—— 6——2——8—— Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — 7 * 4. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— f. „ — 0 *„„ S„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — — ————5——- *—————————— —— ——— ———— — Künſtlers Voſen- und Vornenkrone. —— Hiſtoriſche Erzählung. Blumenhagen. X. 1 Macht ein Ende, Freundchen, und foltert unſere Neubegier nicht länger! Die Novemberſonne ſtrahlet durch die Scheiben auf Eure Staffelei ſo klar und in ſo ungewöhnlicher Freundlichkeit, als wolle auch ſie ſich erfreuen an Eurem Meiſterwerke; und warum bedarf's überhaupt ſo vieler Vorbereitungen vor uns Zweien, da die gute Stadt Hannover nicht noch ein ſolches paar Leute aufzuweiſen hat, die Euch mit ſo beſonderer Nei⸗ gung zugethan. Zieht nur immer die blaue Decke fort; in mir wißt Ihr ja keinen neidiſchen Kunſtrichter oder geizigen Feilſcher für Eure Arbeit, aber einen Mann, der, durch die Bande der Wechſelachtung mit Euch ver⸗ bunden, gern Euer Glück fördern möchte; und hier, unſer trefflicher Meiſter Jeremias, iſt zwar ein Kunſt⸗ verwandter und darum vielleicht ein ſtrenger Richter, jedoch nennt Euch die Stadt nur die Zwillinge Kaſtor und Pollur, die am Himmel zugleich auf⸗ und nieder⸗ ſteigen, und ſo viel ich von Euch geſehen, ſeid Ihr enger verknüpft an Leib und Seele als jenes berühmte Freun⸗ despaar, der Damon und der Pythias, und was der eine erſchaffen, bleibt demnach dem andern als halbes Eigenthum. Darum Muth, Freund Erich! Der Künſtler arbeitet niemals für ſich allein, ſondern für Mit⸗ und Nachwelt, und hat höchſtens das Recht, ein Miniatur⸗ bildchen der Auserwählten im verſchloſſenen Schreine zu bewahren.— ———. —— ————— —— 4 Alſo ſprach der Stadtbauherr Dietrich Salge zu einem jungen Manne, der mitten in dem Zimmer eine große Staffelei hin⸗ und herrückte, und mit hochgeröthetem Geſichte den Fall des Lichtes auf den Teppich, der die⸗ ſelbe verhüllte, zu meſſen und abzuwägen ſchien. Faſt ungeduldig rückte Herr Dietrich dabei ſeine etwas derbe, breitſchulterige Figur auf dem Lehnſeſſel hin und her, und warf am Schluſſe der Anrede aus ſeinen vorliegen⸗ den, ſtieren Augen einen ſonderbaren und faſt zweideu⸗ tigen Blick auf den ebenfalls jugendlichen Nachbar, den Bildhauer Sutel, der ſich ruhig auf den Schemel des Malers niedergelaſſen und, mit einem angenehmen Lächeln auf dem feinen, faſt weiblich ſchönen Antlitze, dem Trei⸗ ben des Freundes geduldig zugeſehen. Zähmet Eure Ungeduld, verehrter Herr Senator, und ſtöret meinen Erich nicht! fiel der Bildhauer ihm ins Wort. Auch ich kenne die liebe Unruhe, welche in dieſem Augenblicke in unſeres Freundes Buſen ſtürmt, und ſein Herz auf⸗ und niederwogen macht, gerade ſo wie ein unzuverläſſiges Meer mit dem Boote eines einſamen Fiſchers ſpielt. Glaubt mir, nur ein Künſtler kann die Empfindung nachempfinden, welche den Meiſter ergreift, wenn er zum erſten Male ein vollendetes Werk, das Kind ſeiner ſchönſten, liebſten und geheimſten Stunden, fremden Augen preisgeben ſoll. Es iſt das ein gar ſchwerer Augenblick, der die feinſten Nerven anſpannt und fieberhaft zittern macht. Es iſt, als beginge man eine Sünde an dem Gebilde ſelbſt, mit dem man lange im heimlichſten Glücke gebuhlt, und das man jetzt un⸗ dankbar hinausſtoßen will unter eine fremde Welt, die ſeinen innerſten Werth nicht kennt, und vielleicht mit hämiſcher Krittelei durch den Tadel kleiner Gebrechen das — 5 gelungene Ganze zu beſchatten verſucht. Der wackere, beſcheidene Künſtler weiß recht gut, ob er hingeſtellt, was er gewollt, was ihm in ſeiner innerſten Seele vor⸗ geſchwebt; aber wenn ihm auch der Vorwurf gelungen, ihm die fertige Arbeit genügt, ſo ſchmiegt ſich doch an die Freude des letzten Pinſelſtrichs oder Meißelſchlages ſogleich die böſe Furcht vor dem fremden Blicke des erſten Beſchauers, denn wie Gott nicht ein Auge ſchuf wie das andere, ſo legte er auch in den Menſchenſinn ver⸗ ſchiedenen Geſchmack in Sachen der Kunſt, und daß der Künſtler ſeine Arbeiten für die fremde Welt fertigen muß, daß die fremde Hand allein ihm den Lorbeer zur Krone beugen kann, das eben iſt der Dorn an ſeiner Roſe, obgleich ohne dieſen Dorn der ſtachelnde Sporn zum Höchſten in der Kunſt ihm mangeln würde.— Der ijunge Maler trat raſch von ſeinem Bilde zu dem Sprechenden, beugte ſich zu ihm mit Haſt hinab, und umfaßte ihn mit Feuer und drückte ſeinen Mund feſt auf die freie, glatte Stirn des Freundes, ſo daß ſein dunkles, krauſes Haar ſich mit den langen, ſeidenblonden Locken des Bildhauers zu vermiſchen ſchien, und Erichs bräunliche Wange neben dem hellern Geſichte des andern, das ohne den kleinen Stutz⸗ und Lippenbart faſt jung⸗ fräulich hätte genannt werden können, in der ſchönen Erleuchtung einen ſchönen Contkaſt bildete. Ja, Du verſtehſt mein Herz ſo jetzt wie immer, ſagte er bewegt, und es däucht mir oft wunderbar, wie Du zu jedem Gefühle ſogleich den Ton und das Wort zu finden vermagſt. Miedeſt Du doch in der herrlichen Roma und dem galanten Florenz jede Geſellſchaft der lebendigen, an Wort und Mienenſpiel ſo reichen Italiener, wareſt nicht, wie ich, in dem magnifiken Wien, wo deutſche 6 Fürſten und ungariſche Magnaten ſich herabließen zu dem jungen Künſtler, und er der feinen, geſelligen Rede gewohnt wurde,— und doch biſt Du mir weit voraus in den Farbenmiſchungen und Schattirungen der Sprache, und ich habe ſchon oft Dich darum beneidet. Vielleicht darf ich es ein ſeltenes Glück nennen, daß gerade Du mein Buſenfreund wurdeſt, der Du beides verſtehſt, den groben, harten Stein warm und weich zu machen unter Deinem Meißel, und das Menſchenherz durch den ſanften Hauch der Lippen zu beſtechen und zu gewinnen; vielleicht bedarf ich Dein als Dollmetſcher, wenn mir einmal die Sprache gefriert im Augenblicke der Entſcheidung. Und deßhalb ſoll nun keinen Augenblick länger meine geheime Arbeit Dir verborgen bleiben, mag auch Dein Tadel meine ſchönſten Hoffnungen trüben und zu Schanden machen.— Und ſo trat der Maler mit Heftigkeit wieder zu der Staffelei, riß in einem Zuge den Vorhang fort, und enthüllte das in dem glänzendſten Farbenſpiele ſtrahlende, große Bild. Eine tiefe Stille trat ein; alle drei Anweſende hatten die Augen ſtarr auf den erſchienenen Gegenſtand geheftet, ſichtlich alle drei in verſchiedenen Empfindungen. Das Gemälde ſtellte die heilige Cäcilia dar. In einem voll⸗ blühenden Roſengebüſch kniete die Jungfrau, ihre goldene Harfe im Arm, ſelbſt die üppigſte und reichſte Blume des Gartens. Das runde, tiefblaue Augenpaar hob ſich zum Himmel in ſeligſter Entzückung; dunkle, ſchwere Locken ringelten ſich um den Liliennacken; die halbent⸗ blößte Bruſt ſchien ſich, gepreßt vom innern Herzſchlage, zu heben; die feinen Finger rührten die Saiten, und eine Menge zarter Engelsköpfe bildeten einen lebendigen — — B Bogen um die Hauptfigur, lächelten aus dem Wolken⸗ kranze herunter und drängten ſich, wie neugierig lau⸗ ſchend, durch die Zweige des Roſenſtrauchs. Auf des Malers Antlitz malte ſich ein ſtolzer, unverſchleierter Triumph, je länger ſein dunkles Auge am eigenen Werke hing. Der junge Bildhauer ſchien ſeltſam überraſcht; wie die Schamröthe einer Jungfrau, die man im Nacht⸗ kleide ertappt, ſtieg ein hohes Roth über ſein Geſicht bis zur Stirn hinan, und auch ſeine lichtblauen Augen leuchteten heller; doch die Blicke zuckten hin und her auf dem Bilde, wie in Scheu und Ungewißheit; der Bauherr Salge ſtarrte mit weitaufgeriſſenen Augenliedern, und mit grinſender Freundlichkeit auf den breiten Wangen, lachte er laut auf und ſchlug beide Hände mehrmals klatſchend zuſammen, ſo daß der Maler ſich faſt erſchreckt zu ihm drehete, unſicher, ob er Spott oder Beifall in dem derben Benehmen ſuchen ſollte. Bravo! Braviſſimo! überſetzte jedoch ſchnell Herr Dietrich ſeine Action. Freundchen, das iſt ein Meiſter⸗ ſtück, wie es die ganze Hildeſia nicht aufzuweiſen hat. Das iſt ein wahrer Leckerbiſſen für den Kunſtgeſchmack des hochwürdigſten Herrn, und ich verſpreche Euch zum voraus, die breitſten Hände des derbſten Grobſchmieds unſerer Stadt werden die blanken Goldgülden nicht faſſen können, welche der Beſteller dafür mit Freuden zahlen wird.— Seid Ihr zufrieden? fragte mit Eitelkeit der Maler. Euer Urtheil gilt mir vor Allen, ſetzte er aber ſogleich ſchmeichelnd hinzu, denn Ihr ſeid ja der Meiſter in der Mutterkunſt, Ihr ſtellt Tempel und Paläſte hin, wir bringen nur den einzelnen, geringen Schmuck zu Euren gigantiſchen Himmelsbauten.— Und Ihr ſagt nichts, Meiſter Sutel? fiel ihm der ſich aufblähende Architekt in das wohlaufgenommene Wort. Es macht doch nicht der Neid Euch verſtummen? Frei⸗ lich mangelt den Gebilden Eurer Kunſt das beſtechende Regenbogenſpiel des gebrochenen Lichtſtrahls, das Kolorit, der Glanz des Karmins und der Metalle, die Inkarnation und die Seele des Auges. Weiß und todt ſtehen Eure Statuen da, und geben nür Umriſſe des Menſchenbildes, und bleiben kalt vor dem Beſchauer, gleich gefrorenen Leichen. Es iſt zu verwundern, wie Ihr nicht auch Maler geworden, gleich dem Freunde, da Euch doch auch die warme Sonne Italiens beſchienen hat.— Ein Lächeln verlieblichte noch das Antlitz des Bild⸗ hauers. Kennet ihr die Fabel vom Pygmalion, verehrter Herr? fragte er ſanft. Seine Statue ward lebendig, als er liebend und betend kniete vor dem eigenen Werke. Aber man muß ein Phgmalion ſein, um in das Auge des Marmors aus dem eigenen Auge den lebendigen Geiſt hinüber zu ſtrömen.— Erich! ſetzte er dann wär⸗ mer hinzu, und ergriff aufſtehend mit innerer Bewegung des Freundes Hand, Deine Seele war in Deinen Fingern, indem Du den Pinſel führteſt zu dieſem Bilde. Du haſt die Wahrheit der römiſchen Schule, die Keckheit der Florentiniſchen, mit der Anmuth und dem Reichthume der Bologneſiſchen Schule wunderbar zu verſchmelzen gewußt. O ſtänden unſer ſchwärmeriſcher Caracci, und der ſtrenge Domenichino und der weiche Guido hier, wie ich, ſie würden Dich herzen als ihren trefflichſten Schüler. Doch das Seltſamſte dabei iſt, daß mir es vorkommt, als wäre dieſes Bild nicht Dein, ſondern mein Werk, als hätteſt Du es geſchöpft aus den Tiefen meiner Phan⸗ tafie, als wäre dieſe Heilige aus meinen Träumen zu Dir hinübergeſchwebt, und Deine ſtärkere Hand yätte helfend die Entfliehende auf die Leinwand gebannt und dort gefeſſelt. Das iſt wunderbar, wahrlich ſehr wun⸗ derbar!— Und noch wunderbarer iſt die unverſtändliche Faſelei, mit der Ihr des Freundes Meiſterſtück bewillkommt, murrte unwillig Herr Dieterich; das Erſtaunen über unſeres jungen Apollo's Triumph muß Euch trunken oder ſinn⸗ verwirrt gemacht haben. Es hat mir immer nicht gefallen, daß nichts Männliches aus Euch ſprach und handelte, wie man es doch an einem ſogenannten Nachtreter des derben Michael Angelo vermuthen ſollte; aber ſo jung⸗ fernhaft, wie heute, ſah ich Euch noch nie. Doch, warum ärgern wir uns über Eure Unverbeſſerlichkeit, und ſtören den ſeltenen Genuß. Mein Erich, Dir den Glückwunſch! und ſorge jetzt gleich für die Kiſte, in welche der Schatz verpackt werden muß.— Nicht alſo, mein lieber Herr! antwortete der Maler; es hat Zeit damit; denn zuerſt fehlt noch hie und da das Gold und die Lazur und der Firniß, welche die Augen des geringern Beſchauers beſtechen müſſen, und für's Zweite will doch auch der Vater ſein Theil Vergnügen am Kinde haben, und einige Wochen dahlen mit ihm, ehe er es in die Fremde entläßt. Schreibet dem Herrn Biſchof Euer Urtheil über meine Arbeit, des Weitere findet ſich dann wohl.— Alſo fort von hier, und gar in die fremde Biſchofs⸗ ſtadt ſoll Dein Bild? fragte Jeremias traurig. Schade darum! Ich meinte, wir Beide wären mit gleichem Willen heimgekehrt, zuſammen die liebe Vaterſtadt zu zieren mit dem, was wir draußen erlernt, da ſie überdies ſol⸗ ches ſo ſehr bedarf, und obwohl reich an vollen Speichern —————————— 2—— 2 g 10 und überfüllten Kramläden, der höhern Blüten entbehrt, und darum allen Nachbarſtädten nachſteht. Iſt mir doch, als ſei es eine Schuldigkeit, der Heimath die den Künſt⸗ ler groß gepflegt, auch die ſchönſten Kräfte zu widmen,— ihr und ſich ſelbſt zum Ruhm, wie ein getreuer Sohn.— Vaterſtadt? Heimath? ſpöttelte Herr Salge. Seid ihr doch in Nordheim geboren und getauft, wenn ich nicht irre.— Ihr habt Recht, antwortete der Bildhauer mit Auf⸗ wallung, die kleine Stadt war meine Wiege, aber nicht ſchämen darf ich mich ihrer. Wißt Ihr doch ſo gut als ich, wie dieſe von Euch beſpöttelten Nordheimer erſt kürzlich Tilly's ſieggewohnte Soldateska abgeſchlagen, denen das mächtigere Göttingen nicht widerſtanden. Wißt Ihr doch, daß, wie ſie endlich, durch Hunger gezwungen, die Ka⸗ pitulation angenommen, der tapfere Graf Fürſtenberg ſie abziehen ließ mit Feldmuſik und fliegenden Fahnen, Kugeln im Munde und brennende Lunten in der Hand, und dazu ſie brave Krieger nannte, die verdient, unter dem kaiſerlichen Adler zu fechten. Aber trotz dem nenne ich Hannover meine Vaterſtadt. War es nicht hier, wo der ehrenwehrte Vorſtand und Altermann der Kaufmann⸗ Innung, der wohlthätige Herr Melchior Vasmar den zerlumpten Bettelbuben von der Straße in ſein Haus nahm, mich kleidete, mich pflegte, mich zur Schule hielt, und mir der rechte Vater wurde? War es nicht hier⸗ wo ich durch Fleiß und ſtrenge Arbeit vom Lernenden zum Lehrer der Stadtſchule hinaufſtieg? War es nicht hier, wo der Vater Vasmar, meine Sehnſucht erkennend,* mich auf's Höchſte beglückte, als er mir Erlaubniß gab, die herrliche Italia ſelbſt zu ſehen, und das geheim gepflegte Talent dort auszubilden? Und war es nicht ——— Ü***=———— 1¹ hier, wo er den Heimgekehrten ausſtattete, zum eignen Herrn machte, Werkſtatt und Geräth ihm ſchenkte, und mich Verlaſſenen in Stand ſetzte, die einzige Schweſter aus dürftiger Dienſtbarkeit zu erlöſen, und dem from⸗ men Mädchen eine Freiſtatt zu geben und einen Ehren⸗ poſten, als Hausbeſchließerin des unwirthſchaftlichen Künſtlers?— O, wer ſo etwas vergäße, der wäre ſchlech⸗ ter als ein roher Marmorblock, und trüge nur ſeine Menſchenlarve wie eine Gottesläſterung. Nein, was ich bin, was ich leiſten kann, gehört der lieben Stadt Hannover; und reiſen keine Fremde nach den anſpruchs⸗ loſen Kunſtwerken, die ich ihr liefern möchte, ſo betrachtet doch vielleicht nach vielen Jahren ein ehrlicher Bürger, was ich zum Schmuck der Stadt hingeſtellt, erfreuet ſich daran, und zahlt mir den Lohn durch ſeine Erinnerung an mich. Sieh, mein Erich, darum ſtaunte ich vorhin, denn auch Du, dachte ich, würdeſt Dein erſtes Werk der Vaterſtadt als Opfer der Dankbarkeit gebracht haben, meinte feſt, es müßte ein Altarbild für unſere Kirchen, oder ein hiſtoriſches Wandbild für den Saal des Stadt⸗ hauſes geworden ſein. Mein Wunſch iſt unerfüllt ge⸗ blieben, und das betrübt mich faſt, denn Dein herr⸗ liches Gemälde da würde wohl keinen Platz in unſern lutheriſchen Kirchen ſuchen dürfen.— Unterſchrieben und beſiegelt, Freund Sutel! ertönte da eine ſonore Stimme im Hintergrunde des Zimmers. Iſt auch meine Meinung, ſeit ich das bunte Ding geſtern in Augenſchein genommen! Hatte ebenfalls ſo ein Stück aus der Paſſions⸗Geſchichte vermuthet, oder ein hanno⸗ verſches Kriegsſtück, etwa den Herzog Erich, mit ſeinem langen Heinz, wie er in der böhmiſchen Schlacht den Kaiſer Max auf's Roß ſalvirt, oder ein patriotiſches 12 Heldenbild, exempli gratia die brennenden Märtyrer in der Warte zu Dören. Doch die ernſte, deutſche Schule des Albrecht Dürer liegt hinter uns, und Sinnlichkeit und Blut regieren jetzt die Pinſel und reiben die Farben. Ein bärtiger Apoſtelkopf langweilt die jungen, bartloſen Meiſter; runde Arme, volle Waden und ſchweizeriſche Buſenfülle zaubern ſie aus befleckten Sinnenbildern auf die Leinwand hin, und ihre Phantaſie verſündigt ſich an Gott und der Kunſt dadurch; denn die ächte und fromme Kunſt ſoll den Herrn preiſen und dem Menſchen nützen, indem ſie ſeine Seele zu dem Herrn erhebt. Thut ſie das nicht, ſo iſt ſie das nicht, ſo iſt ſie eine Dienerin des Satanas und ſein Advokat auf Erden.— Es war der Kamerarius Meier, Erichs Vater, der ſolche geharniſchte Rede erklingen ließ. Unbemerkt war er eingetreten, und der lange, hagere Mann mit dem ſtrengen, faltenvollen Geſichte, und dem ſilbergrauen, ſchlichtgeſcheitelten, ehrwürdigen Haar hemmte durch ſein Erſcheinen plötzlich das lebhafte Kunſtgeſpräch, als wäre er der wahre und gefürchtete Richter in Apollo, der jeden Marſyas und Midas zittern zu machen ver⸗ ſtände. Ihr habt das Bild gewißlich belobt, Herr Salge? Ich meine Euren Geſchmack zu kennen; ſetzte der Alte ſpitz hinzu, mit ſeinen ſcharfen Augen den Bauherrn faſ⸗ ſend.— Ich meine, entgegnete dieſer ſchnell und in ge⸗ ſchmeidig grüßender Stellung, daß der Vater ſich preiſen darf, dem ein ſolcher Sohn geboren, zur Ehre und zum gerechten Stolze der Familie und ſeiner Stadt. Wenn unſere Aſche längſt der Winde Raub, wenn unſere All⸗ tagsarbeit längſt vergeſſen, wird Euer Sohn durch ſeine unſterblichen Bilder der Verweſung und Vergeßlichkeit 13 ſpotten dürfen. Aber der Herr Collega ſind ſchon im ſeidenen Mantel und Spitzenkragen, und das mahnt mich, auch mein Rathskleid anzulegen, um zu gehöriger Stunde der Sitzung beizuwohnen. Auf Wiederſehen, Freund Erich! Laßt Euch des Herrn Vaters hartes Wort nicht zu Herzen gehen; Männer maskiren gern die Rührung und die Freude unter rauher Decke. Er ergötzt ſich mehr an Euch, als wir Alle. Wollet Ihr mir aber heute eine zweite Freude bereiten, ſo ſeid Abends mein werther Gaſt im Rathskeller; friſcher Seefiſch iſt angekommen und lockerer Eidammer, zu dem ein Fläſch⸗ chen rheiniſchen Weines lieblich ſchmecken wird.— Mit einer Höflichkeit, die mit ſeiner derben Geſtalt wunderlich cpntraſtirte, drückte er Erichs Hand, empfahl ſich ceremoniös dem Kämmerer, und nahm ſeinen Abzug. Ein böſer Menſch! fuhr der alte Meier auf. Von außen eine kräftige, deutſche Natur, aber innen der gleißende Fuchs! Wie kommſt Du zu der engen Be⸗ kanntſchaft, die mir nicht anſteht?— In Wien nahm er ſich des Landsmannes an, ant⸗ wortete der Maler mit ſichtlicher Verlegenheit; er führte mich ein in die Galerien der Großen, gewann mir Kunſt⸗ gönner unter den reichſten Herrn der reichen Kaiſerſtadt. Soll ich ihm nicht dankbar ſein für dieſe uneigennützigen Dienſtleiſtungen?— Hüte Dich, Erich! ſprach der Kämmerer. Vor drei Jahren verbannte der hochweiſe Senat dieſen Mann aus der Stadt, wegen unpatriotiſcher, rebelliſcher Geſinnun⸗ gen. Nur Herzog Ulrichs Gnadenſpruch rief ihn zurück. Hüte Dich! Der Verführer geht umher wie ein brüllen⸗ der Leu. Dieſer Herr Dietrich Salge hängt nicht an unſerer Stadt, wie es ein getreuer Rathsverwandter ſoll. 14 Das Mißtrauen aller Mitbürger hat er auf ſich gezogen; er treibt Verkehr mit dem Feinde, der ſeit Jahren das Land ängſtigt und verwüſtet; ſeine Praktiken haben be⸗ wirkt, daß der furchtſame Adel und Senat nachgab, als unter Tilly's Schutz die Mönche, auf des Kaiſers Edikt ſich ſtützend, die kalenbergiſchen Klöſter wieder in Beſitz nahmen; und wahrlich, hielten wir ehrlichen Altväter ihm nicht die Stange, hätten längſt ſchon unſere Thore ſich dem kaiſerlichen Kriegsvolke geöffnet, und wir fänden die ſchlimmen Gäſte am Tiſch und im Bett. Hüte Dich, mein Sohn; die Jugend läßt ſich leicht bethören durch Prunkwort und Schmeichelrede; darum vergiß nie, daß der Künſtler nachſtehen muß dem treuen Bürger und dem guten Sohne, und daß vielleicht die nächſte Stunde Dir den zarten Pinſel aus der Hand wirft und das ge⸗ wichtige Bürgerſchwert hineindrückt. Kommt, Freund Sutel, mein Weg führt an Eurem Hauſe vorüber, und da trete ich vor und grüße mir die ehrſame Antonia. Ich bin ein alter Burſch, aber wenn mir die herzige Jungfrau vom Fenſter zugenickt, wird mir es leichter, durch die ftürmiſchen Sitzungen des Raths das Recht und die gute Sache zum Ziele zu ſteuern.— Jeremias folgte freundlich dem alten Herrn; Erich blieb allein zurück mit ſeinem Bilde, das er gedanken⸗ voll betrachtete mit immer mehr ſich verfinſternden Augen, und dann in haſtiger Bewegung wieder verhing, indem er zugleich den Fortgehenden einen Blick nachſandte, in deſſen Blitz ſich die Wetterſchwüle ſeiner Seele zu ent⸗ laden ſchien. Im Unterſchoß des netten Häuschens ihres Bruders ſaß Antonia Sutel, und nahm die zerſprungenen Saiten 15 von ihrer Harfe, und beſchäftigte ſich, die Lücken durch neue Drähte zu erſetzen. Aber die Arbeit ging dem ſonſt ſo geſchickten Mädchen nicht beſonders flink von der Hand. Das angenehme, wenn auch nicht gerade ſchöne Geſichtchen war mit einer eigenen Röthe bedeckt, die gleich einem Morgenroth, an dem der Frühwind leichtes Gewölk vorüber treibt, bald in höhern, bald in ſchwä⸗ chern Farben leuchtete, ja vom Kinn bis zur Stirn ihre Plätze wechſelte, und auf eine böſe, fiebernde Krankheit zu deuten ſchien, dem jedoch das mildleuchtende Auge und die geſunden Formen der Jungfrau Widerſpruch thaten. Jeremias trat langſam aus einer Nebenthür in das Zim⸗ mer, ging an der Schweſter vorüber, als ſähe er ſie nicht, öffnete den großen Wandſchrein, nahm Kleid, Mantel und Degen heraus, legte Alles auf den nächſten Seſſel, und begann, einem Nachtwandler in Haltung und Be⸗ nehmen ähnlich, ſeinen leinenen, beſtaubten Arbeitskittel und ſeinen Schurz abzuthun, und ſich umzukleiden. An⸗ tonia ſah ihm kurze Zeit verwundert zu, dann ſtand ſie auf, trat leiſe zu ihm und umfaßte ihn ſanft von hinten. Du hier? fragte aufgeſchreckt der Bildhauer und ſah mit ſtarrem Blick in ihre ſchimmernden Augen.— Wie iſt mir denn? fragte die Jungfran. Du kamſt ſo fröhlich aufgeregt nach Hauſe, brachteſt mir ein wahres Chriſtgeſchenk heim, Deine Wallung erlaubte Dir kaum, das Mittagsbrod in Ruhe zu genießen; eiligſt gingſt Du zur Werkſtatt, um die ſchöne Sonne des Tags zu benutzen, und kaum ein Halbſtündchen verfloß, und ganz umgewandelt kehrſt Du aus Deiner Kammer zurück!— Ein Cyriſtgeſchenk hätte ich Dir mitgebracht? Und welches? Hat doch meine Börſe nichts davon geſpürt! antwortete der Bruder.— 16 Fragſt Du noch? Und mein Herz liegt doch vor Dir, wie ein heller Born, und was aller Welt verſchloſſen geblieben, iſt Dein Eigenthum, des Zwillingsbruders, des väterlichen Wohlthäters Eigenthum, verſetzte die Jung⸗ frau traurig. Siehe, da war der gute alte Kämmerer vorbeigegangen, und war zum Fenſter getreten, und hatte mir die Hand hereingereicht. Wie beglückte mich der feſte Handdruck des redlichen Mannes! Iſt er doch Erichs Vater, Deines einzigen treuen Freundes Vater, und ift doch Dein Freund auch der Schweſter Freund geworden, und hat zuerſt die Träume einer ſchönern Zukunft in mir geweckt, hat mir die himmliſche Hoffnung gebracht, als die Dritte in Eurem heiligen Bunde, ſelbſt die Glücklichſte, Euch Beide zu beglücken, Euch Beiden mein armes Leben widmen zu dürfen, ohne Einem von Euch mehr oder minder zu geben. Mit dieſen Träumen eines ſtillen, beneidenswerthen Familienglücks ſitze ich und greife in meine Harfe; da trittſt Du ein, erzählſt von Erichs geheim vollendetem Bildniß, lobſt das Werk; es iſt eine heilige Cäcilia, die Patronin meiner Kunſt; Du blickſt mich bange an und meineſt, er habe meine Geſtalt, ſelbſt meine Haltung des Saitenſpiels auf der Leinwand kopirt; Deine Meinung macht mein Herz trunken in Wonne, denn er hat ja meiner gedacht mitten in den Entzückun⸗ gen und Weiheſtunden ſeiner ſchönen Kunſt; er hat dort in geheimer Nacht ausgeſprochen, was er mir ſchon lange angedeutet mit ſcheuem, ſittſamem Blick und Wort; wie ich im ſtillen Kämmerlein, hat auch er geträumt von mir, und nun, da Deine glückliche Antonia einen Feſttag feiert, und wie halb berauſcht vom ungewohnten Trank da ſitzt, ſtöret Dein finſterer Eintritt mein Freudenlied und zerreißt meinen Brautſchleier. Iſt das brüderlich, mein Jeremias 2 17 Der Bildhauer legte ſeinen Arm zärtlich um den ſchlan⸗ ken Leib der Schweſter, und wandte ſich mit milderm, faſt mitleidigen Blick zur Erhitzten. Gottes vollen Segen auf Dein reines Haupt! ſagte er mit wehmüthiger Herzlichkeit. Auch all mein künſtig Glück dazu; denn wer verdiente vollkommnere Glückſelig⸗ keit, als Du, mein frommes Kind? Auch ich kehrte be⸗ geiſtert von Erichs Staffelei, und trat arbeitsluſtig vor mein Gerüſt; denn was kann mehr anſpornen zum eige⸗ nen Werke, als der Blick auf ein fremdes Meiſterwerk? Aber ſo wie ich den Meißel anlegte an den unreinen, rauhen vaterländiſchen Stein, wie dann mein Auge über mein halbvollendet Werk hinſtreifte, entſchwand mir Muth und Luſt, und mit dem ſinkenden Armen ſank ein Trauer⸗ ſchleier vor meine Seele. O Schweſter, das Land mei⸗ ner Kunſt iſt nur dort, wo die Natur ſelbſt die Stoffe bietet in dem jungfräulichen Marmor ohne Ader und Riß, in dem Schmelz des Verte Antico und dem ernſten, blutſchattirten Porphir, wo die Wärme des Himmels die Sprödigkeit der Geſteins ſchmilzt, wo die Muſter zu idealen Geſtaltungen auf jeder Straße uns begegnen, jeder Lazarone das Modell eines Herkules, jeder Bettel⸗ bube das eines ſchelmiſchen Amors, jede Winzerin das Modell einer Ariädne darbeut. Dort nur kann der Bildner Meiſterwerke fertigen. So wie er die Grenze des geweiheten Landes überſchreitet, verläßt ihn die Kraft der myſtiſchen Weihe, der Einfluß des Nordens ergreift ihn ertödtend, und verzweifelnd fühlt er, daß er auf der Heimkehr den Meiſtermantel verlor und wieder Lehrling geworden. Beneidenswerth iſt Erichs Loos, die Farben ſind überall dieſelben, ſeine Phantaſie hemmt kein ſprin⸗ gender Sandſtein, keine zerſtörende Luft. Er iſt ein 2 Blumenhagen R.— — —————— — S— 18 reicher Erbe, und ihm darf die Kunſt nur eine Geliebte ſein und keine miterwerbende Hausfrau. Ein Grab⸗ ſtein iſt mein erſtes Werk im Vaterlande. Ich hätte es nicht übernehmen ſollen. Die Arbeit iſt voll trauri⸗ ger Vorbedeutung.— Bruder, lieber Bruder, ſo bewegt ſah ich Dich nie! fiel Antonia ein, ſich ängſtlich an den Bildhauer ſchmie⸗ gend. Und wie kannſt Du mein armes, furchtſames Herz ſo grauſamlich quälen? mußteſt Du denn nicht dem Wunſche Deines guten Pflegvaters Genüge leiſten?— Sich beſinnend ſtrich Jeremias die herabgefallenen, blonden Locken von der Stirn hinter die Ohren und holte, ſich erſtärkend und faſſend, tief Athem. Ja, an ihn ſollte ich denken, nichts als an ihn! ſprach er mit feſter Stimme. Meine Arbeit iſt ja das Opfer meiner Dankbarkeit, wenn ſie mich auch mit Ketten belaſtet, ſchwer wie jene des verurtheilten Prometheus, des un⸗ glückſeligen Himmelſtürmers. Uebel doch, daß der liebe Wohlthäter mich und meinen Ruhm ertödten wird durch das erſte Werk, das ich vor meinen Landsleuten aus⸗ ſtelle. O, wer nicht ſtand in jenen hohen Tempeln der Kunſt, nicht das Knie bog vor jenen unnachahmlichen Meiſterwerken der Götterſöhne, welche den Fels lebendig zu machen verſtanden, und den Stein zu weichem Sam⸗ metfleiſch wandelten, wie kann der kennen die Geſetze, deren kleinſte Uebertretung die göttliche Kunſt am Künſtler rächt ohne Gnade?— Habe ich mich doch auch gefügt in Herrn Vasmars Willen, habe ihn hingeſtellt in eigner Perſon neben die zwölf Söhne Jakobs, die den Vater in das Grab legen, als den dreizehnten, da er die ge⸗ fährliche Zahl nicht ſcheuete, mit der ich ſeinen Wunſch zurückzuſcheuchen verſuchte. Aber ſo oft ich nun vor mein 19 halbvollendet Werk trete, und mir der ehrſame, ſteinerne Handelsherr mit Mantel und Kragen neben dem Dutzend Söhnen Iſraels ins Auge ſpringt, ſo überfliegt eine Schamröthe mein Geſicht; es iſt mir, als ſtänden meine Lehrer, der ernſte Flamingo und der geniale Saraſſin, ſcheltend vor mir, und riefen mir zu, meine Pfuſcherei mit einem Hammerſchlage in Brocken und Staub zu wandeln. Und beim Himmel, ſelbſt der leichtfertige Theodon, der liebe Schwarzkopf, würde meinen zierlichen, adoptirten Sohn des Patriarchen mit lautem Spottge⸗ lächter begrüßen, obgleich das Bizarre zu ſeinen Lieb⸗ habereien gehörte.— Armer Bruder! ſeufzte Antonia. Ich verſtehe ſo eigentlich nichts von Deinen Klageworten; aber der Ton Deiner Stimme, die Geberde, die Du ihnen zugeſelleſt, ſagen mir, daß ein tiefes Weh in Dir reißt und ſchnei⸗ det, und ſchweſterlich fühle ich Deinen Schmerz auch in meiner Bruſt. Aber eine Arznei weiß ich für Dich. Meißele Du immerfort den Herrn Vasmar heraus mit⸗ ten unter den Kindern Jakobs, und denke bei jedem Hammerſchlage an ſein Töchterchen, die ſchöne Beatrix, die mir ſo wohl will, die Dir ſo zugethan iſt, und der Sporn und die Luſt wird Dir nicht fehlen bei einem Werke, das ihrem Vater Freude bereitet, und für das ſie vielleicht ſelbſt der Preis ſein könnte.— Lebhaft erhob der Bildhauer den Kopf, und hohes Inkarnat färbte ſeine bleichen Wangen. Darf ich hin⸗ aufſehen zu ihr, ich, der arme Meiſter? fragte er. Wie das Ideal dem Künſtler, bleibt ſie mir ewig unerreichbar, und träume ich ſie mir nahe und dicht vor meine aus⸗ gebreiteten Arme, ſchwebt ſie neckend fort in nebelichte Fernen. Aber gerade die holde, freundliche Beatrice iſt 20 heute mit die Urſache meiner Verſtimmung, die Urſache des Räthſels, welches mein Kopf nicht zu löſen weiß. Ich habe kein Geheimniß vor Dir, Du lagſt ja mit mir an einer Mutterbruſt, und theilteſt mit mir die Mutterthränen, welche der Mangel dem Auge entlockte, das uns zuerſt mit Liebe angeblickt. Du weißt, wie ich mit vielem Gelde den weißen Marmorblock herſchaffte von Italiens Küſte, wie ich Beatricens Büſte in der Geſtalt der jugendlichen Hebe daraus fertigte. Ebenfalls weißt Du auch, wie ich auf dem Grabmale, als ſymbo⸗ liſche Statuen, die Fides und die Spes angebracht, und in der Hoffnung die Geliebte, in dem Glauben das Bild der Schweſter zu verewigen trachtete. O Du weißt auch, wie ich zum ſchneeweißen Marmor, zu meiner Hebe flüchtete, wenn der graue Sandſtein mir Widerſtand leiſtete, und Beatricens Züge in den feinſten Schlägen ſich nur grob und unzart herausheben wollten. Jetzt ſah ich Erichs Cäcilia; auch er hat denſelben Vorwurf gewählt; auch er hat den Kopf ſeiner Heiligen der Jung⸗ frau meines Herzens entwandt, hat ihn ausgeſtattet mit allem Farbenſchmelz, mit jeder Ueppigkeit der beweglichen Tinten, und wenn ſie ſeine Arbeit und mein kaltes Werk vergleicht, werde ich wie ein Stümper daſtehen, und beſtochen vom bunten Glanz wird der Jeremias jämmer⸗ lich in ihrer Achtung ſinken.— Närriſcher Menſch, lachte jetzt Antonia, ſie liebt Dich und nicht Deine Steinbilder. In ihr Herz blickte ich tief, und Du darfſt mir glauben, wenn wir Mädchen lieben, ſehen wir nur den Mann; und ich weiß, ich hätte dem Erich gut werden müſſen, und hätte er nur als Stadtwappner dort gegenüber vor des Konſuls Thür im blauen Wammſe Schildwacht geſtanden.— 21 Aber warum griff Erichs Phantaſie ihr Bild auf? fragte der Bruder, wieder verdüſterter in Blick und Tone. Warum ſetzte er auf Deinen Leib ihren Kopf? Er hat ſich an Dich gedrängt, ſeit wir heim kamen aus der Fremde; er hat ſeine Freude gehabt, Dein Kumpan zu ſein auf jedem Feſte, das die Stadt dem Herzoge Ulrich, das die Stadt dem däniſchen Könige gab, als er zur Landesrettung gegen die Katholiſchen heranzog. Er hat Dich mit Liebe umſponnen, und mir die ſchöne Hoffnung geweckt, im Freunde den Schwager zu umarmen. Wer rechte Liebe im Herzen trägt, dem lebt nur das Bild der Erkorenen in Sinn und Seele, der möchte nur von ihr reden, nur ſchreiben von ihr, da nur ſie in allen ſeinen Gedanken waltet und die Königin aller ſeiner Träume iſt. Und nun gar der Künſtler! Warum findet ſich in Raphaels, in da Vinci's, in Giulio's weiblichen Himmelsgeſtalten, die wiederholte Aehnlichkeit? Und warum fehlt an Erichs Cäcilia Dein liebliches Angeſicht? Wie konnte er die tauſend feinen Pinſelſtriche an ein fremdes Antlitz verwenden, da Du in ſeiner Seele lebſt, und jeden Augenblick Dein Bild ihn irren mußte! Sieh, das iſt das Räthſel, was die Einſamkeit in meiner Werk⸗ ſtatt mir vorſprach, und mich beunruhigen wird, bis ich es gelöſet.— Biſt Du eiferſüchtig auf ſein Bild, oder auf ihn ſelbſt? lächelte Antonia. Oder biſt gar eiferſüchtig an meiner Statt? Was mich quälen könnte, quält Dich gar ſelt⸗ ſam. Und die Löſung liegt dem klugen Manne doch ſo nahe, daß das einfältige Mädchen ſich faſt ſchämet, ſie auszuſprechen. Liebt Dich der treue Erich denn nicht wie ein leiblicher Bruder? Hat er nicht vielleicht Deine Liebe, Dein ſtilles Geheimniß errathen in Deinem Thun — 22 und Treiben, obgleich Du ſie verſchwiegſt? Hat er Dir nicht vielleicht eine Freude machen wollen mit ſeinem Gemälde, und darum es Dir verborgen bis zur Vollen⸗ dung?— Und daß Du gar meineſt, er hätte mein all⸗ tägliches Geſichtchen auf die Leinwand pinſeln ſollen, nimm's mir nicht ungut, das finde ich weder klug, noch zart von Dir. Ich würde es ihm gar übel gedeutet haben, würde es Verrath geſcholten haben an meiner ſtillen, frommen Liebe, die er alſo vor den Leuten aus⸗ geſtellt. Ehrſame, deutſche Maler malten nur ihre Haus⸗ frauen, und haſt Du mir doch ſelbſt vom belobten Titian erzählt, daß er durch ſeine Porträts ſeine oft gewechſel⸗ ten Freundinnen und ſich ſelbſt dem Geſpötte preisgegeben, was er im hohen Alter, die jungen Künſtler oft ver⸗ warnend, ſchwer bereut. Darum rathe ich auch Dir, halte Deine Hebe, verſteckt bis nach Deinem Hochzeitstage; die Braut möchte Dir ſonſt ſchmollen, ehe ſie Dir den Ring gegeben.— Jeremias ſah gedankenvoll auf den Eſtrich nieder; da erklang die Hausglocke, raſche Schritte kamen zur Thür, Antonia eilte aus des Bruders Arm zur Harfe, und in die geöffnete Zimmerthür trat er ſelbſt, der viel⸗ beſprochene Maler. Hat Dir Dein linkes Ohr geklungen? fragte der Bildhauer, dem Freunde mit ſchnell erweckter Heiterkeit entgegentretend und ihm die Hand drückend. Geſpräch von Dir war unſer Nachtiſch, und Antonia's Zauber⸗ wort muß Dich hergebannt haben zu ſolch ungewöhnlicher Zeit.— Erichs Geſicht trug eine ſichtbare Unruhe, ſein Blick eine merkliche Scheu. Die Jungfrau, die mit mildem ſprechenden Auge ihn, ohne Wort und doch redend, 23 empfing, begrüßte er nur flüchtig. Der Tag iſt ſo ſchön, antwortete er mit Beklommenheit, das böſe Wetter und die feindlichen Rotten, welche die Stadt umzogen, mach⸗ ten lang uns die Spaziergänge unmöglich. Laß uns hinaus ins Freie, hinaus über Hügel und Buſch. Der Künſtler kann ja nicht lange der lieben Natur entbehren, welche ſeine Pflegmutter geworden von früh an.— Wackerer Einfall! entgegnete der Bildhauer. Ja, im Freien wird die Bruſt frei, und auch ich bedarf des großen Odems, der draußen wehet. Nur die Werkſtatt will ich ſchließen und mein Baret nehmen; Cäcilia⸗ Antonia wird bis da den Wirth vertreten.— Er ging und ließ das glühende Mädchen allein mit dem befangenen Manne. Euer Bild iſt fertig, ſprach ſie, als er ohne Rede vor ihr ſtand und ſie mit ſeltſamen Blicken betrachiete. Ihr habt meiner Harfe nicht vergeſſen indem ihr maltet, und die Harfe bedankt ſich dafür.— Erichs Geſicht ward immer heiterer, je länger er die ſchlanken, ſo ebenmäßigen und jugendlichüppigen Formen des Mädchens betrachtete, und als jetzt das roſig ge⸗ ſchwellte Mäulchen dieſe Anrede ſprach, in der die freund⸗ lichſte Schalkhaftigkeit vorſprang, da trat er dicht zu ihr hin, ſetzte ſich auf die Faulbank zu ihr, und nahm mit Aufwallung ihre Hand. Hat der Mies geplaudert? entgegnete er, ſeine Blicke tief in die runden, blauen Sterne des Mädchens tauchend, aus welchen ihm ein ſo wohlthätiges, ſtilles Licht ent⸗ gegenſtrahlte. Er that recht daran, denn auch Ihr müßt ja über Erichs Arbeit richten, ehe ſie vor die Welt tritt.— Ich2 lächelte ſie zurück. Spöttelt nicht, Herr! Gälte es die Reinheit eines Garndrahts, oder den Einſchlag 24 einer Leinwand, oder die Zuthat eines Gerichts, dann könnte der Jungfrau ein Urtheil zuſtehen, und ſie würde ſich's vielleicht ſelbſt nehmen, im Stolz auf ihre Kennt⸗ niß; aber Kunſt und Wiſſenſchaft iſt Erbgut der Männer, und jede Frau, die ſich hineinmiſcht, thut ſich ſelbſt ein Leides an, denn ſie wirft einen Kranz von Immergrün weg, um einen Strauß von bunten Tulipanen an ihre Bruſt zu heften, der weder ſchön ſteht noch lange hält, und die etwas handfeſte und nicht immer zarte Geſell⸗ ſchaft, in welche ſie tritt, macht es meiſtens gar bald mit ihr, wie die Krähen mit der Dohle in der alten Fabel, der man mit den fremden auch die eigenen Federn ausrupfte, und die man ihren Hochmuth gar garſtig büßen ließ.— Ihr ſeid der Kunſt nicht fremd, Antonia, erwiderte Erich mit Eifer. Und darum paßte die Fabel keines⸗ wegs auf Euch. Ja, Ihr habt ſogar eine Meiſterſchaft in der lieblichſten der Künſte gewonnen, in der Muſika, die geachtet iſt bei Hoch und Gering, bei Kaiſer und Bauer, weil ſie zu Jedermann ſpricht, und Jedermann verſtändlich iſt. Daß ich Eurer Harfe ſammt den zarten Fingern, welche ihr die Sprache der Seelen und der Empfindungen zu entlocken wiſſen, auf meiner Leinwand huldigte, war nur ein kleines Zeugniß meiner Dankbar⸗ keit; denn wahrlich nur dann, wenn ich Euch zugehört, wenn Ihr ein weiches Wehmuthslied, oder einen frommen Choral geſpielt, ging ich mit friſcher Luſt zur Staffelei, und war ſicher, daß ſich die todten Farben auf meiner Palette verlebendigten unter dem kühnen Pinſelſtrich. Und gar oft habe ich gehört, daß die Poeten während einer trefflichen Muſik die berühmteſten ihrer Karmina gefertigt, und habe nun ſelbſt an mir die Erfahrung 25 gemacht, daß auch in meiner Kunſt die wunderſamen Melodien der Mufika die Phantaſie aufſchließen und be⸗ flügeln, daß Ideale uns näher rücken, und die irdiſchen Bande, die den Künſtler gefeſſelt halten, löſen, ja gänz⸗ lich abſtreifen von ihm.— Und doch kamet Ihr die letzten Wochen ſo ſelten Abends und horchtet meiner Harfe, antwortete Antonia mit ſchmerzlichem Vorwurfston. Glaubet mir, Erich, das arme, verachtete Inſtrument wollte gar nicht mehr klingen, wie ſonſt, und gab den Fingern nur Klagetöne zurück.— Antonia, fuhr der Maler auf, erglüht und faſt ver⸗ legen zugleich, geklagt hätte Euer Geſang? geklagt um mich? O Ihr ſeid ſo ſchön, ſo lieb und ſo gut, wie wird der Mann ſein müſſen, der Euch verdiente! Aber Euer Vorwurf iſt gerecht; Gottesfrieden waltet unter Eurem Dache; Freundſchaft und Liebe haben hier ihre Altäre. O, dürfte ich an beiden opfern, und mir den Frieden als den ſchönſten Segen mit hinwegnehmen! Aber vergebt mir, ſchöne Antonia! Es iſt etwas Frem⸗ des in mir, was ich ſonſt nicht kannte; eine Unruhe, eine Zerriſſenheit, die mich mit mir ſelbſt entzweit. Das neue, eingezwängte Leben in dieſer alten, düſtern Stadt, nach langem Umherſchwärmen in Europa's Paradieſen, der mürriſche Sinn des Vaters, der mich lieber im Rei⸗ terkoller, oder im Magiſtratsmantel ſähe, die Unſicher⸗ heit meines Standpunkts unter den alltäglichen Mit⸗ bürgern, das wirre Kriegsgewühl im Vaterlande, ja vielleicht eine unerkannte Krankheit in meinen Adern, Alles das zuſammen hat mich verſtimmt, hat meinen Horizont verdüſtert, meine liebſten Gewohnheitsfreuden mir verleidet. Aber es ſoll anders werden, muß anders 26 werden; wofür wäre ich ein Mann, könnte ich nicht die Dämone bezwingen und auswerfen, die in meinem eig⸗ nen Innern ihr Neſt gebaut?— Antonia ſah den glühenden Redner mit Augen an, in welchen die innigſte Liebe leuchtete. O laßt mich der David ſein, der Sauls böſe Geiſter beſchwöret! ſagte ſie mit Herzlichkeit.— Ja, Mädchen, ja, Antonia, Du ſollſt mein Seelen⸗ arzt werden! rief Erich. Keinen Abend will ich mehr fehlen an Deiner Seite, und heute, in der heiligen Dämmerung, wo Herz zu Herzen reden darf, ſoll Deine Kur beginnen.— Er hatte den Arm dreiſt um ihren ſchlanken Leib ge⸗ legt, und das glückliche Mädchen ſchmiegte ſich an den kräftigen Jüngling an, wie die friſchgrünende, junge Epheuranke ſich an dem glatten Buchenſtamme aufſchlingt, und mit feinen Wurzelfaſern ihn zu faſſen verſucht, um ſich feſt zu vermählen mit ihm; da trat der Bruder wieder ein, ſprach mit fröhlicher Stimme ſein: Ich bin bereit, mein Freund! und gab dem Herzen der Schweſter durch die Störung einen ſchmerzlichen Stich, undankbarer Weiſe, denn die Gruppe, in der er ſie gefunden, hatte ſeine Verſtimmung verwiſcht, und alle ſeine Sorgen aus dem leicht in Furcht bewegten Gemüth geworfen.— Die beiden Männer verließen Haus und Stadt, und gingen raſch durch die rothbedachten, jungen Straßen der Neuſtadt, wo manches Jungfrauenauge verſtohlen vom Fenſter ihnen nachblickte, denn ſie wurden allgemein für ein paar der ſchönſten Jünglinge Hannovers geachtet, und hatten für die Weiberwelt noch einen zwiefachen 27 Reiz, theils weil ſie Künſtler waren, theils weil man ſie wegen ihrer langen Abweſenheit in fernen Landen faſt noch als Fremde betrachten durfte, und ein geheimes Naturgeſetz der Weiblichkeit die Eroberung eines Fremd⸗ lings immer wünſchenswerther erſcheinen läßt. Sie ſchritten fort durch die Warte und die Außen⸗ thore, wandten ſich gegen Weſt zur Brücke über die Himena, und durchſtrichen die Dorfſchaft Linden, mit gleichem Sinne ſich ſehnend nach freier Feldmark und reinem Wieſengrün und arkadiſcher Landſchaft, welche ihnen das damals noch ſehr kleine, nur von Ackersleuten und Leinwebern bewohnte Dorf nicht darbot, da die Aerm⸗ lichkeit und der Schmutz der Hütten durch die Kriegeslaſt und die Anweſenheit feindlicher Soldatenrotten noch ver⸗ mehrt worden. An dem Edelhofe vorbei ſtiegen ſie lehn⸗ aufſteigende Kalkfelſen hinan, welche das Dorf be⸗ ſchränken und gleichſam gegen die Stadt hindrücken, der es als Vorort dient, und heiterer wurden beider Blicke, je mehr ſich ihnen im Aufſteigen die wirklich überraſchende Ausſicht entwickelte. Sutels ſeidenhaariges, ſchneeweißes Hündchen, ein zarter Pudel, den er von Bologna mit⸗ gebracht, ſprang fröhlich kläffend um die Freunde her und in wilder Luſt vor ihnen auf, wälzte ſich wie freude⸗ trunken auf den kleinen Raſenplätzen an den ſchroffen Klüften des Felſens, ja kugelte ſich oft übermüthig und ſich überſchlagend den Abhang hinunter.— Auch das kleine Thier fühlt die Schönheit dieſes Ta⸗ ges und erinnert ſich an ſein Vaterland, ſagte Jeremias mit weicher Stimme. Und wayrlich, ſolch ein Novem⸗ bertag iſt ein Phönir in unſerm Norden. Wie rein und durchſichtig iſt dort der Himmel in Oſt und Süd über der Stadt und der grünen Au! wie warm drückt die 28 Sonne, als wollle ſie uns ſchelten wegen der winterlichen Mäntel! kein Windzug rührt ſich, und die einzelnen, grotesken Wolkenmaſſen dort in Nord und Weſt bewegen ſich kaum, und gleichen rieſigen Schiffen, die lavirend von den Wellen nur leicht geſchaukelt werden. Die Natur iſt noch nicht berührt worden von der Knochenhand des alten, grämlichen Gatten, dem ein unwillkommener Zwang ſie entgegenführt. Schau hin, wie die Winter⸗ ſaat die Aecker mit hellem Teppich überzieht, wie ſelbſt die Holzungen noch ihren Blätterſchmuck tragen, der durch ſein gelb und rothes Farbenſpiel, von fern ange⸗ ſehen, den Frucht und Blütengärten der Campagna äh⸗ nelt. Wir haben wahrlich einen italiſchen Wintertag, und mir iſt, als hauchte ſelbſt die Schwüle eines Sirv⸗ co's mich an im Bergſteigen, und all meine ſchönſten Erinnerungen treiben aus den entlaubten Aeſten der Ver⸗ gangenheit junge Knoſpen und duftige Blüten zugleich.— Es war die Maienzeit unſeres Lebens! entgegnete Erich, ſinnend in die Fluren hinabſchauend; heitere Zu⸗ friedenheit wohnte im Gemüth, edle Beſchäftigung ſtärkte den Geiſt, Freiheit ſchwang über uns ihr Panier, wir fühlten uns groß in den großen Umgebungen. Wenn die gemeine Winzerin, der die Natur die Geſtalt einer Artemis gegeben, und deren freie, antike Tracht keine Schönheitsform verhüllt ließ, uns den Becher kredenzte, wenn die junoniſche Römerin, ohne Krone eine geborene Königin, uns im erſten Feſttanze, die Fremden ehrend, den Granatblütenkranz auf den Scheitel legte, daß wir die rothen Feuerblumen dis in das Herz hinab glühen fühlten, o da fiel das Alltagskleid und mit ihm die All⸗ tagslaſt des Lebens von unſern Schultern, da waren wir Könige, nicht des Feſtes allein, ſondern Könige des 29 Erdballs, und gedachten nicht der kalten Heimath und ihres Kerkerlebens. O Mies, wir hätten nimmer zurück⸗ kehren ſollen!— Nicht davon träumte ich gerade jetzt, mein Erich, fiel der Bildhauer kopfſchüttelnd dem Freunde in das Wort. Nein, meine Träume waren frömmer und ein⸗ facher. Ich gedachte unſerer Freundſchaft, die jenes Wunderland ebenfalls gebar, ich gedachte unſeres innigen Zuſammenlebens, das kein Verhältniß ſchied, wie hier; und theilten wir doch auch Bett und Schüſſel, Dach und Kleid, als wären Leiber und Seelen ein Zwillingsbaum, der aus einer Wurzel heraufgeſchoſſen. Weißt Du noch, wie wir uns fanden? Es war auf der Tiberbrücke an einem ſtillen Abende, wie dieſer iſt. Die Aria Cat⸗ tiva hatte mich ſchwer krank gemacht, das Fieber mich ausgedörrt, und zugleich war meine Börſe leer gewor⸗ den, da der Krieg in Deutſchland die Nachſendungen meines Wohlthäters aufhielt. Recht trüb im Gemüth lehnte ich auf das Geländer der Brücke, und die herr⸗ liche Ausſicht auf die Paläſte und Triumphbogen in der Nähe, über denen die Engelsburg wie ein Kaſtell von herrſchenden Geiſterweſen ſich erhob, auf die Villen und Haine in der Ferne, konnte die Schwermuth von meiner gedrückten, kranken Bruſt nicht fortwälzen. Ich fühlte mich allein und verlaſſen in dem großen Gewühl der Weltſtadt, und die Zukunft thürmte ſich, einem dräuen⸗ den Rieſen gleich, vor mir auf. Da trat ein Mann zu mir an das Geländer, und ein Ausfruf in deutſcher Sprache tönte mir zum überraſchten Ohr und belebte meine erſtorbenen Sinne. Ich fragte in den lieben Tönen der Heimath, und auch Dein gebräuntes, friſches Antlitz glühete in Freude, als Du den Deutſchſohn, mehr, als 30 Du den Adoptivſohn Deiner Vaterſtadt in mir erkannteſt. Du warſt eben von Neapel und von der wunderlichen Sicilia gekommen, ich war ſchon eingebürgert in der klaſſiſchen Roma. Wie flogen von da die vorhin ſo ſchleichenden Stunden im Austauſch der Erfahrungen! Wie ſchnell geſundete ich am Frühlingslicht Deiner Freund⸗ ſchaft! und daß Du Deine ſchon erſchöpfte Börſe mit mir theilteſt, daß ich durch Dich meinen ſchon die Akkorde der verachtenden Grobheit anſchlagenden Wirth, und den krummbeinigen Quackſalber Barthold und den hungrigen Apotheker los ward, vergeſſe ich Dir nie, und würden mir Methuſalems Jahre vom Himmel beſcheret.— Und die ſchönſte Stunde unſerer Freundſchaft vergiſſeſt Du? verſetze Erich mit Wärme und im Fortwandeln ſeinen Arm um des Freundes Schulter legend; gedenkeſt nicht des Morgens, wie Du mich in die Peterskirche führteſt, und Bramante's und Angelo's Titanenbau mich zu erdrücken drohete, und ich, betäubt von dem Eindrucke der zahlloſen Kunſtwerke dieſes wahrhaft göttlichen Got⸗ teshauſes, mich an Dich lehnen mußte, und der Schwache den Starken an die Luft führte mit liebender Sorge? Da, unter Bernini's Porticus, da, unter dem Bilde des Gottſohnes, welcher Petrus befiehlt, ſeine Heerde zu hüten, fielen wir uns ohne Vorwort, von gleichzeitigen, überwallenden Gefühlen getrieben, in die Arme, ein heißer Kuß einte unſere Lippen, und ohne Frage oder Abrede tönte gleichzeitig das Du der Bruderliebe von ihnen. O, es war eine ſchöne Stunde, und Bernini's Basrelief ſteht ihretwegen von allen Meiſterwerken Ita⸗ liens immerdar am deutlichſten vor meiner Seele!— Es war eine ſegensreiche Stunde, ſetzte mit tiefer Empfindung Sutel hinzu, und ich meine für uns Beide, ——————— — S——— 2 31 und wir zwei vürfen ſie wohl nimmer bereuen. Iſt doch die Freundſchaft das innere Licht des Lebens, bringt ſie allein doch zu jedem Genuſſe die Würze des Mitgefühls und doppelt darum jede Erdenfreude.— Aber horch, Erich! unterbrach er ſich ſelbſt, ſtutzig und mit erblei⸗ chenden Wangen, war das nicht Musketenfeuer, und rollt nicht hinter dem Berge der Donner ferner Karthaunen?— Sei ruhig, erwiderte der Maler lächelnd, das iſt keine irdiſche Kanonade. Der Himmel will Deinen Traum von der ſchönen Italia ganz wahr machen; denn ſieh nur gegen Weſt, die Gewitter ſind zuſammengeſtoßen und fangen an ſich zu entladen.— Gewitter in den letzten Herbſtwochen? Unmöglich! entgegnete Jeremias, ſich beſorgt umſchauend und die Flur durchſpähend. Wir ſtiegen zu weit und ſind allein auf der kahlen Höhe. Iſt auch der Wallenſtein nach Hameln, der Gronsfeld nach Nienburg in die Winter⸗ quartiere gezogen, einzelne Streifparteien könnten doch in den Dörfern lagern und in jenen nahen Gebüſchen patroulliren.— Fürchte nichts, Freund! beruhigte den Beſorgten der Maler, indem er leicht und mit mildem Lächeln die Furcht⸗ ſamkeit des Bildhauers zu beſpötteln ſchien. Freilich ſtehen wir mitten auf dem Kriegsplatz. Vor wenigen Wochen ſchanzte noch der furchtbare Tilly und ſandte ſeine ſauſenden Stückkugeln gegen die Stadt. Siehe, dort dräuen noch ſeine Erdwälle, dort unten liegen die Reſte der umgeſtürzten Schanzkörbe, und dort neben der Georgs⸗ warte, an der zerfetzten Hainbuche, iſt die Stelle, wo der Meiſterſchuß des däniſchen Arkebuſierers den feindli⸗ chen Reiter im Scharlachmantel mitſammt ſeinem Schim⸗ mel zu Boden warf, von dem Niemand erfahren, wer 32 er geweſen. Ich ſtand mit auf der änßerſten Baſtion der Neuſtadt, von wo der Schuß geſchah, und ſah mit ſchar⸗ fem Auge ſelbſt den ſeltſamen Treffer. Aber fürchte nichts; der ſüddeutſche Soldat ſcheut den Nachtfroſt und liegt weit von uns im warmen Quartier; und ſollte ein räu⸗ beriſcher Kroat hier kreuzen, ſo ſind wir ja zu zwei, tragen die Degen nicht umſonſt, und brächen die dünnen Stahl⸗ klingen, vertheidigt Dich bis zum letzten Athemzuge mein römiſch Stillet, das ich noch immer auf dem Herzen trage.— Mit einer ſcherzhaften Wuthgrimmaſſe und einer Hel⸗ denſtellung riß er dabei ſein Wamms auf und zog den ſcharfen Dolch, und ließ die blanke Klinge, zum Stoß ausholend, im Sonnenſcheine funkeln. Du trägſt die Meuchlerwaffe, die ich nie leiden konnte, auch jetzt noch, im ehrlichen Vaterlande? fragte vorwurfs⸗ voll der Bildhauer.— Gewohnheit! antwortete keck der Maler. Und ich will's geſtehen, ſüße Erinnerung; ſchenkte ſie mir doch das Fräulein auf der Villa Negroni, als ich dort dem Guido die großen Wandbilder ausführen half, und die Straßen nächtlicher Weile durch Raubgeſindel aus der Campagna unſicher geworden.— Aber was trägſt Du daneben auf der Bruſt? fragte Jeremias verwundert fort, und deutete auf ein kleines goldnes Kruzifix, welches Erich bei dem Oeffnen des Klei⸗ des mit hervorgeriſſen. Der Maler ſchien betroffen und ſein Geſicht röthete ſich höher, indem er das Heiligthum nebſt dem rothen Bande, woran es ying, ſchnell wieder zu verhüllen bemüht war. Ein Erinnerungszeichen, gleich wie die Waffe, ver⸗ ſetzte er dann in leichterem Tone, die Betroffenheit 33 pergend. Sie ſtammen von dort, und die Schwärmerei für ihr Geburtsland läßt ſie mich nicht ablegen. Dolch und Religie kann der Italiener nicht entbehren; ſie gehören bei ihm zuſammen wie Gebet und Rachluſt.— Sutel ſah ihn verwundert und forſchend an. Das Eine paßt nicht zu dem Deutſchmanne, das Andere nicht zu dem Lutheraner, antwortete er ſehr ernſt. Lege heute noch Beides in Dein Perlmutterkäſtchen von Florenz, wo Du andere Seltenheiten aus jener Zeit bewahreſt.— Und warum? fuhr Erich etwas erhitzt auf. In der ſchweren Kriegszeit kann ſich der Mann nicht genug mit Waffen verſehen, und das kleine Goldbild würde uns ſchützen mit Wunderſchirm, wenn wir unverſehens einem Fähnlein Kaiſerlicher zu nahe kämen. In Wien riethen mir gar gute Freunde, es nie abzulegen, ſo lange Deutſch⸗ Land in dieſer Kriegsbrunſt lodere. Und, Freund, da wir ſo plötzlich darauf kamen, ſetzte er ruhiger hinzu, ſo muß ich Dir erklären, daß meines Weilens nicht lange mehr ſein wird in jener düſtern Stadt dort unten. Der Vater ſelbſt und die Mitbürger treiben mich hinaus; ſie ſpötteln über meine unnütze Kunſt; der Vater äußert täg⸗ lich den Wunſch, mich im Soldatenrock zu ſehen; da will ich ein Jahr hinausziehen, unter des Pappenheimers Reitern oder des Tilly Schützen dienen, und wenn ich Pulver gerochen, den Reſpekt der Stadtjunker als Sold bei der Heimkehr einkaſſieren.— Unter den Katholiſchen wollteſt Du fechten, unter den Verwüſtern Deiner Heimath? rief Jeremias mit Erſtau⸗ nen und unverhaltenem Abſcheu.— Dient denn nicht der tapfere Herzog Georg, den die Lüneburger ſo vergöttern, den ſie den Stammvater des neuen Fürſtenhauſes ſchel⸗ ten, auch unter den Adlerfahnen, und erbeutet ſich ſeinen Blumenhagen. X. 3 beſten Ruhm daher? fragte Erich faſt höhniſch zurück. Der Kriegsmann iſt ein Narr, der, hat er die Wahl, nicht zu dem gewaltigſten Heerhaufen ſtößt und ſich den ſiegreichſten Feldherrn zum Vormann auserſieht. Warum es gilt, daran darf der Soldat nicht denken, das iſt Sache der Kaiſer und Könige; und auf welcher Seite das Recht liegt, kann nur der große Heerſührer dort über den Wolken entſcheiden, und Er wird zu rechter Zeit durch den Ausgang ſchon ſeine Meinung zu erken⸗ nen geben.— Ein ſchwefelgelber Blitz erleuchtete jetzt den ganzen Himmel, und ein furchtbarer Donnerſchlag krachte ſogleich hinterdrein, und hallte von allen Berghöhen nachrollend zurück, und erſtickte die Gegenreden, welche ſchon auf des Bildhauers Zunge geſchwebt. Die Freunde wurden mit einem Schreck aus dem Geſpräch, das ſie ſelbſt und ihr innerſtes Leben betraf, zur Aufmerkſamkeit auf die Außenwelt geriſſen, dreheten ſich beſtürzt gegen Weſten und ſtaunten den ſeltenſten Wolkenkampf an. Drei Ge⸗ witter waren langſam gegen einander gezogen, und lagen jetzt dicht aneinander, koloſſalen Kriegsſchiffen gleich, wel⸗ che in der Seeſchlacht ſich aneinander gedränkt zum ge⸗ genſeitigen Verderben. Wie in einem Weltenchaos thürmten und wälzten ſich die dunkeln Ballen übereinander und durcheinander, und verfinſterten, trotz der frühen Tagesſtunde, die Gegend über der ſie ſchwebten. Der Himmel öffnete jetzt mit Sekundenwechſel ſein Feuerreich und verſchloß es wieder in gleicher Schnelle, und ohne Ende rollten die verſchieden geſtimmten Donner durch⸗ ginander. Mit ungeblendeten Augen ſah der kühne Erich in die Lohe und rief entzüct: Welch eine furchtbare Schönheit! 35 Ein Kampf auf Leben und Tod zwiſchen den Luftdingen und Salamandern! O hätte ich Poufſins Pinſel und Palette zur Hand, nm dieſen nie geſehenen Anblick, den keine Phantaſie zu halten vermag, auf feſter Tafel zu feſſeln und zu verewigen!— Mich ſchauert dabei, entgegnete Jeremias mit ge⸗ dämpfter Stimme; ein ungewohntes Bangen ſchüttelt mich. Was die Natur dort bereitet, iſt unnatürlich, und muß darum etwas Grauſenvolles gebären!— Während er noch ſprach, wehete mitten durch die ſiille Luft ein ſchwüler Windhauch ſie an, deſſen Strömung ſich immer mehr verſtärkte, und zugleich ſprang das Hündlein winſelnd auf an ſeinem Herrn, ſchmiegte ſich in ſichtlicher Angſt zu ſeinen Füßen nieder und lief dann plötzlich fort, und vom Berge hinab auf ſchmalem Stein⸗ pfade zu der engen Schlucht hinunter, wo das einzige Brünnlein im Felſen ſein trübes Waſſer bewahrte. Cäſar! Cäſar! rief beſorgt Sutel dem Thierchen nach, aber Erichs Stimme zog ihn herum, denn der Maler ſtam⸗ melte von Verwunderung ergriffen: Schau hin, was dorten Reues aufzieht! Wäre eine Meeresfluth uns nahe, würde ich es für eine Waſſerhoſe halten, wie ſie mir auf der Luftfahrt nach Jschia begegnete, zum Entſetzen der feigen Bootsknechte.— Und wirklich hakte der Horizont ſi ſich merkwürdig in den wenigen Minuten umgeſtaltet. Eine rabenſchwarze ſchlichte Wolkenwand wuchs aus Südweſt herauf und verſchlang mit Gedankenſchnelle immer höher ſteigend den Azur der Luft; mitten aus ihrer Schwärze hing ein ſchneeweißer ungeheurer Wolkenkegel herab, deſſen Trichterſpitze beinahe die Erde berührte, der in raſcher, kreiſelförmiger Bewe⸗ gung ſich drehete, wie mit Flammen gefüllt ſchien, und aber hörteſt Du es nicht rufen: Saul, was verfolgeſt im reißendſten Luftſtrome gegen den Berg und die Stadt zu fliegen ſchien. Entſetzlich! ſtöhnte Jeremias. Das iſt der Todesbote des jüngſten Tages, das iſt die Rieſin der Lüfte, die zer⸗ ſtörende Windsbraut! Wir find verloren, gelingt uns die Flucht nicht in die Gründe.— Beide Freunde verſuchten im Laufe den Felſengipfel zu verlaſſen, aber ſchon brauſete der Orkan heran vor dem luftigen Ungethüm, ſchon betäubte das furchtbare Geheul, das von ihm auszugehen ſchien, die Sinne der Fliehenden; die Freunde hatten ſich im Schnelllauf die Hände gereicht, aber durch eine unſichtbare Gewalt fühl⸗ ten ſie ſich von einander geriſſen, fühlten wie durch Keulenſchlag ſich zur Erde geworfen, und nur Erichs Auge ſah noch, wie der feurige Kreiſel, vom Berge auf⸗ gehalten, in einem Bogen vorüberrollte, dem Elfenkönige gleich mit langem weißen Schleppgewande, welches alles Lebende mit ſich fort zum Tode ſchleift. Lange mochten die Geſtürzten ohne Beſinnung gelegen haben. Jeremias erwachte von dem lauten Gebell ſeines Dundes, der an ihm herumkroch und ſein Geſicht leckte. Er war auf rauhes Geſtein gefallen und blutete an Stirn end Hand. Zehn Schritte von ihm hatte ſich Erich ſchon wieder vom Boden erhoben, ſtand jedoch wie ein Erſtarrter, und ſah wie mit todten Glasaugen vor ſich hin. Jeremias ſprang auf die Füße, ſtürzte zu dem Freunde, umklammerte ihn feſt und rief wie außer ſich: Wir leben, Bruder! Du lebſt, ich lebe, erhole Dich, das Gericht ging an uns vorüber.— Erich ſtrich ſich langſam über das Geſicht und holte ſchwer Athem. Ja, wir leben! ſprach er gezogen nach, 37 Du mich? Und ein feuriger Pfuhl umſtrömte mich, und wie ſiedend Waſſer ziſchte es um mich und brannte bis auf mein Gebein. Aber Du bluteſt, Mies? ſetzte er be⸗ ſorgt hinzu und völlig wieder beſonnen.— Nichts! antwortete Jeremias ängſilich. Hautſchram⸗ men, weiter nichts! Doch hörſt Du das Geſchrei dort unten 2 Siehſt Du die entwurzelten Bäume, die zerſtör⸗ ten Hütten des Dorfs?— Und wo blieb das vernichtende Meteor? fiel Erich ein. Alles iſt ſtill, kein Lüftchen regt ſich; dort jenſeits der Stadt wälzen ſich die Wolken hinab. Verſchonte es die Bürger, die Freunde? Stehen die Häuſer, die Kirchen 2 Schau hinüber, Mies, Dein Auge iſt ſchärfer.— Um Jeſu Gnade willen, ſchrie da der Bildhauer, ich zähle nur zwei Thürme. Der Thurm zum heiligen Kreuz iſt verſchwunden; und zertrümmerte Giebel, durchſichtige Sparrengerippe ſehe ich in der Gegend, wo des Thurmes Spitze ſich ſonſt erhob. Um Jeſu Gnade, fort, fort zu ihr Nit kreideweißem Geſicht ſtürzte er den Berg hinab, von ſeinem bellenden Thiere vegleitet, und Erich konnte ihm kaum folgen, und ſeine Fragen: Zu ihr? Zu wem? Deine Schweſter wohnt ja weit davon? blieben unbeant⸗ wortet, und ſelbſt als im Dorfe des Freundes Lauf in Erſchöpfung ſich mäßigte und mancher Aufenthalt über⸗ wunden werden mußte, bekam er keine Antwort, und wußte ſich die Wahnſinnsblicke und den Angſtſchweiß auf Sutels Stirn nicht zu deuten. Die Zerſtörung bis zur Stadt hin bot ein wirklich furchtbares Bild dar. In dem Park am Edelhofe ſah man die ſtärkſten und älteſten Bäume völlig entwurzelt, eine Unzahl der jüngeren und zäheren mitten im Stamme abgedreht, nicht gebrochen. Im Dorfe lag ein ganzer Strich der Hütten niedergeworfen, die vollen Scheunen waren wegraſirt, und ihr werthvoller, unerſetzlicher Inhalt, die Ernte des Herbſtes, von dem Winde hinausgeſtreut auf die Straße; das verſchüttete Stallvieh blöckte jämmerlich, die verwundeten Kettenhunde heulten, kreiſchende Weiber ſuchten die vermißten Kinder, die Männer rannten durch⸗ einander und wußten verwirrt nicht, wo ſie zuerſt Hand anlegen ſollten; Andere ſtanden wie Bildſäulen und ſtarrten mit Verzweiflungsblicken in die Trümmer. Erich wurde mehrmals durch das Mitleid angehalten und fühlte ſich gedrängt, mit zu helfen und zu rathen, aber ein tieferes, ſeltſames Gefühl, deſſen er ſich nur halb bewußt, peitſchte ihn wie ein marternder Dämon dem Freunde nach, der nichts von all dem Entſetzlichen an ſeinem Wege zu ſehen und zu hören ſchien, und ſich durch die Trümmer und die Menſchen ohne Unſicht und Mitgeſühl Platz machte. Die Stadt hatte weniger gelitten; die feſtern Häuſer gaben der Windsbraut kräftigen Widerſtand; doch wo ſie vorübergeſtrichen, füllten zerbrochene Dachziegel und heruntergeworfene Giebel die Straßen. Ohne ſeiner eigenen Wohnung zu gedenken, flog Jeremias die Burg⸗ ſtraße hinauf und durch die kleinern Nebengaſſen zur Kirche Sancti Crucis, an welcher die Wuth des Unge⸗ witters beſonders ſich ausgelaſſen. Der ganze Kirchhof und ſeine nächſte Umgebung fand ſich gefüllt mit Men⸗ ſchen, welche Beſorgniß wie Neugier herbeigelockt; und das Bild der Verwüſtung hatte hier einen größeren Cha⸗ rakter, weil ſie das Größere getroffen. Der im Wirbel⸗ 39 ſturm heruntergeriſſene, mächtige Thurm haite nicht allein das ganze Kirchendach und das Gewölbe zerſchmettert, und das Innere des Gotteshauſes, Kanzeldecke und Bet⸗ ſtühle zermalmt, ſondern Spitze und Knauf waren mit entſetzlichem Gekrach auf die Häuſer des Predigers und Organiſten gefallen, und hatten ſie zur Hälfte eingebrochen. Außerdem ſtanden ringsum die nächſten Bürgerhäuſer ohne Decken da, und mit dem weißen Balkenwerk und den ordnungslos hangenden Sparren ſahen ſie aus, als ſtarrten auch ſie, im Schreck erblichen und Leichen ähnlich, ſchmerzlich den Fall des Gotteshauſes an, welches ihre Krone geweſen. Das Eckhaus am Kirchhofe gehörte dem achtbaren Altermanne, dem Herrn Melchior Vasmar, und dieſes Haus wurde das Ziel von des Bildhauers Sturmlauf; mit einem Sprunge überflog er die Steintreppe vor der offenen Pforte, und ſtand athemlos auf dem innern Vorplatze. Eine Jungfrau eilte gerade aus der Tiefe des Hauptraumes her, eine Jungfrau, trotz des erbli⸗ chenen Geſichtes ſchön wie der junge Frühlingstag, ma⸗ kellos ſelbſt im Auge des ſtrengſten Wählers, und gerade jetzt reizender als im höchſten Feſtputz, durch die freie Unordnung des Hauskleides, durch das losgegangene, reiche Haar, das in dunkeln Locken und Flechten den plendenden Hals umflog, durch den ſchmerzlichen Blick, der das dunkle Feuerauge überflorte, durch die ganze, wehmüthige Aufregung, die ihre hohe Geſtalt zu beherr⸗ ſchen und zu beugen ſchien. Als Beide ſich erblickten, ſtießen ſie gleichzeitig ein Freudengeſchrei aus, der junge Mann flog auf ſie zu und umfaßte ſie, als wolle er ſie gegen Räuber bewah⸗ ren, und auch ſie ſchlang ihre Arme feſt um ſeinen Nacken, und ihre Blicke glüheten in einander, und Zucht und Ort vergeſſend, ſanken ihre Lippen auf einander. Ein ſonderbarer Schall, wie ein kurzes Hohngelächter klingend, warf ſie doch ſogleich wieder aus einander, und als Beide ſich zur Pforte wandten, verſchwand ge⸗ rade des Malers Geſtalt auf der Vortreppe. Vergaßeſt Du den Fremden? ſagte ſchämig und vor⸗ wurfsvoll die ſchöne Beatrix.— Es war Freund Erich, entgegnete raſch der betroffene Mann.— Doch warum ſein Lachen? fragte die Jungfrau mit düſterm Auge.— Das war er nicht, das konnte er nicht ſein! ſprach Sutel mit einiger Heftigkeit. Das ſchallte von der Straße herein. Sittig entfernte er ſich mit Haſt und Zartgefühl, weil er einen Blick, den erſten, in des brüderlichen Freun⸗ des Geheimniß gethan. Aber warum jetzt an Fremdes denken? Du lebſt, Du biſt unbeſchädigt, die Vorſicht erhielt Dich mir. Wären wir vor hundert Jahren gebo⸗ ren, müßte ich dafür eine Wallfahrt nach der heiligen Stadt geloben; ſo will ich aber dankbar all mein ge⸗ ringes Gut den Armen vertheilen, die heute ihre Habe eingebüßt.— Doch Du bluteſt im Geſicht? fuyr erſchrocken das Mädchen ihn an.— Sorge nicht, nur ein Fall auf dem Wege hieher, trö⸗ ſtete der Bildhauer. Aber warum ſeh'ich den Vater nicht?— Böſe Tochter, antwortete Beatrir, die um Dich des Kranken vergaß! Er wollte hinüber zum ehrwürdigen Herrn Walter, als das Unglück geſchehen; da ſchoß ein Theil des Kirchdaches noch nach, und wundete ihn ſchwer am Haupte. Der Stadtbader iſt da und hat ihm Ader geſchlagen, und ich ſoll für Leinewand ſorgen zum Ver⸗ bande, und das ſündige Herz hält mich auf bei Dir.— 41 Jetzt theilen wir die Sorge! ſagte er.— Wie Alles im Leben! ſagte ſie. Und ſo drückten ſie ſich die Hände und ſchieden; ſie ging in das Vorderhaus, er begab ſich durch den Seitengang zum Geheimſtübchen des Haus⸗ herrn.— Unter den Händen des Stadtbaders ſaß Vater Vas⸗ mar im Polſterſtuhle, und neben ihm Ehren Waltherus, der beliebte Pfarrherr zum heiligen Kreuz. Vater Mel⸗ chior ſah recht bleich vom Blutverluſte, aber die Augen leuchteten lebhaft, er ſtreckte die Hand nach Jeremias, und nickte freundlich mit dem in Binden gehüllten Haupte. Nun ſeid ihr Alle da, ſprach er gerührt, und Keiner meiner Lieben iſt verloren gegangen. Um Dich, mein lieber Sohn, wuchs die Sorge, denn Du bliebeſt länger von meiner Seite, als ich vermuthet, da das Unglück die Getreuen ſchnell zuſammenführt.— Jeremias entſchuldigte ſein Weilen mit ſeinem Aben⸗ teuer auf dem Berggipfel, und Staunen erfüllte die Zu⸗ hörer, und der Bartſcherer ſtrich mit dem am Kohlen⸗ becken erwärmten Spatel ſtatt des Pflaſters ſeine linke Hand, und zog ein jämmerliches Geſicht bei der Irrung. Schwer hat uns die Hand des Herrn der Schickſale berührt, ſagte ernſt der Hausherr, und uns gemahnt in abſonderlicher Weiſe an ſeine Allgewalt, an ſein Gericht, an unſere Sünden und unſere Vergänglichkeit. Mein Jeremias hätte beinahe das Denkmal, das er zum Ge⸗ dächtniß meiner ſeligen Eltern fertiget, auch mit meinem Namen zieren dürfen. Sein Ville geſchehe, und wir danken ihm, daß ſeine Hand uns nicht ſchwerer berührt.— Und für wen blutet Ihr, theurer, redlicher Melchior? fragte mit Wehmuth der Pfarrherr. Geſchah's nicht meinetwegen?— ——.———————— at 42 Gottesſchickung! antwortete Herr Vasmar. Mein Ludolphus Waltherus blutete ja einſt um mich, als ich in tollem Knabenmuth mein Mützchen in den Lindenbaum geworfen, und weinend unten ſtand, und den Stock des Vaters daheim fürchtete. Der ſchlanke Ludolph klomm ſchnell hinauf, und warf mein rothes Käppchen herab, aber fiel hinterdrein, und zerſchlug ſich Naſe und Stirn. Jetzt ſitzt er im greiſen Haar wiederum an meinem Bette, die Scene am Lindenbaume hat ſich umgedreht, aber wie damals liegen unſere Hände treu in einander, und die Herzen haben ſich in einem halben Sekulum nicht geändert. Auch Du, Jeremias, kennſt ja den Schatz der ächten Freundſchaft; möge der Erich Meier Dir im⸗ merdar bleiben, was dieſer mir geblieben, Schirmer, Rather, Wächter und Helfer in jedem Ungewitter des armen Lebens.— Mit Thränen im Auge drückte der junge Mann die Vaterhand an ſeinen Mund, und Herr Waltherus flüſterte: Amen! dazu. Doch des Alten Auge fiel jetzt auf die ein⸗ tretende Beatrix, und ſein Wink rief ſie zum Bett heran. Geh Er einmal hinaus, Meiſter Boder, ſagte er freundlich, der Umſchlag kühlt nicht mehr, hole Er friſch Waſſer vom Brunnen.— Kinder, fuhr er dann fort, als das magere Schülerlein des Aeskulap ſich entfernt hatte, der merkwürdige Unfall hat mich beſonders ange⸗ regt und erſchüttert. Nicht als wenn ich Todesahnungen und ihre Schauder in meinen Gebeinen fühlte, und das Gewiſſen mich drängte zum Abſchluß oder Teſtamente; nein, aber ſelbſt der Wohlbereitete denkt bei ſolch ſtarken Himmelsmahnungen ſchärfer an die Zukunft, und beeilt ſich, verſchobene Pläne zu vollenden. Mein Haus iſt beſtellt, nirgend ein Riß im Hauptbuch oder ein Makel b 43 in der Rechnung, kein unbezahlter Wechſel, kein verlorenes Schiff in See. Nur Du, Beatrir, machſt mir Sorge.— Ich, mein Väterchen? verſetzte die ſchöne Jungfrau ſtutzend. O, was verſäumte ich denn, das Euren Un⸗ willen hätte wecken können?— Herr Vasmar zog ſie näher an ſein Herz, und faßte unter ihr Kinn, und ſah ihr feſt in das von Sorge er⸗ füllte Engelsantlitz. Du treibſt einen Nebenhandel in meinem Waaren⸗ lager, und das leidet ein rechtlicher Kaufmann nicht, fuhr der Vater launig fort. Solche verbotene Smuggelei führt zu Exceſſen, und ertappt der Zollwächter ein ein⸗ ziges Mal den Contrebandierer, ſo iſt der Proſit aller vorigen Glücksſpekulationen zum Henker. Ich muß Dir einen Compagnon geben, der Deine dunkele Firma in eine offene verwandelt, die kein Licht zu ſcheuen hat.— Und Du da, mein Sohn Jeremias, Du biſt ein Künſtler geworden; das iſt recht gut, aber die Kunſt geht oft nach Brod, und Deine Steine werden nicht weich im Kochtopfe. Was meineſt Du, wenn ich Dir nebenher das Zollwächteramt über meine kleine Smugglerin auf⸗ trüge? Dein Hammer würde ſie ſchon in Reſpekt halten, meine ich, und der Zöllnerlohn hülfe dann dem ſchmalen Künſtlerſolde nach.— Vater! riefen Beide zugleich, und ſahen ſich mit be⸗ redten Feuerblicken an, und wagten dennoch nicht, die ſelige Ahnung auszuſprechen.— Glaubt ihr, weil ich einer Brille bedarf, ich ſähe nicht mehr, wenn das Feuer brennt im eigenen Hauſe? fragte der Vater mit Lebhaftigkeit. Nun, glüht nur nicht auf und ſenkt die Augen wie ertappte Diebe. Habe ich doch ſelbſt angeſchürt, und das Stroh zur Flamme 44 gerückt. Und, ſetzte er ernſter hinzu, ein Vasmar hat nie etwas halb gethan. Wie ich Dich Sohn getauft, hatte ich Dir auch Sohnesrecht und Sohnesplatz beſtimmt. Arbeite fleißig am Denkmale Deiner Großeltern. Am Tage nach der Aufſtellung deſſelben über den geliebten Grabhügeln iſt Eure Hochzeit. Die Hoffnung mag Deine Hand beflügeln, denn wechſeltet Ihr früher die Ringe, möchten Deine Söhne Jakobs nie mit ihrem heiligen Geſchäft zu Ende kommen. Aber bis dahin ſchwebe ſtren⸗ ges Geheimniß über Eurem Glück; ich liebe die Gratu⸗ lanten nicht, deren Witzworte ſich wie Raupen auf die Blüten der Braut ſetzen.— Mit Ausrufungen des Entzückens warfen ſich die jungen Leute neben dem Polſterſtuhle in die Küie, und reichten ſich, verſtummt in der unverhofften Seligkeit, die Hände über des Vaters Bruſt. Der Vater legte ſeine Hände auf ihre Stirn, und Herr Waltherus preßte mit ſeiner Hand die ihrigen zuſammen und betete: All⸗ gütiger Herr des Himmels, nach Deinen Wettern kommt Sonnenſchein, und Deine Hagelſchauer befruchten die Erde! Walte mit Deinem ſchönen Segen über dieſen jungen Zwillingsbäumen, und laß, wie heute, Deine Stürme an ihnen unbeſchadet vorüberziehen!— Zu einer Geſellſchaft von ganz anderm Charakter führt uns der Verlauf der Erzählung am Abende deſſel⸗ ben Tages und wenige Stunden ſpäter. In die weiten Gewölbe des berühmten Rathskellers ſteigen wir hinunter, welche den Wundervorzug haben, im Sommer Kühlung, im Winter Wärme darzubieten, und wo die gewaltigen, buntbemalten Fäſſer ebenfalls für den Sommer erquickenden *5 1 V* —— 45 Gerſtentrank, für den Winter belebenden Rebenſaft den Gäſten darboten. Der Kreis der gewöhnlichen Abendgäſte, die wie Nachtfalter mit der Dämmerung die enge Stiege hinab zu ſchlüpfen pflegten, um nur ein Viertelchen zu trinken, damit ſie auch nach achtmaliger Wiederholung des geforderten Maßes bei der Hausfrau daheim und den Verleumdern im Volke in Ehren bleiben und ſich rein waſchen konnten, war heute nur gering, denn das Unheil, welches die Stadt getroffen, hielt doch manchen weniger Starkgeiſtigen zu Hauſe. Unter den Gäſten, welche den langen Eichentiſch, der braun und blank ge⸗ worden ohne Hobel und Wachsbürſte durch langen Ge⸗ prauch, beſetzt hielten, zeichneten ſich aus, der Brunnen⸗ meiſter Sathrübe, ein tüchtiger Bürgersmann von altem, deutſchem Schlage, der Stadtſchreiber Wehmuth, ein ge⸗ wandtes Männlein, dürr und glatt wie ſein Federkiel, der Bauherr Dietrich Salge, den man trotz ſeines Stan⸗ des überall fand, wo eine Compagnie redſeliger Bürgers⸗ leute ſich ſammelte, und der wüſte Junker Tönjes von Sode, welcher längſt dafür bekannt, daß er, ſeiner treff⸗ lichen Ahnherren vergeſſend, einen Ruhm darin zu ſuchen ſchien, in Saus und Braus und ſelbſt in der niedrigſten Geſellſchaft ſein Wappenſchild zu ſchänden, und der den Vroge⸗ und Bruchgerichten ſchon manche Laſt gemacht. Ein halb Dutzend ehrſamer Handwerksleute nahmen die entfernteren Plätze ein und horchten in demüthiger Neu⸗ gierde den weiſen Diſputen der gewohnten Vorſprecher dieſes Sammelplatzes aller nächtigen Politiker. Dein Buch der Chronika wird morgen um manche Folie dicker werden, verehrter Herr Stadtſchreiber, ſprach Herr Sathrübe mit Humor zu ſeinem Nachbar, und den ſechs und zwanzigſten des Novembermondes Anno Chriſtt 46 4630 wirſt Du noch lange in den gelähmten Fingern fühlen, wenn auch ſein Zorn Dir Haus und Hof ver⸗ ſchonte, und der kleine, zierliche Sünder dieſes Mal an einem Gerichtstage des größten Bürgermeiſters vergeſſen wurde.*— Mir recht! Wir recht! liſpelte der regſame Wehmuth, das dünne Köpſfchen hin und her bewegend. Wehmüthig werde ich die Feder ergreifen, vielleicht mit einigen Thrän⸗ lein die Dinte verdünnen, aber mich tröſten mit dem Glauben an Gottesſchickung, und munter ſchreiben im Schweiß des Angeſichts. Je bändereicher meine Chronika wird, je mehr wächſt mein Ruhm. Mir recht! Mir recht!— Hat man ſchon Boten von draußen? fragte der Brun⸗ nenmeiſter.— Wie ſollten wir nicht? entgegnete der Stadtſchreiber. Kein Kirchthurm iſt ganz geblieben auf viele Meilen hinaus. Zu Ronneberg und Mandelßen liegt Alles in Schutt und Trümmern. Auch des katholiſchen Amtmanns neues Prachthaus zu Koldingen hat der Strafengel nie⸗ dergeworfen, mir recht! und die Reitercompagnie des Montecuculi, welche die armen Wunſtorfer ſo lange turbiret, und welche gerade um Mittag von da nach Pattenſen marſchiret, und eben an unſerer Neuſtadt vor⸗ bei paſſiret, hat die unhöfliche Luftbraut alſo attakiret, daß ſämmtliche Mannſchaft aus den Sätteln delogiret, und Offiziere, Reiter und das unſchuldige Vieh an Got⸗ „ Bemerkenswerth iſt, daß am 17. September 1830, gerade nach 200 Jahren, eine ähnliche Windsbraut, aus derſelben Himmelsgegend heranfahrend, mit faſt gleichen Erſcheinungen Hannover bedräuete, und wenn auch dieſes Mal nicht die Stadt ſelbſt, doch ihre Umgegend furcht⸗ bar verwüſtete, NM*—* 47 tes Erdboden einen gewaltigen Knäuel formiret, den man von der rothen Warte als einem Rattenkönige nicht unähnlich obſeppiret. Mir recht! Achten die Herren nicht Geſetz noch Obrigkeit, gibt's doch Jemand, der ſie Mores lehret. Mir recht!— Aber wie ſitzt Ihr denn hier, gelehrter Buchmacher, fiel der Junker Sode ein, und verſäumt Eure Pflicht? Warum ſattelt ihr denn nicht längſt das ſtärkſte Eſelein im Marſtalle, und reitet, mit der großen Brieſtaſche am Sattel, in der Gegend umher, ſelbſt einzuſammeln, was Ihr der Nachwelt zu Heil und Nutz bewahren wollt?— Die Nacht iſt keines Menſchen Freund, ziſchelte Weh⸗ muth, auch hätte vielleicht das Luftungethüm rechtsum machen können, und mir das Schreiben verſalzen für immer. Morgen werden ſchon genug der Berichte ein⸗ laufen in der Rathskanzlei, die lieben Freunde werden mich ſchon mit Poſten verſehen, mir recht! und wie viele der Mädchenhauben und Weibermäntel in unſerer guten Stadt der unhöfliche Wind davon geführt, hoffe ich von Euch, verehrteſter Junker, in wohlgeordneter Liſte gewo⸗ gentlichſt zu erfahren; geltet Ihr doch für den General⸗ Harems⸗Wächter oder Kislar⸗Aga unſerer guten Stadt. Mir recht! Die ganze Geſellſchaft ſtimmte ein Lach⸗Tutti an, von dem das Gewölbe wiederhalte, und der von außen herab⸗ ſteigende Maler Erich Meier ſah mit finſterer Geberde auf die muthwillige Compagnie, forderte herriſch ſein Maaß Wein, und nahm, leicht grüßend, Platz neben dem Bau⸗ herrn Salge, der bislang, als ſtummer Zuhörer, träge an die weiße Wand gelehnt, dageſeſſen, und nur durch das krampfhafte Zukneifen ſeiner langhaarigen Augen⸗ wimpern, durch das zuckende Runzeln der dicken Augen⸗ — 8 48 braunen und ſein haſtigeres Trinken Theilnahme am Gegenſtande des Geſprächs verrathen hatte. Woher kommſt denn Du, Söhnchen, ſo ſpät? fragte Salge jetzt mit grinſender Freundlichkeit. Schon wähnte ich Dein Verſprechen verſchwitzt, und Dich wort⸗ brüchig.— Ich war im Holze, antwortete Erich düſter; ich habe mein Auge geweidet an der Zerſtörung, an den ent⸗ wurzelten Ureichen, an dem Chaos der zerriſſenen Wild⸗ niß. Ich habe mir den Troſt geholt, daß Alles ein Kampf der Vergänglichkeit iſt, und daß ein Augenblick das Paradies zur Oede, aber auch jedem Jammerleben ein Ende machen kann.— Da wird das arme Volk Freude haben, und morgen mit Weib und Kind hinausziehen, die unverhoffte Got⸗ tesgabe, den Wintervorrath an Brechholz, vollauf einzu⸗ traggn, entgegnete Salge frömmelnd. Der mitleidsloſe Forſtherr dagegen wird ein gallicht Fieber bekommen, denn die Eilenriede iſt ſeine Puppe, und er läßt den vürftigen Bürger ſein Tragholz knapp genug laden. Doch warum ſo finſter Söhnchen? Haſt gewiß ſchon in der Phantaſie ein Bild entworfen von der grauſigen Scene, willſt den furchtbaren Tag verewigen mit Deinem Zau⸗ verſpiel, damit der Zorn des Herrn den Sündern vor Augen bleibe immerdar. Die Finſterniß des Vorwnurfs geht oft auf den Künſtler über; aber hier ſollte es nicht; das Wunderbild wird Deinen Ruhm vermehren, und Du wirſt wirken damit auf die Ungläubigen und Ruchloſen.— Solch Spektakel läßt ſich wohl nicht mit todten Kreiden nachäffen, fiel der Brunnenmeiſter ein, und wollte man ein Denkmal des Tages ſetzen, müßte es in Stein gehauen erſcheinen, daß es bliebe für Kind und Kindes⸗ 49 kind. So etwas ſchlage vor im Rath, Gevatter Stadt⸗ ſchreiber; Du fertigeſt die wehmüthige Inſchrift, und der Miethsmann meines kleinen Nebenhauſes, der Bildhauer Sutel, wird das Uebrige thun. Das iſt ein Mann nach dem Willen Gottes, fromm und ſtill, wie ein ächter Künſtler ſein ſoll, nicht aushäuſig, immer in der Werk⸗ ſtatt fleißig; und wie er die Schweſter hegt! das Mädchen iſt zwar weich, und fein und hübſch, wie ein Roſenblatt, aber der Bruder faßt ſie auch an mit zarten Fingern, und verletzt ſie mit keinem Hauch. Ihr ſolltet nur das Modell ſehen zu dem neuen Brunnen, mit dem die Herr⸗ ſchaft den Reſt des Judenteiches überbauen will, die Grotte mit dem Muſenpferde darauf, und in den vier Oeffnungen die perſonifizirten vier Welttheile, Mohr und Türk, Indianer und Prinzeß Europa, alle reitend auf Löwen und Krokodill, Ochs und Roß, Ihr würdet Euch voraus freuen auf das Meiſterwerk, das länger desern wird, als ſo ein zierlich Farbenbild an der Wand. Heil dem braven Manne, der zum Ruhme der Stadt von Gott zu uns geführt!— Ja, Heil dem wackeren Manne! Das beſte Glück in ſein Haus! rief der Chorus; Ihr, Herr Meier, trinkt gewiß gern mit darauf; Ihr geht ja dorten viel aus und ein, und Herr Sutel nennt Euch ſeinen Intimus! ſetzte Sathrübe noch hinzu. Alle ſtießen die Gläſer zuſammen, auch Erich, doch mit Heftigkeit und mit einem ſtechenden Blick auf den Brunnenmeiſter. Und Ihr ſtoßt nicht an, Herr Salge? fragte der Stadtſchreiber vorwurfsvoll.— Ich ſtoße nicht an, antwortete der Bauherr, die vor⸗ liegenden Augen jetzt weit öffnend, das breite Geſicht vorſtreckend und mit den knochigen Armen ſich feſt ſtützend Blumenhagen. X. 4 auf den Tiſch; ich ſtoße nicht an, weil alle dieſe ſcherz⸗ hafte Scharmutzirung, dieſes Gelächter und dieſe Trink⸗ luſt mich ärgert, und ich mir heute vorkomme unter euch, wie bei einem Baalsfeſte.— Wenn's Ihm nicht gefällt, was bleibt Er da? unter⸗ brach ihn ein Handwerker mit ſcharfem Tone.— Seid ihr denn Menſchen von Erz, oder Steinbilder, wie ſie euer geprieſener Sutel fertigt? fuhr Salge fort, ohne ſich irren zu laſſen, und indem er ſeinem zornigen Worte eine feierliche Salbung beizumiſchen ſuchte. Iſt denn aller Glaube und jedes ernſte Gefühl aus euch entwichen, ſeit ihr abtrünnig wurdet von der rechten Kirche? Da ſieht man das Elend, das der Antichriſt über euch gebracht, und das Umſichgreifen der Sünde und Ruchloſigkeit vom Vater zum Sohne, vom Sohne zum Enkel, die wahre Erbſünde der Zeit. Die Hand des Herrn hat euch ſchwer berührt, der Engel mit dem flam⸗ menden Schwerte iſt dicht an euch vorübergegangen und ihr bleibt blind, wie ihr geboren. Wacht auf, erkennt das Warnungszeichen, kehret um und zurück in den Schvoß des Glaubens, der allein ſelig macht, und büßt eure und die ſchweren Verbrechen eurer Väter ab! Zittert vor der Windsbraut, dem Mirakel des Herrn Zebaoth, wenn ſie wieder umkehrt und euch zermalmt ohne Reu und Buße! Werft die Gottloſen, die euch verführen und beherrſchen, von ihren goldenen Stühlen, öffnet eure Thore denen, die euch zurückbringen wollen zum rechten Himmelspfade! Thut ihr's nicht, verwarnte euch dies Mirakel umſonſt, ſo wird das Schwert der Kirche, der fromme Tilly, welchem ſchon das halbe Land gehuldigt als Fürſt von Kalenberg, hereinbrechen, ehe der zer⸗ ſtörte Wald wieder grüne Knospen trägt, und eure 51 Weiber und Kinder werden durch eure Schuld den Grimm ſeiner Rache zu tragen haben.— Wie iſt mir denn? fragte der Brunnenmeiſter. Geht ihm der neue Verſtand an, oder hat ihm die Windsbraut das letzte Reſichen Vernunft mit fortgenommen 2— Der Wein ſpricht aus ihm, ſiel lachend der Juuker Tönjes ein; er hat haſtig getrunken und nichts geredet zum Trunk, und nun macht er uns den Faſtnachtsſcherz voraus, und ſpielt die Rolle des Feldpaters aus dem Lager des Friedländers gar natürlich.— Aber der Scherz darf nicht mit dem Reſpekt davon gehen, kreiſchte der Stadtſchreiber, ſich ſelbſt erboſend. Wo Rathsverwandte ſitzen, dürfen keine ſo deſpektirliche Reden klingen. Wer im Rauſche ſündigt, wird nüchtern abgeſtraft. Mir recht! Hirnloſes Geſchwätz! Rückkehren ſollten wir unter den Krummſtab, von dem unſerer Väter Blut uns erlöſet? Dem Tilly ſollten wir die Thore öff⸗ nen, der ſo eben erſt nothgedrungen einen Vergleich von unſerem hohen Rath angenommen, weil ihm unſere Wälle zu ſtark geſchienen für ſeinen weichen Kahlkopf? Mir recht! Ungetreu ſollten wir werden unſerm herzoglichen Hauſe? Und gerade jetzt, da der kühne Gottesheld, der fromme Schwedenkönig, dem armen geplagten Deutſch⸗ land Hülfe gebracht? Wie ein Rebell und Bürgerfeind hat Er geſprochen, Herr Salge; und legte nicht die alte Bekanntſchaft und die Kellerfreiheit, die wir täglichen Gäſte abgeredet, meiner Zunge eine ſchwere Kette an, mir recht! würde ich Ihn morgen vor dem grünen Tiſche anklagen auf Leib und Leben, ohne Barmherzigkeit.— Das Geſicht des Bauherrn, welches Schmiedeofens⸗ Glut trug, nahm bei dieſer geharniſchten Rede des klei⸗ nen Schächers eine dunkele, blaurothe Färbung an. 5 — 52 Mit aufgeſtemmten Händen erhob er ſich von der Bank, und wie die Blitze aus den Gewittern des Tages, ſchoſſen ſeine grimmen Blicke unter dem Haarwald der Stirn⸗ bogen hervor. Elender Wurm, jämmerlicher Federkiel! ſtammelte er mit ſchwerer Zunge. Meinet Ihr, ich ſcherzte mit ſolchen Mauerſpatzen, wie ihr ſeid allzumal? Thut nur nicht dick mit eurem Schwan aus Norden, der gekom⸗ men iſt, ſeine Flügel zu verbrennen. Und gar euer herrlicher Vergleich mit dem Tilly! Fraget nach bei eurem Kämmerer, wie viele tauſend Silbergulden der Abzug euch gekoſtet. Eine Hammelheerde, die der Metz⸗ gerknecht treibt, iſt nicht ſo dumm, als ihr. Glaubt ihr, ich würde mich entehren, mit euch in dieſer Spe⸗ lunke aus einer Kanne zu trinken, wenn es mir nicht von höhern Obern ſelbſt eigends befohlen, da man euch räudige Schafe gern zurücklocken möchte in den rechten Stall. Aber ihr ſeid nicht werth, daß der Schäfer einen Pfiff nach euch verſchwendet und ſein Hund euch anbellt. Darum will ich heute zum letzten Male mit euch ge⸗ trunken haben, und übergebe euch den Folgen eurer Ruchloſigkeit und der ewigen Verdammniß dazu!— Er verließ die Tafel und taumelte zur Steige, aber alle Anweſende waren aufgeſprungen und umſtellten ihn, wie die Fanghunde den ſchäumenden Keiler. Ich habe es längſt geſagt, er gehört zu den Erbfeinden, rief Sath⸗ rübe. Ein Apoſtat iſt er, ein Spion des Tilly, ein Ab⸗ trünniger, der an den Pfahl gehört! kreiſchte der Stadt⸗ ſchreiber. Haltet ihn feſt! Gerbet ihm das Eſelsfell! Schleppt ihn in den Bürgergehorſam! brüllte der Chor der Handwerker. Der Junker Tönjes wehrte die Meute ab von dem Trinkkumpan, indem er ihr Gebrüll zu —— 53 überſchreien ſuchte. Seid nicht toller, als Salge, rief er, reſpektirt den ehrſamen Spitz, den wir ſchon Alle hier unten gehabt; haltet Kellerrecht; morgen weiß er nichts mehr davon, und gerade, daß er ſo tolles Zeug faſelt, ſollte euch vernünftig und mitleidig machen.— Als aber die wüthige Rotte fortheulte und packte, warf ſich der bis dahin ſtumme und kalte Erich in ihre Mitte, ſtürzte ſie mit unwiderſtehlicher Kraft auseinan⸗ der, drängte den Salge vollends zur Treppe, und hielt mit gezogenem Degen Wacht an ihr, bis der Junker den weinglühenden Prediger hinauf an die Luft gebracht, und die Angreifer, wenn auch murrend und fluchend, die Verfolgung aufgegeben und ihre Plätze und Becher ge⸗ ſucht.— Dann folgte er ſelbſt dem Geretteten, welchen er an einen Eckpfeiler des Rathhauſes geſtützt vorfand. Herze mich, Söhnchen! rief ihm der alte Trunkenbold entgegen. Du haſt mir einen Liebesdienſt erwieſen, den ich Dir ewig hochhalte, ſo wahr ich ein Getreuer bin vor meinem Herrn!— Aber wie konntet Ihr Euch ſo vergeſſen? fragte Erich mit Unmuth.— In vino veritas! lallte der Alte. Das Herz war wach und der Verſtand eingeſchlafen. Aber vielleicht fängt es doch; auf einigen Geſichtern ſah ich deutlich die Furcht des jüngſten Gerichts in kreideweißen Buchſtaben ſtehen.— Und wenn ich nun nicht kam? fragte der Maler weiter. Der wüſte Junker, welcher, wie ich ſehe, Euch auch jetzt ſchon Eurem Schickſale überlaſſen, würde unten im Gewölbe ein noch ſchüchterner Sekundant geweſen ſein. Und ich kam wahrlich nicht, um mit Euch zu zechen, ſondern wollte Euch nur um Briefe nach Hildesheim — 54 bitten; denn ich muß fort von hier, fort, ehe wieder eine Sonne über dieſer Höllenſtadt aufgeht.— Fort willſt Du, Söhnchen? antwortete Salge, deſſen Rauſch in der kalten Nachtluft ſich zu verflüchtigen be⸗ gann. Und zur Biſchofsſtadt willſt Du? Brav, Söhn⸗ chen, thuſt recht daran! Was willſt Du hier unter den Mauleſeln, da Du dort auf einem Paradepferde prunken darfſt. O Du biſt zu Beſonderem erſehen, Söhnchen! Ich ſah Dir's an der Naſe an, damals ſchon in der Kaiſerſtadt, wo Dich die Ehrwürdigen ins Auge faßten, und ſelbſt Pater Lamormain ſeine Gnade auf Dich her⸗ abließ. Aber zuviel geredet haben wir doch vielleicht, ſetzte er mit kühlerm Tone hinzu, und darum wäre es gerathen, wir begleiten Dich ſelbſt auf einige Wochen in das liebe Land, und erwarten dort, was die Braus⸗ köpfe etwa gegen uns im Schilde führen möchten. Komm nur mit zu meinem Geheimſtübchen; hier ſchleichen die Nachtwächter, und vor der Wachtſtube regen ſich die Blauröcke.— Mühſam ſchleppte Erich den taumelnden, ſchweren Fleiſchkoloß über den Markt in den verbergenden Schatten der Hauptkirche, und von da vorſichtig nach Hauſe. Vergebens hatte die liebende Antonia in der Dämme⸗ rung auf den verſprochenen Beſuch des Mannes ihrer Sehnſucht gewartet, und in traurigen Melodien mit threr verſchmäheten Harfe Zwieſprach gehalten. Auch der Bru⸗ der kam ſpät zu Hauſe, und ſeine Erzählung und die Seligkeit, die ſo unerwartet mitten im Unglücksgetümmel auf ſein Herz ſich geſenkt, vermehrten ihre Traurigkeit, 55 ſo innig ſie auch Theil nahm an dem Glücke des brüder⸗ lichen Wohlthäters. Jeremias, abgekühlt durch die Ruhe der Nacht, war am Morgen darauf ebenfalls bekümmert um den Freund, befremdet durch ſein ſeltſames Betragen, denn daß das Gelächter vor ihm ausgegangen, wußte er gar gut, ob er es gleich ſeiner Beatrir verhehlt, des Freundes wegen. Antonia, noch beſtürzter, weil der be⸗ ſonnene Bruder dieſes Mal keinen Troſt für ſie wußte, trieb ihn ſchon früh hinaus auf Erkundigung nach dem Geliebten. Sutel ging zum Hauſe des Kämmerers und vetrat in gewohnter Freiheit der Freundſchaft, ohne An⸗ meldung im Unterhauſe, den Gang zu Erichs Zimmern. Offen waren die Thüren, aber eine beſondere Unordnung in dem Gemach und der Kammer, die ein unangerührtes Bett zeigte. Unverſchloſſen zeigte ſich Schrein und Truhe, Papiere lagen zerſtreut, Kleidungsſtücke waren hingewor⸗ fen auf den Eſtrich und die Seſſel. Es ſah aus, als hätte der Beſitzer die Flucht genommen, und mit wirrer Eilfertigkeit nur das Nöthige und Wichtige aus ſeinen Habſeligkeiten zur Mitnahme hervorgeriſſen. Als Sutel jedoch zuletzt in das ſonnebeleuchtete Malerſtübchen trat, ſchrack er zuſammen, als hätte eine Todtenhand ihn be⸗ rührt. Von der Staffelei geſtürzt, lag zu ſeinen Füßen das Bild der Cäcilia, und als er mit zitternder Hand den großen Rahmen empor bob, war der herrliche Kopf des Gemäldes durchſchnitten bis zum Buſen hinab, ſicht⸗ lich mit Vorſatz und mit einem ſcharfen Werkzeuge. Mehr einem Leichenbilde als einem lebenden Menſchen ähnlich, ſtarrte er die zerfetzten Züge an, und mit der Stimme eines Todten flüſterte er: Und das konnte er thun? das der brüderliche Freund? Und warum übte er ſolchen Kindesmord mit dem Meſſer am eigenen Werke? 56 Schauder rieſelten ihm am Rücken hinab, die hohnlächeln⸗ den Geiſter böſer Ahnungen gaukelten vor ſeinen wirren Blicken, ein tiefer Seufzer ſtieg aus ſeiner Bruſt, das Kabinet dräuete ihn an wie eine Leichenkammer, und von plötzlicher, unerklärlicher Furcht ergriffen, lehnte er das zerſtörte Bild behutſam, doch eilig, an die Wand, und floh wie ein Verfolgter aus den ihm ſonſt ſo befreundeten Zimmern. Nachdem er ſich auf der offenen Gallerie in etwas erholet, ging er zu der Arbeitsſtube des alten, gutmüthigen Kämmerers, von ihm Aufſchluß über das Gefundene einzuholen. Der alte Meier war in ſehr übler Laune, nahm den Bildhauer zwar mit gewohnter Herz⸗ lichkeit, ſeinen Bericht und ſeine Fragen aber deſto fin⸗ ſterer auf. Bei Künſtlern darf man nichts Reelles ſuchen, keine Ordnungsliebe, keine Anhänglichkeit an Blutsfreunde, Eltern und Vaterland! murrte der Alte. Sie haben ſich einer Wolkenkönigin verkauft, flattern wie Sommervögel um ihr Irrlicht, fahren auf Wolken, möchten von Wol⸗ kenſpeiſe leben, wenn ſie nicht der Magen mitunter drückte und ſie unzarter Weiſe erinnerte, daß ſie nicht mehr ſind, als wir andern erbärmliche Adamsſöhne. Euch meine ich nicht mit, lieber Sutel, ſetzte er aber, ſich ſelbſt un⸗ terbrechend, hinzu; Ihr ſeid eine Ausnahme, ein weißer Rabe, gleichnißweiſe zu reden. Mein Herr Sohn hat geſtern wieder die Zugvögelkrankheit bekommen. Er iſt nach Wolfenbüttel gereiſet, wo unſer gnädiger Herr Her⸗ zog Ulrich ſchöne Gemälde aus Italien erhalten, die er nun ausſtaffiren ſoll. Fürſtliche Gnaden könnten für jetzt auch ihr Geld beſſer anlegen, denn die däniſche Einquar⸗ tirung und der Abkauf der Tillyſchen Beſatzung mag den Säckel faſt rein gefegt haben. Gott beſſer's! Ich muß 57 dem Erich wohl ſeinen Willen laſſen, da meine Narren⸗ liebe für den Einzigen ihn nicht früher in den rechten und ſichern Bürgermantel geſteckt. Daß er jedoch ſein buntes Bild ſelbſt zernichtet, halte ich für ein gutes Zei⸗ chen ſeiner zurückgekehrten Vernunft; die nackten Arme und die Säugammenbruſt paßten ſich ſo wenig zu einem ſittigen Deutſchen, wie die Heilige zum Proteſtanten.— Ungetröſtet verließ Jeremias den bekümmerten Vater, der in ſolchen Zornreden ſich ſelbſt über den Hauptgrund ſeines heimlichen Grams zu täuſchen ſuchte. Aber mehr als ſein eigener Schmerz kümmerte ihn der Zuſtand der armen Antonia, die in der Ungewißheit der Geſinnungen des Geliebten, in der ſpöttiſchen Kälte dieſer Reiſe ohne Abſchied faſt verging. Iſt doch offene Untreue und Ver⸗ ſtoßung nicht ſo ſchrecklich für ein liebendes Herz, als die ungewiſſe Tantalusqual zwiſchen Liebe und Entſagung. Mit jedem Tage harrte Sutel auf einen Brief von dem Freunde, der ihm Enträthſelung ſeines Betragens bringen ſollte, aber wochenlang harrte er vergebens. Der Bauherr Dietrich Salge ließ ſich wiederum ſehen in der Stadt, vermied aber weislich den Beſuch des Weinkellers und die Compagnie, die im Bewußtſein eigener Sünden ihn geſchont hatte. Jeremias forſchte auch bei dem Bau⸗ herrn nach dem lieben, ſchmerzlich entbehrten Erich; doch der grobe Rathsverwandte wies ſeine Fragen höhniſch zurück, und ſo konnte er ſich nur mit den geringen Nach⸗ richten tröſten, die ihm der Vater Meier mittheilte, kurze, flüchtige Briefe des Sohns aus Braunſchweig, Hildesheim, Hamburg datirt, nur Anzeigen ſeines Anfenthaltes, Ent⸗ ſchuldigungen ſeiner Abweſenheit durch Geſchäfte in ſeiner Kunſt und Geldforderungen enthaltend. Der Bildhauer mußte ſich an die Entfernung ſeines Buſenfreundes 58 gewöhnen— und woran gewöhnt ſich der Menſch nicht!— aber es war ihm beſtändig, als fehle die beſ⸗ ſere Hälfte ſeines Weſens, und wenn ſein Auge die Schweſter traf, die mit jeder Woche bleicher ward, und ihre Munterkeit ganz verloren hatte, obgleich ſie mit keinem Schmerzeslaut den freſſenden Wurm in ihrem Innerſten verrieth, ſo lag es oft zentnerſchwer auf ſeiner Bruſt, und die ſchöne Maienzeit, die ihm aufgegangen, ſchien ihm ſchwarzbewölkt, und die Ausſicht in die glück⸗ liche Zukunft dunkelte ſich. Was konnte jenes Gelächter an Vasmars Pforte, was die Flucht des Freundes be⸗ wirkt haben? Sollte Erich erzürnt ſein, weil er ihm das Geheimniß ſeiner Liebe verborgen? Dieſes einzige Geheimniß hatte er ja gehabt, und es hatte ja nicht ihm allein gehört, und der Wille der ſchönen Beatrir hatte ihm ja das Stillſchweigen ihres Bündniſſes ſtreng anbefohlen. Sollte Erichs Benehmen ſeinen Grund in einer Eiferſucht, wie ſie auch in der Freundſchaft ſtatt⸗ findet, gehabt haben?— Eine innere, leiſe Stimme widerſprach beiden, was dieſe aber weiter flüſterte, wagte er nicht auszuſprechen, nicht zu denken einmal, und wi⸗ derlegte ſich's immer durch die Erinnerung an die trau⸗ liche Stellung, in der er den Erich und die Schweſter noch am Mittage des verhängnißvollen Tages getroffen. Der Winter kam mit ſeinen trüben Regentagen, mit ſeinen Froſtnächten, welche die Natur einſargen, und auch den Menſchen in das ſtille Haus einkerkern. Fleißiger als zuvor arbeitete Sutel am dem beſtellten Denkſteine, von deſſen Vollendung der Tag ſeines Glückes abhing; aber noch mehr wie zuvor hemmte trübe, quälende Ah⸗ nung ſeine Hand und ſeinen Meißel; dann flüchtete er hin zu dem Hauſe der Braut, und im Zwieſprach mit 59 dem kräftigen, lebensmuthigen Mädchen, in der Geſell⸗ chaft des alten Vasmar und des würdigen Seelſorgers erholten ſich wieder die gelähmten Flügel des jungen Aars, und im Vertrauen auf die ewige Vorſicht, die ihn bislang durch ſo viele Bedrängniſſe geführt, und ſo manche Nacht ſeines Schickſals zu hellem Tage gewandelt, ge⸗ wann er nach und nach die einſtige Ruhe des Gemüthes wieder, obgleich die wunde Stelle am Herzen beſtändig empfindlich blieb, und kein junger Morgen ihn weckte, kein Abend ihn zur Erholung rief, an dem nicht der treuloſe Erich ſein erſter und letzter Gedanke geweſen wäre. So ging die böſe Jahreszeit vorüber; laue Winde ſchmelzten das Eis und leckten den Schnee hinweg, die Wieſen ſchmückten ſich mit ihrem hellgrünen Teppich für den neuen, freundlichen Herrn, Schneeglöckchen ſagten als zarte Boten den Frühling an, der Weißdorn trieb Knospen, und die wärmere Sonne ſchloß die bedrückte Menſchenbruſt auf. Aber nicht für alle Herzen brachte der junge König der Natur die Hoffnung mit, in deren Farbe er ſich und ſeinen Hoſſtaat gekleidet. Als Jere⸗ mias der Schweſter die erſten Märzveilchen mitbrachte, die er am Rande der Kapelle des heiligen Nikolaus ge⸗ funden und gepflückt, zu welcher ihn jetzt oft die nahe Auffſtellung ſeiner faſt vollendeten Arbeit führte, da brach ſich ihr ſtummer Jammer und ſprengte die Thoren der Seele, und ihre Thränen perlten unverhehlt uuf den kleinen, duftigen Strauß, und befleckten die purpurnen Blümchen.— Zütie nicht, Bruder, ſtammelte ſie dazu mit lautem Schluchzen, und drückte ihre Augen auf ſeine zitternde Hand; Du weißt es ja wie ich, wer mir im vorigen Jahre ſolch Sträußchen brachte und dazu ſprach: 60 In Frankreich nennen ſie dieſes Blümlein Denke mein! und dann hinzuſetzte: der Frankreicher iſt feurigern Bluts als wir Nordländer, ſeine Liebe wartet nicht auf unſer ſommerliches Vergißmeinnicht; verzeiht mir, Antonia, wenn mein Gefühl mich drängt, dem Fremden nachzu⸗ ahmen.— Jeremias preßte, ergriffen von Mitgefühl, ſeinen Mund auf der Schweſter Stirn, und machte ſich los von der ſchuldloſen Büßerin, floh in ſeine Werkſtatt, wohin ihm doch der trübe Kirchengeſang der Harfe nach⸗ tönte, das Lied: O Herr, erbarm' Dich mein, das ein⸗ zige, was ſeit Erichs Flucht jeden Morgen von der Sängerin Lippen ſich hören ließ.— Ein anderes Mal, als er gerade wieder die Kapellen⸗ wand, welche ſein Meiſterſtück aufnehmen ſollte, in der Frühe beſichtigte, wurde ſeine Erinnerung noch härter und ſchauerlicher aufgeregt. Viele Menſchen jedes Ge⸗ ſchlechts und Standes fand er ſchon auf den Straßen und dem Felde außer der Stadt, dazu klang das Glöck⸗ chen des Stadtthurms ſchreiend und grell in ungewohn⸗ ten Tönen, und ein dunkler Zug bewegte ſich heran vom Thore, an deſſen Spitze er die blauen Compagnien der Stadtmiliz in voller Bewaffnung erkannte. Er fragte mit Verwunderung und Neugierde, und hörte die ſchreckenvolle Tagesbegebenheit, von der er in ſeiner Abgeſchloſſenheit nichts erfahren, mit Entſetzen. Ein alter Soldat, ein hannoverſches Landeskind, Kaſpar Mollin, ein abgedankter, kaiſerlicher Krieger, der mit dem Wallenſtein vor Stral⸗ ſund gelegen, wurde zum Tode geführt und ſollte auf den Sandbergen dekollirt werden, weil er ſeinen treueſten Zeltkameraden, mit dem er auch nach ihrer Abdankung brüderlich Dach und Bett getheilt, aus Neid üper eine Erbſchaft ermordet. Er fühlte ſein Haar ſich hehen, wie 8 61 in Geſpenſterfurcht, eiſige Kälte durchſchauerte ſein Ge⸗ bein, und als ein alter Bürgersmann mit Ingrimm ſprach: Sie waren Freunde auf Leben und Tod, und haben ſich beide wechſelſeitig gar oft das Leben ſalvirt in der Feldſchlacht, wie mir der Mollin mehr als einmal erzählt im Bierhauſe. Der Teufel hole ſolche Freund⸗ ſchaft, die nicht Stich hält im Wandel des Schickſals, und nicht Freude hat an Freundesglück!— Da riß es ihn fort mit unſichtbarer Gewalt, er lief feldein bis zum Walde, trieb ſich in der unbelaubten Wildniß um⸗ her, rief mit ſeltſamen Tönen den Namen Erich in die Heide hinaus, und kam erſt Mittags, bleich, ſchweißbe⸗ deckt und entkräftet zu der beſorgten Schweſter heim, und mußte mehre Tage das Bett hüten. Auffallend verändert fanden Braut und Schweſter den ſonſt ſo ſinnigen, gemüthlichen und zufriedenen, jun⸗ gen Mann, als er von dem kurzen Krankenlager erſtan⸗ den. Es war ſeinem ganzen Weſen der Charakter der Unruhe aufgedrückt; unſtät ſchien ſein Thun, Zerſtreutheit der Gedanken bezeichnete ſein Geſpräch, und die ſchöne Beatrix machte ihm oftmals ſanfte Vorwürfe und ließ die Frage hören: Ob ſein Geiſt nicht zugleich mit dem Körper bei ihr ſei?— Dann erſchrack er, bat ihr mit thränenden Augen ab, und entſchuldigte ſeinen Fehler mit der für ſeine Seele unerfaßlichen Größe ſeiner nahen Glückſeligkeit. Legte ſich dann die hochgewachſene, ſtolze Jungfrau an ſeine Bruſt, ſo ſeufzte er tief und flüſterte mit Bangigkeit: Es iſt zuviel der Seligkeit! Was mir der Himmel gab, iſt mehr als der arme Sutel verdient und jemals hoffen durfte; darum kommt mir gar oft die trübe Ahnung, mein Glück ſei ein Traum, und dicht vor ſeiner Erfüllung, indem Du mir den Ring des ewigen 62 Bundes reicheſt, werde ich aufwachen und mich arm ſehen und elend.— Trotz dem arbeitete er jedoch emſig an der Auspolirung des vollendeten Kunſtwerks; aber Antonia merkte, wie ſauer ihm das Aushauen der In⸗ ſchriften ward, wie er oft Meißel und Hammer wegwarf und ſich den Schweiß trocknete und die gerötheten Augen wiſchte; und in der Beſorgniß, ſeines unerklärlichen Zu⸗ ſtandes wegen, vergaß ſie in etwas den eigenen Gram, und hatte ſelbſt die erſte Freude wieder, als ſie den Na⸗ men des Künſtlers oben im Winkel des Denkmals vollen⸗ det ſah, und Jeremias mit Heftigkeit den Lederſchurz von ſeinen Hüften riß und auf die Erde warf, daß eine Staubwolke ihn umgab, die Schweſter feſt an ſich preßte und mit ſchwerem Athemzuge ſprach: Es iſt beendet, ſei's mir zur Ehre oder Spott! Ich habe mein Wort gelöſet.— Es war der Vierte des Monats April Anno 1631, ein Sonnabend, als die ganze Stadt Hannover in einer außerordentlichen Bewegung ſchien, welche der gewöhn⸗ liche Wochenmarkt, obgleich er die Bevölkerung, durch die mit ihren Wägen und Körben hereinſtrömenden Land⸗ leute um das Doppelte zu vermehren pflegte, nicht ver⸗ urſacht haben konnte. Eine patriotiſche Eitelkeit bewegte Alt und Jung, Vornehm und Gering. Der vaterlän⸗ diſche Bildhauer Sutel hatte ſein Denkmal aufgeſtellt und heute aufgedeckt; wie in einer hin⸗ und herfluten⸗ den Prozeſſion ſtrömte Alles zum Steinthore hinaus, das Wunderwerk zu ſehen, welches neben der Hauptthür des Kirchleins befeſtigt worden, und das die Zurückkommen⸗ den prieſen als den Stolz der Stadt, und dadurch ſo ſehr die Neugierde der Läſſigeren aufzuregen wußten, 63 daß ſelbſt die ſorgſamen Hausfrauen ihre nöthigen Ein⸗ käufe verſäumten, und die Bauern zum erſten Male mit ihren Eierkörben und Butterkiepen ſich einſam und ohne Abnehmer auf dem großen Marktplatze vorfanden, was ihrem ſchlichten Verſtande unbegreiflich verblieb. Ein Gedräng füllte den Kirchhof zu Sankt Nikolai, größer, als bei der Beerdigung eines Bürgermeiſters jemals ſtattgefunden; man beſtieg die niedere Mauer, ja die Gipfel der alten, kahlen Lindenbäume, um beſſer zu ſchauen, und näher zu ſein dem Raume, den vor der Kirchenthür ein halb Dutzend der Stadtmilizen leer hielt, und in welchem ſich die vornehmern Rathsverwandten und der Meiſter mit dem Herrn Vasmar befanden. Und der neue Grabſtein ſtand wirklich da, als ein ausgezeichnetes Kunſtwerk für die Zeit, die ihn geboren, und für den rohen Stoff, aus dem er geſchaffen. Ein großes Wandbild war es, mit weit hervorſpringenden Figuren, ſämmtlich trefflich gezeichnet, ſauber ausgeführt, voll geſchiedener Charakteriſtik in den Köpfen und der Haltung. Es ſtellte die Grablegung des Patriarchen Jakob durch ſeine Söhne dar. Der Sarg erſchien ge⸗ öffnet, zum letzten Male hingen die Augen der Kinder an dem angebeteten, väterlichen Greiſe, Ehrfurcht, Schmerz und Dankbarkeit ſprachen aus den Zügen Aller. Ueberdies hatte des Meiſters Hand den großen Stein⸗ rahmen des Wandbildes mit den ſauberſten Zierrathen verſchönert. Außer den Wappenſchilden des Vasmars und einer Fülle von Blumen und Fruchtgehängen ſchmück⸗ ten vier allegoriſche Geſtalten den Rand. Rechts befand ſich die Zeit, als ein düſteres Frauenbild, mit dem Stun⸗ denglaſe, links ein Todtengeripp mit einer Krone in den Händen, die Vergänglichkeit des Irdiſchen ausſprechend, 64 und der Stadtbader Karſtenius konnte nicht aufhören, mit ſeinen langen Affenarmen zu dem Skelete hinaufzudeuten, und ſeinen Nachbarn im Gedränge laut demonſtrirend ſein Erſtaunen kund zu thun, wie der Herr Sutel jedes Knö⸗ chelchen ſo deutlich im Geſtein gefertigt, als habe er die Anatomiam auf einer Hochſchule ſtudirt, oder ihn ſelbſt zum Rathgeber gehabt. Noch mehr hervorgehoben reihten ſich zwei jungfräuliche Geſtalten an die Trauerbilder, Fides und Spes waren ſie unterſchrieben, und Jedermann erkannte die Aehnlichkeit der achtbaren und wohlbekannten Jungfrauen, welche der Künſtler zu verewigen im Sinne getragen. Oberſt Schlüter, der Commandant der Stadt, unter⸗ brach zuerſt das Schweigen im Kreiſe und das leiſe Ge⸗ murmel der Menge. Ihr ſeid ein braver Mann, ſprach er laut mit einer tiefen Commandoſtimme, und drückte Sutels Rechte derb, und habt Eurem Lehrmeiſter Ehre gemacht. Verlaßt Euch darauf, dieſes Werk ſoll nicht Euer letztes ſein, denn ich werde ein Vergnügen darin finden, Euch den durchlauchtigen Herren, unſern verehr⸗ ten Herzogen, zu empfehlen.— Mit naſſen Augen wandte ſich jetzt auch der bislang in ſtummer Betrachtung geſtandene Herr Melchior Vas⸗ mar zu dem in Beſcheidenheit beklommenen, mit geſenk⸗ tem Haupte horchenden Bildhauer. Du haſt meines Vaters und meiner Mutter Grab geehrt, wie kaum eines Fürſten Aſche im Lande geehrt worden, und den Geſchlech⸗ tern der Vasmar und von Wintheimb eine Urkunde in Stein gegraben, die länger halten wird, als Pergament und Siegel, ſagte er mit tiefer Empfindung. Worte habe ich nicht zum Dank, die That mag es Dir beweiſen, wie ich Dich ſchätze. Hier vor dem Volke nimm für — 65 jetzt dieſes geringe Zeichen meiner Liebe.— Er hing eine ſchwere Goldkette um des beſtürzten Jünglings Hals, umarmte ihn mit Wärme und küßte ſeinen Mund, und als der Erröthende ſich aufrichtete aus des Vaters Um⸗ armung, drückte ihm der dürre Stadtſchreiber Wehmuth behend einen Kranz von Immergrün auf die blonden Locken, ſtotterte dazu: Lorbeeren wachſen freilich nicht in unſerer Holzung, mir recht! und Ihr müßt vorlieb nehmen, verehrter Meiſter, mit dem gemeinern Kraut. Jedoch ſpricht ſeine Benennung das aus, was wir Alle Euch wünſchen und Eurer Kunſt. Und nun ſchreiet Vivat dem lieben Manne, der ſeinen Ruhm dem Tode abzu⸗ locken, und mit ſeiner Kunſt den Leichenhof in einen Feſtſaal oder theatrum artis et deliciarum zu verwandeln weiß! Mir recht!— Die Menge jauchzte dem kleinen Sprecher nach, und Jeremias beugte ſich tief ringsum in demüthiger Verlegenheit. Herrn Vasmar hatte die erneuerte Trauer von dem elterlichen Grabe fortgetrieben, die Rathsverwandten waren ihm gefolgt, da ihre Amtspflichten ſie zur Stadt beriefen. Sutel ſtand noch da im Volkskreiſe, von dem Stadtſchreiber feſtgehalten, der mit dreiſter Redſeligkeit von ihm die Erklärung der einzelnen Figuren verlangte, und neugierig den Ruben, und Joſeph und Benjamin unter den Brüdern ſich zeigen ließ. Da trat ein mäch⸗ tiger Mann, indem er ſich grob unter dem Volke Platz machte, in den Kreis und grüßte nachläſſig die Sprechen⸗ den; es war der Bauherr Dietrich Salge. Mit herab⸗ laſſender Geberde, dünkelvoller Hochſtellung und dem Tone eines gütigen Patrons zugleich, klopfte er mit der vreiten Hand leicht auf Sutels Nacken. Ihr ſeid zufrie⸗ den, gekrönter Meiſter Steinmetz, ſprach er dazu, und Blumenhagen. X. 5 66 Ihr dürft es ſein, wenn auch keines kaiſerlichen Pfalz⸗ grafen geweihete Hand die Krönung vollzog, und das Metall zu Eurer Krone auf moraſtigem Holzboden neben dem Sumpfeiſen erwuchs.— Ja, ich bin zufrieden, bin befriedigt im Uebermaß, weit über mein Verdienſt! rief Jeremias mit einem feſten Blick in das hervorgequollene Neidesauge des Mannes, den er als ſeinen Widerſacher kannte. Und was kann einem ehrlichen und fleißigen Manne höher gelten, als die laut ausgeſprochene Zufriedenheit ſeiner beſten Mit⸗ vürger? was ihn höher erheben, als das Lob ſeiner redlichen und wahrhaftigen Zeitgenoſſen? Das iſt Sporn und Lohn zugleich, ſind auch beide unſichtbar für den Alltagsmenſchen, dem der geputzte und wohlgepflegte Leib höher gilt als das innere Licht, der Strahl von Gott, der nicht verliſcht, wenn auch der Leib zerbrochen.— Ihr ſeid ja faſt trunken, wie mir's ſcheint, von der Ueberſchwemmung der Dankbarkeit und den wehmüthigen Wehmuthsreden, welche auf Euch herabgegoſſen, entgeg⸗ nete Salge mit höhniſchem Tone.— Das iſt ein Rauſch, bei dem ſich Gaſt und Wirth wohlbefinden, und der nicht nach Kellerluft riecht, fiel der Brunnenmeiſter Sathrübe hitzig ein. Dieſes Mal müßte ſelbſt der ärgſte Neidhard und Splitterrichter ſich plind erklären, ſtimmte er nicht ein in das allgemeine Lob. Sehet nur auf dem ganzen Gottesacker umher, gelahrter Herr; viel prunkende Denkmäler und Epitaphia loben die fromme Dankbarkeit der Bürgerkinder, aber ſelbſt den großen Leichenſtein des Stadthauptmanns dort auf der Mauer, das älteſte Monument, nicht ausgenom⸗ men, ſolch ein Meiſterſtück hat die Stadt bislang nicht aufzuweiſen.— 67 Der Bauherr drehte dem Befeinder ſeinen breiten Rücken zu und richtete an den Bildhauer allein mit gleiß⸗ neriſcher Freundlichkeit ſein Wort. Ihr zeichnet ganz gut und wißt den Meißel zu gebrauchen, das muß Euch der Neid laſſen, ſagte er mit einer Gönnermiene; aber Ihr ſeid noch zu jung, um Euch ausgelernt zu glauben, und auch zu verſtändig dazu. Könnte man an Eurer Bild⸗ nerei auch tadeln, daß der Rahmen zu überladen iſt für ächte Kunſtarbeit, daß Ihr die hiſtoriſche Einheit verfehlt habt, da dort hinten die Männer den Sarg Jakobs von den Bergen Kanaans herabtragen, und zugleich vorn die Söhne Jakobs denſelben Sarg umſtehen vor der Höhle, die Abraham erkauft hatte gegen Mamrez könnte man ferner tadeln, daß Ihr den Herrn Melchior Vasmar ge⸗ ſtellt als Flügelmann neben die Israeliten, in faſt ko⸗ miſcher Compagnie, ſo ließe ſich das vielleicht entſchul⸗ digen mit dem verderbten Kunſtgeſchmack unſerer Zeit, denn der Wolf muß heulen mit den Wölfen. Doch ein redlicher Freund verbirgt dem Freunde die Fehler auf keine Weiſe, und ſo muß ich Euch bemerklich machen, daß es mir ſcheinen will, als hättet Ihr in der berühm⸗ ten Italia Eure deutſche Sprache vergeſſen, und ausge⸗ ſchwitzt, was der Nordheimer Schulmeiſter Euch einge⸗ bläuet. Schauet einmal ſelber auf Eure Schrift. Bei der Inſchrift des Sarges habt Ihr dem Worte Grab⸗ legung das letzte Schwanz⸗G entwandt, und den Namen Jakob hat noch kein Schriftgelehrter mit dem doppelten Pgeſchrieben. Und nun bemerkt ebenfalls das Todesjahr der in Gott ruhenden Frau Vasmar, geborenen von Wintheimb. Der alte Herr Statius ſtarb Anno Chriſti 1600, einundſiebenzig Jahre alt, die Frau Bürgermeiſterin ledoch, nach Eurer Steinſchrift, 1698, alſo achtundneunzig Jahr nach dem Ehegemahle, und würde dieſelbe daher eine ächte Enkelin Methuſalems geworden ſein.— Lappalien, bösartige Härkelei! rief der Stadtſchreiber, ſich ärgernd an dem höhniſchen Blicke, den am Schluſſe des Sermons der Unkrautſäer auf ſein Opfer ſchoß. Selbſt eine Gerichtsperſon macht wohl einmal einen Buchſtaben⸗ ſchnitzer, und wir alle wiſſen, daß die ehrſame Frau Bürgermeiſterin zwei Jahre vor dem Eheherrn in das Himmelreich einging. Ihr ſelbſt, Herr Salge, habt in Euren Baurechnungen gewißlich ſchon, gerade wie hier, einmal in der Zerſtreuung eine Zahl verwechſelt, wenn ich auch feſt verſichert bin, daß Ihr niemalen eine Fünf ſtatt einer Sechs geſtellt.— Doch des kleinen, braven Mannes Vertheidigung konnte den Eindruck nicht verwiſchen oder mildern, den der öffentliche Tadel auf Sutels Gemüth gemacht. Bleich wie eine Gypsbüſte ſtarrte der junge, beſchämte Mann die Inſchrift an, und ſeine Hände bebten ſichtlich. Lang⸗ ſam nahm er den Kranz von ſeinen Locken und legte ihn nieder auf den nächſten Todtenhügel. Demüthig drehete er ſich dann zu Salge um und ſprach mit faſt erſtickter Stimme: Ihr habt Recht, ich habe den Kranz nicht ver⸗ dient, bis ich die groben Fehler ausgemerzt. Ich danke Euch, denn Ihr habt mir Freundesdienſt erwieſen. O hätte der Freund mit mir in der Werkſtatt geſtanden, würde Euer öffentlicher Tadel mir nicht haben ſo weh thun dürfen!— So wandte er ſich und verließ mit geſenktem Haupte den Kirchhof, und das Volk machte ihm Platz, grüßte ihn freundlich und ſah ihm mitleidig nach. Wäre nur nicht das verdammte Kellerrecht, das Allos Ausplaudern verbeut, brummte Sathrübe ingrimmig, 69 jetzt wäre es ſo recht an der Zeit geweſen, durch zwei Worte das Volk auf dieſen ſtolzen Phariſäer zu hetzen, daß kein Fetzen von ſeinem Prunkmantel und keines ſei⸗ ner maſſiven Gebeine ganz geblieben wäre.— Mir recht! flüſterte Wehmuth. Aber wir dürfen nicht; Wort iſt Wort; bedenkt Freundchen, das Kellerrecht und unſer Reſpekt vor dem Plebs, der durch uns ſelbſt einige Schattirung bekommen würde; mir recht!— Beide folgten dem Bildhauer, und auch die Menge verlief ſich nach und nach. Herr Salge verweilte noch einige Zeit triumphirend an der Kapelle, dann ging er den Kirchhof entlang, bis zu einem Grabmale, an dem ein einzelner ſchlanker Mann lehnte, der in einem brau⸗ nen Mantel gewickelt da ſtand und mit dem Zipfel deſſelben ſein Geſicht bis unter die Augen verborgen hielt. Nun, haſt Du zugehorcht, Söhnchen? fragte der Bauherr, indem er den Mantelträger vertraulich auf den Arm faßte und mit ihm an der Mauer hinabſchlen⸗ derte. Hab ich's recht gemacht, und das goldene Kalb und ſeine Götzendiener nach Gebühr in die Flucht ge⸗ ſchlagen?— Eure Stimme ſchallte zu mir her wie Stiergebrüll, antwortet Erich Meier, indem er den Mantel finken ließ; aber Ihr habt nicht gut gethan daran, dem armen Mies ſeinen ſchönſten Tag zu verderben, und dazu ſo öffent⸗ lich. Ihr kamet mir recht boshaft vor, und es war mir, als müßte ich fort, ohne Eurer zu warten.— Söhnchen, ſpringe mir nicht aus der Zucht! fuhr Salge verwundert auf. Geſchah zu viel, ſo geſchah es ja um Dich. Sollen die Thoren den Burſchen vergöttern und Dich vergeſſen, der ſo hoch über ihm ſteht? Pinſelei nennen ſie Deine Kunſt, und Du biſt ſelbſt Schuld daran, denn hätteſt Du auf der Tiberbrücke den bleichſüchtigen Mondſcheinsgänger ſeinem Schickſale überlaſſen, würde die Vaterſtadt von Niemandem reden als von Dir.— Erich ſchlug das große braune Auge ſchmerzlich zu dem Morgenhimmel auf. Ach! dazumal war ich ein frommer, guter Menſch! ſeufzte er. Jetzt bin ich bös geworden, recht bös, denn was Ihr da ſo frei ausſprecht, hat mir geklungen in meiner tiefſten Bruſt mehrmalen auf meiner Flucht, und ich habe es mit reuigem Gewiſſen gebüßt. Ich will offen ſein und wahrhaft gegen Euch, habt Ihr doch eine unwiderſtehliche Gewalt über mich gewonnen, ſeit Ihr zu Wien in der Stephanskirche Zeuge waret meiner Bekehrung. Als Ihr mir ſchriebet nach Hildesheim, vom heutigen Feſte, da machte ich mich auf in heiterer Stimmung, es war das erſte freudige Gefühl, ſeit ich in der Fremde irrte, gleich dem verſtoßenen Sohne. Der Freund fehlte mir überall, denn wie er, theilte ja Niemand mein Empfinden, wie dieſer reine Menſch hatte Niemand mich erkannt, und bei ihm war mir immer ſo wohl, ſo innig zufrieden geweſen. Sein Ruhmesfeſt ſollte ein Doppelfeſt werden; die Verſöhnung, die Ab⸗ bitte wollte ich hinzubringen. Da riſſet Ihr auf dem Wege hierher alle meine alten Wunden wieder auf. Die alte Erbſünde, der Neid, die Selbſtſucht gewannen wie⸗ der die Oberhand in mir ſchlechtem Burſchen, als ich die Lobpreiſung, das Gejauchz hörte, und die Goldkette, der Kranz, des alten Vasmars Rührung ſetzten mich in eine ſinnverwirrte Wuth, der ich mich ſchämen muß. Kälter war es in mir, als Euer Hohn das Feſt zerſtörte; der arme Mies ſah ſo blaß aus; er iſt hager geworden, und der Kummer auf ſeinem Geſicht ſprach mich an, wie 71 lauteſter Vorwurf, und hätte ich nicht das öffentliche Aufſehen geſcheut, ich hätte mich hervor und an ſeine Bruſt geftürzt. Und jetzt wiederum ärgere ich mich, daß ich's dennoch nicht gethan. Er würde ſein Leid, Euch und Euren Tadel, Alles, Alles vergeſſen haben an meinem Halſe.— Warum thatet Ihr's nicht, Ihr ſeid ja mündig, Euer Bart iſt ſtattlich genug, und Ihr bedürft keines Vor⸗ mundes, verſetzte Salge erbittert. Doch grämet Euch nicht, denn Ihr habt nichts verſäumt, ſondern nur mit Weisheit geſpart; dem Herrn Jeremias wird Euer Ver⸗ ſöhnungskuß morgen an ſeinem ſüßern Ehrentage und als Gaſtgeſchenk in die Brauttafel noch angenehmer dün⸗ ken als heut.— Brauttafel 2 Alſo Hochzeit 2 Sutel, und mit wem? Und warum ſagt Ihr das jetzt erſt? fragte der Maler haſtig, abgeſtoßen, und plötzlich ſtatuenſtarr anhaltend aus raſchem Schritte.— Wer wußte es denn früher? lächelte Salge. Blieb es doch eine Myſterie für die ganze Stadt, als wenn wunder welche Staatsoperation davon abhinge. Hätte ich nicht in jedem Hauſe einen Spion und Söldner, würde ich auch heute, da man ſchon putzt und bäckt zur Feier, nichts davon erfahren haben. Ja, Söhnchen, Dein ſtiller Herr Sutel iſt ein kluger Schleicher, klüger als Du, denn er tauſcht ſich für ſeine ſteifen Sandſtein⸗ puppen das ſchönſte, lebendigſte und reichſte Püppchen Hannovers ein. Morgen früh iſt Aufgebot in der Kirche, Abends Hochzeit in Herrn Vasmars Hauſe, dem der Tollwurm im Hirn ſitzen muß, weil er dem Nordheimer Bettelbuben, in dem er ſeinen Abgott ſieht, die einzige Tochter und all ſein Hab und Gut an den Hals wirft.— 72 Beatrir! ſchrie Erich heftig und mit plötzlich ſchreck⸗ haften, entſtellten Zügen; und zurücktretend, mit vorge⸗ ſtreckten Händen und furchtbar hohler Stimme ſetzte er hinzu: Hebe Dich weg von mir, lügenhafter Satan! Du verſuchſt mich nicht!— Haſt Du den Sonnenſtich ſchon im Frühjahr bekom⸗ men, Söhnchen? fuhr der Bauherr böſe werdend auf. Iſt Dir mein Wort nicht mehr Pfand genug, ſo ſchwöre ich Dir's bei allen Heiligen; und überdies kannſt Du ja ſelbſt bei dem Bräutigam anfragen; dem Buſenfreund wird er's nicht hehlen, was übermorgen die ganze Stadt weiß, wird Dich ſogar zum Beiſtand und Brautführer bitten.— Nein, nein! und drei Mal nein! raſete Erich auf. Es kann, es ſoll nicht ſein. Alter Menſch, Du lügſt in Deinen grauen Bart hinein, und ich fange an, die War⸗ nungen wahr zu halten, die mir ſogar in rechtgläubigen Städten über Dich zugeflüſtert. Ja, ich will hin zu ihm; ihn ſelbſt will ich fragen, er ſelbſt ſoll Dich einen Lügner ſchelten, und dann wehe Dir!— Den großen Regenmantel warf der Maler von ſich, ſprang über die niedrige Steige der Kirchhofsmauer und lief an ihr hinab der Stadt zu. Keuchend folgte ihm der beſorgte Bauherr, und gab bald die Möglichkeit auf, den raſchen Läufer einzuholen. Da ſah er den jungen Mann taumeln, wanken, fallen, und als er mit beſchleu⸗ nigten Füßen zu ihm kam, lag Erich in tiefſter Ohnmacht, und Herr Salge ließ ihn durch die herbeigerufenen Knechte des Todtengräbers in das Gartenhaus bringen, welches er glücklicherweiſe in der Nähe des Platzes beſaß. 73 Der Maler Meier hatte ſich in den Monden ſeiner Entfernung nie lange an einem Orte aufgehalten, ſon⸗ dern war von Stadt zu Stadt wie ein Irrer und Flücht⸗ ling gezogen. Die Urſache ſeiner übereilten Flucht wußte Niemand, als er ſelbſt. Damals, als die Tochter des Herrn Vasmar von der Braunſchweiger Muhme, die ſie ſtatt der früh verblichenen Mutter erzogen, in ihres Va⸗ ters Haus zurückkam, hatte ihre ausgezeichnete Schönheit einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und wäre er nicht ſchon in das Verſtändniß mit der ſchwärmeriſchen An⸗ tonia verknüpft geweſen, er würde offen der neuen Sonne gehuldigt haben. Trotz dem drängte er ſich auf mehren Bürgerfeſten an ſie, und bei einem Tanzgelage klopfte er einmal dreiſt an das Mädchenherz und fragte, wie im galanten Scherz, ob ſie wohl eines Malers Werbung anhören und freundlich aufnehmen würde?— Nehmet mir es nicht ungut, Herr Meier, antwortete da die ſchöne Beatrix, unter allen Werbern würde mein Blick zuletzt auf den Künſtler fallen. Sie Alle ſind nicht in gutem Ruf bei uns Jungfrauen. Die Künſtler müſſen reiſen in fremde Lande, Italien und Frankreich, wo es gar leichtfertige Frauen geben ſoll, und laſſen dort gewiß gar viel von der Eyrlichkeit ſitzen, welche die deutſche Hausfrau vom Geſpons verlangt. Außerdem haben ſie immer Umgang mit den neun Muſenſchweſtern, und faſt nicht Zeit, der ſchlichten Hausfrau ein freundlich Stünd⸗ chen abzugeben. Nein, ich bin ein eigenes, eiferſüchtiges Ding, und mag nichts mein nennen, was ich theilen muß. Einem Künſtler würde ich jeder Zeit dem zier⸗ lichſten Korb flechten, denn die Ausnahmen von ihren obigen Lebensregeln ſind ſo rar, wie der fabelhafte Vogel Phönix.— — 74 Erich hatte ſeit der derben Replik kein Wort mehr gewagt, aber die hohe, ſtolze Dirnengeſtalt blieb feſt⸗ geniſtet in ſeinen Sinnen, und er konnte das ſtete Ge⸗ dächtniß an ſie kaum betäuben durch den freundlichen Verkehr mit Sutels wahrhaft liebenswerther Schweſter. Die Umarmung auf Vasmars Vorplatze hatte ihn empört und fortgetrieben in wüthiger Eiferſucht; er ſah in dem Freunde einen Verräther, in ſeinem Verhehlen ein Verbrechen; er floh, weil ein inneres Gefühl ihn warnte, nicht mit dem Freunde zu rechten, weil ſein Herz aber zugleich ihm ſagte, daß er ohne dieſe befeh⸗ dende Abrechnung nicht im alten Gleiſe mit dem Freunde fortwandeln könnte. Das Mißtrauen, welches ſeit ſeiner Heimkehr ins Vaterland durch die eigene Verheimlichung ſeiner Glaubensmeinung in ihm herrſchend geworden, weil der Menſch gewöhnlich den eigenen Fehler auch am Nächſten vermuthet, malte des Freundes Benehmen in noch ſchwärzern Farben. Wahr klangen ihm jetzt des Herrn Salge Worte, welcher den Bildhauer oft einen heuchleriſchen Frömmler genannt, und er hielt jetzt ſogar das ſchämige Entgegenkommen der Jungfrau Antonia für ein Kunſtſtückchen des Bruders, ſah die tiefe Abſicht darin, ihn durch geheime Ketten zu feſſeln, um ihm ein Ver⸗ hältniß mit der Vasmarn unmöglich zu machen, und ihn von einer Leidenſchaft abzureißen, die der feine Jeremias vielleicht errathen, oder die ihm die Jungfrau Beatrir ſelbſt, da ſie mit ihm in einer Art ſchweſterlichen Um⸗ gangs ſtand, durch Erzählung jener Anfrage verrathen haben mochte. Am Hofe des Dompropſtes Arnoldus, in dem Hauptquartier des Herzogs von Friedland zu Hameln, trieb er ſich einige Zeit in Saus und Braus umher, da ihm alte Bekanntſchaften und des Bauherrn Briefe hier 75 wie dort gute Aufnahme bereiteten; doch gerade in dieſen winterlichen Schwelgereien wurde ſein Verſtand nüchtern und ſeine Beſinnung kehrte. Konnte der Kuß, den Bea⸗ trix dem Bildhauer gegeben, nicht ein ſchweſterlicher Schmerzenskuß geweſen ſein, da ihr Haus eben von ſolchem Unglücke betroffen? Würde der gegen ihn immer ſo offene Jeremias ihm ein ſolches Geheimniß haben verſchweigen können? Und zuletzt, hatte nicht Beatrix ſo geringſchätzend von allen Künſtlern geſprochen? und weß⸗ halb ſollte ſie gerade mit Sutel eine Ausnahme gemacht haben, der ſchen und wortarm in weiblicher Geſellſchaft war, deſſen Kunſt nichts Beſtechendes für ein Mädchen⸗ herz erſchuf, nicht wie die Muſika und Malerei Ohr und Auge verlockte? Und ſollte die ſtolze, reiche Beatrix je⸗ mals ſich zu dem Manne niedrigſter Herkunft hinabwerfen können, ſie, das verzogene Schooßkind des Vaters, ſie, der die junge Welt der ganzen Stadt bei jeder Gelegen⸗ heit die ſchmeichelhafteſten Huldigungen zu Füßen legte? Alle dieſe Betrachtungen entwickelten ſich immer deut⸗ licher vor ſeinem innern Auge, und wurden zuletzt ſo klar, ſo beſchwichtigend, daß er ſich ſelbſt einen Unſinni⸗ gen ſchalt, und mit Freuden den Brief vom Herrn Die⸗ trich las, welcher die Nachricht von Sutels Kunftfeſte enthielt, an dem er Theil zu nehmen ſich entſchloß, und die winterliche Nachtreiſe nicht ſcheuete, weil ſein Scham⸗ gefühl ihm zuflüſterte, der Freund würde an einem ſol⸗ chen Tage ihm manche Erörterung erlaſſen.— Aber das tückiſche Schickſal hatte Alles anders ge⸗ ſtaltet, als Erich es in ſeinen Träumen geſehen; alle jene beſänftigenden Vorſpiegelungen waren Irrlichter geweſen, die unter dem derben Fußtritte des Bauherrn verſchwanden, und als er auf Salgens Faulbette aus ſeiner Ohnmacht erwachte, ſtand die Wirklichkeit vor ihm, finſter und entſetzlich, wie ein Schauerbild vom Höllen⸗ Breughel, und in wüſten Worten der Raſerei fuhr er vom Bette auf und wollte hinaus in die Stadt, offene Fehde zu beginnen mit Allen denen, die ihm als Verder⸗ ber ſeines Glückes erſchienen. Der ſtämmige Bauherr behandelte ihn jedoch als einen Gefangenen, wandte Ge⸗ walt und Ueberredung an, predigte von der Gefahr, in die er ſich und ihn ſo leichtlich ſtürzen dürfte, von der Lächerlichkeit, die ſeine Eiferſüchtelei in den Augen der Mitbürger auf ihn laden würde; und da Erich ſcheinbar ſtiler und verſchloſſener ward, ſo mußten ſeine Diener ſein Lieblings⸗Arkanum in jeder Sorte von Leid und Noth, eine Batterie gefüllter Flaſchen, zum Gartenhauſe ſchaffen, und er beſchloß, den Tag ſeinem Zöglinge zu opfern, indem der ſchlaue Mönchsſchüler die Wichtigkeit abwog, welche in der Vermeidung des Ausbruchs öffent⸗ licher Feindſeligkeiten bei dem Stande der Dinge lag. Erich ſchien eingeſchüchtert durch die gewohnte Ueberle⸗ genheit des ältern Führers, und der betäubende Sorgen⸗ brecher ward von ihm nicht verſchmäht. Salge unter⸗ hielt ihn von den großen Planen zur Umgeſtaltung des Vaterlandes, ſobald Tilly's ſiegreiche Armee die Hyder des Unglaubens vertilgt haben würde, ſobald der Schwäch⸗ ling Ulrich und die wankelmüthigen Lüneburger Prinzen ſammt ihrem ganzen Geſchlecht ausgelöſcht ſein würden auf der deutſchen Fürſtentafel, und Tilly, jetzt ſchon als Fürſt von Kalenberg begrüßt, den braunſchweigiſchen Herzogshut tragen würde, von dem Triumph der Recht⸗ gläubigen und ihrer Erhebung auf die höchſten Ehren⸗ poſten; und Erich hörte ruhig zu, oder ſtarrte gedanken⸗ voll durchs Fenſter in die trübe Landſchaft. Aber bei bei 77 dem Beſtreben, durch ableitende Zwieſprache ſeinen Ge⸗ fangenen zu feſſeln, hatte Herr Dietrich die trockene Zunge zu vft befeuchtet, hatte vergeſſen, daß Nüchtern⸗ heit eines Kerkermeiſters erſte Tugend iſt, und als die Nacht ſich auf die Flur geſenkt, und der volle Mond mit blutrother, großer Scheibe ſich am Horizonte herauf⸗ wälzte und unheimliches Licht durch die Fenſter des Gar⸗ tenhauſes ſandte, da ſaß der Bauherr lallend auf dem Faulbette, neigte bald ſein koloſſales Haupt und ſchnarchte laut und widrig in die Polſter geſunken. Erich that einen vorſichtigen Blick zum Fenſter hinaus, dann nahm er Baret und Mantel, hüllte ſich feſt ein, verließ den Trunkenbold, und trat, nachdem er des Häuschens Thür hinter ſich verſchloſſen und den Schlüſſel in ein Gebüſch geworfen, den ſchweren Gang an zur lange nicht betre⸗ tenen Vaterſtadt und zur Entſcheidung ſeines Schickſals. Die Zeit des Thorſchluſſes war längſt eingetreten, und nur die Nennung ſeines bekannten Namens öffnete ihm das Seitenpförtchen unter dem Wartthurme. Er ſtieg den Wall hinauf und umging die Stadt. Er wollte ſich vorbereiten zu dem Geſpräch mit dem Freunde, wollte ſich beruhigen, denn der Verführer Salge, der ihm heute beſonders hämiſch und im Rauſch ſehr widerwärtig vor⸗ gekommen war, hatte an Glauben und Achtung bei ihm verloren; aber der einſame Gang im Mondſcheine er⸗ hitzte ihn noch mehr; der letzte Tag vor ſeiner Flucht lag hell wie ein Geſtern vor ihm, und dicht an ihn tnüpfte ſich das Heute; ſeine Erinnerungen wurden ſchlan⸗ gengegürtete Furien; Kunſtneid und Liebeseiferſucht mar⸗ terten ihn wie zwei mitleidloſe Folterknechte, und immer mächtiger fühlte er die Pulſe ſchlagen im Hirn und das Herz ſtürmen gegen das einzwängende Gerüſt der Bruſt. Er durchkreuzte die Gaſſen der Stadt, die ihm wie ein weites Leichenhaus erſchien, denn ſchon hatte die Bürger⸗ glocke geſchlagen, und die Lichter hinter den Fenſtern waren meiſtentheils ſchon ausgelöſcht. So kam er auf den Holzmarkt, und ſtand an Sutels Hauſe, ehe er es gewollt. Auch hier herrſchte nächtliche Ruhe, dunkel waren die Fenſter; er faßte nach der Thürglocke, da ſchien es ihm, als berühre ein einzelner Harfenton ſein Ohr, und ſeine Hand ſank, und er ging gedankenvoll fort, und durchſchlich das Beguinengäßchen und betrat den ſchmalen Gang, welcher zwiſchen dem Schweſter⸗ kloſter und dem Sodenſchen Siechenhoſpital hinlief. Die Häuſer des Holzmarktes ſtießen mit ihren Höfen an dieſen Kloſtergang; wohlbekannt war ihm das Pförtchen in der Wand, welche Sathrübens Gehöft umgab, und Licht ſchimmerte noch im Hintergebäu, wo des Bildhauers Werkſtatt lag, und Erichs Auge ſah den Schatten des Freundes ſich hin und her bewegen in dem hochliegenden Zimmer. Schnell entſchloſſen klopfte er jetzt mit ſtarken Fauſtſchlägen an das Pförtchen. Sutel war wach geblieben. Sein gekränktes Gemüth hatte nicht lange Ruhe gehabt an Vasmars Mittagstafel, ſelbſt die Zärtlichkeit der ſchönen Beatrir hatte ihn nicht feſthalten können. Die Fehler an ſeinem Werke mußten, trotz der Sabbathsfeier, gelöſcht, verbeſſert ſein, ehe ein neuer Tag den Denkſtein beleuchtete. Emſig fertigte er eine neue Schrift aus ſcharfgeſchnittenen, kleinen Steinen, welche er künſtlich einlaſſen und feſt einkitten wollte in das Wandbild, wie er es in Italien oft geſehen und wohl gelernt an den verſtümmelten Antiken, welche die Meiſter künſtlich zu heilen verſtanden, und ſeine gedrückte Seele wurde freier bei der ſorglichen Arbeit. Das — 79 Klopfen machte ihn ſtutzen, er öffnete das Fenſter und fragte hinaus. Komm herab, ſchließ die Thür auf, ich bin's! ſchallte da Erichs dumpfe Stimme aus dem Dunkel zu ihm herauf, und Freude erſchütterte ihn durch und durch, denn er erkannte die Stimme augenblicklich.— Der Maler ſtand draußen wie ein Steinbild, die Blicke ſtarr auf das Pförtchen gerichtet, an welchem Jeremias von innen lange vergeblich den Schlüſſel ver⸗ ſuchte, theils aus freudiger Haſt, theils vom Mondſchimmer geblendet. Erich beachtete nicht einmal das ſeidenhaarige Hündlein, welches durch ein Loch in der Wand heraus⸗ geſchlüpft war und ihn freundlich wedelnd und bläffend umſprang. Jetzt gab die Thür nach und Sutel trat heraus und ſchlang beide Arme um des Freundes Schul⸗ ter und ſtammelte faſt athemlos: Wahrlich, Du biſt es? Aber warum ſo ſpät, warum gerade hier? O, haſt Du mich denn ſo lange entbehren können? Doch gut, daß Du wieder da biſt. Wie einen Todten hab' ich Dich, hat Dich die arme Antonia betrauert. Erich, nun fehlt mir nichts mehr im Leben, und daß Du heute noch kameſt, darin erklärt ſich mir die höchſte Gunſt der Vorſehung.— Der Maler hatte die heiße Umarmung des Bildhauers nicht erwidert, aber eintönig entgegnete er: So kam ich Dir wirklich recht? Und wozu und warum gerade heute? Sprich wahrhaft, Sutel! Feierſt Du morgen— 2 Iſt die Vasmar— 2 Machſt Du mit ihr morgen Hochzeit?— Der Vater hat uns geſegnet, fiel ihm Sutel haſtig ins Wort, ihn feſter an ſich ziehend. Ja, ich bin un⸗ verdient der glücklichſte Menſch der Erde, ſeit auch Du da biſt, meine Seligkeit vollkommen zu machen.— Heftig drängte ſich Erich zurück aus ſeinen Armen. Feiger Dieb meines Glücks! In der Hölle ſuche Deine Seligkeit! Haſt Du mir hinterliſtig die Braut geſtohlen, veſitzen ſollſt Du ſie nicht!— ſo ſchrie er laut in die Nacht hinein, und der Bildhauer fühlte zugleich einen ſchneidenden Schmerz in der Bruſt, der ihn zu einem heftigen Wehgeſchrei zwang und zu Boden warf, und als er nach der Bruſt griff, faßte er Erichs Dolch, feſt in ſeinem Fleiſche haftend, und Blutſtröme ſpritzten heiß über ſeine Hand und hinauf gegen den Mörder. Eine grauenvolle Pauſe folgte der That; Erich ſtand bewe⸗ gungslos, der Hund winſelte um den wimmernden Herrn. Da erhob ſich der Verwundete halb vom Boden auf. Fort, Unglückſeliger! tönte ſein Jammerton. Du haſt Dein eigen Herz getroffen. Höre das letzte, wahrhaftige Wort eines Sterbenden! Hätteſt Du Beatrir von mir verlangt, ich hätte Dir, wie Alles, auch meine Liebe geopfert. Ich verzeihe Dir. Aber fort, rette Dich, denn ich höre Menſchen.— Antonia kam im Nachtkleide mit der Lampe durch den Hof. Allmächtiger Gott! rief ſie. Was iſt geſche⸗ hen?— Bruder, Du? Und Ihr hier, Erich?— Ein heimlicher Meuchler traf mich, ſtotterte Jeremias. Mein Erich kam zu ſpät, verjagte den Mörder, konnte mich aber nicht mehr ſchützen.— Nein! Nein! Ich bin ein Verfluchter! Ich hab's ge⸗ than!— Kain! Kain! ruft's aus den Wolken! ſprach der Maler mit dumpfer Stimme der Verzweiflung.— Antonia warf ſich neben dem Bruder an den Boden. O entſetzlich! D Jammer ohne Gleichen! ſtieß ſie hervor. Aber flieh, furchtbarer Blutmenſch! Ich höre die Schritte der Verfolger ſchon.— Wild ſchauete Erich um ſich; dumpfe Tritte hallten — e ir e — ite e⸗ ch en. or. tte ten 84 im engen Gange, die Spießesſpitzen der Schaarwacht blinkten im Mondlicht; vom Inſtinkte getrieben, ermannte er ſich und floh durch den entgegengeſetzten Ausgang des engen Paſſes in die Stadt hinaus. Wäre die Peſt in Hannover ausgebrochen, oder hätte man den plündernden Feind in den Gaſſen geſehen, ſo könnte das Entſetzen, welches am andern Morgen von Haus zu Haus ſich verbreitete, nicht größer geweſen ſein. Offener Mord inmitten bürgerlicher Sicherheit iſt etwas Gräßliches, denn Jeder fühlt auch das eigene Leben im Preiſe geſunken, wo die doppelte Geſetztafel der Natur und des Rechts verhöhnt wurde. Aber die Schreckens⸗ mähr von des allgemein geliebten Sutels tödtlicher Ver⸗ wundung wurde noch grauſiger, als man erfuhr, daß ihn der Mordſtahl am Vorabende ſeines Hochzeittages getroffen, und als man erfuhr, daß die von dem Angſtgeſchrei herbeigelockten Schaarwächter dem Mörder nachgeſetzt, ihn gefunden, wie er an der Pforte der Hauptkirche in die Knie geſunken und den metallenen Klopfer derſelben mit beiden Händen krampfhaft umfaßt gehalten, und daß man in dem blutbefleckten Verbrecher den Maler Meier, den Buſenfreund des Niedergeſtoßenen, ſogleich erkannt habe.— Allgemeiner und heftiger ſprach ſich vielleicht niemals Haß und Verachtung aus, als vor den Gitter⸗ fenſtern des Rathhauſes, hinter denen man den Gefan⸗ genen wußte; denn Jedermann wähnte, nur elender Künſtlerneid ſei das Motiv der blutigen That geweſen. In Sutels Behauſung jedoch zeigte ſich das Entſetzen und der Jammer auf der höchſten Staffel und in den erbarmungswürdigſten Bildern. Da lag der junge Blumenhagen, XK. 6 ———— ſillduldende Mann im weißen Nachtkleide auf dem Ruhe⸗ bett und trug die heißen Schmerzen mit der Standhaf⸗ tigkeit eines Märtyrers. Sein Lager umringten die Lieben Alle; wie ein Verzweifelter geberdete ſich Herr Vasmar, dem die ſicher gehofften Freuden ſeines Alters in ihm untergingen; betend kniete Antonia neben ihm, eine Mater doloroſa, mit dem doppelſchneidigen Schwerte in dem Buſen, denn ſie verlor Bruder und Geliebten in derſelben Stunde auf die ſchrecklichſte Weiſe; auf der andern Seite ſtand die ſchöne, hohe Beatrix, bleichen Geſichtsnund thränenloſen Auges, feſt die Hand des Bräutigams haltend, wie der Genius des Todes, der, den Jüngling ghzurufen, ſich zur Erde geſenkt, aber Herz und Heißt Jaſt leer on Gefühl und Gedanken, im Ge⸗ müth nur die ine Empfindung der Unmöglichkeit ſolchen Verluſtes, in der Seele nur ein Zweifel des Unglaubens, rig ſchrecklichereweifel gu der Allgüte, wenn dieſer Ver⸗ 1 paht neſden könnieznaundußinter den Kopfpolſtern ieeSi ohne Scheu, und ſchalt laut f die Verführer und Varderberndes jungen Volks, und de peſpolle Krieaszeithn die ibnen Gottloſigkeit durch Beiſpiels und Lehre in pas Perz gsſet. remiasklagte qnfänglich nunrüher Erichs Schickſal, und als mgn ihn miti der/ Nothlge gtröſtet, er ſei ent⸗ ſighen und hn eicht einsfholt werden können, ward er völlig wuhig und gefaßt und der Fröter derer, die um⸗ e nansd tn enee d nchalte frſt am Glazben,nſprachr zur Schwoſter zrdien ewige Weisheit zählt iedes Haan undoohnsihren Wiſlem fäut eiw Sperling vom Dache. nöhren Prüfungen ſind Schritte zum ichte, Ralche und hart iſt der Abſchied,u aheprich gehe zur Mutter undee undgichiwerden Dich⸗ 5 X mondnmulE 83 vft umſchweben, wenn Du in den Tönen Deiner from⸗ men Harfe zu uns redeſt. Erdenſorge kümmert Dich nicht, denn Vater Vasmar wird Dich empfangen als mein heiliges Erbe, und die Liebe, die er an mir ver⸗ ſchwendete, jetzt ungetheilt auf Dich ſenken.— Du ſtirbſt nicht! rief da Beatrir mit Wahnſinns⸗ blicken. Du darfſt nicht ſterben, denn Du gehörſt mein! Kann Gott zurücknehmen, was Er verſchenkte? Kann Er das Gute verderben laſſen, wenn Er gerecht iſt?— Sutels Auge hing lange mit ſchwermüthigen Blicken auf ihren entſtellten Zügen. Liebe Beatrix, ſagte er dann mit Engelsmilde, ich danke und preiſe den Allgütigen, der ein langes Jahr hindurch Dich zu meinem Lebens⸗ engel gemacht. O es war mir immer, als ſei ſolch Glück zu überſchwänglich für einen Erdenſohn, und bange, prophetiſche Ahnungen ſchatteten mein Paradies! Daß Du mich geliebt, mich erwählt aus tauſend Würdigeren, dieſes ſelige Triumphgefühl begleitet mich durch die To⸗ desnacht hinüber in das unbekannte Land, wo keine Tren⸗ nung iſt, und wo Du mich wieverſindeſt treu und Dein eigen, wie ich hier gewandelt. Und bei dieſer Treue beſchwört Dich Dein Bräutigam, ſei ſtark und fromm, und verkümmere mir den Abſchied nicht, daß ich leichter gehe auf die weite Reiſe, zufrieden und kummerlos durch dieſes letzte Liebesgeſchenk von Dir.— Da brachen Thränen der Jungfrau ſtarren Schmerz, und ſie warf ſich über ihn hin und ſchluchzte: So nimm mich mit Dir, daß um Deinetwillen der Sünderin ver⸗ geben werde.— Mehre Tage lebte der arme Bildhauer noch mit zu⸗ nehmender Schwäche und ſteigenden Schmerzen, und ſein Leidensgemach wurde immer einer Todtenhalle ähnlicher, denn blaß und ſtumm ſaßen die Freunde, Keiner wagte eine Klage auszuſprechen, da die Erſchütterung dem Kranken ſchaden konnte, und da die ſichtlich ſtets näher tretende, ſchwarze Stunde krampfhaft die Herzen zuſam⸗ men preßte und die Zungen lähmte. Da öffnete ſich die Thür, und zwei Fremde traten ein; in dem erſten er⸗ kannten die Anweſenden mit Schrecken den alten Kame⸗ rarius Meier, der zweite war ein unbekannter, ehrwür⸗ diger, weißgelockter Greis in vornehmer, ſchwarzer Tracht. Der Kamerarius trat mit feſtem Schritt und ernſtem, aber unverändertem Antlitz zu dem Kranken und nahm ſeine Hand von der Decke auf. Muth, mein Sohn! ſagte er ohne Zittern der Stimme in ſeiner gewöhnlichen, rauhen Weiſe; Jugend iſt ſtark, und in ihr das Leben reich. Ich bin hinausgefahren, Tag und RNacht hindurch, und habe Dir von Helmſtädt den berühmteſten aller Le⸗ benswächter herbeigeholt. Friſch an's Werk, würdiger Profeſſor! Ihr habt manchem Fürſten zur Geſundheit geholfen, manchen zerſchoſſenen General zuſammengeflickt; ſeid verſichert, dieſes Leben iſt nicht weniger werth; im Himmel wird Euch die Kur nicht geringer angeſchrieben werden, und dankbare Menſchen werden ſie fürſtlich lohnen. Er drückte Sutels Hand feſt dabei, und als er Antonia neben ſich auf dem niedern Schemel erblickte, legte er ſeine Linke ſanft auf ihren Scheitel. Der fremde Wund⸗ arzt näherte ſich dem Bett, und fragte leiſe, und begann ſeine Unterſuchung. Jeremias jedoch nickte langſam mit dem Haupte und flüſterte: Dank Euch und Gott! O wie viele Liebe gibt er mir mit auf den letzten Weg. Aber ich meine, es iſt zu ſpät, und mein Ziel nicht fern mehr. Ja, nur um eines Einzigen willen wäre es gut, wenn an mir ein Wunder geſchähe durch den gütigen Herrn hier.— 85 Wen meineſt Du! fuhr da hart der alte Kämmerer auf. Wen kannſt Du meinen? Doch nicht ihn, den Schandbuben, den ein Zigeunerweib mir in die Wiege getauſcht, oder mit dem mich mein eigen Eheweib be⸗ trogen? Denke an uns, an die da und die, und an mich, dem Du der einzige Sohn ſein ſollſt, ſo wahr ich ein Chriſt bin! Jenen laß liegen in ſeinen Ketten, ſchwarze Teufel werden ſeine Geſellen ſein in der Kerkernacht, und ihn zum Sündertode ſchleppen, dem er nicht entgehen ſoll. Ich habe nie einen Sohn gehabt, und Du ſollteſt mich zuletzt daran erinnern.— Hochauf fuhr der Kranke im Bett, und ſtieß heftig den Arm des Arztes zurück, der vorſichtig ſeinen Verband zu löſen begann. Iſt es möglich? Erich gefangen, und man verſchwieg mir das? rief er angſtvoll aus. Wer kann ihn richten? Wer auf Erden hat ein Recht dazu 2 Ich habe ihm ja verziehen, was willenlos die Hand that, und ich gehe zu Gott, dort zu bitten für ihn.— Vater Meier, ſetzte er hinzu, indem ſein weißes Antlitz ſich mit Glutroſen überzog, und ſeine Rede immer ſchneller wurde, Vater Meier, bei den Wunden des Erlöſers be⸗ ſchwöre ich Euch, rettet Euren Sohn! O Ihr kennt das Gift nicht, was er getrunken und was ihm die Sinne verwirrte, wie Sonnenſtich! Ihr Alle bittet, bittet für ihn um meinetwillen! und wer ihn losgebeten, wer ihn gerettet, den will ich ſegnen— ſegnen in Ewigkeit!— Er war mit höchſter Anſtrengung bei dieſer Rede aus dem Bett geſtiegen, und wollte ſich in die Knie werfen, woran ihn nur mit Mühe Antonia und der Arzt hinderten. Jetzt ſank ſein Haupt plötzlich zur Seite, er knickte zu⸗ ſammen, wie eine gebrochene Blume, und ſein Athem ſtand. Blut quillt durch die Binden, rief der Arzt, er 86 iſt hin!— Und Alle ſchrien auf in einem Schmerzes⸗ ſchrei, Beatrix ſtürzte ſich heftig an des Vaters Bruſt, Antonia aber lag ſinnlos wie der Bruder da, und der alte Meier faltete die Hände mechaniſch, weil er den Brunnenmeiſter das gewohnte Sterbegebet ſprechen hörte; aber die frommen, nachgeſtammelten Worte verwandelten ſich auf ſeinen Lippen, und wurden zu harten Verwün⸗ ſchungen und Anklagen, die aus des Vaters Munde ſchauerlich klangen. Lange Monden waren vorübergegangen, und die ſich drängenden Zeitbegebenheiten hatten die grauſe Mordge⸗ ſchichte faſt in Schatten geſetzt und halb vergeſſen gemacht. Die gräuelvolle Eroberung und Zerſtörung Magdeburgs, die Rächerſchlacht bei Leipzig, wo der unbeſiegte Tilly dem tapfern Schwedenkönige das Feld laſſen mußte, Herzog Georgs von Lüneburg Abfall von dem Bunde mit den Kai⸗ ſerlichen, des gefürchteten Pappenheims Rückkehr in die braun⸗ ſchweigiſchen Lande, in deren Folge, zum Schutz gegen den Grimmigen, drei Compagnien lüneburgiſcher Soldateska in die Stadt genommen, und die Bürger täglich zehn Korporalſchaften auf die Wälle ſtellen mußten, gaben den Schwätzern der Stadt ſo vieles Material, und machten den Familienvätern ſo arge Kümmerniß und Zukunfts⸗ furcht, daß man des armen Sutels und ſeines unverſöhnten Schattens nur gedachte, wenn man das ſchwarze Klee⸗ platt, den Altermann Vasmar mit Beatrir und An⸗ tonien wallfahrten ſah zu dem Erbbegräbniſſe Sathrübens in welchem der Bildhauer beigeſetzt war, oder wenn man dem bedauernswerthen Kamerarius auf dem Markte be⸗ gegnete, der nach wie vor zu geſetzter Zeit auf das W* — 5 8* 7 — So 87 Stadthaus ging, unverändert in der ernſten katoniſchen Geſtalt, wie die Bürger ihn ſeit Jahren zu ſehen ge⸗ wohnt waren. Erich ſaß in ſeinem Kerker, ſchwer geſchloſſen, in ſchauerlicher Einſamkeit. Aber er empfand ſeinen Zuſtand kaum. Wie ein ſchon Begrabener ſtarrte er in die Nacht, die ihn umgab, und zählte die Stunden nicht. Eine kalte Reſignation hatte ſich ſeiner bemächtigt, er hatte abge⸗ ſchloſſen mit dem Leben, er wußte ſich allein, verſtoßen von Jedermann; dieſes Bewußtſein machte ſein Herz zu Stein, und ſelbſt der Gedanke an die ewige Vergeltung ſchüttelte ihn nicht und bewegte ſein Gemüth auf keine Weiſe; er glich einem ausgebrannten Vulkane, ſchwarze Lava umgibt den verlöſchten Schlund, und kein Grashalm, kein Blumenblatt findet Nahrung in dem todten Boden. Er war oft von den Richtern der Stadt peinlich verhört worden, er hatte die That niemals geläugnet oder beſchö⸗ nigt; doch wenn die fragenden Herren nach ihrer Vorſchrift, und vielleicht um Milderungsgründe bei dem Spruche über den Sohn eines geachteten Rathsverwandten zu finden, nach den tiefern Motiven der That forſchten, dann ſchwieg er hartnäckig und nannte den Geiſt der Hölle als ſeinen Verführer, der ihn zu dem Mordſtoß gezwungen⸗ Auch ſchon dazumal beflügelten die Herren der Juſtiz ihre Federn nicht beſonders, und des Malers Haft dauerte faſt ſchon ein Jahr, ohne Entſcheidung ſeines Schickſals, vor welcher den Richtern ſelbſt zu grauen ſchien, obgleich ſie immer unvermeidlicher wurde, indem der alte Meier in ſeiner unerſchütterlichen Gerechtigkeitsliebe ſelbſt die geheimen Vorſchläge des hohen Raths, am herzoglichen Throne für den verirrten Sohn Gnade zu erflehen, mit rauhem Unwillen von ſich gewieſen. 88 Dietrich Salge, der Bauherr, hatte dagegen mehr⸗ mals dem Gefangenen Beweiſe ſeiner Theilnahme gegeben. Die junge Frau des Schließers, aus dem Stift gebürtig, gehörte zu den geheimen Glaubenstöchtern des Herrn Die⸗ zerich; der Unglückliche, welcher doch nur einen Ketzer getödtet, und, ſo jung und anſehnlich von Geſtalt, dem Bluträcher verfallen ſollte, erweckte des Weibleins Mit⸗ leid, nachdem ſie geſehen, wie er ein Heiligenbild, was er am Bruſtkettlein trug in der Hand gehalten und mit ſtarren Blicken und bebenden Lippen betrachtet hatte⸗ Sie ließ ſich daher gebrauchen, zu verſchiedenen Malen Briefe von dem Bauherrn in Erichs Kerker zu tragen, erſtaunte aber nicht wenig, als dieſer ſich weigerte, ſie anzunehmen, zuletzt mit Heftigkeit den Brief ihr vor die Füße warf, und mit dumpfer Stimme, die wie vom Zorn bebte, dazu ſprach: Sage dem Schreiber, er ſolle die Todten in Frieden laſſen, an ihnen ſei nichts zu ver⸗ führen, von ihnen nichts zu gewinnen, als ſolch köſtlicher Ordensſchmuck, wobei er zugleich die Ketten ſo furchtbar klirren ließ, daß die Frau tief erſchreckt, aus dem Ge⸗ fängniß ſich flüchtete. So ſaß auch einſt der Maler und zählte die Glocken⸗ ſchläge des nahen Marktthurms, welche Mitternacht an⸗ ſagten, und horchte dem geſpenſtiſchen Tone des Wächter⸗ hornes, welches von der Spitze des Thurmes mit vier langgezogenen hohlen Poſaunenſtößen nach allen Welt⸗ gegenden den Schläfern verkündete, daß der getreue Wächter der Stadt wach ſei in ſeiner Pflicht. Da ſchlichen Schritte heran im Gange, leiſe raſſelte Schloß und Riegel, und eiskalt überlief es den Gefangenen, und ſeine Haare ſträubten ſich empor, denn es war die Geiſter⸗ ſtunde, und die blutige Geſtalt ſeines Ermordeten hatte 89 gerade heute ſich oft vor ſeine Phantaſie geſtellt. Aber ſein Grauſen erloſch, und machte einem noch widerwär⸗ tigern Empfinden Platz, als die eiſerne Thüre behutſam aufgethan wurde, und Herr Salge ſelbſt, mit dem Lämp⸗ chen in der Hand, zu ihm hereintrat. Hoch auf fuhr Erich von ſeinem harten Lager und ſeine Arme, ſo hoch es ſeine Feſſeln erlaubten, dem unerwarteten Gaſte ent⸗ gegenſtreckend, rief er barſch: Was wollt Ihr? Wer rief Euch? Schützen ſelbſt dieſe dicken Mauern mich nicht vor Eurer entſetzlichen Nähe.— Biſt ſchlafverwirrt, Söhnchen? Kennſt mich nicht? fragte Salge zurück, indem er im Kerker herumleuchtete und dann das Lämpchen hinſtellte. Schlecht Quartier für einen Raphael und eines Senators Sohn, aber hat es nicht beſſer wollen, biſt eigenſinnig geweſen, könnteſt ſchon längſt am Domherrntiſch ſitzen und von Silber ſpeiſen.— Höhnt Ihr mich, Salge? entgegnete Erich mit inne⸗ rer Wuth. Der Teufel höchſte Luſt ſoll ja ſein, über ihre Verführten zu lachen. Lache denn nur, Teufel, der mich bis hierher gebracht. Ich halte ſtill, auch das ge⸗ hört zum Gottesgericht und zu meiner Buße.— Du haſt Fieber, Söhnchen, ſprach Salge mitleidig. Wer hat Dir geheißen, Dolche zu tragen und den Ita⸗ liener zu ſpielen? Doch wohl nicht ich, Dein geiſtlicher Vater und Vormund, der Dich groß machen wollte vor Allen? Aber ich vergebe Dir, was Du als Kranker ſprichſt, und bin gekommen, Dich zu erlöſen aus der Schmach, Dich mit mir fortzunehmen auf der Stelle, zum Hohn der Ungläubigen dieſer Stadt, damit ſie und auch Du, Schwankender, unſere Macht erkennen.— Geht fort, Salge, ſparet die Mühe, antwortete der —— 90 Gefangene und ſetzte ſich auf ſein Holzbett. Das Be⸗ wußtſein meiner Frevelthat hat mir Herz und Sinne mit einer Eiskruſte umgeben; ich höre die Worte des Ver⸗ führers nicht mehr, denn ich habe nichts mehr in der Welt zu thun, als öffentlich abzubüßen, was ich geheim gethan, der Gerechtigkeit ihr Opfer zu geben und der Menſchheit eine blutige Warnung nachzulaſſen.— Der Bauherr beſchwor ihn jetzt mit aller Kraft der Ueberredung, mit den vockendſten Gemälden der Zukunft, mit der Sicherheit des Erfolgs, mit den das Gewiſſen beſtechenden Ausſichten auf Ablaß von heiliger Prieſterhand und die Eitelkeit ſchmeichelnder Erinnerungen an die Achtung und Freundſchaft der Großen und Reichen in den Südländern und der Kaiſerſtadt. Der Gefangene blieb unerſchütterlich. Da erhob ſich Salge unwillig vom Schemel und ſagte: Habe ich doch glücklich den Eigenſinn geahnet und mich geſchickt darauf. So mag denn eine andere Stimme den tollen Burſchen zwingen, das Geſchenk anzuneh⸗ men, was die Freundſchaft dem Undankbaren mitgebracht.— Er ging hinaus zur Kerkerthür und kam augenblicklich wieder zurück, und an ſeiner Hand trat ein Weib in ſchwarzer Tracht, mit Nebelkappe und Regenmäntelchen verhüllt, herein, und Erich erkannte das bleiche Geſicht, ſo wie der Lampenſchimmer es beleuchtete, und unter dem Angſtſchrei: Antonia! verhüllte er mit beiden Händen ſeine Augen und warf ſich, abgewendet, nieder auf ſein Lager. Die Jungfrau bebte ſichtlich, als ſeine Ketten klirrten und ihre Blicke das nie geſehene Bild des dunkeln Kerkers einſogen. Doch bezwang ſie ſich mit Kraft und kam näher zu dem Unglücklichen. Erich! begann ſie mit ſchwankender Stimme, ich habe einen ſchweren Gang gethan, aber ich ſäumte nicht, denn 9¹ als dieſer Mann da mich aufforderte zu dem geheimen Schritte aus Chriſtenpflicht, war es mir, als riefe mich des ſchlummernden Bruders Mund dazu.— Erich erhob raſch den Kopf, ſo wie ſie zu ſprechen begann, und wendete ſich dann ſchnell zu ihr. Antonia, rief er aus mit Beſtürzung, auch Du biſt in den fürch⸗ terlichen Ketten dieſes Menſchen? Nein, nein, Deine Tugend bedarf keiner Fürſprecher bei dem Richter der Welten, Du ſelber ſchwebſt wie ein Engel zwiſchen Gott und den Menſchen. Doch deßhalb fliehe um ſo mehr den Mann dort, laß Dich nicht umgarnen von ihm, damit kein Schmutzfleck Deine weißen Fittiche ſchände.— Er iſt wahnwitzig, fiel Salge ein, wir dürfen ihm nichts zurechnen.— Nein, nicht wahnwitzig bin ich geworden in dieſer ſchwarzen Kerkernacht, verſetzte Erich; die Einſamkeit hat meinen Geiſt wiederum hell gemacht, den Dieſer ver⸗ dunkelt hatte. O glaube mir, hätte ich Dieſen nie ge⸗ ſehen, ich wäre ein ſchuldloſer Knabe geblieben; durch ihn ſcheiterte ich in den Strudeln der Welt, durch ihn wurde ich treulos Allen, die mich geliebt; durch ihn wurde mir Leib und Seele verderbt für ewig. O es iſt fürchterlich! Was er mit mir gewollt, weiß ich nicht, aber bald, bald wird mir das Räthſel dort gelöſet werden, wo alle Schleier fallen.— Antonia ſank in die Knie und hob gefaltet die zarten Hände. Gott iſt barmherzig, ſagte ſie feierlich. Er läßt den Menſchen Zeit zur Buße. Wohl ſollte ich Dich haſſen, Erich, aber ich konnte es nicht, ich liebte Dich ja in den Tagen, die beſſer waren, wo Du beſſer wareſt, und jenen Erich darf ich und werde ich immer lieben. Und des Bruders Sterbeſtunde hat mich darin beſtärkt, 92 dazu aufgefordert. Er hat Dir verziehen, er bat uns Alle, Dich zu retten, und dieſer heilige Befehl trieb mich durch Nacht und Graus, dieſer Befehl macht, daß ich Dich innigſt, daß ich auf den Knieen Dich bitte, folge dieſem Manne zur Flucht.— Mit wie verklärten Geſichtszügen ſah der Maler auf ſie und ſtreckte ihr ſeine Arme entgegen. Geſandtin des Himmels, rief er, Du haſt mir den ſchönſten Troſt ge⸗ bracht, Du mir den unverſiegbarſten Stärkungskelch für meinen Todesgang. Der Himmel mag Dir dafür danken! Aber nun laß ab vor mir, ich bedarf keines Mitleids mehr, denn ich bin jetzt völlig gerettet. Sprich ſelbſt Du Fromme, was kann ich noch im Leben ſein? Und möchteſt Du mir ſelbſt ein Leben wünſchen, geknüpft an mein Bewußtſein?— Nein, ſo grauſam denkt Antonia nicht. Um Deine Hand zum Abſchiede darf ich nicht bitten; aber Deine Engelsworte werden mir tönen als Betpſalm tröſtend, bis der Blutrichter winkt. Geh jetzt, geh, Du haſt des Bruders Willen vollauf erfüllt. Geh und nimm den Verführer mit, denn ich ſchwöre Dir, ſollte er ge⸗ waltthätig auch mit ſeinen Schlüſſeln dieſe Ketten löſen, ich würde die Wächter herbeiſchreien, ehe denn ich ihm Folge leiſtete.— Da erhob ſich die Jungfrau mit heftiger Bewegung und faßte ſeine Hand zum Abſchiedsdrucke. Lebe wohl! ſtieß ſie in Schmerzenstönen hervor. Reue verſöhnt, darum ſehen wir uns wieder.— Mit dem Mantel ihr Geſicht verhüllend wankte ſie zur Thür. Herr Salge aber griff mit innerm Grimm zur Lampe und zum Schlüſſelbunde. Mein biſt Du, ſagte er mit hallender Stimme, biſt ein mir anvertrauetes Pfand, das ich nicht laſſen darf! Will Dein toller Eigenſinn ſelbſtmör⸗ 93 deriſch die geheime Rettung verſchmähen, ſo will ich Dich wider Deinen Willen erlöſen, öffentlich und gewaltſam, und ſollte das brennende Stadthaus dazu leuchten.— So verließ auch er das Gefängniß; aber der Gefangene hörte nicht auf ihn, ſondern ſein Auge verfolgte Anto⸗ nia's Schatten, und ſeines Engels Bild blieb bei ihm in der Nacht ſeines Elends. Es war ein Bettag, doch die Stadt gab kein Bild eines kirchlichen Feſtes. Die Sturmglocken tönten mit ihrem ſchauerlichen Hülfruf von den Thürmen, des Ka⸗ pitäns Rottorf Trommel raſſelte durch die Gaſſen, Stadt⸗ ſoldatenhaufen rannten zum Thor, bewaffnete Bürger ſtürzten, mit Pike und Musketen in den Händen, zum Walle, ſelbſt den Oberſt Schlüter, den fürſtlichen Com⸗ mandanten, ſah man halbbekleidet zu der Steinthorwarte eilen, und das Geſchrei der angſterfüllten Weiber und Kinder vor allen Thüren und aus allen Fenſtern voll⸗ endete die Verwirrung. Es war der kaiſerliche Graf Juſtus von Gronsfeld, welcher Nachts von Neuſtadt am Rübenberge aufgebrochen, um durch einen raſchen Anfall die Stadt Hannover in ſeine Gewalt zu bekommen. Ein liſtiger und mit der Stadt wohlbekannter Kopf hatte den Plan erſonnen, in der Frühſtunde, da Garniſon und Bürgerſchaft noch im Schlafe lagen, mit Tagesanbruch jedoch das Thor für die austreibenden Hirten der Stadtheerden geöffnet zu werden pflegte, ſchnell einzudringen und die Thorwächter zu überrumpeln; doch hatte der Erfinder vergeſſen, daß an Sonn⸗ und Bettagen, nach alter Gewohnheit, die Stadt ſowohl zu Sommers⸗ als Winterszeit bis acht 94 Uhr geſchloſſen blieb. Ohne dieſen rettenden Zufall würde Hannover, welches die Weisheit ſeines Senats während der ganzen Dauer des dreißigjährigen Krieges vor feindlicher Beſatzung bewahrt, jedenfalls in Grons⸗ felds Hand gerathen ſein, denn er hatte acht Kornetts leichte Reiter und eine Compagnie Dragoner mit ſich, und auch eine geringe Anzahl Musketiere hatte hinter den Sätteln den ſcharfen Nachtritt mitmachen müſſen. Trotz dem Fehlgriff gab jedoch der erfahrene General ſeinen Anſchlag nicht auf, änderte aber die Kriegsliſt. Zwiſchen den Gärten und Sandbergen vor der Dorfſchaft Hainholz lagen ſeine Truppen verſteckt, und nur einige Reiterpikets ſandte er vor, welche zwiſchen die Heerden fielen, und wie in einem Raubzuge auf eigene Fauſt eine Anzahl der ſchönſten Thiere vor ſich hin gegen das Dorf zu treiben verſuchten. Die Wallwächter ſchrien ſogleich die Raubthat in die Stadt hinunter, die Wacht vom Thore eilte den Plünderern nach, und in dem näch⸗ ſten Quartier griffen die Bürger zum Gewehr und folgten in ungeordneten Haufen der Spur, um ihr Eigenthum den Schnapphähnen abzujagen. Weit in das Feld lockten die feindlichen Reiter, nach Vorſchrift, die Verfolger, langſam flüchtend, obgleich mancher ſcharfe Musketenſchuß ihnen nachgeſandt wurde. Die Nachſetzer umkreiſend, prach jetzt der kaiſerliche General mit ſeinen Kroaten von der andern Seite gegen das Thor, das er offen zu finden vermeinte, doch zum Heile der Stadt ſtand der veſonnene Oberſt Schlüter ſchon auf dem Walle; ſeinem ſcharfen Blick waren die heranſprengenden Schwadronen nicht entgangen; geſchloſſen fand der Feind die Stadt, und eine Musketenſalve trieb ihn von dem Thore zurück⸗ Seine ganze Wuth wandte ſich nun gegen die verlorenen, 6 8 8 95 von den eigenen Mitbürgern ausgeſchloſſenen Braven. Die Bürger ſprangen in die Gärten und ſchoſſen, durch die Zäune geſchützt, manchen Dragoner vom Roſſe; doch ihre Munition war bald verbraucht, und die Musketiere und abgeſeſſenen Krvaten nahmen ihre Verſchanzungen mit Sturm und die unbarmherzigſte Metzelei machte dem Kampfe ein grauenvolles Ende. Dreiundſechzig ehrſame Bürgersleute lagen zerfetzt auf dem Platze, ehe denn das Feuer des Geſchützes auf den Wällen und der geordnete Ausmarſch der Garniſon den grauſamen Feind zwingen konnte, ſeinen Anſchlag aufzugeben und ſeinen Rückzug zu beginnen. Jammernd eilten jetzt die geretteten Städter zu dem Leichenfelde und holten die Körper ihrer Geopferten her⸗ ein, aber das Entſetzen vermehrte ſich, als man unter den Gebliebenen auf feindlicher Seite den Stadtbauherrn Salge entdeckte, dem ein Schuß durch den Kopf das un⸗ willkommene Garaus gemacht hatte; Skripturen, die man bei ihm fand, beſonders ein Antwortſchreiben des Grafen Gronsfeld, thaten es klar, daß er der Verräther ſeiner Vaterſtadt und der Urheber des ganzen Anſchlags geweſen, ja ſogar dem feindlichen Geſchwader als Führer gedient, und das Erſtaunen ſtieg, da auch der Name des in Haft gehaltenen Malers in dieſem Schreiben genannt worden. Die Verurtheilung des unglücklichen Erichs wurde durch dieſes Ereigniß beſchleunigt, und er ging mit Standhaftigkeit aus ſeinem Kerker den letzten Weg zum Marktplatze, wo er als Knabe geſpielt. Vorher war ſchon der alte Kamerarius mit Antonien, die er als Tochter angenommen, fortgezogen nach Celle, der Reſi⸗ denz des Herzogs Chriſtian, wo er in Abgeſchiedenheit, verpflegt von dem tieftrauernden Mädchen, ſeine letzten Tage verlebte. Herr Melchior Vasmar ſtarb wenige Jahre nachher, und von der ſchönen Beatrix findet ſich keine Spur in den Geſchlechtsregiſtern der hannoverſchen Familien, ein Zeugniß, daß ſie der erſten, unglücklichen Liebe treu geblieben bis zum Tode. Poch findet man auf dem Kirchhofe zu St. Nikolat den alten Denkſtein des Erbbegräbniſſes der Sathrübe, worauf die traurige Mordgeſchichte in halbverloſchenen Ziffern zu leſen. Man ſieht an dem Steine die beiden Freunde abgebildet auf der Tiberbrücke und vor der Peterskirche, und darunter den trauernden Brunnenmei⸗ ſter und die Jungfrau Antonia, und den Bibelſpruch I. Reg. 3. 23. angezogen. Auch das Meiſterſtück des Bildhauers Sutel prangt noch neben der Kapellenthür, und wird, als ein beſonderes Kunſtwerk jener Zeit, von Einheimiſchen und Fremden betrachtet. Wie heilig es von unſern Altvordern gehalten, beweiſet die Scheu, mit welcher man es nicht zu berühren gewagt, denn alle Fehler der Inſchriften ſind darauf ſtehen geblieben, und man hat bei des Herrn Melchiors Tode ſich nicht einmal unterſtanden, den für ihn, dem Gebrauche nach, offen gelaſſenen Platz der Gedächtnißtafel auszufüllen, ſondern hat auf einem kleinen Tafelſteine daneben in der Wand ſeinen Sterbetag angedeutet. II. 8 8 8 . = S 5 S 22 22 M — — Hiſtoriſches Bild. Blumenhagen. X. * Eine furchtbare und ſchwere Nacht hing über dem mähriſchen Lande, damals noch genannt das große Reich, damals noch unter einer Königskrone von ſeinen Nachbarn gefürchtet und ſelbſt den Enkeln des großen Weltbezwingers Karl gefährlich ſcheinend. Nicht die empörte Natur dräuete mit den Gewalten der Lüfte und der Tiefe; nein, von Menſchen gingen die Gräuel aus, welche Menſchen aus dem Gottesfrieden der ſtillen, unheimlichen Mitternacht aufriſſen, und hinaus trieben in die Wüſte der Verzweiflung. Oben am fried⸗ lichen Himmel zogen weißliche Wolken langſam vor den goldenen Sternbildern vorüber gleich einem Schwanen⸗ zuge, der das Südland ſucht, oder wie eine ſtattliche Flotte wohlbeladener Schiffe, die groß und klein einen Strich halten zur ferner Küſte, wo guter Handel winkt; unten lagen die majeſtätiſchen Gebirge wie ſchlafende Rieſen auf den weichen Pfühlbetten der Thalwieſen, und die March, mit den Silberwellen ſich hinwälzend an ihren Sohlen, ſang ihnen ein gedämpftes Schlum⸗ merlied. Aber verwilderte, menſchliche Horden hatten die Feier geſtört;— tritt doch der rohe Menſch am lieb⸗ ſten auf gegen die hehre Ordnung, die ihm Segen zu bringen ſich geſtaltet, gegen den heiligen Geſetzlauf der Natur, der zu ſeinem Heil in ewige Grenzen gezwängt, der kindiſche Zwerg gegen die geduldige Rieſin!— Rauh 100 trächzendes Geſchrei tönte durch Wald und Thal, und ſcheuchte das Wild tief in das Dickicht, und weckte die Vögel am Rande des Eichenhains, daß ſie aufbluſterten in die Wipfel hinauf und beim bleichen Sternenlichte mit blöden Augen fortflatterten in das dichtere Gebüſch; dort vrauſete es auf im Thal wie eine ungeheure feurige Korn⸗ garbe; dort ziſchte es hinunter am Waldesrande wie eine flüchtige, giftige Feuerſchlange; ein fremdes, tückiſches Volk warf Mordbrände in die Sitze des Landmannes, und Wehgeheul, Angſtgeſtöhn, Todesgewimmer miſchte ſich mit den praſſelnden, zerſtörenden Flammen; denn der Brand war entzündet, zu leuchten der Mordgier, der Raubſucht und jedem thieriſchen Gelüſt, das der Krieg und ſein Hazardſpiel weckt in dem durch Kampfesangſt und Sie⸗ geswolluſt berauſchten Gemüth des vorgetriebenen Wapp⸗ ners. Doch die eigentliche Bühne dieſes nächtlichen Schauer⸗ ſpiels war eine ſtolze Burg, die geſtern noch, einer un⸗ vefleckten Titanen⸗Jungfrau gleich, ſich geſpiegelt im Waſſer der Beczwa, geſtern noch wie eine Fürſtin des Thales in unbefährdeter Sicherheit von dem Thron ihrer braunen Felſen herabgeſchaut auf den in Ehrfurcht vorbei ziehen⸗ ven Ackerbauer, wie auf den Zug ernſter Bergleute, die im Frühroth ſich zum gefährlichen Tagewerk aufgemacht. Prerau hieß die Burg, berühmt durch ihre Stärke im ganzen Lande der Marhanen, berühmter durch das Geſchlecht, deſſen Stammneſt ſie geworden. Aber wo waren die jungen Adler, welche dieſer Horſt erzeugt? Wo waren die Keulenſchwinger und Speerſchleuderer, die ſonſt von dieſen breiten Mauerwällen unausbleiblichen Tod geſendet?— Erbrochen und in Trümmern lag das weite Thor, in den Höfen röchelten nur noch Wenige ſer les nen en⸗ die cht. irke das gt* die chen das nige 101 der mähriſchen Wächter, denn die Mehrzahl ſchlief einen tiefen Schlaf, gebetet in das eigene Blut; ein fremdes Volk von ſeltſamem Anſehen rannte durch die Hallen und Säle, und nahm, was ihm gefiel, und zerſtörte, was ihm kein Gefallen erweckte. Gedrungene Geſtalten zeigte das Volk; enge lagen ihre Kleider an und breite Gürtel zwängten die Hüften; unter der hohen, ſpitzigen Mütze drängte ſich ſchwarzes Kraushaar vor, und dunkel war der verderbliche Glanz des Auges unter finſtern Augen⸗ brauen; glatt geſchoren leuchtete Kinn und Wange, aber lang fiel der braune Lippenbart zu beiden Seiten herab in ſpitzigen Zöpfen; kräftig in ſchlanker Gewandtheit und edler Haltung ſprang das Roß, das dieſen Feind herbei⸗ getragen auf kleinem, hochgebaueten Sattel, und die Waffe, die er führte, war ebenfalls beſonders und un⸗ gewöhnlich, denn krumm bog ſich die breite Klinge, der Sichel gleich, mit der des Landmanns Hand die reife Ernte ſchneidet. Aus dem Nachbarlande der Magyaren ſtürmte dieſe Heeresmacht herüber, unerwartet, im Fluge wie die Heuſchreckenheerden, die da iſt, ehe man ſie kom⸗ men ſah, verwüſtet hat, ehe man an den Schutz gedacht. Bei Zilin war ihre Vorhut über die Grenze getrabt, hatte gebrannt und geraubt und den Schrecken weit in's Land zu tragen geſucht, hatte Schloß Prerau als erſten ernſten Widerſtand gefunden, und im nächtlichen Ueber⸗ fall an ihm die erſten heißeſten Begierden der losgelaſ⸗ ſenen Kriegswuth geübt. Schon hatte der Kampf um das Schloß aufgehört, denn der krumme Säbel des Ungarn fand keine Gegen⸗ wehr; ſchon hatten die gierigen Haufen ſich zerſtreut in die einzelnen Gebäude, hatten herausgeriſſen, was an werthvollen Dingen ſich vorfand, hatten Magazine auf⸗ geſprengt, ſich gütlich gethan an den Vorräthen, die dort von weiſer Vorſicht für einſtige Noth gehäuft, und hatten vernichtet, was ſie nicht zu genießen, nicht fort⸗ zuſchleppen vermocht, und auch der Weiber Verſteck war nicht unentdeckt, nicht unentheiligt geblieben, denn feines Gekreiſch, kindliches Gewimmer tönte mehre Male durch das Toben wüſter Männerluſt, und ein ſchimmernder, weiblicher Körper, kaum bekleidet, ward von einem ſa⸗ taniſchen Kriegerpaar aus einem Fenſter herabgeſtürst, und deutete an, welche Schrecken die Fremden in jene Gemächer getragen, und wie ſie jungfräulichen Widerſtand zu vergelten gewohnt; jetzt aber rief die Zerſtörungswuth das grimmigſte der Elemente zu Hülfe! Unvorſicht, Muth⸗ wille, Abſicht halfen das entzündete Wachtfeuer, die leitende Fackel zum Verderben benutzen, und bald ſchlug an fünf Orten der lichte Feuerſchein aus den ausgeplünder⸗ ten Ställen und Wachthäuſern. Die heiße Lohe wandelte raſch die Nacht in Tag, und erhellte die mit Leichen bedeckten Höfe, und trieb die Plünderer aus den Verſtecken in's Freie hinaus; aber mit Erſtaunen ſahen die ſich ſammelnden Haufen einen Gegenſtand beleuchtet, der bislang unbeachtet und im Dunkel verborgen geblieben. Mitten in der Burg erhob ſich eine runde Felsmaſſe und auf ihr, erhaben und ge⸗ bietend, ſtand ein Gebäude, einem alten Götzentempel nicht unähnlich, und in beſonderer Form mit einer Gal⸗ lerie und einer Pfeilercolonne umgeben, zu der von vier Seiten Stufen hinauf führten, die in das natürliche Ge⸗ ſtein eingehauen worden. Stürmiſches Gejauchz ertönte pei dieſem Anblick auf's Neue aus dem ſich friſch 103 zuſammendrängenden Heerhaufen der Magyaren, aus jed⸗ weder Rotte hörte man rufen nach den Führern: Geiſa! Michaly! Die Schatzkammer iſt gefunden! Leu von Erödy, führe uns hinan! ſo riefen hundert Stimmen, aber man wartete der Ankunft der Hauptleute nicht, und ſo wie ein kecker Ungar eine Fackel ergriffen und gegen die Steintreppe angerannt, ſo haſchte jeder nach einem Kienſpan und mit dem Kriegsgeſchrei des Magya⸗ renvolk erkletteten Hunderte den Fels, und drängten ſich in Beutegier und Reid in die Gallerie, manchen Kame⸗ raden hinabſtoßend in der Behauptung des eigenen, eben gewonnenen Platzes. Der äußere Pfeilergang umgab eine geräumige Halle, zu welcher ein halbes Dutzend enger Pforten führten; durch ſie drückten und ſchoben ſich die frechen Stürmer; aber ſo wie ein Haufen ſich hineingezwängt, hörte man ſeltſames Angſtgeſchrei von ihnen, und die wüſten, blut⸗ gierigen Männer ſtarrten an den Außenwänden und ſtopften zurückdrängend die Thüren ſelber. Und wunder⸗ var war der Anblick, den die Fackel der Feinde hell ge⸗ macht. Die Halle auf dem runden Felſenſtück ähnelte einem Waffenſaale, rundum geziert mit Rüſtzeug von ſonder⸗ bar koloſſaler Geſtalt und mannigfaltigſter Art. Aber leer lag das weite Gemach, nur mitten darin ſaß auf einem Lehnſeſſel eine Menſchengeſtalt, einſam und allein in dem weiten Raume, einem Götzenbilde nicht unähn⸗ lich, welches die flüchtenden Prieſter gegen ihre Pflicht in dem bvedräueten Heiligthume zurück gelaſſen, daß es ſelber ſich ſchütze. Der Daſitzende hatte überdem das Anſehen, als gehöre er nicht dieſer Zeit„ja kaum mehr der Erde an, ſeine Geſtallt maß über gewöhnliche Men⸗ 104 ſchengröße, ſchien aber nur aus einem gewaltigen Kno⸗ chenbau zu beſtehen, den die eingetrockneten Sehnen nur eben noch zuſammenhielten. Sein Kopf bot einen gro⸗ ßen, nackten Schädel dar, den nur ein ſchmaler Rand von Haarlocken, weiß und weich wie Schwanenflaum, umkrönte. Das Antlitz war braungelb und gleich einem gefurchten Winteracker, und von Mund und Kinn floß ein breiter Seidenbart bis zum Gurt hinab, ähnlich dem Fell des ſchneeigen Kaninchen, welches mit ſeinen rothen Feueraugen aus dem Schlupfloch des braunen Hügels in den Morgen blickt, und die Augen des wunderbaren Schloßbewohners paßten faſt dieſem Gleichniß an; ſie waren der einzige lebenkündende Theil des Mannes, aber die Reſte des Lebens, die ſich in dieſe Seelenfenſter gedrängt, waren nicht ohne Kraft, denn wie die Feuer⸗ äpfel im Kopf des tapfern Uhus rollen und Brand⸗ pfeile ſchießen, wenn der kräftige Vogel ſich am Tage aufgeſtört ſieht in ſeinem Schlupfwinkel, ſo ſchoſſen die rollenden Augen des Greiſes Kriegspfeile auf die ſich eindrängenden Schloßſtürmer, wenn auch kein Glied ſich regte unter dem aſchgrauen, weiten Gewande, welches ein goldener Gürtel zuſammen hielt, und obgleich ſelbſt der koſtbare dunkele Bärenpelz, der ſeine Füße bedeckte, nicht durch das kleinſte Zucken andeutete, daß irgend eine Muskel des Ueberfalleneu zu Anlauf oder Flucht ſich zu⸗ ſammengezogen. Der unerwartete Fund wirkte gar beſonders, ja faſt wunderbar, auf die, welche ſein Anblick traf; ſcheu rot⸗ teten ſie ſich an den Wänden, die Fackeln und Säbel weit vorſtreckend wie zu Schirm und Abwehr, und als plötzlich eine Stimme, der man das Beben der Bruſt anhörte, herausſtieß: Hinaus, wer noch zu leben Luſt 105 bat! Es iſt der wilde Radagaſt, der Marhanen Gott! hinaus, ſeine giftigen Blicke tödten wie Vipernbiß!— da ſchien ein Entſetzen die wüſte Schaar zu packen, mit dem Geheul flüchtiger Wölfe wendeten ſich alle Geſichter ab, die Fackeln und Kienſpäne fielen aus den blutigen Fäuſten, auch hier und dort ein krummes Schwert, und Alles drängte hinaus, und wie Bären ſich vom erklet⸗ terten Baume hinunter kollern, ſo rollten die dunkeln Menſchenmaſſen den glattbehauenen Fels hinab, und fan⸗ den erſt unten im Schloßhofe mit der Beſinnung eine feſte Stellung, die ihnen auch Noth that, denn aus dem Gebirg vor und hinter der Burg ſchallten dumpf die großen Kriegshörner des Marhanen⸗Volks, und Geiſa's Tuba rief im Thor zur Ordnung; durch die ungeheure Brandfackel hatten die Ungarn ſich ſelber die Störer auf den Leib gelockt. Oben in der Warte auf dem runden Felsſtein ſaß indeß der alte Menſchenvater, unbeweglich wie zuvor, nur waren ſeine Blicke milder und zugleich trüber ge⸗ worden; das Feuer der hingeworfenen Fackeln hatte das hölzerne Bauwerk der Gallerie ergriffen, an den trocke⸗ nen Tannenpilaren wandten ſich raſch die Feuerſchlangen hinauf, und das mit Moos ausgefütterte Geſims bildete rund um die Halle eine ungeheure Feuerkrone; aber mitten in der lodernden Brunſt ſaß das greiſe Menſchen⸗ bild ſtumm und ſtarr, ſeltſam gtell beleuchtet, und ſah bald rechts, bald links, doch ohne das Haupt zu rühren, als bewache ſein Blick den heimtückiſch kreiſenden Feind und hüte den Lanzenwurf und Schwertesſchlag, wie einſt in den Tagen, die fern, ſehr fern lagen, in den Tagen, welche das kahle Haupt unter der Helmwucht geſehen, deren bekannter Glanz Todeszagen unter mehr als ein — Volk geworfen, wenn es das gewaltige Rüſtzeug ſich ge⸗ 3 genüber erblickt. Auf der freien Flur außerhalb der zerſtörten Burg verwandelte indeß die kriegeriſche Scene ſich gar bald. Die ungariſchen Reiter drängten zwar kampfluſtig ihre ſchlanken Roſſe zuſammen, und nahmen eine ſchöne Stellung auf weitem Wieſenplan, um den vorrückenden Feind auf die Fläche zu, locken, und ihn dann durch einen zerſtampfenden Anlauf der kräftigen Thiere zu vernichten; Geiſa, der Fürſtenſohn, ſetzte ſich ſelbſt vor den tapferſten Fulk, und ließ den krummen Stahl leuchten im Schim⸗ mer des brennenden Schloſſes; aber nicht vor ihnen, nicht zur Seite, nein, ringsum und überall aus ſechs Waldſchluchten tönte das mähriſche Kriegshorn, von ſechs verſchiedenen Weltgegenden ſcholl das rauhe Feldgeſchrei der Marhanen näher und näher heran; da ritten die Haupkleute raſch an den Feldherrn⸗ Swatopluck ſelbſt, der blutdürſtende König, zieht auf uns, und hat uns umſtellt, rief Michaly, nicht ohne Beklommenheit; zu früh iſt unſer Nachtzug verrathen worden. Darum laß uns eine Lücke im Gebirg ſuchen, tapferer Geiſa, vor uns hinſchlagen auf Tod und Leben, was uns entgegen tritt, daß nicht die ſelbſtentzündete Brandfackel leuchte dem Verderben aller dieſer Braven.— Gegen Aufgang ſchlagt durch, entgegnete nach kurzem Bedenken Geiſa lautſchallenden Rufes, dort hinaus, wo ſich eben der Morgenhimmel röthet. Drüben finden wir unſere Brüder, den Herrn und ſein Heer, und kehren vald, nachzuholen, was wir zurück laſſen mußten.— Kaum war das Befehlswort verhallt, ſo ſchwenkten en te m wo vir ren ten 107 ſich, in ihre Pulks getheilt, die wohlgeübten Reiterhaufen gegen Oſten, und dann rauſchten die Linien über das Feld wie ein Hagelſchauer, und die Feindesſchaar, die ihnen am Walde entgegenſchritt, fuhr aus einander rechts und links, geworfen, zertreten, zerſchlagen im unerwar⸗ teten Angriff, und nur wenige der Ungarn blieben als Opfer liegen inmitten der zerſprengten Cohorte. Die jetzt auf dem Felde erſchienen und wildes Fluch⸗ wort und verwünſchende Drohungen den tückiſchen Wi⸗ verſachern nachſendeten in die unzugängliche Nacht des ſchwarzen Waldes, waren Männer eines ganz andern Volks, ſo verſchieden an Geſtalt und Aeußern, daß der Glaube ſchwer ward, ſie für Nachbarn zu halten. Hoch von Wuchs, dürr aber kräftig trat der Marhan heran; kurz geſchoren trug er das helle Haupthaar, nur am Vorderkopf hing es in wilden Flechten zur Seite des Geſichts herab und mit ihnen flutete der Lippen⸗ und Kinnbart reich und dicht in blonden Wellen hernieder bis auf die nackte Bruſt. Ohne Panzer und Schild, deren Schutz ſeine Furchtloſigkeit nicht erlaubte, ſchwang des Marhanen muskelreicher Arm das lange Schwert, die ungeheure Eiſenkeule und den wuchtvollen Wurfſpieß zum Verderben des Gegners; nur die Anführer trugen als Decke des befehlenden, rathenden Hauptes den mäch⸗ tigen Scythenhelm, ein Andenken aus der Heimath ihrer Urväter, der mit ſeinem weit vortretenden, das Geſicht hinter einer geſpenſtiſchen Eiſenlarve verbergenden Schirme die dräuende Männergeſtalt noch koloſſaler, ja wahrhaft fürchterlich in der Schlacht erſcheinen ließ.— Sechs kleine Heerhaufen dieſes Volks rannten jetzt im Schritte des Sturmes gegen die Höhe, auf welcher Prerau's Ruine leuchtete, und als ſie ſich am Rande des 108 Hügels getroffen und erkannt, ſtießen die Anführer ein eintöniges Geſchrei des Entſetzens aus. Kropin, rief hier ein Krieger, der ſchon graubärtig geworden, Du wareſt nicht auf Burg Prerau?— Nein, Przibor, ant⸗ wortete der Angeredete, der Vater ſchickte mich fort, in meinem Bezirk die Streitbaren zu ſammeln und ſie dem Könige nachzuführen gegen den deutſchen Arnulph.— Und ihr, die nächſten Podſtata, Baranky und Lautſchka, rief mit zürnender Geberde und die geballte Fauſt zum Himmel ſtreckend ein Mann, welcher alle überragte, wie konntet ihr ſo lange ſäumen? Die Brunſt und das Kriegesgelärm mußte euch ja längſt rufen zu dem Orte der heiligſten Pflichten.— Tadele nicht ungerecht, Kokory! entgegnete einer der Angerufenen. Als mein Thurmwart die erſte Feuerzunge ſah auf Schloß Prerau, ſaß Deines Vaters Sohn auch ſchon auf dem ſattelloſen Hengſte und trieb ſeine bewaff⸗ neten Hanaken durch die Thalſchlucht.— Und am letzten Abende noch zog Dein Bruder Lautſchka mit ſeinen beſten Keulenſchlägern am Ufer der Beczwa hinunter, und ſchauete mit den Blicken des Falken nach Prerau und den Weiden hinüber, ob keine feindliche Streifhorde des Vaters Ruheſitz bedräue; ſtill wie die Betſtunde des heiligen Cyrillus lag die Flur, und ohne Argwohn kehrten wir in unſer Haus, ſetzte ein zweiter hinzu.— Und wo iſt Miſtko, des Vaters Benjamin? fragte der Rieſige wiederum. Wo ſind die Mauerwächter von Prerau, wo iſt die Leibwacht des ehrwürdigen Odrzi⸗ faus, und warum eilt Niemand frohlockend uns, den Helfern, entgegen? Vom Magyarenvolk waren die drei, welche mein Arm niederſchlug dort im Dunkel der Ber⸗ gesſchlucht, als ſie wie ein Winterbach zwiſchen die 109 Meinigen brauſeten. So ißt vielleicht der Bruder gefangen, in die Knechtſchaft fortgeführt der Vater Saul, der hun⸗ dertjährige Patriarch, die unſterbliche Blume des Helden⸗ thums der Marhanen, und ſeine Söhne ſind ewig beſchimpft, die Krone geworfen vom Haupte unſeres Stammes, ge⸗ brochen die Stütze der königlichen Mopmaren, von frecher, heidniſcher Magyaren Hand? Hinauf in das Schloß, meine Brüder; es iſt mir wie Todesangſt, was ich zum erſten Male fühle in breiter Bruſt, und der Tod wäre Löſung und Wundbalſam gegen dieſes Klopfen unter dem Hirſchkoller.— Vater Saul! ſchrien die ſechs Brüder, und trieben ſchnell ihre Pferde gegen das brennende Schloß, und alle, die mit ihnen gekommen, liefen mit freiwilliger Anſtrengung ihnen nach, und die plötzliche, bange Stille, welche über den Colonnen waltete, deutete an, daß dieſe wilden Männer die tiefe Angſt ihrer mächtigen Haupt⸗ leute verſtanden und mit empfanden.—— Der alte, hundertjährige Heldenvater Odrzifaus ſaß immer noch in ſeinem Lehnſeſſel in der runden Halle, rund umgeben von den wachſenden Flammen. Seine Geſichtszüge hatten ſich nicht verändert in Furcht und Sorge, nur dichter hatten ſich die tiefen Falten ſeiner Stirn zuſammen geſchoben, wie die roſtigen Platten einer eiſernen Halsſchiene, denn der dicke Dampf, vom Winde einwärts geworfen, fing an, die alte Lunge, die in ſo mancher Schlacht gekeucht, zu beläſtigen, da hörte er der Söhne Ruf, und glatt wurde die breite Haut⸗ fläche über den geiſterhaften Augen, und des ſchneeigen Bartes Wellen bewegten ſich, das Lächeln verrathend, zu welchem der unſichtbare Mund ſich verzog. Jetzt krachten und brachen die Pfeiler und Wände außen, hier — ——— ———— 11⁰ und dort und drüben verlöſchte die Glut von kühnen Händen gedämpft, und herein traten zugleich durch fünf Pforten fünf hochſtämmige Männer mit eiliger Haſt; ſowie ſie aber den Greis erblickten, wurzelte ihr Schritt, und Alle bogen das Knie, und die ſchweren Eiſenhauben vom Haupte nehmend, hoben ſie in dienſtbarer Ehrfurcht die glühenden Augen zu dem Mittelpunkte des Gebäudes. Der alte Odrzifaus ließ ſeine düſtern Blicke über fie hinrollen, dann zeigten ſich in dem geſpaltenen Bart zwei bleiche Lippen, und eine dumpfe Stimme fragte: Wo ſchliefen die faulen Leoparden, die lahmen Ryſowe, als der Bär in die Höhle brach, in welcher ſie groß geſäuget? Das Richtbeil haue die Glieder ab, die keine Wehr heben, wenn Steine nach dem Haupte ziſchen!— Die Knieenden vlieben ſtumm, und ſahen ſich nur unter einander an, als fordere einer den andern auf zur Uebernahme der Vertheidigung vor dem zürnenden Vater, aber Allen ſtarb das Wort auf der Zunge, als durch die ſechste Thür der rieſige Kokory eintrat und in den Armen einen blutigen, von Raubſucht entkleideten Leichnam trug, in welchem ſie Miſtko, den jüngſten Bru⸗ der, mit Entſetzen erkannten. Kokory legte den Todten dicht vor des Vaters Füße nieder. Fünfzehn Wunden, ſagte er dumpf dazu und mit verbiſſenem Ingrimm, alle auf Stirn und Bruſt! Suche den Platz, Vater Saul, wo noch eine möglich!— Unter dem Silberadler der Moymaren iſt noch kein Marhanenſohn ſolch ſchönen Todes geſtorben!— Des Alten Antlitz verwandelte ſichtlich die Farbe, denn das gebräunte Gelb ging in ein fahles Blaugrau über, dazu ſchien alles Licht der Augen wie plötzlich ausgeblaſen, und vorn über gebogen ſtarrte der Greis 111 mit gläſernen Blicken lange auf den Leichnam hinunter, ſo daß die Söhne einen Schritt vortraten in Sorge, ein zweiter Todter möchte ſich zu dem erſten legen. Doch jetzt glüheten die Augſterne wiederum auf, gleich angeblaſenen Kohlen, mit einer zitternden, ausgetrockneten Hand öff⸗ nete er ſein Wamms und nahm von der dürren Bruſt ein kleines Kruzifix von feinem Golde, und legte es auf des Todten breite Bruſt; dann drückte er ſeine Rechte mit mühſamem Niederbeugen eine kleine Weile auf Miſtko's kalte Stirn, und zog mit der Linken das zottige Fell des Bären, welches ſeine Füße gewärmt, über die von Blut entſtellte Leiche des Sohnes. Mit Ungeduld in den Mienen winkte er jetzt nach einem Kriegszeichen, welches an dem Pfeiler hing, und als Kokory, den Vater ſchnell verſtehend, mit Eile die Stange gelöſet und dem Greiſe gereicht, erhob der gebrechliche Leib ſich rüſtig an dieſer Stütze, und ſtand da lang und geſpenſtiſch, der furchtbare Schat⸗ ten eines Schlachtenfürſten aus längſt vergeſſener Zeit. Das Kriegszeichen beſtand aus einem vergelbten Seiden⸗ wimpel, auf dem ein Pfeil ausgenähet worden, der eine menſchliche, bärtige Lippe durchſtochen, und oben am ſilbernen Kugelknopf hing ein mächtiger Zottenbart von außerordentlicher Länge, der trotz des Staubpuders, der auf ihn gefallen, noch die glänzende Schwärze von einſt durchſchimmern ließ. Des Alten Auge erhob ſich zu dem Fähnlein, und eine wilde Freude keimte aus den Furchen des Antlitzes hervor, und ſeine Stimme ſchwoll langſam hinauf bis zum eintönigen Gebraus eines Waſſerfalls im Gebirg. Kennet ihr noch die heilige Standarte eures Stammes, ſprach er, ihr trägen Söhne der edlen Hirſch⸗ kuh? Habt ihr vergeſſen, wie ſie euer Vater Saul ge⸗ wonnen, als er noch klein war und ſchmächtig und dem 112 David ähnlich, von dem das heilige Buch erzählt? Schauet hinauf, noch flattert daran der wilde Bart des ungeheuren Bulgar, der den König höhnte und ſchmähete die Ehre unſeres Volkes. Der ſchwache Saul ſchlug mit dem Erſtlingsſchwerte ihm das Maul herunter zuſammt der Zierde des Bartes, jagte den Ehrenſchänder geſchän⸗ det nach Haus, und brachte das ſeltene Siegeszeichen zu dem Seſſel ſeines Herrn. Wo habt ihr ſolch Ehren⸗ zeichen gewonnen, ihr, die ihr nicht einmal das mütter⸗ liche Neſt zu ſchirmen wiſſet, wenn der Krähen krächzen⸗ der Zug der Abendwolke voran flattert? Wehe dem Hauſe des greiſen Odrzifaus! Den beſten Stier ſeines Hofes haben die Wölfe zu Tode gebiſſen. Elf Söhne ſeiner Lenden verbluteten vor dem Auge des großen Kö⸗ nigs; ſind denn die ſechs, welche ihm geblieben, Fremd⸗ linge, die ein gelbes Egypterweib in die Wege ſeiner Hausfrau eingeſchwärzt?— Vater Saul ſpricht hart, fiel Kokory ein, doch mit merklicher Schüchternheit. Das heilige Alter ſollte ge⸗ rechter machen. Die Söhne von Prerau ſind längſt ſchon Männer und Väter worden, und daheim tummeln ſich ihre Buben im Sande. Vater Saul hat vergeſſen, daß es ſchon lange iſt, wie ſeine Söhne Knaben gewe⸗ ſen an ſeinem Knie, und er gedenkt nicht, daß er auch Alle, die ihm geblieben, fechten ſah im Schimmer des töniglichen Schildes, und daß der Marhan den Tod nicht ſo ſehr ſcheuet wie den Schimpf ſeiner Geburt. Mag der Vater befehlen, wo hinaus die Söhne ihre Roſſe treiben ſollen, gegen den ſchnellen Ungar, gegen den grauſamen Bohemer oder den ſtarrköpfigen Deutſchen; aber verlangen, daß mitten in der Waffenruhe die Söhne den tückiſchen Ueberfall der Grenznachbarn vorher ſehen . — 113 ſollen, iſt wie vom Hunde fordern, daß er ſlavoniſch rede.— Der Greis ſchoß einen Grimmblick auf den Redner. — Rührte ſich Dein Schwert nicht in der Scheide? fragte er. Fuhr's nicht wie Blitzeszucken auf und nieder in dem Fleiſche Deines Armes? Hörteſt Du nicht im ſchlafenden Ohr das Stampfen der Feindesroſſe?— Geſchah's nicht, ſo biſt Du auch kein rechter Erbe Deines Namens, denn der Odrzifaus ſieht voraus, was da kommt, und hört die Stimmen der Zukunft. Und er ſagt euch, daß ihr Alle nicht ernten werdet, was er geſäet, und ein Fremder wird forttragen, was euch eigen geſchienen, und mit frem⸗ dem Blute wird der Baum, den Saul in Blut gepflanzt, neu begoſſen werden, und dann grünen in ferne Jahr⸗ hunderte hinaus, und herrſchen und gebieten in Thälern und auf Höhen, wenn der Name Marhan längſt erlo⸗ ſchen, und nicht mehr in Wellehrad die Krone dieſes Reichs auf einer Heldenſtirne leuchtet.— Düſter hingen die Blicke der kriegeriſchen Söhne am Eſtrich, nur der älteſte, Przibor, fragte: Wohin will Vater Saul geleitet ſein? Denn Prerau iſt kein wirth⸗ licher Wohnplatz mehr für den ehrwürdigen Marhanen⸗ Greis.— Da erhob ſich noch einmal der alte Odrzifaus, der ſich ſchon in ſeiner Schwäche wiederum niedergeſetzt, man ſah ihm an, wie ein neues Schreckensbild von ſeinem ungetreuen Gedächtniſſe herauf beſchworen worden, dräuender als vorhin rollten ſeine gerötheten Augen und ſuchten in der Halle, und als er nicht gefunden, was er geſucht, da heulte ſeine Stimme auf, wie die Stimme der Löwenmutter, die ihr Junges vermißt.— Wo iſt eure Schweſter Slatina? rief er. Warum brachte keiner die ſchönſte Blume in Marhawania zu Blumenhagen X. 8 114 mir? Warum barg ſich das fromme Kind nicht unter des Vaters Mantel, als die Verderber einbrachen?— Ihr ſchweiget? Keiner kümmerte ſich um den Edelſtein des Vaters, um die ſüße Traube ſeiner Luſt, um das herrliche Kind ſeines Alters? Hinaus, ihr Kaltherzigen! ſetzte er ſchwerſchnaufend nach einer Pauſe hinzu, und ſeine Stimme ward ein heiſeres Gebrüll. Hinaus und ſucht mir das Kind, und bringt mir lieber ihre Leiche, daß ich ſie lege zu dieſem da unter das Fell des Bären, als daß ich ſie beſchimpft weiß in den Händen eines un⸗ edlen Feindes. Hinaus auf die Straße uns ins Gebirg! Fluch über euch, ſetzt ihr euer Leben nicht ein um das Kind! Und ehe Slatina nicht wiederum ruhet an meinem Herzen, ſoll keiner von euch erblicken das Angeſicht des verwaiſeten Vaters. Hinaus ihr Alle in den Staub der Straße, denn der alte Odrzifaus wird ſchon ſelbſt ſorgen um ſein Heil, und er iſt todt für euch, bis er das Licht ſeiner Augen, das Kind ſeiner letzten Liebe wieder geſe⸗ hen.— Mit heftig zuckenden Armen zog er ſein Mantel⸗ kleid hoch über den kahlen Kopf und ſank verhüllt auf ſeinen Seſſel zurück, indeß einige der Söhne hinabeilten, nach der Schweſter in den Ruinen zu forſchen, die übri⸗ gen unentſchloſſen und beſorgt um den ſo geliebten, wie gefürchteten Greis da ſtanden, und erſchüttert von ſeinen ungerechten Zornworten nach einem Entſchluſſe ſuchten.— Aber nicht allein in den öſtlichen Krag des König⸗ reichs Marhawania hatte in dieſen Tagen ein feindliches Volk die Gräuel und Schreckniſſe des Krieges getragen; auch vom Süden überſchritt ein deutſches Heer die Grenzen, und ſogar aus den Marken des Böhmerlandes drang von 115 Norden ein beutegieriger Haufe heran, obgleich Böhmen damals ein Reichslehn des großen Swatopluck war, und derzog Vorziwoy ſich zu den Vaſallen des mächtigen Marhanenfürſten zählen mußte. Der deutſche König Ar⸗ nulph, mit Neid die Größe des Nachbars betrachtend, der einſt ſeines Vaters Gefangener geweſen, mit In⸗ grimm den Stolz und Uebermuth Swatopluck's empfin⸗ dend, hatte alle dieſe Hatzhunde auf den mähriſchen Bär gehetzt, und ſeine Zeit ſo gut zu wählen gewußt, daß der vordem ſo umſichtige Marhanenkönig überraſcht wurde, und alle ſeine Grenzprovinzen gräulich verwüſtet lagen, ſeine drei Söhne, die mit ſchnell geſammelten, kleinen Kriegerhaufen ſich den Feinden entgegenwarfen, überall geſchlagen, die beſten Städte preisgeben mußten, ehe König Swatopluck ſelbſt, durch nach allen Gegenden ſeines Reichs geſandte Eilboten, ſeine Edeln mit ihren Wappnern um ſich geſammelt hatte, und mit dem Muth und der Unerſchrockenheit des Löwen, der in ſeiner Höhle angegriffen, mit einer wohlgeordneten und zahlreichen Heeresmacht dem dreifachen Feinde mit Erfolg die Spitze zu bieten, und ihn zurück zu werfen vermochte. Es war am Mittage nach dem Brande vom Schloß Prerau, als am Rande der Bergkette, welche Mähren und Ungarn ſcheidet, ein junger Kriegsmann ſich mühſam Bahn machte durch den Unterbuſch des dichten Waldes, der, mit Dornſträuchen und Schlinggewächſen durchzogen, ihm gar argen Widerſtand leiſtete. Wie man den Obſt⸗ baum von edler Zucht auf den erſten Blick erkennt am Wuchs und dem geregelten Getrieb der Zweige, ſo ſah man auch dieſem Waldſtreifer an, daß er nicht zu dem gemeinen Troß der Walachen und Hanaken gehören könne, und wenigſtens einige Tropfen ritterliches Blut in ſeinen 116 Adern gährten. Sein Anzug dagegen ſprach nicht von Reichthum und Hoheit; der hirſchlederne Koller war ſchmutzig von Blut und Erdflecken, und das Bruſtblech hatte viel von ſeiner Politur verloren, und manche Beule hatte der Kampf hineingedrückt; der Ueberwurf mit den ſchlotternden Aermeln war von keiner Künſtlerhand aus grobem Wolltuch geſchnitten, und die nationelle Mütze oben mit dem viereckigten Deckel trug zwar die ſcheinende Farbe von Amaranthroth, aber jede Zierde von Gold⸗ quaſten oder Silberketten oder theuern Reiherbüſchen mangelte ihr. Daß der junge Soldat ein Pole von Geburt, errieth man ſchon an ſeiner Tracht, daß er um Sold im Marhanenheer gedient, erzählte die breite, roth und weiß gewürfelte Feldbinde, mit der er ſich gegürtet. Peter von Radkow nannte er ſich; doch obgleich in ſei⸗ nem Vaterlande nur der Edelmann als Staatsbürger galt, und ſeine Väter unter dem großen Piaſt ſich aus⸗ gezeichnet, ſo waren ſeinem Stamme bei der Zerſtücke⸗ lung des Landes der Lehengüter nicht ſo viele geblieben, um dem Adel von Dobryn es gleich thun zu können, und die Brüder Radkow hatten es darum vorgezogen, unter fremden Fahnen ihre Wappen zu verſtecken, bis das Glück ihnen vergönnen würde, im alten Glanze der Ahnen ſich wiederum der Heimath zeigen zu können. Peter von Radkow durfte ſich nicht rühmen, in ſeinem erſten Feldzuge die glatte Hand der Fortuna ſchmeichelnd empfunden zu haben. So wie bei Zilin der rechte Flügel des Ungarnheeres in das herrliche Marhawanien einge⸗ fallen war und Prerowky eingeäſchert hatte, ſo war der linke Flügel von Egbel aus gegen Straßnitz eingebrochen, hatte zwar vergebens die königliche Reſidenz Wellehrad zu überfallen verſucht, jedoch die Kriegsleute kleinerer — 117 Schlöſſer überraſcht und mit wilder Grauſamkeit nieder⸗ gemetzelt. Zu einer ſolchen Garniſon gehörig, focht der junge Radkow mit der Unerſchrockenheit, welche die Söhne der Weichſel immer ausgezeichnet, doch als er jede Gegen⸗ wehr vergebens ſah, wußte auch er mit der Schlauheit ſeines Volkes ſich dem Verderben zu entreißen, und im Gebirg eine Fluchtbahn zu finden, die ihm wenigſtens Leben und Ehre ſalvirte, denn Gefangenſchaft unterſchied ſich in damaliger Zeit wenig von ſchimpflicher Knechtſchaft. Daß der junge Krieger es ehrlich in der Vertheidigung ſeines Poſtens gemeint, zeigte ſein Aeußeres. Der leich⸗ teren Fleiſchwunden trug ſein ſchlanker Leib genug, wenn auch ſein Koller mehr vom Feindesblut als vom eigenen roth geworden. An ſeiner Hüfte hing nur noch ein Säbel⸗ griff mit einem Klingenreſt, und nur die obere Hälfte ſeiner Lanze trug er in der Hand, und nutzte ſie mehr als Stütze und Wanderſtab, wie als Wehr, denn zwanzig Stunden ſchon ſchleppte ſich der junge Krieger durch das Gebirg, ohne Raſt und Schlaf, ſo ſpornte ſeinen Frei⸗ heitsſinn die Furcht vor der Gefangenſchaft, und nur jetzt, als er fern die lockenden Dächer von Meſeritz erblickt, zog ihn die Sehnſucht nach Waffenbrüdern, wie die Sorge um beſſere Nahrung, als Waldbeeren und Quellwaſſer gegeben, gleich ſtark von der ſichernden Waldhöhe in die Thäler hernieder. Schon hatte er ſich durch den Buſch bis zu dem Rande einer Schlucht gewunden, die von einer ſchmalen Straße durchſchnitten wurde, da ſtutzte ſein ſcharfes Auge, und ein unerwarteter Anblick bewog ihn, ſich hinter das Geſträuch, aus dem er ſchon hervorgetreten, zurückzuziehen. Ein einzelner Reiter ritt eben in die Schlucht herein. Seine Tracht ließ ſogleich den Ungar erkennen, und er ſchien ein Vornehmer ſeines Landes, denn ſeine glänzende Bewaffnung durfte einen Magnaten ehren, und war eines Obergeſpans würdig. Nur ſein Pferd ſchritt lähmig und ermattet auf dem Rande daher. Aber mehr als das edle Metall ſeiner kriegeriſchen Ausſtattung zog die Blicke des jungen Polen eine Beute an, welche der bärtige Ungar vor ſich auf dem Sattel, feſt von ſeinem rechten Arme umſchlungen und kräftig gefeſſelt, hielt. Ein weibliches Geſchöpf war es, zarter Geſtalt, welche das leichte Nacht⸗ kleid faſt zu ungetreu verhüllte, lilienweißer Haut und reichen, blonden Lockenhaars, die, von keinem Schleier veſchirmt, der Sonne preisgegeben blieben. Des Polen Erſtaunen war ohne Gleichen, kühne Gedanken ſchoſſen durch ſein Gehirn, doch ſchien keine glückliche That ſich an ſie knüpfen zu dürfen, denn ſah das Auge auch keinen Gefährten des Weiberdiebes, ſo trug er doch treffliche Waffen, und ihn ein Roß, und Radkow war zu Fuß und nur eine halbe Lanze ihm dienſtbar. Jetzt ſtolperte des Ungarn Pferd, und mühſam hielt es der Zügel aufrecht, und als es Stand gewonnen, bebte das er⸗ ſchöpfte Thier an allen Gliedern. Mit einem lauten, wüſten Fluchwort ließ der Reiter die Dame vom Sattel gleiten, ſchwang ſich ſelbſt herunter, und ftieß mit einem harten Fußtritt das Pferd in den Bauch, daß es zur Seite ſchwankte, und ſich in das Gras niederwarf, wo es ſich wälzte und nachdem es ſich wiederum halb erhoben, ohne aufzuſpringen, die duftigen, feuchten Kräuter mit Gier verſchlang. Der Ungar hatte ſich indeß flüchtig in der Schlucht umgeſehen und nichts bemerkt, was er ge⸗ fürchtet; dagegen war das Weib auf die Knie geſunken, und auch ſie hatte ihre hellen Augen umhergeworfen. Erblickt hatte ſie den Lauſcher im Buſch oben am Bergeshang, 119 und eine flüchtige Geberde der Freude, eine Bewegung der weißen, zartgerundeten Arme, die um Hülfe fleheten, machte das Herz des jungen Kriegsmannes ſich mächtig heben, und ſtellte ſeinen Entſchluß feſt. Der Ungar er⸗ griff nun des Weibes Hand, riß ſie gewaltſam auf und zog ſie mit ſich an einen Platz, wo ein weicher Raſen den Boden bekleidete und ein Schattenbaum die Strahlen der Mittagsſonne auffing. Hin auf den grünen Polſter warf ſich der Ungar, und zu ſich hernieder an ſeine Seite riß er die furchtſam ſich Sträubende. Der Pole konnte nichts hören von des Ungarn hef⸗ tiger Rede, aber es war ihm, als verſtände er jedes Wort. Erſt ſpottete der braunwangige Magyar der Schüchternheit ſeiner Gefangenen, dann bat er um ihre Gunſt, und ſchlug dreiſt den ſtarken Arm um der Jung⸗ frau ſchlanken Wuchs, ſie näher ziehend; dann funkelten ſeine Augen zornig, wie Augen des hungrigen Tigerthiers, und er ſchalt die Wehrende und dräuete ihr, und jetzt riß er brünſtig und durch ihr Gegenwort gereizt die Auf⸗ ſchreiende an ſeine Bruſt, und ſein frecher Mund bog ſich hinüber gegen das reine, edle Antlitz und ſein ſchwarzer Zottenbart berührte ſchon die kindliche und unentweihete Roſenknoſpe ihrer Lippen. Zitternd im räthſelhaften Zorn, plötzlich erhitzt durch eine Empfindung, die er nie empfunden, hatte der Pole ſich hinter dem Gebüſch ſchnell, leiſe und vorſichtig bis nahe an die Gruppe fort⸗ geſchoben; jetzt hob ſich ſein Arm mit der Lanzenſpitze, mit einem kühnen Sprunge war er dicht neben dem Paare, das Eiſen ſaß im fleiſchigen Nacken des Feindes, aber fahren ließ es zugleich die Hand des Angreifers; mit veiden Fäuſten ergriff er den aufbrüllenden Gegner und ſchleuderte ihn weit hin in den Sand, das Mädchen —— 120 dann von dem Raſen aufziehend, und ſie wegſchleifend zehn, zwölf Schritte weit, als wollte er ſie wahren vor dem furchtbaren Angriff, den der jetzt Waffenloſe von dem verwundeten Feinde zu fürchten haben möchte. Aber der Feind hatte keine Kraft mehr für ihn; das ſcharfe Eiſen hatte das Mark des Lebens getroffen und zerſchnit⸗ ten, und es war der Tod, der in dieſen Zuckungen und dieſem ſchaurigen Wälzen des blutigen Körpers ſeine Ge⸗ walt ausübte. Mit einem Siegesgeſchrei wendete der Pole ſich von dem grauenvollen Anblick zu der Jungfrau, ſtieß aus der athemloſen Bruſt nichts als die Worte hervor: Fort! fort! ehe ſeine Freunde kommen, und hin in das Gebüſch, berghinan zog er die Leichtfüßige mit ſich und hielt nicht eher an, bis er mitten unter dem düſtern Dache uralter Eichen ſich fern genug glaubte von jedem verfolgenden Menſchenfuße.— Jetzt erſt wagte er das Auge auf ſeine Gerettete zu ſchlagen, aber wortlos ſtand der Verſchnaufende vor dem herrlichen Bilde, was hier im Halblicht des Waldes nur leuchtender in ſeine Augen ſprang. Was konnten die berühmten Frauen ſeiner Heimath an Reiz in die Wage legen gegen dieſe Geſtalt, gegen die überirdiſche Lieb⸗ lichkeit dieſer Geſichtszüge! ſo meinte er. Nein, nie noch hatte er ein ſolches Weib geſehen, und es däuchte ihm faſt eine Sünde, daß er ſeine Augen ſo frech umher ſtreifen ließ auf dieſem Himmelsreiz, der ſich ihm weniger verwahrt ſehen ließ, wie ſonſt Zucht und Sitte gebot. Als wollte er einen Spuk verjagen, einen Traum ver⸗ ſcheuchen, alſo ſtrich ſeine Hand über Stirn und Augen; aber da warf ſich die Gerettete vor ihm auf die Knie und ergriff mit der zarten Hand die Schnur ſeiner Feld⸗ binde, und drückte das vaterländiſche Zeichen feſt an ihre 121 Lippen. Er verſtand die wortloſe Sprache und hob die Finger wie zum Schwur und legte dann die Arme ge⸗ kreuzt auf die Bruſt, ſein Haupt wie in Ehrfurcht nei⸗ gend, und als die Jungfrau darauf mit friſchen, klaren Blicken, in denen Vertrauen und Zufriedenheit glänzten, ihm in die Augen ſah, ſo reichte er ihr wieder die Rechte und unerſchrocken wandelte ſie mit ihm weiter in die Tiefe des Waldes. Aber weit hinauf ins Gebirge führte er ſie und als ſie leiſe fragte: Wohin?— und er mit einer beſondern Unruhe flüſterte: Bald ſind wir da, wo Niemand Dich findet!— da zwängte wieder eine Furcht ihr Herz, und der Gedanke, daß auch ihr Retter ein Fremder und ein Kriegsmann ſei, an Gewalt und Fre⸗ vel gewöhnt, das Gefühl, daß ſie hier in der düſtern Oede mehr in dieſes Mannes verwegener Hand ſei, als ſelbſt vorhin in der Macht des Ungarn, machte ſie heim⸗ lich beben und ihr Fuß zögerte im innern Grauen; dann wandte er verwundert den Blick, und in ſeinem Auge lebte eine ſo milde Beſorgniß, daß ihre Furcht ſchnell verſchwand, und ohne daß ſie darum wußte, ihre Hand in Dankbarkeit ſich feſter um ſeine harten Finger drückte. Jetzt traten ſie auf einen offenen Waldſtrich, der die Spur eines ehemaligen Holzweges erkennen ließ; das kurze Gras, die ſchmalen Linien junger Waldblumen verriethen jedoch, daß dieſer Weg ſeit lange nicht betre⸗ ten worden. Dicht an dem überwachſenen Pfade erhob ſich eine bunte Felswand, aus einer Spalte derſelben rieſelte ein friſcher Quell, und dicht daneben öffnete ſich eine enge Schlucht, die tief in das Geſtein hinein zu führen ſchien. Der Pole ſtand ſtill, holte tief Athem, ließ des Mädchens Hand los, und ſtrich ſich mit der Feldbinde über die glühende Stirn. Hier darfſt Du ruhen und der Sicherheit Dich freuen, ſagte er, bis hier herauf wird ſich Niemand der Genoſſen Deines Räubers wagen,— und das Mädchen ſetzte ſich ermattet auf einen der großen Steine, die vereinzelt um die Schlucht geſtreut da lagen, und er ſprang ſofort zum Quell und ſchöpfte davon in die Flaſche, die an ſeinem Gurte hing, und ſie ihr bietend ſprach er mit düſtern Mienen: Du biſt ſicherlich gewöhnt, aus ſchönern Gefäßen zu trinken, aber ich habe Dir nichts Beſſeres zu bieten, vder Du müßteſt dann ſelbſt ſchöpfen mit der feinen Hand.— Und ſie nahm raſch die ſchlechte Feld⸗ flaſche, und er ſah ſie mit innerlichem Vergnügen lang⸗ ſam ſchlürfen von dem herrlichen Labſal der Natur. Aber ſchon war er zur Seite in das Holz geſtreift, und vald brachte er ihr auf dem Deckel ſeiner Polenmütze rothe Erdveeren und Brombeerdolden, und ſchüttete ſie ihr in den Schooß, und ging unermüdet hin und wieder hin, neuen Vorrath zu ſammeln, den er in der Höhlung eines alten Baumſtammes verwahrte, die er zuvor mit friſchen Baumblättern ausgefüttert. Mit Empfindungen, von denen die Jungfrau nicht begriff, warum ſie ihr ſo wohlthätig, ſo angenehm waren, hatte ſie ſeinem Trei⸗ ven zugeſehen, jetzt aber ſah ſie ihn ſeinen Aermelmantel abziehen und denſelben gleich einem Tragſack benutzen, trockenes Laub und Moos, das er von den Baumſtäm⸗ men ſchälte, in die Schlucht zu tragen, und ſtutzend fragte ſie nach dem Zweck ſeines Beginnens. Ich ſchlief in letzter Nacht einige Stunden da drinnen auf hartem Geſtein, antwortete er, Du aber ſollſt nicht die zarten Glieder ſchmerzhaft drücken auf rauhem Boden. Iſt dieſer grobe Mantel auch keinem weichen Bärenfell oder ſchmiegſamen Schwanenbalg ähnlich, ſo wird das 8—5 123 Unterbett von Blatt und Moos ſchon ein Lager bilden für die Noth, das Dir den Schlummer erlaubt, und ſelbſt die Träume von dem Wiederſehn der Deinigen nicht verſcheucht.— Ich ſollte dort hinein? Nimmermehr! Die Angſt würde mich tödten, entgegnete ſie.— Tiefer weitet ſich der Raum, und durch einen Fels⸗ ſpalt fällt Licht zur Genüge herunter, antwortete er. Ich unterſuchte am Morgen jeden Winkel; kein Raub⸗ thier lagert darin, die Höhle iſt rein von Eidechs⸗ und Schlangenbrut. Du darſſt ungeſtört träumen, von Allen, nach denen Dein Herz ſich ſehnt.— Und Du? fragte ſie ſchen und unruhig, indem eine ſchnelle Röthe auf ihren Wangen ſichtbar wurde— Ich? entgegnete er verwundert. Bin ich Leibwächter bei der Königin der Mädchen dieſes Landes geworden, ſo weiß ich auch, wo mein Platz iſt und was mir zu⸗ kommt, will ich in der Pflicht beſtehen.— Meine Kräfte ſind hin, meine Augenlider matt und ſelbſt das Dämmerlicht dieſes Platzes iſt dem erhitzten Auge zu hell, ſagte ſie mit lauerndem Blick, als wollte ſie den Mann verſuchen. Im Anfange der letzten Nacht riß mich der Barbar, den Du ſchlugſt, aus dem Hauſe des Paters, und keinen Schlaf erlaubte mir die Todes⸗ angſt auf ſeinem Sattel. Willſt Du mich führen zu der Ruheſtätte?— Geh nur dreiſt in das kühle Kämmerlein, antwor⸗ tete er; ich wache für Dich und mein Ruf wird Dich wecken, wenn es Zeit zur Reiſe. Der Gott, der am Kreuze blutete, wird bitten für Dich bei dem Vater, daß kein Feind den Schlaf der Unſchuld gefährde.— So biſt Du ein Chriſt? rief die Jungfrau freudig.— Die Slaven der großen Ebene nahmen die heiligen Männer eben ſo gaſtlich auf, wie es die Slaven der Gebirge thaten, und wir lernten, daß es Pflicht, ſelbſt den Feind zu lieben und ihm zu helfen, wenn er unglück⸗ lich, antwortete Radkow. Sie ſchien noch eine Rede an ihn richten zu wollen, doch ſchloß ſie die Lippen wie⸗ derum, und nickte ihm mit einem traulichen Lächeln, und trat in den Eingang der Höhle, da rief er mit einer Stimme, die faſt ängſtlich klang: Doch wie ſoll ich Dich rufen, wenn der Tag grauet?— Slatina! antwortete ſie und verſchwand im Dunkel, nachdem ſie nochmals das Haupt grüßend bewegt.— Slatina! wiederholte der junge Mann leiſe, und ſein Auge ſchien ihr zu folgen mit Anſtrengung, und als die Dunkelheit jeden Schimmer von ihr überſchleiert, da legte er die Hand über die Augen und ſprach in ſich: Wun⸗ derbar! Seltſam und wunderbar!— Wie ihr Retter es beſchrieben, ſo fand das ſchöne Kind von Prerau— denn ſie war es— ihr verſtecktes Aſyl. Der ſchmale Eingang dehnte ſich bald zum be⸗ quemen Gemach; mehre Spalten in der Höhle führten Licht und Luftzug herein, und darum fehlte der böſe Dunſt und der feuchte Schmutz, ſonſt ſolchen Schlupf⸗ winkeln eigen und durch ſie die Lieblingsheimath widriger Geſchöpfe. Slatina ſetzte ſich nieder auf das hochgebauete ela⸗ ſtiſche Laubbett, aber der Schlaf wollte ihr nicht ſogleich kommen, wie benöthigt ihr auch die Rube war, denn tauſend vielfältige Gedanken ſcheuchten den Freund, wenn er ihr eben die Augenlieder zudrücken wollte. Durfte ———,— 125 ſie ihrem Retter trauen? war er nicht ein Soldat aus des Königs Heer, und kannte ſie nicht von ihres Vaters Hauſe her die wüſte Verwegenheit, die rohe Sitte von Seinesgleichen? ſchien er auch von beſſerer Art wie der gemeine Haufe, hatte ſie nicht die Edelgebornen, ſelbſt ihre Verwandten und Brüder oft nach nächtlichem Schmauſe den gemeinſten Hanaken oft an Rohheit übertreffen ſehen? Konnte überdem ſeine ſeltſame Schüchternheit, ſeine Wortarmuth, die ſonſt dem Volke der Zechen nicht ge⸗ wöhnlich, ſeine ehrfurchtsvolle Dienſtbarkeit nicht berech⸗ nete Verſtellung ſein, um ſie ſicher zu machen, und fie in ihrer Sicherheit deſto grauſamer zu mißhandeln?— Sie war in ſeiner Gewalt, allein mit ihm in men⸗ ſchenleerer Einſamkeit. Ihr Athem war hörbar wie ihr Herzſchlag, wenn ſie dieſes dachte. Und doch verſchwand ſolch Bangen ſogleich, wenn ſie ſich der Augen des Fremdlings erinnerte, denn das Uebrige von ſeinem Ge⸗ ſicht hatte ſie nur flüchtig in ihr Gedächtniß aufgenom⸗ men. So ſaß ſie lange, bald fürchtend, bald vertrauend. Aber die Nacht zog ihre ſchwarze Decke auch vor die Felſenfenſter, die die kleine Halle erhellet, rundum blieb es ſtumm und ward es ſtiller, ſelbſt das Abendgezwit⸗ ſcher der Vögel hörte auf, und Slatina's Kopf ſank langſam auf das Lager nieder, und auf dem Mantel des Mannes, den ſie fürchtete, lag das reizende Weſen bald in ſüßen Schlummer verſenkt, und ſchlief ſüßer, als ſie vielleicht je auf dem Ruhebett ihres Schloſſes geſchlafen, an einem ſo grauenvollen Orte, wie ſich ihn Bär und Pardel nur zu wählen pflegen. Lange glaubte ſie geſchlafen zu haben, als ein ſchwe⸗ rer Traum ſie erweckte, in welchem der wilde Magyar mit dem Blutquell der weitklaffenden Halswunde die 126 ſchreckendſte Rolle geſpielt hatte. Sie fuhr empor und ſtarrte verſtört um ſich her. Dunkel lag dicht neben ihr, doch fern aus dem Gange ſchimmerte eine Helle zu ihr her, und es däuchte ihr, als höre ſie in der Nähe das hohle Geheul eines hungrigen Wolfes, welches ihr nicht unbe⸗ kannt war. Das Gewölb ſchien ihr nachtkalt geworden, und ſie fühlte ein Fröſteln in ihren Gebeinen. Wo war ihr Retter, ihr Beſchützer? Wenn er ſie verlaſſen hätte? Sie erinnerte ſich der Blutflecken auf ſeinem Wamms. Wenn er nur für ſie beſorgt, ſeine Wunden vergeſſen und an ihnen ſtill und heimlich verblutet wäre?— Hatte ſie beim Niederlegen ſeine Gegenwart gefürchtet, ſo wünſchte ſie ihn jetzt herbei, und ihr Mund öffnete ſich mehrmals den zu rufen, deſſen Namen ſie noch nicht gehört. Doch je länger ſie zögerte, je wacher ihre Sinne wurden, deſto mehr ſtieg ihre Beklemmung; es duldete ſie nicht länger in dieſer Einſamkeit, und langſam und vorſichtig tappte ſie fort an der rauhen Steinwand, im⸗ mer der matten Helle entgegen. Jetzt drängte ſie ſich durch den engen Ausgang und ſah, es war nicht der junge Morgen, der ihr Auge ge⸗ lockt, es war der Mond, die Leuchte der Nacht, welcher hoch über dieſer Bergesſpitze ſchwebte, und ſein klares Licht in den kahlen Strich hinabſenkte, der einſt zu einer Straße gedient. Doch was erblickte die Jungfrau dicht vor ihren Füßen, als ihr Auge, das ſich zuerſt Stärke und Beſonnenheit aus dem Silberlichte da oben geholt, jetzt zum Boden ſank! Hingeſtreckt vor der Schlucht, mit ſeinem Leibe den Eingang verdeckend, lag ihr Retter, ihr Freund. Auf hartem Boden ruhete der junge, von Flucht und Kampf ermattete Kriegsmann; ein Stein diente ihm als Kopfpfühl, 127 und neben ihm, von ſeiner Rechten feſt umſchloſſen, dräuete eine mächtige Keule, ein entlaubter Baumaſt friſch von einem Eichſtamm gebrochen. Er ſchlief feſt den Schlaf der Jugend und des guten Gewiſſens, ja das Mondlicht, welches ihm ſeine Strahlen gerade auf das Geſicht ſchoß, ſtörte ihn nicht, wenn es auch aus ſeiner tiefſten Seele träumeriſche Bilder zu locken ſchien. Erſchrocken und überraſcht ſtand das Mädchen; etwas nie Gefühltes ergriff ihr ganzes Weſen, ihr erſtes Ge⸗ fühl war Reue, ihr erſter Gedanke eine ſtumme Abbitte; aber als ſie dann ihre Blicke ſtrenger haften ließ auf dem Antlitz des Schlafenden, über deſſen brennenden, zurückſcheuchenden Blicken jetzt die lange dunkele Wim⸗ per verbergend ruhete, als aus ſeinen wohlgebildeten Zügen, je länger ſie dieſelben betrachtete, immer mehr des Edeln und Anmuthigen ihr entgegenzuſtrahlen ſchien, als jetzt die friſchen Lippen ſich öffneten, und nach einem leiſen Gemurmel ſein Mund halblaut und ängſt⸗ lich abgeſtoßen die Worte tönen ließ: Fort Slatina! — Zurück ihr giftigen Hunde! Wagt's nicht!— Mein Leib, mein Blut zuerſt!— und als dann der böſe Traum in ſanftere Bilder überzuſchwinden ſchien, ein ſeliges Lächeln die dunkeln Geſichtszüge wahrhaft verklärten und mit ſeltener Männerſchöne übergoß, und die Hand, die an der Keule unruhig geworden, wieder erſchlafft und ſtill lag, und ſein Mund murmelte: Gerettet!— für wen?— da durchblitzte ein eigenes Beben das reizende Geſchöpf.— Für wen als für den Retter? flüſterte ſie haſtig, und es zog ſie unwiderſtehlich, und nieder in die Knie legte ſie ſich, und beugte ſich über den Schläfer⸗ und preßte leicht einen warmen Kuß auf ſeinen Mund, leicht und würzig, wie der Abendweſt ſeinen Hauch in den Kelch der Anemone ſendet, die ſich der erquicklichen Nachtkühle geöffnet.— Aber wie erſchrack ſie, als ſie plötzlich ſich umfan⸗ gen fühlte, gleich der Nachtigall, die des Vogelſtellers Netz umdrückt, als nach einem Drohruf der ſchnell ſich aufrecht ſetzende Mann ſie mit ſeinen ſtarken Händen an beiden Armen feſthielt, zurück vrückte, und ſein glühen⸗ des Augenpaar aus nächſter Nähe ihre Augen blendete durch die Blitze des Staunens und des Entzückens, die aus ihm ſtrömten. Sie ſenkte die Blicke, doch ſeine Hände ließen ſie nur los, um einen neuen feſtern Lie⸗ vesreif um ſie zu ſchlingen, und mit einem Jubelruf: Sla⸗ tina, Du weckteſt mich, und Wahrheit regierte in mei⸗ nem Traume? riß er ſie feſter an ſeine Bruſt, und in entfeſſelter Empfindung fühlte ſie ſeinen heißen Mund wieder und wieder auf ihren neuerdings bebenden Lippen. Aber ihr Erſchrecken, ihre jungfräuliche Sorge verrann ſogleich, denn ſowie ſie ſich zurückſtrebend und mit leich⸗ tem Schrei von ihm gebeugt, ſtand er hoch vor ihr, er⸗ hob ſie ſchnell vom Voden, und legte gekreuzt die Hände auf die Bruſt und neigte wie ein furchtſamer Knabe in ſcheuer Ehrfurcht ſein ſchwarzumlocktes Haupt. Zürne nicht, bat er zugleich, der Schlaf verwirrt den Verſtand, und Schlaftrunkenen iſt nicht anzurechnen, was ſie im Erwachen vornehmen, vornehmlich wenn böſe Geiſter ihnen ſchwarze, gefährliche Träume geſendet.— Mein Freund, antwortete ſie in unverhehlter Seelen⸗ pewegung, laß uns nicht lügen gegen einander; hier wo uns nichts zwingt, das Herz zu hehlen und die Lippen zu binden, hier wo der klare Mond, wo der brauſende Wald uns ſtrafen würde, wenn wir einer den Andern trögen, da nichts bei uns iſt als wir, da wir frei ſind —* N — 129 wie das Wild, und verlaſſen wie das Wild. Nein, ich nehme nicht zurück, was ich Dir gab! War ich doch wie eine Todte, wie eine Entehrte, eine Gebrandmarkte, ehe Du zu mir trateſt; Deine Hülfe, Dein Muth machte mich wiederum zu einer Lebendigen, gab mir den Kranz der Ehre zurück, und hätte ich doch ewig todt vleiben müſſen für den Vater, die Brüder, für jeden Edelgebo⸗ renen, hätte Deine Hand den Todtfeind nicht erſchlagen. Und gehört denn darum nicht Dein meine Ehre, mein Leben, als eine gute gewonnene Beute, die Du großmü⸗ thig mir zurückgeſchenkt? So nimm denn Slatina ganz, und für das ganze Leben! Wenn Du ſie dem Vater bringſt, wird er die, die ſeiner trüben Augen Licht war Dir nicht weigern.— Der junge Mann that einen gellenden Schrei, von dem man nicht wußte, ward er durch Schmerz oder Freude geboren, da er zugleich mit beiden Händen nach ſeiner Herzgegend griff. Herrliche, wie kein liebearmer Mann ſie fand auf der Ebene und im Gebirg, ſpotteſt Du Deines Knechtes? rief er alsdann. Wagte ich doch nicht zu fragen nach Deinem Stamm und Namen, denn Deine Geſtalt kündete mir, daß Du nicht da geboren, wo ein Radkow hinauf reichen dürfte, ſein Glück zu ge⸗ winnen. Ich bin ein armer Fremdling in dieſem Lande, für Sold verkaufte ich mein Blut, und mein einziger Reichthum, meine guten Waffen, Schwert und Lanze ſind zerſplittert für Dich und den König Deines Landes. Fließet auch edles, unverfälſchtes Blut in den Adern Peters von Radkow, ſo zagte er doch vor der Frage nach Namen und Heimath der Gefundenen wie ein Ver⸗ brecher vor dem Todesſpruche, denn bei dem erſten Blick auf Dich, als Dich der gräßliche Barbar noch Blumenhagen. X. 9 130 hielt in den Ketten ſeiner frechen Arme, empfand er, daß hinfort ohne Dich ſein Leben eine lange Marter, mit Dir ein langer Himmel voll Friede und Engelliebe, und ohne Ende, wie ihn die Prieſter des neuen Gottes veſchrieben, ſein müßte. Du ſelbſt, Du Angebetete, die mir neben dem Chriſt ſtehen wird von heut an, haſt den Gedanken ausgeſprochen, den ich kaum zu denken ge⸗ wagt. Stößeſt Du jetzt den Gedanken zurück in die Nacht des Nichts, da ich mich Dir genannt, ſo zertrittſt Du zugleich ein Leben, das fortan Dir dienſtbar gewor⸗ den und Niemanden ſonſt mehr.— Mit ſeltſamer Haſt zog die Jungfrau einen breiten Goldring von ihrem Finger, und reichte ihn dem ſtau⸗ nenden Manne. Zerbrich dieſen Ring! befahl ſie im Tone der Herrin, und er nahm den Ring, und faßte einen Kieſel und zerſchlug den Reif. Hier, ſprach ſie dann weiter mit Wärme, indem ſie eine Schnur von ihrem Gürtel riß, und die eine Hälfte des Goldreifes hinein knotete, nimm dieſes und hänge es an Deinen Hals. Es ſei ein Zeichen, daß wir eines geworden von jetzt an, ein Geſchöpf in zwei Hälften, vollkommen lebend und liebend nur mit einander und ungetrennt. Mag das Schickſal uns aus einander reißen, dieſes Pfand gibt Dir ein Recht auf mich, wo Du es aufzeigeſt, und kann ein Mann treu ſein, ſo binde es Deine Treue, wie mich an Dich das zweite Stück bindet, wenn ich je un⸗ dankbar dieſe Stunde und dieſen Ort vergeſſen könnte.— Wie ein Wahnwitziger die Augen rollend und in freudigen Geberden ſein Entzücken ausſprechend, drückte er den Goldreif an den Mund, in ſeine Augen, auf ſein Herz, und als er das Kleinod an ſeinen Hals gehangen, zog er jetzt auch die Jungfrau an ſeine breite Bruſt, 131 drückte ſeinen Mund unzählige Male auf ihren Mund, ihre Wangen, in ihre Augen, auf ihre Stirn und in ihr weiches Haar, bis ſie ſelbſt athemlos ſich ihm entwand, auf den großen Stein ſich ſetzte, und den Liebetrunkenen ſanft neben ſich hernieder zog. Muß Slatina, ſprach ſie vorwurfsvoll und doch mit dem Glockenklang liebender Milde, muß das ſchwache Mädchen den Mann, der im Kriege Beſonnenheit gelernt, mahnen, wie unſer Bund eine Blume iſt, deren Kelch ein furchtbares Wetter geöffnet? Muß ſie den Freund mahnen, daß ſeine Liebkoſungen verwegene Sünden ſind, hier, wo hinter jedem Baumſtand ein Feind drohen, aus jedem Dickicht ein reißendes Raubthier hervorbrechen kann, ſeine Leichtfertigkeit zu ſtrafen?— Laß uns, mein Freund, glücklich ſein, ſtill und fromm, weil einer des andern gewiß iſt, aber laß uns nicht vergeſſen, daß un⸗ ſer Glück auf einem ſo ſchauerlichen Platz geboren, daß unſer ganzes Streben dahin gehen muß, es fortzutragen unter ein ſicheres und gefahrloſeres Dach. Zuerſt laß uns darum tauſchen, was wir von uns wiſſen müſſen, dann laß uns berathen, wie wir uns und unſere ſchutz⸗ loſe Liebe am ſchnellſten retten hinter einen ſichern Wall.— Er preßte ihre kleine Hand feſt zwiſchen ſeine Hände, und horchte gehorſam, als ſie jetzt von ſich zu erzählen begann. Sie ſtammte, ſo ſprach ſie mit leichten, flüch⸗ tigen Worten, die die Schwere des Inhalts dem Gelieb⸗ ten leichtern ſollten, aus einem wohlhabenden Geſchlecht des Landes. Ihr Vater, ein Greis, hatte drei Frauen gehabt, die beiden erſten ſchenkten ihm ſiebenzehn Söhne, von denen elf früh in den Kriegen des Vaterlandes ge⸗ ſtorben, die dritte Ehegattin gebar ihm im höchſten Alter Slatinen, und ſtarb, als man ihr ſo eben das Töchterlein an's Herz gebettet. Wie ein Geſchenk des neuen mäch⸗ tigern Gottes, der von heiligen Männern dem Ma⸗ rhanenvolke verkündigt worden, nahm der greiſe Vater das Kind ſeines Alters, und hielt es wie einen Familien⸗ ſchatz, und glaubte an Slatina das Heil und die künftige Größe ſeines Hauſes gefeſſelt. Zwanzig Jahre hatte Slatina nur dem Vater gelebt, war nicht fortgekommen von dem ehrwürdigen Patriarchen, hatte verſchmäht, mit den Brüdern zu des Königs Hofhaltung zu reiſen, ſelbſt verſchmäht, auf den Landſitzen, welche der Vater durch die Beute ſeiner zahlloſen Feldzüge, durch die Belohnungen zweier Könige, denen ſein Arm gedient, erworben und den Söhnen vertheilt, die ritterlichen Feſte der Verwandten zu ſchmücken. Sie kannte nur ein Em⸗ pfinden, eine Sorge, eine Freude, und dieſe galt dem Vater, und kam vom Vater. Da brach das wilde Nach⸗ varvolk in das Schloß. Schon hatte ſie dem Vater das weiße Haar geküßt, ihn den Händen ſeiner Leibknechte übergeben, und ſich in das Nebenhaus begeben, wo zwi⸗ ſchen den Kammern der Frauen und Mägde ihr Geheim⸗ zimmer lag, da hörte ſie das fremde, furchtbare Feldge⸗ ſchrei auf den erſtiegenen Wällen, und in den gewonnenen Höfen donnern. Angſtvoll flog ſie hinaus, Schutz zu ſuchen unter dem Arm des muthigen Bruders, in dem Schooße des Vaters. Gerade kam ſie, um im Stern⸗ lichte zu ſchauen, wie der Bruder niederſank, durchſtoßen von dem krummen Eiſen zweier Feinde, und ergriffen fühlte ſie ſich zugleich von dem mächtigſten der Mörder, aus deſſen dunkeln Augen eine ſprühende Höllenglut zu ihr herüber zu ſtrömen ſchien. Aber auch der zweite Feind faßte ihren andern Arm, und jubelte über die herrliche Beute. Zurück ſtieß der erſte den Kampfgefährten. 133 Theilen, meinſt Du? lachte er grell, und ſein Säbel ziſchte durch die Luft, und geſpaltenen Hauptes taumelte der zweite in den Sand, und ſein warmes Blut beſpritzte den Arm der bis zum Tode erſchrockenen Jungfrau. Willenlos ließ ſie ſich fortreißen von dem Sieger, über Leichen hinweg, durch das zertrümmerte Thor, bis zu einem Platz, wo mehre Pferde an einzel⸗ nen Bäumen gebunden ſich fanden. Faſt ſinnlos, matt bis zur Ohnmacht von dem Anblick der nie geſehenen Gräuel, ließ ſie ſich einer Sterbenden gleich heben auf das Roß; der Fremde ſchwang ſich nach, und im ſchärf⸗ ſten Trabe wurde ſie entführt, weithin durch die Nacht und immer weiter in unwirthbare Gegenden, und auf einſamen, dem Ungar wohlbekannten Straßen. So lange das Dunkel um ſie lag, konnte ſie vor Entſetzen keinen Gedanken faſſen, und wie ein ſchwerer Traum drückte die Gegenwart auf ihr Gemüth, und ſie hoffte auf ein ſchnelles Erwachen. Als aber der Morgen⸗ thau ihr Geſicht erfriſchte, als das Morgenroth ſie immer heller umleuchtete, und ſie das wüſte, bärtige Antlitz ihres Entführers ſo dicht neben ihrer Wange erkannte, da fühlte ſie erſt das Verzweiflungsvolle ihres Schickſals. Der Ungar war ein Großer ſeines Volks, ein Magnat, das zeigte ſchon ſein reicher Schmuck, ſeine koſtbare Be⸗ waffnung. Sie flehete um Gnade bei ihm, beſchwor ihn bei ſeiner Ehre, bei ihres alten Vaters endloſen Schmerzen. Er lächelte höhniſch, rühmte ſich, wie er um ſie hinge⸗ geben die reiche Beute und den Kriegesruhm, wie er ſie für ſich gerettet aus den gewiſſen Mißhandlungen ſeiner Genoſſen, wie er ſie für ſich allein beſitzen wollte in ſeinem Felſenſchloß. Sie drohete mit der Rache ihrer Brüder, er höhnte tückiſcher und zwang ihr ſeine 134 Liebkoſungen auf, da ſtolperte ſein Gaul auf rauher Straße, und verletzte den Fuß, und in eine gräßliche Wuth ver⸗ ſetzte der Unfall den grimmigen Herrn, und eingeſchüch⸗ tert ſchwieg das Mädchen, und wagte nur leiſe Gebete an den Göttlichen, der für alle am Sklavenkreuze ge⸗ ſtorben. Jetzt erblickte ihr Auge den Retter am Gebirg, und wenige Augenblicke nachher wurde ſchon ihr Gebet erhört. Und wie nennt ſich Dein Vater, wie Deine Brüder? fragte der junge Pole, der aufmerkſam und geſpannt ihr zugehört.— Saul heißt der herrliche Greis, antwortete ſie mit gedämpfter Stimme, und Schloß Prerau am Beczwa⸗ fluſſe iſt ſein Ruheſitz.— Odrzifaus! ſtammelte Radkow mit tiefem Erſchrecken und ftreckte beide Hände wie ab⸗ wehrend gegen das Mädchen.— Du kennſt ihn? fragte ſie haſtig.— Wer hätte nur einen Tag die Feldbinde der Marhanen getragen und kennte ihn nicht? rief der Pole ſchmerzlich aus. Von wem anders erzählen am Wachtfeuer die alten Krieger als von ihm? Er, der ſchon als Knabe die Rieſen erſchlug, iſt das Vorbild eines Helden im Mährenlande; er iſt der Patriarch, der Heilige dieſes Landes; das Volk glaubt, der vertriebene Gott Suantowit käme nächtlich zu ihm, und erzähle ihm von der Zukunft; das Volk glaubt, ſeit er ſich mit dem Könige entzweit wegen Swatoplucks treuloſer Grauſam⸗ keit, ſei das Glück gewichen von dem Königshauſe Ma⸗ rhawaniens; ſein Haus heißt das erſte Geſchlecht des Landes, ſeine Güter ſind die reichſten, und iſt dieſer Held und Heldenvater auch Dein Vater, ſo iſt Hoffnung Wahnwitz, denn nur auf Thronen wird ſolch ein Stolzer den Eidam ſuchen für die einzige Tochter.— 135 Und welcher Königsſohn kann ſich meſſen mit Dir an Verdienſt um dieſe Tochter? fragte Slatina mit fe⸗ ſter Stimme, und indem ſie ihm mit Zärtlichkeit die Hände bot. Der Vater Saul iſt alt, und unſere erſte Pflicht iſt darum, ihm die Angſt zu zerſtreuen, die den geliebten Greis martern muß, die Angſt um das ver⸗ lorene Kind. Wäre dieſe Pflicht nicht, ſo möchteſt Du mich führen zum nächſten Bethaus und weihen laſſen unſern Bund durch Prieſterhand; ich weiß, der Vater Saul würde der Tochter Gatten ſegnend empfangen, wie er ſie ſelbſt empfänge.— Da ſei Gott für, fiel Radkow ein, daß ich ohne die Zuſage des Heldengreiſes das Kind gewönne, und ſolchen Schatz wegtrüge gleich einem feinen Diebe.— So laß uns aufbrechen, drängte die Jungfrau, der Mond beleuchtet den Weg, die Liebe wird uns führen.— Des Ungarn Pferd trug Dich ſchnell bis an's Gebirg der Grenze, erwiderte der Pole ſinnend, und indem er ihre Hände mit einem ſorgenden Blick auf ſie gegen ſeine Bruſt drückte; aber weit iſt die Reiſe für Deinen zarten Fuß, und jeder ſcharfe Stein auf der Straße würde meinem Herzen eine Wunde ſchneiden. Und wie könnte ich in dieſem zerfetzten, blutbefleckten Wammſe treten in die goldenen Hallen Deines Hauſes, und vor Deine Brüder? Nein, Du ſollſt wenigſtens Deines Freundes Dich nicht ſo arg ſchämen dürfen. Mit ſichtlicher Freude enthüllte er jetzt der Geliebten den Plan, den ihm die Erinnerung an den erſchlagenen Feind eingeflüſtert. Verſteckt ſollte ſie noch ein Stündchen bleiben in der ſichern Felskluft. Hinab vom Gebirg wollte er indeß ſteigen zu dem Platze, wo der Magyar in ſeinem Blute lag. Mit den Reichthümern, die der 136 Tovte an ſich trug, wollte er ſich ſchmücken, als der ihm zuſtändigen Beute, das Roß, welches wahrſcheinlich noch in der Nähe des Herrn verweilte, wollte er fangen, und dann zurückkommen, die Geliebte gleich einer Königin in das Land hinab zu führen, und ſie mit den Waffen des Feindes zu ſchirmen vor jedem neuen Unfall. Sla⸗ tina wehrte ſich anfangs gegen dieſen Plan, der Gedanke, hier oben in der Wildniß allein zu bleiben, war ihr ſchauerlich bis zur Unerträglichkeit; doch gewöhnt nach der Zucht ihres Landes ſich zu beugen vor Männerwort und Willen, ermuthigt durch ſein Zureden und ſeine Sicherheit, ließ ſie ſich in die Höhle führen, verweigerte dem Bittenden nicht den keuſchen Kuß des Abſchieds, und verſprach mit frommem Gebet ſeinen Gang zu begleiten. Der Pole verhüllte den Felſenſpalt mit gebrochenem grünen Laubwerk, und als die erſten Morgenſtrahlen durch die Waldgipfel ſtreiften, ſtieg er vorſichtig im Holze hernieder, mit den ſcharfen Sinnen des geübten Jägers und Soldaten den Weg beachtend, den ſein und des Mädchens Fußtritt geſtern gezeichnet, und zur Vorſicht rechts und links die Zweige brechend, um ſeinen Rück⸗ marſch noch ſicherer zu machen. Ein ganzes Himmelreich erwacht in des Menſchen Bruſt, deſſen erſte Liebe eine glückliche iſt. Jede ſpätere Glückesgunſt bleibt nur ein mattes Spiegelbild jenes erſten Entzückens, von dem es die beſten Farben borgt, und deſſen Jubeltöne nur wie ein mattes, geborgtes Echo nochmals wiederklingen. Auch der junge Kriegsmann ſchien der Erde nicht mehr zugehörig, und hätten ihn die alten Bewohner vieſes Gebirgs geſehen, wie er raſchen 137 Trittes über die Baumwurzeln herabſtieg zu den Thälern, ſtolz ſein Gang und ſeines Hauptes Haltung, funkelnd das große Auge, ſie hätten ihn für Perun, den Donnerer, ſelbſt gehalten, wenn er in ſchwarze Wolken gehüllt, herabkömmt, die Menſchen zu ſchrecken und zu ſegnen im Schreck. Träumend von dem gewonnenen, unverhofften Glück, ſchwelgend in dem Nachgenuß ſüßer Liebkoſungen, flog ihm die Zeit ſchnell wie das Gewölk vor dem Morgen⸗ winde, und bald ſtand er unten am Rande des Gebir⸗ ges, und traf den Platz, den er zu ſuchen ausgegangen. Der todte Feind lag noch unberührt im Sande, aber ein großes Geierpaar kreiſete mit weiten Fittichen ſchon über der willkommenen Beute, und erhob ſich nur langſam und mit zürnendem Gekreiſch bei der Störung. Doch Radkow's freudetrunkenes Auge trübte ſich bei dem erſten Ueberblick der Gegend. Das Pferd war nirgends zu ſchauen; vergebens durchſpürte der Pole das Gebüſch Straße auf und Straße hinab, vergebens verſuchte er die bekannten Lockungen durch Pfeifen und Weidmanns⸗ ruf; die Befehdung der mächtigen Raubvögel mußte es davongeſcheucht haben. Traurig kehrte er zu dem Todten zurück und bedachte, indem er ſich der Beute bemächtigte, auf welche Weiſe jetzt der geſtörte Plan am ſicherſten umzuſchaffen. Er hing den koſtbaren Säbel des Magna⸗ ten an ſeine Hüfte, er legte den reichen Leibgurt deſſelben um, nebſt dem Meſſer und langen Dolch, deſſen Griff von köſtlichen Steinen funkelte; ſelbſt den Schultermantel, mit Gold⸗ und Silberblumen benähet, nahm er von dem blutigen Nacken und warf ihn auf ſeine Achſel, und als er jetzt ſeinen Putz nochmals überſchauet und betaſtet, fand er mit frohem Schreck einen ſchweren Beutel mit 138 Goldmünzen in der Gürteltaſche, und ſein neuer Plan wurde durch den Fund geboren. Die Geliebte ohne Zö⸗ gerung herab holen aus ihrem Verſteck, mit ihr eilen zu dem nahen Stävtchen Meſeritz, das er geſtern von der Höhe geſehen, dort zwei Roſſe kaufen, vielleicht auch einige Geleitsmänner dingen, und dann anſtändig und bequem ſie im Triumph führen zu ihrem Schloſſe, das ſtand als Entſchluß vor ſeiner Seele und ſchien ihm faſt ſchon vollendet. Er überließ den Raubthieren das Be⸗ gräbniß des Erſchlagenen, und wenn auch ſchwerer be⸗ laden durch den köſtlichen Waoffenſchmuck, ſtieg er doch faſt noch leichtfüßiger berghinauf, obgleich ihm der Weg doppelt ſo lang ſchien als vorhin. Schon ſah er die Steinwand, ſchon rauſchte der reine Bergquell neben ihm herab über die bunten, blanken Kieſelgerölle, jetzt konnte er durch das niedere Gebüſch ſchon einen Theil der Felsſpalte erblicken, und das Auge feſt auf den Punkt geheftet, ſchallte der Freudenruf: Slatina! Slatina! von ſeinen Lippen. Kein Gegenruf kam ihm entgegen, raſcher vollendete er die letzten Schritte, da war es, als griffen die Waldgeiſter aus dem Boden, und packten ſeinen Fuß, und ſeſſelten ihn feſt wie die Baumwurzel an ihr Reich. Er ſah die Schlucht geöff⸗ net, die Baumzweige hatte man weggeriſſen und auf den Moosgrund verſtreuet, und gewaltſam ſammelte er ſeine Kraft, und ſtürzte mit halbgelähmten Gliedern in die Höhle. Die Jungfrau fand ſich nicht in dem dunkeln Verſteck, ſein Geſchrei kreiſchte wieder nach allen Welt⸗ gegenden, keine Antwort erſcholl, nichts regte ſich im Dickicht; aber als ſein rollendes Auge jetzt zur Erde ſank, ein verlorenes Zeichen von ihr zu finden, da ſtarrte er wie kalt und todt vor ſich hin, als hätte es eine Gor⸗ — 139 gone erblickt, denn vor ihm auf der bewachſenen, alten Waldſtraße ſah man friſchen Hufſchlag, und ein Heer von Ungarn, welches auf ihn eingeſtürmt, hätte kein größeres Entſetzen über ihn hinwerfen können, als dieſes redende Zeichen eines neuen Raubes, und mit verwirr⸗ ten, ſchwindenden Sinnen brach der arme Jüngling zu⸗ ſammen, und ſank auf den Stein, der in der Nacht ihm als Jakobspolſter gedient, und auf dem auch er von einer Himmelsleiter geträumt, die ſchon jetzt in Luft verflog. So iſt dem verirrten Araber zu Muthe, der vom Höllendurſt gefoltert den Sand der Wüſte durch⸗ kroch, jetzt endlich die Ciſterne entdeckt, die ihm bekannt, und als er mit letzter Kraft zu dem Steinrande kriecht, ſchon die Friſche des Waſſers auf ſeinen trockenen, gebor⸗ ſtenen Lippen zu fühlen vermeint, mit brechenden Augen in den ausgetrockneten, leeren Behälter hinunter ſtarrt.— Doch nur wenige Augenblicke blieb der junge Mann im Zuſtande dieſer Betäubung. Verzweiflungsſchmerz, die grellen Bilder ſeines ungeheuren Verluſtes, der Ge⸗ danke an die Noth der Geliebte peitſchten ihn auf wie Furiengeißel. Angeſtrengt ſtarrte er mit der Sinnen⸗ ſchärfe ſeiner Nation die Spuren im Boden an. Drei Roſſe waren vorüber gezogen; ſie waren im Schritt gekommen, hatten in der Nähe der Schlucht gehalten, hatten im Trabe den Ritt fortgeſetzt; aber die Form der Hufe gehörte in Breite und Größe der ſchwerern in⸗ ländiſchen Pferdeart an, nicht der feinern, leichtern Art des Magyarenlandes. Mit dieſem Troſte raffte er ſich völlig auf, und dann und wann Slatina's Namen aus⸗ ſtoßend, folgte er der Fährte wechſelnd im raſchen Lauf, und der keuchenden Bruſt Erholung gebenden Schnell⸗ ſchritt. Doch vergebens waren ſeine Anſtrengungen; nur 140 die friſche Spur vor ihm hielt Sinne und Kraft aufrecht, und dieſe Spur ging nicht links hinüber nach des Fein⸗ des Grenze, nein, ſie folgte dem Pfade, der ſich allmählig hinunter ſenkte in das mähriſche Land. Wie geſpannt an Seele und Leib taumelte er jetzt in die Ebene hinaus, und ſtand ſchnaufend und ſtrengte das blutumflorte Auge an, ſeine Flüchtlinge zu ſchauen, da ſauſeten zwei, drei Wurfſpieße neben ihn hin, und als er zur Seite ſich wandte, tönte der Feldruf der Marhanen durch die Luft, und ein Reitertrupp ſprengte aus dem Thalwege mit geſchwungenen Schwertern auf ihn ein. Die mähriſche Binde, die Erwiederung des Feldrufs rettete zwar ſein Leben, aber man umzingelte ihn, und wilde Stimme dräueten ihm, den Spion oder den Ueberläufer in ihm ſuchend. Zubor, des Königs jüngſter Sohn, trabte jetzt mit einem größern Heerhaufen heran. Ihm erzählte der Pole ſeine nächtliche Flucht, erzählte wie er den Magya⸗ ren erlegt und beraubt, doch hielt ihn eine heilige Scheu ab, der edlen Jungfrau zu erwähnen, und vor dieſen rohen Kriegsleuten ſein heiligſtes Geheimniß preis zu geben. Mit Mißtrauen betrachtete Zubor den Unruhigen und ſichtlich Verſtörten. Dein Name iſt mir nicht fremd, entgegnete der Kö⸗ nigſohn, auch ſcheuchten wir Wolf und Geier von dem Leichnam, in deſſen Nacken noch Deine Lanze ſtak, und auch das lichtbraune Roß iſt von uns aufgefangen welches Deinem Feinde gehörte. Beſteige es ohne Zau⸗ dern, und folge uns zur Rache an jenen Friedensbrechern, denn wir ziehen am Gebirg hinunter, die unbeſonnenen Ma⸗ gyarenpulks abzuſchneiden von der Grenze, und ſie den Raben zu tiſchen auf mähriſcher Erde. Willkommen muß Dir das Werk ſein, wie Dein Arm uns willkommen iſt.— 141 Ein ungeheurer Schmerz ging durch des Jünglings Seele, zerſtörender, da er ihn verbergen mußte, und der halbe Ring brannte ihn wie glühende Kohlen auf ſeiner Bruſt. Er biß die Lippen blutig, ſtarrte noch einmal über die leere Wieſenflur, beſtieg dann das gebrachte un⸗ garniſche Roß, und ließ im wildeſten Tummeln des ſcheuen Thieres ſeinen Unmuth aus, da kein Wunder geſchah, ihn von dieſer neuen, qualvollen Folter zu löſen. Auf einer Anhöhe am weſtlichen Uſer der March, da wo zwei andere Flüßchen ſich mit ihr vereinen, hatte der Mährenkönig ſein Feldlager aufgeſchlagen. Ein großes Prunkzelt, mit bunten Wimpeln verziert und mit Waffen⸗ haufen umſtellt, kündete den Ruheplatz Swatopluck's an, den ſeine Zeitgenoſſen wie die Nachwelt den Großen be⸗ nannt. Geöffnet war die leichte Sommerwohnung nach Norden, und ließ die Ausſicht zu auf eine neu erbauete Stadt, die mitten aus den moraſtigen Feldern ſich erho⸗ ben, damals Holomautz, jetzt Olmütz genannt, und zum königlichen Sitze ſtatt des engen Wellehrads beſtimmt. Der König, ein hagerer, vor der Zeit verlebter, aber ſtarkknochiger und koloſſaler Mann, lag halb auf einem Ruhebett, vor dem ſich die Tafel dehnte, an welcher ſeine Großen verſammelt waren; ſein Geſicht war vergelbt, ſeine Augen brannten fieberhaft, doch ſah er ſtolz und kühn auf ſeine Geſellſchaft, und verbiß den Schmerz, der innen durch ſeine Gebeine ging. Da trat eine fremde Geſtalt herein, und mit raſcher Bewegung erhob ſich der König aus ſeiner ruhenden Stellung. Iſ's möglich, rief er. Vater Saul? führt Perun „ 142 ſelbſt, der Gott des Donners, den Heldengreis unter unſer Dach?— Und der Eintretende war wirklich der hundertjährige Odrzifaus, der Herr von Prerau; langſam ſchritt er herein, in der Rechten haltend gleich einer Stütze ſein ungeheures Schwert, das nur um eines Kopfes Länge kleiner war als er ſelbſt, und mit der Linken die gebeugte Geſtalt lehnend auf die Schulter eines Leibknechtes. Bei der Anrede des Königs hemmte er den Schritt, und blickte finſter umher. Komme ich in das Haus eines chriſtlichen Königs, fragte er unwillig, da man mich mit dem Namen der alten Götzen begrüßt?— Alte Gewohnheit läßt tiefe Narben, entgegnete lä⸗ chelnd Swatopluck. Und Du biſt immer noch der alte Zuchtmeiſter. Doch beruhige Dein frommes Gemüth, und nimm FPlatz an unſerer Seite, und labe Dich aus dem Trinkhorn Deines Königs. Schau nur dort hinab! Siehſt Du nicht prangen in unſerer neuen Stadt die Kirche mit dem goldenen Kreuz, beſtimmt, der Biſchofſitz des würdigen Cyrillus zu werden? Und ſiehſt Du nicht dort an der Wand tafeln den Heidenprinzen, wie ſich gebührt?— Wer iſt der junge Kriegsmann? fragte Saul, den trüben Blick auf einen ſchlanken, reich geputzten Mann ſenkend, der auf einer Bärenhaut am Erdboden ſaß, und ohne Tiſch ſein Mal hielt, das die großen rauhen Hatzhunde des Königs neidiſch und feindſelig um⸗ ſtanden.— Es iſt Borziwoy, der Böhmen Herzog, unſer Vaſall, der gekommen, Abbitte zu thun wegen der Uebelthat der rebelliſchen Grenzvölker, und ſich ſelbſt als Geiſel für ſie dargeboten. Wir haben ihm verziehen, aber haben ihm, der m, 143 da er noch als ein Verfluchter in heidniſchen Gräueln, wandelt, ſeinen Platz angewieſen im Schmutz und Staube, bis er ſich rein gewaſchen im heiligen Bade von der Schmach des Götzendienſtes.— Leichte Flugröthe ſtieg auf die eingefallenen, fahl⸗ grauen Wangen des Greiſes und er ſchüttelte zornig ſein kahles Haupt. Immer noch, ſprach er mit Heftigkeit, übertünchte Gräber, außen blank und innen Moder und Geſtank! Hat Er, der mehr iſt als Du, nicht geſagt zum elenden Schächer, heute noch wirſt Du mit mir im Paradieſe ſein? Wehe Dir, Swatopluck, der Du den Zorn des Himmels auf unſer Land herab gerufen, daß man bald ſeinen Namen vergebens ſuchen wird unter den Völkern. Des Böhmen Herzogs Vater war mein Waffenfreund, und ſeine Väter hatten der Ehre und des Glanzes ſo viel als Du. Achteſt Du die Söhne der alten Kriegsfürſten nicht höher als Deinen Hund, ſo wird ſich der alte Saul auch ſeinen Platz nehmen bei dem Sohne ſeines Freundes.— Der König runzelte die Stirn, und die dicke Blut⸗ ader in ſeinen Schläfen ſchwoll hoch an, das furchtbare Zeichen ſeines Zornes, dem alle die Seinen zitternd ent⸗ gegen ſahen. Doch nach kurzer Pauſe ſprach er milde: Steh auf, Borziwoy, und nimm einen Sitz an der Ta⸗ fel. Der älteſte Schwertmann des Slavenſtammes darf wünſchen auch in ſeines Königs Gegenwart, und da Du gewilligt, Dich morgen taufen zu laſſen, ſo wollen wir Dich ſchon heut' als unſern chriſtlichen Bruder betrachten.— Und was bringt den Löwen von Prerau vor das Auge ſeines Königs? fragte er weiter, als der Greis neben ihm Platz genommen. Wir haben lange Deinen wohlthuenden Blick entbehrt.— Rnen—— 3 144 Der alte Löwe hat ſtumpfe Tatzen bekommen, ant⸗ wortete der Greis, und es ſah ſchauerlich aus, wie er mit düſtern Augen in den vollen Becher ſtarrte, den der König ſelbſt vor ihn hingeſchoben, und wie ein Fieber⸗ froſt ſeine welken Glieder zu ſchütteln ſchien. Er kann nicht mehr ſchützen ſeine Höhle, wie er zweier Könige Haus vor dieſem beſchirmt. Mordbrand hat mein Dach in Trümmer geworfen, und geraubt iſt mir mein Kind, der Stern meiner Nacht. Ausgejagt habe ich die Söhne, die weiße Taube zu ſuchen, von der mir der Geiſt ver⸗ kündet, ſie werde Marhawanias Andenken glänzend er⸗ halten, auch wenn der Name längſt erloſchen; aber der trägen Brüder iſt keiner gekehrt. Zwei Monden hindurch iſt der alte Saul pilgernd gegangen an den Grenzen, und hat goldbeladene Boten abgeſendet zum Feinde, die Geſangene auszulöſen. Nirgends fand ſich eine Spur von ihrem leichten Fuße. Nun kommt er zu Dir, der Du als König zu lindern haſt die Sorge des ſchlechte⸗ ſten Deiner Unterthanen, und ruft Dich auf zur Hülfe. Man ſprach, Du habeſt den Feind wieder zurückgeworfen von Deines Landes Grenzen, man ſagt⸗ Du wolleſt Dein ganzes Volk aufbieten, zu vergelten an den Nachbarn die Gräuel, die ſie über uns gebracht; ſo hofft der ver⸗ waiſete Vater von Dir, dem er ſchon die Hälfte ſeiner Kinder geſchlachtet, und dem die übrigen ſteuern werden ihr Blut, daß Du ſuchen läßſt auf Deinen Kriegszügen die lilienweiße Slatina, daß der Vater, deſſen eiſernes Herz ſprang am Tage, wo er erwachte ohne ſie, ſie noch einmal herzen mag, ehe ſie ihn ſchlafen legen in die längſt gegrabene Gruft.— Du jammerſt mich, Vater Saul, antwortete Swato⸗ pluck mit einem Tone, der nicht den reinen Klang des — 145 Mitleids trug. Aber wie finden das einzelne Weib, wo Hunderte Sklavinnen des Feindes geworden? Und warum verließ Dich jetzt Deine berühmte Gabe der Weiſſagung? Du ſiehſt Kronen untergehen, warum ſchwand Deinem Seherblick die Fährte der Tochter? Geh' zu dem heili⸗ gen Cyrill, vielleicht verkündet ſein Gott Dir, was dem König der Männer, welche die Ehre Marhawaniens zu rächen haben, nicht beſchäftigen kann.— Du haſt keine Tochter geherzt, antwortete der alte Saul in düſtere Träume verſinkend; aber am Ende der Tafel erhob ſich der junge Böhmenherzog. Mit Scheu ſagte er: Großer König, als ich Dich ſuchte zu Welle⸗ hrad und vor mehren Wochen Dein öſtlich Land durch⸗ zog, da ſtreifte am Abend einſt ein Reiterzug an mir vorüber, der eine feine Jungfrau mit ſich führte. Doch ſchienen ſie Deines Volks, zogen in Frieden hinauf auf der Straße nach Troppau zu.— Gib mir ein Roß, König! Führe mich hinüber, Herzog! es iſt mein Kind, und der Geiſt wird hell in mir, und ich ſehe ſie geleitet von ihrem Bruder, dem ſtarken Korkory in die Gegend, welche der Krieg nicht traf!— Sich aufraffend rief alſo der Greis, aber in Erſchöpfung brach er wiederum zuſammen, und ſank wie betäubt vom narkotiſchen Gift der Hoffnungsblume auf die Polſter zurück. Ein Trompetenton ſchallte von den Niederungen herauf, und der König, den fremdländiſchen Kriegsklang erkennend, fuhr erregt empor und fragte. Aber ſchon trat ſein zweiter Sohn Zwetboch in das Gezelt, und beugte ſein Knie vor dem Vater, der Blicke des Zornes zu ihm niederſchoß. Kehrſt Du geſchlagen, fragte er⸗ und ſind die deutſchen Lanzen an Deiner Ferſe?— Blumenhagen. X. 10 146 Der Goit, der allmächtig iſt, ſchütze Dein Haupt noch viele Jahre, wie er es that bislang! antwortete der Prinz. Moymar, der Erbe Deiner Krone, ſchlug den deutſchen Heerbann hinaus aus Deinem Reich, nur Znoyma an der Teja iſt noch in des fremden Königs Gewalt, und Dein tapferer Sohn bereitet den Sturm des Bergſchloſſes, das Verrätherei den Deutſchen über⸗ gab. Doch König Arnulph ſandte Friedensboten, und ſie zu geleiten ſuchte ich die Sonne des väterlichen An⸗ blickss. Moymar ſpricht zu Dir durch mich. Des Kö⸗ nigs Heere ſtehen neu verſtärkt, neu bewehrt an den Gren⸗ zen, und machen Miene den räuberiſchen Einfall zu wiederholen. Aber der König wünſcht Waffenruhe, weil er ſich bereitet, nach Rom zu ziehen, um aus der Hand des Oberhauptes der Chriſtenheit die Kaiſerkrone zu em⸗ pfangen. So berichteten Gefangene und Ueberläufer. Thue nun nach Deiner Weisheit!— Eine tückiſche Freude belebte die krankhaften Geſichts⸗ züge Swatoplucks; er reichte dem Sohne die Hand, be⸗ fahl, den deutſchen Boten einzuführen und flüſterte ſeinem Marſchalk Befehle zu. Schnell änderte ſich die Anſicht im Innern des Gezeltes. Die Reſte des Mahles, die ungeheuren Pferdebraten, die Krüge voll Meth und die Schläuche voll Wein wurden von der Taſel geräumt, und nur das Prunkgeſchirr vom edlen Metall blieb zur Schau. Rund an den Wänden reiheten ſich die Großen, die Heerführer und Hauptleute. Die rieſige Leibwache ſtellte ſich auf am Eingange. Mit Ketten beladene Ge⸗ fangene der letzten Schlachten wurden herein getrieben, und vor dem Sitze des Königs in den Staub geworfen, und— das ſchaurigſte Prunkſtück!— das blutende Haupt eines eben Gerichteten trug man in der Höhlung 147 eines Eiſenſchildes herein, und ſtellte es mitten auf die Tafel gleichſam als Warnungsbild für die Erwarteten, damit ſie ihrer Zunge zum voraus den Zaun anlegen, und bedenken möchten, wie die beleidigte Majeſtät zu ſtrafen gewohnt ſei. Die Geſandten näherten ſich mit entblößten Häuptern, doch thaten ſie keinen Fußfall, und neigten ſich nur vor des Königs Angeſicht. Der Vornehmſte von ihnen ſtellte ſich dann dicht vor den König, der vor ſeinem Anblick ſtutzend ſich zurückbeugte und ihn mit Unruhe betrachtete. Der Deutſche war ein ältlicher Mann, doch ſeine Hal⸗ tung die eines rüſtigen Kriegsmannes. Sein Geſicht zeigte ſich wie eine Kriegshiſtoria, denn eine Menge ſchwächerer und tieferer Wundnarben verwirrten alle Geſichtszüge, und eine furchtbare Hiebſpur lief von der Stirn bis über den halbnackten Schädel hinauf wie der dunkele Hauptſtrom dieſes Narbennetzes; er blickte nur mit einem wildglühenden Auge ſtarr den an, und der linke Arm fehlte ihm. Radbodo! Graf Radbodo! rief Swatopluck mit un⸗ verhehltem Entſetzen. Du lebſt? Und Du bringſt nicht Frieden, ſondern ſpottenden Haß und Krieg; wie könnte gerade Dich ſonſt Dein König ſenden?— So kennſt Du mich, und auch in Deiner Bruſt lebt ein Gewiſſen? fragte der Narbenmann mit tiefer Stimme. Ja, ich bin der Einzige von jenen tauſend wackern Baiern, welche Dir, dem Gefangenen, dem Treue und Unterthä⸗ nigkeit heuchelnden, der deutſche Herrſcher anvertrauete, den rebelliſchen Sklagamar zu züchtigen, und Dir ſelbſt die Krone Deiner Väter wieder zu gewinnen. Vor Wellehrad führteſt Du unſer Heer, aber nächtlich verließ der falſche Marhan die argloſen Deutſchen, ſchlich in 148 die Stadt, fiel heraus mit ſeinen Landsleuten, und ließ meine Brüder niedermetzeln mit kalter, kannibaliſcher Grauſamkeit. Eine That, ſo ehrlos, daß alle Deine gerühmten Kriegsthaten vor ihr in Racht verſinken. Ver⸗ ſtümmelt rettete mich das Schickſal, um ein lebendiger Zeuge zu bleiben der Treuloſigkeit des Königs Swato⸗ pluck, der zum Spott des Himmels ſich von ſeinen Knech⸗ ten den Großen ſchimpfen läßt.— Der König ſtützte ſich mit der Linken auf die Tafel und erhob ſich mit Anſtrengung, doch faßte ſeine Rechte nach der ſchmerzenden Seite.— Elender! rief er. Gelü⸗ ſtet Dich zu verbluten, wie der, deſſen bleiches Haupt Dich hier anſtarrt mit gebrochenen Augen? Der Ge⸗ ſandte, welcher beleidigt, vernichtet die heiligen Rechte ſeines Amtes in eigenem Muthwillen.— Mehre der Hauptleute drängten ſich mit wuthſprü⸗ henden Blicken heran und entblößten die Schwerter. Der König ſchnell ſich faſſend änderte jedoch ſeine Geſichtszüge, winkte ſie herriſch hinweg, und ſetzte ſich wiederum lang⸗ ſam auf ſein Polſter. Schatten eines Mannes, ſagte er kalt, der König verzeiht Dir um der Erbärmlichkeit willen, die Du zur Schau trägſt. Sage an, was ſandte Dein König durch Dich, denn um Deiner ſelbſt willen mit Dir zu rechten, geziemt dem Herrn der tapfern Slaven nimmer.— Unſer Gebieter, der tapfere König Arnulph, den Gott erhalte, entgegnete Radbodo, ſendet Dir das weiße Frie⸗ densbanner, und ſpricht alſo zu Dir: König der Ma⸗ rhanen, wir kennen Deinen böſen Sinn, Deinen unge⸗ pändigten Ehrgeiz und Deine unruhige Gemüthsart. Wohl erinnern wir uns, wie Du den Herzog Raſtitz, Deinen leiblichen Ohm, in die Hände König Ludwig's „ 149 lieferteſt, der ihn geblendet in ein Kloſter ſtieß; wir erinnern uns, wie Du als ein Gefangener Karlmann's, unſers verehrten Vaters, dieſem treuherzigen Könige ge⸗ ſchmeichelt, um die Schweſter Giſela geworben, und ver⸗ fichert, nur aus des deutſchen Herrſchers Hand möchteſt Du die Krone Deiner Väter empfangen; wir haben nicht vergeſſen, wie Du Freundſchaft mit Undank gelohnt, Ehre mit Schmach vergolten, wie Du, ein getaufter Chriſt, um Dein Volk zu gewinnen, wiederum den heidniſchen Götzen geopfert und die chriſtlichen Prieſter verfolgt, wie Du ſpäter wieder das heilige Kreuz angebetet, und alſo Niemand weiß, ob Du Heide oder Chriſt, und Niemand darum ſicher iſt Deines Wortes. Vergebens haben wir gehofft, die Weisheit des Alters würde Deinen ſtreit⸗ luſtigen Sinn kühlen, und die Erfahrung Dein Herz zähmen. Du haſt im Frieden unſere Donauſchiffe über⸗ fallen, beraubt und ein Blutbad unter unſern treuen Unterthanen angerichtet; darum haben wir das Schwert erhoben, und die blutige Vergeltung getragen in Deine Landſchaften. Aber mitten in den Gräueln des Krieges, die Du über Dich gelockt, dauerten uns die Schuldloſen Deines Volks, die büßen mußten für Dich, und darum ſprechen wir ein Halt unſerer gerechten Rache, und bieten Dir einen Frieden auf Jahresfriſt, wenn Du eidlich Treue und Waffenruhe gelobſt und uns Geiſel ſtellſt, welche uns für genügend gelten. Und damit Dein wilder Sinn erſchüttert werde, und Dein Gewiſſen Dich mahne an das, was Du dem Heile der Völker ſchuldig, ſo ſenden wir zu Dir als Friedensboten den Mann, der als ein Zeuge da ſteht von Deiner blutigſten That, und deſſen Anblick Dich an den Richter mahnt, der über den Sternen ſeinen Thron erbauet hat. In der Hand, die e re 150 Deine Grauſamkeit ihm gelaſſen, trägt er den Pfeil und die Kornähre zu Dir. Wähle, und über Dich komme, was da folgen wird nach Deiner Wahl!— Der Graf zog aus ſeinem Bruſtwamms Pfeil und Aehre, und hielt ſie mit ſtolzer Geberde dem Könige hin. Zum Erſtaunen der hundert mächtigen Zeugen dieſes ungewohnten Auftritts hatte Swatopluck ruhig dem frechen Sprecher zugehört, nur zuweilen zuckte es wie ein Blitz über ſein Geſicht und verwirrte die ſcharfen Züge. Lächelnd ſah er jetzt im Gezelt umher. Es iſt ein gar feines und ſittiges Volk, das ſich Germanen nennt, ſagte er ſpöttelnd. So mild wie das Raſſeln und Rollen ſeiner Sprache iſt der Sinn ſeiner Liebes⸗ grüße; ſein Bote iſt wie ein Bräutigam und was er bringt ſchallt wie Liebeswerbung.— Ernſter wandte er dann ſein ſtrenges Antlitz zu dem baieriſchen Grafen und ſprach: Bei meines Vaters Aſche, Radbodo, Du und Dein König, ihr ſeid zwei tollkühne Schwertmänner und man muß euch Manches zu gut halten, damit eure Wa⸗ gigkeit uns nicht Kanne und Becher zugleich vor dem Munde forttrüge. Sieh um Dich her, Graf! Jeder der Hauptleute dort an den Wänden gilt an Unerſchrockenheit ein Kriegsheer. Hier findeſt Du den Böhmenherzog, der ſeiner verführten Tſchechen reuige Unterwerfung gebracht; dort ſteht unſer Sohn, der mit ſeinem tapfern Bruder eure räuberiſchen Horden hinausgeſchlagen aus den hei⸗ miſchen Grenzen. Zubor, unſer Jüngſtgeborner, treibt noch jetzt die blutgierigen Magyarenpulks vor ſich her, wie der treue Hund den Wolf hetzt, der in ſeine Heerde ſiel. Wie paßt Dein verwegenes Wort zu ſolchen Tha⸗ ten? Aber wir wiſſen, Dein königlicher Herr will beten gehen gen Rom, und wir wollen ihn nicht abhalten von 151 ſolch' chriſtlichem Werk, damit er den Chriſten in uns erkenne. Lege daher nur hin auf die Tafel Pfeil und Aehre, und entferne Dich, daß wir mit den Großen Marhawania's Rath halten.— Die Fremden wurden abgeführt, die Gefangenen von den Leibwächtern hinausgeſtoßen, und helles Freudenfeuer leuch⸗ tete von des Königs Stirn, als er jetzt ſeine Vertraueten näher zu ſich winkte. Was ſagen meine Adler? fragte er.— Krieg! rief Zdiar, der Feldhauptmann. Aufbruch mit Allem, was Waffen trägt, gegen die Deutſchen auf dem Fittich des ſchnellſchießenden Falken, daß vor dem kehrenden Boten das Verderben ziſcht in das ſichere Fein⸗ deslager. Denn dieſer Friedensbote iſt ein Zeuge der Schwäche, dieſer trotzige Zuruf eine Decke der Furcht.— Krieg! rief Prinz Zwetboch heftig. Sende das Haupt dieſes frechen Geſandten zurück an Arnulph als blutige Antwort, denn der Mund, welcher den großen König der Slaven geläſtert, muß verſtummen auf ewig.— Swatopluck wiegte verneinend das Haupt. Kurz⸗ ſichtige, ſagte er, wollt ihr die unſichere Rache nehmen, wo des Himmels Finger auf die gewiſſe deutet? Die Aehre des Friedens wird euer König wählen, aber aus jeder zarten Spitze derſelben ſoll ein Speer wachſen, und jeder davon ins Herz des Erzfeindes ſeinen Weg finden. Wenn der kindiſche Arnulph ſein Haus verließ, um auf den Knieen eine neue Krone zu erbetteln, wer wird dem Schwerte eures Königs wehren, die verwaiſete Krone für ſein Geſchlecht zu gewinnen. Ich nehme die Aehre. — Er ftreckte die Hand aus; da faßte eine eiskalte Hand die ſeinige, und ein Fröſteln durchlief ihn, als er erzürnt nach dem Verwegenen ſich umſah, und des hundertjährigen Heldengreiſes geſpenſtiſches Geſicht ihn anſtarrte. Rühre nicht an das heilige Zeichen! ſagte langſam und dumpf der Alte. Gottes Auge ſchwebt über der Hand der Könige, die an ſeiner Stelle walten auf Er⸗ den, und ſein Wetterſtrahl rächt den Treubuch.— Lege Dich ſchlafen, Alter! erwiderte der König haſtig und finſter. Wir ehren die Thaten Deiner Jugend, ehren Dein ſilbernes Haar. Aber die Sorge für unſer Land und unſern Ruhm überlaß den Männern der Gegenwart.— Gerechtigkeit iſt der Goldreif der Könige; Treue die Sonne auf ihrem Herzen! rief der Greis lauter, und erhob ſich lang und kräftig. Wie ſoll das Volk dem Könige ſein Heil vertrauen, wenn es ihn ſpielen ſieht mit dem Heiligſten, und er den Betrug ſchamlos an den Tag trägt? Du biſt ein Großer unter uns, Swa⸗ topluck, Du fürchteſt Dich nicht, wenn tauſend Gemor⸗ dete vor Dir ſteigen aus ihren Gräbern, und die ver⸗ ſtümmelten Leiber Dir zeigen. Ich habe manches Grauen geſehen, manches Ungeheure ſtand auf meinem Wege, aber die tauſend geſchlachteten Baiern, die in dieſem Einen anklagend auftreten gegen Dich, hätten meine männlichſte Kraft in den Staub geworfen.— Der König ſchien erſchüttert, und entgegnete mit in⸗ nerer Anſtrengung: Was tadelſt Du an unſerm Walten? Darf der König fragen nach dem Leben von Tauſenden, wenn Hunderttauſende dadurch ihr Glück gewinnen? Wann war die Krone Marhawaniens glänzender, als jetzt, wann unſer Reich gewaltiger? Haben wir nicht Pannonien erobert? Iſt nicht Böhmen unſer Lehn ge⸗ worden? Haben wir nicht die Sorben und Obotriten vom Tribut befreiet, und uns tapfere Bündner an ihnen gewonnen? Iſt nicht unſer Hof der Mittelpunkt der zahlloſen Nation der Weſtſlaven? Und wenn es uns nun 153 gelänge, dieſes kleine, trotzige Franken⸗ und Saſſenvolk, die ſich wie Herren der Welt geberden, zu erdrücken zwi⸗ ſchen dem rieſigen Schlangenleibe unſerer Verbündeten, wenn Du die deutſche Kaiſerkrone ſchimmern ſäheſt auf dem Haupte Deines Königs, alter, tapferer Marhan, würdeſt Du Dich abwenden ohne Freude, würdeſt Du fragen: König, wie haſt Du das gethan?— Der Greis änderte keine Miene, ſondern ſtreckte den dürren Finger nach der Eiſenſchüſſel, worin der blutige Kopf des Gerichteten lag. Wer war jener Elende, deſſen Schimpf hier zur Schau ſteht? Nicht ganz unbekannt iſt mir das entſtellte Antlitz.— Es war mein arabiſcher Medikus, antwortete Swa⸗ topluck finſter. Ein deutſcher Pfeil fuhr bei Gaya in meine Seite; die ihn löſen wollten, brachen ihn. Der Betrüger, welcher ſo lange an unſerer Gunſt geſchwelgt, verſprach, bei ſeinem Haupte ſchwörend, durch einen leichten Schnitt die verborgene Spitze auszuziehen. Seine Kunſt ließ ihn im Stich, muthwillig erhöhete er ſeines Königs Pein, vergoß unſer Blut, und zum Lohn ſeiner prahlen⸗ den Unwiſſenheit verlor er das Haupt, das er ſelbſt zum Pfand geſetzt.— Der alte Odrzifaus wich einen Schritt zurück und ſein kahles Haupt bebte ſichtlich. Haſt Du niemals geirrt, Du furchtbarer Mann? fragte er. Und hat die ewige Allmacht nicht Deiner irrenden Seele geſchont? Dieſer kundige Morgenländer ritt neben Dir in Deinen Schlach⸗ ten; er ſchlief zu den Füßen Deines Bettes, er koſtete Deine Schüſſel und Deinen Becher, Dir zum Schirm; er hatte Dein Vertrauen, band Dir manche Wunde, vertrieb Dir manches Weh, und ſeinen erſten Fehlgriff ſtrafſt Du ſo unwiderruflich?— Möge Gott nicht gehen ennnee 2nee—————— 154 ins Gericht mit Dir! Möge Dein Volk nicht büßen müſſen Deinen Uebermuth! Ich lege Feſſeln an meine Zunge und Bande an meine Gedanken, und ſcheide für immer von Deinem Angeſicht, damit ich Dich nicht reize zu der Uebelthat, das älteſte Haupt in Deinem Reiche zu dem da in die Schüſſel zu werfen.— Des Königs tiefliegendes Auge ſchoß Blitze auf den Greis, der ohne Beiſtand auf ſein roſtiges Schwert ge⸗ ſtützt zu dem Eingange des Gezeltes wankte; aber der Schmerz ſeiner Wunde ſchien mächtiger zu erwachen, und ſeine Wildheit zu mildern in Erinnerung an ſeine menſchliche Ohnmacht. Alter Prophet, rief er höhniſch ihm nach, der Du pocheſt auf Deine fromme Redlichkeit, warum warf denn auch auf Dein Haupt der gerechte Gott ſolche Leidenslaſt? Warum fielen Deine Söhne vor Dir unter der Kriegesſichel? Warum entriß das Schickſal Deinem gebrechlichen Alter die Tochter, Dir ſpät geboren zur Pflege und Luſt?— Der alte Saul wendete ſich mit jugendlichem Unge⸗ ſtüm. Sein bärtiges Angeſicht bekam die Züge eines alten, grimmigen Leuen, ſeine Rechte erhob ſich dräuend. Belſazar, rief er, ſpotteſt Du des Unglücks, ſpotteſt Du des Gerechten, dem der Himmel Prüfungen ſandte? Hüte Dich, Du Hochmuth von Iſrael! Und wohl Dir, wenn Du ſchläfſt tief und feſt, ehe herein bricht, was Deine Gebeine ſchütteln würde im Entſetzen.— Er wankte weiter hinaus, durch die dreifache Reihe der Leibwächter, die den Kriegsrath vor horchenden Ohren bewacht, und welche ehrfurchtsvoll wichen vor der heiligen Heldengeſtalt. Als der König ihm aber gedankenſchwer nachblickte, ſah er mit Haſt einen mähriſchen Ritter, deſſen Waffenſchmuck einen Vornehmen anſagte, auf den Greis 155 zutreten, und ihn mit freudigen Geberden umfangen, und aus ſeinem prunkvollen Gefolge trat jetzt gleich dem ſilbernen Monde, wenn er über dunkeln Gebirgskuppen erſcheint, eine weibliche Geſtalt hervor, ſchlank wie die Tanne der Sudeten, roſig wie das Frühlicht, friſch wie Wieſenthau und ſchön wie ewige Jugend, und warf ſich laut weinend an des Greiſes Bruſt. Der König hörte den freudigen Kreiſch des Entzückens, den der alte Saul ausſtieß, und als bräche das dunkele Wolkengewölb des Himmels über ihm zuſammen und ſähe über den Trüm⸗ mern den Gott der Gnade und des Gerichts, ſo beugte er ſein gekröntes Haupt, und barg ſein bleiches, entſtelltes Geſicht in die mächtigen, weltgefürchteten Hände. Wunderbar weben die Unſichtbaren das dünne, aber unzerreißbare Geſpinnſt, auf dem die Schickſale des Sterblichen in heiligen Ziffern ſtehen, die das irdiſche Auge nur in den Ahnungsmomenten und in den Traum⸗ ſtunden der Mitternacht zu leſen verſteht. An dem Morgen, welcher jener Nacht folgte, in der die Höhle des Gebirges bei Meſeritz der reizenden Sla⸗ tina Schutz gewährte, hatte dieſe nach der Entfernung des Freundes einige todtbange Stunden in dem düſtern Steingemach zugebracht. Die Zeit ſchien einen langen Halt gemacht zu haben; das Geplätſcher des Waldbachs ängſtigte ſie in ſeinem einfachen und doch abwechſelnd verſchiedentönigen Brauſen und Kniſtern; das morgend⸗ liche Zwitſchern der Vögel, das Gelock des ſtreifenden Wildes, ſelbſt das Flüſtern der windbewegten Baumgipfel regte das Herzklopfen der horchenden Jungfrau auf; ſie 156 träumte von blutdürſtigen Raubthieren, von grauſamen Raubmenſchen, doch über Alles wurde ihr die Idee fürch⸗ terlich, ihr Retter könnte ein Unglück gehabt haben, könnte in eine Felſenſchlucht geſtürzt, könnte von Feinden gefangen oder gar getödtet ſein, und ſie wäre allein, vliebe gräßlich allein in dieſer unbekannten Wildniß. Mit einem Entzücken ohne Gleichen hörte ſie ein hell und nahe klingendes Pferdegewieher, und faſt außer ſich durch den Wechſel der Empfindung riß ſie mit Haſt die verbergenden Zweige vor dem Felsſpalt hinweg, ſtürzte hinaus, rief: O! ſei gegrüßt, endlich gegrüßt, mein Retter! und—— ſtand mit verſtummendem Munde, mit erſtarrendem Körper vor einem fremden Rittersmanne, der ſeinen ſchwarzen, ſchweißbedeckten Hengſt aus dem Bergquell trinken ließ, und dem zwei wohlberittene und ſchwer gewaffnete Dienſtleute zur Seite hielten. Der Ritter ſchwang ſich, ſo wie er bei ihrem Schrei ſein Antlitz gewendet, ſchnell vom Sattel, und ſtreckte mit Erſtaunen ſeinen Arm nach ihr aus.— Edle Jungfrau! Stern von Prerau! rief er. Welch ein Wunder führt Dich in dieſe Wildniß? Oder jagſt Du mit Deinen Brüdern in dieſem Walde, furchtloſe Heldentochter, und ſchmiegen ſich die wilden Thiere der Wüſte um Dein Knie, tödtlich getroffen von dem Auge der Unbewaffneten?— Slatina hob den Blick, den Mann anzuſchauen, der wie ein Bekannter zu ihr geſprochen. Sie erkannte ihn. Es war Bozeta, der einzige Erbe des mächtigen Wiſſe⸗ bor, deſſen Reichthum und Kriegesruhm dem ihres Va⸗ ters nicht nachſtand, ein jugendlicher Kämpe, der an Männerſchöne, ritterlichen Tugenden und bewährtem Muthe kaum Seinesgleichen hatte im tapfern Volke der — 157 Marhanen. Er hatte ſie, ſie hatte ihn oft geſehen, wenn er mit dem Vater kam auf das Schloß des geachteten Saul's, des Patriarchen, wo ſich die Edeln Rath zu holen pflegten, wenn Sorge um das Vaterland oder Familiennoth ſie bedrückte. Mit Schrecken ſah der junge Edeling die Jungfrau blaß und verſtört ſinken auf den Felsſtein, und er ſprang ihr zu Hülfe.— Slatina hatte ſich bald gefaßt und erholt von der Ueberraſchung. Aber was ſollte ſie antworten auf ſeine dringenden Fragen? Die Lüge wurde ihr verboten durch die Grundſätze, welche der ſtrenge Vater ſeinen Kindern von früh ein⸗ geprägt. Die Wahrheit?— Sie fühlte ſchon die Glut der Scham brennen auf Wangen und Bruſt, wenn ſie ſich dachte, daß ein Fremder wüßte, ſie ſei eine ganze Nacht in der Gewalt eines Mannes, in dieſer Wildniß, ſei neben dieſer düſtern Höhle mit einem Manne allein geweſen? Und überdies war dieſer Geſellſchafter ein Söldner, ein wandernder Speerträger, welcher für Lohn ſein Blut und ſeinen Leib einem andern Volke verkauft, und der, dem ſie das alles erzählen ſollte, der da vor ihr ſtand in ritterlichem Schmuck und ſtolzer Stellung, welche nur ein Weniges vom Mitleid gebeugt worden, gehörte zu der Blüte der Edelinge Marhawaniens, und keine Königstochter würde ihn ausgeſchlagen haben.— Auch die Töchter jener rauhern und ſchlichtern, treuher⸗ zigern und verwegnern Erdgeſchlechter mißten das Erb⸗ theil der Paradieſesmutter nicht. Was ſie dem Vater Saul ohne Scheu und Scham ausgeſprochen hätte, was ſie im Drange des bewegten Herzens dem Vater zu ge⸗ ſtehen nicht einen Augenblick verſchoben haben würde, wovon ſie Billigung und Zuſage bei dem Vater erwar⸗ tete, obgleich er nicht weniger reich und edelſtolz als der junge Bozeta, daſſelbe hätte ſie um keinen Preis vor dem letztern ausſprechen können; ſchien es ihr doch Ent⸗ heiligung ihrer jungfräulichen Würde, Zerſtörung ihrer Weiblichkeit, Frevel am Heiligthum ihrer Liebe ſelbſt.— Flüchtig erzählte ſie nur vom Ueberfall der Magyaren, von dem Raube des begierlichen Magnaten, von ſeinem Tode durch mähriſch Volk, und von ihrer Rettungsflucht während des Kampfes. So glaubte ſie ohne Unwahrheit das Geſchehene geſagt, das Geheime verſchleiert zu haben. Der Sohn des mächtigen Wiſſebor hatte ähnliche Aben⸗ teuer beſtanden und war ähnlicher Gefahr entgangen, deßwegen nahm er mit doppelter Theilnahme Slatina's Erzählung auf. Mit wenigen Knechten kehrte er von einer Reiſe zurück, die er zu den Jagdfeſten eines Grenz⸗ bewohners gemacht, der von mähriſchem Blut doch durch Heirath in Ungarn anſäſſig geworden, und ihm blut⸗ verwandt war. Auf dieſer Rückreiſe traf auch er ei⸗ nen Pulk nach Raub und Blut begieriger Magyaren, man erkannte in ihm den Marhan, und kaum gelang es dem wehrhaften Bozeta, nach dem Verluſt faſt aller ſeiner Begleiter und ſelbſt an der rechten Hand bedeu⸗ tend verwundet, ſich heraus zu ſchlagen, und durch die Stärke ſeines Streitroſſes den Wald zu gewinnen. Um ſicherer der Heimath ſchützende Flur zu erreichen, wählte er den unbetretenſten Waldweg, und traf ſo die Verlaſſene. Daß er die ſchöne Landsmännin ſein treues Roß be⸗ ſteigen hieß, und ihr gelobte, ſie in ihres alten Vaters Arme zu führen oder ſein Leben zu verbluten für ſie, war damals ſo natürlich, wie es jetzt ſein würde. Und was half dem bangen Kinde der heimliche, ſuchende Blick zwiſchen den braunen Baumſtämmen und dem . — 159 ſchwarzen Dorngebüſch; ihr neuer Freund ſaß ſchon auf dem Pferde eines Knechtes, und nahm ihres Rappen Zügel in die Linke; fort ging es im leichten Trabe, und die Knechte gleich ſchmiegſamen Zwillingen auf ei⸗ nem Pferderücken verſchlungen ſitzend, folgten durch den Wald. Nach dem Schloſſe Prerau ging zuerſt der Ritt, aber nur alte, verkrüppelte Knechte und Fröhner fanden die Suchenden auf den Brandſtätten, beſchäftigt, die unbe⸗ ſchädigten Ueberbleibſel des ſtattlichen Baues aus dem ſchwarzen, dampfenden Kohlenſchutt frei zu machen. Vater Saul war mit ſeinen Wappner an der March hinab gezogen, Niemand vertrauend wohin. Sie bereiſeten jetzt die Sitze der Söhne des alten Odrzifaus, und ab⸗ ſichtlich zog Slatina dieſe Fahrt in die Länge, denn ſie meinte, der geliebte Freund müße ihrer Spur folgen wie ein getreuer, unermüdlicher Hund der Fährte des verlo⸗ renen Herrn. Wo ſie hinkamen trafen ſie auf leere Re⸗ ſter. Alles, was nicht wehrhaft, hatte ſich gegen Norden geflüchtet; in geheimen Waldhöhlen lebte der Hanak, der Hirt trieb ſein koſtbares Vieh tief auf die geheime Berg⸗ weide, der waffentragende freie Marhan aber eilte kriegs⸗ luſtig und rachedurſtig den ihm bekannten Sammelplätzen „ 3 ſein er Landsleute zu, oder hatte ſich einem nahewohnen⸗ V . den Edeling angeſchloſſen, der zum königlichen Aufgebot trabte, im Eifer, der Erſte neben der bunten Adlerfahne zu erſcheinen. Der edle Bozeta fragte die ſchöne Jung⸗ 8 frau, welcher er ſeinen Dienſt gewidmet, wohin ſie ge⸗ , führt ſein wolle. Was konnte ſie thun, als ihr Schickſal d in die Hände des Verſtändigern legen? Wo ſollte ſie F den Vater finden? Und mit welchem Schmerz erfüllte n das Bild ihre Seele, wenn ſie ſich den heilig gehaltenen 160 Greis dachte, entblößt von gewohnter Pflege und Be⸗ quemlichkeit, ſuchend die Tochter, jammernd um ſein lie⸗ bes Schmerzenskind! Mit größerer Hoffnungsloſigkeit gedachte ſie des armen, verlaſſenen Radkow. Jede Nacht war ihr Gebet zur fleckenloſen Mutter Gottes aufgeſtie⸗ gen, Schutz für den Freund erflehend, und zu dreien Malen hatte ſie im Morgentraume ihn blutbefleckt ſchla⸗ fen geſehen in dem ſchauerlichen Schatten einer Blut⸗ buche; ſie hatte ſich vergebens bemühet, ihn zu erwecken, bis der alte Saul jedesmal dazwiſchen getreten und ge⸗ ſagt: Gönne ihm die gute Ruhe, und gib nur mir Deinen Ring. Wenn ich ihm dann begegne, ſoll er mir die andere Hälfte ausliefern.— Von ſolchen belaſtenden Gedanken und Träumen war der freie, muthige Geiſt der Heldentochter immer mehr geſchwächt und umſchleiert, immer verlaſſener fühlte ſie ſich, immer abhängiger in einer Welt, die ſie in den Räumen der väterlichen Burg ſich ganz anders gedacht hatte, wenn einmal aus dem kindlichen Paradieſe, das ſie dort um ſich ſah, ein neu⸗ gieriger Gedanke hinüber in die Welt geſchweifet. Von allen mähriſchen Bergkuppen flammten mit jeder Däm⸗ merung die Kriegsfeuer auf; Tages hörte man von je⸗ der Warte die weitſchallenden Schlachthörner tönen, ein grauſiges Wehgeheul des todtwunden Vaterlandes; auf allen Straßen zogen Kriegsmänner hin und her, Feind und Freund, wie ſich's traf, und Beide wurden den Wehrloſen gleich gefährlich; die Inngfrau von Prerau wußte deßhalb dem edlen Bozeta keinen triftigen Wider⸗ ſpruch entgegen zu werfen, als er beſchloß, den Beſitzun⸗ gen Wiſſebor's zuzueilen, welche im Norden des Landes, dicht an Sileſias Marken, lagen, um dort den gefunde⸗ nen ſeltenen Schatz in der Mitte ſeiner Familie zu — 161 bewahren, bis man ihn abfordern möchte, und zugleich ſeine Wunden im ungeſtörten Frieden zu heilen. Slatina folgte ihrem Ritter, der Himmel ſchirmte ihren Zug und Bozeta's Eltern empfingen die Tochter des ehrwürdigen Heldengreiſes wie ein von den Göttern ihnen geſchenktes Kleinod; aber gerade in dieſer Aufnahme und in Allem, was aus ihr entſprang und an ſie ſich knüpfte, mußte von Woche zu Woche die Jungfrau immer ſchärfere Sta⸗ cheln und Dornen für ihr bewegtes und krankes Gemüth entdecken. War der Marhan auch Chriſt, ſo hing doch der Vornehmſte des Volks noch immer an dem Glauben von Vorzeichen und unmittelbaren Eingriffen unſichtbarer Mächte in des Menſchen Schickſale, und zeigte ihr der alte Wiſſebor durch ſeine ernſte Sorgfalt, daß er ſie als die ihm vom Himmel ſelbſt auserwählte und geſandte Tochter betrachtete, ſo ſprach Mutter Libova in einſam traulichen Stunden geradezu dieſelbe Meinung aus, und ängſtigte die Rathloſe nicht wenig. Der ſchöne Bozeta ſelbſt warb offen um ihre Neigung nach Art und Sitte ſeines Volkes und ſeiner Zeit, wo der Mann, der flecken⸗ los an Ehre und Namen daſtand, der ſich angeſehen wußte im Lande und des Mädchens werth durch Geburt und Habe, bei der freien Jungfrau nimmer an eine abſchlägige Antwort dachte, in welcher ja ein tödtlicher Schimpf gelegen. Ihren zweiten Retter konnte Slatinä nicht kalt und abſtoßend behandeln, ihr zarteres Vertrauen ſuchte er nicht, ihre Dankbarkeit nahm er für Zuſage höheren Beſitzes, und nirgends bot ſich Gelegenheit, das Mißverſtändniß zu löſen, eine Gelegenheit, welche das Mädchen außerdem eben ſo ſehr fürchtete, als ſie wünſchen wußte. Slatina war nicht untreu, gewöhnte ſie ſich auch im⸗ Blumenhagen, R. 11 162 mer mehr an dieſes nähere Verhältniß zu dem ſchönen Bozeta; Slatina war nicht untreu in dieſer Unthätigkeit, gehörten doch alle ihre einſamen Stunden dem Fremd⸗ Ling, der ihr auf eine ſo ſonderbare Weiſe der Nächſte geworden. Slatina hatte alle ihre Tage in der innig⸗ ſten Gemeinſchaft mit ihrem ſilberhaarigen Vater Saul verlebt. Zu ſeinen Füßen gelagert, an ſeinem Knie ge⸗ Lehnt, waren ihre Stunden verſtrichen in ſeiner Pflege. Der Greis allein hatte ſie erzogen, er hatte ihr erzählt von all den Weltbegebenheiten, die ſein langes Daſein be⸗ rührt, und ſie kannte die Schickſalsverſchlingungen der Völker und Einzelmenſchen; aber mit dem ſteigenden Alter hatte ſich der Greis immer mehr dem Höhern, Ueber⸗ ördiſchen zugewandt, dem er vald anzugehören glaubte⸗ und mit ihm war Slatina den Flug geheimnißvoller Schwärmerei geflogen. Welch einen Eindruck mußte es Daher auf ſie machen, als in ihr einförmiges Leben jetzt gine Begebenheit trat, ſo beſonders und außerordentlich wie nur irgend eine in des Vaters langer Lebenshiſtorie geglänzt! Wie mußte die plötzlich erwachte Liebe ſich Dieſes offenen, unbewachten, leeren Herzens bemächtigen! Wie mußte ſie darin eine Erkräftigung finden, die ihrer ſcheuen Weiblichkeit einen männlichen Schimmer gab!— So war's, ſo lange ihre Seele ſich und den Vater und den Freund allein betheiligt dachte bei dieſem beſeligenden Ereigniß. Als aber fremde Menſchen, und eine fremde ihr unbekannte Welt wie ein hereinbrechender Strom die Landſchaft durchflutete, in der ihr neuer Lebenstraum Platz genommen, da war ihr Vertrauen, ihr uth, ihre Entſchloſſenheit auch eben ſo bald erloſchen, und nur die religiöſe Schwärmerei plieb ihrer Hoffnung Ankertau. Der Himmel hatte ihr den Freund geſendet, dem Himmel — — 163 und dieſem allein übergab ſie darum auch jetzt ihr Glück; die heilige Jungfrau, die auch geliebt und gelitten, machte ſie zu ihrer mütterlichen Vertrauten. Himmelsſchluß, ſo ſprach ſie, hat den ſeltenen Bund geknüpft, darum wird die Gebenedeiete den Verlorenen bringen mitten durch Feindesrotten und Gefahren, wie ſie ihn gebracht, als das arme Kind in den Händen des menſchlichen Unthiers kreiſchte. Bozeta's verwundeter Arm genas indeß, und der alte Wiſſebor drang darauf, der Sohn ſollte ſich neuerdings wappnen, und in die ſüdlichen Provinzen ziehen, von wo Siegesboten gekommen, damit auch er noch ſeinen Theil gewönne am vaterländiſchen Ruhm unter Swatopluck's wiederum vom Siegesgotte begünſtigten Legionen. Bo⸗ zeta beeilte ſich zu gehorchen, doch auch Slatina äußerte dreiſt und dringend ihren Wunſch, mit ihm das fremde Haus zu verlaſſen, und durch das vom Feind gereinigte Land dem väterlichen Herzen zuzueilen, wohin Kindespflicht und eine neu erwachte, marternde Sehnſucht nach väterlichem Ver⸗ trauen ſie trieb. Der alte Wiſſibor ehrte das Heiligthum der Kind⸗ lichkeit; er und die ehrſame Libova ſegneten das ihnen ſo lieb gewordene Mädchen, die freudige Hoffnung auf baldiges Wiederſehen getroſt miſchend in den Wermuths⸗ wein des Abſchiedes, und wohl bedeckt durch ſtattliches Geleit zog Slatina hinaus an der Seite ihres jungen Schirmherrn, und freier athmete die Bruſt als das gaſt⸗ liche Haus der würdigen Pfleger ſie nicht mehr beengte, obgleich ſie ſich ſelbſt deßhalb heimlich ſchalt und der Undankbarkeit anklagte. Auch diesmal fanden ſie den alten Odrzifaus nicht auf Prerau, doch Nachricht von ihm war da geblieben, das Feldlager des Königs hatte 164 er ſuchen wollen, und wie die jungen Leute ihn dort ge⸗ troffen, wie das Bild der Seligkeit in der Wiederver⸗ einigung des Vaters mit dem Herzenskinde eine Strafe des königlichen Unglaubens geworden, der gezweifelt, daß ein Unſichtbarer die treue Redlichkeit nicht aus dem Auge läßt, iſt erzählt worden, ohne daß der Erzähler gewagt hätte, eine Scene auszumalen, für welche nur die Seele Farben hegt und die Empfindung ſchaffende Hände beſitzt. Mit beiden zitternden Händen ſein Kind feſthaltend, trieb Odrzifaus, nach der erſten erſchütternden Umhal⸗ ſung, das Mädchen und ihr Gefolge den Hügel hinab, und der Greis ging ſo raſch an ſeinem Schwert, als triebe ihn ſelbſt die innere Furcht, das wiedergefundene Kleinod neuerdings zu verlieren, aus der Nähe des gottloſen läſternden Königshofes. Erſt als ſie drunten angekommen in den Straßen der neuen Stadt, ſchritt er langſamer und ließ ſeine trüben Augen hangen an des Kindes friſchem Antlitze, als zählte er die Schmerzeszei⸗ chen, welche die lange Trennung darauf angemerkt, und erſt in der einfachen Wohnung des frommen Cyrillus hemmte er den Marſch, trat unangeſagt ein bei dem Prieſter Chriſti, und ließ ſich auf dem erſten Schemel nieder, jetzt ſeine Slatina erſt recht inbrünſtig an ſich preſſend, und da ſie ſich in die gewohnte Stellung zu ſeinen Füßen und an ſein Knie geſchmiegt, geworfen, mit bebenden Lippen ihre reine Stirn berührend. Wie das ganze Marhanenvolk achtete auch der fromme Apoſtel den alten Helden, der ihm das ſchwere Bekehrungswerk des rauhen Slavenſtammes ſo oft erleichtert und mehr 165 als einmal ihm dem Märtyrertode mit eigener Gefahr entriſſen hatte. Stimme an den Lobgeſang Jakob's, als er ſeinen Joſeph wiedergefunden! rief Vater Saul dem Prieſter zu, der mit freundlichen Blicken die Friedensgruppe be⸗ trachtete. Aber höher noch ſtimme Dein Loblied, denn Jakob war ein blinder Vater, und ich darf ſehen, ſehen das wiedergefundene Kind, und ſehe es ohne Makel, wie es war am Tage der Trennung, denn hell iſt ſein Auge und kein Brandmal knechtiſcher Schmach ſteht auf ſeiner Stirn.— Und wer hat Dich gepflegt, fragte Slatina, wer Slatina's Platz erſetzt bei dem Vater? Wer wuſch Dei⸗ nen Fuß und ſalbte Deinen ſeidenen Bart? Wer goß das Quellwaſſer auf Deine Hände, und legte die Polſter unter Deine Knie, wenn Du für Deine Kinder und En⸗ kel beten wollteſt? O! ſprich, mein Vater, daß Slatina den Stellvertreter ablohnt mit reicher Gabe, denn ſie iſt in Leid vergangen faſt um den Verluſt dieſes heiligen Amtes.— Der Fuß iſt beſchmutzt und die Hand unrein geblie⸗ ben, und der Sturmwind der Straße hat den zottigen Bart gekämmt, antwortete der Greis mit ſichtlichem Schauer. Doch gebetet hat der verlaſſene Vater; ſein ganzes Athmen iſt Gebet geweſen, und der Staub, und der Stein, und der naſſe Raſen wurde das Polſter ſei⸗ nes Knies, denn wie hätte er ſterben können, ehe er ſein Kind, ſein gerettet Kind geſegnet.— Aber gerettet? fuhr er dann auf und machte ſich frei von den weißen Armen des Mädchens. Wo iſt der Mann, der mir das Heil zurückgebracht in mein Todes⸗ haus? Schilt die Vaterliebe nicht undankbar, daß ſie Re— 166 den Retter vergaß über die Gerettete, den Geber vergaß äber das Geſchenk! Stehſt Du doch da, das Entzücken im großen Auge, und freueſt Dich gleich dem weiſen Prieſter über die Freude, welche dem Greiſe geworden am Ende ſeiner Tage von der Gnade deſſen, der Macht und Güte zugleich iſt. O! erzähle, wo fandeſt Du das Kind und wie fandeſt Du ſie, und wie gelang Dir das Rettungswerk?— Bozeta begann eifrig und beſcheiden ſeinen Bericht, doch klang verſtändlich, wenn auch leiſe hindurch, welche Hoffnungen gewachſen in der kühnen Jünglingsbruſt, und welchen Dank ſeine ſtolzen Träume ihm vorgemalt. Ernſten Antlitzes, doch mit klarem Auge maß der Hel⸗ dengreis die Geſtalt des kräftigſchönen Mannes und ſtreckte ihm dann die dürre Rechte entgegen. Sohn Wiſſebor's, ſprach er langſam, Deine Rede mahnet mich daran, daß das Kleinod, welches Du mir zurückgewonnen, nicht mehr mein allein gehört, daß auch Du Dir ein Anrecht daran erworben. Verſtand ich Deine Augen und den geheimen Sinn Deines beſcheidenen Wor⸗ tes, ſo hältſt Du dieſes Anrecht hoch nach ſeinem Werth, denn der Stern von Prerau darf ſich nicht ſen⸗ ken auf eines gemeinen Mannes Dach, mit ſeinem hellen Glanze langen Segen verkündend für den Herd und die Wiege deſſelben. Meineſt Du, der alte Saul wäre ei⸗ gennützig und undankbar, weil er alt geworden? Nein, die Du gerettet, ſoll die Deine werden, und das Leben und die Ehre, welche Du bewahrt, ſollen beſtimmt ſein, Dein Leben zu ſchmücken mit einem neuen Sommer, und die Ehre Deines Stammes auf die Nachwelt zu pflan⸗ zen.— Haſtig ergriff Bozeta die kalten Finger des Greiſes 167 und preßte ſie mit einem Freudenlaut zwiſchen ſeine hei⸗ ßen Hände. Slatina aber erhob mit erblichenem Geſicht ihre gefalteten Hände zu dem Vater auf. O! wer hat denn das Kind ſo ſchnell verdrängt aus des Vaters Her⸗ zen, fragte ſie im weichſten Jammer, daß der Vater es wegſchenkt in dem Augenblick, da er es eben gefunden 2 Nein, Slatina wird nur für den Vater leben, und ihre einzige Pflicht iſt, Tochter zu ſein, und dem zu vergel⸗ ten, der ihr wohlgethan, ſeit ſie athmete.— Verwundert richtete der Greis ſein Auge auf fie⸗ Odrzifaus wird ſich des Glückes ſeiner Tochter freuen, entgegnete er, er wird da ſein und weilen, wo Slatina * iſt, und ſie wird Zeit haben, auch als Hausfrau und d Mutter Tochter zu bleiben, denn ſie iſt nicht geboren in der Hütte des armſeligen Walachen oder in der Erd⸗ höhle des ſchmutzigen Hanaken; meine Knechte werden r ihre Knechte ſein, und meine Mägde ihre Mägde, und h was die Eiſenkiſten im Gewölb zu Prerau bewahren, e gehört dem letzten Kinde des mächtigen Saul, ohne daß * irgend ein Bruder einer Goldſpange Werth fordern h. dürfte, denn die Söhne von Prerau bekamen ihr Erbe, ſo wie ihr Bart gewachſen.— en Mann Gottes, wandte ſich das bleiche Mädchen zu ie dem Prieſter, darf die Jungfrau, die von tiefſter Schmach i⸗ wie durch ein Wunder gerettet, noch gedenken der irdi⸗ n⸗ ſchen Freude? Iſt ihre Pflicht nicht, das ganze Leben 85 zu weihen einem langen Gebet und einer ſtrengen Dienſt⸗ in, barkeit, um ihre ewige Dankbarkeit dem Himmel dar⸗ nd zulegen?— n⸗ Der fromme Cyrillus trat heran und legte ſeine weiche Hand auf ihre hellen Locken. Tochter des chriſt⸗ ſes lichſten Helden dieſes Landes, ſagte er milde, die Gott⸗ —-—————— 168 heit fordert Reue und Buße von der Sünde, aber ſie erfreut ſich höchlich am Glück der reinen Herzen, und Beſeligung iſt ihre Seligkeit. Wenn Du dankbar biſt gegen den, der ihr Werkzeug war, als Deine Rettungs⸗ ſtunde erſchien, ſo dankſt Du auch der Gottheit, die ihn auserwählt und Dir geſendet. Folge dem Geſchick, das Dir unter Vaterſegen lächelt, denn auch das Weib hat eine heilige Beſtimmung, welche dem Volke hell gewor⸗ den, ſeit es Chriſti Licht klarer erkannt, und nur das Weſen geht den rechten Pfad auf Erden, was ſeine Be⸗ ſtimmung zu erfüllen bis zum Grabe ſich abmüht. Die⸗ ſer Weißlockige ſah vor ſich Schwert und Siegeskranz und Schlachtentod; mir ſchwebte das Kreuz voran und die Märtyrerkrone; lieblicher ſind die Sternbilder, die über Deinen Scheitel ziehen, folge ihnen, wie es Dein Herz gebeut; nicht jedem Weibe ſchimmern ſie an ſolch' blauer Himmelsdecke.— Aber wenn ein Gelübde in Angſt und der Stunde der Noth gethan? fiel Slatina mit verhaltener Stimme in die Segensrede. Eben ſo haſtig unterbrach ſie jedoch der alte Vater, und ſein Ton klang ernſter und ſtrenger, als ſie gewohnt. Was dürfen Weiber geloben, fragte er, deren erſte Pflicht iſt, unterthänig zu ſein dem Manne, welchem ein Recht über ſie geworden? Darf die Tochter meiſtern des Vaters Weisheit? Darf der Pfeil ſprechen zum Schützen, der ihn geſchnitzt, ſende mich dahin oder dorthin?— Und iſt der Werber nicht tadellos vor je⸗ dem Ehrengericht der ſlaviſchen Kneſen?— Laß Deine Boten ziehen nach Wiſſebor's Herde, und ſage Deinem Vater an, der alte Saul auf Prerau habe Dich als Sohn geherzt, und frage ihn, ob er die Jungfrau Sla⸗ tina, welche die jungen Krieger am Ufer der March den 169 Stern von Prerau nennen, herzen möchte gleich ſeiner Tochter. Und uns laß Deines Stalles frömmſtes Zelter⸗ paar vorführen, und geleite uns über die Flüſſe in die Berge, wo Saul und ſein Geſchlecht gebietet, damit die Bürde des Undanks nicht lange mehr laſte auf der Bruſt des Vaters wie dieſer ſcheuverzagenden Jungfrau.— Slatina drückte beide Arme gekreuzt über ihren hoch⸗ ſchwellenden Buſen, und neigte die ſchöne, fleckenloſe Stirn in ſchmerzlicher Ergebung zu des Vaters Knie, und des Vaters Hand einte ſich mit der des Prieſters, ſie zu ſegnen, indeß Bozeta's Blick glühend in berau⸗ ſchenden Zukunftsträumen in die Ferne ſchoß. Der Ort, wo dieſe Erzählung begann, ruft uns wie⸗ derum zu ſich, doch wir finden ihn freundlicher geſtaltet als er zuerſt ſich uns gezeigt. Die Nachbleibſel jener Nacht ſind fortgeſchafft von dem geräumigen Hügel, auf dem Schloß Prerau ſich erhoben. Friſches Gebälk hat ſchon die Plätze erſetzt, wo die Fackel der Mordbren⸗ ner ſchwarze Zerſtörung nachgelaſſen. Das eingeſchla⸗ gene Thor iſt verſchwunden und eine neugezimmerte Pforte, mit blankem Eiſenblech dicht beſchlagen und tüch⸗ tig verwahrt, glänzt zwiſchen dem grauen, mächtigen Mauerwerk. Doch noch beſonderer Schmuck deutete auf freudige Ereigniſſe, die mit dem neuen Aufbau der Feſte finnig in Verbindung gebracht worden. Zuerſt ſind alle Zinnen und alle Gipfel der Gebäude mit koloſſalen Fichtenkrän⸗ zen behangen; die braunen Fruchtzapfen baumeln im Winde an dem grünen Nadelgezweig, und große Dolden rother Beeren ſchimmern dazwiſchen weit in das Feld 170 hinab. Demnächſt gewahrt man rund auf den Wällen eine Menge kleiner kugeligter Laubhütten, in kurzen Zwi⸗ ſchenräumen erbauet, und mit allen Blumen geſchmückt, welche die herbſtliche Flur irgend noch darbot, und un⸗ ter dem Laubdach ruhen kleine Chöre wohlgeſchmückter Jungfrauen, und wechſelnd erſchallt ihr Geſang, der von den Geheimniſſen ſtiller Leidenſchaften redet und das Glück der Herzen erzählt, die ihrer Wünſche Ziel gefun⸗ den, und der die Tugenden der Braut lobend erhebt, welche dem Manne die Erſtlinge ihrer Empfindungen zum Opfer bringt. Wichtiger doch noch und die nahe Feier beſtimmter ausſprechend, iſt die Ausſchmückung des Schloßthores.— An einer hohen Stange, deren Spitze einen goldfarbigen Kürbis trägt, der mit zwei ſilbernen Pfeilen durchbohrt wurde, flattert gleich einer Fahne das buntgeſtreifte Stück Zeug, welches die Weiber der Ma⸗ rhanen zu ihren Unterkleidern zu wählen pflegten; neben der Stange ſieht man aufgethürmt das Hausgeräth, reich und ſchwer, vom Kleinen bis zum Großen, wie es eine junge Wirthſchaft bedarf und in einem neuen Käfig von weißgeſchältem Weidenholz girret eine weiße Taube und drei Matronen hocken daneben, das Symbol der Unſchuld bewachend.— Das Thor iſt feſt geſchloſſen, und außerhalb iſt das Banner des Bräutigams aufge⸗ pflanzt, und zwei neue Wurfſpeere, mit fünffarbigen Seidenquaſten geziert und in's Kreuz gepflanzt, ſperren den Weg, und eine mannliche Wacht, aus den Freunden des Bräutigams gewählt, ſchwer gerüſtet und mit dem reichſten Kriegsſchmuck behangen, bewahrt das Thor und läßt Niemand zu, bis der Bräutigam eingezogen, und nach ihm der mit jungen Rindern beſpannte offene Wa⸗ gen, der die Mutter und die Freiwerberin mit dem gro⸗ ———— 17¹ ßen, geweiheten Hochzeitſchleier und die Brautgeſchenke trägt, und auf dem er die Neuvermählte heim zu fahren gedenkt nach ſeiner Heimath.— Die ſchöne Slatina, die Tochter des alten Saul's, der alle, die jetzt leben, in ihren Windeln ſah, freiet heute den Erben des reichen Wiſſebor, in deſſen Bergen, vom alten Gott Radagaſt geſäet, das Silber wächſet, und deſſen zahlloſe Heerden aus dem Quell der Odera trinken,— ſo ſprachen die in Steinbier früh berauſch⸗ ten Hanaken, wenn ein fremder Wanderer durch die Dörfer zog, und verwundert über die ungewöhnliche Fröhlichkeit, die ihre chmutzigen Erdhütten umgab, ſtand und fragte.— War es denn aber möglich? Konnte die ſchöne Slatina alſo jene Nacht in dem Gebirg, jene Rettung aus tiefſter Schmach, jenen edelmüthigen, zart⸗ finnigen Wächter ihres Schlafs vergeſſen, konnte ſie den Eindruck jenes heiligen Augenblicks vergeſſen, wo das Mondlicht ſchlummerte auf dem Antlitz des jugendlichen Schwertmannes, und die männlichen Reize deſſelben ihre Seele bis zum heißeſten Treuſchwur erhitzten? War es möglich, daß ſie nicht alles ſetzte an ſeine Liebe, und ſich zu That und Widerſtand aufraffte aus dieſer ſchmählichen Erſchlaffung des Geiſtes?— Sie gedachte des zerbroche⸗ nen Fingerreifs, ſagt der Chronikenſchreiber, doch Bo⸗ zeta war auch ſchön, war auch tapfer, und er war an Adel, Anſehen und Glücksgütern ihr ebenbürtig. Wollte der alte Hiſtorienmaler darin eine Entſchuldigung für die Jungfrau aufſtellen, ſo vergriff er ſich im Vertheidi⸗ gungsmittel, denn welcher Leſer, mehr noch welche unſe⸗ rer ſchönen Leſerinnen würde ſie gelten laſſen? Klügli⸗ cher hätte er in dem rohen Walten der Männer jener Zeit, in der angemaßten Herrſchaft derſelben, in dem 172 vurch gewohnte und geſetzliche Tyrannei eingeſchüchterten Weiberſinne den Grund von Slatina's unglaublichem Schweigen und die Entſchuldigung ihrer Hingebung ſu⸗ chen müſſen. Und ſah man doch in den letzten Tagen das Mädchen, gleich einer geſpenſtigen Burgfrau, im Frühroth und in der Abenddämmerung ſchleichen auf den Wällen von Prerau und hinüber ſchauen in die trü⸗ ben Fernen, als erwarte ſie ſicherlich einen Boten von dort. Stand ſie doch am Morgen des Hochzeittages, als der Vater Saul noch ſchlummerte auf ſeinen Bären⸗ pelzen, oben in der gewölbten Rotunde am Fenſter, und ſchauete ſtarr hinaus in die Weite, und küßte heimlich den halben Goldreif und weinte ein bitteres Thränlein darauf. Und wie ſollte ſie jetzt reden, da ſie bis jetzt geſchwiegen hatte? Das Gerücht von der Hochzeit der einzigen zwanzigjährigen Tochter des hundertjährigen Odrzifaus durchzog das ganze Mährenland. Wer kannte nicht den Wundergreis von Prerau, wer hatte nicht ge⸗ hört von dem Stern, der auf Prerau geleuchtet? Rad⸗ kow, dem Lechen⸗Sohne, mußte davon Kunde geworden ſein, in welchem Winkel Marhawaniens er auch bis jetzt verborgen gelebt; warum kam er denn nicht, zu löſen ſein Liebespfand?— Die Jungfrau ſeufzte tief auf bei dieſem Gedanken. Todt mußte er ſein, vielleicht ſchon lange ein Opfer des Krieges, ein Raub der Ver⸗ weſung, der ſchöne Mann! Und hatte es ihr denn nicht gedäucht, da gerade die letzte Nacht von dem Tage ſich geſchieden, als habe ſie ſeine Stimme außen in der Luft vernommen, die ihr einen finſtern Abſchied gerufen?—— Die Sonne ſiieg indeß ſchon ziemlich herauf und ver⸗ goldete das bunte Herbſtlaub der Wälder, und ſpiegelte ſich auf den krauſen Wellen der hochgeſchwollenen March. — ——— ——————————* 173 Von Leipnick her bewegte ſich langſam ein ſtattlicher Zug an dem Fluſſe herunter, und was dem Zuge begegnete, bog in Ehrfurcht aus dem Wege, ja beugte ſogar die Knie bis alles vorüber gezogen. Das gewaltige Königs⸗ banner von gelber Seite, mit allen möglichen Thierge⸗ ſtalten bemalt, ſtolzirte in den erſten Reiterhaufen und verkündete des Königs Gegenwart. Und der mächtige Swatopluck ſelbſt lag mitten in dem ſo furchtbar, als prächtigen Reiſezuge auf einer bequemen Tragbahre, die ein köſtlich Gezelt gegen Sonne und Wind ſchirmte, und die von ſeinen auserleſenſten Leibwächtern wechſelnd ge⸗ tragen wurde. Finſter ſah der alte Herrſcher, auf den Ellenbogen geſtützt, aus den ſeidenen Polſtern heraus auf ſeine Söhne, die neben ſeinem Schmerzenlager ritten, und ſchwere Gedanken zogen über des Königs benarbte Stirn, wie die Wetterwolken der heißen Sommertage ſchwarz und ſchwärzer vorüberjagen am azurnen Him⸗ melsgezelt, denn nicht orientaliſche Bequemlichkeit drückte den kühnſten Kriegsfürſten ſeines Jahrhunderts in die weichlichen Betten, nein, der Eiſendorn in ſeinem Leibe nagte an ſeinem Leben; er fühlte täglich mehr die ſchwin⸗ dende Kraft, und hätte ſelbſt die Krone hingegeben, wäre ein Wunderthäter zu ihm getreten und hätte ihm die Macht wieder geſchenkt, das härteſte Roß eines ſeiner Reiter beſteigen zu können. Nach ſeiner alten Reſidenz wollte er, dort, wo er gethront, zu ſterben; aber grimmig kochte es in ihm, wenn er bedachte, was er zurücklaſſen mußte, wenn ihm einfiel, welch ein elendes Waffenſtück all ſeinen Ruhm zu beſiegen, alle ſeine Zukunſtspläne, das ganze, gewaltige Werk, an das er Leben und Seelenruhe geſetzt, zu nichte zu machen beſtimmt worden. Auf einer kleinen Höhe hatte 174 man Halt gemacht, und der König ſandte den fieberhaften Blick in die Thäler, die ſich überall öffneten, da hielt eine beſondere Scene ganz in ſeiner Nähe ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit feſt. In einer nicht gar geräumigen Schlucht bereitete man ein ſeltenes Waffenſpiel. Mitten auf dem grünen Gras⸗ boden lag ein mächtiger, bunter Granitblock, und ein Weidenzweig und ein weißer Strick auf dieſe natürliche Altarplatte gelegt, ſagte die Bedeutung der beabſichtigten Handlung an, mehr noch die offene ſieben Fuß lange Grube, die friſch daneben gegraben worden. Bei dem Steine ſtanden zwei Männer, völlig entkleidet, doch in den Händen zwei mächtige Schwerter haltend; beide waren in der Blüte des Mannesalters, beide ſtrotzten von geſunder Muskelfülle und das jugendliche Blut, gährend in Kampfesluſt, ſchimmerte durch die Haut und röthete die herrlichen Glieder, doch konnte man den einen an Geſtalt dem ſchlanken Edelhirſch vergleichen, wenn er ſtolz und ſeiner Schönheit bewußt, herab ſchreitet vom Gebirg zum Wieſenquell, ſo mußten die rieſigen Formen des andern an den jungen, eben ausgewachſenen Ur er⸗ innern, wenn er ſchnaubend im Uebermuthe ſeiner Kraft die breite Stirn, das gekrümmte Horn und die unge⸗ heuern Schultern an den Eichenſtämmen des Waldes ver⸗ ſucht. Der König rief ſeinen Aelteſten, den Prinzen Moymar, an ſein Bett und befahl ihm, hinzuſprengen und die beiden nackten Kämpen zuſammt ihren Beglei⸗ tern, die ſich unter die Baumgruppe, welche die Schlucht halb umgab, geſetzt, vor ſein Königsauge zu laden. Der Prinz vollzog ſchnell den Auftrag, und nicht lange ſo ſtanden die gehorſamen Wehrmänner vor dem Kö⸗ nige. ——————— 175 Wer ſeid ihr? fragte Swatopluck mit dem Tone des Zornes, indeß ſeine Augen dennoch mit Wohlgefallen über die herkuliſchen Geſtalten hinſtreiften, die nur eben ihre Blöße bedeckt hatten. Ich kenne Beide, fiel Prinz Zubor ein, dieſer hier war ein fremdländiſcher Söldner in Deinem Heere, Radkow genannt, ein braver Fechter, der im letzten Treffen gegen die Magyaren abhanden kam, und dort der rieſige Mann iſt Kokory, berühmt im Lande wegen ſeiner Stärke und ſeiner Unerſchrocken⸗ heit, ein Sohn des alten Helden von Prerau.— Des Königs Augen funkelten heller. Hat der Sohn des frommen Sauls, der Seinesgleichen ſucht an Red⸗ lichkeit und Gehorſam gegen das Geſetz, vergeſſen, daß die heidniſche Ordalie, in welcher unſichtbare Mächte walten, verpönt wurde, ſeit das Licht des Chriſtenthums in die Thäler des großen Reichs gedrungen? fragte er mit freudigem Hohne. Sprecht nicht zu eurer Verthei⸗ digung! fuhr er dann auf mit heftigerm Unwillen. Der Strick auf jenem Steinblocke macht den Ueberwundenen zum Leibeigenen, der Weidenzweig gibt das Leben des Beſiegten in des Siegers Gewalt. Wie dürft ihr ſolche Ordalie halten ohne unſere beſondere Erlaubniß? Wir bedürfen ſolcher Knochen, wie ihr Unſinnigen ſehen laßt, gegen die Feinde unſerer Krone, und haben darum Strafe geſetzt auf ſolchen Kampf zwiſchen Söhnen unſeres Vol⸗ kes. Verfallen ſeid ihr dem Geſetz und ſchwerer Buße. Kokory hob furchtlos das bis dahin vor dem Herr⸗ ſcher gebückte Haupt. Nicht alſo, König der Marhanen! ſprach er mit keckem Freimuthe. Dieſer da iſt kein Lands⸗ mann, kein Sohn Deines Volkes, und den frechen Fremd⸗ ling zu züchtigen, verbietet kein Königsſpruch. Von Dir ſelbſt erbitte ich darum, daß Du nicht länger ein Ehren⸗ 176 werk ſtöreſt, denn ehe die Sonne im Mittag ſtehet, muß der da oder ich feſt ſchlafen unter der ſtillen Erde, die die That verbirgt und das Wort auslöſcht.— Der Kö⸗ nig ſtutzte und fragte ruhiger: Und welche That oder welches Wort fordert ſo dunkele Sühnung? und was konnte den ſtolzen Kokory vermögen, ſein Leben auf die Wagſchale zu werfen, dem Leben eines gemeinen Söld⸗ ners gegenüber?— Hohe Glut röthete die Wangen und die Bruſt des Polenjünglings; Kokory aber entgegnete leichthin: Er iſt arm und erblos, doch ſeine Väter waren edel wie die Unſrigen, und darum ſchlug ihn dieſe Fauſt nicht nieder ohne Ehre, wie ſein Wahnſinn es verdient. Er läſtert den Stamm, der Dir die beſten Krieger gab, mein Kö⸗ nig. Aus dem Schlamme der Gefangenſchaft eben erſt gekehrt, wagte der Elende dieſe Gegend zu durchſtreifen, um böſen Leumund über ein ehrwürdiges Haupt zu gie⸗ ßen. Denn geſprochen hat er im Volke und auf den Sitzen der Edelinge, der Treubruch ſei zu Hauſe hinter den Mauern von Prerau und die Lüge habe ihr Schlan⸗ genneſt im Bett des ſilberlockigten Odrzifaus.— Hochauf horchte der König und eine tückiſche Freuden⸗ glut zeigte ſich in ſeinem blaßgelben Antlitz. Tritt nä⸗ her, herrſchte er dem Polen zu, und ſprich, ob es wahr, weſſen man Dich anklagt?— Radkow ſchoß einen unſichern Blick auf den Kläger, dann trat er wie trotzig in einer Art Verzweiflung heran und ſagte verbiſſen: Hat das Unglück Hehl nöthig? Und was ſoll der verſchweigen, dem der Tod eine Wohl⸗ that?— Was jener Wüthende geklagt, iſt Wahrheit. Und was mein Mund geſprochen, bezeuge mein Blut dort an dem Steine des Gottesgerichts.— 177 Und welchen Treubruch hat Dein Wort gemeint 2 rief der König. Verſtumme nicht! Sprich! Ich Dein König befehle, und gehorcht der Söldner nicht ohne Zau⸗ dern, ſoll ſchimpflicher Henkerstod ihm für ewig die Sprache nehmen!— Radkow ward blaß, als hätte ſchon die Henkerhand ihn ergriffen; er ſtotterte ſcheu; doch als des Königs Befehl ſich nochmals mit ſteigender Heftigkeit wieder⸗ holte, da ſchlug er die großen, leuchtenden Augen zu Boden und ſprach halblaut: Slatina, die Tochter des ſtolzen Saul, iſt meine Verlobte vor Goit und durch Schwur und Zeichen. Der Vater zwingt ſie zur Freite mit einem Andern, und als ich Einlaß am Thore von Prerau begehrt, haben des Bräutigams Geſellen mit Spott und beißendem Hohnwort mich fortgewieſen.— Der Schweſter Verlobter? fuhr der rieſige Kokory auf und der Boden zitterte unter dem Stampfen ſeines Fußes. Der elende Söldner will ſich lügen in die Hel⸗ denburg, der verächtliche Fuchs in das Lager des Löwen 2 König laß ihn züchtigen, oder meine Fauſt vergreift ſich und vergißt Deines Angeſichtes.— Zwetboch, rief der König ſeinem dritten Sohne zu, nimm dieſen Mann in Deinen Schutz und umſtelle ſeinen Leib mit unſern Leibwächtern. Einer unſerer Kriegsleute iſt er, focht für uns, mit uns, war ein Tapferer nach dem Zeugniſſe ſeines Feldherrn, und ſtammt, wie der Gegner ihm ſelbſt zugeſteht, aus edelm, wenn auch frem⸗ dem Blute. Gerechtigkeit ſitzt auf dem Stuhle der Kö⸗ nige Marhawaniens, Gerechtigkeit für den Geringſten im Volke, um ſo mehr für den Fremdling, der l in unſern Marken lebte. Nur Königsſpruch kann ſolchen Streit entſcheiden, und er ſoll es zur Stelle. Dort über Blumenhagen. X. 12 —— ⸗·—————— 178 jenem Wäldchen ſehen wir die Zinnen des Schloſſes von Prerau. Wir wollen unſere Reiſe verzögern, um der Fönigspflicht willen, wollen einkehren bei dem weiſen und tugendhaften Odrzifaus, und in ſeiner eigenen Halle ſchlichten, was ihn ſo nahe angeht. Ihr, die ihr Kläger und Beklagter ſeid, bekleidet euch, und folget uns in den letzten Kolonnen unſeres Zuges! Recht ſoll dem Gerechten werden, und was Swatopluck's Mund geſprochen, wird ſein Arm zu vollziehen wiſſen an dem Aermſten wie dem Reichſten derer, die ſeinem Scepter unterthan, durch des Himmels Gnade und unſer Schwert.— Ohne Ahnung der Unterbrechung, welche des Königs heimlicher Haß dem Feſte des Alten auf Prerau bereitet, war man dort in den Anſtalten zu dieſer glänzenden Feier immer fortgeſchritten. Schon war die kleine Bet⸗ kapelle geöffnet, ſchon ftellte ſich der Heldengreis an die Spitze der verſammelten Gäſte, nahm den ſtattlichen Bräutigam an ſeine rechte und den älteſten Sohn des Hauſes an die linke Seite, und man harrte nur noch der Braut, die in einem Nebengemach der Feſthalle von den Matronen mit dem großen Schleier verhüllt wurde, und zu der bereits der ehrwürdige Cyrillus eingetreten, um die Tochter ſeines älteſten Freundes und Schülers mit eigener Hand dem Verlobten zuzuführen. Da er⸗ tönte das große Kriegshorn des Königs am Thore, und Alle horchten auf, und ehe noch die Betroffenen zur Be⸗ ſinnung und einem Entſchluß gekommen, erſchien Swa⸗ topluck ſelbſt, von ſeinen Söhnen unterſtützt, in der Pforte, und alle Häupter neigten ſich vor dem gefürchte⸗ ten Gewalthaber. 179 Die freudige Aufregung, in welche den kranken Kö⸗ nig die heutige Begebenheit verſetzt, ſchien einen großen Theil ſeiner Schwäche bezwungen zu haben, denn er ſtand in ſtolzer Haltung in der Mitte der Verſammlung, grüßte wie in den Tagen ſeiner Kraft mit Würde den greiſen Schloßherrn, und ließ ſich langſam nieder auf den Seſſel, den man ihm gebracht. Der alte Saul ging mit ſchwankendem Schritt dem Könige entgegen, und beugte ſich vor ihm mit gekreuz⸗ ten Armen. Heil der Stunde, ſprach er, die meinem Dauſe das Heil bereitet, das Haupt der Marhanen zu ſehen unter dieſem Dache! Heil dem Gaſte, der zu dem Feſte dieſes Tages die höchſte Zierde gebracht.— Du ſprichſt, daß wir nicht unwillkommen ſind, und wir glauben's, antwortete der König mit Kälte, hat man uns auch nicht geladen, wie es Gebrauch bei un⸗ ſern fürſtlichen Vätern. Die ſchwere Kriegszeit unſeres Regiments machte die Vaſallen reich und übermüthig, und ſie fragen nicht mehr, wie es ehedem ihnen Pflicht geweſen, ob der König die Verbindung liebt, die ſie ab⸗ zuſchließen gewillet. Entſchuldige Dich nicht, alter Freund, fuhr er lebhafter fort, wir freuen uns der glatten Worte nicht, welche die Verlegenheit des Augenblicks auf die Zunge wirft. Auch ſind wir nicht gekommen, unſere Sackpfeifen und Schalmeyen in Deinen Hochzeitmarſch einſtimmen zu laſſen, ſondern leider fordert unſere Kö⸗ nigspflicht, einen ſchweren Stein zu werfen in Deinen Blumenpfad, und zu ſtören, was Du bereitet.— Stören? fragte der Greis gedehnt und ſein trübes Auge heftete ſich feſt auf des Königs wetterleuchtenden Blick, als wollte er forſchen in der Seele, die dahinter verſtohlen dräuete. Stören? fragte raſcher Bozeta. Wie käme der edle, große Swatopluck dazu, das Glück ſeiner treueſten Diener zu hindern?— Mein junger Kneſe, entgegnete der König, indem er lächeln wollte, doch durch innern Schmerz gehindert ward, wer das Gift aus der Wunde ſchneidet, iſt oft der beſſere Freund, wenn auch im Schnitt die Fauſt nach ihm ſchlägt. Wären wir nach Deiner Trauung gekommen, möchteſt Du ſchelten; jetzt aber ſollſt Du uns dankbar werden, denn wir ſchützen Dein edles Bett vor einer Lüge, die ewigen Groll hinein getragen.— Fönig! rief Bozeta heftig, als ahnete er das Kom⸗ mende.— Ja, ja, Vater Saul, fuhr Swatopluck ohne Zögern fort, Du thateſt Unrecht, das ſchon verkaufte Kind noch einmal auszubieten, und rühmeſt Du Dich auch vor dem Volk mit Deiner makelloſen Treue und Ehrlichkeit, gilt Dein Name auch durch das ganze Land als Muſter der Ehre und Mannestugend: dicht am Aus⸗ fluß in das endloſe Meer kann doch der reine Strom noch trüb und kothig werden, und thun wir es mit Schmerz, müſſen wir doch klagen gegen Dich, der Falſch⸗ heit und des Truges wegen, und Gericht halten über Dich, daß keines unſerer edlen Geſchlechter durch Dich ein Schimpf belaſte.— Der alte Saul ſchwankte, doch ſagte er ſtark: Falſch⸗ heit und Trug?— Was Könige ſprechen gab der Him⸗ mel ihnen ein, und der Menſch ſoll ſtill halten der Gott⸗ heit. Darum frage ich nur: Wo iſt der Kläger?— Der Kläger iſt ein gemeiner Söldner meines Heeres, entgegnete nachdrücklich und mit dem Tone des tieſſten Hohnes, der König: er thut Einſpruch gegen die Feier, welche hier bereitet, er ſpricht, Deine Tochter Slatina, die man den Stern von Prerau genannt, könne nimmer ——— 181 dieſes Mannes Weib werden, denn ſie ſei in älterer Buhlſchaft die Seine geworden, und ihm längſt verlobt durch Treuſchwur und heilige Zeichen.— Einen furchtbaren Eindruck machten dieſe Worte auf die ganze Verſammlung. Der alte Saul ſtieß mit ſei⸗ nem Schwerte auf den Boden, dann ſank er jedoch ſchwach und verſtummend in die Arme der Nächſtſtehenden; aber alle Schwerter der Söhne und Freunde des Heldengreiſes raſſelten in den Scheiden, und dumpfes, Unheil kün⸗ dendes Gemurr durchlief den Saal, und wuchs im Lauf, bis der mannliche Bozeta raſch vor den König trat, und ſeinen blanken Stahl in den Boden ſtieß. Ruhig, meine Freunde! rief er, der Marhan ehrt die Krone des Reichs, ſelbſt wenn böſe Wetter aus ihr ge⸗ gen die Getreuen fahren. Der Stern von Prerau leuch⸗ tet reiner als irgend ein Licht des Himmels, und mein König iſt nur ein Betrogener. Er nenne darum den Frevler, der ihn und uns beleidigte, und ſein giftig Blut ziſchend an Bozeta's Eiſen ſühne und tilge die Schand⸗ that.— Blut und immer Blut! ſprach der König verächtlich. So thut's der Stier auf der Weide um die junge Kuh, ſo zerrt ſich Wolf und Fuchs um den Raub. Hat Swa⸗ topluck's Regierung ſo Weniges geſchaffen, daß ſein Volk noch nicht höher ſteht als das Gethier und Wild der Wälder? Mag das Eiſen richten, wo dunkel das Recht, doch wo das Recht vom Geſetz und der Wahrheit be⸗ ſchirmt erſcheint, iſt Frevel der Beruf auf Zufall und Muskelſtärke, und das Wort vom Throne unumſtößlich. Tritt vor, mein braver Kläger, den der reiche, tugend⸗ ſame Saul verſchmäht, weil der Eidam ihm zu arm und niedrig geſchienen; tritt vor ohne Scheu; haſt Du 182 gefochten und geblutet für mich und mein Volk, ſoll Dir auch Dein Recht werden, und müßte Deines Königs Schwert ſich wenden gegen die eigenen, überſtolzen Va⸗ ſallen.— Ein Mann machte ſich mit Geräuſch Platz durch das Gefolge des Herrſchers, und mit Erſtaunen ſah man ihn treten auf den freien Platz in der Mitte, und ſich dem glänzend geputzten Bozeta gegenüber ſtellen, obgleich ſein blutbeflecktes Lederwamms ihn in Schatten warf an ſolchem Platze. Der Mann war edler Geſtalt, kräftig und ſchön gleich dem Bräutigam; die Narben auf Stirn und Wange ſprachen für ihn bei den Tapfern, deren Blicke feindſelig ihm entgegen flogen; die Bleiche ſeines Geſichts, der tiefe Schmerz, der ſichtlich aus dem dun⸗ keln Auge ſprühete, ſpannte die Theilnahme und Auf⸗ merkſamkeit der Uebrigen für ihn. Kein Verräther, kein Frevler, kein Lügner zeigt ſich euch, rief er mit weitſchallender, reiner Stimme, wenn auch ein Sohn des Unglücks und der Erniedrigung. Ich habe an mein Wort und meine Klage mein Blut geſetzt und mein Leben, das mir verhaßt geworden, ſeit man es um ſein Licht betrogen. Ich habe dem rieſigen Manne hier mir zur Seite den Kampf geboten, worin Gott ent⸗ ſcheidet, und nur des großen Königs Befehl ſtellte mich gegen meinen Willen an dieſen Platz. Hat der mächtige Fürſt auch nicht alſo geſprochen, wie ich meine Klage gedacht, hat er mein Herz verwundet, weil er mein Hei⸗ ligthum beleidigt, und mein Geheimniß kund gemacht, ſo muß ich doch jetzt ausſprechen, weil es eigene Ehre gebeut; des Königs Wort trug die Wahrheit, die Tochter dieſes alten herrlichen Greiſes iſt mir verlobt, ihr Schwur ſchenkte mir den Kranz des höchſten Glückes, und hier 183 dieſer Ring zeuge für mich und klage gegen die Treu⸗ loſe.— Ein feiner Schrei zog die Augen der Verſammlung von dem ſchmerzlich erhitzten Sprecher nach einer Sei⸗ tengegend. Slatina, die geſchmückte Braut, verhüllt in den Hechzeitſchleier, war eingetreten; doch ſo wie ſie die bekannte Stimme gehört, riß ſie den Schleier vom Locken⸗ haar, wollte hervorſtürzen, fiel aber ſchwach geworden in dem plötzlichen Sturm des unerwarteten Anblicks und des ſchweren zuletzt gehörten Wortes an die Bruſt des Bruders Kokory, der ihr mit raſchem, kräftigem Schritt entgegen geſprungen. Muthig, Schweſter! rief der rieſige Mann, die ge⸗ ballte Fauſt zum Himmel ſtreckend. Und wenn des Kö⸗ nigs Söldner alle von Wellehrad bis Znaim ſtürmten gegen Schloß Prerau, ſo muß der letzte Enkel des alten ſchwer beleidigten Odrzifaus erſt im Thore geſchlachtet liegen, ehe man Slatina's Kranz an einen ehrloſen Söldner verſchwendet, um ihrem Vater durch ſolche Schmach den Todesſtoß zu geben. Heraus, ihr Schwer⸗ ter alle vom Thale der Beczwa! Was hindert uns, ohne Aufſchub rein zu waſchen das Haus von der wilden Be⸗ ſchimpfung? Die Ehre ſteht höher als Vaſallenſchwur, und auch Königsblut kann ſühnen, was Könige ſchulden.— Mit Gewalt riß ſich der alte Saul ſogleich empor, und ſtreckte gebieteriſch das lange Schwert gegen den Sohn. Aber der anklagende Radkow gab der Scene eine andere Wendnng. Slatina's Erſcheinung, Slatina's Antlitz, auf welches das Leid ſeine deutlichen Spuren gedrückt und das noch anmuthiger geworden durch die⸗ ſelben, weil die duldende Weiblichkeit dadurch noch ſie⸗ gender ans Licht getreten, hatten ihm das wildbewegte, 184 blutende Herz im Buſen gewendet. Mit geſenktem Haupte trat er langſam zu der Jungfrau, und ſein Auge hob ſich nur ſcheu unter dem Schatten der breiten, dunkeln Augenbrauen zu ihr auf. Edle Slatina, Tochter dieſes Heldenhauſes, ſagte er mit milden Tönen, kannſt Du zürnen, wenn ein Be⸗ ſchimpfter Dein Zeugniß aufruft, das allein ſeine Ehre ihm wieder zu geben vermag? Einen Lügner, einen frechen Betrüger hat man mich geſcholten; wirſt Du, hochherzige Jungfrau, es dulden, daß man alſo meine Seele tödtet? Sprich, kennſt Du dieſen Wappenrock, beſpritzt mit dem Blute Deines Räubers? Sprich, kennſt Du dieſen zerbrochenen Ring, das Pfand einer Stunde, wo der arme Mann von Dovryn reicher geworden als alle, die hier im höchſten Schmuck ihres Standes Dich umgeben?— Scheue das Zeugniß nicht; es ſoll Dir keinen Schaden bringen, denn bei dem Gotte, dem einen und ewigen, deſſen Sterne jene Stunde beleuchteten, gelobe ich, hat Dich jenes Verſprechen gereuet auch nur einen Augenblick lang, ſo ſollſt Du ihn hinnehmen die⸗ ſen theuern Ring und mit ihm jeden Anſpruch an Dich, und den Verſtoßenen wird der Tod finden, der den ſich glücklich Träumenden in der Mitte wildeſter Gefahren ſchonte.— WMit haſtiger Bewegung machte ſich die Jungfrau los aus des Bruders Armen, eine ſchnelle Glut, eine Blume der Scham und des Entſchluſſes, röthete ihr Antlitz, ſie eilte zu dem Vater und ſank ins Knie an ſeiner Seite. Ja, rief ſie mit Anſtrengung, dieſer Mann iſt mir kein Fremder. Höret es, ihr Brüder und Du, mein Vater, dieſer Mann erſchlug den Feind, der Slatina geraubt; dieſer Mann rettete ſie zu der Höhle im Gebirg, wo 185 mich Bozeta fand, als der Retter fortgegangen, für die Rückkehr zum Vater Saul Sorge zu tragen. Hier iſt die andere Hälfte ſeines Ringes. Ich bin ihm verlobt ſeit jener Nacht, und will ſeine dankbare Magd ſein für immer. Daß ich geſchwiegen, war eine ſchwere Schuld, aber ich glaubte den geliebten Retter todt, weil er die Verlobte nirgends geſucht, wo er ſie zu finden gewußt. — Erſchöpft barg ſie ihr Geſicht im Mantel des Vaters, und ſah nicht, welch ein Morgenroth des Entzückens auf dem Antlitz des Geliebten emporſtieg.— Ha, Held Odrzifaus, ſprach jetzt der König mit tü⸗ ckiſchen Blicken, wie ſteht es um Euren Freier? Denn ſchützen wird das Schwert des Königs dieſen tapfern Lechen in ſeinen wohlbewährten Rechten, und Du und Dein übermüthiges Geſchlecht werden ihn nicht hindern, und wenn eure ſtolzen Herzen alle brächen in der De⸗ müthigung.— Der alte Saul erhob ſich jetzt mit geſammelter Kraft und neigte ſein Haupt demüthig vor dem Könige. Ge⸗ ſegnet ſei Dein Spruch, ſagte er ernſt, wenn er Gerech⸗ tigkeit kündet. Wie ſollte der König nicht kennen die Rechte ſeines Volkes, da er die Pflichten gegen Fremde nicht vergeſſen? Das Hausgericht ſteht jedem Aelteſten zu in den Geſchlechtern der edeln Kneſen dieſes Landes. Erlaube, daß auch ich es übe.— Ohne die Antwort des ſtutzenden Königs abzuwarten, wandte er ſich dann mit ſcharfen Blicken zu dem Polenjüngling. Wie iſt Dein Name? fragte er.— Peter von Rad⸗ kow, antwortete ſcheu der Gefragte. Nicht ohne Ruhm lebten meine Väter auf der großen Ebene, und in Kuja⸗ vien ſteht das verödete Stammhaus, deſſen Glanz in den langen Kriegen der Völkerzüge unterging.— 186 Und dieſer Peter von Radkow war Dein Retter? fragte der Greis mit ſichtlicher Befriedigung die Jung⸗ frau, und Du haſt Dich ihm zugeſagt, und ſcheueſt nicht ſein blutbeſchmutztes Kleid und die Armſeligkeit, die Dir der Bund mit ihm verſpricht?— Was war ich denn, als der viehiſche Ungar mich mißhandelte, und wo waren damals der Vater und die ſtarken, trotzigen Brüder? antwortete Slatina mit ge⸗ ſenkten Augen.— Und Du, edler Bozeta, fuhr der Alte haſtiger fort, was wirſt Du thun um die Braut, deren Beſitz dieſer arme Soldat, dieſer beneidenswerthe Königsgünſtling Dir zu rauben drohet?— Im innern Kampf hatte der ſchöne Kneſenſohn der Scene zugehorcht, ſeine Stimme bebte, ſein Auge blickte unſtät, wie ein Licht im Sturme ſchwankt. Doch mit erzwungener Feſtigkeit ſagte er: Thue, was Dir recht dünkt, ehrwürdiger Held, und achte mein nicht dabei! Ich meine, es ſei hier nur das Eine das Rechte und wenn ich zürnen könnte, ſo müßte ich nur zürnen, daß der Stern von Prerau ſein klares Licht mir in Wolken gehüllt, und Wünſche in mir reif werden ließ, die jetzt zur ſchmerzenden Narbe werden müſſen, welche Bozeta fühlen wird, o wohl ſo lange, bis daß ſein Schwert ganz ruhig liegt auf ſeiner ſtillen Bruſt.— So komm, Du Verſtoßener, rief lebhaft der alte Saul und ſtreckte die Hand gegen den Polen aus, komm und finde das neue Vaterhaus, denn ich grüße Dich Sohn, und der dankbare Vater ſoll Dir zeigen, wie werth ihm die Tochter war, die Du ihm erhalten.— Und Du, großer König, ſetzte er ernſter hinzu, zweifle nimmer wieder an dem Herzen eines Deiner edeln 187 Marhanen. Du haſt die Zucht in Dein Volk gepflanzt, haſt es die wahre Ehre gelehrt, haſt das Geſetz über ihre Häupter geſtellt als leuchtende Moſistafel. Und was mehr iſt als Alles: der göttliche Chriſt hat Dein Volk werth gehalten, zu ſchauen ſein ewiges Licht, und die an ihn glauben feſt und unwandelbar, verfehlen den Weg nicht mehr, den der Sohn des Herrn ihnen vorge⸗ zeichnet. Großer König, gib Dir und Deinem Reiche Frieden, und Du wirſt es größer machen vor den Völkern an frommem Sinn und innerer Kraft, als Du es ge⸗ macht durch die Schneide Deines unbeſiegten Schwertes.— Beſchämt, doch unbefriedigt und in verheimlichtem Haß verließ der kranke Herrſcher das Haus des Gerech⸗ ten, aber im Volke bekam der Stern von Prerau ſeitdem eine zwiefache Bedeutung, denn auch die Ehr⸗ furcht, wenn ſie von dem Patriarchen Saul ſprach, be⸗ zeichnete ihn mit dieſem Glanzwort. Füglich könnten wir hier unſere Erzählung ſchließen, doch um die Neugier manches Leſers nicht unbefriedigt zu laſſen, thun wir mit ihm nur noch einige ſchnelle Blicke in die nächſte Zukunft. Das Glück der ſchönſten Häuslichkeit war eingekehrt auf Schloß Prerau, ſeit der brave Radkow die Sorge Slatina's um den Vater thei⸗ len durfte. Aber der alte Seher wurde von einer ge⸗ heimen Unruhe gefoltert, ſeitdem die Boten von Welle⸗ hrad immer ſchlimmere Kunde von dem Zuſtande des Königs brachten. Als jetzt die Nachricht von dem Tode des mächtigen Herrſchers eintraf, und wie er ſein Reich getheilt unter die drei Söhne, doch dem älteren die Krone verliehen, wie er an dem Bündel Ruthen, das 188 keiner zerbrach, ſo lange es vereinigt, ihnen ein Bild der Eintracht vorgehalten, wie er geſprochen: Gehorſam wird euch unüberwindlich machen, Zwietracht euch euren Feinden überantworten: und wie er dann mit quälender Unruhe ſeine Heldenſeele ausgehaucht, indem ſeine Hand noch das blanke Schwert gegen die Gegend, wo Deutſch⸗ land lag, ausgeſtreckt, da wurde auch das marternde Geheimgefühl in der Bruſt des alten Odrzifaus zum lebendigen Worte. Es geht zu Ende mit Marhawanien, ſagte er finſter, und der alte Saul ſoll nicht daſtehen auf der geliebten Erde gleich dem bemoosten, verhöhnten Denkſtein der vorigen Größe ſeines Volks. Als der letzte Marhan, aber frei und ungebeugt von fremder Herrſchaft, will Odrzifaus ſterben, wenn auch in fernen Landen. Häufe den Schatz dieſes Hauſes zuſammen, und laß uns fort⸗ ziehen, gleich dem Patriarchen Jakob mit Allem, was dem Herzen lieb iſt! Der alte Saul ſieht ſchwarze Gei⸗ ſter über den Gebirgen, die ihn hinaustreiben, damit er nicht in Schmach und Knechtſchaft ende.— Radkow gehorchte dem herrlichen Greiſe, und ſie zogen fort gen Norden in die Gegend, welche man Kujavien nannte, und die Schlöſſer, welche einſt Peter's Väter be⸗ ſeſſen, wurden eingelöſet durch die Reichthümer von Pre⸗ rau, und der alte Saul ſegnete noch zahlreiche Enkel, von denen eine Menge der edelſten, polniſchen Geſchlechter ihre Abkunſt zählen, und durch die Lippe am Pfeil oder den Ring im Wappen beurkunden. Auch eine Stadt, genannt Koſteletz, nennt Peter von Radkow als ihren Erbauer. Und auch der edeln Familien im Mährenlande find gar viele, die vom alten Odrzifaus ihren Stammbaum ableiten, und durch den Pfeil in ihrem Schildes zu beweiſen ſuchen. 189 Des hundertjährigen Propheten Vorausſagung ging aber nicht weniger ſicher in Erfüllung. Nach einem Jahre ſchon entzweieten ſich die Söhne des großen Swatopluck, und die Unglücksſaat, welche des Vaters Uebermuth, Krie⸗ geswuth und Treuloſigkeit geſtreut, ging hoch auf, ihnen zum Verderben. Geſchwächt durch Zwietracht wurden ſie bald eine Beute der lauernden Nachbarn. Moymar ließ ſein Leben in einer Schlacht gegen die Deutſchen; Zubor ſtarb ſchimpflichern Tod, die Ungarn hängten ihn auf einem Berge, der noch ſeinen Namen trägt; Zwetboch gerieth in der Baiern Gefangenſchaft, und in milder Großmuth gab ihm der ſiegreiche Arnulph ein Aſol in Kärnthen; die köſtliche Königskrone aber des großen Reichs wurde für immer zerbrochen, feindliche Nachbarn, ſelbſt die ihm Vaſallen geweſen, theilten ſich darein; ſein alter, edler Name verſchwand unter den Völkern, und fremde Herren ſchrieben ihm fremde Geſetze, bis es ſein jetziger Herrſcherſtamm gewann, und als ein edles Juwel in ſeiner glänzenden Krone hegt.— II. Wolfſon. Hiſtoriſche Novelle. An einem trüben Herbſttage des Jahres 1648 ſah man früh Morgens in der Stadt Olmütz eine beſondere Lebendigkeit, die gegen die langgewohnte Kirchhofsſtille gar ſehr abſtach, obgleich ſie nichts Erfreulicheres an⸗ deutete. Seit 1642 von dem berühmten Generaliſſimus der Schweden, Bernhard Torſtenſon, eingenommen, hatte die unglückliche Stadt, bei allen Wechſelfällen des lang⸗ jährigen Krieges, nicht das Glück gehabt, von den Fein⸗ den ihres Kaiſers und ihres Glaubens befreit zu werden; mit jedem Jahre wuchs das Elend und die Armuth in ihr, und mit jedem Monate welkte ein Hoffnungszweig für ſie, da die Feldherren des dritten Ferdinand weder die Talente entwickelten, noch das Glück hatten, wodurch die Helden ſeines Vaters, ein Tilly und Wallenſtein, die Welt mit ihrem Kriegesruhme zu füllen verſtanden. Lange ſchon war die Bürgerſchaft von Olmütz gewohnt worden, das Damocles⸗Schwert über ihren Häuptern ſchweben zu ſehen, unter den Feuerſchlünden der Schweden, die von der Feſtung auf die Stadt gerichtet dräueten, zitternd ſchlafen zu gehen und mit Beben zu erwachen, doch die wüſten Gräuel, von welchen vor ſieben Jahren die Er⸗ ſtürmung dieſer Hauptſtadt Mährens begleitet geweſen, ſchienen jetzt ſich wiederholen zu wollen. Die ganze Garniſon ſtand unter den Waffen, die Pioniers und Blumenhagen, X. 13 194 Zimmerleute der Regimenter räumten eines der anſehn⸗ lichſten Häuſer aus, und begannen alsdann das Dach deſſelben einzuſchlagen, und hörten nicht auf, bis das Gebäude bis zum Grunde zerſtört worden. Einer der Vornehmſten der Stadt, ein Rathsherr, beliebt und geachtet, wurde mit Ketten beladen von der Feſte herab⸗ geführt, und mitten in der Stadt auf dem großen Platze am Dom ſah man ihn unerſchrocken knieen auf dem weißen Sandhaufen, hörte die Büchſenſchüſſe der blauen Fußjäger, und mit Entſetzen erblickten die Bürger die mit friſchem Blute ihres Richters beſpritzten Wände des Heiligthums. Aber alles Blut erſtarrte zu Eis in ihren Herzen, als, um das furchtbare Gericht zu dämoniſcher Höhe zu treiben, jetzt die Gattin des Gerichteten, drei unmündige Kinder an Hand und Bruſt, vom Profos der Garniſon durch die Straßen geführt wurde, als der Hohn der Wachen am Thore barbariſch niederſtrömte auf die fromme Dulderin, die, ein kleines Kruzifix in der Hand, blaß wie die ge⸗ knickte Lilie, doch vom Glauben aufrecht gehalten, lang⸗ ſam dahinſchritt, als man ſie und ihre Kleinen hinausſtieß aus dem heimathlichen Ort, und ohne Schutz, aller Habe beraubt, dem rauhen Wetter übergab, und hinter ihr das Thor ſich ſchloß, damit kein mitleidiger Freund ihr helfend nachzueilen vermöchte. Die Neubegier, welche im Menſchen ſo mächtig iſt, daß ſie ihn treibt und feſthält auch das guälendſte Schreckbild anzuſchauen, hatte die Männer von Hlmütz auf die Straßen gerufen, mit heimlichem Zähne⸗ knirſchen hatten ſie der Vollziehung des Urtheilſpruchs beige⸗ wohnt bis zuletzt, im Gefühl ihrer Ohnmacht hatten ſie den Spott, die Schimpfreden, auch die Kolbenſtöße ihrer Unter⸗ jocher ertragen, als aber nun die Compagnien der Garniſon allmählig wiederum abzogen in ihre Quartiere, und nur 195 die Reiterpatrouillen mit blankem Gewehr und gezogenem Piſtol durch die Gaſſen marſchirten, da flüchtete Alles, vom Gefühl der Schmach bis zum Sterben wund gedrückt, in die Häuſer, und verödet lag die Stadt, und nur die dumpfen Hufſchläge der Roſſe, nur das Geklirr der frem⸗ den Waffen, und die Töne eines fremdländiſchen Trink⸗ liedes erhielten noch eine widerwärtige Lebendigkeit in dieſem großen Grabe bürgerlicher Glückſeligkeit. In eben dieſer Stunde ſtieg ein junger Mann mit Haſt zu der Feſtung hinauf. Er trug die Uniform der finnländiſchen Küraſſiere, doch ohne Helm und Eiſenſtück, denn die Bläſſe ſeines Geſichts, ein Pflaſterſtreif auf ſei⸗ ner Stirn und ein Mangel von jugendlicher Manneskraft, der in der Anſtrengung ſeines Eilſchrittes ſichtbarer wurde, deutete an, daß auch ihn irgend ein Weh des Krieger⸗ lebens getroffen, und an ſeinem ſchlanken Körper gezehrt habe. Unangehalten betrat der junge Soldat die Woh⸗ nung des Commandanten, und ſchritt unangemeldet zu der Thür, die in das Geheimzimmer deſſelben führte, doch ſtutzig trat er zurück, als dieſe ſich vor ihm öffnete, und ein Menſch heraus trat, wie er ihn hier oben im Centrum der militäriſchen Herrſchaft nimmer erwarten konnte. Der Heraustretende war ein Mann von der niedrig⸗ ſten Volksklaſſe, die ſchmutzige, ſaſt farbloſe Mütze, der Schaafpelz mit der Wolle nach innen gekehrt und die grobe Fußbekleidung verrieth dieſes; er ſchien dem Grei⸗ ſenalter nahe; das ſtruppige Grauhaar umgab ein kahlen Scheitel, der wilde Bart mit ſeinen weißen Zöpftn hätte dem ſtattlichſten Geisbocke Ehre gemacht, und das vergelbte Geſicht durchzogen tiefe und dunkele Furchen; in den Zügen malte ſich eine widrige Dreiſtigkeit, und 196 die Verwegenheit, welche aus den vorliegenden, mit er⸗ hitzten, gerötheten Augenliedern umkreiſeten Augen blinkte, und der ſcharfe Blick, den der Alte zu dem jungen Krie⸗ ger hinauf warf, indem er demüthig gebückt und die Mütze in der Hand an ihm vorüberſtrich, erſchütterten dieſen auf eine ſonderbare Art. Da er zugleich in dem preiten Ledergurte des Fremden ein langes Meſſer, wie es die gefährlichen Gebirgsbewohner des Landes zu füh⸗ ren pflegten, erblickte, ſo trat er mit unruhiger Haſt in das Zimmer, und holte erſt freier Athem, als er den Oberſt Paikul, den Commandanten des Ortes, geſund und ruhig hinter ſeinem Arbeitstiſche gefunden hatte. Ihr waret allein mit dieſem Menſchen, mein Oberſt? fragte er raſch, und man ſah, daß ein inneres Grauen ihn ſchüttelte.— Willkommen, mein tapferer Cornet! rief freundlich der Commandant, die Rechte nach ihm ausſtreckend. Willkommen im Leben! Aber ſetze Dich, Söhnchen; Dein Geſicht iſt weiß und klar wie das einer Stockhol⸗ mer Hofdame, und das vischen Fleiſch, was Dir das Krankenbett gelaſſen, bebt an Deinen Knochen; der erſte Marſch hat Dich ſchachmatt gemacht. Da, thue einen Zug aus meinem Frühbecher.— Ich bin geſund, antwortete der Cornet. Aber wie könnet Ihr Euer theures Leben gefährden, indem Ihr allein bliebet mit ſolchem Gaſte?— Kennſt Du den Menſchen? fragte der Oberſt ſcharf.— Er iſt mir nicht fremd, ich habe ihn geſehen, oft, ja, ja, antwortete der Cornet lebhaft; doch wo es geweſen, fällt mir augenblicks nicht bei, aber feindlich war die Begegnung, feindlich uns, mir, das ſagt mir laut die dunkle Erinnerung.—„ — * 197 Dein reizbarer Zuſtand verwechſelt die Perſon, lä⸗ chelte der Oberſt, dieſer alte Ziegenbart hat ſich ſtets als ein guter Freund von uns bewieſen, und für Dich iſt er ein wohlthätiger Apotheker, denn, wie ſchon zu mehren Malen, brachte er uns auch in letzter Nacht einen trefflichen Zug polniſches Schlachtvieh herein, und die Schmorbraten und die Fleiſchbrühen von den feiſten Ochſen werden Dich ſchneller in den Küraß bringen als die Kräutertränke des Chirurgs. Außerdem iſt der alte Schafbock von doppeltem Nutzen, denn er zieht mit Freipäſſen beider Theile durch jedes Feldlager, und wie der Kaufmann die neue und die alte Welt verbindet und den Südpol an den Nordpol knüpft, ſo iſt dieſer Herum⸗ ſtreifer ein Bindemittel zwiſchen uns und unſern fernen Freunden, und er hat mir ſchon manche tröſtliche Bot⸗ ſchaft vom Wrangel, manche Warnung zu rechter Zeit herein transportirt.— Mich würde die Labung anwidern, reichte ſie mir dieſes Menſchen garſtige Fauſt, antwortete der Cornet; auch bedarf ich ſie nicht, hat doch mein Quartierwirth mich mit wahrhaft väterlicher Sorgfalt herausgepflegt, und ihm nur iſt das Fieber, das zu meinen Wunden kam, gewichen.— Ein ſeltener Vogel! rief der Oberſt aufhorchend. Er möchte der einzige ſolcher Art ſein in der Stadt, wo uns Tauſende Gift miſchen möchten, hätten ſie Muth und Gelegenheit dazu. Wie heißt der Phönix?— Jakob Zabielsky! antwortete der Cornet.— Ei, das iſt ja der reiche Kornhändler, der von uns verdiente jahrelang! lachte Jener. Siehſt Du, mein guter Burſch, auf welchem Grunde ſeine Mildthätigkeit erwuchs?— Nun, ſie ſoll ihm doch zu gut gerechnet 198 werden, weil ſie Dir galt, und der Quartiermeiſter ſoll dieſem Jakob künftig ſeine Rechnungen weniger ſtreng revidiren. Aber Du hätteſt nicht ſo früh die rauhe Luft ſuchen ſollen. Freue ich mich auch Deines Anblicks, ſo verdirbt mir die Sorge vor einem Rückfalle dieſe Freude um die Hälfte.— Leider verließ ich mehre Stunden zu ſpät mein Bett, entgegnete der junge Mann mit trüben Blicken. Ich kam zu bitten, um Schonung zu flehen für einen jungen Mann, der in ſchwediſchen Augen ein Verbrechen began⸗ gen hat, doch den alle Oeſterreicher als einen Märtyrer preiſen werden; aber die Schützen des Oberſt Paikul waren raſcher als der Schritt eines Kranken, und kein Engel des Himmels lieh mir ſeine Flügel.— Des Commandanten Geſicht verfinſterte ſich. Sprich, ver Himmel bewahrte mich vor einer Sünde gegen meine Landsleute, antwortete er mit ſtrengem Ernſt. Wohl mag der Katholik, der Bürger von Olmütz, Dir die Geſchichte winzig zuſammengedrückt, geſchmückt mit den Kränzen eines falſchen Patriotismus, an Dein Kranken⸗ bett gebracht haben. Der Mann, der den Tod litt am heutigen Morgen, war der gefährlichſte Feind von mir, von Dir, von allen Deinen Glaubensbrüdern und Kriegs⸗ gefährten; er war der grimmigſte Feind unſerer Ehre und unſeres Waffenruhmes. Willſt Du Dich überzeu⸗ gen, öffne mein Schreibepult und lies. Dieſer armſelige Rathsherr hatte nichts weniger vor, als in ſeiner Stadt eine ſicilianiſche Vesper zu feiern; er ſtand im Brief⸗ wechſel mit dem Biſchof, dem Erzherzog Leopold und dem Gronsfeld, und übermorgen ſollten dreitauſend brave Schweden in ihren Quartieren den Tod trinken von feiger Bürgerhand. Meineſt Du, mein Söhnchen, ich möchte, — 199 daß es mir erginge wie dem braven, aber unvorſichtigen Wanke, meinem Vorgänger, dem nicht früher die Augen aufgingen, als bis der Melander, der treuloſe Kalviniſt, der heſſiſche Deſſerteur,— der Teufel hat ihn bei Susmars⸗ hauſen geholt!— nur noch eine Meile von unſern Wällen ſtand und bereits hundert kaiſerliche Musketiere von den Olmützern durch ein verſtecktes Mauerthürlein eingelaſſen waren? Ich habe nichts vom Tilly an und in mir, aber was der Torſtenſon damals dem Wanke ſchrieb, möchte ich mir nicht vom Wrangel ſagen laſſen.— Trotz der Verrätherei blieben die Schweden Meiſter des Platzes, erwiderte der Cornet, und die Eingedrun⸗ genen fanden den Rückweg nicht.— Des großen Königs Geiſt ſchwebt ob unſern Waffen, antwortete Paikul nicht ohne Feierlichkeit; wohl dem Wanke, daß er die ſmaländiſchen Schützen in dieſen Mauern hatte; ſie retten ihm Ehre und Kopf, und Beide ſind nur ein⸗ mal zu verlienen.— Der Rathsmann war ein junger Fanatiker; in den Kaſematten dieſer Feſtung wäre ſein Blut leicht abzu⸗ kühlen geweſen, meinte der Cornet.— Ich ſah Euch drei Kroaten vom Gaule hauen, Cor⸗ net Wolfſon, als wir das letzte Mal ausfielen, um das Geſindel zu vertreiben, das unſere Zufuhr auffing, ſprach der Oberſt mit rauhem Tone. Der Vierte gab Euch den Lanzenſtich und Kopfhieb, an denen Ihr über einen Monat darnieder laget. Warum jagtet Ihr die armſeligen Hunde nicht mit flachen Klingenſchlägen ohne Blut in das weite Feld hinaus?— Der Soldat muß das ſcharfe Beil ſein oder er wird der gefällte Baum. Der Feind, der ſich uns im Helme entgegen ſtellt, iſt der minder gefährliche. Die⸗ ſer Bürgerhauptmann mit gleisneriſcher Unterthänigkeit, 200 waffenlos in ſeinem ſchwarzen Wamms, hatte dem de Souches, dem gottloſen ſchwediſchen Ueberläufer, der Him⸗ mel weiß durch welchen unſichtbaren Teufel, Nachricht gege⸗ hen von unſerer Zahl, von jedem kranken Nordländer, den die Seuche im Hoſpital hielt, von jedem Pfunde Brod, das in unſern Magazinen lag, von jedem Platze der Um⸗ gegend', der einen Haltpunkt darbot, um unſern Werken zu ſchaden. Darum brannten ſechs Dörfer der Umgegend in letzter Nacht, darum verblutete der ungeſchickte Brief⸗ ſteller, und Cornet Wolfſon wird für künftig klug thun, wenn er Oberſt Paikuls Thaten weniger mit ſeinem jungfräulichen Herzen zu kritiſiren beliebt, als es heute geſchah!— Schmerzlich bewegt ſtand der junge Mann; die un⸗ gewohnte Sprache des, hochgeehrten Führers hatte ihn tief verwundet. Dennoch ermannte er ſich und ſtotterte mit ſichtlicher Beklemmung hervor: Ein Gerücht ſprach mir, die Strafe ſei ausgedehnt worden auf die Gattin, die Kinder des Unglücklichen, und nur für dieſe wollte ich bitten, anflehen die Milde eines Herzens, das ich nie unmenſchlich gefunden, das wie der große Guſtav Adolph immer nöthige Strenge mit ſchonendem Mitleid ver⸗ mählte.— Der Oberſt wendete ſich ab, wie es ſchien im geſtei⸗ gerten Unwillen, und im Rücken des Fürſprechers erklang die Thür und ein bärtiger Wachtmeiſter trat ein. Hauptmann Tjälmann läßt melden, ſprach der Reiter eintönig, daß des Herrn Commandanten Ordre vollzogenz der Arreſtant iſt eingeſcharrt, das Haus liegt am Boden, die Bürgerfrau iſt mit den Kindern aus dem Thor ge⸗ worfen. Auch iſt Alles ruhig in der Stadt, der Schrecken hat die Bürger ins Beit geſcheucht, ihr kaltes Fieber durch * ——,— 201 Angſtſchweiß zu kuriren, und die Gaſſen ſind ſo ſtill und leer wie die Scheren zur Winterszeit.— O mein Gott! ſeufzte der Cornet halblaut.— Doppelte Wachſamkeit! Keinen Zuſammenlauf gedul⸗ det! Die Schenkhäuſer leer gemacht vor der Vesper! commandirte der Oberſt. Zwiefache Wachen an den Tho⸗ ren, keine Büchſe ungeladen, die Reiter auf den Alarm⸗ plätzen, die Hälfte im Sattel! Schlafen wir, möchten die Fieberkranken wach werden.— Er winkte und der Wachtmeiſter machte Kehrt und verſchwand; da raffte ſich der Cornet auf und trat reſpekt⸗ voll, doch lebbaft zu dem Oberſt. Gebt mir Urlaub, ſagte er mit bebender Stimme, nur auf vier und zwan⸗ zig Stunden, Urlaub für einen Ritt in die Umgegend.— Und wohin? fragte der Oberſt ſtutzig.— Nach Proßnitz, antwortete Wolfſon ſcheu und die Blicke ſenkend. Es ſind viele Wochen, daß ich die Stenhammers nicht ſah. Ihr fandet mich ſelbſt noch zu ſchwach zum Dienſt, ſo erlaubt, daß ich der Freundin Sorge um mich vertreibe durch eigenes Erſcheinen.— Der Oberſt ließ das ernſte Auge einige Augenblicke haften auf dem Jünglinge; ſein Antlitz verlor nach und nach die düſtern Züge, und er fragte langſam: Treibt Dich das Herz zur Braut, auf Ehre Guſtav?— Das He Gewiß das Herz! ſtammelte der Cornet— Der Obeßſt ſtieß das Fenſter auf. Es iſt böſe Wit⸗ § terung, fuhr er fort, ein heftiger Nebel hüllt die Gegend immer dichter ein und löſet ſich ſchon in dauernden Strich⸗ regen auf; die Wege werden tief ſein.— Eben darum! ſtieß Wolfſon dringend hervor.— Auch könnteſt Du guf diebiſche Polacken, auf lauernde Kroaten ſtoßen.— ——,——————— —— ,— 202 Eben darum! wiederholte der Cornet dringender.— Der Oberſt trat zum Schreibepult und nahm eine Börſe heraus. Da! ſagte er, ſie dem jungen Soldaten reichend. Du haſt einen Monatſold gut, und möchteſt bei der Braut mehr nöthig haben, als Du bei Dir trägſt. Auch kannſt Du einen Rüſtkarren mitnehmen, wenn der Ritt im Wetter ermüden ſollte, Dich des Fuhrwerks zu bedienen; ebenfalls ſollen vier Reiter Deiner Schwadron Dich zum Schutze begleiten. Mach', daß Du hinaus kommſt, und Gott ſegne Ausmarſch und Heimkehr.— Mie Heftigkeit ergriff der Cornet des Oberſten Hand und preßte ſie einen Augenblick gegen ſeine Bruſt, dann beugte er ſich ehrfurchtsvoll und ging mit Eile. Iſt es recht, daß ich ihn reiten ließ? ſprach der Oberſt zu ſich ſelbſt, als er allein war. Und doch! Seinesglei⸗ chen ſind überall in Gottes Hut, und wohl dem im Kriegsgräuel ergrauten Kriegsmanne, der Stahl geworden wie ſein Küraß, wenn ein ſolcher kindlicher Mahner ihn zu Zeiten daran erinnert, daß ihn eine Mutter gebar mit Schmerzen, daß ſie ihn gebar, um ein Menſch zu ſein, daß der Krieg eine böſe Nothwendigkeit iſt, daß droben ein Gott waltet, und hinter der Ehrenſalve auf des Soldaten Grabhügel eine Ewigkeit wartet. Hätte der Tilly einen ſolchen Warner neben ſich gehabt, Magdeburgs Thürme ſtänden noch, und hätte der große König meinen Guſtav gekannt, nimmer würde er ihn von ſich gelaſſen haben, und die meuchleriſche Kugel bei Lützen hätte vielleicht in der Nähe dieſes Schutzengels nicht getroffen. Die frühe Novembernacht hattg längſt begonnen, und das trübe Wetter hatte den Einbruch der Dunkelheit be⸗ — ———— — ———— 203 ſchleunigt. In ſeinem ganz anſehnlichen Hauſe, an wel⸗ ches ſich ein weiter Hof, mit langen Speichern umgeben, anſchloß, ſaß der alte Bürger und Kornhändler Zabielsky im Sorgenſtuhle, dicht am Kamin. Feſt in ſeinen grauen Hausrock gewickelt, die graue Tuchmütze bis dicht auf die Augenbrauen herabgezogen, ſchien der Hausherr bei dem Schnurren des eintönigen Spinnrades ſeiner Tochter Dora eingeſchlummert zu ſein, und das Mädchen, wel⸗ ches weiter vom luſtig flackernden Feuer neben der Lampe ſaß, blickte oft trübſinnig zur Seite, und ſeufzte, da der Vater heute gegen ſeine Gewohnheit ſchweigſam, die lange Einſamkeit noch öder erſcheinen ließ. Das Zimmer hielt die Mitte zwiſchen eng und groß, war bequem und nett aufgeputzt, die Mobilien darin von glattpolirtem Holze, der große Wandſchrein mit blankem Zinngeräth und buntem Irdengut beſetzt, und an den weißen Wänden hingen ſogar mancherlei Schil⸗ dereien, Familienbilder, ein buntgekleckſter Wallenſtein⸗ und einige hiſtoriſche Oelgemälde in ſaubern Rahmen. Dora's Herzklopfen mehrte ſich mit jeder Viertelſtunde, und ſie verzupfte den weichen Flachs zu groben Fäden, obgleich ſie ſich ſonſt auf den Namen einer trefflichen Spinnerin etwas zu Gute that, und als der Hauskater im Winkel auf ſeinem Schemel in ſeiner Träumerei von ſeinen Kameraden ängſtliche halblaute Jammertöne hören ließ, als der Schlackerregen jetzt plötzlich mit lauter Ge⸗ walt vom Weſtwinde gegen die Fenſterklappen geworfen wurde, da machte die Dirne ſchon Anſtalt durch ein Rücken des Tiſches des Vaters Schlummer zu ſtören, als dieſer ſelber auffuhr, und ſeine Augen nach der Thür warf. Wieherte nicht ſein Schimmel im Hofe? fragte der Alte.— Ihr habt geträumt, Vater, antwortete Dora trüb⸗ ſinnig. Die Bodenthür des Speichers kreiſchte im Winde.— Meineſt Du ich hätte geſchlafen 2 Da ſchliefe ſich wohl, wenn der Krebs am Herzen frißt. Undank iſt die Erb⸗ ſünde; beißt doch der Säugling ſchon der Mutter Bruſt, die ihn tränkt. Der Menſch iſt toll, der ſich einer Nei⸗ gung hingibt. Haſt Du nicht dem Erzfeinde Deines Landes Leckerbiſſen gekocht, als wäre er ein Prinz ge⸗ weſen? Haſt Du ihm nicht Kräuterſäfte gepreßt und Wund⸗ waſſer bereitet, als wäre er Bruder oder Geſpons ge⸗ weſen? Und habe ich nicht wie eine Pflegamme an ſeinem Bette gewacht und ihm die Pflaſter gelegt, und er gehörte doch zu meines Kaiſers Feinden, zu den Mordbrennern mei⸗ nes Vaterlandes? Und jetzt, da er eben zum erſten Male hinausgeht und ein gutes Werk vorgibt, und meine Angſt ihn begleitet, da kehrt er nicht heim, läßt ſein Pferd holen durch ſeinen Burſchen, uns nicht einmal einen Gruß heimtragen und reitet hinaus, vielleicht in eine andere luſtigere Quartierſtadt, zum ſoldatiſchen Vergeſſen. Der vöſe Feind hole das Mitleid und alle Schwachheiten des menſchlichen Herzens! Dreißig Jahre der Noth, des Jam⸗ mers, der Unmenſchlichkeit haben über dem armen Reiche gehangen; wüßten die Landsleute, was mich heute grämet, ſie würden hohnlachen über den alten Narren, der in dreißig eiſernen Ihren nicht verlernet weich zu ſein, den das verrufene Fluchwort: Schwediſch Quartier! nicht geſchreckt, als er an einen ſolchen eisgefrornen Nordlän⸗ der ſeine zuſammengeſchmolzene Habe und den letzten Reſt ſeiner Liebe verſchwendete.— Das Mädchen war langſam aufgeſtanden, leiſe zu dem zornigen Alten geſchlichen, und hatte ſich neben ihm 205 niedergekauert und an ſein Knie geſchmiegt. Nicht ſo vöſe ſein, Väterchen! bat ſie, und das Auge flimmerte feucht, wie ſie es zu dem Alten erhob. Könnet Ihr wiſ⸗ ſen, ob er nicht gemußt? Habt Ihr nicht oft erzählt, wie dieſe graubärtigen Oberſten eben ſo barſch und ſtreng gegen das eigene junge Kriegsvolk ſind, wie ſie es gegen unſere Bürger geweſen? War nicht der Wolfſon immer gütig und ſittig und fromm, wenn auch auf andere Weiſe als wir, und hat er unſer Haus, ſeit er hinein trat, nicht vor jedem Unfug bewahrt, der die Nachbarn peinigte? Könnte ſich denn ein Menſch alſo wandeln zwiſchen Mor⸗ gen und Abend.— Ich darf ſie nicht ſchelten, murrte der Alte halblau vor ſich hin. Hat ſie das weiße Geſicht mit den Kinder⸗ augen beſtochen, und der Herzenston, mit dem der Fremde ſprach, ſo muß ich ſchweigen; ging's mir altem erfahre⸗ nem Manne doch nicht beſſer beim erſten Blick, den ich auf den undankbaren Burſchen geworfen. Aber kommen, hier auf das Pferd ſteigen, Abſchied nehmen, das hätte der Hartherzige doch jedenfalls gedurft, ſetzte er laut und hart hinzu.— Das Mädchen verſtummte, als fühlte ſie die Wahr⸗ heit des Vorwurfs mit, ja vielleicht in zwiefachem Kum⸗ mer, und ſie legte das dunkelgelockte Köpfchen in des Vaters Schooß, und Beide ſchwiegen eine lange Zeit. Ein Pochen an der Hofpforte weckte ſie aus ihrem Sinnen, ſie horchten Beide gleich aufgeregt, doch ſie hörten nur des Hausknechts Stimme, hörten ihn öffnen, ohne daß ein Hufgeſtampf folgte, und als die Jungfrau eine bekannte Stimme auf dem Vorplatz vernahm, erhob ſie ſich raſch und nahm ihren Platz wiederum hinter dem Spinn⸗ rade. 206 In die Thür trat bald darauf ein junger Mann in bürgerlicher Tracht, ihm folgte ein Fremder, deſſen Aeußeres eben nicht gefällig erſchien, weder für den um Habe und Gut in ſolcher Zeit bangenden Vater, noch für die der feinen Geſellſchaft des jungen Schweden ge⸗ wohnte Tochter. Es war eben jener ſchmutzige Polack, welcher früh auf der Feſtung dem Cornet begegnete.— Der junge Bürger warf einen mißtrauiſchen Blick im Zimmer umher, ein zweiter von finſterer Art weilte einen Augenblick auf der Jungfrau, die ſich zu ihrem Rade niedergebogen, dann trat er zu dem alten Zabielsky, der neugierig den ſpäten Gäſten entgegenſah. Guten Abend, Vater Jakob! ſprach er. Ich bringe Euch Jemanden, der eine Botſchaft hat an Euch, die keinen Aufſchub litt, und der nicht früher zu Euch ein⸗ treten durfte, weil er die Spürhunde, die uns täglich wund beißen, zu fürchten hat.— Beſorgt drehete ſich der Hausherr gegen das Licht herum, ſeine Frage erſtarrte vor den Gedanken, die ſolche Anrede in ihm weckte, und er ſtand langſam auf von ſeinem Seſſel, und nickte einen ſtummen Grus gegen die Gäſte. Der Polack mit ſeinem Kahlkopfe, von dem er die Mütze gehoben, mit dem weißen, zöpfigen Barte und dem narbigten Angeſicht, trat jetzt ebenfalls heran, und reichte die breite Hand dem ſcheuen Bürgersmanne entgegen, der mit ſichtlichem Widerwillen den grüßenden Handdruck erwiderte. Ihr ſeid Herr Jakob Zabielsky. ſagte der Fremde dazu mit einer tiefen, rauhen Stimme, als der beſte Inſaſſe der Provinz bekannt bis zur Kai⸗ ſerſtadt hinauf? Willkommene Bekanntſchaft für jeden, der es gut meint mit der alleinſeligmachenden Kirche, mit dem Erbfürſten und ſeinen Landsleuten, und die 207 Hölle herab betet auf die verfluchte Ketzerſchaar, die der Satan uns zum Unglück beſchirmte. Ich habe ein ge⸗ heimes Wort zu reden mit Euch, wenn's verlaubt! ſetzte er mit einem ſchielenden Blicke auf das Mädchen hinzu.— Schick uns ein Maas Wein herein, Dora, und be⸗ reite Abendbrod zu vier! befahl Zabielsky, den Wink verſtehend, und das Mädchen verließ gehorſam das Ge⸗ mach, ohne aufzuſchauen, obgleich der junge Bürger Miene machte, ihr den Weg zu vertreten, und es ſchien, als dränge es ihn, zuvor auch an ſie ein grüßend Wort zu verſenden.— Als ſie verſchwunden, kehrte ſich der junge Mann mit Heftigkeit gegen den Vater. Ich halt's nicht aus, Vater Jakob, fuhr er barſch heraus, wenn es die Dora ſo fort macht, ſo greif' ich mein Meſſer, dränge mich an den Commandanten, und ſtoß es ihm in die Bruſt. Mag ſie dann mit eben dieſem froſtigen Geſicht zuſchauen, wenn ſie ihres Verlobten Leib mit den Pallaſchen zu Brei ver⸗ hacken oder mit Kugeln zum Siebe machen, wie ſie's heute mit dem armen Focky gethan.— Zank unter Liebesleuten iſt wie Mairegen, hält nicht an und es wächst alles Grüne darnach, antwortete Za⸗ bielsky leichthin, indem er ſein düſteres Auge nicht abzog von dem andern ſchmutzigen Gaſte.— Kaltſinn in der Liebe iſt wie Märzfroſt, zerſtört Blüte und Blatt, und Untreue in der Liebe iſt wie Kirchen⸗ diebſtahl, nimmt Monſtranz und Hoſtie zugleich, tödtet den Glauben und vergiftet das Herz dazu, rief der junge Mann mit wachſendem Ingrimm.— Wer mein Mädchen untreu nennt, iſt ihr nicht werth, antwortete der Alte mit Unwillen. Hätte ich nicht Mit⸗ leiden mit Deinem eiferſüchtigen Wahnſinn, und wäre 208 mir nicht von vordem ſelbſt ſolch Fieber bekannt, beim heiligen Chriſtinus, Du ſollteſt keine Stunde mehr den Ring der Verlöbniß an Deinem Finger tragen.— Auch Ihr fallet mir ab, Vater Jakob? fragte da ſchmerzlich der Junge und ſein Geſicht war bleich gewor⸗ den und ſeine Glieder bebten im ſichtlichen Erſchrecken. Bin ich nicht ein guter Sohn geweſen, ſeit Ihr mir die Dora verſpracht? Habe ich Euch nicht beigeſtanden im Geſchäft und in jeder Noth, und meine Wollfabrik liegen laſſen darum? Auch Euch hat der ſchmeichleriſche Schwede behext mit ſeinen ketzeriſchen Teufelskünſten, wie er mir des Mädchens Herz geſtohlen durch ſein glattes Schel⸗ menwort. Ich hab's langſam kommen ſehen von Tage zu Tage, ſeit ſeine verfluchte Sohle über Eure treue Schwelle ſchlich. Müßtet Ihr und ſie denn nicht an meiner Liebe zweifeln, ſähe ich es geduldig an, wie die Braut nur für den Fremden lebt und ſorget und ſich abmühet, unterdeß ſie dem Geſpons täglich die Liebko⸗ ſungen ſchmäler zumißt?— Sehet nur hin! Blickt ſie wohl ein einziges Mal zu mir her, indem ſie dort den Krug und die Paßgläſer auf den Tiſch ſtellt? Wer's länger trüge, wäre ein Menſch von Stein oder ein Dümmling. Hinaus will ich zu ihr, eine einzige Frage thun, und antwortet ſie nicht beſſer als geſtern, ſo rufe ich Aufruhr durch die Stadt, daß mich augenblicks die Patrouillen mit ihren Pferden zu Boden ſtampfen.— Der Alte faßte feſt des Ungeſtümen Arm und ſagte nachdrücklich und ernſt: Freund Kromerzig, Du bleibſt! Meine Dora iſt mein einzig Kind, und der einzige Schatz, den ich mir aus vielen Unglücksnächten gerettet. Sie hatte nur eines guten Vaters Warnungswort und her⸗ zigen Rathſpruch gehört, bis Du zu ihr trateſt mit 209 ſtürmiſchem Werbeſpruche. Feine Haut duldet keinen rauhen Wind. Zwiſchen Liebesleuten darf keine Sonne unter⸗ gehen vor der Verſöhnung, ſonſt wird über Nacht leicht ein böſes Wetter ohne Ende aus dem Wölkchen. Darum erkaube ich Dir, Nikolas, wenn unſer Geſchäft mit dem fremden Herrn abgemacht, die Dora zu verſöhnen, und das in Demuth und Abbitte, denn ich, der Jakob Za⸗ bielsky, deſſen Credit ſeit dreißig Jahren feſtgehalten von Trieſt bis Kronſtadt, ſage Dir, die Dora iſt ſo ehrlich wie ihr Vater, und haſt Du verloren in ihren Augen und in ihrem Herzen, ſo iſt's Deine eigene Schuld allein.— Der Hausherr wandte ſich jetzt gleichmüthig ab von dem jungen Burſchen, der ſeine Lippen mit den weißen Zähnen biß, und ging zu dem ſeltſamen Gaſte, welcher längſt ſchon dreiſt und ohne Umſtände ſich's auf einem Seſſel am Tiſche bequem gemacht, und einen Becher voll geſchenkt und ihn bis zum letzten Tropfen geleert hatte. Recht ſo, mein wackerer Gaſt, ſagte er nicht ohne Ironie; Ihr wißt des Wirths Vergeſſenheit gut zu ma⸗ chen.— Der Fremde glotzte ihn mit den rothumrandeten Augen forſchend an, ſtrich aus den Zöpfen des Bartes die Weintropfen und entgegnete: Meine Reiſe nahm den Schlaf und jede Bequemlichkeit, darum drückte Eures Nachbars Poſſenreißerei mir Blei auf die Augen, und ohne Euer gutes Gewächs hier in dem Kruge hätte mich der Schlaf auf die Faulbank geworfen. Ja, ja, Alter⸗ chen, Sorge und Strapazirung hat uns Beide vor der Zeit zu weißen Schneemännern gemacht. In den pol⸗ niſchen Wäldern war der Simon Motal ein ganz anderer Kerl, und wer ihm damals begegnete, wich zwei Schritte zur Seite, und ging ihm der Koth auch bis über die Sporen. Aber Euer Wein hat das rechte Blutfeuer und Blumenhagen. R. 14 21⁰ bei dem Säbel der Jagellonen, ich habe in der Burg zu Wien kaum einen beſſeren Tropfen auf der Zunge gehabt.— Der Hausherr war bei dem vorletzten Redeſatze be⸗ ſonders bleich geworden, und hatte unwillkürlich ſeinen Seſſel etwas weiter von dem kecken Sprecher gerückt; doch die Frage, welche ihm ſchon auf die Lippe trat, verſchwand in dem Erſtaunen, welches die letzten Worte des ſchmutzigen Pelzträgers erwecken mußten. Ja, fuhr der Bärtige hochmüthig fort, Euer Dirnel vergriff ſich nicht, als ſie das Beſte Eures Kellers heran⸗ trug. Kinder haben Prophetenaugen und ſchauen durch den Rock. Das krauslockigte Ding erkannte, welch eine Botſchaft mit mir eintrat, und welche Hoheit Euren Gaſt abgeſchickt.— Mit einem grinſenden Lächeln, das aus Spott und Mitleid zuſammengeſchmolzen ſchien, und das häßliche Geſicht noch widriger machte, riß der alte Polack ſein Meſſer aus der Scheide, griff nach der Mütze und zerſchnitt vorſichtig die Nähte derſelben. Mit wachſender Neubegier ſahen die Zuſchauer ihn einen Brief aus dem unſcheinbaren Futteral hervorziehen, und als er denſelben mit gemeiner, linkiſcher Feierlichkeit dem alten Zabielsky überreicht und dieſer darin die Unterſchrift und das Wachsſiegel des Biſchofs erkannt hatte, ſo erhob ſich der getreue Bürgersmann langſam in beklemmender Ueber⸗ raſchung vom Stuhle, nahm das Käppchen vom Silber⸗ haare und fragte ſcheu und wie im Unglauben: Ver⸗ zeihet, edler Herr! Cavalier ſeiner Hoheit, oder Oberſt oder Excellenza? Wie titulirt man Gnaden?— Der alte Griesgram lachte wild und laut auf, daß davon die Paßgläſer erklangen, und der Hauskater er⸗ ſchrocken einen Satz bis zur Thüre that. 241 Bleibet mir vom Leibe mit derlei Titulaturen und Alfanzereien, rief er aus. In unſrer Zeit gebraucht man ganz andere Kerle zu ſolchen Geſandtſchaften, bei denen die Kammerherren und Gardiſten froſtige Fieber bekommen würden. Als der Motal jung geweſen, hat er grimmige Bären gezähmt und ſich zu Reiſekameraden abgerichtet; ſeit er alt geworden, treibt er ein einträg⸗ licheres Geſchäft, doch ähnlich dem vorigen, und weiß den ketzeriſchen Raubthieren Maulkörbe und Blendkappen aufzuhängen in Kaiſers Dienſte und im Dienſte der hei⸗ ligen Kirche, die ihm dafür die böſen Sünden ſeiner frühern Jahre vergibt. Glaubt mir, der ſtolze Schwe⸗ denkönig lebte vielleicht noch zum Verderben der Kirche, hätte der Motal nicht gerufen: Musketier, ſchlag auf den da an; der muß kein gemeiner Reiter ſein.— Stehet nur nicht da wie ein geſpießter Froſch, mein Alterchen. Leſet! leſet! Der Inhalt des Gnadenbriefes wird Euch noch mehr Herzklopfen machen, als der Botſchafter ge⸗ than, der ihn brachte.— Er hatte Recht, denn unterdeß er dem Becher neuer⸗ dings zuſprach, ſtieg eine Glutroſe nach der andern auf Jakobs fahles Geſicht, bis die Hand mit dem Send⸗ ſchreiben wie erlahmt auf den Tiſch ſank. Mein Herr und Gott, ſtammelte er, wie kommt ſolche Gnade in mein Haus? Bürgermeiſter dieſer Stadt ſoll ich ſein durch der Hoheit Spruch; ſoll ſelbſt einſetzen einen neuen Rath mir zur Seite aus den tüchtigſten der Lau⸗ benherren und Gewerbsmeiſter, und ſoll thun nach eigenem Gedünken, was die Zeit erheiſcht in des Erzherzogs Na⸗ men und Machtvollkommenheit? Belobt hat die Hoheit, daß ich meinen Mitbürgern geholfen mit Habe und Gut, wie es doch nur gemeinſame Chriſten⸗ und Bürgerpflicht 212 geweſen, und große Gnaden und Freiheiten will der ge⸗ waltige Herr noch künftig ſenken auf mich und meine Familie. O lag denn nicht ſieben Jahre hindurch ſchon der Sorge und des Grams genug auf des alten Jakobs Scheitel? Muß die Gnade des verehrteſten Herrn das Maß übervoll machen, daß den treuen Bürger die Laſt erdrückt, und ſein Kind vor der Zeit eine Waiſe werde?— Stutzig fuhr der Pole empor. Habt Ihr überſchnappt, Freundchen, im Sonnenſtich der fürſtlichen Gunſt? fragte er. Nach dem, wozu Ihr verufen, mußte ich einen andern Mann in Euch erwarten.— Vater kommt zu Euch, rief zugleich Niklas, des Alten Schultern umfaſſend; ſolche Ehre krönet ja Euer Kind mit Euch, und macht Euer Haus groß im ganzen Mäh⸗ renlande.— Zabielsky holte tief Athem, wiſchte ſich Stirn und Augen und gewann die beſonnene Ruhe mit Anſtrengung, die ſonſt die Seinigen an ihm gewohnt waren. Ihr habt mir viel ins Haus gebracht, mein edler Gaſt, ſagte er zu dem Polen, und meine Dankbarkeit ſoll Euch zeigen, wie ich's zu ſchätzen weiß; doch zuvor ſprecht die Auf⸗ träge aus, die Ihr mündlich für mich im Gedächtniß traget, denn alſo beſagt ſich's am Schluſſe des gnädigen Schreibens von unſerm hochgeliebten Herrn.— Der Fremde ſetzte ſich bequem zurecht, und erzählte mit kalter Weitſchweifigkeit. Er erzählte von ſeinem letzten Marſche durch das heilige, römiſche Reich, das er kannte mit allen ſeinen Winkeln und Grenzpfählen wie Herr Jakob Zabielsky ſeine Keller und Speicherkammern. Er erzählte von den Kriegesbegebenheiten des letzten Jahres, und immer aufmerkſamer hörten ihm die beiden Olmützer zu, wenn auch mit immer trübern Geſichtern. 213 Er erzählte, wie niemalen in den dreißig Jahren, welche bereits dieſer grauenvolle Krieg gedauert, die Lage der Kaiſerlichen gefährlicher geweſen. Die heimliche Zwie⸗ tracht zwiſchen Schweden und Franzoſen, die der Neid geboren und Oeſterreichs Unterhändler ſchlau genährt, ſchien vertilgt bis auf den letzten Giftkeim; der rauhe Guſtav Wrangel, der beſonnene Türenne und der ritter⸗ liche und ungeſtüme Herzog von Enguien, ſchienen jetzt zum erſten Male einig geworden, dem Kaiſerhauſe den Todesſtoß zu geben. Melander, Ferdinand's tüchtigſter General, welcher vor Kurzem noch mit muttermörderiſcher Fauſt ſeine Heimath, das Heſſenland, grauenvoll verwüſtet, war an Baierns Grenze verblutet, und das Ketzerheer zog auf derſelben Bahn, welche der große Schwedenkönig einſt mit ſeinen Trophäen bezeichnet, gerade auf des Kaiſers Erblande heran und in Wien zitterte man faſt ſo arg, wie ehedem vor des Halbmondes grimmigen Schaaren. Nirgend fand ſich die eilige Hülfe, welche nöthig; Bran⸗ denburg und Sachſen ließen ſich nicht aus ihrer Neutra⸗ lität ſchmeicheln, jenes aus Vorſicht ſeines großen Re⸗ genten, dieſes aus unbezwinglicher Erſchöpfung; Spanien rang ſelbſt in gefährlichſter Kriegesnoth; Dänemark hatte mühſam Frieden gewonnen; und Oeſterreichs letzter Bünd⸗ ner, der ſtandhafte, ſchwer geprüfte Baier ſchwankte in der neuen Opferung, und bei dem neuen Elend, das über ſein Stammland und ſeine gemarterten Unterthanen zum dritten Male vom mitleidsloſen Schickſale verhängt worden. Nur eine ſchwache Hoffnung, und kaum war ſie ſo zu nennen, ruhete auf dem wagherzigen Piccolomini, der aus den Niederlanden die letzten Reſte einer Armee zum Schutze des Kaiſerhauſes heran trieb. Der Schrecken der katholiſchen Partei ſtieg bei dieſer ſchnellen, ungünſtigſten —————— 214 Wendung der Dinge bis zu der höchſten Verzweiflung, und als jetzt der tollkühne Königsmark voraus dem bunten Fahnenwalde der Allirten, der wie ein Verderben kün⸗ dender Zauberwald von Birmingham mit jeder Stunde dem Herzen Oeſterreichs näher zog, mit ſeinen leichten Truppen in Böhmen eingefallen war, und faſt ohne Schwertſchlag Prag gonommen hatte, da zagten auch die Muthigſten, und glaubten die heilige Kaiſerkrone und die heiligere Kirche verloren, und den abtrünnigen Rotten preisgegeben, die in ihren grauſamen Waffenthaten oft genug bewieſen hatten, wie ihrer blutbefleckten Ferſe kein Heiligthum als ſolches galt, und das allgemeine Entſetzen gebar den ſchmählichen Wunſch, voch wenigſtens nur in franzöſiſche Hände zu fallen, da man von dem glaubens⸗ verwandten Frankreich mildere Behandlung, ja Schonung und Mitleid hoffen durfte.— In roher Rednerweiſe, von manchem grauenvollen Fluche durchbrochen, hatte der grimmige Motal bis da⸗ hin ſeine Erzählung vollendet, und dabei dem heißen Tranke, der ihm aufgetiſcht, in ſteigender Wuth ſo tapfer zugeſprochen, daß ſein häßliches Antlitz in wachſender Erhitzung zuletzt einem teufliſchen Dämonenkopfe ähnlicher ſah als menſchlichen Gebilden. Alle Heiligen mögen für uns bitten! ſprach mit in⸗ nigem Tone der Frömmigkeit und gefaltenen Händen der Hausherr, als der rauhe Gaſt ſich jetzt eine Erholungs⸗ pauſe vergönnte. Haben wir und das ganze Land ſchon zur Genüge gehabt an den Garniſonen der feſten Städte, die Blut und Mark bis zur Abzehrung ausſogen, wie werden wir dann beſtehen, wenn der Krieg einen neuen Feuerſtrom über uns und unſere letzte Habe hinwälzt? Und was ſoll mir die Gnade des Biſchofs, was die 215 Ehrenſtellen in ſolcher Zeit? Eine Ungnade möchte man's nennen, denn wer die Heerde zu ſtehlen gedenkt, ſchlachtet zuerſt den Hirten; und die Unart des Niedrigſten der Gemeinde rächt die Soldateska am Rath und ſeinen Vorſitzern.— Schöne Leute ſeid ihr! rief wild der bärtige Polack und ſchlug dabei auf die Tafel, daß die Becher wankten. Herr Leopold muß euch wenig gekannt haben, ſonſt hätte er gerade mich wenigſtens nicht zu euch geſendet. Auer⸗ ochſen und rieſigen Elenthieren meinte er euch vergleich⸗ bar, welche die Kette nur unbändiger macht und ihren Grimm ſtachelt; und ihr denkt an's Mauſeloch und klappert wie ein Knochenmann am Galgen, wenn man nur von einer ketzeriſchen Trompete erzählt, die noch weit von euch ihren ſataniſchen Kriegsmarſch hören läßt. Des unerſchütterten Erzherzogs Vertrauen iſt eine Perl vor den Säuen, und hätte ich nur noch meine dummen Bären im Stall, bei dem Pferdefuß des Schwarzen! ich glaube, meine braunen Pelze würden ſich beſſer auf des Kaiſers Widerſacher hetzen laſſen als ihr ſchlafmützigen Hammel.— Wählt Eure Worte höflicher, ſiel Zabielsky finſter ein, oder nennet uns einen Mann in der Markgrafſchaft, der das Vertrauen ſeines Landesherrn in dieſen langen Unglücksjahren betrogen, und wenn Ihr auch unter den Schranzen und Generalen ein Beiſpiel der Art finden möchtet, Bürger und Bauer ſind treu geblieben wie Gold im glühenden Schmelztiegel. Wir haben gehungert und geblutet; geht auf den Domplatz und Ihr könnet friſch Zeugniß davon an der blutigen Mauer finden, Zeug⸗ niß, das noch keinen Tag alt geworden. Aber was ſoll der wehrloſe Bürger thun, wenn es dem Herrn am 216 Kriegsvolke mangelt, und man in Wien ſelber verzwei⸗ felt?— Niemand iſt wehrlos, wenn ihm Ehre und Freiheit mehr gilt als das Leben, murrte der Pole. Es gilt die Heiligen, die Kirche, gilt die Seligkeit hier und jenſeits. Weiber vertheidigten am Bodenſee den Paß gegen die nordiſchen Rieſen. Längſt hätten alle guten Katholiken ein Gleiches thun ſollen, überall wo ſich ein fremder Rock vor ihrer Hausthür ſehen ließ. Doch jetzt iſt die höchſte Zeit dazu. In allen Erblanden wird ſich das Volk er⸗ heben zu gleicher Zeit. Die Hauptſtadt muß voran gehen bei euch, und ihr ſollt der Hauptſtadt voran treten. Ehe ſich das wüthende Heer der Glaubensfeinde nähert, müſſen alle Beſatzungen ausgerottet ſein mit Stumpf und Stiel, daß der Feind keinen Anhalt findet und keinen Feſtungs⸗ ſchutz. Uebermorgen um Mittag trifft der junge Hatzfeld mit einer fliegenden Colonne von Kroaten und Panduren ein vor den Thoren eurer Stadt; übermorgen feiern die Schweden bei euch ein Siegesfeſt wegen Königsmark und Prag, von denen ich ihnen Botſchaft gebracht; übermorgen ſchlachten die Bürger von Olmütz die Wolfsheerde, die ſo lange ihre Banner ungeſtraft zerriſſen. Trunkenheit, Völlerei, übermüthige Sicherheit wird uns die Großthat leicht machen, und der alte Motal kann Euch mit Rath und That dabei voran gehen, denn er verſteht ſich auf dergleichen.— Starr wie ein Scheintodter ſaß der alte Jakob, und ſeine trüben Augen ſtierten aus dem bleichen Geſicht hervor den Verwegenen an, der geſprochen. Der junge Nikolas ſchwang jedoch wildluſtig ſein Glas, und ſtieß gegen den Becher, welcher ungeleert vor dem Hausherrn ſtand. Der erſte Feſttag ſeit Jahren! rief er mit frecher Leichtfertigkeit. 217 Der erſte Tanz, bei welchem wir die Pfeifen blaſen! Stoßet an, Vater; Tod der Ketzerbrut!— Iſt nicht heut erſt der wackerſte Rathsmann wie ein Miſſethäter geſtorben? ſagte halblaut und mit innerm Schauer der Angerufene. Schmachten nicht zehn der Beſten von uns als Rebellen bezeichnet in den Kaſſematten? Wird dieſe letzte Geſchichte nicht den Feind achtſam machen und jede Verabredung unmöglich?— Daß die Geſchichte mißlungen, macht ihn ſicher; er glaubt euch eingeſchüchtert auf lang, und darum ſchon übermorgen! fiel Motal herriſch ihm ins Wort.— Die Verabredung iſt ſchon gethan, jubelte der junge Kromerzig. Unſer Gaſt ließ ſich im Dämmern von mir herum führen von Haus zu Haus; die Schweden beach⸗ teten ihn nicht, denn er gilt für des Commandanten Freund. Alle guten Nachbarn und Freunde ſind wüthige Rüden geworden, ſeit ſie das Blut des Focky am Dome geſehen. Alle werden morgen den ſchüchternen Knecht⸗ den kriechenden Fröhner ſpielen, aber nur einen Tag noch, den letzten, um übermorgen die freie Fauſt im Eingeweide des Erzfeindes zu färben.— Entſetzlich, ſtöhnte Zabielsky. Der Soldat muß ein Würger ſein, denn ſein Stand befiehlt ihm die Blutthat und er wird gelohnt dafür. Aber der Bürger ſoll ſtill und duldſam erwarten, wie der Herr der Heerſchaaren die Würfel des Krieges fallen läßt. Und wenn nun der zweifelhafte Ausgang neues Verderben über uns herab⸗ ſtürzte? Oberſt Paikul iſt der umſichtigſte und wachſamſte Schwede im ganzen Mährenlande.— Dem Motal ſteht ſeine Thür offen, entgegnete heftig der Polack, und dieſes blanke Meſſer iſt längſt geſchlif⸗ fen für ſein Fleiſch. Ich ſchlachte ihn zuerſt, daß der 218 Heerde der Stier mangele, an deſſen Führung ſie ge⸗ wöhnt.— Er war Euch zugethan; ließ ſich zu Euch herab; Ihr trankt aus ſeinem Becher! ſtotterte der alte Jakob in gedrückter Stimmung.— Der Teufel ließ ſich zu ihm herab, fluchte der wilde Simon, nicht er zu mir. Ketzer, und hätte ein abtrün⸗ niger Pfaff ſie geſalbt, gehören unter die Sohle jedes Rechtgläubigen. Dankbarkeit gegen ſie iſt Sünde, ge⸗ haltenes Wort leichtfertiger Frevel; ſie und ihre Brut verderben iſt Tugend und ſterben dabei iſt Märtyrerthum. Beim Sankt Petrus, der dem Heiden das Ohr zerhieb, Ihr ſprecht nicht wie ein Kaiſerfreund, und man ſollte Euch der Satanslehre zugethan glauben.— Sollen wir harren, bis nichts mehr zu verlieren, nichts mehr zu gewinnen iſt? ſtürmte der junge Nikolas dazwiſchen. Seht Euch um, Vater Jakob, in der armen Stadt, die vordem die Zierde des Landes war. Die Hälfte unſerer Häuſer ſtehen öde und leer. Die beſten Bürger ſind flüchtig worden, haben ihr Eigenthum preis⸗ gegeben, um nur nicht Frohnknechte des fremden Volkes zu bleiben; die, welche weniger entſchloſſen waren, frißt der Hunger oder die Seuche, die mit der Kriegsnoth in die Stadt gedrungen. Wer möchte nicht lieber übermorgen fallen unter den ſcharfen Eiſen in rächender Wehr, als länger geduldig tragen, was täglich ſchwerer laſtet? Alle Nachbarn jauchzen heimlich über die Gelegenheit, die dem Sieger Freiheit, den Gebliebenen ſchnellen Eingang ins Himmelreich verſpricht. Warum theilt Ihr nicht die Vor⸗ freude? Vater Jakob, laſſet uns nichts Arges denken. Sollte der Gewinn, den Ihr hattet durch das Kriegsvolk, Euch läſſig machen? Nein, nein, Ihr hängt immer treu 219 an Kaiſer und Kirche. Wie, oder iſt es der junge Schwede, der Euch behext, Euch und alle Eure Hausgenoſſen? Wüßte ich's, bei der Hölle, in dieſem Augenblicke griffe ich des Gaſtes Meſſer und zöge es durch die Gurgel des verdammten Fantes.— Der alte Zabielsky war in furchtbarer Klemme. Der Polack ſchoß Brandkugeln aus den rothen Wolfsaugen nach ihm und der junge Freund ſtieß mit ſeinen folternden Worten Dolche in ſein Herz. Du ſelber, junger Geck, ſprach er ſich ermannend und mit künſtlicher Feſtigkeit, wie wagſt Du ſolchen Argwohn gegen Deinen künftigen Vater, gegen den Mann, dem des Hochwürdigen Gnaden ſolch hohen Platz in dieſer Stadt anvertrauet? Greiſer Verſtand wiegt ab, wo die Wuth hinein ſtürmt und Knabenwitz mit Schaffot und Mordbrand ſpielen will. Dieſes Blatt macht mich zum Erſten dieſes Ortes, und als ſolcher werde ich über Nacht berathen, welche Mittel am ſicherſten dem großen Zweck zu Dienſt ſein könnten. Was den jungen Schweden an⸗ geht, ſo ficht Deine Narrheit mit Windmühlen, denn ſchon ſeit heut Morgen hat er dieſes Haus und nachher unſere Stadt verlaſſen.— Der Standartenjunker iſt fort? jubelte Nikolas. Trefflich, dann ſind zwei Sorgen auf ein Mal zerflogen. Ihr müßt Herrn Simon bei Euch behalten auf dieſe Racht, denn ſein ſpätes Wandeln in der Stadt könnte Argwohn auf ihn lenken. Nun kann er ſchlafen in dem Schwedenbett, und morgen deſto ſicherer mit Euch Rath pflegen.— Der Schwede lag lang krank; fürchtet unſer Gaſt die Seuche nicht? fragte Zabielsky ausweichend.— Was kümmert dem eiſernen Leibe der Ketzerdunſt? 220 lachte der Polack. Ich habe in ganz andern Mordgruben geſchlafen wie auf Flaum und wie im Rauten⸗Duft. Bringt mich nur hin in die Spelunke, denn meine ſteifen Glieder fordern Ruhe nach der Anſtrengung dieſer Tage, und Erſtärkung für die nahe Blutarbeit iſt ihnen eben Noth.— Es iſt keine Spelunke, ſondern der beſte Platz im Hauſe, antwortete Nikolas hämiſch und nahm die Lampe. Wenn's Vater Jakob erlaubt, leuchte ich ſelbſt Euch hinauf, und nehme mir eine Freude mit, wenn das Bett wirklich leer iſt.— Der alte Hausherr antwortete in ſeiner innern Zer⸗ knirſchtheit nicht auf die neue Herausforderung, grüßte dafür nickend den Gaſt, und es ward ihm leichter zu Muth, als beide das Zimmer verlaſſen, leichter noch, als er letzt den jungen Bürger die Steige wieder herab⸗ ſteigen, ihn in der Küche noch einige laute Worte mit der Tochter wechſeln, und dann das Haus verlaſſen hörte. Doch nicht lange ſaß er in bittern Gedanken verſenkt, abwägend im Innerſten ſeiner Seele, was er thun, was er nicht thun ſollte, da flog bleich wie ein Geſpenſt, leichtfüßig wie ein todtwundes Reh die ſchöne Dora ins Gemach, warf ſich an des Vaters Bruſt, ſank dann wie erſchöpft an ſeinem Knie nieder und umfaßte mit den weißen Armen ſeinen Leib. Vater! ſtammelte ſie mit halbem Athem. Vater! Thut es nicht! Macht keine Gemeinſchaft mit dieſen böſen Leuten! Stürzt Euch, ſtürzt Euer Kind, Eure Nachbarn nicht mit Euch ins Verderben.— Du haſt gehorcht? rief erſchreckt und erzürnt zugleich der Vater.— Die Thür war nur angelehnt, entgegnete ſie, und 221 die Unmenſchen brüllten ja von ihren Unthaten, daß der Wächter im letzten Speicher es hätte hören mögen. O Vater, ich gehe nicht in mein Kämmerlein, ich kauere mich zu Eures Bettes Füßen hin. Wie könnte ich ſchlafen, wenn der gräßliche Menſch unter unſerem Dache bleibt! Die ganze Tenne roch nach Blut, als er hindurchgegangen. Und wie könnet ihr Alle umbringen wollen? Wäre ja doch der Guſtav, der gute, ſtille Menſch dabei.— Er iſt undankbar davon gezogen, murrte der Vater tiefſinnig; was kümmert er uns jetzt noch.— Er wird wieder kommen, muß wieder kommen, fiel ſie haſtig ein, liegt doch oben noch ſein Mantelſack, und hängt im Stall doch noch ſeines Hengſtes Staatsgeſchirr. Er wird kommen, und wie wollt Ihr ihm dann entgegen treten mit ſolchem Vorſatze im Herzen? Werdet Ibr ihn anſchauen können, ohne das fürchterliche Geheimniß zu verrathen?— Zabielsky ſtrich ſich über Stirn und Augen. Ja, ſagte er mit einem Seufzer, der leichte Burſch hatte mir mein Vertrauen entriſſen, vielleicht mit ketzeriſcher Höllenkunſt. Das iſt vorüber. Undank ſprengt alle Herzensbande. Freue Dich, daß er fern iſt; bete, daß er fern bleibt. Bewahre Du indeß ſtreng das Geheim⸗ niß; fiele Licht darauf vor der Zeit, verdürbeſt Du vater⸗ mörderiſch mich und Alles, was Dir theuer ſein muß. Gott und ſeine Heiligen mögen ſorgen, ſchützen, rathen und helfen. Des Herrn Wille geſchehe, führe er zur Freiheit oder zum Tode.— Er hob andächtig die gefalteten Hände zur Decke; das bleiche Mädchen aber ſchluchzte laut in ſeinem Schooße: O wenn wir dann nur ſo zuſammen und in demſelben Augenblicke ſterben dürften!— 222 Der folgende Tag erſchien mit heiterem Himmel; der nördlichere Luftzug hatte die Nebel verjagt, und eine ermunternde Friſche deutete den Uebergang des trüben Herbſtes zum Winter an. Stiller noch wie am geſtrigen Schauertage lag die Stadt Olmütz; die Bürger weilten wie im Schreck verſchüchtert in den Häuſern, und wen das Geſchäft auf Gaſſen und Plätze trieb, den ſah man mit gebücktem Nacken ſchleichen, und mit ſcheuem Beben auf die Wachpoſten blicken oder den ihm begegnenden Reiterzügen ſchon von fernher ausweichen. Die Nord⸗ landsſöhne lachten über die eingeſcheuchten Haſen, und wurden bis Abend hin ſchon läſſiger in der ihnen ſtreng befohlenen Aufmerkſamkeit. Das Abenddunkel brach herein, und fand den wackern Jakob Zabielsky wieder in ſeinem Sorgeſtuhle am Kamine, doch in einer Seelenſtimmung, die noch weit marternder geworden, als jene vom vorigen Abende; damals galt ja die Sorge nur dem verlorenen Freunde, heute galt ſie jedoch dem eigenen Heile, dem Schickſale des eigenen Kindes, dem Wiederaufblühen oder dem vollendeten Ruine der Vaterſtadt. Der unwillkommene, wüſte Gaſt hatte ſeine blutigen Pläne in größter Genauigkeit vor ihm entfaltet; Nach⸗ mittags hatte Nikolas Kromerzig mehre der kühnſten Werkmeiſter in einer ſicheren Kammer des Speichers ver⸗ ſammelt gehabt, und der große Blutplan war berathen und die Hauptrollen vertheilt worden. Mittags wenn die Soldaten ſowohl in den Kaſernen und Wachthäuſern, wie einzeln in den Quartieren zu Tiſche ſaßen, wollte Kromerzig ſelbſt das Mordzeichen mit der großen Glocke des Hauptthurmes geben, welche, ſeit die Glaubensfeinde in der Stadt, nie gehört worden war. Die Zünfte der 223 Schmiede und Metzger übernahmen die Einnahme des Thores, das den Kroaten geöffnet werden ſollte, und der grimmige Motal verpflichtete ſich, kurz zuvor ſeinen Ab⸗ ſchiedsbeſuch bei dem Commandanten zu machen und dieſen, ſobald das Zeichen klang, niederzuſtoßen, und ſollte auch ſein eigenes Leben in demſelben Augenblicke durch die Degen der Gardiſten zu Ende gehen. Mit der Dämme⸗ rung verließ der alte Blutmenſch das Haus, um das Kapuzinerkloſter zu beſuchen. Man muß ſich doch reiſe⸗ fertig machen! ſprach er mit gräßlichem Humor. Beichte und Abſolution entladen von der ſtörenden Seelenlaſt, und wird das Meſſer geweihet am heiligen Orte, fährt's noch einmal ſo ſcharf durch den Ketzerkoller.— Wartet aber nicht auf mich mit dem Vesperbrode, mein ſorgſamer Wirthsmann, ſetzte er beim Scheiden hinzu; die Herren Patres führen guten Wein, leben ſie auch vom Bettel⸗ ſacke, und der Bruder Prior kennt den luſtigen Motal ſeit lange, und bietet mir vielleicht ſogar ein weiches Bett an in ſeiner düſtern Zelle.— Es war nun recht ſtill im Hauſe geworden. Das Abendbrod und die Kanne ſtanden unberührt, der Hausherr hing ſtumm ſeinen Gedanken nach, und die Dora, das ſchöne Töchterlein, ſaß niedrig auf dem Fußſchemel, ebenfalls in böſe Grillen verſunken, und achtete nicht des ſchnurrenden Katers, der ſeinen glatten Pelz mit ſchmeichelnden Geberden an ihrer vollen Wade rieb. Horch, Vater! rief das Mädchen jetzt plötzlich und ſprang hoch auf und ſtand geſpannt und vorgebeugt da. Höret Ihr nichts, Vater? fuhr ſie raſcher fort, und der Buſen wogte höher und mächtiger. Es iſt der Schimmel, Vater! Da wirft der Juſt ſchon den Thorweg zu; des 224 Chriſtierns Stimme tönet ſchon am Stall. Vater, Vater, er iſt es wahrhaftig!— Gott ſei uns gnädig! entgegnete der alte Zabielsky aus tiefer Bruſt, indem auch er ſchnell aufſtand, aber wie gefeſſelt vom Schreck ſtehen blieb. Und ſchon wurde die Thür geöffnet, und der ſchwediſche Cornet trat mit raſchem Schritt und mit von der Luft geröthetem Antlitz und mit fröhlich leuchtenden Augen ins Gemach. Guten Abend, ihr lieben Freunde! rief er, Mütze, Pallaſch und Stulphandſchuh mit Eile auf den Tiſch werfend, und dann beide Arme ausſtreckend wie zur Willkommensum⸗ halſung. Nun, ſchöne Dora? fuhr er verwundert fort, hat der Ungeſtüme Dich aus einem Schläfchen geſchreckt, und kannſt Dich noch nicht finden aus dem ſüßen Traume? — Als er aber bei der Rede das Mädchen in die Arme nahm und auf die Stirn küßte, und dabei fühlte, wie ſie ſich zwar traulich an ihn ſchmiegte, aber alle ihre Glieder fieberhaft zitterten, ſo ſah er ſtutzig auf den Vater hinüber, und der Ernſt in dem bleichen Geſichte des alten Mannes ergriff ihn ſo tief, daß er ſogleich von dem Mädchen ließ, und zu dem Vater trat und die unbeweglich hangende Hand deſſelben ergriff und zwiſchen ſeine beiden Hände preßte. Wir dachten Euch nicht wieder zu ſehen, Junker! ſagte der Alte. Und vielleicht wär's gut ſo geweſen, denn der Abſchied war faſt überwunden.— Faſelt Ihr, Väterchen? fragte Guſtav überraſcht. Aber ich glaube Euch nicht; ſo leicht vergißt die Dora und Ihr keinen Freund, keinen, der Euch ſein Leben verdankt. Kommt, laßt uns niederſitzen zum Abendbrod; es ſteht unangerührt, und iſt mir darum ein Zeichen, daß die Dora meiner Heimkehr gewiß geweſen und mich erwartet. Die ſcharfe Luft hat meinen Appetit gar ſehr geweckt.— 225 Indeß der kecke Schwedenjüngling Platz nahm und das Brod zerſchnitt, wie er ſonſt gewöhnt, zog Zabielsky die Tochter bei Seite, und befahl ihr ängſtlich, Hausthür und Thorweg feſt verriegeln zu laſſen, auch dem Juſt anzudeuten, Niemandem, ſei es wer es wolle, zu öffnen, und nach Tiſche ſich ſelbſt in das Vorderſtübchen zu be⸗ geben, und für den Gehorſam der Dienſtboten zu wachen. Als der Alte ſich dann geſetzt, griff der Cornet nochmals nach ſeiner Hand, und ſie warm drückend, ſchwatzte er munter fort, jedoch oft ſich ſelbſt unterbrechend durch die tapfern Angriffe, die er auf den vor ihm prangenden Sauerbraten unternahm. Waret Ihr Eurem Pflegling wirklich gram, Vater Jakob, ſprach er, ſo habt Ihr eine Sünde abzubitten, denn Zweifel an meiner Anhänglichkeit konnten unmöglich lange in Eurem Herzen Quartier nehmen. Längſt ſchon läge der verwaiſete Mann unter dem Sande Eures Friedhofes, hättet Ihr ihn nicht väterlich gepflegt, und hat er doch zum erſten Male, ſeit er den Vater Hlafſon zu Torſila begraben ſah, bei Euch und an Eures Mäd⸗ chens Seite wieder empfunden, daß der Menſch kein Zugvogel iſt, daß an ein Familienneſt ſein Glück ge⸗ bunden wurde, und daß, wer es irgendwo anders ſucht, ewig ſuchen wird wie der ewige Jude das Grab. Sehet mich nicht ſo triſt an, Väterchen, ſo mißtrauiſch forſchend. Wundet mir doch das Herz, und ohne meine Schuld. Der Dienſt rief mich fort, und bei der Fahne meiner Königin ſchwöre ich Euch, nie habe ich mich ſo geehrt und zufrieden gefunden, als in dieſem Dienſtgeſchäft.— Dienſt? fragte der Hausherr geſpannt. Und ſo wichtig, ſo eilig? Gibt es Kriegsnoth in der Nähe?— O Vater, es war ein gar frommer Dienſt, und ich Blumenhagen. R. 15 226 glaube, ich dürfte ſchon etwas prahlen damit bei Euch. Ihr und alle Olmützer mit Euch haſſen unſern Anführer, und Oberſt Paikul gilt Euch für den Stellvertreter des Höllenfürſten. Er iſt ſtreng, hart ſogar; aber Ihr kennt nicht die Sorge, die den Feldherrn drückt, der im Kriege verwilderte und entmenſchte Rotten zu zwängen hat, kennt nicht die Verantwortlichkeit, welche fern im Feindeslande, abgeſchloſſen, getrennt vom Hauptheere, auf ſeinem ein⸗ zigen Haupte laſtet. Der arme Rathsherr Focky mußte bluten nach dem unerbittlichen Kriegsgeſetz, ſeine Familie mußte verſtoßen werden, weil die Erfahrung dem Oberſten befahl, ein ausgezeichnetes Warnungsexempel zu geben, und, wie der Soldat bei der Ehre, der Bürger nur bei ſeiner Familien⸗Wohlfahrt am ſicherſten zu faſſen und zu halten iſt.— Schweigt davon, rief Zabielsky ſich abwendend mit verbiſſenem Grimm, ſprecht nur von Eurem Geſchäft.— Es gehörte mit dazu. Ja, Voter, dieſer von Euch verhaßte, verwünſchte Paikul ſandte mich, um gut zu machen, was das Geſetz vös gethan, um zu erretten, was das Urtheil vernichtet. Nur mich konnte er ge⸗ brauchen dazu, denn ich war ihm kindlich zugethan, ich hatte ſein Vertrauen, er war meiner Verſchwiegenheit gewiß. Mit ſeinem Golde beſchwert, ritt ich den Ver⸗ triebenen nach, und wie mein Blut glühete, ehe ich ſie erreicht, könnet Ihr Euch denken. Schwer lag der ſin⸗ kende Nebel auf dem Felde und hinderte das ſuchende Auge. Schon hatten wir die nächſten niedergebrannten Dörfer durchſucht, und keine Spur von den Vertriebenen gefunden; ſchon waren wir weit auf der Heerſtraße hinab geritten, und es leuchtete uns ein, daß die armen Flücht⸗ linge keinen ſo großen Vorſprung hatten gewinnen können. 227 Wir kehrten um, und ich vertheilte die Begleiter in der Gegend. Mir ſelbſt hatte dennoch der Himmel die ſchönſte Freude aufbehalten. Im Moore, das rechts von der Straße liegt, hörte mein lauſchendes Ohr Klagelaute, und bald darauf ſchien mir ein froſtiges Pferd ſich zu ſchütteln. Hinein in das unſichere Feld trieb ich mein Roß, und das Erſte, was mir durch den Nebeldunſt ſichtbar wurde, war das gelbe Geſicht eines ſchwarzbär⸗ tigen Kroaten.— Kroaten? fuhr der horchende Hausherr auf. Kroaten ſo nahe der Stadt?— So war's, ſprach der Cornet mit leuchtenderm Auge, und mein Schimmel ſtand mit zwei Sätzen ihm zur Seite, und Gott hatte mich geführt zur rechten Stunde. Frau Focky ſaß auf einem Bult⸗ haufen, zwei ihrer Kleinen mit ihren Armen deckend; den dritten hielt ein zweiter Kroat gepackt, und riß dem vor Schreck halbtodten Kleinen eben das Jäckchen vom Leibe, indeß der erſte bereit ſchien, dies arme verirrte Weib aus⸗ zuplündern oder gar noch weit ärger zu mißhandeln.— O Himmel, rief Dora, welche eingetreten und ſich genähert hatte, und Ihr fielet in die Hände dieſer Ent⸗ ſetzlichen, die ſelbſt den Freund nicht ſchonen?— Nicht doch, mein banges Kind, antwortete lächelnd und mit Eitelkeit der Cornet, meinſt Du, ich und mein Chrieſtiern trügen umſonſt das Eiſen an der Hüfte 2 Ehe die ſchwarzbärtigen Hunde Zeit gehabt, ſich einen Augenblick über die unvermuthete Geſellſchaft zu ver⸗ wundern oder ein Ave zu ſprechen für ihr Seelenheil, lagen ſie ſtumm für immer auf dem feuchten Anger, und die ſchwarzen Abendvögel krächzen ſicherlich jetzt ſchon ihnen das Leichenlied der barmherzigen Brüder und hal⸗ ten an ihnen ſelbſt ihr Todtenmahl.— 228 Und was ward mit Frau Maria? fragte der Haus⸗ herr.— Zuerſt mochte ſie in uns ebenfalls neue Verfolger glauben, und auf den Knieen bat die arme Wittfrau nur um Schonung des Lebens ihrer Kleinen. Leicht be⸗ ruhigte ſie mein Wort, unſere Mäntel wärmten die Ver⸗ glommenen, auf unſern Sätteln brachten wir ſie zur Straße, und in dem Fuhrwerke, das uns der Oberſt mitgegeben, dicht in Heu und Decken verpackt, gaben ſie bald der Lebenshoffnung wieder Raum, die ſelbſt im ſchmerzlichſten Unglück immerdar ihr Recht geltend erhält. Die Gefahr, in der die Kinder geſchwebt, machte den Schmerz der Mutter um den verlorenen Gatten milder. Ich habe ſie nach Proßnitz geführt, und in dem freund⸗ lichen Schweſternkloſter, wo in dieſer Kriegszeit ſelbſt Frauen unſeres Heeres Zuflucht gefunden, wurde ihnen die gaftfreieſte Aufnahme, und die volle Börſe unſers Oberſten wird für die nächſte Zeit hinreichen, von der Mutter und ihren Waiſen alle Nahrungsſorge fern zu halten. Und nun, Vater Jakob, meinet Ihr nicht auch, daß eine ſolche That ſchon ein Theilchen von dem harten, doch unvermeidlichen Spruch, der Euren unvorſichtigen Landsmann traf, verlöſchen möchte?— Zabielsky faßte den lebhaften Sprecher feſt ins Auge, und der Blick, mit dem er es that, ſprach ein tiefes Empfinden aus. Reue iſt ein gut Ding, ſagte er ernſt, und gilt ja auch vor dem Richter der Todten. Doch iſt mir's, als müßte ich Euch, der kaum geneſen, ſolchen Auftrag übernahm, den beſten Theil davon auf die Tafel ſchreiben. Sieh hin, Mädchen, wie des guten Freundes ſchmale Wangen ſich roth färben! Guſtav, Du trügſt mich nicht, und ich wette, mein graues Haupt, das Ding 229 ging von Dir aus, und der alte Wütherich im Schloſſe gab höchſtens ſein Ja dazu. Aber ſei's, wie es ſei, ſetzte er mit geſenktem Blick hinzu, indem ſeine Augbrauen ſich runzelten: die Gutthat wird jedenfalls dem hartherzigen Manne den Schlaf dieſer Nacht verſüßen, und ihm in ſeinem letzten Stündlein zu gute kommen.— Ein heftiger Schlag im Hauſe, dem Falle eines bre⸗ chenden Balkens nicht unähnlich, fuhr in dieſem Augen⸗ blick durch die Stille, die außen herrſchte, und erſchütterte die Sitzenden, daß ſie mit bleichen Geſichtern und ge⸗ bundenen Zungen ſich einige Zeit anſtarrten. Alles blieb gleich nachher wieder grabesſtill, und Alle ſprangen nun zugleich auf und traten auf den Vorplatz, wo der Juſt und die Mägde ihnen ſchon begegneten. Man durchſuchte mit Licht die Räume und die Steigen, aber nirgends fand ſich eine Urſache des gehörten Geräuſches. Der Kater that einen Sprung vom Geſims nach einem Mäuslein, oder der Nachbar Schmied warf ſeinen Hammer im Rauſch gegen die Wand, ſagte leichthin der Cornet, als er das zitternde Geſinde erblickte, zu dem ſich jetzt auch der hagere Schreiber und der breite Kornſtecher, beide ſchon im halben Schlafhabit, geſellten.— Der Hausherr aber ſah den Jüngling verweiſend an. Ihr Lutheraner ſeid ſündhaftes und leichtfertiges Volk, entgegnete er, und verachtet Euch zum Verderben die Stimme, die die unſichtbaren Mächte ſchicken.— Solcher Vorlaut bedeutet eine Leiche im Hauſe, ſchnat⸗ terte der dünne Schreiber. Als zu Brünn meine ſelige Frau Mutter—— Still! unterbrach ihn der Alte herriſch. Juſt ſoll den Kettenhund loslaſſen und mit dem Nathaniel den Hof und die Schoppen durchſpüren. Ihr Andern geht ſchlafen 230 und vergeſſet nicht, vorher euer Gebet zu ſprechen. Du, Dora, bleibſt bei dem Geſinde und ſorgeſt, daß die Furcht ſie nicht wirre, und Feuer und Licht wohl bewahret ſei. Wer ein rein Gewiſſen hat, der fürchtet auch die Stim⸗ men nicht, mit denen eine fremde Welt zu uns redet, und die Heiligen find ſtarke Wächter, wenn fromme Chriſten ſchlafen.— Schweigend und gehorſam entfernten ſich die Haus⸗ genoſſen, denn wenn der Herr in ſolchem Tone ſprach, wagte Niemand eine Gegenrede. Er ſelbſt aber ging in das Gemach zurück, wohin ſich der getadelte Cornet längſt zurückgezogen. Zabielsky fand den jungen Einquartirten, wie er an einer Wand ſtand und mit der Lampe ein altes Oelge⸗ mälde beleuchtete. Die Gelegenheit war ihm willkommen, um das Geſpräch von dem Vorfalle abzulenken, und überdem bereuete er längſt den harten Vorwurf, den er ganz wider ſeine Gewohnheit gegen den Anhänger eines fremden Glaubens gerichtet, und ſehnte ſich, das harte Wort zu verwiſchen. Was habt Ihr an dem alten, löcherigten Bilde, Herr Wolfſon? fragte er. Schon öfters iſt es mir aufgefallen, wie Ihr bei Tiſch oder wenn unſer Geſpräch ſtockte, mit beſonderer Aufmerkſamkeit Euer Auge darauf feſtgehalten. Es ſtellt eine alte Hiſtoria vor aus fernſter Heidenzeit, wo zwei Knaben, die man ausgeſetzt, von einer Wölfin geſäugt worden. Es klingt wie eine Lügenmähr, und der eine der kleinen Rangen ſoll dazu ſpäter ein König geworden ſein und ſich eine große Stadt erbauet haben. Wie konnte das düſtere Oelbild Euch ſo beſonders an⸗ locken?— Sollte die Wölfin mir fremd ſein, da man mich 231 Wolfſon genannt hat? fragte der Cornet zurück, aus ſeinem Sinnen erwachend. Auch in meiner Kindheit ſpielte eine ähnliche Beſtie ihre bedeutende Rolle. Höret nur an, Freund Jakob, vielleicht vergeßt Ihr dabei den Schreck, der auf Euer Geſicht ſo tiefe Schatten gemalt. Lächelnd ſetzte er ſich zu dem Alten und goß die Gläſer voll.— Es iſt eine Geſchichte, faſt ſo wunderbar wie die Eures Bildes, fuhr er fort; ich erzählte ſie ſonſt nicht gern, denn wer bekennt ſich mit Vergnügen als verwandt mit ſolch wildem Vieh; aber ſeit geſtern ſpukt mir die Wunder⸗ mähr mehr als je im Kopfe und ich kann ſie nicht los werden, und es iſt mir, als müßte ich mich des Spuks entlaſten durch eine Plauderei davon.— Daß ich gar früh eine Waiſe geworden, habe ich, wie ich vermeine, Euch ſchon einmal erzählt, doch von der einzigen Kreatur, die ich aus meiner Familie kenne, wißt Ihr nichts, und dieſe Perſon, deren Milch ich trank und die mir einen Namen gab, rathet, wer ſie geweſen? Schauet auf da Bild dort, der Maler hat ſie trefflich abconterfeit; ſi war— eine Wölfin. Zabielsky ſah bedeutſam auf das große Glas, da der junge Mann eben geleert und dann auf ſein ger' thetes Geſicht; der Cornet fuhr jedoch mit erhöheter L ſtigkeit fort. Es iſt keine Fabel, die der Rauſch gel mein guter Wirth, wie Eure Blicke zu argwöhnen ſchei— Höret nur weiter. Es begab ſich vor etwa zwanzig Ja daß zu Torfila am Malärſee ein rechtlicher Bürger genannt Tille Olafſon, vor der Thüre ſeines Hau und mit trüben Blicken auf die Ufer des brei hinabſah, auf denen ein bunter Jahrmarkt ge Das Gelärm und luſtige Getümmel ve 232 Gemüth, in welchem große Traurigkeit herrſchte, denn er hatte am Morgen ſein drittes Söhnlein und letztes Kind begraben laſſen. Schon wollte er ſich abwenden von dem widerwärtigen Getümmel, verſchließen ſeine Thür und ſich verbergen mit ſeinem Kummer im hinterſten Gemach, da zog ein Bärenführer, der mit ſeinen wilden Zöglingen vorüber marſchirte, ſeine Neugier auf einige Augenblicke an und feſſelte ſeinen Fuß. Der gelbe Waldmenſch, nach der Tracht aus fernem Lande, nahm die Neugier ſogleich in Beſchlag, wie es ſolcher Vagabunden liſtiger Sinn zu thun pflegt, ſtimmte ſogleich ſeine Schreckensmufik mit Trommel und Querpfeife an, und ließ ſeinen braunen Petz ſich in Parade ſtellen und ſeinen unmanierlichen Tanz beginnen. Doch nicht das rauhe, brummende Unthier hatte die Aufmerkſamkeit des guten Mannes von Torfila angelockt, nein, neben dem Bären kroch ein ſeltſames Geſchöpf am Boden, das er nie zuvor geſehen, und das die Peitſche eines jungen Knechtes zu allerlei Sprüngen und Purzelbäumen nöthigte, und es zuletzt zwang, den uhen Rücken des Bären hinauf zu klemmen, und unter m Beifallklatſchen und Gelächter der umſtehenden Menge viſchen den Ohren des alten Waldkönigs ſeinen gefähr⸗ en Thron einzunehmen. Der brave Tille Olafſon trat näher hinzu und be⸗ tete ſich das unbekannte Geſchöpf. Ein Affe, wie e Thierzwinger wohl bei ſich führen, konnte es nicht und als der ehrliche Schwede die kleinen Gliedmaßen, mit einer Kruſte von Lehmen und Straßenſchmutz waren, das kurze Kopfhaar, das wie ein in einander gefilzt ſtarrte, und das kleine e betrachtete, aus dem zwei helle Augen ihn nd furchtſam bittend anblickten, erkannte 233 er mit Schaudern, die ihm durch's Herz ſchnitten, ein menſchliches Weſen unter dem ſchmutzigen Scharlach des Affenjäckchens, einen Knaben von etwa vier Jahren. Mit treuherzigem Grimm ſiel er den Bärenführer an, über⸗ häufte ihn im chriſtlichen Zorne mit Schimpfreden und derben Vorwürfen, die der wüſte Prlack durch Fauſt⸗ ſchläge zu erwidern ſich bereit machte. Doch das Volk warf ſich auf des Landsmannes Seite und der liſtige Vagabund drehete ſchnell den Mantel und ließ ſich auf Friedensvorſchläge ein. Er erzählte zu ſeiner Entſchul⸗ digung, wie einſt eine Bande Jäger mitten im ſumpfigen Walde eine Wolfsheerde aufzufinden das Glück gehabt, und wie darunter, nachdem mehre der böſen Thiere erlegt worden und die meiſten der übrigen die Flucht ergriffen, eine alte Wölfin mit auffallender Wuth und Kühnheit ihr Junges vertheidigt hätte. Man erſchoß auch ſie, und traf ſtatt des jungen Wolfes einen etwa dreijährigen Knaben bei ihr, der gewandt auf Vieren lief, heulte und biß, wohlgeübt in allen Tugenden ſeiner grimmigen Pflegamme. Der Bärenführer, zufällig vorbeiziehend, ſpekulirte ſchnell und kaufte das menſchliche Wolfskind den Jägern ab, und benutzte es ſeitdem zur Vergrößerung ſeines elenden Erwerbs. Tille Olafſon zahlte einen guten Preis für das elende Geſchöpf, und Segen ſeiner Aſche, des Himmels Seligkeiten ſeinem verklärten Geiſte: daß ich ein Menſch geworden, danke ich dem Edeln, denn ich, Guſtav Wolfſon, bin jener Säugling der Wölfin. Mit einem unartikulirten Aufſchrei unterbrach der alte Zabielsky den Erzähler. Ja, ja, fuhr der Cornet fort, es geſchehen noch Wunder in der Welt, und Gott wandelt noch zuweilen ſichtbar unter ſeinen Kindern. Der gute Tille hielt mich, wie er nur ſein geſtorbenes 234 Söhnlein hätte halten können, verwendete all ſein Gut an meine Erziehung, und als ſechszehnjährigen Buben gab er mich dem Oberſten Paikul mit, der ſein Gutsherr war. Sehet, darum mußte jenes alte Bild des Romulus mich feſſeln, darum rief es alle längſt dunkel gewordene Er⸗ innerungen zurück, und wie die Eindrücke der erſten Kindheit unverlöſchlich find, erfuhr auch ich, denn der grauſame Peiniger des zarten Knaben ſteht wieder hell vor mir; es iſt mir, als hätte ich erſt geſtern oder vor⸗ geſtern wiederum ſein ſcheußliches Antlitz geſehen, ich fühle ſeine Peitſchenhiebe, ſeine Fußtritte friſch und neu, empfinde die ganze glühende Rachwuth wieder, die in mir brannte, wenn der Pflegvater ſpäter mit mir von meinen Schickſalen ſprach, und dann mein höchſter Wunſch war, dem menſchlichen Unthier einmal mit meinem Pallaſch bewaffnet zu vegegnen. Ihr ſtarret mich ungläubig an, Freund Jakob? Bei dem Grabe und Angedenken des ehrlichen Olafſon, es iſt nichts Erlogenes dabei, und darum mag auch vielleicht Euer Schwedenhaß bei mir eine Ausnahme gemacht haben, denn ich bin eigentlich kein Schwede, ſondern gehöre den Polen, Euern Reli⸗ gionsverwandten und Bündnern zu, und ſo ein geheimes Seelenleben, welches das Verwandte auch in fremder Hülle erkennt, läßt ſich wohl ſo ganz nicht wegläugnen.— Einem Steinbilde ähnlich hatte der Alte dageſeſſen; als der Jüngling jetzt geendet, ſchien eine heftige Auf⸗ wallung Herr ſeiner Erſtarrung zu werden, gleich dem gewaltigen Strome, der von Frühlingsluft erſtarkt ſeine mächtige Eisdecke bricht. Und wißt Ihr nichts weiter von Eurem Räuber, nichts von dem Platze, wo man Euch aufgefunden! fragte er und ſeine Zunge bebte in der Frage.— 235 Irret mein Gedächtniß nicht, antwortete der Cornet, ſo hieß jener unchriſtliche Bärentreiber Motal, und der Ort, wo mich die Wölfin geäzt, lag mitten in den Wäldern von Grodzierz.— Der Alte ſprang mit Heftigkeit von ſeinem Stuhl. Zeiget mir Euren Fuß! Den linken Fuß meine ich! rief er.— Erſtaunt ſah der Jüngling zu ihm auf. Wie könnet Ihr wiſſen, Freund, daß mir eine Zehe fehlt, ja, ja, am linken Fuße, die nächſte am Daumen.— Und ein Zeichen am Nacken? fragte Zabielsky mit ſteigender Heftigkeit. Der Cornet ſchlug das flatternde Haar zurück. Ein rothes Mal, ähnlich dem heiligen Kreuzesbilde; hier könnet Ihrs ſehen dicht über dem Kra⸗ gen. Aber wie iſt mir denn? ſetzte er mit auflodernder Wallung hinzu und ſein Auge blitzte und die ausgeſtreck⸗ ten Hände zitterten. Wiſſet Ihr denn von meiner Ge⸗ burt, von meiner Heimath, meinen Eltern? O ſprechet ſchnell, denn der Gedanke ſchon drückt mir das Herz ab in Freude und Bangen zugleich.— Beide tauſchten jetzt die Rollen, denn mit der Lebhaf⸗ tigkeit des jungen Mannes war auch die Heftigkeit des Alten ſchnell wieder erloſchen; er ſetzte ſich langſam nieder und ſagte erzwungen kalt: Ja es iſt mir, als wüßte ich davon, als hätte ich die traurige Geſchichte vor langen Jahren mit erlebt.— Erzählt, erzählt, rief der Cornet drängend und näher rückend, Ihr würdet ſündigen, verſchwieget Ihr mir das Geringſte davon.— Der Alte faßte mit der Hand den Rand der Tafel wie zur Stütze, ließ das Auge wurzeln in der Tiſchdecke, als ſcheue er des Jünglings forſchende Blicke, dann ſprach er 236 langſam und halblaut: Auch ich reiſete vor Jahren viel im Polenlande und hatte dort manchen Handelsfreund. Da traf ich einen derſelben, den die Bauern todtwund gefunden in den Wäldern von Grodzierz. Räuber hatten ihn überfallen auf der Reiſe. Er ſetzte ſich nämlich zur Wehr, der Frau winkend zur Flucht. Sie floh, doch ein Räuber hinter dem jungen Weibe waldein. Er ſah, wie ſie in Mutterangſt ihr Knäblein in den Buſch warf, wie der Räuber ſie einholte, ergriff, da traf ihn ein Kolben⸗ ſchlag und in Todesnacht ſtürzte er nieder.— Wo lebt der Mann, wie heißt der Mann? Ihr müßt mir Briefſchaft geben dahin; der Obriſt kann den Urlaub nicht weigern; ich muß den Vater ſuchen, ſtieß der Cor⸗ net hervor aus überfüllter Bruſt.— Es iſt lange her, antwortete der Alte mit demſelben Tone und derſelben ſeltſamen Haltung des Körpers, aber ich erinnere mich deutlich noch, wie der Vater in Jam⸗ mer faſt verging; wie all ſein Forſchen nach Weib und Kind ohne Hoffnung blieb, wie er dem Grabe zu wandelte im grenzenloſen Grame. Wenzel war der Name. Er war ein recht unglücklicher Mann ſeitdem. Ja wir wollen die Papiere ſuchen, und an mir ſoll's nicht mangeln, Dir den Vater wieder zu geben. Morgen, morgen, Du ar⸗ mer, lang verwaiſeter Wolfſon.— O warum nicht ſogleich, warum nicht jetzt? fuhr Gu⸗ ſtav auf. Jede Stunde muß mir Folter werden, bis ich Näheres weiß von den Meinen. O habt Mitleid, Va⸗ ter Jakob, Mitleid mit meinem Herzen, Ihr habt ja auch ein Kind, und die liebe Dora iſt Euer Herzblatt. Der Alte fuhr wie durch und durch erſchüttert in die Höhe und ſeine feuchten Augen richteten ſich auf des Jüng⸗ lings Geſicht. Feſt legte er ihm die Rechte auf die Schul⸗ — 237 ter. Meineſt Du, ich ſei kalt gegen das, was jetzt in Dir vorgeht? fragte er faſt mit zornigem Tone. Ich habe damals des Gaſtfreundes grauſenvolles Weh mit gefühlt, als wäre ſein Unglück mein eigenes geweſen, und die Erinnerung hat mich in dieſer Stunde faſt umgewor⸗ fen. Sei genügſam mit dem, was Du jetzt ſo unerwar⸗ tet erfahren; es dünkt mir reichlich für Träume Deiner nächſten Nacht. Und ſind doch viele Jahre ſeitdem hin⸗ geſchwunden, viel Waſſer lief in der Weichſel hinab, und Menſchenleben verrinnet ſo ſchnell wie Flußwaſſer.— Alle Röthe, welche die Freude auf Guſtavs Geſicht gehaucht hatte, verblich und die ausgeſtreckten Arme ſan⸗ ken ſchlaff hernieder. Wahr, Vater Jatob, ſeufzte er, die, denen ich angehörte, werden längſt ſchlafen unter dem grünen Betttuch. Solcher Kummer ſoll tief vergiften, der Tille ging ja auch frühzeitig zu Grabe, weil ich ihm doch nie ſeine drei Söhnlein zu erſetzen vermochte. Aber des Vaters Grab ſollt Ihr mir dennoch ſuchen helfen, und vielleicht findet ſich ein Vetter oder eine Muhme, denn Alles, was mir zugehörte, wird die böſe Kriegszeit nicht geſchlachtet haben.— Vielleicht! ſprach der Alte eintönig nach, und wandte ſich zum Kamine, indeß der Cornet ſeine Kerze anzündete und mit einem leiſen: Gute Nacht, Vater Jakob! zur Thüre ging. Als aber jetzt die Thür ſich hinter dem Jüng⸗ ling ſchloß, kehrte Zabielsky ſich raſch wieder um und ſtreckte beide Hände ihm nach, Wenzel, Wenzel! rief er. O erhaltet mir den Verſtand! ihr Heiligen! Was ſoll werden? Wie kann ich ihn erretten? Wäre der blutdür⸗ ſtige Polack nicht von den Kapuzinern feſtgehalten, der Unmenſch hätte vielleicht den Knaben zum zweiten Male in den Staub getreten. So mache denn dieſe Nacht mir 238 zum hellen Tage, großer Gott, das wir nicht zuſammen untergehen, ich und er und wir Alle.— Guſtav Wolfſon war unterdeſſen mit ſeiner Kerze lang⸗ ſam in dem langen Gange hinab gegangen, an deſſen Ende die Steige zu ſeinem Zimmer ſich befand. Hinter einer großen Spinde hervor trat ihm jetzt die liebliche Tochter des Hauſes in den Weg mit entſtellten Geſichts⸗ zügen und von ſichtlicher Angſt bewegt. Guſtav, flüſterte ſie ſchnell und geheimnißvoll, geht nicht ſchlafen, verſchließet Eure Thür nicht. Wenn der Vater zu Bett, muß ich kommen und mit Euch reden. Schönes Kind, antwortete er erſtaunt und aufgeregt durch die trauliche Anrede, ſo brach die Trennung der Liebe die Bahn, und es war ernſtliche Neigung, was Dich zu mir zog, und Dein brennend Blut fürchtet nicht einmal den Nachtſpuk? Aber Jungfrau, ſetzte er ernſt hinzu, Ihr ſeid Braut, und ſchwediſche Soldaten haben noch nicht ganz verlernt, fremde Rechtſame zu achten. Verſchiebt bis morgen, was Ihr mir zu bekennen habt; im Sonnenlichte iſt die Krone des Mädchens beſſer be⸗ wacht als in des Reiters düſterer Kammer.— Das Mädchen trat einen Schritt von ihm zurück. Herr Schwede, Ihr irret Euch, antwortete ſie beleidigt, die Braut iſt dem Verlobten treu, wie ſie muß, und grollte ſie in den letzten Tagen mit ihm, ſo geſchah es, weil er eben ſo ſchlecht von ihr zu denken ſchien, als Ihr es ſo eben aus⸗ geſprochen. Aber nein, fuhr ſie haſtiger und weicher fort, es konnte Euer Ernſt nicht ſein; die Neigung, welche mich zu Euch zog, wurde ja geweckt durch Euer mildes, freundliches Weſen, durch Eure Sitte und Euren Wandel, 239 und dieſe Neigung hatte keine Aehnlichkeit mit der, welche mich an den eiferſüchtigen Nikolas knüpfte. Und dächtet Ihr ſelbſt noch ſchlechter von mir, ſo kann ich Euch doch nicht verderben ſehen, und morgen iſt es zu ſpät. Laßt Eure Kammer offen. Bei der heiligen Mutter des Herrn, was ich Euch zu vertrauen habe, betrifft nicht mich, noch irgend etwas, was zwiſchen uns ſein könnte.— Ich werde wach ſein und warten! entgegnete der Cor⸗ net, und die Jungfrau ſchlüpfte mit leiſem Fluchtſchritt in das Vorhaus zurück.— Nachdenkend und faſt verwirrt ſtieg der Cornet jetzt die Steige hinauf, verwunderte ſich, die Thüre ſeines Zimmers nur angelehnt zu finden, und trat hinein. Ein ſtarker Weindunſt traf ſogleich ſeine Sinne, und er dachte an die ſorgſame Dora, der er eben in ſeiner düſtern Stimmung ſo weh gethan, und die ihm doch ſicherlich den würzigen Nachttrunk zurecht geſtellt, den ihm während ſeiner Geneſungszeit der Arzt verordnet hatte. Er ſtellte die Kerze auf den Tiſch und begann ſich zu entkleiden. Der Pallaſch war abgelegt, der Gurt dazu, der Koller hing ſchon am Stuhle, und er wollte ſich eben der ſchweren Stiefel entladen, da ſtieß er an die Schwert⸗ ſcheide, und die gewaltige Waffe fiel raſſelnd vom Tiſche zur Erde. Er bückte ſich nach dem getreuen Gewehre, da ſah er, daß der Boden von duftiger Feuchtigkeit über⸗ goſſen war, und als er ſchärfer hinſchauete, gewahrte er zerbrochene Glasſcherben rings verſtreuet, zugleich lockte ein widerlich ſchnarchender Ton ſeine Augen zu dem Bett, was im Winkel des Zimmers ſtand und durch ſeinen eigenen Schatten verdunkelt geweſen. Was er erblickte, hätte ſelbſt den Stärkſten erſchüttern mögen. Das Bett war beſetzt, ein ſtämmiger Manneskörper 240 lag darauf geſtreckt, von einem Schafpelze verhüllt;i als aber der ſchnarchende Schläfer jetzt die Augen öffnete, und den Kopf erhob, und das furchtbare vergelbte Geſicht mit dem weißen Bocksbart, der kahle Schädel mit dem ſtrup⸗ pigen grauen Haarkranze ſichtbar geworden, da erkannte Guſtav ſogleich den Alten aus Paikuls Zimmer, Gedan⸗ ken fuhren gleich Blitzen durch ſein Gehirn, aber in den Adern gerann ſein Blut, und er hielt wie ein Erſtarrter das Schwert in beiden Händen. Der Polack riß indeß die Augen weit auf, ſtarrte auf den Störer, und ſetzte ſich aufrecht im Bett, die mit Haſenfell umwickelten der⸗ ben Beine auf den Eſtrich langſam herausſtellend. Biſt Du es, Schwedenpü!ppchen, und willſt mich ver⸗ treiben? fragte er mit Humor und unſicherer Stimme. Haſt Du gemeint, der Kloſterwein hätte Deinen Stuben⸗ kameraden unter den Tiſch geworfen, und er hätte ſich das offene Speicherpförtlein nicht gemerkt, da er das Haus verſchloſſen gefunden? Thörichtes Ketzerknäblein, des neuen Bürgermeiſters Bett iſt viel weicher als die Haardecken der Pfaffenpritſche. Aber Du läufſt mir ge⸗ rade recht in die Falle; Du ſollſt bei mir liegen, doch recht ſtille, damit Du mich nicht ſtöreſt und drängen möchteſt. Bei dem vertrakten Falle in der Finſterniß zer⸗ brach mir die Flaſche, und nun dürſtet mich entſetzlich, und wenn der Motal nicht Wein noch Waſſer hatte, nahm er auch gar oft mit Blut vorlieb, wenn es friſch war.— Ha, rief der Cornet, indem er den Pallaſch raſch aus der Scheide riß, ha, meine Erinnerung trog nicht! Du biſt Motal, der Unmenſch, der Kinderdieb, mein Peiniger, als ich noch nicht lallen konnte. So wiſſe, Du mein Erzfeind, daß ich jener Knabe war, den Du am Malärſee verkaufteſt, daß ich mich der Stunde freue, 241 wo ich Dich züchtigen kann, und daß Du meinen Hän⸗ den nicht entkommen ſollſt, und ſtänden alle Deine grim⸗ migen Bären Dir zur Seite.— Mit jugendlicher Schnelligkeit und plötzlich nüchtern ſtand der alte Polack riſch auf von dem Bett. Ei ſieh da, eine alte Bekanntſchaft! rief er wildluſtig. Züchtigen willſt Du, kleiner Vierfüßler? Huſſah auf zur Jagd! Der Junker kann immer einmal ſeinem Oberſten voran gehen und in der Hölle Quartier anſagen.— Raſch hatte er während des letzten Wortes das große Meſſer ergriffen, das auf dem Kopfpfühl gelegen, und mit den Augen eines Tigers warf er ſich auf den Gegner, ſo daß dieſer kaum Zeit gewann, ſein nacktes Schwert zum Schutze vorzuhalten. Ein Kreiſch geſchah in demſelben Augenblicke in der aufgeſtoßenen Zimmerthür; ein rauher Hatzhund ſprang ein auf den Alten im Schafpelz und faßte ſein Kleid und riß ihn zur Seite; die ſchöne Dora ſtürzte ſchreiend herein, der alte Hausknecht polterte heran, und bald war auch der Hausherr mit ſeiner Lampe zur Stelle, vom mörderiſchen Gelärm gelockt. Doch das Unglück war bereits geſchehen. Der Meſſerſtoß hatte zwar nur des Jünglings Hals leicht geſtreift, aber der vorgehaltene Pallaſch war mit breiter Klinge mitten durch den Leib des Ungethüms gefahren, und mit furchtbarem Geheul wälzte ſich der Trunkenbold zwiſchen den Scherben der Flaſche und in dem vergeudeten Weine, mit dem ſich ſein verſtrömendes, ſchwarzes Blut miſchte, und nur der grimme Kettenhund umſprang dumpf kläffend den Ster⸗ benden und faßte ihn hie und da am rauhen Pelz und ſchüttelte mit den weißen Zähnen den bezwungenen Feind in thieriſchem Ingrimm. Blumenhagen. X. 16 242 Es war eine entſetzliche Pauſe, die dieſer furchtbaren Scene nachtrat. Leichenbleich und ſtarr lehnte der Schwede noch immer am Tiſch, die blutige Klinge noch immer vor ſich hingeſtreckt; der alte Zabielsky ſaß wie gelähmt vom Schreck der Blutthat auf dem Bett; das Mädchen war in die Knie geſunken, und hielt ſich, mit einer Ohnmacht kämpfend, an der Hüfte des Jünglings aufrecht und der Knecht Juſt hatte den Kettenhund am Ringe des Hals⸗ bandes gefaßt, und hinderte ihn, ſeine wüthigen Angriffe fortzuſetzen, da das Geröchel des Durchſtochenen längſt zu Ende gegangen, und ſein Körper ſich längſt im letz⸗ ten Todeszuck geſtreckt hatte. Alles war ſtumm und re⸗ gungslos, nur der Hund murrte zuweilen wie unwillig über den Zwang, der ſeinem Naturtriebe geſchah. Der Cornet brach zuerſt dieſes grauenvolle Schweigen. Er ließ den Pallaſch fallen, beugte ſich zu dem Mädchen und richtete ſie in ſeine Arme auf. Ermanne Dich, liebe Dora, ſagte er, in einem tiefen Athemzuge Beſinnung und Beſonnenheit ſammelnd, ich bin unverletzt, und dieſe Blutthat kann der Himmel mir nicht anrechnen. Auch Ihr, Vater Jakob, werdet mir den Schreck nicht entgel⸗ ten laſſen, der Eure nächtliche Ruhe geſtört; bei dem Richter der Seelen, ich that den Angriff nicht, und Gott ſaß hier zu Gericht, denn dieſer Entſetzliche war Motal, der Bärentreiber, von dem ich erzählt, ein Racheengel lenkte mein Schwert, und dieſes Blut ſoll Eurem Hauſe auch nicht die geringſte Sorge bringen.— Lebhaft erhob ſich jetzt auch der Hausherr von ſeinem Platze und bezwang ſein Entſetzen. Schweig, Knabe, ſprach er mit Heftigkeit und dräuender Geberde. Beſſer für Dich und mich, des Hauſes Dach wäre zerſchmetternd auf uns herabgeſtürzt!— Der Gaſtfreund erſchlagen 243 gefunden in meiner Kammer! Ermordet des Kaiſers Bote! Wird nicht Nikolas in der Frühe ſchon ihn ſuchen 2 Welcher entehrende Verdacht wird mein Haupt treffen unter den Nachbarn? Es iſt entſetzlich, unauslöſchbar!— Kommt zu Euch, mein lieber Freund! verſetzte der Cornet, den raſtlos umherſchreitenden Alten in ſeine Arme faſſend. Ihr ſprecht wirre und ſinnloſe Reden. Zur Stunde noch werde ich auf die Feſte ſteigen, und dem Commandanten Alles, was hier vorging, wahrhaft berichten. Er kennt meine Geſchichte; er ſchenkt mir Glauben und Vertrauen. Ehe noch der Tag anbricht, ſoll Euer Haus gereinigt ſein von dieſem ehrloſen Leich⸗ name und dem vergoſſenen Blute, und nicht eine Spur der That ſoll Euch zum Nachtheile Verrath ſprechen können.— Schweig, Knabe! rief der Alte noch einmal und machte ſich mit rauher Gewalt aus den Armen des ver⸗ dutzten Jünglings los. Ja, vertilgt muß Deine leicht⸗ fertige Blutthat werden, aber nicht auf Deine Weiſe; denn Dich zu erretten, bedarf es anderer Mittel. Schweige, bei meinem Zorn! Ich bin der Herr hier im Hauſe, und Dein blutiger Schwedendegen wird mir keine Befehle predigen. Sind die Leute alle ſchlafen gegangen im Flügel?— Nun denn, ſo bringe den Hund an die Kette, Juſt, und ſorge für Waſſer und Gezeug. Binnen einer Stunde muß kein Flecken auf dieſem Boden mehr ſprechen gegen uns; die Dora wird helfen. Und Du, hitziger Todtſchläger, greife an ohne Wort und Widerſpruch, daß wir Deine Sünde begraben, ehe ſie, Dich verderbend, an's Licht tritt.— Es war etwas ſo Befehlendes, Herzzermalmendes in der Rede und dem Tone des Alten, daß der junge Mann 244 ohne weiteres Bedenken ſich gehorſam fügte, und den Hausherrn walten ließ, ſelbſt ohne den Räthſeln ſeines ſeltſamen Benehmens für jetzt weiter nachzuforſchen. So half er denn die ſchaurige Leiche in ein Betttuch einwickeln und verhüllen, und langſam trug der alte Juſt und er den Körper hinaus, die Steige hinab, hinten in das Haus bis zur Kellerthür, die der Hausherr, der mit der Kerze vorangegangen, eröffnete, und als ſie den Todten in das Gewölbe hinabgetragen, den Knecht wiederum hinauf ſchickte, droben die geſprochenen Befehle ins Werk zu richten. Das Gewölbe beſtand aus mehren Abtheilungen⸗ Fäſſer und Victualien füllten die Räume. In einen der hintern Verſtecke ward der Leichnam geſchafft und mit Stroh bedeckt, und vor das enge Pförtlein deſſelben mußte Guſtav einige mächtige Fäſſer wälzen; doch als er jetzt erhitzt und erſchöpft langſam dem Alten folgte, der ſchon mit der Kerze in der Hand die Kellertreppe hinangeſtiegen, da umfing betäubende Nacht ſeine Sinne, und ſein Herz erſtarrte, denn Zabielsky wandte, die ſchwere Thür faſſend, ſich gegen ihn, und ſprach mit dumpf⸗ herabhallender Stimme: Komm mir nicht nach, und ſuche Dir ein Lager am Boden. Du biſt mein Gefangener, aber ſicherer da unten als bei Deinem Oberſt. Schweig und vertraue! Helfe mir Gott, ich kann nicht anders.— Und die ſchwere Thür fiel vor die Oeffnung, der Eiſenriegel ward zugeſchoben, und bald verſchwand auch der letzte Lichtſchein, der durch das kleine Gitterfenſter in der Thür dem Eingeſchloſſenen ſeine ſchaurige Behau⸗ ſung nochmals wie zum Spott und um ſein Grauſen zu mehren, erleuchtet hatte.— 245 Dieſe Nacht, welche dem vierundzwanzigſten No⸗ vember des Jahres 1648 vorausging, und welche, wie wir ſo eben erzählt, in einem der anſehnlichſten Häuſer von Olmütz Unruhe und Verwirrung böſeſter Art her⸗ vorgerufen, hatte ähnliche Eindrücke faſt in jeder Familie des unglücklichen Ortes nachgelaſſen. Mit wunderbarem Glück ſchien auch nicht eine Spur der neuen patriotiſchen Verſchwörung von dem Auge der Feinde entdeckt worden zu ſein, welches vielleicht an der Schnelligkeit des ge⸗ meinſamen Entſchluſſes lag, der nicht durch langes und öfteres Zuſammentreten, durch ſchwankende Wahl und Ueberlegung geboren wurde, ſondern wie ein geheimes Feuer, das zwiſchen Dach und Fach verſteckt hinläuft, durch Einzelne von Familie zu Familie weiter getragen, und nur im Kloſter der Kapuziner durch die Entſchloſſen⸗ ſten und Tüchtigſten, die ſich ſelbſt auf des Polacken Motals Ruf zu Anführern aufgeworfen, beſprochen wor⸗ den. Kein Argwohn ließ ſich an den Glaubensfeinden bemerken; nie erſchienen ſie nachläſſiger und ſorgloſer, und dennoch glich jedes Bürgerzimmer in dieſer Nacht der Kammer, in welcher ein ſchwerkranker Familienvater ſein Teſtament gemacht, und deßhalb ſeine Lieben alle um ſein Sterbelager verſammelte. Die Männer putzten heimlich und geräuſchlos ihre Waffen, oder ſaßen ernſt mit Gebetbuch und Roſenkranz, da ihnen keine prieſterliche Vorbereitung, kein heiliger Akt vergönnt war, indem ſo etwas, in Maſſe gethan, die natürlichſte Urſache augen⸗ blicklichen Verraths hätte werden müſſen. Die Frauen litten am meiſten, wenn ſie auch muthige Vertraute der Männer geworden; Mord, und wenn auch der Labeklang Befreiung daran gebunden, Mord, iſt kein Wort für weibliches Ohr; das Geſchlecht, von dem das Leben 246 ausgeht, das mit Schmerzen und langer Sorge von der Natur ein fremdes Leben zu erkaufen beſtimmt iſt, hält darum das Leben höher im Preiſe als der Mann, und es ſchaudert ſchon bei der gewaltſamen Vertilgung eines Einzelnen, den eine Mutter in Schmerzen gebar und in Sorgen erzog. Doch von allen weiblichen Weſen in Olmütz war die ſchöne Dora Zabielsky die bemitleidungs⸗ würdigſte. Des Vaters Stimme als Gottesſtimme von früh an betrachtend, hatte ſie dem jungen, wackern Bürger Nikolas Kromerzig ihre Hand zugeſagt, weil der Vater ihn der Hand würdig fand. Dem Verſprechen war eine tiefe Zuneigung gefolgt, denn der Nikolas entfaltete im nähern Umgange manche Lichtſeite eines Charakters, der durch die ſchwere Zeit an Verſtecken, Heucheln und rauhes Benehmen ſich hatte gewöhnen und in dieſe, dem weib⸗ lichen Gemüthe widerwärtige Maskenkleider verhüllen müſſen. Als der junge Schwede zu dem Zabielsky ins Quartier kam, ward jedoch dieſe Liebe zu ihrem Ver⸗ lobten gerade deßhalb einer ſchweren Prüfung unterworfen. Die kühne Offenheit, das gerade Weſen des jungen Kriegs⸗ mannes, ſein ehrliches Walten mitten unter Widerſachern gewann ihre Achtung; ſeine feinere Sitte und geiſtigere Bildung, die er dem frühen Umgange mit den Ober⸗ offizieren des Heeres zu danken hatte, beſchatteten den armen Nikolas, und daß der Eiferſüchtige ſeinen Haß gegen den Fremdling ſo unzart an den Tag legte, ver⸗ wundete ihr treues, jungfräuliches Gemüth um ſo mehr, da ſie deutlich empfand, daß die vertrauende Zuneigung, welche ihr der Schwede abgewonnen, gar nichts von dem in ſich trug, was Kromerzig darin vermuthete, kein irdiſcher Wunſch, kein Gedanke an irdiſche Annäherung oder Verknüpfung dieſe Zuneigung befleckte. Wie weh — W ————— S —————————————— ⸗ ——————— 247 mußte es daher dem Mädchenherzen thun, als auch er, der Freund, an deſſen wiedergewonnenem Leben auch ſie einiges Verdienſt hatte, und der ihr darum doppelt werth geworden, in demſelben Augenblicke, da ſie für ſein Ver⸗ derben zitterte und Vatergunſt und Pflicht der Bürgerin opfern wollte, als auch er in ſeiner düſtern Stimmung den Argwohn ihr entgegenwarf, ſie habe als ein ge⸗ wöhnliches Weib nur am Aeußern des ſchönen Junkers Gefallen gehabt, und ſündige Gedanken für ihn in der reinen Seele getragen. Sie fühlte ſich ſchwer verletzt, beleidigt und abgeſtoßen; ſie rang lang und heiß in ihrer einſamen Kammer zwiſchen dem Entſchluß, ihn ſeinem Geſchick zu überlaſſen oder der wunderbaren Stimme zu folgen, die kein Wollen ganz in ihr zu erſticken vermochte, und dieſer Kampf in ſchwacher Mädchenbruſt, die den Vater abgöttiſch ehrte, die ihrem Vaterlande, ihrem Glauben mit Kindertreue anhing, war beſtimmt nicht der leichteſte von denen, die in dieſen Stunden manches Herz von Olmütz beſtehen mußte.— Der Abend vor dieſer Nacht umhüllte ſich mit dichten herbſtlichen Nebeln; im Anfange der Nacht ſelbſt ſank die Dunſtdecke langſam wie ein ſchwerer Vorhang, und über demſelben zeigte ſich gegen Norden hin eine feuer⸗ rothe Fläche, welche hin und her wallete, gleich dem geſchmolzenen Metallſpiegel eines Bergofens, und aus welcher lange Lichtſäulen hochauf ſchoſſen bis zum Schei⸗ telpunkte der ſtaunenden Beobachter. Um Mitternacht verloſch das nördliche Lichtmeer; der ganze Himmel er⸗ ſchien rein und klar, wie man ihn ſeit Wochen nicht ge⸗ ſehen, und Millionen Sternbilder brannten golden an auf dem dunkelblauen Gewölbe; doch fielen jetzt nach Süden hin ſo zahlloſe Sternſchnuppen, daß es ließ wie 248 ein Feuerregen, und die wachen Bürger betrachteten an ihren Fenſtern dieſen Himmelsſpuk mit wachſender Be⸗ ängſtigung, da ihr abergläubiſch Gemüth nicht wußte, zu weſſen Gunſten oder Schaden ſie dieſe überirdiſchen Zeichen zu deuten hätten, ob für ſich oder für das Schwedenvolk. So kam langſam der dämmernde Tag herauf. In Zabielsky's Hauſe ſaß die Hausgenoſſenſchaft ſchon gewohnter Weiſe im vordern Zimmer um das dampfende Frühſtück verſammelt; die Lampe brannte noch, aber trüb und wie beſchämt durch das einbrechende Morgenlicht; das Frühgebet war ſchon geſprochen, obgleich die Tochter des Hauſes noch nicht von ihrem Kämmerlein herabge⸗ ſtiegen. Jetzt trat die ſchöne Dora ein, bleich und mit ſchwankenden Schritten, doch Bleiche und Schwanken mehrte ſich, als ihr erſter ſcheuer Blick auf den Vater fiel, und dieſer in demſelben Augenblicke vom Seſſel aufſtand, einen Laib Brod aus dem Frühſtückskorbe nahm, eine kleine Flaſche aus dem Wandſchranke hervorſuchte, und ohne ihren leiſen Morgengruß zu erwidern, aus einer Nebenthüre ſich in das Innere des Hauſes entfernte. Sie wußte, wohin ſein Schritt ſich richtete, und ſank durch und durch erbebend auf den nächſten Schemel. Der alte Juſt, welcher an die erlebten Nachtſcenen dachte, ſchob ihr die Schale mit der Morgenſuppe hin, und richtete einige ermuthigende Worte an ſie, da fuhr ſie auf einmal horchend empor, ihre angenehmen Züge entſtellten ſich, die Lippen zuckten und ſie ſtammelte mit ihren Blicken: Sie kommen! Und alle Heiligen mögen uns ſchützen!— Harte Tritte tönten wirklich bald darauf außen, und eintraten mit Haſt der junge Rikolas Kromerzig, der —————— —— 249 Nachbar Schmied, ein athletiſcher Cyclop, und ein roth⸗ köpfiger Kapuziner, und alle drei ſchienen geiſtig aufge⸗ regt und körperlich erhitzt, und der Ton, mit welchem Nikolas die Frage that: Wo iſt Vater Jakob? ſprach deutlicher aus, was ihr Anblick ſchon kund gethan.— Schütze mich! rief in demſelben Augenblicke das Mädchen, ſprang auf, warf ſich an des Verlobten Bruſt und umfaßte ihn mit beiden Armen. Die Jungfer iſt krank, ſchonet ſie! ſetzte haſtig der alte Juſt hinzu, da er ſah, daß der junge Mann die Braut, mit welcher er einige Tage im Hader gelebt, zurückweiſen wollte. Ni⸗ kolas wandelte ſogleich die ſtrengen Mienen ſeines Ge⸗ ſichts, und das Mädchen umfaſſend und zärtlich ſtützend, ſagte er: Krank? Und wodurch? Wahrlich, die Zeit iſt nicht gut gewählt, um krank zu ſein, und die Seele muß den Körper bezwingen lernen. Oder macht Dich die Reue, das Gewiſſen ſchwach, da Du erfahren, daß die Stunde der Entſcheidung ſchlägt, die Stunde, welche richten wird zwiſchen uns und denen, die Dein Herz von mir gewendet?— Tödte mich, rief das Mädchen, aber verwunde mich nicht mit einem neuen Meſſer. Deine Braut war treu an Leib und Seele; nur Dein Argwohn warf eine Scheidewand zwiſchen Dich und ſie. Aber ſchütze mich vor dem Vater! Sieh, da iſt er ſchon!— Wie ein Kreiſch der Todesangſt verhallten die letzten Worte, und Nikolas ſah verwundert auf ihr Geſicht, das die vernichtende Herzensqual einer Niobe ausſprach, eben ſo verwundert dann auf den Vater, der eben eintrat, wachsbleich wie mit einem Leichengeſicht, einen langen, furchtbaren Blick auf der Tochter haften ließ, und als dieſe mit den Händen ihr Geſicht verhüllt und ſich einer gebrochenen Blume gleich in den Sorgeſtuhl des Vaters ————— ————— 250 hatte niederſinken laſſen, die frühen bekannten Gäſte mit ziſiger Kälte in Miene und Ton begrüßte. Wo iſt Motal? Wo iſt der Polack? fragte Nikolas ohne Gegengruß mit Lebhaftigkeit, denn die Erſcheinung des Vaters hatte ihm die Erinnerung und Beſinnuug wie⸗ dergegeben, welche das ſeltſame Benehmen der Braut ihm geraubt. Wecket ihn ſchnell, lieber Sohn! fiel der Kloſterbruder ein. Der alte Lebeluſtig muß ein anderes Mal ſeinen Rauſch verſchlafen. Seine Gegenwart, ſeine Meinung, ſein Rath iſt uns ohne Aufſchub nöthig.— Ig ig⸗ Gevatersmann! ſprach auch der Schmied im tiefen dröhnenden Baſſe. Führt uns auf ſeine Kammer, denn beim heiligen Sebaſtian, es iſt nicht Alles, in der Stadt, wie es ſein ſollte.— Zabielsky änderte keinen Zug ſeines Geſichts. Den alten Simon Motal ſuchet Ihr? fragte er eintönig. Hatte er nicht Quartier gemacht in Eurem Kloſter, ehrwürdiger Vater? Ich habe ihn nicht wieder eingehen ſehen in mein Haus, auch ihm kein Bett angewieſen in meinen Kam⸗ mern.— Doch ging er von uns am geſtrigen Abende, wollte zu Euch, da ihm ſein letztes Schlafgemach das ſicherſte geſchienen in ganz Olmütz! entgegnete der Kapuziner betroffen.— Vater Jakob, was ſoll ich denken von Euch? brach da der junge Bürger los. Der ſchwediſche Junker iſt heimgekehrt, ich ſah ſeinen Schimmel eben am Stall, wie ihn der fremde Knecht zum Brunnen führte. Ihr verläug⸗ net den ehrlichen Motal, den Rettungsboten, der uns Allen ein Evangelium gebracht, ſo wie einſt Habakuk dem Daniel Speiſe in die Löwengrube trug. Es iſt etwas 251 Beſonderes geſchehen hier im Hauſe, denn woher iſt das Mädchen dort ſo verſtört und einer Wahnwitzigen nicht unähnlich? Woher ſeid Ihr ſo verändert, und was zittert hier der alte Hausknecht? Kam der Verrath zwiſchen un⸗ ſer Werk Ihr nahmt den Motal ungern auf; Ihr waret dem verhaßten Ismaeliten, dem Nordländer mehr gewo⸗ gen als ein gut katholiſch Herz geſollt! Iſt der Schwede mit dem Polen zuſammengetroffen? Sprecht es aus, und ſteht nicht ſo ſteinern da, indeß uns die Angſt mit Feuer⸗ bränden geißelt!— Der Schwede iſt nicht in meinem Hauſe, antwortete der Hausherr mit unveränderter Kälte, er hat nicht in ſeiner Kammer geſchlafen. Und wer möchte unter dem Dache des Jakob Zabielsky einen Verräther ſeines Lan⸗ des und ſeines Glaubens ſuchen? Nachdem er nochmals einen ſcharfen Blick auf die Tochter geworfen, die mit ſchmerzlich flehenden Auge zu ihm aufgeſchaut, trat er näher heran, und fuhr mit erhobener Stimme fort: Aber gebt Ihr mir Rechenſchaft von der ſeltſamen Weiſe, mit welcher Ihr im eigenen Hauſe alſo zu mir geſprochen. Ihr wiſſet, was mir der Bote von unſerem gnädigen und hochwürdigen Herrn gebracht. Ich bin der Bürgermeiſter dieſer Stadt; gelte es zu ſiegen oder zu ſterben, Jakob Zabielsky wird an der Spitze der Bürgerſchaft das Ver⸗ trauen rechtfertigen, welches des Kaiſers Bruder auf ihn geſetzt. Die Verwirrung, die Ihr hier gefunden, kann Niemand befremden. Die Ankunft des ſchwediſchen Troſſes hinderte die Nacht hindurch die Bewaffnung meiner Leute, und erſt jetzt beim Frühmahle konnte ich ſie von dem in Kunde ſetzen, was in den nächſten Stunden geſchehen ſoll. Dennoch iſt an meinem Haupte der Schlaf unfreundlich vorbei gegangen, der Rettungsplan hielt meine Seele 252 wach, und hat Bosheit oder Leichtſinn uns indeß Verder⸗ ben bereitet und das Werk im Keime zerſtört, ſo mag den Verräther die ſelbſt herangelockte Strafe treffen. Hin⸗ dern wird er uns nicht, denn der Rückweg iſt durch den Verrath verſperrt, und kein Schwede darf den Abend ſehen, oder wir müſſen unſere eigenen Kinder ſchlachten und uns mit ihren Leichen unter den Trümmern unſerer Häuſer begraben. Reſpekt alſo eurer Obrigkeit, die in des Kaiſers Namen frägt: Was trieb euch ſo ungeberdig her in dieſer frühen Stunde?— Verſchüchtert durch den unerwarteten Ton, wie auch den Inhalt, welcher mit den bisherigen Grundſätzen des Alten im Wiverſpruch zu ſtehen ſchien, verſtummte Kro⸗ merzig; der Kapuziner aber neigte ſein geſchorenes Haupt in gehorſamer Demuth. Würdiger Herr, ſprach er, unſer früher Eintritt bei Euch war ein Nothdrang der Zeit und nimmermehr von böſer Meinung begleitet. Als der hoch⸗ würdige Prior mit den Brüdern zur Hora ging, ſahen ſie aus den Fenſtern unſerer hochliegenden Gebäude alle Fenſter in dem Schloſſe hell erleuchtet und hörten mit Schrecken vom Frater Pförtner, daß ſchon ſeit Mitternacht von ihm dieſelbe Bemerkung gemacht worden. Ausgeſen⸗ dete Kundſchafter brachten herein, wie in der Nacht zu mehren Malen die Thore geöffnet wurden, und ſchwe⸗ diſche Couriere ein⸗ und ausgeritten. Zuletzt ſandte noch, um den Wermuthsbecher voll zu machen, der Wirth zum römiſchen König, wo der Motal ſein Quartier genom⸗ men, einen Buben in's Kloſter, und meldete in Herzens⸗ angſt, daß eine ſchwediſche Ordonanz in der erſten Däm⸗ merung den Polen geſucht, und dem Wirth dringend anbefohlen, den Abweſenden möglichſt ſchnell aufſuchen und zum Commandanten beſtellen zu laſſen. Nun vermeinten — u— u 253 der Hochwürdige— und die Kinnladen der frommen Fratres klapperten, als derſelbe unter fließendem Angſtſchweiße die Meinung hören ließ— er vermeinte, das gottgefällige Vornehmen der rechtgläubigen Bürgerſchaft müſſe ver⸗ rathen ſein an den Erzfeind; meinte, die Couriere wür⸗ den Botſchaft von dem uns zur Hülfe heraneilenden Hatzfeld zum Oberſten gebracht haben; meinte, man ſuche ſich des Motal, als der Seele unſeres Vorhabens zu bemächtigen; meinte, die Lichter im Schloſſe würden dem grauſamen Nebukadnezar geleuchtet haben, um die Todes⸗ urtheile der beſten Bürger zu unterzeichnen, und viel⸗ leicht gar die Beſtellung für einen rothen Hahn auf unſer geheiligtes Kloſterdach einzurichten. So ſchickte uns der Ehrwürdige, um ſchnell den Motal, der zu Euch ſchlafen gehen wollte, zu warnen, ihn in das Aſyl unſerer ge⸗ weiheten Mauern zu rufen, dort Rath von dem kühnen Manne entgegen zu nehmen, da, wie der ehrwürdige Herr Prior zuletzt meinte, ohne ihn der letzte Tag, dem ſicherlich die Boten des Herrn, die feurige Himmelszeichen in dieſer Nacht angekündigt, für uns Alle unabwendbar gekommen ſein möchte.— Haſtig ſchritt der alte Zabielsky zu der Tochter, faßte ſie mit Heftigkeit unter ihr Kinn und erhob das bleiche Geſicht des Mädchen gegen ſein Zornauge empor. Hö⸗ reſt Du es, thörichte Jungfrau! rief er mit halblauten, verbiſſenen Tönen. Der Sohn der Wölfin beißet mit ſcharfen Zähnen. Die ihn mit Unſinns⸗Liebe gehätſchelt, werden zuerſt und am tiefſten ſein weißes Gebiß zu füh⸗ len haben. Aber ſein Blut über den, der das junge Raubthier von der Kette losgelaſſen.— Die ſtutzenden Zuhörer wurden durch ein Er⸗ eigniß von dem Räthſel dieſer Rede fortgeriſſen. Der 254 Schmied ſtieß ein Fenſter auf. Höret ihr die ſchwediſche Trommel? rief er verſtört. Da ſtellet ſich ein Schützen⸗ trupp gerade vor Eurem Hauſe auf. Maria und Joſeph ſei uns gnädig!— Still! befahl der alte Zabielsky. Der Korporal ver⸗ lieſet einen Befehl. Laſſet uns horchen.— Und wirklich wirbelte die Trommel nochmals, dicht am Hauſe, und die Baßſtimme des Schweden erklang mit ſcharfem, fremdartigem Accente zu den in Fieberſchauern Horchenden herein. Was er verlas, war ein Befehl des Oberſten Paikul. Er enthielt eine Ladung an alle Bür⸗ ger von Olmütz, Punkt neun Uhr auf dem Niederringe zu erſcheinen, und zwar im Sabathrocke und mit bür⸗ gerlicher Bewaffnung, auch Weib und Kind nicht daheim zu laſſen.— So tönte die Trommel abermals fern an einer an⸗ dern Straßenecke, und des Korporals Stimme begann auf's Neue dumpf herüber zu ſchallen, da erwachten die Horcher erſt aus ihrer Betäubung. Es iſt klar wie Mittagslicht, rief der junge Nikolas mit Verzweiflungsgeberden, man will uns ſchlachten, ſchlachten Mann und Weib und Kind, alle auf einmal, und die Opfer ſollen überdies geputzt zum Hohn der Kriegsknechte erſcheinen. Aber nein, thut ihr, was ihr möget, ich folge dem Befehle nicht.— Er flog zu der Jungfrau und ſchlang ſeine Arme derb und feſt um ſie. — Von dieſem Platze ſoll mich Keiner losreißen, und täme das Geſpenſt des Ketzerkönigs ſelbſt zur Stelle mit ſeinen hölliſchen Genoſſen! Geht ihr hinaus, ſo verram⸗ mele ich mich im Hauſe; Schuß auf Schuß ſoll vom Erker fallen, und manchem Nordländer die Rückkehr ver⸗ falzen. Und wenn die ungetreue Hausthür endlich unter 255 ihren Kolbenſtößen bricht, dann ſtürze ich mich mit der Dora vor den Henkern hinab auf's Pflaſter, daß ſie er⸗ kennen, wie über deutſche Treue ihre Kolben keine Macht haben!— Das in tiefſtem Bangen zuſammengepreßte Mädchen erhob ſich und umfaßte ihn wie der verunglückte Schiffer den Fels, und wagte einen einzigen Liebesblick zu ihm hinauf; aber als der Vater auf ſeinen Ausbruch der Ver⸗ zweiflung antworten wollte, hemmte ein neues Ereigniß ſein Wort. Der alte Juſt trat nämlich ein, und meldete, daß am Thorwege ein Wägelchen angefahren, daß zwei Frauenzimmer darin, die nach dem Quartier des Cornet Guſtav Wolfſon gefragt, daß ſie auf ſeine bejahende Ant⸗ wort abgeſtiegen wären und ihm auf dem Fuße nachträ⸗ ten. Und wirklich erſchienen in demſelben Augenblicke zwei weibliche Geſtalten in der Thür, die, obgleich ein⸗ fach und züchtig gekleidet, doch durch Manier und Anſtand zeigten, daß ſie vornehmerm Stande angehörten. Die ältere trug die ernſte, tiefverhüllende Wittwentracht der damaligen Zeit; doch war ihr Wuchs hoch und ihr Auf⸗ treten voll Würde; die andere ſtand in den Blütenjahren der Schönheit, und reiches flachsblondes Haar quoll un⸗ ter dem zurückgeſchlagenen Spitzenſchleier hervor, und legte ſich um das feinſte und roſigſte Geſicht, was je an der Oſiſee geboren worden, und die Scheu, das Scham⸗ erröthen, mit denen ſie der kräftigen Mutter nachtrat, vermehrte den ſ Liebreiz, welcher ihr ganzes Weſen umwob. Ihr ſeid der Herr im Hauſe, ſprach die Mutter in⸗ dem ſie mit dreiſter Ruhe auf Zabielsky zuſchritt, denn ſo, wie Ihr vor mir ſtehet, hat Euch der Freund be⸗ ſchrieben. Verzeiht den unangemeldeten Beſuch, den die 256 Roth befohlen. Wir flüchteten durch die Nacht von dem offenen Proßnitz herüber zu dieſer feſten Stadt, denn kaiſerliches Kriegsvolk zeigte ſich geſtern in unſerer Nähe und ſelbſt die neugewonnene Freundin, die gute Frau Maria Focky, rieth dazu und vermeinte, das Jungfrauen⸗ kloſter würde uns, als den Landesfeinden angehörig, nicht ſichern können gegen die Mißhandlungen der leichten Trup⸗ pen des kaiſerlichen Heeres.— Ihr ſeid, Gnaden?— fragte der alte Jakob, die Gäſte mit düſterm Staunen betrachtend.— Unſer Name iſt Stenhammer, fuhr die Dame fort. Mein Eheherr ſtand als Rittmeiſter im Schwedenheer und ſtarb den Soldatentod vor Brünn durch eine öſter⸗ reichiſche Kugel. Dieſe da iſt meine einzige Tochter, die mit mir dem Vater in das Kriegsleben gefolgt, es iſt meine Ulrika, die Verlobte des Cornets Wolfſon, Eures Einquartirten. Er hat Euch als ſeinen Wohlthäter und Lebensretter in den wärmſten Liebesworten gar oft ge⸗ ſchildert, und ſein Vertrauen auf Euch erweckte auch das unſere. So wagten es die Flüchtigen, ohne Aufſchub bei Euch einzuſprechen, und des Sohnes und Bräutigams Quartier in Anſpruch zu nehmen.— Seine Braut? ſtieß Dora hervor, und ein Zug von Mißbehagen ließ ſich aus dem Blicke nicht verläugnen, der mit Schärfe die Fremde traf. Nikolas aber ſagte mit feindlichen Mienen, doch nur halblaut: Willkommene Gäſte, die zu rechter Zeit in unſer Garn liefen und uns als Geiſel dienen können.— Vielleicht hatte ſeine Eifer⸗ ſucht der Jungfrau Blick nicht unbemerkt gelaſſen, aber des alten Zabielsky Auge ſtrafte ihn auf der Stelle, und beſonnen hieß er die Damen willkommen, nöthigte ſie zum Seſſel, und befahl der Tochter die nöthige Erquickung ——— 257 herbeizuſchaffen. Auf ſeinen Wink folgten ihm alsdann die Freunde auf die Hausflur. Was meinet Ihr, Vater? fragte draußen Nikolas ſogleich. Iſt es nicht, als hätte der Schutzpatron unſe⸗ rer Stadt dieſe Weibsleute hergeſendet? Wir ſperren ſie ein in das feſteſte Verſteck Eures Hauſes. Wir ſen⸗ den nach dem verliebten Junker, und dräuen ihm mit dem Tode der Braut und Brautmutter, wenn nur die geringſte Feindſeligkeit gegen die Bürger beginnt. Er wird den grimmigen Eisbär von Commandanten ſchon herumbringen, weiß er ſein Lieb in Noth.— Und wenn er's nun nicht thäte, nichts zu thun ver⸗ möchte? fragte Zabielsky mit kaltem Ernſte.— Dann fährt mein Degen ohne Gnade in ihren Leib, tobte Kromerzig auf, und wenn ſie mich und die Dora als Leichname haben, ſollen ſie doch auch ſchwediſch trauern, und der ſtolze Junker Thränen weinen mitten in ſeinen Triumphen.— Unſchuldig Blut verſpritzen? entgegnete der Alte mit Widerwillen. Uns der Sünde theilhaftig machen, mit der die Ketzer ſich zu beflecken im Begriff find?— Des Burſchen Rath iſt nicht übel! rief der Schmied dazwiſchen, und der Kapuziner ſprach: Des Himmels Fingerzeige ſoll der Rechtgläubige nicht verſchmähen. Er ſendete den Knaben Daniel zur Rettung der Suſanna, auch uns können dieſe Weiber, wenn wir ſie feſthalten, Rettung, wenigſtens Aufſchub verſchaffen, bis zu Mittag der Hatzfeld mit den Adlerfahnen vor die Stadt rückt, und der von innen und außen gedrängte Feind ſeine Blutpläne aufzugeben gezwungen iſt.— Zabielsky ſah mit zweifelhaften Blicken ſie Alle nach der Reihe an, als wenn er nachſänne über ihre Blumenhagen, X. 17 258 Vorſchläge, dann ſchien ſeine Stirn freier zu werden, und er ſprach im ſchon gebrauchten Tone der höchſten Obrig⸗ keit: Ehrwürdiger Bruder, wandelt durch die Stadt, und Ihr, Nikolas und Joſeph ſprecht zu den Nachbarn in Eurem Quartier, und bringt ihnen meine Befehle. Jeder ſoll thun, wie der ſchwediſche Spruch geboten; iſt es uns doch vergönnt, gewaffnet auf dem Niederringe zu erſcheinen; unſer ſind doppelt ſo viel als die Beſatzung, und darum kann ich nicht ſo recht an eine wahnwitzige Metzelei glauben, wie euch die Furcht ſie vorgemalt.— Ihr vergeßt die ſchwediſchen Geſchütze, die Eiſenballen und Traubenkugeln! fiel Nikolas hitzig ein.— Und werdet Ihr die Frauen frei geben? fragte der Mönch ſpitzig und lauernd.— So wahr ich auf der Heiligen Fürſprache hoffe, ant⸗ wortete mit Feſtigkeit der alte Jakob, ſie ſollen nicht aus meinem Hauſe, bis das Schickſal der Bürgerſchaft ent⸗ ſchieden wurde. Ich ſelbſt will den gefährlichen Gang verſuchen, will auf das Schloß, um den ſchwediſchen Junker auszuforſchen. Darf ich doch ſagen von mir, es gibt keine treuere Bruſt, ſo weit die March fließt. Darum vertrauet und gehorcht. Mein Schutzpatron wird mir ſchon zuflüſtern, was gethan werden muß, und iſt der ſataniſche Plan eines bethlehemitiſchen Mordtages wirklich vorhanden, ſo ſollt Ihr den alten Jakob an Eurer Spitze finden, ſobald die befohlene Stunde geſchlagen.— Mit ausgeſtreckter Hand winkte er ſie hinweg, und ſie gehorchten; in der Hausthür jedoch flüſterte der Schmied: Sorge nicht, Söhnchen; Dein Plan war geſcheid erdacht, und gehet der Alte zum Schloſſe, werde ich wachen, daß kein Schuh der Ketzerinnen das Haus verlaſſe, und ſollte ich den ſteifen Puppen ſelbſt mit dem Hammer die Knie 259 zerſchlagen.— Der Kapuziner nickte wohlgefällig zu⸗ ſtimmend mit dem Haupte, und ſie traten auf die Straße hinaus. Mit bewegtem Gemüth ging der Bürgermeiſter von Geſtern in ſein Wohnzimmer zurück, rathloſer als viel⸗ leicht je einer ſeiner Collegen geweſen. Sein ſonſt ſo umſichtiger, kalter Verſtand war aus der Bahn geſtoßen, und die Ankunft der Fremden hatte ſeinen einfachen Ent⸗ ſchluß von vorhin durchſchnitten und ſeine innere Qual vermehrt. Er fand die Frauenzimmer alle drei in geſpannter, unruhiger Stimmung, denn Dora hatte die Gäſte zwar wirthlich bedient, jedoch auf die Fragen der Mutter ein⸗ filbige und ausweichende Antworten gegeben. Die Frau von Stenhammer erhob ſich bewegt ihm entgegen und legte vertrauensvoll ihre Hand auf ſeine Schulter. Mein würdiger Herr, ſagte ſie, vergebens ſehe ich mich um in Eurem Hauſe nach den Zeichen des fried⸗ lichen, wolkenloſen Bürgerglücks, von dem unſer Guſtav uns erzählt, und welches er ſo oft in ſeinen Zukunfts⸗ träumen ſich gewünſcht, da ihm ſein Küraß bei dieſen endloſen Kriegen eben keine Bilder vorſpiegeln mochte, die ſeinen Wünſchen gemäß geſchienen. Ich ſehe Euch freilich zum erſten Male, aber wie die Liebe iſt auch das Vertrauen oft das Kind des Augenblicks, und die Menſchlichkeit, welche Ihr an unſerm jungen Freunde geübt, verbunden mit Eurem biedern Weſen und ehr⸗ lichem Geſicht, flößt mir ein Zutrauen ein, als hätte ich in Euch einen lang verlornen Bruder gefunden. So tauſchet denn Vertrauen um Vertranen. Es iſt nicht 260 Alles bei Euch, wie es ſonſt geweſen. Die Menſchen, die ich ſeit unſerm Eintritte ſah, ſchienen verſtört, un⸗ ruhig, beklommen in Sprache und Wort. Was iſt ge⸗ ſchehen? Denket, Ihr ſprächet zu einer Freundin, einer Verwandtin, welche jedes Familienleid zu theilen und mitzutragen bereit iſt.— Iſt vielleicht gar der Guſtav neu erkrankt? Gar todt, da er nicht zu uns heraneilt? fragte mit Beben das er⸗ blichene Fräulein.— Richt doch, entgegnete der Alte, bei meinem Seelen⸗ heil, er iſt wohl wie Ihr, nur Dienſtgeſchäfte mögen ihn ſeit heute früh bei ſeinem Oberſten feſthalten. Warum ſollten wir nicht Eurem Zutrauen begegnen, meine edle Frau? ſetzte er ausweichender hinzu. Es haben Miß⸗ verſtändniſſe ſtatt gehabt zwiſchen der Soldateska und der Bürgerſchaft; wir fürchten Ausbrüche des ſchwediſchen Haſſes, und wie könnte da der Familienvater, der treue Mitbürger ohne Sorge bleiben?— Mißverſtändniſſe? fragte Frau von Stenhammer verwundert. Und warum verſchiebt Ihr die Aufklärung verſelben? Und warum ruft Ihr nicht unſern Guſtav herbei als Helfer in ſolch ängſtlicher Sache? Denn wo könntet Ihr einen beſſern Vertreter und Fürſprecher finden als dieſen treuherzigen Jüngling, der mit den Feſſeln der Dankbarkeit unauflöslich an Euch gebunden iſt?— Ja, ſchickt nach ihm ohne Zögerung! rief das Fräu⸗ lein lebhaft. Nicht laut vor den Ohren der kalten Kriegs⸗ männer ſollet Ihr ihm unſere Ankunft melden; es gibt ein leichteres, geheimeres Mittel, dem er nicht wider⸗ ſtehen wird. Hier dieſer Ring! Er kennt ihn wohl. Sendet ihn hin, gebet ihn in ſeine Hände, ſprecht dazu, man wolle, man müſſe ihn nur einen Augenblick ſehen; ————— 261 er iſt des Oberſten Liebling, gern wird man ihm den freien Augenblick vergönnen, und er wird nicht ſäumen, ihn zu benutzen.— Sie hatte einen Fingerreif, einen Rubin in beſonderer, alterthümlicher Faſſung, dabei von ihrer feinen Hand gezogen und dem Hausherrn hingereicht, ſtand aber be⸗ ſtürzt gleich den Andern, als ſie die Wirkung wahrnahm, welche der erſte Anblick dieſes Kleinods in dem Alten hervorgerufen. Mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte Zabielsky den Ring an, dann griff er ihn mit heftiger, faſt gewaltſamer Bewegung aus den Fingern des Fräu⸗ leins, und ihn ſchnell in der Hand drehend, ihn an die Bruſt, an den Mund preſſend, ſtammelte er: Dieſer Ring— o dieſer Ring! Wo fandet Ihr ihn? Wer hat ihn getragen? Wie kam er in Eure Hände?— Die verwunderte Mutter nahm für die erſchrockene Tochter das Wort. Es iſt ein liebes Erbſtück, welches zu Stralſund eine theure Freundin in ihrer ſanften Sterbeſtunde meiner Ulrika vermachte.— Alſo todt, todt! ſchrie der Alte und bedeckte ſein Geſicht. Doch wie konnte es anders ſein? ſetzte er weicher hinzu und flüſternd. Iſt ſie mir nicht damals drei Nächte hinter einander wie ein verklärter Engel erſchienen! Aber was geſchah mit dem Ringe? Wer war die Perſon, aus deren Händen er zu Euch gekom⸗ men?— Das iſt eine gar traurige, lange Geſchichte, antwor⸗ tete Frau von Stenhammer. Laßt ſie uns verſparen auf eine ruhigere Abendſtunde. Sendet nur erſt nach dem Guſtav, daß er die Bedrängniſſe vertilge, von denen Ihr vorhin ſo ängſtlich ergriffen waret.— Mein Gedächtniß iſt erloſchen durch dieſen Zauberring! 262 rief der Alte mit ſtürmiſcher Aufwallung. Laßt den Himmel walten für die Lebenden; mich hält das Grab feſt und der Tod. Paula! Paula! Halte ich doch ein Stück von Dir in meinen Händen, was mir Deinen Sterbegruß gebracht!— Er faßte die Hände der beiden Schwedinnen, warf ſich zugleich in einen Stuhl am Tiſche und zog ſie mit Heftigkeit zu ſich nieder auf die nächſten Seſſel. Erzählt, erzählt ſchnell und Alles, was Ihr von der unglücklichen Paula wiſſet, denn ſo wahr ich an ein Leben nach dem Tode glaube, nicht früher laſſe ich Eure Hände! ſtieß er zugleich aus athemloſer Bruſt hervor.— Ihr kennet den Namen unſerer Freundin? fragte die Schwedin mit ſteigender Verwunderung. So höret denn, mein heftiger, hitziger Mann, was von den ſeltſamen Schickſalen dieſer lieben Frau uns vertrauet worden.— Es ſind wohl über zweiundzwanzig Jahre verlaufen, das Regiment meines ſeligen Eheherrn lag damals in Stral⸗ ſund, als derſelbe eines Abends vom Wachtdienſte zurückkam und bei der Mahlzeit die Neuigkeiten des Tages wie ge⸗ wöhnlich erzählte. Damals führte der junge König Guſtav Adolph den Krieg mit den Polen; neue Siegespoſten waren gekommen und als Zeugen derſelben hatte man eine bedeutende Anzahl Kriegsgefangener gen Schweden geſandt, und ein Trupp derſelben war Mittags in un⸗ ſerer Feſtung angekommen. Stenhammer beſchrieb das Aeußere dieſer Söhne des fernen Landes, beſchrieb den traurigen Zuſtand, in welchem die bärtigen Männer in ſchlechter, zerfetzter Kleidung, die meiſten verwundet, einen weiten Marſch im rauhen Wetter gemacht. Zuletzt ſchilderte er einen auf den Tod kranken Hauptmann, der durch ſeine herkuliſche Geſtalt, ſeinen ausgezeichnet ſchönen — ——— —— — 263 Schwarzbart und ſein grauenerregendes, wildes Antlitz die Aufmerkſamkeit aller Schweden auf ſich gezogen, mehr aber noch, weil ihn die ſchwediſche Reiterescorte als einen der tapferſten, grauſamſten, gefürchtetſten Krieger des Polenheeres genannt, der darum auch trotz ſeiner ſchweren Wunden den weiten Transport hatte mitmachen müſſen, da man den Verwegenen bei dem Wechſel des Kriegs⸗ glücks nicht wiederum hatte verlieren wollen. Mitleidig erwähnte Stenhammer zugleich der Frau des Hauptmanns, die ihm in Krieg und Gefangenſchaft gefolgt war, die ſtlaviſch ſich um ſeine Pflege bemüht hatte, und die der wilde Menſch dennoch, zum Abſcheu der Umſtehenden, als er kaum vom Wagen gehoben worden, mit harten und rohen Worten zu mißhandeln vermochte. Sein Mitleids⸗ wort erweckte natürlich meine weibliche Theilnahme im erhöheteren Maaße; die Soldatenfrau ahnete dunkel, was auch ihr einſt im fremden Lande begegnen ſollte; ich ſendete von unſern Schüſſeln, von unſerm Weine in die Kaſematten, und ſelbſt der junge Trompeter, den wir zum Boten erleſen, konnte nicht genug reden von der blaſſen, feinen Frau, die mit naſſen Augen von ihm die Gabe angenommen.— War ſie es?2— Nein!— Ja! Sie war es! ſtieß Zabielsky ſtöhnend hervor, und er beugte ſeinen Mund auf die Hand der Schwedin, und ſie fühlte, wie ſein grauer Bart heiße Thränentropfen aufgefangen.— Der ſchwarzbärtige Hauptmann ſtarb am andern Tage, fuhr ſie raſcher und faſt geängſtet durch des Wirthes Be⸗ nehmen fort, und auf meine Bitte brachte Stenhammer ſeine Begleiterin in unſer Haus. Die Beſchreibung hatte nicht gelogen, ſie war eine gar wohlgebildete Frau, ob⸗ gleich langes Leid an ihrer Jugend genagt hatte, und den —— 264 Ton, mit dem ſie, als ich ihr mein Bedauern ausſprach, das Wort Erlöſung ausrief und dabei vor mir in die Kniee ſank, werde ich nimmer vergeſſen.— Vor Kurzem erſt hatte ich unſere Ulrika geboren, und da gar bald die Fremde ſich als eine ſittige und wohlerzogene Perſon kund that, ſo thaten wir ihr den Vorſchlag, wenn nicht Familie und Blutsbande ſie zur Heimath riefen, als Wär⸗ terin unſerer Kleinen bei uns zu verweilen. Sie ſei allein, dürfe keinen Verwandten kennen, habe kein Vaterland, war ihre Antwort; räthſelhafte Worte, die wir erſt ſpä⸗ terhin verſtehen lernten.— Kein Vaterland, keine Verwandte? So war es nicht Paula? fragte der Alte hart und betroffen. Paula war es, antwortete die Edelfrau, ob die, welche Ihr meinet, weiß ich freilich nicht. Die Fremde wurde bald heimiſch in unſerer Familie; Jedermann gewann die ſtille, beſcheidene Dulderin lieb; ſie wurde meine Freundin, Ulrikens Erzieherin, und theilte mit mir die Mutterpflichten mit wärmſter Aufopferung, doch ihre Schwermuth, ihren heimlichen Gram heilte die Zeit nicht, wenn wir auch bald erkannten, daß die bittern Zähren, welche ſie oft an der fremden Wiege weinte, daß der Kummer, der täglich tiefer an ihrer Geſundheit zehrte, nicht dem ſchwarzen Kriegsmanne galt, der ſie, obgleich ein Sterbender, in unſere Mauern mitgeſchleppt. Lange Jahre lebte ſie ſo unter uns, und Ulrika ſtand ſchon, ein zwölfjähriges Mägdelein, neben der Pflegmutter Krankenbett, als ſie endlich in einer Stunde der ſchmerz⸗ lichſten Vertraulichkeit uns die dunkele Hülle von ihrem grauſen Schickſale lüftete. Sie war von begüterten El⸗ tern geboren und einſt eine glückliche Gattin und Mutter geweſen. Auf einer Reiſe durch das Polenland überfielen =————————————————— 265 Räuber die kleine Karavane, der ihr Eheherr ſich ange⸗ ſchloſſen; ſie ſah ihren Gatten ſterben unter den Schwer⸗ tern der Gräßlichen, ſie ſelbſt wurde eine Gefangene des Anführers, und von wüſter Zuneigung entbrannt, eignete ſich der fürchterliche Corſar der Wälder die junge Frau für immer als willkommene Beute zu. Drei Jahre lebte ſie in den Wildniſſen mit ihm und ſeinen Geſellen, gleich furchtbar gequält von ſeinen Liebkoſungeu und Todes⸗ drohungen. Ohne Hoffnung zur Flucht oder Erlöſung, mußte ſie Theil nehmen an Gefahr und bacchantiſchem Gelag, war umringt von allen Laſtern, gezwungene Zeugin jeder Art von Schandthat, Mord und Plünderung, durfte nur heimlich und zaghaft ihr Gebet zum Himmel richten und konnte nie das Heiligthum einer Kirche betreten.— Entſetzlich! Schliefen denn die Heiligen? Durfte kein Engel die Frömmigkeit beſchützen? wimmerte der alte Mann.— Der polniſche Krieg brach aus. Allen Verbrechern wurde eine Amneſtie verheißen, wenn ſie gegen den Feind die Waffen ergriffen. Kriegsluſt und Begier nach leich⸗ terer Beute trieb den Hauptmann der Räuberhorde, die Gelegenheit zu benutzen. Er bildete aus ſeinen Geſellen ein ſtattliches Schützenkorps und ſtellte ſich bei dem Po⸗ lenheere. Auch hier mußte die unglückliche Paula ihm folgen, und zuvor unter der Spitze ſeines ſcharfen Mord⸗ ſtahles ihm einen gräßlichen Eid ſchwören, ihn nie zu verlaſſen, nie von ſeiner Vergangenheit Kunde zu geben. So kam ſie mitten in die Grauen und das Gewühl des Krieges, bis ihren Henker bei einem kühn und übermü⸗ thig ausgeführten Ueberfalle ſein Strafgericht, das lang verdiente, erreichte, und rühmlicher, als ſeine Thaten forderten, ſein verbrecheriſch Leben zu Ende ging.— — 266 Und warum ſandte ſie keine Botſchaft in ihr Vater⸗ land, als der Gott der Gnade ſie eingeführt hatte in das Haus Eurer Barmherzigkeit? fragte Zabielsky.— Auch wir thaten ihr dieſelbe Frage.— Soll ich meine Schande wälzen auf die, welche vielleicht noch von den Meinigen übrig ſind? fragte ſie zurück. Sie haben längſt ausgeweint, haben mich betrauert als eine Todte; ſoll ich durch meine Schmach ſelber das eigene Andenken beflecken? Meine Hoffnung iſt der Himmel, und mein Gebet zieht täglich zu der Heimath hinüber. So nannte ſie nicht ihr Vaterland, nicht den Namen ihrer Familie, und ſtarb nicht lange darauf ſanft und friedlich, und eine Stunde vor ihrem Verſcheiden hing ſie ſelbſt mit ſchwacher Hand den Ring, den Ihr haltet, an den Hals meines Kindes.— Ausgeweint hätten wir längſt um Dich? rief der Alte, indem ſich ſein ſtarrer Schmerz jetzt in Jammer und Thränen auflöſete. Nein, Paula, nein! Dein Ge⸗ vächtniß blieb hell bis heute und mit ihm der ewige Schmerz um Dich. Und konnte auch Dein Freund ſpäter eine andere Hausfrau an Deinen Platz ſetzen, weil die Nothwendigkeit es befahl, auch Deiner Stellvertreterin hat er die Thränen um Dich nimmer verhehlt. O edle Frau, wie wunderbar hat Euch Gott in mein Haus ge⸗ führt, daß ich Euch Dank bringen kann für das, was Ihr der armen Paula gethan. Und ich will's, ſo wahr der Herr des Himmels unbegreiflich iſt in ſeinen Fügungen!— Er hatte beide Hände der Frau von Stenhammer gefaßt und an ſeine Bruſt gepreßt, und die tiefe Rüh⸗ rung des greiſen, aber noch kräftigen Mannes, theilte ſich allen Anweſenden in ſolchem Maaße mit, daß die Edel⸗ frau kaum die Frage zu thun vermochte: So war alſo unſere Paula Eurer Familie angehörig, war Eure— 2— 6 267 Drei dumpfe Kanonenſchläge donnerten indem raſch nach einander von der Ferne her, und zugleich begann ein mächtiger Glockenton in langſamen Schlägen höher und höher anzuſchwellen, und breitete ſeine Feierklänge aus über den Dächern der geängſteten Stadt. Schon? rief hochauffahrend der Hausherr. So ſchnell find die Barbaren. Pflicht und Ehre rufen mich fort, ſetzte er raſch hinzu, Mütze und Degen ergreifend; aber Ihr ſollet nichts zu fürchten haben in dieſem Hauſe. Juſt, befahl er, Du haſt auch Frau Paula gekannt und be⸗ weinet. Bei ihrem Angedenken, vollführe, was ich ge⸗ biete, und ſetze ſelbſt Dein Leben daran. Dieſe ſchwediſche Edelfrau iſt von jetzt an die Herrin meines Hauſes, ihre Befehle gelten wie die meinigen. Ihr zu Schutz und Dienſt ſammele die Leute Alle, verrammele Haus und Hof, bewaffne die Arbeiter im Speicher und Magazine, ladet die Standbüchſen und die Handröhre in meiner Kammer. Niemand, nicht Feind, nicht Freund, ſelbſt Kromerzig nicht oder der Pater, dürfen dieſe Schwelle überſchreiten, bis Ihr mich wieder geſehen. Betet, betet, denn die Stunde iſt ſchwer, und der Himmel laſſe ſie gnädig an uns vorübergehen!— Er küßte ſeiner Tochter Stirn, und ließ die Frauen allein mit ihrer Angſt. Zurückſchreiten müſſen wir jetzt in unſerer Erzählung um mehre Stunden, um uns nach einer andern Perſon umzuſehen, die vielleicht bislang nicht ganz ohne Theil⸗ nahme von dem Blicke des Leſers auf ihren Wegen be⸗ gleitet worden.— Noch lag das Dunkel der Nacht auf den menſchen⸗ leeren Gaſſen von Olmütz, da flüchtete ein Mann, halb 268 entkleidet, mit fliegendem Haar, welches der Nachtwind oft über ein bleiches Geſicht hinwarf, aus den ſchmalen Gaſſen, über die breiten Plätze, gegen die Feſtung hin⸗ auf. Dem Anruf der ſchwediſchen Poſten antwortete ſeine matte Stimme mit dem rechten Wort, und ſo kam er unangehalten, aber ſtolpernd im unſichern Sternlichte, ſchwankend, faſt erſchöpft hinauf zum Schloſſe, deſſen Fenſter mit ihrem Lichterſcheine den darob Erſtaunten mit beſchleunigten Schritten anzogen. Der Flüchtige war unſer Cornet Guſtav Wolfſon. Wir verließen ihn eingeſchloſſen in dem Keller des Zabielsky'ſchen Hauſes in einer Lage, deren Widerwärti⸗ ges ſich verdoppelte, weil der junge Mann die Urſache, warum er hinein gerathen, mit aller Geiſtesanſtrengung nicht zu erkennen vermochte. Mehre Male noch hatte er den Namen ſeines Wirthes gerufen, als aber überall Stille und Dunkel fortwaltete, ſetzte er ſich reſignirend auf die unterſte Steinſtufe der Kellertreppe, und verlor ſich in ein fruchtloſes Grübeln über die Möglichkeiten, welche den wackern, ihm bislang mit Liebe zugethanen Bür⸗ gersmann zu ſolcher Gewaltthat hätten bewegen können. Vergebens citirte er die letzten Räthſelworte des alten Jakobs in das Gedächtniß herauf, vergebens mühete er ſich ab, einen verſtändlichen Sinn in dieſelben zu tragen, und ſank ſo allmälig in eine geiſtige Erſchöpfung, und zugleich durch die Kälte des Steinſitzes und die dumpfe Kellerluft, welche dem Halbentkleideten zugleich zuſetzten, in einen fieberhaften Zuſtand, der ihn aus der Erſchö⸗ pfung wiederum unwillkommen aufſchüttelte. Vielleicht machten jetzt einige der vierfüßigen Einwohner der Kel⸗ lerwinkel ihre Promenaden, denn wirklich vernahm der Eingeſperrte ein Geräuſch in den Winkeln; doch der von 269 allen Vorgängen dieſer Nacht Aufgeregte dachte nicht an Ratte und Maus, ſondern ſeine gereizte Phantaſie erin⸗ nerte ihn an den furchtbaren Motal, deſſen blutiger Leich⸗ nam mit ihm eingeſchloſſen worden. Er dachte ſich den gräßlichen Geſellſchafter; dachte jetzt, der Schreckliche ſei vielleicht nicht todt, ſondern aus ſeiner Ohnmacht er⸗ wacht; dachte, wie er ſich aus ſeinem Heulager loswickelte, ſich erhob, mit der verzerrten Satanslarve ihm näher und näher ſchlich, in der Abſicht ihn zu faſſen und mit ihm einen neuen Würgekampf um das Leben zu beginnen. Mit jedem Augenblick wuchs die Lebhaftigkeit dieſer Phantaſien; ſein inneres Schauen ſchien die Gegenſtände draußen immer heller zu erleuchten; mit jedem Augen⸗ blicke wurden die Gegenſtände rundum farbiger, die Ge⸗ ſtalten deutlicher und mit der Erhellung wuchs die Angſt des Gemüths bis zum Herzkrampfe; Schauder wie Eis⸗ güſſe überliefen den jungen Kriegsmann; jetzt ſah er den blutigen Todten dicht vor ſich, und mit einem wilden Schrei ſtürzte er die Steinſtufen der Treppe hinauf, und griff nach der Thür, ſeine Verzweiflungskraft an ihr zu verſuchen. Wunderbar, ſo wie des Gefangenen Hand die Thür erfaßte, wich ſie nach außen, die Riegel waren fortgezo⸗ gen, er taumelte hinaus, neu erſchreckt, gegen die Wand; denn auch oben ſtand eine weiße Geſtalt dicht vor ſeinem, durch den Aufenthalt im Dunkel geſchärften Auge. Schnell fort, Herr Guſtav! flüſterte da der ſchönen Dora Stimme dicht neben ihm, und gab ihm die Beſin⸗ nung zurück. Du kamſt zu meiner Erlöſung? fragte er nach der Zurückweichenden greifend. Sage zuerſt, wo iſt der Va⸗ ter? Ich muß ihn fragen, warum—— 2 270 Fraget ihn um nichts, fiel die Jungfrau ein, und die Furcht klang aus ihren Tönen. Er kann nichts ant⸗ worten. Seine Neigung zu Euch hat ſich in Haß ge⸗ wandelt ſeit geſtern. Er ſperrte Euch ein, bis die Mör⸗ der gekommen.— Mörder 2 Hat denn die Schreckensſcene dieſer Nacht den Vater um den Verſtand gebracht? Oder biſt Du ſelbſt, armes Mädchen, wahnſinnig geworden?— Nein! Glaubt mir, es iſt ſo. Der argliſtige Mord lauert Euren Schritten nach, entgegnete das Mädchen haſtiger und faßte ſeinen Arm, und zog ihn mit ſich fort gegen die Hausthüre hin. Zögert nicht, denn nur ſchnelle Flucht kann Euch ſichern. Ich weiß nicht, ob ich Recht gethan, aber tief in mir rief's die ganze Nacht: du mußt! du mußt! Oder willſt du Theil haben an der gräßlichen Sünde?— Der Vater wird mir fluchen viel⸗ leicht, mich hart behandeln, aber es rief ja: du mußt! — Morgen um Mittag iſt die Stunde. Alle Schweden ſollen umkommen auf einen Schlag. Die Bürger ha⸗ ben's beſchworen im Kloſter. Sie wollen das Leben daran ſetzen, Alle, Alle! Aber, Guſtav, Du ſollſt es hindern, ohne ſie zu verderben. Bei der heiligen Mut⸗ ter mußt Du ſchwören, daß dem Vater Jakob kein Haar gekrümmt werde. Doch eile, eile, ich muß Dich ja fort⸗ ſtoßen und halte Dich. O glaube mir, es iſt kein Mähr⸗ chen; der Motal, der entſetzliche Menſch, ſteht an der Spitze, der Motal hat dieſen Gräuelplan mit ſich in die arme Stadt gebracht.— Der Motal! ſchrie Wolfſon auf, und mit einem Sprunge flog er zu der ſchon geöffneten Pforte auf die Straße hinaus. Als er hier Athem ſchöpfte, ſich nach der Retterin umſah, hatte dieſe das Haus bereits ver⸗ 271 ſchloſſen, er ſah ſich allein, und was er erfahren, trieb ihn zu dem Eilmarſch gegen die Feſtung hinauf.— In den Vorhallen des Schloſſes traf er mehre un⸗ ter dem Gewehr verſammelte Haufen der Soldaten, die ſich über ſein ſeltſames Aeußere verwunderten, ihn an⸗ riefen, denen er aber im Vorüberflüchten keine Antwort gab. Ordonnanzen wachten im Vorſaal; durch ſie hin eilte er zu des Commandanten Gemach, und ſtürmte ohne Anmeldung hinein. Obriſt Paikul ſaß in Uniform am Arbeitstiſche; ein Adjudant ſchrieb in ſeiner Nähe mit Emſigkeit. So wie der Oberſt den Eingedrungenen erkannte, ſtand er auf und trat ihm beſorgt entgegen. In welchem Aufzuge, mein Freund? fragte er mild. Und warum ſo früh, ehe die Trompete geweckt? Biſt Du neu erkrankt, denn Dein Ausſehen gleicht dem eines Fiebernden? Haben Dich Fieberträume aus dem Bett geſtoßen?— Der Cornet war auf einen Schemel hingeſunken. Nicht Fieber, nicht Träume, mein Oberſt! ſtammelte er mit fliegenden Athemzügen. Aber verſprecht mir Güte⸗ Nachſicht, Verzeihung. Es iſt noch lange bis Mittag Ihr habt Raum genug, das Verbrechen zu hindern, den mörderiſchen Anſchlag, ehe er ausbrach, zu nichte zu machen; aber ſeid menſchlich dabei.— Was meineſt Du, armer Burſch? fiel der Obriſt mit erhöheter Beſorgniß ihm in die fliegende Rede. Holm gehet hinaus, und laſſet den Chirurg rufen. Sagte ich Dir nicht voraus, daß Dir die Reiſe im Herbſtnebel ſchaden könnte.— Der Cornet faßte mit Heftigkeit des Oberſten Hand. Kümmert Euch nicht um mich. Beim Himmel, ich bin 272 geſund wie Ihr ſelber. Denkt an Größeres, Wichtigeres. Es iſt eine Rebellion dem Ausbruche nahe. Morgen, nein heute um Mittag wollen die Bürger der Garniſon den Einquartirten ans Leben. Ich ſelbſt war gefangen, eingeſperrt, dem Tode geſpart. Ein Engel machte mich frei; aber um dieſes Engels willen, ſchonet die Ver⸗ führten, ſtraft nicht blutig, was Ihr hindern könnt, ehe es ins Daſein tritt. Der alte Pole, der gräßliche Mo⸗ tal, vor welchem ich Euch vorgeſtern warnte, ſtand an der Spitze. Euch brachte der Falſche Proviant herein, den Bürgern dieſen gefährlichen Blutplan.— Stutzig wich der Commandant einen Schritt zurück. Wäre es möglich! rief er aus. Haben die Tollhäusler noch nicht ſcharf genug unſere Strafruthe empfunden? Und der Motal? Er kam nicht, als ich ihn ſchon Abends beſchickte, und eine ſeltſame Ahnung regte ſich darum in mir. Adjutant, fraget, ob der zweite Bote nach ihm ſchon vom Schloſſe hinab, und beſchleunigt ſeine Abſendung!— Der Motal wird nicht kommen, ſfiel Wolfſon ein, mein Degen hat Euch und die Welt von dem Scheuſale erlöſet.— Alſo wirklich? rief Paikul heftig. Und ſchon Blut gefloſſen? Das ändert die Sache.— Einen Augenblick ſchwieg er wie überlegend; dann ging er raſch gegen die Thür, ſtieß ſie auf und rief einen Offizier herein. Lieu⸗ tenant, ſagte er mit barſchem Tone, der Cornet Wolfſon hier iſt Arreſtant. Führet ihn durch die Thür dort in mein Schlafgemach. Niemand darf hinein zu ihm, Nie⸗ mand darf mit ihm reden, Ihr ſelbſt nicht, bei Eurem Dienſteide! Er mag auf meinem Bett ſeine Fieberträume verſchlafen.— * ———————————— — 273 Guſtav wollte eine Gegenrede thun, aber mit Zorn⸗ worten unterdrückte der Oberſt ſeine Stimme, und als er eingeſchüchtert und vom gewohnten Gehorſam gezwun⸗ gen, mit dem Lieutenant das Zimmer verlaſſen, verrie⸗ gelte Paikul ſelbſt die Kammerthür hinter ihnen. Keine Novemberſonne ſchien es, die dieſen Tag her⸗ aufgebracht, denn frühlingswarm traf ihr Strahl, und ſelbſt die Morgenfriſche, welche ſie begleitete, war nicht empfindlich, ſondern der Mangel aller Luftbewegung machte ſie erquicklich für Bruſt und Wange. Aus den Quartieren der Stadt kamen jetzt die Bür⸗ ger heran; die befohlene Stunde hatte geſchlagen. Aber nicht einzeln kamen ſie, ſondern zu ſechs und zwölf, die meiſten mit Degen oder Jagdmeſſer an den Hüften, viele ihre Stutzen am Riemen über der Schulter hangend. Alle Geſichter hatten jedoch einen Schnitt und eine Färbung, düſtern Groll und die gelbbleiche Farbe ängſtigender Er⸗ wartung. Weiber ſah man zwiſchen den Zügen nur wenige und dieſe gehörten ſämmtlich den niedrigſten Ständen an, und ſie hielten ſich auch nur hinter den Männern, wie die altgermaniſchen Frauen, wenn es zur Schlacht ging. Als dieſe Bürgerhaufen ſich jetzt dem Platze am Nie⸗ derringe näherten, wurde deutlich an den Vorderſten die Beſtürzung ſichtbar, welche bei dem Anblick, der ſie dort überraſchte, ihre geſpannten Gemüther traf. Drei Sei⸗ ten des weiten Raumes wurden nämlich bereits von der ſchwediſchen Soldateska beſetzt gehalten. Die Regimen⸗ ter ſtanden in voller Bewaffnung, ihre Kriegsmuſik vor der Fronte, unter ihren Fahnen, und die Musketen und Säbel blitzten weithin im Sonnenſtrahl. Unheilkündender Blumenhagen, R. 18 274 erſchienen jedoch zwei Gruppen in Mitten dieſes offenen Vierecks. Hier nämlich ſah man rechts die kürzlich und vor längerer Zeit wegen Aufruhr oder Widerſpänſtigkeit eingekerkerten Einwohner der Stadt Olmütz, etwa ein Dutzend an der Zahl, und links einen ſtärkern Haufen kaiſerlicher Soldaten, Kriegsgefangene, die bei den Aus⸗ fällen und Recognoscirungen eingebracht, und beide Haufen der Unglücklichen waren von einem Halbkreiſe hellblauer Schützen umſtellt. Erſchrack aber auch das Herz der Olmützer zuerſt, ſo hatte die langjährige Unterjochung doch ihrem letzten Entſchluß eine ſolche kalte Feſtigkeit gegeben, daß Keiner zurückwich, ſondern die eintreffenden Rotten ſich in die offene Seite des Vierecks einſchoben, und durch jeden neu⸗ ankommenden Haufen erſtarkt und entſchloſſener zuletzt die ganze Breite mit zwölffacher Gliedertiefe einnahmen, ja daß ſogar in dieſem Menſchenwalle Stimmen laut wurden, die zu muthiger Wehr, zu eiſerner Sandhaftigkeit er⸗ mahnten, an den Bürgereid, an den Schutz der Heiligen erinnerten, bis zuletzt in dem ganzen Volksgebirg ein dumpfes Gemurmel wogte, wie man es im Bienenkorbe pört, ſobald ſich die jungen Stämme zum Ausfluge rüſten. Jetzt donnerte ein Kanonenſchuß vom höchſten Wall, und noch einer und der dritte; aber nicht nach dem Innern der Stadt, ſondern nach außen ging Dampf und Knall. Dennoch ward es plötzlich todtſtill in der Bürgermaſſe, aber deutlicher hörte man dadurch, wie in den hintern Reihen die Kolben der Stutzen hie und da den Boden be⸗ rührten und die Eiſenſtöcke der Ladenden im Lauf erklangen. Jetzt aber ließ der Dom hoch über der Menge die volle Stimme ſeiner großen Thurmglocke los, die ſeit den ſieben Jahren der Knechtſchaft ſtumm geweſen, und alle Häupter d — N 275 erhoben ſich in Verwunderung, und die heilige Zunge, die in den Wolken ſprach, ſchien mit magiſcher Kraft die böſen Gedanken, welche vorgewaltet, wenigſtens für die nächſten Augenblicke gefeſſelt, ja vernichtet zu haben. Und ein neuer beſonderer Anblick zog die Augen zur Erde zurück. Vom Schloſſe her nahete ſich ein glänzen⸗ der Zug. Vorn ritt der Oberſt Paikul, der furchtbare Commandant; nie hatten den ſchlichten, ſtrengen Kriegs⸗ mann die Bürger in ſolch prachtvoller Tracht, nie ſo mit ſeinen Orden behangen geſehen. Dicht hinter ihm ritten ſeine Staabsoffiziere, und dieſen folgten die Panzerreiter und gelben Dragoner, alle in Staatsuniformen und vor ihnen trug der Cornet Wolfſon die ſchwediſche Standarte, an deren Spitze ein Kranz von grünen Fichtenzweigen ſich ſchaukelte. Der Zug hielt am Rande des Vierecks, und nur der Oberſt, die Offiziere und der Standartenträger kamen mitten in den Raum und nahmen Platz gerade zwiſchen den beiden Knäueln der Gefangenen. Eine kurze Stille der bangſten Erwartung trat ein; da erhob ſich der Oberſt in ſeinen Steigbügeln, nahm den befiederten Hut vom Haupte, und ſeine tönende Commandoſtimme fuhr über den Raum, und alle Bür⸗ gerherzen zuckten krampſficht in den breiten Brüſten. Kameraden und ihr, Bürger dieſer Stadt, horchet auf mit Ohr und Herzen! rief er. Der Krieg, welcher dreißig Jahre gedauert, iſt zu Ende. Zu Prag, wo er begann, ſiel auch ſein letzter Schlag. Es iſt Friede in ganz Europa, Friede geſchloſſen am vierundzwanzig⸗ ſten Oktober zu Osnabrück und Münſter.— Gelobet ſei der Herr der Heerſchaaren! bringet ihm Dank in euren Kirchen! Alle Gefangenen ſind frei; aller Zwiſt iſt 276 verſöhnet; Vertrauen trete an die Stelle der Feindſchaft. Und Heil dem Kaiſer und unſerer Königin!— Er winkte mit einem weißen Tuche, und die blauen Schützen verließen ihren Wachtpoſten bei den Gefangenen und eilten zu ihren Regimentern, und rund um die Stadt erhoben die Geſchütze ihre Donner, und überall miſchten die Thurmglocken und Kloſterglöckleins ihr Spiel mit der dumpfen Stimme des Domes, und die Salven der Musketiere knallten, und rundum wurde fröhliche Horn⸗ muſik wach, und Trompeten und Keſſelpauken riefen weit ins Land hinaus, damit die Hoffnung überall erwachen möchte aus langem Schlafe und Lebensmuth überall die gelähmten Fittige rege. Wie Träumende ſtand noch die Bürgerſchaft, über⸗ raſcht, faſt noch ungläubig, vom ſchnellen Wechſel betäubt, und regte ſich nicht; da wandelte ſich noch einmal das Schauſpiel, und die neue Scene brachte den Glauben. Auf einen zweiten Wink des Oberſten ſchwieg plötzlich das Gelärm, und nur die Glocken ſangen noch fort ihr Feierlied, und die Kanonen murrten eintönig und mit längern Pauſen dazwiſchen. Die ganze Garniſon aber legte Gewehr und Säbel an den Boden, und die Fahnen neigten ſich, und die Reiter ſaßen ab, und Alles, was Soldat hieß, kniete nieder auf Stein und Sand, und mitten im Raume begann ein einzelnes Hörnerchor langſam einen Kirchengeſang, und die ſchöne Morgenſonne beſchien nur entblößte Häupter und andächtig gefaltete Hände.— Jetzt ergriff auch die Bürger der Geiſt frommer Dank⸗ barkeit; die eiſig gepreßten Herzen thaueten auf, und ver⸗ geſſend, daß die Kirche jene Betenden Ketzer nannte und mit grauſen Flüchen verdammte, fielen auch die Bürger von Olmütz alle in die Knie, und beteten heißes Dankgebet zu 277 dem Gotte, der aller Erſchaffenen und Geborenen Vater iſt, und Alle ohne Unterſchied mit ſeinen Wohlthaten überſchüttet. Als aber der Cornet Wolfſon, noch im Knie liegend zur Seite ſah, weil er eine heiße Hand auf ſeiner Schul⸗ ter fühlte, da erblickte er dicht neben ſich, knieend wie er, den alten Jakob Zabielsky, der ihn jetzt mit beiden Armen umfaßte, und mit dem Ausruf: So biſt Du mir gerettet, mein Sohn, und Dir iſt der Vater gerettet und die Schweſter und alle Landsleute! ihn gewaltig zu ſich riß.— Euer Sohn? Mein Vater Ihr? ſtotterte der Cornet.— Ja, ja, jauchzte der Alte, Du biſt mein Werner, mir verloren gegangen in den Wäldern von Grodzierz. Die Welt hat heute den Frieden wieder bekommen; aber mir iſt mehr geworden, ich habe den Sohn für mein Alter wieder gefunden. O ſähe Mutter Paula die Selig⸗ keiten dieſer Stunde!— Der Cornet ſchlug, verſtummt in dem Drang der neuen Empfindungen, ebenfalls beide Arme um den Alten, und in dem wiedererwachenden Freudengetümmel knieten lange noch die zwei in einer heiligern Entzückung wie alle dieſe Tauſende, denen doch auch der Tag ein recht hohes und gar unerwartetes Glück mitgebracht. Es bliebe dem Erzähler nun ſo eigentlich nichts mehr übrig, als etwa noch diejenige Klaſſe der Leſer in einem kurzen Schlußworte zu befriedigen, die ſich nicht gern das Geringſte unterſchlagen laſſen, und keine Freude am Selbſtaus ſpinnen des Vermuthlichen und Wahrſcheinlichen haben.——— Als der Vater Zabielsky mit dem wiedergefundenen Sohne in ſeinem Hauſe eintraf, fand er daſelbſt ſchon 278 die Freude eingezogen. Nikolas Kromerzig war als Friedensbote herangeeilt, zuerſt gar grimmig von dem alten Juſt und ſeiner bunten Compagnie abgewieſen, jedoch nach kurzem Parlamentiren durch den Befehl der Frau von Stenhammer, welche als Soldatenfrau die Stimmen der Trompeten und der Feldmuſik auszudeuten verſtand, ſammt ſeiner Jubelpoſt eingelaſſen worden. Doch das Herz des heißblütigen Bräutigams wurde noch einmal in die Preſſe genommen, und ſeine Hand fuhr trotz dem ausgerufenen Frieden nach dem roſtigen Degen, als der eintretende hübſche Cornet, dem das Feſt dazu die plaſſen Wangen roſenroth gemalt, die ſchöne Dora, welche der Thür am nächſten ſtand, ohne Umſtände in die Arme faßte und die freilich ſich Sträubende tüchtiglich abherzte. Der nachtretende Vater hielt den Eiferſüchtigen feſt am Arme, als er eben thätliche Einſage zu thun im Begriff ſtand. Küſſe nur dreiſt zu, mein Töchterchen! rief er jugend⸗ lich ausgelaſſen. Wo wäre heut in Olmütz eine Frau oder ein Mädchen, die ſich nicht willig von einem ge⸗ wichsten Schnurrbarte roth kratzen ließe. Es ſind ruſ⸗ fiſche Oſterküſſe, denn der Chriſt iſt uns ja erſtanden lange vor der heiligen Woche, und mit ihm noch andere liebe Leute.— Sei nicht toll, Niklas; der falſche Schwedenjunker hat ein größer Recht auf das Mädchen als Du, und auch Ihr, Fräulein Ulrike, ſehet nicht ſo trüb darein, Schweſterkuß kürzt keinen Liebesgruß! Dieſer ſchlanke Kavalleriſt iſt ja der in den polniſchen Wäldern verlorene kleine Olmützer, und die arme Paula war ſeine Mutter und mein liebes, unglückliches Weib.— und mitten durch den allgemeinen, freudigen Aufſchrei commandirte er weiter mit erhobener Stimme: Hinaus, Juſt! Der dürre Ambros ſoll allen Leuten doppelten 279 Tagelohn zahlen, aber alle ſollen zuvor vor das Thor in den Buſch, und jeder ſoll mir einen jungen Tannen⸗ baum ins Haus tragen, und wir wollen Thüren und Fenſter damit ausſtaffiren, daß des Zabielsky Haus an⸗ zuſehen wie ein großer Weihnachtsbaum. Hinaus, Juſt! Der Bäcker ſoll Kuchen einſchieben, ſo lange ihm Mehl und Zucker und Kohlen nicht ausgehen, und herauf aus dem Keller ſoll die letzte Flaſche.— Aber wie war das mit dem Keller, Vater? fragte Gu⸗ ſtav, der bereits ſein blondes Bräutlein an der Bruſt hielt.— Ach! Das war ein väterlicher Gewaltſtreich, ſeufzte Vater Jakob, Dich zu bewahren vor den Mordſtreichen Deiner eigenen Landsleute, und die Vaterliebe ſpielte den Kerkermeiſter gezwungen. Wohl uns, daß die Fürbitte der Heiligen ſchneller war, als die, welche der Vater für den Sohn im Sinne trug.— Und Ihr, edle Frau, wandte ſich da der Cornet zu Mrikens Mutter; werdet Ihr dem Olmützer Bürgers⸗ ſohn laſſen, was Ihr dem jungen Krieger Eures Landes mütterlich geſchenkt? Werdet Ihr keinen ſcharfen Stein mitten in den blanken Feſtplan werfen?— Wunderbar walteten Gottes Fügungen mit uns, antwortete mit andächtigem Ernſte die Edelfrau; wer möchte Spott treiben unter ſeiner ſichtbaren Hand? Unſer Nordland wurde ſeltſamer Weiſe die Rettungsküſte für beide Verlorenen, und beide haben mit Seele und Blut dank⸗ bar dafür bezahlt. Wäre es doch ein Verbrechen an der guten Paula, wenn ich dem Sohne vorenthalten wollte, was ſie ſelbſt für ihn erzogen und gebildet?— Und was zöge mich jetzt noch zur fernen Heimath zurück? Dieſer Boden hat meines tapfern Herrn Blut eingeſogen, unter dem Graſe dieſes Landes ſchläft der treue Gatte, und es 280 iſt mir keine Fremde mehr. Werdet denn das lebendigſte Bild des großen Weltfriedens, ihr lieben Kinder! Nord und Süd vermähle ſich in euch zu religiöſer Duldung, zu unerlöſchlicher Liebe und ewigem Vertrauen. Ich meine, wenn auch der Mutter Zeit gekommen, werden die neuen Landsleute ihr ein unbefeindetes Grab gönnen neben den Vorangegangenen.— Amen! rief der alte Zabielsky. Und die Wohlthäterin unſerer Paula ſoll Herrin ſein in meinem Eigenthume, und ich ſelbſt will ihr erſter Knecht werden, um in Etwas abzutragen die unbezahlbare Schuld.— Ehe noch die ſchwediſche Beſatzung abzog, ſah man im Zabielsky'ſchen Hauſe in einer glänzenden Doppel⸗ hochzeit die Wiederholung der großen Friedensfeier, und der Nachklang derſelben äußerte ſich in ſolcher, faſt un⸗ glaublicher Eintracht, daß der ſchwediſche Feldprediger und der katholiſche Pfarrer in derſelben Stunde ihr hei⸗ liges Amt in ächt chriſtlicher Duldſamkeit mitſammen verrichteten, und Oberſt Paikul und die erſten ſeiner Hauptleute mit den angeſehenſten Rathsherren der Stadt gemiſcht die Brautführer vorſtellten. Was aus dem Leichname des ſchrecklichen Motal ge⸗ worden, ob ihn Zabielsky's Leute im Keller vergraben, ob ihn Nachts die Schweden abgeholt und am ſchimpf⸗ lichen Orte verſcharrt, davon ſchweigt die Chronik; die Bürgerſchaft glaubte, der Schändliche habe ſich flüchtig gemacht und ſie, als es galt, im Stich gelaſſen. Aber die Wundermähr von den Schickſalen der Zabielsky's, durch den Taufnamen Wolſſon in der Familie vererbt, erhielt ſich im Munde der Olmützer von Kind zu Kind, und die Chronikenſchreiber des Mährenlandes erzählen ſie ſelbſt noch der neueſten Zeit. ——————— IV. Adler und Greiß. Hiſtoriſches Gemälde aus dem fünfzehnten Säculo. — Friede unter euch tollem Vieh, oder da ſollen dreimal ſieben Teufel durchfahren! rief im höchſten Zorn ein Bauerburſch, indem er mit dem Schaft einer Armbruſt zwiſchen einem Fuchſe, der an der Kette lag und einem jungen Wolfe hinein ſchlug, daß der irdene Speiſenapf an dem ſich die Thiere entzweit, in zahlloſe Scherben zerſplitterte. Der Fuchs fuhr aufheulend in ſein Bret⸗ terhäuslein zurück; der Wolf aber floh mit geſenktem Schweife zum Hofthore; als aber der Burſch ihn mit einer faſt furchtbar ſchallenden Stimme ſein: Halt da, Iſegrim! nachdonnerte, ſtand das flüchtige Thier wie feſtgezaubert, weißer Augſtſchaum netzte ihm die Zunge und das ſchneeige Gebiß, und auf den befehlenden Wink des Herrn ſchlich es langgeſtreckt heran, ſchmiegte ſich an die Sohle ſeines Schuhes, und winſelte nur leiſe, als der mitleidsloſe Burſch ihm die rauhen Ohren ſtrafend zerrte. Aus der Thür des Hauſes, das wie die gewöhnlichen pommerſchen Bauerhütten Lehmwände und Strohdach zeigte, jedoch durch die anſehnlichere Größe und durch den ge⸗ räumigen, mit einer Menge des beſten Ackergeräths ge⸗ füllten Hofraum den Sitz eines Freiſaſſen verkündete, ertönte jetzt eine weichere Stimme. Sie gehörte einem Mädchen zu von ſchlanker Geſtalt und angenehmen, fri⸗ ſchem Geſicht, wie man dort im Lande nicht eben ſelten 284 findet; zwar waren die nackten Beine unter dem kurzen Rock von Luft und Sonne der natürlichen Lilienweiße beraubt, dagegen fielen in ſeltener Schönheit und unge⸗ wöhnlichem Reichthume ein halbes Dutzend dicker, blonder Haarflechten bis weit über die Hüften hinab, und Nacken und Bruſt blendete faſt in Fülle und Glanz, denn ein großer Strohhut ſchützte dieſe weiblichen Schätze vor der Befährdung der genannten neidiſchen Feinde. Barnim, Barnim, ſagte das Mädchen vorwurfsvoll, haſt Du einmal wieder Deinen wilden Tag? Fluchſt wieder wie ein trabender Reiter aus der Mark, der ſelbſt am Sonntage auf der Landſtraße ſein Brod ſucht, und jedes Gotteshaus vorbeireitet? Wenn das der Vater Lange gehört hätte!— Der ſanft Geſcholtene ließ das gequälte Thier, und hov ſich auf aus ſeiner gebückten Stellung, wodurch ſeine faſt rieſige Größe ſichtbar wurde, obgleich er noch in den frühen Jahren des Wachsthums zu ſtehen ſchien und nur ein Flaumenbart über den aufgeworfenen, friſchen Lippen ſproßte. Als er erkannt, von wem die Straf⸗ predigt gekommen, zog ein freundlich Lächeln über ſein Geſicht; er ſetzte ſich nieder auf den Baumklotz, nahm ſein großes Schnitzmeſſer vom Boden, und begann die Arbeit auf's Neue an der Armbruſtkolbe, in der ihn der Zank der hungrigen Thiere geſtört. Ja, ja, ſagte er halb in ſich hinein, der gute Vater Hans würde nicht ſo glimpflich geſcholten haben. Aber Meſtove wird des tollen Barnims Sünde nicht verrathen; ſie hat keine Judas⸗Seele ſo wie der Henning.— Das Mädchen trat näher hinzu, und erhob den Hir⸗ tenſtecken, den ſie trug,— eine ſchlanke Ruthe, an der Spitze zu einem Reif zuſammengeſchlungen,— und ehe ————————— 285 denn er ſich gehütet, warf ſie ihm den Ring über den Kopf, und zog den Stab an, und hielt ihn alſo gefangen. Der mächtige Burſch ſchien zuerſt verdutzt und faſt bös über den Scherz, doch als ſein dunkelblaues Auge auf das Mädchen hingeblitzt, verwiſchte ſich der plötzlich auf⸗ gewachte Sturm in ſeinen Mienen, und er ſtreckte den Arm aus, faßte den Zipfel von der Jungfrau Rock und zog ſie ſanft zu ſich heran auf ſeinen rohen und knorrigen Sitz. Sie ließ ſich's gefallen, hob löſend den Halsring über die langen, hellbraunen Locken des Burſchen hinweg, und ſetzte ſich recht nahe zu ihm mit ſichtlichem Behagen, das ſie auch gar nicht zu bergen ſtrebte. Er legte ſeine Hand unter ihr Kinn, und beider Augen ſahen frei und freundlich in einander. Warum neckeſt Du mich beſtändig, Meſtove, fragte er, den Du doch ſo rauh und unbändig ſchiltſt? Und warum ſah ich Dich nie ſolche Spielerei an dem Henning üben, der gottesfürchtig iſt und betet, wenn es blitzt oder wenn der Sturm von der See herüber fährt und die Balken des Hauſes ſchüttelt, indeß mich ſolch' Him⸗ melsſpektakel erfreut, als gehörte es zu meinem innerſten Wohlbehagen?— Warum? fragte das Mädchen ſinnend zurück. Weiß ich doch kaum eine Antwort darauf zu geben, Vetter. Der Henning iſt ſechs Jahre älter als ich, Du ſtehſt mitten inne zwiſchen uns, und mir daher näher. Mag auch wohl kommen, weil Meſtove noch recht gut der Zeit gedenkt, als Dich vor ſieben Jahren der Vater Hans mitgebracht von der Reiſe. Du wareſt damals zwölf, Meſtove zählte neun Jahre, und Du hielteſt Dich immer zu ihr, nicht zu dem Bruder; ſchützteſt ſie, wenn der Bru⸗ der bei dem Spiel im Sande oder am Teich eigenſinnig 286 nach ihr ſchlug, ſuchteſt ihr Vogelneſter mit junger Brut, mochten ſie auch im Gipfel des höchſten Buchbaums ſitzen, fütterteſt mit ihr die kleinen Zeiſige, und wiegteſt ſie Abends auf dem Knie, wenn ſie früh müd geworden nach dem Laufen in Buſch und Moor. O ich weiß noch recht gut, ſetzte ſie mit höherem Roth auf den runden Wangen hinzu, wie ſich's ſchlief feſt und warm, wenn Du mich hielteſt an Deiner Bruſt dort auf der Schwelle der Haus⸗ thür, und wenn der Wind kalt aus Oſten ſirich, mich ſorglich zudeckteſt mit Deinem Schafpelze.— Barnim faßte ſie feſter ins Auge, als wollte er bis auf den Grund ihrer Seele dringen. Nicht wahr, Me⸗ ſtove, ſagte er, Dich grämt's, daß Du nicht mehr ſo einſchlafen darfſt, weil der Vater ſprach, es ſei gegen die Zucht, ſeit wir nicht mehr Kinder geblieben? Meſtove, nicht wahr, Du haſt mich lieb, recht lieb, lieb wie den Vater Hans, und mehr wie den Bruder?— Ich meine, das wüßteſt Du längſt, antwortete das Mädchen mit geſenktem Blick; aber was hilft's, weiß ich doch, daß Du Dich und den Wolf da, den Du der Mutter ſelbſt abgewanneſt mit der blutigen Keule, daß Du Dein Jagdgeräth, o noch viele andere Dinge weit lieber haſt, als Deine Baſe Meſtove, und wenn ſie trau⸗ lich mit Dir plaudern möchte von allerlei, was ihr Herz vrückt, ungeduldig davongehſt, und keine Luſt haſt zu hören, was für ſie und gewiß auch für Dich nicht ohne Nutzen ſein möchte.— Der Burſch ſah mit liſtigen Augen auf ſie. Du denkſt an das Kirchlein in Lantzka? fragte er lauernd. Nicht wahr, Bäschen? Denkſt an ſo einen luſtigen Zug, Schalmeien voran, und die Brautjungfern zur Seite?— Dann ließ er plötzlich Hand und Arm los von ihr, wandte ſich ab von ihr, rückte fort auf den — F 7 ——— — 287 Baumſtumpf, und mit der Armbruſtkolbe auf den Boden ſtoßend ſetzte er hart und rauh hinzu: Ich bin Dir gut, Meſtove; wer ſollte es nicht ſein? Du biſt ja hübſch, biſt fromm und freundlich; haſt Du doch ſelbſt des mär⸗ kiſchen Junkers Than auf Stolpe Herz gerührt, daß er ſtatt den Füchſen in unſerm Felde Dir nachreitet. Aber ich kann keine Hochzeit machen mit einem Mädchen, das mit nacktem Fuß durch den Sand geht, und mit der Ruthe die Gänſe hütet.— Dunkleres Roth flog auf in des Mädchens Geſicht, und die ſanften Mienen verzogen ſich faſt zu einem Zorn⸗ bilde. Du biſt eine Waiſe, haſt nicht Eltern, nicht Gut, entgegnete ſie haſtig, ſo hat der Vater erzählt, und Deine Kleider waren ſchmutzig und zerriſſen, als er Dich her⸗ einbrachte. Des Vaters Langen Erbe reichte wohl für den beſten und hochmüthigſten Burſchen im ganzen Pom⸗ mern, der auf die Tochter den Sinn geſtellt. Und wo liegt Dein Erbgut?— Als ſie aber ſah, wie Barnims breite Augenbrauen ſich dicht zuſammengezogen bei den Worten, wie er die Zähne kniff und die Fauſt geballt, da ſetzte ſie ſchnell und recht ſanft hinzu: Vater Hans meinet es ſo gut mit Dir, und würde Dir ſicherlich lieber den Hof vertrauen als dem eigenen trägen und finſtern Sohne, und iſt Dir der nackte Fuß zuwider, kann Me⸗ ſtove Dir zu gefallen auch den rothen Strumpf und den Schnabelſchuh jeden Werkeltag anlegen, möchten auch die Nachbarn darüber ſpotten. Aber böſe Leute müſſen Dir's angethan haben, daß Du blind biſt für Dein eigen Glück. Gewiß, Meſtove theilte Dir gern die größere Hälfte zu von Allem, was ihr des Himmels Gnade geſchenkt, wenn Du ihr nur glauben wollteſt, und ohne Hochmuth annehmen, was ſie Dir vor allen Andern geben möchte.— 288 Der rieſige Burſch nahm das Meſſer und ſchnitt recht eifrig und mit ſeltſamer Haſt in den Holzſchaft. Böſe Leute, ja recht böſe Leute haben's mir angethan, brummte er ingrimmig; dieſelben, die mir die Lumpen aufgehängt und mich hinausgeſtoßen, aber dreimal ſieben Teufel ſollen ſie— Sich beſinnend reichte er dem Mädchen dann plötz⸗ lich die Hand. Geh, Meſtove, ſagte er milde, die arme Magd auf der Wiſch iſt hungrig und harrt, daß Du ſie ablöſeſt. Wir haben uns ſatt gegeſſen. Und dort ſchleppt ſich der Henning heran, der uns nicht gern zuſammen ſieht. Geh, die Zeit bringt ander Wetter, und beſcheinet mich einmal die rechte Sonne, ſollſt auch Du erkennen, daß der Barnim nicht undankbar iſt wie die Beſtie, der Wolf, nicht falſch wie der rothe Fuchs hier an der Kette.— Das Mädchen ſeufzte recht tief und ging langſam dem Hofthore zu, fand aber den Weg verſperrt durch den Bruder, der indeß von der dichten Holzung, welche die eine Seite des Gehöfts umgab, und wo die Birken und Buchen in dem erſten hellen Grün des Frühlings eine freundliche Wand gegen den Seewind bildeten, her⸗ angekommen war, eine ſchwere Laſt Scheitholz auf den Schultern tragend, die er mitten im Thore unwillig niederwarf, und ſich mit ſchweißbedecktem Angeſicht dar⸗ auf ſetzte. Hat der Faulenzer Dich auch träge gemacht? fragte er bitter, zugleich die ſchlichten Flachshaare von dem nichtvielſagenden Geſicht zurückſtreichend und die Glieder des kurzen, aber ſtämmigen Körpers dehnend.— Was kümmert's Dich! antwortete unwirſch die Jung⸗ frau und wollte an ihm vorüberſtreichen.— Er fing ſie jedoch am Arme und hielt ſie feſt. Was mich's kümmert? fragte er ingrimmig. Bin ich denn eine Grasmücke, die —— —————e 289 geduldig zu tragen verdammt wurde, wenn der faule Kuckuk ihr ſein Ei in das Neſt gelegt? Der Vater hat graues Haar, und ich bin der Erbe dieſes Hofes. Meineſt Du, der Henning könnte nicht an den Fingern ſich ab⸗ zählen, was der lange Schlucker dort ſeit ſieben Jahren verzehrt an Koſt und Kleidung? Es iſt ein Kapital, wo⸗ für man ſechs der veſten Maſtochſen in Stargard hätte kaufen können. Allen Reſpekt vor des Vaters Willen, aber wer verzehrt, ſoll auch verdienen, vorzüglich unter fremdem Dache. Wäre der da ein gebrechlicher, bleicher Knabe, ſo möcht's hingehen, denn Kranke füttern und pflegen öffnet das Himmelreich. Aber Knochen hat er wie ein polniſcher Büffelochs, und darum grollt's mich bis zum Erſticken, daß uns der Vater Hans zur Arbeit treibt als wären wir Knecht und Magd, oder gar leib⸗ eigene Fröhner, indeß der fremde Vetter, von dem man nie zuvor gehört, kein rechtlich Werk thut, Füchſe fängt und Kaninchen gräbt, Dohlen und Krähen ſchießt, unſere beſten Ackergäule zu ſchanden reitet, und am Tiſche für drei verſpeiſet. Selbſt die Knechte haben heut im Holze darüber laut ſich ausgeſprochen, daß mir die Galle dabei in das Blut getreten.— Verſchweig's dem Vater, entgegnete Meſtove ſpöttiſch, die Knechte möchten ſonſt die Riemenpeitſche ſchmecken, und da Du wahrſcheinlich das Lied mitgeſungen, ſo möchte auch Dir kein Feiertag daraus geboren werden.— WMan ſollte den Tod haben über den Mädchenwitz! fiel der Bruder ingrimmiger und lauter redend ihr in das Wort. Gegen den eigenen Vortheil hängt ſie an dem Schmarotzer, weil er ſich putzt mit Iltisfell und Hirſchhaut über den Bauernſtand hinaus, weil er hoch⸗ fahrende Reden führt und ihr heuchleriſch die Wangen Blumenhagen. X. 19 290 ſtreicht. So iſt das Weibervolk: je nichtsnutziger der Geſell, je lieber hat es ihn. Aber noch heut rede ich mit dem Vater ein ernſtes Wort. Iſt es recht, daß er mit dem langen Grobian da ganze Stunden ſitzet, und aus den großen Büchern ihm vorlieſet, und ihn unterweiſet im Waffenwerk und der Reitſchul, indeß wir uns fern im Winkel von der Weisheit ein Broſämchen erſchnappen dürfen wie die Hunde unter dem Tiſch? Iſt das väter⸗ lich gethan? Möchte er immer ſo einen trabenden Raub⸗ geſellen aus ihm erziehen; doch daß dieſer Geſell mich und das Geſinde herriſch und hoffärtig behandelt, dulde ich nicht mehr. Er oder ich muß hinaus. Warum rief der Vater mich wieder in das Haus, da er mich doch ſogleich nach der Ankunft des Faulenzers dort auf zwei Jahre zum Herrn von Kuſſow nach Pyritz geſchickt, dort das neue deutſche Ackerweſen zu erlernen. Soll er bleiben, ſo ziehe ich fort, morgen mit der Frühe, gehe wiederum nach Pyritz oder nach Stettin, und nehme Dienſt unter den Schützen des Herzogs Wratislav, und komme ich dann zurück, werde ich ſchon die Manier gelernt haben, nſer Erbe von ſolchen Drohnen zu reinigen, die den Honig im Korbe ausfreſſen, ohne etwas von der Heide eingeholt zu haben. Warum verſteckt ihn überdies der Vater, wenn irgend ein Fremder auf der Straße vorüber⸗ zieht? Vielleicht iſt es gar ein junger Gaudieb, eine Diebesbrut, der ſchon als Knabe mit eingeſtiegen oder Feuer eingeworfen, und dem Büttel und Frohnvogt ent⸗ laufen.— Barnim war bei den letzten Worten aufgeſtanden, und näherte ſich jetzt langſam, die Kolbe in der Hand, finſtere, aber verächtliche Blicke auf den unbedachtſam Zürnenden richtend. —— — 294 Iſt die Rede von mir? fragte er. Und warum hält Deine Fauſt das Mädchen ſo gewaltſam feſt?— Ja, von Dir iſt die Rede, antwortete Henning tro⸗ tzig, indem er aufſtand und die Stange, mit der er das Holzſcheit im Tragen geſtützt, in die Fauſt nahm; und haſt Du erhorcht, was mir vom Munde ging, wirſt Du Dich ſchämen und Reißaus nehmen von einem Hauſe, wo Du Dir vorkommen mußt wie ein Horniß im reichen Bienenſtand.— Haſt Du vergeſſen, antwortete Barnim kalt, wie ich Dich erſt vorgeſtern durchgeſchüttelt, als Du mir den Gurt durchſchnitten, da ich den braunen Hengſt reiten wollte? Haſt Du vergeſſen, wie Du um Gnade bateſt, als meine Finger wie ein Galgenſtrick ſich immer enger um Deine Gurgel zuſammenzogen?— Es iſt eben nicht gerecht, daß der Herrgott dem Schlechten Gewalt gibt über den Rechtlichen, entgegnete Henning erbost. Aber was ich geſagt, ſage ich noch zu dreien Malen Dir ins Angeſicht. Und ſei's um Leben und Blut, ſchlage zu mit Deiner Kolbe; der fremde Hahn ſoll nicht mehr krähen auf meinem Hofe, und ſollte ich drum landflüchtig werden, oder gar am höchſten Holz in ganz Pommerland verenden müſſen.— Der lahmſte Hahn iſt tapfer auf ſeinem Miſt! ſpöt⸗ telte Barnim mit Kälte in ſeiner ganzen Haltung, doch hob er die Kolbe zur Wehr, da der Gegner ſeinen Knittel feindſelig über dem Kopfe ſchwang. Mit einem Schrei warf ſich Meſtove zwiſchen Beide, aber ein mächtigerer Schiedsrichter ſtillte ſicherer den Zank, der auszubrechen drohete. Ein langer, hagerer Mann in der ſchlichten Tracht der Landleute, mit einem ernſten, ſtrengen Ge⸗ ſicht, das von grauem glattem Haar umhangen war, er⸗ ſchien in der Thür des Hauſes. S 292 Henning, rief er mit einer tiefen Commandoſtimme, das Holz in den Stall, und dann wieder flink hinaus in den Buſch; der Knecht iſt läſſig, ſobald der Aufſeher fehlt.— Barnim, fuhr er fort, herein in die Kammer! Es nähern ſich Reiter auf der Straße von der Küſte herauf; ich ſah ſie über den Gartenzaun.— Gewohnt der Ehrfurcht und des ſchnellen Gehorſams, ſchien er es nicht der Mühe werth zu halten, nach dem Streite und der drohenden Stellung der Burſchen ſich zu erkundigen, und er hatte ſich auch dieſes Mal in ſeiner Sicherheit nicht getäuſcht, denn, als wäre ein Donnerkeil zwiſchen ſie gefahren, ſtanden die Zänker betroffen einen Augen⸗ blick lang, dann folgten ſie dem Befehl, und auch Meſtove ſchlüpfte ins Feld hinaus, indeß der Alte langſam durch den Hof ſchritt, und vor dem Thor eine Steinbank be⸗ ſtieg, um von dem erhöheten Platz deutlicher die Gegend überſchauen zu können. Es dauerte nicht gar lang, ſo kam der Reitertrupp, von dem er geſprochen, näher heran und ließ ſich er⸗ kennen. Es waren ihrer vier. Der anſehnlichſte dar⸗ unter zeigte ſich als ein junger Rittersmann von Rang, denn der Stahlharniſch, mit dem er verluppt war vom Kopf bis zur Sohle, ſo daß man nichts von ihm ſah als das friſche Antlitz, war mit Silberblumen ausgelegt, und von der rothen, filberdurchwirkten pommerſchen Binde umgürtet, und er ritt einen hohen wohlgefütterten Rap⸗ pen. Hinter ihm folgten zwei Dienſtmannen in ſchwarzen Bruſteiſen und Pickelhauben, aber ihm zur Seite ritt auf einem grauen Maulthiere eine gar ſeltſame Geſtalt, die zu den Gefährten paßte wie der bunte Ringeltäuber —— 293 zu einer Falkenbrut. Dieſer vierte Reiter zeigte ein runz⸗ lichtes Geſicht; der Mund, den er im ſcharfen Trabe weit geöffnet hielt, hatte nur noch einige Reſte von Zähnen, und am Kinne ſtarrte ein ſilberweißer Spitzbart; eben ſo gefärbt flatterte das dünne Haar um die Ohren, und die Tracht des kleinen, ſchwachgebauten Männleins con⸗ traſtirte mit ſeinem Aeußern und ſeinem Alter auf die ſonderbarſte Weiſe. Scharlachroth leuchtete ſein Rock, und ſchwefelgelbe Schlangenſtreifen durchkreuzten ihn von unten bis oben; ein himmelblauer Gurt ſtach grell da⸗ von ab, und ſtatt des Degens oder Dolchs trug der Alte darin ein ſchwarz und weißgeſtreiftes Holz, deſſen Griff von einem vergoldeten Affenkopf gebildet ward, und auf dem grauen Haupte thronte überdies eine ſilberne hohe Mütze, die ſich nach oben in der Geſtalt eines Widderhornes umbog, und an deren Spitze mehre große Schellen glänzten, die im Ritt ein helles melodiſches Geklingel hören ließen. Die ganze Figur ſah aus wie ein frevelhafter Spott der muthwilligen Jugendwelt auf das ehrwürdige Alter, dem ſie doch ſelbſt mit jedem Tage näher rückt, und dem ſie Schutz und Pflege dankt in ihrer Unmündigkeit.— Der Reitertrupp ſchien in vollem Trabe und in eil⸗ fertigem Geſchäft die Straße entlang ziehen zu wollen, ohne ſich um das Gehöft und den Beſitzer deſſelben zu kümmern. Doch in der Nähe des Hofthors ſtolperte plötzlich das Maul des bunten Ritters von der Schel⸗ lenkappe, und das Männlein kugelte vom Sattel her⸗ ab, als hätte der Strichwind aus Oſt es weggeblaſen, und hätte nicht die Gefährlichkeit des Sturzes jedes Mitleid aufgeregt, ſo würde man haben lachen müſſen über den Purzelbaum, den der Bunte weit auf den 294 Anger hineinſchlug, und über die Stellung, in welcher er langgeſtreckt mit Bauch und Geſicht nach unten wie ein geſchoſſener Haſe am Boden liegen blieb, indeß das graue Thier, welches auf den Beinen geblieben, ein lautes gellendes Geſchrei, ähnlich den Tönen einer zer⸗ brochenen Trompete, zu dem Unglück ſeines Herrn er⸗ ſchallen ließ. Der Landmann ſprang ſogleich hinzu, griff mit den kräftigen Armen unter beide Achſeln des Geſtürzten, und ſtellte den federleichten Menſchen raſch auf die Beine, und auch der Rittersmann trieb ſeinen Rappen in ſicht⸗ licher Beſtürzung auf den Anger hinauf. Narr, rief er zugleich, das war Dein ſchlechteſter Schalksſtreich, und iſt um Gott wohl gar Dein letztes Poſſenſpiel geweſen.— Der grauköpfige Narr lächelte mit den kleinen grünen Augen über die rechte Schulter den Bauer an, dann wandte er ſein mageres Geſicht zur linken, verzerrte es in Schmerzeszüge und faßte ſich an das Knie. Die Thorheit iſt an den ſeidenen Stuhl gewöhnt, ſagte er zugleich; im Sattel macht ſie böſe Parade, mein Junker Minkwitz; doch dieſer Witz iſt freilich der ſchlech⸗ teſte, den mir mein ſiebenzigjähriges Schickſal gemacht.— Sind Deine Knochen ganz, Alter? fragte der Ritter beſorglich weiter.— Der Narr befühlte ſich überall. Ich merke keinen Spalt, entgegnete er, aber wette meine Schellenkappe gegen Euren Silberhelm, wenn Ihr mich heut Abend im Bade ſähet, würdet ihr mein Fleiſch ſo buntgefleckt finden wie mein Wamms, und im Fuße reißt mich's, als hätte ich ſpaniſche Stiefeln getragen, die der Meiſter Knüpfauf kunſtgerecht angelegt.— 295 Wer hieß Dich auch zu dem Vortrab treten, da Deinesgleichen zur Bagage gehören, ſprach ärgerlich der Ritter weiter.— Hoheit befahl, und trägt Hoheit auch Pantoffeln von Sammet, ſo ſind ſelbige doch mit König Erichs Golde ſtark beſchlagen. Kümmert Euch aber nicht weiter um mich, edler Junker, denn ich hab's vermerkt auf der Galoppade bis hier, daß der alte Herzog Bogislaw, der mich zur Strafe aus einem freiredneriſchen Profeſſor zu ſeinem Narren promovirte, ſchon lange im Grabe ſchläft. Damals war der Olf der vorderſte bei jeder Fuchshatz, und jede haarige Lunte, die er dem Herzog vorlegte, brachte ihn eine Staffel der Hofgunſt höher hinauf; jetzt thäte es Noth, man heftete den jämmer⸗ lichen Olf an das Schleppkleid eines Hoffräuleins, wenn's zur Reiſe oder zum Tanze geht. Iſt doch ſchon Mancher auf ſolche Manier Kanzler oder Feldhauptmann geworden. Reitet nur flott weiter mein Junker Minkwitz; ich muß den Zorn der Hoheit wagen, denn mehr wie den Hals kann mir die Gnädige nicht brechen, und neben Eurem Rappen ſtände das alte Genick jeden Augenblick auf dem Würfelbrett. Der Narr wird hier liegen bleiben wie eine wundgeſchoſſene Vorwacht, und muß Kriegsgericht über ſich ergehen laſſen. Weiß ich doch, daß der Profoß nicht auf des Reiſemarſchalls Liſte verzeichnet ſtand.— Du dauerſt mich, alter Schalk, ſprach der Ritter, aber ich kann Dir nicht helfen. Du weißt, ich muß Quartier machen zu Stettin, und meinen Brief über⸗ geben. Du da, Bauersmann, ſetzte er herriſch hinzu, trage den Alten in Deine Kammer, waſche ihn, lege Wundkräuter auf. Ich zahl's, wenn mein Rapp mich zurückträgt. Pflege ihn gut, denn es ſteckt ein braves 296 Herz unter dem jämmerlichen Kleide, und biſt Du grob, träg und gewiſſenlos, wie Deinesgleichen zu ſein pflegen, ſo fürchte meine Züchtigung. So nickte er dem Narren nochmals zu, wandte ſein Pferd und ſetzte ſich mit ſeinen Wappnern in den raſchen Trab, aus dem ihn der uner⸗ wartete Unglücksfall geriſſen.— Sein Knie in der Hand und wie von Schmerz ge⸗ krümmt, hing das Männlein in den Armen des Bauern, und ſah mit liſtigen Blicken den Reitern nach, bis der letzte Roßſchweif am Saume des Gehölzes verſchwunden war; dann machte es ſich raſch und laut lachend los, und trippelte auf ſeinen dünnen Beinen mehre Male rund um den ſtaunenden Bauern herum, auf ungeſchickte Weiſe ſogar einige mißglückende Freudenſprünge dabei verſuchend. Siehſt Du, ehrlicher Hans Langen, ſagte er dann faſt athemlos, daß der Narr der König auf Erden iſt! Kron' und Helm und Kapuze müſſen ihm dienſtbar ſein, und ſelbſt die ehrlichſten Leute glauben dem Narren von Profeſſion da, wo ſie bei Ihresgleichen Mißtrauen tragen würden.— Aber ſagt mir, guter Freund, entgegnete der Bauer, warum ſtrapazirt Ihr Euer krankes Bein ſo unnöthiger Weiſe?— Krankes Bein? lachte der weißhaarige Olf. Du biſt der vernünftigſte Pommer, der je einen Acker aufgebro⸗ chen, und doch zu dumm, den flachſten Witz eines Nar⸗ ren zu durchſchauen, der klar da liegt, wie das Waſſer Deines Brunnens. Mein armes Maul dort mußte ſtolpern, weil ich ihm den Zügel regellos anhielt; mein Purzelbaum war ein gemachter, der Dromo des Teren⸗ tius hätte ihn nicht beſſer zu produziren vermocht, und habe ich früherhin gar oft ſolche Kunſiſtücklein mit faſt —— —— 297 brechendem Herzen zur Kurzweil Anderer praktiziren müſ⸗ ſen, ſo durfte ich's heut ſchon thun zum guten Zweck.— Und warum dieſe Komödia? Weil Hoheit, unſere Frau Herzogin Sophia, die nicht eben von Gottes Gnaden ſich ſchreiben darf, in einem Stündchen von Rügenwalde her hier vorbeipaſſiren wird, und mir das Herz wie in Fieberangſt pupperte, das Luchsauge der hohen Frau möchte auf ihrer Fahrt etwas zu ſehen bekommen, was Dir und mir den Hals gekoſtet und alle unſere redlichen Pläne zu Schneewaſſer gemacht haben dürfte.— Die Frau Herzogin kommt? Und zu mir? fragte er⸗ ſchrocken der Bauer. Und was will ſie? Da müſſen wir gleich Anſtalt treffen.— Richt doch, fiel der Narr ein; der Herzogin Ritt gilt nicht Dir, noch irgend Jemand, der Dir lieb, obgleich zu dieſer Reiſe eine beſondere Ur⸗ ſache den ſchnellen Trieb gegeben. Ein Ritter, der ſchon oft vertrauliche Botſchaft nach Rügenwalde getragen, kam in der Nacht auf einem abgejagten dampfenden Gaule bei uns an. Was er gebracht, weiß Niemand außer der Hoheit und ihrem Galan, dem verdammten Czirn, dem polniſchen Bär, welcher ſchon Jahrelang unſer Zuchtmei⸗ ſter geworden. Morgens darauf ward ſogleich der Rei⸗ ſemarſchall gefordert. Es geht nach Stettin zum Schwa⸗ ger, Wratislav. Welche Bosheit dort wieder ausgebrütet werden ſoll, ſchläft im Dunkel, denn Hoheit trauet weder mir noch dem Kapellan, dem ehrwürdigen Herrn Matthias von Puttkammer, ſeit ſie erfahren, daß wir ihr wüſtes Leben, ich mit dem Narrenſpott, der ehrwürdige Herr mit der Schlangengeißel des Bußpredigers, anzugreifen kühn genug geweſen, und wir wären Beide längſt im Seewaſſer ſatt getränkt, pielte ihr Aberglaube uns nicht unverletzlich, als ihr empfohlene Pfleglinge des Vaters. 298 Die ganze Hofdienerſchaft iſt dem Polen zugethan, der mit ihres Ohms, des Königs Erichs, unermeßlicher Erb⸗ ſchaft die Gewiſſen einzulullen und die Gier zu ſättigen weiß. Auch daß ſie mich vorangeſchickt, hat guten Grund; ſie trauet mir nicht, weiß ſie mich in ihrem Rücken. O Hans, Hans, ein gutes, reines Gewiſſen bleibt doch je⸗ des Chriſtenmenſchen höchſter Schatz; wer's inwendig predigen hört in jeder Einſamkeit, dem ſei Gott gnädig; es iſt wie mit dem lieben Magen, fühlt man, wo er ſitzt, rumort auch eine Krankheit darin. Aber ſteht auch hier Alles gut? Du nickſt, ehrlicher Graukopf? Nun dann hinein, daß meine blöden Augen noch eine hohe Freude haben, ehe der Hans Mors ſie zubindet. Knüpfe das heiße Thier nur an den Pfoſten, es wird ſich ſchon ſelbſt vom friſchen Anger Erquickung ſuchen. Mir aber bringe das Labſal, wonach mein Herz dürſtet; ſehe ich es, wird mir eine unſichtbare Stimme flüſtern: Narr, Du haſt doch nicht umſonſt gelebt.— Henning hatte in der Stallthür der Scene zugeſehen und den bunten Mann wie ein Wunderthier angegafft, und des ernſten Vaters Freundlichkeit gegen den Frem⸗ den und die Heiterkeit, mit welcher er ihn an der Hand ins Gehöft führte, beſtaunet, doch des Vaters Befehle weckten ihn aus ſeinen Träumereien. Sehr erwünſcht wurde ihm eine Feierſtunde angekündigt; er ſollte ſich lagern auf der kleinen Höhe unter dem Eichbaum vor dem Hofe, ſollte Acht haben auf das Maulthier, größere Acht auf die Straße zur See, und wenn er einen Rit⸗ terzug fern erblickte, ſogleich durch einen lauten Pfiff davon Kunde geben. Der neugierige Burſch wäre gern 299 mit zur Stube geſchlendert, um des bunten Männleins nähere Bekanntſchaft zu machen; aber an Gehorſam ge⸗ wöhnt, trat er ſeinen Poſten an, und als das Maulthier die fremde Hand, welche es zu ſtreicheln begann, mit einem undankbaren Hufſchlag zu belohnen verſuchte, gab er ihm einen tüchtigen Puff mit der Fauſt und ſtreckte ſich lang unter der Eiche hin, zum Zeitvertreib den Reſt des Frühſtücks vom Walde her, Brocken von Brod und Käſe, aus der Taſche nehmend und langſam verſpeiſend. — Hans Langen war indeß mit ſeinem Gaſt in der Stube angekommen, wo dieſer ſogleich im Armſtuhle des Hausherrn Platz nahm und den auf dem Tiſch ſtehenden Deckelkrug von Honigmeth ohne Umſtände ergriff, und an die dürſtenden Lippen ſetzte. Aber der irdene Krug entglitt ſeiner Hand, als Vater Hans die Kammerthür aufgeſtoßen und der junge Barnim ſichtbar geworden, der im Winkel daſaß, ein mächtiges Bilderbuch auf ſeinen Knieen, und erſchrocken aufſtand bei dem Anblicke des Fremden, doch nicht vorzuſchreiten wagte, bevor der Va⸗ ter befohlen. Alle guten Geiſter loben den Herrn! rief der Narr, ein Kreuzeszeichen in die Lüfte machend. Das iſt er? Ja, ja, es iſt noch viel von dem Knaben im Angeſicht, doch Vieles hinzugekommen, was die Natur noch in der Knospe verſteckt gehallen. Nein, Gevatter Hans, den Schatz da darf die Frau Herzogin nicht in's Auge faſ⸗ ſen; die ſieben magern Jahre, meinte ich, ſollten ver⸗ wiſcht haben, was uns verrathen könnte vor der Zeit, aber das Fatum, welches eine Luſt daran hat, der menſch⸗ lichen Vernunft das Widerſpiel zu halten, hat fieben fette Jahre daraus gemacht, die eine goldene Ernte zu Tage gefördert.— 300 Iſt das nicht Olf, nicht der gute, luſtige Freund 2 fragte Barnim mit Haſt und ſchritt ohne die Erlaubniß dazu abzuwarten aus der Kammer, und ftreckte die Hand dem Rarren entgegen und neigte die hohe Geſtalt wie zum Willkommenskuſſe. Aber der Narr wehrte ihn ab und beugte ſich ſchnell, nahm die Hand und drückte einen raſchen Kuß hinauf, und als er ſein Haupt mit dem klingelnden Schmuck wieder erhob, rollten zwei dicke Zähren aus den trüben kleinen Augen in den weißen Schnautzbart hinunter.— Gevatter Hans, ſtotterte er dann wie freudetrunken, Gevatter Hans, das iſt unſer Werk! Und haſt Du auch das beſte Theil daran, Du mußt mir doch ein gut Stück davon ablaſſen, damit ich einen Labetrank behalte für mein mageres Daſein, einen Labetrank, der mir noch das letzte Fieber kühlen wird. — Und Ihr kanntet mich ſogleich? fragte er dann wie triumphirend zu dem Jüngling gewandt.— Glaubſt Du, weil Du mich nur als einen wilden ungezogenen Gaſſenbuben gekannt, ich hätte nie mehr an Dich gedacht? fragte Barnim mit ſichtlicher innerer Auf⸗ regung zurück. Mit jedem Jahre lernte ich ja mehr er⸗ kennen, was Du an mir gethan. Nicht allein das Le⸗ ben haſt Du mir errettet, nein, weit Größeres haſt Du mir bewahrt und vor Zerſtörung geſchirmt. Mit Schaam gedenke ich, wie ich in zerriſſenen Schmutzkleidern auf den Plätzen von Rügenwalde mich balgte im Sande und Koth, wie der gemeinſte Bube in der elenden Stabtſchüle mehr wußte als ich, und oft habe ich beim tapfern Su⸗ antibor geſchworen, den Schimpf zu rächen, wenn die Zeit gekommen, den diejenigen mir angethan, die mich in ſolche Schande wiſſentlich hinab getreten. Aber was Du begonnen, hat der gute Hans fortgeſetzt; von ihm ————— ————— 301 habe ich gelernt, wie ein edel Gemüth ſich zu rächen hat an ſeinen Feinden; er hat mich belehrt von dem Gotte, der Alles ſchuf, von dem Erlöſer, der einer Welt Sünde trug, von der Tugend und der Gnade; mit ihm habe ich geblättert in den alten Büchern, worin die Bildniſſe ſtehen von denen, die mir vorangingen, dabei hat er mir erzählt von den Kriegsthaten der alten Herzöge, von den Städten und den Geſchichten dieſes Landes. Er hat mich unterwieſen in allem, was mir frommt und zu Nutze kommen ſoll, und Vater Hans und der alte gute Olf haben deßhalb immer in meinem Abendgebete ſeit⸗ dem den erſten Platz gehabt. Mühevoll iſt des Vaters Arbeit geweſen; er hat am jungen Baume gar viele wilde Zweiglein abzuſchneiden gehabt, und es ſitzen noch gar viele daran aus den böſen Knabenjahren. Aber gelobt habe ich ihm dafür auch den ſtrengſten Gehorſam für meine ganze Lebenszeit, und werde mein Gelübde halten; er ſagt ja, beſſer könnte ich ihm nie die Laſt bezahlen, die er ſo gutwillig auf ſich geladen.— Gevatter, jubelte der Narr, Du haſt ein Meiſterſtück zu Stande gebracht. Wäre auch die verdammte Rebellion zu Gryppswalde nicht paſſirt, die uns vom Katheder in die verdammte Narrenkappe brachte, wir hätten mit den ſanften Lippen unſerer Philoſophia den jungen Bären nicht ſo ſauber geleckt, wie es die Zunge Deines ſchlichten Menſchenverſtandes gethan. Segen wird es Dir bringen, Gevatter, Dir und dem Lande früh oder ſpät, und nach Jahrhunderten wird man Dich nennen, wenn der abge⸗ ſetzte und vom Fürſtengroll zur Strafe eines leichtſinnigen Spruchs unter die Menſchheit geworfene Profeſſor⸗Narr an Leib und Namen längſt in Aſche verflogen.— †ch trug ſelbſt keinen ſchweren Kornſack, antwortete 302 der alte Langen, und mein Vorrath reichte nicht weit; mein Vater ſeliger war den Kreuzherren pflichtig, und ein munterer Comthur machte ſich viel zu ſchaffen mit mir, dem lernluſtigen Knaben; was ich ſpäter in den Kriegszügen hörte und ſah, kam hinzu; doch war die Lektion bald zu Ende, und wir fingen ſtets von vorn an, und Schulmeiſter und Schulknabe fand immer Neues darin.— Im Lehren lernt man, ſprach ein alter Lateiner. Darfſt immer ein Weniges hochmüthig werden auf Dein Produkt, Gevatter. Biſt Du auch bekannt als der beſte Ackersmann in ganz Pomorska, haſt Du auch manchen Acker rojolet und manchen Baum gepflanzt, das da bleibt Deine beſte Arbeit, und hat der Olf ſelbſt dem Kaiſer zu Ehren nie ſeine Schellenkappe abgezogen, Dir gegen⸗ über gibt er ſein traurig Privilegium auf, entblößt das kahle Haupt und dankt Dir im Namen des Vaterlandes. — Ja, mein junger Greif, fuhr der alte Plauderer fort, denn Euch anders zu nennen iſt es noch nicht an der Zeit, vergeßt nie das Wamms da, welches Ihr traget und den Mann, der es Euch gegeben; die Erinnerung wird Euch und Andern gar wohl bekommen.— Barnim reichte tief bewegt den beiden Alten die Hände. Wollet Ihr die Herzogin ſehen? fragte dann der Narr. Ich meine aus der Ferne von einem Dachfenſter oder aus dem Buſch. Sie wird gar bald hier vorüber⸗ ziehen.— Nein, nein, rief der Jüngling mit Heftigkeit, ihr Anblick, der Anblick ihres Geleits würde den Frieden ſtören in meiner Seele. Nicht wahr, Vater Hans? Du haſt genug zu predigen Tag vor Tag, vor allem dann, — —.—— — 303 wenn die jungen Falken im Walde aus dem Neſt flattern, und keck ſich um die eigene erſte Beute zanken, oder wenn die Kraniche im langen Heereszuge mit Trompetenſchall über unſern Hof daher ziehen, und der Barnim ſie neidet und thun möchte wie ſie. Nein, die Frau in Sammet und Seide, die ſich immer verächtlich abwandte, wenn Barnim in ſeinen Schmutzkleidern kam, ſie zu bitten, die Frau ſoll ihn nicht wieder ſehen, bis er ein Kleid trägt, das ihren Rittern und ihr ſelbſt Reſpekt gibt, und von dem ihr Seidenmantel keinen Schmutzfleck zu fürch⸗ ten hat. Ruft der Himmel ſie früher heim, nun ſo iſt's beſſer; ſparet ſie ſich doch alsdann die Schamröthe und uns die Anklage.— Bravo, mein junger Fant! nickte der Narr. Das heißt geſprochen wie ein edler Pommer, und der Him⸗ mel gebe uns Friſt bis da und entziehe uns das ſchöne Schauſpiel nicht.— Ein gellendes Pfeifen von draußen ſtörte das herz⸗ liche Geſpräch, und das fröhliche Geſicht des alten Olf verzog ſich ſogleich in eine Schmerzeslarve, und er ſetzte ſich in den Stoßtrab eines Hinkenden und humpelte un⸗ ruhig in der Stube umher. Die Vorwacht gibt das Signal, ſagte er in kurzen abgeſtoßenen Redeſätzen; das iſt die Hoheit. Aber hat ſie Flügel angeſchnallt? Beim heiligen Momus, das muß eine gar abſonderliche Urſach ſein, die den ganzen Frauenhof in ſolchen Galopp geſetzt. Gevatter, verſtecke unſern Pflegling dort in Deinem dunkelſten Winkel; er heißt zwar ſeit Jahren verſchollen, ertrunken, aber dieſe heimliche Reiſe weckt gar böſe Ahnungen in mir.— Ohne Sorgen, antwortete der alte Langen, und wenn die Leibreiter das ganze Gehöft durchſpürten, meinen 304 Schatz fänden ſie nicht; darauf war längſt Alles vorbe⸗ reitet. Aber hinaus, Du Weißbart; bleiben wir, locken wir ja das Gewitter herein.— Der Jüngling hatte ſich bei dem erſten Ausruf, nach einem Abſchiedsgruß, raſch entfernt; die Alten verließen jetzt eben ſo ſchnell das Haus. Ich bin Deiner Vorſicht gewiß, ſchwatzte der Narr fort, indem er neben dem Hausherrn zum Thore hinkte, aber hätteſt Du einen Monat zu Rügenwalde verlebt, würdeſt Du meine Aengſtlichkeit verzeihlich finden. Dein Gehöft iſt ein Paradies, wo die Unſchuld und Ehrlichkeit am Herde als Hausgötter wachen. Gar andere Götzen empfangen an unſerem Fürſtenhofe tägliche Molochsopfer. Ich werd's nicht lange mehr anſehen, und freue mich ſchon darauf, vom Herrgott ſelbſt zu erfahren, warum er die Augen ſo langmüthig zugedrückt bei dem Meſſa⸗ linen⸗Regiment. Der Prolengraf hat einen römiſchen Koch in Dienſt, der Brühen zu rühren verſteht, die einen Erdenſohn ſatt machen bis in die graue Ewigkeit hinein. Sogar dem Kapellan Matthias iſt letzthin ſo ein Schlaf⸗ trunk eingerührt worden.— Gnade uns Gott! rief erſchrocken der alte Bauer. Wagt ſich denn die Sünde auch an ein geſalbtes Prie⸗ ſterhaupt?— Sünde? lachte der Narr. Das Wort fehlt im Ka⸗ techismus der Hofleute. Es war am letzten Chriftfeſt. Der Ehrwürdige hatte eine Predigt gethan von der He⸗ rodias, und wie ein furchtloſer Johannes geſprochen. Dafür bekam er einen Gnadenbecher, daß er dreizehn Tage bis zum Dreikönigsfeſt ſchlief wie ein Murmelthier, und Niemand ihn in ſeiner Zelle aufzurütteln vermochte. Seine gute Natur hat den Mann gerettet, aber er — 305 verſchmäht ſeitdem die herzogliche Tafel, deren Koſt ihm zu ſtark gewürzt geweſen.— Sage, der Himmel hat den treuen Diener behütet, daß ſeinem Leibe kein Schaden geſchehen! fiel Langen mit gefalteten Händen ein.— Wie Du willſt, Gevatter, antwortete der Narr; wir Schriftgelahrten verwechſeln oft Natur und Gott, Vater und Kind. Es mag wohl nicht ganz chriſtlich ſein.— Sie waren in das Freie gekommen, wo ſie den Hen⸗ ning trafen, der mit der Hand einem Wegweiſer gleich in die Ferne deutete, dann aber ſtutzend fragte: Je, was iſt dem bunten Großväterlein angekommen, daß es nicht mehr ſpringt wie vorhin? Gewißlich hat die leichte Me⸗ ſtove das Kellerbrett nicht vorgelegt, weil ſie mit dem Barnim gekoſet, und das Männlein iſt hinabgepoltert. Auf den dräuenden Wink des Vaters verſtummte der Burſch zwar, jedoch blieb ſein Auge auf dem hinkenden Olf haften, der ſich an ſeiner ſtatt ins Gras geſtreckt.— Das Gewieher der Roſſe und das Geraſſel der Waffen⸗ ſtücke verkündete baldigſt die Annäherung der Herzogin, die mitien in einem prunkenden Geleite ihrer Frauen und ihrer Ritter und von einer glänzenden Leibwacht gedeckt, die Straße heraufzog. Die Fürſtinnen im Pommerlande haben ſelten dem Hiſtoriker Stoff gegeben, mehr als ihre Namen in ſeinen Jahresblättern zu verzeichnen; ſtrenge Zucht, Häuslichkeit und Gehorſam waren die Tugenden, mit welchen ſie die Burgen ihrer tapferen Ehegatten auszuſchmücken ſich bemüheten; ſtammten ſie auch aus dem edelſten Geblüt, waren ſie Königstöchter Englands, Dänemarks und Polens, oder waren ſie aus den be⸗ rühmteſten deutſchen Fürſtenhäuſern der Brandenburger, Braunſchweiger, Mecklenburger und Sachſen entſproſſen, Blumenhagen. RX. 20 306 ſo wurde doch gar bald die Ehre des Heldengeſchlechts, zu deren Stammmüttern ſie erkoren, ihr einziger Schatz, und Pommerns Herzöge fanden, wenn ſie aus ſchwerem Kriegszuge heimkehrten, auf ihren Burgen im Arm der getreuen Gattin den ſchönſten Heldenlohn, die begeiſterte Lobrednerin, die ſorgſamſte Pflegerin der ſchweren Wunde, die eifrigſte Ermunterung zu neuer Großthat. Herzogin Sophia ſchien dagegen einen Ruhm darin zu ſuchen, als ein ſchroffes Gegenbild ihrer Altmütter der Welt ſich darzuſtellen. Eine Tochter des gewaltigen Bogislaws des Neunten, des letzten Zweiges der Be⸗ herrſcher von Hinterpommern, die einzige Erbin ihres Ohms, des nordiſchen Königs Erich, der vertrieben von dem eiſigen Dreiblatt ſeiner Völker einen in damaliger Zeit faſt unermeßlich ſcheinenden Privatſchatz auf ſein Schloß zu Rügenwalde gerettet hatte, gab ſie ihre Hand dem Vetter, dem Herzoge Erich dem Zweiten, der beide pommerſche Herzogthümer unter ſeinem Scepter vereinigt, weil es ihr unerträglich ſchien, da unterthänig zu weilen, wo ihr Vater mit eiſernem Arme geherrſcht, und weil ihr Stolz ſich an dem Gedanken labte, die Mutter eines neuen Fürſtenſtammes zu werden. Von der Natur mit reicher Leibesſchönheit beſchenkt, Jugendkraft und Jugend⸗ fülle zur Schau tragend, tobte in den blauen Adern unter der nordiſchen Schwanenhaut ſüdliches Blut, und bedeckt von dem blonden üppigen Haarwuchs glühte in ihrem Hirn Herrſchbegier, Eitelkeit und Genußſucht ohne Maß, und Weiblichkeit und Zucht ging in dieſen Gluten unter. Bald genügte ihr der ſchwächliche, im frühen, unruhigen Kriegsleben ſchnell gealterte Erich nicht mehr, und da ſein Geiſt noch kräftig genug geblieben, ihrem weiblichen Regimente Widerſtand zu leiſten, ſo entwich —— 307 ſie aus der Herzogsburg zu Wolgaſt, entführte ihre bei⸗ den Knaben zugleich, und erwählte fern an der Oſtſee die Beſitzung ihres königlichen Ohms zur Reſidenz, dort mit königlicher Pracht ſich umgebend, und ein Leben be⸗ ginnend, für welches ſie den Hof der römiſchen Meſſalina und der jüngern Agrippina, der beiden berüchtigten Gat⸗ tinnen des Kaiſers Claudius, zum Vorbild erwählt zu haben ſchien. Die üppigſte Sinnenluſt verkürzte die Tage, bacchantiſche Feſte ſpotteten der verſchleiernden Nacht, auch ein ſchöner Silius fehlte nicht, und hinter den Vorhängen des Geheimzimmers lauſchten dienſtwillige Schlangen⸗ künſtler, welche gleich der Locuſta und dem gewiſſenloſen Arzte Fenophon heimlich zu opfern, zu vertilgen wußten, wenn die offene Gewalt nicht ausreichte, oder in Scheu vor dem Richterſtuhle der Welt die Gewaltthat nicht zu üben wagte. Doch ſchändender als in dieſem Wandel, der die Herzogin befleckte, ſtand ſie als Mutter da; Haß gegen den Gemahl und tückiſche Rachſucht gegen ihn hatte ſie zum Raube der Söhne verleitet, aber einer entmenſchten Medea ähnlich, trug ſie den Haß hinüber auf die ſchuldloſen Knaben, die ſie unter ihrem Herzen getragen. Unbekümmert um die Erziehung der, an ihr Mutterherz allein verwieſenen, unmündigen Prinzen, ſah ſie in ihnen nur Hinderniſſe ihrer weitgreifenden Pläne, die mit jedem Jahre, von freieſter Ungebundenheit ge⸗ pflegt, von einer bis zum Wahnwitz ſchwellenden Herrſch⸗ ſucht genährt, nicht mehr an der Unmöglichkeit zagten, und Geſetz und Völkerordnung ohne Furcht unter die herriſche Sohle zu treten keck genug wurden. Warum Herzog Erich nicht als Fürſt und Gatte und Vater einſchritt, bleibt freilich ein Räthſel, das die Hiſtorie nicht gelöſet. Es wird uns nur erzählt, daß er 308 mehrfach freundliche Mahnung verſucht, daß er ſogar um Rückkehr gebeten. In der Jugend ein wackerer Kriegsheld, ſchildert ihn die Geſchichte im Alter gebrech⸗ lich, weichherzig, geiſtesſchwach, unentſchloſſen und be⸗ quem, und von ſeinem Bruder Wratislav, dem er als Statthalter ſeine öſtlichen Provinzen anvertrauet, wurde ihm, obgleich er ſeine Hülfe als Vermittler gefordert, der Beiſtand verſagt, da das rauhe Gemüth und der trotzige Sinn deſſelben ebenfalls die Schwächen des re⸗ gierenden Herzogs mit Ingrimm und Verachtung zu be⸗ trachten gewohnt worden.— Dieſe Herzogin Sophia war es, welche ſich dem Ge⸗ höft des alten Hans Langen in einem Prunkzuge näherte, welcher einer Königin jener Zeit Ehre gebracht haben würde. Da fehlte nicht der Herold und ſein Trompeter⸗ chor; da fehlte nicht der Mareſchall und der Hofjunker bunt und luftig und phantaſtiſch geputzter Zug; da fehlten nicht die Ritter in Silber⸗ und Eiſen⸗Stuck, die ſtolz die hohe befähnelte Lanze trugen zum galanten Schutze der Ehrendamen, die in ihrer Mitte ritten; da fehlte nicht die niedrigere Dienerſchaft, Koch und Schenk und Tafeldecker, auf geduldigen Eſeln nebſt ihren Utenſilien verpackt, und den Beſchluß bildete eine hochgewachſene värtige Leibwacht in dräuender Bewaffnung, jeden fah⸗ renden Ritter der Straße, jeden trabenden Reitertrupp, den die von fern erblickten im Tagesſchein flimmernden edlen Metalle zur Hoffnung auf einen guten Fang verlockt, in die Schlupfwinkel der Gehölze verſcheuchend. Herzogin Sophia war freilich ſchon in den Jahren, von denen die eitlen Frauen ſeufzen: Sie gefallen mir nicht!— Aber ſie durfte ſich zu denen ihres Geſchlechtes zählen, welchen die launenhafte Natur einen ſolchen ——— 309 Schatz geſpendet, daß ihn ſelbſt die tadelhafteſte Lebens⸗ weiſe nicht muthwillig zu vergeuden vermag, und gar Manchem, der ſie ſah, drängte ſich der Gedanke auf, wie es ſchade ſei um den vollen kräftigen prangenden Körper, daß er keiner beſſern Seele zu dienen beſtimmt, doch ließ ſie es auch nicht am Aufgebot aller Künſte des weiblichen Geheimſtübchens mangeln, um, was das Alter verwiſcht, zu erſetzen oder zu verdecken. Mit Erſtaunen und vom unwillkürlichen aufgezwungenen Reſpekt verdutzt, ſtanden der alte Langen und der junge Henning, und ſtarrten hin auf die Fürſtin, wie ſie auf ſchlankem ſilbergrauem Po⸗ lenroß daherzog, und ihre großen Augen ſo kühn und frei umherwarf, als ſei die Welt ihr eigen, und das Herz ſo rein wie der Himmel über ihr. Die blau und gelb gewirkte ſchwediſche Binde des Oheims umgürtete ihr ſchwarzes Sammetkleid, über der diamantenen Zierde des Barets ſchwankte ein Federgewölk, das die Farben des Morgengewölks nachahmte, und ein kurzer Prunk⸗ degen glänzte an ihrer Seite; ſo ſtrahlte ſie unter dem reichgeputzten Gefolge, ein heller Mond im Kreiſe der matt leuchtenden Sterne, und nur der Ritter ihr zur Seite auf gelbem Roß theilte mit ihr den Ruhm, jedes Auge auf ſich zu locken; der Wappenrock vom dunkelſten Blau und der amarantfarbene Kammbuſch ſeines filbernen Jagd⸗ helms ließ leicht in ihm den Polengrafen Semovit von Czyrn erkennen, den ſchönſten Mann ſeines Vaterlandes, in welchem die Männerſchönheit zu den National⸗Vorzügen von je gerechnet wurde. Das klare, heitere Auge der Herzogin verdüſterte ſich ſogleich, als ſie den alten Olf erkannte, der zuſammen⸗ gekrümmt und hinkend ſich ihrem Pferde näherte. Was weilt der Narr hier gegen unſern Befehl? fragte ſie heftig. 310 Hat der Weißbart Luſt, vor ſeiner Abreiſe nochmals den Bock und die Peitſche zu koſten?— Macht dem Himmel den Prozeß, Hoheit, der die Wa⸗ den der Greiſe ausdörrt und den Schritt des ſicherſten Mauls aus Eurem Stalle nicht unfehlbar ſchuf, entgeg⸗ nete demüthig und noch tiefer gebückt der Narr, indem er zugleich den Saum des Sammetkleides küßte, und ſein Reiſeunglück erzählte, und ſich dabei auf das Zeugniß des Junkers Minkwitz und des ehrlichen Bauermannes berief, dem das nächſte Haus gehörte. Möge Hoheit Rachſicht haben mit dem verroſteten Erbſtück des durchlauchtigen Herrn Vaters, und es zurück ſchicken in die Rumpelkam⸗ mer, wohin es gehört, ſetzte er bittend und mit ſchmerz⸗ lichen Geberden hinzu. Die Herzogin faßte ihn mit ei⸗ nem ſcharfen Blicke, in dem das Mißtrauen hell zu Tage trat.— Zu Haus ſchicken, hinter uns laſſen? fragte ſie heftig. Damit unſer verrückter Kapellan einen geſchickten Beiſtand nicht vermiſſe, das Volk zu hetzen, und des Wahnwitzes Träume unter die Leute zu bringen?— Nein, mein guter Olf, ſprach ſie mit freundlichem Hohne weiter, der Narr iſt der Schmuck jeder Fürſtentafel, ſein Witzwort muß das Leben der Gäſte und ihre Launen ſpornen, wenn der Becher beides zum Schlafe lullte; er muß züchtigen die, welchen wir nicht günſtig ſind, und muß preiſen, die unſerm Herzen gefallen. Du haſt lange faule Tage ge⸗ habt, und auf der Bärenhaut Deine Pflicht vergeſſen dürfen. Jetzt iſt es an der Zeit, Deinen Geiſt zu ſtacheln, daß die Zunge Wunderſprünge macht, denn wir reiſen gar abſonderlichen Feſten entgegen, und der Stoff zum Zerrbilde ſoll Dir nicht mangeln.— O Jammer, fuhr der Narr keck empor, will Hoheit ——— 311 Ihren Reiz im Kloſter vergraben? Oder— o Freude, geht es nach Wolgaſt zu ehelicher Verſöhnung?— Frecher Narr! zürnte die Herzogin mit hocherglühen⸗ dem Angeſicht, aber der Narr war ſchnell fortgehumpelt, und kettete ſein graues Thier los von dem Zaunpfahle, an dem es ungeduldig geriſſen, ſeitdem es die Stall⸗ kameraden erkannt. Während dieſes flüchtigen Zwieſprachs hatte der Po⸗ lengraf ſein Pferd aus dem Zuge gelenkt, und dem al⸗ ten Bauer befohlen, für die dürſtende Fürſtin ein Gefäß mit friſcher Milch herbei zu ſchaffen, und Hans Langen näherte ſich jetzt mit der beſtellten Erfriſchung. Mit ernſtem, ehrwürdigem Geſicht und entblößtem grauem Haupte trat er zu dem Steigbügel der Herzogin, koſtete von der Milch, ſprach: Gott geſegne es! und reichte den Krug zu der Fürſtin hinauf. Verdamme Dich Gott, Du räudiger Hund! fuhr da Semovits Donnerſtimme dazwiſchen. Haſt Du in Dei⸗ nem Miſt die Sitte vergeſſen, wie der Knecht ſich nahet dem Heiligthum der zermalmenden Herrin? In den Staub mit den Knieen, Du elender Sklav, oder ich treibe die Hufe meines Hengſtes über Deinen verfluchten Leib.— Zugleich ſchlug er mit der Reitgerte nach dem Kopfe des Landmannes. Der Alte war glücklich dem Schlage ausgewichen, aber das irdene Gefäß entfiel ſeiner Hand, und die reine Milch ſchimmerte vergeudet auf den braunen Erdſchollen der Straße. Eine leichte Färbung zeigte ſich auf den knochigten Wangen des Bauern, aber alle ſeine Züge behielten den gewohnten Gleichmuth, nur die lange, dürre Figur ſchien noch länger zu werden, und ein beſonderes Leuchten fuhr aus den ſtillen Augen. 312 Verzeiht, edler Herr, daß ich Euch einen Frevel er⸗ ſparet in Gegenwart der hohen Frau, welche die Geſetze des Landes beſſer kennt als Ihr, ſo ſprach er mit uner⸗ ſchütterlicher Ruhe. Eure Worte konnten nicht mir gel⸗ ten, denn nicht ein Leibeigener ſteht vor Eurem Angeſichte, ſondern ein Freiſaſſe, der auf ſeinem Acker Herr iſt ſo gut wie der Rittersmann, und deſſen Haus Niemanden irgend etwas ſchuldet außer den gemeinen Herrendienſt im Frieden und Kriege.— Ein Freiſaſſe Du? Und in ſolch anſehnlichem Eigen⸗ thume? fiel die Herzogin mit beſonderer Aufregung ihm ins Wort. Und von wem empfingen Deine Väter den Freibrief?— Ich ſelber bin der erſte Freie auf dieſem Hofe, Hans Langen von Lantzka mein Name, und unſer regierender Herr,— Gott ſchenke ihm noch viele Tage und ein freundliches Alter!— ſetzte mich hinein. Vor Bütow geſchah es, als der tapfere Herr von vier Kreuzherren ſich bedrängt ſah auf Einmal. Schild und Helm hingen bereits zerklopft, und Hoheit blutete ſtark. Ich diente als Spießträger unter dem Troß, ſah die Noth, rief einige Kameraden zu Hülfe, ſtach ſelbſt mit dem Speer den Wüthigſten der Ordensherren durch den Wanſt und tödtete eines Zweiten Pferd, ſo daß unſer Herzog Luft bekam, bis ſeine Ritter ſich heranhieben. Bütow nahmen wir und Lawenburg dazu; die Weißmäntler ſammt dem Hochmei⸗ ſter des ſchwarzen Kreuzes dankten dem Himmel für ihre wohlgefütterten Pferde, deren Schweife wir ſämmtlich zu ſehen bekamen, und als Hoheit, unſer braver Herzog Erich, die Belehnung der gewonnenen Plätze vom Polen⸗ könige Caſimirus empfing, gedachte er unſer, und kaufte mich und zwei meiner Kameraden aus der Eigenſchaft, ———— 313 machte uns frei an Hals und Blut, und unſere Nach⸗ kommen frei von Handſchilling, Frauenzins und Buſen⸗ huhn auf ewige Zeiten, und ſchenkte mir obendrein dieſe Aecker, die meine Hände von Jahr zu Jahr in Schweiß und Fleiß ſo ziemlich heraufgebracht. Gott ſegne den edlen Herrn dafür! Auch das freigewordene Blut von mir und Kind und Enkel würde ich ihm geben, könnte ich ihm danken damit.— Wärmer geworden und mit unvorſich⸗ tiger Betonung ſprach der alte Bauer die letzten Worte. Schwätzer! murmelte die Herzogin mit finſtern Bli⸗ cken. Wie groß iſt Deine Familie? fragte ſie dann leichthin.— Der da iſt mein Erbe, verſetzte Langen, auf den Henning zeigend, der ſogleich vortrat und die Fürſtin dummdreiſt angaffte.— Niemand mehr in Deiner Familie?— Meſtove, die Schweſter, und der lange Vetter Bar⸗ nim, der jedoch nichts am Gut zu erben hat, wenn er auch täglich einen ganzen Schinken und eine gebratene Gans allein verſpeiſet und mehr Fruchtwein in einer Stunde trinkt, als ich und Vater Hans in einer Woche, ſprudelte Henning vorlaut und ingrimmig heraus.— Wo ſind das Mädchen und der lange Freſſer? fragte die Herzogin weiter.— Bei den Gänſen auf der Wiſch und den Holzfällern im Walde; antwortete ſchnell der Alte.— Seid Ihr blind, Vater Hans? fiel Henning verwundert ein. Hin⸗ ten im Hauſe ſitzt ja der Vetter und faulenzt wie ge⸗ wöhnlich.— Faulenzet vor der Vesper? rief Langen mit verſtell⸗ ter Aufwallung, die durch die natürliche Aengſtlichkeit den Schein der Wahrheit gewann. Und der Sohn vom 314 Hauſe, der Erbſaß duldet ſolche Unbill? Hinein, Du Tropf, und ſchlage mit dem beſten Knittel dem Vetter die Rippen zuſammen, bis er die verſäumte Arbeit nach⸗ geholt.— Zugleich faßte er mit kräftiger Fauſt den Sohn, und ſchleuderte ihn bis gegen die Hofthür, daß er faſt die Sinne verlor, und das Gegenwort auf ſeiner Zunge erſtarb. Verzeiht, Hoheit, ſprach dann der Alte mit halbem Athem, daß ich in ſolcher Nähe mein Hausregi⸗ ment geübt, doch die Ordnung ziert Schloß und Hütte, und erlaubet Ihr, ſo hole ich einen neuen Krug mit Milch; der edle Herr hat mich die ſchöne Gottesgabe in ſeinem Eifer um Euch verderben laſſen.— Mühet Euch nicht weiter, ſagte die Herzogin in ver⸗ ächtlichem Tone und mit einem ſcharfen Blicke den Bauer und ſein Gehöft überlaufend; wir haben kein Gelüſt, Eurer Hand, die dem Herzog Erich ſo zugethan iſt, die Ehre anzuthun, eine Labung von ihr zu empfangen. Semovit, merket Euch den Namen des Mannes und dieſes Hauſes Lage. Bei unſerer Wiederkehr rufet uns Beides in das Gedächtniß.— Bete, Du alter Freimann, fort und fort für Deines Herzogs Wohlergehn, ſetzte ſie lautlachend hinzu, indem ſie zum Aufbruch winkte; Sankt Petrus hält ſicher die Himmelsthür immerdar geöffnet für den Betſpruch von Deinesgleichen.— Lachend trabte ſie davon; der Polengraf ſpornte je⸗ doch hämiſch ſeinen gelben Hengſt alſo, daß der alte Bauer faſt von den Hufen deſſelben getroffen wäre, und die ausgeſchlagenen Erdſchollen ſein Geſicht und ſein Wamms beſchmutzten.— Lange ſtand der Bauersmann und blickte tieffinnig und gedankenvoll dem fürſtlichen Prunkzuge nach, der nur allmälig undeutlicher wurde zwiſchen den Gebüſchen 315 und durch die Krümmungen der Straße. Dann nahm er ſeine Mütze vom Haupte und faltete die dürren Hände. Herr des Himmels, betete er halblaut, der Du den grauſamen Saulus blind machteſt, als er in der Höhle ſchlief, worin ſich Dein Knecht David verſteckt hielt, Dank Dir, daß Du auch in dieſer ſchweren Stunde alle Augen dieſer Gewaltigen mit Nacht bedeckteſt!— O Bu ungeberdige Frau, ſetzte er dann in ſich redend hinzu, wüßteſt Du, wie ich Deine Schande füttere, wie ich Dein Gericht und Deine Strafe gleich der Eidergans bette in den weichſten Flaum von meiner eigenen Bruſt. Aber die Bosheit hat gar oft den Sieg in dieſem Sün⸗ denreich. Ich ſah Deinen tückiſchen Schlangenblick und hörte die ziſchelnde Doppelzunge, und der Giftſchaum blinkte auf dem Schnauzbarte Deines blutgierigen Buhlen. Wenn dennoch all meine Sorge umſonſt gethan geweſen? Wenn ich meinen beſten Schatz, den ich hegte für mein Vaterland, nicht mehr ſicher ſähe in dieſen ſtillen Wänden? O Herr des Himmels, ſegne mich mit Deinem Rathe über Nacht! Iſt doch mein Thun ein gerechtes, und darum Dir und Deinen Heiligen wohlgefällig.— Er ſchöpfte tief Athem in die alte keuchende Bruſt, daß ſie faſt einen Ton von ſich gab, ähnlich einem Sterbeſeufzer, dann preßte er raſcher und wie ermuthigt durch ein inneres, tiefes Gefühl, die Mütze vom Ham⸗ ſterfell auf das dünne graue Haar, und wandte ſich zum Hofe, um dem Henning noch die verſparte Predigt zu halten, als Warnung für künftige Schickſalsfälle; doch ein Seitenblick zum nahen Gehölz beſchleunigte ſeinen Schritt. Der ſtille Fleck, auf welchem Langens Eigenthum ſtand, ſchien heute nun einmal beſtimmt, das Theatrum 316 gar wechſelnder und verſchiedener Scenen zu ſein, und ein ſich drängender Verkehr fremder Perſonen ſtörte den Gottesfrieden, den ſeit lange durch die dauernde Waffen⸗ ruhe in dieſen öſtlichen Provinzen ſeine Bewohner ge⸗ wohnt worden. Langens ſcharfes Auge ſah nämlich jetzt in einer Schlucht des Wäldchens zwei neue Fremdlinge, deren Geſtalten gar ſehr mit den eben abgezogenen Gäſten contraſtirten. Reiter waren es gleichfalls, und auf guten Pferden, die aber von ihnen ſcharf im Zaume gehalten wurden, damit ihr raſcher Schritt ſich möglichſt mindern möchte; dazu lugten die Herren unter ihren ungeſchmückten Eiſenhauben hervor ſehr veſorgt und verdächtig im Felde umher, und die grauen Mäntel mit aufgezogenen Kapuzen ließen in ihnen ein Paar jener Schnapphähne vermuthen, welche lange Friedenszeit damals in Menge erzeugte, und deren Beſuch dem einſam wohnenden Landſaſſen nie willkommen ſein konnte. Mit innerer Beruhigung ſah Langen darum zugleich ſeine beiden Dienſtleute aus einem zweiten Holzwege hervorſchreiten, die blanken Beile in den Händen und das geſchlagene Bauholz auf den Rücken, und ſorgloſer ging er weiter. Eine Stimme dicht hinter ihm hielt ihn jedoch wie⸗ derum auf, und der Zuruf: Vater Hans, was läufſt Du denn alſo vor einem alten Bekannten? feſſelte ſeinen Fuß und wandte ſein Geſicht gegen den Reitersmann, der mit geſporntem Roß ihn bereits beinah erreicht hatte.— Sieh da, Herr Marx von Than, erwiderte er über⸗ raſcht; wer konnte Euch vermuthen in ſolcher traurigen Vermummung, die eher einem Stegereifshelden oder einem Jungfrauenräuber gehörig, als dem eitelſten Prunkjunker und dem ſchmuckſten Jägersmann aus der Mark.— Biſt Du mißtrauiſch, alter Herr, fragte der Reiter 317 gutmüthig, weil Du mich letzthin bei Deinem ſchönen Meſtovchen gefunden, als ſie allein daheim? Ja, ja, ich höre noch recht deutlich vor meinen Ohren Dein trockenes: Gute Nacht, Junker! mit dem Du mir ungaſtlich die Pforte zeigteſt.— Jeder hält ſein Hühnerhaus feſt für Fuchs und Marder, antworte der Alte kühl. Ihr dürft nicht klagen, daß ich Euch Brod und Salz verweigert oder einen Trunk aus meinem beſten Faß, ſo lange Ihr als ein luſtiger Jäger kam't, und ich hab's Euch niemalen merken laſſen, daß Ihr zu den Brandenburgern gehört, die uns zum Trutz und wie auf der Lauer zu Stolpe ſitzen, das doch ein geſundes Glied von unſerem Leibe iſt. Der treuherzige Pommer ließ Euch gern die Luſt, auf ſeinem Acker Haſen und Füchſe zu hetzen und die wilde Ente auf dem See mit ſcharfen Bolzen zu ſchießen; aber wenn der Bran⸗ denburger Junker meinte, der ehrliche Pommer ſei dumm genug, ſein eigen Fleiſch und Blut ihm zur gefälligen Jagd vorzutreiben, da iſt ſein Witz doch zu adelfein ge⸗ weſen, und hat die Spitze an unſerem Thor von Eichen⸗ holz zerbrochen.— Du biſt ſchlimm, Väterchen, lächelte der Junker Than, doch für dieſes Mal hätteſt Du die Mühe ſparen dürfen, Deine rauhe Bärenhaut ſo grob nach außen zu kehren. Deine Meſtove iſt ein liebes Kind; wer, der ſie ſah, ſtimmte nicht ein? Aber Deine Meſtove hat ein Zünglein, ſchärfer als Deine Fiſchangel, und ihre ſchöne Bruſt iſt dem koſenden Worte undurchdringlicher als mein Stahl⸗ panzer der Pfeilſpitze.— Tropfen höhlen den Stein; trauete ich alter Narr doch ſelber Eurem leichten Plapperwort, und habe manches Stündlein gar gern Eurer geſchmeidigen Rede zugehört, 318 beſonders wenn Ihr von Eurem Kurfürſten und ſeinen Fehden mit den Nürnberger Krämern erzähltet. Eines Mädchens Haut iſt nicht ſo zäh und runzelicht als die eines alten Waffenknechtes, und hat ſo ein Junkerauge erſt einmal einen Sonnenfleck hineingebrannt, ſitzet der Makel feſt, und beſchimpft noch die Blumenkrone auf dem Sargdeckel.— Was dachteſt Du denn, alter Menſch? fragte der Junker aufgeregter, und ſah dem Alten recht feſt ins Auge. Gott vergebe Dir, haſt Du Arges gemeint, und darum uns wohl gar vorhin den Rücken ſo griesgrämiſch gezeigt, weil Du Mädchendiebe vermuthet. Die ſchöne Blume, der ſchlanke Baum, Sternenhimmel und Mäd⸗ chenſchönheit ſind Gotteswerk und zur Freude der Men⸗ ſchen erſchaffen, und das Ergötzen daran iſt— bei meinem Schwert!— keine Sünde und der Blick darauf kein Kirchenfrevel, ſondern man lobt ja den Schöpfer, wenn man ſein Werk bewundert. Glaube mir, Alter, ſo iſt mir's geweſen mit Deiner Meſtove, und man ſoll mein Wappenſchild brechen auf dem nächſten Turnier, wenn ein unehrlicher Gedanke in meine Seele gekommen. Frage nur hier meinen Gefährten und Schlafkameraden, ob ich nicht oft getrauert, daß Dein Mädchen nicht edel geboren wie ich.— Sie iſt's nun einmal nicht, ſchmunzelte der Bauer; darum ſucht Euch das fromme Ergötzen auf hohem Horſt, wo der Edelfalk bauet. Gottes Werk könnet Ihr auch dort ohne Sünde und bequemlicher bewundern.— Aber Du plauderſt wie ein Trunkenbold, fiel unwillig der zweite Reiter in den Zwieſprach, und vergiſſeſt, welche Eil uns geboten.— Ach Lucas! ſeufzte der Junker Than komiſcher Weiſe. ————— 319 Der Himmel behüte Dich vor ſolchen Herzens⸗Gebreſt. Ich und mein Brauner haben immer den unbezwing⸗ lichſten Koller, wenn wir dieſen Thorweg paſſiren ſollen. Aber ernſthaft, Vater Hans, ſprich, iſt es lang, daß die Herzogin von Rügenwalde hier paſſirte.— Wäret Ihr ein Dutzend Athemzüge früher aus Eurem Schlupfwinkel in das Freie getreten, hättet ihr noch die Fähnlein ihrer Ritter können flattern ſehen, und haben eure Gäule kein Spath oder Steingalle, ſo dürft ihr nur die Sporen rühren, und ehe ihr ſechs Ave Maria ſprecht, ſeid ihr an ihrer Ferſe.— Gott behüt' uns, rief der Ritter Marx, heute iſt's uns nicht darum, ihre Schleppe zu küſſen. Wir thun ei⸗ nen eiligen Botenritt über Stargard nach Berlin, und es liegt uns gar viel daran, daß wir nicht ſtoßen auf ihren Zug, der nach Stettin geht, und darum noch eine gute Weile unſere Straße verſperrt. Du biſt des Lan⸗ des kundig, Vater Hans, und ich will Dir chriſtlich vergeſſen, daß Du ſo unehrlich Dings von mir geglaubt, wenn Du uns einen Richtweg zeigſt, der die Krümmung der Straße abſchneidet, und uns ungeſehen dem Frauen⸗ kriegsheer vorüber⸗ und ihm vorausbringt. Führe der Weg auch durch Moor und über Bach und Bult, es ſchadet nicht, denn ſind wir die erſten, welche ſolch wich⸗ tige Poſt zu dem Prinzen Johannes bringen, wird der edle Herr uns weder ein neues Kleidungsftück, noch ſelbſt ein neues Streitroß verſagen.— Der alte Langen wurde aufmerkſam und antwortete geſpannt: Wohl gibt es einen ſolchen Pfad; die Bee⸗ renſammler und die dem Kibitz das Reſt ausſuchen, wan⸗ deln ihn. Er bringt Euch auf Polzin, und von da trefft Ihr leichtlich den Wegweiſer nach Freienwalde und 320 wiederum zur Heerſtraße; aber der Pfad iſt zu Roß be⸗ ſchwerlich, und Ihr fändet ihn nicht ohne Führer. Wollt Ihr den Preis zahlen, den ich verlange, dürft Ihr den Knecht dort ein auch zwei Stündchen hinter Euren Sat⸗ tel nehmen, und Eurer Wunſch kommt zum Ziele.— Fordere, Vater Langen; Herr Hans von Buch auf Stolpe wird gern das Botenlohn zahlen.— Was ſollen mir ein Paar Silberſtücke, lächelte der Bauer. Das Alter macht neugierig, und hier in mei⸗ nem buſchigten Winkel hört man nicht viel von der Welt. Es iſt Bewegung in der Luft, vielleicht gar ein aufzie⸗ hendes Kriegeswetter, und das macht mir alten Spieß⸗ knecht alle Narben jucken. Darum ſoll der Knecht Euch dienſtbar ſein, ſobald Ihr mir ſaget, was die Herzogin nach Stettin treibt, und was Euch zu ſolch heißem Ritte in die Sättel gebracht. So neugierig der alte Hans, ſo eigenfinnig iſt er auch, und zahlt Ihr den Lohn nicht, bleibt auch der Knecht zu Hauſe.— Der Handel iſt gethan! lachte der Junker Than und ſchlug kräftig in die hingehaltene Hand des Alten. Un⸗ ſere Botſchaft iſt ſicher in ganz Vorpommern kein Ge⸗ heimniß mehr und wirds auch nicht lang in Hinterpom⸗ mern bleiben, und nur die Weiſe, wie der Hof in Rü⸗ genwalde ſich dabei benahm, hat den ſchlauen Coman⸗ danten auf Stolpe vermocht, eine eigene Geſandtſchaft darum an ſeinen Gebieter zu ſenden. Sieh, Väterchen, wir junges Volk, Junker Lukas hier und ich und der von Stange und von Bomerfeld, wir waren geſtern zu Rügenwalde, wie es oft geſchieht, wo die Frau Herzo⸗ gin ein Frühlingsfeſt veranſtaltet mit Tanz und Becher⸗ ſpiel. Mitten in der Feßtlichkeit ward ein Eilbote ge⸗ meldet, und als Hoheit ihn geheim gehört, verſchwand * ₰———————————— 321 ſie mit ſammt ihren Vertrauteſten vom Plan, und bald nachher verliefen ſich auch die Hofherren, ja die Fräulein nach und nach, und es verlautete, die herzogliche Die⸗ nerſchaft habe Befehl erhalten, ſich zu einer ſchnellen Abreiſe zu rüſten. Wir gelangweilten Gäſte forſchten nach dem Grunde, und als Niemand uns darüber Licht geben konnte, ward unſere junge Neugierde nicht min⸗ der geſtachelt wie jetzt Deine gealterte, denn dieſes ſelt⸗ ſamliche Geheimthun bedeuchte uns nicht ganz in der Ordnung. Was halfen unſere Spionagen, unſer Gekoſe mit den lüſternen Zofen, unſere Gaſtgülden an den gie⸗ rigen Pagenſchwarm! Niemand wußte mehr als wir; nur von dem angetrunkenen Thurmwart erhorchten wir, daß der fremde Eilbote von Camin gekommen, daß ihn der alte Biſchof Siegfried, der Freund des Nordenkö⸗ nigs, geſchickt, und daß er eine Poſt von Wolgaſt über⸗ bracht; der Bote war jedoch nicht mehr im Herrenſchloß, ein Kahn hatte ihn ſogleich auf der Wipper zum Hafen ſpedirt und von da ſollte er ohne Aufſchub zur See die Rückfahrt machen. Halt, ſprachen wir zu einander, da liegt ein Fuchs im Bau, und der Dienſteid könnte ſtatt der Fauſt einmal Naſe und Ohren des Wachtelhundes fordern. Ohne Säumniß brachen wir auf, die Nacht war hell, aber wir wandten den Fuß nicht nach dem Stolper⸗Kaſtell, ſondern zum Hafen, und trafen richtig unſern Mann, der ſich wohl ſein ließ nach ſeinem ſauern Ritt in dem Kreiſe der Schiffersleute. Wir, als kämen wir eben von einer Luftfahrt auf der See, miſch⸗ ten uns hinein, zeigten uns ſplendid und generos, hat⸗ ten bald alle die wilden Kerle zu Zechbrüdern„und ſiſch⸗ ten glücklich das Geheimniß mitten aus der Trinkſchale.— Ihr habt's, aber ich dürſte noch, trotz des offenen Blumenhagen, X. 22 322 Mundes und der offenen Ohren, verſetzte Langen unge⸗ duldig und unwillig. Alſo das Geheimniß oder— Er machte Miene ſein Thor zu ſchließen. Du zankeſt die Jugend aus, wenn ihr das Blut in der Flut über die Dämme tritt, lächelte der Junker, und das Malz gährt ſelbſt noch hoch auf in Deinem Bottich? So höre denn! Zu Wolgaſt iſt der Herzog Erich nach kurzer Krankheit ſanft und ſelig in dem Herrn entſchlafen.— Du wirſt bleich wie ein Lailach, Väter⸗ chen, und ſtehſt da, lang und ſteif wie eine Rolands⸗ ſäule. Freilich iſt einem guten Pommer das Ereigniß keine Freudenpoſaune, denn mit dem Erich iſt der Man⸗ nesſtamm Eures Herrn erloſchen bis auf einen dürren knorrigen Aſt, der keine Blattknospe mehr treiben wird, und begöße er ſich mit eben ſo viel Quellwaſſer als er's thut mit rheiniſchem Traubenſaft. Darum meinte der fürſichtige Ritter Buch, dem Kurfürſten dürfte die Poſt eine wichtige ſein, und als wir heut früh mit ſchweren Köpfen vom Hafen nach Stolpe kehrten, gönnte er uns kaum drei Stunden Schlaf vor dem Satteln. Iſt's auch wahrſcheinlich, daß der Schulenburg auf Garz frühere Botſchaft nach Berlin ſpedirte, ſo iſt's doch auch mög⸗ lich, daß der alte, ingrimmige, rauhhaarige Bär auf Stettin gleichermaßen wie hier Frau Sophia, und viel⸗ leicht in Abrede mit ihr, Ränke ſpinnet, und den Tod des Regierenden zu verheimlichen ſucht wie ſie, bis ihr Ra⸗ benei ausgebrütet.— Der alte Bauer kam auf einmal aus ſeiner Erſtar⸗ rung in eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit zurück.— Gott ſchenke dem Herrn Erich eine fröhliche Urſtänd; er war wacker, freundlich, gerecht und wandelte gut auf Er⸗ den, ſagte er. Raſcher ſetzte er hinzu; Aber jetzt die 323 Sporen in's Fleiſch, ihr ſaumſeligen Geſellen, daß man euch nicht faule Knechte ſchilt. So ein Rabenei könnte wirklich im Neſt der Rabenmutter heiß gemacht werden. Darum fort, und der Kurt dort ſteht zu eurem Dienſt.— Auf Wiederſehen, Väterchen! rief noch der Junker Than, indeß der Knecht auf die Kruppe ſeines Roſſes ſtieg. Und dann brumme nicht wieder, wenn ich einmal der ſchönen Meſtove die Hand ſtreichele, oder meinen Mund auf ihren Nacken preſſe, der weich und weiß wie des Schwanes Flaumenrücken die heißen Lippen anlockt. Ein Küßlein behalte ich jedenfalls gut für mein Ge⸗ heimniß.— Die Junker trabten fort, der Alte aber wandte ſich mit großen Schritten zu ſeinem Hauſe; wie Wetterleuch⸗ ten am Abendhimmel zuckte es dabei in den groben Fal⸗ ten ſeines Antlitzes, die langen Arme griffen durch die Luft und halb verſtändliche Reden ſtieß er im Gehen her⸗ vor, ſo daß die gewaltige Aufregung ſeines innerſten Lebens unverkennbar wurde. Dein Schatten alſo war's, alter Kriegsfürſt, der heute in Langens Wirthſchaft rumorte? murmelte er. Nun nur ſiill, guter Herr; ſtrecke Dich nur lang aus in Deinem weichen Bett, und habe nicht Sorge mehr; Dein Hans hat die Treue gehalten immerdar, ſollſt auch jetzt zufrieden ſein mit ihm, und ſollte ſein Speer ſich noch⸗ mals regen müſſen wie vor Bütow.— Und Du, mein Jünkerlein, reite nur zu; Du reiteſt uns nicht zum Scha⸗ den, denn gegen die Märker Panzermänner wehrt ſich ſchon der Wall von Pommerſchen Leibern; aber die Nat⸗ tern im eigenen Buſch dürfen ihre Brut nicht groß ziehen, und wir müſſen ſchnell die eiſerne Ferſe rühren, und ih⸗ nen die Köpfe quetſchen.— Herr des Himmels, Dein 324 Rath kam noch vor der Nacht, und wie Deine Allmacht aus Bileams Eſel Weisheit geredet, hatteſt Du dieſes Märkiſchen Jünkerleins Plappermaul uns zum Propheten geſandt. Mit Gott denn ans Werk für Recht und Va⸗ terland! Der Mond war ſchon aufgeſtiegen, und hing wie ein blutrother, ungeheurer Feuerball nicht hoch über dem öſtli⸗ chen Horizonte. Fern über dem Bruch rief unermüdet ein Kibitz den eigenen Namen, und im Birkenbuſch ſchnarrte ein Nachtigallmännchen, das Weibchen lockend zum Neſt⸗ platze, und verſuchte dann, von der lauen Frühlingsluft gereizt, einzelne kurze Sätze ſeiner Flötenkehle.— Auf der Tenne des Hauſes hatte die emſige Meſtove bereits den langen Tiſch geſäubert und mit dem Abend⸗ brod beſetzt, und Knechte und Mägde ſaßen am Heerde oder kauerten an den Wänden, mühſam den Hunger zwingend, da der Hausherr weit über die gewohnte Zeit ſäumte, ſeinen Oberplatz einzunehmen und das Tiſchgebet zu ſprechen. Henning, der ſich vor des Vaters Zorn bislang im Garten verſteckt gehalten, ſchlich jetzt ebenfalls von leib⸗ licher Begier getrieben durch das Seitenpförtchen herein, und fragte verwundert nach der Verzögerung des Mahles. Der Vater hat ſich eingeſchloſſen ſchon ſtundenlang, und auch der Vetter iſt nirgends zu ſehen, antwortete die Jungfrau trübfinnig und langſam. Wer frägt nach dem Vetter? entgegnete der Bruder varſch. Möchte ihn der Schwarze geholt haben in letzter Hexennacht. Hat mir doch der Vater beinahe die Kno⸗ chen zerſchmiſſen um den Wechſelbalg, was er nie noch 325 gethan.— Er wollte ſeinem Ingrimm in noch ſchärferen Worten Luft machen, doch ſeine Verwunderung drückte die Worte zurück, als er jetzt den Altknecht die beiden beſten Pferde des Stalls, den Schwarzen und den Gold⸗ fuchs, völlig geſattelt und gezäumt an die Pforte führen ſah, und auf die Frage: Wer ihm ſolches geheißen 2 Und wozu? die kahle Antwort erfolgte: Fraget den alten Herrn, der wird ſchon antworten.— Auch Meſtove ſtand erſtaunt, aber das Räthſel ward ihnen ſchnell gelöſet. Vater Langen öffnete ſeine Thür und trat heraus auf die Tenne, mit ihm der Vetter Barnim. Henning und Me⸗ ſtove ſtarrten ſie an wegen ihres ungewöhnlichen Anſe⸗ hens. Der Alte war geſtiefelt, trug ſeinen hellblauen Aermelmantel, deſſen er ſich nur zum Kirchgange oder auf Reiſen zu Markt bediente, und am breiten Ledergurt hing ihm ein kurzer Pallaſch; Barnim erſchien noch ſtatt⸗ licher ausſtaffirt, ein neues Wamms von brauner Hirſch⸗ haut deckte ſeinen ſchlanken Leib, eine blanke ſchwarze Lederhaube, wie man ſie auf der Reiherbeiz zu tragen pflegte, prangte auf ſeinen braunen Locken, und eine ein⸗ zelne blutrothe Feder hing daran bis zum Nacken herab; er trug dazu Stiefeln mit Stahlſporen, und an einer breitgliedrigen Stahlkette, welche von der Schulter zur Hüfte reichte, ſchimmerte ein ſtattliches Ritterſchwert mit einem blanken Kreuzgriffe. Wir reiſen, Kinder, ſagte der Alte recht milde und väterlich, vielleicht auf Tage, vielleicht auf Wochen. Blei⸗ bet geſund und haltet gute Wacht. Hier ſind die Schlüſ⸗ ſel für Dich, Meſtove. Du, Henning, nimmſt das Ge⸗ finde in Acht und verſäume nicht Einſaat und Ackerpflege. Ihr alle dort ſeid ihm gehorſam, und folget ſeiner Stimme, als ſpräche ich zu euch.— 326 Aber Vater—— fiel Meſtove ein mit ſichtlich wach⸗ ſender Angſt. Der Alte ſchritt ohne auf ſie zu achten zur Pforte und führte Barnim mit ſich an der Hand. Hier ſteht Dein Roß, ſagte er bewegt, der Goldfuchs, den Du Dir ſelbſt aufgezogen. Nimm ihn als mein letztes Geſchenk, und laß mich Dich noch einmal an meine Brußt drücken wie ſonſt. Wenn Du jetzt in den Sattel geſtiegen, iſt es vorüber mit der Traulichkeit und dem väterlichen Du; nicht mehr gedenken dürft Ihr dann der ſtillen Klauſe, die Eure Jugend ſchirmte, und Eure Au⸗ gen, von ernſter Pflicht gefeſſelt, nicht mehr zurückwen⸗ den nach dieſem Eurem Spielplatze.— Da jei Gott für! rief Barnim in hoher Aufwallung. Und des Himmels Gnade verlaſſe mich, wenn Du nicht mein Morgen⸗ und Abendgedanke bleibſt, Du wackerer Vater Hans. Und auch nicht alſo darf ich ſcheiden von denen, die mir wie Geſchwiſter geworden.— Raſch ſich losmachend, trat er zu Meſtoven und umfing ſie, und küßte ihren friſchen Mund.— Iſt's denn für immer? und kehreſt Du nicht mit dem Vater? fragte das Mädchen bebend, und als der Alte nickte, hing ſie ſich wie von Todesangſt gepackt an Barnims Arm und preßte ihr Ge⸗ ſicht an ſeine Bruſt. Dieſer aber ſtreckte die Rechte gegen Henning aus und ſagte: Du biſt ein ungeberdiger Ka⸗ merad geweſen, aber wir haben in einem Bett geſchla⸗ fen, und ein redlich Gemüth haſt Du doch, iſt auch die Rinde ein weniges grob und holzicht gerathen. Scheiden wir freundlich, und wenn ich kann, ſollſt Du alle die Stöße und Püffe gut eingelöſet ſehen, die Du mir zu⸗ weilen abgetrotzt.— Henning ſchlug mit ſeiner Hand die dargebotene zur Seite. Das fehlte noch, ſprach er erbittert und ſeinem —.—— 327 Groll die Schranke brechend, daß ich die Hand drücken ſollte, die uns noch zu guter Letzt ausplündert. Haſt Du den Vater Hans verhext, mir nimmſt Du die geſunden Sinne nicht. Von Bezahlen und Auslöſen ſprichſt Du, Bub von Nirgendher und Nirgendhin? Der Wind prägt keine Dreier und die Heide iſt kein Silberbergwerk. Reiſe mit Gott auf Nimmerwiederſehen; aber wenn der Vater ſo thöricht iſt, Dir das beſte Gezeug aus ſeinem Schreine aufzuhängen, ſo darf ich darüber murren, denn ich bin der Sohn im Hauſe und trage ſchon den Bart am Kinn. Und vergißt der Vater ſeine Kinder ſo arg, daß er Dir gar den beſten Gaul aus dem Spann zu eigen gibt, ſo ſei's gelobt, ſo gehe ich noch dieſe Nacht auf und davon, werde Spießträger, wie's der Vater geweſen, bei dem Hochmeiſter zu Marienburg oder gar bei dem Könige in Polen. Für Euren Hof, Vater Hans, könnt Ihr Euch dann nach einem andern Hofmeiſter umſehen.— Der alte Langen hatte das wildausgeſtoßene Wort mit ernſten Blicken angehört, jetzt trat er raſch auf den Sohn zu, faßte ihn derb an den Schultern und drückte ihn ſo kräftig nieder, daß ſeine Knie ſich bogen. Hinein in den Staub, Du alberner Bube! rief er dazu mit erſchütternder Stimme. Einige Tage ſpäter und Deine unſinnige Rede hätte Dich zum Hochverräther ge⸗ ſtempelt und Deinen tollen Kopf dem Beile geliefert. Du biſt nicht werth, daß Du der Erſte ſein darfſt, der ſeinen edlen Herrn begrüßt; doch ſollſt Du's werden Dir zur Scham und Strafe. Dein Vetter Barnim iſt todt ſeit heute. Das Blut deſſen, der hier vor Dir ſteht, iſt aus einem herrlichern Born entſprungen, und ein Tropfen davon muß Dir künftig mehr werth ſein, als Dein gan⸗ zer Leib mit all ſeinen Adern und Gebeinen, oder Du 328 ſchimpfteſt Deine Mutter als ein unächter Sohn. Nieder in den Staub Junge, denn dieſer iſt Herzog Bogis⸗ lav, unſer junger Fürſt und Pommerns einziger Erbe!— Ein lauter Wehſchrei, wie ein brechendes Herz ihn ausſtößt, ſcholl von Meſtovens Lippen, und ſie ſchlug beide Hände vor ihre Augen und taumelte auf die nahe Bank. Henning lag im Knie und war anzuſchauen wie die Götzenbilder des alten heidniſchen Wendenvolks, die man noch ausgräbt in den Wäldern und Heiden, und die Dienſtleute bogen ebenfalls verdutzt die Nacken; der junge Bogislav aber rief mit Haſt: Vater, hinaus, wenn es denn einmal ſein muß! wird mir doch gar wunderlich zu Muthe, und reiten wir nicht jetzt, möchte mich der Heerd halten und der Tiſch dort, und jener Schmerzens⸗ ton, den ich vielleicht in der vollen Welt, von der Du mir erzählt, von Niemanden wieder höre.— Beide ſaßen ſchnell im Sattel, und über den Anger ſtrichen die Roſſe, und ließen nur die langen weißen Streifen im Thau als Merkzeichen ihrer Fahrt nach, auf die der ſtille Mond mit ſeinem ernſtſinnenden, räthſel⸗ haften Geſicht wie ein ſchirmender Zaubergreis herunter⸗ ſchaute. Auf der alten Burg zu Stettin, von deren höchſtem Wartthurme die ungeheure ſchwarze Trauerfahne wehte, ſichtbar weit in das Land hinaus und über den vierge⸗ ſpaltenen Oderſtrom hinunter bis zu dem Schiffsgedräng des Haffs und den Fiſcherdörfern der Inſeln, ſaß der er⸗ graute Herzog Wratislav. Einem alten furchtbaren Hü⸗ nenbilde von, unverwüſtlichem Erz gegoſſen und trotzend der Zeit und den Erdenmächten, glich der finſtere Fürſt 329 mit ſeinem vergelbten, ausgetrockneten Antlitze, welches ein aſchgrauer Bocksbart faſt verdeckte, mit den tieflie⸗ genden Geiſteraugen, in denen ein rothes Kohlenfeuer glimmte, mit der großen kahlen Stirn, auf welcher Nar⸗ ben und Furchen ſich kreuzten gleich Runenzeichen, die von einem mächtigen Leben erzählen, und mit dem brei⸗ ten halbnackten Schädel, der nur noch von ſparſamen, gekrausten Haarbüſcheln umkränzt wurde. Das graue Hauskleid mit der Trauerſchärpe nachläſſig gegürtet, machte die alte Heldengeſtalt noch finſterer und abgeſchloſ⸗ ſener, und paßte zu ihr; mehr noch die Umgebung, der faſt wüſte große Ritterſaal mit ſeinen grauen Steinwän⸗ den und hohen Schwibbögen, in denen die Spinnenwelt ungeſtört lebte und ſelbſt eine Schwalbe ihr Neſt ge⸗ bauet; mit ſeinen düſtern, dunkelbemalten Spitzfenſtern, deren Scheiben im geknickten Blei vom Windſtoß klirrend bewegt wurden, und, hie und da zerbrochen, für Schwalbe und Fledermaus Tages und Nachts Thor und Pförtchen offen hielten; mit den verroſteten rieſenhaften Eiſenrü⸗ ſtungen und Schwertern und Sturmhauben an den baum⸗ dicken Pilaren, welche das Gewölbe trugen, mit den beſtaubten Fahnen und Heerbannern und Speerwimpeln, welche das Geſims rundum ſchmückten, und die zerfetzt und farblos geworden, den welkhängenden Zweigen eines herbſtlichen Waldes glichen, die den Wintertod der Natur anſagen und voraus betrauern. Wie ein Bild von Eis, wie die traurigen Reſte eines im hohen Norden eingefrorenen kühnen Jägers, ſaß Wra⸗ tislav ſtarr und regungslos in ſeinem Lehnſeſſel, das Auge feſt geheftet auf das mit ſchwarzem Flor umhangene Herzogsſchild am Mittelpfeiler, und ſchien nichts zu hö⸗ ren von der geflügelten Rede der Herzogin Sophia, die 330 neben ihm ſaß, wohl mit dem Wittwenkleide angethan, deſſen Bedeutung jedoch durch den Schmuck von Steinen und Perlen, mit welchen die Eitle gegen die Sitte ſich reich behangen, zernichtet, ja faſt aufgehoben wurde. Jetzt fuhr es wie ein Blitz durch die furchtbare Geſtal⸗ tung, das eiſige Antlitz wandte ſich raſch zu der noch üppig blühenden Frau, und die Augen des Herzogs faßten ihre hellen Augen ſo ſengend, daß ihre Rede ſtockte wie im Schreck. Aber die erwartete Antwort verzögernd, wandte ſich ſein Kopf wieder von ihr, ſeine dürre lange Hand faßte mit Haſt das mächtige große Trinkhorn vom Tiſch, und nur das Wort: Narr! tönte herriſch und dumpf zwiſchen ſeinem Barte hervor. Olf lag gekauert in einem Winkel und ſeine Hand ſpielte mit der Spitze eines alten Schwertes von Man⸗ neslänge, welches über ihm an der Wand hing. Er⸗ ſchreckt über den dröhnenden Ruf, faßte er die Schwert⸗ ſcheide, ſich aufzurichten daran, doch der Nagel gab nach, und Schwert und Narr fielen unter Gepraſſel auf den Steinboden nieder, und erſchüttert durch eine innere Be⸗ wegung fuhr der Herzog vom Seſſel auf, und ſtarrte nach dem Winkel. Es iſt Suantibors Waffe, fprach er eintönig, wie nur zu ſich ſelbſt, dieſelbe, mit der die edle Slavina ihren Gemahl, den Chriſtenfeind Crucho erſchlagen ließ. Wenn ſich des Urahns Eiſen regt, geſchieht Großes im Stamme der Gryphonen. Wer aber ſagt, ob der le⸗ vendig gewordene Stahl Heil oder Unheil kündet?— Der Narr trippelte flink heran, die ſchwere Waffe nachſchleppend. Heil Hoheit, antwortete er dreiſt und leicht; Heil und Glück, bei meiner Narrenehre. Wen ein fröhlicher Rauſch zum Boden bringt, der fällt meiſt mit —.———— ———— 331 dem freudenſchweren Kopfe nach unten. Schauet nur, die breite Klinge iſt zur Hälfte heraus gefahren aus dem roſtigen Hauſe, ſie will regiert ſein von einer tüchtigen Hand und wird die Hand ſchon rufen. Gibt's auch viel⸗ leicht etwas Kriegsgetümmel dabei; wenn ſich die Sichel nicht regte, gäb's keine Ernte.— Der Herzog hatte ſich langſam wieder niedergeſetzt, winkte auf die bauchige irdene Kanne hin, und als Olf ihm das Trinkhorn gefüllt, leerte er daſſelbe in einem Zuge, und drehete ſich dann ſteif und ernſt nochmals zu der ungeduldig lauernden Schwägerin. Was ſpracht Ihr vorhin? fragte er mit düſterm Blick und abgemeſſenem Wort. Der Mannesſtamm der Gry⸗ phonen ſei erloſchen; der Herzogshut verwaiſet; das Regiment in Gefahr? Glaubet Ihr vielleicht auch mich eingeſargt mit dem Bruder zugleich? Meinet Ihr, die⸗ ſes kahle Haupt werde nicht gut laſſen unter der Krone? Wratislav wird ſtehen an der Grenze, und ſie werden ihn ſcheuen wie den fürchterlichen Trieglaf, den drei⸗ köpfigen Götzen, der ſeine ſechs Augen richtete gegen drei Weltgegenden und drei verſchiedene Feinde zugleich. Iſt auch Eures Bettes gebrechliche Brut vor der Reife ver⸗ dorrt; die Söhne des herrlichen, unſterblichen Wratis⸗ lav des Neunten wurden im Panzer gezeugt, und hat Methuſalem neunhundert Jahre auf Erden gewandert durch Gottes Gnade, ſo denke auch ich noch manches Jahr den Feinden Pommerns Gram und Neid zu wecken.— Der Himmel erhalte Euch, verehrter Bruder! ent⸗ gegnete Frau Sophia mit einem tückiſchen Seitenblicke, aber im mildeſten Tone. Doch uns Allen iſt ein Ziel geſteckt, und da Ihr der letzte des Stammes, möchte Euer Volk Euch den Gerechten und Weiſen nennen, wenn 332 es vernommen, wie Ihr geſorgt für ſein Heil, ehe Ihr ſchiedet zu einem beſſern Leben. Trug doch darum der vierte Bogislav den Ehrennamen:„Leib und Seel geſund.“— Der Herzog ſtieß unwillkürlich das Trinkhorn auf den Tiſch, füllte es dann ſich ſelbſt und trank. Sie jedoch fuhr ohne Störung fort. Was würde werden aus dem armen Lande, wenn es erblos geworden? Die über⸗ müthigen Männer meiner Töchter, die beiden Mecklen⸗ burger, der Braunſchweiger, der Lauenburger würden reißen an unſerm Volke, und das köſtliche Reich in Fetzen zerſtückeln; der ſtolze Brandenburger würde ſein geträumtes Lehnrecht gültig machen wollen, und Euer Leib würde nicht Ruhe haben in der Gruft, wenn die gemordeten Vaſallen, die erwürgten Bürger klopften an Euren Denkſtein, da Euer Wille ihnen hätte ſparen mö⸗ gen die Schande und den Tod. Darum ernennet mich zu Eurer Erbin; geſegnet ſei dann noch lange Euer Regiment, und unſer gemeinſam Gebet wird den Him⸗ mel erweichen, daß er dem dürren Baum neue Blüte erwecke.— Die Kunkel hat nie zu Gericht geſeſſen in dieſem Lande, antwortete Wratislav varſch und kopfſchüttelnd.— Wohlan, fuhr die Herzogin erwärmter fort, ſo laßt uns einen Tapfern von edlem Blut erkieſen, der würdig ſei, ein neuer Ahn zu werden der Fürſten an der Oſtſee. Nehmet ihn an als den eigenen Sohn, mir gebt ihn zum Gatten. Königs Erich Schatz wird zureichen, dem neuen Herzogsſtamme den höchſten Glanz zu verleihen; König Erich Schatz wird den Adel und den unruhigſten Vaſal⸗ len ſtimmen für uns, wird ſelbſt am Hofe des Kaiſers ſeinen Zauberdienſt üben, unſer Werk zu heiligen und unverletzlich zu machen.— — 4 333 Der alte Herzog ließ ſein düſteres Auge mit ſeltſa⸗ mer Verzerrung ſeiner Geſichtszüge, von der man nicht wußte, ob ſie Humor oder Zorn erſchaffen, über die ſchöne Frau hinſtreichen, dann fragte er: Was ſagt der Rarr dazu 2— Olf erhob ſich geſchmeidig vom Boden, wo er wie⸗ der gelagert. Hochzeit iſt beſſer, als Leichenfeier, ſagte er; bei der Kindtaufe ſetzt man feurigern Wein auf als zum Trauermahl. Wäret Ihr der Narr und ich der Herzog, ſo freiete ich die ſchöne Frau ſelbſt; in Israel wäre es nichts Neues, und der ſteinalte Patriarch wiſchte ja das Breimäulchen ſeines Iſaaks mit grauem Barte rein.— Die Herzogin erhob ſich in unverhehlter Erbitterung. Ihr ſpottet meines Raths, ſprach ſie aufgeregt, und doch iſt heute der Rittertag angeſetzt, und es hätte ſich wohl geziemt, vorher feſten Entſchluß zu faſſen, um den treuen Vaſallen ſichern Weg anzudeuten, und die Uebermüthi⸗ gen und Widerſpänſtigen niederzuſchlagen. Thut, was Euch gut, aber Bogislavs Tochter wird vor der Ritter⸗ ſchaft ebenfalls ihr Recht zu bewahren wiſſen, und möge Euch dieſe Stunde nimmer eine ſalzige Reue nachlaſſen.— Der Herzog faßte ihren Arm und zog ſie nicht ganz ſanft zurück in ihren Seſſel. Trotze nicht, Du heißes Weibelein, ſagte er in komiſcher Weinlaune; Deine vol⸗ len Säckel machen die Pommerſchen Eiſen nicht ſtumpf, und Dein Polengraf würde einen ſchweren Ritt haben gegen die Edlen Alle von Leba bis nach Barth. Mei⸗ neſt Du, unſer altes Hirn wäre zu trocken und dürr, um die Spitze Deines ſtacheligen Züngeleins zu fühlen? Wir verſtehen Dich recht wohl; der Erich wollte Zepter und Degen nicht theilen mit Dir, darum liefeſt Du ihm 334 vom Tiſch; nun er todt iſt, möchteſt Du Stiefel und Manneswamms anthun und allein regieren. Und mir wär's recht, denn in Dir brauſet doch alt Gryphonen⸗ blut und, wie man ſaget, recht wild und rauchend; aber Dein Name hat nicht beſonders guten Klang im Lande, und der Rittertag, den ich ausgeſchrieben in Deinem und meinem Namen, wird ein ſtummer Alttag verblei⸗ ben; denn wo ſind ſie die Gutskows, die Uſedoms, die Cholenbergs und die Arfberge? Kein Ritter aus Oſten iſt unſerm Befehle nachgekommen; ſeit acht Tagen fehlen die Nachrichten von Wolgaſt und ſelbſt unſere Boten keh⸗ ren nicht. Unter dieſer ſtillen Aſche brennt eine Brunſt, die wir mit der alten Fauſt zu löſchen geſonnen ſind, da Dein Weiberrock daran verſengen möchte.— Der Narr ſang in ſeinem Winkel das alte Lied der mähriſchen Prinzeß: Nicht beten, gern ſpazieren geh'n, Oft im Fenſter und am Spiegel ſteh'n, Viel geredet und wenig gethan, Mein Kind, da iſt nichts Fettes dran.— Aber er ſelbſt, der in ſeiner Stellung und ſeinem Alter nicht leicht von irgend etwas Irdiſchem aus der Faſſung gerückt wurde, erſchrack und verſtummte horchend, als wie ein Chorus zu ſeiner Strophe plötzlich ein lebhaftes Trompetengeſchmetter ward gehört, das, wenn auch von fern ſchallend und außerhalb des Burgraumes, kräf⸗ tig und hallend gegen die Fenſter des Saales dröhnte, und in dem regelloſen Gemiſch von hellen und dumpfen Fanfaren dem kühnen Kriegsruf mehrerer Heerhaufen glich, die, den Feind im Angeſicht, ihre Kampfluſt aus⸗ ſprechen. Auch der greiſe Wratislav und die Fürſtin 335 horchten, ohne ihren Gedanken Worte zu leihen; doch bald trat durch die Pforte der Halle geflügelten Schrit⸗ tes der Junker Minkwitz und berichtete nicht ohne Ver⸗ wirrung, wie ein mächtiger Haufen gerüſteter Reiter vor dem Burgthor halte und Einlaß begehre; wie er an dreihundert Pferde ſich belaufen möchte; wie man unter den vorn haltenden Rittern manches bekannte Wappen⸗ ſchild erkannt, und wie man über dem blitzenden Dache der Helme die große Heeresfahne des Herzogthums flat⸗ tern ſähe, und mitten darauf im Silberfelde den wohl⸗ bekannten rothen gekrönten Greif mit goldenen Füßen, und wie keine Trauerzeichen das herzogliche Hauptban⸗ ner beflorten, ſondern ein gewaltiger Kranz von friſche⸗ ſtem Eichengrün die filberne Speerſpitze ſchmücke zum Staunen des Kaſtellans, der darum auch den Einlaß verweigert und Befehle der Hoheiten erwarte.— Rebellion alſo? rief Herzog Wratislav mit hohler Stimme. Voller, offener Aufruhr? Das iſt mehr als mir geſchwanet, als ich gefürchtet vom getreuen pom⸗ merſchen Blute. Und vielleicht ſchon ein Verwegener an ihrer Spitze, der nach Suantibors Krone griff mit fre⸗ chen Händen, die Gott verdorre.— Er lachte laut und fürchterlich auf.— Glauben die Knaben etwa, der alte Greif habe ſtumpfe Krallen bekommen, oder ſein bluti⸗ ges Kriegskleid ſei fleckicht und verſchoſſen geworden, oder zu Kohle gebrannt wie das der Wendenfürſten und Caſ⸗ ſuben? Narr, reiche mir des Ahnherrn Schwert; ich will allein einen Gang thun gegen die Hundert, und Du ſollſt voran als mein Herold und jeden Kopf fordern für des Nachrichters Beil, der, wenn Du ausgeredet, noch eine Eiſenhaube zu tragen kühn genug. Gib, und voran, Narr! Wir beiden Geſpenſter der alten, ſtarken Zeit 336 ſind genug für dieſe Haſenjagd, ich zum Ernſt, und Du, bunter Graubart, zu Schimpf und Strafe.— Olf zögerte und hielt das Schwert abwärts. Wenn Du Kinder hätteſt, und ſie heulten an Deiner Thür, Hoheit, würdeſt Du mit Knitteln unter ſie ſchmeißen, oder nicht zuvor fragen, warum die junge Brut ſolch ungebührlich Spektakel begonnen?— Das rothglühende Auge des Herzogs ruhete einen Augenblick auf des Narren ruhigem Geſicht, dann ſchöpfte er tief Athem in die angegriffene Bruſt und indem er den wankenden Körper ſtützte am Tiſch, murmelte er: Narrenwitz riecht nicht immer nach der Kappe.— Geht zum Thor, Minkwitz! Sprecht: der alte Wratis⸗ lav ließe ihnen Ruhe gebieten, und fragen, was die Ungebühr bedeute und der Waffenlärm in der Trauer⸗ zeit, und was der Frevel ſolle mit unſern Zeichen? Und iſt ihr Gegenwort ehrerbietig und wie es pommerſchen Leuten geziemt, ſo mögen ſie Einen oder drei zu uns herauf ſenden und gebt dieſen Sprechern frei Geleit mit unſerm herzoglichen Wort und Ehre.— Wenn Bruder Erich wieder erwacht wäre aus ſeinem Todesſchlafe? ſprach er dann ſinnend, indem er ſelbſt das Schwert mühſam vom Boden hob, es blank machte und zwiſchen das Geſchirr auf den Tiſch legte, und mit am Eſtrich haftenden Augen ſeinen Platz wiederum ein⸗ nahm.— Meine Getreuen ſahen ihn im Lailach, und wen der kühne Buhle in den Arm nahm, der ſieht den Tag nicht wieder, antwortete Frau Sophia leichthin, und trat zum Fenſter, ärgerlich, daß ihr keine Ausſicht von da verſtattet auf Burghof und Außenwall. Der Narr aber ſchlich unruhig zwiſchen den Pfeilern umher, und — — 337 trillerte mit feiner Stimme das ſtolze Lied von König Erich: Schweden ſoll Euch nähren, Mit Dänemark ſollt Ihr Euch wehren, Nordland ſoll Euch kleiden; Heidi! Solch Erbtheil möcht' auch mein Prinzlein leiden! Nicht gar lang währte die eingetretene, ängſtliche Pauſe. Junker Minkwitz ſtolperte wiederum in den Saal und rief athemlos: Einer kommt, Einer allein mit ſeinem Waffenknecht. Aber der Eine kann leicht für Drei gel⸗ ten. Frei Geleit bedürfe er nicht auf Pommerns Erde, das nähm' er von Gott und ſeiner Fauſt, meinte er und lachte dabei recht grauenvoll unter ſeinem Helmſtutz hervor. Aller Augen wendeten ſich nach der Pforte, und durch die aufgeſtoßene drängten ſich die Höflinge der Herzogin, gemiſcht mit den ritterlichen eisgrauen Genoſſen des alten Wratislav, und auf allen Geſichtern las man eine be⸗ ſondere Spannung der Gemüther, ein Gemiſch von Furcht und Staunen, bald dieſes, bald jenes vorwaltend, nach⸗ dem der Mann war. Jetzt theilte ſich der eingedrungene Knäuel, und frei aus ſeiner Mitte trat eine baumhohe markvolle Geſtalt, von der Zehe bis zum Scheitel verluppt durch eine ſchwere Rüſtung, die zwar veraltet war, doch in ihrem reichen Zierrath und kunſtvoller Arbeit den fürſtlichen Herrn ver⸗ rieth, der ſie beſtellt, und auf deren Helmkamm der ge⸗ flügelte Greif in Silber mit ſeinen güldenen Krallen dräuete. So wie Frau Sophia ihre Augen auf den Ein⸗ tretenden geworfen, der ſich mit kühnem, feſtem, klirren⸗ dem Schritte dem Tiſche näherte, ſchrie ſie laut auf. Alle Heiligen, ſchützet uns! Es iſt des Vaters Blumenhagen. X. 338 Geſpenſt! Der Geiſt des alten Bogislav kommt aus ſeinem Grabe, uns zu verderben. Wehe! Hülfe! Erbarmen!— So ſchrie die Herzogin, und ſtürzte zu dem Seſſel des Herzogs Wratislav, ſank in die Knie, und verbarg ihr verzerrtes Antlitz in die Falten ſeines weiten Hauskleides. Vergebt! es fand ſich in der Waffenkammer zu Wol⸗ gaſt kein anderes Eiſenkleid, das mir auf den Leib ge⸗ paßt, erklang da eine jugendlich⸗friſche Stimme aus dem Helmgitter hervor, und indem der Eiſenmann mit der Linken den Helm löſete und vom Haupte nahm, ſtreckte er die Rechte aus zum Gruß, und ſetzte hinzu: Nicht des Großvaters Geſpenſt bin ich. Nein, ich grüße Euch, ehrwürdiger Ohm, grüße Euch Mutter als des in Gott entſchlafenen Vaters Erich einziger Sohn, als Bogislav, durch Gottes Gnade und mein Recht Herzog dieſes Landes.— Ein wirres Gemurmel lief durch die Halle, durch die Reihen der ſich fern haltenden Ritter, und Aller Blicke hafteten an dem freundlichen Geſicht, das von hellbrau⸗ nem reichen Gelock umhangen ſichtbar geworden, und mit einem Augenpaar, worin Unerſchrockenheit und Le⸗ bensluſt ſtrahlte, die ganze Verſammlung muſternd durch⸗ ſchaute, wie ein kampfmuthiger Feldherr die Getreuen muſtert vor der Schlacht. Da raffte ſich die Herzogin vom Boden auf und ſtarrte mit bleichen Wangen den Jüngling an, und Glutroſen brachen dann raſch herauf bis unter ihre blitzenden Augen. Mein Sohn und Herzog? rief ſie mit Hohn und einer Heftigkeit, die jede Weiblichkeit vertrieb. Meine Söhne ſind todt, alle, alle. Ein frecher Abenteurer wagt uns zu ſchmähen, mich, Euch Bruder und dieſe Edlen. Leidet Ihr den Spott in der Herzogsburg? Fallet ein auf ihn, D —— — ———— 339 entwaffnet ihn, daß er der Strafe der beleidigten Hoheit nicht entrinne!— Bogislav ſtand ruhig. Mutter beſinnet Euch! ſprach er mild. Sieben Jahre können meine Züge nicht alſo ge⸗ wandelt haben, daß die, welche mich gebar, keinen be⸗ kannten herausfinden ſollte!— Nein, nein! ſchrie die im Zorn verwirrte Frau. Ich ſehe nichts, ich will nichts ſehen. Aber Weiber ſchaue ich im Ritterkleide, Memmen, welche ihre Fürſten ſchän⸗ den laſſen im eigenen Hauſe von einem tollen Knaben, einem wahnwitzigen Betrüger.— Man hörte mehre Schwerter raſſeln in den ſtählernen Scheiden. Bogislav aber fuhr plötzlich verwandelt empor, und wie er mit der geſtählten Fauſt gegen ſeinen Bruſtpanzer ſchlug, ward es ſtill ringsum. Betrüger! rief er wild. So ſollen gleich dreimal ſieben Teufel drein ſchlagen! doch als ihn die Hand ſei⸗ nes Begleiters berührte, ließ er die geballten Hände finken und trat einen Schritt zurück. Mutter, ſagte er in erzwungener Ruhe, ich wollte Euch die Scham erſparen und die Schande, denn dieſer Mann hier lehrte mich das vierte Gebot, von dem Ihr mir nichts erzählt, als Ihr mich aufwachſen ließet zu Rügenwalde gleich dem Wild unter freiem Himmel, als Ihr mich ſandtet in die gemeine Stadtſchule, wo der Erbe der mächtigſten Meeresfürſten unter dem Stecken eines elenden Schulmeiſters unwiſſend bleiben ſollte wie der Leibeigene, und in zerriſſenen Kleidern ſich balgte mit den ſchmutzigen Söhnen der gemeinſten Zünftler. War das recht gethan, Mutter?— Ihr hattet mich dem wackern Vater entführt; aber machtet Ihr gut durch zwiefachen Elternſchutz, was Ihr mir entwendet? Waren 340 Eure Knaben geſchirmt gegen die verderbliche Hinterliſt der Feinde des Stammes der Gryphonen, die ſich in Euer Hoflager gedrängt?— Der Bruder Caſimir, das liebe Kind, ſtarb ſchnell; Gott richte den, welcher etwa ſchuld an ſeinem frühen Tode! Mir drohete ein Gleiches. Hungrig forderte ich vom Koch ein Veſperbrod, und ko⸗ ſend gab mir's der Schwarzbart. Aber ein alter Maun in Eurem Schloß hatte ſcharfe Augen, ein Mann, dem die Rache verzeihlich geweſen, denn ihm war ſchwere Ungebühr geſchehen von Eurem Vater; er aber rächte ſich chriſtlich durch Edelthat; dieſer Mann trat zu mir, und wollte mir das leckere Brod entreißen, und da ich mich wehrte gegen ihn, der mir ein Neidiſcher däuchte, da brach er von dem Brod, und warf es Eurem alten Jagdhunde vor, der mich gierig ange⸗ wedelt. Das alte Thier fraß, und heulte baldigſt auf und krümmte ſich und ſtarb zu unſern Füßen. Da faßte mich Grauen und Entſetzen, und der Mann barg mich bis zur Nacht in ſeinem Kämmerlein, und ich entfloh mit ihm, und er vertraute mich einem Landmanne, der mich hielt gleich einem Sohne, und mich groß gezogen hat und unterwieſen, daß ich ohne Scham ſtehen kann, und faſſen Kron und Schwert meiner Väter. Mutter, war das Recht gethan, daß Eurer Kinder Leben nicht ſicher war in Eurem Hauſe vor dem hölliſchen Brau Eurer Diener? Denn da ſei Gott vor, daß Euer Sohn aus⸗ ſpräche, Ihr hättet ſelber gewußt um dieſe Gräuel.— Lüge, ſataniſche Lüge, knirſchte Frau Sophia, doch ſichtlich verwirrt, und mit blaulichen bebenden Lippen; unſer Sohn Bogislav ertrank in der See, wo er Agt⸗ ſtein geſucht und mit den Strandmuſcheln geſpielt. Sein Hütlein fand ſich im Uferſande. Glaubt dem Lügner nicht, „— 341 der auf ſeiner Mutter Haupt ſolche Schandthaten zu werfen verſucht.— Semovit von Czyrn, der bärtige Polengraf, drängte ſich jetzt aus dem Kreiſe der Ritter, und ließ ſeinem lang verhaltenen Ingrimm Bahn. Rothbrennenden Geſichts trat er ſtürmiſch heran und ſchleuderte ſeinen Handſchuh vor die Füße des jungen Herzogs. Wenn Pommerns Ritterſchaft es duldet, daß tre edle Fürſtin alſo geſchmähet wird mit unglaublichſter Frechheit, ſo mag es dem fremden Degen erlaubt ſein, in blutiger Entſcheidung den Spuk zu beenden, ſprach er aus wuthkochender Bruſt, Poloniens Söhne haben über⸗ all ſcharfen Stahl für Frauenehre. Und wenn auch viel⸗ leicht ein unedel geborner Sklavenſohn in dieſer Herzogs⸗ rüſtung ſich bergen möchte, ſo will Graf Czyrn nur auf die Rüſtung ſchauen und nicht auf den elenden Fant da⸗ rin. Darum nimm Dein Schwert, Du betrügeriſcher Lügner, daß ich Deine Zunge verſtummen mache, ehe ſie noch gröblichere Schmährede gebiert gegen die hohe Dame, der ich meinen Dienſt gewidmet.— Bogislav bewegte ſich kaum, nur das Haupt erhob er ein wenig mehr und den Fuß ſetzte er verächtlich auf den hingeworfenen Handſchuh. Staub unter meiner Sohle, Du und was Dein iſt! ſprach er mit rauher Würde. Haſt Du vergeſſen, Vaſall eines Königs, der uns be⸗ freundet iſt, daß von dieſer Stunde an nur ich es bin, der Dir Obdach gewährt und Luft und Waſſer in dieſen Grenzen; ich es bin, der Dich mit zuſammengeſchnürten Gliedern und den Knebel im verbrecheriſchen Munde ſchleppen laſſen kann zu dem Throne Deines Königs, um dort zu büßen für die Sünde gegen meinen Herzogs⸗ hut? Denn die Kronen der Fürſten hängen 342 alle an einem Reif in Gottes Hand, und wer die Eine rüttelt, rüttelt an Allen. Haſt Du aber Luſt, Beulen und klaffende Wunden mit zu nehmen zu den Bären Deiner Wälder, bei denen Du Ritterzucht gelernt, ſo gehe hinaus vor das Thor dieſer Burg; dort wirſt Du an funfzig brave Degen finden, jeder von beſ⸗ ſerem Stamme wie Du, jeder bereit, des Fremdlings nebermuth zu züchtigen. Um der Frau willen, die mei⸗ nes edlen Vaters Trauring trug, und der Du Dich dienſtbar nenneſt, will ich heute vergeſſen, was ein Gaſt, der ſich überladen, an meiner Tafel ſprach, denn ich bin der einzige Wirth in dieſem Lande; aber vergiß nie wieder, daß in meinen Wäldern ſchlanke Fichten wachſen, und der Hanf meiner Felder nicht allein zum Ankertau meiner Schiffe, ſondern auch zur Galgenſchnur tüchtig iſt.— Mit dem Schnabel des Stiefels den Handſchuh fort⸗ ſchleudernd, wandte er ſich zur Seite, und der ſchäu⸗ mende Polack wollte eben ſeinen Anlauf nehmen gegen den Beleidiger, da erhob ſich plötzlich der greiſe Wra⸗ tislav, der bis da ohne Regung in Glied oder Geſichts⸗ zug geſeſſen, und trat gegen den Jüngling heran. Junger Greif, ſprach er mit einer Stimme, der jeder die innerſte Rührung anhörte, und die eindringlicher ward und ergreifender an der ehernen Greiſengeſtalt, deren harte Außenſeite nichts von dem Gefühl der Seele zu zeigen vermochte, junger Greif, trügeſt Du auch nicht dieſes Geſicht, Deine Rede hätte mich den Sproß der Gryphonen erkennen laſſen. Stelle die Beweismänner auf gegen Deiner Mutter Verläugnung, ſtelle den Edlen, der Dich unterwieſen in der Weiſe, wie Fürſten thun und ſprechen, und ich nenne Dich meinen Neffen, und drücke ſelbſt den goldenen Reif auf Deinen Scheitel.— ₰ —.———— — 343 Mit freudigem Erglühen im Auge und auf den Wan⸗ gen ſchritt Bogislav hin und zog den Narren hinter einem Pfeiler hervor, führte ihn heran, ergriff dann mit der andern Hand ſeines Begleiters Rechte und ſtellte beide dem Herzoge vor. Der Narr und der Ackersmann! ſprach er. Jener mein Lebensretter, dieſer mein Lehrer, mein Vater.— Der Bauer von Lantzke? flüſterte mit zuſammen ge⸗ kniffenem Munde die Herzogin dem Grafen zu, der fich mit gerunzelter Stirn und finſterm Auge zu ihr geſellt. Ja, ja, lachte der Narr gutmüthig, der Edelhirſch ſtak gar nah im Buſch, aber die Hunde des Jägers hatten den Schnupfen und gingen über die Fährte hin⸗ aus.— Und warum, da Du floheſt, fiel der alte Herzog ein, nahmſt Du Deinen Weg nicht zu Deinem Vater oder zu mir ſtatt zum Heerde des Bauern, wo Erichs Sohn kein fürſtlich Lager gefunden?— Sollte der Knabe verſchmähen den Rath der Freunde? antwortete Bogislav warm. Stand er doch verwaiſet, verſtoßen, verfolgt von denen, welche die Natur an ihn gebunden. Und mein guter Narr meinte, Weiberſchuh träten gar leiſe auf, und möchten den dunkeln Pfad finden in die Burgen zu Wolgaſt und Stettin.— Die Herzogin verließ raſch den Saal, von dem Polengrafen unterſtützt. — Ohne es zu bemerken, fuhr der Jüngling fort: Vater Hans ritt mit mir zu den Sitzen der Edelinge, ſobald die Trauerpoſt zu uns gelangt. Alle glaubten ſeinem treuherzigen Wort, Alle nahmen mich auf als den Sohn ihres verehrten Fürſten. In Wolgaſt ſah ich den Vater im Sarge und küßte ſeine kalte Hand; in Kloſter Suckau berührte ich den ſeidenen Rock des ſiegreichen Suantepolks 344 und angethan mit des Großvaters Waffenkleide, und ſo geweihet zu meinem Werke zog ich her zu Euch, damit eines Blutfreundes Hand mich ſegnen möge.— Narr und Bauer, murrte der greiſe Fürſt, in ſolchem Geleit ritt noch niemalen ein Pommerfürſt zur Krö⸗ nung.— Wahrheit und Ehrlichkett, ſie ſollen ſitzen neben mei⸗ nem Stuhle, mir zum Heil und Andern zum Nutzen, entgegnete Bogislav mit Heftigkeit. Frei und edel will ich dieſe beiden Freunde machen damit die Welt erkenne, wie der rohaufgewachſene, verſäumte Knabe kein undank⸗ bares Wolfsherz mitgebracht aus ſeiner Wildniß. Vater Hans ſoll mein erſter Rath ſein, und nur die, welche vor ſeiner Weisheit beſtanden, ſollen regieren über mei⸗ nem Volke, und Olfs Narrenkleid will ich hängen zu dem Reichsſchatz, und er ſoll gehen neben mir im Sam⸗ metrock und in der Prunkkette.— Nicht ſo, mein hitziges Herrlein, unterbrach Olf den Jüngling. Der Narr hat ſein Amt nicht ſchlecht geführt! im Profeſſorskleide möchte er wiederum ein Dummkopf werden. Laßt mir die bunte Haut; mit ihr riſſe man ſicherlich manch verwachſen Stück Fleiſch vom alten Leichnam.— Der alte Langen aber ſchüttelte derb des jungen Her⸗ zogs Hand und ſprach mit überfließenden Augen: Daß der greiſe Hans dieſe Stunde erlebte, macht ihn bezahlt, wie außer dem ewigen Herrn dort oben Niemand bezah⸗ len kann. Der Narr hat geſprochen wie ein Kluger, und auch für mich. Hoheit, Euer Vater nahm mir die Leibeigenſchaft ab; mehr wäre übel, denn ſollte der Bauer als Ritter ſtehen, könnte er faul werden und ſtolz, ſich und Euch zur Schande. Ehret die alten Diener Eures „——— 345 Vaters: haben ſich auch manche darunter fein geſpickt und ſatt gefüttert, die neuen könnten neuen Hunger mit⸗ bringen und böſer ſaugen; und die ſchlechten Zöllner und Rentmeiſter wird Euer eigen Auge ſchon finden und faſ⸗ ſen, lerntet Ihr doch den Habicht im hohen Fluge treffen mit dem Bolzen, und den Hamſter graben aus ſeinem finſtern Bau.— Bogislav ſtand verſtummt und wie beſchämt; da fragte der greiſe Herzog mit finſtern Blicken, die tief in ſeine Augen drangen: Und wirſt Du den Herold ſenden an die Stolzen in der Mark, und zu Lehen nehmen, was Deinen Vätern eigen?— Nimmermehr! rief der Jüngling auffahrend, und mit raſcher Bewegung ſchlang der eiſige Greis die dürren Arme um ihn und preßte ihn kräftig an ſeine harte Bruſt und rief dazu: So ſei willkommen auf Suantibors Stuhle, Du, Herzog Bogislav der Zehnte!— und alle Männer im Saale beugten die Knie und ließen die Waf⸗ fen raſſeln und riefen nach, was der alte Fürſt gerufen und von außen tönten als donnerndes Echo die Stimmen der eingelaſſenen Ritter, und ihre Trompeten verkün⸗ deten der Stadt die freudenreiche, glückverkündende Hul⸗ digung. Heiß hing der Sommer über dem Lande, dräuend der Saat und ſeinem ſegnenden, alles Leben ausdörren⸗ den Hauch, dräuend den Behauſungen der Menſchen mit ſeinem ſchwerziehenden Wettergewölk, das den zerſtören⸗ den Blitzſtrahl in ſich trug, doch immer vorüberzog nach Sü⸗ den ohne die gehoffte Erquickung herab zu träufeln. Dürr und vergelbt lagen die Wieſen; das ſchöne Vieh magerte 346 im Sonnenbrande und verlor ſeine blanke Glätte, den Stolz des Hirten; über den Landſeen und Moorbrüchen lagerten ſich dichte, giftige Nebel, die Laubhölzer ſenkten krank und traurig die ſaftloſen Zweige zur Erde, ſehn⸗ ſüchtig den erfriſchenden Quell ſuchend, und ſelbſt das Waſſer des großen Meeres, der Oſtſee, ſchien unruhig zu gähren in widernatürlicher Erhitzung. Aber mehr als durch die Gewalten der Natur fühlten ſich die Einwohner bedrückt und tief beängſtigt durch die Furcht vor den Laſten und Schreckniſſen eines Krieges, der die Segnungen eines langjährigen Friedens zu zer⸗ ſtören bereits angefangen. Kaum waren die rauſchenden Trinkgelage vorüber, mit denen die Auferſtehung des jungen Herzogs zu Stettin gefeiert, und bei denen ſogar eine Verſöhnung zwiſchen ihm und der Mutter zu Stande gekommen, welche der ſchlaue Sinn der Frau Sophia nicht abwies, und welcher die Hochherzigkeit des, wenn auch in der Ausbildung des Geiſtes und Herzens gegen andere Prinzen ſeiner Zeit weit zurückſtehenden Herzogs Bogislav freudig zuſtimmte, ſo durchzog der neue Fürſt alle Provinzen ſeines Erblandes, um die Huldigung der Edeln und Städte einzunehmen, und in immer erneueten Feſttagen fürſtliche Genüſſe zu koſten, welche ſeine Jugend hatte entbehren müſſen. Freilich gewann ſein Charakter nicht beſonders durch dieſe berauſchenden Ergötzlichkeiten, und der Eindruck derſelben zerſtörte manchen Keim in ihm, der bereits in zarten Blättern gegrünt. Dem plötzlichen Schickſalswechſel hält nur ein gediegenes, im Lebenskampfe erſtarktes Herz Stand, und die Gewalt, die plötzlich in eine jugenvliche, unſichere Hand gelegt, wird leicht ein Spiel des Uebermuthes. Der angeborene Stolz des jungen Herzogs, ein bisher mühſam bezwungener Eigenwille, die — „— — —— 347 Rohheit der Sitte, ein Ueberbleibſel ſeiner ſchmählich ver⸗ nachläſſigten Knabenjahre, kamen mehr und mehr zu Tage, wurden gepflegt und geſchmeichelt durch ſeine gleichgeſinn⸗ ten Geſellſchafter, und der ehrliche Warner und Aufſeher fehlte ihm, denn Hans Langen war zurückgekehrt auf ſeinen Freihof, glaubte ſein Werk gekrönt, da er ſeinen Zögling geſehen in Pracht und Herrlichkeit, und hatte ſich auch nicht wohl und bequem gefühlt unter den Hofleuten, welche ihn neidiſch und verächtlich betrachteten. Doch eine ernſtere Mahnung erſchien dem gekrönten Jünglinge und ſtörtk ihn aus den Schwelgereien, mit welchen man ihn umgeben. Drei fremde Ritter erſchienen hei ihm zu Wolgaſt, und vor ihnen her ritt ein ernſter Wappen⸗Herold, auf deſſen Bruſtgewand der im ganzen deutſchen Reiche wohlbekannte und ſchwergefürchtete rothe Adler ſchimmerte, und ohne Zweifel ließ, von wannen die fremde Geſandtſchaft kam und in weſſen Namen ihr Spruch erklang. Kurprinz Johannes, der als Statthalter ſeines Vaters, des gewaltigen Albrechts, die Regentſchaft in den Bran⸗ denburger Marken führte, ſandte dieſe ernſten Boten. Sie ſprachen ihre Verwunderung darüber aus, daß keine Nachricht von dem wiedergefundenen Sohne Erichs, keine Rachricht von der Thronbeſteigung des jungen Herzogs in Pommerland geſchickt worden nach Brandenburgs Hauptſtadt, daß Ritterſchaft und Stände gehuldigt hätten ohne des Lehnsherrn Beipflichtung. Sie erinnerten an den Gebotsbrief Kaiſers Friedrich, der, als er den Kur⸗ fürſten mit der Mark belehnet, ihm zum Lohn ſeiner ausgezeichneten Verdienſte ebenfalls Lehn⸗ und Erbrecht der pommerſchen Herzogthümer verliehen, auf welche ſein Haus durch alte Verträge gegründete Anſprüche beſeſſen, 348 und luden im Namen des Kurfürſten Albrecht den Herzog Bogislav nach dem Schloſſe zu Köln an der Spree, einzureiten daſelbſt binnen hier und zwanzig Tagen mit der pommerſchen Blutfahne, und Land und Regalien zu empfangen nach Gebühr, und zu küſſen das Schwert von Brandenburg. Mit wildem Fluche donnerte Bogislav dem Herold Schweigen zu, und hob die Fauſt, mit ſchwerem Handſchuh zu ſchlagen nach des Herolds Angeſicht. Als dieſer ſcheu zurückwich, trat Itel Fritz von Zorn, der älteſte der märkiſchen Ritter, ohne Scheu dem Herzoge näher, und ſprach mit ruhiger Würde: Bewahrt iſt das Recht unſeres durchlauchtigen Herrn. Wahre Du Dich, junger Herr, daß Du nicht verliereſt, was Du Dein Recht genannt. Binnen zwanzig Tagen wirſt Du das Lehen holen bei uns, oder Markgraf Johannes wird kom⸗ men, es zu fordern. Der Gott, welcher Deines Vaters und ſeines Bruders Lehnseid vernahm, richte zwiſchen Dir und uns, und verhänge die Strafe über den Schul⸗ digen.— Der Herold ſtieß zu dreien Malen in ſeine Trompete, und die Brandenburger Ritter verließen, begleitet von den Hohnworten und Schimpfreden der berauſchten Ge⸗ noſſen des Pommernherzogs, die Burg zu Wolgaſt. Der erſte Anſtoß zum blutigen Streit war gegeben, und der heißblütige Bogislav zögerte nicht lange, die fernern Schritte zu thun, um ſich von einer Bürde frei zu machen, die ihn ſchimpfte, und die, wie er glaubte, rechtlos und durch glatte Liſt ſeinem tapfern Vater auf⸗ gedrungen worden. Die Feſte mit ihrem Jubellärm und ihrer Luſtmuſik verſchwanden, und obgleich manche der ältern Edeln, manche der Städte zur friedlichen Nach⸗ giebigkeit riethen, ſo begannen dennoch die ernſteſten 349 Kriegsrüſtungen, und auf ſeinem Thurm zu Stettin ſaß der greiſe, eherne Herzog Wratislav, und wetzte die Eiſen, und goß durch ſeine hetzenden Boten Gift in die heißen Adern des Neffen, ſandte alle ſeine ergraueten Wehrge⸗ noſſen ihm zu, und blieb allein mit dem Narren Olf, der ihm die alten Heldenthaten ſeines Stammes vorleſen, mit ſeiner heiſcheren, gellenden Stimme die Kriegslieder der Männer von Pomorska vorfingen, und mit ihm die Trinkhörner leeren mußte, bis der Schlaf die beiden Graubärte in ſeine Arme nahm, wo ſie dann, der Herzog auf ſeinem Seſſel, der Narr auf der Bärenhaut zu Füßen des harten Gebieters, der ihn zu ſeiner Qual an ſich gekettet hielt, in ſchauriger Einſamkeit zwei verzau⸗ berten Sterblichen glichen, die auf dem Schauplatze ihrer Sünden ohne erquicklichen Todesſchlummer die letzte Po⸗ ſaune zu erwarten verdammt worden.— Es gab genug der jugendlich brauſenden, unruhigen Köpfe unter den pommerſchen Edelleuten, denen ein Feld⸗ zug recht kam; es gab überall genug brodloſer, dienſt⸗ loſer Reifige und Kriegsleute, die unter den Namen Ein⸗ röſſige oder Trabende das Land durchzogen zum Schrecken der Dörfler; ſo konnte Bogislav bald an der Spitze eines anſehnlichen Heerhaufens gegen die Grenzen des Nachbars rücken, und da ihm das Glück anfangs ein freundlich Geſicht zeigte, ſo wuchs das Gedräng zuſtrömender Wehr⸗ männer unter ſeiner Fahne mit jedem Tage. Es iſt keine ſeltene Erſcheinung, daß gerade Nachbarvölker, welche die Natur ſelbſt zu einem ewigen Trutz⸗ und Schutzbündniß aufzufordern ſcheint, da beide dadurch zwiefach ſtark gegen den entlegenen Feind, beide dadurch zwiefach reich in innerer Wohlhabenheit werden könnten, gerade gegen die⸗ Natur eine geheime, unerklärliche Abneigung wechſelſeitig 350 pflegen, welche zuletzt bei den Enkeln ſogar zu einem angeborenen, unüberwindlichen Gefühl ſich geſtaltet, und beinahe wie ein heiliges Erbtheil betrachtet wird. So war es dazumal zwiſchen den Bewohnern Pommerns und ihren Grenzern, den Märkern, obgleich beider Lande in einander geſchoben lagen und tief in und durch einander ſchnitten.— Von den ergraueten Kämpen des alten Stettiners ward Garz überfallen, wo der wackere Schulenburg das Commando führte, und unbeſorglich ein Kindtauffeſt be⸗ ging. Unter den Säcken mehrer Kornwägen verſteckt, in unſchuldige Oderkähne verpackt kam das wilde Kriegesvolk in den Ort, und ſchon ertönte das wüſte Feldgeſchrei: Huſſa Stettin! durch alle Gaſſen, ehe der Commandant und ſeine Gäſte den Verrath ahneten, und ſich deßhalb, wenn auch nach tüchtiger Wehr, gefangen geben mußten. Wie ein qualmender Moorbrand wälzte ſich die blut⸗ dürſtige Colonne unter dem finſtern Henrich Linſtädten, dem Feldhauptmann des alten Wratislav, weiter über die Grenze, erſtürmte Vierraden und fing auch hier den tapfern Schlabberndorf. Geſpornt durch dieſe günſtigen Zeichen und neidiſch auf den Ruhm der Sieger warf ſich der erhitzte junge Herzog mit ſeinen Geſchwadern auf die Neumark; ungeregelte Kampfesweiſe gab ſich kund auf ſeinem Zuge; mangelnde Kriegszucht ſchändete ſeines Schwertes erſte Waffenthaten; Mordbrand und Plünde⸗ rung bezeichneten ſeines Heeres Pfad bis Bernſtein hin⸗ auf, und die flammenden Städte, die nackten Flüchtlinge riefen die ſchnellſte Rache gegen den Friedensſtörer heran. Bald rückte ein Heer von zehntauſend wohlgeübten und trefflich ausgerüſteten Brandenburgern ins Feld; wo ſich die vereinzelten pommerſchen Geſchwader ſehen 5 351 ließen, wurden ſie geworfen und zerſtreut; die ſtolzflat⸗ ternde pommerſche Blutfahne floh zerfetzt und von ihrem Träger ſcheu aufgewickelt, als die weiß und ſchwarzen Binden von Zollern auf ſie eindrangen, dem vernichten⸗ den Orkane gleich, der die See peitſcht, daß ſie im hohlen Angſtgeheul ſich krümmt und aufbäumt gegen den Strand; die Söldner, die ehrloſen Knechte der Fortuna, gaben überall Ferſengeld, und als gar das Gerücht laut ward, der alte Kurfürſt Albrecht ſelbſt, den man mit dem bur⸗ gundiſchen Feldzuge fern beſchäftigt geglaubt, der unbe⸗ ſiegte Schlachtenfürſt, ſei angekommen, da gelang es dem jungen Herzoge kaum, noch einen Trupp von ſechshundert Reitern und etwa tauſend Fußknechten zuſammenzuhalten und ſich damit in den feſten Grenzort Pyritz zu werfen, da ſeine Unkunde der Kriegskunſt ihn nicht an die Sorge für einen ſichern Rückmarſch hatte denken laſſen, und Markgraf Johannes die Straßen in das Land hinter ihm bereits beſetzt hielt. Eine ſchwüle Nacht lag auf den Fluren. Kein Luft⸗ zug kühlte, und die Sterne ſelbſt flimmerten trüb am Himmelsgewölb, als hätten auch ſie den quälenden Sonnenbrand dieſes Auguſtmonats gefühlt und möchten matt und ſchläfrig die goldenen Aeuglein ſchließen. Am nördlichen Rande des großen plöniſchen Bruchs wandelten im Halbdunkel drei Landleute daher auf ſchmalem Fuß⸗ pfade, ein älterer und zwei jüngere, die Alle uns ſchon bekannt geworden. Sie waren in leichten Wanderkleidern, aber jeder hatte ein kurzes Schwert am Gurt, und jeder hatte ein Reiſepäckchen mit, vyn denen jedoch der größeſte der jüngern zwei auf die Schultern gehockt. 352 Burſch, ſprach der älteſte im tiefen Baß, Deine Augen haben ſich in der Dämmerung verſehen; bei dem heiligen Jakob, Du haſt uns irre geführt, denn mit dem letzten Sonnenſtrahle hätten wir am Ziel ſein müſſen.— Ihr und ich gewiß, Vater Hans, ſagte der Junge, der rüſtig vorausſchritt, warum ließet Ihr's zu, daß die Meſtove mit auf die Reiſe ging? Solche Wege in der Dürre durch Buſch und Brak thun dem Fuß nicht ſo gut wie der weiche Anger oder der Moosweg im Holz. Ungewohnt Werk macht Schwielen. Und was ſoll die Dirne überhaupt zwiſchen dem Kriegsvolk? Gebt Acht⸗ es wird nicht die letzte Moleſtie ſein, die uns von ihr gebracht.— Der Henning hat nicht Unrecht, ſprach der Alte vor ſich hin, indem er ſorgſam das ſchleichende, erlahmte Kind an einer ſchmalen Wegſtelle, wo es dicht am tiefen Moor herging, unterſtützte; der ſchwache Vater hätte die thörichte Bitte nicht anhören ſollen.— Und was will ſie mit uns, fuhr Henning fort, da der erſte Marſch ſie ſchon zu den Maroden wirfſt? Wenn es darauf losgeht, wird ſie doch bei der Bagage bleiben und ungeſchützter ſein unter den Wagenknechten wie zu Hauſe bei unſern Dienſtleuten.— Scheltet mich nicht, verſetzte Meſtovens ſchwache Stimme, mit Gott werde ich's ſchon tragen lernen. Vor Angſt geſtorben wäre ich daheim, ſobald ich euch fern und in Gefahr gewußt. Und welche Sicherheit, Vater, konnten Deinem Kinde der Knecht und die Magd verſprechen, wenn die Streifhorden ins Haus brachen, die ſchon weit hinauf ins Land ſchwärmen, und denen wir zu mehren Malen nur mit Müh aus den Augen kamen. Kommt ein Unglück, trägt ſich's ſelbander leichter, und ginge es ——— —,,— 353 ſelbſt zum Sterben, iſt's ſicher nicht herb in Vaters und Bruders Armen.— Wäre der Barnim dabei, vielleicht noch weniger bitter, lachte Henning. Ja, ich möchte ſchwören darauf, nur die Neubegier, den Spielkameraden im Herzogsputz zu ſehen, hat das traurige Schweſterlein ſo munter auf die Beine gebracht.— Böſer Menſch, antwortete das Mädchen, wie kannft Du alſo der Schweſter ſpotten? Haſt Du doch geduldig mein Ränzel getragen, haſt mir im Mittag den Quell geſucht, der weit ab vom Wege lag, als ich vor Durſt die Sprache verlor; wie kannſt Du gut und ſchlimm ſo dicht neben einander wohnen laſſen in Deinem Herzen?— Still, Kinder, ſprach ernſt der alte Langen. Laßt die Narrethei, die überdem ungeziemend klingt. Paß auf den Weg, Burſch; bei ſolchem Geſchwätz wird der Sinn ſtumpf, und ich ſelbſt wünſche mir ein Nachtlager.— Gebt Acht, Vater, antwortete keck der Sohn, noch zwanzig Schritte und wir müſſen einen großen Feldſtein treffen, der aus dem Sumpf weit heraus bis auf das Feſte hinein ragt. Sie nennen ihn den Heidenſtein, und ein Rieſe, der Menſchenfleiſch aß, ſoll ihn einmal vor vielen hundert Jahren von Jenſeit über das breite Moor herübergeworfen haben, als ihm einige Chriſtenkinder davongelaufen, die er in ſeinem Stall fett gemacht für ſein Hochzeitsmahl. O, ſind's auch fünf Jahre, daß der Henning nicht hier geweſen, ſo iſt ihm doch jeder Fleck und jeder Wachholderſtrauch im Gedächtniß.— Richtig erſchien der Stein, und unter triumphirenden Ausrufungen des Sohnes nahmen Vater und Schweſter Platz auf ſeinem Rande, und der Alte zog die Waſſer⸗ flaſche hervor, und Alle labten ſich an dem geſparten Reſt. Blumenhagen. X. 23 354 Nur noch ein Halbſtündchen, plauderte Henning, und wir liegen bequem auf dem weichen Lager des Herrn von Kuſſow, und erquicken uns aus ſeinem Faß und ſeiner Küche, und iſt der Gneus, der Rüdenbube und mein Schlafka⸗ merad, noch auf dem Schloſſe, und die Erdmuth, die Milchfrau, ſo wird's uns an nichts gebrechen, was unſer Herz auch verlangen möchte. Seht dort hinaus, was da ſo grau im Fernen liegt wie ein Wolkenberg, welcher der untergegangenen Sonne nachzieht, das iſt Pyritz mit ſeinen Wällen und Mauerwerk, und das weißliche Ding, welches näher zu uns her wie auf dem Schmutzmantel des Moorwaſſers ſteht, iſt das Nonnenſtift zur heiligen Mag⸗ dala. O Vater Hans, welch eine ſchöne Zeit war da⸗ mals. Der Bruch iſt faſt überall grundlos, und Reiter und Roß ſollen gar oft darin verſunken ſein, aber der wagehalſige Gneus kannte einen ſichern Weg mitten hin⸗ durch von Bulthaufen zu Bulthaufen, und wir patſchten oft hinein, wenn Mittags die Heerden Ruhe hielten, und ſtahlen uns zu der Pförtnerin, zur freundlichen Baſe des Gneus, uns unſer Theil von dem leckern Mahle der Kloſterfrauen einzuholen, ja ſogar durch den Teich, der das Stift von der Stadt ſcheidet, und der am Rande zuweilen gar ſeicht iſt, wagten wir uns Nachts in die Stadt, und foppten die griesgrämigen Bürgersleute, heulten wie der Währwolf unter den Fenſtern der hoch⸗ müthigen Dirnen, vit nit uns nicht tanzten zum Jo⸗ hannisfeſt, oder machten mit Knitteln und Steinwürfen alle Hunde wach, oder blieſen gar auf unſern Schilf⸗ kolben Feuerlärm, daß Fenſter und Thüren aufgingen, doch die alten Schlafhauben vergebens nach den Poſau⸗ nenbläſern ſuchten, die längſt durch ihren Fiſchweg die Flucht genommen.— 355 Jugend hat nicht Tugend, murrte Langen, indeß hätt's nicht geſchadet, wäre des Vogtes Stock einmal über die Nachtgeſpenſter gekommen.— Doch horch, ſetzte er raſch und aufſtehend hinzu, war das nicht drüben Trompetenſtoß 2 Horch, wieder und wieder, und immer lärmender.— Vater, was gibt's dort? fragte angſtvoll Meſtove. Tönt's doch, wie wenn der Blitz durch die Fichtenäſte niederfährt.— Hurrah! rief Henning. Das klingt als wenn die Mäher ihre Sicheln wetzen, und dabei ſchreiet das Bür⸗ gervolk wie die Trunkenbolde in der Schenke zu Lantzke am Weihnachtsabend.— Das iſt Kriegsklang, Kinder, fiel der Vater raſch und aufgeregt ein; o gar bekannt iſt mir dieſe Muſik von Bütow her und aus dem Preußenlande. Ueberfall, Sturm! Gott ſei den Unſrigen gnädig. Himmel, nichts Kleines bringt die Nacht, und manche brave Chriſtenſeele fährt dort ohne Abſolution zum Fegfeuer. Hu, wie ſumſet das pommerſche Schlachthorn! Kinder, mich hält's hier nicht länger. Voran, Henning, und nimm alle Deine Macht zuſammen, Meſtove! Wir müſſen hin, es iſt mir, als faßte ein ſchwarzer Geiſt meine Haare und riſſe mich hinüber, und als riefe eine bekannte Stimme mich zu ſich heran.— Die Kinder, erſchreckt und durchſchauert von des Vaters Wort, machten ſich auf, und mit beſchleunigten Schritten ſetzten ſie den mühſamen Weg fort, immer zur Seite begleitet von dem grauenvollen Gelärm, das in wechſelndem Steigen und Fallen wie das Getümmel einer losgelaſſenen Hölle den Gottesfrieden der ſtillen Nacht entweihete.— Zu Hennings nicht geringer Verwunderung ſtand das *. 356 Thor des Ritterſitzes weit offen, kein Hund ſchlug wach⸗ ſam an, mit Rüſtwagen und ſoldatiſchem Feldgeräth war der Hof überfüllt, und wie ausgeſtorben lag das Beſitzthum da. Eine Lampe in der großen Halle wurde ihr Wegweiſer und als ſie hinein getreten, ſahen ſie den Schloßherrn an einem Fenſter ſitzen, die Hände unter den Kopf geſtützt und mit ſolcher Aufmerkſamkeit nach außen ſchauend, daß er die Gäſte nicht früher bemerkte, bis Hennings Stimme: Gott zum Gruß, edler Ritter Hans! gerufen. Wohl erkannte Herr von Kuſſow ſogleich die bekannten Geſichter, reichte leutſelig dem alten Freiſaſſen die Rechte, und hieß ſie willkommen und ſich niederſetzen, Kanne und Schüſſel den augenſcheinlich Ermüdeten vor⸗ ſchiebend, mit denen die Tafel beſetzt war, die aber nur halb geleert erſchienen, als hätten die früheren Tiſchge⸗ noſſen im guten Appetit dem Wirthe keine Freude und Ehre gebracht. Aber beim Sankt Michael, Langen, begann der Rit⸗ ter, als er die Fremden beim Lampenſcheine näher in's Auge gefaßt, wie kommſt Du, vorſichtiger Graukopf, zu ſolcher Reiſe, in dieſer Zeit und noch dazu bewehrt wie ein Kriegsknecht? Ein Engel muß Dich mitten durch die Feindesrotten geführt haben, die Tracht und Sprache verrieth ja den Pommer jedem Brandenburger Auge und Ohr auf der Stelle, und das Fußvolk aus der Ucker⸗ mark ſpringt nicht gnädiglich um mit unſern Landsleuten, ſeit es die derben Stettiner Fäuſte gefühlt.— Wir ſahen weder einen Roßſchweif noch eine Blech⸗ kappe am Plöniſchen Bruch, bei dem wir hinauf zogen, antwortete Langen. Sie ließen die Seite unbeſetzt, weil ſie von außen und innen unwegbar iſt, murmelte der Ritter in fich hinein. 357 Aber ſagt mir doch, Herr Ritter, fuhr Langenlfort, warum iſt's denn ſo leer und unheimlich bei Euch? Und wie deuten wir das Kriegsgelärm nach Pyritz hin⸗ über. Wir hörten von dem Unglück unſeres jungen Her⸗ zogs; wir glaubten hier den Sammelplatz ſeiner Heer⸗ haufen zu finden, wollten von Euch Rath und Anweiſung, und nun ſitzt Ihr allein im öden Hauſe; kein Pan⸗ zer deckt Eure Bruſt, und Euer gutes Schwert hängt dort am Pfeiler wie am Grabſteine eines todten Kriegs⸗ obriſten.— Zum Herrn wollteſt Du, alter Spießträger? Du mit beiden Jungen? fragte der Ritter immer ſtaunender zurück.— Wer könnte am Heerde ſitzen, wenn das Vaterland Noth hat? entgegnete der Bauersmann mit aufblitzendem Auge. Meinet Ihr, wir da hinten wären kalt wie unſer Seewaſſer? Wie wir vom Waffenglück unſeres jungen Herrn erfuhren, da freueten wir uns ſtill daheim, denn ſo lange der Wehrſtand ausreicht, ſoll der Nährſtand ruhig ſitzen und ſorgen, daß der Felder Schatz in die Scheuern kommt, damit die Brüder, welche die Kriegs⸗ noth arm machte, Hülfe finden am Familientiſche. Als aber die Trauerboten kamen und immer böſer ihren Ra⸗ bengeſang krächzten, da warf Jedermann bei uns Pflug⸗ ſchaar und Spaten bei Seite. Ganze Schaaren ziehen herauf von der Küſte, dem Herzog zu Hülfe, und ich mit den Kindern, wir haben kaum des Nachts eine Stunde im Buſch geruhet, denn es drängte mich, meinen Bogis⸗ lav zu ſehen im Kriegsgedräng, und ihm zu zeigen, daß der alte Langen ihn nicht allein füttern konnte, als er Hunger litt, ſondern auch ſein Blut ihm darbringen kann, wie er es dem Vater Erich gebracht.— 6 ( 358 Der Ritter Kuſſow ſetzte ſich zu dem Freiſaſſen auf die Eichenbank. Du haſt viel an dem Prinzen gethan, ſagte er warm und legte ſeine Hand traulich auf des Nachbars Schulter, und ganz Pommerland iſt Dir ver⸗ ſchuldet. Aber Du hätteſt mehr thun müſſen, Dein Werk nicht halb thun müſſen, Alter; Du hätteſt den jungen Herrn nicht verlaſſen ſollen gerade da, wo ihm väterli⸗ cher Rath am nöthigſten geweſen.— Hatte er denn nicht Räthe zu Hunderten, weiſe Her⸗ ren, die das Ding beſſer verſtanden als unſer Einer, ſtaunte Langen mit trübem Geſicht. Für den armen Knaben war ich wohl ein ehrlicher Vormund, die Sorge um einen regierenden Herrn war für Euresgleichen, denn nur der Fürwitz miſcht ſich in fremdes Amt.— Du haſt auf ſein Herz vertraut, alter Hans, ant⸗ wortete kopſfſchüttelnd der Ritter, das in Deiner Einſam⸗ keit einfach und beſcheiden ſchlug. Die Gewalt iſt eine böſe Verführerin, ſie macht das Blut gähren, bis die Ader birſt. Wir Aelteren haben viele Worte in den Wind geſprochen, denn wir ſahen voraus, was da kommen mußte. Auch ich habe meine Reiſigen geſtellt und mei⸗ nen Neffen ausgerüſtet, wie es Pflicht gebot; aber mein guter Degen iſt in der Scheide geblieben, denn dieſer Krieg, zu dem der greiſe Ohm gehetzt, iſt kein guter Krieg. Standen wir doch dabei, als Herzog Erich den Lehnseid ſchwor und zu Prenzlow darauf den Handſchlag gab, und was der Vater gut geheißen für ſeines Landes Wohl, ſoll der Sohn ehren, iſt's doch ſonſt, als ſchlüge er nach der Leiche des Vaters mit ſchändender Fauſt.— Und wo iſt Herzog Bogislav? fiel unruhig der Frei⸗ ſaſſe ein. Zu Pyritz ſitzt er, eingeklemmt mit weniger Mann⸗ 359 ſchaft, umſtellt wie der Fuchs im Bau, und die Ver⸗ zweiflung muß ihn in dieſer Nacht zu einem Ausfall ge⸗ trieben haben, daß er ſich durchſchlüge und entrönne, denn die Noth ſoll groß ſein und groß der Mangel in dem Platze, der ohne Proviant war, als der Herzog ſich ohne Anſage hinein warf.— War denn der Gneus nicht zur Hand und trug hin⸗ ein, was er tragen konnte? fragte Henning lebhaft.— Pferdegetrappel unterbrach das Gefpräch, ehe der Ritter des Burſchen ſeltſame Frage beantworten konnte, und erſchrocken ſprang der Ritter auf, befahl den Gäſten ängſtlich, ihre Waffen unter die Mäntel zu werfen, die im Winkel lagen, und ſich wie Schlaftrunkene auf die Steinbank zu lagern, welche das Kamin umgab. Kaum war ſein Befehl erfolgt, ſo füllte außen den Hof ein wüſter Lärm von rauhen Stimmen, klirrenden Waffen und Pferdegebraus, und bald darauf ſtürmte ein Halbdutzend gerüſteter Männer in die Halle unter lautem Wortwechſel und wildem Gelach.— Schon geſchehen die Arbeit, Graf Caſtell? fragte der Schloßherr mit unſicherer Stimme einen jungen Kriegsmann, der ſich an den Tiſch geworfen und wie ein Verdürſteter den gefüllt gefundenen Becher hinunter goß.— Es war eine tolle Hetze, antwortete der Angeredete. Aber Eure Pommern ſchlagen eine gute Klinge, Freund Kuſſow, und hätte der vorſichtige Markgraf nicht überall ſeine Augen, auf Ehre, es hätte für jeden ein ſchlimmer Nachttrunk werden mögen, dem die pommerſchen See⸗ raben unverſehens auf den Hals gefallen. Unſer Prinz Johann iſt ein Bücherwurm und ſiudirt des Nachts, wie man ſagt, das alte Mönchslatein. Jedes Ding hat ſein 360 Gutes, wenn dergleichen auch meine Liebhaberei nicht wäre; die Eulenaugen ſchauen im Dunkel ſcharf, und der Prinz auf der Vorhut hat heute Brandenburgs Ehre gerettet. Einen Teller habt Ihr jedoch weniger nöthig am Tiſch, denn der frohherzige Maſſow liegt am Wall und wird Euch nie mehr mit ſeinem ohrſprengenden Baß und ſeinen Schelmenliedern moleſtiren.— Der Teufel hole die Friedensſtörer, fiel ein Anderer ein, der ſein Wamms abgeſtreift, und ſeinem Waffen⸗ knechte den Arm hin hielt, damit dieſer die tüchtige Fleiſchwunde bände. Wären die Mordbrenner durchge⸗ kommen, die mir mein Gut bei Neuwedel zu Aſche ge⸗ brannt, ich wäre aus Ingrimm morgendes Tages ein Kloſterbruder geworden. Aber, will's Gott, ſehe ich ſie noch im Armenſünderhabit auf der Straße nach Berlin, denn aus der Ratzenfalle kommen ſie nun einmal nicht, und wäre ich der Kurfürſt, müßte mir der tollköpfige Pommernprinz auf einem Eſel verkehrt ſitzend reiten durch alle Gauen, in denen ſein Raubgeſindel ſolch Teufelsſpiel getrieben.— Ihr ſeid nicht der Kurfürſt, Junker Kalditz, ſagte kalt der Ritter Kuſſow.— Doch in die Halle trat jetzt ein kraftvoller, ſchwarz⸗ bärtiger Kriegsmann, ausgezeichnet durch reiches Rüſt⸗ zeug, wie durch Reſpekt fordernde Haltung. Es war der Landeshauptmann der Mark, der Graf Pappenheim. Nicht gezecht, meine Herren, ſprach er mit tiefer Commandoſtimme, gießet Ihr Feuer in den erhitzten Leib, gibt's böſe Fieber. Wem's erlaubt durch Gottes Gnade, der ſuche ſein Bett, die ſchlaffen Sehnen zu ftärken auf morgende Arbeit. Ihr, Graf Caſtell, müßt auf dem Sattel ausruhen; der Schenk hat einen Lanzenſtoß weg, — l 361 und die Vorhut Numero fünf ſteht Euch zu.— Kuſſow, ſagte er dann freundlicher zu dem Schloßherrn, was Ihr von Leinwand habt und Bindwerk, auch Eſſig und Wein, ſendet aufs Vorwerk; es liegt voll zerſchlagener Fußknechte. Euer unſinniges Herzogskind hat ſich wiederum ſelbſt ins Auge geſchlagen und verdirbt leichtfertig ſeinen guten Platz unter den eigenen Füßen. O wüßte der Fant, welch väter⸗ lichen Plan der edle Kurfürſt mit ihm im Sinne trug und ſchon vorbereitet!— Iſt der Kurfürſt angekommen, fragte der Ritter er⸗ ſchrocken. Eine Stunde vor Nacht traf Herr Albrecht ein, ant⸗ wortete der Landeshauptmann, und ſein erſtes Geſchäft war eine Beſichtigung aller Truppen und Poſten. Darum fanden die aus Pyritz Alles wach und unter den Waffen. Der Kurfürſt ſelbſt befehligte die Reiter, und bei mei⸗ nem Bart, der alte Herr führt Lanze und Schwert noch eben ſo furchtbar wie am Nürnberger Walde und in Stadt Gräfenberg. Wen könnte ſich der unmündige Her⸗ zogsknabe in ganz Deutſchland beſſer zum Vormund und Waffenmeiſter wählen, wenn er die freieſte Wahl hätte, als dieſen Achilles, die Krone des Hauſes Zollern, den Ruhm des deutſchen Heldenthums, den der Kaiſer ſelber mehr als einmal ſeinen Retter titulirt? Wer könnte den jungen Greif beſſer ſchirmen gegen die lauern⸗ den Kreuzherren, den kriegsluſtigen Polenkönig, die Meck⸗ lenburger, welche zuſammt auf Pommern ſchauen wie der Wolf nach der Schafhürde, als der mächtige Adler, den ſie Alle ſö ehren wie fürchten? Und wie wollte der Kurfürſt ſich rächen für ſo große Unbill! Wie wollte er den jungen Tollkopf gewinnen und beſchämen! Auch Ihr, Kuſſow, ſolltet dabei eine Euch ſicher willkommene 362 Rolle ſpielen; Ihr ſolltet ſchon morgen den Mittler machen, ſolltet hinein nach Pyritz und mit dem Schulen⸗ burg, den die Pommernhelden unedel mit ſich herum ſchleppen, das rohe Gemüth bearbeiten. Das iſt jetzt vorüber, und beſſer ſo, denn an dem Unſinn und der rohen Natur wäre Vatergüte verſchwendet. Sturm wird der zornige Albrecht nach kurzer Vorbereitung befehlen, und gefangen, in der Einſamkeit einer Bergfeſtung kann der junge unbefiederte Stoßvogel bereuen, daß er die Hand von ſich geſtoßen, die ihn hätte groß machen kön⸗ nen, wird verzweifeln, wenn er hört, wie ſein Wappen⸗ ſchild zerbrochen wurde, und Albrecht einem andern Ge⸗ ſchlecht das ſchöne erbloſe Lehnland zugetheilt.— Von der langen, heftigen Rede erhitzt und ſich ſelbſt erbitternd, warf der Pappenheim Schild und Handſchuh heftig auf die Tafel, daß die Kannen und Becher er⸗ klangen. Der Schloßherr entgegnete ruhig, um abzu⸗ lenken: Das Fruchtkorn ſieht aus wie ſchlechtes Gras, ehe es in die Aehre ſchoß. Er iſt gutmüthig, treuherzig, wahr gegen die Freunde und freigebig, wo er Noth findet. Der junge Ur verſucht das Horn, die Zeit lehret ihn, es gerecht gebrauchen.— Verſchneidet ihm die Krallen, brecht ihm die Zähne aus, und es kann ein guter Hofhund aus ihm werden.— Und war Herzog Bogislav in Perſon bei dem Ausfalle?— Gewiß, antwortete der Landeshauptmann mürriſch, hat er doch ſeiner Ahnherren Fauſt, Kraft und Kühnheit geerbt, und man erkannte ihn, denn er ragt wie König Saul um ein Haupt hoch hervor über ſeine Geſellen. Wieder hineingekommen iſt er auch; wie aber, wiſſen nur die Seinen und der Himmel, denn es geht das Ge⸗ rücht, er ſei niedergeſchlagen worden im Roßgedräng, und —————————————— 363 ſeine Ritter mögen ihn zertreten oder gar todt mit ſich fortgeſchleift haben.— O Gott der Gnade! tönte Meſtovens Stimme vom Kamine herüber. Wer ruft da?— Wer ſind die Leute? fragte Pappen⸗ heim heftig und mit mißtrauiſchen, weit durch den Saal funkelnden Blicken.— Es ſind meine Eigenen, antwortete Kuſſow ſchnell beſonnen, und der Knabe träumt wohl noch von der Meitſche, die er geſtern gefühlt. Ich hatte ſie ausge⸗ ſendet, Rinder einzukaufen auf dem Lande für Eure Völker, denn mein Vorrath gehet ſchnell zur Neige. Sie kehrten vorhin ermattet, und waren am Kamin einge⸗ ſchlafen.— Ihr ſeid eine gnädige Herrſchaft, lächelte Pappen⸗ heim, und Eure Hörigen werden Euch nicht dicht neben dem Satanas nennen im Gebet, wie es oft geſchehen ſoll im Küſtenlande.— Verzeiht, verſetzte der Schloßherr, daß ich die Knech⸗ tesbrut im Zimmer geduldet, aber Eure ſchnelle Rück⸗ kehr überraſchte mich. Herab von der Bank, Ihr faulen Hammel! zur Thür hinaus und in den Stall zu den Hunden! Langen und ſeine Kinder ſchlichen gebückt an den Wänden hin mit hängenden Köpfen und über die Bruſt gekreuzten Armen; der Graf aber rief lachend: Spielet nur nicht den Iſegrimm vor den Leuten. Ihr habt Euer weiches Herz ſchon oft uns zur Freude und Euch zur Ehre gezeigt. Und jetzt guten Morgen, braver Freund, und ſchickt mir noch einen Schlaftrunk in meine Kam⸗ mer, Waſſer und leichten Moſelwein. Der Knabe dort kann's hinein tragen, er hat ein gut Geſicht, und hält ſich recht nett für einen Eigenen, und könnte immer für 364 den Pagen der Frau von Kuſſow gelten, wenn Ihr nicht ein Hageſtolz wäret.— Kaum hatte der Graf die Halle verlaſſen, ſo flog Meſtove auf den Ritter zu und warf ſich ihm zu Füßen. Ritter, rettet den Herzog! rief ſie.— Wunderlicher Knabe, entgegnete der Schloßherr, ſie abwehrend, bin ich ein Heiliger, ein Papſt, und kann ich Wunder ſchaffen? Miſche den Becher und trage ihn dem ehrlichen Schwarzbart nach; Ihr müßt nun ſchon Eure Rolle ſpielen bis zur Abreiſe, denn ſo ſittig die Märker ſich machen, ſo ſtreng iſt ihre Kriegszucht.— Der arme Erichsſohn, ſeufzte Vater Hans, hätte ich ihn dazu aufgefüttert, daß er zertreten werden vom Pferdehuf oder gar im Käfig flattern ſollte ſein Lebelang wie eine junge Singdroſſel?— Vater, er iſt nicht todt, fiel Meſtove haſtig ein, glaubt mir's; es iſt mir hell vor den Augen, als ſähe ich durch den Himmel, bis hinein, wo die ſchützenden Engelein ſitzen. Auch ihn ſehe ich, ihn, mitten in Pyritz. Kommt nur in's Kämmerlein, und ich ſage Euch, wie wir ihm helfen, denn jetzt eben rief mir's mitten im Herzen eine feine Stimme zu. Hier aber darf's nicht laut werden, ſchauen doch die Pferdeknechte durch Fenſter und Thür.— „ Auf engem Landfleck boten ſich dem nächſten Mor⸗ genlichte zwei im grellſten Gegenſatze ſtehende Gemälde dar. Außen um den eingeſchloſſenen Platz erblickte man das Soldatenleben von ſeiner glänzendſten Seite: blank⸗ geputzte Haufen, ſiegestrunken von dem Nachtgefecht, ſtolzer Speer und Schwert tragend, weil der größte Held ſeiner Zeit mit Beifall ſein Auge auf ſie richtete; 365 jeder Helm, jede Pickelhaube war mit einem grünen Zweiglein geſchmückt; Spottlieder tönten zu dem Feinde hinüber; reichlich vertheilten die Marketender an die jauchzenden Haufen, was des Fürſten Huld heute beſon⸗ ders ſpenden ließ; aber auch die Vorbereitungen zu neuen Kriegsthaten erſchienen überall; hier ſah man Hunderte beſchäftigt, Berge von Faſchinen zuſammen zu tragen, um dereinſt die Gräben zu füllen und den Stürmern gangbar zu machen; dort arbeiteten andere Hundert, baumhohe Sturmleitern zu fertigen, und ein Corps Hakenſchützen, welches der Kurfürſt mitgebracht, ſchlug auf einer wohlgewählten Höhe ſeine Gabeln in den Bo⸗ den; ja ſogar einige der furchtbaren Donnerbüchſen ſah man durch lange Züge ſtarker Maulthiere heranſchlep⸗ pen, um Zerſtörung in die Stadt zu tragen, und die hartnäckigen Vertheidiger ſchneller zur Unterwürfigkeit zu zwingen.— In dem belagerten Orte zeigte ſich das trübſte Ge⸗ genbild. Zwar ſtand die pommerſche Blutfahne noch auf dem höchſten Punkte, aber das todte Machtſymbol ſelbſt ſchien, wie es ſo ſchlaff und regungslos an der Stange herabhing, die Entkräftung und Hoffnungsloſig⸗ keit ſeiner Wächter anzudeuten. Die Armbrußtſchützen auf den Wällen wandelten langſam, mit blaſſen Geſich⸗ tern ihren Poſten auf und ab, ſchoſſen auch zuweilen einen Bolzen hinunter auf einen kecken Brandenburger, der ſich zu nah gewagt, erwiderten jedoch durch kein Gegenwort den Spott, den ihnen der Gefehlte hinauf ſchrie. In Pyritz ſelbſt war es ſtill wie in einem gro⸗ ßen Gruftgewölbe. Geſattelt ſtanden zwar die Reiter⸗ pferde in langen Reihen, aber die Reiter, welche dane⸗ ben am Boden kauerten, ſahen eben nicht kampfluſtig 366 aus, und einzelne Rotten der Bürger fand man hie und da, welche mit ängſtlichen Mienen zuſammen flüſterten, wenn jedoch ein bärtiger Hauptmann an ihnen vorüber⸗ ging und ſcharf zwiſchen ſie blickte, verſtummten und ſich wie ertappte Diebe davon ſchlichen. In dem Gebäude, welches das Hauptquartier vor⸗ ſtellte, hatten ſich die Oberſten unter Henrich Linſtädten und Brathol Bruſenhauer verſammelt, ernſten Rath zu pflegen; aber vergeblich beſchickten ſie den Herzog Bo⸗ gislav, der in ſeinem Kämmerchen verwundet lag, Theil zu nehmen an ihrer Berathung und die Entſcheidung über die verſchiedenen Anſichten der Hauptleute auszu⸗ ſprechen, wie es ihm zukam. Der gefangene Werner von Schulenburg trat jetzt in das enge Gemach des jungen Herzogs, und ſtand an der Thür ſtill, betroffen über den Anblick, der ihm ins Auge ſprang. Der rieſenhafte Heldenſohn lag geſtreckt auf dem Schragen, das Geſicht gegen die Wand gekehrt, ſeinen Kopf und ſeine Rechte umſchlangen weiße Wund⸗ vinden; ſelbſt die Kleider ſchien er nicht gewechſelt zu haben, denn von Blut und Schmutz war der lederne Koller befleckt. O mein Gott und Erlöſer, rief Schu⸗ lenburg betroffen. Hat Euch ſo ſchweres Gebreſt getrof⸗ fen, Hoheit?— Der Herzog drehete ſeinen Kopf bei der bekannten Stimme raſch herum und zeigte ein Antlitz, in dem die tiefſte Niedergeſchlagenheit und Reſignation mit der an⸗ geborenen Wildheit gemiſcht ſich erkennen ließ. Gottloſes Volk! ſprach er mit dumpfem Tone. Ge⸗ hört Ihr denn auch dazu, und iſt die Redlichkeit, die offene Sprache, mit der Ihr meine Seele gewannet, auch nur Teufelsſchein?— 367 Wie meinet Ihr das, Hoheit? fragte Herr Werner, indem er beſorgt näher trat.— Euer Markgraf Johann iſt ein Studirter, fuhr un⸗ ruhig Bogislav fort, er ſoll ſich um Mitternacht üben in den neuen heimlichen Künſten und dem ſchwarzen Ge⸗ werk, das der Geiſterbanner von Mainz erfunden. Ja, ja, geſteht's nur, Hauptmann, er iſt ein Teufelskumpan. Aber beim heiligen Georg, es iſt nicht chriſtlich, im ritterlichen Kampfe ſolche Genoſſen zu gebrauchen.— Ich verſtehe Euch nicht, Hoheit! entgegnete Schulen⸗ burg.— Der Herzog wandte ſeinen ganzen Körper, ſtützte ſein Haupt auf den rechten Arm und zog den Hauptmann mit der Linken zu ſich auf das Ruhebett. Es war nicht möglich ohne derlei Spuk, ſprach Bogislav weiter mit düſtern Blicken; ſeht, Werner, ich bin doch ein ganz mannlicher Kumpan, dieſe meine Fauſt hat die Wölfin im Lager gewürgt, meine Schenkel zwängen den Meck⸗ lenburger Hengſt, daß er keuchend gehorcht, und außer dem Krockow iſt Niemand in meinem Heere von gleichen Knochen. Wir fielen hinaus in voriger Nacht, waren mitten zwiſchen den Euren, und wie ein Rudel ſcheues Wild ſtoben ſie vor mir weg, knirſchten unter meinen Hufen, und mit dem Huſſah des fröhlichen Jägers ſpornte ich den Hengſt, und glaubte mich hindurch, glaubte mich frei gemacht aus dieſem verdammten Käfig. Da wuchs plötzlich mitten vor dem flüchtigen Haufen wie aus dem Boden eine Geſtalt heraus. Hu, mich ſchaudert fieber⸗ haft noch, wenn ich ſie mir denke!— Lang wie ich ſelbſt ragte ſie auf, ſchwarz die Rüſtung, ſchwarz der Gaul. Lanze und Schild warf ich vor, luſtig einſpren⸗ gend auf den Einzelnen. Aber ich berührte ihn nicht, 368 denn früher krachte ein Stoß gegen meine Bruſt, den keine Menſchenfauſt gethan, denn ſeine Gewalt brach alle meine Gebeine, lähmte das Mark in mir, daß ich nie⸗ derſchlug wie vom Wetterſtrahl getroffen und mein ſtar⸗ kes Roß mit mir zu Boden riß. Es war der Satanas, den der Markgraf in der Noth herauf gerufen; nicht wahr, Hauptmann, der Ihr mich kennt, ein Menſch konnte das nicht. Aber Ihr ſelbſt müßt Euch der hölli⸗ ſchen Hülfe ſchämen, und ich bedarf der Scham nicht, wenn ich ſolcher Büberei unterliegen muß, denn was tann ein ehrlich Chriſtenkind gegen einen Feind, der des heiligen Zeichens und des geweiheten Roſenkranzes ſpottet? Ich kenne nur Einen in ganz Brandenburg, auf den Eure Beſchreibung paßt, antwortete Schulenburg nach⸗ finnend. Sahet Ihr ſonſt kein Merkmal an Eurem Gegner?— Habt Ihr ſchon Schätze gegraben oder Runenwurzeln in der Heide? fragte Bogislav weiter. Wenn man danach ſucht, deutet ein weißes Nebelwölkchen, aus dem unterirdiſchen Zauberdunſt gebildet, die Stelle an, wo man verſchwiegen graben muß. Solch ein weißes Ge⸗ wölk ſchwebte über des ſchwarzen Geſpenſtes Scheitel. Beim bleichen Sternenlicht ſah ich im Sturz wie meine blanke Lanzenſpitze hindurch fuhr, ohne Widerſtand zu finden.— Der mächtige Helmbuſch von Zollern! ſprach Herr Werner in ſich. Alſo er ſelbſt ſchon zur Stelle 2— Wer wär's geweſen? Ein Menſch? Ich müßte ver⸗ zweifeln! fuhr der Herzog auf. Nein, es war der Höllen⸗ fürſt. Geſteht's, Hauptmann, bei dem Zutrauen, das Ihr mir abgewonnen, Ihr kennt das, und wiſſet, daß der Johann ſolche Künſte verſteht.— Mein junger Fürſt, entgegnete Herr Werner ernſt, die Herren, denen ich diene, ſind chriſtlich erzogen wie Ihr, ehren den Glauben wie Ihr, und wenn Sitte und Zucht die Kinder des ächten Glaubens ſind, ſo möchten ſie beſſer vor dem ewigen Gericht beſtehen als alle die rauhen Män⸗ ner, die ich in Eurem Geleit kennen lernte. Seid Ihr ſchwer beſchädigt?— Lumpenriſſe an Stirn und Arm; das eigene Roß trat und ſchlug den Herrn, antwortete der Herzog unruhig; aber der Kopf iſt wüſt, der Geiſt wirr und muthlos. War es ein Spuk, was hilft uns dann Fauſt und Stahl; war es ein Menſchenbild, ſo iſt die Ehre hin und das Leben geſchändet.— Dem, der Euch geworfen, wird es lieb ſein, daß Ihr ſo davon gekommen, ſprach Schulenburg gutmüthig; denn ſelbſt den Feind ſchonet er gern. Auch dürft Ihr nicht Schande nennen, daß Ihr einen Kampf beſtanden mit Deutſchlands erſtem Helden, denn wem dieſe Lanze einen Gang geboten in Schimpf oder Ernſt, der hat ſich dadurch geehrt gefühlt bislang. Ich kann nicht irren, es war der Kurfürſt ſelbſt, dem Ihr erliegen mußtet.— Der Kurfürſt Albrecht? lallte Bogislav, und ſein glühendes Auge ſchien zu erlöſchen, und ſeine Blicke ſenkten ſich und hafteten finnend am Boden.— Warum habt Ihr meinen Rath von Euch geſtoßen, Hoheit? fuhr der Hauptmann fort. Ihr ſeid in der Ge⸗ ſchichte Eures Volkes und Eurer Zeit wohl unterrichtet; wie konntet Ihr's dennoch wagen, in den Kampf zu gehen mit dem Leuen von Brandenburg, der Seinesgleichen nicht fand in ſeiner Zeit? Warum riefet Ihr den Krieg ins Land, da Ihr doch herrſchen konntet darin ſo ruhig und gewaltig wie irgend Einer Eurer Voreltern? Wär's Bſumenhagen. X. 24 370 ein Anderer, dem Ihr Euch beugen müßtet, möcht' ich's entſchuldigen; aber es iſt der Albrecht, ſeiner Feinde Furcht, ſeinen Freunden ehrwürdig, aller Völker Be⸗ wunderung. Wer hat ihn je beben geſehen, war's vor ſeinem Heer, war's Mann gegen Mann? Sein Leben war ein ganzer Krieg und es iſt keine Eck in Deutſch⸗ land, Schleſien, Preußen, Böhmen und im Polenlande, wo man nicht ſein blinkend Schwert geſchaut. Keine Stadt war ihm zu ſtark, keine Mauer zu hoch und überall er der Erſte und der Letzte im Gefecht. Preiſe und Tro⸗ phäen füllen ſeinen Saal zu Onolzbach und ſeine Rüſt⸗ kammer, denn nur zwei ſind unter den Lebendigen, die dieſen chriſtlichen Achilles wehrlos erblickt, der glückliche Rürnberger Haller, der mit ihm zugleich im Sande lag beim Speerbrechen zur Luſt, und der Landshuter, der den Rücken ſeines ehemaligen Bettkameraden bei Gien⸗ gen ſah.— Alſo doch auch beſiegt! murrte Bogislav aufmerkſam zuhorchend.— Ihr hättet ihn ſehen ſollen als Jüngling, fuhr der Hauptmann fort, damals der ſchönſte Junker in Deutſch⸗ land, iſt er jetzt der ehrwürdigſte Heldengreis an der Fürſtentafel. Nicht Kaiſer Friedrich regiert das Reich, ſondern er, der des Kaiſers Herz und Hand geworden, und größer könnte er ſein und ſein Haus, wäre er nicht ſo gut kaiſerlich, ſo treu als tapfer. Das wäre ein Vater geweſen, ein Waffenmeiſter für ein junges Hel⸗ denblut wie Ihr. Aber Euch fehlte der Freund, und Ihr horchtet nur auf die rohen Stimmen Eurer raub⸗ gierigen ſittenloſen Vaſallen, die nur dem Glücke treu ſind, nur in der Fauſt das Recht der Völker ehren.— Meine Väter ſaßen frei und unbeſchränkt auf dem Herzogsſtuhle, warum nicht ich? fragte der Herzog, doch ohne Heftigkeit.— Lange iſt die Zeit vorüber, entgegnete Herr Werner, wo jeder Fürſt einſam hauſete in ſeinem Lande nach Ge⸗ fallen und Willkür, täglicher Streit die Grenzen befleckte, um den umgeworfenen Markſtein oder um einen Schritt abgepflügten Ackers. Das Reich iſt ein feſter, geſunder Körper geworden, und dadurch gewaltig und unerſchüttert von äußern Feinden. Eintracht ſchafft Macht, und wer die Eintracht bricht, wird zum vatermörderiſchen Hoch⸗ verräther. So denken die deutſchen Fürſten, und wie die Mächtigern ihre Scepter nehmen zu Lehn vom Kaiſer, ſo müſſen die Kleinern nehmen Hut und Kron' von den Mächtigern, daß Glied hange an Glied, und ein Lebens⸗ blut ſtröme durch den rieſigen Körper bis in die Finger⸗ ſpitzen und äußerſten Fußzehen hinunter. Wollet Ihr das Glied ſein, das ſich ſelbſt abſchneidet und tödtet, weil ihm der Lebensbrunn mangelt? Wollet Ihr allein, ein unbeſonnener Waghals, mit dem Schwerte ſchlagen an die Moſistafel von Erz, auf welcher das Reichsgeſetz leuchtet? O ſendet mich zum Albrecht hinaus; mir wird's gelingen, ſeinen Zorn zu ſänftigen, und er wird dem Reuigen vergeſſen, was er gethan gegen das Reich und ſein Geſetz.— Wenn ich frei wäre, frei im Felde ſtände, ſäße zu Wolgaſt oder Stettin, wer weiß, was geſchähe, fiel der Herzog lebhaft ein. Aber ſo, ein Bezwungener, ein Wehr⸗ loſer vor ihm, gerade vor ihm dem Ruhmgekrönten! Hat man mir doch auch erzählt, wie er den Baiernherzog, den bärtigen Ludwig, in langer ſchmachvoller Haft ge⸗ halten. Nein, Werner, beim tapfern Suantibor, er mag mich verblutet finden unter dem Greifenſchild, als ein 372 entehrter Sklav ſieht er mich nie, und trüge er des Kai⸗ ſers Kron und Apfel.— Der Bruſenhauer trat ins Gemach, und nach einem feindſeligen Blicke auf den Schulenburg forderte er einen vertrauten Zwieſprach mit dem Herzog. Als der Bran⸗ denburger Hauptmann ſich entfernt, berichtete er ein ſelt⸗ ſames Ereigniß. Der Wachtpoſten am Nonnenkloſter hatte einen jungen Kerl aufgegriffen, welcher ſo eben aus dem faſt ausgetrockneten Fiſchteich in die Stadt her⸗ aufgeſtiegen. Das Kriegsvolk war ſchon im Begriff, ihn als einen Kundſchafter nieder zu ſtoßen, da plapperte er ängſtlich und mit furchtbeflügelter Zunge, daß er zum Pommerherzog müſſe, daß ihn Ritter Kuſſow geſendet, und als ihn darauf zwei Wachtmänner zu der Verſamm⸗ lung der Oberſten gebracht, entdeckte er, daß er gekom⸗ men, den Herzog zu retten, und ihn auf einem ihm wohl⸗ bekannten Wege, mitten durch das furchtbare Moor in das Freie zu tragen. Plötzlich aus ſeinem Trübfinn geweckt, richtete Bogis⸗ lav ſich auf von ſeinem Bett. Das iſt ein Engel, den Gott ſendet, rief er lebhaft. Schicket ihn herein, und führt er durch, was er verſprach, ſei ihm ein Lohn, wie er ihn wünſcht, und wär's das goldene Diadem, und müßte Pommerns Herzog ſtatt ſeiner für immer ein eiſernes tragen.— Der Menſch in ſeiner Tracht und ſeinem Benehmen nach ein geringer Koſſät, verſetzte Bruſenhauer; der letzte Zweig der Gryphonen darf nicht ſolch gemeinem Führer anvertrauet werden. Dazu hat der Kuſſow nicht den Vaterlandsfreund gezeigt, und die feindlichen Hauptleute verkehren auf ſeinem Schloſſe ſchon wochenlange. So üverlegten die Oberſten, und waren mit mir der Meinung, 373 wir dürften nicht erlauben, daß Hoheit ſich in ſolches Wagniß begäbe.— Erlauben? tobte Bogislav auf. Wer iſt hier Herzog, wer Diener? Ich will den Menſchen ſehen.— Wenn auch der Mann Euch hindurch brächte, hinüber über die grundloſen Schlünde, ohne Euch hinein zu ſtür⸗ zen, antwortete finſter der Oberſt, kann er nicht geſchickt ſein, Euch jenſeits einer Feindesrotte zu überliefern? Markgraf Johann möchte Euch ohne Blut und Verluſt an Mannſchaft haben, und dieſe Liſt iſt des überklugen Prinzen würdig. Laßt den Menſchen auf die Folter werfen, und ſein Bekenntniß wird unſere Ahnung recht⸗ fertigen.— Ich will den Menſchen ſehen! donnerte der Herzog mit dem Fuße zornig ſtampfend, und der Oberſt ver⸗ ſtummte und ging, und bald nachher zeigte ſich Henning ſcheu in der Thür, von dem Linſtädten und andern Rit⸗ tern begleitet. So wie er den Herzog erblickte, verſchwand jede Furcht aus ſeinen Zügen. Das iſt der Barnim! rief er ſchnell vortretend, doch ſetzte er eben ſo ſchnell hinzu: Hoheit! Herzog! wollt' ich ſprechen, und hemmte ſeinen Schritt. Bogislav aber trat raſch auf ihn zu und faßte ſeine beiden Hände. Henning, Du biſt's? ſprach er raſch und herzlich, zum Staunen der Umſtehenden ⸗ Willkommen, mein alter Schlafgeſell. Nun iſt Alles gut und gewonnen, denn Dich ſchickt Vater Hans.— Ja, ja, lachte Henning mit roher Freudigkeit. Er ſchickt mich, und der brave Ritter Hans ſchickt mich, und Beide ſprachen, Ihr ſolltet nicht ſäumen, denn morgen ſchon möchte es zu ſpät ſein. Das eiſerne Volk macht gar erſchreckliche Anſtalten, Euch heraus zu holen. Da⸗ rum ſollt Ihr Euch tragen laſſen von mir zu guten Freun⸗ 374 den. Der Ort iſt beſtellt und Alles ſicher genug. Und die Meſtove hat's eigentlich ausgedacht; ſie ſpricht noch immer viel von Euch, und ſie iſt auch dabei, und war⸗ tet drüben auf Euch mit Angſt und Sorge.— Und tragen willſt Du mich auf Deinen Schultern? Der Weg ſcheint nicht beſonders bequem, denn an Dei⸗ nem Unterkleide erkennt man kaum die roth und grünen Würfel, und Dein weißes Leinenwamms iſt zum Scheck geworden auf der Reiſe.— Poſſen! ſagte der Henning leichtfertig. Ein Enten⸗ neſt lockte mich, als eben der Tag graute, vom Wege ab; ich ſchlürfte die Eier aus, und fiel dabei ein bis⸗ chen in die ſchwarze Brühe. Geſchah's nicht, hättet Ihr mich über dem Knie blank wie zum Sonntagstanze vor Euch geſehen. Der Weg iſt ſicher für den, der ihn kennt, wenn's auch hie und da naſſe Waden gibt. Und was das Tragen betrifft, habt Ihr ſelbſt mich doch ganz andere Klötze aus unſerem Walde in's Haus tragen geſehen, und überdem ſeid Ihr tüchtig gemagert und ſicherlich an dreißig Pfund leichter geworden, ſeit Euch die rothen Schinken und die ſüßen Spickgänſe geman⸗ gelt haben, die bei dem Vater Hans auf den Tiſch kamen.— Es ſei! ich vertraue mich Dir!— ſprach Bogislav entſchloſſen. Murret nicht, geſchieht's auch aus Sorge um mich. Keiner kann mir treuer ſein als dieſer da, denn Hans Langen iſt ſein Vater. Und bleibt's ein Wagſtück, ſo kann's nicht ärger werden als das mißrathene Stück von letzter Nacht. Pommerns Ehre ſteht auf dem Wurf, da iſt der höchſte Satz entſchuldigt, und auch Euer Heil wird gewonnen, denn iſt der Bogislav hinaus, ſo wird er ſammeln, was er im Pommerlande gewappnet trifft, 375 und wird herbeifliegen, die Freunde zu löſen aus Schmach und Haft.— Die Nacht hatte kein freundliches Feiergewand um⸗ gethan. Unruhig war es am Himmelsgewölb. Die lang⸗ dauernde dörrende Hitze ſchien ſich löſen zu wollen in er⸗ quicklichen Himmelsthau. Ungeheure Wolkenmaſſen wälz⸗ ten ſich gleich losgeriſſenen Felskuppen unter den Sternen hin, und oft ſchoß ein ſtrenger Windſtoß vor ihnen auf, gleich einem ſtreitluſtigen Trompeter vor einer Kriegs⸗ kolonne, und im Weſten lagerte es wie ein ſchwarzes Gebirg, das langſam wuchs und im Emporſteigen im⸗ mer dichter und ſchauerlicher ſich geſtaltete. Unſere beiden Nachtwanderer treffen wir ſchon mitten im Moor, begriffen in der ſeltſamſten Reiſe, die irgend ein Herzog unternommen, und welche nur in dem viel⸗ beſungenen Weinsberger Frauenritt und in Frankreichs Heinrich dem Vierten, der ſich ſelber zum Wiegenpferde ſeiner Knaben hergab, Gegenbilder finden möchte. Der übermüthige Bogislav, nur leicht bekleidet, ein Bürger⸗ käpplein auf dem ſtolzen Haupt und ein kurzes Arm⸗ mäntelchen um die Schultern, thronte auf dem breiten Rücken des gedrungenen, aber koloſſalen Henning, der mit der Sicherheit eines Saumthieres an den Alpen⸗ ſchlünden die ſchwere Laſt über den oft nur handbreiten feſten Erdſtrich ſchleppte, den die Laune der Natur mit⸗ ten durch die feuchten Untiefen des Bruchs in einer mä⸗ andriſchen Schlangenlinie gelegt hatte, und den nur der Zufall vormals in einem gleich trockenen Sommer wie der heurige einem kecken Entenjäger oder Neſterſucher ent⸗ deckt haben konnte. 376 Anfangs ſcherzte der Herzog ſelbſt über ſeinen Ritt. Du biſt ein ganz bequemes Grauthier, mein Junge, lachte er; zugeritten wie ein polniſches Kunſtpferd, und haſt dazu die Gabe der Unterhaltung auf ſolch langwei⸗ liger Ritterfahrt, als wäreſt Du in Bileams Marſtall jung geworden. Auch Dein Sattel iſt gut gepolſtert, nur die Steigbügel mangeln, auch könnteſt Du einige Quartier höher ſein, denn ſchon ein paar Male ſind mir die Sohlen naß geworden.— Warum habt Ihr auch ſolche Storchſtelzen, antwor⸗ tete Henning in demſelben Tone; Ihr könntet immer einen König dieſes übelduftigen Reviers vorſtellen, und Euer Gelbſchnabel würde Koſt vollauf bekommen, denn hört Ihr nicht, wie ſchon wieder ein pfündiger Gras⸗ hecht mir zwiſchen den Waden hindurch platſchte. Wäre der Weg nur nicht ſo ſchändlich ſchmal, und hätte Va⸗ ter Hans nicht ſeinen Fluch darauf geſetzt, wenn Euch durch meine Verſchuldung irgend ein Gefährniß träfe, ſo möchte ich Euch ſchon eine Weile ſpazieren laſſen; denn führet Ihr auch einmal hinab, der Kopf würde ſchon über den Binſen bleiben, und Ihr preßt mir mit den langen Armen den Bruſtkaſten zuſammen, daß mir das Blut in den Hals tritt.— Schlimmer Bube, lachte Bogislav, haſt Du ſolch böſe Gedanken im Hirn? Gewiß kamen Dir die Püffe und Rippenſtöße in den Sinn, die ich Dir zur Kurz⸗ weil in Lantzke ausgetheilt, und hielte Dich die Furcht vor dem Vater nicht in der Stange, hätteſt Du Luſt wett zu machen, und mich im Kothe baden zu laſſen. Aber bedenke, ſetzte er feierlich hinzu, Du trägſt das ganze Herzogthum Pommern auf Deinen ſchlechten Schul⸗ tern, ein geheiligt und geſalbet Haupt ſetzt ſein Kinn 377 auf Deinen rauhen, ungekämmten Nacken, und alle die rieſigen Männer, die meine Großväter und Urgroßväter waren, würden Dich als Nachtgeſpenſter quälen, bräch⸗ teſt Du ihr letztes armes Kind in Verderbniß. Aber ruhe Dich, mein Junge, Du keucheſt ja wie ein Rüde, dem des Keulers Zahn die Weichen aufriß. Ruhe Dich, das Ufer iſt nicht fern mehr.— Da ſie gerade auf einen kleinen Binſenhügel traten, ſo ließ ſich der Herzog vorſichtig von den Schultern ſei⸗ nes Trägers hernieder, und dieſer machte ſeinen ge⸗ bogenen Rücken ſteif, und ſchaute aufmerkſam in der Gegend umher. Bogislav lehnte ſich traulich an ſeinen Arm. Du biſt doch ein gutes Geſchöpf, Henning, ſagte er mit Herzlichkeit; und wenn ich's recht bedenke, müßte ich ſchwer büßen für all das Leid, was ich Dir muth⸗ willig angethan vordem, und was Du heut mit ſo chriſt⸗ licher Rache vergiltſt.— Ja wahrhaftig, Ihr waret ein grober Geſell, mur⸗ melte der Bauerburſch. Doch Vater und Mutter ſoll man ehren, ſagt das Gebot, und Ihr heißet jetzt der Vater des Landes, welches mir freilich ganz neckiſch vorkommt, wenn ich an unſere Raufereien zu Lantzke gedenke.— Aber wie wunderbar iſt des Himmels Fügung, meine Ankunft in Deines Vaters Hauſe mußte Dich in dieſe Gegend verjagen, damit Du nach langen Jahren mich aus der ſchmählichſten Lage retten könnteſt, in welche je ein Fürſtenſohn gerathen mochte. Seltſam! Mich faſſet der Gedanke ſtrafend in dieſer häßlichen Oede, und das Froſchgequack rundum tönt mir wie das Schmerz⸗ geſchrei verſtoßener Seelen, die ihren Gott vergeſſen wie 378 ich; denn wahrlich! ich habe ſein lange nicht gedacht, und war ein weit frömmerer Geſell unter Vater Han⸗ ſens Dache.— Die Fröſche ſind für uns gar ſchlechte Propheten, antwortete Henning mit Unruhe. Schauet nur hinauf, wie die lange Spitze des ſchwarzen Wolkenberges ſchon über uns iſt, und von dem Winde zu einer immer grö⸗ ßern Naſe gezogen wird. Wahrhaftig da klatſchen ſchon große Tropfen im Waſſer. Steiget auf ohne Säumniß, denn ſo nahe Ihr auch das Ufer glaubt, unſer Weg iſt noch zehnmal ſo lang in ſeinen Schlangenkreiſen, und wir können von Glück ſagen, wenn wir auf feſter Erde ſtehen, ehe uns das Wetter erreicht.— Nur Muth, mein Jung! verſetzte der Herzog. Haſt Du den Erſten Deines Landes getragen, wird es ihm Pflicht ſein, Dich mit ſeiner Hand ſo hoch zu ſtellen, wie irgend einer ſteht in ganz Pommerland. Ich kann meinem Leibroß einen Sattel ſchenken von Sammet und Hermelin; ich kann Deine getreuen Füße mit goldenen Hufen beſchlagen laſſen, und Dein Haupt mit einem Reiherbuſch zieren, wie ihn der Gaul des reichſten Edel⸗ mannes trägt, wenn er in die Schranken zum Turnier reitet. Darum trabe nur friſch darauf los, mein Jungz der ſchwarze Engel da über uns muß Deine weiße Treue reſpektiren.— Der kundige Bauerburſch hatte ſeinen Himmel ſtudirt. Kaum war die Kavalkade wieder im Gange, ſo leuch⸗ tete ein Blitz und der Donner rollte ſchnell hinterdrein, zugleich that ſich die Wolke auf und träufelte ihren ſchweren Inhalt herunter, und als dann Blitz auf Blitz ſich jagte, die Wetterſchläge niederkrachten und zuletzt in ein langes, unaufhörliches Rollen übergingen, das .—— 379 Träufeln ſich in ſcharfen Strichregen, dieſer in ein wil⸗ des Niederſtrömen ſich wandelte, da verging den beiden Verlaſſenen faſt die Entſchloſſenheit, obgleich zwei ächt⸗ deutſche Herzen in ihnen neben einander klopften. Und wahrlich ihr Marſch wurde auch mit jedem Schritt ge⸗ fährlicher, ja verzweiflungsvoller. Dichte Finſterniß um⸗ hüllte ſie, und wenn auch die Blitze auf Augenblicke den Pfad licht machten, ſo blendeten ſie dagegen auch das angeſtrengte Auge; der erhabene Stich Landes, auf dem Hennings Füße fortſchritten, wurde glatt wie eine Eis⸗ bahn, und der arme Burſch hatte große Mühe, die hun⸗ dert Krümmungen deſſelben nicht zu verfehlen. Mehre Male ſank der Starke in die Knie, und zuletzt noch glitt ſeine Sohle auf einem Schilfblatte, und beide ſtürzten in den tiefen Sumpf. Glücklicherweiſe waren ſie ſchon dem Ufer ſo nahe, daß ſie ſich in wechſelſeitiger Hülfe herauszuarbeiten vermochten, und das Feſte erreichten, wo ſie, zwei Waſſerthieren ähnlicher als zweien Men⸗ ſchen, auf den naſſen Sand athemlos und erſchöpft niederſanken. Das war der ſchwarze Teufel von voriger Nacht, ſtöhnte Bogislav, ſah ich ihn doch geharniſcht ſtehen hin⸗ ter dem Blitz, und hörte ſein höhniſch Lachen deutlich. Hole der Satanas die Teufelsbanner, die uns das zum Zweiten angethan.— Betet lieber, ſtammelte Henning, denn ohne des hei⸗ ligen Peters Schutz wäre kein Menſchenkind aus ſolchem Waſſergrabe auf's Trockene gekommen. Und rührt Euch nur und nehmet die Knochen zuſammen, ſetzte er müh⸗ ſam aufſtehend hinzu, denn unſer Werk iſt noch nicht ausgethan. Wir ſind im Bereich Eurer Feinde, und ha⸗ ben noch ein gut Stückchen zu wandern bis zu dem 380 Dorfe, wo Vater Hans mit einem tüchtigen Gaule aus des Kuſſowers Stalle auf uns wartet.— Biſt Du toll, Burſch, oder meineſt Du, ich ſei's geworden? fuhr der Herzog wild auf. Wenn auch das Wetter nachläßt, ſind wir doch naß bis auf die Haut wie zwei Seehunde; Fieberfroſt ſchleicht mir durchs Ge⸗ bein und mein wunder Kopf brennt, als wäre ein Höllen⸗ feuer in ihm aufgeflackert. Und gält's ſo Gut als Leben, wir müſſen ein Stündchen ruhen, denn auch Deine Knie tragen Dich kaum. Weißt Du kein Gehöft in der Nähe, ſo ſuchen wir einen dichten Buſch. Aber ſieh dort ſchimmert ein Licht, rechts, dort, wo der ſchwarze Baum wie ein Rieſe aus der Nacht lugt.— Es liegt ein Fiſcherhaus auf dem Hügel, antwortete Henning; doch könnte auch da ſich brandenburgiſch Kriegs⸗ volk ins warme Reſt gelegt haben.— Der Herzog betaſtete mit Haſt ſeinen Ledergurt. Mein ſcharfer Dolch ſteckt noch an ſeinem Platze, ſprach er freu⸗ dig, und hier auch das Säcklein mit guten Goldſtücken. Reicht das letztere nicht aus, ſchafft uns der erſte einen Platz. Fühlen wir uns auch lahm und wund; um das Leben theuer zu verkaufen, ſind zwei Pommern wie wir immerdar genug.— Henning fügte ſich, ordnete dem Herzog die verſcho⸗ benen Wundbinden, und beide wanderten dann langſam dem Lichtſchimmer nach, der ſie auch bald in die Nähe der Fiſcherhütte leitete. Ein Pferdegewieher ſchlug an ihr Ohr, und der Bauerburſch ſchlich darum allein hinan, indeß der ermattete Herzog ſich auf einen Baumſtrung niederſetzte. Bald kehrte die treue Seele, und brachte flüſternd und beſorgt ſeinen Bericht. Fünf Pferde ſtanden im Holzſchoppen des Fiſchers, der Knecht lag wahrſcheinlich 381 mit ihnen auf dem trockenen Fleck, denn im Stübchen befanden ſich nur vier fremde Perſonen, zwei Männer und zwei Weiber. Der eine Mann ſchien, ſo viel Hen⸗ ning durch die Spalten der Fenſterläden hatte erlauern können, ein Edelmann oder Offizier zu ſein, der andere trug das ſchwarze, faltige Koſtüm eines ſtädtiſchen Raths⸗ herrn oder vornehmen Bürgers. Sie ſchwatzten laut und luſtig, doch hatte der Horcher kein Wort erſchnappen können, und fügte nur noch hinzu, wie er auch an der angelegten Hausthüre ſpionirt und den Fiſcher am Heerde geſehen, den derben Bengel von Sohn aber mitten auf dem ſchmalen Vorplatze, der mit dummer Neugier in die Stube geglotzt und die Fremden wie Wunderthiere an⸗ geſtaunt. Ohne Zögern dann hinein, rief Bogislav; das Leinen wird mir immer eiſiger auf der Haut, und gibt's eine Prügelei, kann uns die Erhitzung dabei nur heilſam ſein. Der Fiſcher und ſein Fohlen ſind Pommern, und nenne ich im Nothfall meinen Namen, ſtehen ſie mit uns im Gliede. Dann haben wir nur zwei und einen halben gegen vier, denn ſo einem Gelahrten thut man eine Ehre, rechnet man ihn für einen Halbmann, und der gewiſſe Sieg würde darum eben nicht glorreich auspoſaunt wer⸗ den dürfen.— Sie ſchritten keck die Höhe hinauf, traten dreiſt in die Hütte, dreiſt zum Heerde, und das gezeigte Geldſtück, der Gruß als Landsleute, wandelte den Beſitzer des klei⸗ nen Eigenthums auf der Stelle zum gefälligſten Wirth, der ihnen den Platz am Heerde bequem machte, Brod und Käſe und den Bierkrug heranſchleppte, und dann in die Kammer eilte, aus ſeiner und des Sohnes kleiner Garderobe hervor zu ſuchen, was die freigebig bezahlenden — Gäſte wünſchten. Unſere beiden Wallfahrer wurden gar wohlgemuth bei dem Mahle, das Hunger und Körper⸗ ſchwäche gewürzt, und bei dem wohlthätigen Feuer, wel⸗ ches Henning zu einer derben Flamme hinauf geſchürt hatte. Da trat der Rittersmann aus der Stube und be⸗ ſchauete neugierig die Ankömmlinge, und näherte ſich durch ihr Aeußeres angelockt. Gott zum Gruß! ſprach er treuherzig. Ihr ſeid ſpäte Reiſende. Hat auch euch das Ungewitter vom rechten Wege abgetrieben wie uns 2 Aber wir waren glücklicher als ihr, und erreichten dieſes ſchlechte Loch weniger aus⸗ gewaſchen.— Aber was ſagt das? ſetzte er hinzu mit ernſtem Tone und haſtiger. Wundbinden um Kopf und Fauſt? Wer ſeid ihr? Seid ihr Wehrmänner, und von welchem Heerhaufen?— Bogislav wandte ſich jetzt zu ihm herum und ſagte ruhig: Guten Abend, Junker Than! der Himmel führt die Bekannten oft wunderlich zuſammen.— Ein ſichtlicher Schreck erſchütterte den Rittersmann, und er fuhr mit der Hand unwillkürlich nach dem Degen, als er die hohe Geſtalt vom Feuerſchein beleuchtet ſich gegenüber ſah. Varnim von Lantzke? und Henning? ſtotterte er. Wie kommt Ihr hieher? Sprecht! Liegt Pommerns Volk im Holze? Iſt Gefahr für uns und meine Dame?— Seid ohne Sorge, lächelte der Herzog. Leider ſind die Landsleute fern. Ich war in Pyritz; bei dem Ausfalle in voriger Nacht blieb ich ſchwer verwundet außen liegen, und ſchleppte mich ins Moor, um der Gefangenſchaft zu entgehen; doch hätte ich verderben müſſen, fand mich nicht der Henning.— Und Ihr ließet die ſchöne Meſtove allein in ſolcher Kriegszeit? fiel der Junker ein mit ruhiger werdendem Tone.— Sie iſt beſſer daran bei dem Vater als wir armen Burſchen hier mitten zwiſchen feindlichen Rotten, und lahm und matt wie angeſchoſſenes Wild, ſeufzte Henning.— Helft uns fort, unterbrach ihn Bogislav, und ich verſpreche Euch den wärmſten Kuß von des Mühmchens rothem Munde; Ihr waret ja vordem ein Freund von ſolch ſüßen Erdbeeren und mühetet Euch nicht wenig darum.— Des Ritters Antwort wurde zurückgehalten durch den Zutritt einer der Damen, die zu ſeiner Geſellſchaft ge⸗ hörten. Es war ein ſchlankes, hochgewachſenes Frauen⸗ zimmer, Würde und Jugendkraft in Gang und Haltung, und hatte auch das unangenehme Reiſeabenteuer die Ro⸗ ſen der Wangen etwas gebleicht, ſo leuchtete doch über edeln und angenehmen Geſichtszügen und unter dem reichen braunen Lockenſchmucke ein dunkeles Augenpaar, das Barnims Blicke in Ueberraſchung feſthielt, ſo daß er, wie ihn die Dame ſo ſtreng und kühn zn muſtern ſchien, ſelbſt den Gruß vergaß, den Sitte und Ort von ihm fordern durften. Was wollen dieſe Leute? fragte ſie herriſch, doch mit einer Stimme von der Art, welche durch ihren Wohlklang Ohr und Herz locket und bindet.— Es ſind junge Kriegsmänner, antwortete der Ritter verlegen, armſelige Pommern, verwundete Flüchtlinge, welche die tückiſche Nacht gleich uns im Kreiſe umher⸗ jagte, und die ſich erſchrocken unter feindlichen Händen finden.— Verwundete? rief die Dame mit Theilnahme. Dok⸗ tor Fritz, herbei vom Tiſch und Bratfiſch! Hier gibt's — 384 ein gutes Werk zu verrichten; kramet Euren Arzneikaſten aus, und übt das Ehrenamt, dem Ihr geſchworen.— Auf den Ruf zeigte ſich unter der Thür ein blonder, jugendlicher Kopf, der ſeltſamlich aus der ſchwarzen, talarartigen Schaube hervorſchaute, in die ſein Beſitzer ſich gewickelt. Bogislav hatte ſich indeß von ſeiner Ueber⸗ raſchung ermannet und nahm muthig das Wort. Dank für den Willen, ſagte er; doch hat's nicht Noth und bedarf der Müh' des Herrn dort nicht mehr. Die Fleiſchriſſe heilen ſchon unter der Binde, die mir der Vetter gelegt, der ſeine Kunſt verſteht trotz des Herrn dort im rothen Hut, denn er hat ſie probiret an allerlei Vieh und nicht an armen Chriſtenmenſchen, und der kalte Umſchlag, den der Himmel ſelbſt hinzugethan, wird die Hitze herausziehen ohne Balſam und Pflaſter. Größere Noth hat's mit dem Fortkommen. Sagt doch Alles an Euch, Fräulein, wie Ihr edler Geburt Euch rühmen dürft; und da möget Ihr vom Vater oder Bruder viel⸗ leicht gehört haben, daß einem Kriegsmanne die Wunde ein Leichtes dünkt gegen die Knechtſchaft in Feindes Hand. Das Wappen Eures edeln Stammes rühre ich daher an mit dieſer wunden Hand, und bitte Hülfe von Eurem Herzen, welches Euer gutes Geſicht nicht zur Lüge machen wird.— Der Menſch ſpricht beſſer als ſein Kleid läßt, ver⸗ ſetzte die Dame anmuthig lächelnd. Aber wie iſt ihm zu helfen?— Borget mir ein Roß, ſiel Bogislav drängend ein. Ihr werdet nicht aufbrechen von hier bis der Morgen Eure Straße beleuchtet; mir muß jedoch die Nacht ein guter Freund werden. Borget mir ein Roß, edles Fräu⸗ lein; und bei meines Vaters Aſche und Sargtuch, ein 385 Bote ſoll's Euch zurückbringen vom nächſten Dorfe, wo ich ſchon weitere Hülfe finde.— Beſchwört nicht ſo graulich, mein junger Freund, unterbrach ihn die Dame mit Laune.— Was meinet Ihr, Marx? Sein Angeſicht trägt das Siegel der Ehr⸗ lichkeit, aber zwiſchen den Augbrauen liegt ein Wölkchen, das etwas verhüllt, wir wiſſen nicht, iſt's der Schalk oder der Arge. Was ſagt Ihr, wagen wir das Thier ohne Fauſtpfand?— Der Ritter zuckte die Achſeln. Ich kenne die Bur⸗ ſchen, antwortete er; ihr Vater wohnet in der Gegend von Stolpe, ein rechtlicher Mann und wohlhabend dazu. Für die Wiedergabe des Pferdes würde ich mich verbür⸗ gen, aber—— Und was bedarf's dann Weiteres? fiel die Dame lebhaft ein. Gebt ihm den Gaul des Knechts. Träfe der Bote nach unſerm Aufbruch ein, der Buſſo kann harren, und nachreiten, haben wir doch nur noch einen Sprung bis zum Ziele.— Was wollt Ihr thun! kreiſchte da eine feine Stimme, die dem Manne im Doktorhabit gehörte. Den Feinden Eures Stammes, dem Raubgeſindel, den ſittenloſen Ver⸗ wüſtern unſerer Städte und Felder wollet Ihr Vorſchub leiſten, ſie bequem fortſchicken, damit ſie kehren können, Stahl und Pechkranz in den Händen? Welcher Verant⸗ wortlichkeit wollet Ihr Euch ausſetzen? Der lange Schlingel, der mit ſpitzbübiſcher Suade Euer edles Herz bethört, gehört an den erſten Eichbaum, den er gar trefflich verzieren würde. Wollet Ihr ihnen jedoch gegen allen Gebrauch das Leben ſalviren, ſo ſchleppt ſie mit ins Lager, gleich einer Zenobia Euren Einzug haltend Blumenhagen. X. 25 386 und beſiegte Sklaven am Schweif Eures Zelters ſchlei⸗ fend. Eurem thörichten Mitleid muß ich mich entgegen⸗ ſtellen, ja es hindern als Euer Rath, dem Euer Heil anvertrauet.— Die Dame ſchoß einen ſcharfen Blick auf den Spre⸗ cher, es blieb im Zweifel, ob mehr Spott oder mehr Unmuth darin ſich ausſprach. Wir fühlen für jetzt kein Weh an irgend einem Leibestheile, mein Doktorlein, ſagte ſie, und wir bedürfen darum hier Eurer berühmten Weisheit nicht. Was wir zu thun geſonnen, werden wir zu entſchuldigen wiſſen. Sind wir doch nicht einrollirt auf der Liſte des kurfürſtlichen Heerbannes, gehören nur zum Troß und der Bagage, ſind ſogar eingeladen, eine Art von Friedensherolden vorzuſtellen, obgleich wir daran kein großes Behagen finden. Darum ſorget Junker Than, daß geſchieht, wie wir befohlen.— Sie ging in das Stübchen zurück, und Bogislav ließ die Hand von ſeinem Dolche ſinken, deſſen Griff er bereits gefaßt. Wenige kurze Freundesworte wurden noch zwiſchen dem Ritter und den Lantzkern gewechſelt, dann tauſchte man raſch in des Fiſchers Zimmer die Kleider, wobei der dürftige Waſſermann bei dem Anblick der zwei Goldſtücke, die er für ſeine Lumpen empfing, dieſe Wet⸗ ternacht ſegnete im lauten Gebet, und raſch ſtiegen dann unſere Helden auf das vorgeführte Pferd, den erſten armen Tempelrittern ähnlich, welche ebenfalls Paarweiſe eine Mähre ritten. Von ſonderlicher Luſt bewegt, be⸗ merkte der Herzog, daß die Dame den Fenſterladen auf⸗ geſtoßen und ihrem Abritte zuſchauete, und muthwillig Drangſal und Wundweh vergeſſend, rief er dem Junker Than, der in die Hausthür getreten, im Fortreiten zu: Euer Freundſchaftsvienſt bleibt angeſchrieben in unſerm — ** 387 Herzen, und ſolltet Ihr einmal ernſtlich bei der ſchönen Meſtove werben, dürft Ihr uns getroſt zum Brautführer erkieſen.— Der Himmel hatte ſeinen Zorn gekühlt; blieb auch die Nacht noch düſter, trabte das gerettete Zwillings⸗ paar doch muthvoll und leichten Sinnes gleich einem Caſtor und Pollux auf der Straße hin, über das ſo eben erlebte Abenteuer plaudernd und das Vergangene und Künftige wenig bedenkend. Haſt Du ſchon ein ähnlich Frauenbild geſehen, Hen⸗ ning? fragte der Herzog lebhaft. Mir iſt, als wäre ſie das erſte Weibſen geweſen, das je in meinen Weg ge⸗ treten.— Es war ein ganz ſchmuckes Weibsbild, antwortete Henning kalt. Sie ſchien geſunden Fleiſches und hatte einen derben Schritt; aber der Leib ließ ſo dünn wie ein Wespenleib und gar verkrüppelt. In der Schenke zu Lantzke dürfte ſie ſich nicht blicken laſſen; faßte Einer unſerer Burſche ſie herzhaft im deutſchen Tanze an, ſie bräche morſch entzwei wie ein trocken Schilfrohr.— Und welch ein paar Augen, fuhr Bogislav fort; wenn ſie mich anſchauete, und das that ſie viel und lange, ſo war's, als wenn Feuer herausfuhr und auf meinem naſſen Koller ziſchte.— Mich hat ſie nicht angeblickt, und von Feuerſprühen habe ich nichts bemerkt. Wäre auch ſchade um ſie, denn nur des Satanas Familie ſoll ſolche rothe Karfunkelaugen tragen, und ſie hat doch ein ehrlich Chriſtenwerk an uns geübt. Daß ſie Euch aber allein anſah, iſt kein Wunder. Sie witterte gewiß etwas Fürnehmes an Euch, denn das Weibervolk iſt gar liſtig, und ſeit der Eva hat's die ſchlaue Schlange immer noch neben ſich.— 388 Wer ſie wohl ſein mag und welchen Stammes? Nannte der Than ihren Namen nicht?— Wenn Ihr's nicht wißt, wie ſollte ich's?— Dachte ich doch nur, wie wir eilig auf den Sattel kämen, und aus dem Bereich des boshaften Schwarzrocks, der uns zu Tannzapfen oder zu Pferdſchweifen machen wollte.— Drei Male ſieben Teufel auf den Kopf des Lumps, fluchte der Herzog. Hätte ich doch gar zu gern mit der Fauſt ihm den Scharlachhut zuſammt dem Schädel darunter eingeſchlagen. Und was ſie nur thut mit ſolchem Kerl, und warum ſie erlaubt, daß er ſolches Recht und ſolchen Widerſpruch ſich anmaßet? O verdammt, daß ich nicht fragte nach Namen und Heimath! Aber wir werden ſie wieder ſehen, wir müſſen ſie wieder ſehen, und dann werde ich ihr vorwerfen, daß ſie dem Pommernherzog einen ſolchen jämmerlichen Gaul geboten, der hoch wirft wie ein Boot auf der Sturmſee, und ſteif austritt und jämmerlich ſtolpert, kommt ihm einmal die Wade in die Weichen.— Schwatzt nur nicht und führt den Zaum beſſer, ſtrafte Henning den Unmuthigen. Das alte Thier hat gewiß noch nie zwei ſolche eichene Holzpuppen getragen, und gebt Ihr ihm nochmals derlei ſcharfe Zungenſchläge, ſind drei Genicke vor dem Bruche nicht ſicher. Habt Ihr die arme Kreatur doch ſchon zum dritten Male aus der Straße auf den Acker geworfen.— Bogislav verſtummte bei dem wahrhaften Vorwurfe, und achtſamer auf Weg und Roß, gab er ſich dem Ge⸗ dankenſpiele hin, welches wunderbar bunt und wirr mit ungewohnten Träumen ſeinen Geiſt beluſtigte. 389 Die Lage der ſtreitenden Parteien hatte ſich in kurzer Zeit auf eine merkwürdige Weiſe umgewandelt. Herzog Bogislav traf auf ſeiner Flucht am angedeuteten Ort den alten Hans Langen nicht, und der abgeſchickte Hen⸗ ning konnte keine Spur von den Verwandten auffinden; dagegen ſtieß er auf mehre Haufen verſprengter Reiter ſeines Volks, und auf mehre Züge bewaffneter Land⸗ leute, die ihm zu Hülfe gewollt. Bald war eine ganz anſehnliche Heeresmacht wiederum bei ihm geſammelt, und kühn rückte er mit ihr auf's Neue über die Grenzen der Neumark vor, obgleich man an ſeinen Anordnungen merkte, daß es ihm mit dem Kriege nicht mehr ſo wilder Ernſt ſei wie zuvor. Da kam der Schloßhauptmann Werner von Schulenburg als Friedensbote in ſein Feld⸗ lager, und nach einem Geſpräche mit ihm, das als eine Fortſetzung des Zwieſprachs zu betrachten, welches wir zu Pyritz am Schmerzensbett des jungen Schlachten⸗ fürſten behorchen durften, blieſen die Trompeten zum Heimzuge, und alle Verhältniſſe nahmen eine freund⸗ lichere Geſtaltung an. Die Hauptleute in Pyritz hatten nämlich nach des Herzogs Flucht den Gefangenen frei zum Kurfürſten hinausgeſendet, ihre Lage zu beſſern, und vom Herrn Albrecht war die nutzloſe Belagerung aufgehoben worden, da in andern Gegenden ſich drohende Feindesrotten zu rühren hegannen. Der gewandte, brandenburgiſche Staatsmann ſetzte dem jungen Fürſten auseinander, wie der gerechte Kurfürſt Albrecht ja keineswegs geſonnen ſei, ihn in irgend einem Rechte zu kränken oder ſich irgend in ſein Regiment zu miſchen, oder ſeinen Willen und ſeine Macht zu hemmen und in Feſſeln zu ſchlagen. Uralte Rechte zu wahren, ſei jedes Fürſten heiligſte Pflicht. Alte Verträge mit dem Stettiner Otto lägen vor, auf 390 ſie hätte ſchon Kurfürſt Friedrich ſeine Anſprüche an Pom⸗ mern begründet, durch ſie dieſelben ins Leben gerufen, und ſie wären anerkannt worden von dem weiſen Erich, dem Vater Bogislav's. Schulenburg erinnerte ferner den jungen Fürſten, daß ſchon Anno 1187 ſein Ahn Caſimir Reichsfürſt geworden und zu Lübeck dem Reiche und dem Kaiſer Friedrich den erſten Gehorſam geſchworen. Albrecht ſei vom Kaiſer mit Pommern belehnt worden, und die Herzöge ſelbſt hätten dazumal ſich ihres Wider⸗ ſpruchs begeben, da ſie nach zwanzigtägiger Friſt nicht vor des Kaiſers Throne zu Recht erſchienen. Als der hitzige Bogislav ſich zuletzt ſträubte gegen den vermeinten Schimpf perſönlicher Huldigung, da erinnerte ihn der kluge Abgeſandte, wie ſein tapferer Ahn Suantopolcus ſich einen polniſchen Statthalter genannt, wie der Polen⸗ könig Primislav als Pommerns Lehnsherr ſogar den Greif in ſein Wappen geſetzt, wie Bütow und Lawen⸗ vurg ein polniſches Benefiz und Stettin ſchon zur Suc⸗ ceſſion Ludwigs des Römers, des Kaiſerſohnes, gehörig geweſen. Nur den künftigen Erbanfall will ſich Kurbrandenburg ſichern, und wie Ihr daſteht in Jugendkraft und Fülle, dürft Ihr lachen ſolches Anſpruchs, ſo ſchloß der beredte Unterhändler; der Kurfürſt will nicht nehmen, ſondern geben obendrein. Geht Ihr zu Lehn bei ihm, ſollen die ſeit Jahresfriſt beſetzten pommerſchen Schlöſſer Euch überliefert werden, ſollen alle Kriegsgefangenen zur Hei⸗ math kehren ohne Löſegeld. Und ein Band der Bluts⸗ freundſchaft, wie es einſt Herzog Joachim knüpfte mit dem Markgrafen Johann, will er um Euch ſchlingen, Euch Vater zu werden für immer in Rath und That. Und iſt es doch des Kaiſers Hand und Schwert, iſt es 391¹ doch der Reichsfeldherr, iſt es doch der ruhmgekrönteſte Fürſt Europa's, der Euch ſolchen Liebesgruß ſendet, deſſen Bündniß Euch groß machen möchte vor allen Euren nei⸗ diſchen Nachbarn! Ihm eigen zu ſein, ihm durch Ver⸗ wandtſchaft anzugehören, würde vom Belt bis zum Rheine jedweder Fürſtenſohn für eine Gunſt des Schickſals achten. — Unterhandlung, Einſtellung der blutigen Züge und Annäherung erblühten aus ſolcher geſunden Saat.—— Ein beſonderer Glanz und eine ungewohnte Herrlichkeit erfüllte die Stadt Prenzlow, und an den Ufern der Uker zogen in fröhlichen Schaaren die Bewohner der Umgegend daher, den Feſtivitäten beizuwohnen, welche die tauſend⸗ züngige Fama voraus in beiden Nachbarländern verkündet hatte. Schon waren die Wohnhäuſer der vornehmſten Bürger Quartiere der edeln Frauen und Ritter geworden, welche mit der Hofhaltung des Kurfürſten eingetroffen, und auch Herzog Bogislav war über Stargard heran⸗ gezogen mit anſehnlichem Geleit, und hatte in der großen Herberg vor der Stadt das ihm bereitete Logement ein⸗ genommen, in welchem ihn Markgraf Johann empfing, und zu dem ſchon angerichteten Banket führte, welches der Kurfürſt zur Erholung von dem langen Ritt und als Bereitung zu dem feſtlichen Akt in einem ungeheuren Prunkgezelt, hoch und breit wie ein Kirchendom, hatte anordnen laſſen. Bogislav maß den zwar hochgewachſenen, aber faſt bis zur Unbehülflichkeit wohlbeleibten Prinzen mit einem faſt ſpöttiſchen Lächeln, als jedoch ſeine Frage nach dem Ohm, dem Herzog Wratislav, von dieſem freundlichſt beantwortet wurde, wie man den alten Fürſten beſchickt und eingeladen und ſtündlich ſeine Ankunft erwarte, 392 da ließ er ſich zur Tafel führen, die reich und köſtlich beſetzt, dem Auge und dem Genußſinne ſchmeichelte, und bald ward er durch ſeines fürſtlichen Nachbars beredte Zunge und gewandte Unterhaltung, die ihm den Beina⸗ men Cicero erworben, alſo gefeſſelt und eingelullt, daß er ſich den Tafelfreuden mit der einſtigen, zu Wolgaſt gewöhnten ſorgenloſen Ausgelaſſenheit hingab. Alle jene Ergötzlichkeiten feinerer Art, welche in damaliger Zeit die Bankette deutſcher Fürſten zu zieren pflegten, waren dem fremden Herzoge zu Ehren veranſtaltet; Muſikchöre um⸗ gaben das Prunkgezelt mit wechſelnden Harmonien; ein Nürnberger Meiſterſänger trat auf mit dem Zeichen ſei⸗ ner Siege, dem Gehänge, geſchmückt, und ſang zur Spitzharfe eine feine Weiſe zum Lobe des Friedens; vor dem Eingange des Gezeltes erſchien eine Maskengeſell⸗ ſchaft und führte eine kleine, von den Prenzlower Fran⸗ ziskanermönchen eingerichtete Komödia auf, welche die Freundſchaft des David und des Jonathan zum Text ge⸗ wählt; und ſelbſt der beliebte Hanswurſt fehlte nicht, neckte das neugierige Volk, wetzte ſein klapperndes Pritſch⸗ holz auf den Schultern der Diener und Pagen, ſchlug ſeine Purzelbäume um die Tafel, und erbettelte ſich für ſeine plumpen Späße hie und da ein Zuckerbrod oder einen ſüßen Becher von den lachenden Gäſten. Bogislav fühlte ſich nicht behaglich in dieſen ihm fremden Ergötzlichkeiten; er empfand in dem Zwieſprach mit dem Markgrafen zum erſten Male den Mangel der geiſtigen Bildung, feinern Geſelligkeit und ihren leichten Sieg über ſich, und unwirſch darob, ſuchte er vergebens nach Waffen gegen dieſe Demüthigung. Traun, Herr Markgraf, ſagte er, indem er eine kecke Fröhlichkeit erzwang, Ihr habt der Wunderdinge 393 ſo viele mit Euch gebracht, daß uns die Sinne ſchwin⸗ deln vom Schauen und Hören. Aber wir Leute von der Küſte ſind an das Derbere gewöhnt, und ich muß Euch bekennen, Euer Hanswurſt hat uns am beſten ge⸗ fallen, und wir bedauern nur, daß Olf, der Narr un⸗ ſerer Frau Mutter, nicht mit uns kam, es würde ein Turnei mit Eurem bunten Poſſenreißer gegeben haben zu unſerer weidlichen Beluſtigung. Aber auch wir lie⸗ ben das Beſondere, wenn wir uns auch mehr an das Natürliche halten, und es gilt eine Wette, daß wir Euch einige Künſtler produziren, denen keiner der Eurigen ihr Stücklein nachäfft. Der Markgraf wurde neugierig, und Bogislav rief ſchallend ſeinen Hauptmann Schüel, und befahl ihm, ſei⸗ nen Gelüſten keinen Zwang anzuthun, da er längſt be⸗ merkt, wie bei all den gefüllten Bechern ſeine Kehle nur trockener geworden. Ein breiter, fuchsbärtiger Kriegs⸗ mann erhob ſich ſofort vom Seſſel, ſchritt rund um die Tafel, nach der Reihe die großen Pokale vor jedem Gaſte fortnehmend, jeden leerend in einem Zuge, ja zuletzt nach ſeiner Reiſe um die Tafelwelt den Inhalt der gro⸗ ßen Silberkanne des Schenktiſches in ſeinen unerſättlichen Schlund hinunter gießend. Was ſagt Ihr zu dem Helden ohne Gleichen? lachte der Pommerherzog. Und ſchauet hin, er ſitzet wieder ſteif in ſeinem Seſſel, und würde beim Ringſtechen mit ſeinem Speer keinen Fehlſtoß thun, und paßte der Ring an einen Jungfrauenfinger. Aber er hat einen Kamera⸗ den dort, einen Menſchen von Ahornholz gezimmert, der zu ſeinem Wächter geſetzt worden, damit er die Flüſſe und Seen nicht trocken trinkt in ſeinem allmächtigen Gedürſt. Wahrlich der da hat in Langweile über Eure 6 394 Komödia ſchon Unheil angerichtet; ein Halbdutzend Meſ⸗ ſerklingen liegen in Stücklein zerbrochen vor ſeinen eher⸗ nen Fingern und ſeinen Silberteller hat er aufgerollt wie ein Pergamentblättlein. O verzeihet die Unbill des Gaſtes, Herr Markgraf; und zur Strafe, Krockow, hole ſchnell für dieſe edele Geſellſchaft neuen Vorrath vom Kellermeiſter, da uns Dein durſtiger Kamerad arm ge⸗ macht.— Und ein dürrer, mächtiger Geſell erhob ſich ernſt, und ſchritt hinaus, und erſchien bald kerzengerad und rü⸗ ſtig drei gefüllte Tonnen tragend zugleich, zwo in den Händen und unter jedwedem Arm eine halbe, die er mit Bequemlichkeit an den Schenktiſch niederlegte. Iſt's nicht ein unbezahlbarer Dienſtmann und eben⸗ falls ohne Gleichen in Eurer Mark? lachte wiederum der Pommernherzog wie triumphirend. Dieſer nützliche Kamerad fouragirt allein für einen ganzen Heerbann; fällt auf dem Marſch ein Maulthier, geht uns nichts von der Ladung verloren; ziehen wir zu einer Luſtpar⸗ tie in den Wald, ſo trägt er den Schlaftrunk für unſere ganze Compagnie hinterdrein; und wäre dieſer Goliath mit uns in Pyritz geweſen, hätte ſein Rieſenfuß viel⸗ leicht ſich ein nächtig Fetzenbett von Euren Adlerfahnen zuſammen getreten.— Die Brandenburger Ritter ſahen ſtutzig und finſter auf ihren Prinzen, doch Markgraf Johann lächelte gů⸗ tig zum ungeziemenden Scherz; man ſah ihm aber die Freude an, mit welcher er die Trompetenſtöße der He⸗ rolde hörte, welche von der Stadt heranreitend die Ge⸗ ſellſchaft zu ernſtern Feſtlichkeiten luden, und zu rechter Zeit das Frühmahl unterbrachen. ——,—— 395 Durch die Gaſſen Prenzlows ritt eine kleine Stunde darnach der Herzog Bogislav, und die zuſammengelau⸗ fenen Bürger ſtaunten nicht ohne große Theilnahme den jungen Herrſcher an, welcher erſt ſo kurze Zeit ſein Re⸗ giment angetreten und doch ſchon ihrem unbezwinglichen Kurfürſten zu ſchaffen gemacht, und von dem das Ge⸗ rücht manche kühne Waffenthat erzählte. Der Zug hatte dazu etwas Eigenthümliches, was dem Volke neu war⸗ An ſeiner Spitze ſah man eine ſchwergerüſtete Schaar pommerſcher Reiter, durch einen von Wopersnow be⸗ fehligt. Dann ritt zunächſt der Kanzler der Herzog⸗ thümer, der ehrwürdige Corvin von Kleiſt, im vollen Schmuck ſeiner Würde, von zwei reichgeſchmückten Rit⸗ tern beſchützt. Ihm folgten zu drei gereihet neun ade⸗ lige Fahnenträger, die Banner der pommerſchen Pro⸗ vinzen entfaltend: da prangte auf blauer Seide der Stettiner Greif mit ſeinen Löwenfüßen; in Weiß der rothe pommerſche Greif mit goldenen Klauen; auf ro⸗ ther Seide Camins filbernes Ankerkreuz; auf gelber Seite der ſchwarze Greif von Caſſuben, wie im Silber der bunt und grün geſtreifte Greif des Landes der Wen⸗ den. Dicht dahinter ragte auf ſeinem rieſigen Rappen der hünengleiche von Krockow hervor, die große Blut⸗ fahne des Reichs ſeinem jungen Herzoge vortragend, der auf ſeinem Goldfuchſe, deſſen Stirn ein buntes Fähnlein zierte, gar ſtattlich anzuſchauen war in ſeinem rothen, mit weißen Puffen benäheten Fürſtenkleide. Hinter ihm trug Henning Langen in Knappentracht Lanze und Schild, und ein Haufen pommerſcher Edelleute in reicher Feier⸗ tracht drängten ſich nach, ordnungslos ihre muthigen Hengſte tummelnd zu Luſt wie zum Schrecken der an⸗ drängenden Volksmaſſe. 396 Bogislav ſchauete weniger frei als ſonſt umher; ſein Herz war beklommen; erhitzt von den Tafelfreuden zo⸗ gen dennoch düſtere Bilder durch ſeine Phantaſie, und er gedachte des Vaters Langen und des Ohms Wratislav, und wünſchte Beide an ſeine Seite. Jener war ver⸗ ſchwunden geblieben, obgleich der Herzog das ganze Pommerland hatte nach ihm durchforſchen laſſen; Die⸗ ſen hatte er vermieden, in ſeiner Burg zu beſuchen, denn eine innere Scheu vor dem Tadel des alten, unbeugſa⸗ men Friedenfeindes preßte ſein Herz, und mit Beklem⸗ mung dachte er an die nahe Begegnung deſſelben. Als jetzt der Zug angelangt an der Pforte des Stadthauſes, empfing Markgraf Johann den Herzog; Alle ſaßen ab, und in gleicher Ordnung bewegte man ſich die breite Steige hinauf bis in den großen Rathſaal, deſſen pracht⸗ volle Auskleidung die Augen der Eintretenden ſichtlich überraſchte. Koſtbare Tapeten, in welche die Farben und Waffen des Brandenburger Hauſes gewebt waren, deckten die Wände. Schwere Gewinde von friſchem Laubgrün ſchlangen ſich um die Pfeiler. Das mächtige Banner, in dem der rothe Adler mit dem ſchwarzen burggräflichen Löwen gepaart dräuete, ſenkte ſich zu dem vergoldeten Lehnſeſſel hernieder, auf dem Kurfürſt Al⸗ brecht Platz genommen, neben ihm die Herzöge von Mecklenburg und Sachſen und der Hovetmann der Mark, der tapfere Pappenheim, und der Fürſtenfreund, der edle Schulenburg. Den Hintergrund füllte ein zahlloſer Doppelkreis der Edelſten der Mark und des Frankenlan⸗ des, die ahnenreichen Seinsheimer, die goldreichen Grum⸗ bacher, die Seckendorfer, deren Söhne allein einen Heer⸗ bann bilden konnten, die ſtolzen Einheimer, die von Slieben und Bredow und die Erb⸗ und Hofmarſchälle 397 von Putlitz, von Voß und von Fuchs, und auf erhöhe⸗ ten Tribünen ſchimmerte ein Kranz von Frauen und Fräuleins im Sammet⸗ und Steinſchmuck, das Schöne bringend zu der Kraft, und über ihr thronend als die be⸗ lebende und beherrſchende Seele.— Bogislav's ſcharfes Auge überflog die Verſammlung, und ſtutzig fragte er: Wo iſt der Herzog von Stettin? Aber ſchon begann ſein Kanzler den Spruch, und bat um die Belehnung, und verſprach das Gelübde der Treue; und als der Kurfürſt ſich erhoben, verlas Werner von Schulenburg mit lauter Stimme die Lehnspflicht, welche alſo lautete: „Ihr ſollet huldigen, geloben, ſchwören und thun eine rechte Erbhuldigung dem durchlauchtigſten Fürſten und Herrn Albrecht, Markgrafen zu Brandenburg, des heiligen römiſchen Reichs Erzkämmerern und Kurfürſten, und ſeiner kurfürſtlichen Durchlaucht männlichen Lehns⸗ und Leibeserben von Lehns und Unterthänigkeit wegen getreu, gewärtig und gehorſam zu ſein, Seiner kur⸗ fürſtlichen Durchlauchtigkeit Frommen und Beſtes zu werben, Nachtheil und Schaden zu wenden, auch die Lehne zu verdienen und nirgend wo anders zu verrechten, und Alles das zu thun, was ein getreuer Lehnmann und Unterthan ſeinem Erb⸗ und Lehnherrn zu thun ſchuldig iſt.“ E2 Graf Pappenheim ſetzte alsdann mit ſeinem tiefen Commandotone hinzu: Der gnädigſte Kurfürſt erläßt Fußfall und Lehnseid auf das Evangelienbuch, und Durchlaucht will Genüge haben an Unterſchrift und Handſchlag.— Herzog Bogislav hatte auffallend zerſtreuet in Mitten des Halbkreiſes geſtanden, den ſeine Fahnenträger hinter 398 ihm gebildet, und auf die Vorleſung kaum Acht gegeben. Der Gegenſtand, der ſein ganzes Weſen gleich nach dem Eintritte gefeſſelt, verdiente dieſe Ausſonderung mit Recht; es war des ruhmgekrönten Albrechts Heldengeſtalt. Auch im vorgerückten Lebensalter, im grauen Lockenhaupte gab der Kurfürſt das ſchönſte Bild fürſtlicher Majeſtät. Die männliche Geſtalt war nicht gebogen durch der Jahre Druck; man fand es noch ſehr glaublich, daß er zu den ſchönſten Männern ſeiner Zeit gezählt worden; eine Ju⸗ piters⸗Stirn, der edle Geſichtsſchnitt eines Antonius, das kluge Auge Marc Aurels einten ſich, um auf Jedweden, der ihn zuerſt ſah, einen unwiderſtehlichen Eindruck zu machen, und die zahlloſen Narben, welche dieſes Helden⸗ antlitz durchkreuzten, verbunden mit der Feſtigkeit ſeiner Stellung und dem feinen Anſtande in jeder ſeiner Be⸗ wegungen, verkündeten den Mann, welcher mit gleicher Sicherheit auf dem blutgetränkten Boden der Völkerſchlacht wie auf dem glatten Eſtrich des Kaiſerhofes gewandelt, und gewohut worden, in den höchſten Sphären des Men⸗ ſchenlebens ſich zu bewegen, und dieſes Alles zuſammt beugte auch das ſtolzeſte Haupt in unwillkürlichem Re⸗ ſpekt, und ſelbſt das roheſte Gemüth empfand gezwungen den Zauber ſeiner Nähe. Der junge Pommernherzog war ebenfalls dieſem Zau⸗ ber nicht entgangen; unaufmerkſam auf alle Umgebungen, feſſelte ſein Auge wie ſeinen Geiſt dieſer Einzige; er vergaß die Urſache ſeines Hierſeins, und verglich eben dieſe Geſtalt voll Adel, Milde und Kraft mit dem Bilde des ſtarren, herzloſen, verwitterten Ohms, den alten, ehrwürdigen Leuen mit dem rauhen, orgraueten Urbär, da weckte ihn des Pappenheims Sturmſtimme unange⸗ nehm aus ſeinen Träumen, und als ſogleich nachher der 399 Kurfürſt ſeinen Blick feſt auf ihn richtete, zu ihm her⸗ unter ſtieg von ſeiner Eſtrade und mit den gütigen Wor⸗ ten:„Und ſo, lieber Vetter, verleihe ich Euch hiemit Land und Leute!“ die rechte Hand gegen ihn ausſtreckte, da fühlte er die breite Bruſt zuſammengeſchnürt wie von einem Eiſenreif, eine helle Flamme ſchlug ihm her⸗ auf über das ganze Angeſicht, vor ſeinen Augen blitzte es zuckend hin und her, und mit rauhen, widrig gellen⸗ den Tönen rief er heftig: Nein, ſo ſei es nicht geredet! Fußfall? Unterthänigkeit? Vaſalleneid? Da ſollten eher dreimal ſieben Teufel durchfahren!— Hinaus, meine Mannen! Sehet dort hin! Der alte Wratislad dräuet uns! Hinaus und hinter mir nach Paſewalk!— So drehete er den in Erſtaunen verſtummenden Für⸗ ſten und Herren den Rücken, warf ſeine eigenen Banner⸗ träger auseinander, fuhr wie ein Sturmwind draußen durch die Trabantenwache, ſtürzte einem Unſinnigen gleich, dem Jedermann auswich, die Steige hinab, hinaus auf den Markt, und riß dem Knappen den Zügel ſeines Leib⸗ roſſes aus der Hand. Da erſtarrte auf Einmal die Fauſt, welche in die goldenen Mähnen gegriffen und der Fuß, der ſchon den filbernen Steigbügel berührt. Sein Auge haftete, in die Höhe gerichtet, auf einem unerwarteten Gegenſtande. War es Wahrheit oder Traum ſeiner wirren Sinne? Die Dame aus der Wetternacht am Plöniſchen Moor, ſeine Freundin aus der Fiſcherhütte ſtand an einem Fen⸗ ſter, und ſah mit leuchtenden Augen, mit hochbrennenden Wangen, die ihre Schöne erhöheten, ſichtlich überraſcht gleich ihm, herleder. Im Prunk des höchſten Standes, die Locken durchflochten mit dem Demantenkranz ſtand ſie da, und ſchon drängte ſich Freudenruf, Gruß und 400 Herzensfrage auf ſeine Lippe, da erſchien des mond⸗ vleichen Doktors neugieriges Geſicht neben ihr im Fenſter, und mit einem halblauten Fluche riß Bogislav gewaltſam ſeine Augen fort von dem verführeriſchen Anblicke, ſchwang ſich mit Haſt in den Sattel, ſchlug die Sporen mit grauſamer Wildheit in die Weichen ſeines Thieres, und fort flog er im ſauſenden Galopp durch die Gaſſen von Prenzlow, begleitet von dem Schreckensgeſchrei der flüch⸗ tenden Bürgerweiber und der ſtrauchelnden Kinderſchaar. Welch ein Tumult füllte das Stadtthor?— Unmög⸗ lich konnten das Gäſte ſein, die zum kurfürſtlichen Feſte geladen, denn ſie hatten die hochzeitlichen Kleider vergeſ⸗ ſen. Lanzenreiter, deren Eiſenzeug zuſammt den dampfen⸗ den Roſſen mit Staub und Schmutz verunreinigt; ein Ackerwagen zwiſchen ihnen, deſſen Strohſitze drei Men⸗ ſchen in fremdländiſcher Tracht beſetzt hielten, und in deſſen hinterm Raum ein Kriegsmann lag, geknebelt wie ein wüthiges Schlachtvieh, das man der Metzgerbank entgegen ſchleift; hintennach eine Rotte Reiſiger, unter⸗ miſcht von gefangenen Wappnern, die mit auf den Rücken gefeſſelten Armen und mit Stricken an die Steigbügel der Reiter gebunden, Jagdhunden gleich nebenher ſchrit⸗ ten; daraus beſtand der Menſchenknäuel, welcher das Thor dergeſtalt verſperrt hielt, daß der junge Pommern⸗ herzog, der einzelne Reiter, welcher bis hier, ohne Rück⸗ ſchau und Kümmerniß um ſein Geleit, ſeinen Flugritt fortgeſetzt hatte, gezwungen ward, mit Widerwillen und Unmuth ſeinen Hengſt anzuhalten. Doch ſein Groll wich der Ueberraſchung, als er aufgeſchauet, und die Ankömm⸗ linge erkannt. Da ſaß auf dem Wagen Hans Langen, ————..bee 401 ſein braver Pflegevater; da ſaß neben ihm die ſchöne Meſtove, und vor ihr auf niedrigem Sitze Olf, das weißumlockte Haupt ſtatt der glänzenden Schellenkappe in ein blutbeflecktes Tüchlein gewickelt, und in dem Gekne⸗ belten erkannte des Herzogs Falkenauge auf der Stelle den ſchwarzbärtigen Polengrafen von Czyrn, der bei ſeinem Anblick das wilde Antlitz auf das Gräßlichſte verzerrte und ſeine Zähne wie ein Toller in die Leiter des Wagens verbiß. Der Herzog verſtummte; aber Meſtove ſtreckte ihm die Arme entgegen und Vater Hans erhob ſich vom Sitze und rief ihn an mit einer Stimme, in welcher Freude und Verwunderung zugleich erklang. Wohin, mein Herzog? rief der Alte. Wollet Ihr enteilen, eben da wir angelangt, Zeugen und fröhliche Zuſchauer Eures Friedenfeſtes, Eures Brauttages und der Stunde zu ſein, wo Ihr als Reichsfürſt wie aus Kaiſers Hand zu ſicherm Lehn empfangt, was Eure Väter Euch vererbten?— Sich beſinnend fuhr der Herzog zornig im Sattel empor. Nichts von Lehn, nichts von Unterwerfung! brauſete er heraus mit kurzem Athem. Man wollte mich bethören, umgarnen, berauſchen mit eitelm Spiel. Aber gute Geiſter warnten mich zu rechter Zeit. Als der ſtolze Kurfürſt herabſtieg von ſeinem Stuhle, da ſah ich den Ohm Wratislav ſtehen hinter ihm, lang und kreidebleich wie ein Nachtgeſpenſt, und ſtarr blickte mich ſein roth⸗ glühend Auge an, und mahnte mich durch dieſen Zorn⸗ blick an das Verſprechen, das ich ihm im Saale zu Stettin gethan, und das ich zu brechen geſonnen im Taumel einer ſeltſamen Bezauberung. Der Ohm kam nicht auf des Kurfürſten Ladung, und hat ſeinen umge⸗ änderten Willen dadurch kund gethan. Darum wendet Blumenhagen. X. 26 402 Euren Wagen und folget mir hinaus aus dieſem dumpfi⸗ gen Gefängniß, hinaus nach Stettin, mit dem Ohm zu ſtehen, und mit ihm eher unterzugehen, als ſich zu beu⸗ gen der fremden Gewalt.— Der Narr erhob ſich mit ernſtem Geſicht. Habt Ihr den alten Herzog heut geſehen, ſagte er feierlich, ſo habt Ihr ſicherlich in eines Geſpenſtes Augen geſchauet; und wohl mag ihn die Unruhe daher getrieben haben, gut zu machen ſeine unglückliche Verweigerung. Ein Wetterſtrahl fuht in den grauen Thurm zu Stettin und erſchlug den Herzog Wratislav, und im Sankt Marienſtift liegt er begraben.— Ein Schrei des Entſetzens tönte aus der Bruſt des jungen Herzogs, ſein Haupt neigte ſich, alle ſeine Glie⸗ der ſchienen zu erſchlaffen, und die hohe Geſtalt ver⸗ kürzte ſich, und man ſah ihn mit Mühe ſich im Sattel halten, indem ſeine Lippen lallten: Todt der Ohm? Ohne Abſchied? Ohne Beichte und Abſolution? Und ich allein? Einſam, verwaiſet, der Letzte meines Stam⸗ mes?— Muth, mein junges Heldenblut! ſprach da Hans Lan⸗ gen mit kräftigem, väterlichen Tone. Ihr ſteht nicht allein; neben Euch, um Euch ſind Freunde die Menge, und hinter Euch harret ein zahlreiches getreues Volk, mächtig und feſt zu Schutz und Trutz, aber auch fordernd von Euch feſtes Glück und ſegnenden Frieden. Nieman⸗ den habt Ihr mehr Rechenſchaft zu geben auf Erden als Gott, dem Kaiſer und Euch ſelbſt; darum ermannet Euch, und thut, was Euer edles Herz längſt als das Beſte erkannt. Hat doch der Papſt ſein Reich vom hei⸗ ligen Apoſtel empfangen, und vom Papſt der Kaiſer, und vom Kaiſer der Kurfürſt. Iſt doch in der Natur der 403 Aar über dem Edelfalken und dieſer über dem Stoßvogel; wie ſollte denn in der Menſchenwelt die Ordnung fehlen dürfen? Kehret um, mein Herzog, und befinnt Euch! Vater Hans iſt ein wackerer Pommer, und zu ungerech⸗ tem und ſchimpfirendem Rath würde ſeine Zunge ſtumm bleiben wie das Grab ſelber.— Bogislav ſchöpfte ſchwer Athem, doch ſich ermannend, fragte er mit unſicherer Stimme und wie ausweichend: Aber wie kommt Ihr hieher? Was warf Euch Alle zu⸗ ſammen? Und wo hieltet Ihr Euch verborgen ſo 1 8* Und warum liegt dort der ſtolze Günſtling meiner t⸗ ter gebunden gleich einem wüthigen Auerochs 2— Schnell beſonnen und bedenkend, daß dem Herzoge Zeit nöthig, um die gehörige Faſſung zu gewinnen, nahm Olf das Wort, und erzählte mit raſcher Zunge, was folget. In jener wüſten Wetternacht, in welcher Bogislav durch das tiefe Moor den Rettungsweg gefunden, hatte der alte Langen und Meſtove im beſtimmten Dorfe ängſt⸗ lich auf ihn geharrt. Aber wie der Herzog damals auf eine unerwartete Geſellſchaft geſtoßen, ſo hatten auch ſie ein Begegniß, welches jedoch nicht ſo günſtig ausging wie das ſeinige. Semovit von Czyrn, der heißblütige Polengraf, ſaß in jener unruhigen Zeit nicht ſtill zu Rügenwalde, ſondern ſtreifte mit einem Haufen wilder Söldlinge, theils im Auftrage der Herzogin Sophia, deren Stolz noch immer herriſche Hoffnungen hegte, theils auf eigene Fauſt an den Grenzen umher, und viele der verſchrieenen Gräuelthaten in der Mark waren auf ſeine Rechnung zu ſchreiben, denn es lag in ſeinem eigenen und ſeiner Herzogin Vortheile, den jungen Pommerfür⸗ ſten immer verhaßter zu machen bei dem RNachbarvolke, 404 die Kriegsbrunſt immer höher anzufachen, da aus ihr dem Herzoge nur Verderben und vielleicht ſelbſt der heiß gewünſchte Untergang erwachſen konnte. Um Kundſchaft von den Belagerten in Pyritz einzuholen und vielleicht den Kurfürſtlichen einen nächtlichen Schwerthieb zu ver⸗ ſetzen, führte Semovit ſeine Mannſchaft bis zum großen Moor, wurde jedoch durch das ungeſtüme Wetter ge⸗ trieben, ein Obdach zu ſuchen, und nahm es in demſelben Bauerhauſe, in welchem die Lantzker Leute ihren Flücht⸗ ling erwarteten. Der Polengraf erkannte auf den erſten Blick den alten Freiſaſſen, welcher einſt den Zorn ſeiner Herzogin auf ſich geladen und heimlich in ſeinem Neſte die von ihr verſtoßene edle Brut gefüttert; mit unge⸗ bändigter Wuth fiel er durch Wort und Fauſt den Alten an und rief dem teufliſcheſten Paar ſeiner Reifigen den Befehl zu, ohne Verzug und mitten im Ziſchen und Flammen der Blitze den greiſen Verräther an den näch⸗ ſten Baum zu knüpfen. Kreiſchend umſchlang Meſtove den Vater; gänzlich verwirrt durch den Anblick der ſcheußlichen Männer, die ſchon die gelöſeten Zügelriemen nach dem Halſe des geliebten Greiſes warfen, ftürzte ſie zu den Füßen des Polen, wand ſich wie ein getre⸗ tener Wurm am Boden, winſelte um Gnade, und ver⸗ ſprach ihm den Dienſt der leibeigenen Magd für des Vaters Leben. Sie hatte ihr Geſchlecht verrathen, doch dadurch den Alten gerettet. Des Grafen Begier wurde wach im Anſchauen des ſchönen Geſchöpfs, das er zu⸗ vor nicht der Acht werth gehalten, und er führte Beide gefangen mit ſich; als er am Morgen ſich durch ein ihm an Zahl weit überlegenes Brandenburgiſches Streiſcorps von der Straße nach Stargard abgeſchnitten ſah, ſo warf er ſich gegen den Oderſtrom, und verfolgt von den ————————————— ————————————hhn 405 Feinden ritt er mit ſeiner Beute am Fluſſe hinab und fand glücklich Schirm hinter den Wällen Stettins. Die Eile des Fluchtrittes hatte ihn nicht gehindert, in der Geraubten mehr als die gewöhnliche Dirne zu erkennen, und ſeine Begier nach ihrem Beſitz wandelte ſich dadurch in jene Art von Leidenſchaft, die im Ge⸗ müth eines mächtigen Wüſtlings das ſichere Verderben ſeines Opfers in ſich zu bergen pflegt. Aber der Polen⸗ graf hatte auch neben ſeinem Ungeſtüm die Schlauheit ſeines Volks. Er fürchtete den ſtrengen, rohen, doch auch gegen ſein Volk gerechten Wratislav; darum hielt er die Gefangenen in der Herberg ſeiner Geſellen ver⸗ ſteckt, quälte jedoch nur zu oft in den Stunden, wo ihn der alte Herzog nicht feſthielt, das arme Mädchen mit ſeinen Anträgen, die er Liebe ſchimpfte, mit ſeinen Drohungen, ſeinem Wüthen, da ſie ſtandhaft und Zür⸗ nen auf der Zunge, wenn auch Marterangſt im Herzen, ihn abwies. Olf, der Narr mit ſeiner erprobten Men⸗ ſchenkenntniß und ſeinem Spürerſinn, bemerkte bald et⸗ was Beſonderes und Verändertes in dem Weſen des Polen, mit welchem er ſo lange zu Rügenwalde gelebt. Semovits unverhehlte Unruhe, ſein unſtätes Treiben in den Sälen der Burg, ſeine öftern, unnöthigen Gänge in die Stadt waren dem ehemaligen Leben des beque⸗ men, die Tafel⸗ und Becherfreuden über alles lieben⸗ den Schwelgers fremd. Er forſchte ſchlau; der Narr, längſt durch ſeine gutmüthigen Späße zum Freunde und Rathgeber des Burggeſindes und ſelbſt der Stadtbürger geworden, hatte in kurzer Friſt mit Entſetzen das Ge⸗ heimniß enthüllt. Aber vergebens rang er nach einem Rettungsplane, da er durch jeden offenen Gewaltſchritt das Leben ſeiner beſten Freunde befährden konnte. 406 Da erſchien auf der Burg ein Eilbote des Herzogs Bogislav, den geſchloſſenen Frieden ankündigend; da ritt bald darauf der Junker Marx von Than in das Schloßthor, ein Pergament vom Kurfürſten überbringend. Das Blut des alten eiſigen Herzogs ſiedete hoch auf in tobendſter Jugendbrunſt, nachdem ihm der Kapellan den Inhalt des Pergaments ausgedeutet. Schnaubend wie ein zottiger Braunbär, den man bei dem leckeren Raub⸗ mahle ſtört, wies er mit ungeziemender Rede den Bot⸗ ſchafter aus der Burg, und als der Junker ſich betroffen entfernt, machte er in gottesläſternden Flüchen ſeinem Ingrimm Luft, verwünſchte ſein Alter und die entmark⸗ ten Knochen ſeines Leibes, und verſchwor ſich, eher un⸗ ter dem ſtürzenden Thurm ſich zu begraben, als dieſem hochmüthigen fränkiſchen Burggrafen ſeinen Willen zu thun. Kaum waren die Worte vom bärtigen Munde des Herzogs entflohen, ſo fuhr ein Wetterſtrahl aus einer über die Burg hinziehenden nachtſchwarzen Wolke durch die krachende Decke, ein ungeheurer Donnerſchlag machte das ganze Gebäu erbeben: Wratislav lag erſchlagen vom Blitz, der an Suantepolks Rüſtung, unter welcher er geſeſſen, herabgefahren, der Polengraf taumelte be⸗ täubt gegen den Pfeiler, und Olf, der Narx, ſtand allein unverſehrt in der ſchwefelgelben Lohe und ſchaute mit geblendeten Augen auf das ſichtliche Gottesgericht. Als er hinaus eilte, Helfer und Arzt zu rufen, ſtanden dem Klugen ſofort die Folgen dieſes Ereigniſſes vor dem Geiſte, und er ſandte augenblicks einen Knaben aus der Stadt, hinter dem märkiſchen Junker drein, und ließ dieſen dringend bitten, mit ſeinem Geleit in der nächſten Holzung auf Nachricht zu harren. Des Narren Witz hatte das einzige Mittel zur Ret⸗ tung gefunden, und es ergriffen zu rechter Zeit. So wie man ſich vom Tode des alten Herzogs überzeugt, verſammelte der Graf von Czyrn ohne Aufſchub die Oberſten und Hauptleute, und nahm Beſitz von dem Herzogthum Stettin Namens der Herzogin Sophia. Den unbeugſamen Bruſenhauer, den unverſöhnlichſten Feind der Märker, ſetzte er zum Schloßhauptmann ein, ließ dann den Rarren in Ketten werfen und machte ſchleu⸗ nige Anſtalten, mit ſeinen Söldnern Stettin zu verlaſſen, um ſelbſt ſeine Herzogin von Rügenwalde herbei zu ge⸗ leiten, zugleich ihr als ein willkommenes Geſchenk die beiden ärgſten Zerſtörer ihrer Hoffnungen zu überliefern, daß ſie das ſchöne Auge am rächenden Blutgericht wei⸗ den möge.— Es gab eine traurige Begegnung, als der alte Bau⸗ ersmann und ſeine Tochter den Wagen beſteigen mußten, auf welchem Olf ſich ſchon befand, als die Stadt hin⸗ ter ihnen lag, und ſie ſich jetzt ganz in der Hand des verrufenen Fremden wußten, der mit triumphirenden Blicken vor ihnen her ſein mächtiges Streitroß tummelte. Der alte Langen ſaß da in ſtummer Reſignation, die bleiche Meſtove betete ſtill mit gefalteten Händen, der Narr beſchauete jedoch mit liſtigen Blicken die acht Rei⸗ figen, welche den Wagen umgaben, athmete dann meh⸗ rere Male ſchwer auf und lugte mit den blöden Augen weit in der Gegend umher. Marx von Than hatte die Botſchaft nicht unbeachtet gelaſſen; wie er den Hofnarren von Stolpe her kannte, konnte der Gedanke an eine Myſtifikation oder eine Poſ⸗ ſenreißerei in ihm nicht aufkommen. Neugierig weilte er mit ſeinen Geleitsmännern im Holze und ließ durch eine Schildwacht im vorderſten Buſch die Straße zur 408 Stadt beobachten. Das junge, heiße Blut ſtieg ihm aufgährend in Bruſt und Kopf, als er herbeigerufen den Grafen Czyrn und das ſchöne Pommerndirnlein er⸗ kannte, als er ihre beiden Freunde mit Stricken an die Leitern des Wagens gebunden ſah und mit Schreck er⸗ rieth, wozu ihn der Knabe gerufen. Die Feinde waren um die Hälfte ſtärker an Zahl, doch es galt ja das Mädchen ſeines Herzens und die Zernichtung eines Bu⸗ benſtücks; ſo fiel er ohne weiteres Beſinnen, als das Gehölz kaum den traurigen Zug in ſeine Schatten auf⸗ genommen, aus ſeinem Verſteck hervor, und des deut⸗ ſchen Achilles liebſter Feldruf: Sankt Wilhelm und fränkiſch Schwert! ſchlug erſchütternd an die Ohren der überraſchten Gegner. Bequem hatten Czyrns Geſellen die Lanzen auf den Wagen geworfen, und ſo trafen die Speere der Anſprengenden ſie früher, ehe ſie ſich feſt geſetzt und die Schwerter entblößt; auch ſahen die Ge⸗ ſichter dieſer Söldner grimmiger aus als ihr Sinn ſich bewährte, der mehr auf Beuteluſt als Kriegsruhm von je gerichtet geweſen. Ihre Wehr fiel nicht mannlich aus und gab die Furcht kund, und nur der Polengraf ſchlug grimmig um ſich, gleich dem gewaltigen breitgehörnten Elenthier, wenn der kecke Jägertrupp es in den Süm⸗ pfen Litthauens aus ſeinem ſichern Lager aufſtört, und er machte anfänglich den Sieg des kühnen Junkers zwei⸗ felhaft. Doch eine Speerſpitze fuhr dem Polen zwiſchen den Bug ſeines Bruſtharniſches hinein, Thans Schwert zerhieb ihm die Zügelhand, ſo ſpornte er, ſich verloren gebend, ſein Pferd dicht gegen den Wagen und führte den letzten, wüthenden Hieb rachedurſtig nach den Kö⸗ pfen ſeiner Gefangenen. Eine kräftige Brandenburger Fauſt hatte ihn aber ſchon am flatternden Helmbuſch 409 gepackt, es entwich dadurch ſeinem Schwertſchlage die tödtende Sicherheit, und nur der alte Olf fühlte den ſcharfen Stahl an ſeinem weißen Hinterhaupte herabglei⸗ ten, doch ward der Kopf nur geſtreift, die Schulter nur leicht geſchnitten. Gepackt, herabgeriſſen, in den Sand getreten und mit den gelöſeten Banden wie ein wildes Waldthier geknebelt, ſah ſich der Wütherich zum ohn⸗ mächtigen Knaben gewandelt, mußte ſich unter dem Hohn der Sieger aller ſeiner Waffen beraubt fühlen, mußte es dulden, daß ſie mit ſpöttiſchem, ungewünſchtem Mit⸗ leid ſeine ſchweren Wunden banden, um ihn für einen größern Schimpf aufzubewahren.— Mit wachſender Theilnahme, unter dem Wechſelſpiele der verſchiedenartigſten Empfindungen hörte Bogislav der Erzählung zu. Jungfrauenräuber! Friedensbrecher! Hochverräther! rief er dann gegen den geknebelten Ver⸗ brecher hinüber. Du wirfſt dem Herzoge von Pommern nie mehr den Handſchuh vor die Füße, denn das Ziel Deiner Bosheit iſt dicht vor Dir, und ſollte auch das empfindſame Herz unſerer gnädigen Frau Mutter brechen darob.— Kümmert Euch jetzt nicht um den Sünder, fiel Va⸗ ter Hans dazwiſchen; ſchauet zurück, denn dort nehmen beſſere Männer Euch in Anſpruch.— Der Herzog wandte ſein Haupt und ſah den Fürſten von Mecklenburg und den Hauptmann Schulenburg im Trabe heranreiten. Setzet nur Eure Kriegstrompete vom Munde, Herr Werner, rief ihnen Bogislav entgegen. Es iſt uns ſchon gar weidlich der Kopf gewaſchen, und zwar von einer Hand, vor der wir Reſpekt haben, als gehörte ſie dem Papſt oder dem Kaiſer ſelber.— 410 Glücklicher Aufenthalt! entgegnete Schulenburg. So werdet Ihr kehren mit uns? O, wie konntet Ihr ſo ſchnell vergeſſen, was treuer Freundesrath in Pyritz und in Tempelburg zu Euch geſprochen? Eilet, Hoheit, um die Sorge des edeln Kurfürſten, die Unruhe der Prin⸗ zeß Margareth zu vernichten.— Der Prinzeß? Wer iſt ſie? Und wo? fragte raſch der Herzog.— Durchlaucht ſah Eure Flucht vom Fenſter des Flü⸗ gels, Margaretha, die Nichte unſeres kurfürſtlichen Herrn. Ich ſoll Euch erinnern an die Fiſcherhütte im Moor. Sie eben iſt die Braut, welche Euch beſtimmt worden, und ſie ſcheint die Wahl des Ohms beſſer zu würdigen als der flüchtende Bräutigam.— Eine flammende Röthe leuchtete auf an den Wangen des Herzogs, vor der die ſchöne Meſtove ihr bleiches Geſicht verhüllte. Mit raſchen, geſtoßenen Lauten, welche die Heftigkeit ſeiner innerſten Bewegung kund gaben, ſprach er: Reitet voran Durchlaucht und Ihr, Herr Wer⸗ ner, und nehmet meinen bunten, doch gar weiſen Nar⸗ ren mit Euch, daß er als mein Friedensherold erzähle und abbitte, damit uns die Scham und das Reuewort erſpart ſei.— Siehe, da läuft ja auch der Henning heran, und ſo ſind wir wiederum Alle beiſammen durch Gottes wunderbare Fügung. Herab zu mir, Vater Hans, und halte Dich dicht an meine Schulter, und kneipe mich derb, wenn der Trotz noch einmal ausbre⸗ chen möchte. Ihr, Junker Than, führet mir das liebe Schweſterlein ſorgſam und beſcheiden nach, und nun vorwärts unter Gottes Schirm, ehe die gute Stunde vorübereilet.— Während des Sprechens noch war er abgeſeſſen, hatte ſeinen Gaul einem Reiſigen gegeben, 411 und that jetzt den Weg, den er ſchon einmal gemacht, zu Fuß, ohne Prunk und mit beſcheidenerm Geleit, doch von fröhlicherm Zujauchzen des herbeigeſtrömten Vol⸗ kes begrüßt. Es gab den Zuſchauern einen überraſchenden Anblick, als der Herzog wiederum eintrat in den Saal des Stadt⸗ hauſes, den er kurz zuvor in trotzigſter Haltung und mit beleidigendem Feindeswort verlaſſen, wie der hohe, mächtige Jüngling jetzt beſcheiden und faſt gedrückt ſich zeigte, wie das Auge jetzt ſo milde ſtrahlte, und wie er mit vorgeneigtem Haupte durch die herabwallende Blut⸗ feder ſeines herzoglichen Hutes die Schamröthe der Wan⸗ gen zu verſchleiern ſuchte. Der Kurfürſt trat ihm mit Güte und vorgeſtreckter Hand entgegen. Kein Wort, ehrwürdiger Vetter! rief jedoch der Herzog mit Haſt. Thaten künden am beſten die Geſinnung! Und ſo ging er raſch zum Tiſch, nahm die Feder aus des Kanzlers Dand und ſetzte mit ſchneller Bewegung den Namenszug, mit dem er zu zeichnen gewöhnt, unter die Urkunde. Hängt das Wachsſiegel daran, Corvin! befahl er ſo⸗ dann, richtete ſich mit erzwungener Mannlichkeit auf, doch hatten ihn die Seinigen nie ſchöner geſehen als in dieſem Kampfe zwiſchen Beſchämung und Fürſtenſtolz. Der Kurfürſt ſtand ſchon wiederum oben auf dem erhö⸗ heten Platze, hielt in der Rechten ſein nacktes Schwert und empfing mit der Linken die pommerſche Reichsfahne aus der Fauſt des von Krockow, und zuſammengezogen die breiten Augbraunen, den flammenden Blick faſt ſcheu zu dem freundlichen Albrecht erhebend, ſchritt Bogislav zu ihm hin, indeß die Fahnenträger Alle ihm im Feier⸗ 412 ſchritt folgten und neu den Halbkreis ſchloſſen. Er faßte mit der Linken den Zipfel der Blutfahne, hob die Finger der rechten Hand gen Himmel und ſprach halblaut:— man hörte das Beben der Stimme— Ich gelobe und huldige! und der Kurfürſt gab ſchnell die Fahne weg, ergriff kräftig und treuherzig die Rechte des Herzogs, und indem dieſer ſich beugte und das entblößte Schwert küßte, alle Banner der Provinzen ſich über den Herzog ſenkten, rief er feſt und freudig und laut: Und ich gebe Euch und den Eurigen Land und Leute! und aus allen Winkeln des Saales fielen die ſchmetternden Fanfaren der Trompeter munter und rauſchend in das gewichtige Wort und der Keſſelpauken dumpfe Donnertöne hallten in endloſen Wirbeln von dem Gewölb und den Pfeilern wieder. Und jetzt für immer mein Freund, mein Sohn, und wili's Gott unſer Schlachtgefährte gegen jeden gemein⸗ ſamen Feind, ſprach Albrecht herabtretend von den Stu⸗ fen und ſeine Arme um des Jünglings Schultern ſchlin⸗ gend. Doch dieſer ſtand verſtummend in des väterlichen Fürſten Umarmung, denn als der Kreis der Fahnenträ⸗ ger ſich zurückgezogen, traf ſein Blick auf die ſchöne Margaretha, die mit ihren Damen eingetreten und we⸗ nige Schritte von ihm ihre Augen mit einem räthſel⸗ haften, faſt ſchelmiſchen Ausdruck auf ihn gerichtet hielt. Der Kurfürſt ſchien mit Wohlgefallen dieſes Augentur⸗ nier zu betrachten, und den Herzog näher führend, ſagte er: Es iſt nicht das erſte Mal, daß Ihr unſerer lieben Nichte, der Tochter des weiſen Friedrichs, nahe ſteht, aber ſie hat die gute Stunde verſäumt, eine wackere Kriegsthat zu thun und Euch in Feſſeln zu ſchlagen, wie es der Brandenburgerin wohl angeſtanden. Wir haben 413 nicht wenig mit der Landesverrätherin gegrollt deßhalb.— Der Anblick der Prinzeß hatte freilich die Glut auf des Herzogs Angeſicht nicht gemindert, aber den Druck, der auf ſeinem ganzen Weſen lag, in wunderbarer Schnelle fortgezaubert. Warum grollen deßhalb, Durchlaucht? fragte er frei und haſtig. Die Dame wußte nichts vom Kriegerhaß; Mitleid herrſcht in guter Frauen Herzen zu oberſt, und daß ſie den Pommern nicht abhold erſchien, daß ſie dem armen Pommerburſch davon half, machte damals mich beinah die arge Schmach in Pyritz vergeſſen. Doch da ich in jener Nacht wahrlich der Prinzeß Gefangener wor⸗ den, ſo mag die Prinzeß das Löſegeld beſtimmen, oder ich begebe mich der Freiheit und bleibe ihr eigen mit Seele und Leib.— Wer wagte, Euch zu halten? Wer möchte trauen dem weichen Wort im Munde des jungen, jähzornigen Stürmers? entgegnete Margaretha. Zu zweien Malen flohet Ihr den Ort, wo Ihr mich gefunden. Das Schwert ſei Eure Braut, habt Ihr geſagt, und welche Dame im deutſchen Reich möchte mit ſolcher Nebenbuhlerin rechten?— Es iſt mir ein ſchönes Lied vorgeſungen worden, fiel Bogislav mit Wärme ein; ich hielt es für eine rothe Beere, die man dem flüchtigen Waldvogel vorgehangen, ihn zum Käfig zu locken. Sprecht, Vetter Albrecht, iſt es Wahrheit? Hieltet Ihr mich werth, ein Sohn in Eu⸗ rer Familie zu werden?— Iſt auch die Außenſeite rauh und ſchimmerlos wie die Küſte unſeres Meeres, innen iſt's nicht ſchlecht und gottlos; fragt nur den Vater Hans dorten, der bis in den Grund hinunter getaucht. Oeff⸗ net Euren Mund, Vetter Kurfürſt! Macht mich klar; ich * 414 kannte ja zuvor nicht den Preis, den Ihr unter den Frie⸗ denszweigen mir aufbehalten!— So jung Ihr ſeid, ſo haben wir doch ein gar eigen⸗ willig Gemüth in Euch erkannt, antwortete lächelnd der Kurfürſt; und es möchte gefährlich ſein für die Ehre der geliebten Nichte, auszuſprechen, was unſer Herz gewünſcht und der Gehorſam unſerer Margareth bewilligt, denn unſere Ohren ſind noch erſchüttert von Eurem Fluchwort und Ihr wißt Euch Platz zu machen durch unſere Leib⸗ wächter.— Züchtigt nur, antwortete munter der Herzog; der Sün⸗ der hält der Ruthe ſtill wie ein machtlos Kind. Alſo ich darf— 2 Holde Dame, darf ich werben um Euch?— Die Prinzeß ſenkte das Auge, doch fuhr ihr Blick un⸗ ter der langen Wimper zu ihm auf und die feine Hand zuckte ihm unwillkürlich entgegen, und mit Ungeſtüm nahm er die Hand und preßte ſie mit faſt zu freier Derb⸗ heit gegen ſeine Bruſt.— Raſch ſich dann zur Seite wendend, durchlief ſein Feuer⸗ blick die Verſammlung. Die Stunde iſt eine glückliche, rief er, und wir wollen ſie nicht ungenützt vorüberziehen laſſen. Ihr wollet mein Lehrer ſein in der Regenten⸗ kunſt, durchlauchtiger Vetter, ſo erlaubt denn, daß ich eine Probe mache unter Euren Augen, und mein durch Euch geheiligt Recht übe ohne Verzug. Ein ſchwarzes Loos zuerſt zu werfen, heiſcht die Pflicht, fuhr er fort und ſeine Geſtalt dehnte ſich wieder aus in ihrer vollen Mannlichkeit und in jener Rieſenkraft, die ſeine trotzigſten Vaſallen vor dem jungen Heldenſohne ge⸗ beugt. Ein Hochverräther ward uns in dieſe Mauern gebracht, Graf Czyrn, Friedensbrecher und Rebell, der ſein Schwert mörderiſch nach dem Scheitel eines Pommern, —.———— 41⁵ nach einem uns gehörigen Manne gezückt. Des Verbre⸗ chers Athem ſchände nicht länger das Sonnenlicht dieſes Feſttages. Man ſchleife ihn auf den Markt, man ver⸗ ſchneide ihm Bart und Haar, man zerbreche ſein Schwert und Schild ihm vor den Füßen, und des Nachrichters rothglühend Eiſen zerquetſche die hochverrätheriſche Fauſt und das Henkerbeil lege des Frevlers Kopf in den Sand.— Um Gott, mein Herzog! rief die erbleichende Prinzeß, pfleget Ihr alſo Eure Feiertage zu ſchmücken 2— Soll der Regent nicht den Blutbann üben zuerſt zum Schirm der Seinigen und ohne fährlichen Aufſchub? fragte ſtutzig der junge Fürſt. Marx von Than drängte ſich vor. Ereifert Euch nicht unnütz, Hoheit, ſagte er reſpektvoll. So eben kam die Meldung: der Polengraf ſei für immer Eurem Zorne entflohen.— Verdammt! Mögen dreimal ſieben——! loderte Bogislav auf. Warum ſetzte ich nicht Pommern zu ſeiner Wacht? Sie hätten den Ehrenſchänder ihres Herzogs nicht aus dem Garne gelaſſen.— Und hättet Ihr ſelbſt die Hellebarde genommen, Her⸗ zos, Euer Wachtdienſt wäre nicht beſſer geweſen, ant⸗ wortete der Junker dreiſt und bitter; wer ſolche Thür zur Flucht ſich öffnen mag, den hält kein Menſchenwille und kein Rieſenarm. In der Verwirrung am Thor zerbiß der wüthende Czyrn mit ſcharfen Zähnen ſeine Bande und ſprengte unbemerkt dann die Binde ſeiner Wunde. Als man ihn vom Wagen hob, hatte ſchon die breite Bruſt all ihr Blut verſtrömt; aber auch da noch, mit ſtarren, gräßlichen Todesaugen, mit leichenbleichem Ant⸗ litz und röchelndem Athem ſchlug der grimmige Menſch, wie der otwunde Eber mit weißem Gewehr nach den 416 Hunden hauet, in letzter Kraft nach den Männern, die ihm Hülfe zu geben geſonnen. Ein ſtarrer, eiſiger Leich⸗ nam liegt er im Wachthauſe; wollet Ihr Beil und Blut⸗ gericht üben, müßt Ihr's thun an einem Todten, den Gott gerichtet.— Schade um das willkommene Spektakel, das dem Volke dadurch entriſſen, entgegnete Bogislav finſter; aber lächelnd ſetzte er hinzu, indem er die Hand der Prinzeß nahm und die ſichtlich Erſchütterte mit ſich weiter in den Saal führte: Glaubet mir, Hoheit, die Menge hat mehr Gefallen an ſolchem Schauerakt, als wenn ſie von fern neidiſch unſerer Tafel oder dem Reihentanz zuſchauen darf in Hunger und Durſt, welchen Bratenduft und Wein⸗ dunſt ſteigert. Aber beruhigt Euch; an Eurer Hand will ich jetzt weiße Looſe werfen, und Ihr ſollt zufrieden ſein mit Eurem Dienſtmann. Sehet, dieſer liebe Graukopf hier und der buntſcheckichte Schneemann dort mit der ehrenvollen Wundbinde waren die Schutzgeiſter, welche mir des Himmels Gnade geſandt in großer Noth. Beide find eigenfinnige Gläubiger und wollen nicht annehmen, was ihr Herzog ihnen ſchuldet. Aber ich nenne ſie hier laut die Freunde meiner Seele, und ſie ſollen Eingang haben in meinem geheimſten Kämmerlein zu Tag und zu Nacht, wie es ihnen gefällt, mir weiſen Rath zu geben, wo es Noth thun möchte. Den lieben Narren aber mache ich dazu frei von Schimpf und Hörigkeit; Vater Hans mag ihn pflegen in ſeinem Hauſe und gutes Koſtgeld ſoll ihm nicht mangeln.— Ja, ja, Prinzeß, fuhr er treuherzig fort, indem er Margaretha in dem Kreiſe der mit Theilnahme Horchen⸗ den weiter führte, wenige Prinzen auf der Erde mögen eine ſo ſchwere und bedrängte Jugend gelebt haben als ————— — 417 Euer glücklicher Geſpons ſie lebte, und ich habe mich oft mit dem erſten Könige von Rom verglichen, der in uralter Zeit geboren, wie man mir erzählt, und welcher ausgeſetzt in wüſter Wildniß von einer Wölfin geſäugt worden, nachher aber dennoch ſich zum mannlichen Helden hinaufgeſchwungen, von welchem noch jetzt die Welt redet. Ja, ich war auch ein ſolcher losgeriſſener, junger Zweig, der ins Meer geworfen umherſchwamm, bis er an einem fremden Ufer glücklich feſthing und Wurzel ſchlug. Aber ich glaube faſt, es thäte gut, wenn alle Prinzen eine ſolche Reiſe machten. Was ich dort gelernt und erfahren, mag faſt das Beſte ſein, was man an mir loben möchte. Doch eben deßhalb ſoll meine Dankbarkeit ſich nicht verſtecken. ueberdies ſtehe ich da, der Einzige des Stammes der Gryphonen, und Ihr, holde Dame, werdet nicht zürnen, wenn ich ſelbſt mir eine Familie zu erſchaffen verſuche.— Iſt der Vater Hans zu ſtolz und eigenwillig, und hat meine Dankbarkeit ſchmählich abge⸗ wieſen, ſo darf er doch nimmer verweigern, daß ich den Vater in den Kindern ehre. Tritt vor, mein Henning, Du Muſter einer erprobten, feſten pommerſchen Seele! Du haſt Deinen Herzog gedutzt, mit ihm zuſammen ge⸗ ſchlafen und Dich wacker gerauft mit ihm; Du haſt Knappendienſt bei ihm verrichtet und darfſt darum nicht kehren zu dem Pfluge, obgleich Du der beſte Pflüger hießeſt in ganz Hinterpommern. Herr Werner von Schu⸗ lenburg, dem ich, wenn es ihm recht, die Landeshaupt⸗ mannſchaft von Stettin anzuvertrauen geſonnen, mag Dich in die Lehre nehmen, und haſt Du die Knappen⸗ jahre durchgemacht, ſoll die Schulter, welche den Herzog getragen in der Nacht der Gefahr, der Ritterſchlag be⸗ rühren, und ein edel Geſchlecht, von Pflug genannt, ſoll Blumenhagen. XK. 2 418 Dich als ſeinen Ahnherrn dereinſt begrüßen.— Und auch Du tritt her zu mir, Du gutes Kind! Haben die kecken Herren mit den Federhüten Dich ſo eingeſchüchtert, daß Du erbleicht daſtehſt und die Augen, welche ſonſt ſo fröhlich leuchteten, zu Boden ſenkſt? Was zitterſt Du, wackere Magd? Sei gewiß, noch in dieſer Stunde ſollſt Du unter ihnen ſtehen dürfen frei und ſtolz, denn Bo⸗ gislav der Herzog nennet Dich Schweſter, und Du ſollſt edel ſein von jetzt an, edel wie irgend ein Fräulein iſt in meinen Herzogthümern; und die Grafſchaft Gützkow ſoll Dir einen fürſtlichen Brautſchatz geben.— Schüttele Dein Haupt nicht, Vater Hans, rief er hitziger. Dein Herzog nimmt Dir heute gewaltſam alle Deine Vaterrechte, und iſt ein Werber da für meine Gräfin von Gützkow, ſo mag er nicht ſäumig ſein, denn Herzogs Bogislav's Schweſter, die ſchöne Blume der Küſte, ſchöner durch ihren tugendſamen Wandel, wird nicht lange, meinen wir, des Brautkrönleins harren dürfen.— Mit heißglühendem Geſicht trat Marx von Than aus dem Gedräng der Ritter. Ei ſieh da, was will der Junker aus Stolpe ſchon wieder? fragte barſch der Herzog. Haſt Du wiederum die Flucht eines Erzfeindes zu berichten?— Darf ich Euch mahnen, Hoheit, an das Fiſcherhaus bei Pyritz, an Euer Verheißen in jener Wetternacht! ſtotterte der Junker mit lebhaften und doch unſichern Blicken.— Hoho, Jünkerlein, Dein Sinn ſteht hoch! lachte Bo⸗ gislav. Schmecken Dir die rothen Erdbeeren aus dem Lantzker Holz noch ſüß auf den dürſtenden Lippen? Aber freilich haſt Du mir dazumal zu Gaule geholfen, haſt ————— 22 4¹9 Dir die ſchöne Meſtove recht eigentlich erbeutet aus der Fauſt des polniſchen Bären und fie vom gewiſſen Ver⸗ derben errettet. Was ſagt Meſtove, darf ich unſerer ſchönen Schweſter Hand verſchenken und das Herz dazu?— Das Mädchen ſchlug ihre Augen wie Schonung fle⸗ hend zu ihm auf, wandte ſie jedoch ſogleich wieder ab von ſeinen Feuerblicken, wie ſchmerzlich durch ſie und tief getroffen, und flüſterte dann wehmüthig aber feſt: Eure Wünſche waren die meinen, Euer Wille mein Gebot; ich werde mein Gelübd des Gehorſams halten zu jeder Stunde.— So ſegne, Vater Hans! jubelte der Herzog. Denn das können wir nicht thun für Dich, und müſſen's mit Gott erſt lernen an der Seite unſerer holden Prinzeß, wenn der nächſte Maimond uns ehrbar findet und im friedſamen Hauskleide des ehrwürdigen Burgherrn auf dem Schloſſe zu Wolgaſt.— Der ſtille, horchende Kreis löſete ſich jetzt auf in ein lautes Getümmel der Glückwünſchenden, die von allen Seiten her ſich zu dem fürſtlichen Brautpaare und dem in Luſt berauſchten Junker Than herandrängten, der die verſtummte Meſtove mit Liebkoſungen und Dank und Schwüren beſtürmte. Der Kurfürſt Albrecht aber nahm indeß unbeachtet die beſiegelte Urkunde vom Tiſch und reichte ſie dem Markgrafen Johannes. Mit zufriedenen Mienen, aber gedämpfter Stimme ſagte er dazu: Die See iſt uns gewonnen, und mit ihr die Pforte geöffnet, aus welcher tauſend glatte Bahnen führen in alle Win⸗ kel der Welt. Werden auch wir ſelbſt nicht von den Früchten dieſes Gewinnes koſten, ſo wird doch eine Zeit kommen nach uns, wo unſere Urenkel mit Freuden zu⸗ rückblicken dürfen auf den Tag von Prenzlow. Flattern 420 ſehen ſie alsdann die Farben unſeres Hauſes auf den hohen Maſten zahlloſer Segelkähne, die, nicht mehr ge⸗ feſſelt an das enge Haff, den kühnen Schwanenzug thun durch Sund und Belt in das Weltmeer hinaus, und Brandenburgs Namen an alle Küſten und in die fernſten Zonen tragen. Ein unverſiegbarer Quell des Reichthums wird dann erſchloſſen ſein den Bürgern unſeres Landes, der vielleicht für einen höhern Schatz geachtet werden möchte als Alles, was unſer gutes Schwert an Ehre und Macht gewann.— — Die Bobler. Tiroler Bilder. Keiner von den zahlloſen Fremden, welche das ger⸗ maniſche Wunderland, den majeſtätiſchen Naturtempel Tirols zum Ziele ſeiner Forſchungen wählte, und vom manigfaltigſten Wechſel der Empfindungen fortgeriſſen, jetzt auf idylliſcher Wieſenflur in kindlicher Freude rief: Hier laßt uns Hütten bauen!— dort im einſam⸗düſtern Gehölz vom rauſchenden Waldbach durchbrochen, von wunderſamen Wehmuthſchauern ergriffen wurde, und bald darauf, indem er an ſchroffer Felswand vom ſchmalen Gebirgspfade den Blick hinauf warf auf die blendenden Ferner, die wie eine gigantiſche Stadt von Kryſtall mit Thürmen, Mauern und Zinken plötzlich in dräuender Rieſenſchönheit vor ihm erſchienen, von Schrecken und Entſetzen die kleine Menſchenſeele zuſammen gequetſcht fühlte, Keiner von dieſen kühnen Reiſenden wird es ver⸗ ſäumt haben, das Oetzthal zu beſuchen, welches in der kurzen Dehnung von ſechzehn Stunden alles Sehens⸗ werthe der reichen Grafſchaft in gedrängter und darum impoſanter Schönheit am Rande des Wunderlandes noch⸗ mals wiederholt, um gleichſam dem Fremden jedes Ver⸗ geſſen unmöglich zu machen. Mitten in dieſem werkwürdigen Längthale liegt ein ſtattlicher Ort, Lengenfeld genannt, ausgezeichnet durch ſeine anſehnlichen, bequemen Gebäude, mit Gärten und 424 Getreidefeldern umgeben, und von dem ſchäumenden, hoch⸗ brauſenden Fiſchbach in zwei Hälften getheilt. Der Ort bildet den Verein der Wohlhabendern des Oetzthals, die Reſidenz der Reichen, der Edelinge des Thals, die, wenn auch dicht neben ihrem Beſitzthum das gefahr⸗ dräuende Felsgebirg ſchroff aufſteigt, und aus ſeinen ſchaurigen Schluchten der rieſige Berggeiſt die ſchwarze Fauſt der Zerſtörung hervorſtreckt, doch dieſe Warn⸗ pfähle vergeſſend mit einer Art von eitelm Dünkel und ſich überſchätzendem Hochmuthe, welche überall zu finden, wo Menſchen wohnen, zu den Dörflern hinaufſchauen, die höher in den Bergen ihr Vieh weiden, oder gar dicht unter dem Schneeſaume und der Eiskruſte, die das Thal ſchließen, wolkenhoch in armſeligen Hütten der Natur ein dürftig Daſein abgewinnen. Schon hatte die Nacht die ſtattlichen Gebäude von Lengenfeld verſchleiert, und nur ein heimlicher Lichtſtreif der von den Eiskuppen her weithin durch's Thal ſtrich, machte den Goldknauf des Kirchthurms noch von fern erkennbar. Die Sonntagsfeier, welche ſich kein Tiroler nehmen läßt, war ſchon zu Ende, Jeder heimgegangen mit Weib und Kind, und gelöſcht jede Lampe; nur in dem Schenkhauſe an der ſchmalen Straße leuchteten die Fenſter noch, und wüſtes Geſchrei, Gelächter und Glä⸗ ſerklang verkündeten, daß einige Nachzügler die Sitte überſchritten und den morgenden Werkeltag vergeſſen hatten. Dieſe Leichtſinnigen, welche die dem Arbeiter nöthige Ruhe verſchmäheten, beſtanden aus einem Halbdutzend junger Burſchen, theils aus dem Orte, theils aus der nächſten Umgegend, und mitten in dem Kreiſe, den ſie um einen Tiſch geſchloſſen, der mit den Trophäen ihrer — 425 Thaten, geleerte Flaſchen und zerbrochene Gläſer, zer⸗ riſſene Spielkarten und im vergeudeten Getränk ſchwim⸗ mende Würfel, bedeckt erſchien, glänzte auf den erſten Blick derjenige dem Forſcher in's Auge, welcher heute ſich zum König dieſer Nachtfeier gemacht und der verführende Mephiſto ſeiner Freunde geweſen. Als ein Dandy und Putznarr ſtach er unter ſeinen ſchlichten rauhköpfigen Ge⸗ ſellen hervor, denn ſein Wamms war aus dunkelgrünem Sammet verfertigt, ein unerhörtes Staatsſtück zwiſchen dieſen Bergen, und der Stoff zu ſeinen Unterkleidern hatte ſein Daſein keinem heimiſchen Weberſtuhl zu danken, ſon⸗ dern mußte von einem Insbrucker Waarenlager ſtammen, und ſein grünes, gar feines Hütlein, trug außer den drei Auerhahnsfedern eine Schnalle von böhmiſchem Geſtein, ſo ſchwer in Silber gefaßt, daß ein Reichsgraf oder Prä⸗ lat ſich ſolches Schmuckes nicht hätte ſchämen dürfen. Die gedrungene, jugendkräftige Geſtalt des Geputzten paßte wohl zu ſolcher Ausſchmückung, auch trug ſein Geſicht charaktervolle Züge; doch wurde es dem ſchärferen Bev⸗ bachter ein Kalender voll ſcharfer Marken der ſchwarzen Tage, welche Leidenſchaft und Laſter ſchon auf ſolch jun⸗ ges Lebensblatt unauslöſchlich geſchrieben hatten. Träges Murmelthier! rief er jetzt mit einer von vie⸗ ler Anſtrengung rauh und heißer gewordenen Stimme, indem er Einen der Geſellſchaft, der das Geſicht auf die Arme gelegt, durch einen tüchtigen Schlag in das Genick erweckte. Faule Winterratte, ſteckſt Du ſchon Deine Naſe zwiſchen die fetten Pfoten, und es ſchlug noch nicht Mitternacht? Schimpfire nicht mich und des Wirthes Keller, oder es hat ein End' zwiſchen mir und Dir.— Der Geſchlagene fuhr erſchreckt und bös zugleich in die Höhe, riß die ſchlaftrunkenen Augen weit auf, ballte 426 die Fauſt und ſtieß einen Fluch aus, ſo daß ein ältlicher Mann, der vor Kurzem erſt eingetreten und an einem Seitentiſchchen ſein frugales Mahl von Käs und Brod verſpeiſete, vom Schemel aufſprang, und auch zwei an⸗ dere Fremde, die auf der breiten Bank am großen Ofen in ihre Mäntel gehüllt, im Schlafe gelegen, und in der dichten Qualmwolke der Tabakspfeifen bislang faſt un⸗ ſichtbar geworden, die Köpfe hoben und zur Tafel dre⸗ heten. Oho! fuhr des groben Weckers Stimme fort. Wan⸗ delt Dich eine ſeltſame Luſt an; möchteſt ſchlagringen mit mir im Mondſchein? Du ſpaßeſt, Brüderle, nicht wahr, mein Wiegenpüppchen? Schnackiſch genug kläng's im Thal, der Benjamin habe ſich an dem Adas verſucht? Geſchwind ziehe ein beſſer Schnäuzel. Ich bring Dir's zu! Des Adas Fäuſtel iſt nun einmal ſelbſt im Streicheln etwas derber Manier.— Der Geſchlagene faßte das dargebotene Glas und nahm beruhigt wieder ſeinen Platz ein. Wie ſeid ihr alleſammt mir heute ſo düſterlich und ohne Freud! begann nach einer Pauſe abermals der Vor⸗ ſprecher. Das Kreidetäfelchen des Wirths iſt noch lang nicht voll genug, um einem Feſte Ehre zu machen. Zapfe ein beſſer Faß an, Vater Anton, daß den Knaben der Muth wächſt. Will denn Keiner ſchnöderhaken, hat Euer Witz das Spottliedeln verlernt?— Auf wen ſollten wir die Wortbolzen ſchießen? fragte ein derber älterer Burſch zurück. Wir alle hier ſind eins mit Leib und Seel, und nur ein Narr richtet den Schuß auf ſich ſelbſt.— Ja, wäre nur der ſchmale Venter da, die dürre Tan⸗ nenſtange aus dem Gebirg, lachte Adas. Wir wollten 427 den armen Schlucker ſchon mürb reiben. Schade, Bruder Seppel, daß Du ihn auch auf der Stelle ſo grob zu ſei⸗ nen Raben und Geiern zurückgeſcheucht.— Was ſchimpfſt Du? antwortete mürriſch der Andere. That ich's, zeigte ich mit den Knechten ihm die Hausthür, ſo that ich's um Deinethalben. Wollte der Bettler vom kahlen Eisfeld Dir die Braut abſpenſtig machen, trug Verlangen nach der reichſten Dirn am Fiſchbach, und ich, der Bruder und Hausherr, ſollte das Auge zudrücken, als gölte es um einen ſchimmeligen Geiskäs, nach dem ein hungriger Heckenknabe ſeine Hand ausgeſtreckt? Wenn's die Agnes wüßt', wie wenig Du Dir daraus machſt, ſie würde noch toller ſich geberden, und Du könnteſt näch⸗ ſten Sonntag mit dem Pfarrer allein Hochzeit machen.— Narr Du, fiel Adas ein. Wenn Du ſchmauſeſt, ſchmeckt's Dir nicht noch einmal ſo gut, ſobald ein nei⸗ diſcher Hungerleider von der Schwelle her zuſchauet? Und was wär's um alle den Putzkram, den wir uns auf den Leib hängen, hätten wir nicht die Luſt an den neidiſchen Augen des Lumpenvolks, das am Wege ſteht, wenn wir vorbei ſtolzieren?— Wo iſt ein Burſch im ganzen Oetz⸗ thale, der ſich unterfinge, eine Hand an Adas Eigenthum zu legen? Hat der armſelige Bergſchütz um die ſchöne Agnes geworben, ſo wußte er ſicherlich nicht, daß auch ich nach dem Schätzel getrachtet, und daß er ſich ſo hoch verſtiegen, macht ihm Ehre, und ich bin ihm gut darum; einem wackern Aelpler iſt keine Firn zu hoch, hörte er droben einen Gemsbock pfeifen. Und für die Agnes ſelbſt wird mir nicht bang. Die Dirn iſt zu geſcheit, des alten Bub ſtattlich Gehöft mit dem elenden Stall zu vertauſchen, den ihr der Schütz aus Vent bieten mag, wo der Wind das Dach ſchüttelt zum Schlaflied, und der Schnee die „ 428 Fenſterritzen verſtopft. In meinem Geisſtall ſtände ihr Hochzeitbett bequemer und ſicherer.— Der Reiſende war von ſeinem Tiſchchen herangetreten und hatte zugehorcht. Mit Verlaub, ſagte er jetzt mit ernſtem Geſicht, Du biſt der Sohn von dem alten Bub, der auf der Höh' wohnt, dicht hinter Lengenfeld nach Huben hinauf?— Bin's, antwortete Adas, und was kümmert's Dich, daß Du ſo grämlich frägſt?— Habe Deinen Vater wohl gekannt, entgegnete der Mann, war ein frommer Weißkopf, der auf gute Zucht hielt, und in Rath und That den Nachbarn beiſtand.— Thut's noch, lachte Adas; auch ſeinem Sohne mit der That, denn ſonſt könnte er nicht traktiren, wie Du ſiehſt; mit dem Rath freilich bisweilen etwas unbequem, doch hat die Jugend dafür den Hut überm Ohr, und läßt die Alten grämeln.— Bin ſechs Jahre nicht heim geweſen, fuhr der Mann fort, habe im Sachſenlande gelebt, mit Decken und Ge⸗ ſtein und Lederzeug hauſiret, um Heirathsgut zu gewinnen für zwei Dirnen, die mir Gott geſchenkt; aber ſeitdem find mir die Menſchen aus der Kunde gewachſen, iſt mir's die Sitte im heimiſchen Thal noch mehr, und ich finde mich kaum wieder zurecht bei uns. Drunten im Land liegt der Feind; Schrecken, Jammer und Noth peitſchet die Landsleute mit Gottes Zuchtruthe in den Städten und auf den Plänen; hier geht's in Saus und Gebraus, als wäre kein Herrgott über den Fernern, und als könnte er das fremde Volk nicht herſenden in unſer Thal. Den Ruhetag feierten die Oetzthaler auch ſonſt geſellig und in gemeinſamer Luſt; aber am Sonntage Saus und Gebraus in die Nacht hinein treiben, das litten die Väter nicht, 429 und kein Burſch hätte ſeine Ehre ſo leicht gehalten, mit ſolch' ruchloſem Gelärm den Teufel herauszufordern.— Oho! rief laut lachend der Seppel. Du biſt ein gar komiſcher Menſch, daß Du den Schnack, den Du auf Reiſen eingelernt, gleich am erſten Tag wiederum aus⸗ packſt vor Fremden, die Dich nicht um Deine Hiſtorien gebeten. Sieh Dich vor, ſind wir auch gar gutmüthige Burſchen, der Adas Bub iſt ein Hitzkopf und der beſte Robler im Thale, dem noch kein zwanzigjähriger Aelpler im Balgen feſtgeſtanden.— Laß mich dem Kauz antworten, fiel Adas ſpöttiſch ein. Für einen Teppichhändler drücke ich nicht einmal den Daumen in Hand; aber ich will ihm antworten in ſeiner Weiſe. Wir ſchimpfiren den Sonntag, ſo meinſt Du, Graukopf? Hätteſt uns Alle, wie wir da find, heute in der Kirche ſehen können. Aber wofür iſt die Kirche, und wofür wird der Pfaff bezahlt? Wir haben unſer Päcklein Sünden hineingetragen, und der Schwarzrock hat ſie uns abgenommen. Was bedürft's, wiederum hineinzugehen, müheten wir uns nicht von heute an, wieder ein Päckchen aufzuladen bis zum nächſten Sabbath? Der Herrgott iſt freundlicher wie Du, denn er hat die Welt ſchön gemacht, und Wein und Weibſel erſchaffen, und uns jung geſchaffen, und uns Appetit gegeben für Wein und Dirnenkuß, und einen ſehnigen Arm und eine ſteinerne Fauſt für Jeden, der's uns wehren möchte, luſtig zu ſein, wo ſich die Stunde beut. Und was den Teufel betrifft, ſo fürchtet der Adas ihn ſo wenig wie Deine Schlottergeſtalt, und zeigte der hölliſche Nachthabicht ſich nur am Tage, ſollte er mir Stand halten auf Schlag und Stoß. Er kennt mich ſchon, und hat im Luachwald erfahren, daß des Adas Witz ſo ſchlau und ſcharf iſt wie der ſeine.— 430 Unfinniger, ruchloſer Menſch! Gnade Dir Gott, wenn Dein Nothſtündlein kommt! murrte der Alte.— Nun, ich bringe Dir's zu, frommer Haufirer! lachte Adas; der Reiſende wandte ſich jedoch unwillig von dem Glaſe und dem Spender, und ſetzte ſich unter dem Hohn⸗ gelach der Burſchen in den düſterſten Winkel.— Aber wie war denn das? fragten mehre. Der Teufel kennt Dich und Du ihn vom Luachwalde her? War's nur ein Spottwort oder iſt Wahrheit dabei? Wir wiſſen nichts davon; klingt's wie ein Schwank, ſo erzähle.— Adas ſetzte ſich breit zurecht, brannte ſeine Pfeife neu an und Alle horchten mäuschenſtill, auf ſein rothbraun⸗ glühendes Geſicht und in ſeine funkelnden Augen ſchauend, aus denen eine Welt voll wilder Schelmenlaune ſprühete. Ihr kennt mich, Geſellen, prahlte er, und wißt, daß wie ich ohne Furcht geboren, auch ein Glückskind genannt werden kann, denn noch fand ich Keinen über mir, und was der Sinn und das Herz gewünſcht, hat mir auch die Fortuna gebracht. Die ſchönſte von den drei Geiſter⸗ fräuleins auf dem Morin hat mir einmal einen Kuß geben müſſen, als ich ſie an der Bergwand überraſchte, wie ſie die Gemſen molk, und wäre mir das Engelsbild nicht in ihre Höhle entwiſcht, hätte ich ſie vielleicht gar mit herunter gebracht und ſie in der Kapelle zu meiner chriſtlichen Hausfrau gemacht.— Ein ſeltſamer Pfiff, wie ihn der wachhaltende Gems⸗ bock auf der Klippe thut, um die weidende Heerde vor Gefahr zu warnen, tönte durch die Gaſtſtube, und alle Köpfe an der Tafel fuhren ſcheu herum nach dem Tone. Laßt die Fräulein aus dem Spiele! ſchalt Seppel ernſthaft. Wer von ihrer Gutthat plaudert, oder ſie gar verſpottet⸗ der hat das Unheil ſelber auf ſeinen Kopf —— —————————— 2 431 gerufen. Die Märterle im Achenthal, die Unglücksſteine, geben der Zeugniſſe genug davon.— Vor einem ächten Mann hat jedes Weibſen Reſpekt, lachte Adas; und hätte eben ihre Leibgems gepfiffen, ich wiederholte deſto dreiſter, der Kuß auf ihren weichen Mund hat ſie mir teibeigen gemacht, und ſie müſſen mir zum Schutz dienen mein Leben lang. Bin ich nicht oben bei Sölden von der Eisplatte thurmhoch herab⸗ geſtürzt und unverſehrt auf den Wieſenhügel niederge⸗ fahren? Hat mich nicht die Lehne niedergeriſſen auf der Engelswand und mich zugedeckt wie mit einem Dau⸗ nenbett, daß Kopf und Bruſt frei blieb, und ich da lag wie ein Wiegenkind, das die Mutter ſorglich eingehüllt, und ich die Leute ausgelacht, die mir zu Hülfe geſprun⸗ gen 2— Ja, ja, ich war dabei, fiel ein Burſch ihm in's Wort, der Pfarrherr murrte noch ſo etwas vom Un⸗ kraut, das nimmer vergeht. Aber Du vergißt den Höl⸗ lenkönig über Deinem Glück.— Sogleich ſoll er da ſein, antwortete Adas nach einem tüchtigen Trunke aus dem Deckelglaſe. Es war ein häß⸗ licher Abend, rauh der Wind, voll Nebel die Luft, da kam ich heim vom Gebirg, wo ich nach den Geiern ge⸗ ſchoſſen. Als ich nun ſo durch den Luachwald hinwan⸗ delte, fror mir das Geſicht, und ich bekam ein drängend Gelüſt nach einem Pſeifchen. Zwiſchen dem Dorngeheck ſtand ich ſtill, legte den Stutzen nieder, ſtopfte den Pfeifenkopf, und den Stummel im Maul, nahm ich Feuerzeug und Schwamm, und ſchlug. Zehn Male fuhr Stein und Stahl zuſammen, zwanzig Male, fünfzig Male, die Funken ziſchten, aber mein Schwamm blieb todt und kalt. Da fuhr mir der Tolle durch's Hirn, ich 432 warf die Pfeife aus dem Munde und fluchte: ſo ſoll mich der Teufel holen, wenn ich nicht beim dritten Schlage Feuer mache.— Verwegener Kerl Du! flüſterte Seppel. Ich ſchlug ein Mal! Kein Funke kam, aber ein Ra⸗ ſcheln fuhr durch den Buſch, als wenn eine wilde Sau mit dem Neſt Friſchlinge durch das Holz bricht. Ich horchte, und als es wieder ſtill geworden, ſchlug ich zum zweiten Male; wer kein Feuer bekam, war ich, und als ich ſeitwärts ſah, ſchaute im Dämmerlicht ein Fratzen⸗ kopf aus dem Buſche, wie ihn noch nie ein Menſchen⸗ auge auf einem menſchlichen Leibe geſehen, und es ki⸗ cherte im Buſch. Ich ſetzte zum dritten Male den Stahl an den Stein—— Und es brannte der Schwamm? rief Seppel. Denn Du biſt ja noch hier unverſengt an Fleiſch und Haar. Es gab kein Feuer, rief Adas lauter und in wilder Freude, denn ich ſchlug nicht, ſondern ſchmiß Stahl und Stein dem Schwarzen in's Angeſicht, griff nach Stutzen und Pfeife und ging laut lachend meines Weges, zum Aerger des hungrigen Satans, der ſchon den Braten dicht vor ſeinen Zähnen gehabt.— Man ſah der ganzen Geſellſchaft den Schauer an und das Rückenrieſeln, von welchen mancher Burſch, der nicht ſo tollkühn als der Adas, ergriffen worden, aber dieſe ſtillen, verſteckten Gemüthsbewegungen gingen in ein allgemeines ſichtbares Entſetzen über, da jetzt eine beſonders tiefe, hohlklingende Stimme im Rücken der Zecher die zwei Worte:„Mit Verlaub!“ ausſprach, zu⸗ gleich eine knochendürre Hand über die Köpfe der Sitzen⸗ den weg einen langen Kienſpan gegen die Lampe führte, und als Alle ſich nach dem Störer umwandten, ein Ge⸗ ———————— ſicht aus der Tabakswolke hervortauchte, das in ſeiner Furchtbarkeit faſt nichts Menſchliches an ſich trug. Von dem angeflammten Span beleuchtet, ſah man unter ſtruppigtem kurzem und dünnem Rabenhaar eine kahle dunkelrothe Stirn, zwei rothglühende Augen ohne Wim⸗ per und Brauen, zwiſchen einem rothbraunen Narben⸗ ger nur ein gezacktes Stück einer Menſchennaſe, und weiten Mund voll weißer Zähne, die von keinen Lippen bedeckt wurden, auch mangelte ſogar das Ihrenpaar, und in dieſem ſcheußlichen Antlitz, welhes einem roth geſchnitzten und grell bemalten Götzenbilde der Vorzeit glich, thronte dabei ein teufliſcher Hohn, der das Entſetzliche ſeines Anblicks verdoppelte. Alle ſaßen ſteif und regungslos und ſtarrten das Monſtrum an, da aber ſelbſt dem kecken Adas die Tabakspfeife aus der tapfern Hand ſank, und er mit kreidebleichen Wan⸗ gen zurückwich und mit einer Schreckensſtimme rief: Beim Sanct Leonhard, das iſt der Teufel aus dem Luachwalde! da flogen alle Schemel auseinander, und rechts und links ſchoſſen die derben Burſchen fort, ſich in zwei Knäuel zuſammendrängend wie die Schafheerde, wenn es donnert. Was ſicht euch an, ihr Teufelsſpötter und Geiſter⸗ banner und Fräuleinsſchwätzer? fragte der Gegenſtand des Entſetzens, an welchem man, da Raum und Licht geworden, die gewöhnliche Tracht eines Liroler Berg⸗ ſteigers erkannt. Iſ euch mein Weinle heut zu ſtark geweſen, ihr albernen Buben, fragte zugleich der herbeitretende Wirth mit Lachen, daß ihr den luſtigen Nazel, den Klein⸗ häusler von Huben nicht erkennt, der im letzten Winter am Taublerjoch in der Racht irr ging, einfror und Blumenhagen. R. 434 freilich einen großen Theil ſeiner Schönheit dabei einge⸗ büßt 2— Gibt es für einen Prahler keine unangenehmere Em⸗ pfindung, als das Bewußtſein, ſich auf einer Furcht er⸗ tappt zu wiſſen, ſo war es wohl natürlich, daß die ganze wilde Rotte ihre Scham unter dem Mantel des Zorns zu verbergen ſuchte, und mit ſtürmiſchem Geſchrei auf den Unſchuldigen einbrach, der mit dem Titel eines Störenfrieds und boshaften ungeſchlachten Spaßmachers beehrt wurde. Der Wirth warf ſich dazwiſchen und rief: Friede unter meinem Dache! Der Gaſt iſt in mei⸗ nem Schutz, und nehmt euch in Acht, denn der Nazel galt ſonſt für einen Robler, wie's keinen gab im Thal, und trug ſeine Hahnenfedern eben ſo ehrenvoll wie der Adas.— Adas hatte unterdeß ſeine volle Beſinnung wieder gewonnen; laut lachend trat er vor. Ihr ſchüchternen Schulbuben, ſprach er mit heller, erzwungener Stimme, ich habe den Spaß mit euch getrieben, nicht das Fra⸗ tzengeſicht da vor uns. Und ihr Staan⸗Schnucker merk⸗ tet nicht, daß ich euch auf die Probe nahm, und mein Erſchrecken eine Gaukelei geweſen?— Die Burſchen ſahen ſtutzig zu ihm hin; der häßliche Nazel jedoch zog eine grimmige Miene. Spaß von Dir, Du tapferer Hahn? fragte er ungläubig. Ich habe noch keinen Oetzthaler tanzen ſehen und ſingen gehört, und Du ſelber haſt wohl manchem armen Mufikus, der ſich zu uns verirrt, ſein unheiliges Hackbrett in Stücke zerſchlagen. Warum tanzteſt Du denn wie ein junger Geisbock den Holzpfad hinunter, als Du Dein Feuerſtahl pingeworfen, und obendrein ſo eilig, als hätteſt Du von einer Gems die Füßlein geborgt? Und warum ———— N*— 435 ſangeſt Du dazu das Zillerthaler Lied ſo laut, als woll⸗ teſt Du die eigenen Ohren damit taub machen?— Dein feines Feuerſtahl aber, ſetzte er gelaſſen hinzu, kannſt Du, wenn Dir daran liegt, wieder bei mir abfordern; ich hab's verwahrt im Käſtle zum Gedächtniß an dies Heldenſtück des tapferſten Buben von Lengenfeld.— Wie ein wüthender Stier fuhr der Adas gegen den Häßlichen ein. Heraus Du Judas, Du ſchändliches Lügen⸗ maul, ſchrie er und ballte beide Fäuſte. Heraus auf die Straße, wenn Du wirklich ein Robler ſein willſt. Biſt Du ſchon gezeichnet zum Scheuſal, will ich den Reſt dazu thun, damit Jeder die Argliſt und Bosheit, durch die ihr Hubener verſchrieen ſeid, bei Dir wenigſtens be⸗ ſtraft ſchaut und Dir ausweicht. Hinaus, Du knöcherner Balger, daß ich Dir die paar Loth Fleiſch, die Dir geblieben, zu Brei quetſche!— Der Häßliche rührte kein Glied und erwiberte kalt: Der Mond iſt noch nicht über den Berg herauf, und ich bin nicht ſo gottlos wie Du, und reſpektire den Teufel und die Hexenbrut, die um Mitternacht Gewalt haben über uns arme Menſchenkinder. Aber es findet ſich bald einmal Tages Gelegenheit, wo Du weniger getrunken haſt, und ich weniger ermüdet bin vom Marſch, dann wird ſich's abmachen laſſen. So drehte er ſich wieder gegen ſeine Ofenbank.— Da ſeht ihr den Prahlhanſel, rief verächtlich Adas. Ich ſchenke ihm für heute ſein Genick, doch wollen wir hinaus in den Ort, und nachſchauen, ob wir nicht einen heimlichen Fenſterer finden, unſern Aerger an ihm aus⸗ zulaſſen. Gute Nacht, Wirth, die Zeche auf mein Kerb⸗ holz.— Hochmüthig wie ein Pfau ſchritt der Burſch alſo zum ——————— 436 Zimmer hinaus, und wie ein Rudel junger Damhirſche em alten dunkeln Schaufelbock nachfolgt, ſtrömte mit wüſtem Gelärm der Haufe ſeiner Geſellen ihm nach, daß man noch lange den Nachhall hörte, als ſie ſchon fern im Ort ſich verloren. Auch der Teppichhändler war fort⸗ gegangen, die Sommernacht zu ſeiner Heimfahrt zu be⸗ nutzen, denn er wohnte nicht fern mehr. Als jetzt Alles ſtill und leer geworden, erhob ſich auch der zweite Gaſt von der Ofenbank, auf der er bislang wie im Schlafe gelegen. Nun, Gnaden? fragte der Häßliche. Was ſagt Ihr zu dem Volke, da Ihr jetzt mitten drunter gerathen? Möchtet Ihr ſolchen Burſchen Eure Ehre und Freiheit anvertrauen?— Der Angeredete war ein ſchlanker Mann von edlem Wuchſe, ein Fremder im Lande, obgleich er auf dem flachs⸗ plonden Haar einen Tirolerhut trug, und ſeine ſtädtiſche Kleidung mit einem kurzen Tirolermantel bedeckt hatte. Eine düſtere Wolke ſchien auf ſeinen großen, hellblauen Augen zu ruhen, doch antwortete er mit einem unter⸗ drückten Seufzer: Solche Wildfänge gibt's überall, und der rohe Sinn tobt oft über einem treuen Herzen. Ich möchte mich doch ihnen hingeben, denn Euer Volk liebte ohne Abfall immer ſeinen Fürſten und das Vaterland.— Wer ſeinen Gott nicht fürchtet und kein göttlich Ge⸗ ſetz achtet, weiß auch nichts mehr vom Vaterland und was ſonſt dem Menſchen heilig bleibt, ſprach der Häß⸗ liche barſch. Nein, hier unter den reichen Oetzthalern werdet Ihr nichts mehr von dem finden, was in einer wackern Vorzeit preiswürdig geweſen. Doch hinten im Thale unter den Gletſcherwänden, wo es Eis und Stein⸗ blöcke regnet, ſobald ein Windſtoß den Berg ſchüttelt, —Z — ———— 437 dort in den Hütten der armen Hirten und Gemsjäger iſt noch die alte Zucht und Treu vorhanden, und dort wer⸗ den wir eine Zuflucht treffen, bis Eure Leute ſich zu Euch gefunden.— Wie aber ſoll ich dahin kommen mit dem geſchundenen Beine und vertretenen Fuß? fragte unmuthig der blonde Herr.— 8 Ihr habt ein Stündlein geruht, Gnaden, antwortete der Häßliche, und legen wir nochmals ein Spiritusläpp⸗ lein auf, muß das Glied wohl noch eine Weile ſeine Dienſte thun. Auch iſt der nächſte Pſad gemächlich und nicht ſo eng und rauh wie die Paſſage am Achenbach, wo Ihr den Fall thatet. Noch ein Viertelſtündchen, dann ſind wir bei einem einſamen Höfner, für den ich bürge mit Leib und Seele. Das Uebrige laßt uns dem Herr⸗ gott anbefehlen, der den Gerechten gegen das Böſe ſchützet immerdar, ſo jetzt wie ehedem.— Am entgegengeſetzten Theile von Lengenfeld, jenſeits des rauſchenden Fiſchbachs, der ſeine ſchlaftrunkenen Nach⸗ barn faſt ſämmtlich eingeſungen, ſchimmerte doch noch ein mattes Licht in den untern Fenſtern eines der an⸗ ſehnlichſten Häuſern. Es ging von einer Lampe aus, die eine von der vorigen gänzlich verſchiedene Scene be⸗ leuchtete. Ein Mädchen ſaß in ſtiller Kammer neben dem Bett eines kranken Knaben, und ließ eben das Buch in den Schooß finken; aus welchem ſie das Nachtgebet vorgele⸗ ſen. Der Kranke war ein hübſcher zehnjähriger Junge, die magern Hände hielt er fromm gefaltet über der bun⸗ ten Betidecke, indeß ſeine Augen, deren Mattigkeit durch 438 die Fieberroſen der Wangen verſteckt wurden, mit inni⸗ gen Liebesblicken auf dem Antlitz der Schweſter weilten, die vorzüglich jetzt im leichten Nachthabit, dem rothen Mieder, das die volle Bruſt nur leicht umkränzte, und in dem kurzen weißen Wollröcklein, unentſtellt durch die Hüftpolſter und das Kragenwamms, von dem Belauſcher für eine Schönheit des Landes hätte erklärt werden müſ⸗ ſen, wenn auch in den reinen, edlen Zügen ihres Ange⸗ ſichts ein unverkennbarer Kummer manches Roſenblatt gepflückt hatte. Haſt wieder geweint, lieb Schweſterl? fragte der Knabe ſanft und leiſe. Ja, ja, am Kinne rinnt noch ein Tropfen herunter, und auch das Buch iſt naß. O laß das Jammern, Agnes, denn ich träume ſonſt ſchwer davon, und ängſtige mich mit Dir, daß mir die Glut das Herz verbrennt.— Sei ruhig, lieb Franzel, antwortete die Jungfrau, indem ſie die langen Flechten ihres reichen Haares über beide Schultern zog, und ſich damit die Wangen trock⸗ nete; das Weinen kam nicht vom Weh; dachte ich doch nur der Mutter, die ſchon zwei Jahre auf dem Friedhof ſchlummert; wie ich an Franzels Bett, ſo betete auch ſie ja uns Kinder ein, wenn die Nacht kam.— Weiß es noch, und ſchaue ſie gar oft im Schlaf, ent⸗ gegnete der Knabe; aber Du mußt nicht lügen, Agnes, denn das verbot die Mutter jeden Tags. Meineſt Du, ich wüßte nicht, was Dich quält, Schweſterl?— Daß Du den ſchlanken Michael aus dem Gebirg gern haſt, der groß und gerad geht wie ein Tannenbaum, und immer den ſtattlichen Buſch von Geierfedern am Hut trägt, und der ſtets ſo freundlich mit Dir thut und mit dem Fran⸗ zel auch, und daß Du den rauhen Adas, den die Mädchen — 439 im Ort nur den tollen Stier nennen, nicht magſt, und doch zum Manne nehmen ſollſt, das iſt Dein Kum⸗ mer. O Agnes, iſt der Franzel auch noch jung, er hat offene Augen.—— Schweig, thörichtes Bübel, ſagte erſchrocken die Jung⸗ frau. Wenn der Seppel ſo Dich hörte—— Wäre ich nur groß und ſtark, erwiderte der Knabe lauter, ich wollt's ihm ſchon ſagen, bin ich doch auch des alten Silzſteiners Sohn, der leider zu früh auf der Gems⸗ jagd verunglückt. Ich hab's wohl gehört, als neulich der Herr Curat mit den Herren Landpflegern ſprach, wie ſie ſagten, daß der Seppel auch nicht viel tauge, ſeit er täglich mit dem Adas Bub zuſammen ſtreife. Du biſt ja mein Mütterle, und ich hab Niemand als Dich, und hätteſt Du mich nicht gepflegt im Fieber, läge ich wohl ſchon wo Vater und Mutter liegt. Aber darum ſollſt Du Dich auch nicht grämen, und nicht ſo ſtill unterge⸗ hen wie ein krankes Lamm, und ſo bleich ſehen. Wie lange iſt's noch, dann bin ich groß, und trage den Stu⸗ tzen am Nacken und das Meſſer im Gurt, und kann Dich ſchützen gegen Jedermann. Halt aus bis da und wehre Dich gegen die Ungebühr. Nimm den tollen Adas nicht, Du biſt ja fromm, und alle Hauswirthe in Lengenfeld mögen Dich gern, und Du gibſt dem Bettelmann, was übrig iſt; ſo muß Dir ja der Herrgott und die Engelein müſſen Dir beiſtehen; wofür wären ſie ſonſt da oben auf den goldenen Flimmerſternen?— Gutes Fränzel! ſeufzte das Mädchen, und ſtreichelte ihm das heiße Geſicht und legte ihm das Kopſpolſter zurecht. Ach! die Agnes muß doch nicht ſo ganz ohne Sünde ſein, weil die Heiligen ſich nicht kümmern um ihre Noth. Ja, ich will Dein theures Mütterle bleiben, 440 denn Du bedarfſt mich noch, und das ſchlägt manchen ruchloſen Gedanken in mir nieder. Aber iſt denn nicht der Seppel uns an Vaters Statt? Iſt er nicht Herr im Hauſe, und müſſen wir darum nicht gehorſamen, wenn er ſpricht: das ſoll ſo ſein.— O wenn es nur das Mal nicht gar zu ſchwer würde.— Aber nun plau⸗ dere nicht mehr, ſetzte ſie hinzu, indem ſie den Knaben herum nach der Wand legte, ſchlaf ein, und denke fleißig an den Bruder, der im Hauſe und im Gehöft ſorget für uns, und unſern Wohlſtand erhält, wie der Vater that, und dem wir dafür dankbar ſein müſſen, wenn er auch zuweilen hart iſt. Die Männer ſind nun einmal hart wie der Fels und kalt wie der Eiszapf am Dache. Bete auch, ehe Du einſchläfſt, für den Bruder, den Dir Gott zum Schutz geſtellt.— Will's thun, weil ich Dir gehorſame, mein Mütterle! ſprach das Kind. Aber wenn ich ein Mann werde, will ich nicht rauh ſein wie der Fels, nicht kalt wie der Eis⸗ zapf am Dach.— Die Jungfrau ſaß noch eine Weile auf dem Rande des Bettes, bis des Knaben langſamere Athemzüge ver⸗ riethen, daß der Schlaf ihn in ſeine Arme genommen, da ſah ſie unruhig nach dem offenen Fenſter, durch das jetzt ein ſcharfer Nachtwind vom Gebirg herein ſtrich, und ſtand auf, blieb aber unentſchloſſen mitten in der Kammer, den Blick zurück zum kranken Kinde gewendet. Der Luftzug könnte ihm ſchaden, ſagte ſie halblaut, wenn auch die Nacht gar laulicht iſt. Doch wenn er noch käme? Sicher weiß er den Bruder Seppel aushäuſig, denn es rief ja deutlich meinen Namen von der Klippen⸗ wand. Und er iſt ſo lang nicht am Fenſterbalken ge⸗ weſen.— — —b — —,— Ein Geräuſch von außen machte, daß ſie zuſammen⸗ ſchoß, doch als jetzt ein mächtiger Schatten am Fenſter vorüberfuhr, war ſie mit einem Sprunge dort, und ein unartikulirter Schrei, aus Freude und Erſchrecken geboren, kündete, daß ſie gefunden, was ſie erwartet. Ein junger Bergſchütz von hohem Wuchſe, wie er nur oben auf den Höhen ſich findet, ſtand außen in der Nacht, und hatte ſogleich die hinausgeſtreckten Hände des Mäd⸗ chens gefangen, und ſie mit Heftigkeit an ſeine breite Bruſt gedrückt. WMichael, rief ſie mit bebender Schmerzensſtimme, wie lange waren wir geſchieden, wie lange iſt, daß ich Dich nirgend ſah.— Soll ich den Spott der rohen Burſchen mehren, wenn ich ihnen mein bleiches Angeſicht preis ſtelle? Soll ich den Haß des harten Bruders doppeln, und noch der Dornen mehr in Deine Stunden werfen? ſo fragte der Schütz zurück mit tiefen Tönen, aus denen die innere Stimme eines verzweifelnden Gemüths wiederklang. Wohl hab ich Dich geſehen, täglich, wenn die Sonne eben über die Ferner in das Thal ſchauerte, und Du Thür und Laden geöffnet, und wieder, wenn die gute Göttin Nacht den Glücklichen das Bett gemacht, und Du im Lampenſchein zum Fenſter kameſt, und auf den weißen Arm geſtützt in den Nebel hinaus ſtarrteſt, und den ſuch⸗ teſt, den Du nicht finden darfſt.— Und von wo? fragte das Mädchen bewegt.— Dort der rieſiege Tannenbaum, antwortete er, weit zurück in die Höhe deutend; in ſeinem Gipfel gibt's eine ſichere Wiege, kann der Bär ſie finden, konnt's auch der Menſch.— Im alten Baume, des Waldes Vater, der am Klip⸗ 442 peneck mit nackten Wurzeln hängt, und wo tief unten tobt der Bach? ſprach ſie vor Graun ſich ſchüttelnd. O Du wagiger Menſch, das heißt Gott verſuchen, und um eines ſchlichten Mädchens willen.— Wäre das Neſt gebrochen, dann hätte die Noth ein Ende! lallte er faſt lautlos nach.— Michael! Wirſt auch Du gottlos? fragte ſie vor⸗ wurfsvoll. Und zählſt Du nicht mehr Deines Mädchens Todesgram?— Und in welchem Gehöft fandeſt Du Nachtlager und Aufnahme, ſeit man Dich nicht mehr in Lengenfeld geſehen? ſetzte ſie freundlich und wie gut⸗ machend hinzu.— Die Menſchen ſind mir zuwider, antwortete er düſter. Falſch ſind ſie Alle außer Dir; weit beſſer iſt es unter den Thieren des Berges, und in der dunkeln Nacht des Föhrenholzes. Oben, mitten im Dick hab ich mir eine Hütte von Geäſt und Moos gebauet, da lebe ich; Dein Anblick iſt mein Brod, der Bach gibt den Trunk dazu; da will ich bleiben, bis—— bis der Feiertag kommt, — und dann— dann wird der finſtere Berggeiſt mir ſchon Rath geben, wenn ich frage.— Michael! Michael! rief ſie voll Wehmuth; biſt Du gekommen mich zu martern, und ich hoffe auf Troſt da⸗ durch, wenn Du mit mir klageſt über unſer hartes Schick⸗ ſal. Doch wie Du heute biſt, kannſt Du meine Angſt nur mehren. Soll ich ſorgen um Deinen Leib und Deine Seele zugleich? Michael, o es ſind ſchon weit höhere und frömmere Menſchen als wir in weit ärgerer Be⸗ drängniß geweſen, und haben doch auf Gott vertraut und ſeinem Willen ſich demüthig gefügt in größter To⸗ despein.— Die züchtige Jungfrau ſchien in dem nagenden Schmerz⸗ ———— 443 gefühle, das in dieſem Augenblicke wie eine ſtechende, vergiftende Natter ſich um ihr Herz geſchlungen, ſich ſelbſt vergeſſen zu haben, denn ihre weißen Arme umſchlangen den geliebten Mann, wie einen Verlorenen, und ſie zog ihn in ihrer Bangigkeit ſo feſt an ſich, daß des hochge⸗ wachſenen Burſchen Angeſicht, da er außen tiefer ſtand, an ihren nackten Hals zu ruhen kam. Gott vertrauen? fragte er, indem ſeine tiefe Stim⸗ mung ſich plötzlich in die feurigſte Lebendigkeit zu wan⸗ deln ſchien. Gott thut nicht Wunder mehr, aber er deu⸗ tet für die Guten den Pfand an zum Glück. Weß iſt die Braut? Darf ein Anderer als der Bräutigam ſo ruhen am Halſe der ehrbaren Dirne? Hier thateſt Du Sünde, oder dort wirſt Du ſie thun. Darum komm heraus ohne Weilen, daß Dein Gewiſſen ohne Makel bleibe. Siehſt Du den Schimmer dort auf den ewigen Schneefeldern? Es iſt der Mond, der bald die Nacht beleuchtet. Fort, fort über die Felſen, durch die ſpritzen⸗ den Bäche, wenn Du müde hinſinkeſt, trage ich Dich auf ſtarkem Arme. Hinweg von dieſen falſchen, boshaf⸗ ten Menſchen! Dort oben unter den Fernern, dort in der kleinen, väterlichen Hütte wohnet die Treue und bei ihr die Zufriedenheit. Ich will nichts von den Schätzen dieſes Hauſes, nichts von Deinem Erbtheile, mag der ſtolze Bruder ſich daran freuen; ich will nur Dich; die⸗ ſer Arm wird Dich ernähren; er wird die Hausfrau ſchützen gegen den Bruder und ſeine rohen Genoſſen, gegen das ganze Oetzthal, gegen die ganze Welt. Die⸗ ſer Fenſterbalke iſt die einzige Scheidewand zwiſchen Dir und mir, überſpringe ſie, und aller Kummer hat ein Ende.— Das Mädchen hatte ſich ſchon während ſeiner Rede 444 von ihm losgemacht, und war ſcheu zurückgewichen. Mahnſt Du mich ſelbſt an die Zuchtloſigkeit, die ich be⸗ gehe? fragte ſie finſter und ernſt. Freilich bin ich eine Braut durch des Bruders Wort und meine ſtumme Zu⸗ ſage, und eine Braut darf nicht koſen mit einem an⸗ dern Burſchen am Fenſterbalken. Daß aber Du ſelbſt mir die Sünde vorrechneſt, thut mir recht leid, und noch mehr iſt mir's leid, daß Du Deine Gewalt über mich nützeft, mich ſchlechter zu machen, als ich ſchon bin. Soll ich gleich einer Landſtreicherin verlaufen mit einem Manne aus meiner Mutter ehrlichem Hauſe, und die Todte be⸗ ſchimpfen, die mich geboren? Sollen alle Oetzthaler auf mich mit Fingern deuten gleich einer Ehrloſen? Soll ich die Schande bringen in Deine Hütte als Brautſchatz? Soll ich Haß, Blutrache und Mord zwiſchen die Bluts⸗ freunde werfen, und in der einen Stunde zittern für den Liebſten und in der andern für den Bruder? Haſt Du vergeſſen, daß ich ſchon zu zweien Malen Dich inniglichſt gebeten, von ſolchen Gedanken abzuſtehen? Lieber will ich langſam und ehrlich in Gram vergehen, wie der Gras⸗ halm im Sonnenbrande, als in Scham verkommen, und mich im Grabe noch von jeder Oetzthälerin, die vorüber⸗ geht, beſchimpfen hören.— Der Burſch wurde ganz ſtill und ſtützte ſeinen Kopf am Fenſterrahm. Leiſe ſagte er dann, als rede er mit ſich allein: Es ſoll ſo ſein und iſt nun einmal nicht ab⸗ zuwehren. Der Berggeiſt oben im Föhrenwalde hat's mir in der Nacht oft genug in's Ohr gebrummt.— Aber, wenn es nicht anging, und wenn ein guter Gott waltet, warum durfte denn die Hoffnung wachſen hoch wie die Tanne im Wald? War das gut von dem guten Gott?— Weißt Du noch, Agnes, wie ich Dich traf, oben —— 445 auf der Matte im Sennhüttlein? Weißt Du's noch? — Ich war bis da ein luſtiger Bub geweſen, und wußte nicht, daß es noch gar andere Freude gab, außer einem Königsſchuß nach der Gems oben auf höchſtem Ferner, oder einem blanken Stück Geld mit guter Arbeit ver⸗ dient. Hoch auf der Matte, als ich Dich grüßte,— Du wuſcheſt die Kübel und Eimer blank, und ſtandeſt ſelbſt weiß wie Deine Milch, blänker als Dein Geſchirr vor dem Stutzenden!— und als Du mich wieder grüß⸗ teſt, da ging mir der rechte Tag auf und blendete mein ſcharfes Auge. Du gabſt dem ermüdeten Jäger einen Trunk und ich vergaß der Jagd und ſaß bei Dir ſchwa⸗ tzend, wie ein Kind zu Kind, und dachte, es ſei die ſchwerſte Stunde des Lebens geweſen, als die Abendglocke Eures Thurms Dich hinabrief zu Deines Vaters Hauſe. Seitdem hatte ich nicht Raſt mehr zu Hauſe, das Schnee⸗ feld lockte mich nicht mehr, das Herz ſchlug nicht mehr hoch, ſah ich die ſchlanken Thiere ſpringen von Fels zu Fels. In das Thal zog mich's hernieder, das ich ſonſt gehaßt; ich lebte nur, wenn ich die Dächer von Lengen⸗ feld anſchauen durfte. Und als ich Dir das Alpröslein brachte auf die Matte, mühſam gepflückt an dem Schnal⸗ ſer⸗Jöchel dicht vom Abgrunde weg, und Du mir Dein Herz dafür ſchenkteſt und verſpracheſt meine Hausfrau zu werden.—— Er ſchlug heftig mit der Fauſt auf den Fenſterrand.—— O Herr, mein Gott! iſt das ein braver Menſch, der einem Dürſtigen den vollen, friſchen Krug in die Hand gibt, und wenn er das Labſal am Munde hat, mit hähmiſcher Fauſt ihm das Gefäß vom Munde ſchlägt? Und wenn das der wackere Menſch nicht darf, warum denn— 2 Läſtere nicht! rief mit Haſt das Mädchen; dann horchte 446 ſie plötzlich erſchreckt und ihre Lippen bebten ſichtlich. Fort! Fort! um aller Heiligen Willen! ſetzte ſie hinzu mit vergehendem Athem. Die Hofpforte ſchlägt, da ſpricht der Knecht. Es iſt der Bruder! Fort um die Wunden des Herrn!— Auf dem Bett ſitzend, den Kopf gleich einer Schlaf⸗ trunkenen auf den Rand des Kopfpolſters gelehnt, ſo fand der eintretende Seppel die Schweſter. Noch nicht unter der Decke? fragte er barſch, indem er in die Kam⸗ mer trat, den Hut hinwarf und auf⸗ und niederſchreitend ſeine Kleidungsſtücke einzeln abſchüttelte. Franzel hat die Hitze wieder, antwortete das Mäd⸗ chen, ſich die Augen reibend, und vor Kurzem erſt hat ihn der Schlaf eingewiegt.— Plötzlich blieb der Bruder dicht vor der Jungfrau ſtehen, ſtieß mit der Hand ihr Kinn in die Höhe, und ſah ſie mit ſo tückiſch funkelnden Augen an, daß ihr willenlos ein lauter Schrei der Angſt entflog. Warum glühet Deine Wange auf wie ein Lärmfeuer? Was bebſt Du wie die Birke im Luftzuge? Und warum iſt das Fenſter nicht geſchloſſen? fuhr er heftig und miß⸗ trauiſch auf ſie ein.— Das Mädchen verſtummte er⸗ ſchüttert, und zwei raſche Schritte führten den Bruder an das Fenſter. Eine lange Stille folgte, da klang es fern wie Geiſtertöne aus der Luft.— Agnes! ſo tönte es langgezogen wie ein Windhauch; es war Michael, der ſeine glückliche Flucht der Geliebten andeuten wollte. Mit einer dunkeln Glut fuhr der Bruder vom Fenſter, und ſeine Stimme hallte hohl in Wuth wie Lawinen⸗ donner.— Iſt hier wieder gefenſtert worden? rief er. Darf man nicht mehr den Rücken wenden, will man nicht die 447 Schande in das Haus locken, und der ehrloſen Schwe⸗ ſter die Sündenleiter halten? Beim Sanct Martin, da ſteht der lange Gaudieb auf dem Steine oben, wie ein tückiſch Geſpenſt den betrogenen Hausherrn zu höhnen. Bleibe nur noch einen Augenblick im Mondlicht, Du Bettelbub, und ich erſpare Dir für künftig die Dirnen⸗ jagd.— Haſtig riß der Wüthige die Büchſe von der Wand, ſchlug an, und donnernd fuhr der Schuß zum Fenſter hinaus. Hilf Maria und Joſeph! ſchrie das Mädchen und ſank am Bett zu Boden. Der Knabe im Bett ſprang hoch empor und ſchrie ebenfalls: Jeſus, wer hat das Schweſterle umgebracht!— Der wilde Burſch aber zog lautlachend, ſo wie die Hölle lacht, das rauchende Ge⸗ wehr wieder herein und ſagte tückiſch: Steige hinauf durch die Nacht, Du ſittenloſe Magd, und ſieh' nach, wo das Blei den elenden Buben getroffen! Damit aber der Spuk ein Ende habe und mir die Hut künftig er⸗ laſſen, ſage ich Dir: Binnen drei Tagen machſt Du Hochzeit mit dem Adas Bub, ſo wahr ich meiner Mutter ehrlicher Sohn bin, und mir die Macht gegeben, in mei⸗ nues Vaters Hauſe über Zucht und Ehre zu wachen.— Gleich duftigen, zartgewebten Vorhängen, welche von einer unſichtbaren Hand regiert wurden, zogen ſich die weißen Morgennebel an den Seitenwänden des Oetz⸗ thales aufwärts, und löſeten ſich, ſo wie ſie am Rande der Granitmaſſen angekommen, in den Strahlen der ſtei⸗ genden Sonne unmerklich verdunſtend, auf. Kurz nach⸗ dem es gänzlich licht geworden im Thale, und man die Hirtenknaben mit ihren Heerden ſchon auf den grünen 448 Höhen unter dem Geläut von tauſend klingenden Glöck⸗ leins und ſummenden Glocken langſam hinziehen ſah, die ſchäckernden Melkerinnen truppweiſe auf den ſchmalen Schlangenpfaden mit ihrem blanken Geräth in leichter, verrätheriſcher Tracht aufſtiegen, der Ackersmann rüſtig zum Felde ſchritt, und die ganze Gegend ſich mit einer bunten Lebendigkeit ſtaffirt hatte, wurde die Aufmerkſam⸗ keit dieſer fleißig zum Tagewerk eilenden Menſchen auf vier Männer gelockt, die auf der Straße daherſchritten, und durch ihre Kleidung, durch die neugierig überall umherſtreifenden Blicke, und durch die fremde Sprache, in der ſie ſchwatzten, ſich als Fremdlinge ankündigten. Anton, der Wirth zum goldenen Auerhahn, der eben vor ſeine Hauspforte getreten, und die letzte Müdigkeit im friſchen Morgenhauch fortgähnte, witterte mit dem Scharffinn ſeines Standes ſogleich in ihnen gute Kunden für ſein Gewerb, denn ihre leichten Kleider waren ſauber in Schnitt und Stoff, an den Reiſekappen ſchimmerten Goldſchnüre, und alle waren anſtändig, wenn auch nur leicht bewehrt, wie es der Fußgänger Gebrauch iſt; dieſer mit einem fſilberbeſchlagenen Hirſchfänger an ſchwarz⸗ lackirten Halsriemen; jener mit einem Paar feiner Ter⸗ zerolen im breiten Gurt; ein Anderer mit einer zierlichen Kugelbüchs, die faſt nur wie ein Knabenſpielzeug ließ. Höflich trat ihnen der Wirth entgegen, und lud ſie ein, ſein gutes Haus nicht vorüber zu gehen, da ſie wahr⸗ ſcheinlich einen Theil der hellen Mondnacht marſchirt ſein möchten und ein ſolches Schenkhaus zuf ihrem Marſche ſobald nicht wieder treffen würden. Der zuerſt Heran⸗ tretende der Fremden, von kriegeriſchem Anſehen, durch den ſchwarzen Bart und die blitzenden, dunkeln Augen, antwortete mit einer, Stimme mi einem 449 beſonders heftigen Ausdrucke; doch Vater Anton, faſt er⸗ ſchreckt durch das lebendige Mienen⸗ und Händeſpiel, mit der die ihm unverſtändliche Rede verbunden war, ent⸗ gegnete mit gebeugtem Rücken, daß er kein Romaniſch verſtehe, deutete aber zugleich, um das Mögliche für ſolch frühen Gewinn zu thun, auf das Schild an ſeiner Thür, und auf die Magd, welche am Brunnen Flaſchen und Krüge reinigte, und zuletzt der Deutlichkeit wegen auf Mund und Magen. Finſter und mit einem: Vä su le forché, balordo! wendete ſich der Schnurrbart von ihm, und auch die beiden nächſten, gleich ſchwarzbärtig und ſonnverbrannt, murmelten ähnliche Fluchtöne, der vierte jedoch und jüngſte der Fremdlinge, ein bartloſer Blondkopf, drängte ſich zwiſchen den Uebrigen durch und nahm mit dem Gruße: Gott ſei mit Dir, wackeres Vä⸗ terchen! einen ſchweren Stein von dem Herzen des Len⸗ genfelder Schenkherrn.— Du wrillſt ein Frühſtück, Brüderle! antwortete der Wirth grinſend. Ich ſehe Dir's vom Schnabel ab, und Du ſollſt gut bedient ſein, als wäreſt Du ein Biſchof, mit Traminer, dem herrlichen Weine, mit friſchem Fleiſch und ſüßem Käs; im ganzen Tiroler Land thuts Keiner darin dem Wirth zum Auerhähnel gleich, und wohlfeil dazu, für ein paar Kreutzer oder Plapparts, wohlfeil, daß es faſt eine Schand' iſt.— Kannſt es bereiten laſſen, Väterchen, und wollen's bezahlen, daß es uns keine Schand' wird, entgegnete der Fremde lächelnd und nachſpottend; aber zuvor beantworte uns einige Fragen.— Maidle, eine friſche Deck auf den Tiſch, und hinauf das Beſt', was übrig blieb von geſtern! ſchrie der Wirth frohlockend in's Haus, und flink ſtand er wieder mit Blumenhagen. X. 29 450 geſpannten Augenbrauen und Stirnfalten vor dem jungen Manne. Vir ſind luſtige Reiſende, die ſich die Welt beſehen, begann dieſer jetzt. Wir kommen weit her, und hörten außen in der Ebene ſo Vieles von den Schönheiten Eures Thales, daß wir beſchloſſen, es zu durchkriechen bis in den letzten Winkel. Der Burſch, den wir zu Oetz ge⸗ miethet, verließ uns ſchon geſtern heimlich und wortbrü⸗ chig, als zu Umhauſen der große Waſſerfall unſere Auf⸗ merkſamkeit gefeſſelt hatte. Er ſchien Furcht bekommen zu haben vor dieſem meinem bärtigen Gefährten, deſſen Ungeduld freilich zuweilen ſich in barſchen Worten Luft zu machen pflegt.— Der Wirth ſah auf den Schnurrbärtigen, deſſen blitzende Blicke während des ganzen Geſprächs die Um⸗ gegend zu durchſpähen ſchienen, und nickte verſtändlich mit dem Kopfe.— Nun ſiehſt Du, kluger Vater, ſelbſt ein, fuhr jener fort, daß faſt nöthiger wie Deine Speiſe und Dein Trunk uns ein braver Führer iſt, der jede Höhe und Schlucht, jeden Pfad und Winkel Eures Thales kennt, denn uns plagt die Luſt, auch nicht ein Fleckchen Eures Wunderthales undurchſtöbert zu laſſen. Umſonſt fragten wir in Umhauſen und hier im Orte nach einem ſolchen; man wies uns und unſer Geld mißtrauiſch von der Dand.— Glaub's wohl! antwortete der Wirth. Unſere Leute find zu hochmüthig, ſich zum Knecht der Fremden zu ver⸗ dingen; das Geſinde kann Keiner entbehren in der Früh⸗ lingszeit, und Mancher, der von dem franzöſiſchen Sol⸗ datenvolk gehört hat, das im armen Lande draußen gar ungeberdig hauſen ſoll, hat Euch zu den Landplagern 451 gerechnet; wär's mir doch mit Deinem Kameraden, als er mich ſo grämlich anſchnauzte, nicht beſſer ergangen.— Schaffe den Führer! ſprach haſtiger der Fremde; auch Dir ſoll dafür ein guter Lohn nicht ausbleiben.— Der Wirth ſtand eine Weile ſinnend mit geſenkten Augen; als er ſie wieder erhob, fiel ſein Blick auf einen Tiroler, der ſchon eine Zeitlang nicht weit von der Geſellſchaft geſtanden, und den Pack, den ſein ſtarker Rücken trug, auf einen hohen Steinblock, welcher an der Straße als Stoßſtein lag, ausruhend geſtützt hatte. Da iſt unſer Mann! rief frohlockend Anton. Einer aus den Bergen und ſelbſt ein Gletſcherſteiger, der Sei⸗ nesgleichen ſucht.— Céflo di bracco! rief der Schwarzbart mit Abſcheu, als der Angerufene näher trat, und der Blonde ſetzte ſchaudernd hinzu: Um Gott, welch' abſcheuliches Mon⸗ ſtrum!— Der häßliche Ignaz, denn dieſer war es, zog grinſend den Hut und ſagte: Ihr Herren wollet in die Berge hinauf, wie ich gehört, und den Schneejungfrauen unter den weißen Hut gaffen? Nun, da habt Ihr zum Anfang ein Exempel vor Euch, auf was eine ſolche Neubegier ſich gefaßt halten muß. Ich war nur einmal droben einige Stunden eingefroren und vom Schlafe überraſcht, da hatten mir die Froſtgeiſter Ohren, Naſe und Lippen wegbarbirt ohne Erbarm'. Ich kann Euch den Platz zei⸗ gen, wo's geſchah.— Es iſt entſetzlich, ſagte der Blonde auf Franzöſiſch zu ſeinen Gefährten; und doch ruft uns die Pflicht vielleicht gerade in dieſe Schauergegenden.— Willſt Du unſer Führer werden für guten Lohn? fragte er Deutſch den Häßlichen dann mit Entſchloſſenheit. „ 452 Wenn Ihr etwa drei Tage hier liegen wollet bei dem Vater Anton, antwortete der Packträger; bis dahin iſt das Geſchäft, welches ich übernommen, vielleicht abge⸗ than.— Toller Narr, zürnte der Fremde und griff an ſein Weidmeſſer; meineſt Du, wir wären gekommen, um es den Siebenſchläfern, Euren Landsleuten, nachzumachen? Und wenn wir nun mit Stahl und Piſtol Dich zwängen, unſer Führer zu werden?— Hoho! grinſete der Häßliche. Ein Mordruf von mir, und das Sturmglöcklein dort im Thurm riefe ein paar hundert Fäuſte heran, die euch alle Vier zu Kinderbrei verquetſchten.— Aber ich will dennoch Euch meinen Dienſt nicht verſagen, wenn Ihr Eure Ungeduld um ein Weni⸗ ges mäßigen könnt. Es ſind jetzt gar Wenige aus dem Gebirg im Thale, denn im Lenz hält die Jagd die küh⸗ nen Burſchen ſelbſt auf den Fernern. Einen Einzigen weiß ich hier in der Gegend, der in den Föhren ſtreift nach einem ſchönen Huhn. Ruhet Euch bis Mittag in der Schenke, dann ſoll er hier eintreffen, und Vater Anton kann bis dahin die Steigerſtangen und Nothſeile und Eisſchuh für Alle beſorgen, ohne die doch Keiner von uns die Fahrt mit ſo ſchmucken Junkern unternehmen möchte.— Der Blonde griff in die Taſche und hielt ein Fünf⸗ frankenſtück dem Packträger hin. Nimm das Handgeld, ſagte er; erfüllſt Du Dein Wort, ſind zehn ſolcher Tha⸗ ler Dein.— Hegt mir's, bis ich kehre, entgegnete der Häßliche kalt; es iſt ein Aberglaube bei uns, voraus gezahlter Lohn macht die Arbeit ſchwer.— Noch Eines! rief der Blonde, als bereits der Tiroler * 453 im Fortgehen begriffen. Ein Freund von uns trat die Reiſe in dieſes Thal früher an als wir; wir möchten gern ihn finden und in ſeiner Geſellſchaft weiter reiſen. Du kommſt von den Gebirgen herab, iſt Dir nirgend ein ſolcher aufgeſtoßen?— Der Häßliche ſtutzte, antwortete aber ohne Anſtoß: Habe nichts geſehen, als Volk, wie es ins Thal ge⸗ hört.— Nazel, rief der Wirth, war's vielleicht der im grauen Oberrock, der geſtern in meinem Hauſe Raſt hielt? Du wareſt ja ſelbſt mit ihm da, und der bleichwangige Herr plapperte mit Dir.—„ Ho, der, entgegnete Ignaz leichthin, der paßte nicht„ zu ſolch vornehmer Compagnie; war ein armer Schlucker, ſo ein Maler aus dem Baierland, die jeden Sommer zu Dutzenden dem Herrgott ſein Machwerk bei uns abſtehlen. Kam auch von dem Rofner Hof herunter und wollte wie⸗ der hinaus aus dem Thale, wo ihm ängſtlich geworden. Ich zeigte ihm nur den Weg hinauf, dort rechts zum Walde, wo der Narr die Steine vom alten Schloß ab⸗ conterfeien wollt, obſchon Niemand ihnen mehr abſehen kann, ob ſie zu einem Ochſenſtall oder einer Herrenburg gehört.— Und dennoch war es vielleicht unſer Mann, fiel leb⸗ haft der Blonde ein. Beeile Dich, guter Freund, und ſchaff Deinen Burſchen zur Stelle; für jede Stunde früher wächst Dein Trinkgeld. Und Du, Väterchen, tritt mit uns ins Haus, und beſchreibe uns genau, wie Dein Gaſt von geſtern ausſah. Via, via, signori, montiamo à cavallo! rief der Schwarze, der mit finſterer Ungeduld das halbverſtandene Geſpräch angehört. 454 Die Fremden folgten dem Wirthe ins Haus; wenige Augenblicke nachher wandte ſich der fortſchreitende Pack⸗ träger um, und als er Niemand erblickte, der ihm nach⸗ ſah, ſprang er ſchnell ſeitab von dem Fahrwege zu einem offenen Stallgebäude und warf ſeine Laſt dort in einen Winkel. Das ſind mir ſchlechte Dachshunde, murrte er in ſich, und ihre Naſe ſoll den Bau nicht finden, denn mein Geruch iſt ſchärfer, obgleich mir der Froſt das Inſtru⸗ ment dazu verdorben. Beim heiligen Martin, es war nicht uneben, daß ich mich ſo früh ein Weniges zum ſpioniren aufgemacht.— Und geſchmeidig wie ein Wieſel, ſah man den dürren Menſchen zwiſchen den Zäunen der Gärten durchſchlüpfen, und dann in mächtigen Sprüngen den ſchmalen Pfad hinaufeilen, der links auf der Höhe ſich im Gehölz verlor. Unter ſeinem Hausgiebel, auf der Bank neben der Pforte ſaß ein alter weißhaariger Hofbeſitzer, ſah hinaus von dem grünen Hügel, auf den ſein Eigenthum geſon⸗ dert ſich ausbreitete, horchte auf das Geläut der Vieh⸗ glocken, als zählte er deutlich an den verſchiedenen Tönen, ob Keines verloren gegangen, und ſchien ſeine matten Augen zu laben an ſeinem Beſitz, den die finkende Abend⸗ ſonne beſonders hell und goldig beleuchtete, als thäte ſie's zur Erhöhung der Freude des ehrwürdigen Weiß⸗ kopfs. Du biſt ein ſorgſamer Landwirth, Hanſel, ſprach zu dem Alten ein Mann, der neben ihm am ſchattenden Baume lehnte; ſeit ich nicht da geweſen, hat ſich Dein Gehöft und Alles, was dazu gehört, koſtbar verbeſſert; ———— — —cc——— 5 — 455 aber Du haſt auch Glück gehabt Dein Lebelang und kannſt zufrieden ſein. Wie voll liegen Deine Boden von Hafer und Hanf und Türkenkorn, in ſeinen mächtigen gelben Kolben! Wie iſt Dein Viehſtand ſo blank und geſund! Das Diendl dort bedarf kaum der ſtreichelnden Finger am unerſchöpflich ſpritzenden Milchquell, und der Roß⸗ bub dort kann mit ſeinen Storchbeinen kaum den Rücken des feiſten Rappen einkneifen. Da iſt mir's nicht ſo gut geworden, und mein Pfund, das ich wahrlich auch nicht vergraben, hat mir Fet ſolchen Wucher ge⸗ tragen.— Lobe mich nicht zu arg, Geſell, antwortete der Weiß⸗ kopf kopfſchüttelnd. Möchte wetten, Dein enges Häus⸗ lein am Berg hätte nicht ſo viel Seufzer gehört, als meine weiten Kammern. Stehſt Du nicht da vor mir rüſtig und ſtark, geſchickt zu jedem Geſchäft, und ſieh mein vertrocknet Fleiſch, mein faltig Geſicht und die vor der Zeit gebleichten Haare. Mußte ich nicht früh meine Hausfrau einſargen? Habe ich nicht acht Kinder betrau⸗ ren müſſen, die durch Seuchen und Unglücksfälle genom⸗ men wurden?— Dir blieb der Neunte, tröſtete der Andere; er iſt ein ſchmucker Burſch, macht übermorgen Hochzeit mit dem beſten Diendl im Orte, und dem Großvater geht eine neue Sonne auf und verſpricht ihm neue und beſondere Luſt und Fröhlichkeit.— Ja, ja, darauf hoffe ich, antwortete der Weißkopf haſtig. Die Silzſteinerin iſt ein Schatz, der beſte Burſch verdient ihn kaum, und ich hoffe viel von ihr für meinen Adas, der mir gar große Sorgen gemacht in den letzten Jahren.— Du hätteſt ihn immer ein Weniges knapper halten 456 dürfen, Alterle, entgegnete der Gaſt; ſchlechte Geſell⸗ ſchaft verdirbt gute Sitte; ich ſelbſt bin im Auerhahn Zeuge geweſen von ſeiner Unart und wüſten Wirthſchaft, und habe mir's herausgenommen, ihm eine Predigt zu halten. Er hatte mehr in den Krug geſchaut, als gut iſt, und da darf man denn nicht Alles zu hoch an⸗ rechnen, ſind wir doch auch jung geweſen, haben auch ge⸗ fenſtert, gerauft und gewalkt, wie's die Gelegenheit bot.— Aber wir thaten's mit Maß, und unſere Alten haben kein Schmerzensgeld und keinen Wundthaler für muth⸗ willig zerſchlagene Gliedmaßen unſertwillen bezahlt. Ein Puff, eine blaue Beule, höchſtens eine blutige Naſe, dabei blieb es; auch achteten wir des Nachbars Eigen⸗ thum, der Weibſel Ehre, und die Gottesfurcht wich nicht von dem Wildeſten unter uns. Zur Zeit iſt das ganz anders geworden; die Jugend hat keinen Reſpekt vor dem Alter, das Rind dünkt ſich mächtiger als der Stier; das lebt nur in Saus und Schwindelei, bis es zu Grunde geht.— Geduld und Muth, Alterle! Eine tüchtige Frau iſt der beſte Zuchtmeiſter für ſolch wüſte Geſellen, und die am meiſten getollt, werden öfters die ehrbarſten und ſparſamſten Hauswirthe. Die Silzſteinerin wird ihr Re⸗ giment ſchon einrichten, wie's nöthig. Darum verdirb Dir die hohe Luſt nicht ohne Noth; putze Dein Haus auf für die brave Tochter, und denke an nichts, als an den Segensſpruch des Herrn Curaten, der auch Dir neuen Segen zum alten bringt, an das Bett, das Du dem jungen Volk recht weich ſtopfen mußt, und an die Wiege, die Du zu ſchaukeln bekommen wirſt.— Wenn's nur erſt ſo weit wär! ſeufzte der Alte, den Kopf ſtützend.— 457 Von der Tenne des Hauſes her hörte man ein luſtiges Geträller und heraus in's Freie trat Adas Bub im vollen Putz, den bunt geſchnittenen Knotenſtab im Spielhdurch die Lüfte ſchwingend. Du willſt doch nicht hinunter noch alſo ſpät und in die Nacht? fragte der Vater Johannes erſchrocken.— Und warum nicht, Väterle? fragte der Sohn zu⸗ rück.— Uebermorgen ſollſt Du ein ehrſamer Hausherr werden denkſt Du nicht daran? nicht an das fromme Kind, das ſicher nicht mit Freude hört, auf welche Weiſe Du Dich zum heiligen Werke bereiteſt? Morgen, Väterle, morgen bleibe ich heim den langen Tag und die ganze Nacht, entgegnete Adas ſchelmiſch ſchmeichelnd, und Du ſollſt mir vorbeten ſo lang Du . willſt, und mir den ganzen Abend erzählen, wie ein guter Ehemann ſich haben muß, und ich will mit ein⸗ ſtimmen in's Gebet, damit die Feſtkuchen gut gerathen und das Schätzel keinen Fall thut, bevor ſie in's Käm⸗ merle gekommen.— Bleibe heim, mein böſes Kind, ſprach ängſtlicher der Alte und ſtreichelte mit dürren Fingern die pralle kräftige Hand des Sohnes; bleibe heute heim, mir zu lieb! Ich habe viel böſe Träume und Vorzeichen gehabt; gehe heute nicht, mein Kind.— Träume kommen aus dem Bauch, ſagt der Bader Noah, und Aberglaube ſoll man ausrotten gleich dem faulen Baum, ſpricht der weiſe Herr Curat. Könnteſt Du mit uns ſtreifen, Väterle, würdeſt Du ſchlafen ohne Traum und Herzdrücken.— Wo iſt eine grüne Matte, oder eine Felsplatte, auf der Du nicht eine Rauferei gehabt? Du böſes Kind! — 458 Wo iſt ein Dorf im Thal, das nicht Klage um Dich geführt bei dem Vater? Ueberall iſt man Dir feindſelig geſinnt, und wird Dir nachſtellen, und die Rachſüchtigen werden Dich nicht verfehlen.— Adas dehnte ſich ſtolz in die Höhe, ſetzte den befiederten Hut ſchiefer auf's Ohr, und ließ ſeinen Keulenſtock ſchwirren. Wer wagte ſich an Adas, an die Rieſenfauſt von Fiſchbach? rief er wildmuthig. Du ſollſt nicht ſchelten darauf wie ein Innsbrucker fauler Bürgerpapa, ſondern wie ein braver Oetzthaler ſtolz ſein auf Dein böſes Kind.— Du biſt mein Letzter, der Reſt von meinem verron⸗ nenen Blut, jammerte der Alte. Bleibe nur heute heim; ich veſchwöre Dich bei Deiner Mutter Grab! Bei den Wunden des Herrn beſchwöre ich Dich.— Vater Hanſel, biſt Du kindiſch worden, daß Du vor fremden Ohren Dich wie ein Weibſel geberdeſt? fragte Adas hart und unwirſch, indem er ſeine Hand wegzog aus den Vaterhänden. Wenn ich's Dir zu lieb auch ge⸗ wollt, heut geht's nun einmal nicht. Alle Robler im Thal, die oft aus meinem Säckel geſchmauſet, geben mir heut einen Feſttrunk; es fehlt kein Raufer dabei, aber es iſt auch Keiner zugegen, der nicht ſeine drei Hahnen⸗ federn mit Ehren tragen darf. Kann ich, der Geladene, der König, fortbleiben? Würden die Burſchen nicht hohn⸗ lachen und mit Recht, wenn ſie hörten, der Vater hätte das böſe Kind in den Ferkelſtall geſperrt?— Gib Dich zu, Väterle, es iſt das letzte Mal im Jungeſellenſtande, und dazu bleibſt Du nicht allein, kannſt mit dem Gaſt⸗ freund meine Heimkunft erwarten; iſt's doch ein gar kluger Mann, hat die ganze Welt geſehen und die Nägel ſeiner derben Schuhſohle in den Dreck vieler Königsſtädte ⸗— ——.—— 459 abgedrückt, und predigt überdem faſt ſo gut wie unſer Curat. Laß Dir erzählen und predigen und gönne dem Adas ſeine Luſt.— Damit grüßte er nickend und ſchlen⸗ derte den Hügel hinab, indem er ſang: Sie reden vom Sünd' ſein, Die gar z' geſcheiten Leut', Wie kann denn a Sünd' ſein, Was ein' gar a ſo freut?— Der Gaſt ſchüttelte den Kopf und ſagte: Die Welt iſt ein Rennen, und muß bald einen Purzelbaum ſchlagen, denn ihre Füße halten nicht lange mehr aus. Wer's vor zehn Jahren geſagt, wäre zum Lügner gemacht. Die Geſteine müſſen ſich verwundern über ſolch ſtädtiſchen Narrenputz von Sammet und Flitter, und die alten Föhrenſtämme ſtopfen ſich mit den Büſcheln die Obren zu, hören ſie ſolch unheiligen, zuchtloſen Sang. Es fehlt nichts, als daß das Franzoſenvolk hereindringe, die Weib⸗ ſel zu Komödianten und die Kirche zum Eſelſtalle machten. Gott beſſer's, denn geht's ſo fort, möchte man wünſchen, die Eisſeen droben brächen durch ihren Wall und ver⸗ ſchlängen das Thal, bevor die Wackern auch theilhaftig würden der Sünde.— Komm herein, Freund, ſtöhnte der Weißkopf, welcher bis da dem Sohne mit ſtarren Glasaugen nachgeſchauet. Komm, verlaß mich nicht in der Nacht. Wir wollen plaudern von der alten Zeit, bis des Wildfangs Schritt ſich wieder hören läßt.— Vertrau auf Gott, Hanſel! tröſtete der Gaſt. Mit der Hausfrau wird die alte Zeit wieder einziehen unter Dein ehrlich Dach, und Dich wieder jung machen.— 460 Es war an demſelben Tage, aber mehre Stunden ſpäter, und der Mond hatte ſchon lang die Sonne ab⸗ gelöſet im leuchtenden Dienſt, und ſein matter Lichtſchein lag wie ein feiner Goldſchleier über dem Thal, die Ge⸗ genſtände erhellend und doch im unſichern Schimmer ver⸗ ſteckend zugleich, als der Trupp wüſter Geſellen, die Robler⸗Compagnie, die leider aus den ſchönſten und tüchtigſten Söhnen des Oetzthales beſtand, brauſend und ohne Zucht durchbrechend, gleich den Felsbächen, die ne⸗ ben ihren Nachtwegen rauſchen, die Dorfſchaften durch⸗ ſtrich, und wie eine wilde, geſpenſtige Jagd die Ruhe der Einwohner zu ſtören verſuchte. Früher wie gewöhn⸗ lich hatten ſie ihr Trinkfeſt beendigt, aber darum doch nicht mehr Maaß gehalten wie gewöhnlich; die herrliche Frühlingsnacht hatte ſie früher aus der dumpfigen Halle gelockt, nach ihrem Zunftgebrauch tolle Abenteuer zu ſu⸗ chen, wie ſie ihnen am liebſten waren und die Gelegen⸗ heit ſie darbot. Und die Gelegenheit war den Unfugſtiftern eine ge⸗ führliche Kupplerin geweſen, wie ſie das überhaupt mehr den Böſen wie den Guten zu ſein pflegt, da dieſe Letz⸗ teren, vertrauend auf ihre Sache, ſie weniger in Anſpruch nehmen oder eine trügeriſche Hoffnung auf ſie ſetzen.— Der läppiſchen Knabenpoſſen und der ernſteren Boshei⸗ ten waren ſchon eine Menge durch die Robler verübt worden; ſie hatten Ställe erbrochen, das Maſtvieh von den Ketten gelöſet und in die Gärten getrieben; ſie hat⸗ ten furchtbare Popanze aus Heckenſtangen, Strohwiſchen und Pferdedecken zuſammengebaut und vor den Fenſtern furchtſamer Jungfrauen aufgeſtellt; ſie hatten mehre ſcheue Liebhaber, die ſich am Fenſterbalken des Schätzels ertappen ließen, tüchtig mit Fauſt und Knittel durch⸗ . 461 gewalkt, wobei es nicht ohne Beulen und blutige Riſſe abgegangen; ſie hatten mit den Wagenrädern des größ⸗ ten Gehöfts in Lengenfeld und mit dem zum Trocknen ausgehängten Linnenzeuge einer nahen Wieſe die Zweige eines mächtigen Tannenbaumes behängt, daß der ſchwarze Stamm im Mondſcheine ließ wie ein rieſiger, grauen⸗ hafter Chriſtbaum; ſie hatten eine alte Bettlerin, die mit ihrem gefüllten Bettelſacke ſpät noch zu ihrer Hütte ſchlich, und die in den Dörfern für eine Bündnerin der Hexen an der verrufenen Geröllenwand des Achenbachs gehalten wurde, aufgegriffen, bis auf das Hemd entkleidet, ſie dann mit Hülfe einer geraubten Leiter auf einen hohen Steinfels geſetzt, der geſondert am Thalrande ſtand, und von dem die Arme, nachdem die zertrümmerte Leiter ihr die Rückfahrt von dieſem öden Nachtquartier unmöglich machte, die ſchauerlichſten Verwünſchungen auf die bos⸗ haften Lacher herunterſchrie. Adas war immer der Vordermann und Amleiter bei dieſen Bubenſtreichen geweſen, und jeder gelungene ſchien ihn mehr zu erhitzen. Es iſt meine letzte Nacht unter euch, rief er; über⸗ morgen geht das köſtliche Junggeſellenleben zu Ende; dann habe ich Abends andere Geſchäfte, und die drei ſchmucken Hahnenfedern, vor welchen das ganze Oetzthal Reſpekt gehabt, werden dann auf der Spinde meiner züchtigen Hausmutter paradiren. Aber deßhalb muß auch dieſe Nacht allen unſern Schelmſtücken die Krone aufſetzen, allenthalben müſſen des Adas Fußſtapfen nachbleiben, daß noch die ſpäteſte Zeit von dem erſten Raufer Tirols, von dem Adas Bub erzählt, und welche Sprünge er vor ſeinem Hochzeitbett gemacht. Das gute Väterle hat da⸗ heim einen Gaftfreund, der ihm die Stunde mit frommen 462 Lügen verſchwatzt und der mir darum in den Tod zuwider iſt; darum ſchwöre ich's bei dem ſchelmiſchen Geiſterfräulein auf dem Morin, ich kehre nicht zu mei⸗ nem Bett, bis der Morgen grauet und die Sonne mich im Freien beſchienen, und wer ein tapferer Robler iſt gleich mir, wird mich nicht verlaſſen, bevor ich guten Morgen geſagt.— Die ganze Rotte jauchzte ihm Beifall zu, rief noch ein weitſchallendes Hohngelächter zu dem elenden, bald flehenden, bald fluchenden Bettelweibe hinauf, und zog weiter. Sie waren jetzt an die Brücke gekommen, welche das obere Lengenfeld mit dem unteren verbindet, der Fiſchbach toſete wie zürnend unter ihren Füßen hin, und ſie wanderten aus ſeinem Schluchtbett wiederum aufwärts an den Höhen, durch welche der Gletſcherſohn in ſteten Windungen ſeine tiefe Steinbahn gebrochen. Es flimmert noch Licht im Hauſe Deiner Braut, ſagte jetzt einer der Raufer; der Seppel wird's ſein, der die verſchimmelten Silbergülden aus den Kiſten zuſammen⸗ ſucht und putzt, weil er Dir den Brautſchatz zu zahlen hat.— Der Seppel iſt hinabgefahren nach Oetz, um bei den Innsbrucker Hauſirern einzukaufen, was noch zum Braut⸗ ſtaat und an Vorräthen für die Gäſte mangelt, erwi⸗ derte Adas mit ernſter Stimme, dabei mit finſtern, an⸗ geſtrengten Augen in die mondhelle Gegend hinüber⸗ ſchauend.— Das Bräutle betet ſicherlich um Muth und Kraft, lachte ein Anderer. Laß uns hin, und ſie durch ein fröh⸗ lich Gejodel unter ihrem Fenſter auf tauglichere Hoch⸗ zeitsgedanken bringen.— Ob ſie betet? ſprach Adas mit ſeltſamer, ganz ver⸗ 463 änderter Stimme, aus der etwas Gräßliches, plötzlich in ſeinem Innerſten Erwecktes, vorklang. Ja, wir wol⸗ len hin, aber ſtill und mit eingezogenen Krallen wie die blaue Bergkatz. Sehet ihr nicht den derben Schatten, der ſich dort zwiſchen Hauswand und Bach bewegt? Si⸗ cher iſt's der böſe Berggeiſt, der meinem Schätzel es anthun will, damit mein Feſt geſtört ſei. Warte nur, du geſpenſtiſcher Nachtvogel, wir wollen Dich bannen, gewiſſer und nachhaltiger wie ein Meßprieſter. Ja, wir wollen hin, aber lqutlos wie der rutſchende Schneefall. Voran ſpringe ich den ſchmalen Pfad hier links, der zu des Silzſteiners Hofpförtlein führt. Langſam und leiſe ſchleicht ihr Andern am Bach und den Zäunen; ſchmiegt euch, als ſtieget ihr dem Gethier nach auf glattem Eiſe, und höret ihr mich, ſeid parat in Robler Weiſe. Der unglückliche Michael hatte in ſeiner Einöde von den Holzfällern, die er im Föhrenwalde traf, die Be⸗ ſchleunigung der Hochzeit der Geliebten nur zu früh er⸗ fahren. Die Menſchen wußten von ihm, ſeiner unglück⸗ lichen Werbung, ſeinem Gram, und leider liegt es in der Natur der gewöhnlichen Menſchenart, unter dem Scheine einer falſchen Theilnahme das Böſe und Verwundende dem Betreffenden nicht vorenthalten zu können. Entſetzen erfaßte den Jüngling, als habe er die Hölle geſehen; ſein Geiſt rang ſich todtwund an der Unmöglichkeit, und gin Wahnſinn trieb ihn raſtlos hinauf in das höchſte Gebirg, in die Einöde, zwiſchen die mächtigen Stein⸗ gewölbe, wo nur Adler und Geier horſten. Eine ver⸗ ſprengte Gemſe ſprang daher über die Granitplatte, inſtinkt⸗ 464 mäßig legte der gute Schütz die Büchſe an, und das ſchlanke Thier ſtürzte. Da ſtand er nun neben dem blutenden, ſchönen Ge⸗ ſchöpf, düſter und auf ſein Gewehr gelehnt, und betrach⸗ tete die in dieſer, den Menſchen nahen Gegend ſeltene Beute, die dazu ohne die gewöhnliche Gefahr gewonnen, mit trüben Blicken, in denen ſich Mitleid ſtatt des Jäger⸗ triumphs ausſprach. Armes Gratthier, ſchlankes Kind der Schneekuppe, flüſterte er, wareſt du auch ein Flüchtiger, ein Verſtoße⸗ ner gleich dem elenden Michael? Deine hellen Augen find gebrochen, und werden ſich nicht mehr ergötzen am blauen Himmelszelt, am goldigen Sonnenlicht und dem grünen, weichen Moosteppich der Matte. Dein rothes Züngle liegt ſtumm vor dem Schnautzle und wird die Geſpielin nicht wieder locken, und dein feines Füßle ſtampft nie mehr den Fels zu Warnung und zu Schutz deiner Geſellen. Leicht und frei flogſt du wie der Michael die Klippen hinan, über den dräuenden Spalt, durch die Wolken der Ferner, bis der Herzſchuß dich traf. Nun iſt das Alles aus mit dir.— O wäre der Michael wie du! Und wie leicht und ſchnell könnte er ſein wie du, ſtill und ohne Qual! Wenn ihn nur ein guter Schütz ſo brav treffen wollte!— Nach einer Weile von düſterem Sinnen fuhr er fort: Was ſoll ich mit dem Thier? Ich bedarf die acht Gul⸗ den nicht mehr für die ſaubere Haut, habe keinen Heerd für den zarten Braten.— Aber halt da! lächelte er mit ſchmerzlichem Spott in den Zügen. Bin ich nicht der Gaſtfreund im Hauſe geweſen? Bin ich nicht ein Geſchenk ſchuldig auf die Brauttafel? Und iſt es mir nicht wie vom Himmel vor das Rohr geſchickt?— 465 Er band das Thier an den Füßen mit ſeiner Hut⸗ ſchnur, lud es ſich auf die Schultern, und trat langſam den mühſamen Rückweg an.— Michael war es mit ſeiner Laſt, der um des Silzſteiners Gehöft ſchlich, und den das wilde Heer der Raufer im Mondſcheine enideckt hatte. Er weilte einige Augenblicke vor dem geſchloſſe⸗ nen Fenſter der ſchönen Agnes, und blickte durch die matterhellten Scheiben. Die Jungfrau lag vor dem aus Nußholz geſchnitzten Kruzifir das an der Kammerwand hing. Erlöſe uns von dem Uebel! betete ſie gerade laut und inbrünſtig. Amen! ſprach er leiſe und ging weiter zu der Pforte des Gehöfts mit auf die Bruſt geſenktem Haupte. Die Pforte war feſt verſchloſſen, im Hofe regte ſich nichts Lebendiges, kein Schimmer in Haus und Stall ließ einen wachenden Knecht vermuthen, der ſein Geſchenk hätte nehmen können. Mit ſtarkem Arme warf er das Thier über das Gatter, und befeſtigte die Schnur der Füße um einen Pfahl; da hörte er einen harten Fußtritt dicht hinter ſich, und der Schlag einer harten Hand traf ſeine Schulter. Was machſt Du da, Nachtrabe? fragte Adas und zwei ſprühende Blicke trafen in des Erſchreckten Augen.— Biſt Du es Bub? antwortete er mit ſchnell gefunde⸗ ner Beſonnenheit. Du kommſt mir recht und kannſt meine Beſtellung übernehmen.— Du wählſt Dir einen fürnehmen Boten, Du lumpiger Venter, ſprach Adas; und was könnteſt Du in die Thür zu rufen haben, aus welcher man Dich geworfen?— Einen Braten auf Euren Hochzeitstiſch hab' ich dem Seppel gebracht, antwortete kalt der Schütz; das Wild iſt heuer rar hier unten. Doch ward mir der Weg zu Blumenhagen, XK. 30 466 lang aus dem Berg und ich kam verſpätet. So beſtellſt Du wohl meinen Gruß und Glückwunſch; haſt Du doch Theil an Beiden.— Zum Teufel mit Deinem Gruß und Wunſch! fluchte Adas auflodernd. Einen ſtattlichen Bock haſt Du gebracht? Wahrlich! Und Kopf und Gehörn ſollen vielleicht für mich, Du jämmerlicher Spottliedler?— Aber noch trage ich die Hahnenfedern am Hut, und wie ein Robler will ich Dir Schußgeld und Zehrkreuzer bezahlen.— Einen Stoß mit der Fauſt verſetzte er dem jungen Schützen, der die Bruſt traf, und ſein Knittel ſchwirrte nach dem Kopfe; doch der gefährliche Schlag ward glück⸗ lich noch durch die Büchſe des gewandten Gegners auf⸗ gefangen.— Halte Friede, Bub! rief beklommen der Schütz. Störe die Jungfrau nicht, denn ſie betet!— Ha! raſete Adas. Alſo wareſt Du am Fenſterbalken, Du unverſchämter, lüſterner Geſell? So nimm denn die Buße, wie es Brauch unter uns.— Knittel und Kolbe flogen durch die Luft, trafen hier, trafen dort, und Beide blieben im gleichen Vortheil; da brüllte es plötzlich um den verlorenen Michael, und der ganze Haufe der Robler warf ſich auf ihn; wohl wehrte er ſich lang wie ein tüchtiger Gebirgsſohn, ſchlug gleich dem ſchäumenden Eber wild aus nach allen Seiten, traf mächtig manchen der Feinde, aber Rieſenſtärke hätte der Maſſe dieſer geübten Raufer nicht Stand gehalten. Zu Boden geriſſen, zerſchlagen, getreten, verließ den ſtummen Märtyrer die Kraft, und zehn Hände griffen nach ihm, riſſen ihn auf, ſchleppten ihn fort, und hinun⸗ ter warf man den Betäubten vom ſteinigten Bord in das rauſchende Waſſer des Fiſchbachs. ℳ —————— 467 Kühle Dich ab, Du heißblütiger Gauch! ſchrie der Adas vom Felsrand dem Stürzenden nach, mitten aus dem Gedräng der boshaft lachenden Geſellen; da wurde auf Einmal durch zwei gewaltige Fäuſte der Menſchen⸗ knäuel auseinander geriſſen, und mitten unter dem Rob⸗ lerhaufen ſtand eine grauſenvolle Geſtalt, vor der Alle noch weiter zurückwichen. Selbſt Adas verſtummte. Räubergeſindel, Meuchelmörder, Teufelsbraten ihr! kreiſchte der Mann, der wie ein Strafengel vom Him⸗ mel gefallen. Zugleich zuckte es über ſein gräßliches Antlitz, auf welches das volle Mondlicht wie zackichte Blitze fiel und ſeine weißen Zähne knirſchten, als lüſteten ſie nach Blut. Sind das Deine Heldenſtücke, Du Prahl⸗ hanſel, daß Du ſelber Zehn einem ehrlichen Oetzthaler das Garaus ſpielſt? Sind eure Hahnenſporn zu lang und prickelt das Blut, ſo ſolltet ihr hinausſtreifen aus dem Thal, euren Muth an dem Franzoſenvolk verſu⸗ chen, und dem Baier auf die Fäuſte klopfen. Aber da ſchreien die Faulpilze gleich der Krähenbrut auf dem Kirchdach, und die Mutterſöhnchen verlaſſen ſich auf ihre ſichere Thalſchlucht, in die noch kein Blaurock ſich ge⸗ wagt; laſſen ihre Brüder außen im Stich und verſuchen ihren Uebermuth an einem einzelnen ehrlichen Burſchen. Pfui, über euch Alle, ſonders über Dich, krähender Haupthahn! Nimm denn zuerſt ſdafür die Gebühr!— Und ein gewaltiger Fauſtſchlag traf des Adas Geſicht, daß er taumelte; doch im Augenblick hatte der Geſchla⸗ gene wieder feſten Fuß gewonnen, und warf ſich ohne Zögern brüllend wie ein wüthiger Stier auf den uner⸗ warteten Angreifer. Die Brüſte der Kämpfer preßten ſich an einander, die Arme wanden ſich durch einander wie die geſchwollenen Bäuche von vier giftigen Schlan⸗ 468 gen, die gekrallten Finger vrückten ſich in Schulter und Hals, dicht vor einander glüheten die Geſichter, ſprühten die Augen, ſchnoben die Athemzüge, dabei wiegten ſich die Oberleiber hin und zurück, aber die Füße ſchienen eingewurzelt in den Boden eine lange Weile hindurch, und die gewaltſame übermenſchliche Anſtrengung der Kämpfer wurde kaum ſichtbar. Da tönte ein Krach, als wenn ein Urſtein geborſten, und Adas, der erſte Robler des Thals, lag geworfen am Boden, finnlos durch den Fall auf das Hinterhaupt, und ſeine bislang unbeſiegten Arme ſtreckten ſich erſchlafft und wie vom Wetterſtrahl gelähmt über die Kieſel des Weges aus. Sagt's ihm, der Ignaz von Huben habe ſein Ver⸗ ſprechen gehalten, und wett gemacht die Forderung vom Auerhahn her! keuchte der Sieger aus enger Bruſt, dann riß er die Hahnenfedern vom hingefallenen Hute des Roblers, warf ein paar der Burſchen, die verdutzt und ſtumm wie Steinbilder dem grimmen Kampfe zugeſehen, durch einige tüchtige Püffe zur Seite, und mit Blitzes⸗ ſchnelle, ebenſo wie er erſchienen, ſah man ihn zwiſchen den Zäunen verſchwinden. Eine Todesſtille von einigen Minuten herrſchte; ſo geſchieht's auch nach einem Bergſturz, wenn Fels und Steingebrock und geknickter Wald unten angelangt auf der Fläche, und das Gekrach und donnernde Getoſe plötz⸗ lich ein Ende hat, die kreiſchenden Unglückskinder, die es traf, ſammt ihren Hütten zertrümmert liegen unter dem ungeheuren Grabhügel, uud die Geretteten lautlos um⸗ herſtehen, und es ihnen ſelber noch nicht wahr dünkt, daß ſie dem Gräßlichen entrannen. Der beſiegte Adas regte ſich jetzt, richtete ſich halb auf und griff wie ein Träumer an ſeinen Kopf. Mit „ — „ 469 wirren Blicken ſah er ſich alsdann eine Weile rund um im Kreiſe der Geſellen, die ihn umſtanden; da kehrte ihm die Beſinnung, ſeine Augen blitzten hiehin, dorthin, und mit Einemmale ſtand er hoch auf den Beinen und griff nach Hut und Knittel. Wo iſt er hin der Ehrenräuber? brüllte er grimmig, und ſeine ganze Kraft ſchien wiedergekehrt, ſo wie ſeine Fußſohle den mütterlichen Erdboden berührt hatte. Wo iſt er? Habt ihr ihn erſchlagen? Schwimmt er im Fiſch⸗ bach gleich ſeinem elenden Kameraden 2— Gib Dich zu, Bruder, ſagte ein Gefährt'. Der Nazel iſt ja verrufen als ein Teufelskumpan und Hexengenoß, und überall weicht man ihm aus. Wie hätte auch Men⸗ ſchengewalt Dich werfen können? Der Teufel ſelbſt in der dürren Geſtalt des Scheuſals hat Dich gepackt, weil Du Dich letzthin über ihn luſtig gemacht. Freue Dich darum, daß Du mit ganzem Genick davon ge⸗ kommen.— Kindiſche Poſſen! rief Adas. Feiglinge ihr Alle, daß ihr den Feind mit heilen Gliedmaßen davon gelaſſen. Wo iſt er hin? In die Luft gefahren, woher er kam! antwortete man. Ha! ſchrie jetzt der Roblerhauptmann, indem ſein Auge den Raub des Ehrenzeichens vom Hute entdeckt hatte. Iſt ſolcher Schimpf ſchon Jemanden geſchehen, ſo lange im Thal Menſchen geboren wurden? Und der Dieb ging davon? Und ſein Blut iſt nicht auf dieſe Kie⸗ ſel verſprengt?— So will ich ſterben ohne Abſolution und Sakrament, wenn dieſer Schurk nicht erwürgt iſt von meiner Hand, ehe die Sonne wieder am Schnee leckt auf jenem Berge! Dürft ihr euch noch Robler 470 nennen? Iſt eure Ehre nicht hin mit der meinen, hin durch einen Landſtreicher? Macht wieder gut, ihr ſchlaffen Burſchen, was ihr geſündigt an mir; ſeid meine Dachs⸗ hunde und ſpüret mir nach dem Fuchſe, ſo lange ihr Athem habt. Aber ich ſelbſt will ihn würgen, ich allein muß abwaſchen den ſcheußlichen Flecken. Sein Verſteck iſt nicht weit; bei dem Häusling von Burgſtein nimmt er ſein Quartier, ich weiß es. Hinauf, wilde Jagd! Sei es im Bett, ſei es im Gebet oder im Schlaf oder beim Krug, erſticken muß er, keine Stunde darf das Un⸗ thier leben, ſonſt zeigen morgen die Lengenfelder Kna⸗ ben auf den Adas, und ſtreuen Taubenfedern und Stroh⸗ geheckſel auf meinen Kirchweg.— Voran raſete er hin auf den angedeuteten Weg, und ſeine Schaar folgte ihm theils aus Beſchämung, theils erhitzt durch ſein Wort, das ſie getroffen, wo ſie am wundbarſten geweſen. Unten in den bewohnten Tiefen des Oetzthales lag noch die Nacht; oben auf den Felswänden und rauhen Steinfeldern graute ſchon der Morgen, und ließ die näch⸗ ſten Gegenſtände erkennen. Der häßliche Nazel trat aus dem ſchwarzen Dickicht des Föhrenwaldes, und betrachtete ſtutzig einen Menſchen, deſſen er ſogleich anſichtig geworden, und der eine ſelt⸗ ſame Beſchäftigung zu treiben ſchien. Er hieb nämlich mit ſcharfem Meſſer von einem einzelnen alten Nadelbaume die unteren Zweige ab, und ließ nur hie und da Stumpfe ſtehen, die eine Steige bildeten. Hut, Büchſe und bunt⸗ gewirkter Gurt lagen neben ihm am Boden; ebenfalls hatte er trotz des kalten Luftſtrichs, der den Sonnenaufgang — ——————————— 471 begleitet, Jacke und Wamms abgeworfen, und jetzt nahm er die Silberſchnur ſeines Huts und neſtelte ſie auseinan⸗ der, dehnte ſie lang und maß ihre Länge am höhern Ge⸗ zweig, und ſchien dann bemüht, eine Schlinge aus dem dünnen Putzſeil zu winden. Der Häßliche trat ihm un⸗ bemerkt und langſam näher, und redete dann zu ihm mit milder, freundlicher Stimme, als wollle er vermei⸗ den, ihm einen Schreck zu machen. Was beginnſt Du hier, Michael, in der Früh? fragte er. Haſt Du Dir eine Treppe in den Baum gehauen um ein Elſterneſt auszunehmen?— Das todtbleiche Geſicht des Angerufenen drehete ſich zu dem Sprecher, aber weder Schreck, noch irgend ein anderer Ausdruck von Empfindung ſprach aus den ent⸗ ſtellten Zügen. Störe mich nicht im guten Geſchäft, Kamerad, ſagte der Burſch; denn ich will mich nur hängen. Kann's allein ohne Dich; Schnur und der Aſt da ſind ſchon ſtark genug.— Biſt Du tollſ, Bub? rief der Häßliche entſetzt und griff nach der Schnur, die jener jedoch gewandt ſicherte.— Die Schnur iſt mein, ſprach Michael dabei mit Hef⸗ tigkeit; die Silzſteinerin hat das Bändel, ohne daß ich ſie bat, von ihrem Mieder gelöſet und mir um den Hut geneſtelt; an der Schnur hat Niemand ein Recht, ſelbſt der Adas Bub nicht; denn damals hatte er noch nicht um das ſchönſte Kind am Fiſchbach geworben, damals war die Hochzeit noch nicht angerichtet, damals war der Michael aus Vent nach kein geſchmäheter, ehrloſer Burſch, o— damals hatten die Mutter Gottes und die Heiligen ihn noch nicht verlaſſen.— Er ſetzte ſich gänzlich erſchöpft an Leib und Geiſt auf den Stumpf eines abgeſchlagenen Waldbaumes. — 472 Der Häßliche zog ſeltſame Grimaſſen, man wußte nicht, war's zum Weinen oder zum Lachen. Ein Mann unter Weibern iſt wie ein Rücken zwiſchen Prügeln, und wer in's Heu geräth, den freſſen die Ochſen, ſagte er. Und um ein Dirnel willen alſo und weil er einmal unter einen Haufen grober Trunkenbolde gerathen, was jeden ehrlichen Mann im Leben betroffen, will ein wak⸗ kerer Burſch von den Eisſeen ſterben am Strick gleich den Strauchdieben. Die Droſſeln haben mich darauf gebracht, antwortete eintönig der Schütz. Siehſt Du ſie nicht dort hängen am Buſch in den Schlingen, die der Hirtenknab geſtellt? Es iſt ein leichtes Sterben; das Herz bricht ſchnell, ſo⸗ wie die Luft nicht mehr durchpaſſirt.— Und fort muß der Michael, fort! ſetzte er wärmer hinzu. Wer ſo et⸗ was ertrüge, wäre kein Menſch. Mir zur Laſt, Andern zum Spott; allein und unnütz in der großen, kalten Eiswelt! Fort muß ich! darum ſtöre mich nicht Kame⸗ rad!— Und denkſt Du nicht an's Fegfeuer, Du wahnwitzi⸗ ger Burſch? Denkſt Du nicht an den ewigen Brand? zürnte der Häßliche. Solchem Sünder ſchließt Sanct Peter nimmer den Himmel auf.— Das Fegfeuer iſt in mir, heiß und gräßlich; und iſt der Sanct Peter eben ſo abgünſtig und kieſelhart wie die Oetzthaler, mag er ſeinen Schlüſſel unberührt laſſen.— Läſtere nicht, Knabe! fiel Ignaz ſtreng ihm in das Wort. Sieh mich an; auch ich habe— beim heiligen Leonhard!— viel getragen und erduldet. Fort willſt Du? Nun ich zeige Dir den beſſern Weg, wo die Got⸗ tesfurcht und die Ehre nicht zu Schanden gehen. Goitt ſelber ruft Dich, wenn Du die alten Berge und die Frei⸗ * * 473 heit darin noch liebſt, wenn Dir Dein Vaterland und Dein Kaiſer noch ein Weniges theuer ſind. Aber was wird Dich's kümmern? Ein Lotterbub, der ſich leichtfer⸗ tig hängen will um eines Weibſels willen, was kümmert den die gemeinſame Noth!— Wie war das mit dem Kaiſer? fragte Michael düſter, doch aufmerkend.— Die Hitze für das Diendle hat Dein Hirn verbrannt, ſonſt hätteſt Du wohl Manches erhorcht, was im Reich vorgeht. Der Erzfeind, das Franzoſenvolk, iſt wiederum in's deutſche Land gebrochen; die Prieſtermörder, die nicht zu den Heiligen beten und ſelbſt dem heiligen Papſt kei⸗ nen Reſpekt geben, der ſie in Bann gethan, haben das Tirol überſchwemmt mit dem Baier zugleich, und man will uns abtrünnig machen vom guten Kaiſer, und dem Baier in die Hände ſpielen. Und doch ſagt das alte Sprichwort: Thue nicht öſtereichiſch und baieriſch Fleiſch in denſelben Kochtopf, eines 5e wird heraus und in's Feuer ſpringen.— Wer kann uns den Kaiſer nehmen, dem wir gehor⸗ chen ſo lange die Berge ſtehen, der uns kennt, der die Freiheiten ſchützt, und dem wir gut ſind und mit ihm zu⸗ frieden? fragte der junge Schütz verwundert.— Der an der Spitze ſteht fürchtet nicht Gott oder den Teufel, ſprach der Häßliche; er hat dem Kaiſer ſein Wien genommen, und will den guten Herrn zu nichte machen.— Und wer iſt der Menſch, der ſich ſo etwas unterſte⸗ het ohne den Galgen zu fürchten? fragte Michael mit Heftigkeit.— Er ſoll ein armer Schütz von den Inſeln geweſen ſein, wie Du es biſt! entgegnete Ignaz; er muß ſeine 474 Seele früh dem Schwarzen verkauft haben, er wurde Offizier, General und läßt ſich jetzt Kaiſer ſchelten, und hat Streit gehabt mit der ganzen Welt, und iſt lebendig aus jeder Kanonenſchlacht hervorgegangen.— Michael nahm das blanke Kreuz, was ihm als Halſe hing und küßte es. Uns frommen Leuten im Gebirg kann der Höllengeiſt nichts anhaben, ſagte er ernſt, und wir müſſen Alle den Stutzen nehmen und dem guten frommen Kaiſer ſein Haus wieder ſchaffen. Die Andern ſind Weltkinder, und darum hat der Satanas Macht über ſie, doch wir ſtehen der ganzen Hölle zu Trutz und ſie wird uns nichts anhaben.— Sieh, braves Büble, frohlockte der Häßliche, Du triffſt ſelber auf den Weg, den ich Dir zeigen wollte. Und ich meine, es ſei doch beſſer für den Kaiſer und die alten Berge ſich ſchlagen, als ſo wie ein elender Strichvogel im Garn am Baume ſterben. Im Lande außen ſind die Tiroler Brüder ſchon im Allarm, und haben ſchon manchem Blauen das Blei in den Kopf gejagt, und manchen tolldreiſten Soldatentrupp, der ſich in die Schluchten gewagt, unter Steingeröll und niedergeſchlagene Waldſtämme begraben. Und damit es ordentlich zugehe, hat der gute Kaiſer uns mehre ſeiner Hauptleute geſchickt, die das Kriegsweſen aus dem Grunde verſtehen, und uns die Kunſt lehren ſollen, und uns die rechte Weiſe zeigen, wie wir am ſicherſten und ſchnellſten die ehrlichen Lande wieder reinigen und frei machen.— Nun, was iſt denn Beſonderes dabei? ſagte der Schütz leichthin, indem er Jacke und Wamms anzog und die Büchſe aufhob. Man ſchießt ſie auf die Köpfe, und ſind ——— ——— ·———— 475 ihrer zuviel für unſer Pulver und Blei, ſo ſchlägt man den Reſt mit den Kolben todt. Komm, Nazel, machen wir uns auf den Weg, ehe der Tag vollends da iſt; ich habe Allen, Allen Lebewohl geſagt, und kein Menſch von hier ſoll mich mehr finden.— Das verſtehſt Du nicht, Burſch; fiel der Häßliche ihn aufhaltend ein. Gut Ding will Weile haben, und großes Werk bedarf Berathung. Aber Du ſollſt ohne Aufſchub an die Arbeit, ſollſt erfahren, daß Du nicht unnütz biſt in der Welt, Du Sünder, ſollſt zu des frommen Kaiſers beſondern Dienſt gerufen werden.— Und was verlangt der Herr von meinem Leib und Blut? fragte Michael lebhaft.— Ich ſuchte Dich um Mitternacht in Deiner Wald⸗ hütte, antwortete Ignaz, und habe Dich dort erwartet mit einem gar fürnehmen Herrn aus Wien, der elber dem Kaiſer verwandt iſt, und den er aus beſonderer Liebe zu uns von dorten mit heraufgeſchickt. Die Feinde haben ihn bei Innsbruck ausgeſpürt, haben ſeine Leute erſchlagen, und ihn ſelbſt verfolgt auf Mord und Tod. Mit Noth flüchtete er ſich in unſer Thal, aber auch hier herein haben ſich die Mordbuben gewagt, denn es iſt ein ſchön Stück Geld auf des fürnehmen Herrn Kopf geſetzt. Da hat ihn mir der Herr Landpfleger, der Marberger auf Petersberg, anvertrauet, und ich habe geſchworen, bei der heiligen Dreieinigkeit, daß ich ihn bergen und ſchützen wollte, und wollte ich ihn bringen bis an die Eisſeen und in den Rofnerhof, oder gar in die Karthauſe Schnals und unter die Jöchel. Der Herr iſt aber kein Steiger wie ich und Du, und hat ſich zu lang verweilt, und geſtern ſchon ſind die Feinde ihm nachgekommen, find im Auerhahn zur Raſt geweſen, und ſind uns ſchon vor⸗ * — 476 ausgetreten, und ſpüren heute die Steine des alten Schloſſes drüben hinauf. Jede Säumniß bringt Gefahr und wir dürfen nicht im Thale hinauf, ſondern müſſen einen Weg auskunden über's Gebirg, wo ich nicht ge⸗ nugſam Beſcheid weiß und darum einen braven kundigen Führer geſucht, und— der biſt Du.— Einém frommen Herrn und Kaiſersfreund aus Ketzer⸗ klauen helfen, iſt Chriſtenpflicht, ſagte Michael feſt; wo iſt der Mann?— Der Häßliche that einen grellen Pfiff auf dem Dau⸗ men, und bald darnach rauſchte es im Föhrenholz, und derſelbe Fremde, der mit dem Tiroler im Lengenfelder Schenkhauſe geweſen, trat aus dem Gedick in das Freie. Unſer Mann iſt gefunden, Gnaden, rief ihm Ignaz entgegen, indem er reſpektvoll den Hut zog; ich ſtehe für den Buben als wäre er mein leiblicher Sohn. Wenn ſie tauſend Nacken ſchlagen, nur nicht den meinen! ſprachen die Meiſter; dieſer nicht, dieſer iſt wie ein Lampendocht, er leuchtet Andern, wenn er ſelber ver⸗ brennt.— Willſt Du mich führen? fragte der Frémde, mit ſcharfem Auge Michael betrachtend, der gleichfalls ihn anſtaunte. Wirſt Du mich nicht verlaſſen, und darf man Dir vertrauen?— Wenn's der Michael geſagt, ſo hält er's, und wären ihrer Hunderte dagegen, verſetzte der Schütz mit düſterm Geſicht; iſt mir doch ſo nicht viel mehr mit der Welt gedient. Aber Ihr ſehet nicht beſonders friſch aus um Wang und Mund, und die Berge fordern ſtarke Knochen. Nun, was thut's auch, des Michael Schultern haben ſchon manchen Bock in ſchlimmen von Klipp u Klipp getragen.— ————— 477 Der Kaiſer hat Recht, ſprach der bleiche Fremde er⸗ griffen und bewegt; in den Bergen, ſprach er, iſt das Herz meines Volkes, drin waltet das reinſte Blut und ſchlägt die ewige Treue.— Warum kommt er nicht zu uns herein, der gute Herr? Hier ſollte ihm Niemand was anhaben, perſetzte der Schütz, indem er mit Haſt ſeinen breiten Gurt um⸗ ſchnallte, und aus Horn und Taſche, die daran hingen, ſeine Büchſe lud. Bringe mich hinaus aus dieſer Mausfalle, wackerer Menſch, und Du ſollſt einen Lohn bekommen, den Du nicht erwartet. An meinem Leben liegt mir nicht viel, aber Wichtiges bewahren meine Taſchen, Wichtigeres für die Erzherzöge trage ich im Gedächtniß.— Warm ſprach das der Fremde. Für den Kaiſer und Lohn? fragte vorwurfsvoll der junge Tiroler. Vertrauet mir nur, denn auch im dümm⸗ ſten Kopf iſt etwas von Weisheit. Aber laſſet uns fort⸗ machen, ehe es hell wird. Wir müſſen an der Höhe hin bis gen Burgſtein, von da erſt bei dem rothen Steine ſchlägt ſich der ſichere Pfad hinauf in das Hoch⸗ gebirg.— Einen Augenblick ſtand er noch und ſenkte einen ſchar⸗ fen, ſchmerzglühenden Blick hinab in die dunkele Thal⸗ tiefe, dann warf er die Büchſe über die Schulter und ſchritt rüſtig voran, gefolgt von den beiden Gefährten. Der Weg, ſchmal und mit Steingeröll bedeckt, führte ſchlängelnd an der Bergwand hin, welche das Thal auf der einen Seite bezwängte; bald lief er eine Weile hinab, bald ſtieg er wieder hinauf, nicht von Menſchenhand gebrochen, ſondern von den Revolutionen der gewaltigen Natur launenhaft beſtimmt; hier mußten die Wandernden 478 über eine Felszacke klettern, dort ſchnitt ein Gebirgsbach den Pfad mitten durch und ein rohbehauener Baumſtamm diente als gefährliches Brücklein. Ohne zurückzuſchauen und im dumpfen Schweigen ſchritt der junge Schütz beſtändig voran, indeß der Häß⸗ liche dem Fremden lebhaft zuſprach, theils um ihm die Gedanken an die Gefahr, in welcher er ſchwebte, zu ver⸗ ſcheuchen, theils um ihm nützlich zu ſein durch Warnung und Rathſchläge für die Reiſe. Er lehrte ihn den Fuß⸗ tritt, deſſen ſich der Bergſteiger bedient, er zeigte ihm den Gebrauch der Stange und des Eisſchuhes, die er aus dem Verſteck des Föhrenholzes mitgenommen; er klopfte vertrauend auf die leinenen Taſchen, mit denen er ſeine Schultern behangen, und die hinreichende Lebens⸗ mittel auf mehre Tage für mäßige Wandersleute enthiel⸗ ten, und ſuchte beſonders das Vertrauen des Fremden auf den jungen Führer zu befeſtigen, wenn jener über das ſeltſame Benehmen deſſelben ſich leiſe äußerte und dann mißtrauiſche Blicke in die Tiefe warf, in die jetzt eben⸗ falls das Licht des jungen Tages ſich zu verbreiten begann, und die Gegenſtände nach und nach verdeutlichte. Der Schütz blieb jetzt ſtehen und wandte ſich zu den Gefährten. Dort der große Felsblock iſt der rothe Stein, von dem ich ſprach, ſagte er; jener ſchmale Weg, der wie eine Leiter am Berge hängt, iſt unſere Straße; ſind wir eine Viertelſtunde hinangeklettert, ſoll uns kein Men⸗ ſchenfuß weitere Unruhe machen, denn dann empfängt uns die unwirthbarſte Oede, wo kein Halm wächst, und nicht einmal ein Wild Freude hat. Das einzelne Haus, nahe dem rothen Stein, darf euch nicht in Furcht ſetzen; es wohnet ein Häusling dort, ein wackerer Mann, der weder Viehſtand noch Feldbau hat, obgleich wohlhabend — 479 und geachtet, denn er webt mit ſeinen Töchtern und Nichten die ſchönſten Teppiche im ganzen Thal.— Mein Gaſftfreund iſt es, Gnaden, Albert Trautlebel; der Bub redet Wahrheit! fügte betheurend Ignaz hinzu.— Das Haus iſt noch geſchloſſen, fuhr Michael fort; die Leute arbeiten ſpät bei der Lampe und werden ſpät wach. Macht darum Eure Schritte etwas länger, denn nur dieſer Platz fordert die letzte Vorſicht, weil ein Pfad aus dem Thale und von den Dörfern zum einzelnen Hauſe heraufführt.— Die Gefährten thaten, was der Geleitsmann befoh⸗ len, und bald ſchritten ſie am Ziele vorüber, froh wie ein Wettläufer, welcher die Meta zuerſt erreichte; deſto größer mußte jedoch ihre Beſtürzung ſein, als ſie den rü⸗ ſtigen Gemsjäger, ſowie er vollends um das breite Fels⸗ ſtück getreten, ſtarr daſtehen ſahen, als wären alle ſeine Zähne zu feſſelnden Baumwurzeln geworden, als ſie ihn einen gellenden Angſtſchrei ausſtoßen hörten, wie ihn das Wild thut, wenn es die Kugel in der Bruſt fühlt, und als er mit ſchneebleichem Angeſicht und einbrechenden Knieen mit beiden Händen nach einer Zacke des Steines griff, um nicht niederzuſinken. Sie beſchleunigten ihre Schritte und der Anblick, welcher auch ſie traf, erſchütterte ſie mit nicht geringer Heftigkeit. Das Felsſtück bildete an ſeinem breiten Fuße eine Abplattung, einer Ruhebank ähnlich, und auf derſelben hingeſtreckt lag ein menſchlicher Leichnam mit Blut über⸗ deckt; der Kopf war geſpalten durch eine gräßlich klaf⸗ fende Wunde; vor den langgeſtreckten Gliedern des Er⸗ ſchlagenen ſchimmerte am Boden das Mordwerkzeug, eine ſcharfe Art, als wäre ſie eben erſt aus der geſpalteten Stirn herabgefallen, und die erſten Strahlen der über 480 die öſtlichen Gletſcherkuppen ſich hebenden Sonne beleuch⸗ tete grell das entſetzliche Schauerbild. Beim heiligen Martin, ſchrie der Häßliche, es iſt der Adas Bub wahrhaftig! Das iſt ein gräßliches, gar ſchnelles Gericht des Himmels, und er iſt hingefahren mitten in ſeinem Sündenleben ohne Gott ſei der Seele gnädig.— Abſcheulich iſt die That, ſprach der grende in zorniger Aufwallung; mitten im Frieden, während der Gottesruhe der Nacht ein ſolcher Mord, dicht neben menſchlichen Wohnungen? Wie iſt das möglich? Wie kann ſo ſeltene Gottesfurcht, ſo einfache Treue, wie ich in dieſem Thale fand, neben ſolchen Laſtern wohnen? Und wie kann unter den Augen des ſtrengen Landpflegers dergleichen geſchehen?— Das war Gottes ſichtbare Hand, antwortete ſchnell der Ignaz, dieſem da iſt nur geworden, was er längſt verdient. Aber laſſet uns nicht weilen. Mir iſt, als hörte ich Menſchenſtimmen vom Thale herauf. Fände man uns, könnte man uns ſogar für die Mörder achten.— Sei ohne Sorge, Bruder, tönte da eine Stimme, die einem ernſten Manne angehörte, der zwiſchen den Bäumen hervortrat; das Beil hier am Boden gehört dem Trautlebel, und ich habe ihn getödtet, wollte ich ihm auch nicht eben an das Leben. Seine furchtſamen Geſellen, die Robler, haben ihn liegen laſſen zu ihrer Schande; ich aber erwartete nur den Tag, um nach Petersberg zum Herrn Landpfleger zu gehen, und mich ſelbſt als den Thäter anzumelden.— Wo iſt er? Wo iſt er? ſchallte es jetzt aus der Tiefe, und ein weißköpfiger Alter, unterſtützt von einem Andern, 481 keuchte mit letzter Anſtrengung den Pfad hinauf. Hans Bub war es, der unglückliche Vater. Das Gerücht hatte den Weg zu ſeinem Hauſe gefunden, wo der Schlaf nicht eingekehrt, und wo ſtatt ſeiner geſpenſtige Töne und Schatten das Verderben des Erben angeſagt. Mit dem Troſt des hoffenden Unglaubens erklomm der ge⸗ brechliche Mann die Höhe, aber der erſte Blick auf das Blutbild traf ihn gleich einem zerſchmetternden Wet⸗ terſtrahle. Ein heftiges Beben erſchütterte ſeinen ganzen Körper, mit dem Aufflackern der letzten Kraft eilte er vollends heran. Mein Kind! Mein letztes! ſtieß er her⸗ vor mit einem Tone, der jedes Herz durchſtach; doch die Zunge ward ſchon ſtarr im letzten Wort, die Arme grif⸗ fen noch einmal aus nach dem geliebten Schatze, aber erreichten ihn nicht mehr, und vorn über ſtürzte der Alte auf das Geſicht, zu den Füßen des Leichnams, ſelber ein ſolcher. Erſtarrt, verſtummt ſtanden die Zuſchauer, nur des Bubs rauher Hofhund heulte in die Luft hinauf, wo ein gewaltiger Geier, den der Blutgeruch gelockt, in ſeiner Gier immer niedriger ſeine Kreiſe zog, und der Todt⸗ ſchläger allein beugte ſich zu dem Gefallenen und flüſterte: Vater Hanſel, ich warf das Eiſen in der Noth, aber der Teufel lenkte das Beil auf Deines Kindes Stirn.— Menſchenhaufen drängen herauf vom Dorf, ſagte jetzt ſchnell und halblaut der Häßliche, ſeine Gefährten anſto⸗ ßend. Voran, Michael, daß wir nicht ſelber das Un⸗ glück auf unſer Haupt locken, wie es dieſer gethan.— Der Fremde ſchritt raſch zur Felsſteige, doch der Schütz ſtand zögernd, und auf ſeinen Wangen wechſelten die Farben, Roth und Weiß, Glut und Kälte. Nazel, wie kann ich mit? ſagte er abgeſtoßen. Der Blumenhagen, R. 31 482 Adas iſt todt; die Agnes iſt frei! die Braut iſt gerettet; der Feind iſt gerichtet. Wie kann ich jetzt dieſen Platz und ſie verlaſſen? Und gewiß, ſie wird ausſehen nach mir, wird mich rufen, wird mich nöthig haben.— Der Häßliche faßte ihn mit der Fauſt heftig am Arm. Knabe, murmelte er zürnend, ſoll Dich der Seppel noch einmal über ſeine Schwelle werfen? Haſt Du nicht Hand und Wort gegeben? Und biſt Du nicht in Kaiſers Dien⸗ ſten, Du Abtrünniger?— Der grimmige Seelenkampf malte ſich mit den ſchärf⸗ ſten Zügen auf des Jünglings Angeſicht. Der Kaiſer! ſtotterte er. Wer kann gegen Gottes Gebot und des Kaiſers?— So fahre denn hin Glück und Leben! Sie iſt frei, Gott hat ſie gerettet aus größtem Jammer, ſo ſoll auch dieſer gerettet ſein zum Dank und Preis der Heiligen.— Er warf ſein großes, glänzendes Augenpaar zu dem blauen, reinen Himmel auf, und feſt und kraft⸗ voll eilte er gegen den Fels, ſtieg mit ſicherer Eile vor⸗ an, und bald kamen die Flüchtigen aus dem Geſicht der am rothen Steine ſich ſammelnden Oetzthaler. Auf welche Weiſe das Schickſal des reichſten Erbſoh⸗ nes im Thal, des verwegenſten und gefürchtetſten Rau⸗ fers, des hoffnungsvollen Bräutigams, mit einem Worte des beneidenswertheſten Burſchen im Lande, ſich ſo plötz⸗ lich umgewandelt hatte, ſoll in einem kurzen Umriſſe dem Leſer klar gemacht werden. Wer verließen den Adas Bub, als er erhitzt von Haß und Wahnfinnswuth an der Spitze ſeiner Geſellen auf⸗ brach, um im Blute des Gegners, der ihn bezwungen, ſeinen Schimpf zu löſchen. 483 Bald ſah man die wilde Bande aufwärts an der Thalwand klettern, bald waren ſie auf einer Platte an⸗ gelangt, wo halb umkreiſet von einem Wäldchen eine Ka⸗ pelle ſteht, der heiligen Eliſabeth geweihet, die durch al⸗ ten Gebrauch für gewiſſe beſondere Kirchenfeſte, und durch fromme Rhate der Vorzeit zum Meſſedienſt für verun⸗ glückte Jäger und Bergſteiger beſtimmt worden. Dort raſchelt's im Dornbuſch, rief einer der vorder⸗ ſten Robler; ich meine, es iſt unſer Wild, und wir haben ihm den Paß abgewonnen.— Ein Schatten huſchte am Kirchlein hin, rief Adas dagegen; der räudige Hund ſucht Schutz im Betſtuhle, aber meiner Fauſt ſoll er dort nicht entkommen.— Die Rotte theilte ſich wie verabredet; einige ſtürzten zum Buſch, andere folgten dem Führer zur Kapelle. Horch! Höret ihr die Schuhnägel klappern auf dem Steinboden? Fiel da nicht die Thür zum Beichtſtuhle ins Schloß? ſchrie Adas, bebend vor Grimm, indem er die Kapellenthür faßte. Der feige Lump hat den Riegel vor⸗ geſchoben, aber mein Schwur bricht ſelbſt die Pforten der Hölle.— Das Schloß der Kirchthür krachte unter den rieſigen Händen, die Angeln kreiſchten wimmernd, und die wüſte Schaar ſtand mitten im Bethauſe, durch deſſen Fenſter der Mond hereinſtrahlte und die geheimnißvolle Leere be⸗ leuchtete.— Niemand iſt drin, als die ſtummen Seelen der Todten, flüſterte der jüngſte der Raufer, indem er ſcheu nach der Thür zurückblickte. Was Todte, Du zahmes Lamm! raſete Adas. Der Lebende, der hier verborgen athmet, ſoll verſtummen, ſoll nicht erzählen von dieſer Nacht, und der Pfaff ſoll morgen zu thun bekommen an ſeiner Leiche.— 484 Er allein, denn die Gefährten ſtanden verdüſtert, durch⸗ tobte den Raum, durchſtörte jeden Winkel, riß die Thüre zur Seite des Altars auf, brach ſelbſt, in immer geſtei⸗ gerter Wuth, weil ſein Suchen unbelohnt blieb, zuletzt den heiligen Schrein auf, und warf die prieſterlichen Ge⸗ wänder und Gefäße durcheinander. Er iſt durch ein Mausloch entkommen, der Teufels⸗ bündner, lachte er im wüſten Haß; oder er iſt in die Flaſche gekrochen.— Er nahm die Flaſche und hielt ſie gegen das Mondlicht. Der Herr Curat hat einen Reſt gelaſſen, ſprach er dann ſpöttiſch, mir brennt die tro⸗ ckene Gurgel, Dank dem ehrwürdigen Seelſorger; ich trink's auf das Verderben des Nazel.— Da krächzte es hinter dem Fenſter, indem er trank, mit ſeltſam⸗widrigen Tönen, und die Flaſche fiel klir⸗ rend und ſplitternd aus der Hand des Ruchloſen auf das Pflaſter, und Alle ſtoben wie gejagt aus der Kapelle, und auch Adas folgte widerſpänſtig, als zöge es ihn bei dem Haarſchopf hinaus. Lachend ſtanden draußen die Ge⸗ fährten, einer davon hielt ein rauhes, ungeſtaltetes Thier am Gehörn, welches jämmerlich blöckte. Statt des Nazels fanden wir den verlaufenen, alten Geisbock im Dornſtrauch, ſagte er lachend; ſollen wir ihn ſchlachten? Dann haben wir einen Sauerbraten um⸗ ſonſt! und Du kannſt im ſchwarzen Pelz mit den lan⸗ gen Hörnern als Meiſter Beelzebub umgehen.— Opfern wollen wir dem Satanas das ſchwarze Thier, dann gibt er uns vielleicht ſeinen Bündner heraus! ent⸗ gegnete Adas mit Wildheit. Zugleich faßte er den Bock und ſchleuderte ihn in die Kapelle, deren Thür er ſich in das Schloß warf. —.—————— ——————— 485 Ein ſtattlicher Curat! jubelten die Robler; Adas Stimme commandirte aber dazwiſchen: Jammer um die verlorene Zeit! Nun wird der Gauner ſchon ſicher ſitzen in ſeinem Fuchsloch. Hinauf, hinauf zu dem Traut⸗ lebel.— Höher noch ging der Flug des wilden Nachtheeres gegen Burgſtein hin, und bald pochten ein Dutzend derbe Hände an des ehrſamen Teppichhändlers Pforte. Nach einer Weile erſcholl des Hausherrn Stimme innen, die beſorgt nach Feuersnoth fragte, oder ob gar das feind⸗ liche Kriegsvolk eingebrochen in das Thal. Nicht doch, entgegnete Adas mit verſtellter Freund⸗ lichkeit; wir ſind muntere Geſellen und Landsleute. Oeffne nur oder ſende uns Deinen Gaſt, den Ignaz von Huben heraus, an den wir eine Botſchaft zu be⸗ ſtellen haben, die nicht Aufſchub leidet.— Ich öffne nicht, ſagte beſonnen Vater Albert, der die verrufenen Stimmen ſogleich erkannte; kommt wieder am Tag, nur Eulen und Diebsgeſindel ſtreift hier oben nach Mitternacht. Und den Nazel herausſenden, wäre ein Zauberſtückle, auf das ich mich nicht verſtehe, dieweil er nicht im Hauſe iſt.— Lüge uns nicht, Menſch, rief Adas zurück; Du mußt öffnen, mußt den Pockträger ausliefern; es hilft nichts. Und daß Du weißt, wer's fordert, die Roblercompagnie von Fiſchbach ſteht vor Deiner Pforte, und ihr Haupt⸗ mann Adas Bub ſchlägt an Dein Thor. Alterle, darum wahre Dich, denn die Robler führen die Hauptſchlüſſel immer mit ſich.— Und wäre der Bonapart mit ſeinen Mammelucken draußen, antwortete derb der Hausherr, ich öffnete kei⸗ nen Spalt ſeinetwillen. Geht ſchlafen, ihr Knaben, und 486 taſtet kein Hausrecht an, damit der Herr FPfleger euch nicht den Block diktire.— Väterle, ſprach Adas nochmals ſchmeichelnd, öffne! Wir wollen nur Deinen ſchönen Nichten einen guten Morgen ſagen, und jede ſoll mir ein farbig Band oder eine Flitterblume an den Hut ſchenken; Du weißt, ich bin ein Bräutigam, und ſammle Putz zum Hochzeits⸗ ſchmuck, weil es die Sitte erlaubt.— Der Narr mag ſeine Kapriolen am Mittag ſchneiden, antwortete erbittert der Trautlebel; im Mondſchein zahlt Niemand einen Krimpler dafür.— Nun, ſo hab's alter Bär! raſete da Adas auf. Und Du magſt grimmen nachher, wenn morgen die Sonne Dich ohne Dach beſcheinet. Sturm, Burſchen, auf Rob⸗ ler Weiſe.— Alle griffen zu dem geſchlagenen Scheitholz, welches vor dem Gehöft geklaftert war; wie römiſche Widder⸗ köpfe ſtießen die Balken gegen das Thor; ſchnell lag die Wehr in Trümmern, und auf dem Hausraume ſtand der Teppichhändler, ſeinen Heerd vertheidigend, die Lampe in der linken, ein blankes Handbeil in der rechten Hand. Trete Keiner herein! rief er ernſt dräuend und die Waffe hebend; Keiner, dem ſein Leben noch lieb geblieben!— Hoho, Du Heldenſeele, lachte Adas laut, den Knittel über dem Kopfe ſchwingend; wir müſſen Brüderſchaft trinken im Blut.— Er ſtürzte vor zum Angriff, aber ſchon flog das Beil. Mitten auf die Stirn traf ihn das ſcharfe Werkzeug, drang durch Hut und Schädel und blieb feſt in der Wunde des Niederſtürzenden. Der Hauswirth ließ entſetzt die Lampe fallen, und ſchritt mit verhülltem Geſicht zu ſeinem Heerde. Die 487 Robler aber ſchleppten ſchnell den Getroffenen hinaus in's helle Mondlicht, legten ihn auf den rothen Stein, und flohen, da ſie ihn leblos ſahen, von Gewiſſensangſt ergriffen, nach allen Seiten davon, zerſprengt und ein⸗ zeln in ihren Wohnungen ankommend, wo ihre todtblei⸗ chen Wangen den Verwandten die Blutthat verriethen und noch vor Tage von Haus zu Hauſe die gräßliche Mähr ſich verbreitete. Ein ſchroffes Gegenbild zu dem Schreckensgemälde, von dem wir eben erzählt, gab die Betrachtung der drei Wanderer, die mit jedem Schritte ſich weiter von jener grauenvollen Scene entfernten. Immer höher ſtiegen ſie, immer näher dem blauen Dome zu, der wie eine ungeheure durchſchimmernde Glocke ſich auf ſie herabzu⸗ ſenken ſchien. Aber je höher ſie ſtiegen, je mehr bedurf⸗ ten ſie die volle Lebenskraft und immer ſchweigſamer wurde deßhalb ihr Marſch. Michael ging auf dem wohl⸗ vekannten Pfade voran wie ein Träumender, und wenn an Orten, wo man keinen Fußtritt und keine Wegſpur ſah, der Fremde ihn beſorgt anrief, ſo nickte er nur leicht mit dem Kopfe, ohne Rede zu ſtehen. Seine Seele war zurückgeblieben. Er ſah ſie, nur ſie in allen Lagen, in die das unerwartete Ereigniß ſie werfen konnte, und ſein Daſein kam ihm vor, wie ein langes Sterben, zu dem er verdammt worden. Der Kaiſer will's! die Worte hörte man ihn nur zuweilen flüſtern, und dann und wann wiſchte er das Auge, als wenn der Wind, der von den Eisbergen herſtrich, ein Schneeſplitterchen hinein⸗ geſchleudert. Der Marſch wurde mühſamer und gefährlicher mit 488 jeder Stunde, denn ſie mußten über den höchſten Rand des Thales einen weiten Umweg machen, um, ohne auf Menſchen zu ſtoßen, an die ſichern Wohnungen der Aelpler zu gelangen. Ueber endloſe Steinfelder, die das Bild eines Chaos vor einer Schöpfung oder nach ihrer Zer⸗ trümmerung darboten, über einförmige, durch die Blen⸗ dung tödtende Schneefelder ſchritten ſie hin; jetzt ſtiegen ſie in eine Schlucht hinab, wo ein Gletſcherbach hoch her⸗ niederſtürzend ſie mit ſeinem kalten Staubregen benetzte; jetzt ſchritten ſie über eine ſchmale Eisgräthe, auf welcher der kleinſte Fehltritt rechts oder links mit dem gräßlichen Tode in bodenloſen Abgründen beſtraft werden mußte; hier ſchoben ſie ſich an der Felſenwand vorüber, die über⸗ hangend ſie zu zerquetſchen ſchien, dort beſtiegen ſie auf kaum ſichtbaren Stufen einen Eiskegel, und vermochten kaum zu athmen in der dünnen Luft, kaum die Augen zu öffnen im ſcharfen Windſtrich. In einer leeren Sennerhütte, die wegen der frühen Jahreszeit noch nicht benutzt worden, brachten ſie die Nacht zu; dann ging der Marſch weiter unter immer wachſender Fährlichkeit. Immer näher kamen ihnen die Ferner, bald gingen ſie zwiſchen den Gletſchern ſelbſt, die auch in dieſer Nähe noch himmelhoch ſich thürmten, und jetzt erſt recht durch ihre gigantiſche Geſtaltung auf den Geiſt des Anſchauenden wirkten, und näherten ſich dann wieder im Bogen dem Thalzuge, der hinterſten und ausgangsloſen Gegend des Oetzthales, die freilich nur in Betracht der ſfie umſchließenden Schneegebirge noch ein Thal genannt werden konnte. Still ſtand der Schütz auf einer Eisfläche, wo zwiſchen mehren hohen Kuppen hin⸗ durch eine Schlucht ſich öffnete und eine Ausſicht frei wurde. Das iſt Vent! ſagte Michael hinabdeutend. —————— 489 Wie? fragte der Fremde überraſcht. Jene kleinen, vereinzelten Hütten mit Tannenreiſern und Moos belegt find Wohnungen für Menſchen? Ich hätte ſie für Ställe gehalten, die der Jäger ſeinen Hunden, der Hirt ſeinen Lämmern erbauet. Und dort ſollen wir hauſen, und wer weiß auf wie lange?— Und doch wohnet die Zufriedenheit dort, antwortete der Schütz, und wer ſie verließ, dem kommt die Reue bald, recht bald. Auf der grünen Alme, welche die Hütten umgibt, lagert ſich's weich und friedlich, und laßt noch ein paar Wochen vorübergehen, dann ſteht der Wald dort in Pracht, die Quellen murmeln, und da, wo noch Alles weiß läßt von Schnee, erblühen tauſend Blumen, wie ſie Niemand ſo zart und ſchön und wunderbar findet unten im Lande. Aber eine Blume blühet nicht hier, wird hier nimmer aufblühen und ohne ſie—— die letzte, halblaute Rede erſtarb auf ſeinen Lippen.— Lagert Euch hier ein Stündchen, Gnaden, ſprach jetzt der umſichtige Ignaz. Die Heiligen haben uns beſchützt bis da, deßhalb wollen wir auch dicht am Ziele ihre fernere Gunſt nicht durch Leichtſinn verſcherzen. Ich ſteige voran hinab ins Dorf als Kundſchafter und bringe Bot⸗ ſchaft zurück. Bis da rührt Euch nicht vom Platz.— Er drückte treuherzig des Fremden Rechte, warf ſeinen Speiſeſack auf den Schnee, empfahl dem Michael, wohl auf ſeiner Hut zu ſein, wandelte raſch durch die Schlucht, und verſchwand bald am Rande der Fläche, die ſich durch einen ſteilen Abſchuß zu den Alpendörfern hinabſenkte. Michael lagerte ſich auf ein Eisſtück, der ermattete Fremde that ein Gleiches, und beide erſtärkten ſich an dem Reſte des Vorraths, der durch des Häßlichen Sorg⸗ falt bis hieher ausgereicht. 490 Du biſt von hier, mein braver Burſch? fragte dann der Fremde.— WMeine Großväter wohnten in Vent, und auch ich wuchs im Dorf auf, und beſſer, ich wäre nie von hier gewandert, der Bergaar vekommt lahme Flügel, verläßt er ſein reines Luftrevier, antwortete ſeufzend der Schütz, indem er ſeine Büchſe mit dem Wamms abſtrich und Pfanne und Stein beſichtigte. Wie heißt Dein Vater? fragte der Fremde weiter.— Forcher, Michael Forcher, wie ich, vom Schnalſerbach, antwortete der Schütz. Forcher, fuhr der Fremde auf, der Name klang ſchon einmal gut und hell in der Geſchichte unſeres Fürſten⸗ hauſes. War's nicht ein Forcher, der den Friedrich von Tirol, den edelfinnigen Herzog mit der leeren Taſche, als er in Acht und Bann, verfolgt von zahlloſen Fein⸗ den wie ich, in dieſen Thalgrund flüchten mußte, auf ſtar⸗ ken Schultern über die Alpen trug und hinausrettete in's flache Land? Der Herzog machte ihn frei und ſchenkte ihm Gut und Wappen. Weißt Du davon, Michael Forcher?— Wohl erzählt man eine ſolche Mähr drunten im Dorf, aber mit dem Gut iſt's nichts, wenigſtens iſt nichts davon auf uns gekommen; ſoll's doch auch vor vielen hundert Jahren geſchehen ſein, und der Vetter, dem's geglückt, mag vielleicht außen geblieben ſein mit ſeinem Gut und Wappenbrief, und hat aus Stolz ſich nicht wieder um ſeine Blutsfreunde im armen Alpdorf ge⸗ kümmert. Aber glaube mir der Herr, der des guten Kai⸗ ſers Freund iſt, forderte es die Noth, ich trüge Euch auch hinüber über den Jöchel dort, dächte aber nicht dabei an Gut und Vornehmheit, denn damit könnte mir doch kein Glück gewonnen werden.— 491 Der Fremde klopfte dem Braven herzlich auf die Schulter, und im weitern Geſpräch ſchien ſich alle Sorge in ihm zu verlieren, und ſie koſeten mitſammen eine ge⸗ raume Weile in immer traulicherm Zwiegeſpräch, das aber nur zu bald unterbrochen wurde. Der Häßliche that's, der unerwartet, nachdem kaum ein Viertelſtündchen verlaufen, am Randt der Eisfläche fichtbar wurde, und athemlos zu ihnen heraneilte. Ihr müßt fort von hier ohne Raſt, rief er; im Dorfe iſt keine Sicherheit für Euch. Valentin, der Mühlknapp, ſtieß am Hang zu mir, und ich forſchte ihn aus. Schon am rothen Fels vor Burgſtein wurde unſere Flucht ver⸗ rathen, und unſere Feinde trafen ſchon geſtern in Vent ein. Sie haben das ganze Dorf durchſucht, Euch als einen entflohenen Mörder und Kirchenſchänder ausgerufen, haben Gulden und Dukaten ſpringen laſſen, um alle Aelpler zur Jagd auf Euch aufzureizen, und ſind ſchon mit Steigern und Schützen unterwegs, auf den Schnee⸗ bergen Euch entgegen zu ziehen.— Der Fremde erblich, Michael aber ſprach raſch: Fol⸗ get mir im Lauf; mitten zwiſchen die Kuppen führe ich Euch, wo wir der Klugen lachen mögen, denn jene Klüfte kennt außer mir nur Gems und Adler.— Schnell, mein Burſch! trieb Ignaz. Ich eile zurück, um die Schurken vielleicht irr zu leiten.— Sie trennten ſich nach entgegengeſetzten Himmelsge⸗ genden, und Michael nebſt dem Fremden hatten im Laufe faſt ſchon das Ende der Eisfläche erreicht, da tönte fern hinter ihnen ein ſcharfer Jägerpfiff, und ſie hielten an und ſchaueten rückwärts. Der Häßliche ſchmiegte ſich eben an dem Fuße eines der niedern Gletſcher hin, man ſah ihn nur noch warnend 1 6 1 492 nach dem Saume der weißen Ebene winken; dort aber ſtand ſchon ein rüſtiger Tiroler, die lange Steigerſtange in der Rechten, und half mit der kräftigen Linken dem ſchwarzbärtigen Italiener auf die Höhe, der, ſo wie ſein ſcharfes Auge die freie Ebene durchſchaut hatte, auch ſogleich nach der Gegend die Hand ausſtreckte, wo er die Opfer ſeiner Blutgier entdeckt. Es iſt zu ſpät! rief der Fremde verzweifelnd, aber der Schütz hatte ſchon die Büchſe von der Schulter ge⸗ riſſen, lag im Eis auf dem Knie, zielte feſt, der Schuß brannte los, die Kugel pfiff über die Fläche, und zwanzig Echos ließen den Donner in vielfachen Tonarten wieder⸗ hallen. Durch den Pulverrauch, der in der dünnen Luft ſich ſchnell vertheilte, ſahen ſie den Schwarzbärtigen ſtürzen, aber zugleich vernahmen die Flüchtlinge ein ſeltſames, ſchwirrendes Geräuſch hoch über ihnen in der Luft, das ihre Augen aufwärts zog. Maria und Joſeph! ſtammelte der Schütz. Das iſt eine Lähne, und Gott ſchütze uns. Sehet Ihr's, wie die böſen Geiſter das Schneetuch rollen, und wie es dichter und gewaltiger wird mit jeder Minute, die es ſich von der Gletſcherſpitze entfernt. Der Schuß hat die Schnee⸗ haube gelöſet. Schon iſt's breit wie ein Kirchdach. Die Lähne rollt gegen das arme Dorf; unſere Feinde ſind hin, aber auch der ehrliche Nazel wird begraben werden ohne Rettung. Gott ſei den armen Seelen gnädig!— Ehe er noch ſeine ſchnell ausgeſtoßenen Angſtworte vollendet, erreichte die furchtbare Schneelawine den Fuß des Gletſchers und ftürzte ſich über den Eisrand der Fläche in das Thal hinunter. Die Zuſchauer hielten den Athem an in natürlicher Bangigkeit bei dem gefährlichen 493 Schauſpiel, doch jetzt krachte der ungeheure Schlag, der andeutete, wie der Schneekoloß den Grund berührte, und mit Entſetzen fühlten Michael und der Fremde, wie die Eisſcholle wich, einbrach, und ſie in die Tiefe verſanken. Habt Ihr das Genick gebrochen, Herr? Oder iſt noch ein Stückel Seele in Euch? tönte nach einer Weile Michaels Stimme.— Du lebſt? fragte die freudige Stimme des Fremden aus einiger Entfernung zurück. Aber wie ſteht es um Dich? Denn fühlſt Du Deine Gebeine geſund, ſo eile zu mir, ehe die Schneelaſt mein letztes bischen Athem zuſammengedrückt.— Der Schütz raffte ſich ſofort auf, und in dem Halb⸗ dunkel, das ihn umgab, tappie er ſich glücklich der Stimme nach, fand den Gefährten und hatte ihn bald aus dem Schneebett herausgefördert, welches ihn belaſtete. Aber wo ſind wir, und was nun? fragte der Aus⸗ gegrabene. Der Schütz kratzte ſich die Schneeflocken aus dem Haar, und ſuchte am Boden nach Hut und Gewehr umher. Das iſt eine ſakriſche Geſchichte! murrte er dabei. Durch den verdammten Rauchfang da oben muß ſchon manches Jahr der Schnee geſickert ſein, denn ſonſt wären wir nicht ſo glücklich wie auf einer Rutſchbahn hier unten angelangt; der letzte harte Winter mag dann das be⸗ trügeriſche Eisbrückle über die Wolfsgrube gelegt haben. Aber wo wir ſind und wie hinaus, wiſſen die Heiligen allein. Schauet hinauf, Herr, das Luftlöchel droben iſt thurmhoch über uns, und die Schneebahn iſt weich und leidet keinen Tritt. Dazu iſt die Flaſche mit Kirſchwaſſer in meinem Sack zerſchlagen und Brod und Käs all ge⸗ worden auf dem Marſch. Beim heiligen Daniel, dem 494 der Habakuk Atzung brachte in ſo ein Mordloch, das iſt eine ſakriſche Hiſtorie.— Ich verſtehe Dich, Freund, entgegnete der Andere. Wir ſitzen im Bauch der Erde, geſchieden von der gan⸗ zen Gotteswelt, und ohne ein Wunder ſieht uns der gräßliche Hungerstod bevor. Beſſer wär's dann, wir hätten uns den Händen der gierigen Verfolger über⸗ liefert.— Glaub's faſt ſelbſt, verſetzte Michael, denn was helfen die ganzen Knochen, da das Brod und das Waſſer aus⸗ geht. Wenns die Leute im Dorfe wüßten, ſie könnten uns ſchon mit dem Rettſeile helfen; aber der Nazel allein wußte von uns, und der arme Menſch liegt unter der Lähne beſſer begraben als wir.— Horch, rief der Fremde, hörſt Du nicht ein Rau⸗ ſchen?— Das iſt Waſſerſturz, antwortete lebhaft der Schütz, und ſchauet Ihr nicht dort tn den Lichtblitz? Mir nach, aber vorſichtig.— Sie ſchüttelten den Schnee von ſich S. ſchlichen langſam in dem niedern Felsgewölb hin, vorſichtig fort⸗ tappend. Was ſtolperſt Du, Burſch? fragte der Fremde ängſt⸗ lich, indem er ſich an dem Wammſe des vorangehenden Führers feſthielt.— Hui! ſchüttelte ſich Michael, nachdem er an dem Boden herumgefaßt. Wir ſind in einer Rieſengruft, wie es deren mehre gibt im Lande. Rund um am Boden liegen die gräßlichen Gebeine. Thut ein Gebet, Herr, damit die grauen Geſpenſter nicht aufwachen und uns in kalter Umhalſung das Garaus ſpielen.— Das ſind Reſte der Urthiere, die vor der Sündflut 495 gelebt, antwortete der Fremde; wenn wir nichts Anderes zu fürchten hätten, ſo ſtände es noch nicht ſo übel um unſern Hals.— Seid nicht ungläubig, Herr, bat der Schütz inbrün⸗ ſig. Unglaube iſt des Teufels Brücke, und lockt ihn und ſeine Geſellen heran.— Trotz ihrer verzweifelnden Lage mußte der Fremde heimlich lächeln, freute ſich aber zugleich, daß die Furcht den Schritt des braven Burſchen zu ſpornen ſchien, freuete ſich, daß der Lichtſchimmer ſich bei jedem Schritte ver⸗ größerte, bis der Tag deutlich durch eine geräumige Oeff⸗ nung einſtrömte, die einen Ausgang dieſes Felsgewölbes bildete. Raſch traten Beide zugleich hinaus in das Freie und ſchöpften tief Athem, und warfen die Augen in höch⸗ ſter Seelenfröhlichkeit rund um. Ein breiter Waſſerfall, durch Gletſcherbäche gebildet, ſtürzte ſich rechts ihnen zur Seite herab, und beſpritzte ſie mit kaltem Sprühregen; links lag ein Kiefernwald, ſchwarz und düſterer noch durch die Schneedecken, welche hie und da von ſeinen breiten Aeſten getragen wurden, zugleich aber zog von dieſem jungfräulichen ein dumpfes, ſonderbares Gemurr ihre Aufmerkſamkeit an ſich. Entſetzen malte ſich auf des Schützen Geſicht. Hier iſt nicht Hülfe, Herr! ſtammelte er. Schauet Ihr dort nicht den ungeheuren Brummbär, der an dem Walde herab gerade auf uns zu ſpaziert? Und von meinem Stutzen iſt der Hahn geſprungen, als ihn. der Fall gegen das Geſtein geworfen. Ich will's mit der Kolbe verſu⸗ chen, aber ich hoffe wenig davon, denn das gräßliche Thier da ſieht aus wie der Urgroßpapa aller Bären im Tirolerlande. Auferſtanden ſind wir aus dem Steingrabe, 496 warum? um in dem Schlunde dieſer Beſtie ein ſchlim⸗ meres Begräbniß zu finden.— Das furchtbare rieſige Thier kam immer näher, und das Herz der beiden Geſellen ſtand faſt ſtill im Bangen. Doch jetzt ſah der murrende Waldkönig die Fremdlinge in ſeinem Reiche, deren er wohl nie zuvor geſehen; denn ſtutzend hielt er an den wackelnden Gang, ſetzte ſich auf die Hinterbeine, ſtarrte eine Weile herüber, blinzelte und brummte, warf ſich dann wiederum zur Erde, drehete den ſchweren Leib und flüchtete im Trabe an der Wald⸗ wand hinab, und durch die erſte Lücke in das Dickicht hinein. Herr, lachte Michael, das iſt der vernünftigſte Bär, welcher mir je begegnet. Wahrlich er nimmt Reißaus, will ſich mit uns nicht incommodiren. Nun, glückliche Reiſe, du alter Bu!— Ey hält uns für böſere Raubthiere als er ſelber, ſprach der Gefährte, und darin iſt Vernunft. Das Unthier muß wohl nie einen Menſchen geſehen haben.— Doch laßt uns nicht die Zeit verpappeln, Herr! trieb Nichael. Der Brummeavalier möchte ſich eines andern zu unſerm Schaden beſinnen.— Ohne weitern Anhalt ſchritten die Männer eilig dem Bär nach, verdoppelten ihre Schritte, nachdem ſie die gefährliche Lücke paſſirt, warfen noch einige ſorgſame Blicke zurück auf die Eiswand und die übereinanderge⸗ thürmten Gletſcher, die ſich hinter ihnen ſchroff erhoben, erreichten das Ende des ſchwarzen Waldes und ſahen mit unbeſchreiblichem Entzücken vor ſich ausgebreitet das Paradies des flachen Landes, fern zwiſchen Hügeln, Dorf und Stadt, drückten ſich im Gefühle der Rettung die Hände, und kletterten vorſichtig die kahlen, ſchräg ablau⸗ S 497 fenden Klippen hinunter, welche ihnen eine Bahn zu den Menſchen, zu den Freunden darboten. Zum zweiten Male hatte ſeitdem die Erde ihren Lauf um die Sonne gethan, zum zweiten Male hatte der Winter mit ſeinen weichen Feierkleidern Alme, Matte und Wald verhüllt, und das Thal an Farbe dem Hoch⸗ gebirge und den Fernern gleich gemacht, da trat um Mittag ein ältlicher Mann in das Haus der Silzſteiner. Es war der Pfleger Veit Marberger, den alle Oetzthaler ihren Vater nannten, und wer dem kräftigen Greiſe nur einmal in das gutmüthige Auge geblickt, nur einmal ſeinen weißumlockten Apoſtelkopf betrachtet hatte, hegte keinen Zweifel, daß er jenen Ehrentitel verdiente. Der Landpfleger ſchüttelte das leichte Schneegeflock auf der Flur von ſeinem mit Iltis verbrämten Pelze ſtäubte die Fuchsmütze ab, und trat ohne Anmeldi in das Wohngemach. n Ein ſchlanker, hübſcher Knabe ſprang ihm ſchog in der Thür entgegen, und eine Jungfrau, blaß, aber dennoch ſchön wie eine ſtille Schneelandſchaft, erhob ſich von der Hausarbeit und reichte ihm die Hand zum Willkomm. Glück zu, Herr Vormund! rief der Knabe. Aber wo iſt der Stutzen des Bruders Seppel? Verſpracheſt Du nicht, ihn mitzubringen, und mich zu unterweiſen in der Schühentunſt? Zch hab's ſait mit dem Bolzen zu 3 ſchießen; das Holz fliegt zu langſam, und meinet man den Spielhahn feſt gefaßt zu haben, huſch! ſitzt er auf einen andern Zweig, und falzet dem Bolzen zum Spott doppelt hochmüthig.— Geduld, mein Büble, nickte der Alte und ſtreichelte Blumenhagen. X. 32 498 das weiche Scheitelhaar des Knaben. Auch Deine Zeit wird kommen mit ihrem Ernſt und Dich fordern. Ge⸗ duld bis da, lieb Franzel.— Schau nur die Zeichen an der Wand, entgegnete der Knabe; ſeit zweien Monden iſt ein neuer Strich hinzu⸗ gekommen, und eines Fingers Breite über den letzten, den Du ſelber gemalt.— Lang ſich dehnend und die Ferſen heimlich hebend, ſtellte er ſich unter das Maß. Und Du, Agnes, wandte ſich der Pfleger zu der Jungfrau. Lockt das fröhliche Gepappel des Franzels kein Lächeln auf Deinen Mund? Immer noch in dem triſten, dunkeln Gewande? Du darfſt immerhin das rothe Leibel und das blaue Röckle wieder hervorſuchen, denn ein Jahr iſt lang herum, ſeit der Seppel einen guten Tod auf dem Iſel gefunden, und es muß Dich der Gedanke tröſten, daß er einen Schützentod ſtarb für ſeinen Kaiſer und ſein Tirol, und nicht ſo jämmerlich zum Sündentode geſchleppt worden wie ſein Hauptmann, d bärtige Sandwirth.— ie Jungfrau ſeufzte tief und ſprach mit geſenkten Augen: Laßt mir dieſes Kleid, edler Herr! Ich meine, es ſtände mir wohl an, bis auch ich zu Väterle und Mütterle gerufen werde.— Der Pfleger nahm ihre beiden Hände und ſchüttelte ſie derb und treuherzig. Diendl, ſagte er, Du biſt das ſchmuckſte und geſcheitſte Weibſen im ganzen Oetzthal; es wäre eine Schand, müßteſt Du verkümmern ohne Heil und Nutz um eines Schickſals willen, das ſchon Manche betroffen unter uns. Ich weiß es recht wohl, Du grämſt Dich um—— Sprecht nicht davon, Herr! fiel ihm haſtig und ſchmerz⸗ lich das Mädchen ins Wort. Laßt das Begrabene liegen 499 droben in den Eisbergen, unter den Lähnen. Wenn die einmal aufthauen durch einen ewigen Sommer, wird auch mir wieder wohl werden um das Herz.— Du biſt dem Knaben wie eine treue Mutter geweſen, fuhr der Landpfleger fort; und Alles ehret Dich deßhalb. Aber der Franzel iſt ein geſundes Bürſchlein geworden, und ich bin geſonnen, ihn mit mir zu nehmen nach dem Petersberg, damit er dort unter Männern lerne, was ein Mann gebraucht. Zum Gehöft findet ſich gewiß lein braver Pachtmann, bis der Bub ſelbſt das Wirthſchaften verſteht. Schau mich nur nicht ſo erſchrocken an, Diendl; Du ſollſt nicht allein bleiben im leeren Neſt, ſondern auch Deinen guten Platz bekommen nach Gebühr, und wozu Dich Natur und Gott ruft, denen kein Frommer widerſtreben darf. Mein Joſeph iſt heimgekommen aus dem Blutfelde und hat einen Freund mitgebracht, der ſich anſiedeln will unter uns. Gleich dem Joſeph hat auch dieſer unter den Vaterlandsvertheidigern geſtanden, hat viel Glück gehabt, ſich viel Beutegeld gemacht, und iſt ſeiner Bravheit wegen reich beſchenkt worden von den hohen Offizieren, ja von den Erzherzögen ſelbſt. Ich habe den Auftrag, ihm ein freies Gut zu kaufen im Thale und eine Braut zu ſuchen, denn durch Beide will er ſich feſt einbürgern bei uns. Da meinte ich, Du müßteſtk die Braut ſein, und da das Gehöft des Hanſel Bub noch nicht zu Kauf kam, in das Du doch ſchon früher einmal als Herrin einziehen geſollt, ſo habe ich dieſe ſchöne Wirthſchaft für den Freund des Sohnes und Dich kzu erſtehen beſchloſſen.— Erſchreckt wich die Jungfrau zurück. Um der Muiter Gottes willen, rief ſie bebend, nicht in das Haus! Der blutige Geiſt des unglückſeligen Adas würde mich lgar —————— 500 bald vertreiben.— Ihr meinet es gut, ſetzte ſie leiſer und ſchüchtern hinzu, doch müßt Ihr nicht zürnen ob der Ungehorſamen. Hier nur kann ich glücklich ſein; darum laßt mich bleiben, bis der Franzel eine wackere Hausfrau heimgeholt, und dann will ich ziehen nach Vent hinauf und dort beten am Steinkreuz, das man den Verſchütteten erbaut, bis auch ich erlöſet bin. Glaubet mir, ich bin zufrieden, und dieſes Haus iſt nicht leer für mich; in der Kammer, im Sorgenſtuhl, am Fenſterbalken, allent⸗ halben habe ich liebe Geſellſchaft.— Agnes, Agnes, horchſt Du nicht? jubilirte da der Knabe. Hörſt Du nicht den luſtigen Sang? Das ſind ſicherlich Zillerthaler Leut.— Und außen erklang eine tiefe, reine Stimme, und ſang in leichter Melodie: Mein Diendle ſein Herz Das iſt nicht z' ergründen, Könnt'ſt eher einen Kreuzer Im Achenſee finden. Je höher der Kirchthurm Wie ſchöner das G'läut'; Und je weiter zum Diendl Je baß das mich freut. ¹ Die Jungfrau horchte nachfinnend, der Pfleger aber ſprach lächelnd: Oetzthaler Robler ſind das nicht, denn die Oetzthaler find die Spartaner Tirols, ſie haſſen Ge⸗ ſang und Muſica, und lieben nur Stutzen und Knittel. Dem Sänger dort iſt die geſunde Kehle noch nicht ein⸗ gefroren, und es wäre wohl gaſtlich, ihn zum warmen Ofen zu laden.— Er ſchritt zum Fenſter, zu deſſen kleinen in Blei ge⸗ ſaßten Scheiben die Reugier ſchon den Knaben getrieben, — w 501 der etzt mit Händeklatſchen rief: Schau, ſchau! Welch köſtliche Roſſ' auf der Gaſſ'! Ein Schimmel und ein Fuchs! Ein's winkt herauf; es iſt der Marberger, Herr Vormund,'s iſt Dein Bu.— Er ſtieß das Fenſter auf. — Grüß Dich Gott, Herr Seppel!— Aber o wie iſt der Andere ſo ſchmuck angethan. Schau nur, Agnes, die rauhe Mütz mit dem langen Hahnſchweif darauf, und das grasgrüne Pelzjäckl ganz mit blankem Golde benäht! Und außen ſang es fort: Sonſt gab's in der Leſen Nur Weinen ſtatt Wein's, Zwei ſind wir geweſen, Und jetzt ſind wir Eins. O welche Stimme! ſtöhnte das Mädchen, indem ſie verwirrt zum Fenſter wankte.— Wende nur Dein Roß, Freund Michael, ſprach der Pfleger über ſie hinweg, mußt Deinen Ehrenabſchied zum Kaiſer zurücktragen, denn ſie mag weder Dich, noch des Adas Gehöft, will ſich lieber betten bei dem häß⸗ lichen Robler Ignaz unter die Lähne zu Vent.— Michael? ſtammelte ſie, als der Huſar ſein Geſicht herkehrte. Michael, iſt es Dein Geiſt?— Der Huſar aber ſpornte ſein Roß und trieb es dicht an den Fenſter⸗ balken, und faßte mit der Rechten hinüber zu ihr und zog ſie heran, und bog ſich und preßte ihr Geſicht an ſeine Bruſt. Agnes, treues, frommes Schätzle, ſprach er in In⸗ brunſt und Liebesglut, weiſeſt Du mich heut nicht ab, ſteig'ſt zu mir über den Fenſterbalken, und flüchteſt mit mir zu den Eisſeen hinauf?— Ja, ſie hat ganz recht, Herr Pfleger, nicht hier, nicht in des Adas Gehöft darf unſer Glück ſein Neſt bauen; hier ſtachen die Dornen, hier brannte der Spott, hier iſts naß von Thränen und Blut. Dort oben, wo der Schnee ewig liegt, rein und weiß wie Dein Herz, wo das blaue Alpblümlein und die Eisroſe lebt ſchön wie Du, dort wollen wir ein Haus bauen, wie es keines gibt in Lengenfeld, und das ganze Oetzthal ſoll reden von der ſchönen Frau, die zwiſchen den Fernern hauſet.— Mögen ſie ſchweigen, ich habe ja Dich! lächelte durch Thränen das Mädchen.— Sie lacht, jauchzte der Knabe, haſt Du's geſchautt, Herr Marberger? Sie hat gelacht. O wie ſchön, daß der Michael heimgekehrt und ein ſchmucker Reiter ge⸗ worden! Laß mich's auch werden, Herr Vormund, daß ich dereinſt ebenfalls alſo in Ehr' und Glück hereinſtol⸗ ziren mag in das Oetzthal.— Denke nicht an Kleid und eiteln Prunk, mein Bu! ſprach zu ihm der alte Landpfleger. Denke beſſer daran, wie Gottes Auge und Segenshand die Treue und Red⸗ lichkeit auch in den Eisbergen und Schneeklüften nicht vergißt, und ſie auch dort, wo ſie die Welt nicht kennt und ſucht, lohnend zu finden weiß.— ——— S— ———— 3