fich zu denken, warf er ſich zwiſchen das ungleiche Paar, und ſein Ru⸗ derſchlag traf lähmend den gehobenen Mörderarm. Da fiel aber von hinten ein Schlag auf ſein Haupt, der ihn ſogleich beſinnungslos niederwarf auf das Heu. Mord! Mord! brüllte der Uhlan, welcher es ſah; keinen Par⸗ don mehr!— und warf den Burſchen, mit dem er rang, zur Bodenthür hinaus in den Hof. Mord! Mord! ſchrie drunten der Knecht im Kahne nach, und als die Räuber die Stimme draußen hörten, mußten ſie einen angekom⸗ menen Succurs der Rächer vermuthen, denn plötzlich von paniſchem Schreck gefaßt, machten ſie ſich los aus dem Kampfe, und wo ſie nur eine Oeffnung im Dache fanden, da ſprangen ſie hinaus und plumpten nieder in das Waſ⸗ ſer. Der umſichtige Knecht unten hatte längſt das bepackte der feindlichen Boote zu dem Kranzer Kahne gezogen, und daran feſt gemacht, das leere hingegen gelöſet und in das Waſſer hinausgeſtoßen. Der Uhlan ſah noch aus der Bodenthür, wie die Fremden gleich ſchlanken Aalen durch die Fluten dem Boote nachſchwammen, das in der Strbmung ſchon vom Hofe trieb, dann ſich hineinſchwan⸗ gen, und als ſie Alle aufgenommen, ſchnell, als hätten ſie Segel vor dem Winde, davon ruderten.— In Da⸗ niels Armen lag Beatus, und der Wachtmeiſter trug ängſtlich Woſſer herzu, den Ohnmächtigen damit zu er⸗ wecken. Es gelang; mit einem tiefen Seufzer ſchlug er die Augen auf, aber zugleich rann das Blut aus der geöffneten Seitenwunde über die Hand des Seemannes, und doppelte die Beſorgniß der Freunde um das Leben des Allergetreueſten. Der alte Wollan ſtieg zu ſeiner Kammer hinab, fand glücklich im Wandſchränkchen Alles, 510 was zum Verbande nöthig, und was er als erfahrener Thierarzt und Rathgeber des Dorfs dort immer verwahrte, und war ſchnell damit wieder oben, wo die Andern unter⸗ deß dem Verwundeten die Kleider behutſam gelöſet hat⸗ ten. Der Meſſerſtich war breit und tief, jedoch ſchien kein Lebensorgan verletzt, und indeß der geſchickte Daniel kunſtgerecht den Verband legte, ſah Beatus, den Schmerz nicht achtend, freundlich mit ſeinen mattglänzenden Augen umher, und vat nur um Beſchleunigung der Heimkehr, indem er hinzuſetzte: Sollte ich ſterben müſſen, muß ich doch noch zuvor zwei liebe Augen neben meinem Todes⸗ lager ſehen und von ihnen Abſchied nehmen.— Der Wachtmeiſter ſah zwar noch immer recht düſter auf den Liegenden hin, jedoch reichte er ihm die Hand und drückte ſie recht feſt wie in ſtummer Zuſage um die kalten Fin⸗ ger des Verwundeten. Die Heimkehr wurde jetzt ſo ſehr nur möglich be⸗ ſchleunigt. Man knüpfte das erbeutete Boot hinten an den Kranzer Nachen, und belud es mit allen Habſelig⸗ keiten des Wollan'ſchen Hauſes, die nur irgend Werth hatten. Durch die Piraten war die Hälfte der Arbeit erleichtert worden, denn das Meiſte lag ſchon in Bündel zuſammengeſchnürt auf den Fußböden umher. Von wei⸗ chem Heu und einigen Bettſtücken bereiteten ſie dem Bleſ⸗ firten ein bequemes Lager im Kahne und ließen ihn ſelbſt vorſichtig und ſorgſam hinab. Erſt dann, als ſie ſich mit dem Verſchließen und Verrammeln der Zimmer und des Hauſes beſchäftigten, gedachte der alte Wollan des grimmigen Menſchen, der als Anführer der Räuber auf⸗ getreten war, und den ſein Ruderſchlag ſo woblgetroffen zuerſt zu Boden warf. Aber umſonſt ſahen ſie ſich nach dem Todtgewähnten um; eine Blutſpur fand ſich auf der 511 Leitertreppe, wahrſcheinlich hatte er ſich während der Schlägerei dort hinabgewälzt, hielt ſich entweder irgend⸗ wo verrſteckt, oder hatte zum untern Fenſter hinaus die Flucht verſucht und war ertrunken. Man traf ihn nir⸗ gend, und hat auch ſpäterhin nichts von ihm vernommen. Die Rückreiſe geſchah ohne Unfall; aber der allge⸗ meine Jammer, die rührende Theilnahme, welche alle Kranzer äußerten, als der kranke Huſar aus dem Schiffe getragen wurde, war das gültigſte Zeugniß für den Cha⸗ rakter und den Lebenswandel deſſen, dem ſie galten. Von Beta's Empfindungen wollen wir ſchweigen; das Schick⸗ ſal ſchien ſeinen Unwillen an ihr erſchöpfen zu wollen, und das Härteſte war dabei, daß das tieſſte, innigſte Gefühl ſich vergraben mußte in ihr, ohne lindernde, laute Aeußerung, und daß das Benehmen ihres Vaters, der bleichen Angeſichts und ohne ſeit der Rückkehr irgend ein Wort zu reden im Hauſe und im Garten, wie ein unſtä⸗ ter Geiſt, umher ging, die Eingeſchüchterte, die von je gewohnt war, ſich nur als ſeine Magd zu betrachten, zu noch tieferem Stillſchweigen verdammte. Aber Beatus fühlte an ihrer Sorgfalt, an der ängſt⸗ lichen Achtſamkeit, mit welcher ſie ſein Krankenbett be⸗ wachte, an tauſend kleinen Aufmerkſamkeiten, die nur ſolche liebe Samariterinnen zu geben wiſſen, wie werth er der Geliebten ſein mußte, und Fieberglut und Schmerz konnten ſeiner Seele nicht die ſtillen Freuden rauben, mit denen jede Stunde der thatloſen Woche ihn beſchenkte. Wenn ſie dem Dürſtenden den Trank reichte, und vor⸗ per mit dem zarten Munde koſtete, ob das Getränk nicht zu kühl ſei, ſo war ihm, als ſöge er von dem Rande 512 des Glaſes ihren Brautkuß ein; wenn ſie die kleine Hand auf ſeine brennende Stirn legte, nachzufühlen, ob der kühlende Umſchlag erneuert werden müſſe, ſo ſchien er die Hand eines ſegnenden Engels zu fühlen, und ſaß ſie in dem Wahn, er ſchliefe, vor ſeinem Bett mit dem rofi⸗ gen Säugling an der Schneebruſt, ſo wurde ſie ihm ein heiliges Marienbild, und ſeine Fieberträume wandelten ſich in beſeligende Phantaſien der glücklichſten Zukunft. Der alte Wachtmeiſter mußte einige Tage abweſend ſein, um den Gerichten den Vorfall mit dem räuberiſchen Schiffervolke anzuzeigen. Die Behörden hatten auch ſo⸗ fort militäriſche Patrouillen angeordnet, welche bei Tag und Nacht in Kähnen die überſchwemmten Ortſchaften zu viſitiren befehligt waren, und die Unterthanen vor ähn⸗ lichen Befährdungen des gebliebenen Eigenthums ſicher ſtellten.— Als Wallan wiederkehrte, fand er den Huſaren ſchon gebeſſert und im Sorgeſtuhle ſitzen, einem wackern Fami⸗ lienvater gleich, von allen denen umgeben, die ihm für Leben und Schutz in der allgemeinen Noth dankbar ver⸗ pflichtet ſein mußten. Dicht vor ihn hin trat der Alte, reichte ihm die Rechte und zeigte einen ſo veränderten Ausdruck auf dem charak⸗ tervollen Geſichte und eine ſolche Lebendigkeit, daß die ganze Familie ihn ſtaunend anſtarrte. Beatus, ſprach er herzlich, ich komme, um Deine Verzeihung zu bitten. Ich hege jetzt keinen Zweifel mehr an Deiner Rechtſchaf⸗ fenheit. Laß uns vergeſſen, und grolle dem alten Brumm⸗ bären nicht, der vielleicht gar Vieles dort oben zu ver⸗ antworten hat, weil die ſchwarze Galle ſeines Gemüths ihm Alles ſchwarz erſcheinen ließ. Du haſt Dein Erb⸗ theil mit Deinem Blute begoſſen, wie ein Soldat Dir 513 gewonnen, und wäre das Vermächtniß der Söhne noch vorhanden, ich würde es ſogleich unterſchreiben, wie Jene, die Dich erkannt hatten, würde als Leibzüchter Dir das Erbe überantworten, denn ich wüßte es in keine beſſere Hand zu geben, und Du würdeſt ein ſo ſicherer Verwal⸗ ter werden, wie der im Evangelio, bis die Kleinen da es einſt gebrauchen könnten.— S Beatus konnte vor Ueberraſchung und frohem Erſtau⸗ nen nicht antworten. Auf Beta's Geſicht ſtieg aber ein hohes Roth der Entzückung, und ſie zerriß einige Fäden an ihrem Mieder, und zog ein feingefaltet Papier aus dem Leinenfutter hervor. Das Teſtament ging nicht ver⸗ loren, ſagte ſie, verſchämt das Blatt entfaltend; hier iſt es, wenn Ihr unterſchreiben wollt, Vater. Ich dachte immer, es könnte noch nützen, und hegte es als ein An⸗ gedenken des ſeligen Konrad. Ob das allein Dein Grund war, mag Dein Beicht⸗ vater unterſuchen, antwortete der Wachtmeißter in nie an ihm bemerkter Laune; wenn indeß die Sachen ſo ſte⸗ hen, iſt mein Entſchluß noch weniger eine Sünde gegen die Enkelchen da, und ich nenne den Mann, der für uns Alle ſein Leben aufs Spiel ſetzte, ohne Zaudern Sohn. Ob er es noch wahrhaftiger werden wird, mag die Zeit lehren und Gottes Fügung beſtimmen.— Beatus drückte des Vaters Rechte und Beta's Linke zugleich gegen ſeine hoch pochende Bruſt, und in dem Gegendruck der Frauenhand ward ihm ausgeſprochen, daß die Tochter den Vater verſtanden hatte und kein Wider⸗ ſpruch von den frommen Lippen der ſtets Gehorſamen zu fürchten war.— Blumenhagen. Rl. 33 — ——— 514 Als die Trauerzeit der Wittwe verfloſſen, als ſie zum erſten Male wieder in bunter Tracht und mit dem wei⸗ ßen, turbanähnlichen Kopftuche ihrer Landsmänninnen umherging, als der luſtige Brautbitter, mit bunten Sei⸗ denbändern geputzt, vom Hofe galoppirte, und Beatus zu Nienkop mit der Braut neben den drei weißen Stei⸗ nen ſtand, welche die Flut umgeworfen hatte, da um⸗ faßte er zum erſten Male mit der Dreiſtigkeit und In⸗ brunſt belohnter Liebe die ſchöne Frau. Den glühenden Blick in ihre Taubenaugen ſenkend, ſagte er da: Hier war es, Beta, wo ich gelobte. Sprich, habe ich mein Gelübde redlich gehalten?— Mehr als redlich, antwortete die Erröthende. Gott ſah es und Gott wird es lohnen, denn hier unten gibt es keine Zahlung für ſolche Treue. Aber auch ich brach mein Verſprechen nicht; acht Jahre hatten Dein Ange⸗ denken nicht vertrieben, und in der Todesnoth wareſt Du mein erſter Gedanke, und Du wäreſt auch mein letzter geweſen. Aber Ihr Männer ſeid glücklicher, als wir; ich mußte dem vierten Gebote gehorchen, und acht Jahre des Frohndienſtes und aller Leiden voll, die Niemand ſah, Niemand mit Troſt begoß, mögen Deinen langen Gram um mich aufwiegen.— Die Leiden find verſchwemmt mit der großen Sünd⸗ flut, und nicht mehr da geweſen für uns. Wie die grüne Ernte da wieder aufſchießt aus den lange verödeten Fel⸗ dern, wie das junge Vieh dort wieder blöckt auf den ſo lange leeren Wieſen, wie überall die neuen rothen Dä⸗ cher ſich erheben aus den Trümmern, ſo iſt auch unſer Glück neu geboren im Verderben, und hätte ohne jene entſetzliche Nacht nimmer das Licht geſehen. O es ſei uns doppelt lieb darum, es ſei uns Warnung, daß nie ₰ 515 der Menſch verzweifeln darf, denn Gottes Wege find wunderbarlich, und kein Kurzſichtiger ſollte freveln, wenn der Himmel Wünſche verſagt oder Träume des Sterbli⸗ chen zerftört.— Beta legte ſich recht feſt an des hoch⸗ herzigen Mannes Bruſt, als wollte ſie ſagen: Hier iſt Sicherheit, und mein Leben iſt forthin ohne Furcht!— Daß die Hochzeit der beiden Glücklichen erfolgte, ſo wie der Hof und das Wollan'ſche Haus völlig ausge⸗ trocknet und gereinigt waren, daß der Huſar am Altar in der wieder ausgepackten Uniform und mit ſeinem hell⸗ blauen Guelfenbande im Knopfloch erſchien, und wie er ein Muſter eines Stieſvaters wurde und treue Liebe die Beiden beſeligte, bedarf der weitern Erzählung nicht. Es iſt nur noch hinzuzufügen, daß Beatus dem ehrlichen Daniel ſeinen kleinen Bauernhof für einen Spottpreis überließ und Sorge trug, daß ihm keine Bequemlichkeit in ſeinen alten Hageſtolztagen mangelte; daß der Wacht⸗ meiſter jetzt alle Anſtalten trifft, mit dem verkannten und anerkannten Sohne die große Reiſe nach Waterloo zu unternehmen; daß ferner der Meiſter Zimmermann auf den Rand des Rettungsbootes eine Inſchrift ſchnitzen mußte, die den Kindeskindern die Ereigniſſe der denkwür⸗ digſten Nacht in kurzen Worten vorerzählen ſollte, und daß das Schiff alsdann an der Vorderwand des Wallan⸗ ſchen Hauſes mit Ketten befeſtigt wurde, wo der Rei⸗ ſende es ſelbſt aufſuchen kann, ſollte er es der Mühe werth achten, nachzuforſchen, was von dieſer Erzählung der Wirklichkeit gehören möchte, und wie Vieles der Novelliſt etwa hinzugethan. Das darf der Verfaſſer indeß verſi⸗ chern, daß die Geſchichte des Vermächtniſſes ſo wenig ein Roman iſt, wie die unvergeßliche Schlacht bei Wa⸗ terloo und die Ueberſchwemmung jenes Februars, deſſen ————— 516 Gedächtniß in der vaterländiſchen Geſchichte ſo unver⸗ geßlich bleiben wird, wie die Erinnerung an die Wohl⸗ tyätigkeit eines edeln Fürſten und aller Landsleute jener Verunglückten, welche nie und nirgend ſchöner in das Leben trat.— ₰ — 2