* c Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. S 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von I jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe e welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf.* Mt.— Pf.. „„. 2 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung L der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Fürſt und Bürger im ſechszehnten Jahrhundert · ——— Eine hiſtoriſch⸗romantiſche Skizze. Bſumenhagen⸗ 1. Das Böſe, was der Mann dem Manne zufügt, Vergibt ſich und verſöhnt ſich ſchwer. Der Mann Wilr ſeinen Haß, und keine Zeit verändert Den Rathſchluß, den er wohl beſonnen faßt.— Schiller. —,— Ein böſer Zwieſpalt waltete in dem Jahrhunderte des neuen Lichtes zwiſchen der Stadt Braunſchweig und ihrem rechtmäßigen Landesherrn, dem Herzoge von Wolfenbüttel, Heinrich dem Jüngern, mit dem Zunamen der Bärtige. Schon an zwanzig Jahre hatte der unnatürliche Zwiſt gedauert, hatte die Ruhe beider Parteien geſtört, und den Wohlſtand mit dem Friedensglücke beider Theile ver⸗ nichtet. Bürgerſtolz, auf alte Privilegien gegründet, durch wachſenden Reichthum, durch Bewußtſein innerer Kraft, die ſich erprobt hatte in mancher Schlacht und bei mehr⸗ maliger Belagerung ihrer Stadt, immer höher getrieben, vermählte ſich auf der einen Seite mit dem bitterſten Religionshaſſe, denn Braunſchweig ſtand in dem ſchmal⸗ kaldiſchen Städtebunde für Luthers Reform nicht zu un⸗ terſt. Auf der andern Seite dräuete Fürſtenzorn, durch die Rechtmäßigkeit ererbter Hoheit und Herrſchaft ge⸗ rechtfertigt, entzündet durch die Anmaßung trotziger Un⸗ terthanen, aufgeblaſen zu zerſtörender Glut durch den unwandelbaren Glauben an die alleinſeligmachende päbſt⸗ liche Kirche, welche die Abtrünnigen für Ketzer und Ver⸗ dammte erklärte, durch den Verluſt ſo vieler Rechte und Einkünfte, durch das Bewußtſein der erſten Fürſtentugen⸗ den jener Zeit, der Charakterkraft und der perſönlichen Tapferkeit, durch den Gedanken an die Größe und Macht 4 der herrlichen Ahnen, durch den Traum des unbezähm⸗ baren Ehrgeizes, in dieſer Zeit, wo durch den Religions⸗ krieg ſo mancher Fürſt Land und Krone verlor, die alte Größe des Guelfenſtammes leicht wieder aufrichten, das weite Erbe Heinrich Leo's wieder gewinnen, ja ſelbſt die Krone des römiſchen Reiches auf eines Braunſchweigers Haupt wieder ſetzen zu können. Von beiden Seiten ge⸗ ſchah Alles, was eine bis zur Unverſöhnlichkeit aufge⸗ ſchoſſene Zwietracht ſich erlaubt. Des Herzogs Ritter und Vögte fielen in die Dorfſchaften, Meiereien, Vor⸗ werke und Holzungen, welche den Städtern Zehörten, und plünderten und vernichteten, wo ſie erſchienen; mit Gleichem vergalten die Bürger den Angriff, und die herzoglichen Schlöſſer, die beſchirmten Klöſter wurden verwüſtet durch die Ueberfälle ſtädtiſcher Wappner; ja bei ſolchem Frevel blieben ſelbſt die Familiengrüfte der Landesherren nicht verſchont, und an die Särge ihrer Ahnen legte der Uebermuth die kirchenräuberiſche Fauſt. Zu größern Thaten rüſteten ſich beide Parteien nach die⸗ ſen Vorgefechten; die katholiſcheu Fürſten brachten große Heerhaufen zuſammen; wackere Bundesgenoſſen unter⸗ ſtützten die Städte; der Sieg, bald dieſem, bald jenem Heere lächelnd, gab nur unvollkommene Entſcheidung, und jeder neue Feldzug wurde mit geſteigerter Gehäſſig⸗ keit begonnen. Herzog Heinrich der Jüngere vereinigte von den Tu⸗ genden, von den Fehlern ſeiner Ahnen, gar viele in ſich. Er war noch ſtrenger und eigenwilliger als ſein Vater, den ſeine Zeit den Quaden oder Böſen nannte; das unruhige Gemüth, die Raſtloſigkeit des Fridericus Tur⸗ bulentus trieb auch ihn zu Manchem, was er ſpäter gern ungeſchehen gemacht hätte; kriegeriſch und ruhm⸗ 5 dürſtig war er, wie Magnus Torquatus und Wilhelmus Bellicoſus, den Deutſchland den Sieben⸗Schlachten⸗Ge⸗ winner nannte, ein Glück, welches Heinrich nicht mit ihm theilte; aber auch von dem Edelmuthe Alberts des Großen wohnte Vieles in ſeiner Bruſt, freilich zu oft erſtickt durch die wilde, unbezwingliche Leidenſchaftlichkeit, welche vom Stammvater, dem Löwenherzog, auf die Nachkommen ſeines Hauſes vererbt worden. Leider lebte Herzog Heinrich in einem Zeitalter, wo Deutſchland einem durch unterirdiſche Vulkane empörten Meere glich, wo Religionshaß Deutſche mit Deutſchen, Nachbarn mit Nachbarn, ja den Bruder mit dem Bruder, den Vater mit dem Sohn entzweite, wo das Pfand des Glücks, der Hausfriede, entflohen, und das heilige Vertrauen entwichen war, wo Ritterwort und Eid ſelbſt keine Sicherheit gaben, da prieſterlicher Wahnſinn lehrte, daß der Katholik beide dem Ketzer nicht zu halten nöthig habe. Was der Milde und des Friedens bedurfte, um aufzu⸗ ſchießen zu Blüte und Frucht, die Wiedergeburt der Wahrheit, das Werk der Liebe, wurde durch ſeine An⸗ hänger ſelbſt den Männern des Schwertes anvertraut, und was das Leben verſchönern, erleuchten und heiligen ſollte, brachte jetzt Tod und Zerſtörung, und befleckte die reingewaſchenen Altäre mit Blutſtrömen, die der reinen Abſicht des Reformators abſcheulich waren und ſein herr⸗ liches Werk zu vernichten droheten. Zu tilgen war die Glut der Reformation nicht mehr, denn ſie hatte Ein⸗ gang gefunden in dem Hauſe des Bürgers und in der kleinſten Hütte des Landmannes. Sie war, gleich dem unaufhaltbaren fliegenden Strahle des Sonnenlichtes, wunderbar ſchnell vom Süden zum Norden gedrungen, und hatte überall die Beſten erleuchtet und erwärmi. Und gerade dieſes zauberiſche Fortſchreiten machte ihre Gegner erbitterter und gehäſſiger, da alle Erdenmacht vergebens beſchränken konnte, was vom Himmel ge⸗ ſchickt worden und mit überirdiſchen Kräften Widerſtand leiſtete. Auch Herzog Heinrich ſah mit wachſendem Unmuthe täglich in ſeinen Erblanden die neue Lehre mehr Eingang gewinnen, und die Herzen ſeiner Unterthanen ihm, dem rifrigen Katholiken, abwendiger machen. Statt ſeiner Seele Duldung und Nachſicht einzupredigen, hetzten ſeine Rathgeber und Räthe, Burghard von Saldern und Bal⸗ thaſar von Stechaw, und alle, die ihm zunächſt ſtanden, ſeinen Grimm bis zur Wuth hinauf, weil ſie mit Neid die Macht der Städte betrachteten, und ihr Wachsthum ihnen wie dem Herrn Verluſt des Einfluſſes, ſchmerz⸗ lichern Verluſt der Einkünfte dräuete. So ward das heiße Blut des Fürſten entzündet mit Haß und Rachluſt, und beide erweckten dieſelben Laſter im Gemüthe der Bürger, und beide trieben den Zwiſt auf die Spitze, bis zein Vergleich möglich blieb. Schon Heinrich der Aeltere hatte verſucht, Braunſchweig zu demüthigen. Er forderte Zölle, Münze, Gerichte und ehemals verpfändete Grund⸗ ſtücke zurück. Die Braunſchweiger Bürgerſchaft antwor⸗ tete durch einen oſſenen Fehdebrief, und der beleidigte Jürſt richtete ſein Geſchütz gegen die Stadt. Von dem Burgemeiſter Lafferde und Plettenberg bei Bleckenſtädt geſchlagen, mußte er zufrieden ſein, einen Vergleich zu erringen, worin die Stadt zwar Geld und einige Dorf⸗ ſchaften opferte, jedoch ihre Privilegien durch einen neuen Huldbrief vermehrte. Schon eingenommen gegen die ehemalige Reſidenz ſeiner Vorfahren, fand Heinrich der Jüngere die Bürger derſelben gegen ihn nicht nachgiebiger. —₰ Dreiſter als irgend eine Stadt Niederſachſens, leuchtete ſie in der Reformation voran, und ihr Beitritt zu dem Schmalkaldiſchen Bunde, das Bündniß, das ſie mit dem Könige der Dänen, dem Kurfürſten von Sachſen und dem Landgrafen von Heſſen ſchloß, der Fürſtentag, der in ihren Mauern ſelbſt 1537 gehalten ward, trieb des Herzogs Erbitterung bis zur Wuth. Von allen Seiten durch die lutheriſchen Fürſten be⸗ drängt, ſtand er zwar feſt und unerſchrocken wie ſein großer Ahn, und ſein Wahlſpruch: Neue Münze ſchlage ich, Alle Kaſten voll hab' ich; Alle Evangeliſchen wider mich; Herzog Heinrich bleibe ich!— ſprach ſeine Denkungsart aus, aber noch hatte er der Unzahl ſeiner Gegner nicht Macht genug entgegen zu ſetzen, denen die erſte Stadt ſeiner Lande ſelbſt überall Vorſchub leiſtete, und daß durch Braunſchweigs Hülfe ſein Volfenbüttel erobert wurde, daß er landflüchtig werden mußte, daß der Braunſchweiger Burgemeiſter, Franz Kahle, ſich unterſtand, einer der Regenten des Landes zu werden, vergab er den Braunſchweigern ſelbſt auf dem Todbette nicht. Was half die Acht des Kaiſers? Goslar und Braunſchweig lachten des kaiſer⸗ lichen Briefes. Was half die fruchtloſe Belagerung, die keinen günſtigern Erfolg hatte, als ſein Vater gewann? Bei dem Kloſter Hockeln vom heſſiſchen Landgrafen ge⸗ ſchlagen und gefangen, konnte ihn nur der Sieg der Katholiſchen bei Mühlhauſen befreien, da der dort eben⸗ falls gefangene ſächſiſche Kurfürſt, Johann Friedrich, gegen ihn ausgetauſcht wurde. Aber nicht mit dem Schwerte allein wurde der Kampf 8 zwiſchen Fürſt und Bürger geführt. Der giftige Haß hatte nicht genug an dieſen Waffen der Ehre. Schmäh⸗ wort und Gänſekiel ſchlugen tiefere und ſchmerzlichere Wunden. Soldatenlieder, unter dem Namen des Wacht⸗ meiſters Veit von Wolfenbüttel edirt, ſang man auf Gaſſen und Heerſtraßen, in Bierſchenken und Weinkellern ab ohne Scheu. Die merkwürdige Sammlung ſchmal⸗ kaldiſcher Akten bewahrt bittere Pasquille auf, wo die Verſammlung der Teufel, unter des Lucifers und Me⸗ phiſtopheles Präſidium, den Herzog für ihren Sohn und Meiſter erkennt. Klageſchriften an Kaiſer und Reich von den Städtern und ſelbſt von dem ehrſamen Kurfürſten von Sachſen gerichtet, nennen in der derben Sprache der Zeit, die auch aus Luthers Schriften wiederhallt, den Heinrich von Wolfenbüttel einen Nabal, Nebukad⸗ nezar und raſenden Wolf und Brunſthengſt von der Staufenburg, bürden ihm alle Laſter auf, die nur einem gebrechlichen Menſchenſohne einwohnen können, machen ihn zum Hauptmanne der Mordbrennerbanden, welche damals die evangeliſchen Städte Nordhauſen, Goslar und Eimbeck in Aſche legten, beſchuldigten ihn der heim⸗ lichen Aufhebung ſtädtiſcher Geſandten und des Meuchel⸗ mords derſelben, ja dringen bis in das geheimſte Leben der fürſtlichen Familie, nennen ihn den grauſamen Mör⸗ der ſeiner Gemahlin Marie, die langſam der Gram ge⸗ tödtet haben ſollte über die wilde Liebe ihres Gatten zu ihrem ehemaligen Hoffräulein, der Eva von Troth, von der man wiſſen wollte, daß ſie zum Scheine beerdigt auf der Staufenburg lebe, und dem Herzoge ſieben Zeugen ſeiner Sünde geboren habe. Auch die Ver⸗ ſtoßung ſeines jüngſten Sohnes, des trefflichen Julius, der, mit einer Brandenburgerin vermählt, von früh an —— „ ———— ———————— * 9 den Wiſſenſchaften huldigend, die neue Lehre als die rei⸗ nere erkannt hatte, wurde benutzt, die Herzloſigkeit Hein⸗ richs der Welt zu bezeugen. So von allen Seiten und in ſeiner tiefſten Seele angegriffen und verwundet, ſah der Herzog ſich zuletzt rathlos, da er ſelbſt früherhin, durch jugendliche Hef⸗ tigkeit verführt, mancher Stütze ſich beraubt hatte, die ihm jetzt nöthig geweſen wäre. Zwar hatte er in der Fehde mit dem Biſchof von Hildesheim ſein Land mit manchem reichen Schloſſe und mancher feſten Burg ver⸗ größert, aber ſtatt die Beſitzer für ſich zu gewinnen, waren die meiſten aus ihren Lehngütern vertrieben wor⸗ den. Die tapfern Familien derer von Alten, der Reden und Schwichelt beſchuldigten ihn in ihrer getäuſchten Hoffnung der Wortbrüchigkeit, und zogen hinüber in die Grenzlande ſeiner duldſamern Vettern; die Rauſchen⸗ platts, Rutenbergs und Damms ſchloſſen ſich den rebel⸗ liſchen Städten an; der Name des alten Meiſebucks vom Hundsrück, der von dem Herzoge aus dem Lande gejagt, mit Meuchlern verfolgt worden, und ſich in die Freiſtatt eines Kloſters gerettet haben ſollte, blieb das Feldgeſchrei des Haſſes und Aufruhres unter der Ritter⸗ S ſchaft, und einer der Tapferſten des Adels, Klaus Bat ner von Steinbrück, hatte ſich, von Heinrichs Rachluſt verfolgt und ſeiner Erbgüter beraubt, aller ſeiner ritter⸗ lichen Vorrechte entäußert, war ein Braunſchweiger Bürger worden, hatte durch die Heirath einer ehrſamen Braunſchweigerin den Bund mit der Stadt unauflöslich gemacht, ſtand ſeit Jahren ſchon als Oberſter und Feld⸗ hauptmann der Stadt an der Spitze ihrer geübten Schützen und trefflichen Reiter, und ſprach bei jeder Gelegenheit laut den Schwur aus, mit dem er einſt ſich verſchworen hatte, der Erzfeind des Herzogs und ſeines Stammes zu bleiben bis zum Grabe. Und nur zu ſehr erkannte Heinrich an der Regelmäßigkeit der Kriegsfüh⸗ rung, an der Gewandtheit und Ordnung der braunſchwei⸗ giſchen Wappner, welch eines Mannes Geiſt ſie leitete, und nicht ohne Grauen hörte er den Namen Barner ausſprechen, den Namen des Mannes, deſſen Vater von des Herzogs eigner Hand im Thore des Steinbrücker Schloſſes getödtet war, der ihm mit Recht die Zerſtö⸗ rung ſeines ganzen Erdenglückes vorwarf, und ihm bei jeder Gelegenheit durch kühne Feindesthat in das Ohr rief, daß ſeine Erinnerung nicht ſchlafe, und ſein Herz dürſte nach einem Sühnopfer für die Manen des Er⸗ mordeten. In ſolcher verzweifelten Lage, bei der Unmöglichkeit, von Kaiſer und Reich Hülfe zu erhalten, angegriffen im Herzen ſeines Landes durch die fliegenden Schaaren des grauſamen Vollraths von Mansfeld, durch das ſeltſame Bündniß des lutheriſchen Markgrafen, Albrechts von Brandenburg, und ſeines leiblichen Vetters, Erich von Hannover erſchreckt, vergaß Herzog Heinrich den Reli⸗ gionshaß und ſtellte dem wunderbaren Bündniſſe ſeiner Feinde ein gleich bizarres mit dem lutheriſchen Kurfür⸗ ſten, Moritz von Sachſen, und den lutheriſchen Vettern von Lüneburg entgegen, und beide buntſcheckigen Bundes⸗ genoſſen rüſteten ſich zu einem Kriege, bei dem ganz Deutſchland ſtaunen mußte, da die heilige Sache, welche die Völker ſeit dreißig Jahren als das höchſte und ein⸗ zige Intereſſe des Zeitalters betrachtet hatten, aus den Augen geſetzt wurde und ganz vergeſſen ſchien. Auch die Bürger blieben nicht läſſig, da ſie aufs Neue die fürſtlichen Schwerter blitzen ſahen, obgleich 11 auch ſie durch das Räthſel der Zeit ſtutzig wurden und der Ausgang, mochte der Sieg fallen, für wen er wollte, ihr Glück befährden konnte. Alle Städte der mächtigen Hanſe ſchliffen ihre Hellebarden und Pallaſche und putzten die gewaltigen Karthaunen und Feldſchlangen, und auch die Bürger Braunſchweigs ſäumten nicht, dem Verlangen des hannoverſchen Herzogs zu genügen und für ihn ein Hülfsheer vollzählig zu machen. Doch ging ihr ueber⸗ muth und leichter Sinn ſo weit, daß ſie Gefahr und Tod, die ihnen ſo nahe traten, verachteten; daß ſie das nahe Wolfenbüttel, den Vulkan, von dem ſie der furcht⸗ barſte Ausbruch bedräuete, und deſſen verheerungkün⸗ dendes Murren zu ihnen herklang, nicht ſcheuten; daß ſie ſelbſt in den Luſtbarkeiten und Prunkfeſten ihrer ſtädti⸗ ſchen Sitte ſich nicht ſtören ließen, daß ſie in den Waffen ihre Tanzgelage feierten, und von den wohlbeſetzten Wällen ihren Jubel zur Herzogsſtadt hinüberriefen, in⸗ dem das eine Auge mit dem vollen Becher in der linken Hand liebängelte, das andere wachſam das Feld be⸗ wachte, indeß die Rechte in ſtolzer Sicherheit mit dem Schwerte ſpielte. Es war am Johannistage des Jahres 1553, als das gewöhnliche Schützenfeſt der Stadt Braunſchweig mit ungewöhnlicher Pracht begangen wurde. Auf der Maſch vor dem Petrithore hatte ſich Alles verſammelt, was von den Einwohnern der Stadt beweglich war; alles Schöne, Junge und Lebensluſtige ſah man draußen; nur die Kranken und Altersſchwachen blieben daheim, und eine Compagnie der Bürgerſchaft hielt die Werke des Egidienthores nach Wolfenbüttel zu beſetzt, um ihre fröh⸗ 12 lichen Landsleute ſgegen jede Störung des höchſten und glänzendſten ihrer Bürgerfeſte zu ſchützen; jedoch ließ der gerechte Stadtoberſt den Wachpoſten zum Oeftern wech⸗ ſeln, damit Niemand von der Luſtbarkeit ausgeſchloſſen werde, Niemand aber auch die Waffenübung verſäume, welcher durch die Zeitumſtände mehr als je befohlen und nöthig gemacht wurde. Auch von dem nächſten Walle her deckten ungeheure, weitreichende Feldſchlangen, von ſcharfaugigen Arkebuſierern bedient, den grünen Platz, wenn gleich ihre Verheerung dräuenden Drachenmäuler im grellen Contraſte ſtanden mit dem leichtfertigen Ge⸗ tümmel und den fröhlichen Geſichtern unter ihrem Be⸗ reiche und Schutze. Der große Wieſenraum, auf der einen Grenze von dem Waſſer der Oker beſpült, faßte kaum die Gäſte, die aus Stadt und Dorf, ja ſelbſt aus fernen Städten und Ortſchaften ſich zur Theilnahme an dem Feſte des Roſenmonates herzugedrängt hatten, und fehlte doch auch nichts, was für jeden Stand das Anlockendſte und Be⸗ friedigendſte hätte ſein können. Am fernſten Ende der Maſch ſah man die Scheiben⸗ berge errichtet, und vor ihnen ſchimmerte das weiße Scheibenpaar, deſſen Centrum die Geſtalt eines Herzens trug, gleichſam die Schützen an das ſchauerliche Ziel zu gewöhnen, das ſie durch die Lage der Stadt gegen ihre Feinde ſich zu ſetzen gezwungen wurden. Vor dem al⸗ tersgrauen, hochgegiebelten Schützenhauſe ſah man die rüſtigen Schützen, das Baret geziert mit der grünen Schleife und dem grünen Eichlaube, das ſchwere Gewehr in der Hand, ſich drängen um die Schießſtände, auf deren Dächern die Fahnen der Stadt ſtolz im Winde ſlatterten. Die bärtigen Stadthauptleute ſaßen in einer 13 freundlichen Laube von jungen Birkenzweigen, die in der Mitte zwiſchen den Schießhäuſern errichtet worden, um die Geſchicklichkeit der Schützen zu prüfen, Ordnung zu halten in der Reihenfolge, die guten Schüſſe zu ver⸗ zeichnen und danach am Abende die werthvollen Preiſe und den bunten Königskranz, mit dem der beſte Mann ein Jahr ſtolziren durfte, zu vertheilen. In den Fen⸗ ſtern des Schützenbauſes ſelbſt aber erblickte man die regierenden Herren, die Mitglieder des Küchenrathes, die Zugeſchwornen, die Kämmerer, Bau⸗ und Zinſeherren im ernſten, feſtlichen Ornate mit ihren ſteifen Halskrauſen und goldenen Ehrenketten, und zwiſchen ſie gemiſcht, gleich Blumen auf dunkelm Felſenhange, die geputzten Frauen und Jungfrauen der edeln Patrizierfamilien, jene aufmerkſam, daß keine Unordnung, kein Gezänk oder Unſitte die Würde des Feſtes beflecke; dieſe dagegen bereit, durch die Blicke der feuervollen Augen Unruhe und Unordnung in die Herzen der Männerwelt zu tra⸗ gen, durch das blendende Lilienfeld des enthüllten Buſens die Sinne trunken zu machen, und durch verſtohlene Liebeszeichen unter den Prunkjunkern und Scharhanſen Eiferſucht und Zwietracht zu erwecken, die oft im bluti⸗ gen Degenſpiele ihre Abkühlung und ihr Ende fand. Der übrige Raum zwiſchen dem Schützenhauſe und der Stadt gab den Anblick eines großen Marktes und eines Zelt⸗ lagers zugleich. Blendende Leinenhäuſer und buntbemalte Krambuden formten Straßen und Halbzirkel; die ſchönſten Waaren wurden feil geboten, oder in Lotterien verſpielt, überall dufteten lockend die Pfannen voll leckerer Brat⸗ würſte, überall erweckten Tafeln mit ungeheuren Rinds⸗ braten, mit friſchfarbigen Schinken und lieblichem Weißbrod bedeckt, den Appetit, und ganze Batterien von Fäſſern und 14 Flaſchen bedräueten die Köpfe mit einer ſüßen Niederlage. Und kein Gezelt, keine Bude ermangelte der Liebhaber; Tanz und Muſik war überall und betäubte das Ohr. Hier jubelte das Volk um den haushohen Maienbaum, der bis oben hinauf mit tauſend bunten Kleidungsſtücken und Spielwerken behangen war, an deſſen glattem Stamme der gewandte Rathsknecht hinaufrutſchte, und unter ſeinen Lieblingsſprüchen: Wer will meine Braut ſein? und: Geh' zu, morgen haben Stiefel und Unter⸗ röckchen Ruh! die gefaßten Kleinodien unter das Volk hinabwarf, bis er die Spitze erreicht hatte, und wie ein Matroſe im Maſtkorbe ſich wiegend, dreiſt von den Wol⸗ ken herab aus ungeheurem Silberkruge auf das Wohl der Stadt und der regierenden Herren trank und ein Vivat herunterrief. Dort flog aus den Herbergsgezelten der Zünfter ein ſcheckichter Hanswurſt mit ſchwarzer Maske und klapperndem Pritſchholze heraus mitten in das Gedräng, und ſeine tönenden Schläge trafen hier ein altes Bauernweib, dort herzte er eine ſchmucke, ſchreiende Magd, oder er trudelte ſich zum Gaudium der Menge mit einem Haufen Gaſſenbuben im Graſe herum, ſchlug ſtattliche Purzelbäume, und erweckte mit derben Witzworten das wiehernde Gelächter der Geſell⸗ ſchaft. Wiederum anderswo liefen Knaben in Säcke ge⸗ näht, türkiſchen Derwiſchen ähnlich, um eine Silber⸗ münze nach dem Ziele, oder müheten ſich, mit auf den Rücken gebundenen Händen das mit Honig gefüllte glatte Gerſtenbrod zu zerbeißen, welches an einem Faden über ihnen hing, hundert Male den weißen Zähnen entglitt, und wenn der Biß gelang, zur Beluſtigung der Zuſchauer ihr Angeſicht mit ſeinem braunen, klebrichten Inhalte übergob. Und zwiſchen all dieſes betäubende Gelärm — 15 knallten die Schüſſe der ſcharfen Büchſen, raſſelten die Trommelſchläge, welche einen guten Schuß begrüßten und verkündeten, kreiſchte das Geſchrei gedrückter Weiber, brummte der mißtönende Geſang der Trunkenbolde, und ſchnarrte der monotone Lockruf der Budenherren, die das allerletzte Zeichen ihrer Lotterie ausboten oder ihre wohl⸗ feile Waare anprieſen. Trotz aller dieſer die Sinne betäubenden und verwir⸗ renden Töne ſo verſchiedener Art, wurde dennoch die Auf⸗ merkſamkeit derer, welche ſich dem Ufer des Okerfluſſes zunächſt befanden, durch eine Erſcheinung auf dem Waſſer erregt und feſtgehalten. Ein Häuflein junger, ritterlich geſchmückter und gewaffneter Männer ward am jenſeiti⸗ tigen Ufer ſichtbar, betrat die Fähre, und ſchiffte zu der Wieſe herüber. Die wohlgewappnete Schaar ſchien An⸗ fangs bedenklich; als jedoch der Fährmann ſein flaches Fahrzeug näher heran trieb, und man unter den Vor⸗ derſten die Söhne der älteſten Braunſchweigiſchen Häuſer, den Chriſtoph Hantelmann, den von Strombeck, zwei der Dammänner, den Veit von Walpke und den Karl von Blumenhagen? erkannte, ſo wurde die Beſorgniß zum Jubel über die Ankunft neuer, wackerer Gäſte, und man überſah, daß unter den Söhnen der Stadt ſich auch ein Fremdling geborgen hatte, der keinem von ihnen an Ju⸗ gendkraft, Jünglingsſchöne und adeliger Sitte nachſtand. Der junge Fremdling war kaum aus den Knabenjahren in das freie Jünglingsalter getreten, und die Weichheit ſeiner Züge, die Feinheit ſeiner Haut und Geſichtsfarbe, die Milde des hellen Auges konnten den Verdacht er⸗ wecken, ein Mädchen wohne in dem dunkelblauen Ritter⸗ wammſe, und der wohlgerundete ſchöne Hals, nackt, von *Siehe Rippentrobbs Geſchichte von Braunſchweig. 1. LXRIII. 16 kinem feinen zurückgeſchlagenen Spitzenkragen umgeben, das in reichen Locken die Schultern umfliegende glänzende Goldhaar, eine beſondere und ſeltene ächt deutſche Schön⸗ heit, halfen dem Verdachte nach, indem der einzige Ge⸗ genredner, der kleine Flaumbart, über dem niedlich und keck aufgeworfenen Munde zu hell und dünn ſtand, um auf einige Schritte Weite nicht überſehen zu werden. Des Junkers Aeußeres, ſein Gang, ſeine Bewegung, ſeine Tracht verkündeten außerdem den wohlerzogenen Sprößling eines guten Hauſes; das Tuch ſeines Habits hatte Glanz und Feinheit, die hellblauen Puffen waren mit Silberſchnüren eingefaßt, am Sammetbaret wiegte ſich eine weiße Feder, der zierliche Stoßdegen zeigte am Griffe und an der Scheide feine Goldarbeit und ein auf⸗ fallend ſchöner Dolch von arabiſcher Arbeit, mit krumm⸗ gebogenem und mit grünen und rothen Edelſteinen be⸗ ſetzten Griffe fiel durch ſeine Form und ſeinen reichen Werth in die Augen. Die jungen Patrizier hatten eine Fußreiſe durch die ſehenswürdigen Harzgebirge gemacht, und droben auf dem Altvater Brocken den fremden rit⸗ terlichen Jüngling gefunden, der lebensmuthig, wie ſie, an den Abgründen der Gemſe gleich umherklomm, und ſich, wie ſie, einen Blocksbergſtrauß von Gebirgsblumen zur abenteuerlichen Zier des Barets ſuchte; und nach Art der Jugend, die in glücklicher Unbefangenheit nicht nach Rang und Habe fragt, ſondern nur den Reiſepaß in Augenſchein nimmt, den die Natur auf das Men⸗ ſchengeſicht ſchrieb, wurde in nächſter Herberge im ſchlechten Weine die Brüderſchaft beſiegelt, und leicht beredet folgte der Fremdling, der ſich frei nannte, wie Waldvogel und Damhirſch des Harzes, den neuen Freunden zu dem weitberühmten Johannisfeſte ihrer Va⸗ terſtadt.— ———— —— 17 In dem großen Meere des Vergnügens verloren ſich bald die jungen Freunde von einander; einige hielt eine Tafel feſt, an welcher ſie die Verwandten ſchmauſend fanden; jene lockten einige liebliche Baſen in die bunten, Wirbel des Tanzſaales; nur der ſittige, feingebildete Chriſtoph, den die Frauenwelt ſchmeichelnd und ſpottend zugleich den ſchönen Joſeph betitelte, und der ſchlank gewachſene blonde Karl, der Braunſchweigiſche Trouba⸗ dour genannt, wichen pflichtgemäß nicht von dem Gaſte, und wie ſie ihm nach und nach alle Herrlichkeiten des heimathlichen Feſtes gezeigt und zu koſten gegeben, führten ſie ihn auch zu dem höchſten und edelſten der Tempel des Vergnügens, den ſie gerade darum bis zu⸗ letzt aufgeſpart. Als ſie ſich Raum gemacht durch das Gedränge, das in dieſer Gegend faſt nur aus feinen Leuten beſtand, und darum ſchon die Aufmerkſamkeit des jungen Fremdlings erregte, ſtanden ſie plötzlich an einem großen, grünen Hügel, welcher mit weißem Gitterwerke abgeſondert und geſchützt worden, und rundum durch ſtattliche Hellebar⸗ dierer gegen die Zudringlichen bewahrt wurde. Die beiden größten und ſtämmigſten der Stadtgardiſten wach⸗ ten mit ins Kreuz geſtellten Barden an dem Eingange des Gitterwerkes, wo eine glatte Sandſteintreppe hinauf führte auf das Plateau des Hügels. Dieſe ebene Gras⸗ ſäche aber gewährte einen Anblick, der an arabiſche Feenmährchen und Mahomeds ſieben Paradieſe erinnerte. In einem Halbzirkel ſah man oben ſechs ſeidene Zelte xrrichtet, von denen jedes in einer Farbe des Regenbo⸗ gens ſchimmerte. Guirlanden, aus den prangendſten Sommerblumen mit Geſchmack gebunden, verbanden ein Gezelt mit dem andern. In jedem Seidenhäuschen, 18 welche geöffnet einem Baldachin glichen, ſaßen auf ver⸗ goldeten Seſſeln zwei Frauen oder Jungfrauen aus den verſchiedenen Weichbildern der Stadt im höchſten Schmucke, zu welchen vom hohen Rathe nur die ſchönſten und tu⸗ gendbelobteſten auserwählt waren. Vor jedem Damen⸗ paare ſtand ein ſchnirkelfüßiger vergoldeter Tiſch, der ein Silbergefäß trug, in welchem ein großer Blumen⸗ ſtrauß, der aber nur aus einer Sorte von gewiſſen Blumen beſtehen durfte, prangte; vor dem Silberbecher ſtand ein zierliches Spielbrett, von ſeltenen Hölzern ge⸗ arbeiet und ein elfenbeinerner Becher mit drei Silber⸗ würfeln.— Einzelne junge Fante ſah man mit glühen⸗ den Wangen hinaufſteigen zu den Gezelten, unterhandeln, werfen mit den Würfeln, aber die meiſten bleichen An⸗ geſichts und verlegen wieder herabſteigen, indem ihnen ein alter Senator, welcher oben die Polizei gleich einem Minos zu verſehen ſchien, ihr Schickſal verkün⸗ det hatte. Was bedeutet mir dieſes wunderſame, ſeltene Schau⸗ ſpiel? fragte der Fremde neugierig ſeine Begleiter. Viele Feſte der Art ſah ich in Deutſchland, doch nirgend fand ich etwas Aehnliches, und betrachte ich den Regenbogen von Blau, Grün, Gelb, Feuerfarb, Roth und Violett und die liebreizenden Geſtalten darunter, ſo wird mir's gewiß, dieſes Feſtſpiel muß das ſinnigſte ſein von Allem, was ſolche Tage zieren kann.— Du ahneſt recht, mein Freund, antwortete der ſanfte Chriſtoph. Dieſes Feſtſpiel iſt gefährlich, wie der Hin⸗ blick auf die verführeriſchen Circen, welche es regieren. Der Groel nennt es das Volk; Vornehm und Gering ſtrömt herbei, um zu wagen in dieſem Spiele, welches unſerer Stadt eigen und eigenthümlich iſt; aber Tauſende „ 19 haben Hab und Gut, Ruhe und Glück in der Verfüh⸗ rung eingebüßt.— Wie Du es ernſt nimmſt! fiel der frohmüthige Kark ein. Wagen gewinnt, und der Weg da hinauf iſt ja kein gezwungener Gang zu Meiſter Hämmerlings Drei⸗ bein. Jeder trägt die eigene Haut zu Markte; wer kitzlich iſt, bleibe davon. Und Fortuna iſt nicht zu jeder Stunde eine ſpröde Zierpuppe; habe ich doch ſelbſt dort oben mir die ſchönſte Veroneſer Laute und der Strom⸗ veck ſich das beſte Streitroß aus dem Marſftalle der re⸗ gierenden Herren gewonnen.— Aber erklärt mir doch, fiel drängend der Fremde ein, Euer Wort machte mir nichts heller.— Schau, Freundchen, fuhr launig der Sprecher fort, wenn Du dort oben auch nichts ſiehſt, als ein Dutzend verlockender Suſannen und einen bärtigen Oberälteſten zwiſchen ihnen als Haremswächter, ſo iſt doch keine fürſt⸗ liche Schatzkammer im ganzen römiſchen Reiche ſo reich wie das Hügelfleckchen hier vor uns. Wenn Du wagig biſt wie der gehörnte Siegfried, kannſt Du Dir den Nibelungenſchatz im Umſehen dort herunter holen. Du haſt nichts dabei zu thun, als die Steintreppe hinauf zu ſteigen, vor eins der Seidenhäuſerchen hinzutreten und nach ſtattlicher Verneigung den Preis zu nennen, um welchen Du ſpielen willſt. Sei es ein Beutel mit Goldgülden, ſei es das ſchönſte Haus in der Stadt, ſei es des Kaiſers Krone, oder des Sultans Bart; Du kannſt ſpielen um einen Rauſch, den Du Dir trinken willſt in Nierenſteiner oder Mummenbier, ſo gut wie um eine Bürgermeiſterſtelle Braunſchweigs oder das Glöck⸗ neramt auf dem Petrithurme; ja Witzbolde haben ſchon um Jungfrauenmilch und Mückentalg geſpielt. Wenn „ f 20 die Dame Dein Spiel annimmt, und Du wirſſt mit den Silberwürfeln gleiche Augen, einen Ruſch oder Paſch, ſo muß der Rath Dir's ſchaffen, und ſollte er ſein Rathhaus dafür verpfänden müſſen. Wirfſt Du keinen Ruſch—— Nun denn, was wird verloren? Was ſteht auf dem Spiele? fragte der Fremde mit beſonderer Haſtigkeit, in⸗ dem er ſeine Augen ſtarr zur Höhe gerichtet hielt.— Schau, das iſt eben der böſe Knoten! antwortete der lächelnde Karl. Eben der bocksbärtige Alte dort oben hat ein Recht, ſich jedesmal in das ſüße Spiel zu mi⸗ ſchen. Ohne ihn wäre wohl mit den ſittigen Frauen⸗ bildern fertig zu werden. Er aber ſetzt gegen jeden ver⸗ langten Preis einen Gegenpreis, und wirfſt Du fehl, ſo mußt Du zahlen oder das Geſetzte anſchaffen ſofort, und die eiſernen Spießträger vor uns führen Dich ohne Barmherzigkeit in den Thurm, bis Du eine Bürgſchaft geſtellt oder den Preis herangeſchafft haſt, und mancher hat den Vorwitz in einem ſolchen Kämmerlein, wo ein Waſſerkrug und ein Kleienbrod die täglichen Traktamente ſind, hart abgebüßt. Aber Du hörſt kaum, und ſtarrſt wie ein Beſeſſener aus Samaria in die Luft.— Ich hörte mit offenen Ohren! erwiderte der Fremde mit höchglühenden Wangen. Aber ſage ſchnell, wer iſt die Jungfrau links in dem grünen Gezelt, welche ſich halb hinter dem Strauße von weißen Roſen verſteckt hält, der in der ſchändlich⸗bauchigen Silbervaſe wie eine bleiche, neidiſche Stiefmutter die Reize der Kleinen der Welt zu entziehen verſucht?—„ Die da mit dem frommen Marienauge? Mit dem Flechtenthurme von blondem Haare, der mir vorkommt, wie ein Kettenmagazin des Meiſters Kopfab für arme 21 Sünder gehegt, oder wie der Thurm zu Babel, der einige tauſend Männerköpfe und Zungen verwirrte 2 fragte Karl zurück. Das iſt die ehr⸗ und tugendſame Tochter des tapferſten und wohlbelobteſten Mannes der Stadt, des Herrn Oberſten und Commandanten Klaus Barner, deſſen Herz den Teufel nicht fürchtet und hieße ſein Name Legio, und deſſen Fauſt in Braunſchweigs Siegesſchlachten Donnerkeile warf, wie ſie nur der Adler des Göttervaters Zeus zu tragen vermochte. Eva Bar⸗ ner ließ ſich noch nicht einſchreiben unter die Prieſterin⸗ nen zum Tempeldienſte der Venus, denn ſie wartet auf den Tod der heidniſchen Göttin, um dann ihr Reich ſelbſt und ihren Platz zu ererben.— Eva heißt ſie? ſtammelte jener. Immer wunder⸗ barer!— Aber ſieh, wie Dein frecher Blick die liebe Kleine erſchüttert und Zornesglut auf ihre Wangen treibt, daß ſie in ihrem weißglänzenden Atlaskleide und in der züch⸗ tig verhüllenden Spitzenkrauſe einer voll aufgeblühten Centifolie gleicht, die man auf ein unſchuldiges Wie⸗ genkiſſen oder auf die heilige Decke eines Feſtaltars ge⸗ legt war.— Perorire nur fort, Freund, rief der Fremde da, ich muß hinauf zu ihr.— Haſt Du den Sonnenſtich? verſetzte haſtig Karl, und Chriſtoph ſetzte raſch und ängſtlich hinzu: Du biſt unſer Gaſt, wir müſſen ſtehen für Dein ſittig Betragen; dar⸗ um ſiöre nicht die Ordnung und den feinen Gebrauch uns zur Unruhe.— Verwundert ſah ſie der Fremdling an. Iſt denn nicht das Spiel frei für Vornehm und Gering, wie Du ſagteſt? fragte er die ihn Feſthaltenden.— 22 Du willſt im Groel ſpielen und um was? verſetzte zben ſo verwundert der Hantelmann.— Spielen will ich, ſpielen mit ihr! ſprach der Fremd⸗ ling kräftig. Spielen um das Höchſte, um das Leben und um die Seligkeit des Himmels.— So machte er ſich los, die Hellebardierer zogen auf ſein Wort ihre Stangen zurück, und kühn ſchritt er die Stufen hinauf, und ein Beifallgeklatſch des Volkes bewillkommte ihn, das gleich darauf mit tiefer Stille wechſelte, da die allgemeine Neugierde vernehmen wollte, um welchen Preis der junge, hübſche Fant das gefährliche Spiel zu wagen gedächte. 8 — Der Stadthauptmann Klaus Barner beſchäftigte ſich, indeß dieſes geſchah, auf der entgegengeſetzten Seite der Maſch mit ernſtern Spielen. Seine dunkeln, etwas tiefliegenden, doch Kühnheit und Geiſt ausſprechenden Augen bewachten mit ſtrenger Aufmerkſamkeit die Schüſſe ſeiner Schützen, und auf der breiten Stirn, in deren tiefen, düſtern Falten Ernſt und Verſchloſſenheit, ja ſelbſt die Spuren eines finſtern Grames ſichtbar wurden, und die ein vor der Zeit ergrautes, zurückgeſtrichenes Haar umkräuſelte, malte ſich bald Unmuth, bald Freude in dem Verſchwinden oder Erſcheinen tieferer Furchen, je nachdem die Männer gut oder ſchlecht gezielt hatten. Hachten und Grube! rief er jetzt mit dem Tone aus⸗ gelaſſener Fröhlichkeit, indem er mit ſeinen kräftigen Armen zwei Jünglinge derb umfaßte, die eben unter ehrenvollem Trommelſchlage von den Schießſtänden zu⸗ rückſchritten. Hachten und Grube, rief er, ſie kräftig an ſeine breite Bruſt drückend, Herzensburſche, das heiße 23 ich Meiſterſchüſſe, und jeder von euch holt ſich morgen einen gewichtigen Silberpokal zum Andenken von meiner Hausehre. Gerade in das Herz! Ohne Zucken in der Schulter und dem Knie! Bei der nächſten Fehde führt ihr meine Leibſchützen, und ſollt dicht an meiner Seite ſtehen. Bei dem Sankt Autor, ich will euch eine Scheibe zeigen, und wenn ihr dort das Herz nicht fehlt, wie hier, ſo ſollen eure Namen unter den Männern Braunſchweigs glänzen wie der Silbergulden, der eben die Münze ver⸗ ließ, unter ſchmutzigen Kupferhellern.— Die jungen Schützen beugten ſich ehrfurchtsvoll vor dem geachteten Kriegshelden, und indem ſein Auge mit Liebe auf ihren blühenden Geſichtern verweilte, und er den dunkeln Knebelbart vom freundlichen Munde zum Ohre ſtrich, ſchienen noch mehre der Lobreden auf ſeinen Lippen zu ſchweben, da zupfte ihn eine Frauenhand heftig von hinten her am Arme, und als er ſich umſah, ſtand Frau Juſta Barner mit verſtörtem Aeußern und ängſt⸗ lichen Zügen vor ihm. Was ſoll es? fragte der rauhe Kriegsheld unwillig, und die glaitgewordene Stirn hatte alle ihre Wetter⸗ ſchatten wieder. Was drängt die Frau ſich zwiſchen den Männertumult?— Herr, Du mußt ſofortezu dem Groel, entgegnete die bleiche Dame mit ſchüchterner und demüthiger Geberde; es iſt Streit dort, ein beſonderer Fall, Du mußt ent⸗ ſcheiden, und eilig dabei ſein.— Alfanzereien! ſchalt mürriſch der Angeſprochene. Was kümmert mich das Spiel der Gecken und Milchbärte. Meine Seele iſt hier mit ernſtern Dingen beſchäftigt, vor denen ein Dutzend der Pluderhoſigen die Haſenflucht nehmen würden, wüßten ſie darum.— 24 Aber Vater, es gilt ja Dein einziges Kind, unſere Eva! fiel die bangende Frau ihm in die barſche Rede. Der Rathsherr von Ingelem ſchickte den Wächter Kaelen, Dich zu ſuchen, denn die Sache drängt.— WMein Evchen? Was iſt dem Kinde zugeſtoßen? War ſie doch unter dem Schutze der Frau von Vechelde? Wo iſt der Kaelen? Ich will ihn ſprechen! ſo ſprach der Stadthauptmann, raſch die Worte hervorſtoßend, mit ſchneller Aenderung in allen ſeinen Zügen, in denen Va⸗ terzärtlichkeit und Vaterſorgfalt plötzlich vorwalteten. Und hinter der ehrſamen Frau trat der Wachtmann her⸗ vor, ſtellte ſich in militäriſcher, ſteifer Stellung mit vorgepflanzter Hellebarde dem Herrn Barner gegenüber, und begann in monotoner Rede ſeinen Bericht.— Seiner Geſtrengen, der Herr Rathsmann von Inge⸗ lem, ſprach die gerüſtete Maſchine im tiefſten Baſſe unter der Pickelhaube hervor, ſenden mich und laſſen vermelden, daß ſich ein gar ſeltſamer Caſus bei dem Groel ergeben gethan. Nachdem nämlich das Glück ſich bis Mittag den vielbelobten Frauen des Groels geneigt gezeigt, wenige den Ruſch getroffen, und mancher Jungherr ſei⸗ nen Satz bezahlt zum Ruhme der Stadt und zum Nutzen des Armenſpitals, wagte ſich dennoch ein junger, zierlich geputzter Wicht auf den Plan und zog ſein Baret ab vor dem grünen Gezelte, und begehrte ein Spiel mit den Würfeln der weißen Roſe. Und als ihm die kugend⸗ ſame Jungfrau Eva Barner verſchämt den Becher dar⸗ gereicht und die ehrenbelobte Frau von Vechelde gefragt, um welchen Preis er zu ſpielen gedächte, trat der junge Herr einen Schritt zurück, hob den Wurfbecher hoch zum Himmel, und mit ſtarren Blicken auf die genannte Jung⸗ frau rief er mit lauter Stimme: Ich ſpiele nur um das 25 köſtlichſte und ſchönſte Kleinod, welches die reiche Stadt Braunſchweig in Verwahr hat. Ich verlange zu ſpielen um den Beſitz der lieblichen Jungfrau hinter den weißen Roſen, aus deren zarten Händen ich den Becher des Glücks empfangen habe.— Ein allgemeines Gemurr des Erſtaunens lief durch das Volk, denn ſeit dem Jahre 1481, wo ebenfalls um ein Fräulein von Kalm im Groel geſpielt ward, der Spieler aber mit großer Buße davon kam, hatte ſolche Verwegenheit kein leichtſinnig Herz wieder gewagt. Die Jungfrau Barner erſchrack gewal⸗ tig und hüllte ihr rothes Antlitz in ihr Schweißtüchlein, indem ſie ſtammelnd nach dem Vater rief. Der geſtrenge Herr von Ingelem trat jedoch voll Würde und Ernſt heran, und verwies dem Junker, den Niemand kannte, und den Chriſtoph Hantelmann zum Feſte herangebracht inſtändig ſeinen ungeziemenden Scherz, der die Fröhlichkeit zu ſtören drohe, und fragte ihn höhniſch nach dem Preiſe, den er für ſolch unſchätzbares Gut entgegen zu ſetzen habe. Doch der kecke Wicht ließ ſich nicht irren. Wohl unſchätzbar, antwortete er, doch ſetze ich daran, was man fordern mag, ſei es all meine Habe und Gut, ſei es alles Blut, was mir in den Andern rinnt, ſei es ſelbſt der höchſte Schatz des deutſchen Edelmanns, die Freiheit.— Kraus zog ſich die Stirn des Herrn von Ingelem. Das Spiel iſt frei, ſagte er laut, alte Sitte muß man ehren. Aber, ſetzte er ſpöttiſch hinzu, nur der Vater der Jungfrau hat ein Recht, den Preis zu ſtellen, und Klaus Barner wird ihn Euch ſtellen ſo hoch und ſo fern, daß Ihr eher den Himmel auf der Leiter erſteigen möget, als ſolchem Vertrage Euch ſchmiegen.— Der trotzige Fremde beharrte bei ſeinem Vorſatze. Man hole den Vater! Uebermenſchliches darf er nicht ſetzen, 26 und das Menſchliche werde ich leiſten.— So hat mich Sr. Geſtrengen abgeſandt, und ich habe meine Botſchaft ausgerichtet.— Tolle Streiche! lachte Herr Barner auf. Jedoch ſind wir neugierig, den kecken Wagehals kennen zu lernen.— Frau Juſta hing ſich beklommen an ihres Eheherrn Arm, und von einer Menge Neugieriger begleitet, ſchritten ſie der Gegend zu, wo ſich der Hügel des Groels mit ſeinen bunten Gezelten erhob.— Alles machte dem geehrten Paare Platz im Gedräng, und Herr Barner fand, an der Barriere angelangt, den Junker droben im freien Geſpräche der Galanterie mit der Frau von Vechelde, indeß die furchtſame Eva ver⸗ ſtohlen ihr Auge zu ihm erhob, wenn er ſeine Rede auch an ſie richtete. Als ſie aber ausrief: Da iſt der Vater! und auf das Wort der Fremdling ſich aus ſeiner gebo⸗ genen Stellung aufrichtete und mit edelm Anſtande zu dem Kommenden ſich umwandte, da blieb mit einem Male der Fuß des alten Barners wie eingewurzelt auf der Stufe ſtehen, welche er im Sturmſchritte zu beſteigen vegonnen, ſein Geſicht wurde dem eines Marmorbildes gleich, und ſelbſt der Ausruf der Gattin: Was iſt Dir, Herr? konnte ihn nicht aus ſeiner Erſtarrung erwecken, iy welcher er mehre Sekunden zum Staunen Aller ver⸗ weilte. Eva! Eva! murmelte er dann vor ſich hin, aber in einem ganz beſonderen Tone, gleichſam mit einer Geiſterſtimme, ſo daß dieſer Ausruf nicht der geliebten Tochter gelten konnte. Ihr Bild, ihr Auge! Iſt ſie zum Manne geworden, dem Grabe entſtiegen? Und der Dolch! Ihr Dolch! Mein Dolch!— Ein grimmiges Lächeln ſtieg dabei vom Kinne aufwärts langſam über das ganze Geſicht, bis ſich Augenbraunen und Stirnhaut mit ihm 65 3 27 hoch aufgezogen, und wie plötzlich belebt durch einen willkommenen Lichtgedanken, ließ er das Ehegemahl los und ſtand mit zwei weiten Schritten kräftig auf dem Plateau, dem Jünglinge gegenüber, immer noch mit ſchnell rollenden Augenſternen den Fremdling muſternd. Ihr begehrt zu ſpielen um mein Kind? fragte er gezogen, indeß der Jüngling ihn mit ſittiger Verbeugung begrüßte. Und wer ſeid Ihr denn? Welches iſt Euer Geſchlecht und Eure Heimath, daß Ihr Euch berechtigt glaubt zu ſolchem Wagniß? Eitel Heinrich von Kirchberg iſt mein Namen, ant⸗ wortete beſcheiden der Angeredete, untadeliger Abkunft von Vater und Mutter, begütert und frei, wie ich durch meinen Vormund zu beweiſen gedenke, wenn man mir die geſetzliche Zeit dazu anberaumt.— Edler, hoher Geburt! Ja! Ja! ſprach Klaus Barner nach, indem er die kräftige Hand ſich auf das Herz preßte, als wenn ein tiefer Schmerz ſeine Bruſt durchzuckte. Mit einem Geſichte voll Wohlwollen ſetzte er dann ha⸗ ſtiger hinzu: Ich kannte Eure Eltern, und da wäre nicht viel zu erinnern. Aber was ſetzt Ihr ein gegen das Mädchen? Beſtimmt das Höchſte! rief Junker Eitel erhitzt. Kann es eine Menſchenfauſt gewinnen, kann es eine Menſchenkraft vollführen, ſo bringe ich's, ſo leiſtet es mein Muth.— Eine Weile beſann ſich Herr Barner, dann erwiderte er langſam und mit ausdrucksvollem Accente: Ihr Eitel Heinrich von Kirchberg wollt einen Glückswurf wagen um den Beſitz der Jungfrau Eva Barner. Im Falle Fortuna Euch günſtig, und ihr den Ruſch trefft, ſo wird die Jungfrau Euer eigen, wie ſich von ſelbſt verſteht als 28 Eure Verlobte, um deren Huld Ihr, wie es einer frei⸗ gebornen Braunſchweigerin zukommt, ein Jahr lang als ſittiger Bräutigam zu werben habt, und ſie demnächſt ohne Rücktritt am künftigen Johannistage als Euer liebes Ehegemahl heimführen müßt, und als ſolche zu ehren und hochzuhalten verſprecht. Zu dieſem Verſprechen gebt Ihr aber im Glücksfalle zugleich das Wort, welches die Verbindung mit der Tochter eines braunſchweigiſchen Stadthauptmanns natürlich macht, für immer der Stadt Braunſchweig anzugehören als guter Sohn, und von heut an in ihrem Dienſte, ſei es im Kriege oder Frieden, Euch zu halten gegen alle ihre Feinde, welches Namens ſie ſein möchten, wie ein gebornes Braunſchweiger Kind; zugleich auch, vor jeder Annäherung an die gewonnene Braut, ihren Verwandten vorzulegen die bündigſten Do⸗ kumente Eurer ehelichen, fleckenloſen und ritterlichen Ge⸗ burt, wie auch Eures Vermögens und Eurer Güter, die Eurem Stande gemäß und einem ſorgloſen Hausſtande angemeſſen ſein müſſen. Seid ihr zufrieden vor all dieſen Zeugen mit dieſen Bedingungen im Glücksfalle?— Ich bins! antwortete der Kirchberger raſch. Wie würde ich das Spiel verlangen, wären dieſe Bedingniſſe nicht aus meinem Herzen diktirt?— Nun kommt aber die ſchwarze Seite, fuhr Herr Barner fort, und das höhniſche Lächeln ward ſichtbar um ſeinen angenehmen Mund. Werft Ihr den Ruſch nicht, dann iſt Euer jetziges und zukünftiges Vermögen ver⸗ fallen zur Hälfte der Jungfrau, zur Hälfte der Stadt; Ihr begebt Euch alsdann Eures Adelſtandes und aller ſeiner Privilegien; Ihr werdet ein Leibeigener der Stadt, ein Fröhner und Dienſtmann derſelben; Ihr verlaßt nie ohne Erlaub die Weichbilder und Mauern Braunſchweigs, 29 und nur der Gnade unſerer regierenden Herren bleibt es alsdann überlaſſen, in Zukunft für geleiſtete Dienſte Euch zu erheben aus der Schmach und Eure Lage zu verbeſſern. Iſt Eure Hand bereit, auch nach dieſen Be⸗ dingniſſen den Wurfbecher zu nehmen?— Der Junker ſtarrte einige Augenblicke vor ſich hin. Tritt zurück, Eitel! rief der Hantelmann herauf. Du wirſt ja nicht toll ſein, Kirchberg! ſetzte Karl hinzu. Der Angerufene aber warf einen glühenden Blick gen Himmel, einen zweiten auf die ängſtliche Jungfrau hinter den weißen Roſen, dann erhob er ſchwörend die Finger der Rechten und ſagte mit männlicher Feſtſtellung: Meine Mutter erzählte mir vom Vater, er habe mit eigenem Starrſinne nie aufgegeben, was er einmal gewollt, und die Gefahr habe ſeinen Muth verdoppelt. Der Sohn ſoll dem Vater Ehre machen. Ich beſchwöre hiermit die Bedingungen vor dieſen tauſend Zeugen, und ward ich ja doch ſchon für immer leibeigener Knecht dieſer herrlichen Jungfrau bei dem erſten Blicke, der aus ihrem hellen Auge in meine Seele traf. Gebt mir den Becher, edle Frau, wenn Eure holde Gefährtin es erlaubt, denn das verhüte Gott, daß ich ohne ihre Zuſtimmung um ſie ſpielen möchte, als wäre ſie ein verkäuflich Kleinod!— Soll er werfen, Eva 2 fragte der Vater mit ſtarker Stimme.— Eva gehört dem Vater und war immer ſeine gehor⸗ ſame Tochter! entgegnete das Mädchen mit kaum hör⸗ baren Flötentönen.— So werft in Gottes Namen! fiel Barner ein, und als ſeine Gattin ängſtlich ſeine Hand ergriff und flüſterte: Vater, um der ewigen Liebe willen, es gilt Dein einziges Kind! flüſterte er eben ſo leiſe, aber mit ſichtlicher Freude zurück: Laß ihn werfen! Klaus 30 thut nichts unbedacht, und iſt in jedem Falle ſeines Ge⸗ winnes gewiß.— Todesſtille herrſchte um den Hügel; Aller Erwartung war geſpannt, als die Frau von Vechelde die Silber⸗ würfel in den Becher that und der Junker den Arm ausſtreckte. Auf die Zehen erhob ſich Jedermann, als der Wurf auf die Tafel raſſelte; aber in ein lautes Ge⸗ jauchz verwandelte ſich die Stille, da mit Schrecken die Frau von Vechelde ausrief: Drei Einer ſtehen oben, der höchſte Ruſch, der Jungfraupaſch iſt gefallen, und der Spieler hat den Preis gewonnen!— Eva Barner ver⸗ varg mit einem leichten Schrei ihr bleiches Geſicht an der Schulter ihrer Gefährtin; der Kirchberger aber bog mit glühenden Wangen ſeine Knie, drückte einen heftigen Kuß auf die Hand des Mädchens, welche ihm nicht ent⸗ zogen ward und ſprach innig: Der Himmel war mit mir, doch nur Ihr könnt beſtimmen, ob ich wirklich gewonnen.— Ein wilder Tumult bewegte das Volk, hundert Stimmen velobten den wagherzigen und glücklichen Spieler, denn der Erfolg leitet ja das Urtheil der Menge, und Nie⸗ mand tadelte mehr den unerhörten Leichtſinn; andere Hundert riefen ein brauſendes Vivat dem Junker Kirchberg und der Eva Barner, und die beiden Freunde ſprangen herauf und umhalſeten den Reiſekumpan mit wilder Ha⸗ ſtigkeit. Da trat der kräftige Stadthauptmann dazwiſchen und ſchlug derb ſeine Hand in die des Junkers, der gleich rinem Berauſchten zu ihm aufſah. Das Schickſal hat ſchnell die Unbekannten gar eng verknüpft, ſprach er ernſt; Gottes Segen walte ob dieſer Stunde und ihren Folgen. Reicht jetzt eurer Verlobten den Arm und führt ſie zum Feſtſaale, denn der Gewon⸗ 31 nenen ziemt ds nicht mehr, hier zu ſitzen unter den Spenderinnen der Glücksgaben. Tanzt Euch ſatt mit ihr, und kramt Eures Herzens Inhalt aus vor ihr; daß ſie nicht zürnt ob der Laune Fortuna's, leſe ich auf dem lieben Geſichtlein. Ihr ſeid mein Gaſt und Hausgenoß von heut an, und Abends werden wir daheim abmachen, was noch Gewichtiges und Ernſtes laut werden muß zwiſchen uns.— Der glückliche Junker befolgte des Stadthauptmanns Befehl, und unter dem Jubel der Menge zog Alles dem Schützenhauſe zu, von wo heraus die Neugierigen, längſt durch die eilige Fama von dem Seltſamen unter⸗ richtet, dem ſchönen Paare entgegenſtrömten, und die Stadtpfeifer ſie mit einem gewaltigen Muſiktuſch empfingen. Die Nacht hatte die ältern und ſittigen Bürger von der Maſch in die Stadt zurückgeführt. Frau Juſta nahm die Tochter, die ſich eben nicht unglücklich zu fühlen ſchien, mit in ihr Geheimzimmer, um mit mütterlicher Sorg⸗ ſamkeit und Neugier zu forſchen, wie die unerwartete Tagesbegebenheit auf das zarte Mägdlein gewirkt. Herr Barner aber ſaß mit dem Junker Eitel im ſtillen Zimmer bei einem Becher Wein, den nur ein finſterer Mann mit abſtoßenden Geſichtszügen und langem Graubarte mit beiden theilte, ohne daß ein Wort von ihm ihren Zwie⸗ ſprach unterbrach, und welchen Klaus dem Gaſte als einen vertrauten Freund der Familie und nahen Ver⸗ wandten genannt hatte. Der Stadthauptmann begann ſein Examen mit der Frage nach Eltern und Familie, und man ſah ihm an, daß er die Frage mit Herzklopfen that. 32 Meinen Vater habe ich nie gekannt, antwortete der Junker freimüthig; er ſtarb kurz vor meiner Geburt, und ſoll ein tapferer Kriegsmann geweſen ſein. Seit ich gedenken kann, lebte ich frei und fröhlich auf dem Schloſſe des Grafen von Stollberg, das ſich über der Gebirgsſtadt Werningerode erhebt, und mit den jungen Grafen wurde ich erzogen gleich ihnen in Allem, was ritterliche Abkunft verlangt. Ihre Waffenmeiſter waren die meinen; zogen wir zur goldenen Aue in das Thü⸗ ringer Land, wo die Stollberge den Winter reſidirten, ſo zog ich mit, und der edle Graf hielt mich wie ſeinen eigenen Sohn und ich vermißte den Vater nie. Ein ſtattlicher Mann beſuchte uns zuweilen; ſein Ausſehen ſchien finſter und hart, aber er war gegen mich immer⸗ dar gütig und liebevoll und ſchloß mich gar oft zärtlich in ſeine Arme. Man nannte ihn nur Herrn Heinrich; aber er mußte guten Standes ſein, denn trotz ſeines ſchlichten Wappenrockes begegnete ihm ſelbſt der Graf mit Ehrfurcht, und ſtets brachte er mir Köſtliches mit, war es Stoff zu Prachtkleidern oder goldene Ketten und Steinringe von Werthe, und er nannte ſich immer meinen treuen Vormund, und ſprach gar oft zu mir, wie er mir glänzende Tage bereiten wolle, wenn ich mündig ge⸗ worden, und wie es mir mein Lebelang nicht fehlen ſolle an Allem, was ein adeliges Gemüth verlangen könne, und daß er mich groß und angeſehen machen wolle vor ganz Deutſchland. Zwei Male in jedem Jahre reiste ein alter Knecht mit mir zu einem Schloſſe im Gebirge, und dort empfing mich meine Mutter und ein Kreis lieblicher Schweſtern, und eine Woche lang durfte ich dort ſein zu Spiel und Freude. Meine Mutter war gut und ſanft, aber ſo recht froh ſah ich ſie nie, und die 3 33 tiefe Wittwentracht, worin ſie ging, machte mich immer mit traurig, wenn ich an ihrem Herzen lag, und unter ihren lieben Küſſen oftmals heiße Thränen mich benetzten. So gingen meine Knabenjahre hin ſorglos und leicht, und in die Jünglingsjahre wäre keine Aenderung ge⸗ kommen, hätte der Himmel nicht die Mutter von mir genommen und mir dadurch die ſchönſten Feſttage ver⸗ ſchloſſen. Es mögen faſt zehn Jahre ſein, da holte mich der Vormund ſelbſt von Werningerode ab nach dem Schloſſe zwiſchen den Bergen. Die Mutter lag todtkrank, und ich werde ihr bleiches, hageres Antlitz nie vergeſſen, ob⸗ gleich ſie noch immer lieb und ſchön ausſah und ſelbſt im Sarge noch zu lächeln ſchien. Alles war voll Jammer im Schloſſe und auch des Vormundes hartes Geſicht ſchien in Schmerz aufgelöst, und ich ſah, wie er heim⸗ liche Thränen aus ſeinem krauſen Barthaare verwiſchte. Mein Eitel, ſprach ſie zu mir in der letzten Stunde, wo die Schweſtern ſchluchzend am Bette knieten und ich zu ihrem Kopfe ſaß und ihre kalte Hand in meinen Händen drückte, Gott wird mit Dir ſein, und die Hand des Allbarmherzigen wird Dich führen zu Ehre und Glück. Herr Heinrich hat mir's zugeſchworen, und wird halten, was er verhieß. Nein, die Vergehen der Eltern werden nicht geſtraft bis in das vierte Glied, ſetzte ſie mit höherer Stimme hinzu, die Augen ſtarr gerichtet auf den Vormund, der finſter und unbeweglich zu den Füßen ihres Lagers ſtand; der Vater im Himmel wäre ja ſonſt nicht der Gerechte und Allgütige, und meine Waiſen werden nicht verlaſſen ſein, wenn ich gegangen bin, den Spruch des ewigen Richters zu empfahen. Amen! Amen! ſagte der Vormund haſtig, ſchritt zu der Leidenden, küßte ſie feſt auf die Stirn, und nahm mich mit ſich hinweg Blumenhagen. IX. 3 34 aus dem Zimmer. Nur im Sarge und unter dem Lai⸗ lach ſah ich die liebe, ſchöne Mutter wieder zum letzten Male.— Die Stimme des Junkers brach, und große Thränen⸗ tropfen ſtürzten aus ſeinen Augen herab in den weiten Becher, welcher vor ihm ſtand; Klaus Barner war ſchon rängſt aufgeſtanden und ging in großer Bewegung mit ſtarken Schritten im Zimmer auf und nieder. Der grau⸗ bärtige Alte aber hatte den zitternden Kopf auf die Ellenbogen und die dürren Hände geſtützt, ſtarrte mit unbeweglichem, faſt grimmigem Geſichte aus hohlen Augen den weinenden Jüngling an, und gleich einem Mementv Mori, welches zu der Trauergeſchichte paßte. Und weiter habt Ihr keine Kunde von Eurer Abkunft und Euren Beſitzungen? fragte nach einer Pauſe der Stadthauptmann, indem er ſich dicht vor den Kirchber⸗ ger ſtellte und mit runzelvoller Stirn auf ihn herabſah. Eitel ſchaute mild, den ſchönen Kopf langſam erhebend, zu ihm empor.— Keine antwortete er. Die Jugend forſcht ja nicht, wenn ſie Alles hat, was Sinn und Gemüth begehrt. Wäre die eine herbe Schmerzens⸗ ſtunde nicht in mein Leben getreten, und hätte ſie nicht mit ihrem feſten Erinnerungsbilde manche Stunde ver⸗ vdüſtert, der leichtfertige Knabe würde wie ein Schmetter⸗ ling fortgeflattert ſein, bis heute, ohne Gedanken und Frage. Aber Ihr ſollt haben, was Ihr begehrt. Der Graf von Stollberg und mein Vormund werden mir ſogleich mit Urkund und Pergament und beſiegeltem Zeugniſſe meinen Stamm und meine Güter klar machen, denn die Zeit meiner Mündigkeit kann nicht ſo fern ſein.— Sie werden! Sie werden ſchon! lachte Barner laut 35 auf, trat dann zu einem Wandſchrein, und nahm ein trefflich gefertigtes Schlachtſchwert heraus.— Ihr ſeid nun wie mein nächſter Blutsfreund worden, ſprach er, habt geſchworen, zu dienen unter den Kriegsleuten unſe⸗ rer Stadt, und ich werde Euch ſchon den Platz anweiſen, der Eurem Stande, wie Eurem Ruhmdurſte Genüge leiſten kann. Der leichte Putzdegen an Eurer Seite muß einer tüchtigern Waffe weichen, und da es Gebrauch iſt, in der Lage, worin wir ſeit heute ſtehen, Geſchenke zu wechſeln, würdig beiden Theilen, ſo nehmt dieſes Schwert, das meine Ahnherren führten, und bringt Ihr mir's ge⸗ röthet vom Blute eines Feindes der Braunſchweigi⸗ ſchen Freiheit, will ich Euch halten wie den eigenen Sohn und Erben. Nehmt und laßt uns tauſchen! Der Dolch in Eurem Gurte iſt ein ſeltenes Stück, und blinkt dem alten Liebhaber ſolcher Raritäten hell in das lü⸗ ſterne Auge. Gebt mir den Dolch als ein Andenken dieſes Tages!— Den Dolch? ſtammelte der Junker erſchrocken. O warum fordert Ihr gerade dieſe werthloſe Gabe? Ich möchte Euch ja ſo gern das Köſtlichſte geben, was mir eigen, nur den Dolch muß ich Euch verweigern.— Seltſam! antwortete Herr Barner, wie beleidigt. Der Knabe, welchem ich heute meinen höchſten Schatz faſt leichtſinnig zuwarf, ſollte mir nichts zu verweigern haben.— Verzeiht, theurer Mann, dem ich mit Sohnesliebe zu danken gedenke, bat Eitel, und hört mich! Wenige Stun⸗ den vor dem Tode meiner Mutter traf ſich's, daß ich allein an ihrem Bette ſaß; da befahl ſie mir, dieſen Dolch aus einer verſteckten Lade hervor zu holen, ſchenkte ihn mir, bat mich jedoch, ihn zu bergen vor Herrn Hein⸗ rich. Geloben mußte ich ihr zugleich, nie dieſen Dolch 36 aus meiner Hand zu laſſen, nicht zu verborgen, noch zu verſchenken, denn es hinge ein gefährliches Geheimniß und mit ihm ihre Ruhe im Grabe an der Waffe gebun⸗ den. Ich ſchwur und küßte das kleine Kruzifix darauf, das ſie in den weißen Händen trug. Ihr begreift, wie ich den Schwur nicht brechen darf, aber nehmt zum Gegengeſchenk meinen Degen, er iſt werthvoller und eine Feſtgabe meines Vormundes.— Herr Barner nahm den Degen und ſetzte ſich wieder zum Tiſche dem Junker gegenüber, und ſein Geſicht glich einem Wetterhimmel, der Verderben dräut, ſo daß Eitel ſich faſt davor entſetzte. Glaubſt Du, Knabe, begann der Vater, der Klaus habe Gelüſte wie eine Neuver⸗ mählte, und der bunte Steinſchimmer Deines Stiletis habe ihn kindiſch zu dem Begehr getrieben? Der Dolch, den Du führſt zum Prunk, iſt ein gefährlich Gift, Deine Mutter hätte ihn vergraben ſollen in der tiefſten, un⸗ gangbarſten Waldſchlucht, daß nie wieder eine Menſchen⸗ fauſt nach ihm gegriffen hätte. Höre das Geheimniß des Dolches und ſchaudere.— An dieſem Dolche, wie an Deinen Geſichtszügen erkannte ich, welche Mutter Dich gebar. Ihr Bild ſteht unvergeßlich in meinem Herzen, aber unvergeßlicher mir im Gehirne das Bild Deines Vaters. Höre, Knabe, und bebe. Dein Vater war der Teufel meines Lebens; Dein Vater erſchlug meinen Va⸗ ter in dem Thore ſeiner Stammburg; Dein Vater nahm mir Gut und Habe und Ehre und ritterlichen Namen in gewaltthätigem Haſſe. Dein Vater verführte mir die Verlobte und gab den Nainen des herrlichſten Weibes der Erde jeder Schande preis; Dein Vater zwang mich, allen Ausſichten zu entſagen, die meine Geburt mir ver⸗ hießen, zu nehmen dieſen bürgerlichen Rock und zu dienen, U*— —* n 37 wo ich befehlen konnte. Fühlſt Du die Laſt dieſer Thaten, Knabe? Der Dolch, den Du trägſt, war einſt meines Vaters Waffe, und auf dieſen Stahl hatte ich den Eid gethan, nicht zu raſten, bis ich ihn eingetaucht bis an das Heft in die Bruſt meines ſchrecklichen Feindes. Als ich Abſchied nahm von Deiner Mutter auf ewig, erfuhr ſie den Schwur des Todes, auf ihren Knieen wand ſie ſich vor mir im Staube, da wurde der Barner wie weiches Wachs vor ihrem glühenden Auge und— gab ihr den Dolch und mit ihm ſeinen Schwur.— Dein Vater iſt todt, ſagteſt Du, ſetzte er nach einer Pauſe mit funkelnden Blicken hinzu, ſie iſt todt! Du hätteſt mir darum immerhin den Dolch wieder geben mögen.— Wie ein Leichenbild ſaß der junge Eitel vor dem fin⸗ ſtern Manne da; ſein Athem war beklommen, ſein Herz ſchlug wie in Fieberangſt. Vater! Unglücklicher Mann! Edler Held! ſtotterte er mit innigem Ausdrucke. Was habt Ihr aufgethan vor mir? So hat mich Gottes Ge⸗ rechtigkeit zu Euch geführt, gut zu machen, zu erlöſchen in Liebe und Ehrfurcht, was die Eltern geſündigt an Euch. O nehmt die Buße und vergebt den Todten!— Er warf ſich weinend an des ſtarken Kriegsmannes Herz und umfing ſeinen Hals.— Die ewige Vorſicht war gütiger und richtete mich auf, daß ich erſtand aus dem Hagelſchlag und der Donner⸗ nacht, ſprach der Stadthauptmann eintönig, wie vor ſich hin. Wieder errungen iſt die Ehre, und der Bürger Barner hat Deinen Vater und ſeine ritterlichen Geſellen zittern gemacht in mancher Feldſchlacht. Auch die Güter des Lebens ſind wieder gewonnen, ich habe ein treues Weib gefunden, das mich veſſer zu lieben verſtand, als Eure Mutter, und eine Tochter iſt mein für dies verlaſſene 38 Herz und die Stunden der Einſamkeit meines Alters. Beruhigt Euch darum, Eitel, und verlaßt uns jetzt⸗ Mein Bube wird Euch Euer Gemach anweiſen, und morgen ſollen ſich unſere bewegten Gemüther näher ver⸗ ſtändigen.— So ſtand er auf und führte den erſchüt⸗ terten Jüngling zur Thür, wo er ſtehen blieb, und ihm noch eine Weile mit tiefem Sinnen nachſah. In leb⸗ hafter Bewegung wandte er ſich dann, und trat mit blitzenden Augen zu dem Greiſe am Tiſche, der bis jetzt wortlos geſeſſen wie eine Steinbildſäule.— Nun, Meiſebuck? ſprach er mit einer Stimme voll Triumph. Was ſagſt Du zu der Laune und dem Witz⸗ ſpiele des Schickſals? Es bleibt kein Zweifel, der Lieb⸗ lingsſohn Herzogs Heinrich und ſeiner Eva von Troth iſt in den Händen des Klaus Barner, und iſt der Ver⸗ lobte ſeiner Tochter, verlobt vor der ganzen Bürger⸗ ſchaft der verhaßten, rebelliſchen Stadt Braunſchweig. Wenn der ſteinerne Herzogsmann an dieſer Giftpille nicht den Tod ſchluckt, ſo hat er das zähe Leben des Dachſes.— Und was wird das Ende ſein? fragte der Alte mit hohler, klangloſer Stimme. Der Wolfenbüttler wird das Netz zerreißen, das Du um ſein Söhnchen warfſt. Er wird ihn einſperren, tödten vielleicht, und Du—— Und ich kann mir denken, wie er tobt, rast, fiel Barner heftig ein; kann mir vormalen, wie es ihn martert, tief im Herzen nagt, daß der Sohn ſeiner Eva getrunken hat aus meinem Becher, geſchlafen in meinem Bette, daß die Wolfsbrut Gaſt war im Hauſe des ver⸗ haßten Bären. Und laß ihn den Eitel binden mit Ket⸗ ten; ich kenne die Menſchennatur. Es iſt des Jünglings erſte Liebe, die iſt feſt, ſo lange ſie hoffen darf; die ver⸗ gißt nie, und opfert ſie nur der Unmöglichkeit auf. Ich 39 kenne das ſelbſt; o, glaube mir, der Stachel bleibt im Herzen, und das Herz läßt den Widerhaken nicht fahren, ehe es nicht in Moder zerfiel.— Deine Rache iſt mir zu fein, entgegnete der Alte mit grimmig verzerrtem Geſichte, und ſpielt zu empfindſam in Seele und Gemüth hinüber. Schieß ihm die Söhne vom Pferde in der nächſten Schlacht, miſche ſeinem Ba⸗ ſtard ein Schlafpülverchen, daß er allein ſteht in grau⸗ licher Einſamkeit und an Gott verzweifelt, wie ich that, wie Du es thateſt, dann will ich ſagen, Du haſt Deinen Vater und Dich gerächt, wie ein Mann muß, und der alte Meiſebuck kann ſich dann zufrieden ſchlafen legen in das letzte, erwünſchte Bett, aus welchem an jedem Morgen der Rachedurſt ſeine gelähmten, vertrockneten Gebeine aufrüttelt.— Mönch! rief Klaus mit Entſetzen. Deine Rache riecht nach dem Kloſter.— Aus dem er mich vertrieb, ſetzte der Greis hinzu, indem er aufſtand und wie eine rieſige, fleiſchloſe Grabes⸗ geſtalt hinter dem mattbrennenden Lämpchen langſam aus dem Boden zu wachſen ſchien. Seinen Schergen und Meuchlern waren ſelbſt die Freiſtätten des Kloſters nicht heilig, ſeit er wußte, daß der Meiſebuck darin in arm⸗ ſeliger Zelle ſein elendes Leben friſtete, und hätteſt Du nicht gewagt, aus treuer Freundſchaft mich, den katho⸗ liſchen Prieſter, zu bergen im Geheimgemach Deines Hauſes trotz Deiner lutheriſchen Mitbürger, ſo hätte der alte Ritter vom Hundsrück ſich ſein Sterbelager hinter dem Zaune und ihm Kothe ſuchen müſſen wie ein Zigeu⸗ nerweib, ein Bettler, oder ein abgeſtandenes Vieh des Waldes. Wie ſoll uns etwas heilig ſein dem gegenüber, 40 dem das Heiligſte ein Spott war?— Athem ſchöpfend mit Anſtrengung ſchwieg der Alte eine Weile, dann fuhr er mit der erſten Kälte und Eintönigkeit fort. Thue, was Du finneſt, ein Lanzenſtich thut immer weh, wenn er auch nicht gerade das Herz trifft, wonach ich ziele. Aber auch an dieſer Rache muß ich mein Theil haben. Erfahren, was heute hier geſchah, wird der Wolfenbütt⸗ ler, denn mancher ſeiner Spione ſteckte ſicherlich zwiſchen dem Volksgewühle, und ſeine Mordbrenner waren gewiß bereit, während des Feſtes auch auf dieſe Stadt ihren rothen Hahn zu pflanzen, hätten eure Wachen nicht ſo ſorgſam gewacht. So ſoll er die frohe Verkündigung denn erfahren nicht tropfenweiſe, nicht mit Vorbehalt, Entſchuldigung und furchtbarer Rede von einem ſeiner Höflinge. Ich lernte ja im Kloſter die Kunſt, Buch⸗ ſtaben zu malen auf Pergament. Glaube mir, wenn er von der Hand ſeinks Feindes mit fingerlangen Zügen die liebe Geſchichte leſen wird, umſtändlich geſchrieben mit in Schlangenblut getauchter Feder, wenn er dann die Unterſchrift erblickt: Das Geſpenſt des alten Meiſe⸗ buck von Hundsrück! ſo wird er mit dem eigenen Stachel ſein Herz durchbohren wie der machtloſe, erzürnte Scor⸗ pion, und kein Fehdebrief einer rebelliſchen Stadt wird ihm je das Unheil brütende Hirn ſo erſchüttert haben wie dieſes Pergament des getretenen Feindes. Gute Nacht! der Meiſebuck ſoll ſich dieſe Nacht eine Luſtbarkeit machen, die ihm den verlernten Schlaf erſetzt, und mor⸗ gen trägt ein verſchmitzter Bube das Blatt zu dem Pförtnerhauſe des Wolfenbüttler Rabenhorſtes.— Er zündete ſeine Lampe an und ſchlich mit Geiſter⸗ ſchritten durch das Gemach zum Kämmerchen. Der Stadthauptmann ſtand in Gedanken verſunken, bis ihn 41 zwei weiche Arme hinterrücks umfingen, und die Stimme ſeiner Ehefrau ihn weckte. Was brüteſt Du, fragte ſie bekümmert. Was haſt Du wieder mit dem Alten gehabt? O, ſeit das ſchreck⸗ liche Geſicht im Hauſe ſteckt, iſt aller Frohſinn und Gleich⸗ muth wieder entwichen von Dir.— Kümmere Dich um Dein Haus und laß dem Manne die Sorge für draußen; entgegnete Barner rauh, ohne ſeine Stellung und ſein Geſicht zu ändern.— Heute habe ich ein Recht zu reden, antwortete Frau Juſta mit Demuth, aber tiefem Gefühle, es gilt ja das Glück meines Kindes, das Du einem Unbekannten zu⸗ ſchleudern willſt. Und die Sache iſt doppelt ernſthaft, denn das unſchuldige, kindiſche Mädchen iſt ſehr bewegt von dem Ereigniß, ſchwatzt verwirrte Sachen, und ich fürchte, ihr Herz wurde eben ſo ſchnell entzündet, wie das des tollen Spielers.— Sie iſt ein Kind, und würde Alles morgen vergeſſen haben, hätte der Junker den Fehlwurf gethan, oder ginge er wie ein Dieb durch in der Nacht, ſagte Barner. Und wie ſollte ſie nicht bewegt ſein, da ſie Braut geworden. Aber nicht an einen Unbekannten oder an einen Straßen⸗ ritter hat Klaus ſein Kind verſchleudert. Es iſt der Sohn Herzogs Heinrich und der ſchönen Eva auf Stau⸗ fenburg; er iſt ihr liebes Ebenbild; Gott hat ihn mir geſchickt und ich höre den gewaltigen Schritt der Rache⸗ göttin endlich an meiner Seite.— Des Herzogs Sohn! rief Frau Juſta. Entſetzlich! Und jene Eva lebt noch in Deinem Herzen? Und Du vergiſſeſt Weib und Kind um der alten Liebe und eifer⸗ ſüchtiger Rachluſt willen? Mann, kannſt Du vor Gott das vertreten?— Barner umfaßte ſie mit Herzlichkeit. — Juſta! ſprach er ernſt, doch mit Zärtlichkeit. Habe ich Dich nicht gehalten wie mein liebes, treues Weib, ſeit Du meinen Ring trugeſt? Bin ich nicht Dein treuer, ſorgſamer Gatte geweſen? Habe ich je vergeſſen, daß ihr, Du und Dein guter Vater, mich rettetet, heiltet, im Leben heiltet, als ich verzweifelte? Aber wie lange die Wunde der Ehre blutet, das verſteht kein Weib, denn ihre Ehre iſt eine andere und bewahrt ſich leichter gegen den Feind. Sorge Du um Kind und Haus, mich laß thun, was ich nicht laſſen darf.— Weinend legte ſich Frau Juſta an ſeine hochklopfende Bruſt und ſah bittend zu ihm auf durch Thränen, da ſie wußte, daß Worte nur Oel in die Flammen goſſen, wenn dieſer Sturm wach geworden im Gemüthe ihres Ehe⸗ herrn. Die ſchönen Feſttage mit ihrer Sorgloſigkeit waren hingeflogen und Tage des ernſteſten Geſchäftes folgten ihnen auf dem Fuße nach, wie der Tod dem ſpielenden Kinde, im ſchroffen Gegenſatze. Der kriegeriſche Mark⸗ graf Albrecht ſchloß in Hannover ſelbſt das Bündniß mit dem Herzoge Erich ab; ſein General Vollrath von Mans⸗ feld verwüſtete mit Schwert und Mordbrand die Wolfen⸗ büttelſchen Lande, und Albrechts Hauptheer nahte mit Eil⸗ ſchritten aus Franken. Herzog Heinrich und ſeine Bündner ſammelten ſich gleichfalls bei Nordhauſen, und ein großer, entſcheidender Schlag war voraus zu ſehen. Boten über Boten kamen von Hannover an und mahnten Braun⸗ ſchweigs Bürger, ihre Rüſtung zu beeilen, um in den nächſten Wochen ſchon auf den Lüneburger Heiden zu Albrechts Kriegern ſtoßen zu können. Die fleißige 43 Handelsſtadt ſah ſofort einem Kriegslager gleich; Geſchütz und Munitionswagen verdrängten die kaufmänniſchen Laſtwagen von den Straßen; die Läden ſchloſſen ſich, denn Herr und Diener übten ſich im Waffentragen; und Klaus Barner war der thätigſte und kriegsluſtigſte ſeiner Genoſſen, und ſah mit Freude auch den jungen Kirchberger den eifrigſten Antheil nehmen an der Rüſtung der Stadt. Abends ſaßen ſie dann zuſammen im Gemach der Frauen, und die ſittige Zärtlichkeit, die feine Galanterie, mit welcher der ſchöne Eitel die Liebe der Jungfrau Eva zu gewinnen trachtete, gewann ihm die Zuneigung der ängſt⸗ lichen Mutter zugleich. Da kam ein Reitender mit einem Handpferde in die Stadt, und brachte vom Schloſſe Stollberg die unwill⸗ kommene Botſchaft, daß der Junker von Kirchberg ſich ſchleunigſt zu ſeinem Pflegvater aufmachen ſolle, indem ſein Vormund mit wichtigen Nachrichten auf ihn warte. Nit lauerndem Blicke beobachtete Barner den Junker, deſſen blühende Wangen etwas erblichen waren. Der Abruf wäre uns gelegener gekommen nach voll⸗ endetem Feldzuge, ſprach jedoch der Jüngling männlich gefaßt; aber des Vormundes Verlangen muß ich ehren, denn ſo befahl mir die Mutter. Vielleicht iſt's auch eine günſtige Schickung, denn ich bringe Euch nun ſchneller die Zeugniſſe und Dokumente, die Ihr verlangtet, und glaubt mir, ehe denn Ihr auszieht, bin ich zurück, ſtelle mich unter Braunſchweigs Fahne und erfechte mir un⸗ ter Euren Augen das Verdienſt, welches mir mangelt als Werber um Braunſchweigs holdeſte Jungfrau.— Biſt Du ſo ſicher? fragte der Stadthauptmann mit einem räthſelhaftem Lächeln. Wirſt Du zurück kommen? — Verwundert ſah ihn der Jüngling an. Wer könnte 4 mich halten? entgegnete er heftig. Es müßten eherne Ketten ſein und ein Kreis von hundert ſpitzigen Lanzen. Und doch, würde ich nicht durchbrechen? Würde mir das Leben etwas gelten, wenn das höchſte Lebensglück mir vorenthalten werden ſollte? Aber warum ſcherzeſt Du alſo, Vater? Der Eitel iſt ein freier Edelmann, und weder der Stollberg, noch der alte Herr Heinrich werden meine Wahl und meinen Kriegsdienſt tadeln dürfen.— Reiſe mit Gott! ſagte Herr Barner finſter, indem er des Junkers Hand kräftig drückte. Gedenke Deines Wortes und Deiner Liebe, und grüße mir den Herrn Heinrich recht freundlich.— Trüb blickte Eva Barner zu Boden, als Eitel den flüchtigen Gaul beſtieg, nachdem er ihr einen heißen Kuß auf das weiße Händchen gedrückt und dabei geflüſtert: Eva, Du vertrauſt mir! Meine Liebe iſt eine ewige! Dich oder Keine! Und es iſt ja auch nur ein Sprung hin und zurück!— Frau Juſta aber lehnte ſich wahr⸗ haft betrübt an Barners Schulter und ſprach: So ſchie⸗ deſt auch Du einſt von mir, und kamſt lange nicht zu⸗ rück, und kamſt nicht zurück, wie Du gegangen! Der Stadthauptmann machte ſich jedoch tiefſinnig und faſt mürriſch los von der Gattin, und als er im verſteckten Geheimzimmer dem alten Meiſebuck erzählte, jauchzte der Greis mit widerlichen Rabentönen hoch auf und rief: Der Schuß ſitzt im Herzen! Mein Brief iſt angekommen, und hat des Tyrannen ſtolze Ruhe mit einer Flatter⸗ mine in die Lüfte geſprengt. Halloh, Herzog! Erkennſt Du die alten Schützen an der brennenden Wunde?— Eitel Heinrich ritt indeß ſorglos und lebensmuthig durch die wohlbekannten Gebirge hinauf. Ueber ſein ein⸗ förmiges Knabenleben hatte das Glück plötzlich ſein 45 ganzes Füllhorn verſchwenderiſch ausgeleert. Sein erſtes Begehren war von dem Schickſale in ganzer Fülle be⸗ willigt, faſt über den Wunſch hinaus; er wurde geliebt; ſeine junge Liebe ſchoß wunderbar am erſten Tage ihres Keimes hinauf zur üppigſten Prachtblume, gleich der rothglühenden, majeſtätiſchen Blüte des Fingerhutes, die an den Harzquellen, welche ihm entgegen rieſelten, zur Seite ſeines Weges ihre kelchreiche Himmelskerze der Sonne entgegen hob. Wie dünkte ihm der Tannenwald mit ſeinen jungen, hellgrünen Sproſſen ſo viel ſchöner als ſonſt; wie waren die üppigen, blumenreichen Berg⸗ wieſen ihm ſo duftiger und lieblicher als ſonſt.—— Nicht auf dem Schloſſe, ſondern in einem Förſter⸗ hauſe des Gebirges erwartete ihn der Vormund; ſo be⸗ richtete ſein Begleiter, und voll Hoffnung und Sehnſucht, mit dem Vorſatze, das läſtige Geſchäft ſo ſchnell als möglich zu enden, trabte er auf wohlbekanntem Holz⸗ pfade nach dem beſtimmten Orte. Bald blickte das Haus mit den Hirſchgeweihen am Giebel aus den Fichten hervor, aber wie verwandelt erſchien der ſtille, abgeſchloſſene Platz. Mehre völlig gerüſtete Kriegesroſſe ſchnoben in den Gebüſchen, und ein Dutzend wohlbewehrter Reitersleute lagerten im hohen Waldgraſe und ſah mit blitzenden Augen neugierig zu dem Junker auf; am Jagdhauſe ſelbſt aber erblickte er Wache haltend den ſchwarzen Afrikaner, mit dem ſchnee⸗ weißen, deutſchen Reiterkoller und dem gelb und rothen Türkenbunde auf ſtroffem Kraushaare, den er als den ſteten Begleiter des Vormundes kannte, und der ſein Leibſchütz war. Eitel ſprang vom Sattel, eilte in das Haus, in das bekannte Zimmer, wo er auch den Vor⸗ mund allein und im alten Lehnſeſſel des Förſters auf 46 ihn wartend antraf. Aber auch mit dem Herrn Heinrich war eine beſondere Veränderung vorgegangen. Statt des grauen Hausrockes und des ſchlichten braunen Aermel⸗ mantels, die er ſonſt getragen, ſah der Junker die breite Bruſt des Vormundes mit einem Harniſche bedeckt, der mit reichem Silberzierrath ausgelegt ſchimmerte. In einen ſchwarzen Sammetmantel mit köſtlicher Stickerei gewickelt, ſaß der Alte da, und auf dem ſchlechten Eichen⸗ tiſche des Jägers lag ein Schwert mit vergoldetem Griffe, und ein Helm prunkte daneben, den eine güldene Zackenkrone umgab, und deſſen gelb und weiß gemiſchter Federwald die Augen des eiteln Jünglings neidiſch an⸗ zog. Die geharniſchte Fauſt auf den Tiſch ſtützend, erhob ſich Herr Heinrich bei Eitels Eintritte raſch mit furcht⸗ bar verdüſtertem Antlitze, doch, als wenn er ſich beſänne, ſetzte er ſogleich ſich wieder nieder, und ſein Auge, das den Jüngling feſt anſtarrte, bekam den Schein der Milde, welche ſich ſofort auch allen Zügen des männlichen, voll⸗ bärtigen Angeſichts mittheilte.— Grüße Euch Gott, lieber Herr! redete der Junker freundlich zuerſt und bot dem Sitzenden die Hand. Es iſt lange, daß wir uns nicht geſehen, und Ihr kommt mir zuvor, denn ich hätte Euch ohnedies beſchickt. Ich bedarf Urkunde und Zeugniſſe meiner Abkunft und mei⸗ nes Vermögens. Schnell müßt Ihr das zur Stelle ſchaf⸗ fen, denn ich habe Eile, und muß zurück dahin, von wo ich kam.— Mußt Du? enigegnete der Gewappnete, und zog den Jüngling zu ſich, und drückte einen warmen Kuß auf ſeine Wangen. Wohl mir und Dir, daß ich Dich wieder habe, daß mir die Unmenſchen nicht das Letzte nahmen, was ich von ihr beſitze!— O thörichter, 47 unbeſonnener Knabe, wie habe ich gezittert um Dich! Wie iſt die Manneskraft, die ich nirgend nöthiger hatte als gerade jetzt, gebrochen geweſen, ſeit ich die Höllen⸗ botſchaft bekam.— Wie meint Ihr, Herr Vormund? fragte Eitel ver⸗ wundert.— Frägſt Du? Hier liegt der Brief, der mir alle Deine Tollheiten berichtet, den kindiſchen Mummenſchanz, den Du geſpielt in jener Stadt, die nie Dein Fuß hätte berühren dürfen, hätteſt Du mich geliebt, wie Du ſollteſt. Aber ich ſelbſt bin Schuld daran; ich hätte früher Dir entdecken ſollen, was Du doch einmal erfahren mußteſt. Und ich ſtehe verworren vor dem Räthſel, wie jene Blut⸗ dürſtigen, jene Unerſättlichen, jene Meuchler und Re⸗ bellen mein ſchönſtes Kleinod wieder aus ihren Händen laſſen konnten, das ihnen die Geiſter der Hölle in die Hände geſpielt.— Ich verſtehe Euch nicht, lieber Herr, fiel der Junker ein, indem er aus den Armen des Kriegsmannes zurück⸗ trat; wenn Ihr mit Eurem Scheltworte die Herren von Braunſchweig meint, ſo thut Ihr ſehr Unrecht, denn es ſind brave, wackere Leute, die mich mit Liebe und Gaſt⸗ freundſchaft aufgenommen, und mit denen ich einen Bund geknüpft auf Leben und Tod. Und wenn der Brief da, wie Ihr ſprecht, Euch Alles erzählt hat, was dort vor⸗ gefallen, ſo ſparte mir der Schreiber die lange Erzäh⸗ lung, und Ihr wißt ſchon, welch ein Glück ich gewonnen. O kenntet Ihr die liebe Jungfrau, wie ſie ſo kindlich iſt, mild und fromm, und ſo reizend, ein Wundergebild der ſchaffenden Natur. Sie heißt Eva, wie meine Mutter hieß, aber die Mutter war nicht ſchöner und gütiger, und die Stammmutter des ganzen Menſchengeſchlechtes 48 kann nicht vollkommner geweſen ſei, wie dieſe Krone der Töchter Braunſchweigs.— Eva taufte er ſie, der Wahnwitzige? rief Herr Hein⸗ rich mit zornglühendem Geſichte der Eiferſucht. So wagte er, den Traum ſeiner Liebe fortzuſpielen in ſeine ver⸗ dammte Nachkommenſchaft hinein.— Betroffen und be⸗ leidigt zuckte der Junker mit den Armen und hob keck das ſchöne, goldumlockte Haupt. Wählt Eure Worte beſſer, Herr Vormund! ſprach er kühn und faſt feindlich. Die Ihr verdammt ſchimpfet, iſt die erſte, ewige Liebe mei⸗ ner Seele, und meine Braut vor hundert Zeugen ge⸗ worden.— O wie ſie gehohnlacht, wie ſie triumphirt haben wer⸗ den, knirſchte der Mann, ohne auf den Junker zu hören, mit verbiſſenem Grimme, als ſie den Knaben, das ver⸗ blendete Kind im Garne ſahen, der wilde Bär und der alte, räudige, ausgedörrte Hund! Aber ſie ſollen's büßen, büßen blutig und martervoll, ehe der Mond wechſelt ſein Licht! Für dieſen Hohn ſoll mein Zorn ſie faſſen mit glühenden Zangen, und die Gebeine der trotzigen Re⸗ bellen zermalmen zum grauſigen Exempel.— Herr Vormund, entgegnete Eitel, nicht lange, ſo bin ich mündig, und das Kind und der Knabe wird ſich dann andere Titel von Euch erbitten. Gebt mir jetzt, was ich verlangte, ſchreibt mir die Dokumente, und laßt uns ſcheiden, denn, bei dem Himmel! ich möchte ſonſt vergeſſen, was mir die ſterbende Mutter befahl, und wahrlich, kaum vom Vater dürfte ich erdulden, was Ihr mir entgegen geworfen ohne Scheu, als ſprächet Ihr zum leibeigenen Knechte und nicht zu einem Edel⸗ manne.— Da erhob ſich der alte Kriegsmann ſchweigend aus 49 dem Seſſel, und ſiellte ſich feſt vor den ſtutzenden Jun⸗ ker hin. Freilich nur vom Vater erträgt ſolche Rede ein rit⸗ terlich Gemüth, ſagte er mit dumpfer Stimme, und darum durfte ich alſo ſprechen zu Dir. Wiſſe denn, vor Dir ſteht Heinrich, der Herzog von Wolfenbüttel, der Verfolger jener Braunſchweigiſchen Rebellen, der be⸗ leidigte Fürſt, der zornglühende Richter jener Stadt, die Du belobteſt, und dieſer Herzog Heinrich iſt— Dein Vater!— Wie von einem Donnerkeil getroffen, bog ſich der Jüngling zuſammen, ſeine Lippen wurden weiß, ſeine Wangen bleich, und alle Glieder faßte ein Erbeben. Zurückgezogen, mit vorgeſenktem Haupte ſtammelte er: Ihr der hohe Herzog? Und Ihr mein Vater!— Nein! Nein! rief er dann laut. Ihr täuſcht mich! Das kann nicht ſein! Das darf nicht ſein! Das höchſte Un⸗ glück bräche herein auf mein ſchuldloſes Haupt!— Mit tiefem Gefühle im Heldenauge legte der Herzog beide Arme um den Sohn, welcher erlahmt und ſchlaff wie ein ohnmächtiges Mädchen mit verſchwimmenden Blicken an die gepanzerte Bruſt ſank, und ſich kaum aufrecht zu halten vermochte. Ich bin hart geworden im harten Lebensſchickſal, ſprach der alte Kriegsfürſt mit ſichtlicher Rührung; aber meine Liebe zu Dir iſt weich geblieben wie mütterliche Zärtlich⸗ keit. Du biſt ihr Ebenbild, die mir ein ganzes Leben opferte mit all ſeinen Gütern, die das einzige Weſen war auf der Erde, das mich wahrhaft geliebt. Eva von Troth hieß Deine Mutter; doch das wußteſt Du wohl, wie ſich Herzog Heinrich Deinen Vater nannte, denn die feindlichen Füchſe ſind ja auch in meinen heimlichſten Blumenhagen. 1X. 4 50 Bau gedrungen, und haben mein heiligſtes Geheimniß profan gemacht und zum Mährchen der Spinnſtuben und Bierſchenken. Eitel, haſt Du denn die Liebe und Treue Deiner Mutter nicht ererbt, daß Du mit keinem Freu⸗ denjubel die Stunde ſchmückteſt, wo Du den Vater fandeſt?— O laßt mir Zeit, mein herzoglicher Herr! ſtammelte der Jüngling. Laßt mich zur Beſinnung kommen, mein Vater! Iſt mir doch, als wäre in einem donnernden Erdbeben die ganze Welt rundum untergegangen, und ich ſtände mit Euch allein auf der letzten wankenden Felsſpitze, und die nächſte Minute müßte auch uns be⸗ graben.— So beſinne Dich, und tritt feſt vor mich hin wie ein würdiger Sohn! entgegnete der Herzog. Meine beiden Söhne ſind wackere Prinzen, die das ſchwere Schlachtſchwert des alten Heinrichs zu ſchwingen ver⸗ ſtehen, und vollenden werden, was er begann. Dich aber habe ich mir geſpart für meiu Alter, Dich groß zu ma⸗ chen und feſt zu ſtellen, ſollte mein letztes, mein ſchönſtes Werk werden, Deiner vollendeten Mutter zum Denkmale. Schon iſt die päbſtliche Bulle bei mir angelangt, die mir erlaubt, Dich als meinen ehelichen Sohn zu erkennen und zu adoptiren; ſchon iſt der ſichere Krieg dem Aus⸗ bruche nahe, worin ich Dir ein Herzogthum zu erkämpfen gedenke. Wehe mir, daß ich in der großen Stunde, die ich langſam vorbereitete, wo ich einen Heldenjüngling, einen Welfenſohn zu finden gedachte, einen Kleinmüthi⸗ gen, einen Zweifler, einen von mir Abgewandten finden muß.— Die Härte, zu welcher bei den letzten Worten die Stimme des Herzogs hinaufſtieg, wirkte auch verſchieden auf den Junker, und gab ihm einen Theil ſeiner Kraft ⸗ i⸗ en ie en aft 51 zurück. Vater, ſagte er, obgleich noch ſchüchtern, Vater, ich ehre, ich liebe Euch, ich erkenne das ſtolze Glück, Euer Sohn zu heißen. Aber warum muß ich denn ge⸗ rade mit einem zerbrochenen Herzen in dieſe ſchöne, hei⸗ lige Stunde treten ſollen? Ich weiß ja Alles, man ver⸗ hielt mir nichts. O Vater Heinrich, Ihr habt hart gethan an dieſem Barner, den alle, die ihn kennen, hochhalten und beloben! Vater, wenn nun Gott winkte, Er, wel⸗ cher die Allbarmherzigkeit iſt! Warum ſollte ich denn nicht der Verſöhner ſein können zwiſchen zwei großen Männern? O laßt mich der Engel ſein zwiſchen Euch Beiden! Ihr kennt mein heißeſtes Gefühl; mein Leben iſt verknüpft damit; wie Ihr nicht laſſen konntet von meiner Mutter, trotz dem Widerſtande einer Welt, kann ich auch nicht laſſen von meiner Eva.— Du biſt ein Knabe, ich war ein Mann damals! er⸗ widerte Heinrich heftig. Die im Würfelſpiel gewonnene Braut wirſt Du vergeſſen, wie das Kind den verſpeiſeten Pfefferkuchen vergißt, den es in der Marktbude gewann. Ich und dieſer Barner! Löwe und Fuchs! Meine hohe Adlerbrut ſollte ſich miſchen zu dieſen Galgenkrähen! — Schweige, bei meinem Zorne! Du biſt fieberkrank von der Ueberraſchung, ich werde Dich zu heilen wiſſen. Sieh Dich einen Monat nur umgeben von Hoheit und Ehre, ſicht in einer Schlacht neben mir, angethan mit den Waffen meines Fürſtenhauſes, und Du wirſt ver⸗ ächtlich herabſchauen auf das Bürgervolk und die eitle Dirne.— Läſtert nicht! rief da Eitel im glühendſten Schmerze. Sie iſt ein reines Marienbild im Tempel der Demuth und Unſchuld. Und weiß es Gott! ich kann nicht anders, und wenn zehn herzogliche Väter mich hielten, ich kann nicht laſſen von ihr, ich muß zurück, mein Herz, mein Wort, mein Eid rufen mich jetzt doppelt mahnend dahin, da ich weiß, welche Ehre ich meiner Abkunft zu bewah⸗ ren habe.— Burſche! zürnte der Herzog. Meinſt Du, die Ver⸗ wegenheit ziere die Söhne Heinrichs? Dein Vater liebt Lecken Muth, nur muß er ſich nicht gegen ihn ſelbſt kehren und auf die Seite ſeiner Erzfeinde treten wollen. Oder haben Dich die Ketzer auch ſchon in den wenig Tagen reformirt, und Dich von allen Pflichten losgeſprochen? Verſäumſt Du aber die Sohnespflicht, will ich die Va⸗ terpflicht deſto heiliger üben.— Und: zu Pferde! don⸗ nerte ſein Commandowort zum aufgeſtoßenen Fenſter hinaus. Eitel hörte das Raſſeln der Küraſſe und langen Schwerter; er ſah die rieſigen Reiter in einem Gliede halten auf der Waldwieſe, ehernen Koloſſen gleich, die mit dem Roſſe zuſammen gewachſen ſchienen; ihre bär⸗ tigen, dräuenden Geſichter hatten ſich alle ihm zugewen⸗ det; ſo erkannte er, daß hier Gewalt nichts vermochte, daß er ſo plötzlich ein Unfreier geworden, und nur Ge⸗ duld und Bittwort einen ſchwachen Hoffnungsſchein für ihn bewahren konnten.— Arme Eva! ſeufzte er, indem er dem herriſchen Winke des Herzogs Folge leiſtete, und ſein Pferd beſtieg, welches der Mohr am Zügel behielt; und mit niedergeſchlagenen Augen und einem Herzen voll bittern Grames ritt er an der Seite des zürnend⸗ ſchweigenden Vaters vor den Kriegsleuten durch den Wald hinab.— Der Julimond kam heran, und mit ihm ſchritt der Krieg weithallenden, gigantiſchen Schrittes immer näher er 53 dem ſchon durch das mordbrenneriſche Vorſpiel der flüch⸗ tigen Horden des Mansfelders geängſtigten braunſchwei⸗ giſchen Lande. Albrecht von Brandenburg, der dreißig⸗ jährige Achill, zertrümmerte die Thore der katholiſchen Städte, und als man ihn noch mit der Brandſchatzung derſelben im Frankenlande beſchäftigt vermuthete, und Herzog Heinrich nach Nordhauſen ihm entgegen zog, er⸗ ſchien er plötzlich mit einem Kernheere bei Hannover, vereinte ſich mit Erichs Truppen, und ſetzte am ſechsten Sonntage nach Trinitatis, war am neunten Julius, ſeinen Eilmarſch nach Braunſchweig fort, die von Krie⸗ gern entblößten Lande des Feindes zu überſchwemmen, und das, was dem heſſiſchen Landgrafen gelungen war, die Vertreibung des Wolfenbüttlers von Haus und Hof noch einmal zu wiederholen. Aber der kühne Feldherr hatte ſich verrechnet; früh genug hatten die Gegner ſei⸗ nen Plan erfahren, und die Muſterung, welche Albrecht auf den Heiden halten wollte, wurde in eine Schlacht verwandelt, die blutigſte jener Zeiten, unter dem Namen der Schlacht bei Sievershauſen in den Büchern der Völ⸗ kergeſchichte verzeichnet.* Auch das Hülfscorps der Stadt Braunſchweig, viel⸗ fach beſchickt von Hannover, brach am Morgen des neunten Juli auf, bei dem Städtchen Burgdorf dem Markgrafen ſich anzuſchließen. Betrübt, doch ſtumm vor dem finſtern Hausherrn, der bei dem Auszuge wie in ſeinem Elemente war, ſahen Frau Juſta und ihr Töch⸗ terchen vom Söller dem Vater nach, wie er den Rappen beſtieg. Der alte, geſpenſtiſche Meiſebuck ſtand in der Pforte des Hauſes; war ſein Geſicht auch todtenfahl, ſein hohles Auge glühte wie ein Feuerbrand. „Novellen von W. Blumenhagen;„Die Schlacht bei Sievershauſen.“ Wie ſteh's, Klaus, mit Deiner Hoffnung bis zur letzten Stunde? fragte er hohnlächelnd. Siehſt Du, Dein Junker Eitel iſt dennoch ausgeblieben.— Er ſitzt gefangen zu Wolfenbüttel, antwortete Barner mürriſch, indem er den Schwertgurt enger ſchnallte, und die Halskette ſeiner Eiſenhaube feſthing; aber wohl löſe ich mir den Schwiegerſohn, denn des Markgrafen erſter Zug geht vor das ſchwachbemannte Schloß.— Grüße mir den bärtigen Heinrich, wenn Du auf ihn triffſt, fuhr der Greis fort und erinnere ihn an den ge⸗ ſchickten Brieſſteller. Er hat ſeine Prinzen neben ſich; auch den Philipp mit ſeiner Soldateske rief er zurück nach Nordhauſen. Klaus, verſäume die Stunde nicht! Nieder mit der Brut des Wolfes, und Du gewinnſt für Deinen Schwiegerſohn den Herzogshut.— Barner ſchauderte in ſich hinein, aber ſeine Stirn zog ſchreckliche Falten. Die verſpielte, die verlaſſene Braut nennen die Braunſchweiger mein frommes Kind, murmelte er vor ſich hin, er hat ſie dazu gemacht! Viel⸗ leicht macht der Zufall wett, und er fühlt ſich noch ver⸗ laſſener. Alter Griesgram, ſetzte er dann lauter hinzu, mit dem Fuße ſchon im Bügel, haſt Du nicht im Garten geſehen, wie der Nachtregen Baumlaub und Gras mit plutigen Tropfen bedeckte? Der Himmel ſelber ſchickt den Vorſpuk, und die Stolzen mögen in dieſem Zuge ſich fern halten von meinen Schützen, denn meine giftige Galle iſt mit eingeladen, und Du haſt das Kraut ge⸗ ſegnet mit Höllenſprüchen.— Adio! rief er zum Söller, und dahin flog er zum Markte, und ſetzte ſich vor den Zug ſeiner mannlichen Reiter, nicht ahnend, daß ihn die nächſte Nacht ſchon wieder finden ſollte an dieſem 55 Thore als einen Andern, als einen ſchwer mit Blut be⸗ fleckten Flüchtling.— Auf den Ebenen bei Burgdorf trafen die beiden feind⸗ lichen Heerhaufen zuſammen, beide gleich unerwartet. Vom Mittage bis zum Abende dauerte der mörderiſche Kampf. Der Markgraf ſchlug die Sachſen; aber der Wolfenbüttler Herzog ſchlug wieder ihn, behielt das grim⸗ mige Schlachtfeld, ſah aber in furchtbarer Verzweiflung die Leichen ſeiner beiden Söhne auf dem blühenden Heide⸗ kraute liegen, beide in die Bruſt getroffen von dem ſchar⸗ fen Blei ſicherer, argliſtiger Schützen, und die glänzende Victoria wurde für ihn das erſchütterndſte Trauerfeſt, welches den ſtarken, alten Helden für immer zu vernichten drohte von innen heraus. Der braunſchweigiſche Trou⸗ badour ſang von dem Tage in der Weiſe ſeiner Sang⸗ ſchule: „Es weint, der überwunden iſt; Der Tod den Ueberwinder frißt.— Sieh! das richtet aus die Gotteshand, Eine Rächerin durch alle Land!“— Dumpf hallten die Glocken der Thürme von Wolfen⸗ büttel; dicht geſchaarte Trauermänner umdrängten die Kirche; das fürſtliche Grabgewölbe gähnte weit auf und verſchlang in den finſtern Rachen, welcher nimmer wie⸗ dergab, die Hoffnung des Landes, die prangenden Blüten des edelſten Fürſtenhauſes. Eitel Heinrich von Kirchberg war ſeines Arreſtes auf der Burg entlaſſen, und hatte die Leichen der herrlichen Brüder einſenken geſehen in die ſchwarze Gruft. Des verzweifelnden Vaters, den der Gram gebrochen, gedachte er; ſeine Härte vergeſſend und ſeinen Zorn, vergeſſend ſich ſelbſt, ſeine glühenden Wünſche und Alles, was vorher geſchehen, ſtürzte er, nur dem kindlichen Gefühle folgend, vor den andern Geleitern des doppelten Leichenbegängniſſes aus dem Gotteshauſe und eilte in das Schloß hinauf, den Vater zu ſuchen. Im engen Geheimzimmer, wo Leo's lebensgroßes Bild an der Wand hing, fand er den unglücklichen Her⸗ zog. Im Lehnſeſſel lag er hingeſtreckt wie ein Ohnmäch⸗ tiger, ſeine Augen ſtarrten aus gerötheten Augenliedern zu dem Bilde des Ahnherrn empor, und ſein langer, zottiger Bart war khränennaß. Eitel trat raſch in das Gemach, warf ſich, übermannt von dem Schmerzensbilde, zu des Herzogs Füßen hin und vrückte ſein goldlockigtes Haupt in den Schooß des Vaters. Gibt es doch auch im ganzen Erdenrunde keinen erſchütterndern Anblick, als wenn ein Mann, ein ächter Mann, den man ſtehen ſah dem Schickſale und lächeln unter ſeinen Stürmen, weint um etwas, was ewig ſeinem Herzen verloren ging. Wenn ſolch ſtarre Augen aufthauen und zerfließen, ſo fühlt man die Gebrechlichkeit des menſchlichen Weſens ſo recht, und der Schwächere muß erzittern, weil auch der Stärkſte vor ſeinem Auge dem Schickſale erlag.— Langſam ſenkte der Herzog ſein Haupt und blickte, wie aus ſchwerem Traume erwachend und ſich ſammelnd, lange auf den Jüngling nieder. Dann ſtrich er plötzlich mit der rauhen Hand über ſein feuchtes Antlitz, daß die ſcharfen Tropfen herabſpritzten auf Eitels aufblickendes, liebliches Geſicht. Beide Hände legte er auf des Knieen⸗ den goldene Locken Du mahnſt mich? Du rufſt mich auf aus der trägen Weichlichkeit des Grames, ſprach er mit Haſt; und Du haſt ein Recht dazu. Sie ſind der Erde gegeben, die Kinder meines herzoglichen Bettes, aber Du biſt mir 57 geblieben, Du, Sohn meiner Liebe; Dich haben die Blutgierigen verſchont. Und welcher Barbar könnte ſein Geſchoß richten auf dieſe Züge der Unſchuld und Jugend. Aber wahre Dich; geh nicht ohne doppeltes Panzerhemde wie die Verwegenen, die den Eigenſinn ihrer Mutter ererbt hatten! dieſe Ketzer ſind gräßliche Menſchen, höl⸗ lengeborene Drachen! Sie wiſſen den Fleck zu treffen, wo auch der Rieſe verwundbar iſt. Meine Söhne! O Barner, Barner, gib mir die Söhne wieder, und magſt Du dann meine alte Bruſt zur Zielſcheibe Deines Mord⸗ ſchlundes nehmen!— Mit beiden Händen verdeckte der Alte ſein Geſicht, dann aber drückte er den Jüngling ſanft von ſich und ging mit ſtarken Schritten eine Weile durch das Zimmer. Gott hat es gelitten! ſagte er gefaßt vor Leo's Bilde verweilend. Eitel! ich fühle ſeine Geißel der Buße, von der Deine ſterbende Mutter ſprach, hier fühle ich ſie auf derſelben Stelle, wo ſie zuerſt ſich in meine Arme warf, hier, wo ich das erſte Zorneswort mit meinem Erzfeinde wechſelte. Seltſam! Wer würde glauben an ſolch grauen⸗ volles Zufallsſpiel, hätte man es nicht ſelbſt erlebt?— Mit einem Blicke voll Hoheit ſah er jetzt zu dem Bilde hinauf: Traure nicht, mein edler Ahn! fuhr er fort mit feſter Stimme. Weder Schickſal noch Menſchenbosheit ſoll den Löwenſohn klein machen und deiner unwerth. Die Glocken der Trauer haben ihr Jammerlied ausge⸗ ſungen, und auch Heinrichs Jammer verſtumme. Nein, Heinrichs Stamm wird nicht erlöſchen, mein edler Ahn, nicht an ketzeriſche Vettern wird das Herzland deines Reiches vergeudet werden— er faßte heftig Eitels Rechte — hier ſteht dein Erbe, für ihn ſoll des grimmigen Heinrichs Schwert noch einmal die Scheide verlaſſen, 5 8 — 58 niederzuſchmettern alle tückiſchen Gegner deines Glaubens und deiner Krone im letzten Donnerſchlage, damit der ſanfte Knabe regieren könne mit einem Zepter der Liebe, den die Mutter auf ihn vererbte.— Mit bleichen Wan⸗ gen ſah Eitel dem Herzoge in die rollenden Augen. Va⸗ ter, fragte er beklommen, was iſt Euch? Ihr redet irre und ſeltſam. Soll ich den ſchwarzen Cid voder den Leib⸗ knecht rufen?— Sprach ich Dir Räthſel, ſo höre die Löſung, ant⸗ wortete der alte Heinrich. Ich wollte Dir eine Herrſchaft erfechten, jetzt hat ſie Gott ſelbſt Dir geſchenkt. Das Brevet des heiligen Stuhles zu Rom erklärt Dich für meinen rechtmäßigen Sohn; ich bin kinderlos; ſo ſollſt Du meinen Herzogshut ererben und alle meine Lande, und die ewige Vorſicht wird ja dem alten Vater gnädig noch ſo viele Jahre verleihen, daß er Dich ſchir⸗ men kann auf dem Throne, pis Deine Hand ſtark genug ward, zu dräuen mit Kraft einer anſtürmenden Welt.— Beide Hände ſtreckte Eitel wie mit Abſcheu von ſich. Da ſei Gott vor, entgegnete er mit Beben, daß ich ein Thronenräuber würde, und mit fremdem Gute meine Hände befleckte! Lebt doch Euer Sohn, der Prinz Ju⸗ lius, und iſt Euer ächter Erbe!— Schweige, bei meinem Zorne! rief der Herzog heftig. Nenne mir den nicht! Einmauern ließe ich den Ketzer, wagte er ſich in meine Nähe. Er hat mein Geſchlecht geſchimpft und iſt der ſchärfſte Nagel meines Sarges geworden. Ein Sohn Heinrichs unter den Abtrünnigen, den Ausgeſtoßenen der Kirche! O es iſt abſcheulich, un⸗ verantworlich!— Mit ſtürmiſchen Schritten maß der Alte unter der Zornrede das Zimmer/ Eitel ließ ihn gewähren bis die 59 Wortflut ſich in einzelne dumpfe Töne verlor, vis die geballten Hände und fechtenden Arme ſich zuſammen⸗ ſchlugen über der breiten Bruſt und dort verfalteten, bis der feurig rollende Blick ſtarr und ſinnend wurde, und die Schritte bedächtiger das Tafelwerk des Bodens berührten. Langſam ging er dann dem Vater entgegen und mit aller Lieblichkeit auf dem Geſichte, welche die Natur ihm gab, legte er ſich in des Stillſtehenden Arme, und ſah aus den zurückfallenden Goldlocken freundlich zu ihm auf. Der Alte umfaßte ihn mit dem rechten Arme, und mit der linken Hand ihm unter das Kinn greifend, ſprach er ſanft und in beſonderer Bewegung: Eva, theure Eva, was begehrſt du? Was wrillſt du bitten von mir durch den Mund deines Sohnes?— Vater Herzog, flüſterte Eitel, nein, wie könnteſt Du hart und ungerecht ſein? Zürnſt Du dem Sohne, dem ein⸗ zigen rechtmäßigen Stammhalter Deines Hauſes, ſo kannſt Du doch nicht Deinem Enkel ſein Eigenthum, Dein Land und mehr noch Deine großväterliche Liebe vorenthalten.— Enkel? Großvater? fragte ſtutzend der Herzog.— Heinrich heißt er und ſoll dem Großvater gleichen wie Weinbeer der Weinbeer, lächelte der Jüngling. Ihm gehört Dein Herzogshut, und willſt Du mich ehren, ſo lehre mich die Kriegskunſt, und laß mich ſein der erſte Ritter und Schirmvogt Deines Enkels.— Du biſt wie die Mutter, fiel der Herzog wehmüthig ein; auch ſie verſchmähte Glanz und Purpur; ein ſtilles Walten in verſchloſſener Dunkelheit zog ſie dem Lichte der Hoheit vor. Im alten Schloſſe umringt von ihren Kindern lebte ſie ein Leben—— Der Liebe! ſeufzte Eitel nach, feſter ſich an die Va⸗ terbruſt preſſend. Ja, Vater, ich bin der Mutter Sohn, ———— ———— — ——— —. ———— ſetzte er halblaut hinzu; und bei Dir ſteht es ja, mich noch glücklicher zu machen, als die Mutter war auf ihre Weiſe. Gib mir die Staufenburg, und—— Hat Deine Seele heute Raum für ſolche Gedanken, und fürchteſt Du die Geiſter Deiner Brüder nicht, daß zu des Mörders Höhle Deine Augen ſchweifen? fiel heftig der Herzog ein. Wer mein iſt, muß auch meine Feinde aſſen.— Mein Erbtheil war die Liebe, ſeufzte Eitel; muß ich denn haſſen lernen? Bis jetzt hat nichts mich feindſelig berührt, und welche Schreckgeburten der Haß erzeugt, erfuhr ich hier, ſo kurz mein Leben war in dieſem Schloſſe. Vater, laß mich ein Kind der Liebe bleiben, laß mich Dich lieben, und den Bruder Julius, und den kleinen Heinrich, und Alles, was Dir angehört. O laß die Sonne der Liebe alles Eis zerſchmelzen, was Deine edle Bruſt umzog! Dich haſſen Viele, und Dein Zorn auf ſie hat ihre Pfeile geſchärft, und Alle zielen nach Deinem lieben Haupte. Verſuchs mit der Verzeihung, wecke Liebe durch Güte; gib dem Julius ſein Recht zurück; hege Deine Krone dem lieben kleinen Enkel, und mich laß ſorgen, Dein Alter mit allen Kränzen der Liebe zu ſchmücken, die Du entbehrteſt, ſeit die Mutter ſtarb.— Seltſam wechſelte ſichtbar Farbe und Gefühl auf des Herzogs Antlitze. Er wollte aufbrauſen, doch der Blick auf des ſchönen Jünglings Züge, die ſich bis zum Engel⸗ bild verklärt hatten, feſſelte die rauhen Worte, ehe ſie die Lippen berührten. Verzeihung? murmelte er; Keiner erbittet ſie ia von mir. Im Ketzerlande, bei dem Prunk⸗ feſte des Brandenburger Hofes denken ſie des alten, rauhen Heinrichs nur mit Haß und Furcht, und halten's nicht der Mühe werth, daß des Großvaters harte Hand den 61 Enkel ſegne!— Der Jüngling fuhr freudig in die Höhe, doch ein Fremder ſtörte; die Thür öffnete ſich, und mit Haſt trat Cid, der Mohr, herein, mit Staube bedeckt und Glut im weißen Rollauge und auf der marmor⸗ blanken, ſchwarzen Haut. Haſtig trat der Herzog ihm entgegen. Was bringſt Du, treuer Bote? fragte er. Hat der kaiſerliche Kammerbote die Rebellen eingeſchüchtert? Wol⸗ len ſie kommen zum großen Karl, auf dem Landfrieden ihr Unrecht gut zu machen, damit mein blutig Schwert ruhen darf, wie es der Kaiſer wünſcht?— Hängt die Armbruſt nicht an den Nagel, Herr! ant⸗ wortete Cid, die Hände auf der Bruſt gekreuzt, mit ge⸗ bogenem Haupte. So lange das Panterthier noch mit dem Schweife ſchlägt, naht ſich kein kluger Jäger ihm und ſähe er's aus zwanzig Wunden bluten. Der edle Herr Gert von Campe, Euer General, ſchickt mich aus ſeinem Lager. In Braunſchweig iſt der Kammerbote ge⸗ weſen, Verhöhnung haben ſie ihm gegeben für Boten⸗ lohn; ſie ſchrieben nur rothe Schrift mit ſpitzem Eiſen auf Menſchenhaut, und hätten das Schwarz vom Per⸗ gament zu leſen verlernt, ſeit ſie die pfäffiſchen Schreib⸗ meiſter vertrieben, antwortete der Rath der Stadt; der Barwort von Rauſchenplatt warf ihm den kaiſerlichen Brief vor die Füße, und Braun von Buttwar ließ ihn durch die Stallbuben aus dem Hauſe treiben. Der Mark⸗ graf Albrecht ſei in Braunſchweig eingetroffen, und werfe das Geld mit Fäuſten aus den Fenſtern. Die Geſchla⸗ genen rüſteten ſich neu in Eile und mit ungebeugter Keckheit. Den Joſt von Holla und den Stallmeiſter Forſt hätten ſie beim nächtigen Ueberfalle verwundet in die Stadt geſchleppt, und wie das Gerücht ſagte, enthauptet, wie ſie's einſt an dem Georg Teufel und dem Hakenholz gethan; auch dreißig Eurer Hakenſchützen find gefangen. Das ſollt' ich melden von dem General, der eilige Befehle von Euch erwartet.— Löwengrimm malte ſich auf des Herzogs bärtigem Antlitze. Sind das Deine Hoffnungen auf ein Leben der Güte und Verzeihung, mein weibiſcher Knabe? fragte er ſpöttiſch den Junker von Kirchberg. Heraus, mein altes Schwert, und bei dem Gotte, der Unthat rächt, ſei es geſchworen, nicht früher kehre dieſer Stahl zur Scheide, bis kniend die Verwegenen im Staube liegen, und ich die Rädelsführer vor mir bluten ſehe, und ſollte ich Leo's Stadt mit ihren ſchönen Thürmen zu einem Aſchenhaufen wandeln, oder mein alterſchweres Haupt zerſtoßen müſſen an dieſen Mauern, welche, von Fürſten erbaut, Rebellen ſchirmen.— Auf, ſetzte er beſonnener hinzu, jage Reiter nach allen Gegenden. Der General ſoll aufbrechen, alle Mannſchaft aus den Dörfern an ſich ziehen, die Stadt umzingeln, das alte Lager am Egidienthore beziehen, ſchanzen von der Windmühle bis zum Griesberge, ſich eingraben in die Sandgruben und Pfaffenkuhlen. Ich folge heute noch mit dem ritterlichen Aufgebote, das ahnend ich verſammelt, den Leichen mei⸗ ner Söhne eine Grabesfeier zu halten, wie es den todten Helden gebührt. Den Marſchall und die Oberſten beſtelle augenblicks zum Ritterſaale.— Der Mohr horchte mit weit aufgeriſſenen Augen, dann flog er wie ein abgeſchoſſener Pfeil den Gang hin⸗ unter. Sind euch die Wunden der Sievershäuſer Schlacht ſo ſchnell verharſcht? lachte der Herzog wild auf, die dräuende Fauſt gegen das Fenſter ausgeſtreckt. Der Erich hat ſie mir vertragen, ſeit ſeine Erichsburg in Flammen 63 aufging, und ohne die Hannoveraner wagt ihr neuen Kampf, da ihr mit ihnen keine Lorbeern holtet? Nun, der Heinrich iſt der Alte, und dieſes Mal geht er nicht heim, und ſollte er ſein Grab ſich graben laſſen dicht an eurem Grenzſteine.— Vater, bat der Jüngling ängſtlich, es iſt der Kampf der Verzweiflung; laßt darum mich nicht daheim. Kein Sohnesſchild deckt jetzt Eure Bruſt; Ihr gabt mir den Platz neben dem Herzoge, gebt mir auch die Ehre und die Sporen des Prinzen.— Du ſollſt, entgegnete der Alte nach kurzem Beſinnen; trage Magnus Fahne mit dem grauen Wolfe; doch hüte Dich vor Barners Schützen. Ich habe ja nur Dich noch zu verlieren, und den lieben Erben meinen Landen zu erhalten, iſt meine höchſte Pflicht und meine theuerſte Sorge.— Mit einer Zähre im Auge umſchloß der ſtarke Held ſein zartes Kind, indeß die Galerien des Schloſſes lebendig wurden vom klirrenden Waffenſchritte der kom⸗ menden Oberſten, und unten in den Höfen Kriegstrom⸗ peten die ſchnaubenden Roſſe der kräftigen Panzerreiter zuſammenblieſen.— Die Einwohner der Braunſchweigiſchen Lande hatten eben wieder freien Athem geſchöpft, und ein Blick auf die blutbegoſſenen Burgdorfer Heiden, wo der Kern der ritterlichen Jugeud zugleich mit dem Flore der Städte auf beiden Seiten in unerhörter Zahl frühe Gräber ge⸗ funden, erfüllte die friedlichen Landleute mit der Hoff⸗ nung, für dieſes Jahr frei zu ſein von Kriegeslaſt und Kriegesſchrecken. Da ertönten Heinrichs, des Herzogs, — ————————————— —— 64 Hörner dumpf rufend an jeder Grenzſcheide und aus den Kantonirungen brachen die Reiſigen auf überall, und die Garniſonen der Städte zogen mit fliegenden Fähn⸗ lein aus, und die Gegenden, die noch von den Verhee⸗ rungen des Mansfelder und ſeiner wüthenden Jagd rauchten und öde lagen, wurden ſchon wieder in Schrecken geſetzt durch die geſpenſtigen Eiſenſchaaren, hinter deren Sattel der Mord ſaß, und denen Mordbrand und Hun⸗ ger zur Seite gingen. Aber verrechnet hatte ſich der Herzog in dem entwor⸗ fenen Plane dieſes Feldzugs. Markgraf Albrecht von Brandenburg, der muthvollſte wie der wildeſte Kriegs⸗ fürſt ſeiner Zeit, war nicht der Mann, welcher ſich ein⸗ ſchließen ließ in die Mauern der Stadt Braunſchweig, und dem es genug war, mit der fernhin treffenden Kar⸗ thaune feindliche Linien niederzuſchmettern. Wie Luft und Waſſer galt der Krieg ihm zum Leben gehörig, das Fehdehandwerk war ihm Ergötzlichkeit geworden, und der perſönliche Kampf im offenen Blachfelde, Mann an Mann, ſeine Luſt ſein liebſtes Spiel. Seine heroiſche Geſtalt, die dem Bilde Achills zu vergleichen, ſein mu⸗ thiges Wort, voll Sicherheit und Kraft, ſein ohne Be⸗ dacht verſpendetes Geld weckte in den ſcheu geworde⸗ nen Braunſchweigern neue Siegeshoffnung, und Klaus Barner half das erloſchene Feuer des Haſſes anſchüren in der Bürgerſchaft, wurde er doch ſelbſt bei Tag und Nacht geſpornt von dem vöſen Geiſte, den er in der Grabesgeſtalt des alten, unglücklichen Meiſebucks in ſein Haus genommen. Klaus war tiefſinniger gewor⸗ den und wortarm ſeit dem Bluttage bei Sievershauſen, und wenn er ſein Kind, ſeine Eva anblickte, deren Ju⸗ gendroſen ſeit dem verwegenen Spiele am Schützenfeſte 65 zu bleichen begonnen, und in der die betrübte Mutter daſſelbe ſtille Liebesleid, welches ſie einſt durch Barners Jugendwildheit getragen hatte, wiederholt ſah, ſo knirſchte er oft heimlich mit den Zähnen und murmelte: Gibt es denn keine Vergeltung, und bleibt der Teufel oben, der in meinem Leben Heinrich heißt?— Kaum hatte der Markgraf durch ſeine Kundſchafter vernommen, daß die weißen Wolfenbüttler ſich ſammel⸗ ten, ſo rückte er keck hinaus vor die Stadt und hinderte den General des Herzogs, Braunſchweig einzuſchließen. Wohl warnte der kriegeskundige Stadthauptmann, und rieth Vorſicht, denn Albrechts Heerhaufen hatte Mangel an geübtem Fußvolke, ſo ſchlachtergraute Reiter auch unter ihm dienten; aber das vulkaniſche Feuer in des Markgrafen Bruſt war von Menſchenhand nicht auszu⸗ löſchen, und da er hörte, daß ſeinem Gegner das Geld mangelte, daß die Söldner murrten und den Dienſt ver⸗ ſagten, da es ihm ſogar gelang, täglich einige der Un⸗ zufriedenen aus dem Lager des Herrn Gert von Campe zu ſich herüberzulocken, ſo verließ er ſiegsdurſtig die ſichere Poſition unter Braunſchweigs Wällen und begann die Fehde zuerſt mit Ernſt. Doch Heinrichs Glückſtern war nicht erloſchen. Zur entſcheidenden Stunde, am zehnten des Septembermon⸗ des, trafen die verſprochenen Geldwagen von Bamberg, Würzburg und Nürnberg ein; der Sold machte die Re⸗ gimenter kriegsluſtig, und der Herzog nutzte den erſten Freudenrauſch der Söldner, und ließ ſofort zwanzig Fähnlein auserleſenes Fußvolk aufbrechen und dem aus⸗ fordernden Markgrafen die Spitze bieten. Es war am Morgen des zwölften Septembers 1533, als zwiſchen Geitelde und dem Kloſter Stederburg die Blumenha gen. IX, 5 beiden Heere auf einander trafen. Kalte Herbſtnebel deckten die Felder, und ſchwere Regenwolken verdüſterten die Sonne. Der Markgraf benutzte die trübe Witte⸗ rung, und es gelang ihm durch den ſchnellen Aufmarſch ſeiner trefflichen Reiter, durch einen raſchen Angriff der⸗ ſelben, die Kavallerie der feindlichen Vorhut zu zer⸗ ſtreuen und ſelbſt die erſten Kolonnen der Infanterie in Unordnung zu bringen. Aber der aus den Holzungen her⸗ vorziehenden Maſſen waren es zu viele; der Herzog ſelbſt flog jugendrüſtig heran, bald dehnten ſich die Wolfen⸗ büttler in eine geregelte Schlachtlinie aus, deren breite Flügel den geringen Heerhaufen der Brandenburger und Braunſchweiger zu umkreiſen drohten, und Albrechts kühnſte Angriffe wurden durch die Feſtigkeit der weißen Pikenträger unnütz gemacht, und die Wolfenvüttler Schützen räumten gewaltig auf unter ſeinen ſchwarzge⸗ harniſchten Panzerreitern. Klaus Barner befehligte den linken Flügel, der aus dem Aufgebote zu Pferde der verbündeten Edeln und aus dem Kerne der ſtädtiſchen Scharfſchützen beſtand. Albrechts Plan war, das Centrum der Feinde zu durch⸗ brechen, und die Flügel ſeines Heeres ſollten das kecke Wagſtück ſchützen, ohne vorerſt Theil zu nehmen. Aber nur zu bald ward dem Barner das Mißlingen der Vor⸗ ſätze ſeines Feldherrn kund; er ſah des Markgrafen Völ⸗ ker vom Feinde zerſprengt, und ihrer Sammlung Vor⸗ ſchub zu leiſten, mußte er auf eigene Hand einwirken, um das Spiel des Tages zum Gewinne zu lenken. Er hatte ſich heute ritterlicher aufgeputzt, als er je, ſeit er Bürger worden, gethan, und er ſelbſt wußte ſich nicht Rechenſchaft zu geben, warum. Der väterliche, leichtge⸗ arbeitete Silberhelm, mit dem liegenden Bär auf dem 67 Kamme, deckte ſein Haupt, und obgleich ohne Halsring und Bruſtdecke, trug er doch über dem Lederkoller ein feines, metallenes Netz, das von weitem einem koſtbar gearbeiteten Silberpanzer glich, und eine bauſchige Schärpe von dunkelrother Seide faltete ſich von der breiten Schul⸗ ter zur ſtarkgewölbten Hüfte. Langſam ritt er an der Fronte ſeiner Leute hinauf, mit ſeinem ſcharfen Blicke die fernſte Umgebung muſternd. Herr Cord von Damm, ſprach er dann abgeſtoßen, nehmt an meiner Statt auf kurze Weil das Commando, ich laſſe Euch alle Pferde; breitet ſie aus in Front, daß der Feind den Abmarſch des Fußvolkes nicht bemerkt, das mit mir marſchiren ſoll, um dem Markgrafen einen Anhalt zu geben für ſeine Reiter. Fähndrich Hantelmann bleibt hier mit der Schützencompagnie. Wahret mir die Stadt⸗ fahne; vertheilt Eure Leute zwiſchen die Pferde, und naht ſich der Feind, ſchießt ſpät, und nicht ins Blaue. Der rechte Flügel des Feindes dort auf dem lehnanſtei⸗ genden Hügel ſcheint von keinem kampfdurſtigen Ritters⸗ manne befehligt zu werden, und wird Euch vor meiner Zurückkunft nicht moleſtiren. Ich erkenne in der Fahne den grauen Wolf; Prinz Magnus führte ſie ehedem mit der Inſchrift: „— Der graue Wolf bin ich genannt; Mein Vater hat mich ausgeſandt“— und bei Burgdorf ſah ich ſie beſchmutzt und blutig im Sande liegen. Jener junge Fant, der ſie aufgehoben, und der in der graulackirten Rüſtung, mit Silberblumen be⸗ ſchnirkelt, dort ſo ſcheu ſein Sennerroß vor dem Flügel tummelt, ſieht nicht aus, als wollte er den Schmutz von der Fahne waſchen in unſerm Herzſafte. Irre ich nicht, ſo ſteckt ein wortbrüchiger Knabe in dem Heldenrocke. Fähndrich, wagen Jene ſich heran, ſo ſchießt mir ſcharf nach der Fahne des grauen Wolfes; Ihr trefft mir wohl ein junges Raubthier, das ſich ſchon geübt in den fürſt⸗ lichen Tugenden des Vaters und gelernt hat, Bürgern brauche der Hochgeborne keinen Eid zu halten, und es ſei adelig, auf ihren Köpfen einher zu ſpazieren mit harter Ferſe wie auf gemeinem Straßenpflaſter. Marſch, marſch, meine Kinder! Im Sturmſchritt mir nach!— Er warf ſich das gegitterte Halbviſir über das Geſicht, ließ das Fußvolk, in ſeine Fähnlein getheilt, abſchwenken, und indeß die Reiterei ſich ausbreitete, und die Linie wieder füllte, führte er die wackern Braunſchweiger hinter der Kavallerie weg dem Centro zu. und es war Zeit, daß er dort eintraf. Markgraf Albrecht hatte anfangs einige Vortheile über den Gegner gewonnen; das Centrum der Wolfenbüttler wurde durch ſeine trefflichen Reiterangriffe, welche ein wohlgeordnetes Artilleriefeuer unterſtützte, zurückgedrückt, und Albrechts gewohnter Uebermuth glaubte ſchon des Sieges gewiß zu ſein. Da er in dieſen Augenblicken den linken Flügel der Feinde im Vortheile erblickte, Heinrichs Schwadronen dort immer mehr Raum gewannen und mit jeder Minute ihre Linie wuchs und gleich einer geringelten Rieſen⸗ ſchlange ſich weiter um ſeine Flanke zu wälzen ſchien, ſo übergab er das Commando ſeinem Vertrauteſten, dem Grafen Vollrath von Mansfeld, und ſprengte mit einigen auserleſenen Reiterregimentern ſeinem rechten Flügel zu Hülfe. Der Mansfelder war ein gewandter Parteigänger, aber Beſonnenheit und Umſicht gehörten nicht zu ſeinen Felbherrntugenden; gierig, wie die Waldkatze auf das junge Reh, warf er ſich mit ſeinen Schwadronen auf die weichenden Fußvölker, ſah nicht, wie aus einem Thal⸗ 69 grunde, den noch der Morgennebel überſchleierte, Heinrichs Reſerve geſchloſſen anrückte, bis die Schwertſchläge der Feinde von allen Seiten auf ihn niederklapperten, bis die durchbrochenen Glieder der Infanterie ſich hinter ihm geſchloſſen hatten, bis ein Schuß ihn ſelbſt vom Pferde warf, und er mit den Seinen in der Mausfalle ſaß, aus welcher ſein ſtolzes Fluchen ihn nicht zu befreien vermochte. Dieſe Unglücksfälle waren es, welche Barners ſcharfes Auge erſehen hatte, und die ihn zum raſchen Heranfluge beſtimmten. Im Sturmſchritte folgten dem Trabe ſei⸗ nes Roſſes die trefflichen Compagnien der Stadtſchützen. Raſch waren ſie geordnet; flüchtige Brandenburger Pan⸗ zerreiter ſchloſſen ſich dem bekannten Oberſten an; eine Hauptſalve ſchreckte die Wolfenbüttler; verlaſſene Bran⸗ denburger Feldſtücke wurden wieder gewonnen und raſch von den gewandten Bürgern bedient; ihre donnernden Salven räumten auf, und unter dem Feldgeſchrei der Lutheraner: Den Kelch und die Freiheit!— ſtürmte jetzt die ganze Linie vor, mit den Gewehrkolben zu ent⸗ ſcheiden, welcher Partei der Tag gehören ſollte. Ein Teufel iſt der Ritter mit dem ſchwarzen Federn⸗ walde und der Blutſchärpe, aber ein beſſerer General, als der tolle Markgraf! rief Herzog Heinrich dem Herrn von Campe zu, der neben ihm ritt. Wer mag er ſein? Ich ſah den Waffenputz noch nicht in Albrechts Heere! Die Gewehre herum, die Kolben hoch, die Partiſanen vor! Wir wollen ihm Gleiches mit Gleichem bezahlen. — Alle Hörner klangen; die Feldpauken raſſelten Sturm, und wie zwei ausgetretene Meere ſich in einem Thale begegnen, und mit empörten Wogen gegen einander ſchlagen, und in gleicher Kraft ſich aufthürmen zu einer ſchäumenden, ſpritzenden, himmelanſteigenden Waſſer⸗ 70 wand, ſo trafen die Schlachtlinien der Stürmenden gegen zinander auf furchtbare Weiſe. Nicht die heimtückiſche Gewalt des Pulvers, durch welche der Schwarzkünſtler den feigen Schwächling dem tapferſten Goliath gleich⸗ ſtellte, konnte jetzt nützen, nein, tauſend Einzelkämpfe warfen die Bravſten an einander; die Fauſt galt und die Muskelkraft allein, zerbrochene Glieder und ſpritzende Hirnwunden entſchieden den Sieg jedes einzelnen Kämpfer⸗ paares. Der ſcharfe Schuß eines Brandenburger Feld⸗ ſtückes hatte gleich anfangs des Herzogs Roß getroffen, und unter dem zugleich leicht an der Seite verwundeten Herrn getödtet. Rüſtig raffte ſich der unerſchrockene Keriegsfürſt auf, unterſtützt von ſeinem afrikaniſchen Leibſchützen, der ihm nie von der Seite wich; aber ein Roß zu ſuchen, war nicht Zeit; vor ſein beſtes Fußregi⸗ ment drängte ſich der alte Held, und, als hätte die Kriegsluſt ihn um zwanzig Jahre verjüngt, ſo kühn und regſam ſah man ihn mit ſeinen weißen Pikenträgern mitten in das furchtbare Gewühl ſich werfen. Da ſtürmte der feindliche Oberſt mit der Blutſchärpe heran, und wie Garben vor des Schnitters Senſe ſtürz⸗ zen von ſeinen Streichen rechts und links die Wider⸗ ſetzlichen. Er erblickte den wohlbekannten Herzog vor ſich, und mit einem Jubelrufe, der durch das geſchloſſene Halbviſir klang wie das Wuthgebrüll eines gierigen Raubthieres, ſchwang er das blitzende Schwert dreimal rund um ſein eigenes Haupt, daß es den dicken Helm⸗ buſch zerſchnitt, und ſchlug dann zuerſt hoch vom Gaule herab den ſchwarzen Afrikaner, der vergeblich ſeine Büchſe auf ihn abgeſchoſſen, mit einem Schwertſchlage nieder, der die Hirnſchale in zwei Hälften ſpaltete und den treuen Sohn des Mittags zur Linken ſeines alten Herrn 71 in den Sand warf. Grimmig fiel der kräftige Feind dann den Herzog an, trieb ihn im kleinen Zirkel herum, Schlag auf Schlag gegen ſeinen Helm gerichtet, und der unglückliche Ausgang dieſes wüthenden Angriffs konnte nicht zweifelhaft ſcheinen, da der ermüdete Herzog nichts thun konnte, als ſein Haupt ſchirmen mit Schild und Schwertkorbe, da nur wenige der Seinigen mit vorgehaltener Partiſane zuweilen einen augenblicklichen Schutz ihm gewährten, aber von den Brandenburger Schwarzen rundum geſchlachtet, immer lichter und dünner wurden. Da brauste und rauſchte es von rechts heran wie Nordſturm durch den Eichenwald, oder wie geſchwollene Meeresflut über den gebrochenen Uferdamm. Eitel Hein⸗ rich von Kirchberg, der ſchlanke Sohn der Liebe, flog auf ſeinem Falben, wie vom Himmel herab geſchneit mitten in das Getümmel der Mordſucht. Unter der Aufſicht des greiſen Marſchalls von Steinberg war er vom Vater den Reiſigen des rechten Flügels vorgeſetzt worden, dem, nach des Herzogs Plane, nur der geringſte Theil des Tagwerks zufallen ſollte. Angſt und Ungeduld quälten den feurigen Junker, ſeit das erſte Feldſtück ge⸗ brummt hatte; aber er achtete den Befehl des Vaters, wahrte jedoch mit dem Auge der kindlichen Liebe den weitſcheinenden Schimmel, den der Herzog ritt. Wie ſchlug ſein Herz, wenn der Nebel oft die ihm ſo ehr⸗ würdige Geſtalt auf Minuten umhüllte, wie zuckte dann Degen und Zügel in ſeinen Händen. Als ſein Blick aber dem Vater in das mörderiſche Gedränge des letzten un⸗ erhörten Anlaufs beider Heerhaufen folgte, als er nun gar den Schimmel verſchwinden ſah, da hielt ihn nicht der Ruf des Marſchalls. Wie ein flüchtiges Reh ſprang der geſpornte Falbe mit ihm davon, und der von Stein⸗ berg rief eilig dem Reiterregimente ein: Marſch! Marſch! zu, um den ihm anbefohlenen Pflegling zu decken. Bleich vor Angſt, mit flatternden Goldlocken und ungeſchloſſenem Helmſturze, langte der Jüngling bei dem Vater an; er hatte nicht geachtet das Geſchützfeuer des braunſchwei⸗ giſchen Flügels, das Geknatter der Büchſen, als er vor ihrer Linie hinſprengte; kaum neben dem Vater erſchie⸗ nen, warf er ſich aus dem Sattel, fing die wüthenden Hiebe der Brandenburger auf, und rief dem erſchöpften, blutenden Herzoge zu, ſeinen Falben zu beſteigen. Der feindliche Oberſt mit der Blutſchärpe ſtutzte einen Augenblick, und zog den Zaum ſeines Roſſes ſcharf an. Tag der Wolluſt und der Vergeltung! rief er dann mit einer furchtbar tönenden Stimme. Vater und Sohn, das ganze Tyrannenneſt zertreten in einer Stunde! Eine zwiefache Rache für Eva und Eva!— und zum ſchrecklichen Todesſchlage holte ſein muskelvoller Arm aus. Eitel war von der Stimme zur Steinſäule gewor⸗ den; mit faſt erloſchenen Augen des Schreckens und höchſter Furcht ſtarrte er zu dem Feinde hinan, vorge⸗ ſtreckt den zitternden Degen, ſank er auf das eine Knie, und flüchtig irrte ſein Blick zu dem Vater hin, der, von einigen Spießträgern geſchützt, den ſcheuen Falben zu beſteigen verſuchte. Da ziſchte ein jeltſam ſchrillernder Ton in der Luft; der Oberſt mit der Blutſchärpe that einen heiſeren Schrei, indem er den Nacken zuckend zurückbog; ein heller Quell heißen Blutes ſprang aus ſeinem Halſe, und beſpritzte weithin die nächſten Kriegs⸗ männer, und von ſeinem hochaufgreifenden linken Arme gezerrt, bäumte ſich ſein Streitroß kerzengerade, und ſchlug mit dem Reiter rückwärts auf den dumpf dröh⸗ 73 nenden Boden hin. Erſtaunt, wie nach geſchehenem Wunder, ſahen alle, auch Eitel, den unerwarteten Fall des Starken; der Letztere aber faßte ſchnell zuſpringend den Zügel des Falben, und da jetzt ein Regiment ge⸗ ſchloſſen und mit wildem Feldrufe von der Seite in die Brandenburger und Braunſchweiger einhieb, und raſch eine lebendige Mauer vor ihnen bildete, ſo gelang es ihm, den blutenden Herzog aus der verwirrten Maſſe zu reißen und im Laufe ſein Pferd mit dem Vater weit hinter die Fronte zu lenken. Seltſam hatte das Schlachtenſchickſal ſeine Laune ge⸗ übt; ſeltſam den ſichern Sieg aus des triumphirenden Barners Fauſt gewunden; ſeltſam ihm das Todesgeſchoß geſandt in dem Moment ſeines jubelnden Uebermuthes. Der elendeſte ſeiner Gegner wurde das Werkzeug des Schickſals. Als der junge Kirchberg mit Haſt aus dem Sattel ſprang, flog der Dolch, den er immer trug, aus ſeinem Gurte, und fiel dicht neben dem getreuen Mohr zu Boden, der, zertreten von Roſſeshuf und Männerfuß blutend an ungeheurer Kopfwunde, röchelnd im nahen Todeskampfe im Sande lag, und doch noch immer das treue weißfunkelnde Rollauge auf ſeinen Herrn und deſſen Feind gerichtet hielt. Die letzte Lebensglut flammte auf in dem Afrikaner, als er die funkelnde Waffe, die er für ein Kind ſeines Vaterlandes erkannte, dicht neben ſeiner kalten Rechten erblickte. Alle Kraft zuſammen⸗ nehmend, ſtützte er ſich auf die Linke, Eitels Anſprengen hatte gerade einen kleinen Raum geöffnet, ſo warf die rechte Hand des Mohrs kunſtgerecht und geübt nach Weiſe ſeiner Landsleute den Dolch, und ſicher genug traf er den nackten, breiten Hals des Feldoberſten dicht über dem Stahlnetze, und als der Blutſtrom nachſprang, ſchlug der — ————— Mohr ein ſchauriges, fremdklingendes Gelächter auf, vor dem die Krieger Alle zurückwichen, und zuckte ſofort in dem letzten Sterberöcheln zugleich mit dem ſtürzenden Feinde zuſammen. Nach dem Falle des tapfern Barners blieb der Sieg dieſes Tages nicht lange mehr unentſchieden. Vergebens bemühete ſich der freigewordene Mansfelder, vergebens der Markgraf ſelbſt, die Ordnung herzuſtellen, vergebens, an irgend einer tauglichen Schlucht die nachdringenden Feinde, deren Ueberzahl ſich jetzt ganz entwickelte, auf⸗ zuhalten. Mit ihrem Feldoberſten ſchwand jedes Ver⸗ trauen, jeder Schimmer von Hoffnung aus den Braun⸗ ſchweigern, und ſie ſtürzten in gedrängten Kolonnen zurück zu ihrem Weichbilde. Flüche donnernd nach ſeiner Art, mußte ſich der Markgraf Albrecht ſeinem Unſterne fügen, und zum zweiten Male das Schlachtfeld dem Verhaßteſten ſeiner Feinde überlaſſen, wenn es auch nicht minder blutig geworden, als jenes in den Burgdorfer Heiden. Er ſammelte die Reſte ſeiner Reiter, ſprengte gen Braunſchweig, doch ohne Aufenthalt, zum entgegen⸗ geſetzten Thore hinaus, dem Frankenlande zu, von woher er die Kriegsfackel getragen hatte, fort durch alle Kreiſe des deutſchen heiligen Reichs. Und ſeine Eilreiſe war klüglich bedacht, denn der Wolfenbüttler General Gert von Campe ſäumte nicht, die Stadt ſchleunigſt einzu⸗ ſchließen; ſeine Schanzen erwuchſen dräuend aus dem Boden ringsum, und bald verkündeten die hereinbrauſen⸗ den Kugeln der Bürgerſchaft das unerbittliche Zornwort ihres ſchwerbeleidigten Landesherrn. 75 Im Kloſter Stederburg ließ ſich unterdeſſen der alte Herzog von ſeiner Schweſter, der Prioriſſa und Domina Eliſabeth, die Wunden verbinden. Auf dem Schemel zu ſeinen Füßen ſaß ſorgenvoll der ſchöne Eitel, aber bald heiterte ſich ſein erblichenes Geſicht auf, als die kundige Frau die Wunden alle für Schrammen und Fleiſchriſſe erklärte, und Herr Heinrich, durch einen Römer alten Weins erquickt, den Lehnſeſſel verließ und wohlbehaglich die ermüdeten Glieder dehnte in ungebrochener Kraft, freudig die Berichte ſeiner Offiziere anhörte, und dann mit Innigkeit den lieben Sohn in ſeine Arme nahm. Und nun ſei mir herzlich geſegnet, Du mein Herzens⸗ ſohn, mein Lebensretter! ſprach der Alte. Der Geiſt Deiner Mutter ſandte Dich mir und machte den Knaben zum Manne, wie mit einem Zauberſchlage! Morgen ſollſt Du Ritterſchlag und Sporen erhalten vor dem ganzen Heere und im Angeſichte der Rebellenſtadt; Du haſt ſie wohl verdient, denn Du haſt den tapferſten, den furchtbarſten Oberſten der Feinde erlegt. Sein Schild ſoll heute noch geſucht werden auf dem Blutfelde, daß wir ſeinen Namen und Stamm erfahren, und ſeine Waffen ſollen unter den Deinigen in meinem Ritterſaale prangen.— Der Junker ward todtenbleich und ſeine Glieder bebten. Nein! Rein! rief er mit ſichtlichem Schrecken. Da ſei Gott für, daß ich dieſen Mann er⸗ ſchlagen hätte! Meinen Dolch ſah ich funkeln in ſeiner Bruſt, aber nicht meine verruchte Hand ſchleuderte das tödtende Gewehr.— Verwundert ſah der Herzog auf den faſt athemloſen Sohn. War es Dein Dolch, ſo war es auch Deine Hand, die den Vater erlöste und rächte, erwiderte er. Was ſoll die Knabenfurcht, wo Du ſtolz ſein darfſt? Ein —— ——— —— — — 1 1 1 5 1 ———— 6*——.„ — 76 Heldenſohn muß nicht zagen und frömmeln, wenn das Blut ſeiner Feinde ihm die Hand beſpritzte.— Nein! rief Eitel abermals. So wahr mir Gott helfe, ich bin unſchuldig an dieſer That, und meine Hand müßte ich verfluchen, wäre ich es nicht. O ein ſataniſches Ge⸗ ſpenſt muß den Dolch, gerade meinen und ſeinen Dolch, geworfen haben.— Tovt das Fieber in Dir, armer Knabe? fragte be⸗ ſorgt Herr Heinrich. Blutet auch Dir vielleicht eine verſteckte Wunde?— Eitel vrückte ſchwer aufſeufzend das Geſicht an des Vaters Bruſt.— So wüßteſt Du wirklich nicht, ſo ahnteſt Du nicht, wer der gefallene Oberſt war? jammerte er. Hörteſt Du denn nicht, wie er uns verwünſchte und Eva's Na⸗ men rief?— O Dank dem Gotte des Himmels, daß ich rein bin von dem Blute des Vaters der unſchuldigen, unglücklichen Eva!— Knabe, Sohn, was redeſt Du? rief Heinrich, wie außer ſich. Es wäre der Barner geweſen? Der Barner, mein Erzfeind, läge todt auf dem Plane draußen?— Und als der Jüngling die Hände faltete, mit thrä⸗ nenſchweren Augen zum Himmel aufblickte, und dazu be⸗ jahend mit dem Haupte nickte, da jubelte der Herzog hoch auf in unverhehlter Freude. Eitel Heinrich! ſchrie er. Mein Stolz! Mein Lan⸗ desretter! Mein Friedensengel! Rächer Deiner Brüder! Rächer Deines Stammes! Iſt dieſer Mann an Deinem Dolche geſtorben, ſo ſollſt Du groß werden neben mir vor den Augen von ganz Deutſchland; jeder Deiner Wünſche ſoll meinen Willen haben voraus; die Stadt Braunſchweig ſchenke ich Dir mit Zöllen und Steuern zum Spielgelde. Iſt der Barner gefallen, dann bin ich 77 S zum zweiten Male Herzog geworden, denn ſo lange er lebte, wankte mein Herzogshut. Liegt der Barner, ſo wird der Friede kehren in meine Lande, denn das Herz der Rebellion iſt ausgeriſſen; dann erſt darf ich frei athmen, denn für ihn und mich zugleich war kein Raum in Deutſchland. Aber komm ſofort, ehe das Tageslicht ganz erliſcht, ſelbſt muß ich ſehen, gewiß wiſſen, damit ich der erſten ruhigen Nacht mich in die Arme legen darf. — Er ſtürmte zum Kloſterſaale hinaus, obgleich ihn der Junker zurückhalten wollte; fortgeriſſen von innerm Drange folgte ihm Eitel, und auf den Befehl des Herzogs ſchloſ⸗ ſen ſich mehre Trabanten ihnen an. Die Sonne war ſchon unter dem Horizonte, doch warf ihr Wiederſchein aus dem Weſten noch ein mattes Licht über die flachen Felder hin, und der Mond ſtand ſchon in der entgegengeſetzten Himmelsgegend, und er⸗ ſetzte den Dienſt der ſcheidenden Schweſter nach Vermö⸗ gen. Der Herzog ſchritt unermüdet durch die unweg⸗ ſame Gegend, trat über die blutenden Leichname, irrte zwiſchen den zerbrochenen Pulverkarren und dem verlaſ⸗ ſenen Geſchütz umher, bis er den Platz gefunden hatte, zu dem eine geiſtige Gewalt ihn hinriß. Da lag der Oberſt mit der Blutſchärpe, hell beſchie⸗ nen vom Mondlichte. Aber bleicher noch als des Nacht⸗ gefährten trauriger Schein war ſein Antlitz, von dem der Helm gefallen war, noch ſteckte der Dolch in der Kehle, aber die Augenlieder des Todten ſah man geſchloſſen, als hätte eine Freundeshand ſie zugedrückt; mit der rech⸗ ten Fauſt umſchloß er noch den Griff des furchtbaren Schwertes und die Linke hielt noch den Zügel des Streit⸗ roſſes feſt, das mit gebrochenem Genick und langgeſtreck⸗ ten, ſteifen Gliedmaßen ihm zur Seite lag. S— 78 Er iſt es! rief der Derzog aus, ſowie er einen Blick auf den Todten geworfen. Sah ich auch ſein Geſicht gar lange nicht, dieſe Züge blieben mir unvergeßlich. Vic⸗ toria, alter Heinrich! Jetzt kannſt Du ruhig ſchlafen auf Deinem Pfühle!— Da traten Alle mit Entſetzen zurück, denn eine Ge⸗ ſtalt, die dicht neben der Leiche gelegen auf dem Geſichte, und die man zu den vielen todten Soldaten gerechnet, erhob ſich plötzlich lebend, und wuchs immer höher aus der Erde, bis ſie ſtand gleich einem fleiſchloſen Geſpenſt, mit einem Kruzifix in der Hand, in ein braunes Mönchs⸗ gewand gekleidet, mit nacktem, haarloſem Scheitel und langem, wildem Graubarte, und die tiefliegenden, grim⸗ migen Hohlaugen gräßlich rollte zum Schrecken aller Anweſenden. Jauchze nicht, Sohn der Sünde, ſprach der grauſen⸗ volle Menſch hohl und fürchterlich, indem er die Fauſt geballt erhob, ohne den Leib zu bewegen. Der Gerechte liegt und der Tyrann tritt ſeinen Leib. Der bleierne Schritt des Zufalls zerſtampft die Beſten, und die Men⸗ ſchen ſind dem Gotte dort oben ein zu erbärmliches Geſchmeiß, als daß er ſich kümmerte um ihren Hummeln⸗ kampf. Was hatte dieſer verbrochen, was hatte ich ver⸗ brochen, daß wir gegeben wurden in die Fauſt Deiner Bosheit, daß Du uns ſchlagen durfteſt ohne Scham und Scheu wie der Treiber den Pflugſtier? Aber rufe nicht Victoria, Du gekrönter Mörder, auch Du gehſt unter dem Schwerte des Zufalls, und es wird fallen und ſchneiden, ehe Du wähnſt und fürchteſt. Wiſſe, der da am Boden liegt, hatte kein ächtes Feindesherz, er war ein frömmelnd Kind in der Rache, ein Knabe beim Dolchzücken. Aber ich ſäugte mein gebrechlich Leben auf, 79 Dich zu verderben, ich wärmte mein ſtarrend Blut, Dir den Feind zu wecken, ich, der Meiſebuck vom Hundsrück, war der Hatzhund, der dieſe Eber gegen Dich anhetzte, daß ſie Deine Söhne todtwund ſchlugen, daß ſie Dich zittern machten mitten in Deiner Schloßburg. Er iſt hin; die ſtarke Hand meiner Seele iſt verhauen, und die Hölle hat geſiegt; aber mein letztes Wort ſpricht Fluch, ewigen Fluch über den Tyrannen und Glücksverderber! — Beide Fäuſte hob der Schreckliche wie zum Schlage, da erloſch ſein Auge, die Arme fielen langſam, und der Leib ſank langſam nach, bis die lange Geſtalt ohne Athem und Leben neben dem ritterlichen Krieger am Boden lag, ein kalter Leichnam gleich ihm. „Lautlos hatte der Herzog dageſtanden, und die hohlen Sprüche der Erſcheinung angehört; Eitel lag in den Knien und betete inbrünſtig. Heinrich beſann ſich zuerſt, und riß ſich aus ſeiner ſichtlichen Erſchütterung auf. Hebt den tapfern Kriegsoberſten auf, heiſchte er den ſtarr daſtehenden Trabanten zu, und tragt ihn ſittig zum Kloſter Stederburg. Er war ein wackerer Kriegsheld und nach Gebühr ſoll ihm ein ſtattlich Begräbniß werden. Auf ſeinem Grabe prange über ſeinem Wappen die In⸗ ſchrift: Hier liegt Heinrichs Erzfeind! und ich denke, ſolcher Spruch trägt ſeinen Namen ehrenvoll zur Nach⸗ welt. Milde bog er ſich dann zu dem Sohne nieder, und half ihm von der Erde auf. Der Tod verſöhnt! flüſterte er dem Jüngling zu mit weichen Tönen. Ver⸗ gebung und Gutmachen ſei Heinrichs Buße, wenn er ſchuldig war der Klage des Gräßlichen!— Die Tra⸗ banten hoben ſcheu den Leichnam des Klaus Barner auf, und trugen ihn ſorgſam auf ihren Hellebarden den beiden Führern nach, die, Arm in Arm, wortlos und tiefſinnig 80 durch den Mondſchein zu den Kloſterthürmen hinüber⸗ ſchritten. —————————————— Aber die Tage des Friedens, von denen die Phantaſie des jungen, hoffnungsfrohen Kirchbergs träumte, lagen noch in weitem Felde. Freilich hatte ſich ſeit dem Tage vei Stederburg der alte Herr ſo auffallend in ſeinem ganzen Weſen geändert, daß es dem Jünglinge, der in dem ſchönen Alter ſtand, wo es keine Unmöglichkeiten gibt, wo alle Menſchen gut erſcheinen und die Erde einem Roſenfelde gleicht, nicht zu verargen war, wenn er die höchſten Wünſche ſeiner genügſamen Seele dem Ziele nahe glaubte. Mit Staunen vermißten die Schloßleute die gewohnte Rauhheit und das derbe Befehlswort am Herzoge, welche ſonſt zum täglichen Brode ſeiner Dienſt⸗ leute gehört hatten, und, o Wunder! der alte Fürſt litt ſogar einen unterthänigen Widerſpruch, wenn er auf guten Grund geſtellt wurde. Aber mehr als dieſes Alles fiel den Wolfenbüttlern der oftmals kehrende Tiefſinn, die unverkennbare Schwermuth auf, welche den grauen Kriegsmann manchen Tag in ihren Feſſeln hielt, das Feuer ſeiner Blicke wie eine Falkenkappe trübte, und ihn wortarm machte, als ſei er daran, ein Karthäuſer zu werden. Rath, Trabant und Lakai hatten nie ſo gute Tage im Schloſſe gehabt, nur des Kapellans gemäch⸗ liches Amt war mühſeliger geworden, denn höchſt unge⸗ wohnter Weiſe wurde er gar oft dem Herzoge zur Ge⸗ ſellſchaft in die Burg geladen. Die Schrammen und Fleiſchwunden des alten Löwen verharſchten, ünd mit ihrer Heilung gingen auch die freundlichen Abende zu Ende, wo Eitel neben dem — 81 Sorgenſtuhle des Vaters gern ſeinen Erzählungen von ſeiner Jugendzeit und dem Leben auf der Staufenburg gehorcht hatte, und Vertrauen und Anhänglichkeit zwiſchen Beiden ſtündlich gewachſen war. Daß der Vater ihn jetzt nicht allein zärtlich liebte, ſondern auch ehrte, wurde dem Jünglinge klar, und dieſe Gewißheit ſtählte ſeinen Muth, und ließ in ihm manche kecken Pläne reifen. Aber die rebelliſche Stadt Braunſchweig legte ihre Hartnäckigkeit nicht ab, obgleich ſie jetzt von allem Schutze verlaſſen ſtand, und die Belagerer ihr von allen Seiten hart zuſetzten. Die ehemaligen Zornfurchen kehrten nach und nach wieder auf des Herzogs Stirn; er hielt man⸗ chen Kriegsrath an ſeinem Krankenſtuhle, und als er geneſen, brach er ſofort ſelbſt in das Lager auf, ohne Scheu vor der rauhen Jahreszeit, und an ihren zertrüm⸗ merten Dächern, an dem raſchern Donner der Karthaunen, welche die Mannſchaft von den Wällen riß, an der Sper⸗ rung ihres Fluſſes und dem Abſchneiden jeder Zufuhr, merkten die Bürger, daß der zürnende Landesherr ange⸗ kommen ſei, daß er mehr Ernſt mache, als je zuvor, und daß ſeine Ungeduld die Arkebuſierer und Schanzen⸗ gräber draußen ſporne. Mit dem Stadthauptmanne Bakner verloren zwar die Unzufriedenen ihre erſte Stütze, und die Partei der Gemäßigtern und Furchtſamen erhob das Haupt mit geſchwollenem Kamme, und wagte ſelbſt dem von Rauſchenplatt und von Damm die Gegenrede in den Bart zu werfen; jedoch die Angſt vor dem Jäh⸗ zorne des Landesherrn, die Beſorgniß ſchwerer Beding⸗ niſſe im Falle der Unterwerfung, vorzüglich der Reli⸗ gionshaß, einigte die Zwieträchtigen wieder, und ließ ſie Entbehrung und Hunger ertragen und muthig die Ver⸗ theidigung der Wälle fortführen; ja mehre kühne Ausfälle Blumenhagen. 1X.*6 1 —— — —— ——*—0 Eictace. aek—— =—— „ 82 koſteten dem Herzoge manchen braven Soldaten, und verſchafften den verzweifelten Bürgern durch gewonnenes Schlachtvieh und geplünderte Magazine Fleiſch und Brod⸗ korn. Doch von Außen miſchten ſich jetzt Unterhändler und Friedensboten verſchiedener Art in die faſt verlorne Sache. Der Kaiſer, welcher alles aufbot, der Zwietracht, welche ſo lange ſchon das deutſche Reich verheert hatte, ein Ziel zu ſetzen, ſandte ſeinen Rath, den Oberhaupt⸗ mann im Sankt Jvachims⸗Thale, Herrn Wusla Felix von Haſſenſtein, um den erzürnten Herzog milder zu ſtimmen, und mit Erlaubniß deſſelben zog dieſer gelahrte Staatsmann in die Thore Braunſchweigs ein. Auch die Städte Goßlar, Hildesheim, Göttingen und Eimbeck ſchickten ihre Bürgermeiſter und Rathsmänner heran, eine Verſöhnung der Parteien als Händler zu ſchaffen und die erſte Stadt ihres Handelsbundes in Niederſachſen von ſchmählicher Verwüſtung zu erretten. Der Herzog ließ die Zwiſchenträger zu, doch ohne in ſeiner Arbeit deßhalb eine Pauſe zu machen, ja es traf ſich, daß eine ſeiner ſchweren Kugeln, die er ohne Unterlaß in die Stadt warf, die ſäumigen Sünder ſchneller zur Pflicht zu ſpornen, den Giebel des Rathhauſes zertrümmerte, unter welchem gerade die Vorſteher der Bürgerſchaft mit dem kaiſerlichen Rathe und den übrigen Friedensherolden disputirten. Eitel Heinrich trieb unterdeß zu Wolfenbüttel kein müßiges Leben. Auf ſeine Bitte hatte der Vater ihn daheim gelaſſen; wie konnte er auch auf demſelben Platze in Wehr und Waffen als Feind die Karthaune richten und losbrennen, wo er den glücklichſten Tag ſeines Lebens gefunden. Wie konnte er die Kugel fliegen ſehen, welche vielleicht das friedliche Haus ſeiner Eva zum Ziele — 83 erwählte?— Selbſt erfahren in der Schreibekunſt, denn die Stollberge, wo er erzogen, liebten von je Wiſſen⸗ ſchaft und feine Zucht, ſah man ihn lange Briefe ver⸗ fertigen, und jede Woche ſchickte er Eilboten über die Grenzen, ja auch dem Herrn von Haſſenſtein, welcher einige Tage in Wolfenbüttel ruhte, gab er ein Send⸗ ſchreiben mit zum friedlichen Braunſchweig. Der zweiundzwanzigſte Oktober, ein rauher, kalter Sonntag, erſchien endlich als der Tag, welchen ſo manche bekümmerte Bruſt von dem Herrn der Heerſchaaren in⸗ brünſtig erbeten hatte. Der Friede war geſchloſſen, die Vergleichsakte unterzeichnet, alle Glocken läuteten das Danklied von Braunſchweigs Thürmen, und weithin ſah man das Freudenfeuer, welches die Wolfenbüttler Sol⸗ daten angefacht, indem ſie die Tannenhütten und Schanz⸗ körbe und alles Pfahlwerk ihrer beiden Lager den Flam⸗ men preisgegeben. Früh am Morgen des Montags ſprang Junker Eitel ſchon zierlich geputzt durch die Galerien und Säle des Schloſſes zu Wolfenbüttel, denn er erwartete den Herzog vom Kloſter Stederburg. Des Jünglings Geſicht glühte in lebhafter Bewegung des Gemüthes, doch las man in den Augen und dem kurzen Athem neben der Freude des lieblichen Mundes eine Spur von Beängſtigung und Sorge um den Ausgang der nächſten Stunde. Heran trabten im Schloßenſchauer, von feinen Schneeflocken bedeckt die Leibſchwadronen und ſchwenkten im Schloßhofe auf, und bald nach ihnen ſprengte der alte Herzog an das Portal, ſchwang ſich jugendlich aus dem Sattel, ſtäubte den Helmbuſch von Flocken rein, und herzte mit ausgelaſſener Luſtigkeit den geliebten Sohn, der ihm an der Stein⸗ treppe entgegen flog, und mit der Schärpe ihm den Schnee vom ſchwarzbepelzten Aermelmantel herunter⸗ ſchlug. Brav, Bürſchchen, geputzt wie zur Hochzeit an mei⸗ nem Ehrentage! rief der Alte ſchmunzelnd und überfreund⸗ lich. So recht! So lieb' ich's! Nun kann der alte Heinrich mit Ehren zur Ruhe fahren, und Dir Raum geben. Aber Dein Anzug gemahnt mich, daß auch ich mein Staatskleid hervorſuchen muß. Führe mich raſch hinauf an's Kamin, und trommle die Kammerlakaien zuſammen. Heute gibt's bei dem alten Wittwer Cour und Traktament; die Herren von den Städten und die armen Sünder folgen meiner Ferſe. Vergeben und Ver⸗ geſſen! Ich will die Hungerleider füttern, daß ſie der ſchmalen Biſſen Abends nicht mehr gedenken ſollen, die ihnen in den letzten Wochen der Braunſchweiger Markt⸗ vogt zuwog nach Loth und Quintlein.— Mir einen Augenblick, Väterchen! bat da der Junker, mit unwiderſtehlicher Freundlichkeit ſich an des Alten Hals hängend. Laß das Putzen bis hernach. Die Raths⸗ herren können warten und ſich indeß die erfrornen Finger am Kaminfeuer aufthauen. Auch ich habe Gäſte geladen zum Traktament, und ihnen eine liebevolle Aufnahme verheißen vom Schloßherrn. Väterchen, Du mußt mich heut nicht zum Lügner machen.— Junge! ſprach der Herzog mit verfinſtertem Auge, was haſt Du gemacht? Was gewagt auf die eigene Fauſt? Ich will nicht hoffen! Woher find die Gäſte? — Von Berlin kamen ſie, vom Hofe des Furfürſten Joachim, entgegnete raſch und mit Bedeutung der Junker; doch als er den Alten ſtutzen ſah, ſetzte er ſchneller noch hinzu: Der kleine Heinrich Julius iſt auch dabei, und will den hochgeehrten Großvater kennen lernen.— Da — 85 flog ein Purpurſchein über des Herzogs Geſicht hinauf zur Stirn, und ohne zu antworten nickte er mehrmals mit dem Haupte, und die Stimme des Herzens verſtehend, ſprang Eitel die breite Wendelſteige voran hinauf, immer zwei Stufen überſpringend, und der alte Fürſt keuchte, ſo ſchnell er's vermochte, ihm nach. — In dem uns ſchon bekannten Geheimzimmer ſtand Prinz Julius am Fenſter, und ſtützte den ſorgenſchweren Kopf an das Geſims. Sein blaſſes, aber angenehmes Geſicht drückte die innerſte Bewegung der Seele aus; befand er ſich doch an dem Orte, wo er als Knabe nicht viel gute Tage gehabt; weil ihn der Vater, eines Fuß⸗ ſchadens wegen, der ihn gebrechlich machte, nicht wohl leiden konnte; befand er ſich doch in den Mauern, aus welchen den Jüngling der Fluch des Vaters vertrieben, weil er ſeine Neigung zu der neuen Lehre des Witten⸗ berger Reformators entdeckt hatte. Nicht weit vom wärmenden Kamine ſtand die Wiege, in welcher der Erbe Braunſchweigs ſorglos ſchlief, und nicht die Stürme kannte, durch welche ſeine Erzeuger gegangen waren. Die Prinzeß Hedwig, des Kurfürſten Tochter, ſaß nahe dabei im Lehnſeſſel ermattet, ſo durch die geſtrige Reiſe im Unwetter wie durch die Angſt um den Ausgang des gewagten Schrittes, und ihr ſchönes Auge irrte vom ſchlummernden Kinde zum geliebten Gemahl hin und her, und auf dem duldſamen Geſichte ſprach ſich die lange Bekümmerniß aus, die ſie für Beide getragen. Muth und Faſſung, mein trautes Gemahl! rief der Erbprinz plötzlich. Er iſt da. Er ſteigt ab an der Schloßpforte. O Gott der Liebe und Gerechtigkeit, wache —————— — * .— —— ——— ———— ——— ob dieſer Stunde!— Die Prinzeſſin wollte ſich erheben, vom Seſſel, aber wie von Ohnmacht gebunden, ver⸗ mochte ſie es nicht, und hob nur Augen und Hände wie betend zu dem Deckgewölbe empor. Und die Thüre ward aufgethan, und Junker Eitel ſprang herein, rief athemlos: Der Vater kommt! und dicht nach ihm ſtürmte der alte Held von Braunſchweig in das Gemach. Mit auf das Herz gepreßter Hand und gebeugtem Haupte trat der Erbprinz einige Schritte vor, die Prinzeß erhob ſich gewaltſam immer noch in der Geberde der Betenden; der Alte aber kümmerte ſich um Beide nicht, ſondern ſetzte raſch ſeinen Weg auf die Wiege zu. Da, wie ſie den Kriegsmann mit dröhnendem Schritte heranſchreiten ſah, klirrend die langen Räder⸗ ſporen auf dem Eſtrich, ihm nachraſſelnd des mächtigen Schwertes Metallſcheide, wie ſich das wilde, bärtige Geſicht niederbog zur Wiege, da überfiel die Prinzeß tiefe Mutterangſt, und wie die Henne zum bedräueten Neſte flog ſie heran, und fiel mit einem Angſiſchrei neben der Wiege in die Knie nieder. Nur ruhig, Frau Tochter! brummte der Herzog gut⸗ müthig. Ich verſpeiſe keine Kinder wie der Moloch, und thue dem Kerlchen nichts, aber muß doch ſehen, ob es ein braunſchweigiſch Geſicht hat, und ob ein Heinrich in ihm ſteckt.— So griff er zu, und nahm den kleinen Buben raſch aus den Polſtern, und hielt ihn hoch vor ſich hin in das Licht.— Schrei mir nicht, Du kleiner Schlafratz, ſprach er dazu, die weinerlichen Geſichter find hier in Wolfenbüttel nicht zu Hauſe, und der Groß⸗ vater kann ſie vor Allen nicht vertragen.— Und das Kind, das verdrießlich ausgeſehen, und müh⸗ ſam die ſchlaftrunkenen Aeuglein aufgeriſſen, ſtarrte 87 verwundert in des Alten glänzende Augen, drehte nach kurzer Weile munter das Köpfchen voll blonder Kraus⸗ locken nach dem Vater und Mutter, und als der Groß⸗ vater in ſeiner Kinderfreude ihn vor ſich hin auf den Tiſch geſtellt, faßte der Knabe mit den kleinen Händen in den langen, rauhen Bart des Herzogs, und zerrte nicht gar zu ſanft und manierlich in den Haarzöpfen, ſo daß die Prinzeß furchtſam herbeieilte, ihm Einhalt zu thun. Reiß nur, Bübchen, reiß nur! lachte jedoch der Alte wie ausgelaſſen. Du magſt das immerhin thun, aber ein Anderer, und wär's des Kaiſers Majeſtät, ſollte mir wohl daraus bleiben. Es iſt ein ächter Heinrich, kennt nicht Furcht noch Schrecken, ſetzte er hinzu, indem er das Kind nach einem ſchmatzenden Kuſſe der Mutter in die Arme gab, und ſo ſei er mir denn willkommen und ihr dazu, und will's Gott, bleiben wir zuſammen für immer.— Mit einem Jubelrufe und hervorbrechenden Thränen warfen ſich die Kinder in des Vaters Arme, und Eitel Heinrich beugte ſich von hinterwärts über des Herzogs Schulter, und küßte mit glühender Haſt des Gütigen bärtige Wange. Die fremden Herren! rief da der Trabant herein, und zu früh löste das Wort die ſchöne Gruppe für Alle, die ſie bildeten.— Der junge Hexrenmeiſter hat das ge⸗ macht, ſagte der Alte noch, auf den Kirchberger deutend, dankt ihm dafür, er hat nun einmal ein Geſicht und eine Stimme, denen der Heinrich nichts abſchlagen kann. Ihr aber, Herr Erbprinz, folgt mir alſobald!— Ob das Wort Probe hält überall? flüſterte Eitel dem fortgehenden Vater nach, indeß der Prinz und Frau Hedwig ihn mit Liebeshänden zu ſich zogen, und hundert⸗ fältige Liebesworte über ihn ausſchütteten.— Im großen Ritterſaale, wo jede Wand ein lebens⸗ großes Ahnenbild, jede Säule eine mächtige Waffenrü⸗ ſtung trug, traf der alte Herzog ſchon die ganze Ver⸗ ſammlung der Erwarteten im weiten Halbkreiſe auf ihn hoffend. Die Hörner des Bogens bildeten die Zwiſchen⸗ träger und Friedensſtifter, der weißhaarige, kaiſerliche Oberhauptmann, der Nürnberger Bürgermeiſter Ebener, die Herren Schwaneflügel, Bornemann und Elvede aus Göttingen, Brandes und Koch aus Hildesheim und mehre anſehnliche Rathsmänner der Städte; in der Mitte des Halbkreiſes befanden ſich die Deputirten der Stadt Braun⸗ ſchweig, ihr berühmter Bürgermeiſter Franz Kahle und mit ihm die Rathsmänner Schrader, Eilerdes und Krüger, die mit Haſt ſich in die Knie warfen, als ſie den belei⸗ digten Herrn im rauhen Feldwammſe, ungeputzt und krir⸗ geriſch, mit gewohntem Eilſchritte eintreten fahen, und das ihnen ſo furchtbare Antlitz, den ganzen Charakter rauher Ritterlichkeit und unbiegſamer Strenge ſcharf aus⸗ geprägt tragend, vor ihnen erſchien; doch als ſie den Erbprinz Julius, den Lutheraner, deſſen Milde ſie kann⸗ ten, der, wie ſie, durch ſchwere Leidensſchule gegangen war, dicht hinter dem alten Fürſten erblickten, langſam in den hohen Reiterſtiefeln, welche ſein Uebel ihm zu tragen be⸗ fahl, nachkommend, und mit gütigem Blicke aus hellen Augen die Verſammlung überſchauend, da ermuthigten ſich die bangenden Herzen; der Herr Franz Kahle ſprach ohne Stocken ſein Bittwort und die Reue der Stadt aus, und erſuchte demüthigſt, die Geſchenke Braunſchweigs „————— 89 huldreich anzunehmen, welche in zwei herrlichen braunen Streithengſten, in ein paar mächtigen Schlachtochſen mit vergüldeten Hörnern, in einem Faſſe rheiniſchen Weins und zehn Tonnen Mumme und auserleſenen Biers be⸗ ſtanden; zugleich überreichte der Herr von Haſſenſtein dem Herzoge, der bei jedem Worte freundlicher geworden, die Vergleichsurkunde in doppelter Abſchrift. Flüchtig überlief Heinrich die vierzig Artikel derſelben und ſprach dazu mit ſeiner dumpftönenden Stimme: Alſo iſt euch endlich das Hirn im Kopfe auf die rechte Stelle gerüttelt worden, und ihr erkennt mein Recht und euer Unrecht, und wollt uns kein Judaslied wieder nach⸗ blaſen, noch eure vatermörderiſchen Kugeln nach Unſerm heiligen Haupte ſauſen laſſen? Wohl bekomm's euch! Wir meinen, ihr ſollt als treue Erbunterthanen euch beſſer ſtehen, denn als ruhmredige Condomini und Consocii, wie euch die rebelliſchen und abtrünnigen Verführer titu⸗ liren möchten. Ihr ſeid demnach ſatt des Krakelens und Plünderns, thut Abbitte, wollt Landesfolge und Türken⸗ ſteuer und Landſteuer nicht mehr verweigern? Ihr wollt fernerhin Unſere Feinde nicht hauſen noch mit ihnen Bündniſſe knüpfen? Verſprecht Uns die Herbſtbeete, Tor⸗ nemanns⸗ und Jägergelder zuzugeſtehen? Erkennt euch der Landesfolge pflichtig? Wollt Unſer Meierrecht an⸗ nehmen und Meier und Kothhöfe unzerriſſen und unzer⸗ theilt laſſen, daß die Meier ein Erbrecht bekommen? Wollt achtzigtauſend Thaler in fünf Terminen zahlen zur Tilgung Unſerer Kriegsſchuld?— Freudiger ſetzte der Fürſt hinzu, als ein eintöniges, lautes Ja ihm geantwortet: Nun, ſo wollen Wir denn auch wiederum ſein euer gnädiger Herr und guter Lan⸗ desvater, wollen beſtätigen eure Privilegien, wollen — —— ————— — — ů fernerhin nicht anfechten eure Religion, und wollen eure Abgeordneten huldreichſt zulaſſen auf Unſerm Landtage, auch ſelbſt mit Unſerm Erbprinzen und Nachfolger Julius erſcheinen in eurer Stadt, die Verſöhnung feſter zu knü⸗ pfen. Und jetzt ſteht auf, meine lieben Herren; es ſoll Alles vergeſſen und vertragen ſein, und iſt Alles aus des Herzens Grunde vergeben, ſo wahr mir Gott helfe und ſein heiliges Wort.— Amen! ſprach die ganze Verſammlung feierlich, und die Braunſchweiger erhoben ſich in froher Eilfertigkeit und umdrängten den Fürſten, in einzelnen ehrfurchtsvollen Dankworten ihre Empfindungen auszuſprechen. Marſchall, führt die Gäſte in den Speiſeſaal! rief der alte Herzog, durch das Gedräng beläſtigt; laßt die Tafeln ſich biegen und die Silberkannen klingen. Bald vin ich ſelbſt unter euch, meine lieben Herren, zierlicher angethan, wie es ſich zu ſolchem Feſte ſchicken mag, und präſentire euch meinen Enkel, daß ihr den Herrn eurer Kinder erkennen möget von Angeſicht zu Angeſicht.— Erbprinz Julius und der Marſchall von Steinberg führten die Gäſte aus dem Ritterſaale, und im fröhlichen Getümmel drängte ſich Alles zu der weit offenen Flügel⸗ thür hinaus; als aber auch der alte Heinrich, der dem Gewühle mit ſinnenden Blicken nachgeſehen, und den Vergleichsbrief dabei langſam und mit ſichtbarer Befrie⸗ digung zuſammengefaltet hatte, den leeren Saal verlaſſen wollte, fühlte er ſich am Mantel gehalten, und da er ſich wandte, lag der Junker Eitel Heinrich zu ſeinen Füßen und ſah wie bittend zu ihm hinauf. Willſt auch Du mir danken, Du lieber Friedensbote? fragte der Herzog gar ſanftmüthig und mit Laune. Ja, ja, der alte Heinrich hat heute gethan, als hätte er aus 91 dem Rheinweinfaſſe der Braunſchweiger ſich einen firmen Rauſch gezeugt. Aber Kopf und Sinnen werden ſtumpf, und die vielgebrauchten Gliedmaßen ſehnen ſich nach Ruhe. Haſt Du die Geſichter der Rathsmänner beobachtet, wie ſie ſich verzerrten, und doch ſich alle Mühe gaben, den innern Hochmuth und Stolz nicht an das Licht zu brin⸗ gen, als ich die Hauptpunkte des Pactes ihnen vorſprach? Auf dem todten Papiere ſieht dergleichen ſich ganz an⸗ ders und gleichſam erſtorben und unbedenklich an; aber wenn es das Wort auf der Zunge lebendig macht, da wird der Buchſtabe zum Schwerte und das Siegel dar⸗ unter zum eiſernen Riegel. Die gute alte Zeit, wo Fürſt und Bürger für Vater und Sohn galten, iſt hin, und Vater wie Sohn mögen daran ſchuldig ſein. Der Julius leitete ſie ſo zutraulich hinab; er kennt dieſe Starrköpfe nicht, welche nur die Nothwendigkeit in Banden legte. Auch er wird einſt mit ihnen zu ſchaffen bekommen, und wir wollen ſorgen, durch einen aufmerkſamen Vogt auf dem Berge Cyriaci, daß der vorgelegte Riegel nicht ſo leicht zerbrochen werde. Aber warum knieſt Du immer⸗ fort und ſprichſt nicht? Oder iſt die Geberde nicht Dank, ſondern wohl gar noch eine Bitte?— Vater! erwiderte der Junker mit beklommener Du haſt heute ſo viel Glückliche gemacht; kröne Dein Werk, und laß den Eitel nicht leer ausgehen, laß ihn auch Theil haben an dem Himmel, den Du ſo Vielen aufgethan.— Komm mit zum Friedensmahle und nimm den Ehren⸗ platz!— antwortete der Herzog, aufmerkſam in des Jünglings Mienen forſchend. Du haſt den Sieg er⸗ fochten, Du des Vaters Leben gerettet, Du eine Her⸗ zogskrone verſchenkt; Dir gebührt der Platz mir zur Rechten.— —7 Laß mich da ſitzen, aber nicht allein! ſprach Eitel fort, und als er des Alten lauerndes Geſicht bemerkte, über das ein leichter Verfinſterungsſchatten hinflog, ſo ſetzte er ſchneller hinzu: Was ſagteſt Du am Abende der Blutſchlacht, als des tapfern Feindes Leichnam vor Dir lag, vom Mondenlichte, wie von einem heiligen Bahrtuche bedeckt? Vergeben und vergeſſen und gut machen! das letzte iſt noch zurück, und wie ich meines Herzogs Seele erkannte, ſo ſäumt er nicht, alle ſeine Verheißungen zu erfüllen.— Aber was ſoll's denn werden, Du wunderlicher Knabe? fiel Heinrich ungeduldig ein.— Nicht alle Gäſte hat Dein Auge ſchon erſchaut, ant⸗ wortete Eitel ſcheu. Nicht alle Abgeordnete Braunſchweigs ſind vor Deiner Güte erſchienen und von ihr begnadigt worden. Darf ich, die noch kamen, Dir vorführen?— Der Alte ſagte nichts, aber ſein Geſicht wurde ſtarr und wirklich bleicher in Ungeduld und Erwartung. Da ſprang der Junker entſchloſſen empor, riß ein Seitenpförtlein auf, und auf ſeinen Ruf traten zwei weibliche Geſtalten furchtſam und mit geſenkten Blicken in den Ritterſaal. Ein jäher Schreck durchfuhr des alten Heinrichs Glieder, ſeine Hände erhoben ſich abwehrend, als er die beiden Geſtalten in die tiefſte Trauer gehüllt erblickte, und als ſie jetzt langſam näher kamen, als ſie die Knie beugten, die thränenſchweren Augen zu ihm erhoben, und wie die Bilder einer Maria mit dem Schwerte in der Bruſt un einer jammernden Magdala vor ihm da lagen, fühlte ſich der rauhe Held übermannt vom Bewußtſein der alten Schuld, und wäre geflohen aus dem Saale, hät⸗ ten Eitels ihn umfangende Arme ſeine Flucht nicht ver⸗ hindert.— 93 Sie find es? fragte er kaum hörbar, ohne das Auge von ihnen wenden zu können.— Rechnet uns nicht zu die Schuld des Vaters! ſagte Frau Juſta mit der leiſen Stimme und der Ergebung einer gebrochenen Dulderin. Gewährt der Wittwe und Waiſe Schutz, und ſchirmt ihre Habe. Die verwürfelte Braut hat keine Chre mehr in der Stadt, ſeit ſie ver⸗ laſſen wurde, und ſeit der Barner fiel für Braunſchweig wirft jede Partei auf ihn die Schuld der Rebellion, und zählt die Sünde auch der Wittwe zu.— Stille! Stille! edle Frau von Steinbrück! fiel der Herzog mit wilderregter Gemüthsbewegung ein. Nichts davon, auch mir ſind einige falſche Poſten angezeichnet, die Rechnung möchte mir kein gewinnend Facit bringen. Möge der Himmel allen Sündern vergeben!— Eva heißt die Magd? der Name klingt mir gar wohl, und ihr Angeſicht paßt dazu und iſt ſchön und fromm. Nun, Burſche, Du haſt ja keine Ader des Stolzes und wirfſt mit Kronen und Ländern ſplendid um Dich, als wären ſie Marzipan und Zuckernaſchwerk. Im Reiche der Liebe war Deine Heimath; laß Dir denn die Krone der Liebe aufſetzen von Deiner kleinen Königin, und der Himmel beſcheide Dir mit Deiner Eva ein feſteres Glück, als er einem gewiſſen Andern gewährte.— Krampſficht umhalste der Junker den Vater und um⸗ klammerte ſeine Bruſt im höchſten Entzücken dermaßen, daß der Alte mit erkünſteltem Zorn rief: Willſt Du ein Vatermörder werden und den alten Heinrich er⸗ droſſeln in einer Zeit, da er wieder ſich zu freuen an⸗ fing, und hoffte mit euch noch ein Stückchen in der Welt mitzumachen?— Hilf den Damen vom Eſtrich auf, ungezogener Bub und führe ſie hinein zur Prinzeß Hedwig! ſetzte er vefehlend hinzu, machte ſich mit Ge⸗ walt los von Eitels Armen, und leitete ihn mit Haſt in die Arme der jungfräulich erröthenden Eva, deren Lilien⸗ wangen ſchöne Roſen wurden, und die Verwirrung, Freude und Weh zugleich in allen lieblichen Zügen des feinen Antlitzes zeigte, als ſie die Reden des alten, ge⸗ fürchteten Fürſten vernahm, und ihn ſo gütig vor ſich ſtehen ſah.— Fort und hinein zur Prinzeß! drängte der Alte. In jenem Zimmer waltete ſchon einmal eine Eva! Gott gebe ihr Seligkeit und gönne ihr den Segensblick herab auf uns! Fort! Ich komme bald nach! Bin ich doch wie⸗ ver Vater und Großvater geworden und Friede um mich und hier— er ſchlug heftig gegen ſeine ſtarke Bruſt— iſt wieder gewonnen.— So machte er ſich los, und ſchritt eiligſt fort; doch mitten im weiten Saale blieb er plötzlich ſtehen, drehte ſich wieder zu den Zurückgebliebenen, die, in einer Gruppe von unerwartet ſchnellgewonnenem Glücke erſchüttert, mit verſchlungenen Händen lautſchluchzend daſtanden, hob Au⸗ gen und Hände zu dem hohen Bogenfenſter auf, durch welches die Sonne zwiſchen dem verſtörten Schneegewölk freundlich hineinblickte, und ſprach andächtig: In Gottes Gewalt hatt' ich's geſtallt, Der hat's gefügt, das mir genügt.— II. Blöde Ciebe und kecke renndſchaft. Eine Novelle. In jenen bewegten, merkwürdigen Tagen, die eine der wichtigſten Perioden der Geſchichte des mächtigen Englands bilden, wo mit Zuſtimmung des größten Theils der freien Nation und auf den Wunſch der Mehrzahl ihrer Peers eine fremde Kriegsflotte die jungfräulichen Ufer Albions berührte, und ein fremdes Heer einen frem⸗ den Fürſten auf engliſchem Boden einführte, welcher kam, um dem Vater ſeiner Gemahlin die mißbrauchte Krone zu nehmen, in jenen bewegten Tagen des kurzen und nicht gar blutigen Krieges zwiſchen Jakob dem Zweiten und Wilhelm von Oranien ſtand ein junger Mann in ſchlichter, doch feiner Tracht vor dem Alderman Thomas Baxter, einem der angeſehenſten Bürger der Stadt Sa⸗ lisbury. Der ſtattlichen, würdevollen Geſtalt des ſangui⸗ niſchen, glutſprühenden Stadtverweſers gegenüber erſchien der junge Mann wie ein ſchüchterner Klient, wie ein am Erfolge voraus verzagender Bittſteller. Sein ſchlanker Wuchs ward nanſehnlich durch die demüthige Beugung des Nackens; die bebende Stimme, das bleiche Angeſicht, der Schweiß am Rande des blonden Lockenhaares gab ihm den Anflug der größten Unbedeutendheit, da ſein ge⸗ ſenktes Auge nicht ſah, welchen angenehmen Eindruck ſeine ſtotternd vorgetragene Rede auf den Hörer ihm Blumenhagen. IX. 7 98 gegenüber gemacht. Deſto auffallender wurde der Ueber⸗ gang, deſto edler erhob ſich ſeine Geſtalt, deſto heller leuchtete ſein klares Auge, als jetzt durch die Antwort des Herrn Thomas dieſer Eindruck ſich ihm entſchleierte. Der Alderman faßte ſeine Hand und ſchüttelte ſie derb und traulich. Willkommene Ehre, die Ihr meinem Hauſe erzeigt, Herr Richard! ſtürmte er heraus aus der vollen Bruſt. Oder, verzeihet, vielmehr Sir Richard, denn log das Gerücht nicht, ſo habt Ihr das ſeltene Glück gehabt, in dem halben Jahre, welches Ihr in London zubrachtet, zwei Brüder und den Viscount, Euren Vater, zu begra⸗ ben, und ſeid jetzt im vollen Beſitze Eurer väterlichen und mütterlichen Güter in Eſſex und Bedfordſhire, wozu ich herzlich und ſchuldigſt dem einſtigen, lieben Haus⸗ freunde Glück wünſche.— Ein hartes, ſeltenes unglück— ſtammelte bewegt der junge Mann.— Selten aber nicht hart, Sir! fiel ihm der Alderman ins Wort. Alles drängt ſich und verdrängt ſich in dieſer gebrechlichen Welt. Der Eine muß gehen, um dem An⸗ dern Platz zu machen; wer an der großen Tafel geſeſſen und ſein Vergnügen vollauf genoſſen, muß den Stuhl räumen, damit der Zweite auch ſein Theil bekomme; der Tod iſt eine Nothwendigkeit, die ihr Gutes hat, er äſt der Conſtabel des Himmels, die bewaffnete Hand der ewigen Gerechtigkeit, denn ohne ihn würde es traurig auslehen um die Nachkommenſchaft, die überall beſetzte Wohnungen und abgeerntete Aecker finden müßte. Ihr ſeid ein Philoſoph, mein lieber Freund, denn Ihr hieltet immer Eure Zunge ſtreng im Zaume, ließet ſie nie un⸗ beſonnen als Wettrenner los, dachtet immer mehr als — 99 Ihr ſprachet, und werdet deßhald den guten Troſt im Geſagten Euch ſelber längſt gepredigt haben. Dazu habet* Ihr als ein wackerer und wohlbelobter Rechtsgelehrter Gelegenheit genug gehabt, zu erkennen, daß das Mein und Dein die größten Hebel in der Weltmaſchine find, daß das Haben weit anmuthiger iſt als das Hoffen, der Beſitz viel wohlthuender als das Erwerben, und werdet darum die trüben Trauerzüge Eures Geſichts bald durch die jugendliche Freundlichkeit zu verwiſchen trachten, die vordem, vielleicht weil ſie mit etwas zuviel Jungfräulich⸗ keit gepaart, Euch die Mädchen ſo gewogen gemacht, denn die Eitelkeit des Weibervolkes findet das am liebenswür⸗ digſten, was ſeinen eigenen Schwächen ähnelt. Und gleich ans Werk, mein wackerer Sir; werfet die Begräbniß⸗ miene mit dem Trauerflore fort, damit die Braut kein Aergerniß daran nehme.— Braut? Alſo darf ich hoffen—? ſtammelte hochauf⸗ glühend der junge Mann.— Nicht hoffen, ſondern wiſſen und empfangen, fuhr der Alderman fort, heftiger die Hand des Werbers ſchüttelnd. Daß Ihr bei der Veränderung Eurer Lebenslage mein Haus, meine Tochter, den Mann, der Euch Euren erſten Rechtshandel anvertrauete, nicht vergaßet, verdient Dank und Lohn. Ich achtete Eure Kenntniſſe, die mir ſchnell Recht verſchafften, wo ein Dutzend weiſer Perükenköpfe nicht mir, ſondern nur dem Papiermüller gedient hatten; aber ich ärgerte mich zugleich, daß Ihr Euren hellen Geiſt in Windeln ſchnürtet wie eine Affenmutter den Säugling, daß Eure Blödigkeit einen wahren Wintermantel über Eure Männlichkeit warf, und daß die Burſchen, die nicht wür⸗ dig, Eure Schuhriemen zu küſſen, Euch über die Achſel anſahen, als trüget Ihr nur Knabenflaum am Kinne. — 100 Meint Ihr, das Vaterauge ſähe nicht ſcharf, wenn es zwei aufgeblühte Jungfrauen zu hüten hat, und der Witt⸗ wer dazu die Hülfe der erfahrenen Matrone entbehren muß? Daß Euer ſchüchternes Taubenauge mit Wohlge⸗ fallen meine Küchlein betrachtete, ward mir klar, nur zweifelte ich bei Euch am Muthe, jemalen Euren ritter⸗ lichen Wunſch auf den Sattel des Wortes zu ſetzen, und mit Euren Nebenbuhlern in die Turnierſchranke zu traben.— Nebenbuhler? fragte erſchrocken der ehrerbietige Zu⸗ hörer— Haltet Ihr die Eſquires und die ganze Gentry von Salisbury, von Wiltſhire für blindgeboren? lachte Herr Thomas laut auf. Nun, fürchtet nichts; das große Ding, Geld, Gut, Beſitz, hat dem Sir Richard Collet noch zur rechten Zeit den Zungenkrampf gelöſet, oder that es die eiferſüchtige Sorge, dieſe räuberiſchen Nie⸗ derländer, die Verdamm's Gott! die ſich bei uns einge⸗ niſtet, und ſeit einigen Wochen ſogar auch unſere gute Stadt mit ihren dicken Sohlen beſchmutzen, dieſe gierigen Krämer und übelduftenden diebiſchen Fiſchhändler möch⸗ ten Euch den Schatz wegkapern?— Jedenfalls aber ſeid Ihr mir als Schwiegerſohn anſtändig und gar lieb, und ſollet einen nachgiebigen Brautvater an mir finden, der Eurer Sehnſucht nicht nach alter Muhmen Art Jakobs Dienſtjahre zumuthet. Nein, ſchienet Ihr die Weile bislang zu lieben, ich liebe die Eile. Die Zeit iſt ſchwer, drängend; man muß ihren Geſetzen fol⸗ gen; wiſſen wir doch nicht, was morgen trennen und hindern kann. Darum Verlobung, Hochzeit ſo ſchnell Ghr wünſchen möget, damit dieſe verhaßten Guckuks⸗ vögel ſchauen, daß der freie Engländer furchtlos ſeine Freudenfeſte feiert trotz der feiſtwanſtigen Schmarotzer, 101 welche der verrätheriſche Abſalon, für den auch noch ein Eichbaum in Altengland gewachſen, uns in die reinen Neſter geſetzt. Nur einen Augenblick Geduld, Sir! Ich bringe die frohe Botſchaft der Braut und hole ſie ſelbſt, damit ihr Jawort die letzte Schüchternheit von Euch nehme.— Der junge Rechtsmann griff ſchnell in ſeinen Bruſt⸗ wamms und brachte ein rothes Sammetkäſtlein aus ſeinem Verſteck hervor. Darf ich dieſe kleine Gabe der Hochachtung—? ſtotterte er erröthend, wie ein am Putz⸗ tiſche überraſchtes Mädchen. Wollet Ihr Namens mei⸗ ner— 2— Es beweiſe, daß ich auch fern gedachte—— Aha! Ihr ſeid ein feiner Mädchenkenner, lächelte der Alderman. Doch bedurfte es bei Eurem Antrage der Beſtechung nicht. Vertrauet mir's. Sicherlich ein Hochzeitsſchmuck aus den reichen Läden der Königsſtadt. Aus des Vaters Hand wird ſo etwas mit weniger Zie⸗ rerei genommen, und der Dank bleibt Euch trotz dem gleich zärtlich.— Er ging, doch in der Thür kehrte er ſich und kam nochmals zu Herrn Richard zurück. Wie ſteht's in London? fragte er ernſter, doch mit gewohnter Haſt. Was macht die Majeſtät? Iſt die neue Rüſtung marſchfertig? Strömen die Tapfern her⸗ bei aus Bork und Lancaſter, und eilen die ſtarken Wal⸗ liſer in Legionen heran, den Schimpf zu rächen, den man Altengland angethan? Habt Ihr die edeln Lords geſprochen, Ihre Herrlichkeiten, den tapfern Feversham, den weiſen Arlington und die hohen ſchottiſchen Lairds von Kilmornock und Kerſebay. Ihr müſſet dieſe Herren geſprochen haben, denn Ihr ſeid reich geworden; Geld iſt die Saat, aus der Soldaten wachſen, und nur ſolcher Ernte bedarf der verrathene König und das zerfleiſchte 2— ———— —— —— 102 Vaterland. Ihr werdet dem Hofe Eures Reichthums Ueberfluß angeboten haben; Ihr habt wohl gar gewor⸗ ben auf Euren Landſitzen für ihn? Ja, ja, ſolche ver⸗ ſchloſſene Gemüther wie das Eure haben viel Tiefe, läuten nicht vor ihren Thaten her. Ich ſchaue meinen wackern Sohn an der Spitze der Retter Altenglands ſehe ihn hoch im Rathe des Königs ſitzen; denn wer opfert, wird auch Lohn empfangen.— Richard ſtand verlegener bei jedem Worte des ſtür⸗ menden Alten da und rieb die feinen Hände. Ihr irret, werther Herr, antwortete er halblaut, von dem Allen ſah mein Auge nichts, und kam nichts in meinen Sinn. Zu London ſah ich nur den ehrwürdigen Doktor Bur⸗ nett und den Lord Dumblaine, die ſehr erbittert von dem Könige Jakob ſprachen, weil er die Teſtakte und das Strafgeſetz aufgehoben, wozu ihm das Recht man⸗ gelte, und weil er dadurch die ſchwer gewonnene Reli⸗ gionsfreiheit neuerdings aufs Spiel geſetzt. Die edlen Herren ſagten laut, des Königs Sache ſei eine causa desperata und durch kein Rechtsmittel zu retten, wie ich ſelbſt auf der Reiſe hieher auch zu erkennen ver⸗ meinte, denn alle königlichen Truppen zogen rückwärts nach Reading zu, Ausreißer ſtreiften überall im Felde, und ganze Trupps legten die Farben Oraniens an und marſchirten zu den Fremden hinüber.— Ihr hattet blöde Augen, Sir Richard! rief der Al⸗ derman mit Bitterkeit. Lord Churchill, der tapfere Generallieutenant, Jakobs Liebling, iſt noch in der Ge⸗ gend, ich ſah ſeine Livree noch heute in der Stadt. Der kluge Kriegsmann würde nicht in der Nähe des Feindes weilen, ohne eine Armee hinter ſich zu haben. Vielleicht war's eine Kriegsliſt, die Euch täuſchte. Aber was 103 ereifern wir uns in dieſer fröhlichen Stunde. Seid nur erſt mein Tochtermann, und ich werde Euch ſchon den Weg zeigen, der Euch geziemt und Euch zu Ehren bringt. Sprecher im Hauſe der Gemeinen könnet Ihr wohl nicht werden, aber es gibt höhere Würden, zu denen Treue, Kenntniſſe und Reichthum den Weg bahnen. Morgen ſoll das Haus des Thomas Baxter glänzen wie die Säle von Whitehall. Der edle Sir John Scattergood, wenn Ihr's noch nicht wiſſet, warb um meine Mary; ich hole jetzt Charlott, und ſegne doppelt als ein zwie⸗ fach entzückter Vater.— Dem jungen Mann fuhr's wie ein Wetterſchlag durch alle Glieder. Bleibet, Herr Thomas! So höret doch, Herr Thomas! ſchrie er mit heiſcherer Stimme, welche die Angſt dämpfte; doch der glückliche Alderman war längſt hinter der Thür verſchwunden, und er ſah ſich allein. Mit todesbleichem Geſicht rannte er auf dem Getäfel hin und her; ſein Athem flog, Schweiß ſtand auf ſeiner Stirn; er ſtieß ein Fenſter auf und ließ die kalte Decemberluft zu ſich einſtrömen; doch als jetzt hinter ihm das Geräuſch der geöffneten Thür erklang, wandte er ſich erſchrocken, und ſtand gebückt und wie zernichtet vor dem Vater und der mit einem Triumph⸗ geſicht ihn begrüßenden Tochter. Miß Charlott gehörte zu den Schönheiten in der Provinz, doch trugen ihre geregelten Züge, ihr hoher Wuchs etwas Herriſches in ſich, das ihr Angenehmes verdunkelte, und in ihren Bewegungen ſchien eine Keck⸗ heit durch, welche der Engländer an ſeinen Huldinnen nicht beſonders gern zu ſehen pflegt. Du zweifelteſt, Du ungläubige Thörin, an der Mög⸗ lichteit des Vorgefallenen, ſpöttelte der Alderman. 104 Sieh hin, Dein Anbeter bedurfte der froſtigen Erquickung der Winterluft, damit er nicht gleich einem Feuerkönig vor Dir ſtände und die Braut in der erſten Umarmung wie der Jupiter die Semele verſengte. Ihr habt mich ſehr überraſcht, Sir, ſagte die Miß, indem ſie dem gewohnten Uebermuthe im Tone ihrer hellen Stimme eine Sordine aufzuſetzen verſuchte. Ihr ſeid ein achtungswerther Herr, ein Muſter der Sitte und Beſcheidenheit, und ſelbſt die Töchter des Mayors von Salisbury würden ſich durch Eure Wahl geehrt fühlen, wären ſie auch den väterlichen Wünſchen weniger gehor⸗ ſame Töchter als wir.— Schnickſchnack! rief ungeduldig Herr Thomas, faßte beide Hände der jungen Leute und drückte ſie ineinander. Ihr kennet euch ja nicht von heute her, und Sir Richard hat manchen Pudding von Deiner Hand gekoſtet und das Roſtbeef Deiner Küche mit Appetit verzehren helfen. Sir, Ihr bekommt eine brave Hausverweſerin, die fünf Jahre mit Würde und Ehre in dem Hauſe der Baxter's das Regiment führte, keine Maus noch Spinne litt, und welcher der maſſiveſte Arbeiter unſerer Fabrik re⸗ ſpektvoll aus dem Wege tritt. Ja, Ihr ſollt Euch den ſchönſten Degen aus unſerer Stahlfabrik auswählen dürfen, damit Euch Eure Künftige an Männlichkeit im Hochzeitszuge nicht überbietet, und nehmt Ihr guten Rath an, ſo werfet jetzt die Blödigkeit ab, da Ihr am Ziele ſteht. Der fremde Uſurpator ſoll auch ſteif und wortkarg ſein wie Ihr, und ich möchte an meinem Sohne nicht eine Aehnlichkeit mit dem Verhaßten mißfällig zu finden haben.— Herr Richard hatte zu mehren Malen die Hand der Miß an ſeinen Mund gedrückt, immer heftiger zuletzt 105 gegen Kinn und Raſenſpitze, denn der Arme ſuchte um⸗ ſonſt nach Worten. Verzeihet, hochherzige Dame,— der Name— der Tauſch— meine Achtung— höchſte, unbegrenzte Ehrerbietung— die Eile des Herrn Tho⸗ mas— die Kürze der Zeit!— ſo ſtammelte er ſinn⸗ verwirrt ohne ſeinen Kopf zu heben. Der Alderman lachte ſchallend auf. Nun, mein Mäuschen, rief er, einen größern Triumph als Du hat die Königin Eliſabeth niemalen gefeiert, denn der An⸗ blick Deiner Reize hat auf Deinen Werber gleich einem weſtindiſchen Sonnenſtich gewirkt.— Herr Richard faßte wie erſchrocken wirklich bei dieſem Ausſpruche mit beiden Händen nach Stirn und Hinterhaupt. Wenn ich den Herrn recht verſtehe, fiel etwas gezogen und ſpöttelnd die Dame ein, ſo wünſcht Sir Richard Aufſchub der Verlobung, und ſein Wunſch würde ganz dem meinen entſprechen.— Mir Recht, antwortete der Vater, wenn nur der Seattergood ein ebenſo großer Liebhaber von Umſchweifen iſt wie Ihr närriſchen Brautleute. Alſo eine Woche Friſt; aber heute Abends Familientafel, Erklärung in Pleno; bei dem ſechſten Glaſe meines Oporto wird unſer junger Freund ſein Herz ſchon vom Stapel laufen laſſen.— Abends! ſtotterte haſtig Richard. Wenn uns der Himmel bis dahin geſund erhält. Wie ein träumender faßte er nochmals die Hand des Mädchens, zugleich die des Vaters, drückte beide wie im Krampfe und mit der Derbheit eines Bootsmannes und ſtolperte zum Zimmer hinaus.— Das iſt mir ein ſeltſamer Bräutigam, ſprach Char⸗ lott ſinnend und kopfſchüttelnd, als der Werber ver⸗ ſchwunden war.— — 3 106 Es wird nicht der Letzte ſein, dem die Liebe das Hirn zerſchüttelte, entgegnete Herr Thomas. Du wirſt ihm ſchon das blonde Köpfchen zurecht ſetzen, und aus dem blöden Schäfer einen achtbaren Hausherrn formiren. Ihr Weiver thut ja dergleichen gar zu gern. Dazu iſt er hübſch, manierlich, und wiegt ſo ſchwer wie alle Burſchen in Salisbury zuſammt.— k Manierlich? Etwas unmanierlicher könnte angenehmer laſſen. Doch hängen die ſüßen, edeln Trauben zu hoch, muß man ſich ſchon mit der Erdbeere am Boden be⸗ gnügen.— Du zieleſt auf den Sir Arthur, den Grafen von Clackmann an! fuhr der Alte gegen die Kopfhängerin hinein. Poſſen, Narrentand, den die Tochter, der ich ihrer Klugheit wegen der Mutter Platz übergab, nicht in der Seele dulden ſollte. Solche Hofherren naſchen gern am Süßen; zum Ernſte wären drei Monate lang, die er uns die Ehre erzeigte, an unſerm Tiſche ſeinen guten ſchottiſchen Appetit zu ſtillen, genug geweſen. Ueberlaß das Winſeln und Träumen der blaſſen Mary. Da ſchau Dein Brautpräſent an; eine Herzogin könnte damit nach Whitehall fahren; ſogar der Ring mit dem Namenszuge iſt zwiſchen den rothen und grünen Steinen nicht vergeſſen. Spricht Dein Richard nicht gar viel und etwas verworren zu Zeiten, ſo ſind ſeine Gedanken doch ſo wohlgeordnet wie ſeine Bibliothek. Fort zur Schweſter, und prunke vor den Baſen mit Deinem Schmuck. Ich muß zu den Freunden, den Vaterlands⸗ freunden, muß den neuen Beiſtand verkünden. Collets Geld, Collets Einfluß ſoll unſerer Sache neuen Glanz bringen, und der ſtolze Mayor, der's nur zu deutlich 107 mit dem Oranien hält, wird ſpringen, ehe die Woche zu Ende und einem Beſſern ſeinen Platz räumen. Es dämmerte bereits und die feucht⸗kalten Nebel, welche die winterliche Jahreszeit in England begleiten, ſenkten ſich über die Felder. In dem Winkel, wo die drei Flüſſe Avon, Nadder und Bourne zuſammenſtrömen, ſtand ein einſamer Mann und ſtarrte mit verſchränkten Armen in das Gebraus der Gewäſſer. Ein Zweiter, der dicht in ſeinen weißen Mantel gewickelt raſchen Schrittes auf der nahen Straße ging, verweilte ſtutzig, ſchritt dann raſch heran und legte leicht ſeine Hand auf die Schulter des Erſtern. Herr, ſagte er zugleich milde, weil er nicht erſchrecken wollte, es iſt keine Jahreszeit zum Baden, die Flut iſt unfreundlich kalt, und im trü⸗ ben Abendlichte könnte Euer Sprung ſogar das Waſſer verfehlen.— Der Erſte drehete ſich ſchnell herum. Welche Stimme? rief er. Jac? Beim Himmel, Jac Wael! O Dich führt Gottes Hand zu mir, zu mir, dem Unglücklichſten aller Menſchen!— Alſo doch? fragte der Andere ernſter. Der ſinnige, fromme Richard wollte den Salto Mortale machen ohne Teſtament? Verdammtes Klima das! Der Spleen, die Erbkrankheit, dünſtet aus Sümpfen und Flüſſen; ich habe ſelber ſo etwas verſpürt, ſeit ich die Kreideufer betrat.— Richard ſah ſich verwundert rundum; Spleen, ſagte er halblaut, Salto Mortale! Wo bin ich denn? Wahr⸗ lich, ich weiß es nicht, wie ich daher gekommen.— Siehſt Du! Fieber, mildes Delirium, verlorenes —— . — 108 Gedächtniß! Erſte Symptome der Wirkung des engliſchen Nixengiftes! Komm, Freund; ich ritt eine Stunde Weges, der ſchlechte Gaul vertrat ſich auf der ausgefahrenen Straße den Fuß, und ich mußte ihn ſtehen laſſen, und die letzte Viertelſtunde einen abgeſeſſenen Dragoner ſpielen gleich den Garden Eures Exkönigs. Komm, meine durchfrorenen Gliedmaßen fordern ungeſtüm Wärme und Reizmittel. Dort am Thor ſteht ein treffliches Gaſt⸗ haus; beim flackernden Kaminfeuer, hinter der Porter⸗ flaſche läßt ſich trefflich vom Unglück plaudern, und man ſpült es kehlabwärts, ehe man's gemerkt.— Richard hatte ſich mit Zärtlichkeit und einem bangen Mädchen gleich an des anſehnlichen Mannes Arm gehängt, und wollte im Fortſchreiten ſeine Klagen beginnen; doch der Freund ſchnitt ihm ſogleich das Wort ab.— Hier keine Silbe von Deinem grauſen Schickſal, Du Unglückſeligſter aller Adamsſöhne, ſprach er befehlend. Ich kenne Dich, Du biſt ein Geiſterſeher, und ſolch ein Nebelabend möchte mir die von Dir herauf citirten Geiſter zu grauenvoll und ungeheuer reflektiren. Laſſen wir das, bis wir im Licht ſitzen und Geſellſchaft für den Nothfall nicht fern iſt. Du biſt unglücklich; das iſt mir lieb, denn ich kann Dir dann wieder dankbar ſein wie auf der Pariſer Hochſchule, wo Du oft von Deinem mütterlichen Erbe vorſchoſſeſt, obgleich Du ſelbſt nicht weit damit reichteſt, wenn mein ſaumſeliger Vor⸗ mund vergaß, daß in meinem Beutel Ebbe ſein mußte. Weißt Du noch, wie der leichtfüßige Franzmann Dich inſultirt hatte, und wie Du nicht wußteſt, auf welche Art Du ihn zur Satisfaktion bringen ſollteſt; ich lieh Dir Degen und Wort, und der brüllende Roland ver⸗ wandelte ſich in einen abbittenden Pudelhund. Dann 109 die runde Schenkwirthin mit dem kleinen Schwarzbarte, die Dich heirathen wollte, weil Du ſie einmal: liebe Madame! genannt; ich machte ſie Dir untreu, und annullirte das vermeinte Eheverſprechen. Und gar der grimmige Ritter im Spielhauſe, der hundert Livres von Dir ertrotzen wollte, weil Du zuſchauend, in Ge⸗ danken vertieft, in einige ſeiner alten Karten Eſelsohren gedrückt.— Du bluteteſt für mich, Jae; Du ſchirmteſt mich im Leben und lehrteſt mich leben, die ſchwere Kunſt; ich werde Dir das nie vergeſſen, verſetzte Richard mit In⸗ nigkeit. Aber dieſes Mal kannſt Du nicht helfen.— Still, davon hernach! herrſchte der Freund ihm aber⸗ mals zu. Höre erſt reſpektvoll, was Dir von mir zu wiſſen Noth, und was Dir, der die Worte von je ſo rar hielt, viele Fragen erſpart. Wie ich von Brüſſel aus der reinen, ſchönen Luft der Heimath in Euer Dunſt⸗ land kam, möchteſt Du ſicher zuerſt wiſſen. Ich ſprach zu Paris Dir von goldenen Schlöſſern, von Paradieſes⸗ Hoffnungen. Alles das knatterte auf wie König Ludwigs Feuerwerke im Hofwinde von Verſailles, und es blieb davon nichts als Aſche und einige verbrannte Papier⸗ ſchnitzel. Mein Vormund und Ohm verwandelte ſich in meinen Vater, aber in einen lichtſcheuen; meine ehrliche Geburt in einen natürlichen, aber verpönten Makel; meine Geliebte, von der ich Dir Vieles perorirte, das liebe Kind mit den Mondſcheinsaugen, wurde meine Stiefſchweſter, die ich einem andern braven Burſchen überlaſſen mußte, und dazu wollte mich eine giftge⸗ ſchwollene Kröte, ein Bruder meiner armen, im Elend geſtorbenen Mutter, ein Schiffsknecht von Profeſſion, Wulf hieß der Haifiſch, zum Compagnon machen, und 110 mir das rächende Mordmeſſer gegen den Vater in die Hand zwingen. Sieh, das war ein Roman voll Jam⸗ mer und Thränen, an dem die ganze leſende Frauenwelt auf drei Jahre genug gehabt, um ihre Sacktücher einzu⸗ weichen, und die mich beſſer als Dich entſchuldigt haben dürfte, hätte ich am Rande dreier Flüſſe geſtanden, und gefragt, welcher der tiefſte.— Du ſcherzeſt nicht gut, Freund! flüſterte Richard.— Pure, nüchterne Wahrheit, mein Pilades, fuhr Jac fort, ſo wahr wie dieſe Nachtgegend nicht unähnlich meinem damaligen Zuſtande iſt. Aber ich ſchlug durch den Nebel, und alle die Geſpenſter wichen vor der kecken Mannesfauſt. Hatte mich die Natur verſtoßen in der Geburt, wollte ich auch bei der unzärtlichen nicht betteln gehen, wollte allein ſtehen, und ſagte Valet meiner ganzen Vergangenheit. Wer ein Mann iſt, ein rechter, dem gehört die Welt; und ich empfand ſo etwas Stolzes in mir. Wer ſein inneres Magazin wohl verſehen, der findet überall gute Käufer, und ich vertraute dem, was ich eingeſcheuert. Zu des Erbſtatthalters Flotte ging ich und nahm Dienſte auf ihr, mir eine neue Heimath zu gewinnen. Da lächelte mir noch ein milder, freundlicher Stern zum Abſchiede vom Boden, auf dem ich geboren. Die einſtige Geliebte, Renata hieß die Taube, hatte den Weg meiner Flucht erkundet, hatte dem Bruder meines Vaters einen Brief geſchickt, voll liebender Beſorgniß um mich. Der Mann war ein gewichtiger, es war der Rathspenſionär van Fagel, Oraniens Freund, und der Ehrenmann befand ſich eben bei dem Prinzen, Abſchied zu nehmen. Dem Zuſpruche des ehrwürdigen, alten Herrn konnte mein gedrücktes Herz nicht widerſtehen, und ich öffnete ihm voll Vertrauen die geheimſten Winkel 111 meiner Seele. Durch ihn erhielt ich als Geſchenk eines edlen Ohms, das ich nicht ausſchlagen konnte, was ich nothwendig zur Reiſe bedurfte; durch ihn bekam ich den Poſten eines Unterarztes auf der Betſey, dem Admiral⸗ ſchiffe; er befahl mir den Namen van Fagel zu führen, als mir gebührend; und ſein kräftiges, männliches Wort zerriß alle die Schleier, die mein freies Gemüth um⸗ nachtet hatten. Aber Du höreſt nicht, Richard?— Gewiß! Gewiß! ſtieß der junge Rechtsgelehrte her⸗ vor. Ich höre mit tauſend Ohren. O nur weiter, denn Du übſt Dein Amt; Deine Worte ſind Arznei, und ich fühle ſchon ihre Wirkung.— Wen das Leben belaſtet oder langweilt, wen die Er⸗ bärmlichkeit der Menſchen anekelt und die Kleinlichkeit der Adamsenkel mit Verachtung und ihre Bosheit mit Abſcheu füllte, wer ſich allein fühlt in der vollen Welt, wo das nutzloſe Unkraut die gute Frucht überwächst und erdrückt, den muß man hinausſchicken auf das Meer. Das Ungeheure quetſchet den Menſchen zuſammen, daß er ſich ſelbſt nur ein Zwerg bleibt, ein werthloſes Stäub⸗ chen im Unendlichen; die bleichende Gefahr, das Gefühl der Ohnmacht in Mitten der wolkenhohen, Vernichtung tragenden Wellengebirge, gefaßt, geworfen und zerſprengt von den Titanenarmen des Orkans weckt eine Reſigna⸗ tion, in der alle Anſprüche der eitlen Bruſt erlöſchen; und der tägliche Kampf gegen die unſichtbaren Gewal⸗ ten, denen man ſich wagig und übermüthig vertrauete, ſchafft ein Vergeſſen alles Kleinlichen, was in der Ver⸗ gangenheit uns wichtig erſchien, erſchafft nach dem ge⸗ wonnenen Siege über die Elemente ein ſtolzes Selbſt⸗ vertrauen, in welchem man geſundet, und wie ein Neuerſtandener ein zweites Leben muthig beginnt. So, — 3 112 mein Richard, erging's auch Deinem Freunde, als der Sturm aus Nordoſt uns erfaßte, und die mächtige Flotte, die in Norden landen wollte, wo Jakobs Trup⸗ pen ſie erwarteten, zum Glück Oraniens in den Kanal warf, aus dem wir bequem und ohne Widerſtand in Torbay landeten, und wo kampflos Reiter und Fußvolk eure Küſten beſtiegen. Was dem Erbſtatthalter unver⸗ muthet Glück gebracht, beſchien auch mich mit dem erſten Roſenſtrahle der Glücksſonne, denn bis da hatte König Wilhelm, verſchloſſen, wortkarg von Natur und durch die Sorge um ſeine große Unternehmung geſpannt, ſich wenig um den ihm empfohlenen Stiefſohn des Schickſals bekümmert. Während des Sturmes ward ſein Günſt⸗ ling Arthur Herbert, der Admiral, durch eine ſtürzende Segelſtange ſchwer am Arme und Kopfe verwundet, der Prinz ſelbſt quetſchte leicht die Hand bei einem Falle auf dem Deck der Betſey. Der Leibarzt befand ſich beim Erwachen des Orkans auf einem andern Schiffe, das von uns getrennt worden. In der Noth wagte man, ſein Vertrauen dem jungen, unerfahrenen Arzte zu ſchen⸗ ken, und da er ſeine Sachen gut gemacht, ward er plötzlich zur wichtigen Perſon und durfte ſich lagern in die Sonne der fürſtlichen Gunſt, in der er ſich wohl befindet, und mit Gott ſich in dieſem neuen Vaterlande immer bequemer zu betten gedenkt. Sieh, Freund, alſo ſind die Räthſellaunen des Schickſals, in denen es ſeine Sklaven, uns meine ich, zu einem rauhen Negertanze durcheinander peitſcht. Was dem Einen Weh bringt, ſchenkt dem Andern Wonne. Wie eine Welle die andere zerdrückt, überrauſcht und von der dritten wiederum zer⸗ ſchlagen wird, ſo tanzt das Menſchenvolk übereinander hin, und Einer bauet auf des Andern Ruinen ſeine 113 Schlöſſer. Hätte euer Jakob nicht in einem leberſüchti⸗ gen Paroxismus eure Freiheiten und Inſtitutionen an⸗ getaſtet, ſo würde nie Prinz Wilhelm nach der ſchönſten Krone die Hand ausgeſtreckt haben, und Jac Wael hätte dann ebenfalls nur die geſchundenen Arme roher Boots⸗ knechte und die Wechſelfieber zerlumpter Fiſcherweiber kurirt, ſtatt daß er jetzt ſich Wundarzt des Königs nen⸗ nen darf, und durch das Seewaſſer erfriſcht und neu getauft mit ſtiller Zärtlichkeit das Andenken der ſchwe⸗ ſterlichen Geliebten feiert, doch ſein Herz erwärmt fühlt durch die Freundſchaft einer junoniſchen Marquiſe, wie durch die ſanftere Zuneigung einer beſcheidenen Bürgerin, die ſeiner Renata Augen hat und noch mehres Andere von ihr, welches einem von Gram und Deſperation Geneſenen gefährlich werden könnte. Doch von dieſen Bagatellen ein anderes Mal; wir ſtehen an der hellen Pforte des trefflichſten Gaſthauſes; jetzt ſollſt Du am Kamin das Wort haben, indeß ich die trockene Kehle mit altengliſchem Nektar erquicke.— Der Saal im durſtigen Eisbär, denn dieſes grim⸗ mige Thier des Nordpols dräuete auf dem Schilde des Hauſes, war ſtark beſetzt; eine Kolonne ſtummer Bürger von Salisbury umlagerte den Kamin, ihre Fußſohlen gegen die knatternden Kienſcheite ſtreckend, und mit großen, hohlen Augen in die Kohlenglut glotzend; den übrigen Raum nahm niederländiſches Militär ein, leb⸗ haftes Volk, das vaterländiſche Schelmlieder ſang, und von den fetten Sabbathstagen ſprach, die Jeder nächſtens im reichen London erwartete. Alle grüßten reſpektvoll den Arzt, wie er durch ſie hinſchritt und das kleinere Nebenzimmer zu erreichen ſuchte. Nur ein einzelner Gaſt ſaß dort am Kamine bei einem Tiſchchen, auf dem Blumenhagen. 1X. 8 ———— 7 1 1 1 114 ein feines Vesperbrod prangte, und ſtocherte ohne Hun⸗ ger an dem duftenden Feldhühnchen herum, horchend auf ein in der Stellung der Unterthänigkeit vor ihm ſtehendes Männlein von kugelichter Geſtalt, das in rau⸗ hen, hohlen, unverſtändlichen Tönen perorirte.— So wie die Ankömmlinge eintraten und die Anweſenden ſie bemerkt, verßummte der Sprecher, drückte ſeine rauhe Kappe ſchnell auf's Haupt, und ging bis über die Zähne in ſeinen Regenmantel gehüllt mit einer Eile, die faſt wie Flucht ließ, zu einer Seitenthür in die Wirthsküche hinaus. Jac ſah ihm ſtutzend nach und ſagte wie zu ſich ſelbſt: Seltſam! die Stimme klang mir wie oft gehört!— Doch ohne ſich weiter dem Nachſinnen hin⸗ zugeben, grüßte er den Sitzenden leicht, und nahm ohne Umſtände Platz an dem Tiſchchen. Der Sitzende ſchoß ginen Blick voll nobeln Staunens auf den Verwegenen und erhob ſich ſogleich, wodurch ſeine lange, dürre Figur ſich entwickelte, die man von fern im Garten eines Bierbrauers für eine vergeſſene Hopfenſtange gehalten haben würde, da gegen die Mode der Zeit ein enger, geſparter Anzug nichts zu ihrer Verſchönerung gethan. Dem jungen Rechtsgelehrten entfuhr ein ſchwerer Seuf⸗ zer, als er den Mann erkannte, jener jedoch lüftete den Hut und ſprach trocken und ohne ſeine ſteife Haltung zu ändern: Wie geht's, Sir Richard?— Sehr wohl, Sir John.— Geſund zurückgekehrt, Sir?— Mit Gott, Sir John.— Bin erfreut! Werden uns heute ſehen beim Maſter Tom?— Will's Gott, Sir.— Verſäumt die Stunde nicht; Miß Charlott hält auf die Glocke.— Weiß, Sir John!— Guten Abend, Sir Richard.— Dorthin ſchritt der gedörrte Herr, hinaus zum Stübchen und ließ die Freunde allein.— 11⁵5 Laut auf lachte Jac und konnte kaum die Frage hervorſtoßen: Wer iſt der Stelzengänger, der geſchaffen ward, eine holländiſche Maſch, das Paradies der Störche, zu zieren?— Richard ließ ſeine bebenden Gliedmaßen auf einen Seſſel nieder und antwortete kleinlaut mit weinerlicher Kinderſtimme: Er iſt es ſelbſt! der glück⸗ ſelige Scattergood, der Engel mit dem Flammenſchwerte vor meinem Paradieſe.— Aha! entgegnete Jac, das Geſpenſt gehört alſo zu Deiner Unglückſeligkeit, Du Unglücklichſter? Nun, haben alle Deine Gegner ſolch hektiſchen Habitus und ſolch negativen Ueberfluß an Spirit, ſo ſoll mein Exorzismus ſchon anſchlagen. Doch ſofort jetzt zu Deiner Beichte.— Er commandirte mit einer Stentorſtimme den Hausburſchen heran, und als das nur halbverzehrte Gericht des entwichenen Baro⸗ netts einer ſchäumenden Flaſche Platz gemacht, lehnte er ſich bequem im Armſtuhle zurecht und horchte auf den Freund, dem der Anfang ſeines Berichts nicht eben mit der Leichtigkeit ſeiner Standeskollegen vom Stapel laufen wollte. Richard rückte traulicher zu ihm und legte ſeine feine bebende Hand auf Jac's Knie: Wirſt Du mich auch nicht verlachen, Freund? fragte er ſchmerzlich. Es würde mich verletzen, mir recht weh thun, und ich ſchwiege dann lieber.— Haſt Du den Jae ſchon lachen ſehen, wenn ihm ein Kranker die Wunde gezeigt? fragte der junge Arzt zu⸗ rück, indem er des Zagenden Hand drückte.— Doch mag ich Dir kaum meine Klage vorjammern, ſeitdem Du mir Deine Schickſale erzählt, fuhr jener fort, indem er die Augen am Boden haften ließ. Wie Dich das Weltmeer und ſeine Stürme heilten, ſo hat Deine Erzählung mein Unglück faſt zum Zwerge und S 116 ganz erblichen gemacht, denn weder mein Name, noch meine Ehre, noch meine Habe iſt dadurch gefährdet, und das Ganze beſteht darin, ich ſoll ein Frauenzimmer freien, das ſchön iſt und klug, ohne Makel iſt und von anſtändiger Familie, und um deren Beſitz zwei Drit⸗ theile der jungen Gentry dieſer Stadt mich beneiden würden.— t Richard! Deinen Puls her! Du haſt Fieber, mußt haben, wenn Du darum zwiſchen den drei Flüſſen nach dem tiefſten Bade ausſaheſt! rief der Arzt mit wirklichem Erſtaunen.— Höre nur; das Böſe kommt nach, bat der Erzähler. Bei meiner Ankunft im Vaterlande wählte ich dieſe Stadt zum Aufenthalte, weil meine Mutter hier geboren worden. Mein Beruf führte mich in das Haus eines ihrer angeſehenſten Bürger; ich ward wohl aufgenom⸗ men und dort gar bald heimiſch, denn die Tochter des Beſitzers, die jüngere, denn es blühten zwei Schweſtern dort, hatte einen ſchnellen, tiefen Eindruck auf mich gemacht. Mary war ſo taubenſanft, ſo engelgut, ſo ſtill und ſchüchtern, ein Veilchen im Graſe, ein liebes Mondlicht auf der einſamen Wieſe.— Ei, Doktor der ernſten Juſtitia, Du wirſt poetiſch, fiel Jaec ſpottend ein, aber die Liebe belebte ja Statuen; nur bleibt es räthſelhaft, wie zwei ſolch ſchweigſame Weſen zu dem ungeheuren Entſchluß einer Erklärung kamen. Und nicht wahr, Miß Mary liebte Dich?— Wie die Vernunft an Gott glaubt, glaubt mein Herz an ihre Liebe! antwortete Richard mit ungewohnter Feſtigkeit, doch ſetzte er ſogleich verſchämt hinzu: Aber erklärt haben wir uns nie darüber.— Aha, ich kann mir das Romänchen lebendig vormalen, 117 und Dir ſchamrothe Wangen erſparen, verſetzte Jac mit Laune. Sie ſaß in jenem Winkel, Du in dieſem, und viertelſtündlich hoben ſich vier ſcheue Augenlieder, ſchoſſen ihre Leuchtkugeln ab, und ſanken dann erſchrocken wieder zum Fußteppich. Abends ſpazierte ein leichtfüßiger Wanderer durch die Gaſſe, lauſchte auf den Schatten hinter der Gardine, floh bei jedem Fußtritte auf dem Pflaſter in das Düſter der Hauswände, und wenn die Gardine ſich hob und der Schatten hinter den Glasſchei⸗ ven ſich als Geſtalt präſentirte, ſprach der Wanderer ſo leiſe, daß er's ſelbſt kaum hörte, ſeine Apoſtrophe, und ging dann beſeligt zu ſeinem Bett und ſtürzte ſich in das Wellenbad der Träume ſo überſelig, als hätte die Sie ihm ein: Ich liebe Dich! geſchworen. Ging die Geſellſchaft im Garten ehrſam zwiſchen den Taxuswänden auf und nieder, wußte er ein Miniaturſträuschen in ihren Strohhut zu ſchmuggeln, und ſie erröthete wie die roſen⸗ fingerige Eos, wenn ſie aus dem Bett des öſtlichen Oceans ſteigt. Dreiſter reichte dann der Schäfer ſeiner Daphne bei der Mittagstafel, wo ſie ihm gegenüber ſaß, den feinen Porzellankorb mit duftendem Obſt gefüllt, und die Finger berührten ſich wie Lunte und Pulverpfanne, und Feuer ſchoß wundend hinüber und herüber, und nun ſei⸗ ner Sache gewiß, wie ſein Volk der Charta magna König Johanns, wagte der kühne Werber, indem er ſein Glas leerte, heimlich und bedeutſam ſeinen Blick auf ſie zu richten, und wußte dabei, daß ſie wußte, er trank auf Hoffnung und Treue bis in die graueſte Ewigkeit; und ſo fehlte dem feſtgeknüpften Herzensbunde nichts weiter als die Oeffentlichkeit und der Prieſterſegen, freilich ein halsbrechender Sprung annoch, bei dem es ohne einige Worte nicht abgehen kann.— ſ S 7 118 Jac, Du biſt ein Hexenmeiſter, denn alles geſchah ſo, wie Du es im Scherz hingemalt, ſtaunte Richard. Doch der Sprung geſchah auch, und koſtete mehr als den Hals.— Bei den elftauſend Jungfrauen, zu deren Regimente Du Armer Dich ſicherlich zählen darfſt, rief Jac, Du wagteſt wirklich den Sprung? Doch wie Du's gekonnt und wie er mißglückt, daran riethe ſich auch ein Sohn des Oedipus ſchachmatt. Ich war plötzlich reich geworden, und mußte nach London, einen Bruder und einen Vater zu beweinen und zu beerben. Reichthum gibt Kraft und Kühnheit; ich glaubte vorhin nicht daran, doch ich empfand es an mir ſelber. Wie flog ich zurück zu Mary's Vaterſtadt; mit welcher Sicherheit träumte ich auf der Reiſe von unſerer Zukunft! Ohne die Geliebte geſehen zu haben, trat ich zum Vater, warb um die Tochter, und der Vater ſagte zu und umarmte mich als ſeinen Sohn. Doch da ich in den höchſten aller Himmel ſchwebe, führte er mich in die Arme ſeiner älteren Tochter, gibt ihr mein Brautgeſchenk und verlobt mich mit der ungeliebten Charlott.— Charlott? fragte ſtutzig der Arzt. Aber wie war das möglich?— In der Verwirrung mußte ich wohl den Namen der Braut zu nennen vergeſſen haben, flüſterte ſchamroth der Advokat, und ſenkte die Augen.— Und Du thateſt doch ungeſäumt Einrede?— Wie konnte ich? Die Welt lag auf mir; ich hatte nicht Athem, nicht Stimme. Dazu hörte ich in demſelben Augenblicke, daß Mary, meine Mary Braut ſei, Braut des verhaßten Scattergood, den Du ſo eben zu den Stör⸗ chen rangirteſt.— 119 Und Du wirſt doch dieſe Miß Charlott nicht freien wollen, weil Du in Deinem Concept ein einziges Wort vergaßeſt?— Ich muß; es iſt ſchrecklich, aber ich muß, antwortete Richard mit Reſignation. Hat der Vater nicht meine Werbung? Hat das Mädchen nicht meinen Ring? Habe ich nicht ihre Hand geküßt und— geſchwiegen, weil die Hölle in mir mein ganzes Gehirn zur Kphle gebrannt? — Kann ich Schimpf werfen wollen auf ein Frauenzim⸗ mer, das mich nie beleidigt? Soll ich den Haß eines angeſehenen, jähzornigen Mannes auf mich locken?— Soll ich vor den Augen jedes wackern Engländers als ein Wortbrüchiger oder wenigſtens als ein Narr und Tollhauscandidat da ſtehen? O Jac, mir iſt nicht zu hel⸗ fen, und der grauſe Gedanke trieb mich verwirrt in die Nebelnacht, wo es draußen war wie in mir. Mein Schickſal muß ich tragen und werde es, denn es iſt Folge meiner Natur, die ich nicht umſchmelzen kann; aber wie wird Mary es aufnehmen, was wird ſie denken von mir? Denn wie mir die Charlott, iſt ihr dieſer Scattergood auf⸗ gezwungen; das weiß ich feſt, wie die zehn Gebote des Herrn, und ſie wird viel, viel unglücklicher ſein als ich, wird es ſein durch meine Schuld, und das iſt doch gar zu entſetzlich!— Armer, ehrlicher Junge, ſagte Jac mit Herzlichkeit und faßte beide Hände des wie vernichtet vor ihm Sitzen⸗ den. Du hatteſt Recht, Dein Unglück iſt größer als das meine war, denn ich hatte Kraft zur Wehr, Muth für die Laſt und mitten im ſchmetternden Wetterſchlage doch noch einen Reſt leichten Sinnes. Aber bei dem großen Aeskulap, ich kann Dich nicht ſterben laſſen an dieſem freſſenden Krebs. War mir Dein Leben ſchon 120 lieb und theuer geworden, ſeitdem ich Dein rein und kindlich Gemüth erkannt, ſo biſt Du mir ſeit dieſer Stunde doppelt hoch geſtiegen. Um Deiner Knaben⸗ weiche willen, um dieſer angeborenen Verzagtheit willen, um dieſer männlichen Jungfräulichkeit willen, die eine ſo ſeltene Blume iſt in der verwilderten Zeit, ſollte ein gan⸗ zes Daſein voll goldener Hoffnungen vergiftet werden? Wie auf einer Galeere ſollte mein Richard leben, bis er grau geworden, ein Knecht und Fröhner dieſes ſchönen, aber herriſchen, herzloſen Weibes? Nein, das leidet Jac Wael nicht und ſollte er Dich entführen oder Deine Braut, dieſe pfauenſchweifige Tochter des aufgeblaſenen Herrn Thomas.— Wie iſt mir denn, Du kennſt Miß Charlott, Du kennſt Herrn Baxter? ſtaunte der junge Advokat.— Seit einer Woche, ſeit Oraniens Fahnen auf dem Stadthauſe von Salisbury wehen, habe ich die Ehre, mein Quartier zu haben bei dem gewaltigen Alderman. Zwar hat er mich im höchſten Stock ſeiner Stahlfabrik einlogirt, und ſendet mir Speiſe und Trank auf mein Zim⸗ merlein, damit ſeine Familie durch die Gemeinſchaft mit dem ketzeriſchen Fremden nicht verunreinigt würde, aber trotz ihm bin ich ſo heimiſch im Baxterſchen Hauſe, wie in meines Ohm Hauſe zu Brüſſel. Die Mädchen bemühe⸗ ten ſich des Vaters Unhöflichkeit gut zu machen, und offen geſtanden, Deine Mary hat mir gar wohl gefallen, und Du furchtſamer Jäger ſtöreſt mich auf meinem An⸗ ſtande, und verdirbſt mein Revier.— So ſaheſt, ſprachſt Du ſie? fiel Richard ebhaſt ein. D wie that ſie? War ihr Auge hell oder trüb? Du haſt den Engel in ihr erkannt; nicht wahr, ſie iſt ein Weſen, um die man das Böſe der Erde vergißt?— 121 Ich habe erkannt, daß ihr zuſammengehört, wie Lamm und Kaninchen, wie Blume und Weſt. Es wäre ein Pasquill auf die Fingerzeige der Natur, wenn ihr nicht zuſammenkommen ſolltet, denn das Wunder eines ewigen Friedens würde ſich in eurer Ehe geſtalten, und der Glaube an das Paradies allen Läugnern und Zweif⸗ lern lebendig aufgedrängt werden. Darum wird es jedem Chriſtenmenſchen zur Pflicht, was an irdiſcher Kraft ihm zu Gebote ſteht, aufzubieten, um dieſen Frevel und Kirchenraub an der Natur zu hindern. Himmliſche und hölliſche Mächte müſſen heraufbeſchworen werden gegen dieſen Scattergvod und Compagnie. Gehe aber jetzt, Freund, und verfehle nicht die Zeit des Abendbrods. Nimm Dich zuſammen, ſcheue die Flaſche nicht, vielleicht weckt ſie in Dir den Muth eines Ritters der Tafelrunde, und Du wagſt es, den Alexanderknoten dieſes verwünſch⸗ ten Mißverſtändniſſes ohne weiteres zu zerhauen. Oder die kleine Mary hat, wenn ſie Dich liebt, ſchon vorgear⸗ beitet, und reicht Dir den Ariadne⸗Faden. Oder— ich werde mir ein Stück Roſtbraten beſtellen, und indeß Du dorten den Schächer am Kreuz repräſentirſt, für Dich alle andern nützlichen Oder aus dem Meere der Mög⸗ lichkeit zu fiſchen bemüht ſein.— Einem Sünder, der vor eine Jury treten ſoll, deren: Schuldig! er zu hören gewiß iſt, kann nicht ſchlimmer zu Muth ſein als mir, ſeufzte der Advokat, indem er den Mantel überhing und dem Freunde zum Valet die Hand reichte. Dein Bild begleitet mich! An Deinem Muthe werd' ich mich aufrichten wie der Epheu am Baume; ohne das würden meine Glieder einbrechen vor. der Pforte des lieben und ſchrecklichen Hauſes. Und was wirſt Du erſinnen in ſolch troſtloſem Falle?— 1 —— —— ——— ———— 122 Nimm Dich zuſammen, Doktor der Rechte, rief Jac den Zögernden fortſchiebend, es gilt eine Defenſion, be⸗ treff Galgen und Galeere. Leihe von den Doktoren der Sorbonne die jeſuitiſche Beredſamkeit und von meinem tapfern Prinzen die Luſt am Kanonendonner; Munition wirſt Du ſchon in den Sehnſuchtsblicken Deiner blau⸗ äugigen Helena finden. Einige Wochen vor dem unverhofften Wiederſehen der beiden Freunde, die wir eben belauſchten, ſah man auf der Straße, die von Exeeſter nach Salisbury führt, eine ſtattliche Heeresmacht. Der blinde Eigenſinn König Jakobs hatte auch unter den Truppen, die ihm bislang treu geweſen, Mißvergnügte geſchaffen; das Glück des Prinzen von Oranien bei dem erſten Aufeinanderſtoßen der Armeen, vermehrte den Unmuth; die Freunde des Prinzen im Lande, die ihn über das Meer geladen, be⸗ nutzten das Schwanken der Krieger, manche der Offiziere verließen Jakobs Fahnen, ſelbſt einige der erſten Führer verſtändigten ſich heimlich mit dem fremden Fürſten, welcher Aufrechterhaltung aller alten Inſtitutionen, die der Engländer als ſein Palladium anſieht, als ſeinen Augapfel hütet, verſprach; ſo mußte die desorganiſirte Armee, einem Schiffswrak im Sturme ähnlich, deſſen Fugen auseinander weichen, ihre gute Stellung verlaſ⸗ ſen, und der Reſt ſich gegen London zurückziehen. Doch rückte der vorſichtige Prinz, mißtrauiſch auf ein Volk, zu deſſen Charakterzügen ſtolzer Haß und eigenſüchtige Verachtung aller Fremdlinge und alles Fremdländiſchen gehörte, nur bedächtig ſeinem Ziele zu. Eine tüchtige Vorhut reinigte die Gegenden, ehe der Kern des Heeres 123 und der neue Herrſcher des Inſelreichs in ſeiner Mitte langſam nachrückte. Mit Bedacht hatte man den Marſch ſo geordnet, daß der Prinz und ſeine Garden gegen Abend erſt Salisbury erreichen ſollten; die Stadt hatte ſich ſehr warm für den alten König erklärt, und ein Ein⸗ zug feindlichen Kriegsvolks gewinnt immer an Schrecken, wenn die Schauer und Grauen der Nacht ſich mit ihm verbünden. Schon ſahen die Niederländer vor ſich die Lichter in den Häuſern von Salisbury ſchimmern und die kühne gothiſche Architektur des biſchöflichen Doms ſich immer deutlicher aus den Schleiern des Abends erheben, da ſprengte durch das Feld zur Seite ein Reiter von an⸗ ſehnlicher Geſtalt und auf einem trefflichen Pferde gerade in den geſchloſſenen Heereszug hinein, ſo daß ein Theil der Kolonne in Unordnung gerieth, da er ſein dampfen⸗ des Roß nicht ſogleich anzuhalten vermochte. Mehre Gardereiter hoben ſchon die Waffen, um unter derben holländiſchen Flüchen den unverſchämten Störer der mi⸗ litäriſchen Ordnung abzuſtrafen, doch der Fremde rief mit einer Stimme, die im kriegeriſchen Befehlswort geübt ſchien, und mit ihrer durchdringenden Stärke zu⸗ gleich den Ton der höchſten Angſt, des tiefſten Schmerzes verband, und ſeltſam ſcharf in jedes fremde Herz ſchnitt: Kameraden, wo iſt Euer Arzt?— Obgleich die fremden Soldaten ihn nicht deutlich verſtanden, hemmten ſie doch ihren Angriff, und Jac Wael, der in der Nähe ritt, trieb ſein Pferd heran und ſprach: Ich bin der Mann, den Ihr ſucht; doch was fordert Ihr, Sir?— Der Fremde faßte ſogleich nach Wael's Mantel. Herr, wenn Ihr Vater ſeid, oder wenn Ihr einen Vater habt, deſſen liebende Sorge um Euch Ihr dankbar erkanntet, ſo 1 ſ — —— 124 folget mir auf der Stelle, ohne Aufſchub, ehe ein ge⸗ liebtes Leben erliſcht.— Sir, ich bin nicht Herr meines Willens, entgegnete Wael, erſchüttert von dem kreiſchenden, herausgepreßten Angſtruf, zu dem es dem Fremden faſt an Athem zu mangeln ſchien. Erlaubt, mein Commandeur—— Der ſchmächtige Reiter, dem er zur Seite im Zuge geritten, unterbrach ihn. Die Stimme klingt mir nicht fremd, ſprach er. Churchill? Ihr? Mylord, was iſt Euch be⸗ gegnet, das den eiſernen, kalten Kriegsmann auf ſolche Weiſe zu beugen vermochte?— Fragt nicht, Hoheit, antwortete Jener drängend. Schenkt mir den Arzt, nur auf einige Stunden, nur nach Rumſay, mir, uns Allen zum Heil, wenn es nicht ſchon zu ſpät.— Reitet mit dem Lord, befahl der Prinz bewegt. Ich frage nichts weiter. Reitet mit Gott.— Der Fremde wandte ſogleich ſein Pferd auf den Feld⸗ weg, den er gekommen, und Wael ſpornte ſein Roß und trabte ihm mit losgelaſſenen Zügeln nach. Die Pferde ſchnoben im kalten Abendwinde, kaum konnte der junge Niederländer mit ſeinem geſchonten Thiere dem dampfenden Renner des Führers nachkommen, der nur dann und wann den Kopf zurückdrehete, um zu ſehen, ob der Begleiter auch getreu ihm folge. Nach einem ſtündigen Ritte, dem ſchärfſten, den der Doktor je ge⸗ macht, ſtieg im Nachtſchatten ein ſtattliches Landhaus vor ihnen auf. Das Thor ſtand offen, viele Menſchen liefen herbei, doch erſt an der Pforte des Gebäudes hemmte der Lord des Roſſes Flug und rief in die mit Lichtern erſcheinende Dienerſchaft: Wie iſt's?— Bleiche Geſichter ſtarrten zu ihm auf, ein Alter ſagte: Wie Ihr's 125 verließet! und mit einem Schrei ſprang der Hochgewach⸗ ſene vom Sattel, riß den Begleiter faſt vom Roſſe und zog ihn mit bebender, kalter Hand mit ſich in die Pforte, eine breite Steige hinauf und in die mit Heftigkeit auf⸗ geſtoßene Thür eines Zimmers hinein.— Der Anblick, der ſich darbot, regte augenblicks des Arztes ganzes Weſen auf. Ein Frauenzimmer von edelſter Geſtalt ſaß auf einem Tabouret, ihr Antlitz weiß und ſtarr wie das einer Marmorbüſte; über ihren Schvoß geſtreckt, von ihren Armen getragen lag ein leb⸗ loſes Kind, ein ſchöner Knabe; die Augen waren ge⸗ ſchloſſen, ſein langes Haar hing ſchlaff und naß an dem Knie des Weibes, und von den Lippen ſchien der Tod die Roſen weggeküßt zu haben. Es war das Bild eines früh von der Erde abgerufenen Engels, den ſein ver⸗ wandter Schutzgeiſt auf ſchwanenweißen Armen in die Heimath zurückträgt. Der Lord preßte krampficht Jacs Hand. Helfet! ſtöhnte er, es iſt mein Einziger! Der Vater kann Euch nichts bieten, wenn Ihr rettet, denn was da todt vor Euch liegt, iſt ſein Alles, ſein eigen Leben, ſein einzig Gut, ſeine Hoffnung, ſein Glaube an den Himmel.— Er kehrte ſich erſchöpft gegen die Wand und drückte ſeine ſchweißbedeckte Stirn verzweifelnd an die kalten Pfeiler. Wael hatte ſchon Mantel und Hut von ſich geworfen, doch als er zu der kleinen Leiche eilte, bemerkte er noch, wie eine andere Lady, die Mutter, ſich unter den Händen einiger Frauen in Krämpfen auf einem Ruhebett wälzte, bemerkte er noch, wie die Sitzende bei des Lords Aufruf die großen dunkeln Augen mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke von Freude und Schmerz, Vertrauen und Re⸗ ſignation zu ihm aufſchlug! dann ſah er nichts mehr, — 6 126 als das lebloſe Kind, beſchäftigte ſich nur mit ihm, gab Befehle und traf mit ruhiger Veſonnenheit die Anſtalten, welche ſeine Wiſſenſchaft befahl. Das verunglückte Kind war der älteſte Sproſſe, das einzige Söhnlein des Lord Churchill, der ſpäter als Her⸗ zog von Marlborough der Welthiſtorie angehörig ward. Der fünfjährige Knabe hatte Abends mit ſeinen älteren Geſpielen im Garten die nächtliche Landung des fremden Prinzen nachſpielen wollen. Die Lilliputsflotte ſchwamm im Teich, die hölzernen Puppen waren glücklich ausge⸗ ſchifft, doch da der pflichtvergeſſene, unachtſame Diener von fernher die Knaben zum Hauſe rief, ſollten die Schiffe für morgende Luſt geborgen werden. Auch der kleine William wollte helfen und einen Dreimaſter aufs Werft legen; er glitt aus auf dem thauigen Graſe, das tiefe Waſſer verſchlang die ſchöne Beute, und der nach⸗ ſpringende Diener brachte unter gräßlicher Gewiſſens⸗ angſt nur einen lebloſen Kinderleichnam zu den Eltern in das Schloß zurück. Es war eine ſchwere Stunde, auch den Arzt geſpen⸗ ſtiſch belaſtend, denn der Würger des Menſchengeſchlechts hatte ihm die Zeit abgewonnen und hielt im höhntſchen Triumph ſeine Beute umkrallt. Schauerſtille herrſchte ringsum, nur von hörbaren tiefen Athemzügen, nur von leiſem Gewimmer der Mutter unterbrochen. Selbſt das helfende Geſinde ſchlich unhörbar hin und her, als möchten ſie den heiligen Schlaf des Lieblings nicht ſtö⸗ ren, deſſen Erwachen doch Aller Entzücken geworden. Nur ein einziges Mal trat der Vater heran und ſchauete mit dem Laokvonsantlitz über die Schulter des beſchäf⸗ tigten Doktors. Mann, flüſterte er mit der hohlen, unſichern Stimme 127 eines Irren, Ihr traget Oraniens Farben; ſehet aber keinen Feind in mir. Seit geſtern ſchon bin ich des Prinzen Genoß. Thut, was Ihr am Freunde, am Lands⸗ manne thun würdet.— Meine Kunſt kennt kein Volk oder Land, erwiderte Woel faſt unwillig; der leidende Menſch iſt ihr von Gott vertraut, das höchſte Gut hier unten von ihr be⸗ wacht. Ob Bettler, ob König, ob Heide oder Chriſt, Allen galt unſer Schwur; doch Gottes Fügung ſteht über uns.— Der Lord ſchlich davon, doch Wael fühlte einen leiſen Druck an ſeinem Arme, und als er den Kopf wandte, ſah er die Lady, die man Cecily genannt, an ſich gelehnt; ſie war, ohne daß er's beachtet, ſein treuer Gehülfe geweſen, und ihr Blick tauchte jetzt mit einem wunderbaren Lichtſchimmer, der wie ein reiner und heißer Sonnenſtrahl in ſeine umnachtete Seele ſchoß, auf einen Augenblick in ſein Auge.— War es täuſchende Rückwirkung der Berührung der Hand und des Blickes der Lady? Seine Finger, die des lebloſen Kindes Hand umſchoſſen, fühlten ein leiſes Zucken der kleinen Glie⸗ der, ein Hoffnungsblitz durchzuckte zugleich des Arztes Herz, das ſchon geheim ein ſchwarzes Urtheil geſprochen. Er ergriff Flaumfeder und Kerze nochmals; die Feder vewegte ſich leicht vor den blaſſen Lippen des Kindes, die Flamme der Kerze flackerte ſtark wie im Luftzuge; kaum vermochte Waels bebende Hand beide zur Seite zu ſtellen. Jetzt flog ein leichtes Roth die Wangen an, matt ſchlug der Kleine die Augen auf, öffnete die Lippen und wie ein Hauch aus weiter Ferne erklang der Name Cecily von ſeinem Munde. Alles ſchrie auf in einem Freudenſchrei; Alles ſtürzte heran, ſelbſt die Mutter erhob ſich, ſank aber gebrochen 128 vom Wechſel der Gefühle am Bett nieder, der Lord rief: Billy! Mein neugebornes Kind! und konnte nicht her und ſtreckte nur von fern die Hände aus nach dem Lieblinge. Aber als Wael jetzt den Knaben ſanft auf ſeine Arme nahm, um ihn zu den Eltern zu bringen, fühlte er ſich gefeſſelt; die junge Lady lag in den Knien vor ihm, hielt ſeine Hüften feſt umklammert und preßte ihr thränenbegoſſenes Geſicht in ſeines Kleides Schooß. Wael koſtete in dieſer Nacht die höchſten Wonnen ſeines Standes, die reine Belohnung, die allen gewohn⸗ ten Undank gut macht, und er vergaß in dieſen Stunden eine ganze Vergangenheit, und warf den letzten Reſt der Schickſalslaſt ab, die er aus der Heimath mitgebracht; ein Lethe floß zwiſchen dem, was geweſen und dieſer Gegenwart, er trank daraus mit vollen Zügen und jene war nicht mehr da für ihn. Sein Geſchäft war nicht zu Ende. Das mühſam angefachte Licht des Lebens mußte ſorgſam bewahrt, genährt werden, damit es nicht neuerdings erlöſche; die kranke Lady Churchill bedurfte ſeines Beiſtandes. Er blieb die Nacht wach im ſtillen Krankenzimmer und Lady Cecily theilte auch hier ſeine Sorge. Gibt es Stunden, in deren kleinen Raum der Gehalt eines ganzen Lebens ſich zuſammendrängt, die gleich Wunderblumen plötzlich durch das eiſige, wüſte Daſein heraufſchießen, Stunden, die wie im Zauber alle wagigen Träume unſerer Seele geſtalten, feſt in die Wirklichkeit ſtellen dahin vor den Geblendeten, den Zweifelnden, den in Seligkeit faſt Erdrückten, ſo umſchloß dieſe Nacht eine ſolche. Zwei Seelen hatten ſich gefunden, ohne ſich geſucht zu haben. Still und kindlich ſaßen Wael und Cecily nebeneinander, beſchattet vom Schirm des Nachtlämpchens. Vertrauend, 3 129 als hätten ſie ſich von der Zeit des Flügelkleides an ge⸗ kannt, tauſchten ſie Gedanken und Gefühl, und als im Morgennebel Jacs Pferd an der Schloßpforte wiehernd den ſäumigen Herrn rief, ſah man die junge, reizende Wittwe eines engliſchen Marquis den ſchlichten tiefge⸗ bornen Niederländer in die trüben Morgennebel bis zu ſeinem Roſſe begleiten, ihm mit ſchweſterlicher Traulich⸗ keit die Hand auf Wiederkommen reichen, und der dank⸗ bare Lord, der ſtolzeſte Mann des ſtolzen Inſelvolkes, lächelte wie gutſagend dazu. Vergebens wartete Wael am Morgen nach dem Wie⸗ derfinden ſeines ſchüchternen Freundes auf denſelben oder eine Botſchaft von ihm. Beſorgt ging er endlich ſelber, ihn aufzuſuchen. Er fand Herrn Richard Collet unaus⸗ gekleidet hingeſtreckt auf ſeinem Ruhebett, bleich und niedergeſchlagen, in jener geiſtigen Apathie, welche ſchlim⸗ mer iſt als Todeskrankheit, weil in ihr jede heilende Naturkraft, die der Schöpfer in uns geſenkt, erſickt wird. Die mächtige Einwirkung, welche geſtern der Anblick und das Wort des Freundes gemacht, ſchien erloſchen, denn faſt wie mit Widerwillen ſtreckte er die Hand aus, der dargebotenen des Freundes zu begegnen, und als Wael mit dem Ungeſtüm liebender Sorgfalt fragte, was es gegeben, antwortete er kalt und tonlos: Frage nicht mehr, Jac, kümmere Dich nicht mehr um Verlornes. Das iſt wie im Kanal verſunkenes Gut, das iſt wie Schiffbruch an wüſter Inſel. Die große Schick⸗ ſalsjury hat einmal ihren Spruch gethan; man kann nicht appelliren, muß dulden, und jede Erinnerung an das Unabänderliche iſt wie ein grauſames Wühlen in Blumenhagen. IX. 9 130 halbverharſchten Wunden. Frage nicht mehr, Jac; ſprich nur von Dir, und laß mich fahren, wohin mich der Un⸗ glückswind treiben mag.— Da ſei Gott vor, Du armer Menſch! rief Wael mit leichtem Grauen. Der gewiſſenloſeſte Pfuſcher ſchickt keinen Patienten ohne ärztlichen Todespaß zum Kirchhofe. Alles verlange von mir, Habe, Blut, mein Selbſt, nur dieſe unverzeihliche Todſünde nicht. Herab vom Bett, hinaus in Gottes Luft, ausgeklagt und durchgeflucht Deinen Jammer! nur nicht dieſe Karthäuſerreſignation, die in das Irrenhaus führen müßte.— Der Gewalt, die ſchon einſt des Freundes Ueberlegen⸗ heit auf ihn gehabt, der Gewalt, welche jeder kräftige, freie Geiſt über ſolche verzärtelte und verzagte Naturen hat, konnte Richard nicht auf die Länge widerſtehen. Er mußte ſich gegen ſeinen Willen fügen, und der drän⸗ gende, zürnende Beichtiger wußte ihn zum Geſtändniß zu bringen.— Die geſtrige Abendtafel im Hauſe des Aldermans war ein vollkommenes Fegefeuer für den Bräutigam durch Verirrung geweſen. Feſtgebannt an die Seite der herriſchen Charlott hatte er dulden müſſen, wie ſie gegen die Verwandten groß that mit ihrem Siege über den ſcheueſten, jungfräulichſten aller Werber, hatte mit Schmuck und Ring geprahlt, hatte mit unweiblicher Unzartheit über ihr künftiges Haus⸗ und Weltleben zu London ihre Meinung bis in die kleinſte Kleinigkeit laut werden laſſen, und am andern Ende des Tiſches ſaß neben dem ſteifen Baronet die liebliche Mary, ſtumm und blaß wie das Wachsbild eines kranken Kindes, und wälzte dadurch ohne Wort und Blick die furchtbarſten Vorwürfe auf das Herz ihres ſchuldloſen Ungetreuen. Es war als ſähe er ſie ſterben durch ſeine Hand, fie 131 hob das ſchöne Auge nicht von dem Teller, als aber die grauſame Schweſter von dem Brautſtaate, den ſie am Ehrentage zu tragen beabſichtige, mit einer Baſe Rath pflog, ſtand Mary auf und verließ den Saal, und Richard's Augen entgingen die hellen Thränen⸗ tropfen auf ihrer Wange nicht und fielen wie glühende Metalltropfen auf ſeine Bruſt. Der eiſige Sir John kümmerte ſich nicht um die Braut, ſondern richtete ſein ſchnarrendes Wort an den Gepeinigten, überſchüttete ihn mit Vorwürfen, darob, daß Sir Richard Anſtand neh⸗ men könnte, den ehrenvollen Antrag zu verſchmähen, mit ihm, dem Baronet John Scattergood, an einem Tage den Kirchgang zu thun, und erklärte zuletzt, daß er ſich keinesfalls um den Zauderer und Unentſchloſſe⸗ nen, der ſein Schwäher werden ſolle, kümmern würde, ſondern binnen der nächſten drei Tage Miß Mary zu dem Altar der Domkirche zu führen gedächte, da eine nothwendige Reiſe nach dem Feſtlande längere Zö⸗ gerung verböte, eine Reiſe, welche er am Hochzeitstage in Begleitung ſeiner jungen Frau anzutreten beabſichtige. Wirkt das ſchöne Muſter des edlen Sir John nicht auf Euch, mein Theurer? flüſterte ſeine hochglühende Nach⸗ barin, als Richard nach einer Antwort vergebens ſuchte, die für den Beleidiger nöthig ſchien. Ich werde keine geringe Mühe haben, ſetzte Miß Charlott lauter hinzu, um meinen Freund in einen zärtlichen Ehemann zu wandeln, und die Schätze, die in ihm liegen, an das Licht zu bringen, damit meine Freundinnen mich nicht mit einem gefrornen Manne verſpotten.— Der Alder⸗ man, welcher an dem Zucken der Mundwinkel im Ge⸗ ſichte des aufglühenden Collet bemerkte, daß die Fort⸗ ſetzung dieſes Pfeilregens das Lamm zur Wehr ſtacheln 132 würde, und dem ſein reicher Liebling zu theuer gewor⸗ den, um ſeinen Beſitz durch einen Zungenkampf zu ge⸗ fährden, warf der Tochter ein verweiſendes Wort über den Tiſch zu und hob zu Richards Freude die Tafel auf; doch entließ er den auf Flucht bedachten Unglücks⸗ ſohn nicht, ſondern nahm ihn mit ſich in ſein Zimmer. Verwundert fand hier Richard einen ihm unbekannten Mann in gemeiner Schiffertracht und von ſehr wider⸗ wärtigem Aeußern, der bequem im Seſſel lagerte, zwar ſich erhob, aber dem Eintretenden kaum die gewöhnlichen Höflichkeiten erwies. Der Alderman nöthigte den künf⸗ tigen Schwiegerſohn in ſein Kabinet, perorirte ein Brei⸗ tes über die Noth der Zeit, über den Stillſtand ſeiner Fabrik durch die kriegeriſchen Ereigniſſe, welche die Arbeiter fortgelockt, über die Verlegenheit, in welche ihn ſäumige Schuldner geſtürzt; er bezeichnete den trotzigen, rothköpfigen Mann im Zimmer als einen unbeugſamen Gläubiger, und verlangte zuletzt im faſt herriſchen Tone die Ausſtellung einer Anweiſung auf tauſend Pfund, die er nach Mondesfriſt zu erſetzen verhieß und ſein ganzes Eigenthum dafür zu verpfänden verſprach. Die Art des Geſuchs und Richard's gedrückte Stimmung ließ keine Weigerung zu Tage kommen, er ſchrieb und reichte ſelbſt dem Fremden das Papier, ihm den Wechsler andeutend, durch den er ſogleich die Schrift in klingende Münze verwandeln könnte, und froh, um jeden Preis ein Haus verlaſſen zu dürfen, das ihm eine Hölle geworden, und das er nicht wieder betreten wollte, ſolange der Räuber ſeiner Seligkeit, der verhaßte Scattergood, darin ſei. Und die weinende Mary? fragte, als Richard ſchwietz, Wael mit ſcharfem Tone. Sie ſoll alſo die Galeere beſteigen, die ihr Freiheit, Vaterland, jede Freude des 133 Daſeins raubt? Jedes Thier, das ſchwächſte, hat ſeine Wehr: der Hänfling vertheidigt ſein Neſt; der Wurm krümmt ſich gegen die Sohle. Feigling! Du allein willſt Dir nehmen laſſen, was Dein iſt, willſt mißhandeln laſſen, was Du anbeteſt? Mache Dich auf, brich die⸗ ſem Scattergood die Beine, ſchlage ihm das Hirn ein, daß ich doch eine Spur von Mannheit in Dir entdecke, und der Freund ſich Deiner nicht zu ſchämen hat.— Verlaß auch Du mich, Jac, ſprach Richard düſter und ſich von ihm wendend mit geſenktem Haupte. Ich fühle, daß auch Du mich nicht verſtehen kannſt. Gib mich auf, wie ich mich ſelbſt ſchon aufgegeben. In Alt⸗ england iſt nun einmal einem ehrlichen Manne, der in ſolche Lage gerieth, nicht zu helfen.— Wael ſtand mit Haſt von ſeinem Stuhle auf, nahm Richard's Hand und ſchüttelte ſie heftig. Die Natur läßt ſich nicht mit der Furka austreiben, ſagte er mit⸗ leidig, aber feſt, und die ſtärkern Weſen find deßhalb zu Vormündern der Gebrechlichen beſtimmt. Wohlan denn! Halte Dich wie krank in Deinem Bett; ſchlürfe wärmenden Madeira als Medizin, damit noch ein Le⸗ bensfünkchen in Dir fortglimme; denke an die ſchöne Mary und fluche auf den dürren Scattergvod. Auf Sir Johns Schiff ſoll Dein Mädchen nicht, und ſollte ich dem Baronet mit dieſen meinen Händen den Hals brechen oder— das Mädchen gar ſelbſt heirathen.— Richard machte eine beſchwörende, hindernde Bewegung, doch der Freund war längſt jenſeits der Schwelle.— Eine beſondere Unruhe ließ ſich in der Stadt bemer⸗ ken, als unſer junger Arzt nach vollbrachten Berufs⸗ 134 geſchäften zu ſeinem Quartiere ging. Ueberall ſah man Bürger zu drei und vier in lebhaftem, doch heimlichem Geſpräch vor den Kaufläden oder in den Vorhallen der Fabrikgebäude weilen. Schwärme von Handwerksge⸗ ſellen und Arbeitern aller Art zogen fingend und lär⸗ mend über die Plätze am majeſtätiſchen Dome hin. Die niederländiſchen Wachtpoſten waren verdoppelt, und Pa⸗ trouillen marſchirten in geſchloſſenen Gliedern durch die Gaſſen, und als am Rande des Flüßchens, das in der Breite eines Baches durch die Stadt ſtrömt, ein Musketier ausglitt, und in dem ſeichten Waſſer ein gezwungenes Bad ewpfing, ſprach ſich der Geiſt des Volks in ſchal⸗ lendem Gelächter und derben, ächt engliſchen Spottreden gar deutlich aus. Ein Offizier, der mit Eile des Weges kam, rief im Vorbeigehen dem Doktor zu: Haltet Euch zu Haus, lieber Medikus, oder geht wenigſtens nicht ohne Degen und Schießgewehr in die Nacht.— Und als Wael den Warner feſthielt und fragte, erhielt er den Bericht: Nachrichten aus London hätten den Pöbel allarmirt; des Königs zweite Tochter habe nebſt ihrem Gemahl den unbeugſamen Jakob ebenfalls verlaſſen, und als vor einer Stunde der Prinz von Dänemark und die Prinzeß Anna zu Salisbury eingetroffen, ſei ihr Wa⸗ gen von dem Volk mit Steinwürfen begrüßt, die Ho⸗ heiten ſelbſt durch Schimpfrufe beleidigt worden. Es heiße ſogar, die Königin ſei mit ihrem untergeſchobenen Prinzlein von Whitehall fort und nach Frankreich ge⸗ flüchtet.— Wael ging kopfſchüttelnd weiter und traf auf ſeinen Hauswirth, den Alderman Baxter, der mit gewaltigen Schritten und zurückgeworfenem Haupte auf der Mitte 135 der Gaſſe daherſchritt, und ſeinen Gruß nur durch ein ſtolzes Kopfnicken und ein höhniſches Lächeln erwiderte. Des verwunderten Wael's Weg führte jetzt durch eine enge Querſtraße, voll niedriger Häuſer, und von gemeinem Geſindel bewohnt. Kaum hatte er etwa die Mitte derſelben erreicht, ſo fühlte er ſich plötzlich am Rock feſtgehalten, und zwar von einem kleinen, ältlichen, doch derben Manne, der ihn in der Thür einer Spe⸗ lunke eigends erwartet zu haben ſchien. Der junge Mann fuhr erſchreckt zurück, denn die Vogelnaſe, das ſtruppig hängende Schwarzhaar und das bläulichte, auf⸗ geblaſene Geſicht ließ ihm keinen Zweifel über die Per⸗ ſon. Der Mann verzerrte ſeine Mienen zu einem häß⸗ lichen Grinſen und rief mit widerwärtiger Vertraulichkeit: Erſchrickſt Du vor Freude, Söhnchen, Deinen nächſten Blutsfreund unverhofft auf fremder Erde zu treffen? Ja, ich bin's, Dein leiblicher Ohm, wenn's mich auch Wunder nimmt, Dich hier zu ſehen, da ich Dich im Eigenthume Deines Vaters, den Gott verdamme, warm und weich ſitzend glaubte.— Wulf? ſtieß Wael erſetzt hervor. Wie kommt Ihr hieher? Was wollt Ihr hier? Ich glaubte Euch nim⸗ mer wieder zu ſehen; glaubte Euch längſt auf den indi⸗ ſchen Küſten, ſchwarze Sklaven geißelnd oder ein Kaper⸗ ſchiff rüſtend.— Biſt Du noch immer der alte Schelm mit der ſtach⸗ lichten Katzenzunge? fragte der runde Kleine zurück. Aber warum dutzeſt Du Deiner Mutter Bruder nicht? Iſt auch in Dich der Fagelſche Hochmuthsteufel gefah⸗ ren, ſeit Du den Treſſenrock angethan?— Was ſollte ich im heißen Lande? Hier florirt der Commerz und ſchlägt zu Buche ſchneller und bequemer. Bin vorerſt als —— 136 Schauermann auf dem Meisje von Haag herüberge⸗ ſchwommen, und wo es auf's Schiffen im Großen ange⸗ ſehen iſt wie hier, wird der pfiffigſte Sohn der Sienne unter dieſen ſteifen Strohköpfen auch ſein Netz nicht um⸗ ſonſt auswerfen.— Glück dazu, Herr Wulf! Und damit Valet! ſagte Wael, ſich losreißend, aber der kleine Mann hielt ſeinen Rockſchoß feſt und blinzelte bedeutend mit den kleinen Augen.— Warum ſo grämlich, Neffe? ſprach er mit Betonung. Siehſt Du etwa auch ſchon die Windsbraut, die los⸗ brechen dürfte und uns alleſammt in den Kanal fegen könnte? Es ſchmeckt kein Backfiſch ſo gut, als den man auf eigenem Herde gebraten. Ich kann Dir's zwar nicht verargen, daß Du nach Ehren gerungen und den Kopf hoch getragen, und in Deines Vaters Hauſe nicht den angenäheten Flicken auf dem Feierrock haſt vorſtellen mögen; Du hätteſt bei Tafel immer nur als ein ge⸗ borſtenes Glas figurirt. Aber ich möchte doch nicht den letzten Stammhalter meiner ehrſamen Familie unter den groben Schuhſohlen dieſer ungeſchliffenen Juſulaner zer⸗ quetſchen ſehen. Darum, Jüngelchen, ſattle noch heute Dein Pferd, reite Galopp zum nächſten Hafen und fahre hinüber nach Brabant. Fremdes Dach läßt den Regen durch, und im fremden Gaſthofe findet man oft verſal⸗ zene Suppen.— Guten Abend, Herr Wulf! Ich werde Eurem Muſter folgen, wiederholte Wael, doch der ſchwarzhaarige Kleine ließ ihn noch nicht.— Nur Eines noch, Du ſtolzes Närrlein, fiel er ihm ins Wort. Ich war ſchon in Deinem Quartiere, denn die Neu⸗ gier gehört zum Vergnügen auch für die Geſcheiteſten. 137 Wie ſteht's zu Hauſe? Haſt Du die Skripturen, die ich Dir aus Deiner Mutter Erbſchaft gab, wacker benutzt? Haſt Du Deinem Vater das ſtattliche Sümmchen, das er Dir ſchuldete, abgepreßt? Hat er gezahlt und iſt dann am Schlagfluß oder der Gelbſucht zum Teufel gefahren2 Trägſt Du, Sündenkind, Deinen rechten Namen ihm zur Pein? So ſprich doch, und gib Deinem Ohm dankbar die höchſte Luſt, die ihm noch die lumpichte Erde zu ge⸗ ben vermag.— Wael ſah ihm einen Augenblick ſtarr in die blinzelnden Augen, dann ſagte er rauh und eintönig: Die Papiere find vernichtet; das Sündengeld hätte wie der Beutel Iſchariots mein Herz morſch gebrannt; ich reiſete ohne Abſchied aus dem Hauſe, in das mein Bleiben ein lang⸗ ſames Gift geworfen, und ſo viel ich vernahm, ſind van Fagel's wohlauf wie vordem, vom Hausherrn bis zum Laufburſchen hinab.— Ein ſchnelles Zucken fuhr durch den Kleinen, ſein Geſicht wurde gänzlich dunkelblau und er ballte beide Hände. Du kalter Pottfiſch hätteſt die ſüße, ſichere Rache durch die Finger gleiten laſſen? kreiſchte er. Schwureſt Du mir nicht am Grabe Deiner elenden Mutter, Du Meineidiger?— Ich rächte mich auf meine Weiſe, verſetzte Wael kalt und verächtlich. Die Mutter wird darum in ihrem einſamen Grabe nicht härter ſchlafen. Möget Ihr für Eure teufliſche Abſicht keine ſchlimmere Strafe finden. — Er kehrte dem kleinen, im Zorn erſtarrten Manne den Rücken und ging. Dieſer aber ſchnipperte ihm höh⸗ niſch mit den Fingern nach und murmelte: So hab's denn, Du entarteter Sohn; hab's, wie Du willſt! Haſt nicht ein Tröpfchen Blutes von meinem Stamme, 138 und magſt mit den Uebrigen zu allen Teufeln fahren. — Mit Ingrimm riß er ſeine Pelzmütze über die Oh⸗ ren herab und verſchwand auf der dunkeln Tenne der Spelunke.— Wohl ſchaute ſich der Wael wie ein Suchender auf dem Vorplatze und in den Gängen um, nachdem er des Aldermans Haus betreten. Die Räume waren klöſterlich leer und ſtill, und ſinnend, ſeinen Plan erwägend, ging er zum Nebenhauſe durch den Hof, da öffnete ſich die Gartenthür und Miß Mary ſtand unverhofft vor ihm auf dem entlegenen, einſamen Platze. Eine Abendpromenade in den froſtigen Gängen und unter den entlaubten Bäumen, Miß? fragte er. Habt Ihr den Frühling hinein tragen wollen oder Euch Erin⸗ innerung geſucht an einen verlorenen Lenz?— Das Mädchen ſah überraſcht mit den, obgleich durch Gramesflor getrübt, noch ſo ſchönen Augen zu ihm auf. Es könnte etwas Wahres in Eurem Wort liegen, Herr, ſagte ſie leiſe und ſcheu.— Der Garten trug im letzten Mai viel liebliche Blumen, ſchöner als in irgend einem Jahre, ich weiß es, fuhr Jac fort, und ich kenne auch die Hand, welche ſie verſtohlen brach, ihnen zuhauchte, was des Mannes ſcheues Herz empfand und nicht zu ſprechen wagte, und heimlich aus⸗ ſprechen ließ durch die Blumen, die er zagend in den Strohhut der ſchönen Mary gezaubert.— Eine flüchtige Röthe flog über die blütenweißen Wan⸗ gen des Mädchens hin, ihr Blick wurde ſcharf, als wollte ſie des fremden Mannes Seele in ihren Tiefen durch⸗ forſchen, dann ſagte ſie mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit: 139 Ihr wißt darum; wodurch weiß der Himmel. Vielleicht verſpottete der Falſche obendrein meine treuherzige Un⸗ beſonnenheit? Nichts mehr von ihm, wenn Ihr ſo ach⸗ tungswürdig ſeid, als wir Euch gehalten.— Wael nahm ihre Hand und fragte mit Herzlichkeit: Und kann dieſes fromme Herz ſo ſchnell haſſen, was ihm vordem das Liebſte geweſen? Wird dieſe kleine, weiche Hand ſich ohne Wehr von den Knochenfingern eines Scattergood's zum lungſamen Peintode einer Lebendig⸗ begrabenen zerren laſſen?— Das Mädchen ſchauderte ſichtlich, doch ſchnell antwor⸗ tete ſie, wenn auch mit gezogenen Tönen und unſicherer Stimme: Wir ſind zum Dulden geboren; ſo ſprach die Mutter gar oft, und die am ſchnellſten erlöſet wird, iſt die Beglücktere.— Ich kam ſo eben von Jemandem, fuhr Jae fort, der auch alſo freventlich läſtert, mit verzagtem Gemüth des ſchönen Lebens ſpottet, in welchem der Himmel tauſend Freudenpforten aufgethan für jedes Weſen, was ſich nur die Mühe gibt, den rechten Weg zu ſuchen. Der arme Freund iſt tödtlich krank gleich Euch, ſeufzt gleich Euch nach Erlöſung durch den Todesengel, weil ihm der Muth gebricht, bei ſeinem Lebensengel um Hülfe zu flehen. Es iſt das traurigſte Loos meines Standes, durch eigene Schuld in den Ketten des armſeligen Alltaglebens unter⸗ gehen zu ſehen, was ein gütiger Gott zum Glück erſchuf und mit Anſprüchen auf eine irdiſche Seligkeit väterlich überſchüttete.— Die Wangen des Mädchens wechſelten die Farben; ihre Glieder bebten ſichtlich. Er iſt krank? O Ihyr ſeid fürchterlich, Doktor! rief ſie mit Heftigkeit. Sprechet, ich bitte Euch! Er wäre gefährlich krank?— 140 Wenn die Verzichtleiſtung auf das höchſte Gut des Daſeins, die Vernichtung jeder langgenährten Hoffnung, wenn der Zweifel an jeder künftigen Lebensfreude ein Gift iſt, dem die ſtärkſten Geiſter erlagen, ſo iſt das kindliche, ohnmächtige Gemüth meines armen Richards ſeinem Untergange nahe. Es war ein böſer Fehlgriff der Natur, ſolch eine Taubenſeele in den Leib eines Mannes zu werfen, ein höhnendes Räthſel des boshaften Schick⸗ ſals; denn wäre nur um einen Gran mehr männliche Kraft in dem blöden Knaben geweſen, hätte ein jämmer⸗ liches Mißverſtändniß nimmer zwei liebe Herzen gebrochen und ihren ſo rein geſponnenen Lebensfaden alſo verwor⸗ ren, daß ein Alexanderſchwert dazu gehört, den Knäuel zu löſen.— Das Mädchen horchte hoch auf und fragte raſch: Ein Mißverſtändniß? Doktor, darf der Arzt quälen, wenn er Leiden ſieht, die er nicht zu heilen vermag?— Die Sonde macht Schmerz, verſetzte Wael raſch, doch muß ſie andeuten, wie tief die Wunde und wo der rechte Fleck für das Heilmittel.— Beide Hände des Mädchens dann traulich faſſend, erzählte er kurz und gedrängt, was wir ſchon wiſſen. Wunderbar war es anzuſchauen, wie, während er ſprach, des Mädchens Geſichtszüge ſich wan⸗ delten; ſo rollt im ſteigenden Sonnenlicht der Nebel ſich auf, und wo er weicht, entſchleiert ſich langſam eine Frühlingsflur mit immer lieblichern Reizen. Als er ge⸗ endet, ſah Jac in ein blühendes Engelsantlitz, der kleine Mund lächelte hold und zwei helle, klare Augen ſtrahl⸗ ten ihn an mit einem milden Sternenglanze. So iſt es dennoch möglich? So iſt er dennoch der treue, gute, fromme Richard, der er geſchienen? So darf ich ihn wieder hochhalten, ihm vertrauen, den ehrlichen, wackern 141 Freund im Herzen tragen wie ſonſt, und habe dem ſchwer Leidenden nun eine Schuld abzubitten, die ich ſündhaft auf ihn gewälzt?— Weniger ehrlich wäre in dieſem Fall beſſer, meine ich, ſagte Wael forſchend.— Nicht doch! fiel Mary mit Schnelle ins Wort. Kann er von dem voreiligen Vater beſchämt ſein Wort zurück⸗ fordern? Kann er die Schweſter beſchimpfen vor der Welt, wenn auch ſie nie erkennen wird, was ſie an ihm veſitzt? O warum darf ich nicht hoffen, ihn mit ihr glücklich zu wiſſen! Mich habt Ihr geheilt, lieber Dok⸗ tor, von Verzweiflung und Unglauben geheilt, meine Seele gerettet. O könnte ich Dank und Lohn erſinnen für den Seelenarzt! Still und einſam wie ſonſt werde ich leben, geheim meine Freude bergen, wie bis jetzt mein Leid; ich werde ſein helles, reines Bild im Herzen tragen und—— Den froſtigen Scattergood heirathen? fragte ſcharf der Arzt. Hohe Glut deckte Mary's Geſicht, Abſcheu ſprach aus allen Zügen, mit Heftigkeit rief ſie: Nim⸗ mermehr! Jetzt lieber in den Sarg als in fremde Arme! Mich bindet kein Wort; ich habe nur ſtill geduldet, da ich auf ihn wartete, auf ſeinen Einſpruch, auf Erlöſung durch ihn.— Und wird die ſchwache, fromme Mary dem Zorne des Vaters, dem Drängen des frechen Werbers einen Widerſtand entgegen zu ſetzen haben? Wird ſie in die⸗ ſem Doppelſturme nicht brechen, wie das Rohr im Winde?— Das Mädchen zitterte wie eine Birke, die der Wind ſchüttelt. Man ſah, wie ſchon der Gedanke an des jähzornigen Vaters Machtſpruch ſie mit Entſetzen übergoß. Rettung, Doktor! Freund vom Himmel geſendet, 142 Rettung! Sei es Gift aus Eurer Hand. Mary fürchtet den Tod nicht; Tod iſt jetzt freundlich, ſolchem Kerker gegenüber.— Wird Mary mir ganz vertrauen? Ihr Schickſal ganz in meinen Willen legen, dem fremden Manne ſich hin⸗ geben, als wär's ein Bruder?— Das Mädchen preßte wortlos ſeine Hände. Wohl denn, ſagte er im Triumph, die Zeit hat ihre Launen; ſie gewonnen, iſt viel gewonnen, denn worgen lächelt ſie oft, wie ſie heute grämelte. Iſt Mary erlöſet, findet ſich vielleicht auch ein Heilmittel für Jemand anders. Jedenfalls wird ſein Gram ſich mildern, weiß er die Geliebte frei von verhaßten Ketten. Miß Charlott ruft nach der Schweſter. Muthig, meine kleine Pupille! Roch vor Nacht erfährt Mary mehr von mir!— Glücklich der Späherin ausweichend trennten ſich beide. Im Schlößchen in der Nähe des kleinen Fleckens Rumſay ſaß die herrſchaftliche Familie ſchon bei dem Frühſtück verſammelt, obgleich es eben erſt Tag gewor⸗ den. Das Licht der Kerzen miſchte ſich mit dem trüben Morgenſchimmer und der Sieg blieb dennoch unentſchie⸗ den; doch im freundlichen Gemach fühlte man keinen Winter; die ſilberne Theekanne dampfte, das Kaminfeuer knatterte recht erquicklich, traulicher Zwieſprach flog hin und her, die Schloßfrau tränkte ihr Töchterchen, und Lady Cecily beſtrich die geröſteten Brodſchnittchen mit der rein⸗ ſten Butter für ihren Liebling, den kleinen William; denn damals beſtahlen die Großen der Erde ſich noch nicht ſelbſt um die ſchönſten und reinſten Freuden des Daſeins. Lord Churchill trat ſchon völlig gekleidet ein und neu⸗ gierig trafen Aller Augen auf ihn. — 143 Früh ſchon etwas Neues, mein Theurer? fragte die Lady.— Sind es Boten aus der Stadt, fiel lebhaft die ſchöne Marquiſe ein, und iſt die Emeute vom geſtrigen Abend geſtillt und unterdrückt worden? Oder kam eine Poſt von London? ſetzte ſie hinzu, als ſie den ſpöttelnden Zug am Munde des Lords bemerkte, der ihrer lebendig geäußerten Theilnahme zu gelten ſchien.— Nichts von London, nichts von den Bajonetten zu Salisbury, meine ſchöne Nichte, antwortete Lord Chur⸗ chill; die neueſte, unerwartetſte Begebenheit hat unſer eigenes Haus zum Schauplatze gewählt und mich um den halben Schlaf gebracht. Angenehme Gäſte, liebe Flüchtlinge haben, ohne daß meine Damen es geahnet, mit ihnen unter demſelben Dache geſchlafen.— Beehrte Prinzeß Anna unſer Haus? Oder traf gar König Jakob ein und fordert unſern Beiſtand? fragte die Dame des Schloſſes erſchreckt.— Nichts Politiſches, nichts Gefährliches! lächelte der Lord. Sentimental und romantiſch, gleich einer Scene aus Steele's Luſtſpielen wird es die Frauenherzen in Anſpruch nehmen und weich rühren, als ſäßen ſie im Theater zu Haymarket. So höret denn mit Ohren und Augen! Ein Gelärm am Thor im Hofe weckte mich, es mochte bald nach Mitternacht ſein. Ich erhellte das Rachtlicht und ſah mich nach dem Gewehr um. Doch des alten Lewis Erſcheinung ließ meine ſchwarzen Träume von Krieg und Volkstumult bald zerrinnen. Dennoch war ſeine Meldung von Gewicht und rief mich aus dem warmen Neſt und in die Kleider. Ein Freund vom Hauſe hielt am Thor, gaſtlichen Einlaß, Zuflucht in Noth begehrend. Beſorgt eilte ich ſelbſt hinab. Ich 144 fand einen ſtattlichen Reiter auf nicht geſchontem Roſſe, aber ſtutzend erblickte ich hinter ſeinem Sattel einen zweiten Gaſt ſeltener Art, der nach der Weiſe der alten Tempelritter den Schnellritt wagig und entſchloſſen mit⸗ gemacht, und dieſer Zwillingsreiter war— ein Frauen⸗ zimmer.— Ein Frauenzimmer? wiederholten beide Damen mit verlängertem Antlitze. Man nahm doch Deine Güte nicht für ein ſchlechtes Stück in Anſpruch? ſetzte die Schloßfrau ſchnell hinzu, und die Marquiſe ſagte ſar⸗ kaſtiſch: Wahrſcheinlich eine wirkliche Prinzeß des Hay⸗ market⸗Theaters nebſt ihrem Lovelace; doch wird dem ſaubern, romantiſchen Paare, nachdem ihre Perſönlich⸗ keit ſich kund gegeben, der ehrliche Lewis auf Mylords Befehl dicht vor der Bucephalus⸗Schnauze das Thor⸗ gatter zugeſchlagen haben?— Mit Nichten, geſtrenge Cis, verſetzte der Lord mit bedächtiger Miene. Für dergleichen ehrwürdige Perſonen gibt es auf Churchillhouſe weder Gatter, noch irgend Schloß oder Riegel. Was hülf's auch, denn der Ritter iſt ein Zauberer, der die widerſpänſtigſten Herzen zähmt und Gräber aufſchließt. Ich that deßhalb, was furcht⸗ ſame Demuth gebot. Ich ließ vor der halberfrorenen Reiterin die Gaſtzimmer öffnen, warf ſelbſt das Holz auf den Roſt, bereitete ſelbſt den Thee, und ſie hat in Myladys beſtem Himmelbett geſchlafen. Der edle Reiter aber theilte mein Schlafgemach und der Glühwein und ſein munteres Geſpräch trieben die Stunden ſo raſch, daß der Morgen da war, ehe wir an's Bettgehen gedacht.— Und wer iſt's, der Mylord zum Pagen erniedrigte? Die Namen, Quälgeiſt! riefen die Damen in wachſen⸗ der Aufregung.— 145 Ich lud die edlen Gäſte hieher zum Frühſtücke, ant⸗ wortete der Lord. Irre ich nicht, ſo hören wir ſchon ihre Schritte. Da ſind ſie!— Er öffnete die Thür, und der kleine William ſprang ſogleich von ſeinem Seſſel und flog mit dem Freuden⸗ geſchrei: Der Doktor, Maſter Jae, mein lieber Doktor! den Eintretenden entgegen.— Der Marquiſe Geſicht brannte hell auf wie ein Jo⸗ hannisfeuer, als auch ſie Wael erkannte und an ſeiner Hand eine zarte Mädchengeſtalt erblickte, die in tiefſter Befangenheit und Verwirrung ſich vor den hohen Damen verneigte, aber durch die reinen Züge der Unſchuld und Kindlichkeit im feinen Geſicht, durch die Schamhaftig⸗ keit, welche die großen, klaren Augen mit den langen Seidenwimpern halb verdeckten, und durch die ſanfte Röthe, die auf den runden Wangen bald ſtieg, bald ſchwand, in einem eigenthümlichen Reiz erſchien, deſſen Eindruck die Marquiſe ſelbſt ſich zugeſtehen mußte. Wael hatte indeß den Knaben auf ſeinen Arm geho⸗ ben, und mit ihm vortretend ſagte er: Billy ſoll mein Fürſprecher ſein, wenn ich beläſtige; Billy mein Für⸗ ſprecher, wenn ich dieſes Hauſes ſchöne Feierſtille ſtöre, indem ich ſeine hochherzigen Bewohner um einen kurzen Schutz für eine Verfolgte anflehe.— Lady Churchill erhob ſich ſogleich, reichte der Frem⸗ den die Hand und führte die Zitternde zu dem Seſſel ihr zur Rechten. Wir ſind ſo tief in Schuld gerathen bei dem Doktor, ſagte ſie zugleich, daß ein geringer Abtrag uns ſchon hoch erfreuen muß.— Und wir waren ſo glücklich, den Maſter Wael als einen ſolchen Ehrenmann kennen zu lernen, fügte die Marquiſe mit nicht ganz verhehlter Schärfe hinzu, daß uns die Ueberzeugung Blumenhagen. IX. 10 146 feſt ſteht, jede Geſellſchaft, die er uns bringt, könne uns nur ehren, wie ſie ihm Ehre brachte.— Bravo, Cis! flüſterte der Lord, ſich zu ihr beugend. Es iſt nichts von Haymarket.— Wael richtete ſeine Augen ſtreng auf die Marquiſe und verſetzte ernſt: Dank, Mylady, für die gute Mei⸗ nung, welche bei dieſer theuern Jungfrau nicht zu viel gab. Mein Degen, der noch nie Blut ſah, fuhr er hei⸗ terer fort, iſt nicht fleckenloſer, als Miß Mary's Abkunft und Ruf, und jeder Mann von Ehre würde ſich glück⸗ lich preiſen, dürfte er noch heute mit ihr die Reiſe nach dem berühmten Schmied und Eheprokurator zu Gretna⸗ green antreten, da man leider vor die Kirchthür mehr als einen beißenden Cerberus gelegt, und uns den gewohn⸗ ten, glatten Weg in's Himmelreich verſperrt hat.— Alſo eine Herzensangelegenheit? fragte Lady Chur⸗ chill. Und dazu in dieſer gefährlichen, verwirrten Zeit, wo man nicht vermuthen ſollte, daß Raum ſei in den Gedanken außer für Hab und Gut, Sicherheit des irdi⸗ ſchen Lebens und Bewahrung des Glaubens?— Das Herz läßt ſich nie und nirgend ſein Recht beein⸗ trächtigen, antwortete Wael, mehr zu der Marquiſe gerichtet, die ihr ernſtes Auge zum Boden geſenkt hatte; es ſpielt ſeine Königsrolle in den Gräueln des Krieges wie auf arkadiſcher Schäferflur, im Schwindelgedräng des fürſtlichen Ballfeſtes wie auf wüſter Inſel, im Jauch⸗ zen des Kinderſpiels wie im Reiche des Todes. Aber deßhalb fordert unwiderſtehlich auch Alles, was ein Herz traf, die Theilnahme jedes Menſchenherzens, und Her⸗ zensleidens regen darum mit ihrem Mollton ſo leicht in fremder Bruſt die verwandte Saite zum Mitklange auf.— 147 Cecily ſchlug ſchnell ihr Auge gegen den Sprecher auf. Sie ſind ein vollendeter Arzt, ſagte ſie; Herzen⸗ und Seelenkrankheiten, man ſagt ſonſt die Klippe ihrer Wiſſenſchaft, ſcheinen Ihr tiefſtes Studium, und ich zweifle nicht, daß Sie ihrer Heilung völlig gewachſen ſind.— Das äußere Leben umſchlingt ein inneres Leben, ver⸗ ſetzte Wael mit Wärme, ein höheres, heiligeres Leben, zwar oft bedingt von jenem, doch öfters jenes bedingend, erhebend wie zerſtörend. Wie dürfte denn der gewiſſen⸗ hafte Arzt dieſes über jenem vergeſſen, nur das Welken der ſichtbaren Blüte beachten, ohne der kranken Wurzel nachzuforſchen? Die heiligen Myſterien der im Unſicht⸗ baren waltenden und da am herrlichſten ſich ausſprechen⸗ den Natur zu erforſchen, zu belauſchen und der Hohen⸗ prieſterin abzugewinnen iſt die Lichtſeite unſerer Kunſt, die außerdem durch viele Schatten zurückſtößt.— Ein anderes Mal, Doktor, die Fortſetzung dieſer philoſophiſch⸗mediziniſchen Vorleſung! fiel der Lord ein. Ihr ſeid ein Herzensarzt, und ſehet nicht, welche Pein unſere beiden Damen leiden und wie die Neugier den Athem unſerer lieben Cecily beſchleunigt. Der Kriegs⸗ mann liebt Kürze der Kapitulation, und ſo führe ich denn, als Eingeweiheter in Waels Myſterium, dieſe liebe Miß Euch vor als die Tochter eines geehrten, aber nicht eben weichherzigen Mannes von Salisbury. Man wollte ſie feſſeln an ein Eisgebirg, an einen lebend⸗ wandelnden Marterblock; wir kennen Alle ja zur Genüge den Baronet Scattergood; ſie aber hatte das Herzchen längſt anderswo verſagt, und eingezwängt zwiſchen väterlichem Zorn und die froſtige, quetſchende Zange der Affenarme des Baronets nahm ſie die bittere Arznei des —z—z——————— — ———. 8 ⸗— 148 Doktors, ſo ſehr ſich ihr innerſtes Gefühl dagegen ſträubte. Ich habe dem ſchönen Gaſte Schutz zugeſagt, indeß unſer Wael es auf ſich genommen, den Handel auf die ehr⸗ ſamſte Weiſe wieder in das Gleis der Schicklichkeit zu⸗ rückzuführen, und ich meine, er iſt der Mann dazu.— Warum nicht ſogleich den Ritt nach Gretnagreen? Das wäre der kürzeſte und ehrſamſte Weg zum Ziele, meine ich! ſtieß die Marquiſe mit Bitterkeit hervor.— Ich ſtimme zu! rief lachend der Lord, und ſetze der Bill ein Amendement bei. Dein ſtattlicher Wittwenſitz, Cis, liegt in jener Gegend; führe Du ſelbſt in meinem Wagen die jungen Leute zu dem berühmten Schmiede⸗ meiſter, und richte ihnen im Schloſſe das Hochzeitsmahl an. Der ſelige Marquis wird nichts dagegen haben, denn er war ſolchen Schelmſtückleins nicht abhold.— Den Scherz bei Seite! entgegnete die Marguiſe beleidigt. Eure Equipage jedoch nehme ich an für mich; die königlichen Truppen ſind auseinander gelaufen, die Straßen ſicher geworden, und ich werde noch heute die Reiſe nach Blenheim antreten, und für Mylady und die Kinder Quartier beſtellen, wie wir es längſt verabredet.— Aus Mary's Augen ſtürzten jetzt die langverhaltenen Thränen, und die Marquiſe ſah betroffen auf das Mädchen, das zu Wael gewendet, ihr Geſicht mit den Händen bedeckte und ſchmerzlich ſtammelte: O wozu bin ich verleitet worden? Iſt denn die Schuld ſo groß, daß ſie ſo ſchwer und ſchnell beſtraft werden mußte?— Wael faßte Mary's Hand und erwiderte tröſtend und mit ſeltſamer Fröhlichkeit: Mißverſteht die edle Lady nicht, traute Miß! Wie ſollte aus dem ſchönen Munde ein Laut kommen, der Euch kränken, ein Pfeil, der Euch wunden möchte? Die reine Seele der edlen Frau 149 iſt nur erbittert gegen das arge Schickſal, das ſelbſt dem ſittlichſten Weſen den Schein des Ungeziemenden auf⸗ drängen kann, wenn er auch ſchneller zerrinnen wird, als die leichten Froſtblumen am Winterfenſter, liebe Miß, durch die Verſicherung, daß mir die edle Lady nie liebenswürdiger, ihr holdtönend Wort nie mir wohlthuen⸗ der, beſeligender geklungen als in dieſer Minute.— Sieh Dich vor, Nichtchen! flüſterte wiederum der Lord zu der Erröthenden. Der Doktor iſt kein Soldat und doch ein firmer Fechter; ſein Falkenauge gewahrt jede Blöße.— Aber was gibt's da! rief er dann laut und zum Fenſter tretend. Drei Reiter ſtürmen die Pferde ventre par terre in den Hof. Es ſcheint, Churchillhouſe ſoll heute ein Aſyl für Flüchtlinge aus allen Welttheilen werden.— 6 Wael war ihm nachgetreten. Beim Himmel, My⸗ lord, das iſt nicht zum Scherzen! ſtieß er hervor, nach⸗ dem er hinausgeblickt. So wahr ich ein Mann bin, das iſt der grimmige Alderman und der menſchliche Kranichvogel, Scattergood genannt, und zu ihrem Bei⸗ ſtande noch ein dritter Brummbär mit einer ächten Con⸗ ſtabler⸗Phyſiognomie.— Mein Vater? Mein Henker? Wir ſind verloren! ſchrie Mary mit einer Ohnmacht kämpfend.— Wie zum Teufel haben die ſtumpfen alten Naſen unſere Nachtſpur ſo ſchnell erwittert? fuhr Wael fort, ſich unruhig nach einer Zuflucht umſchauend und in ſeiner Beſorgniß das anſtändige Wort vergeſſend.— Ruhe und Beſonnenheit! herrſchte der Lord. Die Dienerſchaft hat meinen Befehl des ſtrengſten Schwei⸗ gens über die Ereigniſſe dieſer Nacht. Meine Ladies, 150 bringt den lieben Gaſt in das Kabinet, und bewacht das arme Kind gleich freundlichen Genien. Ich gehe hinab zum Saal, dieſen ſonderbaren Beſuch mit mög⸗ lichſter Majeſtät zu empfangen. Doktor, Ihr möget ſo lang bei Eures Geiſtes Lieblingen in der Bibliothek ein Verſteck ſuchen.— Lady Churchill führte die ſchwankende Miß davon; der Lord verließ das Zimmer; Wael aber trat, ehe er ging, zu der Marquiſe, führte ihre zarte Hand trotz ihres leichten Widerſtrebens ehrerbietig an ſeine Lippen und ſagte: Nicht wahr, Mylady, Sie reiſen nicht nach Blenheim, nicht vor Mary's Hochzeit?— Cecily wandte ihr Geſicht zürnend abwärts und entzog ihm die Hand, doch weilte ihr Blick, als ſie allein, auf der Spur ſeines Kuſſes, und gedankenlos berührte ihr Mund die eigenen Finger.— Lord Churchill, der gewaltige und beherzte Soldat, ſtieg nicht ohne Beklemmung die breite Schloßtreppe hinab, denn er bedachte jetzt erſt, daß die Anſprüche der Perſonen zu gerecht und unwiderſprechlich waren, um ihnen Gewalt entgegenſetzen zu können. Die Lüge war ein Wort, das er nicht kannte, ſo blieb ihm eigentlich nichts übrig, als den wärmſten Anwalt der Entflohenen zu ſpielen, und das Gewicht ſeines Standes und ſeines Einfluſſes in ihre hochſchnellende Wagſchaale zu werfen. Wirklich verlegen trat er in den Fremdenſaal des untern Stocks, wohin man die Angekommenen geführt, die ihn mit Reſpekt begrüßten und denen er einzeln nach Volks⸗ ſitte die Rechte reichte. Nachdem der Alderman ſeine Begleiter, den dritten als Maſter Job Blakboren, den 151 reichſten Freeholder der Gegend, vorgeſtellt, fragte der Lord, welchem beſondern Ereigniſſe er die Ehre ſolch frühzeitigen Beſuchs zu danken, und was die Herren vor Tage aus ihrer Bequemlichkeit in die harten Sättel gebracht.—. Wann käme der Schlaf über ein altengliſch Haupt, Euer Herrlichteit, ſeit die Grundfeſten alles Familienglückes aus den Angeln geriſſen worden, ſeit die ganze Inſel im Todeskrampfe zittert, gleichſam wie ein harpunirter Wall⸗ fiſch? fragte der Alderman mit Heftigkeit zurück.— Die Ehre iſt die Baſis der engliſchen Nobility, ihre Unbeflecktheit, Mylord, iſt der Lebensathem des Staats! ſetzte der Baronet hinzu, indem er ſeinen dünnen Kra⸗ nichhals ausdehnte, ſeine Ferſen dicht zuſammenſtellte, um durch ſeine verlängerte Geſtalt die Wichtigkeit des ausgeſprochenen Gedankens ſichtlicher zu machen.— Die Ehre? fragte der Lord mit Herzklopfen. Wie meint das der edle Sir John?— Beſteht nicht die höchſte Ehre der Nobility, der gan⸗ zen Gentry dieſes Landes darin, nur einem eingebornen Fürſten zu dienen? Wird ſie nicht unauslöſchlich befleckt, wenn man uns anmuthet, einem ausländiſchen Prinzen knechtiſch ſo Geiſt als Schwert zu weihen? verſetzte der Baronet mit gezierter Deklamation.— Ah ſo! rief der Lord freier Atem ſchöpfend. Die Politik alſo ſpornte Ihre Roſſe? Sir John fürchtet für ſeinen Geiſt und Degen, die er beide bislang vor Schar⸗ ten zu bewahren wußte.— Der Alderman begann zu leuchten wie das rothe Feuer eines Leuchtthurmes und nahm raſch das Wort: Eure Herrlichkeit durchſchauen die Seele mit ſcharfem Feldherrnblicke, ſagte er. Ja, die Noth, die Angſt um 1 152 das Vaterland treibt uns daher, Rath zu holen und Troſt, da wo er gehäuft liegt wie Pharaonis Korn in den Kammern des weiſen Miniſters Joſephs. Die getreue Bürgerſchaft unſerer Stadt, die Gemeinde der Gutge⸗ ſinnten, deren Name Legion iſt in unſerer Grafſchaft, haben getragen und geduldet, ſolange ſie hofften auf die Großen und Gewaltigen im Lande, auf die Kriegs⸗ macht des hochverehrten Königs, den Gott erhalte und ſegne! Wir haben die Philiſter gefüttert und ſie gelegt in unſere Betten, weil wir glaubten, man wolle ſie ge⸗ fliſſentlich verlocken von den Küſten tief in das Land, ſie dort in ihrem ſorgloſen Hochmuthe leichter zu ſchlach⸗ ten. Selbſt Mylords Anweſenheit in der Nähe des feind⸗ lichen Hauptquartiers, hier in müßiger Ruhe ſchien uns eine tröſtende Kriegsliſt, denn Lord Churchill befehligte ja die ſchönſte Kolonne des Heers und ſaß, ſo zu ſagen, in des Königs Schooße.— Ueber das Geſicht des Lords flog ein leichter Unwille, der ſich jedoch in ein ſarkaſtiſches Lächeln auflöſete, un⸗ terdeß der Alderman eifrig fortſprach: Jetzt aber ſtrömen die Hiobspoſten von London zu uns herein, und ſchlim⸗ mer wird ihr Angſtruf mit jeder Stunde. Die leiblichen Kinder, ſündhaft, als hätten ſie Kains Blut im Herzen, haben den alten, graulockichten König verlaſſen, die hochherzige Dame, die Königin hat in mütterlicher Sorge um das Leben ihres zarten Prinzen ſich gleich der Mutter des Herrn in ein fremdes Land geflüchtet, die treuloſen Soldaten rennen auseinander, wir ſehen die hochgebornen Herrn, den Lord Dumblaine, den Grafen von Danby verkehren mit dem boshaften Oranien, und der alte Jakob ſitzt allein auf ſeinem königlichen Stuhle in Whi⸗ tehall und ruft nach ſeinem getrenen Volke. Da brennt 153 es in den Herzen der Getreuen und zuckt in jeder Hand. Und wir meinen, das Volk müſſe ſich und ſeinem alten Könige ſelbſt helfen, wenn ſeine Peers und ſeine Fahnen ſich von ihm wenden. Das Volk von England, ſobald es nur gewollt, hat noch immer ſeine gerechten Sachen durchgeſetzt; aber die Heerde muß ein Haupt haben, und auf wen könnte Altengland dabei früher ſchauen, als auf Euch, Mylord, den wackerſten und tapferſten Edelmann im Lande?— Auf mich? fragte der Lord zurückweichend.— Ein Wort von Euch, rief der Alderman, und tauſend Arme ſind bewaffnet. Euer Familienwappen auf der Standarte, und tauſend Reomans ſitzen zu Roſſe; oder glaubt Eure Weisheit die Stärke des Feindes zu groß im Felde, ſo vertilge die eingedrungenen Fremden eine ſicilianiſche Vesper ſo ſchnell und blutig, daß kein frem⸗ der Fuß je wieder wage unſere weißen Küſten zu be⸗ ſchmutzen, und Salisbury und ganz Wiltſhire gewinne ſich durch ſolch kühnes Werk einen unſterblichen Kranz vor allen Grafſchaften und Städten Englands und werde geprieſen als die Retterin des Vaterlandes.— Der Lord bezwang ſich in ſichtlicher Anſtrengung, indem ſeine Hand dem Blutprediger mit Abſcheu Schwei⸗ gen zuwinkte. Maſter Tom, Mann im Silberhaare, ſprach er, wollt Ihr den Bürgerkrieg, die gräßliche Völkerpeſt, herauf beſchwören und Cromwell's Zeit aus den Gräbern von Orford rufen?— Der alte König hat ſich ſelbſt verlaſſen, ſich ſelbſt verloren gegeben, als er dem Rathe der Beſſern ſein Ohr verſchloß. Wer verbürgt Euch, nachdem die Teſtakte zerriſſen, Euren Freiheitsbrief und Eure große Charte, die Heiligthümer des Volkes? Sehnet Ihr Euch nach der ſeltſamen Luſt, 154 ſobald Englands Glaubensfreiheit in Ketten gelegt, wie zu der grauſamen Maria Zeit, die Holzſcheite zu den Scheiterhaufen Eurer Landsleute auf dem eigenen Rücken zu tragen? Der alte Jakob riß ſelber ſeinen Königs⸗ mantel in Stücken; ſeine Tochter Maria iſt die natür⸗ liche, eingeborne Erbin dieſes Reichs; für ſie rüſtete ſich ihr edler Gemahl und will die alte Freiheit dem Volke bewahren. Was weigert Ihr Blinden Euch denn, die Erlöſerin, die Retterin zu empfangen mit dem Danke, der ihr gebührt?— Der Alderman ſchoß finſtere Blicke unter den dicken Augbraunen auf den Lord und verſtummte; doch der Baronet rief: Nichts von der Maria! Gott ſegne den Prinzen von Wales, Prinz Jac für immer!— Lebt ein Prinz von Wales? fragte der Lord ſpöt⸗ tiſch. Seid Ihr ſo gewiß, daß in den Adern dieſes kleinen Jakobs das Blut der königlichen Stuarts fließe? Ihr lebtet fern von Whitehall, und ſo müßt Ihr glau⸗ ben, was den Edelſten des Reichs, die in der Nähe des königlichen Hofes wachten, gewiß wurde, was ganz London nicht mehr bezweifelt. Möchtet Ihr dem unter⸗ geſchobenen Söhnlein, vielleicht dem Sprößlinge einer niedern Magd, die reichſte Krone der Welt auf die Stirn ſetzen, und Euch beugen vor dem goldenen Kalbe der liſtigen Modeneſerin?— Ernſter trat er den Verwirrten einen Schritt näher und legte die Hand aufs Herz. Wir ſtehen unter Gottes Auge, ſprach er, und ich frage hinauf: Wo ſteht ein getreuerer Mann in Altengland? Dennoch habe auch ich den alten König verlaſſen, und bin Oraniens Freund, ſeit er Sicherheit geſtellt für des Reichs heilige Geſetze, und nenne mich von da an einen Unterthan der Königin Maria. Seid auch Ihr getreue 155 und weiſe Bürger, ſo thut deßgleichen, und erhaltet den Frieden, der das höchſte Gut des Bürgers, der die Ge⸗ ſundheit des Landes iſt. Ich werde in nächſter Minute vergeſſen haben, was Uebereilung, Mangel an Einſicht, falſch gerichtete Vaterlandsliebe Euch zu mir reden ließ. Und damit guten Tag, ihr Herren! Meine Diener wer⸗ den ſogleich die wackern Gäſte bewirthen, und dann kehrt zu Hauſe und gebt Euren Mitbürgern ein Beiſpiel in den Tugenden des friedlichen Bürgers.— Das Triumvirat ſtand eine Weile verdutzt da, nach⸗ dem der Lord den Saal verlaſſen. Maſter Blackborn fand zuerſt die Gedanken wieder und ſagte: Es iſt doch viel Sinn darin, was Seine Herrlichkeit geſagt, wenn er uns auch ein Weniges abgekanzelt.— Was Sinn, was abgekanzelt! fiel Scattergood ge⸗ ſpreizt ein. Verdammt ſei der Ritt in kaltem Nebel zu dem Abtrünnigen und Treuloſen! Ihr platztet auch ſogleich los, Herr Thomas, ohne mit Feinheit zu ſondiren, und habt unſere Exiſtenz thöricht gefährdet. Die zierliche Fecht⸗ kunſt erlernet Ihr derben Bürgersleute niemalen. Wir müſſen rufen: Ein Pferd! Ein Pferd! Ein Königreich für ein Pferd! Denn ſetzten wir uns hier zum Früh⸗ ſtück, könnte ein Henkersmahl daraus werden, das der Sherif verſalzte.— Verflucht der Biſſen, wetterte der rubinrothe Alder⸗ man, den in der Höhle Belials ein altengliſcher Mund zu ſich nehme. Dieſer Churchill iſt ein Achſelträger, wie Alle, die in der Hofluft groß geworden. Fort zur Stell, meine Herren! Will Niemand uns helfen, helfen wir uns ſelbſt, und gelingt's, ſo ſollet Ihr erleben, wie dieſe Großmäuler ſich ſchmeichelnd neigen vor uns, und ihre Kapuzen nach unſerer Mode ſchneiden laſſen.— 156 Die hitzigen Jakobiten ſtürmten zum Schloſſe hinaus zur Verwunderung der ängſtlichen Lauſcher an den obern Fenſtern. Bald löſete ihnen jedoch der Lord das Räthſel; doch beſchloſſen die beſorgten Männer nach der Mittags⸗ tafel in die Stadt zu reiten, und wenn auch nicht als Angeber, doch als Warner bei dem Prinzen zu erſcheinen. Wael ſuchte die beklommene Mary zu ermuthigen, ſog Hoffnungen aus dieſer unerwarteten Morgenſcene, welche die Bedränger in die Hand ihrer Gegner gegeben, em⸗ pfahl die Freundin dem mütterlichen Schutze der Lady, vermißte aber mit Betrübniß die ſchöne Cecily, die ſich ſeit dem Frühſtück in ihrem Kloſett verſchloſſen gehalten. Der Seelenzuſtand Waels konnte kein ruhiger genannt werden. Obgleich ihm als ſchönſte Gottesgabe eine leichte, frohſinnige Gemüthsſtimmung gegeben war, die ſelbſt durch ſchweres Schickſal nur gedrückt, nicht erſtickt werden konnte, obgleich dieſe Stimmung angereizt worden durch die unverhaltene Darlegung der Zuneigung Cecily's, an welche er bislang in dem Maße nicht geglaubt, ſo fühlte er ſich doch andrerſeits höchſt beunruhigt durch den Schmerz oder wenigſtens die trüben Empfindungen, die das Herz der Marquiſe durch ſeine Schuld getroffen hatten. Wohl war er ſich eines ſchönen wohlthuenden Gefühls für die reizende Engländerin bewußt geweſen, welches mit jedem Beſuche zu Churchillhouſe ſich ſeines Weſens immer mehr bemächtigt. Dennoch hatte er bis⸗ lang nie gewagt, ſeiner Eitelkeit durch die Träume einer innigern Verbindung als die, welche ſich auf wechſel⸗ ſeitige Hochſchätzung und Dankbarkeit von Cecily's Seite gründete, zu ſchmeicheln. Die ſcharfen Bemerkungen 157 der Marquiſe am Morgen, die ſichtliche Verwundung ihres Gemüths bei Mary's Erſcheinung, enthüllte ſeinem Blicke, der an ſcharfe Beobachtung und Schlußfolge daraus gewöhnt war, auf einmal das Innere der hoch⸗ geſtellten Dame, und indem er ernſter als ſonſt auch ſich ſelbſt ausforſchte, ſtieß er auf Keime von Hoffnungen, die ihn mit Furcht vor ſich ſelber erfüllten. Freilich hatte er längſt die Marquiſe mit Allem bekannt gemacht, was ihn anging, und trotz dem waren bei ihr dieſe Aeuße⸗ rungen bitterer Kränkung, getäuſchter Erwartung, ja offener Eiferſucht ans Licht getreten. Dennoch ſchüttelte er den Kopf, als er ſich in der Figur eines Werbers um den Beſitz der hochgeborenen Dame dachte, und er bezwang das innere Drängen, das ihn antreiben wollte, die Marquiſe aufzuſuchen und ſie durch offene Enthüllung des Geheimniſſes zu beruhigen. Ein leichtes Froſtwetter hatte den Himmel klar ge⸗ macht, als Wael in Begleitung des Lords zur Stadt ritt, aber Churchills heiteres und trauliches Geſpräch vermochte nicht die Wolken zu ſcheuchen, die Waels ſonſt ſo freien Geiſt umlagert hielten. Es iſt an der Zeit, und ich halte es für Pflicht, ſagte der Lord, jetzt frei und offen aufzutreten, und vor dem Volke der Fahne den Schwur zu leiſten, deren Sache wir als die beſſere, dem Lande nützlichere erkannten. Gern hätte ich die Fehde ohne meine Einmiſchung ent⸗ ſchieden geſehen, ohne weiter öffentlich Partei zu nehmen, denn der große Haufe, unbekannt mit den Verhältniſſen des höhern Lebens, ſieht da oft Wankelmuth und Achſel⸗ trägerei, wo ernſte Pflichten, wo langſam gewonnene Ueberzeugung den Wechſel fordern, der darum die eigent⸗ lichen Grunvſätze nicht erſchüttert, auf die der Werth des 158 Mannes geſtellt iſt. Die Geheimniſſe der Politik ſind unſerm Volke ſonſt nicht fremd, Politik gehört zu dem täglichen Brode jedes engliſchen Bürgers; der geringſte kennt die Inſtitutionen des Vaterlandes ſo genau wie Londons weiſeſter Rechtsgelehrte, und mit einer Umſicht und einer Geiſtesſchärfe, die andern Völkern fremd iſt, weiß der Engländer zu erwägen, was ſeinem Lande nützt oder es befährdet. Darum erwartete ich nirgend ſolche gefährliche Aufregung, wie die Herren aus Sa⸗ lisbury mir heute Morgen kund gegeben, und ihre Raſerei beſchleunigte meinen Entſchluß, mich an des Prinzen Seite zu zeigen und durch mein Beiſpiel niederzudrücken, was in der Grafſchaft der baldigen Ausgleichung dieſes kurzen Bürgerkrieges noch im Wege ſein möchte. Aber Ihr ſtarret ins Blaue, Doktor, und ſeid überhaupt heute ein düſterer Reiſegefährte.— Nicht doch, Mylord, verſetzte Wael, aus ſeinem Sinnen erwachend. Ich freue mich Eures Entſchluſſes, welcher der guten Sache ein großes Gewicht zuwerfen muß.— Poſſen, Doktor, Ihr ſeid ein Anderer wie ſonſt. Denkt Ihr zurück an die kleine Flüchtlingin mit den Madonnenaugen, oder hat Euch das unartige Benehmen unſerer launigen Nichte gekränkt, welche vergaß, daß ohne Euch unſer Familienhaus eine Wüſte, ein Fegefeuer ſein müßte?— Ich ſchelte mich ſelbſt, Mylord! Ich bin undankbar gegen die Damen geweſen, die mich mit ſo übergroßer Huld beſchenkten. Da ich Euch mein Geheimniß kund gab, hatten die Damen nicht gleichen Anſpruch auf mein Vertrauen? Freilich war ich eitel genug, zu glauben, die Herzensfreundin des Doktors würde einer freundlichern 159 Begegnung gewiſſer ſein, als die ſeines unbekannten Freundes.— Und Ihr thatet geſcheit daran, denn ſo ſüß auch der Traum von einer Entführung um die Betten vieler unſerer züchtigen Ladys flattern mag, ſo ſchauen ſie doch auf eine Entführte meiſtens mit Furcht wie auf eine Blatternkranke, deren Nähe anſteckend iſt, und nur die Achtung und das Vertrauen auf den Entführer vermag dieſe Sorgniß zu mildern. Doch ſprecht jetzt offen, Freund, welcher Plan für die Zukunft iſt in Euch reif geworden? Ihr habt als ein Feſtungsſtürmer die Haupt⸗ baſtion genommen, aber die Citadelle iſt dadurch noch nicht gewonnen.— Welcher Plan, Mylord? fragte Wael. Ich habe keinen. Die Helena iſt aus Troja verſchwunden, mögen ſich nun Troer und Achäer raufen ohne Preis. Wir haben nur auf den Moment zu paſſen, der unſerm armen Richard⸗Menelaus den geraubten Schatz wieder zuſpielen möchte.— Doktor, erwiderte der Lord mit Ernſt, und wenn nun kein Moment der Art ſich darbeut, wenn Euer furchtſamer Freund ſich nicht löſet aus den Feſſeln ſeiner Verlobten, wie dann? Werdet Ihr nicht gedrungen ſein, die arme Miß zuletzt dem gar trefflichen Scattergood auszuliefern?— Nein, ſo wahr ich ein Mann bin! rief Wael mit Feſtigkeit. Ich habe die Jungfrau auf meinem Sattel ihrem Hauſe entführt, ihre Ehre iſt mir vertraut, wie ihr Lebensglück. Ich würde ſie ſelbſt heirathen und ſie ſollte nicht unglücklich dabei fahren, und auch mein armer Freund würde die Dornen ſeines Eheſtandes weniger fühlen, hätte er meinen Schwur empfangen, daß ich nur ein 160 Bruder bliebe ſeiner Mary und ſie ihm unbefleckt hege, bis des Himmels Schluß ihn erlöſet.— Unbeſonnener Wildfang! ſprach der Lord. Wir leben nicht mehr in den Zeiten der Tafelrunde; ein Lancelot vom See paßt nicht zu unſerer Welt. Wo bleibet Ihr denn ſelbſt, wo Euer eigen Herz in Euren romantiſchen Rührſpielen? Vergaßet Ihr den Hauptakteur, dem Ihr eine in ihrer Paſſivität gar zu ſchwierige, wohl gar unausführbare Rolle aufgelegt?— Ich bin ſolcher Dulderrollen nicht ungewohnt, ant⸗ wortete Wael mit leichterm Tone, auch neigte ich mich von Jugend auf ein Weniges zum Fatalismus. Die alte, grauverhüllte Gottheit läßt ſelten den Kühnen im Stich, der im Vertrauen auf ſie etwas übermüthig durch die Lappencouliſſen des Welttheaters hintobt.— Der Lord lachte wohlgefällig, und Beide ermuthigten die Pferde zum raſchern Ritte. Mit Verwunderung fanden ſie das Thor von Salis⸗ vury verſchloſſen und die Wachen im Gewehr. Nur nach ſtrenger Examination öffnete man ihnen.— Warum ſolch kriegeriſche Vorkehrung, da kein Feind außen, Hauptmann? fragte Wael.— Innen lauert der Feind, antwortete der Offizier, und der gefährlichere. Wiſſet Ihr denn noch nicht, daß Mittags bei der Parade nach dem Prinzen geſchoſſen worden?— Verwundet der Prinz? fragte Wael mit Entſetzen. Oder Schrecklicheres noch?— Der Mörder fehlte ſein Ziel; die Kugel traf den Hals des Pferdes, und der Prinz warf ſich ohne Be⸗ ſchädigung aus dem Sattel.— Und von wem ging die Frevelthat aus? Ergriff man den Meuchler? ſtieß der Lord mit Haſt hervor.— 161 Der Thäter ward mit dem rauchenden Gewehr in der Hand gefangen, entgegnete der Offizier. Sein Name iſt mir unbekannt; ein gleichzeitiger Auflauf des Pöbels wurde durch Bajonette und einige Gewehrſalven zer⸗ ſprengt. Die ganze Garniſon lief zu den Waffen; wir haben hier am Ende der Stadt nichts Weiteres erfahren, als daß man mehre Verhaftungen vorgenommen, Per⸗ ſonen, auf die der feige Mörder ſogleich bekannte.— Der Lord beſchloß ohne Aufſchub zu dem biſchöflichen Palaſte zu reiten und dem Prinzen ſeinen Beſuch zu machen, und Wael verſprach, ihm zu folgen, ſobald er in ſeinem Quartier die Kleider gewechſelt. Das geſpornte Roß trug den Doktor ſchnell zum Hauſe des Aldermans Baxter, und ſeine Ahnung beſtä⸗ tigte ſich hier nur zu deutlich. Die Pforten und Thorwege ſtanden weit auf, Vorplätze und Hofräume erſchienen öde und menſchenleer, doch außen belagerten das Haus mehre Rotten holländiſcher Schützen. Waels Burſch, der ihm das Pferd abnahm, erzählte, daß das Geſinde und Fabrikvolk zuſammt davon geflüchtet, als die Sol⸗ daten gekommen, den hochmüthigen Herrn Thomas zum Thurm zu holen, weil er mit zu den gottloſen Ver⸗ ſchwörern gehört. Wael ſtieg gedankenlos zu ſeinem Zimmer hinauf, doch ſogleich wurde ſeine Aufmerkſam⸗ keit durch ein dumpfes Geſtöhn gefeſſelt, nach deſſen Urſprunge er ſich vergebens umſah. Endlich leitete ihn der Ton zu einem Koffer im Winkel, der ihm zum Ge⸗ brauche vom Hauswirthe eingeräumt, und der für ge⸗ wöhnlich offen geſtanden. Das Behältniß war verſchloſſen, der Schlüſſel nicht im Schloſſe und die Töne in dem Blumenhagen. X. 11 162 Kaſten ähnelten immer mehr dem Röcheln eines Ster⸗ benden. Wael's Degenklinge zerbrach bei dem erſten Verſuch, doch mit dem Reſt der Waffe gelang es ihm in übermäßig angeſtrengter Kraft den Deckel zu ſprengen und dem darin Verſchloſſenen Licht und Luft zu verſchaf⸗ fen. Wie vor einem Geſpenſt fuhr er aber zurück, als ſich jetzt mit blaurothem Geſicht, hervorgequollenen Augen und ſchwer arbeitender Bruſt Maſter Thomas, der Alder⸗ man, wie aus einem Sarge aufrichtete, und mit weit⸗ geöffneten, blutigen Lippen die zuſtrömende Luft einſchnob. Raſch faßte der junge Mann den Leidenden, hob ihn mit jugenvlicher Stärke aus dem Koffer und ſetzte ihn auf ſein Bett, und mit friſchem Waſſer, das glücklich zur Hand war, gelang es ihm ſchnell den grauſigen Zuſtand, in welchen der Eingeſperrte gerathen, zu ver⸗ wiſchen, und ihm Sprache und volle Beſinnung wieder zu geben. à Gott ſendete Euch, ſtöhnte der Alderman, wenige Minuten noch, ſo wäre ich lebendig begraben.— Aber wie kamet Ihr in den engen Behälter? Und wo blieb der Schlüſſel? fragte Wael.— Wie da hinein? verſetzte Herr Thomas ſich beſinnend. Hörte ich denn nicht das Degengeklirr der verdammten Weißröcke hinter mir? Die Todesnoth nimmt den Ver⸗ ſtand; ich warf den Schlüſſel hinein und den Deckel hin⸗ ter mir zu.— Mit ſtarren Augen betrachtete er dann den Doktor.— Aber Ihr ſeid es ja, der mich erlöſet, ſagte er mit matter Stimme und ſehr kleinmüthig. Da geht es wohl aus einem Grabe in das andere; doch liefert mich nur aus, bringt mich zum Schaffot; es muß ſich jedenfalls beſſer in freier Luft ſterben als in dem hölliſchen Kaſten dort.— 163 So waret Ihr bei der Emeute? Hattet wohl gar Theil an dem Mordanſchlage? fragte Wael heftig und mit Abſcheu.— Der verruchte Kerl, der ſo wenig gewandt war, ſich greifen zu laſſen, der eine flinke Zunge, aber eine ſchlechte Hand hatte, hat in der Haſenangſt, um ſich zu ſalviren, viele ehrlichen Leute genannt, mich und den Sir Richard, und den Baronet und ein Dutzend Andere, ſagte der Al⸗ derman mit verbiſſenem Ingrimm. Collet? Den ehrlichen Richard? rief Wael mit Schrecken.— Ja, unſer Toby flüſterte es mir zu am Markte; er hatte ſie aufgreifen ſehen. Da ſtolperte ich heim, meine Taſchen aus der Kaſſe zu füllen; doch ehe ich auf's Pferd kam, ſaßen die Teufel mir ſchon auf den Ferſen, und hetzten mich in den Sarg da, weil ich geglaubt, Euer Quartier ſollte Euren Landsleuten unverletzlich ſein.— Und wo blieb Miß Charlott? Suchte ſie nicht des Vaters Spur?— Der Alderman ließ den Kopf ſinken, die grauen Haare fielen rauh und wirr über ſein Geſicht, das jetzt ganz gelbbleich geworden; er faltete die Hände über den Knien, und ſaß da, das Bild eines durch den Zorn des Himmels gerichteten Hiobs.— Undankbarkeit iſt die Erb⸗ fünde des Geſchlechts und was ſoll mir darum die Wehr um das elende Leben? ſeufzte er mit faſt tonloſer Stimme. Eine nöthige Reiſe rief mich vor Tage aus dem Hauſe. Als ich heimkehrte, fand ich mich als einen verlaſſenen Mann. Meine Töchter! ſchrie ich wild wie König Lear. Wo ſind die ſchönen Töchter des greiſen Vaters?— Meine Charlott, mein Stolz, war über Nacht fortgereiſet mit dem Grafen von Clackmannan, fort zur Küſte, und hatte 164 Vater und Vaterland grauſam verlaſſen. Ein Brief lag da als Abſchied, doch ſah man keinen Thränenfleck darauf, und der reiche Schmuck ihrer Mutter und die Kaſſe, die ich ihr für das Haus vertrauet, hatte Platz im Wagen des ſchottiſchen Laird gefunden. Auch die ſtumme, trüb⸗ ſinnige Mary ließ ſich nicht finden; ihr Bett war unbe⸗ rührt, nichts fehlte von ihrem Eigenthum; die Patty, die Magd, meinte, ſie habe das kalte Waſſer der Hochtzeits⸗ kammer des Baronets vorgezogen, denn ſolche Reden hatte man oftmals von ihr gehört. Sie wird auch wohl im Fluſſe hinunterſchwimmen dem weiten Meere zu, das nichts wieder gibt. Was ſoll dann Maſter Thomas noch in ſeinem Hauſe, wo die Schande aus allen Fenſtern guckt? Wär's nur aus mit einem ehrlichen Tode, und nicht ſo im Angeſicht des Pöbels, den man immer in Reſpekt unter dem Fuße gehalten.— Wael, obgleich empört im tiefſten Gemüth, fühlte doch eine Rührung des Mitleids bei dem Anblicke des gebrochenen, noch geſtern ſo hoffärtigen Mannes. Ich will nicht fragen nach Eurer Schuld, ſagte er; will nichts wiſſen von Eurer Theilnahme an dem von Gottes Hand verhinderten Bubenſtücke. Der unſichtbare Richter hat Euch ſchwer getroffen; büßet und betet.— Seid Ihr ſchuldig, ſo könnet Ihr der Strafe nicht entgehen, und ich darf zum Verſteck nicht die Hand bieten. Hüllet Euch in mein Bett, ziehet die Vorhänge zu und übt Euch in bereuender Selbſterkenntniß. Ich ſchließe das Zimmer, und mein Bub ſoll es bewahren, ohne zu wiſſen, was es birgt. Reget Euch nicht, bis ich gekehrt. Jeder Ver⸗ ſuch zur Flucht würde Euch unerrettbar in die Hände der Soldaten werfen. Gedenkt der armen Mary, das wird die lindeſte Buße für Euren Uebermuth werden.— S— 1* 165 Der Alderman fügte ſich geduldig in Wael's Befehle, und dieſer warf ſich ſchnell in ſein Zeug und ging mit vielfach beunruhigtem Herzen. Wilhelm von Oranien ſaß in einem Prunkzimmer des Biſchofs von Salisbury neben dem hellflackernden Kaminfeuer. Sein ſchwächlicher Körper hatte augenſchein⸗ lich durch den Schrecken gelitten, ſein zartes Geſicht war bleich, doch ſeine Augen leuchteten hell und klarer wie gewöhnlich. Der Lord Churchill ſaß neben ihm am Tiſche, den Briefſchaften bedeckten; Generale ſtanden in der Nähe, Ordonnanzoffiziere warteten in der Thür. Sieh da, Doktor! rief er dem eintretenden Wacel ent⸗ gegen. Du kömmſt ſpät, um Dich nach der Geſundheit Deines Prinzen zu erkundigen, und hätteſt uns gar leicht nicht mit offenen Augen wieder geſehen.— Ihr ſehet mich entſetzt, Hoheit! begann Wael mit reſpektvoller Theilnahme.— Wohl hätteſt Du verdient, daß man Dir den Degen abnähme, fuhr der Prinz doch mit Freundlichkeit fort, da Du ohne Urlaub Deinen Poſten verlaſſen, aber unſer Freund Churchill, dem wir nun einmal ein An⸗ recht auf Dich gegeben, hat Dich eifrig und zur Genüge entſchuldigt. Der Kühltrank des Leibmedikus hat gut gethan, mehr noch dieſe Briefſchaften, die wir aus Am⸗ ſterdam empfangen. Königin Maria ſendet uns eine zweite Flottille, und wird mit ihr ſelbſt zu ihrem Erb⸗ reiche herüberkommen. Auch für Dich iſt eine Bot⸗ ſchaft dabei, Trauer und Troſt nebeneinander. Den trefflichen Großpenſionär, Deinen Ohm, hat Gott zu ſich gerufen; in ſeinem Teſtamente hat er Dich für ſeinen 166 Adoptivſohn erklärt und Dir die Hälfte ſeines Vermö⸗ gens und ſeiner Güter vermacht. Hier nimm die Do⸗ kumente, ſie ſind für Dich.— Friede ſeiner Aſche! verſetzte Wael. Nicht erſt jetzt, ſchon früher hat ſeine Segenshand meiner Seele wohl⸗ gethan. Aber wenn auch tief erſchüttert durch die uner⸗ wartete Trauerpoſt, darf ich nicht bei dem edlen Todten weilen, weil der lebende Freund mich fordert. Ich hörte, Hoheit, der verruchte Mörder hat gehäſſig einen Mann unter den Verſchwörern genannt, für deſſen Red⸗ lichkeit das Zeugniß aller ſeiner Mitbürger ſprechen, und für deſſen Unſchuld mein Kopf ohne Zaudern haften wird.— Wer iſt der Unglückſelige? fragte der Prinz auf⸗ merkſam.— Richard Collet, ein junger Advokat, eine Taubenſeele in einem Lammskleide, in deſſen Seele, und wenn auch Todfeinde ihn quetſchen bis zur Verzweiflung, nie blutige Gedanken Platz zu finden vermöchten.— Im Lammskleide geht oft der Wolf um, fiel der Prinz verdüſtert ein. Gerade dieſer zahlte dem Mörder das Blutgeld aus.— Nur Aufſchub, kein übereiltes Urtheil, Hoheit! flehte Wael dringlich.— Hörteſt Du ſchon von dem Oranier, daß er heute unbedacht gethan, was er morgen bereut? antwortete der Fürſt unwillig, indem er eine Depeſche erbrach, die ihm ſo eben ein Offizier vorgelegt. Doch ſeine Blicke wurden immer funkelnder, indem er das erbro⸗ chene Schreiben durchlief. Raſch ſtand er auf, ſetzte ſeinen Federhut auf, ſchnallte ſich den Degen um und trat vor den Kreis der erwartungsvoll aufmerkenden 167 Oberſten. Gott mit uns, meine edlen Herren und Kriegs⸗ gefährten! ſagte er lebhaft und mit gehobener Stimme. Wir dürfen unſere erlauchte Gemahlin in dieſer Stunde als Königin von Großbritannien begrüßen. König Ja⸗ kob hat ſeiner Krone entſagt, denn er hat London ver⸗ laſſen und ſich zu Rocheſter nach Frankreich eingeſchifft. Wir wünſchen dem hohen Herrn guten Wind und ſchnelle Fahrt. Zwar hat er das große Reichsſiegel eigenhändig in die Themſe geworfen, doch werden wir ſchon ein anderes finden, um als Reichsverweſer unſere Befehle zu beſiegeln. Die engliſche Armee ſtellt ſich zu unſern Dienſten, Londons Thore ſind uns geöffnet und man erwartet uns. Laſſet uns denn ſchnell hinein ziehen, und der erlauchten Frau den Thron bereiten. Es lebe Maria, Englands Königin!— Alle ſtimmten jubelnd in den Ruf; der Prinz aber fuhr befehlend fort: Meine Generale eilen ſofort zu ihren Diviſionen; ordnet Schnellreiter an alle Kolon⸗ nen; verkündet den Frieden überall, und laſſet Alles aufbrechen gen London. Morgen mit dem erſten Ta⸗ gesſtrahl ziehen auch wir ſelbſt unſerer Hauptſtadt zu. Und damit wir keine Trauer nachlaſſen in dem Orte, in welchem wir ſolche Freudenpoſt empfingen, wollen wir nichts weiter wiſſen von dem, was heute vorge⸗ gangen. Die Verirrten waren Engländer, glaubten ſich noch nicht gelöſet von dem Eide, der ſie an den alten König band, wir waren heute noch nicht ſo ganz ihr Herr und König. Man entlaſſe Alle ihrer Haft und jeder Ahndung ſollen ſie quitt ſein. Mein lieber Wael, oder jetzt van Fagel, ſuche Du Dir ſelbſt Deinen tau⸗ benherzigen Freund auf und verkünde ihm das Evange⸗ lium. Nur an dem Meuchler, der ein Niederländer iſt, 168 wie wir beſchämt gehört, werde der Spruch des Kriegs⸗ gerichts ohne Aufſchub vollzogen.— Wael hatte bereits mit Haſt, ehe er des Prinzen letzte Worte vernommen, die Hand des Fürſten ergriffen und geküßt, und erbat an der Thür ſich ſchon einen Adjutanten zur Begleitung, um den Gnadenſpruch augen⸗ blicks in Ausführung zu bringen. Der Thurm von Salisbury konnte auf keinerlei Weiſe einen Vergleich mit Londons berühmtem Tower aushalten, in welchem manche hohe Perſon ein bequemes Logiment antraf, und den Traum der Erdenherrlichkeit fortzuſetzen vermochte, bis die rauhe Stimme des She⸗ rifs ſie erweckte und zum letzten, unwillkommenen Spa⸗ ziergange abrief. Das graue Steinhaus gehörte zu den Befeſtigungswerken der Stadt, an die man innerhalb einige ſchlichte Holzhäuſer gehängt, für die Wachthalten⸗ den und für leichte Polizei⸗Arreſtanten beſtimmt. Das anſehnlichſte Gemach des Thurmes, immer doch eng, dumpfig und kellerkalt, war den beiden Gentlemen angewieſen worden, und an einem ungehobelten Tiſche auf Schemeln ſaß der eitle Sir John Scattergvod dem beſcheidenen Sir Richard Collet gegenüber, und das Geſpräch der beiden Unglücksgefährten hatte in den drei Stunden ihres Kerkerlebens an lakoniſcher Einſilbigkeit jenes nicht übertroffen, welches wir in dem Gaſthauſe zum durſtigen Eisbär zu behorchen Gelegenheit hatten. Sir John ſaß an die Wand zurückgelehnt, damit ſein edles Haupt die gewohnte Haltung nicht verlöre und ſtarrte mit den matten Glasaugen in das Licht der Ket⸗ tenlampe, welche man frühzeitig an der Decke angezündet, 169 da die hochliegenden, kleinen Fenſter ihren Dienſt wie faule, ungefügige Knechte verſahen. Sir Richard dagegen lehnte ſeinen Kopf vorüber auf die eichene Tiſchplatte, als wollte er ihn ſchon jetzt an die Lage gewöhnen, die ihm der eherne Diener der Gerechtigkeit vielleicht baldigſt aufzwingen dürfte. Allein trat Wael durch die enge Thür, ſie hinter ſich ſchließend, und beide ſtarrten ihn einige Augenblicke an ohne Wort und Bewegung. So muß ich den Gerechten unter den Sündern finden! rief Wael und trat näher und legte ſeine Hand auf die Locken des Freundes. Haſt Du nun eingeſehen, daß Männlichkeit die erſte Tugend des Mannes ſein muß, will er nicht Schiffbruch leiden in dieſem Leben voll Wind und Klippen?— Du kommſt Abſchied zu nehmen, antwortete mit kran⸗ ker Stimme der Advokat; das iſt recht brav von Dir, Jac! Was anders könnte Dich noch herführen? Dein Rath kömmt zu ſpät für dieſes Mal; Dein Troſt wäre überflüſſig, denn ich weiß, im Kriege gilt kein Jus, und dieſe eiskalten Fremden werden ihre Ohren jeder Defen⸗ ſion verſtopfen, und mit Haſt die willkommenen Opfer des Nationalhaſſes ſchlachten. Geiſtige Ketten umſchlan⸗ gen mich, nun fſind die leiblichen hinzu gekommen, und ſie führen zur vollkommenen Erlöſung, dahin, wohin ſich meine Seele ſehnet, die hier nirgend heimiſch war und — wohin viel Liebes mir vorangegangen.— Sir John war indeſſen aufgeſtanden und hatte ſich ſteif vor den Doktor geſtellt. Ihr gehöret zu den Wider⸗ ſachern, ſagte er mit ſtolzer Miene, aber, da Ihr ein Gentleman ſeid, werdet Ihr einen Auftrag nicht von Euch weiſen dürfen, weil bislang ſich Niemand ſehen ließ, den der Baronet Jonny Samuel Scattergood von 170 Illinis damit beehren konnte. Gehet ohne Zögern zu dieſem Prinzen von Oranien; meldet ihm, daß man ein Mitglied der Nobility dieſes Landes auf die ungezie⸗ mendſte Weiſe in ein Loch geſteckt, wohin Strauchdiebe gehören, daß Sir John nicht gewilligt ſei, in dieſer Nacht gleich Heckengeſindel zu erfrieren, daß wir eine Jury verlangen von Unſersgleichen, und daß wir eine Bürg⸗ ſchaft ſtellen wollen, höher, als ſie dieſer Prinz aus dem Reiche der Fröſche begehren möchte, daß wir ſelbſt zu ihm geführt werden wollen, um durch unſere Perſönlichkeit jeden Verdacht niederzuſchlagen, und ihm einen beleh⸗ renden Sermon zu halten, wie er künftig eine engliſche Standesperſon zu hehandeln verpflichtet iſt.— Der Baronet ſchöpfte tief Athem nach der längſten Rede, die er jemalen gehalten, und die ihm die Todes⸗ noth abgepreßt, doch der Doktor zuckte lächelnd die Achſeln.— Sir, verſetzte er, gäbe ich mich auch willig zu Eurem Liebesboten her, der Weg wäre ein unnöthiger. Die Ku⸗ geln des Krieges zerfleiſchen unverſchämt ſo den Genera⸗ liſſimus wie den Bagageknecht, wenn beide in ihre Bahn gerathen. Des Krieges unanſtändige Natur weiß wenig von Ceremonien. Das Kriegsgericht ſpricht ſein Schuldig! ohne hungrig eingeſperrt zu werden, und der Zeuge gegen Euch gilt ihm mehr als hundert bezahlte Unſchuldszeugen. Denket darum nur immer an Eure Vettern, und welchen derſelben Ihr Güter und Titel nach Euch zu tragen am würdigſten gefunden.— Der Baronet that in dem engen Raume zwei gewal⸗ tige Stelzenſchritte und ſein kreidiges Antlitz überflog zum erſten Male die Ofenglut eines wirklichen Zorns. Er hob beide Arme ſteil in die Höhe und kreiſchte: So ſei 171 die Stunde verflucht, in der ich das Haus dieſes jäm⸗ merlichen Bürgers betrat! So verdamme Gott ihn ſelbſt, dieſen prahleriſchen, unvorſichtigen Tölpel, der dem Na⸗ men Seattergood die erſte Schande anwirft! So nehme die kleine, elende Miß, deren Klapperſchlangen⸗Blicke mich verlockten, meine Verwünſchung nach in ihrem Waſſergrab, welches mich zu rechter Zeit von ihr frei gemacht!— Mit einem Schmerzlaut ſprang Richard auf und warf ſich an Waels Bruſt. Hörteſt Du es ſchon, ſtammelte er halblaut, was die fromme Mary gethan? O auch daran bin ich Schuld! Seit dieſe Nachricht zu uns her⸗ ein drang, iſt mir der Tod ein Freund, denn es drängt mich ihr nach, Vergebung zu flehen von ihr, die meiner Vertheidigung zu ſchnell entflohen.— Richte Dich auf, mein lieber Frennd! ſprach Wael, ihn an ſich aufziehend und mit Wehmuth umfangend. Marg iſt nicht todt, ſie blühet noch, die ſchöne Blume, zu Gottes und der Menſchen Freude. Sie iſt entführt worden und in ſicherm Verſteck.— Richard ſtarrte ihn unglaubig an, der Baronet aber fragte heftig? Entführt? Gewaltſam oder freiwillig? Doch ſei es, wie es ſei; das Gerücht des Selbſtmordes haftet ſchändend an ihr und löſet jede Verpflichtung.— Sie iſt entführt worden und folgte dem Entführer freiwillig, antwortete der Doktor triumphirend. Ich ſelbſt war ihr Befreier, mit mir ſchloß ſie das traulichſte Bündniß; ſtarre mich nicht ſo düſter an, Richard, Du wirſt ſie doch lieber in meinen Armen wiſſen, als in denen, die ihr bis in den Tod verhaßt geworden?— Ich würde Rechenſchaft von Euch fordern, Herr, ſagte der ſtutzige Baronet, wenn Ihr ein Engländer wäret, ——————————————————————————————————————— —— 172 oder die alten Verhältniſſe in ihrer Ordnung geblieben. So freue ich mich Eures Nachtſtückes und wünſche Glück zu der Heirath in das Haus dieſes entehrten Bürgers, der als das Haupt der Emeute ſchwerlich dem kalten Holze entgehen möchte, von dem wir uns, ſtehen wir nur erſt vor dem ungeſetzlichen Richterſtuhle, durch Würde und Redekunſt und den Beiſtand unſerer Standesgenoſſen ſchon los zu machen gedenken.— Ihr gebt alſo Miß Mary frei? Ihr verzichtet auf jeden Anſpruch an ſie? fragte Wael freudig. Gebt mir Euren Handſchlag darauf, Sir!— Und als der Baro⸗ net feſt die Hand in Waels Rechte geſchlagen, rief er wie außer ſich: Es lebe die alte graue Mutter der Men⸗ ſchen, das Fatum! Es leben die Muthigen, die ihm ver⸗ trauen! Ruft es mit, Du Richard und auch Ihr, Sir John, denn es ſchickt Euch einen Lohn, den Euer Ge⸗ wiſſen Euch vielleicht nicht als verdient zuſpricht. Richard, mit Deinen leiblichen Ketten fallen auch Deine geiſtigen. Sei ein Mann in der Freude und erſtarke Dich an ihr, Du Knabe im Leid! Miß Charlott gab Dich los; längſt trägt ſie der rollende Wagen mit ihrem ſchottiſchen Laird zur Küſte; Du wirſt ſie und Deinen verwünſchten Ring nie wiederſehen. Und jetzt herein, Herr Hauptmann, und krönet mit des edlen Prinzen Gnadenſpruch dieſe Stunde!— Die Freiheitspoſt erklang; der Baronet ſchritt ſogleich, ohne den Hut zu ziehen und ohne Abſchiedsgruß aus der Thurmthür; Richard lag wortlos, doch laut weinend an des Freundes Herzen. 173 Am andern Morgen weckte den Tag das Raſſeln der Trommeln und das Schmettern der kriegsmuthigen Trom⸗ peten. Wilhelm von Oranien zog hinaus durch das Thor, welches nach London, und ihn dem Ziele ſeines Ehrgeizes entgegen führte. Die Bürgerſchaft von Salisbury, der ſchwankende Volkshaufe, der geſtern noch an ſein Ver⸗ derben die häusliche Wohlfahrt geſetzt, beweglich im Wetter gleich dem ſeelenloſen Hahn des Kirchthurmes, rief dem Abziehenden Gruß und Glückwünſche nach. Zu dem entgegengeſetzten Thor hinaus begann eine gemüthlichere Geſellſchaft ihre Abreiſe. Im Wagen ſaß neben dem kranken und gänzlich verwandelten Alderman der junge Advokat, und verſchwendete an dem zerſchlagenen Saul ſeine durch die Freude erweckte Redſeligkeit, übergoß den ſtummen Gefährten mit weichen, herzlichen Tröſtungen, mit Verſicherungen ſeiner kindlichen Achtung, die durch eine politiſche Uebereilung nicht vertilgt worden, mit Bildern einer glücklichen, reichen Zukunft. Wael und der Lord mit einem Diener begleiteten den Wagen zu Pferde. Der Doktor fühlte ſich jetzt ſchon abgeſpannt von den Ereigniſſen, die ihn ſo ſtreng in Anſpruch genommen, aber es wartete noch ſeiner eine grauſe Erſchütterung. Als ſie den Marktplatz paſſirten, gewahrten ſie mit⸗ ten auf demſelben die hohe, weiße Winkelſäule der ſtra⸗ fenden Gerechtigkeit und die hellen Morgenſtrahlen be⸗ leuchteten den von dunkeln Ketten umwundenen Leichnam eines Gerichteten, deſſen Augen der lebenerweckenden Sonne für immer verſchloſſen waren. Der Lord deutete hin nach der gräßlichen Säule, doch als Wael ſeine Blicke erhob, bebte er zuſammen und Froſt rieſelte durch ſeine Gebeine. Er erkannte in in dem Hängenden Wulf, den Bruder ſeiner unglücklichen Mutter. 174 Wehe! ſtöhnte er. Der Sünder floh über das Meer, aber Gottes Hand fand ihn auch dort!— Der ſtutzende Lord fragte, doch dem Doktor ſchien es, als ob der Todte ſich gegen ihn bewege, und das ſchwarzhaarige, verzerrte Antlitz nach ihm zu wenden verſuche. Von Entſetzen erfüllt hüllte er ſich in den Mantel, drückte die Sporen ein und ſprengte dem Wagen nach.—— Voran den Gäſten trabte Lord Churchill in den Hof ſeines Landhauſes und trat raſch in den Kreis der ihn erwartenden Damen. Willkommen, mein Theurer! rief die Lady ihn herzend. Wir lebten in Angſt um Dich, denn Gerüchte von einer Emeute, von Mord ſogar ka⸗ men über Nacht zu uns.— Hörtet Ihr nichts vom Vater? Bringt Ihr Wael nicht mit, Mylord? Und was ſoll aus mir werden? fragte ſcheu Miß Mary.— Nur die Marquiſe blieb am Frühſtücktiſche ſitzen, und zerknitterte mit ſichtlichem Un⸗ muth die weißen Schalen der Eier im Porzellanbecherchen. Friede im Lande und lange Feſttage! rief der Lord. Packet eure Staatskleider und Kleinodien zuſammen, denn worgen wird aufgebrochen nach London zur Krö⸗ nung. Die Marquiſe ſtand raſch auf und trat neugierig zur Gruppe. Deine Reiſe nach Blenheim geſchieht nun in Geſellſchaft, fuhr er fort, zu ihr gewandt, doch hier in Churchillhouſe ſollen die Landesfeſte beginnen und eingeweiht werden. Setze Tafeldecker und Koch in Thä⸗ tigkeit, Nichtchen! Schaffe vom Gärtner einen grünen Kranz für die Braut! Es gibt Hochzeit, Cis, fröhliche Hochzeit und in wenigen Minuten ſiehen die Gäſte vor Euch.— Mary ſtarrte den Lord erbleichend an; die Marquiſe aber, die ſich zum Fenſter gewendet, rief: Der Doktor! 175 Wahrlich der Doktor!— Sie preßte beide Hände feſt gegen den Buſen, ihr Auge ward plötzlich feucht, und ſich von der Geſellſchaft kehrend ſagte ſie: Erlaubt, daß ich mich entferne.— Der Lord faßte ihre Hand und führte ſie zu dem kleinen, jubelnden William. Willſt Du dem Manne, der Dir Deinen Liebling, unſern Billy, wieder ge⸗ ſchenkt, ſeinen höchſten Freudentag verderben, wenn Du ihm Deinen Glückwunſch entziehſt? fragte er ſcharf, und ſie ſetzte ſich ergriffen und tief bewegt in den nächſten Seſſel.— Wael erſchien in der Thür, den ſchwankenden Alder⸗ man einführend. Aufſchreiend ſtürzte Mary dem Vater zu Füßen und rief: Könnet Ihr verzeihen Eurem un⸗ glücklichen Kinde?— Der Alte umpfing ſie und ſenkte ſein graues Haupt zu ihr nieder und küßte ihren Scheitel. Herr, vergib uns die Schuld, wie wir vergeben den Schuldnern! ſprach er leiſe mit bebender Stimme, und das Kind an ſein Herz ziehend, ſetzte er lauter hinzu: Mein Schiff zer⸗ ſchellte auf ſcharfen Klippen, aber den beſten Schatz hat der gnädige Gott für den Unwürdigen gerettet.— Wael führte jetzt auch den ſcheuen, wie ein Mädchen erröthenden Richard zu der Geliebten. Sträube Dich nicht, Du lieber Burſch! ſagte er fröhlich, Du biſt unter lauter Freunden, und Dein Herz bedarf keiner Maske. Sie weiß längſt Alles von mir, und Du darfſt ohne Anklopfen und Bitten mitten in Deinen Himmel hinein ſpringen.— Er legte Mary's Hand in des Freundes Rechte.— Herzet euch, Kinder, ſpringet euch in die Arme, Niemand wehrt's euch fortan, und Vaters Segen und Freundes Freude wachen über euch. Doch vergiß —— F ————— 2 S ——— —— 176 nimmermehr, mein lieber Jung, daß Zagen und Blö⸗ digkeit zur Unzeit eben ſolch grauſiges Unheil zu wecken vermögen, als Uebermuth und Unbedacht, und Mylord mag nicht ſäumen, ſein Verſprechen zu erfüllen, und Pfarrer und Brauttafel erſcheinen zu laſſen, ſonſt möchte der blöde Schäfer abermals im Mißverſtändniß einen Engel mit dem Feuerſchwert in ſein Paradies herauf beſchwören.— Bleibt, wie Ihr waret, ſo gewannet Ihr ja mein Herz! flüſterte zärtlich Miß Mary, ſich an des Ueber⸗ glücklichen Schulter lehnend. Ach! es gibt der Männer genug, deren Härte ihren Ruhm auf zertretenen Weiber⸗ herzen ſuchte.— In dieſem Augenblick fühlte Wael eine warme Hand auf ſeinem Arme, und Lady Cecily ſtand neben ihm und ſchauete ihn mit den ſchönen Augen an, aus denen trotz dem leichten Thränenflor eine ganze volle Seele zu ihm ſprach. Freund, ſagte ſie, und nie hatte ein Ton alſo ſein Herz bewegt, Freund, ich bin Dir eine Genugthuung ſchuldig, denn ich habe einen ganzen Tag an Dir ge⸗ zweifelt, und das iſt das höchſte Verbrechen der Freund⸗ ſchaft. Willſt Du meine öffentliche Abbitte nicht genügend ſein laſſen, ſo will ich Dir erlauben, ein ganzes Leben lang mich zu ſtrafen. Ich bekenne, daß nie ein Mann mir ſolche Achtung aufgedrängt, und verſchmähſt Du als Pfand der Wahrheit dieſes Geſtändniſſes dieſe Hand nicht, ſo mag Lord Churchill an ſeiner Tafel für zwei glück⸗ liche Bräute die Ehrenſeſſel ſtellen.— Der überraſchte Wael preßte die Hand der Marquiſe an ſein Herz. Cecily's Zweifel bereiteten mir die be⸗ ſeligendſte Gewißheit, ſagte er mit Innigkeit. Doch darf der ſchlichte Fremdling es wagen, ſeine Wünſche ſo 177 ſo himmelhoch zu richten, ohne Phaetons Wolkenſturz zu fürchten?— Doktor, ſprach der Lord mit Herzlichkeit, Ihr gabet mehr als Ihr empfangen ſollt, und wir Alle werden das Dämchen beneiden, die Euch zahlen will, was wir ſchulden, wenn Ihr anders mit ſo leichtem Lohne Euch befriedigen möget. Wie in Altengland jedem Würdigen die höchſten Staatsämter offen ſtehen, wenn er zu ihnen ſich aufzuſchwingen vermag, ſo iſt bei uns auch jeder wahre Gentleman ebenbürtig. Seid ihr kein hartherziger und fühlloſer Kannibal, und habt Ihr Genüge an dem Lärvchen da nebſt Zubehör, ſo bedienet Euch aller Fkei⸗ heit, die man Euch zugeſtanden, und Gott ſegne den Todtenerwecker.— Er drückte Cecily in Waels Arme, und der leiſe herzutretende Richard flüſterte: Die Liebe vergelte der Freundſchaft, was ſie für jene gethan.— Blumenhagen. IR.* 12 III. Die Melonenſchlacht. Humoriſtiſche Arabeske. Fromme Liebe ſiegt über Alles, meine Erneſtine! Sie bleibt ſtets das Schooßkind des ewigen Urgeiſtes. Iſt ſie doch ein Lebensquell, dem unſichtbaren Meere der unendlichſten Güte ſelbſt entſprungen.— Fromme Liebe! entgegnete das Mädchen ſeufzend, in⸗ dem ſie den glühenden Engelskopf und ſeine blonde glän⸗ zende Glorie aus dem Epheugeſchling der Liebesarme des Mannes löſete. Iſt denn auch Deine Liebe fromm, Du herzlieber, böſer Ernſt, und iſt es die meinige?— Gott ſieht in die dunkle Kammer der Herzen! ſprach der junge Mann, plötzlich alle Siegesmime ſeines Apol⸗ logeſichts in Andacht wandelnd, und unſere Herzen thun ſich ohne Furcht weit auf dem Vaterblicke! Schnell wan⸗ delte ſich dann wieder ſein Ton in die Melodie der vori⸗ gen Laune, wieder wie vorhin preßte er die Schlanke an ſein ſtürmend Herz. Was können wir dafür, ſagte er halb ſchmollend, halb lachend, daß der Vater nicht ſo geſcheit iſt wie wir, und gerade ſo klar wie wir einſieht, was uns bei⸗ den gut thut, und uns unentbehrlich iſt zum Glück?— Daß der lange Goliath, der Herr Lackfabrikant, in ſei⸗ nem Hinterhauſe alle Repoſitoria mit Geldſäcken beſetzt hat, indeß in meinen Bücherſchränken nur beſtaubte Klaſ⸗ ſiker im einfachen Pergamentkleide prunken; daß Jener 182 einen labyrinthiſchen Keller commandirt, worin die Zau⸗ berzahlen Dreiundachtzig und Elf in Gold an hundert Fäſſern glänzen, indeß auf dem Tiſchchen des Rathhaus⸗ Aſſeſſors zwiſchen der guten Mutter und ihm nur ein Fläſchchen des klaren Gottesweines prangt, täglich dem Rathsbrunnen friſch entzapft; daß Jener ſeine Braut in einer Staatskaroſſe mit vier Iſabellen zur Kirche abho⸗ len wird, und des Brautkleides Spitzenſchmuck längſt aus Brüſſel verſchrieb und ſchon aller Welt in ſeinem Spiegelzimmer ausgebreitet präſentirt, indeß ich nur als flinker Infanteriſt, doch voll Himmelsglut und Him⸗ melsahnung zum Hochzeitshauſe tanzen würde, und der Braut nichts zu bringen hätte als den ſelbſtgezogenen, ſelbſtgeflochtenen Myrtenkranz, das ſelbſtgemachte Braut⸗ lied, Salomo's Hohemliede an Glut gar nichts nach⸗ gebend, und ein Herz voll kräftigſter Männertreu bis zum Tode und bis ſelbſt in den Tod; ſind das die un⸗ erſteiglichen Alpen für Inbrunſt und ächte Liebe? Sind das unbezwingliche Gewichte in des Lebens Wagſchale, wenn Jugendmuth und reiner Wille gegenüber drückt? Nein, mein Erneſtinchen, dieſe Geſpenſter verſcheuchen mich nicht, das ſind ſchlechte Thurmwächter, ſchlecht wie die im Oberon, trotz ihrer Rieſennatur und ihrer Dreſch⸗ flegel. Und verwandelte des Vaters Eigenſinn dieſes Haus in Merlins Zauberthurm, ich grübe gleich dem Frendt mich durch die Fundamente, und brächte den Prieſter mit zu Dir durch die geſprengte Mine, den Zauber in die Luft zu werfen durch Heiligung und Kir⸗ chenſegen.— Das iſt es ja eben, entgegnete das Mädchen traurig. Weil der Vater feindlich bleibt, ſo zeigt mir unſer Lie⸗ ben immer ſo ein ſündhaft Angeſicht, und weil Deine — 4 — 183 Bitten mich Schwache dennoch ſtets bewegen, Dich zu ſehen, wenn Niemand daheim iſt, und die Armſelige Dir nicht Nein ſagen kann„wenn die großen, feuchten Augen ſo wehmüthig herüberſchauen. Wie ſoll das en⸗ den, Ernſt? Nur Elternſegen baut Häuſer für das folg⸗ ſame, fromme Kind.— Sei kühn und wagig, Du Jungfrau, ſo ſoll heute noch dieſer Seraph ſeine Fittiche über uns ausbreiten! jubelte Ernſt. Soll ich Dich führen heute Abends zur Mutter? Sie will Dich haben, will fühlen bei ſich das Wunderkind, das ihren Einzigen ſo ſtark macht und ſo fleißig und gut, wie ſie ſagt. Sieh! dann fällt alle Sünde ab von uns, denn was ſolche Mutter billigt, kann nicht Unrecht ſein; frei iſt der Menſch innerhalb der Grenzen des Naturrechts und die tüchtige Wehr ſteht ihm zu in dieſen Schranken gegen alle Gewalt, droht ſie dem Geiſte wie dem Herzen.— Ich muß wohl kommen! lächelte Erneſtine, und legte den lilienweißen Arm um den Nacken des Knieenden. Muß ich Dir doch Tröſtung geben voraus für das mor⸗ gende Fegefeuer! Muß ich doch die wilde Eiferſucht be⸗ ruhigen, daß ſie den Vater der Geliebten nicht ſtöre bei den Freuden des großen Bürgerfeſtes, und daß ſie ſeinen glücklichſten Tag nicht durch Unwetter verdirbt.— Morgen iſt Johannistag! fuhr Ernſt in die Höhe; morgen Scheibenſchießen und Gaſtmahl zu Prinzenborn draußen! Da wirſt Du ſitzen neben dem verhaßten Go⸗ liath in der Karoſſe und an der Tafel, und ich werde wie ein dürſtender Tantalus fern herſchauen aus dem neidiſchen Volksgedränge, und nicht ſüße Frucht noch füßer Becher wird löſchen, was mich brennt. O warum trugſt Du ſolches Gift in dieſe Stunde?— 184 Artigen Kindern wird etwas heimgebracht vom Feſte, ſcherzte das Mädchen, und ihr Lächeln war ihm Arkanum und Gegengift für alles Leid voraus. Biſt Du fromm und duldſam, ſetzte ſie ihn ſtreichelnd hinzu, und ärgerſt Du mein Väterchen nicht, ſo darfſt Du wiederkommen übermorgen, wenn der Vater zu ſeiner Akazienplantage gefahren iſt.— Wieder nieder zu ihrem Knie auf die kleine Fußbank ſetzte ſich der glückliche Rathhaus⸗Aſſeſſor, und trank von den üppiggeſchwollenen Lippen des herabgezogenen Amorköpfchens Nektar und Götterrauſch, da kreiſchte die Schelle der Hausthür drunten raſch nacheinander drei Male wie Sturmglocke vom Thurm. In Todesangſt erbleichend ſprang Erneſtine auf.— Das iſt der Erzfeind Elias! rief ſie bebend. Ich kenne ihn am groben Schellenzug. O wohin nun mit Dir, mein Herzlieb? Wir ſind verrathen, verloren!— Still nur und beſonnen, flüſterte Ernſt, und öffnete den Fenſterflügel vorn heraus.— Um Gotteswillen! rief ſie, das iſt thurmhoch und drunten der harte Fahrweg der Contreescarpe; gegenüber vom Walle ſähen die Spaziergänger den Ludwigsſprung und an allen Theetiſchen würde Dein armes Mädchen durch tauſend Schlangenzungen gräßlich gemordet.— Dann hier ohne Verzug! rief Ernſt, und ſchon ſaß er in dem Fenſter der Seitenkammer, welches dem Gar⸗ ten zuſah. Drunten ſchellte der ungeduldige Fabrikant ärger und ärger.— Da ſtehen unten im Winkel Schaufeln und ſcharf Ge⸗ räth, und mannshohe Neſſeln bilden einen ſtechenden Wald! zagte die Maid.— Sie brennen nicht ſo wie der Gedanke, Dich hier laſſen zu müſſen mit dem Unausſtehlichen!— S 6 185 Iſt er denn das nicht auch mir für ewig? tröſtete ſie ſchmeichelnd. Härter noch klang die Schelle, Erneſtine eilte zur Thür und rief hinab. Allen Genien der Lie⸗ benden ſich anbefehlend ſprang der muthige Aſſeſſor hin⸗ unter in das Neſſelnbett.— Püppchen macht ſehr lang! murrte der grinſende Herr Elias, der reiche Lackfabrikant mit krummem Rücken in die Pforte tretend. Püppchen iſt ſehr bleich, ganz er⸗ ſchrocken. Iſt ein Unglück paſſirt? Wir hörten einen tüchtigen Schlag, daß der Boden bebte; fiel der Glas⸗ ſchrank oder kippte der Taſchentiſch? Geſtehen wir's nur, Püppchen! Der Bräutigam macht Alles wieder gut, ehe Papachen heim kommt. Wir haben ja Geld, und wir laſſen's uns gern viel, recht viel koſten, wenn nur das Püppchen freundlich iſt.— Mit dreiſter Begier und rothglühenden Augen ſtreckte er dabei die dürren Arme nach dem Mädchen aus; dieſe aber huſchte zephyrleicht vor ihm die Stiege hinauf, und er ſtand da wie ein einſamer verdorrter Baum, der mit fahlen, eckichten Aeſten in die Winternebel grinſ't. Mur⸗ rend folgte er, drei Stufen zugleich überſchreitend mit jedem Tritte. Nichts in Ruinen, Alles in Ordnung? fragte er oben angelangt und ſich verwundert im Zimmer umſchauend. Scheu belauſchte Erneſtine ſeine ſpähenden Blicke, die das Fenſter der offenen Seitenkammer zu beachten ſchienen, und mit Mühe ſtammelte ſie: Vielleicht war's im Nach⸗ barhauſe! hervor.— Bebte doch faſt das Häuschen vom Stoße! fuhr der Lange fort. Aber das iſt nun einmal des Papa's Liebhabe⸗ rei. Könnte einen Steinpalaſt bauen mitten in der Stadt allein vom letzten Geſchäft mit dem Contributionsvorſchuß, ——————————————————— —— 3 6 7 * 3 1 1 1 3 3 . 1 ——— — 186 und bewohnt da aus Eigenſinn das kleinſte Gartenhäus⸗ chen in der Vorſtadt, wo man das Stirnbein ſich ein⸗ ſtößt an der Balkendecke, ſich demüthig ins Knie legen muß, will man zum Fenſterlein hinausſehen, und die ſchmalen Treppenſtufen nur gefahrlos hinauftrippeln kann, wenn man Kinderfüßchen beſitzt.— Sind doch auch nicht Alle ſo ſtattlich und groß wie Sie! ſpottete Erneſtine, die beim Schließen des Seitenfenſters einen Blick in den Reſſelwinkel gethan und ſich vom glücklichen Abzuge des Geliebten verſichert hatte, ſich jetzt in dem Gedanken freute, daß nur vom niedern Garten⸗ hauſe, nicht aber hoch herab vom Steinpalaſte ein ſol⸗ ches Dädalus⸗Wagſtück gelingen konnte.— Ja! wir ſind der größte Mann in der Stadt! ant⸗ wortete behäglich, das ſteife Rückengelenk gerade machend, Herr Elias; und iſt Püppchen nur erſt mir angetraut, dann ſoll Papa auch ſchon in die Stadt hinein, und ſich mitten drin ein Edelhaus kaufen mit Sälen voll Kryſtallkronen.— Alles mag Ihnen gelingen, Herr Elias, entgegnete das Mädchen in ernſter Wehmuth, doch das gelingt nimmer; hier iſt die Mutter geſtorben, und hier hat der Vater ſeinen Nelkenflor und ſeine Heidenſammlung.— Nelken und Heiden hin und her! ſpöttelte der Rieſe. Was ſollen die Armſeligkeiten? Iſt ein vernünftiger Mann, der Papa; ſollte nichts ſammeln als Louis und Karolinen, das heiße ich Kollektionen für die liebe Ewig⸗ keit, Kollektionen, die kein Ohrwurm zerfrißt und kein Winter zerſtört. Fand ſich doch letzthin noch auf mei⸗ nem Landgute ſolch eine vernünftige Sammlung, die, denken Sie, Püppchen! ein uralter, römiſcher Edelmann gemacht hatte. Mein Schulmeiſter meinte, die Gold⸗ 187 und Silbermünzen müßten an zehntauſend Jahre alt ſein, ihrem Gepräge nach; denn damals hätten tolle Wölfe das Römerland verwüſtet, und nach einem kai⸗ ſerlichen Erbprinzen, welchen ſie auch gefreſſen, habe die Stadt Rom den Namen bekommen. Sehen Sie Püpp⸗ chen, das war ein Flor von Heiden, vor dem jeder Ehrenmann Reſpekt haben mußte; obgleich der Ungläu⸗ vige, der ſie einſt in die Erde ſcharrte, doch ein Narr geweſen ſein muß, daß er die lieben, blanken Dinger nicht in einen eiſernen Kaſten, ſondern in einen buntbe⸗ malten Kochtopf— der Schulmeiſter nennt ihn eine Todtenurne!— gethan. Doch auch der gelehrte Schul⸗ meiſter muß dieſes Mal Unrecht haben, denn wenn vor dieſem bei jedem Sarge ſolch ein Anhängſel und Gottes⸗ pfennig eingeſcharrt wäre, die Todten hätten ja keine vierundzwanzig Stunden Ruhe im Grabe gehabt.— Nach einer Staatsaktion, die das langweilige, prunk⸗ volle Geſpräch begleitet hatte, fielen jetzt die großen Hände erlahmt herab zum gewohnten Platze als Taſchen⸗ bewahrer und Schildwachen, und erſchreckt zog ihr Herr ſie wieder aufwärts und dann behutſam durch ſie aus den weitſchichtigen Behältern einige koloſſale Tuien, welche er mit polyphemiſcher Grazie und Courtoiſie dem Mädchen, das ſich zum Strickzeuge geſetzt, in den Schooß legte. Püppchen beliebe den bunten Inhalt zu befreien, und ihn zu würdigen, über die roſenrothen Lippen zu ſpazie⸗ ren! bat er mit ſüßlicher Stimme. Bonbons und zier⸗ liche Deviſen voll Witz, ſelbſt ausgeſucht, ſind darin; Vorrath für die Woche, denn alle Gläſer und Büchſen des berühmten Biscuitkünſtlers Paulus haben wir rein leer gekauft für unſere Adorirte. 188 Danke ſchön! ſagte Erneſtine, aber der Goliath rückte näher und ſchmunzelte: Ei, ei! das iſt Bettlerdank! So reiche Leute wie Mamſell Tinchen pflegen anders zu danken. Für das Süße gehört das Süße, und die Braut muß heute einmal wieder Löſegeld zahlen an den Eroberer!— Schon näherte ſich ſein rothglänzender Backenbart mit tauſend ſtarren Igelſpitzen den zarten Wangen der wehrenden Jungfrau; ſchon ſchloß die Zagende wie die Ergebung im Schiffbruche beide Augen; da prallte die Thür auf, und der Vater, der runde, freundliche Oeko⸗ nomierath Frank, trat ein, von einem Gärtnerburſchen begleitet, der ein Körbchen trug. Schwiegerſöhnchen, nicht genaſcht vor der Hochzeit! rief er ſchalkhaft drohend, indeß die befreite Erneſtine ihm entgegenſprang, den lieben Retter vom Hute und ſpaniſchen Rohr zu befreien. Wer zu viel frühſtückt, verdirbt ſich das Mittagsbrod! Davon will jetzt die liebe Jugend nichts hören, und doch wird's allenthalben ſpäter klar an der Nachkommenſchaft von Marzipan. Geſchäftig nahm zugleich der Alte dem Burſchen ſeine Laſt ab, zog die Börſe und gab einen Silbergulden heraus.— Ein honnettes Trinkgeld! murrte der Lackfabrikant.— Aber auch ein unſchätzbares Geſchenk! fiel der Oeko⸗ nomierath ein, und hob dabei langſam mit zwei Fin⸗ gern das Tüchlein vom Korbe, in welchem eine treffliche Melone glänzte, golden wie der Himmel ihres Vater⸗ landes und üppig ſchwellend wie ſeine Frauen. Schauet her! triumphirte er. Hier das hochfürſtliche Wappen klar und deutlich ausgewachſen auf der gewaltigen Frucht, von ſeiner Durchlaucht hohen Händen ſelbſt eingeritzt im Frühjahre, und ſo eben als ich Höchſtdieſelben im 189 Treibhauſe antraf, und über die neue Staatsanleihe dis⸗ courirte, beineben die ſchönen Früchte lobte, eigenhändig für mich abgeſchnitten, eigenwillig mir zum Präſent ge⸗ macht.— Mit ungeheuren Schritten, die großen Hände anein⸗ ander reibend, ſtieg Herr Elias auf und nieder im Zim⸗ mer. Ich ſeh' es kommen, Herr Schwiegerpapa! rief er in Abſätzen wie begeiſtert. Die köſtlichſte aller Früchte ſteht morgen in maſſivſilberner Schale vor uns bei dem Johannisgaſtmahle, vor uns mitten auf der Tafel, das fürſtliche, von Gott ſelbſt ausgeprägte Wappen oben⸗ auf unter Roſen und Myrten, und dann erzählt der Herr Papa laut, recht laut das hohe Gnadenwort, und Bürgermeiſter und Rath ſitzt dabei und die ganze liebe Bürgerſchaft gelb geworden vor Aerger, und aus Neid bleibt Torte und Wildbraten unangerührt.— Väterchen, ſagte Erneſtine halblaut dazwiſchen, in⸗ dem ſie dem Greiſe den grünen Brokatſchlafrock anthat; eſſen wir lieber die Melone ſofort zum Nachtiſch, denn Aergerniß geben iſt Gott nicht wohlgefällig, und ſich gar daraus eine Freude machen, iſt ſündhaft, und ſol⸗ ches können nur böſe Menſchen.— Der Lackfabrikant zog eine Satansfratze. Das ver⸗ ſtehſt Du nicht, Tinchen, ſprach der Oekonomierath be⸗ ruhigend. Wer Aergerniß daran nimmt, nun, wohl bekomm's dem! Und dem groben Herrn Syndikus und der kleinen kollernden Truthenne, der Frau Bürgermei⸗ ſterin, gönne ich ſchon das gelbe Neidgeſicht.— Doch wie ſich plötzlich auf etwas beſinnend, ftellte ſich jetzt der Vater mit weitgeſpreizten Beinen mitten in's Zim⸗ mer, faßte der Tochter Hand und zog ſie recht mitten in den Schuß ſeiner blitzenden Angenbatterie. Aber ſage 190 mir, ſagte er dann mit conſulariſchem Ernſt und dikta⸗ toriſchem Zornblicke, betreff Rathhaus und Magiſtrat, was hat der Mosje, der ſchwarze Krauskopf, der Herr Aſſeſſor ohne Gehalt, wieder dahinten in meinem Gar⸗ ten zu thun gehabt? Als ich dem Brückchen nahe komme vor der Hinterthür, ſchlüpft der Naſeweis eben herüber, im weißen Taſchentuche das rothglühende Geſicht verber⸗ gend. Tinchen, wenn ich argwöhnen müßte——!— Ihre Blumen haben ihn vielleicht angelockt, ſtotterte die Jungfrau, roth wie eine Päonie im Geſicht; er liebt ſie, botaniſirt gern, und—— Herr Elias war ja hier als Schildwacht!— Iſt's nicht Skandalum genug, zürnte der Vater fort, daß der Herr Aſſeſſor ohne Gehalt zwanzig Male täglich drüben auf dem Walle ſteht und mit ellenlangem Fern⸗ rohre mein Haus obſervirt, als wär's der neue Feder⸗ buſchkomet, oder als gäb' es hier einen achten Mond am Saturnus zu entdecken? Iſt's nicht genug, daß jeden Abend ſeine Flöte drüben im Gebüſch ſo langweilig klagt wie eine Spätnachtigall? Iſt's nicht genug, daß der gelbſchnabligte Herr Rathhaus⸗Aſſeſſor, man mag gehen mit Dir, wo man will, ſei's Markt, Promenade oder Illumination, überall den vornehmen Lakaien ſpielt, und auf zehn Schritt Ferne in Deine Fußſtapfen tritt? Das kann man ihm, leider Gottes, nicht wehren! Aber einſetzen in meine Nelke ſoll ſich der Ohrwurm nicht, und in meinem Garten botaniſiren ſoll er gar nicht, oder er wird ſtatt Augentroſt, Venusſchuh, Gnadenkraut und Maaßliebe* Selbſtſchüſſe und Fußangeln finden, und das von Rechts wegen.— Und ich, brach der rothbärtigte Bräutigam faſt athem⸗ * Huphrasia, Cypripedium, Gratiola, Bellis. 191 los vom wüthigen Neide los, finde ich den Herrn noch⸗ mals auf meinem Wege und in meinem Gehege, ich breche ihm die Glieder wie Siegellackſtangen.— Laſſen's bleiben, Herr Schwiegerſohn! warnte Rath Frank. Alles ßein ſittig und nach Recht! Könnte übel ablaufen! Iſt eben erſt von Berlin gekommen, der Aſ⸗ ſeſſor;— hat's Turnen gelernt beim Feldmarſchall Ja⸗ nus, iſt gar Vorturner geweſen; weiß die Glieder zu gebrauchen zum engliſchen Boxen und italieniſchen Bein⸗ unterſchlagen;— trägt auch wohl gar ein neapolitaniſch Meſſer unter der Weſte;— da könnt's Ihnen ergehen, wie dem berühmten Herrn von Barth, der das obſcöne Büchlein: Kotzebue mit der eiſernen Stirn, geſchrieben hat, ſticht Sie mauſetodt und ſich dazu.— Die Suppe wird kalt! rief Erneſtinchen, um dem marternden Geſpräche ein Ende zu geben, und öffnete den Speiſeſaal; die aromatiſchen Düfte, welche von da aus dem Riechorgan der beiden Schmecker geopfert wur⸗ den, betäubten die Grimmgedanken des Gehirns, und verwandelten die zornigen und zermalmenden Herculen in behagliche und verſchlingende Milonen. Der Kulminationspunkt für den Lebensſtern eines Liebenden iſt der Moment, wo er die Erwählte des Her⸗ zens den Eltern zuführen darf, und die warme, elterliche Hand auf das Lockenhaupt der neuen Tochter Weihe und Heiligung ſteckt. Der nächtliche Mond wird dann glühende Tagesſonne; der heimliche Sieg ein goldener Triumphzug; die glückliche, ſtille Verſchwiegenheit ein freier Stolz; die verſtohlene Beute der Liſt ein Recht, ein öffentlich Gut, ein beſchirmtes Eigenthum. Alle ſchimmernden, funkelnden 192 Stunden im Männerdaſein, brachten ſie olympiſchen Kranz des Waffenkampfs, brachten ſie den kaſtiliſchen Zweig eines Siegs der Lyra, brachten ſie dem Redner einen jubelnden Volksbeifall für vulkaniſches Flammenwort, brachten ſie das goldene Vlies der Fürſtengunſt, alle dieſe Sonnenſtunden werden bleich vor der Glanzminute, in welcher die kühne Wahl des jungen Herzens von den Thränen einer Mutter zur Königin des Lebens geſalbt wird, in welcher der Kuß eines Vaters ihrer Stirn das Diadem einer ewigen, legitimen Herrſchaft aufdrückt. Mit dieſer Empfindung einer ſtolzen Wolluſt erwartete Ernſt die Geliebte als es dämmerte an der Pforte des kleinen Vaterhauſes, des letzten Ueberbleibſels einſtigen Wohlſtandes, den der grimme Krieg und das blutige Rapoleoniſche Zeitalter zertreten hatte, wie vor ſeinem Eiſenfuße ſo manches Schöne und Hehre trümmerte. Voll⸗ kommen konnte das Glück dieſer Stunde nicht werden für ihn, denn die alte, gute Mutter drinnen ſaß blind im ſichern Sorgenſtuhle, und nur im Traumbilde ſeiner farbenvollen Erzählung konnte ihr die Huldin erſcheinen, die mit einer neuen Welt ihre Einöde zu füllen vom Himmel erkoren war. Die beſtimmte Stunde ſchlug, und leicht wie zwei ge⸗ jagte Gazellen flüchteten die Geliebte und ihre wiſſende Freundin in das Pförtchen, welches der Jüngling, raſch wie ein ſchlauer Vogelfänger, hinter den eingeflatterten Täubchen verſchloß. Athemlos fiel Erneſtine an ſeine Bruſt. Schwarze Männer verfolgten uns vom Hauſe Ama⸗ liens bis hier zu Deiner Schwelle! ſtammelte ſie.— Hier iſt Tempel und Altar, antwortete der Glück⸗ liche, faſſe feſt die heiligen Hörner, feſt mich und dieſe ſtarken Schultern, du reines Lamm, du friſches Blumen⸗ 193 opfer; hier biſt Du ſicher auch gegen Gigantenſturm, denn meinen Burgbann betritt Dein Feind nur über meine Leiche hin.— Und Du? fragte ſie beſorgt, tief Luft ſchöpfend und ihn zur Lampe kehrend. Wie hat der Sprung mich ge⸗ ängſtet! Und Dein Geſicht iſt verletzt, entzündet, Deine Hand verbunden? Weh mir! Woran mußte ich ſchuld ſein!— Er legte ſeine Wangen an ihren weißen Nacken; er drückte ſeinen Mund auf ihre bleichgewordenen Lippen. Sieh! alſo blühen auf Neſſelnbüſchen duftende Cen⸗ tifolien, und der Schmerz erſcheint im Roſenkranze als Wunderkind der Liebe! Hab' ich doch nun ein Verdienſt gewonnen voraus dem Nebenbuhler; denn ſolchen Fen⸗ ſterſprung macht das gelenkarme Schalthier, der Herr Elias, nicht nach. Doch weg die Poſſen! Laß uns ein⸗ treten in des Lebens heiligſte Stunde, und alles draußen laſſen, was alltäglich iſt und nicht heimiſch in ſolchem Himmel, ſei es Neid, ſei es Furcht, ſei es Eiferſucht und irdiſch Haſſen! Komm zur Mutter, du herrliche Braut!— Wie ein Cherubim die frömmſte Seele durch Nächte leitet traulich und leiſe zu der Wohnung der Seligkeit, ſo führte der Jüngling die Braut in das kleine ſchwach⸗ erleuchtete Gemach der geliebten Mutter. Eine betende Heilige ſaß die ſilberhaarige, reinlich gekleidete Greifin dg, die ſtarren, lichtleeren Augen nach oben geſchlagen, nach dem Sonnenquell der ewigen Liebe, wo auch ihr bald ein neuer Sonnentag aufgehen mußte. Erneſtine bog das Knie vor der ehrwürdigen Geſtalt, indeß Ernſt die betend gehobenen Hände der Blinden ſanft herabführte auf das Lockenhaupt der Knienden. Blumenhagen. IX. 13 194 Sie iſt es, Mutter! ſprach er gerührt, und freudiges Leben blühte auf an den Wangen der ſtillen Frau, wie Morgenroth freundlich die Schneewand des Winterthales befliegt, und mit zwei großen Thränenperlen im todten Auge, Zeugen des geſteigerten Seelenlebens, ſagte ſie gerührt und innig: Segen auf Dich, Du Vergelterin, Du Auserwählte der ewigen Gerechtigkeit! Lohne Du ihm die Sohnestreue durch heilige Frauenliebe!— Ja, rief das Mädchen begeiſtert und darum furcht⸗ loſer, du ſollſt mir ſein Gottesſtimme und ſein Richter⸗ ſpruch! Sage mir, Du Verklärte, Du fromme Dulderin, Du, ſeine Mutter! darf auch ich Dich Mutter nennen? Iſt es nicht Sünde und befleckende That, daß ich hier knie vor Dir ohne des Vaters Wiſſen, daß meine Hand hier zittert zwiſchen ſeinen heißen, feſſelnden Fingern gegen des Vaters Willen?— Eine Minute ang ſah die Blinde ſtill nach oben, dann ſprach ſie wie eine delphiſche Prieſterin ernſt und halblaut wie für ſich: Die Knoten der Herzen werden geſchürzt über den Wolken, da wo keine Täuſchung iſt und kein irrend Um⸗ kehren. Was ſich angehört, das trennt keine Königs⸗ hand und kein Rächſtenhaß. Ihr verdienet euch! Ihr habt euch finden müſſen! O ſo haltet feſt aneinander mit reinem Gemüth! So lange euer Bund unbefleckt bleibt, iſt auch die Sünde nicht bei euch, und die Hand der Allliebe wird des Vaters Auge entſchleiern, daß er recht ſieht, was ſo der einzigen Tochter Glück macht wie ſein eigenes. Und tröge mich der Ahnung Geiſterblick, bliebe ſeines Willens Starrheit unglückſelig für eure Wünſche, dann kann ja dennoch das reine Herz in Ent⸗ ſagung da glücklich ſein, wo das befleckte verzweifeln 195 muß, und die reine Liebe hat in der Trennung die ſchönſte Erinnerung zur tröſtenden Schweſter!— Es wurde todtenſtill nach dem Ausſpruche. Das Mädchen ſchluchzte, und der Sohn hielt die Braut feſter umfaßt, ſelbſt von dem grauſigen Worte Entſagung wie von einem zerfleiſchenden Ungethüm umkrallet. Kinder! nehmt die Zeit wahr! rief Freundin Amalie ſie an, welcher ängſtlich ward im lautloſen Halbdunkel. Sprecht ab, was nöthig iſt; es könnte plötzlich in die ſchöne Sternennacht ein Platzregen von Vaterzorn oder Bräutigams⸗Eifern hereinplatſchen.— Alle holten tief Athem, und in einer Umarmung zu Drei wurden die Herzen freier, und trauliche Worte flogen nun hinüber und herüber. Die Mutter ließ die zitternde Hand tauſendmal hinlaufen über der Jungfrau ſchöngeformtes Angeſicht und ihre vollen, blühenden Um⸗ riſſe, als könnte ſie ſich nimmer genug eindrücken das Bild der Lieblichen in die begierige Phantaſie; geſpannt horchte ſie auf jeden Ton der wohlklingenden Stimme, und dazwiſchen bat ſie immer wieder und wieder, und immer wehmüthiger, ja treu zu bleiben und ewig gut zu ſein ihrem lieben Ernſt, und ihm ein rechter und unwandelbarer Gotteslohn zu werden für alle ſeine Ent⸗ behrungen und tauſendfältigen Opfer. Was iſt's denn ſo Großes, Mutter? unterbrach end⸗ lich der Gelobte ungeduldig die Lobrednerin. Sollte doch meine Erneſta zuletzt wunderſam meinen, welch einen überirdiſchen Heiligen ihr die Vorſicht zum Liebhaber be⸗ ſcheert habe, und wenn alsdann ſpäterhin das irdiſche Menſchenkind aus ihm hervorblickte, ſo möchte Verluſt von beiden Seiten aus der Täuſchung hervorgehen. So will ich denn lieber ſelbſt die endloſen Opfer alle herzählen, 196 doch muß Erneſta die Mutter und mich nicht verlachen, ſieht ſie einen kreiſenden Berg die Maus gebären.— Vom Miethzins des Hauſes lebte die Mutter, und wahr⸗ lich beſchränkt genug; ſollte der Sohn ihr die kärgliche Einnahme verringern für Lehrerlohn und Bücherpreiſe? So lange der Vater da war und erwarb, war ich fleißig unterrichtet worden, drum dachte ich: im Lehren lernt man! und nahm, ſelbſt kaum der Schule entwachſen, die Galeerenkette, ſo nennt's die Mutter, des Haus⸗ lehrerſtandes. Das war das erſte große Opfer. Es ging vortrefflich, bis zur Akademie führte der ſichere Pfad, und auch auf dieſem gefährlichen Felde der Frei⸗ heit, auf dieſem theuren Pflaſter der Ausſchweifung und Geſetzloſigkeit war ähnliches Leben, wechſelndes Lehren und Lernen, ſchützender Talisman und Brod bringender Eliasrabe.— Deſſen reichſte Gabe mir noch überdies der Brave ſandte! fiel die Greiſin ein, manches Goldſtück, indeß er darbte, und des Daſeins Frühlingszeit in finſtrer Zelle verlebte!— Das waren gerade die ächten Freudenmünzen, nickte Ernſt ihr zu, lauter ſchöne Denkthaler, Mutter, die ich mir ſelbſt prägte an meinen Feſten. O Dankbarkeit, dem Wohlthäter gezeigt, iſt eine Zahlung, wo der reichſte Zins dem Zahlenden bleibt im freien Hochgefühle ſeiner Hochachtung, in der Erleichterung des beſchwerten Her⸗ zens! So kam ich glücklich und unverſehrt von der böſen Dreijahrsfahrt, und mein Argonautenſchiff trug gerade der Ladung genug für Geiſt und Gemüth zurück, und die ernſte Minerva hatte den Jaſon des Schiffs gegen die Lockung der holden Lemnierinnen, gegen das ſtympha⸗ liſche Raubvögelheer der Wucherer und den Medeenhaß W 497 der Leidenſchaſt geſchirmt mit dem bilderreichen Schilde. Doch nun im Lande Philiſtina ging's ſchlimmer, und Milch und Honig floß nicht in den Pflugfurchen des har⸗ ten Ackergrundes. Die kleine Stelle gab wenig Lohn bei vieler Arbeit. In den Stunden der Nacht, welche allein übrig waren, ſollten Lieblingsneigungen, oft vor⸗ hin geſchmeichelt, jetzt auch erwerben. Zu allen Muſen wurde gebetet, und geſchriftſtellert im Schweißbade und im Angſtjammer. Doch Pegaſus trotzte dem Joche; keine Muſe wollte fleißige Hausfrau werden. Den Tragödien⸗ ſchreiber ſchlug ein moderner Kritikus, ſchimpfend, wie ein Matroſe und göttlichgrob, wie ein Laſtträger, mit ſimſoniſcher Eſelskinnbacke mauſetodt; der Roman fand nur geizige Verleger, bis endlich der gütige Apoll einen ſeiner Stiefſöhne herführte, einen Univerſitätsfreund, reich und Graf und hier zu Hauſe, der eine recht brünſtige Wuth hatte, für einen Dichter gelten zu wollen, und mich zu ſeinem pvetiſchen Reſtaurateur, zu ſeinem Obe⸗ ronsflugwerke im Reiche der Muſen creirte, das heißt, den Titel aller meiner jetzigen und künftigen Poeſien, Tragödien und Komödien, Prologe und Epiloge in Be⸗ ſchlag nahm, ſeinen hohen Namen und ſein altes Wap⸗ pen auf meine geringen und neuen Münzen prägte, und dafür der Kaſſe der guten Mutter regelmäßig werth⸗ vollere Medaillen zufließen ließ. Meine Dichtereitel⸗ keit hatten die geharniſchten Kritiker ziemlich zum Zwerg geſchlagen; ich las mich doch jetzt zum Oeftern gedruckt; des hohen Gönners Freude und Lob galt mir für Zu⸗ jauchzen und Lob der Welt; ihr Tadel fiel auf ihn.— Aber das Scherzſpiel und der Spaßcontrakt ſcheint ge⸗ rade jetzt wichtig zu werden und Heil bringen zu wol⸗ len, denn ein Briefchen des poetiſchen Grafen läßt mich 198 heute hoffen, daß ſeine adlige Fürſprache mir eine Ver⸗ ſorgung in guter bürgerlicher Proſa, das iſt mit Brod vollauf für die Mutter und die Zukünftige, verſchafft hat, und daß jede nächſte Stunde mir den Thorſchlüſſel brin⸗ gen kann zu dem Paradieſe, wo der ewige Lebensbaum mir und meiner Eva die gewünſchten heſperiſchen Gold⸗ äpfel zuſchüttelt.— Die Liebe iſt ein Joſua, der Sonne und Mond ſtill ſtehen heißt in ihrem Laufe; ſie kennt kein Maß der Zeit, und ihr ſchlägt keine Uhr, und mahnt ſie an Wechſel und Ende.— Freundin Amalie hatte für die Liebenden gedacht und auf die Glocke des Thurmes gehorcht; und da das Ge⸗ koſe von vier vermählten Lippen den Ohren auch des Be⸗ freundetſten eine unverſtandene und darum langweilige Sanſcritte bleibt, ſo war ſie auf die Hausflur gegangen, das Feld der nöthigen Retirade zu recognoſciren. Schreck tragend und vertheilend fiel ſie jetzt mit der Flammen⸗ ſchwert⸗gleichen Botſchaft als vertreibender Engel in das Eden der Glücklichen, wie draußen der lange Elias leib⸗ haftig, von ſtämmigen Conſorten umgeben, unermüdet auf⸗ und abmarſchire, als übe er ſich im freiwilligen Schildwachtdienſte.— Bleich, wie an einer Todeswunde fiel das Bräutchen zuſammen. Die Zeit war kurz, denn zur beſtimmten Stunde kam der Vater in der Freundin Haus, ſie heim⸗ zuholen. Welcher Oberon rettete hier? Du warſt es, helle, der Poeſie geweihte Phantaſie des Jünglings, wenn* man auch gerade nicht von dir ſagen konnte, du habeſt dich dieſesmal überflogen! Herbeigeſchafft ward ohne viele Worte ein ſchmucker Anzug der jungen Magd im Hauſe; im Schlafgemach der — 199 Mutter verwandelte ſich der Kolibri in die unſcheinbare Lerche, und Ernſt konnte die lieblichſte aller Dirnen im Mützchen und Mieder nicht genug anſchauen oder umhal⸗ ſen. Der Mutter Wort trat warnend dazwiſchen.— Da ſeht ihr den Gang des Verderbens! ſprach ſie tiefſinnig und ſchwer. Ihr habt nicht betrogen um der Sünde willen und irdiſcher Begier, und doch gebiert euer erſter Betrug den zweiten, und willenlos müßt ihr den zweiten Schritt thun, weil ihr den erſten bedachtlos ge⸗ than. So keimet, ſo wächſet die Giftpflanze des Laſters wie der bengaliſchen Banianbaum; ſein Wald hat nur eine Wurzel, aber wehe dem, welchen die Schlingnetze ſeiner tauſend Verzweigungen für ewig gefaßt haben!— Die Liebenden küßten mit bittendem Blicke die mütter⸗ lichen Hände. Ich gelobe in dieſe Hände, ſagte Erneſtine leiſe, dieſes ſoll der letzte Betrug meines Lebens ſein, wie es der erſte war.— Zum Himmel trage ich bald Dein Gelübde, flüſterte die herabgebeugte Greiſin, drum halte feſt, daß ich nicht zeugen muß gegen Dich!— In Erneſtinens Schleier hatte ſich indeß die Freundin gewickelt und ſchlüpfte jetzt an des Aſſeſſors Arme zur Thüre hinaus. Die gigantiſche Garde des Herrn Elias, ihn ſelbſt an der Spitze, verfolgte den Fledermausflug des ſchüchternen Paares ſogleich. Später erſt ſchritt za⸗ gend, doch von Liebe und Nothwendigkeit getrieben, Er⸗ neſtinchen, in der Maske der Magd mit mächtigem Hand⸗ korbe, dem befreundeten Paare nach. Herr Elias war ſeines Fanges gewiß, denn er folgte wie ein ſiegestrunkener Hannibal dem flüchtigen Feinde, und das Straßenpflaſter ſchallte und ſchlug Funken un⸗ ter der gewaltigen wohlbeſchlagenen Ferſe. Auch am Säulenportale vor Amaliens Wohnung hatte mitten im 200 blendenden Laternenſchein eine Schildwache Poſto gefaßt, und kaum waren die Fliehenden vor ihrem Aſgle ange⸗ langt, ſo fanden ſie ſich durch die ſchwarzen Nachtmänner eingeholt und dicht umſtellt. Da fuhr wie ein wildge⸗ machter Sechzehnender, der Aſſeſſor gegen die finſtern Jäger: Seid ihr Trunkenbolde oder entſprungene Toll⸗ häusler? fragte er mit ſeiner jugendlichen Kampfſtimme, und zugleich rief Amalie, den Schleier zurückwerfend, des Hauſes Thürſteher um Hülfe. Wie verlängerte, ſeinen Irrthum erkennend, ſich das Geſicht nebſt dem anſehnlichen Kinne und der Vorgebirgs⸗ naſe des Herrn Elias! Selbſt der rothglühende Bart ſchien zu erblaſſen, und wie durch Scherasmins ſchmet⸗ ternden Hörnerton feſtgebannet und verſteinert, ſtand er mit den Gefährten, wie die Salzſäule Gomorra's, indeß mit ſchallendem Gelächter Amalie in die Pforte ſprang und Ernſt eine angenehme Ruhe und eine gute Beſſerung wünſchend davon eilte. Die Thurmuhr ſchlug, die nahe Wache rief, doch die Verſteinerung des Herrn Elias würde angedauert haben bis zum Hahnſchrei, hätten nicht plötz⸗ lich ſeine Stieraugen, weit aufgeriſſen in die Nacht ſtar⸗ rend, wieder den verwünſchten Rathhausaſſeſſor erblickt, wie er eine ſchlanke junge Magd umſchlungen führte, ihr ſichtlich gerade dem Schauenden gegenüber ein war⸗ mes Liebesſiegel auf den Mund drückte, und dann in der Thür einer nahen Gartenmauer mit ihr verſchwand. Lache nur, Mosje! rief er plötzlich und ſehr laut, durch die eigene Stimme ſich weckend und wieder in die gewohnte Wuth ſetzend; das bricht Dir unfehlbar den Hals bei dem frommen ſittigen Tinchen, und ich habe tüch⸗ tige Zeugen an meinen drei ehrſamen Fabrikmännern.— Im Triumphe zog er ab mit ſeinen Reiſigen, begleitet ——————— —————— 201 von einer Freudenſalve, welche jenſeits der Garten⸗ mauer die Liebenden und ihre Schützerin, mit flinken Händen klatſchend, dem geſchlagenen Rolando ſchaden⸗ froh nachſendeten.— In ſeinem üppigen Roſenkranze ſtieg der Johan⸗ nistag aus einer Brautnacht der Natur empor. Glän⸗ zender als je ſah das Sonnenauge der Allliebe auf ihn herab; alle Geſchöpfe jauchzten ihm zu, und die jungblät⸗ terigen Eichen, die duftigen Akazien, die Blütenlinden neigten wie im ſtummen Gebet ſeinem Aufgang die grü⸗ nen Häupter entgegen. Auch Ernſt war früh munter, und ſeine Phantaſie gebar in des Tages erſter Goldſtunde eine Ode an die Hoffnung, denn wie Schickſalsſpruch ſtand ihm in der Seele: Dieſer Tag oder keiner gibt dir die höchſte Weihe der Menſchheit im Beſitze des Heiligthums der Liebe unter Vaterſegen und dem Gruße einer freundlich zuſchauenden Welt. Ein Brief des poetiſchen Grafen gab das erſte Zeichen der Erfüllung. Er enthielt für den Aſſeſſor eine Beſtal⸗ lung zu einem Poſten, der ehrenvoll und einträglich zu⸗ gleich das Gebäude ſeines Lebens auf ein treffliches Fun⸗ dament ſtellte; er enthielt die Einladung, noch heute einzutreten in den beſtimmten Dienſt, der in ſeiner Weſen⸗ heit keine Unterbrechung und kein Leerſtehen duldete. Ernſt ging unter lauter Morgenröthen und Regenbögen, auf lauter Maienauen, wenn auch dieſes Geſchäft ihm den ganzen Morgen hindurch nicht erlaubte, nur einen Wink der Geliebten zuzuſenden und im ſüßen kindlichen Tauſch⸗ handel einen ſtärkenden Rückwink von ihr einzuholen. 202 Nicht ſo trunken von Hoffnung und Glück fand der Feſttag die zagende Jungfrau. Früh ſchon hatte auch ſie den Morgen begrüßt, doch nur um dem fröhlichen Vater Rheinweinflaſchen und Kuchen einpacken zu helfen, und mit ihnen ſorgſam die benannte Melone, das köſtliche Andenken fürſtlicher Huld. Dann kam Herr Elias im ſcharlachenen Bratenrocke, und erzählte das Abenteuer von geſtern auf eine Weiſe, ein Gemälde al Fresco, worin der Aſſeſſor ſchwarz wie ein Othello, frech wie ein Don Juan und betrügeriſch wie Caglioſtro im Mit⸗ telpunkte und höchſter Erleuchtung erſchien. Das gute Kind hatte das ganze Evenerbtheil nöthig, um die un⸗ geübte Verſtellungskunſt zum Schutzmantel der innern Lebendigkeit zu gebrauchen. Die dumpfen Trommeln der ausziehenden Schützen⸗ armee tönten längſt außerhalb der Mauern der Stadt; ſchon ſtand die alte Karoſſe blank geputzt mit dem Schim⸗ melzuge vor der Gartenpforte, und immer wußte ſie noch nichts von dem Einzigen, ohne den für ſie kein Feſt war und keine Freude, ſelbſt ſeinen täglichen, auf die Sekunde immer vollführten Frühgang über den Wall hatte er heute, gerade heute, verſäumt. War er krank? Was ſonſt konnte ihn heute abhalten, wo vielleicht nur dieſer Moment ihm eigen blieb und frei zu einem Lie⸗ besgruße.— Mit einer im Auge zerquetſchten Thränenperle ſetzte ſie ſich in den Wagen, und ſuchte vergebens in dem langen, dunkeln Lindendome, welcher zum Luſtſchloſſe Prinzenborn führte, ſuchte vergebens unter dem Mekka⸗ zuge des geſchmückten Volkes das Idol ihres bangenden Herzchens. Verlaſſener, verſäumter Liebe iſt Menſchenge⸗ dräng und Weltgewühl gerade dumpfeſter und einſamſter 203 Kerker, ſo wie der Glücklichen die ödeſte Wüſte ein reich⸗ beſetztes Feld wird und ein Lebensgarten voll Blumen⸗ träume.— Vater Oekonomierath ſchwamm in. Entzücken. Sie fuhren am Luſtſchloſſe hin, welches mit ſeiner weithin⸗ ſchimmernden Kuppel und der paradirenden Leibgarde den Platz beherrſchte, und, ſich hoch erhebend auf be⸗ pflanztem Hügel über die große Maulbeerplantage, in deren Schatten unter hundert weißen Zelten und leben⸗ digen Laubhütten der aus der Stadt tretende Volksſtrom ſich mit jeder Stunde mehr zum wogenden See ausbrei⸗ tete, dem Bürgerfeſte Legitimität gab und den Schutz der Krone gnädigſt auf die Häupter der Feiernden niederließ. Mitten unter dem Ananas⸗ſpeiſenden Adel ſaß auf ge⸗ ſchmückter Terraſſe der alte, ehrwürdige Fürſt, und dankte unter türkiſcher Zeitdecke heraus gar huldreich dem Gruße des reichen beneideten Bürgermanns.— Vor dem Pa⸗ villon, im Zentro des Lagers zur Hauptwache erkoren, ſchwang der Stadtfähndrich zierlich vor ihm die weiße Fahne, mit dem ſprechenden Symbol des Bienenkorbs, den ein Bär beſchützte, und die ehrenfeſte Schildwache präſentirte das Gewehr auf antike Weiſe.— Im großen Orangerieſaale, wo unſere Geſellſchaft abſtieg, ſtanden in Ordnung die Hauptleute und Scheibenkönige, ſtolz ihre verſilberten Ehrenzeichen tragend am grünen Hals⸗ bande, als wär's der Großgreifsorden, und empfingen ehrerbietig den freigebigen Bonifacius, der auch ſogleich vom Zuckerbäcker Paulus ein leckeres Gabelfrühſtück her⸗ beiſchaffen ließ, welches man einnahm, obgleich der Tiſch⸗ ler, im weiten Saale aus Böcken und langen Tannen⸗ dielen die ungeheure Bürgertafel aufſchlagend, die Toaſt's mit mißklingender Hämmermuſik begleitete.— 204 Doch auch Erneſtine ſollte ein Vorfeſt haben. Wie den Flügelhauch eines ſie umſpielenden Engels fühlte ſie die ſanfte Kühlung einer kindlichen Ahnung, welche in Kinderſcherzen ihr das Höchſte zuſprach. Als ſie umher⸗ zogen, die Herrlichkeiten des Lagers zu beſchauen, trafen in ſeltſamer Eintracht hundert Zufälligkeiten und Gemein⸗ ſprüche wie Orakelſtimmen ihr reizbares Herz und ſeine verſchwiegenſten Wünſche. Vor einem gewaltigen Tanz⸗ zelte, worin wackere Zunftgenoſſen die rundarmigten Mägde, nicht ſchonend den theuren Sonntagsſtaat, im wildeſten Schleifer ſchwenkten, oder ſich den Werkgruß jubilirend zutranken, ſtand der uralte, greiſe Zitherjude mit ſeiner großen Brille auf der Naſe, und ſchrie ſeine ewigen Gaſſenhauer in die Lüfte. Als er das roſige Mädchen erblickte, wandelte ſich ſchnell ſein Lied, und gegen ſie gebückt und zugleich auf ſie die ſtechenden grauen Augen gewandt, ſang er ſüßlich im kreiſchenden Fiſtel⸗Moll: Aufgeſchaut, Junge Braut! Biſt ihm angetraut, Eh' der Abend thaut!— Erneſtinchen erſchrack über den ſeltſamen Anruf und des Herrn Elias ſelbſtgefällig Lächeln dabei. Sie zog den Vater weiter, doch aus dem Regen unter den Tropfenfall. Ein Pfiffikus lockte durch tauſend Vögelſtimmen, einem Lindenblatte mit künſtlicher Zunge entzaubert, das Volk zu ſeinem Wunderkreiſe. Als Erneſtine in den Circus trat, empfing ſie der Wechſelſchlag zweier zärtlicher Nach⸗ tigallen, und als der ſchieläugige Cocolorum ſein kleines Prophetenpferdchen anſprach: Nun, mein kluges Thier⸗ chen! zeig' mir einmal die Schönſte und die Beſte und die Glücklichſte! ſtand das blanke Thier dicht vor ihr 205 ſtill, und nickte ihr mit dem glänzenden Haupte zu; und als der Zaubermann weiter ſein goldgelbes Kanarien⸗ vögelchen fragte: Welches aus der Verſammlnng iſt die reichſte und fröhlichſte Braut? flog das Vögelchen zwitſchernd gerade auf ſie zu und verbarg ſich dreiſt in ihrer wogenden Lilienbruſt. Verſchämt hörte ſie das Luſtgelächter des Kreiſes, und ſtreichelte mit brennender Wange und niedergeſenkten Augen das zahme Geſchöpfchen, unterdeſſen der Vater den willkommenen Spaß mit einem harten Thalerſtücke belohnte. Aber was halfen alle dieſe unſichtbaren Stimmen ihrer Genien? Er fehlte ja doch überall, und die Erinnerung an ihn war ein Dornenkranz für die Märtyrerin, welcher ihr das wüſte Gedräng, die betäubenden Kreuzſtürme der vielen Muſikchöre, durchmiſcht mit dem Knallen der Büch⸗ ſen und Musketen, die neidiſchen Blicke der grell geputzten Geſpielinnen, und die verzuckerten Schmeichelreden der zier⸗ lichen Lorgnettenträger noch unausſtehlicher machten.— O du blinder Meiſterſänger, unſterblicher Homeros, und du italiſcher Schwan, mein Virgilius, oder du na⸗ menloſer Barde der Nibelungen, dem die Weiſen Ber⸗ lins höhere Rauchaltäre gebaut als je die Andern be⸗ kommen, o, warum kann ich nicht aufwühlen eure Grabſtätte, einen Griffel zu finden, ſtark genug, daß er mit Feuerſchrift aufzeichnen könnte für die Ewigkeit, was jetzt ſchauen muß das Auge der Furcht!— Verdunkeln würde mein Epos die eurigen; meine Helden würden euern brüllenden Achill, euern liebeſeufzenden Aeneas, ſelbſt das Muſter aller Treue, die göttlichen Sauhirten des Ulyſſes, vergeſſen machen, und mein Name ſtände über den eurigen auf der Sternenwand menſchlicher 206 Unſterblichkeit!— Aber zu ſtumpf iſt die Feder des capi⸗ toliniſchen Vogels für ſolche Thaten, die Farbe des Eich⸗ apfels zu bleich für den Wetterhorizont ſolcher Schreck⸗ niſſe, und mein Geſang wird ebenſo matt erklingen, wie das Donnertrio, das jetzt aus drei Miniaturkanonen zur Tafel rief, ebenſo heiſer wie der Trompetentuſch, der die edle Bürgerſchaar um dampfende Schüſſeln ſammelte, und die Straßen des mächtigen Lagers und auch den rauchbedeckten Schießplatz entvölkerte.— Ein wogend Menſchenmeer füllt den Saal, und ſchon beginnt ein Vorkampf um den beſſern Stuhl und den weitern Tafelplatz, doch der ſilberne Klang der Vorlege⸗ löffel gießt Gottesfrieden aus über die Menge, und feſ⸗ ſelt die unfriedliche Gemüthsart. Doch wehe mir und den Lieblingen meiner Muſe; was ſieht mein Prophetenblick!— Zwiſchen dem Vater und dem rieſigen Anbeter ruht das blonde, zarte Mäd⸗ chen, geduldig, wie das Opferlamm in der Mitte der iſthmiſchen Fechter, umringt von Klienten und Tafelfreun⸗ den des Hauſes. Vor ihr pranget in ſilberner Schale, auf einem Lager von Orangelaub und dunkeln Roſen, die fürſtliche Melone, das herrſchaftliche Wappen tragend und weithin ſcheinend in neidiſche Augen. Wehe dir, du Fürſtin der Früchte und deinen eitlen Beſitzern! Zwietracht und Tod trägſt du in dir gleich dem Apfel der Schlange! Verderblich wirſt du ſein, wie die Goldfrucht in Paris Hand! Blut wird deine ſammtene Hülle beflecken, und die brennende Rumſauce des engli⸗ ſchen Plumpuddings wird wie ein brennend Troja zu den Jammerſcenen leuchten, die du hervorrufeſt!— Schon waren mehre Stunden des Schmauſes verlau⸗ fen, und jede Minute faſt hatte einer Flaſche altdeutſchen 207 Weines den Hals gebrochen. Der duftende Nachtiſch deckte die Tafel, und von fremdem Geiſte gefüllt wurde auch die Dummheit geſchwätzig, das ſtillſte Waſſer zum Strudel, der Widderkopf bekam Muth und der Spatz dünkte ſich ein Adler.— Die Melone des glücklichen Schwiegerpapas im Auge brachte jetzt mit einer Stentorſtimme und in blumenrei⸗ chen Phraſen Herr Elias die Geſundheit des Fürſten aus. Unſeliger Augenblick! Die Schlange, welche ſchon längſt im Hyazinthenbeete geziſchelt, ſchoß mit giftgeſchwollenem Haupte ins Freie.— Drunten am Ende der Tafel hatte ſich eine Kameraderie O'Conell'ſcher Reformers gebildet, die feinen Gemüſe, der geräucherte Lachs, die Puterbraten waren nicht bis hieher gekommen; verletzt ſchien dadurch die Bürgergleichheit, unter die Füße getreten das Recht, und gar die Melone da droben, von welcher ſicherlich ebenfalls kein Schnittchen zu dieſen verfehmten Parias gelangen möchte, löſete die Wetterwolke auf in Blitz und Donner! Ein geſchmeidiger Vorſteher der großen Schneider⸗ zunft übernahm die liſtige Rache. Wie ein Aal wand ſich Meiſter Stift durch die Palliſadirung der Zuſchauer und Aufwärter bis zum beneideten Hesperien, und gerade als Herr Elias und ſeine U ge bung die Pokale auf das Wohl des Durchlauchtigſten leerten, erwiſchte in ſeinem Rücken das Schneiderlein mit dem kühnſten aller Helden⸗ griffe Schale und Melone, und ſchlüpfte jauchzend, als wäre ein Königreich erobert und die Beute hochhaltend davon. Mit einem Schlachtſchrei fuhr Alles in die Höhez den fallenden Pokal nicht achtend faßte der affenartige Langarm des Herrn Elias den Fliehenden, und ein Fauſt⸗ ſchlag ſchlug ihn nieder. Wüthend raſete das beſchimpfte 208 Meiſterlein auf, und im Kampfhahnsſprunge ſich ausein⸗ anderziehend wie ein Papiermaß, gelang es ihm, des hohen Ceſtuskämpfers Geſicht zu erreichen und darauf die Blut⸗ ſpur aller ſeiner nadelgleichen Finger nachzulaſſen; dann haſchte er den zu Boden gefallenen Raub aufs Neue, und gewandt wie ein Iltis ſchlang er ſich damit unter der Tafel durch, ſich und den Schatz glücklich hinüber⸗ ſchmuggelnd auf die andere Seite des menſchenvollen Saals. Der Fauſtſchlag hatte ein Signal gegeben zu allgemeinem Aufſtande. Ein furchtbarer Kriegstumult erſchütterte Erd⸗ beben gleich die Wände. Die Hauptgruppen bildeten an⸗ fangs die kreiſchenden Weiber, welche, kein Seitenbild der edlen Sabinierinnen, gegen die Fenſter flohen, und auf der Muſiktribüne eine ſchützende Citadelle ſuchten. Zwei Parteien hatten ſich jetzt gebildet, ſich rüſtend zur Schlacht. Privateigenthuml ſchrie als Feldruf die eine. Gleich⸗ heit vor dem Koch und Kellner! war das Schlacht⸗ gebrüll der andern. Wie der tobende Achill wüthete Elias zwiſchen dem Haufen. Teller und Gläſer flogen wie tödt⸗ liche Granaten durch die Luft; Stuhlbeine und Flaſchen bewegten ſich gleich ſchweizeriſchen Keulen und Morgen⸗ ſternen über den Köpfen, und die eindringenden Landreiter mühten ſich vergebens, Platz zu gewinnen. Wie wirſt du enden, Blutſtunde, von einer Furie geboren, und an dem Herzen der Eris geſäugt? Schon bedeckt ein erſtickender Staubmantel die Schlacht und die Geſchlagenen; ſchon miſcht am Boden ſich Oporto's ro⸗ ther Feuertrank mit eben ſo dunkel glühendem Bürger⸗ blute; ſchon verwickelt verruchte Gleichheit die abgetretene Atlasſchleppe der Frau Bürgermeiſterin traulich mit dem gedruckten Kattuntuche der Thorſchreibersfrau; ſchon hat der wuthentbrannte Grobſchmied den durchlöcherten 209 Contrabaß in ein ſeytiſches Fangnetz verwandelt, um die damit herangezogenen Feinde in der Nähe bequemer nie⸗ derzuſchlagen; wirſt du entvölkert werden, arme Stadt, und wird aus dieſer heißen Streitſtunde nur ein Horatier heimkehren, um alsdann ein orphiſches, zerfleiſchtes Opfer weiblicher Eiferſucht zu werden? Mitten im Gewühl und durch die Staubwolken erſah jetzt der Lackfabrikant den Meiſter Stift, den Melonen⸗ räuber, prahlend und ſchlagend. Hoch kochte des gewal⸗ tigen Hünen Zorn auf; heißer brannte die fünffache Wunde; wie Dietrich der Vogt von Barne im Nibe⸗ lungenliede ſchlug er Alles nieder, was vor ihm war; rechts und links fielen die Menſchen wie abgeſchlagene Mohnköpfe; ſo erreichte er unter dem Wehgeheul der Getretenen die Grenzen des Reichs, die Tafel, und ein kühner Sprung hinauf auf ſie drohte Verderben und Tod dem unglückſeligſten aller Stifte und allen ſeinen fleiſch⸗ armen Blutsfreunden. O Jammer über dich, du rieſiges Heldenkind! Und Fluch dir und deinem Hammer, du elender Tiſchler! Aus einem verwünſchten Baume, an deſſen Wurzel He⸗ renwerk getrieben und Kindermord, war das morſche Brett geſchnitten, welches unter der heroiſchen Laſt zu⸗ ſammenbrach, und hinabſinkend in der Hangematte des Tafeltuchs den Tapfern unter nachſtürzenden Suppen⸗ ſchalen, überſchwemmenden Pokalen und ſalbenden Bra⸗ tentellern begrub, zum ſchallenden Hohngelächter das all⸗ gemeine Kampfgebrüll machte, und alle fliegenden Taſſen und Gläſer auf dieſe lebende Wurfſcheibe hinzog zu dem wehrloſen Marius auf Carthago's Ruinen!— Das iſt das Loos des Schönen auf der Erde!— Blumenhagen. IX. 14 —————— 210 Die Muſe wendet ihr weinendes Auge, und ſucht minder betrübte und angenehmere Gegenſtände! Der runde Oekonomierath Frank befand ſich in nicht kleinen Nöthen. Mit Zorn hatte er den Melonenraub geſehen; in Schreck hatten ihn des Herrn Elias Fauſtſchlag und deſſen Folgen verſetzt; Verzweiflung faßte ihn, da auch er von dem Wirbelwinde, welcher die Volksmenge wie dürre Baumblätter durcheinander raſſelte, ergriffen ward, und der feine ceremoniöſe Mann Schulter⸗ und Ellen⸗ bogenſtöße empfangen und vertheilen mußte! ſeine Ver⸗ zweiflung ſtieg aufs Höchſte, da er jetzt ſich ſeines Ab⸗ gottes, des zarten, geliebten Tinchens, erinnerte, und ſie nirgends erblickte. Eingeklemmt, ohne mögliche Be⸗ wegung zur Flucht, vom Angſtſchweiße begoſſen, in ſich hinein bald betend, bald fluchend, nur taube Ohren bittend, beſchwörend, war er dem Wahnſinn nah oder einer tödtenden Apoplexie. Da fühlte er ſeine Hand heftig gefaßt, und ein Unbekannter, denn er ſah ihm auf den Rücken, riß ihn gewaltiglich fort mitten durch die Menſchenmaſſe, die er unwiderſtehlich ſpaltete wie der ſcharfe Kiel des Orlogſchiffs die Wellen zerſchnei⸗ det. So kamen ſie ſchnell wie Windſtoß an das Ende des Schlachtenſaals, eine kleine Thür ſprang vor dem Führer auf, und da ſaß des Raths Töchterchen unbe⸗ ſchädigt, und der Rathhausaſſeſſor Stern, wofür er ſeinen Erretter erkannte, führte ihn ritterlich⸗unterthänig zu ihr, und ſagte ſehr mild und hold: Die Befehle der Dame ſind erfüllt! Hier bringe ich den unverletzten Vater, und gehe nun— wo möglich! zum Frieden mit⸗ zuwirken!— Erneſtine freute ſich der vergnügten Verwirrung des Alten, freute ſich ſeiner tauſend Fragen nach dem Aſſeſſor, — 211 und wie er ſie beide mit eigener Gefahr aus der vulka⸗ niſchen Zerſtörung geholt und geborgen, indeß ſie ihm die Stirne trocknete, die Friſur ordnete und mit einem Becher Johannisberger erquickte. Sie wollte nach dem Wagen rufen laſſen, aber der wieder zu ſich gekommene Oekonomierath goß jetzt unzählige Verwünſchungen aus über den hitzigen Fabrikherrn und ſein wildes Drein⸗ ſchlagen, welches Schimpf über ihn und das ganze Feſt gebracht, und allen Läſterzungen der Stadt eine kaniba⸗ liſche Zerfleiſchungsfete bereitet habe. Er wollte auf keinen Fall zu Hauſe, weil das ausſehen könne wie Flucht und eines armen Sünders Gewiſſensnoth; für jetzt beſchloß er, die Nacht und den wieder eingetretenen Reichsfrieden zu Lrwarten. Hinab in den nahen Schloßgarten führte Erneſtine den zürnenden Greis, und hier im Duft der Orangerie, umgeben von ſeinen Lieblingen, den hochfarbigen Wunder⸗ kindern der Flora beider Indien, hier gab die Sanftmuth des Vaters, den die ungewohnte Heftigkeit der Begegniſſe ermattet und weicher geſtimmt hatte, dem ſchüchternen Mädchen Muth, ihm Alles zu geſtehen, was ihr Herz einſchloß und wovon es mit Luſt überfloß. Rur dem Weibe ſchenkte Natur den geheimen Takt, immer die rechte Stunde zu wählen, wenn es gilt. Auch Er⸗ neſtine hatte glücklich gewählt, denn der Vater antwortete gar nichts, ſondern zeichnete mit dem ſpaniſchen Rohr⸗ ſtocke Namen in den Sand vor ſeiner Bank, oder ſtrich mit der flachen Hand über das Blätterhaupt naheſtehender Duftpflanzen, als ſie von der blinden Mutter und des Sohnes treuer Zärtlichkeit, von ſeiner Ordnungsliebe und den Blüten ſeines Fleißes erzählte. Die Dämmerung kam. Eine noch nie ſo empfundene, 212 friedliche Glückſeligkeit hatte den erleichterten Buſen des Mädchens gefüllt; Alles, was als Geheimniß ſündhaft geſchienen, war jetzt von ihr gewichen; ſo leitete ſie wortlos den Vater durch die hohen Heckengänge und weiten Wieſenplätze des endloſen Parks zum Ausgange. Wen fanden ſie? Wo die herrliche Fontaine ihren Silberſprudel rauſchend zu den Wolken empor trieb, lag am Stein⸗ rande des Marmorbaſſins der heldenmüthige Elias. Weit⸗ hingeſtreckt waren die ungeheuren Gliedmaßen, eine zer⸗ brochene Bildſäule diente dem verbundenen Kopfe zum Polſter, mitleidig blickte der Stern der Liebe aus dem Nachtgewölk herab auf den Hingeworfenen, und die Thrä⸗ nenweiden lispelten in Trauertönen. Um ihn beſchäftigt waren ſeine Fabrikleute, ſie reinigten ihn aus dem Quell der ſchneeigen Najade, ſie verbanden ſeine Wunden, ſie wuſchen am Springbrunnen die befleckten Prunkkleider aus, und begleiteten ſämmtlich dieſe treue Arbeit mit den rüh⸗ rendſten Jeremiaden über den geſchlagenen Gebieter, in Chriſtenpflicht vergeſſend, was er ihnen gethan.— Nach einigen Minuten der Betrachtung dieſer neuen Scene bekam des Oekonomieraths Empfindung und ſein verhaltener Ingrimm Worte. Find' ich Sie hier, begann er, Sie Mann des Unglücks, Sie Höllenkind und Enacks⸗ ſohn? Was hat Ihre Unbeſonnenheit angezettelt? Bürger⸗ glück haben Sie in Krieg, Triumph in Scham, Feſtabend in Leichennacht verwandelt!— Lauter pure Liebe und Reſpekt für Sie und Mamſell Tinchen, der ich mein Blut geopfert! ſtammelte der zer⸗ knirſchte Goliath.— Blut hin, Blut her! Hättens behalten können! ent⸗ gegnete heftiger noch der Vater. Das iſt mir eine maſſive Liebe, welche die Geliebten in die Verlegenheit verſetzt, — ,. 213 zu Brei getreten zu werden! Wo iſt die Melone? Wo die ſilberne Schale aus Tinchens Hochzeitsſerviſe? Was wird Se. Durchlaucht ſagen, wenn die ſuperbeſte aller Früchte, geziert mit dem hochfürſtlichen Wappen, von rohen Fäuſten an einem Herbergstiſche wie ein Mehlklos zerfetzet, und ſtatt mit herrlichem Madeira mit Kartoffelliqueur begoſſen wird? O der erſchrecklichen Geſchichte! der zum Himmel ſchreienden Unbeſonnenheit! Und hier ſage ich's, hier gelobe ich's bei dem Stern da, und dieſem ſpringenden Waſſer, nur wenn Sie mir die Melone wieder ſchaffen, werden Sie mein Schwiegerſohn, ſonſt iſt es aus, rein aus für immer!— Aber nehmen Sie doch nur Raiſon an, theuerſter Herr Rath! ſtotterte Herr Elias. Melonen ſind zu kaufen, und morgenden Tages ſoll ſich Mamſell Tinchen die ſchönſte Silberſchale ausſuchen im großen Silberladen am Holzmarkte auf mein Conto; nur verkennen Sie meine gute Abſicht nicht länger!— Abſicht hin, Abſicht her! rief Rath Frank, kühler ge⸗ worden durch ſein Gelübde. Wer mir die Melone bringt, der iſt mein Sohn! Was geſprochen iſt, bleibt geſprochen. Laſſen Sie's austrommeln; geloben Sie eine Prämie; meinetwegen! Und jetzt hin unter die Leute! Es wird Nacht. Das Volk hat ſich verlaufen in die Buden und Tanzzelte, nun iſt es Zeit, ſich ſehen zu laſſen bei den Honoratioren! und zugleich im Stillen von den Haupt⸗ leuten Satisfaktion und Erſatz zu verlangen.— Herr Elias war unterdeß ſo fein als möglich bepflaſtert und in den weiteſten Ueberrock geſteckt. Man trat den Rückweg an. Doch die Eris hatte noch nicht ausgegrollt und ihre bittere Laune erſchöpft, denn zu Aller Schrecken fand man den Schloßgarten überall verſchloſſen, und die Gartenknechte hatten mit dem Dunkelwerden ihr Arbeitsfeld —z———— 21¹4 verlaſſen, um von der nahen Luſt auch ihr gebührend Theil zu nehmen. Es gibt Tage, wo das Schickſal allen ſeinen Groll und Haß wie tödtende Lawinen zuſammen⸗ ballt, um ihn herabzuwerfen auf einen Menſchen, da⸗ mit, beſiegt von der unſichtbaren Tyrannenwelt des Zu⸗ falls, der ſtolze Erdenſohn mit aller ſeiner Klugheit daſtehe am Pranger ſeiner Ohnmacht. Es gibt aber auch Tage, wo daſſelbe Schickſal wie ein überſchwänglich⸗gü⸗ tiger Vater am Chriftfeſte alle Gaben der Erde und des Himmels zuſammenhäuft, ein Lieblingskind ſeiner Laune damit aufzuputzen, und vor aller Welt auszuſtellen als ſein Auserwähltes und ſeines Auges Freude. Solch ein doppelter Schickſalslaunentag war heute für Herrn Elias und den Aſſeſſor Stern. Der ermattete Grimm des alten Raths fand neuen Brennſtoff an dem verſchloſſenen Gitterthore. Ein Bivouak im feuchten Nachtthaue auf dem Anger des Gartens am Fuße eines höhniſch herabblickenden marmornen Heiden⸗ götzen, ein ſolches Bivouak für den Podagriſten und die zarte Jungfrau, und wenn die Fama zugeſchielt und die lächerliche Nachtherberge auspoſaunt, mit der Beſchämung vielleicht körperliche und geiſtige Krankheit zugleich, das war das folterndſte aller Abentener von heute, und des Greiſes Gemüth erlag ihm beinahe. Vergebens ſuchten die Leute des Herrn Elias eine rettende Leiter, vergebens bemühte ſich mit ihnen ihr Herr, Schulter auf Schulter, nach Titanen⸗ und Gi⸗ gantenart die hohe Mauer oder das koloſſale Gatterthor zu überſteigen; die ſtarre Sicherheit ſpottete der ſteifen Gliedmaßen ſo ungelenker Bekämpfer, ſpottete ihrer ver⸗ zweifelnden Beſtürmung. Erneſtinens Engel ſorgte. Ihr um den armen halb⸗ 215 ohnmächtigen Vater klagendes Stimmchen fand eine Ant⸗ wort jenſeits. Mit Liebeslauten rief eine wohlbekannte Stimme durch das Gitter, und forſchte, warum die Nachtigall im Käfig ſchlage und nicht draußen in freier Blütenlaube?— Sie flog heran, ſie erkannte ihren Ernſt; des Gartenmeiſters Haus war ganz nahe; bald raſſelte der erlöſende Schlüſſel, und der dankbare Oeko⸗ nomierath zertrat den Ohrwurm nicht, welcher ſich jetzt neben die Königin aller Nelken niſtete, und ſeine Erne⸗ ſtine im Triumphe durch die lichterreichen Lagerſtraßen führte, ohne ſich einmal um den eiferſüchtigen Mann des Jammers zu bekümmern, der hinten nachſtieg, die ſchlaffen Hände an den vorgeſtreckten Armen tragend wie ein Känguruh, und die blauen Flecken ſeiner Gliedma⸗ ßen jetzt doppelt ſcharf wie Brandflecke fühlend. Ein hohes orientaliſches Zelt leuchtete ihnen entgegen im Lindenkreis; an ihm winkte die vielſagende transparente Inſchriſt: Zum Himmel auf Erden! und lud freundlich in ſeine ſeidenen Wände, und Ernſt und ſein Mädchen fühlten ſchon ſo etwas von dieſem Himmel. Um Aufſehen zu verhüten, traten ſie durch einen Sei⸗ teneingang ein, neben dem ſie ſchon bereitgehaltene Sitze fanden. Mit neuem Aerger ſah der Oekonomierath nicht weit von ſich im glänzenden, ſchmarotzenden Kreiſe der an⸗ geſehenſten Stadtfamilien auch den kleinen Meiſter Stift von vorhin mit all den Seinigen ſitzen, hochgebrüſtet im Sie⸗ gesgefühle wie ein radſchlagender Pfau. Doch abgeleitet und verlöſcht wurde des Alten Aerger, da jetzt der Mar⸗ queur den Tiſch mit den feinſten Leckerbiſſen beſetzte, und mitten unter ſie die unverletzte Melone in ihrem Sil⸗ bergeſchirr hinpflanzte. Ich rettete das Kleinod! ſprach Ernſt bedeutend, da ihm ſein Tinchen im Hergehen alles 216 Vorgefallene zugeflüſtert hatte. Hohe Freundlichkeit im Geſicht nickte der Vater, ſah darnach den Herrn Elias mitleidig an und zuckte leiſe die Achſeln.— Aber das Drama war noch nicht zu Ende; auch der fünfte Akt der tragi⸗komiſchen Schickſalsfabel, die in eigenfinniger Herzenslaune nicht an Dolch und Kupferpfennig, ſondern dieſes Mal an eine zarte Südfrucht, an eine duftige Me⸗ lone Wohl und Wehe, Tod und Leben, Hölle und Seligkeit geknüpft hatte, ſollte nicht fehlen, ſollte nach ſeinem vul⸗ kaniſchen Sturmerguß wie ſein provenzaliſches Maienwehen vertheilen vom moraliſchen Richtſtuhle und Schöppenſitze herab über die Gerechten und die Ungerechten. Der kleine Schneidermeiſter hatte ſich gerade recht lang gemacht und blickte mit neuer Gier und liſtigen Klapper⸗ ſchlangenaugen nach dem Parisapfel, der ſchon einmal ſeiner Kühnheit Preis geworden war. Da trat ein Poli⸗ zeibeamter herein, kennbar am Kleide und Bruſtſchilde, von gerüſteten Landreitern begleitet, und forderte das zu⸗ ſammenſchreckende Zunftherrchen auf, ihm unverzüglich zu folgen, indem fürſtliche Durchlaucht ſelbſt ſo eben befoh⸗ len, ohne Aufenthalt den ausgemittelten Urheber der Stö⸗ rung ſeines Lieblingsfeſtes in Haft zu nehmen. Das Männlein weigerte die Folge nicht, doch ſprang es wie giftgeſchwollen aus dem heulenden Kreiſe ſeiner Lieben heraus gegen die eben angekommen Gäſte, und verlangte in einer Angriffsſtellung wie zum Bockſtoße auch den Verhaft des Herrn Elias und des Raths, da ſie verſchuldet wie er, und ein dumpfes Echo von Vet⸗ tern und Werkgenoſſen unterſtützten ſeine hämiſche Mo⸗ tion mit dem ſchallenden: Hört! der Parlamente. Erneſtine war ganz bleich geworden; der Vater rückte unruhig auf dem Seſſel, und Herr Elias ſtand mit —— ———————————— ——— 217 einem ſteinernen Thiergeſichte da, wie der egyptiſche Anu⸗ bis. Doch der Aſſeſſor Stern trat vor, und befahl in edler, gebietender Stellung und mit ſtrengſtem Tone, den erſten Unruhſtifter und bekannten Räuber der Sil⸗ berſchale ohne Aufſchub in den Thurm zu führen, für die übrigen verflochtenen, zum Zeugniß nöthigen Perſo⸗ nen leiſte er ſelbſt dem Gericht die Bürgſchaft.— Was will ſo Einer bürgen? Wie kann der ſich drein mengen? Alle in den Thurm oder Keiner! kreiſchte Mei⸗ ſter Stift wie ein Raſender. Aber der Mann der ausüben⸗ den Gewalt faßte ihn bei dem Kragen und ſprach, indem er durch ein forcirtes Linksum ihm die Richtung zum Ab⸗ marſche gab: Grobian! Sprich Dich nicht um den Hals! Das iſt unſer neuer Herr Polizeicommiſſarius, und ge⸗ rade der läßt Dich bei dem Kopf nehmen.— Elektriſch fuhr das Wort ſchlagend durch alle Anwe⸗ ſenden. Staunen, Freude und Neid theilte ſich in die Geſichter. Doch Ernſt nahm die Hand des Vaters, nahm die Hand ſeiner im Dank gerührt aufwärts blickenden Geliebten, deren milde Seele nie des Gebers vergaß in einer Freudenſtunde.— Ja, verehrter Mann, Vater des beſten der Mädchen! ſagte er freimüthig und laut. Der Tag hat uns eine Oef⸗ fentlichkeit aufgezwungen, welche uns nicht angenehm war; mag dann der Abend dieſer Welt frohere Schickſale von uns erzählen. Sie kennen meine Wünſche. Ich bringe der Tochter ein reines, treues Gemüth, Amt, Ehre, ſorgen⸗ loſes Leben und den Segen einer frommen Mutter. Vermäh⸗ len Sie den Ihrigen damit, und verlöſchen Sie ſo durch die Friedensfeier einer Verlobungsſtunde alle Schrecken und Nachwehen der zerſtörenden Melonenſchlacht.— Nur eine kurze Weile ſtand der Angeredete ſinnend. —————— 218 Herr Elias, ich kann Ihm fürder nicht helfen! ſprach dann der Oekonomierath halb ehrbar, halb im komiſchen Pathos. Der neue Werber hat die Melone gerettet, und Genugthuung geſchafft Ihm wie mir. Er dagegen hat heute nichts gebracht wie Unglück und Verlegenheit. Das Mädchen will nun dieſen einmal oder den Tod. Was kann da der Vater lange ſchwanken! Tröſte Er ſich, und geh' Er zu Haus! Waſche Er ſeine Beulen, und fabrizire Er Trauerſiegellack! Er iſt nicht durch Menſchenhand gefal⸗ len und ausgeſtochen worden, ſondern Gottesfinger ſelbſt hat Ihn heute ſichtlich aus dem Sattel gehoben, und mir den rechten Tochtermann alſo gezeigt, daß ein Blinder ihn hätte finden müſſen. Tröſte Er ſich! Klopfe Er bald wo anders an mit rechtem Liebesmuth und Liebesglück, denn die rechte Liebe ſiegt über Alles!— Die rechte, die fromme, die treue Liebe ſieget über Alles! flüſterte Ernſt nach in die Ohren der Braut. Aber alle Menſchenklugheit, ſetzte er feierlich laut hinzu, hat doch nur Pygmäenkraft gegen die unſichtbare Vorſicht, die Weltenſchickſal an den fallenden Apfel knüpft, und die Tugend an eine ſinkende Sternſchnuppe, die unſer Glück gar im fürſtlichen Treibhauſe erwachſen ließ. Drum ſoll von nun an das ſchönſte unſerer Gartenbeete Me⸗ lonen tragen, im prachtvollſten Treibkaſten von uns ſelbſt gepflegt jedes Jahr, und nach uns als Gedächtnißmahl von Kind und Kindeskind! Und ſollte das Schickſal der⸗ einſt noch das Ritterband des Greifsordens in mein Knopfloch binden, ſo ſei mein Schildſchmuck und Wap⸗ penbild eine gepanzerte Göttin der Weisheit, welche, ſtatt aus der majeſtätiſchen Stirne des Jupiters, einer geſpaltenen Goldmelone entſpringt! ————— ———————— cS 8 8 — — — — 3 — „ S — — 8 — Heißer als gewöhnlich auf den dunſtumſchleierten Fel⸗ dern Englands war der Mittag; ein junger Reitersmann ſpornte ſein ſchlankes Roß aus ſeinem trägen Schritte zum Trabe, und man ſah ihm in den funkelnden Augen das Vergnügen leuchten, als nahe vor ihm die erſten Häuſer des Fleckens Dartfort in den Gebüſchen und Baum⸗ gipfeln, die ſie bisher verſteckt gehalten, ſichtbar wurden. Er ſtreichelte mitleidig den mit der Kappe verhangenen Kopf des Edelfalken, welcher auf ſeiner rechten Hand ſaß, lüftete das Käppchen ein wenig, ſah, mit dem Kopfe freudig nach den nahen Dächern winkend, auf die beiden Pagen zurück, die auf kleinen ſchottiſchen Pferden ihm folgten und an langen Leitſeilen einige rauhe Windhunde führten, und trabte dann, ein Jagdlied pfeifend, munter dem Oertchen zu. Vor dem erſten Häuschen ſchon hielt er den Zügel an, ſchwang ſich leicht und geſchickt aus dem Steigbügel, und das ſchweißbedeckte Roß den Pagen überlaſſend, trat er in die kleine Umzäunung, welche das niedere moosbe⸗ wachſene Dach umgab. Schon verfinſterte ſich ſeine glatte Stirn und Unmuth umwölkte das runde, helle Auge, als er durch die geöffnete Thür Niemanden auf der Haus⸗ flur zu Geſicht bekam; aber ein Seitenblick verſcheuchte ſchnell die aufſteigenden Wolken, denn er ließ ihm unter 1 t Röthe auf ihr bleiches Geſicht, von dem noch nicht alle 22 dem Schatten eines vollbelaubten Baumes eine Frau er⸗ kennen, die ihrer Tracht und Beſchäftigung nach nichts anders, als die ehrſame Beſitzerin dieſes kleinen Land⸗ weſens ſein konnte. Mit dem offenen Freimuth der Ju⸗ gend und mit ritterlicher Dreiſtigkeit ſchritt er ſogleich zu der Wirthin, und ſetzte ſich in der Haltung eines Er⸗ ſchöpften auf das Ende der ungehobelten Bank, deren Mitte die ihn anſtaunende Frau vor dem runden Stein⸗ tiſchlein eingenommen, welches man meiſtens in ſolchen Gehöften unter dem Hauptbaume des Hofes oder Gärt⸗ chens vorzufinden pflegt.— Verzeiht, meine verehrte Landsmännin, ſprach er im leichten, vertraulichen Tone, der freilich die Mitte zwi⸗ ſchen Herablaſſung und junkerhaftem Spott zu halten ſchien, wenn ich ungenöthigt Platz nehme und Eure Gaſt⸗ freiheit auf die Probe ſtelle. Meine Anforderung iſt zwar etwas ungeheuer, aber Noth ſcheut kein Gebot, und der Säckel hier an meinem Gurt wird hoffentlich wieder gut machen können, was Ihr mir Gutes thut. Mein Ver⸗ langen iſt ein friſcher, klarer Trunk reinen Waſſers aus Eurem Brunnen für dieſen edeln Vogel auf meiner Hand, drei Töpfchen kalter Milch für mich und meine Knappen dort, und ſechs Schnitte Brod für die müden Thiere. Gottes Lohn wird Euch als Zugabe von Herzen gezahlt, denn der ſcharfe Morgenritt hat uns zehn Gottesgeſchöpfe bis zum Sterben ausgedörrt, und wäre hundert Schritt von hier der reichſte Gaſthof, wir könnten leichtlich nicht lebend zu ſeinen Porterkrügen und ſeinen Rindfleiſch⸗ ſchüſſeln gelangen mögen.— Die Frau hatte ihre umdüſterten Augen ſtarr auf den zungenfertigen Bettler feſtgehalten. Jetzt kam eine leichte 223 Reſte jugendlichen Reizes gewichen waren, und einem ſchlankgewachſenen Mädchen, welches hinter ihr geſtanden, Befehle zuwinkend, antwortete ſie: Ihr ſeid in Alteng⸗ land, Sir, und Hilliards Haus, ſo eng es iſt, freuet ſich jedes freundlichen Gaſtes, und die Frau vom Hauſe hört mit Vergnügen, daß es in ihrer Macht ſteht, ſolch beſcheidenen Anſpruch vollauf zu erfüllen.— Das Mädchen eilte zur Wohnung, und der junge Ritter warf einen verwunderten Blick auf die nette Red⸗ nerin, deren Antwort in gewandterem Ausdruck und rei⸗ nerem Dialekt erklang, als er unter der gemeinen Tracht zu finden gehofft; doch zog er ſogleich ſein Auge wie⸗ derum von ihr ab, da er bemerkte, wie die Muſterung ihres Anzuges ſie höher erröthen machte, und ſie das Geſicht mit einem tiefern Wehmuthszuge und dem blaſſen Munde von ihm ab zu dem Gatter wandte, an welches die Pagen die Zäume der Pferde knüpften. Der junge Gaſt löſete die Seidenſchnur, die des Vogels Fuß an ſeinen Arm befeſtigt hielt, ſchürzte ſie um die Lehne der Bank und ſetzte behutſam den Falken auf den Tiſch, und als die flinke Maid jetzt Waſſer und Milch vor ihm niedergeſetzt, lüftete er das Käppchen des Vogels und ließ ihn trinken aus dem Napf, und erſt nachdem der Liebling ſich ſatt getrunken, und mit den rollenden, feu⸗ rigen Augen munter umher ſchaute, den glänzenden Fe⸗ derhals ſchüttelte und mit dem ſcharfen Krummſchnabel die leichtgebundenen Flügel putzte, griff auch er zu dem Becher voll fetter Milch und zog in langen Zügen die Erquickung ein. Der Vogel muß Euch ſehr werth ſein, Sir, ſagte die Frau nach langer Weile des verwunderten Zuſchauens, da Ihr Euren Durſt ſeinetwegen vergrößert.— 224 Die Natur gab dem Menſchen Vernunft, die ihm das Entbehren leichtert, lächelte der Ritter, und dem Jäger ſind ſeine Jagdgeſellen immer lieber, als er ſich ſelbſt; das iſt Weidmannstugend, die Ihr kennen ſolltet. Ueberdies iſt der Falk ein Liebling meines königlichen Herrn, den Gott ſegne! und ein koſtbar mir anvertrau⸗ tes Pfand.— Ihr ſeid in des Königes Dienſt? fragte die Frau ſtutzend und aufgeregt. Gott erhalte den König! ſetzte ſie dann, ſich beſinnend, hinzu. Möge er ſchnell älter werden, um ſeinem Volke mehr des Guten zu thun.— Seltſamer Wunſch, entgegnete der Ritter, indem er dem Falken die Haube wieder aufſetzte und dem zurück⸗ gekommenen Mägdlein, das indeß Pagen und Pferde vefriedigt und jetzt neugierig den Vogel betrachtete, über die Wange und das ſeidene Blondhaar ſtrich; Alter kömmt leider von ſelbſt und ungerufen und immer früh genug. Warum gönnt Ihr dem edeln Herrn Richard nicht die ſchönſte Lebenszeit, die ihm ſo eben ihre Blu⸗ menthore öffnete?— Mag er ſie genießen, wie es ſeine ſechzehn Jahre er⸗ lauben, ſagte Frau Hilliard finſtern Geſichts; Königes Genüſſe koſten Blut und Schweiß der Unterthanen. Iſt die junge Majeſtät ſo edel und königlich, wie der Rit⸗ ter den König nennt, ſo wird er das mehr bedenken, je älter er wird. Schreibt doch auch für jetzt das gedrückte Volk nicht ihm, dem königlichen Prinzen, ſondern ſei⸗ nen drei Oheimen die Laſt zu, unter welcher die Kinder Altenglands erſticken.— Dabei klimperte ſie ſeufzend mit einem Häuflein Kupfermünzen, das vor ihr auf dem Tiſche lag.— Wer ſeid Ihr? fragte der Ritter mit wachſendem 225 Staunen. Eure Reden klingen nicht nach der Bauern⸗ ſtube, und manche hochmüthige Pächterin von Kent könnte bei Euch feines Wort und gute Sitten lernen.— Mein Mann iſt Hilliard, der Schieferdecker, antwor⸗ tete die Frau, Wat⸗Tyler nennen ihn die Männer von Dartford. Nicht geſungen ward mir mein jetziges Loos an der Wiege, welche in einem guten Zimmer von Wrotham⸗Caſtle ſtand, denn meine Mutter war die Frau des Pförtners der gräflichen Burg, und ich wurde die Geſpielin und Zofe der Töchter des Hauſes. Mädchen ſind zum Heirathen in der Welt, meinte ſie, und ich widerſprach nicht, und ſo wurde ich des Hilliards Braut, wie er die Thürme an Wrothamhouſe mit ſchwarzem Schiefer neu belegte, und als der kecke Burſch die Thurm⸗ ſpitze mit einem vollzapfigen Tannenkranze ſchmückte, flocht ich unten im Kämmerlein den Myrtenkranz für den Werber. Niemand ſagte mir dazumal, daß ſein Herz ſo hart ſei, wie ſeine eiſernen Sehnen, ſein Sinn ſo ernſt, wie ſein dunkles Auge wild funkelnd, ſein Jähzorn ſo ohne Maaß wie ſein Wuchs alle Kameraden überragend. Mein Käm⸗ merchen in der Burg ſah die fröhlichſte Maid in England, Hilliards Haus ſieht die bekümmertſte Frau, ſo weit des Königs Arm reicht.— Und was plagt Euch gerade jetzt ſo beſonders? Iſt Euer Mann ein ſchlechter Ehemann, hat er Hand an Euch gelegt? fragte der Ritter in edler, zürnender Aufwallung.— Er iſt ein Engländer, entgegnete mit unwilligem Stolze die Frau, und hob das Haupt dabei; die Wei⸗ ber von Kent ertragen keine unziemliche Berührung, ihr Tod käme hinterdrein, und die Männer von Kent flu⸗ chen der ehrloſen Hand, die ſich gegen ein Weib erhob. Blumenhagen. 1X. 15 226 Aber er liebt die Schenke zum flotten Schaluppchen, er liebt Spiel und Krug, der Zorn findet leicht Waffen, und Würfel und Spirit machen heiß Geblüt und ſo geht vom ſchmalen Verdienſt viel in die Schürze der runden Frau Tunnel, viel in die breite Hand des Friedens⸗ richters, und Frau Hilliard ſoll daheim dann ſchaffen, was Noth thut. So zieht denn gerade heut der königliche Einnehmer in Dartford umher, der die neue Kopfſteuer eintreibt, welche Gaunt, der Herzog von Lancaſter, gottesläſterlicher Weiſe dem Volke auferlegt, denn den Kopf hat der Menſch von Gott, und er iſt keine Waare wie das holländiſche Lebenswaſſer und die Seidenballen aus Frankreich; nicht lange, ſo wird der ſtrenge Mahner auch hier vorſprechen, und⸗ die Münze da reicht nicht hin, nur die Hälfte der Steuer zu zahlen. Wat ſollte heut das Uebrige hinzutragen, denn es iſt Löhnungstag, und jetzt bleibt er zu Mittag aus, und läßt die Frau in der Sorge.— Bewegt ſtand der junge Mann auf und trat einen Augenblick zu den Pferden, gab den Falken in die Hand des Pagen, knüpfte an ſeinem Gürtel, und kehrte dann zum Tiſche zurück. Frau Hilliard, ſagte er ſanft, ſorget nicht, mein junger Herr iſt milde wie Euer Lamm und weich wie das Wachs Eurer Bienen. Euer Same iſt nicht auf hollän⸗ diſch Steinland gefallen, der König ſoll hören, was Ihr mir klagtet. Doch eine Bitte zum Abſchied. Ihr ſeid bekannt in Wrotham⸗Caſtle, die ſchöne Lady Eleonore Arundel iſt zum Beſuch droben bei den Baſen. Bringt ihr einen Gruß von dem Reiter, welcher bei dem letzten Wettrennen zu Laithfield auf dem Schimmel den Preis gewann.— So ließ er eine Hand voll Silbermünzen auf den Steintiſch rollen und wandte ſich zum Pförtchen. — . 227 Wollt Ihr meiner Gaſtlichkeit Schimpf anthun? Und wer ſeid Ihr, der mit des Königs Majeſtät reden darf, wie mit unſer Einem? fragte die Frau erſchrocken und ſchnell aufſtehend.— Bezahlt den Einnehmer mit dem Silber, was Euch Euer König ſchenkt durch mich und das ich ihm ſchon anrechnen werde, antwortete der Ritter, das blühende Antlitz zu der Bleichen wendend und lächelnd dazu ſein Federbaret ſchwenkend; mich aber nennt man John New⸗ ton, und ich habe die Ehre, des Königs Schwert vor der Majeſtät zu tragen, wenn der Herr im Feierzuge durch Londons Straßen reitet.— Ohne weitern Aufenthalt ſchwang er ſich dann auf ſein Roß, und bald trabte er und ſein Geleit weiter auf der Dartforder Straße hinab, und das muntere Gekläff der erquickten Hunde tönte zu dem Klange der leichten Hufe und der Ballade von der untreuen Maid vom Winandermeere, welche die Pagen gar lieblich ſangen. Frau Hilliard ſtand eine Weile gleich der Salzſäule von Lots Weibe, dann riß ſie das verwunderte Töchter⸗ chen in ihre Arme und rief: Beß! Beß! Gott iſt noch Gott! Vergiß das Geſicht nicht und die leichten Gold⸗ locken und die Wangen wie Morgenroth und das Auge voll Sternenglanz! Du haſt einen Engel geſehen, der die weißen Fittiche im Himmel abgelegt; denn aus dem Sodom des Schloſſes zu London kam ſolche Gnade nimmer! Beß, auf die Knie, bete im Sande, und richte die Seele feſt zu dem Himmel auf!— Heftig zog ſie das Kind mit ſich auf den Boden und betete lange und brünſtig. Dann ſtand ſie erſtärkt auf, und lief 228 hinaus vor das Pförtchen, das froh bewegte Mädchen mit ſich fortziehend, und ſillte ſich an die letzte Ecke der niedern Mauer von Feldſteinen, die ihr Eigenthum umzog, und ſah ſcharf die Straße entlang, ob der Walter noch nicht heimkäme, und ſchalt den Säumigen, daß ihn keine Ahnung von dem Glücke heimriefe, da es doch nur für ſie ein halbes Glück ſei, bevor er es mit ihr getheilt. Ein Gelärm rief ihre Augen rückwärts. Um den Flecken herum drängte ſich ein Getümmel von Leuten, und ihm voran ſchritten drei Männer, unter welchen die Frau mit Schreck den Taxſammler und ſein Geleit erkannte. Maſter Auſten war nicht zu verkennen; ſein kupfriges Geſicht mit der Doggennaſe, ſein runder Bauch, der watſchelnde Entengang, die ſchwarze Tracht, und vor Allem das ſilberne Schreibzeug, das an einem Kett⸗ chen ſeines Gürtels baumelte, und der Rohrſtab mit der vergoldeten Hand als Knauf zeichneten ihn aus in der ganzen Grafſchaft. Von ſeiner bewaffneten Macht, zwei Maſt⸗langen Kerls in Lederkollern und mit blan⸗ ken Hellebarden bewehrt, begleitet, ſetzte er ſeinen Marſch gerade auf ihr Gehöft fort, und mit Zittern fiel der Frau jetzt das Geld ein, das ſie in ihrer Verwirrung auf dem Tiſche gelaſſen, und der Gedanke, wie ſolcher Anblick für dergleichen Habichte höchſt gefährlich ſei, wirkte wie eiſiger Waſſerſturz auf ihren Kopf. Sie flog zurück zu dem Baume und mühete ſich, die Münze eiligſt in dem ledernen Beutelchen zu verbergen, aus dem ſie vorher ihre Sparpfennige hervorgeſucht, aber ihre Finger bebten, und ſo kam es, daß noch mehre Silberſtücke auf dem Steine herumrollten, als ſchon der gierige Einneh⸗ mer ihr zur Seite ſtand. 229 Sieh! Sieh! ſagte ſchmunzelnd der Vampyr. Hier darf man nicht erſt drei Lichter verbrennen, um einen Pfennig zu ſuchen. Glück zu, Frauchen! Eure Nachbarn nannten Euch arm, aber man ſieht, wenn alle Sünden alt werden, wird der Geiz jung. Blanke Graten, ſchöne Schillinge, ja gar eine Krone, als wäre ſie eben aus der königlichen Münze gekommen. Wie ich ſchaue, wird mir hier mein Amt leicht gemacht, deſto beſſer; habe ich doch den ſchönen Gottes⸗Morgen hindurch mich mit lau⸗ ter Lumpengeſindel herumbeißen müſſen, und aus einem Schweinsohr läßt ſich kein ſeidener Beutel machen. Euer Mann ſteigt auf die Dächer; man ſollte faſt meinen, er ſteige in die Keller und mache den Schatzgräber. Es iſt nicht gut, wenn das gemeine Volk zu viel hat; was ſoll der Kuh die Muskate! Das macht übermüthig. Aber Geld iſt auch in Lumpen angenehm.— Er ſetzte ſich athemſchöpfend auf die Bank und ſchlug ſein Buch auf. Wie viele Köpfe habt Ihr zu zahlen? perorirte er fort, die Folio ſuchend. Wo Silber liegt ſtatt Kupfer, da gehört man zur dritten Klaſſe.— Verzeiht, geſtrenger Herr! fiel die Frau ſchüchtern ein. Zur ſechsten ſchrieb uns der Zähler ein, und wir hätten auch das nicht zahlen können, hätte nicht ein edler Herr uns heut erſt das Sümmchen vorgeſtreckt.— Wenn man einen Lachs fängt, kann man ſchon die Angel verlieren, lächelte höhniſch Herr Auſten. Zur drit⸗ ten Klaſſe, dabei bleibt's. Schöne Worte füllen den Sack nicht. Und wie viele Köpfe ſchlafen unter Eurem Dache?— Mann, Frau und Magd! ſtotterte Frau Hilliard.— Zahlet nicht mehr als Euch eingeſchrieben, Mutter 230 Nan! ſprach da ein derber Landmann aus dem Haufen, den die Neugier dem Durchzuge des Einnehmers nach⸗ gezogen, vortretend. Iſt der Wat⸗Thler nicht heim, find wir da, Euch kein Unrecht thun zu laſſen.— Vorlauter Burſch, fuhr Herr Auſten auf, zurück hin⸗ ter die Wache! Willſt Du den Stiel der Barden ſchme⸗ cken? Wenn der Käfer auf ſeinem Kuhfladen ſitzt, denkt er ſich was Großes.— Drei Köpfe nur? Sicherlich ein zweiter Irrthum des Volkszählers. Wem gehört denn da das Jüngferchen mit dem Schelmgeſicht?— Beity heißt ſie, unſer einzig Kind! antwortete be⸗ ſtürzt Frau Hilliard, doch ſie geht frei aus, denn wenn man das nächſte Jahr grünes Lauch an den Hüten trägt, wird ſie erſt zwölf.— Laut lachte der Tar⸗Gatherer, daß ſein Bauch bebte. Zwölf Jahre, und mißt zwei Ellen und darüber? Ein ſchönes Kind, das ſich ſicher ſchon ſeinen Valentin ge⸗ ſucht. Meinet Ihr, dieſe unſere Augen wären blind ge⸗ worden, weil ſie Jahre lang bei der Lampe des Königs Geld gezählt? Schauet her, ihr albernen Zeugen all, ob das Mädchen nicht reif wie die platzende Kirſche am Baume, und ob ſie nicht heute noch zum Pfarrer gehen kann mit ihrem Geſpons?— und ſo griff der Unverſchämte nach dem Nacken des Kindes, und riß mit unzarter Fauſt das rothe Tuch von der Schneebruſt des Mädchens, daß die Arme entſetzt „ in die Knie ſank und ſchamvoll vorgebogen mit beiden Händen die enthüllten Schultern verdeckte.— Ein furcht⸗ bares Gemurr ſcholl aus dem Haufen empor, doch die Mutter ſtürzte wie eine gereizte Löwin auf den Beleidiger zu und keines Wortes mächtig vor Zorn ſtieß ſie ihn gegen die Bruſt, daß er auf den Sitz zurücktaumelte.—„ 231 Hochverrath! ſchrie der Geſtoßene, indem er ſich wuth⸗ ſchäumend aufraffte. Ihr Alle ſeid Zeugen! An des Königs Stellvertreter iſt die Hand gelegt. Hellebarden vor! Treibt das Geſindel aus dem Hofe und bindet mir die Verbrecherin.— Die Landleute wichen vor der Wache, doch ballten ſich alle Fäuſte; da theilte plötzlich ſich der Haufe, und Walter Hilliard, der Schieferdecker, trat, ſeinen Ham⸗ mer in der Hand, auf den Platz. Was gibt's zwiſchen meinen Markſteinen? fragte der kräftige, muskelreiche Arbeiter. Was veſtürmt ihr Nach⸗ parn mein einſames Weib? Oder iſt ein Unglück geſche⸗ hen und kamet ihr zu helfen?— Frau Hilliard faßte ihre Tochter mit der Rechten, riß ſie auf von der Erde und zog ſie zum Vater hin. Da ſieh ſelbſt, Wat! kreiſchte ſie mit abgebrochenen Tö⸗ nen. Schöne Helfersleute hat Dartford, denn ſie laſſen die Unſchuld ungerächt beleidigen. Beſchimpft biſt Du und ich in der Tochter, denn jener ſteifwanſtige Zöllner, der des Königs Stab in unreinen Händen hält, hat dieſe ſeine ſchmutzige Rechte an Dein Kind gelegt. Eine dunkle Glut ſtieg ſichtlich, trotz der gebräunten Wangen, auf des Dachdeckers Geſicht empor. Seine ſchwarzen, dicken Augenbraunen drängten ſich dicht über dem tiefliegenden, brennenden Augenpaar zuſammen, welche, gefährliche Blitze auf den Beleidiger ſchießend, feſt den Einnehmer faßten, als wollten ſie ſeine Züge auf Nievergeſſen ein⸗ ſaugen. Zugleich ſah man das Zucken der Sehnen ſeiner muskelvollen Arme, und die breiten, faſt rieſigen Schul⸗ tern zogen ſich zu dem koloſſalen Haupte hinauf.— Wißt Ihr, Herr, was Hausrecht iſt? fragte er mit dumpfer Stimme. Vergeßt Ihr, daß Ihr auf Walter 232 Hilliards Eigenthum ſteht, wo ſelbſt der König nichts ſein nennt, wenn ich ihm nichts ſchuldig—— Eben. deßhalb, brüllte der erhitzte Taxmeiſter ihm entgegen und trat keck vor den Ziegler hin. Ihr ſeid ſchuldig und ich ſtehe hier im Namen der Majeſtät, und ſtrafe Namens der Majeſtät, will man ihre Kaſſe be⸗ trügen.— Wer ſpricht von Betrug gegen den Wat⸗Tyler, don⸗ nerte Hilliard. Wer kann in der Gemeinde den Wat⸗* Tyler der Schmuggelei um eines Penny's Werth ankla⸗ gen? Da iſt Euer Geld, Herr! Aber nun hinaus aus meiner Grenzmauer, hinaus, ehe meine Geduld um eines Haares Breite dünner wird. Vor dem Sherif oder dem Oberrichter ſprechen wir uns weiter.— Du droheſt, Du gemeiner Bauer! wüthete der Zöll⸗ ner. Dein Geld iſt dem König, Dein Weib muß mit zum Friedensrichter und in den Thurm, mir zur Genug⸗ thuung.— Wagt's, aber ſehet Euch vor! höhnte der Schiefer⸗ decker kopfſchüttelnd.— Du widerſetzeſt Dich dem königlichen Stabe! So treffe er auch Dich und mache Dein Haupt vogelfrei! verſetzte Auſten und ſchlug mit dem Rohr nach dem Ar⸗ beiter. Es war ſein letztes Wort auf Erden geweſen. Der Schieferdecker fing mit dem linken Arm den Schlag, zugleich flog ſeine rechte Fauſt mit dem Eiſenhammer durch die Luft, furchtbar krachte der Schlag nieder auf des Feindes Scheitel, und Maſter Auſten ſank zuſam⸗ men, wie vom Wetter getroffen, und lag nach einigen Zuckungen leblos im Sande. Die beiden Hellebardierer hoben ihre langen Waffen zur Wehr, aber die Landleute fielen ihnen auf den Leib, und in wenigen Minuten —— 233 lagen auch ſie entwaffnet und durch Fauſtſchläge blutig am Boden. Eine Stille des Entſetzens trat auf eine kleine Weile ein, ſelbſt der rieſige Mörder ſchauete ſtarr auf ſein Opfer hin, da umſchlang ihn Frau Nan und ſchluchzte: Mann, was haſt Du gethan? Und was wird jetzt aus uns werden?— Der Dachdecker machte ſich los aus ihren Armen, dehnte ſeine koloſſale Geſtalt aus zu ihrer ganzen Länge, und vorſchreitend ſetzte er den breiten Fuß auf des Er⸗ mordeten Bruſt. Kühn ſchauete er dann in dem ſtum⸗ men Kreiſe der Nachbarn herum. Ihr ſollet richten, ihr Männer von Dartford! ſprach er heftig. Sprecht ihr ſchuldig, ſo gehe ich hin und liefere mich dem Henker. Habe ich nicht Kind und Chre vertheidigt? Hätte nicht Jeder von euch gethan wie ich?— Du haſt Recht gethan! antwortete der derbe Sprecher, der Hufſchmied des Fleckens, Jack Straws Hammer wäre eben ſo ſchwer auf des Schandbuben Kopf gefallen, wie der Deine.— Aber flüchtig werden mußt Du, ehe das Gerücht die Straße hinab läuft, und wir wollen Dir Aufſchub thun und dieſe Leiche bergen, bis Du die Küſte gewonnen; ſetzte der Schuhmacher Hob Carter hinzu.— Verächtlich blickte Hilliard zu ihm hinab. Flüchten? Flüchten vor den Rittern von der Gänſefeder und ihrem Dintenfaß? Oder flüchten vor den abgerichteten Söld⸗ nern, die ſie wie dumme Bulldogs auf uns hetzen? fragte er ſpöttiſch. Hof und Weib und Kind ſollte ich den Wüthrichen geben ohne Wehr? Fluch und Tod Allen, die Leſen können und Schreiben, denn ſie haben uns das Unglück gebracht und die Knechtſchaft! Meinet ihr, 3 5 1 1 234 man wird dieſes Blut nur an mir rächen wollen? Mei⸗ net ihr, Maulwürfe, die Reiter des Königs werden euch verſchonen, die ihr Alle dabei waret, und an dieſe Spürhunde eure Fäuſte legtet?— Wir ſind freie Män⸗ ner Englands, der Schlag iſt geſchehen, und der Him⸗ mel ſelbſt winkt uns, die Ketten zu brechen. Verflucht der, welcher glaubt, ein engliſch Weib habe ihn gebo⸗ ren, um ſich von dieſen Ausländern treten zu laſſen ſein Lebelang. Iſt der Boden nicht unſer, iſt die Ernte nicht unſer, die unſer Schweiß gewann? Fort mit Steuern und Zehnten, fort mit Sherifs, Friedensrichtern und Conſtabels, die nicht beſſer mit uns umgehen, als die heidniſchen Egypter mit dem Volke Iſraels. Sendet Boten durch die Grafſchaft mit der rothen Fahne; in ganz Kent iſt kein altengliſcher Mann, der ſich nicht freut über unſern Ruf, denn Alle ſind voll Beulen und Wun⸗ den, die dieſe Blutſauger brachten. Eilet zu Hauſe und rüſtet euch, und läutet Sturm, daß da erwache, wer ein Mannesherz unter dem Wammſe trägt! In einer halben Stunde ſammelt euch wieder auf der großen Weide. Der Wat⸗Tyhler wird euch voran gehen; wie er dieſem Elen⸗ den da ſein Gehirn ausklopfte, wird er klopfen, wo ein reicher Schlemmer wohnt, wird Gericht halten über die Gewaltthätigen und Uebermüthigen, und haltet ihr feſt an ſeiner Ferſe, wird ſein Hammer ſelbſt das Thor der City einſchlagen, daß der Knabe Richard und ſein grau⸗ ſamer Ohm erbeben ſollen in einer Todesohnmacht, das ſchwöre ich, ſo wahr meine Mutter meines Vaters treues Weib geweſen!— Die wilde Sturmrede hatte alle Gemüther entzündet; in einem grauenvollen, gefährlichen Aufjauchzen ſprach ſich der Beifall der Menge aus.„Recht und Rache und 235 Freiheit!“ ſo tönte der Feldruf aus dem Gedränge und Alles tobte fort, zu vollbringen, was der Anführer, der ſo unerwartet plötzlich ſich ſelbſt geſetzt, befohlen.— Rückgekehrt von einem großen Jagdfeſte in den weſt⸗ lichen Grafſchaften des Königreichs hielt der junge Kö⸗ nig Richard ein prachtvolles Mahl in dem Waffenſaale ſeiner Reſidenz. Alle zu London verſammelten Großen ſeines Reiches nahmen Theil an dem großen Bacchanal, und der grämliche Johann von Gaunt, ſein älteſter Oheim, der ihm zur Rechten ſaß, mußte ſein gelang⸗ weilt Ohr zu der breiten Erzählung der hundert Siege leihen, welche der ſechzehnjährige König über das Wild ſeiner ſchönen Forſten errungen, und jeder Edelhirſch, jeder ſchlaue Fuchs, der mit rothem Schweiß Buſch und Heide gefärbt, wurde nochmals mit vollem Silberbe⸗ cher begrüßt, obgleich alle dieſe armen Gefallenen nach Jägerſitte ſchon an der Stelle ihres Ehrentodes durch Halloh, Hornlied und Siegestrunk gefeiert worden. Im⸗ mer lauter und hallender wurde der Jubel der begei⸗ ſterten Gäſte, und die dunkeln Augen des königlichen Wirths leuchteten freundlich durch die Geſellſchaft hin, denn ſelbſt den Vergnügungen der Tafel hold, war ſein leichter Sinn nicht glücklicher, als wenn er ſeine Umgebungen in ungebundener Fröhlichkeit vor ſich ſah. Auf neue Siege unſerer Helden über Frankreich und Schottland! Und auf wachſenden Glanz unſerer Krone! trank da der geärgerte Herzog von Lancaſter, und ver⸗ ſchönt durch herzlichern Wiederklang hörte man den Toaſt von hundert Stimmen wiederholet ſich an den Pfeilern des weiten Prunkſaales brechen. Nur Richard zögerte 236 mit ſeiner Einſtimmung. Den Kryſtallbecher, ein theures franzöſiſches Beuteſtück ſeines edlen Vaters, aus dem er nur an ſolchen Feſttagen trank, hocherhebend, rief er mit weithallender Stimme: Auf den wachſenden Glanz mei⸗ ner Krone! und ſtieß, mit dem Auge ſcharf in das düſtere Auge des herriſchen Ohms blitzend, ſo heftig gegen den Silberpokal deſſelben, daß das Kryſtall zer⸗ ſprang und der Wein aus dem Bauche weit über die Tafel ſpritzte. Der König erblich und ſchauete ſchmerz⸗ lich auf das zerbrochene Gedächtnißkleinod. Höhniſch ſagte der Herzog Johann: Euer Majeſtät zagen! Kronen ge⸗ winnen und erhalten ſich nicht ohne Blut und Wunden, und der Himmel ſtraft, wenn jugendlicher Uebermuth ſeine greiſen Lehrer meiſtern möchte.— Doch der Erzbi⸗ ſchof von Canterbury, der zur Linken des Königs ſaß, fiel lächelnd ein: Der Sprung des Glaſes darf von meinem Könige nicht als eine myſtiſche Vorbedeutung genommen werden; wo Hartes und Weiches zuſammenſtoßen, bricht das Letztere. Doch wollen die verſtummten Gäſte aber⸗ gläubig ſein, ſo mögen ſie auch dem Quell des Aberglau⸗ bens, dem Volke, getreu verbleiben, und der gemeine Mann glaubt ja, wie allbekannt, daß ein zerbrochenes Trinkglas die Erfüllung des Spruchs beſiegelt, den man zu dem Trunke ſprach, da Niemand aus demſelben Glaſe trinkend den Wunſch durch einen Gegenſpruch entkräftigen könnte.— Wohl geſprochen, weiſer Freund! entgegnete der König, ſich ermannend und beſinnend; wir lieben das gemeine Volk, das Erz und Mark unſeres Reichs. Der Mundſchenk reiche uns einen Goldpokal, und mag dieſes theure väterliche Erbſtück möglichſt hergeſtellt zu unſern Reichskleinodien gelegt werden. Wir wollen trinken auf den Wohlſtand und das Emporkommen unſeres Volks!— 237 Noch nicht ausgeſprochen war die Rede, ſo zeigte ſich des Königs Schwertträger, der ſchöne John Newton, in der Pforte des Saals, und ſein haſtiger Eintritt, ſein verſtörtes Geſicht zog ſchnell alle Blicke zu ihm. Laßt die fröhliche Muſik verſtummen, mein königlicher Herr! rief der Ritter mit abgeſtoßener Stimme, welcher faſt der Athem gebrach, werft Eure Tafel um und beſteigt das Roß! Rebellion iſt im Lande. Ganz Kent, ganz Eſſex iſt in Waffen; Mord und Brand bezeichnen die Straße der Rebellen, und ſchon ziehen Tauſende der Wüthenden gegen die Hauptſtadt.— Träumſt Du, John, und ſprichſt aus überfülltem Becher! ſprach der König laut durch den erregten Tu⸗ mult der erſchrockenen Großen. Unſer Land liegt im Frieden; warum ſollte das Volk gegen ſeinen gütigen Herren ſo plötzlich erſtanden ſein mit blutiger Hand, zu rechten mit ſeinem Geſalbten?— Unten ſind die Flüchtigen und Todten, entgegnete Newton; bemitleidenswerth iſt ihr Anblick, gräßlich iſt ihre Erzählung. Die neue Kopfſteuer ſollen die Rebel⸗ len benutzt haben, die Gemeinen in Allarm zu ſetzen.— Zornig wandte ſich Richard gegen den Herzog von Lancaſter. Da habt Ihr das Facit Eures Exempels, Ihr größter Rechenmeiſter an der Themſe! ſagte er un⸗ willig. Wer ſprach lauter gegen die Neuerung als ich? aber die greiſe Weisheit überſtimmte die junge Vernunft, und doch wird der junge Arm die Brunſt löſchen müſ⸗ ſen, welche die Unvorſichtigkeit des kindiſchen Alters ent⸗ zündet.— Wer bedurfte des Geldes, um ſeiner gewohnten Ver⸗ gnügungen nicht zu entbehren? fragte bitter der Herzog zurück, Meint Ihr, Eure Prunkroſſe, Eure Jagdmeuten 238 Eure Gaukler und die Prachtkleider Eurer Garden und Eure Luſtgondeln und Jagdſchiffe hättet Ihr umſonſt?— Friede unter Euch! fiel ſchnell der Erzbiſchof ein. Bedarf der äußere Krieg nicht Eure gemeinſame Kraft? Wollt Ihr durch innern Streit den Rebellen in die Hände arbeiten? Die Männer von Kent ſind wilder und kräf⸗ tiger Art, und ſetzen Eure Schwerter den Verbrechern nicht ſchnell einen Damm, könnte Krone und Reich in Gefahr gerathen; denn Volksaufſtand gleicht der Lawine in den winterlichen Gebirgen des Continents, Flocke haf⸗ tet rollend an Flocke, bis der kalte Ball zu einem Eis⸗ berge anwächſet, welcher Hütten und Paläſte begräbt.— Kent? rief da plötzlich tief erſchüttert der König und ſtützte den wankenden Körper am Seſſel. Sagteſt Du nicht Kent, John? Und unſere geliebte Mutter iſt noch nicht zurück von ihrer Wallfahrt nach Canterbury, und die rebelliſchen Horden könnten ſich werfen zwiſchen ſie und uns.— Kräftig ſich erhebend trat er alsdann raſch zu einem Pfeiler und riß ein dort hangendes, großes Schwert her⸗ unter. Auf, meine Earls und Barone! Nicht für Krone und Reich! Nein, es gilt das Heiligſte in dieſem Lande! An meiner Leibreiter Spitze will ich des Vaters unbe⸗ ſiegtes Schwert ſchwingen und die Mutter ſchirmen. Der ſchwarze Prinz! ſei mein Feldgeſchrei, und wer ein ehr⸗ lich Wappen führt in England, wird meinen Ferſen folgen. Newton, den Trompeter! Newton, meine Garde zu Roß! Newton, meinen Hengſt aus dem Stalle mit Win⸗ deseile!— Der Schwertträger eilte zum Fenſter, die Befehle der Majefiät hinabzurufen, doch mit helleren Blicken drehete er ſich ſogleich zurück. Hemmt Euren Schmerz, Majeſtät, 239 rief er, und laßt die Sorge fliehen. Gerade jetzt reitet die Prinzeß von Wales in das Thor, und wie mir ſcheint unverletzt und mit gll ihrem Gefolge.— Richard warf ſein Schwert zur Erde und ſprang ſelbſt hinab, die geliebte Mutter zu empfangen und herauf zu leiten. Er half ihr von dem Zelter und bog ſein Knie vor ihr, und fragte mit Sorge nach ihrer Reiſe. Doch die königliche Frau winkte erſchöpft nach dem Schloſſe, und ging, auf des ängſtlichen Sohnes Schulter gelehnt, hinein, trat mit ihm und ſeinen Großen in das erſte Gemach des Erdgeſchoſſes und ſank dort ermattet in den Armſeſſel. Alle umſtanden die hohe Frau mit banger Erwartung. Doch Richards lebhaftes Temperament konnte die Un⸗ gewißheit nicht ertragen. Euer heiliges Leben iſt geſichert, Mutter! ſprach er mit hochgefärbtem Antlitz. Doch ſprecht, haben die Rebellen auch die Ehre Eurer Perſon ohne Kränkung gelaſſen? Hat keine verruchte Hand das Kleid meiner Angebeteten betaſtet, hat kein ſchimpfend Wort das Ohr meiner Mutter verwundet? Der Sohn des Helden Eduard iſt männlich genug geworden, um des Vaters Schwert zu führen, und er wird nicht ſäumen, ſein Blut, ſein Leben daran zu ſetzen, gälte es die Ehre ſeines Vaters zu rächen an Jedem, der ſie in Euch ver⸗ letzt haben könnte.— O, mein Sohn, ſeufzte da die Prinzeß, es handelt ſich um mehr als ein beleidigt Weib! Zitternd ſehe ich die Krone wanken auf dem Haupte meines Lieblings, und ahne, daß der Jammer den Reſt meiner Tage mit Nacht bedecken möchte. Zu dreien Malen ſah ich Dich um Mitternacht in meinen Träumen an mein Bett tre⸗ ten, bleich und hager, mit eingefallenen Augen und 240 weißen Lippen, das Bild eines Verhungerten, und Deine matte Stimme bat mich um Waſſer, und ich ſchöpfte am Brunnen, aber der Becher blieb leer, und ich ſchnitt meine Adern auf, Dich zu tränken, aber kein rother Tropfen quoll aus den trockenen Wunden. Darum that ich die Betfahrt nach dem geweiheten Orte. Doch die Stärkung, welche ich gewonnen, wurde auf der Rück⸗ fahrt zu nichte, denn die Erfüllung meiner Schreckens⸗ träume ſcheint zu beginnen.— Und was ſah meine theure Mutter auf dieſer Rück⸗ reiſe? fragte der König ungeduldig.— Wo findet eines Weibes Phantaſie Farbe und Aus⸗ druck für dergleichen! verſetzte die königliche Frau. Blu⸗ tende Flüchtlinge ſtürzten an unſere Pferde und riefen verzweifelnd um Hülfe, und ſanken ſterbend zwiſchen unſern Zug. Schlöſſer brannten ringsum auf den Hö⸗ hen, und aus den ſchwarzen Rauchwolken tönte ein wil⸗ der Jubel wie der Hohn der Hölle, und ein Geſang ſchwoll zu uns heran, in grellen Tönen, wie nur die Teufel ſingen können, wenn ſie unglückliche Seelen ge⸗ wannen. Immer näher kam das grauenvolle Gelärm, ſo ſehr wir auch die Sporen brauchten und die Thiere nicht ſchonten. Da waren wir plötzlich mitten im Ge⸗ tümmel. Endloſe Haufen wilder, halbnackter Kannibalen umgaben uns, ihre Geſichter waren gelb und ſchmutzig; Waffen aller Art, Piken und Senſen und blanke Beile plinkten in der Luft, und Blutgier griff nach uns ſchon durch die Blicke der gerötheten Augen. Höhniſch ſiel man in unſere Zügel und grüßte uns ohne Reſpekt mit dem Titel Miſtreß Wales, und nannte uns eine gute Frau, welche wohl des beſten Farmers Weib zu ſein verdiene, um die es Schade, daß ſie ein Raubthier 241 geboren. Doch unſere Spangen und Goldketten lockten die Habſucht, und mehre Hände krallten darnach, da drängte ein Mann an uns ſein ſtarkes Pferd heran, und vertrieb mit einem großen Schmiedehammer das Geſindel aus unſerer Nähe. Fürchte Dich nicht, Schwe⸗ ſter, ſprach er mit tiefer Stimme, wir ſchlagen uns nicht mit Weibern, und kein Fuß der Unſrigen zertritt altengliſche Zucht. Ziehe ungetrübt nach London, doch ſprich zu Deinem Sohne: Weil er zu jung ſei und ſich gängeln laſſe von elenden Feinden ſeines Volkes, ſo ſei ſein Volk ſelbſt aufgebrochen, und halte Gericht über die Hoffärtigen und Ungerechten. Er ſolle kommen zu uns und gemeinſchaftliche Sache machen mit uns, ehe wir pochten an das Thor ſeines Towers.— Und ſo reiſe mit Gott, Mütterchen! lachte der Kerl, und ſein Thier dicht an unſern Zelter treibend, umfaßte uns ſein herkuliſcher Arm und er preßte einen Kuß auf dieſe Wange. Viele der Nächſten reichten uns dann die blutbefleckten Fäuſte und quetſchten unſere Finger und ſprachen dazu: Eile und ſprich die Botſchaft, Schwe⸗ ſter, wir kommen bald nach!— Und auf das Schloß zu Slouth ſtürmten ſie ſeitwärts ab mit dem betäubenden Rauſchen der tobenden Brandung, und lang noch hörten wir auf ihrer Flucht den ſchauerlichen Chorgeſang. Wie heißen doch die Spottworte, Francis?— Ein beſtaubter, alter Diener, der neben die Herrin zu ihrer Unterſtützung getreten, antwortete: Und ſchenkte mir Gottes Gnade hundert Jahre auf Erden, ich vergäße ſie nimmermehr: Als Adam grub und Eva ſpann, Wo war da ein Edelmann? Drum, wer ſein ſtolzes Haupt erhebt, Blumenhagen. 1X. 16 242 Dem nehmt's mit einem tücht'gen Streich; Gott ſchuf uns Alle frei und gleich— Entſetzlich! ſtammelte der König. Aber ich ſchöpfe Luft durch Eure Erzählung. Ich will hinab ins Feld zu ih⸗ nen; ich will reden mit ihnen. Sie ſchonten Euch, ſo wird mein Wort ſie gewinnen, der Anblick ihres Königs ſie beſänftigen, meine Verſprechungen werden ſie beru⸗ higen, und die Verſöhnten werden in das Gleis der Pflicht zurückkehren.— Hofft das nicht, königlicher Herr! ſprach da der Erz⸗ biſchof, welcher ſo eben eintrat. Ich habe die Boten vernommen. Die Rebellion iſt zu weit gediehen, als daß Ihr durch Mittel der Gnade ſie zwingen könntet. Ihr dürft Euer geſalbtes Haupt nicht wagen in die Mitte dieſer Hunderttauſenden, die in Blut ſich berauſcht und immer dürſtender geworden. Hat das Raubthier der Wüſte einmal Blut geleckt, iſt es unerſättlich dar⸗ nach. Nehmt das Schwert, welches der Herr Euch gab, ſammelt Eure Ritter, ruft Eure ganze Heeresmacht zu Eurer Fahne, die ungeregelte Maſſe ſteht ſelten dem geregelten Angriff geübter Kriegsleute. Aber handelt raſch, mein König, denn das Blut Eurer Getreueſten ſchreiet um Rache. Schon ſind zwölf Schlöſſer nieder⸗ gebrannt in Kent, und erſchlagen liegen die beſten Edel⸗ leute der Grafſchaft. Selbſt Wrotham⸗Caſtle, des She⸗ rifs Burg, liegt in Trümmern, und nur ein einziger Knecht entrann dem allgemeinen Blutbade.— Wrotham⸗Caſtle! tönte da Newtons Stimme in den Kreiſchtönen des getroffenen Adlers. O, Eleonore! Und John war fern!— Der König ſah verwundert nach ſeinem wie ohn⸗ mächtig niederſinkenden Knappen, doch ohne Rückſicht 243 auf den geringern Unfall, raffte er ſich auf, und rief mit erhobener Stimme: Ihr habt Recht, mein ehrwür⸗ diger Vater! Sie fordern das Scepter mit der ſchla⸗ genden Hand und verſchmähen das Scepter mit der Taube. Auf denn im Namen Gottes, und laßt uns hüllen die Bruſt in Erz und das Herz darunter zuſam⸗ menpreſſen, daß es das Mitleid vergißt. Sendet nach dem Lordmayor und nach allen Oberſten, blaſet Allarm an allen Ecken unſerer Stadt und hängt die Kriegsfahne auf an der Zinne des Thurmes. Wir wollen einen Gang thun mit unſerm Volke und verſuchen, wem der Himmel gnädiger ſei. Das Gerücht und die Boten hatten nicht gelogen, nicht, wie es oft geſchieht in Augenblicken der Furcht, Windmühlen für Rieſen gehalten oder Rinderheerden für eine Armee. Jede Empörung gegen langzeitig be⸗ ſtandene Ordnung, gegen durch Alter heilig gewordenes Geſetz und gegen die von Gott und Schickſal zu Schützern beider berufenen Regenten hat etwas Grauenvolles, auch für den fern und ſicher Wohnenden Unheimliches und Erſchütterndes, doch Volksaufſtand iſt die gräß⸗ lichſte Art dieſer Unglück kündenden Meteore am Men⸗ ſchenhimmel. Gleicht die Verſchwörung des Adels dem ſtillbereiteten, in Finſterniß gebornen Ausbruch eines Vulkans, deſſen Exploſion plötzlich und unerwartet hervor⸗ bricht, doch nur einen Fleck Landes verſchüttet und aus⸗ brennt, gleicht die Rebellion unwilliger Prätorianer der Brunſt, welche ein aus dickem Gewölk zuckender Blitz entzündete, oder dem Orkan, der plötzlich herbraust und Wälder umwirft, ſo iſt Volksaufſtand dem Durchbruch 244 des wildeſten und furchtbarſten aller Elemente vergleichbar: hat Meer und Strom ſeine Dämme zerbrochen, ſo ſteigt die Flut mit unaufhaltbarer, zauberiſcher Schnelle, greift weiter und weiter, wie Flug des Gedankens, und keine Gewalt iſt ſtark genug, der Zerſtörung Einhalt zu thun und ihr eine Grenze zu ſtecken. So hatte ſich auch die Flut der Rebellion, welche in der engen Hütte des armſeligen Zieglers ihren Urſprung gewonnen, in wenigen Tagen über das breite Bett des Themſeſtroms hinauf, über Eſſex, Suffolk und Norfolk bis an den nördlichen Meeresſtrand verbreitet, nach We⸗ ſten ſich ausgedehnt über Suſſex und Surry, und ſchwoll im blutigen Halbmonde an gegen die Reſidenz, und dro⸗ hete, langſamer hinübergreifend in das jenſeitige Here⸗ fort, London einzuſchließen, daß es dem verlaſſenen Fels ähnelte, der mitten in tobender Wogenſchlacht ungebro⸗ chen aus dem ziſchenden Schaume ſein ſicheres dunkles Haupt erhebt. Wat⸗Tyler, das Haupt der Rebellen, war bis jetzt in der Heimath geblieben, und ſein bösartiges Gemüth fand Vergnügen darin, zuerſt ſein Hauptquartier, die Grafſchaft Kent, von den dräuenden Gewalthabern und gehaßten Berechtigten zu reinigen; doch ſeine Miſſionäre waren ausgeſendet im ganzen Lande, und ſeine Blutfauſt, der Grobſchmied Jack Straw, ſtreifte Schrecken verbrei⸗ tend mit einer Horde von mehren Tauſend bis an die Ufer der Themſe, und ihr Tigergeheul hallte hinüber und weckte den Wiederhall an den grauen Mauern des alten Thurmes der königlichen Veſte.—— Eine dunkle Nacht hing über dem ganzen Lande, ein⸗ ſam blickte ein bleicher Stern, wie das weinende Auge eines Engels, durch das fliegende Nachtgewölk herab, 245 und der Strichwind beugte die Wipfel der rauſchenden Forſte. Auf einem kleinen Hügel dicht an ihrem Gehöft ſtand Frau Hilliard, ihr zagendes Töchterchen umfaßt haltend, und ſchauete ſorgenvoll in das Dunkel hinaus. Drei Feuersbrünſte ſah man am öſtlichen Horizonte, und näher in Weſten loderte, wie eine rothe Rieſenfackel, der Brand von Wrotham⸗Caſtle, welches ſeit Einbruch der Nacht, nachdem der alte Earl ſich drei Tage lang wie ein ächt engliſcher Ritter gewehrt, von den ſtürmenden Haufen eingeäſchert worden.— So biſt du auch nicht mehr, liebe Stätte, ſeufzte die Frau, wo meine ſchönſten Tage blühten, wo meine Wiege ſtand, und der Mutter Grab ſich hebt! Und Alle, die mir wohlgethan, ſind mit dir untergegangen! O Herr der Barmherzigkeit, vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun!— Und Du, meine arme Beß! daß Deine Unſchuld die Urſache ſein mußte! Dein frommer Mund hat noch nichts gelernt, als das Gebet ſprechen und der Mutter ſchmeicheln, und Du ſelbſt biſt zur Sturmglocke geworden, zur Blutfahne, welche die Wilden und Rohen aufrief zu Unthaten und Gräueln ohne Gleichen. O wie wird das enden und was wird noch werden aus uns?— Erſchrocken fuhr das Mädchen aus den Armen der Mutter empor und barg ſich mit dem Ausruf: Ein Geiſt! Ein Geſpenſt! hinter der Frau Hilliard. Dieſe wandte ſchnell das Auge auf den Ort, wohin des Kin⸗ des ſtarre Hand gedeutet, und ſah mit Entſetzen eine weiße Geſtalt, die hell durch die Nacht ſchimmerte, ſich langſam näher an der Steinmauer bewegte und ſich auf die niedrige Befriedigung zu ſtützen ſchien. Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn! ſtieß ſie hervor aus be⸗ benden Lippen, und eine matte Stimme antwortete: In 246 Ewigkeit!— Und näher noch ſchwankte die Geſtalt und fiel nicht weit von der Frau in die Knie und hob die Arme flehend gegen ſie empor.— Ihr ſeid ein Weib, ſeid vielleicht eine Mutter, bat es klagend und mit herzergreifender, ſanfter Stimme, o ſo rettet, ſchützt einer Mutter einziges Kind, verbergt eine Jungfrau vor dem Frevel zügelloſer Mordbrenner und unerbittlicher Mörder!— Schnell von der Tochter ſich losmachend, trat Frau Hilliard der Knieenden näher. Um Gott! wer ſeid Ihr? Und woher kommt Ihr? fragte ſie mit wachſender Angſt. Eleonore Arundel nennt man mich, antwortete die Fremde. Von der Brandſtätte dort komme ich als eine Flüchtige, als eine Verlorene, wenn Ihr kein Erbarmen habt mit dem gräßlichſten Unglück.— Still! Still! rief Frau Hilliard. Die Bäume haben Ohren und der Wind iſt ein Verräther. Herein, ehe die Zeit verrinnt.— Und mit Haſt faßte ſie des Fräuleins Hand und zog ſie herein in das Gehöft und das Haus, und ſchloß hin⸗ ter ihnen Thorweg und Thür. Bei dem matten Schein der Lampe betrachtete ſie dann mit Neubegier den ſchönen Gaſt, der in halber Ohnmacht am Herde auf den erſten Bretterſtuhl geſunken war und furchtſam die Augen auf den armſeligen Umgebungen umher laufen ließ. Eine ſchlanke, zartgebauete Jungfrau ſah ſie in der Fremden, das erblichene, feine Geſicht trug die edlen Züge, mit denen der kirchliche Maler ſeine heiligen Jungfrauen ſchmückt, lang flatterte das ungeordnete, reiche Blond⸗ haar um die Lilien des Nackens und der zarten Bruſt, das weiße Nachtgewand war zerriſſen und beſchmutzt, und Arm und Hand bluteten von Dornriſſen. Die mitleidige * 247 Frau füllte ſogleich einen Becher mit Meth, und als die Schwache getrunken, ſetzte ſie ſich zu ihr auf des Herdes Rand, und ſie unterſtützend und ihr Muth einſprechend, fragte ſie nochmals: Sprecht, um Jeſu willen, Lady, wo kommt Ihr her? Was iſt Euch geſchehen? Und wie gelangtet Ihr bis hieher 2— Das Fräulein bezwang ihre verwirrten Sinne und erzählte langſam und in Pauſen der Erſchöpfung, welche durch die Erzählung ſelbſt entſchuldigt wurden. Mit Er⸗ laubniß ihres Vaters, des Lords, war ſie in Begleitung einer Kammerfrau von London nach Wrotham⸗Caſtle gekommen, um bei ihrem ehrwürdigen Ohm und ihren freundlichen Muhmen die ſchönſte Jahreszeit im Freien zwiefach zu genießen. Feſte jeder Art bereitete der alte Graf der Tochter ſeiner geliebten Schweſter, nicht ahnend, welch ſchwarzer Dämon hämiſch dem Fuße der Fröhlichen nachſchlich, und welch eine zerſchmetternde Hagelwolke am Rande ihrer Blütenflur aufzog. Die ſchöne Wal⸗ dung am Fuß des Schloſſes war zu einer großen Luſt⸗ partie bereitet worden, ſchon trafen die Pfeifer und Spielleute ein, ſchon dampfte aus den Küchen der ſtär⸗ kende Aushauch der Roſtbraten, und der Kellner belud in ſeinen Gewölben die Schultern der Ganymede mit flüſfigem Goldgeiſt, ſchon putzten ſich die Fräuleins zum Najadentanz am Waldbach, und mehre Gäſte fuhren und ritten in das Schloßthor: da zernichtete ein bluten⸗ der Livréediener die bunten Hoffnungen und warf einen ſchwarzen Flor über die Roſenlauben der ländlichen Spiele. Er gehörte zu dem Gefolge des Unterſherifs; mit ſeinem Herrn gerieth er auf der ſchwarzen Heide mitten zwiſchen die zur Volksverſammlung anſtrömenden Landleute; er ſah ſeinen Herrn, welcher muthig zwiſchen 248 die Lärmer ſprengte und ihnen in des Königs Namen befahl, auseinander zu gehen, aus dem Sattel reißen und grauſam zerfleiſchen; nur den flinken Läufen ſeines Pferdes ver⸗ dankte der Diener das Leben, doch mehre nachgeſendete Pfeile hatten ihn getroffen. Der alte Graf erſchrack wohl, aber er hielt des Flüchtlings Ausſage für übertrie⸗ ben, dennoch verwahrte er ſein Schloß ſo gut wie mög⸗ lich, bewaffnete die Dienerſchaft und vertheilte die jüngern ſeiner ritterlichen Gäſte auf ihre Poſten. Die Familien⸗ väter hatten ſich ſogleich nach dem Empfange der böſen Botſchaft mit ihren Frauen davon gemacht. Die einhei⸗ miſchen Damen auf Wrotham⸗Caſtle durchlebten mehre ängſtliche Stunden, aber, obgleich die Gewohnheitsſage iſt, die Angſt vor einem Unglück ſei meiſtens größer als das Unglück ſelbſt, ihre Phantaſie ward dieſes Mal von der Wirklichteit übertroffen. Wie ein ausgetretenes Meer wogte die Menſchenflut von allen Seiten gegen die Schloß⸗ mauern heran, und tobender, als die ſchlimmſte Bran⸗ dung erklang das Geheul der Rebellen, nur dem Ge⸗ brüll einer hungrigen Tigerheerde in der Wüßte vergleichbar. Drei Tage hielten ſich die Belagerten trefflich; als ſich der geſtrige Tag neigte, hatten die Belagerer, wüthender mit jedem zurückgeſchlagenen Angriffe, hohe Holzhaufen an das Thor gebracht, unerſchreckt durch die Schüſſe von den Warththürmen ein Dach gebauet, unter dem ſie Theertonnen zwiſchen das Pfahlwerk ſchoben und durch Feuer die Wehr zu zerſtören ſuchten, die menſchlichen Kräften nicht gewichen war. Da trat der alte Earl in den Flügel der Ladies, und befahl ihnen, ſich ſchneller zur Abreiſe zu rüſten. Der Ernſt des alten Helden, die Todenbleiche ſeines faltigen Geſichts, um welches die weißen Locken flatterten, der — 249 warme Kuß, den er auf die Stirn einer Jeden preßte, erſchütterte und verwirrte die Fräuleins dermaßen, daß ſie kaum an nöthige Bekleidung für die Fluchtreiſe dach⸗ ten, ſich nur in die Regenmäntel hällten, und ſo den beiden Schloßleuten folgten, die ihnen der Sherif als die Getreueſten des Geſindes zu Schutz und Fübhrung mitgab. Glücklich kam man aus einer geheimen Mauer⸗ pforte in den Forſt; ſchon glaubten ſich Alle geborgen, und wanderten auf ſchmalem Pfade der rettenden Abend⸗ gegend zu, wo die Sonne niederſank: da tönte rauher Ruf vor ihnen, wildes Mordgeheul rechts, freches Fluch⸗ wort links zur Seite, und die Gebüſche ſpieen halbnackte Ungebeuer aus, welche mit blanken Waffen und gekrall⸗ ten Fäuſten heranſtürzten. Eleonore durchbrach das nächſte Gebüſch und drängte in Todesangſt ſich durch die ver⸗ wachſene Wildniß, da wich der Boden vor der Verwirrten; ſie war dem Rande eines Waldbaches zu nahe gekom⸗ men, und ſtürzte tief hinab in ſein hohles Bett. Sie hörte noch das Todesgeſchrei ihrer Muhme, die Jammer⸗ bitten der Diener, dann verließ ſie die Beſinnung.— Wie lange ſie ſo gelegen, wußte ſie nicht. Die Kälte des Waſſers, welches über ihre Bruſt rieſelte, erweckte ſie. Es war Nacht geworden, hoch über ihr funkelten die Sterne, ſie beſann ſich auf das Erlebte und die Angſt ermunterte die ſchlafenden Sinne. Immer noch vernahm ſie das wüſte Gelärm der Stürmer, und wie eine flam⸗ mende Hölle leuchtete es durch die Gebüſche. Ihr Mantel war oben hängen geblieben, ſo raffte ſie vom Lebenstrieb angeſtachelt ſich auf, und ſchwankte fort in dem Bette des ſeichten Baches, bis er aus der Waldung biegend ſich in das Feld ergoß. Die dunkele Flur ſchien leer, das Ge⸗ tümmel hallte nur noch fern hinter ihr. Flüchtig, wie 250 die gehetzte Hindin des Hochwaldes ſtreifte ſie durch Aecker und Wieſen; das Lämpchen in Hilliards Hütte lockte ſie, da ſchon ihre Kräfte zu ſchwinden begannen und ſchon der Athem ihrer Bruſt erloſch. Horchend ſtand ſie, unentſchloſſen, ob ſie dem Hoffnungsſchimmer trauen ſollte, da ſchlugen die Klagetöne einer weiblichen Stimme an ihr Ohr, und ſchnell vertrauend legte ſie ihr Schick⸗ ſal in die fremde Hand, die doch wenigſtens ihres Ge⸗ ſchlechts und nicht von Blut und Mordbrand beſchmutzt worden.—— Mit ſichtlichem Mitgefühl hatte Frau Hilliard die Er⸗ zählung der Armen angehört, und die ſchlanke Betiy hatte ſich zu den Füßen der Sprechenden geſetzt, und ſie ſorgfältig entkleidet und getrocknet und in wollene Tücher gehüllt. Mit ernſtem Geſicht ſtand jedoch jetzt die Wir⸗ thin auf und ſchüttelte bedenklich das Haupt. Ihr habt den böſeſten Platz in der ganzen Grafſchaft zur Höhle Eurer Sicherheit erwählt, ſprach ſie mit innerem Schauder; habt Euch ſtatt in eine Kirche in ein Wolfsneſt geflüch⸗ tet. Denn wißt, was mein Mitleid Euch nicht verheim⸗ lichen darf, dieſes Haus iſt das Haus des Hauptmanns jener Tauſenden, welche Wratham⸗Caſtle zerſtörten, hier floß das erſte Blut eines Königlichen durch meines Man⸗ nes Hand, und die Kleine dort war die Urſache dieſes furchtbaren Aufſtandes.— Einen Aufſchrei des höchſten Entſetzens ſtieß das Fräulein aus und ſank mit bebendem Körper vom Schemel in die Knie hinab. So bin ich rettungslos verloren, und mein Ende wird gräßlicher ſein, wie das meiner Blutsfreunde, ſtieß ſie hervor. Aber Ihr ſeid ja ein Weib, Ihr werdet meine Ehre nicht den rohen Männern preis geben. Wenn Ihr einen Gott glaubet, wenn Ihr eine ewige Barmherzigkeit hofft, wenn 251 Ihr das Glück Eures Kindes wünſcht, ſo nehmet das blanke Meſſer dort, vergönnt mir ein Gebet, und ſenkt es in meine Bruſt. Mein ſterbender Mund ſoll Euch dann noch Dank lallen, und ich will bei dem Richter im Him⸗ mel dieſe That als eine ſegensvolle vertreten!— Frau Hilliard fuhr unwillig zurück. Habe ich denn das Antlitz einer Mörderin? fragte ſie heftig. Glaubt Ihr, ich ſei eine Wölfin, und wollte die Kleine da an Blut gewöhnen? Freilich wage ich viel, wage den höchſten Zorn meines wilden Eheherrn, wage Leben und Gut an die Wuth ſeiner Genoſſen, die mich Verrätherin ihrer Sache ſchelten werden. Dennoch will ich Euch retten. Kennt Ihr Sir John Newton, den Schwertträger des Königs?— Sir John? ſtieß das Fräulein ſtaunend hervor. Iſt er hier, iſt er nahe? Dann bin ich gerettet. Der edle Mann würde ſein Leben für das meine geben, er wird lieber mich und ſich mit dem Dolch durchſtoßen, als mich in den Händen der ſittenloſen Feinde laſſen.— Er iſt nicht da, antwortete die Wirthin, er iſt fern in London, ſein Edelmuth hat mich voraus bezahlt, und ſeid Ihr folgſam und gelehrig und habt den Muth, den man an Euren hochgebornen Familien preiſet, ſo wird mein Plan gelingen. Bedenkt nur immer, daß kein Ent⸗ rinnen iſt, indem das ganze Land mit den Unſrigen über⸗ ſtrömt worden; bedenkt, daß der Name Eures Vaters, des Oberrichters in England, zu den Verhaßteſten gehört, und daß die ausgeſuchteſte Beſchimpfung der Tochter als Rache an dem Vater das Volk kitzeln würde.— Lady Eleonore verſprach Alles, und die ehrliche Hil⸗ liard ging ans Werk, indem ſie, um die zerſtörte Seele der Flüchtlingin wieder zu beruhigen, während ihrer An⸗ ſtalten die Geſchichte ihrer Bekanntſchaft mit dem jungen 252 Ritter erzählte. Aus einem alten Schrein wurde zuerſt ein Anzug hervorgeſucht, wie ihn gemeine Landdirnen zu tragen pflegen, doch Form, Schnitt und Beſatz wurden mit eiligen Händen daran geändert, das ſchöne Locken⸗ haar des Fräuleins verſchnitt dann die grauſame Hand der Hilliard zu ſchlichterer Geſtaltung; mit dem Saft der gelben Möhre, mit Kohle und Aſchenſtaub wurde das weiße, feine Geſicht, die blendende Bruſt, Arme und Hände des zarten Mädchens beſchmutzt und entſtellt; Alles, was zu ihrer Kleidung gehörte, mit Steinen be⸗ ſchwert und in den Brunnen verſenkt, und als Eleonore in der fremden Tracht aus der Garderobe der Bäuerin zur Lampe trat, freute ſich die Frau Hilliard ſelbſt der Wandelung und bekam den Muth und die Sicherheit des Gelingens, der ihr bisher noch ſelbſt gemangelt. Die reichen Ohrgehänge und den köſtlichen Fingerreif wickelte ſie ſorgſam ein, ihn in der Tiefe ihrer Truhe zu bewah⸗ ren, doch das Fräulein beſtand darauf, ſie ſolle ihn als Brautgabe der kleinen Eliſabeth hegen, und ihr dafür nur eine der Silbermünzen geben, welche Newtons Hand auf ihren Tiſch geworfen. Als dann die Frau der verlaſſenen Tochter des Oberrichters von England noch einen kurzen Unterricht in den magdlichen Geſchäften am Herde und im Stalle gegeben, drängte ſie ihren Schütz⸗ ling mitſammt der Tochter in das armſelige Bett, löſchte die Lampe und ſich im Sorgenſtuhle Erholung gebend und durch Gebet erſtärkend, erwartete ſie den nahenden Morgen mit jener Gemüthsruhe, welche das Bewußtſein einer guten That nie dem Herzen vorenthält.— Die Sonne warf kaum ihre erſten Strahlen ſchräg 253 vom Ocean her über die Fluren, welche ſich die Eris, in ſcheußlichſter Geſtalt verkörpert, zum Circus ihrer un⸗ menſchlichen Opferfeſte gewählt, da wurde es laut in der Nähe des Fleckens Dartford. Geſauſe, wie es die Bienenſchwärme begleitet, welche vom Raub der Blüten beſchweret zu ihren Körben heimziehen, tönte näher und näher heran, und ſtörte die Beängſteten, denen kein Schlaf genaht, auf von ihren Ruheſtätten. Geſchwärzt von Rauch, mit Schmutz und Blutflecken bedeckt, kehrten die Dart⸗ forder heim, gleich einem krächzenden Rabenſchwarm, der die Neſter in der alten Ruine ſucht, die Beute zu ſichern und nach kurzer Raſt auf neue Unthat auszu⸗ fliegen, und das rohe Volkslied: Als Adam grub und Eva ſpann, wo war da ein Edelmann? ꝛc. ſchallte weit⸗ hin und wurde nur von wieherndem Gelächter und ſitten⸗ loſen Flüchen unterbrochen. Bänger horchten die drei weiblichen Weſen am Fenſter, da wieherte ein Roß, und Wat⸗Tylers tiefe Stimme, noch widerwärtiger geworden durch nachtgeborne Heiſer⸗ keit, ſchalt am geſchloſſenen Thorwege. Was ſoll der Verſchluß? rief der wüſte Hüne, ſich mit ſteifen Gliedmaßen vom edlen Bluthengſte herabſchwingend. Es bedarf keiner Riegel und Schlöſſer mehr in Eng⸗ land, denn gleich der Rotte Korah werden die Raub⸗ ſüchtigen und Gewaltthätigen ausgetilgt von unſerm Boden; gemeinſam iſt Habe und Gut, und der Bruder theilt mit dem Bruder.— Mit einer hochmüthigen Ge⸗ berde, die ſeine Worte gleichſam mit dem Stempel des Hohnes zeichnete, winkte er zugleich dem Haufen zu, der ihn begleitete, und mit dem Jubelrufe: Gott ſegne Wat⸗ Tyler, den Befreier, den Henker der Thrannen! zer⸗ ſtreuete ſich das Volk. 254 Wir waren ſo allein, der Lärm ſchallte ſo gräßlich herüber, die Angſt um Dich ließ uns nicht ſchlafen und wir fürchteten das abſtreifende, bettelhafte Geſindel; ent⸗ ſchuldigte ſich Frau Hilliard, ihren Mann mit Staunen betrachtend. Und die Veränderung ſeines Aeußern mußte Jedem auffallen, der ihn früher gekannt. Zwar trug er noch ſein Arbeitswamms von grauem Wollzeuge, welches die haarigte Bruſt und die herkuliſchen Arme nackt ließ, aber über daſſelbe hing an der linken Schulter ein koſt⸗ barer ſchwarzer Sammetmantel mit rother Seide gefüt⸗ tert, mit feinem weißen Pelz beſetzt und am Halſe mit ſchwerer Silberkette gehalten. Auf ſeinem wüſten Schwarz⸗ haare prangte ein ſchimmerndes Baret von gleichem Stoffe, und an ihm ſtolzirte eine rothe Feder aus gol⸗ dener Agraffe aufſteigend und lang zur Schulter herab⸗ fallend. Ein vergoldeter Kettengurt trug das ſchimmernde Ritterſchwert und die kräftigen Waden umſchloß ein blankes Stiefelpaar mit klirrenden Ritterſporen verziert, und ſtach ſeltſam ab von den ſchmutziggelben Bekleidungen ſeiner Schenkel. Gefall' ich Dir? lachte laut der Blutmann, als er den Blicken ſeiner Frau begegnete. Sherif der Grafſchaft ſind wir vorerſt; was wir morgen und übermorgen ſein werden, iſt leicht zu prophezeihen ohne Nornenkunſt und Nixenweisheit. Hoch hinauf ſollſt Du wit mir, Mutter Nan, und hat jener Schurke unſere Beß heirathsfähig erklärt, ſo ſoll ihre Hochzeit im Tower oder zu Windſor gefeiert werden, und Peers, Earls und Viscounts ſollen ſie beim Hochzeitsſchmauſe bedienen.— O Wat, Wat! ſeufzte Frau Anna. Wohin ſteigſt Du unbedacht? Ich zagte, wenn Du einen Thurm be⸗ klettern mußteſt; doch dachte ich, es iſt ſein Beruf und 255 Gott wacht über ihm. O, verſteig Dich nicht zu einer Höhe, zu der Du nicht geboren, und gedenke Gottes überall, und vergiß nicht, daß Du ein Chriſt biſt. Wat, ich bin Dein getreues Eheweib und habe Alles mit Dir getheilt, Leid und Luſt, wie es kam, und nicht gemurtt. Aber Dein Weib darf ſagen, Du biſt mir willkommener geweſen, wenn Du heimkehrteſt im Schweiß und dem Arbeitsſchurz und mit dem ſchmalen Tagelohn in der Hand, als heute im theuern Prunk, den Du nicht mit rechtlichem, chriſtlichem Gewerk gewonnen haſt.— Der Ziegeldecker ſchoß einen wildleuchtenden Blick auf ſein Weib. Weiberzungen ohne Vernunft! murrte er. Als es ihr jämmerlich ging, klagte ſie; da es beſſer wird, jammert ſie gleichfalls. Die Arbeit ſollſt Du nicht theilen, ſollſt ſicher ſitzen im Gehöft und Faulſtuhle, bis wir es tauſchen mit Schloß und Daunenbett; dann wird ſchon die Freude kommen über den bequemen Wechſel. Hinein, Frau Anna, mich dürſtet und hungert; aufgetiſcht nach Frauenpflicht! Der Mann verdient zum Blaſebalg am Herdfeuer gebraucht zu werden, der aus einem Wei⸗ berkopf ſich Raths erholt, wenn es ſich um etwas Großes und Gefährliches handelt.— Sich von ihr wendend ſtreichelte er mit Wohlgefallen das hohe Thier, welches ihn hergetragen, nahm ihm das Gezeug ab, und leitete es mit Sorgfalt über den Hof zum engen Stalle, zu deſſen niederer Thür das edle Roß nur mit Widerſtreben und gezwungen, und den Silber⸗ ſchaum weit umher aus den heißen Nüſtern ſchnaubend, ſich einziehen ließ. Schüſſel und Methkrug ſtanden ſchon auf dem iſche, als Wat⸗Tyler in ſeine Stube trat. Er warf den un⸗ gewohnten Putz von ſich und ftreckte ſich müd auf die 256 Faulbank, da fiel ſein erhitztes Auge auf Eleonore, welche zitternd im Winkel kauerte. Welch fremdes Geſicht iſt das? fragte er, ſich raſch emporrichtend. Wer hat Euch erlaubt, in dieſer Zeit fremdes Geſindel zu beherbergen? Wer iſt Die und woher?— Erkennſt Du ſie denn nicht an Naſe und Mund? fragte Frau Anna zurück, den leichteſten Ton aus der beſchwerten Bruſt heraufſchwingend. Gleicht ſie doch, wie Ei dem Ei, ihrer Mutter, die Dir nicht unwerth ſchien und um welche ich manche ſchlafloſe Nacht hatte, als Vater Wat noch ein leichtfertiger Burſch war. Muhme Nore iſt es von Gatton. Der Hob Carter hat dort des Edelmanns Schloß niedergebrannt und das arme Ding iſt hergelaufen durch Nacht und Heide in alberner Todes⸗ furcht bis hier, wo ſie bei der Baſe Schutz gehofft.— Mißtrauiſch maß der Rebellenhauptmann die Fremde vom Fuße zum Scheitel, indem Frau Hilliard ſie zu ihm am Arm heranzog. Auch ſo eines Speichelleckers Kind, murrte er, die ſo ſchlimm wie ihre Herrſchaft, und ihnen an Hochmuth und Weichlichkeit gleich ſind. Das wird verzehren helfen und nicht arbeiten. Bücke Dich doch und zieh mir die Stiefel ab! Sie ſind für ſchlotternde Waden gemacht und drücken, wie uns drückte, der ſie ehedem trug.— Das Fräulein kniete nieder und faßte nach dem Fuße. Feine Hände, fuhr er fort, und ein Nacken, den keine Sonne beſchien.— Und das Bein hebend, ſtrich er der Erſchreckenden mit der ſchmutzigen Sohle hart über den Hals, daß ſie vom langen Sporen geritzt mit einem Schrei zur Seite ſank. Aengſtige Dich nicht, Mühmchen, ſprach ſchnell Frau Anna, das Fräulein aufrichtend und umarmend, der Wat iſt rauh, aber gut 257 von Gemüth. Er theilte gern ſein Brod mit dem fremden Bettler, wie wollte er denn die nächſten Blutsfreunde ſeiner Frau im Ernſt mißhandeln, da ſie ehedem auch im Dienſte eines Ritters ſtand, und er ſie doch aus dem Schloſſe zur Kirche geführt.— Gern will ich ja das Gnadenbrod mit Ichweiß und Blut verdienen! ſchluchzte Eleonore, den Dialekt der Landleute möglichſt nachah⸗ mend.— Geh nur zum Herde und ſieh nach dem Warm⸗ bier! fiel Anna ein und trieb ſie hinaus, und der Ziegel⸗ decker ſtreifte ſich ſelbſt die Stiefel herunter und murrte dabei einen Fluch durch die Zähne hin.— Die kleine Eliſabeth folgte jedoch der Weinenden, und umfaßte ſie mitleidig am Herde und flüſterte: Jammere nicht, ſchöne Lady! Der Vater macht's der Mutter um nichts beſſer, wenn er von der Schenke heimkommt. Aber hat er ge⸗ ſchlafen, iſt er ſtill und gut. Denke nur immer an den ſchönen Ritter mit dem weißen Falken auf der Hand. Der kommt gewiß und holet Dich bald.— Eleonore ſeufzte tief und ſchlug das große Auge zum Himmel auf und preßte die finnige Kleine an ihr Herz. Da ſei Gott vor, ſagte ſie halblaut; und möge er nichts erfahren von der Verlornen; mitten im Meeresſturm würde er die Geliebte ſuchen, und die Barbaren würden auch ihn ihrer gräßlichen Rachſucht opfern. Lieber will Eleonore allein ſterben; mag er glücklich ſein und ſie beweinen.— Aber die Gefahr war noch nicht vorüber. Hilliard ſchmauſete drinnen nicht lange allein, denn ein neuer Haufe der Aufrührer tobte gar bald vor dem Hofe, und Mutter Anna erkannte ſogleich an der Spitze der ſchweiß⸗ bedeckten Reiter den Hufſchmied Jack Straw, der mit mehren ſeiner Gefährten abſaß und in ihr Haus eindrang. Blumenhagen. IX. 17 258 Schon zurück? fuhr der Ziegeldecker ihm entgegen. Iſt die Baalsſtadt über? Habt ihr den Tower der Erde gleich gemacht und bringſt Du den gekrönten Kna⸗ ben mit?— Das neue Jeruſalem baut man nicht in einem Tage! antwortete Straw, indem er ſich ſetzte und unge⸗ nöthigt den Inhalt des Methkruges in ſeine weite Kehle hinabgoß. Bis zum Themſeufer ſind wir geſtreift, und die Londoner haben Gichter gekriegt vor unſerm Feld⸗ geſchrei. Aber die Schiffe fanden wir weggeführt von dieſſeits, die Soldateska ſtand ſtark jenſeits, und die Bürgerſchaft brummte wohl wie Kettenhunde, doch wagte ſie noch nicht, in den Strick zu beißen; da ließ ich den Carter dort, und ritt die Nacht herunter, um einmal nach Haus und Hof zu ſehen, und mit Dir Rath zu pflegen.— Memmen und Schnecken! zürnte der Rebell. Habt ihr Dummköpfe ihnen Zeit gelaſſen, ſich zu ſammeln und vom Schreck zu erholen? O, hätte der Wat euch doch hier die kleinere Arbeit gelaſſen, und wäre ſelbſt ohne Zaudern in das Wolfsneſt gebrochen.— Wer gibt Dir ein Recht zu ſchelten? entgegnete Straw und ſchlug unwillig mit ſeinem Hammer gegen den nächſten Wandbalken, daß davon das Haus erdröhnte. Meineſt Du, weil Dich die Brüder auf der ſchwarzen Heide zum General des Aufſtandes erwählten, Du könn⸗ teſt mit uns ſchalten, wie der Oberrichter mit den Lang⸗ fingern?— Hilliard ſah ihn grimmig von der Seite an, doch verzog der Schlaue ſogleich ſein faltiges Ge⸗ ſicht zu glatter Freundlichkeit und reichte dem Schmied die rauhe Hand über das Tiſchchen hinüber. Narr! brummte er, was übel deuten, wenn für die gemeine — 259 Sache die Zunge einmal bollert. Eintracht gibt Macht, einige Stiere ziehen gut, und ich weiß ja, was ihr ge⸗ than durch die Wunden, welche heimkamen. Du haſt die Königsmutter geküßt, und ich möchte geſehen haben, wie Dein Schnauzbart über das alte Milchgeſicht hin⸗ rauſchte. Aber warum brachteſt Du ſie nicht mit dem Volke zum Eulenſchlage?— Was ſollte uns die Hexe, die das Bauerngeſindel vielleicht mit Jammergebeten weich gemacht? entgegnete Straw. Daß wir ſie ließen, macht den Knaben Richard gewißlich dreiſter und liefert ihn in unſere Hände über kurz oder lang. Fuhr er doch ſchon in einer Barke auf dem Fluſſe zu uns herüber und ich hätte ihn Dir mitge⸗ bracht, wenn nicht das dumme Lumpengeſindel zu früh in ein wüſtes Saufgebrüll ausgebrochen wäre. Da ſank dem Knaben das Herz und er kehrte in ſeinen Thurm. Haben wir ihn aber erſt, dann führen wir ihn als ein ſeltenes Thier im Lande umher, er muß mit ſeinem Sie⸗ gel unterzeichnen, was wir thun und es heilig ſprechen vor der Welt und den Schwachköpfen und Frommen; bedürfen wir ſein nicht mehr, nun, alsdann findet ſich ſchon ein alter Fuchsbau, in welchem ſeine Knabenknochen verſchwinden können auf immer. Aber müßig waren wir darum nicht, und ſolche Fackeln, wie Du in letzter Nacht angezündet und mit denen Du uns geleuchtet auf der rauhen Straße, haben unſere braven Burſchen überall aufgeſteckt, daß alle adeligen Dohlenneſter furchtſam und mit verbrannten Fittichen ausgeflattert ſind. Wo uns ein Schwarzmantel begegnete, an deſſen Gürtel die blanke Dintenbüchſe baumelte, oder ein geiſtlicher Schmerbauch, dem man die Zehnten anſah, die er verſchluckt, mußte er daran, und machen wir es einen Monat ſo fort, wird in 260 Altengland Niemand mehr Leſen und Schreiben können, und des Volkes Zunge und Fauſt allein Recht ſprechen und Recht üben. Auch die fremden Verführer, die Flamm⸗ länder, welche all das Unheil über das Meer zu uns gebracht, rotteten wir aus, wo wir ſie fanden. Die Schlauköpfe wollten ſich hie und da als Landeskinder unter uns einſchmuggeln, doch der ſchlauere Hob ließ ſie Bread and Cheese ausſprechen, und jedesmal verrieth ſich der fremde Fuchs durch ſeine Zunge. Aber nicht gewürgt haben wir wie die Mordkanden des Hochlandes. Nein, über Jeden wurde Volksgericht gehalten und ihm ehrlich der Kopf vom Rumpfe geſchlagen. Mit dieſem Hammer da habe ich ſelbſt achtzehn Male das ſcharfe Beil durch den Nacken eines Verräthers getrieben, und er iſt mir achtzehn Mal lieber darum geworden. Nur die ſammeln⸗ den Bettelmönche ließen wir ihres Wegs ziehen. Sie ſchaden uns nicht, ſind arm wie wir, werden getreten wie wir von Biſchöfen und Prälaten, und das Volk muß doch Jemanden behalten, der Fürbitte thut, und den Reiſepaß ſchreibt, wenn's zum letzten Marſche geht.— Ja, ihr habt mich verſtanden, nahm jetzt Hilliard das Wort, als ich in der ſchwarzen Heide auf dem alten Drudenſteine ſtand und predigte von dem, was Noth ſei. Ja, unſere Namen werden in England noch mit Ruhm genannt werden, wenn das Volk nicht mehr weiß, was ein König war und warum man nicht einen Jeden Ritter nannte, der ein Pferd beſtieg und eine Waffe führte. Fahret ſo fort zum Glück des Nächſten und zum Heil der Brüder! Freude macht's mir, daß auch der Pob gut einſchlägt, der ſonſt ein tüchtiger Windſack war. Er that immer, als könnte er keine gebratene Kaſtanie aus den Kohlen langen, und hat das Schloß zu Gatton 8 261 mit eigener Hand angeſteckt, und den Marquis mit ſeinen ſechs Söhnen geſchlachtet, als hätte er fette Hähnchen vor ſich. Wahrſcheinlich iſt ihm der Marquis eine Rech⸗ nung ſchuldig geblieben für ſchlechtgeflickte Sohlen, und ſeine Schuſterehre hat ſelbſt die Schuld einkaſſirt.— Gatton? fragte Straw verwundert. Welche Lügen⸗ zunge hat die Mähr erdacht? Ich ſelbſt raſtete noch vorgeſtern in der Mittagsſchwüle unter der leeren Vor⸗ halle des verlaſſenen Schloſſes. Die Geierbrut war früh genug nach London hinübergeflogen, und hat alle Schätze mitgenommen und das leere Neſt offen gelaſſen. Hinten im Park witterte ich ſelbſt nur noch ein Dutzend freigelaſſene Pferde aus, dieſelben, auf denen ich und mein Geleit hergeritten.— Beim heiligen Georg, rief der Ziegler aus, draußen ſteht ja die Dirne, die ſich allein aus dem Brande ge⸗ rettet!— Bring ſie hervor, daß ich das Lügenmaul ſtrafe! wetterte der Schmied, und Hilliard erhob ſich ſchnell, den Willen des Kampfgefährten zu erfüllen. Aber Mutter Anna hatte gehorcht und mit erhitztem Antlitz und ver⸗ ſtelltem Zorne trat ſie dem Manne dreiſt entgegen. Duldeſt Du das unter Deinem Dache, Vater Wat? ſprach ſie heftig. Um der Zucht willen erſchlugeſt Du den Maſter Auſten, ſo fahre auch mit der Fauſt zwiſchen die frechen Burſchen, die der Jack mitgebracht, und die auf ihrem Zuge ſich in heißem Brandy vollgetrunken. Zuchtlos plagen ſie die Dirnen am Herd und räumſt Du nicht aus, ſo ziehen wir in die nächſte Abtei, denn wenn wir uns auch nicht mengen ſollen in Eure Män⸗ nerſachen, was die Sitte betrifft, werdet Ihr Alten doch auf unſere Klage hören und Euer Blut zu ſchützen wiſſen.— 262 So ſoll gleich der Schwarze dazwiſchen fahren, don⸗ nerte Hilliard. Meinen die magern Rammler, ſie ſäßen im flotten Schaluppchen und dürften ihren Eſelkopf in die Schürze der alten Judith legen?— Und die jun⸗ gen Burſchen ſprangen vom Herde, wo ſie mit den Mädchen nur tölpiſch geſcherzt hatten, zur Hausthür, ſo wie ſie die wohlbekannte, furchtbare Stimme hörten. Doch würde Fräulein Eleonore dem gefährlichen Ver⸗ hör nicht entgangen ſein, wäre nicht in demſelben Augen⸗ blicke ein athemloſer Bauer in den Hof geſtürzt und hätte dieſer nicht durch ſeine ſchreiende Kehlpoſaune Aller Ohren und Augen angelockt und jedes Geſchehene ver⸗ geſſen gemacht.— Zu den Waffen! ſchrie der Todesbleiche. Die könig⸗ liche Legion zieht am Waſſer herab und ihre Trompeten blaſen wie zum jüngſten Gericht. Spiegelblank blitzen ihre Bruſteiſen herüber, und ihrer langen Speere ſind mehre, als junge Birken im Forſt.— Sind ſie endlich da? rief der Ziegeldecker ihm hin⸗ üver. Haben unſere Spottlieder ſie endlich hinter den Mauern hervorgelockt? Braver Tom! Die Botſchaft macht Dich zu meinem Lieblingspfeifer. Hinaus, Brü⸗ der! Blaſet die Kuhhörner und laſſet die Sackpfeifen ſchreien! Ehe der Mittag da iſt, hat ſich Jeder von uns mit einer verſilberten Blechhaube geſchmückt, trägt einen polirten Panzer über dem Wammſe und reitet einen Hengſt aus des Königs Marſtalle!— Alle griffen mit dem Gebrüll gereizter Stiere zu den Piken und Beilen, und nicht lange, ſo waren die Weiber allein und verſchloſſen ſich im Hauſe, und drückten ſich im engen Raum der dunkeln Kammer zuſammen, wo 263 Eleonore Gott und ihrer Retterin inbrünſtig dankte mit Wort und Handdruck.— Der Kundſchafter hatte nicht gelogen, wenn er auch doppelt gezählt hatte. Zwar blieb König Richard bei ſeinem erſten, edelmüthigen Entſchluſſe, das Blut ſeiner Unterthanen nicht muthwillig zu vergeuden, ſondern die Verirrten und Verführten durch Güte und Gerechtigkeit zu ihrer Pflicht zurückzuleiten, und ſchon hatte ſeine Nachgiebigkeit und ein umſichtiger Unterhändler einen Theil jener Aufrührer, welche aus der Graſſchaft Eſſex gegen London heranwogten, bewogen, Halt zu machen und Friedensvorſchläge anzuhören; doch Sir John New⸗ tons Anliegen, der wahrlich jammervolle Anblick des jungen Mannes, dem Gram und Verzweiflung mit jeder Stunde mehr der ſchönen, jugendlichen Blüten knickten, und der dem thatenloſen Schmerze zu erliegen ſchien. bewogen den König, den Bitten ſeines Lieblings endlich nachzugeben, und einige Fähnlein ſeiner Leibreiter unter dem Commando ihres geſetzten Oberſten, des Herzogs von Hereford, aus der Reſidenz zu ſenden, doch mit dem Befehle, nur eine Rekognoſcirung auszuführen, wo möglich die bedrängten Evelleute zu ſammeln und nach London zu geleiten und beſonders nach dem Schickſale des Ober⸗Sherifs von Kent zu forſchen. Daß John New⸗ ton die Erlaubniß, ſich dieſem Reitercorps anzuſchließen, durch unwiderſtehliche Bittworte zu gewinnen wußte, ließ ſich erwarten. Hereford führte ſeine Garden am Themſe⸗ ſtrome hinab, ſetzte unterhalb Woolwich über den Fluß und dirigirte ſeinen Marſch gerade auf Wrotham⸗Caſtle zu. Man traf nur kleine Haufen von Landleuten, welche 264 vor dem Anblick der gepanzerten Cohorten ſchnell ver⸗ ſchwanden, kam ohne Hinderniß zum Ziele, erkannte hier aber, daß der flüchtige Knecht, obgleich er das ſchreck⸗ liche Ereigniß als geſchehen erzählte, was doch bei ſeiner Flucht noch nicht geſchehen ſein konnte, aus dem Spiegel der Furcht in allen ſeinen Gräueln richtig prophezeiht hatte. Noch rauchten die Ruinen des Schloſſes; die zerſtümmelten, beſchimpften, kaum kenntlichen Leichname der Bewohner wurden von den bärtigen Kriegsmännern, die ſelbſt nach Frankreich alle Schauer des Krieges ge⸗ tragen, mit Entſetzen betrachtet, und einige berauſchte und ſich verſpätete Plünderer, die man noch in den dam⸗ pfenden Hallen antraf, büßten ihre Frevel ſofort unter den Händen der erbitterten Rächer und zierten als War⸗ nungszeichen ſchnellen Gerichts die Bäume des Forſtes. Dann ließ der Oberſt ſämmtliche vorgefundene Todte in einen Keller tragen und mit friſchen dichtbelaubten Zwei⸗ gen ſorgſam bedecken. Newtons Zuſtand war unbe⸗ ſchreiblich. Mit kreiſchender Stimme ſchrie er Eleono⸗ rens Namen durch die Ruinen, durchkroch mit Gefahr die halbverſchütteten Hallen, ſtand wie ein bleiches Ge⸗ ſpenſt vor den Leichnamen der Frauen, und wagte in Schmerz und Angſt und Scham ſie nicht zu berühren, weil die Ueberzeugung die Hölle in ſeiner Bruſt verdop⸗ peln mußte. Mit einem wilden Rachſchwure beſtieg er dann ſein Roß, und ſein Wuthgeheul, ſein Schmerzwort entflammte die Reiter dermaßen, daß der Oberſt, ſelbſt empört durch die Scheußlichkeit dieſer Opferung, ihrem Drängen nachgab und zuſagte, die nächſte Trupps der Rebellen als die ſichern Vollführer dieſer Gräuel zu ver⸗ folgen, und wen er aus ihnen gefangen, mit zu ſchleppen vor des Königs Richterſtuhl.— 265 Der Herzog von Hereford führte ſeine Schwadronen auf demſelben Wege zurück, um nicht von der Haupt⸗ ſtadt abgeſchnitten zu werden. Lebendiger fand ſich jetzt die Gegend, als auf dem Hermarſch; Newton an der Spitze machten die in Rotten getheilten Gardiſten hier und dort Chock auf ſichtbar werdende Bauernhaufen, doch die eingezäunten Aecker behinderten die Kavallerie, und nur einzelne Flüchtlinge wurden bei dieſer Fuchshetze er⸗ griffen und an die Steigbügel gebunden mitgeſchleppt. Man paſſirte die Brücke des Darent bei Dartford und ritt auf den Flecken zu; als jedoch das kleine, muthige Corps in ſeiner Kampfhitze in das freie Feld vordrang, ſah man hier und dort und überall dunkele Menſchen⸗ haufen ſich ſammeln und Stand halten, und der Herzog fühlte ſich bewogen, ſeine Reiter zuſammenzuziehen und, zu einem eiſernen Phalanx geſchloſſen, auf den ſchwärze⸗ ſten Punkt vorzubrechen, da ſeine ritterliche Ehre jetzt keinen Zurückzug ohne Begegnung des Feindes mehr er⸗ lauben konnte. Der erſte Sturmritt glückte über Erwartung; der dichte Menſchenknäuel wurde zerſprengt, Hunderte wur⸗ den niedergetreten, Hunderte bluteten unter den langen Schwertern der erbitterten Reiter. Aber dieſer erſte Sieg der tapfern Cohorte blieb ohne Krone. Gleich Cadmus Saat ſchien aus jeder Erdſcholle ein Feind zu erwachſen, jedes abgeſchlagene Haupt der giftigen Hydra ward er⸗ ſetzt von einem Doppelpaare und in wenigen Augenblicken ſahen die Garden ſich umkreiſet von einem zahlloſen ver⸗ derbendrohenden Menſchengetümmel, das wie ſteigende Meeresflut fortdauernd und ohne Ende wuchs, bis in das Ungeheure und Unerwartete hinein. So fallen in einer heißen Heidfläche die gereizten Bienenſchwärme auf — 266 eine Karavane rettungsloſer Reiſenden. Hat ſich die Führerin feſtgeſetzt, ſo häuft ſich um ſie die ſchwarze, ſtechende Maſſe. Wenn auch die Wunde, die das wüthende Inſekt gibt, ihm ſelbſt den Tod bringt, es ſticht dennoch; wenn auch die Fauſt der Verzweiflung Tauſende zer⸗ quetſcht, andere Tauſende ſind zur Stelle, und Mann und Roß erliegt zuletzt im jammervollſten Tode der furchtbaren Befehdung des armſeligſten Geſchöpfes.— Ein Schlagregen von Bachkieſeln ſauſete geſchickt ge⸗ worfen auf die Gardenſpitze; Bolzen ziſchten überall ihnen entgegen; eine ſcharfe Hecke von Piken, Senſen und Miſtgabeln zäunte ſie ein, wurde von den Hinter⸗ männern dichter und dichter herangedrängt und verwun⸗ dete und tödtete die edlen Roſſe. Kein Angriff blieb mög⸗ lich, nur eine verzweifelte Wehr übrig, und als jetzt der rieſige Tyler ſelbſt, hoch zu Pferde und an der Spitze eines wohlberittenen Geleits mitten durch die Maſſen der Seinigen ſich Platz machte, und ſein Spottruf: Fanget mir die Tyrannenknechte! Fanget mir ſie lebendig, daß wir ſie kreuzigen! das wüſte Geſchrei übertönte, da ent⸗ fiel ſelbſt dem Herzog der Muth und er brummte, daß er ſeinem Könige nicht gehorſamer geweſen. Der junge Newton hatte ſeiner Rachwuth wahrlich Genüge gethan; ſein weißer Koller war ſcheckigt gewor⸗ den vom Feindesblute, ſeine breite Klinge war naß von der Spitze bis zum Griffe. O hätte er gewußt, daß unter dem nächſten Dache vor ihm ſeine Geliebte jam⸗ merte, nichts hätte ihn gebändigt oder ſeiner Schlacht⸗ luſt Halt geboten. Schon ſah er den Rebellenhauptmann nur durch wenige Männerreihen noch getrennt von ſich; ſchon tauſchte er feindſelige Blicke mit dem Furchtbaren, und ſeine Fauſt preßte ſich feſter um den Schwertknopf, 267 den ſchönſten Kampf zu beſtehen, da fühlte er den Zügel ſeines Pferdes von fremder Hand gepackt und ſich zurück geriſſen in das Gedräng der königlichen Reiter. Es war Hereford, der den Tapferſten der Seinigen mit ſich zu retten verſuchte. Der beſonnene Oberſt ſah rundum ſeine Braven ſtürzen, ſah ſeine Schwadronen bis auf ein Drittheil blutender Krieger geſchmolzen. Sieg war un⸗ möglich, ſo rief er ſchnell ſein Rettungsbefehle, und den Platz erſehend, wo die Rebellenmaſſe am dünnſten erſchien, ließ er durchhauen daſelbſt, brach glücklich hinaus, und ihren herrlichen Thieren verdankten die Wenigen, wel⸗ chen die Flucht glückte, daß ſie unter dem Spottrufe des Bauernvolks die Brücke erreichten, und von da unver⸗ folgt ihre Flucht zum Ufer der Themſe zu vollbringen vermochten. Mit Erſchütterung empfing König Richard die Zurück⸗ kommenden im Hofe des Towers. Er wollte zürnen, doch die Beſchreibung der verübten Frevel, ein Blick auf den mehrfach verwundeten Jugendfreund, der mit ſtarren Augen auf ſeinem Pferde hing, und jede Gegenwart ver⸗ geſſen zu haben ſchien, wandelte den Zorn in Mitleid und in tiefe Trauer. Und als jetzt der alte Lord Ober⸗ richter, bleich wie ein Todter, vortrat und nach ſeiner Tochter fragte, als Newton bei dem Tone der ehrwür⸗ digen Stimme, bei dem Ausſprechen des geliebten Na⸗ mens vom Sattel herab mehr ſtürzte als ſprang, ſich nieder auf den Boden warf vor den Greis und ihm ein abgeriſſenes Stück eines lichtgrauen Mantels, an dem ein ſilbernes Halskleinod hing, entgegenhielt, und mit Wahnſinnslauten fragte: Siehe zu, Vater, ob dies Dei⸗ nes Joſephs Rock iſt?— da warf ſich der junge Prinz mitten zwiſchen die beiden Freunde, umſchlang ſie heftig 268 und ſeine Thränen ftürzten, als hätte er ein Gleiches verloren, wie ſie, und mit vom Schmerz faſt erſtickter Stimme rief er: O jämmerlicher Traum von Macht und Majeſtät! Armſeliger König, um dich verloren ſie das Liebſte, und du kannſt ihnen nichts erſetzen!— Die natürliche Folge von dieſem Siege über die Soldateska zeigte ſich, ſo unbedeutend derſelbe eigentlich geweſen, gar baldigſt. Uebermüthiger traten die Rebellen auf, und wenige Tage hernach ſtand ihre Hauptmacht vor Londons Thoren. Walworth, der tapfere Lord⸗Ma⸗ hor, verſuchte jedes Mittel, die Bürgerſchaft der Stadt gegen die Aufrührer zu bewaffnen, aber die giftige Luft der Neuerungsſucht war bereits auch über die Mauern der Königsſtadt hereingewehet und hatte die ärmere Klaſſe angeſteckt. Mißvergnügte Sprecher, Beuteluſtige, Gauner wiegelten die Gemeinden auf, hetzten und ſchimpften auf die Regenten, ſpotteten über den Königsknaben; ſo ſchloſſen die Bürger ſelbſt den Rebellen die Thore auf, und in zu ſpäter Reue ſahen die Londoner jetzt dieſelben Gräuelſcenen in ihren Straßen, welche ſie noch kürzlich durch den Mund der Flüchtigen mit Abſcheu vernommen hatten.— Wat⸗Tyler und ſeine Kumpane ſprachen freilich an⸗ fangs, aus Mißtrauen gegen die mächtige und wohlbe⸗ waffnete Bevölkerung der Reſidenz, honigſüße Worte, prahlten mit Zucht und Gehorſam der Ihrigen, beſtraf⸗ ten ſogar den Dieb eines Silbergeſchirrs; als jedoch das in die Thore ſtrömende Landvolk mit jedem Tag die Zahl der Bürger überwog, änderte ſich das Benehmen dieſer bäueriſchen Vorſteher, und Plünderung und Gewaltthat — ————— 269 wurden Tagesordnung. Den Palaſt des verhaßten Her⸗ zogs von Lancaſter machte man zum erſten Schauplatze der großen Tragödie; die Kaſtellane deſſelben fielen als Opfer der Volkswuth, das prächtige Gebäude ging in Flammen auf, und beladen mit den vorgefundenen Koſt⸗ barkeiten wuchs des Pöbels Gier nach gleicher Beute. Kein Tag verlief ohne Mordbrand und Plünderung; die Häuſer der Hofherren, die reichen Magazine der Kauf⸗ leute verſchwanden nacheinander, auch der Tempelhof, die Wohnung der höchſten Gerichtsperſonen mit ſeiner koſtbaren Bibliothek ſank in Aſche und Trümmern zu⸗ ſammen. Doch die wildeſte Gährung brauſete auf in dieſem Vandalenheere, als ſie erfuhren, wie der König zum Vergleiche und zur Ausſöhnung mit ihnen geneigt ge⸗ weſen, der Erzbiſchof von Canterbury und andere Reichs⸗ räthe ihn jedoch zum Widerſtand aufgereizt hätten. Wat⸗Thler ſchwur, Haar und Bart nicht zu ſcheeren, ehe denn er den blutigen Kopf des Erzbiſchofs im Sande erblickt, und ſeine Getreueſten unternahmen ſofort die Löſung des Schwurs. Betend in ſeiner Kapelle fanden die Mordſüchtigen den frommen Prälaten; vom Altare riſſen ſie ihn fort und ſchleiften ihn bis zu dem weiten Platz vor dem Tower, mit ihm zwei treue Diener des Königs, den Kanzler Sudbury und den Schatzmeiſter Hales. Aus dem Fenſter ſeines Schloſſes ſah Richard die furchtbare Anſtalt zu einem verbrecheriſchen Blutgerichte, das er nicht zu hindern vermochte. Ein furchtbares Gedräng umgab die unglücklichen Opfer, und tauſend blinkende Waffen bedroheten die Ge⸗ fangenen mit hundertfachem Tode. Doch mitten in dem Gewühl hörte man die Stimme des greiſen Prieſters. Sehet euch vor, verirrte Brüder! rief er laut und feſt. 270 Söhne Englands, es iſt der erſte Diener Eurer Kirche, den ihr bedroht! Taſtet nicht an den Geweihten eures Gottes, ladet ſolche Blutſchuld nicht auf das ſchuldloſe Haupt eurer Kinder und Kindeskinder, ladet nicht auf die Eurigen den zerſchmetternden Bannſtrahl des Stell⸗ vertreters Petri, der Leib und Seele zu verderben ver⸗ mag!— Aber im wilden Spottworte der Menge erloſch ſeine Stimme, ſein heiliges Haupt fiel wie die ſeiner Unglücksgefährten und in ruchloſer Freude ſteckte man die blutenden Köpfe an der Londoner Brücke auf.— Des jungen Königs Zuſtand glich dem eines Verbre⸗ chers, deſſen Strafe durch das Zuſchauen der Marter ſeiner Genoſſen und Aufſchub der eigenen grauſam erhö⸗ het worden. Die unbezwingbare Unruhe ſeines gepreßten Gemüths trieb ihn vom Morgen bis zum Abende auf die Zinnen und an die Warten des Thurmes, aber jeder neue Blick überzeugte ihn mehr von der Furchtbarkeit und Hülfloſigkeit ſeiner Lage. Zwar hatte ſich ein Bote eingeſchlichen, welcher ihm Nachricht brachte, daß ſeine Oheime und die von London geflüchteten Barone in allen weſtlichen Provinzen Mercias bis Wales und Lan⸗ caſter hinauf die Ritterſchaft aufgeboten hätten, und mit einer ſtatilichen Macht ihm zur Hülfe zögen. Zwar war es ihm durch den Sherif der Grafſchaft Eſſex ge⸗ lungen, welcher im Bewußtſein, nie ſeinen Anvertraue⸗ ten den Unterdrücker und Ausſauger gezeigt zu haben, ſich mitten unter ſie gewagt, einen großen Theil der Aufrührer dieſer Provinz, die vom Anfange her ſich we⸗ niger grauſam und blutvürſtig gezeigt, durch ſchriftlich gegebene Bewilligungen und Amneſtie, zum Ausmarſch aus der Reſidenz, ja zum Rückmarſch in ihre Heimath zu bewegen. Doch ward dadurch die Gefahr nur um 271 ein Geringes minder, und als die grauſenvolle Scene der Hinrichtung ſeines erſten Prieſters und ehrwürdigen Beichtigers dicht unter den Augen des Königs beendet worden, erſchien ihm der Tower nicht mehr als Schutz, ſondern als ein Käfig; er ſendete in der Nacht den ge⸗ treuen und entſchloſſenen Walworth ab, um dem ritter⸗ lichen Heere entgegen zu reiten und den Marſch deſſelben zu beſchleunigen, und beſchloß mit Anbruch des zweiten Tages ſelbſt London zu verlaſſen und ſich nach den ruhigern Provinzen zurückzuziehen. Die Vorkehrungen waren getroffen. Um der Prinzeß von Wales, welcher Richard mit der reinen Kindlichkeit eines guten Sohnes anhing, die marternde Vorſorge zu erſparen, ließ er die Mutter dann erſt erwecken, als ſchon der verhängnißvolle Tag zu grauen begann, und die Beſatzung des Towers, nur 1800 Mann ſtark, ſchon im Schloßhofe aufmarſchirt ſtand, die Befehle ihres könig⸗ lichen Führers erwartend.— Nachdem die Prinzeß geklei⸗ det war, trat Richard ſelbſt in ihr Gemach. Die Mutter erſchrack, denn der ſchlanke Jüngling trug die ſchwarze Rüſtung ſeines tapfern Vaters, und ſein bräunliches, für ſeine Jahre ernſtes Geſicht beſchattete jener mächtige dunkelfarbige Federwald, der einſt ein Schrecken Caſtiliens geweſen und vor welchem bei Limoges die Krieger Frank⸗ reichs in den Staub geſunken. Was willſt Du thun, mein Sohn? fragte die Prin⸗ zeß Johanna. Haſt Du meine Beſchwörung vergeſſen? Willſt Du dennoch Deine königliche Hand mit engliſchem Blute beflecken?— Das hindere Gott, meine theure Mutter! antwortete Richard, indem er das Knie bog und ihre Hand küßte. Nur den Feinden Englands war dieſer Panzer verderblich 4 272 und um heute immer daran erinnert zu werden, erdrei⸗ ſtete ich mich, des Vaters ſchweres Eiſenkleid auzulegen. Wohl hätten jene Barbaren verdient, die ganze Schärfe unſeres Zorns zu fühlen, denn ſie haben ſich ſelbſt ent⸗ menſcht, und wer nichts heilig geachtet, der hat ſich ſelbſt geächtet und Schonung und fremdes Mitleid von ſich geſtoßen. Aber der Herr der Völker hat ſeine Gnaden⸗ hand noch nicht abgezogen von den Meuterern, ſondern uns vielmehr harte Prüfungen auferlegt, zur Buße eige⸗ ner und fremder Sünden.— Die Prinzeß erhob ſich erblaſſend von ihrem Seſſel und fragte mit Haſt: Wird dieſes Schloß beſtürmt, oder iſt Rebellion auch hier in unſern Mauern ausge⸗ brochen?— Der Tower iſt treu, antwortete Richard, und wird eine treue Schutzwehr der Königin Englands bleiben, wenn längſt unſere Gebeine in Weſtminſter modern. Aber ſoll der König ein Gefangener ſein des böſeren Theiles ſeiner Unterthanen, wenn die Beſſern ihn fordern? Soll der König zuſchauen müßig wie ein weinendes Mädchen, wenn die Schlechten ſein Lund wüſt machen, und als hölliſche Plagegeiſter die Friedfertigen verfolgen und zer⸗ treten? Hinaus will ich zu den Meinigen und ſollte ich jeden Schritt mit dem Schwert erkämpfen. Doch Ihr, theure Mutter, ſetzte er hinzu, und umfaßte die Zitternde mit dem gewappneten Arme, Ihr ſeid die Haupturſache unſeres ſchnellen Entſchluſſes. Ihr ſollt nicht länger ein⸗ geſchloſſen weilen in dieſem Kerker, umgeben von dem ſchallenden Gebrüll jener Raubthiere, der Entehrung und dem Hohne preisgegeben. Verrath könnte auch dieſe Pforten öffnen gleich Londons Thoren, ein elender Bolzen könnte den Sohn tödten auf der Mauer und Euch liefern 273 ohne Schutz in die Hände jener Gräßlichen. Darum werft Euch in die Reiſekleider, ruft her in Euer könig⸗ liches Herz den Muth der Plantagenets, denn ehe die Sonne aus dem Meer aufſteigt und Londons blutbe⸗ ſchmutzte Gaſſen beſcheint, wollen wir die Bruſt im Freien dehnen und treueren Provinzen zueilen, um dort unſere Krone von den Flecken zu reinigen, die ſie vor der Welt verdunkelt haben.— O welch ein Tag, mein Sohn! ſeufzte die Prinzeß, den ſtattlichen Jüngling in ihre Arme ſchließend. Möge Gott Dich beſchirmen und Deines Vaters Geiſt heute über Dir ſein.— Amen! ſprach Richard dumpf mit einem feſten Blick gen Himmel und verließ das Zimmer.— Die Prinzeß von Wales erſchien unten bald im un⸗ ſcheinbaren Reitzeuge, der König und ſeine Schwertträger zur Linken ſetzten ſich an die Spitze der Reiſigen; zwanzig Ritter umgaben den Zelter der fürſtlichen Mutter, und hatten die Ordre, bei einem Angriff der Rebellen ohne Aufenthalt ſich nach Weſten durchzuſchlagen, indeß Richard die Angreifenden beſchäftigen wollte. Mit möglichſter Stille verließ der Zug den Tower und die Stadt, die Sonne warf ihre erſten Strahlen über die Felder, da erreichten ſie Smithfield, aber hier ſchien das Schickſal im Beginnen ſchon des Königs mu⸗ thige Pläne vernichten zu wollen. War es Verrath oder Zufall, als Richard voran eine Höhe hinaufritt, ſah er vor ſich das Feld bedeckt von einem zahlloſen Haufen Bewaffneter, die bei ſeinem Anblicke ein rauhes Kriegs⸗ geſchrei erhoben und gegen ihn ſich heranbewegten. Wat⸗Tyler, der Schrecklichſte, ſelbſt war da, mit ihm an zwanzigtauſend ſeiner Genoſſen und der erſte Blick über⸗ Blumenhagen. IX. 18 274 zeugie den jungen Heldenſohn, daß nimmer an ein Ent⸗ kommen zu denken ſei, und dieſe Stunde die der höchſten Entſcheidung geworden. Schnell entſchloſſen, befahl er den Seinigen Halt zu machen, und auf ſein Geheiß knüpfte Newton ſeine weiße Feldbinde an die Lanze und ritt zu den Gegnern, ihren Anführer zu einer Unterredung mit dem Könige einzuladen. Was will der Knabe Richard? fragte Tyler höhniſch. Kommt er als ein Bittender und will ſich beſſere Vor⸗ münder unter uns auswählen?— Ohne den Sir John eines Blickes zu würdigen, ſam⸗ melte er alsdann ſeine Hauptleute um ſich, gab, wie ein Feldherr ſich brüſtend, ſeine Befehle und ließ ſein wildes Heer ſich lagern im weiten Kreiſe. Eilet Euch, der König wartet und wünſcht ſeine Reiſe fortzuſetzen! ſprach Newton keck und unwillig über die lange, reſpektloſe Zögerung.— Meineſt Du, Bürſchchen? antwortete der Rebell mit einem ſcharfen Seitenblicke, und lachend ſetzte er hinzu: Seine Ungeduld iſt ohne Noth; was ich ihm bringe, empfängt er immer früh genug, und dem Knaben wirds nicht übel thun, wenn er die Langweile der Vorhalle kennen lernt.— So gab er ſeinem hochgliedrigen Hengſte die Sporen, und ſprengte allein weit dem Parlamentär voran den Hügel hinauf. Ein heimlicher Schauder durchlief die Glieder des jungen Königs, als er die ungeſchlachte Geſtalt in dem abenteuerlichen Aufzuge vor ſich ſah, als das bärtige Antlitz mit ſeinen Furchen, einer Blutſchrift, welche keine ſeiner gräßlichen Thaten verſchwieg, ihm auf Pferde⸗ länge nahe war, ſein rauher Athem in der Morgenluft thieriſch ſchnaufte und die gerötheten Augen ihn bedrohlich 275 anfunkelten. Auch Tyler beſah ſich wie im Scherz den nie vorher geſehenen Prinzen. Du haſt Recht gethan, Deinen Königsputz zu Hauſe zu laſſen, redete der Ziegeldecker den Fürſten an. Aber das Eiſen wird Dir, wenn die Sonne ſticht, gar heiß werden.— Mein Volk iſt in Waffen, antwortete Richard, all ſeine Faſſung ſammelnd, und da geziemts mir nicht, in Sammet und Hermelin zu gehen. Aber meine Farben deuten auf Trauer, wie Du ſiehſt, denn das iſt kein guter Krieg, Pflugſchaar und Krone ſollen einig bleiben, und der Engländer pflegte ſeinen Feind nur draußen zu ſuchen.— Und wer rief das Volk zu den Waffen? fragte Tyler und runzelte die breite Stirn. Thateſt nicht Du es ſelbſt und Deine frechen Knechte? Du haſt ſchlecht regiert, König, und mußt es beſſer lernen für künftig.— Richards Blut drang heißer zum Herzen bei dem frechen Vorwurf, und im edeln Stolze erhob er ſein Haupt kräftiger. Hat Dich Gott berufen, Deinen König zu makeln? fragte er zürnend. Zeige mir Deine Voll⸗ macht. Erſt Monden ſind es, daß meine Hand ſelbſt das ſchwere Scepter faßte, und wie ich es führen werde, muß mein Volk erwarten.— Schwer nennſt Du ſelbſt das Scepter, entgegnete Tyler mit widriger Freundlichkeit; darum kommen wir ja Dir recht, Deine Laſt zu leichtern. Jage Deine hün⸗ diſchen Speichellecker von Dir, tritt Deine fettwanſtigen Schranzen in den Staub, und Du ſollſt bleiben an un⸗ ſerer Spitze, ein König, mächtiger, als Deine Väter waren. Nicht Dich haſſen wir, ſondern die giftigen Ottern, welche Schinden und Blutſaugen beſſer gelernt, wie 276 der tüchtigſte Marterknecht des Oberrichters. Doch zu ſcharfes Melken gibt Blut, das haben ſie an ſich ſelbſt erfahren. Darum wähle ſchnell, verlaß jenes elende Häuflein, welches da unten mit bleichen Wangen zu uns heraufſieht und unter den Eiſenkappen zittert, als wehete Dezemberwind. Folge mir, und komm mit zu den Mei⸗ nigen, und erfüllſt Du unſere billigen Wünſche, will ich Dich zu einem ächten Könige machen, der nicht ſeine Krone empfing, weil ſein Vater eine luſtige Brautnacht feierte, ſondern dem, gleich dem erſten Könige der Erde, ein Volk ſie gab, das ihn für den Beſten hielt. Ent⸗ ſchließe Dich ohne Aufſchub, werde ein Bürgerkönig, ein Volkskönig. Wähle nicht zu lange, denn die Krone von Gottes Gnaden könnte der nächſte Augenblick Dir vom Haupte ſtoßen.— Und welche Bedingungen verlangt mein Volk oder verlangſt Du von Deinem königlichen Herrn? fragte Richard ruhiger und mit Würde.— Heinrichs Freiheitsbrief und Johanns große Charte find verletzt worden auf ſchandbare Weiſe, obgleich jeder König ſie beſchworen aufs heilige Evangelium, verſetzte der Rebellenhauptmann pathetiſch. O, Du ſiehſt, auch der Bauer in England kennt ſeine Rechte. Sie müſſen hergeſtellt werden und in volle Kraft geſetzt. Ein Volks⸗ parlament muß das Land regieren. Keine Schlöſſer mehr, keine Zwingburg, hinter welche die feigen Räuber ihre Beute bargen! Keine Steuer, keine Zehnte, kein Zoll, kein Impoſt, freier Markt in den Flecken und in den Dörfern, kein Frohndienſt! Was des Mannes Schweiß erwarb, iſt ſein eigen von Adam her. Vor Allem aber muß ich zur Stunde einen offenen Brief empfangen, allen Gerichtsherren die Köpfe abzuſchlagen, denn der ungerechte 277 Richter ſoll vertilgt werden wie die Diſtel des Feldes und der Dornſtrauch am Acker, und der ungerẽchte Spruch ſoll ſelber fallen auf ſeinen Kopf.— Du verlangſt viel auf einen Zug, ſagte Richard, ſich bezwingend, denn unter dem Panzer bebte ſein Leib vor Wuth und Entſetzen. Zu ſolch wichtigem Werk be⸗ darfs der Ueberzeugung, bedarfs der Prüfung.— Du zauderſt? fragte Thler wild und drückte die Fauſt auf ſeine dickgeſchwollenen Lippen. Sprich: Du wrillſt; denn ich ſchwöre, ſo wahr ich meiner Mutter Sohn bin, kommt ein Nein über Deinen Mund, ſo ſollen in vier Tagen durch ganz England keine andere Geſetze gelten, als die ich und mein Schwert gemacht!— Und womit wollteſt Du Deinen Eid auslöſen? ent⸗ gegnete mit Scheu der König, erſchüttert von dem grim⸗ migen Ausdruck im Antlitz des Schwörenden.— Schau hinab! rief der Rebell mit ſtolzem Hohne. Siehſt Du die Männer dort? Alle dieſe Tauſende haben geſchworen, mir bis in den Tod zu folgen, und meinem Willen zu gehorchen, ſo lange ich athme.— Mit Heftigkeit ſtreckte der Schreckliche bei dieſer über⸗ müthigen Rede ſeinen Arm aus gegen die Ebene, und des Königs Roß wurde von der plötzlichen Bewegung ſcheu und hob ſich. Königsknabe! ſtieß da Tyler aus, indem er nach Richards Zügel griff! Du willſt ein mächtig Volk re⸗ gieren und Deine Finger ſind zu ſchwach, ein Pferd zu bändigen?— Doch der König, auf jede Bewegung des Gegners aufmerkſam, hatte durch einen ſchnellen Schen⸗ keldruck den Rappen zur Seite geworfen, Tyler griff fehl, und größerer Raum als vorhin ward zwiſchen Beiden. 278 Sir John Newton horchte am Fuße der Höhe mit klopfendem Herzen der Unterhandlung, und ſein ritter⸗ licher Sinn empörte ſich mit jedem neuen Wort der Frech⸗ heit, das er hören mußte, ſteigend mehr. Als er die verſuchte Antaſtung ſeines Herrn erblickte, hielt er ſich nicht länger, und zückte ſeinen langen Dolch und ſprengte hinauf an Richards rechte Seite. Wie ein Nordlicht in Mitternacht ſtieg eine dunkle Röthe auf des Rebellen Ge⸗ ſicht als er ihn erblickte. Zückſt Du das Eiſen gegen mich? ſchrie er wild. Und biſt Du es nicht, der mich zum Frieden geladen? Herunter vom Pferde, Knecht des Tyrannen, Verräther an Deinem Volke, oder Dein letztes Stündlein iſt vor der Thür.— Er riß zugleich ſein breites Schwert aus der Scheide und ſchwang es ſauſend durch die Luft. Richard zagte für ſeinen Freund, und befahl ihm ab⸗ zuſteigen und den Dolch zu bergen. Verräther, Du ſelbſt an Deinem Herrn und an Gott und England! murrte der junge Edelmann, indem er mit zuſammengebiſſenen Zähnen abſtieg und den Dolch zu den Füßen des Feindes hinwarf. Doch dieſer Gehorſam ſteigerte die Vermeſſen⸗ heit des Ziegeldeckers. Auch Dein Schwert wirf nieder vor mir, forderte er mit Hochmuth. Niemand ſoll fortan eine Wehr tragen in England, als die der König ihm gereicht durch meine Hand.— Nicht mein Schwert iſt es, was hier an meiner Hüfte hängt, antwortete Sir John trotzig; es iſt die heilige Curtana, meines Königs Schwert, und Deine ſchmutzige Fauſt iſt nicht werth, es anzugreifen. Wären wir allein, Mann gegen Mann, ſollteſt Du erfahren, wie ſcharf meines Königs Schwert Rebellen richtet, wenn ſie es ſelbſt herausfordern.— 279 Eine furchtbare Bewegung ward an dem Hauptmann der Aufrührer ſichtbar. Jetzt erkenne ich Dich, kreiſchte er außer ſich vor Wuth. Du warſt unter den Schlächtern an der Brücke von Dartford, und entkamſt dort durch Deine ſchlanke Stute unſern Beilen. Aber dieſesmal ſoll der Fuchs keinen Bau finden zum Verſteck, und bei der Sonne, die dort brennt, ich will keinen Biſſen wie⸗ der auf meine Zunge legen, bis Dein Leib ſeinen Kopf verlor.— Raſch warf er ſich aus dem Saittel und hob ſeinen Arm, den ausgeſtoßenen Schwur auf der Stelle wahr zu machen.— Doch eine plötzliche Erſcheinung ſtörte ihn in ſeiner Blutarbeit, und zog ſeine Augen ab von dem verlornen Opfer.— Walworth, der Lord⸗Mayor von London, ſprengte auf dampfendem Gaule von der Seite herauf, und warf ſich zwiſchen Newton und den Rebellen. Ein Blick auf ihn belebte des jungen Königs zagende Geſtalt, denn glückliche Botſchaft, nahe Hülfe verkündete ihm des Ge⸗ treuen Ankunft. Sire! rief Walworth. Was muß ich ſehen? Duldet Ihr ſolchen Schimpf und Frevel ohne Strafe in Eurer heiligen Nähe?— So verhafte den Mörder, ſtieß der König haſtig her⸗ aus, ich befehle es.— Und ehe der Schreckliche ſich beſann, ehe er Zeit ge⸗ wann zu einem Entſchluſſe in der unerwarteten Lage, ehe er einen Schutz gewinnen konnte vor dem plötzlich dicht an ihn heran geſpornten Pferde des Lords, ſauſete ſchon die ſchwere Streitart Walworths über ſeinem Haupt und ihr mächtiger Schlag ſpaltete ihm die Stirn bis zu dem gottloſen Munde hinunter, daß Blut und Hirn den 280 König beſpritzte, und der Hochverräther ohne Wort nie⸗ derſtürzte und ſeine rieſigen Glieder ſterbend im Sande zuckten, einem Antäus gleich, den Herkules Arm gefällt, und von deſſen Sturze der Boden erzittert. Ein Augenblick trat jetzt ein, wie ſie zum Glück ſel⸗ ten erſcheinen, ein Augenblick, der über die Zukunft einer ganzen Nation entſchied, und die furchtbare Wichtigkeit dieſes Augenblicks konnte man auf allen den bleichen Geſichtern leſen, die nächſte Zeugen der raſchen Waffen⸗ that geweſen, denn ſie hatten Alle das zermalmende Ge⸗ wicht dieſes Momentes erkannt. Und ehe Einer der Kö⸗ niglichen zum Beſinnen und Nachdenken kommen konnte, brachen auch ſchon die Folgen dieſes raſchen Gerichtes herein. Als das Heer der Meuterer ihren Führer ſtürzen ſah, ſchallte ein gräßliches Geheul, immer wachſend mit ſeinen ſcharfen Tönen, aus der ſchwarzen Menſchenwolke. Dann wurde das ruhende, tauſendgliedrige Ungeheuer lebendig, alle Piken und Schwerter hoben ſich, alle Beile klirrten, wie ein Schloßenſchauer rauſchten zahlloſe Pfeile und Bolzen durch die Luft, und ein allgemeiner Anlauf brach los gegen den blutbegoſſenen Sandhügel. Der König und ſein kleines Geleit ſchien verloren, aber der unſichtbare Lenker der Schickſale entzündete in dieſem wichtigen Augenblick in der Bruſt eines ſechzehn⸗ jährigen Jünglings die Heldenflamme, deren Keim von den Ahnen her in ihm geſchlummert, und ſein Entſchluß entſchied und zerhieb den verworrenen Schickſalsknäuel, und ſetzte ihm, trotz ſeiner kurzen, ſpäter nicht tadelloſen Regierung, eine unverwüſtliche Denkſchrift auf der Ge⸗ ſchichtstafel ſeines Landes.— Richard ſaß ſtarr auf ſei⸗ nem Rappen; die Morgenſonne beleuchtete auf ſeinem ii— ——— 281 bleichen Geſicht die Eindrücke des Schreckens, er ſah mit ſtarren, faſt lebloſen Augen auf den im Sande zuckenden Rebellen und auf die heranſtürmende Meute ſeiner blut⸗ dürſtigen Rächer. Da ſunkelte auf einmal ein helles Licht, wie Him⸗ melsſchein, aus ſeinen Augen, ſeine jugendlichen Wan⸗ gen überflog eine roſige Aurora, ſein Rapp fühlte die Sporen, und dorthin flog er mit unbewehrter Hand, ge⸗ radezu auf die heranwogenden Feindesmaſſen und mitten zwiſchen die erſten Züge und Vorfechter der Rebellen hinein. Wie vom Meduſenhaupt verſteinert blickten die Sei⸗ nigen dem Unbeſonnenen nach, aber ſein Wageſtück wirkte nicht weniger raſch auf die Gegner und mit ähnlichem Erfolge. Stutzig ſtanden die Vorderſten, Verwirrung kam in die Nachdrängenden. Der ſchwarze Prinz! ſchrie ein alter Seemann. Prinz Eduards Geſpenſt! rief ein Kriegsknecht, der in Frankreich gefochten. So wurden die Bögen ſchlaff, die gehobenen Speere ſanken, und unver⸗ wundet hielt Richard ſein ſchnaubendes Thier mitten in dem Getümmel an. Was will mein gutes Volk von ſeinem König? rief er mit wohlklingender, weithallender Stimme. Hier iſt der König mitten unter euch. Seid ihr erſchreckt über den Fall eures Anführers, der ein ſchlechter Patron ward 2 Ich ſelbſt will euer Führer ſein. Gott ſetzte mich ja dazu ein; wählt mich auf's Neu, und was mein treues Volk minche. ſei ihm bewilligt.— Die Waffen ſanken, man ſtarrte den Heldenjüngling an, der wie eine himmliſche Erſcheinung ſeine Augen freundlich von Einem zu dem Andern funkeln ließ, und eine Todtenſtille ſank über das wilde Heer, als pönr Sauls Donner ſie Alle gerührt. 282 Nach Hauſe, Kinder! ſprach der König fort, den Augenblick mit ſeltener Geiſtesgegenwart benutzend. Eure Aecker, eure Werkſtätten warten; eure Weiber, eure Kinder jammern um euch! Gott hat den gerichtet, der euch verleitet und eure frommen Hände befleckt. Ver⸗ brechen ſäete er aus; wollt ihr die giftige Ernte ſam⸗ meln? Zu Hauſe, getreue Engländer! Eure alten Frei⸗ heiten ſollt ihr wieder haben, bei meinem königlichen Worte, und allen Verführten ſage ich Freiheit und Leben zu und volle Verzeihung bei dem Andenken an meinen Großvater, den allgeliebten Eduard.— Ein allgemeiner Tumult erhob ſich jetzt um den küh⸗ nen Sprecher. Die Meiſten warfen die Waffen weg, Viele ſchrieen: Zu Hauſe! Zu Hauſe! Andere riefen: Gott ſegne den König Richard! Gott verdamme den Ty⸗ ler! und die Wenigen, welche feindſelige Worte hören ließen und das Volk neu zur Ergreifung des Königs an⸗ ſpornen wollten, wurden überſtimmt und im Gedränge fortgeriſſen, als jetzt, den Akt der Kataſtrophe beſchleuni⸗ gend, an der andern Seite der Ebene überall bewaffnete Reiter ſichtbar wurden, deren Panzer wie ſtählerne Mauern in der Morgenſonne blitzten, und rechts Michael de la Pole und Robert de Vern, der Graf von Orford, links der junge Marſchal, Fitz⸗Alan von Arundel, des Ober⸗ richters Sohn und Mourbray Graf von Nottingham ihre Geſchwader unter wehenden Fahnen und dem Geſchmetter der kriegeriſchen Trompeten, wie im Sturmlaufe zum Schutze ihres königlichen Herrn heran führten. Wie Spreu auf der Tenne zerſtäubte das Volk, und der greiſe Ritter Robert Knollis, der mit einem Häuf⸗ lein Veteranen allen Heerhaufen voreilend, zuerſt bei ſeinem Monarchen eintraf, fand den König allein, haltend 283 auf der Ebene, von zahlloſen Waffentrümmern umgeben, und bewegt den Flüchtigen nachſehend, die einer unge⸗ heuren Schafheerde glichen, welche ſich ſelbſt erdrückend und ohne Umſehen über den Acker fliegt, wenn der Wolf vom Walde herausbricht. Mit den Empfindungen eines Seligen ſah ſich der junge Monarch umringt von ſeinen tapfern Mannen und den Freunden ſeines Herzens, und erſchöpft von dem plötzlichen Wechſel konnte er kaum Worte finden, ihnen zu danken. Er verbot, die Flüchtigen zu verfolgen, und erlaubte nur einigen Reitercorps, langſam dem zer⸗ ſprengten Volke nachzuziehen, um neue Zuſammenrotti⸗ rungen zu hindern, und die Häupter der Rebellion, wann ſie noch in Waffen getroffen würden, einzufangen. Dans ritt er langſam zu dem merkwürdigen Hügel der Ent⸗ ſcheidung zurück. Die Prinzeß von Wales wankte ihm entgegen und umſchloß den geliebten Sohn mit mütter⸗ licher Inbrunſt. Zum zweiten Male habe ich Dich geboren, mein Richard, ſprach ſie weinend, und mit nicht geringern Mutterſchmerzen. O welche Stunde der Pein haben wir durchlebt!— Und glücklich lief ſie ins Meer der Zeit, entgeg⸗ nete der König, und darum wollen wir Gott preiſen, denn Englands Krone und mein väterliches Erbe iſt mir vom Könige der Könige heute zum zweiten Male ge⸗ ſchenkt worden.— Hebe Deinen Dolch auf aus dem blutigen Sande, mein John! befahl er dann, des Jüng⸗ lings Hand freundlich drückend. Dieſer blanke Stahl, den Du treu für mich gezückt, bleibe ein Heiligthum in meiner Rüſtkammer, und ſein Abbild glänze für ewige Zeiten in dem rechten Felde des Wappenſchildes unſerer 284 Stadt London, als Gedächtniß dieſes verhängnißvollen Tages. Und Ihr, treuer Walworth, kniet nieder in den blutigen Sand, das Feld Eures glorreichſten Sieges, und ſtehet wieder auf als einer der Edelſten an mei⸗ nem Throne.— Der Lord⸗Mayor bog ſein Knie in männlicher Rüh⸗ rung vor dem dankbaren Fürſten. Richard zog ſeines Vaters Schwert und ſchlug ihn zum Ritter, und alle Barone und das ganze Heer jauchzte ſeinem Könige und dem belohnten Befreier preiſende Jubelworte entgegen. Von dem Felde des königlichen Triumphs und von den Mauern, der durch die plötzliche Umgeſtaltung der Dinge erſchrockenen und eingeſchüchterten Hauptſtadt, führt uns jetzt die Erzählung zurück zu jenen ländlichen Fluren, wo die Eingangsſcene dieſes blutigen Drama's ſpielte, und der kleine Quell ſeinen Urſprung nahm, welcher das ganze Inſelreich in ſo kurzer Zeit mit einer zerſtö⸗ renden Sündflut bedrohete. Die ſchöne Lady Arundel hatte in dieſen thatenreichen Wochen das peinvollſte Leben durchlebt. Wäre ſie belaſtet geweſen mit all den Laſtern, welche damals den höhern Ständen vom gemeinen Volke aufgebürdet wurden und ihm zum Vorwande dienten, die alte Ordnung über den Haufen zu werfen, wäre ihr Gemüth befleckt geweſen von Hochmuth, Ueppigkeit, Buhlerei und leichtſinnigem Religions ſpott, ſie hätte abgebüßt durch ihr freiwilliges Gefängniß im Hauſe des Rebellenbäuptlings. Zwar ſchien ihre Sicherheit ungefährdet; Frau Hilliard ſorgte müt⸗ terlich für ſie und begegnete ihr unter vier Augen mit der Achtung, welche von der Jugendzeit her und mit der 285 Muttermilch ſchon ihr gegen die Sprößlinge des Adels eingeflößt worden. Die kleine Beß hing ſich mit ſchweſter⸗ licher Neigung an die Trauernde, und plauderte ihr manche ſchwere Stunde mit natürlichen, kindlichen Troſt⸗ reden fort, und der wilde Wat⸗Tyler kam in der langen Zeit nur zwei Male zu Hauſe und immer zur Nachtzeit, um heimlich gewonnene Geldſummen und den Augen des Volks entzogene Kleinodien ſeinem Eheweibe zu über⸗ bringen und die geraubten Schätze in ſeinem Keller bis auf ruhigere Zeit zu vergraben. Obgleich er jedesmal vor Tag wieder fort ritt und weder Eleonore noch ſein Kind zu ſehen begehrte, ſo mußte doch das arme Fräu⸗ lein, zu der in ſolchen Nächten kein Schlaf kam, die furchtbaren Erzählungen ſeiner Thaten anhören, da nur eine dünne Bretterwand ſie von den Eheleuten trennte, und in ſeinem Uebermuthe prahlend übertrieb Tyler die erlebten Blutſcenen dermaßen, daß es die Lady ſelbſt Wunder nahm, wie ihr Herz nicht brach in Angſt und Wehmuth, da unter den Namen ſeiner Ermordeten und Ausgeplünderten und Verjagten ſo mancher ihrer Ver⸗ wandten und Freunde genannt wurde. Mit Zagen und angehaltenem Athem horchte ſie immer, mußte horchen, wenn ihr auch die Vernunft befahl, ihre Ohren feſt zu verſchließen mit Hand und Tuch. Mit Todesangſt horchte ſie, ob nicht der Name des Vaters, des Bruders, nicht der Name des Sir John Newtons genannt wurde; und ſchwieg der barbariſche Prahler endlich von Schlaf über⸗ mannt, ſo betete ſie inbrünſtig und dankte Gott, daß er die Geliebten bisher den Blutfäuſten dieſer Vandalen entzogen hatte. Aber noch eine ſchwere Prüfung ſollte das zarte Kind des Hofes beſtehen. Hob Carter, der junge Schuh⸗ 286 macher, welchen Frau Anna unbeſonnen genug in ihrer Reitungsfabel gebraucht, kam unerwartet heim zu ſei⸗ nem Hauſe im Flecken und ſchien auch nicht Luſt zu haben, das kriegeriſche und gefährliche Handwerk ſeiner Genoſ⸗ ſen fernerhin mitzumachen. Bei der Einnahme Londons durch den Säbelhieb eines Gardiſten an jenem denkwür⸗ digen Tage verwundet, an welchem die Leibgarde ſich in den Tower zurückgezogen, erklärte er ſich am rechten Arme gelähmt; und mit dem Säckel zufrieden, den er in den reichen Kaufläden der Reſidenz gefüllt, trieb er ſich ohne Arbeit in den Schenken umher und prahlte vor den Weibsleuten mit ſeinen Heldenthaten, in Allem ähn⸗ lich dem berüchtigten Falſtaf des großen Shakeſpeare, außer in dem Umfange ſeines Leibes und der üppigen Fleiſchigkeit der Gliedmaßen, worin er das Gegenbild des tapfern Ritters von der Schüſſel und dem Becher, in Dürre und Mangel, dem Maler hätte darbieten mögen. Die neue Erſcheinung im Hauſe des Ziegeldeckers blieb Hobs lüſternem Auge nicht lange verborgen; früher täglicher Becherkamerad des erſten Rebellenhäuptlings, hatte ihn dieſer auch mit einer Hauptmannſchaft der Volksarmee beglückt; ſo ſtand ihm Hilliards Thüre als Freund und Kriegsoberſten immer offen, und ſeit er die ſchöne Eleonore erblickt, nutzte er ſein Recht bis zur Un⸗ bequemlichkeit der bangenden Frauenzimmer. Die Haus⸗ frau, ſich der Lüge gegen den jähzornigen Gemahl be⸗ wußt und um ihren Schützling in ſteigender Beſorgniß, mußte den Hob in ihr Geheimniß ziehen. Sie vertrauete ihm, wie das arme Mühmchen bei der erſten Erſcheinung des bewaffneten Landvolks aus Gatton geflüchtet, wie ſie ſelbſt, um bei dem herriſchen und geizigen Hausherrn die Aufnahme der Tiſchgenoſſin zu bewirken, Hob Carters ————— 287 Namens mißbraucht, und ihn zum Zerſtörer des Schloſ⸗ ſes und Mörder der adeligen Beſitzer deſſelben gemacht, und bat ihn, dieſe Nothlüge bei dem Manne, wenn die Gelegenheit ſich darböte, zu vertreten. Der eitle Hob fühlte ſich geſchmeichelt durch das ihm zugeſchriebene Heldenſtück, und der verliebte Hob, bei dem das Sprüchwort von den magern Leuten ein beſtä⸗ tigendes Beiſpiel fand, faßte ſchlauen Sinnes ſogleich den Vortheil auf, der ſeiner neueſten Leidenſchaft durch dieſes nothgedrungene Vertrauen erwachſen dürfte. Sorget nicht, Mutter Nan, und laßt mich machen, ſprach er, möglichſt ſich aufblähend gleich dem indiſchen Hahne; was zu Gatton nicht geſchah, hätte immer ge⸗ ſchehen können, denn als wir dort einrückten, trug dieſe meine rechte Hand das ſchärfſte Ledermeſſer aus meiner Werkſtatt, und dieſe meine linke Hand die trefflichſte Kienfackel in das köſtlichſte Pech getaucht, und hätten die feigen Sechszehnender nicht Reißaus genommen vor dem tapfern Jäger, in Sohlenſtücken zerſchnitten bleichte ihre Haut duf Englands freiem Boden. Uebrigens hat die ſchelmiſche Kleine nicht ganz gelogen, denn wir brieten den fetteſten Ochſen aus des Marquis Stalle mit Haut und Haar im Schloßhofe bei einem Johannis⸗ feuer, wie in Dartford nie geſehen, und auch Blut be⸗ ſpritzte in Strömen die Marmorplatten des Ritterſaales, denn von all den Bewohnern des Enten⸗ und Hühner⸗ hauſes ließen die hungrigen Burſchen nicht ein Mütterchen am Leben, um die ſchöne Art hier im Flecken fortzu⸗ pflanzen. Was Wunder, wenn ein ſchüchternes Dirnchen das aus dem erſten Schlafe geweckt, das Bratfeuer für eine Brunſt und das Gequick und Gegadack des Federviehes für ein Mordgeheul gehalten. Schade, daß 288 Schön⸗Norchen mir nicht im loſen Schlafhabit in den Weg gelaufen; Mantel und Rock hätte ich ihr gegeben in der Nacht und ſie ſelbſt hereingebracht unter Euer ſicheres Dach. Lügen will ich für ſie wie ein bezahlter Zeuge vor dem Friedensrichter, und meinen Zeugen⸗ ſchilling werde ich bei gelegener Zeit ſchon ſelbſt bei dem lieben Kinde einkaſſiren.— Mutter Anna war be⸗ ruhigt, aber Lady Eleonore wurde gar bald mit Schrecken über den verſtecktern Sinn der Worte des Elenden aufgeklärt. Hobs Beſuche wurden immer läſtiger und häufiger; er quartirte ſich förmlich bei Hilliards ein, und hätte er nicht eine Scheu vor der ſtrengen Hausfrau gehabt, ſo würde ihn ſelbſt der Einbruch der Nacht nicht zur eigenen Hütte getrieben haben. Eleonore mußte das Pein⸗ lichſte erleiden in dem ſteten Andrängen des rohen Men⸗ ſchen, deſſen Zudringlichkeiten mit jedem Tage einen ernſtern Charakter annahmen.— Ihre Furcht, die ihm keine Strenge entgegen zu ſetzen wagte, nahm der un⸗ angenehme Liebhaber für Begünſtigung ſeiner Werbung; den Dank, den die Sorge des Verraths ihr von den Lippen preßte, wenn er ihr in allen Hausarbeiten zu Hülfe kam, nahm er für züchtigen Ausbruch ſtiller Nei⸗ gung; ja ſelbſt ihre Schwermuth, ihre feuchten Augen, die ſie dem täglichen Gaſte nicht immer verbergen konnte, hielt er für Sehnſucht nach einer Befreiung aus ihrer abhängigen und bangen Lage, und glaubte ſich zum Per⸗ ſeus dieſer reizenden Andromeda erkoren. Nicht lange, ſo wagte er es dreiſter von Liebe und glücklicher Zukunft zu plaudern, und mit Entſetzen erkannte jetzt die Lady den Abgrund, an dem ſie aufs Neue ihr unerbittliches. Schickſal geſtellt. —.— —— 289 Es war ein mondheller Abend, durch die Baum⸗ gipfel und das Gebüſch am Hauſe rauſchte ein Gewitter⸗ wind, und der ungebetene Gaſt ſaß wie feſtgebannt im Stübchen neben dem Schemel, auf dem Eleonore die Spindel führte, und plapperte ſeiner Angebeteten die gewöhnlichen Tiraden vor. Die Lady wurde heute von beſondern, unerklärbaren Ahnungen gedrückt, und theilte, wenn auch auf gar verſchiedene Weiſe die Unruhe der Hausfrau, welche ſeit mehren Tagen nichts von ihrem Manne vernommen. Der Ziegeldecker hatte ihr doch, trotz ſeines rauhen Gemüths, ſonſt faſt täglich einen Bo⸗ ten von London geſchickt, der ſich nach dem Hausſtand erkundigt, und ihr von dem Gedeihen und Fortſchreiten der hochtrabenden Pläne des Rebellenhauptmanns Mit⸗ theilung gebracht. Frau Anna ging wiederholt von ihrem Sitze zum Hofthore und ſchauete gegen Nord die Straße in den Flecken hinauf; aber der Abend war ſo ſtill wie der Tag geweſen, nur die am Himmel vorüber⸗ flatternden Wolkenzüge, durch deren Spalten das bleiche Mondlicht in Geſtalt von zackigten Flammen hervorbrach, brachte ein ſtummes Leben in die Landſchaft, und der Strichwind, der ſich im Unterbuſch zur Seite des Hauſes, fing, ſprach allein durch die helle Nacht in geheim⸗ nißvollen, geiſterhaften Schauertönen. Die beſorgte Hausmutter horchte lang, ging und kam zurück, und horchte wieder. Jetzt ſchien es ihr lebendiger zu werden unten im Flecken. Das waren menſchliche Geſtalten; das Mondlicht konnte ihr gutes Auge nicht täuſchen. Männer erſchienen einzeln auf der Steinſtraße, Stim⸗ men murmelten, Hausthüren ſchlugen auf und zu; jetzt ſchritten Mehre daher; jetzt lief ein Einzelner heran, aber Alle verſchwanden in den Winkeln und Nebengaſſen Blumenhagen. IX. 19 290 des Orts, Keiner kam herauf zu ihr an das Ende des Fleckens. Ihre Unruhe mehrte ſich, denn ſeit dem Auf⸗ ſtande der Maſſe waren Männer eine Seltenheit in Dart⸗ ford geworden; Jeden hatte Gewinnſucht und Raubluſt vom Gewerbe zu der Reſidenz getrieben. Frau Anna entſchloß ſich, das Thor zu ſchließen und in den Ort hinab zu gehen, um bei den Freundinnen Erkundigung einzuziehen. Da rief die Stimme der kleinen Eliſabeth ſie zum Hauſe zurück. Was willſt Du, Beß? Und warum rufſt Du ſo bang? fragte die erſchreckende Mutter. Kommt nur herein, antwortete das Kind, und treibt den häßlichen Hob hinaus! Er ängſtigt die arme Nore, daß ſie weinet und führt recht boshafte Reden gegen ſie.— Frau Hilliard trat ohne Säumen in das Stübchen, und fand die Lady in Thränen, mit dem Geſicht ſich auf den Tiſch niederdrückend, und den dürren Hob, Er⸗ hitzung im Antlitz mitten im Zimmer ſtehend und mit den Armen wie Mühlenflügel umherfechtend. Was gibt's hier? fragte Mutter Anna mit der Strenge der Hausherrin. Lady Eleonore ſprang auf bei den erſten Tönen ihrer Stimme und eilte auf ſie zu und warf ſich an ihren Hals. Mutter, ſchluchzte ſie wie eine Verzweifelte, Ihr habt ſo viel an mir gethan, rettet mich nochmals, rettet mich von dieſem Menſchen!— Seltſam! fiel Hob ihr in die Klagerede. Ihr habt eine gar wunderliche Verwandte, Mutter Nan, und ich kann es dem Tyler nicht verdenken, wenn er ein ſolches Zieräffchen nicht paſſend findet für ſeinen Haushalt. Iſt es doch in ganz Kent noch nicht gehört worden, daß ein Mädchen es übel nimmt, wenn ein ehrlicher Burſch 291 um ſie freit und ihr den beſten Sitz an ſeinem Herde anbietet. Was will denn das Jüngferchen? Wäre ſie ein Edelfräulein, ſie könnte ſich nicht alberner ſperren, wenn ſie eine wackere Mannshand an den Ellenbogen ergreift und ſich den Bräutigamskuß erbittet.— Ihr ſeid ein Narr, Carter! entgegnete Frau Anna, und thätet gut, in ſo ſchwerer Zeit an etwas Anderes zu denken, als an Schäckerei und Brautgeſchichten. Mö⸗ get Ihr ein Mädchen ſo derb mit Eurem Arm umfaſſen, ſo werdet Ihr auch die Pike wieder tragen können, und ſtöret Ihr fernerhin die Ruhe in meinem traurigen Hauſe, ſo ſpreche ich mit dem Wat, und Ihr wißt, der macht eben nicht viel Federleſen, wenn es ſein Haus⸗ recht gilt.— Er muß fort, ſogleich fort und nie wieder dieſe Schwelle betreten; er oder ich, und wäre der erſte Schritt hinaus mein Tod, fuhr Eleonore auf mit Hef⸗ tigkeit. Mein Herz iſt nicht gebrochen in der Schmach, die ich gelitten, Gott hatte ſie geſandt, ich trug ſie ge⸗ duldig und vertrauete auf ihn und hoffte auf ſeine Gnade. Aber die grobe, tägliche Beſchimpfung aus dem rohen Munde dieſes ungewaſchenen Tölpels zerfleiſcht mein Herz, und ich ſtoße lieber das Meſſer mir ſelbſt in die Bruſt, als daß ich ſolche Entehrung länger er⸗ trüge.— Wie das hoch ſpricht und geſtikulirt, lachte Hob hämiſch, gerade wie die Puppenprinzeß in der italie⸗ niſchen Bude auf dem Viehmarkte im Mai. Was will ſie denn mehr als ſolch einen reſpektabeln Kerl, wie wir geworden, ſeit wir in London getriumphirt? Wird nicht der Hob Carter genannt unter den Hauptleuten, die dem armen Volke die Freiheit wieder gegeben, und 292 Schweiß und Blut für die gemeine Sache geopfert? Laßt nur erſt den kleinen König herunter ſein und das alte Parlament gehangen, dann wird der Hob ſitzen als erſter Sprecher im Hauſe der Gemeinen und Geſetze machen und einer der Erſten ſein in ganz Altengland. Fürchtet ſich die feine Magd vor der engen Schuſter⸗ werkſtatt? Verſichert habe ich ihr ja hundertmal, wie ich mir den ſchönſten Laden bereits ausgeſucht in der City, ein Haus ſo groß wie des Sherifs Schloß, wo ſie ſitzen ſoll geputzt als Miſtreß Carter im Faulſtuhle und dreißig Geſellen commandiren, und nichts thun als für die platten Seidenſchuh die blanken Schillinge ein⸗ ſtreichen; der vorher im Stuhle jaß, war ein König⸗ licher und iſt abgethan. Was will ſie mehr mit ihrem hochgeſtutzten Näschen? Und wenn Ihr, Frau Nan, nicht klüger ſeid, als das ungefiederte Hühnchen, ſo ſpreche ich mit dem Tyler ſelbſt, und der wird meine Sache ſchnell zu Ende bringen und auf ſeine derbere Weiſe, die Ihr Euch dann ſelbſt auf den Hals gelockt habt.— Frau Anna war verlegen in der mißlichen Sache. Nun ſo wißt, ſtieß ſie heraus, das Mühmchen iſt Braut, und zwei Male kann eine ehrliche Jungfrau die Ringe nicht tauſchen.— Eine Wirkung ganz beſonderer Art hatte dieſe Er⸗ klärung auf den, dem ſie gethan. Hob Carters dürre Geſtalt zog ſich in eine wahrhaft geſpenſtiſche Länge; ſein ohnehin bleiches Geſicht mit den ſchlaffen Hänge⸗ packen bekam eine kreidenweiße Leichenfarbe; einige Mi⸗ nuten ſtand er wie mit gelähmter Zunge, dann verzerr⸗ ten ſich ſeine Züge, als wenn ein Wetterleuchten über ſie hin und her führe, und in Kreiſchtönen machte ſein Zorn ** VV* —„ 293 ſich Luft, wobei die langen Arme mit geballten Fäuſten daran mehr vagirten in Bewegungen, welche dem geüb⸗ teſten Paukenſchläger Ehre gemacht hätten. Braut? ſchrie er hervor. Und alſo hat man meine Liebesſprüche im Spott angenommen, wie das luſtige Spiel eines Poſſenmeiſters, und heimlich gelacht dabei? Gott verdamme die Weiber! Wußte ich's doch: zwei Weiber und eine Gans machen ein Jahrmarkt. Dam! — Aber wer iſt der Bräutigam? Sicherlich ſo ein adliger Lakai, der vom Sohlenabfall gefüttert wird, und die alten Stiefeln ſeines Herrn am Sonntage an den Schlotterwaden raſſeln fühlt, und weder zum Sie⸗ den noch zum Braten taugt. Will die Närrin kein Ei hingeben für einen Ochſen? Dam! Sie ſoll mein Weib werden, eben weil ſie nicht will. Mich, einen der Oberſten des allgewaltigen Volkes, zu verwerfen um einen Schuhwichsſtreicher, deſſen Knochen ſicher ſchon bleichen auf freier Heide! Und was iſt die Miß! Iſt ſie nicht ein Anhängſel von dem adligen Guckuksvolk, das in fremden Neſtern brütet, und iſt ſie nicht im Blut⸗ vann mit denen, vor welchen ſie auf den Knieen ge⸗ rutſcht? Ein Wort koſtet's mir, und die Dartforder ſpießen die fremde Lerche und braten ſie lebendig und verſpeiſen das feine Fleiſch ohne Butter. Und auch Ihr, thörichte Mutter Nan, ſollt büßen, daß Ihr ſolche Brut in Euer ehrliches Reſt geſchwärzt. Beſinnet Euch ſchnell, trage ich in dieſer Stunde nicht den feinen Goldring, der dort an Norens Finger ſchimmert, ſo ſeid Ihr ver⸗ lorenes Weibsvolk, ſo gewiß ich den beſten Draht gezo⸗ gen in der Grafſchaft und die feſteſten Nähte genäht.— Die Weiber hatten ſich, erſchreckt über ſein wahn⸗ witziges Benehmen und das Geſpenſtiſche ſeines Weſens, 294 zurückgezogen, und Frau Hilliard ſann vergeblich auf ein Mittel, den Tobenden zu beruhigen, da zerriß ein neues Ereigniß die bange Scene, milderte jedoch ihre Schrecken nicht, denn der Unglücksſtern der armen Ge⸗ fangenen ſollte in ihr erſt ſeinen Kulminationspunkt er⸗ reichen. Die Stille draußen wurde plötzlich durch ein wildes Gelärm belebt. Eine Menge rauher Stimmen ließen ſich am Thore hören, und Frau Hilliards Name klang mehrfach dazwiſchen. Alle eilten hinaus auf den mond⸗ hellen Hof, Frau Anna öffnete das Thor, und der Grob⸗ ſchmied Jack Straw und mehre von ſeiner Bande drangen ſtürmiſch herein. Mit entſtellten, verwilderten Zügen, mit weitaufge⸗ riſſenen, gerötheten Augen ſtürzte Straw auf die er⸗ ſchütterte Hausfrau zu, und ergriff ihre Hand, mit der groben Fauſt ſie faſt zerquetſchend. Wo habt Ihr des Tylers Schätze und Beutetheil? fragte er hart und mit Haſt, an welcher die Furcht kein kleines Theil Urſach zu haben ſchien. Schließet auf, Frau! Grabet ſie aus! Säumet keine S wenn Euch Euer eigen Heil lieb iſt.— Ich habe nichts, ich weiß von nichts, igzueßt die ſtutzende Frau, indem ſie die ſchmerzende Hand mit Ge⸗ walt losmachte.— Ihr müßt ſie herausgeben, fuhr der Grobſchmied ein⸗ dringlicher fort. Ich beſchwöre Euch, packet Geld und Geldeswerth in den erſten Sack, denn Ihr müßt von Haus, müßt fort mit uns, fort Ihr und Euer Kind zur Stunde.— Seid Ihr Trunkenbolde, die den Witz im Glaſe ließen? fragte Frau Hilliard zurück. Packt Euch fort 295 und kommt morgen wieder, wenn der Dunſt ver⸗ flogen.— Tom Miller, der Schiffer, trat jetzt heran und faßte weniger hart die zürnende Frau am Arme. Seid nicht unwillig, Nachbarin, über den ſtürmiſchen Eintritt, ſagte er milder. Wir Alle meinen es gut mit Euch, und die Freundſchaft und die Sorge für Eure Sicherheit allein trieben uns zu Euch auf der Flucht.— Flucht? wiederholte Frau Anna, und ſah wie eine Träumende ſtarr auf des Sprechers ehrliches und ihr wohlbekanntes Geſicht.— So wißt Ihr noch nichts? fuhr Tom fort. Der Teufel und ſeine Geſellen haben das Spiel gewonnen, und unſere Köpfe werden den Einſatz bezahlen müſſen. Die faulen Bäuche von Eſſex haben uns im Stich gelaſſen, die Kö⸗ niglichen haben eine Hetzjagd mit uns gehalten, die alle Braven in Kent für immer roth gemacht, und würden ſie alt wie Methuſalem, roth noch im Lailach. Kein Brod fanden wir jenſeits an der Themſe, und erſt ſpät gelang es uns auß einem löcherigten Nachen das Leben herüber zu retten. Und in der Stadt müſſen die Hatzhunde auf ihren langbeinigen Roſſen eben ſo ſchnell geweſen ſein, da nicht ein Dartforder ſich über die Londoner Brücke gerettet, Euch Nachricht zu bringen. Nun wollen wir fort ans Meer auf die Dünen mit Habe und Gut, und Euch mitnehmen, denn die Schlächterknechte ſind uns ſicher auf der Fährte, und werden nicht lange weilen, den rothen Hahn auf Dartfords Dächer zu ſetzen. Mein Vetter leihet uns ſein Heringsſchiff und ſchwimmen wir erſt den Medway hinunter oder ſind wir gar ſchon in See, ſo lachen wir den ſchwerfälligen Jägern am Ufer ein tüchtiges Spotthurrah zum Abſchiede hinüber.— ————————— 5—————————— 296 Aber wo iſt denn der Tyler und warum kommt er nicht mit Euch? fragte Frau Anna. Ohne ihn thue ich nichts und gehe nicht ohne ihn, denn ich bin eine treue Hausfrau. Das Huhn verläßt ſein Neſt nicht, wenn auch ein Habicht darüber ſegelt, und der Hahn ſchützt die Henne und die Küchlein.— Es würde Euch ſchwer werden, Euern Mann wieder zuſammen zu finden, antwortete der Grobſchmied Straw mit hartem, kaltem Tone. Aber es geſchah ihm ſchon Recht, denn ſein Hochmuth allein hat das Unglück über uns herein gebracht und vertreibt uns wie elende Schiff⸗ brüchige von Englands Boden. Wer hieß ihn allein zwiſchen die Königlichen zu reiten? Aber der Unfinnige meinte, ſeine Ochſenknochen könne kein Eiſen brechen. Pardautz, da lag er auf Smithfields Saumarkte; ſein dicker Kopf hatte auf einmal zwei Geſichter, und auch ſein Leib wird nicht ganz geblieben ſein, denn ich wette mein einziges und ungetheiltes Angeſicht, daß die könig⸗ lichen Bulldogs in jedem Viertheil der City ein Vier⸗ theil ſeines Fleiſches ausgehangen haben zum Augen⸗ ſpiegel.— Frau Hilliard ſtand wie ein Steinbild bleich und regungslos. Mitleidig umfaßte ſie der Schiffer. Alſo auch das wußtet Ihr nicht, arme Nachbarin? ſagte er. Ja, der Wat iſt gefallen wie ein Braver, der zu viel gewagt. Doch tröſtet Euch; treue Freunde wollen Euch helfen, und Euch und Euer Kind retten aus den Klauen der grimmigen Bluträcher. Die Beute des Wats ſichert Euch drüben auf dem Continent Leben und Unterhalt.— Höret Ihr nicht, fiel Straw ungeduldig ein, Ihr ſeid Wittwe, Frau Nan, Erbin des Mannes, und habt Euch um Niemanden mehr zu kümmern. Darum friſch ans ————— 297 Werk, Eure Schätze heraus, die Mäntel umgethan, und fort in See, ehe der Tag unſere Fährte den Jägern verräth.— Da belebte ſich plötzlich die Geſtalt der Frau, ihr Geſicht bekam Röthe, ihr Auge Feuer, rund rollte ihr Blick im Kreiſe umher, und ſie glich einer ergrimmten Norne, weilche die Strafen des Himmels, des zürnenden, dem ſündigen Menſchen vorherſagt. Ha, ihr Jammermenſchen, ihr mißgeborne Söhne der Heimath, ſo iſt es gekommen, wie der Geiſt mir vorausgeſagt! rief ſie aus mit hohler, Schauder er⸗ weckender Stimme. Er, der allein ein Mann war unter euch, iſt geopfert worden für euch und durch euch. Er allein war der muthige Wolf, der Schäfer und Hund blutig biß, und ihr die elenden Füchſe, welche ihn ver⸗ ließen in der Noth, und ſeinen Fall nicht einmal zu rächen verſtanden. O Schande über euch, die ihr weni⸗ ger ſeid als die Weiber eurer Spinnſtuben; Tauſende ließen ſich jagen von Hunderten, und nur Einer ſtand wie ein Mann, und fiel in ſein Blut wie ein Mann! Fluch über euch und eure Kinder und Kindeskinder! Eure Köpfe ſehe ich faulen auf den Brücken der Städte, und eure Gebeine bleichen auf der Heide, wo der hungrige Rabe flattert! Eure Söhne werden Fröhner bleiben, welchen die Peitſche Muth macht, und eure Töchter werden an der Straße betteln mit verhülltem Geſicht wie die beſchimpfte Tamar! Doch ſprecht, ihr Elenden, wer ſchlug den einzigen Mann in England ſo hart, daß ſein Antlitz den Boden küßte, den er frei gemacht, und welche verruchte Hand machte Hilliards Frau zur Wittwe?— Wir ſahn's nur von fern, antwortete der Schiffer 298 kleinlaut, aber der Walworth, der Lord⸗Mayor, Gott verdamm ihn! führte den erſten Schlag und des Königs Schwertträger gab ihm den Reſt, als er ſchon im Sande lag.— Frau Anna fuhr mit ſichtlicher Erſchütterung zurück. Sir John Newton, der Schwertträger, ſagſt Du? Deine Zunge lügt, muß lügen, Du blinder Tom! ſtieß ſie krampfhaft gegen den Schiffer hervor aus der engen Bruſt.— Aber die kleine Eliſabeth, welche mit dem Fräu⸗ lein von Arundel ſich dicht an die Mutter gedrängt, und aufmerkſam jedes Wort erhorcht, drehete ſich jetzt mit kindiſchem Zorn gegen die Unglückliche und fragte: Sir John Newton ſagt der Nachbar? Iſt das nicht der ſchöne Junker mit dem Falken? Iſt das nicht Dein Bräutigam, Lady Nore? Und der hätte den Vater todt gemacht?— Eine Lady, eine Lady? tönte es unter dem Männer⸗ haufen mit gefahrdräuender Aufregung und Jack Straw, der ſich bei den Beleidigungen der Frau fortgewendet, kehrte haſtig in den Kreis zurück.— Was Mitleid, was Gnade noch! ſprach da die Mutter Anna mit Verzweiflungstönen. Alles hat mir der Himmel genommen, ſo mag ſein Rad laufen und Alles mit mir zugleich zerquetſchen. Habe ich darum Euch in mein Neſt genommen, Lady Eleonore, Euch ge⸗ ſchirmt wie mein Kind, gelogen um Euch und gezittert für Euch, daß zum Lohne Euer Liebſter mir den Mann erſchlägt wie ein grauſamer Kain, und der Oberrichter, Euer Vater, ſeinen ehrlichen Leib zerfetzen und beſchim⸗ pfen läßt.— Was iſt das? brach Straw los mit hochglühendem 299 Antlitz. Iſt ſie des Mörders Braut und des Oberrichters Tochter? Und Ihr barget ſie vor der gerechten Rache und dem Volksſpruch?— Daß auch in dem ſchwächſten Gemüth der Moment der höchſten, unausweichbaren Gefahr wahrhafte Helden⸗ ſtärke zu erzwingen vermag, bewies ſich jetzt an dem Fräulein. Als ſei ſie plötzlich eine Andere geworden, ſo ſtand ſie kräftig, mit hochgehobenem Haupte mitten zwiſchen der Rotte der Meuter, und der helle Mond, von dem der Strichwind alles Gewölk entfernt, be⸗ ſtrahlte ihre ſchlanke, edle Geſtalt gleich einem Heiligen⸗ ſcheine, der eine Märtyrerin krönt, die freiwillig zum Tode geht. Ich bins, ſprach ſie feſt, ich bin Eleonore von Arundel, des Lord Oberrichters Tochter; doch bedenket wohl, was ihr thut mit mir. Mein Leben iſt in eurer Hand, aber ich bin ein Weib, das euch nie Böſes ge⸗ than, die Armen von London können Zeugniß ablegen für mich; ich bin eine Engländerin, frei geboren wie ihr, und mein Leib iſt unantaſtbar für jeden ächten Landsmann, der die Briefe ſeines Landes in Ehren hält; ich bin des Oberrichters Tochter, und meine Fürſprache kann Euch Gnade verſchaffen, Gnade ſelbſt am heiligen Stuhle des Königs.— Straw ſchlug ein lautes Gelächter an. Schöne Gnade auf dem weißen Blocke vor dem eiſernen Towerthore! ſpottete er. Aber da ſeht Ihr, Frau Nan, wie der Him⸗ mel den Verrath am Verräther zu rächen weiß. Weil Ihr die Guckuksbrut in Euer Neſt gelogen, büßtet Ihr mit des Mannes Tode. Allen Geiſtern der Hölle ſei Dank geſagt, daß ſie uns zum Abſchiede noch ein Blut⸗ feſt und die letzte ſchöne Freude in Altengland bereitet.— 300 Hob Carter drängte ſich jetzt hervor zwiſchen den ro⸗ hen Schmied und ſein Schlachtopfer. Schlachte ſie nicht, Kamerad, ſprach er, was hülf's und welche Freude oder Ehre gäb's euch, ſolch ſchmächtigen Hals mit dem Beile abzuputzen? Die älteſte Köchin in ganz Kent verſteht ja einen Taubenhals mit krummen Fingern zu zerreißen. Aber ich weiß eine beſſere Rache. Ich warb um das zerbrechliche Ding da, weil ich ſie für eines ehrlichen Landſaſſen Tochter hielt. Sie, wie natürlich, flocht mir hochmüthig den Korb. Nun ſoll ſie aber mein Eheweib werden zur Stelle; der Bettelmönch, den meine Mutter im Hauſe füttert, ſpricht uns zuſammen, und dann geht's luſtig in See. Glaubt mir, die Lady wird ein wohl⸗ verdientes Fegefeuer haben neben meinem Schuſterſche⸗ mel, das ſie von allen Sündflecken ihrer Großväter rein brennt, und der Lord, ihr Vater, wird ſich ſeine letzten Haare von der Glatze reißen, wenn er hört, daß ſein edles Töchterchen die Pantoffeln am holländiſchen Markte feil bietet, die der Hob Carter auf ſeiner Bank fabri⸗ zirt.— Dummer Tölpel, entgegnete Straw wüthig, indem er den Werber zurückſtieß und zugleich ſein Beil vom Gurte löſete, wo es gehangen. Blut will Blut, und der Jack ſchwur auf der ſchwarzen Heide, keinen Zweig der alten Stammbäume unzerhauen zu laſſen, wo hinan ſein Arm reichen könnte. Gott will's haben, darum ſchickte er ſie her, und ſterben muß ſie, ſo wahr ich der Jack Straw bin.— Elevnore ſank in die Knie und hob die gefalteten Hände empor. Muß ich denn ſterben ſo früh und unter Fremden, bat ſie inbrünſtig, o ſo vergönnt mir nur ein Gebet zu ſprechen, ein Gebet für mich und die Meinigen, 301 und auch für Euch, daß Euch Gott die Schuld ver⸗ gebe!— Gebrauche Deine feine Stimme nur für Dich, D Heuchlerin, denn der Weg iſt weit bis da hinauf! lachte der Schmied, indem ſich ſein rothblaues Geſicht zu einer Teufelslarve verzerrte, und er den rechten Arm mit dem Beile hinter ſich ausſtreckte, um zum kräftigen Mord⸗ ſtreiche auszuholen.— Da klang im Gebüſch ein feiner, heller Ton, und die Blicke der Männer wandten ſich ſchnell dahin, denn die Waffenkundigen kannten den Ton und wußten, daß er von einer ſtählernen Armbruſt ausgegangen. Doch eben ſo ſchnell wurden ihre Augen in den engen Hof⸗ raum zurückgezogen, wo mitten unter ihnen ein dumpfes Geheul laut geworden, wie es die Kehle des Wallfiſches ausſtößt, wenn das Seeungeheuer ſich von der ſichern Harpune getroffen fühlt. Kaltes Entſetzen überlief Alle, denn der unmenſchliche Jack Straw lag zu ihren Füßen, ein blanker Bolzen ſtack in ſeiner haarigen Bruſt, und mit jedem röchelnden Athemzuge ſtieß er einen Blutſtrom über die dicken Lippen des gottesläſterlichen Mundes. Die bleichen Bauern ſahen ſich nach der Pforte um, aber rund um das Gehöft ward es plötzlich wach.„König Richard für immer! Nieder mit den Rebellen!“ klang das Verderben kündende Feldgeſchrei, und überall erhoben ſich hinter dem niedern Mauerwerk die blanken Lederhelme der königlichen Bogenſchützen, aus dem Gebüſch rauſchten ſie heran, vor dem Thorwege wuchſen ſie aus der Nacht als ſchwarze Mauer, und ihr edler Führer, kenntlich am blanken Bruſtharniſch und den zwei Adlerfedern auf der Helmſpitze ſprang über die Mauer, warf die Bauern links und rechts zur Seite, und hob das niedergeſunkene 302 Fräulein in ſeinen Arm auf. Eleonore war ohnmächtig geworden, das Beil des getroffenen Blutmenſchen hatte dennoch ihren Arm verwundet, als ſie aber erwachte und ſich an der Bruſt ihres Halbbruders Fitz⸗Alan wie⸗ derfand, da ſtieß ſie ein Freudengeſchrei aus, verbarg aber ſogleich wieder ihr Geſicht an ſeiner Schulter, denn in ihrer Phantaſie lebten noch die Schreckenbilder von vorhin.— Der menſchliche König hatte zwar die Verfolgung des verführten Volks unterſagt; aber die Ritter, vom glühendſten Haſſe gegen die Mörder ihrer Verwandten, gegen die Zerſtörer ihrer Schlöſſer entbrannt, achteten nicht beſonders auf den Befehl, trieben die Flüchtigen hinab am Themſeſtrome, und ließen ihre gerechte Wuth aus an denen, die in ihre Gewalt geriethen. Der größere Theil des Heeres, welches Gottes Fügung ge⸗ rade in der entſcheidenden Stunde zur Rettung der Krone und des Königthums herbeigerufen, folgte ohne Auf⸗ ſchub dem jungen Monarchen in die Reſidenz, und ihr Erſcheinen war dort ſo unerwartet, daß die Mehrzahl der Aufrührer in den von ihnen gewaltſam eingenom⸗ menen Betten gefangen wurden, da ſie gewohnt wor⸗ den, die Nächte mit Schwelgereien jeder Art zu ver⸗ bringen. Nachdem die alte Ordnung und Sicherheit in London auf's Schnellſte hergeſtellt, brachen die größten Edel⸗ leute ungeſäumt im Geleit ihrer Vaſallen auf, um von ihren Schlöſſern und ihrem beraubten Eigenthume wie⸗ der Beſitz zu nehmen, ihre verſprengte Dienerſchaft, ihre verſteckten Verwandten aufzuſuchen und zu ſammeln, 303 und wenigſtens Alles, was noch nicht vernichtet worden, zu retten. Traurig ſahen ſich dieſe einzelnen Ritterzüge an, denn nicht eine Familie fand ſich, welche nicht ſchmerzliche Verluſte zu beweinen hatte, und alle Führer der Reiſigen trugen beflorte Schilde, und ſchwarze To⸗ desfahnen weheten überall zwiſchen dem Stahlgeſchmeide, und die weißen Panzerhemden der jungen Barone be⸗ ſchattete die dunkle Schärpe. Mit dem Sir John Newton war ſeit dem Gefecht an der Dartforder Brücke eine große Veränderung vor⸗ gegangen. Der frohherzige Jüngling hatte ſich in einen menſchenfeindlichen Karthäuſer verwandelt, und nur wo es den Dienſt des Königs galt, an den ihn ſein Eid, mehr noch die Jugendfreundſchaft kettete, oder wo die Gelegenheit zur Befeindung der Mörder ſeines Glücks ihn aufrief, kamen Worte auf die Zunge, kam Bewe⸗ gung in die abgefallene, vom tiefſten Grame verzehrte Geſtalt des Junkers. Bittere Vorwürfe nagten an ſei⸗ ner Seele, daß er an dem ſchrecklichen Tage, wo er zu Wrotham die beſchimpften Reſte der Geliebten ge⸗ ſehen, ſich im etſten Gefühl des Entſetzens dem Rachdurſte hingegeben, daß er nicht für die zarten Ueberbleibſel der Geliebten geſorgt, und ſie mit ſich davon geführt hatte. Jetzt ruhete ſein Gemüth nicht eher, bis er den Lord Arundel und Eleonorens Bruder zum eiligſten Streifzuge nach dem eingeäſcherten Schloſſe des Sherifs aufgeſpornt; eine innere Stimme ſagte ihm, dort würde auch er die gewünſchte Ruhe finden; ja er war faſt gewiß, dort an dem Orte, der noch allein auf Erden Werth für ihn haben konnte, dort auf dem Grabe der Geliebten müßte auch ſein ihm verhaßtes Leben, das nur künſtlich durch den Sturm der täglichen Ereigniſſe aufrecht erhalten, 304 zuſammenbrechen, und ſchnell und ſanft in dem Gedanken der nahen Vereinigung mit der Verklärten zu Ende gehen. Der König gab ſeinem Oberrichter ein Geſchwader ſeiner Leibreiter zur Bedeckung mit und dem Freunde ein Fähn⸗ lein ſeiner Bogenſchützen, und der ergrimmte Lancaſter raunte dem jungen Fitz⸗Alan zum Abſchiede in das Ohr, im Vorbeireiten das verhaßte Dartford, den Geburtsort der Rebellion, nicht zu vergeſſen, den Flecken zum Erem⸗ pel des ganzen Reichs der Erde gleich zu machen, und die Reichſten der Bewohner deſſelben für das nöthige Blutgericht mit zurückzubringen. Es war ſchon ſpät am Tage, als der alte Lord Oberrichter und ſein Geleit London verließ, und ohne Gefährde ſetzte der kleine Heerhaufe ſeine Reiſe fort bis in die Nähe der Brücke des Flüßchens Darent, welche ſie zu paſſiren hatten. Da kamen die Vorwachen zurück getrabt und thaten die Meldung, wie ſie ſo eben im Mondlicht einen bedeutenden Haufen Landvolk im Eil⸗ marſche von Süden her zur Brücke ziehen geſehen, wie die Rotte, welche wohl bewehrt geſchienen, den kleinen Fluß überſchritten hätte und ſich gegen Dartford hin ge⸗ wendet. Der Oberrichter befahl ſogleich dem Sohne, mit den Schützen und der größern Hälfte der Reiter dieſer verdächtigen Schaar zu folgen, und Fitz⸗Allan, ſich des herzoglichen Auftrages erinnernd, rückte langſam und vorſichtig rechts hin der Ortſchaft zu. Schweigend ſetzten die Uebrigen ihre traurige Reiſe fort, und gegen Mitternacht gelangten ſie zu den ge⸗ ſchwärzten Ruinen von Wrotham⸗Caſtle. Mitten im Forſt warf ſich plötzlich Newton vom Pferde. Hier war's! rief er mit gepreßter Stimme, und mit Erſtau⸗ nen ſah der alte Lord, wie ſich der Jüngling auf die 305 Erde niederſtürzte, und mit lautem Schluchzen das Ge⸗ ſicht feſt in das bethauete Waldgras verbarg.— Der Ritter hat Recht, ſagte ein alter Gardiſt, wel⸗ cher neben dem Oberrichter hielt, hier iſt der Mordfleck; hier fanden wir die Leichen; dort an der Krüppeleiche hing der Kaſtellan, und die armen Ladies, denen die unverſchämten Hunde kaum einen Fetzen vom Kleide ge⸗ laſſen, lagen hier auf dem Mooſe wie geſchlachtete Läm⸗ mer. Ich war dabei und half ſie ins Gewölbe tragen nach Chriſtenpflicht.— Erſchüttert ſtieg auch der Greis vom Pferde, und bog ſeine lange Geſtalt zu dem Jünglinge nieder und faßte ihn ſanft unter die Arme. Sei ein Mann, John, ſagte er. Thränen wecken keine Todten. Mir nahmen ſie ja die einzige Tochter, die liebliche Pflegerin meines Alters. Trauern wollen wir zuſammen, John; aber trauern, wie es Männern geziemt.— Der Liegende erhob ſich mit Kraft und ſtand raſch auf vor dem Vater, aber in ſeinem Geſichte erſchien der Schmerz von einem wildern Gefühle auf einmal ver⸗ wiſcht zu ſein.⸗ Warum ließet Ihr ſie reiſen, Mylord? Warum allein, ohne Schutz? entgegnete er mit Heftigkeit. Warum wieſet Ihr meine Werbung zurück mit ſtolzer Härte? Ich ſollte zuvor eine hohe Stelle im Königreich erwerben; meiner Mutter Bruder ſollte zuvor zu Grabe gehen, und ich ſeine Schlöſſer, ſeine langen Titel ererben. Wäre ſie mein geweſen, Braut oder Gattin, ſie hätte dieſe unglückliche Reiſe nicht gethan, nicht allein ge⸗ than. O Mylord, ſetzte er weicher hinzu, wüßtet Ihr, was Ihr mir genommen habt! Sie hat Euch geliebt, o ſie war ja fromm und gut, und keine der Tugenden Blumenhagen. IX. 20 306 fehlte ihr. Aber mich hat ſie mehr geliebt als Euch, als ſich ſelbſt, als die ganze Welt mit allem Schönen darin, und hättet Ihr ſie geſehen wie ich, hier auf die⸗ ſem Platze, wie die nackten, weißen Schultern mit wei⸗ ten, blutigen Wunden zum Himmel aufklagten, wie das lange blonde Seidenhaar auf dem ſchwarzen Mooſe hin⸗ floß, gefärbt von dem warmen Blute, was aus der zer⸗ ſchlagenen Stirn herabrann, Vater, Vater, Ihr würdet nicht ſo kühl reden von Weinen und Trauern, wo es nichts mehr zu hoffen gibt, als ein gebrochenes Herz, wo die Liebe nur noch ein einzig Geſchäft hat, den Leib der Geliebten in eine ehrliche Ruheſtätte zu betten, noch einmal zu ſchauen das Entſetzlichſte und ſich den ge⸗ wünſchten Tod zu gewinnen in dieſem letzten Augen⸗ blicke.— Der alte Lord wendete ſich ſchmerzlich von dem Kla⸗ genden und dieſer verſank in ſein gewöhnliches düſteres Schweigen. Man ſtieg in die Mauern der Ruinen hinauf; Fackeln wurden angezündet, und unter der Führung des hier bekannten Gardiſten kam man zu dem Gewölbe, wo damals die Leichen geborgen worden, und arbeitete zugleich daran, den Schutt der ſpäterhin noch nachgeſtürzten Wände vom Eingange deſſelben zu ent⸗ fernen. Aber ein Hinderniß, woran Niemand gedacht, trat hier den frommen Vorſätzen der Leidtragenden ent⸗ gegen. Die warme Jahreszeit hatte ihre Herrſchaft geübt an dem, was ihrer Zerſtörung hingegeben, und die erſten der Arbeiter, welche in den geöffneten Ein⸗ gang des Gewölbes zu treten verſuchten, taumelten von den giftigen Dünſten des Todes betäubt zurück an die heilende Luft. Es iſt nicht möglich, die Wünſche from⸗ mer Liebe auszuführen, ſagte der Lord mit Faſſung, —— 307 die Erde übte ſchonungslos ihr Recht an ihnen. Laſſet ſie ruhen und ſchließt die Gruft. Der Auferſtehungsengel wird ſie auch hier finden und erwecken.— Nein, nein! unterbrach ihn Newton mit den Geber⸗ den eines Wahnwitzigen. Ich muß ſie noch einmal ſehen, muß ihrer lieben Hülle Abbitte thun und an ihrem Her⸗ zen ausathmen. Kalte Menſchen, gebt mir die Fackel, ich bringe dieſem liebloſen Vater ſein Kind, oder bette mich zu ihr.— Ich verbiete es! entgegnete der Oberrichter mit Strenge. Haltet den Wahnwitzigen! Selbſtmord in der Nähe der erſten Obrigkeit des Königreichs ausgeführt, würfe Schimpf auf uns wie auf ihn.— Die Gardiſten befolgten den Befehl des Greiſes und vergebens rang der junge Ritter gegen die Stärke der Ueberzahl. Da trat ein Reiter mit verſtörtem Aeußern in den engen Winkel der Ruinen, worin das Gewölbe ſich öffnete. Sehet Euch vor, Mylord! rief er kurzathmig. Es brennt jenſeits des Waſſers, und in der Heide ſieht man dun⸗ kele Haufen, die ſich heran bewegen, ja im Forſte ſchon hörte die ausgeſtellte Schildwacht das Gemurr nahender Stimmen.— So laßt mich, ihr jämmerlichen Seelen! ſchrie John. Soll ich nicht zu ihr, ſo will ich ihr ein Opfer⸗ feſt halten, und ihr Grab mit dem Blute der Mörder beſprengen, und trifft mich im willkommenen Kampfe ein befreundetes Schwert mitten in das zerriſſene Herz, dann wird doch der grauſame, eiskalte Mann der Ge⸗ rechtigkeit nichts gegen meine Erlöſung einzuwenden haben.— Ehe er noch ausgeredet, hörte man lautes Getümmel dicht am Schloſſe und der Ruf: Es lebe der König? 308 tilgte alle Sorge und lockte den Trauernden von der Gruft fort in den freien Hofraum. Fitz⸗Alan war es mit ſeinen Schützen, welcher, nach⸗ dem er Dartford beſetzen laſſen, mit dem Reſt ſeiner Leute dem Vater ſorglich nachgezogen. In der Mitte ſeiner Wappner wurden viele Gefangene geführt, und ſein Schwert vor dem Vater ſenkend, ſtellte er ihm ſeine lebendige Beute vor.— Dieſe hier iſt des berüchtigten Ziegeldeckers Eheweib, ſetzte er hinzu, und hier ihr ſchmuckes Töchterlein, die Urſache des ganzen Brandes im Lande, und darum für die Neubegier der Majeſtät und des Parlaments ſicher⸗ lich das köſtlichſte Geſchenk.— Brav! Mein Sohn! antwortete Lord Arundel. Heil Dir, denn Du lieferteſt dem Gericht ſeinen beſten Schatz. Sah das Reich nie eine grauſenvollere Rebellion, muß auch das Volk durch das grauſenvollſte Strafexempel gewarnt werden gegen künftige Verbrechen; ohne Gnade wird das Geſetz ſprechen, und des Majeſtäts⸗ und Kir⸗ chenſchänders Blut vertilgen in Kind und Kindeskinde.— Und doch, mein edler Vater, fürchte ich, dieſe wer⸗ den Fürſprecher haben, denen ſelbſt Englands geſtrenger Overrichter nicht widerſtehen möchte, entgegnete Fitz⸗ Alan.— Und väte für ſie der König ſelbſt, fiel heftig der Lord ihm ins Wort, und käme die Prinzeß vor den ſchwarzen Tiſch und kniete ganz England an den Schranken! Das Blut des Erzbiſchofs ſchreit zum Himmel und meiner Eleonore Schatten will verſöhnt ſein.— Da drängte ſich ein weiblich Weſen aus dem Haufen und bog das Knie und ſtreckte die Hände empor. Und wenn Eure Eleonore ſelbſt für die Armen flehet, denen ——,— 309 ſie Ehre und Leben verdankt? ſtammelte die Knieende mit bewegter Stimme.— Zurück wich der verſtummende Lord, erſchüttert von den Tönen, doch durch die fremde Tracht unſicher ge⸗ macht; Newton aber ſchrie laut auf, flog auf die Ge⸗ liebte zu, riß ſie auf an ſeine Bruſt und hatte kein Wort für das Gefühl, das ſein Herz zu ſprengen drohete, er ließ das Mädchen nicht aus ſeinen Armen, als jetzt auch der zur Beſinnung kommende Vater, zärtlich und weich geworden in dem plötzlichen Uebergange aus Schmerz zum Entzücken, die Tochter umhalſete und Aufklärung von ihr verlangte. Eleonore erzählte kurz ihre Schick⸗ ſale; Vater, ſetzte ſie jedoch zuletzt betonend hinzu, der eigentliche Retter Eures Kindes bleibt Sir John; konnte ſein tapferer Arm mich nicht beſchützen, ſo ſchirmte mich doch ſein edler Geiſt; denn hätte ſeine liebe Hand dieſen Leuten nicht wohlgethan, hätte ſein getreues Herz meinen Namen nicht genannt und er nicht mein gedacht zu aller Zeit, ſo wäre Eure Tochter verloren geweſen für Euch, und hätte nimmer wieder an Eurer Bruſt geruht, wie jetzt.— Ich verſtehe Dich, ſprach der Lord freundlich, hat der Wahnwitzige ſich doch in der Gruſt des Todes zu Dir betten wollen, ſo mag er ſich Heilung ſuchen an einem freundlicheren Orte.— Durch die Begebenheiten dieſer Nacht war der letzte Funke der Rebellion erſtickt worden, denn keiner der Hauptanführer entrann zu neuem Frevelwagniß, mehre waren getödtet, die meiſten gefangen, und büßten auf ſchreckliche Weiſe ihre hölliſchen Thaten ab. Hilliards 310 Frau und Tochter verbarg Eleonore dankbar auf den fernen Gütern ihres Vaters, und vergaß ſie nicht an der Seite ihres Johns, nicht im Glanze des Hofes. Das Volk gewann nichts durch ſeine Opfer; das Par⸗ lament anullirte die Verſprechungen des Königs, und fühlbarer noch wurde der Druck des Adels, den jetzt nicht Gewohnheit übte, ſondern den Haß und ſehwierigt Rach⸗ ſucht gerecht nannte. Auch König Richard I. erfüllte nicht die Erwartungen, welche das Reich von dem hoch⸗ herzigen Jünglinge gehegt. Schmeichelei verdarb ſein Gemüth, Sucht nach Vergnügen zerſtörte die edlen An⸗ lagen ſeiner Seele. Seine Günſtlinge ſogen das Land aus, und da die Urſache ihres Uebermuths nur in der Schwäche des Königs gefunden werden konnte, wurde dieſer ſelbſt den zurückgeſetzten Baronen immer verhaßter. Sein eigener Vetter, Heinrich von Hereford, Lancaſters Sohn, entthronte den König und ließ ihn gefangen auf einer ſchottiſchen Veſte bewahren. Die Sage geht, man habe ſeinen Körper unverletzt, aber Mumien gleich ge⸗ dörrt in einem Kerker derſelben gefunden, wo ihn unglück⸗ ſelige Herrſchſucht wahrſcheinlich dem ſchrecklichen Hun⸗ gertode preis gegeben.— — J — — — 8 S S 8 1 ẽ R Am Fuße der Pyrenäen, und zwar an ihrer weſtlichen Seite, da, wo Navarra und Aragon ſich berühren, liegt ein kleines, merkwürdiges Thal. Das majeſtätiſche Gebirge, welches zwei an Charakter und Sitte gleich verſchiedenartige Nationen trennt, und wie ein wachſamer, ſchiedsrichterlicher, verſöhnender und ſcheidender Freund zwiſchen ihnen ſteht, der in unermüdeter Sorge die ſtreit⸗ ſüchtigen Nachbarn, deren ungleiche Temperameute täglich Uneinigkeit hervorlockte, mit ſtarken Armen von einander abhält: dieſes majeſtätiſche Gebirge verläuft nicht lehne und ſanft in das Land, ſondern es verſtrahlt ſich mit niedern und höhern Felszacken in die Ebenen. Es ähnelt einem furchtbaren Herrſcher, der, auch fern vom Haupt⸗ ſitze ſeiner tyranniſchen Gewalt, fern von ſeinem unbe⸗ zwinglichen, unzugänglichen Feldlager, durch vorgeſchobene mit Kriegsrotten beſetzte Kaſtelle und Zwingthürme die Völker bedräuet und im Zwang hält. Von zweien ſolcher mächtigen Zackenſtrahlen eingekreiſet, liegt das enge Thal; der düſtre Waldwuchs auf den Felſenarmen be⸗ ſchattet es mit einem ſo dichten Dache, daß es faſt vom Sonnenlichte ausgeſchloſſen iſt, und darum ſein ödes und ſchauriges Innere jeder Vegetation entbehrt, und ſeine Tiefe deßhalb ſelbſt von ſcheuem Wilde und munterm 314 Waldgeflügel unbeſucht bleibt. Der Raum des Thales iſt nicht groß; es verſchmälert ſich gegen ſeinen Eingang hin, und dieſer wird dazu faſt verſchloſſen durch ein Ge⸗ birgswaſſer, das dicht hinter der Spalte, welche die beiden Felſenarme bilden, zur Rechten in einer Stein⸗ rinne herniederrauſcht, in einen ſchäumigen Katarakt ſich ausbreitet, und, indem es den Weg in die freiere ab⸗ hangende Fläche ſucht, die Pforte des Thales über die Hälfte für ſich gebraucht. Verſchleiert erſcheint dadurch der ſchmale ſchlüpfrige Pfad in das Thal für den flüch⸗ tigen Blick des Wanderers, die meiſten der nächſten Land⸗ bewohner haben keine Ahnung vom Daſein dieſer Schlucht, und nur Wenigen der Jäger und Hirten wurde durch Zufall dieſes ſeltene Verſteck bekannt. Im Innerſten des beſchriebenen düſtern und unheim⸗ lichen Ortes, unter einem Gewölb, das der überhangende braunrothe Gebirgsſtein bildet, brannte ein kleines, wär⸗ mendes Feuer, und daneben lagerten zwei menſchliche Geſtalten, die zu der rauhen und unfreundlichen Um⸗ gebung zu paſſen ſchienen Dicht an der kniſternden Flamme ſaß ein uralter Zigeuner, den nackten und dürren Arm aufs Knie und den mit langem, verwirrten Silber⸗ haar bedeckten Kopf auf die Hand geſtützt, und neben ihm lag eine junge Tochter deſſelben verſtoßenen Volks⸗ ſtammes, und ſchauete mit ſchwarzen, funkelnden Augen, die in einem zwar ſonngebräunten, aber recht anmutbi⸗ gen Antlitz leuchteten, ſtarr in die rothen Feuerzacken und in das ſchwarze Dampfgewölk und die von den friſchen Tannenſcheiten aufziſchenden Funken, als wollte ſie daraus Zukünſtiges, nach der Weiſe ihres Propheten⸗ geſchlechts, erforſchen. Die dunkle Kleidung des Mäd⸗ chens, mit bunten, ſchreienden Farben ausgeziert, der — — 315 vrientaliſche Kopfputz, ſo wie der ungegerbte Schafpelz, den der Alte über ſeinem Wammſe trug, erhoben das Fremdartige der Gruppe bis in die Sphäre der Roman⸗ tik, nur fehlte dazu ein Jünger der Kunſt als Zeuge, um das romantiſche Bild feſtzuhalten. Das Auge des dunkeln Mädchens wendete ſich jetzt langſam von den Flammen hinweg und erhob ſich zu dem greiſen Gefährten; ſcheu ſah das Weib alsdann rundum, und ein tiefer Athemzug verkündete das Bangen ihres Herzens. Hat der Geiſt der Nacht ſeine Mohnkörner auf Dein Haar geſtreut, Vater Aſchmir? fragte ſie halblaut. Oder warum ſonſt ſpricht in dieſem Grabe Deine Zunge nicht zu Deiner Sohnestochter? Damgaja fürchtet nicht den Wald und die leere Heide, aber die Fledermaus ſchwirrt um unſer Feuer und der Uhu ſchoß durch die Tannenäſte, und dieſe Boten des Unglücks machten das Herz gefrieren unter der heißen Bruſt.— Der Alte hatte ſchon bei den erſten Tönen der wohl⸗ klingenden Stimme ſein Haupt erhoben und ſeine dür⸗ ren Finger auf ihre marmorkalte Schulter gelegt. Der Schlaf iſt kein Freund der Greiſe, Tochter Hyderabads, entgegnete er alsdann. Deckte auch Aſchmirs Augen das müde Augenlied, ſo wachte doch ſeine Seele und lebte in fernen Tagen, deren Sonne längſt erloſchen. Könn⸗ teſt Du, gleich mir, achtzig Sommer zählen, hätteſt Du ſo oft den Wald ſein grünes Kleid anziehen und wie⸗ der ablegen geſehen, ſo Viele geboren werden und wieder begraben, Dein Mund würde ſprechen wie der meine: Was da neu ſcheint, iſt alt; was da kommt, iſt ſchon da geweſen; die Welt iſt ein Ungethüm, deſſen Rachen die Kinder, die es gebar, wieder verſchlingt, um ſie in 316 den nächſten Tagen wieder an das trügeriſche Licht zu ſpeien.— Finſter iſt Deine Rede, wie dieſe Schlucht, für Dam⸗ gaja's Sinne, antwortete das Mädchen. Aſchmir iſt der Altvater unſeres Stammes in den geſegneten Ländern, wo man Hiſpaniſch ſpricht; Dein Prophetengeiſt fieht weit; o ſage Deinem Kinde, ob Du mit dieſen Worten auf mein Schickſal deuteſt, ob böſe Mächte zerſtörend dem Glücke dräuen, was meiner wartet, ob Du ſchwarze Geiſter ſchaueſt in den Tagen, die mir und ihm kommen werden?— Bebe nicht, Tochter meines letzten Sohnes, entgeg⸗ nete der greiſe Zigeuner, Du biſt der Stab, der den gekrümmten Eichbaum ſtützte, Du biſt die Hand und das Auge des gelähmten, halbgeblendeten Löwen. Wie könnte undankbar der Vater Deines Vaters Dich durch falſchen Rathſchluß verderben wollen? Aber die Prophe⸗ tenbilder leben nur in uns, außen decken Nebel die Welt für jedes Auge, was da ſtirbt; doch die alten Götter ſehen hell, wenn auch ihre Häuſer zerfielen; ſie bewachen die Schritte der Verſtoßenen und Geächteten, und der Glanz der Väter am Indus und Ganges kann kehren für die Flüchtlinge, wenn die Allmächtigen wollen. Dar⸗ um ſoll der Menſch nicht entgegenſtrecken den Arm der Ohnmacht, wenn auch beſondere Pfade vor ſeinen Füßen ſich aufthun.— Horch! rief das Mädchen. Erklangen nicht Stimmen jenſeits des Waſſers 2— Die Stimme tönte in Deinem Herzen, Damgaja! lächelte der Alte. Lege Deiner Ungeduld den Zaum an; Deine Zukunft wird es nöthig haben, denn ſtatt Deines alterſchwachen Herrn bekommſt Du jetzt einen Gebieter, ——— ————— ——— — —— 317 der einen ſtrengern Willen haben wird, und in deſſen Launen Du Dich fügen mußt, wie eine Jedwede, die von der Mutter der Menſchen abſtammt.— Der ſchöne Mann liebt Damgaja, und Damgaja wird gern ſeinen Wünſchen gehorchen, ſprach demü⸗ thig das braune Kind. Aber Du bleibſt ja immer bei mir, Du wirſt mich unterweiſen, wie ich thun muß gegen ihn, damit die Flamme ſeiner Liebe nimmer ver⸗ löſche.— Er hat es gelobt, uns nie zu„ bis die Erde meinen Staub fordert, und in ſeinem Blicke leuch⸗ tet der Blitz der Wahrheit, antwortete der Alte ernſt. Aber er lebte ſeine Jugendtage fern von den heimath⸗ loſen Söhnen der Wüſte; wir wiſſen nicht, ob er ſo feſt Treue und Wort bewahrt, wie es uns angeboren worden; Aſchmirs Erfahrung hat ſchon gleich ſchöne und edle Männer als Wortbrüchige geſehen in den Zei⸗ ten, die geweſen, ehe Du das Licht des Tages weinend begrüßteſt.— Er nicht! Er nicht! fiel Damgaja lebhaft ein. Seine Zunge iſt lduteres Gold, ſein Blick iſt feurig, aber das Feuer iſt weiß, wie Sternenlicht, nicht roth, wie der zündende Wetterſtrahl. Außer Dir könnte Damgaja nur ihm ihr Leben anvertrauen. Und hat er doch das arme Kind geſucht, wie der Hirſch das Waſſer, und hat heilig beſchworen ſein Liebeswort, und iſt mild und beſcheiden geweſen gegen die unbeſchirmte Waiſe, nicht dreiſt und unverſchämt, gleich den meiſten.— Schaue nach Weſten, Kind, ſprach jetzt der Greis. Der rothe Mond will tauchen ins Meer, und ſein Strahl trifft den Eingang dieſes Thals, und der ſilberne Schleier des Waſſerfalls blitzt ſchon, von ihm beleuchtet; die 318 Stunde iſt da, wo er kommen muß, iſt er anders kein Meineidiger.— Das Mädchen ſprang auf und ſtarrte nach dem ſchönen Schauſpiele, welches ſich immer prachtvoller ent⸗ wickelte, doch ſah man, wie ein inneres Erbeben ihre ſchlanke Geſtalt ſchüttelte. Jetzt ſtand der volle Mond gerade dem Eingange gegenüber, und alle die Silber⸗ ſtrahlen des ſtürzenden Felſenbaches tanzten lebendig durcheinander und übereinander, und es war, als wenn ſie lauter und fröhlicher rauſchten; da tönte der ſelt⸗ ſame Schrei des bunten Vogels, der im Moore niſtet, herein, und als der Alte das Zeichen ähnlich beantwor⸗ tet, ſchritten zwei Geſtalten durch den glänzenden Spritz⸗ regen, und näherten ſich mit Eile dem Platze, wo das Feuer nur noch in rothen, großen Kohlen kniſterte, ähn⸗ lich der Glut, welche, wie der Aberglaube erzählt, an den Plätzen ſich zeigt, wo reiche Schätze vergraben liegen.— Der erſte der Nachtwanderer, die ſich näherten, war ein ſchmutziger Zigeunerknabe; ihm folgte mit haſtigen, ſtarken Schritten ein ſchlanker Mann, faſt noch Jüngling, denn nur die Spur eines dunkeln Bartes beſchattete den friſchrothen, üppig aufgeworfenen Mund. Seine Tracht war die der Zigeuner, aber der Stoff war feiner, nicht abgetragen, ſondern feſtlich. Kaum hatte er das Mäd⸗ chen erblickt, ſo ſchob er mit einem Griff der Hand her⸗ riſch und roh den führenden Knaben zur Seite, trat raſch ihm voraus, und umfaßte die Schwarzäugige dreiſt und feurig. Du haſt einen ſeltſamen Platz zur Hochzeitkammer ausgewählt, Alter, ſprach er mit hellklingender Stimme, der Fußpfad am Katarakt war ſchlüpfrig, wie irgend 319 ein Parquet im El buen Retiro, und die Najade hat unverſchämt mir Wangen und Locken beſpritzt. Die egop⸗ tiſche Waſſerprobe habe ich glücklich beſtanden; haſt Du etwa auch Anſtalten zur Feuerprobe gemacht2 Ich fürchte ſie nicht, beſtand ich ſie doch längſt ſchon in Damgaja's Armen und an ihrer heißen Bruſt in einer höhern Glut, als Du anzufachen vermagſt, und wenn Du alle Wälder der Pyrenäen zu einer ungeheuern Lohe entzündeteſt.— Feſter umarmte er das Mädchen, das ſich hingebend an ihm auſſtreckte, und ſeine Augen blitzten heller, als das Kohlfeuer, und er preßte ohne Scheu lange Küſſe auf den Mund der Bebenden. So haſt Du Wort gehalten, Joſe? rief ſie mit hal⸗ bem Athem zwiſchen ſeine heftigen Liebkoſungen. So war Deine Neigung kein Kind der flüchtigen Luft? So haſt Du die arme Damgaja nicht vergeſſen in den langen Tagen der Faſten und Entbehrung?— Der junge Mann dehnte ſeine ſtattliche Geſtalt höher aus, machte ſich halb los von ihr, und ſein Geſicht be⸗ kam ſtrenge Züge. Iſt in Spanien die Lüge zu Hauſe? fragte er ernſt und vorwurfsvoll. Hielt ich dem alten Weißkopfe dort mein Verſprechen, zwei volle Wochen die ſüße Frucht Deiner Liebkoſungen zu entbehren, um ſo viel mehr mußte ich Dir ja halten, was mein Herz Dir gelobt, ehe es noch der Mund geſprochen.— Der Greis war indeß näher getreten, und die Blicke ſeines tiefliegenden Augenpaares hatten ſcharf forſchend auf dem Antlitz des Jünglings gehaftet. Haſt Du die Bedenkzeit benutzt? fragte er langſam und ſchwer be⸗ tonend. Biſt Du nicht leichtſinnig wie der Fink über die Stunden hinweggehüpft? Und biſt Du noch entſchloſſen?— 320 Entſchloſſen wie der Cid, wenn er zur Schlacht mit den Mauren ging, antwortete der Jüngling mit einem Anfluge von Schalkhaftigkeit.— Und wirſt halten jede Bedingung? fuhr der Alte fort.— Getreuer, wie die katholiſche Majeſtät ihre Verſpre⸗ chungen dem Volke, das die Negros und Franzeſes ver⸗ nichtete! entgegnete der Mann in demſelben Tone.— Damgaja iſt eine ſchöne Blume unter ihren Schwe⸗ ſtern auf der Heide, ſprach der alte Zigeuner; ſie iſt rein, reiner iſt nicht der Quell, der dort niederrauſcht, da, wo er aus dem kalten Geſtein ſprudelt. Aſchmir hat das Kind gehegt, wie der indiſche Kaufmann ſeinen koſtbarſten Demant, und ſind dieſe Knochen auch morſch geworden im Wetter der Zeit, iſt dieſes Fleiſch auch trocken geworden wie die Mumie im Lande der Weis⸗ heit, Aſchmir wird nie leiden, daß ſein Kleinod befleckt werde, und birgt ſich eine Schlange in Deinem Herzen, welche Damgaja verwunden, verderben könnte, ſo fürchte Aſchmirs Rache. Dreitauſend unſeres Stammes ziehen und lagern vom Biscayiſchen Meer bis zum Cap de Creus, ſie alle gehen auf leichter Sohle und ihre Arme ſind ſchnell wie der Wetterſtrahl; und alle dieſe Dreitauſend find bereit, wenn Aſchmir Tirawandaburum ſie ruft. Bedenke das, junger Menſch, ehe Du thuſt, was nicht ungeſchehen wird, iſt es gethan.— Ich habe bedacht, alter Prediger, antwortete der Jüngling mit ſtolzem Freimuth; die Söhne dieß erge pflegen zu bedenken, ehe ſie den Arm erheben ud den Fuß ausſtrecken, und Du ſiehſt, ich kam, ſtehe vor Dir und halte das Mädchen meiner Liebe im ſtarken Arme.— Der Alte nickte wohlgefällig, und doch fuhr er lang⸗ ſamer und mit einer Stimme fort, die grell durch die * —— 321 Luft ſchnitt; wie der pfeifende Wind, der ſich zwiſchen den Felsſpalten über ihnen hören ließ. Und wer iſt die Armſelige, welche Du das Mäd⸗ chen Deiner Liebe nennſt, ſtolzer Knabe! fragte er mit Bitterkeit. Wo prangen ihre Güter und welchen Na⸗ men trägt ihre Familie!— In einem Viehſtalle, der nicht ihrer Mutter gehörte, that ſie den erſten Lebensſchrei; ihre Angehörigen ſchlafen auf der Heide und in den Waldſchluchten; frage den Niedrigſten, den Bettler im Volke, und er nennt alle ihre Vettern Diebe und Be⸗ trüger; ſuche die Gruft, wo ihre Vorfahren den langen, ewigen Schlaf fanden; im alten Fuchsbau der Ebene liegen ſie verſcharrt, oder in einer Berghöhle, mit den Rieſenknochen der Bären zugedeckt, die vor Jahrtauſen⸗ den, von einer Sündflut bedroht, ſich in dieſe Schlupf⸗ winkel flüchteten, wie wir uns hineinflüchten vor dem unverſöhnlichen Haß der Völker. Ja, Du kecker Geſell, höre und löſche Deine thörichte Liebesfackel im unreinen Sumpfe: der Vater Deines Liebchens ſchleift die eiſerne Kugel auf den Galeeren von Granada; ihr Bruder ſtarb zu Pamplona am Galgen, und ihre beiden Schweſtern hat das heilige Officium zu Toledo als Läſterinnen in die Keller ſeiner grauen Thürme begraben; der böſe Geiſt mag wiſſen, ob zu luſtiger Strafe oder zu ſtraf⸗ barer Luſt; unſere verſchmitzteſten Taſchenleerer haben nichts von ihnen erlauſchen können. Nun, Du eiteles Bürſchkein, wie behagt Dir ſolche Verwandtſchaft?— Beim San Jago von Compoſtella, Du alter Narr maleſt einen Stammbaum, der Seinesgleichen nicht hat an glorreichen Ahnherren in ganz Alt⸗Caſtilien! lachte der Jüngling laut auf, indem er das Mädchen noch hef⸗ tiger, als zuvor, umſchlang und unzählige Küſſe auf ihre Blumenhagen. IX. 21 322 heißen Lippen und ihre ſchwarzen Locken und auf ihre glühenden Augen preßte. Ihre Verwandtſchaft wird zur Glorie für die Braut, denn wer unter ſolchen Bluts⸗ freunden ſich fleckenlos erhielt, iſt dem Vogel Phönir gleich, der ſich nur alle tauſend Jahre neu gebiert. Dam⸗ gaja iſt nur ein einzig Mal zur Diebin geworden, da ſie mir die Seele ſtahl; ſie hat nur ein Mal geläſtert, wie ſie am Bach unter der Hangweide mit mir angelte, und ſagte: Ich ſei ihr Goit und ihre Welt! Aber über den Diebſtahl werde ich bei keinem Alcalde Klage füh⸗ ren, und vor den Cenſoren der heiligen und erhabenen Ingquiſition und vor ihren zwanzigtauſend ſpürenden Fa⸗ miliaren werde ich ſie ſchon zu ſchirmen wiſſen, iſt ſie nur erſt mein Weib geworden. Und darum, Vater Aſchmir, ſäume keinen Augenblick länger, und führe uns zu der Kirche oder Kapelle, wo der Prieſter unſere Hände mit heiliger Schnur verknüpfen ſoll.— Feierlich erwiderte der alte Zigeuner: Die Kirche, worin wir anbeten, iſt weiter als der Prado, glänzen⸗ der als El buen Retiro und majeſtätiſcher als Alcazar, der verfallene Palaſt der rechten Könige der vierzehn Königreiche, und alle Schlöſſer der Infanten ſind taube Nußſchalen gegen ſeine Größe und Herrlichkeit. So komm denn, und der große Weltgeiſt laſſe einen nächtlichen Adler uns voranfliegen, und ſcheuche die wilde Katze und den leichtfüßigen Haſen von unſerem Wege!— Er nahm ſeinen langen Stab, vom knotigen Dornbuſch geſchnitten, in die dürre Rechte, und zog den Schafpelz feſter um den magern, gekrümmten Leib, doch ehe er fortſchritt, wandte er ſich nochmals zu dem Knaben. Dilli, ſprach er befehlend, Du weichſt nicht von die⸗ ſem Platze, bis Du uns wiederſiehft. Schüre das Feuer 323 an und ſammle Fallholz dazu. Schütte das Laub auf in den Winkeln, und löſe die Bündel dort, und breite ſorgſam die Decken und Felle über das Laub.— Es iſt Dein Hochzeitsbett, ſetzte er mit einem faſt höhni⸗ ſchen Lächeln hinzu, indem er ſich wieder zu dem Jüng⸗ ling kehrte.— Darf ich die Spatzen braten, die ich mir gefangen 2 fragte ohne Furcht wegen des Zurückbleibens in ſolcher Oede der Bube, indem er ein Netz, das ihm am Gurt hing, zeigte.— Sei Dein Koch, Dilli, und Dein einſamer Tafel⸗ decker. Wir werden unſern Tiſch in größerer Compagnie gedeckt finden.— So ſchritt er mit kräftigeren Schrit⸗ ten, als von ſeinem Alter zu erwarten war, voran, und der junge Mann, an welchen ſich das Mädchen geklam⸗ mert, folgte. Der Mond hatte ſich ſchon längſt unter den weſt⸗ lichen Horizont geſenkt, und nur ein ungewiſſes Licht zitterte auf den vielfach gekrümmten, oft faſt bahnloſen Wegen der Wanderer. Eine Stunde ſchon und darüber waren ſie gegangen, ohne daß der Alte irgend ein Zei⸗ chen der Ermüdung von ſich gegeben, über ſteinige Hü⸗ gel waren ſie geklettert, ſeichte Bäche hatten ſie durch⸗ watet: da ſtreifte das weiche Federgras ſanft an ihre Sohlen, und im Sternenlichte dehnte ſich eine mächtige Fläche vor ihnen aus. Sie betraten die Ebene von Carca⸗ ſtillo. Der Greis hatte bis jetzt kein Wort geredet, ſo lange ſie auch wanderten; vielleicht weil er in ſchwere Gedanken vertieft dahin ſchritt, vielleicht um den Athem ſeiner ausgetrockneten Bruſt zu ſchonen, und das Liebespaar 324 hinter ihm hatte ſein Schweigen nicht zu ſtören gewagt, ſelbſt der kecke Mann flüſterte nur leiſe Worte der Zärt⸗ lichkeit zu dem Mädchen, deſſen rechte Hand auf ſeiner Schulter ruhete, und nannte ſie nur dann und wann ſeiner Seele Stern und die Flamme ſeines Blutes, und wagte nur ſelten eine heimliche Liebkoſung, indem er den Arm um ihre Hüften ſchlug und ſie einen Augen⸗ blick lang feſt an ſich preßte, oder die Finger ſeiner Lin⸗ ken zwiſchen die Umhüllung ihres ſammetweichen Rackens ſchob und mit dem krauſen Gelock deſſelben ſpielte. Jetzt feſſelte der Alte ſeinen Schritt, ſchöpfte tief Athem und deutete mit dem Stabe nach der Mitte der Ebene, wo ein Dutzend kleiner Wachtfeuer zu brennen ſchien und man undeutlich eine Anzahl dunkler Geſtalten ſich durch⸗ einander bewegen ſah, aus deren Mitte ein unharmoni⸗ ſches Geräuſch vom Weſtwinde herübergetragen wurde. Wir ſind am Ziele, ſagte der Alte. Vergiß nichts von dem, was ich Dir anbefohlen, Dowlet Zenagar! Du verſtehſt mich.— Ohne die Antwort zu erwarten, ging er vorwärts gerade aus, der Mitte der Ebene zu. — Mit jedem Schritte, den ſie näher thaten, entwickelte ſich die nächtliche Scene, doch mit der Deutlichkeit ſtieg auch das Grauenhafte derſelben. Anfangs ließ es wie Tanz aus dem Grabe geſtiegener Schatten auf einem Friedhofe; dann glich es einem Hexen⸗Sabbathe; zuletzt den Orgien jener Kannibalen in den neuentdeckten Welt⸗ theilen, wie ſie in den Reiſen der kühnen Weltumſegler beſchrieben wurden.— Sie waren jetzt dem nächtlichen Tumulte ganz nahe gekommen, und der junge Gefährte der ſchlanken Dam⸗ gaja, obgleich ſein Auge vom Bewußtſein der Kraft ſprach und er nicht ausſah wie ein Furchtſamer, ſtand 325 einen Augenblick ſtill, und ſchien die unbekannten Nacht⸗ geſellen flüchtig zu überzählen. Damgaja, deren ſcharfes, an Dämmerlicht gewöhntes Auge ſeine Mienen beachtete, errieth ſeine Gedanken. Es ſind ihrer an dreihundert und drüber, flüſterte ſie; des Naiſims Boten haben die Kinder des Stammes der Pyrenäen und von Vizcaya alle berufen. Aber fürchte Dich nicht, die Granden und Hidalgo's ſind dem Könige nicht ſo unterthänig, wie die braunen Männer des wandernden Volkes Aſchmir, ihrem altergrauen Häuptlinge.— Fürchten! antwortete der Angeredete faſt unwillig. Dich zu beſitzen, Du ſchwarzaugige Lieblingin, ſpazierte ich, gleich dem Orpheus, durch die Hölle. Des Alten Eigenſinn und Deine Sprödigkeit erlaubt mir Deinen Beſitz nur auf dieſe Weiſe, und ſo iſt mein Wille ein Sklav der Liebe geworden in dem Gefühle der Unmög⸗ lichkeit, länger zu leben ohne Deinen Beſitz.— Du zürneſt, flüſterte ſie traurig. O, glaube mir, Damgaja hätte Dir vertraut ohne dieſe Probe Deiner Treue; Damgaja iſt Dein ſeit dem erſten Kuſſe, Dein mit Leib und Seele, aber des Vaters Aſchmirs Meinung und Wort war bis jetzt immer Damgaja's Geſetz; und würde Damgaja vor Deinem hellen Auge nicht geſunken ſein zur Gemeinheit, in der gar Viele unſeres Volkes leben, hätte ſie gegen des Vaters Rath gethan, und würde Dein Herz ſich nicht gar bald von ihr gewendet haben, hätte ſie ſich weniger geachtet?— Der Jüngling preßte ihre Hand. Perle unter den ſchmutzigen Muſcheln, ſagte er mit Empfindung, ja, ja, Du und das alte Bocksgeſicht, ihr mögt nicht Unrecht haben, obgleich meine Seele nicht einſieht, wie es mög⸗ lich, den Kuß und das Schmeichelwort Deiner korallen⸗ 326 rothen Lippen zu entbehren, hat man einmal dieſen Keres gekoſtet.— Die nächſten Wachtfeuer, in deren Bereich ſie gekom⸗ men, erhellten jetzt die Gegenſtände aufs Deutlichſte. Es war eine anſehnliche Bande der Zigeuner, dieſes räth⸗ ſelhaften Volkes ohne Heimath und ſichern Urſprung⸗ welche auf der Ebene ihr Lager genommen, und ſichtlich nicht zu einem flüchtigen Nachtlager auf der Reiſe, ſon⸗ dern zu einem beſondern, ungewöhnlichen Zweck. In einem großen Kreiſe flackerten einige Dutzende gewaltiger Nachtfeuer, doch nicht allein zum Leuchten und Wärmen beſtimmt, ſondern zu noch angenehmerem Dienſte. Große Keſſel hingen über den Flammen, Pfannen ziſchten zwi⸗ ſchen den Kohlen und große Fleiſchſtücke von Wild und zahmem Vieh dreheten ſich am langen Spieße. Eine Menge phantaſtiſch geputzter Weibsleute hockten überall um die Brandſtätten in ununterbrochener Beſchäftigung und ſangen dabei ſeltſam klingende Lieder nach greller, fremdartiger Melodie, ähnlicher den Zaubergeſängen der Vorzeit oder den rauhen Schlachtliedern wilder Völker, und ohne einen Anklang der herzenſchmelzenden Harmo⸗ nie, welche man auf den Fluren Spaniens von den Lip⸗ pen der Frauen zu hören gewohnt iſt. Hinter den Feuern ſah man eine Menge Karren zu Wagenburgen in ein⸗ ander gefahren; große Fäſſer ließen vermuthen, daß ſie den Bedarf des Mundſchenken herbeigeſchafft, und neben ihnen ſtand in einem Verſchlage, von den Wagenleitern und Zuggabeln gebaut, eine Heerde kräftiger, ſpaniſcher Eſel, deren Geſchrei dem Geſange der Weiber mitunter ein gar paſſendes Accompagnement verlieh. Noch mehr nach innen erblickte man die Männer, in verſchiedenartige Gruppen vertheilt; hier ein Haufen auf den duftenden — 327 Heidblumen einer kleinen Erhöhung träge hingeſtreckt; dort eine Anzahl junger Burſchen, die, halb entkleidet, ſich im Ringkampfe athletiſch übten; hier einige Aeltere mit lebhaften Geſtikulationen und verzerrtem Mienen⸗ ſpiele in ein Geſpräch verſtrickt; dort mehre mit Anord⸗ nungen beſchäftigt, die auf das nahe Feſt Bezug hatten, indem ſie einen Troß ſchmutziger Knaben wie Pagen und Lakaien benutzten, und ohne langes Zögern die kurze Riemenpeitſche und die ſchwanke Gerte anwandten, wenn die wilde Brut nicht augenblicklich das Befohlene voll⸗ zog. Der Anzug der Meiſten erſchien als armſelig, der Zufall oder die flinke Diebeshand hatte für ihn geſorgt; doch fehlte nicht das blanke Meſſer im Gurt, nicht das bunte Tuch um das wüſte Haar, auch ſchimmerte man⸗ ches koſtbare Kleinod oder Amulet auf dunkelgelber, nack⸗ ter Bruſt: Dinge, die früher vielleicht auf dem Schnee⸗ buſen einer hochgeborenen Donna oder gar an heiliger Stätte geglänzt hatten. Die Geſichter trugen faſt Alle den Stempel des Laſters und roher Leidenſchaften, doch ragten herkuliſche Geſtalten unter den Männern hervor, wie unter den Weibern manche ſchlanke Geſtalt vom Feuerſchein beleuchtet wurde, die ſelbſt von den weltge⸗ prieſenen Herzensköniginnen Madrids um ihr Ebenmaß, ihre natürliche Grazie und ihre Lockende Jugendfriſche hätte beneidet werden mögen. Der alte Zigeuner zog jetzt in der Nähe des erſten Wachtfeuers ein Horn hervor, von der Stirn eines jun⸗ gen andaluſiſchen Stiers gebrochen, und hauchte einen kräftigen Ton hinein, der dem muthigen Gebrüll des gefürchteten Helden der ſpaniſchen Weiden nicht unähn⸗ lich erklang. Dieſer Hornruf war noch nicht verklungen, ſo ſah man ſchon ſeine Wirkung, und zwar eine ſo 328 ſchnelle und zauberhafte, als hätte er an der Lippe eines Oberons oder Rolands ſeinen Urſprung genommen. All das grauſe Gelärm verwandelte ſich in die tiefſte Stille; Geſchrei, Geſang, ſelbſt das Geraſſel der Kochgeräth⸗ ſchaften verſtummte zugleich; die Weiber ſprangen aus ihren verſchiedenen Stellungen auf, und nahmen eine an⸗ ſtändige Haltung an, die Männer aber hatten ſich mit ſoldatiſcher Schnelligkeit in zwei dichte Reihen geordnet, und indem der Greis und ſeine Gefährten langſam zwi⸗ ſchen ihnen hinwandelten, kreuzten Alle die Arme über die Bruſt und ſenkten das Haupt. Vier ſtattliche Män⸗ ner, nicht jung mehr, doch in vollſter Körperkraft, be⸗ gegneten dem Greiſe etwa in der Mitte ſeiner Bahn; alle vier berührten in ſeiner Nähe mit der rechten Hand den Erdboden, und der größte von ihnen rief mit lauter Stimme: Huſſah dem Naiſim! Huſſah dem Naiſim Aſch⸗ mir Tirawandaburum!— und wie aus einer zerſchmet⸗ ternden Rieſenkehle rief die ganze Bande zu zweien Malen dieſe Worte nach, dann trat dieſelbe Stille ein; die vier Hauptleute gingen dem Greiſe feierlich voran, und nur hinter ihnen entſtand ein leiſes Geräuſch, den ſchwär⸗ menden Bienenſtöcken gleich, erregt durch die aufgelöſete Ordnung der ſich ihnen nachdrängenden Maſſe. Man kam bald an den Mittelpunkt des Feuerkreiſes. Hier lag ein großer Granitblock, wie man ſie in den Ebenen findet, herabgeſchwemmt vom Gebirge durch Waſſergewalten der Vorzeit. Von friſchem Raſen hatte man ſo eben erſt einige Stufen an ihn gelehnt; dieſe beſtieg der Alte und ſetzte ſich auf den Steinblock, ähn⸗ lich einem patriarchaliſchen Fürſten an Würde, ſeinen Dornſtock hochhaltend, als wäre er ein goldenes Königs⸗ ſcepter. Auf vier kleinen Steinen nahmen die Führer —————————— Platz, und nach kurzer Weile ſah man alle die Hunderte in einem dreifachen Kreiſe rundum geſchaart, horchend auf das, was da kommen ſollte.— Laß uns mit hinauf zum Vater, ſprach der junge Mann halblaut zu ſeiner Gefährtin, und ſetzte ſchon den kecken Fuß auf die erſte Stufe. Damgaja zog ihn ängſtlich zurück.— Um Deines Lebens willen nicht, flü⸗ ſterte ſie, nur dem Naiſim, dem Fürſten des wandern⸗ den Volkes, gebührt der Sitz auf dieſem heiligen Steine. — Der alte Zigeuner winkte jetzt vier Male mit ſeinem Stabe nach den Weltgegenden, und dann begann er ſeine Rede. Ihr Söhne des Oſtens, ſprach er, und ihr gehor⸗ ſamen Weiber der Söhne des Oſtens, horchet auf den Willen eures Naiſims, des Enkels der Schahs und Su⸗ hbahs eurer glücklichen Väter, der die heilige Goldfrucht auf ſeiner Bruſt bewahrt, und der von dem großen Geiſt als Haupt über eure Häupter geſtellt worden. Zu uns iſt gekommen Dowlet Zenagar, der Sohn Alums Gurrumkondas, des Subahs unſerer Stämme in dieſem geſegneten Lande, der auf den weſtlichen Heiden, welche das Volk Aſturien benennet, unſere Geſetze bewacht, dem dort die wandernden Stämme gehorchen, wie er ſelbſt uns, dem Naiſim, gehorſam iſt. Er wirbt um unſer Sohneskind, um die ſchöne Damgaja, die unbefleckte Tochter des ſtarken und liſtigen Hyderabad. Er fordert ſie zu ſeinem Weibe, und wir ſind bereit, ſie ihm zu ge⸗ ben, wenn Keiner des Stammes dawider ſpricht. Redet darum ſofort, aber ſchweiget für ewig, wenn drei Athem⸗ züge gethan von jetzt an.— Aller Augen wendeten ſich ſchnell von dem Greiſe und ſchoſſen auf den jungen Unbekannten, den deutlich 330 die Maſſe dieſer blitzenden Seelenfunken zu beunruhigen ſchien; ein leichtes Gemurmel ward hörbar, doch Nie⸗ mand ſprach. Nach einer Weile ſtand der Anſehnlichſte der Führer auf und ſagte mit tiefer, beinahe unwilliger Stimme: Naiſim, es erhob ſich kein Wort aus der Seele des Widerſprechenden. Wir kennen den Sohn Gurrumkondas, des Rühmlichen, nicht, den der Ruf die Elſter nennt; er iſt eben erſt aus den Sohlen des Kna⸗ ben getreten, und hat zum erſten Male ſich den Bergen genähert, die unſer Haus ſind. Kam er allein zu uns, den ſchönſten Schatz des Stammes hinwegzutragen, ſo wird unſer Neid ſeinen Fußſtapfen folgen, die Eiferſucht derer wird ihn haſſen, die ſich würdig fühlen, gleich ihm, von Dir Enkel genannt zu werden. Aber Dein Wille, weiſer Naiſim, iſt heilig allen Söhnen des heimathloſen Volkes, und wir ſind die Hände Deines Befehls.— Hurda Hiſſar, den man den gelben Habicht nennt, erwiderte der Alte mit Strenge, der Naiſim fragte nicht, wo der Neid ſchliche auf den Sohlen des Fuchſes, oder die Eiferſucht auf Krallen der wilden Katze. Der Wi⸗ derſpruch ſchwieg? So ſtimmet an das Lied der tauſend⸗ brüſtigen Göttin.— Ein Geſang begann ſofort von der ſeltſamſten Art, ſpottend allen Formen, in welche die Kunſt von der Ci⸗ viliſation gepreßt, und doch nicht ſelten in ſeiner Natür⸗ lichkeit das Herz ergreifend und die Seele erſchütternd. Wie die Glockenmuſik am höchſten Feſttage in der Stadt der hundert Kirchen, ſchwoll es jetzt zum Himmel; dann tobte es durch die Lüfte gleich dem wildeſten Geſchrei des rebelliſchen Gelärmes einer freiheitstrunkenen Na⸗ tion; dann wieder ſchmolz es zu Klagen hinab, wie die Sehnſucht unerhörter Seelenneigung klagt; darauf ähnelte ———— 331 es dem Triumphmarſche eines ſiegenden Heeres, und das Alles durcheinander, ſchroff gemiſcht, als hätte der kühnſte Componiſt den Kampf des Himmels und der Hölle in Tönen zu malen verſucht; doch war das Ganze ſo be⸗ rauſchend, ſo ſinnverwirrend, wie—— die ſtürmiſchen Empfindungen des Bräutigams und das Zagen der Braut, wenn die Stunde des Beſitzes nahet, und dazu klangen die Worte des Geſanges halb ſpaniſch, halb in einer Sprache, die außer den Sängern Niemand verſtand. Auf den männlichen Bräutigam verfehlte die wunder⸗ bare Muſik ihre Wirkung nicht; er ſchien betäubt, be⸗ troffen und ſeltſam aufgeregt zugleich, und Damgaja's Hand mußte ihn fortziehen zu dem Platze vor den Thron des Alten, denn er hatte das Winken des knotigen Sta⸗ bes überſehen, und Alles vergeſſen, was der Greis ihm früher vorgeſchrieben. Zwölf Männer mit Fackeln bil⸗ deten hier einen Kreis, und mitten unter die luftige Halle, welche ſich aus dem weißlichen Qualme der Fa⸗ ckeln gebildet, führte ihn das ſchwarzäugige Mädchen. Zu ihnen heran trat jetzt ein Chor friſcher, vollbuſiger Jungfrauen,“ auf deren Wangen die Glut des Reides auf die glückliche Braut durch die braungelbe Färbung ſichtbar brannte, und deren Augen den ſchönen Fremd⸗ ling, wie die Blicke der raublüſternen Schlange, funkelnd faßten. Die älteſte von ihnen riß den farbigen Bund vom Scheitel Damgaja's und drückte mit derber Hand auf das bis zu den Knien herabfallende rabenſchwarze Haar einen Kranz von rothen Heideblüten und von dem ſeidenen Felſengraſe, das man Venushaar nennt, gefloch⸗ ten, und in demſelben Augenblicke verſtummte der Geſang. Dowlet Zenagar, ertönte nun wieder die Stimme des Alten auf dem Steine, wir geben Dir das Mädchen „ 332 zum Weibe. Wie lange ſie Dein bleibe, das liegt in der Hand des Schickſals und in Deiner eigenen. Wir ſind ein freies Volk, wenn auch in den Ketten der Ver⸗ folgung und des Haſſes aller Völker, die uns den Raum nicht gönnen für Bett und Grab. Auch in dem Bunde, den die Natur gebeut, ſcheuen wir die ewige Kette. Hurda, reiche dem Bräutigam den Topf, daß er den Schickſalswurf thue.— Der hochgewachſene Häuptling trat heran und erhob ein rundes, irdenes Gefäß über die Häupter der Braut⸗ leute. Dowlet Zenagar, rief er überlaut, in ſo viele Scher⸗ ben dieſes thönerne Geräth zerfallen wird, ſo viele Jahre wirſt Du gebunden ſein an das Mädchen, deſſen Hand Du hältſt. Verpfändeſt Du Dein Leben, zu folgen Dei⸗ nem Looſe, ihr zu geben Treue und Schutz, Nahrung und Kleidung, ſo lange, als es der Zufall Dir anbe⸗ fehlen wird?— Ich verpfände Ehre, Habe und Leben! rief der Jüng⸗ ling, erwachend aus der Träumerei, welche ihn bis dahin umfangen und faſt leidend gezeigt, und mit Haſt griff er nach dem Gefäße.— Vorſichtig! ſprach da an ſeinem Ohr die gedämpfte Stimme des Zigeuners, Du gefällſt mir; Dein Geſicht ſpricht mich an, wie ein bekanntes, und Deine Blicke ſind nicht Blicke des Knechts, Deine Muskeln nicht die des erlahmten Fröhners. Darum warne ich Dich, wirf nicht zu hoch; der Boden iſt weich. Nicht feſter binden ſoll ſich der Menſch, als er muß. Liebesrauſch iſt flüch⸗ tig, wie Bergwaſſer, und es gibt viele Blumen, die ſich gern pflücken laſſen auf unſerer Reiſe. Wirf nicht zu hoch, Knabe!— 333 Der Angeſprochene warf einen Blick auf Damgaja, die nach dem Gebrauch indeß vor ihm auf die Knie ge⸗ ſunken war, und, indem ſie das reizvolle Köpſchen, de⸗ müthig ihres Schickſals harrend, vor ihm gebeugt, doch das ſchöne Augenpaar wie bittend zu ihm erhoben hatte. Wie ſchön iſt ſie! Welche Seligkeit erwartet mich an ihrer Bruſt! dieſe Gedanken loderten durch des Jüng⸗ lings Gehirn, und mit aller Kraft ſeines nervigten Ar⸗ mes ſchleuderte er das Gefäß hoch in die Luft, ſo daß ein allgemeiner Schrei den ungewöhnlichen Wurf beglei⸗ tete, und der ganze nächſte Kreis auseinander fuhr, um nicht von dem niederfallenden Geſchirr beſchädigt zu wer⸗ den, da kein Auge ihm in die dunkeln Räume, die es aufgenommen, zu folgen vermochte. Der Wurf war mit einer geübten Hand faſt perpendiculär in die Luft geſchehen, denn dicht vor den Füßen des Brautpaares kam der Topf zur Erde, und praſſelnd und ſchrillend fuhren die Scherben auseinander. In ſelbigem Augen⸗ blicke ſtürzten eine Menge Weiber herzu, und ſammelten mit Haſt und emſiger Neubegier die Scherben und paß⸗ ten ſie zuſaminen, damit kein Bröcklein mangele. Sind auch Eiferſucht und Neid auf die Schweſtern der Weiber gemeinſame Hausgötzen, ſo halten ſie doch feſt aneinan⸗ der gegen einen Mann, und vertheidigen ſelbſt die Ge⸗ haßte gegen das Geſchlecht, das ſie von der Natur be⸗ vorrechtet glauben, und dem ſie ſich unterworfen fühlen. Damgaja ſchien mit heißer Bangigkeit den Weibern nach⸗ zuzählen, die einſtimmig jede neugefundene Scherbe nu⸗ merirten, und als zu dem letzten winkelichten Stücklein die Zahl zwanzig laut gerufen erſchallte, da ſprang ſie auf und warf ſich in glücklicher Inbrunſt in des Gatten Arme. Warum nicht noch zwanzig, ſagte feurig der 334 Umarmte, und wieder zwanzig, daß ich in Aſchmirs Alter Dich noch beſitzen dürfte!— O ſtill, ſtill, verwegener Mann! entgegnete Damgaja. Neidiſch ſind die Geiſter der Mitternacht, wenn ſie Men⸗ ſchenglück, ſich zur Qual, beſchauen müſſen. Zwanzig glückliche Jahre? Nein, Damgaja wird, von ihrem Glücke verzehrt, den letzten Tag derſelben niemalen erblicken.— Glück zu, Mühmlein! rief jetzt ein derbes Weib zwiſchen ſie hinein. Dein Spons liebt nicht, wie Einer von uns, ſondern heiß und unbeſonnen, gleich einem aragoniſchen Escudero. Halte ihn gut in Speiſe und Zeug, denn ſolch Kleinod iſt ſelten.— Der Naiſim ſtieg von ſeinem natürlichen Throne, beide Brautleute mußten ihre Arme ausſtrecken, und er umwand ſie zwanzig Male mit einer dünnen weißen Schnur. Dann ſtreuete er Weizenmehl aus einer Schale auf ihre Hände, ſchnitt einem buntfarbigen Hahne den Kopf ab, und ſprengte von dem Blute auf ihre Füße. Nie fehle eurem Morgen der Kuchen und eurem Mittag das Fleiſch im Topf, rief er laut; das Geſetz hat euch gebunden, doch des Mannes Arm waltet von jetzt an frei über dem Weibe, und er iſt ihr Herr geworden.— Mit einem geſchickten Schnitte trennte er augenblicks die zwanzig Ringeln, und drückte dann des Mannes rechte Hand feſt auf Damgaja's Scheitel. Die Ceremonie war vollendet; in allgemeines Ge⸗ tümmel löſete ſich die Feterſtille auf, denn zum Feſtmahle hatte der Naiſim gewinkt. Allenthalben wurden mit der Eile, welche die Begier nach leiblichem Genuß andeutet, Teppiche und Decken auf die Erde gebreitet; alle Männer und Weiber lagerten ſich in einzelnen Familiengruppen hier und dort; die Mädchen trugen Schüſſeln und Keſſel 335 heran, aus welchen duftige Dämpfe quollen, und die Burſchen und Knaben keuchten unter der Laſt der Wein⸗ ſchläuche und Kannen. Das junge Paar folgte dem alten Zigeunerfürſten zu einer etwas erhöheten Stelle, wo auf einem rothglän⸗ zenden Teppich für ſie und die vier Häuptlinge gedeckt worden, und die Letztern ſich ſchon ohne anſtändige Zu⸗ rückhaltung auf den Boden niedergelegt hatten. Iſt Dir die Koſt anſtändig, das Geſchirr reich genug? fragte Aſchmir mit einem Tone, in dem ein Anflug von Hohn nicht zu verkennen war.— Euer Feſt müßte ſelbſt dem Amirante von Caſtilien, der Neuheit wegen, Vergnügen machen, antwortete der Bräutigam; kunſtreichere Teppiche hat vielleicht keine Weberin aus dem biegſamen Esparto erſchaffen; dieſe weichen Wolldecken erinnern an Valencia; Dein glän⸗ zendes Tiſchgeſchirr nennt San Ildefons als Heimath, und der Prinz von Aſturien beſitzt kein beſſeres Chor von Lauten, Zimbeln und Caſtagnetten, als das, was uns gegenüber ſich hören läßt. Du haſt mir viel geſchenkt in dieſer Stunde, Vater Aſchmir, und Du ſollſt mich in der dankbaren Vergeltung nicht läſſig finden; jedoch erlaube mir, daß, ehe wir uns lagern, ich meine Braut ſchmücke, wie es ihr zukommt von heute an.— Und er zog ein Käſtchen von ſeiner Bruſt hervor und nahm ein Geſchmeide von reichen Smaragden und Rubinen heraus, gleich einem Diadem in ſchweres Gold gefaßt, und ſetzte es über den Blütenkranz auf Damgaja's ſchwarzes Haar. Damgaja erröthete hoch im ganzen Antlitz, und neigte ſich, als drücke der ungewohnte Schmuck ihr Haupt. Unbeſonnener! zürnte leiſe der Alte, und alle Weiber, die in der Nähe Geſchäfte hatten, ließen 336 einen gemeinſamen Jubelſchrei der Freude und des Er⸗ ſtaunens hören, und zugleich ſah man eine Menge ſpitzer Finger ſich lang ausſtrecken im Charakter dieſes bekann⸗ ten Menſchenſtammes; vom Boden auf rief aber der herkuliſche Hurde Hiſſar: Bravo, Freund Dowlet, jetzt erkenne ich Dich als würdig des ſchönſten Kindes, denn weſſen gewandte Fauſt ſolchen Schatz für die Braut er⸗ beutete, der darf ſich zu den Beſten des reiſenden Volkes zählen, und die Art, wie Du ihn erlangteſt, blutlos oder blutig, wird Dir den Titel Fuchs oder Wolf, Falk oder Adler gewähren.— Ehe der betroffene Geber noch Zeit zur Antwort hatte, ſetzte ein brauner Burſch, der eben eine Silberkanne vor den Naiſim niedergeſtellt, und der ſchon lange mit tückiſchen Schelmenblicken um das Paar geſchlichen war, hinzu: Aus welcher Infantin Schatz⸗ kammer haſt Du den Kranz geſtohlen, Kamerad? Lehre mich den Weg, daß ich mir ein Gleiches hole, damit auch eine Damgaja zu beſtechen.— Schurke! donnerte des im Innerſten tief verletzten Bräutigams Stimme, und er ſtieß den frechen Burſchen zurück, daß er taumelnd die Kanne entgleiten ließ.— Rühret die Meſſer! befahl raſch der alte Naiſim, und Alle warfen ſich um die Teppiche an den Boden, wie es ihnen bequem, und der Schmaus begann, bald begleitet vom Geſange und der Muſik des jüngeren Volks, welche die Diener und Mundſchenken ſpielen mußten, und nur am Abhub der Tafel ihre Gier zu ſtillen bekamen.—— Lange ſchon hatte das Feſt alſo fortgedauert, und hie und da wurden ſchon die Folgen des Genuſſes ſicht⸗ bar, und manche Zügelloſigkeit miſchte ſich hinein, vor⸗ züglich an den Schmauſeplätzen, die ferner von den Sitzen der Häuptlinge lagen. Ein junger Zigeuner bog 337 ſich jetzt zu Hurda Hiſſar nieder und flüſterte zu ihm, wie es ſchien in Aufregung und bösartiger Erhitzung.— Läßt Du Deinen Sohn beſchimpfen, gelber Habicht? fragte der Burſche. Mein Meſſer war für ihn, hätte der Naiſim nicht an ſeiner Seite geſtanden.— Schweige, Knabe, murrte der Häuptling, und denke der Peitſche.— Ich bin zwanzig Jahre, wie er, antwortete der Er⸗ hitzte, und ich traue ihm nicht, und meine, er iſt ein falſcher Pfau unter den Hühnern. Er betrügt den Nai⸗ ſim und uns, und hat mit einem Karnevalsſchwank die ſchöne Tochter Hyderabads liſtig weggefiſcht, um die Dein Sohn Row ſchon Jahre lang vergebens geworben. Glaube mir, ich habe ihn behorcht; er ſpricht nicht die Sprache des heimathloſen Volkes, und vielleicht betrügt ſogar, mit ihm im liftigen Bunde, der alte Naifim die Söhne der Heide.— Läſtere nicht, toller Knabe„fuhr im verbiſſenen Zorne der Häuptling auf, damit Hurda's Augen den Sohn Row nicht zappeln ſehen in der Schlinge, gleich der Droſſel im Buſch. Du kennſt den alten Löwen nicht, wareſt nicht dabei, als er die drei rebelliſchen Brüder ſteinigen ließ, nicht dabei, wie er die eigene Lieblings⸗ tochter von ſich ſtieß und an die fernſte Grenze Eſtrema⸗ dura's verbannte, weil ſie ihm ungehorſam geweſen. Der alte Löwe hat eine graue Mähne bekommen, aber ſeine Krallen ſind ſcharf, wie ehedem.— Der junge Burſch ſtahl ſich verſchüchtert, aber mit heimtückiſchen Blicken, davon. Ein älterer Zigeuner flog zur Tafel eilenden Schrittes, neigte ſich zum Ohre des alten Fürſten der Heide, und meldete ihm, daß fremde Füße die Blumen der Ebene zerknickten. Sind ihrer Blumenhagen. 1x. 22 338 viele?— Vier oder fünf.— Tretet ihnen in den Weg, vefahl der Naiſim, und ſind es Bettler, ſo ſpeiſet ſie und ſcheucht ſie von hinnen; ſind es von den Auserwählten, die uns ſchlagen und peinigen, ſo bindet ihnen die Augen, nehmt ihnen, was ſie tragen, und führt ſie irr in den Bergen, damit ſie nicht verrathen, daß die Verſtoßenen mehr genießen, als Mehl und Quellwaſſer; ſind es aber Kinder der Wanderer, ſo bringt ſie heran, daß ſie gaſt⸗ lich theilen unſere Freude.— Der Bote flog gehorſam davon, und nicht lange, ſo erſchienen die Ankömmlinge im Fackelſcheine. Man er⸗ kannte in ihnen drei beſtaubte, unſaubere Zigeuner, denen ein Weib voranging. Die Frau war groß und ſchlank, männlich faſt ihre Haltung; ſie mochte vielleicht vierzig Jahre alt ſein, aber ihre Geſichtszüge, wenn auch von ſcharfem vrientaliſchen Schnitt, durften noch ſchön genannt werden, obgleich die Spuren düſterer Lei⸗ denſchaften zwiſchen ihnen ſich hinzogen. Gerade auf den Naiſim ging ſie zu, und als ſie neben ihm ſtand, fuhr der Greis raſch wie ein Jüngling vom Boden empor. Erſtaunen und Schreck, Zorn und Freude kämpften auf ſeinem gefurchten Antlitze, er breitete die Arme wie in Liebe aus, und trat dennoch einen Schritt zurück, und nur der heftig hervorgeſtoßene Name: Koita! kam von ſeinen Lippen. Das Weib ſtand ruhig und regte kein Glied, nur die langen, braunen Flechten des Kopfhaa⸗ res warf ſie zur Seite, ihre dunkeln Augen rollten von dem Greiſe zur Braut und zum Bräutigam, den ſie mit feindſeligem Forſchen von der Stirn bis zur Sohle veſchauete, und dabei die weißen Zähne hinter den ro⸗ then, zuckenden Lippen ſpöttiſch zeigte. Ja, es iſt Koita, die Verſtoßene! rief ſie mit ſtarker 339 Stimme, die faſt unweiblich erklang. Die Schwalbe fliegt über den Ocean, ihr altes Reſt zu ſuchen, der Schwan ſegelt mit ſchwerem Fittich nach Norden, wenn die Stimme der Natur es ihm erlaubt. So kehret die verbannte Koita zu den Bergen, in denen ſie geboren, wo ſie gelebt, wo ſie glücklich geweſen, denn die zwanzig Jahre ſind heute abgelaufen, die der Mund des Vaters ihr als lange Sterbejahre beſtimmte.— Sie preßte beide Hände dabei gewaltſam gegen die Bruſt, als wollte ſie dem Aus⸗ bruche eines mächtigen Schmerzes eine Wehr ſtellen. In dem vorigen Tone des Hohnes und der Kälte fuhr ſie dann fort: Man ſagt mir, der Raiſim feiere ein Feſt auf der Ebene; meine kindliche Seele glaubte, Vater Aſchmir habe in ſeinem Prophetengeiſte die Ankunft der verbannten Tochter voraus gewußt, und ihr die Fackeln entzündet und das große Mahl bereitet. Aber ich ſchaue andere Häupter bekränzt; man ruft mir zu: der Sohn des Subah in Weſten freie mein Bruderkind. Meine Ferſen ſtanden vor wenigen Wochen an der Nordküſte dieſes Landes, des Oceans ſchäumende Woge beſpülte meinen Fuß, und mit mir zugleich den Fuß des ſtarken Subah, der mir Botſchaft mitgab an den Naiſim des wandernden Volkes.— Hochauf lachte ſie.— Weiſer Naiſim, ſind Deine Augen blöde geworden in den zwan⸗ zig Jahren, in denen Deine Tochter Koita täglich ſtarb, täglich ſtarb durch den Dolch Deines Haſſes? Denn wie weißt Du nicht, daß Alum Gurrumkonda alle Söhne an der gelben Peſt verlor, und darum kein Sohn des Subah die ſchöne Damgaja als Freier zu ſeines Vaters Wohnſitz hinaufzuführen vermag?— Der alte Zigeuner ſtieß einen dumpfen Zornlaut aus, und ftreckte die flache Hand gegen die Redende, ihren 340 Mund zu verſchließen. Da es aber zu ſpät, ergriff er das Weib mit beiden Händen, zog ſie mit Heftigkeit dicht zu ſich heran, und ſprach leiſe und mit Haſt eine Minute lang in ihr Ohr. Wie eine Bildſäule ſtand die Zigeunerin einige Au⸗ genblicke ſtarr und bewegungslos, dann ſuchte ihr Auge den Bräutigam, und es war, als ſtröme ein Feuerſtrahl aus den dunkeln Augenſternen zu dem Erſchreckten hin⸗ über. Entſetzlicher! kreiſchte ſie darauf, wie in der wehrloſen Wuth eines meuchelmörderiſch Sterbenden, ge⸗ gen den Vater hin, und ſtürzte beſinnungslos vor die Füße des Greiſes.— In dem nordöſtlichen Landſtrich Hiſpania's, wo man noch Baskiſch ſpricht, und der ſich durch Volksſitte, Volks⸗ tracht und bürgerliche Freiheiten und Staatsinſtitutionen eben ſo ſehr wie durch ſeine beſondere Natur von den übrigen Provinzen des mächtigen Königreichs auszeichnet, fällt am Saume des Gebirges jedem Reiſenden ein altes Schloß in die Augen, ſo durch ſeine eigenthümliche Bau⸗ art, wie durch den Ort, den ſich die Erbauer aus⸗ wählten. Im altgothiſchen Style und in koloſſaler Ge⸗ diegenheit hingeſtellt, unterſcheidet es ſich grell und ſcharf von jenen ſpaniſchen Schlöſſern der ſüdlichern Provinzen, die ſämmtlich die Spuren der ehemaligen mauriſchen Herren an ſich tragen, und wie der Bis⸗ cayer und Navarreſe, ſeiner weißern Geſichtsfärbung und ſeiner reinchriſtlichen Ahnen eingedenk, mit Stolz, ja ſelbſt einer Art Verächtlichkeit auf die übrigen Spa⸗ nier, die hochmüthigen Caſtilier nicht ausgenommen, auf ihre gebräuntere Haut und auf die Stammbäume 341 ihrer Titulados, Cavalleros und Escuderos, in denen ſich mancher mohamedaniſche Name findet, hinblickt, ſo ſchauet auch dieſes Schloß in ſeiner feſten Alterthümlich⸗ keit über das Land hinaus als ein würdiger Repräſentant ſeiner ſtolzen Beſitzer. Auch zeugen die Beſchädigungen ſeiner feſten Ringmauer die Spuren der Geſtückkugeln in ſeinen Thürmen, die man als Ehrennarben nicht heilte oder zu verdecken ſuchte, wie dieſer treffliche Platz ſelbſt in der letzten dräuenden Zeit ſeine Würde be⸗ hauptet, in einer Zeit, in welcher ein Nachbarvolk mit dem Kerne ſeiner Krieger, mit der Blüte ſeiner Jugend das ritterliche Spanien zu unterjochen ſtrebte, und der Held des Zeitalters und mit ihm die Beſten ſeiner Ta⸗ felrunde vergebens Blut und Kraft vergeudeten, eine der älteſten chriſtlichen Kronen in den Staub zu treten. Doch auch die Natur hatte für die Sicherheit dieſes ſeltenen Platzes geſorgt. Das Schloß ſteht auf einer terraſſenförmigen Platte des härteren Urgeſteins; dicht hinter ihm erhebt ſich glatt, wie behauen, ſchroff und wolkenhoch die Felſenwand, ungeheuer und großartig, ſo in ihrer Höhe als in ihrer Breite; und gleichartig, wenn auch um etwas Weniges geneigter, ſenkt ſich das glatte Geſtein vor dem Schloſſe wiederum tief in das Thal hinab, ſo tief, daß die Fuhrwerke, Reiter und Wanderer auf der vorüberlaufenden Straße, von den Thürmen beſchauet, nur geſchäftigen Ameiſen gleichen, die neben einander wimmeln, Nahrung ſuchend und ſich unterein⸗ ander bekämpfend. Von Menſchenhand geſprengt, führt nur ein Weg durch eine Spalte der Felſenwand in mehr⸗ fachen Krümmungen zum Schloſſe hinauf; doch ſelbſt dieſer Pfad, wenn auch für Pferd und Fuhrwerk gang⸗ bar, bleibt dem feindlichen Beſteiger unbrauchbar, da 342 er dicht am Schloßthore durch eine tiefe Schlucht abge⸗ ſchnitten wird, über welche eine wohlerhaltene Zugbrücke nur für den Befreundeten den Eingang zum Schloſſe öffnet. So hatte dieſer Platz, obgleich nur der Erbſitz eines Edelmanns, keine königliche Veſte und ohne ab⸗ weiſendes Geſchütz, ſich jungfräulich erhalten und unbe⸗ ſiegt in allen alten und neuen Fehden Spaniens, und ſelbſt während der achtjährigen Invafion der ſiegestrun⸗ kenen Franzoſen hatte keine feindliche Sohle ſein Inne⸗ res berührt, denn das Wort Verrath kannte Niemand unter ſeinen Bewohnern, und dieſe Mauern hatten einen beſondern Ruhm im ganzen Lande erworben, da ſie das Aſol vieler Verfolgten und Geächteten geworden, und das Volk hatte ihnen den Namen: Beſla de los fran- ceses,— Franzoſenſpott, gegeben, und dieſer verdrängte beinahe den alten Namen Albarca, den es mit einem unter ihm gelegenen Orte gemein hatte. Don Joaquin Franzisco Chriſoſtomo Maria Hippo⸗ lito d'Almeida Graf von Orgoy reſidirte in dieſem Stammhauſe, ein Herr von ſo altem Geſchlecht wie altſpaniſchen Sitten und Charakter. Er war kaum ein Fünfziger, aber dieſelben Urſachen, welche ſein Vater⸗ land zerrüttet und zum wankenden Greiſe gemacht, hat⸗ ten auch ihn vor der Zeit gealtert. Blutsverwandtſchaft mit dem Herzoge von Infantado, Jugendfreundſchaft des berühmten Canonicus Escoiquis und des Grafen Bornas hatten ihn in dem merkwürdigen Märzmonate des Jah⸗ res 1808 in die Verſchwörung gegen den Fürſten de la Paz verwickelt; er war dadurch feſt an den Prinzen von Aſturien geknüpft worden, obgleich er das Vertrauen, das derſelbe ihm geſchenkt, mit einer Verbannung auf ſeine Güter an der Grenze büßen mußte. Als Palafor 343 den Befehl des Prinzen Ferdinand von Bayonne brachte, ganz Spanien ſolle zu den Waffen greifen, war er der erſte geweſen, der auf eigene Koſten eine bedeutende Zahl ſeiner Navarreſen ausrüſtete, und der den Kreuz⸗ zug für das Vaterland begann und das rothe Band mit der Inſchrift: Vencer o morir por Patria y por Fernando! auf der Bruſt getragen. Neben den Be⸗ freiern der Halbinſel, den ſchlachtkühnen Engländern und der ruhmgekrönten deutſchen Legion, hatte er ge⸗ fochten in den blutigſten Gefechten. Von Wundnarben bedeckt, mit erſchöpfter Geſundheit, kehrte er nach der Entſcheidung heim zu ſeinem Stammſchloſſe am Rande der Pyrenäen, und konnte nicht Theil nehmen an dem Jubel Madrids, als es ſeinen mit Strömen von Blut, mit Jahren voll Jammer theuer erkauften König be⸗ grüßte, und mußte es ſich verſagen, den Dank des Mo⸗ narchen am neuerſtandenen Throne perſönlich zu empfan⸗ gen. Doch erhielt er Ehren und Orden auch in ſeinen grauen Thürmen, und ſein lebhafter Geiſt blieb in ſteter Verbindung mit den einſtigen, jetzt am Ruder des Staatsſchiffs ſitzenden Gefährten aus den Jahren ſeiner Kraft. Er war Wittwer ſeit zwanzig Jahren, ein ein⸗ ziger Sohn der Erbe ſeiner Reichthümer und ſeiner Liebe, und der Stolz auf den vielverſprechenden Liebling, die Hoffnung, ihn dereinſt am Königshofe den Ehrenplatz des Vaters wieder einnehmen zu ſehen, blieb die Lebens⸗ luft für ſeinen gebrechlichen Körper, der ſpornende Reiz ſeiner abgeſpannten Seele, wenn er auch eben dadurch vielleicht dem Jünglinge, der alle Tugenden und Män⸗ gel des Vaters in ſich zu tragen ſchien, zu früh der ſtrengen Aufſicht entließ, die der Jugend auf ihrer glat⸗ ten Bahn ſo nöthig bleibt. 344 In einem Zimmer des Schloſſes Albarca, durch deſ⸗ ſen hohe Fenſter ſchon die Strahlen der Morgenſonne heis und blendend einſtrömten, wickelte ſich eben erſt ein junger Mann, die ſchlanken Glieder dehnend und den Schlaf von den dunkeln Augen reibend, los aus den ſeidenen Decken ſeines Bettes. Das Zimmer war mit allem Glanze und jeder Bequemlichkeit des höhern Luxus verziert, aber eine wüſte Unordnung befleckte die⸗ ſen Glanz. Ein bejahrter Diener ſtand am Bett, in altbaskiſche Tracht gekleidet, mit der braunen Almilla und dem gleichfarbigen Beinkleide, umgürtet mit der bunten Faxa, in weißen Strümpfen und mit rothbe⸗ ſchleiftem Schuh; nur die farbige Reteſilla fehlte im langhängenden ſchlichten Grauhaar, und ſo war er be⸗ reit, dem jungen Gebieter die gewohnte Hülfe zu leiſten, und bis dahin die Unordnung auf dem Fußteppich fort⸗ zuräumen, auf welchem eine völlige Jagdkleidung, die gelben langen Stiefel, der ganze hellfarbige Jagdanzug, die rauhe Taſche, der grüne Hut mit breitem Rande, ja ſelbſt Büchſe, Weidmeſſer und ein paar Terzerole, wie im Rauſch oder Fieberwahn abgeworfen, rundum zerſtreuet ſich vorfanden. Es iſt Zeit zum Erwachen, Don Joſe, ſprach der Alte dabei, die Sonne wird bald Mittag anſagen für die Hirten und Ackersleute, und zum Frühſtück iſt es faſt zu ſpät. Hat mein Vater ſchon nach mir gefragt? Weiß er, daß ich Nachts eintraf? fragte mit Haſt der Jüngling, in⸗ dem er ſich mit der geſunden Elaſticität der Jugend von ſeinen Hüllen losmachte, mit einem Sprunge vor dem Diener ſtand, und dabei ſolch ſchön⸗ und makellosge⸗ formte Glieder zeigte, daß jeder neue Phidias hätte ohne Phantaſie⸗Zuſatz nach dem Modell einen Theſeus in Marmor hauen dürfen. Zu dreien Malen bereits ſchickte Don Joaquin, ant⸗ wortete der Diener, und Ihr könnt Euch nur auf eine tüchtige Predigt gefaßt halten. War es denn auch Recht, Don Joſe, uns drei Monate lang auf dieſem Adlerhorſt allein zu laſſen, da Euch der Don auf einen Monat Ur⸗ laub zur Jagdluſt bei dem Freunde gegeben? Der Herr hat Gram getragen deßhalb!— O Du weißt das nicht, Baſilio, Du graue Seele! rief Don Joſe, indem er das klare Bergwaſſer aus dem großen Kryſtallbecken über den ſchwarzlockigen Kopf, das blühende dunkele Geſicht und die breite kräftige Bruſt ſtrömen ließ, und dann die feine Wäſche aus des Die⸗ ners Hand entgegennahm. O, welche Freuden, welche Zauber, welch Paradies war in dieſen wenigen, flüchti⸗ gen Wochen zuſammengedrängt! Ich liebe den Vater, doch in dieſes Eulenneſt geſchloſſen, an die tägliche Ein⸗ förmigkeit unſeres Kloſterlebens gekettet, drohete mir Leib und Seele krank zu werden, und wahrlich, ich wünſchte gar oft uns die Franzeſes, die Gott verdamme, wiederum auf den Hals, daß ich nur wieder fliegen könnte mit der Guerilla über Berg und durch die Thäler, in ewi⸗ ger kräftiger Beſchäftigung, in Angriff und Wehr, wie es kam; heute blutiger Sieger, morgen ſtaubiger Flücht⸗ ling, aber immer im glühendlodernden Leben, immer in Waffenluſt und unter fröhlich⸗tapfern Kameraden. Die Einſamkeit macht mich krank, Du ſorgteſt ſelbſt darum, Du alte Amme Deines Telemachs; nun freue Dich, ich kehre geſundet, und auch Don Joaquin iſt wohlauf, es war meine erſte Frage an den Thorwart in dieſer Nacht; er iſt kräftiger, beſteigt den ſchwarzen Thurm, reitet ſein 346 Maulthier hinaus am Abende, gießt nur wenig Waſſer zur Chocolade, und es ſchmecken ihm die Valencer Mandeln und Feigen wie ſonſt.— Es geht ſo, antwortete kopfſchüttelnd Baſilio, wenn er nur nicht die Kraft überſchätzt, und ſein Geiſt mehr verlangt vom Körper, als dieſer vermag. Die Herrlich⸗ keit der alten Zeit ſpukt ihm im Hirn und Blute, ja wenn wir nur die Knochen und Sehnen von früherhin mit nach dem Manzaneres und nach El buen Retiro nehmen könnten.— Was plapperſt Du, grauer Rabe, für Unfinn? Und warum trägſt Du das Staatskleid heran, und nicht die leichte Morgen⸗Chupa? fragte Don Joſe ver⸗ wundert.— Es iſt nicht Zeit, zweimal die Kleider zu wechſeln, junger Herr, ſiel treibend der Diener ein. Oder wollt Ihr vielleicht die nette Tracht anlegen, die Ihr als Ca⸗ pitano der Guerilla trugt, die Euch ſo wohl läßt, und in der Ihr das Tafelgeſchirr des falſchen Königs Joſeph erbeutetet, das heute ſicherlich den Speiſeſaal in Gold und Silber ſtrahlen machen wird, damit die Gäſte ver⸗ geſſen, daß ſie im Steinneſt Albarca zur Tafel ſitzen?— Gäſte? ſtaunte Don Joſe.— Kein Gaſtbett iſt ſeit drei Tagen kalt geblieben, fuhr Baſilio fort. Zuerſt traf der Vetter ein von Madrid, Don Ignaz Manuel von Rivadavia, und kurz nach ihm ſeine edle Gemahlin, Donna Vitalis, und Dero ſchönen Töchter, Donna Fernanda und Donna Blandina; der Vicomte kam den Seinen entgegen, welche die Bäder im Gebirg gebraucht haben, und jetzt die ſaure Weinleſe in Vizcaha mitmachen wollen.— Die Muhmen aus Madrid? fragte Don Joſe überraſcht 347 und faſt unwillig. Da wird man galante Worte hervor⸗ ſuchen müſſen, und Du wirſt meine aragoniſche Zither und die italiſche Mandora mit neuen Saiten beziehen, indeſſen ich im Gedächtniß die vergeſſenen Sonnetten und Canzionen repetire. Sind die Mühmchen hübſch? ſetzte er leicht hinzu.— Donna Fernanda ſteht hoch da, und ſtarr wie eine Tanne auf Maladetta, und gleicht dem Bilde der Kö⸗ nigin Iſabella im rothen Saale, Donna Blandina da⸗ gegen iſt ſchmiegſam und üppig wie ein Oelbaum am See Albufera. Wäret Ihr nicht ſolch ein Langeſchläfer geweſen, hättet Ihr die Donna's ſchon früh im Garten unter dieſen Fenſtern ſehen können; in der Basquina und Mantilla ſahen ſie recht niedlich aus, und ich wette, ſie wußten ſchon, daß der Don Joſe angekommen, denn die Augen funkelten wie mexikaniſche Leuchtkäfer, und immer hier herauf, als wollten ſie gerade hier einen Mordbrand anrichten.— Narr! flüſterte halblaut der Jüngling. Es bedarf hier oben ſolcher Funkelaugen nicht mehr. Aber ſind das die Gäſte alle?— Der verwöhnte Koch und Kellermeiſter hätten genug daran, entgegnete der Diener kopfſchüttelnd. Da ritt aber geſtern noch ein der Don Carlos, Marquis von Ayerbe, wie es verlautet als ein beſonderer Bote von der Majeſtät an unſern Herrn, und heute ſind mit dem erſten Morgenſtrahle auf Don Joaquins Ladung einge⸗ troffen der hochwürdige Biſchof von Pamplona und der Alcalde⸗Major und der Abt vom Sankt Marienkloſter, und den ganzen Morgen lang haben die Herren großen Rath gehalten im Pfeilerſaale, und gar wichtige Worte find von den Lippen der Excellenza's gefallen.— 348 Was beſprachen ſie? Was iſt Neues geſchehen, das dieſe Pfauen und Fledermäuſe zuſammenſcheuchte? fragte Don Joſe haſtig, indem er die Hand mit der Goldkette, die er ſo eben um die Bruſt ſchlingen wollte, finken ließ.— Die Herren achteten des Graukopfs nicht, der die Chocoladebecher präſentirte, und das Eiswaſſer und die Melonen herbeitrug, antwortete der Alte mit einem faſt boshaften Geſicht, und ſelbſt Don Joaquin hatte ver⸗ geſſen, daß Baſilio als ein Biscayer geboren. Die ka⸗ tholiſche Majeſtät hat nun die Maske ganz fallen laſſen, mit der ſie bislang das rechte Geſicht noch zur Hälfte verdeckt hielt. Hat ſie auch längſt die Inquiſition her⸗ geſtellt, die Cortes nicht berufen, die Conſtitution ver⸗ ſchoben, die verſprochen war, ſo geht ſie jetzt dreiſter vorwärts; die Junten ſind aufgehoben überall; verfehmt und verfolgt wird nicht der allein, der nur einen Becher mit den Franzeſes getrunken, ſondern Jedweder, der ſich den Cortes angeſchloſſen oder für ſie das Wort geredet; alle Banden und Guerilla's, die ſich noch im Lande zuſammenhielten, ſollen die Waffen und Pferde abliefern oder auf den Tod gehetzt werden; eine neue Miliz, kö⸗ nigliche Freiwillige genannt, iſt in den Städten errichtet, Armeen ſollen ſelbſt die freien Provinzen Vizcaya, Gui⸗ puzeva und Alava beſetzen, um dort des Königs Feinde aufzuſuchen, und die alten Fueros, die Gerechtſame der Basken, taſtet die kaum aus der Kette geſprungene Majeſtät unbedachtſamer Weiſe an, und fürchtet nicht, ſich die weiche Hand am rothglühenden Eiſen zu ver⸗ brennen.— Die Guerilla⸗Uniform, alter Biscayer! rief Don Joſe heftig. Das Kleid mag die Herren von Madrid 349 an die Vergangenheit erinnern. Was werden die Hof⸗ herren dem Navarreſen anſinnen, wenn ſie den noch freieren Biscayer in den⸗Block zu legen keck genug ſind? Haben wir darum im Mittagsbrande und der Nachtkälte unſern Leib kaſteiet, darum Blut und Leben daran ge⸗ ſetzt, die tapfern Feinde über unſere Berge zurückzujagen, daß die kriechenden Höflinge und renommiſtiſchen Garden von Madrid auf unſern Köpfen ſollten ſpazieren nach Wohlgefallen? Den gelben Säbel und die blutrothe Faxa her, Baſilio!— Ja, es geht nicht gut, Señor! fiel der Diener ge⸗ ſchäftig ein. Aber nicht ſo hitzig, mein haſtiges Herrlein! Es ſind noch mehr Leute in den Bergen, die nicht dazu Ja ſagen möchten. Vor Allem nur nichts mit der ju⸗ gendlichen Voreiligkeit verdorben, denn hat mein halb⸗ taubes Ohr mich nicht getäuſcht, ſo brachte der Marquis von Aherbe unſerm alten Herrn des Königs Inſtallirung zum Generalcapitano, und er ſelber ſoll, wenn es die Geſundheit zuläßt, die königlichen Truppen übernehmen, die ſchon an den Grenzen der freien Provinzen ſich ge⸗ ſammelt haben.— Mein Vater? rief der Jüngling erſchrocken. Aber er wird nicht, er wird nicht. Sonnet er ſich auch gern in dem Gnadenſtrahle des Königs, er iſt ein Navarreſe, die Ehre der Heimath gilt ihm höher als Königsgunſt.— Er wird dennoch, Seüor, ſprach bitter der Alte. O, wenn ihn die heilige Jungfrau einige Monden ſpäter geſund gemacht hätte! Aber raſch, mein Jungherr; ich höre ſchon wieder des Jägers Emanuel Stimme, der im Vorſaale nach Euch fragt. Und leiſe aufgetreten, vor⸗ ſichtig gehorcht, nichts verplaudert, der hochwürdige Herr Biſchof hat eine gar feine Spürnaſe, und auch von Euch 350 war die Rede bei der Conferenz, und ich meine nicht ganz im Guten.— Don Joſe ſchnallte ohne Antwort den blankſcheidigen Säbel um, drückte den breiten Hut mit der rothen Feder auf die ſchwarzen Locken, und ſchritt, nachdem er dem Alten mit ſprechendem Blicke die Hand gedrückt, zum Zimmer hinaus. Hüte Dich, Majeſtät! brummte der Alte in den Bart, die alten Basken ſind keine hölzerne Caſtilier, und Du haſt ſelbſt den Knaben die Meſſer in die Hand gedrückt, und ihnen gelehrt, daß auch vergoldete Ketten Ketten ſind.— In einem hochgewölbten alterthümlichen Pfeilerzimmer ſaß der Herr des Schloſſes auf einem Ruhebette, deſſen Polſter im Nothfall ſeiner Schwäche bei der warmen Verhandlung nachhelfen konnten. Aber die Beiſitzer des geheimen Rathes hatten ihn ſchon verlaſſen, nur ſein Freund, der Abt Hilario, war noch zugegen, erhob ſich jedoch eben vom Seſſel, um dem geehrten Don Jvaquin ein Stündchen der Erholung zu gönnen. Man durfte den Grafen von Orgoy noch immer einen ſchönen Mann nennen, und wie er dalag, geſtützt auf die Lehnen des Bettes unter den alten, beſtaubten Fahnen, die an den Pilaren hingen, unter den großen Wappenſchildern des Geſchlechts d'Almeida, die an jedem Vorſprunge befeſtigt waren, ſah er mit ſeinen ſcharfen, doch edlen Geſichts⸗ zügen, den bleichen Wangen und tiefdunkeln Augen und dem ſpärlichen dünnen Haar über der großen, gewölbten Stirn einem alten Kriegesfürſten gleich, der unter ſeinen Trophäen auf wohlverdienten Lorbeeren ausruhet. 351 Unſere Hirtenbriefe werden das Volk im Zaume hal⸗ ten, wie ſie es zu Helden gemacht gegen den Landes⸗ feind, ſprach der Abt im Abſchiednehmen. Sorge Du nur durch die alten Hidalgo's für die jungen Cavalleros. Die Noth zwang uns, dieſe edlen Fohlen zu früh aus dem Zuchtſtall zu entlaſſen; ſie werden ſich ſchwer an das Gebiß gewöhnen.— Schon war Don Joſe in der Thür erſchienen, und dieſes Schlußwort verſchaffte dem ſcheidenden Kloſter⸗ manne einen feindſeligen Blick von dem jungen Ritter, den der Mann des Friedens jedoch mit dem freundlich⸗ ſten Gruße und einer Bewegung der Hand, welche Se⸗ gen kündete, zu erwidern und unſchädlich zu machen verſuchte. Als Don Jvaquin des Sohnes anſichtig wurde, ſetzte er ſich hoch auf, und ſeine Stirn verzog ſich in drei ſchwere Falten; da jedoch der ſchöne Jüngling ſich raſch und freundlich näherte, und die Hand des Vaters mit Wärme ergriff und an den Mund führte, glättete ſich die Stirn ſofort, und halb Vorwurf, halb Freude tönte die Frage: Haſt Du endlich wieder des Vaters gedacht, Wildfang?— Verzeihung, ſprach der Sohn, aber auch Ihr waret ein berühmter Jagdgenoß, und wiſſet, daß ein ſolches Vergnügen dem Rauſche gleicht; iſt man einmal darin, wird es ſchwer, das Ende zu finden.— Was macht Don Arrango Correo des Lacerdas, unſer alter Waffengenoß? fragte Don Joaquin.— Gott Mars hat ihn noch unfreundlicher belohnt als Euch, antwortete Joſe; er kann das Bett nicht mehr verlaſſen. Wir ſahen ihn nur einmal, denn ſein Sohn, Freund Alphonſo, riß uns fort in ſeine herrlichen Wälder. 352 O Vater, es traf dort eine Jagdgeſellſchaft zuſammen, wie vielleicht ſelten am Gebirg ſich verbunden, und als nun gar der junge Vicomte von Sarres Salinas uns in ſeine reiche Gehege lud, wo, ſeit er mit mir den Guerilla⸗ krieg geübt, kein Schuß auf irgend ein Wild gefallen, da konnte ich nicht widerſtehen, und wagte ſelbſt den Un⸗ gehorſam gegen meinen gütigen Vater.— Eine eigene Unruhe hatte ſich plötzlich über das Ge⸗ ſicht des alten Grafen verbreitet. Bei dem Vicomte? So fern in Aragon? ſtieß er haſtig hervor. Doch ſich ſchnell bemeiſternd, ſetzte er kalt hinzu: Der Vicomte iſt ein guter Jäger, aber Sitten und Grundſätze, wie die ſeinigen, möchte ich nicht an meinem Sohne entdecken. Und warum heute in ſolch kriegeriſchem Schmucke? Die Zeiten ſind vorüber, in welchen das Zierde war, und der Kluge lebt in der Gegenwart, und ſpielt nicht kin⸗ diſch mit Erinnerungen.— Es ſind Damen im Schloſſe, antwortete Joſe ge⸗ ſchmeidig, da er die neue Verfinſterung des väterlichen Antlitzes bemerkte, und Ihr meintet einſt ſelbſt, das dunkle Wamms und die rothe Binde ſtände gut zu mei⸗ nen gebräunten Wangen, da mir einmal die weiße Haut der Navarreſen von der Natur verſagt worden. Ich möchte gefallen und die Herren vom Königshofe zugleich an mein kleines Verdienſt erinnern.— Gut, ſprach der alte Herr mit kalter Strenge, wohl Dir, wenn Du der Donna Blandina Herz zu fangen weißt, denn die Ehen unſerer Zeit bedürfen wärmeres Sonnenlicht als den elterlichen Segen. Auch darin herrſcht der Mode Regiment. Du wirſt die Familie Rivadavia nach Madrid begleiten, und Du wirſt dort als der Re⸗ präſentant unſeres Geſchlechts auftreten, Wenn die Fürſten 353 das Schwert in die Rechte nehmen, ihre Widerſacher zu züchtigen, ſo iſt ihre Linke weit offen, ihren helfenden Freunden die Gaben der Gnade zu ſpenden. Verſäume nicht, Dein Theil davon zu gewinnen. Die ältere Toch⸗ ter des Don Ignaz vermählt ſich binnen vier Wochen mit dem Neffen des Herzogs von Infantado; kannſt Du der Donna Blandia Herz gewinnen, ſo wirſt Du mit ihr an demſelben Tage Hochzeit machen, denn Don Ignaz iſt dem Plane nicht abgeneigt. Suche darum die Damen auf, ehe die Sieſta ſie unſichtbar macht.— Die Erſchöpfung des Don Joaquin ließ ihm nicht zu, an dem plötzlichen Erbleichen des Sohnes und an ſeiner Erſchütterung zu bemerken, welche Hinderniſſe dieſen Lieb⸗ lingswünſchen entgegenzutreten droheten; er ſah nur, wie Don Joſe mit aufs Herz gepreßter Hand ſich verneigte, und durch dieſe Zeichen des Gehorſams befriedigt, reichte er ihm die Hand zum Kuſſe und zur Entlaſſung, doch Don Joſe zögerte, und nach einenn tiefen Athemzuge hörte er mit Verwunderung, wie der Jüngling zu reden be⸗ gann, und hob neugierig ſein müdes Haupt. Ihr wißt, mein hochverehrter Vater, ſprach Don Joſe, wie ſelten ich von Euch ging, ohne Eure uner⸗ ſchöpfliche Güte mit einer Bitte zu beläſtigen. Auch heute müßt Ihr mir die böſe und liebe Gewohnheit ver⸗ zeihen.— Geld, oder einen neuen andaluſiſchen Hengſt? fragte Don Joaquin ungeduldig. Laß den Kaſtellan zahlen, und beläſtige mich nicht ferner.— Nein, mein Vater, fiel Don Joſe mit wachſender Wärme ein, es betrifft eine Ehrenſache, es betrifft eine ſchwere Schuld, die das Schickſal Eurem Sohne aufgebür⸗ det, und deren Zahlung auch Euch nicht ohne Nutzen ſein Blumenhagen. IX. 23 354 dürfte. Ihr wiſſet, daß in den letzten Jahren die Zigeu⸗ ner, welche leider ſo zahlreich am Gebirge leben, beſon⸗ ders die Dörfer unſerer Herrſchaft plünderten, ja ſelbſt unſer Schloß nicht ſchonten, ſich einzuſchleichen wußten und manchen Diebſtahl begingen, und daß alle Eure Strenge die Unſicherheit der Gegend und die Räubereien auf unſeren Landſtraßen nicht zu tilgen vermochte. Ge⸗ wißlich iſt Euch aber auch nicht unbekannt, daß, wo eine Familie dieſes ausgeſtoßenen Volkes ein feſtes Aſyl ge⸗ funden, ſie dankbar keine Unbill dulden gegen den Schutz⸗ herrn, der ſie aufgenommen, oder gegen die Seinigen.— Den Galgen dieſem ganzen Gaunervolke! rief der Schloßherr mit Lebhaftigkeit, indem er zugleich aus ſeinen Augen durchdringende Blicke auf den Jüngling ſchoß.— Laßt mich ausreden, Vater, fuhr Don Joſe mit Ruhe fort. Wir jagten in den Montas Lueſia. Ich hatte meine Büchſe auf einen angeſchoſſenen Keiler abgedrückt, hatte getroffen, und zog den Fänger, den braunen Burſchen anzunehmen, der jedoch vorzog, das Weite zu ſuchen. Indem ich mich jetzt nach den Hatzhunden und ihren Führern jagdluſtig umſchaute und den Jagdruf erſchallen ließ, gewahrte ich erſt, daß ich mich weit von den Ge⸗ fährten verloren hatte, und mein Ruf unbeantwortet blieb. Ohne Sorge darum, ſchritt ich raſch der ſchweiß⸗ bedeckten Fährte im Mooſe nach und verlor mich immer tiefer in den Unterbuſch. Da ſprangen plötzlich vier ſchwarzbraune Kerle aus einem Graben auf, und ehe ich zur Beſinnung kam, war ich gepackt, entwaffnet und zu Boden geriſſen. Vier blanke Meſſer droheten an meiner Kehle, und was nur werthvoll an mir zu finden war, wurde mir mit zauberhafter Schnelligkeit entriſſen. An — — der innern nutzloſen Wuth faſt erſtickend, den Tod wün⸗ ſchend, ihn herausfordernd in fruchtloſer Wehr, ſah ich plötzlich aus dem Eichendunkel einen graulockigen Greis hervortreten, und von ſeinem ſeltſam klingenden, fremd⸗ ländiſchen Ruf die Raubgeſellen erſchrecken, von mir laſſen, und zurückweichen. Aufſpringen, meine Büchſe vom Boden auffaſſen, und ihre Kolbe gegen die Feinde erheben, um die mir geſchehene Schmach zu rächen, wurde die That des Augenblicks. Aber auch meinen Arm hielt und lähmte der wunderbare Greis. Laſſet die jungen Hunde, die der Kette entſprungen, ſprach er, eine edle Hand beſchmutzt ſich nicht mit gemeinem Blute.— Die Burſchen mußten das Geraubte herausgeben, und ent⸗ fernten ſich dann mit giftigen Blicken. Jetzt erkannte ich den Greis als einen ſchon vorhin Geſehenen. Am Segre⸗ fluß, nahe bei Urgel, hatte ihn und ſeine Familie meine Guerilla aus einer Horde Pariſer Grenadiere gerettet, die ihm ſelbſt ſchon den Strick um den Hals gelegt, ſchon im Begriff ſtanden, die Wezher ſeines Geleites zu miß⸗ handeln und die Burſchen in den Fluß zu werfen. Jene längſt vergeſſene gute Waffenthat wirkte ſo ſpät noch nach, und rettete den einzigen Erben des berühmten Namen Almeida durch eine ſchwache Hand. Er geleitete mich aus dem Gehölz, und als ich nicht ſcheiden wollte, ohne ihm den großen Dienſt vergolten zu haben, erbat er ſich eine ſichere Freiſtatt in unſern Beſitzungen, wo ſein ſiebenzig⸗ jähriges Haupt die letzten wenigen Tagen ungeſtört ruhen, wo er ungeſtört ſterben dürfte, und ich erfüllte ihm die be⸗ ſcheidene Bitte.— Unbeſonnener! rief Don Joaquin, indem er wie mit Jugendkraft aufſprang, die geballte Fauſt auf den Tiſch ſtämmte und in zorniger Bewegung die Rechte gegen 356 gegen den Sohn dräuend erhob. Wie kannſt Du ver⸗ ſprechen, wo Dir kein Wille eigen war?— Ihr habt mich mündig gemacht vor der Zeit, Seßor, antwortete Joſe erſtaunt, und ich meinte, des Sohnes Leben würde der Vater gern bezahlen, wenn noch dazu die Zahlung Nutzen brächte.— Mündig? lachte der Alte in Zornwuth auf. Weil Du als zwölfjähriger Knabe von dieſen Mauern nach den Franzeſes ſchoſſeſt, weil Du ſpäter an meiner Seite fochteſt, glaubſt Du, Du ſtändeſt dem Herrn von Al⸗ barca gleich? Knabe, ich bin Dir ein zu ſanfter Vater geweſen, und wenn der Biſchof Recht haben ſollte, wenn Du zu den Schwindlern gehörteſt, die neues Unglück über Spanien zu bringen dräuen, bei dem heiligen Francisco, Du würdeſt fühlen, daß Dein Vater wieder geſundet iſt.— Aber ich gab mein Wort, Vater, ſiel der Jüngling eifrig ein.— Nur gegen Edle, gegen Deinesgleichen und Recht⸗ gläubige bindet es, antwortete herriſch der Schloßherr, gegen Heiden iſt es eine weggeworfene Perle. Dieſe thieriſche Menſchenart muß vertilgt werden, gleich den Negros und Freimaurern, vertilgt bis auf den letzten Stumpf. Spione waren ſie, Zwiſchenträger und Ver⸗ räther während des Krieges, denn wer kein Vaterland hat, kennt auch nicht Treue, nicht Dankbarkeit, und iſt Jedem feil zum Schlechten. Ich will nicht fragen, wo der alte Schurke ſein Verſteck hat, ich will erlauben, daß Du einen Reitenden zu ihm ſchickſt, ihm, was er eigennützig that, zu bezahlen, ſo hoch, als hätte er das Leben der katholiſchen Majeſtät gerettet; aber läßt er ſich finden in meinen Grenzen, ſo wirſt Du zuſehen, wie 357 ſein weißes Schelmenhaupt zwiſchen den ſchwarzen Aeſten der höchſten Fichten ſich ausnimmt.— Ich wage nicht, ihm mein Verſprechen aufzukündigen, erwiderte Joſe, denn er iſt ein Häuptling, ein Ge⸗ waltiger, ein Fürſt ſeines Volkes, und Euch und mir, und allen Bewohnern unſerer Herrſchaft könnte ſein Haß gefährlich werden.— Ein Häuptling, ein Fürſt? fragte Don Joaquin leb⸗ haft und geſpannt. Und woher weißt Du das, Knabe? Niemand kennt die Häupter dieſes Gaunervolks; keine Inquiſition, kein Alcalde, keine Folter hat die ſchmutzig⸗ ſten Burſchen dieſer Gelben je dahin gebracht, einen ihrer Führer zu nennen oder ſeinen Schlupfwinkel zu verrathen; ſie dulden lieber den ſchmachvollſten Tod, als daß ſolch ein Name über ihre bartloſen Lippen ginge. Knabe, woher weißt Du, daß dieſer ein Häuptling war?— Haſt Du ehrlos mit dem Geſindel verkehrt? Waren Frauen, Dirnen mit dem alten Sünder?— Er ſprach das Letzte mit fieberhafter Haſt und zornbebender Zunge. Don Joſe erſchrack vor des Vaters entſtelltem Ant⸗ litze, ſeine Wangen glüheten hoch auf, doch hinderte ihn ſein Ehrgefühl, zu lügen. Halblaut antwortete er: Der Alte gab ſich mir ſelbſt kund als das Haupt ſeines Stam⸗ mes; ſeine Familie war nur klein, ein Mädchen be⸗ gleitete ihn, ich glaube ein Großkind Tirawandaburums, und ein einziger dienender Knabe.— Tirawandaburum! lallte Don Jvaquin nach, und dieſer ſonderbare Name ſchien wie mit zerſchmetternder Zauberkraft auf ihn zu wirken; todesbleich ward ſein Antlitz, er wankte und ſank auf ſein Ruhebett. Als aber Don Joſe ſchnell ſich näherte, um ihn zu unter⸗ ſtützen, ſtieß er ihn mit lebhafter Kraft von ſich.— 358 Geh' zu den Damen! ſtammelte er. Sende mir den Baſilio! Geh, geh, oder Du tödteſt den, der Dich erzeugte.— Erſchüttert, tief ergriffen, verwirrt von den Räthſeln, die ihm unbegreiflich entgegen getreten, geängſtet durch des Vaters Zuſtand, ſtürzte der Jüngling hinaus, und ſandte alle Diener, die ihm in den Gängen begegneten, hinein zum Beiſtande des Erkrankten. Kühl blies der Abendwind von den fernen Biscayi⸗ ſchen Küſten her, und ergquickte die Fluren und die in der Tagesdürre ermatteten Geſchöpfe. Eine Cavalcade von Herren und Damen zog aus dem Felſenſchloſſe herab in die Thäler und lichteren Holzungen. Es wa⸗ ren die Fremden aus Madrid, die Hofherren auf treff⸗ lichen Pferden, die veiden Fräuleins auf ſtattlichen, blank⸗ geputzten und mit elegantem Geſchirr geſchmückten Eſelnz Pagen liefen beiher und ein Dienertroß ritt auf trägen Maulthieren hinterdrein. Don Joſe hielt ſich auf ſeinem edlen lichtbraunen Hengſte bald neben den Damen, bald geſellte er ſich zu den vorn reitenden ernſten Herren; dort trieb er ſeinen galanten Scherz, hier beantwortete er die Fragen des alten Vicomte Rivadavia geſetzt und mit dem Freimuthe, der ein Begleiter des geſunden Ver⸗ ſtandes und der feineren Geiſtesbildung zu ſein pflegt, und beide Parteien ſchienen nicht ohne Wohlgefallen den jungen kecken Ritter zu betrachten, der die Gegenden, welche ihr Spazierritt berührte, durch Erzählungen von manchen Merkwürdigkeiten, deren Theater ſie geweſen, lebendig zu machen wußte, der dazu ſo gut, ſo feurig erzählte, als wäre er ein Romanzenſänger aus Granada, ——— 359 der überdies ſo beſcheiden war, wenn die Rede auf ſeine früheren Waffenthaten kam. Der Weg lief jetzt in manchen Krümmungen und Winkeln durch ein ſchattiges Wäldchen von Kaſtanien⸗ bäumen, und der grüne Teppich, welcher zu beiden Sei⸗ ten die ſchmale Straße einfaßte, erfüllte die Abendluft mit dem köſtlichſten Kräuterduft. Plötzlich hielt Don Joſe ſein Pferd an und ſprang gewandt vom Sattel. Ein Riemen am Steigbügel ſchien geriſſen, er bat jedoch die Fremden, ihren Ritt fortzuſetzen, und rief einen jun⸗ gen Diener aus dem Gefolge zu ſich auf den Grasſaum, mit ſchneller und geſchickter Hand den Schaden wieder auszubeſſern. Der Reiterzug hielt nicht an, und als der Diener vom Maulthiere geſtiegen, den Zaum über den Arm gehängt und ſich dem unruhigen Hengſte ge⸗ nähert hatte, ſagte er verwundert: Es iſt nichts geriſ⸗ ſen, lieber Herr; nur die Schnalle iſt geöffnet.— Die Letzten des Zuges verſchwanden jetzt hinter einem Vor⸗ ſprung der Baumgruppen, und ſogleich faßte Don Joſe des jungen Menſchen Arm, und fragte mit Heftigkeit: Laurentio, biſt Du mir treu wie mein eigen Herz, und kann Dein junger Mund ſchweigen wie das Grab?— Was fraget Ihr noch, lieber Herr! antwortete er⸗ ſchreckt der Knecht. Güte weckt Treue; Ihr habt mich von mancher Strafe gelöſet, mich allen Kameraden vor⸗ gezogen, und ohnedas würde dereinſt keine Meſſe meine arme Seele aus dem Fegefeuer erlöſen, vergäße ich die Wohlthaten, die Ihr meiner kranken Mutter und den unmündigen Geſchwiſtern zugewandt.— Gut, gut, ſiel Don Joſe mit Ungeduld ein, laß mein Pferd, ſetze Dich auf Dein Thier, und höre, was ich Dir gebiete. Dieſen Fußpfad links reiteſt Du in möglichſter 360 Eile; er führt Dich in einer kleinen Stunde zu einem Platze, wo ein großes Kreuz ſteht, weil dort die fran⸗ zöſiſchen Dragoner zwei ehrwürdige Kloſterbrüder mor⸗ deten. Bei dieſem Kreuze wirſt Du einen alten Mann finden, in niedriger Tracht, mit ſeiner Familie. Du redeſt ihn an und ſprichſt:— behalte wohl die Namen! — Dowlet Zenagar habe geſorgt für ihn!— Dann gibſt Du ihm dieſen Brief und ſagſt dazu: das Perga⸗ mene darin würde jeden Störer und Feind, und wäre es der Alcalde ſelbſt, befriedigen! Dem Weibe aber, welches mit dem Alten ſein wird, reichſt Du dieſen Beutel voll Cruſaden und ſpriſt: Keller und Küche müßten gefüllt werden für den nächtlichen Gaſt, und das Feuer müßte leuchten auf dem Herde der Hausfrau! Haſt Du das Alles verſtanden und behalten?— Ja, ja, antwortete der Bub, ich werd's unterwegs fleißig herbeten. Aber darnach, Seßor, und wenn ich ſpät zum Schloſſe kehre?— Meine Sorge ſei Einlaß und Entſchuldigung, auch bleibt ſeit der Friedenszeit die Brücke in den kurzen Näch⸗ ten unaufgezogen, ſprach Don Joſe, doch Dein Geſchäft geht weiter. Du kennſt die Hütte des alten Hirten, welche leer ſteht, ſeit er die Merino's zehntete und im Thurm ſitzt, die Hütte, die am Ende von Albarca liegt, verſteckt in einer Gruppe alter gekrümmter Steineichen, dort, wo die Straße nach Pamplona in das Thal ver⸗ läuft. Dorthin führſt Du den Greis und Alle, die mit ihm ſind, und ſagſt: der Löwe möge ſich's bequem ma⸗ chen, bis der Fuchs den beſſern Bau gegraben!— Schone Dein Thier nicht, aber räume es dem alten Manne, ſollte er müde oder krank ſein. Ich gehe nicht ſchlafen, bis Du heim biſt, und führſt Du Dein Geſchäft wie ein 361 verſtändiger Mann zu Ende, Knabe, und bleibt Dein Mund verſiegelt, ſollſt Du mit Deinem Lohne ſtolziren dürfen. Aber fort und gebrauche die Gerte; der unge⸗ duldige Alte wird ſchon längſt zur Stelle ſein, und ginge er im Zorn, ehe mein Bote gekommen, hinge ein ewiger Scorpion an meinem Herzen.— Der Bube nickte, wandte ſein Thier und trabte haſtig davon; Don Joſe aber beſtieg ſchnell wiederum ſein Pferd, drückte ihm die Sporen ein, und flog im Galopp der Geſellſchaft nach.— Während dieſes räthſelhaften Geſprächs gab es in demſelben Wäldchen noch einen Zwieſprach, der des Be⸗ lauſchens nicht unwerth war. Die Madrider Herren ritten vorn, in politiſche Betrachtungen vertieft, die Dienerſchaft hielt ſich reſpektvoll weit hinten, ſo blieben die beiden Damen iſolirt in der Mitte, und ihre beiden großen, kräftigen Thiere, die nichts mit ihren zwergi⸗ gen Namensvettern im Norden gemein hatten, als die Ohren und das dunkle Rückenkreuz, ſchritten ſo ſicher neben einander her, daß die hochgewachſene Fernanda nicht unterlaſſen konnte, den Augenblick, der ſich ſo traulich bot, zum Austauſch ſchweſterlicher Gedanken zu benutzen. So ſtumm iſt die zartſinnige Blandina? fragte ſie. Kein Wort über die neue Eroberung, von der Du in den Pyrenäenbädern nicht träumen durfteſt?— Eben darum, antwortete Blandina, welchen Reiz kann ein Gut haben, das wie vom Himmel fällt, und deſſen Beſitz ſo leicht gemacht wird.— Thörin! lachte die Hohe, Dein Geſchmack iſt im⸗ mer bizarr und geht nicht mit der Mode. Du hätteſt gern zum Galan einen Abencerraden oder einen Prinz 362 aus dem Mohrenlande, etwas Mord und Todtſchlag am Hochzeitmorgen und drei hübſche Leichen neben Deinem Brautaltar. Arme Kleine, Du biſt mehre Jahrhun⸗ derte zu ſpät geboren, und hätteſt weder den Madrigal noch den Flores leſen müſſen. So ein Ritter de la Mancha mit dem ſilbernen Barbierbecken reitet nicht mehr auf den ſpaniſchen Heerſtraßen, und Calderons ſtürmiſch⸗ſchmachtende Prinzen hat die Gegenwart in derbe, trotzige Werber verwandelt. Ahme mir nach, Du girrendes Turteltäubchen, füge Dich in Dein Geſchickz ich meine, wir Beiden dürfen damit wohl nicht unzu⸗ frieden ſein.— Du ſpotteſt, Schweſter, und mir iſt ſo weh? fragte die üppige Kleine mit vorwurfsvollen Mienen im zart⸗ blühenden Angeſicht.— Iſt denn Don Joſe nicht ein ſchöner Mann? fuhr Fernando fort. Die Neugier, die Dich heute früh un⸗ ſtät umherjagte, darf ſie nicht Genüge haben an ihrem Funde? Dein Bräutigam ſchielet nicht, hinkt nicht, äh⸗ nelt ſo wenig dem Stockfiſche als dem Weinſchlauche. Und ſollteſt Du nicht eine Aehnlichkeit gefunden haben, die mir bei dem erſten Anblick ins Auge ſprang, und die den Don Dir nicht verleiden dürfte?— Eben das! rief Blandina mit ſichtlichem Schauder. O, Du kannſt nicht empfinden, wie mein Herz ſich ſchmerzlich davon ergriffen fand. Ja, er gleicht dem Eugenio, und doch welch ein Unterſchied! Wie weich und ſchmiegſam bewegt ſich Eugenio's ſchlanke Geſtalt, wie hart und ſtarr tritt dieſer Ritter des Felſenneſtes auf; wie demüthig, wie ſanft und beſcheiden iſt die Werbung Eugenio's, wie dreiſt und des Sieges gewiß nahte uns dieſer Guerilla⸗Kapitän. Und dieſe Augen! Ich habe mich gefürchtet, wie er ſie noch eben ſo durch⸗ ſtechend und frech auf mir haften ließ. Unter den dicken, faſt zuſammenſtoßenden Bögen blitzen ſie hervor mit einem hölliſchen Feuer, und es iſt mir immer, als blickte der böſe Geiſt mich daraus an, und ſuchte nach meiner Seele. Hat doch der Maler dem Verführer, wie er zum Herrn tritt, in unſerer Cathedrale eben ſolche Augen und ein eben ſo dunkelfarbiges Geſicht gegeben.— Ich meine, Du fürchteſt die braunen Männer nicht, lächelte Fernanda, denn Dein junger Abenteurer könnte gleichfalls unter den gelblichen Kammerherren der Königin ohne Maske als ein Prinz des alten Granada auftreten. Doch ernſthaft, Schweſterchen, ſetzte ſie mit Herzlichkeit und dem milden Tone der Anneigung hinzu, wollteſt Du Dein Glück von Dir ſtoßen, einem luftigen Traume zu gefallen? Wer iſt Dein Eugenio? Was weißt Du mehr von ihm, als daß er ein Mann iſt und in Spanien ge⸗ boren wurde? Laß mich Dir den ganzen Roman Deiner Liebe in der Kürze einer Canzone repetiren, damit Dir die Augen aufgehen.— In dem großen, männerreichen Madrid bemerkt ein gutes, aber etwas einfältiges Mäd⸗ chen einen Mann, der in allerlei Geſtalten ihr nachtritt. Er ſteht im Portal der Kirche im ſchlichten Kleide eines Hidalgo, wenn ſie von der Meſſe heimgeht; er bettelt als Kapuziner im Hofe, wo die Kleine Freitags an die lumpigen Krüppel des Quartiers ihre Maravedis ver⸗ theilt, und drückt den Silber⸗Rees an ſeine Lippen, den ihre weiße Hand hat in ſeinen ſchmutzigen Aermel fallen laſſen; wenn ſie züchtig in der Mantilla auf der Place major ſpazirt, durchkreuzt er ſeufzend in einem Stutzer⸗ habit ihren Weg und läßt Orangenblüten auf ihre Bahn fallen; wenn der Mond die Calle di Alcale vergoldet, 364 ſitzet er auf dem Rande des ausgetrockneten Brunnens, dem Palaſte des Vicomte Rivadavia gegenüber, und ſtört den Schlaf dieſes erlauchten Geſchlechts durch ſchaurige Geſänge zur Zither, welche alle Hunde Madrids zu Con⸗ certiſten machen, und er ſcheuet nicht das Stachelgebüſch am Rande des Parks, um im Garten Mitternachts als Geſpenſt umzugehen, und die Schatten hinter einer ge⸗ wiſſen zärtlichen Donna Fenſtervorhängen unſchicklicher⸗ weiſe zu belauſchen; ja der Taugenichts erſteigt die Ge⸗ länder am Hauſe, und empfängt von des Gärtners Geſellen dafür recht derb und nach Verdienſt ſeine Be⸗ zahlung. Aber noch mehr, bei den Corridas miſcht er ſich unberufen unter die Chulos und die Banderilleros, ſtolzirt im blauen Wämmschen unter der Loge ſeiner Dame, ſchwenket recht ſtattlich ſein Fähnlein vor dem Stier, und weiß ihm gar gewandt ſeine feuerſprühende Banderilla an den Schweif zu heften, wird aber auch hier von ſei⸗ nen Kameraden als eine eingeſchwärzte Dohle unter den Pfauen erkannt und aus den Schranken geworfen; frei⸗ lich glich er den Schimpf durch ein Heldenſtück in den Augen der Dame wieder aus, denn als am Schluſſe des Feſtes ein wüthiger Stier durchbrach, und er mitten im Gewühle des flüchtenden Volkes ſeine Dame traf, warf er ein Dutzend Eisverkäufer und Limonien⸗Weiber mit wahrhaft herkuliſcher Manier, ein ächter Cid in Fauſt und Ellenbogen, auseinander, und rettete das Dämchen vor dem Martertode, unter einigen hundert ſchweren Sohlen platt getreten zu werden wie ein gefallenes Ro⸗ ſenblatt.— Er rettete in jener Stunde auch der Mutter Leben, ſagte mit Empfindung Blandina, die bis dahin ſchweig⸗ ſam und mit ſichtlichem Vergnügen und in dem ſchwär⸗ ———— 365 meriſchen Entzücken einer ſchönen Erinnerung ſchwelgend, zugehorcht hatte.— Wer wollte ihm ſein Verdienſt ſchmälern? antwor⸗ tete Fernanda. Wer könnte aber auch den gefeierten Töchtern des Hauſes Rivadavia den Aerger verargen über einen ſo eifrigen Anbeter, der eigenfinnig ein Na⸗ menloſer zu bleiben bemüht iſt?— Heißt er nicht Eugenio? fiel Blandina ein. Nannte er ſich nicht ſo in allen ſeinen Canzonen und Romanzen? Sprach er nicht, als er die Mutter auf ſeinen Armen durch das ſtürmiſche Menſchenmeer getragen, und ſie ihn dankbar bat, uns zu begleiten: Señora, die Abend⸗ ſonne beſiegelt heute Eugenio's glücklichſten Tag! und nannte er ſich mit dieſen Wohllauten—— Du verſtummſt, frevelndes Beichtkind? lachte Fer⸗ nanda. Nannte er ſich nicht eben ſo in den Gebüſchen am Geſundheitsquell, wo er, gleich einem Kobold, plötz⸗ lich fünfzig Meilen von Madrid erſchien, als wäre er ſeiner Donna durch die Luft nachgeſegelt? Aber warum umſchlich er uns auch dort in der gelegenen Einſamkeit wie ein Diebsgeſell? Warum zeigte er ſich auch dort niemalen der gütigen Donna Vitalis?— Kind! Du biſt in einen gefährlichen Handel verwickelt, und tiefer und ernſter, als ich bis jetzt geglaubt. O mach' mich nicht wahrhaft zittern um die Schweſter. Das Frauen⸗ ſchickſal iſt aus feinen Fäden geſponnen, ſie ſind ſo ver⸗ letzbar, als ſchwer zu heilen. Mich befängt ein Grauen bei dieſen Geheimniſſen Deines ſchwachen Herzens. Eu⸗ genio! So kann jeder Laſtträger, jeder flüchtige Mönch, jeder entſprungene Galeerenſklav heißen. Und wo ſahen wir ihn je begleitet von einem Diener oder Pagen? Wo 366 prangte er je auf einem ſtattlichen Andaluſier, dem Lieb⸗ lingsgenoſſen jedes edlen Cavallero?— Und wenn er nun ein Unglücklicher wäre, ein Geäch⸗ teter, den die böſen Jahre des Vaterlandes in gefähr⸗ liche Verbindungen verſchlagen, der ſich bergen muß, bis des Königs Gnadenwort ſein Leben ſichert? ſagte ſchmerz⸗ lich die aufglühende Schweſter. Wenn er nur lebt durch ſeine Liebe, nur in ſeiner Liebe, um ſeine Liebe? Wenn mein Blick, mein Troſtwort, meine Zuneigung der einzige Balſam iſt auf die tiefen Wunden, die ihm das Schickſal ſchlug? Sollte ich mitleidslos ihm den Balſam verſagen, den Verlaſſenen zurück in die Wüſte ſtoßen, den Freund⸗ und Freudearmen, deſſen edle Geſtalt für ſeine Abkunft und ſeinen Seelenadel Zeugniß gibt?— Alſo ein Negro oder gar ein Freimaurer, der we⸗ der an die Jungfrau noch an die Heiligen glaubt? fuhr Fernanda erſchreckt im Sattel empor. Und ſo weit ſeid ihr gekommen, das Alles hat er Dir unter den kupple⸗ riſchen Schattenbäumen des Gebirges erzählt? Blan⸗ dina, Du bedarfſt einer Vertrauten, denn ein Abgrund drohet dicht vor Deinen Füßen. Die Heiligen geben Dir die Schweſter, weiſe ſie nicht von Dir, die Natur legte Dich ſelbſt an dieſes treue Herz. Und darum ſprich: wo iſt der Unglückliche geblieben?— Blandina legte mit heftiger Bewegung ihre kleine Hand auf den Arm ihrer Schweſter. Nein, in Deinem Buſen wohnt kein Verrath; Du wirſt der armen Blan⸗ dina das kurze Glück gönnen, für welches ſie ſelbſt keine Krone ſieht, wenn die heilige Schmerzensmutter ſich ihrer nicht erbarmt.— Mit geſenkten Augen und leiſer ſetzte ſie hinzu: Zwei Male ſah ich ihn auf der Reiſe von dem Bade bis zum Schloſſe. Zwei Male durchkreuzte 367 er unſern Weg in der Tracht eines Zigeuners. O, ich habe ihn nie ſchöner geſehen, als in dieſer verachteten Kleidung.— Der Hengſt des Don Joſe ſchnob in dieſem Augen⸗ blicke dicht hinter ihnen, und der roſige Mädchenmund verſtummte ſchnell; auch die vorderen Reiter hielten jetzt ihre Pferde an, und da das Gehölz eben einen freiern und lichten Platz darbot, wandten ſie ihre Thiere zurück, und erkundigten ſich nach dem Unfalle des jungen Wir⸗ thes. In demſelben Augenblicke fiel ganz in der Nähe ein Schuß, und als alle Blicke ſich nach der Gegend wendeten, und wo der Knall ertönte, ſahen ſie einen Mann in guter Jagdkleidung, der, die Büchſe in der Linken, umhüllt vom Pulverrauche, unter einem hohen Kaſtanienbaume ſtand, und ſich eben zur Erde bückte, den geſchoſſenen Faſan zu ſich zu nehmen. Don Joſe ſpornte ſogleich ſeinen Hengſt und hielt augenblicks neben dem Jäger, und, von Neugier getrieben, waren auch die Uebrigen ſchnell auf dem Platze, das Getümmel der Pferde ließ ſie jedoch einen weiblichen Schrei überhören, der mitten zwiſchen ihnen geſchah.— Wer erlaubte Euch den Schuß auf edles Wild? fragte Joſe mit Ungeſtüm.— Sind in dem Lande der Basken die Thiere des Waldes und des Feldes nicht Freigut Jedes, der ſie zu treffen weiß? Ich meinte, des Königs Bann gälte nur um den Luſiſchlöſſern Madrids, antwortete der Jäger kaltblütig, indem er ſein Haupt gegen den Frager erhob.— Die Edeln Navarra's wiſſen ihre Rechte auf eigenem Boden ſo ſtreng zu bewahren, als die katholiſche Majeſtät, entgegnete Joſe, und herriſch ſetzte er hinzu: Leget ohne Säumen das Gewehr ab, und hinauf in das Schloß 368 Albarca mit Euch, damit der edle Don Joaquin die Strafe Eures Frevels beſtimme!— Albarca? Strafe, mir? ſtieß der Fremde heftig her⸗ vor, und ſein dunkeles Geſicht glühete roth auf, und die großen Augen blitzten gegen den Feind. Zugleich erhob ſeine Linke die Büchſe, und ſeine Rechte griff nach dem Meſſer im Leibgurt. Wie Beide ſich ſo anſchaueten, ſtutz⸗ ten ſie beide, als hätte Jeder etwas Bekanntes und doch Unheimliches an dem Andern erblickt; doch Don Joſe's Hitze ſchien dadurch zu wachſen, und mit Grimm rief er: Noch frecher Widerſtand dazu? Franzisco, Miguel, Juan, entwaffnet den Wilddieb, bindet ihn, führet ihn zum Thurme!— Vater, tönte da der Donna Blandia ſanfte, bebende Stimme, ſchützet den Bedroheten! Es iſt Don Eugenio der Retter der Donna Vitalis!— Don Joſe's Augen wandten ſich ſcharf auf des Fräu⸗ leins Geſicht. Dieſer ein Cavallero? Ein ſpaniſcher Don, und kennt die Sitte und Manier ſo wenig?— Don Ignaz wandte ſich zu dem Jäger, der unruhig und verlegen daſtand. Ihr ſeid es, Seüor? Ihr, der Beſchützer unſerer Gattin, der ſo lange ſich unſerer Dankbarkeit zu entziehen wußte? Glücklicher Zufall, der uns den Geſuchten finden ließ! Ihr verzeihet, Don Joſe, daß ich eine Ausnahme von dem Rechte erbitte, das Euch freilich zuſteht; bei meinem alten Freunde werde ich die in Unwiſſenheit begangene Uebereilung zu ent⸗ ſchuldigen wiſſen.— Aber wer iſt der Don? Woher, wohin? Warum treibt er ſeine Jagdluſt auf ſo unbequeme Weiſe? erwiderte Don Joſe finſter und feindſelig.— Laſſet uns wiſſen, Seßor, wem wir ſo viel der 369 Schuld zu bezahlen haben, fiel Don Ignaz dem Junker freundlich gutmachend ins Wort; ich bedarf Eures edeln Namens, um Euch als willkommenen Gaſt einzuführen auf Albarca, wo Ihr der Donna Vitalis, wie unſerm Vetter, höchſt angenehm erſcheinen werdet.— Sollte ich jetzt meinen Namen preisgeben, wo Schimpfreden und die Drohung gemeiner Strafe ſeinen Träger befleckt haben? fragte mit Unmuth der Fremde. Mein elterliches Haus liegt nahe bei Corunna, vom Meere umſpült; ich wandere durch das Königreich, auch die weſtlichen, die ſüdlichen Landsleute kennen zu lernen, und prunke ich auch nicht hoch zu Roſſe, ſo verſichere ich Euch dennoch, mein Vater war ein ſo guter Edelmann, wie irgend einer der edeln Herren, die ich hier vor mir ſehe. Wollet Ihr mir aber, mein hoher Vertheidiger, eine Gunſt erweiſen, ſo enklaſſet mich in dieſem Augen⸗ blicke ohne Frage und Aufenthalt; mein Blut bedarf der Abkühlung nach einem ſolchen beſondern Ereigniß.— Der freie Ritter achtet jede fremde Freiheit, antwor⸗ tete Don Ignaz, ſchwankend zwiſchen dankbarer Freund⸗ lichkeit und beleidigter Offenheit! Wer möchte Euren Willen feſſeln? Aber wo findet Euer Schuldner Euch, und wo wird man Euch wiederſehen?— Der Fremde ſchien eine kurze Weile unſchlüſſig, und ſein großes Augenpaar ſenkte ſich zu den Waldblumen des Bodens. Die Poſada am Rande des Kaſtanienwal⸗ des gab mir und den Meinigen Quartier, und— ſetzte er mit ſtärkerer Stimme hinzu und mit hörbarer Wallung — ich werde kommen auf Schloß Albarca, bald, denn eine eigene Angelegenheit wird dort meine Gegenwart fordern.— Er neigte ſich anſtändig gegen die Herren, dann gegen die Damen, und ging feſt und raſch mitten Blumenhagen. 12. 370 über den pfadloſen Raſen unter den Baumſtämmen hin, ins Dickicht hinein.— Ein ſeltſamer Weltumſegler! lachte Don Joſe, ſei⸗ nen Ingrimm verbeißend. Er wandert mit ſeinem Com⸗ paſſe mitten durch unſere Wildniß, als ſei er Jahre lang unſer Forſtknecht geweſen. Ich muß geſtehen, meine Neubegier iſt geſpannt auf die Entwicklung die⸗ ſes Räthſels.— Unſere Zeit gebiert ſeltſame Menſchen, ſprach ernſt⸗ haft Don Ignaz; aus zerſplitterten Weltkörpern ſollen irrende Kometen werden; auch zerſprengte Völker ent⸗ wickeln ſolche menſchliche Irrſterne. Uebrigens bin ich kein Freund ſolcher Mummerei, und wer ſich dem Danke entzieht, iſt wenigſtens nicht höflich gegen den Dank⸗ baren, dem er die Bürde läßt. Indeß halte ich den er⸗ zwungenen Abtrag ſolcher Schuld für einen Undank ohne Gleichen, und wir müſſen uns darum ſchon gedulden, bis es dem kurioſen Jäger gefällt, ihn gnädigſt entgegen zu nehmen.— Als man jetzt faſt verſtimmt und ohne die frühern Erheiterungen der Geſelligkeit und Galanterie den Rück⸗ weg antrat, wußte Donna Blandina ihr Thier bald dicht neben den Hengſt des jungen Grafen zu treiben, und erzählte dann die Geſchichte der Rettung bei dem Stiergefechte ſo umſtändlich, ſo lebhaft und mit ſolch poetiſcher Ausſchmückung, daß Don Joſe immer aufmerk⸗ ſamer in den lieblichen Zügen der reizvollen Dame die Urſache dieſer auffallenden Bewegungen zu erforſchen ſuchte, ſich jedoch geſtehen mußte, ſo ſehr ihm auch der Gegenſtand ihrer Theilnahme zuwider geworden, daß es beneidenswerth ſei, das innere Feuer einer ſolchen Ver⸗ theidigerin für ſich alſo erweckt zu ſehen. Mißmuthig, er 371 wußte ſelbſt nicht warum, kam er Abends auf ſeinem Zimmer an, und ſein erſtes Wort an den alten Baſilio war der Befehl, mit dem nächſten Morgen an den Al⸗ calden des Ortes Albarca zu ſchicken, und ihm die Nach⸗ forſchung über die fremden Gäſte in der Poſada des Landwirthes Lucas ſtreng anzubefehlen. Beſſer wär's, an Euch ſelbſt zu denken, denn Ihr könnet nur darauf ſinnen, den Herrn zu verſöhnen, ſagte der plappernde Diener bei dem Umkleiden; Ihr habt ihm mit den Zigeunern alle Galle ins Blut gejagt.— Warum auch brachte ihn ſolche Armſeligkeit in den Harniſch, entgegnete Don Joſe abſtoßend; die alten Her⸗ ren predigen ſtets von Kaltblütigkeit, und vergeſſen, das lebendige Muſter der ſtreng gehaltenen Jugend zu ſein.— Das wiſſet Ihr nun nicht, Seßor, und es weiß Niemand, außer mir, im Schloſſe, verſetzte Baſilio ernſt, denn die alte Dienerſchaft iſt ausgeſtorben oder fortge⸗ kommen in den zwanzig Jahren. Der Don Joacquin ſelbſt hatte eine gar böſe Geſchichte mit dem Zigeuner⸗ volke, und— Gott vergebe allen Schuldigen!— ich fürchte, Donna Ines, Eure ſelig verſtorbene Mutter, trank den Tod an der Geſchichte. Seitdem darf ſich keiner von der egyptiſchen Brut am Tage bei uns ſehen laſſen, und mancher Strick hat ſich an einem gelben Halſe ſatt geſogen. Aber wie kamet Ihr zwiſchen ſolch ſchmutzige Bagage? Es war doch nicht gar ein Weibsbild dabei, das Euer Junkerherz in Begier verlockte? Es ſind viel ſchmucke Geſtalten zwiſchen den Heiden, und das Ab⸗ ſonderliche ſtachelt leichtlich das friſche Blut der Junk⸗ herren. Aber hütet Euch, lieber Don Joſe, denn die Gelben dienen dem Teufel, und ihre Teufelskünſte brin⸗ gen jedem guten Chriſten Verderben, und man bezahlt 372 mit der Seele die kurze Leibesluſt. Ich könnte Euch noch Vieles von ſolcher Seelenpein zur Warnung erzählen, wenn ich dürfte. Doch ſaget mir, habt Ihr ſchon das Geld, wie es Don Joaquin befohlen, an den alten Schurken zahlen laſſen, und wo habt Ihr ihn hinbeſtellt deßhalb, und iſt ihm ein gehöriger Bannfluch mitgegeben über den Grenzpfahl hinaus 2— Don Joſe faßte den alten Plauderer ſcharf ins Auge. Nicht wahr, Du grauer Fuchs möchteſt gern ein paar goldene Cruſaden verdienen? Pfui über Dich, daß Du Deinem künftigen Herrn das Geheimniß ſeiner Bruſt ablauſchen möchteſt, um damit zu wuchern! Geh, und bedenke, daß Deines Herrn Sohn längſt mündig wurde, unter franzöſiſchen Degen und Bajonetten, und daß er, ſobald er ſeine Ehre verpfändet, ſich gebunden hält, und wenn auch der Provinzial des Franziskanerordens oder der Erzbiſchof von Toledo ſelbſt ihn davon loszuſprechen bereit wären.—. Des jungen Navarreſen Blut wurde in den nächſten Tagen gar oft in ſchädliche Wallung gebracht, und das geringe Maß von Geduld, das ſein heftiger Charakter noch im Gemüth gelaſſen, auf ſchwere Proben geſtellt. Don Joaquin war kalt und herriſch gegen ihn; alles Vertrauen auf den Sohn ſchien erloſchen, und hatte er ihn ſonſt durch ſeine Affenliebe verwöhnt, ſo ſchien er ihn jetzt thörichter Weiſe durch den Mißbrauch väterlicher Gewalt einſchüchtern zu wollen; ja, ſogar die Anſtalten zu Don Joſe's Reiſe nach Madrid wurden gemacht, die Roſſe, die Diener zum Geleit beſtimmt, ohne ihm dabei eine Stimme zu vergönnen. Außerdem fand ſein ſchar⸗ fer Sinn gar bald aus, daß die eigenen Dienſtleute, von ——— 373 ſeinem Vater beſtochen, jeden ſeiner Schritte bewachten, und ſein Freiſinn wie ſein Ehrgeiz empörte ſich durch dieſes Mißtrauen und die Wegwerfung ſeiner Ehre an ſeine niedrigſten Knechte! dazu kam, daß auch die frem⸗ den Damen ſeit der Scene im Kaſtanienwäldchen jede nähere Berührung mit ihm vermieden, ſelbſt manchen abendlichen Spaziergang in den Thälern unternahmen, ohne ſeine ritterliche Begleitung zu begehren, die er zu ſtolz war, ihnen anzutragen, obgleich er ahnete, welchen Zweck dieſe ſpäten Ausflüge haben möchten. Nur in der heißen Zeit der Sieſta gelang es ihm, unbemerkt einige Male, und nur auf kurze Zeit, ſeine geliebte Damgaja in ihrer Hütte zu beſuchen; aber ſo ſüß der gefährliche Genuß wurde eben durch die Gefahr, ſo hoch ſteigerte er die Feindſeligkeit gegen Alles, was ihn um⸗ gab, in einer Seele, die bis jetzt keine Ketten des Wil⸗ lens, keine Schranken der That gekannt hatte, und dieſe ewige Unruhe in ihm peinigte bis zur Verzweiflung.— Da kam eine Nacht, finſter wie das Grab; der Himmel war hoch oben mit einer dichten, unbeweglichen Wolken⸗ decke bezogen, und tiefer ſauſete ein Sturm durch die Luft, und jagte ſchwarzes Wettergewölk vor ſich auf, welches die Dunkelheit noch undurchdringlicher machte. Don Joſe konnte nicht ausdauern im einſamen Gemach, und trotzig ſprach er: Komme das Schlimmſte; iſt er Vater, bin ich der Sohn; ſteht doch nur ein Mann gegen den an⸗ dern!— Er bewaffnete ſich mit Vorſicht, und verließ das Schloß, die Wohnung der Geliebten aufzuſuchen. In dem kleinen Hirtenhauſe, das, vom Wege ent⸗ fernt, gänzlich verſteckt von den Zweigen der gekrümmten Zwergeichen lag, ſaß der alte Zigeuner auf dem Schemel mit finſterm Geſicht und in Gedanken verſunken, deren 374½ Inhalt, der Schrift auf ſeiner Stirn nach, nichts Wohl⸗ thätiges zu ſein vermochte. Der Knabe Dilli wachte über den Keſſel des Herdes, und die ſchöne Damgaja hatte ſich niedergekauert auf der Thürſchwelle, achtete nicht des Sturmwindes, der mit ihren langen Haarflechten um den Nacken ſein Spiel trieb, und ſtarrte hoffend und ſehnend in das Dunkel hinaus. Da ſchoß ſie im Schreck zuſammen und drückte ſich zur Seite, denn ein ſchwarzer Schatten fuhr plötzlich um die Ecke des Hauſes, neben ihr vorüber und in die Thür hinein. Entſetzt ſah ſie ihm nach, und erkannte bei dem Leuchten der Flamme des Herdes Koita, die Zigeunerin. Der Alte ſchreckte auf aus ſeinem Sinnen. Wer rief Dich? fragte er hart, und was willſt Du, Unglückskind, in der Freiſtatt des Vaters?— Soll nicht das Dach der Väter ſchützen der Kinder Bett? fragte das Weib zurück. Das Urtheil, welches Du ſpracheſt, iſt erloſchen durch den Zahn der Zeit, und Dein Haus muß wieder mein Haus ſein, Deine Schüſſel meine Schüſſel. Biſt Du den Häuptling Deines Stammes, mußteſt Du auch ein Muſter ſein im Schutz der Rechte Deiner Kinder.— Unruhig antwortete der Greis: Der Freibrief lautet nur auf mein Haupt und auf die Häupter der Enkelin und des Knaben. Du biſt nicht ſicher in dieſen Thälern, Koita, und Aſchmirs Tochter that nicht klug, wider des Vaters Willen ſeine Fußſtapfen aufzuſpüren.— Das Weib erhob ſtolz ihr dunkles Haupt. Koita trägt ihren Freibrief, ihre Schutzwaffe bei ſich, ſagte ſie. Selbſt als Du ſie verbannteſt, würde ſie und ihr Kind gerade in dieſem Thale den ſicherſten Aufenthalt gefunden haben, hätte ſie gewollt.— 375 Wo iſt Dein Sohn? fragte der Greis abweichend.— Ich ſah ſeinen Schatten ſchon ſeit einem Jahre nicht vor mir wandeln, antwortete ſie kalt, und weiß wenig von den Schritten ſeines unſtäten Fußes. Des Vaters eitles Blut gohr in ihm, und er hatte von früh an wenig Gefallen an dem Leben der Wandernden, ſo ſtreng er gehalten wurde. Am Duero trieb er ſich zwiſchen dem fremden Kriegsvolke herum, das von der großen Inſel herübergekommen, und die rothen Soldaten hatten ihn gern, und lehrten ihn das Waffenſpiel. Später kam er nur ſelten zu unſeren Nachtlagern auf der Heide, und unſere Burſchen wollen ihn geſehen haben zu Sala⸗ manca, Segovia, ja ſelbſt in Madrid, wohl geputzt in der Kleidung der Blanken.— Und Du zagſt nicht um ihn, und weißt, daß ein jedes Kind unſeres Stammes dem Tode verfallen iſt, wenn es ertappt wird in Verkappung oder der Maske eines Espagnols? fragte erſtaunt der Greis.— Wenn das Kind der Mutter Blick verachtet, trage es den Fall, antwortete das Weib mit eiſigen Tönen. Und was thateſt Du, der Raiſim, Beſſeres, als Du den Grafenſohn einſchwärzteſt bei Deinem Volke, und Dein Herzenskind in ſolchem Poſſenſpiele ſchändlich den Lüſten eines Knaben preisgabeſt?— Koita! fuhr der Greis heftig auf, meiſtere den Va⸗ ter nicht, deſſen Zorn Du ſchon einmal empfunden! Das Spiel war ernſt und bedacht, und Dein Bild ſtand in des Vaters Seele. Dich zu rächen, ließ ich zu, was geſchehen, denn für zwanzig Jahre iſt der Sohn Deines Verführers an uns gebunden, und ſeine Neigung zu dem Mädchen iſt ſo heiß und wahr, daß ich dieſen Kopf zum Pfande ſetze, er führt Damgaja dereinſt als Herrin 376 in ſein Felſenſchloß, ſobald der ſündige Schloßherr ein⸗ mal zur Hölle gefahren.— Die Zigeunerin lachte laut. Du biſt ein Mann und lobſt der Männer Treue? fragte ſie dann im bittern Spott. Er wird Deine Puppe verlaſſen, wie ſein Va⸗ ter mich verließ, aber Damgaja wird nicht in die Tiefe meines Grames verfinken, denn Deine Arme werden ihrer Kinder Wiege ſein.— 5 Eine heiße, tiefe Empfindung ſchien bei den letzten Worten aus ihrem Herzen zu quellen und ſich ihrer zu bemächtigen, denn ſie ſetzte ſich auf den Herd, ſtützte ihr Geſicht mit beiden Händen, und fuhr milder fort: O Vater Aſchmir, wie hat Deine That alle Netze meiner Klugheit zerriſſen, die ich ſo ſicher geſtellt, und die ſo lange gehalten! Meine Rache war beſſer als die Deine; meine Rache war die rechte, und ſie ging immer neben dem Treuloſen, unſichtbar, wie der böſe Geiſt, aber mächtig und unbeſiegbar, wie er. Dieſer Grafen ſohn mußte die ſtolzeſte Grandentochter freien, ja, buhlen mußte er mit einer Infantin, mußte, gleich dem Prinzen de la Paz, die höchſte Stufe des Königsthrones beſteigen und über dem Könige ſtehen.— Wirr ſind Deine Sinne, fiel der Greis ihr in die Rede, Unſinn iſt Dein Wort, das dem Sohne des Fein⸗ des Kronen wünſcht. Lege Dich nieder dort auf die Decke, und verſchlafe Deine Träume.— Der Schlaf iſt mein Freund nicht mehr, fuhr die Zigeunerin fort, ich bin allein mit meinen finſtern Ge⸗ danken, und mußz jetzt ſinnen auf einen andern Weg für meine Rache.— Sie ſchoß einen wilden Blick auf das an der Thür ſitzende Mädchen und legte die Hand an das Meſſer im Gurt.— Wenn aber Dein letzter 377 Schlaf kommt, Vater Aſchmir, ſollſt Du mein Abſchieds⸗ wort hören, und wirſt die Tochter nicht ferner eine Un⸗ ſinnige ſchelten.— Es rauſchte vos der Hütte durch die Zweige der Eichen; Damgaja ſprang auf; fuhr jedoch ſogleich wie⸗ der in ihren Winkel, denn nicht der Erwartete, ſondern drei Männer ihres Stammes drängten ſich an ihr weg in das Haus. Das Weib hob ſich ſchnell von dem Herde empor, als der Längſte der drei Geſellen dreiſt voran⸗ trat. Guhruh, mein Sohn, was willſt Du? ſtieß ſie hervor, doch war in ihrem Erſtaunen mehr Unwillen als Muttergefühl zu erkennen. Der junge Mann reichte dem Greiſe die Hand. Der Enkel kommt, den Groß⸗ vater, der Sohn der Heide ſeinen Naiſim ehrfurchtsvoll und zum erſten Male zu begrüßen.— Du biſt eine ſchmucke Linde geworden, gerade ge⸗ wachſen und voll in der Krone; nur viel von dem Blan⸗ ken ſteht widerwärtig auf Deinem Geſicht; dennoch Glück Deinem Eintritt!— erwiderte der Alte, den Ankömm⸗ ling ſcharf betrachtend.— Ich hoffe darauf, antwortete Guhruh, denn ich ſuche das Glück mit Fleiß, und wer die ganze Kraft in einen Zweck ſetzt, geht ſelten leer nach Hauſe. Auch iſt das Glück mir nahe, und will's der heilige Georg, ſollt ihr Alle Theil haben daran.— Du nennſt fremde Götter? Und welches Glück kannſt Du hier ſuchen? Und wer verrieth Dir meine Spur? rief Koita mit Heftigkeit, von dem Drängen der ver⸗ ſchiedenartigſten Gedanken gepeinigt.— Ich traf Viele der Söhne der Heide in den nahen Gebirgen, die, dreiſt gemacht durch euer Beiſpiel, ſich dem verpönten Landſtriche nähern, hoffend ſo auf Verdienſt 378 als Gewinn, antwortete ruhig der Sohn. Deine Spur, Mutter, zeigte mir Zack, Dein Bub. Was ich aber hier ſuche, mußt Du errathen, ehe denn ich es ſprach. Ich haſſe von je das Leben des gehetzten Fuchſes, der nur durch Liſt und Laſter ſeinen Mittag wie ſein Schlaf⸗ bett gewinnt, und zu dem Du mich geboren. Mein Ge⸗ müth beneidet die Ordnung und Sicherheit des Volkes, dem dieſes Land gehört, und von welcher nur wir aus⸗ geſchloſſen blieben; meine Seele durſtet nach That im Licht, die den Kindern der finſtern Nacht fremd iſt. Der Hirt in ſeiner Armuth, der gemeine Soldat, der Bettler in ſeinen Lumpen iſt mehr als ich. Sollte es ſo bleiben mit mir ein ganzes Menſchenleben hindurch, würde mein Haar ſich bleichen, mein Leib ſich verzehren, ehe ich ein Mann geworden; darum that ich den erſten Schritt zum Ziele, und ließ mich taufen zu Salamanca, und der fromme Prieſter gab mir den Namen Eugeniov.— Abtrünniger! Verräther an Deinem Namen! riefen beide Zuhörer mit Abſcheu.— Warum das? fuhr der junge Mann gleichmüthig fort. Gehöre ich doch nur mit einer Hälfte zu euch, und mein Vater iſt ein guter, katholiſcher Chriſt, und ich durfte ja nicht mit dem Heidennamen vor ihn hin⸗ treten, denn ich geſtehe es euch frei, ich bin gekommen, ihn zu ſehen, ihn zu ſprechen, wie ein Sohn zum Er⸗ zeuger ſpricht.— Unglücklicher, wer verrieth Dir das gefährliche Ge⸗ heimniß? fragte das Weib entſetzt.— Dein Freund Amuſur that's, antwortete Eugenio. Das Volk am Duero hatte ihn mit Steinwürfen auf den Tod verwundet, weil er vergeſſen, ſein Knie vor einer Pro⸗ zeſſion zu krümmen. Ich brachte ihn in Sicherheit, band —————— 379 ſeine ſchweren Wunden und pflegte ſein, bis daß er ſtarb. Da entdeckte er mir, daß der mächtige Graf von Orgoy, der nahe bei Pamplona wohnt, mein Vater ſei; daß er meine Mutter geliebt, daß aber ſeine Neigung ſich in Haß und Verfolgung gewandelt, weil die jähzornige, unbedachtſame Geliebte nach einem Gezänk mit ihrem Verführer zu der Gräfin gedrungen ſei und dieſer die Untreue des Gatten entdeckt und Schutz von ihr gefor⸗ dert habe. Die Gräfin ſtarb in Folge des Schreckens und des Grames über die Geſchichte, und der zorn⸗ empörte Graf verfolgte darauf, zur Strafe der Unbe⸗ ſonnenheit, Mutter und Kind und ihren ganzen Stamm, obgleich er früher eben kein harter und herzloſer Mann geweſen.— Koita bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, Eugenio aber fuhr fort: Du hörſt, Mutter, ich kenne die ganze traurige Begebenheit, und ich bin geſonnen, gut zu ma⸗ chen, was Du verdorben, und Dir und dem Großvater vielleicht ruhige Tage zu gewinnen. Ich werde zu dem Grafen gehen; ich werde mich ſeinen Sohn nennen; die vorgerückten Jahre, ſeine Wunden werden ihn weicher geſtimmt haben, und wenn das Herz ſpricht, höret auch das Herz. Ich ſehe eure Unruhe, doch ſetze ja nur ich meine Freiheit, mein Leben daran, und ihr bleibt un⸗ gefährdet, mißlingt mein Unternehmen. Ich hätte auch ohne euch den Weg gethan, aber ich bedarf ja eurer dabei. Ihr müßt Zeugniß ablegen vor dem Gyrafen, daß ich bin, wer ich ſein will; Du, Mutter, wirſt mir Zeichen mitgeben können, woran der Vater mich er⸗ kenne.— Nimmer! ſchrie Koita wie außer ſich. Du darſſt den Weg nicht thun; Du wirſt uns Alle verderben durch 380 den Gang. Ich verbiete Dir's, und dort auch der Nai⸗ ſim unterſagt Dir's bei ſeinem Fluche!— Willſt Du nicht helfen zu Deines Kindes Glück“ fragte verwundert Eugenio. Du wirſt Dich bedenken, Mutter, an deren Brüſten ich geſogen. Auch thue ich den Schritt nicht morgen, nicht übermorgen, denn es find Gäſte im Schloſſe, die ich zu meiden habe. Sie reiſen baldigſt, mit ihnen der glückliche Grafenſohn, mein Halbbruder. In der Einſamkeit wird mein Wort zu dem Vaterherzen heller und ungetrübter erklingen. Mag er mich machen zu ſeinem geringſten Diener, zu ſeinem Knechte, zu dem Wächter ſeiner Herden; wenn er mich nur einmal Sohn genannt, und mich durch den einen Himmelslaut aus dem wüſten Leben geriſſen auf feſte Bahn. Du wirſt Dich bedenken, Mutter. Ich wandere jetzt nach Pamplona; ſobald es an der Zeit iſt, ſpreche ich hier wieder vor und hole die Gewährung meiner Bitte.— Freundlich grüßend eilte er aus der Hütte. Das Weib aber raufte ihr dunkles Haar und murmelte: O warum war die Milch meiner Brüſte nicht ein Schier⸗ lingswein? Warum erſäufte ich nicht den Undankbaren und meine Schande im nächſten Waſſer? Aber er ſoll nicht hinauf, ſterben eher.— Was tobt Dein Wahnwitz? fragte der Greis ver⸗ wundert und ſtrengen Tones. Guhruhs Plan iſt der Rathſchluß eines Klugen, und der Burſch ſieht aus, als würde er ausführen, was er erſann. Mein Propheten⸗ geiſt ſpricht in mir, der Knabe Deiner Schwäche wird ſeines Großvaters Haupt weich betten.— Aber mein Geiſt, ſchrie Koita, ſchauet Blut und Verderben! Sterben muß er, ſterben, und mit ihm —— ———— ————————————— 381 vielleicht noch Zemand.— Sie faßte mit ſtarrer Hand einen der Zigeunerburſchen, die mit Eugenio gekommen, und riß ihn mit ſich fort aus dem Hauſe.— Indeß hatte ſich außerhalb des Hirtenhauſes eine nicht minder lebenvolle und auf die Ereigniſſe einfluß⸗ reiche Scene geſtaltet. Bald nachdem Eugenio ſich ein⸗ gedrängt, verſchwand das Mädchen von der Schwelle der Hüttenthür. Ihr ſcharfes Auge hatte den Geliebten auf den Krümmungen des ſchmalen Fußpfades erkannt, und, von Angſt und Liebe gleich erhitzt, warf ſie ſich in ſeine Arme. Du achteſt den Sturm nicht, fordert das Herz Dich heraus, ſprach er frohſinnig unter warmen Liebkoſungen, Du biſt das rechte Weib für einen Guerilla⸗Mann, und wer weiß, wie bald Du die Stärke dazu an Dir zu er⸗ proben haſt. Aber laß uns hinein an den warmen, ſichern Herd, daß ich meinen Blick tauche in Dein Seelenauge, daß ich mich weide an Deiner lieben Geſtalt, da mich die Entbehrung ſo vieler Tage abgezehrt, gleich dem verdurſteten Hirſch.— Damgaja hielt den Fortſchreitenden feſt. Hemme Deinen Schritt, flüſterte ſie in bangenden Tönen, Deine weiße Capa müßte Dich verrathen, und Du darfſt nicht zu Deines Weibes Kammer, denn unwillkommene Gäſte füllen das Gemach.— Fremde? fragte Don Joſe, Leute Deines Stammes? — und als ſie bejahete, ſetzte er unwillig hinzu: Warum nahm ſie Aſchmir auf? Weiß er nicht, daß er unſer Geheimniß auf's Spiel ſetzt, und noch mehr der Laurer auf unſere Fährte hetzt, deren im Schloſſe ſchon genug 382 mich umſchleichen?— Aber des kindiſchen Greiſes Un⸗ beſonnenheit ſoll unſere Feſtſtunde nicht ſtören. Komm, Du Liebliche, ſetze Dich zu mir, und lehne Deine bren⸗ nende Stirn an des Geliebten ſchirmende Bruſt.— Er hatte den weißen Mantel fallen laſſen, bog ſein rechtes Knie darauf und zog die Sträubende zu ſich.— Dein Kuß iſt mein Balſam, Dein Wort mein Ruf zum Himmel! ſprach ſie mit Haſt. Ich bin geknüpft an Dich, wie die Hand an den Arm, mein Daſein iſt in das Deine verwachſen, wie das Herz in die Bruſt. Stürbeſt Du, würde Damgaja nicht länger nach Dir leben, wie die Augenwimper über dem Auge zuckt. Das weißt Du, nicht wahr, mein Joſe?— Dennoch mußt Du fort ohne Zögern, ich darf Dir nicht einmal Zeit laſſen zu einem ſüßen Kuß oder zu einem flüchtigen Spiele unſerer Hände, denn ich liebte Dich ja nicht, ſetzte ich an meinen Genuß Dein Leben. Die da drinnen werden nicht bleiben; Aſchmirs Wort kann ſie gleich heraustrei⸗ ben, und wehe! fänden ſie uns; denn es iſt dabei die giftige Schweſter meines Vaters, dieſelbe, welche das Feſt unſeres Bundes auf der Heide von Carcaſtilla ſtörte. Dort rettete Dich der greiſe Naiſim, weil er ihr Wort für den Spruch einer Wahnwitzigen erklärte, hier, wo ihr Sohn und ihre Gefährten mit ihr ſind, würde Nie⸗ mand Dich vor der Feindſeligen ſchirmen können, deren Haß ſich gern an dem eigenen Vater, an dem Bruders⸗ kinde ſättigen möchte.— Don Joſe war raſch aufgeſtanden und entblößte ſeinen Dolch. Iſt dieſer nicht Schirm genug? fragte er ſtolz und ſpöttiſch. Du biſt eine Perle, die eine boshafte Laune des Schickſals in den Koth geworfen. Ich heftete die Perle in meine Krone, aber ich trete den Koth. Und 383 woher kam der Sohn des tollen Weibes? Laß mich einen Augenblick, denn ich will ſie ſehen und ihn, und gebe mein Wort darauf, mein armes Weib ſoll dann nicht mehr zagen, und Dein Herzchen ſoll nicht länger ban⸗ gend klopfen, nachdem noch einmal die Sonne niederging. — Er ſchritt gegen die Hütte, ſie nachziehend an der Hand, die ihn aufzuhalten ſich bemühete. Scharf ſchauete er durch die trüben Scheiben des ſchmalen Fenſters. Das Weib erkenne ich, ſprach er leiſe, die Flammen des Her⸗ des umflackern das Furienantlitz, gleich rother, ziſchender Schlangenbrut. Doch welcher iſt der Sohn? Dieſer, welcher ſich jetzt zum Feuer kehrt? Was ſehe ich? Und horch! Nannte er ſich nicht ſelbſt Eugenio?— Still, ſtill, Freund! ziſchelte Damgaja. Deine Stimme ſchwillt, wie vom Sturme des Zornes, gleich der Stimme derer, die drinnen ſind. Wohl uns, daß eigenes Gezänk ihr Ohr verſchloſſen hält.— Ha! Mein guter Geiſt rief mich hinaus in die Fin⸗ ſterniß! rief Don Joſe in einer Miſchung von Freude und Wuth. Stahlen die da mir eine ſelige Nacht, ſo geben ſie mir Erſatz durch einen Goldfund. Don Euge⸗ nio, der hochmüthige Wilddieb! und dieſer wäre wahr⸗ haft der Zigeunerin Sohn?— Sie nannte ihn ſelbſt ſo, als er eintrat; ſie ſind weither gekommen, von da, wo der Duero fleußt, ant⸗ wortete das Mädchen.— Lege Dich ſchlafen, mein ſchönes Weiblein, und träume ohne Sorge von mir. Schon iſt der Strick gedreht für dieſen Frechen und das Holz gefällt zu ſeinem Ehren⸗ throne, und den eiteln Damen aus Madrid ſoll ein ſtatt⸗ licher Schauſpiel bereitet werden, als jene Corridas der Reſidenz. Glück dazu, mein weichherziges Mühmchen!— 384 Aber fort, damit die Hauer des ſchwarzen Wildes nicht den ſichern Jäger wund ſchlagen, ehe er ſein Siegeslied geblaſen.— Er riß ſeinen Mantel vom Boden auf und ſprang davon in der Fröhlichkeit eines Schützen, der den Kö⸗ nigspreis gewonnen, und ließ das Mädchen beklommen in ihrer Räthſelnacht zurück. Doch dieſe Mitternacht ſollte für den jungen, heiß⸗ blütigen Herrn der Bella de los Franceses noch mehr der Abenteuer gebären, und ſolche, wie ſie dem Spanier nicht unlieb ſind. Befriedigt im Innerſten durch den Gedanken, wie der trotzige fremde Beleidiger durch die Gunſt des Zufalls gänzlich in ſeine Hand gefallen ſei, mit Wolluſt ſinnend, wie er den verkappten Diebesge⸗ noſſen am ſchnellſten in die Gewalt der Gerichte liefern möchte, und wie er am glänzendſten durch die Enthül⸗ lung des falſchen Dons die eiteln Fräuleins beſchämen könnte, hatte er den Ort Albarca, wo Alles im tiefſten Schlafe lag, durchwandelt, hatte ſich durch das Gehölz getappt, welches die Häuſer von der Felſengruppe trennte, welche das Schloß ſeiner Väter trug, und ging an der Reihe hochſtämmiger Linden, mit denen die offene Straße bepflanzt war, langſamer hin, denn das Licht der koloſ⸗ ſalen Kugellaterne, welche hoch oben im Schwibbogen des Schloßthores jede Nacht brannte, traf ſchon dann und wann durch die Zwiſchenräume der kugelichten Baum⸗ wipfel ſein Auge. Eine Steinbank für ermüdete Wandersleute befand ſich zwiſchen den letzten Linden, nahe dem Platze, wo ſich die Felſenſpalte, die den Weg zur Zugbrücke ſchuf, 385 ins Thal öffnete. Heftig erſchrack er, als ungeahnet hier plötzlich ein menſchliches Weſen von dem Ruheſitze aufſprang und ihm entgegen fuhr; doch ſein Schreck verſchmolz in ein angenehmes Gefühl, da er ein weiblich Weſen an ſeiner Bruſt fühlte, da die weichſten, üppig⸗ ſten Arme ſeinen Nacken umſchlangen, ein friſcher, wür⸗ ziger Athem ſeine Wange anhauchte, und als er ſeinen Kopf mechaniſch gegen die feurige Nachtwandlerin ſenkte, Küſſe ohne Zahl von ſammetweichen Lippen ſeinem Munde begegneten. Warum ſo lange weilen, ſo lange mich foltern, Eugenio? flötete ein Silberſtimmchen zu ihm auf. Iſt das die glühende Sonne Deiner Liebe? das die treue Heiligkeit Deiner Schwüre?— Don Joſe kannte die Stimme ſeine Zähne knirſchten leiſe und ein entſetzlicher Hohn erwachte in ſeiner Bruſt. Er umfaßte ſie feſt, und als er jetzt von den vollendet⸗ ſten Formen weiblicher Jugend ſich ſo dicht berührt fühlte, als aus der fallenden Mantilla das glühende, ſeiden⸗ weiche Mädchengeſicht ſich an ſeine Bruſt preßte, das reiche Scheitelhaar ſeinen Hals, ſein Kinn ſtreichelte, und ein ſüßer Duft von Roſen und Jasmin zu ihm em⸗ porſtieg, da war ihm, als betäubte ein zauberiſcher Rauſch ſeine Sinne, mit jeder Sekunde höher ſteigend zum Hirn, und die ganze Vergangenheit ſeines Lebens aus ſeinem Gedächtniſſe hinwegſpülend. Er ſetzte ſich, oder ließ ſich vielmehr erſchöpft in der neuen Empfindung auf den Steinſitz nieder, und ſie löſete ſich nicht von ihm, ſondern hing in ſeinem Schvoße wie ein ſorglos Kind, ſolcher Liebkoſungen nicht unge⸗ wohnt. Und wieder ſo ſtumm, ſo ernſt, mein theuerſter Freund2 Blumenhagen. IX. 25 386 früſterte ſie mit einer Scheu, daß ihre Worte verwunden konnten. Iſt ein neues Unglück über Dich hereingebro⸗ chen? Doch nein, Deine Geliebte betete ja heute mit der Nacht zu der Mutter der Gnaden für Dich, und die Heiligſte lächelte die Beterin an.— Laß mir Athem unter Deinen Küſſen, mein Eugenio!— Nur kurze Zeit iſt unſer; meine treue Fauſta wird ungeduldig ſein in dem düſtern Felſenwege, und nur zu bald uns trennen. — Freſſe mich nicht ſo, Geliebter! Höre fromm, was meine Angſt Dir zu vertrauen hat.— Zwei Tage find nur noch unſer in dieſer Freiſtatt der Liebe. Wir reiſen nicht in die Biskayiſchen Berge, von deren Schutz wir ſo ſelige Stunden hofften, nein, die Reiſe geht gerade nach Madrid, und der abſcheuliche Don Joſe begleitet uns, und ich ſoll ſeine Verlobte werden, ſobald wir dort angekommen. Eugenio, Einziger, ſei meiner Seele Retter, wie Du des Lebens Retter wareſt! Aus den Augen dieſes Freiers brennt eine Hölle mich an, un der Tod iſt mir nicht ſo erſchrecklich, als der Gedanke, dieſes Stolzen Weib zu ſein. Eugenio, wenn ich das Licht Deiner Augen, der Stolz Deines Lebens bin, ſo komm morgen auf das Schloß, entdecke Dich der Mutter; was auch Dein Geheimniß ſei, der Vater hat ihr nie eine Bitte unerhört gelaſſen. Don Ignaz iſt mächtig am Hofe; was Du auch geheim zu balten haſt, er wird Dich verbergen, unterſtützen, Dir Schutz verleihen. Aber morgen komm mit der erſten Sonne, denn nur hier haben wir auf des Schickſals Gunſt zu vertrauen; in der Kö⸗ nigsſtadt, im Gewühl des drängenden Geſchäftlebens möchte des Vaters Herz uns weniger offen ſtehen. Willſt Du, mein Eugenio? O ſo ſprich doch, oder hat ein Un⸗ fall Deine Zunge gelähmt?— Was iſt das, Eugenio? 387 ſchrie ſie dann auf. Laß mich, Wahnwitziger!— Nein, iſt das mein edler Eugenio?— Mit unwiderſtehlicher Gewalt riß ſie ſich aus des Mannes Arm, der vergebens ſie zu halten ſtrebte, und nur die gelöſete Mantilla in den Händen behielt. Nein, es iſt nicht der Bettelbube, mein glattes, hitziges Nacht⸗ huhn, rief Don Joſe. Euer beleidigter Bräutigam iſt es, Seüora, und Ihr entkommt nicht ohne Buße. Er⸗ gebt Euch auf Gnade, Seßora, denn Eure Ehre iſt in meiner Hand für immerdar!— Alles Blut ſtrömte zum Herzen des Mädchens, und nur das Wort: Schrecklich! ftöhnte ſie; doch, ſich er⸗ muthigend im Bewußtſein der Gefahr, ſchrie ſie: Ein Gott ſteht über uns; waget nicht, mich anzutaſten, wenn Ihr ſeinen Blitz fürchtet!— Und ihn kräftig zur Seite ſtoßend, ſprang ſie leicht, wie ein gehetztes Reh, an ihm hin, und ſchoß wie mit Schwalbenfluge in dem Hohl⸗ wege hinauf. Joſe that einige Schritte ihr nach, bis er aus dem Lindenſchatten in den ſcharfen Strahl der Schloßlaterne gekommen war, dann feſſelte eine eigene Empfindung ſeinen Fuß, und er ſah ihr nach, und ſein Auge ſchien ſich zu weiden, wenn er den weißen Hals und die in die Luft geſtreckten, vlendenden Arme zuwei⸗ len in den Krümmungen der braunen Felſenkluft erſchei⸗ nen und wieder untertauchen ſah. Unwillkürlich preßte er die feine Mantilla an ſein heißes Geſicht. Seltſames Treiben in mir, ſagte er dumpf und in ſich hinein. Haben denn die Weiſen Recht, und iſt der Menſch ein ſolcher Narr, daß er überall das, was ſich von ſelbſt ihm darbeut, und wäre es die De⸗ mantenkrone Caſtiliens, verächtlich ausſchlägt, und nur nach dem ringet, was ſeinem Knabenſinne verſagt wurde? 388 Seit dieſe Blume für einen Andern blüht, iſt ſie voll Reiz für mich, und auf dem Schierlingskraut ihres Haſ⸗ ſes iſt die Feuerblume meiner Liebe in einem Zauber⸗ moment erwachſen. Ihre Stimme iſt eine endloſe Har⸗ monie, ihr Mund eine Nelke, ihre Bruſt ein Schwanenbett. Und ſie iſt mein, wenn ich will; ſie muß meinen Mund mit ihrem Gehorſam, mit ihrer Zärtlichkeit verſchließen, und wenn der niedere Buhle ihr entlarvt iſt, wenn er vertilgt iſt in Schande, muß ſie ſich freuen, daß der Graf Orgoy ihre kindiſche Verirrung vergißt. Und warum will ich nicht?— Die Scherbenhochzeit ſteht nicht im Wege, und ſelbſt Damgaja's Beſitz bleibt mir ſicher. Sie folgt mir, wohin mein Wille ſie reißt, der Drang der Verhältniſſe gilt dem Kinde für Entſchuldigung, und wo lebt ein ſpaniſcher Hidalgo, der nicht, gleich ſeinen mauriſchen Ahnherren, mehr als ein Weib ſich erobert? Er ſtreckte die Rechte mit der Mantilla, dem unab⸗ wendbaren Zeugen, beſtimmt und dräuend gegen das Licht hinauf, da empfand er, wie eine kalte, harte Hand ſich auf ſeine Rechte legte, und, als hätten ſeine Finger eine Edechſe im Graſe berührt, zuckte er zurück, denn die lange Zigeunerin ſtand neben ihm. Was willſt Du von mir, Elende? ſtieß er hervor, indem er ſchnell nach dem Dolche griff, und ſich raſch auf der leeren Straße umſah.— Fürchte nichts von mir, ſagte das Weib ruhig, Koita ging allein durch die Mitternacht, und Koita iſt Deine Freundin.— Was kümmert mich die Freundſchaft der Landſtreiche⸗ rin! erwiderte Don Joſe zornig. Schlüpfe in Deinen Dornbuſch, Du gelbe Schlange, denn ſieht Dich der Wächter, möchteſt Du in jenen Thürmen Quartier be⸗ kommen, ohne einſtigen Ausmarſch.— 389 Widrig lächelte das Weib. Beſfa de los Franceses nennt man dieſen Steinbau, und doch wüßte die Land⸗ ſtreicherin hinein und hinaus zu kommen auf ſichrerem Wege, als Ihr gegangen, mein Señor, und ſie kennt des Schloſſes koſtbarſtes Geheimniß, welches vielleicht ſelbſt dem Grafenſohne verborgen blieb. Kennt Ihr den geräumigen Brunnen, der, durch den Fels gehauen, tief, tief hinab führt? Kennt Ihr ihn und ſeine zwei Eimer, aufgehangen an kößlichem Kettenwerk? Und wißt Ihr von dem reichen, unverſiegbaren Quell, der unten in der Finſterniß einer Höhle quillt, und wenn ſein Becken überſchwillt, ſeinen Abfluß nimmt durch einen engen Fel⸗ ſengang? Kennt Ihr auch die drei Blutbuchen jenſeit der Felſenwand tief im Walde, wo der Gang ſeinen ſchmalen Ausgang hat, niedrig und enge, wie die Thür einer Hundehütte, ſo daß es ſcheint, als hätte kaum ein flüch⸗ tiger Windhund Raum zur Einfahrt? Kennt Ihr auch, mein edler Graf, den Eiſenwürfel, der neben dem Born in der Tiefe bewahrt iſt? Eine ſtarke Hand wirft ihn in den Eimer, ſchwingt ſich in den zweiten, und hebt ſich an den Ketten alsdann leicht in die Höhe, bis in den engen Hof, wo des Brunnens weiter Mund ſich aufthut.— Verdammte! rief Don Joſe verwirrt und griff nach der Zigeunerin, welcher Verräther verrieth Dir ein Ge⸗ heimniß, das nur vom Vater auf den Sohn ſich vererben darf?— Der Verräther hatte Gewalt über das Geheimniß, antwortete ſir zurückweichend. Aber fürchtet nichts, denn ein ſchwerer Eid liegt, gleich einem roſtigen Schloſſe, an meinem Munde. Ich ſprach nur dieſe Worte zu Euch, damit Ihr wüßtet, daß Koita nicht fremd iſt auf Al⸗ barca, und daß ſie Euer Vertrauen verdient.— 390 Und was willſt Du? Elende! fiel Joſe ungeduldig ein. Willſt Du Geld? Hier!— Die Tochter der Heide bedarf Deines Mammons nicht; der große Geiſt füttert ſie und ſtillt ihren Durſt. Und warum ſtößeſt Du gerade mich ſo hart von Dir, da Du doch mein Volk liebſt und es in Schutz genom⸗ men, Dir zum Verderben?— Du ſtutzeſt! Koita iſt die Tochter eines Propheten, und auch ihr ſind hell die Tage, welche da kommen.— Höre mich aus!— Die Töchter der Heide wandern, ungeſehen von den blöden Augen der Blanken, durch Stadt und Dorf, ihr Ohr iſt fein an den Fenſtern, ihr Auge ſcharf in der Dämmerung, wie Haſenohr und Eulenauge. Schon hat der Alcalde den Befehl Deines harten Vaters empfangen, den Nai⸗ ſim auszutreiben aus ſeinem Schlupfwinkel, und ihn zu ſchleifen in den Thurm. Die Noth wird Deinen thörich⸗ ten Bund mit dem Kinde der Bettler zur eigenen Ret⸗ tung ihm auspreſſen, und Du wirſt die Kleine auspeitſchen ſehen im Block, und ihr Geſchrei hören, wenn das Eiſen ihren Nacken brennt. Und was wird werden mit Dir, Du armer Grafenſohn? Dein Vater wird Haß und Fluch ſprechen, wird Dich ſetzen hinter Thür und Riegel, bis Du auf auf den Knien vor ihm im Sande kreuchſt, und Dich ſchmählich wie ein Knecht in ſeinen Willen fügeſt. O, es haben Andere auch ſich alſo gewunden vor ihm am Boden, Andere, die ſo nahe ſeinem Herzen waren, wie Du, und er hat ihre blutiggerungenen Hände, hat die ſalzigen Thränenſtröme ihrer Augen ſo wenig geachtet, als wäre er von Erz, wie das große Bild des Ritters in ſeinem Burghofe. Höre mehr! Dein Vater weiß von Deinem Sinne für Freiheit, weiß von dem Bündniſſe Deiner Freunde gegen den König. Er ſendet Dich nach 391 Madrid nicht als Bräutigam, ſondern als Gefangener in die Haft des Don Rivadavia, bis der Sturm alle Deine Genoſſen entwurzelt hat, und Du reuig Deinen Abfall gebüßet. Hoffeſt Du noch Gnade und Segen von dem herzloſen Don Joaquin?— Sei darum auf Deiner Hut, und entfliehe, ſobald das Wetter den erſten Donner verſendet. Mehre Hunderte der Söhne unſeres Stammes hat mein Ruf und die Hoffnung auf Beute in dieſe Berge gelockt. Sie ſind da, Dich zu ſchützen; ſie können in jeder Nacht einbrechen in das unbewachte Schloß, Deinen Vater feſſeln, tödten, wenn es Noth iſt, und Dich zum Herrn Deines Eigenthums machen, das der lahme Tiger Dir lange noch weigern wird. Dann kannſt Du der Retter Deines Vaterlandes werden, der Ruhm Deines Volkes, und dankbar wirſt Du dann ſchützen die Ver⸗ ſtoßenen, die Heimathloſen, zu denen Dich bereits Dein Herz gezogen. Nur einen Feind haſt Du unter ihnen, es iſt Guhruh, der abtrünnige Eugenio, den ſie meinen Sohn heißen. Aber ich habe ihn hingeworfen um Dei⸗ netwillen, und der Bote iſt ihm auf den Ferſen, der den Betrüger dem Gericht überliefern ſoll.— Don Joſe hatte, ſtarr vor Erſtaunen, die geläufige, heftige Rednerin angehört. Weib, wer biſt Du? rief er jetzt ausbrechend. Woher kommt Dir dieſe Allwiſſen⸗ heit, die all' mein Blut empört und den Brand des Wahnſinns in meine Seele ſchleudert? Wer biſt Du, und was knüpft Dich an mich?— Der Apfel der Wahrheit verräth ſich am Geſchmack! antwortete das Weib. Wenn Alles erfüllt iſt, wirſt Du der Landſtreicherin danken. Hüte Dich, und überlege wie ein Mann, zaudere nicht ſchüchtern wie ein Greis. Wenn Du Koita's Namen rufſt gegen das Echo jener ———— 392 Steinwand, wird ſie da ſein, denn ſie iſt Deine Sklavin durch Schickſalsſpruch.— Voll Gedanken, die wie zwei ſich bekämpfende Orkane in ihm tobten, ſenkten ſich Joſe's Blicke; als er wieder aufſah und noch eine Frage thun wollte, war das Weib verſchwunden, und er fand ſich allein mit der wildſchnei⸗ denden Beklemmung ſeines Gemüths. Der dürftigſte Maulthiertreiber hatte im Stalle der ſchlechteſten Poſada auf ſeinem ſtachelnden Strohlager und ſeinem rauhen Filzmantel in dieſer Nacht einen beſ⸗ ſern Schlaf, als der Erbe des reichſten Geſchlechts im Königreich Navarra. Don Joſe war plötzlich und un⸗ vorbereitet in die Irre gerathen auf ſeiner Lebensbahn; mehr noch, er war irre geworden an ſich ſelbſt. Alle die ſchönen Verhältniſſe der Gewohnheit und der Sicher⸗ heit ſchienen ſich löſen zu wollen auf einen Schlag, was er nimmer ſich möglich geträumt. Er ſelbſt, ſonſt ſo beſtimmt in ſeinem Willen, war mit ſich unzufrieden geworden. In ſeinem Halbſchlummer tönten die dumpfen Schauerworte des geſpenſtigen, braunen Weibes herein, deren Inhalt noch ſchreckender blieb, als der Eulenton, der ihn verkündete. Wollte er ſich einwiegen durch Er⸗ innerungsträume, durch ſüßes Gedächtniß an die heiß⸗ liebende Damgaja, ſo fuhr dem Schlaftrunkenen ein ſammetweicher Arm über das Geſicht, Blütenduft hauchte ihn an, und widrig ſchien ihm der Hüttenrauch der Zi⸗ geuner, ſich damit zu miſchen. Und am meiſten marterte ihn das räthſelhafte Verhältniß des fremden, armſeligen Weibes zu ſeinem Vater, zum Schloſſe, zu ſich ſelbſt. Er gedachte, was ihm einſt Baſilio merken laſſen, und 393 es keimte der Gedanke in ihm, der alte Don möchte wohl eine Sünde an dem Sohne ſtrafen wollen, der er vor Zeiten ſelber nicht ausgewichen, und der Gedanke weckte einen Groll, den jede ſcheinbare Ungerechtigkeit leicht der Jugend einimpft. Bleich, mit tiefliegenden Augen und kranken Geſichts⸗ zügen, fand ihn der alte Baſilio ſchon auf und gekleidet. Wohl hatte Don Joſe vom Fenſter ab bereits in der Frühe den Alcalde ins Schloß kommen und wieder hin⸗ ausſchreiten ſehen, wohl hatte er zwei beſtaubte Eilboten bemerkt, deren Pferde die Ermüdung eines ſcharfen Rit⸗ tes verriethen, und wovon der eine dazu eine militäriſche Uniform des Königs trug, die er nicht kannte; aber er fragte nicht nach ihnen, obgleich Baſilio's Augen recht bedenklich den ſeinigen begegneten; die Worte der Zigeu⸗ nerin hatten ſeine Zunge gebunden. Bald wurde er zu dem Don Joaquin gerufen, der ihn mit kaltem Ernſt empfing, und ihm ein beſiegeltes Papier hinhielt, und fragte: ob der Sohn ſolches ausgeſtellt? Es war der Freibrief für Aſchmir, den Zigeuner. Joſe läugnete nicht, und nannte den Brief eine Ein⸗ löſung ſeiner verpfändeten Ehre. Don Joaquin erwi⸗ derte kalt, daß er, in Berückſichtigung des, wenn auch in ſchändlichem Ungehorſam mißbrauchten Wappens der Familie d'Almeida, dem Alcalde befohlen, dem alten Zigeuner drei Tage Zeit zum Abzuge zu geſtatten, fände er ſie ſpäter noch, ihn, und was ſich von den Seinen noch im Hirtenhauſe antreffen ließe, ohne Aufſchub an der Straße von Pamplona aufzuknüpfen. Don Joſe biß die Lippen, aber ſchwieg. Mit gehobener Stimme und ſcharf auf den Sohn ſchießenden Blicken fragte dann der Schloßherr: Wer heute Nacht die beiden Fackeln auf 394 dem ſüdlichen Thurme ausgeſteckt? Don Joſe erſchrack und läugnete, davon Kunde zu haben, bemerkte aber mit Verwunderung, daß der an der Thüre harrende Baſilio todesbleich geworden, und ſich beſtürzt davon machte. Es iſt das Rachtzeichen, mit dem Du ſonſt Deine Guerilla und das Landvolk zuſammengerufen, wenn der Landesfeind ſich auf der Heeresſtraße ſehen ließ, ſetzte der Graf mit ſteigender Stimme hinzu. Oder meinſt Du, der alte Vater habe ſein Gedächtniß eingebüßt? Die Gallerie Deines Zimmers führt zu dieſem Thurme. — Lügner, Rebell gegen Deinen König! loderte dann der Zorn in Flamme auf. Der General⸗Capitano, wenn auch wundlahm, wird die Empörer zu züchtigen wiſſen. Schneller und kräftiger als der Verrath iſt die Treue. Wiſſe denn, Deine verbrecheriſchen Genoſſen, der junge Lacerdos— San Jago tröſte den unglücklichen Vater! — und der verbrecheriſche Serras Salinas ſind von den Königlichen ergriffen worden, in Zaragoza werden ſie, allen Feinden der Krone zum Beiſpiel, ein blutiges Ende finden, von dem ſie die Seüora del Pilar nur durch ein beſonderes Wunder erretten könnte. Der heilige Seba⸗ ſtiano möge das Haus d'Almeida für einen ähnlichen Schimpf bewahren, und wir werden das Unſrige dazu nicht verſäumen.— Gehet jetzt auf Euer Zimmer, Don Joſe, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, in welcher er ſich von dem Sohne gewendet, und thut keinen Schritt über deſſen Schwelle ohne mein Wiſſen, Ihr habt genug gehört zur Warnung und zum reuigen Bedenken. Die Langeweile zu vertreiben, ſucht Euren Putz, Eure Kleino⸗ dien hervor, denn heute Abend werdet Ihr Euch mit der Donna Blandina verloben, und morgen, ſobald zur Vesper geläutet, die Reiſe nach Madrid antreten, damit 395 reinere Luft und gute Geſellſchaft die rebelliſchen Kinder⸗ träume des verwöhnten Knaben curire.— Zähneknirſchend, ſtumm durch verſchloſſenen Ingrimm, hatte Don Joſe dageſtanden; jetzt kochte es empor in ihm. Ich heirathe nicht! ſtieß er mit Heftigkeit hervor. Ich freie dieſe Donna nimmer. Der Erbe des Grafen von Orgoy hält ſich zu hoch, die Buhlin eines Zigeunerbur⸗ ſchen, der ſich Don Eugenio nennen läßt, und von deſſen Liebesſeufzern die Kaſtanien am Schloßbann wiederhallen, mit ſeinem Ringe zu beehren.— Der Graf fuhr raſch herum. Was da? haſt Du Beweiſe?— Sie liegen auf meinem Zimmer.— Lüg⸗ ner, ehrloſer Menſch, raſete da der Alte auf mit dro⸗ henden Geberden gegen den Sohn. Wo lebte je ein Spanier, der die Schande eines Weibes zur Ausflucht für ſeine Schuld oder zur Abwehr eines Vorwurfs ge⸗ brauchte? Was Dich ſelber anklagt, willſt Du auf eine Schuldloſe werfen? Meinſt Du, des Alcalden ſcharfes Auge wüßte nichts von Deiner Neigung zu der gelben, ſchmutzigen Dirne des alten Schurken? Du haſt das höchſte Leid auf das Haupt Deines Vaters geſchleudert, denn der Vater muß den Sohn verachten und erröthen, daß ihm ein ſolcher Mißwachs geboren.— Mein Degen gab mir die Achtung der Navarreſen, antwortete raſch der gereizte Jüngling; wer kann ſie nehmen?— Und wenn der Alcalde recht ſah mit dem hämiſchen Auge des Luchſes, wäre es denn ſo arger Schimpf, daß ein d'Almeida auch bei den verachteten Blumen der Heide eine Freude geſucht, und bin ich der erſte, der ſolches gethan?— Der alte Graf ſah ihn ſchnell mit großen, weitauf⸗ gezogenen Augen an; dann ſprach er dumpf: Hinaus! 396 hinaus! Der Caſtellan wird Dein Zimmer verſchließen, damit die Giftſchlange nicht ihren König, weibliche Tu⸗ gend oder gar den Vater verwunde!— Don Joſe ging in höchſter Aufregung. Der Graf ſchellte heftig nach den Dienern und ließ den Vetter Ri⸗ vadavia zu ſich einladen. Was jetzt erfolgte, wird der Leſer ſich leichtlich ſelbſt erzählen können. Don Jvaquins Bericht ſetzte den, wenn auch kaltblütigern Don Ignaz in ein ähnliches Feuer. Die ganze Familie wurde nach und nach in die heftige Conferenz verwickelt, bei welcher die arme Blandina eine lange, inquiſitoriſche Folter auszuhalten bekam, wenn ſie auch an der Dame Vitalis und ihrer Schweſter tüch⸗ tige und beredte Advokaten neben ſich ſah. Als aber zuletzt der erzürnte Don Ignaz den, Allen häſſig gewor⸗ denen, Don Joſe vorzufordern befahl, um ſeine Beweiſe zu prüfen oder ſeine Verleumdung zu ſtrafen, und die kleine Donna mit innerm Beben der Erſcheinung des Abſcheulichen entgegenſah, da kam die Botſchaft, Don Joſe ſei nirgend im Schloſſe zu finden, obgleich der Caſtellan und der Thorwächter Leben und Seligkeit ein⸗ ſetzten, der junge Herr ſei nicht durch die Eiſengitter und über die Zugbrücke paſſirt, und müſſe innerhalb der Mauern ſein, wenn er nicht auf einem Bergadler durch die Lüfte hinabgeritten. Jeder Winkel des Schloſſes wurde durchſucht, und die Unruhe wuchs mit jeder Rück⸗ kehr der Suchenden aus einem Thurmgewölbe oder Keller⸗ raume; erſchüttert hörte der alte Graf die unbefriedigen⸗ den Berichte, und ſein Gewiſſen begann allmälig ihn der zu großen Härte anzuklagen; doch Don Joſe blieb verſchwunden. Aber dieſe Unruhe ward zu ſtürmiſcher Verwirrung, 397 als bei einbrechender Dämmerung ein Hirtenbub im Schloßhofe ein Zettelchen abgab, das ihm für den Herrn von Albarca übergeben worden. Mit fein gekritzelter Schrift ſtand Folgendes auf dem Blättchen: „Ein Mann, der Euch achtet, wenn Ihr ihm auch viel Leid bereitet habt, beſchwört Euch, dieſe Warnung eines Unbekannten nicht den Winden zu übergeben.— Ziehet Eure Brücke auf, Señor, und beſetzet Eure Mauern mit tüchtigen Wappnern, Herr der Befla de los Franceses, wollet Ihr Eures Eigenthums, ja Eures Lebens gewiß bleiben. Die Feindesrotte, welche nur die Finſterniß erwartet, um ihren räuberiſchen Vorſatz auszuführen, zählet mehre Hunderte, und iſt ſo ſchlau als tapfer. Auch Eure ritterlichen Gäſte laſſet nicht von Euch, und ſetzet die Vorſorge nicht aus, bis Ihr Euch durch militäriſche Hülfe geſichert habt. Euren Feind zu nennen, verbieten ältere Pflichten dem Warner. Eugenio.“ Tiefen, furchtbaren Eindruck machte das Brieflein auf den alten Grafen, denn ſein erſter Gedanke zeigte ihm im eigenen Sohne den ungenannten Feind. Der Hirtenbub erzählte, ein Fremder in brauner Capa habe den Brief auf ſeinem Taſchenbuche geſchrieben, ihm zwei Silber⸗Rees gegeben als Botenlohn, und ſei dann auf der Straße nach Pamplona eilig fortgeſchritten. Ich ſah den Mann, ſprach Don Rivadavia, er hatte nichts von einem Phantaſten oder Lügner im Angeſicht. — So wurde denn die Glocke geläutet, welche die Knechte und Dienſtmänner aus den Meiereien im Thale zu dem Felſen heraufrief, und als die Landleute, welche Feuers⸗ noth im Schloſſe fürchteten, eilig ſich einſtellten und ausſagten, wie man in den Gehölzen mehre ſchwarze 398 Banden zu zehn und zwanzig gelagert bemerkt, wuchs die Gewißheit der Gefahr. Das Arſenal mußte ſeinen Waffenvorrath bis zur roſtigſten Hellebarde herausgeben, Pechkränze erleuchteten jeden Hofraum, und die gehobene und wohlbefeſtigte Zugbrücke ſchnitt den Zugang ab, und ſpottete der mächtigen Feinde, die den Schloßbewohnern und ihrem ländlichen Hülfscorps nur eine ſchlafloſe Nacht bereitet hatten: eine geringfügige Unannehmlichkeit, er⸗ ſetzt durch die reichliche Koſt und das gute Getränk des Caſtellans, deren Trefflichkeit die Volkslieder bezeugten, welche von den Mauern weithin in die Thäler hernieder ſchallten. Bevor am Morgen dieſes Tages oben auf Albarca Don Joſe's Flucht bemerkt worden, erſchien der Page Laurentio unten in den Eichenſchatten an der Hirtenhütte, den wohlgeſattelten Streithengſt des jungen Grafen am Zaum führend. Verwundert trat ihm Damgaja und Alle, die mit ihr in der Hütte geweſen, entgegen, und fragte. — Der Herr befahl mir in der Gallerie geheim und flüchtig, den Pegaſo hieher zu bringen, der auf der Meierei ſtand, und ich meinte, Don Joſe müſſe ſchon hier ſein.— Er hatte noch nicht ausgeredet, ſo trat der Graf in voller Bewaffnung ſchon von der andern Seite hinzu. Auf dem bleichen Geſicht lag der Schweiß, ſeine Stirnfalten kündeten geiſtiges Unwetter, Groll und Grimm ſprühete aus den Feueraugen, es fehlte ihm der Mantel, des Spaniers Zier, die rothe Feder am Hute hing geknickt, und auf ſeinem Wammſe ſah man Spuren von Felsmooſe und feuchter Beſchmutzung.— Damgaja warf ſich, in der Angſt jede Heimlichkeit 399 vergeſſend, in ſeine Arme.— Ruhig, ſprach er, mein armes Kind! indem er ſie leicht küßte und dann ſanft von ſich wehrte. Es iſt nicht an der Zeit, zu koſen und zu erklären, denn nicht ich, nicht ihr ſeid einen Augen⸗ blick länger ſicher unter dieſem Dache.— O meine Träume von den ſchwarzen Schlangen und der blutenden Bruſt! jammerte das Mädchen auf und klammerte ſich an ihn.— Unerhörtes iſt geſchehen! ſprach er abgeſtoßen fort. Der Vater iſt der Folterknecht des Sohnes geworden, und zerriſſen iſt das Band zwiſchen mir und dem ſtei⸗ nernen Beſitzer von Albarca, und der Sohn wird den tyranniſchen Erzeuger nicht eher wiederſehen, bis ein Sargdeckel uns verſöhnt und mir mein Recht gibt. Ich reite gen Aragon, und Ihr müſſet mir folgen ohne Zögern, denn ſeine Henker ſind ſchnell. Hier iſt Gold; miethet den erſten Maulthiertreiber auf der Straße. In der Höhle des Katarakts finden wir uns wieder.— Die große Zigeunerin trat hinter dem in ſtummen Gedanken brütenden Greiſe hervor. So iſt mein Pro⸗ phetenwort ſchnell wahr geworden? fragte ſie mit wil⸗ dem Triumphe.— Wahr, wie die Sonne dort, Unglücksrabe! antwor⸗ tete heftig der Graf. Aber der kühne Wille ſchlägt durch die ſchändlichen Netze ungerechter Gewalt. Die Hand meines Schutzpatrons hat die Fackel ausgeſteckt; meine Guerilla iſt noch heute an der Ponte de Royne verſam⸗ melt. Schon brennt der Aufruhr gegen den treuloſen König im Süden, bald wird der Orkan auch im freien Norden losbrechen, und die Flamme zur Lohe des Welt⸗ gerichts aufblaſen. Wir werden nicht läſſig ſein, und 400 ſein, und uns höhere Würden gewinnen, als Don Joa⸗ quin uns vererben könnte.— Reite, ſchmucker Cavallero! rief jubelnd das Weib. Und daß Du hier nichts einbüßen ſollſt, dafür laß Koita ſorgen. Eine wilde Nacht noch, Sturm auf die Burg durch die Gelben, Koita voran zum Schutz Deines Ei⸗ genthums, wenn alle Blanken liegen! Dann kehrſt Du zum Felſenſchloß, biſt Herr, und ſelbſt die Majeſtät kann den jungen Adler nicht antaſten in ſeinem Horſte. Stimmſt Du ein, mein Ritter, zu der Nachtthat?— Thue, was Dir der Geiſt eingibt; ich habe nichts mehr dort oben! antwortete Joſe leicht hin. Aber einen Boten ſchaffe mir, der die Schlupfwege kennt durch die Bergreihen nach Sangueſa zu; ich muß am Arga hin⸗ unter bis zum Ebro, und mitten durch die pfadloſe Ebene von Hueska und Balbaſtro; es gilt Freundesleben, es gilt Bruderehre zu retten.—. Meine Schwalben fliegen durch Thal und Berg! er⸗ widerte Koita mit Haſt. Row! Wo iſt der Jung? Her⸗ vor, Du wurdeſt ja unter der Brücke geboren, und kennſt jedes Fuchsloch bei Sangueſa.— Der braune Burſch trat heran und ſtarrte trotzig in des Grafen Geſicht. Willſt Du mein Guide ſein, ſo ſchwing Dich hinter den Sattel, befahl Don Joſe, der ſchon ſein Pferd beſtiegen.— Ihr ſeid ein Wundermenſch, Señor, ſprach der Zi⸗ geuner im Aufſteigen, heute ein Graf, und auf dem Sande bei Carcaſtillo ein gelber Subah, ſo brav, wie irgend Einer auf Riemenſchuhen wanderte.— Aha, ich erkenne Dich, ſagte der Graf, Du haſt da⸗ mals einen derben Puff von meiner Hand gefühlt. Ich bezahle ihn Dir morgen.— 401 Seitdem die Hand eine Grafenhand geworden, ward der Aerger darob zu Waſſer! lachte der Bube boshaft.— Damgaja hing jammernd am Bügel des unruhigen Roſſes. Laß mich, und weine nicht, mein Augenſtern! rief der Graf herab, ihren Scheitel ſtreichelnd. An jedem Augenblicke hängt Freiheit und Leben. Brechet auf und raſch mir nach durch die Wildniß, denn meine Seele zaget mehr um euch, als um mich. Auf dem Hochzeit⸗ bett in der Höhle der plätſchernden Najade finden wir uns wieder.— Lebend oder todt, nur mit Dir! ſchrie das Mädchen auf, und hinaus in das Freie flog das geſpornte, ſtarke Thier mit ſeiner ſeltſamen Doppellaſt.— Es iſt die traurigſte Erfahrung im Menſchenleben, daß Bande, welche Natur und Zeit ſo eng geknüpft, daß menſchliche Berechnung ihre Zerſprengung zu den Unmöglichkeiten zählte, nur zu oft durch die Wallung oder den Mißhall einer Minute zerriſſen werden in un⸗ heilbarer Verletzung. Das iſt der Fluch des verlorenen Paradieſes; der zürnende, unerbittliche Engel mit dem Flammenſchwerte läßt keine Rücktehr zu. Drei Tage waren nach jenen ſtürmiſchen Ereigniſſen verfloſſen, und der Vater, der reichſte Mann im Basken⸗ lande, ſaß noch immer einſam in ſeinem ihm plötzlich zur Oede gewordenen Steinneſte. Mit jeder Stunde hoffte er auf Wiederkehr, auf Nachricht vom reuigen Sohne; als aber zum dritten Male die Sonne Abſchied nahm von den Gebirgspöhen, da ſank auch ſeine unein⸗ geſtandene Hoffnung, und es ward kalt und finſter in ihm, wie außen um ihn. Don Joaquin war ein ächter Blumenhagen. 1X. 26 402 Spanier. Es liegt im Nat'onalcharakter dieſes Volks, in den heftigſten Leidenſchaften aufzutoben; doch ſetzt ſich ein unbezwingliches Hinderniß dem Glutſtrome entgegen, ſo erſtarrt er zur dunkeln, undurchſichtigen Lava, bis die Gelegenheit durch einen neuen Flammenausbruch die Grabesdecke aufreißt, und den indeß in der Stille reif gewordenen Haß an das Licht wirft. Des Schloſſes Sicherheit war ungeſtört geblieben; Graf d'Orgoy hatte als Generalcapitano ein Detachement der nahe ſtehenden königlichen Truppen zu ſich berufen, und die täglich aus⸗ geſandten Streifrotten fanden in der Gegend weder zu⸗ ſammenrottirtes Landvolk, noch ſtreifendes, verdächtiges Geſindel vor; auch die väufig bemerkten Horden der Zigeuner ſchienen verſchwunden, nachdem vier von ihnen aufgegriffen und in die Gefängniſſe von Pamplona ge⸗ ſchleppt worden. Tiefe Nacht ruhete mit ihrem Stillleben auf Schloß Albarca. Alle Bewohner hatten ſich ſchon in die gewohn⸗ ten kleinen Vereine zuſammengezogen. Die Madrider Gäſte bereiteten ſich zur Nachtruhe in ihrem Flügel; die Kriegsleute ſaßen zuſammen in dem ihnen als Wacht⸗ ſtube angewieſenen Waffenſaale; die Dienerſchaft ruhete von der Tageslaſt. Der alte Schloßherr lag allein, ſo wie er befohlen, auf ſeinem Ruhebett, bleich und halb er⸗ loſchenen Blickes, allein mit ſeinen Gedanken, allein körper⸗ und geiſtesmatt, das Bild einer verlöſchenden Herrlichkeit. Aufgegeben hatte er den Sohn, und ihn zu den Todten geworfen; aber daß er mit ihm aufgeben mußte alle ſtol⸗ zen Pläne erneuerter Größe ſeines Hauſes, mit dem ein⸗ zigen Erben aufgeben mußte jede Ahnung künftiger eitler Freude, das nagte wie ein grimmer Wurm am Herzen des ſtolzeſten der Titulados, und drohete ſein Herz abzuſtoßen. 403 Still wie in der Ahnengruft lag es rund um ihn her; er hörte den Holzwurm im Eichengetäfel der Wand, er hörte das leiſe Knirſchen des Wetterfähnleins auf dem fernen Thurme. Horch! Was knarrte dort im Winkel am Schloß der Kabinetsthür? Welch ein leiſes Geräuſch, gleich dem ſchleichenden Schritte auf der Sohle von Filz? — Der Graf richtete ſich raſch empor und erſchrack, wie vor einem dunkeln Geſpenſt, das aus dem Fußboden geſtiegen. Er ſchob mit Haſt den Lichtſchirm von der Silberlampe, und fuhr entſetzt vom Bett auf, kaum, was er ſah, für Wirklichkeit haltend. Ein langes Weib ſtand in der Mitte des Gemachs; ihr Kopf war unbedeckt, lang flatterten um die nackten Schultern die dunkeln Haarflechten, ihr Gewand hing zerfetzt, Schweißperlen lagen auf der Stirn, ein bren⸗ nendes Roth drängte ſich durch die dunkle Farbe der Wangen, und der Graf erkannte ſofort das Weib mit den blitzenden, tödtenden Augen, und er fühlte ſeine Knie brechen, als die geſpenſtiſche Geſtalt jetzt mit geflügeltem Schritte ſich ihm näherte und ein funkelndes Meſſer gegen ihn zuckte. Rühre die Glocke nicht an, Joaquin, rief das Weib mit heftiger, doch bedeckter Stimme, oder, ſo wahr Du einen Gott glaubſt, Dein Herz wird dieſes Eiſens Scheide! Der Graf ſank mit gelähmter Hand, auf ſeinen vo⸗ rigen Sitz, und auch das Weib ſetzte ſich, als wäre ihre letzte Kraft erſchöpft, auf den Seſſel, der ihm gegenüber ſtand. Du haſt mich erkannt, begann ſie nach einem tiefen Athemzuge, Dein Gewiſſen vergaß das Opfer Deiner Laſter nicht, und das verſöhnt mich faſt mit Dir. Auch komme ich nicht, zu rächen, zu vergelten, ſondern Dir 404 Gutes zu thun, und Deinen höchſten Schatz Dir zu retten.— Was willſt Du, Koita? und wie kameſt Du herein, Raſende? fragte der Graf, milder durch das Gefühl ſeiner Schwäche und mühſam nach Beſonnenheit ſuchend.— Das Weib lächelte ſchwermüthig. Sollte die Tochter der Heide den finſtern Weg vergeſſen haben, den Deine Liebe ihr gelehrt, auf welchem ſie in mancher Nacht zu Dir heraufſtieg, gelockt von Deiner Schmeichelrede, ein⸗ geſungen von Deinen Liebesſchwüren; den Weg, der ſie damals zum Paradieſe des ſchönſten Spaniers, heute zum Hollenbett des gemarterten Sünders führt?— Der Brunnen? ſtieß der Don heftig hervor. So iſt Verrath herein, ſo brachteſt Du den Feind in den Hof!— Armſeliger Sohn des Reichthums! antwortete fie, ſich ſtolz erhebend. Dein Prieſter erlaubte Dir, Eide zu brechen, die Du der Schwachen gethan; meine Göt⸗ ter rächen den gebrochenen Eid, den wir dem Verfolger geſchworen. Mehre Male war Koita in den zwanzig Jahren ihrer Verdammniß Dir nahe, ſie hätte holen Preis von den Landesfeinden gewinnen können, hätte ſie des Schloſſes Geheimniß verrathen; aber Koita hatte geſchworen auf Deines Gottes Bildniß und bei dem Haupte ihres Vaters.— Und was begehrſt Du von mir? Warum ſtörſt Du den Kranken in ſeiner ſeltenen Ruhe?— Ruhe? Und Dein Sohn fehlt Dir?— Ruhe? Und über Deines Sohnes Haupte ſchwebt der Todesengel in immer dichtern Kreiſen?— Mein Sohn Joſe? Wo iſt er? Wo ſah ihn Dein Auge?— Er ritt, um zu retten den Freund! Er hatte einen ————————————— 405 Boten mit von unſerm Stamme. Der Bote ward zur boshaften Natter, weil Don Joſe's Hand ihn einſt ge⸗ ſchlagen. Der Bote führte ihn und die Guerilla hinter Ponte de Royne in die Bergſchluchten mitten zwiſchen die Königlichen. Heute kehrte er zu meinem Schlupf⸗ winkel, und rühmte ſich der That, doch mein Meſſer gab ihm den Botenlohn und zerſchnitt ſeine Gurgel.— In den Händen der Soldaten des Königs? Mein Sohn als Rebell gefangen? ſtöhnte der Alte.— So iſt's, und ich rannte meine Sohle blutig, Dir Botſchaft zu bringen und Rettungsrath, erwiderte Koita mit Haſtigkeit. Er iſt nach Olite gebracht, nur bis zum Mittag hat er Friſt, ſo erkundete der tückiſche Row. Schreib' einen Brief an den Capitano der Königlichen, laß das leichtfüßigſte Thier Deines Stalles ſatteln, ich ſetze mich auf hinter Deinem Abgeſandten und führe ihn den kürzeſten Weg zur Stelle. Zaudere keinen Augen⸗ blick, jeder verlorene iſt ein Todesgewicht in der Lebens⸗ wagſchale Deines Sohnes.— Der Graf hatte ſein bleiches Angeſicht mit beiden Händen verdeckt gehalten, jetzt ließ er die Hände finken, und ſtellte ſich ſtarr und ſtark dem ſtutzenden Weibe ge⸗ genüber. Spare Deine Sorge um den Dir fremden, ſprach er, ſie finſter anſchauend und mit Eiſeskälte im Tone. Oder iſt er Dir nicht fremd geblieben, da eine Verführerin, wie Du ſelber warſt, ihn ebenfalls in den Schmutz Deines Stammes hinabgezogen, und glaubſt Du von dem unbeſonnenen Knaben für die Deinen zu erlangen, was der umgarnte Mann Dir verſagte? Der Genoß von Geſindel und Diebesvolk, der be⸗ ſchimpfte Rebell gegen ſeinen König iſt mein Sohn nicht mehr. Sei er verlöſcht von der Erde, ſei ſeine 406 Schande mit ihm begraben; er leide, was ihm gerecht iſt.— Eine furchtbare Erſchütterung bewegte den Körper des Weibes, ihre Arme bebten, ihre Augen rollten, ihre Lippen verzerrten ſich. Entſetzlicher! ſchrie ſie auf, ſo wollteſt Du Dein Kind, Dein einziges, ſterben laſſen unter Feindes Hand, obgleich ein Federzug Deiner teuf⸗ liſchen Hand es erretten könnte?— Die Ehre iſt die Mutter der Almeidas; wer opferte nicht die Kinder um der Mutter Willen? ſprach der Graf mit Feuer. Was hat der Bettelgenoß des Jep del Estargo, des Carnicero, der Trinkgeſell der Laſtträger und Fleiſcher mit dem Grafen d'Orgoy zu thun? Ich habe kein Kind mehr.— Und nun fort von hier, Du Natter meines Lebens! Zehn Minuten gebe ich Dir Sicherheit, nach ihnen wird mein Thurm die Kammer für die Mörderin der frommen Donna Ines.— Seine Hand erhob ſich gegen das große Gemälde über dem Kamin, das ſtill und ſanft aus dem weißen Seidenkleide auf dieſe wilde Scene herniederſah. Die Zi⸗ geunerin zuckte mehre Male noch mit allen Gliedern. Iſt es denn wahr, das Wort Eurer Prieſter? Fährt der Giftpfeil der Rache zurück auf ſeines Schützen Bruſt? rief ſie, vor Grimm knirſchend; dann aber ſetzte ſie ſich erſchlafft an Geiſt und Leib, und begann nach einer Weile mit geſunkener Stimme, eintönig, wie eine Mährchen⸗ erzählerin: Es war vor vielen Jahren, Jahre, ſo lang, wie ein Menſchenalter, da wurde ein junges Weib über die Brücke von Albarca hinausgeſtoßen, weil ſie einen Mann geliebt wie ihr Leben, und ihm mehr geſchenkt hatte als ihr Leben. Sie hatte zu ſeinen Füßen gewim⸗ mert, gefleht, daß alle Augen aller Götter darüber hätten 407 weinen müſſen, hatte geiammert nicht für ſich, ſondern für das Weſen, das unſichtbar noch unter ihrem Herzen lebte. Sie ward verſtoßen wie eine böſe, räudige Hündin, und ihre Liebe erloſch wie Kohlenglut unter Waſſerſturz, und aus dem ziſchenden Dampfe ward der ewige Haß geboren. Das Weib kroch in das Gebirge, ward Mutter neben der Wölfin und der Hirſchkuh, und liebte ihr Kind heiß, wie die Thiere des Waldes ihr Junges lieben, und ſchwur dem Kinde zu, daß es haben ſolle, was ihm geraubt, Vaterliebe, Reichthum und Hoheit, und ſollte der Mutter Leben darum zu Grunde gehen. Dem Vater des Kindes war gerade auch ein zweites Kind geboren von einer andern Mutter. Die Frau aus dem Gebirge ſtieg Nachts in die Meierei, wo die Frau des Schloſſes ihren Wohnſitz genommen, weil die Aerzte die Luft des Felſenſchloſſes zu rauh gefunden für die ſchwache Wöch⸗ nerin. Die Frau aus dem Gebirge drang unbemerkt in die Gemächer der vornehmen Nebenbuhlerin. Alles ſchlief, die ſchwache Kranke, die faulen Wärterinnen ſchliefen; ſie tauſchte die Kleinen, legte ihren Knaben in die goldene Wiege, und flüchtete mit dem geraubten Feinde ihres Sohnes fort in den Wald, fort über Strom und See, fort bis an die fernſten Küſten des Weltmeeres.— Mit ſteigender Spannung hatte der Graf zugehört. Jetzt fuhr er gegen ſie ein, und faßte die Sitzende an beiden Schultern. Unmenſchliche! Kirchenräuberin! See⸗ lendiebin! ſchrie er, aber durchfröſtelt von dem entſetz⸗ lichen Lachen, welches ihm entgegenhallte, erlahmten ſeine Finger, und er mußte ſich ſtützen an der Marmortafel.— War die Rache nicht trefflich erſonnen, mein weiſer Salomo? lachte ſie. War die Fährte der Füchſin nicht meiſterlich zugeſcharrt, daß alle Windhunde von Guipuzeoa 408 ſie nicht aufzuſpüren vermochten?— Donna Ines ſegnete ſterbend das Kind der Tochter der Heide; Du trugeſt den Sohn der Gelben auf Deinem Arme, ließeſt ihn ſpielen mit Deinem Bart, fütterteſt ihn aus Deinem Löffel. Er wurde der Erbe Deines Goldes, Deiner Titel, Du führteſt ihn an den Königsthron, und die Majeſtät hing Goldketten an ſeinen Hals. O wie ſüß ſchmeckte die Rache!— Doch ihr Lachen verwandelte ſich in Schmerzestöne, und ihr hochgehobenes Haupt ſenkte ſich.— Aber der große Geiſt hat es anders ge⸗ wollt, fuhr ſie wehmüthig fort. Die guten Götter ſchla⸗ fen, und die böſen Mächte regieren die verderbte Welt und halten es mit den Ungerechten. Ich mußte mein heiligſtes Geheimniß ſelbſt verrathen, um mein Kind zu erretten, und, ſei gnädig, dem Todeskampfe einer Mut⸗ ter gegenüber, Joaquin, und grolle nicht, denn der, den Du liebteſt, fütterteſt, war ja auch Dein Sohn.— Weib, errette mich vom Wahnwitze! brach der Schloß⸗ herr los. Sprich, Elende, lebt mein Sohn? Haſt Du ihn erwürgt oder ausgeſetzt? Iſt das Kind meines Ehe⸗ bettes verkommen unter dem Geſindel, dem Du zuge⸗ hörſt, ein Dieb geworden, ein Heide? Haſt Du ihm auch die Seligkeit geſtohlen, Tigerin?— Koita ſtand raſch auf und ſprach entſchloſſen: Stolzer Señor, Dein Sohn lebt, ein ſtattlicher Mann; er iſt ein Chriſt und in Rittertugend nicht unerfahren. Aber wie meines Sohnes Leben an einem Faden hängt, ſo auch das ſeine; ward die Kugel für Joſe's Bruſt ſchon in den Lauf geworfen, ſo iſt auch der Strang ſchon ge⸗ wunden für Deines Sohnes Hals. Darum ſchnell, Seüor, ſchwöret mir auf Eures Gottes Bild, daß Ihr meinen Sohn retten wollet auf die Weiſe, wie ich es ——— 409 verlangt, und ich ſchwöre Euch, Ihr ſollet auch Euren Sohn finden und erretten können. Wo nicht, ſo möget Ihr mit heißen Eiſen meine Glieder zerſchneiden, meinen Körper in eine Wunde umwandeln, Koita wird ihre Zunge mit den Zähnen zerreißen, und Euer Sohn ſtirbt den Tod der Miſſethäter, den Tod der Schande, ſo ge⸗ wiß Ihr ſein Vater ſeid.— Der Graf riß mit Händen, die vor Entſetzen zitter⸗ ten, das goldene Kruzifix von der Wand über ſeinem Bette, und ſprach mit bebender Zunge den Schwur. Da rief die Zigeunerin lebhaft und mit Freudentönen: Wohlan denn, Seüor, Koita iſt verſöhnt und verzeiht Euch, dem Verderber ihrer Jugendkränze, um des Sohnes willen.— Sie küßte ſchnell die Hand.— Laßt jetzt die Zunge der Glocke tönen, und ruft Eure Knechte, daß ſie das ſchnellſte Roß ſatteln. Der Sohn der Donna Ines aber iſt zu finden im Thurm des Alcalde⸗Major zu Pamplona, mit Zigeunern aufgegriffen, die gegen ihn ausſagten; da er ſich in ſpaniſche Tracht vermummt, ward er zum Galgen verurtheilt, doch ſtirbt er nicht, ehe die Sonne aufgegangen. Darum ſchreibt mir zuerſt den Brief, denn Ihr bedürft nur fünf Stunden, Koita muß viele Meilen durchfliegen, ehe ſie den rettenden Flü⸗ gel über ihr Küchlein auszubreiten vermag; auch iſt Euch ein Eilbote genug, deſſen Mund Gnade verkündet für Eu⸗ genio, denn alſo taufte man den Sohn der Donna Ines.— Eugenio! rief Don Joaquin auf, und ſein finſteres Geſicht verklärte ſich im Licht des Entzückens. Seine Schelle klang heftig und hell, und ſammelte die er⸗ ſchrockenen Diener, die, ſcheu vor der unerwarteten Ge⸗ ſellſchaft ihres Herrn, zurückprallten. Als hätte er aus einem Zauberkelch neue Jugend getrunken, ſo lebhaft 410 befahl er, griff zum Schreibzeuge, und nach Verlauf einer Viertelſtunde ſaß die Zigeunerin hinter dem munterſten Reitknecht auf dem beſten Renner aus den Ställen Al⸗ barca's, deſſen flinke Hufe hell erklangen auf der Felſen⸗ ſtraße vom Schloſſe hinab.— Fürchte nichts mehr von der Tochter der Heide! Du wirſt ſie nicht wieder ſehen, und auch Dein Sohn Joſe ſoll nie vor Dein Auge kom⸗ men, wenn ihn Dein Herz nicht fordert.— Das war Koita's dankbares Scheidewort.— Die Gäſte im Schloß, durch den nächtlichen Lärm und die Dienerſchaft aufge⸗ regt, ſammelten ſich nach und nach in des Schloßherrn Zimmer, und hörten mit natürlicher Theilnahme aus dem Munde des fieberhaft erglühten Grafen die ſeltſame Mähr, die manche von ihnen ſo tief berühren mußte. Der Offizier der eingerückten Dragoner erbat ſich, ſelbſt die Gnadenpoſt nach Pamplona zu tragen und ritt davon; doch ſo wie die Schloßuhr eine neue Stunde ſchlug, ſchickte Don Joaquin einen neuen Boten ab, und wieder einen, und den fünften, und Mitleid erweckend war der Zuſtand des alten Kriegeshelden, deſſen Kräfte Ungeduld und Furcht, dennoch auch dieſen Sohn, den ächten Erben, den un⸗ gekannten und doch ſchon ſo heißgeliebten, zu verlieren. Niemand verließ den Don Joaquin in dieſen ſchweren Stunden, und er erfuhr von dem verlorenen Sohne ſo viel des Guten und Lieben, daß es dem bewegten Vater⸗ herzen faſt zu viel wurde. Die ſchöne Blandina weinte währenddem heiße Thränen am Herzen der Donna Vitalis⸗ Thränen der Freude, der Angſt und der Hoffnung. Endlich— ſchon ſtand die Sonne weit über dem Ge⸗ birgsſaume— blies der ausgeſtellte Trompeter von der höchſten Zinne; der Offizier ward ſichtbar auf der Straße, ſchwenkend den grünen Lindenbuſch; bald ſprengte er über 411 die Bohlen der alten Brücke, und ſein Ruf war ein Ju⸗ belzeichen. Die kurze Nacht hätte faſt den ſcharfen Ritt zwecklos gemacht. Schon hatten die Ceremonien der Hin⸗ richtung begonnen, als des Dragoners Stimme ſie un⸗ terbrach. Daß Eugenio die väterliche Ehre heilig gehalten, daß er ſelbſt im Angeſicht des ſchimpflichſten Todes ſich nicht durch Enthüllung ſeines Geheimniſſes zu retten ver⸗ ſucht, preßte dem harten Schloßherrn unverhehlte Thrä⸗ nen aus, ſo reichlich und heiß, als wäre er zum Knaben geworden. Als aber einige Stunden ſpäter der wahre Erbe von Albarca in anſtändiger Kleidung und männ⸗ licher Haltung— der ſtolze Vater hatte ſich vor ſeinem erſten Anblick dennoch geſcheut— im Geleit der nachge⸗ ſandten Boten und des Alcalde ſelbſt einritt, da nahm ſich Don Joaquin zuſammen, und trat ihm auf der Gallerie entgegen. Schweigend führte er den erſtaunten Jüngling unter das Bild der Donna Ines, und betrach⸗ tete dort aufmerkſam Eugenio's Antlitz und Geſtalt. Ja, ſprach er dann laut und mit leuchtendem Auge, die Zunge der Lüge hat dieſes Mal nicht gelogen. Das iſt Deine Mutter, Eugenio! Und Du biſt mein mir grauſam ge⸗ raubter Sohn, der Erbe meines Namens, der Eigen⸗ thümer alles deſſen, was der Don Joaquin d'Almeida, Herr von Albarca und Graf von Orgoy, beſitzt. Geſegnet ſei Dein Einzug in das Haus Deiner edlen Ahnherren.— Eugenio ſtürzte ſprachlos auf die Knie vor den Va⸗ ter und küßte ſeine Hände, und Alle umringten ihn mit freudigem Glückwunſch. Als aber auch der alte Riva⸗ davia ihn ſeinen lieben Vetter nannte, und Donna Vi⸗ talis die durch Thränen lächelnde Blandina heranführte, da blitzten ſeine dunkeln Augen kühn und redend, doch ſenkte ſich ſogleich demüthig ſein lockiges Haupt, er rief 412 nur: Gott iſt gnädig! und Blandina's Gewand küſſend kam nur leiſe der ſpaniſche Gruß der Galanterie über ſeine Lippen: Seiora, béso à vos los piés!— Unterdeſſen hatte das Schickſal des Don Joſe eine gleich raſche Entwickelung genommen. Koita's Nachtritt ähnelte dem des wilden Jägers, der in der Mitternachtſtunde auf den Wolken vorüberfährt. Ihr Meſſer ſpornte das flüch⸗ tige Roß, wenn es irgend läſſig ſchien, und als bet dem erſten Schimmer des Frühroths der Reiter einige Minuten Erholung nach ſolchem Ritt auf dem Winde und einen Trunk für ſein ſtöhnendes Thier wünſchte, drohete ſie ihm im wüſten Zornwort mit der Strafe ſeines Gebieters oder mit einem Todesſtoße. So erreichten ſie mit dem hellen Morgen das Ende der beiden Bergreihen, in deren Mitte der Argafluß ſich hinſchlängelt, und vor dem letzten lehne abſteigenden Hügel öffnete ſich vor ihnen die kleine Ebene, an welcher die Stadt Olite liegt. Aber welch einen Anblick bot dieſe freie Ausſicht dem brennenden Mutterauge!— Die Fläche vor den Stadtmauern war, wie ein großer Markt, mit Menſchenmaſſen beſäet. Aus dem Thore drängten ſich immer noch Bürgersleute hervor, und die Feldwege waren bedeckt mit Zügen eilender Landleute, welche in jeder Minute das ungeheure Gedräng ver⸗ mehrten. Trommeln raſſelten eintönig, Trompeten gaben Signale. Gegen ein Wäldchen hin war ein Platz frei geblieben, Militär jeder Gattung umkreiſete den Platz im Waffenſchimmer. Mit dem Rücken dem Wäldchen zugewendet, ſah man fünf verurtheilte Schützen der Gue⸗ rilla des Todes warten. Ihre Hände waren gebunden, ſie waren ohne Oberkleid und Kopfbedeckung; in dem Unglücklichen am äußerſten Flügel erkannte Koita's Falkenauge ſogleich ihren Sohn Joſe. Ein furchtbares, gel⸗ lendes, langes Geſchrei ſtieß ſie durch die Lüfte, ſtachelte mit der Rechten das Pferd und hielt hoch in die Luft den weißen Gnadenbrief, den ſie dem Reiter aus dem Bruſtwamms geriſſen. Aber wie vermochte in ſolchem Getümmel der ferne Angſiſchret der Mutter ein Ohr zu finden! Unerſchrocken, trotzig faſt, ſtand Don Joſe, und ſah die aufmarſchirenden Scharfſchützen ſich nähern; der Wind ſauſete durch ſein ſchwarzes Haar, er hob hoch den Kopf und rief: Spanier, Volk vom Ebro, ſeid ihr ſo geſunken, ſeid ihr ſolch träge Kettenhunde geworden, daß ihr die Landsleute morden laſſet, die mit Euch gefochten gegen die Horden Frankreichs, die eure Weiber, eure Kinder gerächt und gerettet? Könnt ihr zielen nach der Bruſt, die für eure Fueros, für Spaniens Freiheit ge⸗ blutet. Der Oberſt ſprach ein Commandowort, und die Hähne an den Büchſen knatterten.— Da flog ein Zigeunermädchen um die äußerſte Spitze der reitenden Jäger von Zamora in den Kreis, und mit ihr ein grauhaariger Greis, der ſie aufzuhalten ſtrebte. Es waren Damgaja und Aſchmir. Das Mädchen ſtürzte gerade auf Joſe zu und warf ſich an ſeinen Hals, und feſt ihn umklammernd mit der Linken, ſtreckte ſich ihr nackter, rechter Arm weit aus gegen die Soldaten, und ein ſchmerzlicher Wehlaut tönte bittend, herzzerſchneidend durch den Kreis. Doch zu ſpät, die Büchſen donnerten, ein ſicherer Schuß fuhr durch Damgaja's Hals in die Bruſt des Guerillahauptmanns, beide ſanken zuſammen in den Sand, und auch der alte Zigeunerhäuptling taumelte mit blutender Stirn und ftürzte. Koita ſchloß die Augen und gleitete mit einem tiefen Seufzer vom Pferde herab zwiſchen das mitleidsloſe, ſie kaum beachtende Volk.— — 2 ——— 414 Der Tod hatte ſeine Gewalt geübt, doch mit Staunen ſchaute der Oberſt der Königlichen einen dunkeln Men⸗ ſchenhaufen mit dumpfem, thieriſchem Geheul aus dem Wäldchen auf die Soldaten heranbrechen, und der Aus⸗ ruf: Rächet den Naiſim! Nieder mit den Mördern! ſchallte an ſein Ohr aus der Menſchenwolke. Er ließ die Trompete zu Charge blaſen, und die Jäger von Zamora machten Front und ritten im Carriere über den Plan, und Zigeuner und Landvolk ſanken unter den Säbeln und unter den Hufen der leichtfüßigen Hengſte. Am Abend fand man die Leichen des Mädchens und des Greiſes nicht mehr auf dem blutigen Todtenfelde, und auch der Körper des unglücklichen Don Joſe, den man in einer Kirche bewahrt, um ihn ſeiner Familie auszuliefern, war aus dem Sarge entwandt worden.— Als nach Jahresfriſt und drüber ein angeſchoſſener Hirſch den Jägern in ein enges Thal am Pyrenäen⸗Saume zu entrinnen ſuchte, deſſen Eingang der mächtige Waſſerfall eines Gebirgsbaches beinahe zuſchloß, trafen die eifrigen Weidmänner das verendende Wild, aber zugleich ſtanden ſie beſtürzt vor einer ſeltſamen Todtengruft. Am Ein⸗ gange eines braunrothen Steingewölbes, fanden ſie auf⸗ recht ſitzend die faſt verweſete Leiche eines Weibes von mehr als gewöhnlicher Länge; ſie ſaß mit dem Rücken an die Felswand gelehnt, und die halb vermoderten Kleider einer Zigeunerin waren an ihr noch zu erkennen. Unter dem Gewölbe lagen annoch drei Leichname, der eines Greiſes, der eines jüngern Weibes, und der eines Mannes mitten zwiſchen den andern. Die Tochter der Heide hatte Wacht gehalten bei den gemordeten Muts⸗ freunden, bis auch ihr Herz der ſchnelltödtende, de Seelenſchmerz gebrochen. 3 ——— VI. Der Arzt in der Frende. ——— ate Vergebens lockeſt Du mich mit den ſüßen, vaterlän⸗ diſchen Tönen; vergebens weckeſt Du Erinnerungen jener ſchönen Kinderzeit in mir, wo es für uns noch kein Morgen gab, über das Heute hinaus kein Gedanke flog, und alle Menſchen gute Engel waren. Nein, Agnes, ich kehre nicht in das Vaterland, obgleich mein Herz oft, recht oft bei Dir iſt, und ich, wenn ich Dein kleines freundliches Bild über meinem Tiſche betrachte, mir Fauſtens Zauber⸗ mantel wünſche, nicht mich zu Dir, ſondern Dich zu mir her zu tragen. Was ſollte ich in der Heimath, wo ich mir ziemlich oft vorkam wie die Lückenbüßer auf der lin⸗ ken Seite unſerer zahlloſen Tagesblätter? O, ich liebte mein deutſches Volk, ſo ſchlicht es iſt; iſt es doch auch 1 ſo treuherzig, ſo lernbegierig, und weiß die flüchtige. Theorie anderer Nationen in feſte Praxis zu wandeln, ihre luftigen Phantaſien zu geſtalten, ihre wildaufgeſchoſ⸗ 1 ſene Frucht zu ſäubern und in goldnes, nutzbares Korn um⸗— zuſchaffen. O, ich liebe meine Heimath mit ihren rauhen Bergen, auf denen die grauen Burgruinen ſtehen, als Denkmäler der gewaltigen Kraft und Männlichkeit. Ich liebe auch die Vaterſtadt, obwohl ſie mir mehr weh, als wohß that; Du wohnſt ja in ihr mit Deinen Buben und Dlruchen, und die Grabhügel unſerer Eltern grünen ja dort neben der verfallenen Kapelle. Nicht an meinem Blumenhagen. IX. 27 418 Platze war ich dort. Ich hatte meine Zeit zu wohl ge⸗ nützt, war meines Wiſſens und Werthes mir zu gut be⸗ wußt, um mit gebogenem Affenrücken und hündiſcher Krie⸗ cherei mir zu erſchleichen, was ich als Lohn meines Flei⸗ ßes und Willens vom Schickſale erwarten mußte. Aber ich konnte nicht in ſtolzer Equipage an die Thüre meiner Kranken heran raſſeln, und ſelbſt die Bäckerfrau und der Schlachtermeiſter wollten ſich nicht mehr von einem titel⸗ loſen Doctor zu Fuß den Puls drücken laſſen; daß ich jährlich einige hundert Arme gratis curirte, rechnete man mir nicht als Verdienſt, ſondern die Erlaubniß dazu als Begünſtigung an; betteln konnte ich nicht, ſelbſt nicht bei Dir, Du treue Gluckhenne mit dem Dutzend flinker Küch⸗ lein, hungern wollte ich nicht, ſo kam mir das furchtbare Jammerhoſpital der Schmerzensmänner von der Bereſina ſehr gelegen; mit ihm begann die neue Laufbahn in Arbeit für Ehre und Sold; ſie hat geendet hier in dem freundlichen Ancenis, und dankbar werde ich weilen an den blühenden Ufern der Loire, wenn mich kein Gottes⸗ ſturm fortſchleudert, und in den alten Rhein habe ich Alles verſenkt, was mich an Germanien feſſelte, vor Allem zuerſt meinen Gram um die treuloſe, eitle Jo⸗ hanna, deren Liebe nicht länger aushielt, als bis ein reicherer Freier ſchneller ihren Brautkranz bedräuete, als ich es vermochte, und Dein Bild blieb das Einzige, was ich über den rauſchenden Grenzſtrom mitnahm, als ein helles Gedächtnißpfand der in die Nacht vergrabenen Vergangenheit. Wir ſahen von dem Frankenvolke nur die rauhe Kehr⸗ ſeite, jene im Kriege erwachſenen Legionen, mit Blut aufgeſäugt, vom Eiſen hartgedrückt, jene verwöhnten Prätorianer, welche die Welt als ihr Eigenthum, uns —— 419 als Barbaren ihnen zu Heloten geſchaffen, Kronen und Scepter als Federbälle und Raketen, und fremde Länder als ihre Spielplätze und Freiſchenken betrachteten; der Franzoſe daheim iſt ein ganz anderer, als der in der Fremde, und die Liebenswürdigkeit, bis in das höchſte Greiſenalter hinauf erhalten, möchte man bei keiner an⸗ dern Ration ſo häufig finden, und fröhliche Genußſucht Hand in Hand mit genügſamer Mäßigkeit würdeſt Du vergebens wo anders ſuchen als da, wo franzöſiſche Zunge redet. Von meinem grauenvollen Hoſpitaldienſt entbunden, ſchnallte ich wie ein ächter Kosmopolit mein leichtes Bündelchen zuſammen, und wanderte von Orleans hinab an den Ufern der Lvire, unaufhaltſam weiter gelockt durch die täglich wachſende Pracht dieſer heſperiſchen Gartenflur. Der rothblühende Planet, welcher unſere Zeit regierte, bis Moskau ſeine Culmination ſah, und in den Nieder⸗ landen ſein Niedergang begann, hatte mit ſeinem epi⸗ demiſchen Soldatenfieber die Männer rar gemacht; lä⸗ chelnde rothbäckige Dirnen trieben die Heerden, und runde Weiberchen pflügten die Aecker und banden die Reben⸗ und Roſenhecken; auch die Prieſter des Aeskulap waren ſelten geworden, und wenn ich eine Schenke zur Ruhe wählte, und kaum mein Gewerbe der plappernden, neu⸗ gierigen Wirthsfrau kund gethan, wurde die Lindenlaube, in der ich meine Milch genoß, zu dem Teich Bethesda, um den ſich die Gebrechlichen ſammelten, und man brachte mir das ſchönſte Obſt und die ſchönſten Blumenſträuße zum Dank, und keine Schenkdame nahm einen Sous von mir, obgleich man ſich zu wundern ſchien, daß ich keinen Waſchkeſſel voll ſchlaffer Tiſane trinken ließ, und hinter das Brechweinſteinpülverchen, welches ich vertheilte, kein 6 — 2— Eimer voll laues nachgeſpült werden mußte. Da fand ich an einem Wäldchen einen ſchönen, ſchlanken Jägers⸗ mann, der mit dem Roſſe geſtürzt war, und ſich den rechten Arm aus dem Gelenk gefallen. Wie ein vom Himmel geſtiegener Apoll erſchien ich ihm, und nachdem ich das in Unordnung gerathene Glied ſo ſchnell und ſchmerzlos wie möglich wieder in Ordnung gebracht, wollte der junge Comte(denn ſolchen Standes war mein feiner Grünrock) mich gar nicht wieder von ſich laſſen, und er ſchleppte mich mit nach ſeinem ſchönen Landhauſe, mitten im dichten Kaſtanienwalde in der Bretagne, und wenn ich das alte Leben unſerer Urväter auf der Bärenhaut hätte lieben können, mein Graf machte alle Anſtalt dazu, mich zum Faulenzer auszubilden. So benutzte ich aber den Mann meines Schickſals nur dazu, mich für die drei⸗ tauſend Seelen des Städtchens Ancenis zum Leibes ſorger zu machen, und nahm, als Präfekt und Maire mir das unbeſetzte Plätzchen zugeſtanden, die Einrichtung einer ſimplen Junggeſellen⸗Wirthſchaft von ſeiner ſpendenden Hand, und begann friſch und lebensmuthig auf eigene Hand die Sorge für fremde Leidende, und durch ſie für meine Selbſtſtändigkeit. Leider muß auch der Arzt ringen nach irdiſchem Lohne. Wer das höchſte Gut des Menſchen, ohne das weder Freude noch Zufriedenheit erblühen kann, bewahrt und zurückſchenkt, ſollte nicht um das kalte Metall der finſtern Erdgnomen dienen müſſen. Der Staat ſollte den Arzt zum Freiherrn machen, möchte er immerhin dann den ſtrengſten Pflichtdienſt verlangen, zu dem uns ja doch bei Tag und Nacht Gewiſſen, Menſchlichkeit und Ehre aufrufen. Wem das Leben ſo theuer iſt, wie dem Frankenvolke, wer ſo rührig der Geſundheit bedarf zum Lebensglück, weiß nichts von der trägen Undankbarkeit des Nordländers; der deutſche Doctor wurde bald ein geehrter Menſch auf Meilenweit in der Runde, die braunlockigen Kleinen auf den Gaſſen ſprangen heran, wo ich ging, und reichten mir die zarten Pfötchen, und die Mütter nickten mir freundlich zu, wenn ich auf meinem ſpaniſchen Maulthiere an ihrer Hüttenthür vorüberritt. Eine behagliche Zufriedenheit, wie ich nie gekannt zuvor, wohnte in meinem Herzen, ich hatte keinen Wunſch mehr, keinen Traum von höherem Genuß mehr, bis eine ſon⸗ derbare Begebenheit ſich in mein Leben warf, und Man⸗ ches in mir und um mich änderte, obgleich ich noch nicht ſo recht weiß, ob ich es beſſer oder ſchlimmer zu nennen habe. Eines Abends, als ich eben ruhete von einem beſchwer⸗ lichen Landritte, ſtürmt ein zwölfjähriger Bube zu mir in das kleine Zimmer und rief mich angſtvoll ſtammelnd zu einer Kranken. Ich warf den Mantel um und folgte ihm zu einer der kleinern Gaſſen in ein unſcheinbares, enges Haus, welches von Schrecken und Verwirrung gefüllt ſchien. Eine ältliche Frau, trotz ihres vergelbten, faltigen Geſichts und den tiefliegenden, ſchwarzen Augen, welche mich forſchend durch und durch zu ſtechen verſuch⸗ ten, faſt jugendlich geputzt, empfing mich vor einem Kram⸗ laden, und leuchtete mir, von unglückſeligen Zufällen und beiſpielloſer Unvorſichtigkeit plappernd, und meine gewiſ⸗ ſenhafteſte Hülfe wie meine ſtrengſte Verſchwiegenheit beſchwörend, eine enge Stiege hinauf. Der ſchwarzlockige Bube, der mich geholt, blieb mit bleichem Geſicht an der Thür zurück, ein Kreis kleiner Dirnen hielt ſich laut weinend in einem Winkel umfaßt, auf einem Ruhebette lag die Kranke, eine Frau vom mittlern Alter, im 422 reinlichen Hauskleide, Spuren der Schönheit auf dem hagern, todtbleichen Antlitz. Friſches Blut war ſichtbar auf dem Nankinkleide, das Leinen des Bettzeugs, der weiße Gypsboden des Zimmers war damit befleckt. Er⸗ ſchreckt und beſorgt that ich die erſten Fragen, man zeigte mir ein ſpitziges Meſſer zur Antwort. Die rührige Fa⸗ milienmutter hatte ſich ſelbſt bei einem Falle auf der Hausflur eine tiefe Wunde in der linken Seite beigebracht. Die pretiöſe Alte mit dem gelben Hexengeſicht trieb den Rudel der ſchreienden Kinder herriſch in die Kammer, ich that meine Pflicht, und konnte mit ſchönem Hoffnungs⸗ licht die Nacht beleuchten, denn die Wunde ſchien nicht gefährlich, nur die Verblutung hatte eine Schwäche be⸗ wirkt, welche ſtrenge Sorgfalt verlangte, damit die Lebens⸗ lampe nicht durch Mangel des Oels erlöſche. Als der Verband gelegt, die nöthigen Umſchläge gemacht, das Recept geſchrieben, fah ich, freier Athem ſchöpfend, auf und muſterte die Umgebungen. Mein erſter Blick traf auf ein Mädchen, welches am Fuße des Bettes unbeweglich, gleich einer Statue, ſtand, mit ge⸗ falteten Händen, wie man hier zu Lande überall die Heiligenbilder ſieht, die für die Erdenſünder beten, und der Schein der Kerze fiel hinter dem grünen Lichtſchirm her ſo ſcharf auf ſie, daß ihr Haupt wie mit einer Glorie umkränzt leuchtete, und mein Auge feſt auf ihm haften blieb. Und das Bild, welches ſie ens Auge trug, war wirklich ein ſo ſeltenes, ein ſo liebliches, daß man ſich ſelbſt beſtahl, zog man zu früh das Auge davon. So eben ſchien das Mädchen erſt zur Jungfrau erblüht; dieſe ſanftgerötheten Wangen hatte noch keine Leidenſchaſt an⸗ gehaucht, kein Erdenrauſch hatte noch das reine Gottes⸗ licht dieſes großen, hellen Auges getrübt. Das Siegel — 423 kindlicher Unſchuld prangte auf der freien Stirn und um den ſchöngeformten Mund, nur Bangen um die Mutter, nur der Schreck des ungewöhnlichen Ereigniſſes lag wie ein leichter Schleier auf dem Antlitze, und gab ihm eine nonnenhafte Schüchternheit, die ſeine Heiligkeit erhöhete. Der Wuchs des Mädchens war höher, als der gewöhn⸗ liche der Franzöfinnen, ihr Haar war von hellerer Farbe, doch hatte ihr Natur die Fülle nicht verſagt, mit welcher unter dieſem Himmelsſtriche früher die Natur Roſe und Traube und Jungfrau ziert, und daß ſie den weißen Nacken etwas gebogen trug, ſchien Demuth und ſittige Scheu anzudeuten, und Alles das machte ſie, wenn ſie auch ſchönere Schweſtern hatte, zu einer der Liebreizend⸗ ſten und Anziehendſien ihres Geſchlechts. Alles an ihr paßte zu einander, Alles war Einklang und Einheit, und Harmonie iſt Schönheit. Mein ſtarres Anſchauen verwirrte ſie, und als ſie die runden Augen gleichſam ſtrafend ſenkte, und das Köpf⸗ chen ſo tief in die Schatten bog, daß mir nichts zu ſchauen übrig blieb, als die hochwogende Bruſt unter dem dun⸗ kelrothen Hauskleide und das hellblaue Tuch, das wie ein arabiſcher Bund die Locken umſchlang, da wurde auch ich verwirrt, und das Geräuſch, welches ein Eintretender machte, ſchten mir willkommen.— Es war der Haus⸗ herr, ein dürrer finſterer Mann, der hart eintrat, die von zuſammengezogknen, ſchwarzen Brauen umdüſterten Augen ſeltſam wild auf das Bett warf, und dann mich mit argwöhniſchen, unfreundlichen Blicken betrachtete. Die gelbwangige Alte trat ihm ſogleich eilfertig entgegen, und berichtete ihm, den ſie Bruder nannte, meine Sorg⸗ falt und mein günſtiges Urtheil. Er nickte mir ohne Worte zu, und ſetzte ſich dann ſichtbar erſchöpft in einen — — —— 424 Seſſel, und ſtarrte wie gedankenlos vor ſich hin auf den Boden. Die Tante flüſterte auf ihn hinein mit der be⸗ kannten Zungengeläufigkeit alter Franzöſinnen, aber auf des Mädchens Geſicht hatte ſich ſeit des Vaters Eintritt der Stempel der Furcht, ja des Entſetzens ſo deutlich ausgeprägt, daß plötzlich ein unheimliches, grauenvolles Gefühl mich ergriff, welches mich bewog, in der Schnelle nochmals alle meine Verordnungen zu wiederholen, und dann zum Hute zu greifen.—„Eulalie, leuchte dem Herrn!“ befahl die Tante. Der Mann erhob ſich müh⸗ ſam und ſtotterte mit dumpfer Stimme eine Art von Dankſagung; ich ſchöpfte erſt auf der Hausflur unten freien Athem und wandte mich zu der Jungfrau, ihr Valet zu ſagen. Auch ſie ſchien freier geworden von einem quälenden Drucke durch die erquickliche Abendluft, welche in die offene Pforte ſtrömte; weiter geöffnet ſchien ihr Auge auf meinem Geſichte zu weilen, zu forſchen und meine Züge nach meinem Innern zu befragen, aber aus den Augenwinkeln quollen langſam dabei zwei große Thränentropfen hervor, und ſie merkte es nicht und faßte nicht darnach, um ſie zu trocknen oder zu bergen. „Demvoiſelle Eulalie,“ ſagte ich ergriffen von dem Anblick,„hegen Sie Faſſung und Muth! die Mutter wird geneſen, Gott wird die Prüfung in neue Lebens⸗ freude übergehen laſſen; vertrauen Sie mir, denn bei uns in Deutſchland ſucht der Arzt einen Ruhm darin, auch der Freund ſeiner Kranken zu werden, und darnach zu ſtreben mit jedem Opfer.“— Durchdringend ſah ſie mich an, dann ſchlug ſie ſchmerzlich die Augen zum Him⸗ mel auf. Ich drückte ihre kleine Hand, die ſie mir ließ, aber ohne Gegendruck. So eilte ich bewegt zu Hauſe.— —————— ———————————— Monſieur Gabet war ein wohlhabender Kaufmann in Nantes. Aber in dem Dictionnaire, welcher ſeiner Lebensklugheit zur Hand lag, fehlte unglücklicherweiſe das Wort Morgen, und ſo dachte er ſo lange nur an Heute und vergaß das Morgen, bis für beide vom er⸗ erbten Gute kaum das Nothwendigſte übrig war. Seine Eitelkeit hatte ihn verleitet, eine Gattin in einer alt⸗ adeligen Familie zu ſuchen, welche freilich unter dem Keulenſcepter des Jacobinismus ihre Güter verloren hatte, aber zum Erſatz zu ihren Ahnen den berühmteſten Ritter der Bretagne zählte, den tapfern Beaumanoir, der auf der Wieſe Mi⸗Voi im Kampfe der unſterblichen Dreißi⸗ ger Englands Banner niederwarf und das Land befreite. Die edle Süzon vergoldete ihren Stammbaum neu durch Gabets blanke Napoleons und Louis, aber ſie hatte die bürgerliche Wirthſchaft nur mit Verachtung nennen hören, und ſo half ſie prunken, bis die Mittel dazu aus den Kiſten verflogen waren, ein Vergleich mit den drängenden Gläubigern wenig rettete, und die Bi⸗ ſchofſtadt Nantes mit dem kleinen Ancenis, das weite Magazin voll weſtindiſcher Handelsprodukte mit einem kleinen Kramladen vertauſcht werden mußte. Das Un⸗ glück wurde jedoch keine Schule für das gefallene Ehe⸗ paar. Der Mann konnte das Speculiren nicht vergeſſen, aber ſtatt der Schiffe, die er ſonſt befrachtet, lud er jetzt ſein kleines Gut auf die lecke Schaluppe eines Lotto⸗ Collecteurs, oder ſäete es auf den grünen Schirlingsacker der Roulettafel, und hoffte von Tage zu Tage auf einen großen Glückscoup, der alles Verlorene wiederbrin⸗ gen ſollte. Die Frau, trotz des Kreiſes blühender Kleinen, 426 die ſie zu lieblichern, wohlthuendern und wohlthätigern Geſchäften aufriefen, konnte das Putzen und Tractiren nicht vergeſſen; ſo entblätterte ſich der Baum auch auf dem neuen Boden immer mehr, und hätte Demvoiſelle Sarotte, die überreife Stiefſchweſter des Herrn Gabet, nicht ihr kleines Vermögen in des vergötterten Bruders Häuschen gebracht, wofür ſie aber auch ſich zur Tyran⸗ nin der Familie erhob, und gegen die legitime Königin täglich revoltirte, ſo würde gar bald aufs Neue die ſtärkſte Ebbe den armſeligen Sandboden wiederum ſicht⸗ lich vor den Augen aller Welt bloß gelegt haben.— Das war es, was ich früh am andern Morgen von meinem kleinen, runden Wirthe, dem freundlichen Bart⸗ und Haarkünſtler des Städchens, dem Monſieur Naſarde erfuhr, nachdem ich eine lange Nacht hindurch mich ſchlaflos auf meinen elaſtiſchen Matratzen herumgewälzt, und hundertmal das abgeworfene Wolldeckchen wieder vom Boden heraufgezerrt hatte. Noch nie hatte ich an einer fremden Familie ſo plötzlichen Antheil genommen; und doch war der größere Theil derſelben mir eher ab⸗ ſtoßend, als anziehend erſchienen. Ja, ich mußte mir ſelbſt bekennen, nur Eulalie trug die Schuld dieſer heißen Unruhe, dieſer heftigen Sorge, die weder das Studium der langweiligen neuen Theorie des Magen⸗Doctors Brouſais, noch Hahnemanns homöopathiſcher Sympto⸗ menſchwarm, ja ſelbſt nicht mein lieber, ehrwürdiger Hyppokrates beſchwören konnte. Eulalie machte mir die⸗ ſen Krankheitsfall ſo beſonders merkwürdig, und ließ mich unter dem gewöhnlichſten Ereigniß Räthſel voll Schrecken und Grauen vermuthen. Mit klopfendem Herzen betrat ich am andern Mor⸗ gen wiederum das Gäßchen und das kleine Haus. Die 427 Tante Sarotte dominirte im Krankenzimmer; ich hörte ihre keifende Generalsſtimme ſchon auf der Treppe. Als ich eintrat, ſaß der dürre Mann mit dem ſtarken grau⸗ ſchwarzen Backenbarte, der die hohlen Wangen noch tie⸗ fer ſcheinen ließ, auf dem Seſſel von geſtern; die Kranke fieberte heftig, und das Ausſehen der Wunde machte mich beſorgter. Der Hausherr trat herzu und richtete einige kurze, gütige Worte an die Fran, ſie aber warf einen funkelnden Blick aus den fieberhaft glühenden Augen auf ihn, und drehete ihr Angeſicht dann, ohne zu antworten, der Wand zu. Meiner Pflicht gemäß empfahl ich Ge⸗ müthsruhe, erbat mir Vertrauen, lobte die Heilkraft der Geduld, verwies auf den wunderthätigen Glauben an die ewige Vorſicht über den Sternen. Tante Sarotte ver⸗ zog höhniſch die blaulichen breiten Lippen; eine wilde Finſterniß, Gewitter über einer Wüſte hangend, legte ſich auf Herrn Gabets Züge, und unwillig murrte er: Schreiben Sie Ihr Recept, Doctor! zum Predigen haben wir den ehrwürdigen Croiſillon.— Aber Madame Gabet drückte mir heftig die Hand, und dieſe Hand, welche eben ihr Geſicht geſtützt, war thränennaß. Unbegleitet hinabſteigend, hörte ich in einem Zimmer des Unterhauſes, deſſen Thür halb geöffnet ſtand, Eulaliens Stimme. Ich hörte ſie zum erſten Male, und wußte doch, daß es die ihre war; wie man bei dem Leſen eines Gedichts, das uns tief in die Seele greift, auch ſofort dazu die Melodie klingen hört, wie das Tonſtück eines großen Componiſten ſich vor unſern Augen zu einem Ge⸗ mälde geſtaltet, ſo konnte dieſe ſonore, herzbewegende Stimme, dieſer tiefkräftige Sopran voll Seelenklang nur ihr gehören, denn jeder Ton malte mir einen Zug ihres lieblichen Angeſichts vor. Ich bog mich über das Geländer, 428 und gewann ſo den Ueberblick des Zimmers, Mitten im Kreiſe der Geſchwiſter ſtand ſie und kleidete die Kleinſten an, und beachtete die Größern von denen das Eine ſchrieb, das Andere eine Lection aufſagte. Durch die Aufmerk⸗ ſamkeit auf Alle hatte ihr Geſicht eine Lebendigkeit be⸗ kommen, die neuen Reiz zu den übrigen brachte, und die Schwermuth in etwas milderte, welche den Haupt⸗ charakter des lieblichen Ovals bildete; eine geduldige, emſige, liebreiche Lehrerin ſchien ſie zu ſein, nicht die älteſte Schweſter der lärmenden Frager, und ihre Antworten und Ermahnungen zeugten von hellem Verſtande, feiner Bildung und gründlicherem Wiſſen, als gewöhnlich den flüchtigen Mädchen Frankreichs eigen iſt. Käufer traten in das Haus, und der träge Lehrburſche war nicht ſo⸗ gleich zur Stelle, da ſprang ſie ſchnell, den Fehler be⸗ merkend, heraus und befriedigte im Laden die Fordernden, als wäre ſo etwas ein gewohntes Geſchäft. Meine Ver⸗ wunderung wuchs, und als ſie, ohne mich zu ſehen, in das Zimmer zurückgegangen, konnte ich mir's nicht ver⸗ ſagen, ihr nachzutreten. Mit höher gerötheten Wangen kam ſie mir entgegen und forſchte nach der Mutter. Ich ſprach Troſtworte, doch nicht ſo ſicher als geſtern, denn mir ſelbſt war klar geworden, daß ich meine Prognoſe zu günſtig geſtellt. Sie verſtand mich und ſchlug tief⸗ betrübt die Augen an den Boden, und umfaßte dann zwei der Kinder und ſagte halblaut mit der ſeltſamen, die Worte abſtoßenden Heftigkeit, welche ich ſchon vorhin an ihr bemerkte: O mein Gott! Was ſollte dann aus euch werden?— Weine nicht ſchon wieder, bat eine der Kleinen und ſchmiegte ſich an ſie; Mama iſt krank und kann nicht ſpazieren gehen. Aber mit uns geht ſie ja doch nicht, und Du biſt unſere Mama und ſollſt es auch immer bleiben.— Ich theilte Morſellen und Zuckerküchelchen, die ich in meiner Taſche fand, unter die blühenden Kleinen aus. Sie ſind ein freundlicher Mann, ſagte der zwölfjäh⸗ rige Richard, freundlicher noch als Bruder Favier war, ehe er zu Felde zog. Sie ſollten nur bei uns bleiben, dann wäre Schweſter Eulalie gewiß weniger betrübt, und der Vater iſt ja nie zu Haus, und iſt er's, ſo ſieht er doch nie auf uns, bringt uns nichts und ſchilt mit Allen.— Ja, fiel die kleine runde Marie ein, ein Püppchen mit altklugem Geſichtchen, Eulalie hat Sie recht ſchön gelobt, und geſprochen, wenn Sie der Mama nicht hülfen, hülfe Keiner, und Sie wären ein ganz Anderer, als der alte Doctor von Nantes, weit ſanfter und ſo klug als angenehm.— Eulalie bog ſich raſch zu der Kleinen hinab, ſtotterte: Schwätzerin! Soll ich böſe ſein? und bedeckte den plau⸗ dernden Mund mit einem Kuſſe. Ich heftete einen feſten, glühenden Blick auf die liebe Gruppe und ſagte Adieu, denn es ſtürmte in mir, und ich fühlte eine Verlegenheit, die, wenn auch mit einem hohen Vergnügen gemiſcht, mir den Dienſt der Zunge verſagte. Wie heißt Du denn, lieber Mann? fragte da ein kleiner Bube, ſich an mei⸗ nen Oberrock hängend. Nenne mich Moritz, antwortete ich bewegt, Bruder Moritz nenne mich. Ich bin allein in der Welt, die Geſchwiſter ſind gar fern, daß ich ſie wohl nie wieder ſehe, und ich würde Gott preiſen, dürfte ich in Eurem fröhlichen Kreiſe die neuen Geſchwiſter finden.— Bruder Moritz! jauchzte da der älteſte Bube: Topp, 430 es gilt! Du haſt viele ſchöne Sachen in Deiner Stube, und ein ſchönes ſilbergraues Pferd und einen großen weißen Pudel, der Künſte macht. Komm nur bald wie⸗ der und bleib lange bei uns; ich komme denn auch zu Dir, Bruder Moritz.— Eulalie ſah nachdenkend auf den kecken Plapperer, und ihre hellen Augen waren trocken geworden. Frage die Schweſter, Richard, frage Mama Eulalie, antwor⸗ tete ich mit einem Scherztone, hinter dem aber ein tiefer Ernſt mir ſelbſt erklang, frage ſie, ob ſie den fremden Bruder mag.— Und ſo ging ich, ohne die Antwort zu erwarten. 3. Und Eulalie wies den neuen Bruder nicht zurück. Mit jedem Tage wuchs das Bäumchen Vertrauen höher, und bekam der grünen Hoffnungsblätter mehrere, und es erblühete ein Seelenverſtändniß zwiſchen uns, ehe noch der Mund irgend etwas geſprochen oder gebeten, was auf eine Zuneigung oder einen Wunſch zu deuten ge⸗ weſen. Eulaliens Bild wurde mein Geſellſchafter bei Tag und Nacht, und begleitete mich ſelbſt auf den ernſte⸗ ſten Pflichtwegen; aber es ſtörte mich nicht, ſondern freudiger durchſtrich ich die finſtere Nacht, klarer und raſcher wurde mein Urtheil am Krankenbett, weniger er⸗ müdet kam ich heim, es war, als wenn ein Himmels⸗ bote rathend und leitend neben mir ginge, und ich freuete mich am ſchweren, heißen Tage auf den ſtillen Abend⸗ gruß, mit dem ſie mich nach beendetem Tagewerke heim⸗ ſchickte, denn der Abendbeſuch in Gabets Hauſe ward immer der letzte, weil mir dann vergönnt blieb, dort gin Viertelſtündchen länger zu weilen.— Der Zuſtand Rn. der Madame Gabet wurde täglich bedenklicher; immer Verletzungen der gefährlichſten Art mußten Statt haben; oftmals weilte ihr brennendes Auge mit ſchmerzlicher Rührung auf Eulaliens kummervoller Geſtalt, und dann flog er einen Augenblick mit beſonderem Ausdruck zu mir herüber. So geſchah es auch eines Abends, als wir beide allein an ihrem Bette ſaßen, Tante Sarotte zur Betſtunde des Miſſionairs getrippelt war, und Herr Gabet im Spielhauſe Zerſtreuung geſucht. Die naßkalte Hand der Leidenden hielt die Rechte der Tochter feſt umſchloſſen, nach einer langen ängſtlichen Stille faßte ſie da mit der andern auch meine Hand, und ſah mir lange ſtarr und forſchend ins Auge. Doctor, ſagte ſie dann leiſe, die Feuerflammen in meinem Innern verlöſchen nach und nach, die Schmerzen werden linder, aber ich fühlte, das iſt nicht Beſſerung. Wo das Feuer erloſch, drückt jetzt kaltes Blei, und es iſt Todesfroſt, der zum Herzen ſteigt und das Blut ſtarren macht.— Die menſchliche Natur erträgt Vieles, reiche Heil⸗ kraft wohnt in ihr ſelbſt; antwortete ich, freilich gegen die eigene Ueberzeugung. Muth und Hoffnung, Ma⸗ dame! In beiden ſprudeln unverfiegbare Lebensquellen.— Muth? entgegnete ſie. Guter Doctor, er fehlt nicht für mich, denn er lehrt mich ſchweigen und dulden. Hoffnung? Wer könnte ruhig ſterben ohne dieſen Engel. Und Gott iſt barmherzig und nimmt alle Reuigen auf. Aber dieſes Kind, mein Lieblingskind, was ſoll aus ihr werden, wenn ſie die Mutter forttrugen zum kalten Hauſe?— Eulalie ſchluchzte laut. Nicht dieſe Gedanken, Mut⸗ ter! unterbrach ich ſie in tiefer Gemüthsbewegung. Sie ſind neue Meſſer für Ihre Wunden.— 432 Warum ſich ſelbſt täuſchen? fiel ſie mir in das Wort. Meine Eulalie iſt eig ſtarkes Mädchen, wenn auch faſt noch Kind. Die ſengenden Hundstage und die wilden Sturmnächte des Unglücks reifen Leib und Geiſt vor der Zeit. Aber in welchem Schutze laſſe ich ſie und all' die Unmündigen, da mein Favier fern iſt. O, ſie hat keinen Vater mehr, und die Schweſter des Gewiſſenloſen iſt eine Furie, die mit dem Mantel der Frömmigkeit gleiß⸗ neriſch das harte, ſelbſtſüchtige, thranniſche Herz ver⸗ ſchleiert. O, dieſe Gefühlloſe haßt alle meine Kinder, weil ſie von je die Feindin der Mutter war! Ihr Gift⸗ hauch hat die Zwietracht unſerer Ehe zu dieſer Brunſt hinaufgeblaſen, in der wir jetzt Alle rettungslos verder⸗ ben müſſen.— Feſter faßte ich die Hand der Jammernden. Mutter, ſagte ich mit Haſt, Eulalie hat einen Freund, der ihr nie von der Seite weichen wird, wenn ſie ihn nicht fort⸗ ſtößt, wenn ſie Vertrauen hat zu ihm. Deutſches Wort galt immer wie Eidſchwur. Bin ich auch kein unbezwing⸗ licher Held, bin ich auch kein ſchützender, wunderver⸗ richtender Heiliger, ein Mann kann viel, wenn er recht will, und daß ich bis zum letzten Athemzuge Eulaliens Freund ſein will mit Troſt und Rath, gelobe ich in die⸗ ſer ſchweren Stunde in dieſe Hand, als wäre es eine Prieſterhand.— Eulalie warf ſich in die Knie am Bett, und preßte im heftigſten Schmerz ihren Lockenkopf in du Decken. Ein Freudenſchein ſtieg wie ein Morgenroth von Jenſeits auf die todesbleichen Wangen der Kranken. Krampfhaft zog ihre linke Hand mich näher zu ſich, indeß ihre Rechte ſich ſegnend auf den Scheitel des Mädchens legte.— Was ſagt meine geliebte Tochter? fragte ſie mit heller, geſunder Stimme. Freund, den ihr der Himmel ſchickt; Eulalie, ſoll mein Segen ſich theilen zwiſchen Dir und dieſem edlen Helfer in der Noth?— Ich hatte mich herabgebeugt und ſanft die Knieende umfaßt, da richtete die Jungfrau plötzlich ihr Haupt empor, und ſchlang beide Arme feſt um meinen Nacken: Rette die Mutter, Moritz! rief ſie wie außer ſich, und ich will Deine Magd ſein für immer.— Ich preßte meinen Mund auf ihre Stirn. Nicht Magd, ſagte ich mit innigſter Empfindung; aber meine Geliebte, mein Weib, und der Allgütige über den Ster⸗ nen wird über uns verhängen, was ſein ewiger Rath⸗ ſchluß für uns als das Beſte erfand.— Amen! lallte die Kranke, und ſank erſchöpft und ohnmächtig in die Kiſſen zurück.— 4. Es gibt Tage im Leben, wo der Menſch zagend, erſchüttert, faſt vernichtet daſteht vor dem grauen, un⸗ durchdringlichen Wolkenſchleier, der das Reich des Un⸗ ſichtbaren ſcheidet von der ſichtbaren Welt, hinter welchem im Allerheiligſten die ewige Tafel glänzt, auf der die Schickſale der Menſchen verzeichnet ſtehen. Da öffnet ſich das Wolkengebirg, und heraus zuckt der gewaltige Blitz, das glühende Schwert des Gerichts, und ſchmettert die Schuldigen in den Staub, aber mit ihnen ſinkt auch die unſchüld gar oft, welche die Natur durch unzertrenn⸗ liche Bande feſſelte an die Schuld, und dann gehört ein feſter, chriſtlicher Glaube dazu, kein Zweifler zu werden, vertrauend feſt zu halten an dem Gott der Liebe, und nicht das heimtückiſche, tyranniſche Walten der alten, heid⸗ niſchen Götter, ihren Menſchenhaß und ihre zerſtörende Blumenhagen. IX, 28 Hat ſie Vertrauen für den 434 Rachſucht wieder auftauchen zu ſehen im Gedächtniß und in der wirr gewordenen Phantaſie. Eulaliens Mutter litt wie eine ſchweigende, reuige Dulderin; die Armuth und Ohnmacht menſchlicher Wiſ⸗ ſenſchaft zum erſten Male verwünſchend, ſtand ich neben dem Bett, und der Arzt wandelte ſich zum Prieſter, und die Hand, welche den Leidenskelch nicht fortzuſtoßen ver⸗ mochte, deutete hinauf zum Sterne der Unſterblichkeit. Ich zitterte für die Geliebte in dieſer ſchweren Stunde, doch die reine Seele trägt eine Himmelskraft in ſich, die Niemand im ſchwachen Gefäß vermuthet, und mit welcher das fleckenloſe, weibliche Weſen den Mann be⸗ ſchämt. War es die Entfaltung der neuen Empfindung, die der Segen der Mutter im Herzen der Jungfrau be⸗ ſchleunigt hatte, war es der Glaube an Erſatz der ver⸗ lorenen Mutterliebe durch den Geliebten, war es fromme Ergebung des kindlichen Gemüths, das in dem ewigen Schickſalslenker nur den weiſen Vater kannte, und an der Myſterie der Erlöſung und Verſöhnung des Heilands, an das geweihete Rettungskreuz ſich feſtklammerte im ſchneidendſten Schmerz, im toddräuenden Schiffbruch, war es vielleicht Alles das vereint: Eulalie weinte heiße Thränenflut an meiner Bruſt, Eulalie betete inniglich über der Sterbenden, aber ihr Jammer blieb mild und in den Schranken der Vernunft, und ſtörte den ſanften Uebergang der geliebten Leidenden nicht. Doch das Schickſal hatte nicht genug an dem ei⸗ nen, harttreffenden Wetterſchlage, das Grimmigſte ſei⸗ nes Wüthens war noch zurück. Gabet ſtürmte in das ſtille Gemach des Todes, und zerriß mit gewaltſamer Sünderfauſt die Heiligkeit der ernſten Stunde, und zerſchmetterte frevelnd die Balſamſchale der Wehmuth und Ergebung, hatte. Bleichen Geſichts, emporſträubenden Haares, rollen⸗ den Auges raſete der Knecht erniedrigender Leidenſchaft zum Sterbelager heran, und die krampfhaft gekrümmten, dürren Finger ſeiner Hände griffen nach der Decke der Kranken, ſo daß Eulalie mit einem Zetergeſchrei empor fuhr und mich mit jener furchtbaren Angſt umklammerte, mit der das wehrloſe Geſchöpf ſich einem Raubthiere zu entziehen ſtrebt. Iſt es wahr? fragte Gabet mit einer tiefen, rauhen Stimme, der man das Beben des Athems abhörte, ſo ſehr ſich der Sprecher auch bemühen mochte, die ver⸗ doppelte Schnelle ſeines Herzſchlages zu verheimlichen. Iſt es wirklich ſo? drohet Gefahr, ſchnelle, ſchreckliche Gefahr?— Der Allgütige wird das ſchwere Leid der Dulderin ſanft zu Ende führen! antwortete ich ſeufzend.— Und das erfahre ich erſt jetzt? rief er zornig. War⸗ um ſagte Niemand mir davon? Warum ſchwieg man? Da zuckte Eulalie in meinen Armen, und mit härterem Ausdruck, als ich möglich geglaubt, ſagte ſie halblaut: Sie kamen ja nicht zur Mama, Sie fragten ja nicht!— Einen durchbohrenden Feuerblick ſchoß er auf die Tochter. Stille da! fuhr er auf mit heftiger Stimme, wer fordert Deine Antwort? Doktor! ſetzte er dann ge⸗ ſunkener hinzu, man will mich einſchüchtern, mir Furcht einjagen; ich kenne das Weibsvolk. Klein und Groß, ſie halten zuſammen gegen den Herrn, und ringen von früh an nach dem Regiment, das ihnen die Natur ab⸗ ſprach. Wie könnte es möglich ſein! Das Meſſer war ja kein Schwert, der Stoß unſicher vom Zufall geführt, welche das tiefſte Leid geſänftigt 436 konnte nur ritzen! die Blutung ſchuf dieſe Schwäche. Sie zucken die Achſeln? So find Sie ein Pfuſcher und Ihre Verſäumniß mordete.— Ich achte Ihren Schmerz, das Kind der Gattenliebe, entgegnete ich ruhig. Der Fall auf die ſcharfe Spitze ſtieß ſo tief wie eine Mörderhand gekonnt. Die Kunſt iſt hier leider am Ende.— Er ſah mich mit weit aufgeriſſenen Augen an. Ein Fall? ſtammelte er. Sie ſelbſt? Und das erzählte ſie 2 — Eine ſichtliche Erſchütterung ſchüttelte ſeinen Körper, dann warf er ſich mit den Geberden eines Wahnwitzigen neben dem Bette nieder. Süzon! rief er mit gräßlichem Tone; Du ſchwiegeſt ſelbſt im Todesſchmerze? Du nahmeſt mein Verbrechen auf Deine Bruſt? Märtyrerin, Heilige, wache auf, ſprich, daß ich nicht verzweifle! Der Himmel fällt zerſchmetternd auf mich herab, die Erde thut ſich auf unter mir. Wache auf, Süzon, ich kann Dich nicht von mir laſſen, ohne Deine Vergebung! — Seine furchtbare Stimme rief die Sterbende noch einmal zurück in die irdiſchen Regionen. Sie ſchlug die müden Augen auf, und ſah lange in das zerſtörte Geſicht des Knieenden. Beſſere Dich! flüſterte ſie mit ſtrengem Tone. Denke an Gott! Werde ein Vater meiner Kinder!— Dann zuckte ihr Mund, die Augenlieder ſchloſſen ſich, ihr Athem ſtand. Eulalie ſank ohnmächtig in meinen Schooß; Ga⸗ bet aber riß ſich gewaltſam vom Boden empor und faßte mit beiden Händen in ſein wüſtes Haar.— Sie iſt todt! ſchrie er mit heiſcherer Verzweiflungs⸗ ſtimme. Sie klagt vor Gott, der nichts weiß von mir. Ich bin gerichtet. Ich war ihr Mörder, und ſie ſchwieg vor den Menſchen. Zu viel iſt das für eine Menſchenbruſt. ——— Fort muß ich, muß ſie einholen auf ihrer Heimfahrt, daß ich unter ihrem Sterbemantel mich einſchleiche in das Land, wohin ſie entfloh.— Er ſtürzte hinaus, ich wollte nach, konnte mich aber nicht losmachen von dem geliebten, ſinnloſen Mädchen, welches mit erſtarrten Händen meine Kleider gefaßt hatte. Da ſiel im nächſten Zimmer ein Schuß; ein ſchreckliches Zetergeſchrei, welches das Haus plötzlich belebte, und welches in jeder Sekunde durch neue Jammerſtimmen verſtärkt wurde, ließ keinen Zweifel über die geſchehene neue Frevelthat. Gabet haite ſich ſelbſt das Gehirn zerſchmettert, und Eulalie war eine Waiſe geworden. 5. Die meiſten der Affekte und Leidenſchaften des Men⸗ ſchen ſchwächen und erſchöpfen; im Zorne überſchwemmt ein ſtürmendes Blutmeer das Reich der Vernunft; in der Furcht gefriert der Strom des Lebens und des Her⸗ zens Brunnquell erſtarrt; des Argwohns arabiſche Sand⸗ gluth dörrt aus, der Neid frißt ſich ſelbſt; nur die ächte Liebe, die Gottgeborene, dem Lichte verwandt, belebend und verklärend wie ſein weißer, ungebrochener Strahl, entwickelt alle ſchlummernden Kräfte im Menſchen, macht die Gebrechlichkeit zum Rieſen und die Verzagtheit zur Heldin. Sie iſt der erſte, reinſte, mächtigſte Affekt, die Königin der Gefühle, die himmliſche Nachſchöpferin, ohne welche das Weſen unvollendet bliebe!— Ja, auch bei mir bewährte ſich ihr Zauber, denn ich liebe Eulalien, und liebe zum erſten Male; ich darf nicht rechten mit der eitlen Johanna, denn auch meine Neigung zu ihr war ein Kind der Eitelkeit, die frühe, fruchtloſe Blüte dunkeler, kindiſcher Triebe. Welch ein weichherziges, 438 ſcheues, leicht verſchüchtertes Weſen war ich ſonſt; ge⸗ beugt vom kleinſten Wetter, zerdrückt von fremdem Schmerz ſo oftmals, faſſungslos im eigenen Leid, mich und die Welt aufgebend in dunkeler Wetterſtunde. Das vertrieb mich vom Vaterlande, das machte mich zum ſcheuen Pilger, den das bangende Herz flüchtig in die Fremde jagte. Es war Schickſalsſchule, Schickſalsruf. Am Ufer der Loire ſollte der Sohn des Schwarzwaldes die Meiſterſchaft des Menſchenthums erreichen, unter dieſem ſchönſten Himmel ſollte die ſtachliche Alve ihre ſpäte Blüte entwickeln. Der ſchnelle, entſetzliche Verluſt beider Eltern ſchien für das zarte Weſen Vernichtung zu drohen, welches mit dem engſten Bande mir verknüpft worden. Jene heimliche Ahnung, die bei dem erſten Eintritt in Gabets Haus mich ergriffen, war auf richtige Anſchauung und geübtes Mitgefühl gegründet geweſen. Der Meſſerſtich geſchah durch des raſenden Mannes Fauſt, als nach ei⸗ nem bedeutenden Spielverluſt die Hausfrau ihn zürnend empfing, und die Sorge für das Glück der Kinder ihr harte Worte auf die zarten Lippen trieb. Daß die Märtyrerin ſchwieg bis zu zum Tode in bewunderungs⸗ würdiger Seelenſtärke, tilgte alle Flecken ihrer leichtſin⸗ nigen Mitſchuld aus, und erhob ihr Andenken bei uns. Sei ſtark wie Deine Mutter, Eulalie, ſprach ich zu der Schmerzverſunkenen. Was ſie tragen mußte, wird Gott Deiner Unſchuld nicht aufbürden, und neben Dir ſteht ein Freund, wie ſie ihn nicht beſaß im einſamen Leben.— Einem duldſamen Lamme gleich, legte ſich die Schluchzende an meine Bruſt. Nein, Du wirſt mich nicht verlaſſen! ſprach ſie mit dem Vertrauen der Liebe. Du biſt mir Vater und Mutter von nun an, und Eu⸗ lalie müßte wie die Mutter zu Gott fliehen, wenn ſie Dich verlöre.— Als die böſen Stunden des Leichenbegängniſſes vor⸗ übergegangen, erhob ſich die Jungfrau mit wunderbarer Kraft; wie eine wirkliche Mutter ſtand ſie unter den Kindern, wie eine erfahrene Hausfrau waltete ſie in Küche und Laden, und unſer Verhältniß entfaltete ſich ſo ſchnell zu innigſter Traulichkeit, zu einem freien Ge⸗ dankentauſch, zu einem Leben durch und mit einander, als hätten wir Jahrelang neben einander geſtanden, und von der Wiege bis jetzt das ganze Leben vereinigt gelebt. Aber dieſer Sonnenhimmel war zu ſchön, er ſelbſt mußte Gewitter bilden und heraufführen. Die Tante Sarotte, als Herrin der Reſte des Familiengutes, glaubte jetzt Zügel und Scepter unumſchränkt führen zu dürfen. Mit Verwunderung fand ſie in dem vermeinten, ſchüchternen Kinde einen Widerſtand, eine muthige Vertheidigerin der tyranniſch behandelten Kleinen. Mit Zorn ſah ſie, daß die Liebe dieſe unerwartete Veränderung erzeugt hatte, eine Liebe, welche im Bewußtſein ihres reinen Urſprungs und ihrer Unendlichkeit keine Sündenmaske vornahm, den Schleier des Geheimniſſes vor den Menſchen ver⸗ ſchmähete, weil ſie Gottes Auge nicht ſcheuen durfte. Auf mich fiel jetzt der Haß der Demoiſelle Sarotte, und wenn ich kam am Morgen, kam am Abend, trafen mich die Stachelworte ihres Unmuths; ſie bedauerte die Kran⸗ ken, welche meine Hülfe entbehren müßten, unnöthiger Aufmerkſamkeit wegen für eine Familie, worin Niemand körperlich erkrankt ſei; was an Geiſt darin etwa ge⸗ brechlich, werde der fromme Vater Croiſillon ſchon zu heilen wiſſen. Und gar bald erſchien der ehrwürdige 440 Miſſionär, den die Sorge ſeiner Freundin von ſeiner Bekehrungsfahrt in die Dorfſchaften des Departements zurückgerufen hatte. Ich fand den langen, hagern Prieſter eines Abends im Familienzimmer. Sein zitronengelbes, glattes Ge⸗ ſicht, die kleinen, glühenden, lauernden Augen, die lang⸗ ſame, leiſe Sprache, die über der Herzgrube feſtgehal⸗ tenen Hände, ſtießen mich ab beim erſten Anblicke. Ein ſchlimmer Feind Deines Glücks! flüſterte mein Genius mir ins Ohr. Unbefangen, wie ſonſt, ſetzte ich mich nach den gewohnten Begrüßungen neben die Geliebte, und fragte nach den Vorfällen des Tages, und ob noch keine Briefe angekommen aus Paris vom Bruder Favier. Wohl bemerkte ich, wie die Tante und der fromme Mann ſprechende Blicke mit einander wechſelten, und wie in Sarottens Augen die Aufforderung zum Angriff deutlich gegen den etwas befangenen Herrn Croiſillon hinüber funkelte. Sie verlangen nach ſolchen Briefen? fragte die Demoiſelle ſpöttiſch. Und wie es ſcheint voll freudiger Neugier? Sonderbar! Sie wiſſen doch, Herr avier iſt Kapitän, iſt Huſar; ſolch ein Kriegsmann hält auf Ord⸗ nung und Ehre, und wird den leider verwilderten Haus⸗ ſtand raſch und gebieteriſch zurecht zu ſtellen wiſſen, wie er es in des großen Kaiſers Kriegsſchule lernte, auch den Säbel nicht ſparen, wenn es auszuräumen gäbe.— Warum ſollte ich mich nicht freuen, mit Ihnen freuen auf ſeine Ankunft? antwortete ich ruhig; Eulalie und ihre Geſchwiſter, und auch Sie, Demoiſelle, werden dann einen ſichern Schützer haben, und die Sorge der ſchlafenden Mutter durch den wackern Sinn des tapfern Sohnes und ſein zärtliches Bruderherz vertilgt werden. Ihr bekümmerter Geiſt, der gewiß jetzt noch die Stätte umſchwebt, wo ſie die unmündigen Küchlein verließ, wird ſich dann von dem Irdiſchen ganz dem Himmliſchen zuwenden können, und erſt dann ganz ſeine Seligkeit genießen.— Sie glauben an Unſterblichkeit und an die Freuden des Himmels im Umgange mit den Heiligen und zu den Füßen des Erlöſers? fragte verwundert der Miſſionär.— Der Arzt ruht an dem Buſen der Natur, entgegnete ich; er ſieht, daß in ihr auch nicht ein Stäubchen, kein Atom verloren geht, daß Alles von ihr zu neuen Schö⸗ pfungen benutzt wird; wie ſollte er an der Fortdauer des Edelſten im Kreiſe des Geſchaffenen, an der Fortdauer der Menſchenſele zweifeln können? Wenn das unentwickelte, liebliche Kind mit allen ſeinen Anlagen, allen ſeinen An⸗ ſprüchen auf Vollkommenheit dem frühen Tode zum Raube wird, kann der Denker glauben, der Schöpfer habe ihm ſo viele Schätze, ſolch herrlich Vatererbtheil geſchenkt für dieſen Augenblick des Athmens und Schlummerns am Mutterbuſen, der Schöpfer habe für ſolch kleinen Zweck dieſen großen Aufwand vergeudet?— Spinoza und Rouſſeau, brüderlich neben einander! lächelte Croiſillon. Ja, Sie ſind der Herr Doktor, von dem ich auf den Dorfſchaften hörte, von dem die ſchönen Frauen und rothwangigen Mädchen ſo viel Rühmens machten.— Eulalie wurde hochroth, doch nicht aus Schreck, ſon⸗ dern im Zorn der Liebe, denn ſie drückte heimlich feſt meine Hand. Sie halten nichts auf die Heilkraft der Reliquien, nichts auf die Wunder durch Prieſtergebet und fromme Gelübde; und dringen ihre unheiligen Kräuter und 442 irdiſchen Pülverchen dem verführten Volke auf, fuhr der Inquiſitor fort.— Aufdringen? antwortete ich warm werdend und faſt verächtlich. Sie wählen Ihren Ausdruck nicht gut, ehr⸗ würdiger Herr. Ungerufen erſcheint der Arzt von Ehre nirgends, und Alles, was Gott erſchuf zum Heile der Menſchen, iſt ſo heilig wie der Knochen eines Todten, oder der Splitter vom Sarge eines Märtyrers. Die Pflicht des Arztes feſſelt ſein Handeln an die Vernunft und des Verſtandes Erfahrungen. Mittel und Zwecke müſſen für ihn in klarer Wechſelwirkung liegen; er ſoll hoffen, nicht träumen, er ſoll handeln, nicht zuſchauen.— Sie ſind Katholik? fragte der Prieſter ſchnell und lauernden Blickes.— Ich bin ein Chriſt, und wie der große Meiſter lehrte, ein Bruder aller Menſchen, entgegnete ich mit feſter Stimme; in dem Königreiche, wo ich geboren, war Luthers Lehre die herrſchende.— Der Miſſionär ſchlug kaum bemerklich mit der Rech⸗ ten ein Kreuz vor ſich hin, rückte mit ſeinem Seſſel her⸗ um, und begann ein flüſterndes Geſpräch mit der De⸗ moiſelle Sarotte, worin nur das Wort Ketzer und Philoſoph einige Male lauter zu uns herüber klang. Eulalie bemerkte meine wachſende Aufwallung, ſie ſtrei⸗ chelte ſanft meine brennende Wange, zog dann verſtohlen ein Briefchen unter ihrem Buſentuche hervor, und ſteckte es in meine Hand.— Was konnte das ſcheue Mädchen zu dieſem Schritte bewegen? Selbſt das Wörtchen der heimlich gehegten Zuneigung war mir nur ſelten von ihrer ſchönen Lippe geworden, wenn auch das Auge ein beglückender Verräther ihrer Seele geweſen. Die erſte Liebe im jungfräulichen Herzen iſt ſcheu und ſchweigſamz 443 erſchrocken über das neue, gewaltige Gefühl, das ſo plötzlich ein Uſurpator in der verſchloſſenen Bruſt ge⸗ worden, ohne daß das Herz weiß, wie er hineingekom⸗ men; der junge, täglich wachſende Adler im Taubenneſt, wagt ſie es ſich kaum ſelbſt zu geſtehen, daß ihr Weſen verwandelt wurde, und jeder Ton, der das Geheimniß verrathen könnte, ſcheint ihr Entweihung der heiligſten Moyſterie. Nur etwas ganz Beſonderes, etwas Bedräuen⸗ des konnte Eulalien die Feder in die zagende Hand ge⸗ drückt haben. Ich zitterte in Erwartung, und konnte kaum dauern im Seſſel. Zu Hauſe löſete mein theures, tauſend Mal geküßtes Briefchen dennoch die räthſelhaften Zweifel nicht. „Wenn es zehn ſchlägt vom Thurm,“ ſagten die feinen Schriftzüge,„ſo erwartet Eulalie ihren Freund an der Mauer des Kirchhofes, dort, wo der große Linden⸗ baum das Häuschen des Sakriſtans beſchattet. Maurice wird pünktlich kommen, denn Eulalie fürchtet die Nacht ohne ihn.“— Seltſam! rief ich laut, ſo daß mein Pudel aus dem Schlafe aufſprang, und ſich, auf Befehle wartend, an mein Knie ſtellte. Was kann die zaghafte Taube her⸗ ausjagen in die Stunden, wo Eule und Fledermaus auf den Raub gehen? Weit früher ſtand ich ſchon am Platze und horchte, hörte lange nur die lauten Schläge meines geängſteten Herzens, und ſchritt wie ein Nachtgeiſt an der niedern Mauer auf und nieder, welche die Hügel umgab, die nur ſtillſtehende Herzen bargen.— Ein flüchtiger Schritt näherte ſich, Eulalie warf ſich athemlos in meine Arme. Sie war tief verhüllt, ein dunkler Mantel barg ihren Wuchs, ein ſchwarzes Schleiertuch umwand ſo dicht Kopf 444 und Hals, daß kaum das lichte Auge und der runde Mund im Sternlicht ſichtbar blieben, aber unbeſchreiblich reizend erſchien mir die Geliebte in dieſer Tracht des Geheimniſſes. Du beglückeſt mich durch Deinen Aufruf, durch Dein Kommen, Eulalie, ſprach ich bewegt und ſelbſt zitternd; es iſt ein Rieſenſchritt der Liebe; kein Schwur, kein Opfer könnte mir mehr ſchenken. Aber Du ängſtigſt mich zugleich, ehe ich die Verfolger kenne, die das zarte Reh in dieſe Nacht und zu dieſem Orte des Grauens ſcheuchten.— Komm zur Kirche! ſtammelte ſie Athem ſchöpfend. Hier regieren die böſen Menſchen, dort wohnt und ſchützt der Vater die Schwachen. Komm mit mir, Maurice; die Tochter des Sakriſt ans iſt meine Freundin und wartet unſer.— Ich folgte ohne Bedenken, von Neugier getrieben. An der Pforte der Kirche fanden wir ein Mädchen, ſchon hatte ſie die Thür geöffnet, und nahm eine kleine Laterne aus den Händen derſelben. Du harreſt unſerer Wiederkehr, nicht wahr, Tiennon? ſagte Eulalie leiſe.— Gewiß, antwortete das Mädchen; aber ſäumt nicht lange, denn der Vater wird bald heimkehren vom Hoch⸗ zeitſchmauſe des Vetters Mipartie.— Eulalie zog mich fort, ung wir ſchritten durch das hohe Gewölbe, an den Kniebänken und Seitenaltären hin, und ſtanden bald vor dem Gitter, welches den Hochaltar vom Schiffe der Kirche trennte. Erſchöpft ſetzte ſich die Jungfrau auf die ſteinerne Stufe, ſtellte das Laternchen neben ſich, und bat mich an ihrer Seite Platz zu ſuchen. 445 Zürneſt Du, ſagte ſie dann mit einer Innigkeit und einem kindlichen, rührenden Ausdruck ohne Gleichen; ſchiltſt mich in Deiner Seele, verachteſt mich wohl gar, daß ich etwas that, was ſich nicht ſchickt für ein Mädchen? Aber ich wußte mir nicht zu rathen, ich konnte die Mutter nicht mehr fragen, und ſie erſchien mir ſelbſt im Traume, und rieth mir ſelbſt, daß ich ſo thun ſollte, und ihr Segen vertraute mich ja längſt Dir an, und machte mich zu Deinem Eigenthume.— Und Sterbende ſehen ſcharf, und ſie ſoll ſich nicht getäuſcht haben in der Wahl ihres Vertrauens, antwor⸗ tete ich herzig und umfing ſie feſt.— Nicht ſo, ſagte ſie ſich losmachend und ſcheue Blicke umherwerfend. Wir ſind an heiliger Stätte, die Mut⸗ ter des Herrn ſchaut auf uns nieder, und die ernſten Apoſtelbilder wachen dort an den Säulen.— Reine Liebe ſcheut kein Auge, entgegnete ich; Sie, die Heilige gebar den Lehrer der Liebe, jene verkündeten den Spruch ſeines Herzens durch die Welt und ſtarben für ihn. Auch meine Liebe zu Dir iſt fleckenlos, hofft auf Gottes Schutz, und würde am Tode nicht zagen, noch Dich laſſen oder verläugnen.— Ach! Wie biſt Du ſo ganz anders wie die Andern, ſagte ſie. Dein Wort ſtrömt Muth in die Bruſt, und wenn Du von Gott ſprichſt, iſt es, als würde es hell vor den Augen, und das Herz fühlt ſich geſtärkt und erhoben; wenn der fromme Croiſillon oder die Tante von ſo etwas reden, fühlt man Laſten auf Haupt und Schultern, und die Furcht preßt die Seele zuſammen.— Und was will meine Geliebte hier? fragte ich ſanft.— Ja ſo! entgegnete ſie ſich beſinnend. Ach! es iſt arg, daß ich flüchten muß aus dem Hauſe meiner Eltern, 446 dem ſichern Orte, um Dich zu warnen, der mir vor Kurzem noch ſo fremd war, und mir ſelbſt eine Sicher⸗ heit zu ſuchen gegen die, welche mir ſo lange die Näch⸗ ſten waren und Blutsverwandte ſind. Die Tante und der Prieſter ſinnen auf Böſes. Sie ſchelten auf Dich, nennen Dich einen Verführer, einen ketzeriſchen Heuchler, der die Mutter vielleicht hätte ſterben laſſen aus Glau⸗ benshaß, und um der Tochter deſto ſicherer die Seligkeit hier und dort zu rauben. Die Tante will einen Ge⸗ waltſchritt thun; da kein Vermögen da iſt, Alles, wie ſie ſagt, ihr eigen bleibt, ſo ſollen die Kleinen fort, die Mädchen auf's Land, die Knaben in das ZJeſuitencolle⸗ gium, und ich ſoll als Novize in ein Schweſterkloſter zu Nantes oder Tours, ſobald nur der Bruder angelangt ſein wird von Paris. Und wie fürchte ich den Bruder! Er iſt ein harter, wilder Menſch, der alle Deutſchen haßt, ſeit durch ſie ſein Abgott, ſein Kaiſer, vom Thron geworfen wurde. Ach! er iſt jähzornig und ungeſtüm, wie der Vater war, und ſcheuete das letzte Mal, als er uns beſuchte, ſelbſt dieſen nicht, und kam der Mutter wegen gar hart mit ihm zuſammen, ſo daß auch nur der Mutter Stimme den Frieden herſtellte. Jetzt, da ſie ſtarb, deren Liebling er war, wird ſein Gemüth nur um ſo verſchloſſener ſein, und ſein Gram wird ihn em⸗ pfindlicher und heftiger machen.— Furchtlos ſteht die Unſchuld auch ohne Waffe dem wildeſten Feinde gegenüber, ſprach ich, die Bangende umfangend. Du biſt ein reines Kind des Schöpfers; wie könnte er ſeinem ſchönſten Werke den Beiſtand ver⸗ ſagen und es zertrümmern laſſen! Aber welche Mittel hat meine Eulalie erſonnen, dieſe dräuenden Stürme zu heſchwören? ſetzte ich erwartungsvoll hinzu.— 447 Folge mir! ſagte das Mädchen, erhob ſich entſchloſſen und nahm die Laterne. Die Mutter ſelbſt hat mir's in letzter Nacht befohlen, und ſo muß es das Beſte ſein.— Ich folgte der Kindlich⸗Gläubigen noch die Stufen zum Hochaltare hinan. Mit andächtig geſenktem Haupte ſtand ſie daneben ſtill, leuchtete hinauf zu dem koloſſalen Kruzifix, deſſen Silberglanz Blitze auszuſprühen ſchien, und ſetzte dann die Laterne auf den Rand des Altars ſo, daß ihr blendender Schein unſere Geſichter hell er⸗ leuchtete. Dann bog ſie das Knie und betete ſtill, und ich kniete mit und faltete wie ſie die Hände, und bat den Herrn der Heerſchaaren, mich ſeine Hand werden zu laſſen, um das Glück dieſes reinen Weſens zu befe⸗ ſtigen, mein Leben und mein Glück aber zum Opfer zu nehmen für ihre Wohlfahrt, wenn es ſein müßte. Ihre Augen leuchteten im hellſten Freudenlichte, als ſie nach geendigtem Gebet zur Seite ſah, und mich in dieſer Stellung erblickte. Sie reichte mir die Hand, und wir ſtanden zuſammen auf. Sieh, Maurice, ſagte ſie ernſt, ich will mich binden an Dich, durch das feierlichſte Ge⸗ lübde an heiligſter Stätte. Sie könnten die Furchtſame einſchüchtern durch Drohungen, zwingen wollen durch Gewalt. Habe ich mich Dir vor Gott zugeſchworen, ſo darf ich keinen zweiten Eid ſchwören ohne Verbrechen an ihm. Hier habe ich die Trauringe meiner Eltern; wir wollen ſie tauſchen, Du ſollſt dieſen Ring mir geben, ich Dir den der Mutter. Dann faſſe das ſilberne Kreuz und gelobe mir Treue. Wäreſt Du ein Verworfener und Falſcher, würde die Berührung des heiligen Bildes Dich augenblicks tödten.— Ich nahm den Ring und ſchob ihn auf ihren Finger, ſie that mir daſſelbe; dann ergriff ich feſt mit der Linken 448 den Fuß des Kreuzes, und ſprach ihr warm das Gelübde der ewigen Treue. Sie ſprach leiſe meine Worte nach, und als Alles ſtill blieb, und das feierliche Schweigen der Nacht unſern Bund zu heiligen ſchien, da warf ſie ſich mit einer Glut, welche ich nimmermehr in dem ſcheuen, zarten Geſchöpfe geſucht hätte, an meine Bruſt, meine Lippen glüheten im erſten, langen, inbrünſtigen Kuſſe vor Gottes Augen auf ihrem friſchen Munde, und ſchweigend hielten wir uns umfaßt, und merkten das Fortſchreiten der eilenden Zeit nicht in der Seligkeit des langerſehnten Augenblicks. Ein nahes Geräuſch ſchreckte uns auf; eine dunkele Geſtalt flog mit lautem Athem herbei, riß die Laterne vom Altare und löſchte ſie ſchnell. Es war Tiennon. Fort, fort! ſtieß ſie angſtvoll mit verhaltener Stimmme hervor. Flieht ſchnell hinter das Chor, durch die Sa⸗ kriſtei, hinaus aus dem Pförtchen. Der Vater iſt da, trunken vom Weine, und folgt mir auf dem Fuße.— Eulalie zuckte in meinen Armen, ich mußte die Be⸗ bende fortſchleifen, und mühſam tappte ich der eilenden Führerin nach durch die unbekannten Gänge und dunkeln Gemächer. Hinter mir hörte ich fern in der Kirche die hallende Stimme des ſcheltenden Sakriſtans, eine weiße Geſtalt fuhr ſauſend hinter uns drein, und rauſchte neben uns mit hinaus aus dem engen Thürchen. Im Freien erſt bekam ich ſelbſt meine Beſonnenheit zurück. Mein getreuer Lion, mein Pudel, hatte meine Spur geſucht und gefunden, und umſprang jetzt laut bellend den be⸗ ängſteten Herrn. Mühſam beſchwichtigte ich durch harte Worte den unſchuldigen Verräther, drückte der Schließerin meine Börſe in die Hand, und führte die Geliebte in größter Eile zu ihrer Wohnung zurück. Mit ſchmerzlicher 449 Innigkeit fielen wir uns am Scheidepunkte nochmals in die Arme. Eulalie, ſagte ich mit Heftigkeit, Du und ich ſind nun ein Weſen geworden, eines wie in der⸗ ſelben Minute geſchaffen, nun unſer bis zum Tode, die Minute Deiner Vernichtung iſt auch die meinige.— Dein! flüſterte ſie leiſe. Deine Eulalie, und von heute an nichts weiter auf der Welt!— Sie ſchwankte in den angelehnten Thorweg, und ich kam wie ein Trun⸗ kener, der ſich einem Kaiſer gleich hält, und alle Schätze der Erde zu beſitzen wähnt, auf meinem einſamen Zim⸗ mer an, und ſitze da nun mit gefaltenen Händen, und ſtarre zum Fenſter hin, wo die Millionen leuchtender Sterne funkeln, und frage demüthig hinauf: Hat denn die Menſchenbruſt Raum für dieſe unermeßliche Selig⸗ keit? War ich denn werth dieſer göttlichen Gabe? Und was bleibt dem Himmel zu ſchenken übrig, wenn die Erde ſchon ſolches Entzücken ſpendet.— O die Liebe macht fromm; der Liebende empfindet, daß ſein Glück von oben kommt, daß Menſchen ſo etwas nicht zu ſchen⸗ ken vermögen; er zagt, daß die Befeindung irdiſcher Gewalt, irdiſchen Neides nach ſeinem Kleinod trachten möchte; er fühlt, daß nur die unſichtbaren Mächte des Himmels ſein Heiligthum beſchirmen können, ihm erhalten können in den rauhen Wettern der Erde, was von ihnen kam. O die Liebe macht fromm, und ich war nie mei⸗ nem Gott ſo nahe, als in dieſer Nacht!— 6. Welche ſchreckliche drei Tage gingen im Schnecken⸗ ſchritt unter Foltern vorüber! Kann die Hölle ſo dicht an den Himmel grenzen? O es wohnt ja Laſter und Tugend, Teufel und Engel unter einem Dache, und Blumenhagen. IX. 29 45⁰ dabei iſt den Teufeln wohl, denn ſie haben die Zielſcheibe ihres Hohns und ihrer Verführung nahe, und nur der Engel leidet! O meine Eulalie, biſt Du noch in meiner Nähe, und wie werde ich Dich wiederſehen?— Am Tage nach dem nächtlichen Kirchenbeſuche kam ich Abends von einem mühvollen Ritte auf das platte Land zurück. Länger ſchon hatte eine Blatternepidemie die Um⸗ gegend ergriffen, und der Aberglaube, durch die Predig⸗ ten der Miſſionäre beſtärkt, verſchmähte Jenners großes Schutzmittel noch immer. Weiter und weiter wälzte ſich der Giftſtrom der gräßlichen Kinderpeſt und mordete die kleinen Lieblinge, die zarten Hoffnungen der jammernden Mütter. Beſtaubt und erſchöpft ſehnte ich mich mehr als je nach dem erquickenden Anblicke der Geliebten, und trieb das matte Maulthier zur Stadt. Mit Staunen fand ich die Gegend meiner Wohnnng von einem Menſchen⸗ gedränge erfüllt, welches dichter und lärmender ward, je näher ich kam. Das war nicht Feuersnoth oder ſor⸗ gender Zuſammenlauf der Nachbarn eines andern Unfalls wegen, das war Volkstumult in ſeiner gräßlichſten Ge⸗ ſtaltung. Ja, der losgelaſſene Pöbel iſt eine wüthende, hungerige Hyäne, er wird zur blutdürſtigen, ſchonungs⸗ loſen Beſtie, wenn Fanatismus ihn aufhetzt! Mit Schau⸗ der ſah ich, daß meine Wohnung das Ziel der Wuth dieſes ſtürmiſchen Haufens geworden. Kieſel flogen hin⸗ auf und zerſchmetterten meine Fenſter; meine Thüren mußten ſchon erbrochen ſein, denn halbnackte Männer⸗ geſtalten zeigten ſich oben und warfen mein Geräth, meine Bücher und Inſtrumente auf die Straße herab. Ich ſpornte mein Thier, und wollte mir Platz machen, da faßte eine ſtarke Hand in meinen Zügel, und mein 451 Wirth, der ehrliche Naſarde, rief mir zu: Umgekehrt, Doktor! Zur Stadt hinaus! Rettet Euch oder Iyr ſeid ein Kind des Todes.— Zu ſpät kam die freundliche Warnung, denn trotz des blauen Reitmantels, der mich verhüllte, hatte man mich ſchon an meinem grauen Maulthier erkannt. Da iſt er ſelbſt, der verdammte Ketzer! ſchrie es um mich. Schlagt ihn nieder, den Kirchenſchänder! Reißt ihn herunter! An die Laterne mit ihm! Auf den Scheiterhaufen! Nieder, nieder mit dem Verfluchten, der Gottes Zorn auf die fromme Stadt bringt!— Die ganze Menſchenlavine wälzte ſich jetzt auf mich heran, legte ſich wie ein zerquetſchender Berg um mich, und ich ſah mein Verderben vor Augen, denn mitten im Gewühl erkannte ich die Miſſionäre, erkannte den Frater Croi⸗ ſillon, der ein großes Kreuz hoch hielt und das Volk aufrief, den Kirchenſchänder zu zerfleiſchen. Ich verſuchte noch einmal durch die Kraft meines Maulthieres Platz zu gewinnen, aber vergebens, von zwanzig Fäuſten herab⸗ geriſſen, lag ich bald am Boden, getreten, auf⸗ und niedergezerrt, Keulenſchläge fielen wie Hagelwetter auf mich, und ich fühlte mein warmes Blut an Kopf und Geſicht und wehrender Hand. Mein getreuer Pudel warf ſich wildheulend auf meine Henker, und verſuchte den Herrn zu löſen. Das iſt die Beſtie, welche Gottes hei⸗ liges Haus entweihen half!— ſchrie der grimmige Croi⸗ ſillon, und ein wüthender Metzger ſchlug mit ſeinem breiten Beile das getreue Thier todtwund zu Boden, und ich mußte ſehen, wie es die letzten Blicke noch in Weh⸗ muth nach mir richtete, ehe es ſeinen letzten Athemzug verröchelte. Auch ich befahl meine Seele dem Herrn des Himmels, da ſtanden plötzlich Gendarmen rund 452 um mich, ihre ſchweren Waffen wieſen das Volk zurück, ſie riſſen mich in ihre Mitte, aber die Schmähreden des Volks umbrauſeten mich fortwährend wie das hungrige Geheul einer Tigerheerde, Steinwürfe ſauſeten mehrere Male an meinem Kopfe vorüber, und finnlos von dem Getöſe und all dieſem Schrecken kam ich im Stadthauſe an, wo man mich in einen Kerker einſchloß, wie er für Mörder und Straßenräuber nur ausgewählt werden kann. Halb ohnmächtig ſank ich auf das Strohlager; aber nicht der dumpfe, feuchte, finſtere Käfig, nicht die ſchmerzenden Wunden und Beulen, nicht die Geſellſchaft des häßlichen Ungeziefers, welches ſich mir bald raſſelnd kund that, quälte mich, Eulalie und die geſchändete Ehre theilten ſich in meinen Empfindungen, und meine Verzweiflung führte ſündige Gedanken der Selbſtvernichtung in mir herauf. Ein heller Strahl des Morgenlichts, welcher nach der ſchrecklichſten Nacht meines Lebens durch ein hohes Gitterfenſter fiel, und die graue Wand des Gewölbes gegenüber vergoldete, goß in meine Seele Kraft, Muth und Hoffnung zurück. Kein Sperling fällt ohne ihn; kein Haar des Hauptes wird gekrümmt gegen ſeinen Willen!— ſagte unſere fromme Mutter oftmals, und mir war, als ſtände ſie neben mir, und ſpräche mir ſelbſt die tröſtenden Sprüche vor. Man ſtellte mich vor das Gericht; der Maire, auch ein Schüler meines fana⸗ tiſchen Feindes, fuhr mich hart an, das Heiligſte ſollte ich geſchändet, die Kirche erbrochen haben, um die ge⸗ weiheten Kleinodien zu rauben; eine rechtgläubige Jung⸗ frau ſollte ich durch Zaubertränke und Höllenmittel verführt haben, den Glauben ihrer Väter abzuſchwören, mir ihren Leib und der Ketzerei ihre Seele hinzugeben. * 453 Ich lächelte und ſchwieg, und als die grimmigſten Drohungen mir kein Geſtändniß abzulocken vermochten, wurde ich in meinen traurigen Aufenthalt zurück ge⸗ ſchleift. Drei Tage hatte ich ſo in ſchauerlicher Einſamkeit und bei der kümmerlichſten Nahrung zugebracht; ſelbſt in der Nacht bemühete man ſich, mir die Erquickung des Schlafs zu entwenden. Ich hörte über meinem Haupte ſchwere Steine wälzen und große Balken rollen, heftige Schläge an die Wände ſchreckten mich auf; blendende Lichtſcheine, feurige Fratzen bildend, ſchoſſen zuweilen durch die Gitter in meine Finſterniß, und verletzten meine Augen. Oder wollte man gar meinen Geiſt äng⸗ ſtigen, und den Ketzer bekehren durch Geſpenſterlärm? Armſeliges Poſſenſpiel! Unſer Mittelalter iſt mit ſeinem Fauſt⸗ und Trugſpuk längſt zu Staube verfallen, mein Vaterland iſt der Tempel der ächten Aufklärung. Und vergaß man denn, daß ich ein Prieſter der Natur war, der mitten in ihren ſengenden Blitzen und tobenden Don⸗ nern ohne Furcht ſteht, weil er weiß, was ſie ſind? Ver⸗ gaß man, daß ich einen Engel zur Geſellſchaft hatte, den der Herr Eulalie genannt, und gegen den kein Spuk Stand hielt? Aber man ſchwächte mich durch den Unfug, und kaum hielt die Vernunft noch mein empörtes Gemüth aufrecht, daß es nicht zaghaft ſich verbrecheriſchen Zwei⸗ feln an das Heiligſte hingab.— Am dritten Morgen brachte mir ein anderer Wächter mein armſeliges Mor⸗ genbrod, und im Geſichte deſſelben wähnte ich Gutmü⸗ thigkeit zu leſen, und ſein Auge ſchien mitleidig auf mich zu ſchauen. Ich wagte ihn zu fragen, was man über mich veſchloſſen hätte, und wann meine Lage ſich ändern würde?— 454 Ach! Herr, antwortete er kopfſchüttelnd, Ihr dauert mich. Auch mich fingen die rauhen Baſchkieren an der Berefina, und ſchleppten mich fort in ihre Eiswüſte. Ich weiß recht gut, wie es thut, ſo ganz allein in feindlichen Händen zu ſein, und nicht einmal ein ſchwaches Rohr zu haben, nach dem man die Hand im Ertrinken ausſtrecken könnte. Eure Sache ſteht ſchlimm, ſehr ſchlimm, und kommt Ihr vor die Geſchworenen, möchte ich nicht mit Euch tauſchen.— Aber ſpricht denn keiner der Bürger von Ancenis für mich? fragte ich lebhaft. Sie kennen mich Alle als einen Redlichen; Hunderten diente ich in böſer Rott, und diente ihnen ohne Dank zu fordern.— Der Dank iſt geſtrichen, entgegnete er. Sie wußten nicht, daß Ihr zu den Abtrünnigen gehörtet; ſeit ſie das wiſſen und weſſen man Euch geſchuldigt, flucht Euch Reich und Arm, und eine neue Schuld wird auf Eure Schul⸗ tern fallen, ſeitdem das Bauernvolk vom Lande in gro⸗ ßen Schwärmen zur Stadt kam, und Euch losmachen wollte mit Gewalt, und Euch hinaus haben wollte zu den Dörfern, wo Haus an Haus voll Sterbender liegt. Sie nannten Euch ihren Engel und Schutzpatron, und die Soldaten mußten die ſchimpfenden Rotten mit dem Bajonnet aus den Thoren jagen.— So lebt doch Gerechtigkeit und Liebe auch noch an der Loire, und ich bin nicht ganz ohne Freunde!— rief ich lebhaft aus.— Jubelt nicht darüber, fuhr der Wächter fort; man ſchalt dieſe groben Freunde Rebellen, und nannte Euch ihren Aufhetzer. Das wird Eure Wagſchale nur ſchwe⸗ rer machen. Der einzige Hoffnungsſchein möchte Euch in der Ankunft des neuen Herrn Präfekten leuchten. 455 Er iſt jung und kam in dieſer Nacht direkt von Paris. Die Herrn von dort nehmen es in Glaubensſachen nicht ſo genau, aber der junge Cavalier wird nicht ſo⸗ gleich mit Machtſprüchen gegen die alten Obrigkeiten auzuftreten wagen.— Wie ein heller Sonnenſtrahl durchfuhr es meine Seele. Ein Chevalier der aufgeklärten Seineſtadt konnte unmöglich den Fanatismus in ſolchen groben Ausſchwei⸗ fungen gut heißen. Ich beſchwor den Wächter, zu dem Präfekt zu eilen, ihm von meinem Schickſale Kunde zu geben, und mir ein Verhör zu erbitten. Ich verhieß dem Boten hohe Belohnung, und er verſprach mir die Erfüllung meiner Bitte. Wie ſchlich dieſer Tag; wie theilte ſich Hoffnung und Mißtrauen gegen den Abgeſandten in die Stunden! Da raſſelten die Schlöſſer, die Thür öffnete ſich, der Maire ſchritt gravitätiſch voran, ihm nach kam in voller Amts⸗ leidung der Präfekt, und ein Freudenſchrei tönte aus meiner Bruſt, kraftvoll ſprang ich auf vom Boden, vor mir ſtand mein Gönner aus der Bretagne, mein Comte de Pavot, derſelbe, welcher mich nach Ancenis gebracht und mich ſo brüderlich freigebig ausgeſteuert hatte. Wie vleich und lang wurden die Geſichter des Maire und ſeiner Begleiter, als der hochgewachſene Herr mich in ſeine Arme ſchloß. Evler Leidensträger! Muß ich Dich ſo finden! ausrief, und dann ſeinen Unwillen in den heftigſten und härteſten Worten über ſie ergoß. Was erfolgte, iſt leicht zu errathen. In dem Wagen des Comte fuhr man mich zum Quartier des Präfekt; er ſelbſt half mich ſäubern, umkleiden und mit ſtärkender Nahrung verſehen, dann mußte ich ihm mein ſchlimmes Abenteuer erzählen, und ich that es vollſtändig und ohne 456 Hehl, und erbat mir auch ſeinen Schutz für die unglück⸗ liche, verfolgte Geliebte. Mit jener ritterlichen Leut⸗ ſeligkeit und jener edlen Aufwallung, welche dem fran⸗ zöſiſchen Adel beſonders eigen iſt, ſagte ſein Herz und ſeine Hand meiner Liebe zu, und er eilte dann ſelbſt zu Gabets Hauſe, um Erkundigungen einzuziehen, indem er mit freundſchaftlicher Vorſicht mir den Mitgang ver⸗ bot. Ich mußte mich fügen, und nun ſitze ich in banger Erwartung, zähle die Glockenſchläge, horche auf jedes Wagengeraſſel, jeden Männerſchritt, und treibe die ſchlei⸗ chende Zeit mit dem Beſchreiben dieſer Blätter, indeß bei jedem Punkt Eulaliens Name in einem ſchweren Seufzer auf meinen Lippen zittert.—— — 4. O ihr Mächte des Himmels, iſt denn der arme, hülfloſe, wehrloſe Sterbliche der Spielball Eurer Scha⸗ denfreude, Eurer Erbarmungsloſigkeit! Oder ſind wir nichts als Räder, Federn, Ketten und Stifte im großen Weltuhrwerk, und zählt der Meiſter nicht, ob hier eine Speiche bricht, dort ein Stift ausfällt und verloren geht ins Unendliche?— O wohl dem Idioten, denn wer keine Vernunft beſitzt, hat keine zu verlieren, und ein grauen⸗ volles Bewußtſein iſt es, fühlen zu müſſen, wie ein Licht nach dem andern im Gehirn verlöſcht, wie einem freſſenden, wuchernden Markſchwamme gleich der Wahnſinn die zer⸗ ſtörenden Polypenſchlangen in die Organe des Verſtandes eindrängt, und die Geiſtesnacht immer finſterer wird.— Und vielleicht wohl mir, wenn es erſt ganz Finſterniß iſt in mir und um mir; ich ahne mit dem Armenſünder⸗ zagen des zum Tode Verurtheilen, bald wird Licht und Denken mir Marter ſein. — ——— —————— 457 Der Comte Pavot kam zurück, mich abzuholen. Eu⸗ lalie iſt krank und bedarf den Arzt wie den Geliebten! ſprach er, und die Angſt miſchte Wermuth zu meiner Freude, und zügelte den Jubel der Liebe. Im Wohn⸗ zimmer empfing uns die Tante Sarotte mit tiefen, ſtei⸗ fen Verbeugungen. Unwille, Haß und Reſpekt vor dem gewaltigen Präfekten, kämpften ſichtlich in der wider⸗ wärtigen Perſon. Aber muß es denn ſein? ſtotterte ſie. Könnte nicht ein Arzt aus Nantes geholt werden, ein Gläubiger, ein alter, erfahrener Herr?— Wer der Menſchheit gedient wie mein Freund, ant⸗ wortete der Comte mit Unmuth, iſt ein Rechtgläubiger vor Gott. Und hier drängt die Noth.— Alle meine Glieder zitterten bei den Worten. Demoiſelle Sarotte machte ihren tiefen Knix noch einmal, und öffnete die Nebenthür. Die Benennung Freund hatte einen hef⸗ tigen Schreck in alle vergelbten Geſichtszüge gedrückt. Der Herr Präfekt haben die Verantwortung auf ſich genommen! ſprach ſie mit verzerrten Lippen, und machte ceremoniös Platz. Ich trat in heftiger Bewegung ein. Mit einem lauten Freudenſchrei fuhr Eulalie in ihrem Bette empor, aber gleich darauf fiel ſie wieder zurück und bedeckte ihr Antlitz mit dem Tuche.— Mein erſter Blick hatte übergenug des Entſetzlichen geſehen. Eulaliens Krankheit waren die Blattern, und kein Zweifel, ich ſelbſt hatte ſie ihr zugetragen, konnte ich doch nicht vermuthen, daß in einem ſolchen Hauſe elterliche Vorſicht den Schutz der Kinder verſäumt habe. — Ich warf mich über ſie hin, ich riß das weiße Tuch aus ihren Händen, ich bedeckte ihr brennendes Geſicht mit meinen Küſſen. O, Du biſt wieder da! Du biſt nicht ermordet! Nun 458 iſt alles wieder gut! flüſterte ſie, zärtlich meine Hände drückend.— Ich konnte nicht ſprechen, ich hatte nicht Athem, nicht Luft, mein Herz drohete zu zerſpringen. Aber wirſt Du Eulalie lieb behalten? fragte ſie dann. Ich bin recht häßlich geworden, und werde noch häßlicher werden. Die Tante hat Alles erzählt, was die böſe Krankheit nachläßt, und ich kenne ja ſelbſt die alte Milchfrau von der Wachsbleiche, mit dem zerriſſenen Geſicht und den rothen Hexenaugen.— Meine Thränen ſtürzten auf ihre Wangen hinab. Eulalie, rief ich wie außer mir, Gott erhalte Dich mir; Dir ſelbſt, Deinem beſſern Theil, nicht Deinen irdiſchen Reizen ſchwur ich meine Treue für ewig. Eulaliens Seele trägt unvergängliche Schönheit, und auch an Deinem jungen Körper wird das böſe Uebel ſchonend vorübergehen. Der Himmel liebt ſeine ſchönſten Werke, und wacht über die Lieblinge. Feſt zog ſie mich mit beiden Armen an ihr Herz, und der Comte mußte mich zum erſten Male an meine Pflicht erinnern, an die Ruhe, welche der Kranken ſo nöthig.— 8. Eulaliens Zuſtand verſchlimmerte ſich täglich. Die namenloſe Angſt um den Geliebten, die Schmähungen der Tante hatten ſchon dem Ausbruchsfieber einen bös⸗ artigen Charakter aufgedrückt. Die Alterationen des Wiederſehens wirkten nicht weniger ſchädlich. Tag und Nacht bin ich an ihrer Seite. Nur wenige Stunden werfe ich mich auf's Pferd, den guten Landleuten, welche mir ihre Dankbarkeit ſo offen bewieſen, Hülfe zu bringen. Mehre Male wurde aus den dichtbelaubten Weingärten auf mich geſchoſſen; ich achtete der Kugeln nicht, die an e 459 mir vorüberziſchten, aber der Präfekt gab mir einen Gendarmen ſeitdem zur Begleitung. O, mit welch entſetzlicher Maske hat das Pockengift mein liebliches Mädchen bedeckt! Nur ihre melodiſche Stimme ſpricht mich an, wie ſonſt; ſelbſt die hellen, freundlichen Augen ſind verſchloſſen. Nur darüber klagt ſie, die ſanfte Dulderin. Aber ich werde Dich noch ein⸗ mal ſehen, nicht wahr, Maurice? ſagte ſie, einmal muß ich Dich noch ſehen, ehe ich ſterbe. Ich habe in⸗ brünſtig darum zu Gott gebetet, und ich weiß, mein Gebet iſt erhört, ich bin ja immer fromm geweſen, und habe Niemandem Leid gethan; warum würde mir denn die unſchuldige Bitte verſagt bleiben?— Schreckliche, quälende Sprache der innigſten Liebe! Ja, ich darf mir nicht heucheln. Sie wird dem gewal⸗ tigen Feinde erliegen. Jugend und Schönheit wird der ſchwarze Sarg aufnehmen. Und ich, ich ſelbſt bin ihr Mörder. Wo hat die Welt ein Aſyl, in dem dieſer Gedanke erliſcht!— 8 Eulaliens Krankheit hat den Culminationspunkt er⸗ reicht. Schlafſucht umnebelt ihren Geiſt; es iſt das weiße, kalte Leichentuch, welches der grauſame Todes⸗ engel langſam über die liebe Geſtalt hinaufzieht. Sie ſpricht in Fieberträumen, und erzählt mir von ihrer Liebe und den Hoffnungen, die in ihrer reinen Seele aufgeblüht waren. Selbſt im Schlafe läßt ſie meine Hände nicht fahren, und wie ſie darin ausſpricht, daß ſie nicht ſein kann ohne mich, ſo werde ich auch nicht laſſen von ihr und folgen, wohin ſie mich nachzieht. Ich habe Alles abgeworfen, alle Bande zerriſſen, die 460 mich an die fremde Welt ketteten. Ich jammere nicht mehr, ich winſele nicht; gleich dem treuen Hunde, den der Kaiſer auf dem Leichname ſeines Grenadiers fand, ſitze ich an ihrem Bette als ein bleicher, kalter Wächter, und horche auf ihre Athemzüge. Iſt dieſe Uhr abgelau⸗ fen, fällt dieſe Frühlingsroſe welk zuſammen, ſo breche ich auf, und eile zu der ärztlichen Karavane, welche den Küſtenländern zuzog, die Natur des gelben Fiebers zu erforſchen. Im Tode der Menſchheit zu nützen, der ich mich zuſchwor, ſei dann der Kranz auf dem Hügel, von welchem der freigewordene Geiſt ſich aufſchwingen wird, ihr die Liebe nachzutragen, die hier als Knoſpe vor ihrer Entfaltung zerdrückt wurde von rohen Gewalten.— Die Tante Sarotte umſchleicht uns ſeit geſtern mit höh⸗ niſchem, triumphirendem Geſicht. Ein Brief kündigte den Bruder Tavier an. Seit Eulalie die Botſchaft hörte, find ihre Phantaſien ängſtlicher geworden. Eine eiſige Rieſenfauſt hält mein Herz umkrallt. Oft ſah ich dem Tode in das entſtellte Angeſicht; aber ſich ſelbſt ſterben ſehen in der Geliebten, iſt mehr als eigene Todesangſt, und liegt außer dem Menſchlichen. 10. Der Comte de Pavot ließ mich von meinem traurig⸗ ſüßen Poſten hinabrufen in das Unterhaus. Ich fand den beſonnenen, ritterlich⸗kühnen Mann unruhig und befangen.— Es wird Ernſt, Freund Doktor, ſagte er, mich trübfinnig und faſt mitleidig anſehend. Gegen das Volk und aberwitzige Schwärmerei konnte ich Euch ſchü⸗ tzen, aber in das abgeſchloſſene Reich der Familie darf der Präfekt ſich nicht drängen, an dieſer heiligen Grenze hört die Gewalt der Obrigkeit auf. Der Huſarenkapitän 461 Gabet iſt angekommen. Eure Feinde haben durch eine Unzahl verleumderiſcher Briefe ſeinen Haß zu ſolcher Brunſt angefacht, daß er im Gaſthofe abgeſtiegen, und ſein väterliches Haus nicht früher betreten will, als bis es gereinigt iſt, wie er ſich ausdrückt, von Eurer giftigen Gegenwart. Er hat die Obrigkeit aufgefordert, Euch auszutreiben; am fremden Orte drohet er alsdann mit Euch ein Wort zu ſprechen, wie es die Ehre und die Rache geböte. Er ſieht in Euch den Zertrümmerer ſei⸗ ner Familie, den Verderber der Schweſter, welche er verloren gibt. Hier hört mein Schirm auf, ſelbſt mein Rath. Ich zittere für Euch, denn ich ſehe Euch in grim⸗ mige Hände fallen. Aber wo es Mann gegen Mann gilt, muß der Freund zurücktreten. Der Edelmann, der Franzoſe, würde dem Freund Nichtachtung beweiſen, über⸗ ließe er ihn in ſolcher Sache nicht eigener Kraft und ei⸗ gener Hülfe.— Der edle Ritter wunderte ſich über die Ruhe, mit der ich ſeine Nachricht empfing. O er kannte die Re⸗ ſignation nicht, die in meiner Seele Herr geworden. Beſſer war es ja ſo, ſchneller und erwünſchter zu Ende. Der Degen oder die tödtende Kugel des Bruders vermählte mich mit der Schweſter, und brachte mir Wohlthat ſtatt Haß.— Ich dankte dem Freunde, und bat ihn, ſich zu beruhigen. Neben dem Bette der ſchlum⸗ mernden Eulalie ſchrieb ich an Gabet. Es waren Worte, wie ſie das Herz ſpricht; aber ſie fanden kein Herz in der ehernen Bruſt des Kriegsmannes. Ich verhehlte ihm nichts; ich machte ihn zum Vertrauten meiner unglück⸗ lichen Liebe, ich flehete ihn an, die letzten Stunden der Schweſter nicht zu ſtören, und wenn ſein Haß unver⸗ ſöhnlich ſei, möge er ſpäterhin mich ſchlachten wie einen 462 Beaumarchais am Sarge der Vollendeten. Mit einem Eide verſicherte ich ihm jedoch am Schluſſe des Briefes, daß bis dahin keine Erdengewalt mich fortreißen werde von der Stelle, auf welche Liebe und Pflicht mich feſt⸗ gebannet, tödten könne er mich an Eulaliens Sterbe⸗ bette, wenn er den Muth der Herzloſigkeit dazu beſitze, — Die Antwort erfolgte ſchnell, kürzer und härter und hochmüthiger, als ich ſie erwartet.— Sechs Stunden gebe ich dem Geier, der mein Neſt befleckt, Zeit zur Flucht; lautete ſie. Findet ihn dann der Adler noch, ſo zerreißt er den Feind neben der leichtſinnigen Buhlin, ſo wahr als er von dem Kaiſeradler lernte, ſeinen Gegner zu vernichten.— Tieffinnig barg ich das Blatt auf meiner Bruſt, und legte ſanft meine Hand auf Eulaliens Herz. Hat Euch denn eine Mutter geboren? flüſterte ich düſter. Konnten Lamm und Tiger geſäugt werden an derſelben Bruſt? Deinetwegen, Du theure Dulderin, müßte ich fliehen vor dem Wüthenden, aber es wäre Meineid an dir und ſo muß ich ſtill halten, und lege in Gottes Hand unſer Schickſal, wo es immerdar am Beſten ruht.— Im Schlummer mußte der aufgeregte Geiſt der Geliebten mich verſtanden haben, denn die Kranke faßte mit beiden Händen nach meiner Hand, und hielt ſie feſt und zog mich näher zu ſich, ohne zu erwachen. Die Tante Sarotte erſchien mehrere Male in der Thür und ſprach ihr:„Eh bien, Monsieur?“ immer dräuender und höhniſcher. Ich würdigte ſie keiner Ant⸗ wort und ermüdet kam ſie bald nicht mehr, und tiefe Stille umgab uns. Ein wunderſames Gefühl ergriff mich. Ich kam mir vor, wie ein Krieger jener wilden Stämme Amerika's, der von einer feindlichen Horde ge⸗ fangen wurde, gefeſſelt an den Todespfahl muthig die — 463 Anſtalten zu ſeinen Martern anfieht, die fliegenden Pfeile mit tapferer Bruſt auffängt, die ſchwere Mordaxt ſchwin⸗ gen ſieht um ſeinen Nacken, aber ohne Grauen ſelbſt ſein kriegeriſches Todtenlied anſtimmt, und der grimmen Feinde Wuth durch Aufforderung und verachtende Luſtig⸗ keit anſpornet. Ich gedachte der Heimath, der theuern Schweſter, aller derer, die mir wohl gethan, und nahm Abſchied von Allen gleich einem Sterbenden. Als der Zeiger meiner Uhr den nahen Verlauf der ſechsten Stunde anzeigte, ſtand ich auf mit einem langen, freien Athem⸗ zuge, welcher das Herz gänzlich erleichterte. Ich küßte leiſe Eulaliens Hand, ihre Stirn, ihre ſchönen Locken und ſagte und betete halblaut: Schlafe ſanft und tief, ſüßer Engel, daß die ſchreckliche Stimme der Rachſucht Dich nicht erwecke und den Gottesfrieden ſtöre, der ſchon Deine fromme Seele umfängt. O du ewige Vorſicht, iſt die ſchwere Stunde nicht abzuwenden, ſo wirf all ihr Weh auf mich allein, und laß an Ihr den Kelch vor⸗ übergehen.— Jetzt wurde es plötzlich laut im Nebenzimmer. Ich hörte das Fallen einer metallenen Säbelſcheide auf den Fußboden; Croiſillons bedächtige Stimme predigte, die kreiſchende Rede der Demviſelle Sarotte übertönte ihren Freund. Der Bruder war da.—— Was ſchonen, was zaudern? rief er im tiefſchallen⸗ den Zornwort. Ich bin der Herr unter dieſem Dache, ſelbſt der König würde meine Rechte ſchützen und ehren. Iſt nicht des Unglücks und Schimpfs genug über uns ge⸗ kommen durch der Eltern jähes Ende, mußte Eure Feig⸗ heit auch noch den deutſchen Erbfeind einlaſſen, daß er ſich zerſtörend einfreſſe im Mark des Stammes, dem das Schickſal den Gipfel gebrochen?— Warum ſäumteſt Du, warum kameſt du nicht früher? murrte die Tante. Ich ſchrieb mir die Finger lahm; aber Du nahmſt Dir Zeit, bis es zu ſpät geworden.— Ihr ſtandet da an Mutter Statt; entgegnete der Huſar heftig; Ihr hättet das Kind einſperren, züchtigen ſollen.— Ein ſchönes Kind, antwortete Sarotte höniſch. Du ſaheſt den Starrkopf nicht ſeit Jahren; eine Dame wirſt Du finden, deren feſter Eigenwille unter der ſtillen Larve weder Rath annahm, noch ſich Furcht einſchelten ließ. Und eine fromme Jungfrau, wie ich, konnte ſich in ſolche ſchmutzende Weltlichkeit nicht tiefer einlaſſen. Gebetet habe ich genug für die Verlorene.— Das Gelächter, mit dem der Kapitän dieſer Ausflucht begegnete, erklang wahrhaft fürchterlich. Beten und Zu⸗ ſehen, raſete er auf, das iſt der alten Weiber Manier. Ich will Euch zeigen, wie ein Mann, ein Soldat, ein Ehren⸗Legionair ſo etwas anfaßt.— Der Herr Präfekt iſt des Ketzers Freund gräulicher Weiſe, flüſterte der Miſſionair. Der Himmel mag ihm die arge Verblendung vergeben, und ſeine verdüſterte Seele erleuchten. Aber keinen Gewaltſchritt, Herr Ka⸗ pitain, er könnte Euch und uns in Ungelegenheit bringen.— Dieſer Säbel und dieſer Rock fürchten ſich nicht vor allen Präfekten des Reichs, entgegnete mit Wildheit der Soldat; des Königs erſter Miniſter hat Reſpekt vor ihnen; darum fort aus meinem Wege, damit ich Gericht halte.— Er riß die Thür vollends auf, und trat mit ſtarkem Schritte ein in das Gemach des Jammers. Es war eine martialiſche Geſtalt; das gebräunte Geſicht, vom — — ſchwarzen Knebelbarte halb bedeckt, die brennenden Augen durch breite, dunkele Augenbraunen verfinſtert. Sein Säbel raſſelte ihm nach, zwei Terzerole trug er in den dräuenden Händen. Wo iſt der verwegene Verführer, dem fremde Ehre nichts gilt, weil er keine eigene zu verlieren hat? ſchrie er mir entgegen. Zertreten ſollte ich ihn wie ein giftiges Inſekt, denn von Soldatenhand zu ſterben, iſt zu viel des Ruhms für ihn.— Ruhig war ich vom Seſſel aufgeſtanden und hatte mich der Mündung ſeines vorgeſteckten Mordgewehrs ent⸗ gegen geſtellt. Aber ein Anblick, der mich den Feind ver⸗ geſſen machte, zog jetzt mein Auge von ihm ab. Von des Bruders Stimme erwachte Eulalie; ſein Angriffswort ſcheuchte alle Nebel plötzlich von ihrer Seele. Sie ſprang auf vom Lager, und wollte ſich, obgleich ihre Augen nichts ſahen, zwiſchen uns werfen, doch ihre Schwäche erlaubte ihr die Liebesthat nicht; auf das Bett zurück⸗ ſinkend, ſtreckte ſie ſitzend die weißen Arme in der rühren⸗ den Stellung der Flehenden aus. Favier, rief ſie zugleich mit höchſter Anſtrengung der Stimme und mit dem Aus⸗ drucke größter Verzweiflung; Kavier, morde mich, wenn Du morden mußt! O lege Deine Hand nicht an ihn, den Schuldloſen! Er war der Wohlthäter Deiner Mut⸗ ter, er ihr einziger Freund im Tode, auf ihn legte ſie Sohnesſegen; Du tödteſt Dich ja ſelbſt in ihm, der Dein Bruder ward durch Mutterſpruch.— Ibte Stimme brach; als ich jedoch zuſprang, ſie zu unterſtützen, wandelte ſich das Schauſpiel auf wunderbare Weiſe. Der Huſar hatte ſeine glühenden Blicke feſt auf mich gerichtet, und dieſe Blicke wurden immer ſtarrer, aber immer ſichtlicher erloſch das wilde tödtliche Feuer Blumenhagen. 1X. 30 in ihnen. Seine Hände ſtreckten ſich vor gegen mich, aber aus ihnen fielen, als würden ſie gelähmt, die Mordge⸗ wehre zur Erde. Seine ganze hohe Geſtalt ſchien zu⸗ gleich zuſammen zu ſinken von einem plötzlichen, zernich⸗ tenden Erſchrecken. Moritz Lüder! Ja, kein Zweifel, er iſt es: dieſes Geſicht kann Gabet nie vergeſſen, wenn auch der Name unter dem Briefe ihm im Zorne fremd blieb; ſprach er mit einer ſo geſunkenen, milden Stimme, daß ein An⸗ derer als der Vorige zu reden ſchien; und auf mich zu eilte er, und von ſeinen ſtarken Armen fühlte ich mich gewaltſam umpreßt und an ſeine breite Bruſt gezogen. Der Wechſel der Empfindungen hatte mich zur Bildſäule gemacht und ohne Worte duldete ich ſein Umfangen, und ſtarrte ihn wie mit todten gläſernen Augen an. Wach' auf, Du braver Menſch! fuhr er dann fort im derben Soldatentone, indem er mich mit der harten Hand bei dem Kinn ergriff, und meinen Kopf feſt zu ſich herkehrte. Erkenne mich! Und vergib mir das un⸗ menſchliche Wüthen, zu dem mich jene Unfinnigen verleitet hatten. Haſt Du den Sergeant Gabet ſo ganz vergeſſen, den erfrornen Uhlan, den Deine Mutter aufnahm wie ihren Sohn, der Deiner Kunſt und Sorge verdankt, daß er noch den Säbel führt, das er ſein Frankreich wieder ſah? Eulalie, ja Du wareſt Gottes Hand, Du ſollteſt die Schuld abtragen, die der Bruder in der Fremde gemacht. Seine herrliche Mutter war meine Mutter, er war Kaviers Bruder, ehe denn er Dich erblickt hatte.— Ein lauter Freudenſchrei tönte aus Eulaliens Bruſt, dann ſank ſie aber zuſammen, kalt und wie leblos; was Schrecken und Angſt nicht gekonnt, die Freude ſchien ſie ——— 467 getödtet zu haben, und jammernd mühete der Bruder mit mir ſich um die Arme. 11. Ja, meine Agnes, die Tugend unſerer Mutter erhielt dem Sohne das Leben, die Tugend der Mutter, der längſt zu Aſche Verfallenen, wirkte wohlthätig aus dem Grabe fort für das Glück ihres geliebten Sohnes. O wandele hin zu dem Raſenhügel, der die Herrliche deckt, und bringe ihrem Staube den Dank ihres Moritz, und kniee für ihn auf der heiligen Stätte. Wohl wirſt Du Dich noch jener Tage erinnern, wo die lange Wagenreihe voll lebendiger Leichen, der ent⸗ ſetzlichſte Grabeszug, den ich je geſehen, durch unſere Stadt fuhr. Du kannſt nicht vergeſſen haben, obgleich Du noch in Kinderfurcht Dich an die Mutter hingeſt, wie das Bauernvolk die unglücklichen Flüchtlinge mit rohen Fäuſten von den Wagen ſchleifte, und mitleidslos auf dem kalten Straßenpflaſter liegen ließ, bis anderes Fuhrwerk mit feindſeliger Trägheit aufgeboten worden, um die bejammernswürdigen Reiſenden weiter zu ſpedi⸗ ren. Bei uns Männern blieb das Mitleid nicht rein; Schadenfreude und Haß beſchmutzten das Gefühl, denn wir ſahen in dieſen Geſchlagenen nur eine Pharaos⸗Rotte, welche Gottes Hand getroffen, ſahen in den Verſtümmelten nur Knechte des Tyrannen, welcher uns Hab und Gut, Ehre und Sicherheit, die höchſten Güter des Lebens alle geraubt, und triumphirend dachten wir: Vergeltung!— Das Weib kennt keinen Nationalhaß, weiß nichts von Völkerzwiſt; ſeine Ehre iſt eine zartere, welche unbefleckt bleibt unter jedem fremden Druck, ſo lange die Veſtalin ſelbſt die heilige Flamme bewacht; das Weib gehört der 468 ganzen Erde, der Mann erſt gibt ihm Namen wie Vaterland, und ſeine Beſtimmung, ſo eng und beſchränkt ſie dem all⸗ täglichen Beſchauer ſcheinen möchte, iſt großartiger, wei⸗ ter, wie die des Mannes, denn ſie umfaßt die Welt; nicht die Dauer eines Volkſtammes, nein, die Exiſtenz des ganzen Menſchengeſchlechts iſt ihm anvertraut.— Anders empfingen und betrachteten die weiblichen Au⸗ gen unſerer Stadt jene blutigen, verſtümmelten, kranken, erfrorenen Männer von der Moskwa und Bereſina. Mit Wein und Weißbrod, Mänteln und Decken eilten die Samariterinnen aus den Häuſern, und ſammelten glü⸗ hende Kohlen auf der Feinde Haupt, von denen ſo Mancher früherhin ihren heiligen Herd nicht geehrt, Mancher häuslichen Frieden und ſtilles Liebesglück, die höchſten Schätze weiblichen Daſeins, muthwillig zertreten hatte. Die gute Mutter blieb nicht zurück, aber vor Allen ſiel ihr Engelauge auf einen jungen, bartloſen Uhlanen, der dicht an unſerer Thür auf den kalten Steinen in zerriſſe⸗ nen Kleidern lag, von tödtlichen Fiebern ergriffen ſchien, denn er rief in wirren Traumworten nach ſeiner Mutter und ſeinen Geſchwiſtern, und griff nicht wie ſeine Kame⸗ raden nach der Weinflaſche und dem dampfenden Suppen⸗ napf. Dazu war Geſicht und Körperform von auffallender Schönheit, und beſtach die Weiblichkeit. Die Mutter ließ ihn aufheben und in unſere Wohnung tragen; meine Kammer, mein Bett ward ihm eingeräumt, ich machte meine erſte glückliche Cur an ihm, und nach Monden wanderte er, gänzlich hergeſtellt, und mit einem Zehrpfen⸗ nig, den ihm die Mutter, bei der doch kein Ueberfluß heimiſch war, heimlich in den Reiſeſack geſteckt, ſeinem Vaterlande zu. Und jener Pflegeſohn unſerer Mutter war— Zavier Gabet, Eulaliens Bruder!— 2— 469 Alles geſtaltete ſich nun anders. Frater Croiſillon hatte ſich aus dem Staube gemacht; Tante Sarotte hielt ſich in ihrem Kabinette verſchloſſen, und nur eine, aber die größte Sorge war uns geblieben, die Sorge um Eulaliens theures Leben. Verſunken in einen wahren Todesſchlummer lag ſie zwölf Stunden da, aber bald ſagte mir meine ärztliche Ahnung, dieſer Schlaf ſei nicht der Bruder des Todes, ſondern eine kurze Nacht, aus der die lieblichſte Aurora geſtärkt und neu erfriſcht wieder hervorgehen würde zum Glück ihrer Freunde. Wie ge⸗ waltſam verderbend das Kriegsleben auf den Menſchen einwirkt, welche rauhe, kalte Steinkruſte ſein wüſtes Treiben um die beſten Herzen zieht, wie aber nichts Ir⸗ diſches den Gottesfunken, das ſchönſte Erbtheil himm⸗ liſcher Vaterliebe zu erlöſchen vermag, bewies mir neuer⸗ dings der Bruder Huſar. Seine Gewaltthat, die den zarten Faden des ſchweſterlichen Lebens beinahe zerriſſen hätte, die Erkennungsſcene, welche ſein barmherzigkeits⸗ loſes Wüthen unterbrach, ſchien alle Kruſten, in denen ſein beſſeres Selbſt eingebannt geweſen, abgeſprengt zu haben. Rührend ſprach ſich ſeine Gewiſſensangſt aus in den leiſen Klagen an Eulaliens Bette, in der Sorgfalt, mit der er ſeine Pflichten gegen die jüngern Geſchwiſter übernahm. Er wetteiferte mit mir in der Pflege der Kranken, r wachte mit mir ruhelos in ihrem Gemach, und unſer Mühen erhielt den höchſten Lohn. O welch ein Augenblick erſchien uns, als ihre ſchönen, klaren Augen ſich zum erſten Male wieder dem Lichte öffneten, als ſie uns beide ſah, Arm in Arm, wie jeder von uns eine ihrer Hände ergriff, und wir ſo einen lebendigen Kranz bildeten, der die Allgüte pries in wortloſer An⸗ betung. Von Einem zum Andern irrten Eulaliens Blicke; 470 was ihr bislang Fieberträume geſchienen, wurde nun nie gehoffte Wirklichkeit. Maurice und Lavier! lallte ſie. Und ich darf euch nun beide lieben, und ich ſündige an Keinem von euch und thue Keinem weh, wenn ich dem Andern mein Gefühl ausſpreche?— Werde geſund, Schweſter! antwortete der Huſar in ſeiner derben Weiſe;z und bei dem Andenken an meinen großen Waffenmeiſter, ich will euch ein Glück bereiten, daß ihr nie wieder an den Unhold gedenken ſollt, der von der Betſchweſter Sarotte zum Popanz eurer Liebe willenlos hingeſtellt worden.— Und Eulalie genas vollkommen; ſelbſt ihre Schönheit hatte den Würgengel gerührt, und ſeine Krallenfauſt hatte keinen frevelnden Riß gewagt durch die reine Got⸗ tesſchrift. Trüben Auges ſchauet ſie wohl noch zuweilen auf die rothgefleckten Wangen, wenn ſie am Spiegel Toilette macht, aber ſie vertrauet dem Verſprechen ihres Arztes, der ihr nach kurzer Friſt friſche Frühlingsroſen für dieſe bunte Krankheitsſpur verheißen, ſie ſieht des Freundes Liebe unerkaltet, im Gegentheil feuriger im Mittage des ſichern Beſitzers. Ja, die Ruhe des Gemüths, die freudige Stimmung der Seele iſt die größte Arznei, und könnten unſere Re⸗ cepte überall dieſe Mittel verſchreiben, würden die Kirch⸗ höfe leer ſtehen, und die Erde bald zu eng werden für ihre Geborenen. 12. Die Reiſewägen ſtehen unten im Schloßhofe, und das Heer der Kleinen jubelt ſchon unter dem ausgeſpann⸗ ten Leinendache des Fuhrwerks, welches ſie, bewacht von einer ehrbaren Magd, uns nachfahren ſoll. Willſt Du, 471 meine Agnes, die neuen Blutsfreunde begrüßen und Deine Glückswünſche ausſprechen, mußt Du den Bruder im großen Paris ſuchen, und im Palais des tapfern Herzogs von R. nach ihm forſchen. Der Comte de Pavot eilte, ſo wie er den glücklichen Wechſel unſerer Verhältniſſe erfahren, nach Ancenis zu⸗ rück, und bat uns, ihn als den Vierten in unſern freund⸗ lichen Kreis aufzunehmen. Seine Dankbarkeit that mehr. Ihr müßt fort von hier, Doktor, ſprach er; wer einmal wie Ihr die Zielſcheibe der Volkswuth geweſen, wandelt ohne Vertrauen unter denen, welche ſeinem Leben drohe⸗ ten, und Euer edler Stand muß der Liebe gewiß ſein, poll er ſeine vielfachen Opfer mit Liebe üben. Der Her⸗ zog von R. ſucht einen deutſchen Leibarzt, weil ſeine von ihm angebetete Gemahlin aus einem deutſchen Fürſtenhauſe ſtammt. Ehe ich von Paris abreiſete, war ſchon Eurer gedacht, und Ihr ſeid dort willkommen, wenn von Eurer Seite kein Hinderniß Statt hat.— Ob wir das ſichere Glück bei der Locke faßten, bedarf keiner Frage. Auch für Eulalien hatten die Ufer der Loire nur trübe Erinnerungen. Unſere Hochzeit mußte, nach des Comte Willen, auf ſeinem Gute gefeiert werden. Die Winzerinnen der Gegend brachten am Vorabende mir einen großen Epheukranz mit hochfarbigen Aſtern durchflochten, meiner Braut dagegen den zarten Kranz von weitduftenden Orangenblüten, und unzählige Körb⸗ chen voll des ſchönſten Obſtes und der glänzendſten Trau⸗ ben. Das Gefühl der höchſten Glückſeligkeit ſprach ſich in Eulaliens Zügen aus, ihre heimlichſte Hoffnung war ſo ſchnell und unerwartet zur Wirklichkeit geworden, daß ſie umherging wie eine berauſchte Träumerin, und mich mit einer ſtürmiſchen Glut in ihre Arme und an ihren ——— A4ee————————— 472 Buſen preßte, einer Glut, die Niemand in dem ſtillen, ſcheuen Mädchen geahnet hatte. Ob ich glücklich war?— O Agnes, wer im rauhen Erdenwetter das verwandte Weſen wieder gewonnen, welches die Natur in ihrem großen Räthſelſpiele bei der Trennung der Geſchlechter von ihm riß, kann der in der Vollendung ſeines Daſeins noch Wünſche haben? Du lächelſt über die myſtiſche Träumerei?— Und wenn es dennoch ſo wäre?— Wenn das raſtloſe Suchen, die magnetiſche Anziehung der Geſchlchter darin ſeinen Grund hätte? Freilich ſpielte die Natur alsdann ein grauſames Spiel, ein gefährliches mit uns. Tauſende glauben zu finden und griffen fehl, und erkennen den Fehlgriff zu ſpät. Aber die Glücklichen, welche die rechte Hälfte fanden, ſprechen für die Wahrheit dieſer Myſterie. Woher ſonſt das augenblickliche Erkennen, der un⸗ glaubliche, plötzliche Einklang der Seelen, die wunder⸗ bare Harmonie der Empfindungen, der Wünſche, der Gedanken, dieſes neue Leben für einander und durch einander, dieſe Abhängigkeit von einander, ein Wechſel⸗ glück, das durch den Andern, im Kleinſten wie im Größten, bedingt wird! O ſuchten nur alle mit hellen Augen und unverlocket, und ungeblendet durch irdiſchen Schein und griffen nicht eher zu, bis ihnen volle Ueberzeugung des rechten Fundes geworden, die Erde würde mehr der Paradieſesgärten aufzuzeigen haben. Doch nicht allein ein glücklicher Gatte bin ich ge⸗ worden, nein, auch den achtbaren Familienvater mußt Du in mir verehren, denn alle Geſchwiſter Eulaliens habe ich zu Kindern angenommen, und mit dem braven Tavier werden wir ein Haus machen, das zwei ſorg⸗ ſame Väter an der Spitze haben wird. Die Kleinen 473 jubelten hoch, als ſie den Ausſpruch hörten, nur der fröhliche Richard trübte die Stunde, indem er nach dem treuen Lion fragte und ſich ihn zum Geſellſchafter erbat. Ich ſchämte mich der Thränen im Auge nicht; glaubten doch die alten homeriſchen Helden, und auch unſere wackern Vorfahren drüben in Walhalla und Olymp das treue Schlachtroß und den wackern Jagdgefährten wieder zu finden. So iſt denn Dein Pilger heimiſch geworden in der Fremde, und vor ſeinem Abſchiede aus der Gegend ſei⸗ ner Leiden, ward ihm von der ewigen Vergeltung noch eine Genugthuung, denn das Interdikt des Königs gegen die Miſſionäre und ihre, den Bürgerfrieden bedräuenden Anſchläge ward geſtern verkündet, und Tante Sarotte muß nun ihren frommen Croiſillon in verſchloſſener Haus⸗ kapelle predigen laſſen, oder ihm ein Weltkleid überwer⸗ fen, will ſie den angebeteten Freund ihrer keuſchen Seele nicht verlieren. Die Peitſche des Kutſchers knallt, die Roſſe ſchnau⸗ ben. Eulalie im grünen Reiſekleide umfängt mich, ihr Kuß ſiegelt dieſes Blättchen, und ſendet euch den Gruß der neuen Schweſter über Ströme und Berge hinüber. Gib ihn zurück mit heißer Schweſterliebe, denn er kam von einem unentweiheten Munde, er kam von dem En⸗ gel, der über dem Haupte Deines Bruders gleich dem heiligen Stern des Morgenlandes ſchimmert, und ſeine Schritte leiten wird, bis das ewige Licht ihn ablöſet. S ——— — —— v